Guirlanden um Die Urnen der Zukunft
by A. K. Ruh · German · Gutenberg #45644 · 328,986 chars · public domain (US)
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Title: Guirlanden um Die Urnen der Zukunft
Author: A. K. Ruh
Release date: May 14, 2014 [eBook #45644]
Most recently updated: October 24, 2024
Language: German
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/45644
Credits: Produced by Jens Sadowski (based on page scans made
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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GUIRLANDEN UM DIE URNEN DER ZUKUNFT ***
Guirlanden
um
Die Urnen
der
Zukunft.
Eine
interessante, originelle
Familiengeschichte
aus dem drei und zwanzigsten Jahrhunderte
von
A. K. Ruh.
Leipzig 1800.
Im Verlag der Jos. Poltischen Buchhandlung.
Guirlanden
um
Die Urnen
der
Zukunft
Eine
Familiengeschichte
von
A. K. Ruh.
In drei Theilen oder Abschnitten.
Prag und Leipzig 1800.
Im Verlag der Jos. Poltischen Buchhandlung.
Dem
Herrn Stadtrath
Franz Pablitschek,
und
seiner Gemahlin
zugeeignet
vom
Verfasser.
Potui quod feci.
Erster Abschnitt.
Erstes Kapitel.
Blicke in die Zukunft.
An der unendlichen Uhr der Zeiten wird der Zeiger der Jahrhunderte, auf den
dreiundzwanzigsten Punkt deuten. Fünf Generationen des Menschengeschlechts
werden noch erstehn, wie im Frühling des Jahrs der Fluren Blumengewand
ersteht: wie im Herbste das bunte Laub von krafterschöpften Bäumen rieselt,
werden sie fallen.
Eine neue Mennschensaat wird keimen, sprossen und reifen, gesäet von den
Händen der Zeit.
Schwach und matt noch dämmert die allbelebende Sonne Wahrheit durch den
dichten Nebelflor der Vorurtheile und den dunkeln Wolkendampf des Dünkels;
aber sie werden erhellt werden, sinken werden die Nebel und Wolken, sich
zertheilen und nimmer seyn. Und eine Sonne tritt hervor aus der Schacht des
Wahnes, hell und glänzend wie der geläuterte Morgen nach der Sturmnacht,
mild wie der Thau in Perlen am Frühlingshalm, und labend wie Abendkühle den
schweißtriefenden Schnitter. Edle Thaten der Menschen verketten und
verdrängen sich vor meinem Blicke, wie lieblich in einander flirrende
Träume. Ein Odem durchweht die eine Seele der neuen deutschen Familien;
geadelt durch Geistes und Herzenkraft handlen sie edel und -- menschlich.
Aus dem bunten Gewirr künftiger Begebenheiten drängt sich mir eine vor
allen auf -- nicht der Schönsten, schönste, aber auch nicht der Edelsten
lezte.
Nehmt sie erwartungsvolle Leser, gefällig aus meinen Händen. Schwebet mit
mir in dem Kahne der Fantasie auf, dem Meere der Zeiten 500 Jahre vorwärts.
Seht diese neue Welt um euch und hört. Aber erwartet nicht vollkommen
glükseelige Bewohner, vielleicht den Geistern der uns unbekannten andern
Welt gleich. Auch dann -- laßt über unserm Staube noch tausend Generationen
wandeln, laßt Meere austroknen zu Ländern, und Gebirge in Meere sich
verändern -- auch dann bleiben der Erde Bewohner unvollkommne Geschöpfe --
Menschen, gemischt aus guten und niedrigen Neigungen.
Und du, o Genius der Zukunft, der mit sonnigten Finger dem kühnen Späher
den Flor der Nacht vom Sonnenhell der Zukunft hobst, belebe meinen Pinsel,
daß ich mahle, mit jenen Farben mahle, so die Natur zeichnet, die einst als
der alleinige Ring alle Seelen umringen wird. Daß vielleicht wenn ich
Stäubchen lang in Vergessenheit verwitterte, jene Vorwelt meiner Kühnheit
lächelt, und spricht: Dieser las im Buche der Zukunft.
Zweites Kapitel.
Graf von Wallingau.
Nicht Erbrecht, nicht Geburt, der Geist
macht groß und klein.
_Hagedorn_.
Edle Thaten, Verdienst um das Wohl der Nation, oder Erfindungen, welche den
Menschen nützen, und sie erhöhen, adeln den Bürger des Staats. Er sey der
Sohn eines Fürsten oder eines Ackermanns.
Der erfahrneste, weiseste Mann ist der Kaiser Germaniens; gleich verdient
um sein Vaterland durch mannigfaltige Kenntnisse, Geistes und
Herzenstugenden, als auch berühmt durch erhabne Handlungen um das Wohl des
Menschengeschlechtes. Ausgezeichnete Vorzüge, alle gemein erkannte
Ueberlegenheit an den trefflichsten Eigenschaften über alle, machen ihn des
Thrones würdig.
Der Bürger, der gleichfalls nur durch moralische Vorzüge, und ohne diesen
unedel war, und sollte er des Goldes vollauf haben, lebte froh und
ungestört im Genuße der Früchte seiner Thätigkeit; häuslich und voll der
Liebe, voll der innigen Verehrung seines Kaisers, der ein Vater aller war,
lebte er begeistert vom Gefühl des Friedens im Ueberfluß.
Unter so manchen Biedermännern gab es einen gewissen Grafen von Wallingau,
der Edelsten einer die Germaniens Boden trug.
Sein Vater war ein Landmann gewesen, stark und schlicht, wie sein Pflug,
mit dem er sein Brod baute; herzensgut und redlich. Sein ungemeiner Fleiß
erwarb ihm ein großes Vermögen, das ohngeachtet seiner Mildthätigkeit die
oft sogar an Verschwendung gränzte, immer grösser wuchs, und nach seinem
Tode dem einzigen Sohne Welly zufiel, der seinem kindlich betrauerten Vater
nacheifernd Herzensgüte mit Talent, Seelenstärke mit Eifer und Thätigkeit
vereinte, um so seinem Vaterlande Ehre und Vergnügen zu machen.
Anfangs blieb auch Welly bei dem Geschäfte, des Ackerbaus. Die Natur seine
stäte Führerinn, hatte den Drang zu Wissenschaften in sein Herz gelegt, der
immer stärker und endlich zum Bedürfnisse ward, das Befriedigung heischte.
Die Naturgeschichte war unter vielen andern Gegenständen, welche die
treffliche Einrichtung des Staats jeglichem Gliede zur Kenntniß ans Herz
legte, sein Lieblingsstudium. Das von seinem Vater ererbte Vermögen sezte
ihn in den Stand seine Wißbegierde auf Reisen zu sättigen. Er durchzog
einige Jahre lang im Vaterlande und den angränzenden Reichen die Fluren der
Gelehrsamkeit, sog überall den Honig aus den Blumen, und kam ein geschikter
Physiker in seine heimischen Auen zurük, wo er rastlos seinem Fache oblag
und es darinn soweit brachte, daß er in einem Raum von acht Jahren durch
unermüdetes Forschen und Streben verschiedene nützliche Maschienen erfand.
Dies, und Wellys geschäzte Eigenschaften überhaupt, vorzüglich seine
Verdienste um die Armen, denen er oft im größten Frost, Holz, Speise und
Kleider und Geld trug, wurden denn auch belohnt, da überall Gerechtigkeit
in der Belohnung des Verdienstes und Aufmunterungseifer die ganze Nation
beseelte.
Eben war durch den Tod des Besitzers die Grafschaft Wallingau leer. Welly
ward als Kandidat vorgeschlagen, und da seine Verdienste grösser und edler
als jene aller andern Kandidaten waren, so entschied für Welly der Kaiser,
und Welly ward Graf von Wallingau.
Drittes Kapitel.
Der Spaziergang in das Kastanien Wäldchen.
In seeligen Frieden lebte nun der neue Graf den Mittag seines Lebens. Eine
treue zärtliche Gattin zur Seite. Sie geliebt und nachgeeifert von allen
Mädchen und Frauen, er das Muster, nach dem sich die Jünglinge der Gegend
und des Dorfes bildeten, das im halben Kreise das gräfliche Schlos umgab.
So war Elisium ihr Ländchen, und glükliche Unterthanen, thätig und reich,
segneten mit frohen Thränen die Stunde, die ihnen dieser Vater gebahr,
bekränzten im blühenden Frühling als eines Heiligen Statue das
Ehrendenkmal, so die Gemeinde Wellys den verstorbnem und von Jedem
geschäzten Vater gesezt hatte, und dankten der Vorsicht die im Sohne den
Todten erstehen ließ.
Zur ungemeinen Erhöhung des Lebens, gebahr Wellys geliebte Gattin Jadilla
zwei Kinder. Salassin einen Knaben, ganz das Bild des Vaters, und ein
Mädchen das den Namen der Mutter und den schönsten Keim zur künftigen
Grazie trug.
Also waren in beneidenswerthen Freuden sechs Jahre entflohn, schnell wie
ein Pulsschlag und hold wie ein blühender Frühling. Salassin zählte sechs
und die plappernde Jadilla vier Sommer. Aber nun erwachte das Glük, das im
achtzehnten wie im 23. Jahrhundert nie das menschliche Leben ungetrübt
läßt, aus seinem Schlummer, und schüttete Wermuth in den Kelch der Freude.
Eben streifte mit rosichten Finger der Morgen vom dämmernden Kastanienhaine
die Nebelwolken der Nacht. Der Sonne halbe Goldscheibe strahlte hinter dem
östlichen Berge hervor, und der Thau rann an Grashalmen in spiegelnde
Perlen.
Da saß Welly mit seiner kleinen Familie im elisischen Parke des Schlosses
am Frühmale. In einer duftigen Schasminlaube mit grünen Bänken und einem
Mahonitischchen, genoßen sie das ländliche Mahl von frischgemolkner Milch,
gewürzt von vertraulichen Scherze der Gattin, und naiven Fragen und
Schäckereien der herzigen Kinder; voll Heiterkeit der Seele wie der Morgen,
der durch die Lichträume des Schasmingeflichts seinen purpurnen Strahl, auf
die liebliche Milch und die Wangen der Frohen goß.
»Wie so herrlich der Morgen auf uns lächelt, meine Jadilla! -- sprach der
muntre Vater und drückte inniger der Gattin Hand. Wie alles lebt und sich
regt! Düftet und blühet! Wollen wir nicht einen Spaziergang in das nahe
Kastanienwäldchen machen, das dort an dem Berge in bläulichen Gruppen an
den Wald sich schließt? Komt! komt meine Trauten! Schöner ist Mutter Natur
im Freyen! Dort athmen wir den Odem der Liebe, die uns das allwirkende
Wesen in jedem Grashalm und Wurm erkennen läßt! Komt!
Ja! -- lieber Vater! -- rief hastig der muthige Salassin, und küßte ihm die
Hand. -- Ich will Schmetterlinge fangen, so schöne Schmetterlinge, wie du
aus dem fremden Lande gebracht hast.
Ja ja! -- liebe Mütterchen -- stammelte hüpfend die kleine Jadilla, und
schmiegte sich an die Mutter. Schöne Blümchen da giebts -- dir Sträuschen
und dem Vater auch, und dem Salassin auch -- komt! komt! mit dir im Grase
springen.
Mit einem zärtlichen Blick, der ganz die Seeligkeit des Gefühls ausdrückte,
so das holde Geschwätze der Unschuld erregte, begegneten sich die Gatten,
und wandelten auf das Kastanienwäldchen zu; ein Diener folgte mit dem
Sonnenschirme.
Dies war die gewöhnliche Stunde, in der Welly seine Kinder belehrte. Am
Morgen wo die Seele heiter und sorgenlos, gefühlvoller das Herz für das
Schöne der Natur, und faßlicher für jeden Unterricht ist nahm er sie in das
Freye mit, und brachte seinen Kindern angemessene Begriffe von Gott und
manchen andern Sachen bei. Der Schmetterling, den Salassin mühsam gefangen,
das Blümchen so Jadilla gepflükt, war Stoff und Gegenstand, von dem er auf
den Urheber und Erhalter des Universums in leichten Gesprächen kam, und so
die Begriffe von Milde, Güte, Weisheit und Ordnung des Urwesens spielend in
das Herz und Gedächtniß der Kinder pflanzte.
Auf schlängelnden Wegen der Wiesen, die ein Kieselbach murmelnd in zwei
Fluren theilte, neben rauschenden Weidengesträuchen Hollunder und
Hagedornhecken giengen sie dahin im lachenden Thale, und achteten nicht des
glänzenden Thaues, der ihre Schuhe benäßte.
Da rief ein singendes Mädchen, die blinzelnde Sichel in der Hand, unter
welcher die Blumenglieder stürzten, der kommenden Familie herzlich und
lächelnd ihren Morgengruß zu. Dort am Fahrwege that es ein Ackersmann
hinter dem knarrenden Pflug -- hier ein Knabe, der zottige Ziegen am Felber
weidete -- dort der Schaafhirt am Abgang des Hügels mit der Flöte.
O Natur! Natur wie bist du so schön! -- rief Welly über den Anblik dieser
Szenen entzükt, und schmiegte sich heißer an die mitfühlende Gattin.
Endlich nahm sie das niedliche Kastanienwäldchen in seinen moosichten
Schoos auf. Sie lagerten sich im Schatten, denn die Sonne stand schon viel
höher über den waldigen Ostberg, und die wachsende Schwüle trieb die
Wandlenden ins erfrischende Kühl. Salassin und Jadillchen jagten herum in
riechenden Wacholderbüschen, und liefen bald einem Schmetterling, bald
einem Blümchen nach. Ein bunter Vogel flog um den andern auf, und der Knabe
wußte nicht, welchem er folgen sollte: ein Waldblümchen um das andere lokte
das kleine Mädchen, das schon alle Händchen vollgepflükt hatte. Immer warf
sie die Gepflükten hinweg, und brach sich Neue. Willot der Diener hatte
Mühe, die beiden im Gesichte zu erhalten, er folgte bald diesem, bald
jener, sie liefen zertheilt herum, und kaum rief er den hastigen Salassin,
war ihm schon wieder das geschäftige Jadillchen aus dem Auge.
Die kleine Pflückerinn verlor sich denn dabei einmal soweit in einen
Birkenschlag, daß Willots Ruffen sie nicht mehr hörte. Sie verfolgte die
Blüthen, im eifrigen Pflücken hatte die Schuhe verlohren, das florne
Schürzchen und das leichte Kleid an den Dornen der Hambutensträuche
zerrissen, und gerieth endlich soweit, bis sie unvermuthet am Ende des
Schlages um den ganzen Hügel herum gekommen war, wo sie ein Thal, das sich
vor ihren Füssen aufschlos, mit einiger Verwirrung erblikte.
Sie kam eben auf eine Strasse, ein neues schöneres Blümchen blühte vor ihr,
sie grief nach ihm, und ach! -- eine Biene stach Jadillchen in das weiße
Händchen.
Der Schmerz erpreßte ihr Thränen und sie weinte laut.
Eine Kutsche rollte grade die Strasse heran, darinn saß eine ältliche Dame.
Sie ließ den Kutscher halten.
»Warum weinst du? Mädchen! -- sagte die Dame freundlich. Ein Bienchen hat
mich stochen -- in die Hand hat es mich stochen! -- weinte das Mädchen und
blies auf die brennende Wunde.
»Was machst du denn da im Walde?«
Blümchen pflüken dem Vater und Mutter und Salassin.
»Wo ist denn Vater und Mutter?«
Jadillchen schaute sich herum, die neue Gegend verwirrte sie, sie zeigte in
das fremde Thal hinab wo ein Dorf lag. Da ist Mutter!
»Komm mit mir Mädchen, weine nicht, ich will dein Händchen heilen!«
Ja du bist nicht meine Mutter.
»Komm ich bringe dich zu ihr, du möchtest dich verlaufen!«
Jadillchen ließ sich nicht zweimal bitten, man hob sie in den Wagen, und
die Dame beschäftigte sich mit dem Bienenstich, der das arme Kind so
schmerzte, daß es Mutter und Vater, Salassin und Blümchen vergaß, und
weinte. Die Dame zog ein Balsambüchsgen heraus, und der Schmerz ließ nach,
sie fuhren dem Dorfe zu, auf das die wirre Jadilla gezeigt hatte.
Viertes Kapitel.
Auf Sonnenschein folgt Regen.
Willot hatte damals Salassin nachgeruffen, der nach einer ganz
entgegengesezten Seite des Birkenschlages lief; und weil er nicht folgen
wollte, sprang Willot ihm nach, um ihn mit Jadillen beisamm zu erhalten.
Aber der Knabe zerrte sich und entlief dem Diener immer weiter; so geschah
es denn, daß jenseits das Mädchen ganz aus den Augen schwand, und schon mit
der Dame fortfuhr, als er den muthwilligen Salassin kaum noch gebändigt
hatte.
Nun lief er den ganzen Schlag durch. Jadillchen! Jadillchen! Aber
Jadillchen war verschwunden, das Echo wiederhallte die Antwort: Jadillchen!
Fort über Stock und Stein durch Hecken und Sträuche suchend und ruffend;
aber Jadillchen war verschwunden. Müde gelaufen und heiser geschrien lief
er auf die Eltern zu, und konnte kaum ein Wörtchen vor Bestürzung stammeln.
Salassin saß dem Vater zur Seite abgemüdet vom Papilionenfang.
Wo ist Jadillchen? -- fragte die Mutter.
Daß sie sich nicht verirre! Der daranstossende Wald ist groß und verworren.
-- Fügte der Vater bei.
Ach Herr! -- stotterte der todtenblasse Willot. -- Ich kann kaum mehr
sprechen -- überall war ich -- Jadillchen ist verschwunden! -- Er sprachs
keuchend und lief sogleich wieder in den Schlag, lieber athemlos, müd und
erschöpft bei dem Suchen liegen zu bleiben, als hier die erschrokenen
Gesichter länger anzusehn.
Welly eilte nach, mit Mutter Jadilla an der Hand. Salassin folgte den
Vorauslaufenden.
Sie suchten und riefen, und riefen und suchten; aber freylich -- vergebens.
Mit jedem Pulsschlage ward ängstlicher die bange Mutter, besorgter der
Vater.
Die Sonne stand hoch am Himmel, die Schwüle des Tages, die heftige Bewegung
im Herumrennen, und die Angst ermattete bald die Forschenden. Jadilla gieng
eilig dem Schlosse zu frische Leute zu schicken. Eine Kutsche ward
bespannt, sie fuhr mit andern ins Wäldchen zurük.
Die Hälfte der Dorfbewohner vergaß des Mittagmahles, das sie eben genoßen,
vergaß Ruhe und Geschäfte, und lief der Gräfinn nach in das Wäldchen.
Vereint suchten Alle -- kein Pläzchen im Walde blieb unbesehn: aber
freylich -- das Mädchen ward nicht gefunden.
Müde und matt schliechen die Guten zurük: bestürzt kam der Vater,
todtenblaß die Mutter in das Schloß: ihres Kummers heiße Thränen bewegten
auch den Knaben Salassin zum weinen, und er rief schluchzend: »So ist
Jadillchen nicht da? Jadillchen! ach Jadillchen! bist verloren! nun
springst du nimmer mit mir im Grase herum!
Zwei unbeschreiblich jammervolle Nächte waren bereits vorüber, der Mutter
schienen sie Jahrhunderte, und noch war keine Spur. Am zweiten Morgen kam
endlich Welly zurük -- mit seinen Leuten: sie hatten alle an den Hügel
anstossende Wälder durchspürt, in den nahen Dörfern herumgefragt, ach! des
Vaters Besorgniß ward folternder Schmerz; denn alle Mühe war vergebens.
Aus dem Fenster sah die Hoffnung und Furcht erschütterte Jadilla dem
kommenden Gatten, entgegen, sie sprang eilends hinab auf den Platz vor dem
Schlosse; halberschöpft war sie, denn Tag und Nächte hatte sie durchhärmt
Ruhe und Schlummerlos. Er komt! Er komt! und bringt mein geliebtes Kind
wieder! -- rief sie von Freude gespannt, und drängte sich entgegen den
Kommenden; aber die Kutsche war leer an Jadillchen.
Welly sprang heraus und fieng sie in seine Arme. Mein Kind -- schrie sie,
und sank leblos auf den kummervollen Gatten.
Jadilla! Jadilla! Mein Weib! -- Erwache! Erwache! rief Welly erschüttert,
und schlos die Ohnmächtige ungestimzitternd an sein Herz.
Das Volk drängte sich geschäftig an das blasse Paar, und Thränen der
innigsten Theilnahme glänzten in jedem Auge. Ein Fläschgen Kraftgeistes
ward gebracht, ein Tropfe auf die Schläfe -- Jadilla schlug die Augen auf.
-- Wo ist meine Tochter? fragte sie mit matter Stimme.
Sie lebt! Sie lebt! -- rief das Volk untereinander, und freute sich wieder.
Sie lebt? Wo? Wo? -- fragte hastig erhohlt die Mutter.
Jadilla! Mein Weib! Sey getröstet! -- versezte Welly, indem er die Wankende
dem Zimmer zu führte. -- Wir sehen Jadilla wieder -- sey getröstet!
In der Schlosallee wand sich zur versammelten Gemeinde der edle Pfarrer des
Dorfes, entblöste sein schneelockigt Haupt, und begann mit zitternder
Stimme: »Meine Kinder! --
Aber der Haufe errieth sogleich, was er wolle, man ließ ihn gar nicht
ausreden -- Jeder, der gesunde und auch nur halbgesunde Füsse hatte lief
begeistert fort. Zwei Drittheile des Dorfes strömten dem Walde zu,
zertheilten sich in alle Gegenden, forschten überall, suchten alles aufs
neue durch, kamen viele Meilen weit in der Runde herum, keine Seele hatte
zum Unglük das kleine Mädchen, so nun den vierten Tag schon verschwunden
war, gesehen; sie wiederholten ihre Mühe; aber -- edles Völkchen! dein ward
nicht die Wonne den geliebten Grafen, die verehrte jammervolle Mutter zu
trösten mit dem gefundenen Kinde, an dem sie mit ganzer Seele hieng!
Fünftes Kapitel.
Der Gasthof.
Jadillchen fuhr inzwischen mit der fremden Dame immer weiter von der
heimischen Flur. Sobald ihr Wundenschmerz nachgelassen hatte, wurde das
Mädchen sehr munter, sie plauderte mit der Dame, die ihr allerlei
Näschereien gab und mit ihr spielte. Die niedliche Schwätzerinn behagte
jener immer mehr und mehr, so daß in der Seele der Fremden der Wunsch sich
regte: Wenn doch das liebe Kind bei mir bleiben könnte.
Endlich wekte der Anblik eines fremden Schlosses sie aus dem Spiele, und
Jadillchen schlug vor Freuden die Händchen zusammen: Mütterchen! Mütterchen
da ist! Vater und Salassin.
Das unbekannte Frauenzimmer mochte es aber nur zu gut merken, daß
Jadillchen durch die noch ungesehnen Bilder nicht wisse, wo es sey. Sie
ließ vor dem Schlosse den Wagen halten, stiegen ab, ein finstrer grämlicher
Mann trat tiefsinnig aus dem Gebäude, und gieng dem Garten zu, ohne beide
eines Blickes zu würdigen.
Ist das der Vater? -- fragte die Dame, die Jadillchen bei der Hand hielt.
Jadillchen schüttelte bestürzt den Kopf, und sah bald das Haus, bald ihre
Gefährtin an.
So müssen wie weiter fahren!
Jadillchen schluchzte. »Da ist nicht Vater und Mutter und Salassin!«
Wir werden sie schon finden! tröstete sie die Dame, und hob sie wieder in
den Wagen, wo das Mädchen durch den Reitz artiger Spielwerke bald wieder
allen Kummer vergaß, und nur dann es fallen ließ und Mütterchen! rief, wenn
sie ein Weib irgendwo oder ein Gebäude, dem väterlichen Schlosse ähnlich,
erblikte.
So fuhren sie ungefähr, bis der heiße Mittag allmählig seine segnenden
Strahlen auf die Fluren warf. Der Staub wirbelte in leichten Wolken unter
den Hufen den Rosse und Rädern des Wagens, und die schwüle Luft länger zu
athmen, war der Reisenden zu beschwerlich -- Sie kehrten in einem der
nächsten Gasthöfe an der Landstrasse grade zur Zeit schon ein, als Willot
dem Grafen anzeigte, Jadillchen könne er nicht finden.
Der Wirth des prächtigen Gasthofes, ein höflicher artiger Mann, kam ihnen
sogleich entgegen, und half den Ankommenden aus der Kutsche: faßte die Dame
beim Arme und erschrak als er ihr ins Gesicht blickte. Doch verbarg ers und
wies ihr ein Zimmer an, worinn alles war, was der bedürfnißvolleste Mensch
nicht gebraucht hätte, und doch war es blos ein noch ganz gewöhnliches
Zimmer. Tapeten üppiger an Gold und Seide als vor 500 Jahren Persiens
Monarchen sie besaßen, dekten die Wände: grünsamtne Ottomanen zum Ausruhn,
niedliche mit den schönsten Holzgattungen ausgelegte Tische, Spiegeln in
den Fensterläden und an den Wänden mit silbernen Rahmen. -- Ein Wink und
zwei geschäftige Diener flogen um das Verlangte.
Jadillchen machte große Augen. Außer den Gemächern des väterlichen
Schlosses, die zwar weit schöner und geschmakvoller waren, hatte das
Mädchen noch keine andern gesehn, und der Reitz der schönen Neuheit
bezauberte sie, daß Mütterchen spät erst wieder ihr in Erinnerung kam.
Sie genossen beide das Mahl. Die Reise hatte den Hunger erregt, und der ist
wie bekannt, nicht nur bei armen Poeten und Schuhflickern unsers
Jahrhunderts, sondern auch im 23. bei Damen und Kindern.
Nach dem Mittagsessen kam der Gastwirth und fragte nach einigen
gewöhnlichen Komplimenten.
Meine Dame, du scheinst mir nicht unsers Landes zu seyn?
»Ich bin hier fremde.«
Vergieb -- daß ich fragen muß, woher? wohin? wer? in welchen Geschäften? --
aber es ist Landessitte.
»Ich komme aus dem roten Kreise Deutschlands, von meinem Bruder dem Edlen
von Winzor, und reise zurük in meine Heimath nach England.
Und das ist ohne Zweifel -- deine Tochter? oder Enkelin das kleine Mädchen
da?
Die Dame nickte halbverlegen: Ja!
Der Gastwirth reichte ein großes Quartbuch mit stark vergoldetem Einbunde
der Dame hin, brachte Schreibzeug, und fuhr fort: -- Ich bitte, sey so gut,
deinen Namen hineinzuschreiben. Es ist Sitte bei uns, alle Durchreisenden
wo sie einkehren aufzuzeichnen. Theils der Ehre wegen, viele Gäste und
vorzüglich Edle aufweisen zu können, theils um aus der Menge der Passagiers
den Standwerth des Gasthofs taxiren zu können.
Die Dame schrieb ihren Namen in das Buch.
Wie? Saline Melson? Aus England?
»Ja! mein Herr!«
Dein Bruder -- Edler von Winzor?
»Ja! wie fragst du so auffallend?«
Und hast du deinen Bruder getroffen?
»Mein Herr --«
Erlaube -- wenn ich nicht irre -- ich habe dich, meine Dame jemal schon
gesehen.
»Sehr möglich wenn du in England vielleicht gewesen --« Sollte dir denn
meine Phisognomie gar nicht eine bischen bekannt vorkommen?
»Wie das? Ich --«
(Der Gastwirth küßt ihr bewegt die Hand) Kennst du --
(Die Dame ward frappirt) Wen?«
(Zu ihren Füssen stürzend) Deinen verstoßnen Sohn nimmer?
»Gott im Himmel mein Sohn! mein Jehnson! -- Die Stirnnarbe!« Sie umarmten
sich zärtlich, und als die erste Begeisterung des Entzückens verflogen war,
rief die Dame:
»Welch frohes Wiedersehen nach langen Jahren!«
Der Gastw. (im Erguß seiner Freude) Ja wohl nach langen, langen Jahren! Wie
so unverhoft! O meine Mutter was hab ich gelitten, was hab ich erduldet,
seit ich aus deinen mütterlichen Armen verstossen bin. Tausendmal wollt ich
zurük an dein Herz, das mich immer zärtlich geliebt, tausendmal zurück in
mein Vaterland fliehen, aber -- ach, mein Vater --
Die Dame. Sohn -- er ist -- gestorben! Er hat --
Der Gastw. Gestorben? Gestorben? Ach, und hat auf seinem Sterbelager --
Die Dame. Den Fluch zurükgenommen, dich gesegnet!
Der Gastw. (freudig) Gesegnet? Gesegnet? O denn Ruhe, Ruhe seiner Asche --
er hat mir ja verziehen, mich gesegnet! O meine Mutter! wie hat mich sein
Fluch in der weiten Welt herumgejagt! Irrend in fremden Ländern, aus meinem
Vaterland gestossen, lebte ich nur zur namenlosen Qual. Von einem Orte zum
andern trieb es mich unaufhörlich, überall und überall verfolgte mich sein
entrüstet Bild. Ueberall und immer klangen in meinen Ohren die Worte des
Grimes: Fluch dir, Schande deines Vaters! Wo ich gieng und stand, wo ich
schlief und wachte, und saß und eilte, klangs um mich und peitschte Ruhe
und Frieden aus mir. Lange, lange, nach vielen Monden konnt ich Fremdling
der Welt keinen Reiz meinem Leben abgewinnen: melankolisch war meine Seele
und durchstürmt von tausend Martern, die mich oft zum verzweifelten
Gedanken des Selbstmordes brachten. In dieser namenlos elenden Lage, meine
Mutter! irrt ich umher in Gottes weiter Welt, ohne Obdach ohne Vater, ohne
Mutter, ohne einem tröstenden Freunde; keine Seele nahm Antheil an meinem
stillen Jammer, der noch immer folternder wurde, je länger ich aus meinem
Vaterlande, von meinen Eltern verstossen, von Marlon getrennt, und
vielleicht, ach vielleicht verwünscht in fremden Ländern herumschweifte.
