Der Findling. Zweiter Band.
by Jules Verne · German · Gutenberg #46174 · 397,458 chars · public domain (US)
The Project Gutenberg eBook of Der Findling. Zweiter Band.
This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
of the Project Gutenberg License included with this eBook or online
at www.gutenberg.org. If you are not located in the United States,
you will have to check the laws of the country where you are located
before using this eBook.
Title: Der Findling. Zweiter Band.
Author: Jules Verne
Release date: July 2, 2014 [eBook #46174]
Most recently updated: October 24, 2024
Language: German
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/46174
Credits: Produced by K.F. Greiner, Markus Brenner and the Online
Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER FINDLING. ZWEITER BAND. ***
[ Symbole für Schriftarten: =Antiqua= : _gesperrt_ : #fettgedruckt# ]
Julius Verne's Reiseromane. Band 65.
Der Findling.
Von
Julius Verne.
Rechtmässige Ausgabe.
Zweiter Band.
Leipzig
Bibliographische Anstalt
Adolph Schumann.
Alle Rechte vorbehalten.
Inhalt.
Seite
I. Ihre Herrlichkeiten 1
II. Im Laufe von vier Monaten 15
III. In Trelingar-castle 28
IV. Die Seen von Killarney 42
V. Schäferhund und Jagdhund 64
VI. Zwei zusammen achtzehn Jahre alt 82
VII. Sieben Monate in Cork 99
VIII. Ein erster Heizer 112
IX. Eine Speculation Bobs 127
X. In Dublin 147
XI. Der Bazar »Zum kleinen Geldbeutel« 168
XII. Das Wiederfinden 180
XIII. Farben- und Standeswechsel 198
XIV. Das Meer von drei Seiten 215
XV. Und warum nicht? 235
Zweiter Theil.
I.
Ihre Herrlichkeiten.
Ohne sein gewohntes vornehmes Auftreten zu verleugnen, nahm Lord Piborne
verschiedene, auf seinem Tische liegende Papiere auf, ordnete die da
und dort verstreuten Zeitungsblätter, durchsuchte die Taschen seines
goldgelben Plüschschlafrocks, durchwühlte auch die seines stahlgrauen
Ueberziehers, der über der Lehne eines Armstuhles hing, und wendete sich
dann zurück, während ein kaum bemerkbares Runzeln der Augenbrauen an
seiner Stirn sichtbar wurde.
In dieser hocharistokratischen Weise und ohne sonstige Veränderung
der Gesichtszüge pflegte Seine Herrlichkeit stets auch dem lebhafteren
Unbehagen Ausdruck zu geben.
Eine leichte Neigung des Oberkörpers deutete darauf hin, daß er sich
sogar einmal bücken wollte, um einen Blick unter den von einer großen,
schwer befranzten Decke verhüllten Tisch zu werfen. Davon kam er jedoch
zurück und »geruhte« auf den Knopf einer Klingel zur Seite des Kamins zu
drücken.
Fast augenblicklich erschien John, der Kammerdiener, auf der
Thürschwelle des Gemaches und blieb hier regungslos stehen.
»Sieh nach, ob mein Portefeuille hier unter den Tisch gefallen ist,«
sagte Lord Piborne.
John bückte sich nieder, hob die faltenreiche Decke etwas in die Höhe
und richtete sich mit leeren Händen wieder auf.
Das Portefeuille Seiner Herrlichkeit fand sich an dem bezeichneten
Platze nicht.
Ein zweites leichtes Stirnrunzeln des Lord Piborne.
»Wo ist Lady Piborne? fragte er.
-- In ihren Gemächern, antwortete der Kammerdiener.
-- Und der Graf Ashton?
-- Er lustwandelt im Parke.
-- Melde Ihrer Herrlichkeit der Lady Piborne meine Empfehlung und sage
ihr, ich wünsche die Ehre zu haben, sie baldmöglichst zu sprechen.«
John machte steif auf der Stelle Kehrt -- ein stielgerechter Lakei hat
sich im Dienste nicht zu verneigen -- und verließ streng abgemessenen
Schrittes das Cabinet, um die Befehle seines Herrn auszuführen.
Seine Herrlichkeit Lord Piborne zählt fünfzig Jahre -- fünfzig Jahre,
die seiner mehrere hundert Jahre alten und von keinem Verstoß gegen die
Ehre des Adels, von keiner Mißheirat befleckten Familie hinzuzurechnen
waren. Ein hervorragendes Mitglied des englischen Oberhauses,
bedauert er in gutem Glauben das Aufhören vieler alten Privilegien der
Feudalzeit, die schöne Zeit der Lehen, Renten, der Allodialgüter und
Domänen, der Macht persönlichen Gerichtsstandes, deren sich seine Ahnen
erfreuten, und der tiefen Ehrerbietung, die diesen jeder Lehensmann
ohne Zögern entgegenbrachte. Alles, was nicht von einer, der seinigen
ebenbürtigen Herkunft ist, was sich eines so alten Stammbaumes nicht
rühmen kann, steht für ihn auf der Stufe des Bauers, des Bürgers,
wenn nicht gar des Leibeignen oder Sclaven. Er ist Marquis, sein Sohn
folglich Graf. Baronetts, Ritter und andre niedre Adelige haben seiner
Auffassung nach kaum das Recht, in den Vorzimmern der wirklich vornehmen
Welt zu erscheinen. Groß, hager, das Gesicht glatt rasiert, die Augen
wie erloschen, so sehr sind sie gewöhnt, Mißachtung auszudrücken, im
Sprechen karg und trocken, repräsentiert Lord Piborne den Typus jener
hochmüthigen Edelleute, die sich in den Hüllen bestaubter Pergamente
vergraben und die -- glücklicher Weise -- selbst in dem aristokratischen
Königreiche Großbritannien und Irland jetzt auf den Aussterbeetat
gesetzt scheinen.
Hierzu ist nachzutragen, daß der Marquis englischer Abstammung ist und
daß er keine Mesalliance einging, als er die Marquise, die schottischer
Herkunft ist, zum Altare führte. Ihre Herrlichkeiten waren ganz für
einander geschaffen, beide fest entschlossen, niemals von ihrem hohen
Sitze herabzusteigen, und wahrscheinlich auserlesen, eine noch höher
steigende Nachkommenschaft zu hinterlassen. Sie bildeten sich ohne
Zweifel ein, daß Gott dereinst erst Handschuhe anlegen würde, um sie in
seinem Paradiese nach Gebühr zu empfangen.
Die Thür öffnete sich, und als hätte es sich um den Eintritt einer hohen
Dame in einen Empfangssalon gehandelt, meldete der Kammerdiener:
»Ihre Herrlichkeit Lady Piborne.«
Die Marquise -- eine reife Vierzigerin -- groß, hager, eckig, die Haare
von breitem Stirnband gehalten, die Lippen dünn, die Nase aristokratisch
adlerartig, die Taille schlank und die Schultern abstehend -- war gewiß
niemals schön gewesen; was aber die Vornehmheit der Haltung und des
Benehmens, die Uebereinstimmung in Traditionen und Privilegien anging,
hätte Lord Piborne gewiß keine bessere Gemahlin finden können.
John rollte einen wappengeschmückten Lehnstuhl heran, worauf die
Marquise sich niederließ, und zog sich lautlos zurück.
Der vornehme Gemahl richtete das Wort an die Dame.
»Sie werden verzeihen, Marquise, daß ich Sie ersuchen lassen mußte,
Ihre Gemächer zu verlassen, um mir die Gunst einer Besprechung in meinem
Cabinet zu gewähren.«
Es braucht nicht Wunder zu nehmen, daß ihre Herrlichkeiten, selbst in
privater Unterhaltung, so schwulstige Phrasen drechselten. Das gehört
hier einmal zum guten Ton. Und übrigens waren beide noch in der »Puder-
und Perrückenschule« der früheren Gentry aufgewachsen. Nie hätten sie
sich zu der Vertraulichkeit des landläufigen Geplauders herabgelassen,
das Dickens im Scherze »Perrucobalivernage« genannt hat.
»Ich stehe zu Ihrem Befehl, Marquis, erwiderte Lady Piborne. Welche
Frage hätten Sie an mich zu richten?
-- Ich möchte, Marquise, Sie ersuchen, mir mit Ihrem Gedächtniß zu Hilfe
zu kommen.
-- Ich höre.
-- Sind wir nicht gestern gegen drei Uhr nachmittags hier vom Schlosse
weg nach Newmarket und zu unserm Attorney, Herrn Laird, gefahren?«
Der Attorney ist der bevollmächtigte Rechtsanwalt, der seinen
Auftraggeber bei den Civilgerichten des Vereinigten Königreiches
vertritt.
»Gewiß... gestern... Nachmittag, antwortete Lady Piborne.
-- Erinnere ich mich recht, so hat Graf Ashton, unser Sohn, uns im Wagen
begleitet?
-- Ganz recht, Marquis, er nahm einen Platz auf dem Vordersitze ein.
-- Die beiden Lakeien standen doch hinter uns auf dem Wagen?
-- Ja wohl, wie das ihre Pflicht ist.
-- Gut denn, antwortete Lord Piborne, der seine Uebereinstimmung durch
eine leichte Kopfbewegung zu erkennen gab, dann, Marquise, erinnern Sie
sich wohl auch, daß ich ein Portefeuille bei mir führte, das die Papiere
betreffs des Rechtsstreites enthielt, der uns mit dem Kirchspiele
bevorsteht?
-- Jenes ungerechten Processes, den man die Kühnheit, die
Unverschämtheit hat, uns aufzunöthigen! setzte Lady Piborne mit
bezeichnender Geberde hinzu.
-- Dieses Portefeuille, fuhr Lord Piborne fort, enthielt nicht allein
sehr wichtige Documente, sondern auch eine Summe von hundert Pfund in
Banknoten, die für unsern Sachwalter bestimmt war.
-- Sie erinnern sich an alles ganz genau, Marquis.
-- Sie wissen auch, Marquise, wie alles zugegangen ist. Wir sind in
Newmarket angekommen, ohne die Kalesche verlassen zu haben. Laird hat
uns an der Schwelle seines Hauses empfangen. Ich zeigte ihm sofort die
Schriftstücke und erbot mich, das Geld bei ihm zu deponieren. Er hat
darauf geantwortet, daß er für jetzt weder des einen noch des andern
bedürfe, unter dem Hinzufügen, daß er selbst nach dem Schlosse
kommen werde, wenn es Zeit sei, gegen die Anmaßungen des Kirchspiels
aufzutreten.
-- Gegen die schmählichen Anmaßungen, die früher als Attentate auf die
grundherrlichen Rechte betrachtet und bestraft worden wären...«
Hiermit sprach die Marquise nur eine Auffassung aus, der der Marquis in
ihrem Beisein oft ganz gleichlautenden Ausdruck gegeben hatte.
»Daraus ergiebt sich, nahm Seine Herrlichkeit wieder das Wort, daß
ich mein Portefeuille behalten habe, daß wir bald wieder in den Wagen
gestiegen sind und das Schloß gegen sieben Uhr, als es bereits zu
dunkeln anfing, erreicht haben.«
Der Abend war finster gewesen, denn der Vorgang fiel noch in die letzte
Aprilwoche.
»Jenes Portefeuille nun, berichtete der Marquis weiter, das ich bestimmt
in die rechte Brusttasche meines Pelzes gesteckt habe, kann ich nun
nicht mehr finden.
-- Vielleicht haben Sie es bei der Heimkehr auf den Tisch Ihres Cabinets
gelegt?
-- Das vermuthete ich auch, Marquise, habe aber vergeblich unter meinen
Papieren danach gesucht.
-- Seit gestern ist doch niemand hierher gekommen?
-- Doch... John... mein Kammerdiener... dem kann ich aber
vertrauen...
-- Es ist immer klug, die Leute im Verdacht zu haben, erwiderte Lady
Piborne.
-- Uebrigens wär' es möglich, fuhr der Marquis fort, daß mein
Portefeuille hinter ein Kissen in der Kalesche geglitten wäre.
-- Das müßte einer der Lakeien entdeckt haben, und wenn er die hundert
Pfund Sterling nicht für eine gute Prise ansah...
-- Ach, die hundert Pfund, unterbrach sie Lord Piborne, von denen
will ich nicht viel reden; doch die Familienpapiere, die unsre Rechte
gegenüber dem Kirchspiel nachweisen...
-- Gegenüber dem Kirchspiel, pah!« sagte Lady Piborne.
Man hörte es, daß das Herrenhaus aus ihrem Munde sprach und daß sie
die Insassen des Kirchspiels als untergeordnete Vasallen ansah, deren
Ansprüche ebenso bedauernswerth, wie respectwidrig waren.
»Wenn wir nun, aller Gerechtigkeit zum Hohne, fuhr sie fort, diesen
Proceß verlieren sollten...
-- Und wir verlieren ihn ganz sicher, erklärte Lord Piborne, wenn wir
jene wichtigen Acten nicht vorzulegen im Stande sind...
-- So würde das Kirchspiel in Besitz der hundert Acres Wald kommen, die
an den Park grenzen und seit den Plantagenets zur Domäne der Piborne
gehört haben?
-- Ja, Marquise.
-- Das wäre abscheulich!
-- Abscheulich, wie alles, was den Feudalbesitz in Irland antastet,
jene Ansprüche der Home-rulers, die Ueberlassung des Grund und
Bodens als Eigenthum des Bauern, die ganze Erhebung gegen den
Landlordismus!... O, wir leben in einer seltsamen Zeit! Wenn der
Lordlieutenant nicht bald Ordnung schafft, indem er die Rädelsführer
der Landliga aufknüpfen läßt, weiß ich nicht... oder weiß ich vielmehr
nur zu gut, wie das enden wird...«
Da öffnete sich die Thür des Cabinets, auf deren Schwelle ein junger
Mann erschien.
»Ah, Sie sind es, Graf Ashton?« unterbrach sich Lord Piborne.
Der Marquis und die Marquise hätten es niemals versäumt, ihrem Sohne
diesen Titel zu geben, der alle von seiner Geburt ihm auferlegten
Pflichten hätte zu vernachlässigen gefürchtet, wenn er darauf nicht
antwortete:
»Ich wünsche Ihnen guten Tag, Mylord, mein Vater!«
Dann trat er auf Milady, seine Mutter, zu, der er würdevoll die Hand
küßte.
Der junge Gentleman von vierzehn Jahren hatte ein regelmäßiges,
doch recht ausdrucksloses Gesicht, dessen Züge gewiß auch später an
Lebhaftigkeit und Intelligenz nicht gewannen. Er war ja der natürliche
Abkomme eines Marquis und einer Marquise, die sich, gut zwei
Jahrhunderte hinter ihrer Zeit zurückgeblieben, jedem Fortschritte
des modernen Lebens abhold erwiesen -- zwei Typen aus der Periode der
Cromwell, waschechte, unbelehrbare Tories alten Schlages. Der Instinct
der Rasse bewirkte schon, daß dieser Knabe sich etiquettengerecht
verhielt, daß er Graf blieb vom Scheitel bis zu den Zehen, obwohl ihn
die Marquise sehr verwöhnt hatte und die Dienerschaft des Schlosses
»abgerichtet« war, sich allen seinen Launen zu fügen. So besaß er
keine, der für dieses Alter charakteristischen Eigenschaften, weder die
ungebundene Beweglichkeit des Körpers, noch die Wärme des Herzens oder
den Enthusiasmus der Jugend.
Es war so ein junger Herr, der in allen, die ihm nahe kamen, nur tief
unter ihm Stehende sah, dem das Mitgefühl für die Armuth abging, der
zwar in allen Zweigen des Sports -- dem Reiten, Jagen, Wettrennen,
dem Croquett und Lawn-Tennis -- schon recht bewandert, sonst aber
erschreckend unwissend war, trotz des halben Dutzends von Hauslehrern,
die sich vergeblich mit ihm abgemüht hatten.
Die Zahl solcher jungen Gentlemen von hoher Geburt, die trotz ihrer
Distinguirtheit später als klägliche Schwachköpfe durchs Leben wandern,
zeigt zwar entschieden Neigung zur Abnahme. Noch giebt es deren aber
genug, und der Graf Ashton Piborne gehörte unzweifelhaft zu dieser
Sorte.
Er hörte jetzt von dem Verluste des Portefeuilles und erinnerte sich,
daß Mylord, sein Vater, dasselbe in der Hand gehabt hatte, als er aus
dem Hause des Sachverwalters zurückkam, und daß er es bei der Abfahrt
von Newmarket nicht in die Tasche gesteckt, sondern hinter sich auf den
Wagensitz gelegt habe.
»Sind Sie Ihrer Sache sicher, Graf Ashton? fragte die Marquise.
-- Ja, Milady, und ich glaube nicht, daß das Portefeuille habe aus dem
Wagen fallen können.
-- Dann hätte es sich also, meinte Lord Piborne, noch darin befinden
müssen, als wir am Schlosse wieder eintrafen.
-- Und man kommt zu dem Schlusse, daß es einer der Diener unterschlagen
hat,« setzte Lady Piborne hinzu.
Dieser Ansicht war natürlich auch Graf Ashton. Er hatte gar kein
Vertrauen zu solchen »Kerlen«, die immer spionieren, wenn sie nicht gar
stehlen -- und beides meist zusammen thun -- die man das Recht haben
sollte, wie einst die Leibeigenen Großbritanniens, nach Belieben
auszupeitschen. Woher er etwas von »Leibeignen in Großbritannien« gehört
hatte, das mochte der Himmel wissen. Er beklagte nur, daß der Marquis
und die Marquise ihm keinen eignen Kammerdiener oder wenigstens einen
Groom zugetheilt hatten, der würde schon die Hand des Herren zu fühlen
bekommen haben u. s. w.
Das hieß rein herausgesprochen, und um eine solche Sprache zu führen,
mußte man das blaue Blut der Piborne in den Adern haben.
Die Verhandlung lief also darauf hinaus, daß das Portefeuille gestohlen,
und zwar von einem der Diener gestohlen sein werde, daß darüber eine
Untersuchung angestellt und jeder, auf dem der geringste Verdacht haften
bleibe, sofort der Polizei überwiesen werden müsse, da dem Lord Piborne
das Recht der hohen und niedern Gerichtsbarkeit abging.
Der Graf Ashton drückte also auf den Knopf der Klingel, und
wenige Augenblicke später erschien der Schloßverwalter vor ihren
Herrlichkeiten.
Dieser Herr Scarlett, der Intendant des Lord Piborne, war der richtige
Scheinheilige, eine schmeichlerische, katzenbuckelnde Persönlichkeit,
der immer den grundehrlichen Mann spielte und von der Dienerschaft
des Hauses bestens gehaßt wurde, da er seine Untergebenen zwar ohne
Aufbrausen und Anmaßung, doch im Grunde schlecht behandelte.
Vor dem Marquis, der Marquise und dem Grafen Ashton erschien er die
Unterwürfigkeit selbst, wie der niedrigste Kirchendiener vor dem ersten
Geistlichen einer Parochie.
Jetzt erzählte man ihm den Vorfall. Das Portefeuille war ohne Zweifel
auf ein Sitzpolster im Wagen gelegt worden, wo es sich doch hätte
wiederfinden müssen.
Das war auch die Meinung Scarlett's, schon weil es die des Lord und
der Lady Piborne war. Bei der Rückkehr des Wagens hatte er, der sich
in respectvoller Entfernung von dessen Thür hielt, bei der Dunkelheit
natürlich nicht sehen können, ob das Portefeuille an der vom Marquis
bezeichneten Stelle lag.
Wenn Scarlett auch der Gedanken kam, die Brieftasche hätte auf die
Landstraße hinaus gefallen sein können, so hütete er sich doch,
das auszusprechen, da auf den Lord Piborne damit der Vorwurf der
Unachtsamkeit gefallen wäre; er begnügte sich vielmehr mit der
Bemerkung, daß das Portefeuille selbstverständlich hochwichtige
Schriftstücke enthalten haben werde, und zwar schon deshalb, weil es
die Ehre hatte, einer so vornehmen, wichtigen Persönlichkeit, wie dem
Schloßherrn, zu gehören.
»Es liegt auf der Hand, versicherte dieser, daß hier eine
Fundunterschlagung stattgefunden hat...
-- Sagen wir gleich: ein Diebstahl, wenn Eure Herrlichkeit gestatten.
-- Jawohl, ein Diebstahl, Herr Scarlett, und zwar einer, bei dem es sich
nicht allein um eine nicht unbeträchtliche Geldsumme, sondern auch um
Schriftstücke handelt, die alte Rechte unsrer Familie gegenüber dem
Kirchspiele nachweisen.«
Wer die Physiognomie des Verwalters nicht gesehen hat, bei dem Gedanken,
daß das Kirchspiel sich unterfange, überhaupt ein Recht gegen das
vornehme Haus der Piborne geltend zu manchen -- eine Unverschämtheit,
die zur Zeit, wo Familienprivilegien noch geachtet wurden, ganz
unmöglich gewesen wäre -- nein, wer die Indignation des Herrn Scarlett
nicht beobachtet hat, das Zittern seiner halb zum Himmel erhobnen Hände
und seine auf die Erde gesenkten Blicke, der vermag sich gar keine
Vorstellung zu machen, bis zu welchem Grade so ein Mucker seine
heuchlerischen Grimassen zu vervollkommnen vermag.
»Doch wenn ein Diebstahl ausgeführt worden ist... sagte er endlich.
-- Wie... nur _wenn_ er ausgeführt worden wäre? fiel die Marquise
näselnden Tones ein.
-- Verzeihen Ihre Herrlichkeit, beeilte sich der Verwalter
hinzuzusetzen, ich wollte sagen, da ein solcher vorliegt, so kann er ja
nur...
-- Durch einen unsrer Leute begangen worden sein! fiel ihm Graf Ashton
ins Wort und fuchtelte dazu, ganz nach Feudalherrenart, mit der in der
Hand gehaltenen Reitgerte.
-- Herr Scarlett, nahm Lord Piborne wieder das Wort, wird untersuchen,
den oder die Schuldigen zu entdecken und mittelst Affidavits[1] die
Intervention des Gerichtes herbeizuführen, da es einem nicht einmal mehr
auf eignem Grund und Boden gestattet ist, selbst Gerechtigkeit zu üben.
-- Und wenn meine Ermittelungen zu keinem Ziele führen, fragte der
Verwalter, was gedenken Eure Herrlichkeit dann zu thun?
-- Dann wird die gesammte Dienerschaft verabschiedet, Herr Scarlett;
hören Sie? Alle Leute!«
Nach dieser Entscheidung zog sich der Verwalter zurück, worauf auch
die Marquise wieder ihre Gemächer aufsuchte und der Graf Ashton sich zu
seinen Hunden im Park zurückbegab.
Scarlett mußte sich sofort mit der ihm übertragnen Aufgabe befassen,
obgleich er nicht zweifelte, daß das Portefeuille während der Fahrt von
Newmarket nach dem Schlosse aus dem Wagen gefallen sein werde. Da seine
Herrschaft aber einmal die Constatierung eines Diebstahls verlangte, so
wollte er das thun... daß er einen Dieb entdeckte, so wollte er einen
solchen ermitteln, und hätte er auch einen beliebigen Diener durch
Auslosung bestimmen sollen.
Nun mußten Lakeien, Kammerdiener und Kammerfrauen, der Küchenchef,
die Kutscher und die Stallburschen vor dem gestrengen Schloßverwalter
erscheinen. Natürlich betheuerten alle ihre Unschuld, und obwohl
Scarlett sich über die Angelegenheit schon seine Ansicht gebildet
hatte, ersparte er den Leuten doch nicht die verletzendsten Vorwürfe und
drohte, sie der Polizei auszuliefern, wenn das Portefeuille nicht wieder
zum Vorschein käme. Es war ja nicht allein eine Summe von hundert
Pfund Sterling entwendet worden, sondern der oder die Diebe hatten
auch Documente unterschlagen, die die Rechte des Lord Piborne in einem
schwebenden Processe nachwiesen. Wie leicht konnte es ja einem der Leute
einfallen, seinen Herrn zu Gunsten des Kirchspiels benachtheiligen zu
wollen! Vielleicht wurde dieser gar bezahlt. Nun, wenn es gelang, die
Hand auf den Uebelthäter zu legen, so durfte dieser auf eine
Spazierfahrt nach den Strafanstalten der Insel Norfolk rechnen, denn
Lord Piborne war mächtig genug, und einen so großen Herrn zu bestehlen
galt etwa ebenso viel, als sich am Besitzthum eines Mitglieds des
Königshauses zu vergreifen.
Scarlett stellte das allen, die er wegen der Sache ausfragte,
eindringlich vor. Leider wollte sich keiner zu dem Geständniß, der
Urheber des Verbrechens zu sein, herbeilassen, und nach Beendigung der
hochnothpeinlichen Befragung beeilte sich der Schloßverwalter, dem Lord
von der Erfolglosigkeit seiner Bemühungen Kenntniß zu geben.
»Die Leute stecken unter _einer_ Decke, erklärte der Marquis, und wer
weiß, ob sie den Raub nicht unter sich getheilt haben.
-- Ich glaube, daß Eure Herrlichkeit damit Recht haben, erwiderte
Scarlett. Auf alle an die Dienerschaft gerichteten Fragen erhielt ich
auch ganz gleichlautende Antworten, ein hinlänglicher Beweis, daß die
Leute sich untereinander verstehen.
-- Haben Sie auch ihre Stuben, ihre Schränke und Koffer durchsucht,
Scarlett?
-- Noch nicht. Eure Herrlichkeit werden einsehen, daß ich das mit Erfolg
nur in Gegenwart eines Polizeibeamten vornehmen kann.
-- Das ist richtig, bestätigte Lord Piborne. Schicken Sie jemand nach
Kanturk... oder besser, verfügen Sie sich selbst dahin. Natürlich darf
keiner vor Beendigung der Untersuchung das Schloß verlassen.
-- Die Befehle Eurer Herrlichkeit werden ausgeführt werden.
-- Der Polizeibeamte soll nicht versäumen, einige Leute mitzubringen,
Scarlett...
-- Ich werde ihm den Wunsch Eurer Herrlichkeit kund thun und er wird
nicht verfehlen, diesem nachzukommen.
-- Sie werden auch meinen Sachverwalter, Herrn Laird in Newmarket,
benachrichtigen, daß ich mit ihm über diesen Vorfall sprechen muß und
ihn schleunigst hier zu sehen wüsche.
-- Noch heute soll er die Mittheilung erhalten....
-- Wann brechen Sie auf?
-- Sofort, ich denke, noch vor dem Abend zurück zu sein.
-- Gut.«
Das Erzählte spielte sich am Morgen des 29. April ab. Ohne jemand zu
sagen, was er in Kanturk vorhabe, ließ sich Scarlett eines der besten
Pferde aus dem Stalle satteln und wollte schon aufsitzen, als am
Wirthschaftsthore, nahe dem Wächterhause, eine Glocke ertönte.
Ein Flügel des Thores öffnete sich, und davor stand ein Kind von etwa
zehn Jahren.
Es war Findling.
II.
Im Laufe von vier Monaten.
In der Provinz Munster liegt die Grafschaft Cork, die mit denen von
Limerick und Kerry zusammenstößt. Sie erfüllt deren südlichen Theil
zwischen der Bai von Bantry und Youghal-Haven. Ihre Hauptstadt ist Cork,
und der wichtigste Hafenplatz der von Queenstown, an der gleichnamigen
Bucht und einem der belebtesten Häfen von ganz Irland.
Die Grafschaft durchschneiden verschiedene Eisenbahnlinien; die eine
erstreckt sich über Mallow und Killarney bis nach Tralee. Oberhalb
derselben, an dem Theile der Linie, die etwa längs des Blackwaterflusses
verläuft, und sechs Kilometer südlich von Newmarket, liegt der Flecken
Kanturk, zwei Meilen von diesem aber das Schloß Trelingar.
Dieser prächtige Großgrundbesitz gehört der alten Familie der Pibornes.
Er umfaßt eine geschlossene Fläche von hunderttausend Acres (40.000
Hektaren) besten Bodens mit fünf- bis sechshundert Farmen, deren
Ausbeutung dem Landlord die höchsten Einkünfte in der ganzen Umgegend
sichert. Der Marquis von Piborne ist also schon hierdurch sehr reich,
ohne von den andern Einnahmen zu reden, die ihm die Besitzthümer der
Marquise in Schottland zuführen. Ueberhaupt wird sein Vermögen als eines
der größten im ganzen Lande angesehen.
Wenn der Lord Rockingham sein Grundeigenthum in der Grafschaft Kerry
niemals besucht hatte, so konnte man den Lord Piborne dagegen des
verhaßten »Absentismus« nicht beschuldigen. Nach vier- bis fünfmonatigem
Aufenthalt in Edinburg oder London, bewohnte er vom April bis zum
November stets sein Trelingar-castle.
Ein Grundbesitz von so großer Ausdehnung bedingt selbstverständlich auch
sehr viele Pächter. Die ackerbauende Bevölkerung, die auf den Ländereien
des Marquis lebte, hätte ein recht ansehnliches Dorf bilden können.
Waren die Bauern von Trelingar-castle auch nicht von einem John Eldon
für Rechnung des Herzogs von Rockingham bedrückt, und wurden sie nicht
von einem Harbert für Rechnung eines John Eldon ausgesaugt, so darf
man daraus noch nicht schließen, daß sie sich einer besseren Behandlung
erfreuten. Hier gab man sich nur den Anschein größerer Milde. Der
Verwalter hielt streng auf die pünktliche Abführung der Pachtzinsen und
vertrieb sie auch aus ihren Gehöften; er that das aber auf seine Art,
er drückte ihnen sein Mitleid aus, beklagte sie, bekümmerte sich bei dem
Gedanken, was ohne Obdach und Lebensunterhalt aus ihnen werden sollte,
versicherte auch, daß solche Austreibungen seinem Herrn das Herz
brächen... verjagt wurden die armen Leute aber doch, und höchst
wahrscheinlich empfanden sie es als keinen besondern Trost, daß Seine
Herrlichkeit darum trauerte.
