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Zwischen den Rassen: Roman

by Heinrich Mann · German · Gutenberg #45123 · 788,312 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Zwischen den Rassen: Roman
    
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Title: Zwischen den Rassen: Roman

Author: Heinrich Mann


        
Release date: March 13, 2014 [eBook #45123]
                Most recently updated: October 24, 2024

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/45123

Credits: Produced by Jens Sadowski


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ZWISCHEN DEN RASSEN: ROMAN ***

                             Heinrich Mann
                          Zwischen den Rassen
                                 Roman


                             Albert Langen
                    Verlag für Litteratur und Kunst
                             München 1907




Erster Teil




I


Die Schwarzen, die das Pferd am Zaum geführt hatten, mußten ihre Herrin
auffangen: ihr ward schwach; -- und dann lag sie in Farren versteckt; ein
Palmenblatt ward bewegt über ihrem dunkeln Scheitel; der große, hellhaarige
Mann beugte sich zu seiner bleichen Gefährtin; und das Kind kam zur Welt.
Die Bäume des Urwaldes standen starr und übermächtig daneben. Dorther, wo
er sich lichtete, kam das Schlagen des Ozeans, und von drüben, aus der
Finsternis, das wilde Geschrei der Papageien und der Brüllaffen.

Das Kind lernte sprechen von seiner schwarzen Amme und laufen auf dem Sand
zwischen Wald und Meer. Vom Rande des Meeres holte es Muscheln, die es von
großen Steinen löste; und am Waldsaum erntete es abgefallene Kokosnüsse:
daraus zogen ihm die Diener mit glühenden Spießen die süße Milch. Große,
zuckerige Früchte hingen überall bei seinen Händchen; im Garten ertrank es
in Blumen; und als goldene Funken schossen Kolibris um seinen Kopf.

Dann ward Brüderchen Nene groß genug, daß sich mit ihm spielen ließ. Man
suchte zwischen Mauerritzen nach den winzigen runden Eidechseneiern und den
Natterneiern, rund und weich. Vom Schwanz des Gürteltieres brachten einem
die Neger die kleinsten Ringe: damit schmückte Nene der Schwester und sich
selbst alle Finger; und dann fuhr man in einem Zuber den Bach hinab, und
die schwarzen Kurubus auf ihren Büschen sahen einem, über ihre feuerroten
Krummschnäbel hinweg, hoheitsvoll nach.

Und man erlebte in der Hauptstadt den Tropenregen: in den Straßen fuhren
Kanoes, und unablässig mußten die Schwarzen mit Schaufeln das Wasser aus
den Zimmern stoßen; -- und den Karneval! An der Jalousietür saß man auf
einem Stühlchen, über dem Gewimmel der Masken, und die schöne Mama warf
Wachsbälle hinab: die platzten und tränkten die bunten Trachten mit
flüssigem Duft. Aber aus einer Muschel, die ein ganz roter Mann an den Mund
setzte, fuhr ein so schrecklicher Ton, daß man ihn nicht ertragen konnte,
sondern sich mit seinem Stuhl zurückwarf und auch Nene mit umriß.

Und auf der Großen Insel -- das Haus der Großeltern schwamm im Duft der
Orangenblüten -- sog man inmitten eines Heeres erntender Neger an einem
Stückchen Zuckerrohr. Und zitternden, schreienden Laufes kam man von einer
Begegnung mit der Boa heim! Und schaute, mit allen schwarzen, gelben und
weißen Kindern der Pflanzung, erregten Auges und jubelnd zu, wie der
Großvater viele Papierröllchen anzündete und sie in weiten, leuchtenden und
zischenden Bögen über das Meer schoß. Das Meer schob einem lange, laue
Schlangen über die bloßen Füßchen; im Hemdchen, das ein Gürtel enger
schloß, fing sich ein Stoß warmen Nachtwindes; und hob man den Blick,
schwindelte es einem, so voll war er auf einmal von Sternen!

Es war herrlich: man war wie alle andern Kinder -- und doch nicht ganz so.
Vornehmer war man. Man hatte blondes Haar; nicht einmal Nene hatte es; und
die schwarze Anna war sehr stolz darauf und konnte nicht genug Locken
daraus wickeln. Man hatte auch einen blonden Papa: wer hatte den noch? Und
kam er zu Besuch auf die Insel der Großeltern, und ging man an seiner Hand
umher: viel größer war er als alle Menschen und immer ernst, -- und sah man
alle ihn bewundern, dann durchrann einen selbst ein Schauer von stolzer und
ehrfürchtiger Liebe.

Da aber -- was bedeutete dies? -- saß eines nachmittags im Saal, wo
Großmutter klöppelte, Mama, die schöne Mama und weinte: ja, weinte laut.
Kaum aber hatte sie ihr kleines Mädchen erblickt, stürzte sie darauf los,
riß es an sich, fiel vor ihm auf die Knie, rief und rang das Schluchzen
nieder:

»Lola! Meine Lola! Sag: bist du nicht mein?«

Mit einem Finger vor den Lippen, erschrocken fragend sah das Kind nach der
Großmutter: die saß da, grade und streng wie immer, und klöppelte.

»Bist du nicht mein?« flehte die Mutter.

»Ja, Mai.«

»Man will dich mir wegnehmen. Sag', daß du nicht willst! Hörst du? Du
willst doch nicht fort von mir, von uns Allen?«

»Nein, Mai. O Gott! Wohin soll ich? Ich will dableiben: bei Pai, bei dir,
bei Anna! Die Luiziana hat mir ein kleines Kanoe versprochen; morgen bringt
sie es!«

Aber schon am Abend wartete auf die kleine Lola ein großes Kanoe. Die
schöne Mai lag in einer Ohnmacht; Nene hing schreiend an Lolas Kleid; --
aber ein Schwarzer machte sie los, trug sie, und die Ärmchen der
Geängsteten würgten ihn, ans Wasser, setzte vorsichtig seinen nackten Fuß
von einem der großen überfluteten Steine auf den nächsten . . . Das Meer
brandete wütend; zerrissene Finsternis flatterte umher; und manchmal warf
ein Stern ein böses Auge herein. Nun ward das Kind ins Boot gelegt; es
hatte nicht geschrieen, es weinte unhörbar im Finstern; die Schwarzen
ruderten schweigend; und das Kielwasser leuchtete fahl, als sei es die Spur
eines Verbrechens.




II


An Bord des großen Dampfschiffes, auf das Lola gebracht ward, standen Pai
und die schwarze Anna. Welch Wiedersehen! Dann:

»Pai, ist es wahr, daß wir ganz wegfahren? Und Mai? Und Nene? Und wohin
fahren wir denn?«

Herr Gustav Gabriel fuhr mit seiner kleinen Tochter nach Hause, weil sie
eine Deutsche werden sollte.

Mit neunzehn Jahren war er herübergekommen und hatte sich begeistert
eingelebt. Bis zu seinem dreißigsten Jahre berührte ihn niemals Sehnsucht
nach seinem Vaterland. Er dachte seiner wie an etwas Kleinliches und
Bedrücktes; machte ihm auf einer Europareise einen spöttischen Besuch;
fühlte sich mit Stolz als Brasilianer . . . Eines Tages bekam er zu spüren,
daß er's nicht sei. Er hatte geschäftliche Einbußen erlitten: was zu
Demütigungen führte von seiten seiner Freunde und der Familie seiner Frau.
Er sah sich plötzlich allein und ihm gegenüber eine ganze Rasse, deren für
immer unzugängliche Fremdheit er auf einmal begriff. Nun fing er an, auf
das Land seiner Herkunft als auf eine Macht zu pochen, sich selbst als
Erzeugnis einer Kultur zu fühlen, von deren Höhe seine Umgebung nichts
ahnte. Bei der Umschau nach Bundesgenossen begegnete er den Blicken seiner
Kinder. Auch diese sollten in Sitten und Sprache eines niedrigeren Volkes
erwachsen? Seine Feinde werden? Die Laute, die ihm in herzlichen Stunden
kamen, die er von seiner Mutter erlernt hatte, sie sollten sie nie
verstehen? Er hatte sie, wenn er ihnen deutsche Kosenamen gab, sich
anblicken und lächeln gesehen . . . Das sollte anders werden! Ihr Vaterland
war nicht dieses, und er wollte sie ihm zurückgeben! Mit dem Jungen würde
es vielleicht schwer gehen: die Nachfolge im hiesigen Geschäft ward ihm
bereitet; -- aber seine Tochter! Er erblickte sich schon mit ihr in dem
Garten, worin sein Elternhaus stand. Dort wollte er einst enden. Er sah
sich den Weg zum Tor des Städtchens gehen, und an seiner Seite ein blondes
junges Mädchen: seine Tochter. Sie war blond; sie war sein Kind und eine
Deutsche. Er nahm sie für sich allein; mochte seine Frau -- wie fremd sie
ihm eigentlich geblieben war! -- sich an dem Jungen schadlos halten: seine
Tochter sollte ihn verstehen lernen, sollte in solcher Reinheit und
Gediegenheit leben, wie man nur zu Hause lebte. Sie sollte nach Haus.

Nie war Pai so zärtlich gewesen mit Lola! Übrigens sollte sie bald zurück;
und Mai und Nene würden sie besuchen, dort, wohin sie fuhren. Solche Fahrt
war lustig: sie sollte sehen.

Vorläufig ward ihr sehr übel; es dauerte drei Tage; aber Pai selbst pflegte
sie; er selbst tat alles, was Anna hätte tun müssen. Zwischen ihren Krisen
lag Lola in aller Erschöpfung ganz glücklich da; und wenn sie ihre Hand in
Pais schob, war ihr's, als sei sie selbst ganz in Pais Hand geschlüpft.

Dann konnte sie aufstehen und zusehen, wie die Matrosen Fische heraufzogen:
einen Fisch sogar mit einem langen Säbel an der Nase!

Da aber nahte jemand mit einem Wasserschlauch und bespritzte alle Kinder.
Man mochte sich hinter den Schornstein verstecken oder in einer Taurolle:
überall trieb der Strahl einen wieder hervor: es war ein angstvolles
Vergnügen. Die durchnäßten kleinen Mädchen kreischten, und die Damen und
Herren freuten sich laut, daß sie trocken waren. Überhaupt war es zum
Erstaunen, wie lustig alle waren, wie freundlich miteinander und mit Lola.
Es schien, sie hatten nichts anderes zu denken, als wen sie jetzt erfreuen
wollten. Nie hatte Lola so viele liebe Menschen gesehen. Einer war da, der
allen Kindern Schokolade schenkte und ordentlich flehte, bis man sie nahm.
Selbst Pai war selten mehr ernst. Und Meer und Himmel strahlten
unauslöschlich.

Dennoch geriet man nochmals in graues Wasser mit Wolken darüber und ward
arg geschaukelt. Doch Lola focht das nicht mehr an; und Pais Mantel, unter
dem sie auf Deck lag, war, wenn sie mit ihren Knieen ein Dach machte, so
gut wie ein eigenes Haus: die Sturzwellen mochten darüber hingehen. Auch
ward bald ausgestiegen; alle waren viel ernster geworden; -- und Lola fand
sich mit Pai und Anna in einer großen, nicht schönen Stadt, in deren
Straßen man sich müde lief. Immerhin gab es Spielsachen, wie sie daheim nie
welche gesehen hatte, und Pai kaufte ihr so viele, daß sie sich wunderte.
Eines Morgens dann eine Fahrt mit der Bahn: und da waren sie in einem
seltsamen Städtchen mit höckrigen Häusern und mit Gassen, die über Berge
kletterten und rutschten, -- und gelangten in einem riesigen, schaukelnden
Wagen vors Tor und an ein Haus, daraus sprang hurtig eine kleine alte Frau
hervor, lief auf Pai zu und hüpfte ihm an den Hals. Lola war erschrocken:
denn Pai weinte. Wie war das möglich? Da griff aber die alte Frau ihr
selbst unters Kinn und zog Lolas Gesicht ganz dicht zu ihrem, bis in das
Wimpernfächeln ihrer Augen, -- die sehr gütig blickten. Aber was wollte
sie? Sie redete so viel Unverständliches. Lola sah fragend auf Pai; und
indes sie ins Haus gingen, erklärte Pai ihr, dies sei seine Mama, und heute
feiere sie ihren Geburtstag, und er bringe ihr Lola zum Geschenk.

Im Hause roch es nach Kuchen und Blumen; Pais Brüder waren da und umarmten
ihn. Sie gaben Lola die Hand; einer ließ sich von Pai etwas ins Ohr sagen,
und dann wünschte er Lola in ihrer Sprache Willkommen. Sie lachte über ihn;
alles wäre gut gewesen: da aber kam die neue Großmama, aus lauter
Herzlichkeit, auf den Gedanken, die Arme um Lolas Hüften zu legen und vor
ihr auf die Kniee zu fallen. Lola hatte plötzlich ein zum Weinen verzerrtes
Gesicht. Alle stießen Fragen aus, und Pai übersetzte:

»Was ist dir?«

»Nichts, Pai.«

Lächelnd und stammelnd:

»Ich dachte an etwas.«

Grade so hatte, am letzten Tage, die schöne Mai vor Lola gelegen: aber in
Tränen und Jammer. Lola dachte: »Ist es wahr, daß ich bald zu ihr zurück
darf?«

Einer der Onkel heiterte sie auf: er klatschte in die Hände, und sie mußte
vor ihm davon laufen. Sie tat es aus Gefälligkeit, und lächelte höflich,
wie er sie fing. Nun spielten alle mit und wollten sich verstecken, und der
lustige Onkel sollte sie suchen. Man zeigte Lola einen sehr guten Versteck:
hinter einem kleinen Gartenhause und unter einem dunkeln Baum. Da stand sie
lange, und niemand fand sie. Kein Geräusch im Garten. »Sollten sie mich
vergessen haben?« Eine hastige Angst überfiel sie: »Pai ist fort, Anna ist
fort: sie haben mich allein gelassen!« Sie senkte, betäubt, den Kopf und
legte die Hände vors Gesicht. Ganz allein! Da kamen Schritte herbei; Lola
nahm sich zusammen und gab einen kleinen hellen Vogellaut von sich. Es
dauerte etwas; sie lauschte atemlos, zwitscherte nochmals, und dann fand
man sie.

»Damit du mich nicht zu lange suchen solltest,« erklärte sie, obwohl der
Onkel doch nichts verstand.

Beim Abendessen ward sie lebhaft und sang sogar ein Lied, näselnd wie die
Schwarzen, von denen sie es gelernt hatte. Mitten in aller Vergnügen aber,
und wie auch Pai gerade lachte, nahm sie seine Hand und flüsterte ihm, als
überrumpelte sie ihn, eilig zu:

»Nicht wahr, Pai, wir reisen bald nach Haus?«

Pai nickte; aber er war nun wieder ernst, und Lola hatte gesehen, daß er
beinahe ärgerlich geworden wäre. Verstört schwieg sie: war's möglich, daß
man sich auf Pai nicht mehr verlassen konnte?

»Weißt du nicht, wann wir nach Haus reisen?« fragte sie nachher im
Schlafzimmer die schwarze Anna.

Nein, Anna wußte es nicht, und ihr glaubte Lola. Anna sah sich, mit kleinem
tierischen Kopfrücken, im Zimmer um, wie in einem Käfig; Lolas Augen
folgten ihr; -- und dann betrachteten die beiden einander ratlos.

Aber die neue Großmutter war so heiter! Man konnte nicht an ihrer Hand
durchs Haus laufen: in den Saal, wo die Äpfel lagen, auf den Boden, woher
sie bunte Kleider und alte, seltsame Puppen holte, -- ohne daß irgend etwas
Lustiges vorfiel. Der zweite Onkel brachte seinerseits viel Leben mit; --
und dann war es ziemlich spaßhaft, mit Anna auszugehen, unter die hiesigen
Kinder, die scheinbar noch nie eine Schwarze erblickt hatten. Da ward man
angesehen! Manchmal zwar liefen einem zu viele nach und machten sich
lästig: da half nur, daß man ihnen Bonbons hinwarf, um zu entkommen,
während sie sich rauften . . . Ferner war unter den freundlichen Menschen,
die Lola kennen lernte, ein schwarzgekleideter Herr mit weißem Bart, der
eines Tages in Großmamas Zimmer saß und Lola etwas fragte. Pai bedeutete
ihr, es handle sich darum, ob sie zum protestantischen Glauben übertreten
wolle; er rate ihr dazu. Sie sagte ja, bekam von dem alten Herrn einige
glatte bunte Bildchen und ward am Abend in den Zirkus geführt . . . So viel
hatte man erlebt, daß gewiß schon ein Jahr herum war.

»Nicht wahr, ein Jahr sind wir bald hier?« fragte sie eines Abends. Pai
erwiderte:

»Was denkst du. Sechs Wochen erst.«

»Erst? Aber es ist doch schon wieder Winter?«

»Nein, Kind, so ist hier der Sommer.«

Sie hätte sich gern einmal wieder nach der Heimreise erkundigt; aber Pai
schien nicht aufgelegt; er hatte die schon lange nicht mehr gesehene Falte
zwischen den Augen. Auch die Andern sprachen heute viel weniger. Sogar
Großmama lächelte nur halb. Lola ging bedrückt zu Bett.

In der Nacht träumte ihr etwas Trauriges: sie sah einen Neger -- welchen,
wußte sie nicht, aber es war einer, den sie gern hatte -- von einem
Aufseher grausam prügeln, hörte sein Winseln, brach selbst in Weinen aus
und lief, es dem Großvater zu klagen: weinte und lief. Da erwachte sie,
noch immer schluchzend, -- und auch das andere Schluchzen ging weiter. Die
schwarze Anna kauerte, über das Bett gebeugt, und jammerte erstickt:

»Kleine Herrin, ich muß fort. Schon morgen reisen der Herr und Anna mit dem
Dampfschiff fort, zurück in unser Land; die kleine Herrin aber bleibt
hier.«

Und da Lola, auffahrend, in Geschrei ausbrach:

»Ganz leise! Anna darf nichts sagen: der Herr hat es verboten. Anna sollte
ohne Abschied weggehen: sie kann doch nicht!«

»Du sollst nicht weggehen! Hörst du, du tust es nicht! Ich befehle es dir!«

Des Kindes Stimme brach sich vor Zorn.

»Pai läßt mich nicht hier zurück; das sind alles Lügen.«

Die Amme wiederholte nur, eintönig klagend:

»Ganz leise! Anna muß fort.«

Und in ihrem Gemurmel ging der Zorn der Kleinen allmählich unter. Sie ließ
sich auf Annas Schulter fallen, gebrochen, mit Schluchzen und Bitten.

»Geh nicht fort!«

»Anna muß gehen.«

»Wenn du fortgehst, dann --«

Der Schmerz schüttelte das Kind. Es preßte sein Gesicht auf die nackte
schwarze Schulter; -- und mit dem öligen Geruch dieser Haut, an der es
einst die ersten Atemzüge getan hatte, erhob sich die dunkle Flut seiner
frühesten Erinnerungen und überschwemmte es. Lola sah, in einem aufgeregten
Gedränge von Bildern, zuerst einen Palmenwald, dann viele grimassierende
Negergestalten, die ihr namenlos schön erschienen, um Fleischtöpfe hocken,
in die sie oft ihre Händchen getaucht hatte; sah ein Stück schäumenden,
heftig blauen Meeres und die buschigen Wedel des Zuckerrohrs davor; sah
Nene, den Bach und die Kurubus . . .

»Wenn du fortgehst,« wimmerte sie, »dann --«

Es entstand ein Wogen großer Blumen hinter ihren an Annas Schulter
gedrückten Lidern; und tief in den Blumen hing die Hängematte mit der
schönen Mai, die ihr zunickte und langsam und wie von einer nicht mehr
Anwesenden das Gesicht wegwandte.

»Wenn du fortgehst, dann ist . . . alles aus!«

                   *       *       *       *       *

Am Morgen trat Pai ins Zimmer und sagte:

»Meine kleine Lola, Pai muß nun auf kurze Zeit zurückreisen, und bis er
wiederkommt, läßt er dich hier.«

Da das Kind nur den Kopf senkte:

»Es wäre für dich nicht gut, schon wieder so weit zu reisen.«

Lola schlug die Augen auf und sagte hell, wie eine verzweifelte Schelmerei:

»Pai, nimm mich mit?«

»Meine kleine Tochter ist vernünftig, nicht wahr,« erwiderte Pai, ohne
Frage im Ton; und Lolas kleines gespieltes Lächeln brach ab. Pai nahm sie
bei der Hand und führte sie zur Stadt, über einen Marktplatz und in ein
altes Haus, an dessen gläserner Flurtür die Glocke lange klapperte.

»Hier wohnt,« sagte Pai, »eine gute Dame, die sich meiner Lola annehmen
will, solange Pai nicht da ist.«

Der Flur war weit; auf seinen Steinfliesen gingen Arm in Arm, zu zweien
oder in langen Reihen, viele Mädchen umher. Andere hüpften zwischen den
Flügeln einer Tür, in der buntes Glas war, in den Garten hinab. Es waren
große und kleine; aber die kleinste, sah Lola gleich, war sie selbst. Sie
sah es aus dem Zimmer, worin Pai mit ihr wartete. Es hatte weiße Tapeten
mit goldenen Blumen darauf, eine goldene Stutzuhr, sehr hohe Fenster mit
den Bäumen des Gartens dahinter; und Lola wandte sich, beklommen seufzend,
von einem Gegenstand zum andern. Gleich war's nun so weit: Pai war fort.
Noch hielt er sie doch an der Hand: und war schon fast fort! O, o, was für
eine drängende Menge von Dingen hätte sie ihm zu sagen gehabt; er mußte
doch einsehen. Mit zuckender Lippe brachte sie hervor:

»Pai, sieh, was für ein komischer Mann ist auf der Uhr.«

Und fieberhaft dachte sie: »Das war's doch nicht, was ich wollte.«

Hatte Pai wirklich gar kein Erbarmen? Sie lugte zu ihm auf, mit
unverstelltem Jammer. Pai sah gradaus; er hatte den Mund fest geschlossen,
die Falte zwischen den Augen; -- und zum ersten Male fühlte Lola, daß er
ein strenges Gesicht mache, weil er traurig sei; daß er sich streng stelle,
weil er sie lieb habe. Es ward ihr ganz warm und glücklich; sie drückte
Pais Hand; Pai sah hinab, ihr in die Augen: da aber ward es draußen bei den
Mädchen viel stiller, und eine kleine Dame im schwarzen Kleid lief eilig an
dem gelben Treppengeländer entlang. Schon war sie unten, und nun kam sie
auf das offene Zimmer zu. Gab es denn keine Rettung? Pai tat nichts? Die
kleine Dame trug die eine ihrer schmalen Schultern höher als die andere,
sie hielt die Arme gekrümmt zu den Seiten ihres zerknitterten
Trauerkleides, und ihr blasses, langes Gesicht bekam vom Lächeln eine
krause Nase: Lola sah das alles mit schreckensvoller Genauigkeit. Ihr war
wie in einem Traum, worin man davonlaufen möchte und kann sich nicht regen.
Da fühlte sie schon die dünnen langen Finger der Dame kühl um ihre Hand.
Was sagte nun die Dame? Ratlos wandte Lola sich nach Pai um.

»Fräulein Erneste begrüßt dich,« erklärte Pai, »und verspricht dir, sie
wolle dich lieb haben und dich alles Gute lehren. Du mußt ihr danken.«

»Danke,« sagte Lola, mit Anstrengung.

Darauf begann das Fräulein unter Lauten freudiger Erregung überall in Lolas
Gesicht Küsse zu werfen, die hart waren und schmerzten. Lola begriff nicht;
sie erschrak; und inzwischen hatte das Fräulein schon wieder eine Menge
geredet, und alles klang fragend. Allmählich hörte Lola, daß sie immer
dasselbe sagte, und immer langsamer und deutlicher sprach sie es aus.
Wieder suchte Lola Hilfe bei Pai, aber Pai hatte sich in einen Stuhl
gesetzt und bekümmerte sich nicht um sie. Und das Fräulein drang immer
strenger auf sie ein, mit steil aufgerichtetem Zeigefinger. Lola hielt sich
nicht länger; sie brach, und sah dem Fräulein dabei immer starr in die
Augen, in entsetztes Schluchzen aus. Da geschah etwas sehr Seltsames. Die
eifrige, Gehorsam heischende Miene des Fräuleins fiel jäh in sich zusammen
und ward ganz unsicher und hilflos. Das Fräulein war auch anfangs nicht
groß gewesen: jetzt aber war es nicht mehr viel höher als Lola, und es
tastete schüchtern, während es den Kopf zum Bitten schief legte, nach Lolas
Hand. Darüber erschrak Lola nochmals: aber nicht für sich selbst. Was hatte
das Fräulein? Ein verlegnes Mitleid berührte ihr Herz, und sie lächelte
zart. Ein wenig höher noch hob sie des Fräuleins Hand, die um ihre lag:
zögernd, -- und plötzlich legte sie die Lippen darauf. Sogleich aber
trennten sie sich, und Lola lief auf Pai zu, fiel ihm um den Hals und rief,
um Pai von dem Fräulein und seiner Verwirrung abzulenken: was für ein
herrlicher Apfelbaum da zum Fenster hereingreife. Pai hob, da das Fräulein
ihm etwas zurief, Lola hoch empor, und sie konnte eine Frucht brechen.

Alle drei gingen nun in den Garten; Lola fühlte sich irgendwie beglückt;
und ehe jemand es sich versah, saß sie droben im Apfelbaum. Pai schalt,
aber sie hörte, daß es Spaß sei; das Fräulein lachte von Herzen, und aus
allen Ecken des Gartens liefen Mädchen herbei, sich die kleine Wilde
anzusehen. Sie tanzten um den Baum, schrieen und streckten die Hände aus.
Pai sagte hinauf, das Fräulein erlaube, daß Lola zur Feier ihrer Ankunft
den Mädchen Äpfel pflücke. Lola warf sie ihnen zu; sie kletterte von Ast zu
Ast, suchte sich mit ernster Miene eine aus und warf ihr die Frucht in die
Schürze. Als sie herunterstieg, umringten die Größeren sie und liebkosten
sie. Aber eine Glocke läutete, und alle eilten ins Haus. Pai und Lola
folgten dem Fräulein zu einer Laube, wo ein Frühstück bereitstand.

Lola bekam zum Essen ein halbes Gläschen Wein; dann nahm Pai sie auf sein
Knie, küßte sie und sagte: »Nun lauf umher.«

Trotzdem behielt er sie im Arm und sah sie an. Sie entschlüpfte.

»Einen Kuß noch, kleine Tochter,« rief Pai ihr nach.

»Gleich!«

Und sie sprang hinter einem Schmetterling her. Ihr war lustig zu Sinn, sie
dachte: »Solche großen Klatschrosen! . . . Ich muß sehen, was dort in der
Mauer für ein dunkles, dunkles Loch ist . . . Pai ist gut, auch das
Fräulein ist gut . . . Eine Eidechse, husch . . . Ob die Mädchen nicht
wiederkommen? . . . Der schöne Tag!«

»Pai!« jauchzte sie.

»Er kann mich nicht hören, so groß ist der Garten. Wo ist denn die Laube
geblieben? Ah, um diese Hecken muß ich herum . . . Nun aber: Pai!« Und sie
lief.

Plötzlich hielt sie an: vor der Laube stand das Fräulein allein.

»Pai?«

Lola kam langsam näher. Ihre Augen durchforschten die Laube, überflogen den
Garten und hafteten, verzagend, am Blick des Fräuleins. Was sagte er? Doch
nicht das? Er konnte nicht! Lola nahm sich zusammen und fragte:

»Wo ist Pai, Fräulein?«

Das Fräulein sagte etwas, wieder mehrmals dasselbe, aber garnicht langsam
und deutlich wie vorhin: und doch verstand Lola. Sie warf, haltlos
jammernd, die Arme in die Höhe.

»Er wollte noch einen Kuß von mir! Wie kann er fort sein, wenn ich ihm doch
noch den Kuß geben soll!«

Sie taumelte einmal um sich selbst und schlug, unsicheren Laufs, den Weg
zum Hause ein. Mitten darauf blieb sie stehen, ließ die Arme fallen, senkte
den Kopf; und die rinnenden Tränen wuschen ihr von den Lippen den Kuß, den
sie nicht hatte geben dürfen.




III


Lola war allein.

Sie weinte auf einer Bank, zusammengekrümmt, lange und wild. Das Fräulein
stand anfangs dabei und flüsterte hier und da ein Trostwort, das fragend
klang, als wisse sie es selbst nicht genau. Dann machte sie einige
Schritte, sah sich wartend um, verschwand im Hause. Bald kam sie wieder und
rief sehr munter, ob Lola diesen schönen Pfirsich möge. Als aber das Kind
zornig den Kopf schüttelte und wilder schluchzte, zog das Fräulein sich so
rasch zurück, als flöhe sie.

Die Glocke läutete wieder, und Lola ließ sich fortführen, weil das Fräulein
ihr sagte, nun würden die Mädchen kommen und sie weinen sehen. Das Fräulein
öffnete die Tür zu ihrem eigenen Zimmer: da sprang kläffend ein kleiner
weißer Spitz auf Lola zu, und Lola, die daheim vor Großpais riesigen Hunden
keine Furcht gehabt hatte, wich mit einem Aufschrei zurück.

»Ami!« rief das Fräulein und redete, zu ihm niedergebeugt, ernsthaft auf
den Spitz ein. Es half nicht; das Kind und das Tier hatten sich gegenseitig
erschreckt; und der Hund mußte hinaus, -- wo er winselte.

Nun kramte das Fräulein in einem Schrank, zog ein großes buntes Buch hervor
und hielt es Lola entgegen. Sie wollte Lola auf einen Schemel setzen; Lola
glitt damit aus, griff um sich und warf ein Glas Wasser über die
Handarbeit, neben der es gestanden hatte. Das Fräulein strich ihr die Wange
und lächelte. Dann schlug sie das bunte Buch bei der ersten Seite auf; es
war ein Affe darauf, ein Ast und noch mehrere Dinge; und wiederholte, auf
den Affen zeigend, ein Wort: immer nur das eine. Zuerst beachtete Lola es
nicht; dann merkte sie wohl, daß sie es nachsprechen solle: aber sie
schwieg; und diese Rache für alles, was mit ihr geschah, tat ihr wohl.
Trotzdem richtete das Fräulein seinen Finger jetzt auf den Ast und sagte
dazu ein anderes Wort, viele Male. Sie führte Lola auch zu einem weißen
Turm, der in einer Ecke des Zimmers ragte, und zu dem Schirm, der
davorstand: darauf waren aus bunten Perlen eine Dame und ein Kind, und zu
beider Füßen ein Tier, das Lola nicht kannte. Es schien ihr sanft,
zärtlich, zum Zerbrechen sein; und seine großen Augen glitzerten, als seien
sie voll Tränen. Mitleid durchschauerte Lola, mit dem Tier, mit sich
selbst, -- und da stammelte sie das Wort nach, das das Fräulein ihr schon
längst vorsagte: »Reh«, und weinte, leise und ohne Trotz.