Bis ich endlich nach Norland kam, wo man mich unter das Kriegsheer steckte,
das gegen meine itzige Heimath Germanien Krieg führte, bis ich hier im
Schlachtgewühl betäubt nur den Retter verlangte, der meine Wunden heilen
auf immer heilen konnte, den Tod. Aber ich fand den Ersehnten nicht. Zu
meiner Stirnnarbe, die mir damals der entflammte Vater mit dem Schwerte
schlug, als er mich fortjagte, gesellten sich neue Wunden -- gefährlich,
tödtlich nennt man sie, aber ich nannte sie heilsam, denn ich meinte der
Tod würde diese Wunden bald heilen.
Die Dame. Mein armer, armer Jehnson!
Jehnson. Aber ich hatte falsch gerechnet -- die Wunden bluteten noch als
ich von den Deutschen gefangen ward. Doch welch eine Gefangenschaft!
Freyheit, Freyheit war sie in diesem teutschen Lande! Die Normänner wurden
einmal um das andermal geschlagen, und zum Frieden gezwungen. Ich ward
wieder gesund, die Gefangenen erhielten die Willkühr, sich zurük zu
begeben, oder wenn sie fleisige Glieder seyn wollten, da sich anzusetzen.
Ich blieb da, man gab mir in wenig Monden das Bürgerrecht, und ich
arbeitete für dies Land. Die Erinnerung an meine Unfälle ward nach und nach
schwächer, ich fand Beruhigung und einige Vergessenheit in meinen Arbeiten.
Die Baukunst war meine liebste Beschäftigung. Man gab mir Mitteln an die
Hand, mich zu bilden, ich bemühte mich mit Freuden dieser Grosmuth gegen
mich Fremdling werth zu seyn, und es gelang mir in einigen Jahren mich
auszuzeichnen. Ich machte einen Riß für ein Gasthaus, und ward aufgemuntert
das Gebäude nach der Angabe aufzuführen. Glüklicherweise stellt ich es her,
und es übertraf an Simetrie, Feste und Bequemlichkeit des Baues alle noch
stehenden Gasthöfe; das Kollegium der Edlen belohnte mich mit diesem besten
Gasthofe da, wo ich nun seit vier Jahren in Frieden, aber doch nicht
glüklich lebe. O wie oft sehnte ich mich, wenn es mir auch am besten gieng,
an die Brust meiner Eltern -- wie oft war ich schon auf der Reise zu dir
gute Mutter; aber ich kannte des Vaters unversöhnliche Härte -- ich
empfand, daß mein Tropfen Freude dann nur noch gar vertroknen würde, wenn
er erbittert mich nicht hätte sehen wollen; dann ward ich trübsinniger und
gab mich meiner Melankolie preis. Ich segne die Stunde, die mich, Mutter!
dich wiedersehen ließ. Sey mir tausendmal willkommen! Ich darf ja wieder
mich an dein Herz drücken, der Vater nahm ja den Fluch von mir, er segnete
mich!
Jehnson umarmte mit Sohnes Zärtlichkeit die gerührte Mutter, die den vielen
Leiden ihres Jehnson manche Thräne weinte; sie erwiederte mütterlich und
freudenvoll des Sohnes Umarmungen.
Glaube, mir lieber Sohn! -- sprach sie nach einer Pause, in der sich beide
den süssesten Gefühlen stumm überlassen hatten -- Glaube mir, daß ich nie
des Vaters harten übereilten Endschluß billigte. Ich sprach laut für dich,
und gab mich dadurch seinem Ungestüm und vielen Vorwürfen blos. Nur zu oft
dachte ich deiner. Wie wird es ihm ergehn? Wo irrt er herum, was wird er
leiden, den ich unter meinem Herzen trug? So sprach ich zu mir in vielen
bangen Stunden; und weinte im stillen Dunkel um dich. Vielleicht seh ich
ihn nie wieder vor meinem Tode, nimmer der Mutter geliebten Sohn. Also
ängstigte sich mein Herz. Marlon --
Jehnson. Meine Marlon -- was ward aus Marlon?
Die Dame. Sie rang über deine Trennung mit der Verzweiflung. Kaum warst du
wenige Wochen entwichen als in unsrer Monarchie ein fürchterliches Wetter
los brach. Lohnstohn ihr Vater ward einiger Verbrechen wegen in die
Jammerburg gesezt, die beiden Kinder nebst der ganzen Familie des Landes
verwiesen. Marlon hatte einen Knaben gebohren; und ehe ihr Bruder noch als
Geächteter das Land verließ, war sie bereits mit ihrem Kinde fort. Niemand
wußte wohin? Man sprach, sie sey dir nachgefolgt, du hättest ihr den
Vorschlag schriftlich gethan, mit dir in einem andern Lande sich zu
vermählen, darüber ward dein Vater wüthend, und zog sich eine
dreijahrwährende Krankheit zu. Seit dem wußt ich kein Sterbenswörtchen von
euch Allen.
Jehnson. Barmherziger Himmel! Wo irrt nun Marlon mit dem Geschöpf herum,
das meiner Schwachheit sein kümmerlich Leben verdankt! Wo soll ich sie
finden? Ich hörte nie von ihr! Aber suchen will ich die Leidende! Suchen in
aller Welt! Vielleicht führt mir ein seeliger Augenblik die Unvergeßliche
zu, und ich kann den Kummer, den ich ihr bereitet habe, in Freude
verwandeln! Aber -- ach! vielleicht hat er sie schon lange getödtet!
Das ist nicht der Vater! unterbrach die Schwätzerinn Jadilla die Pause,
nachdem sie lange Jehnson scheu angeblikt, und die Dame beim Kleide gezerrt
hatte. -- Gelt, du bist nicht Vater?
Liebliche Unschuld! -- sprach Jehnson und nahm sie auf seine Arme, und
küßte Jadillchen, die sich mit kindlichen Unwillen sträubte.
Du bist nicht Väterchen! -- küssen -- ey!
Die Dame lächelte, und Jehnson fragte:
Meine Mutter -- du scherzest -- ist das wirklich mein Schwesterchen?
Nein, lieber Jehnson!
Jehnson. Als ich damals England verließ, war Sara schon zehn Jahr alt. Was
macht Schwester Sara?
Die Dame. Sie vermählte sich mit einem braven Manne, und ist bereits Mutter
von zwei Kindern, vielleicht wenn ich sie in acht Tagen wieder sehe, treffe
ich sie zum Drittenmale im Wochenbette.
Jehnson. O meine Mutter -- Sobald willst du wieder von mir. Kaum sind es ja
zwei Stunden, seit wir uns fanden. Bleibe, bleibe bei deinem Jehnson --
theile mit ihm! Ich will dein Sohn, nur dir, nur dir leben! Will kindlich
und so gut wie Sara dich pflegen, den Kummer, die Tage des Alters dir
erfreulich machen, will all meine Kraft anwenden, deine mütterliche
Sorgfalt einigermassen zu vergelten. Bleibe bleibe bei deinem Jehnson!
Die Dame. Dringe nicht in mich Lieber! So gerne ich dir willfahren möchte
--
Jehnson. O was kann dich abhalten? Du sollst sehen, wie froh mein neues
Leben --
Die Dame. Hör auf! Man stirbt so gerne da wo man gebohren ist, und
Mutterherzen hängen doch immer mehr an Töchtern. Sara bedarf meiner -- drei
Monde schon bin ich fern. Ich bin überdies schon sehr schwach -- krank --
vielleicht folg ich bald dem Vater.
Jehnson. Das wird der Himmel verhüten! Aber eben weil du alt und schwach
bist -- meine Mutter! bleibe, die Reise möchte dir schaden!
Die Dame. Laß ab, ich kann von Sara fern nimmer ruhig seyn. Morgen zeitlich
muß ich fort, vermehre meine Sorgen nicht.
Jehnson. Das ist traurig -- und darf ich nicht mehr bitten. Aber sobald es
möglich, sehen wir uns wieder.
Sie verplauderten noch die kurze Zeit, und als der Morgen den Osthimmel
röthete, lauer der kühle Nachtwind wehte, und die Schwalben ihr Morgenlied
schmetterten, trennten sie sich bewegt. Jehnson führte seine Mutter und
Jadillchen, um die er in seiner Wonne gar nicht mehr gefragt hatte, auf die
Strasse. Sieh da! Die Kutsche war nicht hier, aber eine Luftgondel
flatterte mit den ausgespannten Seegeln.
In diesem Reisewagen, wirst du bequemer und schneller heim kommen, meine
Mutter! -- sprach Jehnson und schied tief gerührt von seiner geliebten
Mutter! Leb wohl! mein Sohn! leb wohl, meine Mutter! riefen sie sich
nochmal zu, und die Gondel trug auf den Fluthen des Aethers die Dame und
Jadilla fort. Jadilla -- so nannte sich das verlohrne Mädchen, wenn es die
Dame um ihren Namen fragte. -- Die Fluren Germaniens dämmerten allmählig
wie durch einen Flor, und der unten nachsehende Jehnson bemerkte bald
nichts, als einen schwarzen Punkt von der hohen Gondel, bis sie endlich
ganz verschwand.
Jadilla weinte und rief. Mutter! Vater! Salassin! Ach wo sind sie denn? --
Die Dame tröstete das arme Kind, so gut sie konnte.
Sechstes Kapitel.
Die Abreise.
Mit stillem Schmerze betrauerten indessen Welly und Jadilla, den
unersezlichen Verlust des hoffnungsvollen Kindes. Der Graf hatte
Jadillchens Beschreibung in alle Zeitungen sezen lassen; aber vergebens!
Die Laune des Schicksals, fand es einmal für besser, daß das Mädchen
getrennt von seinen Eltern unter fremden Menschen leben müsse. Alsdann alle
Nachfrage unbeantwortet, alles Forschen fruchtlos blieb, hielten die Eltern
ihr Kind für todt, errichteten ihm eine Urne, und beweinten an diesem
Denkmale Jadillchens Andenken. Die edlen Unterthanen halfen treulich die
Betrübten erheitern; aber in eben dieser allgemeinen Theilnahme, wenn sich
das gepreßte Herz auch noch so sehr erleichterte, fühlten sie ihren Verlust
nur noch mehr. Selbst als der Balsam der Zeit ihre Wunde vernarbt hatte,
galt noch manche ernste Miene Wellys, noch manche stille Thräne Jadillas
dem Andenken der verlohrenen Tochter.
Sie ketteten sich nun um so enger an den einzigen Salassin, den beide mit
elterlichem Eifer erzogen. Diese Erziehung war nun ihr süssester Unterhalt.
Salassin ein Knabe von Mutter Natur zum Liebling erkohren, begabt mit
Talenten des Körpers und der Geistes, unter den Händen eines klugen Vaters,
der weise zu lohnen und zu strafen verstand, unter den Augen einer von
aller Afterliebe freien Mutter -- wie sollte so ein Knabe zu großen
Erwartungen nicht berechtigen?
Die ersten Jahre der Kindheit wurden einer vernünftigen physischen
Erziehung gewidmet, und darauf die moralische gebaut.
Schon an dem Knaben ward mancher Zug bemerkt, der keinen gewöhnlichen
Alltagsmenschen einst hoffen ließ. Ein hartnäckiger Muth zeigte sich schon
in seinen Spielen, und ein gewisser Edelmuth, Gerechtigkeitsliebe war
unverkennlich. Soldaten zu spielen mit den Knaben des Dorfes war ihm eine
sehr angenehme Beschäftigung. Er formirte kleine Legionen, und war ihr
Anführer; theilte sie in 2. Partheien und sie kriegten zu Land und zu
Wasser.
Bei einem dieser Spiele war einmal Salassins Armee ziemlich im Gedränge.
Das Schlachtfeld war eine Wiese, das Lager am Bache, der um das Dorf floß.
Salassin ward angegriffen von seiner Gegenparthei, und an den äußersten
Rand den Ufers zurükgedrängt, seine Mannschaft bereits zerstreut und
gefangen, und er allein vertheidigte sich gegen zweie noch, die dem lieben
Generalen so hart zu Leibe giengen, daß er nothwendig sich hätte fangen
lassen müssen. Aber dies hielt er für den größten Schimpf. Indem ihn die
beiden Feinde schon zu Boden reißen wollten; stürzt er sich unbesiegt zu
bleiben, gerade in den Bach, riß aber einen von den Gegnern mit hinab, wo
sie, weil es zum Glücke nicht tief war, sich noch immer balgten. In dieser
Hartnäckigkeit mitten im Bach trieben sie sich immer weiter, bis beide in
eine unvermuthete Grube geriethen. Ja -- nun war der Kampf freilich aus!
Salassin der besser schwamm als sein Gegner, vergaß geschwind allen
Kriegsgroll, und schlepte großmüthig den Andern mit hinaus aus dem Bache.
Oft kämpften sie im Bade in der größten Tiefe schwimmend ihre kleinen
Kämpfe.
Ein andermal waren die Knabenpartheien so verwegen, und führten den Krieg
in Luftgondln. Derjenige Theil, -- sagte Salassin als er mit Hilfe des
Luftkutschers die Seegeln spannte, der in seiner Gondel den Andern
hinabjagt, hat den Sieg. Sie stiegen empor und der Streit begann. Salassin
geübter als sein Feind in der Luft, zerschlug die morsche Seegelstange der
feindlichen Gondel, welche schnell hinabsank, und auf einem hohen Baume
hangen blieb. Die Besiegten schwebten in einer ziemlich großen
Lebensgefahr. Der Ball hatte sich in den Zweigen und Aesten verwickelt, und
die Knaben steckten wie in einem Sack. Salassin eilte mit seinem Schiffe
zur Rettung herbei, war aber diesmal so ungeschikt, daß seine Gondel
herunterfiel, der sich die Nase zerschlug, jener den Finger brach, und
jeder einen kleinen oder größern Schmerz durch den Fall erbeutete. Oben in
dem noch hängenden Ballon hatten sich indessen die Eingewickelten durch ihr
starkes Trampeln und Rütteln los gerissen, und stürzten grade auf Salassin,
und seine weinende Parthei. Mit deinem verwünschten Krieg! schrie einer um
den andern. Bleiben wir lieber auf der Erde! Ich wäre bald erstikt! Ich
habe meinen Finger gebrochen! Mich schmerzt mein Kopf! Mir blutet die Nase!
So scholls und die erzürnten Knaben wären bald noch einmal über den Herrn
Kommendanten Salassin hergefallen, um ihn für seinen Vorschlag weidlich zu
dreschen.
Vater Welly ließ Salassin auch das Euphon lehren, und um ihn mehr
anzueifern gesellte er ihm einen andern Knaben zu. Beide wetteiferten, und
wenn sein Gespiele sein Blatt besser als Salassin selber las, und richtiger
am Euphon ausdrückte, mußte Salassin als Gemeiner im Soldatenspiele ihm
folgen, was dessen Ehrgeiz mächtig traf, doch nie so, daß er diesen Keim
zur Pflanze hätte sprossen lassen, denn er war erfahren mit diesem sehr
gefährlichen Triebe, der so herrliche Wirkungen erregt, wenn er sorgfältig
und klug geleitet wird; eben so fürchterliche Folgen dann hat, wenn er zum
bloßen Sporne des Jünglings ohne aller Rüksicht gebraucht wird.
Welly bemerkte an seinem nun zehnjährigen Sohne nicht ohne geheimer Freude
den Muth, die Entschlossenheit, den Edelsinn und eine gewisse Energie des
Geistes, aber auch nicht ohne Bangen das große Maas des so irrführenden
leicht erregbaren Gefühls. Seine Gabe alles leicht zu fassen, alles
spielend zu erlernen, alles leicht zu verstehen, brachte den Vater eher an
das Ziel, so man dem Knabenalter steckt, als er erwartet hatte.
Und war Salassin ein hoffnungsvoller Knabe, so war er noch weit
hoffnungsvoller als Jüngling. Dieser wichtige Zeitpunkt des menschlichen
Lebens war allmählig herangenaht. Hier gleicht der Mensch einer Flamme die
wenn sie nicht vorsichtig und vernünftig genährt wird, leicht zum lodernden
verheerenden Brand empor schlägt; die wenn sie zu unklug und zu gewaltsam
gedrükt wird, leicht erstickt; die aber wenn ein weiser Mann sie besorgt,
wie eine belebende Sonne am Mittag des Lebens aufsteigt, dem ein ruhiger
seeliger Abend folgt.
So ein weiser Mann, war Salassins Vater, der, des Sohnes Flamme geschickt
besorgte, daß sie jene Früchte trug, die meine Leser und Leserinnen
erfahren werden, wenn mein Büchelchen im Stande ist, ihre Aufmerksamkeit
bis dahin zu spannen, wo Salassin sich überlassen, selbst handelt.
Der Grund war gut und feste gelegt, auf dem das Gebäude des künftigen
Wohles Salassins unerschütterlich dauerhaft ruhen sollte. Er hatte
Kenntnisse mannigfaltiger Art, durch des Vaters Bestreben sich erworben.
Des Dorfes Pfarrer ein geschickter Mann, ein würdiger Priester, und um mich
bündig auszudrücken, ein wahres Gegenstück zu vielen Pfarrern des
achtzehnten Jahrhunderts; war nebst andern Männern sein Lehrer, und
Salassin erhielt Unterricht in allen jenen Wissenschaften, die ein Jüngling
dieses Zeitalters nöthig hatte. Vater Welly beschloß nun zu Ende des Baues
zu schreiten, und Salassin sollte die Welt kennen lernen, um seine
Bestimmung, ein thätiger Staatsbürger und Vertheidiger des Menschheitswohls
zu werden, allmählig zu erfüllen. Dazu war die Haupt- und Residenzstadt des
vortrefflichen deutschen Kaisers ein sehr schickliches Mittel, von dem er
sich alles versprach. Salassin sollte also nach einem Monden in die Stadt,
so war es beschlossen und so blieb es.
Der Monden verflog, wie die Sekunde eines Traumes; -- wochenlang bereitete
man sich schon zur Abreise vor, die endlich da war.
Da stand vor dem Schlosse der angespannte Wagen mit zwei muthigen Gaulen
zum Fortfahren bereit. Salassin wand sich aus dem Arm der Mutter, empfieng
gerührt ihren segnenden Abschiedskuß, sah sich zärtlich noch einmal nach
der heimischen Gegend, dem Park wo der Vater ihn Gärtnerey und
Naturgeschichte gelehrt hatte, den Aeckern wo er den müden Schnittern im
schwülen Sommer einen Labetrunk trug, den schilfumgrünten Teich, den
Kieselbach wo er so oft gebadet, so manchen Fisch gefangen, so manchen Kahn
geleitet hatte, die Hecken und Gesträuche in deren dunkeln Geflicht er der
Nachtigall zuhorchte, die Wiese wo sein Hut einen Schmetterling erhaschte,
die Haide wo er die Knaben kriegend anführte, das Wäldchen wo er im kühlen
Schatten weilte, las und lernte, oder auf der Flöte blies, den Hügel von
dem er im Winter auf Schlitten herabglitt, sah mit wehmüthiger süsser
Erinnerung seines Knabenalters noch einmal diese traute Heimath, und stieg
mit dem Vater in die Kutsche, die schneller denn eilende Winde vom
heimischen Schlosse fortrollte.
Siebentes Kapitel.
Der Besuch.
Graf Welly hatte theils der Witterung, theils des Anschauens so mancher
schönen Gegend wegen statt der flüchtigen Luftgondel die Kutsche zur Reise
gewählt. Es waren gegen dreisig deutsche Meilen zur Stadt und der Vater
hatte seinem Sohne noch manches zu sagen, zu errinnern, zu ermahnen,
warnen, lehren u. s. w. Wie es denn die guten Väter bei solchen
Gelegenheiten auch im achtzehnten Sekulum nicht daran ermangeln lassen.
Sie fuhren durch die herrlichsten Gegenden, die überall das natürliche
Gepräge glückliche, zufriedene Bewohner zu haben, an ihrer Kultur trugen.
Abwechselnde Ebenen mit sanften Gebürgen, bald licht, bald dicht bewaldet,
bald mit Akacien, bald mit guten Kastanien, bald mit Citronen, Pomeranzen,
bald mit Birken, Tannen, und andern schon in unserm Jahrhunderte
verbreiteten Waldbäume waren überall zu sehen.
Wie? Citronen, Pomeranzen, Mandelbäumen im deutschen Vaterlande, und das
noch dazu in Wäldern? Gedeihen sie doch izt kaum in Treibhäusern gut! Meine
theuersten Leser, das ist wieder eine Eigenschaft des 23ten Jahrhunderts.
Das Klima war schon zu Franz des II. römischen Kaisers Zeiten nicht das
nemliche, so einst zu Herrmanns Zeiten war, schon nicht so rauh unfruchtbar
und ungesund. Die ungeheuere Waldungen wurden verkleinert, die unzähligen
Sümpfe darinn in urbare Wiesen gemacht, und in dem neuen Zeitraum ist nun
das Klima ungemein angenehmer, sanfter, milder, und trägt nun so gut und
fruchtbar jene Pflanzen, Sträuche und Bäume, die vor fünf hundert Jahren
nur in den warmen südlichern Erdgegenden gediehen -- dahin brachten es
ebenfalls Menschen.
Sonstige Moräste sind itzo die lachendsten Wiesen. Hügel die sandigt,
felsigt, nakt, und kahl waren, tragen nun die schönsten Weingärten, oder
Kastanienwälder, und vom kleinsten Strauche bis zur Eiche zeigt jedes
Gewächse das Gepräge einer bessern Veränderung.
Unsre zwei Reisenden waren am ersten Tage der Woche aus den vaterländischen
Gefilden gereist, (das ist nach der itzigen Rechnung der Donnerstag) und
kamen am Dritten in eine der lieblichsten Landschaften. Es war ein
blumichtes Wiesenthal, das ein silberblinkender Bach dicht umbüscht mit
Papeln, Erlen und Weiden durchmurmelte. Die Strasse wand sich regelrecht in
einer graden Linie hindurch, von Nußbaumalleen beschattet, links und rechts
mit den duftigsten Blumenbeeten eingefaßt, mit Rasen und Marmorbänken, mit
Lusthäusern nicht im abgeschmakten bizaren chinesischen im rein deutschen
Geschmake, niedlich zierlich und bequem für die Labungsbedürftigen gebaut.
Quellen heller als Diamante sprudelten hie und dort aus künstlich
angelegten und natürlichen Felsennischen an dem Wege, und in den nahen
Gesträuchen und auf den Bäumen, sangen Fink und Hänfling den Reisenden ihre
angenehme Lieder.
»Mein Sohn! -- Wir kehren hier in diesem Schlosse, das mitten im Thal im
Abendscharlach mit seiner vergoldeten Kuppel aus dem Baumwipfeln glänzt,
bei meinem alten braven Freunde Bengler ein. Er war einst mein
Jugendgefährte, ein deutscher Jüngling, und noch ein deutscher Mann, er
wird uns freundlich aufnehmen, und bewirthen!« Sagte Welly zu Salassin.
Wie ward Bengler adelich? -- fragete der Sohn. Er hat verschiedne sehr gute
Erfindungen gemacht entgegnete Welly. Er baute eine Windmühle -- sieh! Dort
klappert sie ja auf dem Felsenhügel! -- mit vierzehn Rädern, wo der
leiseste Wind das erste bewegt, die andern alle sich nachdrehn, und wo man
in einem Tage dreimal so viel mahlen kann, als auf einer Wassermühle von
eben so vielen Gängen in einer Woche. Es wird darinn Papier, Getraide,
Hülsenfrüchte und so gar Drechslerarbeit zu Stande gebracht, jedes Rad
treibt eine von der andern verschiedenen Gewerbsmaschiene. Bengler hat auch
noch eine andere Mühle gebaut, wo blos Papier aber aus verschiedenen
Gewächsen so gut und schön verfertigt wird, daß aus dem achtzehnten
Jahrhundert das holländische so zu sagen nur ein gemeines Papier dagegen
ist. Wir werden es besehen, wenn eine Weile übrig bleibt.
Sie kamen nach einer Viertelstunde bei dem Schlosse an. Der Besitzer saß
eben mit einer Gesellschaft unter einer hochästigen Eiche, deren moosigten
Stamm, dick, kaum von vier Männerarmen zu umspannen, ein niedlicher
Marmortisch dunkel roth, und gelblicht weiß geädert umrundete. Rasensitze
daran, auf denen die Gäste herum saßen, die fröhlich im Kranz herum den
Rheinwein, aus hochhalsigen Kristallflaschen sprudelnd, in Pokalen tranken.
Schon in der Ferne vernahmen die Reisenden den Wiederhall von ihrem
Rundgesang, und als sie beide durch das grün und weiß angestrichene
Staketenthor fuhren, klang eben die lezte Stropfe von dem edlen Liede eines
Dichters aus dem 18ten Jahrhunderte.
Mit dem lezten abgesungenen Verse stand der Gastherr aus dem Kranze seiner
Gesellschaft auf, und kaum hatte er Welly erkannt, so eilte er mit
ausgestrekten Armen seinem alten Herzensfreunde entgegen. Der ganze Ring
folgte, und brachte den Kommenden den Willkommenspokal.
Dies ist ein Becher, der in jedem Hause des Landes nach Verhältniß des
Vermögens von Gold, Silber, oder bei minderbegüterten Landleuten wenigstens
aus feinem Porzellain gebildet ist. Bei einem Gastmahle steht er in der
Mitte des Tisches, und dem Gaste reicht ihn der Gastherr, der ihm aus einem
zweiten das frohe Willkommen zutrinkt, worauf ein kleines Mahl beginnt.
Von Golde mit spielenden Brillianten besezt war der, den Bengler Welly
reichte. Das Bild der Gastfreiheit und Freundlichkeit mit den Worten:
Willkommen! war darauf geäzt.
O so drück ich denn noch einmal wieder dich, mein guter Wallingau, an mein
Herz! -- Sprach Bengler freudig. Sey willkommen!
Willkommen! Willkommen! scholls unter den andern, und die beiden
Wallingauer wurden wie im Triumpf nach dem Rasensitz unter der Eiche
geführt. Die ganze Gesellschaft ward munterer. Welly kannte außer seinem
Freunde keins der Glieder, und doch waren alle so vertraulich und frei
gegen ihn, als hätte man sich zu tausendmal gesehen, und seit unzähligen
Jahren gekannt.
Salassin ward hingerissen von der lautern Munterkeit des Kranzes fröhlicher
Menschen. Die Mädchen schielten mit lüsternen Blicken nach ihm, und
wünschten ihm als sie erfuhren, er reise in die Residenzstadt, ein recht
angenehmes Leben in der vergnügenvollen Stadt.
Der Abend sank vom leicht bewolkten Himmel auf rosigten Flügeln hinab, die
Sonne glänzte am westlichen Horizont in halber Goldscheibe, und ein rother
Strahl spiegelte in dem weniggefüllten Pokal. Man beschloß einen
Spaziergang in den Park, und die Gesellschaft begab sich paarweise dahin.
Lolly -- sagte Spengler zu seiner Tochter, einem Mädchen, dem an den
Rosenwangen der Frühling zum sechzehntenmale blühte -- Lolly unterhalte
doch unsern jungen Gast recht gut.
Ja, Vater: das will ich schon thun! -- meinte sie, und ihre Wange ward
höher roth. Sie schloß sich an Salassin, und wandelte mit ihm in die
schönen Gänge des Gartens.
Heute war ein sehr schwüler Tag! begann Lolly, indem sie schalkhaft ihren
Führer anlächelte, der zum erstenmal an einer so schönen Seite gieng. --
Ihr beiden werdet müde auf der Reise geworden seyn.
Um so angenehmer labt uns die Ruhe, und besonders hier, wo der kühle Abend,
und so liebliche Blüthen um uns sind! -- sprach Salassin etwas verblüft;
denn ihm ward es schon bei Lollys ersten Anblicke wunderlich ums Herz. Wenn
das Mädchen zehnmal ein allerliebstes Gesprächsel anfieng, ließ der
schüchterne Salassin sonst so gewandt um frey -- zehnmal ließ er den Faden
fallen. Ein niegefüllter Drang klopfte schneller in seinem Pulse, und die
Glut seines Gesichtes stieg höher bei jeglichen Blicke, den Lolly mit ihrem
freundlichen Auge auf ihn warf.
Unsre Väter sind so gute Freunde, wie kommt es, daß sie sich selten
besuchten? Ich sah dich noch niemal? -- fieng Lolly wieder an.
»Mein Vater hat immer der Geschäfte so viele« -- Auch meiner und doch ist
er fast jede Woche irgendwo zu Gaste.
»Die Entfernung von Wallingau nach -- Wie nennet man dieses Dorf?«
Wallbach!
»Sind volle fünfzehn Meilen.«
Die kann man in einem Tage zurücklegen mit flüchtigen Luftgondeln.
»O ja! -- es ist aber nicht immer gut Wetter.«
Sage lieber Laune daheim zu bleiben -- Du fährst also nach der Residenz?
»Ja!
Wirst du nicht bald zurückkommen?
»Das läßt sich nicht bestimmen.
O du mußt uns öfter --
»Recht gerne!«
Das Gespräch hätte wieder sein Ende, und sie wandelten weiter in den
labyrintischen Gängen des Parks. In der Mitte plätscherte eine Kaskade. Ein
kristallener Erlenbaum schoß aus jedem künstlich gebildeten Zweige das
flimmernde Wasser, das wie ein Staubregen in das Becken rieselte, und in
einen schilfigten Teich rann.
Die Beiden weilten und sahen bald das schöne Schauspiel, bald -- sich an,
und ihr Lächeln, ihr schnell sich begegnender Blick fiel schneller zurück
auf die Kaskade.
Eine Goldrose schwamm mitten im Teiche. Die leichten Wellen gaukelten sie
näher an das Röhriggestade.
