Das grüne Gesicht: Ein Roman
by Gustav Meyrink · German · Gutenberg #45936 · 508,132 chars · public domain (US)
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Title: Das grüne Gesicht: Ein Roman
Author: Gustav Meyrink
Release date: June 11, 2014 [eBook #45936]
Most recently updated: October 24, 2024
Language: German
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/45936
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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS GRÜNE GESICHT: EIN ROMAN ***
Das grüne Gesicht
Ein Roman
von
Gustav Meyrink
Erstes bis dreißigstes Tausend
Leipzig
Kurt Wolff Verlag
1917
Copyright 1916 by Kurt Wolff Verlag, Leipzig
Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung,
vorbehalten
Erstes Kapitel
=Vexiersaloon=
van
Chidher Grün
las der vornehm gekleidete Fremde, der auf dem Fußsteig der Jodenbreestraat
unschlüssig stehen geblieben war, auf der schwarzen Ladentafel eines schräg
gegenüberliegenden Gebäudes eine kuriose Inschrift aus weißen, auffallend
verschnörkelten Buchstaben.
Neugierig geworden, oder um der Menge nicht länger als Zielscheibe zu
dienen, die ihn in holländisch bärenhafter Plumpheit umdrängte und ihre
Glossen über seinen Gehrock, seinen blanken Zylinder und seine Handschuhe
machte, -- lauter Dinge, die in diesem Stadtteil Amsterdams zu den
Seltenheiten gehörten, -- überquerte er zwischen hundebespannten
Gemüsekarren hindurch den Fahrdamm, gefolgt von ein paar Gassenbuben, die,
die Hände tief in die unförmlich weiten, blauen Leinwandhosen vergraben,
mit krummem Rücken, eingezogenem Bauch und gesenktem Hintern, dünne
Gipspfeifen durch die roten Halstücherknoten gesteckt, sich in schlurrenden
Holzschuhen faul und schweigsam hinter ihm dreinschoben.
Das Haus, in dem der Laden des Chidher Grün in einen gürtelartig rings
herumlaufenden, rechts und links bis in zwei parallele Quergäßchen sich
hineinziehenden schmalen Glasvorbau mündete, schien, nach den trüben
leblosen Fensterscheiben zu schließen, ein Warenspeicher zu sein, dessen
Rückseite vermutlich in eine sogenannte Gracht abfiel -- eine der
zahlreichen, für den Handelsverkehr bestimmten Wasserstraßen.
In niedriger Würfelform aufgeführt, glich es dem oberen Teil eines dunkeln
viereckigen Turmes, der im Lauf der Jahre allmählich bis zum Rande seiner
steinernen Halskrause -- des jetzigen Glasvorbaues -- in der weichen
Torferde versunken war.
Mitten im Schaufenster des Ladens lag auf einem mit rotem Tuch bespannten
Sockel ein dunkelgelber Totenkopf aus Papiermaché von unnatürlichem
Aussehen, -- der Oberkiefer unter der Nasenöffnung viel zu lang und die
Augenhöhlen und Schatten um die Schläfen schwarz getuscht, -- und hielt
zwischen den Zähnen ein Pique-As.
»Het Delpsche Orakel, of de stemm uit het Geesteryk«, stand darüber
geschrieben.
Große Messingringe, ineinandergreifend wie Kettenglieder, hingen von der
Decke herab und trugen Girlanden grellbemalter Ansichtskarten, die
warzenübersäte Gesichter von Schwiegermüttern mit Vorhängeschlössern an den
Lippen darstellten oder bösartige, mit Besen drohende Ehegattinnen; andere
Bildchen dazwischen in transparenten Farben: üppige junge Damen im Hemde,
den Brustlatz schamhaft festhaltend, und darunter die Erklärung: »Tegen het
licht te bekijken. Voor Gourmands.«
Verbrecherhandschellen, als die »berühmte Hamburger Acht« bezeichnet,
daneben ägyptische Traumbücher in Reihen ausgebreitet, künstliche Wanzen
und Schwaben (ins Bierglas des Wirtshausnachbars zu werfen), bewegliche
Nasenflügel aus Gummi, retortenförmige Glasflaschen mit rötlichem Saft
gefüllt: »das köstliche Liebesthermometer oder der unwiderstehliche Schäker
in Damengesellschaft«, Würfelbecher, Schüsseln mit Blechgeld, »der
Coupéschrecken« (ein unfehlbares Mittel für die p. p. Herren
Handlungsreisenden, während der Eisenbahnfahrt dauernde Bekanntschaften
anzuknüpfen), bestehend aus einem Wolfsgebiß, das man unter dem Schnurrbart
befestigen konnte, -- und über all der Pracht reckte sich aus
stumpfschwarzem Hintergrund segnend eine Wachsdamenhand, um das Gelenk eine
papierne Spitzenmanschette.
Weniger aus Kauflust, als um der Fischgeruchaura seiner beiden jugendlichen
Begleiter zu entrinnen, betrat der Fremde den Laden.
In einem Lehnstuhl in der Ecke, den linken Fuß mit dem arabeskenverzierten
Lackschuh über den Schenkel gelegt, studierte ein dunkelhäutiger Kavalier,
violett rasiert und mit fettglänzendem Scheitel -- der Typus eines
Balkangesichtes -- die Zeitung und blitzte einen messerscharfen, musternden
Blick nach ihm, während gleichzeitig eine Art Waggonfenster in dem
mannshohen Verschlag, der den Raum für die Kunden von dem Innern des
Geschäftes trennte, prasselnd herabgelassen wurde und in der Öffnung die
Büste eines dekolletierten Fräuleins mit hellblauen verführerischen Augen
und blonder Pagenfrisur erschien.
Im Handumdrehen hatte sie an der Aussprache und dem stockenden Holländisch:
»Kaufen, gleichgültig was, irgend etwas«, erkannt, daß sie einen Landsmann,
einen Österreicher, vor sich habe, und begann ihre Erklärung eines
Zauberkunststückes an drei rasch ergriffenen Korkpfropfen in deutscher
Sprache, wobei sie den ganzen Charme wohlgeübter Weiblichkeit in allen
Schattierungen spielen ließ, vom Stechen mit den Brüsten nach dem
männlichen Gegenüber angefangen, bis zum fast telepathisch-diskreten
Hautduftausstrahlen, das sie durch gelegentliches Achsellüften noch
wirksamer zu gestalten verstand.
»Sie sehen hier drei Stöpsel, mein Herr, nicht wahr? Ich lege den ersten in
meine rechte Hand; hierauf den zweiten, und schließe die Hand. So. Den
dritten stecke ich« -- sie lächelte errötend -- »in die Tasche. Wieviel
habe ich in der Hand?«
»Zwei.«
»Nein, drei.«
Es stimmte.
»Dieses Kunststück heißt: die fliegenden Korke und kostet nur zwei Gulden,
mein Herr.«
»Schön; bitte, zeigen Sie mir den Trick!«
»Wenn ich vorher um das Geld bitten darf, mein Herr? Es ist
Geschäftsusance.«
Der Fremde legte zwei Gulden hin, bekam eine Wiederholung des Experimentes
zu sehen, das lediglich auf Fingerfertigkeit beruhte, mehrere neuerliche
Wellen weiblichen Hautgeruches und schließlich vier Korkstöpsel, die er
voll Bewunderung für die kaufmännische Umsicht der Firma Chidher Grün und
mit der festen Überzeugung, das Zauberkunststück niemals nachmachen zu
können, einsteckte.
»Sie sehen hier drei eiserne Gardinenringe, mein Herr,« begann die junge
Dame abermals, »ich lege den ersten -- --« da wurde ihr Vortrag durch
lautes Johlen, gemischt mit schrillen Pfiffen, von der Gasse her
unterbrochen und gleichzeitig die Ladentür heftig aufgerissen und klirrend
wieder ins Schloß geworfen.
Erschreckt drehte sich der Fremde um und erblickte eine Gestalt, deren
wundersamer Aufzug sein höchstes Erstaunen erweckte.
Es war ein riesenhafter Zulukaffer mit schwarzem, krausem Bart und
wulstigen Lippen, nur mit einem karrierten Regenmantel bekleidet, einen
roten Ring um den Hals und das von Hammeltalg triefende Haar kunstvoll in
die Höhe gebürstet, so daß es aussah, als trüge er eine Schüssel aus
Ebenholz auf dem Kopfe.
In der Hand hielt er einen Speer.
Sofort sprang das Balkangesicht aus dem Lehnstuhl, machte dem Wilden eine
tiefe Verbeugung, nahm ihm dienstbeflissen die Lanze ab, stellte sie in
einen Regenschirmständer, und nötigte ihn, mit verbindlicher Handbewegung
einen Vorhang zur Seite ziehend, unter höflichem: »als 't u belieft,
Mijnheer; hoe gaat het, Mijnheer?«, in ein Nebengemach einzutreten.
»Bitt' schön, vielleicht auch weiter zu kommen«, wendete sich die junge
Dame wieder an den Fremden und öffnete ihren Verschlag, »und ein wenig
Platz zu nehmen, bis sich die Menge beruhigt hat«; dann eilte sie zur
Glastür, die abermals aufgeklinkt worden war, stieß einen vierschrötigen
Kerl, der breitbeinig auf der Schwelle stand und im Bogen hereinspuckte,
mit einer Flut von Verwünschungen: »stik, verrek, god verdomme, fall dood,
stek de moord« zurück und schob den Riegel vor.
Das Innere des Ladens, das der Fremde inzwischen betreten hatte, bestand
aus einem durch Schränke und türkische Portièren abgeteilten Raum mit
mehreren Sesseln und Taburetts in den Ecken, sowie einem runden Tisch in
der Mitte, an dem zwei behäbige alte Herren, anscheinend Hamburger oder
holländische Kaufleute, mit gespanntester Aufmerksamkeit beim Lichte einer
elektrisch montierten Moschee-Ampel in Guckkästen -- kleine
kinematographische Apparate, wie das Surren verriet -- stierten.
Durch einen dunkeln, aus Warenstellagen gebildeten Gang konnte man in ein
kleines Bureau mit auf die Seitengasse mündenden Milchglasfenstern
hineinblicken, in dem ein prophetenhaft aussehender alter Jude im Kaftan,
mit langem weißem Bart und Schläfenlocken, ein rundes seidenes Käppi auf
dem Haupte und das Gesicht im Schatten unsichtbar, regungslos vor einem
Pulte stand und Eintragungen in ein Hauptbuch machte.
»Sagen Sie, Fräulein, was war das vorhin für ein merkwürdiger Neger?«
fragte der Fremde, als die Verkäuferin wieder zu ihm trat und die
Vorstellung mit den drei Gardinenringen fortsetzen wollte.
»Der? Oh, das ist ein gewisser Mister Usibepu. Er ist eine Attraktion und
gehört zu der Zulutruppe, die im Zirkus Carré auftritt. -- Ein sehr ein
fescher Herr,« setzte sie mit leuchtenden Augen hinzu. »Er ist in seiner
Heimat medicinae doctor -- -- --«
»Ja, ja, Medizinmann, -- ich verstehe.«
»Ja, Medizinmann. Und da lernt er bei uns bessere Sachen, um, wenn er
wieder heimkommt, seinen Landsleuten gehörig imponieren zu können und sich
gelegentlich auf den Thron zu schwingen. -- Der Herr Professor des
Pneumatismus, Herr Zitter Arpád aus Preßburg, unterrichtet ihn grad,« --
sie hielt mit den Fingern einen Schlitz im Vorhang auseinander und ließ den
Fremden in ein mit Whistkarten austapeziertes Kabinett schauen.
Zwei Dolche kreuzweis durch die Gurgel gestochen, so daß die Spitzen hinten
herausragten, und ein blutbeflecktes Beil tief in einer klaffenden
Schädelwunde stecken, verschluckte das Balkangesicht soeben ein Hühnerei
und zog es dem Zulukaffern, der abgelegt hatte und sprachlos vor Staunen,
nur mit einem Leopardenfell bekleidet, vor ihm stand, aus dem Ohr wieder
heraus.
Gern hätte der Fremde noch mehr gesehen, aber die junge Dame ließ rasch die
Portière fallen, da ihr der Herr Professor einen verweisenden Blick zuwarf
und ein schrilles Klingeln sie überdies ans Telephon rief.
»Seltsam bunt wird das Leben, wenn man sich Mühe gibt, es in der Nähe zu
betrachten, und den sogenannten wichtigen Dingen den Rücken kehrt, die
einem nur Leid und Verdruß bringen,« dachte der Fremde, nahm von einem
Bord, auf dem allerhand billiges Spielzeug lag, eine kleine offene
Schachtel herunter und roch zerstreut daran.
Sie war angefüllt mit winzigen, geschnitzten Kühen und Bäumchen, deren Laub
aus grün gebeizter Holzwolle bestand.
Der eigentümliche Duft nach Harz und Farbe nahm ihn einen Augenblick ganz
gefangen. -- Weihnachten! Kinderjahre! Atemloses Warten vor
Schlüssellöchern; ein wackliger Stuhl mit rotem Rips überzogen, -- ein
Ölfleck darin. Der Spitz -- Durudeldutt, ja, ja, so hat er geheißen --
knurrt unter dem Sofa und beißt der beweglichen Schildwache ein Bein ab,
kommt dann, das linke Auge zugekniffen, schwerverstimmt hervorgekrochen:
die Feder des Uhrwerkes ist losgegangen und ihm ins Gesicht gesprungen. --
Die Tannennadeln knistern, und die brennenden roten Kerzen am Christbaum
haben lange Tropfbärte. --
Nichts vermag die Vergangenheit so schnell wieder jung zu machen, wie der
Lackgeruch von Nürnberger Spielzeug, -- der Fremde schüttelte den Bann ab,
»es wächst nichts Gutes aus der Erinnerung: erst läßt sich alles süß an,
dann hat das Leben eines Tages plötzlich ein Oberlehrergesicht, um einen
schließlich mit blutrünstiger Teufelsfratze -- -- -- nein, nein, ich will
nicht!« -- er wandte sich dem drehbaren Büchergestell zu, das neben ihm
stand. »Lauter Bände in Goldschnitt?« -- Kopfschüttelnd buchstabierte er
die wundersamen, ganz und gar nicht zur übrigen Umgebung passenden,
gekerbten Rückentitel: »Leidinger, G., Geschichte des akademischen
Gesangvereins Bonn,« »Aken, Fr., Grundriß der Lehre vom Tempus und Modus im
Griechischen,« »Neunauge, K. W., Die Heilung der Hämorrhoiden im
klassischen Altertum«? -- »nun, Politik scheint, Gott sei Dank, nicht
vertreten zu sein« -- und er nahm: »Aalke Pott, Über den Lebertran und
seine steigende Beliebtheit, 3. Band« vor und blätterte darin.
Der miserable Druck und das elende Papier standen in verblüffendem
Gegensatz zu dem kostbaren Einband.
»Sollte ich mich geirrt haben? Handelt es sich vielleicht gar nicht um eine
Hymne auf ranziges Öl?« -- der Fremde schlug die erste Seite auf und las
erheitert:
»Sodom- und Gomorrhabibliothek«
Ein Sammelwerk für Hagestolze.
(Jubiläumsausgabe.)
Bekenntnisse eines lasterhaften
Schulmädchens.
[Fortsetzung des berühmten Werkes: Die Purpurschnecke.]
»Wahrhaftig, man glaubt die 'Grundlage des zwanzigsten Jahrhunderts' vor
sich zu haben: außen brummliges Gelehrtengetue und innen -- der Schrei nach
Geld oder Weibern,« brummte er vergnügt und lachte dann laut hinaus.
Nervös fuhr der eine der beiden wohlbeleibten Handelsherren von seinem
Guckkasten empor (der andere, der Holländer, ließ sich nicht stören),
murmelte verlegen etwas von »wunnerschoenen Sstädteansichten« und wollte
sich schnell entfernen, nach Kräften bestrebt, seinem durch den
überstandenen optischen Genuß ein wenig ins Schweinskopfartige zerflossenen
Gesichtsausdruck wieder das altgewohnte Gepräge des unentwegt auf
geradlinig strenge Lebensauffassung gerichteten Edelkaufmanns zu verleihen,
da leistete sich der satanische Versucher aller Schlichtgesinnten in
Gestalt eines hämischen Zufalls, aber fraglos in der Absicht, die Seele des
Biedermanns nicht länger im Unklaren zu lassen, in welch frivoler Umgebung
sie sich befand, einen höchst unziemlichen Scherz:
Durch eine allzueilige Flatterbewegung beim Anziehen des Mantels hatte der
Handelsherr mit dem Ärmel das Pendel einer großen Wanduhr in Bewegung
gesetzt, und sofort fiel eine mit trauten Familienszenen bemalte Klappe
herunter; nur erschien statt des zu erwartenden Kuckucks der wächserne Kopf
nebst spärlich bekleidetem Oberleib einer über die Maßen frechblickenden
Frauensperson und sang zum feierlichen Glockenklang der zwölften Stunde mit
verschleimter Stimme:
»Tischlah sejen
ganz verwejen,
hobeln flott drauf los;
fein und glatt
wird das Blatt -- -- --«
»Blatt, Blatt, Blatt« -- ging es plötzlich, sich rhythmisch wiederholend,
in einen krächzenden Baß über. Entweder hatte der Teufel ein Einsehen oder
war ein Haar ins Grammophongetriebe geraten.
Nicht länger gesonnen, neckischen Kobolden zum Opfer zu fallen, suchte der
Chef der Meere mit empört gequäktem »aarch anstößich« fluchtartig das
Weite.
Obschon mit der Sittenreinheit nordischer Völkerstämme wohl vertraut,
konnte sich der Fremde dennoch die übermäßige Verwirrung des alten Herrn
nicht recht erklären, bis ihm langsam der Verdacht dämmerte, er müsse ihn
irgendwo kennen gelernt haben, -- ihm wahrscheinlich in einer Gesellschaft
vorgestellt worden sein. Ein schnell vorübergehendes, damit verknüpftes
Erinnerungsbild: eine ältere Dame mit feinen traurigen Zügen und ein
schönes junges Mädchen, bestärkte ihn in seiner Annahme, nur konnte er sich
des Ortes und der Namen nicht mehr entsinnen.
Auch das Gesicht des Holländers, der soeben aufstand, ihn mit kalten,
wasserblauen Augen verächtlich von oben bis unten abschätzte und sich dann
träge hinauswälzte, half seinem Gedächtnis nicht nach. Es war ein ihm
völlig Unbekannter von brutalem, selbstbewußtem Aussehen.
Immer noch telephonierte die Verkäuferin.
Nach ihren Antworten zu schließen, handelte es sich um große Aufträge für
einen Polterabend.
»Eigentlich könnte ich auch gehen,« überlegte der Fremde; »worauf warte ich
denn noch?«
Ein Gefühl der Abspannung überfiel ihn; er gähnte und ließ sich in einen
Sessel fallen.
»Daß einem nicht der Kopf zerspringt, oder man sonstwie überschnappt,«
schälte sich ein Gedanke in seinem Hirn los, »bei all dem verrückten Zeug,
das das Schicksal um einen herumstellt! Es ist ein Wunder! -- Und warum man
im Magen Übelkeit empfindet, wenn die Augen häßliche Dinge
hineinschlingen?! Was hat denn, um Gottes willen, die Verdauung damit zu
tun! -- Nein, mit der Häßlichkeit hängt's nicht zusammen« grübelte er
weiter, »auch bei längerem Verweilen in Gemäldegalerien packt einen
unvermutet der Brechreiz. Es muß so etwas wie eine Museumskrankheit geben,
von der die Ärzte noch nichts wissen. -- Oder sollte es das Tote sein, das
von allen Dingen, ob schön oder häßlich, ausgeht, die der Mensch gemacht
hat? Ich wüßte nicht, daß mir schon einmal beim Anblick selbst der ödesten
Gegend übel geworden wäre, -- also wird es wohl so sein. -- Ein Geschmack
nach Konservenbüchsen haftet allem an, das den Namen »Gegenstand« trägt;
man kriegt den Skorbut davon.« -- Er mußte unwillkürlich lächeln, da ihm
eine barocke Äußerung seines Freundes Baron Pfeill, der ihn für Nachmittag
ins Café »De vergulde Turk« bestellt hatte und alles, was mit
perspektivischer Malerei zusammenhing, aus tiefster Seele haßte, einfiel:
'der Sündenfall hat gar nicht mit dem Apfelessen begonnen; das ist wüster
Aberglaube. Mit dem Bilderaufhängen in Wohnungen hat's angefangen! Kaum hat
einem der Maurer die vier Wände schön glatt gemacht, schon kommt der Teufel
als »Künstler« verkleidet und malt einem »Löcher mit Fernblick« hinein. Von
da bis zum äußersten Heulen und Zähneklappern ist dann nur noch ein Schritt
und man hängt eines Tages in Orden und Frack neben Isidor dem Schönen oder
sonst einem gekrönten Idioten mit Birnenschädel und Botokudenschnauze im
Speisezimmer und schaut sich selber beim Essen zu.' -- -- »Ja, ja, man
sollte wirklich bei allem und jedem ein Lachen bereit haben,« fuhr der
Fremde in seiner Gedankenreihe fort, »so ganz ohne Grund lächeln die
Statuen Buddhas nicht und die der christlichen Heiligen sind
tränenüberströmt. Wenn die Menschen häufiger lächeln würden, gäb's
vermutlich weniger Kriege. -- Da laufe ich nun schon drei Wochen in
Amsterdam herum, merke mir absichtlich keine Straßennamen; frage nicht, was
ist das oder jenes für ein Gebäude, wohin fährt dieses oder jenes Schiff,
oder woher kommt es, lese keine Zeitungen, um nur ja nicht als »Neuestes«
zu erfahren, was schon vor Jahrtausenden in blau genau so passiert ist; ich
wohne in einem Hause, in dem jede Sache mir fremd ist, bin schon bald der
einzige -- Privatmann, den ich kenne; wenn mir ein Ding vor Augen kommt,
spioniere ich längst nicht mehr, wozu es dient, -- es dient überhaupt
nicht, läßt sich nur bedienen! -- und warum tue ich das alles? Weil ich es
satt habe, den alten Kulturzopf mit zu flechten: erst Frieden, um Kriege
vorzubereiten, dann Krieg, um den Frieden wieder zu gewinnen usf.; weil ich
wie Kasper Hauser eine neue urfremde Erde vor mir sehen will, -- ein neues
Staunen kennen lernen will, wie es ein Säugling an sich erfahren müßte, der
über Nacht zum erwachsenen Manne heranreift, -- weil ich ein Schlußpunkt
werden will und nicht ewig ein Komma bleiben. Ich verzichte auf das
»geistige Erbe« meiner Vorfahren zugunsten des Staates und will lieber
lernen, alte Formen mit neuen Augen zu sehen, statt, wie bisher, neue
Formen mit alten Augen; vielleicht gewinnen sie dann ewige Jugend! -- Der
Anfang, den ich gemacht habe, war gut; nur muß ich noch lernen, über alles
zu lächeln und nicht bloß zu staunen.«
Nichts wirkt so einschläfernd wie geflüsterte Reden, deren Sinn dem Ohre
unverständlich bleibt. Die in leisem Ton und großer Hast geführten
Gespräche zwischen dem Balkangesicht und dem Zulukaffern hinter dem Vorhang
betäubten den Fremden durch ihre hypnotisierend eintönige Unablässigkeit,
so daß er einen Moment in tiefen Schlummer fiel.
Als er sich gleich darauf wieder emporriß, hatte er die Empfindung, eine
überwältigende Menge innerer Aufschlüsse bekommen zu haben; aber nur ein
einziger dürrer Satz war als Quintessenz in seinem Bewußtsein
zurückgeblieben, -- eine phantastische Verkettung von kürzlich erlebten
Eindrücken und fortgesponnenen Gedanken: »Schwerer ist es, das ewige
Lächeln zu erringen, als den Totenschädel in den abertausend Gräbern der
Erde herauszufinden, den man in einem früheren Leben auf den Schultern
getragen; erst muß der Mensch sich die alten Augen aus dem Kopf weinen,
bevor er die Welt mit neuen Augen lächelnd zu betrachten vermag.«
»Und wenn es noch so schwer ist, der Totenschädel wird gesucht!«, verbiß
sich der Fremde hartnäckig in die Traumidee, felsenfest überzeugt, daß er
vollkommen wach sei, während er in Wirklichkeit wieder tief eingenickt war,
»ich werde die Dinge schon zwingen, deutsch mit mir zu reden und mir ihren
wahren Sinn zu verraten, und zwar in einem neuen Alphabet, statt mir, wie
früher, mit wichtigtuerischer Miene alten Kram ins Ohr zu raunen, wie:
'Siehe, ich bin ein Medikament und mache dich gesund, wenn du dich
überfressen hast, oder: ich bin ein Genußmittel, damit du dich überfressen
und wieder zum Medikament greifen kannst.' -- Hinter den Witz, daß sich
alles in den Schwanz beißt, wie mein Freund Pfeill sagt, bin ich nachgerade
gekommen, und wenn das Leben keine gescheiteren Lektionen aufzugeben weiß,
gehe ich in die Wüste, nähre mich von Heuschrecken und kleide mich in
wilden Honig.«
»_Sie_ wollen in die Wüste gehen und die höhere Zauberei lernen, -- nebbich
--, wo Sie noch so dumm sind, einen albernen Trick mit Korkstöpseln bar in
Silber zu bezahlen, einen Vexiersalon von der Welt kaum unterscheiden
können und nicht einmal ahnen, daß in den Büchern des Lebens etwas anderes
steht, als hinten drauf gedruckt ist? -- _Sie_ sollten »Grün« heißen und
nicht ich,« hörte der Fremde plötzlich eine tiefe, bebende Stimme auf seine
Reminiszenzen antworten und, als er erstaunt aufblickte, stand der alte
Jude, der Inhaber des Ladens, im Raum und starrte ihn an.
Der Fremde entsetzte sich; ein Gesicht, wie das vor ihm, hatte er noch nie
gesehen.
Es war faltenlos, mit einer schwarzen Binde über der Stirn, und dennoch
tief gefurcht, so, wie das Meer tiefe Wellen hat und doch nie runzlig ist.
-- Die Augen lagen darin wie finstere Schlünde und waren trotzdem die Augen
eines Menschen und keine Höhlen. Die Farbe der Haut spielte ins Olive und
war wie aus Erz; so, wie es die Geschlechter der Vorzeit, von denen es
heißt, sie wären gleich schwarzgrünem Gold gewesen, ähnlich gehabt haben
mögen.
»Seit der Mond, der Wanderer, am Himmel kreist,« sprach der Jude weiter,
»bin ich auf der Erde. Ich habe Menschen gesehen, die waren wie Affen und
trugen steinerne Beile in den Händen; sie kamen und gingen von Holz« -- er
zögerte eine Sekunde -- »zu Holz, von der Wiege zum Sarg. Wie Affen sind
sie noch immer -- und tragen Beile in den Händen. Es sind Abwärtsstarrer
und wollen die Unendlichkeit, die im Kleinen verborgen liegt, ergründen.
Daß im Bauch der Würmer Millionen von winzigen Wesen leben und in diesen
wieder Milliarden, haben sie ergründet, aber noch immer wissen sie nicht,
daß es auf diese Art kein Ende nimmt. Ich bin ein Abwärtsstarrer und ein
Aufwärtsstarrer; das Weinen habe ich vergessen, aber das Lächeln habe ich
noch nicht gelernt. -- Meine Füße sind naß gewesen von der Sintflut, aber
ich habe keinen gekannt, der Grund zum Lächeln gehabt hätte; mag sein, ich
habe ihn nicht beachtet und bin an ihm vorübergegangen.
Jetzt spült an meine Füße ein Meer von Blut, und da soll einer kommen, der
lächeln darf? Ich glaub's nicht. -- Ich werde wohl warten müssen, bis das
Feuer selbst Wogen wirft.«
Der Fremde zog sich den Zylinder über die Augen, um das schreckliche
Gesicht, das sich immer tiefer in seine Sinne einfraß und seinen Atem
stocken machte, nicht länger zu sehen, und daher bemerkte er nicht, daß der
Jude zum Pult zurück ging, die Verkäuferin auf den Zehenspitzen an seine
Stelle trat, einen Totenkopf aus Papiermaché, ähnlich dem in der Auslage,
aus dem Schrank nahm und geräuschlos auf ein Taburett stellte.
Als dem Fremden plötzlich der Hut vom Kopf rutschte und zu Boden fiel, hob
sie ihn blitzschnell auf, noch ehe sein Besitzer danach greifen konnte, und
begann gleichzeitig ihren Vortrag:
»Sie sehen hier, mein Herr, das sogenannte Delphische Orakel; durch es sind
wir jederzeit in der Lage, einen Blick in die Zukunft zu tun und sogar
Antworten auf Fragen, die in unserm Herzen« -- sie schielte aus unbekannten
Gründen in ihren Busenausschnitt -- »schlummern, zu erhalten. Ich bitte,
mein Herr, im Geiste eine Frage zu tun!«
»Ja, ja, schon gut,« brummte der Fremde, noch ganz verwirrt.
»Sehen Sie, der Schädel bewegt sich bereits!«
Langsam öffnete der Totenkopf das Gebiß, kaute ein paarmal, spuckte eine
Papierrolle aus, die die junge Dame hurtig auffing und entrollte, und
klapperte dann erleichtert mit den Zähnen; --
»Ob deiner Seele Sehnsucht in
Erfüllung geht? -- Fahr drein
mit fester Hand und setz' das
Wollen an der Wünsche Statt!«
stand mit roter Tinte -- oder war es Blut? -- auf dem Streifen geschrieben.
