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Anna Karenina, 2. Band

by unknown · German · Gutenberg #44957 · 1,046,585 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Anna Karenina, 2. Band
    
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Title: Anna Karenina, 2. Band

Creator: graf Leo Tolstoy


        
Release date: February 18, 2014 [eBook #44957]
                Most recently updated: October 24, 2024

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/44957

Credits: Produced by Norbert H. Langkau, Jens Nordmann and the
        Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ANNA KARENINA, 2. BAND ***

                             Anna Karenina.


                        Roman aus dem Russischen

                                  des

                         Grafen Leo N. Tolstoi.



                  Nach der siebenten Auflage übersetzt

                                  von

                              Hans Moser.


                             Zweiter Band.



                                Leipzig

                Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.

                   *       *       *       *       *




                             Fünfter Teil.

                                   1.


Die Fürstin Schtscherbazkaja fand, daß es unmöglich sei, die Hochzeit
vor den Fasten, bis zu denen noch fünf Wochen waren, zu feiern, da die
eine Hälfte der Ausstattung bis dahin nicht fertig zu stellen war;
doch konnte sie nicht umhin, sich mit Lewin einverstanden zu erklären,
daß es nach den Fasten wieder viel zu spät werden würde, da eine alte
Tante des Fürsten Schtscherbazkiy sehr krank war und bald sterben
konnte, und alsdann die Trauer die Hochzeit noch weiter verzögert
haben würde. Die Fürstin erklärte sich infolge dessen, nachdem sie die
Mitgift in zwei Partieen -- eine große und eine kleine geteilt hatte,
damit einverstanden, daß die Hochzeit zu den Fasten gefeiert würde. Sie
beschloß den kleineren Teil der Mitgift schon jetzt bereit zu machen,
während der größere später folgen würde, und war sehr erbost über
Lewin, weil dieser ihr durchaus nicht ernsthaft zu antworten vermochte,
ob er hiermit einverstanden sei oder nicht. Diese Ordnung der Dinge war
um so bequemer, als die jungen Eheleute sogleich nach der Hochzeit auf
das Land gingen, wo die große Mitgift gar nicht erforderlich war.

Lewin befand sich noch immer in jenem Zustande der Verzücktheit, in
welchem es ihm schien, als ob er und sein Glück den hauptsächlichsten
und einzigen Zweck alles Seienden bildete, daß er jetzt an nichts
denken, für nichts sorgen dürfe, daß vielmehr alles für ihn von anderen
gemacht wurde oder gemacht werden würde. Er hatte durchaus keine Pläne
oder Ziele für sein zukünftiges Leben, sondern gab die Entscheidung
hierüber anderen anheim in der Überzeugung, es werde schon alles gut
gehen. Sein Bruder Sergey Iwanowitsch, Stefan Arkadjewitsch und die
Fürstin leiteten ihn an, was er zu thun habe, und er war vollständig
einverstanden mit allem, was man ihm vorschlug. Sein Bruder nahm Geld
für ihn auf, die Fürstin riet, nach der Hochzeit Moskau zu verlassen,
Stefan Arkadjewitsch riet, eine Hochzeitsreise ins Ausland zu machen.
Er war mit allem einverstanden. »Thut was Ihr wollt, wenn es Euch
Vergnügen macht. Ich bin glücklich, und mein Glück kann nicht größer
sein und nicht kleiner, was immer Ihr auch thun möget,« dachte er.

Als er Kity den Rat Stefan Arkadjewitschs mitteilte, eine
Hochzeitsreise ins Ausland zu machen, wunderte er sich sehr, daß sie
damit nicht einverstanden war, sondern bezüglich des beiderseitigen
künftigen Lebens gewisse eigene bestimmte Forderungen stellte. Sie
wußte, daß Lewin seine Beschäftigung auf dem Lande hatte, die er
liebte. Sie verstand, wie er sah, nicht nur nichts hiervon, sondern
wollte auch gar nichts davon verstehen lernen, doch hinderte sie dies
nicht, jene Beschäftigung für sehr wichtig zu halten. Sie wußte ferner,
daß ihr Haus in einem Dorfe stand, und wünschte nun eben, nicht ins
Ausland zu fahren, wo sie ja nicht leben würde, sondern dorthin, wo
ihr Haus stand. Dieser bestimmt ausgeprägte Entschluß setzte Lewin
in Verwunderung, doch da ihm alles gleichgültig war, bat er sogleich
Stefan Arkadjewitsch, als ob dies dessen Verpflichtung wäre, auf das
Dorf zu fahren und dort alles vorzubereiten, wie er es verstünde, mit
jenem Geschmack, den er in so reichem Maße besäße.

»Höre einmal,« sagte nun eines Tags Stefan Arkadjewitsch zu Lewin,
-- vom Dorfe zurückgekommen, woselbst er alles für die Ankunft des
jungen Paares eingerichtet hatte -- »hast du denn ein Zeugnis, daß du
gebeichtet hast?«

»Nein. Warum?«

»Ohne dies wirst du nicht getraut!«

»O, o, o,« rief Lewin aus; »ich habe ja schon seit neun Jahren keine
Fasten mehr innegehalten. Daran habe ich gar nicht gedacht!«

»Du bist mir Einer,« lachte Stefan Arkadjewitsch, »und mich willst
du einen Nihilisten nennen! Aber das geht wirklich nicht -- du mußt
fasten.«

»Wann denn? Es sind noch vier Tage übrig.«

Stefan Arkadjewitsch ordnete auch dies, und Lewin begann zu fasten.
Für ihn, als einen Häretiker, der aber gleichwohl den Glauben anderer
achtete, war die Gegenwart und Teilnahme bei jeder Art von kirchlichen
Ceremonien sehr lästig. Jetzt, in seiner allen gegenüber gefühlvollen,
weichen Seelenstimmung, in der er sich befand, war dieser Zwang zu
heucheln, Lewin nicht nur lästig, er schien ihm vielmehr vollständig
undurchführbar. Jetzt, in seiner vollen Mannhaftigkeit und Blüte sollte
er entweder lügen oder spotten! Er fühlte sich nicht in der Lage, eines
von beiden zu thun, aber soviel er Stefan Arkadjewitsch auch anliegen
mochte, ob er nicht ein Zeugnis erhalten könne, ohne gefastet zu haben,
Stefan Arkadjewitsch erklärte, dies sei unmöglich.

»Und was kann es dir darauf ankommen -- zwei Tage? Er ist ein so
lieber, verständiger Geistlicher und wird dir diesen Zahn ausziehen,
daß du es gar nicht gewahr wirst.«

In der ersten Messe machte Lewin den Versuch, in sich die Erinnerungen
an seine Jünglingszeit und jene mächtigen religiösen Gefühlsregungen
wieder aufzufrischen, die er in seinem sechzehnten und siebzehnten
Jahre durchlebt hatte. Doch alsbald überzeugte er sich, daß ihm dies
vollständig unmöglich war. Er versuchte nun, auf alles das zu blicken,
wie auf eine eitle Sitte, die keine innere Bedeutung besaß, und
Ähnlichkeit mit der Sitte des Visitemachens hatte, empfand aber, daß
er auch dies durchaus nicht über sich gewann. Lewin befand sich der
Religion gegenüber, wie die Mehrzahl seiner Altersgenossen, auf einem
vollständig unbestimmten Standpunkt. Glauben konnte er nicht, war aber
bei alledem doch nicht fest überzeugt davon, daß alles Glauben unwahr
sei, und so empfand er denn -- weder imstande, an die Bedeutsamkeit
dessen zu glauben, was er that, noch fähig, gleichgültig darauf zu
schauen, wie auf eine leere Formalität -- während der ganzen Zeit
dieser Fasten ein Gefühl von Unbehagen und Scham, indem er that, was
er selbst nicht verstand und was, wie ihm eine innere Stimme sagte,
gewissermaßen irrig und nicht gut war.

Während der Kirchenfeier lauschte er bald den Gebeten und bemühte sich,
ihnen eine Bedeutung beizulegen, die mit seinen Anschauungen nicht
in Konflikt geriet, bald suchte er, in der Empfindung, daß er nichts
verstehen könne und sie verwerfen müsse, die Gebete nicht zu hören und
beschäftigte sich mit seinen Gedanken, Beobachtungen und Erinnerungen,
die mit außerordentlicher Lebhaftigkeit während dieses müßigen Stehens
in der Kirche in seinem Kopfe durcheinandergingen.

Er hörte die ganze Messe, die Vigilien und am andern Tage, zeitiger als
sonst aufgestanden, begab er sich, ohne den Thee genommen zu haben,
um acht Uhr morgens wieder in die Kirche, um die Frühgebete und die
Beichte zu hören.

In der Kirche befand sich nur ein armer Soldat, zwei alte Weiber und
die Kirchendiener.

Ein junger Diakonus, dessen langer Rücken sich in zwei Hälften
scharf unter dem dünnen Leibrock abhob, trat ihm entgegen und begann
sogleich, zu einem kleinen Tischchen an der Wand tretend, zu lesen.
An der Art seines Lesens, besonders an der häufigen und schnell
aufeinanderfolgenden Wiederholung der nämlichen Worte »Herr erbarme
dich unser«, die von der Hast völlig entstellt klangen, fühlte Lewin,
wie ihr Sinn für diesen Mann verschlossen und versiegelt war, fühlte
aber auch, daß es sich nicht zieme, jetzt daran zu rühren, da hieraus
nur eine Verwickelung entstehen konnte -- und so fuhr er fort, hinter
dem Geistlichen stehend, ohne ihn zu hören oder sich in ihn zu
versenken, an seine eigenen Angelegenheiten zu denken.

»Es liegt wunderbar viel Ausdruck in ihrer Hand,« dachte er, sich
vergegenwärtigend, wie sie gestern beide am Ecktisch gesessen hatten.
Zu sprechen hatten sie wenig miteinander gehabt, wie das fast stets
während dieser Zeit ist; sie hatte, nur die Hand auf den Tisch legend,
diese geöffnet und geschlossen und dazu gelacht, indem sie auf ihre
Bewegung blickte. Er dachte daran, wie er die Hand geküßt und dann die
ineinanderlaufenden Linien auf der rosigen Handfläche betrachtet hatte.

»Wieder das entstellte >Herr erbarm dich<,« dachte Lewin, sich
bekreuzend, verbeugend und auf die geschmeidige Bewegung des Rückens
des sich beugenden Diakonus schauend. »Sie nahm darauf meine Hand und
betrachtete die Linien; >du hast eine schöne Hand<, hatte sie gesagt«
und er schaute auf seine Hand und auf die kurze Hand des Diakonus. »Ja,
nun ist es bald zu Ende,« dachte er, »nein, es scheint wieder von vorn
anzufangen,« dachte er, den Gebeten lauschend; »doch, es ist zu Ende,
da neigt er sich schon bis zur Erde, das ist stets erst zuletzt der
Fall.«

Diskret mit der Hand unter dem Plüschaufschlag ein Dreirubelpapier
in Empfang nehmend, sagte der Diakon, er werde nun registrieren
und schritt mit seinen neuen Stiefeln schnell und hallend über die
Steinplatten der leeren Kirche zum Altar. Nach Verlauf einer Minute
schaute er von dort wieder zurück und winkte Lewin. Der Gedanke,
welchen dieser bisher in sich verschlossen gehabt, regte sich jetzt
wieder in seinem Hirn, doch bestrebte er sich sogleich, ihn von sich zu
weisen.