Eine Goldrose! -- rief Lolly, und zeigte in den Teich. Salassin sammelte
Kieseln, um die Blume durch ein geschicktes Werfen näher an den Damm zu
treiben. Es gelang, und die Rose war fast mit der Hand zu erreichen.
Schnell um dem schönen Gast zuvorzukommen, kniete Lolly auf den Grasdamm,
und langte nach der Goldrose. Salassin der eben ein Stäbchen vom nächsten
Strauche brach, stand mit dem Rücken gegen den Teich, und bemerkte die
Müherinn nicht, die, indem sie nach der Blume tappte, das Gleichgewicht
verlor, und mit einem lauten Ach! in den tiefen Teich sank. Erschrocken
über den Schrey sprang Salassin dahin, als Lolly eben untertauchte.
Im Augenblick stürzt er sich nach, erhaschte sie, und schwamn das Mädchen
in einem Arm haltend, damit er mit dem andern rudern könne, heraus.
Einen Theil der Gesellschaft führte der Zirkelweg auf die andere Seite des
Teiches, sie erblickten mit lautem Hilfeschrein die klägliche Szene, aber
kaum waren die meisten herbeigeeilt, als das Paar ganz naß schon wieder auf
dem Damme stand.
Ich war so ungeschikt, -- sagte Lolly, und streifte das triefende Wasser
vom Gewand -- und fiel in den Teich! O ich danke dir lieber Gast! Wie der
Wind schnell trug er mich aus den Wellen!
»O nicht doch -- ich war so unachtsam« -- wendete Salassin ein -- »brach
ein Stäbchen vom Strauche, um damit eine Rose aus dem Wasser zu ziehn, und
bemerkte nicht, daß Lolly mir zuvorkomme, und indem sie sich nach der Blume
bükte in den Teich sank.«
O gehe doch! ich bin Schuld daran! -- eiferte das nasse Mädchen. Warum war
ich --
Jaja! -- rief ein anderes Mädchen schäckernd. Ich wette die Rose wars wohl
eben nicht!
»Ey und was denn sonst?«
Gewiß sie standen beide da am Uferrand, und fielen, weil Lolly einem Kuß
sich entsträuben wollte, unachtsam hinein.
Warum nicht gar« -- sagte Lolly mit jungfräulicher Verschämtheit. -- Und
wenn ich es thue, er hat mich ja aus dem Wasser getragen!
Und die Goldrose doch erhascht! -- dachte Salassin, und die Gesellschaft
verscherzte den leichten Schrecken.
Ihr seyd mir ein paar Unglückskinder! -- rief Bengler lächelnd. Zum
erstenmal sehn sie sich, und bestehen schon ein Abentheuer in einem
gefährlichen Element! Kinderchen! Scheut künftig das Wasser!
Eiliger gieng man itzo dem Schlosse zu, und aller Gespräche Stoff war --
die Rosenfischerei. Man lachte und schäckerte und würzte damit den Rest des
Abends, bis man in den Schoos des Schlummers eilte. Lolly -- träumte mit
offnen Augen von -- der Goldrose. Und Salassin? Dem verwandelten Salassin
trieb ein süßes Empfindunggemisch den Schlaf vom Augenlied. Er schwamm mit
der schönen Goldrose aus dem Teiche! Dies Bild wich ihm nicht aus dem
Traume.
Achtes Kapitel.
Komm bald wieder zur Rosenfischerei!
Mit würzigen Kränzen aus Rosen gewebt,
Verketten sich Herzen durch Liebe.
Nicht leichter erhellet der mondliche Schein
Das kühlige Dunkel im flüsternden Hain
Als Herzen der Sonnenglanz -- Liebe.
Kaum hatte der Nachtwächter Hahn in seine kreischende Trompete gestossen,
kaum röthete blaß noch der neue Tag den Ost da erwachten mit dem Geflügel
des Hofes die Gäste im Schlosse.
Heiterkeit glänzte an jeglicher Stirne, wie an der Stirne des Tages der
heitre Morgen glänzt. Freude, Munterkeit erwachten mit ihnen, und alle
riefen sich: Guten Tag!
Fröhlicher als alle noch war die reizende Lolly, lieblich wie die sich
entwickelnde Morgenröthe, scherzend und sanft wie das Lüftchen vom Fächer
erregt, und unschuldig, wie ein junges Ringeltäubchen. Ein anderes Gewand
aus feinstem Flor umfloß ihren rohrschlanken Wuchs, das lange, blonde,
kunstlos geringelte Haar flatterte im Morgenwind, der ihre blühenden Wangen
küßte.
Guten Morgen! -- sagte sie ein paarmal zu Salassin, den ihr Anblik wie ein
Zauberbild verwirrte.
Guten Morgen! -- erwiederte er sanft, und schaute verlegen durch die auf
ihn gehefteten Blicke der weiblichen Gäste, auf -- Lollys Schuhe. Auch er
hatte sich netter als sonst gekleidet, zwar gab er vor, es sey geschehen,
weil gestern sein Reisekleid naß geworden, und noch nicht getrocknet sey.
Aber seht mir doch den Schalk! -- um Lolly zu gefallen, zog er sein
schönstes Gewand an. Um dem reizenden Mädchen zu gefallen, schmükst du
dich, guter Salassin! mit deinem besten Kleide? Zwar du mögtest dir selbst
nicht so ganz deutlich sagen können, warum? Doch meintest du -- es stünde
dir doch besser, und -- und -- Aber fast meint ich, du wärest ein Stutzer
des 18ten Jahrhunderts, die alle ihre Schönheit, und wohl auch ihre
Menschenähnlichkeit dem Kleide verdanken, aber in deinem Sekulum wo das
sinnlich Schöne weniger als das Geistige gesehen wird? Je nu, man besucht
itzo und immer zuerst das Kleid der Rose, eh man an den Honig denkt! --
Aber dir war es wohl immer nöthig guter Jüngling! Im ersten Worte, das ihr
beide spracht, waren eure Seelen verflossen. Da blick einmal hin, wie sie
nach dir zurükschilt, wenn ihr der Vater zuflüstert, sie solle das oder
jenes für die Gäste besorgen! Wie sie alles schnell und eilig verrichtet,
um -- nur bald wieder unter die Gäste zu kommen. Unter die Gäste? -- Ja,
deutsch gesagt -- zu Salassin. Lieber wie ist dir zu Muthe, wenn sie dich
zärtlich fragt, wie du nach dem gestrigen Schrecken geschlaffen? Ob du dich
nicht erkühlt hast? Wie sie so vollmondfreundlich zurüksieht, wenn dein
Lächeln ihrem begegnet? Salassin! Denk' an die Stadt! Ohne Herzchen darfst
du beileibe nicht dahin kommen! Ja wenn die Damen in deinem Jahrhunderte
wie diese in unsern wären, daß sie darauf Verzicht thäten! Doch sey guten
Muths! Du erhältst für dein Herzchen ein anderes dir gewiß noch wertheres
-- Lollys -- zur Lebenszehrung.
Der Kranz der Gäste sammelte sich um das Frühmahl. Ein Lied gefühlvoll wie
die Sänger ward angestimmt. Lolly schlug das Euphon dazu, und Salassin mit
seinem ganzen Ich ein Ohr, bemerkte nicht, daß alle über ihn lächelten.
Schlägst du nicht auch Euphon? -- fragte Bengler den aufmerksamen Träumer.
Ich -- bin ein Klimperer gegen Lollys Spiel! war seine Antwort.
Das ist zu bescheiden! Eine Schmeichelei! -- riefen einige der Gäste.
Versuch es, laß uns doch hören!
»Spannt aber die Erwartung nicht zu sehr -- ich --« Jaja! -- sagte Lolly,
indem sie ihn an das Euphon zog, -- Du konntest gestern so gut schwimmen,
also -- Mußt du auch gut Euphon schlagen! Ueber den Mädchensyllogismus! --
lachte Bengler.
Salassin faßte sich, und spielte. Wie er vorhin die schöne Künstlerinn
bewunderte, bewunderten ihn alle itzt, am meisten was ganz natürlich zu
enträthseln ist, die Blume des Gastherrn selbst.
Salassin goß den Schwall der Empfindungen, die in seinem Herzen rangen in
eine harmonische Fantasie. Alle fühlten die sanfte Wehmuth, wenn er im
schmelzenden Moll klagte, alle waren hingerissen von dem Feuer, wenn er
seine Gefühle in die wiedertönenden Saiten stürmte, alle bewegten die Füsse
wenn er im lieblichen Allegro tändelte. Lolly wäre dem Zauberer beinahe um
dem Hals gefallen.
Meisterhaft! Vortreflich! -- riefen die Gäste, und klatschten ihm ihren
Beifall. Du mußt dich in der Stadt bewundern lassen!
Um Vergebung! -- sprach Salassin, -- nicht meine Geschicklichkeit -- das
vortrefliche Euphon, das sich so gut ausnimmt --
»Weil du so gut spieltest -- sagte Lolly -- warte, laß uns doch auch deinen
Gesang hören. Hier ist ein Duetto von dem Musiker des 18ten Jahrhunderts,
Mozart.
Richtig! Der Einfall war schön! -- riefen die Andern. -- Sie sangen, O
welch ein Gesang! Der liebliche Tenor mit des Mädchens Nachtigallsoprano
schmolz so zärtlich -- so gefühlvoll, so süß ineinander -- Natur und Kunst
war so schwesterlich vereint, -- alle vergaßen wie bezaubert des Frühmahles
im Hören verloren.
Die beiden Väter blickten sich mit frohem Gesichte an, in jedem stieg der
leise Wunsch auf: Welch ein herrlich Paar könnten unsre Kinder werden!
Graf Welly wurde mit Lob und Schmeicheleien über seinen Sohn überströmt,
und freute sich innig. Man schloß endlich das ergötzende Schauspiel, und
Welly sprach von der Abreise.
»Nicht doch Freund! Bleibe noch da! Du versäumst ja nichts! Wir sahen uns
lange Jahre nicht! Die Stadt entläuft ja nicht!« -- warf Wallbach ein; als
dieser sich zu empfehlen begann.
»Halte mirs zu Guten, theurer Wallbach! Meine Gattin würde bangen, träf ich
zur bestimmen Stunde nicht ein in der Heimat.«
O dann sey unbesorgt! ich schick eine Luftgondel um sie!
»Ein andermal Freund! Ein andermal! Nun -- wie du willst. Zwang ist meine
Sache nicht!
Die beiden Wellyngauer empfahlen sich; allen war leid, und alle bedauerten
die kurze Dauer des Vergnügens, das dieser Besuch gewährte, am leidesten
war's -- Lolly. Sie hätte gern alle Kutschen und Pferde, Gondeln und
Fahrzeuge verzaubert, wenn es in ihrer Macht gestanden wäre; ach! ihr war
der schöne Schwimmer, der geschickte Euphonschläger lieber und theurer
geworden, als den Mädchen des 18ten Jahrhunderts die -- Schminke.
So gefiel es dir nicht bei uns? -- fragte sie trübe, den eben nicht sehr
heitern Salassin.
»Mir? Könnte mir der Himmel besser gefallen?«
Und doch dringst du so auf die Abreise?
»Mein Wille muß des Vaters Wille seyn.«
Aber du kömmst doch bald wieder?
»Land und Meer!« -- sprach Salassin, und verbarg die schnellaufsteigende
Gesichtsröthe mit dem Schnupftuch. Eine kleine Pause, worinn sich die
Beiden wechselseitig anblickten, und die Augen sprechen ließen, was wir
freilich nicht verstehen, da wirs nicht hören -- zulezt ein
unwillkührlicher Händedruck -- endlich ein feuriger Abschiedskuß, und Leb
wohl! Lolly! -- Leb wohl! Salassin -- Das war das Finale ihres Duetto.
Die Pferde wieherten im Hofe, und wühlten mit den Hufen im Boden, da traten
alle vor das Schloß, man schied unter gewöhnlichen Abschiedsumarmungen, und
die beiden Wellyngauer rollten in der Kutsche unterm Zuwinken der
Zurückgebliebenen die Strasse weiter.
Salassin! Daß du ja bald wieder Euphon in Walbach schlägst! -- rief Lolly
ihm zu, als er in die Kutsche stieg. Er nikte stumm die Antwort, und das
weiche Mädchen, suchte auf der Erde, als hätte sie etwas verloren,
inzwischen, verbarg sie so nur ein kleines Thränchen, das ihr wider Willen
entquoll. Jaja! Komm nur bald wieder zur Rosenfischerei! scherzte ein
anderes Mädchen.
Neuntes Kapitel.
Die müden Wanderer.
Warum bist du so traurig? -- fragte Vater Welly, nachdem sie Walbach weit
im Rücken gelassen hatten. Du warst doch gestern heiterer auf der Reise!
»Ich dachte -- was wohl die Mutter machen würde?« Welly lächelte über die
unvermuthete Wendung, und sah ihn mit einem forschendem Blicke an. Darum
sprichst du heute kein Wörtchen? Sitzest da ohne Geist und Seele, wie ein
mechanisch sich bewegender Fleischklumpen? Gukst immer zurück, woher wir
kommen? Seufzest wohl auch gar, wenn du glaubst, ich bemerk es nicht.
»Mir ist -- vom Fahren bange geworden, und das Wetter, so da plötzlich den
schönsten Tag, in den trübsten verwandelt hat, ist --«
Doch nicht etwa im Barometer deiner Seele auch auf den Regenpunkt gerükt?
»Der Einfluß --«
Des Regenwetters, war ja nie auf dich so groß, daß du trübe geworden
wärest. Hattest du nicht immer sonst deine Freude daran, wenn die
blitzenden Tropfen flimmernd vom Himmel rieselten? und das staubichte
Baumlaub abwischten, die Luft heitrer und angenehmer zu athmen war?
Salassin?
»Mein Vater --«
Mein Sohn! Du hast nicht Ursache deinem Vater und deinem Freunde diese
Bewegung, die in dir vorgeht, so sorgsam zu verbergen. Lolly --
Salassin schlug die Augen nieder, und hörte bei diesem werthen Namen
aufmerksam zu.
»Lolly ist ein edles liebenswürdiges Mädchen, deine keimende Liebe, die ein
nicht blinder Vater sehr leicht bemerken muß, tadl' ich nicht.
»Liebe? mein Vater!« sagte Salassin und drückte sich mit inniger Rührung an
des Vaters Brust.
Ich glaub es dir gerne, daß du deinem Empfindungsgemische den Namen nicht
zu geben weist. Deine Unerfahrenheit -- aber Salassin! Laß diesen Trieb in
deinem Innern noch nicht zu stark sprossen, daß er deinen andern
Seelenkräfte nicht zu sehr verdränge, deine Lebens und Geisteskräfte nicht
erschlaffe! Werd ein edler Mann! Sammle dir Verdienste, und ich will die
Stunde zu meinen seligsten zählen, in der Lolly dir als Gattin zugeführt
wird.
Der düstre Salassin ward mächtig getröstet, und erheitert. »Ja mein Vater!
-- rief er -- edel und rechtschaffen will ich immer in deine Fußstapfen
treten, deine väterliche Liebe sey mir ein Leitstern, der mich nie im
Labyrinthe der Laster vom graden Weg der Tugend irren lassen wird!«
So mein Salassin! Und dann komm als unsre einzige Lebensfreude in die Arme
deiner beglückter Eltern!
Der Regen hatte nachgelassen. Die Wolken waren zertheilt, und des Himmels
freundliches Blau lachte durch die zerstreuten Wolken. Die Sonne glänzte
lieblicher auf die erfrischten Gefilde.
O Vater! -- fieng schnell Salassin an, indem er auf die Strasse sah -- Dort
gehet ein paar Menschen. Sieh! ein junger Mann mit einer kränklichen Frau.
Wie ihre dürftigen Kleider vom Regen triefen. Der junge Mann trug sie auf
dem Rücken, führte sie bald, bald nahm er sie wieder auf sich --. Die sind
gewiß sehr müd und matt. Nehmen wir sie doch in unsern Wagen. Ich setze
mich zu Thomas auf den Bock.
»Brav, mein Sohn! -- Thomas!«
Herr!
»Jage die Pferde, und wenn du dies Paar Leute eingehohlt hast, halte!«
Gut, Herr!
In wenigen Augenblicken stand der Wagen, Salassin sprang heraus, und führte
die matte kranke Frau auf seinen Sitz, ohne viel Worte zu wechseln. Ihr
Führer dankte mit herzlicher Freude, und wollte zu Fusse fort.
»Nur auch herein! -- sprach Salassin!«
O guter Mann! ich bin ja noch jung, und rüstig, wenn nur meine liebe Mutter
-- Nein, mein Sebald -- sagte die Mutter halb erschöpft. -- Herr nimm ihn
statt meiner in den Wagen, wenn du so gut seyn willst. Er hatt mich schon
einige Stunden weit auf dem Rücken getragen -- er kann seine Füsse kaum
mehr heben.
Beide, beide herein! -- sagte Salassin, -- half ihnen in die Kutsche, und
sezte sich zu dem Kutscher der Bequemlichkeit der Müden halber auf den
Bock. Der junge Mensch gewahrt es kaum, als er schnell aus dem Wagen sprang
und sprach: diese Güte kann ich nicht annehmen -- laß lieber mich dahin, --
warum sollst du dich deiner Bequemlichkeit berauben.«
Wie haben alle viere Platz! -- entschied Welly, und sie saßen beisammen.
Die müde zitternden Fremden sahen sich bewegt an, und nickten sich zu: Gott
hat uns diese Edlen zu Rettern geschickt!
Zehntes Kapitel.
Geschichte dieser müden Wanderer.
Salassin vergaß an -- Lolly, er war so froh und munter, und wußte nicht
warum? Woher kommt ihr guten Leute! -- fragte Welly als sie sich
einigermassen erholt hatten. Ihr habt heute eine garstige Witterung zur
Reise gehabt.
Wir wanderten -- nahm der junge Mensch das Wort -- schon viele Monden aus
den nördlichen Provinzen Deutschlands. Ich bin ein Mahler meiner Kunst, und
wollte nach der Residenzstadt des Kaisers.
Ein Mahler? -- dachte Salassin, und bei der Vorstellung von Gemälden
schwebt Lollys Bild schnell vor seiner Seele. Mahler haben in unserm Lande
viel Verdienst! Die Vorstäher des Mahlermusäums belohnen Geschicklichkeit,
wenn sie ausgezeichnet ist, sogar mit Beifall und Gütern.
Der junge M. Ich kenne Germanien wiewohl England mein Geburtsort ist, denn
ich bin hier aufgewachsen; und habe mir seit mich mein Lehrmeister fähig
hielt durch Fertigkeit mein Brod zu verdienen, manchen schönen Gulden
verdient. Vor acht Monden wurden wir an der Küste Hollands, von Seeräubern
überfallen, die uns außer dem Leben und dem Kleide, so wir angezogen
hatten, nichts, nicht einmal meine nöthigsten Werkzeuge liessen. Meine
Mutter erkrankte mir überdies bald darauf, und da mir alle Mitteln zu
arbeiten fehlten, schlepten wir uns elend von Ort zu Ort. Zwar haben wir
der braven Menschen viele angetroffen, die uns gastfreundlich aufnahmen. In
einem Orte waren wir wohl vier volle Wochen, wo ein edler Pfarrer meine
liebe Mutter vom Fieber kurirte: er sammelte noch überdies bei seiner
Gemeinde einen Zehrpfennig für uns, wir reisten gemächlich bis auf wenige
Meilen hieher, wo wir nun sind, aber vorgestern schon war ein Trunk Wasser
und ein Stück Brod unsre einzige Labung. Die Leute können uns die
Ehrlichkeit nicht im Gesichte lesen, und also betteln -- Herr
Welly. Was ein Mahler in unsrer Zeit betteln?
Der junge M. Das fiel mir schwer -- so unmöglich -- aber doch war meine
Mutter nicht anders zu erhalten. Ich nahm all meine Stärke zusamm, und
sprach einem der reichsten Häuser im Dorfe zu. Ein Mann saß darinn am
Tische, und zählte eben eine ungeheure Summe Geldes, das in hohen Haufen
aufgeschlichtet war. Der Mann war ein Gerippe, und als er mich ersah,
sprang er schnell von seinem Sitze und stieß mich zur Thüre hinaus. Auf
immer abgeschrekt empfahl ich meine Mutter und mich Gott, und trug sie
weiter von Ort zu Ort, bis ihr uns traft.
Welly. In England bist du gebohren? Deine Denkart ist aber sehr deutsch; du
warst gewiß nicht lange da!
Das glaub ich -- nahm die erholte Mutter das Wort -- Mein Sebald war noch
in den Windeln als ich ihn in meinen Armen aus England zum Vater trug, der
bei der Armee der Normänner, die damals gegen Deutschland im Felde war,
seyn sollte; denn er war entflohn, und gewiß wußt ich es nicht wo er lebte.
Wir zogen überall herum, und fanden ihn nicht. Aller Wahrscheinlichkeit
nach war er todt. Wir verliessen Norland und kamen nach Germanien. Eines
Tages am Abend lag ich eben im thauigten Grase an der Strasse, mein Sebald
war schon sechs Jahr alt, neben mir, und wollten hier die Nacht
verschlafen, von allen entblöst was uns ein besseres Lager hätte bereiten
können. Ein wohlhabender Mann sah unser Elend, und ließ uns, da wir auf den
Füssen nimmer stehen konnten, in ein nahes Städtchen fahren. Er gewann
Neigung für uns, behielt mich, da seine Gattin kurz vorher gestorben, und 4
unerzogene Waisen gelassen hatte, in seinem Hause, wo ich der Arbeit genug,
und keinen Mangel hatte. Eben dies war der Mann, der meinen Sohn die
Mahlerei lehrte, die er selbst trieb und wodurch er ein sehr wohlhabender
Mann geworden war. Weit und breit war er berühmt, und aus fremden Ländern
bestellt man sogar Gemälde bei ihm. So lebten wir bis der wohlthätige Mann
zu unserm Jammer starb.
Sebald. Das ist seit zwei Jahren. Er war mir ein zärtlicher sorgsamer
Vater. Ach! nie kann ich vergessen, wie er mich liebte, wie er seinen
Kindern gleich mich erzog. Ruhe, süsse Ruhe seiner Seele! Wir verliessen
damals dieses Städtchen, und kamen nach den Unfällen, die ich bereits
anführte, hieher, wo uns Gott in euch einen zweiten Retter sandte.
Welly. Das war meine Pflicht, euch beizustehn. Daß würde jeglicher gethan
haben. Wir sind morgen in der Stadt, und junger Mann ich will die
Vaterstelle übernehmen, will fernhin für dich sorgen. Sey selbst auch
thätig, dann wirst du einmal über nichts zu klagen haben. In unserm
Jahrhundert verhungert nun kein geschickter Künstler mehr. Die Zeit der
Barbaren, wo die Dumköpfe im Ueberfluß schwelgten, die verdientesten Köpfe
darbten, ist gottlob nicht mehr. Ich will den Tag unter die schönsten
meines Lebens aufzeichnen, an dem ich dich fand, und dem Vaterlande einen
braven Bürger und geschickten Künstler, durch eine so geringe Hilfe
erhielt. Salassin! -- Ihr bleibt Gefährten -- Freunde, Brüder! meine Söhne!
Sebald drückte voll ungestümmer Freude Wellys Hand, auf die eine glühende
Thräne des stummen Dankenden rann.
Du kennst mich so wenig -- stammelte er -- und zeigst dich so edel gegen
mich. Diese Güte -- dies Zutraun richtet mich auf! Nimm -- ich habe nichts
als stille Thränen zum Danke -- Die Geretteten -- hier deutete er wortlos
auf seine entzückte Mutter, welche wie er keine Silbe sprechen konnte.
Salassin umarmte seinen neuen Bruder. Ihre Neigungen trafen sich, der Ring
der Freundschaft umschlang ihre Herzen, sie wurden Freunde, Brüder und
blieben es.
So kamen sie in einer seelerhebenden Freude allmählig der Stadt näher.
Sebalds Leiden gefurchte Stirne glättete die namenlose Wonne, die ihm im
Innern glühte. Er war ein blühender junger Mann, voll Fähigkeiten, voll
Streben, seine Anlagen zu bilden, und mit einem edlen Herzen von Mutter
Natur beschenkt. Seine Seele trug er im Gesichte, das schwarze Aug funkelte
von dem Feuer, das ein Abstrahl seines Geistes war. Aus seinen abgetragenen
Kleidern schimmerte er hervor, wie der Vollmond durch ein zerrissenes
Gewölke.
Seiner Mutter eine ungefähr vierzigjährige Frau, mit den unverkennlichen
Spuren ehemaliger Schönheit, hatte der Kummer, das Elend und ein gewisser
Harm (dessen Ursache meine Leser, wenn sie es noch nicht errathen haben,
doch bald erfahren werden) die Wangen gebleicht, aber sie erregte dadurch
in jeder Seele nur um so mehr Theilnahme, und ihr ganzes Betragen verrieth
gar zu deutlich, daß sie einst edel erzogen, der Dürftigkeit nicht bestimmt
war, die sie nun drückte.
Seelenvergnügt war Welly und sein Bewustseyn maaß ihm bereits ein hohes
Gefühl süsser Empfindungen, wenn er Sebald und seine Mutter ansah. Salassin
wurde bald vertraulicher mit Sebalden. Unter Erzählungen und Gesprächen
vergaßen die aufgenommenen Pilger ihr voriges Leid, und träumten von dem
Himmel, der sich vor ihren Blicken aufschliessen würde. Salassin durch
diese zerstreut, dachte allenfalls noch manchmal, wenn der Mahler von
Bildern sprach, an Lollys lebendiges Bild.
Eilftes Kapitel.
Die Stadt.
Hoffe Ruh im Mißgeschicke,
So das Daseyn dir vergällt.
Bald entwölkt sich deinem Blicke
Eine Flur, vom goldnen Glücke
Für den Dulder aufgehellt.
Fort rollte der Wagen die Strasse zur Stadt. Der lezte der Berge verbarg
sie nur noch. Itzt waren sie auf seinem Nacken, und ausgegossen lag in
einer unermeßlichen Ebene die unübersehbare Residenzstadt. Welch ein
entzückender Anblick für die Reisenden! In der Mitte stand die Residenz des
germanischen Kaisers, mit stark vergoldeten Dächern, mit Erkern und
spiegelnden Fenstern wie eine kleine Stadt. Im Kreise um sie herum die
Paläste der Fürsten in schöner Ordnung, jeder vom andern durch einen
prächtigen Garten abgesöndert. Um die Fürstenwohnungen in mäßiger Ferne die
Gebäude der Edlen, und an diese schloßen sich die simetrischen Häuser der
Bürger, auch diese immer durch Gärten getrennt, in welchen hochwipflichte
Bäume über die blanken Dächer grünten. Eine dreifache Schanze mit
ungeheuren Wällen und Gräben umhügelte in einem Ring die ganze Stadt,
durchschnitten von breiten regelmäßig angelegten Strassen und Gassen, mit
unzähligen Plätzen, wo Alleen und Denksäulen standen. Auf vier Seiten
gleich an der Stadt ragten vier unbezwingbare Kastelle auf Hügeln empor,
ein majestätisch gleitender Strom mit blauen Wasserspiegel, mit Schiffen
und Kähnen besäet umarmte den einem halben Kranz der Stadt. Wie blinkten
die Thürme mit gelben Spitzen im Sonnengolde! Wie mischte sich das
Farbenspiel der Mauern, der Dächer, der Bäume mit den bläulichen Wolken die
aus Schorsteinen stiegen!
Die Reisenden kamen zum Thore. Ein Mann trat an die Kutsche, und fragte
ganz artig: Wer bist du? den Grafen.
»Graf Wallingau.«
Sogleich traten die wachthabenden Soldaten auf des Thorstehers Wink unter
Gewehr, schulterten, und Welly fuhr ungehalten weiter.
Das bunte Menschengewimmel, der itzt noch lebhaftere Anblick der Gebäude,
der schönsten Baukunst Meisterstücke, die mannigfältige Abwechslung
gewährte den Ankommenden ein süsses Schauspiel. Sie hielten auf dem Platze
der Gasthöfe, den eine lange Reihe der schönsten Einkehrhäuser formte. Die
vergoldeten Schilde glänzten. Hier hieß es: zur Treue, dort zur Liebe. Da:
zur Hoffnung. Hier: zur Menschlichkeit. Wieder dort: zum Vaterlande.
Im Vaterlande kehren wir ein! -- sagte Welly; sie stiegen ab, und ein
halbdutzend windschnelle Diener bedienten die Gäste. --
Der Abend sank vom Himmel und zog seinen Purpurglanz von den
wiederspiegelnden Thurmspitzen.
Unsre Reisenden machten eine kleine Promenade, und ruhten von den
Beschwerlichkeiten der Reise auf sammtnen Kanapeen aus. »Morgen gehn wir in
die Residenz, den Vater des Landes zu sehn! Und dann soll uns die
Abwechslung der Stadtvergnügen ergötzen! -- sagte Welly, ehe man zur Ruhe
gieng.
Zwölftes Kapitel.
Das unvermuthete Wiedersehen.
Noch glänzte das Licht der Kristalsonnen, die in den Zimmern statt Kerzen
dienen, viel heller als der Strahl der aufgehenden Sonne. Da wachten alle
vom lärmenden Getöse der beschäftigten Stadtmenschen auf. Kaum waren unsre
Pilger angegleidet, da wurden schon Diener gemeldet mit
Willkommensbriefchen von Bekannten und Freunden, die Welly in der Stadt
besaß, und die seine Auskunft sogleich durch die gewöhnliche Anzeige der
Gastwirthe erfahren hatten.
Der lud ihn zum Morgenbesuch, dieser zum Mittagmahle, jener zur
Abendpromenade, ein anderer zur Gesellschaft ins Theater ein. Einer von
Wellys geliebtesten Freunden drang in ihn, den Gasthof zu verlassen, und
bei ihm einzukehren; dieser war der Fürst Tellmann, Minister und
Polizeyobrist des Monarchen.
