Wanderbilder aus Central-Amerika. Skizzen eines deutschen Malers
by Wilhelm Heine · German · Gutenberg #45569 · 324,216 chars · public domain (US)
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Title: Wanderbilder aus Central-Amerika. Skizzen eines deutschen Malers
Author: Wilhelm Heine
Author of introduction, etc.: Friedrich Gerstäcker
Release date: May 3, 2014 [eBook #45569]
Most recently updated: October 24, 2024
Language: German
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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK WANDERBILDER AUS CENTRAL-AMERIKA. SKIZZEN EINES DEUTSCHEN MALERS ***
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Wanderbilder
aus
_Central-Amerika_.
_Skizzen eines deutschen Malers_
von
Wilhelm Heine.
_Mit einem Vorwort_
von
Friedrich Gerstäcker.
Leipzig,
_Hermann Costenoble._
1853.
_Der geliebten Schwester_
gewidmet
vom Verfasser.
_Meine gute Marie!_
Wenn junge Autoren ihr Erstlingsbüchlein in die Welt schicken,
so pflegen sie es gewöhnlich irgend einer hohen oder berühmten
Persönlichkeit zu widmen, um ihr geringes Opus zu Ehren zu bringen; wenn
dagegen bereits bekannte Autoren schreiben, so ehren sie einen ihrer
Freunde mit der Dedication.
Da nun aber gegenwärtiges Büchlein weder so bedeutend ist, um Jemand
durch seine Dedication zu ehren, noch ich so anmaßend sein will, irgend
eine hohe oder berühmte Persönlichkeit damit zu belästigen, sondern
die darin enthaltenen Reisemittheilungen nichts Anderes als Lebens-
und Liebeszeichen für Euch in der Heimath sein sollen, so eigne ich
dieselben Dir zu.
Oft in einsamer Gebirgsöde, beim trüben Lagerfeuer, wenn das Geheul der
Cayotas und Jaguars meine Nachtmusik bildete, flogen meine Gedanken der
lieben Heimath zu, und ich dachte Deiner, wie Du mit liebender Sorge
dem alternden Vater, der gramgebeugten Mutter zur Seite standest und den
Platz ausfülltest, den der ferne Sohn und Bruder leergelassen. Und
so wird es auch wieder sein, und auf nächtlicher Deckwache in fernen
unbekannten Meeren werden wieder meine Gedanken in der Heimath weilen
und meine heißen Segenswünsche sie begleiten.
Nimm darum dies Büchlein als eine Liebesgabe von mir an; bitte Gott, daß
er einst uns Allen ein fröhliches Wiedersehen verleihen möge und gedenke
stets in Liebe
Deines
treuen Bruders
Wilhelm.
Geschrieben an Bord der Dampffregatte Mississippi, in der
Chasepeakbay, den 20. Nov. 1852, am Tage vor der Abfahrt der
amerikanischen Expedition nach Japan.
Vorwort.
Der Leser soll hier zum ersten Mal mit einem jungen Künstler
bekannt werden, den nicht nur sein frischer fröhlicher Muth und jene
geheimnißvolle, aber doch auch so gewaltige Lust nach einem regen Leben,
sondern auch der ernste Zweck, seinen Studien obzuliegen und seine
Kenntnisse zu erweitern, in die Welt hineingetrieben, und der selbst
in diesem Augenblicke bei unseren Antipoden herumschwimmt, oder mit
der Büchse auf der Schulter und der Palette in der Mappe die Küsten des
indischen Archipels durchforscht und die Schätze plündert, die Mutter
Natur da draußen ja mit vollen Händen ausgestreut über das wundervolle
Land.
Wilhelm Heine, zuerst zum Architekten bestimmt, fand mehr Freude an
der freien Malerkunst. Sein Talent hierzu offenbarte sich bald. Von dem
König von Sachsen in seinem Plane unterstützt, wandte er sich zuerst
nach Paris, dort Decorationsmalerei zu studiren und später
seine Kenntnisse der Dresdener Hofbühne zu widmen. Die dort 1849
ausgebrochenen Unruhen warfen aber die Kunst weit in den Hintergrund
und von seinem rastlosen Eifer für dieselbe angetrieben, zog der junge
Künstler dorthin, wohin es Tausende damals schon, wie noch jetzt, in
unaufhaltsamer Sehnsucht hinüberdrängte über das Meer, in dem fernen
Lande des Westens, Studien zu sammeln, und das auszubilden in der freien
Welt, was er in den Kunst-Sälen von Paris vorbereitet hatte mit emsigem
Fleiße.
New-York aber genügte ihm auch nicht auf die Länge der Zeit -- der
Amerikaner ist für die Kunst empfänglich und liebt die Künstler, aber
das Land ist noch zu jung, -- die Energie seiner Bewohner wird noch zu
sehr für das augenblicklich Praktische gefordert, um dem _Schönen_ schon
seine vollen Sinne weihen zu können, und wo der Meubleshändler noch die
»Bilder« zusammen mit Sopha und Stühlen verkauft, wo diese _Gemälde_
noch zu so und so vielen Dutzend bestellt werden, kann natürlich der
_Künstler_ nicht Befriedigung finden.
Heine ergriff denn auch mit Freuden eine günstige Gelegenheit, die sich
ihm bot, in Begleitung des, schon durch seine früheren archäologischen
Forschungen in Nord- und Mittel-Amerika berühmten Herrn Squier, auch
früherem Gesandten der Vereinigten Staaten in Mittel-Amerika, das
letztere Land zu bereisen, um zu Mr. Squier's beabsichtigtem Werke über
diese Strecken die Illustrationen zu liefern.
Ueber diese Reise, die Heine aber leider allein beenden mußte, da Mr.
Squier durch Verhältnisse gehindert wurde, ihm zu folgen, handelt, mit
Ausnahme eines kurzen Künstlerausflugs im Staat New-York, dies kleine
Bändchen, und der Leser folgt dem jungen lebensfrohen Manne vielleicht
noch mit mehr Aufmerksamkeit und Interesse, wenn er erfährt, daß Wilhelm
Heine auch selbst in diesem regen Leben nicht den Drang befriedigt
fühlte, der ihn weiter und weiter trieb auf der einmal betretenen Bahn,
denn er befindet sich in diesem Augenblicke an Bord des amerikanischen
Geschwaders, das zu einer Recognoscirungstour des indischen Archipels,
vorzüglich aber der japanischen Küsten ausgesandt ist, und wohl nicht
wiederkehren wird, ohne ein tüchtiges Stück von der Welt gesehen, ja
vielleicht auch ein Stück in der Welt gethan zu haben.
Von dort werden seine Berichte für jetzt in der Allgemeinen Zeitung und
dem Ausland erscheinen, seine Stellung an Bord eines der Kriegsschiffe,
mit ehrenvollen Aufträgen der amerikanischen Regierung für unterwegs
anzustellende Sammlungen, sichert ihm dabei die Gewißheit, den
größtmöglichsten Nutzen von solch wilder Fahrt zu ziehen, und wir dürfen
hoffen, daß er uns noch manches Schöne von fernen Ländern erzählen wird.
Der Einzelne wird doch ja immer nur, möge seine Route liegen so weit sie
will, auf einen verhältnismäßig kleinen Kreis beschränkt, und dem Leser
bleibt es überlassen, sich von den verschiedenen Ansichten und Bildern
der draußen Herumstreifenden den Honig zu sammeln und seine Meinung
festzustellen.
Heine's Styl ist leicht und ungezwungen, seine Schilderung lebendig und
das Herzliche und Gemüthliche seines ganzen Wesens läßt uns ihn bald
liebgewinnen, und so hoffe ich denn, daß Dir, lieber Leser, diese Gabe
eine willkommene sein wird, wie es mir selber eine besondere Freude
gewährt hat, den jungen, noch gewissermaßen vom Seewasser triefenden
Künstler bei Dir einzuführen.
Friedrich Gerstäcker.
Inhaltsverzeichniß.
Seite
Künstlerausflug durch den Staat New-York 1
Ein Jahr in Central-Amerika 41
I.
Vorwort. -- Zweck der Reise. -- Allgemeine Bemerkungen über
Central-Amerika. -- Canalproject zur Verbindung des atlantischen
und stillen Oceans. 43
II.
Abreise von New-York. -- Die Brig Rogelin. -- Ansicht von Haiti.
-- Eintritt in die Wendekreise. -- Unbewohnte Insel. --
Mosquitoküste. -- San Juan di Nicaragua. -- Deutsches
Gasthaus. -- Lebensweise. 56
III.
Vorbereitungen zur Flußfahrt. -- Das Bungo. -- Abreise von San
Juan. -- San-Juan-River. -- Clima. -- Fruchtbarkeit. -- Die
Machuca-Rapids. -- Verunglückte Tigerjagd. -- Unwetter. --
Aerztliche Hülfe. -- Castillo Viejo. -- Prophezeihung. -- Der
Wundarzt wider Willen. -- San Carlos. -- Douane. -- See von
Granada. -- Ankunft in Granada. -- Gastfreundlichkeit. --
Jahresfeier des 4. Juli. 66
IV.
Die Stadt Granada. -- Bauart. -- Einwohner. -- Lebensweise in
Central-Amerika. -- Festtage. -- Reisezurüstungen. --
Unsicherheit der Straßen. -- Art zu reisen. -- Fleiß der
Indianer. -- Massaga. -- Indisches Begräbniß. 94
V.
Lavafelder. -- Managua. -- Reisebekanntschaft. --
Landschaftliches. -- Puebla nuova. -- Ein Raubmord. --
Nächtliche Störung. -- Ankunft in Leon. 109
VI.
Freundliche Aufnahme in Leon. -- General Munoz. -- Ein
demüthiger Apostel Christi. -- Rückkehr nach Granada. 120
VII.
Indigobereitung. -- Verfall des Landbaues. -- Schlimme
Aussichten für Ansiedler. -- Gefährliche Galanterie. --
Zunahme der ärztlichen Praxis. -- Einfluß des Mondes. --
Selbsthülfe zu rechter Zeit. -- Die Schwefelquellen von
Tipitapa. -- Gefährliche Begegnung. -- Kriegsanstalten.
-- Militairische Exercitien. 126
VIII.
Der geendigte Krieg in Nicaragua. -- Aufregung in Granada. --
Unangenehme Conflicte. -- Meeting in Massaga. -- Hauptquartier
in Managua. -- Don Fruto Chamorro. -- Gefecht von Nagarote. --
Erkrankung. -- Gefecht von Chinandega. -- Mißverhältniß der
Streitkräfte. -- Vertrag von Posolteja. -- Treubruch des
Generals Lopez. -- Ehrenhaftes Benehmen des amerikanischen
Gesandten. -- Traurige Aussichten. 143
IX.
Neue Erkrankung. -- Excursion in das Hochgebirge und die
Minendistricte. -- Reiseanstalten. -- Aufbruch von Leon. --
Nachtlager. -- Räubergerüchte. -- Nächtlicher Ueberfall. --
Eintritt ins Gebirge. -- Trockenheit. -- Zuckererbauung. --
Aztekische Sage. -- Beschwerlicher Marsch. -- Heimathliche
Erinnerung. 166
X.
Aufenthalt in San Rafael. -- Viehzucht. -- Versuch mit dem
Lasso. -- Weiterreise. -- Nächtliches Concert. -- Totogalpa.
-- Der gastfreundliche Cura. -- Eine Hochzeit. -- Ocotal. --
General Guardiola. -- Hahnenkämpfe. -- Spielwuth der Bewohner. 185
XI.
Dipilto. -- Mangelhafter Zustand des Bergbaues. --
Wiederkehrende Gesundheit. -- Taminos Feuer- und Wasserprobe zu
Pferd. -- Erlegter Tiger. -- Der Staat Honduras. 200
XII.
Yuscaran. -- Don Pedro Xatrerha. -- Indianerstämme. -- Gefahren
eines Besuches bei ihnen. -- Gewaltsame Requisition. --
Tegucigalpa. -- Sennora L... -- General Cabannas. 217
XIII.
Süßer Abschied. -- Cerro di Ule. -- Prachtvolles Panorama. --
Heimweh. -- Portillo de la Victoria. -- Künstlerische Ausbeute.
-- Indianische Fiesta. -- Große Hitze. -- Ein tropisches
Gewitter. -- Ankunft zu rechter Zeit. -- =Fata morgana.= --
San Martin. -- Choluteca. -- Esteroreal. -- Noch etwas über das
Canalproject. -- Ankunft in Leon. 232
XIV.
Glücklicher Zufall. -- Abschied von Leon. -- Ein Jahr
Unterschied. -- =Stars and Stripes!= -- Verändertes Aussehen von
St. Juan di Nicaragua. -- Abschied von Central-Amerika. --
Allgemeine Bemerkungen und Warnungen für Auswanderer. 254
Künstlerausflug durch den Staat New-York.
1.
Die Glocke des Steamers New-York läutet zum drittenmale, der Ingenieur
giebt das Zeichen, das schöne große Schiff setzt sich in Bewegung, an
seinem Bord drei lustige deutsche Maler. Der Abend war angenehm und
lieblich, wie die Abende im Monat August nach einem heißen Tage an den
Ufern des Hudson in der Regel sind.
Auf dem Deck und im Salon des Steamers gab es gutgekleidete
Lustreisende, Leute aus der =beau monde=, welche in die Bäder von
Saratoga, zu den lieblichen Trentonfällen oder dem großartigen
Niagarafall reisten; Frauen und Mädchen, hold und anmuthig, wie sie
Amerika und vor allem New-York aufzuweisen hat, in süßem Müßiggange
sich im einladenden Schaukelstuhle wiegend, lachend, kokettirend;
Büreau-Generale, nach ihren Landhäusern gehend, um den Sonntag
dort zuzubringen; Brod- und Schweinehändler =en gros=, welche nach
abgeschlossenen Geschäften sich wiederum ins Land hinein begeben, um
alsbald mit neuen Sendungen nach New-York zurückzukehren; mitunter auch
wohl ein finsterer Pfaffe, deren einer, ein Methodist, sogar später das
Publikum mit einer Art Reisepredigt erlabte, an der jedoch nur blutwenig
Zuhörer Geschmack zu finden schienen.
Die große wandernde Stadt, auf der wir uns befinden, Euch näher zu
beschreiben, erlaßt Ihr mir wohl, meine Lieben; Fritz Gerstäcker hat
es in seinen Mississippi-Bildern bereits besser gethan, als ich es im
Stande sein würde. Die achthundert Pferdekraft der Dampfmaschine trieben
uns rasch den prachtvollen, hier ziemlich sechshundert Fuß breiten
Hudson stromaufwärts. Zur Linken streckten sich hohe Felswände in die
Höhe, die Palisaden genannt, zur Rechten lagen lachende Landhäuser in
üppig blühenden Gärten, kleinere oder größere Dorfschaften dazwischen,
hier und da ein Bach oder ein Flüßchen, dessen Wasser sich entweder
still und geräuschlos mit dem Hudson vermählt, oder eine kleine Bucht
bildet, an deren Saum freundliche Spaziergänge den Reisenden zu längerem
Verweilen anzulocken scheinen.
Wahrlich, wer sich die Staaten Nord-Amerikas als arm an malerischen
Naturschönheiten vorstellt, der befindet sich in großem Irrthume; sie
sind freilich von ganz anderem Charakter wie unsere europäischen, wollen
studirt und in ihrer Eigenthümlichkeit aufgefaßt sein, bieten dann aber
auch dem Künstler gar manche schätzbare Ausbeute.
Ermüdet vom Getreibe der riesigen Hauptstadt, erlabte ich Augen und Herz
an den lieblichen Gemälden.
Der Kessel von Sing-Sing, wo der Strom eine große Bai von vielleicht
einer deutschen Meile im Durchmesser bildet, ward mit Sonnenuntergang
passirt, und von den Bergen von West-Point strahlte bereits der Mond
sein mildes Licht über die lieblichen Gefilde. Der Abend rückte weiter
vor und nachdem die schön geformten Berge von Katshill in der Ferne
vorüber geglitten, ging ich in meine Koje, mich für den kommenden Tag zu
stärken, da die Ufer von hier an bis Albany flach werden und nicht mehr
die Mühe des Aufbleibens lohnen.
Bei meinem Erwachen legte der Steamer gerad am Quai von Albany an,
weshalb ich auch außer dem Quai und der Straße, die nach der Eisenbahn
führt, nichts von dieser Stadt sah. Kurze Rast nebst Frühstück,
und weiter ging es beim ersten Strahl der lauen Morgensonne auf dem
Schienenwege hin, durch das Mohawkthal. Ueberall blühende, fruchtbare
Felder, nette Ortschaften, freundliche Landhäuser, großartige
Fabrikgebäude längs der ganzen Bahn; der zur Seite sich hinziehende
große Kanal voll regen Lebens, überall thätige, kräftige, gesunde
Menschen, überall Leben, Licht, Freiheit. So ging's bis Utica, dem
ersten Haltpunkte.
Nachdem wir uns glücklich durch die lärmende, drängende Menge
hindurchgearbeitet, mietheten wir einen Wagen, der uns mit seinen vier
Rößlein zu den Trentonfällen bringen sollte. Auf einem gut unterhaltenen
Bohlenwege, dessen holzverschwenderische Anlage und Erhaltung -- der
ganze Weg ist mit zwölf Fuß langen, zwölf Zoll breiten und vier Zoll
starken Bohlen belegt -- manchen unserer gewissenhaften deutschen
Forstmänner zur Verzweiflung bringen würde, rollten wir munter dahin;
die acht Miles waren verhältnißmäßig schnell zurückgelegt und bald
empfing uns das gastliche Dach des Herrn Moore.
Unsere gespannte Neugierde erlaubte uns zuvörderst kein langes Verweilen
unter demselben, wir eilten den Fällen zu und hatten schon bei ihrem
ersten Erblicken die freudige Ueberzeugung, daß dieser eine Punkt allein
schon der Reise werth war.
Der West-Canada-Creek stürmt hier durch tiefe Schluchten, längs welcher
sich starre, hier und da mit Bäumen und Buschwerk gekrönte, oft
auch nackte, in bizarren Formen gebildete, zwischen dreihundert und
vierhundert Fuß hohe Felswände, senkrecht aus dem Flusse erheben.
Dazwischen hin schäumt der Fluß, manchmal in einer Breite von
hundertfünfzig Fuß, über die geradlinigen Flötzgebirgformationen
weggleitend, dann wieder in einen viel engeren Raum zusammengezwängt,
durch zerklüftete Felsblöcke sich Bahn brechend, mit einer Fallhöhe von
dreihundertachtzig Fuß auf eine kleine halbe (engl.) Meile. Nach Freund
Müller's Aussagen gleicht der größte dieser Wassersturze in mehren
Absätzen den Wasserfällen, welche er auf seiner letzten europäischen
Reise in Dalmatien gesehen.
Hier schied ich auch von einem alten Landsmanne, D. M., der nur
vorläufig nach Amerika herübergekommen war, um sich das Land, behufs
einer etwaigen späteren Uebersiedelung, zu besehen und uns junges Volk
bis hierher begleitet hatte. Er schien von dem, was er bis da gesehen,
nicht sehr befriedigt; das paßte alles nicht recht zu seinen deutschen
Agriculturbegriffen. Der Abschied von dem alten Knaben war ein
wehmüthiger und schwerlich dürfte ich ihn noch einmal wiedersehen.
Die schönen landschaftlichen Vorwürfe wurden nun fleißig ausgebeutet und
nach zehntägigem Aufenthalt hatten wir unsere Malermappen mit manchen
höchst schätzenswerthen Motiven bereichert.
Herr Moore, der gastfreundliche, humane Besitzer des großen Hotels, ein
großer Kunstliebhaber, bestellte bei uns einige Bilder mittlern
Formats für recht anständigen Preis, und überdies noch einen Cyclus von
Zeichnungen, als Illustrationen einer beabsichtigten Beschreibung der
Trentonfälle. Trotzdem sich Herrn Moore's selbst erworbenes Vermögen
kaum über einen angenehmen Wohlstand hinaus erstreckt, ist derselbe doch
ein eifriger Beförderer der schönen Künste und besitzt eine, für seine
Mittel nicht unbedeutende Sammlung von Gemälden, größtentheils von
Künstlern, die bei ihm einsprachen. Nebstdem hat er auch noch den
gewöhnlichen Hotelpreis von zwei Dollars täglich, für Künstler auf die
Hälfte herabgesetzt, was bei der ganz vorzüglichen Bewirthung eine sehr
mäßige Bezahlung ist. Herr Moore trieb seine Artigkeit so weit, uns
selbst nach Utika zurückzufahren, wo wir herzlich und auf baldiges
Wiedersehen von ihm schieden.
Und weiter ging es per Dampf, über Syrakus, wo bei Ankunft des Zuges
zwanzig Glocken, in den Händen von zwanzig Kellnern, vor eben so vielen
Hotels, einen wahren Heidenlärm erhoben, um allen Ankommenden recht
eindringlich das Zeichen zum Essen zu geben; dann wieder weiter, nach
Oswego hin, oft durch Wälder und ödes Sumpfland. Die Gegend sieht hier
fiebrig und unheimlich aus, so daß man kaum zu athmen wagt.
In Oswego, einer Stadt von nahe an fünftausend Einwohnern, bestiegen
wir von Neuem einen Steamer und rasch dahin glitten wir über die blaue
Wasserfläche des Ontariosees, bald nur noch einen schmalen Streifen Land
im Gesicht behaltend. Vier Uhr Morgens langten wir in Lewis-Town an,
noch ein kurzes Stück Eisenbahn, und zwar das erbärmlichste, das je von
Menschenhand erbaut worden ist, und mit Tagesanbruch standen wir da, wo:
»schäumendes Gewässer mit Donnergebrüll hinabstürzt in
die grausige Tiefe!«
Es kann nicht meine Absicht sein, geognostische Abhandlungen zu
verfassen, und eben so wenig poetische Reisenovellen zu schreiben; doch
muß ich gestehen, daß das großartige Naturschauspiel, ohne Zweifel das
größte dieser Art auf dem bekannten Erdenrund, erst allmälig begann,
einen tiefen und gewaltigen Eindruck auf mich zu machen, je länger ich
davor verweilte und die colossalen Proportionen zu messen begann.
Die ganze Länge des Falles mag etwa tausend Schritte betragen, die
senkrechte Höhe, nach dem Augenmaß beurtheilt, vielleicht ein
Drittheil so viel, und ist in der Mitte von einer kleinen Felseninsel
unterbrochen, zu der oberhalb des Falles eine Brücke führt. Der Niagara
selbst ist von brillantem Smaragdgrün und bis weit unterhalb des Falles
vom Schaume milchig gefärbt, was dem Maler reizende Farbenabwechselungen
und Uebergänge gewährt; auf beiden Seiten begränzen den Fall
hundertachtzig bis zweihundert Fuß hohe Felswände. Alle diese
Formationen (Flötzgebirge) tragen Spuren der Gewalt des Gewässers und
bis eine (engl.) Meile unterhalb seiner jetzigen Stelle hat der Fall
die Merkmale seiner Zerstörungswuth zurückgelassen. Man hat nach
Wahrscheinlichkeitsgründen berechnet, daß der Fall dreißigtausend
Jahre gebraucht habe, um sich diese Bahn auszuwaschen; aber bei
aller möglichen Hochachtung vor den Berechnungen der Gelehrten und
Naturforscher, erscheint mir die hier in Frage gestellte denn doch etwas
problematisch, ohngefähr so wie die Berechnung der Entfernung mancher
Fixsterne. Da heißt es auch: wer's nicht glaubt, mag das Gegentheil
beweisen! Das ganze Ufer zunächst des Flusses ist bedeckt mit
herabgestürzten Felstrümmern, deren eben so viele in den Fluthen
begraben sein mögen, gleich dem Table-Rock seligen Andenkens, der etwa
vier Wochen vor unserer Ankunft glücklich zur Tiefe abgefahren ist. Ich
besinne mich, irgendwo von der Berechnung eines englischen Ingenieurs
gelesen zu haben, der ganz vor Kurzem erst herauscalculirt haben wollte,
wie lange das Wasser sich durchaus noch zu strapaziren habe, bevor es
mit der Unterwaschung besagten Table-Rocks glücklich zu Stande
gekommen sei; ich möchte wohl wissen, wie weit er in seiner Berechnung
fehlgeschossen haben mag? -- Die Ufer des Niagara waren in den Jahren
1812 bis 15 der Schauplatz zahlreicher Gefechte mit den Engländern,
und in einer Schlacht ohnweit der Fälle sollen an viertausend Todte
geblieben sein.
Amerika ist das Land der Industrie und Speculation, Niagara das Land der
fünfundzwanzig Cents: Du gehst auf die Heiligeninsel, kostet 25 Cents,
-- Du gehst zwei Meilen unterhalb der Fälle über die Hängebrücke, kostet
25 Cents, -- Du läßt Dich in einem kleinen Boote über den Fluß setzen,
kostet 25 Cents, -- Du willst unter den Fall selbst steigen, kostet 25
Cents u. s. w.
Der hiesige Gasthof war das Gegentheil von Herrn Moore's Hotel; zwei
Dollars täglich und alles mordschlecht. Wir machten Studien so viel als
möglich, und beeilten uns fortzukommen, so viel als möglich, und zwar um
so mehr, als wir beim Arbeiten viel von der unerträglichen Neugierde des
reisenden Publikums zu leiden hatten.
Noch am letzten Tage hatten wir das traurige Schauspiel, ein armes
Pferd, welches sich, oberhalb der Fälle von Hunden gehetzt, in den
Fluß retirirt haben mochte, den Fall hinunterstürzen zu sehen. Weiter
unterhalb fanden wir das arme Thier, zerschellt und kaum noch kenntlich,
von den Fluthen auf's Ufer geschleudert daliegen. Ein Canalboot mit
einer Schweinefleischladung, welches vor etwa sechs Wochen den Fluß
hinabgetrieben worden war, hängt inmitten des Falles, von einem
emporragenden Felsen aufgehalten, auf dem Rand des Sturzes, von
brausenden Gewässern umtobt; das Treibeis des nächsten Winters wird es
wohl noch vollends zertrümmern. Seltsam, trotzdem es nur ein lebloser
Gegenstand ist, kann man es nicht ohne ein Gefühl des Bangens da hängen
sehen und empfindet unwillkürlich eine Art von Mitleid mit dem armen
Ding.
Kurz und gut, unsere Studien waren beendet, unsere Zeit gemessen und wir
hatten nicht Lust, länger hier müssig liegen zu bleiben; wir begaben
uns daher vermittelst obbemeldeter schlechten Eisenbahn wieder auf die
Wanderschaft und an Bord des nämlichen Steamers, der uns in Lewis-Town
ans Land gesetzt hatte.
2.
Unsere zweite Fahrt auf dem Ontariosee war bei weitem länger als
die erste, denn wir befuhren ihn in seiner ganzen Längenausdehnung,
berührten nochmals Oswego, landeten in Sacketts Harbour, ein Name, der
sowohl im britisch-französischen, als im amerikanischen Befreiungskriege
vielfach genannt worden, als wichtigster Posten am Ontariosee; sahen
später Kingston und die rothen Röcke der englischen Soldaten und
passirten am Nachmittage die Tausend-Inseln. War schon die Fahrt über
den See mit seinen langgedehnten flachen Ufern langweilig, so wird
die Fahrt zwischen diesen kleinen, niedrigen, mager bewaldeten, sich
ähnelnden Inselchen zuletzt im höchsten Grade ermüdend. Ob es ihrer
gerade tausend waren, weiß ich nicht, denn ich habe sie wahrhaftig
nicht gezählt, war aber herzlich froh, als uns am Abend die Lichter von
Ogdensburg das Ziel unserer Wasserfahrt andeuteten.
Hier wurden wir auf dem Landgute des Herrn von R......... höchst
gastfreundlich aufgenommen und bewirthet. Diese Farm, von ungefähr
eintausend Acres geklärten Landes, kann als ein vollendetes Muster
amerikanischer Landwirthschaft gelten und ich hätte wohl gewünscht,
mein alter Landsmann D. M. hätte seine Untersuchungsreise bis hierher
ausgedehnt. Herr v. R......... hat in unglaublich kurzer Zeit Alles, was
er besitzt, aus einer Wüste geschaffen; denn als er sich in Ogdensburg
ansiedelte, wurden noch da Hirsche geschossen, wo jetzt sein schönes
Wohnhaus steht, und dunkle Kieferwaldung stand noch da, wo jetzt
ein lieblicher Park angenehme Spaziergänge bietet und in großartigen
Glashäusern Südfrüchte und tropische Pflanzen reifen. Mühlen aller Art,
Manufakturen, Eisenwerke, fast alle von Herrn v. R........ gegründet,
liegen in und um Ogdensburg. Es kam ihm allerdings bei seinen
Unternehmungen trefflich zu Statten, daß er ein sehr bedeutendes
väterliches Vermögen mitbrachte, was freilich unter allen Umständen das
Farmerleben aller Orten wesentlich angenehmer macht; immer aber kann man
sich hier überzeugen, daß sich auch ohne jenes Zaubermittel Fleiß und
Ausdauer hier reichlicher lohnen, wie in vielen andern Ländern. Nach
so manchen Beobachtungen möchte ich daher überhaupt jedem in der Union
Einwandernden dringend anrathen sich, wenn es seine Mittel irgend
verstatten, erst in den verschiedenen Strichen des Landes umzusehen
und sich mit dem landwirthschaftlichen Betrieb da und dort recht genau
bekannt zu machen, bevor er sich für einen Punkt entscheidet und dann
das Ganze nach vielleicht getäuschten Erwartungen beurtheilt. Eben so
Viele sind durch Nichtbeachtung dieser Vorsicht zu Grunde gegangen, als
andrerseits durch deren Beachtung binnen nicht sehr langer Zeit Andere
zu Wohlstand, ja sogar zu Reichthum gelangt sind. Wer aber aus
Trägheit oder Unwissenheit darauf beharrt, sich am ersten besten Fleck
niederzulassen und das Land nach den aus Deutschland mitgebrachten
Begriffen zu bebauen, dem wird es nicht besser ergehen, wie es
wahrscheinlich einem Amerikaner ergehen würde, dem es einfiele
unbebautes Land in Ungarn oder Rußland zu aquiriren und nach
amerikanischem Systeme auszubeuten.
