Memoiren einer Grossmutter, Band I
by Pauline Wengeroff · German · Gutenberg #45488 · 362,257 chars · public domain (US)
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Title: Memoiren einer Grossmutter, Band I
Author: Pauline Wengeroff
Release date: April 25, 2014 [eBook #45488]
Most recently updated: October 24, 2024
Language: German
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[Illustration: Pauline Wengeroff.]
MEMOIREN EINER GROSSMUTTER
von
PAULINE WENGEROFF
Memoiren einer Grossmutter
Bilder aus der Kulturgeschichte der
Juden Russlands im 19. Jahrhundert
BAND I
Mit einem Geleitwort von Dr. Gustav Karpeles
[Illustration]
BERLIN
Verlag von M. Poppelauer
1908
Alle Rechte, besonders das der Uebersetzung
in fremde Sprachen vorbehalten.
Geleitwort.
Die jüdische Literatur besitzt leider nur sehr wenige Memoirenwerke.
Aus dem jüdischen Leben in Russland kenne ich nur ein einzige, die
»Zapiski Jewreja« von Gregor Isaakowitsch Bogrow. Diesem Werke, das uns
einen tiefen und charakteristischen Einblick in das Leben und Treiben
der Juden in Russland zu Anfang des vorigen Jahrhunderts eröffnet hat,
schliessen sich die Memoiren der Pauline _=Wengeroff=_ ebenbürtig an.
Mit inniger Liebe und großer Pietät, mit seltener Treue und aufrichtiger
Wahrhaftigkeit, mit einem milden verklärenden Humor und mit feinem
psychologischem Takt erzählt sie uns wichtige Episoden aus einer grossen
Übergangszeit, aus der Zeit, in welcher die Aufklärung unter den Juden
in Russland die Nebel, die bis dahin über dem russischen Judentum
lagerten, zu durchbrechen begann, aus einer vielbewegten, interessanten,
merkwürdigen Periode, deren Geschichte noch nicht geschrieben ist,
sondern erst dann geschrieben werden kann, wenn wir noch eine ganze
Reihe _=solcher=_ Memoiren besitzen werden.
Die russischen Juden haben in den letzten Jahren im Vordergrund des
öffentlichen Interesses gestanden. Ihre Schicksale und Leiden haben die
Teilnahme der ganzen Kulturwelt gefunden. Natürlich hat man sich auch
viel mit ihren Charaktereigenschaften, mit ihrer Geschichte und mit
ihrer Literatur beschäftigt. Erst dadurch kam weiteren Kreisen die
Erkenntnis, welch ein reicher Schatz von Phantasie und Bildung, von
Poesie und Begabung in diesen Judenstädten und Judengassen des weiten
Zarenreiches aufgespeichert liegt und dort der grossen Schilderer und
Dichter harrt, die diesen Schatz zu heben verstehen.
Unwillkürlich wird man bei Betrachtung der Kulturarbeit, die uns die
Memoiren von Frau Pauline Wengeroff so anschaulich schildern, an ein
Wort von Nikolaj Gogol in seinem klassischen Roman »Tote Seelen«
erinnert. Die Kibitka des Helden jagt mir rasender Eile über die weite
unübersehbare Ebene dahin und verliert sich schliesslich in die graue
Ferne. »Und jagst nicht auch Du, mein Russland, vorwärts wie eine nicht
einzuholende Troika? Der Weg hinter dir dampft, die Brücken krachen,
alles lässt du hinter dir. Die Zuschauer bleiben überrascht stehen und
fragen: War es ein Blitz? Was bedeutet die schauererweckende Eile,
welche geheimnisvolle Kraft beseelt diese Pferde? Was für Pferde sind
das? Habt ihr Wirbelwind in euren Mähnen?.... Habt ihr von oben bekannte
Töne gehört und strengt ihr nun eure Eisenkörper an, ohne die Erde mit
euren Hufen zu berühren, durch die Lüfte zu fliegen, als wäret ihr von
einem Gotte begeistert? Russland, wohin jagst du? Antworte! Da kommt
keine Antwort. Man hört die Glöckchen der Pferde wundersam klingen; es
stöhnt in der Luft und wächst, wie zum Sturme an und Russland setzt
seine kühne Jagd fort.«
Feine Ohren werden vielleicht aus den Blättern dieser Memoiren einen
Teil der Antwort heraus hören, und aufmerksame Beobachter werden die
rapide Entwickelung der Juden Russlands von finsterem Aberglauben und
der Erstarrung zum hellen Lichte der Aufklärung und innerer Freiheit
verstehen lernen.
Dann ist aber auch der Zweck dieses liebenswürdigen Buches erfüllt, das
meine besten Wünsche auf seinem Wege in die Öffentlichkeit geleiten
mögen.
_=Gustav Karpeles=_.
Inhaltsverzeichnis.
Seite
1. Geleitwort von Dr. Karpeles. V
2. Vorbemerkung 1
3. Ein Jahr im Elternhaus
I. Teil 5
II. Teil 85
4. Der Beginn der Aufklärungsperiode
I. Lilienthal 118
II. Jeschiwa Bochurim 137
5. In der Neustadt
I. Es war ein schönes Bild 147
II. Ein Sabbath 161
III. Evas Hochzeit 171
6. Die Veränderung der Tracht 185
Vorbemerkung.
Ich war ein stilles Kind, auf das jedes freudige und traurige Ereignis
in meiner Umgebung tief einwirkte. Viele Vorgänge prägten sich meinem
Gedächtnis gleich einem Abdruck in Wachs ein, so daß ich mich ihrer noch
jetzt ganz deutlich erinnere. Die Begebenheiten stehen frisch und
lebendig vor mir, als wären sie von gestern. Mit jedem Jahr wuchs das
Bedürfnis, meine Erlebnisse und Beobachtungen niederzuschreiben und nun
gibt mir das reiche Material, das ich gesammelt habe, die schönsten und
trostreichsten Stunden meines im Alter so einsam gewordenen Lebens. Es
sind Feierstunden für mich, wenn ich die Aufzeichnungen zur Hand nehme
und oft mit einer stillen Träne oder einem verhaltenen Lächeln darin
blättere. Dann bin ich nicht mehr allein, sondern in guter und lieber
Gesellschaft. Vor meinem geistigen Auge ziehen sieben Dezennien voll
Sturm und Drang vorbei, wie in einem Kaleidoskop, und die Vergangenheit
wird lebendige Gegenwart: die heitere, sorglose Kindheit im Elternhause,
in späteren Jahren ernstere Bilder, Trübsal und Freude aus dem Leben der
Juden von damals und so manche Szene aus meinem eigenen Hause. Diese
Erinnerungen helfen mir über einsame, schwere Stunden, über die
Bitterkeit der Enttäuschungen des Lebens hinweg, die wohl keinem
Menschen erspart bleiben.
In solchen Stunden schleicht sich auch die Hoffnung in das alte Herz,
daß es vielleicht auch für andere keine vergebene Arbeit ist, wenn ich
vergilbte Blätter über die wichtigeren Ereignisse, die gewaltigen
Veränderungen im kulturellen Leben der jüdischen Gesellschaft in Litauen
der 40-50er Jahre des vorigen Jahrhunderts, von denen auch ich betroffen
wurde, sorgfältig gesammelt habe. Vielleicht interessiert es die Jugend
von heute, zu erfahren, wie es einmal war. Und wenn ich auch nur einem
meiner Leser etwas gegeben habe, bin ich reichlich belohnt.
Ich bin im Anfang der 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts in der
litauischen Stadt Bobruisk geboren. Von streng religiösen Eltern,
klugen, geistig vornehmen Menschen erzogen, könnte ich die Wandlung
verfolgen, die das jüdische Familienleben durch die europäische Bildung
erfahren hat, und mich überzeugen, wie leicht unsern Eltern die
Erziehung der Kinder wurde, und wie schwer diese Aufgabe uns, der
zweiten Generation, war. Wir machten uns mit der deutschen und
polnischen Literatur bekannt, studierten mit großem Eifer die Bibel und
Propheten, die uns mit Stolz auf unsere Religion und Tradition erfüllten
und mit unserem Volk innig verbanden. Ihre Poesie prägte sich dem
unberührten Kindergemüt tief ein und gab der Seele für die kommenden
Tage Keuschheit und Reinheit, Schwung und Begeisterung.
Aber wie schwer erging es uns nun in der großen Übergangszeit der 60er
und 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts! Wir hatten uns wohl einen
gewissen Grad der europäischen Bildung angeeignet; aber wir fühlten
überall die klaffenden Lücken. Wir ahnten, daß noch höhere Stufen zu
ersteigen wären, und suchten mit Anspannung unserer Kräfte, das Fehlende
und an uns Versäumte bei unsern Kindern nachzuholen. Aber wir verloren
leider in dem übergroßen Eifer das letzte Ziel und vergaßen die
Weisheit des Maßhaltens. So tragen wir selbst Schuld an der Kluft, die
zwischen uns und unsren Kindern entstand, an ihrer Entfremdung vom
Elternhause, die folgen mußte.
Während uns der Gehorsam, den wir nach den Geboten unseren Eltern
schuldig sind, heilig und unverletzbar war, mußten wir jetzt unseren
Kindern gehorchen, uns vollständig _=ihrem=_ Willen unterordnen. Wie
einst unseren Eltern gegenüber, hieß jetzt die Parole unsern Kindern
gegenüber: schweigen, still sein, fein den Mund halten, und wenn es noch
so schwer, vielleicht noch schwerer wurde, als einst! Wenn wir andächtig
und voll Ehrfurcht zuhörten, da unsere Eltern von ihren Erlebnissen und
Erfahrungen erzählten, schweigen und lauschen wir jetzt voll Freude und
Stolz, wenn unsere Kinder von ihrem Leben und ihrem Ideale sprechen.
Diese Unterwürfigkeit, die Bewunderung, die wir für unsere Kinder haben,
macht sie zu Egoisten, zu unseren Tyrannen -- das ist die Kehrseite der
Medaille der europäischen Kultur bei uns Juden in Rußland, wo sonst kein
anderer Stamm so rasch und unwiderruflich mit der Annahme der
westeuropäischen Zivilisation alles aufgab und alle Erinnerungen an die
Vergangenheit, seine Religion verließ, und alle Tradition von sich
abschüttelte.
Unsere Kinder hatten es leichter als wir, eine hohe Bildungsstufe zu
erreichen, und wir sahen das mit Freude und Genugtuung, denn wir haben
ihnen oft mit schweren Opfern die Wege geebnet und Hindernisse
beseitigt. Sie fanden alles bereit: Erzieherinnen, Kindergarten,
Jugendbibliotheken, Kindertheater, Feste und angemessene Spiele, indes
uns der Hof des Elternhauses alles ersetzen mußte, wo wir uns wahllos
mit den armen Nachbarskindern herumtummelten und, die Röckchen über die
Köpfe gezogen, hüpften und sangen:
»Gott, Gott, gib Regen --
Der kleinen Kinder wegen!«
Welcher Unterschied!
Alle diese Wandlungen habe ich hier zu schildern versucht.
Ich bitte die Leser um Nachsicht. Ich bin keine Schriftstellerin und mag
auch nicht als solche erscheinen. Ich bitte nur, diese Aufzeichnungen
als das Werk einer alten Frau anzusehen, die einsam in der Dämmerung
ihres stillen Lebensabends schlicht erzählt, was sie in einer
ereignisvollen Zeit erlebt und erfahren.
Ich weiß, daß meine Familienchronik ohne Zweifel der Jugend in unseren
Tagen wie mit dichtem Schimmel oder mit einer dicken Staubschicht
bedeckt erscheinen wird. Und doch hoffe ich, daß die Kenntnis des
damaligen Lebens der Juden, das von dem der heutigen so himmelweit
verschieden ist, für so manchen von einigem Interesse sein wird, der
sich gern in vergangene Zeiten versenkt, um zu prüfen und zu
vergleichen.
So fand ich den Mut zu meiner Publikation!
Ich kann dieses Werkchen -- das geistige Kind einer Greisin, Bensekunim,
wie die Hebräer sagen, -- nicht in die Welt schicken, ohne meiner Freundin
Louise Flachs-Fockschaneanu für ihre gütige Förderung zu danken. --
Ein Jahr im Elternhause.
I. Teil.
Mein Vater pflegte Sommer und Winter um 4 Uhr morgens aufzustehen. Er
achtete streng darauf, daß er sich nicht vier Ellen von seinem Bette
entfernte, ohne sich die Hände zu waschen. Ehe er den ersten Bissen zum
Munde führte, verrichtete er in behaglicher Stimmung die
Früh-Morgengebete, und begab sich dann in sein Arbeitszimmer. Es hatte
an den Wänden viele Fächer, in denen zahlreiche Talmudfolianten aller
Arten und Zeiten aneinander gereiht standen, in guter Gemeinschaft mit
sonstigen talmudischen und hebräischen Werken der jüdischen Literatur.
Darunter gab es alte, seltene Drucke, auf die mein Vater stolz war.
Außer einem Schreibtisch stand in diesem Raum noch ein hoher, schmaler
Tisch, »Ständer« genannt, davor ein bequemer Lehnstuhl und eine Fußbank.
Mein Vater begab sich also in sein Zimmer, ließ sich gemächlich im Stuhl
nieder, schob die von dem Diener bereits angezündeten Kerzen näher und
schlug den großen Folianten auf, der noch von gestern abend wie wartend
dalag und begann in dem bekannten Singsang zu »lernen«. So gingen die
Stunden bis sieben Uhr morgens hin. Dann trank er seinen Tee und ging in
die Synagoge zum Morgengebet.
In meinem Elternhause wurde die Tageszeit nach den drei täglichen
Gottesdiensten eingeteilt und benannt: so sagte man »vor« oder »nach dem
Dawenen«, (Beten), für die vorgerücktere Zeit »vor« oder »nach Minche«
(Vorabendgebet); die Zeit der Abenddämmerung wurde mit »zwischen Minche
und Maariw« bezeichnet. In ähnlicher Weise wurden die Jahreszeiten nach
den Feiertagen benannt; so hieß es »vor« oder »nach Chanuka«, »vor« oder
»nach Purim« usw.
Mein Vater kam um zehn Uhr vom Bethause zurück. Erst dann begannen die
geschäftlichen Arbeiten. Es kamen und gingen viele Menschen, Juden und
Christen, die Geschäftsführer, die Kommis, Geschäftsfreunde usw., die er
bis zur Mittagszeit -- es wurde um ein Uhr gegessen -- abfertigte. Nach
Tisch ein kurzes Schläfchen, hierauf nahm er seinen Tee. Dann fanden
sich auch schon Freunde ein, mit denen er über den Talmud, literarische
Fragen und über Tagesereignisse sprach.
So schrieb mein Vater im Anfang der vierziger Jahre des vorigen
Jahrhunderts einen Beitrag zu den »Eyen Jankow«, den er »Kuntres« (Kunom
Beissim) benannte, und im Anfang der fünfziger Jahre hat er eine
umfangreiche Sammlung seiner Kommentare zu dem ganzen Talmud
herausgegeben unter dem Namen »Minchas Jehuda«. Beide Werke hat er
keinem Verleger zum Verkauf überlassen, und nur an seine Freunde,
Bekannte, seine Kinder und hauptsächlich an viele »Bote midraschim«,
(Lehrhäuser) in Rußland verteilt. Das jüdische Schrifttum und die
meisten seiner Verfasser von damals und noch viele Jahrhunderte zuvor,
auch der Talmud, haben den großen Fehler begangen, daß sie die Daten oft
außer acht ließen und sie nicht genau angaben. So hat beispielsweise
mein Vater in seinem letzten Werke seinen Stammbaum gegeben, der sehr
viel Rabbiner und Gaonim, angefangen von seinem Großvater bis zehn
Generationen weiter hinauf zählte, aber bei keinem das Jahr seines
Lebens und Todes verzeichnet. Was galt das Leben des Einzelnen, wenn nur
das Talmudstudium eine Pflanzstätte hatte!
So empfand mein Vater, der getreu wie seine Ahnen der Lehre und dem
Gottesdienst sich weihte ...
Das Minche gdole (Vorabendgebet) verrichtete er gewöhnlich zu Hause und
sehr früh. Zu Maariw ging er wieder in die Synagoge, von der er gegen
neun Uhr nach Hause kam zum Abendbrot. Er blieb gleich beim Tisch
sitzen, unterhielt sich mit uns über dies und jenes. Er interessierte
sich für alles, was im Hause vorging, was uns Kinder betraf, manchmal
für den Fortgang unseres Unterrichts. (Den jüdischen Lehrer, Melamed und
Schreiber, wie auch den Lehrer der polnischen und russischen Sprache
pflegte meine Mutter zu besorgen.) Meinem Vater wurden da alle Haus- und
Stadtereignisse mitgeteilt, während er seinerseits uns alles erzählte,
was er in der Synagoge gehört hatte und was dort erörtert worden war.
Dies war für uns die beste Unterhaltung und was er erzählte, die
interessanteste Zeitung. Man nannte diese mündlichen Ueberlieferungen
»pantoflowe gazeta«. Zeitungen, wie wir sie heute besitzen, gab es
damals nur wenige, und sie waren nicht für jedermann erreichbar.
Meines Vaters impulsive Natur nahm alle Ereignisse mit starker
Ergriffenheit auf, die sich auch seiner Umgebung mitteilte. Wir Kinder
lauschten bei Tisch gespannt seinen klugen Reden. Er erzählte uns von
berühmten Männern, von ihren Taten, von ihrer religiösen Lebensweise,
den jüdischen Gesetzen, und wir liebten und schätzten ihn und stellten
ihn höher als alle Menschen, die wir damals kannten. An zwei Namen, die
er uns genannt, erinnere ich mich noch. Der eine hieß Reb Selmele, der
andere Reb Heschele. Reb Selmele beschäftigte sich so eifrig mit dem
Talmudstudium, daß er oft zu essen, zu trinken und zu schlafen vergaß.
Er wurde schwach, mager und bleich, und seine besorgte Mutter flehte ihn
an, seine Mahlzeiten einzunehmen. Aber es half nichts. Da gebrauchte die
Mutter ihre Autorität: sie erschien eines Tages in seinem
Studierzimmerchen mit einem Stück Kuchen in der Hand und _=befahl=_ ihm,
zu essen; zugleich sagte sie ihm, daß er jeden Tag um diese Stunde von
ihr ein Stück Kuchen bekommen würde, das er essen müßte. Der junge Mann
fügte sich in den Willen der Mutter; ehe er aber zu essen begann,
rezitierte er den Talmudabschnitt: »Kabed ow weem«, die Gebote von der
Verehrung von Vater und Mutter.
Der zweite, Reb Heschele, war schon als Kind sehr klug und witzig,
Eigenschaften, die ihm auch bei all seiner großen Gelehrsamkeit bis in
die späteren Lebensjahre verblieben. Ihm war das Cheder ein Greuel
mitsamt dem Rebben und dem Behelfer, der ihn täglich gewaltsam
fortführte, obwohl er sich mit Händen und Füßen sträubte; denn er war
ein sehr lebhaftes Kind und liebte die Freiheit. Eines Tages fragte ihn
sein Vater ohne jede Strenge, warum er denn so ungern ins Cheder ginge.
»Ich fühle mich beleidigt«, erwiderte er, »daß der Behelfer mich so ohne
jede Achtung mitschleppt. Warum schickt man dir, wenn man dich haben
will, einen Boten, der dich _=höflich=_ bittet, der Einladung zu folgen?«
Und du antwortest manchmal: »Gut, ich komme!« oder manchmal auch: »Ich
danke, gleich wie gewesen (d. h. wenn du willst, gehst du, sonst eben
nicht).« Der Vater versprach ihm, ihn auch einladen zu lassen und
teilte das dem Behelfer mit. Als dieser nun anderen Tages den Kleinen
freundlich einlud, antwortete er: »Gleich wie gewesen!« -- Ein andermal
zog er beide Strümpfe auf denselben Fuß, um den Behelfer recht lange
nach dem zweiten suchen zu lassen.
Meine Eltern waren biedere, gottesfürchtige, tief religiöse,
menschenfreundliche Leute von vornehmem Charakter. So war überhaupt der
vorherrschende Typus unter den damaligen Juden, deren Lebensaufgabe vor
allem die Gottes- und die Nächstenliebe war. Der größere Teil des Tages
verging mit dem Talmudstudium. Den Geschäften widmete man nur bestimmte
Stunden, obgleich die Geschäfte meines Vaters oft hundert tausende Rubel
betrafen. Er gehörte, wie auch mein Großvater, der Klasse der Podraziki
(Unternehmer) an, die in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in
Rußland eine große Rolle spielten, da sie große Geschäfte mit der
russischen Regierung machten, wie die Übernahme von Festungs-, Chaussee-
und Kanalbauten und die Lieferungen für die Armee. Mein Vater und mein
Großvater gehörten zu den angesehensten dieser Unternehmer, da sie sich
durch absolute Ehrlichkeit auszeichneten.[A]
Wir bewohnten in der Stadt Brest ein großes Haus mit vielen, reich
ausgestatteten Räumen; wir hatten Equipage und teure Pferde. Meine
Mutter und die älteren Schwestern besaßen auch viel Schmuck und
schöne, kostbare Kleider. Unser Haus lag abseits von der Stadt.
Man mußte erst eine lange Brücke, die die Flüsse Bug und Muchawiez
überspannte, passieren und kam dann an vielen kleinen Häusern vorbei.
Dann mußte man sich nach rechts wenden, eine Strecke von etwa 100 Faden
geradeaus gehen -- und man stand vor unserem Haus. Das Haus war gelb
angestrichen und hatte grüne Fensterladen. In der Fassade besaß es ein
großes, venetianisches Fenster, neben dem zu jeder Seite noch zwei
Fenster waren. Davor lag ein schmaler, von einem Holzstacket umgebener
Blumengarten. Das Haus trug ein hohes Schindeldach.
Das ganze Anwesen samt Gemüsegarten war von einer Reihe hoher
Silberpappeln eingeschlossen, was dem Hause das Aussehen eines
litauischen Herrensitzes gab.
Das jüdische Familienleben in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts
war in meinem Elternhaus, wie bei anderen, sehr friedlich, angenehm,
ernst und klug. Es prägte sich mir und meinen Zeitgenossen tief und
unvergeßlich ein. Es war kein Chaos von Sitten, Gebräuchen und Systemen,
wie jetzt in den jüdischen Häusern. Das jüdische Leben von damals hatte
einen ausgeglichenen Stil, trug einen ernsten, den einzig würdigen
jüdischen Stempel. Darum sind uns die Traditionen des elterlichen Hauses
so heilig und teuer bis auf den heutigen Tag geblieben! Wir aber mußten
viel Leid erdulden, bis wir notgedrungen uns in unserem eigenen Hause
einer ganz anderen Lebensweise unterwarfen, die unseren Kindern wohl
wenig erbauliche und noch weniger angenehme Erinnerungen aus ihrem
elterlichen Hause hinterlassen wird!
Liebe, Milde und doch Bestimmtheit waren die Erziehungsmittel der
Eltern. Und ein gut Wörtchen half über manche Schwierigkeit hinweg.
Eine Episode:
Eines Morgens fand mich mein Vater, der von der Stadt zurückkehrte,
allein und weinend auf der Straße. Ich glaube, eine Gespielin hatte
mir die Puppe fortgenommen. Er wurde böse, daß ich ohne Begleitung
umherlief und fragte ärgerlich, warum ich weinte. Ich war aber von
meinem großen Schmerz so erfüllt, daß ich keine Antwort zu geben
vermochte und noch heftiger zu schluchzen begann. Da wurde mein Vater
erst recht zornig und rief: »Warte nur, die Rute wird dich antworten
lehren!« Er ergriff meine Hand und zog mich rasch ins Haus. Der Vater
ließ sich eine Rute geben und machte Anstalten, mich zu prügeln. Ich
war ganz still geworden und sah verblüfft zum Vater hinauf -- ich
wurde nie mit der Rute bestraft -- und sagte überrascht: »Ich bin ja
Pessele!« Ich war der festen Überzeugung, daß mein Vater mich nicht
erkannt und sich geirrt hatte.
Und diesem selbstbewußten Verhalten hatte ich es zu verdanken, daß ich
von der Rute verschont blieb. Alle Umstehenden lachten und baten für
mich um Nachsicht.
Ich beschäftigte mich mit Vorliebe im Gemüsegarten beim Ausgraben der
Kartoffeln und anderer Gemüse; ich bat mir von den halberfrorenen
Weibern bald den Spaten, bald die Harke aus und hantierte damit flink,
bis die scharfe, kalte Herbstluft mich mahnte, geschwind ins Haus zu
laufen. Nachdem alles Gemüse aus unserem Garten eingekellert war, wurde
noch viel auf dem Markt eingekauft. Dann ging's an die sehr wichtige
Arbeit -- an das Einlegen von Sauerkohl, womit in jedem Herbst viele arme
Frauen volle acht Tage beschäftigt waren. Nach den jüdischen
Vorschriften ist es streng geboten, die Würmchen, die im Gemüse und in
den Früchten, besonders aber im Kohl nisten, sorgsam zu entfernen; und
so wurde von jedem Kohlkopf Blatt um Blatt abgenommen, gegen das Licht
gehalten und genau untersucht. Meine fromme Mutter war in der Erfüllung
der Vorschriften sehr peinlich und pflegte, wenn der Kohl besonders
geraten und von der besten Sorte war und wenig Würmer hatte, den Frauen
eine besondere Belohnung für jeden gefundenen Wurm zu geben, denn sie
war immer in Sorge, daß die Frauen bei der Arbeit nicht genügend
aufmerksam waren. Ich sah auch hier gern zu wie bei der Arbeit im
Gemüsegarten, weil die Frauen dabei allerlei Volkslieder sangen, die
mich tief ergriffen und mich schmerzlich weinen, aber auch häufig
herzlich lachen machten. Viele dieser Lieder sind mir bis jetzt im
Gedächtnis geblieben und sind mir teuer!
Es war ein geruhiges Leben!
Wir leben jetzt in dem Zeitalter von Dampf und Elektrizität viel
schneller, so will es mir scheinen. Das hastige Treiben der Maschinen
hat auch auf den menschlichen Geist eingewirkt. Wir erfassen manches
viel rascher und begreifen ohne Mühe so viele komplizierte Dinge, indes
man früher die einfachste Tatsache nicht begreifen konnte. Ich entsinne
mich eines Beispiels, das mir im Gedächtnis geblieben ist und das ich
hier anführen will. In den vierziger Jahren baute mein Großvater für die
Regierung die Chaussee von Brest nach Bobruisk. Auf der Strecke befanden
sich Berge, Täler und Sümpfe, so daß eine Wagenreise volle zwei Tage
dauerte, während man dieselbe Tour auf der Chaussee bequem in einem Tage
sollte zurücklegen können. Alles sprach natürlich von dem für jene Zeit
großen Unternehmen, aber es fanden sich selbst in den höheren
Gesellschaftskreisen Skeptiker, die ihre Zweifel äußerten und sagten:
»Solange sich die Menschen erinnern, waren zwei Tage nötig, um den Weg,
von Brest in Lithauen nach Bobruisk zurückzulegen, und da kommt Reb
Zimel Epstein und erzählt uns, er wird ihn auf eine Tagereise verkürzen.
Wer ist er? Gott? Wird er die übrige Strecke Wegs in seine Tasche
stecken?«
In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts waren die Wege in Litauen und
in manchen Teilen Rußlands überhaupt noch wüst. Endlose Steppen, Sümpfe,
teilweise noch Urwald dehnten sich meilenweit, bis die große Kaiserin
Catharina II. auf beiden Seiten mit Birkenbäumen bepflanzte Landstraßen
anlegen ließ. Die Seitenwege waren aber sowohl für die Fußgänger, die
man als Boten von Ort zu Ort sandte, sowie für die in Schlitten und
Wagen Reisenden noch sehr gefährlich, besonders im Winter durch den
tiefen Schnee. Zur Überwindung dieser Gefahren wurde die Pferdepost
eingeführt. Dazu gehörte die _=Troika=_, das _=Dreigespann=_, der
Postkutscher, Jamschezik genannt, ein halbwilder, schwerfälliger, immer
betrunkener Bauer, der bei seinem Pferde lebte und starb. Viel gebraucht
wurde auch die _=Kibitka=_, ein plumpes Wägelchen, dessen vier schwere
Räder zwei breite Holzstangen verbanden, auf denen ein aus Brettern
zusammengesetzter, halb überdeckter Korb ruhte, oder die _=Telega=_, ein
ebenso plumpes Wägelchen ohne Verdeck. Das Geschirr der Pferde bestand
aus grobem Leder, das mit Messingblech reich verziert war. Das mittlere
Pferd hatte über dem Kopfe ein Krummholz, in dessen Mitte eine mächtige
Glocke hing. Einen ebenso schwerfälligen, echt russischen Charakter wie
das Gefährt hatten die etwa 20-25 Werst von, einander entfernt liegenden
Poststationen. Eine große Stube mit weißgetünchten Wänden, ein
großmächtiger, mit schwarzem Wachstuch bezogener Divan, der lange,
hölzerne, auch mit Wachstuch benagelte Tisch, darauf der hohe, schmale,
schmutzige, mit grünem Schimmel überzogene Samowar und ein schwarzes,
verräuchertes Teebrett mit blinden, unsauberen Gläsern. Der hohe magere,
immer, selbst am Mittag, schlaftrunkene, ungewaschene und ungekämmte
Stationschef in seiner unsauberen Vizeuniform mit den blinden
Messingknöpfen vervollkommnete das typische Bild, das mir heute nach 65
Jahren noch lebhaft vor Augen steht. -- Von dieser Einrichtung konnten
indes nur die reicheren Leute Gebrauch frischen, namentlich die höheren
Militärs und Kouriere, die zu Pferde Botschaften von den Hauptstädten
nach einer Gouvernementsstadt übermittelten, wozu man sich jetzt des
Telephons und Telegraphen bedient.