»Schade, daß ich mir nicht gemerkt habe, was es für eine Frage war,« dachte
der Fremde. -- »Kostet?«
»Zwanzig Gulden, mein Herr.«
»Schön. Bitte --,« der Fremde überlegte, ob er den Schädel gleich mitnehmen
solle, -- »nein, es geht nicht, man würde mich auf der Straße für den
Hamlet halten,« sagte er sich, »bitte, schicken Sie ihn mir in meine
Wohnung; hier ist das Geld.«
Er warf unwillkürlich einen Blick in das Bureau am Fenster, -- mit
verdächtiger Unbeweglichkeit stand der alte Jude vor seinem Pult, als hätte
er die ganze Zeit über nichts als Eintragungen ins Hauptbuch gemacht, --
dann schrieb er auf einen Block, den die Verkäuferin ihm hinhielt, seinen
Namen nebst Adresse:
Fortunat Hauberrisser
Ingenieur
Hooigracht Nr. 47
und verließ, noch immer ein wenig betäubt, den Vexiersalon.
Zweites Kapitel
Seit Monaten war Holland überschwemmt von Fremden aller Nationen, die, kaum
daß der Krieg beendet war und beständig wachsenden inneren politischen
Kämpfen den Schauplatz abgetreten hatte, ihre alte Heimat verließen und
teils dauernd Zuflucht in den niederländischen Städten suchten, teils sie
als vorübergehenden Aufenthalt wählten, um von dort aus einen klaren
Überblick zu gewinnen, auf welchem Fleck Erde sie künftighin ihren Wohnsitz
aufschlagen könnten.
Die billige Prophezeiung, das Ende des europäischen Krieges werde einen
Auswandererstrom der ärmeren Bevölkerungsschichten aus den am härtesten
mitgenommenen Gegenden zur Folge haben, hatte gründlich geirrt, und
reichten auch die verfügbaren Schiffe, die nach Brasilien und andern als
fruchtbar geltenden Erdteilen fuhren, nicht hin, die vielen
Zwischendeckspassagiere zu befördern, so stand doch der Abfluß der auf
ihrer Hände Arbeit Angewiesenen in keinem Verhältnis zur Zahl derer, die
entweder wohlhabend waren und überdrüssig, sich ihre Einkünfte durch den
immer unerträglicher werdenden Druck der heimischen Steuerschrauben
zusammenpressen zu lassen -- also der sogenannten Unidealen -- oder zur
Zahl derer, die bisher in intellektuellen Berufen tätig gewesen, keine
Möglichkeit mehr vor sich sahen, mit ihrem Verdienst den unerhört
kostspielig gewordenen Kampf um das auch nur nackte Leben weiter zu führen.
Hatte schon in den verflossenen Zeiten der Friedensgreuel das Einkommen
eines Schornsteinfegermeisters oder Schweinemetzgers das Gehalt eines
Universitätsprofessors weit überstiegen, so war doch jetzt die europäische
Menschheit bereits auf dem Glanzpunkt angelangt, wo der alte Fluch »im
Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen« buchstäblich und
nicht nur im übertragenen Sinne aufgefaßt werden mußte; -- die »innerlich«
Schwitzenden sahen sich dem Elend preisgegeben und gingen aus Mangel an
Stoffwechsel zugrunde.
Die Muskel des Armes griff nach dem Szepter der Herrschaft, die
Ausscheidungen der menschlichen Denkdrüse sanken täglich tiefer im Kurs,
und saß Gott Mammon auch noch auf dem Throne, so war seine Fratze doch
recht unsicher geworden: -- die Menge schmutziger Papierfetzen, die sich um
ihn herum angehäuft hatte, verdroß seinen Schönheitssinn.
Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe, bloß der
Geist der Handlungsreisenden konnte nicht, wie früher, auf dem Wasser
schweben.
So war es gekommen, daß sich die große Masse der europäischen Intelligenz
auf Wanderschaft befand und von den Hafenstädten der vom Kriege mehr oder
weniger verschont gebliebenen Länder nach Westen spähte, ähnlich dem
Däumling, der auf hohe Bäume kletterte, um nach einem Herdfeuer in der
Ferne auszuschauen.
In Amsterdam und Rotterdam waren die alten Hotels bis auf das letzte Zimmer
besetzt, und täglich entstanden neue; ein Mischmasch von Sprachen schwirrte
durch die besseren Straßen, und stündlich gingen Extrazüge nach dem Haag,
gefüllt mit ab- und durchgebrannten Politikern und Politikerinnen aller
Rassen, die beim Dauerfriedenskongreß ein immerwährendes Wort mit
dreinreden wollten, wie man der endgültig entflohenen Kuh am sichersten die
Stalltür verrammeln könnte.
In den feinern Speisehäusern und Kakaostuben saß man Kopf an Kopf und
studierte überseeische Zeitungen, -- die binnenländischen schwelgten noch
immer in den Krämpfen vorgeschriebener Begeisterung über die herrschenden
Zustände, -- aber auch in ihnen stand nichts, was nicht auf den alten
Weisheitssatz herausgekommen wäre: »ich weiß, daß ich nichts weiß, aber
auch das weiß ich nicht sicher.«
* * * * *
»Ist denn Baron Pfeill noch immer nicht hier? Ich warte jetzt schon eine
volle Stunde,« fuhr im Café »De vergulde Turk«, einem dunkeln, winkligen
und verräucherten Lokal, das versteckt und abseits vom Verkehr in der
Cruysgade lag, eine ältere Dame mit spitzen Gesichtszügen, zerkniffenen
Lippen und fahrigen, farblosen Augen, -- der Typus der gewissen entmannten
Frauen mit dem ewig nassen Haar, die mit dem fünfundvierzigsten Jahre ihren
galligen Rattlern anfangen ähnlich zu sehen und mit dem fünfzigsten bereits
selber die geplagte Menschheit ankläffen -- wutentbrannt auf den Kellner
los: »'pörend. Pe. Wahrhaftig kein Vergnügen, in der Spelunke zu sitzen und
sich als Dame von lauter Kerlen anglotzen zu lassen.«
»Herr Baron Pfeill? -- Wie soll er denn aussehen? Ich kenne ihn nicht,
Myfrouw,« fragte der Kellner kühl.
»'türlich bartlos. Vierzig. Fünfundvierzig. Achtundvierzig. Weiß nicht.
Hab' seinen Taufschein nicht gesehen. Groß. Schlank. Scharfe Nase.
Strohhut. Braun.«
»Der sitzt doch schon lange da draußen, Myfrouw« -- der Kellner deutete
gelassen durch die offene Tür auf den kleinen, durch Efeugitter und berußte
Oleanderstauden gebildeten Vorraum zwischen Straße und Kaffeehaus.
-- »Garnalen, garnalen,« dröhnte der Brummbaß eines Krabbenverkäufers an
den Fenstern vorüber. »Banaantjes, banaantjes«, quietschte ein Weib
dazwischen.
»Pe. Der ist doch blond! Und kurzgeschnittenen Schnurrbart. Zylinder. Pe.«
-- Die Dame wurde immer wütender.
»Ich meine den Herrn neben ihm, Myfrouw; Sie können ihn von hier nicht
sehen.«
Wie ein Jochgeier stürzte die Dame auf die beiden Herren los und
überschüttete den Baron Pfeill, der mit betretener Miene aufstand und
seinen Freund Fortunat Hauberrisser vorstellte, mit einem Hagel von
Vorwürfen, daß sie ihn mindestens zwölfmal vergebens angeklingelt und
schließlich in seiner Wohnung aufgesucht habe, ohne ihn anzutreffen, und
das alles bloß, -- »pe« -- weil er natürlich wieder mal nicht zu Hause
gewesen sei. »Zu einer Zeit, wo jeder Mensch beide Hände voll zu tun hat,
um den Frieden zu befestigen, Präsident Taft die nötigen Ratschläge zu
geben, den Heimatsflüchtigen zuzureden, wieder an ihre Arbeit zu gehen, die
internationale Prostitution zu unterbinden, dem Mädchenhandel zu steuern,
Gesinnungsschwachen das moralische Rückgrat zu stählen und -- Sammlungen
von Flaschenstanniol für die Invaliden aller Völker einzuleiten«, schloß
sie, empört ihre Pompadour aufreißend und mit einer seidenen Schnur wieder
erdrosselnd, »ich dächte, da hat man zu Hause zu bleiben, statt -- statt
Schnaps zu trinken«. -- Sie schoß einen bösartigen Blick auf die beiden
dünnen Glasröhren, die, gefüllt mit einem regenbogenfarbigen Gemisch aus
Likören, auf der marmornen Tischplatte standen.
»Frau Consul Germaine Rukstinat interessiert sich nämlich für --
Wohltäterei«, erläuterte Baron Pfeill seinem Freunde, den Doppelsinn seiner
Worte hinter der Maske scheinbar ungeschickt gewählter deutscher Ausdrücke
verbergend; »sie ist der Geist, der stets bejaht und nur das Gute will --
-- wie Goethe sagt.«
»Na, wenn sie das nicht merkt!« dachte Hauberrisser und blickte scheu nach
der Furie, -- zu seiner Überraschung lächelte sie bloß besänftigt --
»Pfeill hat leider recht, die Menge kennt Goethe nicht nur nicht, sie
verehrt ihn sogar; je falscher man ihn zitiert, desto tiefer fühlen sie
sich in seinen Geist eingedrungen.«
»Ich finde, Myfrouw«, wandte sich Pfeill wieder an die Gnädige, »man
überschätzt mich in Ihren Kreisen als -- Phila_ntropf_. Mein Vorrat an
Flaschenstanniol, der den Invaliden so mangelt, ist wesentlich geringer,
als es den Anschein hat, und wenn ich auch -- obwohl, ich versichere,
unwissentlich -- einmal in einen Mildherzigkeitsklub hineingetreten bin und
mir infolgedessen der Geruch eines öffentlichen Samaritercharakters
gewissermaßen anhaftet, so gebricht es mir leider doch an ausreichend
stählernem Gesinnungsmark, um der internationalen Prostitution die
Einnahmsquelle zu verstopfen, und ich möchte mich in dieser Hinsicht des
Motto's bedienen: Yoni soit, qui mal y pense. -- Was ferner das Steuer des
Mädchenhandels anbelangt, so fehlt es mir gänzlich an Beziehungen zu den
leitenden Kapitänen dieser Organisation, denn ich hatte niemals
Gelegenheit, die höheren Beamten der Sittenpolizei im Ausland --
vertraulich kennen zu lernen.«
»Aber unbrauchbare Sachen für Kriegerwaisen werden Sie doch haben, Baron?«
»Ist denn die Nachfrage nach unbrauchbaren Sachen seitens der Kriegerwaisen
so groß?«
Die Gnädige überhörte die spöttische Gegenfrage oder wollte sie überhören.
»Ein paar Eintrittskarten für die große Redoute, die im Herbst stattfindet,
müssen Sie aber zeichnen, Baron! Der vermutliche Nettoerlös, der im
nächsten Frühjahr verrechnet wird, soll der Gesamtheit aller
Kriegsbeschädigten zugute kommen. Es wird ein Aufsehen erregendes Fest
werden, die Damen sämtlich maskiert, und die Herren, die mehr als fünf
Eintrittskarten gelöst haben, bekommen den Barmherzigkeitsorden der
Herzogin von Lusignan an den Frack.«
»Freilich, eine Redoute dieser Art bietet viel Reiz«, gab Baron Pfeill
sinnend zu, »zumal bei derlei maskierten Wohltätigkeitstänzen oft im weit
ausgreifenden Sinne der Nächstenliebe die linke Hand nicht weiß, was die
rechte tut, und es den Reichen begreiflicherweise ein dauerndes Vergnügen
bereiten muß, daß der Arme auf die große Abrechnung zu -- warten hat, aber
andererseits bin ich nicht Exhibitionist genug, um den Nachweis fünfmal
öffentlich betätigten Mitgefühls aus dem Knopfloch heraushängen zu lassen.
-- Natürlich, wenn Frau Konsul darauf bestehen -- -- --«
»Kann ich also fünf Karten für Sie bereit halten?«
»Wenn ich bitten darf: nur vier, Myfrouw!«
* * * * *
»Herr, gnädiger Herr, gnä-diger Herr Baron!« hauchte eine Stimme, und eine
winzige schmutzige Hand zupfte Baron Pfeill schüchtern am Ärmel. Als er
sich umdrehte, sah er ein kleines, ärmlich gekleidetes Mädchen mit
eingefallenen Wangen und weißen Lippen, das sich zwischen den
Oleanderkübeln hindurch an ihn herangeschlichen hatte und ihm einen Brief
hinhielt, vor sich stehen. Sofort wühlte er in seinen Taschen nach
Kleingeld.
»Der Großvater draußen läßt sagen -- -- --«
»Wer bist du denn, Kind?« fragte Pfeill halblaut.
»Der Großvater, der Schuster Klinkherbogk, läßt sagen, ich bin sein Kind«,
verwirrte das Mädchen die Antwort mit dem Auftrag, den es überbringen
sollte, »und der Herr Baron hat sich geirrt. Statt der zehn Gulden für die
letzten Paar Schuhe waren tausend -- -- --«
Pfeill wurde blutrot, klapperte heftig mit seiner silbernen Zigarettendose
auf den Tisch, um die Worte der Kleinen zu übertönen, und sagte laut und
brüsk: »da hast du zwanzig Cents für den Weg«, mit milderem Ton
hinzufügend, es sei schon alles recht -- sie solle nur wieder nach Hause
gehen und den Brief nicht verlieren.
Gleichsam als Antwort, daß das Kind nicht allein gekommen sei -- der
Sicherheit wegen von seinem Großvater begleitet, damit es auf dem Wege zum
Kaffeehaus das Kuvert mit der Banknote nicht verlöre --, tauchte eine
Sekunde lang zwischen den sich teilenden Efeustauden das totenblasse
Gesicht eines alten Mannes auf, der augenscheinlich die letzten Sätze
gehört hatte und vor Ergriffenheit unfähig, ein Wort hervorzubringen, mit
schlotterndem Unterkiefer und gelähmter Zunge ein leises röchelndes Lallen
ausstieß. -- -- --
Ohne den Vorgängen irgend welche Aufmerksamkeit geschenkt zu haben, hatte
die wohltätige Dame die Eintragung der vier Ballkarten in eine Rolle
vorgenommen und sich nach ein paar kühl verbindlichen Worten empfohlen. --
--
Eine Weile saßen die beiden Herren stumm, wichen einander mit den Blicken
aus und trommelten gelegentlich mit den Fingern auf den Stuhllehnen.
Hauberrisser kannte seinen Freund zu gut, um nicht genau zu fühlen: er
brauche jetzt nur zu fragen, was für eine Bewandtnis es mit dem Schuster
Klinkherbogk habe, und Pfeill würde gereizt das Blaue vom Himmel
herunterphantasieren, um nur ja nicht den Verdacht aufkommen zu lassen, er
hätte einem armen Schuster aus bittrer Not geholfen. Daher sann er, um ein
möglichst abseits liegendes Gespräch einzuleiten, nach einem Thema, das --
selbstverständlich -- nichts mit Wohltätigkeit oder einem Schuster zu tun
haben durfte, aber andererseits auch nicht so klingen sollte, als sei es an
den Haaren herbeigeholt.
So lächerlich leicht die Aufgabe zu sein schien -- sie wurde ihm von Minute
zu Minute schwerer.
»Es ist eine verwünschte Sache mit dem 'Gedankenfassen',« überlegte er,
»man glaubt, man bringt sie mit dem Gehirn hervor, aber in Wirklichkeit
machen sie mit dem Gehirn, was sie wollen und sind selbständiger als
irgendein Lebewesen«. Er gab sich einen Ruck. »Sag' mal Pfeill«, (das
Traumgesicht, das er in dem Vexiersalon gehabt hatte, war ihm plötzlich
eingefallen), »sag' mal, Pfeill, du hast ja so viel im Leben gelesen: ist
die Sage vom Ewigen Juden nicht in Holland entstanden?«
Pfeill blickte argwöhnisch auf. -- »Du meinst, weil er ein Schuhmacher
gewesen ist?«
»Schuhmacher? Wieso?«
»Nun, es heißt doch, der Ewige Jude sei ursprünglich der Schuster
Ahaschwerosch in Jerusalem gewesen und habe Jesus, als er auf seinem Weg
nach Golgatha -- der Schädelstätte -- ausruhen wollte, mit Flüchen
fortgejagt. Seitdem müsse er selbst wandern und könne nicht sterben, ehe
nicht Christus wiedergekommen sei.« (Als Pfeill bemerkte, daß Hauberrisser
ein äußerst verblüfftes Gesicht machte, erzählte er hastig weiter, um auch
seinerseits so rasch wie möglich von dem Thema »Schuster« loszukommen.) »Im
dreizehnten Jahrhundert behauptete ein englischer Bischof, in Armenien
einen Juden namens Kartaphilos kennen gelernt zu haben, der ihm anvertraut
hätte, zu gewissen Mondphasen verjünge sich sein Körper, und er sei dann
eine Zeitlang Johannes der Evangelist, von dem Christus bekanntlich gesagt
hat, er werde den Tod nicht schmecken. -- In Holland heißt der Ewige Jude:
Isaac Laquedem; man hat in einem Mann, der diesen Namen trug, den Ahasver
vermutet, weil er lange vor einem steinernen Christuskopf stehen geblieben
war und ausgerufen hatte: 'das ist er, das ist er; so hat er ausgesehen!'
-- In den Museen von Basel und Bern wird sogar je ein Schuh gezeigt, ein
rechter und ein linker, kuriose Dinger, aus Lederstücken zusammengesetzt,
einen Meter lang und zentnerschwer, die an verschiedenen Orten in den
Gebirgspässen der italienisch-schweizerischen Grenze gefunden und wegen
ihrer Rätselhaftigkeit in unklare Verbindung mit dem Ewigen Juden gebracht
wurden. Übrigens -- --«
-- Pfeill zündete sich eine Zigarette an --
»übrigens merkwürdig, daß du gerade jetzt auf die ausgefallene Idee
gekommen bist, nach dem Ewigen Juden zu fragen, wo mir ein paar Minuten
früher -- und zwar außergewöhnlich lebhaft -- ein Bild in der Erinnerung
aufgetaucht war, das ich einmal vor vielen Jahren in einer Privatgalerie in
Leyden gesehen habe. Es soll von einem unbekannten Meister stammen und
stellt den Ahasver dar: ein Gesicht von olivbronzener Farbe, unglaublich
schreckhaft, eine schwarze Binde um die Stirn, die Augen ohne Weiß und ohne
Pupillen, wie -- wie soll ich sagen -- fast wie Schlünde. Es hat mich noch
lange bis in die Träume verfolgt.«
Hauberrisser fuhr empor, aber Pfeill achtete nicht darauf und erzählte
weiter:
»Die schwarze Binde um die Stirn, las ich später irgendwo, gilt im Orient
als sicheres Kennzeichen des Ewigen Juden. Angeblich soll er damit ein
flammendes Kreuz verhüllen, dessen Licht immer wieder sein Gehirn verzehrt,
wenn dieses bis zu einem gewissen Grade der Vollkommenheit nachgewachsen
ist. -- Die Gelehrten behaupten, es seien das lediglich Anspielungen auf
kosmische Vorgänge, die den Mond beträfen, und der Ewige Jude heiße auch
deshalb: Chidher, das ist: der »Grüne«, aber das scheint mir Blech zu sein.
Die Manie, alles, was man am Altertum nicht begreifen kann, als Lesart für
Himmelszeichen zu deuten, ist heute wieder sehr beliebt, -- eine Zeitlang
hat sie gestockt, als ein witziger Franzose eine satirische Abhandlung
schrieb: Napoleon hätte nie gelebt, auch er wäre ein Astralmythos, hieße
eigentlich Apollon, der Sonnengott, und seine zwölf Generäle bedeuteten die
zwölf Tierkreiszeichen.
Ich glaube, die alten Mysterien haben viel gefährlicheres Wissen verborgen
als das Wissen von Sonnenfinsternissen und Mondgezeiten, nämlich Dinge, die
wirklich verborgen werden mußten; -- Dinge, die man heute nicht mehr zu
verbergen braucht, weil die dumme Menge sie, Gott sei Dank, sowieso nicht
glauben würde und darüber lacht, -- Dinge, die gleichen harmonischen
Gesetzen gehorchen wie die Sternenwelt und dieser daher ähnlich sind. Nun,
sei es wie es mag, vorläufig schlagen die Gelehrten den Sack, ohne daß der
Esel damit gemeint wäre.«
Hauberrisser war in tiefes Nachdenken versunken.
»Was hältst du von den Juden überhaupt?« fragte er nach längerem
Stillschweigen.
»Hm. Was ich von ihnen halte? Durchschnittlich sind sie wie Raben ohne
Federn. Unglaublich listig, schwarz, krummer Schnabel, und können nicht
fliegen. Aber zuweilen kommen Adler unter ihnen vor, das ist keine Frage.
Zum Beispiel Spinoza.«
»Du bist also nicht Antisemit?«
»Fällt mir nicht im Schlaf ein. Schon deshalb nicht, weil ich die Christen
für zu wenig wertvoll halte. Man wirft den Juden vor, sie hätten keine
Ideale. Jedenfalls haben die Christen nur falsche. Die Juden übertreiben
alles: Gesetze halten und Gesetze brechen, Frömmigkeit und Gottlosigkeit,
Arbeiten und Faulenzen, bloß das Bergeklettern und das Wettrudern, das sie
»Gojjim naches« nennen, übertreiben sie nicht, und vom Pathos halten sie
nicht viel; die Christen übertreiben das Pathos und -- hintertreiben so
ziemlich den Rest. In Glaubenssachen sind mir die Juden zu viel Talmud, die
Christen zu sehr Talmi.«
»Glaubst du, die Juden haben eine Mission?«
»Freilich! Die Mission, sich selbst zu überwinden. Alles hat die Mission,
sich selbst zu überwinden. Wer von andern überwunden wird, hat seine
Mission verfehlt; wer seine Mission verfehlt, wird von andern überwunden.
Wenn einer sich selbst überwindet, merken die andern nichts davon; wenn
aber einer die andern überwindet, wird der Himmel -- rot. Der Laie nennt
diese »Licht«erscheinung: Fortschritt. Ein Trottel hält ja auch bei einer
Explosion das Feuerwerk für das Wesentliche. -- Aber verzeih, ich muß jetzt
abbrechen,« schloß Pfeill und sah auf die Uhr, »erstens muß ich schleunigst
nach Hause, und zweitens könnte ich auf die Dauer soviel Gescheitheit vor
dir nicht verantworten. Also: »Servus« -- wie die Österreicher sagen, wenn
sie das Gegenteil meinen -- und falls du Lust hast, besuch mich recht bald
in Hilversum.«
Er legte ein Geldstück auf den Tisch für den Kellner, winkte seinem Freunde
lächelnd einen Gruß zu und schritt hinaus.
Hauberrisser bemühte sich, seine Gedanken in Ordnung zu bringen.
»Träume ich denn noch immer?« fragte er sich voll Erstaunen. »Was war das?
Zieht sich durch jedes Menschenleben ein solcher roter Faden merkwürdiger
Zufälle, oder bin ich der einzige, dem derartige Dinge passieren? Greifen
die Ringe der Geschehnisse vielleicht erst dann ineinander und bilden eine
Kette, wenn man ihre Zusammenhänge nicht dadurch stört, daß man sich Pläne
schafft, denen man tölpelhaft nachjagt und infolgedessen das Schicksal in
einzelne Stücke reißt, die sonst ein fortlaufendes, wundersam gewebtes Band
gebildet hätten?« --
Aus alter ererbter Gewohnheit und den Erfahrungen gemäß, die er bisher im
Leben für -- scheinbar richtig befunden hatte, versuchte er, das
gleichzeitige Auftauchen ein und desselben Bildes in seinem Gehirn und dem
seines Freundes auf Gedankenübertragung zurückzuführen und damit zu
erklären, aber die Theorie wollte sich diesmal nicht mit der Wirklichkeit
decken wie sonst, wo er derlei Dinge auf die leichte Achsel genommen und
sie möglichst rasch wieder zu vergessen getrachtet hatte. Pfeill's
Erinnerung an das olivgrünschimmernde Gesicht mit der schwarzen Binde über
der Stirn hatte eine greifbare Grundlage gehabt: ein Porträt, das angeblich
in Leyden hing, -- aber woraus war die Traumvision, ebenfalls von einem
olivgrünschimmernden Gesicht mit einer schwarzen Binde über der Stirn, die
_er_ kurz vorher im Laden des Chidher Grün gehabt hatte, entsprossen?
»Die Wiederkehr des seltsamen Namens »Chidher« in dem kurzen Zeitraum von
einer Stunde, -- einmal als Firmenschild, dann als sagenhafte Bezeichnung
für die Figur des Ewigen Juden, wunderbar genug ist es ja«, sagte sich
Hauberrisser, »aber es gibt wohl wenig Menschen, die nicht derartige
Beobachtungen in Menge gemacht hätten. Woher es kommen mag, daß Namen, die
man früher nie gehört hat, plötzlich serienweise auf einen losprasseln, daß
ferner die Leute auf der Gasse, wie das so häufig geschieht, einem
Bekannten, den man Jahre lang nicht mehr getroffen hat, immer ähnlicher und
ähnlicher sehen, bis er selbst gleich darauf um die Ecke biegt -- ähnlich,
nicht nur in der Einbildung, nein: photographierbar ähnlich, _so_ ähnlich,
daß man an den Betreffenden denken _muß_, ob man will oder nicht, -- woher
das alles kommen mag? Ob Menschen, die einander ähnlich sehen, nicht auch
ein ähnliches Schicksal haben? Wie oft habe ich es schon bestätigt
gefunden. Das Schicksal scheint so etwas wie eine unvermeidliche
Begleiterscheinung der Körperbildung und Gesichtsform zu sein, an ein bis
ins kleinste greifendes Gesetz der Übereinstimmung gebunden. Eine Kugel
kann nur rollen, ein Würfel nur kollern, warum sollte ein Lebewesen mit
seinem tausendfach komplizierteren Dasein nicht mit ebenso gesetzmäßigen,
aber nur tausendfach komplizierteren Erlebnisvorausbestimmungen vor _eine_
Deichsel gespannt sein! -- Ich kann es sehr wohl verstehen, daß die alte
Astrologie nicht aussterben kann und heute vielleicht mehr Anhänger zählt,
als jemals früher, und daß jeder zehnte sich ein Horoskop stellen läßt; nur
sind die Menschen offenbar auf dem Holzweg, wenn sie glauben, die
sichtbaren Sterne am Himmel bestimmten den Schicksalsweg. Es wird sich da
um andere 'Planeten' handeln, um solche, die im Blut um das Herz kreisen
und andere Umlaufszeiten haben als die Himmelskörper: Jupiter, Saturn usw.
-- Wenn gleicher Geburtsort, gleiche Geburtsstunde und Geburtsminute allein
das Entscheidende wären, wie könnte es dann sein, daß Monstrositäten wie
die zusammengewachsenen Schwestern Blaschek, die doch in derselben Sekunde
geboren wurden, ein so verschiedenes Schicksal hatten, daß die eine Mutter
wurde und die andere Jungfrau blieb?«
Ein Herr in weißem Flanellanzug, roter Krawatte, einen Panamahut ein wenig
schief aufgesetzt, die Finger überladen mit protzigen Ringen und ein
Monokel ins dunkel glühende Auge geklemmt, war bereits vor längerer Zeit an
einem entfernten Tische hinter einer großen ungarischen Zeitung aufgetaucht
und hatte sich nach mehrmaligem Platzwechsel -- als störe ihn überall die
Zugluft -- bis dicht an Hauberrisser herangepirscht, ohne daß ihn dieser in
seinem Grübeln bemerkt hätte.
Erst, als der Fremde sich mit auffallend lauter Stimme beim Kellner nach
Amsterdamer Vergnügungslokalen und sonstigen Sehenswürdigkeiten erkundigte,
wurde Hauberrisser aufmerksam, und der Eindruck der Außenwelt scheuchte
sofort seine tiefsinnigen Betrachtungen in das Dunkel zurück, aus dem sie
aufgestiegen waren.
Ein schneller Blick überzeugte ihn, daß es der Herr »Professor« Zitter
Arpád aus dem Vexiersalon war, der da so sichtlich bestrebt schien, den
gänzlich unorientierten, soeben erst der Eisenbahn entschlüpften
Neuankömmling zu spielen.
Wohl fehlte der Schnurrbart, und die Pomade war in ein neues Strombett
geleitet worden, aber die Gaunervisage des unverkennbaren »Preßburger
Hähndelfangers« hatte dadurch nicht das mindeste an Ursprünglichkeit
eingebüßt.
Hauberrisser war viel zu gut erzogen, um auch nur mit einem Wimperzucken zu
verraten, daß er sich erinnere, wen er vor sich habe; überdies machte es
ihm Spaß, die feinere List des Gebildeten der grobdrähtigen des
Ungebildeten entgegenzustellen, der immer und überall glaubt, eine
Verkleidung sei gelungen, bloß weil der, dem die Täuschung gelten soll,
nicht sofort in komödiantenhaft plumpes Gebärdenspiel und Stirnrunzeln
verfällt.
Daß der »Professor« ihm heimlich bis ins Café nachgegangen war und
irgendeine balkanesische Halunkerei im Schilde führte, stand für
Hauberrisser außer Zweifel; um jedoch ganz sicher zu sein, daß _ihm_ und
nicht noch Anderen der Mummenschanz galt, machte er eine Bewegung, als
wolle er zahlen und gehen. Sofort malte sich ärgerliche Bestürzung in den
Mienen des Herrn Zitter.