Wie die Tränen gestillt waren, nahm das Fräulein sie mit zum Essen, an eine
lange Tafel, wo viele Mädchen schwatzten und klapperten. Lola aß nichts,
aus Traurigkeit; sie saß betäubt da, erschrak, wenn ihr Name genannt ward,
und dachte, weh und wund: »Was wollt ihr alle? Was tue ich hier? Warum hat
Pai mich nicht mitgenommen?« Nach Tisch ward sie in den Garten gebracht,
aber sie schüttelte den Kopf und ging dem Fräulein nach, bis sie wieder im
Zimmer und bei dem Reh war: denn das war hier ihr einziger Freund. »Reh,
Reh,« flüsterte sie ihm zu. Das Fräulein küßte sie leise auf die Locken und
ließ sie mit ihrem Kameraden allein. Als Lola später zu Bett gelegt werden
sollte, hatte sie sich schon in Schlaf geweint.

Beim Erwachen in heller Sonne fiel ihr als erstes das Reh ein; dann der
Spitz Ami. Sie bedachte vieles Erlebte und auch, ob sie dies Zimmer schon
kenne. Neugierig sah sie sich darin um. Noch ein anderes Bett stand da,
aber es war schon verlassen. Sie ließ sich aus dem ihren gleiten und
trippelte umher: da trat das Fräulein herein, hob Lola auf ihren Arm,
zeigte sich auf die Brust und sagte mehrmals:

»Erneste«.

Lola hatte in ihrem rotgeschlafenen Gesichtchen große, aufmerksame braune
Augen, die, auf den Mund des Fräuleins gerichtet, ganz leise seitwärts hin
und her rückten; ihre blonden Locken hingen wirr geringelt, die leichten
Linien ihrer Lippen fügten sich fein ineinander; und am Saume ihres
Hemdchens streichelten sich ihre rosigen kleinen Füße. Sie äußerte nichts;
aber als sie fand, das Fräulein habe genug »Erneste« gesagt, nickte sie
bedächtig, zum Zeichen, daß sie verstanden habe.

Sie bekam ihren Kakao, grub im Garten, ward, wie die Glocke geläutet hatte,
von den Mädchen in einem Ringelreihen geschwenkt und dann wieder von
Fräulein Erneste in das Zimmer des Rehes geholt. Der Spitz Ami knurrte nur,
und er wedelte dabei. Lola sollte auch heute »Affe« und »Ast« nachsprechen.
Sie tat es zerstreut, sah dabei immer das Reh an: sie hatte keinen Sinn für
die Dinge, auf die Erneste sie jetzt noch hinzulenken wünschte; und nur
zufällig bemerkte sie, daß es sich um die zweite Seite des bunten Buches
handelte, und daß dort jedes Bild mit einer Marzipanscheibe bedeckt war.
Nahm man sie weg, kamen darunter zum Vorschein: ein Baum, ein Bäcker, ein
Bottich. Sie erlernte diese Worte in großer Eile, um zu erfahren, was auf
der dritten Seite wäre.

Von diesen Erlebnissen, die sie interessiert hatten, wollte sie bei Tisch
-- war nicht heute alles lustiger bei Tisch? -- ihrer Nachbarin erzählen,
einem Mädchen, daß nur wenige Jahre älter sein konnte. Sie erzählte
ausführlich, die andere aber lachte nur und stieß eine dritte an. Lola, in
Eifer, kam von dem Reh auf die Tiere daheim; sprach von daheim und von Nene
und Mai. Plötzlich ward sie inne, daß alle still waren, zu beiden Seiten
des Tisches, und sie ansahen: die meisten mit Neugier, einige spöttisch; --
und keine, erinnerte sie sich nun, keine einzige hatte sie verstanden!
Errötet, ratlos beschämt, sah sie die Reihen entlang, konnte, zitternden
Gesichtes, die Tränen noch gerade hinunterschlucken und beugte sich mit
einem kleinen einsamen Lächeln über ihren Teller.

Nun kam eine Stunde, in der alles durchs Haus sprang und sang. Auch Lola
sollte singen, sie tat nur so, als begriffe sie nicht. Da faßte aber
Erneste ihre beiden Arme, und die Nase kraus vor Freundlichkeit und während
alle umherstanden, sagte sie ihr mehrere Worte, deren jedes ungefähr klang
wie »singen«: nur nicht ganz. Schließlich aber fand sie's wirklich: singen;
und da sang Lola. Sie sang näselnd: »Ihr Negerknaben meines Vaters . . .«,
schloß dabei halb die Lider und sah nun alles, was sie sang, sah die Heimat
. . . Noch wie sie schwieg, war sie aus dem Schwarm der auf sie Einredenden
weit fort.

Eine Weile darauf fiel ihr ein, daß sie dieses Lied einmal bei der
deutschen Großmama gesungen hatte. Seltsam: an den Aufenthalt bei der
Großmama hatte sie noch gar nicht wieder gedacht; ihr war, als sei sie von
der großen Insel gradeswegs hierher verschlagen, und alles dazwischen war
verworren wie ein Schiffbruch. Nun kam ihr eine Fratze in den Sinn, die der
lustige Onkel einmal geschnitten hatte: und von da aus fand sie sich in
allem wieder zurecht. Ach! Das war doch Lolas Großmama, denn Pai war ihr
Sohn, und sie hatte ihn lieb. Eine aufzuckende Hoffnung: Ob Pai nicht bei
ihr war? Daß Lola daran nicht früher gedacht hatte! Pai war nicht
abgereist, er war bei seiner Mama! Lola ging zu Fräulein Erneste und sagte
»Großmama«: nur das eine, bittende Wort; und Erneste verstand es, sie ließ
Lola hinführen.

Die Großmama breitete die Arme aus, Lola aber lief, ohne ihrer zu achten,
um sie herum: »Pai! Pai!« -- in sein Zimmer, in das Wohngemach, in den
Garten: »Pai! Pai!« Sie kehrte von ihrer vergeblichen Runde wieder.

»Wo ist Pai?«

Die Großmama bedeutete ihr etwas, Lola wußte wohl, was, aber sie glaubte
ihr nicht. Einer der Onkel kam, die Magd ward gerufen, und alle
wiederholten dasselbe. Lola schüttelte nicht mehr den Kopf, aber ihre
Meinung stand fest. Zuletzt erschien der lustige Onkel und wünschte ihr
Guten Tag in ihrer Sprache. Immer die zwei Worte, die er sich einst von Pai
hatte ins Ohr sagen lassen. »Dummer Papagei,« dachte sie, und sie verlangte
fort.

Sie spähte in jedes Haustor, zerrte ihre Begleiterin in die Läden, die sie
mit Pai besucht hatte, und auf einem leeren Platz, wo es wehte, blieb sie
stehen und rief flehentlich »Pai!« Keins der trägen Fenster öffnete sich;
es fror Lola bitterlich; und die Magd zog sie fort.

Aber für das bunte Buch war sie nicht mehr zu haben, nicht mehr für den
Garten und kaum noch für das Reh. Sie sah jeden mit Mißtrauen an, der ein
Wort zu ihr sprach: eins dieser unverständlichen Worte, deren Geräusch um
sie her war. Zu Fräulein Erneste sagte sie: »das ist nicht wahr,« obwohl
sie gar nicht wußte, was das Fräulein gemeint hatte; bei Berührungen brach
sie in Geschrei aus; und ihr Drang war immer: auf die Straße, durch die
Stadt, und in die Häuser spähen. Sie schrie, bis das Fräulein ängstlich
ward und sie hinausließ. Das dauerte mehrere Tage.

Dann wich Lolas Glaube. Sie hatte gewiß in jedem Winkel nachgesehen und
überall ihr »Pai!« gerufen. So wollte Pai sie wohl nicht hören, oder er war
wirklich fort. Ja, er war fort: die Leute hatten recht. Aber dann hatte Pai
selbst sie verraten und unter diesen Fremden zurückgelassen. Wem also war
noch zu trauen? Scheu sah das Kind sich um. In diesen Tagen brach ein
Gewitter aus; und Lola -- wie hatte sie daheim zu urweltlichen Unwettern
gejauchzt! -- ward von jedem dieser Blitze in eine andere Zimmerecke
gescheucht: bleich und mit geschlossenen Lippen; denn niemandes Hilfe wußte
sie anzurufen.

Ward Lola jetzt um ihr Lied gebeten, schüttelte sie, mürrisch und verlegen,
die Schultern. Auch sprach sie nicht mehr; und sie dachte ganz
Ungewöhnliches. »Ich werde vielleicht sehr krank werden und kann dann
niemandem sagen, wo es weh tut, und muß immer so schreien, wie damals der
Neger schrie, der ein Loch im Magen hatte.« Wenn sie allein im Zimmer war
und mit sich selbst und ihren Puppen plauderte, mußte sie manchmal
lauschen: so seltsam klein und allein klang ihr die eigene Stimme; -- und
sie fühlte es plötzlich, tief in ihrem erschauernden Herzen, es gäbe im
Hause und in der ganzen Stadt und auf allen Straßen die hinausführten,
keinen Menschen, der, wie die daheim, zu ihr sagen könne: »Meine kleine
Lola, meine liebe kleine Lola.« Sie flüsterte die ersehnten Worte vor sich
hin und sah dabei ihre Puppen an. Da bemerkte sie, daß auch die Puppen sie
ihr nie sagen und, was sie ihnen vorplauderte, nie verstehen würden: waren
doch auch sie aus diesem fremden Lande. Sie schob sie weg. Und selbst das
Reh! Daheim gab es kein solches Tier, und es wußte nichts von Lola. »Hörst
du denn nicht?« bat sie, mit Tränen. »Reh! Reh!« Aber das Reh sah sie fremd
an.

Lola war allein.

                   *       *       *       *       *

Am Sonntag ward sie wieder zur Großmama gebracht. Sie benahm sich scheu und
verdrossen; man verlor endlich die Geduld und überließ sie nach dem Essen
sich selbst. Unzufrieden, weil niemand mehr sich um sie bekümmerte, drückte
sie sich im Garten umher. Wie es kalt war in diesem Lande! Ängstlich und
feindselig sah sie zu den grauen Wolken hinauf, die herabdrohten. Der
Pavillon, der sie am ersten Tage versteckt hatte, damals, als sie schon
vorausgeahnt hatte, Pai werde sie allein lassen: heute stand er offen, und
Lola betrat ihn. Es waren wunderliche alte Möbel darin; sie bemühte sich,
einen Wandschrank zu öffnen: -- da geschah ein Poltern unter ihr. Sie fuhr
zusammen. Es polterte stärker, es schlug sogar gegen den Boden, auf dem sie
stand. Erstarrt, horchte sie. Ein furchtbarer Krach: nun drang es gleich zu
ihr ein; und Lola schrie los, mit allen Kräften höchster Not:

»Der Teufel! Der Teufel!«

Sofort hörte das Poltern auf, und im nächsten Augenblick stand in der Tür
der lustige Onkel, ganz bleich, und blickte Lola zornig an. Sie schrie, zu
ihrer Rechtfertigung und aus Eigensinn, noch einmal: »Der Teufel!« Da
stürzte aber der Onkel auf sie zu und legte sie über sein Knie . . . Und
nachdem Lola dies durchgemacht hatte, war es ihr viel leichter und sanfter.
Der Onkel nahm sie bei der Hand und führte sie in das Kellergewölbe, unter
dem Gartenhaus. Er zeigte ihr, wie er Holz gehackt habe, und wie die
geschwungene Axt manchmal gegen die niedrige Decke gestoßen sei. Was er
dazu redete, hatte einen guten, tröstlichen Ton; -- und Lola ward betroffen
und sehr nachdenklich. Denn es war klar, daß dies gegen alle ihre
bisherigen Erfahrungen ging. Wenn daheim aus dem Urwald heraus irgend eine
ungewohnte Stimme erscholl, lief es bei den Schwarzen von Mund zu Mund:
»Der Teufel«; und blinzelte irgendwo ein Licht, das niemand kannte, ward
geraunt: »Der Teufel«. Als der Onkel Holz hackte, hätte die schwarze Anna
nur bei Lola sein sollen: ganz sicher würde sie gewimmert haben: »Der
Teufel«. Er war es also nicht? Wenigstens nicht immer? Das war tröstlich,
und der Onkel war gut, daß er Lola dies gelehrt hatte. Sie lächelte ihm zu.
Sie hatte auf einmal alle Menschen lieber, ging ins Zimmer, umarmte die
Großmama und klatschte in die Hände bei dem Gedanken, daß sie auch dem
Fräulein Erneste etwas recht Liebes antun wolle. Eifrig verglich sie im
Innern die schwarze Anna mit Fräulein Erneste und wunderte sich, wie viel
näher ihr Erneste sei. Die schwarze Anna war dumm, mit ihrem Teufel; Lola
schämte sich ihrer ein wenig. Wie sie nach Haus kam, stellte sie sich vor
Erneste hin, sammelte sich und sagte zutraulich:

»Ast, Boot, Reh, Erneste.«

Dabei lächelte sie entschuldigend, denn für ein achtjähriges Mädchen war
dies natürlich kindisch; aber was sollte sie sagen? Erneste verstand Lola;
vor Rührung bekam sie ein bekümmertes Gesicht und Tränen in die Augen.

Einige Wochen später schlug sie Lola vor, einen Brief an Pai zu schreiben.

»Schreibe in deiner Sprache.«

Lola tat es; aber sie fügte mit Genugtuung eine Anzahl ihrer deutschen
Wörter hinein: alle waren in einem Brief schon nicht mehr unterzubringen.
Die Antwort kam. Auch Herr Gabriel hatte auf portugiesisch geschrieben; nur
am Schluß stand der Satz: »Ich habe dich lieb«; und diese Worte, die er
noch nie in seiner eigenen Sprache hatte äußern dürfen, waren von ihm mit
einer Süßigkeit erfüllt worden, die Lolas schwache Hände noch nicht
herauspressen konnten. Erneste sah diese Zeilen lange an und sagte dann:

»Bewahre den Brief gut auf, Kind.«

Den nächsten schrieb Lola -- sie war vier Monate bei Erneste -- ganz
deutsch, und ihr Vater antwortete ebenso. Inzwischen aber war ein Brief
angekommen; Lola wußte nicht gleich, wer ihn abgeschickt habe. Sie war sehr
gespannt.

»Ah!«

»Nun?« fragte Erneste.

»Von Mai!« -- und sie betrachtete ihn angestrengt.

»Was schreibt dir deine Mama?«

»Ja, ja«, machte Lola, und: »Gleich komme ich wieder.«

Sie lief ins Schlafzimmer und buchstabierte. Mais Schrift sah Lola zum
erstenmal; die schöne Mai lag immer nur in der Hängematte. Wie mußte sie
Lola lieb haben, daß sie ihr schrieb! Lola küßte den Brief. Dann versuchte
sie es nochmals: nein; wirklich, sie verstand nichts, oder nur hier und da
ein paar Worte. »Mai, Mai«, stammelte sie, und plötzlich weinte sie.
Kleinlaut berichtete sie später Erneste:

»Jetzt ist es sehr heiß in Rio, schreibt Mai, und hier ist es so kalt.«

Tags darauf wußte sie:

»Nene war krank und ist nun wieder gesund.«

Sie las immer in dem Brief; er hatte schon Risse, Fettflecke und
Tränenspuren. Eines Morgens beim Erwachen fand Lola ihr Händchen hoch in
der Luft. Im Traum hatte sie's nach einer Frucht ausgestreckt, die Mai ihr
hinhielt, -- und zog es nun leer zurück. Noch sah sie Mais Gesicht: und da
verstand sie plötzlich einige von Mais Worten in ihrem Brief. Schon war
Lolas erste Sprache, Wort für Wort, zurückgedrängt von ihrer zweiten; neue
Gesichter schoben sich ihr vor die alten; und eine neue Luft malte alle
Dinge anders. Draußen schneite es; das erste Mal hatte Lola den Schnee für
Zucker gehalten; und Mai kannte ihn noch immer nicht. Mai lag in großer
Wärme in ihrer Hängematte und kannte, obwohl sie Mai war, nichts von allem,
was Lola sah. Wie rätselhaft das war! Lola dachte sich darin fest; sie saß
am Boden, den Blick nach innen, die Lippen leise gelöst, und hielt mit
allen Kräften den Geschmack solches Gedankens fest. Manchmal war es nur ein
Wort, ein Name, den sie in solcher Weise ganz auszukosten suchte: Erneste,
wie konnte jemand so heißen; Er--ne--ste, wie jede der Silben plötzlich
verwunderlich und komisch war. Jeden Augenblick wurden sie fremder! Im
Frühling, auf einem Ausflug, ward Lola vermißt und allein zwischen
Waldhügeln bei einer Quelle gefunden. Das nasse Laub hing um sie her, es
roch herb nach Kräutern, die Quelle rann, Lola saß ohne Regung. Worüber sie
nachgedacht habe. »Über die Quelle.« Im Sommer lag sie oft am Rande eines
Heliotropbeetes auf dem Bauch, schob den Kopf zwischen die Blumen und
lauschte in die große Tiefe dieses Duftes.

Ein Gesicht, das sie lange schon kannte, ward ihr auf einmal wie
durchleuchtet: nun fühlte sie's. Einmal, im Schulzimmer, sah sie, anstatt
nachzuschreiben, unverwandt auf ihre Lieblingslehrerin, auf die raschen
kleinen Mienen und die flinken, pickenden Bewegungen des Fräuleins.

»Lola, warum siehst du mich immerfort an?« fragte Fräulein Mina. Lola
erklärte:

»Du aussiehst wie ein klein Vogel.«

Die französische Lehrerin ward gehaßt von Lola: besonders seit sie Lola
gedroht hatte, wenn sie noch länger die Kirschkerne verschlucke, werde ihr
ein Kirschbaum aus dem Halse wachsen. Lola wühlte sich mit dem Blick in
dieses fette, graue, schnüffelnasige Geschöpf hinein, bis sie in dem
Fräulein deutlich eine große, dicke Ratte sah und bei einer zufälligen
Berührung besinnungslos aufschrie!

In eine Vorstellung, eine Begierde konnte sie sich rettungslos festrennen,
bis zu kleinen Verbrechen. Einmal log sie, in dem unvermittelten Drange,
eine Sache ganz für sich zu haben. Nun hatte sie's: ein Geheimnis; und
kostete tagelang aus, daß niemand wisse, was sie wußte. Das war ein neues
Leben, eine eigene Welt! Etwas später stiftete sie, um des Abenteuers
willen, eine große Verschwörung an, verbunden mit Diebstahl. Zwar handelte
es sich um die »Ratte«, die ohnehin jeden Streich verdiente. Mittlerweile
nannten alle sie so; Lola hatte den Namen durchgesetzt und in Vielen
Widerwillen erregt gegen die Lehrerin. Es war nicht schwer, die Mädchen zu
überzeugen, daß sie der Ratte eine große, scheußliche Puppe ins Bett legen
müßten. Man brauchte eine Maske, eine Haube, eine Jacke, eine Brille. Das
Geld? Man wußte doch, wo die Ratte ihres aufbewahrte. Es war nur gerecht,
daß sie selbst sich die Puppe kaufte. So geschah es. Die Ratte fiel zuerst
in Ohnmacht, und wie der Verlust des Geldes herauskam, erlitt sie einen
Weinkrampf. Lola sah ihn mit an: sie sah den Schmerz des häßlichen und
geizigen Geschöpfes, ward hineingezogen und lebte ihn mit, außer sich vor
Reue. Sie sah eine dicke Ratte sich ängstigen, die sie vergiftet hatte, und
hätte gern, wenn es noch möglich gewesen wäre, das Gift selbst gegessen.
Sie bat um Verzeihung, nahm sogar, mit leidenschaftlicher
Selbstüberwindung, die Hand der Ratte. Denselben Ekel empfand sie auch
jetzt noch; aber sie sah dieses Wesen leiden; sah unendlich mehr davon, als
die andern sahen; und begriff nicht mehr, wie sie solch Leiden hatte
zufügen mögen! Viel lieber statt anderer leiden! In mancher Nacht kam ihr
die Frage: »Wenn ich mich lebendig begraben lassen sollte, oder Erneste
sollte sterben, oder Mai: was würde ich wählen?« Sie warf sich seufzend und
heiß umher: nun hieß es sich entscheiden, das Furchtbarste auf sich nehmen.
Und plötzlich war sie hindurch, sah Licht, war sanft und süß durchronnen
und hatte sich dargebracht: »O, lieber, viel lieber will ich lebendig
begraben werden!«

Sie war erschüttert; ein Drang nach Güte, eine schmerzliche Wallung von
Liebenwollen hob ihr Herz auf; -- und da kam rechtzeitig der neue
Geschichtslehrer, Herr Dietrich. Er war schüchtern und ironisch, und er
sprach immer wie zu erwachsenen Damen. Alle interessierten sich für ihn,
einige erkundeten seine Lebensumstände. Er wohnte mit seiner Mutter und
seinen jungen Geschwistern zusammen und unterhielt sie. Wie Lola von seinem
Leben träumte! Liebreich mußte es dahinfließen, voll sanfter, gütiger,
edler Gedanken. Mit zwei andern, die für ihn schwärmten, wagte sie es unter
einem Vorwand, ihn aufzusuchen. Kein Teppich lag auf den weißen Dielen
seines Zimmers. Herr Dietrich stand von seinem Schreibtisch auf, der dabei
ins Wanken kam, und deckte verlegen ein Kissen auf einen Riß im Ledersofa.
Das ganze Haus roch nach saurer Milch. Tagelang erbitterte Lola sich gegen
Erneste, die ihn nicht besser bezahlte. Alle hätten hingehen sollen und es
ihr vorhalten. Lola sonderte sich ab, so oft sie konnte, lernte den
Leitfaden der Geschichte auswendig, und wenn sie ihn sich wiederholte, war
es ihr, als sagte sie ihm etwas Liebes. Als sie an einem Märztag, es lag
noch Schnee, allein im Garten gewesen war, kam sie erregt zu Erneste
gelaufen.

»Erneste, ich weiß jetzt, wie der Frühling aussieht!«

»Wieso?«

»Wie Herr Dietrich sieht er aus!«

Lola leuchtete. Die Offenbarung, die sie soeben empfangen hatte, war
einfach und tiefwahr.

Erneste dachte: »Mit zwölf Jahren schon? . . .« Sie faßte sich und äußerte:

»Aber Kind, für ein Mädchen, das bald dreizehn wird, ist das doch zu
kindisch. Herr Dietrich ist natürlich ein Mensch wie wir alle.«

Lola stutzte; war er das? Warum mußte sie dann soviel an ihn denken? Immer
hatte sie jenen leichten Geruch von saurer Milch in der Nase: soviel dachte
sie an Herrn Dietrich. »Ich will ihn mir ganz genau ansehen.« Gerade heute
war Herrn Dietrich sein gelber Strumpf über seinen schwarzen Schuh
gerutscht. Lola starrte finster und nachdenklich darauf hin. Ähnliches
konnte man auch bei andern Lehrern sehen: aber Herr Dietrich, der so edel
war! an den Lola so viel denken mußte! Nun bemerkte sie auch, wie Herr
Dietrich sich mit Jenny abgab; wie die dicke, freche Jenny, das Kinn auf
der geziert ausgespreizten Hand, ihn anschmachtete; wie er errötend wegsah
und, nachdem er ein wenig an seinem Kneifer gerückt hatte, ihr zulächelte.
Da ward es Lola kalt und zornig zu Sinn; es trieb sie, Herrn Dietrich zu
zeigen, daß er für sie durchaus kein Ideal sei. Er stand grade vor ihr;
seine rötliche, knochige Hand lag auf ihrem Tisch; und in seiner Manschette
konnte sie Haare sehen. Vorsichtig führte sie zwei Finger hinein, erfaßte
ein Haar, machte »Kieks!« -- und da hatte sie's. Herr Dietrich zuckte
zusammen; dann rief er mit roter, entrüsteter Miene:

»So etwas tut man nicht!«

Lola, ziemlich erschrocken über ihre Tat, aber trotzig, betrachtete das
Haar.

»Gib's her!« -- und Herr Dietrich nahm es ihr weg.

Als er sie später etwas fragte, antwortete sie nicht, obwohl sie's wußte.
Sie beschloß ihm brieflich ihre Verachtung auszusprechen; den ganzen
Nachmittag arbeitete sie daran. »Wenn ich einen Menschen gern habe,
verlange ich mehr von ihm als von andern, Sie haben mich sehr enttäuscht,«
wollte sie ihm sagen, und: »Ich bin viel zu stolz, um jemand noch gern zu
haben, der eine andere liebt.« Indes fiel ihr ein, daß Herr Dietrich von
ihrer Neigung nichts gewußt habe, und daß ihn darum auch ihre Enttäuschung
nichts angehe. Wahrscheinlich würde er ihr mit seiner entrüsteten Miene den
Brief zurückgeben und dazu schreien: »So etwas tut man nicht!«

Sie hielt sich nun für fertig mit der Liebe Dennoch verlor sie den Winter
darauf ihr Herz an einen italienischen Leierkastenmann. Sie lag im Fenster
und lebte in seinen Augen. Bleich und traurig schmachtete er herauf. Lola
sagte:

»Wie ist er schön! Ich habe noch nie einen schönen Mann gesehen.«

Die dicke Jenny störte sie diesmal nicht: im Gegenteil, sie fragte, ob Lola
seine Bekanntschaft machen wolle, sie begleite sie gern. Lola schrak
zurück, sie wußte noch nicht, wovor. Aber am Sonntag wartete sie mit ihrem
ganzen Wochengeld. Der Italiener kam, nur war er betrunken und
kotbespritzt, fing Streit an und ward verhaftet. Lola warf aufs Geratewohl
ihre zehn Mark hinunter und rettete sich.

Die Trennung von dieser Liebe war hart. Wochenlang zuckte Lola schmerzlich
zusammen, pfiff jemand auf der Straße eine von des Italieners Arien. Bei
der Ankündigung der Oper, aus der sie stammten, geriet Lola in Erregung und
verlangte hin. Sogar die Begleitung der Ratte nahm sie mit in den Kauf. Auf
ihrem Balkonplatz bekam sie Herzklopfen; aber wie sie sich den
Leierkastenmann vor Augen rufen wollte, bemerkte sie, daß sein Bild
unauffindbar war, und daß nur die Klänge und Gebärden von dort drüben sie
erfüllten und bewegten. Ihr schien es der erste Theaterbesuch; und alles
mutete sie wie eigene tiefe Erinnerungen an. Woran sie jemals ahnungsvoll
gerührt hatte, das war hier aufgeschlossen und entzaubert. Der letzte Duft
schöner Blumen, Namen, Gesichter schien hier herausgepreßt. Die Worte
klangen alle voller und sinnreicher, die Dinge hatten höhere Farben, die
Mienen erglänzten inniger. Hier wiederholte sich, hätte man meinen sollen,
das Leben Lolas in stärkerem Licht: als habe sie dort auf der Bühne ihr
eigenes Herz, höher schlagend, vor Augen. Alles, wofür man sonst keine
Verwendung wußte, konnte hier spielen. Man konnte sich ganz geben, wie man
war; denn die Menschen hielten endlich das, was man sich von ihnen
versprach. Der Held dieser Oper war so edel, wie Herr Dietrich hätte
bleiben sollen, und so schön wie der Italiener, ohne sich dabei zu
betrinken.

Bei der Heimkehr war es Lola, als habe sie nun ein Zauberwort erfahren:
Schauspielerin, und sei dadurch erlöst und mit sich selbst bekannt gemacht.

»Wie sonderbar!« dachte sie im Bett und starrte zur dunklen Decke hinauf;
»das also bin ich!« Erneste rührte sich, und Lola hätte sie fast, in
rascher Regung, aufgeweckt und ihr Schicksal Erneste offenbart. Noch hielt
sie zurück; sie hatte sich erst selbst an seine Erkenntnis zu gewöhnen.
Beim Aufwachen aber erschütterte sie sogleich ein großer Jubel; sie machte
sich schnell fertig und lief zu Erneste, gerade so herzhaft und ohne Arg,
wie damals, als sie mit der Nachricht kam, der Frühling sehe aus wie Herr
Dietrich.

»Erneste!« rief Lola, »weißt du, was ich werden will? Schauspielerin!«

»Auch gut,« erwiderte Erneste und befestigte gelassen den Papierdeckel auf
einem Glas mit Eingemachtem. Lola erklärte freudig:

»Gestern im Theater habe ich es gemerkt, und jetzt weiß ich es ganz genau.«

»Dummes Kind; trinke lieber deinen Kakao.«

»Warum, dumm? Ich glaube, daß ich Talent habe.«

»Das glaube ich auch: du rezitierst sehr niedlich; deswegen verfällt aber
doch kein verständiges Mädchen auf solches dumme Zeug. Möchtest du wohl
einen Löffel Gichtbeerenkompott?«

Verwirrt ließ Lola sich den Löffel in den Mund schieben.

»Nun geh, Kind,« sagte Erneste, und Lola ging, den Kopf gesenkt. Vor der
Tür zum Frühstückszimmer richtete sie sich auf und kehrte nach der
Speisekammer zurück.

»Erneste!«

Lola war blaß, ihre Stimme hatte gezittert; Erneste sah sie sprachlos an.

»Erneste, du hast so getan, als ob es Scherz wäre. Es ist mir aber ganz
ernst.«

»Um so schlimmer,« sagte Erneste, polternd vor Schrecken. »Geh ins
Klassenzimmer und erwarte, welche Strafarbeit ich dir aufgeben werde!«

»Ich will alle Strafarbeiten machen, die du mir aufgibst, Erneste. Aber ich
bin fest entschlossen, Schauspielerin zu werden.«

Lola redete das wie ein Diktat; irgend eine Macht weihte sie zum Sprechen.

