Tahiti: Roman aus der Südsee. Vierter Band
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Title: Tahiti: Roman aus der Südsee. Vierter Band
Author: Friedrich Gerstäcker
Release date: June 23, 2014 [eBook #46083]
Most recently updated: October 24, 2024
Language: German
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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK TAHITI: ROMAN AUS DER SÜDSEE. VIERTER BAND ***
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Tahiti.
Roman aus der Südsee
von
Friedrich Gerstäcker.
Zweite unveränderte Auflage.
Vierter Band.
Der Verfasser behält sich die Uebersetzung dieses Werkes vor.
Leipzig,
Hermann Costenoble.
1857.
Inhalt des vierten Bandes.
Seite
Cap. 1. Die Schlacht von Mahaena 1
" 2. Alte Abrechnungen 55
" 3. Das Lager der Insulaner 103
" 4. Die Flucht 142
" 5. Lefévre und Aumama 170
" 6. Der Angriff auf Papetee 218
" 7. René und Susanna 248
" 8. Schluß 302
Capitel 1.
Die Schlacht von Mahaena.
»Joranna!« -- und die Palmen rauschten dazu ihre leise wehmüthige Weise,
und wie grollend, zürnend tönte der dumpfe Donner der Brandung ihm in's
Ohr -- »Joranna!« -- »Und doch ja auch nur für wenige Tage!« rief er
dann plötzlich sich abwendend und mit der Hand die Stirne streichend,
als ob er da alle die trüben traurigen Ideen fortwischen wolle. »Unsinn,
sich das Herz da schwer zu machen mit Sorge und Noth und tollen, trüben
Ideen; wie rasch verfliegt die Stunde, und Wochen schwinden, daß man sie
kaum zählen kann. Nein, nicht muthwillig mag ich mir das Leben schwer
machen, ein tückisches Schicksal quält und neckt uns überdies schon
genug, wirft Wermuth in den süßesten Becher, oder giebt der Frucht
Stacheln nach der unsere Lippe sich sehnt. Fort; in der Stadt vergeß ich
die Grillen und mein Haus mag heute sehen wie es allein fertig wird.«
Und den Hut fest in die Stirn drückend, die Arme über der Brust
zusammengeschlagen und den Kopf gesenkt, ging er mit raschen Schritten
nach der Stadt zurück und betrat, seine Grillen wie er sie nannte,
mit einer Flasche Wein niederzuschwemmen, das erst seit kurzer Zeit
etablirte Haus eines Franzosen, Viktor, ließ sich eine Flasche
Claret geben, und setzte sich, ein paar Gläser rasch hintereinander
hinunterstürzend, den Kopf in die Hand gestützt, allein an einen Tisch,
in die entfernteste Ecke der Stube -- gedankenvoll auf das vor ihm
ausbreitende Meer hinausschauend.
Wohl eine Stunde mochte er so gesessen haben, die Flasche stand geleert
vor ihm, und noch immer starrte er düster vor sich hin, als eine Hand
ihm derb auf die Schulter klopfte und eine fröhliche Stimme seinen Namen
rief:
»René!«
René schaute langsam auf, sprang aber im nächsten Augenblick von seinem
Sitz empor und rief, dem Freund beide Arme entgegenstreckend und ihn
an's Herz drückend:
»Adolphe! mein lieber, lieber Freund, wo kommst Du her? zehntausendmal
willkommen auf Tahiti.«
»Und Dir geht es gut?« frug Adolphe, die ersten herzlichen Begrüßungen
vorüber -- »es gefällt Dir hier, und Du bereust Dein Weglaufen nicht?«
»Bereuen?« lächelte René, »ich habe Alles hier, was das Menschenherz nur
fordern oder verlangen könnte und sollte bereuen? -- Doch« -- unterbrach
er sich plötzlich, den Freund erstaunt betrachtend -- »spielst Du
Maskerade oder ist es jetzt Sitte hier geworden, französische Uniformen
anzulegen? was thut der Wallfischfänger in der Officiersuniform?«
=»Peste!«= lachte Adolphe, »ich hatte das Leben ebenfalls satt, und da
uns gute Kräfte hier fehlen, hielt ich den Zeitpunkt für geeignet, meine
alte Carrière wieder aufzunehmen. Hol der Teufel die Freiheit am Bord
eines Wallfischfängers; durch =Du Petit Thouars= selber, von dem ich die
Ehre habe schon seit frühern Zeiten gekannt -- vielleicht überschätzt
zu sein, sind mir die Epauletten wieder auf die Schultern gedrückt, mit
denen ich seit langer Zeit fertig zu sein glaubte.«
»Und seit wann bist Du hier?« frug René erstaunt.
»Seit drei Tagen etwa; aber wie mir gesagt wurde, wärst Du zurück nach
Atiu gegangen, wo wir Dich damals ließen.«
»Ich habe die Erlaubniß noch nicht erhalten, einer langweiligen
Untersuchung wegen.«
»Ich weiß, ich weiß, wegen einer Französischen Schildwache, man hielt
das aber für abgemacht -- nun desto besser, so hab' ich Dich doch hier
noch getroffen, ich wäre aber später jedenfalls einmal hinübergekommen,
Dich zu besuchen. Mensch ist es möglich -- Du hier verheirathet und
Familienvater? -- nun die Sache klingt gefährlicher, wie sie ist.«
»Ich fühle mich glücklich darin,« sagte René. --
»Und was willst Du jetzt auf Atiu?«
»Dort bleiben.«
»Bah, Unsinn --«
»Unsinn? -- weshalb?«
»Du willst Dich, mit acht und zwanzig Jahren in einem Cocospalmenwald
vergraben und mit der Welt fertig sein? -- Mensch bist Du denn
wahnsinnig oder hast Du die Lektionen am Bord des Delaware noch nicht
vergessen? und ein indianisches Mädchen -- René, René, ich fürchte fast,
Du hast da Dir selber einen recht bösen Streich gespielt, und ich habe
Dir am Ende gar keinen so besonderen Dienst geleistet, als ich die
Bande durchschnitt die Dich hielten. Das Schlimmste gereicht uns oft zum
Glück, und das gerade, was wir armen kurzsichtigen Sterblichen im Anfang
für die Krönung unserer Wünsche halten, ist nicht selten der Beginn von
-- gerade dem Gegentheil.«
»Du kennst Sadie nicht,« lächelte René -- »sie ist nur Indianerin von
Geburt, sonst aber fast ganz in europäischen Sitten und Gebräuchen
auferzogen.«
»Desto schlimmer für sie,« brummte Adolphe kopfschüttelnd. »Ich habe
auch darüber schon Manches munkeln hören. Aber was zum Teufel bleibst Du
da nicht wenigstens in Papetee? -- hier hast Du doch einen Wirkungskreis
für irgend eine Thätigkeit; auf Atiu versauerst Du ja doch, und zehn
Jahre dort, machen Dich untüchtig für irgend einen menschlichen Beruf.«
»Verhältnisse, lieber Adolphe, bestimmen den Menschen,« lächelte der
Freund, wenn auch nicht mehr so ganz unbefangen. »Sadie fühlte sich hier
nicht glücklich zwischen den Europäerinnen und --«
»Aber ich denke sie hat eine ganz europäische Erziehung bekommen -- wie
stimmt das?«
»Ich -- ich selber fühlte auch daß wir dort drüben würden viel freier,
ungehinderter leben können« entgegnete René ausweichend.
»Ungehinderter? das glaub der Teufel,« lachte Adolphe, »wer sollte
Euch dort stören? wenn da nicht einmal zufällig ein vereinzelter
Wallfischfänger anlangte -- aber apropos René -- weißt Du denn, daß
Capitain Lewis Tochter hier auf Tahiti und sogar in Papetee ist?«
René fühlte, daß ihm das Blut in die Schläfe stieg und drehte sich rasch
ab, nach einer frischen Flasche Wein zu rufen.
»Ich weiß es,« sagte er gleichgültig -- »ich habe sie hier auf einem
Ball kennen lernen, sie wohnt jetzt bei Belards; aber Adolphe --«
rief er, rascher sich dem Freund wieder zudrehend, der ihn aufmerksam
betrachtete -- »Du hast mir ja noch gar nicht erzählt, was Ihr damals
mit dem ehrwürdigen Manne gemacht habt, den Ihr statt meiner an Bord
nahmt. Was sagte er denn, als er wieder zu sich selber kam?«
»Was er sagte?« lachte Adolphe in der Erinnerung an jenen Abend laut
auf, »er war Feuer und Flamme, und wollte augenblicklich an Land gesetzt
sein. Mein Glück übrigens wars, daß er behauptete Einer der Bootsleute
habe ihn zu Boden geschlagen und gebunden und geknebelt, und unser alter
Seehund von Harpunier wußte recht gut, daß ich nicht lange genug oben
gewesen war, das möglicher Weise zu Stande zu bringen, wenn er mir's
auch zutraute, während keiner der Anderen das Boot verlassen haben
wollte, und auch in der That verlassen hatte. So ärgerlich der _Alte_
übrigens auch war, daß wir _Dich_ nicht, trotz aller gemachten Auslagen,
wie des Aufenthalts und bösen Beispiels wegen, wiederbrachten, so sehr
freute er sich doch jedenfalls heimlich, daß es gerade der Schwarzrock
gewesen, der darunter leiden mußte, noch dazu, da er einen Matrosen
verrathen, und wir Alle kamen so, wenigstens für den Augenblick, mit
einem blauen Auge davon. Nichtsdestoweniger hatten sie gegründete
Ursache auf mich den stärksten Verdacht einer Mitwissenschaft zu werfen,
und wenn ich mir auch nicht gerade besonders viel daraus machte, wurde
doch das Leben an Bord für mich dadurch nach und nach so fatal, daß
ich mich zuletzt in Honolulu, als wir von oben wieder herunter kamen,
auszahlen ließ und nicht einmal mit dem Schiff zu Hause ging. Ich bin
übrigens dem geistlichen Herrn eben heute Morgen hier in der Straße
begegnet -- und ob er mich nicht wieder erkannte? Wie er nur einen Blick
auf mich warf, blieb er im ersten Moment überrascht stehen, -- er wußte
wahrscheinlich nicht gleich wo er mich hinthun sollte; als ich aber ein,
vielleicht etwas malitiöses Lächeln doch nicht verbeißen konnte, und
ihm auch wahrscheinlich dabei einfiel bei welcher, für ihn so fatalen
Gelegenheit wir uns zum letzten Mal gesehen, quoll ihm das Blut wie eine
Springfluth in's Gesicht und er ging rasch, und ohne mich weiter eines
Blicks zu würdigen, an mir vorüber, die Straße hinab.«
»Ja, er hat hier seine Mission« sagte René noch in der Erinnerung an
heut Morgen, mit zusammengezogenen Brauen, »mir aber ist er bis heute
ausgewichen wie dem bösen Feind, und wirklich heute Morgen zum ersten
Mal hat er meine Schwelle, in meiner Anwesenheit überschritten, um
Abschied von meiner Frau zu nehmen.«
»Will er fort?«
»Nein, meine Frau hab' ich hinüber nach Atiu, mit einem der anderen
protestantischen Missionaire geschickt, um später nachzukommen.«
»So so?« sagte Adolphe gedehnt, »Du bleibst jetzt noch allein in Papetee
-- und wo wirst Du wohnen?«
»Ich wollte eigentlich gern in meinem Haus draußen bleiben, aber ich
fürchte es wird nicht gehen -- heute Morgen wenigstens kreuzten schon
dumpfe Gerüchte von einem wirklichen Aufstand, und was ich hier darüber
gehört, bestätigt das nur. Als einzelner Franzose setzte ich mich da
draußen doch am Ende Unannehmlichkeiten aus.«
»Nein, Gott bewahre« rief Adolphe rasch -- »diese Indianer sind
seelensgute Menschen wenn in Frieden gelassen, aber treib' sie erst
einmal dazu daß Blut fließt, und sie sind wie die Tiger, unersättlich.
-- Ich fürchte auch wir bekommen hier noch einen verwünscht schweren
Stand, denn die zwei Schiffe sollen, wie ich höre, an allen Inseln
zugleich anklopfen, und wenn sie da in Papetee nicht eine _recht_
tüchtige Besatzung zurücklassen, so weht einmal eines Morgens die
Tahitische Flagge statt der Französischen, und für unsere Leben, alle
mitsammen, möcht' ich dann keinen Franc geben. Die Missionaire thun
außerdem was sie können, die Eingeborenen gegen uns aufzuhetzen.«
»Verdenken kann ich's ihnen nicht« entgegnete René, die geleerten Gläser
wieder vollschenkend, »haben sie doch meine Landsleute hier vollständig
aus dem Sattel gehoben, und jeder wehrt sich seines Brodes so gut er
kann.«
»Peste, René, Du vertheidigst die Schwarzröcke wohl gar?« lachte
Adolphe. »Wetter mein Bursche, hast Du Dich geändert. Die Luft hier muß
anstecken.«
»'Bist im Irrthum, Adolphe, nur den Stand selber vertheidige ich, der
hier ein Recht hat zu existiren, sobald _wir_ nur den Schatten eines
solchen beanspruchen wollten. Stände ihnen die eigene Bibel nicht
dabei im Wege, wären sie gerade die Leute die sich zu Herren des Landes
erklären dürften, insoweit sie zuerst hier ihren Wohnsitz, und damit
nach dem Rechte der Entdecker, Besitz von dem Lande nahmen. Doch es
fällt mir nicht ein ihre Parthei zu ergreifen« setzte er rasch hinzu,
»und Gott weiß es, sie haben mir das Leben hier schon manchmal recht
verbittert, ja -- hätten es mir verleiden können.«
»Haben Sie Dich nicht auch bekehren wollen?« lachte Adolphe.
»Nun ja, im Anfang wohl dann und wann, das gaben sie aber doch bald auf
-- die Besseren unter ihnen sind auch tüchtige wackere Leute, Menschen
die, wenn auch nicht immer den Kopf, doch jedenfalls das Herz auf der
rechten Stelle haben, die Mehrzahl aber, mit ihrem ewigen Beten und
Psalmensingen, könnte einen Heiligen zu Verzweiflung bringen. Ich glaube
wenn ich noch ein Jahr hier in Papetee geblieben wäre, hätten sie mir
mein Weib entweder abtrünnig, oder da das nicht ging, verrückt gemacht.«
»Hat Dir der Ehrwürdige Mr. Rowe noch Nichts weiter in den Weg gelegt?«
frug Adolphe.
»Er hat noch nichts Anderes gethan fast, als gesucht einen Anhaltepunkt
zu finden. Es hieß einmal, er sollte mit einem speciellen Auftrag an die
Tafel der Missionaire abgeschickt werden, den hat aber wahrscheinlich
Mr. Pritchard mitbekommen, den sie hier fortschicken mußten, wenn sie
je hoffen wollten, sich mit den Eingeborenen wieder anders als mit den
Waffen in der Hand zu verständigen. Ich wollte übrigens dieser Rowe
_wäre_ fort von hier, mir verbittert sein kaltes scheinheiliges Gesicht
jedesmal den ganzen Tag, wenn er mir einmal zufällig über den Weg läuft,
und ich kann mich des Gedankens kaum erwehren, daß er mir noch irgend
einmal feindlich in's Leben greift. Seine Schuld wird's auch in der
That nicht sein, wenn er eine, sich ihm vielleicht einmal bietende
Gelegenheit unbenutzt vorübergehen ließe. Doch fort mit dem Schleicher,
wir haben wahrlich Besseres zu thun, als an ihn zu denken. Und Du
bleibst jetzt hier auf den Inseln, Adolphe?«
»Eine Zeitlang wenigstens, und so lange es etwas zu thun giebt,«
erwiederte der Freund.
»Wenn Du nur einmal eine kurze Zeit hier bist, wird es Dir auch schon
besser gefallen« lächelte René, »vielleicht sogar machst Du mir's nach,
und wir werden noch am Ende Nachbarn -- Adolphe, diese Inseln sind ein
wirkliches Paradies.«
Adolphe schüttelte mit dem Kopf.
»Und doch möchte ich es nicht auf die Länge der Zeit mit Dir theilen«
sagte er ernster -- »ja, nach einem langen und vielleicht langweiligen
Kreuzzug durch die Meere, nach Eis und Schneegestöber da oben in jenen
unwirthlichen Regionen, nach Entbehrungen und Strapatzen, wie sie der
verweichlichte Landbewohner kaum für möglich halten würde -- und in der
That auch kaum für möglich hält -- thut es Einem wohl, wieder einmal
eine kurze Zeit unter Palmen auszuruhn, -- und die freundlichen
Gesichter der Eingeborenen, wenn erst einmal diese unglücklichen
Conflikte vorüber sind, bilden keine unangenehme Zugabe solcher Rast --;
aber da bleiben, wohnen, _heirathen_, und seine Existenz hier
beschließen? nein, ich glaube ich hielte das gar nicht aus, ja ich bin
fest davon überzeugt daß ich nicht einmal den Versuch machen möchte.«
»Und was könnte das Herz mehr verlangen als es hier findet?« rief René
-- »was bietet Dir Gottes Welt Schöneres, wohin Dich der unstete Fuß
auch trägt, als diese Küsten, wenn Du ein Wesen hier findest, das dieses
Glück mit Dir theilt? was würde Dir in diesem Paradiese fehlen?«
»Der Nerv es zu genießen, es zu schätzen« rief Adolphe rasch,
»Thätigkeit -- Entbehrungen, _Leben_ mit einem Wort, wie es der alte
Herr da oben für uns erschaffen, und gar erstaunlich weise eingerichtet
hat -- ich verginge in dem Müßiggang. Nein René, nein, und tausendmal
nein, wenn Du Dir selber vorlügen willst daß Du Dich glücklich darin
fühlst. Ich glaube es nicht, weil ich überhaupt nicht an Unmöglichkeiten
glauben mag, und Dir noch obendrein so etwas gar nicht wünschen wollte.
Du mit Deinem leichten lebensfrischen Herzen, der Abgott Deiner Kreise
einst in Paris, der eben nur übermüthig und übersättigt wurde durch
das Glück, das überall auf ihn einstürmte. Du, dem noch bis jetzt kein
Welttheil vermögend war in seinen Grenzen zu halten, Du solltest
jetzt Deine Heimath in einer Bambushütte gefunden haben und mit Deinen
Lebensbedürfnissen auf einen Brodfruchtbaum und eine Angel angewiesen
sein? -- Unsinn René! -- hahaha komisch ist's aber doch, wenn ich mir
das so denke, und komischer noch daß ich ernstlich dagegen anstreite.
Bah! geh Du einfach wieder nach Atiu hinüber, aber mit dem was Dir jetzt
durch Herz und Seele zieht, was Dir schon, Du magst es verleugnen wie Du
willst, in den Augen mit unvertilgbaren Zügen geschrieben steht, lebst
Du noch ein Jahr drüben und springst nachher wieder selbst an Bord eines
Wallfischfängers, wenn Du auf keine andere Weise fortkommen kannst, oder
-- Du bist elend und unglücklich.«
»Nein nein Adolphe, Du hast Unrecht« rief René, aber er war
aufgesprungen, und ging mit raschen Schritten im Zimmer auf und ab. »Du
hast Unrecht, und ich werde es Dir beweisen; habe ich Dir doch schon
früher gezeigt was ich durchsetzen kann, und auch damals hieltest Du es
für unmöglich.«
»Armer René« sagte Adolphe -- »schon mit _den_ Worten gestehst Du mir
Alles ein, ohne es selber vielleicht zu wissen; und doch irrst Du Dich.
In tollkühnem Muth, einer Gefahr trotzend, die sich Dir noch so wild und
furchtbar entgegenstellt, _ja_; im kecken Wurfe bist Du im Stande und
setzest Dein Leben ein und gewinnst. Ich glaube nicht daß Du Dich durch
irgend eine Schwierigkeit oder Gefahr von irgend einem gefaßten Vorsatz,
wär er noch so wahnsinnig, zurückschrecken ließest. Du hast mir das
mehrfach bewiesen und am schlagendsten durch Deinen Ein- wie Austritt an
Bord des Wallfischfängers; hier aber, wo es darauf ankommt durch
zähes _geduldiges_ Ausharren ein Ziel zu erreichen, gäbe es keinen
unpassenderen Gesellen dazu wie Dich, und zwingst Du Dich hinein, so
gehst Du darüber zu Grunde -- denk' an mich.«
Wilder Lärm draußen unterbrach sie hier; die Leute sprangen durch
einander und verworrene Rufe wurden laut. Die beiden jungen Leute waren
der Thür zugeeilt, zu sehn was es gäbe, als draußen die scharfen Schläge
einer Trommel ertönten.
»Alle Wetter!« rief Adolphe, »es scheint Ernst zu werden, die Trommel
ruft uns auf unsere Sammelplätze. Und wo sehen wir uns wieder, René?«
»Heute Abend hier.«
»Gut denn, und ade so lange!« und mit herzlichem Kuß und Handdruck
trennten sich die Freunde, Adolphe seinem neuen Beruf mit all dem
lebendigen Feuereifer obliegend, eben in dem Neuen der Sache den Reiz
findend der ihn auch für manche Last und Unannehmlichkeit entschädigen
mußte, während René in der Thür stehen blieb und ihm die Straße hinab
nachschaute, bis ihn eine Biegung derselben seinen Blicken entzog. Tief
aufseufzend drehte er sich dann um und wandte sich, theils in das Haus
zurück zu gehen und seinen Hut zu holen, theils zu sehen was es gebe,
als er seinen Namen gerufen hörte und sich umschauend Lefévre erkannte,
der mit ausgestreckter Hand auf ihn zu kam.
Der früher so muntere und leichtherzige Nachbar sah aber gar verändert
und angegriffen aus. Er trug den linken Arm in der Binde und war bleich
und abgemagert, auch der Blick seines Auges hatte etwas Feindliches,
Stieres gewonnen, das er sonst nicht gehabt.
»Hallo Lefévre, wie sehn Sie aus?« rief René erstaunt -- »wo wurden Sie
denn verwundet, und sind denn unsere Truppen schon mit den Eingeborenen
zusammengetroffen?«
»Hier noch nicht« sagte Lefévre, mit einem eignen Lächeln in den scharf
ausgeprägten und keineswegs angenehmen Zügen, »wenigstens bis heute
Morgen nicht, aber jetzt gerade gehts los, und ich will mir nur eben
meinen Säbel und meine Pistolen holen, als Freiwilliger den Spaß mit zu
machen.«
»Mit dem Arm in der Binde?« sagte René kopfschüttelnd. »Sie sollten
froh sein daß Sie eine Entschuldigung haben nicht gegen die Eingeborenen
fechten zu müssen, weshalb das muthwillig herbeiziehen. Gehören wir
Beiden nicht zu ihnen?«
»Zu den rothen Hallunken?« rief Lefévre mit einem wilden Fluch -- »hol
sie der Teufel alle, denn nicht Frieden giebts, bis wir die eine
Hälfte von ihnen todtgeschlagen, und die andere in ihre Bergschluchten
hineingejagt haben, dort von Feis und wilden Ziegen ihr Mahl zu halten.
Daß die Pest zwischen sie fahre!«
»Lefévre?« rief René erstaunt -- »was ist denn mit Ihnen vorgegangen? --
wo ist Aumama?«
Lefévre lachte höhnisch und rief, den Kopf zurückwerfend:
»Zu ihrem Gesindel zurückgekehrt, aus dem ich ein Thor war sie heraus
zu ziehen -- nun, ich habe wenigstens meinen Spaß mit ihr gehabt --
Sie haben Sadie auch wieder nach Atiu zurückgeschickt, wie ich höre.
Gescheut, die Dirnen sind recht gut für eine kurze Zeit, so etwas muß
aber nicht zu lange dauern, sonst wird es langweilig.«
»Ich habe sie hinübergeschickt um selber nachzugehn« erwiederte René
ernst, »und haben _Sie_ sich so leicht von Ihrer _Frau_ trennen können?«
»Frau trennen können« lachte Lefévre -- »wenn es ihr nicht mehr
Thränen gekostet hat wie mir, sind wir alle Beide ungemein leicht davon
gekommen. Aber wissen Sie daß der Teufel losgegangen ist? die Burschen
machen Ernst.«
»Doch nicht hier in Papetee?« sagte René.
»Nicht gerade in der Stadt, aber in Mahaena haben sie sich
verbarrikadirt und einen Trupp Soldaten, der sie von dort vertreiben
wollte, mit blutigen Köpfen zurückgejagt. Eben ist die Nachricht hier
hergekommen, und es soll jetzt gleich ein Bataillon dorthin aufbrechen,
den Empörern zu zeigen mit wem sie eigentlich in ihrer Verblendung den
Krieg begonnen. Durch diese protestantischen Missionaire aufgehetzt,
glauben und hoffen sie immer noch auf die Unterstützung gar nicht
vorhandener englischer Schiffe, es wäre ja sonst doch nicht möglich, daß
sie nur einen Augenblick daran denken könnten, ernsthaften Widerstand zu
leisten. Aber dort rückt schon das Militair heran, kommen Sie mit, René,
wir machen uns einen kleinen Spaziergang dahinunter, und helfen die
Burschen mit in die Berge jagen.«
René schüttelte mit dem Kopf.
»Ich habe Nichts in dem Kampf zu thun« sagte er ernster, »meine
Landsleute mögen das unter sich ausmachen.«
»Bah, Sie werden doch nicht zusehn wollen wie wir uns schlagen?«
»Warum nicht? -- so lange ich kein Interesse dabei habe.«
»Und wenn sie uns hier in der Stadt angreifen?«
»Sie schienen ja eben noch nicht einmal zu glauben daß sie einem
einzelnen Bataillon Stand halten könnten.«
»Ei, der Teufel traue den Schuften, manchmal sind sie zäh und werfen
sich mit ihren nackten Leibern ganz tollkühn und einer besseren Sache
werth in die Bayonnette, wie bei Tairabu.«
»Sie vertheidigen ihr Vaterland« sagte René ernst -- »das ist die beste
Sache, die sie vertheidigen können.«
»Meinetwegen« lachte der Franzose, »ich aber habe nun einmal meine ganz
besondere Malice auf sie -- also adieu, wenn Sie denn durchaus nicht
mitwollen und auf Wiedersehn!« und rasch seinen Säbel umschnallend, den
er indeß aus der Ecke geholt, und wobei ihm Einer der hier zur Bedienung
gehaltenen indianischen Burschen, da er die linke Hand nicht gebrauchen
konnte, helfen mußte, verließ er das Haus mit schnellen Schritten sich
dem indeß schon voraus marschirten Trupp anzuschließen.
* * * * *
Die Sonne von Tahiti beschien, zum ersten Mal wieder, seit ihre
Feudal- und Religionskriege bei Seite geworfen waren, ein wildes und
kriegerisches Bild.
Kaum mehr als etwa zwölf englische Meilen von Papetee entfernt, wo die
friedlichen leicht gebauten Bambushütten von Mahaena standen, hinter
denen sich die gewaltigen Bergesmassen in steilen kurzen Hängen erheben,
hatten sich die Bewohner der benachbarten Distrikte, nach dem Angriff
auf Tairabu, zu kurzem Kriegsrath gesammelt, und mit zornig blitzenden
Augen und geschwungenen Speeren Rache verlangt für das vergossene Blut
der Brüder. Ein Schrei der Entrüstung zuckte durch das ganze Land, und
was an waffenfähiger Mannschaft in der Nähe war eilte herbei, seinen Arm
der Sache des Vaterlandes anzutragen.
Die am meisten fanatisirten Häuptlinge der Eingeborenen hatten sich hier
gesammelt, Aonui und Potowai, Taaniri, Kahuahu und selbst Teraitane, und
Boten wurden an Paofai, Tati, Utami, Hitoti und Paraita abgeschickt,
diese ebenfalls der vaterländischen Sache zuzuwenden. Einzelne von
diesen aber, wie Paofai und Hitoti hatten sich direkt geweigert Pomares
Sache zu der ihrigen zu machen, während Paraita, Krankheit vorschützend,
ebenfalls in Papetee blieb und nur Tati und Utami, der eine sich nach
Papara, der andere nach Papeneeo zurückzog, dabei jedenfalls ihren
Rücktritt von den französischen Interessen erklärend.
Nicht müßig aber beriethen nur die Häuptlinge in Mahaena, sondern
zu gleicher Zeit wurden an dem einen passendsten Hügelhang, auf den
Vorschlag und unter der Anleitung mehrer englischer und irischer
Matrosen, Befestigungen aufgeworfen, einem etwaigen Angriff auch
die Spitze bieten und abwarten zu können, bis die ganze Insel
gemeinschaftlich gegen die Unterdrücker aufstehn würde. Ueberhaupt
hatten sich eine ganze Zahl Fremder, die sich früher hier nieder
gelassen und den Einfluß der Franzosen fürchteten, den Eingeborenen
gleich von allem Anfang angeschlossen, von denen sie, wenigstens von
den meisten, gar sehr willkommen geheißen wurden. Es war diesen schon
gewissermaßen eine Beruhigung Weiße mit sich gegen Weiße zu wissen und
in der Führung der Feuerwaffe, die sie hier zum ersten Mal in die Hände
bekamen, brauchten sie auch noch Leute die sie mit den Geheimnissen
derselben betraut machten. Die meisten dieser Weißen waren früher
entlaufene Matrosen von Wallfischfängern, ja hie und da aber auch sogar
von den französischen Kriegsschiffen selber, die sich in den steilen
unwirthbaren Bergen nicht halten konnten, und jetzt wohl genöthigt
wurden die Waffen aufzugreifen, ihre eigene Freiheit zu vertheidigen.