Das zur Zeit der Stuarts erbaute Schloß war gegen dreihundert Jahre alt,
es reichte also nicht bis zur Epoche der Plantagenet's zurück, worauf
die Piborne's so stolz waren.
Der gegenwärtige Besitzer hatte das Aeußere des Bauwerks neu herstellen
lassen, um ihm mehr das Aussehen eines Feudalsitzes zu verleihen. Da
waren Zinnen angebracht, Spitzthürmchen und Wachthäuschen errichtet
und über einen Graben eine Zugbrücke, die nie aufgezogen, und ein
Fallgatter, das nie herabgelassen wurde.
Das Innere enthielt sehr geräumige Gemächer mit mehr Comfort, als ihn
die Zeiten Eduards IV. oder Johanns ohne Land zu bieten pflegten.
Diese verborgene Stilwidrigkeit entsprach freilich den Bedürfnissen der
verwöhnten Schloßbewohner.
An den Seiten des Schlosses erhoben sich die Communs (Dienerwohnungen)
und Nebengebäude, Ställe, Wagenschuppen und Wirthschaftsräume. Davor lag
ein weiter Ehrenhof mit prächtigen Buchen, nach außen zu abgeschlossen
von zwei Pavillons neben einem verzierten Gitterthore, von denen der
eine dem Portier als Wohnung diente.
Am Thore dieses Pavillons hatte unser junger Held grade die Glocke
gezogen, als es sich öffnete, um den Verwalter Scarlett hinausreiten zu
lassen.
Ungefähr vier Monate waren seit dem unvergeßlichen Tage verstrichen,
wo das Adoptivkind der Familie Mac Carthy die Farm von Kerwan verlassen
hatte. Wenige Zeilen werden hinreichen, zu berichten, wie es ihm in
diesem Zeitraum ergangen war.
Als Findling gegen fünf Uhr abends von dem zerstörten Hause wegging,
wurde es schon langsam finster. Da er Martin und den Seinigen auf der
Straße von Tralee nicht begegnet war, kam ihm zunächst der Gedanke, sich
nach Limerick zu begeben, wohin die Gefangenen von den Polizisten ohne
Zweifel abgeführt worden waren. Ihm erschien es als heilige Pflicht, die
Familie Mac Carthy wieder aufzusuchen und auf jeden Fall deren Loos zu
theilen. Ja, wenn er schon groß gewesen wäre, um mit seiner Hände Arbeit
etwas zu verdienen! Gewiß würde er sich gerührt und keine Mühe gescheut
haben... doch was konnte er, der erst Zehnjährige erhoffen? Später,
wenn er einmal einen guten Gehalt bezog, sollte dieser für seine
Adoptiveltern verwendet werden, und noch später, wenn er sein Glück
gemacht hätte -- und daran zweifelte er gar nicht -- wollte er jenen
alles bieten und das Wohlwollen mit Zinsen heimzahlen, das ihm in der
Farm von Kerwan entgegengebracht worden war.
Jetzt, auf dieser verlassenen Straße freilich, inmitten einer vom
schlimmsten Elend heimgesuchten Gegend, die von denen verlassen war,
welche sie nicht zu ernähren vermochte, und verloren in der kalten
Finsterniß fühlte sich Findling vereinsamter als je zuvor. In seinem
Alter ist es ja selten, daß Kinder nicht durch irgend ein Band gehalten
werden, das sie entweder mit einer Familie verknüpft oder an eine
öffentliche Anstalt fesselt, die sie aufnimmt und erzieht. Der Knabe
aber war ja nichts anders als ein abgerissenes und auf die Landstraße
verwehtes Blatt, das vom Winde hin und her getrieben wird, bis es zu
Staub zerfällt. Niemand, niemand gab es, der sich seiner mitleidig
angenommen hätte. Wenn er die Mac Carthy's nicht wiederfand, wußte er
vorläufig nicht, was aus ihm werden sollte, oder doch fehlte ihm auch
jeder Anhalt, wo er jene suchen, ja nur nach ihrem Verbleib fragen
könnte. Waren sie nicht verhaftet worden, so hatten sie sich wohl
gar, wie so viele ihrer Landsleute, entschlossen, nach der Neuen Welt
auszuwandern, und dann...
Der Knabe wollte also, quer durch das schneebedeckte Land, nach Limerick
wandern. Die Lufttemperatur wäre jetzt kaum zu ertragen gewesen, wenn
etwa ein scharfer Wind geweht hätte. Die Atmosphäre war aber still und
jeder Laut von weither hörbar. So legte er, ohne einer lebenden Seele
zu begegnen, zwei Meilen ganz aufs Geradewohl zurück, denn er hatte sich
noch nie in diesen von den ersten Ausläufern der Berge berührten Theil
der Grafschaft gewagt. Vor ihm verliehen die dichten Tannenwälder dem
Horizont einen noch dunkleren Rahmen.
Von seiner Wanderung nach Tralee und zurück bereits stark angegriffen,
fühlte Findling jetzt, daß ihn die Kräfte verließen. Die Beine zitterten
ihm und die Füße knickten ihm in den Gelenken. Dennoch wollte er auf
keinen Fall Halt machen, und so gelang es ihm mit Mühe, sich noch eine
halbe Meile weit fortzuschleppen. Nach dieser letzten Anstrengung aber
sank er an einem Abhange mit großen Bäumen zusammen, deren Zweige sich
unter der Last des Rauhfrostes beugten.
Hier kreuzten sich zwei Landstraßen, so daß Findling, wenn er sich
wieder zu erheben im Stande gewesen wäre, nicht gewußt hätte, welcher
davon er folgen sollte. Auf dem Schnee ausgestreckt und mit erstarrten
Gliedern, konnte er, als schon seine Augen sich schließen wollten und er
das Bewußtsein für seine Lage halb verlor, nur noch einmal rufen:
»Zu Hilfe!... Zu Hilfe!«
Fast gleichzeitig erschallte ein entferntes Gebell in der trocknen
kalten Nachtluft. Dann kam es näher und an der nächsten Straßenbiegung
tauchte ein Hund auf, der mit gesenkter Nase, hängendem Schwanze und
mit Augen, die wie solche von Katzen erglänzten, den Boden beschnüffelnd
einhertrabte.
Mit wenigen Sprüngen stand das Thier neben dem Kinde... doch nicht um
diesem ein Leid zuzufügen, sondern um es zu erwärmen, indem sich der
Hund an dessen Seite ausstreckte.
Findling bekam sofort seine Besinnung wieder. Er schlug die Augen auf
und fühlte, daß eine warme, liebkosende Zunge ihm die Hand leckte.
»Birk!« murmelte er.
Birk war es, sein einziger Freund, sein treuer Begleiter in der Farm von
Kerwan.
Wie gab der Knabe ihm seine Liebkosungen zurück, während er sich die
Hände zwischen seinen Pfoten wärmte. Das flößte ihm neuen Muth ein. Er
sagte sich, daß er auf der Erde doch nicht allein sei. Jetzt wollten
beide die Aufsuchung der Familie Mac Carthy vornehmen. Ohne Zweifel
hatte Birk diese nach der Austreibung begleitet und zurückgekehrt war
er jedenfalls nur, weil ihn die Häscher und die Polizisten wohl mit
Steinwürfen und Stockschlägen verjagt hatten. So war es in der That
gewesen, und Birk, der herzlos verscheucht wurde, hatte nach der Farm
zu zurücktrotten müssen. Jetzt würde er ja auch jede Spur der Polizisten
wiederfinden und Findling konnte sich wohl auf den Instinct des Thieres
verlassen, von diesem zur Familie Mac Carthy geleitet zu werden.
Er begann also mit Birk zu plaudern, wie er das in den langen Stunden
auf der Weide bei Kerwan zu thun pflegte. Birk antwortete ihm in seiner
Weise durch ein kurzes Bellen, das Findling leicht genug verstand.
»Nun vorwärts, mein getreuer Birk, vorwärts!«
Sofort lenkte das Thier nach der einen Straße ein, wo es seinem jungen
Herrn vorauslief.
Nun traf es sich aber, daß Birk, eingedenk der erlittenen Mißhandlung,
den Weg nach Limerick nicht einschlug. Er folgte vielmehr dem, der an
der Grenze der Grafschaft Kerry hin und nach Newmarket in der Grafschaft
Cork führt. Unbewußt entfernte sich Findling damit von der Familie Mac
Carthy weiter, und als der Tag graute, machte er, erschöpft und von
Hunger geplagt, Rast, um sich in einem Gasthause, ein Dutzend Meilen
südöstlich von der Farm, zu stärken und zu erquicken.
Außer seinem Wäschepacket besaß Findling, wie sich der Leser erinnern
wird, noch den Rest der bei dem Apotheker in Tralee gewechselten
Guinee... die große Summe von ganzen fünfzehn Schillingen. Damit kommt
man freilich nicht weit, wenn zwei zu ernähren sind, selbst wenn man
sich auf das nothwendigste beschränkt und täglich nur einige
Pence ausgiebt. Das beobachtete der Knabe auch, und nach
vierundzwanzigstündigem Aufenthalt in dem Gasthofe, wo ihm ein Heuboden
als Schlafraum und Kartoffeln als Speise dienten, machte er sich mit
Birk wieder auf den Weg.
Auf seine Fragen nach den Mac Carthy's hatte der Gastwirth erklärt,
daß ihm keine Familie dieses Namens bekannt sei. Austreibungen waren
in diesem schlimmen Winter auch so häufig vorgekommen, daß sich die
öffentliche Aufmerksamkeit diesen traurigen Ereignissen gar nicht mehr
zuwandte.
Findling marschierte immer hinter Birk in der Richtung nach Newmarket
weiter.
Wie er fünf lange Wochen, bis zum Eintreffen in diesem Flecken
verbrachte, kann man sich wohl vorstellen. Niemals streckte er die Hand
aus! Sein natürlicher Stolz und das Gefühl eigner Würde waren auch bei
diesen neuen Prüfungen nicht erlahmt. Manche weichherzigen Leute, die
das hilflose Kind dauerte, hatten ihm wohl ein größeres Stück Brod oder
Speck u. dgl. gegeben, wenn er sich in den Gasthäusern versorgte und mit
einem Penny bezahlte, was eigentlich das doppelte kostete -- doch das
ist immer noch nicht gebettelt. Dabei theilte er alles mit Birk, indem
die beiden in Scheunen schliefen, sich ins Heu verkrochen und Hunger
und Durst zusammen litten, um von der Guinee so wenig als möglich
auszugeben....
Zuweilen blühte ihm auch das Glück, denn wiederholt erhielt Findling
eine kleine Beschäftigung. Vierzehn Tage verweilte er z. B. in einer
Farm in Vertretung des abwesenden Schäfers. Wohl erhielt er keinen
Lohn, fand dabei aber doch für sich und Birk Obdach und Nahrung. Nach
vollendeter Arbeit zog er weiter. Einige Aufträge, die er zwischen einem
Dorfe und dem andern ausrichtete, brachten ihm auch ein paar Schillinge
ein. Zum Unglück fand er nur keine dauernde Beschäftigung, denn es
war die schlechte Jahreszeit, wo leider so viele rüstigere Arme feiern
müssen, und grade in diesem Winter war das Elend schlimmer als sonst.
Findling hatte übrigens noch keineswegs darauf verzichtet, mit der
Familie Mac Carthy wieder zusammenzutreffen, obwohl seine Erkundigungen
nach ihr immer erfolglos blieben und er bei seinem Weiterwandern auf gut
Glück nicht einmal wußte, ob er sich seinen Freunden näherte oder nicht.
Nur die eine Hoffnung verließ ihn nicht, daß er in einer Stadt, in einer
wirklichen Stadt, die gewünschte Auskunft erhalten werde.
Dabei drückte ihn die Sorge, daß er in seinem Alter so ganz allein auf
der Landstraße gefunden, vielleicht als Vagabund verhaftet und noch
einmal in die =Ragged-School= oder in ein Arbeitshaus eingeliefert
werden könnte. Lieber wollte er alles Ungemach weiterer Irrfahrten
ertragen, als in eines dieser verhaßten Asyle zurückkehren, wobei er
sich ja auch von dem anhänglichen Birk hätte trennen müssen.
»Nicht wahr, Birk, sagte er, den mächtigen Kopf des Hundes auf seine
Knie legend, wir könnten doch keiner ohne den andern leben?«
Gewiß antwortete der Hund in seiner Weise, daß das unmöglich sei.
Von Birk wendeten sich seine Gedanken dann seinem früheren Kameraden von
Galway zu und er fragte sich, ob Grip jetzt wohl auch obdachlos sei
wie er. Ja, wenn sie einander begegnet wären, hätten sie zu zweien sich
sicherlich eher fortzuhelfen vermocht... sogar zu dreien; er gedachte
damit der guten Sissy, von der er seit seiner Flucht aus der Hütte
der Hard gar nichts gehört hatte. Jetzt mußte sie -- mit vierzehn bis
fünfzehn Jahren -- doch schon ein großes Mädchen sein. In diesem Alter
ist man hier schon in Stellung, im Dorf oder in der Stadt, und verdient
sein Brod zwar sauer, verdient es aber doch. Wenn er erst so alt wäre,
würde er nicht darum verlegen sein, eine Stelle zu finden. Jedenfalls
würde ihn Sissy nicht vergessen haben. Alle Erinnerungen aus seiner
ersten Kindheit tauchten mit überraschender Schärfe in ihm auf: die
schlechte Behandlung durch das böse Weib, die Grausamkeiten Thornpipe's,
des Puppenschaustellers.... Da fühlte er sich jetzt frei, wenn auch
allein, doch weit glücklicher, als zu jenen traurigen Zeiten!
Immer weiter auf der Landstraße hinziehend, verflossen die Tage ohne
besondre Veränderung seiner Lage. Zum Glück war der Februar dieses
Jahres nicht so hart, und die Armen brauchten von keiner übermäßigen
Kälte zu leiden. Der entschwindende Winter ließ die Hoffnung aufkommen,
daß der Beginn der Arbeiten und der Frühlingseinsaat nicht verzögert
werden würde. Fingen dann die Feldarbeiten zeitig an, so wurden auch
Schafe und Kühe wieder auf die Weide getrieben und Findling durfte
hoffen, in einer Farm Beschäftigung zu finden.
Fünf bis sechs Wochen lang mußte er freilich noch hinbringen, und
von den gelegentlich erworbenen wenigen Schillingen, so wie von der
Guinee -- dem ganzen Vermögen des Knaben -- waren gegen Mitte März nur
noch ein halbes Dutzend Pence übrig. Dabei hatte er an der täglichen
Nahrung -- und er aß nicht einmal alle Tage -- so viel wie möglich
gespart, jedenfalls sich nie ordentlich satt gegessen. So war er
abgemagert, sein Gesicht erbleicht und der Körper von der Anstrengung
erschöpft.
Birk, dessen Fell sich über den hervortretenden Seiten faltete, schien
auch nicht in besserer Verfassung zu sein. Auf die in Dörfern gewöhnlich
kargen Abfälle hingewiesen, mußte Findling vielleicht bald auch diese
mit dem Thiere theilen.
Dennoch schützte ihn sein Charakter davor, ganz zu verzweifeln. Er
bewahrte sich stets die Energie, wenigstens nicht zu betteln. Was sollte
er aber beginnen, wenn sein letzter Penny für das letzte Stück Brod
dahingegangen war?
Kurz, Findling besaß nur noch sechs bis sieben Pence, als er mit Birk am
13. März in Newmarket anlangte.
Seit zweieinhalb Monaten hatten beide die Straßen der Grafschaft
durchstreift, ohne irgendwo eine dauerndere Ruhe zu finden.
Newmarket, etwa zwanzig Meilen von Kerwan gelegen, ist weder groß noch
volkreich. Es bildet einen jener Flecken, aus denen die irländische
Gleichgiltigkeit niemals eine Stadt schaffen wird und die eher rückwärts
als vorwärts gehen.
Vielleicht war es bedauerlich, daß der Zufall Findling nicht in der
Richtung nach Tralee zurückgeführt hatte; das Meer übte ja von jeher
auf den Knaben einen mächtigen Reiz aus -- das Meer, die unerschöpfliche
Nährmutter aller, die den Muth haben, darauf und davon zu leben. Wenn
es an Arbeit in Stadt und Land gebricht, feiert man doch niemals auf dem
Ocean, den Tausende von Schiffen unausgesetzt durchkreuzen. Der Seemann
hat weit weniger die Verarmung zu fürchten als der Landbauer und der
Arbeiter. Das bewies ja schon ein Vergleich der Verhältnisse Pats,
des zweiten Sohnes Martin Mac Carthy's, mit denen der aus der Farm von
Kerwan vertriebenen Familie. Und wenn Findling sich auch noch mehr von
der Handelsthätigkeit als von der Seefahrerei angezogen fühlte, sagte er
sich doch, daß er schon das Alter habe, wo er als Schiffsjunge an Bord
eines Seglers gehen könnte.
Deshalb sagte er sich auch, daß er über Newmarket hinaus wandern und
sich in der Richtung nach Cork zu der Küste zuwenden wollte. In Cork,
einem Platze mit sehr lebhaftem Seeverkehr, gedachte er Unterkommen auf
einem Schiffe zu suchen. Inzwischen mußte er jedoch leben, mußte die zur
Fortsetzung seiner Reise nöthigen wenigen Schillinge erwerben; doch fünf
Wochen nach seinem Eintreffen in Newmarket befand er sich mit Birk noch
immer dort.
Wie erwähnt, fürchtete er sich vor allem, als Landstreicher verhaftet
und in irgend eine Wohlthätigkeitsanstalt gesteckt zu werden. Zum Glück
war seine Kleidung noch in recht gutem Zustande, so daß er kaum wie ein
kleiner Armer aussah. Sein geringer Vorrath an Wäsche genügte ihm; auch
die Schuhe hatten die Strapazen des langen Weges ausgehalten. Wegen
seiner äußern Erscheinung brauchte er also nicht zu erröthen, wenn er
sich irgendwo zeigte, und der öffentlichen Armenpflege hoffte er auch
nicht zur Last zu fallen.
So erwarb er sich seinen Lebensunterhalt in Newmarket durch allerlei
Kindern zugängliche Beschäftigungen; er übernahm Botschaften für den
oder jenen, beförderte leichtere Packete und verkaufte schachtelweise
Streichhölzchen, die er für eine, eines Tags verdiente halbe Krone
einkaufte und Dank seinem frühentwickelten Instinct für den Handel mit
leidlichem Nutzen absetzte. Seine ernsten Züge machten ihn interessant,
und gern kauften ihm Spaziergänger von seiner Waare ab, wenn er mit
heller Stimme rief:
»=Some light, sir... some light!=« [2]
Alles in allem hatten Birk und er in diesem kleinen Orte weniger zu
leiden, als vorher beim Wandern durch die Grafschaft. Es schien sogar,
als sollte Findling, der sich durch Intelligenz einige Hilfsquellen
eröffnet hatte, dauernd in Newmarket bleiben, als er in den letzten
Tagen des April, am 29., plötzlich den Weg nach Cork einschlug.
Natürlich begleitete Birk den Knaben, der genau gezählt drei Schillinge
und sechs Pence in der Tasche hatte.
Wer ihn seit dem Vortage beobachtet hätte, dem hätte eine gewisse
Veränderung in seinem Gesicht nicht entgehen können. Von seltsamer
Angst erfaßt, blickte er scheu um sich, als fürchte er, daß jemand ihm
auflauere. Sein Schritt war schnell, und es fehlte nicht viel, so wäre
er gelaufen, was ihn die Beine tragen konnten.
Es schlug die neunte Morgenstunde, als er an den letzten Häusern von
Newmarket vorüberkam. Die Sonne glänzte hell am Himmel. Mit dem Ende des
April fängt auf dem Grünen Erin der Frühling an. Schon regte es sich da
und dort auf den Feldern. Der Knabe war jedoch so von seinen Gedanken
eingenommen, daß weder der Pflug, der den Erdboden aufbrach, noch die
Säemänner, die die Körner in geschicktem Wurfe ausbreiteten, oder
die auf den Weiden grasenden Thiere in ihm eine Erinnerung an Kerwan
erweckten. Er ging immer gerade aus. Birk an seiner Seite warf ihm einen
fragenden Blick zu, und diesmal war es nicht der Hund, der seinen Herrn
führte.
Sechs bis sieben Meilen zwischen Newmarket und Kanturk wurden in zwei
Stunden zurückgelegt. Findling durchwanderte mehrere Ortschaften,
ohne sich Zeit zum Ausruhen zu gönnen, da er unterwegs ein Stück Brod
verzehrte, von dem der treue Birk die Hälfte abbekam, und als er stehen
blieb, da schlug die Uhr auf dem Wartthurm von Trelingar-castle gerade
die Mittagsstunde.
III.
In Trelingar-castle.
Als das Thor neben dem Pavillon sich aufthat, wollte der Verwalter
Scarlett eben den Ehrenhof verlassen, um sich entsprechend dem Befehle
des Schloßherrn nach Kanturk zu begeben. Die Hunde des Grafen Ashton,
die Birk, der ihnen offenbar nicht gefiel, wittern mochten, fingen
wüthend an zu bellen.
Da Findling fürchtete, daß sich hier eine Katzbalgerei entwickeln
könnte, bei der Birk doch eine zu große Uebermacht gegen sich gehabt
hätte, gab er diesem ein Zeichen, sich zu entfernen, und das gehorsame
Thier verschwand hinter einem Busche, wo es nicht bemerkt werden konnte.
Als Scarlett den auf das Thor zuschreitenden Knaben bemerkte, rief er
ihn heran.
»Was willst Du hier?« fragte er mit barscher Stimme.
Wenn der Verwalter sich nämlich kriechend unterwürfig gegen alle
Vornehmen zeigte, so verleugnete er doch gegen niedriger Stehende, und
vorzüglich gegen Kinder, niemals seine brutale Natur.
Seine Aufgeblasenheit konnte unsern jungen Helden freilich nicht
schrecken. Er hatte noch weit härtere Anreden bei der Hard, von
Thornpipe und in der Lumpenschule hinnehmen müssen. Wie es sich
schickte, entblößte er den Kopf, als er auf Scarlett zuging, den er
übrigens gleich nicht für Seine Herrlichkeit den Lord Piborne, den
Schloßherrn von Trelingar, ansah.
»Wirst Du wohl sagen, was Du hier willst? herrschte ihn Scarlett noch
einmal an. Bettelst Du um eine Gabe, dann mach' daß Du fortkommst.
Kleine Herumtreiber wie Du erhalten hier nichts, nicht einmal einen
Copper!«
Das waren recht unnütze Worte, vor denen Findling zu gar keiner Antwort
kommen konnte, zumal er sich immer vor dem etwas unruhigen Pferde des
Verwalters in Acht nehmen mußte. Gleichzeitig tobten die Hunde knurrend
und bellend im Hofe umher. Das machte einen Lärm, der jede Verständigung
erschwerte.
Scarlett mußte auch noch lauter sprechen, als er hinzufügte:
»Wenn Du jetzt nicht Deiner Wege gehst und ich Dich noch einmal in
der Nähe des Schlosses erwische, dann führ' ich Dich an den Ohren nach
Kanturk, wo im Arbeitshause für einen solchen Burschen schon noch Platz
ist!«
Findling ließ sich weder durch solche Drohungen, noch durch den Ton, in
dem sie ausgestoßen wurden, einschüchtern. Als es aber einmal ruhiger
war, antwortete er:
»Ich verlange kein Almosen und habe nie darum gebettelt!
-- Und Du würdest auch keines annehmen, he? erwiderte Scarlett ironisch.
-- Nein... von niemand.
-- Was willst Du denn sonst hier?
-- Ich wünsche den Lord Piborne zu sprechen.
-- Seine Herrlichkeit selbst?
-- Ja, Seine Herrlichkeit persönlich.
-- Und Du bildest Dir ein, daß er Dich vorlassen wird?...
-- Gewiß, denn es handelt sich um eine für den Lord Piborne sehr
wichtige Sache.
-- Eine sehr wichtige Sache?...
-- Ja wohl, mein Herr.
-- Und was beträfe denn diese?
-- Das möchte ich dem Lord Piborne nur allein mittheilen.
-- Dann hinaus!... Der Marquis ist nicht im Schlosse.
-- O, so werde ich warten.
-- Doch wenigstens nicht hier auf der Stelle.
-- Gut, so komm' ich noch einmal wieder.«
Jeder andre als der häßliche Scarlett wäre von der auffallenden
Zähigkeit, von den so bestimmten Antworten dieses Kindes betroffen
gewesen. Jeder hätte sich gesagt, daß den Kleinen gewiß ein ganz
besondrer Grund nach dem Schlosse getrieben habe, und hätte ihn
aufmerksam angehört. Der Verwalter kam dadurch jedoch nur noch mehr »in
die Wolle« und knurrte:
»So ohne Umstände spricht man nicht mit Seiner Herrlichkeit Lord
Piborne. Ich bin der Intendant des Schlosses. Wer hier etwas will, hat
sich an mich zu wenden, und Du weigerst Dich sogar zu sagen, was Dich
herführte....
-- Das kann ich niemand als dem Lord Piborne sagen, und ich bitte Sie,
mich ihm zu melden!
-- Dich Galgenstrick? versetzte Scarlett, die Reitgerte schwingend,
jetzt packe Dich zum Teufel oder die Hunde sollen Dir in die Beine
fahren!... Nimm Dich in Acht!«
Die polternde Stimme des Verwalters reizte die Hunde zu neuem Gekläff.
Findling fürchtete immer nur, daß Birk aus dem Gebüsch vorbrechen und
ihm zu Hilfe kommen könnte, was der Sachlage eine noch üblere Wendung
gegeben hätte.
Auf das immer tollere Bellen der Hunde hin erschien jetzt Graf Ashton
auf dem Hofe und kam auf das Gitterthor zu.
»Was giebt's denn hier? fragte er.
-- O, einen Jungen, der betteln will....
-- Ich bin kein Bettler! wiederholte Findling.
-- Aber ein frecher kleiner Landstreicher...
-- Pack' Dich fort, Schlingel, oder ich stehe nicht mehr für meine Hunde
ein!« rief der Graf Ashton.
Die Thiere, die der junge Piborne jetzt noch zu bändigen versuchte,
wurden in der That immer wüthender und bedrohlicher.
Da zeigte sich auf der Freitreppe vor dem Mittelportale des Schlosses
der Lord Piborne selbst in all seiner Majestät, und als er sah, daß
Scarlett noch immer nicht nach Kanturk weggeritten war, stieg er
gemessenen Schrittes die Stufen hinab, ging steif über den Ehrenhof
und erkundigte sich nach der Ursache der Verzögerung und des jetzigen
Lärmens.
»Wollen Eure Herrlichkeit entschuldigen, stammelte der Verwalter, es ist
der Bursche hier, ein Bettelbube....
-- Ich erkläre Ihnen nun zum dritten Male, daß ich kein Bettler bin,
fiel ihm Findling ins Wort.
-- Was will dieser Knabe also? fragte der Marquis.
-- Er will nur mit Euer Herrlichkeit sprechen.«
Lord Piborne trat einen Schritt zurück, nahm eine möglichst vornehme
Haltung an und richtete sich dabei in seiner ganzen Länge auf.
»Was haben Sie mir zu sagen?« fragte er.
Er duzte ihn nicht, obwohl er noch ein Kind vor sich hatte. Als Ausfluß
höchster Vornehmthuerei redete der Marquis überhaupt niemand mit »Du«
an, weder die Marquise, noch den Grafen Ashton -- wahrscheinlich vor
fünfzig Jahren nicht einmal seine eigene Amme.
»Sprechen Sie! setzte er hinzu.
-- Der Herr Marquis hatte sich gestern nach Newmarket begeben, nicht
wahr?...
-- Ja.
-Gestern Nachmittag?...
-- Ja wohl.«
Scarlett wußte nicht, wie ihm geschah. Hier fragte der Gassenjunge, und
Seine Herrlichkeit geruhte zu antworten!
»Herr Marquis, fuhr das Kind fort, haben Sie da nicht ein Portefeuille
verloren?
-- Ganz recht; und dieses Portefeuille...
-- Hab' ich auf der Landstraße nach Newmarket gefunden und komme, es
Ihnen abzuliefern.«
Damit hielt er dem Lord Piborne das Portefeuille hin, dessen
Verschwinden so viele Unruhe verursacht, so vielfachen Verdacht erweckt
und in Trelingar-castle so viele Unschuldige compromittiert hatte. Die
Schuld daran lag also, mochte sich seine Eigenliebe dadurch auch schwer
verletzt fühlen, an Seiner Herrlichkeit selbst, jede Anklage gegen die
Dienerschaft wurde zwecklos und es erschien jetzt -- zu seinem lebhaften
Bedauern -- unnöthig, daß der Verwalter von Kanturk polizeiliche Hilfe
herholte.
Lord Piborne ergriff das Portefeuille, das im Innern seinen Namen und
seine Adresse trug, und überzeugte sich, daß es die Schriftstücke und
die Banknoten noch enthielt.
»Sie also haben dieses Portefeuille gefunden? fragte er Findling.
-- Gewiß, Herr Marquis.
-- Und haben es natürlich geöffnet?
-- Das mußt ich wohl, um zu erfahren, wem es gehörte.
-- Sie haben darin eine Banknote gefunden... deren Werth war Ihnen aber
wohl unbekannt?