»Es wird sich schon machen,« dachte er und schritt zu dem Altar.
Er stieg die Stufen empor und erblickte, sich rechts wendend, den
Geistlichen. Der greise Priester mit spärlichem, halbergrautem Bart und
mattem gutmütigem Blick stand und blätterte in der Agende. Nachdem er
Lewin leicht gegrüßt hatte, begann er mit der gewohnten Stimme sogleich
die Gebete zu lesen. Als er hiermit zu Ende war, neigte er sich bis zur
Erde und wandte sich hierauf mit dem Gesicht nach Lewin.

»Christus steht unsichtbar hier und nimmt Eure Beichte entgegen,«
sprach er, auf das Kruzifix deutend. »Glaubet Ihr an alles, was uns
die heilige apostolische Kirche lehrt?« fuhr der Geistliche fort, die
Augen von Lewins Gesicht wegwendend und die Arme auf sein Epitrachelion
legend.

»Ich habe gezweifelt und zweifle noch an allem,« sagte Lewin mit einer
Stimme, die ihm selbst unangenehm war, und schwieg dann.

Der Geistliche wartete einige Sekunden, ob Lewin nicht noch etwas
Weiteres sagen würde, und sprach dann, die Augen schließend, in
schnellem wladimirschen o-Dialekt:

»Die Zweifel sind der menschlichen Schwachheit eigen, aber wir müssen
beten, auf daß der barmherzige Gott uns stärke. Was für besondere
Sünden habt Ihr auf Eurem Gewissen?« fügte er hinzu, ohne die geringste
Pause dabei zu machen, und gleichsam, als wollte er keine Zeit
verlieren.

»Meine vornehmste Sünde ist mein Zweifeln. Ich zweifle an allem, ich
befinde mich größtenteils nur in Zweifeln.«

»Der Zweifel ist der menschlichen Schwäche eigen,« wiederholte
der Geistliche mit den nämlichen Worten, »aber woran zweifelt Ihr
vornehmlich?«

»An allem. Ich zweifle bisweilen selbst an Gottes Dasein,« antwortete
Lewin unwillkürlich, und erschrak über das Unziemliche dessen, was er
gesprochen hatte.

Auf den Geistlichen machten indessen, wie es schien, die Worte Lewins
keinen Eindruck.

»Welche Zweifel können wohl über Gottes Dasein walten?« sagte er
schnell und mit kaum merklichem Lächeln.

Lewin schwieg.

»Welchen Zweifel könnt Ihr an dem Weltenschöpfer haben, wenn Ihr seine
Werke schaut?« fuhr der Priester in schneller, gewohnheitsmäßiger
Sprache fort. »Wer hat den Himmelsdom mit Sternen geschmückt? Wer hat
die Welt in ihrer Schönheit gekleidet? Wie sollte das ohne den Schöpfer
möglich gewesen sein?« sprach er, fragend auf Lewin schauend.

Dieser fühlte, daß es unschicklich gewesen wäre, einen philosophischen
Wortwechsel mit dem Geistlichen zu beginnen und gab deshalb zur Antwort
nur, was sich auf die Frage selbst bezog.

»Ich weiß es nicht.«

»Ihr wißt es nicht? Aber wie könnt Ihr dann daran zweifeln, daß Gott
alles geschaffen hat?« versetzte heiter-bedenklich der Geistliche.

»Ich begreife nichts,« antwortete Lewin errötend, und im Gefühl, daß
seine Worte thöricht waren und in dieser Situation thöricht sein mußten.

»Betet zu Gott und bittet ihn. Auch die Kirchenväter haben gezweifelt
und Gott gebeten um Stärkung ihres Glaubens. Der Teufel hat gar große
Macht und wir dürfen uns ihm nicht überliefern. Betet zu Gott und
bittet ihn. Betet zu Gott,« -- wiederholte der Geistliche und schwieg
hierauf einige Zeit, als sei er in Nachdenken versunken. »Wie ich
vernommen habe, bereitet Ihr Euch vor, in den Ehebund mit der Tochter
meines Pfarrbefohlenen und Beichtkindes, des Fürsten Schtscherbazkiy zu
treten?« frug er lächelnd, »das ist eine herrliche Jungfrau!«

»Ja,« antwortete Lewin, über den Geistlichen errötend; »wozu brauchte
derselbe bei der Beichte hiernach zu fragen?« dachte er bei sich.

Als ob der Geistliche diesen Gedanken beantworten wollte, sagte er
zu Lewin: »Ihr bereitet Euch vor, in den Stand der heiligen Ehe zu
treten, und Gott kann Euch mit Nachkommenschaft segnen, nicht so?
Welche Erziehung könnt Ihr alsdann Euren Kindlein geben, wenn Ihr
selbst in Euch nicht die Versuchung des Teufels besiegen wollt, der
Euch zum Unglauben verleitet?« frug der Geistliche mit sanftem Vorwurf.
»Wenn Ihr Euer Kind liebt, so werdet Ihr, als ein guter Vater, nicht
nur Reichtum, Überfluß und Würden Eurem Kinde wünschen; Ihr werdet
auch sein Heil wünschen, seine geistige Erleuchtung durch das Licht
der Wahrheit. Ist es nicht so? Was werdet Ihr antworten, wenn das
unschuldige Kindlein Euch frägt, Vater, wer hat das alles geschaffen,
das mich in dieser Welt so sehr ergötzt, Erde, Wasser, Sonne, Blumen
und Gräser? Solltet Ihr ihm antworten wollen, ich weiß es nicht?
Ihr müßt es wissen, da Gott der Herr in seiner hohen Gnade es Euch
geoffenbart haben wird. Oder wenn Euer Kind Euch früge >was erwartet
mich im ewigen Leben?< Was werdet Ihr ihm da antworten, wenn Ihr nichts
wißt? Wie wollt Ihr ihm einen Bescheid geben? Werdet Ihr ihm den Reiz
der Welt und des Teufels zeigen? Das wäre nicht gut,« sagte er und
hielt inne, das Haupt auf die Seite neigend und Lewin mit guten sanften
Augen anschauend.

Dieser antwortete jetzt nicht; nicht deswegen, weil er etwa nicht in
einen Streit mit dem Geistlichen hätte kommen mögen, sondern, weil ihm
noch niemand derartige Fragen gestellt hatte, und er, wenn erst einmal
Nachkommen sie ihm stellen würden, noch Zeit genug hatte, darüber
nachzudenken, was er dann antworten wollte.

»Ihr tretet ein in diejenige Zeit Eures Lebens,« fuhr der Geistliche
fort, »da es nötig ist, einen Weg zu wählen und sich auf demselben zu
halten. Betet zu Gott, damit er in seiner Güte Euch helfe und sich
Eurer erbarme,« schloß er. »Unser Herr und Gott Jesus Christus in
seiner göttlichen Gnade und Milde, seiner Liebe zu den Menschen vergebe
dir mein Sohn!« und das Sühnegebet beendend, segnete ihn der Priester
und entließ ihn.

Als Lewin an diesem Tage heimgekehrt war, empfand er ein freudiges
Gefühl darüber, daß diese peinliche Lage nun ihr Ende erreicht hatte,
so erreicht, daß er nicht hatte zur Lüge greifen müssen. Daneben aber
war in ihm auch eine unklare Erinnerung davon zurückgeblieben, daß das,
was jener gute und liebenswerte Greis gesagt hatte, durchaus nicht so
dumm gewesen war, als es ihm anfänglich geschienen, und daß es etwas
hierbei gebe, was der Aufklärung bedürfe.

»Natürlich nicht jetzt,« dachte Lewin, »aber später einmal.« Lewin
fühlte jetzt mehr, als früher, daß in seiner Seele etwas unklar und
unrein sei, und daß er sich in Bezug auf die Religion in der nämlichen
Lage befinde, die er so klar bei andern erkannt und nicht eben gern
gesehen hatte, wegen deren er seinem Freunde Swijashskiy Vorwürfe
gemacht.

Lewin war, den Abend mit seiner Braut bei Dolly verbringend, ausnehmend
heiter, und sagte, als er Stefan Arkadjewitsch von der gährenden
Gemütsverfassung Mitteilung machte, in der er sich befand, daß er sich
wohl befinde wie ein Hund, den man durch den Reifen zu springen gelehrt
habe und der nun, nachdem er endlich begriffen und ausgeführt hat, was
von ihm verlangt wurde, winselt, und schweifwedelnd vor Entzücken auf
Tische und Fenster springt.


                                   2.

Am Tage der Trauung bekam Lewin nach der üblichen Sitte -- auf
der Beobachtung aller Gebräuche beharrten die Fürstin und Darja
Aleksandrowna streng -- seine Braut nicht zu sehen und speiste im
Hotel wo er wohnte, zusammen mit drei Junggesellen, die sich zufällig
gefunden hatten; Sergey Iwanowitsch, Katawasoff, ein Universitätsfreund
und nunmehriger Professor der Naturwissenschaften, den Lewin auf der
Straße getroffen und mit sich genommen hatte, und Tschirikoff, ein
Moskauer Friedensrichter und Gefährte Lewins auf der Bärenjagd.

Beim Diner ging es sehr heiter zu. Sergey Iwanowitsch war in
aufgeräumtester Stimmung und trieb seine Kurzweil mit Katawasoffs
Eigentümlichkeit. Katawasoff, welcher fühlte, daß seine Originalität
geschätzt und verstanden werde, kokettierte mit derselben und
Tschirikoff unterstützte die allgemeine Unterhaltung in seiner heiteren
und gutmütigen Art.

»Da haben wir es ja,« sagte Katawasoff mit seiner, auf dem Katheder
angenommenen Art, die Worte zu dehnen, »welch ein tüchtiger Bursch
unser Freund Konstantin Dmitritsch ist. Ich spreche von dem Abwesenden
natürlich, denn er ist schon gar nicht mehr hier. Erst liebte er die
Wissenschaft, und nach seinem Abschied von der Universität pflegte
er menschliche Interessen; jetzt verwendet er die eine Hälfte seiner
Fähigkeiten darauf, sich selbst zu betrügen, und die andere -- um
diesen Betrug zu rechtfertigen.«

»Einen entschiedeneren Feind des Heiratens, als Euch, habe ich noch
nicht gesehen,« sagte Sergey Iwanowitsch.