Unter ihnen befand sich Jack sowohl, wie Jim O'Flannagan, dem der
Aufenthalt in Papetee nach seinem letzten Zusammentreffen mit dem
Lieutenant der Jeanne d'Arc doch zu heiß geworden war, und der doch auch
kein Schiff finden konnte die Insel jetzt gerade, was er mit Vergnügen
gethan haben würde, zu verlassen. Auch der Neger war dort, eine
herkulische Gestalt, der vor einigen Abenden erst einen Zank mit mehren
französischen Soldaten bekommen und vier davon so zugerichtet hatte,
daß er sich nur durch die Flucht der blutigen Rache der übrigen entzog.
Manche Andere waren durch die Franzosen selber zu diesem letzten
verzweifelten Schritt getrieben, die unkluger Weise in jedem Engländer
oder Amerikaner einen Verräther ihrer Sache sahen und diese auf Schiffe
packen wollten, um sie von Tahiti wenigstens zu entfernen, oder
auch möglicher Weise unter Aufsicht zu halten, bis der Conflikt erst
entschieden und das tahitische Volk selber vollständig unterworfen
gewesen wäre.
Mit dieser Beihülfe war Mahaena, oder vielmehr das Fort von Mahaena,
wie man die rohe Verschanzung nannte, gar nicht so schlecht befestigt
worden. Ein etwa fünf Fuß hoher und ungemein starker Erdwall sollte sie
vor allen Dingen gegen die Kugeln der Kriegsschiffe schützen, die man
jedenfalls bei einem Angriff der Franzosen erwarten mußte, während sich
das Rücktheil der kleinen Veste an den steilen Hügel selber lehnte und
die Zerrissenheit der Schluchten nur einen einzelnen, den Eingeborenen
allein bekannten Pfad dort hinaufließ, den wenige Mann hätten gegen eine
gewaltige Ueberzahl vertheidigen können. Auf dem Wall aber schützte
ein starkes Pallisadenwerk, von den starren zackigen Aesten der
Guiaven aufgeschichtet, das kleine Fort fast vollständig gegen einen
Bayonnetangriff, und Boten waren indeß schon nach allen Richtungen
abgesandt, die Krieger der verschiedenen Stämme herbei zu ziehen und
hier zu sammeln und dann einen vereinten Angriff auf Papetee zu wagen.
Die Franzosen wollten ihnen aber da keineswegs so lange Zeit gönnen,
weil sie schon des bösen Beispiels wegen suchen mußten die Eingeborenen
von jedem Fleck wo sie sich befestigen konnten, zu vertreiben, ihnen vor
allen Dingen das Vertrauen zu nehmen, daß sie sich überhaupt einem ihrer
ernstlichen Angriffe mit Erfolg entgegenstellen _könnten_. Die Scharte
von Tairabu mußte sobald als möglich wieder ausgewetzt werden.
Am frühen Morgen hatten deshalb auch die beiden dorthin beorderten
Schiffe, die Uranie wie der Dampfer Phaeton ihre Truppen gelandet, aber
noch keinen wirklichen Angriff unternommen, weil man erst die Ankunft
der aus der Stadt herbeigezogenen Truppen erwarten wollte, und es
war Mittag geworden bis diese eintrafen; dann aber eröffneten beide
Kriegsschiffe auch ihr Feuer auf das kleine Fort. Der Schlag gegen die
Empörer sollte mit einem Mal geführt und alle die Frevler vernichtet
oder zerstreut werden.
Oben im Fort selber herrschte indessen ein reges Leben. Die Frauen
und Kinder hatten sich schon bei Ankunft der Schiffe in die Berge
geflüchtet, und nur ein Theil derselben, meist lauter junge kräftige
Weiber, waren ihren Männern oder Vätern gefolgt, das Pittoreske der
Scene dadurch nur noch erhöhend. Ueberall auf dem weiten geräumigen
Plateau kauerten sie über den dampfenden Kochgruben, das Mittagsmahl für
die Krieger zu bereiten; mit dem schmalen Holzspaten warfen sie die Erde
herab und lüfteten die über saftige Ferkel oder Brodfrucht gedeckten
Blätter, zu sehn ob sie bräunen und gahr werden wollten, und breiteten
dann die glatten Blätter der Banane oder des Tutuibaumes auf ebene
Stellen aus, als Tisch dem leckeren Mahle. Indianer und Europäer saßen
dabei wild durcheinander gestreut, und wenn irgend Jemand überhaupt bei
der Gasterei ausgezeichnet wurde, bei der nur die Häuptlinge für sich
einen etwas erhöhten Platz gewählt hatten, so war es der Neger
Pompey, dem die Frauen und Mädchen, vielleicht seiner brillant schwarz
glänzenden Farbe wegen, die besten Stücke aussuchten und zuerst die
Cocosnuß zum Trinken reichten. »Pompey« ließ sich das auch ganz ruhig,
und wie ein Mann, der an etwas derartiges gewöhnt ist, gefallen, und
that der Mahlzeit alle Ehre an, während er mit den Männern selber lachte
und Geschichten erzählte, und der Ausgelassenste von Allen schien. Dann,
in einem förmlichen Paroxismus von Fröhlichkeit, warf er sich nicht
selten hintenüber, zwei Reihen der glänzendsten Zähne dabei zeigend, und
die Eingeborenen schrieen und jubelten um ihn herum.
Ein gar verschiedenes Bild hiervon zeigte eine andere Gruppe, an
einem der entferntesten Theile der Verschanzung, denn dort hatte der
ehrwürdige Bruder Dennis, jeder Gefahr von Außen her trotzend und recht
gut wissend daß die Franzosen einen Angriff beabsichtigten, eine kleine
Schaar seiner Gemeinde um sich versammelt, die in den wunderlichsten und
oft nicht immer ehrerbietigsten Stellungen der Predigt lauschten. Die
meisten saßen allerdings auf Steinen oder ausgebreiteten Matten, jeder
seiner eigenen Bequemlichkeit folgend, ruhig und aufmerksam vor ihm,
andere hatten sich aber auch, von den Schanzarbeiten ermüdet, der
Länge lang ausgestreckt, und lauschten mit halbgeschlossenen Augen
der Predigt, mit leiser Stimme die dann und wann gesungenen Hymnen
nachbrummend, während noch Andere emsig dabei beschäftigt waren ihr
indeß gahr gewordenes Mittagsbrod mit ihren Holzspaten zu Tag zu
fördern, das sie dann auch augenblicklich an Ort und Stelle, und
zu gleicher Zeit der körperlichen wie geistigen Nahrung hingegeben,
verzehrten.
Ueberall aufgestellte Waffen, Musketen mit und ohne Bayonnette,
Speere, ja hie und da sogar noch Bogen und Pfeile, Keulen, Wurfspeere,
Cavallerie- und Infanteriesäbel, Aexte und Beile, gaben dabei dem ganzen
Bilde ein kriegerisches Aussehn, und wild dazwischen herumtanzende
Mädchen, sich weder um die Predigt noch die Essenden kümmernd,
vollendeten die Scene. Unordentlich durch einander gewürfelt lag und
stand Alles, Niemand schien da, der einen Oberbefehl über das Ganze
habe, oder irgend einen Einfluß darauf ausüben könne, und ohne Dach und
Fach, nur hie und da mit ein paar rasch und unregelmäßig aufgesetzten
Pandanus oder Bananenblatt-Dächern, machte auch das ganze Lager weit
eher den Eindruck einer wandernden bewaffneten Caravane, die sich hier
zur Mittagszeit eine kurze Rast gegönnt und in der nächsten Stunde
wieder aufbrechen würde, als einer wirklichen Befestigung, die bestimmt
war einem mächtigen Feinde auf längere Zeit Trotz zu bieten und
Widerstand zu leisten.
Und diese Waffen -- rostige Musketen und hölzerne Speere, Keulen und
Beile, die sich dem furchtbaren Geschütz der Feinde entgegenstellen
sollten; wie Spott und grimmer Hohn lehnten die dünnen Lanzen an den
Erdwällen und kauerten oder standen die halbnackten Männer daneben,
ihrem Geschick verfallen wie es schien, wenn die geschlossenen Colonnen
der Feinde anrücken und ihre donnernden Geschütze die Todesboten in
die kleine Veste schmettern würden. Und hatten sie keine Ahnung der
furchtbaren Gefahr die ihnen drohe? -- noch war es Zeit, noch konnten
sie, durch Guiaven-Dickichte versteckt die sicheren Berge erreichen,
wohin ihnen der schwerfälligere Feind nicht zu folgen vermochte. Auch
der finstere Priester dort in der Ecke weckte mit donnernder Stimme die
Unglücklichen zu Buße und Reue »in der elften Stunde.« Die offene
Bibel im linken Arm, die rechte gegen sie ausgestreckt und das bleiche
ausdrucksvolle Gesicht zum blauen Himmel flehend, zitternd emporgewandt,
stand er da, ein mahnendes Bild dem Sünder, ein Wegweiser zu dem Thron
des Höchsten.
Horch -- ein leiser Trommelwirbel vom andern Ende des Lagers -- die
Betenden wandten den Kopf halb danach um -- fürchten sie den anrückenden
Feind? -- Noch einmal, lauter als vorher und ein gellender Jubelruf der
den Ton begleitet --
»Horch!« schrie eine jauchzende Mädchenstimme, fortwerfend was sie
gerade in Händen hielt und in der Erregung des Augenblicks, von dem
Feind bedroht, selbst die Nähe des sonst so gefürchteten Missionairs
nicht achtend.
»Horch
Horch wie der Trommel Schlag
Wirbelt der Brandung nach
Horch
Lauert der Feind auch schon,
Herzchen ich komme schon
Horch!«
Es war Maire, trotz dem noch lange nicht wieder gewachsenen Haar die
tollste der Schaar, die den Zwang erst einmal abgeschüttelt dem sie
unwillkürlich das Knie gebeugt, jetzt fast gar nicht wußte wie sie die
versäumte Zeit am raschesten und wildesten wieder nachholen könne.
»Maire! Maire!« riefen einzelne Stimmen warnend, aber die Trommel
wirbelte weit verlockender darein und die tolle Dirne war schon lange,
von fünf oder sechs andern jetzt gefolgt, zum Nationaltanz angesprungen,
dem sie in seinen wildesten Formen und Stellungen folgte.
Aonui, der fromme Häuptling, und Potowai waren aufgesprungen und schauten
mit gerunzelten Brauen auf den Unfug, der selbst im Angesicht des
frommen Missionairs verübt wurde, und dieser sprach einige ernste
drohende Worte zu den Männern. Aber die Männer waren nicht allein
Christen, sie waren auch Häuptlinge, und fühlten recht gut wie sie jetzt
gerade, im Begriff einen gefährlichen Kampf zu bestehen, dem jungen
Volk nicht den tollen Muth wehren durften, der wohl die Grenzen der
Schicklichkeit übertritt, dann aber auch wieder im ernsten Kampf, dem
stärkern Feind gegenüber, ihm die starre und kecke Todesverachtung gab,
in dem aufgeregten fröhlichen Blut.
»Maire! Maire!« rief Aonui endlich, aber mehr ermahnend als strafend von
seinem erhöhten Platze nieder, »wahre Dich Mädchen und denke an Deinen
Gott -- wer weiß ob Du nicht in der nächsten Stunde schon vor seinem
Richterstuhl stehst --«
»Ich?« schrie das tolle Mädchen in jubelnder Lust zurück, während sie
das Oberkleid von den Schultern riß und von sich schleuderte »ich? --
Bah!
Heut ist ein Jubeltag
Hörst Du der Trommel Schlag?
Da!
Hei, wie der Wirbel rollt
Betet so viel Ihr wollt.
Da!«
Und jubelnd und jauchzend fiel der Chor ein, Männer und Frauen,
denn viele von diesen freute es, daß sich dem sonst so gefürchteten
Missionair eines der Mädchen keck entgegengestellt hatte, und die
einzelne Trommel, ein altes englisches Instrument, und in früherer Zeit
einmal von irgend einem Kriegsschiff gegen wer weiß was für werthvolle
Sachen eingetauscht, schlug rasselnd ein in den tobenden Chor, den das
zürnende Gebet des Missionairs nicht übertäuben konnte.
Der fromme Aonui kam aber auf einen anderen Ausweg, und mit den um ihn
geschaarten Seinen, denen er rasch ein Zeichen gegeben, begann er
jetzt ohne Weiteres eines ihrer gewöhnlichen und von allen gekannten
Kirchenlieder, das sie im Chor so gern sangen und dem sich auch
augenblicklich die Nächsten anschlossen. Weiter und weiter drängte die
fromme Melodie hinein in die Masse, den Tanz und Sang der Einzelnen
schon halb übertönend, mehr und mehr schwollen die Töne im vollen
rauschenden Chor, ein Preis dem Herrn in der Höhe und ein Gebet um
seinen Schutz, seine Hülfe in Drangsal und Noth.
Die Tänzer standen still und horchten den Tönen -- selbst der Trommler,
der im Anfang wie in Schadenfreude nur ärger auf das gespannte Fell
losgeschlagen, schwieg mit dem wilden Tanz und folgte leise dem Takte
der Hymne mit den Schlägeln -- wunderliche Begleitung dem frommen Lied:
Dein sei Lob, Ehre, Preis und Ruhm
Der Liebe höchstes Eigenthum --
Erbarm Dich uns'rer Sünden
Und laß uns, oh Herr Zebaoth
In Leid und Graus in Noth und Tod
Vor Dir Herr, Gnade finden.
Und wenn das letzte Strafgericht
Im Sturm der Erde Vesten bricht
Mit Deinen starken Armen,
»Der Feind -- der Feind!« dröhnte da plötzlich ein gellender Schrei
selbst über das jetzt zum vollen Chor angewachsene Lied hinaus, das die
Landbrise weit weit hin über das Wasser trug, aber die Sänger störte es
nicht. Einzelne flüsterten das Schreckenswort nach, »der Feind --
der Feind!« und zwei oder drei sprangen auf die Brüstungen nach den
erwarteten Colonnen auszuschauen, aber Aonui mit voller kräftiger
Stimme, die Arme, wie Hülfe suchend zum Himmel aufgestreckt, erhob seine
Stimme nun um so lauter, und donnernd überschallte den Ruf der Schluß
des Verses:
»Dann führe uns durch Nacht und Graus
Zu Dir hinein, in's Vaterhaus --
Erbarmen Herr -- Erbarmen!«
»Der Feind! der Feind!« schallte es jetzt aber dringender, gellender als
vorher -- von unten herauf tönten die scharfen schmetternden Töne
der Trompeten, und dumpfer Trommelschlag wirbelte d'rein, während die
ausgesandten Laufer und Wächter athemlos aus dem, die Umschanzungen
begränzenden Holz brachen und die Nachricht brachten, daß der Feind in
zwei starken Colonnen anrücke, und sich, wie es schien, zum Sturm rüste
auf das Fort.
Oben wirbelte aber auch schon die Trommel den Schlachtenruf, während
die Männer nach ihren Waffen sprangen, und noch drängte und trieb Alles
durcheinander, in ungeordneten Haufen dem allerdings schon früher durch
Teraitane für jeden bestimmten Platze zuzueilen, als der erste Gruß
von den Schiffen herüber schmetterte, und die Uranie wie der Dampfer in
voller Flankensalve ihre Kugeln theils in dem Wall begruben, theils vor
oder hinter ihnen die Guiavenstämme krachend zusammenschlugen.
Einen Augenblick stand die Schaar wie erschreckt; es war bei fast
allen das erste Mal, daß sie die furchtbare Wirkung einer solchen Kugel
beobachten konnten; Jim O'Flannagan aber, der seine Zeit bis dahin
benutzt und während die andern getanzt oder gesungen, auf eine Matte
ausgestreckt ein ganz tüchtiges Mittagsschläfchen gehalten hatte, sprang
bei dem, ihm gut genug bekannten Lauten empor, und den Hut um den Kopf
schwingend, rief er ein donnerndes dröhnendes Hurrah den feindlichen
Kugeln keck und furchtlos entgegen.
Die Salve aber, die vollkommen erfolglos gewesen, wie der
herausfordernde Ton des Iren, dem sich Pompey jetzt zugesellte und sein
zweites Hip hip hip hurra ertönen ließ, fand Anklang in den kecken und
muthigen Herzen der Krieger, und der tahitische Schlachtenschrei, der
das Echo in diesen Thälern seit langen Jahren nicht geweckt hatte, brach
in wilder jubelnder Lust von ihren Lippen.
Es war ein stilles, friedliches Volk, das den Krieg fast ängstlich so
lange vermieden hatte, wie es nur irgend eine Aussicht auf gütliche
Beilegung seiner Zwistigkeiten sah, das aber jetzt auch, da es die
Fremden zu arg getrieben, rücksichtslos auf irgend eine größere Macht
die noch vielleicht an ihre Küste geworfen werden könnte, die Waffen
aufgriff, und nun mit eben dem kecken, vielleicht unbewußten Muth der
Gefahr entgegenging, wie es früher in seine Kirche oder zu seinem Tanz
gegangen war.
Nur dieser erste Augenblick der Erwartung war peinlich -- die
Ungewißheit von welcher Seite der Angriff zuerst geschehen würde, und ob
sie es überhaupt wagen würden die Eingebornen in ihrer festen Stellung
anzugreifen. Von diesen, mit vielleicht zwanzig oder dreißig Europäern
und vierzig oder fünfzig Frauen, waren etwa 1000 Krieger dort
versammelt; die Hälfte aber kaum mit ordentlichem Feuergewehr bewaffnet,
führten die Anderen noch ihre alten hölzernen Speere von Oros Zeit,
und Viele Schleudern und Wurfspeere. Hier aber zeigte sich jetzt ein
gewaltiger Nachtheil gegen frühere Zeit, wo eben diese unscheinbaren
Waffen selbst in den Händen der nackten Wilden zu furchtbarer Wehr
durch die Geschicklichkeit geworden waren, mit der sie sich derselben zu
bedienen wußten. Die Zeit war vorbei, denn die Missionaire hatten ihnen
ernstlich jede Art solcher »heidnischer« Waffenspiele untersagt gehabt,
weil diese ihre Gedanken nur wieder zu dem alten viel zu sehr geliebten
Kriegsgott Oro zurückführen mußte, und sie Alles zu vermeiden suchten,
was die Erinnerung an jene Zeit ihrem Gedächtniß erhalten konnte. Die
wenigen Eingeborenen, die sich noch im Gebrauch der Schleuder -- früher
eine ihrer gefährlichsten Waffen -- tüchtig geübt gehalten, hatten sich
nie dem Einfluß der Missionaire unterworfen gehabt, oder es heimlich
gethan, und Wurfspeer sowohl, wie Bogen und Pfeil die Hälfte ihrer
Gefahr für die Angreifer verloren. Nichtsdestoweniger gab ihnen ihre
feste Stellung dafür wieder andere Vortheile, und mit trotzigem, jetzt
fast ungeduldigem Muth erwarteten sie den immer noch hinausgezögerten
Angriff.
Eine Gefahr existirt nur so lange sie droht, und hat gewöhnlich all
ihre Furchtbarkeit verloren, so bald sie erst wirklich einmal in's Leben
tritt; das Leben kämpft dann dagegen an, und in dem Ringen gerade liegt
die Vergessenheit derselben.
Schmetternder Trompetenschall tönte herauf; von den Schiffen drüben
blitzte es wieder in langer zuckender Reihe, und prasselnd hagelte auf's
Neue ein eiserner Kugelgruß von da herüber gegen die kleine Veste, von
wo sie mit trotzigem Jubelruf begrüßt und beantwortet wurde.
»Dort kommen sie, meine Burschen!« schrie da Pompey, der an der einen
Flanke, seiner riesigen Kräfte und vielleicht auch seiner schwarzen
Farbe wegen, mit einem Anführerposten betraut war -- »da kommen sie, nun
hurrah und wahrt Euer Feuer, bis sie aus den Büschen heraustreten und
vollkommen draußen im Freien sind -- keinen Schuß eher, und keinen
Speerwurf, wenn Ihr nicht den Mann schon fast mit der Spitze erreichen
könnt -- verdamme die hölzernen Dinger« murmelte er dann leise vor sich
hin -- »s'ist doch nur so, als wenn man sich nach Tisch mit Zahnstochern
wirft.«
»Für die Bibel! für die Bibel!« schrie Aonui auf der anderen Seite,
wirklich seine Bibel im linken Arm, die er fest an die Brust gedrückt
hielt, indeß er mit der rechten Hand seine Muskete schwenkte -- »für
die Bibel Ihr Streiter Gottes, der Herr ist mit uns und wird die Feinde
zerstreuen, wie Spreu vor dem Winde!«
Jim, der nicht weit von ihm stand, brummte etwas in den Bart und sah
nach seiner Muskete, während der ehrwürdige Mr. Dennis die meisten der
Frauen um sich gesammelt hatte und mit ihnen im brünstigen Gebet auf den
Knieen lag, vom Herrn der Heerscharen die Abwendung so schweren Leides
zu erflehen, »wenn das noch eben irgend möglich sei, und mit seinen
himmlischen Rathschlüssen übereinstimme.«
Näher und näher wirbelten die Trommeln, schmetterten die Hörner der
Stürmenden; auf einer kleinen Anhöhe, nicht sehr weit von dem Fort, aber
etwas tiefer als dieses liegend, waren mehre Feldstücke aufgepflanzt,
die von jetzt ein lebhaftes Feuer auf den Wall begannen, ohne
jedoch irgend einen Schaden anzurichten, als hie und da ein paar der
aufgeschichteten Guiaven-Pallisaden einzureißen und einige leichte
Verwundungen der nächst dabei Stehenden zu verursachen, die aber kaum
beachtet und mit nur herausfordernderem Geschrei beantwortet wurden.
Jetzt aber rückten auch in geschlossenen Colonnen die Verstärkungen von
Papetee, eine Compagnie Marine-Infanterie mit den Soldaten des Phaeton
und der Uranie und den dazu gegebenen Seeleuten, in geschlossenen
Colonnen gegen die Verschanzung an, und wo sich ein Kopf irgendwo
darüber blicken ließ, wurden gerathewohl Schüsse hinübergefeuert, die
Eingeborenen zu schrecken und zurückzuhalten, daß die Stürmenden
den Wall erst einmal erreichen und ersteigen konnten. Aber weit
furchtbarerer Widerstand erwartete sie hier als sie je vermuthet hatten.
Pompey, der sein dunkles Gesicht einem dichten darübergehaltenen
Guiavenbusch anvertraut hatte, unbelästigt die Stürmenden vor allen
Dingen beobachten zu können, gab zuerst das Zeichen. Er hatte etwa
fünfzig mit Musketen bewaffnete Männer unter seinem Befehl, denen er
schon den ganzen Morgen mit größtem Eifer und vielem Erfolg das rasche
Laden beigebracht und sie den Werth bequemer Patrontaschen gelehrt
hatte, und kaum zeigte sich die erste Colonne im Sturmschritt den
steilen Hügel erklimmend, in dem Bereich ihrer Kugeln, als er mit
gellendem Schrei seinen Arm, das verabredete Zeichen, emporwarf, seine
Büchse aufgriff, und von seinen Leuten redlich dabei unterstützt,
eine wirkungsvolle Salve in die anstürmenden Feinde gab, die vor
solch unerwartetem Gruß allerdings einen Augenblick stutzten und
zurückprallten. Aber es war auch wirklich nur ein Augenblick, denn mit
einem wilden, zornigen Hurrah, nicht allein jetzt den Feind zu besiegen,
sondern auch die gefallenen Kameraden zu rächen, warfen sich die
Soldaten, rasch ihre Gewehre abfeuernd, und ohne sich selbst Zeit zu
nehmen wieder zu laden, auf die Schanzen, den Wall mit Sturm zu nehmen
und den dahinter versteckten Gegner zu vertreiben.
Gleichen Anprall hatte Aonui abzuhalten, der aber den größten Theil
der Europäer in seiner Schaar zählte und die Feinde ebenfalls mit
wohlgezielten Schüssen empfing. Aber auch hier, nach kaum einmal
gewechselter Salve, flogen die Franzosen zum Bayonnetangriff und
nachdrängend in keckem Muth, warfen sie sich tollkühn gegen die Schanzen
an.
Hier aber zeigte sich der Vortheil des zu Pallisaden benutzten
Guiavenholzes, das starr und elastisch, die rauhen knorrigen und doch
schwachen Aeste überall hinausstreckte, keinen Halt dem bietend,
der sich daran fest klammern wollte, und doch auch wieder dem Druck
nachgebend statt zu zerbrechen. Wie in einer Falle gehalten staken die
ersten der Stürmer zwischen dem zähen überall auszweigenden Holz und
die Speere der dahinter stehenden Wilden suchten und fanden mit leichter
Mühe förmlich vertheidigungslose Opfer.
Einzelnes Musketenfeuer prasselte dazwischen -- hie und da hatte ein
Trupp tollkühner Franzosen in die Lanzen und Bayonnette der Feinde
hinein sich seine Bahn erzwungen, und Posto gefaßt auf dem Erddamm, von
dem sie vergebens jetzt niederzupressen suchten, die Einzelnen, in die
Schaar der Feinde, einem gewissen Heldentod entgegen. Dazu suchten die
weiter unten aufgestellten Feldstücke alle die Plätze zu bestreichen, wo
kein französisches Militair im Angriff war, die Feinde an dieser Stelle
wenigstens von dem Damm zu halten; aber tiefer stehend als das Fort
selber, waren sie nicht im Stande irgend einen wesentlichen Schaden zu
thun, und die Eingeborenen achteten die Kugeln gar nicht, die draußen
harmlos in die Erdwälle oder in den Hügel selber einschlugen.
Wilder und tödtlicher wurde das Handgemenge, besonders da, wo Aonui an
Jim O'Flannagans Seite mit wahrem Heldenmuthe focht. Der alte Mann hatte
aber doch die Bibel, die er bis dahin unverdrossen im Arm getragen,
in der Hitze des Gefechts fallen lassen, ohne es in der That gewahr zu
werden, zweimal schon sein Gewehr mit Erfolg auf den Feind abgefeuert,
und eben wieder zum dritten Mal geladen. Jim O'Flannagan, der Ire
kämpfte neben ihm, und wenn auch nicht mit so kecker Todesverachtung
wie der Indianer, vielleicht mit dafür desto günstigerem Erfolg,
denn keineswegs gesonnen sein Leben irgend einer unnöthigen Gefahr
auszusetzen, hielt er sich immer etwas mehr im Rückhalt, jeden Platz
aber dann um so gewandter und auch entschlossener vertheidigend, wo die
Franzosen irgend festen Fuß zu fassen drohten. Er wußte genau für was er
kämpfe, und hatte überhaupt keine Idee gehabt, daß die »Fremden« einen
solchen ernsten Angriff auf das kleine Fort beabsichtigen könnten.
Jetzt aber durfte er den Platz nicht gut mehr verlassen, ohne bei den
Eingeborenen als feige verschrieen zu werden und die einzige Vorsicht
die er nun brauchte, war sein Gesicht so wenig als möglich auf dem Wall
zu zeigen, während er doch selber dann und wann einmal einen Blick nach
unten zu gewinnen suchte, ob er nicht seinen gefährlichsten Feind und
Gegner unter den Stürmenden entdecken und vielleicht unschädlich machen
könne.
Die Matrosen der Jeanne d'Arc waren allerdings bei dem Sturm betheiligt,
denn Einer von ihnen, der sich zu keck den Uebrigen vorausgewagt, lag
von Jims Kugel getroffen todt in dem inneren Wall, der Strohhut war ihm
vom Kopf gefallen und das breite schwarze Band darum trug den vollen
Namen des Schiffes. Vergebens suchte er aber nach jenem Officier, die
Leute der Jeanne d'Arc schienen von Fremden, ihm wenigstens Unbekannten
angeführt zu werden, und zwei von diesen hatte er schon, immer nur sein
Augenmerk auf die eine Schaar gerichtet, den einen gleich auf dem Fleck
erschossen, den andern tödtlich verwundet, daß er fortgetragen werden
mußte.
Pompey auf seiner Seite hatte ebenfalls mit den ihm beigegebenen Leuten,
Wunder der Tapferkeit gethan, und die nackten Burschen warfen sich mit
kaltblütiger Todesverachtung immer auf's Neue dem scharfen Stahl der
Bayonnette entgegen, hier mit Schleuder und Wurfspeer, auf die kürzeste
Entfernung oft in einem förmlichen Kugelregen ihr Opfer suchend und
findend, und dort, unter den drohenden Waffen der Feinde gefallene oder
verwundete Kameraden herausholend, als ob sie sicher im Schatten ihrer
Palmen lägen.