Das gewöhnliche Publikum bediente sich eines einfachen, mit Leinwand
bespannten Wagens, der von zwei oder drei Pferden gezogen wurde. Das
bessere Publikum benutzte den. _=Tarantass=_, eine _=halb=_bedeckte
Kutsche, die auf zwei dicken Holzstangen ruhte, oder den _=Fürgon=_,
eine ganz mit Leder überdeckte Kutsche mit einer Tür in der Mitte. Nicht
selten wurden diese Fuhrwerke samt den Passagieren auf freiem Felde vom
Schneesturm verschüttet. -- Erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurde
durch den Bau der Chausseen diesen Übelständen abgeholfen. Nun hemmte
kein Berg, kein Sumpf, kein Wald das schnelle Vorwärtskommen, und auf
gradlinigem, ebenen Wege gingen die Fuhrwerke dahin. Die Sicherheit
wurde dadurch erhöht, daß außer den Poststationen in regelmäßigen
Abständen Wachhäuschen mit Wächtern eingerichtet wurden. Das nun schon
bequemere Reisen machte das Volk beweglicher. Handel und Verkehr
entwickelten sich erstaunlich rasch und schon am Anfang der vierziger
Jahre zeigte sich das Bedürfnis nach einem schnelleren Verkehrsmittel.
Da wurde dann die Einrichtung der sogenannten Diligence getroffen, ein
bequemer Wagen mit zwei Abteilungen, der zwölf bis fünfzehn Personen zu
einem mäßigen Preis täglich von Ort zu Ort führte. Er war mit drei
Pferden bespannt und wurde von dem Postillon gelenkt, der eine
eigenartige Uniform trug und auf seiner Trompete eine traditionelle
Weise blies. In Russisch-Polen nannte man dieses Verkehrsmittel nach dem
Unternehmer »Stenkelerke«, in Ostpreußen »Journalière«. Man war im
allgemeinen sehr mit dieser Einrichtung zufrieden und glaubte, nie etwas
Besseres finden zu können. Gleichwohl wusste man schon um die Mitte der
fünfziger Jahre auch in Rußland von der Erfindung der Eisenbahn, und
anfangs der 60er Jahre konnte man auch schon im Zarenreich weite
Strecken per Dampf zurücklegen. In den vierziger Jahren brauchte man mit
Postpferden sieben Tage, um eine Entfernung von 800 Werst zu überwinden,
wofür in den sechziger Jahren mit der Eisenbahn dreißig Stunden
ausreichten.
Nicht minder bedeutsam war die Entwicklung des Verkehrswesens
_=innerhalb der Städte=_: im Anfang ein elendes Korbwägelchen auf
hölzernen Rädern, von einem mit Stricken angeschirrten Pferde langsam
gezogen, für das »Volk«, und zwar nur für zwei Personen; für das bessere
Publikum die sogenannte Droschke oder »Lineika«, die heute noch
existiert: ein Lederkorb auf hängenden Ressorts, zwei Deichselstangen,
zwischen die ein Pferd mit einem Krummholz über dem Kopfe eingespannt
war. In der Lineika war für acht Personen Platz, auf einem langen Sitze
saßen auf jeder Seite vier Personen, Rücken an Rücken. Diese Gefährte
schüttelten und rüttelten auf dem holprigen Pflaster die Passagiere
lange Zeit, und wurden erst allmählich so weit verbessert, daß die
Droschke auf liegenden, niederen Ressorts angebracht und der Sitz mit
Federkissen versehen wurde, bis schließlich die Gummireifen um die Räder
dem Schütteln ein Ende machten und anstelle der Kissen bequeme, breite
Sofasitze traten.
Ende der siebziger Jahre wurde die Straßen-Pferdebahn eingeführt und die
ersten Velocipede tauchten auf, bis in den neunziger Jahren die
elektrische Tramway eine weitere Vervollkommnung brachte, die dann nur
wieder durch das Automobil übertrumpft wurde.
Der Wegebau -- der ja erst die Vervollkommnung der Verkehrsmittel
ermöglichte, wurde in Form von Submissionen vergeben. Jeden Spätherbst,
veranstaltete die russische Regierung in Brest die Torgy, d. h. die
Vergebung der Bauarbeiten und Lieferungen. Aus diesem Anlaß kam
gewöhnlich mein Großvater aus Warschau zu uns. Auch aus anderen: Städten
trafen viele »Padradziki« ein. Zu des Großvaters Empfang wurden große
Anstalten getroffen; mein Vater wurde, durch Estafette, reitende
Eilboten, die auf jeder Poststation das Pferd wechselten, von dem Tag
seines Eintreffens vorher genau benachrichtigt. Schon am Morgen des
betreffenden Tages waren alle im Hause und besonders wir Kinder voller
Ungeduld und Erwartung. Zur bestimmten Stunde begaben wir uns auf den
Paradebalkon oder auch auf den Korridor, um da zwischen den Säulen eine
geeignete Stelle zu finden, damit uns der Großvater zu allererst
bemerke. Aller Augen waren auf die nahe Brücke gerichtet. Die Erwartung
hatte den höchsten Grad der Spannung erreicht. Endlich rasselte es auf
der Brücke, und wir sahen die große, viersitzige Equipage des
Großvaters, von vier Postpferden gezogen. (Aber auch von unseren Blicken
mächtig angezogen.) Jeder von uns streckte sich kerzengrade und strich
sich das Haar von der Stirn und die Herzen pochten ...
Der Wagen hielt nun endlich vor dem Balkon. Ein hoher, hagerer, blonder
Diener, in einem Lakaienmantel, mit einigen aufeinander folgenden
Kragen, sprang vom Bock, öffnete den Wagenschlag und half dem Großvater
heraus. Er war ein ehrwürdiger, stattlicher Greis, dem Aussehen nach
noch ziemlich rüstig, mit langem, grauen Bart, hoher breiter Stirn,
großen ausdrucksvollen Augen von strengem Blick. Doch sein väterliches
Auge ruhte mit Stolz und Zärtlichkeit auf seinem Sohne. Es erfreute das
Herz des alten Mannes vollends, daß unser Vater trotz seiner vielfachen
Geschäfte noch immer Zeit genug fand, fleißig den Talmud zu studieren.
Wie oft pflegte der Greis zu sagen, er beneide meinen Vater um sein
großes, talmudisches Wissen und um die Muße, die er für das Studium
finde.
Meine Mutter wurde vom Großvater zuerst begrüßt, aber ohne Händedruck.
Meinen Vater, meinen älteren Bruder und meine Schwäger umarmte er; zu
meinen älteren Schwestern und zu uns Kindern wandte er sich mit den
Worten: »Was macht Ihr, Kinderchen?« Aber diese wenigen Worte waren
hinreichend, uns vor Freude hüpfen zu machen. Von dem ganzen Schwarm,
der sich auf dem Balkon befand, begleitet, begab sich dann der Großvater
ins Haus.
Wir kleinen Kinder durften nicht gleich in die festlich geschmückten
Räume eintreten. Wir nahmen daher unseren Rückweg durch die Tür links
und gelangten durch den Hauptkorridor in unser Zimmer. Meine älteren
Schwestern hatten schon das Recht, die ersten Stunden mit dem Großvater
und den Eltern zusammen zu bleiben und sich an der Besprechung der
Geschäftsangelegenheiten zu beteiligen. Wir Kleinen wurden erst am
darauffolgenden Morgen von der Mutter zum Großvater geführt, der uns
zärtlich Haar und Wange streichelte. Doch kam es selten zu einem Kuß. Er
ließ uns durch seinen Diener die guten Warschauer Bonbons und
Apfelsinen, die er uns mitgebracht hatte, geben. Unsere »Audienz« währte
jedoch nur wenige Minuten. Wir küßten die weiße, kräftige Hand, die er
uns reichte, wünschten dem von uns so geliebten und hochgeschätzten
Manne einen »guten Morgen«, verbeugten uns und entfernten uns, ohne ein
überflüssiges Wort an ihn zu richten.
So lange der Großvater bei uns weilte, war im Hause ein Hin- und
Herlaufen, ein Lärmen, ein Kommen und Gehen von Gästen und
Geschäftsfreunden, im Hofe ein Ein- und Ausfahren von Equipagen und
Droschken. Das Mittagbrot wurde später als sonst genommen. Man deckte im
gelben Salon den großen Tisch aus dem Eßzimmer; das ganze Silber-,
Kristall- und Porzellangeschirr wurde verwendet, und die Gänge und die
Länge der Tafel hatten eine ungewöhnliche Ausdehnung, da viele Gäste
geladen waren. Von meiner älteren Schwester bis zur jüngsten fand
niemand an dem langen Tische Platz. Es wurde für uns zu unserer größten
Freude im Eßzimmer ein besonderer Tisch hergerichtet, wo unsere Njanja
(Kinderwärterin) Marjascha bediente -- ein dralles, rotwangiges Mädchen
mit schwarzen, dicken Zöpfen und einem roten Tuch, das sie turbanartig
um den Kopf gewickelt hatte. Meine ältere Schwester Chasche Feige
brachte uns selbst schmackhafte Gerichte, Kuchen usw. von der großen
Tafel herüber. Wir waren von der strengen Disziplin, die drüben
herrschte, befreit und genossen, auf uns selbst angewiesen, die
vollkommenste Freiheit.
Am Abend fanden sich noch andere Gäste ein, darunter viele Christen,
hochgestellte Männer vom Militär, Ingenieure, Baukommissäre, mit denen
der Großvater Preference spielte. Ein reiches Dessert wurde aufgetragen,
wovon wir Kinder wieder unseren gerechten Anteil erhielten; und wenn wir
von der Mutter noch die Erlaubnis bekamen, damit auf den Ofen im
Eßzimmer zu klettern und dort Licht anzuzünden, verlangten wir vom
Schicksal nichts mehr. Denn auf dem Ofen war es so traulich, so
gemütlich, dort, wo selbst am Tage ein Halbdunkel herrschte, wo sich in
einem Winkel unsere Puppen mit ihren Bettchen, Kleidern und allerlei
Blechtöpfe, Schüsseln und dergleichen befanden. Marjascha leistete uns
immer Gesellschaft, und sie wußte so interessante Märchen zu erzählen.
Ach, das war der Ort, wo wir Kinder die Welt umher vergaßen, mochte es
unten in den prächtigen Räumen noch so munter zugehen: wir waren hier
wunschlos-glücklich. Meine Mutter gestattete aber nur ungern den Auszug
auf den Ofen; denn der Weg hinauf war unsicher: man mußte den einen Fuß
in eine eigens dazu gemachte Vertiefung setzen und sich mit dem zweiten
in der Luft rasch hinaufschwingen, wobei man oft das Gleichgewicht
verlor und kopfabwärts auf die Diele stürzte. Auch oben fehlte es nicht
an Gefahren; neugierig auf das Treiben im Eßzimmer, streckten wir die
Köpfe über den Ofenrand hinaus, der andere Teil des Körpers schwebte
fast in der Luft. Erst wenn eine auf die Diele stürzte, wurden wir uns
bewußt, in welcher Gefahr wir »schwebten«. Dennoch erwirkten wir oft die
Erlaubnis, uns für einen ganzen Abend auf dem ersehnten Plätzchen
niederzulassen. Der Ofen bildete dort oben ein geräumiges Viereck, in
dem man nicht stehend, sondern bloß sitzend oder liegend Platz hatte.
Denn die Decke war sehr niedrig.
In den Zimmern unten ging es ziemlich lebhaft zu. Nachdem man den Tee
und das Dessert eingenommen hatte, wurde noch viel von Geschäften
gesprochen.
Es war ein reges Treiben, und die Ruhe kehrte erst wieder bei uns ein,
wenn der Großvater alle Geschäfte geordnet hatte. Der Großvater hatte
die Ausführung der Festungsbauten in Brest übernommen, für die mein
Vater viele, viele Millionen mit seinen Initialen J. E. gestempelter
Ziegel liefern mußte. Wir bekamen zum Abschied schöne Gold- und
Silbermünzen. Der Großvater reiste ab. Im Hause wurde es wieder still
wie nach einer Hochzeit in den vierziger Jahren (nicht etwa wie nach
einer in den achtziger Jahren!).
Kurze Zeit darauf nahte ein neuer, lieber Gast -- das Makkabäerfest
(Chanuka) mit all seinen munteren und aufregenden Ereignissen. Schon am
Sonnabend vorher mußte die Chanukalampe geputzt bereit stehen. Beim
Putzen waren wir Kinder zugegen, beschauten jedes einzelne Teilchen und
ergötzten uns daran. Die Lampe war aus Silberdraht geflochten und hatte
die Form eines Sofas. Die Lehne trug einen Adler, über welchem ein
Vögelchen in natürlicher Größe mit einer Miniaturkrone auf dem Köpfchen
saß. An beiden Seiten des Sofas befanden sich kleine Röhren, in denen
Wachskerzchen staken, während auf dem Sitze acht Miniaturkrügchen
standen, die Öl enthielten -- zur Erinnerung an den kleinen Ölkrug, den
man einst, wie die Sage erzählt, im Tempel zu Jerusalem nach der
Vertreibung der Feinde durch die Makkabäer gefunden und der für volle
acht Tage zur Beleuchtung des Tempels hingereicht hatte. Zur Erinnerung
an dieses Wunder feiern die Juden alljährlich auch durch Anzünden von
Lichtern und Öllampen das Makkabäerfest, das in erster Reihe ein
Siegesfest ist. -- Der erste Chanuka-Abend wurde von uns Kindern mit
Herzklopfen erwartet. Der Vater verrichtete sein Abendgebet, während
unsere Mutter in das erste Krügchen Öl eingoß, den Docht in die Röhrchen
einzog, zwei Wachskerzen in die zu beiden Seiten befindlichen kleinen
Leuchter und einen in die Krone des Vögelchens steckte. Wir Kinder
standen um sie herum und verfolgten jede ihrer Bewegungen mit Andacht!
Der Vater vollzog die rituelle Handlung: das Anzünden des ersten Lichtes
an der Chanukalampe. Er sprach das vorgeschriebene Gebet, steckte dabei
ein dünnes Wachskerzchen an, womit er im ersten Ölkrügchen den Docht
anzündete. Jetzt begann der Feierabend, denn arbeiten durfte man nicht,
so lange das Öl im Krügchen brannte.
War das ein Jubel bei uns Kindern! Denn auch wir durften an diesem Abend
Karten spielen. Wir holten unsere paar Kupfermünzen hervor und hielten
uns für Millionäre. Wir setzten uns um den Tisch, und unsere kleinen
Cousinen gesellten sich auch zu uns. Indes bildeten unsere Eltern, die
erwachsenen Geschwister und einige Bekannte, die zu Besuch gekommen
waren, einen größeren Kreis. Am fünften Abend dieser Woche sandte meine
Mutter Einladungen an alle unsere Verwandten und Bekannten. An diesem
Abend erhielten wir Kinder auch von der Mutter das so sehnlich erwartete
Chanukageld, das gewöhnlich in neun glänzenden Kupfermünzen bestand. Man
blieb an diesem Abend später auf als gewöhnlich, spielte auch länger
Karten, und es wurde ein reiches Abendbrot geboten, bei dem die
sogenannten Latkes[B] das Hauptgericht bildete. Latkes sind eine Art
Flinsen aus _=Buch=_weizenmehl mit Gänsefett und Honig; sie werden aber
auch aus _=Weizen=_mehl mit Hefe, eingemachten Früchten und Zucker
zubereitet und sind sehr schmackhaft. Als Getränk gab es eine Art
Kaltschale, aus Bier, Öl und ein wenig Zucker bestehend. Dazu kam
Schwarzbrot, klein geschnitten, mit Zucker und Ingwer bestreuter
Zwieback. Gänsebraten wurde gereicht mit allen möglichen Beilagen,
gesalzenen und sauren, unter denen der Sauerkohl und die Gurken nicht
fehlen durften. Endlich ein reiches Dessert von Konfitüren und Früchten,
wobei Keller und Vorratskammer viel einbüßten. Die Gäste musterten,
beurteilten und lobten die Speisen.
Das Ergebnis des Kartenspielens konnte man auf unseren Gesichtern lesen;
mancher verlor sein ganzes Chanukageld und bemühte sich, die Tränen zu
verbergen. Es blieb nur ein Trost: die Hoffnung, daß solche Spielabende
sich wiederholen werden. Dann wandte sich das Glück und füllte wieder
die leere Börse.
An solchen Abenden stellte mein Vater sogar das »Lernen« im Talmud ein
und gesellte sich zu den Spielenden, obgleich er, wie meine Mutter,
keine Idee vom Kartenspiel hatte. Sehr beliebt war auch das
»Dreidlspiel«, auch goor genannt. Das Dreidl wurde eigens aus Blei
gegossen. Es hat eine würfelähnliche Form. Unten war eine Spitze, so daß
der »Apparat« wie ein Kreisel gedreht werden konnte. Auf jeder der
Seitenflächen war ein Buchstabe markiert. Fiel das Dreidl auf
[Hebräischer Buchstabe: GIMEL], so hatte der Spieler verloren. Bei
[Hebräischer Buchstabe: SCHIN] blieb der Einsatz stehen. Fiel es auf
[Hebräischer Buchstabe: HE], so konnte er die Hälfte des Einsatzes
nehmen. Wenn des Dreidl aber auf [Hebräischer Buchstabe: NUN] fiel, so
war »goor«; der Würfler konnte den ganzen Einsatz einstreichen.
Nach der Chanuka-Woche kam das Leben in unserem Hause wieder ins alte
Geleise. Es sei denn, daß Einquartierung die Ruhe wieder störte: Besuch
eines hochgestellten Militär- oder Zivilbeamten. Die Festung in Brest
besaß damals noch keinen Palast, und das Haus meiner Eltern war reich
und bequem eingerichtet. Der damalige Kommandant Piatkin, der mit meinem
Vater befreundet war, pflegte hohe Gäste in unserem Hause einzulogieren.
Mancher kann ich mich noch sehr gut erinnern, z. B. des Fürsten Bebutow
aus Grusinien im Kaukasus, der später in Warschau einen hohen Posten
bekleidete. Er wohnte sehr lange bei uns, war zu uns Kindern freundlich
und gegen alle sehr zuvorkommend. Oft brachte er uns, während wir im
Blumengarten vor den Fenstern spielten, Bonbons und Honigkuchen, und
unterhielt sich mit uns gemütlich in russischer Sprache. Er hatte einen
Diener, der Johann hieß. Er war lang und hager, hatte eine Habichtsnase
und mandelförmig geschnittene, schwarze, glühende Augen, kletterte wie
eine Katze bis zur äußersten Spitze der höchsten Pappel, machte
kunstvoll die Dschigetowka burduk, indem er sich von seinem im
raschesten Lauf hinstürmenden, feurigen Pferde bis zur Erde herabneigte,
um eine kleine Münze aufzuheben. Er war recht jähzornig; man durfte ihn
nicht reizen oder ihm in den Weg kommen, wenn er aufgeregt war, denn er
führte immer einen Dolch bei sich. So hat er einen Hund, der ihm einmal
vor den Füßen lief, mit dem Dolch entzwei gehauen. Ein anderes Mal hat
er einen Hahn im Fluge aufgefangen und ihm mit den Händen den Kopf vom
Rumpfe heruntergerissen. Wir Kinder fürchteten ihn sehr.
Der zweite Gast, dessen ich mich noch entsinnen kann, war der damalige
Gouverneur von Grodno, Doppelmeyer, der oft nach Brest kam und stets bei
uns wohnte. Er war ein sehr leutseliger, starker, blonder Herr, der bei
uns als guter Freund aufgenommen wurde. Er hielt es für seine Pflicht,
meinen Eltern, so oft er kam, eine Visite zu machen. Geschah dies an
einem Freitag Abend, so wurde er mit einem Stück Pfefferfisch regaliert,
den er mit großem Appetit verzehrte. Auch dem schönen geflochtenen
Schabbes-(Sabbat) Strietzel ließ er volle Gerechtigkeit widerfahren. Es
muß ein wohlgefälliges Bild gewesen sein, wenn alle meine Geschwister
mit ihren jungen, blühenden Gesichtern und meine Eltern um den Tisch
saßen. Denn der Gouverneur sagte viel Schmeichelhaftes darüber und
beglückwünschte meine Eltern. Er unterhielt sich mit meinem Vater über
mancherlei ernste Angelegenheiten und blieb plaudernd bis zum Ende der
Mahlzeit: Der Verkehr zwischen Juden und Christen war damals noch nicht
durch den Antisemitismus vergiftet ...
Unter den Gästen meines Vaterhauses war auch ein kleines, jüdisches
Männchen, das alljährlich im Hochsommer zu uns kam und einige Wochen bei
uns weilte. Er gehörte der Sekte »Dower min hachai« an, d, h. die nichts
vom Lebendigen Genießenden; die man jetzt Vegetarier nennt. Er hielt
diese Vorschriften aber so strenge inne, daß er nicht einmal von dem
Geschirr aß, das auch nur einmal zu Fleischspeisen benutzt worden war.
Meine fromme Mutter pflegte selbst für ihn die Speisen zuzubereiten,
eine Suppe aus sauren, roten Rüben oder Sauerampfer, Grützbrei ohne
jeden Fettzusatz, nur mit etwas Baumöl zubereitet; ferner Nüsse in
Honig, oder Rettig in Honig mit Ingwer gekocht, Tee und schwarzen
Kaffee. -- Er war ein stiller, höchst bescheidener Mann und wurde von
uns allen sehr verehrt, insbesondere auch von meinem Vater, der mit ihm
in seinem Kabinett über die Folianten gebeugt zu sitzen und zu
disputieren pflegte.
Das Leben im Winter hatte für mich einen besonderen Reiz. Gerade wenn es
tüchtig schneite, liebte ich es, draußen herum zu spazieren. In der
Dämmerstunde, wenn ich zu frieren anfing, schlich ich mich in den
»Flügel«, so hieß das Seitengebäude im Hofe, wo meine verheirateten
Schwestern mit ihren Männern und Kindern lebten. Mein Besuch dort galt
der Njanja (Kinderwärterin) des kleinen Sohnes meiner Schwester. Die
Njanja erzählte mir oft sehr interessante Märchen und sang sehr schöne
Liedchen. Ich fand sie gewöhnlich an der Wiege sitzend, die sie mit
einem Fuß in Bewegung hielt, während ihre gerunzelten, blau-gelben Hände
an einem dunkelgrauen, groben Wollstrumpf strickten. Ich kroch mit
Händen und Füßen auf das Bett, auf dem sie saß, und bat mit allerlei
Schmeichelworten, sie solle mir den Strumpf zum Stricken geben.
»Nein«, grinste sie, »du wirst wie gestern nur wieder die Maschen fallen
lassen. Geh weg von mir!«
»Chainke, Jubinke«, begann ich aufs Neue, »wenn Ihr mir nicht den
Strumpf gebt, so singt mir von den Liedelach, die Ihr singt, wenn Ihr
Berele einschläfert.«
Grämlich antwortete sie: »Mir ist nicht zum Singen.«
»Seid Ihr krank, Chainke?« fragte ich sie besorgt.
»Laß mich in Ruh«, schrie sie aufspringend. Aber ich ließ mich von
dieser ihr eigenen Laune nicht abschrecken und wiederholte meine Bitte,
die ich durch Küsse ihrer faltigen Wangen und Streicheln ihres
runzeligen Halses unterstützte.
»Mischelaches!« (Gottesplage) schrie sie auf, »um von dir poter zi
weren (um dich los zu werden), werd' ich dir schon singen.«
Ich setzte mich zurecht, als ob sie ohne meine Vorbereitung nicht singen
könnte und lauschte.
Und sie sang:
»Patschen, patschen Küchalach,
Kaufen, kaufen Schichalach,
Schichalach kaufen,
In Cheider (_Schule_) wet das Kind laufen,
Laufen wet es in den Cheider,
Lernen wet es gur Kiseider (_der Reihe nach_)
Wet es oblernen etliche Schures (_einige Zeilen_)
Wet man heren gute Bsures (_gute Nachrichten hören_)
Bsures toiwes (_gute_) zu zuheren
Abi dem Oilom (_Publikum_) a Eize zu geben (_Rat zu geben_),
Eine Eize zu geben mit viel Mailes (_gute Eigenschaften_)
Wet das Kind paskenen Scheiles (_Fragen über koscher
und treife und andere talmudische Fragen entscheiden_)
Scheiles wet es paskenen.
Drosches wet es darschenen (_talmudische Reden halten_)
Wet men ihm schicken die gildene Pischkele, (_wird man
ihm schicken eine goldene Dose_)
Un a Streimele (_Festtagspelzmütze_)«
»Ach, wie schön, wie schön«, rief ich, Beifall klatschend, »Aber Ihr
werdet mir noch, Chainke, ein zweites Liedele singen.«
»Was is dus heint far a Mischelaches (_Gottesplage_) auf mir gekummen!«
Sie sprang schreiend auf vom Sitz, so daß eine Stricknadel in die Wiege
fiel und die Maschen von ihr herabglitten. Nun zweifelte ich nicht, daß
ich heute nichts mehr zu hören bekommen würde. Ich blieb still sitzen,
bis sie brummend und grimmig den Strumpf in Ordnung gebracht hatte; sie
sah mich mit wütenden Blicken von der Seite her an, als verstände es
sich von selbst, daß ich Schuld an dem Unfall hatte. Ich regte mich
nicht. Und da sie in meinen Mienen das Bekenntnis meiner Schuld fand,
wurde sie wieder versöhnt. -- Freilich trug auch mein Versprechen, ihr
etwas von meinem Vesperbrot zu bringen, zur Besserung ihrer Laune bei.
Um mich los zu werden, sang sie mir noch ein zweites Lied:
»Schlaf mein Kind in Ruh,
Mach deine koschere (_reine_) Äugelach zu.
Unter dem Kinds Wiegele
Steht a weiße Ziegele,
Die Ziegele is gefohren handeln,
Rosinkes (_Rosinen_) mit Mandeln.
Das is die beste S'choire (_Ware_)
Berele wird lernen Toire
Toire, Toire im Kepele (_Köpfchen_)
Kasche (_Brei_) Kasche im Tepele (_Töpfchen_)
Broit (_Brot_) mit Butter schmieren
Der Tate (_Vater_) mit der Mame (_Mutter_) Berele zu der
Chupe (_Trauung_) führen.«
Es ist bezeichnend, daß der Jude damals selbst in den Wiegenliedern nur
vom Thoralernen, Cheidergehen phantasierte -- und nicht von Jagd, Hunden,
Pferden, Dolchen, Krieg.
Chainke begeisterte sich an ihrem Gesange selbst recht sehr und sang mir
noch mehrere Liedchen. Eins möchte ich hier noch anführen:
Zigele, migele
Wachsen im Krigele
Roite Brenselie
As der Tate schlugt die Mamme
Reissen die Kinderlach Krie --
Zigele, migele
Wachsen im Krigele
Roite Pomeranzen
As der Tate kuscht die Mamme,
Gehen die Kinderlach tanzen.
Sicher animierte sie zu dieser Zugabe die Aussicht auf mein Vesperbrot.
Inzwischen war es recht dunkel geworden. Ich lief eilig über den Hof ins
Hauptgebäude zurück, wo meine Geschwister schon tüchtig dem Vesperbrot
zusprachen. Unser Kindermädchen Marjascha konnte mit dem Brotschneiden
und dem Aufstreichen von eingemachten Stachelbeeren -- unserem
Lieblingsgericht -- gar nicht fertig werden. Ich bekam meinen Teil und
husch! war ich schon wieder auf dem Wege zum Flügelgebäude, wo ich von
der mir jetzt geneigten Sängerin viel freundlicher als zuvor behandelt
wurde. Und wir verzehrten gemeinschaftlich mit Behagen den
Leckerbissen..... --
.... Die größere Hälfte des Winters war vorüber, und das Purimfest mit
seinen aufregenden Freuden, mit den vielen Beschenkungen stand vor der
Tür. Damals war es unerläßlich, für unsere Cousinen und Nichten
Handarbeiten zum Scholachmones (gesandte Geschenke) anzufertigen. Wir
arbeiteten Tage und Nächte mit großem Eifer, und als nun alles fertig
war, ergötzten wir uns bei dem Gedanken, wie die Beschenkten vor
Bewunderung beinahe neidisch auf unsere Geschicklichkeit sein würden.
Der ersehnte Purimtag rückte immer näher. Am Vortag war Esthertanes (der
Königin Esther Fasttag), an dem alle älteren Familienmitglieder
fasteten. Schmackhafte Purimbäckereien wurden von meinen Schwestern im
Hause bereitet. Die Hauptrolle spielten die Hamantaschen (dreieckige
Mohnkuchen) und die Monelach (in Honig gekochter Mohn). Gerieten sie
gut, so versprach man sich ein gutes Jahr. Wir Kinder durften auch bei
dieser Arbeit helfen, konnten wir doch bei dieser Gelegenheit nach
Herzenslust naschen. Der ganze Tag verging ohne die üblichen Mahlzeiten.