Nicht verschweigen kann ich es, daß ich auch in Frau v. R........ eine
der liebenswürdigsten, feingebildetsten Frauen kennen lernte, die nicht
nur die Erziehung und den Unterricht ihrer Kinder fast allein besorgt,
sondern auch durch rastlose Thätigkeit und umsichtige Leitung ihres
großen Hausstandes, eine Gewohnheit, die sonst den amerikanischen
Frauen, bei vielen anderen Vorzügen, nicht eben sehr eigen ist,
wesentlich zum Gedeihen des Ganzen beiträgt.
Ogdensburg gegenüber wurden in der Insurrection von 1837 mehre Gefechte
geliefert; unter andern hatten die Insurgenten eine sehr feste Stellung
inne, die nur nach hartnäckigem Kampfe genommen werden konnte. Im
Lande ist sie unter dem Namen: die Schlacht bei der Windmühle, bekannt
geblieben.
In Ogdensburg war während unseres Aufenthaltes daselbst von der Miliz
des Districtes ein Uebungslager bezogen worden, an das man allerdings
nicht den Maßstab unserer europäischen Revuen und Manövers legen darf.
Diese Miliztruppen waren nämlich in vier Gattungen getheilt, als:
erstens, Bewaffnete und Uniformirte; zweitens, Bewaffnete und
Nichtuniformirte; drittens, Uniformirte und Nichtbewaffnete; viertens
endlich, Nichtuniformirte und Nichtbewaffnete. -- So passirte dieses
Corps von beiläufig dreihundert Köpfen die Revue, durchzog die Stadt mit
Musik und erfüllte sie mit kriegerischem Gepränge. Nichtsdestoweniger
hat jedoch die Erfahrung bereits bewiesen, daß diese Leutchen, sobald es
einmal Ernst gilt, ebenso wacker zu kämpfen wissen, wie nur irgend
eine Truppe der Welt. -- Wir aber zogen von dannen, denn nun sollte der
zweite Theil unseres Ausfluges, das Waldleben beginnen.
Wir hatten uns dazu die Ufer des Roquette-River ausersehen. Wollt Ihr,
meine Lieben, diesen Platz auf einer Spezialkarte der Vereinstaaten
finden, so sucht ihn im Norden des Staates New-York, auf dem westlichen
Abhange des Höhenzuges, welcher ihn von Süd nach Nord durchschneidet.
Dort ist noch eine undurchdringliche Wildniß in einer Ausdehnung von
hundertzwanzig bis hundertdreißig Meilen, die uns reichen Stoff zu
solcher Art landschaftlicher Studien verhoffen ließ. In jeder
Richtung hin keine Ansiedelung zu finden; dagegen bevölkern Hirsche
im Ueberflusse und selbst Elenthiere den Wald, zahllose Forellen der
vorzüglichsten Gattung die Bäche und Flüsse, und wilde Enten, Fasanen,
Truthühner, wilde Tauben sind in solcher Masse vorhanden, daß der Jäger
die reichste Beute findet. Inmitten dieser Wälder, auf der Hochebene
des Gebirges, ist ein ziemlich bedeutender See, Long-Lake genannt, der
südwärts den Hudson und nordwärts drei parallel laufende Flüsse, den
St. Regis-, den Roquette- und den Gros-River entsendet.
Ueber Canton, Stockholm, Potsdam, Rom kamen wir bis Parisville, wo die
Poststraße aufhört. Ein kleines Wägelchen führte unser Gepäck weiter,
wir selbst aber wanderten =per pedes= nebenher, über Knüppeldämme, Sumpf
und Moor in den Wald hinein, selten eine Ansiedelung treffend, die hier
schon sehr dünn werden. Zu zehn englischen Meilen brauchten wir einen
ganzen Tag; fünfmal brach unser Wägelchen und zuletzt so rettungslos,
daß wir es zurücklassen mußten, und die letzten Meilen mit unserer
Bagage auf den Schultern marschirten, bis wir spät Abends zum Tode
ermüdet im letzten Settlement anlangten.
Hier ließen wir den größten Theil unseres Gepäckes zurück, uns nur auf
das Nothwendigste beschränkend, und am anderen Morgen ging die Wanderung
auf einem Canoe weiter, dasselbe nach Art der Indianer bei jedem Rapid
(Stromschnelle) auf den Schultern um diese herumtragend. So leicht nun
auch ein solches Bootchen von Birkenrinde ist, so ist es doch nichts
destoweniger eine harte Arbeit, es immer weiter zu schleppen, und oft
haben wir bei solcher Bergstelle von kaum einer englischen Viertelmeile
mit Aus- und Einladen, Weitertragen, drei bis vier Stunden zugebracht.
Noch weitere fünfzehn Meilen wurden auf diese Weise mühsam zurückgelegt
und endlich langten wir am Starks-Fall, unserm Bestimmungsorte an.
Eine Schanty d. h. eine kleine Hütte von rohen Stämmen, mit Rinden
bedeckt, an der vierten, dem Feuer zugekehrten Seite offen, wie sie
Holzfäller bei ihrem Aufenthalt im Walde, oder Jäger die längere Zeit
an einer Stelle verweilen, errichten, fanden wir noch in ziemlich gutem
Zustande und hatten uns bald so wohnlich, als es irgend gehen wollte,
eingerichtet. Ein helles Feuer von mächtigen, acht Fuß langen Klötzen
loderte lustig im Abendwinde und in unsere Decken gehüllt, brachten wir
unsere erste Nacht in einem amerikanischen Walde trefflich schlafend zu.
Unser Leben war freilich ein etwas beschwerliches, denn da wir
allein auf uns verwiesen waren, mußten wir uns selbst Nahrungsmittel
verschaffen, Holz für die Feuerung hauen und unser einfaches Mahl selbst
bereiten. Meine Hände sahen bald so rauh aus, als zu jener Zeit, da
ich Maurerlehrling war, und gar oft klebte mein Blut am Axtstiel.
Nichtsdestoweniger wurde fleißig gemalt, wozu wir hier herrliche Studien
fanden, und immer noch blieb genugsam Zeit übrig, dem edlen Waidwerk
obzuliegen.
Allmorgendlich, sobald es nur hell genug war um Korn und Visir erkennen
zu können, ging ich am Flußufer pirschen. Nie habe ich so zahlreiche
Fährten nebeneinander gesehen, es war, als ob eine Herde Schafe durch
den Wald getrieben worden wären. Da ich aber keine genaue Kenntniß der
Wechsel hatte, so jagte ich nur auf der Fährte und hatte das Glück,
schon am zweiten Morgen ein altes Thier und zwei Spießhirsche in Zeit
von einer Stunde zu schießen; so hatten wir Fleisch im Ueberfluß
und besonders gab das der Spießer, auf indianische Manier auf einen
Baumzweig gespießt, einen gar saftigen, köstlichen Braten.
Unser Appetit ward aber auch durch die ungewöhnte Lebensweise und den
steten Aufenthalt in freier Luft so geschärft, daß wir, im Verein mit
ein paar Jägern, die weiter hinauf an den Fluß wollten und einen
halben Tag bei uns verweilten, die zwei Spießer in drei Tagen radical
aufzehrten, wobei ich indeß bemerken muß, daß die Hirsche hier zu Lande
bedeutend schwächer sind, als in Europa.
Einen ganz vorzüglichen Braten bot uns auch die sogenannte schwarze
Wildente, welche vom Fressen einer gewissen, nur hier in den Sümpfen
vorkommenden Wasserpflanze außerordentlich fett und schmackhaft wird.
Aus Mangel an Schrotladung und einer Flinte, war ich genöthigt den
Fasan, die Ente und selbst die wilde Taube mit der Büchse zu schießen.
Da man indeß selten weiter als vierzig bis fünfzig Schritt zu schießen
hat, gewöhnte ich mich bald daran und habe selten gefehlt. Häuten,
Aufbrechen und Ausweiden der Thiere, Trocknen der Häute und Räuchern des
Fleisches auf indische Weise, gaben manche spaßhafte Beschäftigung und
gute Gelegenheit etwas zu lernen. Meinen dritten Hirsch habe ich so
tadellos aufgebrochen und ausgewirkt, daß jeder gelernte Waidmann seine
Freude daran gehabt hätte.
Wölfe, obgleich dieselben noch ziemlich häufig sein sollen, habe ich
noch nirgend gesehen, selbst nicht Spuren, und ebensowenig Füchse,
Panther und Bären, die hier nur höchst selten vorkommen sollen.
An einem Regentage, der das den Boden bedeckende dürre Laub vollkommen
durchweicht hatte, folglich höchst günstiges Wetter zu einem Pirschgange
bot, hatte ich, obschon auf viele Fährten treffend, erfolglos vom
Morgen an gejagt und mich etwas weiter als gewöhnlich von unserm Lager
entfernt. Gegen Abend kam ich auf eine ganz frische Fährte die ich
verfolgte und mich denn auch bald auf einer kleinen Waldwiese einem
stattlichen Hirsche gegenüber befand. Die Entfernung war zwar etwas
weit, hundertdreißig bis hundertvierzig Schritt, doch die Zeit drängte,
denn wir brauchten Fleisch, und nirgend sah ich eine Deckung um näher
heran zu schleichen. Langsam hob ich die treue Büchse, ein scharfer
Krach erschütterte die Atmosphäre und mit einem dumpfen Schrei stürzte
das edle Thier zu Boden. »Guter Braten!« dachte ich, und stieß in aller
Ruhe eine frische Kugel in den Lauf hinab, doch ehe ich noch mit Laden
fertig war, erhob sich der Hirsch plötzlich wieder, ein angestrengter
Satz und er tauchte in das bunte Dickicht der Sassafrasbüsche nieder.
Auf dem Anschuß fand ich Schweiß in Menge und Lungenkrümel. Der deutlich
ausgeprägten und mit Schweiß ganz übergossenen Spur folgend, ward
ich aber nach dreißig bis vierzig Schritten von undurchwadbaren Sumpf
aufgehalten; ich umkreiste denselben, der Hirsch war darin, ich hörte
ihn deutlich nur wenige Schritte vor mir, im Todeskampfe die Büsche
knicken, und konnte nicht zu ihm, denn so oft und von welcher Seite ich
es auch versuchte, versank ich gleich beim ersten Schritt bis über die
Knie in den morastigen Boden.
Das war denn nun höchst fatal! nicht nur weil ich sehr ungern das schöne
Stück Wild einbüßen wollte, sondern auch weil ich den ganzen Tag noch
nichts gegessen hatte und folglich Fleisch brauchte. Doch, was war zu
machen? Ich verbrach den Anschuß, schnallte mir den Hungerriemen
fester und machte mich auf den Weg, um wo möglich noch unser Lager zu
erreichen, denn die Sonne war bereits zu Rüste. Ich suchte mich so gut
wie möglich in der Richtung zu orientiren und marschirte tapfer vorwärts
in die Dunkelheit, die schnell hereinbrach.
Nach zweistündigem Marsch erreichte ich ein ansteigendes Terrain, das
ich für dasselbe hielt, welches ich nach meiner Berechnung auf dem Wege
zu unserm Lager allerdings passiren mußte; allein schon war ich eine
gute Weile gegangen und statt flacher, ward das Terrain immer steiler.
Ich ward nun wohl inne, daß ich mich verirrt hatte, wußte aber durchaus
nicht, wo ich mich etwa befinden konnte. Vor allen Dingen war es mir
darum zu thun, bald möglichst eine Lichtung zu gewinnen, denn der Theil
des Waldes, in dem ich mich befand, war so dicht, daß auch nicht ein
Zoll breit Himmel zu sehen war. Ich drang also weiter vor, nach der
Spitze des Hügels, auf dem ich mich aller Wahrscheinlichkeit nach
befinden mußte; das Terrain war felsig und ebnete sich bald, so daß
ich schon Halt machen wollte, um den Aufgang des Mondes abzuwarten,
als plötzlich meine Füße ausglitten, ich mich über Moos, Steine und
Sträucher rasch dahinrutschen fühlte, endlich wieder ebenen Boden
unter mir hatte, aber so im Schusse war, daß ich mich nicht zu halten
vermochte, mit dem Kopfe im nämlichen Augenblicke so derb an einen
Baumstamm hämmerte, daß mir die Sinne vergingen und ich um und um
kollerte. Ein Weilchen mochte ich wohl so dagelegen haben, als ich aber
allmählig wieder anfing meine fünf Sinne zusammen zu lesen, ward ich
inne, daß ich außer denselben bei dem Purzelbaum auch noch Büchse,
Pulverhorn, Mütze und Messer verloren und dafür etliche Knuffe und Püffe
eingetauscht hatte, die sich ziemlich unangenehm fühlbar machten. Nach
langem Umhertappen fand sich endlich mein Eigenthum, mit Ausnahme des
Messers, wieder zusammen, welches letztere ich selbst, als der Mond
seine Laterne durch die allmählig dünner gewordenen Wolken heraus
steckte, nicht wieder finden konnte. Zu gleicher Zeit belehrte mich auch
der Stand des Mondes, daß ich, statt nordwestlich zu gehen, südöstlich
gegangen war.
Gern wäre ich jetzt liegen geblieben, denn ich fühlte mich erschöpft
und meine zerstoßenen Gliedmaßen schmerzten mich in der That recht
empfindlich, aber zwei Umstände verhinderten mich daran, zuerst
brennender Durst, sodann der Verlust meines Messers, und Mangel an
trocknen Holz; denn ohne Feuer hätte ich die recht beißend naßkalte
Nacht in meiner dünnen und durchnäßten Leinwandblouse nicht ausgehalten.
Ich »calculirte,« daß ich mich wahrscheinlich auf dem scheidenden
Rücken des St. Regis- und dem Roquette-River befand, nördlich mindestens
zwanzig Meilen von der nächsten Ansiedelung, östlich sechs bis acht
Meilen vom St. Regis und westlich etwa eben so weit vom Roquette-River
entfernt, südlich aber vielleicht hundert Meilen weit dichte Waldung vor
mir hatte.
Ich selbst war ohne Kompaß, ohne Feuerzeug, ohne Messer, ohne Decke,
dünn gekleidet, nüchtern seit dem Morgen, eine Kugel in der Büchse
und nur noch zwei in der Tasche, allerdings eine etwas ungemüthliche
Situation. Nach reiflicher Ueberlegung hielt ich es für das Beste, vor
allen Dingen den Roquette-River aufzusuchen und dann an seinen Ufern
hinabzugehen; ich mußte dann doch am Ende auf unser Lager, oder auf
irgend eine Ansiedelung stoßen. Fand ich nur erst Wasser, so konnte ich
es im schlimmsten Fall wohl noch einen ganzen Tag ohne Speise aushalten.
Das Empfindlichste war mir vor der Hand der Mangel eines guten,
erwärmenden Feuers.
Den Mond zur Linken, gings nun westlich und nach dreistündigem höchst
beschwerlichem Marsche, während welchem mein Fuß oft über Stämme und
Steine stolperte und ich einen gefährlichen Moorbruch passiren
mußte, befand ich mich glücklich am Ufer des Flusses. Ich verrichtete
zuvörderst ein geringfügig Waidmannsgebetlein, und zwar keinesweges in
der Meinung, daß dadurch irgend etwas Verdienstliches geschehe, sondern
weil es mich in Wahrheit drängte, Dem, der ja auch hier mir nahe war,
meinen Dank abzustatten. Mein Durst war mit zwei Mützen voll Wasser
gestillt, aber nunmehr verlangten meine durchkälteten Gliedmaßen desto
ungestümer nach Wärme.
Neue Verlegenheit: kein Messer, kein Feuerzeug. Ich suchte in allen
Taschen nach etwas Papier, um mit Hülfe der Büchse Feuer zu bekommen,
aber auch das fehlte; ich fand nichts als einen Brief von meinen Lieben
aus der Heimath, der während meiner Abwesenheit in New-York eingetroffen
und mir noch zur letzten Station nachgesendet worden, und den wollte
ich doch nicht gern verbrennen; war er mir doch jetzt doppelt theuer in
meiner Einsamkeit, als freundliches Liebeszeichen aus weiter Ferne! --
Endlich fand ich einen ziemlich trocknen, verfaulten Stamm, derselbe
ward tüchtig mit Pulver eingerieben, die Büchse dicht davor losgedrückt,
die Funken zur Flamme angeblasen, und bald loderte der Stamm hell empor,
durch seine wohlthuende Wärme die Mühe reichlich lohnend. Bei seinem
Scheine hatte ich die Freude, als Ersatz für das mangelnde Nachtmahl,
die lieben Zeilen noch einmal zu durchlesen, dann warf ich mich todtmüde
unter die breiten Aeste einer Ceder, als einziges Kopfkissen ein gut
Gewissen, über mir als Bettdecke den gestirnten Himmel, diesen großen
Mantel aller Trostbedürftigen. Meine Uhr zeigte auf halb Zwei, ich war
demnach ziemlich sieben Stunden in der Irre umher marschirt.
Mehrmals ward ich aus dem tiefen Schlafe aufgeschreckt durch den
gellenden Schrei einer Nachteule, so nahe, daß ich aufsprang und nach
der Büchse griff, meinend, ein Panther wolle mich mit seinem nächtlichen
Besuche beehren.
Am anderen Morgen nach dem Frühstück, d. h., nachdem ich abermals aus
dem Fluße getrunken, machte ich mich auf, den Fluß hinabzugehen, wegen
der vielen Sumpfstellen, die man entweder umgehen oder durchwaden muß,
ein etwas beschwerlicherer Marsch, als eine Promenade im Dresdner großen
Garten.
Auch fand ich hier eine alte, oftgehörte Jagderfahrung sehr
handgreiflich bestätigt, daß nämlich der Jäger, der am nöthigsten Wild
braucht, keine Klaue zu sehen bekommt. Wenigstens ging es mir an dem
Tage so, und mit knurrenden Magen mußte ich durch den Wald schreiten,
der von Wild wimmelt, alle Augenblicke einmal frische Fährten kreuzend.
Es war die Geschichte vom Herrn Tantalus.
Einmal rauschte ein prächtiger Adler kaum dreißig Schritte vor mir
empor, die Jagdpassion riß mir die Büchse an den Backen, aber im Zielen
fiel mir noch zu rechter Zeit ein, daß ich jetzt nur noch eine Kugel
in der Büchse und eine in der Tasche hatte, die dritte war ja in den
Baumstamm gefahren, und so blieb das Rohr stumm.
Endlich gegen zehn Uhr stieß ich wieder auf das Lager, und ich
versichere Euch, von der Hirschkeule die ich in Angriff nahm, blieb
außer dem Knochen auch nicht ein Atom übrig.
Die Genossen waren besorgt um mich gewesen und hatten wiederholt ihre
Gewehre abgefeuert; allein zu jener Zeit war ich wenigstens schon vier
Meilen von ihnen entfernt.
Zweierlei höchst weise Erfahrungen hatte ich bei dieser Gelegenheit
gesammelt, erstens, daß es sehr unklug ist, ohne Compaß und ohne
Feuerzeug in solcher Wildniß zu jagen, und zweitens, daß man sich in
einem amerikanischen Urwalde doch nicht so leicht zurecht findet, als in
unseren von Flügeln und Schneusen durchschnittenen königlichen Forsten.
Uebrigens aber war ich sehr froh, daß meine abhärtende Lebensweise und
frühzeitiges Vertrautsein mit unangenehmen Situationen mich in den Stand
setzten, mich vorkommenden Fährnissen leichter zu entziehen. Ersteres
verdanke ich Eurer Erziehungsweise, geliebte Eltern, letzteres
großentheils dem wackeren alten Ohm. Sei Euch allen mein Dank dafür
übers Meer geschickt, dem guten Ohm aber insbesondere noch für die treue
Büchse, die mir in kalter Nacht Feuer, und außerdem noch manchen guten
Braten verschafft hat.
3.
Wir hatten nun Studien vollauf gesammelt und genug der Freuden des
Waldlebens, denn unsere Decken boten uns nicht mehr genügenden Schutz
gegen den Frost, der in letzter Nacht über einen halben Zoll Eis
gebracht hatte. Nach dreiwöchentlichem Aufenthalt, am 6. October brachen
wir daher auf, um uns wieder der Civilisation zuzuwenden. Unsere Reise
ging den Fluß entlang, gen Potsdam zu.
Wir hatten in unserm Lager den Besuch eines Amerikaners, eines Dokter
H.... aus Potsdam gehabt, der mehre auf Kosten der Regierung zur
Erleichterung des Holzflößens im Fluße erbaute Dämme zu inspiciren
hatte. Dieser Gentleman ersuchte uns, ihm einige correcte Skizzen
dieser Dämme zu zeichnen, um dieselben seinem Rapporte an die Regierung
beizufügen, eine Arbeit die in wenigen Tagen erledigt war und uns die
Summe von 50 Dollars einbrachte, sehr willkommene Subsidien, da unsere
Reisekasse verwünscht knapp zu werden begann. Unterwegs erhandelte
ich von einem Indianer ein schönes Paar Elenhörner, von einem Ende zum
andern sechs und einen halben Fuß lang und in den Schaufeln acht Zoll
breit, in hiesigem Lande ein wahres Prachtexemplar.
Auch die Feuerjagd habe ich versucht, doch in anderer Art als Fritz
Gerstäcker sie uns beschrieb. Wir jagten auf dem Fluß in Gesellschaft
eines alten Jägers, der die Führung des Bootes übernommen hatte, eine
jener ächt Cooperschen Gestalten, die hier immer seltener zu werden
beginnen. Statt der Kienpfannen hatten wir eine Art viereckige Kappe,
oder Helm, an drei Seiten geschlossen, die vierte vor dem Gesicht offen,
und oben drauf eine Art Laterne mit einem sehr starken Talglichte,
dessen Schein die Umgegend nach vorn auf zwanzig bis fünfundzwanzig
Schritte erhellte. Wir fuhren ganz geräuschlos am Flußufer hin, und erst
als wir den Hirsch im Wasser hörten, ward die Laternenmütze angezündet
und aufgestülpt. Es war eine Doe (Thier), die bis ans Blatt im Wasser
stand, gerade gegen uns gekehrt, und gewaltig blies und schreckte, als
sie des Lichtes ansichtig ward. Die fertig gehaltene Büchse fuhr an den
Backen und die Kugel der Doe in den Halswirbel. Weil diese Art zu jagen
mir noch neu war und man auch gewöhnlich des Nachts Alles überschießt,
hatte ich es nur dem Umstande, daß die Doe mir gerade zugekehrt stand,
zu verdanken, daß ich sie überhaupt bekam.
Nach kurzer Rast in Potsdam, wo wir unser zerrissenes Schuhwerk und
unser durchlöchertes Waldnegligé als milde Stiftung zurückließen und
uns wieder etwas säuberlich machten, um als honnette Menschen in der
Gesellschaft erscheinen zu können, gingen wir mit der Eisenbahn hinüber
nach dem Champlain-See.
Dieser lange, schmale See bietet ungleich mehr Reiz dar, als die
canadischen Seen, denn seine Breite beträgt selten mehr als vier
bis fünf engl. Meilen, und die oft längs desselben hinlaufenden
Gebirgsketten des Staates Vermont, so wie auf der anderen Seite
des Staates New-York, gewähren dem Auge eine eben so angenehme als
malerische Abwechselung. Möglich auch, daß der angenehme Eindruck, den
die Gegend auf uns machte, noch gesteigert ward durch den lieblichen
Duft der auf der Landschaft lag, und die herrlichen Herbstfarben der
Bäume, welche das Ufer bekränzen. Noch nirgend habe ich bis jetzt
solchen Farbenreichthum einer Landschaft gesehen. Amerika ist berühmt
wegen seiner prachtvollen bunten Herbstblätter, und verdient diesen
Ruf im vollsten Maße. Dabei haben seine Wälder noch den Reiz der
außerordentlichsten Mannichfaltigkeit der Hölzer; sogenannte Familien-
oder Geschlechtswaldungen, wie bei uns, habe ich hier nirgend getroffen;
auf verhältnißmäßig sehr kleinem Raum sahen wir dicht gedrängt bei
einander die Eiche, die Buche, den Ahorn mit hochrothen Blättern, Hikory
und Sassafrasstämme, dazwischen wieder die schwarze melancholische
Tanne, die knorrige Kiefer, und manchmal sogar die Birke mit
ihrem hellgelben Laube und weißem Stamme durchblitzend. Durch das
verschiedenzeitige Welken all dieser Blätter entstehen tausend
Schattirungen und Uebergänge, vom dunkelsten und zugleich möglichst
brillanten Purpurroth, bis zum hellsten Goldgeld, und von da in
gleicher Weise durch alle Abstufungen bis zum saftigsten Dunkelgrün, was
besonders bei Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang, wo die Ferne bald in
blauen, bald in violetten Duft gehüllt ist, eine wahrhaft zauberische
Wirkung hervorbringt.
Den See kreuzend, gelangten wir nach Whitehall, malerisch in einer
Schlucht gelegen, an der Mündung des Sees, wo ein Canal ihn mit dem
Hudson in Verbindung setzt. Durch diesen Canal kommen die Produkte
des fernsten Westen über den Ontario, den Sanct-Lorenzstrom, den
Champlainsee und Hudson bis New-York, ein Weg von vier- bis fünftausend
engl. Meilen, welchen die verschiedenen Handelsgegenstände zurücklegen,
ohne das Schiff zu verlassen, in das sie in Detroit oder Michican
geladen worden sind. Außerdem laufen noch zwei andere Canalwege südlich
nach demselben Punkt, von drei Hauptbahnlinien und zahllosen Canälen und
Zweigbahnen nach anderen Staaten durchkreuzt, wo ein ähnlicher Stand der
Dinge herrscht, und führen die Güter dem Orte ihrer Bestimmung zu.
Fast alle diese Riesenwerke sind erst in den letzten fünfzig Jahren
entstanden und ohne daß der Staat als solcher auch nur einen Dollar dazu
gegeben. Das sind die Segnungen einer gesetzlichen Freiheit, wie die
ungesetzliche Freiheit und Anarchie der Fluch der Völker ist! -- Eine,
im Verhältniß zu dem ungeheuren Territorium schwache Bevölkerung, hat
diese Werke vollführt und vollführen können, weil ihrer Entwickelung
nach allen Seiten hin ein unbegränztes Feld offen stand, weil der kühne
Unternehmungsgeist der Einen, wie der Fleiß und die Thätigkeit Anderer
nicht eingezwängt wird von veralteten Zunftgesetzen, der Erwerb nicht
geschmälert und aufgezehrt wird vom Zahn des alles verschlingenden
Monopolwesens. Doch ist das Alles ja von so vielen Anderen viel besser
gesagt und beleuchtet worden, als ich es zu thun vermöchte, und wollte
ich das Lob Amerikas mit vollen Backen posaunen, so gliche dies einer
Abhandlung über den wohlthätigen Einfluß des Sonnenlichts.
Auf unserm Wege begegneten wir überall Werkstätten voll rüstiger
und thätiger Arbeiter, welche den Mineralreichthum der Berge in den
verschiedensten Formen der Welt übergeben, oder die Riesen des Waldes,
zu Brettern, Latten, Kisten, Kasten, Fässern, Geräthen aller Art
zerschnitten und verarbeitet, ihre Reisen zum Markt antreten lassen.
Ueberall zeigt sich dies Land dem aufmerksamen Beschauer wie eine Art
von Riesenkind, das oft Riesenwerke spielend verrichtet, daneben aber
wieder Manches, das ihm zu tief dünkt, bei Seite wirft für spätere
Zeiten, immer aber wachsend, sich kräftigend und Wunder für die Zukunft
versprechend.
Die Gegend, durch die wir mußten, ist mit Blut getränkt; hier war der
Schauplatz von Kämpfen ohne Zahl, zuerst mit den Indianern, um ihnen das
Land abzugewinnen, dann die langen Fehden zwischen den Eingeborenen, den
französischen und britischen Heeren. Namen wie Ticonderoga, Fort-Edward,
Fort-William, Fort-Henri, rufen blutige Greuelscenen vor das Gedächtniß
und selbst unser Jahrhundert hat bereits dergleichen blutige Spuren
hinterlassen, im Jahre 1812 bei Plattsburg, wo viertausend Briten ihr
Leben auf der Wahlstatt aushauchten.