Hauberrisser schmunzelte befriedigt in sich hinein; »die Firma Chidher Grün
-- angenommen, der Herr Professor ist tätiger Teilhaber -- scheint ja über
die mannigfaltigsten Hilfsmittel zu verfügen, wenn es gilt, ihre Kunden im
Auge zu behalten: -- duftende Damen mit Pagenfrisur, fliegende Korke,
gespenstige alte Juden, prophetische Totenköpfe und weißgekleidete
talentlose Spione! Allerhand Hochachtung!«
»Irgendeine Bank gibt es wohl hier in der Nähe nicht, Kellner, in der man
ein paar englische Tausendpfundnoten in holländisches Geld umwechseln
lassen könnte, wie?« fragte der Professor nachlässig, aber wieder mit sehr
lauter Stimme und tat sehr ärgerlich, als er eine verneinende Antwort
bekam. »In Amsterdam ist es scheinbar recht schljecht mit dem Kljeingeld
bestellt,« brach er, halb zu Hauberrisser gewendet, ein Anknüpfungsgespräch
vom Zaun. »Schon im Hotel hatte ich Schwjierigkeiten damit.«
Hauberrisser schwieg.
»Ja, hm, recht vjiel Schwjierigkeiten.«
Hauberrisser ließ sich nicht erweichen.
»Zum Glück kannte der Hotelbesitzer meinen Stammsitz. -- -- -- Graf
Ciechoñski, wenn ich mich vorstellen darf. Graf Wlodzimierz Ciechoñski.«
Hauberrisser verbeugte sich kaum merklich und murmelte seinen Namen so
unverständlich wie nur möglich, der Graf schien jedoch ein ungemein feines
Ohr zu haben, denn er sprang freudig erregt auf, eilte zum Tisch, nahm
sofort in Pfeill's leerem Sessel Platz und rief jubelnd: »Hauberrisser? Der
berühmte Torpedoingenieur Hauberrisser? Graf Ciechoñski mein Name, Graf
Wlodzimierz Ciechoñski, Sie gestatten doch?«
Hauberrisser schüttelte lächelnd den Kopf. »Sie irren, ich war niemals
Torpedoingenieur.« (»Ein dummes Luder das«, setzte er innerlich hinzu,
»schade, daß er den polnischen Grafen mimt; als Professor Zitter Arpád aus
Preßburg wäre er mir lieber gewesen; ich hätte ihn dann im Lauf der Zeit
wenigstens über seinen Kompagnon Chidher Grün ausholen können.«)
»Njicht? Schade. Aber das macht nichts. Schon der Name Hauberrisser erweckt
in mir, oh, so liebe Erinnerungen«, die Stimme des Grafen zitterte vor
Rührung, -- »er und der Name Eugène Louis Jean Joseph sind eng mit unserer
Familie verknjüpft.«
»Jetzt will er, daß ich frage, wer dieser Louis Eugène Joseph ist. Just
nicht,« dachte sich Hauberrisser und sog stumm an seiner Zigarette.
»Eugène Louis Jean Joseph war nämlich mein Taufpate. Gleich darauf ging er
nach Afrika in den Tod.«
»Wahrscheinlich aus Gewissensbissen,« brummte Hauberrisser in sich hinein.
»So, hm, in den Tod, sehr bedauerlich.«
»Ja leider, leider, leider. Eugène Louis Jean Joseph! Er hätte Kaiser von
Frankreich sein können.«
»Was hätte er?« -- Hauberrisser glaubte falsch gehört zu haben -- »Kaiser
von Frankreich hätt' er sein können?«
»Sicherlich!« Stolz spielte Zitter Arpád seinen Trumpf aus: »Prinz Eugène
Louis Jean Joseph Napoleon IV. Er fiel am 1. Juni 1879 im Kampf gegen die
Zulus. Ich besitze sogar eine Locke von ihm«, er zog eine goldene
Taschenuhr von Beefsteakgröße und geradezu teuflischer Geschmacklosigkeit
hervor, öffnete den Deckel und deutete auf ein Büschel schwarzer
Pinselhaare. »Die Uhr ist auch von ihm. Ein Taufgeschenk. Ein Wunderwerk.«
Er erläuterte: »Wenn man hier drückt, schlägt sie Stunden, Minuten und
Sekunden und gleichzeitig erscheint auf der Rückseite ein bewegliches
Liebespaar. Dieser Knopf löst die Rennzeiger aus; dieser stoppt sie; wenn
man ihn weiter hinunterdrückt, erscheint das jeweilige Mondviertel; noch
tiefer hinein und das Datum klappt auf. Dieser Hebel nach links, und ein
Tropfen Moschusparfüm spritzt hervor, -- nach rechts, und es ertönt die
Marseillaise. Es ist ein wahrhaft königliches Geschenk. Es existieren im
ganzen nur zwei Stück davon.«
»Immerhin ein Trost,« gab Hauberrisser höflich und doppeldeutig zu. Das
Gemisch von bodenloser Frechheit und gänzlicher Unkenntnis weltmännischer
Umgangsformen belustigte ihn auf das höchste.
Graf Ciechoñski, ermutigt durch die freundliche Miene des Ingenieurs, wurde
immer zutraulicher, erzählte von seinen immensen Gütern in Russisch-Polen,
die leider durch den Krieg verwüstet wären, (zum Glück sei er nicht darauf
angewiesen, denn durch intime Beziehungen zu amerikanischen Börsenkreisen
verdiene er in London mit Spekulationen ein paar tausend Pfund im Monat) --
kam auf Pferderennen zu sprechen und bestochene Jockeis, auf
Milliardärsbräute, die er zu Dutzenden kenne, auf spottbillige Territorien
in Brasilien und im Ural, auf noch unbekannte Petroleumquellen am Schwarzen
Meer, auf ungeheuerliche Erfindungen, die er in der Hand hätte, und die
eine Million täglich tragen müßten, -- auf vergrabene Schätze, deren
Besitzer geflohen oder gestorben seien, auf untrügliche Methoden, im
Roulette zu gewinnen, -- erzählte von riesigen Spionagegeldern, die Japan
vertrauenswürdigen Personen auszuzahlen nur so brenne (natürlich müsse man
zuerst Depot erlegen), schwätzte von unterirdischen Freudenhäusern in den
großen Städten, zu denen nur Eingeweihte Zutritt hätten, ja sogar vom
Goldlande Ophir des Königs Salomo, das, wie er ganz sicher aus Papieren
seines Taufpaten Eugène Louis Jean Joseph wisse, im Zululande läge,
berichtete er bis ins Kleinste genau.
Er war vielseitiger noch als seine Taschenuhr, warf tausend Angelhaken aus,
einen plumper als den andern, um seinen Fisch zu ködern; wie ein
kurzsichtiger Einbrecher, der Dietrich um Dietrich am Türschloß eines
Hauses probiert, ohne das Schlüsselloch zu erwischen, tastete er die Seele
Hauberrissers ab, aber es gelang ihm nicht, das Fenster zu finden, durch
das er hätte einsteigen können.
Endlich gab er es erschöpft auf und fragte Hauberrisser kleinlaut, ob
dieser ihn nicht in irgendeinen vornehmen Spielklub einführen möchte; doch
auch hierin schlugen seine Hoffnungen fehl: der Ingenieur entschuldigte
sich damit, daß er selber in Amsterdam fremd sei.
Mißmutig schlürfte er seinen Sherry-Cobbler.
Hauberrisser betrachtete ihn sinnend. »Ob es nicht das Gescheiteste wäre«,
überlegte er, »ich sagte ihm auf den Kopf zu, daß er ein Taschenspieler
ist. Ich gäbe etwas darum, wenn er mir sein Leben erzählte. Bunt genug mag
es gewesen sein. Eine Welt von Schmutz muß dieser Mensch schon durchwatet
haben. Aber natürlich, er würde leugnen und schließlich grob werden.« --
Ein Gefühl von Gereiztheit stieg in ihm auf; »unerträglich ist das Dasein
unter den Menschen und Dingen dieser Welt geworden; Berge von leeren
Schalen überall, und stößt man einmal auf etwas, was so aussieht wie eine
Nuß, die des Aufknackens wert wäre, -- siehe da, es ist ein toter Kiesel.«
»Juden! Chassiden!« brummte der Hochstapler verächtlich und deutete auf
einen Trupp zerlumpter Gestalten, die eilig -- die Männer mit wirren Bärten
und schwarzen Kaftans voran, die Frauen, ihre Kinder in Bündel geschnürt
auf dem Rücken, hinterdrein -- lautlos, mit weit aufgerissenen, irrsinnig
in die Ferne starrenden Augen die Straße vorbeizogen. »Auswanderer. Keinen
Cent in der Tasche. Sie glauben, das Meer wird eine Gasse bilden, wenn sie
kommen. Verrückt! Neulich in Zandvoort wäre eine ganze Menge beinahe
ersoffen, wenn man sie nicht noch rechtzeitig herausgezogen hätte.«
»Meinen Sie das im Ernst, oder machen Sie bloß Spaß?«
»Nein, nein, mein voller Ernst. Haben Sie denn nicht davon gelesen? Der
Religionswahnsinn bricht jetzt überall aus, wohin man schaut. Vorläufig
sind's ja meist nur die Armen, die davon befallen werden, aber« -- Zitter's
ärgerliche Miene hellte sich auf bei dem Gedanken, daß vielleicht bald eine
Zeit kommen könne, wo sein Weizen blühen würde -- »aber es wird nicht lange
dauern, dann packt's die Reichen auch. Ich kenne das.« -- Froh, wieder ein
Gesprächsthema gefunden zu haben, denn Hauberrisser hatte gespannt
aufgehorcht, wurde er sofort wieder geschwätzig. »Nicht nur in Rußland, wo
von jeher die Rasputins und Johann Sergiews und andere Heilige aus dem
Boden wuchsen, -- in der ganzen Welt breitet sich der Wahnsinn aus, daß der
Messias kommt. Sogar unter den Zulus in Afrika gärt's schon; da läuft zum
Beispiel dort ein Nigger herum, nennt sich »der schwarze Elias« und tut
Wunder. Ich weiß das ganz genau von Eugène Louis« -- er verbesserte sich
rasch -- »von einem Freund, der kürzlich dort auf Leopardenjagd war. Einen
berühmten Zuluhäuptling kenne ich übrigens selber von Moskau her« -- sein
Gesicht wurde plötzlich unruhig -- »und, wenn ich's nicht mit eignen Augen
gesehen hätte, würde ich's nie geglaubt haben: der Kerl, in allen andern
Tricks ein Mordsesel, kann wahrhaftig, so wahr, wie ich hier sitze,
zaubern. Ja ja: zaubern! Lachen Sie nicht, lieber Hauberrisser; ich hab's
selber gesehen und _mir_ macht kein Artist was vor«, -- er vergaß einen
Moment ganz, daß er die Rolle eines Grafen Ciechoñski zu spielen hatte, --
»_das_ Zeug kann ich selber aus dem ff. _Wie_ er's macht, weiß der Teufel.
Er sagt, er habe einen Fetisch und wenn er den anruft, wird er feuerfest.
Tatsache ist: er macht große Steine rotglühend -- Herr, ich hab' sie selbst
untersucht! -- und schreitet langsam drüber weg, ohne sich die Füße zu
verbrennen.« In der Erregung fing er an, an seinen Fingernägeln zu beißen,
und brummte in sich hinein: »Aber wart' nur, Bursche, ich komme dir schon
dahinter.« -- Erschreckt, daß er sich möglicherweise zu viel habe gehen
lassen, nahm er schnell wieder die polnische Grafenmaske vor und leerte
sein Glas, »Prost, ljieber Hauberrisser, prost, prost. Vielleicht sehen Sie
ihn einmal selber, den Sulu; ich chöre, er ist in Cholland und tritt in
einem Zirkus auf. Aber wollen wir jetzt nicht nebenan im Amstelroom einen
Imbiß --«
Hauberrisser stand rasch auf, der »Graf« interessierte ihn an Herrn Zitter
Arpád ganz und gar nicht. »Bedaure lebhaft, aber ich bin für heute
vergeben. Vielleicht ein anderes mal. Adieu. Sehr gefreut.«
Verblüfft durch den kurzen Abschied sah ihm der Hochstapler mit offnem
Munde nach.
Drittes Kapitel
Von einer wilden innern Aufregung ergriffen, über deren Ursache er sich
keinerlei Rechenschaft zu geben vermochte, eilte Hauberrisser durch die
Straßen.
Als er an dem Zirkus vorüberkam, in dem die Zulutruppe Usibepu's auftrat --
Zitter Arpád konnte nur sie gemeint haben -- überlegte er einen Augenblick,
ob er sich die Vorstellung ansehen solle, ließ aber gleich darauf seinen
Entschluß wieder fallen. Was kümmerte es ihn, ob ein Neger zaubern konnte;
Neugierde nach Ungewöhnlichem war es nicht, das ihn umhertrieb und ruhelos
machte. Etwas Unwägbares, Gestaltloses, das in der Luft lag, peitschte
seine Nerven auf, -- derselbe rätselhafte Gifthauch, der ihn zuweilen, noch
ehe er nach Holland gereist war, so heftig gewürgt hatte, daß er in solchen
Fällen unwillkürlich mit Selbstmordideen spielte.
Er überlegte, woher es diesmal wieder gekommen sein mochte. Ob es von den
jüdischen Auswanderern, die er gesehen hatte, wie eine Ansteckung auf ihn
übergegangen war?
»Es muß der gleiche unbegreifliche Einfluß sein, der diese religiösen
Fanatiker über die Erde jagt und mich aus meiner Heimat vertrieben hat,«
fühlte er; »bloß unsere Motive sind verschieden.«
Schon lange vor dem Kriege hatte er diesen unheimlichen seelischen Druck an
sich erfahren, nur war es damals noch möglich gewesen, ihn durch Arbeit
oder Vergnügen zeitweilig zu unterdrücken; er hatte ihn als Reisefieber,
als nervöse Launenhaftigkeit, als Begleiterscheinung falscher Lebensführung
gedeutet, dann später, als die Blutfahne über Europa zu flattern begann:
als Vorahnung der Ereignisse. Aber warum steigerte sich jetzt nach dem
Kriege dieses Gefühl noch von Tag zu Tag fast bis zur Verzweiflung? Und
nicht nur bei ihm -- fast jeder, mit dem er darüber gesprochen hatte, wußte
von sich selbst Ähnliches zu berichten.
Sie alle, wie er, hatten sich damit getröstet, wenn der Krieg beendet sei,
werde der Frieden auch in den Herzen der Einzelnen wiederkehren. Statt
dessen war genau das Gegenteil eingetreten.
Die banale Weisheit der gewissen Hohlköpfe, die gewohnheitsgemäß bei allem
und jedem die billigste Erklärung zur Hand haben und die Fieberschauer der
Menschheit auf gestörte Behaglichkeit zurückführten, -- konnte sie das
Rätsel lösen? Die Ursache lag tiefer.
Gespenster, riesenhafte, formlos und nur erkennbar an den entsetzlichen
Verheerungen, die sie angerichtet, bei den heimlichen Sitzungen
kaltherziger, ehrgeiziger Greise um den grünen Tisch herum entstandene
Gespenster hatten sich Millionen von Opfern geholt und sich dann scheinbar
wieder für einige Zeit schlafen gelegt; aber jetzt erhob das grauenhafteste
aller Phantome, längst schon zu lauerndem Leben erweckt durch den
Fäulnishauch einer verwesenden Scheinkultur, sein Medusenhaupt vollends aus
dem Abgrund und höhnte der Menschheit ins Gesicht, daß es nur ein Rad der
Qual gewesen war, das sie im Kreise getrieben hatte im Wahn, dadurch für
kommende Geschlechter die Freiheit zu gewinnen, -- und weiter treiben würde
trotz Wissen und Erkenntnis für alle Zeiten.
In den letzten Wochen war es Hauberrisser scheinbar gelungen, sich über
seinen Lebensüberdruß hinwegzutäuschen; er hatte sich die sonderbare Idee
zurechtgelegt, mitten in einer Stadt, die sozusagen über Nacht infolge der
Zeitläufte aus einem Weltmarkt mit gezügelter Leidenschaft zu einem
internationalen Tummelplatz hirnverwirrender, wilder Instinkte geworden
war, als Einsiedler, als innerlich Unbeteiligter, zu leben, und hatte
seinen Plan auch bis zu einem gewissen Grade durchgeführt, doch jetzt brach
die alte Müdigkeit, durch irgendeinen winzigen Anlaß wieder erweckt,
abermals hervor, stärker als je, verzehnfacht durch den Anblick der plan-
und sinnlos um ihn her durchs Dasein taumelnden Menge.
Als sei er bisher blind gewesen, erschreckte ihn plötzlich auf's tiefste
der Ausdruck in den Gesichtern, die ihn umwimmelten.
Das waren nicht mehr die Mienen von Menschen, die, vergnügungssüchtig oder,
um die Sorgen des Tages zu verschütten, zu einer Schaustellung eilten, wie
sie von früher her in seiner Erinnerung lebten! Die beginnenden Anzeichen
eines unheilbaren Entwurzeltseins sprachen aus ihnen.
Der bloße Kampf ums Dasein gräbt andere Furchen und Linien in die Haut.
Er mußte an Kupferstiche denken, die die Pestorgien und Tänze des
Mittelalters darstellten, und dann wieder an Vogelschwärme, die, das Kommen
eines Erdbebens spürend, lautlos und in dumpfer Angst über der Erde
kreisen. -- --
Wagen um Wagen raste zum Zirkus, und mit einer nervösen Hast, als ginge es
um Leben und Tod, eilten die Leute hinein: Damen, brillantenübersät, mit
fein geschnittenen Gesichtern, zu Kokotten gewordene französische
Baronessen, vornehme, schlanke Engländerinnen, noch vor kurzem zur besten
Gesellschaft gehörig, jetzt zu zweit am Arme irgendeines über Nacht reich
gewordenen Börsenhalunken mit Rattenaugen und Hyänenschnauze, -- russische
Fürstinnen, jede Fiber an ihnen zuckend vor Übernächtigkeit und
Überreiztheit; nirgends mehr auch nur eine Spur ehemaliger aristokratischer
Gelassenheit -- alles hinweggespült von den Wellen einer geistigen
Sintflut.
Wie das Vorzeichen einer kommenden furchtbaren Zeit erscholl im Innern des
Hauses in Intervallen, bald schreckhaft nahe und laut, dann wieder
plötzlich erstickt von zufallenden dicken Vorhängen, das langgezogene
heisere Gebrüll von wilden Bestien, und ein beißender Geruch nach
Raubtieratem, Parfüm, rohem Fleisch und Pferdeschweiß wehte auf die Straße
heraus.
Durch den Ideenkontrast wachgerufen, schob sich ein Bild aus der Erinnerung
vor Hauberrissers Blick: ein Bär hinter den Käfigstäben einer wandernden
Menagerie, der, die linke Tatze gefesselt, eine Verkörperung grenzenloser
Verzweiflung, von einem Bein auf's andere trat -- unablässig, tagelang,
monatelang, noch Jahre später, als er ihm wieder auf einem Schaubudenmarkte
begegnete.
»Warum hast du ihn damals nicht losgekauft!« schrie ein Gedanke
Hauberrisser ins Hirn hinein, -- ein Gedanke, den er wohl hundertmal schon
verjagt hatte, der aber immer wieder aus dem Hinterhalte auf ihn lossprang,
immer mit demselben brennenden Gewand des Vorwurfs angetan, wenn seine
Stunde kam, -- ewig jung und unversöhnlich wie am ersten Tage, als er
entstanden war, -- ein Zwerg, scheinbar nichtig und klein gegenüber den
riesengroßen Versäumnissen, die im Leben eines Menschen einander die Hand
reichen, und dennoch von allen Gedanken der einzige, über den die Zeit
keine Macht besaß.
»Die Schatten der Myriaden gemordeter und gefolterter Tiere haben uns
verflucht und ihr Blut brüllt nach Rache«, ballte sich eine wirre
Vorstellung in Hauberrissers Gehirn einen Pulsschlag lang zusammen; »wehe
uns Menschen, wenn beim jüngsten Gericht die Seele auch nur eines einzigen
Pferdes im Rate der Ankläger sitzt. -- Warum habe ich ihn damals nicht
losgekauft!« -- -- Wie oft hatte er sich schon die bittersten Vorwürfe
deshalb gemacht und sie jedesmal mit dem Argument erstickt, daß die
Befreiung des Bären belangloser gewesen wäre als das Umdrehen eines
Sandkorns in der Wüste. Aber -- er überflog im Geiste sein Leben -- hatte
er jemals irgend etwas vollbracht, das belangreicher gewesen wäre? Er hatte
studiert und die Sonne versäumt, um Maschinen zu bauen, hatte Maschinen
gebaut, die längst verrostet waren, und darüber versäumt, andern zu helfen,
daß sie sich hätten der Sonne erfreuen können, -- hatte nur sein Teil
beigetragen zur großen Zwecklosigkeit.
Er erkämpfte sich mühsam einen Weg durch die andrängende Menge zu einem
freien Platz, rief eine Droschke an und ließ sich hinaus vor die Stadt
fahren.
Ein Heißhunger nach versäumten Sommertagen hatte ihn mit einemmal
überfallen. -- --
Die Räder rumpelten mit quälender Langsamkeit über das Pflaster, und die
Sonne war doch schon im Untergehen begriffen; vor Ungeduld, ins Freie zu
kommen, wurde er nur noch gereizter.
Als er endlich das fette Grün des Landes, bis in die unendlich scheinende
Ferne von einem Gitter aus braunen regelmäßigen Wasserstraßen zerschnitten,
vor sich sah, mitten in den Inseln abertausende gefleckter Rinder, die alle
eine Matratze auf dem Rücken trugen als Schutz gegen die abendliche Kühle,
und dazwischen die holländischen Bäuerinnen mit den weißen Hauben, den
messingnen Krulletjes an den Schläfen und den saubern Melkeimern, -- wie
das Bild auf einer großen blaßblauen Seifenblase stand es vor ihm, in der
die Windmühlen mit ihren Flügeln als die ersten schwarzen Kreuzeszeichen
einer kommenden ewigen Nacht erschienen.
Es war ihm wie das Traumgesicht eines Landes, in das er den Fuß nicht mehr
setzen dürfe, wie er so an schmalen Wegen die Weideplätze entlang fuhr,
immer durch einen, von den letzten Sonnenstrahlen roten Flußstreifen von
ihnen getrennt.
Der Geruch nach Wasser und Wiesen, der zu ihm herüber zog, löste seine
Unruhe nur in ein Gefühl der Schwermut und Verlassenheit auf.
Dann, als das Gras dunkel wurde und aus der Erde ein silbriger Nebel stieg,
bis die Herden in Rauch zu stehen schienen, kam es ihm vor, als wäre sein
Kopf ein Kerker, und er selbst säße darin und blickte durch seine Augen
hindurch wie durch langsam erblindende Fenster in eine Welt der Freiheit
hinein, die für immer Abschied nimmt.
* * * * *
Die Stadt lag in tiefer Dämmerung, und das hallende Dröhnen von den
zahllosen seltsam geformten Türmen und ihre Glockenspiele zitterten durch
den Dunst, als die ersten Häuserreihen ihn aufnahmen.
Er entließ den Wagen und ging der Richtung zu, in der seine Wohnung lag,
durch winklige Gassen, Grachten entlang, in denen regungslos schwarze
plumpe Kähne schwammen, eingetaucht in eine Flut fauler Äpfel und
verwesenden Unrats, unter Giebeln mit eisernen Hebearmen hinweg, die aus
vornübergeneigten Mauern sich im Wasser spiegelten.
An den Türen saßen gruppenweise auf Stühlen, die sie aus ihren Stuben
geholt hatten, Männer in blauen weiten Hosen und roten Kitteln, Weiber
flickten schwätzend an Netzen, und Scharen von Kindern spielten auf der
Straße.
Rasch schritt er hindurch an den offenen Hausfluren vorbei, die ihn
anhauchten mit ihrem Atem von Fischgeruch, Arbeitsschweiß und ärmlichem
Alltag, über Plätze hin, wo an den Ecken die Waffelbäcker ihre Stände
aufgeschlagen hatten und ein Brodem von brenzlichem Schmalzdampf bis in die
schmalen Gassen zog.
Die ganze Trostlosigkeit der holländischen Hafenstadt mit dem sauber
gewaschenen Pflaster und den unsagbar schmutzigen Kanälen, den wortkargen
Menschen, dem fahlweißen Netzwerk der Schiebefenster an den engbrüstigen
Häuserfassaden, den engen Käse- und Heringsläden mit ihren schwelenden
Petroleumlichtern und den giebligen rotschwärzlichen Dächern, legte sich
ihm auf die Brust.
Einen Augenblick sehnte er sich fast aus diesem Amsterdam mit seiner
finsteren Abkehr von Heiterkeit zurück in die lichteren Städte, die er von
früher kannte und in denen er gelebt hatte. Das Dasein in ihnen schien ihm
mit einemmal wieder begehrenswert, -- wie alles, was in der Vergangenheit
liegt, schöner und besser erscheint als die Gegenwart, -- doch die letzten,
häßlichen Erinnerungen, die er von ihnen mitgebracht hatte, die Eindrücke
äußern und innern Verfalls und des unaufhaltsamen Hinwelkens erstickten
sofort das leise erwachende Heimweh.
Um seinen Weg abzukürzen, passierte er eine eiserne Brücke, die über eine
Gracht in die feinen Stadtviertel führte, und durchquerte eine in Licht
getauchte, dicht belebte Straße mit prunkvollen Schaufenstern, um ein paar
Schritte später, als habe die Stadt blitzschnell ihr Antlitz verändert,
wieder in einer stockfinstern Gasse zu stehen: Die alte Amsterdamer »Neß«,
die berüchtigte Dirnen- und Zuhälterstraße, vor Jahren niedergerissen, war
hier wie eine scheußliche Krankheit, die plötzlich von neuem hervorbricht,
in einem andern Stadtteil wieder auferstanden mit einem ähnlichen, nicht
mehr so wilden und rohen, aber weit furchtbareren Gesicht.
Was Paris, London, die Städte Belgiens und Rußlands an Existenzen
ausspieen, die, auf kopfloser Flucht vor den losbrechenden Revolutionen
ihre Heimat mit dem erstbesten Zug verlassen hatten, traf hier in diesen
»vornehmen« Lokalen zusammen.
Portiers mit langen blauen Röcken, Dreispitze auf dem Kopf und Stäbe mit
Messingknäufen in der Hand, rissen stumm wie Automaten die gepolsterten
Eingangstüren auf und schlugen sie wieder zu, als Hauberrisser
vorüberschritt, sodaß jedesmal ein greller, blendender Schein auf die Gasse
fiel und eine Sekunde lang wie aus einer unterirdischen Kehle heraus ein
wüster Schrei von Negermusik, Cymbalbrausen, oder wahnwitzig aufheulenden
Zigeunergeigen die Luft zerriß.
Oben, in den ersten und zweiten Stockwerken einzelner Häuser, herrschte
eine andere Art Leben -- ein lautloses, flüsterndes, katzenhaft lauerndes
hinter roten Gardinen. Kurzes, schnelles Fingertrommeln an den Scheiben, da
und dort gedämpfte Rufe, hastig abgerissen, in allen Sprachen der Welt und
dennoch nicht mißzuverstehen, -- ein Oberleib in weißer Nachtjacke, der
Kopf unsichtbar in der Finsternis, wie abgehauen von einem Rumpf mit
winkenden Armen, -- dann wieder: offene, pechschwarze Fenster, leichenhaft
still, als wohne in den Zimmern dahinter der Tod.
Das Eckhaus, das die lange Gasse abschloß, schien verhältnismäßig harmlosen
Charakters zu sein; -- ein Gemisch aus Tingeltangel und Restaurant, nach
den Zetteln zu schließen, die an den Mauern klebten.
Hauberrisser trat ein.
Ein menschenüberfüllter Saal mit runden, gelbgedeckten Tischen, an denen
gegessen und getrunken wurde.
Im Hintergrund ein erhöhtes Podium mit einem Halbkreis von etwa zwölf
Chansonetten und Komikern, die auf Stühlen saßen und warteten, bis ihre
Nummer daran kam.
Ein alter Mann mit kugelförmigem Bauch, aufgeklebten Glotzaugen, weißem
Kehlbart, die unglaublich dünnen Beine in grünen Froschtrikots mit
Schwimmhäuten, saß zehenwippend neben einer französischen Coupletsängerin
im Incroyablekostüm und unterhielt sich flüsternd mit ihr über anscheinend
sehr wichtige Dinge, während das Publikum verständnislos den in deutscher
Sprache gehaltenen Vortrag eines als polnischer Jude verkleideten
Charakterdarstellers in Kaftan und hohen Stiefeln über sich ergehen ließ,
der, eine kleine Glasspritze, wie sie in Bandagistenläden feil sind -- für
Ohrenleidende -- in der Hand hielt und dazu, nach jeder Strophe einen
grotesken »Deigestanz« einschaltend, durch die Nase sang:
»Jach ordiniier
vün draj bis vier
und wohn' im zweinten Stock;
als Spezialist
berihmt sehr ist
der Doktor Feiglstock.«
* * * * *
Hauberrisser sah sich nach einem noch freien Platz um; überall war die
Menge -- anscheinend zumeist Einheimische bürgerlichen Mittelstandes, --
dicht gedrängt; nur an einem Tisch in der Mitte lehnten auffallenderweise
noch ein paar leere Stühle. Drei wohlbeleibte, gereifte Frauen und eine
alte, strengblickende mit Adlernase und Hornbrille saßen, emsig Strümpfe
strickend, um eine mit buntwollener Gockelhaube bedeckte Kaffeekanne herum
wie in einer Insel häuslichen Friedens.
Ein freundliches Nicken der vier Damen gestattete ihm, sich zu setzen.