Aber wie groß war die Lust, sich am Abend unter die großen mischen zu
dürfen und die gebackenen, gebratenen und gekochten Herrlichkeiten
verzehren zu können! Und erst die freudige Aussicht auf den nächsten
Tag! Am Abend wurde zu Hause gebetet. Nachher fand sich eine zahlreiche
Gesellschaft aus der Nachbarschaft ein. Hierauf wurde die M'gilla Esther
(das Buch Esther) vorgelesen. Und so oft der verhaßte Name Haman vorkam,
stampften die Männer mit den Füßen, und die Jugend lärmte mit den
schrillen Gragers (Schnarren). Mein Vater ärgerte sich darüber und
verbot es. Aber es half nichts: jedes Jahr tat man es wieder.
Erst nach dem Ablesen der M'gilla, das oft bis acht oder neun Uhr abends
dauerte, begab man sich ins Eßzimmer, und ließ sich die appetitlichen
Speisen, die in reicher Fülle auf dem Tisch standen, gut schmecken.
Jeder bediente sich, so rasch er konnte, um den laut protestierenden
Magen, der doch mehr als 20 Stunden keine Nahrung erhalten hatte, zu
befriedigen.
Am frühen Morgen des darauffolgenden Tages konnten wir Kinder vor
Aufregung nicht mehr schlafen und riefen einander noch in den Betten zu:
»Was ist heute?« -- »Purim!« lautete die frohlockende Antwort. Und nun
kleidete man sich so rasch wie möglich an. Die freudige Erwartung
verwandelte sich in Ungeduld. Wir wünschten, der Morgen möge doch
endlich schon zum Nachmittag werden, da wurden ja die Scholachmones
abgeschickt und empfangen.
Mein Vater und die jungen Leute kamen aus dem Bethause, wo ein
Halbfeiertagsgottesdienst abgehalten und wieder die M'gilla vorgelesen
worden war. Das Mittagmahl wurde zu früher Stunde genommen (es
bestand aus den vier traditionellen Gängen: Fische, Suppe mit den
unvermeidlichen Haman-Ohren, d. h. dreieckige Kreppchen, Truthahn und
Gemüse), um die zweite Mahlzeit, die Sude (Festmahl), die eigentlich am
Purimfest die Hauptrolle spielte, noch vor Abend beginnen zu können.
Dabei gibt sich der Jude, -- so will es der Gebrauch -- der wahren
oder der vermeintlichen Freude hin und darf sich einen kleinen Rausch
antrinken. So viel ich mich zu erinnern weiß, ist jeder Jude an diesem
Tage munter und fröhlich, er gönnt sich gutes Essen und Trinken und
bemüht sich schon Tage vorher, für den Schmaus viel Geld aufzutreiben.
Uns Kinder beschäftigte nur der Gedanke an das Abschicken und Empfangen
des Scholachmones. Endlich kam die wichtige Stunde, da alle fertigen
Geschenke auf ein Teebrett gelegt wurden. Dem Dienstmädchen wurde
eingeschärft, welches Geschenk für den und jenen bestimmt sei. Mit
besorgter, vor Aufregung bebender Stimme wurde ihr verboten, sich
unterwegs aufzuhalten oder mit jemand zu sprechen, nicht einmal im
Vorübergehen. Sie sollte direkt zu unseren Tanten gehen. Selbst die
Art, wie sie das Teebrett mit den Geschenken auf den Tisch setzen
müsse, und wie sie jedem sein Geschenk auszuhändigen habe, wurde
ihr genau angegeben. Dabei stellten wir uns lebhaft die Ausrufe des
Entzückens vor, die unsere Arbeiten hervorlocken würden. Und wir
zeigten wiederholt dem Mädchen jedes Stück. Endlich ging das Mädchen
fort und gelangte glücklich an Ort und Stelle.
»Bist du von den Kindern der Muhme geschickt?« eilten dem Mädchen dort
die Kinder, hastig fragend, entgegen -- denn ebenso wie bei uns, war man
auch dort aufgeregt und ungeduldig gewesen.
»Ja!« stammelte das bestürmte Mädchen, das kaum die Wohnstube erreichen
konnte, da ihr alle lärmend und fragend folgten. Sie bemächtigten sich
endlich des Tablettes, stürzten sich auf die Geschenke, um alles zu
besichtigen, zu beurteilen und zu bewundern. Das unbeholfene Mädchen tat
nicht so, wie wir befohlen hatten, da sich die Beschenkten die Sachen,
ohne zu fragen, selber nahmen. Dann machten sich die Kinder daran, die
für uns bestimmten Geschenke abzusenden. Das geschah in der nächsten
Viertelstunde. Die arme Botin aber, welche mit solchem Jubel empfangen
worden war, ging fast unbemerkt, ganz still fort und wurde von uns dann
mit der gleichen Ungeduld und Spannung ausgefragt, ob man drüben sehr
erstaunt gewesen, und welche Meinung über unsere Geschenke geäußert
worden sei. Nun empfingen wir von unseren Cousinen die Gegengeschenke,
welche unsere Erwartungen weit übertrafen oder -- auch nicht. Bei ihrer
Entgegennahme mußten wir an uns halten, ruhig zu bleiben. Wir durften
uns vor der Botin nicht so ungeduldig und so neugierig zeigen, wie wir
es tatsächlich waren; denn die Mutter hatte uns streng befohlen, ein
ruhiges, würdiges Benehmen an den Tag zu legen.
Inzwischen wurden allerhand Purimspiele (Szenen aus der biblischen
Geschichte, hauptsächlich aber mit einem Motiv aus dem Buch Esther)
vorgeführt. Die erste Szene brachte das Achaschweros (König
Artaxerxes)-Spiel nach der Migilla, diejenige, in der der König, Haman,
Mardechai und die Königin Esther die Hauptrollen hatten. Gewöhnlich gab
ein junger Bursche in Damenkleidern die Königin Esther, die von uns mit
neugierig erregten Augen verfolgt und angestaunt wurde. Die Kleidung der
anderen Darsteller zeichnete sich nicht durch besondere Reinlichkeit und
Eleganz aus. Der dreieckige Hut mit dem Federbusch, die Epauletten und
das Portepee waren aus dunkelblauem und weißgelbem Pappendeckel
verfertigt. Die Aufführung dauerte länger als eine Stunde, und wir
folgten ihr mit dem größten Interesse. Dann kam das Josefsspiel, dessen
interessanteste Szenen der Bibel entlehnt sind. Bei allen Stücken wurde
viel gesungen. Ich erinnere mich genau der Melodieen -- und des komischen
Tanzes, den Zirele Waans, eine Frau aus dem Volke, und ein armer Mann,
Lemele Futt, aufführten. Sie tanzten und sangen dazu im Jargon. Wir
kicherten heimlich über die grotesken Gestalten und ihre eckigen
Bewegungen.
Am amüsantesten für uns Kinder war das sogenannte Lied von der Kose
(Ziege). Ein Fell mit einem Ziegenkopf wurde von einem Mann, der darin
stak, auf zwei Stöcken gehalten. Der Ziegenhals war mit allerlei bunten
Glasperlen und Korallen, Silber- und Messingmünzen, Schellen und noch
vielem anderen schimmernden, blinkenden Zeug behangen. Auf den beiden
Hörnern waren zwei größere Glöckchen befestigt, die bei jeder
Kopfwendung schrill erklangen und sich mit dem anderen bimmelnden Tand
zu einer seltsamen »Musik« vereinigten. Der gute Mann im Ziegenfell
machte allerhand Bewegungen, er tanzte, sprang hoch und nieder. Das
Singen besorgte mit lustiger, heiserer Stimme der Führer der Kose
(Ziege).
Das Liedchen lautet:
Afen hoichen Barg, afen grünem grus, (_gras_)
Stehn a por Deutschen mit die lange Beitschen.
Hoiche manen seinen mir
Kürze kleider gehen mir.
Owinu Meilach (_Unser Vater, König_)
Dus Harz is üns freilach. (_fröhlich_)
Freilach wellen mir sein
Trinken wellen mir Wein.
Wein wellen mir trinken
Kreplach wellen mir essen
Un Gott wellen mir nit vergessen.
Der Sänger war ein hagerer, langer, blonder Bursche, der das ganze
Jahr in unserer Ziegelfabrik Lehm transportierte und den Spitznamen die
»Kose« trug. Für uns kleine Kinder war das Schauspiel voller
Ergötzlichkeiten. Aber wir konnten uns dennoch eines gewissen
Angstgefühles nicht ganz erwehren und flüchteten uns auch bald, nachdem
sie erschienen, auf den Ofen im Eßzimmer, von dem aus wir die Vorgänge
mit mehr Sicherheit überschauen konnten. Und da sahen wir mit
Interesse, wie »die Kose« ein Glas Branntwein hinuntergoß, das unsere
Mutter ihr an den Mund gebracht hatte, dann steckte die Mutter ihr einen
großen Purim-Mohnkuchen in den Mund, welchen die Kose, wie uns schien,
im Nu verschluckte. Zu einer festen Ansicht, ob es denn wirklich eine
Ziege war, oder ob ein Mensch darin stak, kamen wir nicht. Die Sache
erschien uns durchaus rätselhaft....
Der Scherz wurde laut belacht, und der Lehmführer wurde mit einem guten
Trinkgelde verabschiedet, wofür er mit komischen Gebärden dankte und
alle segnete. Die vorgeführten Szenen fanden im Speisezimmer statt und
wurden durch die vielen Boten, die Scholachmones brachten, oft
unterbrochen. Die Boten harrten der Aufträge meiner Mutter, welche für
die Abschickung der Gegengeschenke Anordnungen traf. Auf dem langen
Tisch befanden sich verschiedene Sorten teuren Weines, englisches
Porter, die besten Liköre, Rum, Kognak, Bonbons, Apfelsinen, Zitronen,
marinierter Lachs. Diese edlen Dinge verteilte meine Mutter und meine
älteren Schwestern unaufhörlich auf Teller, Schüsseln und Tablette. Es
gab kein bestimmtes Maß, keine bestimmte Zahl. Eine Sendung bestand
gewöhnlich aus einer Flasche Wein oder englischem Porter und einem Stück
Lachs, aus Fischen und einigen Apfelsinen oder Zitronen. Ein so
zusammengestelltes Geschenk war zumeist einem Herrn zugedacht. Die
Geschenke für Frauen bildeten Kuchen, Früchte und Bonbons. Die Leute
niederen Standes erhielten Honigkuchen, Nüsse, Äpfel auf einem Teller,
der mit einem roten Taschentuch überdeckt war, dessen Enden nach unten
zusammengeknotet wurden. Ich erinnere mich lebhaft eines aufregenden
Vorfalles am Purim. Meine Mutter hatte vergessen, einem Hausfreunde
Scholachmones zurückzuschicken.[C] Das fiel ihr erst spät nachts ein,
und sie konnte vor Ärger darüber nicht einschlafen. Am frühen Morgen
kleidete sie sich rasch an und begab sich zu dem Freunde, um ihn um
Verzeihung zu bitten und zu beteuern, daß der Irrtum nicht aus
Geringschätzung, sondern aus Vergeßlichkeit geschehen wäre. Die
Versicherung war nötig, denn der Freund hatte sich tatsächlich
zurückgesetzt und verletzt gefühlt. Von solcher Wichtigkeit und
Bedeutung war damals jeder jüdische Gebrauch!
Die Boten kamen und gingen, und so verflossen die Nachmittagsstunden von
eins bis sechs Uhr, die uns Kindern lauter Naschwerk und Leckerbissen
brachten. Diese Zeit pflegte der Vater für sein Nachmittagsschläfchen zu
verwenden. Als er aufstand, erwartete ihn bereits der dampfende Samowar
mit dem duftenden Tee auf dem Tisch. Sodann verrichtete er das
Vorabendgebet. Denn die Sude (Festmahl) stand nahe bevor. (Nach der
Vorschrift muß diese noch vor Abend beginnen.)
Der große Kronleuchter im gelben Salon wurde angesteckt. Alle
Wachskerzen in den Wandleuchtern brannten. Auch die übrigen Zimmer waren
hell erleuchtet. Die Tafel wurde aufs neue mit allen erdenklichen
kalten, schmackhaften Speisen besetzt. Besondere Sorgfalt wurde an
diesem Abend auf die Getränke verwendet, was in unserem Hause sonst
nicht üblich war. Fast schien es, als sähe es unser Vater als gutes und
gottgefälliges Werk an, wenn sich jemand am Purim ein Räuschchen
antrank.
Wir Kinder führten an diesem Abend eine Posse auf, in der meine ältere
Schwester und ich die Kleider der Njanja und der Köchin benützten. Sie
waren natürlich zu lang und zu breit und schleppten nach. Meine
Schwester stellte eine Mutter dar, ich ihre Tochter, deren Gatte sie mit
einem Kinde in Armut verlassen hatte. Gute Menschen sollten uns nun
helfen, den Mann aufzusuchen, denn sonst mußte ich eine »_=Agune=_«
bleiben (d. h. ich durfte nicht mehr heiraten) und mußte seine Rückkehr
abwarten. Auf die Frage, woher wir kämen, hatten wir mit verstellter
Stimme geantwortet: »Aus Krupziki.« Unser Benehmen und unsere Haltung
waren so ruhig und ernst, daß selbst unsere Mutter uns im ersten
Augenblick nicht erkannte, geschweige die Gäste. Der Vater rief aus:
»Wie hat sich der Diener unterstanden, diese Leute ins Speisezimmer
hereinzulassen, worin Gäste sind? Was ist das für eine Belästigung?« Wir
baten um Almosen in Geld oder in Speisen, wir wären hungrig und hätten
heute noch nichts gegessen -- das alles sprachen wir im echtesten Jargon.
Unsere Bitte um Speise und Trank wurde bald erfüllt, man lud uns ein, am
Tisch Platz zu nehmen. Wir taten es mit gespielter Befangenheit, und wir
begafften und bewunderten alles, was man uns vorsetzte und sparten nicht
mit Seufzern, was die Tischgenossen zum Kichern brachte. Wir waren so
gut vermummt, der abenteuerliche Kopfputz war so tief in die Stirn
gerückt, daß wir den Scherz unerkannt bis zu Ende führen konnten.
Wie ich mich seit meiner zartesten Jugend bis in die späteste Zeit
erinnern kann, wurde am Purimfest bei uns zu Hause immer bis zum
Tagesanbruch viel gegessen, getrunken und gelacht. Es herrschte
Heiterkeit bis zur Ausgelassenheit. Alle sonst verbotenen Streiche und
Possen waren gestattet. Jede Disziplin bei Tische war aufgehoben. Das
Fest ließ die beste Erinnerung zurück und auch greifbare Andenken: eine
hübsche Halsbinde, ein kleines Parfum-Flacon, das man immer wieder in
den Händen hin- und herwandte, um das Etikett, das man schon auswendig
kannte, wieder mit erneutem Vergnügen zu lesen. Lange wurde das
Fläschchen in der Kommode verwahrt, bis es bei einer wichtigen und
passenden Gelegenheit zur Benutzung kam.
Schon am darauffolgenden Tage, am Schuschan-Purim, hielt meine Mutter
mit der Köchin langen Rat über die großen Vorbereitungen zum Pesach
(Osterfest). Die wichtigste Speise, rote Rüben zum Einlegen für den
»Borscht« in einem »gekascherten« Faß, wurde schon an diesem Tag
angesetzt. Nach einigen Tagen erschien auch schon Wichne, die
Mehlverkäuferin, in ihrem unvermeidlichen Pelz und brachte allerlei
Mehlproben für die Mazzes. Meine Mutter beriet sich mit meiner älteren
Schwester beim Prüfen des Mehles, man knetete aus den Proben einen Teig
und buk kleine dünne Plätzchen, bis die Wahl auf eine erprobte
Mehlgattung fiel. Einen Tag vor Rosch-Chodesch (Neumond) Nissan mußte
meine ältere Schwester einen Sack nähen (denn die Mutter traute der
Köchin nicht, daß sie das auch genügend sauber machen würde) und das
mußte vorsichtig in einer gewissen Entfernung von Brot oder Grütze
geschehen: Meine Mutter war in allen diesen Vorbereitungen zum Osterfest
so peinlich, daß die Köchin darob oft außer sich geriet und grob wurde.
Meine älteren Schwestern bereiteten für die Feiertage moderne, hübsche
Putzsachen vor. Schneider, Schuster und Putzmacherinnen fingen an,
häufige Besucher in unserem Hause zu werden, mit denen die
Saisonangelegenheiten gar oft überlaut erörtert wurden. Rosch-Chodesch
Nissan rückte heran, und nun begann man mit dem Backen der Mazzes. Diese
Arbeit bildete eine Aufgabe in der häuslichen Wirtschaft, mit der sich
alle Hausgenossen, selbst Vater und Mutter, beschäftigten. Schon am
Vortage, ganz früh am Morgen, erschien Wichne, die Mehlfrau, mit dem
Säckel Mehl unter dem Pelz, der diesmal vorn mit einer langen, bis an
den Hals reichenden Schürze bedeckt war. Den weißen, aus dünner Leinwand
verfertigten Sack brachte meine Schwester ins Speisezimmer, wohin auch
Wichne mit dem Mehl folgte. Wir Kinder durften natürlich auch da nicht
fehlen, um andächtig die abgemessenen Töpfe Mehl mitzählen zu helfen. So
und so viel Töpfe wurden gezählt; der Sack wurde verbunden, in einen
Winkel des Eßzimmers gestellt, und sehr sorgfältig mit einem weißen
Leintuch bedeckt. Uns Kindern wurde streng verboten, mit Brot oder
sonstigen Speisen in die Nähe zu kommen, was wir ganz begreiflich
fanden. Am nächsten Morgen erschien das unentbehrliche Faktotum, die
Aufwartefrau, die den Spitznamen Meschia Cheziche führte, dieselbe, die
schon zu Beginn des Herbstes als Aufseherin bei allen häuslichen
Arbeiten fungierte. Ihr ganzes praktisches Wissen bewährte sich
hauptsächlich beim Einlegen von Kohl und beim Einkellern von Gemüse. Sie
lebte mit ihrem Mann in einer Lehmhütte bei unserer Ziegelfabrik, für
die er Lehm transportierte, hielt sich aber die meiste Zeit bei uns auf.
Sie war wirklich eine treue Seele, die sich für jedes von uns Kindern
aufgeopfert hätte. Ich sah sie nie anders als in einem zerlumpten,
blaugestreiften Kattunkleid und in einem Paar sehr großer Schuhe, die
ihr bei jedem Schritt von den auch im Sommer beinahe erfrorenen Füßen
herabfielen. Das braun-blau erfrorene Gesicht, war mit einem ehemals
weißen Kattuntuch umwickelt, ein schmaler roter Wollstreifen um die
Stirn gebunden und zwei Enden eines Schleiers hingen wie Flügel im
Nacken. Die kleinen, tief in den Kopf gesunkenen matten Augen drückten
immer Wohlwollen und Dankbarkeit aus. Der ungeheuer breite Mund mit den
schmalen Lippen schien nur die Worte sprechen zu können: »Gute Leut',
erwärmt mich und gebt mir etwas zu essen.«
Meine Schwestern ließen jeden Herbst einen wattierten Rock und andere
warme Kleidungsstücke für sie anfertigen. Es scheiterte aber jeder
Versuch, dieses gänzlich durchfrorene Wesen zu erwärmen. Also Meschia
Cheziche kam; zuerst erhielt sie in der Küche einen Teller voll heißer
Grützsuppe, und nachdem sie gesättigt war und sich etwas erwärmt hatte,
schlich sie zur Tür des Speisezimmers, streckte den Kopf zur
halbgeöffneten Tür herein und meldete sich. Meine Mutter befahl ihr,
sich ordentlich zu waschen; dann zog man der hageren Gestalt ein langes,
weißes Hemd über ihre Kleider und der Kopfputz wurde mit einem weißen
Leinentuch, das auch den breiten Mund bedeckte, umwunden. In diesem
Aufzug, der ihr ein gespensterhaftes Aussehen verlieh, mußte sie nun das
Mehl für die Mazzes durchsieben. Nachdem sie meine Mutter mit den Worten
gesegnet hatte: »Derlebts über a Juhr (künftiges Jahr) mit Eurem Mann
und Kinderlach in großen Freuden!« begann sie ein Sieb nach dem anderen
auf den vorbereiteten Tisch zu schütten. Welch ein ergötzlicher Anblick,
diese Erscheinung bei der Arbeit zu sehen! Wir Kinder standen in
gemessener Entfernung und sahen aufmerksam zu. Meschia Cheziche war das
Sprechen streng untersagt, damit kein Tröpfchen aus ihrem Munde in das
Mehl falle. Nach beendigter Arbeit blieb sie die Nacht in der Küche, und
am frühen Morgen scheuerte sie die großen roten Kisten, in denen das
ganze Jahr reine Wäsche aufbewahrt wurde, und, obgleich sie nie mit
Speisen in Berührung kamen, faßte sie mit kräftigen Händen an und wusch
sie gründlich, damit sie in tadelloser Reinheit die Mazzes aufnähmen.
Dann kamen die Holztische und die Bänke an die Reihe, die ebenfalls die
Kraft des von Meschia Cheziche geführten Scheuerbesens zu fühlen
bekamen. Auch die vielen Dutzende Rollhölzer, Blechplatten, die ebenso
gründlich gereinigt wurden, wurden nicht verschont. Erbarmungslos rieb
und scheuerte man auch zwei große Messingbecken, legte rotglühende
Eisenstäbe darein und schüttete erst kochendes, dann kaltes Wasser so
lange darauf, -- ein solches Reinigen nennen die Juden. »Kaschern« -- bis
das Wasser überlief; später wurden sie noch einmal gescheuert und dann
blank geputzt, daß sie funkelten.
Das Wichtigste beim Mazzesbacken ist das Wasserholen vom Brunnen oder
Fluß, was als große Mizwe (gottgefällige Handlung) gilt. Das Geschirr
zum Mazzeswasser besteht aus zwei großen Holzschaffeln, die mit grauer
Leinwand überspannt waren, einem Eimer mit einem großen Schöpfer und
zwei großen Stangen. Das fehlende Geschirr wurde natürlich neu ergänzt.
Nachdem noch die große Küche im Hof gereinigt, die Ziegel des Backofens
durchglüht und »gekaschert« waren, wurde viel trockenes, harziges Holz,
das unser bewährter alter Wächter Feiwele den ganzen Winter über zu
diesem Zweck gesammelt hatte, in die Küche gebracht. Am Vorabend vor
Rosch-Chodesch Nissan gab es im Hof vor dem Brunnen oder am nahen Fluß
ein seltsames Schauspiel: Mein Vater, meine Schwäger begaben sich in
eigener Person, die Wasserschaffeln auf den langen Stangen tragend, zum
Brunnen oder Fluß, um Wasser zu holen und es nach der großen Küche zu
bringen, wo die Schaffeln auf eine mit Heu bedeckte Bank gestellt
wurden. Die Mutter und wir Kinder liefen dem seltsamen Zuge bald voran;
bald hinterdrein. Die jungen Männer waren dabei vergnügt und munter.
Mein Vater hingegen war ernst, denn diese Bräuche waren ihm als eine
gottgefällige Handlung heilig. Meine Schwäger brachten auch den
wohlverwahrten, verhüllten Sack Mehl in die große Küche. Meschia
Cheziche blieb die Nacht da, um rechtzeitig am nächsten Morgen den Ofen
zu heizen. Alle gingen zeitig zu Bette, um beim Beginn des Mazzebackens
früh zugegen sein zu können.
Ich drängte mich am nächsten Morgen gleich an den Ofen und sah mit
großem Interesse zu, wie gewandt eine alte Frau die runden, dünnen
Mazzen in den Ofen schob, die halbgebackenen zur Seite rückte, die ganz
fertigen mit beiden Händen sammelte und in einen Korb auf der nahe bei
stehenden Bank warf, ohne daß auch nur eine einzige zerbrach, trotzdem
sie so dünn und zerbrechlich waren. Mir wurde bald eine Beschäftigung
zugewiesen: ich sollte die geschnittenen Stücke Teig den mit Rollhölzern
bewaffneten Weibern reichen, die um den langen, mit Blechplatten
bedeckten Tisch standen. Meine ältere Schwester hatte mich immer im
Frühaufstehen übertroffen; auch jetzt erzählte sie mir mit Stolz, daß
sie schon viele Mazzen aufgerollt habe, die sogar schon gebacken seien.
Ich war mit mir sehr unzufrieden, schalt mich selber eine Langschläferin
und suchte mich nun um so nützlicher zu machen. Ich beruhigte mich erst
dann über das späte Aufstehen, als mich das viele Umherlaufen und
Herumstehen tüchtig ermüdet hatte. Ich wusch mir die Hände und ging in
die zweite Kammer, wo der Teig geknetet wurde. Da stand eine Frau über
ein funkelndes Messingbecken gebeugt und knetete, ohne einen Laut von
sich zu geben, ein Stück Teig nach dem andern aus abgemessenem Mehl und
Wasser. Ich machte mich auch da nützlich, indem ich mir von dem kleinen
Jungen, der das Wasser in das Mehl zu gießen hatte, den großen Schöpfer
ausbat und seine Arbeit bedächtig und still ausführte, hie und da die
knetende Frau ansehend, die über den Kleidern gleich Meschia Cheziche
ein langes, weißes Hemd trug und eine Schürze, die in der Taille nicht
eingeschnürt war. Kopf und Mund waren mit weißen Tüchern verbunden,
ebenso wie bei Meschia Cheziche. Ich half mit, bis mich die Müdigkeit
übermannte.
Das Backen der Mazzen dauerte fast zwei Tage. Meine Mutter ging
unermüdlich umher und besah von Zeit zu Zeit die Rollhölzer, mit denen
die Frauen die Mazzes rollten, um den angeklebten Teig abzukratzen; bei
dieser Arbeit halfen meine Schwäger und mein Bruder, die mit kleinen
Stückchen Glasscherben bewaffnet waren. Die Teilchen mußten entfernt
werden, weil der angeklebte Teig bereits Chomez (d. h. _=gesäuerter=_
Teig ist), und somit in den Mazzenteig (der _=ungesäuert=_ ist), nicht
eingeknetet werden darf. Auch beim »Rädeln« der Mazzen halfen die jungen
Männer mit; und es fiel keinem ein, eine solche Arbeit für unpassend zu
halten, da alles, was Pesach und besonders die Mazzen betraf, als eine
religiöse Handlung betrachtet wurde. Am darauffolgenden Tage untersuchte
meine Mutter alle Mazzen, deren es oft mehrere Tausend gab, ob sich
nicht etwa darunter eine verbogene oder nicht ganz ausgebackene befand.
Denn eine solche war schon Chomez und mußte beseitigt werden.
In strenger Ordnung legte man nun die tadellosen Mazzen reihenweise in
die großen roten Kisten, die mit einem weißen Tuch bedeckt wurden. Meine
Mutter hatte unter dem Tuche eine Mazze vorgenommen und ohne sie
anzusehen, sogar mit geschlossenen Augen, die Hälfte abgebrochen, indem
sie ein frommes, eigens für diese Handlung festgesetztes Gebet leise
hersagte. Dann warf sie dieses Stück Mazze wieder, ohne es anzusehen, in
die Flammen. Diesen Gebrauch nannte man »Challe nehmen«; er soll
wahrscheinlich an das Brandopfer der biblischen Zeiten erinnern.
Die nächste Zeit bis Pesach verging in endlosen Vorbereitungen für die
Wirtschaft, für Kleider und Putzsachen. Endlich nahte der wichtige Tag
des Erew-Pesach heran. Da erreichte die Arbeit ihren Höhepunkt! Am Abend
vorher wird auch eine rituelle Handlung vollzogen: das Bedike-Chomez, d.
h. das Fortschaffen des gesäuerten Brotteiges aus dem Hause. Da begab
sich meine Mutter in die Küche, ließ sich von der Köchin einen hölzernen
Löffel und einige Gänsefedern geben, wickelte um beides einen weißen
Lappen, nahm ein Wachskerzchen dazu, band das ganze mit einem Bindfaden
fest und brachte es in das Zimmer des Vaters, wo sie es auf das
Fensterbrett legte. Diese scheinbar bedeutungslosen Gegenstände sollten
Abends bei einer religiösen Handlung verwendet werden. Mein Vater nahm,
nachdem er zu Abend gebetet hatte, das Bündel, steckte das Wachskerzchen
an und übergab es meinem Bruder, dessen Hand ihm als Leuchter dienen
sollte, und nun ging der Feldzug gegen den Chomez durch das ganze Haus.
Jedes Fensterbrett, jeder Winkel, in dem man Speisen vermutete, wurde
von meinem Vater untersucht und von meinem Bruder mit dem Wachskerzchen
erleuchtet. Die aufgefundenen Krümel wurden mit den Federn in den Löffel
gescharrt, nachdem mein Vater das dazu bestimmte Gebet gesprochen hatte.