Wir durchkreuzten auch den Boden, wo Cooper's letzter der Mohicans
spielt. Bei Fort-Edward hielten wir an und wanderten hinüber nach
Gleen-Falls. Dort stürzt der Hudson, noch ein unbändiger Knabe, wild
durch zerklüftetes Gestein hinab, zu beiden Seiten der kleinen Insel,
auf welche Lederstrumpf den Major Howard und die Töchter Monrooes
führte. Wollt Ihr eine genaue Beschreibung der Localität, so les't
Cooper's meisterhaften Roman, der Platz ist darin nach der Natur
geschildert. An der Stelle, wo Nahuga den verfolgenden Indianern
entschlüpfte, ist jetzt ein Marmorbruch; die Höhle, in welcher die
Schwestern die Nacht zubrachten, ist ziemlich von Treibholz verstopft,
doch kann man noch hineingelangen. Da, wo Hawkeye den Indianer vom Baume
herunterschoß, stehen eine Menge Mühlen, statt des todten Kriegers,
fallen jetzt Abschnitzel von Brettern in die schäumende Fluth, und die
Spitze, welche zu erreichen zwei Kriegern das Leben kostete, wo Unca's
Messer den Major vom Tomahawk des Feindes rettete, ist jetzt bloßgelegt
von Wasser, was den Fällen durch einen Canal für den Betrieb der Mühlen
entzogen wird.
Von hier ging es nach Saratoga, ehedem der heilige Platz des rothen
Mannes, jetzt der Badeort =par excellence= für die elegante Welt. Noch
springt die Quelle, die Hawkeye wieder aus dem Boden grub, doch statt
der Calabasse, aus der die ermüdeten Jäger den Durst löschten, gewährt
eine elegante Trinkhalle einen bequemen Raum, und da, wo früher in der
heiligen Waldesruhe die Mineralquelle dem rothen Thonboden entsprang,
wandelt jetzt der Fuß schöner Frauen, dem Stutzer auf Spaziergängen
kokettirende Blicke zuwerfend.
Nicht zieht mehr der rothe Krieger an die heilige Quelle, um zu seinen
Göttern zu beten, aber dennoch wallfahrten die neuen Kinder des Landes
allsommerlich in Schaaren fashionabler Zugvögel hierher, um anderen
Götzen zu opfern, um entweder in den Tanz- und Spielsälen Gesundheit
und Vermögen zu zerrütten, oder die erstere in Kurhäusern wieder
zusammenzuflicken. Verdrehtes Leben der sogenannten feinen Welt,
die kokettirend, brillirend, raffinirend, intriguirend dahin zieht,
denjenigen am meisten bewundernd, der es am besten versteht, durch die
größte Modethorheit ihre Aufmerksamkeit so lange zu fesseln, bis eine
andere, noch größere, sie schnell wieder in Vergessenheit bringt. =C'est
tout comme chez nous!=
Als wir aber durch Saratoga kamen, sahen wir von alle dem nichts mehr;
die Saison war zu Ende, das Kurhaus geschlossen, und außer einigen
schläfrigen »Niggers«, die sich in den Hausthüren herumlümmelten, Alles
todt und öde. Die Blätter fielen, die Schwalben zogen südwärts und die
Maler heimwärts in ihr Atelier, beutelleer, aber beuteschwer, Geld, wie
Farben und Leinwand aufgebraucht.
Ein Jahr in Central-Amerika.
I.
Vorwort. -- Zweck der Reise. -- Allgemeine Bemerkungen über
Central-Amerika -- Canalproject zur Verbindung des atlantischen und des
stillen Oceans.
Am Bord der Brigg Rogelin, im atlantischen Ocean, Junius 1851.
Ehe ich angelangt bin in jenen Tropenländern, welche für die nächste
Zukunft mein Aufenthalt sein sollen, halte ich es für angemessen, einige
erläuternde Worte, sowohl in Bezug auf den Zweck meiner Reise, als in
Bezug auf mich selbst vorauszuschicken.
Glückliche Zufälligkeiten hatten mich in New-York in Verbindung mit
Herrn Squier gebracht, einem Mann, welcher sich bereits durch seine
Verdienste um archäologische Forschungen in Nord- und Central-Amerika,
so wie durch seine ehrenhafte Thätigkeit in einer Angelegenheit, die
tief eingreift in die Handelsinteressen fast des ganzen Erdenrundes,
einen bedeutenden Ruf erworben.
Herr Squier war mehre Jahre Gesandter der Vereinigten Staaten von
Nordamerika bei den verschiedenen Republiken von Central-Amerika, und
hatte während dem die beste Gelegenheit, einen großen Theil dieser
Länderstriche genau zu erforschen. Das Ergebniß dieser Forschungen ist
ein Werk, mit dessen Beendigung Herr Squier jetzt eben beschäftigt ist,
während ich, nach getroffener Uebereinkunft mit ihm, vorausgegangen bin,
um mich einstweilen mit dem tropischen Klima und der Lebensweise jener
Länder vertraut zu machen, bis Herr Squier sofort nach Beendigung und
Publikation jenes Werkes mir nachfolgen wird, um seine Forschungen in
Gemeinschaft mit mir in den bis jetzt fast noch gar nicht bekannten
Strichen Central-Amerikas fortzusetzen. Gestalten sich die Umstände
diesem Unternehmen günstig, so soll dessen Resultat ein zweites Werk
Squier's sein, an welchem ich mich nur in Bezug auf dessen artistische
Ausstattung mit landschaftlichen Ansichten betheiligen werde.
Was nun mich betrifft und dasjenige von meinen persönlichen
Reiseerlebnissen, was vielleicht vorher und ganz unabhängig von dem
projektirten Werke zur Oeffentlichkeit gelangt, so nöthigt mich
die tadelnde Aufnahme, welche Herrn Fröbel's Nachrichten über
Central-Amerika zu Theil wurden, zu folgenden Bemerkungen.
Ich bin Künstler, und habe nur als solcher die Reise unternommen, aus
Liebe zur Kunst und aus Freude an wissenschaftlichen Forschungen. Es
kann nicht in meiner Absicht liegen Reiseberichte zu schreiben, welche
diesen oder jenen Strich Landes in zu günstigen Farben schildern und
welche vielleicht Veranlassung werden könnten, einen größeren oder
kleineren Theil der Auswanderung nach irgend einem bestimmten Punkt
der neuen Welt zu lenken. Der Widerspruch, den oberwähnte Berichte
mehrseitig erweckt, beweist klar genug, wie überaus schwer es ist, eine
feste Meinung über irgend ein Land als unbedingt maßgebend
aufzustellen. Das Schicksal des Auswanderers hängt überall von zu vielen
Nebenumständen ab, und durchschnittlich gehen an jedem Platze eben so
viele zu Grunde, als andere wiederum den Grund zu ihrer Existenz, zu
Wohlhabenheit oder gar zu Reichthum legen, wenn nicht gar der ersteren
Zahl die überwiegende ist. Jedenfalls sind stets Personen genug
vorhanden, welche triftigen Grund haben, Lob oder Tadel eines Landes, je
nach individuellen Umständen, übertrieben zu finden.
Ich werde meine Zeit während meines Aufenthaltes in Central-Amerika wohl
anderweit bedürfen, als dieselbe mit Entgegnungen von derlei Einwürfen
hinzubringen, wenn überhaupt solche mir zu Gesicht kommen sollten,
bemerke also im voraus, daß das, was ich etwa in dieser Beziehung zu
sagen haben könnte, eben nur individuelle Ansichten und Wahrnehmungen
sind, die ich unbefangen und wie sie sich meiner unmittelbaren
Anschauung darstellen wiedergebe. Sollte ich wichtige Thatsachen zu
berühren haben, so werde ich mich bemühen, stets die Quellen anzugeben,
aus denen ich geschöpft.
Bin ich übrigens etwa irgendwo im Irrthume, soll mir's lieb sein, wenn
sich Jemand findet, der es besser weiß und seine Ansicht ausspricht.
Was die etwaigen naturhistorischen und archäologischen Entdeckungen
betrifft, welche während der vereinigten Expedition von Herrn Squier
und mir gemacht werden sollten, so bemerke ich, daß das hier von mir zu
Sagende nicht als wissenschaftliche Doctrine anzusehen ist. Dieses Feld
bleibt einer geschickteren Feder überlassen als der meinigen, der meines
Freundes Herrn Squier. Ich selbst sehe ab von allem und jedem System,
wünsche nichts als die Eindrücke wiederzugeben, welche Natur, Menschen
und Kunstwerke, als in engster Verbindung mit einander stehend, auf mich
als Mensch und Künstler hervorrufen, und fühle mich hierzu veranlaßt
durch die Ansicht, daß es Pflicht eines Reisenden in wenig bekannten
Länderstrichen ist, seine Beobachtungen zur Kenntniß des Publikums zu
bringen, um so, wenn auch nur in einem Minimum, seinen Tribut zum Schatz
des menschlichen Wissens beizusteuern.
Nebenbei fühle ich mich gegenwärtig hierzu noch besonders durch den
Umstand veranlaßt, daß die Schaubühne von Herrn Squier's und meinen
Forschungen sich auf einem Theil des amerikanischen Continents befindet,
welcher für diesen Welttheil eine ähnliche Bedeutung hat wie Aegypten
und Assyrien für die alte Welt, und ich fühle mich freudig erhoben in
dem Gedanken, einen wenn auch noch so kleinen Theil zur Entwicklungs-
und Kunstgeschichte des Landes beizutragen, das den Fremden gastlich auf
seinem Boden aufgenommen.
Weder Hr. Squier noch ich sind die ersten, welche diesen Gedanken
erfaßt: der vorzüglichste Pionier der Neuzeit, im erhabenen Sinne des
Worts, der große Humboldt ist es! Viele namhafte Gelehrte und Künstler
haben seitdem mannichfaches Licht über jene Gegenden verbreitet, und die
letzten Veröffentlichungen Herrn Squier's haben dasselbe vermehrt. Doch
noch viel, sehr viel bleibt zu thun übrig, und speciell in den Staaten
Nicaragua, Honduras, St. Salvador und Guatemala hemmen unendliche
Schwierigkeiten die Fortschritte des wißbegierigen Sammlers. Wie weit
unser Unternehmen dieselben überwinden kann, bleibt Gott anheimgestellt;
mögen die Resultate indeß sein wie sie wollen, ich werde mich stets
dem Schicksal dankbar verpflichtet fühlen, das mir gestattet, meine
Thätigkeit mit der eines gleichgesinnten Mannes zu einer so schönen und
edlen Unternehmung zu vereinigen.
Es scheint mir zuvörderst dienlich einige topographische Mittheilungen
in Bezug auf den zukünftigen Schauplatz unseres Unternehmens und seine
Verhältnisse zu machen, zu denen ich die Mittheilungen benutze, welche
mein würdiger Freund, Hr. Squier, bereits früher dem amerikanischen
Publikum übergeben.
Geographisch ist Nicaragua der größte und bedeutendste Theil von
Central-Amerika. Es dehnt sich aus von einem Ocean zum andern, und
umfaßt in seinen Gränzen die großen Seen von Nicaragua und Managua,
durch welche, wie jetzt einstimmig festgestellt ist, die einzig mögliche
Linie für einen Schifffahrtscanal über diesen Theil des amerikanischen
Continents (Isthmus) führt. Die Nordgränze ist eine unregelmäßige
Linie vom Golf di Fonseca am stillen Ocean zum Cap Gracias a Dios am
atlantischen, die Südgränze hingegen eine gerade Linie von der Spitze
des Golfs von Nicoga zu einem Punkt inmitten der Mündung des San Juan
und dem Hafen von Matina in Costarica am atlantischen Ocean.
Der Grund und Boden hat ein mannichfaltiges Aeußere und eine unbegränzte
Fruchtbarkeit. Das große Becken der Seen besteht aus Ebenen und sanft
ansteigendem Hügelland, abwechselnd begränzt und unterbrochen durch hohe
steile Vulcane, und bietet alle Produkte der Tropenländer im reichsten
Maße dar. Die nördlichen Departements Segovia und Choutales sind höher
gelegen, gebirgiger, besitzen einen Ueberfluß an Metallen und bringen
eine Menge Früchte der gemäßigten Zone hervor; die Temperatur ist
vergleichsweise kühl und frisch.
Die atlantische oder, wie sie zumeist genannt wird, Mosquito-Küste ist
im ganzen flach, der fast das ganze Jahr sich ergießende Regen höchst
beschwerlich, die Atmosphäre drückend heiß und weniger zuträglich als in
andern Theilen des Staates. Die ziemlich dünne Bevölkerung besteht
aus Indianern vom Stamm der Charibs, entlaufenen Negern von den
westindischen Inseln und einer Mischlingsrace zwischen beiden. Der
größte Theil der Bevölkerung von Nicaragua jedoch bewohnt den Abhang
gegen den stillen Ocean hin. Hier ist der Boden nicht nur überaus
fruchtbar und leicht zu bearbeiten, sondern auch das Klima unendlich
gesünder und angenehmer. Es giebt hier nur zwei Jahreszeiten: die
Regenzeit, von Mitte Mai's bis Mitte Novembers, und die trockene,
während welcher sehr selten Regen fällt. Die Temperatur ist ziemlich
gleichmäßig, etwa zwischen 70 und 82° Fahrenheit, und schwerlich
dürfte sich eines der Tropenländer eines angenehmeren Klima's, einer
günstigeren Lage zu erfreuen haben.
Der Staat Nicaragua ist in fünf Departements eingetheilt und hat, trotz
seiner großen Ausdehnung, eine Bevölkerung von nur 250,000 Einwohnern,
die jedoch hauptsächlich die Städte bewohnen. Die Hauptstadt und der
Sitz der Regierung ist Leon, mit 25 bis 30,000 Seelen; die zweite
Masaya, eine fast durchaus indianische Stadt, bemerkenswerth durch ihre
Manufacturen, die dritte Granada, am See von Nicaragua, durch welche ein
großer Theil des Verkehrs des Landes über den See und den Fluß St. Juan
geht, mit 12 bis 14,000 Einwohnern. Außerdem sind Managua, Sitz der
gesetzgebenden Versammlung, und Rivas schon ziemlich bedeutende Plätze.
Der nichtindianische Theil der Bevölkerung stammt von den ersten
spanischen Eroberern her, und ist an Sitte und Charakter seinem
Stammblut ziemlich treu geblieben. Ein näheres Eingehen hierauf behalte
ich mir noch einer persönlichen Bekanntschaft mit den edlen Dons und
Sennores vor.
Der bedeutendste Hafen am stillen Ocean ist der von Realejo, zwischen
welchem und St. Francisco sich bereits ein lebhafter Verkehr entwickelt.
Zweifelsohne wird Central-Amerika binnen Kurzem für Californien und das
Oregon-Gebiet was die westindischen Inseln für die Union waren. Zucker,
Tabak, Reis, Cacao, Baumwolle, Indigo, Mais und fast alle tropischen
Früchte sind in Nicaragua in bester Art wie im größten Ueberfluß zu
finden, und bieten Millionen fleißiger Menschen noch reichliche Quellen
des Lebensunterhaltes dar. Eine ungeheure Anzahl von Hornvieh ist
vorhanden, und Häute, Indigo, Kaffee und kostbare Nutzhölzer bilden den
Haupt-Export.
Die Verfassung von Nicaragua ist entschieden liberal, und die
freundschaftlichsten Gesinnungen für die Vereinigten Staaten überall und
durch alle Classen der Bevölkerung vorherrschend; überall sprechen
sich Güte und Gastfreundlichkeit aus. Die Regierung besteht aus einem
obersten Director, alljährlich wählbar, einem Haus der Repräsentanten
und einem Senat, letzterer für zwei Jahre, ersteres für ein Jahr
wählbar. Die ersten Staatsbeamten in San Salvador und Honduras sind
Präsidenten benannt.
Seit der Eroberung von Californien ist der Plan für Eröffnung einer
directen Canalverbindung zwischen dem atlantischen und stillen Ocean,
über San Juan und den See von Nicaragua, nicht nur erneuert
worden, sondern man hat sich auch ernstlich mit seiner praktischen
Ausführbarkeit beschäftigt; eine große Menge Contracte sind bereits
darüber aufgesetzt worden, leider aber noch keine Resultate erfolgt.
General Taylor war sofort nach seiner Präsidentenwahl auf das
Lebhafteste mit diesem wichtigen Unternehmen beschäftigt, und eine der
ersten Handlungen seiner Verwaltungsperiode war die Absendung einer
Spezial-Gesandtschaft in der Person des Hrn. Squier nach Nicaragua, mit
Vollmacht in Unterhandlung mit diesem Staat zu treten. Eine Compagnie
bildete sich in New-York unter dem Namen: =The American Antlantic
and Pacific Canal Company= im August 1849, und im folgenden September
unterzeichneten Hr. Squier und die Bevollmächtigten von Nicaragua
den (am 27. d. M. auch von der Regierung dieses Staates ratificirten)
Vertrag, welcher die Neutralität dieses Canals, freien Durchgang jedes
amerikanischen Bürgers und seines Eigenthums durch denselben für ewige
Zeiten garantirt, ingleichen die unbeschränkte Freiheit aller Häfen
des Landes, und selbige Bestimmungen sollten auf alle Nationen, welche
später dem Vertrag beitreten wollten, ausgedehnt werden.
Dieser Vertrag wurde vom General Taylor geprüft und dem Senat der
Vereinigten Staaten zur Ratificirung übersendet; es ist jedoch bis jetzt
nichts weiter in dieser Sache gethan worden. Ebenso erfolglos ist ein
später zwischen Hrn. Clayton, Staatssecretär der Vereinigten Staaten,
und Sir Henry Bulwer, Gesandten Ihrer großbritannischen Majestät,
entworfener Vertrag zum Zweck der Zusicherung gegenseitigen Schutzes
beider Nationen für jeden Communicationsweg, welcher je über diesen
Continent eröffnet werden wird, geblieben, und hier mag wohl das
Haupthinderniß in den Territorial-Ansprüchen liegen, welche England
unter dem Namen eines Protectorats auf das Reich des ziemlich imaginären
Mosquito-Königs, und mithin auf die in dessen Gränzen gelegenen Mündung
des San Juan, erhebt.
Was nun aber die Hauptsache, d. h. den projectirten Canal selbst
betrifft, so würde nach der Schätzung des Hn. Squier, laut officiellem
Bericht an das Staatsdepartement, die ganze Länge der vorgeschlagenen
Wasserlinie betragen:
=a)= Länge des San Juan-River 90 =Miles=,
=b)= Länge des zu passirenden Theils
des Sees von Nicaragua 110 "
=c)= Länge des Tipitapa-River 18 "
=d)= Länge des Sees von Managua 50 "
=e)= Vom See nach Realejo 45 "
-------------
313 =Miles=,
oder nach Wegfall der 160 Miles =sub b= und =d= -- 153 Miles
eigentlicher Fluß- und Canalfahrt. Aber auch von dieser Summe würden
noch 25 Miles wegfallen, wenn man die Canalmündung nach Tamarinda
verlegte. Einige andere Projecte lasse ich unerwähnt.
Schon vor dem Jahr 1838 hatte Herr Bailey, englischer Officier in
Halbsold, im Auftrag der central-amerikanischen Regierung einen
ähnlichen Plan ausgearbeitet, und dessen Kosten auf 20 bis 25 Millionen
Dollars veranschlagt -- eine Summe, welche, der Wichtigkeit und
Großartigkeit dieses Unternehmens gegenüber, nur gering erscheint, und
deren Aufbringen, wenn nur erst obige Hindernisse beseitigt wären,
gewiß keine so große Mühe erheischen würde. Geschieht dies aber, so
verwirklichen sich nach drei und einem halben Jahrhundert die
Plane, welche unausgesetzt den Geist eines der größten Männer seines
Jahrhunderts, Christoph Columbus, beschäftigen, deren Ausführung sein
Leben geweiht war, und an deren Verwirklichung er noch in seinen letzten
Jahren gearbeitet.
II.
Abreise von New-York. -- Die Brig Rogelin. -- Ansicht von Haiti. --
Eintritt in die Wendekreise. -- Unbewohnte Insel. -- Mosquitoküste.
-- San Juan di Nicaragua. -- Deutsches Gasthaus. -- Lebensweise.
San Juan de Nicaragua, 19. Jun. 1851.
Am 28. Mai 1851 früh 9 Uhr lichtete die Brig Rogelin die Anker, und mit
einer leichten Südsüdwest-Brise glitten wir den Hudson hinab über
die Bay von New-York. Das Land, das bei seinem ersten Anblick solch
angenehmen Eindruck auf mich gemacht, dünkte mir jetzt, beim Scheiden
auf unbestimmte Zeit, noch einmal so lieblich. Die freundlichen Ufer von
New-Jersey, der Castle-Garden, dessen Bäume sich eben mit dem frischen
Frühjahrsgrün geschmückt hatten, Staten-Island mit seinen reizenden
Landhäusern, wo ich noch den letzten Tag in Gesellschaft von Freund
Schmidt und seiner lieben Familie verlebt -- alles schien mir ein
freundliches Lebewohl zuzurufen, und als das schöne Glockenspiel von
Trinity-Church aus der Ferne herüber klang in wohlbekannter Weise, war
mir's als ob »der Freund des Freundes Hand noch wärmer drückt, wenn er
sie lassen soll.«
Unsere Brig war just nicht größer als nöthig um auf der See nicht zu
sehr beengt zu sein; Passagiere waren außer mir nur einer, Hr. D.,
welcher nach Segovia zurückkehrte, wo er mit einem Compagnon eine
Silbermine betreibt, unser Capitain, ein gemüthlicher Neu-Engländer,
beides Leute mit denen es sich gut einige Wochen aushalten ließ, mithin
keine schlimmen Aussichten. Das einzige Ungemach das ich zu leiden
hatte, war eine sehr kurze bewegte See, die mich während 36 Stunden
recht unangenehm seekrank machte, nachdem ich aber recht weidlich H.
Ulrich um Hülfe angeschrieen, kehrte mein Wohlbefinden zurück, und hat
mich bis zur Landung nicht verlassen.
Am 1. Junius durchschnitten wir den Golfstrom mit Nordost, und befanden
uns schon am 4. südlich vom Cap Henry, doch hielten uns von da widrige
Winde und Windstille auf bis zum 11. Morgens, wo uns ein heftiger
Südost-Sturm bei Turks-Island, bekannt durch seine Salzfabrication, in
den Handkerchief-Paß der westindischen Inseln trieb. Um Mitternacht war
östlich abermals Land sichtbar, und bei Sonnenaufgang waren wir in
Sicht der Nordwestspitze von Haiti -- eine Ansicht von langgestreckten
Berglinien, unterbrochen von einigen Spitzen, ähnlich den Bergen am Lake
Champlain und in Böhmen. So weit durch das Glas erkennbar, waren die
Berge mit kurzem Gesträuch bedeckt, hie und da Gruppen von großen
Bäumen, stellenweise felsiges Gestein, am Fuß der Berge ein langer
flacher Landstrich, theils Sand, theils mit Gebüsch bedeckt, bewohnte
Plätze nirgend sichtbar.
Am 12. Jun. waren wir westlich vom Cap Donna Maria, welches mit hohen
schönen Gebirgen bedeckt ist, deren höchste Spitze, gegen 6000 Fuß, ganz
in Gewitter eingehüllt war.
Mit dem Eintritt in die Wendekreise eröffnet sich dem beobachtenden
Freund der Natur eine neue Welt. Die bekannten Sternbilder des
heimathlichen nordischen Himmels verschwinden allgemach, und neue
fremde Sterne strahlen herab aus dem tiefblauen Aether. Die senkrecht
herabfallenden Sonnenstrahlen brennen heiß auf den Scheitel, während
der Schatten des Haupthaares sich auf den Füßen zeichnet, und die so
beleuchteten Gegenstände mit ihren scharfen Reflexen ein seltsames
fremdartiges Ansehen erhalten. Das Meer bedeckt sich des Morgens
und Abends mit einem schweren Dunst, und die Sonne sinkt als ein
dunkelglühender Feuerball hinab. Fremdartig gestaltete Seevögel lugen
neugierig nach dem einsamen Segler, und lassen sich oft auf den Raaen
des Schiffes nieder. Schlafende Riesenschildkröten sonnen sich träg in
der Mittagshitze, bis Schaaren fliegender Fische, verfolgt von ihrem
grimmen Feind, dem Delphin, sich mit großem Geräusch über das Wasser
erheben und bald wieder in dasselbe zurückfallen, während des Menschen
Feind, der gefräßige Hai, dem Lauf des Schiffes folgt, sein Opfer zu
erspähen. Die dunstige Atmosphäre giebt den fernen Gebirgen eine zarte
violettgraue Farbe, ist aber auch Ursache, daß diese Küstenstriche
fieberisch und ungesund sind.
Ich hatte hier wiederum Gelegenheit zu bedauern, daß mir noch so vieles
Wissen mangelt. Eine genauere Kenntniß der Astronomie würde mich in
den Stand gesetzt haben in den schönen klaren Nächten nützliche
Beobachtungen zu machen, und alles was ich thun konnte war, die
astronomischen Berechnungen der Längen- und Breitengrade mitzumachen.
Südwestlich von Haiti liegt eine kleine unbewohnte Insel, ungefähr zwei
Miles im Durchmesser. Windstille die uns in unmittelbarer Nähe davon
überfiel, machte eine Landung auf einer Düne an der Westseite der Insel
möglich; der andere Theil besteht aus Felsen, ungefähr in der Höhe von
100 bis 120 Fuß, bedeckt mit kurzem Gestrüpp. Möven, Seeraben, Boobees,
Seeschwalben und Strandläufer verdunkeln die Luft und erfüllen sie
mit ihrem Geschrei. Die Menge dieser Vögel ist annähernd nur mit den
ungeheuern Taubenzügen zu vergleichen, welche im Herbst die canadischen
Seen kreuzen, und sie umschwärmen den Menschen, dessen fremdartige
Erscheinung ihnen nicht Furcht, sondern Neugierde einflößt, gleich
Mückenschwärmen. Ich beabsichtigte einige Specimen zu schießen, fand
dies aber unnöthig, da unsere Matrosen die Vögel mit Knüppeln und
Steinen aus der Luft herabwarfen, und ich selbst einen lebendig mit
meinem Schnupftuch und darein gebundenen Stein fing. Der Boden besteht
aus Sand und rundlichen Kieseln, zwischen denen spärliche Gräser
sproßten, stellenweise deckte aber eine dicke Kruste der Excremente der
Vögel den Boden. Das Wasser wimmelt buchstäblich von Fischen.
Leider war es nicht möglich den felsigen Theil der Insel zu untersuchen,
denn ein schnell heraufziehendes Gewitter machte unsere schleunige
Rückkehr nöthig, und in der That hatten wir auch nur Zeit das Schiff zu
erreichen, als der losbrechende Sturm und die hohl gehende See es
schon für unser Boot unmöglich machten länger See zu halten. Die
eingesammelten Eier, sowie einige frische Fische mundeten uns köstlich.
Der Sturm, welcher unsere Untersuchung so unangenehm unterbrochen hatte,
förderte unsere Reise trefflich, so daß wir schon am 14. Morgens weit
südwestlich von Jamaica waren.
Von jetzt an war unsere Reise wiederum unausgesetzt von Stürmen
begleitet, und ich lernte hier zuerst die Macht eines tropischen
Gewitters kennen. Oft scheint der ganze Horizont in Feuer zu stehen, und
der Donner kracht, als ob hundert Kanonen zugleich abgefeuert würden.
Dazu peitscht ein mächtiger Wind die Wogen, daß sich die Masten,
trotz der wenigen Leinwand, gleich dünnen Gerten biegen, und eine neue
Sündfluth scheint alles Lebendige von der Welt wegwaschen zu wollen.
Wegen der großen Nähe der Küste und der vielen kleinen Inseln und Riffe
war unsere Lage nicht ganz gefahrlos, doch stieß uns kein weiterer
Unglücksfall zu, als daß durch das von der großen Hitze leck gewordene
Deck eine Menge Wasser hereinströmte, das uns unsere Cojen und einen
Theil unseres Gepäcks jämmerlich durchweichte. Mir ward durch diesen
Umstand ein unangenehmer Verlust verursacht, da mehrere für das
Daguerreotyp nöthige Chemikalien mir verdarben -- ein Verlust den ich
jedoch dadurch auszugleichen hoffe, daß ich umgehend Nachricht an Hrn.
Squier sende, der, augenblicklich noch durch Geschäfte in New-York
zurückgehalten, in der Mitte nächsten Monats gleichfalls hieher abreisen
wird.