Im ersten Augenblick hatte er geglaubt, es sei eine Mutter mit ihren
verwitweten Töchtern, aber, wie er jetzt sah, konnten sie kaum verwandt
sein. Dem Typus nach waren die drei jüngern, wenn auch einander gänzlich
unähnlich -- alle blond, fett, etwa fünfundvierzig Jahre alt und von
kuhartiger Behäbigkeit -- Holländerinnen, während die weißhaarige Matrone
offenbar aus dem Süden stammte.
Schmunzelnd brachte ihm der Kellner das Beefsteak; ringsum die Leute an den
Tischen grinsten, sahen herüber, tauschten halblaute Bemerkungen, was hatte
das alles zu bedeuten? Hauberrisser konnte nicht klug daraus werden; er
musterte heimlich die vier Frauen, nein, unmöglich, -- sie waren die
Spießbürgerlichkeit selbst.
Schon das gesetzte Alter verbürgte ihre Ehrbarkeit.
Oben auf dem Podium hatte soeben ein sehniger Rotbart mit
sternenbannergeschmücktem Zylinderhut, enganliegenden, blauweißgestreiften
Hosen, an der grüngelb karrierten Weste eine Weckeruhr und in der Tasche
eine erwürgte Ente -- seinem Kollegen, dem greisen Frosch, unter den
gellenden Klängen des Yankeedoodle den Schädel gespalten, und ein
Rotterdamer Lumpensammlerehepaar sang »met pianobegeleiding« das alte
schwermütige Lied von der gestorbenen »Zandstraat«:
»Zeg Rooie, wat zal jij verschrikken
Als jij's thuis gevaren ben:
Dan zal je zien en ondervinden
Dat jij de Polder nie meer ken.
De heele keet wordt afgebroken,
De heeren krijgen nou d'r zin.
De meides motten uit d'r zaakies
De burgemeester trekt er in.«
Ergriffen, als handle es sich um einen protestantischen Choral, -- die
Augen der drei fetten Holländerinnen glänzten tränenfeucht, -- brummte das
Publikum mit:
»Ze gaan de Zandstraat netjes maken
't Wordt 'n kermenadebuurt
De huisies en de stille knippies
Die zijn al an de Raad verhuurt.
Bij Nielsen ken je nie meer dansen
Bij Charley zijn geen meisies meer.
En moeke Bet draag al'n hoedje
Die wordt nu zuster in den Heer.«
* * * * *
Grell, wie die Arabesken in einem Kaleidoskop, lösten die Nummern des
Programms einander ab, ohne Pause, kunterbunt zusammengestellt:
pudellockige englische Babygirls von schreckenerregender Unschuld, Apachen
mit rotwollenen Shawls, eine syrische Bauchtänzerin, gefüllt mit wild
wogenden Eingeweiden, Glockenimitatoren und bayrische melodisch rülpsende
Schnadahüpfler.
Eine fast narkotische Nervenberuhigung ging von diesem Mischmasch von
Sinnlosigkeiten aus, als hafte ihnen etwas an von der seltsamen
Zauberkraft, die einem kindischen Spielzeug innewohnt und oft ein besseres
Heilmittel ist für ein vom Leben zermürbtes Herz, als das erhabenste
Kunstwerk.
Hauberrisser verging die Zeit, er merkte es kaum, und als eine
Schlußapotheose die Vorstellung krönte und die Artistentruppe mit
entfalteten Bannern aller Völker der Erde -- vermutlich ein Symbol für den
glücklich wiederhergestellten Weltfrieden -- abzog, voran ein
kakewalktanzender Neger mit dem üblichen:
Oh Susy Anna
Oh don't cry for me
I'm goin' to Loosiana
My true love for to see -- -- --
konnte er sich nicht genug wundern, daß er das Verschwinden der zahlreichen
Zuschauer nicht gemerkt hatte; der Saal war beinahe leer.
Auch seine vier Tischnachbarinnen hatten sich lautlos empfohlen.
Statt dessen lag als zartes Angebinde auf seinem Weinglas: eine rosa
Visitenkarte mit zwei schnäbelnden Tauben und der Aufschrift
MADAME GITEL SCHLAMP
die ganze Nacht geöffnet
Waterloo Plein Nr. 21
15 Damen
Im eignen Palais
Also doch! -- -- -- --
»Wünscht der Herr ein verlängertes Eintrittsbillet?« fragte der Kellner
leise, vertauschte flink das gelbe Tischtuch mit einer weißen Damastdecke,
stellte einen Strauß Tulpen in die Mitte und legte silberne Bestecke auf.
Ein ungeheurer Ventilator fing an zu surren und saugte die plebejische Luft
empor.
Livrierte Diener zerstäubten Parfüms, ein roter Sammetläufer rollte seine
Zunge auf über dem Boden bis über das Podium, Klubsessel aus grauem Leder
wurden hereingeschoben.
Man hörte das Vorfahren von Wagen und Automobilen auf der Straße.
Damen in Abendtoiletten von ausgesuchter Eleganz, Herren im Frack strömten
herein: dieselbe internationale, scheinbar feinste Gesellschaft, die
Hauberrisser abends sich in den Zirkus hatte drängen sehen.
In wenigen Minuten waren die Räume voll bis zum letzten Platz.
Leises Klirren von Lorgnonketten, halblautes Lachen, Knistern seidner
Röcke, Duft von Damenhandschuhen und Tuberosen, blitzende Perlenrivièren
und Brillanttropfen, Zischen von Champagnerflaschen, das spröde Rascheln
der Eisstücke in den silbernen Kühlern, wütendes Kläffen eines
Schoßhündchens, weiße, diskret gepuderte Frauenschultern, Schaumwellen von
Spitzen, süßlich scharfer Geruch von kaukasischen Zigaretten; -- das Bild,
das der Saal soeben noch geboten, war nicht mehr zu erkennen.
Wieder saßen an Hauberrissers Tisch vier Damen, -- eine ältere mit goldner
Lorgnette und drei jüngere, -- eine schöner als die andere: Russinnen mit
schmalen, nervösen Händen, blondem Haar und dunklen Augen, die niemals
zwinkerten, den Blicken der Herren nicht auswichen und sie dennoch nicht zu
sehen schienen.
Ein junger Engländer, dessen Frack von weitem den ersten Schneider verriet,
kam vorüber, blieb eine Weile stehen, wechselte ein paar verbindliche Worte
mit ihnen -- ein feines, vornehmes, todmüdes Gesicht; der linke Ärmel, leer
bis zur Achsel, baumelte schlaff herab und ließ seine schmächtige hohe
Gestalt noch schmaler erscheinen; das Monokel wie festgewachsen in der
tiefen Knochenhöhle unter der Braue.
Lauter Menschen ringsum, die der Spießer aller Völker instinktiv haßt wie
der krummbeinige Dorfköter den hochgezogenen Rassehund, -- Geschöpfe, die
den breiten Massen immer ein Rätsel bleiben, ihr ein Gegenstand der
Verachtung und des Neides zugleich sind, -- Wesen, die in Blut waten
können, ohne mit der Wimper zu zucken, und ohnmächtig werden, wenn eine
Gabel auf dem Teller kreischt, -- die wegen eines schiefen Blickes zur
Pistole greifen und ruhig lächeln, wenn man sie beim Falschspielen ertappt,
-- die ein Laster alltäglich finden, vor dem der »Bürger« sich bekreuzigt,
und lieber drei Tage dursten, als aus einem Glas trinken, das ein anderer
benutzt hat, -- die an den lieben Gott glauben wie an etwas
Selbstverständliches, aber sich von ihm absondern, weil sie ihn für
uninteressant halten, -- die für hohl gelten bei solchen, die voll
Plumpheit als Lack und Tünche zu durchschauen glauben, was in Wirklichkeit
seit Geschlechtern zum wahren Wesenskern geworden ist, und doch weder hohl
sind, noch das Gegenteil, -- Geschöpfe, die keine Seele mehr haben und
deshalb der Inbegriff des Verabscheuungswürdigen sind für die Menge, die
nie eine Seele haben wird, -- Aristokraten, die lieber sterben als kriechen
und mit unfehlbarem Spürsinn den Proleten in einem Menschen wittern, ihn
tiefer stellen als ein Tier und unbegreiflicherweise vor ihm
zusammenknicken, wenn er zufällig auf dem Thron sitzt, -- Mächtige, die
hilfloser werden können als ein Kind, wenn das Schicksal nur die Stirne
runzelt, -- -- Werkzeuge des Teufels und sein Spielball zugleich. -- -- --
--
Ein unsichtbares Orchester hatte den Hochzeitsmarsch aus Lohengrin beendet.
Eine Glocke schrillte.
Der Saal wurde still.
An der Wand über der Bühne leuchteten in winzigen Glühbirnen Buchstaben
auf:
! La Force d'Imagination !
und ein französisch friseurhaft aussehender Herr in Smoking und weißen
Handschuhen, mit schütterem Haar und Spitzbart, schlaffen, gelben
Hängebacken, eine kleine rote Rosette im Knopfloch und tiefe Schatten um
die Augen, trat aus dem Vorhang heraus, verbeugte sich und setzte sich
stumm auf einen Sessel inmitten des Podiums.
Hauberrisser nahm an, es werde irgendein mehr oder weniger zweideutiger
Vortrag, wie man sie in Kabaretts zu hören bekommt, folgen, und blickte
ärgerlich weg, als der Darsteller -- ob aus Verlegenheit, oder sollte ein
ordinärer Witz daraus werden? -- an seiner Toilette zu nesteln begann.
Eine Minute verging, und noch immer herrschte lautlose Stille im Saal und
auf der Bühne.
Dann setzten gedämpft zwei Geigen im Orchester ein, und wie aus weiter
Ferne blies schmachtend ein Waldhorn: »Behüt' dich Gott, es wär zu schön
gewesen, behüt' dich Gott, es hat nicht sollen sein.«
Erstaunt nahm Hauberrisser seinen Operngucker und schaute auf die Bühne.
Vor Entsetzen fiel ihm beinahe das Glas aus der Hand. Was war das! War er
plötzlich wahnsinnig geworden? Kalter Schweiß trat ihm auf die Stirne --
kein Zweifel, ja, er war wahnsinnig geworden! Unmöglich konnte das, was er
sah, in Wirklichkeit auf dem Podium -- hier vor hunderten von Zuschauern,
Damen und Herren der noch vor Monaten vornehmsten Kreise -- stattfinden.
Vielleicht in einer Hafenschenke am Nieuwe Dyk oder als medizinisches
Kuriosum in einem Hörsaal, aber hier?!
Oder träumte er? War ein Wunder geschehen und der Zeiger der Zeit in die
Epoche Ludwigs XV. zurückgesprungen? -- -- --
Der Darsteller hielt beide Hände fest auf die Augen gepreßt wie jemand, der
sich innerlich mit Aufgebot seiner ganzen Phantasie irgend etwas so lebhaft
wie möglich vorzustellen wünscht -- -- --, erhob sich dann nach einigen
Minuten. Verbeugte sich hastig. Und verschwand.
Hauberrisser warf einen schnellen Blick auf die Damen an seinem Tisch und
die Gesellschaft in der Nähe. Niemand verzog auch nur eine Miene.
Nur eine russische Fürstin leistete sich die Ungeniertheit, zu
applaudieren.
Als sei überhaupt nichts geschehen, ging man heiter plaudernd zur
Tagesordnung über.
Hauberrisser hatte die Empfindung, als säßen mit einemmal lauter Gespenster
um ihn herum; er fuhr mit den Fingern über das Tischtuch und sog den mit
Moschus durchtränkten Blütenduft ein: -- das Gefühl der Unwirklichkeit
steigerte sich in ihm nur noch bis zum tiefsten Grauen.
Abermals schrillte die Glocke und der Saal wurde dunkel.
Hauberrisser benützte die Gelegenheit und ging.
Draußen auf der Gasse schämte er sich beinah seiner Gemütsbewegung.
Was war, im Grunde genommen, eigentlich so Schreckliches geschehen?, fragte
er sich. Nichts, was nicht weit schlimmer in ähnlicher Art nach längeren
Zeitläufen in der Geschichte der Menschheit immer wiedergekehrt wäre: das
Wegwerfen einer Maske, die nie etwas anderes bedeckt hatte als bewußte oder
unbewußte Heuchelei, sich als Tugend gebärdende Temperamentlosigkeit oder
in Mönchsgehirnen ausgebrütete asketische Ungeheuerlichkeiten! -- Ein
krankhaftes Gebilde, so kolossal, daß es schließlich einem zum Himmel
ragenden Tempel geglichen, hatte ein paar Jahrhunderte lang Kultur
vorgetäuscht; jetzt fiel es zusammen und legte den Moder bloß. War das
Aufbrechen eines Geschwüres denn gräßlicher und nicht weit weniger
furchtbar als sein beständiges Wachsen? Nur Kinder und Narren, die nicht
wissen, daß die bunten Farben des Herbstes die Farben der Verwesung sind,
jammern, wenn statt des erwarteten Frühlings der tödliche November kommt.
So sehr sich Hauberrisser auch bemühte, sein Gleichgewicht wiederzufinden,
indem er kühles Erwägen an Stelle des vorschnellen Gefühlsurteils setzte:
das Grauen wich den Argumenten nicht -- blieb hartnäckig bestehen, so, wie
der Stein, weil sein innerstes Leben die Schwere ist, sich nicht durch
Worte verrücken läßt.
Ganz allmählich, als flüstere es ihm eine Stimme in zögernden Sätzen
silbenweise ins Ohr, wurde ihm nach und nach klar und verständlich, daß
dieses Grauen nichts anderes war als wiederum dieselbe dumpfe, drosselnde
Furcht vor etwas Unbestimmtem, die er schon so lange kannte -- ein
plötzliches Gewahrwerden unaufhaltsamen Hinabsausens der Menschheit in die
Verderbnis.
Daß heute einem Publikum als selbstverständliches Schauspiel erscheinen
konnte, was gestern noch als Gipfel der Unmöglichkeit gegolten hätte, war
das Atembeklemmende dabei, -- dieses: »in rasenden Galopp verfallen« und
»wie vor einem am Wege auftauchenden Gespenst scheu gewordene Ausbrechen«
der sonst so geduldig schreitenden Zeit in die Dunkelheit geistiger Nacht
hinein.
Hauberrisser fühlte, daß er wieder einen Schritt weiter hinabgeglitten war
in jenes unheimliche Reich, in dem die Dinge der Welt um so schneller sich
in wesenlosen Schein schemenhafter Unwirklichkeit auflösen, je krasser sie
sind.
Er betrat eins der beiden schmalen Seitengäßchen, die links und rechts das
Tingeltangel umgaben, und schritt gleich darauf an einem Laubengang aus
Glas vorüber, der ihm merkwürdig bekannt vorkam.
Als er um die Ecke bog, stand er vor dem mit Rollblech verschlossenen Laden
Chidher Grün's; das Lokal, das er soeben verlassen, war nur der rückwärtige
Teil des sonderbaren, turmähnlichen Hauses in der Jodenbreestraat mit dem
flachen Dach, das schon nachmittags seine Aufmerksamkeit erregt hatte.
Er blickte empor zu den beiden trüben Fenstern, -- auch hier wieder der
befremdende Eindruck von Unwirklichkeit: das ganze Gebäude glich täuschend
in der Dunkelheit einem ungeheuern menschlichen Schädel, der mit den Zähnen
des Oberkiefers auf dem Pflaster ruhte.
Unwillkürlich verglich er auf dem Wege zu seiner Wohnung das phantastische
Durcheinander im Innern dieses Schädels aus Mauerwerk mit den vielerlei
krausen Gedanken in dem Kopfe eines Menschen, und Mutmaßungen, als könnten
hinter der finstern steinernen Stirne da oben Rätsel schlafen, von denen
Amsterdam sich nichts träumen ließ, verdichteten sich in seiner Brust zu
einem beklemmenden Vorgefühl gefährlicher, an der Schwelle des Geschickes
lauernder Ereignisse.
War die Vision des Gesichtes aus grünem Erz im Laden des Vexiersalons
wirklich nur ein Traum gewesen?, überlegte er.
Die regungslose Gestalt des alten Juden vor dem Pulte nahm plötzlich in
seiner Erinnerung alle Merkmale einer schattenhaften Luftspiegelung an, --
schien weit eher einem Traum entsprungen zu sein, als das erzene Gesicht.
Hatte der Mann tatsächlich mit den Füßen auf dem Boden gestanden? Je
schärfer er sich das Bild zu vergegenwärtigen suchte, um so mehr zweifelte
er, daß es der Fall gewesen war.
Er wußte mit einemmal haargenau, daß er die Schubladen des Pultes durch den
Kaftan hindurch deutlich gesehen hatte.
Ein jähes Mißtrauen gegenüber seinen Sinnen und der anscheinend so fest
begründeten Stofflichkeit der Außenwelt flammte, tief aus der Seele
hervorbrechend wie ein blitzartiges Licht, einen Augenblick in ihm auf, und
gleichsam als Schlüssel zu den Geheimnissen derartiger unerklärlicher
Vorgänge, fiel ihm ein, was er schon als Kind gelernt: daß das Licht
gewisser, unfaßbar weit entfernter Sterne in der Milchstraße am Himmel
siebzigtausend Jahre braucht, um zur Erde zu gelangen, und man daher (gäbe
es so scharfe Fernrohre, um jene Weltenkörper dicht vor's Auge zu rücken)
dort oben nur Begebenheiten schauen könnte, so wirklich und wahrhaftig, als
vollzögen sie sich soeben, die seit siebzigtausend Jahren bereits in das
Reich der Vergangenheit versunken sind. Es mußte also -- ein Gedanke von
erschütternder Furchtbarkeit! -- in der unendlichen Ausdehnung des
Weltenraumes _jedes_ Geschehen, das einmal geboren worden, ewig als Bild,
aufbewahrt im Licht, bestehen bleiben. »So gibt es also -- wenn auch
außerhalb des Bereiches menschlicher Macht -- eine Möglichkeit,« schloß er,
»Vergangenes zurückzubringen?«
Als hinge die Erscheinung des alten Juden vor dem Pulte mit diesem Gesetze
einer gespenstischen Wiederkunft irgendwie zusammen, gewann sie plötzlich
für ihn ein schreckhaftes Leben.
Er fühlte das Phantom gleichsam in Armesnähe neben sich hergehen,
unsichtbar für die äußern Augen und doch weit gegenwärtiger als jener
leuchtende, ferne Stern dort oben in der Milchstraße, den alle Menschen
sehen konnten Nacht für Nacht, und der trotzdem schon seit siebzigtausend
Jahren am Himmel erloschen sein konnte -- --
Vor seiner Wohnung, einem engen, zweifenstrigen, altertümlichen Hause mit
einem Vorgärtchen, blieb er stehen und sperrte das schwere eichene Tor auf.
So deutlich war seine Empfindung geworden als ginge jemand neben ihm, daß
er sich unwillkürlich umblickte, bevor er eintrat.
Er klomm die kaum brustbreite Treppe empor, die, wie fast in allen
holländischen Häusern, steil wie eine Feuerleiter in einer ununterbrochenen
Flucht von ebener Erde bis hinauf unter das Dach lief, und ging in sein
Schlafzimmer.
Ein Raum, schmal und langgezogen, die Decke getäfelt, nur ein Tisch und
vier Stühle in der Mitte; alles andere: Schränke, Kommoden, Waschtisch,
sogar das Bett, eingebaut in die mit gelber Seide bespannten Wände.
Er nahm ein Bad und legte sich schlafen.
Beim Auslöschen des Lichtes fiel sein Blick auf den Tisch, und er sah dort
einen würfelförmigen grünen Karton stehen.
»Aha, das Delphische Orakel aus Papiermaché, das man mir aus dem
Vexiersalon geschickt hat«, legte er sich mit bereits entschwindendem
Bewußtsein zurecht.
Eine Weile später fuhr er halb aus dem Schlummer auf; er glaubte ein
merkwürdiges Geräusch gehört zu haben, als schlüge eine Hand mit kleinen
Stäben auf den Fußboden.
Es mußte jemand im Zimmer sein!
Aber er hatte doch die Haustür fest zugeschlossen! Er erinnerte sich genau.
Vorsichtig tastete er an der Wand hin nach dem Drücker des elektrischen
Lichtes, da berührte ihn etwas, das sich anfühlte wie ein kleines Brett,
mit leisem, schnellem Schlag am Arm. Gleichzeitig hörte er ein Klappen in
der Mauer, und ein leichter Gegenstand rollte über sein Gesicht.
Im nächsten Augenblick blendete ihn die aufleuchtende Glühbirne.
Wieder ertönte das Geräusch der klopfenden Stäbe.
Es kam aus dem Innern der grünen Schachtel auf dem Tisch.
»Der Mechanismus in dem albernen pappendeckelnen Totenkopf wird losgegangen
sein; das ist alles,« brummte Hauberrisser ärgerlich. Dann griff er nach
dem Ding, das ihm übers Gesicht gekollert war und auf seiner Brust lag.
Es war eine zusammengebundene Rolle Schreibpapier, mit engen, verwischten
Schriftzeichen bedeckt, wie er mit halbwachen Augen erkannte.
Er warf sie aus dem Bett hinaus, drehte das Licht ab und schlief wieder
ein.
»Sie muß von irgendwo herabgefallen sein, oder bin ich an ein Klappfach in
der Wand angekommen, in dem sie gelegen hat«, raffte er seine letzten
klaren Gedanken zusammen, dann formten sie sich immer dichter und dichter
zu konfusen Phantasiegebilden, und schließlich stand als Traumgestalt,
wahllos aufgebaut aus den Eindrücken des Tages, ein Zulukaffer vor ihm, auf
dem Kopf eine rotwollene Gockelhaube, die Füße geschmückt mit grünen
Froschzehen, hielt in der Hand die Visitenkarte des Grafen Ciechoñski, und
das schädelhafte Haus in der Jodenbreestraat stand grinsend dabei und kniff
zwinkernd bald das eine, bald das andere Auge zu.
Das ferne bange Heulen einer Schiffssirene im Hafen war das letzte
Überbleibsel aus der Sinnenwelt, das Hauberrisser noch eine kleine Strecke
hinabbegleitete in die Abgründe des Tiefschlafs.
Viertes Kapitel
Baron Pfeill hatte in der Absicht, den Spätnachmittagszug nach Hilversum
noch zu erreichen, wo sein Landhaus »Buitenzorg« lag, die Richtung nach der
Central Spoorweg-Station eingeschlagen und war bereits durch ein Gewimmel
von Zelten und Buden hindurch dem beginnenden abendlichen Kirmesgetriebe
entronnen und in der Nähe der Hafenbrücke angelangt, da verriet ihm der wie
auf ein Zeichen eines Orchesterdirigenten hereinbrechende, ohrenbetäubende
Lärm der hundert Glockenspiele auf den Kirchtürmen, daß es sechs Uhr war
und er die Bahn nicht mehr erreichen konnte.
Rasch entschlossen ging er wieder in die Altstadt zurück.
Es war ihm fast eine Erleichterung, daß er den Zug versäumt hatte und ihm
noch ein paar Stunden Zeit blieben, um eine Angelegenheit in Ordnung zu
bringen, die ihm unablässig im Kopf herumging, seit er Hauberrisser
verlassen hatte.
Vor einem wundervollen, altertümlichen Barockbau aus rötlichen,
weißumrahmten Ziegeln in der düstern Ulmenallee der Heerengracht blieb er
stehen, sah einen Augenblick hinauf zu dem ungeheuren Schiebefenster, das
fast die ganze Höhe und Breite des ersten Stockes einnahm, und zog dann an
dem schweren, bronzenen Türdrücker inmitten des Portals, der zugleich die
Hausglocke bildete.
Es verging eine Ewigkeit, bis ein alter livrierter Diener mit weißen
Strümpfen und maulbeerfarbenen seidenen Kniehosen öffnen kam.
»Ist Herr Doktor Sephardi zu Hause? -- Sie kennen mich doch noch, Jan,
wie?« Baron Pfeill suchte nach einer Visitenkarte. »Bringen Sie, bitte,
diese Karte hinauf und fragen Sie ob --«
»Der gnädige Herr erwartet Sie bereits, Mynheer. Wenn ich bitten darf?« --
Der Alte ging die schmale, mit indischen Teppichen belegte und an den
Wandseiten mit chinesischen Stickereien verkleidete Treppe voraus, die so
steil war, daß er sich an dem gewundenen Messinggeländer halten mußte, um
nicht das Gleichgewicht zu verlieren.
Ein stumpfer, betäubender Geruch nach Sandelholz erfüllte das ganze Haus.
»Erwartet mich? Wieso?« fragte Baron Pfeill erstaunt, da er seit Jahren
Doktor Sephardi nicht mehr gesehen hatte und ihm vor knapp einer halben
Stunde erst der Einfall gekommen war, Sephardi aufzusuchen, um eine
Erinnerung an das Bild des »Ewigen Juden« mit dem olivgrünen Gesicht in
gewissen Einzelheiten festzustellen, die in seinem Gedächtnis einander
seltsam widersprachen und merkwürdigerweise nicht übereinstimmen wollten
mit dem, was er Hauberrisser im Café erzählt hatte.
»Der gnädige Herr hat Ihnen heute vormittag nach dem Haag telegraphiert und
Sie um Ihren Besuch gebeten, Mynheer.«
»Nach dem Haag? Ich wohne doch schon lange wieder in Hilversum. Es ist
lediglich ein Zufall, daß ich heute hergekommen bin.«
»Ich werde den gnädigen Herrn sofort verständigen, daß Sie hier sind,
Mynheer.«
Baron Pfeill setzte sich und wartete.
Bis ins kleinste stand alles genau auf demselben Platze wie damals, als er
zum letztenmal hier gewesen: auf den Sitzen der schweren geschnitzten
Stühle schillernde Samarkandseidenüberwürfe, die beiden überdachten
südniederländischen Sessel neben dem prachtvollen, säulengeschmückten Kamin
mit den goldeingelegten moosgrünen Nephritkacheln, in buntleuchtenden
Farben Ispahanteppiche auf den schwarzweißen Steinquadern des Fußbodens,
die blaßrosa Porzellanstatuen japanischer Prinzessinnen in den Nischen der
Täfelung, ein Wangentisch mit schwarzer Marmorplatte, an den Wänden
Rembrandtsche und andere Meister-Porträts von den Vorfahren Ismael
Sephardis: eingewanderte, vornehme portugiesische Juden, die das Haus im
siebzehnten Jahrhundert von dem berühmten Hendrik de Keyser bauen ließen,
darin gelebt hatten und gestorben waren.
Pfeill verglich die Ähnlichkeit dieser Menschen einer vergangenen Epoche im
Geiste mit den Zügen Doktor Ismael Sephardis.
Es waren dieselben schmalen Schädel, dieselben großen, dunkeln,
mandelförmigen Augen, die gleichen dünnen Lippen und leicht gebogenen
scharfen Nasen, derselbe weltfremde, fast hochmütig verächtlich blickende
Typus der Spaniolen mit den unnatürlich schmalen Füßen und weißen Händen,
der mit den gewöhnlichen Juden der Rasse Gomers, den sogenannten
Aschkenasi, kaum mehr gemein hat als die Religion.
Nirgends auch nur eine Spur der Anpassung an eine anders gewordene Zeit in
diesem, sich durch die Jahrhunderte ewig gleich bleibenden
Gesichtsschnitte.
Eine Minute später wurde Baron Pfeill von dem eintretenden Doktor Sephardi
begrüßt und einer jungen, blonden, auffallend schönen Dame von etwa
sechsundzwanzig Jahren vorgestellt.
»Haben Sie mir wirklich telegraphiert, lieber Doktor?« fragte Pfeill, »Jan,
sagte mir --«
»Baron Pfeill hat so feinfühlige Nerven,« erklärte Sephardi lächelnd der
jungen Dame, »daß es genügt, einen Wunsch zu denken, und schon erfüllt er
ihn. Er ist gekommen, ohne meine Depesche erhalten zu haben. -- Fräulein
van Druysen ist nämlich die Tochter eines verstorbenen Freundes meines
Vaters,« er wandte sich an Pfeill, »und von Antwerpen hergereist, um mich
in einer Angelegenheit um Rat zu fragen, in der aber nur Sie Bescheid
wissen. Es betrifft ein Bild, -- oder besser gesagt, könnte damit
zusammenhängen, -- von dem Sie mir einmal erzählten, Sie hätten es in
Leyden in der Oudheden-Sammlung gesehen, und es stelle den Ahasver dar.«
Pfeill sah erstaunt auf. »Haben Sie mir deshalb telegraphiert?«
»Ja. Wir waren gestern in Leyden, um das Bild zu besichtigen, erfuhren
jedoch, daß niemals ein ähnliches Gemälde in der Sammlung existiert habe.
Direktor Holwerda, den ich gut kenne, versicherte mir, es hingen überhaupt
keine Bilder dort, da das Museum nur ägyptische Altertümer und -- -- --«
»Erlauben Sie, daß ich dem Herrn erzähle, warum mich die Sache so
interessiert?« mischte sich die junge Dame lebhaft in das Gespräch. »Ich
möchte Sie nicht mit einer breiten Schilderung meiner Familienverhältnisse
langweilen, Baron, ich will daher nur kurz sagen: in das Leben meines
verstorbenen Vaters, den ich unendlich geliebt habe, spielte ein Mensch,
oder -- es klingt vielleicht sonderbar -- eine 'Erscheinung' hinein, die
oft monatelang sein ganzes Denken erfüllte.
Ich war damals noch zu jung -- vielleicht auch zu lebenslustig -- um das
Innenleben meines Vaters zu begreifen, (meine Mutter war schon lange tot)
aber jetzt ist plötzlich alles von damals wieder in mir wach geworden, und
eine beständige Unruhe quält mich, Dingen nachzugehen, die ich längst hätte
verstehen lernen sollen.