-- Das nicht; es war eine Banknote von hundert Pfund, erklärte Findling
ohne Zögern.
-- Hundert Pfund... das ist so viel wie?...
-- Zweitausend Schillinge.
-- Ah, das wissen Sie also, und trotzdem fiel es Ihnen nicht ein, sich
das Geld anzueignen?
-- Ich bin kein Dieb, Herr Marquis, erwiderte Findling stolz, so wenig
wie ein Bettler!«
Lord Piborne hatte das Portefeuille wieder geschlossen, die Banknoten
daraus aber in seine Tasche gesteckt. Der Knabe verneigte sich grüßend
und that schon einige Schritte rückwärts, als Seine Herrlichkeit ihn --
doch ohne ein Zeichen, daß die ehrliche Handlungsweise seine Anerkennung
fand -- noch einmal ansprach.
»Welche Belohnung verlangen Sie für die Wiederbeschaffung dieses
Portefeuilles?
-- Ah, was da... ein paar Schillinge... meinte Graf Ashton.
-- Oder einige Pence, das ist für den Jungen übrig genug!« beeilte sich
Scarlett hinzuzufügen.
Findling empörte es, daß man hier mit ihm handelte, wo er doch gar
nichts verlangt hatte, und er erklärte deshalb:
»Mir kommen dafür weder Pence noch Schillinge zu.«
Dabei wandte er sich nach der Landstraße.
»Warten Sie, rief Lord Piborne. Wie alt sind Sie?
-- Bald zehnundeinhalb Jahre.
-- Und Ihr Vater... Ihre Mutter?...
-- Ich habe keinen Vater und keine Mutter.
-- Ihre sonstigen Angehörigen?
-- Ich habe auch keine solchen.
-- Woher kommen Sie überhaupt?
-- Von der Farm von Kerwan, wo ich vier Jahre gewesen bin und die ich
vor vier Monaten verlassen mußte.
-- Weshalb denn?
-- Weil der Farmer, der mich aufgenommen hatte, von den Gerichten
vertrieben wurde.
-- Kerwan... Kerwan... murmelte Lord Piborne. Ich glaube, das gehört
ja zu dem Grundbesitze von Rockingham?
-- Eure Herrlichkeit täuschen sich nicht, sagte der Verwalter.
-- Und was denken Sie nun zu beginnen? wendete sich der Marquis wieder
an Findling.
-- Nun, ich kehre nach Newmarket zurück, wo ich mir bis jetzt mein Brod
verdiente.
-- Wollen Sie hier im Schlosse bleiben, so können Sie wohl in einer oder
der andern Weise Beschäftigung finden.«
Das war gewiß ein verlockendes Angebot. Vom Herzen war es dem
hochmüthigen, gefühllosen Lord Piborne aber keineswegs eingegeben, und
von einem Lächeln oder einer Freundlichkeit war es auch nicht begleitet.
Findling empfand das ganz gut, und statt schnell zu antworten, begann er
erst zu überlegen. Was er bisher vom Schlosse Trelingar gesehen hatte,
gab ihm zu denken.
Er fühlte sich nicht angezogen von Seiner Herrlichkeit und von dessen
Sohne Ashton, der recht spöttische, widerwärtige Züge besaß, und noch
viel weniger von dem Verwalter Scarlett, dessen brutaler Empfang ihn
empört hatte. Dabei gedachte er auch noch Birks. Wenn man ihm Aufnahme
bot, so würde man Birk diese doch verweigern, und zu einer Trennung von
seinem Genossen in guten und bösen Tagen könnte er sich doch niemals
entschließen.
Immerhin mußte der Knabe, dessen Lebensunterhalt bis heute doch
keineswegs gesichert war, dieses Anerbieten als einen Wink der Vorsehung
betrachten. Die Vernunft rieth ihm, darauf einzugehen, da er es
vielleicht zu bereuen gehabt hätte, wenn er nach Newmarket zurückkehrte.
Nur der Hund bildete ein Hinderniß, doch davon zu reden, würde es ja
eine Gelegenheit geben. Vielleicht nahm man ihn, und wäre es nur als
Wachthund, schließlich dennoch mit auf. Von einer Stellung im Schlosse
mußte er ja Vortheil haben, und bei der nöthigen Sparsamkeit...
»Na... bist Du mit Dir im Reinen? brummte der Verwalter, der ihn lieber
hätte zum Teufel gehen sehen.
-- Was werd ich verdienen? fragte Findling, den sein praktischer Sinn
nie verließ, ohne alle Schüchternheit.
-- Zwei Pfund Sterling monatlich,« erklärte Lord Piborne.
Zwei Pfund im Monat!... Das erschien ihm ungeheuer viel, und in der
That konnte ein Kind seines Alters so viel ja kaum erwarten.
»Ich danke Eurer Herrlichkeit, sagte er. Ich nehme das Anerbieten an und
werde mich bemühen, Sie nach Kräften zufriedenzustellen.«
Mit Zustimmung der Marquise noch desselben Tages unter die
Schloßbediensteten aufgenommen, sah sich Findling eine Woche später
schon zu der verantwortungsreichen Stellung eines Grooms des Erben der
Piborne's erhoben.
Den armen Birk hatte sein Herr während der sieben Tage noch nicht am
Hofe -- natürlich des Schlosses -- vorgestellt, denn er fürchtete für
ihn einen ungnädigen Empfang.
Der Graf Ashton besaß nämlich drei Hunde, die er fast so sehr wie
sich selbst liebte. In ihrer Gesellschaft zu leben, entsprach seinem
Geschmacke und genügte seiner Intelligenz. Es waren Racethiere,
deren Stammbaum -- wenigstens -- bis zur normännischen Eroberung
zurückreichte, drei schöne, aber sehr bissige schottische Pointer
(Wachtelhunde). Kam ein andrer Hund am Gitterthore vorbei, so mußte
er sich schnell davon machen, um nicht von den wüthenden Thieren
zerfleischt zu werden, die der Piqueur (Rüdenmeister) zu solchen
Großthaten aufzuhetzen liebte. Birk begnügte sich auch, in der Nähe
der Wirthschaftsgebäude umherzustreifen und wartete ruhig, bis der neue
Groom des Abends kam und ihm etwas Futter zusteckte, das der Findling
sich an der eignen Nahrung absparte. Die Folge davon war, daß beide
magrer wurden. Ei was, es würden ja auch wieder bessere Tage kommen, wo
sie sich auf Vorrath mästen konnten.
Jetzt begann für den Findling, dessen traurige Geschichte wir erzählen,
ein Leben, das sich von dem bisher geführten wesentlich unterschied.
Ohne von den bei der Hard und in der =Ragged-School= verbrachten Jahren
zu sprechen, zeigte seine Lage, nur im Vergleich zu der in der Farm von
Kerwan, doch eine große Veränderung.
Bei der Familie Mac Carthy zählte er zum Hause, unbelastet von dem
Joch der Knechtschaft. Hier im Schlosse galt er für nichts. Der Marquis
betrachtete ihn als Almosenbecken, in das er monatlich zwei Pfund
Sterling legte, die Marquise als ein kleines Vorzimmerhündchen, und
der Graf sah ihn für ein Spielzeug an, das man ihm, sogar ohne die
Ermahnung, es nicht zu zerbrechen, geschenkt hatte. Scarlett endlich
hatte sich gelobt, ihm durch fortwährende Chicanen seine Abneigung
fühlen zu lassen, und dazu fehlte es nicht an Gelegenheit. Selbst die
Diener betrachteten das heimatlose Kind, das Lord Piborne in das Schloß
Trelingar aufgenommen hatte, für tief unter ihnen stehend. Leute von
gutem Herkommen haben einmal ihre Einbildung, ihren Stolz einer lange
eingenommenen Stellung, und es paßt ihnen nicht, mit solchen Gestalten
von der Landstraße her in einen Topf geworfen zu werden. Bei den
gemeinschaftlichen Mahlzeiten ließen sie das Findling auch fühlen, wo
es nur anging. Dieser ließ darum keine Klage laut werden; er antwortete
nicht und that gewissenhaft seine Pflicht, wenn er auch nach Ausführung
der letzten Befehle seines Herren mit großer Erleichterung nach seinem
besondern Kämmerchen hinaufging.
Inmitten so vielen Uebelwollens fand er doch eine Frau, die sich seiner
annahm. Es war das nur eine Wäscherin, namens Kat, die, jetzt im Alter
von fünfzig Jahren, von jeher auf der Piborne'schen Domäne gelebt hatte
und hier voraussichtlich ihr Leben beschloß, wenn sie der Verwalter
Scarlett nicht fortjagte -- was er übrigens schon versucht hatte, da
sie ihm etwas verhaßt war. Ein Vetter des Marquis, Sir Edward Kinney,
offenbar ein sehr geistreicher Herr, behauptete, daß die Kat schon zur
Zeit Wilhelms des Eroberers am Waschzuber gestanden habe. Die Frau ließ
sich jedoch durch nichts beirren. Sie besaß ein vortreffliches Herz, und
Findling schätzte sich glücklich, bei ihr Trost für manches Ungemach zu
finden.
Oft plauderten beide, wenn der Graf Ashton einmal allein vom Hause
weg war. Und wenn der Groom von dem Verwalter oder einem andern Diener
angelassen worden war, dann ermahnte die Kat den Knaben:
»Nur Geduld, mein Sohn! Kümmere Dich nicht um ihre Redereien. Der beste
unter ihnen ist nicht gar viel werth, ich wüßte wenigstens keinen, der
das Portefeuille zurückgegeben hätte!«
Vielleicht hatte die Wäscherin damit Recht, denn die gewissenlosen
Leute erklärten Findling wegen seiner Ehrlichkeit nur für einen
Einfaltspinsel.
Der Groom war dem Grafen Ashton also gewissermaßen als Spielzeug
geschenkt worden, und wie ein launenhaftes, eigenwilliges Kind amüsierte
sich der junge Graf auch mit ihm. Meist ertheilte er ihm ganz sinnlose
Befehle und widerrief diese dann ohne Grund. Zehnmal in der Stunde
klingelte er ihn herbei, um das oder jenes in Ordnung oder in Unordnung
zu bringen. Er hieß ihn die große oder die kleine Livrée anlegen,
mit hunderten von Knöpfen, wie die Knospen an einem Rosenstock im
Frühsommer. Ihn so zwanzig Schritte hinter sich her marschieren zu
lassen, wobei die Hände auf der Naht der Beinkleider liegen mußten, und
nicht nur in den Straßen der Ortschaft, sondern auch in den Alleen des
Parks, das war für den eitlen Grafen das allergrößte Vergnügen. Findling
unterwarf sich allen Launen, er gehorchte wie eine Maschine ihrem
Führer. Man hätte ihn nur sehen sollen, wie er mit fest gekreuzten Armen
vor dem Pferde seines Herrn wartete, bis dieser in den Sattel stieg,
oder wie er hinter dem in tollem Galopp hinsausenden Cabriolet sich an
das zusammengeschlagene Wagenverdeck klammerte, wenn sein Herr damit
über Stock und Stein jagte, oder gelegentlich einen Menschen umriß,
wofür das Gefährt des Grafen Ashton in Kanturk schon bekannt war.
Abgesehen davon, daß er sich allen Thor- und Tollheiten seines Herrn
zu fügen hatte, war Findling nicht eigentlich unglücklich. Das ging
voraussichtlich so lange, wie jenem das neue Spielzeug gefiel. Bei dem
unberechenbaren jungen Gentleman war freilich jede Ueberraschung
möglich. Kinder bekommen ihr Spielzeug schließlich zum Ueberdruß und
werfen es weg, wenn sie's nicht gar zerbrechen. Findling war freilich
fest entschlossen, dergleichen von sich abzuwenden.
Seine Stellung im Trelingar-castle betrachtete er nur als Nothnagel und
lebte der Hoffnung, daß sich ihm schon noch eine bessere bieten
werde. Sein kindlicher Ehrgeiz strebte höher hinauf, als nach den
Obliegenheiten eines Grooms. Die Verneinung seines eignen Ich gegenüber
diesem Erben der Piborne's, dem er sich überlegen fühlte, erniedrigte
ihn. Ja... überlegen, obwohl der Graf Ashton noch immer Unterricht
in Latein, Geschichte u. s. w. genoß und seine Lehrer sich redlich
bemühten, ihm wenigstens einige Kenntnisse einzutrichtern. Sein Latein
blieb aber doch »Hundelatein« (die englische Bezeichnung für unser
»Küchenlatein«) und seine Geschichtskunde beschränkte sich auf das, was
er im »goldenen Buche« der Pferdegeschlechter gelesen hatte.
Kannte Findling nun auch diese schönen Dinge nicht, so verstand er es
doch mit zehn Jahren, zu denken, zu überlegen. Er schätzte jenen Sohn
der Familie nach seinem richtigen Werthe und erröthete manchmal über die
Dienste, die er ihm leisten mußte. Wie bedauernd erinnerte er sich dann
der stärkenden, heilsamen Beschäftigung auf der Farm, seines Lebens
inmitten der Mac Carthy's, von denen er noch immer keine Kunde erhalten
hatte. Die Wäscherin im Schlosse war und blieb das einzige Wesen, dem er
sich anschließen konnte.
Uebrigens bot sich bald Gelegenheit, die Freundschaft der guten Frau zu
erproben.
Hier sei noch angeführt, daß der Proceß mit dem Kirchspiele von Kanturk
zu Gunsten der Familie Piborne ausgefallen war, doch nur, weil diese die
von Findling abgelieferten Documente dabei in die Wagschale zu werfen
vermochte. Was der Knabe gethan, war jetzt freilich vergessen, warum
also hätte ihm dafür ein besondrer Dank gebührt?
Mai, Juni und Juli waren vorüber. Birk hatte, so gut es anging, sein
Futter erhalten. Das Thier schien zu verstehen, daß es sich vorsichtig
verhalten mußte, um in der Umgebung des Schloßparks unentdeckt zu
bleiben. Findling hatte schon dreimal seine zwei Pfund Sterling
eingeheimst, die in seiner Agende auf der Einnahmeseite gebucht standen,
während die Ausgabenseite noch leer geblieben war.
Im Laufe dieser drei Monate hatten Lord und Lady Piborne nichts
anderes zu thun, als Besuche zu empfangen und zu erwidern, und allerlei
Höflichkeiten mit den Schloßbesitzern der Nachbarschaft auszutauschen.
Hierbei drehte sich die Unterhaltung natürlich meist um die Lage der
irischen Landlords. Da fielen recht grimmige Worte über die Ansprüche
der Pächter und der Landliga, über den dreiundsiebzigjährigen Gladstone
und über Parnell, den man an den höchsten Galgen wünschte. So verlief
ein Theil des Sommers. Dann pflegten Lord und Lady Piborne nebst ihrem
Sohne gewöhnlich eine mehrwöchige Reise, meist nach den schottischen
Besitzthümern der Marquise, zu unternehmen. Dieses Jahr sollte sich
der Ausflug nach einer andern Seite lenken, die von der großen Welt
bevorzugt und von den Trelingarer Herrschaften noch nicht besucht worden
war. Es handelte sich nämlich um die herrliche Gegend der Seen von
Killarney, wohin am 3. August aufgebrochen werden sollte.
Findlings Hoffnung, infolge dessen eine Zeit lang dienstfrei zu werden,
ging nicht in Erfüllung. Da Lady Piborne ihre Kammerfrau Marion und der
Marquis seinen Leibdiener John mitnahm, mußte der Graf Ashton doch auch
seinen Groom bei sich haben.
Dieser kam dadurch in nicht geringe Verlegenheit wegen Birks, da er
nicht wußte, wer inzwischen für den Hund sorgen sollte.
Findling beschloß deshalb, Kat ins Vertrauen zu ziehen, die es gern
übernahm, den Liebling des Knaben zu pflegen, ohne daß jemand davon
etwas erführe.
»Beruhige Dich, mein Sohn, erklärte die gute Frau. Ich liebe Deinen
Hund schon ebenso wie Dich, und er wird in Deiner Abwesenheit keine Noth
leiden!«
Findling umarmte die freundliche Kat für diese Zusage, und nachdem er
sie am Abend vor der Abreise noch mit Birk bekannt gemacht hatte, nahm
er von dem treuen Thiere Abschied.
IV.
Die Seen von Killarney.
Die Abfahrt erfolgte, wie »höchsten Orts« bestimmt war, am Morgen des 3.
August. Kammerdiener und Kammerfrau der Herrschaft bestiegen den Omnibus
des Schlosses, der das Reisegepäck nach dem drei Meilen entfernten
Bahnhof beförderte.
Findling begleitete sie, um speciell die Effecten seines jungen Herrn
zu überwachen. Marion und John ließen auch das Kind »von niemand« sich
dabei helfen, so gut es anging.
Der Groom machte seine Sache ganz vortrefflich, und das Gepäck des
Grafen Ashton wurde unter seiner Aufsicht sorgsamst für den erwarteten
Bahnzug zurechtgestellt.
Gegen Mittag traf -- von der Straße längs des Flusses Allo -- die
Equipage vom Schlosse ein, der nun Lord und Lady Piborne entstiegen.
Da mehrere Personen aus der Vorhalle des Bahnhofs traten, um die hohen
Reisenden -- natürlich aus respectvoller Entfernung -- zu sehen, konnte
der Graf Ashton die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, mit seinem
Groom eine Vorstellung zu geben. Er rief ihn nur »=Boy=« (Junge), wie er
dies gewöhnt war, und als dieser an den Wagen herantrat, bekam er einen
ganzen Packen Reisedecken an die Brust geworfen, so daß er von dem Stoße
fast hinfiel, was die Umstehenden weidlich zu belustigen schien.
Der Marquis und die Marquise begaben sich nach dem für sie reservierten
Coupé eines Waggons erster Classe. John und Marion richteten sich in
zweiter Wagenclasse ein, forderten aber den Groom nicht auf, bei ihnen
Platz zu nehmen. Dieser mußte vielmehr ein andres leerstehendes Coupé
besteigen, was er gerade für den Anfang der Reise nicht im mindesten
bedauerte.
Der Zug setzte sich sofort in Bewegung. Es sah aus, als habe er nur auf
die hochvornehme Schloßherrschaft von Trelingar gewartet.
Schon einmal war Findling, damals in den Armen der Miß Anna Walston, mit
der Eisenbahn gefahren, doch dessen entsann er sich kaum, da er ja meist
geschlafen hatte. Die aneinander gekuppelten, schnell dahinrollenden
Wagen waren ihm ja bei Galway und bei Limerick bekannt geworden. Heute
sollte nun sein heißer Wunsch in Erfüllung gehen, selbst von einer
Locomotive, diesem keuchenden, dampfenden Rosse aus Stahl und Kupfer,
durchs Land gezogen zu werden.
Findling blickte durch das Fenster hinaus, dessen Scheibe herabgelassen
war. Obwohl der Zug sich nur mit mäßiger Schnelligkeit bewegte, erschien
diese ihm doch ganz außerordentlich, wenn er Häuser und Bäume scheinbar
nach rückwärts eilend vorüberfliegen sah, wenn die Telegraphenstangen
an ihm vorbeihuschten, auf deren Drähten die Depeschen noch ungleich
schneller dahinblitzten, oder wenn ein andrer Zug an ihm vorübersauste,
den er nur als eine verschwommene, polternde Masse erkannte. Das
waren für seine Vorstellung ebenso viele neue Eindrücke, die sich
unauslöschlich in ihm festsetzten.
Einige Meilen weit folgte der Zug durch schöne Gegenden dem linken Ufer
des Blackwaterflusses. Gegen zwei Uhr machte er, nach kurzem Verweilen
an mehreren Zwischenstationen, im Bahnhofe von Millstreet für
fünfundzwanzig Minuten Halt.
Die vornehme Familie blieb im Waggon, nach dem Marion zur Bedienung
ihrer Herrin gerufen wurde; auch John hielt sich vor der Coupéthür zu
Befehl seines Herrn. Der Knabe erhielt von dem Grafen Ashton Auftrag,
ihm eine unterhaltende Lectüre für zwei bis drei Stunden zu besorgen.
Er begab sich also zu dem Perronbuchhändler, wo er, durch die großen
Vorräthe von Büchern und Zeitschriften in Verlegenheit gebracht,
schließlich eine Wahl mehr nach eignem Geschmack, als nach dem des
jungen Piborne traf. Dieser empfing ihn auch höchst ungnädig, als er ihm
den »Touristenführer nach den Seen von Killarney« einhändigte. Als ob
es dem Erben von Trelingar-castle einfallen könnte, ein Reisehandbuch
zu studieren! Als ob diesem die Gegend, die er besuchte, überhaupt etwas
anginge! Er begab sich dahin, weil man ihn dahin führte. So mußte
der Groom noch ein Witzblatt mit Carricaturen und fadem Texte
herbeischaffen, das dem Geschmack des jungen Grafen mehr zusagte.
Die Abfahrt von Millstreet erfolgte um zweieinhalb Uhr. Findling hatte
sich wieder ans offne Fenster gesetzt. Der Zug rollte jetzt durch eine
abwechslungsreiche, bergige Gegend hin. Das Wetter war schön, die Sonne
nicht zu dicht verhüllt. Lord Piborne konnte sich beglückwünschen, für
diesen Ausflug eine mehr trockene Periode getroffen zu haben, wo der
Sonnenschirm der Marquise mehr Dienste leistete, als ihr Waterproof.
Immerhin enthielt die Atmosphäre jene leichten Dünste, die den
Berggipfeln, deren scharfe Linien sie abstumpfen, erhöhten Reiz
verleihen. Findling konnte im Süden von der Bahnlinie die hohen Pics
dieses Theiles der Grafschaft, den Caherbarnagh und den Paß, erkennen,
die bis zweitausend Fuß aufsteigen. Gerade in der Umgebung von Killarney
treten die geologischen Umwälzungen in Irland am mächtigsten zu Tage.
Der Zug überschritt bald die Grenze zwischen den Grafschaften Cork und
Kerry. Mit dem von seinem Herren verachteten Reiseführer in der Hand,
verfolgte Findling voller Interesse die Gelände neben der Bahnlinie.
Hier erweckte schon der Name Kerry seine lebhaftesten Erinnerungen.
Zwanzig Meilen weiter nördlich waren ihm die schönsten Jahre der
Kindheit verflossen, dort in der jetzt leer stehenden Farm von Kerwan,
woraus der mitleidlose Middleman die Familie Mac Carthy vertrieben
hatte. Da wandte er die Augen von der Landschaft ab. Er blickte tief in
sein Inneres, und der schmerzliche Eindruck davon hielt noch an, als der
Zug im Bahnhofe von Killarney eintraf.
Für diesen kleinen Ort ist es ein von manchen Städten Europas
empfundener Vorzug, am Ufer eines schönen Binnensees zu liegen, und
Killarney verdankt sein glückliches Gedeihen ohne Zweifel der Kette
von Wasserflächen, die sich von seinem Fuße aus hinzieht. Wegen seines
Palastes, worin der katholische Bischof der Grafschaft residiert, wegen
seiner Kathedrale oder wegen der hier befindlichen Irrenanstalt, auch
wegen seines Franciscanerklosters oder seines Armenhauses strömen die
Touristen in der schönen Jahreszeit hier wahrlich nicht zusammen.
Nur seinen Seen verdankt es das Städtchen, der Sammelpunkt vieler
Lustreisenden zu sein. Verlöre es seine herrliche Umgebung, so hätte
Killarney sozusagen ausgelebt, was sehr zu bedauern wäre, vorzüglich
für die Familie der Kenmare's, da dieses Städtchen einen Theil ihres
neunzigtausend Hektar großen Besitzthums bildet. An Hôtels hier und an
dem eine Viertelstunde entfernten Ufer des Lough-Leane fehlt es nicht.
Lord Piborne hatte eines der bestempfohlenen ausgewählt; unglücklicher
Weise war aber dieses Hôtel gerade jetzt »boycottiert«. Dieses neue
irländische Wort stammt von dem Namen eines Capitäns Boycott her, der
zur Einbringung seiner Ernte polizeiliche Hilfe herbeigerufen hatte,
da die Arbeiter sich weigerten, auf seinen Feldern thätig zu sein. Das
betreffende Hôtel stand also in Acht und Bann, weil sein Besitzer die
gerichtliche Austreibung einiger seiner Pächter veranlaßt hatte. Jetzt
gab es hier deshalb weder Kellner noch Köche, und kein Lieferant hätte
gewagt, etwas dahin zu verkaufen.
Der Marquis und die Marquise Piborne mußten sich wohl oder übel nach
einem andern Hôtel begeben und ihre Abfahrt nach den Seen auf den
nächsten Tag verschieben.
Nach Besorgung des Reisegepäcks seines Herrn erhielt der Groom Befehl,
sich den ganzen Abend zu dessen Verfügung zu halten. So konnte dieser
also das Vorzimmer nicht verlassen, während der junge Piborne inmitten
der im Salon lesenden, plaudernden und spielenden Touristen den großen
Herrn spielte.
Am folgenden Tage wartete ein Wagen vor dem Thore des Hôtels. Es war das
ein großer, bequemer Landauer, zum Niederschlagen des ganzen Verdecks
eingerichtet und hinten mit einem schwebenden Sitze für John und Marion.
Der Groom hatte auf dem Bocke neben dem Kutscher Platz zu nehmen. In
den Koffern führte man außer Kleidungsstücken und Wäsche auch
einen tüchtigen Vorrath an Speisen und Getränken mit, um gegen alle
Zwischenfälle, wie Verzögerungen der Fahrt und Unzulänglichkeit der
Gasthöfe, gerüstet zu sein, denn die regelmäßigen Mahlzeiten der
vornehmen Familie durften auf keinen Fall in Frage gestellt sein. Ihre
Herrlichkeiten verzichteten indeß beim Aufbruch aus Killarney auf die
Benützung des Wagens.
Mit dem praktischen Verstande, dessen sich Lord Piborne -- sogar in
den Sitzungen des Oberhauses -- zu rühmen pflegte, hatte er die
Vergnügungsreise in zwei Abtheilungen zerlegt. Der erste Theil umfaßte
den Besuch der Seen selbst, der zu Wasser abgemacht werden, und der
zweite den der Grafschaft bis zur Küste, der zu Lande erfolgen sollte.
Der Landauer hatte die vornehmen Touristen also erst während des letzten
Theils der Reise aufzunehmen. Trotzdem fuhr er an diesem Morgen ab, um
jene bei Brandons-cottage, am Ende der Seen von Killarney, deren Ostufer
er umfuhr, zu erwarten. Da der Lord Piborne in seiner Weisheit die Fahrt
über die Seen auf drei Tage bemessen hatte, durften Kammerdiener, Zofe
und Groom ihrer Herrschaft natürlich so lange Zeit nicht fern bleiben.
Der Findling wenigstens freute sich auch herzlich, über diese glänzenden
Wasserspiegel fahren zu sollen.
Das Meer war das freilich nicht, das unendliche Meer, das sich von einem
Continente zum andern ausspannt... nur einige beschränkte Seen, die
keine Handelsstraße bilden und nur von Touristenbooten durchschnitten
werden. Doch auch das genügte schon unserm Findling. Gestern hatte er
zum zweitenmale in einem Bahnzuge gesessen, heute sollte er zum ersten
Male in einem Boote fahren.
Während John, Marion und der Groom sich zu Fuß nach dem eine Meile
entfernten Nordende der Seenreihe begaben, führte den Marquis, die
Marquise und deren Sohn eine leichte Kalesche nach derselben Stelle.
An der Ecke eines Platzes erblickte Findling im Vorübergehen auch
die Kathedrale, zu deren Besuch er keine Zeit gefunden hatte. Auf den
Straßen waren nur wenige Leute, und unter diesen mehr Spaziergänger als
Geschäftsleute. In Killarney beschränkt sich der regere Verkehr auf die
wenigen Monate, während der aus dem Vereinigten Königreiche jährlich
gegen zehn- bis zwölftausend Touristen hier eintreffen. Dann scheint
die eingeborne Bevölkerung nur noch aus Kutschern und Bootsleuten zu
bestehen, die sich um die Kundschaft streiten, welche ihre Dienste
gehörig bezahlen muß.
Am Landeplatz erwartete ihre Herrlichkeiten ein Boot mit fünf Mann,
vieren für die Ruder und einem für das Steuer. Polstersitze und ein
abnehmbares Zeltdach gegen den Sonnenbrand oder gegen anhaltenden
Regen sicherten den Fahrgästen die nöthige Behaglichkeit. Lord und
Lady Piborne nahmen auf den weichen Bänken Platz, der Graf Ashton
neben ihnen, die Diener und der Groom setzten sich im Vordertheile des
Fahrzeugs nieder. Nun wurde das Tau losgeworfen, die Ruder tauchten
gleichmäßig ins Wasser und das Boot entfernte sich vom Ufer.
Die Seen von Killarney bedecken eine Fläche von einundzwanzig
Quadratkilometern. Es sind ihrer drei: der Obere See, der aus der
Umgebung die Flüsse Grenshorn und Doogary aufnimmt; der Muckroß-
oder Toresee, in den sich nach einem Verlaufe längs des schmalen
Lough-Range-Canals die Gewässer des Owengariffe ergießen, und der
Untere See, der Lough-Leane, der durch die Lawne und einige kleinere
Wasseradern am Meeresufer in die Bai von Dingle ausmündet. Die Strömung
in den Seen verläuft von Süden nach Norden, so daß der Untere See also
der nördlichste ist.