»Es ist das erste Mal, daß ich so zu dir spreche, Erneste: daraus kannst du
ersehen, wie wichtig dies ist,« sagte sie sanft, mit feuchten Augen; denn
Erneste tat ihr leid. Erneste war auf einen Holzschemel gefallen; ihre von
Fruchtsaft blauen Finger lagen wie tote kleine Soldaten durcheinander im
Schoß; ihr Gesicht war ganz lang und über alle Maßen verstört.

»Was kannst du denn auch dagegen haben,« meinte Lola, »wenn ich es nun
einmal als meinen Beruf erkannt habe.«

Da aber kam alles wieder zu Leben an Erneste; sie sprang auf.

»Dein Beruf? Eine unanständige Person zu werden, das soll dein Beruf sein?
Dazu habe ich dich durch sieben Jahre auf Gottes Wegen erhalten? Du weißt
nicht, was du redest: das ist das einzige, was mir noch Hoffnung läßt.
Jenny, mein Kind, sie weiß nicht, was sie redet; schweige um Gotteswillen
über das was du gehört hast!«

Lola wandte sich um: in der Tür stand die dicke Jenny und sah sie mit
heuchlerischem Entsetzen an.

»Du begreifst, Jenny, wenn sie dabei bliebe, das wäre noch schlimmer als
das mit Susanne, und davon habe ich doch schon graue Haare. Versprich mir,
mein Kind, daß niemand etwas erfahren soll!«

Jenny versprach es artig. Dann entließ Erneste sie; und da sie unbeachtet
stand, ging auch Lola. Ernestes Aufregung begriff sie nicht. Lola wollte
zur Bühne und möglichenfalls dieselben Stücke spielen, die in der Klasse
gelesen wurden. Was hatte das mit Susanne zu tun, die weggeschickt war,
weil sie irgend etwas, nicht recht verständliches, mit dem Gärtner zu tun
gehabt haben sollte? Lola saß in Rätseln; aber schon nach der ersten
Unterrichtsstunde fing sie neugierige Blicke auf, die sogleich, mit
künstlicher Fremdheit, weggelenkt wurden; und auch die Lehrerin, die jetzt
darankam, starrte erst einmal Lola recht unverschämt forschend ins Gesicht,
und dann richtete sie plötzlich das Wort an eine andere. In der Pause
bemerkte Lola, daß manche ihr auswichen, und daß einem harmlosen Mädchen,
mit dem sie sprach, von Jenny und mehreren andern so lange bedeutsam
gewinkt ward, bis es sich verlegen von Lola losmachte. Lola ging gradeswegs
auf Jenny zu: was das eigentlich heiße. Jenny wendete sich gepeinigt hin
und her, murmelte, als sei sie um Lolas willen in Sorge, daß nur keine es
höre: das wisse Lola wohl selbst am besten; und rasch tauchte sie in einen
Kreis Schwatzender.

Ernestes Benehmen war noch viel auffallender. Lola erinnerte sich nicht,
daß Erneste jemals länger als eine Nacht mit ihr böse gewesen war. Am
Morgen hatte sie sich immer anmerken lassen, daß sie gern versöhnt werden
wolle. Dabei ging sie beinahe bittend zu Werke; infolge jeder von Lolas
Ungezogenheiten war Erneste es, die gewissermaßen Vergebung suchte, und
deren Miene um ein gutes Wort warb. Lola bat schwer um Verzeihung. Wenn sie
sich dazu entschloß, tat sie's aus Mitleid mit Erneste. Das junge Mädchen
dachte dann an des Kindes erste Begegnung mit Erneste: als Erneste zuerst
streng auf sie eingedrungen und plötzlich, wie sie Lolas Tränen sah, ganz
aus der Fassung geraten war. So ging es immer. Erneste schien sich manchmal
viel zu dünken, und plötzlich fiel sie in Schüchternheit. Nachdem sie
anfangs ihre gnädige Gesinnung als Belohnung hingestellt hatte, bemühte sie
sich schließlich um Lolas Zuneigung. Was sie bekam, war eine etwas
geringschätzige Freundlichkeit.

Jetzt aber gebärdete sich Erneste, Tag um Tag, traurig und behutsam gegen
Lola: wie wenn Lola schwer krank sei und man könne mit ihr nur noch wenig
und leise reden. Lola sah: auch die wohlwollenden Mitschülerinnen bekamen
davon die Empfindung, Lola sei aufgegeben; -- und sie selbst geriet über
sich ins Unklare. Hätte Erneste ihr Szenen gemacht! Lola würde sich
versteift, sich behauptet haben. So erschien, was sie gewagt hatte,
allmählich ihr selbst als etwas Ungeheuerliches. Keine andere also war
dessen fähig! Lola fühlte sich abgesondert, ihre Schritte unheimlich
gedämpft, ihr ganzes Dasein fragwürdig. »Bin ich denn anders als alle?«

Da erinnerte sie sich gewisser Träume, gewisser ahnender, grübelnder
Gefühle, für die sie, kam sie damit heraus, nirgends Verständnis gefunden
hatte. Befremdet und etwas peinlich berührt, hatte man sie stehen gelassen.
Die besten hatten gutmütig gelacht. Auch das mit Herrn Dietrich und dem
Frühling fiel Lola wieder ein: und nun bedeckte sie, im verschlossenen
Schlafzimmer, die Augen mit den Händen, glühend rot durch diese vor Jahren
gesprochenen Worte. Plötzlich richtete sie sich auf.

»Und ich bin doch so!« sagte sie laut vor sich hin, und:

»Auch ich habe mein Recht!«

Sie überlegte:

»Sollte alles daher kommen, daß ich aus einem andern Lande bin? Wenn im
Sommer alle stöhnen, dann wird mir erst wohl. Natürlich: ich gehöre gar
nicht hierher! O, zu Hause, wie viel schöner war es zu Hause!«

Irgend ein glänzendes Bild aus Kindertagen war ihr unvermutet durch den
Sinn geschossen; sie hielt den Atem an: es war fort. Durch Nachdenken
wollte sie ihre Gefühle von einst zurückbannen: es kam nichts; und als sie
endlich eins zu halten meinte, war es nur die Erinnerung an eine Ansicht
aus den Tropen, die sie kürzlich in einer Zeitschrift gesehen hatte.
Klagend trat sie ans Fenster, die Schultern hochgezogen, als träfe sie der
kalte Regen, der gegen die Scheibe schlug.

»Hier bin ich nicht heimisch geworden; und das, was meine Heimat war, habe
ich vergessen. Wohin gehöre ich denn?«

»Drüben hatte ich meine Familie und meine Freunde. Drüben verstanden alle
mich. Drüben war ich glücklich.«

Und bittere Gedanken richteten sich gegen den Vater, der sie losgerissen
und verbannt hatte.

»Warum grade mich? Nene hat dort bleiben dürfen. Pai kann mich niemals lieb
gehabt haben!«

Lola überdachte seine Briefe und fand sie kalt. Gleichwohl schrieb Herr
Gabriel ihr jeden zweiten Monat; und nur sein besonnener kaufmännischer
Stil war schuld, daß seine Sätze kühl klangen. Lola war nicht gestimmt, die
Liebe zu fühlen, die hinter den Worten bebte.

»Niemals hat er mich besucht, in all den Jahren!«

»Und wie grausam ist er gegen Mai gewesen! Mai, die weinte und mich
festhalten wollte, als der große Schwarze mich forttrug!«

Das ganze phantastische Grausen jener Sturmnacht entstand noch einmal in
Lola; und mit der Kinderangst von einst wallte Sehnsucht auf:

»Mai!«

Die Arme ausgestreckt:

»Mai! Mai!«

Ein weißer, glänzender Nebel erschien vor Lolas Augen und, weich darum
gelegt, ein Rahmen aus dunklem Haar. Lola wollte Züge hervorlocken: der
Nebel blieb leer; er drohte wegzufließen. Sie flüsterte bange Koseworte,
hielt in ekstatischer Beschwörung dem Phantom ihrer Mutter die Lippen hin:
umsonst. Lolas Kraft war aus und das Bild zerronnen.

Sie ergab sich nicht; sie suchte, mit einem Blick der Not, nach Hilfe
umher, nach einem Anhalt -- und traf auf eine alte Schreibmappe. »Mais
Brief!« Sie wühlte ihn heraus, legte aufschluchzend ihre Wange in das alte
Papier. »Das kommt von Mai!« Jeder dieser kleinen flüchtigen Buchstaben war
ein Geschenk von Mai an Lola. Sie las darüber hin, lange Zeit. Dann
enträtselte sie, mit Hilfe des Französischen, einige Worte. Dann sprach sie
sie laut, fügte andere hinzu und horchte jedem nach, mit offenem Mund und
seitwärts gewendeten Augen. Dazwischen erregtes Lachen: ja, so klang es.
Ein Jubelruf: das war Mais Stimme! So sagte Mai dies! O, und dies war die
schwarze Anna; und dies --. Die Namen ehemaliger Freundinnen klangen mit;
ein Gesicht sprang aus einer Silbe, eine Begebenheit. Lola wußte nicht
mehr, wohin sie lauschen sollte. Ihr Geist stürzte hinter alledem her, nach
allen Seiten, wie ein Kind hinter Schmetterlingen. Minutenlang war sie
glücklich. Schließlich zerflatterte alles; -- aber Lola war nun gewiß: »Ich
muß hinüber! O, gleich, gleich an Pai schreiben!« Sie setzte sich daran,
wollte schmeicheln, Pai günstig stimmen und fand vor fieberhaftem Drängen
keine Worte. »Kann ich nicht telegraphieren? Kann ich nicht fliehen?
Sofort? Sofort?« Sie irrte, hochatmend, durchs Zimmer. Notdürftig
gesammelt, schrieb sie:

»Lieber Pai, darf ich jetzt nicht bald zu Euch zurück? Du wolltest wohl,
daß ich hier etwas lernen sollte. Ich kann Dir versichern, ich habe schon
viel gelernt.«

Was sagte dies! Gegenüber erblickte sie ihr Spiegelbild in einem fremden
Raum: in dem Raum, der sie seit sieben Jahren umfing und nun aussah wie ein
Zufallsquartier zum Übernachten. Sie dachte ihr Gesicht neben denen
draußen, ringsumher: lauter Gesichter mit anderen Wesenszügen, geformt von
einem fremden Blut. Im Geist hörte sie die Stimmen: anders fallende
Stimmen, Künderinnen fremder innerer Gewohnheiten. Sie schrieb:

»Ich hätte Dir noch viel zu sagen; aber ich kann mich nicht recht
ausdrücken, da ich ja keine Sprache ganz beherrsche. Bitte, erlaube mir,
daß ich kommen darf. Ich grüße Nene und Mai. Wäre es nicht möglich, daß ich
ein Bild von Mai bekäme?«

Im Gefühl, sich gerächt zu haben, ging Lola zu den andern. Sie benahm sich
so entschieden und selbstbewußt, daß Jenny mit ihr reden mußte und Erneste
sie nicht länger durch leises Sprechen für krank ausgeben konnte. Am Abend
fing sie sogar mit einer Streit an und, entgegen ihrer Alltagsnatur,
bereute sie nichts von dem, was sie im Zorn gesagt hatte.

Sie blieb hochgemut: wie konnte Pai ihre Bitte abschlagen! -- und
inzwischen sammelte sie Anhängerinnen, denen sie den Ton angab, denen sie
half, am Sonntag, bei den lebenden Bildern, in Kostümen und Kunst der
Stellung die andern zu besiegen. Die Pension spaltete sich; die eine der
Parteien scharte sich um Jenny, die andere um Lola, und jede warb mit
Leidenschaft um die draußen wohnenden Schülerinnen. Erbitterte und
wortlose. Kämpfe wurden bestanden. Einmal ward das Ziel des Ehrgeizes darin
entdeckt, als erste beim Frühstück zu sein; aber mochten Jennys Freundinnen
bei kaum grauendem Tag hinabschleichen: Lola mit den Ihren saß doch schon
am Tisch. Am Abend hatte sie von sich zu den andern, unter den Stubentüren
hindurch, einen Bindfaden geleitet. Jede war mit der Nächsten verbunden;
regte sich eine, erwachten alle; und geschlafen hatte keine. Dafür genoß
man nun Triumphgefühle, die einen sprengten.

Zu Lolas Hochgefühl wirkte Verachtung mit. Sie übte ihre Macht als
Parteiführerin und dachte dabei: »Was ihr alle mich angeht! Wie lange
dauert dies überhaupt noch! In vierzehn Tagen ist Pais Brief da!« Manchmal
sah sie Erneste an, die nichts ahnte, und konnte ihr Frohlocken kaum
niederringen. Einmal verriet sie sich. Am Sonntag nachmittag hatte Jenny
gesungen: etwas peinlich Sentimentales, wobei sie himmelte und die
Fingerspitzen auf die Brust setzte. Lola rief aus tiefster Seele:

»Das ist aber über alle Maßen geschmacklos!«

Jennys Anhängerinnen gaben dies nicht zu; nicht einmal unter ihren eigenen
waren viele der Meinung Lolas. Die Tochter eines Reichstagsabgeordneten
sagte:

»Es war so deutsch.«

»Es war geschmacklos!« stieß Lola hervor. »Wenn es deutsch war, dann war es
eben eine deutsche Geschmacklosigkeit!«

Darauf ward es still; und wie Lola sich bei den Ihren nach Beistand umsah,
wichen die Blicke ihr aus, und die Schultern drehten sich hin und her, bis
sie aus Lolas Nähe waren. Drüben versetzte eine spitz:

»Du bist eben eine Brasilianerin!«

»Wenn sie das noch wäre,« entgegnete die Tochter des Abgeordneten. »Aber
sie ist nichts: sie ist --«

Mit gekrümmten Lippen, die das Wort unter Selbstüberwindung hervorbrachten:

»International!«

Der Ekel im Gesicht der Sprechenden steckte alle übrigen Mienen an; und als
habe man neben sich eine Schande, wandte man sich schweigend zu etwas
Anderem. Ein Dienstmädchen trat ein:

»Fräulein Lola, ein Brief für Sie!«

Von Pai! Lola stürzte damit hinaus, schloß sich ein. Sie zitterte; und im
jähen Gefühl, in einer äußersten Minute ihres Schicksals zu stehen,
murmelte sie: »Mein Gott! Mein Gott!«

Dann erfuhr sie:

»Meine liebe Tochter! Deine Nachrichten habe ich erhalten und ihnen zu
meinem Bedauern entnommen, daß die dortigen Verhältnisse Dir nicht mehr so
zuzusagen scheinen, wie ich gewünscht und erwartet hätte. Es ist jederzeit
für uns von Nutzen, unserer Umgebung Wohlwollen entgegenzubringen; um so
mehr aber erscheint dies geboten, wenn wir, menschlicher Berechnung nach,
einen großen Teil unseres Lebens am fraglichen Platze verbringen werden.
Übrigens denke ich mich in einiger Zeit persönlich nach Dir umzusehen und
verspreche ich mir von diesem, nicht durch meine Schuld so lange
verschobenen Wiedersehen eine bedeutende Genugtuung. Somit halte ich ein
Herkommen deinerseits zurzeit nicht für angezeigt. Du darfst versichert
sein, daß wir nicht mehr allzu lange getrennt bleiben werden, und daß, wenn
ich einst in der Lage sein werde, meinen Wohnsitz ganz nach dort zu
verlegen, auch Deine Mutter mit hinüberkommen wird. Deine Mutter grüßt
Dich, kann Dir jedoch das gewünschte Bild nicht schicken, da sie sich
neuerdings auf keiner Photographie mehr getroffen findet.«

Ȇber das, mein liebes Kind, was wir im Leben sein werden, entscheidet das
Blut, welches wir bei unserer Geburt mitbekommen. Unter einem nicht
blutsverwandten Volk werden wir uns niemals vollkommen wohl und heimisch
fühlen. In Dir, meine Tochter, fließt, wie ich hoffe und glaube, ein
vorwiegend deutsches Blut, und als deutsches Mädchen gedenke ich Dich
dereinst wiederzufinden. Es wird Deine Aufgabe sein, Dich dort mehr und
mehr heimisch zu machen.«

»Nimm diese Worte von Deinem Vater mit Liebe auf. Es ist und kann ja nur
mein einziger Wunsch sein, Dich glücklich und zufrieden durchs Leben
schreiten zu sehen.«

Lola war fertig und nahm doch das Blatt nicht von den Augen. Kein Bild von
Mai: nicht einmal das! Nicht nach Hause, kein Bild, kein gutes Wort. Denn
diese alle hörten sich hart und verständnislos an. Sich heimisch machen!
Hier, wo sie noch soeben beschimpft und geächtet war! Pai wußte nichts;
niemand wollte etwas wissen von Lola. Alles aus, alles aus.

»Was ist dir?« fragte, als es zum Essen geläutet hatte, teilnahmsvoll
Erneste. »Du hast doch keine schlechten Nachrichten von den Deinen?«

»O nein, es geht ihnen gut; aber mir selbst ist nicht wohl.«

Sie bekam die Erlaubnis, sich sogleich niederzulegen, und war froh, als der
Arzt ein wenig Fieber feststellte. Im Bett bleiben, niemand sehen, nur
nicht den Blicken der Fremden ausgesetzt sein. Lola fühlte gar keinen Mut,
sich zu behaupten. Wie sie, drei Tage später, sich wieder zeigte, genoß sie
die Vorrechte der Genesenden, durfte schweigen und Launen nachgeben. Sie
saß bleich und schwach da, und anstatt einer Lehrerin zu antworten,
musterte sie sie, als erblickte sie sie zum erstenmal. Was für ein Gesicht
war doch dies; wie viel Unschönes enthielt es! Diese immer geärgerten
Augen, die gelben Schläfen, die kleinlichen Falten, die den Mund
zerkniffen! Vor Lolas starrem Blick ward es älter, immer älter und endlich
zur Mumie. Erschreckt riß sie sich los. Wenig später aber sah sie sich im
Gesicht einer rezitierenden Mitschülerin fest, dessen Leere sich Lola
plötzlich auftat wie ein Abgrund.

Das ward zur Sucht. Sie las aus einem der vielen Gesichter, die ihr jetzt
abstoßend schienen, alle in der Familie möglichen Abweichungen des Typus
heraus, und ward bedrängt von Fratzen. Die Dummheit oder Gewöhnlichkeit
gewisser Züge überwältigte sie täglich wieder, wuchs ihr entgegen, wie eine
Sonne, in die man fällt. Lola atmete dann kürzer und meinte zu verblöden.

Sie bekam einen quälend feinen Sinn für das Alberne eines Tonfalls und das
Untergeordnete einer Gebärde. Sie frohlockte und litt bei jeder
Geschmacklosigkeit, die jemand beging. Sie legte eine Liste der
Armseligkeiten an, die um sie her geschahen und geredet wurden, und las
darin mit bitteren Rachegefühlen. So waren ihre Feindinnen! Denn Lola war
überzeugt, daß alle sie haßten, und sie erwiderte es ihnen. Aus jeder
Gruppe von Mädchen glaubte sie ihren Namen zu hören; sie trat herzu:
»sprecht weiter, bitte«; und ihre Stimme, die sie aus ihrer Einsamkeit
unter die Feinde schickte, wollte höhnisch sein und war unsicher. Eines
Abends beim Teemachen explodierte die Spiritusmaschine und überschüttete
Lola mit blauen Flämmchen. Während sie noch mit einer Serviette ihr Kleid
abtupfte, rief sie schon:

»Das warst du, Berta! Du wußtest wohl, daß ich heute an der Reihe war, Tee
zu machen: eigens deswegen hast du vorher aufgegossen und hast den Docht
falsch eingeschraubt!«

»Um des Himmels willen, Lola, ich habe dich doch nicht verbrennen wollen!«

»Wer hat mir neulich die glühend heiße Schüssel in die Hand gegeben?«

»Ich wußte es doch nicht! Auf der andern Seite war sie kalt!«

Das gutmütige Mädchen weinte fast. Erneste bemerkte kummervoll:

»Du bist mißtrauisch, Lola: das ist keine schöne Eigenschaft.«

Lola war mißtrauisch, weil sie sich verraten fühlte. Sie war empfindlich,
weil sie allein und immer auf der Wacht war. Andere hatten Stützen: das
Ansehen eines Vaters, einen Namen, jemand der sie besuchte. Eine kleine
plumpe Person mit Eulenaugen und Brillen davor, ging, so oft sie sich
irgendwie blamiert hatte, umher und wiederholte: »Ich habe das Wörtchen
von. Du hast es nicht, ich aber habe es.« Lola suchte vergeblich nach einer
Rache dafür. Da aber begegnete ihr in der Zeitung, daß der
Reichstagsabgeordnete, der Vater ihrer ärgsten Feindin, Bankerott gemacht
habe. Das Herz klopfte ihr bis an den Hals vor Freude. War's eine Schande,
»international« zu sein, war's hoffentlich auch eine, Bankerott zu machen!
Mit dem Zeitungsblatt lief Lola von einer zur andern, gefolgt von der
Tochter des Abgeordneten, die jammerte: »Es ist nicht wahr« und endlich zu
Erneste floh: sie möge Lola Einhalt tun. Aber Lola war unerbittlich. Dafür
konnte sie's, als unerwartet Jennys rote, spießige Mutter bei Tisch saß und
das Wort führte, vor Erbitterung und Gram nicht bis zu Ende aushalten,
mußte sich in ihr Zimmer retten und einen Weinkrampf durchmachen. »Nie wird
Mai kommen! Die häßlichen, gewöhnlichen Menschen sind wenigstens gut mit
ihren Kindern!«

Erneste sah den Krisen Lolas unschlüssig zu. Sie, die Lola liebte,
beschämte es, daß sie sie nicht verstand. Manchmal ward sie ungeduldig und
wollte mit Erzieherinnenderbheit dazwischenfahren. Aber ihre
altjungferliche Achtung vor den Dingen des Herzens hielt sie zurück. »Es
muß etwas sein . . . Sie wird damit fertig werden.« Eine Frage drückte
Erneste; sie fürchtete sich, sie zu stellen. Jetzt sprach sie zu Lola vor
anderen in freudig ermunterndem Ton; waren sie aber allein, ward Ernestes
Stimme, was sie auch sagen mochte, mitfühlend und beruhigend. Lola entzog
sich ihrer Teilnahme, stellte sich früh und abends schlafend und verließ,
kaum daß Erneste sie vertraulich zu stimmen suchte, das Zimmer. Endlich
wagte Erneste, ohne Vorbereitung, ihre Frage:

»Möchtest du noch zum Theater?«

»Zum Theater?« machte Lola, die Brauen gefaltet; und mit gehobenen
Schultern:

»Daran habe ich gar nicht mehr gedacht.«

Auch dort waren die Menschen schwerlich anders, und Lola wußte sich so
wenig zur Bühne gehörig wie sonst irgend wohin. Aber Erneste hatte den Atem
angehalten; nun traten ihr Tränen der Erleichterung in die Augen.

»Gott sei Dank, Kind! Mein liebes Kind, Gott sei Dank!«

Sie reckte sich an Lola hinauf und küßte sie auf den Mund. Eine ihrer Hände
ließ sie segnend über Lolas Kopf schweben.

»Das andere wird alles gut werden,« verhieß sie innig. Lola, in Wut, weil
sie gleich weinen mußte, sah kalt zu ihr hinunter. Erneste trat von ihr
weg.

»Du sollst auch eine Belohnung haben,« -- ganz lustig, nur nicht mehr
sentimental. »Wohin möchtest du diesen Sommer lieber: ins Gebirge oder an
die See?«

»Ich weiß wirklich nicht.«

»Du wirst dich schon besinnen.«

Aber Lola setzte ihren Ehrgeiz darauf, keine Vorliebe zu verraten; Erneste
mußte schließlich selbst wählen; und zu Beginn der Ferien, als die andern
alle daheim waren, fuhren Erneste und Lola ins Gebirge.

»Wir müssen viel zusammen spazieren gehen,« hatte Erneste gesagt; aber dann
zeigte sich's, daß sie vom Steigen ihre Herzbeschwerden bekam. Lola ließ
sie auf einer Bank zurück und eilte weiter, den Passionsweg mit den
Bildstöcken hinauf, an der geweihten Quelle und der Einsiedelei vorüber und
in den Wald, wo er recht tief, recht wild und menschenfern war, wo im
Tannendickicht die kaum ausgetretenen Graspfade und über Schluchten der
morsche Steg zu einsamen, schmerzlich stillen Zielen führten. Denn Lola war
so glücklos, daß der Anblick eines Menschen sie unsinnig erbitterte.

Sie fühlte sich häßlich: unablässig peinigte sie die Empfindung ihrer zu
hohen Stirn, ihres bleichsüchtigen Mundes, ihrer langen Glieder, die in den
Gelenken nicht recht heimisch schienen. Ungeschickt und in ihrer Haut
unbehaglich, mußte sie sich immerfort betasten, immer wieder feststellen,
daß an ihrem in falschen Verhältnissen aufgeschossenen Körper kein Rock und
keine Bluse richtig sitze. Sie fühlte ihre Häßlichkeit noch gehoben durch
die Begleitung Ernestes, in ihrem Kapotthut, ihren schwarzen
Zwirnhandschuhen, ihrem alten Mantel, der schief von ihrer zu hohen
Schulter hing. Waren sie beide nicht ein lächerliches Paar? Lola sträubte
sich gegen die Verwechslung mit Erneste, und dabei mußte sie gestehen, man
könne sie äußerlich ganz gut zur gleichen Klasse rechnen: sie, die nicht
von Erneste nur, nein, von allen so weit Getrennte! Begegnete sie Leuten,
sah sie entweder scheu weg, oder sie musterte sie frech, wie eine für immer
Draußenstehende, die sich ihrer Ungezogenheit nie zu schämen haben wird.
Dennoch hätte sie bei Tisch, wo Erneste sie mit ihren Nachbarn zu reden
nötigte, in den ersten jungen Menschen sich fast verliebt. Ihr Stolz
verhinderte es: weil sie sich häßlich wußte; und die Erinnerung, daß kein
Geschöpf liebenswert sei, keins sie angehe und jede Gemeinschaft nur wieder
Gram bringe. In der Einsamkeit ward ihrer freier; sie konnte in ein Buch
aufgehen, ihr qualvolles Ich darin aufgehen lassen. Um so schlimmer war's,
wenn die Feinde sie auch hier erreichten. Einmal -- sie glaubte an einer
Stelle zu sein, wohin nie ein Mensch den Fuß gesetzt habe -- erhob sich
plötzlich der Lärm zahlreicher Stimmen, die auf Sächsisch voneinander
Abschied nahmen. Die Gesellschaft verteilte sich auf zwei Wege, die fünfzig
Schritte weiter unten wieder zusammenstießen; bei den unverhofft nochmals
Vereinigten ging eine freudige Begrüßung an; und Lola, der das vorkam wie
eine ihr zum Hohn aufgeführte Komödie, rang die Hände im Schoß. Darauf
blieb es still: bis ein Knacken im Gebüsch und ein kleiner wilder Schrei
sie erschreckten. Sie warf einen Stein nach dem Tier. Gleich darauf stürzte
sie ins Gras und schluchzte heftig und unstillbar auf ihre erschlafften
Arme nieder. Ihre Tränen flossen dem, was sie getan hatte und allem, was
sein mußte: flossen ihr selbst.

Wenn es andern zu heiß war, oder beim Nahen eines Gewitters, stieg Lola in
den Wald. Bei sich hatte sie Lamartines Meditationen. »Die Freundschaft
verrät dich, das Mitleid läßt dich im Stich, und allein schreitest du den
Pfad der Gräber abwärts,« las sie auf dem Weg mit den Bildstöcken; -- und
trat sie dann am Ende der fahl bläulichen Steige an den Rand der Bergwand
und sah hinaus in ein grenzenloses Land, dessen Wellen schwarze Gehölze,
grelle Wiesen, rostrote Kornfelder in tiefhangende Wetterwolken
hineintrugen -- im unheimlichen Flackerlicht solcher Stunde durfte Lola
verzweifelt frohlocken: »Ich durcheile mit dem Blick alle Punkte der
ungeheuren Weite und sage: Nirgends erwartet mich Glück.« Mochte doch in
jenem getürmten Grau die Sonne für immer untergehen; Lola wußte im Ernst:
»Ich wünsche mir nichts von allem was sie bescheint; vom ungeheuren All
verlange ich nichts!«

Aber die Verse selbst, in denen diese äußersten Schmerzen laut wurden,
bargen in sich den Balsam dagegen; »Akzente, der Erde unbekannt«, regten
sich in ihnen; und sie trugen einen, indes man sich hoffnungslos wähnte,
unversehens in gütigere Welten. Nun saß Lola geborgen unter dem Dach des
Holzfällerhüttchens aus Reisern und Moos, und beim Geprassel des Regens
flog ihre Seele nach einem fernen, sanften und einsamen Gestade. Wie die
Wogen sangen! Welche Harfenakkorde die klare, duftlose Luft durchperlten!
Lola stieg in eine Barke, und mit ihr einer, der zu ihr sprach: »Sieh
mitleidigen Auges auf die gemeine Jugend, die von Schönheit glänzt und sich
mit Lust berauscht: Wenn sie ihren Zauberkelch geleert haben wird, was
bleibt von ihr? Kaum eine Erinnerung: das Grab, das ihrer wartet,
verschlingt sie ganz, ewiges Schweigen folgt auf ihr Lieben; über deinen
Staub aber, Lola, werden Jahrhunderte dahingegangen sein, und noch immer
lebst du!«

Der Dichter war's, der dies gesprochen hatte. Lola erwachte; sie kauerte
und bohrte die Handknöchel in ihre von Scham und Glück roten Wangen; und
sie erbebte von der Ahnung jener liebreichen Ewigkeit, die ihr verheißen
war. Lieben und geliebt werden bis zur Unsterblichkeit! War es zu ermessen?
Dennoch fühlte sie, ihr sei's bestimmt; und aufgehoben und erstarkt,
entwand endlich ihr sehnsüchtiges Herz sich dem Menschenhaß. Lolas Gefühle
und die Verse, die sie trugen, hatten einen Gang, der nicht der Gang
irdischer Menschen war. Menschen, die einer bestimmten Nation und eines
Standes waren, die Dialekt sprachen, Vorurteile hatten, an Erde und Metall
klebten: solche Menschen hatten wohl nie in solchen Versen gefühlt. Es
mußten andere leben, lustigere, gütigere und reinere, die man lieben
konnte. Sie waren auf anderen Sternen: gewiß, es gab überirdische
Lebensstufen, und Gott -- o, er war also da! -- erlaubte uns, von Stern zu
Stern uns zu veredeln! Ihrer häßlichen Hülle ledig, schwebte Lola in
Gemeinschaft einer seelenhaften Menschheit durch die Unendlichkeiten der
Poesie; und kehrte sie nach dem Gewitter heim, war sie trunken von der
wetterleuchtenden Weite, dem Jubel der befreiten Natur, von Menschengüte,
Tugend und Alliebe.