»Wenn du -- schrieb der Fürst in dem Briefchen -- meiner Bitte nicht
erfüllst, so sollst du nicht die Freude haben mich noch einmal deinen
Freund zu nennen.«
Das ist mir eine gar fürchterliche Drohung! -- sagte Welly lächelnd, und
zeigte es seinen Gefährten an. Für Sebald und seine Mutter waren inzwischen
neue Kleider herbeigeschaft, und die Beiden erkannten sich in dem neuen
Anzug kaum. Sie giengen durch unzählige Gassen und über Plätze dem
tellmanschen Palaste zu, an dem das fürstliche Wappen auf einer
Silberplatte mit dem Namen des Fürsten, an dem Marmorportale hieng.
Hier sind wir am rechten Orte! -- rief Welly und sie betraten die Treppe.
Sogleich ward er gemeldet, und Fürst Tellmann kam ihnen im Vorsale
entgegen, rief: Willkommen! und lag in den Armen des Freundes. Willkommen!
Willkommen! mit den Deinen! -- sprach er und führte sie in den Gastsaal zum
Willkommensbecher.
Sebalds Mutter wankte wie betäubt über den Anblick des Fürsten, der, indem
er den Pokal Welly reichte, sie anblickte, den Becher fallen ließ, und --
auf sie mit offnen Armen zulief.
Meine Schwester!
Mein Bruder! riefen sie, und Sebald schloß sich an den Fürsten. Die beiden
Wallingauer standen voll Verwunderung.
Das ist mein Sohn! -- sagte Sebalds Mutter, indem sie auf ihn zeigte, der
sich an den Oheim mit herzlicher Freude schmiegte.
Mein Schwestersohn! Mein Sohn!
Mein Oheim!
O Freund Welly welch angenehmes Geschenk brachtest du! Wie hast du mich
überrascht! -- sprach voll Entzücken der Fürst, und taumelte aus einer
Umarmung in die andere. Man sammelte sich endlich und ließ sich auf
Ottomanen nieder.
Nun bleibst du bei mir, meine Schwester! -- fieng Tellmann nach einer Weile
an -- Ha! der Gram in deinem Gesichte verräth mir nur zu sehr, es sey dir
trübe gegangen!
»Laß mich das vergessen, was ich gelitten! An deiner Seite mein theurer
Bruder! will ich ein neues Leben beginnen.«
Tellm. So recht! Mir Einsamen ist jedes Vergnügen so unschmakhaft! Allein
bin ich, allein! Was nützt mir Ehre, Rang, und Reichthum, wenn ich keine
freundschaftliche Seele um mich habe. Meine Gattin starb, meinen Sohn
würgte der Krieg, meine Tochter folgte der Mutter. Welly! Welcher Genius
führte diese zu dir?
Welly. Ein Zufall --
Tell. Ward ihr schon lange bei einander?
Welly. Seit drei Tagen.
Tell. Seit drei Tagen? Und wußtest du, welche Freude du mir brächtest?
Welly. Wer hätte das geahnet, daß ich meines Tellmanns Schwester auf der
Strasse fände, in einem so mitleiderregenden Zustand fände?
Tell. Wie das? Welche Schicksale? -- O erzähle, erzähle mir liebe
Schwester! Wie gieng es dir seit du das Vaterland verlassen, seit wir uns
nicht sahen?
Und dem freudetrunkenem Tellmann ward erzählt was meine Leser bereits
wissen. So manche Stunde schwand in dem Vergnügen des Wiedersehns schneller
als der Augenblick, in welchem der Fürst seine Schwester erkannte.
Dreizehntes Kapitel.
Die Audienz.
Nun also in die Residenz! -- sprach der Fürst, und sie erhoben sich von
ihren Sitzen. Sie giengen über den großen Platz vor der kaiserlichen
Wohnung, der zum Lustwandeln mit hochästigen Kastanien, Pomeranzen und
Nußbäumen in mannigfaltiger Abwechslung mit Marmor- und Rosenbänken unter
den Schattendächern der Bäume eingerichtet war. Marmorne Ehrendenkmäler
berühmter Männer prangten überall zwischen den Bäumen. Das Volk wandelte
hier und sah nie solch ein Denkmal an, ohne des edlen Mannes Andenken, dem
es gesezt war, zu segnen, wenn er noch lebte, ihm eine lange Erhaltung zu
wünschen, der seine Kraft zum Besten des Vaterlandes und der Menschen
anwand, oder seiner Asche, wenn er nimmer lebte, eine dankende Thräne zu
weinen. Durch das grau und dunkelrothe Marmorthor der Kaiserburg, an der
das Wappen Deutschlands der doppelte Adler auf einer Goldplatte glänzte,
führte Fürst Tellmann seine Freunde über unzählige Treppen und Stiegen in
den Audienzsaal des Kaisers. Die Wachten präsentirten vor ihnen, wo sie
vorbei giengen. Sie standen in dem Vorsaal der Minister, meldete sie, und
ohne zu säumen wurden sie vorgelassen.
Mit heitrer Miene nahte sich der Vater des Vaterlands, Milde und Majestät,
Ernst und Freundlichkeit im Gesichte, vom Goldthrone ihnen entgegen.
Seid mir im Herzen des Landes gegrüst, meine Kinder! sprach er.
»Jeder meiner Bürger ist mir immer willkommen, und meine Seele weidet sich
an den Vergnügen, das mir die Besuche der Rechtschaffenen gewähren. Seid
mir willkommen!«
Unser Vater! -- sprach Graf Welly mit gerührtem Herzen und sanfter Stimme
-- Dein Herablassen rührt uns, die wir freudig den geringen Zoll des
stummen Dankes dir weihn. Lange hab ich die hohe Wonne dein Antlitz,
Allverehrter zu sehn, lange hab ich sie entbehrt, still und ungesehen meine
frommen Wünsche für dein Wohl, für das Wohl unsrer Aller zu dem Urwesen
gesandt. Hier stehen meine Söhne erfurchtsvoll vor dir, Erlauchter! um
aufgemuntert zu werden, durch deine mächtig wirkende Worte zur Thätigkeit,
zum Eifer und zur Liebe für dich und das Vaterland, um durch den Anblick
deiner Majestät belebt dem Staate Germaniens als Bürger unzertrennlich sich
anzuketten.
Meinen Seegen! entgegnete mit feierlicher Majestät der Monarch, indem er
nach dem goldnen mit Edelsteinen aller Art besezten Szepter grif. -- Meinen
Seegen, ihr jungen Männer! Folgt dem Beispiel eures Vaters! Bleibet redlich
und bieder! Seid rastlos, eifervoll und unermüdet in eurer Vervollkommnung!
Das Wohl des Staates, und das Wohl der Menschheit sey euer Wohl!
Seelengröße, Geistesstärke und Herzensgüte adeln den Menschen! Sammelt euch
Verdienste, damit ihr ruhmvoll in die Fußstapfen eures Vaters tretet.
Er reichte den Szepter hin, und Salassin und Sebald berührten es schweigend
mit dem Zeigefinger der rechten Hand. Der Monarch entließ sie mit
freundlich ernstem Gesichte.
Diese feierliche Szene prägte sich tief in das Herz und Gedächtniß der
Beiden ein, in deren Seele sich fest und unerschütterlich der Entschluß
entspann: Eh ich mich einst leiten lasse von der Bahn der Tugend in die
Labyrinthe des Laster, eh ich wanke, treu muthvoll und unaufhörlich mich
dem Vaterlande zu weihen: eh treffe mich die Schande des Gefühls, daß ich
unwürdig des Vaterlandes bin, daß ich unwerth meines Kaisers war, daß ich
nicht die Achtung der Edlen verdiene.
Dies war die gewöhnliche Art der Aufmunterung für deutsche junge Männer,
die sich dadurch erhoben und aufgerichtet sahen, die dadurch begeistert,
ihr kraftvereintes Bestreben dem Lande widmeten. Dadurch entstanden die
wackersten Männer, und so viele Eiferer für das Menschenwohl, als es in
unserm Jahrhunderte Egoisten giebt.
Fürst Tellmann führte sie durch die ganze Residenz, und zeigte ihnen
Millionen der Sehenswürdigkeiten. Tausend der schönsten Erfindungen
deutscher Köpfe, und Salassin und Sebald im Enthusiasmus über den Anblick
dieser Herrlichkeiten schwelgten in Wonne.
Wir haben noch nicht das geringste gethan -- sprach Salassin, zu seinem
Freunde, was uns die Ehre gäbe, hier aufgestellt zu werden. Aber, ich will
kein Deutscher seyn, wenn ich nicht auch soviel leiste.
Dein Schwur ist der meine! Entgegnete Sebald. Zwar bin ich gebohren auf
Englands Boden, aber Germanien ist mein Vaterland, dem ich alles verdanke,
und auch mich soll der Spott des sklavischen Normanns treffen, verachten
soll mich jeder Edle, wenn ich des freien deutschen Landes, so mich trägt,
nicht würdig werde!
Viele Stunden waren gedankenschnell im Anschaun dieser Sehenswürdigkeiten
verflossen, und noch war des Nichtgesehenen Unzähliges. Sie kamen in einen
zehnten Saal, wo die prächtigsten Denkmale bewahrt wurden, unter denen die
Urnen ehmaliger Beherrscher auch waren. Unter den Urnen der Herrscher war
eine dem Joseph II. römischen Kaiser gesezt mit dem Bilde einer aus dichten
Wolken hervorstrahlenden Sonne. Eine andere Leopold II. mit einem
Palmzweige und den Worten: Er segnete durch Weisheit und Frieden. Eine
dritte Franz II. mit einem Taubenpaar dem Sinnbild der Milde und
Menschenfreundlichkeit und dem Spruche: Sein Szepter war Liebe des Volks.
Endlich verliessen sie die bewunderte Residenz, und begaben sich zurück in
Tellmanns Pallast, wo ein deutsches Mittagsmahl ihrer wartete.
Nach dem Mahle werden wir die Stadt besehen! -- sagte Welly, und Tellmann
sezte hinzu: Abends gehen wir in das Theater. Heute ist ein schönes Stück
von dem unsterblichen Dichter des 18ten Jahrhunderts Ifland! -- Doch itzo
geniesset, die Tafelmusik beginnt schon.
Vierzehntes Kapitel.
Eine fürchterliche Begebenheit.
Noch saß man bei Tische und unterhielt sich mit mancherlei Gegenständen.
Salassin und Sebald sprachen von dem Gesehenen in der kaiserlichen Burg, da
krachte plözlich ein betäubendes Geprassel und wiederdonnerte durch die
Stadt. Die festesten Gebäude erbebten, daß die Fenster klirrten; der Wein
tanzte in den Bechern, und die Musikanten liessen Instrumente und die
Kannen vom Munde fallen. Eine ungeheure Staubwolke verdunkelte das Licht
des Tages, es knallte und schallte, als donnert und prasselte mit
fürchterlichem Getöse der Feuerschwangre Vesuv.
Auf den Plätzen und in den Gässen war alles in schrecklicher Bewegung,
Geschrei und Gelärme. Alles rannte durch einander mit schreckengebleichten
Gesichtern, und zitternden Füssen.
Was ist das? -- rief einer um den andern im Saale, und sprang an das
Fenster. Ein Strom ungeheurer Mauerstücke, Wolken von Asche und Staub
rauchende und flammende Brandhölzer stiegen auf der westlichen Seite der
Stadt hoch in die Luft, und sanken donnernd wieder herunter. Sebald und
Salassin liefen schnell aus dem Saal über den Platz nach der Seite zu, wo
das Getöse am fürchterlichsten hallte, und das Schuttwetter die Luft
verdunkelt hatte.
Die Pulverfabrike! -- scholls überall. Sie ist in die Luft gesprengt!
Die beiden rannten dem Volksgedränge nach und nach einer halben Stunde
waren sie vor den Thoren der Stadt. Welch ein kläglicher Anblick.
Hunderte der Menschen waren zerschmettert zerstückelt, zerstümmelt,
verwundet, mit Schutt und Brändern überdeckt, und eine ungeheure Schlucht
gähnte an dem Orte wo die große Pulverfabrike gestanden war -- Das Gewimmel
der unzählbaren Menschen, die aus den Thoren strömten, das Röcheln der
Sterbenden, das Stöhnen der Halbverschütteten, das Winseln und Wimmern der
Halbzerschmetterten und stark Verwundeten und das Klaggeheul der
Herbeilaufenden waren ein gräßliches Schauspiel.
Eilends half man den Unglücklichen. Hier warfen einige den Schutt
auseinander, und zogen Erschlagene oder Verstümmelte heraus, dort verbanden
andere die Wunden. Sebald nahm einen Mann auf den Rücken, der einer Fuß
zerschlagen hatte, und Salassin trug einen andern, dem der Kopf und das
Gesicht vom Blute röthete und eine Hand fehlte. Ihrem Beispiele folgten die
andern Zuschauer, da packte ein Mann ein ohnmächtiges Weib, dort ein Weib
einen wunden Mann auf den Rücken, hier führte ein reizendes Mädchen eine
blutende Freundin, dort schlepte eine Zahl rüstiger Jünglinge andere
wieder, und in wenig Minuten war das Theater des Jammers von den traurigen
Akteurs leer. Dem sonderbaren Zug, der mit seiner Bürde truppenweise nach
der Stadt wanderte, stürzten andere Schwärme von Menschen entgegen. Mein
Vater! Meine Mutter! Bruder! Schwester! So tönte überall das Jammergeschrei
derjenigen, die ihre unglücklichen Freunde in dem Zustande erblickten. Wie
regegemachte Ameisen in einem aufgestörten Haufen untereinander wimmeln,
diese Eyerchen, jene Weyrauchkörnchen tragen, und surren: so wimmelten die
Schwärme der Zusamgelaufenen.
Sebald hatte seinen Mann vor das Haus gebracht, so dieser mit vollem
Bewustsein ihm beschrieb, o wehe! da stürzte ein jammerndes Mädchen mit
flatternden Haaren entgegen, und schloß weinend den blutenden Vater an
ihren ungestümm schlagenden Busen. Ein Bach heißer Thränen rieselte über
die schreckensblassen Wangen und sie taumelte neben den blassen Vater ins
Haus. Sebald vergaß die Jammerszene und verlor sich im Anblick des
huldvollen Geschöpfes, das der Jammer noch schöner kleidete. Er stand
halbbetäubt und steif wie eine Bildsäule, und wußte nicht ob er gehen oder
bleiben sollte. Das schöne Mädchen faßte sich endlich in ihrem Schmerz, und
dankte dem Träger ihres Vaters mit einem herzlichem Kusse, der Sebalden
durch Mark und Bein, und Herz und Seele wie ein Feuerstrom glitt.
Ein Wundarzt! -- rief der verwundete Vater, und Sebald sprang fort und kam
mit einem zurück, der den Fuß besichtigte und alle mit dem Ausruf tröstete:
Ist nicht gefährlich! In 4 Wochen kannst du wieder grade gehen! Jilla -- so
nannte sie der Vater -- hüpfte vor Freude auf, wie ein Täubchen auf dem
Ast, um das Lager des Kranken und Sebalds Augen waren auf Jilla geheftet,
als wären sie angenagelt. Endlich verließ er sie, nachdem er versprochen
hatte, sie bald wieder zu besuchen.
Die unglückliche Pulverfabrike! Nicht genug daß sie Menschenkörper durch
ihren Schuttsturm verwundete, da muß sie auch schuld seyn, daß sogar unsers
lieben Sebalds Herzchen, der doch so ziemlich weit davon war, verwundet
ward! Jaja! Schau du nur das Haus und die Gasse wohl an, lieber Sebald! Das
jammernde Mädchen hat deinem Herzchen so ziemlich auch eine Portion
überlassen.
Die Freunde trafen spät in Tellmanns Palaste wieder zusammen. Graf Welly
war mit Sebalds Mutter so eben zurückgekommen, als auch Salassin und Sebald
erschienen. Das Menschengewühl war noch immer zu stark. Geschäftige
Wundärzte rannten von Haus zu Haus, von Mitleiden getrieben und ohne erst
-- wie die Wundärzte im 18ten Jahrhunderte im Gehen die Summe des
Verdienstes zu berechnen.
Tellmann kam vom Kaiser aus der Burg, und brachte die Nachricht: daß des
Kaisers Majestät über den unglücklichen Vorfall, den man sobald als möglich
untersuchen würde, bestürzt vorgeschlagen habe, die Trost und
Pflegbedürftigen zu besuchen, und eine beträchtliche Summe unter die Armen
zu vertheilen.
Der gute Kaiser! -- sagte Tellmann ist immer bereit, die Unglücklichen
aufzusuchen.
Sie folgten dem Beispiele des Monarchen, und verbrachten den Rest des Tages
in mancherlei Ergötzungen, von deren Sorten es in dieser ungeheuern Stadt
eben so viele Arten gab, als Blumen im Frühlinge sind.
Fünfzehntes Kapitel.
Trennung.
Graf Welly entschloß sich endlich die Stadt zu verlassen, um bald zu seiner
um ihn bangenden Gattin nach Hause zu kommen.
Mein Sohn! -- sprach er -- Lebe nun wohl! Die Stunde der Trennung schlägt!
Wandle fort den graden Weg zum Ziele, laß dich nie auf Schleichwege leiten.
Mein Tellmann übernimmt nun Vaterstelle, und wird väterlich dich lieben. Du
wohnst bei ihm und bleibst mit Sebalden unzertrennlich. Werdet der Liebe
der Edlen werth! Wenn dein Bewustseyn dir sagen wird, du hast deine Pflicht
gethan, dann komm zurück in deines Vaters Arme, an deiner Mutter Herz, die
Freude unsers Alters, unser Trost wirst du seyn. Nun leb wohl!
Er sprachs und umarmte mit väterlicher Innigkeit seinen Sohn, gab ihm den
Abschiedskus, und wand sich an den Freund und Fürsten Tellmann.
»Freund! Hier geb ich dir meinen Sohn -- ich gebe dir mein Alles. Sey ihm
Vater und Freund, leite ihn -- bleibe mein Tellmann --«
Sie umarmten sich gerührt. Itzo wand sich Sebald zu dem Grafen, und sagte
mit bewegter Stimme: Du hast meine Mutter und mich so menschenfreundlich
gerettet, hast uns entrissen dem Elend und in einen Himmel uns versezt --
erlaube daß ich dir noch einmal mit dankdurchdrungenem Herzen danke -- Ich
will dich verehren; Salassin als meinen Bruder lieben, uns trennt in Leiden
und Freuden nur der Augenblick, der die Sterblichen trennt. -- Sie
schlossen sich bewegt in die Arme.
Sebalds Mutter konnte nichts sprechen, aber ihre Miene, die halben Worte,
die sie mühvoll dem hemmenden Gefühle abzwang, die nassen Wangen waren das
unverkennbare Gepräge des reinsten Dankes, der in schönen Worten nicht
glänzt.
Sie schieden von tiefer Rührung durchschauert -- Der Vater vom Sohne, der
Freund vom Freunde -- der Sohn vom Vater, und die Zurückgebliebenen sahen
mit gesenktem Blicke der fortrollenden Kutsche nach, und geleiteten ihn mit
ihren Wünschen. --
Wie in einem Traume stand Salassin, die Seele von einem Empfindungsgemisch
durchwallt. Er dachte -- Mein Vater ist glücklicher als ich! Er wird Lolly
bald wieder sehen! --
Sebald und Salassin ketteten sich immer fester an sich, und machten den
Plan zum neuen Stadtleben.
Zweiter Abschnitt.
Erstes Kapitel.
Fürst von Tellmann.
Wir verlassen unsre Helden auf eine kurze Zeit. Sie mögen sich indessen ein
bischen mehr in der Stadt umsehn, und an ihre neue Lebensart gewöhnen. Sie
mögen bald die Akademien der Wissenschaften, bald die Musäen der Künste,
bald die Geschäftssäle der Großen, bald Promenaden, Theater, und Kirchen
besuchen, wir schlagen das Buch auf in dem Tellmanns Schicksale beschrieben
sind.
Also ist er ein geborner Engländer? Kennt den Grafen Wallingau? Ist
Minister? Wie erstieg er in einem fremden Lande diese Stuffe.
In diesem 23ten Jahrhundert kann jeglicher Fremdling durch ausgezeichnete
Verdienste ein Glied des Staats werden. Seine Treue, seine Anhänglichkeit
und Liebe für den Monarchen und das Land, dem er zu dienen sich
entschlossen hat, müssen allgemein erprobt seyn. Und das waren Tellmanns
Verdienste, die ihn auf diesen hohen Gipfel der Ehre und als einen Freund
an des Monarchen Seite gehoben hatten.
Tellmann war der Sohn eines Edlen in dem Königreiche England. Seine
Schwester Sebalds Mutter und er, die einzigen Kinder wurden von ihren
Eltern ihrem Stande angemessen erzogen. »Sohn! -- sprach der Vater -- Ich
bin ein Edler, Verdienste adelten mich. Werde des Vaterlandes und meiner
würdig!«
»Tochter! -- sagte die Mutter -- Sey deiner Eltern, und einst der Liebe
eines wackern Mannes werth!« und die Kinder wurden es.
Germaniens Monarch gab, eh noch die Kaiserkrone auf seinem Haupte prangte,
einem seiner Freunde in England einen Besuch. Seine blühende Tochter war
mit ihm, und manches Jünglings Blick, der die deutsche Grazie traf, goß das
Feuer der schnellauflodernden Liebe in die leichtfangende Brust. Zwei
vorzüglich, die Söhne der edelsten Staatsdiener, sahen sich plözlich von
der mächtigsten Neigung für die germanische Fürstentochter gefesselt. Ihrer
Väter Rang, ihr eigner schön aufkeimender Ruhm, schien beiden kühnere
Wünsche zu erlauben, und beide nährten die Flamme, beide spornten ihre
Kraft an, die deutsche Blume zu erringen. Selmson wars und Lohnston, unser
jetzige Tellmann, zwei Jugendfreunde, an Alter, Rang und Kraft nicht
ungleich; aber jeder suchte dem Andern sich zu verbergen.
In einem Ring vergnügter Menschen, die einen heitern Sommerabend in dem
Park des Kanzlers feierten, wandelte die Gesellschaft durch die Alleen.
Selmson und Lohnston umgaben Rosalien, (so hieß die deutsche Prinzessin)
und beide wurden durch diesen Umgang immer mehr noch gefesselt.
Unvermuthet erschien in einer Seitenallee ein krankes, mattes, dürftig
gekleidetes Weib mit zwei kleinen Kindern an der Hand, und setzte sich müde
in das Gras. Lohnston gewahrte sie kaum, als er Rosalien sich empfahl, und
das standhaft unterdrückte Gefühl der Liebe dem Mitleid Raum gab. Er gieng
zu dem Weibe, half ihr auf, und führte sie mit dem einem Kind in dem Arm
auf dem Park in ein kleines Häuschen, wo er sich gutherzig um ihr Befinden
fragte, und sich als er ihrer Noth abgeholfen hatte, wieder unter die
Gesellschaft mischte.
Rosaliens Aug war ihm nachgefolgt, sie leitete ihre Schritte in die Gegend
des Gartens, dahin Lohnston mit der armen Familie gegangen war. Unbemerkt
kam sie von der Gesellschaft, nachdem sie Selmson ersucht hatte, sie auf
einige Augenblicke zu verlassen, hinweg, und trat eben so unbemerkt von
allen in das Häuschen, aus welchem Lohnston vor ihr gekommen war, ohne
Rosalien, die sich in den Gesträuchen verborgen hatte, gesehen zu haben.
Sie forschte das arme Weib aus, und erfuhr, daß Lohnston ihr Wohlthäter
sey, der täglich in ihrem Elende sie besuche, und ihre Klagen verstummen
mache.
»Meinen Gatten -- sagte das Weib -- erschlug eine alte Mauer, an deren Fuße
er gegraben hatte. Ich fiel in das größte Elend. Dürftigkeit war stäts mein
Loos. Meines seeligen Mannes Fleiß half uns, wir lebten arm aber froh. Mit
seinem Tode war ich und meine 2 Kinder in Gefahr, den Hungertod zu sterben.
Zu Betteln, ertrug ich nicht. Lohnston spürte meine Noth aus, und hilft mir
großmüthig, daß ich wieder arbeiten und mich und meine Waisen ernähren
kann.«
Rosalie hörte bewegt zu, und gieng zur Gesellschaft. Rührung und Liebe
regten sich in ihrem Herzen -- Liebe -- schon bei dem ersten Augenblicke,
als Lohnston sie sah, gewann er ihre Liebe, und Selmsons Bemühungen und
Bewerben ward ihr bloß dadurch nicht unlästig, weil sie bemerkte, daß beide
junge Männer Freunde wären.
Unter einem Kastanienbaum harrten die Beiden und jubelten als Rosalie
wieder kam. Ihr erster Blick schien Lohnston zu sagen, daß sie um seinen
Edelsinn wisse: und die deutsche Tochter zeichnete ihn überall mit einiger
auffallenden Theilnahme aus.
Selmson war bestürzt, als er dies bemerkte. Mit minderer Neigung und
Empfindung für Freundschaft hätte er leicht auf Ränke gedacht er kämpfte
mit sich -- die entstandene Liebe war mächtig -- aber mächtiger die alte
Freundschaft, er mißgönnte dem Freunde sein Glück nicht, und lebte lange im
Kampf mit seinem Herzen.
»Ich will nicht Liebe -- nur Achtung soll sie mir nicht versagen! --«
dachte er und suchte sich diese zu erringen. Auf einem Felsenberge standen
eben Rosalie und er (Lohnston war etwas abgewendet) bei einem sehr tiefen
in den Fels gehauenen Brunnen. Rosalien entsank ein goldverbrämtes Tuch; es
fiel in die schauerliche Tiefe. Selmson schwang sich in verliebter
Begeistrung in den Brunnkessel, und ließ sich zum Schrecken Rosaliens in
die grause Tiefe hinab, um das Tuch zu erhaschen.
Auf der Prinzessin ängstlich Geschrei, um Hilfe! sprang Lohnston herbei,
und -- Selmson hatte unten in der grausen Kluft bereits glücklich das Tuch
gefaßt. Man wand den Kühnen empor, und er überreichte unbeschädigt und
lächelnd Rosalien das Tuch.
»Selmson -- sagte Rosalie -- Ich ehre Entschlossenheit und Muth, aber
Tollkühnheit nicht.«
Sie sprachs, reichte Lohnston den Arm, und Selmson stand beschämt wie eine
Marmorsäule da. Er war erbittert. Achtung verlangte er, und ihre Miene
schien ihm Verachtung zu sagen. Das ertrug er nicht: der flammende Jüngling
ward rasend, und -- stürzte sich in den Brunnen.
Dieser unglückliche Vorfall erschütterte Rosalien, die ihn nichts weniger
als verachtet hatte. Sie drang in ihren Vater, England zu verlassen, und
der Vater reiste in seine Heimat, eh Lohnston und Rosalie sich noch ihre
heiße Liebe gestanden.
Lohnstons Vater starb in diesem Zeitpunkte, seine Mutter war schon vor
vielen Jahren auch unter den Verklärten. Seine Schwester Marlon liebte
unglücklich. Ihr Erkohrner hatte den Haß seiner Familie. Warum? Er war ein
etwas leichtsinniger Jüngling voll Feuer, das ihn zu manchem unedlen
Streich hinriß. Er liebte Marlon -- die Liebenden vergaßen sich. Marlon
ward Mutter eines Knaben. Den Verlezzer dieses Gesezes strafte die
Verbannung aus dem Vaterlande. Er floh, und Marlon folgte mit ihrem
einjährigem Kinde dem Vater, ohne zu wissen, wohin? Sie war bisher nicht so
glücklich ihren Geliebten zu finden, und irrte in unsäglich jammervoller
Lage in Germanien herum, bis Graf Wallingau sie mit ihrem schon erwachsenen
Sohne auf der Strasse traf.
Lohnston, dem alle Bande, die ihn an sein Vaterland ketteten, theils
zerrissen, theils schwach waren, verließ von seiner unbezwinglichen Liebe
für Rosalie, sein Vaterland, und bot seine Kraft Germanien an. Gelegenheit
und Thätigleit erhoben ihn auf die höchste Schwelle der Menschen
Glückseeligkeit. Er stieg von Ehrenstuffe zu Stuffe, und erhielt Rosalien
zur Gattin, mit der er sein Vermählungsfest grade an dem Tage feierte, an
dem Rosaliens Vater mit Germaniens Krone gekrönt wurde.
Aber ach -- sie starb im 8ten Jahr der beneidenswerthesten Ehe, und
Tellmann stürzte vom höchsten Gipfel der Menschenseeligkeit in den tiefsten
Abgrund des Jammers. Zeit -- dieser unvergleichliche Seelenarzt und der
Schwall von Geschäften, die er dem Staat schuldig zu besorgen war, heilten
ihn, und mit dem Wiedersehn seiner Schwester dämmerte die Sonne der Freude
aus den Nebeln der Leiden hervor, um ihm bis an die Stunde des Scheidens zu
strahlen.
Zweites Kapitel.
Eine Eroberung.
An einem Tage wurden die beiden Freunde zu einem Besuche geladen. Der Kranz
der versammelten Gäste war groß, und man unterhielt sich sehr lebhaft.
Salassin gewann vorzüglich die Neigung eines der reizendesten Mädchen, das
ihn mit ungemeiner Aufmerksamkeit auszeichnete.
Später am Tage zerstreute sich die Gesellschaft im Garten. Salassin stahl
sich in eine entlegene Laube. Er ruhte auf einer Rasenbank, eine Kaskade
plätscherte, ihr Murmeln melodirte so lieblich mit dem Gesang einer
Nachtigall -- er horchte sinnig, und das Plätschern der Kaskade machte die
Erinnerung an Lolly rege.