Die kleinen Inseln, welche wir passirten, gewährten einen überaus
lieblichen Anblick, so z. B. Little und Great Corn Island, mit in
frischem Grün prangenden Hügeln und kleinen Gehölzen mit Cocospalmen
durchstreut. Endlich am 18. Morgens zeigte sich die ersehnte Küste
unsern Augen. Langgedehntes Hügelland, nach der See das Ufer ganz flach,
überall jedoch in der üppigsten Vegetation prangend. Eine kleine Pirogue
aus Mahogany mit zwei Indianern bemannt, brachte einen Piloten an Bord,
und wir liefen in der Rhede ein als just der Steamer Mexico dieselbe
verließ. Ich mußte lächeln als auf unsere aufgehißten Sterne und
Streifen von der Küste die Flagge des imaginären Mosquitoreiches uns
Antwort gab, blau und weißgestreift, in der Ecke ein rothes Doppelkreuz
auf weißem Grunde. Bald brachte uns ein Boot, gleichfalls unter der
Mosquitoflagge, den Hafencapitain und den Hafenarzt an Bord, und
als nach wenigen Minuten uns beide verließen, machte ich von ihrem
freundlichen Anerbieten Gebrauch und benutzte das Boot, um an Land zu
gehen.
San Juan de Nicaragua oder Greytown, wie es die Engländer in der Neuzeit
getauft haben, ist eine abenteuerlich aussehende Niederlassung von 4
bis 500 Einwohnern, von denen drei Fünftel Indianer oder Neger sind. Es
liegt an der Mündung des St. Juan Flusses an einem ungesunden Platz,
und ist ringsum von undurchdringlichem Wald eingeschlossen, von dem
eben nicht mehr niedergehauen ist als nöthig um den jämmerlichen
Schilfhütten, an die sich in der Neuzeit einige Bretterhäuser der
neueren Ansiedler angeschlossen, Raum zu schaffen. Die Einwohner leben
lediglich vom Umsatz der importirten Produkte gegen die Roherzeugnisse
des Binnenlandes. Cultur ist gar keine da; Korn, Kartoffeln etc.
beziehen sie von oberhalb der Seen oder von Bluefield, 30 bis 40 Miles
weiter hin an der Küste; einige Pferde, weniges Vieh und einige Bungos
(Flußboote) bilden den ganzen Reichthum. In der ziemlich geräumigen
Bay liegt ein englischer Kriegsschooner vor Anker, und in einer Baracke
zunächst der des Königs der Mosquitos, die zugleich Posthaus und
Gouvernementshaus ist, eine Besatzung von 15 bis 20 blaubejackten
Negersoldaten.
Ich nahm ein kleines Zimmer in einem neuerbauten Gasthaus des Hn.
Wiener für 1½ Doll. täglich, und vertreibe mir nun, bis ich meinen Bungo
bekommen kann um den Fluß hinaufzureisen, nach besten Kräften die Zeit
mit Zeichnen, Sammeln von Pflanzen, Vogelbälgen und Reptilien und der
Alligatorjagd, damit ich die Rückfahrt unseres Schiffes nach New-York
benützen kann, um eine kleine Sendung gleich von hier zurückzuschicken.
Hoffentlich wird mein Aufenthalt möglichst kurz sein, denn einestheils
wünsche ich aus diesem Land des Fiebers hinwegzukommen, anderntheils
brenne ich vor Begierde mich recht gründlich mit dem Studium der
tropischen Natur, von der die Küste nur einen schwachen Abglanz bietet,
in Granada zu beschäftigen, wo ich einen angenehmeren Aufenthalt habe,
und Herrn Squiers Ankunft abwarten werde. Der amerikanische Steamer
Prometheus, der in diesen Tagen ankommen muß, mag diesen Brief, den
ersten aus so großer Entfernung, mitnehmen, der nächste wird aus Granada
datirt sein, und euch Näheres über meine Flußreise berichten, die
jedenfalls sehr beschwerlich sein und 9 bis 10 Tage dauern wird. Mein
Befinden ist bis jetzt außerordentlich gut, und soll's, so Gott will,
bleiben, da ich eine sehr strenge Diät beobachte, auch in Hinsicht der
Strapazen, sowie in Bezug auf das Aussetzen der Sonnenhitze die Regeln
der Vorsicht befolge.
III.
Vorbereitungen zur Flußfahrt. -- Das Bungo. -- Abreise von San
Juan. -- San-Juan-River. -- Clima. -- Fruchtbarkeit. -- Die
Machuca-Rapids. -- Verunglückte Tigerjagd. -- Unwetter. --Aerztliche
Hülfe. -- Castillo Viego. -- Prophezeihung. -- Der Wundarzt wider
Willen. -- San Carlos. -- Douane. -- See von Granada. -- Ankunft in
Granada. -- Gastfreundlichkeit. -- Jahresfeier des 4. Juli.
Granada de Nicaragua, 6. Juli 1851.
Ich habe euch, meine Lieben, jetzt schon über 14 Tage in St. Juan, wo
ich am Schluß meines letzten Briefes von euch Abschied nahm, sitzen
lassen, und erlöse euch jetzt mit um so größerem Vergnügen, als der
dortige Aufenthalt keineswegs ein angenehmer war.
St. Juan liegt an der Mosquitoküste im wahren Sinne des Worts, urtheilt
darnach. Gegenüber der Mündung des San Juan und einer ziemlich guten und
geräumigen Rhede, von der indeß ein Theil versandet, streckt sich
eine Reihe jämmerlicher Rohrhütten hin, mit den früher erwähnten
Bretterhäusern neueingewanderter Handelsleute dazwischen. Mit Ausnahme
eines kaum einen Büchsenschuß breiten Sandstriches an der Küste, ist
dem Urwald kaum so viel Raum abgewonnen als für die Häuser nöthig;
daher giebt es keine mannichfachen Spaziergänge, da der ringsum dicht
verwachsene Wald keinen andern Pfad erlaubt als den man sich selbst
mit der Macheta (Messer) durch die Schlingpflanzen haut. Hinter dem Ort
liegen einige kleine Teiche (=lagunas=), welche am obern Ende leicht
mit dem Fluß, am untern mit der See eine gute Abkürzung der Canallinie
bilden könnten, da sie hinreichende Wassertiefe besitzen sollen.
Wie ich bereits erwähnt, nahmen mich Capitain F., der Hafencommandant,
und Capitain J., Commandant des Schooners, mit ächt britischer
Gastfreundschaft auf, die mir die wenigen angenehmen Stunden bereitete,
die man überhaupt in diesem Ort verleben kann. Da die amtliche Stellung
dieser Herren mich nicht direct berührte, war mir's um so mehr vergönnt,
mich ihrer gastfreundlichen Güte zu erfreuen. Capitain J. holte mich
mehrfach mit seinem Gig ab, um in der Bay und auf dem Fluß Alligatoren
zu jagen, und neben mehreren kleinen hatten wir eines Tages das Glück
einen großen alten Burschen von 16½ Fuß zu erlegen, den ich im Sand
vergrub, um bei der Heimkehr das Gerippe mitzunehmen.
Da keine einzelne Passage nach Granada zu bekommen war, so benutzte
ich das Anerbieten des Herrn Ligaud, eines bei St. Juan ansässigen
Franzosen, und miethete im Verein mit meinem früheren Reisegefährten ein
ganzes Bungo (Flußboot) zum Preis von 100 Dollars, das wir mit Fracht
beluden, und bestiegen mit noch zwei Amerikanern aus Granada als
Passagiere das Boot. Ein solches Bungo ist von ziemlich roher
Construction, oft großentheils aus einem einzigen Stamm gehöhlt,
größere jedoch aus Planken gefügt, doch wegen der schwer zu passirenden
Stromschnellen ziemlich fest gebaut. Der unsrige war ungefähr 50 bis 55
Fuß lang, bemannt mit 9 Bootsleuten und dem Patron. Letzterer steht
auf einer Art kleinen Quarterdecks, und hält in reitender Stellung das
Steuer zwischen den Füßen, da in den Stromschnellen das Boot mit Hülfe
langer Stangen regiert wird. Die Bootsleute führen Ruder von etwa 15 Fuß
Länge, stehen bei jedem Schlag auf und hängen sich rückwärts gelehnt mit
der ganzen Schwere des Körpers an das Ruder, wobei sie jedesmal mit dem
Sitztheil derb auf den Rudersitz aufstoßen. Die Passagiere befinden sich
unter einem kleinen Dach im Hintertheil des Bootes, und liegen auf ihren
Koffern, da der Raum unter den Ruderbänken für Frachtgüter benutzt
wird. Da wir im Boot querüber liegen mußten, hatten wir viel Ungemach
auszustehen, besonders ich, da das Boot nur 5 Fuß breit, ich aber
thatsächlich 6 Fuß lang bin.
* * * * *
Am 23. Junius stießen wir vom Ufer und kreuzten die Bay nach der
Flußmündung hin. Die schweren Regenwolken hatten sich etwas zertheilt,
und die glühende tropische Sonne beleuchtete mit ihren letzten Strahlen
den ersten Schritt meiner Reise ins Innere. Unsere Freunde winkten
uns vom Ufer ein Lebewohl, und als das Kriegsschiff den Abendschuß
abfeuerte, antworteten wir durch eine Salve unserer Feuerwaffen (Flinten
und Pistolen waren Alles in Allem nicht mehr als 34 Läufe an Bord). Nur
eine kurze Strecke fuhren wir den Fluß hinauf, dann nöthigte uns die, in
den Tropen sofort nach Sonnenuntergang hereinbrechende Dunkelheit Anker
zu werfen.
Die Hitze trieb mich aus der kleinen Cajüte, und ich lagerte auf dem
Dach, während die Bootsleute, jeder auf seinem Rudersitz, in die Decke
gewickelt schliefen. Die Nacht war hell, und mein Auge schweifte in den
unbekannten neuen Sternbildern umher, bis es auf dem südlichen Kreuz,
dem einzigen traditionell bekannten Sternbild, haften blieb; die
Gedanken aber schweiften weit hinüber in die deutsche Heimath, an der,
obschon getrennt von ihr, mein Herz mit warmer Liebe und dankbarer
Rückerinnerung frohverlebter Jugendjahre hängt. Ich entschlief erst
spät, doch trieben mich schon früh Moskitos und Thau, der mich trotz
meiner Regendecke ganz durchnäßt hatte, auf, noch ehe die Indianer ihre
Morgengebete für glückliche Reise sagen.
Giftige Nebel machen die Flußreise gefährlich, und sind Ursache, daß die
Flußmündungen Fieber und Tod aushauchen. Die Ufer sind mit dichten, ewig
feuchten Waldungen bedeckt, die von gefährlichem Gewürm angefüllt sind,
und des Nachts tönt das klägliche Geheul des Schakals, zu dem oft das
Gebrüll des Jaguars kommt, widerlich ins Ohr. Im Fluß lauert der grimme
Kaiman, versteckt im Wasser oder hohem Gras auf seine Beute, und manch
argloses Thier, Trank oder Kühlung suchend, wird vom Schlag seines
Schuppenschwanzes niedergestreckt, während in der Höhe der Bäume selbst
die Boa Constrictor manchen possierlichen Affen überfällt, oder einen
brütenden Vogel in der Vertheidigung seines Nestes würgt. Die Vegetation
ist so überaus üppig, daß nur an wenigen Stellen des Ufers eine Landung
möglich ist; deshalb pflegt man nur einmal des Tages zu kochen, was
wegen des feuchten Holzes zwei Stunden Aufenthalt verursacht. Bei jedem
Schritt versperrt dichtes Gesträuch und Lianen den Weg, den man
oft genug sich mühsam durchhauen muß. Der Boden jedoch ist von der
fruchtbarsten Beschaffenheit, und wird, hat sich erst die Cultur Bahn
gebrochen, die ergiebigsten Ernten liefern. Nur wird das Loos der ersten
Ansiedler ein hartes sein, da der Nordländer das Klima erst gewohnt
werden muß.
Zu trinken hatten wir nichts als das schmutzige warme Flußwasser. Die
während des Tages außerordentliche große Hitze veranlaßt oft Alles über
Bord zu gehen, um sich so viel als möglich im Bad zu erfrischen, und
die nackten Zambos (Mischling von Indianer und Neger, ein schöner und
starker Menschenschlag) springen oft ganz vom Schweiß triefend ins
Wasser, ohne üble Folgen zu spüren.
Wir ankerten an der Mündung des Colorado, eines Arms des San Juan, der
südlich entweicht, und hier dürfte ein Damm für den Canal nöthig werden,
um durch die große Wassermasse, die hier verloren geht, die hinderlichen
Triebsandbänke zu entfernen. Hier ist eine der schönsten Flußstellen:
Bäume von 150 Fuß in den schönsten Formen decken die Ufer, gekleidet
in saftiges Grün, geschmückt mit gelben, violetten und rothen Blüthen.
Riesenhafte Schlingpflanzen, oft von der Dicke eines jungen Baumstammes,
winden sich in die höchsten Gipfel, von wo sie sich wieder bis
zum Wasserspiegel herabsenken; Schwärme buntgefiederter Papageien
durchkreuzen die Luft nach allen Richtungen, während Massen der
verschiedenartigsten Reiher (ich zählte deren dreizehn Gattungen) und
mannichfache Specimen von Affen vorkommen, und von Insecten eine wahre
Fülle vorhanden ist. Da es mir an Schrot fehlte, zerschnitt ich mit
vieler Mühe einige Pistolenkugeln und tödtete mehrere Vögel, deren
Bälge ich aufbewahrte. Gar zu gern würde ich mehr sammeln, da aber die
Transportmittel sehr schwierig und mithin theuer sind, habe ich keine
Hoffnung diese wissenschaftlichen Schätze mit mir nehmen zu können.
Den 26. passirten wir den Serapique-River, am 27. den San Carlos-River,
beide von Süden kommend und sich mit dem San Juan verbindend. An
letzteren werden die ersten Berge sichtbar, und die Moskitos waren
weniger häufig, mir sehr angenehm, da ich kaum mehr einen Finger bewegen
konnte, so geschwollen und zerstochen war ich. Mehrere Arten wilder
Enten kamen vor, bis zur Größe einer Gans, und ich sah hier zum
erstenmal Enten auf Bäume fliegen. Wir verspeisten einige, welche
das große Blei meiner Büchse zu sehr zerrissen, und fanden sie höchst
schmackhaft, weniger jedoch die Affen, die wir auch kosteten, jedoch den
Bootsleuten überließen, zu ihrer großen Freude, da die Nahrung dieser
armen Leute lediglich aus Reis und Bananen besteht. Schwalben, gelbe
sowohl als ganz kleine graue, überaus niedliche, große rothe Arras
(=Lappes=) mit blauem Schweif und Flügeln waren gleichfalls sehr häufig.
Ich tödtete einen Congo (Brüllaffen) von der Dimension eines Hundes
mittlerer Größe, der ein sehr lautes brüllendes Geschrei erhob, derselbe
ward jedoch von den Indianern als nicht eßbar bezeichnet; sie ziehen den
großen rothen langgeschwänzten Affen (Migo) vor.
Am 28. brachen wir ungewöhnlich früh auf, um die Machuca-Rapids zu
passiren, aus Stromschnellen von drei Miles Länge bestehend, sehr
beschwerlich und sogar gefährlich, da das Wasser sehr starken Fall
hat und über große Felsstücke geht. Zwei Boote, welche uns folgten,
vereinigten sich mit uns, eines der Boote nach dem andern herüber zu
bringen, wozu immer 20 bis 25 Mann nöthig waren, und womit wir erst am
Abend zu Stande kamen, so daß wir an diesem Tage nicht über vier Miles
zurücklegten.
Während die Boote über die Fälle gebracht wurden, ging ich ans Ufer
einen wilden Truthahn zu schießen; als ich in kurzer Entfernung auf
einen großen Puma (Tiger) stieß, der, niedergekauert liegend, feindselig
knurrte und mir mit seinen grünglänzenden Augen Liebesblicke zuwarf.
Obschon man sagt, daß der centralamerikanische Tiger in der Regel
Menschen nicht angreift, so wußte ich doch nicht, wann gegenwärtiger
zuletzt gefrühstückt hatte, und schnell riß ich die Büchse an den
Backen. Doch die Begierde, das schöne Fell zu erlangen, ließ mich
zu unbedachtsam feuern, und meine Kugel zerschmetterte ihm das linke
Schulterblatt. Heulend warf sich die Bestie ins Gebüsch, und ich,
ein Pistol ziehend, rasch hinterdrein. Auf dem schlüpfrigen Boden
strauchelnd, blieb ich mit dem Fuß in einer Liane hängen, und zu Boden
stürzend entlud sich mein Pistol, während mein werthes Ich sich im Koth
der jungfräulichen Wälder abdrückte. Weitere Verfolgung erwies sich als
nutzlos, und ich kehrte zum Boot zurück, da dumpf rollender Donner einen
Hurican verkündigte.
Kaum angelangt, brach das Wetter los, und heftige Donnerschläge, wie der
Schall vieler Kanonen, schienen die Grundvesten der Erde erschüttern
zu wollen, während alle Schleußen des Himmels ihre Wasserströme auf uns
herabsendeten. Ein zufällig auf dem Deck stehender Blech-Eimer diente
mir als Regenmesser, und zeigte in einer Viertelstunde 14 Zoll Wasser.
Wir waren gerad an einer schwierigen Stelle der Fälle, und 20 Mann
mußten ins Wasser das Boot weiter zu bringen, während der Rest der
Mannschaft vom Boote aus mit langen Stangen nachhalf. Ein Blitz, der
kurz vor dem Boot einen ungeheuern Baum zusammenschlug, vollendete die
Verwirrung, die anfing gefährlich zu werden, da Alles durcheinander
schrie und lärmte. Der Patron betete zu St. Antonio, die Amerikaner
fluchten und suchten die Indianer mit gezogenem Pistol oder Knüppel zu
neuen Anstrengungen anzutreiben, und ich brauchte das wenige Spanisch,
das ich weiß, und schrie: =Agua ardiente! Agua ardiente!= (Schnaps),
welches Alles zusammen denn auch seine Wirkung that, gleichviel nun, ob
St. Antonio, die Prügel oder der versprochene Schnaps, den ich von
dem für die Insecten und Reptilien mitgenommenen Alkohol austheilte,
geholfen hatte.
Ich muß bemerken, daß St. Antonio, welcher für die Machuca-Rapids
eine besondere Gültigkeit haben soll, jedenfalls ein unangenehmes Amt
bekleidet. Ich wenigstens würde die Patronschaft ablehnen, müßte ich den
ganzen Tag Boote über diese verwünschten Stromschnellen bringen.
Im letzten Rapid liegt das Wrack eines amerikanischen Dampfbootes,
das, für die See bestimmt, jetzt durch ein anderes ersetzt worden ist.
(Dieser Steamer war wahrscheinlich dem St. Antonio, der nur das Bungo
gewöhnt ist, zu schwer, deshalb ließ er ihn sitzen.)
In der folgenden Nacht hatten wir arg zu leiden von dem vielen
Regenwasser, das, in das Boot gedrungen, die Häute, mit denen die
Waaren bedeckt, aufgeweicht hatte, was einen pestilenzialischen Geruch
verursachte. Ueber die Cajüte hatte ich eine große Gummidecke gebreitet,
die als Frachtstück mitging und uns selbst wenigstens trocken hielt.
Wir sahen hier Herrn Cropsey, Ingenieur des Canals, welcher ein auf ein
Boot befestigtes Haus bewohnt und längs des Flusses die vorbereitenden
Arbeiten leitet. Er war sehr erfreut in der Bootsladung für ihn
bestimmtes Fleisch, Mehl, Branntwein und Kaffee zu finden, denn in
einer Länge von 90 Miles ist gar nichts zu bekommen, da der ganze Fluß
unbewohnt ist.
Einer der Passagiere ward heftig vom Fieber geschüttelt, alle waren
unwohl, doch brachten einige meiner mitgenommenen Aloepillen eine
erwünschte Aenderung bei Allen hervor, mit Ausnahme des Fieberkranken,
der durch einen am Morgen hinzugetretenen Schlaganfall sich sehr übel
befand. Doctor Gescheidt's Geschenk, eine Lanzette, leistete mir beim
Aderlaß, den ich an ihm vornahm, gute Dienste, und er befand sich bald
besser darauf.
Bis zu den Rapids Castello Viejo ist stilles Wasser von gehöriger
Tiefe, ebenso oberhalb derselben bis zum See, so daß die größten
Mississippi-Boote bequem gehen können, nur werden die Rapids ziemlich
bedeutende Schleußenbauten erfordern. Im ganzen Fluß ist jedoch kein
größeres Hinderniß als solche, die im St. Lawrence-Fluß schon mit
großer Leichtigkeit überwunden worden sind, nur ist hier die große
Schwierigkeit, daß die Eingebornen schlechte Arbeiter und bei jeder
ihnen unbekannten Arbeit unbrauchbar sind, und Arbeiter aus dem Norden
haben anfänglich viel vom Klima zu leiden.
Am 29. Junius langten wir im Castello Viejo an. Auf der Spitze eines
kleinen Hügels liegen die Trümmer des alten Castells und beherrschen
die kurzen, aber sehr heftigen Stromschnellen; es wurde jedoch von den
Briten 1848 belagert und geschleift. Mit vieler Mühe hieb ich mir einen
Weg zum Gipfel nach den Trümmern, die in schon so kurzer Zeit ganz von
der Alles überwuchernden Vegetation bedeckt sind; da wo noch vor vier
Jahren die Kanonen über die Geschützbettungen donnerten, stehen schon
große Bäume. Die größte Sicherheit des Platzes bestand in dem Mangel
an Raum zu Errichtung feindlicher Batterien, für die erst der Wald
niedergehauen werden mußte. Das Fort selbst besteht theils aus Felsen,
theils ist es aus einer Art Porphyr, theils aus Ziegelsteinen gemauert.
Seine gegenwärtige Besatzung besteht nur aus Fledermäusen, von denen ich
in den Casematten mehrere nach männlichem Kampfe erlegte, andere fing.
Sie waren den nordischen Fledermäusen ähnlich, und hatten durch einen
aufrecht stehenden Hautlappen über der Nase das Aussehen eines Nashorns.
Farbe ganz schwarz, Körper haarig, fünf Zehen, an den Flügeln kleine
Haken, Zähne außerordentlich groß, beinahe so lang wie die obere
Kinnlade. Einige alte spanische Geschütze liegen im Schutte begraben.
Am Fuß des Castells liegt ein Rancho (Rohrhütte). Hr. W., ein Agent
der Canalcompagnie, ist mit einer Anzahl Indianer beschäftigt einen
Landungsplatz für das Dampfboot zu bauen. Er klagte sehr über die
Schwierigkeit, die Indianer zu guten Arbeitern zu machen. Mit Ausnahme
einiger Aexte, die von der Compagnie geliefert wurden, bedienen sie sich
lediglich der Macheta. Dies ist ein Messer, welches, je nach der
Sitte des Landes, von der Größe eines langen Dolches bis zu einem sehr
schwerfälligen Säbel anwächst, und zum mannichfachsten Gebrauch
dient. Man haut damit sein Holz, baut ein Haus, was jedoch bei diesen
Rohrhütten nicht viel sagen will, schneidet Fleisch und braucht es als
Waffe. Die Indianer hackten damit nach Anweisung am Holz herum, und
schienen sich zuletzt selbst zu wundern, wenn ein Stamm zurecht gehauen
war. Es wird bald der Plankenweg fertig sein, und eben ein solcher an
den Machuca gebaut werden.
Als ich von San Juan abging, war eben eines der kleinen eisernen
Dampfboote angelangt, und man arbeitete an dessen Zusammensetzung; zwei
andere folgen nach, und es wird in jeder der drei Hauptabtheilungen des
Flusses eines gehen. Wird der Fluß angesiedelt, so werden jedenfalls an
diesen Plätzen zuerst Dörfer entstehen. Bald vielleicht wird sich
ein American-Eagle-Hotel oder Independence-Hotel erheben und diesem
fruchtbaren Boden eine Ernte abgewonnen werden.
Zwischen beiden Bootsleuten entspann sich ein Streit, und dem einen
ward mit der Macheta ein Stück aus dem Backen gehauen. In den Augen
der Indianer ist jeder weiße Mann ein Doctor; durch meine Purganzen
und Vomitive, sowie durch den Aderlaß war die Thatsache noch mehr
festgestellt, und jetzt mußte ich =nolens volens= des Mannes Backen
zusammenflicken. In Ermangelung chirurgischer Nadeln legte ich ihm mit
einer gewöhnlichen Nähnadel Heftlöcher an. Der arme Teufel stand viel
Schmerzen aus, doch flickte ich ihn übel und bös zusammen, und pappte
schließlich ein Heftpflaster darüber; wenn die Backe schief heilt, ist's
nicht meine Schuld. Lieb wäre mir es aber doch, wenn meine chirurgischen
Kenntnisse nicht zu arg auf die Probe gestellt würden.
An diesem Platze waren wiederum Moskitos und Bremsen, deren Stich wie
Feuer brennt, sehr lästig, daher setzten wir so schnell als möglich
unsere Reise auf dem jetzt ruhiger fließenden Fluß mit günstigem
Fahrwasser fort. Ich überraschte einen Kaiman im Gras schlafend, und
schoß ihn durch das Blatt; er suchte noch das Wasser zu gewinnen, doch
kam ich ihm zuvor, und stach ihn zweimal mit der Macheta in die Weichen,
wobei er mich mit einem Schwanzschlag in das Wasser warf. Ehe ich wieder
im Trockenen war, hämmerten schon die Indianer auf seinem Kopf herum,
und ich konnte nur das Gebiß retten. Es war ein Weibchen, maß 11 Fuß und
hatte im Magen ein ganzes Hirschkalb. Die Flußufer sind hier flach und
wie überall der Boden höchst üppig.
Am 30. Mittags langten wir im Fort San Carlos an. Hier stand früher
gleichfalls ein großes Fort, das die Mündung des Sees beherrschte, aber
von den Engländern Ausgangs des verflossenen Jahrhunderts in Trümmer
gelegt ward, in welcher Action der junge Nelson als Midshipman eine
seiner ersten Waffenthaten verrichtete. Das jetzige Fort besteht aus
einer verfallenen Schanze, auf derselben ein Haus für ein bis zwei
Dutzend Soldaten, ein etwas besseres für den Commandanten. Neben
der Flagge von Nicaragua steht eine alte vom Rost zerfressene Kanone
(etwaige Schmugglerboote aufzuhalten) auf einer Laffette, deren Räder
aus einem quer durchgeschnittenen Stamm bestehen. Beim Abfeuern
dieses Geschützes sehe ich weniger Gefahr für den Feind als für den
Artilleristen, der es loszubrennen hat. Einige Dutzend Kugeln rosten im
Gras, doch liegen demontirt auch einige schöne bronzene 32-Pfünder
mit der Jahreszahl 1618 im Sand. So günstig auch dieses Fort für die
Vertheidigung liegt, so würde es doch in seinem jetzigen Zustande von
zehn derben Leuten mit Leichtigkeit zu nehmen sein.
Die am Fort liegende Ortschaft war lange ganz verlassen, doch sind jetzt
wieder einige Dutzend Rohrhütten erbaut, und bei eintretendem lebhaften
Verkehr wird dieser Ort jedenfalls ein wichtiges Settlement werden;
in seinem jetzigen Zustand jedoch kann es füglich mit San Juan
gleichgestellt werden.
Hier ist die Douane der Republik Nicaragua, welche die Reisenden sehr
quält, denn die kleinste Kiste muß ausgeladen und untersucht werden. Ich
machte hier zuerst von meinen Papieren Gebrauch, und erlaubte nicht
daß man mein Gepäck berührte. Die Douanenbeamten, sei's weil sie nicht
verstanden oder verstehen wollten, gaben sich indeß nicht zufrieden
und wollten selbst ausladen, da erschien der Douane-Inspector und der
Commandant des Forts. In San Juan hatte eine Auction stattgefunden, in
welcher unsere Schiffsgesellschaft, für den Fall, daß wir den 4. noch
auf dem Fluß oder See sein sollten, einen Korb Champagner erstanden. Als
die beiden Herren erschienen, nahm ich eine Flasche, legte sie an
den Backen, und schoß den Pfropfen auf den Douane-Inspector ab, dem
Commandanten meine Beglaubigung gebend. Durch beides zufrieden gestellt,
leerten wir diese und noch eine Flasche auf unser gegenseitiges Wohl,
während welcher Zeit der Hafencommandant sich entschuldigte, daß er
meinen Salutschuß mit dem Champagner, wegen spärlicher Munition aus
seinen Geschützen nicht erwiedern könne. Als die Fracht die Douane
passirt hatte, schieden wir mit gegenseitigen Achtungsversicherungen.
Die Fahrt über den See, welche 110 Miles beträgt, begann wieder des
Abends, allein ein ungleich lieblicherer Anblick bot sich mir, als beim
Beginn der Reise. Die ungeheure Wasserfläche, nach vorn den Horizont
bildend, wird rechts und links begränzt von schönen Gebirgen, und
während links die große Gebirgskette sich nach Costarica hinabzieht,
erheben sich inmitten des Sees die Gipfel der beiden großen Vulkane des
Ometepa-Islands majestätisch in die Wolken. Links, südlich, sind die
Mündungen des Rio Frio, umkränzt von üppigem Pflanzenreichthum, während
Baumgruppen ganz übersäet von Purpurblüthen sich rechts erheben. Ein
von Norden heraufziehendes Gewitter erfüllte die Luft mit imposanten
Wolkenformen, während die abendliche Spiegelung derselben den See in
reiche Farbenpracht kleidete.