Dann sagte Erneste:

»Nein aber, du triefst; du verdirbst noch alle deine Kleider!«

Und Lola mußte herabsteigen und sich mit den Wesen behelfen, zu denen eine
mürrische Wirklichkeit sie gesellt hatte.

Erneste war vor dem Gewitter ins Zimmer geflüchtet und hatte an ihrem Buch
keine Freude gefunden, weil sie immer denken mußte, daß sie nun doch allzu
wenig Gutes habe von ihrem Liebling, von dieser Lola, die sie, ganz
insgeheim, ihr Kind nannte. Dies Berghotel war ein teurer Aufenthalt, und
wenn er für Lola ohne Schwierigkeit bezahlt ward, Erneste fiel's nicht
leicht. Sie wohnte sonst den Sommer in einem Dorf nahe ihrer Stadt, mit
andern Lehrerinnen und mit Lola. Um Lola zu erfreuen, hatte sie dies Jahr
die Reise gemacht; und auch, weil das Kind groß ward und es nicht mehr
lange dauern konnte, bis man es ihr wegnahm. Vorher noch eine Zeitlang es
ganz für sich haben, noch einmal so vertraut mit ihm leben wie einst, als
es klein war: danach hatte Erneste sich gesehnt. Nun aber saß sie meist
allein, immer in der Stube, bei dem ewigen Regen hier im Gebirge, und Lola
hatte noch nie daran gedacht, ihr Gesellschaft zu leisten. »So junge
Menschen sind zu sehr mit sich beschäftigt und sehen in andere nicht
hinein. Daß sie wegläuft, ist kein Mangel an Zartgefühl, bewahre. Warum
kann ich ihr nicht sagen, wie gern ich mit ihr beisammen wäre? Es ist meine
Schuld.« Dabei errötete Erneste, sogar hier im verschwiegenen Zimmer.

Wieviel verschämtes Leid hatte ihr die Liebe zu diesem Kinde bereitet! Bis
in das erste Jahr zurück wußte sie noch alle Strafen, die sie Lola hatte
erteilen müssen: so schwer waren sie ihr geworden. Schmerzensworte, zornige
Ausrufe der Kleinen, die Lola selbst längst vergessen hatte, fielen Erneste
oft wieder ein, und noch immer erschrak sie darüber. War sie nicht zart
genug gewesen mit dem einsamen Kinde? Wohl hatte sie es über die
empfangenen Strafen zu trösten gesucht: indem sie ihm das Fleisch, das es
nicht gern aß, wie einen Kuchen herrichtete; oder dadurch, daß der Spitz
Ami, der Lola angeknurrt hatte, vor ihr schön machen mußte. Ami war nun
tot: Alles war verändert. Nie mehr saß Lola wie damals, als sie noch nicht
Deutsch konnte, zu Ernestes Füßen und gab ihr die wenigen Worte, die sie
kannte, als Schmeichelnamen. Nie mehr schlüpfte sie am Morgen zu Erneste
ins Bett und weckte sie mit einem Gedicht, daß die Anrede »Herzmama«
enthielt! »Wenn die Kinder klein sind, brauchen sie uns.« War das wirklich
alles in der Liebe der Kinder? Nein, nein! Und doch war Erneste von einer
verdrießlichen Ahnung erfaßt worden, als eines Tages Lola nicht mehr unter
ihrem wagerecht ausgestreckten Arm stehen konnte.

Ganz leicht machte nun die Herangewachsene sich los: so leicht, als habe
sie sich innerlich nie bei Erneste gefühlt! Zwar durfte man nicht ungerecht
werden: sie hatte das Leben vor sich und wandte sich ihm zu; und dann war
wirklich viel Fremdes in ihr, das man nicht begriff, und das einem Sorge
machen konnte. Schon immer war Erneste ängstlich berührt, beinahe
eingeschüchtert worden durch die Anzeichen der fremden Herkunft bei Lola.
Die auffallenden Äußerungen des Kindes zuerst, seine eigenartigen Vergehen,
und daß es eigentlich niemals Kameraden gehabt hatte. Dann seine etwas
frühen kleinen Verliebtheiten; nun, sie waren schwärmerisch und rein und
mochten hingehen. Endlich aber diese schlimme Lust nach dem Theater: o,
etwas ganz Schlimmes war da in Lola entstanden, aus Keimen, die Erneste
trotz aller Pflege dieser Seele nicht hatte ersticken können. Wie
unheimlich ihr's damals zu Mut gewesen war! -- und wie kummerschwer sie nun
die Entfremdung zwischen ihnen beiden wachsen und die Trennung sich nähern
sah!

»Warum ist sie so? Was hat sie mir vorzuwerfen? Denkt sie doch noch ans
Theater?« Auch andere Mädchen in Lolas Alter und gerade die Besseren, wußte
Erneste, hatten ihre scheuen und eigenwilligen Zeiten, standen immer im
Begriff, in Ohnmacht zu fallen -- dies geschah Lola nie --, waren schwach,
erregbar und tief. Lola aber war gar zu unergründlich, und in ihrer
Verschlossenheit spürte man etwas Bitteres, Feindseliges. Hatte sie zu
klagen: warum eröffnete sie sich nicht ihrer alten Freundin? »Früh genug
bleiben wir allein im Leben. Noch hat sie eine, der sie alles ist. Aber die
Jugend trumpft auf ihre Selbständigkeit. Später wird sie an mich denken.«
Gereizt vom einsamen Grübeln, war Erneste nahe daran, Lola ein recht
schlimmes Später zu wünschen, damit sie an sie denke. Dann wurden Lolas
Schritte vernehmlich, und noch bevor sie in der Tür stand, hatte Erneste
ihr alles abgebeten.

»Bist du nun genug umhergelaufen?« fragte sie munter. »Setzt du dich nun
gemütlich zur alten Erneste?«

Dabei stellte sie sich ganz mit ihrer Häkelei beschäftigt und sprach nur in
Pausen.

»Weißt du wohl, woran ich eben erinnert wurde? An das seidene Kleidchen, in
dem du damals aus Amerika kamst. Dies da hat eine ähnliche Farbe, und die
Ärmel sind auch wieder so. Was alles zwischen den beiden Kleidern liegt,
nicht?«

Lola sah mit einer Falte zwischen den Augen vom Buch auf, wartete, was sie
solle, und las weiter.

»Du kamst zu einer Zeit, als ich sehr einsam und traurig war,« sagte
Erneste nach einer Weile.

»Beliebt?« fragte Lola; und Erneste sprach, trotz ihrer Scham, den Satz
noch einmal.

»So?« machte Lola, ungeduldig, weil sie einen Augenblick von sich selbst
fort und über jemand anderen nachdenken mußte.

»Ach ja, du warst das erste Jahr immer in Trauer.«

Sie sah noch in die Luft: ob sie weiterfragen müsse. Wozu; und sie kehrte
zum Buch zurück.

»Wenn man so allein geblieben ist, wie ich damals, dann ist das Herz
vorbereitet. Drum gewann ich dich, die du auch allein warst, gleich sehr
lieb,« sagte Erneste einfach. Nach einer Pause, da Lola sich nicht regte:

»Nun, ganz vergessen wirst du die alte Erneste wohl niemals!«

Ein stockendes Selbstgespräch.

»Solltest du einst ein Kind zu erziehen haben: Ja, dann denkst du gewiß an
mich . . . Du mußt es selbst erziehen . . . Bei Rousseau -- hier den Emile
wollen wir zusammen lesen -- steht folgendes: >Wenn ein Vater Kinder zeugt
und ernährt, leistet er damit erst ein Drittel seiner Aufgabe . . . Wer die
Vaterpflichten nicht erfüllen kann, hat kein Recht, Vater zu werden. Weder
Armut noch Arbeiten noch menschliche Rücksichten entheben ihn der Pflicht,
seine Kinder selbst zu ernähren und zu erziehen. Leser, ihr könnt mir
glauben, jedem, der ein Herz hat und so heilige Pflichten versäumt, sage
ich voraus, daß er über seinen Fehler lange Zeit bittere Tränen vergießen
und sich nie trösten wird.<«

Erneste sah vom Buch auf: Lola saß blaß da und sah sie durchdringend an.
Plötzlich, klar, rasch und eintönig:

»Meinst du etwa meinen Vater?«

Erneste öffnete erschreckt den Mund und konnte nicht sprechen. Sie wehrte
mit der Hand ab.

»Meinst du etwa meinen Vater?« wiederholte Lola. Rosig bis über die Stirn
brachte Erneste hervor:

»Um Gottes willen, Kind, was fällt dir ein! Ich habe von uns gesprochen,
von dir und mir. Ich halte dich in meinen Gedanken ja immer für mein
eigen!«

Lola prüfte sie noch immer: nein, Erneste hatte wohl nicht an Pai gedacht.
Wie sie sich aufregte! Welch seltsamer Ton: ich halte dich für mein eigen.
Lola stutzte; aber dann verglich sie unwillkürlich das an Ernestes
verwachsenem Körper schlechtsitzende Kleid mit ihrem eigenen, das sie auch
immer vergeblich zurechtzog; und sie sah weg.

Erneste beugte sich über ihre Häkelei und sann erschüttert: »Sie kann
glauben, daß ich ihr wehe tun will? Armes Kind! Armes Kind!«

Etwas später stellte sie eine Frage, und als Lola nicht verstanden hatte,
klopfte Erneste auf den Tisch und bemerkte streng:

»Wenn du beim Lesen die Finger in die Ohren steckst, kannst du mich
allerdings nicht verstehen. Sprich übrigens französisch!«

Und sie führten zur Übung ein langes, gleichgültiges Gespräch.

Nein, wahrhaft liebenswerte Wesen gab es nur auf andern Sternen; in ihrer
Nähe suchte Lola sie nicht. Eines Tages aber fand sie einen jungen Vogel,
der vergeblich ins Gebüsch zu flattern versuchte, und nahm den aus dem Nest
Gefallenen mit nach Hause.

»Was ist das überhaupt für ein Tier?« sagte Erneste.

»Das ist ganz gleich,« erklärte Lola. »Ich habe ihn gern.«

»In der Stadt wollen wir gleich im Buch nachsehen.«

»Nein, bitte nicht! Von welcher Gattung er ist, und alles übrige kümmert
mich nicht. Vielleicht ist er ein kleiner Fremder: ich habe ihn gern.«

»Kind, du bist sonderbar; aber wie du willst.«

Nun saß Lola halbe Tage mit dem Vogel in ihrem Zimmer, ließ ihn über ihre
Finger steigen, auf ihre Schulter flattern und bot ihm, mit einem Körnchen
zum Picken, ihre Lippen. Als er zu fliegen anfing, schloß sie das Fenster,
setzte ihn vor sich hin auf den Tisch, betrachtete ihn, den Kopf in der
Hand, wie er pickte, eckig den Kopf rückte, sie ansah und einen kleinen
hellen, einsamen Laut ausstieß; und stellte sich vor, dies sei ein Käfig
und sie beide seien darin eingesperrt.

Zurück in der Pension, sehnte sie sich keinen Augenblick nach ihrem Walde,
nach den Gewittern und der Holzfällerhütte; sie hatte ihren kleinen
Genossen, der zwischen den Stäben seines Bauers, in ihrem Zimmer auf sie
wartete. Sie dachte immer an ihn, ließ es sich aber nie anmerken und bekam
ein hartes, abweisendes Gesicht, wenn jemand von ihm sprach.

Niemand übte Kritik an ihren Seltsamkeiten; man konnte Lola nur anstaunen:
denn in diesem Winter verwandelte sie sich und ward schön. Die große Natur,
der sie im Sommer sich hingegeben hatte, schien in ihr fortzublühen und
Ebenmaß und Vollendung zu wirken. Lola tastete nach ihren Schultern, deren
Spitzen nicht mehr zu spüren waren, nach ihren Gliedern, die sich formten
und ihr nicht mehr den Eindruck machten, als seien sie zu lang und
schlenkerten locker umher; und sie fragte sich mit gerunzelten Brauen, was
werden solle. Ihr Schicksal war doch schon fertig gewesen? Auf einmal
befiel sie eine betäubende Freude, eine neue entzückende Selbsterkenntnis.
»Das also bin ich!« So oft sie konnte, zog sie sich in ihr Schlafzimmer
zurück: »um nach meinem Vogel zu sehen;« aber sie sah nicht mehr nach ihm,
sie sah nur nach sich selbst; und des abends ging sie früher hinauf als die
übrigen, um allein mit ihrem Spiegel zu sein. Er zeigte ihr eine
goldblonde, große Haarwelle von nie geahnter Weichheit über einer Stirn,
deren Höhe nicht mehr auffiel; zeigte ihr so genau und zart hingezeichnete
Brauen über so warm glänzenden Augen, so fein gefügte Lippen, schmal und
feuchtrot; die Wangen, die sie noch ein wenig voller wünschte, füllten sich
genau in der Linie, die sie wünschte; färbten sich, wie sie's verlangt
hatte; und war diese weich gebogene Nase jemals häßlich und zu groß
gewesen? Lola erfuhr, sie könne ein sehr damenhaftes Gesicht annehmen, das
sie fast selbst verlegen machte, und, wenn sie das Haar auflöste, ein ganz
kindliches. Beim Öffnen der Bluse freute sie sich auf die schlanke, weiße
Biegung ihres Halses, beim Ablegen des Mieders auf ihre Brust. Sie hätte
sich gern ganz gesehen: aber Erneste konnte eintreten; und als Lola es
dennoch gewagt und den Spiegel auf den Fußboden gestellt hatte, lag sie
gleich darauf im rasch verdunkelten Zimmer mit Herzklopfen unter der Decke,
und ihr war zumut, als kehre sie zurück von einem heimlichen Ausgange, sie
wußte nicht wohin.

Wer war so schön und vermochte so viel? Natürlich: jetzt drängten alle
heran, ihre Freundinnen zu werden! Lola legte ihnen Prüfungen auf, ließ
sich einen Gegenstand schenken, an dem der andern viel lag: nur um ihre
Macht zu fühlen. Dann gab sie das Geschenk zurück und sagte, sie könne
niemandes Freundin sein; die Freundin mehrerer am wenigsten. Freundschaft:
ihr sagte das Wort zu viel. Nachdem die Ihren sie verlassen hatten, konnte
ihr Freund, wenn sie einen hatte, nur auf einem andern Sterne leben! und
vieler Schmerzen, eines Lebens voller Schmerzen bedurfte es sicherlich, bis
sie zusammentrafen. Die Gefühle dieser Menschen hier waren zu billig. Lola
horchte nicht mehr argwöhnisch, ob von ihr gesprochen wurde. Häßlich und
fremd, hatte sie die Menschen gehaßt. Fremd und schön, sah sie von ihnen
weg. Freundinnen? Diese Berta, diese Grete, die sich noch gestern Abend um
einen Pfannkuchen gestritten hatten, bis beide weinten?

Wenn Lola jetzt an einen Aufsatz gehen wollte, fand sie den fertigen
Entwurf, von einer Hand, die sie nicht kannte, schon in ihrem Heft liegen.
Von derselben Hand bekam sie Briefe voll schmachtender Freundschaft.
Anfangs warf sie sie weg; dann spürte sie Lust, eine Probe zu machen. Sie
tat kund, sie habe etwas Merkwürdiges, und versammelte alle Pensionärinnen
um sich. Unvermutet zog sie einen der Briefe hervor, hielt ihn empor: »Wer
hat das geschrieben?« und sah dabei fest in die Gesichter. Alle reckten
sich neugierig: nur das der langen Asta sah nicht den Brief an, sondern
Lola, und blinzelte befangen. Lola steckte den Brief wieder ein. »Danke,«
sagte sie und drehte sich um.

Am Nachmittag lag zwischen ihren Schulbüchern ein neuer Brief: diesmal in
Astas Schrift. Asta bat sie, um sechs in die Gartenlaube zu kommen, sie
werde alles erfahren. Lola war entschlossen, nicht hinzugehen. Als es
dämmerte, saß sie am Fenster ihres Zimmers. Drunten stapfte Asta, lang und
gebückt, in Gummischuhen durch den Schnee. Lola sah nachdenklich zu.
Plötzlich nahm sie ihren Mantel und stieg hinab.

»Nun?« fragte sie und trat unversehens hinter den Lebensbäumen hervor. Asta
schnellte von der Bank auf.

»Verzeih,« stammelte sie. »Verzeih! Ich wollte dich nicht belügen, aber im
Beisein der andern konnte ich dir's nicht sagen.«

»Es tut nichts,« entgegnete Lola. Dieser kleine magere Kopf mit dem dünnen
Haar und der Nase wie bei einem Totenschädel erbarmte sie. Sie stellte sich
vor, sie hätte ihn küssen sollen, und ihr schauderte. Noch mehr aber
fürchtete sie sich davor, diesem Wesen weh zu tun.

»Wer hat denn für dich geschrieben?« fragte sie sanft. Asta schlug die
Augen nieder.

»Ich habe meine Briefe einem der Dienstmädchen mitgegeben, und sie hat sie
in der Stadt abschreiben lassen.«

Sie atmete beklommen.

»Wie du gütig bist, Lola, daß du kommst. Ich verdiene das nicht.«

»Warum nicht?« fragte Lola, und fand ihre Frage nicht ganz ehrlich.

»Weil du so schön bist und so reizend. Alle möchten dich zur Freundin: wie
komme gerade ich dazu, mich dir aufzudrängen. Aber sieh, ich kann nicht
anders. Ich weiß bestimmt, daß kein anderer Mensch mir je so nahe stehen
wird wie du. Ich habe darüber nachgedacht, ob ich meine Mutter und meinen
kleinen Bruder noch lieb habe. Aber wenn ich an dich denke -- und wann
dächte ich nicht an dich? -- dann habe ich Mutter und Bruder nicht mehr
lieb. Hörst du? nicht mehr lieb.«

»Was willst du denn von mir?«

»O! Lola!«

Und Lola, die nicht abzuwehren wagte, fühlte sich umschlungen. Sie bog den
Kopf zurück, um aus Astas Atem zu entkommen; aber ein paar Hände schlichen
fieberhaft um ihren Leib, unter ihrer Brust hin.

»Fühlst du gar nicht, was ich meine? Gar nicht?« Vorwurfsvoll und flehend.

»Gar nicht!« sagte Lola mit Nachdruck; denn Angst stieg in ihr auf. Im
Begriff, sich loszumachen, meinte sie ein Kichern zu hören. Der Gedanke an
Lauscher empörte sie. »Ich bin nicht gekommen,« dachte sie, »diese hier zu
verhöhnen. Ich habe nichts mit ihr gemein; aber auf seiten der andern stehe
ich erst recht nicht.« Sie sagte laut, wie für Zuhörer:

»Aber dies kann ich trotzdem tun.«

Und rasch küßte sie Asta auf die Wange. Wie sie ging, schluchzte es hinter
ihr auf. Oft noch hörte sie, wenn sie allein war, dies Schluchzen und
spürte wieder die Angst, die die fieberhaften Hände jenes Mädchens ihr
beigebracht hatten: sie begriff nicht, warum.

Jenny klärte sie auf. Ostern war nahe, und Jenny, die konfirmiert werden
sollte, ging im voraus mit einem feierlichen Gesicht umher. Es war schon so
rot und nur noch wenig kleiner als das ihrer Mutter. Wie sie Lola einst im
Garten traf, faßte sie sie unter den Arm und sagte:

»Lola, du bist manchmal recht unvorsichtig: ich als die Ältere möchte dich
warnen. Ja, sieh mich nur an! Du kannst von Glück sagen, daß ich neulich
hinter den Lebensbäumen stand. Wenn Asta mich nicht hätte husten hören, wer
weiß, was sie mit dir angestellt hätte.«

»Du hast nicht gehustet, du hast gekichert; und Asta hat es gar nicht
gehört.«

»Du glaubst nicht, wie schlecht manche Mädchen sind. Und die Herren . . .«

Ein Instinkt benachrichtigte Lola, es komme etwas Peinliches, und sie
wollte einfallen. Aber Jenny war nicht aufzuhalten. Sie hatte keine Zeit zu
verlieren: bald verließ sie die Pension. Sie bot Lola nicht mehr an, sie
mit einem Leierkastenmann bekannt zu machen: solche Scherze lagen hinter
ihr. Aber Lolas Naivetät war doch nicht mit anzusehen.

»Ich glaube dir einen wirklichen Dienst geleistet zu haben;« so schloß sie
ihre deutlichen Ausführungen.

»Nun ja,« machte Lola und hob die Schultern. Ihr war beklommen; um so
hochmütiger sagte sie sich: »Ich habe mir die Menschen ganz richtig
vorgestellt: Dies setzt allem die Krone auf.« Sie äußerte:

»Du entschuldigst wohl, ich muß meinem Vogel Futter geben.«

Aber den Vogel, der sie langweilte, vergaß sie gleich wieder und dachte
einige Tage an nichts so inständig, wie an Jennys Aufschlüsse. Sie riefen
phantastische Bilder hervor; und so oft Lola sich über diesen Vorstellungen
ertappte, ekelten sie sie. Allmählich zogen sie sich zurück und warfen nur
manchmal noch melancholische Schatten herauf. »Ach, daß es keine reine
Liebe gibt.«

Ein Brief von Pai brachte sie davon ab. Pai schrieb aus Argentinien, wohin
seine Geschäfte ihn genötigt hatten.

»Es geht alles nach Wunsch, und ich darf hoffen, mich bald an dem Ziel zu
sehen, das ich mir vorgesteckt habe: die Meinen sicher zu stellen und sie
in meinem Lande zu vereinigen. Vorerst denke ich Dich, mein Kind, in
nächster Zukunft dort aufzusuchen. Nur eine kurze Rückkehr nach Rio ist
geboten.«

»Und dort hält dann wieder irgend etwas ihn fest,« dachte Lola. »Das kennen
wir doch.«

Sie glaubte Pai nicht mehr. Vielleicht hatte er die besten Absichten; aber
so vieles war ihm wichtiger als Lola und lenkte ihn von ihr ab. Nach all
den Jahren konnte er sich höchstens sagen: Ich habe eine Tochter, und den
Gedanken an seine Tochter gern haben. Lola gern haben konnte er schwerlich:
kannte er sie doch gar nicht.

»Nicht von Belang«; damit legte sie den Brief zu den übrigen. Aber bei der
Arbeit ertappte sie sich plötzlich auf einer freudigen Unruhe und darauf,
daß sie schon während der ganzen letzten Seite nur an Pais Kommen gedacht
und alles falsch gemacht hatte. Vergebens ermahnte sie sich: »Als ich klein
war, hat Pai sehr schlecht an mir gehandelt; nie kann ich das vergessen«:
-- so oft sie an Pais Besuch dachte, bekam sie Herzklopfen. Und allmählich
dachte sie nur daran. Unter allen anderen lächelte dieser eine Gedanke, und
Lola selbst hatte beständig ein Lächeln zu unterdrücken. In ihr begann ein
Steigen und Fallen von Plänen, wie ein Springbrunnen, den man aufschließt:
immer höher, immer zuversichtlicher schnellt er empor. Anfangs wagte sie zu
hoffen: »Wenn Pai kommt, vielleicht kann ich mit ihm zusammen wohnen?
Einmal doch von den Fremden weg und bei meinem Vater wohnen!« Dann fiel ihr
ein: »Aber warum denn hier bleiben? Warum nicht eine Reise machen?« Viele
Orte, die sie gern gesehen hätte, sprangen ihr durch den Sinn. Auf einmal
stand alles andere still, und eine kleine schüchterne Stimme fragte: »Und
Rio?« Zuerst war Lola fassungslos; plötzlich entschloß sie sich: »Ja, Rio!
Was ist dabei? Wenn ich Pai bitte, wird er mir doch erlauben, Mai
wiederzusehen. Die Reise ist jetzt so kurz. Und für ihn ist es das
bequemste: er bleibt dann gleich dort, wenn ich zurückfahre.« Endlich, auf
dem Gipfel des Springstrahls: »Nein! Ich fahre nicht wieder zurück. Bin ich
dort, will ich's schon durchsetzen. Was kann denn Pai dabei tun, wenn ich
ihm um den Hals falle und nicht loslasse? Mündlich ist das alles ganz
anders als in diesen dummen Briefen. Und schlimmsten Falles stecke ich mich
hinter Mai oder hinter die Großeltern auf der großen Insel -- ach nein, sie
sind tot! -- oder ich laufe davon: lieber als daß ich zurückkehre! O, jetzt
hab' ich's!«

Sie klatschte in die Hände: zum erstenmal seit den Kinderzeiten. Dann lief
sie zu Erneste, ihrem Glücke Luft zu machen. Im Schwatzen bat sie
plötzlich, ausgehen zu dürfen. Zu viel blühte in ihr auf, das Haus ward ihr
zu eng. Nun schwatzte und lachte sie mit allen, wahllos und gedankenlos.
Keinen Augenblick konnte sie stillhalten. Immer: »Wie seid ihr langweilig!«
Und: »Geht heute niemand aus?« Im Gehen, im durch die Straßen Irren schien
ihr's, als komme sie ihren Wünschen näher. Zu Hause versank man in der
Zeit, wie in Lehm. »Vorwärts, o Gott, nur vorwärts!«

Eines Tages wie sie heimkam, trat Bertha ihr verstörten Gesichts entgegen.

»Dein Vogel ist tot,« sagte sie vorwurfsvoll; und Lola, kopflos:

»Wieso?«

»Ich sollte für Erneste etwas aus eurem Zimmer holen und da hab' ich
gesehen, daß er tot ist.«

Lola schüttelte den Kopf. Sie ging hinein: wirklich, da lag er auf der
Seite. Sie streckte mit Widerwillen einen Finger durch die Stäbe und zog
ihn rasch wieder zurück. »Im Näpfchen sind noch viele Körner, er hat schon
lange nichts mehr gefressen. Und gestern Abend sang er noch; ich mußte ihn
zudecken. Nun, diese Art lebt vielleicht nicht länger: tröste dich.« Sie
hatte das Bedürfnis, rasch weiterzukommen. Ihr nach Glück jagender Sinn
wußte mit dem Tod, der ihr in den Weg trat, nichts anzufangen und erkannte
ihn kaum. Wie sie die Tür öffnete, stand jemand davor mit einem
schwarzgeränderten Brief. Erstaunt nahm sie ihn und trat zurück ins Zimmer.
Die Schrift kannte sie nicht; die ersten Worte hießen:

»Liebe Lola! Ein großes Unglück ist geschehen, unser Vater ist gestorben.«

»Wessen Vater?« Sie sah nach der Unterschrift: »Dein Bruder Paolo.« »Paolo?
Welch Unsinn! Mein Bruder hieß Nene.« Sie las weiter.

»Unser Vater reiste, wie dir vielleicht bekannt ist, die letzte Zeit in
Argentinien und kaum zurückgekehrt, nahm er das Gelbe Fieber: so wahr ist
es, daß kein nicht in Rio Geborener sich entfernen darf ohne Gefahr, bei
seiner Heimkunft ein Opfer der schrecklichen Krankheit zu werden.«

»Es scheint doch Pai zu sein.« Sie las noch:

»Unsere liebe Mama weint mit mir. Weine mit uns, Schwester!«

»Pai ist tot?« dachte Lola. »Er wollte doch herkommen!« Ihr planloser Blick
durchsuchte das Vogelbauer; da bemerkte sie:

»Das sind nur leere Hülsen! Wahrhaftig, kein einziges Korn. Dann ist er
verhungert! Ich habe ihn verhungern lassen! Mein Gott! Und ich hatte ihn
doch lieb!«

Sie gedachte und rang dabei die Hände, der Zeit, da sie den kleinen Vogel
fand und zu sich nahm, und der Zärtlichkeit, die sie auf dies rührende,
jetzt so kalte Gefieder gehäuft hatte: all das Gefühl, dessen sie nur die
luftigeren, gütigeren, reineren Geschöpfe höherer Sterne wert gehalten
hatte. Wie hatte es geschehen können, daß ihr diese große Liebe nach und
nach ganz aus dem Sinn gekommen war: so sehr, daß dies arme Tier sie
langweilte und sie's verhungern ließ? Wir waren also unseres Herzens nicht
sicher? Wie schrecklich! »Nur aus Eigennutz liebte ich ihn. Ich hätte ihn
in seinem Walde lassen sollen. Aber auch er hatte mich lieb: lieber als ich
ihn. Er pfiff, wenn ich ins Zimmer trat, und sobald ich die Lippen
hinhielt, legte er den Schnabel dazwischen. Gestern Abend hat er noch
gesungen: vielleicht um mir zu sagen, er sei mir nicht böse.«

Und unter dem Bewußtsein versäumter Liebe brach sie in die Knie und
schluchzte: »Pai ist tot!« Alles was sie bis dahin gedacht hatte, war nur
wie das Keuchen, bevor die schweren Tränen kommen. Jetzt erst wußte Lola:
»Pai ist tot;« und von allen Seiten fiel's über sie her: »Du hast ihn nicht
lieb gehabt. Du bist ihm böse gewesen, hast ihn nicht verstanden. Er wollte
dein Bestes und hat nur dafür gearbeitet. Lies seine Briefe!«

Sie las den letzten und erkannte plötzlich, welche wichtige Sache es für
ihn gewesen war, sie wiederzusehen. Die Zeilen zitterten auf einmal von
Sehnsucht und Ungeduld: »Daß ich das nicht gemerkt habe! Ich nannte ihn
kalt. Die Kalte war ich: ich wollte nach Hause zurück, vielleicht mehr aus
Eigenwillen, aus Hochmut. Das Zusammensein mit ihm genügte mir nicht; er
aber sehnte sich nur danach. Wie er deswegen gelitten haben muß, ehe er
starb!«

Ihr Schmerz entriß ihr selbst alles Herz und gab es dem Toten. So zärtlich
war er gewesen! »Es kann ja nur mein einziger Wunsch sein, dich glücklich
und zufrieden durchs Leben schreiten zu sehen.« Dies stand in dem Brief,
worin er ihr die erbetene Heimreise abgeschlagen hatte; den sie für den
liebeleersten gehalten, wegen dessen sie ihn fast gehaßt hatte! Jetzt
lernte sie, in die Worte hineinzuhorchen. »Ich habe dich lieb,« sagten
alle, wie einst Pais erste deutsche Worte in seinem ersten Brief es Lola
gesagt hatten.