Durch die schmalen sandbestreuten Gänge des Gebüsches rauschte es plözlich
-- Er drückte sein Gesicht in die Hand, und träumte. Sie da! -- das
geschäftige Mädchen, das sich seiner im Gastsaale so annahm -- stand wie
ein Frühlingsengel am Eingang der Laube, und erblickte den holden Träumer
in seiner tiefsinnigen Lage.
So allein? -- sprach sie lächelnd! und indem sie ihn sanft auf den Arm mit
dem Fächer schlug -- du fliehst die Gesellschaft, und sinnest allein in
einer dunkeln Laube?
Salassin fuhr aus seinem Sinnen, und wand sich an das reizende Mädchen.
»Ich bin nicht so allein schönes Mädchen! wie du glaubst -- mich umgaben --
Träume allenfalls -- diese sind für die Nacht gut; aber bei Tage soll man
--
»Vergieb, ich kenne die Lebensart der Stadt noch nicht so genau. Ich bin
ein Fremdling den Sitten der Städte -- ich bin auch blöde und fühle mich zu
unfähig -- mit lieblichen Mädchen --
Sage lieber -- mir gefällt es nicht, mit Mädchen zu schäckern --
»Dann sagt ich eine Lüge -- mir gefällst du recht sehr! --«
So? Du überraschest mich mit diesen Geständnisse und zeigst eine große
Anlage unsern Modisten an Schmeichelein bald gleichzukommen.
»Nicht doch! Ich denke wie ich spreche --«
Und schmeichelst wie du sprichst.
»Der Bescheidne nimmt Lob für Schmeichelei.
Das thust du!
»Ich? Du scherzest mit meiner Unerfahrenheit, und machtest mich schon bei
der Gesellschaft verlegen.«
Das ist mir recht leid -- ich sah aber nichts weniger als Verlegenheit in
deinen Antworten. --
»Ich bin vom Lande --«
So? hat das Land nichts Liebenswürdiges?
»O ja! -- mich entzückt eine blühende Rosenflur -- ein Schattenwäldchen --
ein murmelnder Kieselbach --«
O wer spricht von dem?
»So verstehe ich dich nicht!«
Weil du nicht willst --
Salassin blickt sie forschend an -- sie lächelt und wirft ihm einen
schmachtenden Blick zu --
»Vergieb -- ich bin nicht fein --«
Das find ich eben nicht. --
»Und ungalant --«
Das gefällt mir.
»Und schüchtern gegen süsse Mädchen --«
Das läst sehr hübsch.
»Vergieb -- wenn dich meine Gesellschaft nicht wohl ergötzen kann, wie --«
Soll ich mich entfernen?
»O das meint ich nicht!«
Du bist vielleicht lieber einsam?
»So wollen wir zur Gesellschaft --«
O warum willst du das?
»Du versäumst«
(sie kickert und schielt zärtlich durch den Fächer nach ihn)
Salassin verstummt -- sie rükt näher an ihn -- er wird verwirrt -- sie
schmiegt sich liebvoll an ihn -- er zittert und rieß sich gern los --
Salassin! ruft eine Stimme: beide fahren erschrocken auseinander -- Sebald
tritt in die Laube.
Ach! ich wollte nicht stöhren -- die Gesellschaft wartet im Tanzsaale --
man fragte --
»So müssen wir dahin! -- sprach Salassin, und schöpfte freier Athem.
Wellmine gieng verstört an seinem Arme -- Sie kamen in den Saal. Die Musik
hallte entgegen, und die Tänzerreihen waren schon geordnet.
Sie doch -- Wellmine kirrt den rüstigen Landjüngling schon wieder! -- rief
eine Dame ihrem Tänzer zu.
Warum er nur mit Wellminen so vertraulich ist -- dachte eine Andere.
Ich glaube, er fände würdigere Gesellschafterinnen! -- sagte eine Dritte.
Er mag eben nicht besondern Geschmak haben -- eine Vierte.
Wenn er doch mit mir auch tanzte! meinte ein genügsameres Mädchen --
Wellmine ist verblüft in den Fremdling! Eine sechste.
Mir gefällt sein Freund besser -- flüsterte die Eine -- er ist nicht so
kalt --
Der müht sich mehr um mich! -- Die 2te.
Wie herrlich er durch den Saal schwebt! -- Eine 3te.
Wellmine hängt sich doch an jeden an -- sagte wieder Eine.
Er ist so stolz -- und lächelt uns höchstens ein bischen freundlich an! --
Die 2te.
So flüsterten und wischperten die Mädchen unter einander, und hefteten die
Blicke unwillkührlich auf Salassin. Er wechselte mit Tänzerinnen -- Ach!
nun nimmt er doch einmal eine Andere! -- fieng Eine wieder an --
Nun wird mich die Reihe vielleicht doch auch treffen -- Eine 2te.
Wie göttlich es sich mit ihm tanzt! -- Eine 3te.
Sebald walzte mit Wellminen.
Hm! rümpfte die Eine ihr Näschen -- um die zerrt sich doch Jeder!
Die nimmt uns die schönsten Tänzer! --
Muß denn die grade mit den Beiden zuerst walzen? --
Die Beiden sind vernarrt in Wellminen! --
Sie weiß sich zu drehn und zu wenden!
Sie muß sich doch auch einmal entschädigen, die Hungrige!
Und so gab jede ihr Schärflein von Mißgunst. Der Ball war aus, und die
Mädchen klagten nun nimmer über die neuen Tänzer, die so galant waren und
mit allen wechselten.
Salassin und Sebald empfahlen sich ihren Tänzerinnen -- Wellmine drückte
Salassin feurig die Hand, und geleitete ihn an die Thüre.
Hm! seht sie -- wie sie um ihn sich dreht!
Die hat sich vergaft!
Sie ist eine Klette, die überall hängen bleibt!
Hm! er soll das Wetterhänchen nur erst kennen! --
So wetteiferten die Züngelchen der andern Mädchen -- die sich allmählig zur
Ruhe schliechen -- ein Traum umschwebte Alle -- die neuen Tänzer. --
Salassin und Sebald schliefen ruhig.
Drittes Kapitel.
Das Bildniß.
So verflogen Tage, Wochen, Monden und die beiden Helden lebten im schönsten
Genuße der Wonne. Eines Tags kam Salassin zurück in sein Zimmer von einer
Promenade.
Sebald war nicht da. Salassin gieng in des Freundes Zimmertheil, denn das
Zimmer trennte nur eine goldgewirkte Tapete in Zweie. Auf einem Tische
lagen Zeichnungen und Kupferstiche. Sieh da! Ein Bildniß lag bald
ausgemahlen auf dem Tische.
Salassin erschrack wie vom Blitze getroffen! Es war Lollys Bild. Das blaue
schmachtende Auge, die hohe glatte Stirne, der lächelnde Zug voll Milde um
den Mund -- die Wange so blühend, so frisch gemahlen das blonde Lockenhaar,
das sich in sanften Wallungen auf den Lilienbusen goß -- Lolly mit Leib und
Seele! rief Salassin, und sah das Mädchen wie sie vor ihm stand, als sie
Euphon schlug.
Hat er meiner Beschreibung nach, sie so richtig zeichnen können? Wie ist
das möglich? Er sah sie nie --
Trunken von Begeisterung drückte er das Bild an seine Lippen, und --
verwischte das Gemälde, das noch nicht getrocknet war. Verdammt! rief er,
und fuhr aus dem Traume, ich habe da einen dummen Streich gemacht! Was wird
Sebald sagen?
Eben kam jener -- sah den Freund vor seinem Tische, warf den Blick auf das
verwischte Gemälde, und indem er etwas unwillig auf Salassin sah -- kam ihm
dieser mit einer Abbitte zuvor.
Ich gab nicht acht -- daß die Farben noch naß seyn -- sagt er -- und da hab
ichs verwischt.
»Das seh ich an der Farbe, die an deine Lippen gedrückt ist --« antwortete
Sebald, und sein Unwille ergoß sich in ein Lachen.
»Es war mir so ziemlich gelungen -- und Beyfall hätte es gewiß gefunden;
denn es reizte dich halbfertig schon zu -- einem Kusse.«
Du thust mir Unrecht -- Sebald! ich verwischtes mit dem Tuche, und damit
mahlt ich mir gewiß die Lippe an, indem ich das Tuch an den Mund brachte --
»Kennst du das Mädchen?«
Ob ich sie kenne? Sagt ich dir nicht tausendmal schon -- daß ich -- daß sie
so herrlich Euphon schlage?
»Ey wohin denkst du? -- -- Dies sah ich ja nicht -- wie konnt ich sie
kennen?«
(bestürzt) Nicht? -- Ich meinte, du trafst sie meiner Beschreibung gemäß --
Das Mädchen, die kennst du also? Wo ist sie? ich will sie sehen?
»Das kann geschehen! Komm einmal mit mir durch die Morgengasse: da wohnt
sie bei ihrem Vater, den ich damals bei dem Vorfall mit dem Pulvergebäude
heim trug, er hatte seine Füsse zerschmettert -- ist nun aber ganz
hergestellt -- und ich -- -- sah sie damals. Ich habe dir ja zuweilen von
ihr erzählt.«
Unmöglich! Das ist Lolly, wie sie leibt und lebt! (Stuzt) »Ha das wäre
sonderbar!«
Sebald! O komm, zeige mir sie -- ich will -- ich muß sie sehen -- --
»Gedulde -- das geht sogleich nicht an! -- Warte bis an Ruhtag: da wandelt
sie in der Promenade auf dem Ruinplatze.«
O mein Gott! -- bis dahin sterbe ich vor Ungeduld -- Wir können unter einem
schicklichen Vorwande sie besuchen --
»Das geht nicht!«
Warum?
»Weil -- ach so warte nur -- heut Abends im Schauspielhause will ich dir
sie zeigen?
Sebald?
»Nun?«
Du warst verlegen, als du mir sagen solltest, warum wir sie nicht unter
einem schicklichen Vorwande besuchen dürfen?
»Weil -- ich -- es -- nicht -- grade nicht -- recht finde!«
Dir gefällt das Mädchen.
»Und? --«
Dir gefällt das Mädchen?
»Nun ja -- hab ich keinen Sinn das Schöne zu sehen, zu empfinden? Darum
zeichnete ich sie auch ab, weil ich mich nicht erinnere -- irgendwo ein
schöneres Gesichtchen erblickt zu haben. --«
Dir gefällt sie?
»Was willst du damit sagen? Du siehst mich so sonderbar an?
Es ist Lollys Bild!!
»Was kann ich dafür -- das wußt ich ja nicht, und ist das ein Vergehen, daß
ich sie zeichne? Wenn es Lolly ist -- so solltest du mir noch Dank wissen
--«
Warum willst du mich nicht dahin führen?
»O so geh doch -- weil es sich nicht schickt --«
Sebald -- gehst du redlich mit mir um?
»Welch ein Mißtraun! Was muthest du mir zu?«
Du liebst sie!
»Ey, wenn hab ich das gesagt?«
Ich merke es -- du warst immer so verstimmt, wenn ich dich auf jenes schöne
Mädchen brachte, von dem du mir zuweilen wie ich mich entsinne, begeistert
erzähltest -- wie sie gejammert habe, wie ihre Thränen so häufig über die
Wangen rieselten -- Du bist in mancher Stunde nicht ganz mit deiner Seele
da wo du sprichst --
»So gliech ich wohl gar dir am Ende!«
Spotte nicht, ich verbarg meine Empfindung für Lollyn nicht. Sebald!
Freund! Ich bitte dich -- zeige mir das Mädchen.
»Von Herzen gerne! Aber --«
Wieder?
»Aber gleich, -- meint ich -- geht es nicht an. Heut Abends --«
Heut Abends?
»Ja!«
Im Schauspielhause?
»Wenn sie dahingeht!«
Und wenn sie nicht --
»Dann heute nicht --«
(Rasch) Zeige mir das Haus!
»Mein Gott, du bist toll!«
Ich kann nicht ruhen -- mir brennt es im Innern -- mir stürmts und tobts --
ich habe nicht Ruhe bis ich sie gesehen. --
»So komm!«
Sie giengen. Salassin in unbeschreiblicher Angst, mit dem bangen Wunsche:
Wenn es Lolly wäre! Wenn sie es doch nicht wäre! Ist sie es -- ach so bin
ich oder mein Sebald unglücklich. Ist sie es nicht -- wie bitter ist dann
meine Hoffnung, sie wieder einmal zu sehn getäuscht!
Sebald selbst war in der quälendesten Lage. Seine Seele hieng an der
Grazie, die das Bildniß trug. Immer stand das schöne jammernde Mädchen mit
dem thränenden Auge vor ihm -- er liebte sie -- und hatte es sich selbst
nicht gestanden. Er zeichnete sie -- und wußte nicht warum sie so richtig
getroffen sey? Und nun? welch ein verwünschter Zufall, daß Salassin gerade
Lollyn in ihr erkennen mußte?
Je näher sie der Gasse kamen, desto banger war ihm ums Herz! Je näher das
Haus rückte, desto schneller klopfte es im Busen. Salassin flog, und Sebald
wäre gern zurückgekehrt. Endlich standen sie vor dem Hause. Sie traten
hinein -- der Besitzer bewillkommte sie freundlich -- und umarmte voll
Liebe Sebalden, den er als seinen wackern Träger kannte.
Man sprach so von dem und jenem -- der Herr führte sie in seine Zimmer kein
Mädchen war zu sehen. -- Sie wandelten im Garten, keine Seele da.
Ach! gäb es nur schon lieber keines in der Welt! dachte jeder der Beiden,
und ich stimme von Herzen in ihren Wunsch. -- Sie blieben eben vor einigen
marmornen Wasen stehen, die sehr schön gearbeitet in einer Laube lagen.
Ich werde morgen -- begann der Greis -- meinen Bruder besuchen auf dem
Lande: die Vasen sind ihm bestimmt: er wird eine Freude haben, -- meine
Tochter ist bereits da.
Versteinert standen die beiden Freunde über das: »Meine Tochter ist bereits
da.«
Gern hätte Salassin mit tausend Fragen, wo? wohin? warum? wie so? u. s. w.
den guten Mann bestürmt, wenn ihm nicht jedes Wort im Munde gestorben wäre.
Doch war er getrösteter. Lolly meinte er, ist ja Benglers Tochter. Wie käme
sie daher. Gefaßt fragte er:
Und wirst du, Herr, lange dich da aufhalten? Nachdem es mir gefallen wird.
Ohngefähr 3 Wochen, hoffe ich, bin ich wieder da. --
Drei Wochen soll ich in einer solchen Ungewißheit leben? dachte Salassin
und Sebald:
Drei Wochen lang soll ich sie nicht sehen?
Nun war freilich nichts anders zu thun, als den verwirrten Zwirn geduldig
auseinander zu wickeln, wenn man durch Ungeduld ihn nicht noch mehr
verwickeln oder gar zerreißen sollte.
Sie empfahlen sich bald dem freundlichen Greise, und begaben sich
schweigend nach Hause.
»Wie blüht manchmal ein Rosenpaar so ähnlich einander, und gleich an Duft
Farbe und Form, daß man sie von einander nicht unterscheiden kann. Aber
sind sie darum Eine und Dieselbe? Schau doch nur auch auf den Strauch und
den Garten, wo sie blühen! -- sagte Sebald, und begann sein verwischtes
Gemälde frisch zu mahlen.
Salassin sezte sich an das Euphon -- dichtete ein Liedchen an -- Lolly, und
sang es zu dem Harmonikamoll des schmelzenden Euphons.
Viertes Kapitel.
Das Gesellschaftshaus.
Sich von seinen Grillen zu befreien suchte einmal Salassin Zerstreuung, und
gerith in ein Gesellschaftshaus.
Zu unsrer Zeit nennt man sie Koffeehäuser: weil aber diese Aufgeklärten
dies Gesäufe kaum dem Namen nach kennen, und in dergleichen Gebäuden nicht
Koffee wohl aber ächter Wein aller Sorten geschenkt, und der Gast mit allen
möglichen Speisen bedient wird, findet er immer eine sehr große
Gesellschaft aller Art Menschen und tausend Ergötzungen in so einem
Gesellschaftshause.
Er trat in eines der nächsten Zimmer, da saß eine Menge Männer, die theils
tief die Augen in die Zeitungen steckten, theils untereinander sprachen,
theils stumm saßen.
Salassin ergriff ein Blatt, und las eine Anzeige der Vorsteher des Musäums
der bildenden Künste.
Wir sind entschlossen unsern verdienten allgeliebten Vater des Landes --
hieß es darinn -- einen kleinen Beweis unsrer Liebe zu geben; und setzen
auf das vollkommste Portrait des verehrten Kaisers eine Prämie von einer
goldnen Ehrenmedaille, die auf einer Seite das Wappen des Musäums, auf der
andern das Brustbild des Kaisers tragen wird. Wir machen den Mahlern des
Landes unsre schuldige Anzeige.
Die Vorsteher des Musäums.
Mit dem Blatt in der Hand rannte Salassin fort, er reichte es seinem
Freunde, der entzückt über die Gelegenheit sich auszeichnen zu können, dem
Freunde um den Hals fiel.
Schnell wurden Farben und Pinseln, Stafeleyen und die nöthigen Materialien
herbeigeschaft, und im Nu saß Sebald an der Arbeit.
Bist du toll? -- rief Salassin -- du sahst den Kaiser ein einzigesmal, und
da mit schüchternen Augen die ohnmöglich jede Miene, jeden Zug, jede Linie
der Stirne so genau bemerkt haben können, als zur Vollkommenheit des
Bildnisses nöthig ist, und du willst um den Preis ringen.
Da laß du mich sorgen! Mahleraugen sehen, wo du eine Warze bemerkst, die
Wurzeln und Fasern derselben.
Nun -- so wünsch ich dir Glück!
Danke!
Fünftes Kapitel.
Die Bestellung.
An der Hand des Fürsten von Tellmann wanderte jeden Tag Salassin in
Geschäftssale der Regierung, und lag hier seinem Studium mit ungemeiner
Thätigkeit ob. Er erwarb sich den Beifall der Fürsten und Edlen durch
seinen Eifer, und sie freuten sich über den treflichen Staatsmann, den er
versprach.
An einem Tage wandelte er eben von seinem Geschäfte durch die große
Residenzallee, und starrte einige neuangekommenen Luftgondeln an.
Leise trat ein Diener herbei, drückt ihm unversehens ein Briefchen in die
Hand, und verschwand wie ein Gedanke.
Er öffnete rasch das Blatt und las:
Wie lange schmacht ich in meiner quälenden Einsamkeit, seit ich dich,
liebenswürdiger Fremdling gesehen habe. Meine ganze Seele lebt in dir: süß
ist mir die Stunde, in der ich dich bei meinem Fenster vorüber wandeln
sehe, da klopft mein Herz im schnellem Pulse, mir glüht es im Innern und
brennts vor wehen und wohlen Drang. Jüngling, ich liebe dich -- mein
Geständniß kostete mir eine große Ueberwindung, lange Tage, lange Wochen
hat die unbezähmbare Liebe mit dem weiblichen Gefühle gerungen; aber
vergieb, wenn die erstere mit weit mächtigern Waffen siegte, und mich zu
einem Schritt trieb, den nur ein gränzenloser Harm entschuldigen kann. Ich
lechze vor Sehnsucht dich einmal wieder zu umarmen. Jüngling laß dich
rühren von meinem Schmerze. Heute Abends, wenn des Mondes Goldlampe mit
freundlichem Blicke auf die Liebenden blickt, irr ich einsam am Ufer des
Stroms -- bei dem 8ten Stadtthore. Willst du mich sehen, so wandle durch
die Erlenallee am Strome, dort harrt deiner mit unbeschreiblicher Sehnsucht
_Eine_
dich gränzenlos liebende
_Freundin_.
Salassin staunte, seine Augen verschlangen die Schrift, er las 2 -- 3mal
und sein Erstaunen stieg immer höher.
Wer mag das kühne Mädchen seyn? Wenn es -- doch nein! die kann es nicht
seyn! Soll ich dahin? -- Handle ich recht? Wenn es ein lockendes
Irrlichtchen wäre? Aber -- doch, ich will meine Neugierde sättigen -- Ich
sehe ja keine Gefahr -- Lollys Bild lebt in meiner Seele -- und die Reize
eines andern Mädchens -- sind Tulpen gegen Rosen. Das Abentheuer muß ich
doch der Sonderbarkeit wegen bestehn.
Er dachts und gieng als der Mond durch die Kastanienwipfeln seinen
lächelnden Strahl senkte, durch Gassen und Strassen an das achte Thor, und
wallte begierig die Erlenallee am Ufer des Stromes entlang.
Die liebliche Abendfrische, die aus den Weiden und Fliederhecken und den
schlanken Erlen rauschte, des Stromes schöner Anblick, der majestätisch mit
sanften Wellen durch thauige Wiesen sich wälzte -- sein liebliches Murmeln,
das sich mit den Mollackorden der liebesingenden Nachtigall und dem
Instrumentalklang ferner Musikanten vermengte, das Echo, das diese
schmelzende Harmonie wiederklang, das Blinken der flimmernden Sternensaat
am bläuchlichten Himmel -- ein Herz voll sehnender Liebe -- alles das
wirkte auf Salassin bezaubernd, und führte ihn zu süssen Abendschwärmerein.
Allen Rasensitzen vorüber, durch alle Gänge der Allee, durch alle Hecken
und Büsche war er gewandelt, aber nirgends hatte sich ein Mädchen gezeigt,
das sich als die Senderinn des Briefchens an seinen Arm geschlossen hätte.
»Vermuthlich hat sich jemand den Scherz gemacht, mich ein bischen bei der
Nase zu führen. Doch das Vergnügen, das mir der schöne Abend im Freien
gewährt, entschädigt mich süß genug -- und ich will noch da bleiben.«
Er lagerte sich an den Bach unter dichtlaubigen Hollunder ins weiche hohe
Gras, zu seinen Füssen plätscherten die Wellen, am wurzelvollen Ufer, und
spielten mit Wasserröschen und Vergißmeinnichtblümchen. Eine Laute, die er
bei sich trug -- wie es damals Sitte ist -- wurde zum sanfttönenden Echo
seiner Gefühle ergriffen, er wühlte in den silbernen Seiten, und sang:
Im Abendthau
Näßt Flur und Au,
Der Dämmrung Grau
Beflort das Thalgemälde.
Mit Zweigen spielt
Der Wind und kühlt
Die Trift, und wühlt
Im wallenden Roggenfelde.
Der Frösche Chor
Hallt dumpf empor
Aus Wiesenmoor
Im Abendglocken Klange.
Sanft rauschen nach
Der Quell und Bach,
Sie singen nach
Das Echo vom Felsenhange.
Durch Astgeflicht
Und Blätter bricht
Des Vollmonds Licht
Und zittert sanft auf Moosen.
Die Sternchen streun
Blashellen Schein
Durch Dorngezäun
Auf junge verschloßne Rosen.
Ich irre lang
Mit regem Drang
Im Erlengang
Mit stillen Seelentrauern.
Ach liebend streicht
Die Wangen feucht
Auch sie vielleicht
Durch Wiesen in Ahnungschauern.
Und suchet mild
Im Mond das Bild
Das sie erfüllt
Und weint dem Wahn die Thräne,
Und sehnet sich
Nach mir, wie ich
Beklommen mich
Ans liebende Herzchen sehne.
Dann fächle du
O Lüftchen, Ruh
Der Bangen zu,
Daß frey ihr Herzchen schlage.
Und flüstre traut
Wie Flötenlaut,
Wo Kühlung thaut
Daß einsam, ich um sie klage.
Daß auf der Trift
Im Felsenklüft
Im Thalgedüft
Die Ruhe säuselnd walle,
Nur Quällenklang
Und Bachgesang
Zu meinem Drang
Mir stürmend im Innern halle.
Im Wiesenborn
Tönt Dumpf verworrn
Das Stundenhorn
Des jungen Tages Keime:
Vom Sternenfeld
Sank Ruh, sie hält
Des Dörfchens Welt
In Armen und bildet Träume.
Zur Ruhe schleicht
Die Wangen feucht
Auch sie vielleicht
Mit bangen Herzens Spannen.
Und kann allein
Im Mondenschein
Der Träumerein
Erregendes Bild nicht bannen.
Und sinnt und denkt
Den Blick gesenkt
Und scheucht gekränkt
Den Schlaf vom Augenliede
Dann glänze licht
Als Traumgesicht
Wie Rosenlicht
Der Sinnerinn, Seelenfriede.
Und Vollmond, du
Blick Trost und Ruh
Der Bangen zu,
Und lächl ihr sanft im Harme.
Und Lüftchen dich
Umschlinge ich,
Du flügelst mich
In ihre mir offnen Arme.
Eben klang die letzte Strophe, das geschäftige Echo nach -- Salassin
verstummte in stiller Wehmuth, und Schwärmerei, und blickte starr auf den
Spiegel des vorüber gleitenden Stroms, sieh da! Eine weiche Schwannenhand
schlang sich zärtlich um den überraschten Schwärmer -- und ein glühender
Kuß ward auf seine Lippe gedrückt. Er sah auf und -- Wellmine lag in seinen
Armen an seinem Herzen.
Der Jüngling entwand sich mit Kälte -- Wellmine -- bist du es? -- war sein
erstes, als er sich vom Ueberraschen erholt hatte.
Ja, Jüngling -- den ich unendlich liebe -- ich bins! Ach vergieb meiner
Zudringlichleit. Wenn in deinem Herzen auch nur ein Funke von dem Feuer
meiner Liebe brennt -- dann vergiebst du meiner Kühnheit, dich hieher zu
bestellen, dich überall aufzusuchen.
Wellmine -- du schwärmst --
O laß mir diese Schwärmerei, sie ist Thau der schmachtenden Blume, sie ist
Trost meiner Seele. Noch einmal gesteh ichs dir -- Jüngling mein Herz liebt
dich unsäglich. Wo ich gehe, geht dein Bildniß vor mir. Ich wache und
träume von dir, überall und immer -- Seit wir in jener stillen Laube mit
einander saßen -- fühl ich mich umschlungen von deinem Arm, wie du mich
umschlangst als ich damals im Tanze mit dir in Elisien zu schweben schien.
Dein Geständniß -- ungestümmes Mädchen schmeichelt mir zu sehr -- ich --
weiß nicht -- wie --
O sprich nicht aus, Lieber! Ach, ich habe so lange mich gesehnt an deiner
Seite wieder einmal zu fühlen, des Himmels Entzücken.
Mädchen, -- ich habe Geschäfte. --
O kalter Jüngling, mit den Geschäften der Männer! Wenn vom Tage dir die
Hälfte frei bleibt -- eine Minute nur -- eine Minute könntest du ja doch
der heissen Liebenden schenken. Aber ach -- dein Herz ist kalt.
Wellmine -- ich nehme Theil an deiner Unruh, und -- (etwas lasser) Theil
nimmst du blos -- und an meiner Unruh? und -- bemitleidest mich vielleicht
auch? -- (Sie schweigt, und einige Thränen fallen auf Salassins Hand, der
gerührt das reizende Mädchen anblickt --)
Wellmine! Deine Thränen glühen an meiner Hand -- Wellmine -- Wellmine -- du
quälst mich --
(Mit verstellter Kälte und einiger Ironie) Es sind Thränen eines Mädchens
-- Jüngling! Ich heuchle, wie alle Mädchen -- vergieb -- ich habe dich
getäuscht -- mein Geständniß war Lüge -- ich bin ja ruhig -- mein Herz ist
kälter als das Deine --
O bei Gott nicht -- Wellmine -- mir bangts im Innern -- du hast die Nattern
der Unruh in mir aufgeregt -- Wellmine-- -- verschone --
(im vorigen Tone) O das sind Schäckereien -- ich scherzte nur -- glaube
keinem Worte -- was ich sprach -- du träumest selbst nur --
Foltre mich nicht -- Mädchen! Dein Ton ist bitter, und geißelt mein Herz --
ich liebe --
(voll Entzücken an seine Brust sinkend) O so bin ich gränzenlos glücklich
-- vergieb meines verstellten bittern Tons -- ach auch er war der Sporn,
den Liebe mir gab -- Jüngling -- ich bin dein --
(Salassin gewahrt den Mißverstand, und wendet sich gleichgültig ab.)
(Wellmine erblast und verstummt in sprachloser Verwirrung.)
Ein Diener kömmt eilig, und sagte: Die Schlafstunde schlug. Die Thore
werden gesperrt. Wir kommen sonst nicht in die Stadt mehr!
So müssen wir nimmer säumen -- sprach Salassin und führte Wellminen
verstimmt in die Stadt. Ohne viel Worte zu wechseln kamen sie nach Hause.
Süssen Schlummer! Wellmine sagte Salassin etwas wärmer.
Süsse Ruhe! wiederholte das Mädchen, und schlüpfte über die Stiege in ihr
Gemach, warf sich auf eine Ottomane, und saß die ganze Nacht in Sinnen und
Härmen.
Seine Brust ist kalt -- sagte sie weinend -- sein Herz ein Eisklumpen --
und ich Tollkühne -- Gott, ich habe mich blos gegeben -- Er verachtet mich
nun -- ha verachten? Ha! vergebens soll ich um den Gefühllosen mich härmen?
-- Doch -- er ist ja doch Mensch -- sein Blut rollt heiß in den Adern,
sollen ihn Reize nicht rühren? -- Ha er muß fallen -- der Stolze -- durch
meine Kunst soll er fallen -- aber welch verzweiflendes Mittel wähl ich?
Und kann ich dies brennende Verlangen, dies marternde Härmen, kann ich
meines Herzens Toben anders stillen? -- Ha so stähle mich denn, Liebe! die
du mich an den Kalten so unbezwinglich zaubertest! --
So dachte sie, so sann sie auf Schlingen für das Vögelchen, das sie mit
aller Gewalt fangen wollte.
Sechstes Kapitel.
Die Portraitsvorzeigung.