Wir Kinder machten uns manchmal den Spaß, vorher überall Krümelchen
anzuhäufen, worüber sich der Vater wunderte, da doch an diesem Tage die
Fensterbrettchen gewöhnlich mit besonderer Aufmerksamkeit gereinigt
wurden. So untersuchte er nun gründlich die Fenster, und die Mutter
mußte sich beeilen, das noch vorhandene Brot aus dem Hause zu schaffen,
denn das Gesetz gebot, daß alles Brot, das auf der Suche durchs Haus
vorgefunden wurde, gesammelt und verbrannt werde. Nachdem diese Handlung
vollbracht war, speiste man etwas früher zu Abend als sonst. Das
inzwischen verborgene Brot durfte nun zwar auf den Tisch kommen, die
gesammelten Brotkrümel im Löffel aber wurden mit dem Wachskerzchen und
den Federn in einen Lappen gebunden und auf dem Hängeleuchter im
Speisezimmer recht hoch befestigt, damit es keine Maus erreiche, welche
die Krümel sonst wieder zerstreuen könnte. Man ging zeitig schlafen, um
am nächsten Morgen recht früh aufzustehen, denn um 9 Uhr morgens darf
sich kein Bissen Brot oder sonstiger Chomez im Hause eines religiösen
Juden vorfinden. Wir Kinder wurden sehr früh geweckt und sollten
Frühstück und Mittagessen auf einmal verzehren. Das Nationalgericht für
diesen Morgen ist heiß gesottene Milch mit Weißbrot. Doch war selbst zu
dieser frühen Stunde schon ein Braten fertig, an dem sich mancher
Hausgenosse gütlich tat. »Und nun rasch, rasch!«, trieb meine Mutter
alle im Hause an, auch die Dienerschaft aß doppelt so viel als sonst,
denn es durfte ja nichts vom Chomez zurückbleiben. Wir Kinder machten
allerhand Späße und verabschiedeten uns dann für volle acht Tage vom
Brote. Das Geschirr wurde rasch gewaschen, und die Mutter befahl dem
Diener, alles ins Speisezimmer zu bringen. Von dem teuren
Porzellanservice an bis zur letzten Kupferkasserole wurden alle Stücke
bunt durcheinander auf die Diele, den Tisch, die Fenster gestellt und
dann mußte alles in große Kisten gepackt und auf den Boden gebracht
werden, woher sodann die gefüllten Kisten mit dem Pesachgeschirr
herunter getragen wurden. Das Speisezimmer wurde wieder gründlich
gereinigt, die Fensterbrettchen mit weißem Papier bedeckt. Der große
Speisetisch wurde auseinandergezogen, mit einem weißen Tuch oder mit
Papier bedeckt und dann der zu seiner ganzen Länge ausgezogene Tisch mit
dickem Filz, einer Schicht Heu und vieler grauen Leinwand bedeckt, die
mit kleinen Nägeln befestigt wurde. Nach dieser Prozedur durfte erst das
Pesachgeschirr ausgepackt werden, das wir Kinder mit so großer Neugierde
erwarteten, weil jedes von uns darunter seine bestimmte Kaus (kleiner
Becher von hübscher Form) hatte. Aber damit nicht genug! Es gab um diese
Zeit auch an allen Orten und in allen Zimmern viel Interessantes für uns
zu sehen, besonders im Hof, wo alle Holztische und -bänke zum Kaschern
aufgestellt waren. Man begoß den Tisch oder die Bank mit siedendem
Wasser, strich mit einem zum Glühen gebrachten Eisen darüber hin und her
und schüttete dann gleich kaltes Wasser auf die Gegenstände. Außer
diesem Schauspiel gab es aber noch etwas Großartigeres: der Vater
erschien nämlich in der Küchentür mit dem Chomez von gestern in der
Rechten und ließ Feiwele, den alten Wächter, Ziegelsteine und trockene
Holzstücke bringen. Der Alte besorgte das blitzschnell, errichtete aus
den Ziegeln einen kleinen Herd und legte die Holzstücke darauf. Mein
Vater legte den Löffel mit den darin befindlichen Krümeln auf den
Scheiterhaufen und ließ das Holz in Brand setzen. Wir Kinder liefen hin
und her, um uns, wenn irgend möglich, dabei nützlich zu machen. Das
trockene Holz fing sofort Feuer, und ein Flämmchen nach dem anderen
züngelte aus dem Scheiterhaufen hervor. Und wir Kinder schrieen: »Seht,
seht, die Federn sind schon versengt! Der Lappen brennt schon ...«
Endlich verschlangen die vereinten Flammen auch den Löffel, und es
dauerte nicht länger als 10 Minuten, so war das Autodafé des Chomez
vollzogen. Mein Vater verließ nicht eher den Schauplatz, als bis alle
Überbleibsel des Scheiterhaufens weggeräumt waren, denn nach der
Vorschrift darf man selbst auf die Asche nicht treten, auch wenn es
»Nutzen oder Vergnügen« brächte.
Wir Kinder sprangen von da in das Eßzimmer, wo »Schimen, der Meschores«
(der Diener) mit dem Auspacken des Pesachgeschirrs beschäftigt war. Wir
wollten auch hier helfen und von unseren Kausses (Weinbecherchen) Besitz
ergreifen, da schmunzelte der Bocher (Junge) schalkhaft und meinte, daß
wir dazu noch nicht gehörig vorbereitet seien. Wir waren verblüfft und
sahen ihn fragend und bestürzt an. Mit gleichgiltiger Miene erklärte er,
daß wir noch nicht gescheuert und gekaschert seien. »Wieso gekaschert?«
fragten wir. »Ja, ja«, versetzte unser Peiniger, »Ihr müßt heiße,
glühende Steindelach (Steinchen) in den Mund nehmen, sie dort
herumkollern, hernach mit kaltem Wasser ausspülen, ausspucken, dann erst
dürft Ihr dieses Geschirr anrühren.« Wir fanden keine Antwort und
stürzten weinend in die Küche, wo meine Mutter in voller Arbeit war. Sie
beriet eben mit der Köchin die Bereitung des Indian-Vogels, eines
riesigen Truthahns, der bereits geschlachtet, gerupft, gesengt, gesalzen
und dreimal mit Wasser abgespült war. Jetzt lag er auf dem Brett, und
die Köchin hielt ihn mit beiden Händen fest, als wenn er davonfliegen
wollte, während die Mutter, mit einem großen Küchenmesser bewaffnet, den
Hauptschnitt ausführte. Unweit von diesem Schauplatz, rechts von der
Bank, lag auf einem neu abgehobelten Brett in seiner ganzen Länge ein
silberschuppiger Hecht aus dem Flusse Bug, noch der kunstgerechten
Behandlung harrend. Auf der linken Seite stand der sauber gescheuerte
Küchentisch, auf dem sich verschiedene Schüsseln, Teller, Gabeln, Löffel
befanden, ferner ein großer Korb Eier, ein Topf Mazzesmehl, das meine
Schwester eben siebte und aus dem später die schmackhaften Torten,
Mandelkuchen usw. bereitet wurden. Wir wollten nun die Mutter fragen, ob
Simon Recht hätte. Aber wir blieben, von der Mutter reger Arbeit
gefesselt, stehen. Die schreckliche Vorstellung von den glühenden
Steindlach im Mund erpreßte uns ein leises Schluchzen und meine jüngere
Schwester überredete mich, die Mutter doch zu interpellieren. Allein die
Mutter kam uns zuvor. Ihr war unser Flüstern längst aufgefallen und,
halb verwundert, halb ärgerlich, fragte sie uns, weshalb wir so ungestüm
in die Küche gestürzt wären. Da erzählten wir mit kläglicher Stimme, in
halben Sätzen, was der böse Schimen uns gesagt hatte. Sie verstand nicht
recht und ward ungeduldig. Dann schrie sie plötzlich auf: »Was für
glühende Steindelach? Wer hat sie in den Mund genommen? Wer hat sich mit
heißem Wasser begossen?« Nach einer langen Auseinandersetzung erfuhr sie
endlich die eigentliche Ursache unserer Besorgnis: Sie ließ Schimen
sofort kommen und verbot ihm energisch, uns so dummes Zeug
vorzuschwätzen. Uns sagte sie, wir sollten uns waschen und reine
Kattunkleidchen anlegen, dann wären wir würdig, unsere Kausses in
Empfang zu nehmen. Im Nu waren wir angekleidet. Mit triumphierenden
Mienen sprangen wir ins Eßzimmer und halfen nun das Geschirr abwischen.
Unter diesen und ähnlichen Arbeiten verging der halbe Tag, bis unsere
gesunden Magen daran erinnerten, daß wir seit 9 Uhr morgens nichts
gegessen hatten. Wir wußten im voraus, was man uns geben würde. Man
brachte den großen Gonscher (eine sehr breite Flasche) mit süßem Meth,
den meine Mutter so meisterhaft zu kochen verstand, und ein volles Sieb
mit Mazzes: bis zu diesem Tage waren sie in strenger Verwahrung gewesen,
da vor den Feiertagen Mazzes zu essen bei frommen Juden nicht erlaubt
ist. Man füllte also unsere Kausses mit Meth und wir machten uns an die
Mazzes. Ein Stück nach dem andern wurde in Meth getaucht und verschwand
rasch, von unseren gesunden Zähnen wie zwischen Mühlsteinen zermalmt.
Die Mutter kam endlich aus der Küche herein. Auch mein älterer Bruder
erschien und brachte Äpfel, Wallnüsse und Zimt. Aus diesen Materialien
bereitete er, indem er alles in einem Mörser zerstieß, Charauses, d. i.
eine Masse, welche wie Tonlehm aussieht und abends auf den Sedertisch
kommt. Der »Lehm« soll daran erinnern, daß unsere Vorfahren in Egypten
für den Pharao Ziegelsteine kneteten.
Nachdem mein Bruder mit dieser Arbeit fertig war, ließ die Mutter den
Eßtisch in den gelben Salon tragen und in seiner ganzen Länge vor dem
Sopha aufstellen. Sie bedeckte ihn dann mit einem weißen
Damasttischtuch, das nach beiden Seiten bis zur Diele reichte. Dann ließ
sie den Diener das Porzellan- und Kristallgeschirr bringen, ordnete es
und ging selbst an den Schrank, der das ganze Silbergeschirr enthielt.
Der Diener stellte auf das große silberne Tablet die Becher und Kannen,
die sehr schön gearbeitet waren. Namentlich eine Kanne war besonders
kunstvoll durch Intarsien aus Elfenbein, die mythologische Figuren
darstellten. Der Deckel und das Gefäß waren aus massivem Golde. Mein
Vater hatte einige hundert Rubel für das Kunstwerk bezahlt. Eine andere
ziemlich große Kanne war aus getriebenem Silber. Daneben standen große
und kleine Becher, deren Boden französische Münzen bildeten.
Bald kam auch die Obsthändlerin (Gereziche) mit dem frischen
grünen Salat, der an diesem Abend, dem Seder-Abend, eine wichtige
Rolle spielte. Der Diener brachte aus der Küche eine Schüssel voll
hartgesottener Eier, einen Teller frisch geriebenen Meerrettig (Moraur
genannt), -- ein Symbol, das an die Bitterkeit der Verhältnisse
erinnern sollte, unter denen unsere Vorfahren in Egypten gelebt
hatten. Dann einige gebratene Stückchen Fleisch, die sogenannte Seroa,
zur Erinnerung an die Pesach Korben, d. h. Osteropfer im Tempel zu
Jerusalem; ferner einen Teller mit Salzwasser und einige Schmure-Mazze
(gehütete Mazzes[D]). Alle diese Speisen bedeckte meine Mutter mit
einem weißen Tuch. Nur den Salat ließ sie unbedeckt, als sollte
er das eintönige Weiß des Tischtuches beleben, während der rote,
funkelnde Wein in der Kristallkaraffe sich in den glänzend geputzten
Silberleuchtern und in jedem Kristallglas vielfältig wiederspiegelte.
Während meine Mutter mit dem Tischdecken und dem Vorbereiten der
verschiedenen kleinen Symbole für die Abendfeier beschäftigt war, kam
der Vater oft und erkundigte sich, ob nichts vergessen worden sei. Zur
Krönung des Werkes ließ die Mutter noch einige Daunenkissen und eine
weiße Piquédecke holen und bereitete für den Vater zur linken einen
Ruhesitz, das sogenannte Hessebett[E], ein ähnliches wurde auf zwei
Stühlen für die jungen Männer neben ihren Sitzplätzen hergerichtet.
Jeder Winkel atmete Sauberkeit und Behaglichkeit, und die festliche
Stimmung, die im Hause herrschte, teilte sich jedem mit.
Die Abenddämmer stiegen langsam hernieder. Die Theestunde nahte. Wir
tranken und schlürften das duftende Getränk mit besonderem Behagen, denn
er schmeckte in der festlichen Umgebung ganz besonders gut. Alles
blitzte und funkelte. Selbst für das Trinkwasser waren neue Gefäße in
Verwendung.
Nun gings an die Toilette! Es dauerte nicht lange, so erschien meine
Mutter festlich gekleidet, um die Kerzen anzuzünden. Sie war zur Zeit,
die ich schildere, jung und hübsch. Ihre Haltung war bescheiden und doch
selbstbewußt. Ihr ganzes Wesen, ihre Augen drückten wahre, tiefe
Religiosität, Ruhe und Seelenfrieden aus. Sie dankte dem Schöpfer für
die Gnade, daß er sie und ihre Lieben diesen Festtag in Gesundheit hatte
erleben lassen. -- Ihre Kleidung war reich wie die einer Patrizierin jener
Tage. Aus ihrer ganzen Art leuchtete die vornehme, adelige Abkunft.
Mancher von der jungen Generation wird bei dem Wort »adelige Abkunft«
spöttisch lächeln, als gäbe es keinen jüdischen Adel! Freilich hat der
Jude sein Adelsdiplom weder auf dem Schlachtfeld noch aus Königspalästen
für Heldentaten auf der großen Landstraße erworben. Den jüdischen Adel
gab das geistige Leben: lebendiges Talmudstudium, Liebe zu Gott und den
Menschen. Und es traf sich oft, daß zu diesen Tugenden auch äußerer
Reichtum und Würden kamen.
Nachdem meine Mutter die Kerzen angezündet hatte, verrichtete sie ein
kurzes Gebet, bedeckte sich, wie es der Brauch will, die Augen mit
beiden Händen. Bei dieser Gelegenheit konnten wir die kostbaren Ringe
an ihren Fingern bewundern, in denen das Kerzenlicht in allen
Regenbogenfarben glitzerte und flimmerte. Besonders der eine blieb mir
in Erinnerung, der einen großen, gelben Brillanten in der Mitte hatte,
den in länglicher Form drei Reihen weißer Brillanten umschlossen.
Nun erschienen meine älteren, verheirateten Schwestern in reichem Putz.
Man trug in den vierziger Jahren statt des goldgestickten, schmalen
Rockes einen faltenreichen, breiten Rock, der aber weder Reifrock noch
Turnüre besaß, die den jugendlichen Körper verunstalteten.[F] Auch meine
vier unverheirateten Schwestern bis zur allerkleinsten trugen Schmuck.
Wir Mädchen hatten schon im Alter von zwölf Jahren die Pflicht,
am Vorabend der Festtage und des Sabbaths Kerzen anzuzünden. So
versammelten wir uns alle um den Tisch. Wir glühten in freudiger
Erwartung des Sederabends. Alle Kerzen brannten. Vor dem Sitze des
Vaters brannten zwei Spirmazet-Kerzen, die man »Manischtane«-Kerzen
nannte nach den sogenannten vier Fragen, die das jüngste Kind am Tisch
stellt. Denn Lampen kannte man zu jener Zeit überhaupt noch nicht.
Ich saß noch in den vierziger Jahren an den langen Winterabenden
mit meinen Schwestern bei einer Talgkerze, und wir haben, ohne die
geringste Unbequemlichkeit zu empfinden, dabei unsere Schulaufgaben
gemacht oder bis in die späte Nacht die spannende Erzählung von
dem Prinzen Bowe mit seinem treuen, gefleckten Hund gelesen. Die
Beschaffenheit der Talgkerze mit ihrem dicken Docht machte den häufigen
Gebrauch der Lichtputzschere nötig, die heute als archäologische
Seltenheit zu betrachten ist. -- Eine bessere Beleuchtung erreichte
man durch Spirmazet-Kerzen oder Öllampen. Aber beide waren nur für
die Reichen. Der Bürger erlaubte sich solchen Luxus nicht. Gegen Ende
der vierziger Jahre kam die Stearinkerze auf, die schon ein etwas
helleres Licht gab und die Talgkerze in den Hintergrund drängte.
In den sechziger Jahren kam mit der geistigen Erleuchtung auch die
hellbrennende Petroleumlampe. Das war ein Jubel, den das ganze Volk
im Land aus Freude darüber anstimmte. Alles glaubte, daß damit,
wie bei den Fuhrwerken, das letzte Wort für die Bequemlichkeit der
Menschen gesprochen sei. Alle Welt schaffte sich Lampen an und ließ
sich unterrichten, wie sie zu behandeln seien, wieviel Petroleum
hineinzugießen sei, wie breit, lang und dick der Docht sein müsse. Auch
dazu gab es eine Schere, die aber der Kerzenputzschere nicht gleich
war. In den ersten paar Jahren nach Einführung der Lampen wurden selbst
die Leuchter ganz abgeschafft. -- Auch die Bauern, denen bisher der
Pechspahn[G] oder Kahanez[H] als Beleuchtung gedient hatte, schafften
sich jetzt Lampen an. Zwar war das Licht der damaligen Petroleumlampe
mit der gelbrötlichen Flamme grell und dem Auge unangenehm,
nichtsdestoweniger arbeiteten die Lampenfabriken unaufhörlich.
Unzählige Millionen Pud Petroleum flossen in das russische Reich. Und
die Herrschaft der Petroleumlampe bestand bis zu den achtziger Jahren,
gegen deren Ende sie schon durch das Gas verdrängt wurde: eine neue
Aufregung unter der Bevölkerung! Freilich diente diese Erfindung nur
der Stadt für die Straßenbeleuchtung und den Reichen für ihre Häuser.
Mit prahlerischem Lächeln drehte der großstädtische Hausherr den Hahn
zur Gasbeleuchtung in seinem Kabinet auf, um seinen Gast aus der
Provinz mit der plötzlichen Helle zu überfluten. In der ersten Zeit
kostete die neue Erfindung auch noch viele Menschenleben; die Röhren
der Straßenbeleuchtung platzten und waren undicht und in den Häusern
erstickten viele durch ausströmendes Gas, wenn die Gashähne während
der Nacht nicht fest geschlossen waren. Erst viel später hielt dann
die Elektrizität ihren Einzug und überstrahlte mit ihrer Helle und
Bequemlichkeit die bisherige künstliche Beleuchtung.
Die Sedertafel glänzte und strahlte. Der Meschores (Diener)
hatte einen neuen Kaftan an, sein ganzes Auftreten atmete
feierliches Selbstbewußtsein, als bediente er an diesem Abend aus
Liebenswürdigkeit, Gefälligkeit, nicht aus Pflicht, als fühlte er sich
den Herrschaften gleich. Er brachte das silberne Becken mit der Kanne
und viele Handtücher. Man erwartete die Herren aus dem Bethause, die
auch bald erschienen. Schon beim Hereintreten meines Vaters fühlten
wir an dem Ton, mit dem er laut »Gut Jom-Tow« (Guten Feiertag) sagte,
eine gewisse Feierlichkeit, eine wohltuende Vergnügtheit. Er ließ
meinen Bruder sämtliche Hagadas[I] bringen und erteilte den Kindern den
Segen. Hierauf nahmen wir am Tische Platz und zwar in der Reihenfolge
des Alters. Heute durfte auch »Schimen, der Meschores«, an einer
Ecke des Tisches sitzen, nach patriarchalischer Art, womit bekundet
wird, daß an diesem Abend alle gleich sind -- Herr und Diener. Das
Aussehen meines Vaters war würdevoll; seine großen, klugen Augen, die
edlen Gesichtszüge drückten eine innere Zufriedenheit und Seelenruhe
aus. Die mächtige, breite Stirn zeugte von rastloser Gedankenarbeit.
Der lange, gut gepflegte Bart vervollständigte das ehrwürdige,
patriarchalische Aussehen, und sein Verhalten den Kindern, sowie
allen anderen gegenüber, flößte, obwohl er erst vierzig Jahre zählte,
Ehrfurcht ein, als wäre er ein Greis von achtzig Jahren. Mein Vater
war auf sein Äußeres sehr bedacht, ohne eitel zu sein. Der Ernst
der jüdischen Erziehung schützte gegen solchen Leichtsinn. Seine
Festtagskleidung bestand aus einem schwarzen langen Atlaskaftan. Er
war der Länge nach von beiden Seiten mit zwei Samtstreifen besetzt,
neben denen eine Reihe kleiner schwarzer Knöpfe angebracht war. Die
Kleidung vervollständigte eine teure pelzverbrämte Mütze (Streimel
genannt) und ein breiter Atlasgürtel um die Lenden. Von dem feinen
weißen Leinenhemd war bloß der Kragen sichtbar, der vorteilhaft den
schwarzen luxuriösen Anzug hervorhob. Auch das rote Foulard-Taschentuch
fehlte nicht. Meine älteren Schwäger kleideten sich wie der Vater; bei
meinem jüngeren machte sich schon die europäische Mode geltend, indem
er eine schwarze Sammetweste mit einer goldenen Uhrkette trug. Auch
mein ältester Bruder, ein kluges, aufgewecktes Kind mit großen, grauen,
schwärmerischen Augen, wiewohl erst zwölf Jahre alt, kleidete sich wie
die älteren Herren. Bei der Anfertigung der Kleider war besonders wegen
des »Schatnes« Bedacht zu nehmen. Es ist nach dem jüdischen Gesetze
verboten, Wollstoffe zu tragen, die mit Zwirn genäht waren, ferner
auf gepolsterte Möbel, Equipagensitze sich zu setzen, die mit Tuch
bedeckt waren und mit Fäden genäht. Ein Pelz, der mit Zwirn genäht,
war, durfte nicht mit Tuch bedeckt sein. Meines Vaters Pelze waren mit
Seide zusammengenäht. Einmal ertappte man den Schneider, daß er Zwirn
verwendet hatte, und er mußte Stück für Stück auftrennen und alles
wieder mit Cordonetseide zusammennähen.
Mein Vater ließ sich gemütlich auf seinen Sitz nieder, legte seine
prächtige Schnupftabaksdose mit dem roten Foulardtaschentuch auf den
Tisch zu seiner Rechten und begann in der Hagade zu lesen. Er bat die
Mutter, ihm die einzelnen Gerichte von den Tellern zu reichen, auch die
jüngeren Herren folgten seinem Beispiel. Dann füllte die Mutter auf eine
besondere Bitte des Vaters hin den Becher mit Rotwein. Die verheirateten
Schwestern füllten hierauf auch ihren Männern die Becher, während unsere
ältere, unverheiratete Schwester das Amt des Einschenkens bei uns
Kindern und den anderen Tischgenossen, selbstverständlich auch beim
Meschores, versah. Jeder der Herren bekam auf seinen Teller drei
Schmure-Mazzes, zwischen denen sich bereits die Seroa, ein wenig von dem
vorbereiteten Meerrettig, ein wenig Salat, Charausses, ein gebratenes
Ei, ein Radieschen befanden. Das alles war mit einer weißen Serviette
bedeckt. Der Vater nahm den Becher Wein in seine rechte Hand und sagte
das Kiduschgebet[J] und leerte das Glas. Alle Tischgenossen folgten
seinem Beispiel, nachdem sie Amen gesagt hatten. Meine Mutter füllte
von neuem den Becher, die anderen Frauen taten es wieder für ihre
Männer, während die Becher der anderen Tischgenossen mit süßem
Rosinenwein gefüllt wurden. Dann nahm der Vater sein Gedeck mit allen
darauf befindlichen Dingen in die rechte Hand, hob es in die Höhe und
sprach dabei laut das Kapitel Ho lachmo anjo. Die männlichen
Tischgenossen wiederholten den Satz bis zum zweiten Kapitel
Mah-nischtano, den sogenannten vier Fragen, welche das jüngste Kind bei
Tische zu fragen hat. Diese lauten: »Warum essen wir an allen Abenden
des Jahres gesäuertes und ungesäuertes Brot, heute aber bloß
ungesäuertes?« usw. (siehe Hagade). Der Vater beantwortete, mit bewegter
Stimme aus der Hagade lesend: »Awodim hojinu.« ... »Knechte waren wir
bei Pharao in Mizraim und hätte uns damals Gott der Allgütige in seiner
Allmacht nicht erlöst, und wären wir nicht von dort ausgezogen, wären
wir, unsere Kinder und Kindeskinder bis jetzt noch Sklaven gewesen, und
wenn wir auch alle kluge Schriftgelehrte wären, so ist es dennoch unsere
Pflicht, vom Auszug aus Ägypten zu erzählen.«
Bei diesen Worten brach der Vater immer in Tränen aus -- er konnte und
durfte seinem Schöpfer gewiß aus vollem Herzen danken, wenn er seinen
Blick über die schöne Tafelrunde schweifen ließ und die junge, hübsche
Frau mit den blühenden Kindern, die kostbar geschmückt dasaßen, sah! Er
durfte sich wirklich im Vergleich zu jener Zeit der Sklaverei als einen
Fürsten betrachten.
Nun folgten die Psalmen, die als Hallelgebet zusammengefaßt sind, dann
nach oftmaligem Händewaschen die Erklärung, warum wir an diesem Abend
die vielen bitteren Kräuter essen. Es ist zur Erinnerung daran, daß
unsere Vorfahren reich an Bitternissen waren, und daß sie, durch die
Wüste ziehend, keine andere Erquickung hatten als bittere Kräuter.
Hierauf brachen die Herren die mittlere der drei Mazzen entzwei, legten
die eine Hälfte unter das Polster zum »Aphikomon« (Nachspeise) und die
andere Hälfte verteilten sie in kleinen Stücken unter die Tischgenossen
als »Mauze« (der Jude betet vor dem ersten Bissen Brot, vor jeder
Mahlzeit). Dann aß man vom Meerrettig: erstens zu Moraur, der in
Charausses getunkt so rasch als möglich verschluckt wird, da dies ohne
Mazzen geschehen muß. Dann der Kaurach, wieder eine Portion Meerrettig
zwischen zwei Mazzesstückchen gelegt. Für jeden Brauch wird zuvor ein
bestimmtes Gebet gesprochen. Mit einem Wort, man bekam an diesem Abend
den Meerrettig gehörig zu spüren; und wir mußten mit Tränen in den Augen
zugeben, daß das Leben unserer Vorfahren in Ägypten bitter war. Später
wurden Radieschen und Eier in Salzwasser getaucht; das mundete schon
besser, und endlich kam das Abendbrot an die Reihe, das mit
Pfefferfischen begann, dem eine fette Brühe mit Mazzemehlklößchen folgte
und das mit einem feinen frischen Gemüse endete. Dann bekam jeder
Tischgenosse ein Stück von dem aufbewahrten Aphikomon. Nun wurden die
Becher aufs neue mit Wein gefüllt. Man goß sich Wasser über die Hände,
was man »Majim Acheraunim« nennt (letztes Wasser), wobei ein kleines
Gebet verrichtet wurde; und nun schickte man sich an, das Tischgebet zu
sagen, womit gewöhnlich einer der Herren bei Tische als Vorbeter beehrt
wurde. Am Schluß des Gebetes fiel die ganze Tischgesellschaft mit einem
lauten »Amen« ein; und nachdem jeder für sich leise das Nachtischgebet
mitgebetet hatte, wurden erst die Becher geleert. Und jetzt begann der
zweite Teil der Hagade. Zum vierten Male füllte man die Becher. Diesmal
wurde auch die große silberne Kanne gefüllt, die in der Mitte der Tafel
aufgestellt und für den Propheten Elia bestimmt war. Dieser Brauch
findet in den kabbalistischen Schriften seine Erklärung. Nach der
kabbalistischen Lehre ist alles, was man in paarweiser Zahl ißt oder
trinkt (sogenannte kabbalistische Suges) schädlich oder es kann zum
mindesten schädlich wirken. Daher muß bei der Sedermahlzeit zu den vier
Bechern, die getrunken werden, noch ein fünfter gefüllt werden.
Wir Kinder glaubten fest an die Volkssage, daß der Prophet Elia
ungesehen hereinkomme und an dem Becher nippe. Wir blickten daher
unverwandt nach der Kanne und wenn sich die äußerste Schicht an der
Oberfläche leise bewegte, waren wir überzeugt, daß der Prophet anwesend
war und uns überrieselte es kalt und heiß. Sämtliche Becher wurden
gefüllt, und der Vater befahl dem Diener, die Tür zu öffnen. Nun begann
man das Kapitel »sch'fauch chamos'cho« zu rezitieren; hierauf folgten
die Schlußkapitel des Hallel. Und zum Schluß das allegorische Liedchen
»chadgadjo, chadgadjo«, »Ein Zicklein, ein Zicklein«. Mit diesen und
ähnlichen Versen fand der Sederabend seinen Abschluß. Jeder hatte seinen
vierten Becher Wein ausgetrunken. Auf den Gesichtern aller Tischgenossen
sah man die Abspannung und Erregtheit infolge des ungewohnten
Weingenusses. Meine älteren und jüngeren Schwestern verließen eine nach
der anderen die Tafel, ehe noch die Verse zu Ende gesungen waren, was
nicht als Verletzung der Religion oder der Hausdisziplin galt. Mich aber
hielt etwas zurück, das ich mir um nichts entgehen lassen wollte. Es war
Schir haschirim, das Hohe Lied, das Lied der Lieder Salomos, von dem ich
jedes Wort, jeden Ton mit meiner ganzen Seele aufnahm. Die herrliche
Verschmelzung von Tönen und Worten wirkte auf das Kindergemüt
berauschend; ich lauschte entzückt. Das ganze Lied wurde im Rezitativ in
sieben Tönen gesungen, wobei sich mein älterer Schwager David Ginsburg
besonders auszeichnete, und hat sich so lebhaft, so unvergeßlich meiner
Seele eingeprägt, daß ich den Anfang noch heute, an meinem späten
Lebensabend, auswendig kann. Was gäbe ich darum, noch einmal in meinem
Leben das Lied so schön singen hören zu können! Auch meine Mutter
pflegte gewöhnlich noch bei Tische zu bleiben.