Pais schweren, ruhigen Schritt vernahm sie aus seinen Worten, fühlte seine
starke, gute Hand, sah die verhaltene Empfindung in seinem ernsten Gesicht.
»Auf der Großen Insel! Pai besuchte mich; ich war ganz klein, er so groß
und blond, viel größer als alle Menschen. Alle bewunderten ihn und
beneideten mich, wenn ich an seiner Hand ging. Wie stolz war ich auf ihn!«
Bei dieser Erinnerung warf Lola sich, aufschreiend, zu Boden.

Erneste kam und wagte lange nichts zu sagen. Lola lag da, reichte Erneste,
ohne das mit den Armen verhüllte Gesicht zu erheben, den Brief hin,
schüttelte sich aber, sobald Erneste, über ihren Nacken gebeugt, nur
flüsterte. Plötzlich fuhr sie empor.

»Ich bin eine schlechte Tochter gewesen!«

»Wie magst du das sagen!« stammelte Erneste. »Seit früher Kindheit hast du
deinen guten Vater nicht mehr gesehen.«

Lola stampfte auf.

»Ich habe ihn gehaßt! Eine schlechte Tochter!«

»Der Schmerz verwirrt dich, Kind;« und Erneste, die schluchzte, umarmte
Lolas Kopf und drückte ihn an sich. Lola wollte sich losreißen; aber
Erneste nahm alle Kraft zusammen; und allmählich ließ Lola sich schlaff
werden, sinken und weinen.

»Du mußt an Mutter und Bruder schreiben,« sagte schließlich Erneste im Ton
der höchsten Eile, froh, eine Tätigkeit für Lola gefunden zu haben, die aus
ihrem Schmerze selbst hervorging, und in die er sich ergießen konnte. Wie
Lola dann ihre blutenden Gedanken sammelte, kamen auch unerwartete. »Was
soll ich ihnen schreiben? Daß ich kommen möchte! Jetzt kann ich kommen,
denn Pai ist tot.« Mit Entsetzen: »Das ist ja, als ob ich mich freute!
Nein! nein! Ich werde nicht nach Hause reisen: er hat es nicht gewollt, und
ich verdiene es nicht.«

Sie schrieb, sie müsse hier noch ihre Ausbildung beenden, und fühlte sich,
als sie aufstand, gewachsen.

Nachts weinte sie; über den dahingegangenen Vater, über das Verbot, an das
er sie noch als Toter band, über die verlorene Heimat: über alles weinte
sie dieselben Tränen. Erneste hörte sie die ganze Nacht und lag ganz still.
Am Tage aber tat die Buße, die sie sich auferlegt hatte, Lola wohl. Die
Schmerzen und der Verzicht, um Pais willen erduldet, waren etwas wie eine
Familie, waren ein Stück Heimat.

Auf einmal stand sie wieder ganz am Anfang: als sie mit Erstaunen den
Trauerbrief erbrach. »Es ist nicht möglich, daß er tot ist! Vor ein paar
Tagen lebte er doch. Auch noch, als der Brief schon unterwegs war, lebte er
doch! Hätte ich diesen schwarzgeränderten Brief nicht gelesen, er lebte
noch immer. Es wäre alles wie sonst. Ich habe ihn nicht leben gesehen und
sah ihn auch nicht sterben. Was weiß ich? Pai! Pai!«

Und da sah sie sich als Kind, wie sie auf ihren Irrwegen durch die Stadt,
inmitten eines leeren Platzes, wo es wehte, stehen blieb und flehentlich
ihr »Pai!« rief. Auch damals hatte er sie allein gelassen, und sie hatte es
nicht glauben wollen! Jetzt war er noch viel weiter fortgegangen, und der
Glaube war noch schwerer. »Er wollte doch herkommen!« Ja: auch damals hatte
er gerufen »noch einen Kuß, kleine Tochter«; und indes sie einem
Schmetterling nachlief, war er verschwunden.

»Warum kommt auch kein Brief mehr! Ich habe sie noch so viel zu fragen!«

Sie schrieb Briefe über Briefe, und in jeden wollte sich die Bitte
hineindrängen: »darf ich zu euch?« »Nein, nein! Ich darf nicht. Am Ende
würde auch Mai sterben. Pai ist gestorben, weil er zu mir wollte. Auf mir
ist ein Verhängnis: ich soll allein bleiben.« Und aus solchem feierlichen
Schicksal machte sie sich einen Halt für das Leben, das sie zu bestehen
hatte. Gleich zu Anfang des Herbstes vertrat sie den Wunsch,
Konfirmationsstunden zu nehmen.

»Schon?« fragte Erneste bestürzt. »Ich wußte wohl, Kind, daß ich dich würde
hergeben müssen; aber so früh!«

»Was willst du, ich bin sechzehn,« versetzte Lola, ohne Ernestes Aufregung
zu beachten: kaltblütig, wie jemand, der sich mit allem Kommenden
abgefunden hat.

»Und was wirst du dann tun, Kind? Nach Hause reisen?«

»Keinesfalls. Alles muß sich finden.«

Wieder begann Lola Pläne zu machen; und diesmal hielt sie sie für
unangreifbar: denn sie rechnete auf sich selbst allein. »Ich werde von
niemand abhängen. Niemand kann mich verlassen, keinem werde ich mehr
nachzutrauern haben. Allein werde ich meines Weges ziehen.«

An einem Nachmittag des nächsten Frühlings saß Lola mit einigen
Altersgenossinnen beim Tee. Erneste gab den Herangewachsenen die Erlaubnis,
sich Kameradinnen aus der Stadt einzuladen, und sie ließ die Mädchen unter
sich. Schwarz und sehr elegant -- denn die Schneiderin der Pension
bestellte ihr gegen Vergütung und ohne Ernestes Wissen manche Sachen aus
Paris -- lag Lola im Schaukelstuhl und blies ihren Zigarettenrauch, damit
man ihn nachher nicht rieche, aus dem Fenster. Ein blühender Apfelbaum
griff mit seinen Ästen herein; es war dasselbe Zimmer, worin einst die
kleine Lola mit ihrem Vater von Erneste begrüßt worden war.

»Ja ja, wer weiß, was jeder bevorsteht. Die meisten von euch werden
zweifellos im Geleise bleiben und heiraten.«

»Rede nur nicht, Lola. Als ob es bei dir nicht aufs selbe hinauskäme.«

»Schwerlich. Ich kann mir nicht gut einen Mann denken, zu dem ich gehören
würde. Ich habe ein eigentümliches Schicksal, meine Lieben. Vor mehreren
Jahren -- Gott, wir waren noch halbe Kinder -- nanntet ihr mich mal aus
Bosheit international. In eurer Bosheit hattet ihr aber ganz recht. Ich
gehöre nicht hierher, und anderswohin vermutlich auch nicht.«

»Na, du bildest dir aber was ein!«

»Ich denke mir die Sache anzusehen. Wenn ich hier glücklich heraus bin,
gehe ich, vermutlich mit einer Gesellschafterin, auf Reisen. Spanien und
Portugal nehme ich mir besonders vor.«

»Wie willst du als junges Mädchen denn durchkommen? Schon die Sprache!«

»Meine Muttersprache ist Portugiesisch!«

»Du hast längst alles vergessen.«

»Ich kann schon noch etwas.«

»Sprich mal!«

Lola blies Rauch aus dem Fenster. Die Tür ward geöffnet, und Ernestes
Stimme sagte französisch:

»Ein Besuch, meine Damen.«

Süßes Parfüm drang herein, und eine schöne Dame, schwarz und sehr elegant,
noch jung, mit glänzend weißem Gesicht und glänzend schwarzen Haarbandeaus
trat rasch in den Kreis der jungen Mädchen, die aufstanden. Sie erhob das
Lorgnon und sah umher.

»Da ist sie,« sagte Erneste und zeigte auf Lola. Die Dame ließ das Lorgnon
los; vom Anblick Lolas schien sie betroffen.

»Die Kinder werden groß,« bemerkte Erneste. Die Dame lächelte. Lola, die
erblaßt war, murmelte zitternd:

»Mai?«

Die Dame sprach, ganz schnell, etwas Unverständliches; Lola konnte, mit
stockender Stimme, nichts erwidern als »Mai, Mai«; und beide standen, die
Arme unschlüssig ein Stück erhoben, einander gegenüber. Erneste sagte in
ihrem korrekten Französisch:

»Ist das seltsam, gnädige Frau! Als Ihre Tochter ehemals in dieses Haus
eintrat, konnte sie nicht mit mir sprechen; und jetzt nicht mit Ihnen.«




Zweiter Teil




I


Mit glänzend glatten Bandeaus und einem rohseidenen Schlafrock, creme und
pfauenblau, kam Frau Gabriel ins Zimmer und fragte:

»Sind die Sachen da?«

Lola las, hing dabei aus dem Fenster und hörte nicht. Ermattet seufzend
lehnte Frau Gabriel sich in einen Sessel.

Lolas schlanker, kräftiger Nacken dahinten lag pflaumig blond im Licht. Um
ihr Haar her war ein goldiges Geflimmer. Die ungeheure blaue und
durchgoldete Weite trug Lolas Schattenriß in sich, bereit ihn
dahinzuraffen, aufzuzehren. Drei Palmenblätter nickten mit ihren Spitzen
über den Fensterrahmen hinweg. Die Hotelglocke ging. Nun schnaubte ein
Dampfer. Von Gesprächen, Musik und Gelächter flatterten Bruchstücke durch
Wind und Sonne herbei.

Frau Gabriel saß und polierte mit dem Taschentuch ihre Nägel. Lola sah sich
plötzlich um und fuhr zusammen.

»Sind die Sachen da?« fragte Mai geduldig.

»Da stehen sie doch!«

Nicht einmal den Kopf konnte Mai wenden: lieber saß sie eine halbe Stunde
und wartete. Wenn jemand aber auch gar keine Nerven hatte! Lola stellte die
geöffneten Schachteln dicht neben Mai hin.

»Grade habe ich sie noch bezahlen können. Aber es war fast das Letzte.«

»Schreibe doch an Nene.«

»Das sagst du immer. O! Wäre ich erst ausgebildet und selbständig! . . .
Weißt du, wieviel wir schon voraus haben? Die Zinsen eines halben Jahres.«

»Nene verdient aber auch; er wird mit uns teilen.«

»Er hat schon mit uns geteilt. Mir ist's sonderbar genug, daß dort drüben
ein junger Mann für mich arbeitet, den ich kaum kenne.«

»Versündige dich nicht, er ist dein Bruder.«

»Erinnerst du dich, wie ich anfangs, nachdem du herübergekommen warst,
nicht wußte, wer Paolo war? Als Kind hatte ich nie gehört, daß er Paolo
hieß und daß Nene nur Baby bedeutet.«

»Der gute Nene.«

»Wir lassen ihn also für uns verdienen; nur dürfen wir ihn nicht zugrunde
richten. Hörst du?«

»Ihr werdet das schon zusammen ausmachen: ihr seid klüger als ich. Ach,
unsere jetzigen Verlegenheiten hat Paolo mir vorausgesagt. Er wollte mich
durchaus nicht reisen lassen.«

»Zum Glück scheint er energisch; sonst könnte es schlimm enden. Ich selbst
vergesse mich manchmal. Zum Beispiel war's sehr unnötig, daß wir hierher
kamen. Wir sind genug hinter der Branzilla hergereist. Da sie nun in der
Nervenheilanstalt sitzt und für meine Stimmbildung nichts mehr tun kann,
hätten wir in Paris bleiben sollen.«

»Paris war schön!«

»Unser Leben in Paris kostete schließlich weniger: wir saßen doch manchen
Abend zu Hause. Hier läßt man uns nicht.«

»Du hast recht, es ist schrecklich; nun, Gott wird helfen. Kann ich jetzt
die Sachen sehen?«

»Aber -- sie liegen dir doch vor der Nase!«

»Muß ich sie selbst herausnehmen?«

Frau Gabriel lächelte zaghaft; die Lippe mit dem Leberfleck im Winkel
kräuselte sich und zerstörte die reine Linie der graden Nase; die Augen
baten; in das gelassene Madonnengesicht kamen Furcht und Unbeholfenheit
eines Schulmädchens. Um ihren guten Willen zu beweisen, tauchte sie eine
ihrer kleinen weichen, ungeübten Hände in die Schachtel. Gerührt hob Lola
die Kostüme heraus; sah ein wenig von oben herab zu, wie Mai sie
bewunderte; faßte selbst Teilnahme; -- und bald waren sie im Verein ganz
hingegeben an diese Stoffe, an die neuen Erfindungen dieser Töne, dieser
Schnitte, die ihnen versprachen, ihre Schönheit umzutauschen und ihnen eine
noch nicht gekostete Form von Leben und von Glück zu vermitteln. Zum Schluß
verriet Frau Gabriel, welche Züge ihr Glück heute trug; denn sie fragte:

»Meinst du, daß der Herzog von Fingado mich liebt?«

Ihre Stimme und ihr Blick waren voll kindlicher Erwartung. Lola sagte
tröstend:

»Gewiß, Mai.«

»Tatsache ist, daß er neulich auf der Garden-Party sich fast nur um mich
kümmerte. Die Bricheau versicherte mir, seine Verlobung sei ins Wanken
gekommen. Das wäre mir wahrhaft unangenehm.«

Aber es klang stolz. Dann, behutsam:

»Sage mir eins, mein liebes Kind: gibt dir der Herzog kein Gefühl ein?
. . . Du brauchst es nur zu sagen.«

»Nicht das geringste . . . obwohl ich ihn sympathisch finde,« setzte Lola
höflich hinzu. Und Mai, zitternd:

»Ich würde seine Liebe nicht wollen, wenn du sie wolltest. Gott ist mein
Zeuge, daß dein Glück mir höher steht als meins.«

»Gute Mai, mache dir keine Sorgen!«

Lola wollte sich entfernen; Mai hielt sie, tränenden Auges, am Rock fest.

»Ich würde mich dir opfern, weißt du . . . Also du liebst ihn nicht?
Schwöre es mir!«

»Ich schwöre es;« und Lola lächelte nachsichtig. Man mußte ein Kind sein
wie Mai, um sich in den Titel dieses kümmerlichen Jünglings zu verlieben.

»Aber auf dem Heimwege,« bemerkte Mai, »ist er mit dir gegangen. Ihr habt
euch sogar abgesondert.«

»Er wollte mir aus der Ferne seine Yacht zeigen, -- auf der er nicht fahren
kann, weil er seekrank wird.«

»Wovon spracht ihr noch?«

»Von Karl dem Zweiten.«

»Wer ist das?«

»Ein König von Spanien -- es ist lange her, es würde dich nicht
interessieren. Mich interessiert's auch nur manchmal. Aber mit Fingado weiß
ich nichts anderes zu reden.«

»Wirklich nicht?«

»Tatsächlich.«

Mai nickte beruhigt. Mit einem unaufhaltsamen Lächeln des Triumphes:

»Mit mir redet er anderes!«

»Würdest du ihn heiraten, Mai?« fragte Lola, kniete neben ihrer Mutter hin
und strich ihr schmeichelnd über Hals und Arm.

»Ich sehe meine Mai schon als Herzogin, in ihrem Schloß in der Sierra; sie
geht auf die Jagd nach Wölfen, Adlern und ähnlichen Wappentieren.«

Mai hatte ernsthaft nachgedacht.

»Alles wohl überlegt,« sagte sie, »hat auch Herr Aguirre seine Vorzüge. Er
ist Abgeordneter, sehr einflußreich, und Spanien wird vielleicht Republik
werden.«

»Wie weit du denkst, Mai! Aguirre, dies ungesund rosige Baby, denkt nur an
das Nächste: er will unser Geld, das Geld, das er uns zutraut. Zu viel
Ehre!«

»Du siehst zu trübe, Lola. Und ferner ist er in gesetztem Alter, und ich
bin, ach, nicht mehr ganz jung.«

»Im Gegenteil«; dabei herzte Lola ihre Mutter eifriger; »du bist so jung,
daß ich mich neben dir meines Alters schäme. Schon als du mich aus der
Pension abholtest, war ich, glaub' ich, weiter im Leben als du. Die zwei
Jahre aber, die wir in der Welt umhergereist sind, haben meinem Alter zehn
hinzugefügt. Ich fange sogar an, häßlich zu werden.«

»Das ist nicht wahr! Du bist die Frische selbst. Dein Alter bildest du dir
ein, weil du zu viel denkst. Das könnte deine Stirn falten: gib acht. Du
bist zerstreut bei der Toilette und gerade sie verlangt unsere ganze
Geisteskraft. Dann hättest du dir nicht die Stirnhaare abgebrannt und
wärest jetzt nicht so schwer zu frisieren.«

Lola griff seufzend nach den krausen Härchen.

»Ich habe schließlich doch meinen Beruf verfehlt. Oft komme ich mir vor wie
ein verkleideter Mann.«

»Das wird vergehen, wenn du heiratest. Findest du es noch nicht an der
Zeit? Welche schönen Gelegenheiten hast du vorübergehen lassen! Ich weiß
nicht: du bist doch so klug; aber eine Schwarze hat mehr Geschick, sich
einen Mann einzufangen. Halt, gefällt dir etwa Herr Aguirre? Er scheint
mich zu lieben. Meinst du nicht?«

»Gewiß, Mai.«

»Tatsache ist, daß er während der Regatta nicht von meiner Seite wich. Wenn
du ihm aber irgend ein Gefühl entgegenbringst . . .«

Mais Stimme bebte schon wieder; Mai war schon wieder zu einem Opfer bereit
und ängstigte sich davor. Lola wehrte ab; sie lachte befangen, tat ein paar
Schritte; dann, ernsthaft, mit verhaltenem Zorn:

»Du sprachst von meiner Verheiratung, und doch verlierst du sie zu oft aus
dem Auge. Die Tochter einer Mutter, die sich zu gut unterhält, wird nicht
leicht einen Mann finden.«

Mai sah tief erschrocken aus; Lola schloß verzeihend:

»Ich weiß, du verdienst keinen ernsten Tadel. Erinnere dich nur, bitte, wie
leicht man sich unschuldig kompromittiert, und verspäte dich abends mit
keinem der Herren mehr!«

»Du bist streng wie dein Vater,« sagte Mai und erschauerte. »Weißt du wohl,
daß ich ihn wieder gesehen habe? Ja, gerade in der Nacht, von der du
sprichst, erschien er mir.«

Demütig bittend:

»Willst du nicht sein Bild in dein Zimmer nehmen?«

»Das geht nicht, Mai: es würde ihn noch mehr erzürnen.«

Lola ging ans Fenster und sah hinaus. Frau Gabriel murmelte vor sich hin
und seufzte. Eine junge Männerstimme kam von unten:

»Fräulein Lola, ich habe alles, was Sie wünschten.«

»Gut,« antwortete Lola.

»Sie bestehen im Ernst darauf?«

»Ohne Zweifel. Wann kommen Sie?«

»Sehr bald. In einer Stunde werden die beiden Kavaliere Ihrer Mama da sein.
Empfehlen Sie mich ihr!«

»Auf Wiedersehen!«

»In einer Stunde: und ich bin nicht angezogen!« rief Frau Gabriel und
sprang auf. »Lola beeile dich! Welch Glück, daß wir frisiert sind.«

Bei der Tür kehrte sie um.

»Was denkst du über unsern Landsmann?«

»Da Silva Dolenha?« -- und Lola fühlte sich unfrei.

»Ja. Hältst du es für unmöglich, daß er eine von uns liebt? Er kommt
täglich.«

Da Lola schwieg:

»Anzeichen gäbe es wohl, daß ich es bin, die er liebt.«

Lola kam plötzlich in Bewegung.

»Nein, Mai, diesmal irrst du. Sei versichert, der denkt nicht an dich!«

»Ach;« Mai war gekränkt; »wie kannst du das beurteilen. Du bist in solchen
Dingen ein Kind.«

»Mag sein. In diesem Fall aber weiß ich, wen Da Silva liebt. Wir sind
Freunde, und er hat es mir gesagt.«

»Wen denn? Mein Gott!«

Mai stammelte, heftig enttäuscht. Lola, überlegen:

»Das verrät man nicht unter Freunden.«

»Freunde: was ist denn das?«

»Du wirst es sehen. Geh, Mai, zieh dich an! Du wirst es sehen.«

Dann rief sie nochmals:

»Mai! . . Glaubst du wohl, daß ich leidenschaftlich bin?«

»Du? Warum, Kind?«

»Ich meine, weil wir von solchen Dingen sprechen . . . Nein, ich weiß
gewiß, ich bin es nicht.«

»Wie sonderbar du bist!«

Lolas bewegte Miene blieb noch auf die Tür gerichtet, die sich geschlossen
hatte. Allmählich ward ihr Blick sinnend, und sie setzte sich auf einen
Koffer. Mais Mädchen trat ein und holte die Sachen ihrer Herrin. Lolas
eigene lagen auf Bett und Stühlen verstreut, mit Büchern und Notenblättern
dazwischen. Ein Glas mit Rosen war umgefallen; Lola erhob sich unbewußt und
richtete es auf. Dann sah sie sich nach einem freien Sitz um, fand keinen
und kehrte auf den Koffer zurück.

»Mai hat's gut,« sann Lola. »Täglich andere Kleider: und merkt nicht, daß
es eigentlich alles eins ist. So hat sie auch alle Tage eine neue Liebe;
und wem immer sie gelten mag: daß es Liebe, richtige Liebe ist, daran
zweifelt sie nie. Wenn ich wüßte, ob ich Da Silva liebe! Manchmal ist's nur
zu klar. Kurz darauf komme ich nach Haus und denke an etwas anderes. Aber
das Manchmal ist schlimm genug: es ist beschämend. Ich werde dann
melancholisch, wie in der Pensionszeit, als die dicke Jenny mir gewisse
Aufschlüsse gegeben hatte . . . Ich glaube, nur äußerlich halte ich mich
fester; innerlich bin ich viel lockerer als Mai. Ich glaube jetzt, sie ist
die bei weitem Unschuldigere. Anfangs habe ich sie ungerecht beurteilt: es
war verzeihlich. Aus der anständigen Welt Ernestes plötzlich heraus -- an
diese südlichen Allerweltsplätze, in ein erhitzendes Durcheinander
flüchtiger Begierden: jeden Tag, den ich mich nicht amüsierte, sah ich als
verloren an; nur der Ehrgeiz, durch meine so plötzlich entdeckte Stimme
groß zu werden, erhob mich noch; (und auch er schwindet schon, und ich will
mit dem Singen heute fast nichts mehr erreichen als meine Unabhängigkeit
. . .) Und nun die Frau neben mir, die ebensolch taumelndes Instinktwesen
war wie die andern, ohne die Würde eines Geistes, das war meine
Beschützerin, meine Freundin, meine ganze Familie, das war Mai, die schöne
Mai, die ich in allen meinen Kindheitserinnerungen so poetisch in ihrer
Hängematte liegen sah! Der einzige Mensch, an den ich geglaubt hatte! Ich
weiß noch, wie empört ich war. Davon also hatte sie geträumt in ihrer
Hängematte! Kaum ist Pai tot, stürzt sie sich, ihrer Freiheit froh, in die
dümmste Unenthaltsamkeit! Um Pais willen war ich empört und bereit, sie zu
hassen. Wie argwöhnisch solch ganz junges, unerfahrenes Mädchen das Leben
einer Frau durchspürt: das Leben der Mutter! Als ich damals in Trouville
meiner Sache endlich ganz sicher zu sein glaubte: welche Katastrophe! Mai
hat einen Geliebten! In dem Gedanken saß ich wie in einem betäubenden
Getöse, wie in einem Weltuntergang. Das Furchtbare, sagte ich mir, ist, daß
auch ich das in mir habe und so werden muß! Was wußte ich damals? Heute
habe ich fast einen Geliebten, könnte ihn jeden Augenblick haben, und
wundere mich alle Morgen beim Erwachen, daß es noch nicht eingetreten ist.«

»Seitdem muß ich Mai wohl milder beurteilen. Sie ist ein Kind und wird über
die gefährlichen Stellen immer nur spielend hinhuschen. Geht sie einen
Schritt zu weit, erscheint ihr alsbald der tote Pai; und ich bestärke sie
in ihren Gesichten. Warum eigentlich? Doch nicht mehr um Pais willen. Auch
nicht, weil Mais Aufführung mich hindern könnte, einen Mann zu finden. Das
ist mir gleich. Aber ich weiß wohl warum: ich selbst bin in Gefahr und
brauche Reinheit um mich her . . . Bin ich in Gefahr? Sobald ich's
ausdenke, glaube ich's nicht mehr. Ich! Ich bin doch eine ganz andere! Auf
Wesen wie die arme Mai blicke ich doch, deucht mir, ein gutes Stück hinab!«

»Jedenfalls hab' ich sie gern. Wir sind grade im richtigen Verhältnis: dem
von einem Paar Schwestern, die einander eifersüchtig schmeicheln. Ob wir
uns schwer entbehren würden, ist nicht sicher. Wie schwärmte Mai die erste
Zeit von Nene! Jetzt erwähnt sie ihn gemächlich und fast nur, wenn von Geld
die Rede ist. Jetzt bin ich daran, die Mutterliebe zu genießen. Es tut doch
wohl, wenn spät abends, nachdem man sich gekämmt hat und die Decke über
sich gezogen hat, eine Mutter hereinkommt und einem küßt. Sie herzt mich
lange; mir wird ganz kindlich und weich zu Sinn; dann spricht sie mir mit
kleiner süßer, entzückter Stimme von ihren Erfolgen, fragt mich nach
meinen: und wir sind wie zwei Kleine unterm Weihnachtsbaum.«

»Nein: für Pai nehme ich nicht mehr Partei. Ich stehe, wenn ich's bedenke,
sogar entschlossen auf Mais Seite. Erstens wohl, weil ich fühle, daß auch
mit mir, wie ich geworden bin, Pai nicht sehr einverstanden wäre.
Hauptsächlich aber, weil er ein Mann war und Mai unterdrückt hat. Und
schließlich, mein Gott, haben die Lebenden recht. Wenn einer stirbt,
versäumt er das weitere und darf nicht mehr dreinreden. Käme Pai wieder, er
fände gar keine Anknüpfung mehr mit uns, glaube ich. Mai ließe sich nicht
mehr so leicht in die Hängematte legen; und ich -- ach, ich bin wohl auch
nicht sein rechtes Kind: wie hätten wir sonst, kaum daß er tot war, den
ganzen bürgerlichen Boden unter den Füßen verlieren können? Denn das taten
wir doch . . .«

Lola sah sich im Zimmer um.

»So sieht's überall aus, wo wir kampieren. Und ich sitze auf einem Koffer.
Nie kommen die Koffer aus den Zimmern, und sind immer nur halb ausgepackt.
Die Jahreszeit wird staubig, der Liebhaber fade: fort von hier! Wohin am
Ende? Dort stehen die Ansichten von zu Hause, die Mai mitgebracht hat. Zu
Hause! Wenn wir Lust bekämen, einen Ausflug dorthin zu machen, würde ich
vor dem Blick auf Rio denken, daß er tatsächlich unvergleichlich schöner
ist als der auf Neapel; würde von einem Hotel, wo alles wäre wie in diesem
hier, auf Sehenswürdigkeiten ausgehen, die Hitze unerträglich finden und
gelassenen Abschied nehmen. Etwas anderes wäre es vielleicht mit der Großen
Insel; aber die Pflanzung ist verkauft . . . Wohin also am Ende? Danach
frage ich, scheint mir, zum erstenmal. Fange ich etwa an, zu ermüden? Mais
Kindernerven hab' ich nicht grade. Aber das Ende bekommt wohl nur Interesse
für mich, weil ich wissen möchte, wo das enden soll, was ich jetzt erlebe.«

»Sehen wir doch nach: geht mich der Mensch wirklich so viel an? Wäre er in
Venedig noch so unentbehrlich, wie er's hier in Barcelona ist? Die Grimani
hat uns für Juli eingeladen. Oder was meine ich zu Paris? Das ist noch
immer das Amüsanteste . . . Ich glaube, es ginge.«

Eine junge Männerstimme ward hörbar. Lola erhob sich hastig.

»Nein, es geht nicht.«

Leicht vorgeneigt, mit fiebrigem Spiel der Finger an der langen Halskette,
blickte sie auf die Tür. Es klopfte.

»Gehen Sie in den Salon, bitte. Ich komme gleich.«

Sie machte einige zornige Schritte.

»Warum muß ich auch grübeln! Jedesmal, wenn ich gegrübelt habe, bin ich
schwach und gebe ihm dann Anlaß, sich einzubilden, was doch nicht wahr ist
. . . O, heute abend soll er keinen Vorteil davontragen!«

                   *       *       *       *       *

Sie hatte sich beruhigt und ging hinüber. Mit offenem Lächeln begrüßte sie
den Besucher.

»Gnädiges Fräulein -- da ist alles;« und er zeigte nach dem Paket auf dem
Klavier. »Der Bote ist gleich mit mir gekommen.«

»Ist alles darin . . . und wird es mir passen?«

Anstatt nach dem Paket zu sehen, betrachtete sie, und ihr Lächeln ward
wider ihren Willen noch glücklicher, sein schönes, groß gemeißeltes, fast
bartloses Gesicht, in dem die Brauen sich berührten. Auch er gebrauchte
seine Worte nur als einen Vorwand, sie anzusehen.

»Ich bin überzeugt . . . Es sind genau die Maße, die Sie mir genannt
haben.«

Sie bewegte leise, wie verwundert, ihren lächelnden Kopf. Endlich, sich
losreißend:

»Es ist gut.«

Rasch ergriff sie das Paket. Er stürzte sich darauf.

»Ich trage es Ihnen hinüber.«

»Doch nicht;« ihr Lächeln ward schlau. »Sie bleiben hier . . . und . . .«

Sie legte, unter der Tür, den Finger auf die Lippen.