Unser Boot gleitete unter seinem ärmlichen Segelwerk leise im Abendwind
dahin; als jedoch das Gewitter in gewohnter Heftigkeit losbrach,
getrauten sich die Bootsleute nicht dem Sturm Trotz zu bieten, und
ankerten im See bis Anbruch des Tages. In der nächsten Nacht war kein
so starker Wind, der Mann am Steuer aber schlief fortwährend, so daß
wir uns selbst über das Boot erbarmten und mit Hülfe einer eben
veröffentlichten (Colton) New-York-Karte und eines Taschencompasses
weiter segelten bis Tagesanbruch.
Der See von Granada ist der größte in Centralamerika, giebt den großen
canadischen Seen nicht viel nach und ist mit umfangreichen Inseln
besäet, deren größte, Omatepa, zwei Vulkane von 5-6000 Fuß besitzt und
30,000 Einwohner hat. Ein in der nächsten Nacht losbrechendes Gewitter,
das unser kleines Fahrzeug gleich einer Nußschale herumwarf, nöthigte
uns in unmittelbarer Nähe des Landes zu ankern. Gegen Morgen ruderten
wir vollends bis Granada, und vor Sonnenaufgang hatten wir neben dem
kleinen amerikanischen Steamer, dem ersten, welcher diesen See befährt,
geankert.
Es war der 4. Jul., der jedem amerikanischen Bürger theure Jahrestag der
Unabhängigkeits-Erklärung der Vereinigten Staaten, der wie immer von der
amerikanischen Flagge recht mit Ehren gefeiert wird. Bei Sonnenaufgang
hißte der Steamer und die beiden Schooner die Flagge, und vom Bord
stiegen eine Masse Raketen in den blauen Himmel, wir aber grüßten die
stolzen Sterne und Streifen mit einer dreifachen Salve.
Wir suchten die Ausschiffung unserer Effecten zu beschleunigen,
die einige Schwierigkeiten verursachte, da abermals ein Zollbeamter
Einwendungen gegen die Einfuhr meines Alkohol, der allerdings hier
Monopol ist, erhob, doch nach Erklärung des Zweckes gab er sich
zufrieden, nur hatten sich während der Debatte eine Partie zerlumpte
Soldaten, deren ganze Uniform in Flinte und Patrontasche bestand, und
die meine Effecten bewachen sollten, in einige Forschungen über den
Inhalt des Getränks vertieft. Bald war jedoch Alles auf einen großen
zweirädrigen Ochsenkarren, dessen Räder wie die der Kanone aus einem
Baumstamme geschnitten waren, geladen; das Deichselgespann ward von
einem auf dem Wagen stehenden Mann nach antiker Art mit dem Speer
gelenkt, voraus ging ein nackter Kerl, mit einer Art langer Decke
drapirt, in der Hand die unvermeidliche Macheta, mit der er, dem
Vordergespann auf das betreffende Horn hauend, die Richtung bezeichnete.
Die Ochsen sind daran gewöhnt daß kein Lenkseil gebraucht wird,
daher haben Zug-Ochsen oft ganz zerhackte Hörner, oft auch wird aus
Mißverständniß ein Stück Ohr mit abgehauen.
Ich fand hier den bekannten Gelehrten Hrn. Fröbel, dessen Bekanntschaft
ich voriges Jahr in New-York gemacht hatte, und nachdem die Freude des
Wiedersehens vorüber war, brachte ich mich selbst und mein Gepäck im
Hause eines Hrn. =Dr.= B. unter, der mir ein großes Zimmer freundlichst
abtrat.
Es war mir endlich verstattet, nachdem ich meine Koffer und Kisten,
deren Inhalt durch die viele Feuchtigkeit an einigen Stellen mit
Schimmel und Moder bedeckt war, ausgepackt und gelüftet, meinen
strapazirten Körper mit gründlicher Reinigung, frischer Wäsche und
reinen Kleidern zu laben, und das war eine wahre Wohlthat, denn ganz
bedeckt vom Schmutz des Bootes und der Wälder, kostete es mir nach jedem
Bad im Fluß keine geringe Ueberwindung wieder in meine Schmutzhülle zu
schlüpfen. Nach dieser nöthigen Reinigung gab ich einen Bündel Briefe
ab, wobei =Dr.= B. (ein Deutscher) meinem mangelhaften Spanisch als
Dolmetscher zu Hülfe kam. Ueberall ward mir der freundlichste Empfang
zu Theil, denn sowohl Hr. Squier als Herr Marcoleta (Gesandter in
Washington) waren sehr geachtete Persönlichkeiten, und überall erhielt
ich Einladungen zum Besuch und Aufenthalt in Hacienden, von denen
ich zuerst die Don Jose Sandovals, eines freundlichen alten Spaniers,
benutzen werde, um einige Tage auf seinem schönen großen Besitzthum
zuzubringen.
Ich war eben nach Hause zurückgekehrt als der Präsident, in Begleitung
des Vice-Präsidenten, den hiesigen Amerikanern und meiner Wenigkeit
zur Feier des 4. Jul. eine Einladung zu einem Festessen und Bankett
überbrachte, welche ehrende Auszeichnung ich mit Dank annahm. Um 4 Uhr
begab ich mich in Gesellschaft F's. und des =Dr.= B. in das Fest-Local.
Die Häuser sind nach Art der maurischen Häuser in Algier gebaut. In
der Mitte ein sehr großer Hof, umgeben von Säulengängen, an welche die
verschiedenen Gemächer des Hauses stoßen. Nach der Straße hin ist meist
eine große Empfangs-Halle, welche hier als Fest-Local mit den Flaggen
der Union und Nicaragua's und mit einer Menge ungeheurer Palmenzweige
geschmückt war. Ingleichen waren die Colonnaden des Hofs durch Palmen
in Baumgänge verwandelt, und da jeder Hof hier mit Pflanzen geziert ist,
zwischen denen immer eine Menge zahme Papageien und andere Vögel,
auch wohl zierliche Rehe herumlaufen, gewährte das Ganze einen überaus
lieblichen Anblick, mehr noch als bei einbrechender Dunkelheit eine
Masse von Lichtern durch das Grün schimmerten. Außer den angesehensten
hier wohnhaften Bürgern der Vereinigten Staaten waren als Ehrengäste
zugegen: der Präfect, der Commandant des Militärs, einige andere Beamte
und einige der angesehensten Eingebornen und Franzosen.
Der Präsident, Hr. Coterell, erinnerte in kurzer Ansprache an den Zweck
der Feier, und nachdem an der reichgeschmückten Tafel, auf der zwischen
ganzen gebratenen Rehen und gewaltigen wilden Truthühnern nordische
Leckerbissen in Gesellschaft der üppigsten Südfrüchte prangten, den
gastronomischen Forschungen eine kurze Zeit gewidmet war, erhob man die
Gläser, in denen rheinische Weine, Port und Madeira blinkten, und der
perlende Sohn der Champagne, seiner silbernen Bande entledigt, schäumte,
und brachte zuerst die bei jeder amerikanischen Feier des 4. Julius
üblichen regulären Toaste, denen sich dann eine Menge anderer
anschlossen.
Ein Toast aber ward durch einen sonderbaren Zufall besonders feierlich.
Bei jedem Gläserklingen antwortete von der Hauptwache ein Kanonenschuß,
und gegen Abend kam das unausbleibliche Gewitter wieder herauf. Es
waren eben die Worte gesprochen worden: »Wir trinken in der Stille dem
Andenken des großen Georg Washington!« -- Jeder brachte schweigend
und erhoben sein Glas an die Lippen, da übernahm der Himmel selbst den
üblichen Salutschuß durch einen furchtbaren Donnerschlag, der die Erde
in ihren Grundfesten erzittern machte, und ich läugne nicht, daß ich,
wie gewiß alle, das Glas mit einer Art von andächtigem Grausen leerte.
Eine Musikbande spielte in der Veranda während des ganzen Mahles,
und bis in späte Nachtstunden blieben die Genossen in ungezwungener
Heiterkeit beisammen, welche durch die anerkennungswerthen Bestrebungen
des Herrn Coterell nie die üblichen Formen der Wohlanständigkeit
überschritt.
Einige Veränderungen im Ministerium und der Regierung ließen es mir
räthlich erscheinen, meine Depeschen andern Tags persönlich an ihre
Adressen abzugeben. Ich habe meine Reisevorbereitungen getroffen, mein
Pferd ist auf Don Sandovals Hacienda gehörig ausgefüttert und stark und
wohl geeignet eine strapaziöse Reise zu ertragen, die zu erwarten steht,
da die Regenzeit, in der wir leben, die Wege bodenlos gemacht hat. In
einer Beziehung ist mir's lieb, daß noch sechs bis acht Tage hingehen,
ehe ich anfange zu malen, denn die empfangenen Eindrücke sind alle so
neu und bewältigend, daß ich nothwendig dieselben erst ordnen und klar
machen muß. Ich habe eine Menge der mannichfaltigsten und schönsten
Gegenstände für Studien gefunden, und sobald ich meine Verpflichtungen
gegen die Regierung erfüllt, werde ich mit großer Freude an die Arbeit
gehen, und bleibe ich von Krankheit verschont, was ich wünsche und hoffe
(denn seit ich hier bin erfreue ich mich eines ganz außerordentlichen
Wohlbefindens), so denke ich ein reiches Portefeuille zu sammeln.
Sehr froh bin ich, daß ich statt des Daguerreotyps, wie ich erst
beabsichtigte, ein Phototyp mitgenommen, denn ein Amerikaner, der ein
Daguerreotyp hieher gebracht, war ganz in Verzweiflung, daß er während
der trocknen Jahreszeit keine Platte poliren konnte, da der die ganze
Luft erfüllende Sandstaub alle Politur zerkratzte. Ich hoffe besonders
von interessanten Gruppen der Indianer, die nicht gern still stehen sich
malen zu lassen, sowie von naturhistorischen Gegenständen manche
gute Beute damit zu machen, und so reut mich die für meine Umstände
bedeutende Ausgabe von 150 Dollars, die ich dafür gemacht, nicht. Auf
der andern Seite thut mir's sehr leid, daß ich mein Sammeln von Insecten
und Vögeln nur in so kleinem Maßstab betreiben kann, da die Transport-
und Packmittel für dergleichen Gegenstände sehr theuer sind und meine
Kräfte übersteigen. Ich werde meinen Vorsatz, eine Collection an einige
deutsche naturhistorische Cabinette zu schicken, nicht ausführen können,
und außer einem Geschenk an Freund M. werde ich mich lediglich auf
das Institut in Washington, das mir eine Summe für diese Zwecke zur
Verfügung gestellt, beschränken müssen. Hier ist einer von den wenigen
Fällen, wo ich mehr bemittelt zu sein wünschte, denn es hindert mich
diese Mittellosigkeit an der Erreichung eines schönen Zwecks.
Nach meiner Rückkehr von Leon halte ich mich hier auf, um Hrn. Squiers
Ankunft abzuwarten und Stadt und Umgegend auszubeuten. Sobald es die
Jahreszeit erlaubt, will ich eine Besteigung des Mombatch, der über
der Stadt sein Haupt erhebt und jetzt beständig in Wolken gehüllt ist,
unternehmen. Mein nächster Brief wird entweder eine Beschreibung meiner
Reise nach Leon, oder eine genauere Beschreibung Granada's enthalten,
welches wohl derselben werth ist, denn es ist an dem schönen See mit
seinen zierlichen Ufern höchst pittoresk gelegen, und bietet im
Innern eine Menge malerischer Ansichten. Das Leben selbst ist ebenso
reichhaltig, daß es, sowie die Verhältnisse der ganzen Stadt, vielfach
malerischen Stoff bietet.
Man erwartet jetzt die Ankunft des Gesandten der Vereinigten Staaten
Hrn. Kerr, den aus St. Carlos abzuholen der Dampfer gestern abgegangen
ist, und zu dessen Empfang die Amerikaner für heute eine Festlichkeit
bereitet haben, an welche =Dr.= B., F. und ich uns anschließen werden.
IV.
Die Stadt Granada. -- Bauart. -- Einwohner. -- Lebensweise in
Central-Amerika. -- Festtage. -- Reisezurüstungen. -- Unsicherheit
der Straßen. -- Art zu reisen. -- Fleiß der Indianer. -- Massaga. --
Indisches Begräbniß.
Granada, 4. Aug. 1851.
Seit ziemlich drei Wochen bin ich von meiner Excursion nach Leon
wieder zurückgekehrt nach Granada und habe seitdem ungestört meine
künstlerischen und wissenschaftlichen Studien beginnen können.
Granada ist, wie ich schon früher erwähnt, die bedeutendste Stadt am
See gleiches Namens, mit 12-15000 Einwohner, und unter den jetzigen
Umständen wohl überhaupt die wichtigste Stadt dieses Landes zu nennen.
Die Zeit ihrer Gründung fällt mit der zweiten Periode der Entdeckung von
Amerika zusammen. Ihre Erbauer waren jene kühnen Freibeuter, welche
ein seltsames Gemisch von soldatisch roher Ritterlichkeit, gepaart mit
blindem Glaubenseifer waren, mit welchen Eigenschaften sie aber doch
auch eine gewisse kaufmännische Verschmitztheit verbanden.
Die Häuser, meist nur aus einem Geschoße bestehend, dessen Höhe zwischen
12 und 15 Fuß beträgt, haben durch ihre 6-8 Fuß breiten Thüren und hohen
vergitterten Balconfenstern ein festungsähnliches Aussehen. Die innere
Einrichtung beschrieb ich Euch bereits früher. Die Haupträume bleiben
überall der mit Zierpflanzen geschmückte erste Arcadenhof und die an
der Vorderfront liegende Empfangshalle, an welche gewöhnlich das
Frauengemach stößt; oft auch befindet sich über letzterem noch
ein Balconzimmer. Ein solches ist gegenwärtig meine Wohnung, mit
wundervoller Aussicht über den See und die Gebirge. Einen zweiten oder
Hinterhof, umgeben die Ställe, die Küche (in der nur auf offenem
Herde gekocht wird, Bratöfen, Kochmaschinen, wie in Europa und den
Verein.-Staaten, kennt man hier nicht), welche letztere zugleich dem
Geflügel und sonstigem kleinen Gethier, das für jede Mahlzeit frisch
geschlachtet wird, zum Aufenthalt dient. In vielen dieser Hinterhöfe
befindet sich auch ein Ziehbrunnen, doch wird das Wasser mehrentheils
aus dem See geholt, da die Quellen fast alle mineralischer Natur sind.
Sehr belebt ist das Seeufer bei Sonnenaufgang: Frauen und Mädchen
erscheinen, mit großen irdenen Gefäßen, ähnlich den antiken Amphoren,
nur etwas bauchiger, auf dem Kopf und schöpfen Wasser; Reiter und
Fußgänger lustwandeln in der Morgenkühle, fast alle Besucher aber
erfrischen sich mit einem Bade. Später räumen sie den Waschwannen das
Feld, sowie den Schiffsleuten, welche die Waaren aus den Booten auf
große, zweirädrige, von 4-6 Ochsen gezogene Karren umladen. Dann füllen
sich die Straßen mit Indianern der benachbarten Dörfer und Haciendas,
welche ihre Produkte zum Kaufe ausbieten. Bei geringen Entfernungen
tragen sie ihre Last auf dem Kopfe, in großen hölzernen Schüsseln, von
denen man auch sagen kann, sie haben ungeheure hölzerne Hüte auf, die
sie umgekehrt auch zum Tragen benützen. Kleine nackte Jungen bringen auf
Pferden und Maulthieren Ladungen von jungen Mais (Zakate) als Futter für
die Pferde zu Markt, während die Stadtbewohner theils in ihren Läden
den Verkauf betreiben, die Frauen weibliche Arbeiten oder Cigarren
verfertigen; noch öfter aber liegen alle in den Hammocks, rauchend und
sich schaukelnd, wozu sie von Zeit zu Zeit einen Schluck Teste, ein
gar nicht übles Getränk aus Maismehl, Zucker, Cacao und Wasser nehmen.
Geraucht wird aber von Mann und Weib, Jung und Alt, und oft schickt ein
Vater sein kaum vierjähriges Söhnlein oder Töchterlein in die Küche, um
Feuer zu holen, welche dann gravitätisch mit der brennenden Cigarre im
Munde und qualmend wie Dampfessen zurückkommen.
Das Costüm der Frauen besteht in einem Unterrock von Mousselin, um die
nackten Hüften gebunden und am unteren Saume mit Flittern besetzt; über
dem Oberkörper tragen die besseren Classen ein kurzes, weitfaltiges
Uebergewand, ähnlich dem griechischen Peplum, die niederen Classen aber
den Oberkörper ganz bloß; oft auch, zumal bei Kindern, ist vollkommener
Mangel an Kleidung vorhanden, was die Frauen hier anwesender Amerikaner
oft veranlaßt, die Augen niederzuschlagen oder mit der Hand zu
bedecken. Alle Stände aber schmücken sich die schönen, größtentheils
ebenholzschwarzen Haare mit Jasminblüthen und Blumen von lebhaften
Farben, was die ausdrucksvollen und oft classisch regelmäßigen Gesichter
mit phantastischer Schönheit ziert. Der Gang hat, wahrscheinlich durch
die Gewohnheit alle Lasten auf dem Kopfe zu tragen, etwas überaus
Elastisches, was den ganzen Gestalten einen erhöhten Reiz verleiht.
Mehre schöne Kirchen, in einem seltsamen Gemisch von maurischem
Charakter, spanischer Renaissance, oft mit sehr bemerkbarem Anklang
von byzantinischem Style erbaut, zeugen von der früheren Macht und dem
Reichthume des Clerus (bei Errichtung der Städte ward bekanntlich
der zehnte Theil aller Beute auf Errichtung von Kirchen und Klöstern
verwandt). Durch die häufigen Revolutionen hat sich denn freilich in
dieser und anderer Hinsicht vieles geändert, da die großen Capitalisten
entweder auswanderten oder durch bedeutende Contributionen sehr in
Anspruch genommen wurden. Wenn auch noch hier und da ein wohlbeleibter,
behäbiger Prälat auf seinem Ochsenkarren und von zwei Soldaten begleitet
durch die Straßen zieht, so reitet dafür manch armer, abgemagerter
Dorf-Cura (Pfarrer), nach dem Beispiele des Heilandes, als wahrhafter
Apostel auf einem armseligen Eselein durch das Land, um mit christlicher
Demuth auf irgend einer entfernten Hacienda dem Sterbenden eine
geistliche Wegzehrung zu spenden.
An Festtagen, deren es hier, nach dem was ich bis jetzt gesehen, fast
so viele als Tage im Jahr zu geben scheint, durchziehen zahlreiche
Prozessionen mit Geigen und Flöten die Straßen, wobei an Weihrauch
unendliche Wolken verdampfen, und an Schießpulver, knallenden und
prasselnden Schwärmern, Raketen, französischen Schlägen, letztere oft zu
Dutzenden auf einmal, ein Erkleckliches verpufft wird. Abends wird dann
die Prozession mit Hunderten bunter Laternen fortgesetzt, was mit den
Gruppen, die allabendlich plaudernd die Räume vor den Hausthüren füllen,
und den erleuchteten Balconen, von denen transparente, mit Blumen
geschmückte und umgebene Heiligenbilder schimmern, einen malerischen und
poetischen Anblick gewährt. Oefters habe ich, spät am Abend von meinen
Excursionen heimkehrend, mein Pferd angehalten, um auf die eigenen
schwermüthigen kirchlichen Melodien zu horchen, oder Gruppen mit ihren
Liebhabern schäkernder Mädchen zu belauschen.
Doch indem ich mich so in Schilderungen des Lebens in Granada vertiefe,
vergesse ich ganz, euch von meiner Reise nach Leon zu berichten.
Nachdem ich einige Ruhetage benutzt hatte, um aus dem Mr. Squier
gehörigen und hier zurückgelassenen Eigenthume für mich ein starkes und
rasches Pferd mit Sattel und Packtaschen, für einen Diener ein kräftiges
Maulthier zu wählen, die Büchse und meine herrlichen Revolvers[1], ein
Reisegeschenk meines ehrenwerthen Gönners de Rhame in New-York, vom
Schmutze der Reise zu reinigen, frisch zu laden und einige Munition
nebst Wäsche einzupacken, während ich von meinem freundlichen Wirthe,
Don Narciso Espinosa, eine leichte Vogelflinte nebst einer unbändig
langen Doppelpistole für meinen tapfern Sancho Pansa geliehen hatte,
trat ich am 9. Juli meine Reise =in nomine domini= an. Es circulirten
eine Menge Gerüchte über Unsicherheit der Straßen, und ein Halbdutzend
Morde, welche im Laufe der letzten Monate vorgefallen waren, bestätigten
dieselben allerdings in nicht erfreulicher Weise. In Berücksichtigung
der Regierungsdepeschen aus Washington, die ich nach Leon zu überbringen
hatte, wurde mir vom Commandanten eine Escorte von zwei Lanciers
angeboten; ich gestehe aber, daß ihr Ajustement und ihr ganzes Aeußere
mich denn doch mehr Vertrauen in die Vorzüglichkeit meiner Waffen,
meines Pferdes und meine geringe Person selbst setzen ließen. Ich dankte
demnach höflichst für die Ehre, und zog es vor die Reise allein zu
machen.
[1]: Sechsschüssige Pistolen.
Durch die hier zu Lande übliche Art zu reisen wird man noch lebhaft an
die Zeit der fahrenden Ritter erinnert. Jeder Reisende, der sich auf
irgend eine Weise Säbel und Pistolen verschaffen kann, rüstet sich
damit, und in Ermangelung letzterer baumeln doch wenigstens ein paar
leere Pistolenhalfter am Sattelknopfe; wenn möglich, nimmt man auch
eine mit Rehposten geladene Flinte mit, die entweder quer über den
Sattelknopf gelegt, oder vom Schildknappen, wie weiland dem edlen Ritter
Don Quixote die Lanze, hinterdrein getragen wird. Das Gepäck hat man
theils selbst in Satteltaschen bei sich, theils trägt es der Diener
vor sich auf dem Maulthiere. Gewöhnlich trottirt dieser voraus, den Weg
zeigend; trifft man jedoch unterwegs mit anderen Reisenden zusammen, so
reiten die Caballeros voraus, während die hinterfolgenden Diener sich
gegenseitig von der Tapferkeit ihrer Gebieter, der unvergleichlichen
Güte ihrer Waffen und Pferde u. s. w. tüchtig etwas vorrenommiren, was
mit unvermindertem Eifer in jedem Nachtquartiere fortgesetzt wird,
wo dann gewöhnlich der Wirth noch die allerabsonderlich grausenhaften
Geschichten von Mordthaten zu erzählen weiß, die sich kürzlich erst
ganz in der Nähe zugetragen haben sollen, natürlich in der
menschenfreundlichen Absicht, den oder die Reisenden wo möglich noch den
nächsten Tag dazubehalten.
Beim Mahle, meist aus gekochtem Reis, Huhn, Eiern und Fisch, nebst
einigen steinharten rothen Bohnen und der unvermeidlichen Tortilla
(einem aus Mais gebackenen flachen Kuchen, der die Stelle des Brodes
hier vertritt) bestehend, wartet der Mozo (Diener) hinter dem Stuhle
seines Caballero stehend, auf, lauert aber gierig auf den Augenblick, wo
dieser sich erhebend, ihm die Reste der Speisen überläßt.
Früh, wo ich meist um 3 Uhr aufbrach, um die Morgenkühle zu benutzen,
kostete es stets mannichfache Mühe und Arbeit, Diener und Wirth aus dem
Schlafe zu rütteln, und bis die Thiere gefüttert waren, verging dann
immer noch mehr als eine Stunde, weshalb ich in der Regel das Geschäft
des Wecken schon um 2 Uhr begann, nichts destoweniger aber mit einer
Strohcigarre vorlieb nehmen mußte, während der Magen erst im nächsten
Dorfe, oft 14-16 Miles entfernt, bedacht werden konnte. Genug, man
übersetze die Abenteuer und Irrfahrten des obgenannten unsterblichen
Ritters ins Moderne, und man hat das leibhafte Conterfei eines Reisenden
in Central-Amerika.
Der erste Theil des Weges nach Massaga, dem ersten Haltpunkte, war durch
den vielen Regen grundlos geworden, und mein armes Pferd mußte immer aus
einem Sumpfloche ins andere tappen. Die Maulthiere, durch welche fast
der ganze Verkehr des Landes betrieben wird, treten immer wieder in
die Fußstapfen des vorangehenden Thieres, an dessen Schweif ihr Zaum
gebunden ist, so daß manchmal dadurch Reihen von 16-20 hintereinander
entstehen; hierdurch wird aber bei Regenwetter die Straße zu einer Reihe
nebeneinander und quer darüber hinlaufender Gräben, die, mit Wasser und
Schlamm gefüllt, das Reiten ungemein erschweren, und da die hiesigen
Pferde sehr kleinen Schlages sind, kaum 14 Hand hoch, so werden die Füße
des Reiters mit den 4 bis 5 Zoll langen großgeräderten Sporen weidlich
in den Koth getaucht. Ich zumal hatte oft Gelegenheit Betrachtungen
darüber anzustellen, warum der liebe Himmel gerade mich mit so
unziemlich langem Pedal ausstatten mußte. Bei besserem Wege ist die
Gangart der hiesigen Pferde eine sehr angenehme Art von Paß,
=paso picarro= hier zu Lande genannt. Ueberhaupt ist die Race ganz
vortrefflich für hiesige Gegend, obschon man auf Broadway, in Hydepark
oder dem Bois de Boulogne, im Berliner Thiergarten oder im Wiener Prater
eben nicht sonderliche Bewunderung damit erregen würde.
Da es noch früh am Tage war, begegnete ich langen Zügen von Indianern,
welche ihre Produkte, als: Mais, Bohnen, Cacao und Taback, zu Markte
trugen, die, theils auf Pferden, theils in Netzen auf dem Rücken
hängend, an einem breiten Gurt über die Stirn getragen wurden, wie man
dies auch zuweilen in den Schweizerbergen sieht, eine abscheuliche Mode,
die den Leuten das Aussehen von Zugochsen giebt. Mir erschien diese
Art von Kopfarbeit eine höchst anstrengende, wie auch als der Grund der
vielen Kröpfe, die ich hier herum wahrnahm.
Der Weg schlängelt sich theils durch herrlichen, hochstämmigen Wald,
bemerkenswerth durch die mächtigen und häufigen Gummibäume, theils führt
er hin zwischen Bananen- und Indigofelder, umgeben von 5 bis 6 Fuß hohen
wilden Ananas-Hecken. Hier und da bietet sich von der Höhe eines Hügels
eine entzückende Aussicht nach den Seen von Granada und Managua und dem
Tipitapa-River, begränzt von den lachendsten, fruchtbarsten Ebenen und
majestätischen Gebirgszügen mit sanft ansteigenden Vorhügeln in den
schönsten Formen und geschmückt mit aller Pracht und Ueppigkeit der
tropischen Vegetation. Beim großen Gott! dies Land ist ein wahres
Paradies und könnte Wunder wirken, Millionen fleißiger Hände ernähren,
wäre es nicht von solch träger, kurzsichtiger und geistig beschränkter
Bevölkerung bewohnet, welche es nicht versteht, oder nicht verstehen
will, diesem gottgesegneten Boden einen auch nur einigermaßen
erheblichen Tribut aufzuerlegen.
Massaga, wo ein kräftiges Frühstück mich und meinen Diener, süßer junger
Mais die Thiere erquickte, ist ein niedliches Städtchen, oder großer
Flecken, mit nicht unbeträchtlichem Markt für einheimische Produkte.
Ein großer Theil der Ortsbevölkerung wohnt freilich nur in indianischen
Rohrhütten, allein der Fleiß derselben sticht vortheilhaft gegen andere
Ortschaften ab, die ich später sah. Selbst Frauen, welche Früchte
zu Markte trugen, flochten im Gehen Strohhüte und Matten von recht
zierlicher Arbeit, und weniger als anderswo sah ich hier die Leute in
ihren Hammocks faullenzen. Trotzdem waltet aber auch hier immer noch
dieselbe indianische Halsstarrigkeit gegen alle und jede Verbesserung
vor, die ihre Arbeit nutzbringender machen könnte.
In dem kleinen, jenseits Massaga gelegenen Dörfchen Indiery sah ich
zufällig das Begräbniß eines jungen indianischen Mädchens mit an,
während unsere Thiere gefüttert wurden.