»O nein; ich bin kein Feind davon; ich bin vielmehr ein Freund der
Arbeitsteilung. Die Menschen, welche selbst nichts fertig bringen
können, müssen Menschen hervorbringen, und die übrigen -- müssen zu
deren Aufklärung und Beglückung wirken. So fasse ich die Sache auf. Für
die Mischung dieser beiden Berufszweige giebt es ja eine Unmasse von
Liebhabern, ich aber gehöre nicht unter die Zahl derselben.«

»Wie glücklich würde ich sein, wenn ich einmal erführe, daß Ihr Euch
verliebt hättet,« sagte Lewin, »ladet mich nur ja zur Hochzeit ein!«

»Ich bin schon verliebt.«

»Ja, ja, vielleicht in einen Tintenfisch. Du weißt doch,« wandte sich
Lewin an seinen Bruder, »daß Michail Ssemionowitsch ein Werk über
Ernährung schreibt und« --

»Nun; nur nichts durcheinanderbringen! Das ist doch ganz gleich. Es
handelt sich jetzt nur darum, daß ich wirklich einen Tintenfisch lieben
soll.«

»Das hindert Euch aber nicht, auch ein Weib zu lieben.«

»Er nicht, aber das Weib hindert.«

»Inwiefern denn.«

»Ihr werdet es schon noch sehen. Ihr liebt das Landleben, die Jagd --
paßt nur auf!«

»Archip war heute hier und meldete, daß eine Masse Elentiere in Prudno
wären, und zwei Bären,« sagte jetzt Tschirikoff.

»Nun; die müßt Ihr schon ohne mich fangen.«

»Ganz richtig,« sagte Sergey Iwanowitsch, »empfehle dich nur gleich
von vornherein der Bärenjagd -- deine Frau wird dich nicht mehr
fortlassen.«

Lewin lächelte. Der Gedanke, daß seine Frau ihn nicht mehr zur
Bärenjagd lassen würde, war ihm so angenehm, daß er bereit war, dem
Vergnügen, Bären zu sehen, für immer zu entsagen.

»Aber es ist doch schade, daß diese beiden Bären ohne Euch erlegt
werden. Besinnt Ihr Euch noch, das letzte Mal in Chapilowo? Das war
eine wunderbare Jagd,« sagte Tschirikoff.

Lewin wollte ihn nicht ernüchtern, indem er sagte, daß es auch ohne die
Bärenjagd noch manches Schöne geben könne und antwortete daher nicht.

»Nicht unnützerweise hat sich diese Sitte des Abschiednehmens vom
Junggesellenleben eingebürgert,« sagte Sergey Iwanowitsch, »wie
glücklich du auch sein magst, schade ist es doch um die verlorene
Freiheit. Gesteht nur, man hat dabei ein Gefühl wie der Gogolsche
Bräutigam, daß man durch das Fenster hinausspringen möchte.«

»Natürlich ist es so, aber er will es nur nicht zugeben,« sagte
Katawasoff und brach in lautes Gelächter aus.

»Was denn! Das Fenster ist ja noch geöffnet! Fahren wir sogleich nach
Twjerj! Dort ist eine Bärin, zu der können wir ins Lager. Fahren wir
mit dem Fünfuhrzug. Dort macht man was man will,« meinte Tschirikoff
lächelnd.

»Nun, bei Gott,« antwortete Lewin lächelnd, »ich kann in meinem Innern
dieses Gefühl des Bedauerns über meine verlorne Freiheit nicht finden.«

»Ja, in Eurer Seele ist jetzt aber auch ein solches Chaos, daß Ihr
überhaupt nichts darin finden könnt,« sagte Katawasoff, »wartet nur,
wenn Ihr erst ein klein wenig mit Euch ins klare gekommen sein werdet,
dann werdet Ihr es schon finden.«

»Nein, fühlte ich auch nur im geringsten, daß es außer meinem Gefühl,«
-- von Liebe wollte er vor dem Freunde nicht reden, »noch ein Glück
gäbe, dann wäre es schade, die Freiheit zu verlieren -- aber im
Gegenteil, ich freue mich sogar über diesen Verlust meiner Freiheit!«

»Schlimm! Ein hoffnungslos Verlorener!« sagte Katawasoff, »nun, trinken
wir auf seine Genesung, oder wünschen wir ihm nur, daß wenigstens ein
Hundertstel seiner Träume in Erfüllung gehe. Schon dies wird ein Glück
werden, wie es nie auf der Erde existiert hat.«

Bald nach dem Essen verabschiedeten sich die Gäste, um zur
Hochzeitsfeier Toilette zu machen.

Allein zurückgeblieben und sich die Gespräche dieser Hagestolze
vergegenwärtigend, frug sich Lewin noch einmal, ob er denn wirklich
dieses Gefühl des Bedauerns über den Verlust seiner Freiheit in der
Seele habe, von dem sie gesprochen. Er lächelte bei dieser Frage.
»Freiheit? Warum Freiheit? Das Glück besteht allein darin, daß man
liebt, wünscht und denkt mit ihren Wünschen, ihren Gedanken, das heißt,
ohne jede Freiheit -- dies ist das Glück! -- Aber kenne ich denn ihre
Gedanken, ihre Wünsche, ihre Gefühle?« flüsterte ihm plötzlich eine
Stimme zu. Das Lächeln verschwand von seinem Gesicht und er versank
in Nachdenken. Plötzlich hatte ihn eine seltsame Stimmung erfaßt,
es überkam ihn Furcht und Zweifel -- ein Zweifel an allem. -- »Wie,
wenn sie mich gar nicht liebte? Wie, wenn sie mich nur deswegen
heiratete, um sich eben zu verheiraten? Oder, wenn sie gar selbst nicht
wüßte, was sie thut?« frug er sich. »Sie kann zur Erkenntnis kommen
und, kaum verheiratet erkennen, daß sie gar nicht liebt, mich nicht
lieben kann?« Die seltsamsten und schlimmsten Ideen über sie begannen
ihm aufzutauchen. Er war eifersüchtig auf sie gegen Wronskiy, wie
ein Jahr zuvor; als ob jener Abend, an welchem er sie bei Wronskiy
gesehen hatte, erst gestern gewesen wäre. Er argwöhnte, daß sie ihm
nicht alles gesagt habe, und er sprang schnell auf. »Nein, so geht es
nicht!« sprach er voll Verzweiflung zu sich. »Ich werde zu ihr gehen,
sie fragen, und ein letztes Mal ihr sagen: Wir sind noch frei, ist es
nicht besser, es zu bleiben? Es wäre dies doch besser, als ein ewiges
Unglück, als Schande und Untreue!« Verzweiflung im Herzen und voll Zorn
gegen die ganze Menschheit, auf sich und sie, verließ er das Hotel und
fuhr zu ihr.

Er traf sie in den Hinterzimmern. Sie saß auf einem Koffer und traf mit
einer Dienerin Anordnungen, einen Haufen verschiedenartiger Kleider
durchmusternd, welche auf den Rücklehnen der Stühle und auf dem
Fußboden ausgebreitet lagen.

»Ah!« rief sie, ihn erblickend, und ihr Gesicht erstrahlte vor Freude.
»Wie kommst du -- wie kommt Ihr« -- bis zu diesem letzten Tage hatte
sie bald »du«, bald »Ihr« zu ihm gesagt -- »das habe ich nicht
erwartet. Ich mustere soeben meine Mädchenkleider, für wen das Eine
oder Andere« --

»Ach, sehr gut!« antwortete er düster, auf die Zofe blickend.

»Geh hinaus, Dunjascha, ich werde dich dann rufen,« sagte Kity. »Was
ist dir?« frug sie, ihn unbedenklich mit »du« ansprechend, sobald das
Mädchen gegangen war. Sie bemerkte sein seltsames Gesicht, welches
aufgeregt und düster aussah, und ein Schrecken befiel sie.

»Kity; ich leide. Ich kann aber nicht allein leiden,« sprach er,
Verzweiflung in der Stimme, blieb vor ihr stehen und schaute ihr
beschwörend in die Augen. Er hatte schon an ihrem liebevollen,
treuherzigen Gesicht gesehen, daß sich nichts aus dem ergeben werde,
was er ihr zu sagen beabsichtigte, aber gleichwohl hatte er das
Bedürfnis, von ihr selbst seine Zweifel zerstreut zu sehen. »Ich bin
gekommen, dir zu sagen, daß es noch nicht zu spät ist, daß alles wieder
aufgehoben und in das alte Geleis zurückgebracht werden kann.«

»Was denn? Ich verstehe nichts. Was ist dir?«

»Das was ich tausendmal gesagt habe und woran ich immer denken muß;
das, daß ich deiner nicht wert bin. Du konntest nicht einwilligen,
mich zum Manne zu nehmen. Bedenke es. Du hast einen Irrtum begangen.
Überlege recht wohl! Du kannst mich nicht lieben! Wenn -- sage lieber«
-- sprach er, ohne sie anzublicken. »Ich werde unglücklich sein. Mögen
alle reden, was sie wollen, es ist besser so, als ein Unglück; es ist
besser, jetzt zu sprechen, so lange es noch Zeit ist« --

»Ich verstehe nicht,« antwortete sie erschreckt, »das heißt, du willst
alles aufheben, daß es nicht mehr nötig sei?« --

»Ja, wenn du mich nicht liebst.«

»Du bist von Sinnen!« rief sie aus, vor Unwillen errötend. Aber sein
Gesicht sah so kläglich aus, daß sie ihren Verdruß unterdrückte, und
sich, die Kleider von einem Lehnstuhl werfend, ihm näher setzte. »Was
denkst du eigentlich; sage mir alles!«

»Ich denke, daß du mich nicht lieben kannst. Weshalb solltest du mich
denn lieben können?«

»Mein Gott, was soll ich anfangen?« sagte sie und brach in Thränen aus.

»O, was habe ich gethan!« rief er jetzt und begann, vor ihr auf die
Kniee niederfallend, ihre Hände zu küssen.

Als fünf Minuten später die Fürstin in das Zimmer trat, fand sie die
beiden schon vollständig beruhigt. Kity hatte ihm nicht nur versichert,
daß sie ihn liebe, sondern ihm sogar, auf seine Frage antwortend,
weshalb sie ihn denn liebe, erklärt, warum.

Sie hatte ihm gesagt, daß sie ihn liebe, weil sie ihn ganz kenne, weil
sie wisse, was er lieben müsse, und daß alles, was er liebe, stets
gut sei. Und dies war ihm auch vollständig klar erschienen. Als die
Fürstin bei ihnen eintrat, saßen sie beide nebeneinander auf dem Koffer
und musterten Kleider, streitend, daß Kity jenes zimmetfarbene Kleid,
welches sie getragen, als ihr Lewin seinen Antrag gemacht hatte, der
Dunjascha geben wollte, während er darauf bestand, man dürfe dieses
Kleid an niemand weggeben, sondern möge der Dunjascha das blaue
schenken.