Teraitane hatte den Oberbefehl des Ganzen, aber weder sein Befehl noch
seine Stimme wurde in dem Gewirr von Tönen, dem Schießen und Schreien,
Trompeten und Trommeln gehört, während bald darauf, indeß der Wind sich
nach dem Zenith der Sonne wieder legte, der Pulverdampf wie ein dichter
Schleier auf dem Hügel lag, und ein Feuern von den Schiffen aus ganz
unmöglich machte, indem sie von dort nicht mehr Freund und Feind
unterscheiden konnten. Und selbst im Einzelkampf war dieser Pulverqualm
den Eingeborenen günstig, denn die Franzosen konnten von ihrer
Schießwaffe erst in einer Entfernung Gebrauch machen, wo selbst die
leichten Wurfspeere tödtlich wirkten und die sicher geschleuderten
Steine manches Opfer trafen und zu Boden warfen. Aber auch erbittert
durch den unverhofften Widerstand warfen sich die Matrosen besonders,
immer auf's Neue gegen den Wall, von ihren Officieren unerschrocken
angeführt, einen Eingang zu erzwingen und den Feind in seine Berge zu
treiben.
Bertrand führte übrigens wirklich die Seeleute vom Bord der Jeanne
d'Arc, wenn ihn Jim O'Flannagan auch noch nicht gesehn, und Adolphe
focht mit einer kleinen und schon tüchtig zusammengeschmolzenen Schaar
der Marine-Infanterie an seiner Seite, selber aus mehren Wunden blutend,
aber unbekümmert darum die Seinen immer zu neuen Anstrengungen treibend.
Die Trompeten und Trommeln waren ihnen dabei mehr zum Schaden als Nutzen
gewesen, denn während sie die Leute, die dessen kaum noch bedurften,
mehr anfeuern sollten, verriethen sie den Belagerten immer schon im
Voraus die genaue Stelle wo der nächste Angriff geschehen sollte, und
zogen sie dorthin, den Stürmenden ihre ganze Macht entgegenzuwerfen.
Bertrand sandte deshalb jetzt auf Adolphes Rath seine Trommler sowohl
wie Trompeter, durch die Guiaven und den Nebel gedeckt, am Hang
hinunter, von dort aus, wenn sie das Fort eine kurze Strecke umgangen
hatten, einen Scheinangriff zu blasen, während sie dann zu gleicher Zeit
auf anderer Stelle das Fort suchen wollten zu forciren. Glücklich und
unbemerkt hatten diese auch, von einem jungen Seecadetten geführt, die
eben bezeichnete Stelle erreicht, und wie sie dort zum Angriff bliesen
und den, von den Eingeborenen jetzt nur zu gut gekannten Sturmmarsch
wirbelten, flogen die meisten der Vertheidiger dort hin, dem erwarteten
Angriff zu begegnen.
Teraitanes scharfes Ohr hatte aber gleich vom ersten Augenblick
mistrauisch den etwas zu ungewöhnlich lauten und herausfordernden Tönen
gelauscht, und rasch die Blöße entdeckend, die auf der einen Seite der
Verschanzung gegeben wurde, während auf der anderen noch immer kein
Schuß fiel, sprang er vor und rief Aonui mit seinen Leuten von dort ab,
auf ihrem Posten zu bleiben und ihre Seite des Walles zu vertheidigen.
Er brauchte ihnen aber seine Gründe nicht auseinanderzusetzen, denn in
demselben Augenblick fast hörten sie den raschen regelmäßigen Schritt
einer stürmenden Schaar, die lautlos und drohend heranrückte.
»Wehrt Euch!« rief Teraitane »und Feuer! sobald Ihr sie sehen könnt!«
und unter dem Knall der Musketen warfen sich die von Bertrand und
Adolphe geführten Seeleute dem kleinen schwachen Corps, das diese
Stelle noch besetzt hielt, entgegen, erzwangen den Damm und warfen die
Guiavenbüsche, während ein Theil der Truppe die Eingeborenen mit dem
gefällten Bayonnette zurückhielt, hinter sich hinab, freie Bahn zu
bekommen für sich und die Nachfolger, und drangen dann, während die
hinten Stehenden so rasch als möglich nachpreßten, gerad' hinein in die
ihnen entgegenstarrenden Speere und Bayonnette.
Die Pistolen der Matrosen thaten hier schlimme Wirkung, und trotz dem
daß sich Aonui mit den Seinen in voller Todesverachtung den feindlichen
Kugeln aussetzten, und ihnen jeden Zollbreit Raumes mit scharfer Waffe
streitig machten, faßten die Franzosen schon mehr und mehr festen
Fuß, selbst bis in die Verschanzung selber hinein, wo sie sich
auch vielleicht, waren sie in diesem Augenblick von Außen gehörig
unterstützt, behauptet hätten. Der Nebel, der ihr Eindringen aber
begünstigte, verhinderte auch die Freunde, die errungenen Vortheile zu
sehn, während der gellende Schlachtenschrei Teraitanes die Seinen
zu sich rief, die jetzt in mehren Trupps, dort Gefahr wissend,
herbeistürmten.
Auch Pompey, der sich mit durch den falschen Alarm der Trompeten
und Trommeln hatte täuschen lassen und nach dort zu vergebens einen
Augenblick hinausgehorcht, den anrückenden Feind in dem Nebel erscheinen
zu sehn, hörte jetzt den Schlachtenlärm zu seiner Rechten, und die
ihm nächsten Indianer rasch an sich rufend, sprang er mit ihnen der
bedrohten Stelle zu.
Bertrand kämpfte hier in den vordersten Reihen, mit unerschütterlicher
Kaltblütigkeit die nach ihm gerichteten Stöße parirend und mit scharfer
Klinge sich mehr und mehr Bahn hauend in den Menschenknäul; da fiel sein
Blick plötzlich auf eine bekannte Gestalt -- er sah die Mündung eines
Gewehrs, fast dicht vor sich, auf seinen Kopf gerichtet und behielt
eben noch Zeit mit dem Säbel unter das auf ihn zeigende und gerad'
erreichbare Bayonnett zu schlagen, als auch die Kugel so dicht über
seinem Kopf hinpfiff, daß sie ihm einen Theil der Haut mitnahm!
»Hund!« schrie er in demselben Augenblick und warf sich auf den
erkannten Verbrecher, und während er die nach ihm gestoßene Waffe noch
einmal parirte, führte er mit dem Säbel einen so gut gemeinten Hieb
nach der Stirn des Iren, daß nur eine rasche Wendung von dessen Kopf
dem Streich das tödtliche nahm, während die scharfe Waffe an der Seite
seines Schädels nieder fuhr, den oberen Theil des linken Ohres mit nahm
und auf dem Schlüsselbein abprallte. Zu gleicher Zeit sprang Bertrand zu
und den Iren mit der Linken fassend, wollte er ihn eben zurück und
nach seinen Leuten zu reißen, als Pompey mit der Verstärkung auf dem
Kampfplatz erschien und mit solcher Wucht gegen den Franzosen anprallte,
daß dieser seinen Gefangenen loslassen mußte und alle seine Stärke
und Gewandtheit gebrauchte, sich gegen den neuen riesigen Feind zu
vertheidigen.
Die Soldaten und Matrosen fanden sich aber in diesem Momente auch so
von allen Seiten bedrängt, daß an ein Vordringen weiter gar nicht mehr
gedacht werden konnte, ja Bertrand fast sogar der Rückzug abgeschnitten
wäre, hätte sich nicht Adolphe mit seinen regulären Truppen, die eigene
Gefahr misachtend, hineingeworfen, ihn heraushauen zu helfen, während
von der andern Seite der erste Lieutenant der Jeanne d'Arc ebenfalls
mit einem kleinen Trupp Matrosen einen Scheinangriff machte, die
Aufmerksamkeit der Belagerten von dort in etwas abzulenken und den
Kameraden Luft zu gönnen.
»Hierher meine Jungen«, rief dieser seinen Leuten zu, »hinein mit Euch,
und treibt mir die rothen Schufte da einmal zu Paaren,« und über einen
niedergeschossenen Guiavenstamm springend wollte er eben über einen
kleinen freien Raum der innern Schanze laufen, von seinen Leuten gefolgt
den Kameraden Hülfe zu bringen, als eine pulverrauchgeschwärzte Gestalt
auf ihn zusprang die er in dem von Blut entstellten Zügen kaum wieder
erkannte, und mit heiserer Stimme ihn anschrie:
»Hallo mein Herzchen, bist Du hierhergekommen _uns_ einmal zu besuchen«
und der Bursche richtete dabei, auf kaum zwei Schritt Entfernung ein
weitmündiges Sattelpistol auf den Officier --
»Schurke!« schrie dieser, seinen entsprungenen Matrosen in ihm erkennend
-- »Du meldest Dich gerade zur rechten Zeit,« und zum Hiebe ausholend
wollte er auf ihn einspringen, als Jack, der ruhig seine Zeit erwartet
hatte, ihm das Pistol so nahe vor den Augen abfeuerte, daß der
Pulverblitz seine Augenwimper versengte und die Rehposten mit denen es
geladen war den Unglücklichen mit zerschmettertem Hirn zu Boden warf.
»Vergeltung -- Rache!« jubelte der Matrose und stieß einen gellenden
Freudenschrei aus, der von der anderen Seite des Forts beantwortet
wurde, und von dort her stürmte neue Hülfe. Die Seeleute aber, die sich
nicht weiter unterstützt sahen und dem neuen Anprall nicht hätten die
Stirne bieten können, faßten ihren erschossenen Officier auf, und zogen
sich damit, durch vorgehaltene Bayonnette ihren Rückzug deckend, wieder
die Schanze hinauf und jetzt, den Hörnern folgend die von allen Seiten
den wirklichen Rückzug bliesen, in die Guiaven hinein, dem schon wieder
eröffneten Feuer nicht länger und nutzlos ausgesetzt zu sein.
Es wäre unmöglich den Jubel zu beschreiben, der bei dem Rückzug, ja
der Flucht der Feinde, in der kleinen so tapfer vertheidigten Veste
ausbrach. Im ersten Augenblick konnten sie ihren Sieg noch nicht gleich
übersehen, denn der Nebel lag zu dicht auf der ganzen Kuppe, als aber
jetzt ein Windstoß von der See herüber die duftigen Schleier faßte
und auseinander riß, sie rechts und links in die steilen Schluchten
hineinzudrängen, und der Feind, von dem wilden Anprall der Eingeborenen
zurückgeworfen, nirgend mehr zu sehen war, ja seine Todten und
Verwundeten sogar hatte zurücklassen müssen, da tönte _ein_ gellender,
trotziger Jubelschrei aus den Kehlen der Sieger, und der eigenen
Wunden nicht achtend sprangen und rannten sie, ihre Speere und Waffen
schwingend wild und toll umher.
Während ein Theil aber wieder, rasch um den Missionair gesammelt, zu
einer Dankeshymne die Stimme erhob, dem Herrn der Heerschaaren, der
seine Hand über ihnen gehalten in der schweren Stunde, flogen die
Mädchen und jungen Leute wieder zum kecken ausgelassenen Tanz. Maire vor
Allen, auf den blutgetränkten Boden des einen Walles springend, auf dem
der Kampf am hartnäckigsten gewesen und wo selbst die Guiavenbüsche von
den Stürmenden wie Belagerten zur Seite gerissen waren, freien Spielraum
für ihre Waffen zu haben und Auge in Auge den Gegner zu treffen und zu
bekämpfen, war die tollste; dort stand und sprang jetzt das halbnackte,
bildschöne wilde Mädchen mit blitzenden funkelnden Augen in den
wildesten unanständigen Gebärden ihres Tanzes nach den Schiffen hinüber
spottend und drohend --
»Kommt!« sang oder schrie sie vielmehr dabei, denn die Adern ihrer
Schläfe waren zum Zerspringen angespannt,
Kommt Ihr Feranis her --
Habt Ihr den Muth nicht mehr?
Kommt --
Hei wie Ihr laufen könnt
Hei wie Ihr --
Ein wilder, gar nicht dieser Erde angehörender Schrei endete das kecke
Lied, und die Arme emporwerfend, während von einer benachbarten,
kaum zugänglichen Felskuppe der Donner der Geschütze ganz in der
Nähe herüberschmetterte und die überraschten Eingeborenen erschreckt
aufschauen machte nach dem neuen Gegner -- flog der von einer Kartätsche
zerrissene Körper der jungen Tänzerin -- ein furchtbarer Anblick -- über
den inneren Wall herunter in die Verschanzung.
Einzelne Kugeln schlugen noch außerdem hie und da ein, und zum ersten
Mal erkannten die Belagerten jetzt daß die Feinde, während des Nebels
jedenfalls, eine bessere und höher gelegene Position für ihre Geschütze
eingenommen hatten, und wenn sie auch sich nicht denken konnten wie
die Feranis den fast unzugänglichen schmalen Pfad dort hinauf allein
gefunden haben konnten, ließ sich doch die Thatsache selber, die ihnen
Kugel nach Kugel herüber sandte, nicht verleugnen.
Die Franzosen hatten aber auch in der That den Platz durch Verrath
genommen, und zwar von einem »Capitain Henry«, wie behauptet wird dem
Sohn eines englischen Missionairs, selber geführt, der dem französischen
Commandant zuerst den Angriff auf jenen so vortrefflich befestigten
Punkt ganz abgerathen und jetzt, als der Angriff zurückgeschlagen
worden, den Sieg dadurch auf Seite der Franzosen zu lenken suchte, daß
er ihnen den Pfad zeigte, ihre Geschütze günstiger placiren und damit
zum Theil die innere Verschanzung der Eingeborenen beherrschen
zu können. Durch den Nebel begünstigt, als abgeschickte Boten den
wahrscheinlichen Ausgang des Kampfes gemeldet, wurden die Geschütze
an Ort und Stelle hinaufgeschleppt und die erste Ahnung welche die
Eingeborenen von der gefährlichen Nähe bekommen, war eben die, von dort
herübergefeuerte erste Salve.
»=Damn it!=« schrie Pompey, als er einen mehr zornigen als überraschten
Blick dort hinüber geworfen -- »wir stürmen das Nest da oben, und werfen
ihnen nachher ihre Kugeln auf die Schiffe zurück! wer geht mit?«
Ein wildes jubelndes Geschrei antwortete ihm, und die trotzigen
halbnackten Gestalten griffen ihre Waffen fester und machten sich schon
bereit, nur eben der ersten Andeutung folgend, ihre Leiber todesmuthig
der Gefahr entgegenzuwerfen. Teraitane aber, der das Terrain dort besser
kannte und die Unmöglichkeit einsah, von hier oben die fast steile Wand
zu den Kanonen hinaufzulaufen, während sie noch dazu von der Artillerie
vertheidigt werden konnte, wollte seine Einwilligung nicht geben und
hielt, einen neuen Sturm auf das Fort jetzt, unter dem Schutz jener
Kanonen mit Recht erwartend, die Seinen zurück.
Auf diesen sollten sie auch gar nicht so lange zu warten haben; der
erste Lieutenant der Uranie, der den Oberbefehl über die Stürmenden
führte, konnte von einer kleinen Anhöhe aus den neuen und vortheilhaften
Stand ihrer Geschütze erkennen, und die Hörner riefen seine Leute, die
Ueberraschung des ersten Augenblicks zu benutzen, schnell wieder zum
erneuten Angriff des Forts herbei.
Hier aber fanden sie trotzdem noch immer den alten, hartnäckigen
Widerstand, und eine halbe Stunde mochte der erbitterte Kampf, Fuß an
Fuß von beiden Seiten gedauert haben, wobei den Eingeborenen die höher
stehenden Kanonen der Feinde allerdings wesentlichen Schaden thaten,
als Pompey endlich, nach kurzem Kriegsrath mit Teraitane und Aonui einen
Rückzug in die Berge beschloß, theils von einer anderen Bergspitze
aus die dort stationirte Artillerie im Rücken zu fassen, theils die
Franzosen zu verlocken ihnen in das Dickicht nachzufolgen, und sie dann,
von den Guiaven geschützt zu umzingeln und abzuschneiden, während ihnen
die eignen Kanonen im Dickicht keinen Beistand mehr leisten konnten.
Teraitane war nicht ganz damit einverstanden, denn er fürchtete, daß
sich die Franzosen vielleicht in dem Fort fest setzen möchten, wo sie
dann gezwungen gewesen wären den Platz, den sie jetzt behaupteten,
wieder zu erstürmen, Aonui und die Uebrigen aber, die den Versuch
wenigstens gemacht haben wollten die gegen sie spielenden Kanonen
wegzunehmen oder zu verjagen, überstimmten den Führer, und die Frauen
voranschickend, die einen Moment freier Zeit benutzten über den offenen
Platz zu fliehen, folgten die Krieger jetzt in kleinen einzelnen Trupps
aus dem Fort hinaus bergan, die Verschanzung für den Augenblick den
Feinden vollkommen überlassend.
Unten von den Schiffen aus, und während die Soldaten mit Jubelruf
von dem verlassenen Fort Besitz ergriffen, sahen sie aber kaum die
hellgekleideten Gestalten hinter den Verschanzungen sichtbar werden,
als sie, wo das nur irgend anging, ihre Kugeln darauf richteten, und die
Eingeborenen fanden sich plötzlich in einem eisernen Regen, der rechts
und links Verderben brachte. Furchtbar war die Wirkung der schweren
Kugeln in dem dichten Oberholz der Mapes und Wibäume und einzelne
Cocospalmen splitterten im Stamme von einander, und warfen die gewaltige
schwere Krone rasselnd in die Tiefe, ihre gewichtigen Früchte auf die
Flüchtigen niederhagelnd.
Aber die Franzosen dachten gar nicht daran dem Feind zu folgen, denn
ihre Reihen waren selber furchtbar gelichtet, und nur rasch ihre Todten
zusammentragend und mit etwas Sand und Erde leicht überwerfend, griffen
sie die Verwundeten auf und zogen sich mit ihnen, völlig damit zufrieden
den Feind, wie sie glaubten, aus der Schanze geworfen zu haben, rasch
zurück auf die Schiffe.
Die Artillerie schlug indessen allerdings den tollkühnen Angriff der
Eingeborenen auf ihre, fast uneinnehmbare Stellung zurück, hatte aber
ebenfalls, da sie das Fort geräumt sah, keine weitere Veranlassung dort
oben zu bleiben und folgte, auf dem Rückzug noch von einzelnen Trupps
der durch den Wald zerstreuten Insulaner arg belästigt, der übrigen
Mannschaft nach den Schiffen. Die Verwundeten wurden meist Alle auf
die Fregatte gebracht, und wenige Stunden später lichteten die beiden
Kriegsschiffe, noch auf Alles unverdrossen feuernd was sich am Ufer
nur einigermaßen verdächtig zeigte, die Anker und segelten nach Papetee
zurück.
Capitel 2.
Alte Abrechnungen.
Noch an demselben Abend liefen die Schiffe, die günstige Seebrise
benutzend, wieder in den Hafen ein, wohin sie aber, wenn auch als
Sieger zurückgekehrt, keine freudige Nachricht brachten. Der unerwartet
kräftige Widerstand den sie gefunden, die Tapferkeit der Eingeborenen,
die noch dazu weit besser bewaffnet waren als man vermuthen konnte,
der Verlust vieler braver Soldaten und selbst von vier Officieren, warf
einen düsteren Schatten über den Siegesmarsch, mit dem die Truppen an
der Landung aufmarschirten, und konnte wahrlich nicht durch den langen
Trauerzug der Verwundeten, denen man an Land bessere Pflege zu gewähren
hoffte, gemildert werden.
Selbst die kleine Stadt, von der man nicht einmal aller Eingebornen
sicher war, schien gefährdet, und ausgesandte Spione meldeten auch
allerdings, daß sich kleine Trupps bewaffneter Insulaner ganz in der
Nähe zeigten und recognoscirten; vielleicht gar mit der Absicht einen
Ueberfall zu wagen und die dort aufgespeicherten Vorräthe der Feinde
wegzunehmen, wie auch den Feind aus diesem wichtigsten Anhaltepunkt
-- dem besten Hafen der ganzen Inseln zu verjagen und die Flagge der
Pomaren, deren Bedeutung sie erst jetzt ordentlich anfingen einzusehn,
wieder an ihrer alten Stelle aufzupflanzen.
René hatte noch an demselben Abend Adolphe aufgesucht, den Verlauf des
Tages zu erfahren; er selber war ebenfalls jetzt auf Papetee angewiesen,
denn die Eingeborenen streiften überall in kleinen Trupps um die Stadt
herum und sein Haus war, mit dem wenigen was er noch darin gelassen, von
irgend einer boshaften oder muthwilligen Schaar angezündet worden und
bis auf den Grund niedergebrannt; ein Insulaner der dort nicht weit
entfernt wohnte und seinen Landsleuten, ebenfalls als es mit den Feranis
haltend, bekannt war, hatte, ihren Zorn fürchtend, die Flucht ergriffen
und die Nachricht mit nach Papetee gebracht.
Seine Papiere trug er aber bei sich, und seine wichtigsten Effecten
waren schon glücklicher Weise mit Sadie nach Atiu hinüber gesandt
worden, der Verlust des Uebrigen kränkte ihn deshalb wenig. Er sah
übrigens auch daraus wie die Eingeborenen ihm, jedenfalls seiner
Abstammung wegen, selber gesinnt wären, und sein baldiger Abschied von
Tahiti schmerzte ihn desto weniger.
Die Nacht schlief er mit in dem Bambusschuppen, in dem Adolphe
einquartirt lag, und beschloß am nächsten Morgen, als er hörte daß
Gouverneur Bruat schon weit früher als man erwartet hatte zurückgekehrt
sei, diesem seine Aufwartung zu machen, und die Erlaubniß zur Abreise
einzuholen.
Der Gouverneur hatte allerdings, durch den plötzlich ausgebrochenen
Krieg auf Tahiti, vor der Hand seine Inspektionsreise nach den
Nachbarinseln aufgegeben. Hier mußte vor allen Dingen der Friede
wieder hergestellt, mußten die Eingeborenen unterworfen oder wenigstens
eingeschüchtert sein, ehe er selber wagen durfte sich von dem
Hauptschauplatz zu entfernen.
Bertrand, der übrigens selber mehrfach, wenn auch nur leicht, in dem
gestrigen Kampf verwundet war, übernahm es ihn anzumelden und sein
Gesuch schon gleich von vornherein zu bevorworten. Gouverneur Bruat
empfing ihn auch in der That ungemein freundlich, und seiner Bitte stand
nicht das Mindeste mehr im Weg.
»Es thut mir leid, lieber Delavigne, daß ich Sie das nicht habe schon
vor einigen Tagen, wenigstens vor meiner Abreise wissen lassen, noch
dazu da es Sie in ihren Familienverhältnissen derangirt hat, aber
Sie müssen mich wirklich mit dem tollen Treiben unserer Gegenwart
entschuldigen, das meinen armen Kopf so entsetzlich in Anspruch
genommen. Man möchte jetzt in einem Augenblick überall sein, theils
zu mäßigen, theils zu verhüten, und ich weiß wirklich nicht wem man
im gegenwärtigen Moment mehr auf die Finger zu sehen hat, eben den
Eingeborenen, oder unseren Freunden, den Engländern und Amerikanern.«
»So kann ich also Tahiti verlassen wann ich will, und bin von
dem unwürdigen Verdacht der auf mir, wunderbarer Weise ruhte,
freigesprochen?« frug René.
»Lieber Delavigne, _ich_ habe Sie noch keinen Augenblick in Verdacht
gehabt« lachte der Gouverneur, »und es würde mir nicht eingefallen
sein die Sache auf eine, für Sie so unangenehme Weise hinaus zu dehnen,
hätten wir nicht, allerdings anonym, eine förmliche Anklage gegen Sie
eingeschickt bekommen, die wir schon, um wenigstens spätere Misdeutungen
zu vermeiden, nicht ganz ignoriren durften.«
»Eine Anklage gegen _mich_?« frug René erstaunt.
Monsieur Bruat nickte achselzuckend mit dem Kopf.
»Von einem Landsmann?« frug der junge Mann weiter.
»Wohl schwerlich -- der Brief war englisch, die Hand aber jedenfalls
verstellt und hie und da mit orthographischen -- vielleicht übrigens
absichtlichen Fehlern. Doch dem sei wie ihm wolle« brach er rasch ab,
»die Sache ist vorbei und jeder Form genügt; außer dem haben wir auch
seit einigen Tagen ziemlich gegründete Ursache einen Engländer selber
der That in Verdacht zu halten, der schon eines anderen Verbrechens
angeklagt steht, und gestern auch eben bei den Empörern gesehen ist.
Vielleicht hat auch der den Brief geschrieben.«
»Das glaub' ich schwerlich« sagte René kopfschüttelnd, »den Dienst hat
mir vielleicht ein guter Freund geleistet. Kennen Sie den Namen des
verdächtigen Engländers?«
»Jim O'Flannagan.«
»Aha, ich kenne den Burschen; es ist ein Ire.«
»So? -- möglich, nun von Tahiti fort kann er nicht, und da hoffe ich
denn bald seine nähere Bekanntschaft zu machen. Aber wie wollen
Sie selber jetzt nach Atiu hinüberkommen? haben Sie irgend eine
Gelegenheit?«
»Im Augenblick nicht« entgegnete René, »doch wird sich die schon finden,
die Missionscutter kreuzen ja immer dann und wann einmal herüber und
hinüber.«
»Die Missionaire entwickeln überhaupt eine wunderbare Thätigkeit in
dieser Zeit« entgegnete finster der Gouverneur -- »und sie sollten sich
doch Mr. Pritchards Beispiel zu Herzen nehmen. Ich werde sie scharf
überwachen lassen, und dann unnachsichtlich das an ihnen zur Ausführung
bringen, was sie selber, ohne sogar Veranlassung dazu gehabt zu haben,
an unseren eigenen Priestern ausgeübt. Daß diese Herren immer das
geistliche und weltliche Regiment mit einander verwechseln, und gar so
gern aus dem einen in das andere hinüberpfuschen wollen. Doch dem sei
wie ihm wolle, wir werden den Herren zu begegnen wissen, und sie haben
es sich selber zuzuschreiben wenn sie nachher vielleicht etwas rauher
behandelt werden, als ihrer Bequemlichkeit und ihrer Stellung zusagt.«
»Ich glaube daß hie und da ein freundliches Wort zwischen den
Eingeborenen und der jetzigen Regierung manches Unglück vermeiden
könnte« sagte René nachdenkend -- »den Insulanern sind eine Menge
falscher Begriffe beigebracht, und mit unsern Sitten und Gebräuchen
nicht bekannt, erscheint ihnen theils Manches schroffer als es im Anfang
gemeint war, theils haben wir selber Vieles was sie gethan zu streng und
ernst genommen. Die aufgezogene Flagge vor dem Haus der Königin z. B.
hatte meiner Meinung nach keineswegs die Bedeutung die ihr der Admiral
gab; es muß zu Misverständnissen führen, wenn wir denselben Maßstab
unserer Handlungen an den der Eingeborenen legen wollen. Ich bin fest
überzeugt daß Pomare in der Krone nichts weiter wie ein glänzendes
Spielzeug sah.«
»Pomare vielleicht« sagte der Gouverneur, »aber nicht die sie ihr
gaben -- der Insulanerin gegenüber hätte es vielleicht kaum einer
Gegendemonstration bedurft, das geb ich zu, aber die Missionaire wußten
recht gut um was es sich handelte, und _deren_ Auslegung wäre allein
nach England und Frankreich hinüber berichtet worden.«
»Und die arme Pomare verlor darüber ihr Reich.«
Der Gouverneur zuckte mit den Achseln.
»In einer Hinsicht haben Sie übrigens recht« sagte er nach einer kleinen
Pause, in der er einige Mal mit schnellen Schritten im Zimmer auf und
ab gegangen war; »ich glaube selber daß ein Wort der Verständigung zu
seiner Zeit weit mehr wirken würde, als die aufgepflanzten Kanonen
und Bayonnette unserer Soldaten. Mir liegt besonders daran weiteres
Blutvergießen zu vermeiden, auch sind wir hier gar nicht so stark, viele
Siege wie der gestrige gewinnen zu können, der uns vier unserer besten
Officiere und -- und _sehr_ viel gute Soldaten und Leute gekostet hat.
Um so mehr leid thut es mir deshalb jetzt gerade Sie, lieber Delavigne
zu verlieren, da eben Sie vor allen Anderen, in Ihrer Stellung zu den
Eingeborenen, im Stande wären manches Gute zu wirken, manchen Conflict
zu vermeiden. Wir würden Ihnen auch _sehr_ dankbar sein, wenn Sie sich
entschließen könnten uns, wenigstens einen kleinen Theil Ihrer Zeit
zu widmen. Nicht allein daß sie dadurch den Insulanern selber einen
ungemein großen Dienst erweisen, denn auf die Länge der Zeit _können_
sie ja nun doch einmal unseren Waffen nicht Stand halten, während sie
von jeder weiteren Hülfe durch unsere Schiffe abgeschnitten sind, Sie
würden auch vielleicht manchem Landsmann dadurch das Leben erhalten.«
»Aber in welcher Art glauben Sie, daß ich das im Stande wäre?« frug
René, zu ihm aufschauend.