Meine Mutter ermahnte mich dann mehr als einmal, zu Bette zu gehen. Ich
aber bat, noch bleiben zu dürfen, was sie mir für ein Weilchen auch
gestattete. Als sie aber bemerkte, wie müd und abgespannt ich war,
erfolgte eine zweite Ermahnung, und ich wiederholte meine frühere Bitte
noch inständiger. Meine Stimme war wahrscheinlich dabei so innig, daß
ich die Erlaubnis erhielt. Ich gab mir Mühe, nicht müde zu scheinen und
kroch auf einen im Winkel stehenden großen Armstuhl und hörte mit wahrem
Seelengenuß dem Gesange zu. Bis zum Schluß hielt ich es aber nicht aus,
und ich erwachte erst auf meinem Lager, als meine Njanja mich
entkleidete und zurecht legte. Ich wurde dabei munter, schlief aber bald
wieder in der seligsten Stimmung ein und erwachte am Morgen mit der
gleichen frohen und vergnügten Laune. Alles im Hause war festlich
geschmückt; überall feierliche, herrliche Osterstimmung! Draußen
strahlte der Frühlingssonnenschein vom heiteren Himmel herab. Die Luft
war mild und warm. Die ganze Natur schien ein festliches Kleid angelegt
zu haben, wie wir alle im Hause. O goldene Kinderzeit im Elternhause,
wie schön bist du! --------
Zum Tee bekam ich Mazzen und Butter. Man zog mir ein neues Kleidchen an,
und ich lief hinaus zu den Nachbarkindern, die mich auf der Wiese
bereits erwarteten. Wir hüpften und tanzten und sangen: »Der Frühling
ist da, der Sommer ist gekommen, huha! huha! huha! huha!«
Die Frauen und Männer des Hauses waren bereits seit dem frühen Morgen in
der Synagoge zum Gottesdienste, wo das Gebet um Tau heute gesprochen
wurde, ein Gebet, welches das konservative, jüdische Volk noch immer
inbrünstig betet, wiewohl es seit fast 2000 Jahren außer dem Bereich
seiner nächsten Interessen liegt, daß das Korn auf dem Felde durch den
Himmelstau gedeihen möge, das Gras durch das reiche Tropfen des Taues
saftig werde, der Most gerate und nicht sauer werde. Dieses Gebet wird
nach der alten Tradition also weiter gebetet, und zwar wie die meisten
jüdischen Gebete, halb singend, wobei die Frauen mit den Tränen nicht
sparen.
Ein Volk, behauptete Lord Beaconsfield, das zweimal jährlich den Himmel
um Tau und Regen für die Felder anfleht, wird gewiß noch einmal sein
eigenes Land besitzen.
Das zeigt, wie tief die Liebe zum Ackerbau und zur Scholle den Juden im
Blute sitzt, gebietet doch das jüdische Gesetz, erst einen Weingarten zu
pflanzen; sein Feld zu bestellen, dann ein Haus zu bauen und dann erst
zu heiraten!
Gegen ein Uhr kamen alle Synagogenbesucher nach Hause. Da fanden sich
auch schon Gäste ein, welche ihre Jomtow -- (Feiertags-) Besuche machten
und mit allerlei Süßigkeiten und mit Wein bewirtet wurden.
Das Mittagmahl bestand aus den vier traditionellen Gängen: dem
obligaten, gefüllten Indian-Hals, den schmackhaftesten und besten
Gemüsearten, welche die Osterzeit bot, und wovon ein armer Jude an
diesem Feiertage bloß träumen kann. Diese fetten, süßen Gerichte,
wozu noch die Pfefferfische und die üppigen Knödel (Klößchen) kamen,
steigerten den Durst auf das höchste. Es wurde reichlich darauf guter,
alter Schnaps, Rotwein, endlich auch Apfelkwas getrunken. Nach Tisch
gab es ein allgemeines Schnarchen in allen Schlafzimmern, Küchen,
auf dem Heuboden, während wir Kinder uns auf den Wiesen und Feldern,
die bei unserem Hause lagen, in völliger Freiheit tummelten und mit
den Nachbarkindern um Nüsse spielten. Diese absolute Ruhe im Hause
dauerte bis sechs oder sieben Uhr. Um diese Stunde wird Tee getrunken.
Nach dem Tee gingen die Herren ohne ihre Frauen spazieren, die Frauen
gingen ebenfalls mit ihren Freundinnen in die frische Luft, und dann
begab man sich in die Synagoge zum Abendgebet, doch heut begann das
Sphirezählen.[K]
Meine Mutter ging nicht in die Synagoge, da, wie gestern am Vorabend,
der Sedertisch hergerichtet werden mußte. Dieser zweite Abend hatte für
uns Kinder auch sein besonderes Interesse. Es war üblich, die Kinder
auf jede Art wach zu halten, vor allem, damit das jüngste Mitglied der
Familie nach der Vorschrift die vier Kasches (Fragen: warum essen wir
heute ungesäuertes Brot usw.) noch stellen konnte, und dann, um an
diesem Abend das Geschichtsdrama des Auszuges der Juden aus Ägypten
ausführlicher als es die Hagade tut, mit den älteren und jüngeren
Hausgenossen zu besprechen. Man gab uns Äpfel und Nüsse zum Spielen.
Wir waren sehr vergnügt und blieben bis zum Schlusse des Seders wach.
Die Tafel war wie gestern reich besetzt. Aber manche Speise --
besonders der Salat -- trug den Charakter des Müden, Verwelkten. Bloß
der frisch geriebene Meerrettig verbreitete seinen scharfen Duft.
An dieser zweiten Sederfeier wartete man nicht mehr mit Ungeduld, wie an
der ersten, auf das Abendessen, weil alle noch satt waren von dem
üppigen Mittagsmahl. Das Nachtmahl wurde erst gegen zehn Uhr abends
fertig, da am Tage nichts gekocht werden durfte und erst mit Eintritt
der Dunkelheit, wenn Sterne am Himmel zu sehen sind, mit der Bereitung
des Abendessens begonnen wurde. Es bestand lediglich aus einer Brühe
oder aus einem Borscht (Suppe aus roten Rüben) und gekochtem Geflügel.
Braten gab es nicht, weil die Seroa, das Symbol des Brandopfers, auf dem
Tische stand. Der Vater fragte an diesem Abend gewöhnlich mit Ungeduld
nach dem Essen, da noch vor Mitternacht der Aphikomon gegessen und die
Sederfeier beendet sein muß. Die Einzelheiten waren die gleichen wie am
vorigen Abend, wenn sie auch weniger feierlich und schneller aufeinander
folgten; und es gelang auch in diesem Tempo, das Aphikomon noch vor der
Mitternachtsstunde zu verspeisen. Nach Schluß der zweiten Hälfte des
Seders wurde wieder das Hohelied bis weit über Mitternacht hinaus
gesungen, das ich aufrecht sitzend bis zum Schluß anhörte.
Die folgenden vier Tage heißen Chaulhamaued (Werktage, Halbfeiertage, an
denen das Leben fast wie an einem gewöhnlichen Tage hinfließt und fast
alles gestattet ist). In unserem Hause freilich glich das Leben dem an
gewöhnlichen Feiertagen: es kamen viele Gäste zum Tee, zum Mittag- und
Abendessen.
Viele Mühe machte das Bewachen der Schmure, der Mazzes und Gefäße. Mehr
als einmal gab es Ärger mit den Bediensteten, die oft die Geschirre
verwechselten. Ich erinnere mich eines Falles: es war am Erew-Jomtow
(Vor-Feiertag) der letzten zwei Festtage des Pesachfestes. Eine
stattliche Anzahl von Hühnern und »Indians« (Puten) lagen koscher
gemacht, d. h. nach ritueller Vorschrift gewässert und gesalzen, da
erschien meine Mutter in der Küche, nahm ein großes Messer und
untersuchte, ob nicht etwa ein Hafer- oder Gerstenkorn, womit das
Geflügel gemästet wurde, irgendwo stecken geblieben war als Chomez, so
daß das Geflügel für Passah unbrauchbar wäre. Und richtig! Sie fand ein
Haferkorn in der Kehle eines Indianvogels, womit nun alle seine
Leidensgefährten gerichtet, d. h. also Chomez waren und nicht mehr
verwendet werden durften. Meine Mutter war deswegen sehr ärgerlich, sah
die Köchin mit vorwurfsvollen Blicken und triumphierender Miene an und
rief: »Da hast du die Bescheerung, du ungeschicktes Ding! Wo hattest du
deine Augen? Du warst wahrscheinlich blind beim Koschermachen des
Geflügels? Du hättest es auch jetzt nicht bemerkt. Ich danke Gott für
die Gnade, daß ich das Haferkörnchen gefunden habe, sonst hättest du uns
alle mit Chomez gefüttert!«
Mühe und Kosten waren nun umsonst gewesen, das ganze Geflügel wurde
beseitigt und anderes mußte geschlachtet, geputzt und koscher gemacht
werden! Man denke sich den Ärger der Mutter und Hausfrau! Der Tag war
vorgerückt, die Speisestunde nah! Nichtsdestoweniger milderte ihren
Ärger ein Gefühl freudiger Befriedigung, weil Gott sie vor einer Sünde
bewahrt hatte. Ist doch die strenge Beobachtung aller Pesachvorschriften
für den frommen Juden um so bedeutungsvoller, als ihre Verletzung mit
frühzeitigem Tod bestraft werden soll. So wurde denn das Todesurteil an
ebensoviel Hühnern und Indianvögeln vollzogen, obwohl sie im Hofe laut
dagegen protestierten!
Es geschah auch einmal in diesen Tagen, daß der Diener der Köchin eine
gewöhnliche Mazze statt der Schmure-Mazze zum Fischkochen gab. Eine
Viertelstunde vor Tische ordnete die Mutter die schmackhaft gekochten
Fische auf der Schüssel und erkannte das Versehen. Meine Mutter geriet
in Zorn und Ärger, und der Diener bekam seine wohlverdienten Vorwürfe zu
hören. Der Vorfall erfüllte das ganze Haus mit Lärm und gerechter Wut;
und weder die Eltern, noch der Melamed haben die so appetitlichen Fische
berührt! Der Vater, die Mutter, der Melamed aßen bloß von den
Schmure-Mazzes, hatten auch besonderes Geschirr, während die übrigen
Hausgenossen die gewöhnlichen Mazzes verzehrten.
Nun kam der letzte Tag des Osterfestes. Die achttägige Quälerei mit dem
Essen, den Speisezubereitungen, die man in unserem Elternhause so
geduldig und pietätvoll ertragen hatte, war zu Ende. In der Dämmerstunde
des letzten Tages machten sich die Jungen im Hofe der Synagoge den Spaß
und schrien: »Kommt zum chomezigen _=Borchu=_!« (Das erste Wort des
Abendgebetes.)
Mein Vater kam von der Synagoge heim und machte, am Eßtisch stehend,
Awdole, d. h. er weihte die kommenden Werktage mit einem Becher Wein ein
und dankte Gott dafür, daß er Fest- und Werktag, Licht und Finsternis von
einander geschieden hat. Am Schluß des Gebetes leerte er den Becher, goß
den Rest auf den Tisch, nachdem er an der mit Nelken gefüllten
wohlriechenden Dose gerochen, die Finger gegen das geflochtene,
brennende kleine Wachslicht gehalten hatte und durchleuchten ließ und
löschte dann im Rest des Weines das Licht aus.
Nun war man von allem Zwang, den das Pesachfest trotz aller
Herrlichkeiten auferlegte, befreit, und der Frühling mit seinen Freuden,
den lustigen Spielen im Freien nahm für uns Kinder seinen Anfang. Im
Hause gab es noch lange Zeit Arbeit, ehe das Pesachgeschirr bis auf den
letzten Topf und die letzte Schüssel aus allen Ecken und Winkeln
zusammengetragen und wieder fortgestellt war. Schimen, der Meschores,
holte abends die großen Kisten vom Boden herunter und packte alles ein,
so daß am folgenden Tage keine Spur mehr von dem mit soviel Mühe
veranstalteten Pesach zu sehen war. Selbst die übriggebliebenen Mazzes
durften nach der Vorschrift nicht gegessen werden; in manchen jüdischen
Häusern pflegte man eine einzige, große, runde Mazze an einem Schnürchen
an die Wand zu befestigen, die zur Erinnerung das ganze Jahr bis zum
nächsten Pesach hängen blieb. Gleich nach dem Feste wurden die
verschiedenen Arten von Grützen untersucht, ob sich nicht in der
achttägigen »Schonzeit« etwa Milben entwickelt hätten, da es um diese
Zeit in unserer Gegend schon sehr heiß war. Bei uns freilich wurde die
vorjährige Grütze nicht mehr gegessen. Wir warteten, bis es wieder
frische Grütze gab -- sich chodisch-essen war für diesen Brauch der
terminus technicus.
Die ersten Frühlingswochen verliefen in unserem Hause in der gedrückten
Stimmung der Sphirezeit (von Ostern bis Pfingsten), während der jede
Freude, jedes Spiel verboten ist. Konzerte und Theater zu besuchen, eine
Hochzeit zu feiern oder auch nur ein neues Kleid oder neue Schuhe
anzulegen, selbst bei drückender Hitze ein Flußbad zu nehmen, war in
meinem Elternhause streng verpönt. Nur am Freitag durfte man, nachdem
der halbe Tag vorbei war, ein warmes Reinigungsbad nehmen. Alle
Schmucksachen, wie Perlenschnüre und die gestickte Stirnbinde wurden
beiseite gelegt. Man trug einfache, alte, abgenützte Kleider. Meine
Eltern und meine Geschwister enthielten sich während der Sphirezeit im
Gegensatz zu ihrer sonstigen Gewohnheit aller Späße, und sie lachten und
scherzten fast nie. Meine Mutter versprach uns oft viel Nüsse, wenn wir
sie erinnern wollten, jeden Abend Sphire zu zählen. Das Erinnern war
überflüssig, denn sie vergaß nie zu zählen, wie viele Tage und Wochen in
der Sphire abgelaufen sind. --------
Der Frühling hatte für mich einen besonderen Reiz. Die Wiesen, die in
der Nähe unseres Hauses lagen, lockten. Den ganzen Morgen sprang ich in
der heitersten Laune umher und pflückte eine Butterblume nach der
anderen und freute mich über jede junge Blüte. Ich wand mit Hilfe meiner
steten Begleiterin Chaie, der Klempnerstochter, aus diesen Wiesenblumen
Kränze, für die ich noch vom Ufer des nahen Flusses viele zarte
Vergißmeinnicht holte. Wir bekränzten uns die Köpfe und gingen so
geschmückt nach Hause. Oft unternahm ich in Gesellschaft armer
Nachbarskinder Streifzüge in die Gebüsche, welche den hohen Berg neben
unserem Hause umgaben und zahllose hochrote, wilde Beeren bargen. Aus
diesen machten wir lange Schnüre und schmückten uns damit. Bei diesen
Streifzügen vergaß ich oft, nach Hause zurückzukehren, und meine Mutter
geriet in Unruhe und Sorge um mich. Alle waren bereits bei Tisch, und
ich war immer noch nicht heimgekehrt, und man mußte mich suchen.
Zu meinen Lieblingsplätzchen gehörte der einsame Heuboden, wo das
duftende junge Heu in Massen aufgehäuft lag. Ich grub mir da eine Art
Höhle und setzte mich hinein. Hier spielte ich mit meinem
Lieblingskätzchen, lehrte es auf den Hinterbeinen stehen und sitzen,
wickelte es in meine Schürze, zog es am Ohr und schrie hinein: »Kätzele,
willst du Kasche?« (Brei). Und das gemarterte Tierchen riß sein Ohr aus
meiner Hand los, schüttelte sich, was ich als »Nein« deutete; dann nahm
ich das zweite Ohr und schrie hinein: »Willst du vielleicht Kugel?« (ein
fettes Sabbathgericht). Und das Kätzchen stieß ein lautes Miauen aus,
welches ich als ein »Ja« deutete. Aber bei diesem Spiel hielts mich
nicht lange, ich beugte mich über die Bretter vor, und warf den Pferden
durch die großen Öffnungen in den Stall Haufen Heu gerade vor ihren
Köpfen herunter, das sie gierig verschlangen.
Um meinem Schlendrian und dem freien Herumwandern in den Bergen, durch
Feld und Gebüsch und dem gefährlichen Hocken auf dem Heuboden ein Ende
zu setzen, beschloß meine Mutter, mich in den Cheder zu geben
(Volksschule), und mich dem Melamed (Volksschullehrer) anzuvertrauen,
bei dem meine ältere Schwester hebräischen Unterricht hatte.
An einem schönen Nachmittag mitten im eifrigsten Spielen wurde ich
plötzlich von meiner Mutter, die am Fenster stand, ins Eßzimmer gerufen.
Da saß bereits, meiner harrend, Reb Leser, der Melamed, und meine Mutter
sagte, sich zu ihm wendend: »Das ist meine Pessele, morgen kommt sie mit
Chaweleben (meine Schwester) zu euch in den Cheder.« In meiner
Schüchternheit wagte ich es kaum, meine Augen zu ihm zu erheben. »Aber
dein Kätzele darfst du in den Cheder nicht mitbringen«, sagte Reb Leser
zu mir. Diese Worte waren gerade nicht dazu angetan, mich für ihn
einzunehmen. Der Reiz des Neuen, der in dem Chederbesuch lag, war mir
damit zur Hälfte genommen. Ich blieb verstimmt sitzen und dachte, was
wohl jetzt mit meinem Kätzchen und den anderen Herrlichkeiten werden
solle. Ich hörte, wie Reb Leser zur Mutter sagte: »Also Dienstag wird
sie der Behelfer in den Cheder abholen.« Er wünschte »gute Nacht« und
verschwand in der Dämmerung. Und nun hieß es Abschied nehmen von den
lustigen Spielen mit Chaie, des Klempners Töchterlein, das so hübsche
Töpfchen mitzubringen pflegte, mit Peyke, die im Puppenspiel so
erfinderisch war und Jentke -- wie oft saßen wir dort, am Ende des großen
Gartenzaunes auf dem großen Holzklotz so traulich beisammen und
erzählten uns traurige und heitere Märchen, daß wir bitter weinen oder
herzlich lachen mußten! Es schnitt mir ins Herz, das alles aufgeben zu
müssen. Allein meine Neugierde, den Schauplatz meines neuen Lebens zu
sehen, tröstete mich ein wenig. Die Mutter riet mir, bald nach dem
Abendessen schlafen zu gehen, um zu gleicher Zeit mit meiner Schwester
am frühen Morgen aufzustehen und zusammen in den Cheder zu gehen. Mein
Schlaf war diese Nacht nicht so ruhig wie sonst! Ich war sogar früher
auf den Beinen, als meine Schwester. Die Njanja mußte mich zuerst
waschen und ankleiden, ich mußte sogar auf meine Schwester warten.
Der erste Schultag!....
Der »Unterbehelfer« erschien, um uns abzuholen. Ich war sehr gespannt,
ihn zu sehen. Es war ein hochaufgeschossener Junge mit zwei langen,
dünnen, blonden Locken vor den großen Eselsohren und einem ungeheuer
breiten Mund. Seine Augen konnte man nur selten sehen, er trug nämlich
seine wattierte Kutschme[L], die er selbst bei der größten Hitze in
die Stirn gedrückt hatte, als wäre sie für alle Ewigkeit auf seinem
Kopfe festgewachsen. Seine übrige Kleidung konnte man auch nicht
gerade luxuriös nennen. Von der Fußbekleidung war der eine Schuh so
groß, daß er ihn bei jedem Schritt verlor, während der andere so knapp
saß, daß er das zweite Bein hinkend nachschleppen mußte; offenbar
gehörten die zwei Schuhe zwei verschiedenen Paaren an. Er war aus der
Kehile (Gemeinde) Sabludewe (hier im Sinne von Krähwinkel) und hieß
Welwel. Das alles erfuhr ich, als er in die Küche trat, zu deren halb
offener Tür ich neugierig den Kopf hineinsteckte. Er sollte gerade
sein Frühstück bekommen; er aß nämlich bei uns »Täge«, wie man es
damals hieß, d. i. an jedem Tag in der Woche aß er bei den Eltern eines
anderen Schülers. Zu uns kam er jeden Dienstag. Ich mußte lachen über
ihn. Er war aber auch zu drollig, wenn sich dieser lange Mensch just
auf die äußerste Kante der Küchenbank plump hinsetzte, so daß sich das
andere Ende in die Höhe hob und er, der Bocher, in seiner ganzen Länge
ungeschickt auf die Diele purzelte. Selbst unsere mürrische Köchin
mußte da lachen. Der Unfall hinderte jedoch den Behelfer nicht, sein
Essen mit einem wahren Wolfsappetit zu verschlingen. Dann segnete
unser Begleiter unseren ersten Chedergang, indem er ausrief: »Nun
mit dem rechten Fuß!« Unterwegs bildete er meist die Arrièregarde,
wahrscheinlich infolge seines ungleichen Schuhwerks. Bald aber sollte
er sich als unser tapferer Beschützer bewähren.
Die Gelegenheit dazu bot ein wütender Hund, der uns anfiel und
verfolgte. Hilfesuchend sahen wir uns nach unserem Beschützer um -- aber
der erste, der jämmerlich aufschrie, war er. Trotz seiner Schuhe lief
er, was er nur konnte, immer schneller, wir versuchten ihm nachzukommen,
aber er war der bessere Renner -- wir erreichten ihn nicht. Meine
Schwester ergriff meine Hand und in atemloser Angst wiederholten wir das
Sprüchlein, wie ein Gebet:
»Hintale (Hündchen) Hintale, willst mich beissen?
Werden kommen drei Teiwolim (Teufelchen),
Werden dich zerreißen.
Hintale, Hintale, willst mich beißen?
Werden kommen drei Teiwolim, werden dich zerreißen.
Ich bin Jakow (Jakob), du bist Esau,
Ich bin Jankow, du bist Esau!«
Der Spruch mußte rasch, in einem Atem und ohne daß man sich von der
Stelle rührte, hergesagt werden. Wir waren fest überzeugt, daß der Hund
still werden und uns passieren lassen würde....
Unser »bewährter« Führer wartete auf seinem Platze, wo er sich in
Sicherheit fühlte, so lange, bis wir zu ihm kamen. Und nun bewegte sich
der Zug weiter. Meine Schwester zeigte und erklärte mir auf dem Wege
alles, was mir neu und merkwürdig schien. Wir sahen viele Buden,
Krämergestelle und mußten uns durch die Menschenmassen hindurchdrängen,
bis wir gegen acht Uhr den Cheder erreichten.
Das Häuschen war wohl einst, vor langer, langer Zeit, gelb angestrichen.
Nun stand es tief in die Erde gesunken mit kleinen Fensterscheiben, die
nur spärlich das Tageslicht einließen. Das Häuschen war von einer Prisbe
(Erdbank) umgeben, auf der ich meine künftigen Mitschülerinnen, die
ungefähr in meinem und meiner älteren Schwester Alter standen, bei
verschiedenen Spielen sah. Sie gafften mich mit großen Augen an. Wir
blieben vor der Eingangstür stehen. So leicht konnte der Uneingeweihte
hier seinen Weg nicht finden! Meine Schwester ging voran; sie öffnete
die Tür, sprang in den Flur und streckte mir die Hand entgegen. Ich
erfaßte sie und streckte das eine Bein vor, um Boden zu finden. Diesen
bildete ein halb verfaultes Stück Holz, das ganz tief eingesunken in dem
Lehmboden lag. Ich mußte das Bein weit von mir strecken, um das Holz zu
fühlen. Nun setzte ich auch das zweite Bein hinunter und tat mutig einen
Schritt vorwärts. Meine Schwester ermahnte mich, daß ich nicht über die
zum Boden führende Leiter stolpere. Einen Schritt weiter stand schon ein
Wasserfaß, an dessen Rand der große hölzerne Wasserschöpfer lag, der uns
Kinder später immer zum Trinken animierte. Ferner befand sich hier noch
ein Eimer und ein Besen. Links erblickte ich eine Tür, die statt der
Klinke einen hölzernen Stock hatte, der vom vielen Gebrauch so glatt wie
eine Glasur war. Meine Schwester öffnete die Tür, sie trat in den
Schulraum, und ich folgte ihr. Wir konnten beide nicht bequem gerade
stehen. Beim ersten Schritt stießen wir auf eine Bank, die mit einem
langen Holztisch fast wie verbunden war, auf dem allerlei Lehr- und
Gebetbücher lagen. An der anderen Seite des Tisches stand eine ähnliche
Bank, die bis an die Wand reichte. Ich überlasse es der Phantasie des
Lesers, die Breite dieses Gemaches zu ermessen! Reb Leser, der Melamed,
thronte oben an der Spitze des Tisches, von da aus konnte er mit
Herrscherblicken das ganze Gebiet übersehen.
Reb Leser war kräftig gebaut, breitschulterig, mit seiner wuchtigen
Gestalt verdeckte er das Fenster, neben dem er saß, in seiner ganzen
Breite und Höhe. Seine wasserblauen, großen, hervorstehenden Augen, vor
denen sich fortwährend ein paar kleine graue Pees (Ohrlöckchen)
bewegten, und sein langes Gesicht mit dem spitzen, grauen Bart verrieten
Selbstbewußtsein und Stolz. Die Stirn mit den starken, geschwollenen
Adern zeugte von Energie. Seine Tracht war zeit- und standesgemäß: kurze,
an den Knien gebundene Beinkleider, graue dicke Strümpfe, gigantische
Schuhe; seine Hemdärmel waren von zweifelhafter Reinlichkeit; ein langer
bunter, dunkler Arbakanfos[M] aus Kattun ersetzte den Rock im Sommer (im
Winter trug er einen wattierten Rock). Das schwarze kleine
Sammetkäppchen auf dem großen Kopf vervollständigte die damalige Tracht
seines Standes.
Am anderen Ende des Tisches saß, stets in gebückter Haltung, der
Ober-Behelfer. Er hielt einen langen schmalen Holzstift in den Händen
(das Deitelholz genannt), womit er den Kindern beim Lesen Buchstaben für
Buchstaben, Zeile für Zeile zeigte. Er hatte die Aufgabe, das vom Rebben
Vorgetragene mit den Schülerinnen zu wiederholen. Er war immer ernst,
hatte eine Nase von der Form eines Spatens, kleine, melancholische Augen
und vor den Ohren zwei lange, schwarze Pees, die in steter Bewegung
waren.
Wir blieben also stehen, wir _=mußten=_ auf demselben Fleck stehen
bleiben. Der Rebbe erhob sich, als er mich erblickte mit dem Ausruf:
»Ah!« Dann faßte er mich unter die Arme, hob mich auf die Bank und
setzte mich neben sich hin. Die Schülerinnen kamen inzwischen
hereingelaufen, um mich, das neuangekommene Wundertier, zu sehen und
Bemerkungen auszutauschen. Meine Schwester, die bereits heimisch war,
suchte ihren Platz auf, blickte aber wie schützend zu mir hin. Angst,
Befangenheit, die vielen fremden Gesichter, die dumpfe Luft in der
Stube, die niedrige Decke, zu der ich fortwährend ängstlich hinaufsah,
das alles und wahrscheinlich noch die Nachwirkung des Schreckens durch
den wütenden Hund, schnürten mir die Kehle zu, und ich wußte nichts
Besseres anzufangen, als plötzlich heftig und bitterlich zu weinen. Ich
schämte mich und machte mir im stillen Vorwürfe, allein ich konnte mich
nicht beherrschen. Reb Leser suchte mich zu beruhigen, indem er mir
versprach, daß heute noch nicht mit dem Unterricht begonnen wurde. Ich
könne mit den Schülerinnen in der Ruhepause spielen. Aber je mehr er mir
zusprach, desto reichlicher flossen meine Tränen. Der Rebbe erriet
endlich, daß es die vielen neugierigen Augen waren, die mich schreckten,
und er stampfte mit seinen großen Füßen auf, daß alles erbebte und er
schrie: »Hinaus, auf die Gasse, Schickses![N] Was gafft Ihr, habt Ihr so
etwas noch nicht gesehen?« Auf diesen Befehl zerstoben sie nach allen
Richtungen und nahmen schließlich ihre Spiele auf der Prisbe auf. Ich
ward ruhiger, wagte aber nicht, mich von der Stelle zu rühren. Meine
Schwester nahm einen Absatz mit dem Rebben durch, wiederholte ihn mit
dem Ober-Behelfer und wollte dann auch zum Spiel hinausgehen und mich
mitnehmen. Ich aber ließ mich dazu nicht bereden. Nach einer Weile hörte
ich, daß unser ritterlicher Begleiter Welwel vermißt und mit Ungeduld
erwartet wurde, da er für fast alle Schülerinnen das Mittagessen holte.