»Aber verstehst du nicht? Sie ist doch brünett und dies wird ihr daher
nicht stehen. Bei mir ist alles schon vorbedacht.«

Als die Fürstin erfahren hatte, weshalb er gekommen sei, geriet sie
halb im Scherz und halb im Ernst in Groll und schickte ihn wieder nach
Hause, damit er sich ankleide und Kity bei der Toilette nicht störe, da
Charles sogleich kommen würde.

»Sie hat so schon während dieser ganzen Tage nicht gegessen und ist
magerer geworden und du bringst sie nun mit deinen Thorheiten noch mehr
aus der Fassung,« sagte sie zu ihm; »mach daß du fortkommst nach Hause,
nach Hause mein Lieber.«

Lewin kehrte verlegen und beschämt, aber beruhigt, nach seinem Hotel
zurück. Sein Bruder, Darja Aleksandrowna und Stefan Arkadjewitsch, alle
in voller Gesellschaftstoilette, erwarteten ihn schon, um ihn mit dem
Heiligenbild zu segnen. Es war keine Zeit mehr zu verlieren.

Darja Aleksandrowna mußte noch nach Hause zurückkehren, um ihren
pomadisierten und frisierten Sohn zu holen, welcher das Heiligenbild
mit der Braut tragen sollte. Dann mußte ein Wagen nach dem Brautführer
gesandt werden und ein anderer, der Sergey Iwanowitsch fortbrachte,
wieder hergeschickt werden. Überhaupt gab es sehr viele und verwickelte
Überlegungen hierbei, und nur Eines war unzweifelhaft, daß nicht mehr
gesäumt werden dürfe, da es bereits halb sieben Uhr war.

Die Segnung mit dem Bilde hatte nichts weiter auf sich. Stefan
Arkadjewitsch stellte sich in komisch-feierlicher Haltung neben seine
Gattin, nahm das Heiligenbild, segnete Lewin, nachdem er diesem
befohlen hatte, sich bis auf die Erde zu verbeugen, mit seinem
gutmütigen und sarkastischen Lächeln und küßte ihn dreimal. Das
Nämliche that Darja Aleksandrowna, die sich dann sogleich beeilte,
abzufahren und abermals in das Arrangement der Bewegung der Wagen
vertiefte.

»Nun, so wollen wir es also machen: du fährst in unserem Wagen ihn
abzuholen, und Sergey Iwanowitsch würde, wenn er die Güte haben wollte,
vorausfahren, den Wagen aber zurückschicken.«

»Gewiß, sehr gern.«

»Wir aber können gleich mit ihm fahren. Sind die Kleider in Ordnung?«
frug Stefan Arkadjewitsch.

»Sie sind es,« versetzte Lewin und befahl Kusma, seinen Anzug zu
bringen.


                                   3.

Ein Haufe von Menschen, namentlich Weibern, umringte die zur
Trauungsfeier erleuchtete Kirche. Diejenigen, welche nicht bis in die
Mitte hatten vordringen können, drängten sich um die Kirchenfenster
unter Stoßen und Streiten und schauten durch die Gitter.

Mehr als zwanzig Wagen waren bereits von der Polizei die Straße
entlang aufgestellt worden und der Polizeioffizier stand, die Kälte
nicht achtend, in seiner glänzenden Uniform am Eingang. Unaufhörlich
kamen noch weitere Equipagen angefahren und bald traten Damen in
Blumenschmuck mit hochgenommenen Schleppen, bald Herren, das Käppi
oder den schwarzen Hut abnehmend, in die Kirche ein. In dieser selbst
waren die beiden Lustres und alle Kerzen vor den feststehenden
Heiligenbildern bereits angezündet. Der goldige Schimmer auf dem roten
Fonds des Ikonostas, das vergoldete Schnitzwerk an den Bildern und das
Silber der Kronleuchter und Leuchter, die Steinplatten des Fußbodens
mit den Teppichen, sowie die Banner oben über den Chören, die Stufen
des Altars und die vom Alter schwarzgewordenen Kirchenbücher, die
Leibröcke und Chorröcke, alles das war wie von Licht übergossen. Auf
der rechten Seite der geheizten Kirche, in der Masse der Fracks und
weißen Krawatten, der Uniformen und verschiedenen Stoff-, Samt- und
Atlasroben, der Haarfrisuren und Blumen, der dekolletierten Schultern
und Arme, und hohen Handschuhe summte ein verhaltenes, aber lebhaftes
Gespräch, das seltsam in dem hohen Kuppelbau wiederhallte. Sobald
das Kreischen der aufgehenden Kirchenthür ertönte, verstummte das
Gespräch in dem Haufen und alles schaute auf in der Erwartung, den
eintretenden Bräutigam und die Braut zu erblicken. Aber die Thür
hatte sich schon mehr als zehnmal geöffnet, und immer war es nur ein
verspäteter Geladener oder eine Geladene gewesen, die sich nun nach
rechts dem Kreis der Gäste beigesellte, oder eine Zuschauerin, die den
Polizeioffizier überlistet oder nachsichtig gestimmt hatte, und sich
nun dem fremden Haufen links anschloß. Die Verwandten und Bekannten
hatten schon die ganze Stufenleiter des Wartens durchlaufen.

Anfangs glaubte man, daß der Bräutigam und die Braut in jedem
Augenblick erscheinen müßten und schrieb der Verspätung keinerlei
Bedeutung zu. Dann begann man öfter und öfter nach der Thür zu schauen,
und davon zu sprechen, es möchte doch ja nichts vorgefallen sein. Dann
wurde die Verspätung schon peinlich und die Verwandten wie die Gäste
gaben sich den Anschein, als ob sie gar nicht mehr an den Bräutigam
dächten und ganz von ihrem Gespräch in Anspruch genommen seien.

Der Protodiakonus räusperte sich ungeduldig, gleichsam zur Andeutung
des Wertes seiner Zeit, und machte damit die Scheiben in den Fenstern
klirren. Auf dem Chor wurden die Proben der Stimmen vernehmbar, dann
das Schneuzen der sich langweilenden Chorsänger. Der Geistliche sandte
fortwährend bald den Küster, bald den Diakonus nach Erkundigung fort,
ob der Bräutigam noch nicht gekommen sei und ging sogar selbst in
seinem lilafarbenen Priestergewand mit dem gestickten Gürtel, häufiger
und häufiger zu den Seitenthüren, in der Erwartung des Bräutigams.

Endlich sagte eine der Damen nach der Uhr blickend »das ist aber doch
seltsam« und alle Trauzeugen gerieten in Unruhe und begannen laut
ihre Verwunderung und ihr Mißvergnügen zu äußern. Einer der Herren
fuhr wieder fort, sich zu erkundigen, was denn geschehen sei. Kity
stand währenddem, schon lange fertig, im weißen Kleid, langen Schleier
und Kranz von Pomeranzenblüte nebst der die Mutter und Schwester
vertretenden Frau Lwoffs im Saale des Hauses der Schtscherbazkiy und
blickte durch das Fenster, schon seit einer halben Stunde vergeblich
die Benachrichtigung des Brautführers von der Ankunft des Bräutigams in
der Kirche erwartend.

Lewin indessen lief noch, zwar in den Beinkleidern, aber ohne Weste
und Frack in seinem Zimmer auf und ab, unaufhörlich den Kopf zur Thür
hinaussteckend und den Korridor entlang blickend. Auf dem Korridor
jedoch wurde derjenige nicht sichtbar, den er erwartete, und voll
Verzweiflung kehrte er, mit den Armen fuchtelnd wieder zurück und
wandte sich an den ruhig rauchenden Stefan Arkadjewitsch.

»Hat sich jemals wohl ein Mensch in einer gleich entsetzlichen und
albernen Lage befunden?« sagte er.

»Ja, es ist dumm,« bestätigte Stefan Arkadjewitsch, sanft lächelnd,
»doch beruhige dich, man wird es sogleich bringen.«

»Nein, sicherlich,« sagte Lewin mit verhaltener Wut, »und diese
albernen ausgeschnittenen Westen! Unmöglich!« sagte er mit einem Blick
auf den zerknitterten Brusteinsatz seines Oberhemds. »Und wie, wenn die
Sachen schon zur Bahn wären?« rief er voll Verzweiflung.

»Dann ziehst du ein Hemd von mir an!«

»Das hätte aber schon längst geschehen sein müssen!«

»Es ist allerdings nicht angenehm, lächerlich zu werden. Warte doch, es
wird sich machen.«

Die Sache lag so, daß als Lewin die Toilette befahl, Kusma, der alte
Diener Lewins, den Frack, die Weste und alles was nötig war, brachte.

»Und das Hemd?« rief Lewin.

»Das habt Ihr ja schon an,« versetzte Kusma mit stoischem Lächeln.

Kusma hatte nicht daran gedacht, ein frisches Hemd dazubehalten, und
nachdem er den Befehl erhalten hatte, alles einzupacken und zu den
Schtscherbazkiy zu bringen, von wo aus das junge Ehepaar noch am Abend
abreisen wollte, that er also und packte alles ein außer einem Paar
Fräcken.

Das am Morgen angezogene Hemd war schon zerknittert, und ließ sich
unmöglich unter der modernen offenstehenden Weste tragen. Zu den
Schtscherbazkiy zu schicken, war es zu weit. Man schickte in ein
Geschäft.

Der Diener kam zurück: »Alles war geschlossen -- es ist Sonntag
heute.« -- Man schickte nun zu Stefan Arkadjewitsch, ein Hemd kam,
aber es war viel zu weit und kurz. Man schickte endlich doch zu den
Schtscherbazkiy, um wieder auspacken zu lassen. Der Bräutigam wurde in
der Kirche erwartet, und lief wie ein im Käfig eingekerkertes, wildes
Tier im Zimmer umher, auf den Korridor hinausschauend und mit Entsetzen
und Verzweiflung daran denkend, was er Kity sagen sollte und was diese
jetzt denken mochte.

Endlich flog der unglückliche Kusma, mit Mühe nach Atem ringend, mit
dem Hemd in das Zimmer herein.

»Ich habe sie gerade noch erwischt; die Sachen waren schon auf dem
Fuhrwerk,« sagte er.

Drei Minuten später stürzte Lewin, ohne nach der Uhr zu sehen, um seine
Wunde nicht noch zu vergrößern, Hals über Kopf den Korridor entlang.

»Damit kannst du nicht mehr viel helfen,« sagte Stefan Arkadjewitsch
lächelnd, ihm hastig nachstrebend. »Es wird sich schon machen, es wird
sich schon machen -- sage ich dir!«


                                   4.