»Sie wissen daß sich die Insulaner, Mahaena nicht für so sicher haltend,
an anderen Orten wieder festgesetzt haben, ja noch in diesem Augenblick
in Begriff sind zu verschanzen; die steilen Thäler, Schluchten könnte
man sie eher nennen, dieses Landes, bieten den Eingeborenen dabei in der
Vertheidigung unendliche Vortheile, und ihre Positionen werden immer
nur mit großem Verlust an Menschenleben genommen werden können; aber
sie werden doch genommen und die Erbitterung muß natürlich nach jeder
geschlagenen Schlacht soviel höher steigen, der Riß soviel unheilbarer
werden. Jetzt ist dabei vielleicht noch eine Aussöhnung möglich, Pomare
mag zurückkehren und unter dem französischen Protectorat nominell,
wenigstens den Eingeborenen gegenüber, fortregieren und wir ersparen
eine Masse gutes Blut der einen wie anderen Parthei.«
»Die Missionaire werden aber nie in einen Frieden willigen« sagte René,
»der die Gewalt ganz in die Hände ihrer Feinde giebt, und sie förmlich
aus dem Land verjagt.«
»Es denkt ja aber gar Niemand daran das zu thun« rief der Gouverneur,
»als eben ihre eigene starre Unduldsamkeit, die nun einmal keine andere
Religion neben sich dulden will und mag. Nur gleiche Berechtigung
verlangen wir für unsere Religion, wozu wir ein Recht hätten, selbst
wenn es uns unsere Kanonen hier nicht sicherten, und wenn sie von der
Vortrefflichkeit _ihres_ Glaubens so vollkommen überzeugt sind, wie sie
vorgeben, weshalb _fürchten_ sie denn unter gleichen Verhältnissen mit
ihm in die Schranken zu treten?«
»Und glauben Sie, Herr Gouverneur, daß ich im Stande wäre bei einem
derartigen Versuch etwas Gutes zu wirken?« frug René -- »darf ich den
Insulanern wirklich die Versicherungen Ihrer friedlichen Gesinnung
bringen und daß Pomare nach Tahiti zurückkehren mag, zwischen ihnen zu
leben -- _ihnen_ ihre Königin, wie daß ferner keinem in der Ausübung
seiner Religion die mindeste Schwierigkeit in den Weg gelegt werden
soll?«
»Das Alles, auf mein Ehrenwort,« erwiederte der Gouverneur -- »noch mehr
-- es soll Alles vergessen und vergeben sein zwischen beiden Theilen,
was bis jetzt geschehn -- den einen Burschen natürlich ausgenommen, der
noch alte Rechnung hat -- es liegt mir ja nicht daran die Insulaner
zu unterwerfen und sie zur Anerkennung unserer Macht zu zwingen -- zum
Henker nein, wir wollen friedlich und freundlich zwischen ihnen leben,
und nicht immer der Gefahr neuer Ausbrüche und Revolutionen ausgesetzt
sein. Es ist auch wahrhaftig nicht einmal Ehre mit einem solchen Sieg
zu gewinnen, wo uns die ganze civilisirte Welt nachher anschreit, wir
hätten einen Haufen nackter Wilden mit hölzernen Speeren und Schwertern
durch unsere Kanonen zusammengeschossen, während die Burschen in der
That ganz verständig selber schießen können, und viel mehr Gewehre und
Munition haben, wie ich eine Ahnung hatte.«
»Gebe Gott daß ich dann einen günstigen Erfolg bringe« sagte rasch
René -- »gern will ich mich dem Auftrag unterziehn, und wie ich
die Eingeborenen kenne, werden sie gern und willig zu ihren Hütten
zurückkehren, dort in Frieden zu leben. Sie sind gut und friedlich
von Natur, wie Ihnen ihr ganzes Betragen auch schon, selbst nach der
Besitzergreifung, bewiesen haben muß, und wären sie nicht gar so arg
gereizt, sie würden selbst jetzt nicht daran gedacht haben die Waffen
aufzugreifen.«
»Die Waffen waren einmal da« sagte der Gouverneur finster »und mußten
gebraucht werden. Es ist auch möglich daß das Einführen derselben eine
kaufmännische Speculation gewesen, es sollte mir wenigstens lieb sein
das zu glauben; fast aber fürchte ich, daß da auch noch eine andere Hand
mit im Spiel gewesen, und war das wirklich, so dürfen wir auch nicht
zu viel von einem freundlichen Wort hoffen. Nichtsdestoweniger will ich
jedenfalls, mir selber später keine Vorwürfe machen zu können, die Sache
versucht haben -- ich weiß auch daß ich dadurch im Sinn meiner Regierung
handele, die um Alles einen ausgedehnteren Kampf um diese Besitzung
zu vermeiden wünscht. Sind Sie also im Stande ein derartiges
Uebereinkommen, einen Vertrag oder wie Sie es nennen wollen in
Wirklichkeit zu ermöglichen, so rechnen Sie dabei ganz auf meine
Unterstützung sowohl, wie wärmste Dankbarkeit.«
»Und wann wünschen Sie daß ich da aufbrechen soll?« frug René.
»Sobald Sie wollen; am Besten gleich morgen früh, denn jeder neue Tag
führt dem Feind auch neue Hülfstruppen über die Berge zu, und macht
ihn immer nur noch starrköpfiger auf der einmal eingeschlagenen Bahn
beharren. Jetzt haben wir auch noch eine Anzahl Kriegsschiffe in der
Bai, unter deren Kanonen sich ein Friedensabschluß weit anders ausnimmt,
als wenn wir nur hier auf die geringe Zahl unserer Landtruppen, und
vielleicht überall vom Feind umgeben, in die Stadt eingeschlossen sind.
Sobald Sie zurückkehren statten Sie mir gleich Bericht ab. Gedenken Sie
allein zu gehn, oder soll ich Ihnen eine Flagge und Bedeckung mitgeben?«
»Ich glaube ich gehe besser _ohne_ das Alles« sagte René, »die
französische Flagge ist in diesem Augenblick nicht beliebt genug eine
Empfehlung zu sein, denn die Erinnerung an die erlittene, und jetzt
erst eigentlich begriffene Demüthigung liegt noch zu frisch in ihrem
Gedächtniß. Allein hab' ich weniger zu fürchten, da mich Manche von
ihnen kennen, ja mit mir befreundet sind.«
»Wie Sie denken« erwiederte Mr. Bruat sich die Lippe beißend, »und dann
noch eins. -- Sind Sie einmal oben, können Sie vielleicht auch etwas
über den Schuft Jim O'Flannagan erfahren; Monsieur Bertrand, der sich
eben so warm für Sie verwandt, und, wenn ich nicht irre ein Jugendfreund
von Ihnen ist, hat mit diesem Burschen ein ganz besonderes Capitel
abzumachen, und will ihn gestern über die Stirn gehauen haben, so daß er
sogar leicht an seiner Wunde zu erkennen wäre. Außerdem habe ich einen
nicht unbedeutenden Preis auf seinen Fang gesetzt; vielleicht sind Sie
im Stand, in den Bergen etwas Näheres über ihn zu hören.«
»Ich spreche Bertrand jedenfalls noch heute Abend« erwiederte René,
»auch hat er mir schon selber von dem Iren und seinem früheren Leben
erzählt; er scheint eine Art von Land- und Seepirat gewesen zu sein,
und soll sich hier besonders mit dem Schmuggeln verbotener Spirituosen
befassen.«
»Ein gefährlicher Charakter, besonders in jetziger Zeit« sagte Mr. Bruat
-- »aber wer kommt da unten? was ist das für ein wunderlicher Kauz --
kennen Sie den Burschen, Delavigne?«
René war rasch an's Fenster getreten, dem ausgestreckten Arme des
Gouverneurs mit den Augen folgend, warf aber kaum einen Blick auf die
Gestalt, als er auch lächelnd wieder zurück trat und sagte:
»Das ist Einer unserer originellsten Charaktere in Papetee, und trotzdem
dies das erste Mal, daß ich ihn wirklich in der Stadt erblicke. Er
ist Schuster und wohnt draußen in den Guiaven in einer gewöhnlichen
Bambushütte mit einer alten irischen oder englischen Hexe, die sie
»Mütterchen Tot« nennen, und ihre beiderseitige Hauptbeschäftigung soll
sein -- wenn das Gerücht nicht lügt -- Spirituosen an die Eingeborenen
auszuschenken.«
»Und hat man das bis jetzt geduldet?« frug der Gouverneur rasch.
»Noch hat ihnen Nichts bewiesen werden können« lachte René, »denn die
Alte ist zu schlau sich leicht erwischen zu lassen. Die Sache muß aber
auch noch einen anderen Zusammenhang haben, denn selbst die Missionaire
dulden sie dort im Busch, trotz dem ziemlich allgemein ausgesprochenen
Betrieb. Aber der Schuhmacher kommt wahrlich hier in's Haus; das muß
denn etwas ungemein Wichtiges sein, was ihn hierher führt. So viel
ich weiß haßt er uns Franzosen wie die Sünde, und soll fast den ganzen
ausgeschlagenen Tag in der Bibel lesen.«
»Sie empfehlen mir den Mann immer mehr« lachte der Gouverneur -- »er
scheint mir übrigens mehr Carricatur als Original, und es sollte mich
gar nicht wundern, wenn er sich nicht vielleicht bei den französischen
Behörden über seine englische Gattin beklagen und sich mit unter
das Protectorat stellen wollte -- hahaha, da hätten wir gleich einen
praktischen Nutzen für _Englische_ Bürger, die doch im Anfang solches
Geschrei darüber erhoben. Aber wahrhaftig, ich glaube er will zu mir.«
Eine Ordonanz trat in diesem Augenblick in's Zimmer und meldete daß ein
verdächtig aussehendes Individuum, das halb englisch halb insulanisch
spräche, vorgelassen zu werden verlange und in größter Eile zu sein
behaupte, auch etwas sehr Wichtiges mitzutheilen habe.
»Dann Herr Gouverneur« sagte René, »erlauben Sie vielleicht daß ich mich
entferne.«
»Nein, das erlaube ich nicht« lachte dieser, »dann brauche ich Sie zum
Dollmetscher; für ein Gemisch von Englisch und Indianisch halte ich mich
nicht sattelfest genug. Oder haben Sie irgend etwas anderes, besonderes
vor?«
»Nicht das entfernteste« entgegnete der junge Mann, »es wird mir das
größte Vergnügen machen Ihnen dienen zu können.«
»Ich wollte ich dürfte Sie vollständig beim Wort nehmen, Delavigne«
sagte Mr. Bruat, der Ordonanz dazwischen ein einfaches »er soll herein
kommen« zurufend. »Wir brauchen jetzt Leute, _tüchtige_ Leute, und für
solche ist gerade auch wieder der jetzige Zeitpunkt vortrefflich, ihr
Glück zu machen. Was haben Sie drüben in Atiu? das läuft Ihnen nicht
weg, und der jetzige Moment kehrt vielleicht im Leben nicht wieder. --
Aber ich will Ihnen nicht zureden« unterbrach er sich rasch, »Sie
mögen sich das noch mit sich selber überlegen; da kommt auch eben unser
dringender Besuch -- wie heißt der Bursche?«
»Murphy, wenn ich nicht irre.«
»Ein ächt irischer Name, dem das Gesicht keine Schande macht. Sehn Sie
nur was für tückisch blitzende Augen der Bursche im Kopfe trägt; etwas
Gutes hat den _nicht_ zu mir geführt, soviel ist sicher. Und was wollt
Ihr? -- ach ich vergaß, bitte Delavigne fragen Sie einmal den Feuerbrand
was er von mir will -- Peste, wie er aussieht.«
Murphy hatte sich indessen langsam und scheu zur Thür herein geschoben,
und stand da, wie eine Fledermaus am Tage, die beiden Männer, die
französisch mit einander sprachen, mistrauisch betrachtend. Ein finster
drohender Ausdruck legte sich aber in seine Züge und schien sich dort in
die Falten und Pockennarben ordentlich festzuhängen, als beide Männer,
nicht im Stande beim Anblick der Gestalt ernsthaft zu bleiben, erst
an zu lächeln fingen, und dann endlich in ein laut schallendes und
anhaltendes Lachen ausbrachen.
Murphy hatte übrigens dazu gar gegründete Ursache gegeben. Zuerst trug
er wieder, als die einzig mögliche Zeit, und vielleicht auch andere
Mängel zu verdecken, den erbsgelben Rock, bis an den Hals zugeknöpft,
mit den Schößen unten an seine nackten Waden, oder wenigstens an einen
Klumpen von Sehnen und Muskeln schlagend, der hinter dem Wadenbeine
irgendwie befestigt schien. Die Beine staken in sehr defekten, unten
wenigstens ausgefranzten Hosen; seine Extremitäten vom Hals ab, Kopf
Hände und Füße waren bloß, die letzteren dem eigenen Handwerk zum Trotz,
und nur um den linken Fuß, mit dem er vielleicht in eine Glasscherbe
oder sonst etwas getreten, hatte er sich ein Stück gelbbrauner Tapa
geschlagen und mit Bast befestigt. Nahm man nun noch das wunderlich
zusammengezogene, halb boshafte halb komische, von Blatternarben
zerrissene Gesicht des kleinen Iren dazu, mit dem brennend rothen
struppigen Haar und den kleinen hellgrauen stechenden Augen, so war
die Fröhlichkeit der beiden Männer zu entschuldigen, die durch den
verlegenen Ausdruck des Mannes eher noch erhöht als vermindert wurde.
Murphy schien aber nicht in der Stimmung vielen Spaß mit sich machen zu
lassen, und mit einem mürrischen Seitenblick auf die vor ihm Stehenden
und einem halblaut gemurmelten =»damned fools ye«=[1] wollte er sich
eben wieder umdrehn und das Zimmer ohne weitres verlassen, als ihn René
in Englisch anrief und ihn frug was er vom Gouverneur Bruat wünsche.
[1] Verdammte Narren Ihr.
Bei der Englischen Anrede stutzte der Ire, und sah erst René, dann den
Gouverneur ein paar Secunden mit seinen stechenden Augen forschend an,
dann aber, wie sich besinnend um was er eigentlich hier hergekommen,
sagte er im breitesten irischen Dialekte:
»Seid Ihr der Misther Gouverneur?«
»Nicht ich -- dieser Herr da.«
»Und kann der nicht für sich selber sprechen?«
»Ich werde dollmetschen, Murphy« erwiederte René lächelnd -- »was führt
Euch her?«
»Murphy?« wiederholte der Ire erstaunt seinen Namen, »wo bei Jäsus, habt
Ihr den Namen her, Sirrah? -- aber s'ist einerlei« fuhr er dann rascher
fort. »Ihr Franzosen spionirt ja doch überall herum -- aber Ihr habt
eine Belohnung auf das Einfangen von einem weggelaufenen Mann gesetzt --
wollt Ihr die zahlen?«
»Ha -- wer ist das?« rief der Gouverneur rasch, der den ungefähren Sinn
der letzten Worte verstanden hatte.
»Jäsus mein Herzchen -- ob er nicht blos so thut als ob er keine Ohren
hätte« sagte Murphy mit einem breiten Grinsen, »aber was sagt er jetzt?«
René wechselte rasch einige Worte mit dem Gouverneur und wandte sich
dann wieder an den Iren.
»Und wer ist's den Du zu vergeben hast, mein Bursche? -- wenn's der
rechte ist kannst Du einen schönen Thaler Geld verdienen -- wie heißt
er?«
»Jim O'Flannagan -- =damn his eyes=[2] und Jack irgend noch sonst was.«
[2] Verdamm seine Augen.
»Alle Beide?«
»Sitzen jetzt in der Falle.«
»Und wo ist das?«
Wieder verzog sich das Gesicht des Mannes zu einem breiten halb
pfiffigen halb höhnischen Grinsen und er knurrte:
»Soll Euch Murphy das Nest nennen eh' er das Silber hat?«
»Das Nest wird Mütterchen Tots Hotel sein« sagte René gleichgültig
während der Mann einen überraschten tückischen Blick auf ihn warf --
»doch hab' keine Furcht, wenn Du die beiden Burschen in des Gouverneurs
Hände lieferst, wird Dir Dein Lohn nicht entgehn. Aber -- wie ist mir
denn?« frug er sich besinnend und gegen den Gouverneur gewandt -- »der
eine von ihnen hat doch nur ein Verbrechen verübt, nicht wahr?«
»Der andere ist ein entsprungener Matrose« sagte Mr. Bruat.
»Hm« murmelte René vor sich hin -- »doch es liegt Ihnen daran nur den
einen zu fassen?«
»Nein, nein alle Beide -- sind Sie alle Beide im Haus? -- bitte fragen
Sie den Burschen einmal.«
»Habt Ihr sie alle Beide im Haus -- auf den einen sind fünfhundert, auf
den andern nur zwei gesetzt!«
»Alle Beide« bestätigte Murphy, »aber rasch müssen Sie machen, wenn Sie
die Vögel noch erwischen wollen -- die Sonne ist nicht weit mehr vom
Untergehn und jetzt ist die Zeit -- später steh ich für Nichts, denn
fort wollen sie auch.«
»Fort? -- wohin?«
»Wohin? -- weiß ich's?« sagte der Kleine mürrisch -- »nur ihre Bündel
haben sie bei sich, und ihre Waffen, und ein Canoe ist nicht schwer zu
finden am Strande, wer Lust dazu hat!«
»Nicht unwahrscheinlich« sagte, mit dem Kopf nickend, der Gouverneur,
der aufmerksam dem Gespräch gefolgt war, und jedenfalls so viel Englisch
verstand, den ungefähren Sinn zu begreifen. »Dann haben wir keine Zeit
zu verlieren, und Sie können den Spaß mit ansehn Delavigne.«
Er klingelte und sagte, als die Ordonanz gleich darauf in militärischer
Stellung eintrat:
»Lieutnant Bertrand von der Jeanne d'Arc lasse ich ersuchen
augenblicklich zu mir zu kommen -- er ist an Land, Du wirst ihn drüben
im Café bei Victor finden -- es ist eilig.«
Der Soldat verschwand blitzesschnell wieder durch die Thür und
vielleicht zehn Minuten später, während der Gouverneur mit auf dem
Rücken zusammengelegten Händen im Zimmer auf und ab ging, Murphy
ungeduldig von einem Fuß auf den andern schaukelte und bald nach der
Thür bald nach dem Fenster sah, hörten sie die raschen Schritte des
jungen Officiers über die hölzerne Verandah kommen; wenige Secunden
später betrat er das Zimmer, das Nöthigste jetzt über die rasch
auszuführende Expedition zu berathen, das Berathene eben so rasch
auszuführen.
* * * * *
Die Bambushütte in der Mrs. Tot ihren Wohnsitz aufgeschlagen, lag, wie
sich der Leser erinnern wird, einige hundert Schritt von der äußersten
und jetzt von Gräben und Wällen eingeschlossenen Grenze der eigentlichen
Stadt Papetee entfernt, tief in den Guiaven und Fruchtbäumen versteckt,
und jetzt also von jedem Verkehr mit ihren europäischen Gästen,
den Matrosen der Englischen oder Französischen Schiffe, vollkommen
abgeschnitten. Französische Matrosen hatten sich überhaupt bei ihr sehr
selten, und nur dann und wann einmal von den Mädchen selber dorthin
gezogen, sehen lassen, deshalb auch ihre Sympathieen nicht, und ein
kleiner Transport ächten holländischen Genevres, eine Parthie versetzten
Kartoffelbranntweins, den sie sich in Jims Abwesenheit von einem anderen
ungeschickteren Bekannten wollte besorgen lassen, war ihr noch außerdem
erst an dem gestrigen Tage von einer französischen Patrouille entdeckt
und confiscirt worden, und damit dem Fasse ihrer Geduld der Boden
ausgestoßen.
Die Hütte selber lag auch in den letzten Tagen wie leer und verlassen,
denn wenn auch gerade jetzt dem verbotenen und so vortheilhaften
Einzelverkauf der Spirituosen Nichts im Wege stand, da die Franzosen
in ihren Schanzen gewissermaßen eingeschlossen lagen, wenigstens nicht
daran dachten nur um dem Schmuggeln zu steuern kleine Patrouillen in das
Dickicht hinauszuschicken, die von den Eingeborenen leicht überrascht
und aufgehoben werden konnten, so lag doch auch der Platz wieder für
diese zu weit von ihrem jetzt eingenommenen Lager entfernt, und sprachen
ja einmal Einzelne dann und wann vor, so geschah das meist nur auf
Kundschaft, vielleicht irgend wen ihrer abtrünnigen und den Feranis
ergebene Landsleute, die sie jetzt fast mehr haßten als die Feranis
selber, zu überraschen und aufzuheben. Murphy konnte fast den ganzen
ausgeschlagenen Tag ungestört in seiner Bibel lesen, und Mütterchen Tot
saß in einem Winkel ihrer Hütte, in einer Stimmung, die nur eine
Ursache suchte, Gift und Galle gegen den ersten ihr in den Weg Laufenden
auszuspritzen.
Es war spät am Nachmittag als die Stille fast zum ersten Mal durch die
Schritte dreier Männer unterbrochen wurde, die den schmalen aus den
Bergen niederführenden Pfad herunter kamen und sich der Hütte näherten.
Es waren zwei Weiße und ein Insulaner -- drei alte Bekannte von uns,
Jim O'Flannagan, Jack und Raiteo, der Dollmetscher von Atiu, der mit dem
ehrwürdigen Mr. Rowe von dort herübergekommen, und die Verhältnisse hier
viel zu interessant und versprechend gefunden zu haben schien, Tahiti so
bald wieder mit der stillen Heimathsinsel zu vertauschen. Der Indianer
wurde voran in die Hütte geschickt, zu sehen ob die Luft rein und keine
Gefahr zu fürchten sei.
»Nun was giebt's?« knurrte die Alte, als der Insulaner den Kopf in
die Thür steckte und, Niemanden weiter darin erblickend wie die beiden
Besitzer, eben so rasch fast wieder verschwand -- »die Pest auf Deinen
Kopf, Du rother Hallunke, kommst Du zum Spioniren hierher und weiter
Nichts? daß Dich ein Hai packe das erste Mal wo Du den Fuß wieder in
Salzwasser setzest, und Du Gift in dem ersten Glase Brandy säufst. Ha?
-- wer kommt da? -- auf mit Dir Du fauler schuftiger Tagedieb dort,
oder _ich_ stehe auf und schlage Dir das vermaledeite Buch um die Ohren
herum, das ich Dir tausendmal schon hätte verbrennen sollen, wenn meine
verfluchte alberne Gutmüthigkeit nicht wäre. Auf mit Dir, sag' ich, und
sieh nach -- daß ich Dir Beine mache« knurrte sie dann leiser hinterher,
als Murphy, innerlich Verwünschungen ausstoßend, denen er sich nur
scheute Worte zu geben, aber doch dem Ruf gleichsam instinktartig
gehorsam, aufstand, und durch die Stäbe der Bambuswand schaute.
Sie sollten jedoch über den Besuch nicht lange in Zweifel gelassen
werden, denn schon wenige Secunden später riß Jim O'Flannagan selber
die Thür auf und betrat, immer aber noch einen mistrauischen Blick
umherwerfend, und von Jack und Raiteo gefolgt, das Haus, wo ihn Mrs. Tot
mit einem halb erstaunten halb mürrischen Gesicht empfing.
»Segne meine Seele Mann, wie seht Ihr aus« kreischte sie aber, als sie
einen vollen Blick auf die Gestalt des Iren geworfen, die sie jetzt erst
wieder erkannte. »Mensch, haben Euch die Feranis oder die Teufel in den
Krallen gehabt, daß sie Euch nicht einen Zollbreit gesundes Fleisch im
Gesicht gelassen? -- wenn's nicht an Eueren Haaren und Euerer ganzen
Gestalt wäre, an Eurer liebenswürdigen Physionomie hätte ich Euch im
Leben nicht wieder erkannt. Wo kommt Ihr her und was führt Euch zu mir?«
»Verdammt gastliche Frage« knurrte der Ire, ohne weitres zu ihrem Bett
gehend und sich dort, todesmatt und erschöpft, nieder werfend -- »hol
mir vor allen Dingen eine Cocosnuß, Murphy, -- heh -- hörst Du Schuft,
da in der Ecke, und laß das verdammte Buch liegen -- eine Cocosnuß will
ich haben zum Trinken.«
»Und ist es meiner Mutter Sohn zu dem Ihr Schuft sagt?« knurrte der
kleine Schuhmacher mit einem giftigen Blick nach dem so gefürchteten wie
gehaßten Manne -- »holt sie Euch selber.«
Jim wollte sich, mit einem wild ausgestoßenen Fluch wieder von seinem
Lager emporrichten, den Iren zu zwingen seinem Befehl Folge zu leisten,
Mrs. Tot aber, weniger vielleicht dem Gast zu Gefallen als indignirt daß
Mr. Murphy überhaupt Jemandem wagen konnte zu widersprechen, hinkte
auf den kleinen, in seinen warmen Rock eingeknöpften Mann zu, riß dem,
trotzig seinen Platz Behauptenden das Buch, das er auf den Knieen hielt,
aus der Hand und es hinter sich schleudernd fuhr sie mit einer solchen
Fluth von Schimpfwörtern über ihn her, denen die immer heftiger
werdenden Bewegungen noch etwas viel Schlimmeres beizugeben drohten,
daß sich Murphy endlich, wie ein bissiger Hund der gefürchteten Peitsche
gegenüber, langsam und rückwärts von seinem Stuhl hinunter und der
Thüre zu zog, durch die er gleich darauf, dem Befehl Folge zu leisten,
verschwand.
»Hol die unnütze tagdiebische Bestie der Henker« geiferte die Alte aber
noch hinter ihm her -- »sitzt da den lieben ausgeschlagenen Tag auf
seinen faulen Knochen und --«
»Na laß das Knurren Alte!« rief sie aber der Ire jetzt ungeduldig an,
»ich bin gerade nicht in einer Stimmung Dein Geschwätz anzuhören -- Du
mein Bursche da springst indessen nach dem Wasser hinunter, und siehst
ob unser Canoe in Ordnung ist, daß wir mit Dunkelwerden hier fortkommen,
denn nach dem Abendschuß patrouilliren die Boote in der Bai, und Du
Mütterchen schaffst uns schnell etwas zu essen herbei, ich bin fast
verhungert und brauche Stärke.«
»Mensch, wie seht Ihr aus und wo wollt Ihr hin?« rief aber die Alte
dagegen, sich vor ihn hinstellend und ihn aufmerksam betrachtend, »Ihr
habt eher Pflaster in Euer Gesicht wie in den Magen nöthig; wer hat Euch
denn so zugerichtet.«
»Ein Schuft, dem ich's vielleicht später noch einmal gedenken kann«
fluchte der Ire, »jetzt aber wird mir der Platz hier zu warm, und ich
muß machen daß ich fortkomme. Das lumpige Indianervolk kann sich doch
nicht auf die Länge der Zeit gegen die Franzosen halten, und nachher,
wenn sie Alle leer ausgehn, möchte die Geschichte auf mir hängen
bleiben. Ich habe überdies mein Theil ab, und könnte auch doch nicht
mehr mit schlagen und da oben in den feuchten Bergen sitzen zu bleiben
und Feis[3] zu fressen, dazu gebricht mir die Lust. Ich will wieder in
See!«
[3] Wilde Bananen
»In See? an Bord eines Kriegsschiffs?« frug die Alte erstaunt.
»Nein, hinüber nach -- übrigens wird's wohl einerlei sein ob Ihr's wißt
oder nicht -- Schwatzen hat schon Manchen gereut, Schweigen selten. Wo
der blatternarbige Schuft nur bleibt mit der Cocosnuß -- gieb mir einen
Schluck Brandy indessen Alte, den Aerger hinunter zu spülen.«
»Mit den Wunden auf Euch?« rief Mrs. Tot kopfschüttelnd, »wenn Ihr jetzt
Brandy tränkt, trocknete Euch das Fieber die Adern aus, und schnürte
Euch das Herz zusammen.«
»Herz -- pah -- nur nicht den Hals, Mütterchen, nur nicht den Hals --
weiß der Teufel, seit mich gestern der Schuft am Kragen hatte und mich
mit fortschleifen wollte, bin ich auf einmal so furchtbar besorgt um
meine Luftröhre geworden -- s'ist auch eine nichtswürdige Erfindung
einen Menschen _daran_ aufhängen zu wollen -- Brandy, Alte, Brandy; zum
Teufel was geht Dich mein Fieber an.«
»Schrei doch nicht so« sagte Jack jetzt, während Mrs. Tot kopfschüttelnd
und innerlich murrend und schimpfend dem Befehle Folge leistete --
»Du wirst uns noch einen Besuch auf den Hals ziehn, ehe wir wieder
Salzwasser unter dem Kiel haben. Wetter noch einmal, mir wird's auch
unheimlich an Land jetzt, und das zerschossene Gesicht von dem Officier
will mir nicht aus dem Sinn; nun, ich hatt's ihm lange zugeschworen und
er hat's tausendmal an mir verdient.«
»Ich wollte Du hättest den -- Anderen so getroffen, das wär für uns
Beide besser.«
»Seh ich nicht ein« brummte Jack, -- »für Dich vielleicht -- aber bis
es für uns _Beide_ gut würde, könnten wir noch manche Ladung Pulver
gebrauchen. Nein, fort, ich habe das Leben satt, und gäbe jetzt Gott
weiß was darum, wenn mich der Teufel nicht geplagt hätte, gerade auf
dieser vermaledeiten Insel zu entwischen, wo sie uns beinah gefangen
hätten wie die Ratte in der Falle. -- Entwischen, als ob ich überhaupt
schon entwischt wäre; wer konnte sich aber auch denken daß die
Eingeborenen solchen Skandal anfingen.«
»Hah, das thut gut« sagte Jim, sich den Mund wischend, nachdem er das
ihm gereichte Glas Brandy auf einen Zug geleert und jetzt ein paar
Bissen der hinzugelegten Brodfrüchte förmlich verschlang, von der er
sich auch zugleich einen Theil in die Tasche steckte -- »das gießt
ordentlich wieder Feuer durch die Adern und giebt den Gliedern neue
Stärke.«
»Weißer Mann!« sagte in diesem Augenblick die vorsichtig gedämpfte
Stimme des Indianers, der den Kopf zur Thür herein steckte -- »ist Alles
in Ordnung -- Canoe flott und dunkel wird's auch bald -- in kleiner Zeit
können wir auf Wasser sein -- kein Boot in Sicht.«
»Gut -- komme gleich« sagte Jim, der sich das Glas noch einmal voll
geschenkt hatte, aufstehend und es wieder leerend -- »bleib draußen
am Weg wo ich Dir gezeigt habe, und wenn Jemand kommt weißt Du das
Zeichen.«
»Alles fertig« sagte Raiteo erstaunt -- »weshalb warten?«
»Weiß schon -- weiß schon, komme gleich -- mach schnell« erwiederte aber
der Ire ungeduldig und der Indianer zog sich zurück.