Das Gesammtbild der drei Wasserbecken ähnelt etwa einem gewaltigen
Schwimmvogel, einem Pelikan oder dergleichen, dessen Füße der
Lough-Range, dessen Beine der Obere See und dessen Rumpf der Muckroß
und der Lough-Leane darstellten. Da die Einschiffung am Nordufer des
Lough-Leane stattgefunden hatte, ging die Fahrt stromaufwärts, erst
durch den unteren, dann durch den Muckroß-See und hierauf mittelst
des Lough-Range-Canals nach dem Oberen See. Nach dem Programm des Lord
Piborne sollte jedem Seebecken ein Tag gewidmet werden.
Im Süden und Westen dieser Gegend erheben sich die höchsten Bergzüge
des Grünen Erin bis zu der prächtigen, in die Küste der Grafschaft Cork
eingeschnittenen Bai von Bantry. Hier befindet sich auch der kleine
Fischerhafen, in dem Hoche mit seinen vierzehntausend Mann ans Land
stieg, als die Republik Frankreich diese 1796 ihren irischen Brüdern zu
Hilfe geschickt hatte.
Lough-Leane, der größte der drei Seen, mißt fünf Meilen in der Länge und
drei Meilen in der größten Breite. Sein von der Bergkette des Carn-Tual
beherrschtes Ostufer ist mit dunkelgrünen Waldmassen eingerahmt, die
zum größten Theil zur Domäne von Muckroß gehören. Er enthält zahlreiche
Inseln, wie Brown, Lamb, Heron, Mouse u. a., unter denen die Insel Roß
die größte und Innishallen die schönste ist.
Nach letzterer steuerte das Boot zuerst bei herrlichem Wetter und in
diesen Gegenden recht seltenem klaren Sonnenscheine. Eine leichte Brise
kräuselte die Oberfläche des Wassers. Findling berauschte sich an dem
erquickenden Lufthauche, während er die reizenden Bilder, die an ihm
vorüberzogen, bewunderte. Er hütete sich aber, seinen Empfindungen
lauten Ausdruck zu geben, denn man hätte ihm doch Stillschweigen
geboten.
Lord und Lady Piborne wären gewiß auch gar zu verwundert gewesen, daß
ein Wesen ohne Geburt und Erziehung für diese Naturschönheiten, die doch
nur für das Vergnügen aristokratischer Augen geschaffen waren, hätte
empfänglich sein können. Uebrigens unternahmen Ihre Herrlichkeiten
diesen Ausflug, wie wir wissen, ja nur, weil es für Leute ihres Ranges
zum guten Ton gehörte, ihn ausgeführt zu haben, während in ihrem
Gedächtniß wahrscheinlich kein dauernder Eindruck davon zurückblieb. Dem
Grafen Ashton war die ganze Sache völlig gleichgiltig. Er hatte einige
Angelschnuren mitgenommen und wollte Fische fangen, während seine
erhabenen Eltern pflichtgemäß die Landsitze und Ruinen der Umgebung
aufsuchen würden.
Das schmerzte vorzüglich Findling. Als Innishallen erreicht war, stiegen
der Marquis und die Marquise aus, auf den an ihren Sohn gerichteten
Vorschlag aber, sie zu begleiten, antwortete der liebenswürdige junge
Mann nur:
»Ich danke; ich will während Ihres Spaziergangs lieber angeln!
-- Und doch, erwiderte Lord Piborne, befinden sich hier die Reste einer
berühmten Abtei, und mein Freund, Lord Kenmare, dem diese Insel gehört,
würde es mir wohl übel deuten...
-- Wenn es der Graf aber vorzieht... warf die Marquise nachlässig ein.
-- Gewiß ziehe ich es vor, erklärte der Graf Ashton, und mein Groom wird
mir die Angelhaken mit Köder versorgen.«
Der Marquis und die Marquise brachen also, mit John und Marion als
Gefolge, auf, und so kam es, daß Findling, der ja den Launen des jungen
Piborne nachgeben mußte, zu seinem großen Leidwesen nichts von den
archäologischen Merkwürdigkeiten von Innishallen kennen lernte. Der
Marquis und die Marquise brachten davon übrigens auch keine dauernde
Erinnerung mit heim. Wie konnten auf ihren indifferenten, blasierten
Geist die Schönheiten dieses Klosters Eindruck machen, dessen Gründung
bis ins 6. Jahrhundert zurückreicht, die Anordnung der vier dasselbe
bildenden Gebäude, die romanische Kapelle mit ihren herrlichen
Steinarbeiten am Bogengewölbe, das Ganze verloren in üppigem Grün,
inmitten dichter Gruppen von Stechginster, Taxusbäumen, Eschen und
Erdbeerbäumen, deren vorzüglichste Arten dieser Insel -- der »Insel der
Heiligen«, wie Fräulein de Bouret so treffend das Juwel von Killarney
genannt hat -- anzugehören scheinen?
Hatte der Graf Ashton es auch abgeschlagen, Ihre Herrlichkeiten während
der Stunde, die sie der Besichtigung von Innishallen widmeten, zu
begleiten, so darf man nicht glauben, daß er deshalb seine Zeit
verloren hätte. Freilich war ihm eine schöne Forelle durch eigne Schuld
wiederholt entschlüpft, und sein Mißvergnügen darüber machte sich in
ebenso unverdienten, wie maßlosen Vorwürfen gegen seinen Groom Luft.
Einige Aale, die an seinem Haken zappelten, galten ihm in der That
mehr als jene erbärmlichen Ruinen, um die er sich keinen Pfifferling
kümmerte.
Das erschien ihm als eine so würdige Ausfüllung seiner Muße, daß er
nicht einmal die Insel Roß mit durchstreifen wollte, wo das Boot
eine Stunde später anlegte. Auch hier vertändelte er die Zeit mit der
Angelschnur, und Findling mußte bei ihm bleiben, während Lord und Lady
Piborne mit majestätischer Gleichgiltigkeit im Schatten der Wälder des
Lord Kenmare lustwandelten.
Die vierundzwanzig Hektar große Insel gehört nämlich zu dem Besitzthum
des Genannten, der sie am Ostufer des Sees durch eine gute Straße mit
seinem Schlosse, einer alten Feudalveste aus dem 14. Jahrhundert, in
bequeme Verbindung gesetzt hat. Dem Marquis und der Marquise fiel
es allerdings auf, daß sowohl die Insel Roß als auch der Schloßpark
jedermann offen stehen, dem es beliebt, das grüne, mit Minzen und
Goldwurz zwischen Gruppen herrlicher Azaleen und Rhododendrons
geschmückte Gelände zu durchstreifen.
Nach zweistündigem, durch wiederholte Ruhepausen unterbrochenem Besuche
kehrten Ihre Herrlichkeiten wieder nach dem kleinen Bootshafen zurück.
Der Graf Ashton war gerade dabei, seinen Groom tüchtig abzukanzeln, und
der Marquis nebst der Marquise fand das ganz in Ordnung, ohne zu wissen,
was dazu Veranlassung gegeben hätte. Das war aber nichts andres, als daß
die Fische sich gehütet hatten, an die Angelhaken des jungen Edelmannes
anzubeißen, worüber dieser unwillig wurde und es auch bis zum Abend
blieb.
Die Gesellschaft bestieg wieder das Boot. Jetzt steuerte dieses mehr
nach der Mitte des Sees, um dann am Westufer noch die murmelnde Cascade
von O'Sullivan zu besuchen, ehe man in die Mündung des Lough-Range
einfuhr. Nahe derselben liegt die Dinish-Cottage, wo Lord Piborne zu
übernachten beabsichtigte.
Mit trauerndem Herzen über die erlittene Ungerechtigkeit hatte Findling
seinen Platz im Vordertheile wieder eingenommen. Bald aber vergaß er
seinen Kummer und ließ seine Phantasie unter das schlummernde Wasser
schweifen. Im Reiseführer hatte er eine wunderbare Sage über die Seen
von Killarney gelesen. Hier lag danach vor Zeiten ein glückliches
Thal, das durch ein Schutzwehr gegen Ueberfluthung aus der Umgebung
abgeschlossen wurde. Eines Tags hatte das mit dessen Bedienung betraute
junge Mädchen aus Unbedachtsamkeit die Schützen dieses Wehres gezogen
und sofort stürzte das Wasser in gurgelndem Strome hindurch. Dörfer und
Menschen sammt ihrem Vorsteher, dem »Thanist«, gingen dabei zu Grunde.
Seitdem sollen jene unten im See fortleben, von woher ein scharfes Ohr
sie unter den Fluthen des Lough-Leane ihre Festtage im Reiche der Aale
und Forellen feiern hören kann.
Es war um vier Uhr, als Ihre Herrlichkeiten bei der Dinish-Cottage, nahe
der Mündung des Lough-Range und am rechten Ufer der sogenannten Bai von
Glenoo, ans Land gingen. Hier fanden sie ziemlich bequeme Unterkunft.
Als Findling jedoch um neun Uhr entlassen wurde, erhielt er die
bestimmte Anweisung, auf sein Zimmer zu gehen, so daß er also auch jetzt
nicht einige Stunden der Freiheit genießen konnte.
Der nächste Tag galt dem Besuche des Muckroßsees. Dieser zweieinhalb
Meilen lange und kaum halb so breite See von regelmäßiger Gestalt bildet
eigentlich nur einen großen Teich inmitten eines von den Eigenthümern
nicht mehr bewohnten Besitzthums, dessen prächtiger Wald dadurch, daß er
in den Naturzustand zurückverfiel, mehr gewonnen als verloren hat.
Diesmal ließ sich der Graf Ashton herbei, seine hohen Eltern zu
begleiten. Auch der Groom, der Flinte und Jagdtasche trug, mußte sich
anschließen. Früher hausten hier im Walde zahlreiche Wildschweine. Jetzt
trifft man statt derselben noch auf rothes Damwild, das im Vereinigten
Königreich sonst dem Aussterben nahe zu sein scheint.
Der Graf Ashton hätte gewiß eine cygenetische Heldenthat vollbracht,
wenn ihm eines der sehr scheuen Thiere vors Rohr gekommen wäre. Daraus
wurde aber nichts, obwohl zwei der Ruderer als Treiber und Findling
als -- Jagdhund dienten. Dieser bekam auch den malerischen Wasserfall
von Tore nicht zu sehen, ebenso wie eine alte Franciscanerabtei mit
Kirche und Kloster aus dem 13. Jahrhundert, von deren Aufsuchung den
vornehmen Reisenden besser abgerathen worden wäre.
In diesem Kloster befindet sich noch ein ungeheurer Eibenbaum, dessen
Stamm fünfzehn Fuß Umfang hat. Einem plötzlichen Einfalle nachgebend,
vielleicht um ein Andenken an ihren Besuch der Abtei von Muckroß
mitzunehmen, wollte die Marquise ein Blatt von dem uralten Baume
abreißen. Schon hatte sie die Hand danach ausgestreckt, als ein Anruf
des Führers sie aufhielt.
»Hüten sich Ihre Herrlichkeit...
-- Sich hüten?... Warum? fragte Lord Piborne.
-- Gewiß, Mylord! Hätte die Frau Marquise ein solches Blatt
abgepflückt...
-- Nun, ist das etwa vom Besitzer von Muckroß verboten? unterbrach ihn
der Lord hochfahrenden Tones.
-- Das nicht, Herr Marquis, antwortete der Führer, doch wer hier ein
Blatt abpflückt, stirbt noch in demselben Jahre...
-- Auch eine Marquise?
-- Gewiß, auch eine Marquise!«
Lady Piborne wurde hierdurch so betroffen, daß sie sich fast unwohl
fühlte. Noch einen Augenblick und sie hätte das Blatt abgerissen
gehabt. An jene alten Sagen glaubt man auf der Smaragdnen Insel wie ans
Evangelium, und überhaupt zeichnet sich Paddy in der Stadt und auf dem
Lande durch einen fast lächerlichen Aberglauben aus.
Lady Piborne kam, eingedenk der Gefahr, die ihr so nahe gedroht hatte,
ganz verstört nach Dinish-Cottage zurück. Lord Piborne mußte, obwohl es
erst um zwei Uhr war, aus Rücksicht auf sie den Besuch des Oberen Sees
bis zum nächsten Tage verschieben.
Der junge Ashton war höchst verstimmt darüber, ohne Jagdbeute
zurückgekehrt zu sein. War er von der Anstrengung erschöpft, wie viel
mehr mußte es sein kleiner Groom sein, dem er keine Minute Rast gegönnt
hatte. Findlings Stolz verbot es ihm aber, eine Klage laut werden zu
lassen.
Am nächsten Tage nahmen Ihre Herrlichkeiten gleich nach dem Frühstück
wieder im Boote Platz. Die Ruderer mußten »fest anziehen«, wie Pat
Mac Carthy gesagt haben würde, um gegen die Strömung im Lough-Range
aufzukommen. Die Enge der Mündung erzeugt hier heftige Wirbel und die
Passagiere wurden davon tüchtig geschüttelt. War das auch ein Vergnügen
für unsern jungen Helden, so theilten es Lord und Lady Piborne doch
keineswegs. Der Marquis wollte im Hinblick auf die Angst seiner Gemahlin
schon wieder umkehren lassen, und auch der Graf Ashton befand sich in
ganz traurigem Zustande. Einige Ruderschläge genügten jedoch, das Boot
durch die schlimmsten Stellen zu treiben, und danach schwamm es
wieder in verhältnißmäßig ruhigem Wasser zwischen den mit Seelilien
geschmückten Ufern. Anderthalb Meilen von hier erhob sich ein
achtzehnhundert Fuß hoher Berg, Eagle's-Nest genannt von den Adlern, die
ihn zahlreich umschwärmen.
Die Ruderer machten ihre vornehmen Gäste aufmerksam, daß dieser Berg,
wenn sie geruhen wollten, ihn anzurufen, ihnen antworten würde. Alle
Touristen bewundern das in der That überraschende Echo. Der Marquis und
die Marquise erachteten es aber jedenfalls unter ihrer Würde, dieses
Echo, »das ihnen nicht vorgestellt war«, zu wecken. Der Graf Ashton
dagegen konnte die Gelegenheit nicht vorüberlassen, einige recht
läppische Worte laut auszurufen, zuletzt auch die Frage, wer er sei.
»Ein Einfaltspinsel!« antwortete Eagle's-Nest durch den Mund eines
Spaziergängers, der hinter dichtem Wachholdergebüsch auf halber
Bergeshöhe verborgen war.
Wie von der Tarantel gestochen, erklärten Ihre Herrlichkeiten,
daß dieses unverschämte Echo bestraft worden wäre, wenn jetzt die
Schloßherren die höhere und niedere Gerichtsbarkeit noch selbst ausgeübt
hätten. Die Ruderer trieben das Boot möglichst schnell von der Stelle,
und gegen vier Uhr wurde der Obere See erreicht.
Dessen Aussehen gleicht im allgemeinen dem des Muckroßsees, doch zeigt
er eine unregelmäßigere Gestalt, was ihm erhöhten Reiz verleiht. Im
Süden erheben sich die steilen Abhänge der Cromaglans, im Norden die
Grate des Tomie und des Purpurberges, der mit lebhaft rothem Strauchwerk
bedeckt ist. Das südliche Ufer trägt einen dichten Kranz der herrlichen
Baumarten, die das Thal von Killarney beschatten. So bezaubernd der
Anblick dieses Sees auch war, schenkten Ihre Herrlichkeiten ihm doch nur
eine sehr geringe Beachtung, und außer Findling hatte wohl niemand einen
besondern Genuß von diesem Ausfluge. Lord Piborne ließ wenigstens sofort
nach der Mündung des Geanhmeen zu steuern, um nach Brandons-Cottage zu
gelangen, wo vor dem Besuche des Ufergeländes ordentlich Rast gehalten
werden sollte.
Nach so ungewohnten Anstrengungen bedurften Ihre Herrlichkeiten
natürlich der Ruhe. Für sie war diese Spazierfahrt auf den Seen gleich
einer Reise über das Weltmeer gewesen. Die beiden Diener mußten mit
dem Groom im Hôtel bleiben, und wenn letzterer nicht zwanzig sich
widersprechende Befehle erhielt, kam das nur daher, daß der Graf Ashton
beim neunzehnten fest eingeschlafen war.
Am nächsten Tage mußte frühzeitig aufgestanden werden, denn es galt
jetzt, eine ziemlich lange Wegstrecke zurückzulegen. Die Marquise ließ
sich sehr bitten. Marion fand sie ziemlich blaß und angegriffen, so daß
man unschlüssig wurde, ob man die Fahrt fortsetzen oder unmittelbar
nach Trelingar-castle zurückkehren sollte. Lady Piborne stimmte für das
letztere; Lord Piborne aber erinnerte daran, daß ihre intimsten Freunde,
der Herzog von Francastar und die Herzogin von Wersgalber, ihren Ausflug
bis nach Valentia ausgedehnt hätten, und daraufhin wurde beschlossen,
es diesen nachzuthun -- zur großen Freude Findlings, der vor allem
fürchtete, nach dem Schlosse heimkehren zu müssen, ohne das Meer gesehen
zu haben.
Um neun Uhr des Morgens stand der Landauer bereit. Der Marquis und die
Marquise nahmen den hinteren Sitz, der Graf Ashton den vorderen ein.
John und Marion saßen nebeneinander hinter dem Wagen und der Groom auf
dem Bocke neben dem Kutscher. Der Landauer, der ja im Nothfalle leicht
zu schließen war, blieb vorläufig offen. Endlich brachen die vornehmen
Reisenden auf, nachdem sich das Personal der Brandons-Cottage
ehrerbietig von ihnen verabschiedet hatte.
Eine Viertelmeile weit folgten die beiden muthigen Pferde dem linken
Ufer des Doogary, einem der Zuflüsse des Oberen Sees, dann bogen sie
nach den oft steilen Wegen der Kette der Gillyenddy-Reeks ein, wo der
Wagen nur im Schritt vorwärts kam. Jede Straßenbiegung entrollte hier
ein neues Bild. Findling war aber wohl der einzige, der es bewunderte.
Hier befand man sich im bergigsten Theile der Grafschaft Kerry und damit
von ganz Irland. Neun Meilen im Südosten, jenseits der Gillyenddy-Reeks,
tauchte die in den Wolken halb verlorne Spitze des Carrantuohill empor.
Unten an den Bergen lagen zerstreute Moränen, ein Chaos erratischer
Blöcke, die das langsame, aber unausgesetzte Fortschreiten der Gletscher
hier abgelagert hatte.
Gegen Mittag gelangte der Landauer, den Tomie und den Purpurberg
zur Rechten lassend, nach einer schmalen, in die Gillyenddy-Reeks
eingeschnittenen Rampe. Dieser Durchbruch von Dunloe ist weit und breit
berühmt, und der kraftvolle Roland hat die Pyrenäenkette wohl kaum mit
einem mächtigeren Hiebe gespalten. Da und dort glitzern kleine Seen
in der wilden Landschaft, und Findling hätte, so wenig das Ihre
Herrlichkeiten interessierte, hier manche Sage erzählen können, denn
er befleißigte sich stets, vor dem Aufbruch seinen Reiseführer zu
studieren. Es hätte ihm aber doch keiner zugehört.
Jenseits dieses Durchbruchs rollte der Landauer schneller die Abhänge
nach Nordwesten hinunter. Binnen drei Stunden erreichte er das Ufer der
Lawne, deren Bett das überschüssige Wasser der Seen von Killarney nach
der Bai Dingle abführt. Diesem Flusse folgte man vier Meilen weit, und
es war sechs Uhr geworden, als die Reisenden, ermüdet von einer Fahrt
über neun Meilen, in dem kleinen Flecken Kilgobinet Halt machten.
Im dortigen Gasthaus, wo man die mangelnde Bequemlichkeit durch
unterwürfige Höflichkeit vergessen zu machen suchte, verbrachte man eine
ungestörte Nacht. Zur großen Beunruhigung Findlings entstand aber am
nächsten Morgen wieder eine Verhandlung darüber, ob der Wagen nach
rechts abschwenken und unmittelbar nach Killarney zurückkehren, oder
sich nach links wenden sollte, um nach Valentia zu gelangen. Da der
Hôtelwirth aber versicherte, daß vor zwei bis drei Monaten der Fürst
und die Fürstin von Kardigan denselben Weg genommen hätten, gab der Lord
Piborne der Lady Piborne zu verstehen, daß sie doch nicht wohl anders
könnten, als dem Beispiele dieser hochedeln Vorgänger zu folgen.
Die Abfahrt von Kilgobinet erfolgte um neun Uhr Morgens. Heute war
regnerisches Wetter, so daß der Landauer geschlossen werden mußte.
Die Herrschaften meinten sogar, der Groom neben dem Kutscher werde den
stürmischen Wind kaum aushalten können. Bah! Der hatte schon ganz anderm
Wetter getrotzt!
Der Knabe verlor also keines von den schönen Landschaftsbildern und
bewunderte ebenso die nebelumfangenen Bergzüge des Ostens, wie die
tiefen Abhänge des Westens, die zur Küste hinabfallen. In seiner Seele
sproßte die Empfindung für Naturschönheiten immer mehr auf, und immer
schärfer prägten sich diese seinem Gedächtniß ein.
Am Nachmittage zeigten sich, je weiter die vom Carrantuohill überragten
Berge im Osten verschwanden, die Iveraghberge am entgegengesetzten
Horizonte. Weiter hinaus sollte, dem Reisehandbuche nach, eine bequeme
Straße nach dem kleinen Hafen von Cahersiveen hinabführen.
Gegen Abend erreichten Ihre Herrlichkeiten nach einer Fahrt von zehn
Meilen die Ortschaft Carramore. Entsprechend dem hier sehr lebhaften
Touristenverkehr giebt es daselbst auch zahlreiche, gut ausgestattete
Hôtels, so daß die im Landauer mitgeführten Vorräthe nicht angegriffen
zu werden brauchten.
Am folgenden Tage ging es bei Regenwetter weiter. Am Himmel jagten, bei
steifem Winde vom Meere her, die Wolken schnell dahin. Nur von Zeit zu
Zeit stahl sich ein Sonnenstrahl dazwischen hindurch. In vollen Zügen
athmete Findling aber die mit den salzigen Dünsten des Meeres beladne
Luft ein.
Kurz vor Mittag lenkte der Wagen nach einer scharfen Straßenbiegung
gerade nach Westen hin ein. Nachdem er nicht ohne einige tüchtige
Stöße einen Engpaß der Iveraghkette passiert hatte, rollte er, von dem
Schleifzeug im Laufe gemäßigt, allein nach der Ausmündung der Valentia
hinab, und gegen fünf Uhr hielt er am Ziele der Reise vor einem Hôtel in
Cahersiveen.
»Wie viel mögen Ihre Herrlichkeiten wohl unterwegs von allen Schönheiten
der Natur gesehen haben?« fragte sich Findling mit einem gewissen
Bedauern für die Gleichgiltigkeit der vornehmen Herrschaft.
Er wußte ja noch nicht, daß so viele von den »Oberen Zehntausend« nur
reisen, um sagen zu können, daß sie gereist seien.
Der Flecken Cahersiveen liegt am linken Ufer der Valentia, die sich hier
zu einem Nothhafen erweitert, der den Namen Valentia-Harbour erhalten
hat. Vor ihm erhebt sich die gleichnamige Insel mit ihrem Brag-Head, als
einem der am weitesten nach Westen hinausragenden Punkte Irlands. Was
den Flecken selbst betrifft, so wird kein Ire vergessen, daß er der
Geburtsort O'Connell's ist.
Am folgenden Tage mußten Ihre Herrlichkeiten, die nun darauf bestanden,
ihr Reiseprogramm bis zur letzten Nummer zu erledigen, dem Besuche
der Insel Valentia noch einige Stunden widmen. Das Verlangen, Möven zu
schießen, hatte den Grafen Ashton erfaßt, und deshalb bekam Findling zu
seinem größten Vergnügen Befehl, ihn zu begleiten.
Ein Fährdampfer unterhielt den Verkehr zwischen Cahersiveen und der eine
Meile vor der Mündung aufragenden Insel. Lord Piborne, Lady Piborne und
ihr Gefolge schifften sich nach dem Frühstück ein und das Ferry-Boat
setzte sie in dem kleinen Hafen ab, wo die Fischerboote bei plötzlichen
Stürmen Schutz finden.
Sehr wild und rauh von außen, entbehrt diese Insel doch nicht gewisser
mineralischer Schätze, denn es finden sich auf ihr mehrere ergiebige
Schieferbrüche. In einem Dorfe kann man verschiedene Häuser sehen, deren
Mauern und Dach aus je einem einzigen großen Stück Schiefer bestehen. In
diesem Dorfe ist auch für Unterkommen für Touristen gesorgt, obwohl kaum
einer, trotz des vortrefflichen Gasthofs, davon Gebrauch macht. Wozu
auch? Wenn sie, wie es auch Ihre Herrlichkeiten thaten, das alte
verfallene Fort, das Cromwell einst erbaute, besucht und den
Leuchtthurm, den Wegweiser für die Seeschiffe, bestiegen, und wenn
sie die Skellings, das sind zwei hohe Bergkuppen in der Entfernung
von fünfzehn Meilen, bewundert haben, deren Feuer die Nähe dieser
gefährlichen Küstenstrecke weit hinaus anzeigt, dann bietet Valentia
nichts besondres mehr. Es ist nur eine jener Inseln, die man an der
Westküste Irlands zu Hunderten findet.
Immerhin genießt Valentia eine dreifache specielle Berühmtheit.
Es diente als Ausgangspunkt der Triangulierung, mittelst der ein
Bogenstück der Erde gemessen wurde, das quer durch Europa bis zum
Uralgebirge reicht.
Es ist thatsächlich die am weitesten nach Westen vorgeschobene
meteorologische Station, an der die Sturmwellen von Amerika her zuerst
anprallen.
Endlich besitzt es ein isoliert stehendes Gebäude, wohin Lord und Lady
Piborne sich führen ließen. Hier beginnt das erste Transatlantische
Kabel, das zwischen der Alten und der Neuen Welt ausgespannt wurde.
Im Jahre 1858 ließ es Kapitän Anderson von dem einst berühmten
Riesendampfer, dem »Great-Eastern«, abrollen, während es 1866 zuerst
fungierte -- damals allein, bis später vier weitere Kupferfäden Amerika
und Europa verbanden.
Hier traf das erste zwischen einem Continent und dem andern gewechselte
Telegramm ein, das vom Präsidenten der Vereinigten Staaten, Buchanan,
abgesendet, als Text die Worte hatte:
»Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein
Wohlgefallen.«
Armes Irland! Du hast es nicht unterlassen, dem Höchsten die Ehre zu
geben, doch werden die Menschen Dir jemals den socialen Frieden sichern,
indem sie Dir die Unabhängigkeit zurückgeben?
V.
Schäferhund und Jagdhund.
Von Cahersiveen am Morgen des 11. August abgefahren, machte der
Landauer, der der an den ersten Verzweigungen der Iveraghberge
verlaufenden Küstenstraße folgte, nach kurzer Rast in Kells, einem
Flecken an der Dingle-Bai, am Abend und für die Nacht in Killorglin
Halt. Den ganzen Tag über hatte das windige, regnerische Wetter
angehalten; am nächsten Tage aber wurde es geradezu abscheulich. Nur
Schloßen und Sturm, unter denen Ihre Herrlichkeiten die dreißig Meilen
zwischen Valentia und Killarney zurücklegen mußten, wo sie in einer
ebenso abscheulichen Stimmung eintrafen, um hier die letzte Nacht auf
der Reise zuzubringen.
Am folgenden Tage bestieg die Gesellschaft die Eisenbahn und kam gegen
drei Uhr, nach zehntägiger Abwesenheit, wieder in Schloß Trelingar an.
Der Marquis und die Marquise hatten den traditionellen Ausflug nach den
Seen von Killarney und durch die Berggegend von Kerry... überstanden.
»Und das wär' es werth gewesen, so viele Beschwerden auf sich zu nehmen!
sagte die Marquise.
-- Und so entsetzliche Langweile!« setzte der Marquis hinzu.
Findling freilich brachte eine Menge schöner Erinnerungen mit heim.
Seine erste Sorge war es, sich bei der Kat nach Birk zu erkundigen.
Der Hund befand sich wohl. Kat hatte ihn nicht vergessen. Jeden Abend
war er nach der Stelle gekommen, wo ihn die Wäscherin nach besten
Kräften fütterte.
Noch am nämlichen Abend und ehe er auf sein Stübchen ging, begab sich
Findling nach der Außenseite der Wirthschaftsgebäude, wo Birk
ihn erwartete. Die Freude des Wiedersehens und die gegenseitigen
Liebkosungen dabei kann man sich wohl denken. Birk erschien zwar etwas
abgemagert, denn ganz satt mochte er nicht jeden Abend geworden sein,
es war damit aber nicht zu schlimm bestellt und noch zeigten seine
intelligenten Augen den früheren Glanz. Sein Herr versprach ihm, wenn
irgend möglich, jeden Abend zu kommen, und sagte dem Thiere gute
Nacht. Birk verstand, daß er sich fügen mußte und machte keine weiteren
Ansprüche. Uebrigens galt es, klug zu sein. Die Anwesenheit Birks in der
Nähe von Trelingar-castle war mindestens gespürt worden, denn die Hunde
hier hatten wiederholt verdächtig angeschlagen.
Im Schlosse begann nun das frühere Leben wieder -- das Vegetieren, wie
es den Insassen von hoher Geburt so vorzüglich zusagte. Der Aufenthalt
hier sollte bis zur letzten Septemberwoche dauern, bis zu dem
Zeitpunkte, wo die Piborne's ihr Winterquartier in Edinburg zu beziehen
pflegten, von wo sie nur zur Zeit der Parlamentssitzungen nach London
übersiedelten. Inzwischen puppten sich der Marquis und die Marquise
in langweiliger Vornehmheit völlig ein. Nur die Besuche in der
Nachbarschaft begannen wieder mit tödtlicher Regelmäßigkeit. Dabei
konnte man von dem Ausfluge nach Killarney sprechen. Lord und Lady
Piborne mischten da ihre Reiseeindrücke zu denen einiger Freunde, die
jene Fahrt bereits gemacht hatten. Sie mußten sich übrigens beeilen,
denn schon verblichen der Marquise alle Erinnerungen, ja sie konnte
sich schon nicht mehr des Namens der Insel entsinnen, von der das
»elektrische Tau« abging, an dem Europa zog, um Amerika anzuklingeln, so
wie sie nach John oder Marion klingelte.