»Er ist da! -- Da ist er! Welcher ist es? Ist er nicht ziemlich jung?
Und sie -- ja -- mehr tot als lebendig!« -- klang es in der Menge
durcheinander, als Lewin, nachdem er seine Braut an der Einfahrt
begrüßt hatte, mit dieser zusammen die Kirche betrat.

Stefan Arkadjewitsch hatte seiner Gattin die Ursache der Verzögerung
mitgeteilt, und die Trauzeugen zischelten nun lächelnd untereinander.
Lewin sah und hörte nichts, er musterte nur unverwandten Blickes seine
Braut.

Alle sagten, daß sie in den letzten Tagen sehr abgenommen hätte, und im
Kranze bei weitem nicht so gut aussah, wie gewöhnlich, aber Lewin fand
dies nicht. Er schaute ihre hohe Frisur mit dem langen weißen Schleier
und den weißen Blüten an, den hochstehenden gefalteten Kragen, der
eigenartig jungfräulich von den Seiten und von vorn ihren schlanken
Hals bedeckte und auf die überraschend enge Taille, und ihm schien,
daß sie so schöner sei, als sie je gewesen, nicht deshalb, weil diese
Blüten, dieser Schleier, dieses aus Paris verschriebene Kleid zu ihrer
Schönheit noch etwas hätte hinzufügen können, sondern, weil trotz der
künstlichen Pracht der Kleidung der Ausdruck ihres guten Gesichtchens,
ihres Blickes, ihrer Lippen, immer der nämliche bei ihr geblieben war
mit seiner unschuldigen Treuherzigkeit.

»Ich dachte schon, du wolltest mir davonlaufen,« sagte sie lächelnd zu
ihm.

»Es war so thöricht, was sich mit mir zugetragen hat, daß ich es gar
nicht erzählen kann,« antwortete er, errötend, mußte sich aber jetzt zu
seinem an ihn herantretenden Bruder Sergey Iwanowitsch wenden.

»Nicht übel, die Geschichte mit deinem Hemd,« sagte Sergey Iwanowitsch,
lächelnd den Kopf schüttelnd.

»Ja, ja,« versetzte Lewin, ohne zu verstehen, wovon man mit ihm sprach.

»Nun, mein Konstantin, jetzt müssen wir,« sagte Stefan Arkadjewitsch
mit scheinbar erschrecktem Gesicht, »eine wichtige Frage entscheiden.
Du nur bist jetzt in der Verfassung, die ganze Bedeutung derselben zu
ermessen. Man frägt mich, ob heruntergebrannte Kerzen angesteckt werden
sollen, oder nicht heruntergebrannte? Der Unterschied macht zehn Rubel
aus,« fügte er hinzu, die Lippen zu einem Lächeln kräuselnd, »ich habe
entschieden, fürchte jedoch, daß du mir deine Einwilligung nicht geben
wirst.«

Lewin erkannte, daß dies ein Scherz sein sollte, aber er vermochte
nicht zu lächeln.

»Also wie? Nicht gebrannte oder heruntergebrannte? Das ist die Frage.«

»Nun, nicht gebrannte.«

»Nun, freut mich sehr. Die Frage ist entschieden,« sagte Stefan
Arkadjewitsch lächelnd. »Aber wie thöricht doch die Menschen in einer
solchen Situation werden,« fuhr er zu Tschirikoff gewendet fort,
nachdem Lewin, ihn zerstreut anblickend, wieder zu seiner Braut
getreten war.

»Paß auf, Kity, du mußt also zuerst auf den Teppich treten,« sagte die
Gräfin Nordstone herzukommend. »Wie stattlich Ihr ausseht,« wandte sie
sich an Lewin.

»Dir ist doch nicht ängstlich?« frug Marja Dmitrjewna, ihre alte Tante.

»Ist dir nicht wohl? Du bist blaß. Halt, beuge dich ein wenig,« sagte
die Lwowa, die Schwester Kitys, ihre vollen schönen Arme krümmend und
lächelnd ihr die Blüten auf dem Haupte ordnend.

Auch Dolly kam; sie wollte etwas sagen, konnte aber nichts
herausbringen und begann zu weinen und unnatürlich zu lachen.

Kity schaute alle mit den nämlichen abwesenden Blicken an, wie Lewin.
Mittlerweile hatten die Kirchendiener ihren priesterlichen Schmuck
angelegt und der Geistliche mit dem Diakonus traten zu dem Altar,
welcher in der Vorhalle der Kirche stand. Der Geistliche wandte sich an
Lewin und sagte zu diesem einige Worte. Lewin vernahm nicht, was der
Priester gesagt hatte.

»Nehmt Eure Braut an der Hand und führt sie,« sagte der Brautherr zu
ihm.

Lange Zeit konnte Lewin nicht verstehen, was man von ihm wollte. Man
besserte lange an ihm herum und wollte schon die Hoffnung aufgeben --
weil er stets nicht mit der richtigen Hand griff, oder den richtigen
Arm nahm -- als er endlich erkannte, daß er mit der rechten Hand ohne
seine eigene Stellung zu verändern, sie ebenfalls bei der rechten Hand
zu nehmen hatte. Nachdem er endlich die Braut in der gehörigen Weise
bei der Hand genommen hatte, ging der Priester einige Schritte vor
und blieb auf der Altarerhöhung stehen. Die Schar der Verwandten und
Bekannten in summendem Gespräch und unter dem Rauschen der Schleppen
folgte ihnen; jemand beugte sich nieder und ordnete die Schleppe
der Braut. In der Kirche wurde es so still, daß man das Fallen der
Wachstropfen vernahm.

Der alte Priester im Scheitelkäppchen mit seinen schimmernden,
silbergrauen Haarlocken, die hinter den Ohren nach beiden Seiten
geteilt waren, streckte die greisen kleinen Hände aus dem schweren
silbernen und mit einem goldenen Kreuz auf dem Rücken geschmückten
Gewand hervor und blätterte noch ein wenig auf dem Altar.

Stefan Arkadjewitsch begab sich behutsam zu ihm hin und flüsterte ihm,
nach Lewin hinblinzelnd etwas zu, worauf er wieder zurückkehrte.

Der Geistliche zündete zwei mit Blumen geschmückte Kerzen an, indem er
sie mit der linken Hand schräg hielt, sodaß das Wachs langsam von ihnen
herniedertropfte und wandte sich zu den Neuvermählten. Der Geistliche
war der nämliche, bei welchem Lewin gebeichtet hatte. Er schaute mit
mattem, traurigen Blick auf Bräutigam und Braut, seufzte und segnete
mit der Rechten, die er unter dem Priestergewand hervorstreckte, den
Bräutigam, worauf er gleichfalls, aber mit einem Anschein hütender
Zärtlichkeit, die Finger auf das geneigte Haupt Kitys legte. Er reichte
hierauf beiden die Kerzen und verließ sie langsam, das Räucherfaß
nehmend.

»Ist es denn wahr?« dachte Lewin und blickte auf seine Braut. Wie von
oben herab erschien ihm ihr Profil, und an einer kaum bemerkbaren
Bewegung ihrer Lippen und Wimpern erkannte er, daß sie seinen Blick
empfunden hatte. Sie schaute nicht auf, aber der hohe Rüschenkragen
bewegte sich leise, der bis zu ihrem rosigen kleinen Ohr heraufging. Er
sah, daß ein Seufzer ihre Brust belastete und die kleine Hand zitterte,
welche in dem hohen Handschuh das Licht hielt. All jener eitle Kram mit
dem Hemd, der Verspätung, die Auseinandersetzung mit den Bekannten und
Verwandten, deren Mißvergnügen, seine komische Situation -- alles das
war plötzlich verschwunden und es wurde ihm freudig und bange zugleich
zu Mut.

Der schöne stattliche Protodiakonus im silbern-schimmernden Chorhemd
und den nach seitwärts in gewundenen Locken gekämmten Haaren trat
schnell vor und blieb, in der üblichen Geste mit zwei Fingern die Stola
hebend, dem Geistlichen gegenüber stehen.

»Segne, Herr!« ertönten langsam einer nach dem anderen, feierliche
Klänge, die Luft in Schwingungen versetzend.

»Gelobt sei unser Gott immerdar jetzt und fürderhin in alle Ewigkeit,«
antwortete sanft und in singendem Tone der alte Geistliche, noch immer
auf dem Altar nach etwas suchend. Die ganze Kirche erfüllend von den
Fenstern an bis zu den Kreuzbögen, erhob sich, harmonisch und getragen,
ein voller Akkord vom unsichtbaren Chor aus, wuchs an, stand einen
Augenblick und erstarb dann.

Man betete, wie üblich, für den himmlischen Frieden und das Seelenheil,
für die Synode und für Gott, es wurde gebetet auch für den Knecht
Gottes, Konstantin, und Jekaterina, die sich jetzt verlobten.

»Daß ihnen sende hernieder eine völlige friedsame Liebe, daß ihnen
helfe Gott, das bitten wir,« atmete gleichsam die ganze Kirche von der
Stimme des Protodiakonus.

Lewin vernahm die Worte und sie machten ihn betroffen. »Wie konnte man
vermuten, daß Hilfe not that, gerade Hilfe?« dachte er, sich alle seine
kürzlichen Befürchtungen und Zweifel wieder zurückrufend. »Was weiß
ich! Was vermag ich in dieser schweren Aufgabe ohne Hilfe? Allerdings,
Hilfe thut mir jetzt not.«

Als der Diakonus die Litanei beendet hatte, wandte sich der Priester
mit seinem Buche zu den Verlobten: »Ewiger Gott, der du das Getrennte
vereinet hast,« las er mit weicher, singender Stimme, »der das Band
der Liebe unauflöslich gestiftet, und Isaak und Rebekka gesegnet hat,
dir stelle ich diese als Nachfolger in deinem Bunde vor. Segne du sie
selbst, diese deine Knechte, Konstantin und Jekaterina, denen ich allen
Segen wünsche, gleichwie du ein erbarmender Gott voll Menschenliebe
bist und wir dir Lob singen, dem Vater und dem Sohne und dem heiligen
Geiste jetzt und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.« Wiederum ertönte in
der Höhe der unsichtbare Chor.