Die Leiche ward auf einer Bahre, ohne Sarg, blos der Körper mit einem
Leinentuche bedeckt, das Gesicht, dessen schöne unschuldvolle Züge
selbst der Tod nicht zu verunstalten vermocht hatte, jedoch offen
getragen. Vorauf zogen sechs Musikanten mit zwei Geigen, zwei
Flöten, einem Waldhorne und einem Violoncello, hinter ihnen der arme
Dorfpfarrer, Gebete sprechend. Die Musik war eigentlich mehr ein
sonderbarer Wirrwarr von Tönen zu nennen, die nur bei einigen öfters
wiederkehrenden Gebetformeln sich zu einer Art von Accord einigten.
Beim Grabe, einer kleinen, kaum einige Fuß tiefen Grube, auf dem Platze
vor der Kirche angelangt, ward nach kurzem Ceremoniel die Leiche in die
Grube gelegt, jeder der wenigen Leidtragenden warf seine Hand voll
Erde darauf und ein paar Leute mit Schaufeln thaten in kaum drei, vier
Minuten den Rest. Ein Bündelchen Raketen zischte in die Luft empor,
das Aufschwingen der Seele gen Himmel andeutend, wie mir einer der
Anwesenden erklärte, und jetzt zum erstenmale einte sich das bisherige
Tongewirre der Musikanten zu einer wirklichen Melodie, in der ich zu
meiner großen Ueberraschung das liebliche Lied der Brautjungfern in
unseres herrlichen Webers Freischütz, wenn auch etwas naturalistisch
verstümmelt, wieder erkannte. Wie dies Lied den Weg bis hierher in die
Tropenwelt gefunden, mag der Himmel wissen.
Ich kann nicht sagen ob es die Erinnerung war, welche diese aus holder
Kinderzeit herüberklingenden heimischen Töne in mir erweckte, oder
was sonst, so viel aber ist gewiß, daß weder das pomphafteste
Trauergepränge, noch die vollstimmigsten und kunstvollsten Trauerhymnen,
noch die schönsten Grabreden jemals einen rührenderen Eindruck auf
mich hervorgebracht haben, als diese kindlich naiven Töne und die
noch naivere Raketensymbolik neben diesem frischen Grabe einer kaum im
Entfalten schon dahingerafften Blüthe. Der Zufall ist oft poetischer,
als das poetischste Raffinement!
Als eine Viertelstunde später die Thiere getränkt und gefüttert waren
und ich wieder da vorbeiritt, spielten die Kinder schon wieder harmlos
und fröhlich auf der Stelle, die eine kaum merkliche Erhöhung als ein
Grab andeutete, da ja der jugendliche Körper nur wenig Raum einnahm.
V.
Lavafelder. -- Managua. -- Reisebekanntschaft. -- Landschaftliches.
-- Puebla nuova. -- Ein Raubmord. -- Nächtliche Störung. -- Ankunft
in Leon.
Fünf Miles von Massaga erreichte ich, nachdem ich noch einige
allerliebst zwischen Cocospalmen gelegene indianische Dörfchen passirt,
die Lavafelder des Vulcans von Massaga. Seine Thätigkeit beschränkt sich
nur noch auf zeitweilige Entwickelung von Schwefelwasserstoff und starke
Erhitzung des Schlammbodens in dem erloschenen Krater; ein kleiner
Salzsee auf der Südseite, welcher einen andern Krater ausfüllt, so
wie ungeheure, sich wohl 6 bis 7 Miles gegen Norden hin erstreckende
Lavafelder, geben Zeugniß seiner früheren Verheerungen. Ueberhaupt
ist das ganze Land mit trachitischen Gebilden, Osidien und todten
Lavaströmen bedeckt, welche die alles überwuchernde üppige Vegetation
später mit neuem Leben bekleidet hat. Ein großer Theil der Quellen
ist gleichfalls voller mineralischer Substanzen, und viele haben einen
beträchtlichen Hitzegrad. In den Lavafeldern von Massaga fielen mir
besonders eine Menge seltsamer Höhlen auf, ähnlich ungeheuren Backöfen,
wahrscheinlich herrührend von den durch sich entwickelnde Gase
gebildeten Blasen.
Am Nachmittage brach wieder ein Gewitter mit gewohnter tropischer
Heftigkeit los. »Donnere du bis du es satt hast!« dachte ich, und
wickelte mich zum Schutze gegen die herabströmende Sündfluth in
meinen Poncho, eine dicke Wolldecke, mit einem Loch in der Mitte, zum
Durchstecken des Kopfes, welche als Mantel den ganzen Menschen einhüllt,
während der Kopf durch einen breitkrämpigen Hut geschützt wird; mein
armes Pferd aber schritt schwermüthig auf der, in einen Gießbach
verwandelten Straße einher und mein Sancho Pansa hinterdrein, höchst
kleinlaut und verdrüßlich auf seinem Maulthiere hockend.
Menschen und Thiere waren froh, als wir am Abend Managua erreichten,
eine ziemlich ansehnliche Stadt am See gleiches Namens gelegen und Sitz
der gesetzgebenden Versammlung, übrigens durch nichts bemerkbar als
durch eine nicht unschöne Hauptkirche von ziemlich reicher Architektur,
in dem oben erwähnten Mischlingsstyl.
Ein wilder Truthahn, den ich unterwegs geschossen, bildete unser
Abendessen, welches ich mit einem Italiener theilte, der, gleichfalls
auf der Reise nach Leon begriffen, in Verzweiflung war, daß sein
Reisegefährte, ein Spanier des Landes, ihm durch seine permanente
Trunkenheit die Reise äußerst beschwerlich und unangenehm machte. Die
regelmäßig schönen Gesichtszüge dieses Mannes, von antiker Strenge, aber
durch die freundlichen blauen Augen, aus denen herzliches Wohlwollen
blickte, sehr gemildert, so wie seine stramme soldatische Haltung,
gepaart mit ritterlicher Anmuth, zogen mich wider Willen an und in
stillschweigender Uebereinkunft brachen wir am anderen Morgen um 3 Uhr
gemeinschaftlich auf, den lästigen Trunkenbold zurücklassend, der noch
seinen gestrigen Rausch ausschlief.
Mein neuer Bekannter hatte, nachdem er die letzten Kriege seines
Vaterlandes mit durchgekämpft und sein geliebtes Weib, das alle Gefahren
und Beschwerden treu mit ihm getheilt, auf schreckliche Weise verloren,
die friedliche Beschäftigung des Landmannes erwählt, und war jetzt
auf dem Wege nach Californien, wo er beschlossen hatte, im Vereine mit
mehren seiner Schicksalsgenossen sich lediglich auf die Agricultur zu
verlegen und so, wenn auch langsamer, die wahren Schätze dieses Landes
auszubeuten, das in nicht gar zu langer Zeit vielleicht noch einer der
blühendsten Staaten der nordischen Union werden wird. In Leon, wo ich
mehrere Mitglieder dieser projectirten Colonie, meist Genueser, kennen
lernte, die einen sehr erfreulichen Gegensatz zu den Fehlern bildeten,
die man meist den Italienern vorwirft, vernahm ich erst zufällig
den Namen dieses, in der neuesten Periode seines Vaterlandes berühmt
gewordenen Mannes, aber das strenge Incognito achtend, das er angenommen
um sich vor Zudringlichkeiten zu schützen, war und blieb er für mich nur
Signor Giuseppe, oder auch Monsieur Joseph.
Hinter Managua führt der Weg über eine steile, mit großen Felsbrocken
bedeckte Anhöhe, welche, da wir sie noch im Morgendunkel passiren
mußten, unsere armen Thiere weidlich zum straucheln brachten. Wir
erreichten jedoch ohne erheblichen Unfall mit Tagesanbruch den Gipfel,
wo die aufgehende Sonne ein wahres Paradies vor unsern entzückten
Blicken entrollte. Südöstlich sahen wir noch den See von Granada,
nordwestlich aber, jenseits des See's von Managua, dessen Brandung dumpf
zu uns herauf tönte, dehnte sich langhin das schöne Thal von Leon, über
welches der hohe Viejo sein rauchendes Haupt über die Wolken erhob.
Der Weg gleicht von hier an dem prachtvollsten Park, der Wald ist
fortwährend durchbrochen von üppigen Wiesenflächen, in deren hohem Grase
schöne Rinder, größer als ich sie bis jetzt hier zu Lande gesehen, und
muntere Stuten mit ihren Füllen weideten. Die einzige Calamität dieses
gesegneten Landes ist der Mangel an fließendem Wasser, denn während
der trockenen Jahreszeit, wo die kleinen Teiche und Tümpel meist
austrocknen, der Wald, seines grünen Blätterschmuckes beraubt, nur
noch in brillantem rothen und gelben Blätterkleide erscheint, irrt das
geängstete Rindvieh, durstend, geplagt von Schwärmen von Insecten,
dumpf brüllend umher, nach vereinzelten Quellen suchend, um seinen
Durst gemeinsam mit dem schüchternen Reh und dem possirlichen Affen zu
stillen. Zahlreich umherliegende Gerippe geben Zeugniß, wie viele schon
als Opfer des Durstes, oder auch des grimmen Jaguars gefallen waren.
In Pueblo nuevo, unserm Nachtquartier, fanden wir im Gasthause einen
kleinen englischen Schiffsjungen und erfuhren von ihm die genauen
Details eines nur vor wenig Tagen erst verübten Raubmordes, den ich, als
ich im letzten Nachtquartier und unterwegs davon reden hörte, für
eine der gewöhnlichen Aufschneidereien gehalten hatte. Ein englischer
Capitain, dessen Schiff in Realejo gestrandet war, hatte den Erlös der
geretteten Waaren nebst einigen anderen Gegenständen mit sich auf einem
Ochsenkarren geführt. Dieser Umstand war, wie man vermuthet, durch den
Karrenführer, von dessen Mitgenossenschaft an der Gräuelthat man sogar
ziemlich stark munkelt, bekannt geworden und eine kurze Strecke
hinter Pueblo nuevo überfielen sechs Strauchdiebe den Capitain, der
in Gesellschaft des kleinen Schiffsjungen ein Stück Wegs hinter dem
Fuhrwerke herging, auf welchem er seine Waffen gelassen hatte und
von denen er auf diese Weise abgeschnitten war. Ein Mann von
Entschlossenheit und großer Körperkraft, leistete er waffenlos
nichtsdestoweniger tapferen Widerstand, warf einen der Strolche zu
Boden und verwundete ihn mit dessen eigener Macheta. Von den übrigen
hinterrücks zu Boden geworfen, ward auf ihn losgehauen wie auf ein
Bündel Brennholz, und als der arme Junge, den ein Schlag über den
Kopf besinnungslos niedergestreckt hatte, wieder zu sich kam, war der
todtähnliche Capitain in ein nahes Gebüsch geschleppt, der Karren
des Geldes, des Schiffschronometers und einiger anderen leicht
transportablen Gegenstände beraubt, die Banditen aber verschwunden.
Einige Amerikaner, -- die ich später in Leon kennen lernte -- des Weges
kommend und gut bewaffnet, setzten zwar den Räubern eine Strecke nach,
aber ohne Erfolg. Sie mußten sich damit begnügen den Verwundeten, der
noch einige Lebenszeichen von sich gab, zu verbinden und nach Pueblo
nuevo zu schaffen, wo man ihn unter der Pflege der Wirthsleute, ein paar
gutmüthiger alter Jungfern, noch zu retten hoffte. Zwei Aerzte aus
Leon, =Dr.= Livingston und =Dr.= Seidel, ein Sachse, die man schnell von
dorther zu Hülfe geholt hatte, fanden nicht weniger als fünfzehn Hieb-
und Stichwunden und zwei Knochenbrüche an dem Unglücklichen, der trotz
aller angewandten ärztlichen Sorgfalt am dritten Tage, in Folge des
vielen Blutverlustes den Geist aufgab. Große Erbitterung herrscht hier
über diesen Mord, dem in nicht langen Zwischenräumen bereits mehre
vorangegangen, und sobald sich nur erst Gelegenheit dazu findet, wird
Judge Lynch, glaube ich, auf tüchtige Beschäftigung rechnen können.
Der arme Schiffsjunge war noch sehr niedergeschlagen und fühlte sich
bang unter all den fremden Menschen hier, von denen keiner seine Sprache
kannte. Ein gutes Abendessen, das wir mit ihm theilten, ein Glas alten
Portwein aus unserm Reisekeller, so wie einige kleine Geldgeschenke
heiterten ihn indeß ein wenig auf. Am andern Tage ward er nach Leon
abgeholt, um von dort über Realejo auf einem englischen Schiffe in seine
Heimath befördert zu werden.
Im Hause fanden sich nur zwei Gastbetten und davon war eines das
Todesbett des unglücklichen Capitains gewesen; die Strohmatte, aus
der hier einzig die Betten bestanden, starrte noch von den dunklen
Blutflecken des Ermordeten. Obschon ein solcher Umstand nicht eben die
Annehmlichkeiten eines Nachtlagers erhöhet, sind doch 45 Miles zu Pferd
ein probates Mittel um alle etwaigen Bedenklichkeiten niederzuschlagen
und ich entschlummerte sanft, während Mr. Joseph ein Gleiches auf der
anderen Strohmatte that.
Gegen Morgen weckte mich ein Luftzug und ein seltsames Geräusch; die
Thüre ins Freie stand auf, ich hörte an meinem Gepäck zerren und ein
unbekanntes Etwas dumpf brummen. »=En garde!=« rief ich, und das Knacken
eines Pistolenhahnes gab mir vom Nachtlager meines Reisegefährten
herüber Antwort, wobei mir dieser zugleich zurief, ich möge schnell
Licht machen, er wolle die Thüre vertheidigen. Die eintretende
Helle überzeugte uns jedoch, daß der vermeintliche Spitzbube nur ein
friedliches Schwein war, welches, angelockt vom Geruche einiger schönen
Vogelbälge, an meinen Satteltaschen herumzupfte, in welchen ich sie
verwahrt hatte. Ich war so grausam seinen Drang nach ornithologischen
Studien durch einige Hiebe zu dämpfen. Die dadurch erregte Heiterkeit
hatte allen Schlaf verscheucht; wir sattelten und machten uns auf den
Weg, um Leon wo möglich noch bei guter Zeit am Vormittage zu erreichen.
Ein seltsames Concert bildet noch in jedem Dorfe das fortwährende
Geschrei der Hähne und das Bellen einer zahllosen Menge von Hunden, das
die ganze Nacht ununterbrochen fortdauert, als wollten letztere damit
gegen das alte Mährchen, daß die Hunde in diesen Tropenländern stumm
wären, recht eindringlich protestiren. -- Eine höchst praktische
Schutzwehr der Höfe bilden hier die Cactushecken, welche sich
pallisadenartig, mit scharfen harten Stacheln besetzt, oft in einer
Höhe von 8 bis 10 Fuß ringsherumziehen, und vorzüglich zum Abhalten
der Jaguare geeignet sind, die sich häufig des Nachts zu ihrem Schmause
Hunde aus den Dörfern holen.
Um 7 Uhr Morgens stiegen wir hinab in das herrliche Thal von Leon, das
an Schönheit wie an Fruchtbarkeit wohl kaum von irgend einem Lande
der Welt übertroffen werden kann. Ueberall wo nur der mindeste Fleiß
angewandt ist, lohnt sich derselbe im reichsten Maße. Dabei habe ich bis
jetzt noch nirgend gesehen, daß die Cultur wirklich so zur Verschönerung
der Natur beitragen kann, wie eben hier, denn da die Felder meist 50-60
Acres betragen und sich dazwischen immer Gebüsche und schöngezeichnete
reiche Baumgruppen hinziehen, während dichte Waldung da und dort einen,
bald bunten, bald dunklen Hintergrund bildet, so wird dadurch die
angenehmste und zugleich malerischeste Abwechselung hervorgebracht.
Inmitten dieser großen Thalebene liegt Leon, mit seinen vielen Kirchen,
lieblich auf Hügelhängen an einem kleinen Fluße, zwischen majestätischen
Baumparthien. Hier und da wiegen Cocospalmen, einzeln oder in Gruppen
ihre vom Morgenwinde bewegten Häupter auf zierlichen Stämmen; jenseits
der Stadt aber zieht sich die imposante Gebirgskette hin, auf welcher
fünf Vulkane fortwährend Rauchsäulen gleich gigantischen Stoßseufzern,
gen Himmel senden, Kunde gebend von ihrer geheimnißvollen Thätigkeit
tief im Schooße der Erde. Im Osten steht der Monotombo, über 6000
Fuß hoch, im Westen der Viejo, 5500 Fuß hoch, als die gewaltigen
Strebefeiler dieser Riesenmauer, während der stille Ocean sich am fernen
Horizont als dunkelblaue Linie hinzieht.
Um 10 Uhr ritten wir in Leon ein und mit einem Händedruck schied ich
von meinem liebenswürdigen Reisegefährten, der seine Fahrt nach Realejo
fortsetzte. Ob wir uns je wiedersehen, weiß Gott allein.
VI.
Freundliche Aufnahme in Leon. -- General Munnoz. -- Ein demüthiger
Apostel Christi. -- Rückkehr nach Granada.
Ich fand für mich, für Diener und Thiere eine gastliche Aufnahme im
Hause des =Dr.= Livingston, eines sehr geachteten Arztes, dem ich
meine Depeschen, gleich einer Art von Empfehlungsbrief vom Pferde herab
überreichte. Ehe ich mir jedoch Ruhe vergönnte, machte ich mich auf,
gestiefelt, bespornt und staubbedeckt, wie ich war, vor allen Dingen
diese Depeschen abzugeben, die mir dringend ans Herz gelegt waren und
wozu ich noch besondere Veranlassung in den kriegerischen Gerüchten
fand, welche überall laut wurden. Später habe ich mich jedoch überzeugt,
daß dergleichen hier eben nicht viel zu bedeuten hat. Man schreit und
zankt sich eine Weile herum, feuert, wenns hoch kommt, ein paar Dutzend
Flintenschüsse ab, sperrt auch vielleicht hinterher einige Hauptschreier
auf kürzere oder längere Zeit ins Loch, dann ist alles vorbei, um in
einigen Monaten wieder von vorn anzufangen.
Von meinem Empfange bei der Regierung ist nicht viel zu sagen. Schon
vielfach ist das Lächerliche eines kleinen Staates, gleichviel ob
Republik oder Monarchie, ohne inneren Gehalt, ohne Macht und äußern
Einfluß, der sich aber gleichwohl das Ansehen und Gewicht eines größeren
geben möchte, besprochen worden. Der Unterschied zwischen Washington
und Leon ist ungefähr dem eines Empfanges am Hofe von St. Petersburg
und eines in Bernburg zu vergleichen. General Munnoz, der eine Art
von Dictatorrolle spielt, war noch in Unter-Inexpressibles, warf aber
schnell ein kleines gelbes spanisches Mäntelchen um, das wahrscheinlich
eine Art von Interimsuniform vorstellen sollte. Ich ward übrigens
äußerst freundlich und zuvorkommend aufgenommen und in mehren Häusern
ward mir Wohnung und Unterhalt angeboten. Ich zog es jedoch vor da
zu bleiben, wo ich war, d. h. bei =Dr.= Livingston, wo ich mich einer
trefflichen Verpflegung und wahrhaft liebenswürdigen Umganges zu
erfreuen hatte.
Mein Zeichnen- und Maler-Material hatte ich in Granada zurückgelassen
und es drängte mich endlich an die Arbeit zu kommen, deshalb dachte ich
auf meine baldige Rückkehr dahin, auf welcher Rückreise =Dr.= Livingston
und Mr. Lane, ein zeitweilig hier lebender Amerikaner, mich begleiten
wollten.
Am Tage vor der Abreise saß ich mit letzterem eben vor der Thüre, als
ein wohlbeleibter Prälat, in Begleitung seiner gewöhnlichen Sauvegarde
von zwei Soldaten, auf seinem Ochsenkarren angeklingelt kam. Wir nahmen
ganz höflich die Hüte ab, allein dies schien dem frommen Manne noch
keineswegs zu genügen, denn er sendete einen seiner Soldaten ab, der
uns zum Niederknieen nöthigen sollte. Das kam uns denn doch ein wenig
allzuspanisch vor, zumal er ja nicht das Venerabile mit sich führte.
Als wir nicht schleunigst gehorchten, holte der Soldat aus, um Mr. Lane
einen Kolbenstoß zu versetzen. Ein ächter Yankee versteht in diesem
Punkte nicht viel Spaß und mein Gefährte zog rasch eine jener
sechsschüssigen New-Yorker Pistolen hervor, was auch mich veranlaßte
mein Bowiemesser ein wenig zu lüften; beim Anblick unseres guten
Vertheidigungszustandes retirirte der Kriegsheld über Hals und
Kopf hinter den Karren des Prälaten, der die Faust ballte und die
schrecklichsten Maledictionen auf uns herabdonnerte. Die ganze
Gesellschaft entfernte sich aber so eiligen Schrittes, als ein
Ochsengespann vermittelst Hieben fortzubringen ist. Mein Gefährte
forderte mich auf sogleich mit ihm zum Präfekten zu gehen, wo wir
den zornentbrannten Prälaten bereits vorfanden. Der Mann des Gesetzes
gerieth durch unsere Gegendeposition so in Verlegenheit, daß er die
ganze Sache, als nicht vor seinen Richterstuhl gehörig, von sich
wies. Der Amerikaner wandte sich nun mit seiner Beschwerde an den
Militaircommandanten, der den allzueifrigen Soldaten auf 24 Stunden ins
Loch sperren ließ. Der arme Bursche dauerte mich, da er ja gar nicht
wußte, wem er es eigentlich recht machen sollte, und erinnerte mich
lebhaft an jenen Rekruten in den fliegenden Blättern, der auf die Frage:
»Was ist ein Soldat?« die Antwort giebt: »A armer geplagter Mensch!«
Der Rückweg nach Granada bot nur den Unterschied, daß ich einige
prachtvolle Arten von Vögeln sammelte, und einen recht einfältigen Mord
an einem armen Affen beging, der ein Kleines auf dem Rücken trug, was
ich leider vorher nicht bemerkt hatte. Ich nahm mich der hinterlassenen
Waise pflichtschuldigst an und päppele sie bis diesen Tag mit Milch und
Wasser weiter, bis sie im Stande sein wird, sich durch eigenes Ingenium
ihren Lebensunterhalt zu verschaffen. Eine ganz neue Erscheinung waren
für mich die Quadusen, im Baue ähnlich dem Hasen, doch mit kürzeren
Ohren und Springfüßen und trippelnd wie der Dachshund.
Auch machte ich von Massaga aus dem Vulkane gleiches Namens einen
Besuch, um vorläufig einige Zeichnenstudien dieser eigenthümlichen
Naturbildungen zu nehmen. Ich hätte sehr gewünscht ins Innere des
Hauptkraters hinabsteigen zu können, der mehre höchst interessante und
groteske Schwefelformationen enthalten soll; dies allein zu unternehmen
ward mir jedoch als eine absolute Unmöglichkeit dringend widerrathen,
da ebensowohl die während der Regenzeit sehr häufigen und plötzlich
eintretenden Nebel den Weg ungemein erschweren, als auch die noch
fortwährenden Entwickelungen von Schwefelwasserstoffdämpfen den einsamen
Wanderer leicht der Gefahr des Erstickens aussetzen. Auch hätte ich
mein armes Pferd um keinen Preis über die verglaste Schlackenmasse
hinweggeschunden und eben so unmöglich war es, trotz aller Nachfragen
und Geldanerbietungen einen Führer und ein Maulthier zu erlangen.
Nichtsdestoweniger habe ich die Lavafelder so viel als möglich kreuz und
quer durchstrichen und auch einen kleineren Nebenkrater erklettert,
bis mich körperliche Erschöpfung und meine total zerrissenen Schuhe zur
Rückkehr nöthigten, habe auch, trotz der erschwerenden Umstände einige
höchst interessante Studien zustandegebracht.
Das Durchwandern dieser öden, und doch dabei an malerischen Schönheiten
so reichen Landschaft, gewährte mir einen eigenthümlichen Reiz, dem ich
nicht Worte zu geben vermag.
VII.
Indigobereitung. -- Verfall des Landbaues. -- Schlimme Aussichten
für Ansiedler. -- Gefährliche Galanterie. -- Zunahme der ärztlichen
Praxis. -- Einfluß des Mondes. -- Selbsthülfe zu rechter Zeit.
-- Die Schwefelquellen von Tipitapa. -- Gefährliche Begegnung. --
Kriegsanstalten. -- Militairische Exercitien.
Ihr habt mich zuletzt Anfang August 1851 auf der Rückreise von Leon nach
Granada verlassen, woselbst ich mein Malergeräth und sonstige Effecten
in Verwahrung gelassen und nun endlich meinen Reisegefährten, Mr.
_Squier_, selbst, oder doch wenigstens gewisse Nachricht über die Zeit
seines Eintreffens vorzufinden hoffte. Da beides nicht der Fall war,
beschloß ich wenigstens, die Zeit zu fleißigen Arbeiten für mein
Portefeuille und kleinern Ausflügen in der Umgegend zu benutzen.
Mein erster ging über den Bergrücken, welcher Granada von Rivas trennt,
nach einer Hacienda des Don Emanuel B.........., die mir als eine
der vorzüglichsten geschildert worden war, sowohl für den Kaffee- und
Cacaobau, wie für Erzeugung des Indigo, mir also die beste Gelegenheit
bot, mich über den Betrieb des hiesigen Landbaues zu unterrichten. Ich
war in Begleitung eines so gebildeten wie liebenswürdigen jungen Mannes
aus Granada, Don Jose S.... Unser Weg führte theils durch herrliche
Wälder, theils durch angebautes Land, dessen Hauptproducte Indigo, Mais
und Bananen sind.
Ziemlich auf der Höhe eines kleinen Gebirgsrückens, etwa 8 Miles von
Granada, hatte ich die Freude, die Ueberreste eines wahrscheinlich
aztekischen Idols aufzufinden; obgleich nur aus geringem und weichem
Material gearbeitet und arg mitgenommen von der Witterung, wie von der
Zerstörungslust der Maulthiertreiber, die im Vorbeiziehen gern einen
Streich mit der Macheta (lange, schwertartige Messer, die zugleich als
Waffe und als einziges Hau- und Schneidewerkzeug dienen) gleich einem
alten Sündenbocke danach führen, zeigte es doch noch deutlich die
nicht unschönen Proportionen und auffallende Aehnlichkeit mit den
flachstirnigen Physiognomien mexicanischer Monumente.
Mehrfach bemerkte ich unterwegs einen merkwürdig lauten Hall des
Hufschlages unserer Pferde, entweder von den Lavafeldern herrührend,
über die sich die wunderbar üppige Vegetation dieses Himmelsstriches
gebreitet, oder vielleicht auch von vulkanischen Höhlungen, die der
Erdoberfläche ziemlich nahe liegen. Ich habe bis jetzt noch nirgends
eine so bedeutende Verstärkung und Weitertragung des Schalles vernommen
wie hier, am auffallendsten aber bei Besteigung eines etwa 10 Miles
von Granada liegenden Berges, der eine entzückende Fernsicht von den
Gebirgen von Leon bis hinab nach St. Carlos bietet und wo ich, zufällig
am Boden liegend, ganz deutlich Trommeln und Musik aus Granada vernahm,
während man stehend nichts davon hören konnte.
Rings um den Mombatch, den Hauptstock des Gebirges von Granada, dessen
eingestürzter, gewaltiger Krater von allen Seiten die malerischesten
Umrisse bietet, erheben sich eine Menge größerer und kleinerer
Hügel, theils noch jetzt fortwachsend, getrieben von der Gewalt des
unterirdischen Feuers, das einen derselben in den letzten vier Jahren
über 30' gehoben hat, vielleicht aber doch nicht mehr Kraft genug
besitzt, um noch kleinere Nebenkrater zu bilden, wie sie sonst bei
Vulkanen mehr oder minder vorkommen.
Auf der erwähnten Hacienda, die wir gegen Abend auf den jetzt überall
durch den Regen grundlos gewordenen Wegen erreichten, ward uns eine
überaus gastliche und freundliche Aufnahme zu Theil, wie denn überhaupt
Gastfreundschaft die hervorragendste Tugend der Einwohner dieses Landes
ist.
Die Hacienda enthält nebst einem ziemlich bedeutenden Viehstande eine
Pflanzung von etwa 12,000 Cacaobäumen und eben so viel Kaffeebäumen;
sehr große Strecken waren mit den für den Wirthschaftsbedarf nöthigen
Mais und Bananen, hauptsächlich aber mit Indigo bebaut, dessen
Fabrication mich am meisten interessirte. Bekanntlich ist der Indigo nur
ein Oxyd des durch Gährung aus der Pflanze gezogenen und ursprünglich
grünen Saftes. Die Pflanze wird zu diesem Zwecke kurz über der Wurzel
abgeschnitten, in großen gemauerten Bassins dicht aufgespeichert und das
Ganze unter Wasser gesetzt. Die darauf wirkende heiße Sonne färbt das
mit dem Pflanzensafte geschwängerte Wasser bald grün, worauf es in
andere, tiefer liegende Behälter abgelassen, dort durch fortwährendes
Rühren und Peitschen mit der Atmosphäre in Contact gebracht wird und
so allmälig erst jene schöne tiefblaue Farbe bekömmt. Das Umrühren wird
anderwärts gewöhnlich durch einen Ochsengöpel oder durch Wasserkraft
bewerkstelligt, hier aber durch eine Procedur, die einen wirklich
höchst possirlichen Anblick gewährte, nämlich durch eine quer durch den
Behälter gehende, mit kurzen Stangen gespickte Holzwelle, in welcher
in der Mitte eine Art Schaukelbret angebracht ist, an dessen Enden zwei
Männer sitzen, die durch abwechselndes Aufstehen und Niederkauern
die ganze Maschine, nach Art der Nürnberger Sägemännchen, in Bewegung
setzen. Man kann kaum etwas Komischeres sehen, als diese hockenden,
schreienden, schwitzenden, oben kupferfarbigen und unten _echt_
indigogefärbten Indianer.