Jack war indessen zu Jim hinangetreten, und ein paar Worte mit ihm
wechselnd, griff er seine Waffe auf und ging zur Thür, während Jim, den
Mütterchen Tot indeß etwas mistrauisch beobachtet hatte, sich zu dieser
wandte und mit freundlicher Stimme -- wenn in den rauhen Laut überhaupt
ein freundlicher Ton gelegt werden konnte -- sagte:
»Hör, Mütterchen -- ich habe noch eine rechte Bitte an Dich, ehe wir
gehn -- wirst Du sie erfüllen?«
»Bitte? -- Bitte?« knurrte aber die Alte -- »was hab' ich mit Bitten
zu thun -- hab noch in meinem Leben Nichts von einem anderen Menschen
erbeten -- Alles bezahlt. Wo nur der Schuft von Schuster jetzt bleibt
bis spät in die Nacht hinein -- na komm Du mir zu Hause -- und meinen
Rock hat er auch mit -- heh Murphy -- Mur-_phy!_« Sie betonte die letzte
Sylbe des Wortes mit ihrer scharfen kreischenden Stimme, und der Laut
drang gellend durch den Wald.
»Alle Wetter, Mütterchen, was Du noch für eine helle Stimme hast« sagte
Jim, unruhig nach Jack zurück schauend, »aber laß das Schreien einmal
sein jetzt und beantworte mir eine Frage -- ich werde Dich sobald nicht
wieder incommodiren.«
»Und was giebt's? -- was wollt Ihr von mir?« rief die Alte mürrisch --
»Eueren Brandy habt Ihr auch noch nicht bezahlt.«
»So? nun, wir machen das dann zusammen ab« sagte Jim, während ein
spöttisches Lächeln um seine Lippen zuckte; »aber um wieder auf meine
Bitte zu kommen, Mütterchen, so bin ich wahrhaftig für den Augenblick in
Geldverlegenheit, und Du mußt mir auf ein paar Monat zweihundert Dollar
borgen?«
»Zweihundert Dollar? -- mußt?« rief aber die Alte, mehr erzürnt fast als
erschreckt über die Forderung -- »ist das etwa Euere _Bitte_, heh? --
_mußt_ zweihundert Dollar borgen, als ob ich die hundert Dollars nur so
unter den Matten herumliegen hätte, und sie vorzuholen brauchte, wenn es
irgend einem Vagabunden einfiele zu mir zu kommen und danach zu fragen.
Mußt mir zweihundert Dollar borgen -- heh Mur_phy_, ob ich den Schuft
nicht bei den Beinen aufhänge, wenn er wieder zurückkommt, die feige,
nichtsnutzige faule Canaille, die sich in den Wald und unter einen
Busch draußen drückt, wenn sie zu irgend einer Arbeit aufgerufen wird --
Mur_phy!_«
»Mütterchen Du _mußt_ sie mir borgen« sagte aber Jim jetzt, ihr näher
tretend mit unterdrückter Stimme, der man es jedoch wohl anhörte, wie
er sich nur gewaltsam Mühe gab den in ihm auflodernden Zorn noch zu
dämpfen. »Ich habe Alles Geld was ich bei mir führte bei unserem letzten
Kampf verloren, und nicht einen Franc mehr im Vermögen, und an der
Stelle, wo ich ein kleines Capital früher einmal vergraben, haben mir
die verfluchten Franzosen gerade ein Fort darauf gebaut daß ich jetzt
auch nicht dazu kann. Ich muß später wieder hierher zurück, das zu
heben, und Dein Geld ist Dir sicher.«
»Aber ich _habe_ kein Geld zum Verborgen« schrie die Alte, vielleicht
absichtlich mit lauter Stimme und mehr von seiner Annäherung
zurückweichend -- »was Ihr für mich gearbeitet, hab' ich Euch baar
bezahlt, höher bezahlt wie ich es eigentlich vor Gott und meinem
Gewissen verantworten konnte, und das Bischen Nutzen was ich durch den
Verkauf der Sachen hätte haben können, lief in Euere Taschen, eh' ich
den Spunt geöffnet.«
»Wenn Du nicht aufhörst zu schreien« zürnte sie der Ire jetzt mit
tödtlich blitzenden Augen an, »so _sag'_ ich Dir, wo Du Dein Geld hast
-- hörst Du mich? -- wirst Du jetzt Vernunft annehmen und schweigen?«
»Sagt _Ihr_ mir wo ich mein Geld habe?« rief aber die Alte, die
todtenbleich wurde und sich erschreckt umschaute -- »was wollt Ihr von
mir, Mensch? von einer alten schwachen Frau, die kaum ihr Leben noch
fristen kann in Noth und Dürftigkeit, bei diesen entsetzlichen Zeiten?«
»Ihr werdet da herum trödeln bis die Alte uns die ganze Nachbarschaft
über den Hals geschrieen hat« knurrte aber jetzt Jack von der Thür
aus -- »es wird dunkel Jim, wir müssen wahrhaftig machen daß wir
fortkommen.«
»Was habt Ihr -- was wollt Ihr?« rief aber jetzt die Alte, der zum
ersten Mal die wirkliche Absicht der beiden Buben klar zu werden schien
-- »ich habe nicht einen Franc im Hause, so wahr ich selig zu werden
hoffe -- Murphy -- Murphy!«
»Schreist Du jetzt noch einmal nach dem verdammten Schuft« zischte
ihr Jim aber da, ihren Arm ergreifend, den sie ihm vergebens wieder
zu entreißen suchte, in's Ohr -- »so thu ich etwas, das mich nachher
gereuen könnte; und nun genug Firlefanz um eine so einfache Sache. Ich
muß 200 Dollar haben, und wenn Du die so rasch und willig als möglich
herausgiebst, so schwör ich Dir hier, daß wir Dir nichts thun, Dir
nichts weiter anrühren werden, und das Geld sollst Du, sobald ich es
irgend wieder erschwingen kann, oder im Stande bin das hier auf der
Insel vergrabene auszuheben, wiederbekommen.«
»Ich habe kein Geld -- nicht einen Penny.«
»Daß Dich die Lüge ersticke, Bestie« schrie aber Jim jetzt, selber
die Geduld verlierend -- »soll ich die Calabasse unter der Lampe dort
ausgraben, und Dir die vier oder fünf andern Stellen zeigen an denen
Du noch Geld eingescharrt? heh? -- oder willst Du selber Rath schaffen?
Schnell jetzt denn wir haben nicht fünf Minuten Zeit mehr und schon viel
zu lange getrödelt.«
»Die Calabasse unter der Lampe?« schrie aber die Alte jetzt in Schreck
und Entsetzen laut auf -- »ha, Teufel die Ihr seid -- Hülfe! Mörder!« --
Die eiserne Faust des Iren lag an ihrer Kehle und erstickte jeden
weiteren Laut.
»Hier Jack« sagte der Räuber dann ruhig zu dem herbeispringenden
Genossen -- »nimm mir einmal die Alte ab, halt sie aber ruhig, indeß ich
das Geld heraufhole.« --
»Na das hätten wir vor einer Viertelstunde schon eben so bequem haben
können« fluchte der Matrose, den Mund der Alten, die sich in des Iren
Griff wand, mit einem Tuch bedeckend und verschließend -- »so Madame,
nur für ein klein Weilchen, wenn der Herr Gemahl zurück kommt, kannst Du
ihm dann die ganze Geschichte weitläufig auseinander setzen -- wird sich
unmenschlich freuen wenn er es hört. Hast Du's, Jim?«
»Noch nicht« sagte sein Kamerad, der die Lampe ohne weiteres bei Seite
geworfen hatte und die darunter befindliche lockere Erde mit seinem
großen Messer aufstach und mit den Händen hinauswarf -- »Teufel noch
einmal, das Ding steckt tiefer wie ich glaubte.«
»Weißt Du aber auch gewiß daß das der Platz ist?«
Jim lachte ohne darauf zu erwiedern und grub eifrig weiter, die
Frau aber, die sich jetzt wieder zu erholen anfing, verdoppelte ihre
Anstrengungen los zu kommen, und Jack hatte wirklich Mühe sie unter zu
halten.
»Hol der Teufel die Alte« brummte er dabei -- »sie wird es sich selber
zuzuschreiben haben, wenn sie zu Schaden kommt.«
»Da ist er« rief aber auch in diesem Augenblick Jim, die aufgestochene
Erde rasch und freudig auswerfend -- »ich hab' ihn schon mit dem Messer
gefühlt; so, jetzt wird unsere Reisecasse gleich in Ordnung sein.«
»Mach schnell Jim, ich kann die Alte wahrhaftig nicht länger halten«
rief aber auch Jack, »ich muß ihr sonst die Kehle allen Ernstes
zuschnüren -- was auch eben kein großer Verlust wäre.«
»Nein -- halt!« rief aber Jim, ohne jedoch seine Arbeit zu unterbrechen
-- »thu' ihr Nichts zu Leide, Jack, Mütterchen Tot und ich sind viel zu
gute alte Bekannte, als daß ich die Ursache ihres Todes sein möchte --
kannst Du ihr nicht die Arme und Füße binden?«
»Ich habe alle beide Hände voll zu thun, ihr nur eben den Mund
zuzuhalten« knurrte Jack.
»Hier ist der Beutel!« rief Jim und das Klirren des Geldes, das auch
wahrscheinlich an das Ohr der Eigenthümerin drang, trieb diese zu neuen
rasenden, aber doch vergebenen Anstrengungen.
»So komm wenigstens her daß Du mir sie binden hilfst« rief Jack jetzt
zwischen den, fest aufeinander gebissenen Zähnen durch -- »allein bring'
ich's nicht zu Stande.«
»Kann nicht einmal ein altes Weib bändigen« lachte der Ire, dem Rufe
jedoch nichtsdestoweniger Folge leistend. Jack hatte, wie fast jeder
Matrose, die Taschen voll dünner Seilen und kurzen Enden Tau und die
Alte lag bald, unfähig sich weiter zu bewegen, gebunden und geknebelt
auf ihrer Matratze und dem im Kampf heruntergerissenen Mosquitonetz.
»So, nun aber fort« rief Jim, »denn Murphy kann jeden Augenblick wieder
zurück kommen und besser ist besser. Da Jack, vergiß Dein Gewehr nicht
und nimm unsere beiden Bündel, ich trage das Geld -- wir haben genug!«
und mit heiserem Lachen sprang er, von dem Kameraden gefolgt, aus der
Thür, den schmalen Pfad entlang der nach dem Wasser führte, und sich
eben noch in dem dunklen Schatten erkennen ließ. Kaum aber hatten sie
die Hütte zehn Schritt hinter sich, als das gellende Angstgeschrei der
Alten, die sich gewußt hatte von ihrem Knebel zu befreien, an ihr Ohr
schlug, und beide erschreckt halten machte.
»Der alte Drachen wird den ganzen Wald rebellisch machen« rief Jim mit
dem Fuße stampfend -- »weißt Du denn noch nicht einmal einen Knebel
einzudrehn?«
»Ach laß sie schreien« brummte Jack, »in zehn Minuten sind wir auf dem
Wasser und in der Dunkelheit finden sie doch unsere Spur nicht.«
»Nein, nein« rief aber Jim ängstlich, »wir können nicht gerade im See
halten und müssen erst lange Strecke an den Riffen hin -- wenn der
Alarm gegeben wird, kommen uns doch am Ende die Boote in den Weg. Spring
zurück und drück ihr den Knebel wieder ein, aber mach rasch, ich bringe
indeß das Geld in Sicherheit -- Du kennst ja mein Zeichen.«
»Wart lieber hier, ich könnte mich verirren« rief aber der, mit dem
Walde gar nicht vertraute Jack, »hol der Teufel die Bäume, einer sieht
wie der andere aus.«
»So mach rasch« rief Jim -- »Raiteo wird auf uns warten.«
Jack sprang in das Haus zurück und Jim horchte einen Augenblick, bis
der Kamerad hinter den Guiaven verschwunden war, sprang aber dann mit
flüchtigen Sätzen dem Strande zu, Raiteo zu treffen.
Dieser befand sich jedoch keineswegs auf der bezeichneten Stelle,
sondern war ein sowohl sehr überraschter, als erstaunter Zeuge der
letzten Scene gewesen. Stutzig gemacht nämlich, durch den barschen
Befehl das Haus zu verlassen, und mistrauisch gegen die beiden Männer,
fiel ihm auch zugleich wieder das unter den Insulanern bestehende
Gerücht ein, Mütterchen Tot sei steinreich und habe ihre ganze Hütte mit
Silberstücken gepflastert, über die nur eben wieder dünne Erde gestreut
wäre. Vor der Habgier der Eingeborenen schützte sie freilich auch der
Ruf ihres Einverständnisses mit bösen Geistern (Murphy las deshalb auch
nur immer in der Bibel, diese von sich abzuhalten), aber mit den Weißen
war das etwas anderes und er fand denn auch, wie er sich nur vorsichtig
hinter die Bambusstäbe gedrückt, seinen schlimmsten Verdacht gar bald
bestätigt.
Als Jack nach dem Hause zurücksprang, lag der Insulaner, nicht fünf
Schritt von den beiden versteckt, in dem dichten Unterbusch, unschlüssig
was zu thun, und erst als er den einen, _mit_ dem geraubten Gelde dem
Strande zu fliehen sah, folgte er diesem -- sein Vortheil lag da, wo er
das Geld wußte.
Einen Augenblick hielt aber selbst Jim in seinem Lauf ein als ein
gellender wilder Angstschrei von der Hütte her an sein Ohr schlug.
Dann war Alles ruhig -- todtenstill, und nur einen Fluch in den Bart
murmelnd, setzte er seinen Weg fort und hatte eben den Rand des kleinen
Flusses und damit eine schmale offene Lichtung erreicht, wo gerade
Raiteo seiner harren sollte, als er es rechts und links in den Büschen
rascheln hörte und bestürzt stehen blieb, des Geräusches sicher zu sein,
ehe er sich dem offenen Platz anvertraute.
»Raiteo!« rief er dabei mit leiser, vorsichtig gedämpfter Stimme, und
gab das verabredete Signal -- aber kein Raiteo antwortete, denn dieser,
obgleich dicht hinter ihm, hatte ebenfalls etwas vernommen das da nicht
hingehörte, und wollte jedenfalls erst wissen was es sei, ehe er selber
durch irgend eine Antwort seine Gegenwart verriethe.
Alles war todtenstill, als plötzlich ein wilder, wirrer Lärm von der
Richtung wo er hergekommen zu ihnen herübertönte, und gleich darauf ein
Schuß fiel.
»Tod und Teufel, das war Zeit« lachte Jim in sich hinein -- »sollte mich
gar nicht wundern wenn Jack in einen warmen Platz gerathen ist; jetzt
aber auch fort --« und mit ein paar Sätzen die Lichtung überfliegend,
begrüßte er mit einem Freudenruf das dort versteckt gehaltene Canoe. --
Noch aber hatte sein Fuß es nicht berührt als es wieder an beiden Seiten
in dem Dickicht raschelte und brach, und zwei dunkle Gestalten plötzlich
daraus vorsprangen.
=»Hell and damnation!«= schrie der Verbrecher, der kaum Zeit behielt
das geraubte Geld in einen Busch hinein fallen zu lassen und sein Gewehr
aufzugreifen, als sich auch der Eine der Männer gegen ihn anwarf, dessen
Gesicht er nur zu wohl erkannte.
»Haben wir Dich, Kamerad!« rief der Bootsmann der Jeanne d'Arc, als er,
den kurzen Cutlaß[4] in der Faust, unerschrocken gegen die vorgehaltene
Waffe des Iren ansprang -- »ergieb Dich, denn Du bist mein Gefangener.«
[4] Kurze Degen an Bord von Schiffen gebrauchlich.
»Noch nicht« zischte aber der zur Verzweiflung getriebene zwischen den
Zähnen durch, und die abgefeuerte Kugel riß dem Feind die linke Backe in
demselben Moment auf, als sein Cutlaß das Bayonnett zur Seite schlug.
Im nächsten Moment war aber auch der andere Matrose an seiner Seite, und
sich auf den Iren werfend, umfaßte er diesen mit seinen sehnigen Armen
und riß ihn mit sich zu Boden. Jim O'Flannagan lag, wenige Minuten
später, überwunden und gebunden in der Gewalt seiner Feinde.
»So -- das war abgemacht« sagte der Bootsmann ruhig, der sich jetzt die
verwundete Backe hielt, und das Blut zu stillen sucht. -- »Peste, wie
mich der Schuft jetzt zugerichtet hat, und es war gut gemeint -- aber
den Andern werden sie wohl auch erwischt haben. Der kleine rothhaarige
Schuft hatte doch recht, daß er uns hier herum zu Wasser schickte, und
wie ich nur das Canoe sah wußt' ich daß wir ihn abfangen würden. Aber
hallo, was ist das?«
»Indianer, bei Gott!« sagte der andere Matrose, nachdem sie eine kurze
Weile einem neu beginnenden Lärm und Schreien gelauscht, dem gleich
darauf das Knattern eines förmlichen Kleingewehrfeuers folgte.
Jim horchte hoch auf -- da war Hülfe möglich -- wenn ihn die Insulaner
hier entdeckten hätten sie ihn jedenfalls befreit, und er stieß jetzt
plötzlich mit lauter gellender Stimme den oft gehörten Schlachtschrei
derselben aus!
»Brav gemacht mein Junge« lachte aber der Bootsmann, mit dem Kopfe
nickend -- »recht brav für Dein Alter, schade nur, daß Du deine Lunge
so ganz umsonst anstrengst« -- und dann seine Pfeife an die Lippen
bringend, that er einen kurzen scharfen Pfiff, dem gleich darauf durch
die regelmäßigen Ruderschläge eines heranschäumenden Bootes geantwortet
wurde.
»Hier den Burschen in's Boot und vier mit ihm zurück, so rasch Ihr könnt
nach Papetee -- Ihr Anderen mit Eueren Waffen her zu mir.«
Dem Befehl ward augenblicklich Folge geleistet, der sich aus allen
Kräften sträubende Verbrecher in's Boot geworfen, und wie der größte
Theil der Mannschaft an Land gesprungen war, glitt das scharfgebaute
Fahrzeug geräuschlos wieder zurück in die Fluth und verschwand gleich
darauf unter dem dichten Schatten der überhängenden Uferbäume;
die Matrosen aber folgten still und schweigend dem ihnen rasch
voranschreitenden Bootsmann dem Schauplatz des Kampfes zu, der jetzt
wieder heißer zu entbrennen schien.
Ueber den Platz aber, als ihn Alle verlassen, glitt die dunkle Gestalt
des Insulaners, des schlauen Raiteo, der in seinem Versteck ein stiller
Zeuge des Ganzen gewesen. Das Boot mit seinem Gefangenen, übrigens wie
der forteilende Trupp der Seeleute, schien ihn wenig zu interessiren --
er horchte nur aufmerksam einen Augenblick nach beiden Seiten hin,
ob auch wirklich Alle den Platz verlassen und keiner von ihnen
zurückkehrte, ihn zu stören, und als er sich davon überzeugt, schlich er
sich geräuschlos zu der Stelle hin wo das Canoe angehangen lag, und Jim
O'Flannagan von den vorspringenden Seeleuten überrascht war. Die schon
stark eingebrochene Dämmerung ließ ihn gerade noch erkennen was er
suchte, den dort eingeworfenen Sack mit Geld, und während sich ein
höchst selbstzufriednes vergnügtes Lächeln über seine Züge stahl,
verschwand er mit seinem so ohne alle Anstrengung erbeuteten Schatz in
der Dickung.
* * * * *
Jack hatte indessen seinen Auftrag rasch und vollständig ausgeführt,
als er aber die Hütte wieder verließ sah er todtenbleich aus und sein
stierer Blick starrte wild und mistrauisch umher.
»Jim!« rief er, als er mit flüchtigen Sätzen den Pfad hinabspringend den
Kameraden nicht auf der alten Stelle fand. »Jim -- wo zum Teufel steckst
Du -- ist das auch der rechte Weg?« rief er dann sich bestürzt und
unsicher umschauend -- »hier der Baum lag doch vorher hier nicht -- na
_das_ fehlte mir jetzt« und mit ausbrechender Angst floh er die wenigen
Schritte zum Haus zurück, dort zu sehn ob noch irgend ein anderer Pfad
nach dem Wasser hin auszweige.
»Hier ist er -- halt ihn -- steh Schurke!« rief es in dem Moment von
drei vier Seiten -- Jack, mit einem Angstschrei zusammenfahrend, griff
sein Gewehr auf, aber der Finger berührte zu früh den Drücker und der
Schuß ging in die Luft, während sich von drei oder vier Seiten die
Soldaten auf ihn warfen, ihn entwaffneten und seine Hände banden.
»So mein Bursch'« sagte Bertrand, der an ihn hinangetreten war und ihn
erkannt hatte -- »haben wir Dich wieder? -- wo ist Dein Kamerad?«
»Schenkt mir das Leben ich will Euch Alles gestehn!« schrie der
Unglückliche in Verzweiflung in die Knie brechend.
»Untersucht das Haus erst ob Ihr nicht den Andern darin findet -- der
größte Hallunke fehlt noch immer« rief aber der Lieutenant ohne auf
das Gewimmer des Mannes zu achten. »Tod und Teufel wenn er uns wieder
entgangen sein sollte. Ha, was ist das da?«
Er hatte Ursache zu fragen, denn vier oder fünf Schüsse fielen in diesem
Augenblick aus dem Dickicht, und wilde Zurufe antworteten sich herüber
und hinüber.
»Die Insulaner!« rief René, das Gewehr aufgreifend, daß der Gefangene
hatte fallen lassen -- »alle Wetter, Bertrand, wenn wir einen Trupp der
Burschen über uns bekommen, können wir uns gratuliren.«
»Bleib Du bei den Gefangenen René« -- rief ihm der Freund zu -- »wir
haben das Haus oben umzingelt und dürfen den Iren nicht aufgeben, wenn
er drinnen steckt. Du magst zwei Mann noch bei Dir behalten. Wir werfen
die Insulaner zurück und ziehen uns dann von hier nach dem nicht so
fernen breiten Weg hinunter; sobald es dunkel wird können sie auch
nichts machen.«
Der Officier rief seine Leute zusammen und rückte rasch zum Entsatz
nach der Hütte hinauf, während René mit den beiden Seeleuten als Wache
zurückblieb; aber es war ihm ein unbehagliches Gefühl, einen wieder
eingefangenen Matrosen zu bewachen -- sein eignes Bild stieg ihm vor der
Seele auf, und er hätte Gott weiß was darum gegeben, den Mann befreien
zu dürfen.
»Was hast Du verbrochen, mein Bursche?« frug er, zu ihm hinantretend,
»daß Du das Weite suchen mußtest?«
»Nichts, Ew. Gnaden, auf der weiten Gotteswelt, als Schiffs müde« --
stöhnte der Mann, von dem freundlichen Tone getroffen -- »und ein armer
Rücken wird's jetzt sein, der für die Beine bezahlen muß -- oh armer
Jack, armer Jack.«
René hatte sich die Patrontasche umgehangen, die man dem Gefangenen
abgenommen und fing an sein Gewehr zu laden -- er hatte dem Gebundenen
den Rücken zugedreht, und hörte wie die Leute heimlich mit ihm
flüsterten.
»Wenn sie klug sind« dachte er bei sich selber, »werden sie wissen was
sie zu thun haben -- ich sollte nicht an ihrer Stelle sein.«
Die regelmäßigen raschen Schritte von Europäern kamen vom Wasser herauf
-- es war der Bootsmann mit seinen Leuten der das Schießen gehört. Kaum
hatten diese aber die kleine Gruppe erreicht, als dicht vor ihnen
auch wieder ein anderer Trupp Indianer hereinbrach und wahrscheinlich
geglaubt hatte, den am Haus befindlichen Franzosen den Rückzug
abzuschneiden. Diese wurden aber warm von der Bootsmannschaft empfangen,
und noch im Kampf sah René wie sich der Gefangene vom Boden aufrichtete.
»Lauf« dachte er bei sich selber, »wenn Du weiter nichts verbrochen
hast« und nicht unmittelbarer Zeuge zu sein, trat er ein paar Schritte
in das Dickicht, das jetzt geladene Gewehr in der Hand, hinein, als er
sich plötzlich gefaßt und zu Boden geworfen fühlte und gleich darauf
gellte ein wilder Jubelruf an sein Ohr. Rings um ihn her brachen und
rauschten die Büsche -- Schüsse fielen und wilde halbnackte Gestalten
sprangen über und neben ihm hin. Aber nicht halten konnten sie sich
gegen die Uebermacht -- von dem Haus zurück stürmte jetzt Bertrand mit
den Seinen, dem Kampfplatz zu, und René hörte wie die Insulaner sich
ebenfalls zur Vertheidigung sammelten. Er wollte um Hülfe rufen, aber
seine Stimme wurde von dem, ihn umtobenden Lärm übertäubt -- er wollte
sich aufrichten, aber vier kräftige Arme umschlangen ihn, und während er
die Kugeln der Freunde konnte um sich her einschlagen hören, trugen ihn
die Sieger weiter in das Dickicht hinein, wohin ihnen die Europäer jetzt
gar nicht mehr wagen durften zu folgen. Weiter und weiter entfernte sich
der Lärm der Kämpfenden, denn die Insulaner folgten den sich jetzt nach
Papetee zurück ziehenden Franzosen auf dem Fuß, sie wenigstens noch so
viel als möglich zu belästigen, und verhallte endlich in der Ferne. Erst
dann ließen ihn die Eingeborenen wieder auf den Boden nieder, und er
wurde jetzt mit ziemlich barscher Stimme bedeutet, ihnen in die Berge zu
folgen.
Capitel 3.
Das Lager der Insulaner.
René befand sich in der keineswegs angenehmen Lage, mit auf den
Rücken gebundenen Händen durch ein Dickicht in völliger Dunkelheit zu
marschiren, wo man am hellen Tage seine Bahn kaum finden konnte. Die
Guiaven wurden hier auch wirklich so dicht, daß die Insulaner selber
nicht mehr darin fortkamen, wenigstens ihren Gefangenen nicht weiter
bringen konnten, und deshalb beschlossen, da, wo sie sich gerade befanden
zu lagern; erst am nächsten Morgen mit Tagesanbruch ihr Lager in den
Bergen zu erreichen. Sie schienen auch keineswegs zu befürchten hier von
Feinden überrascht zu werden, denn sie rieben sich Feuer an, räumten
bei dessen Schein einen kleinen Platz in dem Dickicht frei, wo sie sich
ordentlich ausstrecken konnten, und während Einzelne zum Fouragiren
abgeschickt waren, und etwas später mit allen möglichen Früchten und
sogar einem Ferkel zurückkamen das sie, Gott weiß wie, im Dickicht
überrascht hatten, wurden Steine glühend gemacht und Einer ihrer
gewöhnlichen Bratofen gegraben, um den sie sich bald, rings von kleinen
Qualmfeuern umgeben die Mosquitos abzuhalten, sammelten, und nun an zu
lachen und zu erzählen fingen, als ob sie sich mitten im Frieden und
nicht auf einem Streifzug befänden, der ihnen jeden Augenblick wieder
Speer oder Musketen die Hand drücken konnte.
René hatte Anfangs gehofft er werde unter der Schaar wenigstens einen
oder den anderen Bekannten finden, es schienen aber lauter Eingeborene
von der anderen Seite der Insel, ja vielleicht gar von Imeo, von wo
schon einzelne Canoes mit Kriegern heimlicher Weise gelandet waren, den
Brüdern auf Tahiti im Kampf gegen ihre Feinde beizustehn, was auf keiner
Insel so wirksam ausgeführt werden konnte, wie gerade hier.
Mit lauter fremden Gesichtern um sich her, machte er dann auch gar
keinen Versuch die Leute zu überzeugen, wie er gerade mit der ganzen
Sache am wenigsten zu thun gehabt, suchte sich einen warmen Platz an
einem der Feuer, wo er sich unter den Rauch legen konnte, und bat dann
Einen der Eingeborenen ihm die Hände los zu binden da er schlafen wolle,
und das auf diese Weise nicht möglich machen könne.