»Der das Getrennte vereinet hat und das Band der Liebe gestiftet, wie
gedankenvoll diese Worte sind und wie sie dem entsprechen, was man in
diesem Augenblick empfindet,« dachte Lewin. »Ob sie wohl das Nämliche
fühlt wie ich?«

Aufschauend begegnete er ihrem Blick, aus dessen Ausdruck er schloß,
daß sie ebenso verstanden hatte, wie er. Aber dies war durchaus nicht
der Fall; sie hatte fast gar nichts von den Worten der Ceremonie
verstanden, ja, diese während der Verlobung nicht einmal vernommen. Sie
war nicht fähig, sie zu vernehmen und zu fassen, so mächtig war jenes
eine Gefühl, welches ihr die Seele füllte und mehr und mehr zunahm.
Dieses Gefühl war das der Freude über die endgültige Vollendung dessen,
was schon sechs Wochen zuvor in ihrer Seele vollendet gewesen war
und sie im Laufe dieser langen Wochen erfreut und zugleich bedrückt
hatte. In ihrer Seele hatte sich, am nämlichen Tage, als sie in dem
zimmetfarbenen Kleid im Salon des Hauses Arbatskiy schweigend zu
ihm hingetreten war und sich ihm ergeben hatte, zu Tag und Stunde
ein völliger Bruch mit ihrem früheren Leben vollzogen; sie hatte
ein vollständig anderes, neues, ihr noch völlig unbekanntes Leben
begonnen, in der Wirklichkeit freilich das alte nur fortgesetzt.
Diese sechs Wochen bildeten die seligste und doch zugleich auch
qualvollste Zeit für sie. Ihr ganzes Leben, alle ihre Wünsche und
Hoffnungen, vereinigten sich in jenem einen, von ihr noch nicht
verstandenen Manne, mit welchem sie ein Etwas, welches von ihr noch
weniger begriffen wurde, als jener Mann selbst, verband, ein bald
näherungslustiges, bald abstoßendes Gefühl; bei alledem aber fuhr sie
fort, in den Verhältnissen ihres vorherigen Lebens weiter zu leben.
In diesem ihren alten Leben hatte sie Schrecken empfunden über sich
selbst, über ihre vollendete, unbezwingbare Gleichgültigkeit ihrer
gesamten Vergangenheit gegenüber; ihrem Eigentum, ihren Gewohnheiten,
den Menschen, die sie geliebt hatten und noch liebten, ihrer Mutter die
über diese Gleichgültigkeit erbost war, und ihrem guten, früher über
alles in der Welt geliebten, zärtlichen Vater gegenüber. Bald erschrak
sie über diesen Gleichmut, bald empfand sie Freude über das, was sie
dazu gebracht hatte. Sie mochte nichts weiter denken oder wünschen
als ein Leben mit jenem Manne, aber dieses neue Leben war noch nicht
eingetreten, und sie vermochte es sich nicht einmal klar vorzustellen.
Es war nur ein Erwarten -- Furcht und Freude über etwas Neues und
noch nicht Bekanntes. Jetzt aber, siehe da, war dies Erwarten und
die Unkenntnis, die Reue über den Verzicht auf ihr vorheriges Leben
vorüber, und etwas Neues sollte beginnen. Dieses Neue aber konnte nicht
furchtbar sein in seiner Unbekanntheit; gleichviel, mochte es furchtbar
oder nicht furchtbar sein, es hatte sich sechs Wochen vorher schon in
ihrer Seele voll entwickelt und wurde jetzt nur das geweiht, was sich
lange vorher schon in derselben vollzogen hatte.

Wieder auf den Altar zurückgekehrt, nahm der Geistliche mit Mühe den
sehr kleinen Ring Kitys und steckte ihn, sich Lewins Hand reichen
lassend, an dessen erstes Fingerglied. »Es wird verbunden der Knecht
Gottes Konstantin mit der Magd Gottes Jekaterina.« Nachdem er den
großen Ring an den rosigen kleinen, in seiner Schwächlichkeit Mitleid
erregenden Finger Kitys gesteckt hatte, wiederholte der Priester das
Nämliche.

Mehrmals glaubten die Brautleute zu erraten, was sie thun müßten,
irrten aber jedesmal, und der Geistliche wies sie mit flüsternder
Stimme an. Endlich, nachdem alles Erforderliche erledigt war, und er
die Ringe gesegnet hatte, übergab er nochmals Kity den großen und
Lewin den kleinen Ring, aber von neuem gerieten beide in Verwirrung,
und wechselten zweimal den Ring, ohne daß das zu stande kam, was
erforderlich war.

Dolly, Tschirikoff und Stefan Arkadjewitsch traten vor, um zu
verbessern. Eine Konfusion, Zischeln und Lächeln entstand, aber der
feierlich stille Ausdruck auf den Zügen des Brautpaares änderte sich
nicht, im Gegenteil, als sie sich mit den Händen geirrt hatten,
schauten sie noch ernster und feierlicher als vorher, und das Lächeln,
mit welchem Stefan Arkadjewitsch flüsterte, daß jetzt jedes seinen
eigenen Ring aufzustecken habe, erstarb unwillkürlich auf dessen
Lippen. Er fühlte, daß jedes Lächeln sie nur kränken könne.

»Denn du hast von Anfang an das männliche Geschlecht geschaffen und
das weibliche,« las der Priester weiter nach dem Ringwechsel, »und von
dir wird dem Manne das Weib gesellt zur Hilfe und zur Fortpflanzung
des Menschengeschlechts. Denn du selbst, Herr unser Gott, hast die
Wahrheit gesandt zu deiner Nachfolge und für deinen Bund, für deine
Knechte, unsere heiligen Väter, deine Auserwählten; schaue auf deinen
Knecht Konstantin und deine Magd Jekaterina und bestätige ihren Bund im
Glauben und in der Einmütigkeit und in der Wahrheit und in der Liebe.«

Lewin empfand mehr und mehr, daß alle seine Ideen über das Heiraten,
seine Gedanken darüber, wie er sein Leben hatte einrichten wollen,
kindlich gewesen waren, und daß hier etwas vor sich ging, was er
bis jetzt noch nicht verstanden hatte, und jetzt sogar noch weniger
verstehe, obwohl es sich über ihm selbst vollzog. In seiner Brust hoben
sich höher und höher innere Schauer, und zudringliche Thränen traten
ihm in die Augen.


                                   5.

In der Kirche befand sich ganz Moskau an Verwandten und Bekannten.
Während der Ceremonie der Trauung, in der glänzend erleuchteten
Kirche, im Kreise der geputzten Damen und jungen Mädchen, der Herren
in weißen Krawatten, in Fräcken und Uniformen war ununterbrochen eine
leise Konversation geführt worden, die namentlich die Herren anregten,
während die Damen in der Beobachtung aller Einzelheiten einer sie stets
ja sehr fesselnden heiligen Handlung versunken waren.

In dem Kreise der der Braut zunächst Stehenden befanden sich deren
beide Schwestern, Dolly und die ältere, ruhige und schöne Lwowa, die
aus dem Auslande gekommen war.

»Was ist das für ein Mary-Kostüm in Veilchenblau; gerade als wäre es
schwarz -- zu einer Hochzeit« -- sprach die Korsunskaja.

»Die einzige Rettung für ihren Teint,« antwortete die Trubezkaja.
»Mich wundert, daß man die Trauung abends ausgeführt hat -- das ist so
kaufmännisch« --

-- »Aber schöner. Auch ich bin abends getraut worden,« antwortete die
Korsunskaja und seufzte, als sie daran dachte, wie schön sie an jenem
Tage, wie lächerlich verliebt in sie ihr Mann damals gewesen war, und
wie jetzt so alles ganz anders geworden sei.

»Man sagt, daß jemand der mehr als zehnmal Brautführer gewesen ist,
nicht heirate; ich wollte es heute zum zehntenmale sein, um mich in
Furcht zu setzen, allein die Stelle war besetzt,« sprach Graf Sinjawin
zu der hübschen jungen Fürstin Tscharskaja, die Absichten auf ihn hatte.

Die Tscharskaja antwortete ihm nur mit einem Lächeln. Sie blickte auf
Kity, und dachte daran, wie und wann sie selbst mit dem Grafen Sinjawin
an Kitys Stelle sein würde, und wie sie diesen dann an seinen jetzigen
Scherz erinnern wollte.

Schtscherbazkiy sagte dem alten Fräulein Nikolajewa, daß er den Kranz
auf Kitys Chignon setzen werde, damit sie glücklich werde.

»Es ist gar nicht nötig einen Chignon aufzusetzen,« antwortete die
Nikolajewa, die schon längst entschlossen war, daß, wenn sie der alte
Witwer, nach welchem sie angelte, heiraten sollte, die Trauung die
allereinfachste sein sollte. »Ich liebe dieses >fast< nicht.«

Sergey Iwanowitsch sprach mit Darja Dmitrjewna, sie scherzend
versichernd, daß die Sitte, nach der Vermählung abzureisen, deswegen so
verbreitet sei, weil Neuvermählte stets kein gutes Gewissen hätten.

»Euer Bruder kann stolz sein. Es ist wunderbar, wie schön sie ist. Ich
glaube, Ihr beneidet ihn?«

»Ich habe das schon durchgemacht, Darja Dmitrjewna,« antwortete er und
sein Gesicht nahm unerwartet einen trüben und ernsten Ausdruck an.

Stefan Arkadjewitsch erzählte nun seiner Schwägerin einen schlechten
Witz über eine Ehescheidung.

»Man muß den Kranz zurechtrücken,« antwortete diese, ohne ihn zu hören.

»Wie schade, daß sie so angegriffen aussieht,« sagte die Gräfin
Nordstone zu der Lwowa. »Und gleichwohl wiegt er ihren kleinen Finger
nicht auf. Nichtwahr?«

»O, mir gefällt er sehr gut; aber nicht deswegen etwa, weil er mein
künftiger =beau frère= ist,« antwortete die Lwowa, »und wie schön er
sich hält! Es ist so schwer, sich in solch einer Situation gut zu
halten und nicht komisch zu werden. Er aber ist nicht komisch, nicht
steif, er ist offenbar ergriffen.«

»Ihr habt dies wahrscheinlich erwartet?«

»Fast so. Sie hat ihn stets geliebt.«

»Nun, beobachten wir, wer von ihnen zuerst auf den Teppich tritt. Ich
habe es Kity geraten.«

»Gleichviel,« antwortete die Lwowa, »wir sind doch alle die
untergebenen Weiber; es liegt dies doch einmal in unserer Rasse.«

»Ich bin aber doch vorsätzlich zuerst mit Wasiliy darauf getreten; und
Ihr Dolly?«

Dolly stand neben ihnen, sie hörte wohl, antwortete aber nicht;
sie war tief gerührt. Die Thränen standen ihr in den Augen und sie
hätte kein Wort reden können, ohne in Thränen auszubrechen. Sie
freute sich über Kity und Lewin; in ihrer Erinnerung zu der eigenen
Trauung zurückkehrend, blickte sie nach dem wonneglänzenden Stefan
Arkadjewitsch, vergaß alles Gegenwärtige und dachte nur ihrer ersten
unschuldigen Liebe. Sie dachte nicht allein an sich, sondern auch
an alle nahestehenden oder ihr bekannten Frauen. Sie erinnerte sich
ihrer in jener einzigen, für sie so feierlichen Zeit, da sie ebenso
wie Kity unter dem Kranze gestanden hatte mit Liebe, Hoffnung und
Bangen im Herzen, sich lossagend von der Vergangenheit und in eine
geheimnisvolle Zukunft eintretend. In der Zahl aller dieser Bräute, die
ihr ins Gedächtnis kamen, sah sie auch ihre geliebte Anna, über deren
vermutliche Trennung sie unlängst die Einzelheiten gehört hatte. Auch
sie hatte rein in den Pomeranzenblüten und dem Schleier da gestanden.
Und jetzt? »Furchtbar seltsam« -- sagte sie.