Ich war zu sehr mit mir und der neuen Sphäre beschäftigt und hatte gar
nicht daran gedacht, wo und wann wir zu Mittag essen würden. Der
sehnlichst Erwartete kam endlich und ein seltenes Bild bot sich mir:
Welwel trug Krüge, Töpfe, Schüsselchen, Gläser, Löffel verschiedener
Gattungen und Größen, Brot und Speisen in folgender Anordnung: die Töpfe
und Krüge waren an seinem langen breiten Gürtel, fest um den Leib
gebunden und reichten bis weit über die Hüfte. Das Brot plazierte der
erfinderische Bocher auf der Brust zwischen dem Hemd und dem Kaftan, die
gefüllten Schüsselchen hatte er übereinander gestellt, drückte sie auf
dem Arm gegen die Brust recht fest und hielt sie mit der anderen freien
Hand. Das Dessert, das aus Nüssen, Äpfeln, gekochten Bohnen und Erbsen
bestand, verwahrte er in seinen langen Diebstaschen. So ausgerüstet,
bewegte sich »das Schiff der Stadt« langsam seinem Ziele, dem Cheder,
entgegen. Es war ihm tatsächlich nicht möglich, sich irgendwo
hinzusetzen.
Endlich war er da! Der Rebbe schalt ihn wegen seiner Saumseligkeit,
worauf er klagend erzählte, wo und wie lange er auf das Essen hatte
warten müssen. »Gib geschwind die zinnernen Schüsseln und die
Blechlöffel her«, befahl nun der Rebbe und schleunigst wurde der Befehl
ausgeführt. Der Rebbe schüttete unser Mittagsessen in eine Schüssel, und
ich bekam einen Blechlöffel, der am Ende des Stieles ein kleines Loch
hatte, was bedeuten sollte, daß er »milchig« war, d. h. nur für
Milchspeisen gebraucht werden durfte. Ich drehte den Löffel mehrere Male
in den Händen hin und her und konnte mich nicht entschließen, damit aus
der Schüssel zu schöpfen. Ich dachte bei mir: Wie, nicht aus meinem
weißen Porzellanteller und mit diesem blechernen Löffel soll ich essen?
Wieder kamen mir die Tränen in die Augen, und der Hals war mir wie
zugeschnürt. Der Rebbe sah mich verwundert an und konnte sich diesmal
den Grund meiner Tränen nicht erklären! Meine Schwester aber war
praktischer als ich (und diesen Vorzug mir gegenüber behielt sie durch
das ganze Leben). Sie griff tüchtig zu, führte einen Löffel nach dem
andern zum Mund und ließ sichs gut schmecken. Als sie einigermaßen satt
war, fragte sie mich verwundert, warum ich nicht esse. Ich blieb ihr die
Antwort schuldig, denn ich fühlte, daß mir bei den ersten Worten die
Tränen noch wilder aus den Augen stürzen mußten. Ich bezwang mich aber
und schöpfte einen Löffel voll, dessen Inhalt ich zusammen mit meinen
Tränen verschluckte. Nach beendeter Mahlzeit hob mich der Rebbe von der
Bank, und ich begann, wiewohl der Verlauf des Mittagessens mich gekränkt
hatte, in meinem kindlichen Sinn alle Vorzüge des Essens im Cheder, im
Vergleich zu dem Mittagbrot zu Hause, herauszusuchen. Hier durften wir
während der Mahlzeit nach Belieben sprechen und trinken, was zu Hause
erst nach dem Braten gestattet war. Hier durften wir uns vom Tisch
erheben, wann wir wollten, zu Hause erst, nachdem der Vater aufgestanden
war. Als ich nach dem Essen wieder trinken wollte, machte man mich auf
den großen Holzschöpfer auf dem Wasserfaß aufmerksam, den ich benutzen
sollte. Dann nahm mich meine Schwester an der einen Hand, eine Schülerin
an der zweiten und in ihrer Mitte erschien ich endlich auf der Gasse und
beteiligte mich an den Spielen. Das dauerte bis sieben Uhr abends. Da
wurden wir in das Cheder-Lokal zusammenberufen, um das Abendgebet zu
verrichten. Der Behelfer stand in der Mitte. Wir um ihn geschart. Unsere
Augen auf ihn gerichtet, sagten wir ihm jedes vorgesprochene Wort nach,
dann ging es rasch nach Hause.
Ich kehrte von den Erlebnissen des Tages so abgespannt heim, daß ich
meiner Njanja nur wenig erzählen konnte. Ich trank meinen Tee und
schlief ohne Abendbrot ein. Doch erwachte ich am nächsten Morgen mit
einer gewissen Ungeduld und voll des lebhaften Verlangens, daß der
Cheder-Behelfer möglichst rasch kommen möge, damit ich nur die
Gesichter, die mir gestern noch so peinlich waren, wiedersehen könnte.
Aber noch mehr sehnte ich mich danach, die unterbrochenen Spiele
fortzusetzen. Welwel, der tapfere Wegweiser, erschien auch pünktlich,
und wir kamen diesmal ohne Zwischenfall in den Cheder.
Und nun benahm ich mich auch schon anders.
Ich lernte zum erstenmal mit meinem Rebben, später spielte ich mit den
anderen Schülerinnen. Es verging kaum eine Woche, da fühlte ich mich
schon sehr behaglich und kannte jeden Schlupfwinkel in der Schule.
Außer der langen, schmalen Lehrstube gab es noch ein langes,
finsteres Durchgangsloch, -- jede andere Bezeichnung dafür wäre
unrichtig -- in welchem sich das Bettgestell des Rabbi und das seiner
Rebbezin befanden. Vor den Betten hing auf zwei dicken Stricken, die
über einen Balken gespannt waren, die Wiege, in der ihr einziges
Töchterchen Altinke lag; jeder, der nach dem dritten Raum wollte,
stieß unvermeidlich gegen diese Wiege, die dann noch lange in Bewegung
blieb. Dieser Raum, ebenso die Bett- und Wiegenwäsche waren keineswegs
sauber zu nennen. Aber man muß mit allem zufrieden sein, heißt es, und
die Bewohner dieser verfallenen Hütte waren es im vollsten Sinne des
Wortes. Sie verlangten nicht mehr. Ihre einzige Sorge war nur, daß
ihre »Altinke« (wiewohl schon 2 Jahre alt, konnte das Kind noch nicht
aufrecht stehen) als die einzige von vier Kindern am Leben blieb.
Man behütete und pflegte sie und schützte sie wie den Augapfel. Am
Halse trug es verschiedene Amulette: Ein M'susele[O] und ein Heele
(auch eine Art von Amulett, welches aus Blei gegossen, mit einer
mystischen Aufschrift versehen war). Das Bändchen, an dem diese Dinge
und auch ein Wolfszahn hingen, klebte infolge der beständigen Nässe vom
Mundspeichel und des Schmutzes an dem wattierten Leibchen des Kindes.
Dieses kleine, unglückliche Geschöpf lag meist in der Wiege, da Feige,
so hieß die Rebbezin, allerlei Geschäfte auf eigene Faust führen mußte,
wie Honigkuchen mit warmem Kraut backen, Erbsen und Bohnen kochen,
Leckerbissen, die ihr die Schülerinnen täglich abkauften. Besonders
waren es die Gluckhenne mit ihren Küchlein, die ihr viel zu schaffen
machten. Freilich blieb bei dieser Arbeit wenig Zeit, das Kind auf dem
Arm herumzutragen. Täglich wählte sie eine andere der Schülerinnen, die
ihr in allen häuslichen Angelegenheiten behilflich war; so entdeckte
sie auch in mir eine gehorsame, willige Helferin. Bald wiegte ich
ihr Kind (was ich übrigens mit großem Vergnügen tat), bald half ich
ihr, den Spaten mit Mehl zu bestreuen, wenn sie das Brot in den Ofen
schieben mußte; bald sah ich unter die Siebe nach frisch gelegten Eiern
(mit denen ich mir, wenn sie noch ganz warm waren, gern über die Augen
strich).
Die Gestalt der Rebbezin erinnerte an eine Hopfenstange; sie hatte
ungewöhnlich lange Arme, einen langen, dünnen Hals, der einen Pferdekopf
trug, kleine, umherirrende Augen, knochige Wangen und blaue, dünne
Lippen, die sich seit der Kindheit wohl nicht mehr zu einem Lächeln
verzogen hatten. Die lange Habichtsnase verdeckte zur Hälfte den Mund
und gab dem Gesicht den Ausdruck eines Raubvogels. Die langen
Pferdezähne und vor allem die Zahnlücken bewirkten, daß die Worte aus
ihrem Munde nicht sehr schön klangen. Aber das hinderte sie weiter
nicht, ihre ganze Umgebung vom frühen Morgen bis zum späten Abend von
dem Vorhandensein ihres ungeschwächten Sprechorgans zu überzeugen. Auch
ich sollte bald erfahren, daß mit der Rebbezin nicht zu spaßen war, und
ein Handgriff von ihr nicht auf ein sehr sanftes Wesen schließen ließ.
Mein Kätzchen hatte ich zu Hause lassen müssen, ich verschmerzte es zu
Beginn, weil ich an den Hühnern der Rebbezin Ersatz fand. Ich ging oft
zum Pripoczok (Ofen, unterer Teil), zur brütenden Henne und sah zu, wie
sie mit ausgebreiteten Flügeln behutsam auf den Eiern saß. Ihr Auge
drückte während dieser Zeit fast eine menschliche Zärtlichkeit aus. Das
Tier saß geduldig ohne Nahrung und wartete, bis man sie herunternahm und
sie fütterte. So geschah es einmal, daß ich mich zur Gluckhenne beugte,
um sie wegzutragen und zu füttern. Die Rebbezin erblickte mich dabei von
ihrem Sitz aus und erschrak über die Möglichkeit, daß ich die Henne
aufscheuchen und daß sie am Ende wegfliegen könnte. Die Eier würden kalt
und nicht mehr ausgebrütet werden können. Behende sprang Feige zu mir,
erfaßte mich etwas unsanft an der Schulter und schrie aus Leibeskräften:
»Was tust du? Was willst do hoben? Meschuggene, a weg!« (fort von hier).
Ich sah zu der vor Zorn keuchenden Rebbezin auf. Die Henne entriß sich
tatsächlich meinen Händen und wandte ihren raschen Flug nach der
Richtung, wo Reb Leser thronte; daneben befand sich im Winkel ein
dreieckiges Fächerchen, darauf ließ sich die Henne nieder, sah mit
lautem Gegacker umher, als gefiele es ihr hier, begab sich hierauf auf
Reb Lesers Kopf, duckte sich nieder und ließ ein Andenken an ihren
kurzen Aufenthalt zurück; dann flog sie, mit den Flügeln schlagend, auf
das Fach, wo die Zinnteller und Schüsseln standen, warf alles um, was
natürlich viel Lärm machte und suchte ihr Loch unter dem Pripoczok auf,
wo sie sich endlich beruhigte. Dagegen konnte sich Reb Leser nicht so
bald beruhigen, der, als die um den Tisch sitzenden Schüler mit lautem
Lachen nach seinem Kopf zeigten, nach seiner Kopfbedeckung faßte, und da
er voll Wut das hinterlassene Andenken wegwischen mußte, schalt und
fluchte er mit lauter Stimme. Seiner Ehehälfte schwur er hoch und teuer,
er werde alle ihre Hühner schlachten. Das sollte sogar schon morgen
geschehen. Aber unsere unerschrockene Rebbezin dachte anders darüber und
verteidigte bei offener Tür ihre Schützlinge. Sie brachte Argumente vor,
die mich als die Hauptschuldige an dem Unfall erkennen ließen.
Schließlich meinte sie, ihr Mann hätte überhaupt kein Recht, die Hühner
zum Tode zu verurteilen. Ihre glänzende Verteidigungsrede war wohl
hinreichend energisch gewesen, da Reb Leser den kürzeren zog und zum
Schweigen gebracht wurde. So verwandelte er das Todesurteil in eine
Begnadigung. Diese Begebenheit gab viel Stoff zu Gesprächen im Cheder
und im sogenannten »Schmolen Gässel« (schmalen Gäßchen). Es hatten sich
viele Zuschauer eingefunden, die zu den Fenstern hineinsahen und beinahe
in den Kampf mit hineingezogen wurden. Diesen Abend hatte ich meiner
Njanja viel zu erzählen....
Wenn Reb Leser schließlich die Bemerkungen seiner Frau unbeantwortet
gelassen hatte, so tat er es mit dem Selbstbewußtsein eines Mannes,
dessen Würde trotz alledem unbestreitbar war. Er hatte auch allen Grund
dazu, denn er war nicht nur in seinem Hause, in der Schulgasse und im
schmolen Gässel, sondern auch weiterhin auf der Insel Kempe, jenseits
des Teiches, sehr populär! Zu Reb Leser, dem Melamed, kam man, wenn ein
Kind erkrankte, fieberte. Er verstand zu heilen und ein »Ajin hora«
(böses Auge, Blick) zu besprechen. Er nahm zu diesem Zwecke ein
Kleidungsstück des »Befallenen«, etwa ein Strümpfchen oder ein Leibchen,
flüsterte einen geheimnisvollen Spruch und spuckte dreimal darauf. Das
genügte, um das Kind genesen zu machen, ohne daß er es persönlich
gesehen hätte. Dem Überbringer wurden die Gegenstände mit den Worten
zurückgegeben: »Es wird schon gesund werden.« Hatte jemand
Zahnschmerzen, so stellte ihn Reb Leser bei Mondenschein Punkt zwölf Uhr
nachts gegen den Mond und streichelte ihm bald die rechte, bald die
linke Backe, wobei er mystische Worte murmelte. Und Reb Leser war dann
sicher, daß der Schmerz aufhören würde -- eventuell freilich erst nach
langer Zeit oder nachdem der Zahn gezogen war. Wer an heftigen
Rückenschmerzen litt, mußte sich auf der Diele hinstrecken; Reb Leser,
der B'hor (Erstgeborene), stellte sich mit einem Fuß auf den Rücken des
Kranken für einen Augenblick und der Kranke war genesen!
Wollte jemand eine Kuh kaufen, so war er fest überzeugt, daß sie viel
Milch geben würde, wenn Reb Leser den Kaufpreis zum Scheine nach
längerem Feilschen festgesetzt hatte. Ein Wort von Reb Lesers Lippen
vermochte vieles zu bewirken.
Das waren die kleinen Quellen seines Einkommens; dagegen brachte ihm das
Schadchengeschäft viel mehr Geld ein. Diese Tätigkeit warf ihm beinahe
so viel ab wie seine Schule und hatte dabei auch den Vorzug, daß sie
gewöhnlich bei einem Gläschen Schnaps vor sich ging. Je nach dem
Gelingen einer Partie mehrten sich seine Freunde und -- Feinde. Von den
letzteren gab es mehr!.. Reb Leser ließ sich darob keine grauen Haare
wachsen. Ihm galten alle Partien gleich gut. Er betrieb dieses Geschäft
in seinen Mußestunden zwischen Minche und Marew am Sonnabend Abend, da
der Jude von damals, nachdem er vierundzwanzig Stunden geruht hatte, in
der richtigen Stimmung war, von derartigen Dingen zu sprechen. Es war
vielleicht gut, daß Reb Leser so wenig Zeit auf diese Sache verwenden
konnte....
Der denkwürdige Vorfall mit der Henne war hinreichend, mir das Innere
des Cheders zu verleiden und mich stärker für die Spiele draußen zu
interessieren. Ich erreichte in manchem eine große Fertigkeit -- so im
Zeichenspiel, wobei man sich einer Art aus Knochen primitiv gefertigter
Würfel bediente; im Nüsse-Spiel und im Stecknadelspiel paar und unpaar.
Eine meiner Freundinnen war im Stecknadelspiel sehr geschickt und
erregte meinen Neid: sie konnte eine Menge von Stecknadeln unterhalb der
Zunge im Munde halten und dabei ungehindert sprechen.
Es wurde so viel gespielt, daß wir Kinder gar oft den eigentlichen Zweck
unseres Schulbesuches vergaßen.
Ich machte mich bald mit der ganzen Umgebung des Chederlokals vertraut
und stand mit der Nachbarschaft auf gutem Fuß. Mein besonderer Liebling
war der kleine Schulklopfer, ein mageres, gebeugtes Männchen mit einem
grüngelben Ziegengesicht und blöden Ziegenaugen, die den Zug des
Gequälten hatten. Sein ganzes Leben schien er an Keuchhusten zu leiden.
Wenn wir Kinder ihn in der Gasse erblickten, liefen wir ihm entgegen und
schrieen übermütig: »In schaul! In schaul!« und begleiteten ihn eine
Strecke. Er erschien nämlich vor dem Morgen- und Abendgebet in der
Schulgasse und rief, mit seiner ganzen noch übrig gebliebenen
Lungenkraft schreiend: »In schaul! In schaul!«, die Gemeinde zusammen.
Dann stemmte er die Hände in die Seiten und konnte lange vor Husten
nicht zu Atem kommen. Übrigens hatte er noch eine andere Beschäftigung;
an jedem Freitag lief er kurz vor Beginn des Sabbathfestes zu den
jüdischen Krämern und ermahnte sie, die Läden rasch zu schließen. Und
vor Neujahr weckte er mit Tagesanbruch die Gemeinde zu Sliches
(Frühgebet während der ganzen Woche vor dem Neujahrsfest).
Der kleine, niedere Cheder-Raum konnte alle Schülerinnen nicht fassen
und draußen vor der Tür verjagte uns oft die sengende Sonnenglut; so
mußten wir uns mit unseren Würfel- und Nüssespielen in eines der vielen
Vorhäuschen in der gegenüber dem Cheder befindlichen großen Synagoge
flüchten, wo es immer kühl und geräumig war. Ich entsinne mich, daß ich
nie weiter als ins Vorhaus zu gehen wagte und welchen gewaltigen
Eindruck ich hatte, als mich die Gespielinnen einmal zwangen, die
Abteilung zu betreten, in der die Männer zu beten pflegten. Der große
Raum mit den vielen Bänken und Tischen war imposant. In der Mitte der
Synagoge befand sich ein viereckiger erhöhter Platz, der von einem
niederen, geschnitzten Geländer umgeben war; auf dieser Erhöhung stand
ein schmaler, hoher Tisch, auf dem die Thorarollen beim »Leienen« lagen.
Im Hintergrund war eine hohe Pforte, deren zwei Türen zum Oren-hakodesch
führten. Diese heilige Lade war mit einem roten Sammetvorhang verhängt,
in dessen Mitte das Mogendavidzeichen eingewirkt war. Zu beiden Seiten
dieses jüdischen Paniers standen in Lebensgröße zwei Löwen aus
Bronzemetall in aufrechter Stellung, wie Wache haltend. An der östlichen
Wand, der Misrachwand, waren die Ehrenplätze für die ältesten und
angesehensten Juden der Stadt Brest. Dort befand sich auch die »Matan
b'sseisser Puschke«, d.h. die Büchse der geheimen Gaben. Wenn jemand ein
Lieblingswunsch in Erfüllung gegangen oder ein besonderes Glück
widerfahren war, wovon er zu niemand sprechen mochte, spendete er ganz
im geheimen etwas in diese Büchse. Außen war nur ein kleiner Spalt in
einer Nische der Mauer zu sehen. In diese Öffnung warfen die Spender
ihre geheime Gabe, nicht ohne sich vorher ängstlich zu vergewissern, daß
auch niemand sie beobachte. Von der himmelblau mit silbernen Sternen
bemalten Decke der Synagoge hingen an Ketten zahlreiche Leuchter herab.
All diese seltsame Pracht erfüllte das Kindergemüt mit Ehrfurcht und
Scheu.
Meine Begleiterinnen erzählten mir, geheimnisvoll flüsternd, daß sich
hinter den hohen Türen des Oron hakodesch ein Schrank mit vielen Sefer
thaures (heilige Rollen) befinde und daß von da ein unterirdischer Gang
nach Jerusalem führe. Freitag Abend versammeln sich die vom Gehinom
(Hölle) befreiten R'schoim (Sünder), um allerlei Schabernack zu treiben.
Noch andere, ähnliche Märchen erhöhten meine angstvolle Scheu. Ganz
besonders wirkte auf mich das Märchen vom »lehmenen Goilem« (Ton-Figur)
ein: auf dem Oren kaudesch in der Synagoge da liegt eine große Figur aus
Ton, die einst alle Handlungen eines lebenden Menschen verrichten
konnte. Die alten Kabbalisten bedienten sich solcher Tonfiguren, die sie
mit Amuletten, Hieroglyphen und sonstigen, niemand bekannten Zeichen
versahen und flüsterten den Lehmfiguren Zauberformeln ins Ohr, daß sie
anfingen sich zu regen und allerhand Dienste leisten konnten wie ein
Mensch. Alles, was diese Figur tun sollte, mußte man ihr bis ins
einzelne genau und bestimmt angeben, z.B.: »Geh zur Tür, ergreife die
Klinke, drücke sie nieder, mach die Tür auf, mach sie zu, geh in das
Haus in jener Straße, drücke die Klinke nieder, mach die Tür auf, mach
sie zu, begib dich ins erste Zimmer, geh an den Tisch, an dem mein
Freund sitzt, sag ihm, er soll heute mit dem Buch zu mir kommen.« Auch
der Rückweg mußte der Figur Schritt für Schritt genau beschrieben
werden, sonst war der Goilem (die Tonfigur) imstande, das ganze Haus, in
dem der Freund wohnte, auf seinen Schultern zu bringen. Er war eben ein
Trottel; und noch heute ist im jüdischen Volke die Bezeichnung: »Du bist
ein lehmener Goilem« ein Schimpfwort.
Ein einziges Mal wagte ich es noch, allein den großen Raum zu betreten,
aber ich lief, von einem unheimlichen Schauer erfaßt, weinend und
schreiend fort, und Reb Leser verbot mir, ohne Begleitung wieder
hinzugehen.
Ich sehe noch jetzt im Geiste den schönen, majestätischen Bau im
altmaurischen Stil mit dem runden Glasturm, durch dessen Scheiben das
Tageslicht fiel und das Innere der Synagoge erhellte.
Als die Stadt Brest demoliert und 1836 zu einer Festung umgewandelt
wurde, mußte auch die Synagoge niedergerissen werden und der Grundstein,
den man fand, wies auf frühere Jahrhunderte zurück, auf die Tage Saul
Wahls, der für eine Nacht von den streitenden polnischen Parteien zum
König gewählt worden war. Wahl hatte die Synagoge zum Andenken an seine
verstorbene Frau Deborah erbaut.
II. Teil.
Dem Rosch-Chodesch (Neumond) Sivan (etwa Mai) folgte sechs Tage später
das Schewuaus-Fest (Pfingsten), das schöne und angenehme Fest, von dem
die Juden sagen, daß man _=alles=_ und _=überall=_ essen darf, während
man am Osterfest nicht alles und am Laubhüttenfest nicht überall, d. h.
nur in der Laube essen soll. Daher dauert Sch'wuaus nur zwei Tage....
Auch für dieses Fest wurden natürlich in unserem Hause mancherlei
Vorbereitungen getroffen. Uns Kindern wurde im Cheder die Bedeutung des
Festes erklärt als Gedenkfeier an den Tag, an dem Moses auf dem Berge
Sinai die heiligen Gesetzestafeln empfangen hatte. Drei Tage vor
Pfingsten (Schlauscho jemei hagbole wird diese Periode genannt), endet
die Trauer der Sfirezeit und die Freude lebt wieder auf. Man sucht sich
für die sechswöchentlichen Entsagungen schadlos zu halten. Die Kinder
blieben nur einen halben Tag im Cheder und tummelten sich ungebunden im
Freien und im Hause herum. Und in den Häusern wurde wieder gebraten und
gebacken, namentlich viel Butterkuchen! An diesen Festtagen ißt man
hauptsächlich Milch- und Buttergerichte. Die traditionellen
Käse-Blintschki mit saurer Sahne, eine Art Flinsen, dürfen nicht fehlen.
Am Erew-Jomtow, am Vorabend des Festes, gab es wieder viel eilige Arbeit
im Hause. Alle Zimmer wurden mit Grün geschmückt und festlich
beleuchtet: Wir Kinder wurden festlich gekleidet und der Tisch zum
Abendessen gedeckt; die Fenster der mit Kerzen erleuchteten Räume
standen weit offen, und die warme, frische Frühlingsluft strömte herein,
ohne die Flammen der vielen Kerzen auch nur leise zu bewegen. Sie
brannten ruhig und feierlich.
Die Männer kamen vom Bethaus zurück und man begab sich zu Tische. Schon
nach dem ersten Gang wurde ein Abschnitt aus dem Tiken-Schwuaus-Gesetze
von den Männern vorgelesen und nach dem zweiten Gericht wieder ein
Abschnitt. Nach dem Essen zogen sich meine Schwäger mit ihrem Melamed in
ihr Studierzimmer zurück, um dort bis zum frühen Morgen den
Tiken-Schwuaus zu Ende zu lesen. Mein älterer Schwager unterzog sich
ohne Murren diesem Gebot. Aber der jüngere hätte wahrscheinlich eine
andere Beschäftigung vorgezogen. Aber es half nichts, die Disziplin und
die religiöse Tendenz unseres Hauses galten mehr als persönliche Wünsche
und Neigungen. Auch dann noch, als der Geist Lilienthals in den Köpfen
der jungen Leute schon schwirrte.
Am frühen Morgen ging es in die Synagoge, wo ein Festgottesdienst
abgehalten, die Akdamess (Anfänge) gesagt, die M'gile (Ruth) vorgelesen
wurde, was oft bis 12 Uhr Mittags währte. Im Hause herrschte frohe
Laune: man trank vortrefflich duftenden Kaffee und aß Butterkuchen und
Blintschikes und ging hierauf im Freien spazieren.
Bald kam auch der Sommer mit seinen Herrlichkeiten, die wir Kinder nach
Herzenslust genossen. Die Zeit von Pfingsten bis zum siebzehnten Tag im
Tamus (Monat Juli) war für den Juden der ersten Hälfte des vorigen
Jahrhunderts die genußreichste und schönste des ganzen Sommers. Aber zu
lang darf die Reihe von schönen Tagen für ihn nicht sein, sonst könnte
er in seinem Übermut Gott vergessen und darum, glaube ich, ist ihm nach
einer kurzen Erholungszeit immer wieder ein Fasttag auferlegt. Und so
ist schon der Schiwo osser betamus (siebzehnte Tag im Tamus) ein
Fasttag, dem die sogenannten drei Wochen folgen, die mit einem
Trauertag, dem neunten Tag des Monats Ab (Tischeb'aw) endigen. Und
wieder ist es untersagt, Vergnügungen nachzugehen, Hochzeit zu halten,
im Flusse zu baden, Schmuck zu tragen und in den letzten neun Tagen darf
man auch kein Fleisch genießen; am neunten Tage, am Erew-Tischeb'aw,
wird in der Synagoge und im Hause eine Trauergedenkfeier an die
Zerstörung Jerusalems abgehalten. Am Freitag vor Schabbes-chason
(Sonnabend vor Tischeb'aw) erschien einmal unsere Mutter, während wir am
Frühstückstisch saßen, erregt und ernst, in der einen Hand ein mit einer
schwarzen Masse gefülltes Holzgefäß, in der andern Hand einen Pinsel
haltend. Wir waren gespannt, was die Mutter damit beginnen wollte. Sie
stieg auf das Sopha und machte mit dem Pinsel auf die schöne rote Tapete
einen viereckigen, schwarzen Fleck. Auf unsere Frage, was dies zu
bedeuten habe, erhielten wir zur Antwort, dieser Fleck, den sie seicher
l'churben nannte, soll uns erinnern, daß wir Juden im Golus, d. h.
unterjocht sind. Ich entsinne mich noch, wie mein Vater und die jungen
Männer am Erew-Tischeb'aw, d. h. am Vorabend des neunten Tages im Monat
Ab die Schuhe ablegten und auf niederen Schemeln Platz nahmen. Der
Bediente stellte eine niedrige Holzbank vor sie hin und setzte darauf
das Fasten-Abendbrot, das aus hartgesottenen Eiern bestand, die in Asche
gewälzt und dann mit harten Kringeln gegessen wurden. Bewegt, mit dem
Ausdruck aufrichtiger Trauer in den Zügen, saßen sie da, als hätten sie
die Zerstörung des Tempels zu Jerusalem selbst miterlebt, mit eigenen
Augen seinen Glanz, seine Größe untergehen sehen. So gegenwärtig war
ihnen die Vergangenheit, so tief empfindet der fromme Jude noch heute
den Schmerz um den Verlust der alten Heimat. Dann gingen die Männer in
Strümpfen ohne Stiefel in die Synagoge. Meine Mutter blieb mit den
älteren Schwestern zu Hause. Es wurden mehrere Fußbänke in ein Zimmer
gebracht und Kerzen auf niedrige Tische und Stühle gestellt. Wir alle
setzten uns um die Mutter herum auf die Fußbänke und nun begann man mit
der Verlesung der »Zerstörung von Jerusalem«. Die Mutter weinte und wir
Kinder weinten leise mit. Dann wurde noch die M'gile Echo -- die
Klagelieder -- vorgelesen und unsere Tränen flossen reichlich. Die Buben
freilich hatten ihr eigenes Treiben.