Sie werden denken, ich sei überspannt, wenn ich Ihnen sage, ich möchte
lieber heute als morgen aufhören zu leben. -- Der blasierteste Genußmensch
kann, glaube ich, dem Selbstmord nicht näher sein als ich;« -- sie war mit
einemmal ganz verwirrt geworden und faßte sich erst, als sie sah, daß
Pfeill ihr mit tiefem Ernst zuhörte und die Stimmung, in der sie sich
befand, sehr rasch zu verstehen schien. -- »Ja, und das mit dem Bild, oder
der 'Erscheinung': welche Bewandtnis es damit hatte? Ich weiß so gut wie
nichts darüber. Ich weiß nur, mein Vater sagte oft, wenn ich -- damals noch
ein Kind -- ihn über Religion oder über den lieben Gott fragte, daß eine
Zeit nahe bevorstünde, wo der Menschheit die letzten Stützen fortgerissen
würden und ein geistiger Sturmwind alles wegfegen würde, was jemals Hände
aufgebaut hätten.
Nur jene seien gefeit gegen den Untergang, die -- das waren genau seine
Worte -- die das erzgrüne Antlitz des Vorläufers, des Urmenschen, der den
Tod nicht schmecken wird, in sich schauen können.
Als ich dann jedesmal neugierig in ihn drang und wissen wollte, wie dieser
Vorläufer aussehe, ob er ein lebender Mensch sei oder ein Gespenst oder der
liebe Gott selbst, und woran ich ihn erkennen könne, wenn ich ihm auf dem
Wege zur Schule gelegentlich begegnen sollte, sagte er immer: Sei ruhig,
mein Kind, und grüble nicht. Er ist kein Gespenst, und wenn er auch einmal
zu dir kommen wird wie ein Gespenst, so fürchte dich nicht, er ist der
einzige _Mensch_ auf Erden, der _kein_ Gespenst ist. Auf der Stirne trägt
er eine schwarze Binde, darunter ist das Zeichen des ewigen Lebens
_verborgen_, denn wer das Zeichen des Lebens offen trägt und nicht tief
innen verborgen, der ist gebrandmarkt wie Kain. Und schritte er auch im
Glanz einher wie ein wandelndes Licht: er wäre ein Gespenst und ein Raub
der Gespenster. Ob er Gott ist, das kann ich dir nicht sagen; du würdest's
nicht begreifen. Begegnen kannst du ihm überall, am wahrscheinlichsten
dann, wenn du es am wenigsten erwartest. Nur reif mußt du dazu sein. Auch
Sankt Hubertus hat den fahlen Hirsch mitten im Getümmel der Jagd erblickt,
und als er ihn mit der Armbrust töten wollte. --«
»Als dann viele Jahre später« -- fuhr Fräulein van Druysen nach einer Pause
fort -- »der grauenhafte Krieg kam und das Christentum sich so unsagbar
blamierte --«
»Verzeihen Sie: die Christenheit! Das ist das Gegenteil,« unterbrach Baron
Pfeill lächelnd.
»Ja, natürlich. Das meine ich: die Christenheit; -- da dachte ich, mein
Vater hätte prophetisch die Zukunft geschaut und auf das große Blutbad
angespielt --«
»Sicher hat er den Krieg nicht gemeint,« fiel Sephardi ruhig ein, »äußere
Geschehnisse wie ein Krieg, und mögen sie noch so entsetzlich sein,
verhallen wie harmloser Donner an den Ohren _aller_ derer, die den Blitz
nicht gesehen haben, und vor deren Füßen es nicht eingeschlagen hat; sie
fühlen bloß das 'Gott sei Dank, mich hat's nicht getroffen'.
Der Krieg hat die Menschen in zwei Teile gerissen, die einander nie mehr
verstehen können, -- die einen haben in die Hölle geblickt und tragen das
Schreckbild stumm in der Brust ihr Lebtag lang, bei den andern ist es kaum
mehr als Druckerschwärze. Zu diesen gehöre auch ich.
Ich habe mich genau geprüft und mit Entsetzen an mir erkannt und sage es
ohne Scheu offen heraus: das Leid der Abermillionen ist spurlos an mir
abgeglitten. Warum lügen?! Wenn andere von sich das Gegenteil sagen und sie
sprechen die Wahrheit, will ich gern und demütig vor ihnen den Hut ziehen;
aber ich kann ihnen nicht glauben; es ist mir unmöglich zu denken, daß ich
so viel tausendmal verworfener bin als sie. -- Aber entschuldigen Sie,
gnädiges Fräulein, ich habe Sie unterbrochen.«
»Er ist ein Mensch mit einer aufrechten Seele, der sich der Blöße seines
Herzens nicht schämt,« dachte Baron Pfeill und warf einen Blick voll Freude
in das dunkelhäutige stolze Gelehrtengesicht Sephardis.
»Da glaubte ich, mein Vater hätte auf den Krieg angespielt,« nahm die junge
Dame ihre Erzählung wieder auf, »aber allmählich fühlte ich, was heute
jeder spürt, der nicht von Stein ist, -- daß eine würgende Schwüle aus dem
Erdboden steigt, die mit dem Tod nicht verwandt ist, und diese Schwüle,
dieses Nicht-leben-und-nicht-sterben-Können, wird mein Vater, denke ich,
mit den Worten gemeint haben: Die letzten Stützen werden der Menschheit
fortgerissen.
Als ich nun Doktor Sephardi von dem erzgrünen Gesicht des Urmenschen, wie
ihn mein Vater nannte, erzählte, und ihn, da er doch in solchen Gebieten
ein großer Forscher ist, bat, mir zu sagen, was ich von all dem halten
solle, und ob nicht vielleicht mehr dahinter stecken könne als eine
Wahnvorstellung meines Vaters, erinnerte er sich, von Ihnen, Baron, gehört
zu haben, Sie kennten ein Porträt -- -- --«
»das leider nicht existiert,« ergänzte Pfeill. »Ich habe Doktor Sephardi
von diesem Bild erzählt, alles das stimmt; auch daß ich -- allerdings seit
ungefähr einer Stunde nicht mehr -- fest überzeugt war, das Bild vor
Jahren, -- wie ich annahm, in Leyden, -- gesehen zu haben, stimmt.
Jetzt stimmt für mich nur noch das eine: ich habe es sicher niemals im
Leben gesehen. Weder in Leyden, noch irgendwo anders.
Heute Nachmittag sprach ich noch mit einem Freund über das Bild, sah es in
der Erinnerung in einem Rahmen an einer Wand hängen; dann, als ich zum
Bahnhof ging, um nach Hause zu fahren, erkannte ich plötzlich, daß dieser
Rahmen nur scheinbar, so wie hinzuphantasiert, das Bildnis des olivgrünen
Gesichtes in meinem Gedächtnis umgab, und ich ging sofort in die
Heerengracht zu Doktor Sephardi, um mich zu überzeugen, ob ich ihm damals
vor Jahren wirklich von dem Porträt erzählte, oder auch das am Ende nur
geträumt hätte.
Wie das Bild in meinen Kopf gekommen sein mag, ist mir ein unlösbares
Rätsel. Es hat mich früher oft bis in den Schlaf verfolgt; ob ich auch
geträumt habe, es hinge in Leyden in einer Privatsammlung, und die
Erinnerung an diesen Traum dann für ein Begebnis der Wirklichkeit gehalten
habe?
Noch verwickelter wird die Sache für mich dadurch, daß, während Sie,
gnädiges Fräulein, vorhin von Ihrem Vater erzählten, mir das Gesicht wieder
mit geradezu betäubender Deutlichkeit erschien, -- nur anders, lebendig,
beweglich, mit bebenden Lippen, als wolle es sprechen, nicht mehr tot und
starr wie ein Gemälde -- --.«
Er brach plötzlich seine Rede ab und schien nach innen zu lauschen, so als
ob das Bild ihm etwas zuflüstere.
Auch Sephardi und die junge Dame schwiegen betroffen.
Von der Heerengracht herauf ertönte klangvoll das Spiel einer der großen
Orgeln, wie sie in Amsterdam auf ponybespannten Wagen abends zuweilen
langsam durch die Straßen fahren.
»Ich kann nur annehmen,« begann Sephardi nach einer Weile, »daß es sich in
diesem Falle bei Ihnen um einen sogenannten hypnoiden Zustand handelt, --
daß Sie einmal im Tiefschlaf, also ohne bewußte Wahrnehmung, irgend etwas
erlebt haben, das sich dann später unter der Maske eines Porträts in die
Begebenheiten des Tages einschlich und mit diesen zu scheinbarer
Wirklichkeit verwuchs. -- Sie müssen nicht fürchten, daß so etwas krankhaft
oder abnormal wäre,« fügte er hinzu, als er sah, daß Pfeill eine abwehrende
Handbewegung machte, »solche Dinge kommen weit häufiger vor, als man
glaubt, und wenn man ihren wahren Ursprung aufdecken könnte: -- ich bin
überzeugt, wie Schuppen würde es uns von den Augen fallen und wir wären mit
einem Schlage eines zweiten fortlaufenden Lebens teilhaftig, das wir in
unserem jetzigen Zustand im Tiefschlaf führen, ohne es zu wissen, weil es
jenseits unseres körperlichen Daseins liegt und während unseres
Zurückwanderns über die Brücke des Traumes, die Tag und Nacht verbindet,
vergessen wird. -- Was die Ekstatiker der christlichen Mystik von der
'Wiedergeburt' schreiben, ohne die es unmöglich sei, 'das Reich Gottes zu
schauen', scheint mir nichts anderes zu sein, als ein Aufwachen des bis
dahin wie tot gewesenen Ichs in einem Reich, das unabhängig von den äußeren
Sinnen existiert, -- im 'Paradies', kurz und gut.« -- Er holte ein Buch aus
einem Spind und deutete auf ein Bild darin. »Der Sinn des Märchens vom
Dornröschen hat sicherlich darauf Bezug, und ich wüßte nicht, was diese
alte, alchemistische illustrierte Darstellung der 'Wiedergeburt' hier: ein
nackter Mensch, der aus einem Sarge aufsteht und daneben ein Totenschädel
mit einer brennenden Kerze auf dem Scheitel, anders bedeuten sollte? --
Übrigens, da wir gerade von christlichen Ekstatikern sprechen: Fräulein van
Druysen und ich gehen heute Abend zu einer solchen Versammlung, die am Zee
Dyk stattfindet. Kurioserweise spukt auch dort das olivgrüne Gesicht.«
»Am Zee Dyk?« jubelte Pfeill, »das ist doch das Verbrecherviertel! Was hat
man Ihnen denn da wieder aufgebunden?«
»Es ist nicht mehr so schlimm wie früher, höre ich, nur eine einzige,
allerdings sehr üble Matrosenschenke 'Zum Prins van Oranje' ist noch
vorhanden; sonst leben nur harmlose, arme Handwerker in der Gegend.«
»Auch ein greiser Sonderling mit seiner Schwester, ein verrückter
Schmetterlingssammler namens Swammerdam, der sich in freien Stunden
einbildet, der König Salomo zu sein. Wir sind bei ihm zu Gast geladen,«
fiel die junge Dame fröhlich ein; »meine Tante, ein Fräulein de Bourignon,
verkehrt täglich dort. -- Nun -- was sagen Sie jetzt, was für vornehme
Beziehungen ich habe? -- Um Irrtümern vorzubeugen: sie ist nämlich eine
ehrwürdige Stiftsdame aus dem Béginenkloster und von überschäumender
Frömmigkeit.«
»Was?! Der alte Jan Swammerdam lebt noch?« rief Baron Pfeill lachend, »der
muß doch schon neunzig Jahre alt sein? Hat er immer noch seine
zweifingerdicken Gummisohlen?«
»Sie kennen ihn? Was ist das eigentlich für ein Mensch?« fragte Fräulein
van Druysen lustig erstaunt. »Ist er wirklich ein Prophet, wie meine Tante
behauptet? Bitte, erzählen Sie mir doch von ihm.«
»Mit Vergnügen, wenn's Ihnen Spaß macht, mein Fräulein. Nur muß ich mich
ein wenig eilen und quasi jetzt schon Abschied von Ihnen nehmen, sonst
versäume ich abermals meinen Zug. Jedenfalls Adieu im Voraus. Aber Sie
dürfen nichts Unheimliches oder dergleichen erwarten -- die Sache ist
lediglich komisch.«
»Umso besser.«
»Also: Ich kenne Swammerdam seit meinem vierzehnten Jahr, -- später verlor
ich ihn natürlich aus den Augen.
Ich war damals ein fürchterlicher Lausbub und betrieb alles, das Lernen
selbstverständlich ausgenommen, wie ein Besessener. Unter anderem den
Terrariensport und das Insektensammeln.
Wenn's wo einen Ochsenfrosch oder eine asiatische Kröte von Handkoffergröße
in einem Naturaliengeschäft gab, schon daß ich sie besaß und in großen
heizbaren Glaskästen bändigte.
Nachts war ein Gequake, daß in den Nachbarhäusern die Fenster klirrten.
Und was das Viehzeug an Ungeziefer zum Fressen brauchte! Säckeweis mußte
ich es herbeischaffen.
Daß es heute in Holland so wenig Fliegen mehr gibt, ist ausschließlich
meiner damaligen Gründlichkeit beim Futtersammeln zu verdanken.
Zum Beispiel die Schwaben -- die habe _ich_ ausgerottet.
Die Frösche selbst bekam ich nie zu Gesicht; bei Tage waren sie unter den
Steinen verkrochen, und nachts bestanden meine Eltern hartnäckigerweise
darauf, daß ich schliefe.
Schließlich riet mir meine Mutter, ich solle die Biester freilassen und
bloß die Steine behalten -- es käme auf dasselbe heraus und sei einfacher
-- aber ich wies solche verständnislosen Vorschläge natürlich entrüstet
zurück.
Meine Emsigkeit im Insektenfangen wurde allmählich Stadtgespräch und zog
mir eines Tages das Wohlwollen des entomologischen Vereins zu, der damals
aus einem ixbeinigen Barbier, einem Pelzhändler, drei pensionierten
Lokomotivführern und einem Präparator am naturwissenschaftlichen Museum
bestand, der jedoch an den Sammelausflügen nicht mitmachen durfte, da seine
Frau es nicht erlaubte. Es waren lauter gebrechliche alte Herren, die teils
Käfer, teils Schmetterlinge sammelten und eine seidene Fahne verehrten, auf
der die Worte eingestickt waren: Osiris, Verein für biologische Forschung.
Trotz meiner Jugend wurde ich als Mitglied aufgenommen. Noch heute besitze
ich das Diplom, das mit den Worten schließt: 'Wir entbieten Ihnen unsern
besten biologischen Gruß'.
Warum man auf meinen Eintritt in den Klub so versessen war, wurde mir bald
klar. Sämtliche biologische Greise waren nämlich entweder halb blind und
infolgedessen außerstande, die in Baumritzen versteckten Nachtfalter zu
erspähen, oder es machte sich ihnen das Vorhandensein von Krampfadern bei
dem zur Käferjagd nicht zu missenden Dünensandwaten störend bemerkbar.
Andere wieder wurden regelmäßig -- wahrscheinlich infolge der Aufregung --
beim Schwingen des Netzes nach dem hurtigen Pfauenauge im entscheidenden
Augenblick von einem rasselnden Hustenausbruch befallen, der sie der
erhofften Beute jedesmal verlustig gehen ließ.
Von allen diesen Bresthaftigkeiten besaß ich keine einzige, und eine Raupe
mehrere Kilometer weit auf einem Blatt zu entdecken, war mir eine
Kleinigkeit; kein Wunder daher, daß die findigen Greise auf den Gedanken
gekommen waren, sich meiner und noch eines Schulkameraden von mir als Spür-
und Jagdhund zu bedienen.
Nur einer von ihnen, eben jener Jan Swammerdam, der damals bestimmt schon
fünfundsechzig Jahre zählte, übertraf mich weit, was das Auffinden von
Insekten anbelangte. Er brauchte nur einen Stein umzudrehen, und schon lag
eine Käferlarve oder sonst etwas Ersehnenswertes darunter.
Er stand im Geruch, die Gabe des Hellsehens auf diesem Gebiete als Folge
eines mustergiltigen Lebenswandels in sich erweckt zu haben. -- Sie wissen
ja, Holland hält viel von Tugend!
Ich habe ihn nie anders gesehen als in einem schwarzen Gehrock, den
kreisförmigen Abdruck eines unter die Weste geschobenen
Schmetterlingsnetzes zwischen den Schulterblättern und unter den Schößen,
ein kurzes Stück herausragend, den grünen Stiel davon.
Weshalb er nie einen Hemdkragen trug, sondern statt dessen um den Hals die
zusammengefaltete Borte einer alten Leinwandlandkarte, erfuhr ich, als ich
ihn einmal in seiner Dachkammer besuchte. Ich kann nicht hinein, erklärte
er mir und deutete auf einen Schrank, der seine Wäsche enthielt: Hybocampa
Milhauseri -- das ist nämlich eine seltene Raupe -- hat sich dicht neben
dem Scharnier verpuppt und braucht drei Jahre, bis sie auskriecht.
Bei unsern Exkursionen benutzten wir alle die Eisenbahn; nur Swammerdam
ging hin und her zu Fuß, denn er war zu arm, um die Kosten zu erschwingen,
und damit er sich die Schuhsohlen nicht durchlief, bestrich er sie mit
einer geheimnisvollen Kautschuklösung, die im Laufe der Zeit zu einer
mehrere Finger dicken Lavaschicht erhärtete. Ich sehe sie heut noch vor
mir.
Seinen Lebensunterhalt bestritt er durch den Verkauf seltener
Schmetterlingsbastarde, die zu züchten ihm bisweilen gelang, doch reichte
der Erlös nicht, um zu verhindern, daß seine Gattin, die stets nur ein
liebevolles Lächeln für seine Marotten hatte und geduldig die Armut mit ihm
trug, eines Tages an Entkräftung starb. --
Seit jener Zeit vernachlässigte Swammerdam die finanzielle Seite des
Daseins ganz und gar und lebte nur noch seinem Ideal, nämlich: einen
gewissen grünen Mistkäfer zu finden, von dem die Wissenschaft behauptet, er
kapriziere sich darauf, genau siebenunddreißig Zentimeter unter der Erde
vorzukommen, und auch da nur an Orten, deren Oberfläche mit Schafdünger
bedeckt sei.
Mein Schulkamerad und ich bezweifelten dieses Gerücht aufs lebhafteste,
waren aber in der Verworfenheit unserer jugendlichen Herzen ruchlos genug,
von Zeit zu Zeit Schafmist, den wir zu diesem Behuf immer in der Tasche zu
tragen pflegten, an besonders harten Stellen der Dorfstraßen heimlich
auszustreuen und uns indianerhaft zu freuen, wenn Swammerdam bei seinem
Anblick wie ein irrsinnig gewordener Maulwurf sofort zu graben anfing.
Eines Morgens jedoch begab sich buchstäblich ein Wunder, das uns aufs
tiefste erschütterte.
Wir machten einmal wieder einen Ausflug; voran trabten die Greise und
meckerten das Vereinslied:
'Eu--prep--ia
pudica (das ist nämlich der lateinische Name eines sehr schönen
Bärenspinners)
sind leider keine da,
doch wären welche hier,
steckt' ich sie gleich zu mir'
und den Zug schloß, baumlang, hager, schwarz gekleidet wie immer, und den
Handspaten gezückt: Jan Swammerdam. Auf seinem lieben, alten Gesicht lag
der Ausdruck geradezu biblischer Verklärung, und als man ihn nach der
Ursache fragte, sagte er nur geheimnistief, er hätte in der Nacht einen
verheißungsvollen Traum gehabt.
Gleich darauf ließen wir unauffällig eine Prise Schafmist fallen.
Swammerdam erspähte sie, blieb stehen, entblößte sein Haupt, tat einen
tiefen Atemzug und blickte, von Hoffnung und Glauben durchschauert, lange
zur Sonne auf, bis seine Pupillen ganz klein wie Nadelköpfe waren; dann
beugte er sich nieder und fing an zu scharren, daß die Steine nur so
flogen.
Mein Schulkamerad und ich standen dabei, und in unsern Herzen frohlockte
der Satan.
Plötzlich wurde Swammerdam totenblaß, ließ den Spaten fallen und starrte,
die Hände verkrampft und an den Mund gedrückt, in das Loch, das er gewühlt
hatte.
Gleich darauf holte er mit zitternden Fingern einen grünschillernden
Mistkäfer aus der Tiefe hervor.
Er war so ergriffen, daß er lange kein Wort sprechen konnte, nur zwei dicke
Tränen liefen an seinen Wangen herunter; endlich sagte er leise zu uns:
heute Nacht im Traum ist mir der Geist meiner Frau erschienen mit
leuchtendem Angesicht wie eine Heilige, und sie hat mich getröstet und mir
verheißen, daß ich den Käfer finden werde. --
Wir zwei Lausbuben schlichen uns stumm weg wie Verbrecher und konnten
einander an diesem Tag vor Scham nicht mehr ins Gesicht sehen.
Mein Schulkamerad sagte mir später, er habe sich noch lange vor seiner
eigenen Hand entsetzt, die in demselben Momente, als er mit dem alten Mann
einen grausamen Scherz habe machen wollen, vielleicht das Werkzeug einer
Heiligen gewesen sei.«
* * * * *
Als es dunkel geworden war, begleitete Doktor Sephardi Fräulein van Druysen
zum Zee Dyk, einer krummen, stockfinsteren Gasse, die sich im
unheimlichsten Viertel Amsterdams am Zusammenfluß zweier Grachten in
unmittelbarer Nähe der düstern Nicolas Kerk hinzog.
Über den Häusergiebeln der benachbarten Warmoesstraat, in der die
sommerliche Kirmes bereits in vollem Gange war, stieg der rötliche Schein
der beleuchteten Schaubuden und Zelte zum Himmel empor und verdichtete die
Luft, vermischt mit dem weißen Dunst der Stadt und dem grellen Glitzern des
Vollmonds auf den Dächern, zu einem phantastisch schillernden Nebelhauch,
in dem die Schlagschatten der Kirchtürme als lange spitzige Dreiecke aus
schwarzem Schleier schwebten.
Wie das Pochen eines großen Herzens tönte das Schlapfen der Motore herüber,
die die zahlreichen Karussels drehten.
Das atemlose Geklingel der Leierkasten, das Wirbeln der Trommeln und die
schrillen Stimmen der Ausrufer, unterbrochen von dem Peitschenknallen aus
den Schießbuden, vibrierten durch die dunkeln Straßen und ließen ein von
Fackelglanz beschienenes Bild ahnen, in dem eine wogende Volksmenge
Bretterstände voll Pfefferkuchen, farbigem Zuckerwerk und zottig bebarteten
Menschenfressergesichtern aus geschnitzten Kokosnüssen, umdrängte; im
Kreise umhersausende, buntbemalte Ringelspielpferde, auf- und niederjagende
Schaukeln, nickende Mohrenköpfe mit weißen Gipspfeifen als Zielscheiben,
ungehobelte Tische mit reihenweise eingesteckten Taschenmessern, um mit
Ringen darnach zu werfen, fettglänzende Seehunde in hölzernen Bassins voll
schmutzigen Wassers, Zelte mit wehenden Wimpeln und wackelnden
Spiegelfacetten, kreischende Kakadus in silbernen Reifen, Fratzen
schneidende Affen und im Hintergrund, Schulter an Schulter: Reihen schmaler
Häuser wie eine Schar stumm zuschauender schwärzlicher Riesen mit weißen,
viereckig vergitterten Augen. -- --
Die Wohnung Jan Swammerdams lag im vierten Stock abseits von dem Getriebe
des lärmenden Volksfestes in einem schief nach vorne gesunkenen Gebäude, in
dessen Keller sich die berüchtigte Matrosenschenke »Prins van Oranje«
befand.
Ein mürber Staubgeruch nach Kräutern und getrockneten Pflanzen, dem kleinen
Drogenmagazin neben dem Eingang entströmend, erfüllte das Innere des Hauses
bis hinauf zum Dach, und ein Ladenschild mit der Lockschrift: »Hier
verkoopt men sterke dranken« verriet, daß außerdem noch ein gewisser
Lazarus Eidotter tagsüber eine Schnapsbudike in den Gefilden des Zee Dyk
betrieb.
Doktor Sephardi und Fräulein van Druysen kletterten die hühnersteigartige
Treppe hinauf und wurden sogleich von einer alten Dame mit schneeweißen
Locken und kreisrunden Kinderaugen, der Tante Fräulein van Druysens, voll
Herzlichkeit mit den Worten empfangen: »Willkommen, Eva, und willkommen
auch du, König Balthasar, im neuen Jerusalem!« --
Eine Versammlung von sechs Leuten, die alle andächtig um einen Tisch herum
gesessen hatten, erhoben sich verlegen, als die beiden eintraten, und
wurden von Fräulein de Bourignon vorgestellt:
»Hier Jan Swammerdam und seine Schwester,« -- ein altes verhutzeltes
Weiblein mit holländischer Haube und »Krulletjes« an den Ohren knixte
unaufhörlich, -- »dann Herr Lazarus Eidotter, der zwar nicht zu unserm
geistigen Kreis gehört, aber er ist 'Simon der Kreuzträger',« -- (»und im
selben Hoose wohn' jach ooch, mit Verloob,« ergänzte stolz der Angeredete,
ein greisenhafter, russischer Jude im Talar), -- »ferner Fräulein Mary
Faatz von der Heilsarmee -- sie hat den Geistesnamen Magdalena -- und unser
lieber Bruder Hesekiel« -- sie wies auf einen jungen Menschen mit
blatternarbigem, verschwommenem Gesicht, das aussah, als wäre es aus
Brotteig geknetet, und wimperlosen, entzündeten Augen, »er ist Angestellter
unten in dem Drogengeschäft und trägt den Geistesnamen Hesekiel, weil er,
wenn die Zeit erfüllt ist, die Geschlechter richten wird.«
Doktor Sephardi warf einen ratlosen Blick auf Fräulein van Druysen.
Ihre Tante, die es bemerkte, erklärte: »Wir tragen alle Geistesnamen; zum
Beispiel Jan Swammerdam ist der König Salomo, seine Schwester heißt
Sulamith und ich bin 'Gabriele', das ist die weibliche Form des Erzengels
Gabriel, aber gewöhnlich nennt man mich die Hüterin der Schwelle, denn mir
liegt es ob, die zerstreuten Seelen im Weltall zu sammeln und ins Paradies
zurückzuführen. Doch das werden Sie später alles besser verstehen, Herr
Doktor, denn Sie gehören zwar zu uns, aber ohne es zu wissen; Ihr
Geistesname ist König Balthasar! Haben Sie noch nie Kreuzigungsschmerzen
gehabt?«
Sephardi wurde immer verwirrter.
»Schwester Gabriele geht, fürchte ich, ein wenig zu stürmisch vor,« nahm
Jan Swammerdam lächelnd das Wort. »Vor vielen Jahren ist nämlich hier im
Hause ein wahrer Prophet des Herrn erstanden, ein schlichter Schuhmacher
namens Anselm Klinkherbogk. Sie werden ihn heute noch kennen lernen. Er
wohnt über uns.
Wir sind keineswegs Spiritisten, wie Sie vielleicht annehmen, Mynheer;
fast, möchte ich sagen, das Gegenteil, denn wir haben nichts zu tun mit dem
Reiche der Toten. Unser Ziel ist das ewige Leben. -- Jedem Namen nun liegt
eine geheime Kraft inne, und wenn wir diesen Namen mit geschlossenen Lippen
in unser Herz hineinsprechen, unablässig, bis er für Tag und Nacht
beständig unser Wesen erfüllt, so ziehen wir die geistige Kraft in unser
Blut hinein, das, in den Adern kreisend, mit der Zeit unsern Körper
verändert.
Diese allmähliche Wandlung unseres Leibes, -- denn nur er allein muß
verändert werden, der Geist an sich ist bereits vollkommen seit Anbeginn,
-- gibt sich in allerlei Gefühlen kund, die die Vorboten des Zustandes
sind, der 'geistige Wiedergeburt' heißt.
Ein solches Gefühl ist zum Beispiel die Empfindung eines gewissen
bohrenden, nagenden Schmerzes, der zeitweilig kommt und geht, ohne daß wir
erkennen können warum, anfangs nur im Fleische wühlt, dann aber die Knochen
ergreift und uns ganz durchdringt, bis, als Zeichen der 'ersten Taufe', das
ist die 'Taufe mit Wasser', die Kreuzigung des untern Grades erreicht ist,
das heißt: Wundmale an den Händen auf unbegreifliche Weise sich öffnen und
Wasser daraus hervortritt,« -- er und die übrigen, mit Ausnahme Lazarus
Eidotters, hoben die Hände in die Höhe, und man sah tiefe, runde Narben
darin wie von Nägelwunden.
»Aber das ist ja Hysterie!« rief Fräulein van Druysen entsetzt.
»Nennen Sie es ruhig Hysterie, Mejufrouw; _die_ 'Hysterie', unter der _wir_
stehen, ist nichts Krankhaftes. Zwischen Hysterie und Hysterie ist ein
großer Unterschied. Nur diejenige Hysterie, die Hand in Hand geht mit
Ekstase und Geistesverwirrung, ist einer Krankheit gleichzustellen und
führt nach abwärts, die _andere_ Art jedoch ist die Geistes_entwirrung_ --
das 'Kommen zur Klarheit', und ist der Weg nach aufwärts, der über das
Erfassen der Erkenntnisse durch das Denken hinaus den Menschen zum Wissen
durch direktes 'Schauen' führt.