Aber nicht nur die Schwestern, auch die Freundinnen und weiblichen
Verwandten folgten allen Einzelheiten der heiligen Handlung; auch
die fremden Frauen, die Zuschauerinnen beobachteten voll Aufregung,
mit stockendem Atem, in der Furcht, eine einzige Bewegung verlieren
zu können, den Ausdruck der Mienen des Bräutigams und der Braut, und
antworteten ärgerlich den gleichgültigen Reden der gleichgültigen
Männer gar nicht, oder überhörten sie oft sogar, wenn dieselben
scherzhafte oder nebensächliche Bemerkungen fallen ließen.

»Weshalb sieht sie so verweint aus? Folgt sie ihm gezwungen?«

»Was, gezwungen einem so schönen Manne! Ist er nicht ein Fürst?«

»Das ist wohl seine Schwester dort im weißen Atlaskleid? Höre nur, wie
der Diakonus plärrt >und sie soll ihren Mann fürchten<.«

»Sind sie denn fremd?«

»Nein, es sind synodale.«

»Ich habe einen Diener gefragt. Er sagte, daß der Bräutigam die Braut
sogleich mit sich auf sein Gut nehmen würde. Er soll unendlich reich
sein, heißt es. Deswegen hat man ihm auch die Braut gegeben.«

»Nicht doch, das Paar ist so schön.«

»Und da habt Ihr nun gestritten, Marja Wasiljewna, daß die
Kanarienvögel wegflögen. Sieh die dort, es soll eine Gesandtin sein,
wie gewählt« --

»Die Braut ist doch zu lieblich, wie ein geputztes Lämmchen. Was Ihr
auch sagen mögt; es ist doch schade um sie.«

So schwatzte der Haufe der Zuschauerinnen durcheinander, dem es
gelungen war, durch die Thüren der Kirche hereinzuschlüpfen.


                                   6.

Nachdem die Trauungsfeier in der Kirche beendet war, breitete der
Küster vor dem Altarplatz in der Mitte der Kirche ein rosafarbenes,
seidenes Zeug aus; der Chor stimmte einen kunstvollen und schwierigen
Psalm an, in welchem Tenor und Baß sich antworteten und der Priester,
sich umwendend, wies die Verlobten auf das ausgebreitete rosafarbene
Stück Zeug hin. So oft diese nun schon davon gehört hatten, daß, wer
zuerst auf den Teppich träte, das Regiment in der Familie führen würde,
vermochten sich doch weder Lewin noch Kity dessen zu entsinnen, als sie
die wenigen Schritte zurücklegten. Sie hörten weder die vernehmbaren
Bemerkungen und Auseinandersetzungen, daß nach der Beobachtung der
Einen er, nach der Meinung der Anderen -- beide zugleich darauf
getreten wären.

Nach den üblichen Fragen betreffs ihres Wunsches die Ehe zu schließen,
ob sie nicht anderweit Versprechungen gegeben hätten, auf die ihre
Antworten ihnen selbst seltsam genug klangen, begann eine neue
Ceremonie.

Kity hörte die Worte des Gebetes und bemühte sich, deren Sinn zu
verstehen, aber sie vermochte dies nicht. Das Gefühl des Stolzes
und der lichten Freude begann mit der sich dem Ende nähernden Feier
mehr und mehr ihre Seele zu erfüllen, und machte es ihr unmöglich,
aufmerksam zu sein. Man betete: »Gieb ihnen Weisheit und Leibesfrucht
zu ihrem Nutzen, damit sie heiter seien beim Anblick ihrer Söhne und
Töchter;« es wurde erwähnt, daß Gott das Weib aus einer Rippe Adams
geschaffen habe, und »deswegen wird der Mensch Vater und Mutter
verlassen und dem Weibe anhangen und sie werden beide sein ein Leib,«
und »dieses Geheimnis ein großes« sei; man betete, daß Gott ihnen
Fruchtbarkeit und Segen verleihe, wie Isaak und Rebekka, Joseph und
Mose, und daß sie die Söhne ihrer Söhne noch sehen möchten. »Alles
das ist schön,« dachte Kity, als sie diese Worte vernahm, »alles das
kann auch gar nicht anders sein« und ein Lächeln der Freude, das sich
unwillkürlich allen denen, die sie anschauten, mitteilte, glänzte auf
ihrem hellgewordenen Antlitz auf.

»Setzt ihn nur ordentlich auf!« vernahm man zuredende Stimmen, als
der Geistliche ihnen die Kränze aufsetzte, und Schtscherbazkiy mit
zitternder Hand, im dreiknöpfigen Handschuh, den Kranz hoch über Kitys
Kopf hielt.

»Setzt ihn auf,« flüsterte diese lächelnd.

Lewin blickte sie an und war überrascht von dem freudestrahlenden
Glanze, welcher auf ihrem Gesicht lag; diese Empfindung teilte sich
auch ihm unwillkürlich mit, und auch ihm wurde dabei so leicht und
heiter zu Mut, wie ihr.

Es machte ihnen Freude, dem Lesen der Apostelsendung zu lauschen und
dem Verrauschen der Stimme des Protodiakonus beim letzten Vers, das
von dem zuschauenden Publikum mit großer Ungeduld erwartet worden war.
Es machte ihnen Freude, aus der flachen Schale den lauen roten Wein,
mit Wasser gemischt, zu trinken, es machte ihnen noch mehr Freude, als
der Geistliche, das Meßgewand zurückwerfend, ihrer beider Hände in
die seine nahm und sie unter dem Dröhnen der Bässe, welche das »Jesu
freue dich« ausführten, rings um den Altar geleitete. Schtscherbazkiy
und Tschirikoff, welche die Kränze hielten, verwickelten sich in die
Schleppe der Braut, lächelten gleichfalls und waren heiter, bald
stehen bleibend, bald nach vorn anstoßend an die Jungvermählten,
sobald der Geistliche eine Pause im Rundgang machte. Der Götterfunke
der Freude, der in Kity entzündet war, schien sich allen mitzuteilen,
die in der Kirche anwesend waren; und Lewin dünkte es, als wenn auch
der Geistliche und der Diakonus, ebenso wie er, zu einem Lächeln
neigten.

Der Geistliche nahm die Kränze von ihren Häuptern, las das letzte
Gebet und beglückwünschte die jungen Eheleute. Lewin schaute auf Kity
und noch nie bisher hatte er diese so gesehen. Sie war reizend in dem
ungewohnten Schimmer von Glück, welcher auf ihrem Antlitz lag. Lewin
wollte zu ihr sprechen, aber er wußte nicht, ob die Feier zu Ende sei.
Der Geistliche entriß ihn seinen Bedenken, er lächelte ihm gutmütig zu
und sagte leise, »küßt Euer Weib, und Ihr, küßt Euren Mann« und nahm
ihnen die Lichter aus den Händen.

Lewin küßte taktvoll ihre lächelnden Lippen, reichte ihr den Arm, und
verließ im Gefühl der Nähe eines neuen, seltsam berührenden Etwas die
Kirche.

Er glaubte nicht und konnte nicht glauben, daß es Wahrheit sei. Erst
als ihn verwunderte und schüchterne Blicke trafen, glaubte er daran,
weil er fühlte, daß sie schon Eins waren.

Nach dem Souper, noch in der nämlichen Nacht, fuhren die jungen Leute
nach dem Dorfe ab.


                                   7.

Wronskiy und Anna reisten bereits seit drei Monaten zusammen in Europa.
Sie hatten Venedig, Rom, Neapel besucht und waren soeben in einer
kleinen italienischen Stadt angekommen, wo sie sich für einige Zeit
niederzulassen gedachten.

Ein eleganter Oberkellner, mit einem vom Nacken beginnenden Scheitel im
dicht pomadisierten Haar, im Frack und mit breiter weißer Battistbrust
im Oberhemd, auch einem Bündel Berloques auf dem gerundeten Bäuchlein,
antwortete gerade, die Hände in den Taschen und geringschätzig mit
den Augen zwinkernd, in gemessenem Tone einem stehenbleibenden Herrn.
Als er von der andern Seite der Einfahrt Schritte vernahm, welche die
Treppe hinaufgingen, wandte sich der Oberkellner um, zog, als er den
russischen Grafen erblickte, welcher hier die besten Zimmer gemietet
hatte, respektvoll die Hände aus den Taschen und erklärte mit einer
Verbeugung, daß der Kurier da wäre, und die Angelegenheit mit dem
Mieten eines Palazzo im Gange sei.

»Ach, das freut mich sehr,« sagte Wronskiy, »ist die gnädige Frau
daheim oder nicht?«

»Gnädige Frau waren spazieren gegangen, sind aber jetzt zurückgekehrt,«
antwortete der Kellner.

Wronskiy nahm den weichen, breitkrempigen Hut vom Kopfe und trocknete
mit dem Taschentuch die schweißbedeckte Stirn und die halb über den
Ohren hängenden Haare, welche zurückgekämmt waren und die kahle Stelle
auf seinem Kopfe bedeckten. Zerstreut auf den noch immer dastehenden
und ihn anschauenden Herrn blickend, wollte er vorübergehen.

»Dieser Herr ist Russe und frug nach Ihnen,« berichtete der Oberkellner.

Mit einem Gefühl, in dem sich Verlegenheit und der Verdruß mischten,
daß man nirgends seinen Bekannten entgehen könne, aber im Wunsche,
doch wenigstens eine Zerstreuung in der Einförmigkeit seines Lebens zu
finden, blickte Wronskiy nochmals den abseits getretenen und wartenden
Herrn an, und in ein und demselben Augenblick leuchteten beider Augen
auf.

»Golenischtscheff!«

»Wronskiy!«

In der That, es war Golenischtscheff, ein Kamerad Wronskiys
vom Pagencorps her. Golenischtscheff gehörte im Pagencorps der
freidenkenden Richtung an, trat aus demselben mit bürgerlichem Range
aus und hatte nirgends Dienste genommen. Die Kameraden waren seit
dem Verlassen des Corps ganz auseinandergekommen und hatten sich in
späterer Zeit nur einmal wiedergesehen.