Der Insulaner sah ihn erst erstaunt an; er hatte wahrscheinlich gar
nicht geahnt, daß der Wi Wi so fertig ihre Sprache spräche, willfahrte
ihm dann aber, da keine Gefahr war daß er sich ihnen durch die
Flucht entziehen könne, und nachdem René noch gesehen, wie Wachen in
verschiedenen Richtungen ausgestellt wurden, einem wenn auch nicht
wahrscheinlichen, doch möglichen Ueberfall zu begegnen, schob er sich
einen daliegenden Stein unter den Kopf, warf sich auf die rechte Seite
und war bald, unbekümmert um das Lachen und Lärmen um ihn her und
die Gefahr in der er sich vielleicht selber befand, sanft und süß
eingeschlafen.
Am nächsten Morgen weckte ihn in der That erst der Morgenschuß der
Fregatte, der voll und dröhnend zu ihnen herüberbrach, und sein
schmetterndes Echo in den Bergen fand. Eine Dämmerung existirt in diesen
Breiten gar nicht, der Tag beginnt faktisch erst mit der Sonne, und
Phöbus überrascht die Nacht, wenn er mit seinem leuchtenden Gespann dem
Meer entsteigt.
Die Insulaner hatten sich indeß schon zum Aufbruch gerüstet, man gab
ihm ein Stück kalte geröstete Brodfrucht und ein paar Bananen, und der
kleine Trupp setzte sich dann, den Gefangenen in die Mitte nehmend,
wieder in Bewegung, bald darauf das Thal erreichend in dem das Lager
sich befand, und wo sie einen schmalen Fußpfad trafen, dem sie mit
geringerer Anstrengung folgen konnten. Seine Hände hatte man ihm
übrigens nicht wieder gebunden -- er hätte auch den flüchtigen Söhnen
dieser Wälder im Leben nicht hier entspringen können.
Nach stündigem Marsch etwa, bei dem sie sich übrigens langsam
fortbewegten, erreichten sie die ersten ausgestellten Vorposten der
Eingeborenen, mit Musketen und Seitengewehren bewaffnet, die sich eifrig
nach den Vorgängen des verflossenen Abends, von denen sie schon gehört
zu haben schienen, erkundigten. Sie hielten sich aber nicht bei ihnen
auf, sondern stiegen jetzt mit schnelleren Schritten das schmale Thal
hinan, hie und da von einzelnen, rings an den steilen Wänden und hinter
Felsstücken wohl verdeckten Posten angerufen, die auch durch Zeichen und
einen eigenthümlich ausgestoßenen Schrei ihre Ankunft weiter meldeten.
Endlich öffnete sich das Thal etwas, die Bergwand lief hier weniger
steil zum Wasser nieder und bildete eine Art Kessel, in dem René einfach
aufgeworfene Schanzen zu finden erwartete, sich aber hier zu seinem
Erstaunen plötzlich in einer förmlichen kleinen Colonie sah, in
der Hütten ringsum errichtet, die Guiaven und anderen Sträucher
niedergehauen und mit ihrem Holz zwar nicht sehr hohe, aber sicherlich
sehr feste und schwer zu überwindende Barrieren errichtet waren. Kanonen
hatten sie hier nicht zu fürchten, für die zuerst eine vollständige
Straße hätte ausgehauen werden müssen, und einem Angriff von
kleinem Gewehrfeuer, gegen das sie auch noch überdies ein im Inneren
aufgeworfener niederer Erddamm schützte, konnten sie hoffen mit Erfolg
zu begegnen.
Was aber René vor allem Anderen überraschte war die vollkommene Ruhe die
in dem kleinen Lager herrschte -- man hörte weder Singen noch Schreien,
sah weder tanzende noch lachende Gruppen, und nur hie und da standen
einzelne kleine Trupps zusammen, sich leise mit einander unterhaltend.
Das Rauschen der mächtigen Baumwipfel unterbrach kaum die feierliche
Stille.
Es war Sabbath -- der Sabbath der Eingeborenen wenigstens, und selber
der Gefangene wäre nicht weiter beachtet worden, hätte nicht René Viele
der hier Versammelten gekannt und auf sie zugehend sie begrüßt.
Die aber, die ihm sonst freundlich die Hand geschüttelt und ihm das
herzliche Joranna entgegengerufen, wandten sich theils ab, ihn nicht zu
sehen, theils nickten sie einfach mit dem Kopf und drückten sich dann
langsam aus seiner Nähe, nicht weiter mit ihm in Berührung zu kommen. Es
war augenscheinlich daß sie ihn vermeiden wollten, und René fühlte das
kaum, als ihm das Blut auch schon in Zorn und Unmuth in die Schläfe
stieg und er sich finster, die Arme auf der Brust verschränkt, an einen
mächtigen Mapebaum lehnte, das Resultat seiner Gefangennahme ruhig
abzuwarten.
Er hatte noch nicht lange so gestanden, als eine kleine Glocke läutete
und die Insulaner, die wie René zu seinem Erstaunen jetzt sah, gar keine
Waffen zu haben schienen, alle dem entfernteren Ende des Lagers zuzogen,
wo roh von Steinen gebaut eine Art Rednerstand aufgerichtet und ein
schlanker danebenstehender schwacher Baum abgekappt und mit einem Bret
darauf befestigt war, gewissermaßen zur Kanzel zu dienen.
»Auch eine Predigt?« murmelte René erstaunt vor sich hin -- »Wetter
nocheinmal, die Burschen haben sich hier so häuslich eingerichtet, als
ob sie gar nicht wieder zum Wasser hinunter zu ziehn gedächten, und kein
Gewehr zu sehn, kein Degen, kein Speer, womit, zum Henker, wollen sie
sich denn vertheidigen, wenn sie hier angegriffen werden? -- Ha, Mr.
Rowe« unterbrach er sich aber wirklich überrascht, als der finstere Mann
aus einer kleinen, gar nicht so weit von ihm entfernten Hütte trat, und
fast dicht an ihm vorüber, ohne den Blick aber nur ein einziges Mal zu
ihm aufzuheben, der wunderlichen Kanzel zuschritt.
Die Insulaner hatten sich indessen Alle um ihn versammelt, nur vier
ausgenommen, die dem jungen Franzosen augenscheinlich als Wache
beigegeben waren. Es dauerte auch nur wenige Minuten länger, so begann
der religiöse Gesang, irgend eine von den Missionairen in's Tahitische
übersetzte Hymne nach der Melodie eines alten Englischen Volksliedes,
deren sie sich wunderbarer Weise am meisten bedienten[5] und Vers nach
Vers zog sich monoton und bleiern durch eine volle Stunde tödtend hin.
[5] Die Missionaire, von denen wohl wenige musikalisch sein mochten,
hatten in früheren Jahren den Indianern zu ihren Hymnen keine anderen
Melodieen bringen können, als die, die ihnen noch vom alten Vaterland
im Gedächtniß waren, meist Volkslieder, denen sie den frommen Text
dann anpassen mußten.
»Das wird langweilig, meine Burschen« sagte René endlich, der jetzt wohl
einsah daß ihm nichts anderes übrig blieb, als den Gottesdienst ruhig
und geduldig auszuhalten, und der sich indessen die Zeit durch ein
Gespräch mit seinen Wächtern zu kürzen hoffte, »treibt Ihr's hier alle
Tage so, oder blos am Sabbath?«
»Bst!« sagte aber der älteste der Eingeborenen mit einem verdrießlichen
Kopfschütteln -- »bst -- nicht sprechen, Ferani; heute ist Sabbath,
heute darf Nichts gethan werden wie beten. Du mußt still sein.«
»Das hat mir noch gefehlt« brummte René mit einem tief aufgeholten
Seufzer -- »Hunger und Beten -- heut' werd ich ein richtiger Büßer und
kann einen Theil meiner Sünden los werden.« Wohl wissend aber daß mit
den Wilden in dieser Hinsicht nichts anzufangen war, und auch nicht
gesonnen sich hier oben, nun doch einmal in ihrer Gewalt, vielleicht
noch mehr Feinde zu machen, wenn er ihre Andacht auf eine oder die
andere Art störte, warf er sich unter den Baum, drehte der frommen
Versammlung den Rücken zu, und versuchte zu schlafen.
»Könnte Dir auch nichts schaden wenn Du ein Bischen zuhörtest und
was lerntest« sagte der Eine wieder leise zu ihm -- »Miti Aue ist ein
tüchtiger Mann und weiß Alles ganz genau was einmal geschehen wird.«
»Ich wollte er könnte mir dann sagen wo ich morgen um diese Zeit bin«
lachte René.
»Bst« sagte der Eingeborene wieder rasch und erschreckt -- »nicht so
laut -- wenn Du auch kein Christ bist, kannst Du doch Frieden halten.«
René biß sich auf die Lippen, aber er erwiederte Nichts weiter und
lehnte sich zurück zum Schlafen. Der Gesang hatte jetzt aufgehört und
die Predigt begonnen, und der junge Mann hörte in einer Art Halbtraum
die scharfe gellende Stimme des ehrwürdigen Mr. Rowe, die in klappernder
monotoner Weise, die einzelnen Sätze schroff von einander gerissen,
diesen Kindern des Südens die starren Dogmen der christlichen Religion
erklärte, und sie vor dem Antichrist warnte, der mit scharfen Krallen
vor ihrer Thüre läge und sie drohe zu verschlingen, wie sie die Schwelle
überträten.
»Christen _nannten_ sie sich, jene Menschen, die das Volk verführten,
ihre Religion und ihren Sabbath mit Füßen traten, ihre Regierung
stürzten, ihre Männer erschlugen, ihre Frauen entehrten, und von den
sicheren Schiffen aus die tödtlichen Kugeln in friedliche Wohnungen
und Hütten schleuderten. Christen _nannten_ sie sich, aber sie
_verleugneten_ den Herrn, sie verleugneten sein Wort und ihre Priester;
anstatt im Sack und in der Asche Buße zu thun, gingen in Gold und Silber
blitzenden Gewändern einher, ein Greuel dem Herrn und jedem frommen
Christen. Aber Gottes Donner schlief _nicht_, seiner Rache Blitz lag
gerichtet schon in der gehobenen Hand, und seine unendliche Langmuth
nur verzögerte noch den Wurf, der Verderben niederschleudern sollte
und mußte auf die Verräther und Feinde dieses Insellands. Wehe den
Strafbaren, wehe den Meineidigen -- wehe den Mördern -- wehe den
Gotteslästern und Bibelschändern -- wehe allen die sich schuldig wußten
in der letzten Stunde des Gerichts, denn des Herren Rache würde sie
treffen in das siebente und zehnte Glied, und ihren Saamen vertilgen von
der Erde!«
Wilder und drohender hallte die Predigt von des geifernden Mannes
Lippen, seine Rede war eine Rede des Zorns und der Rache; sie machte
das Blut kochen in den Adern, bei Freund und Feind, und die Hand suchte
unwillkürlich eine Waffe dem zornigen ingrimmigen Wort die That folgen
zu lassen zu Haß und Blut.
René konnte es zuletzt nicht mehr ertragen; er sprang auf von
seinem Lager und ging mit raschen Schritten und fest über die Brust
geschränkten Armen auf dem kleinen Raume hin und wieder, von seinen
Wächtern mistrauisch dabei mit den Augen verfolgt. Aber er dachte nicht
an Flucht, und nur die Scheu den Gottesdienst dieses Volkes als Katholik
zu stören, und dem Missionair noch mehr Ursache zu geben wider ihn und
seine Landsleute zu eifern, hielt ihn ab, nicht mitten in die feindliche
Predigt hinein zu springen und dem fanatischen Priester den Lug und Trug
seiner Rede in's Gesicht zu schleudern.
Die Predigt hatte sich endlich mühsam und krampfhaft dem Schluß
zugewandt; das letzte Gebet folgte, die Eingeborenen wandten sich,
der Sitte der Methodisten nach, ab von dem Geistlichen, ihr Gebet zu
verrichten, und ein stiller heiliger Friede schien, mit dem Verhallen
der rauhen feindlichen Worte, über den Betenden zu ruhen.
Ein Schuß!
Wie durch Zauberei änderte sich das Bild -- die Schaar der Frommen, auf
die Knie niedergeworfen in brünstigem Gebet -- keine Waffe zu sehn, die
den feindlichen Charakter dieses Lagers in der Wildniß hätte verrathen
können, kein Laut zu hören wie das dumpfe Murmeln der zu ihrem Gott
erhobenen Stimmen. Da hinein brach der Knall des in geringer Entfernung
abgefeuerten Gewehrs, die Männer schnellten im Nu empor, und nach allen
Seiten auseinander stiebend enthüllte jeder Stein fast, und jeder Busch,
jede wie nachlässig hingeworfene Matte, jeder Streifen zusammengereihter
Pandanusblätter, der zum Bedachen irgend einer neuen Hütte verwandt
werden sollte als der Sabbath die Arbeit unterbrach, einen Haufen
Gewehre oder Lanzen, Speere, Patrontaschen, Säbel, Messer und Beile,
und die wirbelnde Trommel rief die verschiedenen Trupps zu ihren, schon
vorher bestimmten Sammelplätzen, den Feind zurück zu weisen, der es
wagen sollte, sie in dieser festen Stellung anzugreifen.
René war mit staunender Bewunderung Zeuge der fabelhaften Schnelle
gewesen, mit der sich die Kirche hier vor seinen Augen, und wie nach der
Berührung eines Zauberstabes, in ein trotziges Kriegslager verwandelte,
und der ehrwürdige Mr. Rowe allein schien regungslos bei dieser
plötzlichen Metamorphose seine Stelle behauptet zu haben. Nur mit
erhobenen Händen und Augen stand er da, Vergebung niederflehend von dem
Herrn der Heerschaaren für das Häufchen der Gläubigen, die durch den
rücksichtslosen Feind gezwungen wurden doppelte Sünde zu begehen, den
Sabbath zu brechen und vielleicht noch gar Bruderblut zu vergießen, und
die Frauen und Mädchen schaarten sich in ängstlicher Erwartung um ihn
her, mit jeder Secunde das jetzt gekannte und gefürchtete Pfeifen der
Kugeln und das Prasseln des Kleingewehrfeuers zu erwarten, das wieder
Viele der ihrigen, vielleicht Väter, Brüder und Gatten niederschmettern
sollte in ihr frühes, freudloses Grab.
Aber es kam nicht -- Alles blieb ruhig, und wohl zehn Minuten standen
die Krieger in gespannter, peinlicher Erwartung. Ein einzelner Indianer
wurde zuletzt von den Wachen angezeigt, der langsam den Pfad herauf kam
und mit seinem Tuche winkte. Die Posten kannten ihn, René aber konnte
einen Ausruf des Staunens nicht unterdrücken, als er in dem Boten, denn
als solcher wies er sich aus, seinen alten Freund oder Feind, wie die
Sache gerade stand, von Atiu, als er Raiteo in ihm erkannte.
Raiteo hatte auch ihn jedenfalls gesehn und erkannt, denn ein eignes
zweideutiges Lächeln zuckte um seine Lippen, aber er drehte weder den
Kopf nach ihm um, noch kümmerte er sich im mindesten um ihn, sondern
schritt gerade hindurch durch die ihm bereitwillig Platz machenden
Krieger, direkt auf den Missionair zu, der sein Gebet jetzt ebenfalls
beendet zu haben schien und ihn mit fragenden finsteren Blicken
erwartete.
»Wer hat geschossen? -- wer hat den Frieden unsers Sabbaths gestört?«
-- frug der Geistliche streng, als ihm der Indianer gegenüber stand, und
eine derartige Anrede erst wirklich erwartet zu haben schien -- »sind
unsere Gesetze, die Gesetze Gottes nicht streng genug solchen Frevel zu
verhüten oder, wenn geschehen, zu bestrafen? -- wo kommst Du her jetzt,
Bruder Raiteo und was bringst Du? -- antworte wenn ich Dich frage, denn
meine Zeit ist kostbar, und jede Minute wird dem Heiligsten, Höchsten
dieser sündhaften Erde abgezogen und ist unwiederbringlich verloren.«
»Wer geschossen hat weiß ich nicht,« entgegnete Raiteo vollkommen
ruhig, und wenig bekümmert wie es schien um die harten Worte seines
Vorgesetzten -- »es wird wahrscheinlich einer von den Schildwachen
gewesen sein, die das Signal gaben, als sie die Franzosen den Berg
herauf kommen sahen.«
»Die Wi Wis?« riefen die ihm nächst stehenden Indianer rasch -- »wo sind
sie -- wie viel -- haben sie Kanonen mit.«
»Sie bringen eine Botschaft von Papetee« fuhr Raiteo aber, gegen den
Geistlichen gewandt, fort.
»Was wollen sie von uns?« frug dieser finster -- »heute ist kein Tag
mit ihnen zu verhandeln -- der Sabbath ist heilig und darf nicht
_ihret_wegen gebrochen werden.«
»Wenn Du eine Botschaft von den Feranis bringst, Bursche, so hast Du
Dich damit an _mich_ zu wenden und an Niemand anders!« unterbrach in
diesem Augenblick eine ernste tiefe Stimme das Gespräch der beiden, und
der alte wackere Häuptling Utami, einen Tapamantel um seine Schulter
geschlagen, der nur den rechten mit einem langen Europäischen
Pallasch bewehrten Arm frei und nackt ließ, trat aus einer Gruppe von
Eingeborenen vor und dem Boten gegenüber.
»Bruder Utami« sagte Mr. Rowe mit etwas scharfer zurechtweisender
Stimme, »ich verkündete in diesem Augenblick das Wort des Herrn an
heiliger Stätte, und es war richtig, glaub ich, _meiner_ schwachen
Meinung nach, daß sich der Bote, noch dazu ein junger Diener des
Höchsten durch unsern schwachen Beistand, an _mich_ wandte, die
Entweihung des Sabbaths zu entschuldigen.«
»Bringst Du Botschaft über irgend etwas das mit Gottes Wort in
Verbindung steht?« frug der Häuptling finster, ohne auf den Einwurf
weiter zu achten.
»Botschaft von den Feranis unten, Utami.«
»Dann hast Du das Wort auch an _mich_ zu richten, als den Häuptling
und an niemand Anders« lautete die barsche Antwort, die das Blut in die
Wangen des Priesters jagte, aber er wagte doch nicht dem ernsten
Mann entgegen zu treten, und die Finger falteten sich wieder wie
unwillkürlich in einander und die Augen suchten den Himmel -- es war ein
Blick der Versöhnung, der aber an Utami leider total verloren ging.
»Wer feuerte den Schuß?« frug jetzt der Häuptling wieder und sah den
Insulaner forschend an.
»Einer der Posten glaub ich, als sie die Wi Wis den Berg heraufkommen
sahen, und wahrscheinlich glaubten es kämen mehr hinterdrein.«
»Wie viele sind es ihrer?«
»Drei blos, als Abgeschickte.«
»Und was wollen sie von uns?«
»Daß Du den gestern gefangengenommenen Wi-Wi frei gebest und mit ihnen
zurückgehen lassest in's Lager. Er gehörte nicht mit zu den Soldaten und
wäre ganz aus Versehn gestern gefangen genommen.«
»Und ist das ein Grund unsere Sabbathfeier zu unterbrechen?« rief aber
jetzt Bruder Rowe die Hände in Staunen und Entrüstung zum Himmel gehoben
-- »sollen wir, eines gefangenen Katholiken wegen, der gastlich an
dieser Küste aufgenommen, sein Weib von sich gestoßen und die Hand
gegen die Kinder dieses Bodens, ein zweiter Kain, aufgehoben hat, den
Gottesdienst so vieler frommer Christen unterbrechen, denen vielleicht
nur der heutige Tag noch gegeben ist ihre Sünden zu bereuen und zu
Gott umzukehren, während sie vielleicht morgen schon vor ihrem Richter
stehen?«
»Singe Du weiter, Mi-to-na-re« sagte der Häuptling ernst -- »wir Führer
dieser Schaar wollen berathen was zu thun -- Raiteo, Du magst hier
meiner Antwort harren« -- und mit langsamen Schritten, den ihm nächsten
Häuptlingen winkend ihm zu folgen, schritt er der am entferntesten Theil
des Lagers errichteten Berathungshütte zu, wo er sich, bald von den
andern umgeben, auf einer der dort überall ausgebreiteten Matten
niederließ.
Die Hauptführer der Eingeborenen waren aber leider nicht Alle hier
versammelt; Tati, der mächtigste derselben fehlte, mit ihm Paofai
und Paraita -- die letzteren beiden lebten sogar in Papetee, unter
französischem Einfluß und wie es hieß, von ihm gewonnen, während sich
Tati, den Missionairen und ihrer Parthei wie den Feranis in ihrem
Uebermuth zürnend, nach Papara zurückgezogen hatte. Nur Utami -- von
denen die den Vertrag unterschrieben der Einzige, der edel und kühn
genug war den begangenen Fehler einzusehn und dem Volk mit dem Schwert
in der Faust bewies, daß er nie daran gedacht es zu verrathen und
sich geirrt als er nach dem Feind des Vaterlands die Hand um Hülfe
ausstreckte -- hatte sich mit den Seinen in die Berge zurückgezogen,
fest entschlossen ihre Unabhängigkeit und Freiheit zu wahren, so lange
ihnen Gott die Kräfte dazu lassen würde.
Außerdem waren hier oben versammelt Aonui, der rechte Arm der
Missionaire, und Potowai, Teraitane, Kahauha und Taaniri, die von den
Franzosen als Rebellen erklärten Führer der Eingeborenen, mit vielen
Anderen vom südlichen Theil der Insel, und dem östlichen, und auch
Fanue wurde mit seinen Streitern von Tairabu erwartet, von wo aus er
herüberkommen und sich dem Hauptstamme anschließen sollte, wenn es Noth
that einen gemeinschaftlichen, und Hauptschlag gegen die in Papetee
jetzt ziemlich zusammengedrängten Feranis zu unternehmen, und dem Krieg
dadurch vielleicht ein Ende zu machen.
Die Berathung der Häuptlinge dauerte nicht lange, schien aber gegen
Utamis Willen entschieden zu haben -- der alte Häuptling sprach finster
und heftig gegen die Mehrzahl der Uebrigen und seine Stimme drang
manchmal, wie das dumpfe drohende Rollen der Brandung zu der Versammlung
herüber. Diese wurde indeß durch den Geistlichen in ununterbrochenem
aber schwerlich andächtigem Gebet gehalten, zu dem jetzt die Waffen
nicht mehr passen wollten, und das sie stören mußten, hätte nicht das
eigene Interesse an den Verhandlungen schon ohnehin ihren Geist dort
hin, und von dem Inhalt ihrer Andacht abgelenkt.
Utami blieb, als die Uebrigen aufstanden, in düsterem Brüten auf seiner
Matte zurück, während Aonui, mit einem heiteren und milden Ausdruck in
den Zügen, einem Theil der Uebrigen voran, von denen sich die meisten
gleich wieder unter die Betenden mischten, zu Bruder Rowe halb, halb zu
Raiteo gewandt sagte:
»Wir wollen fortfahren unsere Augen zu Gott zu erheben, Bruder Aue
-- Raiteo, Du magst den Feranis melden daß sie uns morgen früh mit
Sonnenaufgang bei der Berathung ihrer Frage und der Untersuchung des
Gefangenen finden sollen. Heute ist der dem Herrn geweihte Tag und
nichts Irdisches, vielweniger die Privatverhältnisse eines Papisten,
sollen uns abhalten von unserer Pflicht, die wir zuerst dem Höchsten,
dann erst unseren eigenen Zuständen schulden.«
»Und die Feranis sollen wieder nach Papetee zurückgehn?« frug Raiteo,
halb mit einem Anflug von Schadenfreude in den Worten.
»Ich habe es gesagt« erwiederte Bruder Aonui.
»Und der Wi Wi soll hier oben bleiben?« setzte Raiteo mit demselben
Blick hinzu.
»Störe uns nicht weiter durch Deine nutzlosen Fragen, Bruder Raiteo«
sagte der Geistliche da mit freundlicher doch zurechtweisender Stimme,
»Du hast Deine Antwort, melde sie den Feranis, obgleich ich nicht recht
weiß wie Du dazu kommst ihr Bote zu sein.«
»Ich war gestern --«
»Ruhig -- ich will heute keine Erzählung irdischer Dinge mit anhören,
wir haben genug unserer kostbaren Zeit auf leichtsinnige Weise vergeudet
-- weshalb gehst Du nicht?«
»Ich?« sagte Raiteo -- und es war fast unmöglich bei den Worten einen
bestimmten Ausdruck für seine Züge zu finden, in denen es zuckte und zog
als er sich dazu zwang ernst und ehrbar auszusehn -- »ich? -- was
hab _ich_ weiter mit den Wi Wis zu thun -- ich habe sie den Berg
heraufgebracht weil ich mußte -- unten, wo sie nicht weiter dürfen,
stehn sie -- Jemand Anders kann sie hinunter bringen.«
»Möge sie Gott erleuchten« sagte Bruder Rowe mit einem flehenden Blick
nach oben, und in die schrillen Töne eines Psalms einbiegend, dem der
Chor gleich darauf mit lauter lebendiger Stimme folgte, wurde jede
Verhandlung über den Gegenstand vollkommen abgeschnitten und aus dem
Bereich weiterer Besprechung gebracht. Raiteo aber kauerte sich, gleich
wo er stand, auf den Boden nieder und erhob seine Stimme vor dem Herrn,
lauter und andächtiger, wenn man seinem äußeren Menschen glauben wollte,
als irgend eines der übrigen Mitglieder der Gemeinde.
Teraitane allein, der keineswegs beabsichtigte die Feranis auf solche
Weise zu behandeln, und nur noch mehr und unnützer Weise zu reizen,
verließ das Lager und stieg den Pfad hinab, ihnen die Meldung selber
zu bringen, daß die Häuptlinge beschlossen hätten heute, als an einem
Sabbath, sich in keine weltlichen Dinge zu mischen, und das Verhör und
die Untersuchung des Gefangenen auf morgen früh verschieben wollten.
Lieutnant Bertrand, der von Gouverneur Bruat selber abgeschickt war den
Gefangenen zurückzufordern, wollte sich jedoch so noch nicht abweisen
lassen, und drohte mit der Rache der Franzosen, wenn dem jungen Manne
auch nur ein Haar gekrümmt würde; hierauf aber hatte der alte Häuptling
nur einen finstern Blick und ein trotziges Lachen.
»Holt ihn Euch wenn Ihr nicht warten könnt« sagte er finster, »oder
wenn Ihr glaubt daß Ihr die Macht habt Euere Drohungen wahr zu machen.
Teraitane freut sich darauf Euch mit blutigen Köpfen wieder heim zu
schicken.«
»Du stehst mir für sein Leben!« rief da Bertrand rasch zuspringend, in
der Absicht den Häuptling als Geisel für den Freund, unter dem Lager der
Insulaner fort zu führen; Teraitane aber glitt ihm unter den Händen
hin, und wie aus dem Boden gewachsen tauchten rechts und links von ihm
bewaffnete und finstere Gestalten auf, Speere und die drohenden
Läufe der Musketen fest und zürnend auf ihn gerichtet. Bertrand riß
unerschrocken den Degen aus der Scheide, und seine Begleiter fällten
die Gewehre, einem jetzt sicher erwarteten Angriff zu begegnen, der
Häuptling aber winkte ihnen mit der Hand und sagte ernst:
»Ruhe heute am Sabbath! -- ich könnte Dich jetzt gefangen nehmen oder
tödten, Du tollköpfiger Ferani, aber ich will es nicht thun -- weniger
vielleicht Deinetwegen, als die fromme Gemeinde droben nicht noch einmal
in ihrer Sabbathfeier zu stören. Gehe zurück -- Du siehst, Du bist nicht
im Stande Deinen bösen Vorsatz auszuführen, gehe zurück und schicke
morgen wieder herauf, zu hören was die Häuptlinge über den Gefangenen
beschließen werden.«
Und sich ruhig und furchtlos von dem Feind abwendend, der aber noch
aufmerksam und mistrauisch von den übrigen Eingeborenen bewacht wurde,
schritt er langsam wieder den Pfad hinauf den er gekommen, während sich
Bertrand, unmuthig und unzufrieden mit sich selber, aber auch recht gut
einsehend daß er durch weiteres Vordringen René und sich nur schaden
aber gar nichts nützen könne, ebenfalls wieder zurück, in's Thal nieder,
wandte.
René hatte indessen in peinlicher Spannung die wie er sich recht
gut denken konnte seinetwegen gepflogenen Unterhandlungen von weitem
beobachtet, wobei ihn Raiteos Erscheinen besonders in Erstaunen setzte.
Daß ihn übrigens der Bursche keines Blickes würdigte, als er an ihm
vorüber ging, beruhigte ihn wenigstens über dessen Gesinnung gegen sich
selber. Er kannte den schlauen Gesellen gut genug, der, wenn ihm der
Gefangene gleichgültig gewesen wäre, jedenfalls ein paar Worte mit ihm
gewechselt hätte, und wenn es auch nur deshalb gewesen wäre, vor den
Eingeborenen von Tahiti mit seinem Englisch zu prahlen; das aber hätte,
meinte er es wirklich gut mit ihm, auch leicht zu einer Vermuthung
gegenseitigen Verständnisses führen und sie mistrauisch machen können,
während er dagegen, durch ein völliges Ignoriren des Fremden, Raum zu
keinem derartigen Verdacht geben konnte.