Die ganze Plantage war in früherer spanischer Zeit, aus welcher
überhaupt alle umfassenden Anlagen und bessern Einrichtungen herstammen,
mit großer Umsicht angelegt; weit ausgedehnte gemauerte Kanäle brachten
das Wasser nach allen Theilen der in geordneten Reihen stehenden
Pflanzung. Fortwährende Revolutionen, deren ungefähr aller drei bis
vier Jahre eine ist und durch welche jedesmal die Reichern durch
Contributionen arg geschröpft werden, haben das Vermögen der Besitzer
sehr heruntergebracht; die Kanäle sind verschlammt, die Indigofelder
voller Unkraut, in traurigem, wüstem Zustande, der nur eben so weit
bewältigt wird, um nicht Alles ganz einschlafen zu lassen.
Traurige Zustände, denen allein durch eine recht gesunde, kräftige
Einwanderung abgeholfen werden könnte, wozu aber wiederum nur eben
solche Leute tauglich wären, welche sich zuvor in den Vereinigten
Staaten die Hörner ein wenig abgelaufen und dort erst gelernt hätten,
wie man sich in fremdem Lande am besten organisirt und seine Kräfte
anwenden muß, um die mehrsten Körner aus seinem Weizen zu dreschen.
Solche aber, welche direct aus Deutschland herüberkommen und etwa
meinen, es würden ihnen bei nur geringer Mühe die gebratenen Tauben in
den Mund fliegen, werden hier wahrlich schlechte Rechnung finden. Doch
hierüber werde ich mir am Schlusse meiner Reiseberichte noch einige
besondere Gesammtbemerkungen erlauben.
Einige landesübliche Galanterien sind hier doch solcher Art, daß der
nicht eingewohnte Europäer sich dagegen bei Zeiten verwahren muß, wenn
er nicht, wie ich, die üblen Folgen verschmecken will. Die jungen Damen
vom Hause hatten die Artigkeit gehabt, mir zur Nacht eine mächtige
Schale voll Jasmin unters Bett zu stellen. So gut gemeint dies auch war
und vermuthlich eine landesübliche Sitte gegen Gäste, hatte es doch zur
Folge, daß mein armer Kopf mir andern Tages noch viermal so dick und
schwer, als gewöhnlich vorkam. Ich empfehle meinen Nachfolgern also
nicht blos _Vor_-, sondern auch _Unter_sicht beim Zubettgehen!
Aber nicht nur in Bezug auf Land und Leute, sondern auch an mir selbst
habe ich Entdeckungen gemacht, die Euch in Erstaunen setzen werden. Wie
Ihr wißt, hatte mein trefflicher Freund, =Dr.= _Gescheidt_ in New-York,
mich beim Antritte meiner Reise mit einem kleinen chirurgischen Besteck,
Anleitung zum Aderlassen, sowie einigen allgemeinen medicinischen Regeln
ausstaffirt. Schon während der Fahrt auf dem St. Juan-River hatte ich
Gelegenheit gehabt, von ersterm verdienstliche Anwendung zu machen. Hier
aber sollte ich in noch ganz andere Versuchung geführt werden.
Der alte Herr, dessen Gastfreundschaft ich genoß, von Umfang des Leibes
ziemlich einem Falstaff gleich, befand sich am Abend sehr übel und
wollte guten Rath von mir. Solchen nicht geben, heißt hier sehr
unhöflich sein, denn selbst Demosthenes würde diese braven Leutchen
nicht überzeugt haben, daß ein Europäer (zumal ein Deutscher) und ein
Doctor nicht ganz identisch seien. Zum Glück war der Fall ziemlich
einfach, da der Hauptgrund der Krankheit augenscheinlich in täglich
fünfzehn- bis achtzehnstündigem Schlaf im Hammock und etlichen
Tagesmahlzeiten =à proportion= seines Leibesumfanges lag. Nach
Pulsfühlen und gewichtigem Fingerandienaselegen verabreichte ich ihm
eine gehörige Dosis meiner prächtigen Aloëpillen, die, wenn sie nichts
nützten, doch auch nicht schaden konnten, machte ihn aber aufmerksam,
ja nicht zu Nacht zu speisen, was jedoch eine unmöglich zu befolgende
Vorschrift war, weil der gute alte Papa eine mörderliche Angst hatte,
in diesem Falle über Nacht Hungers zu sterben. Zwei Becher gewürzter
Chocolade mußte ich also =nolens volens= concediren. Trotzdem war der
Zustand des Patienten am andern Morgen bedeutend besser, da die Pillen
ihre bekannte Eigenschaft kräftigst bethätigt hatten, und ich empfing
von der gesammten Familie die feierliche Versicherung, daß ich ein
großer Doctor sei -- was denn doch in der That eine nagelneue Entdeckung
genannt werden kann!
Am Tage darauf kam jedoch ein bedenklicherer Fall: ein Knecht war von
einem Maulthiere an den Schlaf geschlagen worden und lag für todt da.
Natürlich sollte und mußte der =Sennor e'strangero= da wieder Rath
schaffen. Ich spürte noch einige Lebenszeichen an ihm und verfuhr nun
flugs wie der gute =Dr.= de Montegre mit mir vor vier Jahren in Paris
verfahren, als ich jenen unfreiwilligen Purzelbaum von 44' Höhe vom
Gerüste herab gemacht hatte, d. h. ich ließ dem Scheintodten von mehrern
Personen zugleich die Hände und Füße mit ganz heißem Wasser waschen,
bis ich wieder Pulsschläge fühlte, worauf ich ihm eine Ader öffnete,
und hatte die Freude, ihn bald wieder bei voller Besinnung zu sehen. Die
Moral der Sache ist, daß etwa hierher pilgernde Landschaftsmaler sich
darauf gefaßt machen müssen, nebst ihrer Kunst auch noch ganz andere
Künste zu üben. Dergleichen Kopfstöße scheinen übrigens hier etwas sehr
Gewöhnliches zu sein, denn besagtes Individuum ward wenigstens, außer
jener kurzen Gefahr, eine Reise in den Himmel zu machen, weiter nicht
sehr von den Nachwehen belästigt, und hülste schon am Nachmittage ganz
gemüthlich und zu meiner großen Freude Cacao aus, denn ich habe eine
wahre Heidenangst, daß meine wider Willen ausgeübte Doctorpraxis mich
einmal recht ordentlich in die Klemme bringt, wo die gute Absicht einen
kaum ausreichenden Trostgrund für angerichtetes Uebel gewähren dürfte.
Auch die in der tropischen Zone so heftigen Einflüsse des Mondes wie der
Sonne habe ich einige Zeit darauf an mir selbst erfahren. Von ersterem,
als ich eine Nacht so lag, daß die Strahlen des Mondes eine Zeitlang auf
mein Gesicht schienen. Nach lebhaften, ängstigenden Träumen, von denen
mich doch sonst mein gesunder Schlaf nach körperlicher Ermüdung immer
frei läßt, erwachte ich mit überaus heftigem, nervösem Kopfschmerz, der
den ganzen folgenden Tag anhielt und meine ganze, vom Monde beschienene
Gesichtshälfte dick aufschwellte.
Schlimmer bekam mir die andere Erfahrung in Bezug auf die Sonne, die
möglicherweise sogar den Grund zu der bösen Krankheit gelegt haben kann,
die mich bald darauf befiel. Ich hatte =Dr.= _Livingston_ wieder
ein Stück nach Leon zurückbegleitet, um später von dieser himmlisch
gelegenen Stadt aus meine Malerexcursionen vorzunehmen; vorher aber
wollte ich trotz des Abmahnens allein den heißen Schwefelquellen von
Tipi-Tapa und dem Vulkane von Massaga einen Besuch abstatten. Von
Managua aus führt der Weg über die große Ebene, welche die Seen von
Granada und Managua trennt, theils durch herrlichen, hochstämmigen Wald,
theils durch baumloses Sumpfland. Die Sonne brannte heiß hernieder
auf den einsamen Wanderer, das 5 bis 6 Fuß hohe Schilf gewährte keinen
Schutz gegen die senkrechten Strahlen, und die Sumpfluft lag bleiern
über der lautlosen Landschaft. Roß und Reiter trieften von Schweiß
und suchten vergebens nach erquickendem Schatten und Wasser. Mir ward
plötzlich so schwindlich und unwohl, daß ich mich nicht mehr im Sattel
zu halten vermochte und, da ich die Ursache meines Uebelbefindens
errieth und allenfalls noch Bewußtsein genug hatte, um meinen Rock
abzustreifen und meine Lanzette hervorzuholen, so versuchte ich hier zum
ersten Male meine Kunst an mir selbst und öffnete mir eine Ader. Nach
einiger Zeit erwachte ich wieder aus der Ohnmacht, in die ich verfallen
war, hatte starken Blutverlust gehabt, fühlte mich aber auch sehr
erleichtert dadurch. Mein Schimmel dachte nicht ans Fortlaufen, sondern
beschnoperte neugierig bald mich, bald die Blutpfütze. Ich band mir das
Taschentuch so fest ich konnte, um den Arm und kletterte mühsam auf's
Pferd, konnte aber diesen Tag vor Mattigkeit Tipi-Tapa nicht mehr
erreichen, sondern mußte in einer kleinen Hacienda übernachten, wo mein
armes Pferd, da kein Futter vorhanden war, sich das seinige selbst im
=Protero= (Weideplatz) suchen mußte, der noch dazu über eine englische
Meile entlegen war. Dieser letztere Uebelstand tritt sehr oft ein und
deshalb bringt jede Reise die Thiere sehr herunter, besonders wenn man
schwer laden muß, wie ich es genöthigt war, da ich bei solchen kleineren
Excursionen aus öconomischen Gründen weder Diener noch Packthier bei mir
habe.
Nachdem ich mich bei dem gutmüthigen Besitzer der Hacienda einen Tag
ausgeruht, riskirte ich, trotz der erhaltenen Witzigung, noch einen
Besuch der Schwefelquellen von Tipi-Tapa, welche ungefähr eine Meile vom
genannten Flecken, an der Stelle liegen, wo der Rio di Tipi-Tapa (ein
Ausfluß des Sees von Managua) sich zwischen großen Felsbrocken verliert.
Die stärkste dieser Quellen erhebt sich inmitten eines, theils
sumpfigen, theils mit Steingerölle gefüllten flachen Kessels aus einem,
durch Niederschlag der das Wasser sättigenden Mineralien gebildeten
Hügelchen von acht bis zehn Fuß Höhe. Das Wasser quillt ganz siedend
hervor und entwickelt eine Menge von Schwefelwasserstoffdämpfen,
die mich, als ich beim Losbrechen und Sammeln einzelner Stücken des
Niederschlages etwas zu lange verweilte, ganz schwindlich machten.
Ich befürchtete eine Rückkehr des vorerwähnten Ohnmachtanfalles und
entfernte mich so schnell als ich vermochte. Es ging auch bald vorüber,
als ich nach einiger Zeit in freiere Luft kam, und ein Fußbad in dem
etwas weiter entfernten abgekühlten Wasser wirkte besonders wohlthätig
auf mich.
Eine zweite heiße Schwefelquelle entspringt inmitten eines kleinen
Teiches von ganz kaltem Wasser, wie dies auch bei den Liparischen
Inseln an der Küste Siciliens gefunden wird, und noch mehre andere,
von minderer Bedeutung, nicht weit davon. Alle diese Quellen enthalten
augenscheinlich eine große Menge Schwefel, Kochsalz, sowie einige
andere kräftige Substanzen, und werden dereinst einmal, wenn erst eine
zahlreichere und betriebsamere Bevölkerung das Land etwas empor gebracht
haben werden, gewiß eine sehr besuchte Heilquelle bilden, und einen
nicht weniger bedeutenden Exportartikel liefern.
In Folge dieser beiden eigenen Erlebnisse kann ich alle, mir etwa
nachfolgenden Reisenden, zumal so lange sie sich noch nicht völlig an
das hiesige Klima gewöhnt haben, nicht dringend genug warnen, selbst
kleinere derartige Ausflüge niemals allein zu unternehmen.
Als ich Tags darauf auf meinem Rückwege durch einen Wald über eine Art
von Kreuzweg kam, riefen mir von der Seite drei Berittene, mit Lanzen
bewaffnet, ein grimmiges »Halt!« zu; ich verspürte jedoch nicht
sonderlich viel Lust mich mit ihnen in nähere Expectorationen
einzulassen, und als einer davon mit erneutem Rufe ein Pistol aus der
Halfter zog, nahm ich, so miserabel und unkriegerisch mir auch noch zu
Muthe war, meine getreue Büchse herauf, was die drei Helden, zu meiner
großen Befriedigung, bewog, Kehrt zu machen und sich nicht weiter um
mich zu bekümmern. Ich erfuhr bald darauf, daß es der Vorposten eines,
in Managua garnisonirenden, etwa 300 Mann starken Corps der Granadiner
Reichsarmee war, welche zum bevorstehenden Kampfe mit den Leonesern
zusammengezogen wird.
Ihr müßt nämlich wissen, daß seit etwa zwei Wochen wiederum eine neue
Revolution sammt allen Gräueln des Bürgerkrieges im Anzuge ist, ohne
daß ich selbst bis jetzt viel davon bemerkt hatte. Die respectiven
Regierungen von Granada und Leon haben einen Aufruf an alle waffenfähige
Bürger erlassen, zur Rettung des Vaterlandes herbeizueilen, welcher
Aufruf jedoch, wenigstens auf Seite der Granadiner, eben keinen
absonderlichen Enthusiasmus erregt zu haben scheint. Eine Abtheilung
dieser barfüßigen Prätorianer liegt, wie gesagt, in Managua,
größtentheils mit Flinten bewaffnet, von denen die eine keinen
Ladestock, die andere kein Bajonett, die dritte sogar kein Schloß hat,
sehr viele davon aber wohl beim ersten Schuß springen werden. Dieses
Corps steht unter dem Commando eines Generals, der sich in besseren
friedlichen Zeiten damit beschäftigt, verdorbene Uhren noch mehr zu
verderben.
Auf der Durchreise ward mir das Glück zu Theil, diese tapferen Spartaner
manövriren und exerciren zu sehen. In Erwartung nämlich, daß der Feind
kommen werde, laufen die Helden einstweilen täglich einige Stunden,
einer hinter dem andern, rings um den geräumigen Marktplatz herum,
wozu abwechselnd auf einer faßartigen, von zwei Mann getragenen großen
Trommel, oder auf zwei kleinen übereinandergebundenen, Tambourins
gleichenden Trömmelchen tapfer darauf losgepaukt wird. Auch
Festungswerke hat man errichtet, wenn man nämlich einige, 4 Fuß hohe,
einen Fuß dicke Mäuerchen aus Luftziegeln und von Holzklötzen und Balken
gestützt, mit diesem Titel beehren will. Auf der Gegenpartei mag es
wohl auch nicht viel besser aussehen, und so stehen sich denn die Löwen
kampfgerüstet einander gegenüber.
Der Hauptkern dieser ewig wiederkehrenden Katzbalgereien, die das arme
Land nur aussaugen und keinen gedeihlichen Zustand zur Blüthe kommen
lassen, beruht auf einem individuellen Streite der Machthaber von Leon
und Granada, und diesmal scheint mir die Granadiner Partei insofern im
Rechte zu sein, als sie einen, meiner Ansicht nach, ganz vernünftigen
Zusammentritt zu einer größeren Föderativrepublik zum Feldgeschrei
haben, während die Leoneser eine Art von Sonderbündelei im Schilde
führen, aus der natürlich immer wieder neuer Same der Zwietracht
erwachsen muß. Das Seltsamste dabei ist aber, daß die ganze Sache
sich eigentlich nur um das Privatinteresse von etwa einem Dutzend
tonangebender Personen dreht, die Hauptmasse der Bevölkerung derselben
ziemlich fremd bleibt und nur insofern Interesse daran hat, als sie
immer wieder das blutende Opfer dieser Kämpfe werden muß; von wahrem
Patriotismus, freudiger Hingebung an das allgemeine Wohl des Vaterlandes
habe ich aber verwünscht wenig bemerkt, trotzdem die Leute derlei
pomphafte Reden ewig im Munde führen.
Solche Wahrnehmungen, so viel sie auch zur Erweiterung meiner Welt- und
Menschenkenntniß beitragen, betrüben doch recht herzlich in einem Alter,
das noch für allerhand schöne und ideale Illusionen empfänglich ist.
Hat man auch endlich hier und da noch einige edle Züge entdeckt, so
schrumpfen bei näherer Prüfung auch davon noch die meisten zu einer
gedörrten Frucht zusammen, die sich nur das Ansehen einer frischen zu
geben strebt. So jung ich auch noch bin und so wenig Welterfahrung ich
auch in dieser Hinsicht noch gesammelt, ist mir doch der Appetit nach
mehren schon ziemlich vergangen.
VIII.
Der geendigte Krieg in Nicaragua. -- Aufregung in Granada. --
Unangenehme Conflicte. -- Meeting in Massaga. -- Hauptquartier
in Managua. -- Don Fruto Chamorro. -- Gefecht von Nagarote.
-- Erkrankung. -- Gefecht von Chinandega. -- Mißverhältniß der
Streitkräfte. -- Vertrag von Posolteja. -- Treubruch des Generals
Lopez. -- Ehrenhaftes Benehmen des amerikanischen Gesandten. --
Traurige Aussichten.
Leon, d. 1. December 1851.
So widerlich und betrübend für den Menschenfreund auch das seit meinem
letzten Berichte hier zu Ende geführte Drama ist, kann ich mich doch
nicht enthalten Euch das schmachvolle Ende dieses neuesten zahmen
Revolutionskampfes von Nicaragua zu schildern. Ich will eine möglichst
ausführliche und getreue Darstellung der letzten Ereignisse versuchen,
einmal, weil, soviel ich weiß, keine der bisherigen Correspondenzen in
amerikanischen Blättern frei von Irrthümern war, was seinen natürlichen
Grund darin hat, daß keine dieser Correspondenzen von Leon aus erfolgte,
wo die Haupttragödie -- oder Comödie, wie man es nehmen will -- gespielt
hat und hier zu Lande, wie anderwärts, jede Meile ein wenig an der
Nachricht verändert, so daß eine Mosquitofliege, welche in den Straßen
von Leon ausfliegt, schon in Granada als ein zweiköpfiger Drache anlangt
und bis St. Juan zu einem Monstrum mit hundert Köpfen und tausend Armen
anschwillt.
Nebstdem vermag aber auch nichts einen deutlicheren Begriff der
hiesigen unglückseligen Landesverhältnisse zu geben, als eine schlichte
Darstellung solcher Ereignisse, die sich schon so oft in gleicher
Weise wiederholt haben und noch wiederholen werden, mit dem einzigen
Unterschiede, daß dann immer andere Hauptacteurs figuriren; die
Hauptsache bleibt aber dieselbe.
Meine letzte (dritte) Reise von hier nach Granada und zurück, um einen
meiner Creditbriefe in klingende Münze zu verwandeln, so wie eine
zufällige Unterhaltung mit dem eben zurückgekehrten Präsidenten Pineta,
der mir aber zu jener Zeit noch unbekannt war, in Massaga, erlauben
mir die genaueste Auskunft über das zu geben, was sich auf Seite der
Granadiner zutrug. In Betreff der Leoneser Partei setzen mich die
detaillirsten Mittheilungen eines, zur Zeit hier noch residirenden,
höchst achtbaren Amerikaners, dessen verantwortliche Stellung mir jedoch
die Nennung seines Namens verbietet, der aber von allen Vorfällen auf
das Genaueste unterrichtet ist, in den Stand auch dasjenige zu berichten
was sich zutrug, als ein hitziges Fieber mich ans Bett fesselte und
somit verhinderte, Augenzeuge der Vorfälle zwischen dem General Lopez
von Honduras und dem Leoneser General Munoz zu werden. Endlich aber
überzeugten mich mehre Unterhaltungen mit dem Minister Chicodilla,
welcher fast täglich das Haus meines gütigen Wirthes und Pflegers, des
=Dr.= Livingston besuchte, von der vollkommenen Richtigkeit aller jener
Mittheilungen.
Ich übergehe meine letzte Hinreise nach Granada, die den früher schon
beschriebenen gleich war, bis auf den Umstand, daß ich diesmal meinen
Weg über Tamarinta-Bay nahm, welche ich jedoch nur in der Entfernung
einer (engl.) Meile zu Gesicht bekam, da der Sumpfboden, in welchem mein
armes Pferd bis an den Sattelgurt versank, mir nicht verstattete, näher
hinan zu gelangen. Dieser Abstecher brachte mir nebenbei auch noch das
Vergnügen einer schlaflosen und höchst qualvollen Nacht ein, in der ich
von Mosquitos und Sandfliegen, -- das allerlästigste Insect von der Welt
-- beinahe aufgefressen worden wäre.
Am Tage, oder richtiger am Abend, wo ich Granada wieder verließ, war die
Stadt aus zweierlei Anlaß in lebhafter Aufregung. Zuerst war früh 9 Uhr
die Nachricht eingetroffen, daß der vertriebene Präsident Pineta aus
seiner Verbannung über Segovia und Tipitapa eintreffen werde, infolge
dessen jedermänniglich und weibiglich sein Haus aufs Beste mit Fahnen,
Teppichen und Blumen zu schmücken bemüht gewesen war. Diese Freude
der Granadiner ward jedoch unangenehm durch den blinden Lärm gestört,
Colonel Mac-Claen sei mit einer großen Anzahl Amerikaner in St. Juan del
Sur den Leonesern zu Hülfe gekommen und rücke mit Heeresmacht heran, um
Granada zu bedrohen. Daß diese letzte Nachricht völlig unwahr, wußte
ich sehr wohl, denn noch bevor ich Leon verließ war besagter Colonel
mit nicht mehr als 14 Mann amerikanische Freiwillige dort eingetroffen,
welche Heeresmacht noch durch etliche Zuläufer bis zu einer sehr
schwachen Compagnie angewachsen war, die Mac-Claen eben noch möglichst
einzuexerziren sich abmühete.
Es hatte sich in Granada, Gott weiß aus welchem Grunde und auf welchem
Wege, das Gerücht verbreitet, ich sei Träger einer bedeutenden Geldsumme
für Munoz, welche seine Freunde in Granada ihm zusendeten. -- Du lieber
Himmel! als ob ein armer reisender Maler überhaupt jemals Träger einer
bedeutenden Geldsumme sein könnte? -- und als ich die Plaza passirte,
ward ich vom Pfeifen und Schreien der Menge begleitet, während ein
junger, ziemlich anständig gekleideter Mensch sogar unverschämt genug
war, mich auf englisch zu insultiren und mich als Parteigänger Munoz
bezeichnete, den man anhalten, das Pferd wegnehmen müsse und endlich
gar das Wort Scoundrel (Schurke) gebrauchte. Wer ein gut Gewissen
hat, braucht sich nicht schimpfen zu lassen, dachte ich, wendete
augenblicklich mein Pferd und zog, auf den Laffen losgaloppirend, den
Ladestock meiner Büchse, um ihm die verdiente Züchtigung angedeihen zu
lassen; er flüchtete sich aber in ein Haus, durch dessen verschlossene
Thür ich ihm freilich nicht folgen konnte, was mir für den Moment um
so lieber war, als die späte Tagesstunde, so wie ein heraufziehendes
schweres Gewitter mich zur Eile antrieb; treffe ich aber den Burschen
jemals wieder, so dürfte unsere Begegnung zur Folge haben, daß ich mir
einen neuen Ladestock anschaffen müßte.
Ich wünschte noch vor später Nacht Massaga zu erreichen und legte die
5 Leguas, durch den unaufhörlichen Regen bodenlos gewordenen Weges bis
dahin so schnell wie möglich und mit all der Vorsicht zurück, die eine
Vedette in Feindesland anwendet, denn nach den gemachten Erfahrungen
mußte ich jeden Augenblick gewärtig sein, den Pfeil eines Meuchelmörders
aus dem Dickicht schwirren zu hören. Nichts der Art trug sich indessen
zu und gegen 10 Uhr Abends ritt ich in das Gehöft einer bekannten
Familie ein, bei der ich schon zweimal übernachtet hatte.
Ich fand in diesem Hause, wo ich sonst nie einen Mann, außer dem
Besitzer, getroffen hatte, eine Versammlung von zehn bis zwölf Männern
vor, von denen einer, ein hochgewachsener helläugiger Mann mit blondem
oder grauem Haare, -- wegen mangelhafter Beleuchtung konnte ich den
Zweifel nicht lösen -- der gutmüthig in die Welt hinausblickte, el
Sennor Directore genannt wurde. Ich war zu sehr mit dem Gedanken
an meine Weiterreise mitten durch die, einander feindlich
gegenüberstehenden Heere, so wie mit der Befriedigung meines Appetits
beschäftigt, um der Unterhaltung dieser Gesellschaft absonderliche
Aufmerksamkeit zu schenken; allein auf einige an mich gerichtete Fragen
über Zweck und Endpunkt meiner Reise, so wie um meine Meinung über das
Land, die Revolution und die Stimmung der Fremden, antwortete ich frank
und frei, ohne mir ein Blättchen vor den Mund zu nehmen, so daß ich
sicher war, verstanden zu werden. Zudem sorgte auch noch ein junger
Mann, Namens Rivas, dafür, aus einer der angesehensten Familien
Massagas, der geläufig englisch und französisch sprach und meinen
Dollmetscher machte. Auf meine Aeußerungen der Entrüstung: daß in einem
kleinen Lande wie Nicaragua, das man selbst auf der größten Specialkarte
bequem mit der Hand bedecken könne und dennoch zwanzigmal mehr
Flächenraum habe als zum Unterhalte seiner Bewohner nöthig, die Menschen
nicht einmal in Ruhe und Frieden mit einander leben könnten, lachte
jener blondgraue Herr recht aus vollem Herzen und schnitt dazu ein
Gesicht wie mein Schimmel, wenn ich ihm die Schüssel voll süßen Mais
vorhalte.
Ohne weitere Abenteuer langte ich andern Tages bei guter Zeit in Managua
an, wo man mich nach meinem Paß vom Präfecten von Granada fragte und
mich auf meine verneinende Antwort an den commandirenden General Don
Fruto Chamorro verwies. Ich war vortrefflich mit doppelten Pässen
versehen, einen vom Ministerium in Washington und einen zweiten von
Sennor Don Marcoleta, spanischer Gesandter bei der Regierung der
Vereinsstaaten und den Staaten von Central-Amerika, dachte mithin nicht
im mindesten daran, umzukehren.
Nachdem ich mich und mein Roß erst mit einigem Imbiß gestärkt, ritt
ich straks vor Don Fruto's Hauptquartier. Es wimmelte von Officieren,
Ordonnanzen und Soldaten aller Waffen, wohl ihrer hundert, kurz einem
Generalstabe, mit dem sich eine Armee von 50,000 Mann allenfalls
hätte begnügen können. Das erste Beginnen dieser Helden war, mich zu
entwaffnen, ja einer schnallte mir sogar die Sporen ab, während zwei
Andere mein Pferd hielten. Ein Officier bezeigte sogar Lust, Hand an
mein Toledoschwert zu legen, was ich jedoch fest entschlossen war nicht
_auf_-, sondern dem dreisten Menschen eines damit _über_ den Kopf zu
geben, als Don Fruto's Dazwischenkunft noch bei Zeiten alle weiteren
Gewaltthätigkeiten verhinderte, bei denen meine Wenigkeit am Ende doch
wohl den Kürzeren gezogen haben dürfte. Da ich aber nun einmal auf hohem
Pferde saß, ließ ich ihm einige sehr scharfe Redensarten verschmecken,
worauf er, wie ich nicht anders erwartet hatte, sein Visa ohne weiteres
Zögern unter meine Pässe setzte.
Auf halbem Wege zur nächsten Station (Mitiares) begegnete mir ein
Officier in großer Hast und Eile und von äußerst mürrischem Ansehen;
im Dorfe selbst angelangt, welches der letzte befestigte Posten der
Granadiner war, fand ich etwa 200 bis 250 Mann, ganz entkräftet, mit bei
Seite geworfenen Waffen überall schlafend umherliegen, während von Zeit
zu Zeit immer noch Andere vereinzelt und eben so erschöpft anlangten. Am
Ausgange des Dorfes erfuhr ich die Ursache hiervon. In vergangener Nacht
war ein vorgeschobenes Corps von 350 Mann im Dorfe Nagarote von den
Leonesern plötzlich mit großem Ungestüm angegriffen und in die Flucht
geschlagen worden. Genauere Details konnte ich zur Zeit nicht erfahren,
außer daß ein Colonel Silaga -- auch Cachirullo genannt -- durch einen
Lanzenstich getödtet worden sei, was mich aufrichtig betrübte, denn
ich war schon bei meiner ersten Anwesenheit in Leon mit diesem Colonel
persönlich bekannt und befreundet worden und hatte ihn als braven,
gebildeten Officier und auch sonst um Vieles höher schätzen lernen, als
einen großen Theil seiner Landsleute.