Runde, grüne Kletten, wie kleine Kartoffeln, mit Stacheln wie
Stecknadeln bewachsen, die an jeden Gegenstand sich anheften, pflegten
die »kundesim« (Gassenjungen) am »erew tischeb'aw« den ernst trauernden,
alten Männern in die Haare und an die Strümpfe zu werfen, um diese zu
ärgern.
Am folgenden Tage herrschte noch tiefe Trauer und die schwere Stimmung
lag noch auf allen. Des Morgens durften wir uns nicht einmal waschen;
auch wir Kinder fasteten manchmal etliche Stunden und die Eltern lobten
unsere Standhaftigkeit. Mit desto größerem Appetit fielen wir über das
Essen her, als der halbe Tag vergangen war. Im Hause begann es auch
wieder lebhafter zu werden, man räumte die Zimmer auf und in der Küche
regte sich's wieder. Wir Kinder nahmen Spiel und Vergnügen auf. Eines
dieser Spiele an einem Tischeb'aw blieb mir besonders in Erinnerung:
Mein Bruder hatte schon einige Tage vorher mit einem Freunde gleichen
Alters, dem jetzigen Doktor H. S. Neumark, verabredet, daß er an diesem
Tage einige hundert Knaben aus der Stadt Chedunim zu meinem Bruder nach
der Vorstadt Zamuchawicz bringen solle, mit denen die beiden diesen Tag
entsprechend und würdig verbringen wollten. Sie beabsichtigten nämlich,
zur Erinnerung an jene Schlacht, die vor ungefähr 2000 Jahren bei der
Zerstörung des Tempels zu Jerusalem stattgefunden, einen Kampf zu
veranstalten. Die Jungen mußten ihre rotgefärbten Holzschwerter, wie sie
an diesem Tage jeder jüdische Knabe besaß, mitbringen. Als Waffen
dienten auch Pfeil und Bogen, ein Knüttel, selbst eine Bauernpeitsche.
Doch galt hier hauptsächlich die persönliche Tapferkeit mit der Faust.
Mein Bruder und sein Freund wählten einen freien Platz, neben unserem
Hause, auf dem die Schlacht stattfinden sollte. Die »Soldaten« kamen
einzeln und in Scharen. Die Kampflustigen waren verschieden an Größe,
Alter und Stand; doch wurden in diesem Heer derartige Kleinigkeiten
nicht beachtet! Es wurden Generäle, Oberste und Offiziere eingesetzt,
und die anderen bildeten sodann die Mannschaft -- das Fußvolk; mein Bruder
und sein Freund wurden zu Königen ernannt. Die Generäle erhielten
Sternchen aus Papier und Eichenlaubblättern; über die Schulter quer
fielen Schärpen aus blauem, rotem oder weißem Glanzpapier. Die
Dreispitzhüte wurden aus dunkelblauem Zuckerhutpapier hergestellt, die
von den Knaben Krepchen (Kreplach) genannt und mit Büschen aus
Hahnenfedern geschmückt wurden. Der Oberste trug als Abzeichen Schnüre
aus roten Beeren um die Schulter, und den Offizieren steckte man als
Kokarde eine große, gelbe Kamille an den Schirm der Mütze. Die ganze
Armee wurde in zwei gleiche Abteilungen geteilt und jeder König übernahm
sein Heer und stellte die Soldaten in Reih' und Glied auf. Die Kleidung
der Könige unterschied sich in auffälliger Weise von der der anderen
Krieger; der eine König hatte ein grosses Handtuch, der zweite ein Laken
quer über der Brust und beide trugen zahllose Orden, die auf dem Felde
und auf den Wiesen gepflückt waren: Sonnenblumen, weiße, gelbe und rote
Blüten in allen Größen. Und um die königlichen Häupter waren große
Kränze aus Hanfzweigen gewunden. Zwischen beiden Armeen wurde ein Kordon
gezogen, und nun sollte das Zeichen zum Angriff gegeben werden. Doch wer
sollte mit dem Angriff beginnen? So schrie man denn von der einen Seite
herüber: »Scheli, scheli, scheloch!« (Schick' Dein Volk heraus!) Darauf
erwiderte man: »Mein Volk ist krank.« Nun näherte sich aus diesem Heere
ein Krieger dem König des ersten Heeres, ergriff dessen Hand und sagte,
den Zeigefinger erhebend: »Der Malach (Engel) hat dir drei Plätze
geschickt -- siehst du Feuer? Siehst du Wasser? Siehst du den Himmel?« Der
König mußte bei der letzten Frage zum Himmel hinaufsehen, indeß der Bote
entfliehen und den Kordon überschreiten mußte, wenn er nicht gefangen
genommen werden sollte. War es ihm aber geglückt, den Kordon rechtzeitig
zu überschreiten, so hatte sein Volk den Vorzug, den Kampf zuerst
beginnen zu dürfen. Nun fing man mit Schwert und Pfeil und Bogen an; da
diese Waffen aber bei dem ersten Zusammenprall zerbrachen, waren die
Soldaten auf ihre Fäuste angewiesen.
Eine Viertelstunde mochte der Kampf bereits gedauert haben, aber noch
war der Sieg nicht entschieden. Das Heulen und Schreien jedoch wuchs
entsetzlich an. Da schwenkte einer der Könige ein weißes Taschentuch auf
einem weißen Stock und schrie laut: »Genug! Stillstehen! Nicht mehr
schlagen!« Die zügellosen Jungen hörten aber nicht darauf und fuhren
fort, die Schädel und Rücken der Schwächeren zu bearbeiten, bis sie
durch Hiebe ermahnt werden mußten, das fast zum Ernst gewordene Spiel
abzubrechen. Die meisten zogen mit Ehrenzeichen, wie blaugeschlagene
Augen, blutende Nasen, verwundete Beine, vom Kriegsschauplatz ab. Die
Könige trösteten die braven Helden, und wir Mädchen, die der Schlacht
zusahen, brachten von Hause frisches Wasser, Handtücher, Tischtücher und
erfüllten das Amt der barmherzigen Schwestern, indem wir den Verwundeten
die blutenden Stellen wuschen und trockneten. Nachdem die Ruhe
einigermaßen hergestellt war, fingen die Heerführer an, den Triumphzug
vorzubereiten. Wir wurden aufs Neue ins Haus geschickt, um die nötigen
Requisiten zu holen, wie ein großes Messingbecken, das Messingtablett
des Samowars und einige Kupferkasserollen. Die Soldaten hatten mit
Papier überzogene Kämme, die als Blasinstrumente verwendet werden
sollten und hölzerne kleine Pfeifen. Die ganze Armee wurde wieder auf
dem Platz gesammelt und geordnet. Zwar konnte sich mancher Soldat nur
mit Mühe auf den Beinen halten, allein an dem feierlichen Akt, der nun
folgen sollte, wollte jeder teilnehmen. Nun wählte man unter den
Soldaten einige aus, welche die von uns zusammengetragenen Geräte als
Musikinstrumente zu behandeln verstanden. Die Könige nahmen eine
würdevolle Haltung an, als sie mit überlautem Hurrah! begrüßt wurden und
mit ihren bekränzten Häuptern den Dank nickten. Der Zug setzte sich in
Bewegung. Das Messingbecken, von einer mächtigen Faust geschlagen,
machte betäubenden Lärm. Die beiden kräftig aneinandergeschlagenen
Kasserollen dröhnten. Die schrillen Töne der Pfeifen klangen wie ein
schwacher Protest gegen diesen Lärm und das Getute auf den mit Papier
überzogenen Kämmen ergänzte diese seltsame Musik. Auch die Stimmen der
Soldaten taten ihr Möglichstes: Sie sangen einen Zapfenstreichmarsch mit
wilder Kraft. Unter diesen Musikklängen bewegte sich der Triumphzug
langsam vorwärts. In der Haltung der Könige lag etwas Imposantes, das
sie mit Recht zu Herrschern unter diesen Knaben machte. Wir Mädchen
begleiteten den Zug mit Händeklatschen und waren von dem ganzen
Schauspiel entzückt. Man marschierte an dem Garten entlang, bei unserem
Hause vorbei. Dann lösten sich die Truppen auf, und ein jeder Krieger
ging mit Stolz von dannen. Auch die Könige verabschiedeten sich mit
huldreichen Worten, zufrieden mit dem Gelingen des Unternehmens, das
lange das Gespräch in der ganzen Stadt bildete. Trotz der blutigen Köpfe
freuten sich unsere Eltern über die Sitte der kriegerischen Spiele sehr.
Die jüdische Sitte hat, wie es scheint, das Bestreben, jeden Trauer- oder
Fasttag durch einen darauffolgenden Freudentag auszugleichen. So folgt
auf Tischeb'aw bald Schabbes-Nachmu, d. i. der trostreiche Sabbath: Gott
tröstet sein Volk und verspricht ihm durch den Mund des Propheten die
Wiederaufrichtung des Tempels, der sich noch herrlicher als zuvor
erheben soll und verjüngt wird die Mutterstadt Jerusalem aus ihren
Trümmern erstehen. An diese Verheißung glaubten meine Eltern
unerschütterlich fest. Sie hatten noch ihre Illusionen und Hoffnungen,
die sie vor Verzweiflung schützten und ihnen die Kraft verliehen, die
Leiden der Gegenwart zu tragen. Gehörte doch zu jener Zeit ein
Selbstmord unter den Juden zu den größten Seltenheiten, weil sie in dem
Glauben an Gottes Wort und an das Jenseits Trost für alles irdische
Leiden fanden. Dieser starke Glaube lebt auch in einem kleinen Liede,
das uns unsere fromme, kluge, gütige Mutter lehrte.
Es lautete ungefähr:
Der Jude, der Jude, ein wunderbares Ding,
Betrachtet ihn mit Ehrfurcht, achtet ihn nicht gering!
Dem winzigsten Volke gehört er ja an,
Doch hüben und drüben man treffen ihn kann.
Steig' immer zur Höhe, du stoßest auf ihn,
Sinke nieder zur Tiefe, du wirst ihn nicht fliehn!
Schließ dich ein in Burgen, er bleibt Dir dennoch nah,
Verkrieche dich in Hütten, du findest ihn auch da!
Gefoltert, gemartert, gepeinigt aufs Blut,
Beharret im Glauben, verliert nicht seinen Mut!
Du glaubst ihn bezwungen zu Boden gestreckt,
Er richtet empor sich: Er ward nur erschreckt!
Eins aber sagt ihm immer sein Herz:
Was immer du auch leidest, Gott lohnet deinen Schmerz!
Ein ander Liedchen, das sie uns lehrte, ist eine Allegorie, ein Gemisch
in polnischer und althebräischer Sprache. Nach der neuesten Meinung der
jüdischen Forscher in Rußland haben die Juden in Rußland nur Russisch
mit Hebräisch vermengt gesprochen, so auch in Polen. Diese Meinung
stützt sich auf eine Menge Volkslieder, die in der neuesten Sammlung von
Saul Günzburg in Petersburg herausgegeben wurden.
Immer kehrt derselbe Gedanke wieder; immer ist die allegorische
Anspielung klar, daß die Juden für die Sünden ihrer Vorfahren leiden,
aber von Gott die Verheißung erhalten haben, daß er sie wieder
aufrichten wird. Meine Mutter sang diese Liedchen mit leuchtenden Augen
und versicherte uns Kinder im seligsten Vertrauen, daß sich diese
Verheißung auch gewiß einst erfüllen müsse. Erst im reiferen Alter
begriff ich ihre Inbrunst beim Gebet, diese echte Religiosität und die
aufrichtende Kraft eines reinen Gottesglaubens. Ich sehe sie noch vor
mir, wie sie mit geschlossenen Augen und herabhängenden Armen versonnen
dastand, und wie sie, entrückt, allen kleinen, irdischen Dingen, das
leise Gebet Schemoneessere betete. Die Lippen bewegten sich kaum, aber
in ihren Zügen lag ihre betende Seele! Fromme Ergebung, das Bewußtsein
der Sündhaftigkeit, ein Flehen auf Vergebung und Hoffnung auf die Gnade
des Herrn.
Der Schabbes-Menachem brachte Frohsinn in das jüdische Leben, und man
beeilte sich, die Entbehrungen der Trauerzeit, da Eheschließungen und
sonstige Vergnügungen verboten waren, wettzumachen, und die Töchter oder
die Söhne so rasch wie möglich in goldene Ketten zu legen! Lange durfte
man nicht zögern, denn dem Monat der Fröhlichkeit folgte schon Rosch
Chodesch Elul (Neumond September) und mit dem Wehen und Blasen der
Herbstwinde und dem Fallen des gelb gewordenen Laubes begann auch die
Zeit des Schofars, der den ganzen Monat hindurch täglich nach dem
Frühmorgengebet geblasen wurde. Er rief wieder zur Selbsteinkehr und
Sammlung, regte die Selbstanklage an, die Reue wegen der im ganzen Jahr
begangenen Sünden. Fasten, Kasteiungen und die heißen Gebete zum
Schöpfer sollten die Vergebung vorbereiten. Und viele fromme Werke
wurden geübt. In den meisten jüdischen Häusern waren damals an
irgendeiner Zimmerwand, meist in der Nähe der M'susaus im Eßzimmer,
Sammelbüchsen aus Blech mit Deckelverschluß angebracht. Die eine dieser
Büchsen hieß die »Erez Jisroel Puschke«. Die darin gesammelten Münzen
waren für die talmudischen Schulen in Palästina und für alte Leute in
Jerusalem bestimmt, die meist dorthin ausgewandert waren, um auf dem
heiligen Boden zu sterben und in palästinensischer Erde begraben zu
werden. Schrieb man doch dieser die Kraft zu, die in ihr ruhenden Toten
vor der Verwesung zu bewahren, so daß sie sich bei der Ankunft des
Messias in voller Frische aus ihren Gräbern erheben würden. Im Vertrauen
auf die der palästinensischen Erde innewohnende Kraft ließen sich in
Europa lebende fromme Juden Säckchen dieser Erde kommen, um sie in ihre
Gräber streuen zu lassen. -- Pflicht der jüdischen Gemeinden war es
jedenfalls, diese in Jerusalem ihren Tod Erwartenden bis zum Ende ihres
Lebens zu erhalten, und dazu diente noch der Inhalt dieser Büchse, der
alljährlich von dem Erez-Israel-Meschulach (Bote) in Empfang genommen
wurde. Dieser reiste im ganzen Lande umher und pflegte, wenn er nach
Brest kam, bei uns zu logieren. Er war ein rüstiger Mann mit dunklem,
sonnengebräuntem Gesicht und klugen Augen. Bei Tisch pflegte er uns viel
von Palästina zu erzählen, und wir lauschten diesen fremdartigen
Erzählungen wie einem Märchen.
Die zweite Büchse war die »Reb Meier Balhaness-(Wundertäter) Puschke«.
Wenn jemand ein Unglück drohte, bei Krankheitsfällen oder sonstigen
Gefahren, spendete man in diese Büchse eine Summe in Höhe von 18
Kopeken, 18 Rubeln oder 18 Dukaten, je nach Vermögen und Anlaß;
jedenfalls mußte die Wertangabe der Zahl 18 entsprechen, weil diese in
hebräischen Buchstaben das Wort chaj gleich Leben bedeutet.
Uns Kindern gingen die schweren Tage der Buße nicht sehr nah, im
Gegenteil, wir freuten uns der schönen Herbstzeit mit dem reifen Obst,
das wir in großen Mengen vertilgten. Eine Schürze voller Früchte bekamen
wir für einen Kupfergroschen, den uns die Mutter an jedem Tag schenkte,
und der junge Magen nahm die Gaben des Herbstes geduldig auf. Auch bei
uns im Garten waren die Früchte gereift und harrten hier der
pflückenden Hand, der naschenden Mäuler. Die Baumzweige hingen zum
Brechen voll und das Gemüse stand hoch in prächtigen Farben. Der Kohl
wurde reif. Meine älteste Schwester verstand es trefflich, aus dem
Strunk ein wie aus Talg gerolltes Lichtchen herzustellen. Sie putzte den
Strunk, rundete ihn ab und steckte einen etwas in Ruß geschwärzten
Holzsplitter an die Spitze, so daß es wie ein Licht aussah. Spät vor
Abend gab sie dieses Lichtchen zum Anzünden bald der Köchin, bald dem
Diener. Der Holzsplitter fing für einen Moment zwar Feuer, verlosch
jedoch bald, worüber die besagte Person sich ärgerte. Wir Kinder sahen
von der Ferne zu, kicherten und freuten uns über den gelungenen Spaß.
Das wurden nun unsere Freuden, denn wir konnten uns nicht mehr solange
im Freien aufhalten, es war bereits empfindlich kühl. Die Tage wurden
kürzer und trübe. Wir gingen nicht mehr so frühzeitig in den Cheder. Wir
mußten oft im Chederraum spielen, weil uns häufig der Herbstregen von
der Straße scheuchte.
Im Hause wurde es stiller und stiller, die Eltern und die erwachsenen
Geschwister wurden immer ernster, je näher der Monat Elul seinem Ende
kam. Die Sorgen der Slichauszeit nahten. Schon ehe der Tag graute,
wurden die Bußgebete verrichtet. Die Gebete sind oft so umfangreich, daß
man z. B. am letzten Tage vor Rausch-Haschone (Neujahr) schon um
Mitternacht beginnen muß, um überhaupt zu Ende zu kommen. Dieses Gebet
nennt sich Sechor bris.
Das Neujahrsfest selbst gilt zwar als sehr ernst und heilig, wird aber
als freudiger Feiertag betrachtet. Bei uns wurden allerhand Fladen
gebacken, Konfitüren in Honig und Zucker vorbereitet, das Weißbrot
wurde in Form von Kringeln gebacken, was symbolisch das runde Jahr
darstellen soll. Die Frauen hatten zumeist weiße Kleider, die nur
am Neujahrsfest und am Versöhnungstage angelegt wurden. Am Vorabend
wurden viele Kerzen angezündet, über die die Frauen den Segen sprachen;
die Stimmung ist zwar eine festliche, aber noch immer liegt etwas
Trauriges, ein gewisser Ernst über den Gemütern. Beim Abendgebet in
der Synagoge wird viel geweint. Ich entsinne mich, daß unser guter
Vater vom Weinen heiser nach Hause zu kommen pflegte. Doch gewann die
Festtagsstimmung bald die Oberhand, und mein Vater gab uns frohgemut
den Segen und machte Kidusch (Segnen des Weines) in freundlicher
Stimmung. Wir alle schütteten uns zuerst reichlich Wasser über die
Hände, trockneten sie sodann ab, setzten uns stumm zu Tische und
beteten still mit, während der Vater über die beiden großen Brote, die
vor ihm bedeckt lagen, einen Spruch sagte; er schnitt eines von ihnen
in zwei Teile, von dem einen Teil schnitt er eine Scheibe, die er in
Honig tauchte und murmelte leise ein Gebet. Ehe er den ersten Bissen
gegessen hatte, durfte weder er, noch ein anderer bei Tische sprechen.
Nun bekamen auch die Kinder die Mauzes (die ersten Bissen Brot) mit
Honig und dann wurde das reiche Abendmahl genommen. Obgleich es erst
um neun Uhr abends begann, ging man doch gleich darauf zur Ruhe, um am
nächsten Tage in aller Frühe ins Bethaus gehen zu können. Ich erinnere
mich nicht, die Mutter oder die anderen Synagogenbesucher an diesem
Morgen je gesehen zu haben, wenn ich auch noch so früh aufstand.
Alle waren bereits beim Beten und sie kehrten erst um ein oder zwei
Uhr mittags heim, erschöpft, aber in gehobener Stimmung -- das war
die Wirkung der für diesen Tag bestimmten Gebete -- die erhabene
Piutim-Poesie, die philosophischen Betrachtungen über das irdische,
vergängliche Leben, der Gerechtigkeit und der gnadenvollen Nachsicht
unseres einzigen Gottes, »der auf seinem Richterstuhl sitzt«, wie es in
den Sprüchen heißt, »und Gerechtigkeit übt«.
»Er öffnet dem das Tor, der daran mit aufrichtiger Reue pocht, der im
Gericht seinen Zorn unterdrückt, mit Huld und Milde sich als Richter
schmückt. Er, der Sühnung aller Schuld gewährt, der seine Huld lässet
walten. Er zürnt nur kurze Zeit und ist groß an Langmut. Er ist gütig
dem Bösen wie dem Guten. Er, der ausharrt, bis sich der Frevler fromm
bekehrt.«
Mein Vater pflegte bei Tische mit den jungen Leuten diese Stellen des
Gebetes singend zu wiederholen; und sie weinten dabei ...
Das Nachmittagsschläfchen am ersten Neujahrstag unterließ man, denn an
diesem Feiertag sollte mehr gebetet als gegessen und geschlafen werden.
Man ging zum sogenannten Taschlich, d. h. man begab sich zum Fluß, wo
man ein kurzes Gebet verrichtete und die Sünden gleichsam von sich
abschüttelte und ins Wasser warf. Dieser Gebrauch wurde von meinem Vater
nicht ernst genommen und deshalb beteiligte er sich nicht daran. Vom
Flusse begab man sich wieder in die Synagoge, wo das Vorabend- und
Abendgebet verrichtet wurde. Zu Hause zündeten die Frauen wieder die
Kerzen an, der Vater kam aus der Synagoge, erteilte uns wieder den Segen
und machte über den Becher Wein Kidusch und Schechejone über eine Frucht
(Segenspruch über eine Frucht, die man im Laufe des Sommers noch nicht
gegessen hat). Meine Mutter kaufte gewöhnlich hierzu eine Wasser- oder
Zuckermelone oder eine Ananas. (Diese Früchte waren in unserer Gegend
sehr selten). Nach dem Abendbrot, das ebenfalls sehr früh genommen
wurde, begaben sich alle zur Ruhe, um am nächsten Morgen frühzeitig in
der Synagoge mit dem Beten beginnen zu können, das wieder bis nach ein
Uhr währte. Der nächste Tag ist ein Fasttag, der Zaum Gdalja heißt. Alle
fasteten. Niemand fiel es ein, zu murren und so quälte man sich auch den
dritten Tag. Darauf folgten die zehn Bußtage (Asseres jemei Tschuwe),
die zwischen Rosch-Haschono und Jom-Kippur (Versöhnungstag) fallen, und
mit dem heiligen Versöhnungstag ihren Höhepunkt und ihr Ende erreichen.
Mit ehrfurchtsvollem Schauer gedenke ich noch heute des Erew-Jomkippur
(des Vorabends des Versöhnungstages) in unserem väterlichen Hause, da
unsere frommen Eltern alle Sorgen um die weltlichen Dinge vergaßen und
nur im Gebete lebten. Schon als der Vortag dämmerte, rüstete man sich,
um Kapores zu schlagen. Jeder Mann nahm einen Hahn, jedes Weib nahm eine
Henne, man hielt dieselben bei den Füßen, man betete ein eigens dazu
bestimmtes Gebet. Am Ende schwingt der Beter dreimal das Geflügel um
seinen Kopf und wirft es dann von sich; dieses Geflügel wird
geschlachtet und gegessen.
Auch die Herstellung des Jaum-Kippur-Lichtes war eine heilige Pflicht.
Schon ganz früh am Erew-Jomkippur kam die alte Gabete Sara (Gabete
nannte man alte Frauen, deren selbstgestellte Lebensaufgabe es ist,
fromme Werke zu unternehmen für Kranke, Arme und eben Verstorbene) mit
einem ganzen Packet Tchines -- kleine Gebetbücher nur für Frauen in
jüdisch-deutsch geschrieben -- und einem ungeheuer großen Knäuel
Dochtfaden und einem großen Stück Wachs. Meine Mutter pflegte vorher
nichts zu essen, bis das Licht fertig war, denn mit nüchternem Magen ist
jeder Mensch geneigter zu weinen, und sein Gemüt ist weicher. Meine
Mutter und die obengenannte Sara fingen die Arbeit damit an, daß sie
viele Tchines ans dem Packete unter heftigem Weinen sagten; dann erst
nahm man den Knäuel Docht zur Hand, Sara legte ihn in ihre Schürze,
stellte sich gegen die Mutter in einer Entfernung von einem Meter
ungefähr, gab das Ende des Fadens vom Knäuel meiner Mutter und zog ihn
auch zu sich. Nun fing meine Mutter mit weinender Stimme an, die Namen
aller ihrer verstorbenen Familienmitglieder zu nennen und erinnerte
dabei an ihre guten Taten, und für jeden wurde ein Faden vom
Dochtfadenknäuel weiter gezogen, bis alle erwähnt waren und ein gehörig
dicker Docht entstand. Auf solche Art wurde auch aller lebenden
Familienmitglieder gedacht. Es war auch Sitte, wenn jemand sehr
gefährlich krank wurde, den Friedhof mit dem Dochtfaden nach allen vier
Enden abzumessen und dann diesen Faden zum Docht für Wachskerzen zum
Jom-Kippur zu gebrauchen.
Den halben Tag verbrachte man noch munter, aber schon in feierlicher
Stimmung; man aß nach Vorschrift viel Obst und betete hundert Broches
(Segenssprüche). Dann ging es ans Baden und Waschen. Man kleidete sich
in weiß, um gleichsam rein und würdig vor den ewigen Richter zu treten.
Beim Vorabendgebet (Minche) muß man sich schon 35mal an die Brust
schlagen, wobei die Tränen reichlich fließen. Die Männer ließen sich
noch vom Synagogendiener die sogenannten Malkes auf den Rücken schlagen.
Ich erinnere mich, daß sie alle mit rotgeweinten Augen aus der Synagoge
kamen, und das rechtzeitig gerichtete Abendmahl wurde in stummer
Feierlichkeit genommen. Die jungen Leute und wir Kinder waren erfüllt
von einer bangen Erwartung; alle schwiegen unter dem Druck von etwas
Unsagbarem und Schwerem. Beim Tischgebet rannen die Tränen, deren sich
keiner erwehren konnte. Nach Tisch legten alle die Schuhe ab, und die
Männer zogen ihre langen weißen Kittel über die Kleider. (Dieser weiße
Kittel ist beim Juden das Totenhemd, in welchem er begraben wird.) Ein
Silberstoffgürtel und ein Silberstoffkäppchen vervollständigten die
Tracht, und nun ging man, einen Mantel um die Schulter, in die Synagoge;
das drittemal an diesem Tage. Ehe man fort ging, segnete, der Vater
jedes Kind und Enkelkind, selbst das kleinste, das noch in der Wiege
lag, mit Worten voll Innigkeit und Inbrunst, und ihm, sowie den Kindern,
denen er die Hände aufs Haupt legte, flossen die Tränen reichlich die
Wangen herunter. Selbst das Dienstpersonal kam herbei und blieb an der
Schwelle stehen -- alle weinten und baten einander »Mauchel sein«, d. h.
um Verzeihung. Auch meine Mutter bat mit bewegter Stimme um Nachsicht,
wenn sie im Laufe des Jahres ihre Untergebenen beleidigt oder gekränkt
haben sollte. Dieses Hervorsprudeln der edlen Gefühle adelte die Seelen
und gab ihnen Weihe und Frieden. Und das Bewußtsein, daß Gott die Sünden
vergeben werde, stärkte den Willen, nun ein neues, geläutertes Leben zu
beginnen.
Alle Seelen der Großen, die sich in die Synagoge zu Kolnidre begaben,
und der Kleinen, die zu Hause blieben, waren himmelwärts gerichtet. Der
eine Gedanke hielt alle im Bann, dass an diesem Abend die große
Abrechnung mit den sündigen Menschen beginne. In der Synagoge, die von
vielen Kerzen hell erleuchtet war, bei dem feierlichen Kolnidregebet vor
offenem Oren kodesch (heilige Bundeslade) mit den Seferthoras (heiligen
Rollen) wurde mit tief bewegtem Herzen in der einmütig reuevollen
Stimmung der betenden Gemeinde jede Beleidigung, die man einander
während des ganzen Jahres angetan, zurückgenommen, jede Kränkung
verziehen; auch den Andersgläubigen vergab man jede Beleidigung und
Unbill. Jeder Jude wollte sich von der Sünde befreien und erkannte an
diesem Abend eindringlicher als sonst seine Ohnmacht, die Ohnmacht des
Menschen in dem großen Weltall und dem Schöpfer gegenüber mit den
Worten: »Wir Menschen sind in Gottes Händen wie Ton in des Töpfers
Hand.... wie der Stein in des Bildhauers Hand.... wie das Silber in des
Goldschmieds Hand.... er formt nach seinem Willen alles.«
Nachdem die Eltern zur Synagoge gegangen waren, scharten wir Kinder uns
um die älteste Schwester Chasche Feige, unsere liebevolle Schützerin und
Lehrerin. Sie betete das Abendgebet. Wir standen andächtig neben ihr und
wichen nicht von der Stelle. Ich hörte sie schluchzen und mir wurde so
bange zumute. Das ganze Haus lag in tiefer Stille und die Wachskerzen
knisterten geheimnisvoll. Ich sah im Geiste, was im Himmel vor Gottes
Thron vorging, wie die vereinten Stimmen der Menschen um Gnade flehten,
und selbst die Engel in Furcht und Schrecken vor dem Allerhöchsten
dastanden. Aber der Herr prüfte in seiner Gnade das Herz der Gerechten
und gab seine Gnade denen, die aufrichtig die begangenen Sünden
bereuten.
Um neun Uhr hieß sie uns schlafen gehen. Uns war aber so schwer ums
Herz, daß wir sie baten, sich zu uns zu setzen. Und sie saß solange, bis
wir einschliefen.