Doch nun lassen wir sie an ihrem Plänchen schmieden, wir werden am Ausgang
genug sehen. Genug wenn der fertig gestrickte Strumpf uns zu Gesichte
kömmt; warum sollen wir zusehen, wie er gestrickt wird.
Die Zeit, wo die von den Vorstehern ausgeschriebenen Bildnisse gezeigt
werden sollten, war erschienen. Hundert der geschicktesten Mahler bemüthen
sich ein Meisterstück ihrer Kunst zu liefern, und arbeiteten rastlos mit
Ehre ihr Werk vorzulegen, voll dem Wunsche nach der schönen Belohnung.
Am Tage des Vorzeigens versammelten sich die Vorsteher in einem Saal des
Musäums, saßen in einem Kreise, und die Mahler wurden mit ihren Produkten
unter dem Donnern der Trompeten und Pauken in einen Vorsaal des Musäums
gelassen.
Wer wird den Preis erhalten? -- sprach Einer -- Ich bin begierig den
Glücklichen zu sehen! Ein Anderer. Welcher wird den Kaiser am besten gefaßt
haben! Der Dritte. Ich wette der berühmte Haning, der den Kaiser alle Tag
belauschte, um ihn recht zu fassen, liefert das vollkommenste Bild! Der
Vierte.
O wer wird die Prämie erhalten, als der göttliche Fillner -- der mahlt alle
weg --! Der Fünfte.
So lispelten die Vorsitzer untereinander voll Neugier den zu wissen, der
die Braut nach Hause führt.
Den Mahlern, die mit ihren verhüllten Produkten im Vorsaal standen,
zitterte das Herz im Leibe vor Sehnsucht, Hoffnung und Zweifeln. Einer sah
den andern mit scheelen Augen an, jedes Miene schien zu sagen: Ich bin der
Glückliche! mir fällt der Kranz zu! Endlich erscholl das Zeichen zum
Anfang, als die Mahler versammelt waren. Sebald war der lezte in den
Vorsaal gekommen, und erschrak über den Anblick so vieler Meister, worunter
er den Unbedeutendsten geschickter als sich selbst hielt. Er wollte zurück
mit seinem lieben Werkchen den Weg nach Hause treten, aber nun ward keiner
herausgelassen, und die Schande hören zu müssen: »Seht der hat ein armselig
Vorgefühl, er geht lieber bei Zeiten fort:« -- Diese Schande wäre Sebalden
zu unerträglich gefallen. Lieber will ich der Lezte eintreten, als unter
dem Gespotte dieser da aus dem Saale weichen! dachte er, und stellte sich
in einen Winkel, wo ihn niemand mehr fixirte: allenfalls daß der oder jener
von den berühmtesten Künstlern mit einem schiefen Blick auf Sebalden
vorüber gieng, die Nase rümpfte, den Mund in ein hönisches Lächeln zog, und
die Lippen aufwarf als wollt er sagen: der junge Laffe da will auch mit uns
Meistern sich messen?
Das Zeichen ward mit Trompeten und Pauken gegeben, die Saalthüre wurde
geöffnet, und einer der berühmtesten Künstler trat mit seinem nun
enthülltem Bildnisse in den Saal.
Schön! trefflich! riefen diese -- andre Herrlich! man hieng es auf und der
Nahme des Mahlers ward einprotokollirt.
Die Trompeten und Pauken schmetterten, und es trat ein 2ter ein -- so ein 3
--4 -- 5 -- so traten 50 nach und nach herein, und alle so trefflich, so
vollkommen gezeichnet, daß man nicht wußte, wem der Preis entschieden
werden sollte.
Endlich stand Sebald ganz allein im Vorsaale da, mit klopfendem Herzen,
zitternden Schritten, und wankenden Knien, unentschlossen ob er itzt doch
herein oder fortgehen solle.
Jeder Mahler, der sein Portrait abgegeben, und einprotokollirt war, reihte
sich unter die Zuseher und Beurtheiler. So waren denn alle da und jubelten
denn jeder, mich hat keiner übertroffen.
Sind der Herrn Künstler noch viele im Vorsaale, sprach der Präsident des
Musäums. --
Ein einziger -- antwortete der Vorletzthereingekommene.
Der wird mir auch nicht den Dukaten aus der Hand reißen! -- dachte einer.
Der konnt sich wohl lieber nach Hause zeigen lassen! -- Ein Anderer.
Der muß ein sauberer Gesell seyn, daß er zuletzt bleibt -- Ein Dritter.
Du wirst mich auch nicht in den Graben stossen -- Ein Vierter.
So dachte jeder durch die Reihe, und starrte begierig bis die Thüre sich
öffnen würde.
Das gewöhnliche Zeichen erscholl, und alle Blicke hiengen starr auf die
Thüre, voll Erwartung des Endes.
Sebald faßte das Bild bei dem Rande, und hielt es vor sich her, so daß das
Bildniß auf die Zuseher, auf ihn aber der unbemahlte Theil der Leinwand zu
stehen kam; er war so zu sagen ganz bedeckt.
Die Thüre wurde geöffnet, und Sebald schritt herein.
»Der Monarch selbst! -- riefen alle -- standen von ihren Sitzen auf, und
verbeugen sich erfurchtsvoll vor dem Gemälde.
Aber wie erstaunten alle -- als sie ihren Irrthum bemerkten.
O vortrefflich! vortrefflich: Göttlich! Das vollkommenste ohne Gleichen!
Unübertrefflich! Der hat den Preis! -- schrien alle, und wähnten troz dem
erkannten Irrthum den Kaiser in persona leibend und lebend vor sich.
Jeder Pinselzug war Leben! Jedes Fäserchen so natürlich ausgedrückt! Die
hohe Stirne mit dem lebendigen Ernst und der Majestät, wie sie in des
Kaisers Gesicht selbst schwebt. Die Milde und Freundlichkeit in dem Zug um
den Mund, das Feuer der Augen -- alles -- alles so lebhaft daß die
Vorsteher des Musäums und die Kenner und Mahler getäuscht werden mußten.
Der Beifall war unendlich, und der Preis ward Sebalden einstimmig
zuerkannt; wiewohl Gall und Neid in unzähligen Gesichtern so richtig sich
mahlten, als Sebalds Preisbildniß gemahlt war.
Einige schäumten vor Groll und Gift, andere ärgärte es, sich von dem Jungen
da übertroffen zu sehn. Besonders haderten diejenigen mit sich, die vorhin
so wenig in ihm suchten, ihn mit spottischen Näschen, oder scheelen Blick
anguckten.
Der Präsident gebot Stille, und sogleich schwieg der Strom der Mißgunst zu
brausen.
Empfange junger Mann! dem einstimmig die ausgeschriebne Prämie für das
unübertreffliche Bildniß unsers Monarchen zuerkannt wird, empfange aus
meinen Händen im Namen der Vorsteher den Preis! diese Ehrenmedaille auf die
der Name noch geprägt wird! durch deine Geschicklichkeit -- durch dein
Verdienst! bist du werth des Vaterlandes! Fahre fort ihm Ehre zu machen,
und bleib ihm ein treues würdiges Glied.
Der Präsident umarmte ihn, die andern folgten ihm, wünschten ihm Glück. Die
Trompeten und Pauken schmetterten stärker. Die Versammlung trennte sich;
Sebald ward im Kranze der Vornehmsten unter dem Getöne einer lieblichen
Musik, und von dem in Schwärmen herbeigeeiltem Volk in seine Wohnung
begleitet.
Fürst Tellmann und Salassin waren gerade aus der Residenz zurückgekommen,
erstaunten und taumelten im höchsten Entzücken auf den beneidenswerthen
Sebald zu, der bescheiden da stand, die Huldigungen der Menge tiefgerührt
annahm, und unaussprechlich seelig durch Tellmanns und Salassins Jubel eine
dankbare Thräne vergoß.
Der Tag war ein Fest der allgemeinen Freude, Jünglinge und Mädchen
beschäftigten sich um ihn, und führten ihn im Triumph -- er mogte sich
sträuben wie er wollte -- zur Aneiferung Anderer durch die Stadt.
An den Theaterzetteln stand sogar: Dem neuen Künstler Sebald Kaiserbild zu
Ehren.
Nach dem Schauspiele gieng es zum Ball, im Pallaste des Präsidenten des
Musäums, und Sebald als der Held des Balles, der Gesellschaft, des Tages,
begann den ersten Reigen.
Fürst Tellmann selbst vergaß sein Alter und tanzte wie ein Jüngling. Alle
Mädchen drängten um sich Sebald, aber Sebald -- nun? er ist doch etwa nicht
traurig? unzufrieden?
Je nun -- ganz zufrieden ist er -- aber doch auch nicht! Sein Gesicht ist
der lachende Blüthenmond -- aber sein Herz? -- ein öder Wintertag. Warum?
Ist ihm das alles zur Last? Gewiß ersah er das nicht -- was sein Herzchen
ersehnt? Getroffen, mein Leser! getroffen.
Mit forschendem Blicke durchirrt er die Reihen der Mädchen -- das schöne
jammernde Mädchen war aber nicht darunter. Doch ließ er sich das von keinem
abmerken, höchstens daß sein trauter Salassin etwas geahndet hätte; aber
der war zu sehr mit der Gesellschaft und dem Tanze beschäftigt.
Siebentes Kapitel.
Das Abentheuer.
Da schäckert eben ein Kranz muthwilliger Mädchen mit dem Helden des Tages
und seinem Freunde.
Ist Wellmine nicht darunter? Nein! Sie plaudert an der Seite mit dem
Kellner. Ihr Plänchen ist geschmiedet, und dazu braucht sie den Kellner,
die Mundschenker und einige Diener, denen sie Goldberge verheißet für eine
kleine Gefälligkeit.
Den besten stärksten Wein -- so spricht sie zu diesem -- schenkt dem Einen
ein, der dort mit dem Ballhelden immer so vertraulich umgeht. Recht häufig
und recht stark! Hört! vergeßt nicht! Er ist ein außerordentlich lustiger
Mensch, wenn er ein klein Räuschchen im Kopfe hat. So stirbt er vor Leid!
Da wollen wir schon helfen, sagten die Diener, es soll der Himmel und die
Erde mit ihm tanzen!
Armer Salassin! Was hat Wellmine heute mit dir vor? Was wird dir noch
geschehen?
O wehe, da wirket der Geist des Trunkes schon. Unvorsichtiger, wehe dir --
es ist um dich geschehen!
Salassin ward ungemein munter -- so witzig -- so zum Scherzen und
Schäckern, zum Tändeln und Tanzen aufgelegt, als ihn noch niemand im Leben
gesehen. Tausend artige Gallantrien sagt er den Mädchen und Frauen, die den
Jüngling bewunderten und liebten.
Mit allen trank er Brüderschaft -- sein Herz floß über seine Lippen -- kurz
Salassin der lustige, galante, schöne Jüngling zog diesmal aller
Aufmerksamkeit ungetheilt auf sich.
Sebald merkt es dann bald, was ihn begeistere, und beschwor ihn bei Zeiten
sich des fernen Trunkes zu hüten, weil der überall geschätzte, leicht der
überall belachte hätte werden können.
Salassin folgte zwar lange dem Rathe des Freundes, als aber der letzte der
Reigen getanzt wurde, konnte Salassin dem Durste nicht länger widerstehen,
und trank ein Gläschen um das andere leer.
Zum Glück war es spät nach Mitternacht, und das Ende des Balls da. Salassin
mächtig vom Weine betäubt irrte fort nach Hause zu.
Ja nun war die Wirthschaft sauber. Das Gebäude lag in einer ihm etwas
unbekannten Gegend der ungeheuern Stadt, die blos an Pallästen 4000 und an
gewöhnlichen Bürgerhäusern wohl der 20000 zählte. Wohin nun?
Allein war er fort, klug genug um keinem andern seine Lage zu verrathen.
Vor dem Hause stand ein Wagen, man zog Salassin hinein, er ohne vielen
Bedenken fuhr fort. Er stieg vor einem Pallaste ab -- das ist meine Wohnung
meint er, und stieg die Treppe hinauf.
Er tappte im Dunkel eine lange Treppe fort, und schob unvermuthet eine
leichte Zimmerthüre auf, wo ein Lichtstrahl von einer Kristallsonne den Weg
erhellte. Er stand in dem Zimmer, es ward wieder dunkel, denn die Sonne war
plötzlich verschwunden.
Bin ich doch einmal zu Hause! -- dachte er -- und zog den Rock ab -- und
indem er denselben auf eine Ottomanne werfen wollte, erhellte sich plözlich
das Gemach von der enthüllten Kristallsonne.
Salassin sah umher, und sah -- welch ein Anblick! Auf einem Ruhebette lag
ein Mädchen halbverschleiert; Er wankte näher, das verstellt schlaffende
Mädchen ergriff wie im Schlummer seine Hand, und stammelte den Namen
Salassin! -- Ha! rief Salassin zitternd und zurückfliehend -- es ist
Wellmine! Ha verächtliche -- deine Lockungen reizen mich nimmer! -- Er
ergriff den hingeworfenen Rock, und floh, als loderte über ihm das Gemach
zur Thüre und zum Hause hinaus.
Rasend sprang nun Wellmine auf -- rasend über den mißlungenen Plan. Sie
verfluchte ihren unseligen Einfall und zerraufte ihr schönes Rabenhaar, und
rannte weinend im Gemache herum.
So kann nichts, nichts die kalte Marmorseele locken? Das verlezte Gefühl
der schönsten weiblichen Tugend, Schamhaftigkeit -- die unbelohnte
dürstende Liebe -- Die Vorstellung sich Verachtung statt Achtung gesponnen
zu haben, verfolgte das unglückliche Mädchen wie Furien -- sie kämpfte im
unaufhörlichen Kampf. -- Vom Selbstgefühle so tief herabgesezt verwirrte
sie Wahnsinn nach langen unaussprechlich jammervollen Stunden -- und das
blühende Rosenmädchen hatte sich bald zum Gespenste gehärmt.
Salassin war inzwischen durch Gassen und Strassen geeilt -- und kam endlich
an die Residenz des Kaisers; von da er bald seine Wohnung traf. Er sank
betäubt in einen unruhigen Schlummer.
Achtes Kapitel.
Das Aerntefest.
Der Jubel des gestrigen Tages war endlich mit dem Schlaf und Traume
verwichen. Schwere Köpfe, schläfrige Augen, und müde Füsse waren den
Tänzern noch die deutlichsten Spuren, daß gestern ein Festtag gewesen.
Alles gieng nun wieder seinen ordentlichen Gang. Salassin wachte spät von
einem doppelten Rausche auf.
Du bist gestern oder eigentlich heut morgens spät nach Hause gekommen --
sagte Sebald lächelnd. Du wadetest gewiß einem lockenden Irrlichtchen nach
in Sümpfen herum!
Bin aber doch glücklich und bei Zeiten herausgekommen -- antwortete
Salassin etwas trübsinnig.
So? laß mich doch hören! Wie ist dir heute zu Muthe, und im Kopfe?
Nirgends gar zu wohl!
Da bedaure ich dich, daß mein Jubeltag dir so garstig bekommen! Nun,
Ritter, hast du alla Don Quinxotte mit Windmühlen oder Riesen gekämpft?
Ach -- mit noch ärgern Feinden?
Und den Kampf siegreich bestanden?
Jenu -- das Feld hab ich zwar geräumt -- aber dadurch eben gesiegt.
Du wärst ein kluger Feldherr!
Wer weiß! nur möchte ich meine Taktik gegen Mädchen nicht gar zu oft
versuchen.
Wie so?
Salassin erzählte mit Treuherzigkeit den ganzen Vorfall. In Sebalds Seele
drängte sich Abscheu mit Mitleid.
Seb. Darum plauderte sie mit den Weinschänkern so oft.
Sal. Jawohl hat sie die Schuld -- meine Gewohnheit mich zu berauschen ists
nicht; es war das erstemal in meinem Leben.
Seb. Du warst noch glücklich. Alle waren über deine thätige Munterleit
entzückt. Niemand ahndete die Ursache derselben, und dabei hast du ja
gewonnen, du bist nun der Liebling aller Schönen; aber die Schlange, weich
ihr aus, Salassin!
Sal. Das that ich, und nun noch mehr.
Seb. Wir müssen uns heute erhohlen --
Sal. Erhohlung hätt ich nöthig!
Seb. Wir machen einen Spazierritt aufs Land.
Sal. Weit?
Seb. Wie du willst!
Sal. Wann kommen wir zurück?
Seb. Morgen!
Sal. Meinetwegen.
Seb. In einem Dorfe 4 Stunden von der Stadt ist das Lager abgesteckt für
die Armee. Der Kaiser selbst wird dahin sich begeben, um das Heer zu
mustern, sich den Soldaten zu zeigen, und ihnen Muth und Liebe einzuflößen.
Man hat Bemerkungen gemacht, daß die unruhigen Normänner sich zu einem
Streifzug ins nördliche Germanien rüsten. Der Sicherheit halber kampirt
unsrer Armeen eine gegen Norden bin.
Sal. Reuten wir allein, oder in Gesellschaft?
Seb. Wie du willst.
Sal. Also allein.
Sie meldeten sich dem Fürsten von Tellmann drum und fort im flüchtigen
Gallopp flogen die rüstigen Pferde durch Gassen und Strassen zum Thore.
Sie erreichten bald das erste der Dörfer. Eine Menge geschmückter Jünglinge
und Mädchen, tanzten in Reigen in einem Wiesenthale. Sie feierten das
Aerntefest. Die Musik hallte so lieblich aus der Ferne den Reutenden
entgegen. Büsche und Hecken rauschten, und der Wind säuselte den
Wiederklang der Töne.
Neuntes Kapitel.
Die Einsiedelei.
Die sanfthallende Harmonie regte Beiden Empfindungen auf, sie ließen den
Zaum aus der Hand sinken, und hörten nur die lieblichen Töne, sahen nur
nach der volkreichen fröhlichen Wiese. So traf es sich daß sie die Strasse
abritten, und ihren Irrthum nicht eher als hinter dem Dorfe bei einem Bach
gewahrten, über den keine Brücke führte.
Wohin sind wir gerathen?
Wo hatten wir die Augen?
Riefen beide, und bemerkten die verfehlte Strasse.
Wir müssen lings gegen Norden zu!
Da geht kein Weg durch den Wald!
Je -- so müssen wir ihn uns suchen!
Gesagt! Gethan! Und sie ritten dem Wald zu, ernahen einen etwas unbefahrnen
Fuhrweg, der sie grade in das dunkelste Dickicht des Waldes führte, Tannen,
Fichten kaum über die Spitzen zu schauen, verschlangen sich mit ihren
Aesten, und selten blizte durch der Zweige dicke Dämmerung ein Sonnenstrahl
auf das feuchte Waldmoos. Immer dunkler wurde der Wald -- 3 lange Stunden
irrten sie darinn nicht auf Wegen und Stegen, -- von diesen waren längst
alle Spuren vergebens aufgesucht: wo ein etwas breiteres Pläzchen
durchzukommen war, da ritten sie, stiegen hundertmal ab, und führten die
Pferde sich nach.
Seb. Wir rittern ja doch etwa nicht im 12ten Jahrhundert?
Sal. Wenn uns doch ein Abentheuer mit Geistern und Hexen aufstieße.
Seb. Wie kämpften wir denn? mit Fingern?
Sal. Narrchen -- da liegen Stöcke und Aeste genug!
Seb. Ja wohl -- wir könnten eine Fichte zum Spaß aus dem Boden wurzeln, und
sie als Schwerdt brauchen.
Sal. Oder die Felsenstücke wie Kartätschen verschleudern!
Seb. Horch! Da klingt so ein menschlicher Ton aus dem Walde.
Sie standen und horchten.
Sal. Wahrhaftig -- das tönt ja wie ein Euphonklang!
Seb. O du Euphonschläger! Warum nicht gar wie ein Nachtigallied!
Sal. Wahrhaftig -- ich irre nicht! Ich vernehm es immer deutlicher! Wie ein
Mädchengesang!
Seb. Ey wenn wir doch auf ein Feenschlos kämen!
Sal. Und ein Duzend verzauberte Prinzessinnen enthexen müßten!
Seb. Halt! da wirds heller vor uns!
Sal. Die Waldnacht dämmert! -- Still! horch! -- Nun wenn da kein Euphon
mollirt: so will ich keins gehört haben! -- Pst! -- Hörst du wie die
Harmonie so klagend durch die Bäume rauscht? -- Da wohnen Menschen.
Seb. Richtig -- der Wald ist zu Ende -- junge Schläge grünen da vor uns!
Sal. Die Tannen und Fichten wechseln mit lichtern Birken, und dort wehen
hohe Buchen.
Seb. Da seh ich einen Fußsteig! Wir sind zu Ende!
Sal. Aber wo? Sieh links zur Seite -- da dämmert zwischen den dichten
Buchen ein Gebäude!
Seb. Wahrhaftig -- eine Siedeley! Nun, nun Herr Bruder, wir sind richtig in
einer alten Ritterwelt!
Sal. Ey! da wird er ja betrettner. Ein dunkler Buchenwald mit einer grauen
Mauer umgeben -- was --
Seb. Spornen wir doch die Rosse -- meine Neugierde regt sich --
Sal. Sieh über die Mauer ragen 2 schwarze Säulen zwischen einigen Cypreßen
--
Seb. Vielleicht gar die Eremitage eines Melankolikus!
Sal. Dort graut ein kleines Haus durch die Büsche!
Seb. Was ist das für ein Einfall! Schwarz angestrichen -- das Dach sogar
schwarz!
Sal. Aber es läst gut -- das dunklere und hellre Grün der Zweige -- und das
melankolische Schwarz! -- Aber horch! Der Klang hallt wieder! -- Aus dem
Hause! Nun höre doch, -- ist das kein Euphon?
Seb. Was du für ein feines Gehör hast: schon auf eine halbe Stunde, im
Dückicht noch, erkennst du den leisesten Ton!
Sal. Mahleraugen sehen -- sagtest du einmal -- die Wurzeln und Fasern, wo
ein Andrer kaum die Warze bemerkt. Musikerohren unterscheiden die Töne
bestimmt, wo du den Wind rauschen zu hören wähnst.
Seb. Eine Thüre! wir binden die Rosse an einen Baum -- denn durch die
kleine Thüre können wir einmal doch nicht reiten.
Sal. Was sollen wir aber in der Einsiedeley?
Seb. Menschen suchen und fragen, wo wir auf die Strasse kommen. Der Abend
thaut schon!
Sie banden die Rosse fest an einen Baum, öffneten die kleine Gartenthüre
mit Gewalt, und schliechen durch Büsche auf das schwarze Haus zu. Die Gänge
waren voll Grau und Diesteln; sehr verwildert lings und und rechts
geschlängelt. Die Hecken mit hohen Buchen und Tannen untermischt, wurden
immer höher und sie verloren das Gebäude aus dem Gesichte.
Endlich endete der labyrintische Schlag, und 12 Eichen umrundeten einen
Platz voll hohen Grases in der Form eines Ringes. Eben so viele Cypressen
bildeten wieder in der Mitte des Platzes einen kleineren Zirkel, wo 2
Grabhügel mit blühendem wilden Tymian und Dyanthen sich erhoben, an jedem
derselben stand eine kohlenschwarze Marmorsäule weiß geädert, auf deren
jeder ein welker Blumenkranz hieng.
Die beiden Freunde schauerte es, die feierliche Stille, die der Wind nur
manchmal störte, wenn er die Aeste knarrend an einander blies, und in dem
Laube stöhnte oder wenn ein Aestchen oder Blatt herabrauschte -- die beiden
Grabhügel, die düstre Melankolie in dem ganzen Platze, das schwarze
Monument -- alles das wirkte auf die Fremdlinge so neu und mächtig, daß sie
stumm und den Odem anhaltend diese erfurchtsvolle Stelle durchschweiften.
An der einen Säule stand die weiße Inschrift:
Gottlieb Edler von Felsthal im 26ten Frühling seines Alters im Jahre 2300.
An der andern Seite das Bild einer jungen Eiche, die vom Blitz
zerschmettert wird; mit den Worten: »Kein Blitz zersplittert nun die Eiche
mehr.«
Die andre Säule der vorigen an der 4 eckigen Form und an Größe gleich trug
das Bildniß einer Rose vom Strauche fallend, mit dem Motto:
Schöner konnte sie nicht blühen, aber länger!
An der andern Seite: Ernestine Losenau im 18ten Frühling ihres Alters im
Jahr 2298.
An dem Fusse der beiden Gräber ein 3ter Hügel mit einer runden weißen
Säule, hier das Bild eines abgewelkten Baumes mit dem Spruche; Dort grünest
du ewig! und auf der andern Seite: Karl Edler von Felsthal im 79 Herbste
seines Lebens, im Jahre 2295.
Neben diesem ein noch frisches leeres Grab -- Gewiß für eine noch lebende
bestimmt. Oben an den Hügeln hob sich ein brauner Fels hie und da mit Moos
und jungem Grase bewachsen empor, an dem eine stark vergoldete Metallplatte
angekettet war, mit der Allegorie wie durch die Wolken des Leidens, hie und
da durchs zerrissenes Gewölk ein Sonnenstrahl der Freude bricht, und mit
der Inschrift:
Einem liebenden Paar einst getrennt, nun immer vermählet,
Und dem Gatten, ist dies Denkmal der Trauer gesezt.
Schlummert im Schoose der Ruh, ihr langebeweinten Geliebten;
Bis ein schönerer Tag ewig uns alle vereint.
Leudalie v. Felsthal.
Schweigend blickten Salassin und Sebald bald sich, bald die Monumente an,
und verließen es endlich, da die Dämmerung des Abends sich immer mehr und
mehr in Nacht verlor. Sie irrten noch lange umher, überall die ernste
feierliche Einsamkeit, schaurig und doch nicht unangenehm, alles gemacht,
die Seele einer bessern Welt vorzubereiten.
Endlich erblickten sie das romantische Haus, und traten leise an die
halbgeöffnete Thüre. Eine weibliche Gestalt saß am Euphon und sank in den
Klang der Saiten ein Klagelied. Sie war verlohren in ihre Wehmuth, und
bemerkte die Fremdlinge nicht, die hinter ihr an der Thüre stille standen,
und dem Gesange zuhörten. Sie sang ein Lied von Mathisson.
Wann ich einst das Ziel errungen habe,
In den Lichtgefilden jener Welt:
Heil der Thräne dann auf meinem Grabe
Die auf hingestreute Rosen fällt.
Sehnsuchtsvoll mit hoher Ahndungswonne
Ruhig wie der mondbeglänzte Hain
Lächelnd wie beim Niedergang der Sonne
Harre ich, göttliche Vollendung dein!
Eil' o eile mich emporzuflügeln
Wo sich unter mir die Wellen drehn
Wo im Lebensquell sich Palmen spiegeln,
Wo die Liebenden sich wiedersehn.
Sklavenketten sind der Erde Leiden
Oefters ach! zerreißt sie nur der Tod
Blumenkränze gleichen ihren Freuden
Die ein Westhauch zu entblättern droht.
Sie sang so rührend und klagend -- die Beiden lauschten und -- fühlten --
fühlten diese süsse Wehmuth, diese verlangende Sehnsucht -- und eine Thräne
glänzte in ihrem Auge: Die Seele schien in jenen Lichtgefilden zu schweben.
-- Die Dame stüzte den Kopf auf die Hand, und trocknete einige Thränen:
stand auf und erschrak über den Anblick der Fremden, die sich voll Rührung
ihr näherten.
Vergieb, daß wir dich gestört haben. Bange Dulderinn, wir sind Verirrte,
und wissen die Strasse nicht zu finden die nach der Stadt führt.
Fremdlinge seyd mir Einsamen willkommen -- sagte die Dame -- Es ist spät
Abends und vor 4 Stunden trefft ihr aus dem Walde nicht auf die Strasse.
Wenn es euch gefällig ist -- das Nachtlager hier zu halten -- in einem
Zimmerchen findet ihr Ruhe --
Die Dame verschwand in ein Nebenstübchen, und ein alter Wann wies ihnen das
Zimmerchen.
Wie haben unsre Pferde vor der Mauer an einen Baum gezäumt. Könnten sie
nicht bequemer hier im Garten irgendwo stehen?
Der Alte nickte; Gleich!
Die Beiden giengen mit ihm, und führten die Rosse durch ein Thor, das er
ihnen zeigte: sie banden sie bei dem Hause an eine hohe dickstämmige Buche
an, der Alte brachte Gras und Wasser, und den Fremden blieb nichts übrig
als nach einem kleinen Mahle von Obstfrüchten sich müde in das einsame
Zimmerchen zur Ruhe zu legen.
Zehntes Kapitel.
Wohlthun bekäme bald übel.
Der Morgen vergoldete den romantischen Garten: der alte Mann wünschte guten
Tag! und brachte Früchte zum Morgenmahle --
Könnten wir mit der Dame nicht sprechen -- guter Mann, sagte Salassin --
Sebald sah durch das Fensterchen in den Garten.
Ohne ihr wehe zu thun -- nicht! War die Antwort. Rede mit mir, was du zu
sagen hast: ich höre und rede für sie.
Wer ist die Dame?
Sonst hast du nichts zu fragen? Dann geh ich --
Nicht doch -- für das Nachtlager, für die freundliche Bewirthung wollten
wir uns bedanken!
Für nichts -- dankt man nicht!
Ist das nichts, uns bewirthet zu haben? Uns, die sie nicht kannte? Wir
wünschten doch das edle Weib zu kennen.
Wird euch wenig frommen. Sie ist eine Dame, der Gatte und Kinder gestorben
sind, die nun ihr Leben in stiller Trauer verweint -- und ich bin ihr alter
Diener -- hier ist die ganze Geschichte -- nun kommt! ich will euch aus dem
Walde führen. Die Pferde hab ich schon gesattelt.
Weile noch ein bischen! Ich --
Habe nicht Zeit -- mein Taggeschäfte bleibt ohnehin zurück, da ich vor 2
Stunden nicht wieder komme, wenn ich die Strasse euch deuten soll.