                   *       *       *       *       *

In ihrem Zimmer zog sie die Männerkleider an, die Da Silva mitgebracht
hatte. Sie verbarg die Brust in den Falten des weichen Piquéhemdes, das
Haar unter der halblangen Jünglingsperücke, setzte den runden Hut auf,
hängte das Stöckchen über den Arm und trat vom Spiegel zurück, um sich zu
mustern. Da stand im gutsitzenden Abendanzug etwas wie ein eleganter
Student, mit duftigen Gesichtsfarben und glänzenden braunen Augen, ein
sanft verwegenes Lächeln auf den roten Lippen, und die jugendlich raschen
Wendungen einer schiken Müdigkeit zuliebe ein wenig verhalten: ein Wesen
von beunruhigendem Reiz.

»Aber wie bin ich schön!« sagte Lola einmal übers andere. »Ich bin keine
Frau mehr! Jetzt erst sehe ich, wozu meine große Nase gut ist. Die hohe
Stirn kommt mir jetzt auch zustatten. Ach! ich kann mir Pais Falte zwischen
den Brauen machen. Ob Pai jemals so ausgesehen hat? Nicht ganz so, glaube
ich. Der dort im Spiegel erinnert mich an eine Frau; aber nicht sehr
lebhaft. Man wird denken: »Er muß eine hübsche Schwester haben.« Für ein
verkleidetes Mädchen hält so leicht keiner ihn.«

Sie räusperte sich, führte zwei Finger an den Hutrand und sprach mit tiefer
Stimme:

»Sie gehen in den Klub? Ich habe seit gestern nacht keinen Heller mehr.
Nachdem ich alles verspielt hatte, bin ich noch in die Schuld der Gelida
gekommen . . .«

Dies gefiel ihr. Sie lief hinüber, und in der Tür des Salons begann sie
sofort dasselbe:

»Sie gehen in den Klub? Ich habe seit gestern nacht . . .«

Da Silva hörte sie, ans Klavier gelehnt und die Stirn in Falten, bis zu
Ende an. Er ließ sie näherkommen und sich wenden.

»Es ist ziemlich in Ordnung.«

Er warf noch die von Verachtung schweren Worte hin:

»Bis auf die Krawatte natürlich.«

»Also binden Sie sie mir!«

Er machte sich daran.

»Halten Sie's so für besser gelungen?«

»Nein, von vorn kann ich's nicht. Ich kann's nur, wenn ich die Krawatte
grade so halte wie bei mir selbst. So also, wenn Sie gestatten.«

Er trat hinter sie und schob die Arme über ihre Schultern. Seine Arme
berührten sie kaum, und doch war sie darin eingeschlossen und spürte einen
angstvollen Kitzel. Sie mußte auf seine weißen, starken Hände hinabsehen,
die gleich unter ihrem Kinn sich bewegten. Wie er den Knoten anzog,
streifte seine Wange ihre Schläfe.

»Rascher!« verlangte sie, zwischen den Zähnen.

Er ließ los, ging um sie herum und sah ihr in die Augen. Die seinen hatten
wieder das Düstere, Besinnungslose, das sie kannte, und das ihr so
gefährlich war. Seine Zähne waren in die Unterlippe gedrückt. Da begann er
unvermutet weich:

»Ihr Anblick tut mir weh! Nicht zwanzig Stunden sind's, daß wir in diesem
selben Raum beieinander waren, allein wie jetzt, und der Mond schien
herein. Wir hatten musiziert, Ihre märchenhaften Alttöne waren verhallt,
ich hatte mich in großer Bewegung vom Klavier erhoben, und den Kopf in der
Hand betrachtete ich Sie, die Sie, ein Knie auf den Stuhlrand gestützt, das
Gesicht nach dem offenen Fenster gewendet hielten. Ich war im Schatten,
Ihre Gestalt entlang floß Mondlicht; es rann Ihnen über die Lippen, die
sich, Ihnen unbewußt, voneinander lösten; es füllte Ihre Augen; -- und mit
der beglänzten Hand, die Sie mir überließen, zog ich zu mir hin, in mein
Dunkel und an mein Herz, die ganze tiefe nächtliche Süßigkeit, die durch
Sie atmete, o Lola!«

Der junge Brasilianer hatte beim Sprechen den Hals hin und her gerückt, wie
ein vom eigenen Gesang berauschter Vogel. Nun stand er noch und hörte die
Tenorarie seiner Sinnlichkeit ausklingen. Lola machte sich von seinem
Gesicht los. Sie sah an ihrem Dreß hinab -- und erleichtert auflachend,
warf sie sich ins Sofa.

»Nicht übel, mein Lieber. Etwas kitschig zwar, und auf ein modernes Mädchen
werden Sie, fürchte ich, damit nicht wirken . . . Sehen Sie, die Krawatte
muß ich mir nun doch selbst binden!«

In der Tür zeigten sich der Herzog von Fingado und Herr Aguirre. Beim
Anblick des Eindringlings blieben sie mit zurückhaltenden Mienen stehen.
Lola versuchte ihre feindselig abwartende Haltung nachzuahmen: da platzte
sie aus. Die beiden starrten sie an; dann wandte ihr der massige Vierziger
mit angewiderter Miene den Rücken. Der unjunge Zwanziger überwand seinen
Schrecken und machte, den spitzen, gelblich gefiederten Schädel
herausfordernd im Nacken, zwei Schritte gegen den Feind. Lola lachte
heftiger, und Da Silva klärte die Herren auf, die in Ratlosigkeit
umschlugen und dann in Bewunderung. Aber hinter ihnen rauschte es, und Frau
Gabriel brach, kaum daß sie ein wenig gestutzt hatte, in Jammern aus.

»Wie siehst du aus! Wer hat mir mein Kind so verunstaltet? Sie, Herr Da
Silva? Ihnen habe ich auch sonst Vorwürfe zu machen! Dazu hat man nun eine
hübsche Tochter!«

Die Herren erklärten sich im Gegenteil ganz einverstanden mit Lolas
Verwandlung. Fingado hatte einen Gedanken.

»Wenn der künftige Gatte des gnädigen Fräuleins Sie so sähe . . .«

»Was dann?« forschte Da Silva drohend.

Hinter den leeren blauen Augen des Herzogs geschah eine müde, vergebliche
Arbeit.

»Ich weiß wirklich nicht,« schloß er, mit einem Lächeln des Verzichtes.

Indes Frau Gabriel ihren jungen Landsmann mit den Vorwürfen bekannt machte,
die er verdiente, widmete der Abgeordnete sich Lola. Er türmte seine fein
bekleidete Fettmasse vor sie hin und plauderte, wie er allein es konnte:
nur ohne seine gewohnte Unerschütterlichkeit. Seine rosigen Wangen zuckten;
die Wulstfinger betasteten unruhig die Hüften; die launigen Augen vergaßen
sich bis zu einem verdächtigen Gefunkel, -- das Aguirre fühlte und durch
Unterwürfigkeit gut zu machen suchte. »Ganz wie ein ungesundes Baby!«
dachte Lola. Sie hörte Mai sagen:

»Ich beklage mich über Ihren Mangel an Offenheit gegen mich . . .«

»Das ist wahr, Herr Da Silva: warum sagen Sie Mai nicht, wen Sie lieben?«
rief sie hinüber, gekitzelt durch ihre Wirkung, durch das neue Wesen das
sie vorstellte, und die Erwartungen, die man ihm sichtlich entgegenbrachte.

»Sie gehen in den Klub?« begann sie gegen Aguirre. »Ich habe seit gestern
nacht keinen Heller mehr . . .«

Sie brach ab, drehte sich einmal um sich selbst und sagte in einem Atemzug:

»Pumpen Sie mir was! Wer so viel gestohlen hat wie Sie!«

Der Politiker kroch noch tiefer. Lola lächelte plötzlich zaghaft.

»Gehen wir? Bitte, gehen wir!« verlangte sie hastig. Und man ging.

»Zu Fuß, Mai! Mir zu Gefallen! Wohin? Ganz gleich: eine Irrfahrt.«

Sie atmete tief die matte Luft der Dämmerungsstunde. Zu Da Silva, der mit
ihr hinter den anderen zurückblieb, sagte sie:

»Es gibt Gelegenheiten, bei denen ich mich nach -- fast hätte ich gesagt:
nach Hause sehne, ich meine nach dem reichlich kalten Ort, wo ich erzogen
wurde, und dem feuchten Nordostwind, der den Geruch eines nordischen Meeres
mitbrachte.«

Und unvermittelt:

»Wie ich die Männer verachte!«

»Sie haben doch noch soeben einen großen Erfolg bei ihnen gehabt,« bemerkte
Da Silva, mit beißender Stimme; »und ich beglückwünsche Sie. Den Aguirre
überläßt man Ihnen; dem Herzog allerdings hat Mistreß Job bereits einen
Teil seiner Schulden bezahlt, und Sie würden sich mit der Dame
auseinanderzusetzen haben.«

»Ich verbiete Ihnen, verstehen Sie, über Frauen schlecht zu reden! Solche
Geschichten erfinden die Männer, um für sich Reklame zu machen.«

»Wie Sie gleich aufgebracht sind! Ich spreche doch zu einer Frau, die
weniger abhängig von ihrem Geschlecht ist als die anderen -- und es heute
abend zeigt.«

»Merken Sie sich: wer, um mir zu schmeicheln, eine andere Frau herabsetzt,
mit dem bin ich schon fertig. Nichts kann kränkender für mich selbst sein.«

»Böse im Ernst?«

»Nein; denn ich will mir den Spaß nicht verderben . . . Mai! Nicht wahr,
wir treffen uns zum Essen bei Durieu? Ich gehe mit Herrn Da Silva einen
andern Weg.«

»Allein mit Herrn --?«

Lola erklärte, in Gesellschaft Mais erkenne man sie. Auch habe sie als
Amerikanerin das anerkannte Recht, zu gehen mit wem und wohin sie wolle.

»Und dann siehst du doch, daß ich ein Freund des Herrn Da Silva bin. Ja,
Mai, Herr Da Silva und ich, wir sind richtige Freunde.«

»Sind wir Freunde,« sagte Da Silva im Weitergehen, »so müssen Sie mir eine
Warnung erlauben. Gestern sind Sie wieder allein ausgegangen. Ich achte Sie
zu hoch, um --«

»Ja: früher haben Sie mir wegen solcher Dinge Szenen gemacht. Sie bessern
sich;« und sie wußte: »Er achtet mich höher, seit er mich für seine Braut
hält. Ist das echt männlich!«

Er schwieg unzufrieden. Sie richteten sich nach der Musik, die herscholl.
Wie sie auf den Platz einbogen, über dessen Palmenhain der Kirchengiebel
mächtig ausgriff und der Bronzereiter dahinsprengte, war das Stück zu Ende.
Viele fächelnde, die Hüften wiegende junge Frauen mit ihren Mägden und
Anbetern, viele prall gekleidete, rauchende junge Männer begannen langsam
zu kreisen.

»Sie kennen wohl die Frau gar nicht, die eine Dueña und eine Magd bei sich
hat und die Ihnen zulächelt? Das ist die, in deren Schuld sie vorgeblich
seit gestern nacht sind.«

»La Gelida? Aber die habe ich schon oft gesehen und wußte nicht . . . Wie
gut ihr die Dämmerung steht! Ihr grau und unsicher gebogenes Profil scheint
von dem Auge, das ein großes schwarzes Loch ist, ganz aufgezehrt zu werden.
Ihr Lächeln -- sehen Sie, ich möchte es erwidern, aber es schüchtert mich
ein.«

»So?« machte Da Silva zornig. »Ich aber rate Ihnen zu der Gelida nicht,
denn ich war zugegen, als sie operiert ward. Das nimmt einem manche Lust.«

»Wirklich?«

Aus tiefem Herzen:

»Dann möchte ich Ihren Beruf haben!«

Der junge Mann hieb seinen Stock durch die Luft. Gereizt:

»O, andere entbrennen nur noch heftiger. Einer von uns sezierte seine
eigene Geliebte, und als er in ihrem Magen eine unverdaute Speise fand, aß
er sie.«

Lola schwieg. Entsetzen, Scham und Vergnügen stritten sich um ihr Herz, und
es klopfte. Mit Frohlocken in der Stimme sagte sie dann:

»Würden Sie mir das auch erzählt haben, wenn ich Röcke an hätte?«

»Wenn wir erst verheiratet sind,« verhieß er, herablassend aus Ärger,
»erfahren Sie mehr.«

Sie lachte auf.

»Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß ich für die freie Liebe eingenommen bin?«

Er schob gequält die Schultern hin und her.

»Ich verstehe Sie nicht. Sind Sie raffiniert, oder was sind Sie?«

»Ach was: ich bin ein junger Mann, wie Sie sehen können, dem alle Frauen
zulächeln. Sehen Sie, welch Erfolg? Warum stehe ich, die doch alle hübsch
nennen, sonst immer hinter Mai zurück, heute aber errege ich Aufsehen? Ich
bin eigentlich ein verkleideter Mann, und jetzt habe ich mich demaskiert.
Man hat kaum Zeit, jeder dieser Schönen mit den Wimpern zu winken.«

Da Silva sah rundum.

»Wer ist schön? Wenn ich Schönheit noch sehen könnte!« -- und seine Stimme
fuhr auf. Nun, mit schmerzlich erbittertem Tonfall:

»Aber Sie halten mich so besessen mit Ihrem Gesicht, mit Ihrer Gestalt, daß
ich für die anderen Maß und Sinn verloren habe. Sind sie schön, sind sie
häßlich? Ich verstehe nichts, ich sehe nur dies eine kleine unerbittliche
Geschöpf, und es erstickt in mir alles, was nicht sein eigen ist.«

Lola bückte sich ein wenig, mit einem Schauer im Nacken, als werde gleich
eine Hand hineingreifen. »Immer das Gesicht, immer die Gestalt: immer der
Körper,« dachte sie, auf einmal matt von Widerwillen und Traurigkeit. Er
sagte stürmisch:

»Sie sind über alle Vergleiche schön!«

»Ach, wie reizend wär's,« meinte sie und ermunterte sich, »wenn alle so
dächten! Tatsache ist, daß jeder sich zuerst um mich bemüht; dann erst
besinnt er sich und geht zu Mai.«

»Gut für ihn.«

»Danke. Warum blicken Sie mit solcher Wut auf dies arme hübsche Mädchen?«

»Kommen Sie auf die andere Seite: Sie werden sehen.«

Das Mädchen, das ohne Begleitung war, trat in das weitoffene, erhellte
Gewölbe eines Tabakladens. Alle Männer wandten den Kopf nach ihr; die
Stutzer, die am Ladentisch lehnten, wichen keinen Schritt breit. Das
Mädchen verlangte etwas; aber so oft sie den Mund öffnete, ward gepfiffen.

»Sie will Räucherkerzen, man sieht es,« sagte Lola. »Was hat sie denn
begangen, mein Gott?«

Das Mädchen errötete plötzlich tief; die Männer lachten schadenfroh; der,
der den Witz gemacht hatte, blähte sich. Das Mädchen stürzte, die Augen
verwirrt und naß, ins Freie. Wie sie nahe kam, stieß Da Silva einen Pfiff
aus. Sie floh weiter. Lola rief:

»Das ist abscheulich! Ich will Sie nicht mehr kennen! Wenn die Ärmste
niemand hat, schließe ich mich ihr an: ich!«

»Vergessen Sie, daß Sie ein Mann sind? Reden Sie sie an, ists grade solche
Beleidigung, wie wenn Sie pfeifen.«

Lola blieb ratlos stehen. Zwei blonde Damen mit Spazierstöcken stelzten
über das Pflaster und betraten gelassen denselben Laden, -- wo alles ihnen
Platz machte. Lola sagte sich, daß jeder sie auf die Stufe dieser beiden
stellen, ihr die gleichen Rechte einräumen werde; und doch war sie der
Mißhandlung jener anderen mit einer Angst gefolgt, als sei's eine Drohung,
die auch ihr gelte.

»Es ist furchtbar,« sagte sie, »unter euch eine Frau zu sein. Bei uns ist
der Mann unser Kamerad.«

»Bei euch? Sie sind keine Nordländerin. Sie haben etwas von jenem uns so
erbitternden Reiz, gewiß. Wir Männer des Südens folgen allzu gern der
zweideutigen Herausforderung, die von der befreiten Frau ausgeht. Wozu
kommt ihr her? Ihr verderbt unsere Frauen, daß sie sich ohne unseren Schutz
auf die Straße wagen und, wenn wir sie ließen, sich im Café mitten unter
uns setzen würden. Ihr verderbt auch uns, daß wir den schlaffen Kitzel der
Kameradschaft mit euch fühlen möchten, wie eure heruntergekommenen Männer.
Ich will's nicht. Ich will Ihr Herr werden.«

»Manchmal reden Sie wie das Alter, das Sie wirklich haben;« und Lola lachte
gezwungen.

»Nicht nur meine Worte, auch meine Muskeln sind die eines
Fünfundzwanzigjährigen. Sie werden es fühlen.«

Lola hob schweigend die Schultern. Nach einer Weile:

»Jetzt gehen wir drüben in das Café: ich will mich mitten unter euch
setzen.«

»Ich bin Ihr Begleiter, aber ich verlasse mich darauf, daß Sie selbst
wissen, wie weit Sie gehen dürfen.«

»Sie werden mich als einen jungen Polen vorstellen, der in Paris studiert.«

»Ich werde mich Ihnen empfehlen und es Ihnen überlassen, sich zu
kompromittieren.«

Aber er trat mit ein.

»Welch Glück: da sitzt die Gelida. Machen Sie mich sofort mit ihr bekannt!«

»Und der Kreis um sie her? Dabei sind Leute, die Sie kennen.«

»Sie werden keinen Skandal erleben. Mut, armer Freund!«

Sie wurden aufgenommen und setzten sich. Die Unterhaltung ward zu Ehren der
schönen Kurtisane geführt, die, hinter sich ihre Dueña und ihre Magd,
denen, die gut sprachen, ein wenig von ihrem Lächeln zuteilte. Lola begann
darum zu werben. Man wendete die Stühle, um diesen jungen Menschen sprechen
zu sehen. Wenn sie seine kleine kokette Hand weich durch die Luft streichen
und bei einer seiner leichten, raschen Bewegungen seine Taille sich biegen
sahen, schien den Männern ringsum sein Geist frischer, belebender. Er gab
stürmische, junge Meinungen zum besten: »Die Liebe ist etwas sehr
Einseitiges und eigentlich ein Mangel an Selbstzucht;« -- wobei alle die
zuhörten, sich, sie wußten nicht warum, beglückt fühlten. Lola sah die
Mienen, die sie bewegte, das schöne Gesicht der Gelida, aus dem ihr
freundliche, wohlklingende Zustimmungen kamen; und sie hatte eine
Empfindung von Leichtigkeit und Freiheit wie nie im Leben. Nie hatte sie Da
Silva so ruhig ansehen können. Was kümmerten sie nun seine gefalteten
Brauen. Bei allem was sie sagte, fühlte sie ihn neben sich als Besiegten;
der Genuß, den sie von ihren Worten hatte, kam daher, daß sie gut waren,
und daß er es hätte leugnen wollen; und diese Schauer des Sicherhebens, des
Fliegens und Besonntseins daher, daß er so tief unten blieb.

Das Diner war hergerichtet. Da Silva behauptete, er und sein Freund hätten
eine dringende Verabredung. Warum er heute so mürrisch sei, ward er
gefragt. Lola forderte ihn auf, zu gehen und sie zu entschuldigen. Sie saß
bei Tisch neben der Gelida. Ein Dichter rezitierte. Da Silva versuchte
ungeschickt, ihn zu kritisieren. Lola lächelte und sprach der Gelida von
dem Jüngling, dem in seinen arbeitsamen Nächten manchmal die Phantome von
Frauen über die aufgeschlagenen Seiten tänzelten, und der solchen
beklommenen Stolz genieße, wenn er die Augen wegwende. Sie sah Da Silva
seine Lippe kauen und in sich versinken. Wie alle durcheinander redeten,
der Nachtwind an der Tür lauter mit dem Perlenvorhang klimperte und eine
Glocke elfmal dröhnte, sprang Lola auf, ließ die Freiheit leben; und mit
dem letzten Ruf war sie entschlüpft.

Sie befand sich in einem Gäßchen und sah am Ende der schmalen Häuserflucht,
wie durch ein Rohr, die große Gestalt des Kolumbus von Sternen umwogt. In
trunkener Wallung erhob sie beide Arme. Wie aber hinter ihr der Schritt,
den sie kannte, vernehmlich ward, verwirrte es sie panisch, als breche auf
einmal ein künstlicher Turmbau in ihr zusammen. Ernüchtert, kalt vor
Furcht, versteckte sie sich in einem Portal; aber Da Silva fand sie. Wie
unvorsichtig sie sei. Ob sie glaube, daß es den Helden der Nacht auf einen
Mord ankomme. Lola, die an Da Silvas Seite weiterging, wünschte sich
inständig, daß aus dem nächsten Schatten ein Befreier springe und sie töte.

Denn sie hatte erkannt: Alles war umsonst. Begeistert meinte sie zu sein,
und war nur berauscht gewesen. Den Geist, der sie von ihm erlösen sollte:
eben der Drang nach ihm hatte ihn ihr eingegeben; und nie hatte er fester
seine Hand auf ihr gehalten, als da sie ihn tief unter sich glaubte.

Dabei durchmaßen sie den Quai.

»Wohin geht's?« dachte Lola verstört; und: »Wenn ich den nächsten
Straßenrand mit dem rechten Fuß erreiche, entkomme ich ihm heute noch.
Sonst nicht. Sonst nicht.«

Aber noch vor dem Ziel, das sie meinte, rückten ihre beiden Schatten nach
vorn, und beim Heraufkommen seiner breiten Schultern schloß Lola die Augen.
Das Schweigen folterte sie. Wie entsetzlich nervenstark und seiner sicher
er war! »Ich zähle bis zwanzig, und hat er dann noch nichts gesagt, rufe
ich um Hilfe.«

Gleichwohl rauschte der Brunnen auf der Plaza del Palacio inmitten seines
und ihres Schweigens. Hier, unter der grellsten Helle, folgten sie beide
auf einmal dem Zwang, einander anzusehen. Lola sah etwas düster
Schmachtendes, tierisch Leidendes, das sie schrecklicher erschütterte als
die Siegerhärte, die sie sich vorgestellt hatte. Langsam von ihm wegsehend:
»Ja, das ist er. Er ist ein beschränkter Gewaltmensch, und ich liebe ihn
mit Widerwillen: aber er ist der Typus, dem ich unterliegen soll. Die
vorigen, in Paris und in Rom, waren vom selben. Dieselben
zusammentreffenden Brauen, die harte Marmorfarbe wie hier, woraus jede
Wimper, jeder Blutstropfen der Lippen drohend hervorstarrt. Wozu sich
quälen? Er liebt mich, so gut er's versteht. Mit dem, was zu ihm gehört,
liebe auch ich ihn. Ich habe noch mehr, -- wovon er nicht weiß: aber wer
wird je davon wissen. Wozu auf dem Unmöglichen bestehen, wozu so viel
kämpfen; warum nicht ein einziges Mal ganz unvernünftig glücklich sein.«

Sie nahm tiefere Züge Meerwindes; und inzwischen stiegen sie kaum
beleuchtete Gassen hinan, erreichten einen Gartenplatz und tasteten sich
durch das Dunkel eines bitter duftenden Gebüsches. »Wo ist denn der Weg?«
Und statt des Weges suchten sie einer des andern Hand. Lola zuckte
zusammen, als sie die ihre gefangen fühlte; aber sie fühlte auch, daß er in
diesem Augenblick mit Zartheit an sie denke; und während des Lächelns, das
langsam über ihr Gesicht hinging, war ihr's, als lächele das ganze Dunkel.
Sie dachte unbestimmt an weit Vergangenes: an ihre Kindheit. Wie sie eine
Balustrade trafen, stützten sich beide darauf; ihre Unterarme lagen, ohne
sich zu berühren, einander so nahe, daß jeder des andern Wärme spürte; und
drunten über dem nächtlichen Gitter aus Masten und Schlöten suchten sie das
Meer: lange und beklommen von Sehnsucht. »Der Mond muß bald aufgehen.«

Lola sagte:

»Daheim auf der Großen Insel war's das Schönste, wenn das Meer leuchtete.
Ach nun weiß ich wieder: mein Großvater zündete viele Papierröllchen an und
schoß sie in weiten, leuchtenden und zischenden Bogen über das Meer.«

Der junge Mann lachte kindlich und sprach von seiner Meerfahrt, derselben,
die einst auch Lola gemacht hatte. Ob sie sich nicht jenes Inselkönigs
erinnere, den man für zwei Franken sehen konnte. Abwechselnd riefen sie
zurück, was ihnen beiden begegnet war; und bei jedem Zusammentreffen ihrer
Erlebnisse durchrann Lola der Schauer des Vorherbestimmten.

»Gleich wird der Mond aufgehen,« murmelte sie, mit süßer Angst. Jenes
Kinderglück auf der Großen Insel bewegte sich leise unter allen ihren
Einfällen; und die heimliche Gewißheit, nie werde es wieder so gut werden,
ließ sie, sie wußte nicht warum, von erlittenen Schmerzen sprechen, von
ihrer Einsamkeit, von der Müdigkeit, die in ihr zunehme. Schweres Drängen
nach Gemeinschaft, nach Menschennähe zitterte in ihrer Stimme und machte
ihre Arme flugbereit: bereit um einen Nacken zu fliegen.

Er sah sie mehrmals unruhig von der Seite an.

Plötzlich: »Woran denken wir?« -- mit einer Bewegung, die er sofort
zurücknahm. Aber sie war nun wieder erinnert, daß er sie haben wolle und
nichts weiter; daß sie nicht seine Gefährtin sei, nur eine Geliebte; daß
irgend eine der flüchtigen Begierden, in deren Wirbeln sie dahinlebte, sie
an diese Stelle geweht habe und die nächste sie weitertreiben werde; und
daß alles dies nicht mehr sei als ein heißer Windstoß über die nackte Haut.
Das Entsetzen des Verirrtseins packte sie, und sie wagte sich nicht zu
rühren.

Er sagte:

»Ich habe über Sie nachgedacht: ich durchschaue Sie vollkommen. Nehmen Sie
gegen Ihre Zustände dies: nie mehr als einen Tropfen und nur wenn sie in
Gesellschaft gehen wollen.«

Seine Stimme war ihr nun verdächtig. Unter einem eisigen Mißtrauen zog sie
sich innerlich zusammen. Was hatte dieser Mensch mit ihr vor? »Noch niemand
hat Gutes mit mir vorgehabt!« Er war ein Feind. »Mein Gott, in wessen
Gewalt bin ich geraten!« Sie stieß zurück, was er ihr hinhielt. Er bemerkte
plötzlich ihre Veränderung, bereute ungestüm, an Schwärmerei und Regungen
der Güte eine gelegene Zeit vergeudet zu haben, und tat einen harten Griff
nach ihr. Sie wich aus, bückte sich und entkam in die Finsternis der
Steige. Der Mond war nicht aufgegangen.

Sie stieß auf die Treppe, stürzte vorwärts, durch das Netz der leeren
Gassen, immer darauf gefaßt, die Schultern unter seiner zufassenden Hand zu
ducken. Drunten auf dem weiten, grellen Platz schien ihr der Anblick
einiger Bummler unbegreiflich, ein rettendes Wunder. Alles hatte sich doch
schon aufgelöst, alles war doch schon verloren gewesen. Sie sprang, noch
fliegenden Atems, in einen vorüberfahrenden Wagen. Während der Fahrt
erlebte sie immer aufs neue den Augenblick, als er nach ihr griff. Sie wand
sich vor Angst und Haß.

Wie sie in ihrem Zimmer das Licht aufdrehte, stand vor ihr im Spiegel der
elegante, selbstsichere junge Mann, den sie, schien es, hier zurückgelassen
hatte. »Was ist seither aus mir geworden! Mein Gott!« Sie ließ sich in den
Sessel fallen und weinte.

Sie wachte auf und saß noch immer in ihren Männerkleidern da. Im offnen
Fenster lag grauer Halbtag; drunten knirschten die ersten Karren. Lola fror
es; sie fühlte sich müde und verlassen. »Wenn ich's nun getan hätte?«
dachte sie, starren Blicke. »Ich hätte jetzt einen Herrn. Vielleicht wäre
ich glücklich.« Dann: »Wenn er jetzt käme? Wenn er jetzt drunten stände?«
Sie sah hinab: nein; und sie seufzte.

Beim Auskleiden fand sie in der Westentasche das Fläschchen, das sie
zurückgestoßen hatte. Also war's ihm gelungen, es ihr aufzudrängen! Sie
stellte es weit weg, wanderte ein paarmal ratlos in die Runde, zog
schließlich ein Morgenkleid an und ging hinüber in den Salon. Vor der Tür
zu Mais Schlafzimmer kehrte sie um, machte den Weg noch einmal und holte
das Fläschchen. Es ließ sich in der hohlen Hand verstecken, ohne daß sie
die Finger schloß. Dann trat sie bei Mai ein.

Mai schlief; Lola sah ihr zu, wie sie kindlich atmete, wie ihr schönes,
faltenloses Gesicht sich glücklich ausruhte. Einmal lächelte sie, wie bei
einem Siege. Was träumte ihr? Gewiß, daß man sie anbete. Lola stand und
sann sich fest in Mai. »Wie seltsam, daß ich zu ihr gehöre! Ich habe doch
Welten für mich, von denen die arme Mai nichts ahnt; aber dann falle ich,
ob ich will oder nicht, wieder auf die ihre zurück und spüre in meinem Blut
diesen schönen, dummen Männertypus, den ich verachte. Ist es nicht, als ob
ich manchmal das Bewußtsein verlöre, in Mai zurückkehrte, aus der ich einst
hervorgegangen bin, und sie für mich fühlen und handeln ließe? Da geht man
dahin und ist nicht man selbst. Was kann alles auch in dem Namen stecken,
den einem andere gegeben haben. Lola: . . . Lo--la . . . Ich höre etwas
unheimlich Schmelzendes, Willenloses darin. Lola: nein, es kann auch sehr
frisch und mutig klingen . . .«

Da erwachte Mai, und beide erschraken.

»Du bist also doch gekommen?« stammelte Mai. »Ich habe dich nicht gehört.
Du hast mir schreckliche Sorge gemacht. Ich konnte doch niemand nach dir
fragen: was hätte man gedacht!«

Lola erkannte, nun Mai zu Sorgen erwacht war, plötzlich Spuren des Alterns
an ihr. Sie erinnerte sich: auch dies Kinderwesen mußte kämpfen und leiden.