In der Schrift heißt dieses Ziel das 'innere Wort', und, wie der Mensch der
heutigen Zeit denkt, indem er, ohne sich dessen bewußt zu sein, Worte im
Gehirn lispelt, so spricht im geistig wiedergeborenen Menschen eine andere
geheimnisvolle Sprache mit neuen Worten, in denen es kein 'Mutmaßen' und
keinen Irrtum mehr gibt. Dann ist das Denken ein neues Denken geworden --
ist Magie und nicht mehr ein armseliges Verständigungsmittel, -- ist ein
Offenbarwerden der Wahrheit, in deren Licht der Irrtum verschwindet, weil
die Zauberringe der Gedanken sodann ineinander greifen und nicht mehr
nebeneinander liegen.«
»Und sind Sie so weit, Herr Swammerdam?«
»Wenn ich so weit wäre, säße ich nicht hier, Mejufrouw.«
»Sie sagten, der gewöhnliche Mensch denke, indem er im Gehirn Worte bilde;
wie ist es nun,« fragte Sephardi interessiert, »bei jemand, der taubstumm
geboren ist und keine Sprache kennt?«
»Dann denkt er teils in Bildern, teils in der Ursprache.«
»Lassen Se mir aach ämol reden, Swammerdamleben!« rief Lazarus Eidotter
streitlustig dazwischen: »Gut, Sie haben Kabbala, ich hab' aber auch
Kabbala. 'Im Anfang war das Wort' ist falsch übersetzt. 'Bereschith' heißt
auf deitsch das 'Koppwesen', Ihnen gesagt, und nicht: 'im Anfang'. Auf was
herauf: 'im Anfang'??«
»Das Kopfwesen!« murmelte Swammerdam und versank eine Weile in tiefes
Grübeln; »ich weiß. Aber der Sinn bleibt derselbe.«
Die andern hatten schweigend zugehört und sahen einander bedeutungsvoll an.
Eva van Druysen fühlte instinktiv, daß sie bei dem Wort »Kopfwesen« an das
»olivgrüne Gesicht« gedacht hatten, und blickte fragend zu Doktor Sephardi
hinüber, der ihr unmerklich zunickte.
»Auf welche Weise ist Ihrem Freunde Klinkherbogk die Gabe der Prophetie
zuteil geworden und wie äußert sie sich?« brach er endlich das
Stillschweigen, da niemand Miene machte zu reden.
Jan Swammerdam fuhr wie aus dem Traum auf: »Klinkherbogk? Ja;« -- er
sammelte sich: -- »Klinkherbogk hat sein Leben lang Gott gesucht, bis es
sein ganzes Denken verzehrte und er vor beständiger Sehnsucht viele Jahre
nicht mehr schlafen konnte. Eines Nachts saß er wie gewöhnlich vor seiner
Schusterkugel, -- Sie wissen, derartige Kugeln aus Glas verwenden die
Schuhmacher und stellen sie vor brennende Kerzen, um bei der Arbeit besser
sehen zu können, -- da wuchs aus dem Lichtfunken in ihrem Innern eine
Gestalt, trat zu ihm, und es wiederholte sich, was in der Apokalypse steht:
der Engel gab ihm ein Buch zu verschlingen und sagte: »Nimm hin und
verschling's und es wird dich im Bauch grimmen, aber in deinem Munde wird's
süß sein wie Honig.« Das Gesicht der Erscheinung war verhüllt, nur ihre
Stirne war frei, und ein grünleuchtendes Kreuz glühte darauf.«
Eva van Druysen fielen die Worte ihres Vaters über die Gespenster ein, die
das Zeichen des Lebens offen trügen, und einen Augenblick faßte es sie an
wie kalte Furcht.
»Seit jener Zeit hatte Klinkherbogk das 'innere Wort',« kam Swammerdam
wieder auf seine Rede zurück, -- »und es sagte ihm und durch seinen Mund
auch mir -- denn ich war damals sein einziger Schüler -- wie wir leben
sollten, um von dem Holz des Lebens zu essen, das im Paradies Gottes ist.
Es wurde uns die Verheißung: nur noch ein kleines Weilchen, und aller
Jammer des irdischen Daseins würde von uns weichen und wir sollten wie Hiob
tausendfältig wiedererhalten, was das Leben uns nähme.«
Doktor Sephardi wollte einwenden, wie gefährlich und trügerisch es sei,
solchen Prophezeiungen aus dem Unterbewußtsein Glauben zu schenken, aber er
erinnerte sich noch rechtzeitig an Baron Pfeills Erzählung von dem grünen
Käfer. Überdies sah er ein, daß jede Warnung hier wohl zu spät käme.
Der alte Mann schien den Sinn seiner Gedanken halb und halb erraten zu
haben, denn er fuhr fort: »Es sind jetzt schon fünfzig Jahre her, daß uns
diese Verheißung gegeben wurde, aber man muß sich in Geduld fassen und, was
auch kommen möge, an der Übung festhalten, die darin besteht, den
Geistesnamen ohne Unterlaß in unser Herz hineinzumurmeln, bis die
Wiedergeburt vollendet ist.« -- Er sagte die Worte ruhig und scheinbar voll
Zuversicht, aber in seiner Stimme klang ein leises Zittern, wie die
Vorahnung einer kommenden, grauenvollen Verzweiflung, das verriet, wie sehr
er sich zusammennahm, um die andern nicht in ihrem Glauben zu erschüttern.
»Fünfzig Jahre schon machen Sie diese Übung!? Es ist furchtbar!« fuhr es
Doktor Sephardi unwillkürlich heraus.
»Ach, es ist ja so himmlisch schön, zu sehen, wie alles in Erfüllung geht,«
säuselte Fräulein de Bourignon verzückt, »und wie sie aus dem Weltenraum
hier zusammenströmen, die hohen Geister, und sich um Abram scharen -- das
ist nämlich der Geistesname Anselm Klinkherbogks, denn er ist der Erzvater
-- und hier im ärmlichen Zee Dyk von Amsterdam den Grundstein legen zum
neuen Jerusalem. Mary Faatz (sie war früher eine Prostituierte und jetzt
ist sie die fromme Schwester Magdalena),« flüsterte sie hinter der Hand
ihrer Nichte zu, »ist gekommen und -- und Lazarus ist vom Tode auferweckt
worden -- -- aber, ja richtig, Eva, von dem Wunder habe ich dir in dem
Brief, den ich dir kürzlich schrieb, um dich aufzufordern, zu uns in den
Kreis zu kommen, doch noch gar nichts erwähnt. Denk nur: Lazarus ist durch
Abram vom Tode auferweckt worden!« -- Jan Swammerdam stand auf, trat ans
Fenster und blickte stumm hinaus in die Finsternis. -- »Ja, ja, leibhaftig
vom Tode auferweckt worden! Er ist wie tot in seinem Laden gelegen, und da
kam Abram und hat ihn wieder lebendig gemacht.«
Aller Augen richteten sich auf Eidotter, der sich betreten abwandte und
gestikulierend und achselzuckend Doktor Sephardi im Flüsterton erklärte, es
sei allerdings etwas an der Sache, -- »bewußtlos, freilich, bin ich gewest;
vielleicht tot; warum soll ich nicht tot gewesen sein? Ich bitt' Sie, ä
alter Mann wie ich!«
»Und darum beschwöre ich dich, Eva,« richtete Fräulein de Bourignon ihre
Rede mit größter Eindringlichkeit an ihre Nichte, »tritt ein in unsern
Bund, denn das Reich ist nahe herbeigekommen, und die letzten werden die
ersten sein.«
Der Kommis aus dem Drogengeschäft, der bis dahin, ohne ein Wort gesprochen
zu haben, neben Schwester Magdalena gesessen und ihre Hand in der seinen
gehalten hatte, erhob sich plötzlich, schlug mit der Faust auf den Tisch
und schrie, die entzündeten Augen weit aufgerissen, mit lallender Zunge:
»Jo, jo, jo -- -- d--d--die Ersten w--w--werden die Leleletzten sein, und
eher geht ein Ka--Ka-- -- --«
»Er kommt in den Geist. Der Logos spricht aus ihm,« rief die Hüterin der
Schwelle, »Eva, bewahre jedes Wort in deinem Herzen!«
»-- -- Ka--Kamel durch ein N--N--N--N--«
Jan Swammerdam eilte zu dem Besessenen, auf dessen Gesicht sich der
Ausdruck viehischer Bosheit malte, und beruhigte ihn durch magnetische
Striche über Stirn und Mund.
»Es ist nur der 'Gegensatz', wie wir es nennen, Mejufrouw,« redete
Schwester Sulamith, die alte Holländerin, begütigend Fräulein von Druysen
zu, die ängstlich zur Tür geflohen war. »Bruder Hesekiel leidet manchmal
darunter, und dann gewinnt die niedere Natur die Oberhand über die höhere.
Aber es geht schon vorüber;« -- der Kommis hatte sich auf alle Viere
niedergelassen und bellte und knurrte wie ein Hund, während das Mädchen aus
der Heilsarmee neben ihm kniete und ihm zärtlich die Haare streichelte --
»denken Sie nicht schlecht von ihm; wir sind allzumal Sünder, und Bruder
Hesekiel bringt sein Leben Tag aus, Tag ein da unten in dem dunkeln Magazin
zu, da kommt es dann, wenn er einmal reiche Leute sieht -- Sie verzeihen,
daß ich es so offen sage, Mejufrouw -- wie Erbitterung über ihn und
umnachtet seinen Geist. Glauben Sie mir, Mejufrouw, Armut ist eine schwere
Last; woher soll ein so junges Herz wie seines, immer so viel Gottvertrauen
nehmen, um sie zu tragen!«
Eva van Druysen tat zum erstenmal in ihrem Leben einen Blick in die
Abgründe des Daseins und, was sie früher in Büchern gelesen, stand jetzt in
furchtbarer Wirklichkeit vor ihr.
Und doch war es nur ein kurzer Blitzschein gewesen, der kaum hinreichte,
die Finsternis einiger Schluchten zu zerreißen.
»Wie viel und weit Schrecklicheres,« sagte sie sich, »muß erst in der Tiefe
schlummern, in die so selten das Auge eines vom Schicksal Begünstigten zu
schauen vermag.«
Wie durch eine geistige Explosion von den Hüllen mühsam anerzogener
menschlicher Umgangsformen losgerissen, hatte sich ihr eine Seele in
häßlicher Nacktheit gezeigt, zum wilden Tier erniedrigt im selben
Augenblick, als die Worte dessen fielen, der um der Liebe willen am Kreuz
sein Leben ließ.
Das Bewußtsein einer riesengroßen Mitschuld, begangen durch weiter nichts,
als durch bloße Zugehörigkeit zu einer bevorzugten Gesellschaftsklasse und
dem so selbstverständlich scheinenden Mangel an Interesse gegenüber dem
Leid des Nächsten -- eine Unterlassungssünde, winzig wie ein Sandkorn in
der Ursache und verheerend wie eine Lawine in der Wirkung -- erfüllte Eva
mit tiefem Schrecken; so wie ein Mensch sich entsetzen mag, der in
Gedankenlosigkeit mit einem Seile zu spielen glaubt und plötzlich gewahrt,
daß er eine Giftschlange in Händen hält.
Als Sulamith von der Armut des Kommis erzählte, hatte Eva in der ersten
Aufwallung nach der Börse gegriffen, -- es war die gewisse Reflexbewegung,
mit der das Herz den Verstand überrumpeln zu können wähnt, -- dann schien
ihr die Gelegenheit, zu helfen, schlecht gewählt, und der feste Vorsatz,
das Versäumte später besser und gründlicher nachzuholen, trat an die Stelle
der Tat.
Die altbewährte Kriegslist des Vaters der Lüge, Zeit zu gewinnen, bis die
Regungen des Mitleids verflogen sind, war Sieger geblieben.
Hesekiel hatte sich inzwischen von seinem Anfall erholt und weinte still
vor sich hin.
Sephardi, der wie die vornehmen portugiesischen Juden Hollands unverrückbar
an der Gewohnheit seiner Vorfahren, nie ein fremdes Haus zu betreten, ohne
ein kleines Geschenk mitzubringen, festhielt, benützte die Gelegenheit, um
die Aufmerksamkeit von dem Kranken abzulenken: er wickelte ein silbernes
Räucherfäßchen aus und überreichte es Swammerdam.
»Gold, Weihrauch und Myrrhen -- die heiligen drei Könige aus dem
Morgenland!«, flüsterte die »Hüterin der Schwelle« mit vor Rührung
erstickter Stimme, die Augen fromm zur Decke erhoben. »Als es gestern hieß,
Sie kämen, Herr Doktor, Eva zu uns zu begleiten, gab Ihnen Abram den
Geistesnamen Balthasar, und siehe: Sie sind gekommen und haben Weihrauch
gebracht! König Melchior, -- er heißt im Leben Baron Pfeill, ich weiß es
von der kleinen Katje, -- ist heute auch schon geistig erschienen« -- sie
wandte sich geheimnisvoll zu den Übrigen, die erstaunt aufhorchten, -- »und
hat Geld geschickt. Oh, ich sehe es mit den Augen des Geistes: auch Kaspar,
der König aus Mohrenland, ist nicht mehr ferne;« -- sie zwinkerte Mary
Faatz, die ihren Blick verständnisvoll erwiderte, selig zu: -- »ja, mit
Riesenschritten geht die Zeit ihrem Ende --«
Ein Klopfen an der Tür unterbrach sie, und die kleine Enkelin Katje des
Schusters Klinkherbogk trat herein und meldete:
»Ihr sollt schnell alle hinauf kommen, der Großvater hat die zweite
Geburt.«
Fünftes Kapitel
Eva van Druysen hielt den alten Schmetterlingssammler zurück, ehe sie mit
ihm den Übrigen folgte, die bereits in die Dachkammer Klinkherbogk's
hinaufstiegen.
»Verzeihen Sie, Herr Swammerdam, ich möchte Ihnen nur kurz eine Frage
stellen, obwohl ich Sie eigentlich sehr viel zu fragen hätte. -- Was Sie
vorhin über Hysterie gesagt haben und über die Kraft, die in den Namen
verborgen liegt, hat mich tief berührt, -- aber andrerseits --«
»Darf ich Ihnen einen Rat geben, Mejufrouw?« -- Swammerdam blieb stehen und
sah ihr ernst in die Augen. -- »Ich begreife sehr wohl, daß das, was Sie
vorhin mit angehört haben, Sie nur verwirren muß. Dennoch können Sie großen
Nutzen daraus ziehen, wenn Sie es als erste Lehre auffassen und geistige
Unterweisung nicht bei andern suchen, sondern in sich selbst. Nur die
Belehrungen, die der eigene Geist uns schickt, kommen zur rechten Zeit und
für sie sind wir reif. Für die Offenbarungen an andern müssen Sie taub und
blind werden. Der Pfad zum ewigen Leben ist schmal wie die Schärfe eines
Messers; Sie können andern weder helfen, wenn Sie sie taumeln sehen, noch
dürfen Sie Hilfe von ihnen erwarten. Wer auf andere schaut, verliert das
Gleichgewicht und stürzt ab. Hier gibt's kein gemeinsames Vorwärtsschreiten
wie in der Welt, und so unbedingt nötig auch ein Führer ist: er muß aus dem
Reich des Geistes zu Ihnen kommen. Nur in irdischen Dingen kann ein Mensch
Ihnen als Führer dienen und seine Handlungsweise eine Richtschnur sein, um
ihn zu beurteilen. Alles, was nicht aus dem Geist kommt, ist tote Erde, und
wir wollen zu keinem andern Gott beten, als zu dem, der sich in unsrer
eignen Seele offenbart.«
»Wenn sich aber kein Gott in mir offenbart?« fragte Eva verzweifelt.
»Dann müssen Sie in einer stillen Stunde nach ihm rufen mit Aufgebot aller
Sehnsucht, deren Sie fähig sind.«
»Und dann, glauben Sie, wird er kommen? Wie leicht wäre das!«
»Er wird kommen! Aber -- entsetzen Sie sich nicht: -- zuerst als Rächer
Ihrer früheren Taten, als der furchtbare Gott des Alten Testamentes, der
gesagt hat: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Er wird sich offenbaren in
plötzlichen Veränderungen Ihres äußern Lebens. Alles müssen Sie zuerst
verlieren, sogar --« Swammerdam sagte es leise, als fürchte er sich, sie
könne es hören -- »sogar Gott, wenn sie ihn immer von neuem finden wollen.
-- Erst, wenn Ihre Vorstellung von Ihm -- gereinigt von Gestalt und Form
und jeglichem Begriff von Außen und Innen, Schöpfer und Geschöpf, Geist und
Stoff, ist, werden Sie Ihn --«
»Sehen?«
»Nein. Niemals. Aber mit Seinen Augen werden Sie _sich_ sehen. Dann sind
Sie frei von der Erde, denn Ihr Leben ist in Seines eingegangen und Ihr
Bewußtsein ist nicht mehr vom Leibe abhängig, der wie ein wesenloser
Schatten dem Grab entgegen geht.«
»Welchen Zweck haben aber dann die Schläge des äußeren Lebens, von denen
Sie sprechen? Sind sie eine Prüfung oder eine Strafe?«
»Es gibt weder Prüfungen noch Strafen. Das äußere Leben mit seinen
Schicksalen ist nichts als ein Heilungsprozeß, für den einen mehr, für den
andern weniger schmerzhaft, je nachdem der Betreffende krank ist an seiner
Erkenntnis.«
»Und Sie glauben, wenn ich Gott rufe, wie Sie sagen, wird sich mein
Schicksal verändern?«
»Sofort! Nur wird es sich nicht »verändern«, es wird werden wie ein
galoppierendes Pferd, das bis dahin im Schritt gegangen ist.«
»Ist _Ihr_ Schicksal denn so im Sturm abgelaufen? Sie verzeihen die Frage,
aber nach dem, was ich über Sie gehört habe --«
»Ist es sehr eintönig dahingeflossen, meinen Sie, Mejufrouw,« ergänzte
Swammerdam lächelnd. »Erinnern Sie sich, was ich Ihnen vorhin gesagt habe?:
'Blicken Sie nie auf andere.' -- Der eine erlebt eine Welt, und dem andern
erscheint's eine Nußschale. Wenn Sie im Ernst wollen, daß Ihr Schicksal
galoppiert, müssen Sie -- ich warne Sie davor und rate es Ihnen zugleich,
denn es ist das einzige, was der Mensch tun soll, und gleichzeitig das
schwerste Opfer, das er bringen kann! -- müssen Sie Ihren innersten
Wesenskern, _den_ Wesenskern, ohne den Sie eine Leiche wären, (und sogar
nicht einmal das), anrufen und Ihm -- _befehlen_, daß Er Sie den kürzesten
Weg zu dem großen Ziel führt, -- dem einzigen, das des Erstrebens wert ist,
so wenig Sie es jetzt auch erkennen, -- erbarmungslos, ohne Rast, durch
Krankheit, Leiden, Tod und Schlaf hindurch, durch Ehren, Reichtum und
Freude hindurch, immer hindurch und hindurch wie ein rasendes Pferd, das
einen Wagen vorwärts reißt über Äcker und Steine hinweg und an Blumen und
blühenden Hainen vorbei! Das nenne ich: Gott rufen. Es muß sein wie ein
Gelöbnis vor einem lauschenden Ohr!«
»Aber, wenn dann das Schicksal kommt, Meister, und ich werde schwach und --
will umkehren?«
»Umkehren kann nur der auf dem geistigen Weg, -- nein, nicht einmal
umkehren, nur stehen bleiben, sich umsehen und zur Salzsäule werden, -- der
kein Gelöbnis abgelegt hat! Ein Gelöbnis in geistigen Dingen ist wie ein
Befehl, und Gott ist der -- Diener des Menschen in diesem Falle, um ihn
auszuführen. Entsetzen Sie sich nicht, Mejufrouw, es ist keine Lästerung!
Im Gegenteil! -- Darum (was ich Ihnen jetzt sage, ist eine Torheit, ich
weiß, denn es geschieht nur aus Mitleid, und alles, was aus Mitleid
geschieht, ist Torheit), warne ich Sie: geloben Sie nicht zu viel! Es
könnte Ihnen sonst gehen wie dem Schächer, dem am Kreuze die Knochen
gebrochen wurden!«
Swammerdams Gesicht war weiß geworden vor innerer Erregung.
Eva faßte seine Hand. »Ich danke Ihnen, Meister, ich weiß jetzt, was ich zu
tun habe.«
Der alte Mann zog sie an sich und küßte sie ergriffen auf die Stirn. »Der
Herr des Schicksals sei Ihnen ein barmherziger Arzt, mein Kind!«
* * * * *
Sie gingen die Stiege hinauf.
Wie unter einem jähen Gedanken blieb Eva eine Sekunde vor der Dachkammer
stehen. »Sagen Sie mir noch eins, Meister! Die vielen Millionen Menschen,
die geblutet und gelitten haben, sie haben doch kein Gelöbnis getan; wozu
war all der unendliche Jammer gut?«
»_Wissen_ Sie denn, daß sie kein Gelöbnis getan haben? Kann es nicht in
einem früheren Leben geschehen sein,« fragte Swammerdam ruhig, »oder im
Tiefschlaf, wenn die Seele des Menschen wach ist und am besten weiß, was
ihr frommt?«
Als risse ein Vorhang entzwei, sah Eva einen Augenblick in das blendende
Licht einer neuen Erkenntnis hinein. Die letzten wenigen Worte hatten ihr
mehr über die Bestimmung der Wesen enthüllt, als sämtliche Religionssysteme
der Welt imstande gewesen wären. Jede Klage über vermeintliche
Ungerechtigkeit des Schicksals mußte verstummen angesichts des Gedankens,
daß keiner einen andern Weg ging, als den selbstgewählten.
»Wenn Sie keinen Sinn in dem zu finden vermögen, was in unserm Kreis vor
sich geht, Mejufrouw, so lassen Sie sich dadurch nicht irre machen. Oft
führt ein Weg abwärts und ist doch die kürzeste Brücke zum nächsten
Anstieg. Das Fieber der geistigen Genesung sieht sich zuweilen an wie
teuflische Fäulnis. Ich bin nicht der 'König Salomo' und Lazarus Eidotter
ist nicht 'Simon der Kreuzträger', -- wie Fräulein de Bourignon es zu
äußerlich auffaßt, weil er Klinkherbogk einmal Geld in der Not geborgt hat,
-- aber an sich ist dieses Durcheinandermischen von Altem und Neuem
Testament deshalb noch kein Unsinn. -- Wir erblicken in der Bibel nicht nur
die Aufzeichnung von Geschehnissen einer verflossenen Zeit, sondern einen
Weg von Adam zu Christus, den wir an uns durchzumachen haben auf die
magische Art eines inneren Wachstums von 'Name' zu 'Name', das ist: von
Kraftentfaltung zu Kraftentfaltung,« sagte Swammerdam und half Eva die
letzten Treppenstufen hinauf, »von der Vertreibung aus dem Paradies zur
Auferstehung. Es kann für so manchen ein Weg voll Schrecknissen werden und
--«, er murmelte gepreßt wieder den Satz von dem Schächer, dem am Kreuz die
Knochen gebrochen worden waren, vor sich hin.
Fräulein de Bourignon hatte mit den Übrigen vor der Dachstube auf das
Kommen der beiden gewartet (nur Lazarus Eidotter war hinunter in seine
Wohnung gegangen) und überschüttete ihre Nichte mit einem Schwall von
Worten, ehe sie eintraten, um sie gebührend vorzubereiten:
»Denk nur, Eva, etwas unbeschreiblich Großes ist geschehen. Und gerade
heute am Kalendertage des Sonnwendfestes -- ach es ist ja so namenlos
tiefsinnig -- ja, was wollte ich nur sagen -- ja richtig, das große
Längstersehnte ist geschehen: in Vater Abram ist heute der Geistmensch als
Kindlein geboren worden, und er hat es in sich schreien hören, als er
gerade einen Absatz auf einen Stiefel festnagelte, was bekanntlich die
'zweite Geburt' ist, denn die 'erste', das ist das Bauchgrimmen, wie schon
in der Schrift steht, wenn man sie nur richtig deutet, und dann werden die
heiligen drei Könige vollzählig sein, denn Mary Faatz hat mir kürzlich
erzählt, sie kenne, wenn auch nur ganz flüchtig, einen schwarzen Wilden,
der in Amsterdam lebt, und vor einer Stunde hat sie ihn unten in der
Schenke durchs Fenster sitzen sehen, und ich habe sofort eine Fügung der
himmlischen Mächte darin erkannt, denn es kann natürlich nur der König
Kaspar aus Mohrenland sein; ach, es ist ja eine unsagbare Gnade, daß gerade
mir die Mission zuteil wurde, den dritten heiligen König ausfindig zu
machen, und ich kann es in meiner Seligkeit gar nicht mehr erwarten, bis
die Minute kommt und ich Mary hinunterschicken darf, um ihn heraufzuholen.«
Dabei öffnete sie die Tür und ließ alle der Reihe nach eintreten.
* * * * *
Der Schuhmacher Klinkherbogk saß steif und regungslos am Kopfende eines
langen, mit Sohlen und Werkzeugen bedeckten Tisches, die eine Seite seines
abgezehrten Gesichtes vom Fenster her in grellem Mondlicht, daß die weißen
Haare seines schüttern, holländischen Seemannsbartes wie metallene Fäden
glänzten, die andere in tiefer Finsternis.
Auf dem kahlen Schädel trug er eine Krone, zackig aus Goldpapier
geschnitten.
In der Kammer roch es sauer nach Leder.
Wie das haßerfüllte Zyklopenauge eines mit dem Leib in der Dunkelheit
verborgenen Ungeheuers glomm die gläserne Schusterkugel im Raum und warf
ihren Schein auf einen Haufen Zehnguldenstücke, die vor dem Propheten
lagen.
Eva, Sephardi und die Angehörigen des geistigen Kreises waren an der Wand
stehen geblieben und warteten.
Keiner wagte sich zu rühren; ein Bann hatte sich auf alle gelegt.
Die Blicke des Kommis hingen stier an dem Glanz der Münzen.
Zögernd krochen die Minuten in lautloser Stille, als wollten sie sich zu
Stunden dehnen, -- eine Motte schwirrte aus der Finsternis, kreiste als
weißer Funken um das Licht der Kerze und verbrannte knisternd in der
Flamme.
Unbeweglich, wie aus Stein gehauen, starrte der Prophet in die gläserne
Kugel, den Mund offen, die Finger über den Goldstücken verkrampft, und
schien auf Worte zu lauschen, die aus weiter Ferne zu ihm kamen.
Ein dumpfer Lärm, der von der Hafenschenke auf der Gasse plötzlich
heraufdrang und sogleich erstarb, als habe jemand das Haustor unten
geöffnet und wieder zugeschlagen, glitt durchs Zimmer und erstickte in der
Luft.
Wieder Totenstille.
Eva wollte zu Swammerdam hinsehen, aber eine ungewisse Furcht, sie könne in
seinem Gesicht die gleiche bange Ahnung eines nahenden Unheils lesen, die
ihr selbst fast den Atem raubte, hielt sie davon ab. Einen Pulsschlag lang
glaubte sie sich zu erinnern, eine leise, kaum vernehmliche Stimme am
Tische hätte gesagt: »Herr, laß diesen Kelch an mir vorübergehen,« dann
zerbröckelte der Eindruck unter den verlorenen Klängen des fernen
Kirmestrubels, die ein Lufthauch am Fenster vorbeitrug.
Sie blickte auf und sah, daß die Spannung in den Zügen Klinkherbogks
nachließ und in Verwirrung überging.
»Es ist ein groß Getöse in der Stadt,« hörte sie ihn murmeln, »und ihre
Sünde ist schwer. Darum will ich hinabfahren und sehen, ob sie alles getan
haben, das vor mich kommen ist, oder ob's nicht also sei, daß ich's wisse.«
»So waren die Worte Jehovas nach dem ersten Buch Mosis,« sagte Schwester
Sulamith mit bebenden Lippen und bekreuzigte sich, »bevor Er Feuer und
Schwefel regnen ließ. -- -- Zürne nicht, Herr, daß ich rede: man möchte
vielleicht zehn Gerechte in der Stadt finden!«
Sofort sprang das Motiv auf Klinkherbogk über und weckte in ihm die Vision
eines kommenden Weltuntergangs. Mit eintöniger Stimme, als läse er
geistesabwesend etwas vor, sprach er zur Wand hin:
»Ich sehe einen Sturmwind herbrausen über die Erde, der da machet, daß
alles, was aufrecht steht, ein Wagrechtes wird unter seiner Wut und eine
Wolke fliegender Pfeile. Er reißet die Gräber auf, und die Leichensteine
und Schädel der Toten sind gleich einem Hagelschauer, der in der Luft fegt.
Bläst das Wasser aus den Flüssen und Deichen, pfützet es von seinem Munde
weg wie Sprühregen und legt die Pappeln an den Straßen und hohen Bäume als
wehende Schöpfe am Boden hin. Und das um der Gerechten willen, die die
lebendige Taufe haben;« -- seine Worte wurden wieder klanglos -- »der aber,
auf den ihr wartet, wird nicht kommen als ein König, ehe die Zeit nicht
vollendet ist; erst muß der Vorbote in euch sein, als ein neuer Mensch, um
das Reich zu bereiten. Dennoch werden ihrer viele sein mit neuen Augen und
Ohren, auf daß es nicht abermalen heiße von den Menschen: sie haben Ohren
und hören nicht, sie haben Augen und sehen nicht; aber« -- Schatten einer
tiefen Traurigkeit legten sich auf sein Gesicht -- »aber auch unter ihnen
sehe ich Abram nicht! Denn jeglichem wird zugemessen nach seinem Maß, und
er hat, ehe die Geburt des Geistes reif worden, den Schild der Armut von
sich getan und seiner Seele ein gülden Kalb gegossen, den Sinnen ein
Tanzfest zu bereiten. Noch eine kleine Weile, und ihr habet ihn nicht mehr.