Das thut uns leid -- wenn du durch uns versäumst. Wer waren denn die beiden
Liebenden, denen das Denkmal dort im Garten gesezt ist.
Habt ihrs gesehen?
Ja!
So werdet ihrs auch gelesen haben? Weiter kann ich nichts sagen.
Vergebens war Beider Müh, etwas mehr von dem Gesehenen, das sie so
neugierig machte -- zu erfahren; aber der Alte wich allen Fragen aus, und
sie mußten endlich ohne die Dame noch einmal gesehen zu haben, die Reise
wieder antreten! Sie blickten noch einmal auf den Garten, und giengen vor
ihren Pferden her.
Setze dich auf mein Pferd -- sprach Sebald. Deine Füsse tragen dich kaum,
und du sollst so weit uns führen?
Meine Füsse tragen mich schon.
Du bist alt -- nein -- wir reiten lieber auf gut Glück herum, eh wir dich,
guten Mann nebenher keuchen lassen.
So will ich mich aufsetzen.
Sie halfen ihm auf den Gaul, und wanderten langsam durch dunklere und
lichtere Strecken des Waldes, von den hohen Wipfeln tropfte der Thau, der
im Sonnenstrahl schmolz, unten war noch tiefe Nacht.
Du bist gewiß schon lange bei der Dame?
Ja!
Wie lange denn so ungefähr?
Bis heute.
Erzähl uns doch was --
Ich weiß nichts!
Das eine Grab schließt vermuthlich den Vater, das andere den Sohn ein?
Ich denke.
Das offne ist ohne Zweifel der Dame bestimmt, wenn sie einmal sterben wird.
So scheint mir.
Das eine worinn ein Mädchen ruht, das einen von der Familie verschiedenen
Namen hat -- wer war denn die?
Ein Mädchen.
So viel konnt ich mir schon sagen. Wie kömmt sie in diese Reihe?
Weiß es nicht.
Vielleicht eine Blutsverwandte?
Mag seyn --
Und gestorbne Geliebte des gleichfalls todten Sohns?
Ja!
Eine gewöhnliche Geschichte mags wohl nicht seyn, die sich mit diesen
Beiden zutrug; die Inschriften und Bilder an den Marmorsäulen lassen so
etwas seltneres vermuthen.
So?
Edler von Felsthal? Ich glaub, er war ein Feldherr, und zog gegen --
Reh und Hirsche.
Sein Sohn liebte ein Mädchen, das der Vater aus gewissen frommen Gründen --
ich glaube das Mädchen war katholisch, und der Felsthal protestantisch --
und der Sohn wollte sich heimlich mit dem Mädchen trauen lassen?
Von Rabinern.
Das Mädchen härmte sich, weil sie den Sohn so einzig und innig liebte, und
ihn nie den ihren nennen sollte -- ward sie nicht wahnsinnig und nahm sich
das Leben im Was--
Ja, in der Buttermilch.
Ach quäle mich doch nicht Alter! Erzähl uns doch --
Ihr wißt ja schon alles.
Ich glaube so einmal etwas gehört zu haben von dieser Geschichte --
Das hör ich.
Ist der Sohn nicht darauf auch gestorben? Nein ich glaube er hat sich --
Zu todt gewimmert.
Nicht doch, auf ihrem Grab ist er --
Vor lauter Lieb erfroren.
Ach, diese Todesart findet man in Romanen des 18ten Jahrhunderts. Itzt ist
Mode sich --
Lebendig zu begraben; oder --
Weist du das von deiner Dame her?
Sich todt zu fragen.
Hm -- meinte Sebald -- Salassin! Da erfahren wir nichts.
Sie erreichten endlich die Strasse. Naß vom feuchten Waldmoos waren die
modischen Stiefelchen: Rock und Hut trieften vom herabrieselnden Thau.
Dahin geht die Strasse nach der Stadt -- dorthin, von der Stadt. Lebt wohl,
sprach der Alte, stieg vom Pferde und trat den Rückweg an.
Dank, lieber Mann! -- sagten die Beiden, und drückten ihm ein Goldstück in
die Hand.
Wozu das? -- Ich habe Kräuter und Früchte -- bin nicht in der Welt --
Nims zum Andenken.
Hört -- wenn ihr so gut seyn wollt -- sprach vertraulicher der Mann, und
lächelte zum erstenmale ein bischen -- Wenn ihr da in das Dorf kommt --
wird euch ein grünangestrichenes Häuschen entgegen schimmern. Da geht
hinein, und gebt es dem, den ihr antreffen werdet, und sagt -- aber von
Wort zu Wort: Das schickt euch Thoms der Murrkopf aus dem Walde.«
Der Alte sprachs, drehte sich um, und lief fort bis er ihnen aus den Augen
war.
Ein sonderbarer Mann! dachten beide, schüttelten den Kopf, und zauberten
sich das Gesehene zurück.
Sie kamen in das Dorf: klopften an die Thüre des grünen Häuschens: Ein Mann
hager, blaß, ein Skelet von einem Menschen, streckte den Kopf zur Thüre
hinaus.
Salassin gab ihm einige Geldstücke, und sagte: Thoms der Murrkopf im Walde
schickt euch das!
Der Mann verdrehte grimmig das Gesicht, und klapperte mit den Zähnen, biß
in die Lippen und brüllte wild grinsend. Wollt ihr mich foppen, ihr Gauner!
schrie er, ergriff einen Stab, und schlug nach den erstaunten Reutern, die
nicht schnell genug auf dem Gaule fortgallopiren, und dem rasenden Mann,
den sie für närrisch hielten, entfliehen konnten. --
Er lief bellend wie ein Hund, und geifernd wie Rezensenten durch das ganze
Dorf ihnen nach, bis er über einen Stein stolperte, und auf der Erde liegen
blieb, wo er vor Grimm in den Stein biß.
Einige von den Dorfleuten sahen dem Spektakel zu, und riefen: Hans Narr ist
von der Kette los!
Dacht ichs ja gleich, der Mann sey närrisch! -- sprach Salassin, und die
Beiden hielten still.
Ach Herr -- sprach ein grauer Mann -- du hast ihm gewiß ein Allmosen von
dem Murrkopf Thoms im Walde gebracht?
Ja! und drum ist der Mann so wüthig?
O da schlägt er im Zorne den todt, der ihms bringt!
Warum? Was bedeutet das? Will er vom Thoms nichts annehmen?
Beileibe nicht! Thoms? ist ein grundbraver Mann, und lebt viele Jahre mit
der Alten Frau im Walde. Der Mann, der euch so geifernd nachlief, ist sein
Bruder, der Thomsen einmal um Haus und Hof betrog, Thomsens Weib und Kinder
vergiftete, und --
Warum hat man ihn denn nicht in die Jammerburg gesezt?
Der ist ganz und gar nicht närrisch --
Aber Weib und Kinder vergiften ist ja ein unerhörtes Verbrechen in unserm
Lande?
Das konnte man nicht beweisen: er lud sie einmal zum Essen, da mischte er
untern Salat giftige Kräuter, und weil er selbst mit davon aß, sagte das
sterbende Weib selbst, Hanns habe es mit Vorsatz nicht gethan; aber ich sah
wohl ein, daß er auf seine Seite die guten -- jenseits aber die giftigen
Kräuter theilte -- und es war um Haus und Hof zu thun.
Der Mann ist kein Deutscher?
Er ist ein entlaufener Fremdling, der sich da ansetzte; anfangs sich durch
Fleis und Eifer hübsch bereicherte; aber sein Geiz konnte dem redlichen
Thoms nichts vergönnen. Thomsen jagt er betteln, der arme Tropf kam endlich
zu der Frau im Walde, und schickt dem teuflischen Bruder alles, was er sich
verdient und abspart. Sein Bruder, den das Gewissen wie der Satan geiselt,
wird denn immer ganz toll, wenn er vom Thomsen etwas annehmen soll.
Das ist eine garstige Rache vom Thoms.
Ey behüte Gott! Er thuts mit dem besten Willen. Seit vielen Jahren war er
bei seinem Bruder hier im Dorfe nicht: er mußte einmal erfahren, daß dieser
nun elend und krank sey, daher schickt er ihm, was er schicken kann. Er
sagte immer: Auch dem, der mich unglücklich gemacht hat, muß ich Gutes
thun!
Das ist ein edler Mann!
Ein braver Mann! rief Sebald und Salassin, und bedauerten, daß er nur so
einsilbig geantwortet habe.
Aber guter Mann, kannst du mir nicht sagen, wer die Frau in dem Walde ist?
Ihr Mann war ein reicher Kriegsmann -- reich -- o je reich, der hatte der
Dukaten so viele als Steine in unserm Dorfe sind. Er wurde im Krieg
erschossen, die Frau lebt nun in der Einsamkeit und weint sich zu todt.
Hatte sie nicht auch einmal einen Sohn?
Ja! Der ist auch im Krieg ums Leben gekommen. Er hat ein Schätzgen, ein
liebes gar schönes Kind, und brav war sie -- brav und gut, sanft wie ein
Lamm, sie that allen Leuten Gutes; ich kannte sie recht gut, denn sie ist
aus unserer Nachbarschaft eines vermöglichen Predigers Tochter gewesen. Der
Sohn des alten Kriegsmannes hatte sie denn so außerordentlich lieb -- und
sie ihn auch -- so lieb und werth wie ich meinen kleinen Philip, mein
Enkelchen lieb und werth habe. Er wollte sie ehlichen; sein Vater sagte, du
bist ein Bube, hast noch kein Verdienst, sieh dich erst in der Welt um, und
wollte ihn erschiessen wofern er das Mädchen noch einmal sähe. Darauf kam
der Krieg mit den Normännern aus -- ach Herr ist es denn wahr, daß die
Sprudelköpfe schon wieder anfangen und unser gute Vater Kaiser seine
Soldaten zum Kriege mustert?
Seyd getröst lieben Leute, es ist so gefährlich noch nicht -- Nun da kam
also der Krieg aus -- wie war es weiter!
Nun ja -- da kam also der Krieg mit den Normännern aus, der Sohn zog in der
Rasch mit in die Schlacht, und wollte lieber sterben als ohne seiner
Herzallerliebsten Leben. Ach! er fand ihn nur gar zu bald, den bittern Tod.
Der Vater wurde erschossen, und der Sohn zusammengehauen, denn er war gar
zu muthig, und der erste der voraus ritt. Die Nachricht kam denn in die
Ohren des Liebchens, die sich kränkete und keine Lebensfreude mehr hatte.
Sie wurde krank und starb bald darauf. Wir haben alle herzlich geweint --
es wäre ein so gutes Paar Leutchen gewesen -- die alte Frau im Walde hat
nun ihnen ein Grabmal gebaut. Ich komme alle Jahre einmal dahin, und bete
für die Seligen. Da ist alles so traurig in der Einsamkeit, und die
schwarzen Grabsäulen machen einem das Herz so wehmüthig -- seyd ihr auch da
gewesen? Herren?
Ja! lieber Mann! Und gab eben der alte Thomas an seinen Bruder etwas mit,
der uns denn so weidlich erschreckte. Habt ihr viele Armen im Dorfe?
Nein! Gott sey Dank wenige --
Da nehmt das Geld und theilt es unter sie!
Gotteslohn braver Herr! Sie werden bethen für euch und den alten Thoms!
Leb wohl, lieber Alter! Dank für deine Erzählung!
Hier hast du ein klein Andenken (Er warf ihm ein Geldstück in die Hand)
Ach ich danke -- bin gottlob nicht arm. Ich wills den Armen beilegen.
Fort sprengten sie wieder im raschen Gallopp die gepflasterte Strasse.
Sollen wir noch ins Lager oder reuten wir zurück in die Stadt -- fragte
Sebald Salassin.
Ach --! Wir fragten nicht einmal wohin wir da kommen. Doch, da geht ein
Mädchen, das können wir fragen.
Mädchen führt hier die Strasse zur Stadt?
Zu welcher denn Herrn?
Die beiden sahen sich erstaunt an. Sind wir denn so weit von der
Hauptstadt, daß ein paar Duzend andere noch dazwischen lägen?
In die Stadt, wo der Kaiser ist!
Ja -- sprach das Mädchen -- da habt ihr noch gute 4 Meilen, und müsset euch
zurückwenden; denn grade vorwärts kömmt ihr auch in eine, dort wohnt aber
der Kaiservater nicht -- dort sind nur Soldaten -- o je Soldaten -- ihr
konntet in 8 Tagen sie nicht alle zählen, sie haben dort ihr Lager.
Ist weit dahin?
Eine Stunde nur.
Und grade vorwärts!
Jaja! über den Berg oben werden euch die Häuser und Thürme schon
entgegenblitzen.
Eilftes Kapitel.
Die Erscheinungen im Lager.
Sie kamen zu der kleinern Stadt. In einer unendlichen Ebene waren die Zelte
des Lagers geordnet, wie eine kleine weiße Hügelsaat. Die blanken Flinten
blizten im Sonnenglanze, und die zerstreuten Soldaten wimmelten wie ein
Bienenschwarm. Eine unzählige Volksmenge von einheimischen Bürgern und
fremden Menschen, die der Neugierde halber in das Lager gereiset waren,
drängte sich in allen Gassen auf allen Plätzen der Stadt, und im ganzen
Lager.
Die Luft war mit Gondeln die theils herabsanken, theils hinaufstiegen, und
mit ihren bunten Segeln flatterten, angefüllt.
In der Mitte des Lagers ist ein viereckigter Platz für eben diese Gondeln,
herum sind die Zelte der lustigen Marketender wimmelnd von fröhlichen
Gästen.
Salassin und Sebald besorgten ihre Pferde, und verloren sich im Gemische
des Haufens.
Eben kam Sebald an eine Ecke des Gondelvollen Lagerquadrats. An einem
Luftschiffe wurden die Seegeln gespannt, und zum Aufsteigen bereitet. Ein
Mann und Mädchen stieg eben hinein, er blickte flüchtig dahin, welch ein
süsses Schauern durchfuhr ihn! Er erkannte das Mädchen und hätte auf des
Kaisers Ehre geschworen es sey das und kein anderes, so ihm einst da
jammernd entgegensprang als er den verwundeten Alten auf dem Rücken trug.
Er rief einige Grüsse den Aufsteigenden zu, die alle unbeantwortet blieben.
»Sie ists, beim Himmel! sie ists! Sie kennt mich nimmer! Sie blickte herab,
als ich sie grüßte, und dankte mir nicht einmal! Ich bin verloren -- sie
kennt mich nimmer.
So gieng er voll Unmuth mit einem gekränkten Herzen, nachdem er lange
unverwandten Blickes der Gondel nachgesehn hatte, traurig und mit sich im
Streite, ob sie es vielleicht doch nicht gewesen seyn könne, oder ihn nicht
erkannt habe, das Lager auf und ab.
Eilends flog nach langem Suchen Salassin voll Hast und Staub, und ohne
Athem fast, auf Sebalden zu. Ich habe sie gesehen! O ich habe sie gesehen!
Wen? -- fragte der aufmerksame Freund.
Lolly hab ich gesehen. Sie fuhr eben in einer Gondel davon. Ihren Gefährten
sah ich nicht recht, denn er war bereits eingestiegen; aber es war ihr
Vater. Lolly blickte hinab, ich erkannte sie: winkte ihr, grüßte sie: aber
ach! sie mußte mich nicht kennen -- sie dankte mir nicht! -- Lolly -- sie
dankte mir nicht!
Seb. (hastig) An welchem Ecke sahst du sie?
Sal. An dem Ersten, aus dem man in das Stadtthor kömmt. Sie wars -- mit
Leib und Seele -- ihre Kleidung zwar hatte sie nicht -- die sie trug als
ich mit meinem Vater in ihrem Schlosse war; aber Mädchen haben der Kleider
so viele als Launen.
Seb. Was soll das heissen? Wisse -- ich sah das Mädchen auch; aber in dem
letzten der 4 Ecke -- sie fuhr eben mit einem alten Mann davon: es muß ihr
Vater gewesen seyn; auch ich konnt ihn nicht sehen, auch mir nickte sie
keinen Dank auf meinen Gruß!
Sal. Wie sollen wir uns das erklären? Das schöne Mädchen sahst du, so du
abzeichnetest?
Seb. Ja, ja! Mit Leib und Seele!
Sal. Wart einmal! Mir fällt ein -- (Himmel, wenn Lolly es wäre, die er
gesehen! Ach Gott -- dann wäre mein Unglück gereift!)
Seb. Nun -- (Wenn er das Mädchen sah -- o gewiß Lolly und dieses ist einst
-- Er liebt sie -- meine Seele hängt auch an ihr -- mein Elend ist
unendlich groß!)
Sal. Wie -- miethen wir uns eine Gondel und fahren nach!
Seb. Aber wohin?
Sal. Ja -- auf Lollys Landgut!
Seb. Es ist zu weit. Wir kommen zu spät zurück!
Sal. Ist dir nicht bekannt, wo sich der Edle aufhält bei seinem Bruder, ich
meine des Mädchens Vater --
Seb. Ja wenn ich das wüßte.
Sal. -- -- Mir fällt ein -- Was trug das Mädchen für ein Kleid? Nicht ein
lichtblaues mit rosenrothen Streifen?
Seb. (bebt und stottert) O wehe! Lolly und das Mädchen ist eins -- (Sie
hatte ein lichtblaues mit rothen Streifen!) (Weh mir!) (Er faßt sich und
sagt laut zu Salassin) Ja das hab ich in der Eile nicht bemerkt -- ich --
dächte eher -- ein grünes oder rothes --
Sal. (etwas freudiger) O so waren es 2 verschiedene Schönen! Aber -- sie
dankte mir nicht einmal -- sie grüßte mich nicht wieder! -- Erkennen hätte
sie mich doch sollen!
Seb. (in stummer Angst für sich hin) Jaja! Freund! 2 verschiedene Mädchen!
-- Ich gönne dir deine Freude, und will sie dir nicht entreissen! Ha --
mein Herz muß still schweigen -- Salassin hat ältere Rechte -- er ist mein
Freund -- mein Retter -- (laut) Ein blaues Kleid trug sie?
Sal. Ja, Sebald, ja! Ich sah es sogleich; denn mir fiels in die Augen, weil
ich Lollyn in keinem andern als einem weißen gesehen habe. -- Aber was
fehlt dir? Du blickst zur Erde? Du willst sprechen? und verstumst --
Sebald?! --
Seb. Wenn ich sie doch nicht gesehen hätte!
Sal. Warum? Du erregst mir Unruh! --
Seb. (lacht laut auf) Aber ob wir nicht Thoren sind! Da machen uns 2
Mädchen bange! Wer weiß wer sie waren! Sie kannten ja uns nicht; denn sie
wären doch so artig gewesen, und hätten uns wiedergegrüßt! Geh doch --
furchtsame Augen sehen immer Gespenster, und verliebte den Mond fürs
Liebchen an!
Sal. Mein Auge trügt sich nicht leicht -- und du -- ein Mahler?
Seb. Der manchmal zuviel sieht! -- Komm wir kehren zurück.
Sal. Ich komme nach! Und willst du meiner nicht warten, so reute voraus --
in die Stadt zurück -- natürlich!
Seb. Komm bald nach.
Wenn die innigsten Freunde sich auch die kleinste Falte des Herzens nicht
verdecken; so giebt es doch zuweilen welche, die sie nicht gerne sich
aufwickeln, besonders im Punkt der Liebe. Oft sieht man sich selbst nicht
gerne in das liebende Herzchen, und in diesem Falle einen andern, wenn er
auch meinem Ich noch so sehr verwebt ist, drein gucken zu lassen? Das ist
dem Menschen nur zu sehr unerträglich.
Beiden war es lieb, allein mit sich selber so ein Gesprächsel führen zu
können -- und jener irrte noch lange im Lager herum, vergaß der Stadt, und,
daß Sebald wenn er nicht bald folge, fortreuten würde: dieser dachte wieder
nicht, daß Salassin noch im Lager schwärme, sattelte sein Roß, und ließ
sich von ihm tragen, wohin es nur immer gehen wollte.
Der gute Gaul, der sein eigner Herr itzt war, trappte andern nach, die vor
ihm hertrabten, und in einer Stunde war Sebald in einer ganz fremden
Gegend; zwar war er auf der Chaussée, aber diese war es nicht die nach der
Hauptstadt führte -- soviel gewahrte er plötzlich, ohne eben vielweniger zu
schwärmen als vorher.
Zwölftes Kapitel.
Unfall und Zufall.
Er trieb den Gaul fort. -- Ich werde ja doch ein Dorf wo noch erreichen?
Das Roß flog und in einer kleinen Weile waren sie in einem Thale, aus dem
ein Schloß schimmerte.
»Gewonnen! -- rief Sebald beim Erblicken desselben --
»Mir däucht ich sah schon einmal dies Gebäude!«
Lieber Ritter! Du bekriegst dich wohl garstig! Die Schlösser dieses
Jahrhunderts so symetrisch und meisterhaft sie gebaut sind, sind manchmal
das Werk eines und desselben Baumeisters; daher kamen sich die Produkte oft
so ähnlich, daß man das eine Schloß in Norden für das hielt, so man in
Süden sah.
Auf der Weide eine viertel Stunde weit vom Schlosse grasten Pferde. Sebalds
Hengst wieherte vor Herzensfreude. In einem Satz gallopirte er unter sie;
und Sebald hatte Mühe sich auf ihm zu erhalten. Alle Kraft strengt er an,
ihn abzulenken; aber es war umsonst, der Hengst bäumte sich und schlug aus
-- Endlich trieb Sebald ihm die Sporne so in die Haut, daß der Hengst ganz
toll wurde, von der Strasse ab über Stein und Stock, Hügel und Gräben dem
Dorfe zu nachrannte.
Das tolle Thier war nimmer zu bändigen: des Reuters einziges Bemühen war
sich im Sattel zu halten. Aber o wehe! Da setzt er über einen Graben, es
stürzt hinein. Sebald liegt unter dem Pferde, es wälzt sich auf ihn -- o
wehe! um Sebald ist es geschehen!
Die Leute, die hie und da standen, liefen eilends erschrocken herbei und
halfen dem Halblebenden. Von dem Schlosse sahen eben einige Menschen aus
den Fenstern den Vorfall, und über Hals und Kopf flog alles zu dem
Unglücklichen her! Der Herr des Schlosses ließ Sebalden, der ohne
Bewustseyn lag, sogleich in seine Wohnung tragen. Der Pfarrer der Arzt
zugleich ist, war schon da -- alles beschäftigte sich um den Blut- und
Schlammvollen gestürzten Reuter, der bald gar nicht, bald nur matt und
schwach athmete -- die Augen aufgeschwollen, die Nase blutig und den linken
Fuß gebrochen hatte. Nach langen Versuchen allen Lebenselixire gelang es
den Bemühenden, ihn zur Sprache und zur Besinnung zu bringen? Er stammelte
schwach und leise, und röchelte oft: Wo bin ich? Wie ist mir? Wer --
Pst! sprach der Pfarrer, und gebot ihm zu schweigen, damit er durch das
Reden, so ihn anstrengte, nicht gar erschöpft werde. Er sank in einen
konvulsivischen langen Schlummer, immer von wachenden Menschen umgeben, die
ihn bedauerten und sorgfältig bedienten.
Ein Mädchen guckte zur Thüre hinein, und fragte leise den Nächststehenden:
Schlummerte er? Ist er stark krank? Er stirbt doch etwa nicht?
Pst! er schlummert -- war die leise Antwort, und das Mädchen schlich auf
den Zehen an Sebalden, sah ihn voll inniger Theilnahme an, und schien durch
ihr Bangen, ihre Furcht, er könne sterben, durch die frohe Hoffnung, wenn
er bald genäse, durch alles dies, so in ihrem Innern kochte, und so das
Gesichtchen deutlich ausdrückte, schien sie etwas mehr als ein gewöhnliches
Mitleiden zu verrathen.
Sie hatte unverwandten Auges den armen Schlummrer angesehn -- hätte ihm
gerne das noch immer quellende Blut gestillt, gerne die Schmerzen
gelindert, die ihn oft aus dem Schlafe aufzuschreien zwangen, wenn die
geschäftigen andern sie nicht überflüssig gemacht hätten. Sie sah ihn noch
einmal an -- noch einmal voll Wehmuth -- und schlich mit einem zärtlichem
Blicke, den eine Thräne begleitete, aus dem Gemache, grade hin in das ihres
Vaters.
O Vater er ists! er ists doch!
Wer?
Der Jüngling aus der Stadt, der dich wunden damals nach dem Schrecken mit
dem zersprungnem Pulvergebäude auf seinem Rücken nach Hause getragen!
O weh, der gute Mann! Ist er stark hergenommen? Ach ja! sagte mir der Arzt.
Wenn er nur heute ausdauert, so wird er morgen schon nimmer sterben -- Der
arme, arme Jüngling!
Sie sollen recht sorgfältig seyn! -- die ganze Nacht bei ihm wachen! --
Mein Himmel! wer hätte mir das gesagt; ich würde einmal bei meinem Bruder
ihn, der mich so brav einst behandelte, in dieser Lage sehen! -- Nur recht
sorgfältig sollen sie seyn -- nichts sparen -- alles -- alles versuchen und
anwenden!
Ach das sagt ich schon -- ich will selbst bei ihm wachen? sagte das Mädchen
und schlich wieder in Sebalds Gemach.
Allmächtiger! athmete Sebald freier, schlief milder, fuhr seltner im
Schmerze aus dem Schlaf -- das Mädchen kam nicht von seiner Seite. --
Tiefe Mitternacht herrschte in dem Garten, der durch die Fenster des
Zimmers wo Sebald lag im Mondenschein flimmerte. Die müden Diener schliefen
alle, nur Jilla -- wer kennt sie nun wohl nicht? Nur sie saß unaufhörlich
beschäftigt bei ihm.
Hier wohnte der Bruder des Edlen von Wackerbach, der vor einigen Wochen
daher kam, wo Jilla seine Tochter schon war, als Salassin und Sebald damals
nach dem Vorfall mit dem verwischten Bildniß sie in der Stadt in ihres
Vaters Hause aufsuchten und erfuhren, das Mädchen, so sie durchaus sehen
wollten, sey bereits bei seinem Bruder auf dem Landgute, wohin er selbst
auch reisen und dann wieder in die Stadt kommen wolle.
Sebald! Welche Freude wartet deiner! Wie angenehm wirst du aufwachen, wenn
deine aufgeschlagenen Augen die Schöne an deinem Ruhelager so beschäftigt,
so bang und ängstlich um dich bekümmert erblicken werden? Das Mädchen, um
das du so lange mit stiller Herzenspein dich harmtest, das deine Seele so
sehr erfüllte, daß du gestern vom rechten Wege abrittst, da du im Andenken
an sie verloren den Gaul dahin traben liessest, wohin er wollte. Wie wird
dich Schwachen die Wonne stärken, wenn dein erster Blick sie sieht, sie,
die du gestern im Lager ersehen und entfliehn gesehen hast -- die überall
und immer dein süssester Gedanke, und der Sporn dir Verdienste zu sammeln,
war.
Und Jilla -- wie selig wirst du nicht den Erhohlten aufwachen sehen! Wie
wird dich sein erstauntes Gesicht, und das frohe Lächeln, wenn er dich
anschaun wird, nicht entzücken! Wie wird dein Bangen um ihn nicht in die
schönste Freude verwandelt werden! O gesteh es dir nur, zärtliches Mädchen,
dein Herz schlägt lange für ihn -- gesteh es dir nur daß nicht Mitleid bei
Unglück deine Wangen blässet, deines Beiseins Sturm erhebet, sondern ein
schöneres edleres Gefühl. -- Du glaubst ihm durch deine Sorgfalt die Schuld
zu bezahlen, weil er einst deinen Vater auf dem Rücken nach Hause trug; o
das ist schon recht -- aber sey nur dir selbst auch so aufrichtig zu
gestehn, nicht das allein, auch eine andere Empfindung erhält dich an
seiner Seite wach -- gesteh dir nur, daß du ihn lange schon -- still und
innig liebtest.
Der Morgen warf seinen ersten schwachen Lichtstrahl in das Zimmer -- wo
Sebald noch immer schlummerte, und Jilla wachte. Jilla die immer ruhiger
und freier Athem schöpfte, wenn der Kranke ruhiger schlief, die immer
angstvoller zitterte, und in quälender Furcht und Hoffnung schauerte, wenn
der Kranke vom neuen Schmerz überwältigt, schwerer athmete, sichtlich mehr
litt.
Endlich, endlich erhellt das Gemach der reifere Morgen! Endlich erwacht
Sebald und forscht mit scheuen Blicken in dem stillen Zimmer.
Jilla saß auf einer Ottomanne, die Natur hatte ihre Rechte nicht vergeben
-- die müde Wärterinn war eingeschlummert, den Kopf auf die schöne Hand
gelehnt. Sebald erblickte sie -- aber er erkannte sie nicht wegen des
bedeckten Gesichtes. Er fühlte sich gestärkt -- dankbar fleht er zum Himmel
für seine Rettung, und seine Seele ward gerührt über den Anblick der müden
Schläferinn.
Er dachte an gestern, soviel und deutlich als ein Kranker in dieser Lage
denken kann. Wo wird Salassin seyn? dachte er, das Traumbild des gestrigen
Tages im Lager flirrte lieblich in seinen Träumereien. Ach! nun seh ich
gewiß keins sobald wieder! --! --!
Eben trat der edle besorgte Pfarrer herein, und freute sich herzlich, den
Patienten mit offnen Augen und besser zu finden.
Wie steht es mein Lieber? -- sprach er mit leiser Stimme -- Mir ist wohl!
-- antwortete Sebald.
Sprich nicht zu laut -- Lieber! es könnte dir schaden -- deine Brust hat
stark gelitten! -- Du hast doch etwas milde geschlafen; und fühlst dich
gestärkt?
Sebald nickte freundlich.