Dieses einsilbige Leben wurde Findling allgemach höchst peinlich. Er sah
sich immer der schlimmen Behandlung durch Scarlett ausgesetzt, der
ihn als Sündenbock betrachtete. Andrerseits ließen ihm die Grillen
des Grafen Ashton keine Stunde Muße. Jeden Augenblick war ein Befehl
auszuführen, ein Gang zu machen, und dann kam wieder Gegenbefehl, so daß
der junge Groom niemals zur Besinnung kam. Er fühlte gleichsam an Händen
und Füßen einen tyrannischen Faden, der ihn unaufhörlich in Bewegung
setzte. Im Vorzimmer wie in den Dienerstuben lachten die Leute, ihn so
gerufen, weggeschickt und doch eigentlich zum Narrn gehalten zu sehen,
was ihn tief genug kränkte.
Des Abends, wenn er endlich nach seinem Stübchen gekommen war, begann er
dann über die Lage nachzugrübeln, in die ihn das Elend gedrängt hatte.
Immer der Groom des Grafen Ashton zu bleiben, das führte ja zu nichts.
Er war zu etwas besserem geschaffen. Nur ein Diener, gleichsam eine
Maschine zum Gehorchen zu sein, verletzte seinen Sinn für Unabhängigkeit
und den Ehrgeiz, der in ihm wohnte. Auf der Farm... ja, da stand er mit
den übrigen Bewohnern wenigstens auf gleicher Stufe und man sah ihn als
Kind des Hauses an. Wohin waren jetzt die Zärtlichkeiten der Großmutter,
die Liebkosungen Martines und Kittys, wohin die Aufmunterungen durch
Martin und dessen Söhne? Wahrlich, höher schätzte er die damaligen
Kieselsteine, die er in der nun unter Ruinen begrabenen Kruke sammelte,
als die Guineen, womit diese Piborne's monatlich seine Sclaverei
bezahlten. In Kerwan unterrichtete er sich, arbeitete er und lernte,
dereinst auf eignen Füßen stehen zu können. Hier -- nichts als
diese widerwärtige, keinerlei Aussichten bietende Beschäftigung, die
Unterwerfung gegenüber einem verzogenen, eitlen und unwissenden halben
Kinde! Er war fast stets mit Ordnen beschäftigt, doch nicht etwa mit
dem von nützlichen Büchern -- denn davon gab es hier kein einziges --
sondern mit dem Wiederordnen dessen, was der junge Graf nachlässig
umhergeworfen hatte.
Weiter trieb ihn das Cabriolet des jungen Edelmannes fast zur
Verzweiflung. Findling konnte das leichte Gefährt nur mit hellem
Schrecken ansehen. Auf die Gefahr hin, in einen Graben gestürzt zu
werden, schien es dem Grafen Ashton ein besonderes Vergnügen, die
schlechtesten Wege auszuwählen, wie um seinen, sich an die Riemen des
Verdecks klammernden Groom nur um so schlimmer durchgeschüttelt zu
sehen. Gestattete es die Witterung, mit dem Tilbury oder dem Dog-cart --
das waren die andern Wagen des jungen Piborne -- auszufahren, so
konnte der Groom wenigstens sichrer sitzen. Leider öffnen sich über der
Smaragdnen-Insel die Schleusen des Himmels aber gar zu oft, und nicht
selten gar zu unerwartet.
Selten verging ein Tag ohne die Qual mit dem Cabriolet. Einmal wollte er
zur Parade nach Kanturk, und dann wieder wurden lange Spazierfahrten in
der Umgebung von Trelingar-castle unternommen. Längs der Wege liefen
und purzelten dann, mit nackten, von den Kieseln verletzten Füßen ganze
Haufen zerlumpter Buben nebenher und riefen athmenlos: »Coppers!... Ein
paar Coppers!« Findling gab es einen Stich ins Herz. Er kannte ja das
Elend aus eigner Erfahrung und bemitleidete die Jungen. Der Graf Ashton
wies sie dagegen barsch ab und bedrohte sie mit der Peitsche, wenn
sie näher herankamen. Gern hätte der Knabe den Gassenbuben einige
Kupfermünzen zugeworfen, er wagte es aber nicht aus Furcht vor seinem
Herrn.
Einmal trat die Versuchung jedoch gar zu stark an ihn heran. Ein
hübsches, blondlockiges Kind von etwa vier Jahren schaute ihn mit den
großen blauen Augen an und bat um einen Copper. -- Die fast werthlose
Münze flog der Kleinen zu, die sie mit einem Jubelschrei aufhob....
Der Graf wurde dadurch aufmerksam. Er ertappte seinen Groom auf frischer
That bei einem Acte der Barmherzigkeit.
»Wer hat Dir das erlaubt, Boy? fragte er ihn streng.
-- Herr Graf... das kleine Mädchen... es macht einem ja so viel
Vergnügen... nur einen Copper...
-- Ah, so wie man ihn Dir zuwarf, nicht wahr, als Du noch im Lande
herumstrichst....
-- Nein... niemals! rief Findling, den es immer empörte, wenn jemand
von ihm sagte oder andeutete, daß er früher gebettelt habe.
-- Warum gabst Du dem Kinde ein Almosen?
-- Es sah mich so bittend an... ich sah es auch an...
-- Und ich verbiete Dir, Kinder, die sich auf der Straße herumtreiben,
anzusehen. Merk' Dir das!«
Findling mußte wohl gehorchen, so weh es ihm auch that.
Sah er sich also darauf beschränkt, das Mitleid, das er für arme Kinder
fühlte, in sich zu verschließen, ohne die kleine Gabe eines Coppers
wagen zu dürfen, so kam doch einmal die Gelegenheit, wo er die Bewegung
seines Innern nicht mehr bemeistern konnte.
Es war am 3. September. Der Graf Ashton hatte zu seiner Fahrt nach
Kanturk den Dog-cart bestellt. Findling begleitete ihn wie gewöhnlich,
Rücken an Rücken mit dem Herrn sitzend, der ihm befahl, sich mit
gekreuzten Armen ganz bewegungslos zu halten.
Der Wagen erreichte die Ortschaft ohne Zwischenfall. Hier lobten die
Müßiggänger auf den Straßen die stolze Haltung des schäumenden Rosses,
während der junge Piborne die besten Läden des Ortes besuchte. Sein
Groom hielt einstweilen, am Kopfe des Thieres stehend, das
muthige Pferd, das er zum Jubel der Gassenjungen, die den kleinen,
reichaufgeputzten Diener beneideten, kaum zu bändigen vermochte.
Gegen drei Uhr und nachdem er sich überall umgesehen, schlug Lord Ashton
den Weg nach Trelingar-castle wieder ein, fuhr aber recht langsam dahin.
Auf der Straße schwärmte die gewöhnliche Rotte kleiner Bettler umher.
Ermuthigt durch die langsame Bewegung des Dog-cart, wollte sie sich
näher an diesen herandrängen; das Schwirren der Peitsche hielt sie
jedoch in gemessener Entfernung und sie blieben endlich zurück.
Nur ein einziger hielt weiter aus. Es war das ein geweckter Knabe von
sieben Jahren, dem die irische Fröhlichkeit aus dem Gesicht lachte.
Trotz der gemäßigten Gangart des Pferdes mußte er rennen, um sich an
der Seite des Wagens zu halten. Schon waren seine kleinen Füße an den
Steinen des Wegs wund geworden; trotzdem trabte er, ohne Furcht vor der
Peitsche, weiter mit. Dabei hielt er einen Heidelbeerzweig in der Hand,
den er gegen ein Almosen anbot.
Ein Unglück fürchtend, bemühte sich Findling -- freilich vergebens --
ihn durch Zeichen abzuweisen. Das Kind folgte dem Dog-cart dennoch
weiter.
Natürlich hatte auch Graf Ashton diesem schon wiederholt zugerufen, sich
wegzuscheeren. Ohne das zu beachten, hielt sich der kleine Bursche, auf
die Gefahr hin, zermalmt zu werden, immer dicht bei den Rädern.
Es hätte nur einer Andeutung bedurft, um das Pferd in Trab zu setzen.
Das fiel dem jungen Piborne indeß gar nicht ein. Er wollte einmal
langsam fahren, und so blieb es dabei. Belästigt von der Gegenwart des
Kindes, schlug er schließlich mit der Peitsche nach ihm.
Die pfeifende Schnur schlang sich dabei um den Hals des Kleinen,
der halb erwürgt einige Schritte weit geschleppt wurde und endlich
loskommend zur Erde fiel.
Findling sprang vom Dog-cart herab und eilte auf das Kind zu. Dieses
hatte einen rothen Streifen um den Hals und weinte vor Schmerz laut auf.
Dem jungen Knaben schwoll der Zorn und er hatte große Lust, über den
Grafen Ashton herzufallen, wobei dieser, wenn auch älter als sein Groom,
gewiß den Kürzeren gezogen hätte.
»Hierher, Boy! rief er, indem er das Pferd parierte.
-- Aber das arme Kind?...
-- Hierher, sag' ich Dir! wiederholte der junge Piborne, die Peitsche
schwingend, komm sofort, oder es geht Dir nicht besser als dem da!«
Zu seinem Glücke ließ er es bei der Drohung bewenden, denn es läßt sich
nicht sagen, was sonst geschehen wäre. Jedenfalls gelang es Findling,
sich zu beherrschen, und nachdem er dem Jungen einige Pence in die
Tasche gesteckt hatte, eilte er nach dem Dog-cart zurück.
»Wenn Du Dir noch einmal erlaubst, ohne Befehl abzuspringen, fuhr ihn
der Graf Ashton an, dann bekommst Du eine tüchtige Tracht Prügel und
wirst auf der Stelle davongejagt!«
Findling antwortete nicht, obgleich ein Blitz in seinen Augen
aufflammte. Dann entfernte sich der Dog-cart schnell und ließ das Kind
auf der Straße zurück, das sich beim Klimpern der erhaltenen Geldstücke
schon etwas getröstet zu haben schien.
Von diesem Tage ab machte der boshafte Graf Ashton seinem Groom das
Leben womöglich noch schwerer; er chicanierte und erniedrigte ihn auf
jede Weise. Was er früher körperlich gelitten hatte, das litt er jetzt
geistig, ja er fühlte sich vielleicht nicht weniger unglücklich, als
früher in der Hütte der Hard oder unter der Fuchtel Thornpipe's. Oft
kam ihm der Gedanke, Trelingar-castle zu verlassen. Doch wohin sollte
er sich wenden? Die Familie Mac Carthy aufsuchen, dazu fehlte ihm jeder
Fingerzeig, und diese hätte jetzt ja auch nichts für ihn thun können.
Jedenfalls stand sein Entschluß aber fest, im Dienste des Erben der
Piborne's nicht zu bleiben.
Nun kam etwas hinzu, was ihn ernstlich beunruhigte.
Mit Ende des Septembers pflegten der Marquis, die Marquise und deren
Sohn das Besitzthum von Trelingar zu verlassen. Mußte er ihnen nach
England oder Schottland folgen, so schwand ihm jede Hoffnung, die
Familie Mac Carthy wieder aufzufinden.
Außerdem lag ihm auch Birk am Herzen, den er auf keinen Fall verlassen
wollte.
»Ich werde ihn behalten, versicherte eines Tages die freundliche Kat,
ich werde schon für ihn sorgen.
-- Ach ja, Sie haben ein gutes Herz, antwortete Findling, Ihnen könnte
ich ihn anvertrauen, und wenn ich bezahle, was sein Futter kostet...
-- Warum nicht gar! fiel ihm Kat ins Wort, so war es nicht gemeint!...
Ich habe das arme Thier einmal gern...
-- Und doch, er darf Ihnen nicht zur Last fallen. Wenn ich aber von
hier mit weggehe, sehe ich ihn den ganzen Winter, ja vielleicht niemals
wieder...
-- Warum, mein Kind?... Wenn Du zurückkommst...
-- Zurückkommen, Kat?... Bin ich denn so sicher, nach dem Schlosse
zurückzukehren, wenn ich einmal daraus weg bin? Da unten... wohin sie
gehen... da können sie mich ja fortschicken, oder... oder ich laufe
vielleicht selbst davon...
-- Was sagst Du da?
-- Jawohl, ich gehe der Straße nach, wohin es Gott gefällt... wie ich
es früher gethan habe.
-- Armes Kind!... Armer Junge! seufzte die gute Frau.
-- Ich frage mich auch, Kat, ob es nicht das beste wäre, sofort zu
brechen... das Schloß mit Birk zu verlassen... mir irgendwo bei einem
Farmer, nicht zu weit von hier und nahe der Küste, Arbeit zu suchen...
-- Du bist ja noch nicht elf Jahre alt!
-- Nein, Kat, noch nicht!... O, wenn ich zwölf oder dreizehn wäre...
dann wär' ich groß... hätte ein Paar starke Arme und fände wohl
Beschäftigung. Wie langsam schleichen die Jahre doch hin, wenn man
unglücklich ist...
-- Und wie lange dauern sie!« hätte die gute Kat antworten können.
Da ereignete sich ein Zufall, der dieser Ungewißheit ein plötzliches
Ende machte.
Am 15. September war es, wo Lord und Lady Piborne also nur noch vierzehn
Tage in Trelingar-castle verweilen sollten, und hier begann man bereits
mit dem Einpacken. Im Gedanken an den Vorschlag der Kat bezüglich Birks,
mußte sich Findling fragen, ob Scarlett wohl auch den Winter über auf
dem Schlosse bleiben würde. Ja, er blieb hier als oberster Verwalter des
Besitzthums. Der in der nächsten Umgebung umherschweifende Hund konnte
von ihm gar nicht unbemerkt bleiben, und niemals würde er der Wäscherin
gestatten, jenen bei sich zu behalten. Die Kat mußte Birk sein Futter
also heimlich zustellen, wie sie es schon einmal kurze Zeit gethan
hatte. Erfuhr Scarlett aber gar, daß der Hund dem jungen Groom gehörte,
dann hätte er sich gewiß beeilt, das dem Grafen Ashton zu hinterbringen,
und dieser wieder hätte kein größeres Vergnügen haben können, als dem
Thiere, wenn es ihm in den Weg kam, eine Kugel zwischen die Rippen zu
jagen.
Am genannten Tage trollte Birk, entgegen seiner Gewohnheit, schon des
Nachmittags in der Nähe der Wirthschaftsgebäude einher. Der Zufall --
der unglückliche Zufall wollte es, daß einer der Hunde des Grafen
Ashton, ein bissiger Wachtelhund, auf der Landstraße umherlief.
Sobald sie sich witterten, gaben die beiden Thiere durch dumpfes Knurren
ihrer gegenseitigen feindlichen Stimmung Ausdruck. Schon ihrer Rasse
wegen hätten sie sich schwerlich vertragen. Der Lords-Hund konnte
für den Bauern-Hund nur tiefe Verachtung hegen, seine bissige Natur
veranlaßte ihn aber zum Angriffe vorzugehen. Sobald er den ruhig am
Waldessaume stehenden Birk erblickte, lief er, die Zähne fletschend, auf
diesen zu.
Birk ließ ihn auf halbe Leibeslänge herankommen und behielt ihn scharf
im Auge, um nicht überrascht zu werden, während er sich mit eingezogenem
Schwanze selbst sprungfertig hielt.
Plötzlich, nach kurzem, wüthendem Gebell, stürzte sich der Wachtelhund
auf Birk und biß ihn in die Seite. Was nun kommen mußte, kam. Mit einem
Satze war Birk dem Feinde an der Kehle, die er ihm aufriß.
Das ging nicht ohne ein schreckliches Geheul ab. Die beiden andern, noch
im Hofe befindlichen Hunde, schlugen ebenfalls an. Das machte Aufsehen,
und sogleich kam der Graf Ashton mit dem Verwalter herzugelaufen.
Kaum aus dem Gitterthore, bemerkte er den Wachtelhund, der unter den
Zähnen Birks röchelte.
Da schrie er laut auf, wagte aber, aus Angst, dasselbe Los zu theilen,
nicht, seinem Hunde zu Hilfe zu kommen. Sobald Birk den jungen Mann
bemerkte, machte er dem Wachtelhunde mit noch einem Bisse vollends
den Garaus und ging dann, ohne sich zu beeilen, in den Wald hinter das
Unterholz zurück.
Jetzt trat der junge Piborne mit Scarlett näher heran, und als sie auf
dem Kampfplatze waren, fanden sie nur noch einen Cadaver.
»Scarlett!... Scarlett! rief der junge Graf. Mein Hund ist erwürgt!...
Er hat ihn erwürgt... jene Bestie!... Wo ist er denn?... Kommen
Sie... den finden wir wieder. Ich werde ihn tödten!«
Der Verwalter spürte sehr wenig Lust, die Verfolgung des
Wachtelhundmörders aufzunehmen. Er hatte übrigens keine Mühe, den jungen
Piborne etwa zurückzuhalten, denn dieser fürchtete sich ebenso vor einem
Wiederauftauchen des schrecklichen Birk.
»Seien Sie vorsichtig, Herr Graf, sagte er, bringen Sie sich dieser
wilden Bestie gegenüber nicht in Gefahr!... Die Jäger werden ihn schon
gelegentlich abthun....
-- Ja, wem gehört er denn eigentlich?
-- Niemand!... Das ist einer der herrenlosen Hunde, wie sie die
Landstraßen unsicher machen.
-- Dann wird er uns entwischen....
-- Das ist kaum anzunehmen, denn schon seit Wochen schleicht er in der
Nähe des Schlosses umher.
-- Seit mehreren Wochen, Scarlett?... Und mir hat das keiner gemeldet?
Keiner hat uns von der Bestie befreit? Von diesem Thiere, das mir meinen
besten Wachtelhund getödtet hat!«
Der so selbstsüchtige, fühllose junge Mann hegte doch für seine
Hunde eine Zuneigung, die ihm kein Mensch hätte einflößen können. Der
Wachtelhund war sein besondrer Liebling und steter Begleiter auf der
Jagd gewesen -- jedenfalls zu dem Lose bestimmt, einmal durch einen
ungeschickten Schuß seines Herrn getödtet zu werden -- und der Zahn
Birks hatte ja sein Schicksal nur beschleunigt.
Wie dem auch sei, jedenfalls schlich der Graf Ashton, trostlos, aber
wüthend und auf furchtbare Rache sinnend, nach dem Hofe zurück, wo er
Befehl gab, daß der Körper des Wachtelhundes hereingeholt würde.
Zum Glück war Findling nicht Zeuge dieser Scene gewesen. Vielleicht
hätte er dabei das Geheimniß seiner Zusammengehörigkeit mit dem Mörder
verrathen, vielleicht wäre Birk auch auf ihn zugesprungen und hätte
damit dasselbe gethan. Der Knabe hörte jedoch bald genug von dem
Vorfalle. Ganz Trelingar-castle hallte wider von den Klagen des
unglücklichen Grafen Ashton. Der Marquis und die Marquise bemühten sich
vergeblich, den einstigen Erben ihrer Besitzthümer zu beruhigen. Der
wollte aber auf nichts hören. Ehe das Opfer nicht gerächt war, gab es
für ihn keinen Trost. Auch das auf Anordnung des Lords veranstaltete
»ehrenvolle« Begräbniß des Hundes vermochte seinen Schmerz nicht zu
lindern, und als jener nach einer Ecke des Parkes getragen und dort die
letzte Scholle Erde auf seine sterblichen Ueberreste hinabgerollt war,
zog sich der Graf Ashton traurig und stumm nach seinem Zimmer zurück,
das er den ganzen Abend nicht wieder verlassen wollte.
Die Unruhe, die unsern Findling quälte, kann man sich recht wohl leicht
vorstellen. Vor dem Niederlegen hatte er noch eine geheime Unterredung
mit der Kat, die sich wegen Birks nicht weniger geängstigt zeigte.
»Wir müssen auf der Hut sein, mein Junge, sagte die Frau, und vorzüglich
nicht an den Tag kommen lassen, daß der Hund Dir gehört, das fiele auf
Dich zurück... und ich weiß nicht, was daraus werden könnte.«
Findling dachte eigentlich kaum, daß er für den Tod des Wachtelhundes
verantwortlich gemacht werden könnte, sondern nur daran, daß es für ihn
nun sehr schwierig, wenn nicht unmöglich würde, für Birk zu sorgen.
Da der Hund sich den jetzt überwachten Wirthschaftsgebäuden ungestraft
nicht mehr nähern konnte, würde auch die Kat ihn des Abends schwerlich
finden und heimlich Futter bringen können.
Der Knabe verbrachte eine schlechte Nacht -- eine schlaflose Nacht,
während er sich weit mehr um Birk als um sich selbst absorgte. Er
überlegte auch, ob es für ihn nicht gerathen sei, den Dienst bei dem
Grafen Ashton gleich morgen aufzugeben, und entschied sich nach Erwägung
des Für und Wider, nun auszuführen, was ihn schon seit Wochen bewegte.
Erst gegen drei Uhr früh schlief er ein. Bei hellem Tag wieder
erwachend, sprang er aus dem Bett, verwundert, heute von der Klingel
seines Herrn nicht wie gewöhnlich gerufen worden zu sein.
Bei dem Entschlusse von der Nacht her sollte es jedenfalls bleiben. Am
nämlichen Tage wollte er fortgehen unter der Angabe, daß er sich zu
dem Dienste als Groom untauglich fühle. Niemand hatte ein Recht, ihn
zurückzuhalten, und wenn er wegen seines Verlangens gescholten werden
sollte, so fand er sich damit schon im Voraus ab. In der Erwartung,
Knall und Fall weggejagt zu werden, zog er die Kleidung von der Farm
her an, die zwar etwas abgenutzt, aber reinlich war, da er sie immer
sorgfältig aufbewahrt hatte, und steckte die Börse mit seinem seit drei
Monaten gesparten Lohn zu sich. Wenn er dann dem Lord Piborne seine
Absicht, das Schloß zu verlassen, in höflichster Form mitgetheilt hätte,
wollte er diesen auch noch um seinen halbmonatlichen Gehalt -- bis zum
15. September -- bitten, und endlich versuchen, der Kat Lebewohl zu
sagen, ohne sie bloßzustellen. Hatte er dann Birk in der Nachbarschaft
aufgefunden, so würden beide -- gleichmäßig befriedigt, von
Trelingar-castle wegzukommen -- auf und davon gehen.
Erst gegen neun Uhr kam Findling nach dem Hofe hinunter, wo er mit
Verwunderung hörte, daß der Graf schon seit Sonnenaufgang ausgegangen
sei. Sonst brauchte dieser stets seinen Groom, um ihm beim Ankleiden
behilflich zu sein, was niemals ohne Nörgeleien und grobe Vorwürfe
abging.
Zu dieser Verwunderung kam aber bald noch eine sehr gerechtfertigte
Beunruhigung, als er bemerkte, daß weder Bill, der Piqueur, noch die
Hunde da waren.
Kat stand eben an der Thür des Waschhauses und winkte ihn zu sich heran.
»Der Graf ist mit Bill und den beiden Hunden aufgebrochen, flüsterte sie
ihm zu, sie wollen auf Birk Jagd machen.«
Vor Erregung und Ingrimm konnte Findling zuerst gar nicht antworten.
»Nimm Dich in Acht, mein Junge, setzte die Wäscherin hinzu. Der
Verwalter beobachtet uns; es darf nicht sein....
-- Es darf nicht sein, daß Birk getödtet wird, rief er endlich, da hab'
ich auch ein Wort mit dreinzureden....
-- Was sagst Du da, Groom, und was machst Du überhaupt hier?« fragte
Scarlett, der einige Brocken des Gesprächs aufgefangen hatte.
Der Groom wollte sich in keine Verhandlung mit dem Schloßverwalter
einlassen und erwiderte darauf ruhig:
»Ich wünsche nur mit dem Herrn Grafen zu sprechen.
-- Das kannst Du, wenn er zurückkommt, erwiderte Scarlett, wenn er dem
verwünschten Köter draußen eins aufs Fell gebrannt hat....
-- Das wird er nicht thun, fiel Findling ein, der sich zwingen mußte,
ruhig zu bleiben.
-- Wirklich?...
-- Nein, Herr Scarlett; und wenn er ihn aufjagt, sag' ich Ihnen, daß er
das Thier nicht tödten wird.
-- Und warum nicht?...
-- Weil ich ihn daran hindern werde!
-- Du?...
-- Ich, Herr Scarlett! Jener Hund gehört mir und ich lasse ihn nicht
tödten!«
Während der Verwalter von dieser Erklärung noch ganz verblüfft dastand,
stürmte Findling schon aus dem Hof und hatte bald den Saum des Waldes
erreicht.
Hier zwängte er sich wohl eine halbe Stunde lang durch das Buschwerk,
wobei er zuweilen innehielt, um zu hören, ob ihn ein Geräusch auf die
Spur des Grafen Ashton führen könnte. Der Wald war todtenstill, und ein
Gebell hätte von sehr weit her vernehmlich sein müssen. Nichts wies aber
darauf hin, daß Birk von den Wachtelhunden des jungen Piborne etwa wie
ein Fuchs gehetzt würde; ebensowenig konnte er sich klar werden, welche
Richtung er wohl einzuschlagen hätte.
Das war eine Ungewißheit zum verzweifeln! Möglicherweise befand
sich Birk, wenn die Hunde ihn verfolgten, schon sehr fern von hier.
Wiederholt rief er dessen Namen in der Hoffnung, daß das treue Thier
seine Stimme hören würde. Er fragte gar nicht, was er thun würde, um
den Grafen Ashton und dessen Rüdenmeister an der Tödtung Birks zu
verhindern, wenn ihnen dieser zum Schusse kam -- er wußte nur, daß er
ihn vertheidigen würde, und daß ihm die Kraft nicht fehlen würde, das zu
thun.
So auf gut Glück weiter gehend, hatte sich Findling schon gegen zwei
Meilen vom Schlosse entfernt, als er aus der Entfernung von einigen
Hundert Schritten und hinter einer Gruppe großer Bäume, die neben einem
Teiche aufragte, lautes Bellen hörte.
Findling blieb stehen: er hatte die Stimme der Wachtelhunde erkannt.
Ohne Zweifel war Birk jetzt aufgestöbert worden und vielleicht schon mit
den vom Piqueur aufgehetzten Hunden in Kampf gerathen.
Bald ließen sich auch deutlich folgende Worte vernehmen:
»Achtung, Herr Graf!... Wir haben ihn!
-- Ja, Bill... hierher... hierher!...
-- Nun drauf, packt ihn!« rief Bill den Hunden zu.
Findling eilte nach der Stelle zu, woher der Lärm erschallte. Kaum hatte
er zwanzig Schritte gemacht, als ein Knall die Luft erschütterte.
»Gefehlt!... Gefehlt! rief der Graf Ashton. Nun, Bill, schieße Du, nimm
ihn gut aufs Korn!«
Ein zweiter Flintenschuß krachte und so in der Nähe, daß Findling den
Blitz davon durch die Blätter aufleuchten sah.
»Der saß!« rief Bill, während die Wachtelhunde wüthend bellten.
Als hätte die Kugel des Piqueurs ihn selbst getroffen, fühlte Findling
seine Knie schwanken, und er wäre vielleicht zusammengesunken, als noch
etwa sechs Schritte vor ihm ein Geräusch entstand und durch das Gebüsch
ein Hund mit triefendem Fell und schäumendem Maule hervorbrach.
Das war Birk mit einer Wunde in der Seite, der sich nach dem Schusse des
Rüdenmeisters in den Teich gestürzt hatte.
Birk erkannte seinen Herrn, der ihm die Schnauze zuhielt, um jeden
Klagelaut zu ersticken, und ihn nach einem noch dichteren Gebüsche zog,
da er fürchtete, daß die Wachtelhunde ihm nachkämen.
Doch nein. Erschöpft von der Hetzjagd und von einigen Bissen, die Birk
ihnen zum Andenken mitgegeben hatte, folgten die Hunde jetzt Bill nach.
Die Fährte des Grooms und Birks entging ihnen, obwohl sie so nahe an
deren Versteck vorüberkamen, daß Findling deutlich hören konnte, was der
Graf Ashton zu dem Piqueur sagte.
»Du bist überzeugt, ihn getödtet zu haben, Bill?
-- Gewiß, Herr Graf... durch eine Kugel in den Kopf, als er ins Wasser
sprang. Das wurde ja an der Stelle ganz roth, und jetzt liegt er tief
unten, bis er wieder heraufkommt....
-- Ich hätte ihn gern lebend gehabt!« rief der junge Piborne.
Freilich, das wäre so nach dem rohen Geschmacke des Erben von Trelingar
gewesen und hätte seinen Rachedurst befriedigt, wenn er selbst Birk
hätte abthun oder von seinen Hunden zerfleischen lassen können, die ja
an Grausamkeit ihrem Herrn nicht nachstanden.
VI.
Zwei zusammen achtzehn Jahre alt.
Findling athmete auf, wie vielleicht noch nie in seinem Leben...
tief, erleichtert, als er den Grafen Ashton, den Piqueur und die Hunde
verschwinden sah, und, fügen wir hinzu, Birk wohl auch, als Findling die
Hände von seiner Schnauze losließ, indem er sagte:
»Belle jetzt nicht... belle nicht, Birk!«
Und Birk bellte nicht.