-- Der König aus dem Mohrenland wird ihm die Myrrhen des andern Lebens
bringen und seinen Leib den Fischen der trüben Wässer zum Fraße vorwerfen,
denn das Gold Melchiors ist eingekommen, bevor das Kind in der Krippe lag
und hätte den Fluch wegnehmen können, der auf jeglichem Golde ist. Also ist
es zum Unheil erboren, noch ehe die Nacht weicht. -- Und der Weihrauch
Balthasars ist zu spät gekommen.
Aber du, Gabriel, höre: strecke die Hand nicht nach der Ernte, die nicht
weiß ist zum schneiden, daß die Sichel den Knecht nicht verwunde und dem
Weizen den Schnitter nehme.«
Fräulein de Bourignon, die während seiner Rede des öftern verzückt geseufzt
hatte, ohne sich auch nur zu bemühen, ihren dunkeln Sinn zu erfassen,
unterdrückte einen Freudenschrei, als ihr Geistesname »Gabriel« genannt
wurde, und wisperte Mary Faatz, die daraufhin eiligst die Stube verließ,
hastig ein paar Worte zu.
Swammerdam, der es bemerkte, wollte sie daran hindern, aber er kam zu spät,
-- das Mädchen lief bereits die Treppe hinab.
Müde ließ er die Hand sinken und schüttelte nur resigniert den Kopf, als
ihn die »Hüterin der Schwelle« verwundert anblickte.
Der Schuster war einen Augenblick zu sich gekommen und rief ängstlich nach
seiner Enkelin, versank aber gleich darauf wieder in seine Ekstase.
* * * * *
In der Matrosenschenke »Prins van Oranje« hatte fast die ganze Zeit über
eine wüste Gesellschaft von fünf Leuten beisammen gesessen und anfangs
Karten gespielt; später, als die Nacht weiter vorrückte und das Lokal sich
mit allerhand Gesindel vom Zee Dyk füllte, daß bald kaum mehr Platz war, um
die Ellenbogen ausstrecken zu können, zogen sich die Herren in das
Nebenzimmer zurück, in dem tagsüber die Kellnerin Antje wohnte, ein
unförmliches, geschminktes Weibsbild in rotseidenem Rock bis zum Knie, mit
fettem Hals, einem flachsgelben Zopf, Hängebusen und zerfressenen
Nasenflügeln, -- »die Hafensau«, wie sie von den Stammgästen genannt wurde.
Es waren: der Wirt der Spelunke -- ehemals Steuermann auf einem
brasilianischen Farbholzschiff, ein untersetzter, stiernackiger Kerl in
Hemdsärmeln, die Pratzen blautätowiert und in den Ohrläppchen, von denen
das eine halb abgebissen war, kleine goldene Ringe, -- dann der Zulu
Usibepu in dunkelblauem Leinenanzug, wie ihn die Heizer auf den Dampfern
tragen, -- ein buckliger Varietéagent mit langen, scheußlichen
Spinnenfingern, -- der Professor Zitter Arpád, der erstaunlicherweise
wieder seinen Schnurrbart besaß und auch seine übrige Toilette der neuen
Umgebung angepaßt hatte, -- und als fünfter ein sonnengebräunter,
sogenannter »Inder« im weißen Smoking der Tropen, einer jener jungen
Plantagenbesitzerssöhne, die zuweilen aus Batavia oder andern
niederländischen Kolonien nach Europa kommen, um das holländische Vaterland
kennen zu lernen, und dann in wenigen Nächten auf die sinnloseste Art ihr
Geld in Verbrecherkneipen vertun.
Seit einer Woche schon »wohnte« der junge Herr im »Prins van Oranje« und
hatte seitdem auch nicht ein einziges Mal das Tageslicht gesehen, außer
gegen Morgen einen Streifen Dämmerung hinter dem grünverhängten Fenster,
ehe ihm vor Trunkenheit die Augen zufielen und er sich unausgezogen und
ungewaschen auf den Divan warf, um bis spät in den nächsten Abend hinein zu
schlafen. Und dann ging es eilig von neuem an bei Würfeln und Karten, Bier,
schlechtem Wein und Fusel, mit Freihalten von Hafengelichter, chilenischen
Matrosen und belgischen Dirnen, bis der letzte Scheck von der Bank
zurückgewiesen wurde und die Reihe an Uhrkette, Ringe und Manschettenknöpfe
kam.
Zu diesem Schlußfeste hatte der Wirt seinen Freund Zitter Arpád einzuladen
sich verpflichtet gefühlt, und der Herr Professor war denn auch pünktlich
erschienen und hatte gewissermaßen als Picknickbeitrag den Zulukaffern, der
als hervorragender Artist stets bares Geld besaß, mitgebracht.
Einige Stunden lang hatten die Herren bereits dem Macao gehuldigt, ohne daß
es einem von ihnen gelungen wäre, die Glücksgöttin dauernd an seine Seite
zu fesseln, denn so oft der Professor versuchte, mit den Karten die Volte
zu schlagen, jedesmal grinste der Varietéagent und Herr Zitter fühlte sich
bemüßigt, mit seiner Kunstfertigkeit noch ein Weilchen inne zu halten, da
es ihm natürlich nicht passen konnte, seinen schwarzen Schützling mit dem
Buckligen zu teilen.
Umgekehrt verhielt es sich ebenso hinsichtlich des »Inders«, und daher
sahen sich die beiden rivalisierenden Ehrenmänner zu ihrem Leidwesen
genötigt, das erstemal im Leben ehrlich zu spielen, -- eine Beschäftigung,
die, nach dem melancholischen Ausdruck ihrer Gesichter zu schließen, sie an
verflossene Kinderzeiten, als es noch um Knackmandeln und Nüsse ging,
erinnern mochte.
Der Wirt selbst spielte aus freien Stücken ehrlich -- zur Feier des Tages.
Er empfand es seinen Gästen gegenüber als Kavalierspflicht, -- nur, daß ihm
diese für den Fall eines Verlustes den Schaden nachher wieder vergüten
mußten, war selbstverständlich und bedurfte keiner weiteren Vereinbarung,
-- der »Inder« war viel zu harmlos, um auch nur den Gedanken des Mogelns zu
erfassen, und der Zulu in die Geheimnisse der weißen Magie noch viel zu
wenig eingeweiht, als daß er es hätte wagen dürfen, vermittelst
Zuhülfenahme eines fünften Asses Zaubereien zu seinen Gunsten einzuleiten.
Erst gegen Mitternacht, als die lockenden Banjomelodien im Gassenlokal
anfingen, immer stürmischer die Anwesenheit des jungen Mäcens zu heischen,
die schnapsdurstige Menge ihre Ungeduld nicht länger zu meistern vermochte
und schließlich sogar eine à la Pony frisierte Dirne ins Zimmer trat, um
besorgt nach dem Verbleib ihres »Bräutigams« zu sehen, vollzog sich eine
Umgruppierung der Streitkräfte, die zur Folge hatte, daß der »Inder« und
der Zulu im Handumdrehen von Herrn Zitter und dem Varietéagenten auf
gemeinsame Rechnung S. E. & O. ausgeplündert waren. --
Des Herrn Professors hervorstechendste Charaktereigenschaft war
Freigebigkeit, und daher ließ er es sich nicht nehmen, Fräulein Antje in
das nunmehr geleerte Spielzimmer zu einem gemeinsamen Souper mit seinem
Freunde Usibepu zu bitten, dessen Vorliebe für auserlesene Gerichte und ein
Getränkegemisch aus denaturiertem Spiritus und salpetersäurehaltigen
Essenzen, namens »Mogador«, er genau kannte.
Die Unterhaltung bei Tisch bewegte sich fast ausschließlich in einem
Kauderwelsch von Negerenglisch, Kapjargon und Basutodialekt, welche
Sprachen die beiden Herren meisterhaft beherrschten; nur die Kellnerin
mußte sich zumeist auf Glutblicke, Zungeherausstrecken und sonstige
international verständliche Gesten beschränken, um ihren Teil zur Anregung
des Gastes beizutragen.
Gesellschaftsmensch durch und durch, verstand es der Professor nicht nur
aufs trefflichste, das Gespräch keine Sekunde ins Stocken geraten zu
lassen, -- er behielt auch sein Hauptziel, dem Zulu das Geheimnis
abzuknöpfen, wie man mit bloßen Füßen auf glühenden Steinen wandeln könne,
ohne sich zu verbrennen, unentwegt im Auge und ersann tausend Listen, um
seinen Zweck zu erreichen.
Der geschickteste Beobachter hätte ihm nicht angesehen, daß ihn nebenbei
noch ein Gedanke unablässig quälte, der mit einer vertraulichen Botschaft
Antje's: -- der Schuster Klinkherbogk oben unter dem Dach habe nachmittags
in der Schenke einen Tausendguldenschein gegen Gold umwechseln lassen, --
in enger Beziehung stand.
Unter dem Einfluß des feurigen Mogadors, des leckeren Mahles und der
Sirenenkünste der jungen Dame geriet der Zulukaffer bald in einen Zustand
wachsender Raserei, der es geraten erscheinen ließ, alle spitzigen oder
zerbrechlichen Gegenstände aus dem Zimmer zu entfernen, und vor allem ihn
selbst vor der Berührung mit den rauflustigen Matrosen im Gassenlokal, die,
Antjes wegen eifersüchtig, nur darauf lauerten, mit ihren Messern über »den
Nigger« herzufallen, fernzuhalten.
Eine listig hingeworfene, hämische Bemerkung des Professors, das
Zauberkunststück mit den heißen Steinen sei ein plumper Schwindel, brachte
den Zulu schließlich derart außer Rand und Band, daß er alles kurz und
klein zu schlagen drohte, wenn man ihm nicht auf der Stelle ein Becken mit
glühenden Kohlen reiche.
Zitter Arpád, der nur auf diesen Moment gewartet hatte, ließ den längst
bereitstehenden Kübel hereintragen und die glühenden Kohlen auf dem
Zementboden des Zimmers ausschütten.
Sofort kauerte sich Usibepu nieder und atmete den erstickenden Dunst mit
offenen Nüstern ein. Seine Augen bekamen allmählich einen gläsernen
Ausdruck.
Er schien etwas zu sehen, und seine Lippen zuckten wie im Zwiegespräch mit
einem Phantom.
Dann sprang er plötzlich auf, stieß einen markerschütternden Schrei aus, --
so schrill und furchtbar, daß das Gejohle der Menge in der Gassenschenke
jäh verstummte, und sie sich Kopf an Kopf mit totenblassen Gesichtern
lautlos an die Tür des Zimmers drängte, um hereinzuspähen.
Eine Sekunde später hatte er sich die Kleider vom Leib gerissen und
vollführte splitternackt, muskelstrotzend wie ein schwarzer Panther, Schaum
vor dem Mund und den Kopf in wahnwitziger Geschwindigkeit vor- und
rückwärts schleudernd, einen Tanz um die Glut herum.
Der Anblick war derart grausig und erregend, daß es selbst den wilden
chilenischen Matrosen den Atem verschlug vor panischem Schrecken und sie
sich an der Wand halten mußten, um nicht von den Bänken herunterzufallen,
auf die sie gestiegen waren.
Der Tanz endete mit einem Ruck wie unter einem unhörbaren Befehl; der Zulu
schien mit einemmal wieder ganz bei Bewußtsein, -- nur sein Gesicht war
aschgrau geworden, -- trat langsam und gemessen mit bloßen Füßen auf die
glühenden Kohlen und blieb mehrere Minuten lang unbeweglich darauf stehen.
Keine Spur von Brandgeruch, der verraten hätte, daß seine Haut versengt
worden wäre. Als er von dem Gluthaufen herabstieg, fand der Professor seine
Sohlen völlig unversehrt und nicht einmal heiß.
Ein junges Mädchen in der schwarzblauen Tracht der Heilsarmee, die
mittlerweile leise von der Gasse hereingekommen war, hatte den letzten Teil
der Vorstellung mit angesehen und nickte dem Zulu, den sie zu kennen
schien, freundlich einen Gruß zu.
»Ja, wo kommst denn du her, Mary?« rief die Hafensau erstaunt, umarmte sie
und küßte sie zärtlich auf beide Wangen.
»Ich habe Mister Usibepu heute abend durchs Fenster hier sitzen sehen, --
ich kenne ihn vom Café Flora her, wo ich ihm mal die Bibel hab' auslegen
wollen, aber er kann ja leider nur wenig Holländisch --« erklärte Mary
Faatz, -- »und eine feine alte Dame aus dem Béginenstift schickt mich, ich
soll ihn hinaufbringen, und noch zwei vornehme Herrschaften sind auch
oben.«
»Wo oben?«
»No, halt bei dem Schuster Klinkherbogk.«
Zitter Arpád fuhr herum, als er den Namen hörte, tat aber gleich darauf so,
als kümmere es ihn weiter nicht, und fing an, den Zulu, der in seinem
Triumph für Fragen zugänglicher war als sonst, geschickt in seinem
afrikanischen Kauderwelsch auszuholen.
»Ich beglückwünsche meinen Freund und Gönner, den Mister Usibepu aus
Ngomeland und bin stolz zu sehen, daß er ein großer Quimboiseur ist und in
den Zauber Obeah T'changa eingeweiht.«
»Obeah T'changa?« rief der Neger; »Obeah T'changa das da!« -- er schnippte
verächtlich mit den Fingern. -- »Ich Usibepu große Medizin, ich Vidû
T'changa. Ich grüne Gift-Vidû-Schlange.«
Mit Gedankenschnelle reimte sich der Professor ein paar Ideen zusammen. Er
glaubte eine Spur gefunden zu haben. Gelegentlich hatte er im Verkehr mit
indischen Artisten gehört, der Biß gewisser Schlangen rufe bei Individuen,
die sich an das Gift zu gewöhnen imstande seien, abnormale Zustände
erstaunlichster Art, wie Fernsehen, Nachtwandeln, Unverwundbarkeit und
dergleichen hervor. -- Warum sollte, was in Asien möglich war, nicht bei
den afrikanischen Wilden ebenfalls vorkommen?!
»Ich bin auch von der großen Zauberschlange gebissen,« renommierte er und
deutete auf eine ixbeliebige Narbe an seiner Hand.
Der Zulu spuckte geringschätzig aus. -- »Vidû nicht wirkliche Schlange.
Wirkliche Schlange dreckiger Wurm. Vidû-Schlange grüne Geisterschlange mit
Menschengesicht. Vidû-Schlange ist ein Souquiant. Ihr Name ist Zombi.«
Zitter Arpád verlor die Fassung. Was waren das für Worte? Er hatte sie noch
nie gehört: Souquiant? Es schien französischen Ursprungs zu sein. Und was
bedeutete: Zombi?! -- Er war unklug genug, seine Unkenntnis offen
einzugestehen, und gab sein Ansehen dem Neger gegenüber damit ein für
allemal preis.
Usibepu reckte sich hochmütig auf und erklärte: »Ein Mensch, der Haut
wechseln kann, ist ein Souquiant. Lebt ewig. Ein Geist. Unsichtbar. Kann
alles zaubern. Der Vater der schwarzen Menschen war Zombi. Die Zulus seine
Lieblingskinder. Sie gingen aus seiner linken Seite hervor.« -- Er schlug
sich auf den mächtigen Brustkasten, daß es dröhnte. -- »Jeder Königszulu
weiß geheimen Namen von Zombi. Wenn ihn ruft, so Zombi erscheint als große
Gift-Vidû-Schlange mit grünes Menschengesicht und heiliges Fetischzeichen
auf Stirne. Wenn Zulu erstesmal sieht Zombi und Zombi hat Gesicht verhüllt,
so Zulu muß sterben. Wenn aber Zombi erscheint mit verdecktes Stirnzeichen
und grünes Gesicht offen, so Zulu lebt und ist Vidû T'changa, große Medizin
und Herr über Feuer. Ich, Usibepu, bin Vidû T'changa.«
Zitter Arpád biß sich ärgerlich auf die Lippen. Er sah ein, daß sich mit
dem Rezept nichts anfangen ließ.
Umso eifriger bot er sich Mary Faatz als Dolmetscher an, die den inzwischen
wieder angekleideten Zulu durch Gebärden und Worte zu überreden suchte, ihr
zu folgen.
»Die Herrschaften werden sich ohne mich mit ihm nicht verständigen können,«
redete er auf sie ein, aber sie ließ sich nicht überzeugen.
Endlich begriff Usibepu, was Mary von ihm wollte, und ging mit ihr die
Treppe hinauf in Klinkherbogks Wohnung.
* * * * *
Der Schuster saß noch immer, die Papierkrone auf dem Kopf, vor dem Tisch.
Die kleine Katje war zu ihm geeilt, und er hatte die Arme erhoben, als
wollte er das Kind an seine Brust ziehen, sie aber gleich darauf sinken
lassen und wieder in die Kugel gestarrt, als der somnambule Zustand
abermals Besitz von ihm ergriff.
Auf den Zehenspitzen schlich die Kleine an die Wand zurück neben Eva und
Sephardi.
Die Stille im Zimmer war noch tiefer und quälender geworden als vordem, --
konnte von Geräuschen nicht mehr durchbrochen werden, fühlte Eva --, wurde
nur dichter und lauernder, wenn ein leises Rascheln der Kleider oder ein
Knacken in den Dielen sich bisweilen hervorwagte, -- war zur bleibenden
Gegenwart geronnen, unberührbar von den Schwingungen der Töne, -- glich
einem schwarzsammetnen Teppich, auf dem Reflexe von Farben schwimmen, ohne
in die Tiefe dringen zu können.
Unsicher suchende Schritte kamen die Treppe im Hause herauf und näherten
sich der Dachkammer. --
Eva empfand es, als taste sich ein Würgengel aus der Erde empor.
Entsetzt zuckte sie zusammen, als unvermutet die Tür hinter ihr leise
knarrte und der Neger wie ein riesenhafter Schatten im Halbdunkel
auftauchte.
Auch die anderen waren heftig erschrocken, aber niemand getraute sich,
seine Stellung zu verändern, -- als sei der Tod über die Schwelle getreten
und blicke suchend von einem zum andern.
Das Gesicht Usibepu's zeigte keinerlei Verwunderung über die seltsame
Umgebung und die Stille, die im Zimmer herrschte.
Er war unbeweglich stehen geblieben und verschlang Eva mit glühenden
Blicken, ohne den Kopf zu wenden, bis Mary ihr zu Hilfe kam und sich stumm
vor sie stellte.
Das Weiße seiner Augen und die blitzenden Zähne hingen in der Finsternis
wie gespenstische Lichtflecke.
Eva kämpfte ihr Grauen nieder und zwang sich, unverwandt zum Fenster zu
schauen, vor dem, im Mondschein glitzernd, aus einem Kran im Dachfirst eine
armdicke eiserne Kette starr hinab in die Tiefe hing.
Leises, kaum hörbares Plätschern spielte in der Luft, wenn, vom Nachthauch
bewegt, das Wasser der beiden gabelförmig zusammenfließenden Grachten unten
an das Gemäuer des Hauses schlug. --
Ein Schrei am Tisch ließ alle auffahren. --
Klinkherbogk hatte sich halb erhoben und deutete mit steifem Finger auf den
leuchtenden Punkt in der Kugel.
»Da ist er wieder« -- hörte man ihn röcheln, -- »der Furchtbare mit der
grünen Maske vor dem Gesicht, der mir den Namen Abram gegeben hat und das
Buch zu verschlingen.« Wie von einem Glanz geblendet, schloß er die Augen
und sank schwer zurück.
Alle standen regungslos mit angehaltenem Atem; nur der Zulu hatte sich
vorgebeugt, starrte auf eine Stelle über dem Kopf Klinkherbogks in die
Dunkelheit und sagte halblaut:
»Der Souquiant ist hinter ihm.«
Niemand verstand, was er meinte. Dann abermals Totenstille eine lange, kaum
endenwollende Zeit, in der keiner ein Wort zu sprechen vermochte.
Eva fühlte ihre Knie zittern vor unerklärlicher Aufregung.
Sie hatte die Empfindung, als durchdringe ein unsichtbares Wesen in
grauenvoller Langsamkeit allmählich den Raum mit seiner Gegenwart.
Sie griff nach der Hand der kleinen Katje, die neben ihr stand. -- -- -- --
-- -- -- -- -- --
Da flatterte plötzlich irgend etwas mit schreckhaftem Laut in der
Finsternis auf und eine Stimme rief hastig:
»Abraham! Abraham!«
Eva stand das Herz still vor Entsetzen und sie sah, daß auch die andern
zusammenzuckten.
»Hie bin ich,« antwortete der Schuhmacher, ohne sich zu rühren, wie aus dem
Schlaf.
Eva wollte aufschreien, aber die Todesangst schnürte ihr die Kehle zu.
Wiederum lähmte einen Augenblick gräßliche Stille jeden Pulsschlag, dann
flog ein schwarzer Vogel mit weißgefleckten Fittichen irr durchs Zimmer,
schlug mit dem Kopf an die Fensterscheibe und fiel flügelschlagend zu
Boden. -- --
»Es ist Jakob, unsere Elster,« flüsterte die kleine Katje Eva zu; »sie ist
aufgewacht.«
Eva hörte es wie durch eine Wand hindurch; die Worte brachten ihr keine
Beruhigung und verstärkten nur noch das drosselnde Gefühl der Nähe eines
dämonischen Wesens.
Unerwartet wie vorhin der Ruf des Vogels, schlug jetzt abermals eine Stimme
an ihr Ohr; sie kam von den Lippen des Schusters, und es klang wie ein
zerbissener Schrei:
»Isaak! Isaak!«
-- Seine Miene hatte sich plötzlich verwandelt und trug den Ausdruck
lodernden Wahnsinns. --
»Isaak! Isaak!«
»Hie bin ich,« antwortete die kleine Katje -- genau wie vorhin ihr
Großvater auf den Ruf des Vogels; so, als schliefe sie.
Eva fühlte, daß die Hand des Kindes eiskalt war.
Die Elster unter dem Fensterbrett schackerte laut. --
Es hörte sich an, wie das Lachen eines teuflischen Kobolds.
Silbe für Silbe, Ton für Ton hatte die Stille die Worte und das hämische
Gelächter eingeschluckt mit gierigem, gespenstischem Mund. -- Sie waren
entstanden und verstummt wie das Herüberklingen eines Geschehnisses aus
biblischer Vorzeit, das in der Kammer eines armseligen Handwerkers spukhaft
wieder auferstand. -- -- -- --
Ein hallender Glockenschlag von der Nicolaskerk dröhnte durchs Zimmer und
zerriß mit seinem Vibrieren einen Augenblick den Bann.
»Ich möchte gehen, es greift mich zu sehr an,« wandte sich Eva flüsternd zu
Sephardi und ging zur Tür.
Sie wunderte sich, daß sie die Turmuhr die ganze Zeit über nicht gehört
hatte, wo doch erst wenige Stunden vorüber waren, daß es Mitternacht
geläutet haben mußte.
»Kann man den alten Mann so ohne Hilfe allein lassen?« -- fragte sie
Swammerdam, der die Übrigen stumm zur Eile antrieb, und blickte zu
Klinkherbogk hin. »Er scheint noch immer in Trance zu sein? Und auch das
Kind schläft.«
»Er wird bald erwachen, wenn wir fort sind,« beruhigte sie der
Schmetterlingssammler, aber durch seine Worte klang ein leiser Unterton
verhaltner Angst, -- »ich will später nach ihm sehen.«
Man mußte den Neger fast mit Gewalt hinausdrängen, -- seine Blicke hingen
fiebrig an den Goldmünzen auf der Tischplatte; Eva sah, daß Swammerdam ihn
nicht aus den Augen ließ und, als alle die Treppe hinuntergingen, rasch
umkehrte, die Dachkammer des Schuhmachers absperrte und den Schlüssel
einsteckte. -- -- --
Mary Faatz war vorausgelaufen, um den Gästen Mäntel und Hüte aus dem Zimmer
im vierten Stock zu bringen und dann einen Wagen zu holen.
»Wenn nur der König aus Mohrenland wiederkommt; wir haben ihn ohne Abschied
ziehen lassen; oh Gott, warum ist das Fest der Wiedergeburt so traurig
verlaufen!« jammerte Fräulein de Bourignon, als sie mit Swammerdam, der
ihnen das Geleite gegeben hatte und wortkarg mit verstörtem Gesicht neben
ihnen stand, vor dem Haustor auf die Droschke warteten, die sie in das
Béginenstift, Eva in ihr Hotel und Doktor Sephardi nach Hause bringen
sollte; -- aber das Gespräch stockte bald und wollte nicht wieder in Fluß
kommen.
Die Geräusche des Volksfestes in der Warmoesstraat waren erstorben, nur
hinter den verhängten Fenstern der Schenke am Zee Dyk spielte noch ein
Banjo wilde Tänze.
Die Wand des Hauses, die gegen die Nicolaskirche gekehrt war, lag in tiefem
Schatten, -- die andere Seite, auf der die Giebelkammer des Schusters hoch
über der Gracht in das ferne Nebelmeer des Hafens hineinsah, glitzerte naß
und weiß in grellem Mondlicht.
Eva trat an das Geländer, das die Gasse gegen die Gracht abschloß, und
blickte in das schwarze, unheimliche Wasser.
Wenige Meter von ihr entfernt berührte die eiserne Kette, die vom Dachkran,
am Fenster des Schuhmachers vorbei, herabhing, mit dem untern Ende einen
schmalen, kaum fußbreiten Mauervorsprung.
Ein Mann stand in einem Boot und machte sich an der Kette zu schaffen; als
er die helle Frauengestalt erblickte, bückte er sich rasch nieder und
wandte den Kopf weg.
Eva hörte den Wagen um die Ecke kommen und eilte fröstelnd zu Sephardi
zurück; -- einen Herzschlag lang, sie wußte nicht warum und wieso, war die
Erinnerung an die weißen Augen des Negers wieder in ihr wach geworden. --
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Der Schuster Klinkherbogk träumte, er ritte auf einem Esel durch die Wüste,
an seiner Seite die kleine Katje, und vor ihm her schritt als Führer der
Mann mit der Hülle vor dem Antlitz, der ihm den Namen Abram gegeben hatte.
Tag und Nacht ritt er so, da sah er am Himmel eine Luftspiegelung, und ein
Land, üppig und herrlich, wie er noch nie eins gesehen, senkte sich herab,
und der Mann sagte ihm, es hieße Morija.
Und Klinkherbogk klomm einen Berg empor, baute einen Holzstoß und legte
Katje oben darauf.
Dann reckte er seine Hand aus und faßte das Messer, daß er das Kind
schlachte. Sein Herz war kalt und ohne Mitleid, denn er wußte nach der
Schrift, daß er einen Widder opfern werde zum Brandopfer an Katjes Statt.
Und als er das Kind geopfert hatte, nahm der Mann die Hülle vom Gesicht,
das glühende Zeichen auf seiner Stirn verschwand und er sprach:
»Ich zeige dir, Abraham, mein Angesicht, auf daß du von nun an das Ewige
Leben habest. Das _Zeichen_ des Lebens aber nehme ich von meiner Stirne,
damit sein Anblick dir nimmermehr dein armes Hirn verbrenne. Denn meine
Stirn ist deine Stirn und mein Antlitz ist dein Antlitz. Dies, wisse, ist
in Wahrheit die »zweite Geburt«: daß du eins bist mit mir und erkennest,
daß ich, dein Führer zum Baum des Lebens, du selbst gewesen bist. --
Viele sind, die mein Gesicht gesehen haben, aber sie wissen nicht, daß es
die zweite Geburt bedeutet, darum mag es sein, daß sie das ewige Leben
jetzt nicht finden.
Noch einmal wird der Tod zu dir kommen, ehe du durch die schmale Pforte
schreitest, -- und vorher die Taufe mit Feuer als brennendes Bad des
Schmerzes und der Verzweiflung.
Du hast es selbst so gewollt.
Dann aber wird deine Seele in das Reich, das ich dir bereitet habe,
eingehen, so wie ein Vogel aus seinem Kerker fliegt ins ewige Morgenrot.«
--
Klinkherbogk sah, daß das Antlitz des Mannes aus grünem Golde war und den
ganzen Himmel erfüllte, und er erinnerte sich einer Zeit, da er als junger
Mensch, um denen den Pfad ebnen zu helfen, die nach ihm kämen, im Gebet ein
Gelübde getan hatte, er wolle keinen Schritt mehr vorwärts gehen auf dem
geistigen Wege, es sei denn, daß der Herr des Schicksals die Bürde einer
ganzen Welt auf ihn lege.
Der Mann verschwand.
Klinkherbogk stand in tiefer Finsternis und hörte ein donnerndes Rollen,
das langsam verblaßte, bis es nur mehr klang, als rassele in weiter Ferne
ein Wagen über holpriges Pflaster. Allmählich kam er zu sich, das Traumbild
in seinem Gedächtnis verblich und er sah, daß er in seiner Dachkammer war
und -- eine blutige Ahle in der Hand hielt.
Der Docht der herabgebrannten Kerze kämpfte mit dem Verlöschen und der
flackernde Schein ließ das Gesicht der kleinen Katje, die erstochen auf dem
zerschlissenen Divan lag, fahl aus der Dunkelheit aufzucken.
Der Wahnwitz einer grenzenlosen Verzweiflung fiel über Klinkherbogk her.
Er wollte sich die Ahle in die Brust stoßen, -- die Hand gehorchte ihm
nicht. Er wollte aufbrüllen wie ein Tier, -- ein Krampf hatte seine
Kinnlade gepackt und er konnte den Mund nicht öffnen, -- er wollte sich den
Schädel an der Wand zerschmettern, -- seine Füße taumelten, als wären sie
in den Gelenken zerbrochen.