Bis Abends 7 Uhr begegnete ich noch Nachzüglern, theils einzeln, theils
in kleinen Trupps, theils mit, theils ohne Waffen, theils auf der
Heerstraße einherschwankend, theils aus dem Walde kommend, wohin sie
sich in ihrem Schrecken geflüchtet hatten.
Tief in der Nacht und triefend von Regen langte ich in Nagarote an; am
Eingange des Dorfes lagen einige getödtete Pferde und die Bewohner waren
noch so voller Schrecken über die letzte Affaire, daß ich nur erst,
nachdem man meine von früherher noch bekannte Stimme wieder erkannt
hatte, Einlaß ins Wirthshaus erhielt.
Dies waren die einzigen persönlichen Rencontres, die ich mit den Heeren
der kriegführenden Mächte von Central-Amerika zu bestehen hatte, und
aller Wahrscheinlichkeit nach waren es diese Vorfälle, aus denen der
Correspondent eines New-Yorker Blattes die grausenhafte Geschichte
meiner Gefangennehmung und tödtlichen Verwundung zusammengeschmiedet
hatte, die Euch, Ihr Lieben, leider in so große Sorge und Angst um mich
versetzte. Die Münchhausiade sei ihm in Gnaden verziehen.
In Leon, das ich am andern Morgen ohne weitere Fährlichkeiten erreichte,
erfuhr ich erst die genaueren Details über jenes Gefecht von Nagarote.
Dreißig Mann Infanterie, ungefähr eben so viele Cavalleristen und etwa
ein Dutzend amerikanischer Scharfschützen waren unter Befehl des Colonel
Silaga auf eine Recognoscirung detachirt worden und stießen unvermuthet
auf den Feind. Als die Vorposten feuerten, ging's gleich mit Hurrah und
Halloh drauf los, und da die Dunkelheit die geringe Anzahl der Leoneser
verbarg, so brachte der erste entschiedene Angriff eine eben so
entschiedene Niederlage hervor und die Granadiner liefen nach allen
Seiten davon, wie ich noch selbst hatte sehen können, und so wild war
die Flucht gewesen, daß mehre Armee-Papiere, Geld, Effecten und die
ganze Bagage der Officiere, insoweit dieselben dergleichen hatten, in
die Hände der Leoneser fielen. Noch am Morgen nach dem Gefechte wurden
von den Dorfbewohnern fünf Granadiner aus einem flachen Brunnen gezogen,
wohinein sie in der Todesangst gesprungen waren.
Doch genug der Thaten der zerlumpten Helden. Ich war, wie gesagt,
glücklich und wohlbehalten in Leon angekommen, mußte aber gleich nach
meiner Ankunft den nur aufgeschobenen Tribut der Acclimatisation zahlen,
indem ich in ein hitziges Fieber verfiel, das mich über vierzehn Tage
ans Bett fesselte und mich sehr von Kräften brachte; nur durch die
größte Schonung, treffliche Pflege in =Dr.= Livingston's gastfreiem
Hause, gute Nahrung, Porter u. s. w. kam ich nach und nach wieder auf.
Während dieser Zeit war die Entwickelung des traurigen Possenspiels in
folgender Weise vor sich gegangen:
Am 4. November war eine Escolta von fünfundzwanzig Infanteristen und
fünfundzwanzig Cavalleristen nach Chinandega, einer kleinen Stadt
von circa 10,000 Einwohnern, halbwegs zwischen hier und der Küste des
Pacific gelegen, entsendet worden, um eine Geldcontribution zu erheben.
Commandant des kleinen Trupps war Major Silaga II., Bruder jenes
erstgenannten Colonel Silaga, der übrigens nicht in jenem Gefechte von
Nagarote geblieben war, sondern nur drei leichte Wunden davon getragen
hatte. Dieser Leoneser Trupp war bereits bis auf die Plaza von
Chinandega vorgerückt, mit Befremden nur durch leere Straßen
marschirend, als er plötzlich von allen Seiten mit einem mörderischen
Feuer begrüßt ward. Es waren dies Hondurenser Truppen, welchen Staat
Granada für sich zu gewinnen gewußt hatte, unter Commando des Generals
Lopez, begleitet von dem Minister Chicodilla von Nicaragua, welcher mit
dem Präsidenten Pineta die Verbannung getheilt hatte. Schon einige Zeit
vorher hatte das Gerücht vom Abfall Honduras und vom Eintreffen dieser
Truppen in Leon circulirt, Niemand hatte aber recht daran glauben
wollen.
Ein kurz zuvor eingetretener Regensturm hatte zum Unglücke der Leoneser
Truppen auf dem Marsche den größten Theil ihrer Munition durchnäßt; die
Uebermacht nicht beachtend commandirte Major Silaga dennoch muthig zum
Angriff und warf den Feind auch wirklich fünf Straßen weit zurück, über
einen kleinen Fluß. Hier aber ward er mit solcher Heftigkeit von drei
Seiten angegriffen, daß er nicht länger Stand zu halten vermochte;
nachdem jeder seiner Leute die wenigen etwa noch trocken gebliebenen
Patronen bis auf die letzte verschossen hatte, zerstreuten sie sich und
suchten einzeln, so gut sie konnten, sich einen Ausweg zu bahnen. Der
Major Silaga und sein Adjutant, denen beiden die Pferde unter dem Leibe
getödtet worden waren, mußten zu Fuß den Weg bis Chichigalpa suchen, an
welchem Orte sie so glücklich waren frische Pferde zu erlangen. Von der
ganzen Escolta trafen im Laufe der nächsten Tage noch 26 Mann, ohne ihre
Officiere, ein; etwa 12 Todte waren auf dem Platze geblieben, worunter
die Mrs. Bradburry und Lane. Das Häuflein erreichte glücklich Leon
auf weitem Umwege über Realejo. Feindlicher Seits waren bedeutend mehr
geblieben. Im Ganzen sollen sich jedoch die Hondurenser, obschon ihnen
ihre große Ueberzahl zu statten kam, immer noch besser geschlagen haben,
als die Granadiner Helden.
Der General Munoz sah nach diesem Gefechte ein, daß die neuesten
zuverlässigen Nachrichten über die nummerische Stärke des Feindes ihm
ein sehr zweifelhaftes Resultat in Aussicht stellten. Die Granadiner
zählten, die allerdings nur schwachen Garnisonen von Granada, Rivas,
St. Juan del Sur, Matagalpa nicht mit eingerechnet, über 1100 Mann,
wovon ein großer Theil zuletzt noch in aller Eil ganz gut mit Uncle
Sams Musqueten bewaffnet worden war, die Mr. White als Preis seines
nichtswürdigen Monopols erschachert hatte; dazu die Hondurenser,
zwischen 300 und 400 Mann stark, also zusammen über 1500 Mann disponible
Truppen. Diesen hatte Munoz Alles in Allem nicht ganz 700 Mann
entgegenzustellen, allerdings besser disciplinirte und exerzirte Leute,
mit einer halben Batterie leichter Artillerie unter Commando eines
französischen Officiers. Auch sein kleines Häuflein Cavallerie war
nicht ganz übel beritten und einexerzirt. Bei solchem nummerischen
Mißverhältniß und geringem Vertrauen auf die kriegerische Ausdauer der
Eingeborenen, war es daher das Klügste was man thun konnte, mit der
Gegenpartei in Unterhandlungen zu treten, um die Stadt doch wenigstens
unter möglichst guten Bedingungen zu übergeben.
Munoz sendete daher am 9. November einen Parlamentair ab, der eine
Zusammenkunft in Posolteja mit General Lopez stipulirte. Bei Munoz
Annäherung mit der gegenseitig accordirten Escolta (die Munozsche
bestand aus 2 Officieren, 2 Amerikanern und 6 Lanziers), lief die
Granadiner Escolta über eine Legua zurück, bis Chichigalpa, und war erst
dort zu überzeugen, daß von dieser, in friedlicher Absicht gekommenen,
handvoll Leute nichts zu befürchten sei.
Die Capitulation kam denn auch wirklich zu Stande, und einige
ihrer Hauptbedingungen waren: gänzliche Amnestie für alle an dem
Revolutionskriege Betheiligten, Entlassung der beiderseitigen
Kriegsheere, Freiheit für die amerikanischen Freiwilligen, zu gehen,
oder sich friedlich im Lande niederzulassen u. s. w.
Am 12. November ward in Folge dieser Capitulation Leon übergeben; die
Amerikaner feuerten den üblichen Salutschuß, während die eingeborenen
Artilleristen in den stehenden Batterien postirt waren. Wie groß
war aber das Erstaunen des Generals Munoz, als er sich, nachdem er
seinerseits pünktlich alle Artikel erfüllt, die Waffen gestreckt und
alle seine Truppen entlassen hatte, plötzlich von der eingerückten
Abtheilung Leoneser, die er mit einem Handgriff hätte erdrücken können,
so lange er seine Truppen noch unter Waffen hatte, überfallen und mit
eilf der vornehmsten Officiere gefangen sieht. Der Traktat war dem
Präsidenten Abaonza (von Leon) übergeben, dann aber diesem wieder
heimlich entwendet worden, und jetzt leugnete General Lopez sogar dessen
Existenz ganz ab.
Auf wessen Seite von Anfang her das Unrecht lag, sei hier ganz
dahingestellt, und eben so die Erörterung der Frage, ob ein Sieg der
Leoneser Partei dem unglücklichen Lande eine bessere Zukunft in Aussicht
gestellt haben würde; aber jeder Unbefangene wird sich nach Obigem einen
Begriff machen können, was man in Central-Amerika auf die Heiligkeit der
Verträge, auf Soldaten- und Mannesehre zu geben hat.
Die Gefangenen hatten sich noch am selben Nachmittage an den sehr
ehrenwerthen Mr. Kerr, bevollmächtigten Gesandten der Vereins-Staaten
in Nicaragua gewandt und dieser stand keinen Augenblick an sich dieses
Vertrauens, so wie der Regierung, die er repräsentirte, vollkommen
würdig zu beweisen. Trotzdem er früher laut und unverhohlen kund
gegeben, wie weit entfernt er sei, mit der Revolutionspartei und dieser
steten Erneuerung der Mißhelligkeiten zu harmoniren, eilte er jetzt bei
so grober Rechtsverletzung nichtsdestoweniger, obschon es schon spät in
der Nacht war, zum feindlichen General, um unter dem Schutze der Sterne
und Streifen auf der Stelle eine energische Protestation gegen solch
nichtswürdiges und wortbrüchiges Verfahren, so wie gegen jede etwaige
militairische Verurtheilung und Tödtung der Gefangenen, diese geradezu
als niedrigen Meuchelmord bezeichnend, niederzulegen. Dieser Akt war
keineswegs so leicht und gefahrlos, wie er daheim unter civilisirten
Nationen erscheinen mag; denn hier, wo durchschnittlich immer die Hälfte
der Soldaten betrunken, und die andere noch nicht völlig nüchtern ist
und demnach fortwährend Excesse aller Art vorkommen, war es gar nicht
unmöglich, daß einige Soldaten, statt ihren patriotischen Heldenmuth
durch Freudenschüsse in die Luft kund zu geben, wie man es hier sehr
liebt, aus Versehen dem verhaßten amerikanischen Gesandten, der
ihrem General so starke Sachen zu riechen gab, eine Kugel durch den
Hirnschädel jagte.
Erst zwei Tage darauf wagte es endlich Don Fruto Chamorro mit seiner
gesammten Heldenarmee in die Stadt zu rücken, nachdem er sich vorher
sorgfältig überzeugt hatte, daß ihm keinerlei Gefahr mehr drohe. Ich
hörte von meinem Krankenbette aus die Freudensalven der Soldaten,
konnte aber leider den Anblick des mit Lorbeern und Lumpen bedeckten
Siegesheeres nicht genießen.
Am 18. brachte eine Escolta Hondurenser 10 Amerikaner, die sich
laut Vertrag im Hafen von Realejo hatten einschiffen wollen und im
Augenblicke ihrer Einschiffung von den nachgeschickten Truppen gefangen
genommen worden waren, in die Stadt. =Dr.= Livingston und ich, da
ich wieder so weit Reconvalescent war, um ausgehen zu dürfen, gingen
sogleich um die Gefangenen zu sehen, wurden aber zurückgewiesen. Wir
kehrten sogleich um, ich um zu Mr. Kerr zu gehen und ihm den Vorfall
anzuzeigen, während =Dr.= Livingston schriftlich von Don Fruto Chamorro
eine Erklärung über diese neue Vertragsverletzung verlangte.
Nach einigem Hinundherverhandeln ward uns endlich allen Dreien der
Zutritt verstattet, und traurig genug war der Anblick der armen Leute;
in einem wahren Hundeloche, voller Schmutz und Ungeziefer, ohne Essen,
Trinken, noch irgend eine Spur von Versorgung. Es wurden indeß vier,
welche infolge der Mißhandlungen bedeutend erkrankt waren, sogleich auf
=Dr.= Livingstons Bürgschaft an diesen ausgeliefert, während der Rest,
Dank den energischen Schritten des Mr. Kerr, später gegen Handgelöbniß
entlassen, und seit gestern in völlige Freiheit gesetzt wurden, bis
zu welchem Tage sie alle im gastfreien Hause des =Dr.= Livingston eine
Zufluchtsstätte gefunden hatten.
Die Lage der eingeborenen Gefangenen blieb jedoch nach wie vor dieselbe,
und ohne Mr. Kerr's unermüdliche Wachsamkeit, der sich überhaupt während
dieser ganzen Zeit kein geringes Verdienst um die Ruhe und Sicherheit
der Stadt erworben, wären sie vielleicht schon längst ihres Lebens
beraubt worden. Man hatte mehrfach beabsichtigt, dieselben aus dem
bischöflichen Palaste, wo sie gefangen gehalten wurden, an einen anderen
Ort zu bringen, und es entspräche ganz dem niedrigen Charakter der jetzt
herrschenden Partei, bei der sich, wie dies so häufig der Fall ist,
Feigheit mit Grausamkeit paart, während des Transportes unter möglichst
schwacher Bedeckung, die Gefangenen von einem Haufen gedungener Mörder
überfallen und abschlachten zu lassen. Das Gouvernement kann ja dann mit
Leichtigkeit alle Schuld von sich abwälzen und öffentlich mit größtem
Eifer nach den Dolchen suchen, die es in der eigenen Schärpe trägt.
Das politische Wetter ist übrigens noch entsetzlich schwül und ich
müßte mich sehr täuschen, wenn nicht binnen ganz kurzer Zeit ein neues
Ungewitter losbräche. Durch den, vor einigen Tagen erfolgten Abmarsch
der Hondurenser, so wie massenhafte Desertionen unter den Granadinern
ist die Stärke der Besatzung, welche Chamorro noch unter seinen Händen
hat, auf circa 260 Mann zusammengeschmolzen, und schon tauchen hin und
wieder Gerüchte von einem vorbereiteten neuen Aufstande auf. Dazu hat
Chamorro in seinem kindischen Unverstande die von Munoz sehr zweckmäßig
angelegten Batterien um die Kathedrale, welche dieselbe zu einer, nach
hiesigen Verhältnissen, fast uneinnehmbaren Stellung machten und mit
deren Hülfe er die ganze Stadt leicht in Schach halten konnte, rasiren
und die Geschütze demontiren lassen, während er in seiner ganzen Armee
nicht einen Officier besitzt, der fähig wäre sie wieder in Stand zu
setzen. Bricht nun früher oder später eine neue Revolution aus, so wird
sie jedenfalls grausamer und verderblicher wie die vorhergegangene, und
wahrscheinlich würde es dann wiederum den Granadiner Grundbesitzern und
Handelsherren ebenso scharf an die Börsen und Waarenlager gehen, wie
jetzt den Leonesischen.
Noch muß ich hinzufügen, daß auch Don Fruto Chamorro, auf die offizielle
Anfrage seiner Regierung, die Existenz der mit Munoz abgeschlossenen
Capitulation gänzlich ableugnete, trotzdem Mr. Kerr die schriftlichen
Beweise dafür in Händen hat und dieselben präsentirte, ein Verfahren,
für welches in jedem nur halb civilisirtem Lande einem solchen Officier
der Degen zerbrochen worden wäre.
Wann wird doch dieses herrliche, von der Natur in jeder Hinsicht so sehr
begünstigte Land aufhören, durch die niedrigen Leidenschaften seiner
erbärmlichen Bewohner, durch die Schwäche und Hinterlist seiner
Machthaber in immer tiefere Degradation zu sinken? Wahrscheinlich nicht
eher, als bis die Sterne und Streifen über dem ganzen Isthmus wehen,
und zum Heile der Civilisation muß man wünschen, daß dies recht bald
geschehen möge.
=Quien sabe!= -- wie die Leute hier zu Lande immer zu sagen pflegen.
Wenig bleibt mir noch hinzuzufügen. Betrachtet man diese letzte
Revolution im Ganzen, so ist es allerdings in keiner Weise zu
rechtfertigen, den Präsidenten so ohne Weiteres bei Nacht und Nebel
über die Grenze zu werfen, so wenig befähigt dieser sich auch für seine
Amtsführung zeigen, oder dieselben mißbrauchen mochte; andrerseits
dient aber auch das Benehmen eben dieser Schützer der Gesetze den ewigen
Revolutionen, wenn auch nicht zur Rechtfertigung, so doch zu einiger
Entschuldigung. Ich kenne bis jetzt wenigstens noch kein Volk,
das weniger befähigt ist sich selbst zu regieren, und eine Art von
russischem Gouvernement würde ihm eine wahre Wohlthat sein.
Die Geschichte bietet Beispiele, wie durch lang anhaltende Tyrannei
civilisirte Nationen gänzlich demoralisirt worden sind; dies Volk
aber ist ein Beispiel des umgekehrten Falls, der Demoralisation durch
Unabhängigkeit, denn von da an datirt sich dieselbe, wenn schon die
Ursachen vielleicht noch viel weiter zurückliegen mögen.
Von mir habe ich nur noch zu sagen, daß die Folgen des Fiebers allgemach
schwinden und ich dessen quitt zu sein hoffe. Es drängt und treibt mich
wieder hinauszukommen, an die Fortsetzung meiner Studien und Arbeiten.
Zunächst nach der Küste des Pacific, um mich durch die Seeluft zu
stärken, dann nach dem Dorfe Felica, etwa 7 Meilen von hier, wo ich kurz
vor der Erkrankung einen altindischen Begräbnißplatz und beim Nachgraben
mehre höchst interessante Alterthümer aufstöberte, die ehemöglichst
ausgebeutet werden müssen. -- -- --
IX.
Neue Erkrankung. -- Excursion in das Hochgebirge und die
Minendistricte. -- Reiseanstalten. -- Aufbruch von Leon. --
Nachtlager. -- Räubergerüchte. -- Nächtlicher Ueberfall. -- Eintritt
ins Gebirge. -- Trockenheit. -- Zuckererbauung. -- Aztekische Sage.
-- Beschwerlicher Marsch. -- Heimathliche Erinnerung.
Leon, Ende Mai 1852.
Die in meinem letzten Briefe ausgesprochene Hoffnung, durch ein
mehrwöchentliches hitziges Fieber den Tribut der Acclimatisation
vollständig entrichtet zu haben, sollte leider nicht in Erfüllung gehen
und das schlimmste Ende noch nachkommen. Das allzukühne Vertrauen
auf meine Jugendkraft und feste Constitution, die Nichtbeachtung
gutgemeinter Warnungen, in Bezug auf die schädlichen Wirkungen des
Klimas, habe ich, wie Euch mein Brief vom Ende Januar d. J. gezeigt
haben wird[2], durch einen sehr bösen Rückfall, der mich nahe an den
Rand des Grabes brachte, und mehre Monate an's Krankenlager fesselte,
gebüßt. Gottes väterlicher Schutz und die liebevolle Pflege wackerer
Menschen haben mich aber die herbe Leidensperiode glücklich überstehen
lassen und mich dem Leben, der Gesundheit, der Thätigkeit zurückgegeben.
[2]: Dieser, so wie einige andere Briefe, waren jedoch nicht an ihre
Bestimmung gelangt.
Laßt mich die traurige Zeit der Krankheit und langsamen Reconvalescens
mit Stillschweigen, und sofort zum letzten und angenehmsten Theile
meiner Fahrten und Erlebnisse in der Tropenwelt Central-Amerikas
übergehen, nämlich zu meiner:
_Excursion in das Hochgebirge und die Minendistricte von Nicaragua und
Honduras._
Während meiner Krankheit hatte ich endlich bestimmte Nachricht von Mr.
Squier erhalten, daß er sein Unternehmen hierher aus wichtigen
Gründen leider aufgeben müsse, wenigstens vor der Hand, und somit die
eigentliche Absicht meines hiesigen Aufenthalts vereitelt sei. Theils
um denselben nun doch wenigstens zu möglichst reicher Ausbeute für mein
Malerportefeuille und mein Tagebuch zu benutzen, theils aber auch, um
die vom Fieber hinterlassene Schwäche vollends aus meinen Gebeinen zu
verjagen, beschloß ich, die noch übrige Dauer der heißen Jahreszeit in
dem gesunden Gebirgsklima zu verbringen, womit mein freundlicher Arzt
und ärztlicher Freund, =Dr.= Livingston, vollkommen einverstanden war.
Für eine Reise durch jene noch sehr wenig bevölkerten Gegenden ist
es nöthig, sich gleich anfangs mit einem Paar kräftiger Segovier
Maulthieren zu versehen, für sich und seinen Diener, da die aus der
Plaine nicht zu so beschwerlicher Gebirgskletterei geeignet sind; dabei
möglichst wenig Gepäck und einigen Proviant, denn in diesen Gegenden
ist der Reisende meist auf sich selbst verwiesen; Gasthöfe kennt man
daselbst nicht einmal dem Namen nach. Auf der andern Seite herrscht
freilich eine fast unbegrenzte Gastfreundschaft; ein bloßer
Empfehlungsbrief sichert einem fast überall die freundlichste Aufnahme
und man kann bleiben, so lange man nur immer Lust hat; allein unterwegs
ist es oft unmöglich bewohnte Orte zu erreichen, man bleibt, wo man
Wasser und Futter für die Thiere findet, den Hammock zwischen zwei
Bäumen aufgehangen, wenn nämlich solche da sind, die nackte Erde, auf
welcher, der blaue Himmel das Dach, unter welchem man schläft. Ein
wenig an der Sonne gedörrtes Fleisch, etwas Totoposke (doppelt gebackene
Maiskuchen) bilden Frühstück, Mittag- und Abendessen und ein kleiner
blecherner Feldkessel, den man mit sich führt, dient um Kaffee zu
kochen, bei welchem die Sahne natürlich meist der Phantasie
überlassen bleibt. Die Thiere werden »gehobbelt«, d. h. die Vorderfüße
zusammengebunden, und lassen sich während der Nacht die Weide schmecken,
wenn nämlich welche da ist.
Gerade zur Zeit, als ich meine Reise antreten wollte, waren Maulthiere
beinahe gar nicht zu bekommen und ich gerieth dadurch in einige
Verlegenheit, bis ich an das »Maison« gewiesen wurde, dort Abhülfe
derselben zu finden. Das Maison ist nämlich ein großes, den
orientalischen Caravanserais ähnliches Gebäude, bestehend aus Höfen
und Säulengängen, wo jeder ankommende Maulthiertransport seine Ladung
deponirt, die Zölle entrichtet und dort gleich verkauft oder einzeln an
ihre Bestimmung abliefert. -- Dort miethete ich nun von einem Caravanos
aus St. Rafael (nahe Matagalpa) ein großes starkes Segovier Pferd (groß
im Vergleich mit der kleinen Race des Landes) und ein dito Maulthier
für das Gepäck, denn mein eigenes Pferd und Maulthier waren durch
Futtermangel während und nach der Revolution zu wahren Skeletten
herabgekommen und bedurften erst der längeren Ruhe im Protero
(Weideplatz), um sich wieder zu kräftigen.
Am 3. März gegen Abend, als eben die Glocken zur Oration geläutet,
kletterte ich, wegen meiner Schwäche nicht ohne Schwierigkeit, in den
Sattel, und unsere ganze Streitmacht, aus 7 Mann und 13 Maulthieren
bestehend, setzte sich in Bewegung. Die Cavallerie bestand, außer mir
selbst, aus Don Eusebio, dem Eigenthümer der Maulthiere wie der Ladung,
und Don Cesario, seinem =Major domo=; die Infanterie aber aus zwei Mozos
(Dienern), Basilio und Apolinario, und zwei Jungen von 12-15 Jahren,
Innocente und Candelario, zu deutsch: _Leuchter_ -- und so »mit Licht
und Unschuld im Geleite -- zog frohen Muthes ich ins Weite.« Jeder war
auf seine Weise so gut wie möglich bewaffnet, denn man sprach viel
von einer, aus Ausreißern beider Revolutionsarmeen gebildeten
Spitzbubenbande in der Gegend des Monte-Rota, die einige Reisende
angehalten und sogar mehre Haciendas ausgeraubt hatte. Ich führte die
deutsche Spitzkugelbüchse und die amerikanischen Revolvers, die Dons
Pistolen, sämmtliche Cavallerie aber unendlich lange Toledo-Schwerter;
die Infanterie hatte ihre Machetas (lange Messer), Basilio und
Apolinario aber Bogen und einige Dutzend Pfeile. Don Eusebio und ich
bildeten die Avantgarde, dann folgte das Gros der Armee sammt Bagage
und als Nachhut Don Cesario, dem dieser Posten zugleich die große
Annehmlichkeit gewährte, den ganzen Tag inmitten einer großen Staubwolke
zu reiten.
So ging denn der Zug vorwärts in stiller, klarer Mondnacht, lieblich und
wollüstig wie nur eine tropische Nacht sein kann. Wir befanden uns zwar
noch mitten in der heißen Jahreszeit, seit November hatte kein Wölkchen
den tiefblauen Azur des Himmels getrübt; allein obschon die Tage glühend
heiß waren, so schien doch in der Nacht die ganze Natur, von
einem kühlen Südost erfrischt, der nur leise in den Blättern der
majestätischen Palmen spielte, neues Leben zu athmen. Die große Ebene
von Leon erstreckt sich auf der einen Seite hinaus bis an den Pacific
(stillen Ocean), auf der andern bis zum See von Managua, und wird im
Norden von der prachtvollen Kette von Vulkanen begrenzt, als deren
Endpfeiler der Viejo und der ehrwürdige, über 6000 Fuß hohe Monotombo
sich in überaus zarten, grauen Tinten vom Horizonte absetzen.
Feierliche Ruhe schien über die ganze Natur verbreitet, nur hier und
da unterbrochen vom Hufschlage eines Maulthieres oder der kurzen,
melancholischen Melodie einer spanischen Romanze. Wäre ich Dichter, so
hätte ich hier die passendste Gelegenheit zu poetischen Ergüssen gehabt.
Wir blieben jedoch nicht lange in Marsch; schon nachdem wir etwa 2
Leguas zurückgelegt, wurde Halt gemacht, die Thiere abgeladen und
gehobbelt, Feuer angezündet, die Hammocks an einzelne Bäume aufgehangen
und bald schlief Jeder, in seinen Poncho gewickelt, sanft und süß,
während einer der Mozos über Menschen und Vieh Wache hielt; letzteres
delectirte sich an dem dürren, schlechten Grase, als ob es das süßeste
Heu wäre. Meine Ruhe ward leider sehr unangenehm von den Garralatos,
zu deutsch Holzböcken, gestört, ein höchst lästiges Insect, mit dem man
während der heißen Jahreszeit ganz bedeckt ist, sobald man durch ein
Gebüsch geht oder reitet, und dessen Biß wie Feuer brennt. Zuletzt
schlief ich aber denn doch recht tapfer bis zum nächsten Morgen, wo bei
guter Zeit das Frühstück genossen, die Maulthiere beladen, was stets
mit größter Sorgfalt geschieht, damit die Thiere nicht aufgerieben oder
gedrückt werden, und dann der Marsch wieder angetreten ward.
Ziemlich früh kamen wir an einem kleinen Vulkan vorüber, der sich erst
vor ungefähr zwei Jahren gebildet hat und sich noch immer fleißig in
Eruptionen übt; der Patron soll überaus reizbaren Temperaments sein,
denn wenn ein Stein in den Krater geworfen, heftig auf den Boden
gestampft, ja nur besonders laut gesprochen wird, soll er seinen Verdruß
alsogleich durch höchst unmanierliche Expectorationen kundgeben, weshalb
wir auch in mäuschenstil
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