Daß der Gouverneur seine Auslieferung verlangt hatte, konnte er sich
denken, und weshalb wurde die verweigert? was wollten sie mit ihm? --
was _konnten_ sie von ihm verlangen? und woher auf einmal dies kalte
feindliche Benehmen sogar solcher der Eingeborenen gegen ihn, mit denen
er sonst auf einem ganz friedlichen Fuß gestanden? Alle die Fragen
gingen ihm wirr und in unbestimmten Bildern durch das Hirn, und das ewig
lange gleichgültige Absingen der Psalmen dazwischen, klang ihm wie Spott
in seinem Unmuth und machte ihn die Zähne fest auf einander beißen,
bittere Zornesworte zurück zu halten.
Der Gottesdienst nahm indessen seinen ungestörten Fortgang; dem Singen
folgten wieder Gebete und dem Gebete wieder geistliche Lieder, und
als die feierliche Handlung endlich mit einem langen Segen geschlossen
wurde, schieden sich die Zuhörer in ihre verschiedenen Gruppen oder
Familien, an kalten Speisen, da heute Nichts gebraten werden durfte,
ihre Mahlzeit zu halten, und sich für neue Bet-Uebungen auf den
Nachmittag vorzubereiten.
Auch die Frauen, von denen er viele kannte, hielten sich fern von ihm --
sogar Aumama, die er unter ihnen entdeckte, kam ihm nicht nah, und saß
nur ernst und schweigend auf ihrer Matte, am Fuß eines breitästigen
stehengelassenen Orangenbusches, und ließ den Blick oft lange und ernst
auf ihm haften; als er aber selber seine Stelle verlassen wollte zu ihr
hinzugehn, bedeuteten ihn seine Wächter daß er das nicht dürfe -- er sei
hier gefangen, und wenn sie ihm nicht Hände und Füße gebunden, wäre das
eine bloße Gefälligkeit. Was hätte ihm Widerstand gegen die Uebermacht
geholfen -- der konnte seine Lage nur verschlimmern.
Als letztes Aushülfsmittel verlangte er den Häuptling Utami zu sprechen,
den er gesehen hatte und mit dem er früher schon manches freundliche
Wort gewechselt; er habe ihm, wie er seinen Wächtern sagte, Wichtiges
mitzutheilen. Deren Antwort lautete dagegen ein- wie allemal: »es sei
Sabbath heute, und weder Utami noch irgend ein anderer Häuptling werde
sich mit ihm oder irgend etwas Anderem als eben der sonntäglichen Feier
befassen -- er müsse bis morgen warten.«
»Bis morgen warten -- Tod und Teufel!« die Ungeduld hätte ihn verzehren
mögen, aber wieder begannen, nach dem kurzen frugalen Mahl der Uebrigen,
die Bet- und Singübungen, und die einzige Notiz die man von ihm nahm,
war, daß ihm etwas kalte geröstete Brodfrucht und eine Cocosnuß gebracht
wurde, seinen Hunger und Durst zu stillen, und die Minuten schlichen wie
Stunden an seiner Seele vorüber. So wurde es Nacht -- das südliche Kreuz
über ihm drehte sich so langsam, als ob es Monate lang Zeit habe um
seine eigne Axe zu kommen, und die kühle feuchte Bergluft, mit der
inneren Aufregung vielleicht, schüttelte ihm die Glieder in Fieberfrost.
Endlich brach der Morgen an -- im Osten zeigte sich ein heller Schein
der rasch und mächtig wuchs, und der Morgenschuß der Uranie, der selbst
bis hierher deutlich drang, kündete die dem Meer entstiegene Sonne.
Die Eingeborenen waren aber schon vorher auf und thätig gewesen; ihre
Feuer, Steine glühend zu machen, loderten nach allen Seiten hin, und ein
reges Leben und Treiben herrschte in dem kleinen Lager.
»Utami will Dich haben« kündete da endlich ein junger Bursch
dem Gefangenen den Willen des Häuptlings -- »komm mit mir!« und
voranschreitend führte er ihn, durch die Lagerplätze der Insulaner hin,
deren keiner Wort oder Gruß für ihn hatte. Sie Alle blickten finster auf
ihn, und René, ärgerlich über den Hochmuth der »rothhäutigen Schufte«
wie er sie jetzt vor sich hinbrummend nannte, schritt mit verschränkten
Armen stolz und rasch zwischen ihnen hin -- hie und da einen auf ihn
gerichteten Blick mit keckem und herausforderndem Ausdruck begegnend.
Die Burschen sollten wenigstens nicht glauben daß sie ihn einschüchtern
konnten.
Der alte Häuptling saß auf einer Matte auf der Erde, um ihn alle die
übrigen Häupter und Aeltesten des Lagers, während sich die Eingeborenen,
obgleich in Gehörweite, doch in anständiger und ehrerbietiger Ferne von
den Richtern hielten, die über den Fremden jetzt ihr Urtheil sprechen
sollten.
René schlug das Herz lauter in der Brust, als er alle diese feierlichen
Vorbereitungen sah, aber sein leichter Sinn trug ihn rasch über den
Ernst des Augenblicks hin, und die vor ihnen kauernde Schaar, hinter der
sich die Frauen und Mädchen in dicht gedrängter Masse neugierig hielten,
mit einem flüchtigen Blick überfliegend sagte er lächelnd:
»Nun, was giebt's Ihr Männer, daß Ihr hier zu Gericht sitzt wie über
einen Missethäter? was wollt Ihr von mir, und warum habt Ihr mich
gestern den ganzen Tag und die Nacht ohne Matte selbst auf dem Boden
liegen lassen? -- Ist das Euere gerühmte Gastlichkeit? -- Ich wäre heute
selber, im Auftrag des Gouverneurs von Tahiti zu Euch gekommen, Euch
seine Vorschläge zu bringen, als mich ein Trupp Euerer Leute vorgestern
Abend überfiel und wie einen Mörder durch Dickicht und Busch in die
Berge schleppte. Was hab ich verbrochen?«
Ein leises Murmeln des Erstaunens über die kecke Rede lief durch die
Versammlung, und die meisten der Häuptlinge, besonders Aonui, Potowai
und andere schüttelten misbilligend mit den Köpfen und flüsterten mit
einander, aber Utami entgegnete ihm ernst, doch ohne Strenge oder Haß im
Ton.
»Nicht zu fragen, Ferani, sondern zu antworten bist Du hierher
beschieden -- sei aufrichtig, es ist das Beste für Dich.«
»Nun so fragt, nachher werdet Ihr ja wohl auch mir die Rede gestatten«
entgegnete René kurz.
»Was brachte Euch Feranis vorgestern Abend aus der widerrechtlich in
Besitz genommenen Stadt bewaffnet hervor, und weshalb grifft Ihr unsere
Männer an und erschluget zwei und führtet Andere gefangen fort?«
»Zuerst« erwiederte René, »gehörte ich gar nicht mit zu der
Patrouille, der ich mich nur anschloß halb müßiger Zeit wegen, halb der
Habhaftwerdung eines Verbrechers beizuwohnen, dessen Nähe dem Gouverneur
gemeldet worden, und den er zu fangen und unschädlich zu machen
wünschte. Die Patrouille hatte keinen anderen Zweck und die Insulaner
überfielen sie zuerst, die Gefangenen wieder zu befreien.«
»So hatten unsere Kundschafter doch recht und O'Fa-na-ga ist gefangen«
sagte der Häuptling, »aber was hatte er gethan?«
»Gemordet und geraubt in früherer Zeit« entgegnete René; »er ist ein
böser Mensch, und Einer der Officiere hatte ihn erkannt.«
»Ihr bringt da Anschuldigungen von denen wir nichts wissen« sagte aber
Utami -- »oft hätten wir können Einzelne von Euch gefangen nehmen, aber
wir haben es nicht gethan, wir führten keinen Krieg mit Einzelnen und
wir erwarteten dasselbe von Euch. O'Fanaga kämpfte in unseren Reihen und
stand unter unserem Schutz.«
»Dann hätte er darunter bleiben sollen« lachte René, »jetzt wird ihm
schwerlich viel Zeit mehr gegeben werden den zu beanspruchen.«
»Dann schlimm für Dich!« rief Aonui hier, zornig den Arm gegen ihn
ausstreckend -- »dasselbe Schicksal des O'Fa-na-ga unten von Deinen
Landsleuten trifft, Ferani, erwartet auch Dich.«
»Möcht' ich mir nicht wünschen« lachte René, noch immer fest
entschlossen den Insulanern gegenüber auch keinen Schein von Furcht zu
zeigen -- »haben sie ihn gefangen, so erwartet _ihn_ der Strick -- wenn
er nicht schon hängt.«
»Dann hängst auch Du!« schrie Potowai, den Arm wild gegen ihn
ausstreckend -- »O'Fa-na-ga war mein Freund.«
»Schlechte Empfehlung für Dich« sagte der unerschütterliche Franzose.
»Ruhe -- Frieden!« gebot aber Utami -- »und Du Ferani thust nicht
wohl daran die Männer noch zu reizen, die über Dich zu Gericht sitzen
sollen.«
»Dazu habt Ihr kein Recht!« rief aber, sich hoch emporrichtend der junge
Mann -- »und wehe Euch wenn Ihr es wagen solltet Hand an mich zu legen.«
»Kein Recht? -- und wer sonst?« sagte Utami ruhig zu ihm aufschauend --
»wer anders als wir, ist der rechtmäßige Eigenthümer dieses Bodens, seit
Pomare feige den Schutz bei dem Fremden suchte? Glaubst Du daß Ihr das
_Recht_ erworben habt auf dieser Insel zu herrschen, weil die Kanonen
Euerer Schiffe ihre Kugeln in die friedlichen am Ufer stehenden
Fischerhütten schleudern können? Deine Landsleute haben den Krieg in
dieses stille harmlose Land gebracht, den Namen Gottes haben sie zur
Decke gebraucht, unter der sie ihre bösen Absichten und Pläne verbargen;
ihre Landsleute, dieselben die mit ihnen einen Gott anbeten, gaben sie
vor wollten sie schützen, weil sie noch ein Stück von einem Gewissen
hatten, und sich schämten mit ihren eigennützigen, verbrecherischen
Absichten so frei zu Tag zu kommen, und hätten wir ihnen den Schutz
eingeräumt, so breiteten sie ihre Macht aus über das Land, und schon
während sie ihrer Aussage nach für ihren Gott arbeiteten, füllten sie
sich die eigenen Schiffe und legten ihre Arme über das Eigenthum eines
andern fremden Volkes. Nun wir aber ihren Priestern die Erlaubniß
gegeben hatten hier ungehindert zu predigen und gleiche Rechte mit
den unsrigen zu haben, aber nur den _Schutz_ zurückweisen den sie uns
angedeihen lassen wollen, und der in Euerer Sprache etwas ganz anderes
bedeuten muß als in der unseren, denn in der unseren heißt das, was Ihr
darunter zu verstehen scheint, _Diebstahl_, nun kommt Ihr mit Eueren
wahren Absichten zu Tag. Wie in einem Spiel der Areois habt Ihr eine
Maske vor Euerem wahren Gesicht gehabt, die Ihr jetzt abwerft, da sie
Euch nicht mehr verbirgt -- stützt Euch auf Verträge, die Ihr anders
auslegtet und benutztet als sie gemeint waren, sendet Euere Spione und
Priester in unser Land unser Volk zu verderben und abtrünnig zu machen,
und dringt zuletzt mit gewaffneter Hand in unsere Heimath, zerstört
unsere Häuser, verwüstet unsere Felder, zerschmettert mit Eueren
Kanonenkugeln unsere Cocospalmen und Brodfruchtbäume, die Stämme die uns
und unseren Kindern Nahrung geben und dringt mit gewaffneter Hand in
die Berge und Haine ein, unsere Männer zu erschlagen, unsere Weiber mit
fortzuschleppen oder zu entehren.«
»Und was hab _ich_ mit alle dem zu thun?« entgegnete René ausweichend
einer allerdings nur zu wohl begründeten Anklage gegenüber -- »gehörte
_ich_ zu den Eroberern? -- gehöre ich _jetzt_ dazu? kam ich nicht, ein
Fremder, auf Euere Inseln und wurde heimisch darauf aus freiem Willen
und mit der Zustimmung eines Euerer Häuptlinge? -- nahm ich mir nicht
ein Weib aus Euerem Stamme?«
»Und _wo_ ist die jetzt?« unterbrach ihn ruhig Utami.
»Jetzt? -- in unserer früheren Heimath hoffentlich, zu der sie mit Einem
Euerer Priester hinüberging, mich zu erwarten.«
»Dich zu erwarten« -- wiederholte leise und ernst mit dem Kopf nickend
der Häuptling -- »willst Du das ein Anrecht auf unsern Schutz machen,
daß Du die Frau wieder von Dir schickst, die an Deiner Seite bleiben
sollte, bis zu ihrem Tode? --«
René wollte heftig darauf antworten, aber er besann sich, biß die
Unterlippe und sagte finster:
»Was meine Familienverhältnisse betrifft bin ich, denk' ich, nur mir
selber die Rechenschaft schuldig.«
»Haß und Elend säet Ihr« sagte Utami ernst, fast traurig, »und verlangt
Freundschaft, verlangt Liebe dafür.«
»Nicht ich, Utami« rief René aber, von dem weichen Tone getroffen, rasch
-- »nicht ich, bei unserem Gott, und auch mir hat all das Leid was diese
Inseln jetzt durch meine Landsleute, es ist wahr, getroffen, das Herz
zerschnitten. Nicht ich billige ihr Verfahren, und hätte meine Stimme
ein Gewicht, noch heute lichteten jene stolzen Schiffe ihre Anker und
kehrten den Bug heimwärts, nie nie wieder den Frieden dieses stillen
Inselreichs zu stören. Aber zu spät kommt solch ein frommer Wunsch«
setzte er ruhiger hinzu -- »die Gier der Fremden, wie Euer eigener
Unfriede -- der Stolz Euerer Priester, vielleicht die von ihnen erst
aufgestachelte oder geweckte fanatische Wuth des Volks, sind Hand in
Hand gegangen, dem Fremden das _Recht_, das scheinbare Recht wenigstens
zu geben, auf das er jetzt sich stützt und das er mit dem Uebergewicht
seiner Waffen aufrecht erhält. Nur Blutvergießen kann noch verhindert
werden -- nur die Möglichkeit ist noch da weitere Kämpfe zu vermeiden,
die hunderten von Unschuldigen das Leben kosten und Jammer und Elend
über Euere Familien bringen müssen, und das zu vermitteln wäre ich
gestern, oder wenn Ihr es da, als an einem Sabbath, nicht annahmt, heute
dann im Auftrag des Gouverneurs selber zu Euch heraufgekommen, Euch den
Frieden zu bieten von seiner Hand.«
»Was braucht er Frieden zu bieten« rief Teraitane finster -- »er soll
unsere Bai verlassen mit seinen Schiffen und wir haben Frieden; sind
_wir_ es die den Krieg begonnen haben, die ihn fortführen?«
»Und ob Ihr Recht habt, hilft Euch das doch Nichts« sagte René ruhig --
»der Fremde hat die Macht, die Gewalt in Händen; Frankreich hat Besitz
von den Inseln ergriffen, und nur jene lügnerischen Versprechungen, die
Euch von dem Schutz und der Hülfe Englands gemacht wurden, konnten Euch
zu dem verzweifeltsten aller Entschlüsse treiben, Euch dem Mächtigeren
zu widersetzen. So nehmt Vernunft an -- bleibt thatsächlich im Besitz
Eures Landes, des Haupt ja nur den anderen Namen bekommen, und glaubt
dann nicht daß unsere Priester mit gleichem Haß gegen die Eueren kämpfen
werden, als diese es gethan. Euere Religion, Euer Glaube bleibt Euch
geschützt, wenn Ihr für den die Waffen aufgegriffen.«
»Wir kämpfen nicht für unseren _Glauben_!« rief jetzt Utami zornig und
die Hand geballt -- »wir kämpfen für unser _Land_, für unsere _Heimath_.
Der _Glaube_ liegt in des Menschen eigner Brust, und wenn wir verhindert
würden dem einen Tempel zu bauen, wählte er sich das eigene Herz. Wir
wollen für uns keine solche Mauer, uns dahinter zu verstecken, wir
wollen sie Euch aber auch nicht lassen. Offen und frei heraus sollt
Ihr sagen »wir wollen Euer Land -- Euere Brodfruchtbäume, Euere Palmen,
Euere Taro- und Patatenfelder, Euere Baien und die Fische darin, Euere
Häuser, Euere Frauen -- Euere Männer sollen für uns arbeiten und wir
wollen ihre Herren sein.« Was Glauben -- wenn Euer Gott die Macht besäße
uns den zu nehmen, hätte er nicht geduldet daß andere Priester zuerst
gekommen wären uns _ihren_ Glauben zu bringen. Friedlich unterwerfen
sollen wir uns, das ist was Ihr wollt, aber das ist zu spät. Macht die
wieder lebendig die Euere Kugeln und Bayonnette getroffen -- ruft die
wieder in's Leben zurück die kalt und bleich in der Erde jetzt liegen,
todt und blutig weil sie eben an ihrem Gott und Fürsten hingen, und
dann wollen wir von Fried und Freundschaft reden, die Erneuerung solchen
Unheils zu verhindern; jetzt nicht.«
»_Die_ Antwort soll der Häuptling der Feranis auch bekommen denn sein
Frieden heißt Knechtschaft, seine Freundschaft Schmach, Du aber bleibst
gefangen, bis uns die Männer zurückgeliefert sind, die mit halfen
unsere Berge gegen den Uebermuth Deiner Landsleute zu vertheidigen, und
geschieht ihnen ein Leides, so stirbst auch Du.«
»Der Eine von ihnen ist ein schwerer Verbrecher!« rief René unwillig
-- »er hat Menschen ermordet und beraubt -- wollt Ihr mich mit einem
solchen gleich stellen?«
»Deine Landsleute haben auch Menschen gemordet« rief Aonui heftig --
»und sind im Begriff uns Alles zu nehmen was wir haben -- selbst unsere
Bibel -- das Heil unserer Seelen.«
»Auge um Auge, Zahn um Zahn!« sagte auch Teraitane -- »jeden Gefangenen
tauschen wir ein, Mann um Mann -- für jeden Bruder den sie uns
erschlagen verlangen wir volle Bezahlung in Blut zurück -- und ehe wir
die nicht bekommen, kein Friede bis wir die Feranis bezwungen oder sie
uns.«
»Peste!« rief jetzt der junge Mann, ungeduldig werdend und mit dem Fuße
stampfend -- »was hab _ich_ mit dem Allen zu schaffen? Wenn Ihr meinen
Landsleuten nicht gutwillig Euer Land -- ich könnte fast sagen das
_unsrige_, überlassen wollt -- und verdenken mag ich's Euch nicht, was
kümmert das _mich_? _Ich_ gehöre nach Papetee, oder jetzt vielmehr,
meine Heimath wieder verändernd, nach Atiu, nicht zu den Schiffen die
hierher gekommen sind Euch zu bekriegen, und dort der Priester selber,
so finster er nach mir herüber blickt, muß mir bezeugen, daß ich mein
Weib nur vorangeschickt, weil mich eben meine eigenen Landsleute im
Verdacht hatten, _mit_ Euch gegen _sie_ mich verschworen zu haben, und
mich nicht fort lassen wollten. Der ehrwürdige Herr da ist mein Freund
gerade nicht, aber er wird eine Thatsache für mich bestätigen _müssen_.«
Mr. Rowe war schon seit einiger Zeit den versammelten Häuptlingen näher
getreten, ohne jedoch ein Wort hinein zu reden; Manche von ihnen waren
ihm keineswegs so untergeben wie er es, in Christlicher Demuth,
für nützlich und nothwendig hielt, und er wollte sich keiner neuen
Zurückweisung aussetzen. Direkt aber jetzt von dem Gefangenen angeredet,
ja gewissermaßen zum Zeugen _für_ ihn angerufen, hatte er ein volles,
und wahrscheinlich längst erwünschtes Recht zum Reden bekommen und sagte
rasch, aber mit einem tiefgeholten, wie schmerzlichen Seufzer:
»Der Ferani hätte wohl Jemanden in diesem Lager gefunden, der günstiger
für ihn sprechen könnte als ich.«
»Sie können nicht leugnen daß Sie bei unserem Abschied zugegen waren«
rief René mit blitzenden Augen.
»Mein Herz hängt nicht an weltlichen Dingen, mein Auge sieht nicht auf
irdische Handlungen, wo das Wohl und Wehe der Seele an einem dünnen
Faden über dem Abgrund des Verderbens hängt« -- sagte der Geistliche
ausweichend. »Ich weiß nicht, ob der Ferani beabsichtigt auf diesen
Inseln sein Leben zu beschließen -- Gott allein prüfet das Herz und die
Nieren -- aber ich weiß _daß er sie nie hätte betreten sollen_ und daß
die Frauen und Mädchen dieser Inseln nur Fluch und Thränen bis jetzt
geerndtet haben nach kurzer Lust, und oft ewige Reue und Verdammniß.«
»Sie wissen daß ich in Atiu als Bürger des Landes aufgenommen wurde!«
rief René.
»Ich weiß Nichts« sagte Mr. Rowe finster mit dem Kopf schüttelnd, »als
daß die Verbindung mit einer Tochter des Landes zwischen einem Papisten
und einem Mitglied unserer heiligen Kirche gegen die Gesetze
dieses Landes, gegen die Gesetze Gottes und meine deutlich danach
ausgesprochenen Worte waren. Ich will nichts weiter wissen -- ich habe
all das Unrecht das mir selbst darob geschehen, vergessen und vergeben,
wie es einem Christen geziemt -- ich begreife nur nicht wie ein _Bürger_
des Landes dann in die Gesellschaft der Feranis kam, die einen Trupp
seiner »Landsleute« wenn er ein Bürger des Landes war, überfiel, zwei
tödtete und zwei Andere, Freunde derselben in Gefangenschaft schleppte
-- ich sage ich _weiß_ das nicht« setzte er rasch hinzu, als er sah
daß ihm René darauf entgegnen wollte, »kümmere mich auch nicht um die
weltliche Gerechtigkeit, die ihren Gang haben muß durch die Häuptlinge
und Richter des Landes.« Und langsam sich abwendend schritt er der
kleinen, für ihn besonders errichteten Rohrhütte zu, hinter deren
Thürmatte er verschwand.
René wollte in der That anfänglich, und in heftigen Worten darauf
erwiedern, aber er besann sich eines Besseren und nur die Unterlippe
einbeißend, daß das Blut daraus zurückwich, sah er dem frommen Mann mit
einem finstern verächtlichen Lächeln nach und schien jetzt kein Wort
weiter zu seiner Vertheidigung verlieren zu wollen.
Die Häuptlinge beriethen indessen eifrig und mit leiser Stimme mit
einander, waren aber noch zu keinem Beschluß gekommen, als ein Läufer
von draußen die Ankunft mehrerer Feranis meldete, die den anführenden
Häuptling dieses Postens zu sprechen verlangten. Andere ausgesandte
Spione meldeten zu gleicher Zeit daß mehre Abtheilungen Französischer
Soldaten wieder im Anzug wären, und jedenfalls einen Sturm auf ihr Lager
beabsichtigten.
Da die Insulaner ihre Vertheidigungsmittel nicht zu verrathen wünschten,
beschloß man die Fremden nicht heraufzulassen, sondern ihnen Utami
entgegenzuschicken, der ihre Absicht von ihnen erfahren und ihnen
gleich Antwort darauf ertheilen konnte. Den Gefangenen war man fest
entschlossen nur gegen die beiden Engländer wieder einzutauschen, von
deren beabsichtigten Flucht sie natürlich Nichts wußten, und von denen
sie O'Flannagans Hülfe und Waffen, wie seinen Unterricht nicht so leicht
ersetzen konnten. War denen aber ein Leid geschehn, dann sollten die
Feranis sehen, daß sie Gleiches mit Gleichem vergelten konnten und
die Rache der Fremden, doch einmal zum Aeußersten entschlossen, nicht
fürchteten.
Capitel 4.
Die Flucht.
René befand sich übrigens durch solchen Entschluß der Insulaner in
einer höchst gefährlichen Lage, denn wenn auch Jack durch seine Hülfe
entsprungen war, und jetzt vielleicht an der Küste auf eine Gelegenheit
zu entkommen paßte, hatte Jim O'Flannagan, wenn wirklich gefangen, nur
geringe Hoffnung der gerechten Strafe zu entgehn, und Gouverneur Bruat
würde nie daran gedacht haben ihn wieder auszuliefern. Konnten sich dann
die, von dem Missionair vielleicht noch gar darin bestärkten Insulaner
nicht doch am Ende hinreißen lassen ihre Drohung wahr zu machen? -- von
Mr. Rowe hatte er das Schlimmste zu fürchten, so viel wußte er recht
gut, und er verdachte es dem würdigen Manne nicht einmal, wenn er
die endlich gebotene und gewiß lang genug erwartete Gelegenheit auch
ergriffen hätte.
Flucht wäre das einzige Mittel gewesen und die war unausführbar, denn
den einzigen gangbaren und so schmalen Pfad hielten die Insulaner an
verschiedenen Stellen besetzt, während andere Schleichwege durch den
Wald nur eben ihnen bekannt waren. Wer in den zerrissenen Schluchten
nicht jeden Stein kannte wurde überall durch Abgründe oder Felswände
aufgehalten, die es ihm Tage gekostet hätte zu umgehn, und wie leicht
war er da von den flüchtigen und der Berge kundigen Insulanern wieder
eingeholt.
Seine einzige Hoffnung blieb jetzt noch auf die neuerdings abgeschickten
Gesandten -- von dem erwarteten Angriff wußte er noch Nichts -- schlug
deren Botschaft fehl dann -- doch beim Teufel, was lag ihm am Leben? --
Ob sie ihn nur einschüchtern wollten mit ihrer Drohung, oder ob es ihnen
Ernst war mit seinem Tod, wenn dem gefangenen Iren ein Leid geschehen,
was lag daran? -- sie sollten ihn weder weich noch ängstlich finden, und
_mußte_ es sein, so wollte er dem Tod so keck und leicht in's Auge sehen
als je --
_Als je?_ -- ein eigenes, wunderbares Gefühl durchzuckte ihm das Herz;
-- _als je?_ In verzweifelter Angst hatte seine Seele mit ihren feinsten
Fasern und Gedanken am Leben fest geklammert als der Tod, oder so
Schlimmes, als die Gefangenschaft auf seinem Schiff, ihn wieder seinem
kaum gewonnenen Glück auf Atiu entreißen wollte. Das Leben war ihm so
lieb -- so theuer da gewesen und entmannt fast hatte ihn die Furcht
es da zu verlieren, wo ihm eben erst das Heiligthum gezeigt war das er
betreten konnte, und von dessen Schwelle selbst ein tückisches Geschick
ihn schleudern wollte. Alles, Alles hatte er nachher erreicht, was
er erhofft in seinen schönsten, kühnsten Träumen -- den Gipfel seiner
Wünsche erstiegen und eine Heimath gefunden in dem Paradies, das ihn
umgab -- und jetzt? -- Was war es, das ihn _jetzt_ gleichgültig machte
gegen den Tod? was war geschehn -- verloren daß er sich der tödtlichen
Gefahr so kalt und keck entgegenstellen mochte? -- und Sadie? -- Er
barg das Antlitz in den Händen und preßte die fieberglühende Stirn, die
Gedanken hinauszuscheuchen, die wirren, quälenden Gedanken, denen er
nicht Raum gönnen wollte da oben. Nicht jetzt -- nicht jetzt sollten sie
nahen diese Schatten, die er nicht kennen nicht fühlen mochte und die
ihm doch die Seele peinigten mit unsichtbarem aber desto gewaltigerem
Pfeil -- _Sadie_ -- wie ein Traum lag die Zeit, die schöne Zeit hinter
ihm, und der Tod sollte ihn jetzt davon trennen. Der _Tod_? -- _sollte_
ihn davon trennen? -- Nein, nein fort mit dem verführerischen Bild
das sich ihm jetzt, jetzt nicht entgegenstellen durfte -- er war nicht
schuldig -- rein und treu konnte sie sein Angedenken wahren in ihrer
Brust, und dem Kinde des Vaters Namen nennen im Gebet. -- Hinweg mit
allem Schmerz, hinweg mit der Thräne, die sich ihm leise in's Auge
stehlen wollte -- er war nicht schuldig -- und weshalb _wünschte_ er
sich da den Tod?
Schüsse knallten und Trompeten schmetterten -- hoch empor aus seinen
Träumen zuckte er, und so hinein hatte er sich wieder in die Gedanken
der Vergangenheit gelebt, daß er erschrak als er aufsah und die
bewaffneten Wächter neben sich erkannte.
Auf ihn zu schritt da Aonui, der finstere fanatische Häuptling, und
grimmigste Feind den die Feranis unter den Führern der Eingeborenen auf
den Inseln hatten, und das tückische Blitzen seines Auges verrieth was
in ihm glühte und hinausdrängen wollte in's Freie. Dicht hinter ihm, mit
einem ernsten, aber ziemlich gleichgültigen Gesicht, hielt sich Raiteo,
der vorher schon eine lange und eifrige Unterhaltung mit ihm gehabt, und
schien dazu bestimmt die Befehle seines Oberen auszuführen. Aonui galt
als die rechte Hand des ehrwürdigen Mr. Rowe, und die Eingeborenen
hielten ihn in hohen Ehren und fürchteten ihn, denn er war gerecht aber
streng, und sein fanatischer Eifer, durch irgend einen Bibelspruch in
irgend eine Bahn gelenkt, riß ihn oft mit sich fort zu Gutem oder Bösem.