Der Gott, zu dem er sein ganzes Leben lang gebetet hatte, wachte in seinem
Herzen auf, zur grinsenden Teufelsfratze verwandelt.
Er wankte zur Tür um Hilfe zu holen, rüttelte daran, bis er zusammenfiel,
-- die Tür war verschlossen.
Dann schleppte er sich zum Fenster, riß es empor und wollte nach Swammerdam
schreien, -- da hing zwischen Himmel und Erde ein schwarzes Gesicht und
starrte ihn an.
Der Neger, der an der Kette heraufgeklettert war, schwang sich ins Zimmer.
Einen Augenblick sah Klinkherbogk einen schmalen, roten Streifen unter den
Wolken im Osten; -- wie ein Blitz kam ihm die Erinnerung wieder an seinen
Traum, und er breitete sehnsüchtig die Arme nach Usibepu aus wie nach dem
Erlöser.
Der Neger prallte entsetzt zurück, als er das verklärte Lächeln in
Klinkherbogks Zügen bemerkte, dann sprang er auf ihn zu, faßte ihn am Hals
und brach ihm das Genick.
Eine Minute später hatte er sich die Taschen mit dem Gold vollgestopft und
schleuderte die Leiche des Schusters aus dem Fenster.
Klatschend fiel sie in die trüben, stinkenden Gewässer der Gracht, und über
den Kopf des Mörders hinweg flog die Elster in die Morgendämmerung mit dem
jauchzenden Jubelruf: »Abraham! Abraham!«
Sechstes Kapitel
Hauberrisser hatte bis gegen Mittag geschlafen, trotzdem spürte er eine
bleierne Müdigkeit in allen Gliedern, als er die Augen aufschlug.
Die Spannung, zu erfahren, was in der Rolle stand, die ihm in der Nacht
übers Gesicht gelaufen war, und woher sie gekommen sein könnte, hatte ihn
den ganzen Schlummer hindurch verfolgt wie das gewisse peinigende
Wartegefühl, das einem die Ruhe zu scheuchen pflegt, wenn man sich vor dem
Schlafengehen vornimmt, pünktlich zu einer gewissen Stunde und Minute zu
erwachen.
Er erhob sich, untersuchte die Wände der Nische, in der das Bett stand, und
fand auch bald ohne Mühe das aufklappbare Fach in der Täfelung, in dem sie
offenbar gelegen hatte. Bis auf eine zerbrochene Brille und ein paar
Kielfedern war es vollkommen leer und, nach den Tintenflecken zu schließen,
von dem früheren Bewohner des Zimmers als kleiner Hilfsschreibtisch benutzt
worden.
Hauberrisser bog die Blätter gerade und bemühte sich, sie einigermaßen zu
entziffern.
Die Schriftzüge waren stark verblaßt, an manchen Stellen bereits
unleserlich, und viele Seiten unter dem Einfluß der Mauerfeuchtigkeit
untrennbar zu schimmligem Pappendeckel zusammengebacken, so daß wenig
Hoffnung blieb, sich jemals im Inhalt zurechtfinden zu können.
Anfang und Ende fehlten, und das noch Vorhandene schien, wie die häufige
Ausstreichung von Sätzen verriet, eine Art Entwurf zu irgendeiner
schriftstellerischen Arbeit -- vielleicht zu einem Tagebuch -- zu sein.
Wer der Verfasser gewesen sein mochte, war nirgends ersichtlich,
ebensowenig Datum oder Jahreszahl, die einen Anhaltspunkt für das Alter des
Manuskriptes ergeben hätten.
Mißmutig wollte Hauberrisser die Rolle weglegen und sich wieder
ausstrecken, um die Stunden gestörten Schlummers nachzuholen, da fiel sein
Blick, wie er die Seiten ein letztes Mal durch die Finger laufen ließ, auf
einen Namen, der ihn so erschreckte, daß er einen Moment zweifelte, richtig
gelesen zu haben.
Leider war die Stelle bereits verblättert und seine Ungeduld, sie
wiederzufinden, machte die Arbeit des Suchens vergeblich.
Dennoch hätte er einen Eid schwören mögen, daß es der Name »Chidher Grün«
gewesen sein mußte, der ihm aus dem Dokument entgegengesprungen war. Er sah
ihn deutlich vor sich, wenn er die Augen schloß und sich die betreffende
Stelle vergegenwärtigte.
Die Sonne strahlte heiß durch das vorhanglose, breite Fenster herein; das
Zimmer mit den gelbseiden bespannten Wänden war mit goldenem Glanze
erfüllt, und doch, trotz all der Pracht des Mittagszaubers, faßte
Hauberrisser einen Augenblick das Grauen an; ein Grauen, das er bisher
nicht gekannt hatte, -- jenes Grauen, das ins Leben tritt ohne scheinbar
zureichenden Grund, aus der Nachtseite der Seele herüberschreit wie ein
Geschöpf der Dämmerung, um sich gleich darauf, geblendet vom Licht, wieder
spurlos zu verkriechen.
Er fühlte, daß es nicht von dem Manuskript ausging, auch nicht mit dem
abermaligen Hereinspielen des Namens Chidher Grün in Zusammenhang stand; --
es war das plötzliche, tiefe Mißtrauen gegen sich selbst, das ihm bei
hellem Tage den Boden unter den Füßen wegzog.
Rasch beendete er seine Toilette und klingelte.
»Sagen Sie mal, Frau Ohms,« fragte er die alte Haushälterin, die ihm seine
Junggesellenwirtschaft führte, als sie das Frühstück auf den Tisch stellte,
»wissen Sie zufällig, wer früher hier gewohnt hat?«
Die Alte dachte eine Weile nach.
»Gehört hat das Haus vor vielen Jahren, so weit ich mich erinnern kann,
einem bejahrten Herrn, der, wenn ich mich nicht irre, sehr reich und ein
Sonderling gewesen sein soll. Später stand es lange leer und ging dann in
den Besitz der Waisengelderverwaltung über, Mynheer.«
»Und haben Sie keine Ahnung, wie er geheißen hat und ob er noch lebt?«
»Kann leider nicht dienen, Mynheer.«
»Gut, ich danke.«
Hauberrisser machte sich daran, die Rolle nochmals durchzulesen.
Der erste Teil des Manuskriptes behandelte, wie er bald erkannte, einen
Rückblick des Verfassers und schilderte in kurzen, abgerissenen Sätzen das
Schicksal eines Menschen, der vom Unglück verfolgt, alles nur Erdenkliche
versucht hatte, um sich eine lebenswerte Existenz zu schaffen. Aber
jedesmal waren seine Bemühungen im letzten Augenblick gescheitert. -- Wieso
er später, gewissermaßen über Nacht, zu großen Reichtümern gelangt war,
ließ sich nicht ersehen, da ein paar Bogen fehlten.
Hauberrisser mußte mehrere Blätter, die völlig vergilbt waren, ausscheiden;
was darauf folgte, mochte einige Jahre später geschrieben worden sein, denn
die Tinte war frischer und die Handschrift zitterig, wie unter dem Einfluß
zunehmenden Lebensalters. Ein paar Sätze, deren Inhalt eine gewisse
Ähnlichkeit mit seiner eigenen Gemütsverfassung aufwies, notierte er sich
besonders, um den Zusammenhang besser überblicken zu können:
»Wer da glaubt, er hätte das Leben um seiner Nachkommen willen, belügt sich
selbst. Es ist nicht wahr: die Menschheit hat keinen Fortschritt gemacht.
Es scheint nur so. Sie hat nur Einzelne hervorgebracht, die wirklich
fortgeschritten sind. Im Kreise laufen, heißt: nicht vorwärts kommen. Wir
müssen den Kreis durchbrechen, sonst haben wir nichts getan. Die da wähnen,
das Leben beginne mit der Geburt und ende mit dem Tod, -- freilich, die
sehen den Kreis nicht; wie sollten sie ihn durchbrechen!«
Hauberrisser blätterte um.
Die ersten Worte oben am Rande, die er las, schlugen ihm ins Gesicht.
»Chidher Grün!«
Er hatte sich also doch nicht geirrt.
In atemloser Spannung durcheilte er die nächsten Zeilen. Sie gaben so gut
wie keinen Aufschluß. Der Name Chidher Grün bildete das Ende eines Satzes,
auf der Seite vorher fehlte der Anfang; sie gehörte demnach nicht dazu.
Keine Möglichkeit, die Spur weiter zu verfolgen, die doch mit Sicherheit
schließen ließ, daß der Verfasser der Schrift irgendeine feste Vorstellung
mit dem Namen verbunden, -- vielleicht sogar einen gewissen »Chidher Grün«
persönlich gekannt hatte.
Hauberrisser griff sich an den Kopf. Was da mit einemmal in sein Leben
getreten war, sah sich an, als treibe eine unsichtbare Hand ein boshaftes
Spiel mit ihm.
So interessant das Manuskript noch im selben Abschnitt zu werden versprach
-- er konnte die Geduld nicht mehr aufbringen, weiter zu lesen. Die
Buchstaben tanzten vor seinen Augen.
Er hatte es satt, sich noch länger von albernen Zufällen narren zu lassen.
»Ich werde der Sache ein Ende machen!« -- er rief nach der Haushälterin und
beauftragte sie, einen Wagen zu holen -- »Ich fahre ganz einfach in den
Vexiersalon und lasse mir den Herrn Chidher Grün herausrufen,« beschloß er.
Gleich darauf sah er ein, daß sein Vorhaben nicht viel mehr als einen
Schlag ins Wasser bedeutete, »denn«, überlegte er, »was kann der alte Jude
dafür, daß mich sein Name verfolgt wie ein Kobold?« -- aber Frau Ohms hatte
sich bereits auf den Weg gemacht.
Unruhig schritt er im Zimmer auf und ab.
»Ich benehme mich wie ein Wahnsinniger,« legte er sich zurecht; »was geht
mich die Sache eigentlich an? Statt in Ruhe dahinzuleben -- wie ein
Spießbürger,« ergänzte eine hämische Stimme in seiner Brust, und sofort
verwarf er den angefangenen Gedanken. »Hat mir das Schicksal noch nicht
genug Lehren gegeben,« sagte er sich vorwurfsvoll, »daß das Dasein ein
himmelschreiender Unsinn ist, wenn man es so lebt, wie die Menschheit es
tut? Selbst, wenn ich das Hirnverbrannteste begänne, das sich ausdenken
läßt, -- immer noch wäre es gescheiter, als zurückzufallen in den Trott des
Althergebrachten, dessen letztes Ziel ein zweckloser Tod ist.«
Der Ekel am Dasein meldete sich wieder leise in ihm, und er sah ein, daß
ihm nichts mehr blieb, -- wollte er sich von dem später oder früher
unabwendbaren Selbstmord aus Überdruß retten, -- als sich, eine Zeitlang
wenigstens, widerstandslos treiben zu lassen, bis ihm das Geschick entweder
über die Wende hinweg zu einem dauernd festen Standpunkt verhalf, oder ihm
mit ehernen Worten zurief: es gibt nichts neues unter der Sonne, der Zweck
des Lebens ist: zu sterben. --
Er nahm die Rolle, trug sie in sein Bücherzimmer und sperrte sie in seinen
Schreibtisch.
So argwöhnisch gegenüber der Möglichkeit sonderbarer Geschehnisse war er
bereits geworden, daß er das Blatt, auf dem der Name Chidher Grün obenan
stand, abtrennte und in seine Brieftasche steckte.
Es geschah nicht aus Aberglauben, sie könne verschwinden, sondern lediglich
aus dem Wunsche, das Papier greifbar bei sich zu tragen und nicht auf
Erinnerung allein angewiesen zu sein; -- es war die instinktive
Abwehrstellung eines Menschen, der die verwirrenden Einflüsse des
Gedächtnisses vermeiden will und nicht gesonnen ist, auf die Wahrnehmungen
durch die äußern Sinne zu verzichten, falls verblüffende Zufälle das
gewohnte Bild des Alltags ins Schwanken bringen sollten.
»Der Wagen steht unten,« meldete die Haushälterin, »und dies Telegramm ist
soeben abgegeben worden.«
»Bitte komm zuverlässig heute zum Tee. Größere Gesellschaft, unter andern
dein Freund Ciechoñski, leider auch die Rukstinat, Fluch und Enterbung,
wenn du mich im Stiche läßt.
Pfeill«
las Hauberrisser und brummte ärgerlich etwas vor sich hin. Er zweifelte
keinen Augenblick, daß sich der »polnische Graf« unverschämterweise auf ihn
berufen hatte, um Pfeills Bekanntschaft zu machen.
Dann gab er dem Kutscher die Weisung, ihn in die Jodenbreestraat zu fahren.
»Ja, nur zu, mitten durch die Jodenbuurt;« sagte er lächelnd, als ihn der
Mann mit bedenklicher Miene fragte, ob er direkt durch den »Jordaan« --
womit er das Ghetto meinte -- fahren, oder Querstraßen benützen solle.
* * * * *
Bald waren sie mitten drin in diesem seltsamsten aller europäischen
Stadtviertel.
Das ganze Leben der Bewohner spielte sich anscheinend auf der Gasse ab. --
Da wurde im Freien gekocht, gebügelt und gewaschen. Ein Strick hing quer
über die Straße, mit schmutzigen Strümpfen daran zum Trocknen und so
niedrig, daß der Kutscher sich bücken mußte, um sie nicht mit dem Kopf
herunterzureißen. -- Uhrmacher saßen vor kleinen Tischen und glotzten, die
Lupen in die Augen geklemmt, der Droschke nach wie erschreckte
Tiefseefische; -- Kinder wurden gesäugt oder über Kanalgitter gehalten.
Einen lahmen Greis hatte man mitsamt dem Bett, unter dem ein Nachtgeschirr
stand, vor ein Haustor getragen, damit er die »frische Luft« genießen
könne, und daneben an einer Straßenecke hielt ein schwammig aufgedunsener
Jude, von oben bis unten beklettert von bunten Puppen wie Gulliver mit den
Zwergen, Spielzeug feil und rief dazu, ohne Atem zu schöpfen, mit einer
Stimme, die klang, als trüge er eine silberne Kanüle im Kehlkopf:
poppipoppipoppipoppipoppi.
»Kleerko, Kleerko, Kle--e--erkoooop,« dröhnte eine Art Jesajas mit Talar
und schneeweißen Ohrlocken, der sich den Handel mit alten Kleidern als
Lebenszweck auserkoren hatte, dazwischen, schwenkte eine einbeinige Hose
wie ein Siegesbanner über dem Haupte und winkte Hauberrissern zu, ihn mit
seinem Besuch beehren zu wollen und ungeniert abzulegen.
Dann wieder tönte aus einer Quergasse ein vielstimmiger Chor in den
merkwürdigsten Modulationen: »Nieuwe haring, niwe ha--a--a--ng; aardbeien
-- aare -- bei--je! de mooie, de mooie, de mooie waar; augurkjes, gezond en
goedkoop,« -- ein appetiterregender Gesang, dem der Kutscher mit
andächtigem Gesicht -- obwohl unfreiwillig -- längere Zeit lauschen mußte,
ehe er wieder im Schritt weiter fahren konnte, denn Berge von bestialisch
stinkenden Fetzen versperrten den Weg und mußten erst weggeräumt werden, um
die Straße frei zu machen. Scharen jüdischer Lumpensammler hatten sie
aufgetürmt und schleppten emsig immer noch neue Haufen heran, wobei sie
verschmähten, sich der üblichen Säcke zu bedienen, und die Bündel
schmutziger Lappen der Einfachheit halber unter den halbaufgeknöpften
Kaftans auf dem bloßen Leibe, eingeklemmt zwischen Rippen und Achseln,
trugen.
Es war ein seltsamer Anblick, wie sie als unförmliche Ballen ankamen,
vollgestopft mit Lumpen, um gleich darauf schlank und dünn in rattenhafter
Eile wieder fortzuhuschen. -- --
Endlich wurde die Straße breiter, und Hauberrisser sah den Glasvorbau des
Vexiersalons in der Sonne glitzern.
Es dauerte eine geraume Weile, bis sich das Schiebefenster des Verschlages
-- diesmal weit weniger geräuschvoll und verkaufslustig als gestern --
herabließ, die Büste der Verkäuferin zu enthüllen.
»Womit kann ich dienen, Mynheer?« fragte die junge Dame auffallend kühl und
sichtlich zerstreut.
»Ich möchte gerne Ihren Herrn Chef sprechen.«
»Der Herr Professor ist leider gestern auf unbestimmte Zeit verreist.« --
Die Verkäuferin biß die Lippen schnippisch zusammen und funkelte
Hauberrisser katzenhaft an.
»Ich meine nicht den Herrn Professor, Fräulein, seien Sie unbesorgt; -- ich
hätte nur gern den alten Herrn einen Augenblick gesprochen, den ich gestern
drin hinterm Pult habe stehen sehen.«
»Ach so _den_,« -- das Gesicht der jungen Dame hellte sich auf. -- »Das ist
ein Herr Pedersen aus Hamburg. Der in den Guckgasten g'schaut hat, net
wahr?«
»Nein, ich meine den alten -- Israeliten im Bureau. Ich dachte, ihm gehöre
das Geschäft.«
»Unser G'schäft? Unser G'schäft hat niemals keinem alten Juden nicht
g'hört, mein Herr. -- Wir sind eine ausgesprochen christliche Firma.«
»Meinetwegen. Aber den alten Juden, der gestern drin hinterm Pult gestanden
hat, möchte ich trotzdem sprechen. Tun Sie mir doch den Gefallen,
Fräulein!«
»Mar' and Joseph,« beteuerte die junge Dame und verfiel zum Zeichen, daß
sie die Wahrheit spräche, in das treuherzigste Wienerisch, das ihr in der
Geschwindigkeit zu Gebote stand, »meiner Seel' und Gott, in unser Bureau
darf überhaupt kein Jud nicht, und niemals hat kein solcher nicht drin
g'standen. Und gestern natürlich schon gar nicht.«
Hauberrisser glaubte ihr kein Wort. Ärgerlich dachte er nach, was er tun
könne, um sie von ihrem Mißtrauen abzubringen.
»Also gut, Fräulein, lassen wir das jetzt; aber sagen Sie mir wenigstens:
wer ist dieser 'Chidher Grün', dessen Namen draußen auf der Tafel steht?«
»Auf welcher Tafel, bitte?«
»Um Himmelswillen! Fräulein! Draußen auf Ihrer Ladentafel!«
Die Verkäuferin riß die Augen auf. -- »Auf unserer Tafel steht doch: Zitter
Arpád!« stotterte sie gänzlich verblüfft.
Hauberrisser ergriff seinen Hut und eilte wütend hinaus, um sich zu
überzeugen. -- Im Spiegel des Türfensters sah er, daß die Verkäuferin sich
mit staunender Gebärde auf die Stirn tupfte. -- Als er dann auf die Gasse
trat und zu dem Firmenschild emporblickte, las er -- und das Herz stand ihm
still dabei -- tatsächlich unter der Bezeichnung Vexiersalon den Namen:
Zitter Arpád.
Von »Chidher Grün« auch nicht ein Buchstabe.
Er war derartig verwirrt und fühlte sich so beschämt, daß er seinen
Spazierstock im Laden im Stiche ließ und schnurstracks wegeilte, um so
rasch wie möglich in eine andere Gegend zu kommen.
* * * * *
Wohl eine Stunde irrte er wie geistesabwesend durch alle möglichen Straßen,
geriet in totenstille Gassen und enge Höfe, in denen plötzlich Kirchen, im
heißen Sonnenbrand träumend, vor ihm auftauchten, -- schritt durch
finstere, kellerkühle Torwege und hörte seine Tritte darin hallen wie in
klösterlichen Kreuzgängen.
Die Häuser ausgestorben, als hätte seit Jahrhunderten kein menschliches
Wesen mehr darin gewohnt, -- hier und da eine Angorakatze mitten unter den
grellblühenden Topfblumen auf barocken Fenstersimsen verschlafen ins
goldene Mittagslicht blinzelnd; nirgends ein Laut.
Hohe Ulmen mit regungslosen Zweigen und Blättern ragten aus winzigen grünen
Gärtchen, umstaunt von einem Gedräng uralter Giebelbauten, die mit ihren
schwarzen Fassaden und den hellen Holzgitterfenstern, sauber gewaschen wie
Sonntagsstaat, greisen, freundlichen Mütterchen glichen.
Er ging durch niedrige Schwibbogen, deren Steinpfeiler blank geschliffen
waren im Laufe der Zeiten, in die Dämmerung gewundener Hohlwege hinein --
Sackgassen, eingeengt von hohen Mauern mit schweren, glatten,
festverschlossenen Eichentoren darin, die seit ihrem Bestehen wohl noch nie
eine Hand geöffnet hatte. Moos wuchs zwischen den Ritzen des Pflasters, und
rötlich marmorne Platten mit verwitterten Grabschriften, eingelassen in
Wandnischen, erzählten von Friedhöfen, die einst hier gestanden haben
mochten.
Dann wieder führte ihn ein schmaler Gehsteig an schmucklosen,
weißbestaubten Häusern entlang, unter denen ein Bach hervorschoß. Drinnen
brauste und dröhnte es geisterhaft wie Pochen von riesigen, steinernen
Herzen.
Geruch nach Nässe in der Luft, und in halboffenen Holzröhren, rechtwinklig
zusammengefügt auf glitschigen Geländerstangen, eilte ein klares Rinnsal in
raschem Gefälle hinab in ein Labyrinth morscher, splittriger Plankenwände.
Gleich darauf eine krumme Reihe engbrüstiger, hoher Gebäude, den Tag
verfinsternd, schief, wie dicht vor dem Einsturz, und eins das andere
stützend, als schwanke der Boden.
Eine Strecke Wegs an Bäcker- und Käseläden vorbei, und moorbraun ruhte vor
ihm der Spiegel einer breiten, stillen Gracht unter dem hellblauen Himmel.
Zwei Reihen von Häusern bildeten die Ufer, standen einander fremd
gegenüber, -- die einen klein und bescheiden wie demütige Handwerker, die
andern hochragend, massig, graue Warenspeicher, selbstbewußt und abweisend.
Keine Brücke, die sie verband; -- nur aus einem Sparrenzaun, von dem
Aalschnüre mit rotgrün geringelten Federposen in die Flut hinabhingen,
wuchs ein Baum neugierig schräg hinüber und griff mit seinen Ästen in die
Fenster der Reichen hinein.
Hauberrisser wanderte zurück der Richtung zu, aus der er gekommen war, und
bald umfing ihn wieder ein Stück Mittelalter, als sei dieser Teil der Stadt
hunderte Jahre stehen geblieben in der Zeit.
Sonnenuhren über kostbaren, verschnörkelten Wappen in den Mauern, blinkende
Spiegelscheiben, rote Ziegeldächer, -- kleine Kapellen, in Schatten
getaucht, -- goldene Turmknäufe, emporschimmernd zu den weißen,
pausbackigen Wolken.
Eine Gittertür vor einem Klosterhof stand offen. -- Er ging hinein und sah
eine Bank unter hängenden Weidenzweigen. Ringsum hohes, wucherndes Gras.
Nirgends ein Mensch weit und breit, kein Gesicht hinter den Fenstern. Alles
wie ausgestorben.
Um seine Gedanken zu sammeln, setzte er sich nieder.
Er fühlte keine Unruhe mehr, und die erste Aufregung, es könnte ein
krankhafter Zustand gewesen sein, der ihn einen falschen Namen auf dem
Ladenschild hatte lesen lassen, war längst verflogen.
Viel wunderbarer, als das merkwürdige äußere Begebnis, schien ihm mit
einemmal die fremdartige Denkungsweise zu sein, in der er sich seit einiger
Zeit bewegte.
»Woher kommt es nur,« fragte er sich, »daß ich -- verhältnismäßig doch noch
ziemlich jung -- dem Leben gegenüber stehe wie ein alter Mann? -- So, wie
ich, denkt man in meinen Jahren nicht.« -- Er bemühte sich vergebens, in
seiner Erinnerung den Zeitpunkt aufzufinden, wo diese Wandlung mit ihm
eingetreten sein mußte. -- Wie wohl jeder junge Mensch, war er bis über die
Dreißig hinaus ein Sklave seiner Leidenschaften gewesen und hatte seinen
Genüssen die Grenzen so weit gesteckt, wie es ihm Gesundheit, Spannkraft
und Reichtum nur irgend gestatteten. -- Daß er als Kind besonders
grüblerischer Natur gewesen wäre, war ihm auch nicht erinnerlich, -- wo
stak also die Wurzel, aus der dieses fremdartige, blütenlose Reis
hervorsproßte, das er sein gegenwärtiges Ich nannte?
»Es gibt ein inneres, heimliches Wachstum,« -- erinnerte er sich plötzlich,
erst vor wenigen Stunden gelesen zu haben; -- er holte das Blatt der
Papierrolle aus seiner Brieftasche hervor, suchte die Stelle und las:
»jahrelang scheint es zu stocken, dann, unerwartet, oft nur durch ein
belangloses Ereignis geweckt, fällt die Hülle, und eines Tages ragt ein Ast
mit reifen Früchten in unser Dasein hinein, dessen Blühen wir nie bemerkt
haben, und wir sehen, daß wir Gärtner eines geheimnisvollen Baumes waren,
ohne es zu wissen. -- -- -- Hätte ich mich doch nie verleiten lassen, zu
glauben, daß irgendeine Macht außer mir selbst diesen Baum zu gestalten
vermag, -- wie viel Jammer wäre mir erspart geblieben! Ich war alleiniger
Herr über mein Schicksal und wußte es nicht! Ich dachte, weil ich es durch
_Taten_ nicht zu ändern vermochte, daß ich ihm wehrlos gegenüberstünde. --
Wie oft ist es mir nicht durch den Sinn gefahren, daß: Herr über seine
Gedanken zu sein, auch bedeuten müsse, der allmächtige Lenker seines
Schicksals zu sein! Aber ich habe es jedesmal verworfen, weil die Folgen
solcher halben Versuche nicht sofort eintraten. -- Ich unterschätzte die
magische Gewalt der Gedanken und verfiel immer wieder in den Erbfehler der
Menschheit, die Tat für einen Riesen zu halten und den Gedanken für ein
Hirngespinst. -- Nur, wer das Licht bewegen lernt, kann den Schatten
gebieten und mit ihnen: dem Schicksal; wer es mit Taten zu vollbringen
versucht, ist selbst nur ein Schatten, der mit Schatten vergeblich kämpft.
Aber es scheint, als müsse uns das Leben fast zu Tode peinigen, bis wir
endlich den Schlüssel begreifen. -- -- Wie vielmal wollte ich andern
helfen, indem ich es ihnen erklärte; sie hörten mir zu, nickten und
glaubten, aber es ging ihnen zum rechten Ohr hinein und zum linken wieder
heraus. -- Vielleicht ist die Wahrheit zu einfach, als daß man sie sogleich
zu erfassen vermöchte. -- Oder muß der »Baum« erst zum Himmel ragen, ehe
die Einsicht kommen kann? -- Ich fürchte, der Unterschied zwischen Mensch
und Mensch ist manchmal größer als der Unterschied zwischen Mensch und
Stein. -- Mit einem feinen Spürsinn herauszufinden, was diesen Baum grünen
macht und vor dem Verdorren schützt, ist der Zweck unseres Lebens. Alles
übrige heißt: Dünger schaufeln und nicht wissen, wozu. Doch wie viele mag's
ihrer heute wohl geben, die verstehen, was ich meine? -- -- Sie würden
glauben, ich redete in Bildern, wenn ich's ihnen sagte. Die
Doppeldeutigkeit der Sprache ist's, die uns trennt. -- Wenn ich öffentlich
etwas schriebe über inneres Wachstum, so würden sie ein »Klügerwerden«
darunter verstehen, oder ein »Besserwerden«; so, wie sie unter Philosophie
eine Theorie verstehen und nicht: ein wirkliches Befolgen. -- -- Das
Gebotehalten allein, selbst das ehrlichste, genügt nicht, um das innere
Wachstum zu fördern, denn es ist nur die äußere Form. Oft ist das
Gebotebrechen das wärmere Treibhaus. Aber wir halten die Gebote, wenn wir
sie brechen sollten, und brechen sie, wenn wir sie halten sollten. Weil ein
Heiliger nur gute Taten vollbringt, so wähnen sie, sie könnten durch gute
Taten Heilige werden; so gehen sie den Pfad eines falschen Gottesglaubens
entlang hinab in den Abgrund und glauben, sie wären Gerechte. -- Eine
irrige Demut blendet sie, so daß sie entsetzt zurücktaumeln, wie Kinder vor
dem eignen Spiegelbild, und fürchten, sie seien wahnsinnig geworden, wenn
die Zeit kommt -- und _sein Gesicht blickt ihnen entgegen_.«
Eine Hoffnungsfreudigkeit, die Hauberrisser neu schien -- so lange hatte
sie in ihm geschlafen -- war mit einemmal wieder aufgewacht und erfrischte
ihn, obwohl er einen Augenblick nicht recht wußte -- es auch gar nicht zu
wissen begehrte -- worüber er sich freuen und worauf er hoffen sollte.
Er fühlte sich plötzlich wie ein Glückskind und nicht mehr wie von
boshaften Zufällen genarrt, daß ihm die sonderbare Geschichte mit dem Namen
»Chidher Grün« passiert war.
»Froh muß ich sein,« jauchzte irgend etwas in ihm auf, »daß das Edelwild
aus den unbekannten Wäldern eines neuen Gedankenreichs den Zaun des Alltags
durchbricht und in meinen Garten grasen kommt, -- froh, und nicht
bedenklich, bloß weil ein paar alte morsche Stakete darüber kaput gehen.«
Daß
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