Zärtliche Reue hob Lolas Herz auf; sie warf sich vor dem Bett auf die Knie,
schob die Arme unter Mais Nacken.

»Ich habe dich lieb, Mai. Wir wollen fort von hier!«

»Fort? Warum?« fragte Mai erschrocken.

»Weil . . . Siehst du: man hat mich erkannt. Was ich getan habe, war dumm.
Nun ist's besser, wir gehen. Ja, so: der Herzog und Aguirre. Denen tragen
wir auf, zu erzählen, wir seien schon gestern abgereist. Sie werden diskret
sein, niemand wird beweisen können, daß er mich heute nacht gesehen hat.«

»Und Da Silva?«

Lola fuhr zurück, mit plötzlich verschlossener Miene.

»Wie ist's mit Da Silva?« wiederholte Mai unsicher. Lola näherte sich ihr
wieder.

»Er ist ein guter Freund,« sagte sie sanft. »Gegen meine Schmerzen und
Müdigkeiten hat er mir dies gegeben. Meinst du, daß ich's versuchen soll?«

Sie nahm Mais goldenen Arzneilöffel und ließ einen Tropfen hineinfallen.

»Soll ich?«

Zögernd:

»Soll ich?«

Und dann:

»So; nun werden wir sehen.«

Wenn es nun ein Gift war, das sie wahnsinnig machte und ihm in die Arme
trieb: sie hatte es genommen, es war geschehen. Ihre Züge waren besänftigt;
sie neigte sich tief auf Mai, deren Gesicht dem Weinen nahe war.

»Arme Mai, ich bin schlecht: ich bedachte nicht, daß du dich schwer
trennst. Immer lege ich dir Opfer auf. Aber dort, wohin wir gehen, sollst
du dich anbeten lassen . . .«

Sie streichelte und tröstete. Mai schluchzte und schlief ein. Lola schloß
sich in ihr Zimmer, setzte sich vor ein Buch und verstopfte, wie als Kind,
mit den Fingern die Ohren. Sie genoß, was sie las, mit immer hellerem
Geist. Eine Stunde später bemerkte sie, daß Teppich und Tisch voll Sonne
waren. Sie lehnte sich zurück, atmete tief auf und fühlte, wie weit nun die
Nacht zurückliege. »Von hier --« sie sah das Buch an -- »bis zu ihm ist's
endlos weit. Was geht er mich an? Ganz leicht werde ich ihn entbehren.«

Als sie fertig angezogen den Salon betrat, kniete Mais Mädchen vor einem
Koffer.

»Hast du auch schon angefangen?« fragte Mai.

»Ach, packen . . .« Und ein Angstschauer überraschte sie.

»Willst du denn nicht mehr reisen?«

»Ich . . . will . . . reisen;« dabei ließ sie den Kopf sinken. Dann:

»Das heißt . . .«

»Ja,« dachte sie, »ich will's darauf ankommen lassen.«

»Das heißt, selbst zu packen habe ich heute keine Lust. Wenn Germaine Zeit
hat . . .«

Ja: Mai gab Germaine frei; Lola war gerettet.




II


Haie begleiteten das Schiff. Lola sah zu, wie Matrosen sie an Angeln
herauszogen und ihnen, kaum daß der Kopf den Schiffsrand erreicht hatte,
Stöcke in den Rachen und durch den ganzen Leib trieben. Als die wehrlosen
Ungeheuer das Deck mit den Schwänzen peitschten und die Matrosen sich vor
Freude auf die Kniee klatschten, fühlte sie lähmende Traurigkeit. Die
Passagiere versammelten sich; dies war ein Fest; -- und da sah Lola im
Geist ein Kind zwischen die Leute drängen und mit ihnen in Freude
ausbrechen: erkannte sich selbst, wie sie einst auf ihrer ersten Meerfahrt
gewesen war und belauschte sich, dies unwissende, heitere und grausame
Kind, mit Verachtung, Sehnsucht und einer Spur von Grauen. Nicht wahr,
jetzt wird das Messer genommen und das Tier zerstückt? Richtig: sie hatte
dies also auch damals erlebt. Damals gehörte es nicht zum
Außerordentlichen; die Neger daheim hatten ganz ebenso grausam gehandelt an
den Tieren, die sie fingen; und Lola selbst, hatte sie nicht einst eine
Schlange, von der sie erschreckt worden war, ganz langsam zerschnitten, in
lauter Ringe, und die Schlange lebte immer noch? Sie besah die Hand, die es
getan hatte: diese selbe Hand. »Und ich denke, wenn ich der Großen Insel
gedenke, nur an feurige Papierröllchen, die übers Wasser schnellten, und an
den Duft der Orangenblüten! Das ist ein Irrtum. Als ich nach Europa reiste,
schienen es an Bord lauter liebe Menschen, die nur darauf sannen, einander
Freude zu machen. Die Wahrheit ist anders; o, was alles lese ich jetzt in
den Gesichtern, die die Haie sterben sehen!«

Sie zog die Kapuze ihres Regenmantels in die Schläfen und hatte nun, über
das Geländer gebeugt, nur noch ein kurzes Stück braunen Wassers vor Augen,
beprickelt von Regen. »Der gute alte Herr, der auf jener Reise allen
Kindern Schokolade schenkte und fast weinte, wenn man sie nicht nahm: was
für ein Schuft er vielleicht war!« Darauf bemerkte sie: »Schrecklich
mißtrauisch und menschenfeindlich bin ich geworden! Wie lange lebt man auch
schon!« Ihr Mantel ward steif von Wasser; die braune, stockende Luft ließ
sich schwer atmen. »So, deucht mich, ist's jetzt immer. Als ich von Rio
kam, strahlten Meer und Himmel unauslöschlich.«

Mai hatte es leichter. Mit allen war sie befreundet, erfreute sich des
besten Appetits und vieler Anbeter. »Warum hältst du dich immer zurück?«
fragte sie oft. »Wie sympathisch ist Herr Soundso!« Und Lola gab dies zu,
weil die Worte, die ihre Verachtung des Herrn Soundso enthielten, ihr
selbst den Hals zuschnürten. Aber war es möglich, etwas anderes zu fühlen
für jemand, der unter allen Damen nur einer die Hand küßte, und zwar der,
die den höchsten Titel führte? Oder für einen andern Herrn Soundso, der
auch sympathisch sein sollte, und der dem Kellner nur zwei Glas Kognak
eingestand, wenn er drei getrunken hatte? So war die Menschheit; um so
schlimmer für den, der nicht die Gabe hatte, davon abzusehen.

»Du hast dich schwer getrennt,« meinte Mai herzlich. »Warum warst du nicht
aufrichtig mit mir? Sage doch, bitte, bitte, an wen du denkst!«

»An niemand besonders, ich versichere dich.«

Und sie versank in immer trüberen Zorn. Wär's noch ein einzelner gewesen,
an dem sie litt! Aber der, den sie zurückgelassen hatte, war nichts. Nicht
seinetwegen erduldete sie nun dieselbe schwere Einsamkeit, die ihre frühen
Mädchenjahre verbittert hatte. Nur erinnert hatte er sie daran, wie vor ihm
andere seiner Rasse und Art, daß allein ihre Sinne einen Gefährten finden
konnten; daß in keinem Lande Menschen erwüchsen, die ganz ihresgleichen
waren; daß sie in der Seele allein war . . . Sie sah ins Wasser und sehnte
sich: »Wer einer Heimat entgegenführe!«

Sie hatte eine gehabt: eine Wahlheimat, die Schritt für Schritt zu erobern
gewesen war: ihre Kunst. Und auch aus der war sie verstoßen; denn die
Branzilla saß in der Nervenheilanstalt.

Die Branzilla war eine der allerletzten Lehrerinnen des bel canto. Ein
berühmter Geiger hatte zufällig Lolas Altstimme entdeckt, den Umfang und
die Stärke der Stimme bestaunt; hatte Lola eine unermeßliche Zukunft
verheißen und nicht geruht, bis sie zur Branzilla reiste. Wie Lola ins
Zimmer trat, machte die Alte gerade ihrem Mann eine Szene: dem angebeteten
Tenor von einst, der nun fett, leer und ängstlich umherschlich. Sie warf
ihm seine alten Geliebten vor, das Unrecht, das er ihr bei dem und dem, vor
dreißig Jahren gesungenen Duo getan habe, und daß er ihr zur Last liege. So
oft Lola das Paar beisammen traf, war's das gleiche; der Alte flüchtete,
die Augen gen Himmel gerollt; -- und als Lola einmal nach Beendigung der
Stunde das Vorzimmer öffnete, da hing er an der Decke . . . Und nun ihre
Bosheit sich auf den Mann nicht mehr ausleeren konnte, bespie die Alte
damit alle Welt, vertrieb die letzten Schülerinnen, brachte Lola bis zu
Tränenkrisen. Aber mochte Mai sich empören, Lola blieb ihrer Tyrannin treu,
folgte ihr blindlings in alle die Hauptstädte, wo die Branzilla ehemals
gefeiert worden war, und wo sie nun das unbekannte Dahinleben nicht ertrug;
schlichtete die Streitigkeiten, die die Alte in den Hotels, den Geschäften
und überall anzettelte; sorgte für sie; ließ sie ihre kopflosen
Ungerechtigkeiten herunterkeifen und schloß den Auftritt mit einem festen
und doch geduldigen »Adieu, Madame«, -- worauf sie zur genauen Stunde
wiederkehrte. Statt einem Gesetz, einem Befehl, die ihr Leben nicht kannte,
unterwarf sie sich den Launen einer Hexe; und ihre Zickzackfahrten durch
Europa waren nicht planlos, da sie hinter der herführten, in der, wie in
einer Ruine, der Geist einer großen, fast schon entschwundenen Kunst
hauste.

Denn das arme, täglich verwirrtere Gehirn der Branzilla schien wunderbar
genesen, wenn sie den Stoff unter den Händen hatte, aus dem sie schuf. Der
Stoff war die Stimme der Schülerin. Lola war sich bewußt, sie selbst sei
nichts, sei nicht mehr als ein dumpfes Werkzeug, und was aus ihr werden
solle, sei im Geist der Lehrerin schon aufgebaut, wie ein Tempel aus Luft,
unfaßbar für jeden, vertraut nur ihr, die ihn durch eine Gebärde, ein Wort,
durch einen der kindlich mystischen Ausdrücke, die die Seher finden, für
eine Sekunde vor die Schülerin hinzaubern konnte, so daß Lola sah: dort
hinan! Wer vermochte das noch: durch ein Wort, ein eigenes, dem nichts
Wirkliches entsprach, das richtige Spiel eines Kehlkopfes bewirken! Niemand
wußte mehr von dieser Kunst. Bei den Heutigen waren Lehrerinnen unbeliebt,
die zwei Jahre brauchten; und die Ausbildung währte ehemals acht. Lola
hätte es, einmal in der Schule der Branzilla, nicht mehr ausgehalten, sich
mit einem Ungefähr zu begnügen. Sie war fremd überall, und nur mit einer
alten halb Irren hielt sie Gemeinschaft; -- aber eines Tages wollte sie im
Besitz einer unerhörten Kunst vor die Welt hintreten!

Und in jedes Gasthaus brachte sie eine eigene Luft mit, machte jedes
flüchtige Quartier heimisch, in das sie ihre Gesänge, die seit Jahren
geübten, schickte. Aus der Unordnung der hastig umhergeworfenen
Gegenstände, der zerstreuten Stunden, der regellosen Vergnügungen und der
zufälligen Menschen rettete sie sich in den Winkel, wo das Klavier stand,
wie auf ihr eigenes Stück Erde. Von hier würde sie alles Land erobern!
Würde unabhängig, würde Fürstin sein, der die Herzen schlagen. Wie
hochgemut und stark sie, indes die anderen, alle zum Untergang bestimmt,
leere Worte redeten, Ränke, Liebeleien vergeudeten, mit sich selbst
umgingen wie mit Wertlosigkeiten: wie hochgemut, stark und voll Verachtung
sie an sich arbeitete! Ihre Heimat erweiterte! . . . Aber man lockte sie
daraus fort; die Überflüssigen umschwärmten sie. Umsonst übte sie tagelang
mit ihrem Taktzähler: der Schwarm der Festlichen übertäubte das Ticken der
kleinen strengen Maschine. Eine Wallung von Leichtsinn, und Lola war mitten
darin, ging unter in der Jagd der nach Freude Fiebernden. Dann trat der
Mann auf: einer derer, die sie im Blut hatte, die sie nicht vermeiden
konnte; -- und die Kunst lag unbegreiflich dahinten . . . Eines Tages stand
sie dann wieder am Klavier neben der Alten, deren Stimme hart und böse war;
und der Tag hatte bleiches, schmerzendes Licht, wie einer nach durchtobter
Nacht, der reuebeladen ist, und den man lieber verschliefe. Und oft, wenn
so ihre Tage in einer luxuriösen Landstreicherei zerflossen, dachte sie mit
Neid aller Angebundenen, Behüteten, in einen engen Kreis von Pflicht und
Gemeinschaft Geschlossenen. An ihrer Stimme, die so kostbar war, trug Lola,
wie jemand an einem Klumpen Gold in einer Wüste. Andere saßen in heimlicher
Werkstatt und bearbeiteten ihn . . .

Und dann war die Branzilla verschwunden. Es war geschehen, wie Lola das
letzte Mal sie wochenlang allein gelassen hatte. Lola hatte es mit Zorn
erfahren. War denn der Rest Kraft, den die Alte ihr noch zu geben hatte,
schon verbraucht? Die Branzilla mochte verrückt sein, wie sie wollte: sie
blieb die einzige, die Lolas Stimme beherrschte, die ihre Stimme sah. Dazu
taugte sie noch, dazu sammelte sich noch ihre Vernunft. Lola sagte dies den
Leuten, die sie ihr weggenommen hatten. »Laßt sie doch verrückt sein: es
ist meine Sache! Ich bin sie gewohnt, wie sie ist, und werde sie behüten.
Gebt sie mir zurück!« Umsonst: die Lehrerin blieb verloren; -- und Lola
wußte sogleich, nun sei's zu Ende. Die Methode der Branzilla ließ einen
unselbständig bis zuletzt. Lola war ohnmächtig ohne ihre Führerin. Der Weg
zur Kunst, in diese neue Heimat, war verloren.

So, aus Ratlosigkeit, Haltlosigkeit geriet sie nach Barcelona, wieder in
einen Schwarm, wieder an einen Mann; -- und fuhr nun, enttäuscht und zum
ersten Mal ganz hilflos, planlose Fahrten.

»Wer einer Heimat entgegenführe!«

                   *       *       *       *       *

Vom Denken, vom Begreifen und vom Sehnen war sie heiß und erregt.
Aufseufzend blickte sie um sich, ohne etwas zu erkennen. Der Schiffsarzt
strich in gleichen Pausen an ihr vorbei. Endlich, wie sie sich umwandte,
blieb er stehen und sie mußte in seine schwermütigen Augen sehen. Ob auch
sie die Gesellschaft fliehe, fragte er. Er war häßlich, und wieder nicht
häßlich genug, um zu reizen. Das war, schloß Lola, sein ganzes Unglück und
verschaffte seinen Augen den Anschein von Seele. Sie verlangte das Hospital
zu sehen. Es sei zu traurig dort, erwiderte er, für eine junge Dame, die
selbst nicht heiteren Gemütes scheine. Ob er sie unterhalten dürfe. Er
begann von sich selbst zu erzählen, einfache und wahre Dinge, denen sie mit
Achtung zuhören konnte. Noch mehrmals im Lauf des Abends näherte er sich,
tat ihr wohl durch gütige und gelassene Rede; und so oft Lola ihn bat, ihr
seine Kranken zu zeigen, weigerte er sich.

Aber das Wetter ward heller; nun stürmte es. Mai lachte mit den Fröhlichen;
dann schlich sie zu Lola und flüsterte:

»Glaubst du, daß es gefährlich ist?«

Und Lola ging mit ihr, damit Mai sähe, man habe das Recht, lustig zu sein.

Die Nacht ward ausgelassen. Die Nähe Italiens, die Befriedigung, wieder in
den heimischen Gewässern zu fahren, die leichte Furcht bei dem bedrohlichen
Schwanken und inmitten der gemeinsamen Gefahr die Aussicht, schon morgen
auseinanderzustieben, sich nie wiederzusehen: das bewirkte in allen
Wohlwollen und Leichtsinn. In der Kajüte fielen die Stühle um; man taumelte
einander in die Arme, um sich im Kreise zu drehen zu dem Gekratz der
wackelnden Musikanten. Lola erhob ihren Kelch und trank einem zu, einem mit
einer großen Habichtsnase und lustig blinzelnden Augen -- einem all derer,
die Mai sympathisch fand und gegen die jetzt auch Lola nichts mehr
einwandte: da sah sie einen Schatten auf der Treppe. Sie ließ den Arm
sinken. Das freudlose Gesicht des Doktors kam auf sie zu; mit einem Vorwurf
in der Stimme und einem um Entschuldigung bittenden Lächeln fragte er:

»Wollen Sie jetzt das Hospital sehen?«

Lola fuhr zusammen, wie ertappt, wie auf einem Verrat betroffen. »Er
erinnert mich daran,« bemerkte sie, »daß wir zusammen traurig waren.« Sie
senkte den Kopf und folgte ihm. Dann, empört: »Wie darf er verlangen, daß
ich es bleibe! Damit er mich trösten, mir wohltun kann. O! Alles auf dieser
Welt ist Eigennutz und Grausamkeit.«

Draußen peitschte sie der Wind; das endlose Dunkel heulte um sie her; es
griff nach ihr, mit den gespenstisch heraufschießenden Armen seiner
Gischtwellen. Ihr Führer nahm sie bei der Hand und ließ sie über Staffeln
hinabsteigen, tief in das Schiff hinein. »Da sind wir;« und in der Tür, die
er aufstieß, mischte sich Karboldunst mit dem Schiffsgeruch. »Kommen Sie
nicht?« Aber Lola spähte von der Schwelle mit Furcht durch die Kabine, die
einem Schacht glich, zu den Menschen hin, die in ihren Betten, eng wie
Särge, umhergeschüttelt stöhnten, und zu denen, die in Lumpen am Boden
hockend, erloschene Blicke zu ihr aufhoben. Jener eine Blick aber glänzte
so, daß von ihm der Raum voll eines flackernden Lichtes schien. Diese
beiden Augen brannten auf unbegreifliche Weise in einem Gesicht, so alt und
müde, daß vielleicht nur das rote Tuch, womit es umwickelt war, seinen
auseinanderstrebenden Staub zusammenhielt.

»Wer ist das? Mein Gott?«

Der Arzt hörte sie nicht; er neigte sich über den Alten, lauschte in sein
Gewimmer hinein; dann beschrieb er, langsam aufgerichtet, eine feierliche
Gebärde.

»Sie werden Ihre Heimat wiedersehen. Ich werde machen, daß Sie es erleben.«

Rasch wandte er sich ab.

»Gehen wir.«

Draußen:

»Dieser Alte ist jung nach Amerika gegangen. Die Arbeit seines Lebens hat
ihm so viel eingetragen, daß er vor seinem Tode nochmals die Überfahrt
bezahlen konnte. Er will auf seiner Heimaterde sterben. Das ist sein Ziel.
Dafür meint er nun gelebt zu haben.«

»Wird er's erreichen, wird er?«

»Nein,« entschied der Doktor, mit leiserer Stimme und Schultern, die sich
beugten. »Wir werden morgen in Genua landen, im majestätischen Genua; aber
er wird es nicht sehen. Ich kann es nicht machen. In diesem Augenblick lebt
er nur noch durch den einen Gedanken in seinem Kopf: in seiner Heimat zu
sterben.«

Vor der Treppe zu den Gesellschaftsräumen nahm er plötzlich Abschied und
tauchte ins Dunkel. Lola sah mit Verwunderung, daß dort innen noch der
gleiche kopflose Jubel tobe, und ging in ihre Kabine. Sie lag im Dunkeln;
-- und das Wimmern dahinten, sie wußte nicht, war es das der Geigen oder
das jenes Sterbenden. Seine Augen verließen sie nicht, ihre Stirn war
erfüllt von diesem übermenschlichen Feuer, das mit Überwindung eines
absterbenden Leibes ganz frei dahinbrannte, das nur ein Gedanke, ein Wille,
eine Sehnsucht war: die Sehnsucht nach der Heimat.

Und sie sah ihn, wie er jung aufs Schiff stieg. Die Jacke über der
Schulter, den Hut im Nacken, übermütig trotz der Rührung, küßte er ein
letzesmal Eltern, Geschwister und das Mädchen, das ihm treu bleiben wollte.
Hatte Lola ihn nicht drüben aussteigen gesehen, oder einen, der ihm glich?
Italiener in roten Hemden, die Jacke über der Schulter, waren so viele dort
umhergegangen. Sie hörte ihn seine Früchte ausschreien, sah ihn an einem
Kanoe zimmern und stand am Wege, wie er sein Maultier mit Waren
vorbeitrieb. Denn er handelte mit allem, hielt keine Arbeit für zu
schlecht, lebte nüchtern und schrieb Briefe, worin ein wenig Geld lag:
»Mut! Bald kann ich euch nachkommen lassen. Carlotta, ich seh' uns schon in
der Kirche.« Darüber sterben die Eltern; aber er hat noch die Geschwister,
und Carlotta wartet auf ihn. Er spricht nicht mehr vom Nachkommen; es geht
nicht alles, wie er dachte; nur zurücklegen möchte er eine Kleinigkeit, und
dann heimkommen . . . Wie? Wäre es möglich? Carlotta nimmt nun doch den
andern? Sie ist imstande, ihn zu verraten? Wozu kann dann alles noch
dienen! . . Ach, ein Kind hat sein Bruder? Wie hübsch! Er wird ihm etwas
mitbringen, wird es einst ausstatten. Die Geschäfte gehen besser, sie
sollen sich wundern . . . Und von Jahr zu Jahr: Der Bortolo schon tot? Und
Don Felice?

Und auch der, und auch der? Warum schreibst nun du selbst nicht mehr?
. . Schweigen. Und der alte Einsame vergißt die Todesfälle, von denen ihm
einst berichtet ward; wenn er von der Rückkehr träumt, stehen alle
unverwandelt am Ufer, und Carlotta trägt noch die rote Schürze, die er ihr
gab. Sein Geist geht zwischen Gebäuden um, die abgetragen sind, und bei
Menschen, die unter Kreuzen liegen. Zuletzt tritt er dennoch die Reise an,
für die er fünfzig Jahre arbeitete und lebte. Nun fährt er dahin -- werden
die Atemzüge ausreichen? -- fährt, seherisch vor Angst und Drang, dem
unmöglichen Ziel seines Lebens zu, dem, was es für ihn nicht gibt, dem
Phantom einer Heimat!

. . . Lola schluchzte noch immer. Sie beweinte in fremden Schicksalen das
Sinnbild der eigenen; und eine besänftigende Brüderlichkeit floß ihr aus
jenen zu. Sie schämte sich ihrer Menschenfeindschaft; verachtete die Gabe,
die sie bis dort hinabblicken lehrte, wo niemand mehr dem Erkanntwerden
gewachsen ist; entsetzte sich: »Hab' ich denn nicht immer lieben, nur
lieben wollen? Einst war ich doch entschlossen, mich eher lebendig begraben
zu lassen als daß Erneste oder Mai stürbe! Wie ist es möglich, daß Menschen
dies je aus dem Sinn verlieren: einander helfen, einander lieben!«




III


In Verona, nach dem Übernachten und wie der Omnibus schon vor dem Gasthof
stand, sagte Lola plötzlich:

»Jetzt wieder nach Venedig? Geht es wirklich nicht anders?«

»Uns zwingt doch niemand?« fragte Mai verdutzt.

»Das ist es. Uns zwingt nie jemand. Hierhin, dorthin: für uns ist alles
gleich.«

Und Lola ließ sich müde auf einen Stuhl nieder.

»Daß du auch grade in diesem Augenblick deine Nerven kriegst!«

Mai sah erschreckt hin und her zwischen Lola und dem Kellner, der zur
Abfahrt mahnte.

»Es scheint, wir reisen nicht.«

»Wozu?« seufzte Lola. »Um wieder einen Fingado zu treffen und einen Aguirre
und einen --?«

Sie besann sich.

»-- und alle die andern? . . . Weißt du noch nicht im voraus, wie deine
Verehrer aussehen werden, was sie dir sagen werden? Man kennt sie
auswendig, und es bleiben doch Fremde. Wir sollten lieber zu Pais
bayerischen Verwandten fahren. Nach deiner Ankunft in Europa sahen wir sie
nur so flüchtig; aber es schienen -- was weiß ich -- es schienen herzliche
Menschen.«

»Aber die Grimani erwartet uns.«

»Wir telegraphieren ihr ab.«

Sie telegraphierten auch nach München. Gugigls waren auf dem Lande; und
zwei Tage später, auf der kleinen Station zwischen Kufstein und Rosenheim,
jauchzte den Ankommenden ein ganzer Trupp festlich erregter Sommerfrischler
entgegen. Frau Gugigl und die Baroneß Utting schrien in einer Tonlage mit
der Lokomotive. Die eine schüttelte dabei ihre offenen Haare, die andere
ihre Zöpfe. Die Baroneß trat sofort an die Damen heran, zeigte auf ihr
Bauernkostüm und sagte stolz:

»I bin d'Oberdirn.«

Gugigl schwenkte noch, als Frau Gabriel schon vor ihm stand, auf die Zehen
gehißt, sein grünes Hütchen. Er war rotfleckig, hatte geblähte Nüstern, und
seine Kinnhaare wehten wirr. Die kleine Schwester seiner Frau ließ, als sie
Lola und Mai erblickte, seinen Arm los; ihr Geschrei brach ab; und mit
großen Augen, ganz entgeistert, sah sie den beiden eleganten Damen
entgegen. Gwinner küßte ihnen die Hand und führte von unten sein freundlich
freches Lächeln im Kreise umher, als hätte er einen Witz gemacht.

Frau Gugigl rühmte zuerst ihren Lodenkragen.

»Da schaut, wie er naß ist. Regenschirme gibt's bei uns nicht, meine
Lieben, und wenn man so daherkommt wie ihr . . .«

»Aber was ist denn hier los?« fragte Lola, da sie gleich hinter dem Bahnhof
in ein bäurisches Gedränge und Geschrei, in Jahrmarktsgerüche und
Blechmusik gerieten.

»Das ist das Gaufest.«

Und zu der gespannt horchenden Frau Gabriel:

»Ja, auf französisch, Tante, kann ich das Wort nicht sagen. Die Bauern
zeigen ihr Vieh und sich selbst her, in den alten Trachten.«

»Das Vieh in den Trachten,« ergänzte Gwinner und gab Lola durch
unterwürfiges Grinsen zu verstehen, daß er bei Gott nicht über sie sich
lustig mache; nur könne er nicht gegen seine Natur. Er umtastete die
Spinnenfinger der einen Hand leise mit denen der andern. Den runden,
schwarz und gelben Kopf trug er eigen vorsichtig zwischen den hohen
Schultern, als sei sein Nacken leicht zerbrechlich. Lola wandte sich weg.

Gugigl krähte in das Gebrüll der beim Wirtshaus Tafelnden hinein:

»A Bier! Cehn--zi! A Bier kriag' i!«

»Grüß Gott, Spezi!« rief die Baroneß.

»Dees is nämlich mein Oberknecht,« erklärte sie, lief hin und schwang sich,
rotbackig, mit dicken, fliegenden Zöpfen in die Bank zu den Bauern, die sie
feierten. »Ihre Zöpfe sind fast von der Farbe meines Haars,« dachte Lola;
und: »Wenn ich mich zu den Bauern setzen sollte! Wie wäre einem zu Mut,
wenn man hier heimisch wäre?«

Da begegnete sie dem bewundernden Blick der kleinen Tini.

»Wir haben uns noch gar nicht recht begrüßt. Sie sind groß geworden.«

»Wie geht es Ihnen?« stammelte das junge Mädchen.

»So nennt's euch doch du!« schrie Gugigl und drängte der Kellnerin nach.

»Gut. Und -- also, und dir?« fragte Lola, lächelnd. Tini errötete; dann
entschloß sie sich:

»Du hast Ähnlichkeit mit deinem Papa.«

»Ach! Hast du ihn gekannt?«

»Sehr gut; und nie hab' ich ihn vergessen. Er hat mir meine Lieblingspuppe
mitgebracht. Nach ihm hieß sie Gustl, weil er Gustav hieß, nicht? Jetzt ist
sie zwar kaputt . . .«

Lola dachte: »Und Pai tot.«

»Spielst du noch mit Puppen?« fragte sie mühsam.

»O nein . . .«

Und, als sei endlich das Eigentliche herbeigeführt:

»Lola, du bist wunderschön!«

»Du sagst das? Du wirst viel schöner werden als ich; man sieht es schon
jetzt.«

Sie liebkoste das schwarz eingerahmte, sentimentale Gesichtchen. »Noch
etwas zu lang und zu blaß ist es,« dachte sie zärtlich. Da drehte sie rasch
den Kopf.

»Mai! Mai! Die Tini hat Pai gekannt!«

Mais Miene, die ganz Befremdung und Verlassenheit war, ward auf einmal
kindlich beglückt; und Lola nickte ihr strahlend zu: »Wie schön, nicht
wahr, daß wir hergekommen sind!«

Da waren nun Wesen, die Pai gekannt hatten, die mit Lola verbunden waren,
vielleicht denselben Menschen lieb gehabt hatten wie sie!

»Hast du meinen Papa gern gehabt?« fragte sie.

»Sehr,« sagte Tini; und sie setzte nochmals an: »Und auch --«; aber dann
schwieg sie, ganz rosig.