Ein Glück war es, daß Findling an diesem Morgen, einmal entschlossen
fortzugehen, seine alten Sachen angezogen, sein Bündelchen geschnürt und
die Börse eingesteckt hatte. Das ersparte ihm die Unannehmlichkeit, ins
Schloß zurückzukehren, wo der Graf Ashton nun gewiß erfahren hatte,
wem der Mörder des Wachtelhundes gehörte, und das hätte für den
Groom natürlich eine schreckliche Scene heraufbeschworen. Mit seinem
Fernbleiben verlor er freilich den Lohn für einen halben Monat, den er
hatte beanspruchen wollen, doch ertrug er lieber diesen Verlust. Jetzt
einmal aus dem Trelingar-castle heraus, fern von dem jungen Piborne und
dem Verwalter Scarlett, dafür aber in Gesellschaft seines Hundes, dachte
er nur daran, sich schnellstens aufzumachen.
Sein kleines Vermögen belief sich genau auf vier Pfund siebzehn
Schillinge und sechs Pence -- die größte Summe, die er je sein eigen
genannt hatte. Er überschätzte diese jedoch keineswegs, denn er gehörte
nicht zu den Kindern, die sich mit so wohlgefüllter Tasche schon für
reich gehalten hätten; nein, er wußte, daß seine Ersparnisse schnell
genug zu Ende gehen würden, wenn er sich nicht streng einschränkte,
bis er Gelegenheit fände, sich irgendwo -- natürlich mit Birk -- ein
Unterkommen zu sichern.
Die Verwundung des braven Thieres war zum Glück nicht schwer -- eine
einfache Hautverletzung, die voraussichtlich bald heilte. Als er auf
Birk zielte, hatte sich der Piqueur als ebenso ungeschickt wie sein Herr
bewiesen.
Die beiden Freunde wanderten nach Erreichung der Landstraße jenseits
des Waldes schnellen Schrittes dahin, Birk vor Freude umherspringend,
Findling etwas besorgt wegen der Zukunft.
Dieser ging jetzt aber keineswegs sozusagen ins Blaue hinein. Erst
war ihm der Gedanke gekommen, sich nach Newmarket oder nach Kanturk
zu begeben, welche beide Ortschaften er, die eine von seinem längeren
Aufenthalte daselbst, die andere daher, daß er den jungen Piborne oft
genug dahin begleitet hatte, genau kannte. Damit hätte er sich jedoch
Begegnungen ausgesetzt, die besser vermieden wurden. So wußte er
also recht gut, was er that, als er eine südliche Richtung einschlug.
Einerseits entfernte er sich damit von Trelingar-castle nach einer
Gegend zu, wo ihn keiner suchen würde, und andrerseits näherte er sich
dem Hauptorte der Grafschaft Cork an der verkehrsreichen Bai gleichen
Namens. Von da gingen die Schiffe aus... Handelsschiffe... große,
wirkliche Seeschiffe... nach allen Punkten der Erde, und nicht nur
Küstenfahrer und Fischerbarken, wie in Westport oder Galway. Sein
unwiderstehliches Interesse für alles, was mit dem Handel zusammenhing,
übte auch jetzt auf ihn den gewohnten Reiz.
Sein Hauptziel, Cork, zu erreichen, erforderte freilich einige Zeit.
Findling hatte an besseres zu denken, als sein Geld für Wagen oder
Eisenbahn wegzugeben, denn es war ja nicht ausgeschlossen, daß er
unterwegs, wie früher zwischen Limerick und Newmarket, einige Schillinge
verdienen konnte. Dreißig Meilen sind für ein Kind von elf Jahren
schon eine tüchtige Strecke, wozu er, etwaigen Aufenthalt in Farmen
eingerechnet, wohl acht Tage gebrauchen würde.
Das Wetter war schön, für die Jahreszeit etwas kalt, und kein Schmutz
oder Staub auf den Straßen, also lauter günstige Verhältnisse für eine
Fußreise. Mit dem Filzhute auf dem Kopfe, Weste, Jacke und Beinkleider
aus warmem Tuche, mit guten Schuhen mit Lederriemen, sein Packet unter
dem Arme, sein Messer -- das Geschenk von der Großmutter -- in
der Tasche und in der Hand einen Stock, den er sich an einer Hecke
abgeschnitten hatte, machte Findling nicht den Eindruck eines Armen. Er
mußte sich vielmehr vor unangenehmen Begegnungen hüten. Doch es genügte
wahrscheinlich, daß Birk seine Zähne zeigte, um verdächtiges Gelichter
von ihm fernzuhalten.
Am ersten Tage legte er, bei zweistündiger Rast, fünf Meilen zurück und
hatte dabei einen halben Schilling ausgegeben. Für zwei, ein Kind und
einen Hund, war das ja nicht viel und dafür gab es nur knappe Portionen
von Speck und Kartoffeln. Deshalb dachte Findling aber keineswegs mit
Bedauern an die Küche in Trelingar-castle zurück. Am Abend schlief er
etwas jenseits des Fleckens Baunteer mit Erlaubniß des Farmers in einer
Scheune und wanderte, nach einem frugalen Frühstück, das ihm wenige
Pence kostete, am nächsten Tage rüstig weiter.
Das Wetter hielt sich noch ziemlich im gleichen, doch der Weg, der mehr
aufwärts führte, wurde schon mühsamer. Dieser Theil der Grafschaft Cork
hat eine sehr wechselnde Oberfläche. Die von Kanturk nach dem
Hauptorte führende Straße durchschneidet das verwickelte Gelände der
Boggeraghberge mit steilen Pfaden und vielfachen Windungen. Findling
brauchte nur dem Wege nachzugehen, so konnte er sich nicht verirren.
Uebrigens besaß er ein Orientierungsvermögen wie ein Chinese oder ein
Fuchs, und außerdem begegnete er wiederholt von den Feldern und Wiesen
kommenden Landleuten oder auch Wagen, die von dem einen Dorfe nach
dem andern fuhren. Wenn nöthig, hätte er sich also stets nach der
einzuschlagenden Richtung erkundigen können, er zog es aber vor, nicht
erst die Aufmerksamkeit andrer zu erwecken.
Nach einem halben Dutzend schnellen Schrittes zurückgelegter Meilen
kam er nach Derry-Gounva, einem kleinen Orte, wo die Landstraße die
Bergmasse der Boggeraghs schneidet. Hier fragte ihn in einer Schänke ein
Fremder, der eben zu Abend essen wollte, woher er käme, wohin er ginge
und wann er wieder aufbrechen wolle. Offenbar befriedigt durch die
Antworten des Knaben, bot er diesem an, seine Mahlzeit mit ihm zu
theilen, und zwar mit solcher Herzlichkeit, daß Findling es ohne
Zögern annahm. Er stärkte sich dabei ordentlich und Birk wurde von dem
freundlichen Amphytrio auch nicht vergessen. Es war schade, daß der
Fremde nicht in Cork zu thun hatte, denn er hätte dem Knaben gewiß einen
Platz in seinem Wagen angeboten; er begab sich aber nach dem Norden der
Grafschaft.
Nach ruhig verbrachter Nacht verließ Findling Derry-Gounva mit
Tagesanbruch wieder und betrat nun die Engpässe der Boggeraghs.
Dieser Tag wurde anstrengend. Ein steifer Wind heulte durch die
bewaldeten Bergeshänge. Zwar aus Südwest kommend, strich er durch die
Windungen der Pässe doch je nach deren Richtung hin. Findling hatte
ihn immer gerade im Gesicht, ohne, wie ein Schiff, in der Lage zu sein,
dagegen aufzukreuzen. Zuweilen mußte er sich gar an Büschen neben dem
Wege festhalten, um über eine scharfe Ecke wegzukommen -- kurz, hier
ging es unter großer Anstrengung langsam vorwärts. Jetzt hätte ihm ein
Wagen, ein Jaunting-car, gute Dienste geleistet; leider traf er keinen
solchen an. Diese Gegend der Boggeraghs hat wenig Verkehr. Nach den
Dörfern im Lande kann man gelangen, ohne sich in diese Irrgänge zu
wagen. Auch Fußgänger sah Findling kaum, und diese hielten dann die
entgegengesetzte Richtung ein.
Der Knabe nebst seinem Hunde mußte sich wiederholt einmal niederlegen,
um auszuruhen. Im Laufe des Nachmittags überschritt er, etwas schneller
gehend, den höchsten Punkt des Bergrückens, hatte im ganzen aber doch
nur vier bis fünf Meilen hinter sich gebracht. Das war ein anstrengender
Wandertag. Jetzt, nach Ueberwindung des schlimmsten, hoffte er binnen
zwei Stunden die Ostseite des Gebirgsrückens zu erreichen.
Es wäre vielleicht unklug gewesen, nach Sonnenuntergang weiter zu
marschieren. Auf diesen hohen Abhängen wird es schnell Nacht und schon
von sechs Uhr ab herrscht daselbst tiefe Dunkelheit. So war es wohl
besser, auf der Stelle Halt zu machen, da sich keine Farm und kein
Gasthaus zeigte. Es war hier sehr öde, eine Art Einschnitt der
Landstraße, und Findling fühlte sich nicht besonders sicher. Zum Glück
hatte er in Birk einen scharfen und treuen Wächter, auf den er sich wohl
verlassen konnte.
In dieser Nacht diente ihm als Obdach nur eine enge Aushöhlung in der
Felsenwand des Abhanges, die ein Vorhang von Mauerkraut fast abschloß.
Da schlüpfte er hinein und streckte sich auf dem weichen, trocknen
Erdboden aus. Birk legte sich zu seinen Füßen nieder, und beide
schlummerten unter der Obhut Gottes ein.
Am folgenden Tag ging es frühzeitig wieder vorwärts. Das Wetter war
unsicher, feucht und kalt geworden. Noch eine Strecke von fünfzehn
Meilen, und Cork mußte am Horizonte auftauchen. Um acht Uhr waren die
Engpässe der Boggeraghs überwunden und nun fiel der Weg merkbarer. Die
beiden gingen schnell, sie hatten aber Hunger. Der Vorrathsbeutel wurde
allmählich leer. Birk trottete herüber und hinüber auf der Straße und
suchte mit der Nase an der Erde nach Nahrung. Dann kam er zu seinem
Herrn zurück, den er ansah, als wollte er sagen:
»Nun, giebt's denn heute gar nichts?
-- Bald, warte nur noch ein wenig,« antwortete Findling.
Gegen zehn Uhr machten beide in einem Weiler, Zehn-Meilen-Haus genannt,
Halt.
Hier wurde der Geldbeutel des jungen Wandrers in dem bescheidenen
Gasthofe um einen Schilling erleichtert, wofür er das gewöhnliche
irische Essen erhielt, nämlich Kartoffeln, Speck und ein großes Stück
von dem rothen »Cheddarkäse«. Birk bekam ein gutes Futter, sogar mit
etwas Fleischbrühe dran. Nachher ruhten beide ein wenig aus und machten
sich dann mit frischen Kräften auf den Weg. Die Gegend war noch immer
hügelig, doch da und dort angebaut, und die Bauern fuhren die in diesem
Klima sich verspätigende Gersten- und Roggenernte ein.
Findling befand sich also nicht allein auf der Straße; er bot den
vorüberkommenden Landleuten einen Guten Morgen, und diese erwiderten
treuherzig seinen Gruß. Kinder waren kaum zu sehen -- wenigstens nicht
solche, die um einen Copper bettelnd jedem Wagen nachliefen. Freilich
kamen auch nur selten Touristen in diese Gegend, das Geschäft wäre also
nicht lohnend gewesen, obwohl es Findling nicht übers Herz gebracht
hätte, einem armen Kinde das erbetene Almosen zu verweigern.
Um drei Uhr nachmittag erreichten sie den Punkt, von wo aus die
Landstraße sieben bis acht Meilen weit neben einem Flusse oder größeren
Bache hin verläuft. Es war das die Dripsey, ein Zufluß der Lee, die sich
in einer der südwestlichsten Baien verliert.
Wollte er die Nacht nicht wieder unter freiem Himmel zubringen, so
mußte Findling noch bis zu dem, von Cork nur noch drei bis vier Meilen
entfernten Flecken Woodside zu gelangen suchen. Das war von hier noch
eine große Strecke, die er jedoch noch zurücklegen zu können glaubte.
»Also vorwärts, sagte er für sich, tüchtig ausschreitend. Da unten werd'
ich ja Zeit haben, um ausruhen zu können.«
Zeit... ja, daran würde es ihm wohl nicht fehlen, wenn nur sein Geld
ausreichte. Doch darum beunruhigte er sich nicht. Er besaß ja vier
Pfund in gutem Gelde, ohne die Pence, die noch darüber waren. Mit einem
solchen Schatze konnte er ja wochenlang wandern.
Der Himmel ist bedeckt; der Wind hat sich gelegt. Wenn es anfinge
zu regnen, ohne daß man ein andres Obdach hat als vielleicht einen
Heuhaufen, so ist das kein besondres Vergnügen, wenn man in einem der
Gasthöfe von Woodside ein trocknes Fleckchen finden kann.
Findling und Birk beeilten sich nach Kräften und waren etwas vor sechs
Uhr abends nur noch drei Meilen von ihrem heutigen Ziele entfernt, als
Birk ganz auffällig zu knurren anfing.
Findling blieb stehen und sah nach der Straße hinaus, bemerkte aber
nicht das geringste.
»Was hast Du denn, Birk?«
Birk bellte jetzt schwach und lief dann rechts nach dem Flusse zu,
dessen Ufer nur gegen zwanzig Schritte entfernt war.
»Er hat wahrscheinlich Durst, dachte Findling, und ich möchte in der
That auch einmal trinken.«
Damit wandte auch er sich der Dripsey zu, als der Hund, laut
anschlagend, eben in das Wasser sprang.
Höchst erstaunt sprang der Knabe mit einigen Sätzen an das Ufer und
wollte seinen Hund rufen....
Da gewahrte er den Körper eines Kindes, der von der Strömung
hinweggeführt wurde. Der Hund hatte ihn an den Kleidern oder vielmehr
an seinen Lumpen gepackt. Die Dripsey ist aber voller Wirbel und
deshalb ein recht gefährliches Wasser. Birk bemühte sich, ans Ufer
zurückzuschwimmen, was ihm nur schwer gelingen zu sollen schien, da das
Kind sich krampfhaft an dem Thiere festhielt.
Findling konnte schwimmen; Grip hatte es ihm ja seiner Zeit gelehrt.
Jetzt warf er ohne Zögern die Jacke ab, doch da erreichte Birk mit einer
letzten Anstrengung das Ufer.
Findling brauchte sich nur zu bücken und das Kind an der Kleidung zu
fassen, um es in Sicherheit zu bringen, während der Hund sich freudig
bellend schüttelte.
Das Kind war ein Knabe von höchstens sechs bis sieben Jahren. Die Augen
hatte er geschlossen, der Kopf hing schlaff herab und das Bewußtsein
hatte er verloren....
Wie erstaunte Findling aber, als er dem Kleinen die herabhängenden
nassen Haare aus dem Gesicht gestrichen hatte....
Das war ja der hübsche Bursche, den der Graf Ashton vor kaum zwei Wochen
so rücksichtslos mit der Peitsche geschlagen hatte, und wobei Findling
für seine mitleidige Intervention von dem jungen Piborne so heftig
ausgescholten wurde.
Seit vierzehn Tagen irrte das arme Kind plan- und ziellos auf der
Landstraße umher. Im Laufe des Nachmittags mochte er an die Dripsey
gekommen sein... hatte wohl seinen Durst löschen wollen, war dabei
ausgeglitten und vom Strome fortgerissen worden, und jetzt wäre er
jedenfalls, wenn Birk ihn nicht in letzter Minute rettete, in einem
Wasserwirbel versunken.
Nun galt es, den Knaben wieder zu sich zu bringen, was Findling so gut
wie möglich versuchte.
Das arme, bedauernswerte Wesen! Sein schmales Gesicht, der hagere,
fleischlose Körper, alles verrieth, was es gelitten haben mochte:
Anstrengung, Kälte und Hunger! Der Leib des Kleinen war eingesunken, wie
ein leerer Sack. Wie sollte er ihn nun wieder zum Bewußtsein bringen?
Jedenfalls mußte er zuerst von dem verschluckten Wasser befreit werden,
dann wollte Findling ihm Mund auf Mund Luft einblasen. -- Wirklich that
das Kind nach kurzer Zeit wieder einen ersten schwachen Athemzug, dann
schlug es die Augen auf und über seine Lippen kamen die klagenden Worte:
»Ich habe Hunger... ach, ich habe solchen Hunger.«
=I am hungry!= Das ist der Ausruf des Irländers, den er während seines
ganzen Lebens und noch, wenn ihm die Augen schon brechen, vernehmen
läßt.
Findling besaß noch einigen Mundvorrath. Aus Brot und Speck machte er
zwei bis drei Bissen und schob sie dem Knäblein in den Mund, der sie
gierig verschlang. Er mußte ihn mäßigen, sonst wäre er erstickt. Die
Speise glitt in ihn hinein, wie die Luft in eine vorher luftleere
Flasche.
Mühsam richtete er sich auf. Sein Blick haftete auf Findling, er schien
sich unklar, dann rief er ihn erkennend:
»Du?... Du? murmelte er.
-- Ja... Du erinnerst Dich also....
-- Ach ja... auf der Straße... ich weiß nicht wann....
-- Ich... weiß es... mein Junge....
-- O, verlasse mich nicht!
-- Nein, nein; ich begleite Dich. Wohin wolltest Du gehen?
-- Weiß nicht... der Straße nach....
-- Wo wohnst Du denn?
-- Wohnen?... Nirgends....
-- Wie bist Du denn in den Fluß gefallen?... Hast wohl trinken wollen?
-- Nein.
-- So bist Du nur ausgeglitten?
-- Nein. Ich bin... mit Willen hineingefallen!
-- Absichtlich?
-- Ja... ja... jetzt thu' ich's aber nicht wieder, wenn Du bei mir
bleibst....
-- Beruhige Dich; ich bleibe bei Dir!«
Findling traten die Thränen in die Augen. Mit sieben Jahren der
entsetzliche Gedanke, sterben zu wollen!... Die Verzweiflung trieb
dieses Kind in den Tod, die Verzweiflung, die aus der Entblößung von
allem, aus dem Verlassensein, aus dem Hunger emporwuchert!
Das Kind hatte die Augen wieder geschlossen. Findling hielt es für
angezeigt, jetzt mit weiteren Fragen zurückzuhalten. Dazu war später
Zeit. Die Geschichte des Kleinen kannte er ja schon, es war doch die
aller dieser armen Geschöpfe... war seine eigne.... Ihm freilich war,
Dank seiner ungewöhnlichen Energie, nie der Gedanke gekommen, seinem
Elend auf diese Weise ein Ende zu machen.
Jetzt galt es eine Entscheidung. Das Kind war nicht imstande, noch
mehrere Meilen bis Woodside zu gehen, und Findling hätte es nicht bis
dahin tragen können. Außerdem brach die Nacht schon an, und da schien es
das nöthigste, einen Schutz zu finden. In der Nähe war kein Gasthaus
zu sehen, auf der Dripsey neben der Straße zeigte sich kein Boot. Zur
linken stand dichter Wald. Hier mußten sie also wohl die Nacht am Fuße
eines Baumes hinbringen, auf einer Streu von Blättern und, wenn nöthig,
neben einem Feuer aus dürrem Holze. Mit Sonnenaufgang und wenn das Kind
wieder mehr bei Kräften war, konnten sie Woodside oder Cork unschwer
erreichen. Für heute Abend war genug zu essen da und es blieb auch noch
ein wenig zum Frühstück für morgen übrig.
Findling nahm den vor Müdigkeit eingeschlafenen Knaben in die Arme. Birk
hinter sich ging er quer über die Straße und zwanzig Schritte in den
Wald hinein, wo es unter den hundertjährigen Buchen, deren es in Irland
unzählige giebt, schon sehr dunkel war.
Wie freute er sich da, einen geneigt stehenden und vom Alter
ausgehöhlten Stamm zu entdecken! Das war eine Art Wiege oder richtiger
ein Nest, in das er seinen kleinen Vogel niederlegen konnte. Die Höhlung
war unten mit gleich Sägespänen weichem Staub bedeckt, und wenn er noch
einen Arm voll dürrer Blätter darüber breitete, war das schönste Bett
fertig. Beide konnten darin Platz und ein warmes Lager finden, so daß
das Kind sogar im Schlafe fühlen würde, daß es nicht mehr allein sei.
Bald darauf war der Knabe in dieser Aushöhlung untergebracht. Die
Augen öffnete er vorläufig nicht wieder, doch athmete er sanft und fiel
schnell in tiefen Schlaf.
Findling trocknete nun die Kleidungsstücke, die sein Schützling -- der
Schützling des Knaben von elf Jahren! -- morgen wieder anziehen sollte.
Nachdem er mit trocknem Holz ein Feuer angezündet hatte, rang er die
Lumpen aus und hing sie dann in der Nähe der Gluth an einem niedrigen
Buchenaste auf.
Jetzt war es Zeit, ans Essen zu denken. Der Hund bekam auch seinen
Antheil an Brod und Kartoffeln -- zwar nicht viel, doch er beklagte
sich deshalb nicht. Sein junger Herr streckte sich nun in dem hohlen
Buchenstamme aus und schlief, den Arm um den Knaben gelegt und vom
treuen Birk bewacht, auch endlich ein.
Am nächsten Tage, dem 18. September, erwachte das Kind zuerst,
höchst verwundert, in einem so guten Bette zu liegen. Birk kläffte es
schweifwedelnd an... er hatte sich doch auch um die Rettung des Kleinen
verdient gemacht.
Findling schlug sofort die Augen auf, und der Knabe warf sich ihm um den
Hals.
»Wie heißest Du? fragte er.
-- Findling. Und Du?...
-- Bob.
-- Nun so komm, Bob, zieh' Dich an.«
Bob ließ sich das nicht zweimal sagen. Er erinnerte sich kaum daran,
gestern ins Wasser gegangen zu sein. Jetzt hatte er ja eine Familie,
einen Vater, der ihn nicht verlassen würde, wenigstens einen großen
Bruder, der ihn einmal auf der Straße nach Trelingar-castle mit einer
Handvoll Coppers erfreut hatte. Er ließ sich mit der seinem Alter eignen
Vertrauensseligkeit gehen, mit jener natürlichen Vertraulichkeit, die
man bei irischen Kindern gewöhnlich trifft. Andrerseits erschien es
Findling, daß das Zusammentreffen mit Bob ihm nun Pflichten, gleichsam
Vaterpflichten, auferlegt habe.
Und wie glücklich war Bob, ein weißes Hemd unter seinen trocknen Sachen
zu fühlen! Wie machte er die Augen -- doch auch den Mund -- weit auf vor
einer Schnitte Brod, einem Stück Käse und einer warmen Kartoffel, die in
der Asche des Feuers geröstet worden war! Dieses Frühstück zu zweien war
vielleicht das beste, das er seit seiner Geburt genossen hatte.
Seit seiner Geburt?... Seinen Vater hatte er zwar nicht, wohl aber --
glücklicher als Findling -- seine Mutter gekannt, die vor zwei bis drei
Jahren, genauer wußte Bob es nicht, aus Mangel und Entbehrung gestorben
war. Nachher hatte man ihn in der Armenanstalt einer nicht zu großen
Stadt, auf deren Namen er sich nicht besann, untergebracht. Später war
jene Anstalt wegen fehlender Geldmittel geschlossen worden, und Bob
sah sich, er wußte nicht warum, auf die Straße geworfen, ebenso wie die
andern Kinder, die meist auch keine Eltern hatten. Von da an lebte er
auf der Landstraße, schlief wo er ging und stand, und aß, wenn... er
konnte, bis zu dem Tage, wo ihm nach achtundvierzigstündigem Fasten der
Gedanke kam, in den Tod zu gehen.
Das war seine Geschichte, die er erzählte, während er die große
Kartoffel verzehrte, und diese Geschichte klang ja nicht neu für einen
früheren Pflegling der Hard, der darauf bei Thornpipe »zur Kurbel«
erniedrigt worden und schließlich als »Zögling« in die =Ragged-School=
gesteckt worden war.
Mitten im Plaudern veränderten sich plötzlich die Gesichtszüge Bobs,
seine sonst so lebhaften Augen erloschen und er wurde ganz bleich.
»Was fehlt Dir? fragte Findling theilnehmend.
-- Du läßt mich nicht wieder allein, nicht wahr?« murmelte er.
Das war seine schlimmste Befürchtung.
»Nein... Bob.
-- Und... wohin führst Du mich denn?
-- Ja... dahin, wohin ich selbst gehe!«
Das Wohin verlangte Bob nicht weiter zu wissen, ihm war's ja genug, daß
Findling ihn mitnahm.
»Doch Deine Mama... Dein Papa?...
-- Ich habe keine....
-- O, rief Bob, da werd' ich Dich desto mehr lieb haben dürfen.
-- Ich Dich auch, mein Junge; wir wollen schon versuchen, zusammen
durchzukommen.
-- Ei, Du sollst einmal sehen, sagte Bob, wie ich den Wagen nachlaufe,
und was ich da an Coppers bekomme, das geb' ich Dir.«
Der Knabe hatte bisher nichts andres zu thun gewußt.
»Nein, Bob; den Wagen muß man nicht nachlaufen.
-- Warum denn nicht?
-- Weil es nicht recht ist, zu betteln.
-- Ach!... stieß Bob nachdenklich werdend hervor.
-- Sag' mir, hast Du ein Paar gute Beine?
-- Ja, aber groß sind sie nicht.
-- Nun, wir haben heute einen tüchtigen Marsch vor uns, wenn wir die
Nacht schon in Cork schlafen wollen.
-- In Cork?...
-- Ja freilich... das ist eine schöne Stadt da unten... mit
Schiffen...
-- Schiffen... ja ich weiß.
-- Und am Meere gelegen. Hast Du das Meer schon gesehen?
-- Nein, noch nicht.
-- Das wirst Du auch zu sehen bekommen... o, das ist groß!... Nun
vorwärts!«
Beide brachen auf und Birk trabte lustig vor ihnen her.
Zwei Meilen weiter hin verläßt die Straße das Ufer der Dripsey und
begleitet dafür das der Lee, die in der Bai von Cork ausmündet. Hier
erschienen einige Wagen mit Touristen, die sich nach den Berggegenden
der Grafschaft begaben.
Aus alter Gewohnheit sprang Bob diesen nach und rief: »Copper...
Copper!«
Findling holte ihn zurück.
»Ich habe Dir gesagt, Du sollst das unterlassen, sagte er.
-- Warum denn?
-- Weil es unrecht ist, um Almosen zu betteln.
-- Auch wenn man's thut, um etwas zu essen zu haben?«
Findling antwortete nicht und Bob fühlte sich sehr beunruhigt wegen
seines Frühstücks, bis er in einem Gasthause der Landstraße am Tische
saß. Hier thaten sich für sechs Pence drei -- der große Bruder, der
kleine Bruder und der Hund -- gütlich.
Bob konnte kaum seinen Augen trauen: Findling besaß ja einen Geldbeutel
mit Schillingen darin, und von diesen blieb noch übrig, als die Rechnung
des Wirthes bezahlt war.
»Woher hast Du denn das schöne Geld?
-- Das hab' ich verdient, Bob, durch ehrliche Arbeit....
-- Durch Arbeit?... O, ich möchte wohl auch arbeiten, ich weiß aber
nicht, wie ich's anfangen soll.
-- Das werd' ich Dir lehren, Bob.
-- Gleich jetzt?
-- Nein; erst wenn wir da unten sind.«
Wollten sie am Abend in Cork eintreffen, so war keine Minute zu
verlieren. Findling und Bob machten sich also wieder auf den Weg und
gingen so schnell, daß sie zwischen vier und fünf Uhr in Woodside waren.
Hier kehrten sie nicht wieder ein, da es gerathener schien, nun gleich
bis zu der nur noch drei Meilen entfernten Hafenstadt zu wandern.
»Du bist doch nicht zu müde, mein Junge? fragte Findling.
-- Ach nein... es geht... es geht an,« versicherte das Kind.
Nachdem sie sich noch einmal durch etwas Nahrung gestärkt hatten,
setzten beide ihre Wanderung fort.
Um sechs Uhr erreichten sie eine der Vorstädte Corks. Hier fanden sie
bei einem Gastwirth Nachtlager und schliefen einer im Arme des andern
hoffnungsfreudig ein.
VII.
Sieben Monate in Cork.
Sollte Findling nun in Cork, der Hauptstadt der Provinz Munster, sein
Glücksstern aufgehen? Die dritte Stelle in Irland einnehmend, zeichnet
sich diese Stadt durch ihren Handel, ihre Industrie, doch auch durch
wissenschaftliches Streben aus. Doch was konnte alles das einem Knaben
von elf Jahren im Beginn seiner selbstständigen Laufbahn nützen? Er war
ja vielleicht nur hierher gekommen, um die Zahl der Elenden, von denen
es in den Seestädten des Vereinigten Königreichs wimmelt, noch weiter zu
vermehren.
Findling hatte nach Cork gewollt, er war jetzt da, freilich unter
weniger günstigen Verhältnissen zur Durchführung seiner Zukunftspläne.
Einst, als er noch auf dem Strande bei Galway umherschweifte, und
später, als Pat Mac Carthy von seinen Reisen erzählte, da begeisterte er
sich für das einträgliche Handelswesen. Waaren im Auslande zu kaufen und
sie daheim theurer wieder abzusetzen... welch schöner Traum! Seit dem
Weggange von Trelingar-castle hatte er aber tiefer nachdenken gelernt.