Am folgenden Tag war die Stimmung der Synagogenbesucher noch ernster,
den weltlichen Dingen vollends entrückt; am Tage des Gerichts, am
großen, heiligen Jom-Kippur, sind die Gebete von einem feierlichen
Ernst. Gott der Herr sitzt selbst zu Gericht über die Sünden der
Menschen, die in einem Buch mit des Täters Hand verzeichnet sind. Hier
aber, in der Synagoge, wird mit zerknirschtem Herzen unter Tränen der so
bedeutungsvolle Unessane-taukeff keduschas hajom gelesen. Die Engel
zittern und rufen: »Das ist der Tag des Gerichts!« Die große Posaune
wird geblasen. Und es wird bestimmt, wer im künftigen Jahr leben soll
oder eines natürlichen Todes sterben oder meuchlings umkommen, wer
verarmen oder reich, erhöht oder erniedrigt werden soll. Aber Reue,
Gebet und Wohltaten befreien von bösen Geschicken. Was ist der Mensch?
»Er kommt aus der Erde und kehrt zur Erde zurück. Einem zerbrochenen
Scherben gleicht er, dem Staubfaden einer Blume, die verwelkt; dem Gras,
das verdorrt, dem Rauch, der spurlos dahinfliegt, einem Traum, der
entschwindet.....«
Im Hause sah es bei uns trübe aus; die Fensterläden waren geschlossen,
die Zimmer nicht geräumt, die irdenen mit Sand gefüllten Töpfe standen
noch da, in denen die Stümpfe der Wachskerzen von gestern abend langsam
brannten und die Luft mit einem schweren Duft erfüllten.
Erst gegen zwölf Uhr bekamen wir Kinder unseren Tee und das Frühstück,
das aus Kapores (kaltem Huhn) und Weißbrot bestand und zugleich unser
Mittagsmahl bildete. Dann fanden sich bald unsere Gespielinnen ein, und
die schwere Trauer wich von uns Kindern allmählich. Mit der Dämmerung
regte es sich wieder im Hause. Die Zimmer wurden wieder in Ordnung
gebracht, man deckte den Teetisch, zündete viele Kerzen an und bereitete
einen Becher Wein und ein geflochtenes Wachslicht zur Awdole vor. Je
dunkler es draußen wurde, um so lichter ward es im Zimmer. Der Samowar
(Teemaschine) brodelte bereits einladend auf dem Tisch, als die
Synagogenbesucher um sieben Uhr nach Hause kamen. Sie waren alle
erschöpft vom Fasten und Beten, aber keiner nahm etwas zu sich; man
wartete geduldig, bis der Vater und die anderen sich gewaschen und
gekämmt hatten, da dies am Morgen zu tun, verboten war. Dann machte
unser Vater Awdole, d. h. er betete über den Becher Wein, und da erst
setzten sich alle an den Tisch, der mit kalten Speisen und Kuchen reich
besetzt war. Ohne Rücksicht darauf, daß der Magen während 24 Stunden
nicht einmal einen Tropfen Wasser bekommen hatte, füllte man ihn jetzt
mit süßen, saueren, bitteren und gesalzenen Speisen. Und der Magen nahm
Speise und Trank geduldig auf. Jede Spur von Erschöpfung oder Müdigkeit
war nun verschwunden, und die Gesichter strahlten vor innerer Ruhe und
Zufriedenheit. Nun hatte man diesen schweren Tag für ein ganzes Jahr
hinter sich. Auch wir Kinder empfanden den Unterschied zwischen dem
gestrigen und dem heutigen Abend. Ich war nie zu lustig oder gar
übermütig und liebte die Einsamkeit, aber die drückende Stimmung des
Erew-Jomkippur und des Erew-Tischeb'eaw marterten mich arg.
Nachdem alle den ersten Hunger gestillt hatten, wurde man sehr heiter,
und unser Vater, an der Spitze der Tafel in den großen Armstuhl gelehnt,
begann die erhabenen Stellen aus den Gebeten des Tages halb singend vor
sich hin zu sagen. Die jungen Herren stimmten ein, auch der Vorbeter der
Synagoge, ein guter Freund unseres Hauses, fand sich gewöhnlich bei uns
ein, und man erfreute sich an den poetischen Gesängen aufs neue. Man
blieb nicht selten bis lange nach Mitternacht in heiterer, gehobener
Stimmung, und keinem fiel es ein, nach den Strapazen des Tages sich zur
Ruhe zu begeben, wiewohl man sich am nächsten Morgen schon mit dem
ersten Tagesanbruch wieder im Bethaus einfinden mußte, um, wie es heißt,
die Verleumdungen des Satans vor dem Allerhöchsten zu vernichten. Der
Satan könnte sonst zu Gott, dem Schöpfer sagen: »Sieh, Herr, du hast
deinem Volk gestern die Sünden vergeben, und heute hat sich kein
einziger eingefunden, dein Haus ist leer!«
Aber der Satan soll über das auserwählte Volk nicht triumphieren.
Und so fanden sich denn die Frommen alle in der ersten Morgenstunde
im Gotteshaus ein[P], wenn auch nur für kurze Zeit, da bloß ein
Alltagsgottesdienst stattfand. Mein Vater ging gleich von der Synagoge
fort, um einen Essrog (Citronenähnliche Frucht) und einen Lulow
(Palmenblatt) zu kaufen; und froh gelaunt kehrte er heim, wenn es ihm
gelang, einen völlig fehlerfreien Essrog -- einen sogenannten »Mibuder«
zu finden. Ein solches Stück kostete im Jahre 1838 5-6 Rubel, da zu
jener Zeit der Transport der Früchte aus Palästina, wo sie nur in
geringer Zahl wuchsen, mit viel Schwierigkeiten und Gefahren verbunden
war. Nichtsdestoweniger erhielt jeder der jungen Männer unseres
Hauses je einen Essrog für sich. Eine jede dieser wohlriechenden,
prächtigen Früchte wurde sorgfältig in weichen Hanf gebettet und in
einem Silbergefäß aufbewahrt. Diese Früchte werden im Verlaufe der acht
Feiertage des Laubhüttenfestes (Sukkoth) beim Morgengebet benützt. Die
Palmenblätter, Myrten und Weidenzweige, die der Vorschrift gemäß dazu
gehören, standen in einem großen, mit Wasser gefüllten, irdenen Krug.
Und im Hause wurde es wieder hell und heiter. Man aß, trank, lachte,
plauderte nach Herzenslust. Ich hörte oft sagen, daß in den vier Tagen
vom Jom-Kippur bis Sukkoth die Sünden des Juden nicht unter Kontrolle
stehen, und von Gott nicht angerechnet werden.
Viele der Scherze galten den »Sogerkes«. In den vierziger Jahren
des vorigen Jahrhunderts gehörte es noch zu den Seltenheiten, daß
im einfachen Volke eine jede Frau hebräisch zu beten verstand. Das
Bedürfnis jedoch, am Samstag und besonders an den heiligen Feiertagen
zu beten, war groß. Aber es gab auch lesekundige Frauen, die ihre
Kenntnisse industrialisierten. Für eine kleine Belohnung beteten sie
an den erwähnten Tagen in der Synagoge den Frauen die Gebete vor. In
Ermangelung einer solchen Frau mußte jedoch in den kleineren, jüdischen
Städtchen ein Mann in der Mitte der Frauenabteilung der Synagoge in
ein Faß kriechen und von diesem Schutzwall aus -- von den Weibern
umgeben -- die Gebete vorlesen. Wie man sich denken kann, gab es dabei
oft komische Szenen, und für die Anekdotenbildung war das Faß ein
unerschöpflicher Born....
Die Vorleserin nannte man »sogerke« und den Mann »soger«. Diese beiden
mußten mit _=weinerlicher=_ Stimme die Gebete vorsprechen, um das
umstehende Weibervolk zum Weinen anzuspornen. Unter den Zuhörerinnen
befand sich in unserer Gemeinde die Frau eines Fleischers, die
schwerhörig war. Sie bat die Vorleserin, sie möchte etwas lauter
sprechen, dafür würde sie von ihr eine große Leber bekommen. Jene aber
gab ihr mit tränender, weinerlicher Stimme im Gebetsingsang zur Antwort:
»Wie mit der Leber, so ohne die Leber.« Das umstehende, unwissende
Weibervolk aber glaubte, daß diese Worte zum Gebet gehörten und alle
riefen mit weinerlicher Stimme: »Wie mit der Leber, so ohne die Leber.«
Nach einem bestimmten Abschnitt begab sich eins dieser Weiber nach
Hause und traf unterwegs eine zweite Frau, die in die Synagoge
zurückkehrte. Diese fragte, welches Gebet jetzt dort gesagt werde. »Nu
... das Gebet von der _=Leber=_.« Die eine: »Im vorigen Jahre hat man
doch so etwas nicht gesagt.« Die andere: »heint efscher, weil ein
Schaltjahr ist!« ...
Uns Kindern bot sich in den nächsten Tagen eine Reihe schöner
Aussichten. Mein Herz pochte freudig in Erwartung der kommenden Dinge.
Gleich nach dem Frühstück wurde die Laubhütte besichtigt, eine
geräumige, längliche, hohe Laube mit großen Fenstern, die das ganze Jahr
unbenützt blieb. Sie mußte daher erst gewaschen, geschmückt und wohnlich
gemacht werden, und der Diener ging sogleich ans Werk.
Während der nächsten drei Tage bis Sukkoth hatten wir frei; man lernte,
studierte nicht, und selbst das tägliche Beten wurde, wie mir scheint,
zum großen Teil von den jungen Herren etwas vernachlässigt. Unseren
Chederbesuch hatten wir schon seit Rausch haschono ganz eingestellt, da
die Ferien für die jüdische Jugend bis zum Monat Cheschwan (von
September bis Oktober) dauerten.
Am Tage des Erew-Jomtows wurden alle im Hause befindlichen Teppiche in
die Laubhütte zusammengetragen, mit denen die jungen Leute unter des
Vaters Leitung die Wände behängten. Man holte Spiegel, brachte die Möbel
aus dem Eßzimmer und selbst der Kronleuchter durfte nicht fehlen. Am
Vorabend vor dem ersten Festtag legten alle festliche Gewänder an. Die
Kerzen der großen silbernen Leuchter wurden von unserer Mutter und den
jungen Frauen angezündet, und sie verrichteten ihr stilles, frommes
Gebet, worauf wir uns alle mit großem Behagen auf die Stühle um den
Tisch setzten und die geschmückte Sukke (Laubhütte) bewunderten. Ihre
bewegliche Decke war vorher schon beseitigt und durch Tannenzweige
ersetzt worden. Es sah wundervoll seltsam aus. Die vielen brennenden
Kerzen, die bunten Teppiche, die hohen Kristallspiegel, die grüne
Tannendecke und der nächtlich blaue Himmel, der mit seinen silbernen,
funkelnden Sternen so freundlich durch die Zweige hereinblickte,
verliehen dem Raum eine märchenhafte Pracht.
Die Mutter, festlich gekleidet und mit kostbarem Geschmeide, saß mitten
unter ihren verheirateten und unverheirateten Töchtern, die alle reich
geschmückt waren. Dann kamen die Männer aus der Synagoge heim und es gab
das köstliche, patriarchalische Familienbild der damaligen Juden an der
Tafelrunde. In ihren langen, schwarzen Atlasröcken (Kaftans), den
breiten Atlasgürteln, den kostbaren, hohen Zobelmützen und ihren
strahlenden, jungen Gesichtern sahen sie wahrlich besser aus, als die
Jugend von heute im Frack und weisser Binde mit den blasierten,
gelangweilten Mienen. Der Vater erteilte uns den Segen; alle wuschen
sich die Hände, beteten und nahmen ein Stück Barches, die in Honig
getaucht wurde. Das Abendbrot, das mit Pfefferfischen eröffnet und mit
Gemüse beschlossen wurde, war beendet. Viele, denen die herbstliche
Abendluft zu kühl wurde, verließen die Sukke; einige blieben noch
plaudernd sitzen.
Am darauffolgenden Morgen, am ersten Feiertag, wurde in der Synagoge ein
besonders feierlicher Gottesdienst abgehalten, und es war wieder ein
imposanter Anblick, als die Männer, Reihe an Reihe auf ihren Plätzen
stehend, mit dem grünen, schlanken Palmenblatt in der rechten und der
duftenden, goldgelben Ethrogfrucht in der linken Hand, den Lobgesang
Hallel sangen und dann den Rundgang Hakofes, der Kantor voran, in der
Synagoge machten.
Gegen ein Uhr kehrten alle nach Hause zurück, und nun kamen zum Festtag
viele Gäste, denen man Wein und Süßigkeiten vorsetzte. Den Nachmittag
verbrachte jeder nach eigenem Belieben. Die einen schliefen, die anderen
gingen spazieren. Aber keiner vergaß, daß man sich schon um fünf Uhr in
der Synagoge zum Vorabendgebet einfinden mußte. Der zweite Tag
unterschied sich fast gar nicht von dem ersten.
Die folgenden vier Tage sind die sogenannten Chaulhamauedtage
(Halbfeiertage), an denen zu fahren, zu handeln und zu kaufen gestattet
ist. Doch machten die Juden von damals von dieser Freiheit keinen
Gebrauch, und selbst sehr arme Handwerker hielten ihre Werkstätte
geschlossen und gaben sich der Lust, der Ruhe und den guten Bissen hin.
Am fünften Tage, Hauschano rabbo, wird aufs neue die ganze Nacht mit dem
Lesen gewisser Abschnitte aus der Mischna verbracht. Nach einer
Volkssage sieht man an diesem Abend den kopflosen Schatten desjenigen,
dem in diesem Jahr zu sterben bestimmt ist. In dieser Nacht soll sich
der Himmel teilen und öffnen, und der fromme, gottesfürchtige Jude kann
seine Pracht sehen! Nur muß man schnell »Koll tow!« (Alles Gute!)
ausrufen und jeder Wunsch geht dann in Erfüllung. -- In dieser Nacht
bereitet auch der Schames (Synagogendiener) die Hauschanes vor (drei
kleine Weidenzweige zu einem kleinen Bündel vereinigt), die ein jeder
während des Gebetes ergreift, und sie während der ganzen Betzeit in der
Hand behält. Das hierfür bestimmte Hauschanegebet wird mit großer
Andacht und unter Tränen verrichtet. Am Schlusse werden die Blätter der
Weidenzweige abgeschlagen.
Das Weißbrot wird für diesen Tag in Form eines Vogels gebacken. Die
Volkssage erzählt, daß an diesem Tage im Himmel endgültig beschlossen
wird, wer in diesem Jahre leben oder sterben soll, und daß dieser Vogel
zum Himmel fliegt und auf einem Zettel die Bestimmung zurückbringt. Den
siebenten Feiertag des Laubhüttenfestes nennt man Sch'mini hoazeres. Am
Vorabend sind alle wieder festlich geschmückt. Am nächsten Morgen
beginnt der Gottesdienst in der Synagoge sehr früh. Man fleht den Himmel
um Regen an in dem sogenannten Regengebet (geschem), einer
gedankenreichen, phantasievollen Dichtung. Dieses Gebet verlängert den
Gottesdienst um mehr als eine Stunde und wirkt erhebend auf die
Synagogenbesucher.
Sch'mini hoazeres speiste man zum letztenmal in der Sukke zu Mittag.
Wiewohl das Wetter in den letzten Tagen veränderlich, oft schon
empfindlich kalt war (manchmal schneite es sogar und man mußte Pelze
anlegen) hielt man doch aus und nahm die Mahlzeiten, auch den Tee, in
der Laubhütte bis zum letzten Tag. Alt und Jung, selbst wir Kinder,
hielten streng die religiösen Vorschriften ein, so gut verstanden es
unsere Eltern, ihre Wünsche und ihren Willen im Hause aufrecht zu
halten. Nachdem das Gebet verrichtet wurde, das nach der letzten
Mahlzeit beim Verlassen der Sukko vorgeschrieben ist, wurden die Möbel,
Stück für Stück, in die Wohnung zurückgebracht, und die vor kurzem noch
so herrlich geschmückte Laubhütte stand wieder leer und verlassen, ein
treues Bild aller Herrlichkeiten unserer Welt. --
Jetzt kam der letzte Tag des Laubhüttenfestes »Simchas-Thaure« (Freude
über die Thora) heran. Warum die Freude? Im Volke erzählte man: »Als die
Juden auf dem Berge Sinai von Moses die Thora erhielten, verstanden sie
von ihrem Inhalt nur wenig; als sie aber die heilige Schrift ganz in
sich aufgenommen hatten, fanden sie darin ihr Glück und ihre Freude.«
Und wahrlich, diese Thora ist ihr Stolz, ihr Volksschatz geworden für
alle Zeiten, trotz der Unterdrückung, der Verfolgungen und Demütigungen,
die sie erdulden mußten.
Am Simchas-Thora reißt diese Freude alle Schranken nieder. Wozu man
sonst nur sehr selten Gelegenheit hat: man sieht an diesem Tage
betrunkene Juden in den Straßen. Auch in unserem Hause ging es ziemlich
bunt zu. Allerlei Getränke wurden bereitet, die besten Speisen mußte die
gute jüdische Küche herhalten. Viele Gäste wurden zu Mittag geladen, die
Kinder, auch das Gesinde erhielten volle Freiheit und die strenge
Disziplin war aufgehoben. Mein Vater sah es ebenso wie alle Gäste für
eine Mizwe (eine religiöse Handlung) an, sich bei Tische ein Räuschchen
anzutrinken. Meine Eltern hinderten die jungen Männer nicht, wenn sie
übermütig, ja ausgelassen tanzten und sangen; der Vater sang sogar
munter mit. Es fehlten nur die Klänge einer Fiedel, da der Jude an den
Feiertagen ein Musikinstrument nicht einmal berühren darf. Es wurden
auch viele religiöse Tafellieder, die sich auf diesen frohen Tag
bezogen, im Chor gesungen. Für meinen Vater hatte der Simchas-Thora-Tag
noch eine besondere Bedeutung. Wie ich bereits erwähnt habe, war die
Hauptbeschäftigung meines Vaters das Talmudstudium, das er um so
eifriger betrieb, wenn er große Verluste in seinen Unternehmungen
erlitten hatte. Er pflegte dann der Welt den Rücken zu kehren, flüchtete
sich in ein Studierzimmer und lebte nur »al hathauro« und »al hoawaudo«
wie der Jude sich kurz und bündig ausdrückt, d. h. nur in der Lehre der
Gesetze und im Gottesdienst, was der Hauptzweck seines Lebens wurde. So
machte er von Zeit zu Zeit ein Ssium (d. h. ein Werk vollenden); ein
solches Ereignis wird im jüdischen Volke freudig gefeiert und bringt
Ansehen und Ehre, besonders wenn es ein Ssium auf ganz Schass, d. i. ein
Durchstudieren des ganzen Talmuds und aller Kommentare ist. Mein Vater
pflegte seinen Ssium auf einen Simchas-Thora zu verlegen. Das bunte
Treiben an diesem Tage dauerte bis zum Abend, beim Vorabendgebet aber
waren alle schon wieder ernst. Der Vater machte wieder Awdolo und jetzt
hieß es S'miraus, d. h. fromme Lieder singen. Der große Samowar brodelte
und dampfte bereits auf dem Teetisch, und bis spät in die Nacht saßen
die fleißigen Trinker gemütlich beisammen. Mit Simchas-Thora sind die
sogenannten Jomim nauroim, d. h. die ernsten Tage zu Ende, wenn auch
schon der nächste Schabbes Bereischis vor einem gewöhnlichen Sabbath
ausgezeichnet ist, da jetzt der Anfang der Bibel wieder, der erste
Abschnitt »Bereischis« vorgelesen wird. Der nächste Tag nach
Simches-Thora ist Isserchag und gilt auch noch als Feiertag. Der Tisch,
der volle acht Tage festlich geschmückt war, blieb auch heute bedeckt,
was am Werktage sonst nach dem rituellen Gebrauch nicht geschieht. Das
Mittagbrot wurde zu früher Stunde eingenommen und bestand aus kalten
Speisen, die vom Vortag zurückgeblieben waren, eine Menge von guten,
schmackhaften Sachen: kalte Pfefferfische, kalter Putenbraten usw. Nur
der Borscht (eine Suppe aus gesäuerten roten Rüben) wurde frisch
bereitet.
Die Zeit der Feste war vorüber. Langsam kam das Leben wieder ins alte
Gleise. Eine Abwechslung brachte der Rausch chaudesch.
Am zehnten oder zwölften Tag jeden Monats wird der Mond, wenn er am
Abendhimmel glänzt, nach jüdischem Gesetz bewillkommnet. Als Kind
liebte ich es, durchs Fenster zuzusehen, wenn mein Vater sich in
Begleitung von noch zehn Juden in den hellen Mondschein stellte und
betete. Mit munteren Worten und die Augen gen Himmel gerichtet pries er
den milden Mond. Dies geschah gewöhnlich Samstags abend.
Den »erew rausch chaudesch«, d. h. den Tag vor »Rausch chaudesch«
(Neumond) pflegte man in meinem elterlichen Hause in eigener Weise zu
begehen. Unter den damaligen Juden gab es viele, die an diesem Tage
fasteten und besondere Gebete verrichteten. Viele Bettler, alte, kranke,
in Lumpen gehüllte, halbnackte Männer und Weiber mit verzerrten
Gesichtern, junge Leute, Mädchen und Kinder, kamen scharenweise an
diesem Tage, ihr »Rausch chaudesch-geld« zu holen, da jeder Bußtag bei
den Juden durch Almosen seine Weihe erhalten mußte. War es doch üblich,
daß außer an diesem Tag viele im Volke in jeder Woche am Montag und
Donnerstag zu fasten pflegten und an Arme Almosen verteilten. An diesen
Tagen konnte man auch die sogenannten »Gabbettes« in Aktion sehen.
Gabbettes sind fromme Seelen, gute, selbstlose Frauen, wahre religiöse
Patronessen des armen jüdischen Volkes, deren Lebensaufgabe es war und
in Litauen noch bis heute ist, sobald sie in ihrem eigenen Hause alles
besorgt haben, mit einer zweiten Gabbette von Haus zu Haus in die
Armenviertel zu gehen, um dort das Elend und die Not zu lindern.
Paarweise laufen sie durch die Gassen, erbetteln von Krämern und
Kaufleuten in den Buden Lebensmittel; und in alle Privathäuser kommen
sie, um ein Almosen zu erbitten, Geld oder Speisen, alte Kleider usw.
Ich erinnere mich noch sehr lebhaft einer solchen »Gabbette«, die oft zu
uns kam. Sie war ein Engel an Güte und Seelengröße. Ihr Name war Itke,
die Hefterke. Sie pflegte meiner Mutter von all dem Elend und der Armut
in der Stadt zu erzählen. Mit zerknirschtem Herzen und Trauer in den
Zügen behauptete sie symbolisch, Perlen und Brillanten lägen in den
Gassen herum, aber nur sehr wenige bemühten sich, die aufzunehmen. Sie
meinte damit: Man könnte so viele Wohltaten an den Armen üben, und die
wenigsten mühten sich darum. Nur diese »Juwelen« behauptete Itke, die
Hefterke, kann man nach dem Tode mit ins Jenseits nehmen. Meine Mutter
pflegte an Rausch chaudesch eine ansehnliche Summe Geld zu verteilen.
Alte Männer und Frauen bekamen eine Münze von drei polnischen Groschen,
d. h. eineundeinehalbe russische Kopeke. Je jünger der Arme war, um so
weniger, bis auf einen Groschen herunter, bekam er. Den Kindern gab man
nur eine »Prute«. Diese Münze war der dritte Teil eines polnischen
Groschens, folglich ein Sechsteil einer Kopeke. Diese Münze pflegte in
Brest-Litauen von dem jüdischen Gemeinderat mit Erlaubnis der Regierung
verfertigt zu werden. Ich erinnere mich, daß diese Prute nur an Arme
gegeben wurde, während sie im Geschäftsleben nicht gangbar war. Zuerst
wurde sie in Blei gegossen mit der hebräischen Aufschrift »Prute achas«,
d. h. eine Prute. Als aber damit Mißbrauch getrieben wurde, schaffte man
sie ab, und stellte die Prute aus Pergament her. Sie trug dieselbe
Aufschrift. Diese Prute hatte ungefähr die Größe eines Zolls in der
Länge und eines halben Zolls in der Breite. Auch dieses Pergamentgeld
wurde bald abgeschafft; und an ihre Stelle trat die Prute in Form eines
mittelmäßigen, runden Knopfes aus Holz mit einer kleinen Vertiefung, die
mit rotem Siegellack gefüllt war, worin das Wort Prute und der Petschaft
des Gemeinderats eingedrückt waren.
Das Verteilen der Almosen war eigentlich die einzige Form, in der in
unserer Familie der Erew Rausch-Chaudesch begangen wurde. Den darauf
folgenden Tag aber, den Rausch chaudesch selbst betrachteten wir als
einen halben Feiertag. In der Synagoge wurde das Gebet »halel« usw.
gesagt, zu Hause gabs gute Speisen zu Mittag; den ganzen Tag über durfte
übrigens keine Handarbeit verrichtet werden.
Der Rausch-Chaudesch spielte überhaupt eine wichtige Rolle im Leben der
Juden. So war es üblich, an diesem Termine Wohnungen und Dienstboten zu
mieten und »wichtige« hauswirtschaftliche Arbeiten auf diesen Tag zu
verlegen -- besonders aber das »Gänse setzen«, wie es damals hieß. Man
pflegte 30-40 Gänse in einem engen Käfig zusammenzupferchen, so daß sie
sich kaum bewegen konnten, gab ihnen sehr viel zu fressen, aber sehr
wenig zu trinken. Bei dieser Kur wurden sie sehr fett. Genau
einundzwanzig Tage mästete man das Geflügelvieh, damit ihr Fett sich
mehre und die Leber im Leibe größer würde, dann wurden sie geschlachtet;
wartete man mit dieser Prozedur nur einen Tag, so war -- wie man
glaubte -- die ganze Mästerei vergeblich. Rausch-Chaudesch kislew wurden
die Gänse eingekerkert. Am einundzwanzigsten Tage kam mit Tagesanbruch
der Schlächter mit seinem Gehilfen. Er zog das große Schlächtermesser
aus der ledernen Scheide, machte es unheimlich scharf, prüfte die
Schärfe an seinem Nagel, und ging dann in Begleitung der Köchin und des
Nachtwächters mit einer Laterne in den Gänsestall, um das Todesurteil an
den Gänsen zu vollziehen. Natürlich sagte er, bevor er die erste Gans
schlachtete, das vorgeschriebene Gebet. Nach einer Stunde war das Werk
vollbracht. Man schleppte die geschlachteten Gänse in die Küche, wo sie
ein paar arme Weiber rupften, sengten, reinigten und salzten und eine
volle Stunde im Salze liegen ließen. Dann begoß man sie dreimal mit
kaltem Wasser, und sie waren koscher. Der Lärm in der Küche und im
ganzen Hause war groß! Eile war nötig; denn zu Chanuka brauchte man viel
Schmalz, Gänseleber und besonders die schmackhaften Grieben! Da gab es
schmackhafte Leber- und Griebenpasteten und das herrliche Gericht des
gedämpften Gänsekleins.
Nach einem Aberglauben oder einer mystischen Tradition mußte der
Schlächter von »Rausch-Chaudesch kislew« an bis »Rausch-Chaudesch adar«,
also drei Monate lang, von dem von ihm geschlachteten Federvieh ein
Glied, einen Fuß oder Kopf und dergleichen essen, sonst müßte er jeden
Augenblick fürchten, gelähmt zu werden. Wir pflegten ihm immer das linke
Füßchen jeder Gans zu überlassen. Da er jedoch diese Fülle nicht
vertilgen konnte, so bereitete man aus den vielen Füßchen eine Brühe,
die er verzehren mußte! --
Große Bedeutung hatte auch das Ausbraten des Gänseschmalzes. Es mußte in
aller Stille geschehen, entweder noch vor Tagesanbruch oder spät am
Abend, damit kein »böser Blick« darauf fiele -- sonst liefe das ganze
Schmalz aus dem Topfe! War aber beim Ausbraten nur eine stille Person
tätig, dann kam -- so glaubte man -- der gute Hausgeist in Gestalt eines
Zwerges und machte, daß das Schmalz über den Brattopf quillt; und
schöpfte man es in ein anderes Gefäß ab, so mehrte es sich ohne
Unterlaß, bis alle leeren Geschirre, selbst das große Wasserfaß, im
Hause mit dem Schmalz gefüllt wären; dann erst verschwindet der Zwerg.
Aus meiner Schilderung könnte die heutige Jugend schliessen, daß das
Leben in einem jüdischen Hause der alten Zeit durch seine Sitten und die
Strenge seiner Gebräuche unerträglich schwer war. O nein! Die damaligen
Juden hatten ihre großen Freuden, genossen viel Vergnügen, Ruhe,
Behagen; aber alles nur im Kreise der Familien im eigenen Hause; kein
Herumstreifen in den Ballsalons, auf Reisen, in den Bädern, über Berge,
und Meere. Er lebte ruhig, gut und lange. Er gab seinem Gotte, was ihm
gebührt und nahm vom Leben das, was ihm behagte. Es lag Weihe und tiefes
Symbol in den Formen des Lebens, was man von den Zeremonien und Bräuchen
der jetzigen Gesellschaft nicht gerad
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