»Sage, wie du ihn gefunden hast? Als er mich nach Europa brachte, trug er
meist einen grauen Anzug . . .«

»Ach, was für Dummheiten!« merkte sie selbst. Mai, die dazwischenschwatzte,
konnte sich nicht naiver gebärden. Wie das belebte! Wie einem warm ward!
Sie sah sich um, sie hatte Lust, diese Menschen zusammenzurufen, die Pai
gekannt hatten, die ihr du sagten, die ein wenig Blut mit ihr gemeinsam
hatten. Gugigl trank ihr zu. Er stand dahinten, auf gespreizte Beine
gestemmt, hob das endlich eroberte Glas Bier nervig an sein Gesicht, das es
mit geblähten Nüstern erwartete, und führte Lola, den Blick fest und ernst
in ihrem, seine Schluckkunst vor. Seine Frau hatte ihren Lodenkragen
abgeworfen, hatte flatternden Haares die tannenbekränzte Estrade der
Schuhplattler erstürmt, die Dirn weggestoßen und sich statt ihrer gegen den
beleibten Balzer geschmiegt. Aber von ihrem Tanzdämon überzeugt, kam sie
seinen Bewegungen zuvor, brachte die Äußerungen seiner gravitätischen
Brunst in Verwirrung, zappelte in der Luft, wie er sie emporstemmte: -- und
ohne vorherige Ankündigung, im Zorn noch mit gelassener Kraft, setzte er
die enttäuschte Mänade über das bekränzte Geländer. Frau Gugigl mußte
einige Pfiffe hören, trotzte aber der Menge und holte sich ihren Mann, um
ihn herumzuschwenken.

Mehrere Paare drehten sich, zwischen den Püffen der Vorbeidrängenden. Die
meisten saßen indessen unter den tropfenden Kastanien, Rücken an Rücken,
die Arme auf die Tischkanten gewälzt; und so oft die Musik sich von ihrem
Knarren und Meckern ausruhte, sangen sie sich gegenseitig in die Münder. In
ziehenden Tönen, deren Ende sie vor Gefühl nicht fanden, stimmten die
Burschen unwahrscheinlich schmutzige Verse an; und die Madln unter ihren
Zopfkränzen fielen herzhaft ein, wie in der Kirche. Aus dem Winkel beim
Hause wurden sie beobachtet von der eleganten Gesellschaft, deren ragender
offener Reisewagen aus dem Verschlage hervorstand. Die Dame hob das Lorgnon
vor ihre aufgerissenen Morphinistinnenaugen und führte ihre unbewegte,
schlaffe, perlfeine Miene langsam umher. Ein dürftig gewachsener Mensch,
der ihr den Rücken im Sonntagsrock halb zudrehte, fesselte sie länger als
die übrigen. Niemand fand an ihm vorbei, ohne die Faust, als solle sie das
biedere »Grüeß Gott, Schuasta«, verstärken, auf seinen eingedrückten
Nasenrücken fallen zu lassen. Der Schuster lachte verlegen, und von Zeit zu
Zeit wischte er mit dem Handrücken das Blut weg, das ihm sonst ins Bier
tropfte. Sichtlich war er's gewohnt, war dies ein durch lange Jahre
geweihter Brauch, dem sich zu entziehen er selbst am unpassendsten gefunden
hätte.

Das Lorgnon der Dame zielte unbewegt in dieselbe Richtung. Nun aber folgte
Mai ihm; und Mai begann, die Hand an der Wange, kleine entsetzte Schreie
auszustoßen. Gugigl, seine Frau und die Baroneß Utting liefen herbei:

»Ja, was gibt's? Der Schuster? Aber ihr seht doch, daß es ihm selber Spaß
macht. Seid ihr zartbesaitet!«

»Mir san derbes Volk,« erklärte die Baroneß.

Mai schrie auf: wieder war dem Schuster eine Faust auf die blutige Nase
gefallen; und Mai beruhigte sich nicht mehr, hörte auf kein Zureden,
verfiel, außer sich, in ihre heimische Sprache und wiederholte ihre Meinung
den um sie her feixenden Bauern auf französisch. Dies alles sei abscheulich
roh; sie sollten nicht trinken: nur die Neger tränken; sie sollten einander
wie Menschen behandeln.

»Sei still, Mai,« bat Lola, leise vor Scham. Ihr war, als trage sie ein
Stück Verantwortlichkeit für dies Volk, das Pais Sprache hatte, und zu dem
sie Mai hergeführt hatte wie zu den Ihren.

Aber Mai drang, erbittert durch die Grimassen, denen sie begegnete, auf
Gugigl ein. Ob er meine, sie kenne so etwas nicht. Auch zu Hause die Neger
begängen ihre Feste, tanzten -- nicht häßlicher als diese hier -- betränken
sich, schlügen einander blutig. Aber man gittere sie ein, stelle Wachen
herum, und kein anständiger Mensch sehe den schmutzigen Dingen zu. Lola war
sehr froh, daß Frau Gugigl und die Baroneß schon wieder in den Armen zweier
Knechte dahintollten. Gugigl verstand nichts; er äffte Mais erregte
Gebärden nach, klappte mit den Kiefern und parodierte, ihr vor den Füßen
hüpfend, irgend einen Laut, den sie grade gesprochen hatte: ganz stolz, daß
er, als studierter Beamter, nicht zwei französische Worte wußte. Mai brach
ab; die Augen naß vor Zorn in ihrem beleidigten Kindergesicht, drehte sie
ihm den Rücken. Gwinner kam -- und er trug den Kopf noch vorsichtiger --
mit dem gewaltigen Schuhplattler herbei. Vor der Ankunft machte er noch
einen Bogen, führte, demütig und frech grinsend, den ernsten Koloß den
Damen von allen Seiten vor, wie einen Preisochsen.

»Diese Damen,« äußerte er, »sind aus Amerika gekommen, um Sie zu sehen.«

»Viel Ehr', viel Ehr',« sagte der Mann, mit einer Stimme, der er eine
erbärmlich wirkende Zurückhaltung auferlegte. Gwinner hielt lächelnd die
Hand neben seinem Arm, wie um eine unsichtbare Kette. Er wies hinüber, von
wo die eingepferchten Tiere brüllten.

»Warum lehren Sie nicht auch die andern Ochsen das Schuhplatteln?«

Sein begütigendes Nicken hieß: »Es ging doch nicht anders.« Die kleinen
tückischen Augen des Riesen wanderten auf dem bleichen Gesicht umher, das
nach Frechheit rang; und unentschieden zwischen Drohung und Respekt, fragte
er:

»Ja, wie moanen's denn jetzt dös?«

Die kleine Tini trat energisch vor.

»Er meint, wer nicht tanzen kann, ist ein dummer Mensch; und jetzt müssen
wir nach Haus, es ist höchste Zeit. Benno! Thekla! Marie!«

Sie beruhigte sich nicht eher, als bis alle aus dem Biergarten heraus
waren. Auf der Straße zwischen den großen Fußspuren voll braunen
Regenwassers hieß es einen Eiertanz aufführen. Vor den vier Jahrmarktsbuden
lungerten einige Buben, ein paar Weiber mit den Schürzen über dem Kopf. Mit
starrem Gesicht führte ein verwittertes Mädchen eine Moritat vor.

»Haben Sie das verbrochen?« sagte Gwinner zu Gugigl, und zeigte auf das
Bild. Frau Gugigl sprang vor Freude in eine Pfütze.

»Aber Benno! Das ist ja eine Idee! ich mal' eine Moritat! Künstlerische
Moritaten gibt's noch nicht.«

»Mehr als genug,« meinte Gwinner; aber Frau Gugigl verlangte:

»Ohne Witz! Dem muß man künstlerisch nähertreten.«

Sie besprach dies im Weitergehen mit ihrem Mann und der Baroneß Thekla.
Gwinner bemühte sich, für Frau Gabriel französische Wortspiele zu erfinden.
Tini nahm plötzlich ihren Lodenkragen ab und legte ihn Lola um.

»Es regnet nicht mehr, dein Schirm nützt nichts: aber die Luft ist so
feucht.«

Lola sträubte sich vergebens.

»Bitte bitte! Du bist das nicht gewohnt Dort, woher du kommst, ist immer
blauer Himmel, nicht?«

»Was meinst du? Ich war ja die längste Zeit meines Lebens in Deutschland.«

»Ach! Du siehst ganz aus wie eine Fremde; und so elegant. Du mußt diesen
Kragen entschuldigen. Bei dir ist gewiß alles aus Paris?«

»O gar nicht; und ich finde deine Bluse sehr gut gemacht. Meine Mama und
ich haben zuletzt in Genua bestellt. Wenn es kommt, sollst du's sehen. Die
Schneiderin arbeitet für die halbe italienische Aristokratie sie kennt uns
schon . . .«

Und Lola dachte hinzu: »So wird sie uns hoffentlich für die Bezahlung Zeit
lassen.«

»Ein Gesellschaftskleid ist dabei, Empire, was wieder das Allerneueste ist.
Schwarze Gaze mit Chantillyspitze besetzt; und im Ausschnitt ist dicke
Silberspitze, unterlegt mit . . . Aber willst du mich nicht einhaken?«

»Unterlegt mit?« -- in seliger Erwartung.

»Mit türkisblauem, metallischem Stoff.«

»Wie wundervoll!«

»Auch unter der Chantillyspitze liegt er.«

»Ja. Aber --«

Tini hielt sich grader und sammelte sich; denn jetzt kam das, was sie Lolas
Toiletten entgegenzusetzen hatte.

»Hast du schon von der Umwertung aller Werte gehört?«

»Ich muß gestehen: nein. Und wer hat dir davon erzählt? Herr Gwinner?«

»Woher --«

»Erschrick nicht! Woher ich das weiß? Du sahst grade nach ihm hin.«

Tinis Blick hatte mit solcher schwermütigen Schwärmerei an seinen hohen
Schultern gehangen. »Darum,« erkannte Lola, »ihre Angst, vorhin bei dem
Riesen, als sie ihn in Gefahr sah.«

»Das muß interessant sein,« sagte sie. Da trennte die Baroneß Thekla sich
von ihren Freunden, lief -- und ihr kurzer roter Rock flatterte -- Lola
entgegen und schwang den Arm über ein entferntes Kornfeld hin.

»Morgen in der Früh gehts da droben wieder an die Arbeit!«

»Was für eine Arbeit?«

»Ans Kornschneiden. Ich bin allweil draußen mit die Knecht' und Mägd'. Mich
nennen's die Oberdirn . . . Ja, das wundert Sie. Aber meine Großmutter war
ja eine Bäuerin und hat drunt im Mühltal ihren Hof gehabt. Ich bin ein
richtiges Bauernblut, und in der Stadt freut's mich nicht.«

»Renommiert die Baroneß schon wieder?« fragte Gwinner, der sich umdrehte.

»Mir ist's ernst,« erklärte sie; und er, nachgiebig:

»Ich weiß, bei Ihnen kommt's von Herzen.«

Tini lachte Beifall:

»Schon wieder!« flüsterte sie, vor Stolz errötet, Lola zu. »Ist er
geistreich! Sie hat ja eine unglückliche Liebe; darum kommt bei ihr das
Bauerngetue >von Herzen<!«

Gwinner merkte erst jetzt, daß er einen Witz gemacht hatte, und dankte mit
den Augen.

Die schmale Straße aus nassem, durchfurchtem Lehm krümmte sich zwischen den
flach ansteigenden Äckern hin. Die gelben und die grünen erglänzten
gewitterhaft in dem späten Licht, das unter dem schwarzen Himmel hervor,
schräge über sie hinschlich; und jäh an den letzten, der heller vor ihr
flackerte, schien die blauschwarze Bergwand zu stoßen. Frau Gugigl jagte
vorbei.

»Kinder, kriegt ihr nicht auch Magenkrämpfe? Mir kommt's bald vor, als
wären das --«

Sie wies über das gelbgrüne Land hin.

»-- Pfannkuchen mit Spinat, und ich möchte mich draufsetzen wie eine
Fliege.«

Die Baroneß fuhr auf.

»Ich hoff' nur, du hast für eine Haxn und Knödln gesorgt; sonst müßt' ich
dir die Wirtschaft wieder abnehmen!«

Gugigl hatte sie erwartet.

»Die Marie ist ja ein Kulturmensch,« versicherte er. »Sie schaut nach der
Küche, nicht weil sie muß, sondern weil sie weiß, daß die Frau, je höher
sie steht --«

Gwinner legte ihm zärtlich die Hand ans Haupt.

»Schlaukopf,« sagte er.

»Gleich kommt's!« rief Tini und ließ Lola nach der Stelle sehen, wo hinter
der Senkung ihr Haus auftauchen sollte. Inzwischen polterte mit
Harmonikagedudel und betrunkenem Gesang ein Stellwagen herbei; alle mußten
auf den Grabenrand treten; und die Baroneß tauschte mit den Vorbeirasenden
Scherze aus. Nachher entzückte sie sich.

»So lebfrische Buam!«

Mai, von ihren Rädern arg bespritzt, sah ihnen wütend nach.

Einige Schritte vorm Ziel bog aus einem Seitenweg ein junger Mann, der den
Lodenkragen über der Brust zusammenhielt und den Kopf gesenkt trug. Gugigl
machte Zeichen, man solle sich ruhig verhalten; und wie jener dicht
herangekommen war, brach er mit seiner Frau, der Baroneß Thekla und Tini in
gelles Geschrei aus. Der andere fuhr herum und hielt der Schadenfreude ein
etwas schüchternes, etwas trübes Lächeln entgegen. Noch während sie ihn
auslachten, fragte er, ob sie sich gut unterhalten hätten.

»Und Sie, sanfter Träumer?« erwiderte Gwinner, und sein Grinsen war geduckt
und geärgert.

»Das Wetter drückt mich; ich hätte nicht auch noch den Lärm der Bauern
ertragen.«

Dies berührte Lola verwandt; sie gönnte auch Mai eine Genugtuung und
übersetzte seine Antwort. Mai belebte sich. Wie man die Veranda betrat,
sagte sie:

»Nicht wahr? Das Fest wäre ganz hübsch: aber diese Menschen . . .«

»Ein Fest ohne Menschen, gnädige Frau?« fragte Gwinner. »Musik, die
freiwillig aus den Instrumenten kommt, und Bier, das sich selbst trinkt?
Nein --«

Und er wandte sich nicht mehr gegen Mai und ihren unbesonnenen Ausspruch.

»Menschen bleiben die Hauptsache: Das verkennt Herr Arnold Acton. Was haben
wir von Einsamkeit? Ich weiß nur, was sie uns nicht gibt: Menschenkenntnis,
Geistesgegenwart, Sinn für das Mögliche und das Wirksame.«

»Bravo!« machte Gugigl; »und jetzt gehn's mit, Bier abziehen!«

Sie gingen. Frau Gugigl hatte gerufen:

»Ich richt nur rasch eure Zimmer!« -- und war mit ihrer Schwester und der
Baroneß von dannen. Lola und Mai betraten die große, ganz hölzerne, stark
dämmerige Stube. Arnold Acton war hinter ihnen; Lola wartete noch immer,
was er zu sagen habe: mit einer seltsamen Angst davor, er möchte nichts
wissen. Er sagte mit verschleierter Stimme und in Pausen zum Prüfen der
Worte:

»Menschenkenntnis . . . Geistesgegenwart . . . Sinn für das Mögliche und
das Wirksame . . . Sehr scharf. Sehr richtig. Wenn nur nicht alles das
hoffnungslos zweiten Ranges wäre! Die Einsamkeit, es ist klar, unterrichtet
uns nicht über die Welt, lehrt uns nicht, ihr antworten, ihren Spott
bestehen . . . Oder doch? Käme uns ein von ihr abgewandtes, ihr nicht mehr
untertanes Wissen, wenn wir allein sind: Wissen über sie und uns, in einem?
. . Ich weiß nicht, ob Sie, gnädiges Fräulein, das kennen: ein kleines
Zimmer, allmählich in allen Winkeln voll von Erschautem und Erlittenem,
glücklichen und schlimmen Spielen; nächtliche Gänge, einen Buchenhügel oder
Terrassen mit Oliven hinan, wenn in den Laubschleiern ein vom Tal
heraufgeschwebter, merkwürdig stiller Glockenschlag zittert: wie hell und
gespannt einen das macht! Ganz zusammengezogen auf sich; frei von den
weltlichen Hemmungen. Man wird sich selbst zur Leidenschaft; genehmigen Sie
ein noch stärkeres Wort: ein Flügelrauschen rührt sich in einem, wie vom
eigenen Schicksal . . .«

»Ich glaube Sie zu verstehen . . .«

Lola fühlte, daß er unter einem Druck rede, vielleicht nur aus Unruhe, um
nicht zu schweigen; und daß er darauf gefaßt sei, wenn das Dunkel gelüftet
werde, ein befremdetes Gesicht vor sich zu haben. Ehrgeizig sagte sie:

»Ich selbst habe einsame Zeiten gehabt.«

Da er die Augenblicke vergehen ließ, sprach auch sie aus Befangenheit
weiter.

»Damals haßte ich die Menschen und ersann mir zum Trost eine eigene Welt
. . .«

»Ich möchte nicht sagen, daß es Haß ist. Sie abzuschütteln, fern zu halten,
ist das Bedürfnis; auch sie zu reinigen und zu übertreiben; und so über sie
zu herrschen. Von ihnen stammt nichts als das Alphabet, aus uns aber, als
die Verlängerung unserer Schicksalslinie, die prachtvolle Tirade, die bis
zu den Sternen schießt.«

»Auch für mich gab es Freude und Glück nur auf anderen Sternen.«

Jeder von ihnen tastete im Dunkel der fremden Erlebnisse nach den Umrissen
der eigenen.

»Die Welt: sie wird uns, sind wir sehr allein, zum Spiel nach eigenen
Rhythmen, dient uns als Vorwand, uns selbst zu genießen. Wir sind so gut
über sie im reinen, daß wir sie unter uns gebracht haben und, ihrer sicher
und getrost, nun anfangen können, sie zu lieben . . .«

»Wohl erinnere ich mich, daß ich nach solchem Gewittertag im Walde mit dem
Glauben heimkehrte, das ganze All liebe mich und ich solle jedes seiner
Geschöpfe lieben . . .«

Da ward die Tür aufgerissen, und Frau Gugigl rief:

»Was munkelt denn ihr da?«

Lola sah sich, in der plötzlichen Helle, neben einem Unbekannten an der
Wand eines fremden Zimmers sitzen; ihr war, als sei sie aus weiter Ferne
herversetzt; und sie sagte erstaunt:

»Wir sprachen von einsamen Spaziergängen.«

»Sicher hat er wieder von sich selbst gesprochen: das ist seine
Spezialität, und anfangs verblüfft er einen damit. Nachher kennt man's
schon. Gehen Sie mehr unter Menschen, Arnold! Schauen Sie Gwinner an: der
redet stundenlang, ohne sich selbst zu erwähnen.«

»Was gäbe es über ihn auch zu sagen!«

»Bravo, Sie werden boshaft! Endlich! . . Weißt du wohl, Lola, daß er
abreisen wollte, als er hörte, ihr kämet? Solch Waldmensch ist er.«

Lola sah ihn an, ließ aber seinen unfreien Träumerblick, aus
unwillkürlichem Respekt, gleich wieder los. Ihr schien, vorhin im Dunkel
habe er zusammengesunken dagesessen, und erst jetzt sich hager aufgereckt,
als gälte es, etwas zu bestehen. Sie fragte, ohne mit Frau Gugigl
mitzulachen:

»Wirklich? Sie wollten abreisen?«

Er stammelte:

»Im Gegenteil . . . Ich hatte den Wunsch, nach München zu gehen; ich
brauche wieder einmal die Stadt.«

»Und wozu?« fragte prompt Frau Gugigl. »Wen kennen Sie dort? Wen suchen Sie
auf? Sie sind ein merkwürdiger Mensch.«

Frau Gugigl drehte sich, vor Gereiztheit rot, halb weg und machte zwei
Schritte. Lola war im Begriff, zu sagen:

»Es ist immer schade, wenn jemand kein merkwürdiger Mensch ist.«

Aber es kam ihr vor, als hätte es ein wenig Geringschätzung bedeutet, wenn
sie ihn in Schutz genommen hätte.

»Also ich zeig' euch eure Zimmer,« schloß Frau Gugigl. »Wo steckt denn
deine Mama?«

»Mai!«

Mai kam aus der Ecke beim Ofen. Im Dunkeln war sie sofort kindlich
eingeschlafen.

»Ich habe nasse Füße,« sagte sie gekränkt.

Über eine leiterartige Stiege gelangten sie auf einen Flur aus Brettern,
die sich bogen. Das Zimmer war voll vom feuchten Duft des weiten, schwarzen
Landes. Wie Lola sich aus dem Fenster lehnte, geschah in ihrer Nähe ein
Poltern wie von Pferdehufen auf Holz; und da tauchte der Kopf des Tieres in
den Schein ihrer Kerze. Ein alter Herr ritt eine flache hölzerne Brücke
hinauf, bis vor eine Tür im ersten Stock. Er stieg ab; und das Pferd ward
vom Knecht gewendet und hinabgeführt.

Mai rief, durch die Spalten der Holzwand hindurch, nach Lola. Mai wußte
nicht, wo sie ihre Toilettengegenstände ausbreiten sollte. Wenn die Koffer
kämen, wohin dann mit den Kleidern. Dieser Schrank sei lächerlich.

»Er ist schön geschnitzt und bemalt. Er ist alt, weißt du.«

»Diese Fremden sind genügsam, daß sie sich mit alten Sachen begnügen.«

Mai gebrauchte noch immer ihren heimischen, verachtungsschweren Ausdruck
für die »Fremden« und meinte damit alle Europäer.

»Wenn man sich anzieht wie sie, die Dienstmädchen gleichen, genügt wohl
solch ein Schrank.«

Und Mai schüttelte das wacklige Möbel.

Zweimal klopfte die Magd an; endlich holte Frau Gugigl selbst sie hinunter.
Um den quadratischen Ecktisch und unter der Hängelampe saßen auf den
Wandbänken, auf lehnenlosen Schemeln und auf Stühlchen mit einem Herzen im
Rücken, schon alle beim Abendessen. Gugigl rief ihnen entgegen:

»A Gullasch ham mer.«

»Leitmotiv des Ästheten,« erläuterte Gwinner.

Frau Gugigl erlaubte Mai und Lola noch nicht, sich zu setzen; vorher mußten
sie sich, aus dem Schatten heraus, darüber klar werden, welche Farbenwerte
der erhellte Kreis vertrete.

»Ist es nicht künstlerisch? die Thekla in ihrem Rot und Weiß, die Tini in
ihrem Weiß und Blau, Gwinner in Creme, der Baron mit seinem angerauchten
Meerschaumbart: Kinder, wie auf den Bart das Licht draufgesetzt ist! Mein
Mann hat doch einen großartigen Kopf. Arnold dient als Dämpfer. Und in dem
Blumenstrauß in der Mitte wiederholt sich alles. Aber wartet, ich muß noch
mit hinein!«

Sie lief auf ihren Platz; ihr Reformkleid mit Schulterhenkeln war kraft
goldener Borten, die Brokat vorstellten, auf Renaissancepracht aus; und sie
sah sich strahlend um.

»Wie findet ihr das? Künstlerisch, nicht?«

Mai fühlte, was man von ihr wolle, und heuchelte Entzücken. Aber sie sah
nur abgetragene Kleider, die mit der Mode nichts zu tun hatten. Heimlich
prüfte sie die Hände, ob sie gewaschen seien.

Die Gulaschschüssel dampfte auf dem Bauernleinen, neben der Vase aus
Bauernsilber. Gugigl ruhte nicht, bis Mai aus dem Kruge getrunken hatte,
der vor ihr stand. Darauf, etwas fremd, zu Arnold Acton:

»Sehen Sie? So wie Sie gibt's keinen mehr.«

»Also bitte, einen Krug.«

»Gott sei Dank!«

Gugigl lief selbst. Er beaufsichtigte, indes auch er schluckte, den anderen
bei der Handlung des Trinkens. Dann, aufseufzend, unvermittelt herzlich:

»Also Freunderl, gut is! Aber 's ist schon so: mir wird bei einem Menschen
erst wohl, wenn ich ein Bier mit ihm getrunken hab'!«

Darauf fragte er den Baron Utting nach seinen Hunden. Der Baron hielt eine
Meute. Er wohnte zur Miete in einem Bauernhaus; aber in allen Waldungen
ringsum hatte er die Jagd gepachtet. Den Tag hatte er mit seinen Hunden
verbracht, sie erst gefüttert, dann gemalt, und am Abend war er aufs Pferd
gestiegen, um in sein Schlafzimmer zu reiten. Er war zufrieden mit seiner
Leistung. Seine Tochter und Gugigl waren, in ihrer Ecke, ganz bei der
Sache. Arnold Acton mischte sich von drüben ein: hastig, um den Augenblick
nicht zu verpassen, wo sich etwas für diese Menschen Geeignetes sagen ließ.
Er sagte, straff aufgerichtet, Jagdhunde seien ihm sympathisch, weil ihre
Triebe in Freiheit spielten; aber er hasse die hündischen Gendarmen, die in
Bauernhöfen und hinter den Staketen der Vorstädte umherstrichen, um, komme
ein Fremder, ein Armer nahe, mit blutunterlaufenen Augen und wüster Stimme
über die Bretter zu schnappen. Diese der Gesellschaft, dem Bestehenden
dienstbar gemachten Raubtiere seien, in ihrem viehischen Fanatismus für die
Rechte ihres Herrn, etwas wie das verkörperte Prinzip des Eigentums, etwas
wie die Verdichtung alles Harten, Stupiden und Unmenschlichen im
besitzenden Menschen. Nichts sei kläglicher und widerwärtiger als der
Argwohn des Hundes gegen jeden, der seinem Herrn etwas abzunehmen komme.

»Zum Beispiel gegen den Steuereinnehmer,« sagte Gwinner, gelassen und
scharf.

Eine Sekunde des Stutzens -- und alle lachten. Die Baroneß Thekla wühlte
das Gesicht in die aufgestützte Hand; Tini sah, unter kurzen Gänseschreien,
triumphierend von Gwinner zu Arnold: »Da haben Sie's!« Und Frau Gugigl
drüben ließ sich, den Kopf schüttelnd, mit geöffneten Armen vornüberfallen,
zum Zeichen von Arnolds Ohnmacht vor ihrem witzigen Freunde. Gwinner
lächelte demütig frech und Arnold ratlos. Lola, neben ihm, begann plötzlich
leise, als soufflierte sie ihm:

»Sie stellten den Hund als Gendarm, als Vertreter der gesetzlichen Ordnung
hin. Der Steuereinnehmer ist dasselbe, warum sollte er ihn anbellen. Herrn
Gwinners Witz war also keiner.«

Er hob die Schultern und bewegte schüchtern die Hand: sie möge es gut sein
lassen. Übrigens hatte Frau Gugigl zu fühlen angefangen, daß das Gespräch
eine Abwechselung brauche. Sie griff hinter sich nach einem Buch: diese
Stelle müsse unbedingt ihr Mann hören. Er kaute; und es sah aus, als kauten
auch seine abstehenden Ohren an dem, was ihnen zugeführt ward. Plötzlich
erklärte er, nur einen Augenblick habe er an sein Gulasch gedacht, und da
habe er den Faden verloren. Frau Gugigl fand dies unkünstlerisch. Sie fand
es auch unkünstlerisch, daß Arnold durch einen Bauernkopf an ein Bild
erinnert ward; sie verlangte Unmittelbarkeit. Riesig künstlerisch (sie
konnte nur noch »künschelrisch« sagen) war es, daß die Baroneß in ihrer
Bauerntracht mit aufgestütztem Arm aß. Hoffentlich werde es hier noch recht
kalt werden: dann wollten sie mit hölzernen Löffeln Fett essen, alle aus
einer Schüssel. Gwinner übersetzte dies für Mai, deren Augen erschraken.
Vom Gulasch aber nahm sie nochmals und reichte Gugigl, nachdem er ein wenig
gebeten hatte, nochmals ihren Krug. Ihr Nachbar Gwinner gefiel ihr, es ließ
sich mit ihm lachen; und immer, wenn sie etwas miteinander hatten, was Tini
nicht verstand, bekam sie, zu seiner Rechten, ein angstvolles Gesicht. Sie
wollte mit ihm von der Umwertung aller Werte beginnen, aber er antwortete
nur scherzhaft. Arnold vermutete, in Fräulein Tini wiege der Intellekt vor,
und Frau Gugigl rief ihm zu:

»Sind Sie ein schlechter Psychologe!«

Er hatte auch das Unglück, Gugigl eine Ansicht zum Malen zu empfehlen, die
seine Frau unkünstlerisch fand.

»Sehen Sie! Sie haben keine Ahnung, was ein Bild ist!«

Lola stellte sich, um nicht sprechen zu müssen, als lausche sie auf des
Barons Jagdgeschichte. Sie nahm es Arnold übel, daß nicht auch er schwieg.
Er fragte Mai nach Leuten in Rio: er habe eine Cousine dort. »O, eine
entfernte.«

Pünktlich fiel Gwinner ein:

»Natürlich entfernt: wenn sie in Rio ist.«

Wieder Gelächter; wieder Arnolds aus Ratlosigkeit beifällige Miene.

Nach einer Weile wagte er zu fragen:

»Macht Ihnen die hiesige Landschaft nicht Lust zum Spazierengehen?«

Lola antwortete:

»Ja. Sie erinnert mich an eine, in der ich als ganz junges Mädchen viel und
ganz einsam umherging.«

Und Gwinner, unentwegt:

»Ganz einsam. Also Abfuhr, mein Lieber: Ihre Begleitung ist nicht
genehmigt.«

Lola sah Arnold zornig an. Warum ließ er sich einschüchtern von einem
gemeinen Witzler, der in ihr Gespräch hineintappte, ohne seine Beziehungen
zu verstehen? . . . Er fand nichts; und sie stand auf.

Auch Frau Gugigl hatte ihren Platz verlassen, die Mandoline von der Wand
gehoben, und sang, ein Bein übergeschlagen, mit hoher Blechstimme Santa
Lucia. Dann begleitete sie die Baroneß Thekla, die das Schmachten der vom
Biergenuß erweichten Bauern nachahmte.

   »Aaf da Wies schreit a Heischreck,
   Aaf oamal is a stad,
   Weil eam da dumm Bauer Michl
   Hat an Kohpf abigmaht.«

Da Gwinner sich, unter Benutzung seiner dialektischen Gewandtheit und
Schärfe, mit Gugigl über die Zugverbindungen nach München stritt, legte
Tini den schweren Band, den sie feierlich herbeigetragen hatte, beiseite
und lief hinaus. Sie weigerte sich, zu sagen, was sie im Regen getan habe,
und setzte sich vor ein Blatt Papier. Sie wolle Namen sammeln, die auf l
endeten, und vorher müsse g oder p kommen oder so; und sie schrieb »Gugigl«
hin. Der

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