Um aus dem Kinde vom Armenhaus in Donegal einen Befehlshaber eines
schönen, tüchtigen Schiffes zu machen, das die Weltmeere durchkreuzte,
mußte er von unten beginnen, als Schiffsjunge, als Leichtmatrose,
als Vollmatrose und als Bootsmann dienen, dann erst konnte er hoffen,
Offizier und Kapitän für lange Fahrt zu werden. Jetzt aber, wo er für
Bob und Birk zu sorgen hatte, war an so etwas nicht zu denken. Was hätte
auch aus beiden werden sollen, wenn er sie verließ? Da er -- mit Hilfe
Birks -- Bob das Leben gerettet hatte, fühlte er sich verpflichtet, es
ihm zu erhalten.
Am folgenden Tage einigte sich Findling mit dem Wirthe über den
Miethzins für eine Dachkammer mit einfacher Strohmatratze, der übrigens
nicht hoch war, nämlich zwei Pence, an jedem Morgen zu zahlen. Ihre
Mahlzeiten wollten sie einnehmen, wo sich das gerade machen ließ. So
gingen die beiden Knaben mit dem Hunde aus, als die Sonne eben die
Morgennebel zerstreute.
»Und die Schiffe?... fragte Bob.
-- Welche Schiffe?
-- Die von denen Du mir gesprochen hast.
-- Warte nur, bis wir an den Fluß kommen.«
Nun trollten sie durch eine ausgedehnte Vorstadt von etwas ärmlichem
Aussehen dahin, um die Schiffe zu suchen. Bei einem Bäcker unterwegs
wurde ein Stück Brod erkauft. Wegen Birks brauchten sie sich nicht zu
beunruhigen -- der fand schon sein Futter in den Abraumhaufen auf den
Straßen.
Am Quai der Lee, die Cork mit zwei Armen umfaßt, lagen wohl einige
Barken, doch keine Schiffe -- wenigstens nicht solche, die den Canal
Saint-Georges oder das irische Meer und gar den Atlantischen Ocean
hätten überschreiten können.
Der eigentliche Hafen liegt auch weiter stromabwärts bei Queenstown, dem
alten Cowes, und dahin kann man mittelst rascher Dampffähre bequem und
billig gelangen.
Bob an der Hand führend, betrat Findling nun die eigentliche Stadt.
Auf der Hauptinsel des Flusses erbaut, verbinden sie mehrere Brücken
mit dem Festlande. Andre, weiter oben oder unten gelegene Inseln sind
in Spaziergänge und Gärten verwandelt, die das herrlichste Grün
und erquickenden Schatten bieten. Da und dort erheben sich einzelne
Denkmäler, daneben eine stillose Kathedrale mit sehr altem Thurme, die
Kirche Sainte-Marie und Saint-Patrick. An Kirchen fehlt es in Irland
überhaupt nicht, auch nicht an Armen- und Krankenanstalten und
Workhouses. Im Lande Erins giebt es recht viele fromme Leute, doch
auch ebenso viele Arme. Der Gedanke, etwa in eine solche Armenanstalt
zurückkehren zu müssen, erfüllte Findling mit Abscheu und Schrecken. Ja,
da hätte er das Queenscollege, ein prächtiges Gebäude, weit vorgezogen.
Um da Aufnahme zu finden, wird freilich etwas mehr verlangt, als lesen,
schreiben und rechnen zu können.
Die Straßen der Stadt waren ziemlich belebt... belebt von Leuten, die
schon frühzeitig ihre Arbeit beginnen; jetzt öffneten sich die Läden
oder die Thüren der Häuser, aus denen die Dienstmädchen, den Besen in
der Hand oder einen Korb am Arme, heraustraten, jetzt knarrten viele
Wagen und zeigten sich viele Hausierer mit ihren zur Schau gelegten
Kleinwaaren, und es summte auf den Märkten, wo die Lebensmittel für
eine Bevölkerung von hunderttausend Seelen -- Queenstown eingerechnet --
feilgeboten werden. Auf dem Wege durch das Handels- und Industrieviertel
sah man Fabriken für Leder, Papier und Tuche, Brennereien und Brauereien
u. s. w., vom wirklichen Hafen- und Seeleben aber noch nichts.
Nach einem angenehmen Spaziergange ließen sich Findling und Bob auf der
Steinbank an der Ecke eines großen Gebäudes nieder. Hier »roch« es schon
mehr nach Welthandel, denn hier lagerten Salzfleisch, scharfe Gewürze,
Colonialwaaren aller Art, und auch Butter, wofür Cork ein Hauptmarkt
nicht nur für das Vereinigte Königreich, sondern fast für ganz Europa
ist. Findling sog den ihm fremden Duft mit größtem Wohlbehagen ein.
Das betreffende Gebäude erhob sich an der Vereinigung der beiden Arme
der Lee, die von hier aus vereinigt nach der Bai hinabströmen. Jenes
war das Zollamt mit seinem unaufhörlichen Menschenverkehr. Von diesem
Zusammenflusse aus spannt sich keine Brücke mehr über den Strom, und
so findet die Schiffahrt keinerlei Hindernisse zwischen Queenstown und
Cork.
Ebenso wie er vorher nach den Schiffen gefragt hatte, rief Bob jetzt:
»Nun, aber das Meer?«...
Ja, das Meer, das ihm sein großer Bruder versprochen hatte...
»Das Meer ist weiter draußen, Bob; dahin werden wir schon auch noch
kommen.«
Dazu brauchten sie nur eins der Fährboote zu besteigen, die den Verkehr
in der Bai vermitteln; das ersparte ihnen Zeit und Mühe. Das Fahrgeld
für zwei Personen betrug nur wenige Pence. Das konnten sie sich am
ersten Tage wohl erlauben, zumal da Birk ganz frei mitfuhr.
Wie freute sich Findling, auf der Lee in dem schnellen Dampfboote
hinabzugleiten. Er gedachte dabei der vornehmen Familie der Piborne's
und deren Besuchs auf der Insel Valentia, hinter der das weite, weite
Meer sich ausdehnte. Während der Fahrt kamen Schiffe von jeder
Größe vorüber. An den Ufern lagen große Speicher, Badeanstalten und
Schiffswerfte, die die auf dem Vorderdeck des Fährschiffes sitzenden
Knaben mit Interesse betrachteten.
Schließlich gelangten sie nach Queenstown, einem schönen, acht bis neun
Meilen langen, und von Ost nach West gegen sechs Meilen breiten Hafen.
»Ist das nun das Meer? fragte Bob.
-- Nein, kaum ein Stückchen davon, erwiderte Findling.
-- Da ist es also wohl noch größer?
-- Gewiß. Man kann kein Ende desselben sehen.«
Da das Fährboot aber nur bis Queenstown ging, kam Bob das, wonach er
sich so sehr sehnte, jetzt nicht vor Augen.
Schiffe jeder Größe gab es hier zu Hunderten, solche der langen Fahrt
ebenso wie Küstenfahrzeuge. Das erklärte sich damit, daß Queenstown
nicht nur ein Ankerplatz, sondern auch ein Provianthafen ist. Die großen
transatlantischen Dampfer der englischen oder amerikanischen Linien,
die von den Vereinigten Staaten kommen, liefern hier die Postbeutel für
England ab, die dadurch einen halben Tag früher eintreffen. Dann steuern
die Dampfer weiter nach London, Liverpool, Cardiff, Newcastle, Glasgow,
Milford und nach andern Häfen des Vereinigten Königreichs, kurz, es
herrscht hier ein Schiffsverkehr, der sich auf zwölfhunderttausend
Tonnen beläuft.
Bob verlangte nach Schiffen.... Niemals jedoch hätte er geahnt, daß
es deren so viele gebe -- Findling übrigens auch nicht -- die einen
verankert oder von Tauen gehalten, die andern ein- oder ausfahrend,
die einen von überseeischen Ländern herkommend, die andern nach weit
entfernten Ländern aussegelnd, die hier in vollem Schmuck ihrer sich vor
der Brise aufblähenden Segel, und die dort wieder, das Wasser der Bai
von Cork mit ihren mächtigen Schrauben aufwirbelnd.
Und während Bob mit fast verdutzten Augen das rege Leben auf der Bai
betrachtete, grübelte Findling über die Handelsthätigkeit, die sich
vor seinen Blicken entrollte, über die reichen Ladungen im Raume jener
Schiffe, die Baumwollen- und Wollenballen, die Weintonnen, die Gefäße
mit Alkohol, über die Säcke mit Zucker, die Kisten mit Kaffee, und er
sagte sich, daß alles das gekauft und verkauft werde... daß das ein
richtiges Abbild der Handelsthätigkeit darstelle.
Auf dem Quai von Queenstown zu lange zu verweilen, hier, wo so vieles
Elend neben so großen Reichthümern sichtbar ist, hätte ihnen auch nichts
nützen können. Mit Schrecken sahen sie da und dort große Haufen von
»Mudlarks«, kleinen, armen Kindern und alten elenden Frauen, die den
von der Ebbe freigelegten Schlamm durchwateten, und an den Straßenecken
andre Unglückliche, die sich mit den Hunden um einige Abfälle stritten.
So bestiegen beide wieder das Fährboot und kehrten nach Cork zurück.
Die Spazierfahrt war unterhaltend und belehrend gewesen, hatte aber viel
gekostet. Vom nächsten Tage ab galt es nur daran zu denken, etwas
mehr zu verdienen als auszugeben, wenn die kostbaren Guineen nicht
zusammenschmelzen sollten, wie ein Stück Eis in der warmen Hand.
Wir wollen nicht auf alle Einzelheiten des Leben Findlings und seines
Freundes Bob während der sechs Monate nach seinem Eintreffen in Cork
eingehen. Der lange und rauhe Winter wäre für an Hunger und Kälte
weniger gewöhnte Kinder gewiß verderblich gewesen. Jetzt machte die Noth
aus diesem Knaben von elf Jahren schon einen Mann. Einstmals, bei der
Hard, lebte er von nichts, und wenn er heute von wenig lebte, so lebte
er doch, und Bob noch mit ihm. Mehr als einmal hatten sie freilich des
Abends nur ein Ei zu theilen, das sie mit einem Stück Brod verzehrten,
dennoch sprachen sie nie um ein Almosen an. Bob hatte eingesehen, daß
das Betteln eine Schande war. Beide besorgten sie kleine Aufträge,
holten Wagen von den Halteplätzen und trugen, manchmal ziemlich
schweres, Reisegepäck, das die Fremden ihnen beim Verlassen des Bahnhofs
übergaben.
Findling verstand von dem Reste seines Lohnes von Trelingar-castle
möglichst viel zu erhalten. Nur in den ersten Tagen des Aufenthaltes in
Cork hatte er einen Theil davon opfern müssen. Bob brauchte ja Kleider
und Schuhe und freute sich unbändig, als er einen ganz neuen Anzug für
dreizehn Schillinge auf dem Leibe hatte. Er konnte ja aber auch nicht
in Lumpen und barfuß nebenher gehen, wenn sein großer Bruder anständig
gekleidet erschien. Nach dieser einmaligen Ausgabe galt es aber, von dem
zu leben, was tagsüber verdient wurde. Zuweilen, wenn ihnen der Magen
ein wenig knurrte, beneideten sie wohl Birk, der sein Futter auf der
Straße fand.
»Ich möchte fast auch ein Hund sein! meinte Bob.
-- Nun, verwöhnt bist Du offenbar nicht!« antwortete Findling.
Mit dem Miethzins im Gasthaus blieben sie nie im Rückstand. Der
Eigenthümer, der sich für die beiden Kinder interessierte, bedachte sie
von Zeit zu Zeit einmal mit einer guten warmen Suppe, und die konnten
sie ja wohl ohne Erröthen annehmen.
Wenn Findling darauf hielt, die beiden Pfund, die ihm nach den ersten
Einkäufen noch verblieben, zu bewahren, so geschah das, weil er auf die
Gelegenheit wartete, dieses Capital »ins Geschäft zu stecken«, wie er
sagte. Bob riß die Augen weit auf, als er ihn so sprechen hörte,
und Findling erklärte ihm dann, das bestehe darin, irgendwo Dinge
einzukaufen und sie um höheren Preis wieder zu verkaufen.
»Dinge, die man essen kann? fragte Bob.
-- Die man essen kann oder nicht, das hängt vom Zufall ab.
-- Ich würde lieber Sachen kaufen, die eßbar sind.
-- Warum denn, Bob?
-- Nun, wenn man sie einmal nicht verkauft, kann man sie wenigstens
selbst verzehren.
-- Ei, Bob, Du hast ja schon rechtes Verständniß für den Handel! Es
kommt indeß darauf an, gut auszuwählen, was man einkauft, dann wird man
das wohl immer mit Nutzen wieder los.«
Hieran dachte unser Held unablässig, und er machte auch einige
schüchterne Versuche, die nicht fehlschlugen. Wenn es mit Papier,
Bleistiften und Streichhölzchen auch -- wegen starker Concurrenz --
nicht recht gehen wollte, so hatte er doch bessern Erfolg mit dem
Verkauf von Zeitungen, mit denen er sich in der Nähe des Bahnhofs
aufstellte. Bob und er sahen so interessant, und vorzüglich so
grundehrlich aus, sie boten ihre Waare so geschickt und höflich an, daß
nur selten Jemand sich enthalten konnte, ihnen die neuesten Journale,
die Coursbücher der Eisenbahnen, oder Fahrpläne und kleine billige
Reisebücher abzunehmen. Findling und Bob besaßen jeder einen Kasten,
in dem die Zeitungen und Bücher so lagen, daß man die Titel und auch
etwaige Illustrationen gut sehen konnte, und auch an Kleingeld, um
wiederzugeben, fehlte es niemals. Natürlich verließ Birk seinen Herrn
auch hier nie; er mochte sich als Geschäftstheilhaber oder wenigstens
als Gehilfe desselben betrachten. Zuweilen lief er mit einem
Zeitungsblatt in den Zähnen auf Vorübergehende zu und bot es diesen mit
bezeichnenden Sprüngen an. Bald sah man ihn gar mit einem Korbe auf
dem Rücken, worin die Preßerzeugnisse schon geordnet lagen und den ein
Wachstuchdach gegen gelegentlichen Regen schützte.
Das war ein Gedanke Findlings gewesen, und gewiß kein so übler. Die
Käufer mußten ja angelockt werden, wenn sie Birk so ernsthaft, so
durchdrungen von der Wichtigkeit seines Dienstes sahen. Da war's
freilich mit tollen Sprüngen und mit Spielen mit Hunden aus der
Nachbarschaft zu Ende. Wenn solche sich dem gescheuten Thiere näherten,
da empfing er sie nur mit dumpfem Knurren, und der vierbeinige
Colporteur zeigte den Vorwitzigen die Zähne. In der Umgebung des
Bahnhofs sprach man schon überall von dem Hunde der kleinen Händler. Ja
man handelte wohl unmittelbar mit ihm. Die Käufer entnahmen dem Korbe
das gewünschte Zeitungsexemplar und steckten den Preis dafür in eine
Sparbüchse, die an Birks Halse hing.
Ermuthigt durch diesen Erfolg, dachte Findling daran, »sein Geschäft«
auszudehnen. Dem Handel mit Büchern und Journalen fügte er noch
Streichhölzer, Tabak, billige Cigarren und ähnliches hinzu. In Folge
davon trug Birk allmählich einen ganzen Kramladen auf den Schultern.
An manchem Tage vereinnahmte er sogar mehr als seine Herrn, die deshalb
nicht eifersüchtig wurden -- im Gegentheil, Birk wurde vielmehr mit
einem guten Futter und mit herzlicher Liebkosung belohnt. Die drei
Genossen vertrugen sich vortrefflich, und es wäre ein Glück, wenn alle
Familien so einig wären, wie hier der Hund und die beiden Kinder!
Findling hatte an Bob bald gute Anlagen und Wissensdrang bemerkt. Der
siebenundeinhalbjährige Knabe, von vielleicht minder praktischem Geiste
als sein größerer Bruder, war dafür lustiger und ließ seiner natürlichen
Fröhlichkeit gern freien Lauf. Da er weder lesen, schreiben noch rechnen
konnte, unterließ es Findling selbstverständlich nicht, ihn bald darin
zu unterrichten. Er mußte doch wenigstens die Titel der Blätter angeben
und lesen können, die man von ihm verlangte. Die Sache gefiel ihm und
er machte schnell Fortschritte. Nach den großen Buchstaben der Titel
erlernte er die kleinen im Texte der Blätter. Dann ging's ans Schreiben
und Rechnen, was ihm etwas mehr Schwierigkeiten machte. Dennoch überwand
er diese schnell. Schon sah er sich als Gehilfe einer Buchhandlung, der
den Verkaufsladen Findlings besorgte, welcher in der schönsten Straße
von Cork eine weit leuchtende Firma mit »=Bookseller=« darauf hatte.
Er verstand jetzt schon einen guten Verdienst zu machen, und in seiner
Tasche befanden sich mehrere wohlverdiente Pence, auch weigerte er
sich nicht, ein kleines Almosen zu geben, wenn Kinder bettelnd die
Hand ausstreckten. Er erinnerte sich ja zu gut der Zeit, wo er auf der
Landstraße hinter den Wagen hergelaufen war.
Seiner angebornen Neigung entsprechend, hatte Findling natürlich jeden
Tag Buch und Rechnung geführt, und so und so viel für die Wohnung, für
Essen und Trinken, für Wäsche und für Heizung und Licht ausgeworfen.
Jeden Morgen schrieb er in sein Notizbuch die zum Einkauf von Waaren
bestimmte Summe ein und stellte eine Bilanz mit den Ausgaben
und Einnahmen auf. Er verstand bereits recht vortheilhaft ebenso
einzukaufen, wie zu verkaufen. In Folge dessen hatte er mit Ende des
Jahres 1882 schon ein Dutzend Pfund in der Casse -- wenn er eine Casse
besessen hätte. Dafür hatte ein wohlwollender Händler, bei dem er
gewöhnlich ziemlich viel entnahm, ihm seinen Geldschrank zur Verfügung
gestellt, und in diesen wurde jede Woche der erzielte Ueberschuß
eingelegt, für den er sogar schon einige Zinsen erhielt.
Angesichts dieser durch seine Sparsamkeit und Intelligenz erzielten
Erfolge regte sich in dem Knaben bald der gewiß nicht unberechtigte
Ehrgeiz, seine Geschäfte zu vergrößern. Das wäre ihm, auch wenn er
dauernd in Cork blieb, mit der Zeit wohl gelungen. Er sagte sich
jedoch, nicht ohne Grund, daß eine bedeutendere Stadt, z. B. Dublin,
die Hauptstadt Irlands, dafür günstigere Aussicht bieten müsse. In Cork
laufen ja die Schiffe nur vorübergehend an und der Waarenumsatz ist
verhältnißmäßig beschränkt... während Dublin... Dublin lag nur gar
so weit von hier!... Doch das war ja zu überwinden. Wenn auch die
Möglichkeit vorlag, daß der Knabe dabei den Sperling aus der Hand für
die Taube auf dem Dache hingab, wenn er seine Träume für verwirklicht
ansah, so kann man es einem halben Kinde doch schwerlich verwehren, zu
träumen.
Der Winter war nicht streng, weder in den letzten Monaten des Jahres
1882, noch in den ersten des nachfolgenden Jahres. Findling und Bob
brauchten jetzt ja auch nicht mehr unter Leiden und Entbehrungen vom
Morgen bis zum Abend auf den Straßen umherzulaufen. Immerhin ist es
beschwerlich, mitten im scharfen Winde auf Plätzen und an Straßenecken
längere Zeit auszuhalten. Sie waren das indeß von früher Jugend an
gewöhnt, und wenn es ihnen auch zuweilen hart ankam, so wurden sie
wenigstens nicht krank, obgleich sie sich in keiner Weise schonten. Bei
jeder Witterung standen sie Tag für Tag mit dem Morgenrothe auf, kauften
dann ihre Vorräthe ein, um diese schleunigst wieder abzusetzen, wozu
sich auf dem Perron des Bahnhofs bei Ankunft und Abgang der Züge
die beste Gelegenheit bot, und wanderten dann durch verschiedene
Stadttheile, während Birk ihren Schaukasten ohne Murren auf dem Rücken
trug. Nur des Sonntags, wenn im Vereinigten Königreich alle Städte,
Flecken und Dörfer feiern, gönnten sie sich einige Ruhe, besserten
die Kleidung aus, räumten zu Hause auf und stellten ihre Dachkammer so
sauber wie möglich her, wonach der eine seine Buchführung in Ordnung
brachte und der andre sich im Lesen, Schreiben und Rechnen übte. Am
Nachmittage gingen sie dann in Begleitung Birks bis hinunter nach
Queenstown -- zwei wackre kleine Bürger, die nach einer Woche fleißiger
Arbeit zur Erholung lustwandelten.
Eines Tages gestatteten sie sich, in einem Boote um die Bai zu fahren,
und hier erblickte Bob zum ersten Male das grenzenlose Meer.
»Und weiter draußen, fragte er, wenn man auf dem Wasser immer, immer
weiter fährt, was findet man denn da?
-- Ein großes Land, Bob.
-- Größer als unsres?...
-- Tausendmal so groß, Bob, und die großen Schiffe, die Du siehst,
brauchen zur Reise dahin wenigstens acht volle Tage!
-- Giebt's denn in jenem Lande auch Zeitungen?
-- Zeitungen, Bob?... O, zu hunderten... Zeitungen, die das Stück
sogar mit sechs Pence verkauft werden.
-- Das weißt Du bestimmt?
-- Ganz bestimmt... ich weiß auch, daß man Monate brauchen würde, um
sie alle durchzulesen!«
Bob betrachtete mit Bewunderung den erstaunlichen Findling, der im
Stande war, so etwas zu versichern. Bezüglich der gewaltigen Schiffe,
der mächtigen Dampfer, die gewöhnlich in Queenstown vor Anker gingen,
fühlte er das lebhafteste Verlangen, einmal deren Deck zu betrachten
und auf den Masten herumzuklettern, während Findling es sicherlich
vorgezogen hätte, den Laderaum und die Fracht in Augenschein zu nehmen.
Bisher hatten aber beide nicht gewagt, an Bord eines solchen zu gehen
ohne Erlaubniß des Kapitäns -- einer Persönlichkeit, von der sie sich
die übertriebensten Vorstellungen machten. Ihn zu fragen, dazu fehlte
ihnen der Muth. Der Kapitän ist auf dem Schiffe ja »der Nächste nach
Gott«, wie es Findling gehört und es Bob wieder gesagt hatte.
So blieb der Wunsch der beiden Knaben noch immer unbefriedigt.
Hoffentlich sollte er noch einmal in Erfüllung gehen, gleich den andern
Wünschen, die in ihnen erwachten.
VIII.
Ein erster Heizer.
So vollendete sich das Jahr 1882, das in den Activen und Passiven
Findlings mit so vielen glücklichen und unglücklichen Conten, mit der
Vertreibung und dem Verschwinden der Familie Mac Carthy, von der er
nie wieder etwas gehört hatte, mit den drei auf Trelingar-castle
zugebrachten Monaten, seinem Zusammentreffen mit Bob, der Niederlassung
in Cork und mit dem Gedeihen seines kleinen Handels, verzeichnet stand.
Während der ersten Monate des neuen Jahres erlahmte der Verkehr zwar
noch nicht, er schien aber seinen Höhepunkt überschritten zu haben. Da
Findling einsah, daß er unter solchen Umständen nicht weiter
vorwärts kommen könne, trug er sich stets mit dem Gedanken, nun
eine einträglichere Operation -- nicht in Cork, sondern in einer
bedeutenderen Stadt Irlands zu wagen. Immer lag ihm dafür Dublin im
Sinn, und er hoffte, es werde sich schon eine Gelegenheit bieten, sein
Vorhaben auszuführen.
Januar, Februar und März verstrichen. Die beiden Knaben sparten, wo sie
konnten, jeden Penny. Ihr kleines Vermögen nahm einmal auch plötzlich
mehr zu, als ihnen ein besonders »Geschäft« mit recht gutem Nutzen
zufiel. Es handelte sich dabei um eine politische Flugschrift bezüglich
der Wahl Parnell's, zu deren Vertrieb in den Straßen von Cork und von
Queenstown Findling das ausschließliche Recht erhielt. Wer die Broschüre
kaufen wollte, mußte sich also an ihn, allein an ihn wenden, und
Birk trug einen hübschen Posten davon auf dem Rücken. Die Sache hatte
überraschenden Erfolg, und beim Abschluß der Rechnung zu Anfang des
April befanden sich in der Cassa dreißig Pfund, achtzehn Schillinge und
sechs Pence. So reich waren die Knaben noch niemals gewesen.
Jetzt entstanden lange Verhandlungen über die Frage der Ermiethung eines
kleinen Ladens in der Nähe des Bahnhofs. Es wäre ja so hübsch gewesen,
ein eignes Heim zu haben. Gerade Bob, dem schon nichts mehr unerreichbar
schien, drängte mehr und mehr dazu. Da wäre nun ein Zeitungs- und
Bücherladen entstanden mit einem Chef von elf und einem Gehilfen von
acht Jahren -- Ladeninhabern, die nun schon hätten Steuern entrichten
müssen. Voraussichtlich hätten die Kinder, die bereits das öffentliche
Interesse erregt hatten, auch gute Geschäfte gemacht. Findling dachte
jedoch auch noch an das und jenes andre und erwog es nach allen
Richtungen. Vor allem beschäftigte ihn der Gedanke der Uebersiedlung
nach Dublin, wohin es ihn wie eine Ahnung zog. Dennoch zögerte er und
fügte sich Bobs Einwürfen, als sich etwas ereignete, was für seine
Zukunft sofort entscheidend werden sollte.
Es war am Sonntag den 8. April. Findling und Bob hatten sich
vorgenommen, den Tag in Queenstown zuzubringen. Vorzüglich bestimmte
sie dazu das Verlangen, einmal in einer wirklichen Matrosenschänke zu
frühstücken und zu speisen.
»Da giebts wohl Fische? fragte Bob.
-- Ja, antwortete Findling, sogar Hummern, und wenn nicht diese, dann
wenigstens Krabben, wenn Du diese magst....
-- Ich?... Natürlich!«
Die Knaben legten die besten, sorgsam gereinigten Kleider an, zogen
blank gewichste Stiefeln an die Füße und brachen frühzeitig mit dem
glattgebürsteten Birk zu ihrem Ausfluge auf.
Heut' war prächtiges Wetter, glänzend strahlte die Frühlingssonne herab
und über dem Wasser wehte eine leichte, laue Brise. Die Fahrt auf der
Lee in einem Fährboot machte ihnen schon das größte Vergnügen. Hier
befanden sich nämlich Musiker an Bord, Straßenvirtuosen, deren Vorträge
Bob geradezu entzückten. Der Tag begann also in angenehmster Weise, und
es war nur zu wünschen, daß er ebenso endigte.
Kaum auf dem Quai von Queenstown angelangt, entdeckte Findling eine
Schänke mit der Firma zum »=Old Seaman=«, die ihm ganz passend erschien,
um darin einzukehren.
Vor der Thür stand ein Kübel, in dem ein halb Dutzend Krustenthiere
ihre Beine und Scheeren durcheinander bewegten, bis sie in den Kochtopf
wanderten, wenn ein Gast den dafür verlangten Preis anlegen wollte.
Von einem Tische neben dem Fenster aus konnte man die an den Pfählen im
Wasser befestigten Schiffe übersehen.
Findling und Bob wollten eben in die vielversprechende Schänke
eintreten, als ihre Aufmerksamkeit durch ein großes Dampfschiff
abgelenkt wurde, das am Abend vorher in Queenstown angelaufen war und
noch seine Sonntagstoilette machte.
Es war der »Vulcan«, ein Dampfer, von acht- bis neunhundert Tonnen, der
von Amerika kam und am nächsten Tage nach Dublin weiter gehen sollte.
Das hatte wenigstens ein Matrose in gelber Wachstuchjacke Findling auf
dessen Fragen mitgetheilt.
Beide betrachteten noch das eine halbe Kabellänge vom Quai vertäute
Fahrzeug, als sich ein großer Bursch mit geschwärztem Gesicht und
noch schwärzeren Händen Findling näherte, ihn ansah und den Mund weit
aufsperrend rief:
»Du... Du!... Bist Du es wirklich?«
Findling wurde ganz bestürzt, und Bob war es nicht minder. Der junge,
fremde Mann duzte ihn? Und noch dazu ein Neger?... Kein Zweifel, hier
mußte ein Irrthum vorliegen.
Der vermeintliche Neger ließ sich durch die Zurückhaltung des Knaben
jedoch nicht abschrecken.
»Ich bin's ja!... Kennst Du mich denn nicht?... Ich bin's... Die
=Ragged-School=... Grip!...
-- Grip!« wiederholte Findling ganz außer sich.
In der That war das Grip, und nun fielen sich beide in die Arme und
küßten sich mit solcher Innigkeit, daß Findling selbst dabei so schwarz
wie ein Kohlenträger wurde.
Das war eine Freude des Wiedersehns! Der alte Aufseher der Lumpenschule
war jetzt ein großer, kräftiger junger Mann von zwanzig Jahren, der
durch nichts mehr an die Leidenszeit in Galway erinnerte, oder höchstens
nur dadurch, daß sein Gesicht noch den gleichen gutmüthigen Ausdruck
zeigte.
»Grip... Grip... Du bist es... Du! rief Findling immer und immer
wieder.
-- Ja, ich bin's... und ich hatte Dich auch niemals vergessen, mein
Junge!
-- Und Du bist jetzt Matrose?...
-- Nein, Heizer an Bord des »Vulcan«!«
Die Eigenschaft als Heizer machte auf Bob, der dabei ans Kochen dachte,
einen sehr tiefen Eindruck.