Deine Schmerzen werden bald geschwunden seyn. Den gebrochnen Fuß hab ich
gestern schon in Faschen gelegt -- du wirst bald wieder gehen -- die Brust
soll auch nicht viel gelitten haben -- das bedacht ich schon. Hier bring
ich dir wieder ein Stärkungsmittel unsers Jahrhunderts -- du wirst genesen,
daß du nie von dem Unfall einige Spuren fühlen sollst. Ich habe das
Remedium heute Nacht elaborirt.
Sebald nahm ein. Der Arzt gewahrte Jilla. Sieh doch welche treffliche
Wärterinn du hast? Nun wirst du schon gar nolens volens genesen müssen!
Wer ist das edle Mädchen!
Die Tochter des Bruders von unserm Gutsherrn -- Sie sind aus der Stadt
schon einige Wochen da.
Aus der Stadt? -- Ich komme auch von da --
Wer bist du? Laß mich deinen Namen wissen?
Ich heiße Sebald Kaiserbild.
Was? Der vor 3 Tagen seinen Festtag erst hielt?
Ja!
Edler Mann! Ich schätze mich glücklich, wenn meine Mühe dir zum fernern
Leben half -- ich habe einem edlen Staatsbürger geholfen.
Wie ist dir mein Name --
Durch Zeitungen. Unser Dorf feierte gleich den 2ten Tag auch dein Fest, wie
dies zur Aufmunterung und Nacheifrung aller Jünglinge im ganzen Vaterlande
geschieht. Wer hätte da denken sollen, wir würden den edelsten Mann sobald
in unseren Auen sehen, und ach! in dieser Lage -- O wenn das meine
Dorfkinder erführen -- Du würdest auf den Händen im Dorfe herumgetragen.
Ich bitte -- schweige von mir.
Das muß ich auch, wenn sie dir nicht alle auf den Hals mit ihren
Glückwünschen kommen sollen, wodurch deine Genesung verspätet werden
könnte, weil du Ruhe noch brauchst. -- Nun halte dich gut -- ich habe noch
einen Gang itzt zu einem andern Kranken -- bin aber eh der Thau im
Sonnenstrahl schmilzt, wieder da.
Er sprach es und gieng. Die Thüre fiel unvermuthet ein bischen geräuschvoll
zu, und Jilla fuhr aus dem Schlummer, sprang an des Kranken Ruhelager, um
zu sehen, ob er etwas bedürfe.
Sebald erblickte sie, und erschrak vor Freude, daß es ihm bei dem
angestrengten Ausruf: Das Mädchen! durch alle Wunden bohrte.
Jilla sah ihn munter, und fragte zärtlich lächelnd: Ist dir wohl, lieber
Mann! Leidest du noch immer große Schmerzen? Ach erhohle dich nur bald und
erkranke nicht mehr -- Sebalds Herz klopfte schneller, Erstaunen und Freude
belebten ihn -- er fand lang kein Wörtchen zu sprechen, endlich sprach er:
Wie kömmst du hieher? und eine leichte Röthe übergoß die blassen Wangen.
Jilla. Je ich bin ja mit meinem Vater schon lange lange da -- o gut daß
dich der Himmel zu uns bringen ließ -- ich will deiner recht warten -- ich
habe dich gleich erkannt und wäre lieber gestorben, eh ich nicht jede
Minute hätte sehen sollen ob du besser wirst. --
Seb. Ich danke dir von Herzen -- gute Seele. Wie lange sah ich dich schon
nicht!
Jilla. So? Hast du zuweilen doch an mich gedacht? das freuet mich herzlich
-- ich bin so froh, daß du da bist -- nun mußt du auch recht lange bleiben.
In 3 Wochen wirst du noch kaum fortkönnen. --
Seb. Der Arzt sagte in 3 Tagen -- dann muß ich wieder in die Stadt.
Jilla etwas bestürzt, wünschte fast, der Kranke möchte nur lieber noch 3
Wochen lang nicht genesen, nur daß sie um ihn seyn könnte.
Ach -- der Arzt macht dir nur Hoffnung!
Seb. Und du willst sie mir nehmen?
Jilla. (besinnt sich) Ach nein! -- du sollst nur länger da bleiben.
Seb. (sehr heiter) So -- siehst du mich wohl gern? --
Jilla. (rasch) Und da frägst du noch? Ich -- bin dir -- ja -- Dank schuldig
-- mein Vater damals --
Seb. (lächelt, in seiner Seele lebt Hoffnung) O schweige doch -- deßwegen
nur?
Jilla. (verschämt) O ich -- bin dir ja schon sonst auch gut --
Seb. (zärtlich) So?
Jilla. (erschrikt über das, was sie da sagte, und kehrt um) Man muß ja
dankbar seyn.
Seb. Auf Dank darf _ich_ doch nicht rechnen?
Jilla. Warum denn nicht?
Seb. Warum denn?
Jilla. Weist du -- wie mein Vater in der Stadt -- --
Seb. O laß das -- Jeder hätte es gethan --
Jilla. Aber nicht jeder so schön -- ich habe schon gesehen damals, wie du
durch meinen Jammer gerührt -- bald auch geweint hättest -- das hätte ein
Anderer nicht -- du hast ein empfindsames Herz. Und wie mein Vater rief:
Jilla geschwind nach einem Arzt! Da liefst du schneller als ich -- o das
weiß ich alles recht gut!
Seb. Ach! erinnere mich nicht daran --
Jilla. (theilnehmend) Hebt sich wieder dein Schmerz? du Armer! Wie das mich
selbst auch schmerzet!
Seb. Du reichst mir ja lindernde Mittel!
Jilla. O sprich nur, sprich! Wie denn? Welche?
Seb. Unschuld! durch -- deine Theilnahme!
Jilla. So? freut dich das? Ach -- wenn du wüßtest -- (sie sieht ihn
verschämt an)
Seb. Nun?
Jilla. (schüttelt ihr Köpfchen und schaut lächelnd auf das Fenster) Ja --
das -- sag ich nicht --
Seb. Wenn es kein Geheimniß ist -- das dir Jemand --
Jilla. Ach -- Niemand -- ich --
Seb. O so zage nicht -- --
Jilla. Ja -- das soll ich nicht sagen.
Seb. (stellt sich als fieng sein Schmerz zu toben an) O wehe lindere --
Jilla. (bestürzt) Wie denn? Wo ist das Medicinfläschgen?
Seb. (lächelnd) Du hast es ja -- die Linderung --
Jilla. Ach ja -- nun -- ich -- bin dir herzlich gut! -- (Sie springt aus
dem Zimmer, blickt noch einmal durch die Thüre nach ihm, und schließt sie.)
Sebalds Wunden waren wie durch Zauberei geheilt. Wenigstens ließ ihn das
Entzücken seiner Seele die Leiden seines wunden Körpers, nicht im mindesten
empfinden.
Sie liebt mich! Das unschuldige schöne Mädchen liebt mich wieder! O ich bin
entschädigt für meine Leiden! Himmlisch entschädigt!
So dachte er und stieß den schmerzhaften Fuß im Vergessen der Wunde an die
Bettstelle, so daß er mit einem Schrei aus seinem Jubel durch den erregten
Wundenschmerz auffuhr.
Der Pfarrer kam wieder, mit ihm der Herr des Schlosses und sein Bruder. Sie
bedauerten den Unfall, und wünschten ihm nahe Herstellung.
Das unermüdete Bestreben des Arztes, die freundliche Bewirthung der Familie
und -- Jillas vorzügliche Geschicklichkeit -- o welcher Halbtodte ersteht
da nicht und wird binnen wenigen Tagen so gesund und stark als hätte ihn
nie ein Fingerchen geschmerzt.
In wenig Tagen verließ er das Lager, und gieng im freiern Garten herum.
Anfangs natürlich hinkte er so ein bischen; aber die geschäftige zärtliche
Aerztin Jilla brachte es durch ihre Kunst soweit, daß Sebald nie begriff,
der Unfall sey ein Unfall gewesen.
O -- rief er -- ich hatte ein Unglück, ein neidenswerthes Unglück! -- und
blickte liebevoll auf die süsse Jilla an seinem Arm.
Er hatte in einem Brief an seinen Oheim, den Fürst Tellmann die ganze Sache
geschrieben.
»Ich bin vollkommen hergestellt, und gesünder als sonst -- schrieb er
darinn -- bald komm ich mit meinem edlen Wirthen wieder in die Stadt, in
die Arme meines verehrten Oheims.
Wir lassen inzwischen Sebalden und Jilla immer nicht und mehr sich
erklären, lassen sie wandeln im blüthigen Garten im Morgenglanz und
Abendthau; lassen sie kosen in stillen unbelaubten Schasminlauben; und
kehren zu dem betrübten Salassin.
Wo bleibt der? -- denken wohl einige ihm geneigte Leserinnen!
Das will ich kurz erzählen, erlauben sie mir erst ein wenig Erhohlung. Ein
Gläschen ächten -- sprudelnd wie des 23. Jahrhunderts edler Rebensaft --
soll mich zur Erzählung begeistern.
Dreizehntes. Kapitel.
Eine Nachricht aus der Heimat.
Als Sebald aus dem Lager ritt, irrte Salassin in stiller Schwärmerey,
aufgeregt durch Lollys Traumbild, das ihm kaum erschienen mit der
Luftgondel wieder entflog, um die Reihe der Zelte immer denkend und lebend
am und im Traumbilde.
Ist sie es denn doch gewesen, oder nicht? -- fragt er sich selbst. Sebald
sah -- Verwünscht! wenn er auch Lolly gesehen hätte! Ach! -- so ist es
vielleicht -- er hielt sie für das Mädchen! -- Aber er sagte ja -- jene
wäre grün -- oder roth gekleidet gewesen; da Lolly blau sich trug? Grün
oder roth? Was sind das für zwei verschiedene Farben! Und ein Mahler sah
die Farben nicht bestimmt? Hm! wenn sie auch ein blaues Kleid gehabt --
wenn er mirs meiner Unruhe wegen verschwiegen hätte? -- Sehr möglich! Ach
so haben wir beide nur eine gesehen -- Lolly ist das Mädchen und das
Mädchen Lolly -- o wehe! -- einer ist verloren! Bei Gott -- da will ich der
Verlorne seyn -- denn auf den stillen Kummer meines Freundes mein
Glückgebäude bauen? -- Bei Gott nicht -- ich will verloren seyn!
So stritt der Edle mit sich, und gieng spät nach der verabredeten Stunde in
die Stadt, sattelte sein Roß im Gasthof, wo sie eingekehrt waren, und weil
er den Freund nimmer traf, meinte er: Er ist ohne Zweifel vorausgeritten,
ich muß ihn einhohlen.
Salassin sprengte nach der Stadt, aber Sebald einzuhohlen gelang ihm
natürlich nicht, weil dieser einen andern Weg ritt.
Die Stadtthore waren bereits versperrt, und Salassin mußte sichs gefallen
lassen in einem Gasthofe vor den Thoren zu übernachten.
»Sebald ist ohne Zweifel zu Hause schon, und wird um mich bangen -- da ich
heute nicht nachkomme. Doch -- er weiß ja -- ich bin kein Lämmchen so das
erstemal in eine fremde Flur kommt« --
So beruhigte er sich, und gieng in dem Garten des Gasthofes im Mondenschein
mit verschlungenen Armen herum.
Hehehe! -- lachte eine laute Stimme, indem ein Mann Salassin bei dem Arm
griff -- Herr Salassin! Du kennst mich wohl gar nimmer.
Je -- Georg -- bist du es? Wie kommst du daher? -- sprach Salassin freudig,
als er den Diener seines Vaters erkannte. Bist du etwa nimmer bei meinem
Vater?
Georg. Hat sich wohl! Er schickte mich eben mit einem Briefchen und
vollgefüllten Beutel an euch ab.
Sal. Ey sey mir willkommen! Ich habe eben beides nöthig. Ich hin aus der
Stadt gesperrt!
Georg. Kam auch zu spät -- dachte, mach ich morgen dem lieben Herrn eine
rechte Freude. -- Ja, also -- nun muß ich meinen Auftrag ausrichten. Der
Vater und die Mutter und der Pfarrer und unser ganzes Dorf grüßt dich vom
Herzen, und es soll dir nur recht gut gehen! Georg richte dich -- sagte der
Vater vor 4 Tagen -- du gehst mit einem Brief zu Salassin! -- Nur her damit
-- sagt ich -- ich will flink wie ein Hirsch seyn! Da hast du den Brief,
sagt er, und ich lasse ihn grüssen, und er soll mir Freude und Ehre machen!
Und die Mutter zupfte mich so auf die Seite, und da gieb ihm das Geld!
sagte sie, daß der Vater nichts hörte.
Sal. (freudig und voll Ungeduld) Die guten -- guten Eltern! Geschwind wo
hast du den Brief.
Georg. (zog ihn aus der Brieftasche) Und dann gab er mir auch den Befehl --
ich solle mich bei dem edlen Bengler aufhalten --
Sal. (voll brennender Begier) Nun? und was --
Georg. Dort hatten sie eine Freude! Der Vater und die Mutter sind allen
Wochen einigemal da, und diese wieder bei uns. Wie ich erzählte ich gehe zu
dir in die Stadt -- Wind und Blitz! -- da hättet ihr die schöne Tochter des
Benglers sehen sollen -- wie sie aufsprang -- und fragte -- gar nicht auf
meine Antworten hörte -- und immer nur recht viel des Schönen und
Herzlichen und was weiß ich alles an euch auszurichten mir gab. Du mußt sie
ja kennen?
Sal. (voll Jubel) O recht gut -- recht gut! Erzähle -- erzähle!
Georg. Da versprach sie mir ein silbernes Ringelchen, wenn ich ihr eine
gute Nachricht von dir zurückbrächte -- und schenkte mit allerlei -- und da
hatte sie eine so herzliche Freude -- ich glaube -- sie hat -- dich recht
lieb -- so lieb -- wie ich einmal meine Marie lieb hatte, als ich sie lieb
hatte! hehehe:
Sal. O goldner Georg! Du bringst mir zuviel angenehmes! Den Brief will ich
gleich lesen! -- Sag mit doch -- sind alle gesund? vergnügt? Ist das
Mädchen noch immer -- was wollt ich denn nur sagen? -- ja -- sie hat also
nach mir gefragt? läßt mich grüssen? --
Georg. Ja ja! Und du sollst bald einmal wieder -- ich weiß nicht wie das
Ding heißt -- das so hübsch klingt und singt -- es hat so viele Saiten --
und man klappt mit den Fingern darauf -- ja -- du sollst auf der Orgel bald
wieder spielen --
Sal. Ach -- sie meint das Euphon -- o ich möchte alle Tage dahin!
Georg. So -- gefällts dir nicht mehr in der Stadt?
Sal. O ja -- doch wünscht ich einmal wieder meine Heimat --
Georg. Aha! und das schöne Töchterchen zu sehen! Verstanden! Ja! -- daß ich
nicht vergesse -- In einigen Tagen kutschirt mein Vater und ich in einem
Luftschiff ins Lager -- nach -- nach ihrer Rechnung -- müßte sie heut dort
gewesen seyn!
(Salassins Freude sinkt plötzlich durch diese Nachricht) Ich habe sie
gesehen! Aber grade stiegen sie in die Luft und -- sie erkannte mich gar
nicht -- -- O nun ists gewiß -- Lolly und Sebalds Mädchen ist eins! --
(sprach er harmvoll für sich --) Komm, komm lieber Georg! -- Die
Mitternacht ist nahe -- du hast Ruhe nöthig -- ich will den Brief lesen!
Sie giengen -- Salassin fragte noch tausendmal nach mancherlei von Lolly --
und ward immer unruhiger, froher, wieder verstimmter. Er las den Brief.
_Mein Sohn_!
»Du hältest dich wohl, und ich habe meine Freude daran. Wir sind gesund,
Gesellschaften erheitern uns, und wenn meine väterliche Sorge für dich
schläft bin ich ruhig. Lolly, Benglers Tochter, liebt dich innig -- sie
soll einst deine Gattin werden. Wir freuen uns alle deß herzlich. Aber
nicht eher, bis du edel ihr unter die Augen treten kannst. Ich hoffe Liebe
und Ehre wird dich anspornen, den Preis ruhmvoll zu erringen. Bald kömmt
Bengler mit Lolly nach der Hauptstadt. Deine Mutter und ich werden es noch
überlegen. Ich habe der Geschäfte zu viel noch. -- Grüsse meinen Tellmann
-- und Sebalds Mutter -- Sebalden würd ich gerne meinen Sohn nennen, wenn
Tellmann hier nicht höhere Rechte besässe. Bleibt Freunde und mein Stolz«
Dein Vater
Welly von Wallingau.
Salassin jubelte -- aber doch war sein Jubel zu sehr gemischt mit bittern
Empfindungen.
Lolly kömmt in die Stadt! Da muß sich die Sache aufklären! Aber -- ach --
sprach er mit einem tiefen Seufzer -- Wenn Sebald sie als das Mädchen
denkt? Und bin ich auch der Geliebte -- soll ihn ein Opfer des Harms sehen?
ihn Zeuge meines Glückes meiner Seligkeit seyn lassen -- ihn so unnembar
quälen?
Salassin wachte die ganze Nacht voll Unruh, und eilte in seine Wohnung
sobald die Stadtthore geöffnet waren.
Er erschrak, als er Sebalden nicht fand! Er gieng zu dem Fürsten von
Tellmann.
Tell. Seid ihr einmal da -- ihr Ritter! Nun wie sieht es im Lager aus? Der
Kaiser kam erst morgen dahin!
Sal. Ist Sebald noch nicht gekommen?
Tell. So? Ward ihr nicht miteinander?
Sal. Ich habe die bestimmte Stunde der Abreise versäumt -- und glaubte,
Sebald sey vorausgeritten; denn wir hatten uns im Lager getrennt -- ich
begreife nicht wo er geblieben -- als ich um mein Pferd gieng -- war seins
schon nimmer neben dem meinen?
Tell. Warum nahmt ihr euch nicht ein paar Diener mit? Ja -- da mußten die
Herrn allein fort. Hm! Er wird bald nachkommen! Salassin -- heut ist ein
wichtiges Geschäft, du gehst mit mir in die Residenz! Salassin erzählte dem
Fürsten so manches, und von seines Vaters Briefe.
Sie giengen an ihr Geschäfte. Einige Tage verstrichen, und Sebald war noch
nicht da. Die Mutter bangte.
Sebalden mags da gut gefallen wo er ist! -- sagte Tellmann ohne Sorge.
Nach einigen Tagen erschien endlich Sebalds Brief. Alle wurden bestürzt --
aber auch bald wieder getröstet, da sie die Versicherung hatten: Sebald sey
hergestellt!
Ich will dahin -- sagte Salassin.
Nein! -- antwortete Tellmann. Er befindet sich ja recht wohl -- in der
besten Gesellschaft -- wie er schreibt -- und sollt ihr denn Beide mich
verlassen? Salassin -- du bleibst zu meinem Troste da -- den Gefallen --
Mit Freuden! -- sprach Salassin.
Vierzehntes Kapitel.
Die Verzweiflung.
Die Tage flogen allmählig dahin, wie die Gedanken des Menschen, immer höher
und höher stieg Salassins Hoffnung und Furcht.
Er saß eben einsam und traurig in seinem Zimmer, und klagte dem
vertraulichen Euphon des wühlenden Herzens Qualen. Ein Diener bracht ihm
einen Brief; die Schrift war ihm nicht ganz unbekannt, doch sagt ihm sein
Gedächtniß nicht so ganz deutlich, wo er sie einmal gesehen! Er erbrach ihn
-- »Vielleicht ließ ihn Sebald, wenn er wieder kränker ward, durch eine
zweite Hand schreiben!« -- Er las.
_Salassin_!
»Verschmähe meiner Bitten letzte mir nicht! Das schamdurchdrungene Mädchen
wagt es zum letztenmale mit dir zu sprechen. Ich zittre -- in meinen Adern
raset ein stürmendes Blut -- mir schwindelts -- in meiner Seele tobt
Verzweiflung -- ein wilder Kampf -- ein wüthender Streit des verschmähten
Herzens und des beleidigten Ehrgefühls -- Ha Verzweiflung -- Verzweiflung
raset in mir! Jüngling habe Mitleiden mit mir Verächtlichen -- Verächtlich
-- ja -- das bin ich -- das ward ich -- du edler -- mußt mich verachten. Ha
Liebe -- wohin hat mich deine Wuth verschlagen -- was war ich einst -- und
was bin ich durch dich -- O Salassin, wenn ein Fünkchen Mitleid in dir
glimmt -- o gewähre mir die letzte Bitte -- eine kleine Bitte, zu der mich
mein wahrer Wahnsinn kühn macht! Du -- den ich so tief gekränkt, beleidigt
-- o vergieb, vergieb mir -- in meinem Kopfe flirren blutige Gespenster --
ich kenne mich nimmer -- Heute wenn der Mond vom bläulichten Himmel seinen
blassen Glanz verstreut -- erscheine mir -- sey ruhig, ich verachte mich
selbst -- ich bereite dir keine Gefahr mehr -- erscheine auf dem
hochbuschichten Wall gegen die Citadelle, bei der jener Strom
vorüberrauscht, an dessen Ufern ich Schamvergeßne einst im unnennbaren
Seelentaumel dir meine Liebe gestand! Salassin -- nur diese einzige Bitte
dem verzweifelnden Mädchen, das zu tief gefallen seine beschämten Blicke
nimmer im Tageshell auf dich werfen kann! Komm, komm, meine Seele erliegt
dem wüthigen Krampf -- nur ein Wörtchen noch von deinem Munde will ich
hören -- nur einen mitleidigen Blick -- einen leichten Seufzer -- daß ich
der Verzweiflung, die kralligt mich geißelt -- daß ich der Furie nicht
erliege. Verschmähe diese kühne Bitte mir nicht.«
Wellmine
Salassin staunte. In seiner Seele mengten sich Abscheu, Mitleid, Stolz und
Rührung bunt wie in den Träumen eines Kranken die Fieberbilder.
Sie ist wirklich wahnsinnig! Sie dauert mich! -- Was kann ihr das helfen --
wenn sie noch einmal mit mir spricht? Kann sie mich noch ansehen? Warum an
diesem Orte? -- Was hat sie vor? Die blutigen Gespenster in ihrem Kopfe --
sie raset wirklich! -- Ich will dir die Schande ersparen mir noch einmal
unter die Augen zu treten! Aber sie verzweifelt in der Verachtung ihrer
selbst! -- Kann ich sie -- darf ich ihr die Bitte gewähren? -- Sie ist so
niedrig, ja doch nicht! Denn sie fühlt sie fühlt tief und quälend ihre
Schande -- sie schämt sich vor sich selber -- Mädchen; Du rührst mich --
ich will doch an den Ort, wohin du mich bestelltest.
Salassin irrte den ganzen Tag mit sich selber im Streit umher. Des Briefes
gräßliche Worte empörten ihn bald -- bald durchdrang ihn inniges Mitleid
mit der jammervollen Lage der Unglücklichen.
Der Mond streute endlich seinen blassen Todtenglanz vom trüben Himmel durch
zertheilte Gewölke. Salassin erstieg den Wall, auf dem hochbuschichte
Hecken grünten. Wie ein Felsenberg hoch war der Wall aus Felsen gehauen.
Der Strom wälzte sich unter ihm majestätisch in schaumvollen Wirbeln über
hervorragende Klippen -- Schwindln und Schauern ergriff den Jüngling, und
in ihm drängte sich eine fürchterliche Ahndung auf.
Stille wars rund um ihn her -- eine tiefe grauenvolle Todtenstille --
Kröten und Eidechsen hüpften an seinen Füssen -- und in den schwarzen
Löchern des Felsen pfiffen Eulen ihr schauerlich Todtenlied.
Salassin sah niemanden, und schauerte vor Ahnungen.
Endlich schimmerte aus naher Ferne eine weiße Gestalt, die die Stiege des
Walls kletterte. Ihr Kleid flatterte im Wind -- die Gestalt sah Salassin
und näherte sich zagend.
Wellmine wars, mit zerrauftem Haare, ein weißflornes Kleid mit schwarzen
Krepinen beblümt. Der Mond erhellte das mit sich selber ringende Mädchen,
und Salassin erschrak über das Gespenst. Blaß und eingeschrumpft die sonst
blühenden Wangen -- hager und matt von Westhauch umzuwehn. Die Feueraugen
erloschen, hohl und tief eingesunken -- ihre Kniee schlotterten -- sie sank
ohnmächtig zu Salassins Füssen.
Salassin bebte und hob sie auf.
Wellmine wachte wieder auf, mit gräßlichen Zuckungen -- sie stönte -- der
Thränenquell des Auges war versiegt-- ihre heischre Stimme kaum vernehmlich
-- ein tief aus der tobenden Brust gestossener Seufzer -- sie konnte lange
nicht sprechen. Salassin bebte, und blickte mit einer heißen Thräne des
Mitleids auf die Dulderinn.
Endlich stammelte sie mit der Anstrengung ihrer letzten Summe Kraft:
Jüngling vergieb -- ich büsse schwer! Vergieb mir niedrigen Kreatur.
Salassin ward erschüttert -- die Zunge tödtete seine Sprache.
Well. Vergieß mein Vergehen! Vertilge jedes Gedächtniß an mich! Vergieß was
du gehört und -- gesehen hast, Fluche mir -- ich verdien es --
Sie stürzte leblos nieder -- Salassin stand ohne Fassung. Gott des
Sternenhimmels, wie gräßlich rächt sich das verlezte Gefühl der Scham! --
rief er mit einem grossen Blick auf die Ohnmächtige -- drückte sie
vergebens in seine Arme -- ihr qualvolles Leben zurückzupressen. Sie schlug
die matten Augen auf!
Wellmine -- ich vergesse -- ich verzeihe -- ich
Well. Fluche mir!
Sal. Beim Himmel! nicht! So tief sankst du nicht -- Lebe, lebe -- ich will
dich schätzen -- achten --
Well. Achten -- ich verachte mich selbst --
Sal. Nein! nein! Du fühlst dein Vergehn -- dein Herz war edel --
Well. Aber ich vergaß mich, und büße -- ich bin eine verworfne Kreatur --
überall verfolgen mich die Gespenster -- Jüngling! ich war eine Schlange --
die dich vergiften wollte -- und sich selbst vergiftete --
Sal. Ich habe vergessen -- Wellmine -- um Gotteswillen -- dein Wahnsinn ist
fürchterlich -- dein Gehirn ist zerrüttet -- komm, komm hinweg von dieser
Stelle! Fort! Fort! Hier wütet Todtenluft.
Well. Todtenluft? Der Odem der Ruhe -- Jüngling! Schau hinab in den Strom
-- schau -- wie flimmern die Sterne -- da ist der Himmel -- dort wohnt Ruhe
-- Ruhe -- hörst du wie der Strom mein Schlaflied rauscht?
Sal. Wellmine -- bei aller Seeligkeit -- du willst mich morden -- dein
Wahnsinn ergreift mich mit -- Fort! fort! von diesem Abgrund -- (er will
sie forttragen -- sie zieht einen Dolch und zückt ihn --)
Well. Halt! Willst du mir zu sterben verbieten? Hast du mir die Schale des
Lebens nicht mit sprudelndem Jammer gefüllt? -- Soll deine Verzeihung --
deine Großmuth wie dürstende Blutigeln an meiner Seele, an meinen
Bewustseyn saugen? -- Schau hinab -- da winkt mein Freund -- er nimmt mich
in seinen Schoos -- und tödtet meine Nattern! (sie fällt Salassin zu
Füssen) Jüngling! Noch einmal -- vergieb -- vergiß -- fluche mir nicht --
ich liebte dich -- wie kein menschliches Herz dich je liebte -- ich rang um
dich verzweiflungsvoll -- ich vergaß -- (Sie springt auf) Ha fluche mir!
fluche! Ich will nicht Verzeihung -- nicht Vergessen -- donnre laut allen
-- allen meines Gelichters die gräßliche Rache -- die ich mir selbst nehme!
Fluche mir! (Sie rennt von dem Wall in die Fluth hinab, indem sie Salassin,
da er sie halten wollte, mit dem Dolch die Hand durchstieß.)
Sal. (Auf das heftigste erschüttert) Wellmine! Rasende -- Gott! Sie ist
verloren! Wie ist mir -- durch mich -- durch mich --! (Er ringt die Hände,
und steht in dumpfer Betäubung am Abhang! Wellmine wimmert aus dem Strom
und untersinkt. Salassin rennt Bewustlos fort, und stürmt:) Rettung!
Rettung! Sie ist verloren! Menschliche Hilfe ist zu schwach -- sie ist
zerschmettert an den Klippen! Weh mir weh, ihr Gespenst verfolgt mich --
durch mich ist sie wahnsinnig -- ich bin ihr Mörder! --
Er lief in schrecklicher Raserey in seine Wohnung -- und stieß den Kopf an
die Wand. Sein Gehirn mahlt ihm das gräßliche Bild -- die Schuld warf ihm
sein heiklich Gewissen vor -- er wüthete gegen sich selber, bis er
erschöpft in ein hitziges Fieber sank.
Das ganze Haus wurde wach von seinem Getöse. Vom Ruhebette sprang Fürst
Tellmann, Sebalds Mutter, die Diener schwärmten herbei -- alles zitterte
beim Anblick des Tobenden; der keinen sah und hörte -- halbe Worte schrie
-- Alle bebten über seinen Wahnsinn -- und kaum einer wagte zu fragen, was
ihm fehlte? was ihm geschehen sey?
Wellmine! -- in den Strom! sie hat sich zerschmettert! Durch mich! -- das
war noch das Verständlichste, und die schnellgeruffnen Aerzte wandten lange
ihre Mühe vergebens an.
Nach einem fürchterlichen Schlummer, den die erschöpfte Natur erzwang; ward
er endlich ruhiger, so, daß er mit einigen Zusammenhang die fürchterliche
Begebenheit erzählen konnte.
Jeder, der es hörte, weinte der Verzweifelten Mitleid -- und bangte um
Salassin -- der sich unaufhörlich die
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