»Deine Gehülfen kommen Dich zu befreien« sagte er finster, »aber sie
werden zu spät den Hügel erreichen -- wir hatten ihnen die Möglichkeit
Deiner Auslieferung gestellt -- sie haben sie verworfen und wollen uns
jetzt mit frechen Drohungen einschüchtern -- wende Deine Seele noch zu
Gott, denn Dir sind die Minuten zugezählt.«
Renés Auge blitzte in Trotz und Zorn zu ihm empor und eine feindliche
Entgegnung lag auf seinen Lippen, da traf ihn Raiteos Blick und der
schlaue warnende Ausdruck darin machte ihn stutzen. Des Burschen ganzes
Benehmen deutete auf irgend einen Plan, und sein verstohlenes rasches
Blinken schien ihn ängstlich aufzufordern dem Verlangen zu folgen und
nicht durch Eigensinn den ruhigen Gang der Ereignisse vielleicht zu
stören. Aonui sah daß sein Blick auf irgend einem Gegenstand hinter
ihm haftete und schaute sich um, sein Auge traf aber nur das ruhige
gleichgültig kalte Antlitz seines Begleiters und René, jetzt fest
überzeugt daß er des Atiuers Beistand auf seiner Seite habe, sagte
finster doch leidenschaftslos:
»Thut was Ihr wollt und was Ihr verantworten könnt, aber bedenkt daß
Euch meine Landsleute zu furchtbarer Rechenschaft ziehen werden. Nicht
mehr der freundlose Seemann, der entblößt von Allem auf eine fremde
Insel sprang stehe ich jetzt zwischen Euch -- die Regierung eines
mächtigen Staates hält ihre Hand schützend über mich, und wehe Euch,
wenn Ihr die mächtige erst zur Rache reizt. Bis jetzt schütztet und
vertheidigtet Ihr nur Euer Land -- Ihr hattet recht -- entweiht die gute
Sache nicht durch Mord!«
»Nicht Dich zu hören bin ich gekommen, sondern Dich zu richten« sagte
der Häuptling finster und mürrisch, und horchte einen Moment dem jetzt
wieder beginnenden Schießen, das, der Richtung nach, den aufgestellten
und an verschiedenen Plätzen stationirten Vorposten galt, auch näher
und näher kam. »Bete zu Deinem Gott« sagte er dann, sich wieder zu dem
Gefangenen wendend, »denn Du hast nur noch eine Viertelstunde zu leben.«
»_Beten_« -- rief René -- unwillig mit dem Fuße stampfend -- »beten --
Nichts als beten; -- den Namen Gottes kaut Ihr den ganzen Tag und denkt
dabei an Haß und Mord -- _beten_!«
»Du willst _nicht_ beten?« sagte Aonui rasch.
René sah das unwillige Zucken in Raiteos Gesicht und frug ausweichend:
»Wie lange Zeit ist mir noch gewährt?«
»Der Schatten dieses Baumes darf keine Handbreit mehr zur Seite weichen«
erwiederte der fanatische Häuptling -- »die Schläge Deines Herzens sind
gezählt.«
»Es ist gut« erwiederte René aber seine Hände waren frei, und nicht
gesonnen als ein geduldiges Opfer zu fallen, suchten seine Augen nach
einer Waffe, deren er sich zu geeigneter Zeit bemächtigen könnte.
»Soll ich ihn in das Haus zum Beten führen?« sagte jetzt Raiteo leise zu
dem Häuptling gewandt -- »die Feranis beten nie im Freien.«
Aonui nickte bejahend mit dem Kopf und Raiteo, des jungen Mannes Arm
ergreifend sagte laut:
»Komm Wi Wi -- Du sollst nicht sagen daß wir Dich gezwungen haben
Deinen Gott in anderer Art zu verehren als Du es gewohnt bist -- komm«
flüsterte er dabei leise und führte ihn der Hütte zu, während seine
Wächter, die von Aonui jetzt einen neuen und wie es schien unerwarteten
Befehl bekamen, ihm zögernd, und rasch und leise mit einander redend,
folgten, dann aber vor dem Eingang des kleinen mit Matten verhangenen
Platzes, die Bayonnette gefällt, ihren Posten wieder einnahmen.
Wilder Lärm tobte indessen im Lager -- die Franzosen hatten die
Vorposten zurückgeworfen und ihre Kugeln trafen schon, über den Damm
hin, in die Wipfel der Bäume, ohne freilich bis jetzt noch einen
der Eingeborenen verwundet zu haben. Diese standen aber, an ihren
verschiedenen Posten in der Verschanzung vertheilt, den jetzt von allen
Seiten fast schmetternden Trompeten, die überall den Feind vermuthen
ließen, auch nach jeder Richtung hin die Stirn zu bieten. Die Franzosen
nämlich, den alten Plan verfolgend, hatten, um den Feind irre zu führen,
kleine Detachements mit Signalisten nach rechts und links abgeschickt,
das Lager in einer Entfernung zu umzingeln und dann von allen Seiten
vorzudringen und zu feuern. Dadurch beunruhigten sie nicht allein
die Besatzung und schüchterten sie ein, da sie den Feind viel stärker
vermuthen mußten als er wirklich war, sondern sie hatte auch auf dem
Punkte, wo sie den Hauptangriff machten, nicht den Widerstand der
jetzt überall hin vertheilten Besatzung zu befürchten, und konnten eher
dadurch hoffen den vortrefflich bewaffneten und von dem Terrain so sehr
begünstigten Feind aus seiner festen Stellung hinauszuwerfen. Wenn
damit dann auch kein Hauptschlag geschah, denn den Rückzug in die dicht
bewaldeten Berge waren sie nicht im Stande ihnen abzuschneiden, wurden
sie doch aus der zu großen Nähe von Papetee, auf das sie von hier aus
immer leicht Streifzüge und Ueberfälle unternehmen konnten, vertrieben,
und das Wichtigste von Allem, ihr Vertrauen zu sich selbst, das nach
der Schlacht von Mahaena nur noch mehr gestiegen, in etwas wieder nieder
gedrückt.
Außerdem feuerte auch Renés Gefangennahme den Gouverneur an, Alles zu
thun die Insulaner für etwas zu züchtigen, dessen Recht er ihnen unter
keiner Bedingung zugestehen wollte. Einen seiner Nation nämlich zu
halten oder gar zu richten. Bedingungen durfte er sich daher auch, von
solchem Grundsatz ausgehend, keine vorschreiben lassen, und die Waffen
mußten den Kampf entscheiden.
Um René wäre es aber freilich schlecht gestanden, wenn er von daher
auf Hülfe hätte rechnen sollen, und Utami selber konnte oder wollte
ihn nicht schützen. Der Franzose der freundlich und gastlich von ihnen
selbst in ihre Familien aufgenommen worden, und dann sich doch gegen sie
wandte -- wie er nicht anders glauben konnte -- verdiente härtere
Strafe als der, der gleich mit den Waffen in der Hand und in offener
Feindschaft an ihr Ufer sprang. Der letztere trat nur ihre Rechte mit
Füßen, der andere auch ihre Herzen.
Anders dachte Raiteo, und von dem Protestantischen Missionair mit
herüber nach Tahiti genommen, hatte er in einer starken Hinneigung
zum Christenthum sich eine Menge Vortheile erwachsen sehn, die er als
einfacher Insulaner einer abgelegenen Insel nie im Leben erreicht haben
würde. Raiteo war ehrgeizig, und der schon in früheren Jahren von dem
Wallfischfänger erhaltene und so schlecht verdiente Lohn hatte, mit dem
Beginn eines Vermögens, auch das Streben und Verlangen nach mehr und
größerem in ihm erweckt. Als Mitonare öffneten sich ihm dazu, wie er
recht gut wußte, zahlreiche Quellen, und er wäre jedenfalls nicht säumig
dabei gewesen sie zu benutzen, sobald sich nur die Gelegenheit dazu
geboten. Als er aber die Verhältnisse in Tahiti näher kennen lernte
und die Macht, die von den Feranis entwickelt wurde, wie daneben die
Gleichgiltigkeit der Englischen Schiffe sah, stiegen Zweifel in ihm
auf der Ausführbarkeit seiner Berechnungen wegen, und er fing an die
Vortheile zu überschlagen die der Segen der Katholischen Religion
vielleicht auf sein geistiges wie körperliches Wohl haben könne. Die in
die Berge gedrängte Lage der Eingeborenen gefiel ihm auch nicht, und
mit der Ueberzeugung war ihm auch der Entschluß gekommen einen
entscheidenden Schritt zu thun und -- ein anderer Mensch zu werden.
Die erste Gelegenheit hierzu bot die Flucht der beiden Seeleute, die er
begünstigte und die, so schlecht für den andern Theil, so vortrefflich
für ihn selber ausgeschlagen war. Nur die Feranis wollten ihm nicht
gleich auf sein ehrlich Gesicht glauben, daß er es treu und ehrlich
mit ihnen und ihrer Sache meine, und schickten ihn deshalb, seine
Nutzbarkeit auf die Probe zu stellen, mit dem zum ersten Mal abgesandten
Officier als Führer und Unterhändler. Der ungünstige Erfolg dieser
Sendung machte ihn aber besorgt seine Sicherheit gleich hinterher den
Franzosen wieder anzuvertrauen, und da er sein Geld gut verwahrt wußte,
beschloß er lieber eine bessere Gelegenheit abzuwarten, sich seinen
neuen Gönnern nicht allein wirklich zu empfehlen, sondern auch
vielleicht einen neuen Nutzen daraus zu ziehn. Diese bot sich ihm jetzt.
Der junge Franzose war, wie er sich vorher zu erkundigen gewußt, reich,
und ihm, wie er sich fest überzeugt fühlte, auch noch von früherher
verpflichtet; die Eingeborenen von Tahiti _konnten_ auf die Länge der
Zeit nicht siegen -- als Bewohner von Atiu fühlte er auch eben
kein besonderes Interesse für sie -- und wer weiß was dann aus den
Protestantischen Missionairen wurde -- deshalb schien es ihm weit
zweckmäßiger das Gewisse für das Ungewisse zu nehmen -- und danach
handelte er.
Kaum fiel deshalb die Matte hinter ihnen, die sie den Blicken der
Außenstehenden und Wartenden entzog, als Raiteo vorsprang, ein Geflecht
von Pandanusblättern aufhob und damit zwei blanke Cavalleriesäbel den
Blicken des jungen Mannes enthüllte. René that keine Frage, aber er
mußte an sich halten einen Jubelruf zu unterdrücken, und rasch die eine
Waffe aufgreifend, während sein Führer die andere nahm, sah er nur noch
eben wie dieser die Blätter der Rückwand von einander schob und hindurch
schlüpfte und folgte ihm, ohne nur eine Frage über das wie und wohin zu
thun.
Die Hütte stand dicht an der Verschanzung, nach rechts und links von
kleinen Trupps der Eingeborenen bewacht, dicht hinter ihr war aber
ein Raum von vielleicht zwanzig oder dreißig Schritt Breite, da eine
Felswand gerade dahinter ziemlich steil niederdachte, freigelassen, und
diese Stelle hatte sich der schlaue Bursche zu ihrer Flucht ausersehn.
Wohl wurden sie augenblicklich entdeckt, sowie sie nur auf die Schanze
sprangen, und eine Eidechse hätte kaum ungesehn darüber kommen können,
ehe aber die mit Schießwaffen wenig vertrauten Insulaner zum Schuß
fertig waren, oder sich überhaupt von dem Erstaunen über den kecken
Fluchtversuch erholen konnten, hatte Raiteo des jungen Mannes Hand
ergriffen und ihn nach vorn reißend glitten sie schon im nächsten
Augenblick mit Blitzesschnelle den steilen schlüpfrigen Hang hinunter
in ein Dickicht niederen Grases, von hochstämmigen Guiaven, die hier gar
gedeihlichen Boden gefunden, überwachsen.
Keineswegs aber waren sie hier schon jeder Gefahr enthoben, denn nicht
allein wurden ihnen von oben mehre Schüsse nachgefeuert, und sie hörten
die Kugeln rings um sich einschlagen, sondern fünf oder sechs Indianer,
und unter ihnen die von Aonui angefeuerten Wächter, folgten ihnen ohne
weiteres Säumen mit wirklich kecker Entschlossenheit, und durch das
Dickicht aufgehalten wäre René gar nicht im Stande gewesen ihnen
so rasch zu entgehn. Sein Leben wenigstens so theuer als möglich zu
verkaufen wandte er sich deshalb auch schon, die blanke Waffe in der
Faust, gegen sie um, als dicht hinter ihm die befreundeten Signalhörner
tönten, und die Eingeborenen im ersten Schreck an Stamm und Busch
klammerten, dem hier gar nicht vermutheten Feind nicht in die Hände zu
fallen.
Den Moment benutzten die Flüchtigen der Richtung zuzuspringen, in der
sie die Hörner gehört, und den Verfolgern blieb Nichts weiter übrig
als ihnen ihre Kugeln nachzusenden und sich so rasch als möglich
wieder zurückzuziehn, nicht vielleicht gar von den möglicher Weise
nachdrängenden Feinden abgeschnitten zu werden. Die Kugeln blieben
übrigens erfolglos, eine ausgenommen, die Raiteos Oberschenkel traf und
durch das dicke Fleisch desselben fuhr, ihn aber keineswegs in seiner
Flucht aufhielt sondern dieselbe eher noch, wenn das überhaupt möglich
gewesen wäre, beschleunigte.
Das Feuern sowohl, wie der Lärm den sie in den Büschen machten, hatte
aber schon das kleine Piquet, das aus einem Dutzend Matrosen von der
Uranie und dem Signalisten, von einem Seecadet angeführt, bestand, ihnen
in den Weg gebracht, und René, auf sie zuspringend, wollte sich ihnen
jetzt, in Zorn und Unmuth über die erlittene Behandlung und der eben
kaum entgangenen Todesgefahr, augenblicklich wieder anschließen, das
Lager mit gewaffneter Hand erstürmen zu helfen; Raiteo aber merkte das
kaum, als er erklärte mit der erhaltenen Wunde nicht allein weiter gehn
zu können, und den jungen Franzosen ernstlich aufforderte, ihn, der ihm
eben erst das Leben gerettet und seinetwegen gerade den Schuß erhalten,
jetzt nicht hülflos im Walde liegen zu lassen, daß er vielleicht gar
wieder in die Hände der Tahitier fiele.
René konnte und wollte das allerdings nicht und wünschte den Verwundeten
von einem der Matrosen geleiten zu lassen; der Seecadet hatte aber dazu
keine Ordre, und Raiteo selber weigerte sich mit einem Fremden zu gehn,
der erstlich seine Sprache nicht verstünde, dann keine Verbindlichkeit
gegen ihn hätte, und ihn möglicher Weise hinter dem nächsten Dickicht
sitzen ließ. René durfte ihn nicht verlassen und nur deshalb dem
Seecadet seinen Namen nennend, wobei er ihn bat, es sobald als möglich
dem kommandirenden Officier wissen zu lassen, daß er der Gefangenschaft
glücklich entkommen sei, führte er den jetzt immer erschöpfter werdenden
Insulaner bergab in's Thal nieder, dem gar nicht so sehr entfernten
Papetee zu, fest entschlossen so rasch er könne zurück zu kehren und an
dem Kampfe noch womöglich Theil zu nehmen.
Das aber lag keineswegs in Raiteos Plan, dessen Wunde ihn wenig genug
genirt haben würde, wenn er eben allein hätte gehen _wollen;_ erstlich
aber mußte er in Papetee einen Zeugen für sich haben, wenn er auf einen
günstigen Empfang rechnen wollte, und dann war ihm der junge Franzose
jetzt zu großem Dank verpflichtet. Lief der aber gleich wieder zurück,
und wurde vielleicht vor den Kopf geschossen, so war für ihn jeder von
seiner That erhoffte Nutzen verloren, und er hatte nicht allein Nichts
verdient, sondern die Eingeborenen wie besonders seinen Missionair,
ohne den geringsten Vortheil davon für sich selber zu haben, auf das
grimmigste erbittert, und gegen sich aufgebracht. Das zu verhindern
war jetzt seine Aufgabe, und er stöhnte und ächzte so langsam den Berg
nieder und mußte sich so oft setzen und ausruhen, daß sie eben den Wall
von Papetee erreichten, als das Schießen oben aufhörte, und kurze Zeit
darauf die schmetternden Hörner der rückkehrenden Franzosen diese
als Sieger kündete. In der That hatten sie auch mit dem Bayonnett die
Eingeborenen aus ihren Schanzen hinausgetrieben und in die Berge gejagt,
und erst als sie sich dort nach allen Richtungen wieder sammelten, und
aus dem Dickicht heraus einen Angriff drohten, bei dem die nicht mit dem
Wald vertrauten Fremden vielleicht übel gefahren wären, zogen sie sich
zurück, mit dem Erfolg ihrer Expedition vollkommen befriedigt, und auch
nicht gerade mit zu viel Verlust.
René brachte nun, in Papetee wieder glücklich angelangt, vor allen
Dingen Raiteo, der ihm allerdings diesmal einen wichtigen Dienst
erwiesen, in gute Pflege, damit er sich rasch von seiner Wunde erholen
könne, die auch bald darauf Einer der dortigen Militärärzte untersuchte
und als ziemlich unbedeutend, jedenfalls völlig gefahrlos erklärte. Das
beendet aber suchte er auch ungesäumt den Gouverneur auf, ihm Bericht
zu erstatten über sein Abenteuer sowohl, wie über den sehr ungewissen
Erfolg den er von gütiger Ausgleichung zu hoffen habe.
Den Gouverneur fand er gerade mit dem Verhör des Mannes beschäftigt, der
fast die Ursache seines eigenen Todes gewesen wäre, mit Jim O'Flannagan
und ließ sich nur anmelden, um seine glückliche Rückkunft anzuzeigen
und zu passenderer Zeit wiederzukehren, wurde aber augenblicklich hinein
beschieden und ohne Weiteres vorgelassen.
»Sie kommen mir wie gerufen, Delavigne!« rief ihm der Gouverneur schon
von weitem entgegen -- »Ihre erlebten Abenteuer sollen Sie mir nachher
erzählen, aber wir haben hier einen Burschen, der Alles verspricht was
man von ihm fordert, seinen Hals nur aus der Schlinge zu retten in der
er sich festgefahren, und dem ich durch Jemand mit dem Land Vertrauten
möchte einmal auf den Zahn fühlen lassen.«
Jim O'Flannagan befand sich in der unangenehmsten Lage von der Welt:
mit auf dem Rücken gebundenen Händen zwischen zwei Marine-Soldaten mit
gezogenen Säbeln und eines Verbrechens überführt, das ihm die Raanocke
vollkommen sicher in Aussicht stellte. Er schien auch seine Situation
vollkommen zu begreifen, denn er sah todtenbleich aus und die Augen
lagen ihm tief und düster in den Höhlen; aber um den Mund zuckte doch
noch immer der alte Trotz, und die Stirn gerunzelt, blickte er finster
und mistrauisch auf den neuen Ankömmling, gleich aus seinem ersten
Erscheinen zu errathen ob er ihm nützen oder schaden könne.
»Hier der Bursche« fuhr der Gouverneur dann fort, als er dem jungen Mann
herzlich die Hand gedrückt, »thut Alles in seinen Kräften stehende,
das muß man ihm lassen, sein allerdings den Gesetzen verfallenes
verbrechenreiches Leben zu retten. In ihm ganz würdiger Weise hat er
uns auch schon gestern seinen eigenen Kameraden wieder in die Hände
geliefert.«
»Den entsprungenen Matrosen?« rief René rasch und erstaunt.
»Ja, er war mehr als das,« lachte der Gouverneur, »er war auch der
Helfershelfer des Gesellen da in früherer Zeit, und Theilnehmer selbst
des Mordes wegen dem wir diesen eigentlich zum Tod verurtheilt haben,
wobei noch der stärkste Verdacht vorliegt, daß er eine alte Frau
erschlagen hat, die man an jenem Abend mit dem Zeichen gewaltsamen
Mordes an sich und sogar gebunden in ihrer Hütte gefunden. Sie hätten
übrigens dabei sein sollen wie wir den Burschen fingen; es war wie
mit einem Lockvogel. Doch das konnte noch nicht genügend sein dieses
werthlose Leben wirklich zu guarantiren, und er will jetzt mehr thun,
er verspricht uns die Anführer der Indianer -- jene Häuptlinge die in
diesem Augenblick den meisten Einfluß auf die Eingeborenen ausüben,
zu überantworten, und _das_ wäre allerdings seinen Hals werth, denn es
würde Ströme Blutes ersparen und manchem braven Mann das Leben retten,
sowohl von unserer wie feindlicher Seite. Nun möchte ich von Ihnen
wissen, Delavigne, ob sein Plan, den er mir vorher mitgetheilt, einen
Schein von Wahrscheinlichkeit hat, oder ob es nur eben eine bloße Finte
ist ein paar Tage länger athmen zu können, was ich allerdings vermuthe.«
»Und wie glaubt er das möglich zu machen?« frug René.
»Die Ausführung beruht auf einer, morgen früh stattfindenden
Zusammenkunft, von der er unterrichtet sein will, und soll in den
Eigenthümlichkeiten des Termins begründet sein. Sind Sie mit den Bergen
hier, oberhalb der Stadt, genau bekannt?«
»So ziemlich, aber doch wohl nicht hinreichend; aber ein anderer
hier ansässiger und jetzt wieder in Französischen Diensten stehender
Landsmann, Lefévre, der lange Jahre auf Tahiti lebt, kennt dagegen, wie
ich glaube, jeden Baum um Papetee und in den nächsten Bergen. Vielleicht
wäre es zeitsparend ihn ebenfalls rufen zu lassen, seine Meinung mit zu
hören.«
Der Gouverneur klingelte, und die Ordonnanz wurde beschieden Herrn
Lefévre zu ersuchen augenblicklich sich hier einzufinden. René stattete
indessen mit leiser Stimme dem Gouverneur Bericht ab, über seine
Abenteuer sowohl, als den Erfolg den ein Friedensvorschlag auf die
Häuptlinge gehabt, und wie er in der That selber glaube, daß alle
freundlichen Vorstellungen bei den Eingeborenen auf vollkommen
unfruchtbaren Boden fallen würden. Danach erschien es also ebenfalls
nur noch wünschenswerther die einflußreichsten Häuptlinge, da sie keinem
gütlichen Vergleich lauschen _wollten_, womöglich gefangen zu nehmen,
und ihnen den Frieden dann selber diktiren zu können.
Lefévre kam endlich, und als er das Zimmer betrat flog sein Blick rasch
und wie scheu von Einem der Männer zum Andern, als ob er im Voraus
zu errathen wünsche was man von ihm wolle. Die freundliche Anrede des
Gouverneurs setzte ihn aber darüber bald außer Zweifel und nach den
nöthigsten Vorbemerkungen begann der Examen des Gefangenen.
»Woher weißt Du, Gesell, überhaupt, daß die _Häuptlinge_ an dem Tag und
zu der Stunde eine Zusammenkunft halten wollen, was hattest _Du_ mit
_ihnen_ zu thun?« frug der Gouverneur.
»Ein weißer Mann, der mit einem Gewehr umzugehen versteht, ist ihnen in
jetziger Zeit soviel als ein Häuptling« erwiederte mürrisch der Ire, dem
die vielen Zeugen nicht gerade angenehm zu sein schienen, »ich bin zu
allen ihren Berathungen gezogen.«
»Hm, das klingt wahrscheinlich -- aber weshalb wurde diese _Berathung_
auf so viele Tage hinausgeschoben -- weshalb findet sie gerade morgen
statt?«
»Am Freitag faßte man den Beschluß« erwiederte Jim, »am Sonnabend, als
an dem Sabbath, konnten und durften, ihren jetzigen Gesetzen nach, keine
Boten abgeschickt werden. Heute sind die erst nach dem Süden der Insel
hinübergegangen und vor heut Abend, ja vor heut Nacht, _können_ die
aufgeforderten Häuptlinge den Platz der Zusammenkunft nicht erreicht
haben.«
»Und weshalb findet die Berathung nicht in dem Lager selber statt?«
»Sie wollen dem Einfluß der Missionaire entgehn« erwiederte der Ire --
»ich selber habe den Antrag gestellt, weil ich die Schwarzröcke
hasse und sie den Eingeborenen, wo sie nur ihre Nase in deren innere
Angelegenheiten stecken, noch nichts wie Unheil gebracht. Utami,
Teraitane und manche Andere, gehen ihnen ebenfalls aus dem Weg wo sie
können, und Aonui wie Potowai sind nur ihre Posaunen.«
»Und wo ist der Sammelplatz?«
»Hier im oberen Thal, etwa eine englische Meile von Papetee dicht unter
dem Felsenhang auf dem oben die drei Cocospalmen stehen.«
»Kennen Sie den Platz?« wandte sich der Gouverneur jetzt zu den beiden
jungen Leuten, und Beide bestätigten es.
»Aber in welcher Schlucht?« frug Lefévre jetzt -- »es kommen da drei von
oben herunter.«
»In der mittleren« lautete die Antwort.
»Das ist die einzige die einen Ausgang hat, die andern beiden sind von
steilen Hängen abgeschlossen; und wo da?«
»Kennt Ihr den Platz wo die einzelne, jetzt von Utami bewohnte Hütte
steht?« frug der Ire den Franzosen.
»Allerdings; der Ort wäre nicht übel gewählt -- und wie viel Häuptlinge
sollen dort zusammen kommen?«
»Utami, Teraitane und Aonui von hier und Fanue und noch ein Anderer,
dessen Namen ich vergessen habe, von Tairabu der Eine, und vom südlichen
Theil der Insel der Andere, auch wurde davon gesprochen daß von dorther
ein Abgesandter von Huaheine und Bola Bola erwartet werde, und man
vermuthete daß sie zusammen eintreffen würden.«
»Ha, das wäre nicht übel« rief der Gouverneur, »aber auf welche Art
wären sie da zu fangen?«
»An dem Platz leichter als irgend wo anders« bestätigte jedoch Lefévre
die Angabe des Gefangenen -- »auf dem Rückweg ließe sich leicht ein
Vorposten hinschieben dem die Umstellten weder rechts noch links
auszuweichen vermöchten, wenn sie eben nicht fliegen können, und der
Eingang des schmalen Thales ist mit zwölf Mann vollständig zu schließen.
Wenn sich das Alles so verhält, wie es der Bursche angiebt und das
Ganze rasch und richtig angelegt und ausgeführt würde, ließe sich
ein günstiger Erfolg da schon hoffen. Keinenfalls hätte man viel zu
riskiren, da man sich rasch wieder auf die Stadt zurückziehen könnte
und es nicht anzunehmen ist daß die Eingeborenen, nach der heutigen
Niederlage, morgen schon sich so nahe heranwagen sollten. Im Gegentheil
hab' ich noch kurz vorher ehe ich hierher kam, von einem der uns
ergebenen Indianer gehört, daß die feindlichen Krieger eine weiter
zurückgelegene feste Stellung im Hautauethal einnehmen würden, sich dort
sicher verschanzt zu halten und die von England versprochene Hülfe zu
erwarten.«
»Das Sicherste wird dann jedenfalls sein« entgegnete der Gouverneur,
»ein starkes Detachement im Rücken aufzustellen, und dadurch selbst
jeder möglichen Ueberraschung zuvorzukommen. Fragen Sie einmal den
Burschen was er dazu sagt?«
Jim schüttelte aber dazu mit dem Kopf.
»Dann wirds Nichts« brummte er finster -- »sobald hier nur zwanzig
Soldaten auf einmal aus der Stadt marschiren, wissen sie's auch
oben schon in den Bergen und rüsten sich auf einen Angriff; kleine
Patrouillen sind aber bis jetzt täglich ausgezogen und selten belästigt
worden, weil eben die Eingeborenen keinen Angriffskrieg führen wollen.
Diese auch allein dürfen hoffen einen wirklichen Ueberfall auszuführen,
eine größere Abtheilung Militair nie.«
»Und wer bürgt uns für die Sicherheit solcher schwachen Patrouillen?«
frug der Gouverneur.
»Bin ich nicht selber in Euerer Gewalt und geh ich nicht mit?« sagte
Jim.
»Schlechte Guarantie das« meinte René kopfschüttelnd, »der Bursche hat
nicht einmal mehr ein Leben zu riskiren und aufrichtig gesagt, möchte
ich nicht einem einzigen Menschen an seine Versicherungen wagen; das
Ganze scheint mir wenigstens, ein abenteuerliches Märchen, seinen Hals
noch eine Zeitlang aus der Schlinge zu halten, oder gar in den Bergen in
Sicherheit zu bringen; ich würde ungemein vorsichtig zu Werke gehen.«
Die Franzosen unterhielten sich untereinander natürlich in ihrer eigenen
Sprache, und der Gefangene schaute dabei mistrauisch von Einem zum
Anderen, in dem Ausdruck ihrer Züge vielleicht die unverstandenen Worte
zu lesen.
Lefévre übrigens war _für_ den Plan; mit jenem Theil des Berges genau
bekannt, schien ihm ein solcher Ueberfall ziemlich leicht auszuführen,
dann aber lag ihm vor allen Dingen daran als wirklicher Officier in
die Armee eintreten zu dürfen, was ihm bis jetzt immer noch aus
verschiedenen Ursachen verweigert worden, ihm aber dann, wenn er
sich be
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