»Was machen Sie denn da am Feuer? fragte er. Wohl Suppe?...
-- Nein, Kleiner, erwiderte Grip lachend, ich koche gar nichts, ich
heize nur den Dampfkessel, der unsre Maschine in Bewegung setzt und die
dann das Schiff vorwärts treibt.«
Findling stellte seinem alten Beschützer aus der =Ragged-School= nun
seinen Bob vor.
»Eine Art Bruder, sagte er, den ich auf der Landstraße gefunden habe...
und der Dich gut genug kennt, denn ich habe ihm unsre Geschichte oft
erzählt. Ach, mein guter Grip, wie viel mußt Du mir erst zu erzählen
haben, wo wir nun seit sechs langen Jahren getrennt gewesen sind!
-- Und Du doch wohl auch? entgegnete der Heizer.
-- Nun, komm, komm, frühstücke mit uns... dort in jener Schänke, in die
wir eben gehen wollten....
-- O nein, erwiderte Grip, im Gegentheil, Ihr werdet mit mir
frühstücken. Zunächst kommt jedoch einmal mit an Bord....
-- An Bord des »Vulcan«?...
-- Natürlich.«
Wie, beide sollten auf das Schiff gehen? -- Findling und Bob wagten
kaum, Grip zu glauben. Das war ja für sie dasselbe, als hätte man ihnen
vorgeschlagen, ins Paradies einzutreten.
»Ja, aber unser Hund?...
-- Welcher Hund?...
-- Birk.
-- Das Thier, das hier um mich herumstolziert?... Ist das Euer Hund?
-- Unser Freund, Grip... ein Freund, fast in der Art wie Du!«
Wer weiß, ob Grip sich durch diesen Vergleich besonders geschmeichelt
fühlte, jedenfalls streichelte er das Thier, das so warm gelobt worden
war.
»Doch der Kapitän?... warf Bob noch ein, dem dieser Gedanke eine starke
Zurückhaltung auferlegte.
-- Der Kapitän ist am Lande, und der Oberbootsmann wird Euch wie große
Herren empfangen!«
Daran zweifelte Bob, wenn er in Gesellschaft Grips kam, weit weniger.
Ein erster Heizer... das hat doch etwas zu bedeuten!
»Uebrigens, fuhr Grip fort, muß ich noch ein bischen Toilette machen und
mich vom Kopf bis zu den Füßen waschen, da mein Dienst zu Ende ist.
-- Du hast also den ganzen Tag frei, Grip?
-- Den ganzen Tag.
-- Das war doch ein herrlicher Gedanke, Bob, heute nach Queenstown zu
fahren!
-- Ja, ich glaub's Dir, sagte Bob.
-- Und Du, nahm Grip lachend wieder das Wort, Du mußt Dich auch etwas
abseifen, ich habe Dich ja ganz schwarz gemacht, Findling. Du heißt doch
noch immer so?
-- Jawohl, Grip.
-- Das ist mir lieb.
-- Grip... ich möchte Dich noch einmal umarmen!
-- Geniere Dich nicht, mein Junge, wir stecken nachher doch die Nase in
den Kübel!
-- Nun, und ich? ließ sich Bob vernehmen.
-- Du auch!«
Der junge Mann küßte auch den Kleinen, der davon ebenso negerähnlich wie
Grip selbst wurde.
Was schadete das? Sie konnten sich ja an Bord des »Vulcan« und in der
kleinen Cabine, worin der Heizer schlief, Gesicht und Hände wieder
reinigen. -- An Bord und in einer Cabine!... Bob konnte noch gar nicht
daran glauben!
Einen Augenblick danach bestiegen alle drei -- Birk nicht zu
vergessen -- das kleine Boot des Dampfers, das Grip mittelst Riemens
vorwärts trieb -- zur größten Freude Bobs, sich so herrlich geschaukelt
zu sehen -- und binnen zwei Minuten legten sie am »Vulcan« an.
Der Hochbootsmann machte Grip ein einladendes Zeichen mit der Hand und
der Heizer ließ seine Gäste durch die Luke des Feuerraums hinabsteigen,
während Birk auf dem Verdeck umhertrottete.
Hier wurde ein Faß neben dem Lager Grips mit warmem Wasser gefüllt, so
daß sie ihre natürliche Farbe wieder erlangen konnten. Während er sich
dann umkleidete, erzählte Grip seine Geschichte.
Beim Brande der =Ragged-School= ziemlich ernstlich verwundet, hatte
er gegen sechs Wochen im Krankenhause gelegen, das er zum Glück
wieder völlig hergestellt verließ, nur daß es ihm an allen Mitteln zum
Unterhalt gebrach. Die Stadt ging eben daran, die Lumpenschule wieder
herzustellen, denn man konnte deren Insassen doch nicht auf der Straße
liegen lassen. In Erinnerung an die in jenem abscheulichen Obdach
zugebrachten Jahre, empfand Grip aber nicht das geringste Verlangen,
dahin zurückzukehren. Auch ferner mit O'Bodkins und der alten Kriß
zu leben, so boshafte Schlingel wie Carker und dessen Kameraden zu
überwachen, das erschien ihm keineswegs verlockend. Nun war ja auch
Findling nicht mehr dort. Grip wußte zwar, daß diesen eine schöne Dame
mitgenommen habe, doch wohin... das konnte er nicht erfahren; und
als er das Krankenhaus verlassen hatte, da blieben seine Erkundigungen
danach leider ohne jeden Erfolg.
Grip verließ also Galway und durchstreifte auf gut Glück das Land. Zur
Erntezeit fand er zuweilen auf einer Farm Beschäftigung, doch keine
feste Anstellung, was ihn natürlich beunruhigte. So wanderte er von Ort
zu Ort, manchmal bittre Noth leidend, im ganzen aber doch glücklicher
als früher in der Lumpenschule.
Ein Jahr später war Grip nach Dublin gekommen, er wollte auf die See
gehen. Der Beruf als Seemann schien ihm sichrer als irgend ein andrer.
Mit achtzehn Jahren ist es aber zu spät, Schiffsjunge, ja sogar
Leichtmatrose zu werden. Da er sich also nicht als Matrose einschiffen
konnte, schon weil ihm die dazu nöthigen Kenntnisse fehlten, so begnügte
er sich, als Kohlenschaufler einzutreten, und als solcher war er an
Bord des »Vulcan« aufgenommen worden. Da unten in der Tiefe in einer
von schwarzem Rauch geschwängerten Luft zu verweilen und noch dazu
bei erstickender Hitze, das erscheint zwar nicht als das Ideal des
Wohllebens hienieden. Grip war jedoch entschlossen und arbeitsam. Sauber
und eifrig von Natur, gewöhnte er sich schnell an die Disciplin an Bord.
Niemals zog er sich einen Vorwurf zu. So erwarb er sich die Achtung des
Kapitäns und der Officiere, die sich für den armen Teufel ohne Familie
interessierten.
Der »Vulcan« fuhr zwischen Dublin und New-York oder andern Häfen der
Ostküste von Amerika. In zwei Jahren war Grip vielmals über den Ocean
gekommen, immer damit betraut, die Bunker richtig zu füllen und das
Heizmaterial vor die Feueröffnung zu schaffen. Da erwachte in ihm der
Ehrgeiz. Er hielt darum an, unter dem Befehl des Maschinisten als Heizer
verwendet zu werden. Man stellte ihn probeweise als solchen an und
er befriedigte bald seine Vorgesetzten. So wurde er nach einiger Zeit
erster Heizer, und als solchen fand Findling seinen alten Genossen von
der Lumpenschule auf dem Quai von Queenstown wieder.
Der brave junge Mann, der keine Ausschreitungen liebte und dem
unsinniges Zechen zuwider war, während das bei Matrosen der
Handelsmarine, wenn die Leute ans Land kommen, so oft zu finden ist,
hatte seinen Lohn stets zum größten Theil zurückgelegt. Er besaß also
ein kleines Vermögen, das er mit Vergnügen wachsen sah -- einige sechzig
Pfund, an deren Verwendung er noch niemals gedacht hatte. Von seinem
Gelde Interessen zu beziehen, das konnte ihm ja gar nicht in den Sinn
kommen; war es ja schon wunderbar genug, daß Grip überhaupt vorräthige
Geldmittel sein eigen nannte.
Das war die Geschichte, die Grip lustig erzählte und nach der auch
Findling die seinige zum Besten gab. Diese war freilich bewegter, und
Grip wollte kaum seinen Ohren trauen, als er von dem künstlerischen
Erfolge der Miß Anna Walston hörte, von der glücklichen, schönen Zeit
in der Farm von Kerwan, von dem Unglück, das die ehrenwerthe Familie
betroffen hatte. Es schmerzte ihn mit, daß Findling von seinen
Pflegeeltern gar nichts weiter hatte in Erfahrung bringen können,
er staunte aufrichtig über den Reichthum und die Pracht von
Trelingar-castle und empörte sich über die Hochmüthigkeit des Grafen
Ashton, die Findling veranlaßt hatte, seiner Existenz daselbst ein Ende
zu machen.
Auch Bob mußte einiges aus seiner Lebensgeschichte erzählen. Sie war
freilich mehr als einfach, denn in der That hatte er gar keine. Sein
Leben begann ja eigentlich erst mit dem Tage, wo ihn Findling auf der
Straße gefunden oder vielmehr aus der Dripsey wieder aufgefischt hatte,
als er sich den Tod geben wollte.
Birks Geschichte fiel natürlich mit der seines Herrn zusammen und
brauchte nicht weiter geschildert zu werden.
»Na, nun ist es an der Zeit, frühstücken zu gehen, sagte der erste
Heizer des »Vulcan«.
-- Doch nicht, bevor wir uns das Schiff angesehen haben? erwiderte
Findling lebhaft.
-- Und bevor wir einmal auf die Masten geklettert sind? setzte Bob
hinzu.
-- Wie es Euch beliebt, meine Boys!« erwiderte Grip.
Nun ging's durch die Luken im Verdeck hinunter in den Schiffsraum,
was für unsern Handelsmann das allergrößte Vergnügen war. Hier lagen
Baumwollenballen, Zuckerfässer, Säcke mit Kaffee, und Kisten, die
allerlei überseeische Naturerzeugnisse enthielten, deren Duft Findling
begierig einsog. Diese Schätze waren nun also aus weiter Ferne für
Rechnung der Rheder des »Vulcan« eingekauft, um auf den Märkten des
Vereinigten Königreichs wieder veräußert zu werden. O, wenn Findling
jemals in die Lage kam....
Grip unterbrach den schönen Traum mit der Einladung, wieder nach dem
Deck hinaufzugehen, um die im Hintertheil des Schiffes gelegenen Cabinen
des Kapitäns und der Officiere zu besuchen, während Bob außen auf den
Wanten umherkletterte und wirklich bis auf die Stenge des Fockmastes
gelangte. Im ganzen Leben war er noch nicht so entzückt, aber auch
so gewandt im Klettern gewesen. Vielleicht steckte das Zeug zu einem
Schiffsjungen in dem Knaben.
Gegen elf Uhr saßen Grip, Findling und Bob vor einem Tische in der
Schänke zum »=Old Seaman=«, Birk natürlich dahinter, der mit der
Schnauze bis zur Höhe des Tischtuchs reichte, und es ist wohl kein
Wunder, daß jetzt alle tüchtigen Appetit verspürten.
Dafür gab es auch eine vortreffliche Mahlzeit, deren Kosten Grip
auf sich nahm. Nämlich Eier mit brauner Butter, kalten Schinken mit
gelblichem zitternden Gelée darüber, ferner Chesterkäse und zu dem allen
vorzüglich schäumendes Ale! Außerdem wurde Hummer aufgetischt, nicht die
gewöhnlichen Krabben des Armen, nein, wirklicher Hummer mit weißrothem
Fleisch in der hochrothen Schale, der Hummer der reichen Leute, ein
Leckerbissen, den Bob als das weitaus beste bezeichnete, womit man sich
den »Magen füllen« könnte.
Natürlich wurde auch während des Essens geplaudert. Wenn es in feinem
Kreise nicht vorkommt, mit vollem Munde zu sprechen, so hatte unsre
kleine Gesellschaft doch die Entschuldigung, daß sie keine Zeit
verlieren durfte.
Dabei tauschten nun Grip und Findling alte Erinnerungen aus von der Zeit
her, wo sie in der erbärmlichen =Ragged-School= gelebt hatten... sie
erwähnten den Vorfall mit der armen Möve, die als Geschenk erhaltene
wollene Jacke... die schlechten Streiche Carker's u. s. w.
»Was ist denn aus dem Thunichtgut geworden? fragte Grip.
-- Ich weiß es nicht und habe mich nicht darum gekümmert, antwortete
Findling. Das schlimmste für mich wär's jedenfalls gewesen, wenn ich
wieder mit ihm zusammengetroffen wäre.
-- Beruhige Dich, Du wirst ihm nicht wieder begegnen, versicherte Grip;
da Du aber Zeitungen verkaufst, mein Boy, so rathe ich Dir, sie auch
zuweilen zu lesen.
-- Das thu ich wohl auch.
-- Dann wirst Du sehr bald erfahren, daß jener Bösewicht Carker kürzlich
an einem Hanffieber gestorben ist.
-- Gehenkt?... Ach, Grip...
-- Jawohl, gehenkt! Es war ja nicht anders zu erwarten!«
Hierauf kamen die Einzelheiten von der Feuersbrunst zur Sprache. Grip
war es ja, der den Knaben mit eigner Lebensgefahr gerettet hatte, und
jetzt hatte dieser zum ersten Male Gelegenheit, ihm zu danken.
»Ich habe, seit wir getrennt waren, immer und immer an Dich gedacht!
sagte er.
-- Das freut mich herzlich, mein Boy!
-- Nur ich, ich habe nicht an Grip gedacht, rief Bob mit dem Ausdrucke
lebhaften Bedauerns.
-- Weil Du mich nur dem Namen nach gekannt hast, Bob, antwortete Grip.
Jetzt kennst Du mich...
-- Und ich werde auch immer von Dir sprechen, wenn wir beide mit
einander plaudern, wir beide, Birk!«
Birk antwortete zustimmend mit Bellen, was ihm ein mit Speck belegtes
Stück Brod einbrachte, das er auf einmal verschlang. Trotz der
Versicherung Bobs schien er dem Hummer dagegen keinen Geschmack
abgewinnen zu können.
Grip wurde nun über seine Reisen nach Amerika gefragt. Er erzählte von
den großen Städten Amerikas, von ihrer Industrie, ihrem Handel, und
Findling hörte so aufmerksam zu, daß er darüber sogar das Essen ganz
vergaß.
»Uebrigens, bemerkte Grip, giebt es auch sehr große Städte in England,
und wenn Du jemals nach London, Liverpool oder Glasgow kommst...
-- Ja, Grip, das weiß ich. Ich hab' es in den Journalen gelesen, große
Handelsstädte, sie liegen nur gar so weit von hier....
-- O nein, nicht so weit....
-- Für Seeleute, die dahin fahren, ja, doch für alle andern...
-- Nun, aber zum Beispiel Dublin? rief Grip. Das ist nur dreihundert
Meilen von hier entfernt. Ein Bahnzug erreicht es in einem Tage, ohne
daß man über See zu gehen braucht....
-- Ach ja, Dublin!« murmelte Findling.
Das entsprach so genau seinem lebhaften Wunsche, daß er nachdenklich
wurde.
»Sieh, fuhr Grip fort, das ist eine sehr schöne Stadt mit sehr lebhaftem
Geschäftsverkehr. Dort legen die Schiffe nicht nur vorübergehend an, wie
hier in Cork. Dort nehmen sie Fracht ein und kehren mit solcher dahin
zurück....«
Findling lauschte voller Spannung... seine Gedanken trugen ihn mit sich
fort.
»Du solltest Dich in Dublin versuchen, sagte Grip. Ich bin überzeugt,
da würden sich die Verhältnisse für Dich besser gestalten als hier; und
wenn Du etwa Geld brauchst...
-- Wir haben etwas erübrigt, Bob und ich, unterbrach ihn Findling.
-- Das will ich meinen, fiel Bob ein, der einen Schilling sechs Pence
aus der Tasche zog.
-- Ich auch, erklärte Grip, und ich weiß nicht, was ich damit beginnen
soll.
-- Warum legst Du das Geld nicht an... irgendwo... in einer Bank?
-- Dazu hab' ich kein Vertrauen....
-- Ja, dann verlierst Du aber die Zinsen, die es Dir einbringen würde,
Grip....
-- Das ist besser, als alles zu verlieren, was man besitzt. Wenn ich
keins zu andern Leuten habe, zu Dir würde ich es haben, mein Boy, und
wenn Du nach Dublin kämst, nach dem Heimathafen des »Vulcan«, da würden
wir uns auch oft sehen können. Ich wiederhole Dir, wenn Du, um einen
Handel anzufangen, etwas Geld brauchst, so wär' ich gern erbötig, es Dir
zu geben....«
Der wackre Bursche war schon daran, das zu thun. Er fühlte sich ja
überglücklich, seinen Findling wieder getroffen zu haben, und ihm schien
es, als wären sie durch Bande verknüpft, die kein Zufall lösen könnte.
»Komm' nach Dublin, wiederholte Grip. Soll ich Dir sagen, was ich denke?
-- Sprich, lieber Grip.
-- Nun, siehst Du, mir schwebt immer der Gedanke vor... daß Du... dort
Dein Glück machen müssest....
-- Mir wohl auch... ich habe immer denselben Gedanken gehabt,
antwortete Findling einfach. Seine Augen leuchteten aber in hellerem
Glanze auf.
-- Ja, ja, fuhr Grip fort, ich sehe Dich dort eines Tages schon
reich... sehr reich. In Cork freilich wirst Du nicht so viel verdienen.
Ueberlege Dir meine Worte, denn man soll niemals ohne Ueberlegung
handeln.
-- Ganz recht, Grip.
-- Jetzt aber, wo es nichts mehr zu essen giebt... seufzte Bob
aufstehend.
-- Du willst sagen, Junge, fiel ihm Grip ins Wort, daß Du wohl auch
keinen Hunger mehr hast....
-- Ja, vielleicht... ich weiß nicht. Das ist das erste Mal, daß mir das
vorkommt....
-- So wollen wir also ein wenig spazieren gehen,« schlug Findling vor.
So verlief der Nachmittag, wobei die Freunde vielerlei Pläne
schmiedeten, während sie auf den Quais und durch die Straßen Queenstowns
lustwandelten.
Als dann die Trennungsstunde gekommen war und Grip die Knaben nach dem
Landungsplatze des Fährbootes begleitet hatte, begann er:
»Wir werden uns wiedersehen. Man kann sich nicht gefunden haben, um
einander nie wieder zu begegnen.
-- Gewiß, Grip... in Cork... sobald der »Vulcan« hier wieder
anlegt...
-- Warum nicht in Dublin, wo er meist einige Wochen liegen bleibt?...
Ja, in Dublin, und wenn Du Dich entschließen kannst...
-- Leb wohl, leb wohl, Grip!
-- Auf Wiedersehen, mein Boy!«
Sie umarmten sich herzlich und mit tiefer Erregung, die keiner von
beiden zu verheimlichen sich bemühte.
Bob und Birk nahmen ebenfalls mit Abschied, und als das Fährboot
abgestoßen war, da folgte ihm Grip noch lange mit den Augen, während
jenes den Fluß empor dampfte.
IX.
Eine Speculation Bobs.
Einen Monat später schoben auf der Straße, die südwestlich von Cork und
durch die östlichen Gebiete der Grafschaft nach Youghal führt, ein Knabe
von elf und ein kleiner von acht Jahren einen leichten Karren, der von
einem Hunde gezogen wurde.
Die beiden Kinder waren Findling und Bob. Der Hund war Birk.
Das Zureden Grips hatte gefruchtet. Ehe er mit dem ersten Heizer des
»Vulcan« zusammentraf, träumte Findling nur davon, Cork zu verlassen und
sein Glück in Dublin zu versuchen. Nach dem Zusammentreffen machte er
seinen Traum zur Wahrheit. Gewiß hatte er über diesen wichtigen Schritt
reiflich nachgedacht, denn er gab dabei ja das Gewisse für das Ungewisse
hin. In Cork konnte er jedoch voraussichtlich niemals weiter vorwärts
kommen, in Dublin dagegen eröffnete sich seiner Thätigkeit ein viel
weiteres Feld. Auch Bob, den er deshalb befragte, erklärte sich bereit,
sofort aufzubrechen, und einem Rathschlag Bobs durfte er schon einiges
Gewicht beilegen.
Unser junger Held mußte infolge dessen seine Einlagen bei dem
Buchhändler zurückziehen, der ihm einige Einwürfe wegen seiner
Zukunftspläne machte. Er erzielte damit aber nichts bei dem so
frühreifen Kinde, das ja nicht gewöhnt war, Chimären nachzujagen,
was sonst vielfach in Paddys Natur liegt. Findling war nun einmal
entschlossen, höher hinauf zu streben, und eine Ahnung sagte ihm, daß
das nur gelingen werde, wenn er Cork mit Dublin vertauschte.
Ueber den einzuschlagenden Weg und die Art des Fortkommens war sich
Findling bald im klaren.
Den kürzesten Weg bietet allerdings die Bahnlinie nach Limerick und
von da durch die Provinz Leinster nach Dublin, und die schnellste
Beförderung fand man, wenn man in Cork in einen Eisenbahnzug ein- und
nach dessen Ankunft in der Hauptstadt Irlands wieder ausstieg. Das hätte
aber das Opfer einer Guinee für jeden gekostet, und Findling pflegte auf
seine Guineen zu halten. Wer gesunde Beine und genug Zeit hat,
braucht sich den Kopf ja nicht zu zerbrechen und sich in einem Waggon
durchrütteln zu lassen. Jetzt war die schönste Jahreszeit, und die Wege
der Grafschaft sind vom Mai bis zum September in recht gutem Zustande.
Da lag doch der Vortheil auf der Hand, lieber unterwegs noch etwas zu
verdienen, als so viel Geld für eine schnelle Beförderung auszugeben.
So wollte der junge Händler also, von Dorf zu Dorf, von Flecken
zu Flecken ziehend, das in Cork begonnene Geschäft ununterbrochen
fortsetzen, wollte Journale, Broschüren, Papiere u. dgl. verkaufen,
kurz, Handel treiben bis Dublin.
Dazu brauchte er höchstens noch einen Karren, um seine Hausierwaaren
unterzubringen, und darüber eine Wachstuchdecke, um sie gegen Staub und
Nässe zu schützen. Vor den Karren sollte Birk gespannt werden, der sich
gewiß nicht weigerte, ihn zu ziehen, und die beiden Kinder wollten dem
Hunde durch nachschieben helfen. Als Weg sollte der längs der Küste
gewählt werden, weil dieser über mehrere, nicht unwichtige Städte,
Waterford, Wexford, Wicklow, und auch durch verschiedene, zu dieser Zeit
stark besuchte Badeorte hinführt. Kostete das auch zwei, vielleicht gar
drei Monate Zeit, so brauchten sie sich darum nicht zu kümmern, wenn
unterwegs nur immer etwas verdient wurde.
Am 18. April, einen Monat nach der Begegnung mit Grip in Queenstown,
befanden sich also Findling, Bob und Birk, der letztere ziehend, die
andern beiden schiebend, auf der Landstraße von Cork nach Youghal, wo
sie nach wenig anstrengendem Marsche am Nachmittage ankamen.
Zu klagen hatten sie keine Ursache, jedenfalls fiel es Birk gar
nicht ein zu murren. Dieser wurde übrigens nicht zu stark in Anspruch
genommen, und wo der Weg anstieg, halfen die Knaben durch schieben mit
besten Kräften nach. Der zweirädrige Karren war sehr leicht. Findling
hatte ihn durch Gelegenheitskauf von einem Kaufmann in Cork erworben.
Der Waarenvorrath bestand in Zeitungen, politischen Broschüren --
einige freilich in Gedankengang und Stil gleich schwerfällig -- in
Schreibpapier, Bleistiften, Federn und andern ähnlichen Sachen, ferner
in Tabakspacketen, deren Bestand durch Einkauf in den besten Läden mit
dem bunten Schilde des Bergschotten erneuert werden sollte, und endlich
in verschiedenen Artikeln und Kleinigkeiten. Alles das wog nicht schwer
und ließ sich voraussichtlich leicht und mit hübschem Profit absetzen.
Die Leute auf dem Lande interessierten sich überall für die beiden
Knaben, von denen der eine so ernst war, wie ein ergrauter Kaufmann, und
der andre ein so gewinnendes Lächeln zeigte, daß es gar niemand einfiel,
mit ihm zu feilschen.
Der Karren kam in Youghal an, einem großen Flecken mit sechstausend
Einwohnern und einem in der Ausmündung des Blackwater gelegnen Hafen
für Küstenfahrzeuge. Hier ist das Land, wo die »heilige Kartoffel« in
höchsten Ehren steht. Der Irländer könnte es wohl nie vergessen, daß
Sir Walter Raleigh in der Umgebung von Youghal mit der Kartoffel, dem
eigentlichen Brode Irlands, die ersten Anbauversuche unternahm.
Findling verbrachte den Rest des Tages in Youghal, gönnte sich aber
keine Rast, ehe er nicht sein Waarenlager, das auf dem Wege nach
Dungarvan jedenfalls schnell gelichtet wurde, vollständig ergänzt hatte.
Ein nahrhaftes Essen am Tisch eines Gasthauses, ein Bett für beide und
ein Lager für Birk fanden sie für mäßigen Preis. Am folgenden Morgen
zogen sie dann nach dem nächsten Dörfchen weiter und hielten auch vor
den Farmen an, deren sie auf jede Meile zweien bis dreien begegneten.
Meist blieben sie auch über Nacht auf einer solchen Farm, da es nicht
rathsam erschien, noch im Dunkeln auf der Landstraße zu sein, wenn
Birk auch da war, seinen Herrn und dessen zweirädrigen Kramladen zu
vertheidigen.
Wie empfand Findling da die Veränderung gegen jene Zeit, wo er auf
den Landstraßen von Connaught so schwer hatte leiden müssen! Welcher
Unterschied zwischen seinem Karren und dem des rohen Thornpipe, jenem
finstern Kasten, worin er immer dem Ersticken nahe war! Diese
Dinge ähnelten sich so wenig, wie Birk dem zottigen Köter des
Puppenschaustellers. Jetzt brauchte er nicht mehr durch Drehen des
Mechanismus die königliche Familie und den Hof von England Walzer tanzen
zu lassen.... Er lebte nicht mehr von Almosen, sondern von seinem
täglichen, ehrlichen Verdienst. Das flößte ihm auch Vertrauen für die
Zukunft ein, die Hoffnung, in Dublin ebensoviel und wohl noch mehr
Erfolg zu haben, als das halbe Jahr in Cork.
Von Cork aus mußte eine Brücke überschritten werden, um zur Landstraße
nach Dungarvan zu gelangen.
»Da ist eine Brücke, rief Bob; von solcher Länge hab' ich noch keine
gesehen.
-- Ich auch nicht,« antwortete Findling.
Die Brücke über die Bai des Blackwater, ohne die man einen starken
Tagesmarsch mehr gehabt hätte, ist in der That zweihundertsiebzig Toisen
(circa 527 Meter) lang.
Der Karren rollte auf ihrem Plankenbelag hin, über den ein frischer
Westwind strich.
»Das ist fast, als wäre man auf einem Schiffe! bemerkte Bob.
-- Jawohl, Bob, wie auf einem Schiffe mit Rückenwind. Fühlst Du, wie er
uns vorwärts treibt?«
Jenseits der Brücke gelangte man nun in die Grafschaft Waterford, die
ihrerseits wieder an die Grafschaft Kilkenny in der Provinz Leinster
grenzt.
Findling und Bob ermüdeten sich nicht allzusehr. Sie wanderten ohne
besondre Eile weiter. Es kam ihnen ja vor allem darauf an, die in
Youghal eingekauften Waaren mit Nutzen abzusetzen, ehe sie Dungarvan
erreichten, wo alle Vorräthe erneuert werden sollten. Fünfundzwanzig bis
dreißig Meilen, die Abweichungen vom geraden Wege eingerechnet, hätten
einen Spaziergang von wenigen Tagen erfordert. Lagen hier auch nahe
der Küste nur wenige Dörfer, so trafen sie doch auf weit mehr einzelne
Gehöfte, und das bot ihnen Aussichten auf reichlichen Absatz, die
sie nicht unbeachtet lassen durften. Eine Eisenbahn gab es auf dem
Küstengürtel nicht und die Bauern konnten sich nur schwierig mit den
gewöhnlichsten kleinen Bedürfnissen versorgen. Findling wollte sich
diesen Vortheil also jedenfalls nicht entgehen lassen.
Der Erfolg gab ihm Recht. Jeden Abend, ehe sie sich zur Ruhe begaben,
zählte Bob die seit dem Morgen vereinnahmten Schillinge und Pence, und
Findling trug die Summe in sein »Cassabuch« auf der Seite der Einnahmen
gegenüber der der Ausgaben für persönliche Bedürfnisse, Essen, Trinken,
Nachtlager u. s. w. gewissenhaft ein. Nichts machte Bob mehr Vergnügen,
als die Geldstücke hübsch in Ordnung aufzuzählen, und Findling nichts
mehr, als sein Guthaben zusammenzurechnen, während Birk zufrieden bei
ihnen lag, bis sie fertig waren und dann alle die Ruhe suchten.
Am 3. Mai gelangte der Karren nach dem Flecken Dungarvan. Er war leer --
nicht d
Showing first 200,000 characters. Full text: gutenberg.org/ebooks/46174