Bei jener Begegnung erkannte aber Wronskiy, daß Golenischtscheff eine
hochgeschraubte, freisinnige Wirksamkeit entwickelt hatte und infolge
dessen die Thätigkeit und den Beruf Wronskiys gering schätzte, und so
kam es, daß dieser bei dem Zusammentreffen mit Golenischtscheff jene
kalte stolze Haltung annahm, die er den Menschen gegenüber anzunehmen
verstand, und deren Gedanke der war: »Mag Euch meine Lebensart
anstehen oder nicht, dies ist mir ganz gleichgültig; Ihr müßt mich aber
achten, wenn Ihr meine Bekanntschaft sucht.«

Golenischtscheff hingegen verhielt sich diesem Tone Wronskiys gegenüber
mit geringschätzigem Gleichmut. Es dürfte nun scheinen, als ob jene
Begegnung sie noch mehr voneinander hätte trennen müssen, jetzt aber
erglänzten beider Mienen und sie riefen sich freudig an, indem sie
einander erkannten.

Wronskiy hätte nie erwartet, daß er sich über Golenischtscheff so
freuen könne, aber wahrscheinlich wußte er nur selbst nicht, wie er
sich langweilte. Er hatte den unangenehmen Eindruck ihrer letzten
Begegnung vergessen und streckte jetzt dem einstigen Schulkameraden
mit offener, freudiger Miene die Hand entgegen. Ein solcher Ausdruck
von Freude veränderte auch den ersten unsicheren Ausdruck im Gesicht
Golenischtscheffs.

»Wie freue ich mich, dich zu treffen!« sagte Wronskiy, freundschaftlich
lächelnd seine festen weißen Zähne zeigend.

»Ich habe gehört, ein Wronskiy ist hier; wußte aber nicht, welcher. Ich
freue mich ganz außerordentlich!« --

»Komm doch mit herauf. Nun, was machst du denn?«

»Ich wohne schon seit zwei Jahren hier. Ich arbeite.«

»Ach so,« versetzte Wronskiy voll Teilnahme, »also komme mit herein.«

Nach der Gewohnheit der Russen begann er französisch, anstatt gerade
russisch das zu sagen, was er vor der Dienerschaft verbergen wollte.

»Bist du mit der Karenina bekannt? Wir reisen zusammen. -- Ich gehe zu
ihr,« -- fuhr er auf französisch fort, Golenischtscheff aufmerksam ins
Gesicht blickend.

»Ah, ich wüßte nicht,« antwortete Golenischtscheff ruhig -- der
recht wohl das Verhältnis kannte -- »bist du schon seit lange hier
angekommen?« fügte er hinzu.

»Ich? Seit vier Tagen,« antwortete Wronskiy, noch einmal aufmerksam das
Gesicht des Schulkameraden musternd.

»Ja wohl, er ist ein vernünftiger Mensch und nimmt die Dinge, wie
sichs gehört,« sagte Wronskiy zu sich selbst, die Bedeutung des
Gesichtsausdrucks Golenischtscheffs und den Wechsel der Unterhaltung
verstehend; »man kann ihn schon mit Anna bekannt machen; er verhält
sich ganz so, wie es sich gehört.«

Wronskiy hatte sich während der drei Monate, die er im Auslande mit
Anna zugebracht hatte, im Zusammentreffen mit den Menschen stets die
Frage vorgelegt, wie die betreffende neuerscheinende Person seine
Beziehungen zu Anna betrachte, und größtenteils begegnete er bei den
Männern der Auffassung »wie es sich gehörte«. Wenn man ihn aber frug,
oder diejenigen frug, welche verstanden, was das »wie es sich gehört«,
eigentlich bedeute, so wäre wohl er selbst ebenso wie jene in großer
Verlegenheit gewesen.

In Wirklichkeit verstanden diejenigen, welche nach Wronskiys Meinung
das »wie es sich gehört« kannten, dieses nicht im geringsten, sondern
verhielten sich nur im allgemeinen so, wie wohlerzogene Leute sich
in allen verwickelten und unlösbaren Fragen zu verhalten pflegen,
die das Leben von allen Seiten umgeben -- sie verhielten sich
zurückhaltend, und mieden Anspielungen und unangenehme Fragen. Sie
gaben sich den Anschein, als ob sie vollständig Bedeutung und Sinn
der Situation erfaßt hätten, sie erkannten dieselbe an und hießen sie
sogar gut, hielten es aber für unangebracht und überflüssig, das alles
auszusprechen.

Wronskiy hatte sich nicht sogleich gedacht, daß Golenischtscheff einer
von diesen Leuten wäre, und er war daher doppelt erfreut über ihn.
In der That verhielt sich Golenischtscheff der Karenina gegenüber,
nachdem er bei derselben eingeführt worden war, so, wie Wronskiy es nur
immer wünschen konnte. Augenscheinlich vermied er ohne die geringsten
Schwierigkeiten alle Gespräche, die zu einer peinlichen Situation
hätten führen können.

Er hatte Anna früher nicht gekannt und war überrascht von ihrer
Schönheit, noch mehr aber von der Naivetät, mit welcher sie ihre Lage
auffaßte. Sie errötete, als Wronskiy Golenischtscheff einführte, und
dieses kindliche Erröten, das ihr offenes schönes Gesicht überzog,
gefiel ihm außerordentlich. Besonders aber sprach ihn an, daß sie
sogleich, wie in der Absicht keinerlei Zweifel in Gegenwart eines
Fremden möglich bleiben zu lassen, Wronskiy einfach »Aleksey« nannte
und erzählte, daß sie mit ihm in ein neugemietetes Haus übersiedeln
werde, welches man hier den Palazzo nenne. Dieses offenherzige und
naive Verhalten angesichts ihrer Lage gefiel Golenischtscheff.
Angesichts dieser gutmütig heitern energischen Art und Weise Annas und
seiner Bekanntschaft mit Aleksey Aleksandrowitsch und Wronskiy schien
es ihm, als ob er sie vollständig verstände. Es schien ihm als ob er
erkenne, was sie nicht im entferntesten erkannte; nämlich das, daß sie
sich, das Unglück eines Mannes verschuldend, indem sie ihn und ihren
Sohn verließ und ihren guten Ruf verlor, dennoch voll Energie heiter
und glücklich fühlen konnte.

»Er liegt dort drüben,« sagte Golenischtscheff, den Palazzo meinend,
den Wronskiy gemietet hatte. »Es befindet sich ein schöner Tintoretto
dort, aus der letzten Epoche des Künstlers.«

»Wißt Ihr was? Das Wetter ist schön, begeben wir uns einmal hin und
besichtigen wir ihn nochmals,« sagte Wronskiy, sich zu Anna wendend.

»Sehr erfreut; ich komme sogleich mit und will nur meinen Hut
aufsetzen, Ihr sagt, es ist heiß?« sprach sie, an der Thür stehen
bleibend und fragend auf Wronskiy blickend. Wiederum bedeckte eine
helle Röte ihr Gesicht.

Wronskiy erkannte an ihrem Blick, daß sie nicht wisse, in welchen
Beziehungen er mit Golenischtscheff zu stehen gedenke, und besorgt sei,
ob sie sich auch so verhalten habe, wie er es gewünscht haben möchte.

Er schaute sie mit einem zärtlichen langen Blicke an.

»Nein, nicht so sehr,« versetzte er.

Ihr schien, daß sie damit alles verstanden hatte, namentlich, daß er
zufrieden mit ihr sei, und ihm zulächelnd ging sie schnellen Schrittes
zur Thür hinaus.

Die Freunde blickten einander an und in den Zügen beider erschien
Verlegenheit, es war, als ob Golenischtscheff, augenscheinlich
bezaubert von ihr, etwas über sie zu sagen wünschte, aber nicht fände
was, während Wronskiy das Nämliche wünschte und es doch zugleich
fürchtete.

»So ist es also« -- begann Wronskiy, um doch wieder eine Unterhaltung
anzuknüpfen, »du hast dich hier angesiedelt? Treibst du denn noch immer
deine alte Beschäftigung?« fuhr er fort, sich erinnernd, daß man ihm
gesagt hatte, Golenischtscheff schriebe etwas.

»Ja. Ich schreibe den zweiten Teil meiner >Zwei Gesetze<,« antwortete
dieser, vor Vergnügen über diese Frage ins Feuer geratend, »das heißt,
um genau zu sein, ich schreibe noch nicht, sondern bereite noch vor,
ich sammle Material. Dieser zweite Teil wird bei weitem umfangreicher
werden und fast sämtliche Fragen umfassen. Man will bei uns in Rußland
nicht begreifen, daß wir die Erben von Byzanz sind,« begann er eine
lange eifrige Auseinandersetzung.

Wronskiy war es anfangs peinlich, daß er die erste Abhandlung über
die »Zwei Gesetze«, über welche der Autor mit ihm sprach, als ob sie
etwas ganz Bekanntes wäre, gar nicht kannte. Als aber Golenischtscheff
seine Ideen zu entwickeln begann, und Wronskiy ihm zu folgen vermochte,
hörte ihn der Letztere, auch ohne die »Zwei Gesetze« zu kennen, mit
Interesse an, da Golenischtscheff gut sprach, doch versetzte ihn die
verbissene Erregtheit, mit welcher Golenischtscheff über den ihn
beschäftigenden Gegenstand sprach, in Erstaunen und Mißstimmung. Je
länger jener sprach, umsomehr entflammte sich sein Blick, umsomehr
beeilte er sich, eingebildeten Gegnern zu replizieren und um so
unruhiger und trüber wurde sein Gesichtsausdruck. Wronskiy war, indem
er sich Golenischtscheff als den hageren, lebhaften und gutmütigen
Knaben von gutem Herkommen, der stets der Erste im Corps gewesen war,
in die Erinnerung zurückrief, nicht imstande, einen Grund für diese
Gereiztheit zu finden, und schüttelte den Kopf über ihn. Insbesondere
wollte ihm nicht gefallen, daß Golenischtscheff als ein Mann aus der
guten Gesellschaft, sich auf eine Stufe mit gewissen Skriblern stellte,
die ihn gereizt hatten, und denen er nun grollte. War das die Sache
wert? Wronskiy gefiel dies nicht, aber er empfand, daß Golenischtscheff
unglücklich war, und fühlte Mitleid mit ihm. Verzweiflung, ja fast
Geistesverwirrung war auf diesen beweglichen, ziemlich angenehmen Zügen
sichtbar, während er, Annas Eintreten gar nicht einmal bemerkend,
fortfuhr, hastig und eifrig seine Ideen zu äußern.

Als Anna in Hut und Überwurf, mit ihrer schönen Hand in schnellen
Bewegungen mit dem Sonnenschirm spielend, neben Wronskiy stehen blieb,
riß sich dieser mit einem Gefühl der Erleichterung von den starr
auf ihn gerichteten, klagenden Blicken Golenischtscheffs los und
schaute mit neuer Liebe auf seine reizende Freundin in ihrer Fülle von
Lebenskraft und Freude.

Golenischtscheff konnte sich nur schwer wieder sammeln und blieb
anfangs niedergeschlagen und finster, doch belebte ihn Anna, freundlich
gegen jedermann gestimmt -- wie sie überhaupt während dieser Zeit
war -- bald wieder durch die Natürlichkeit und Heiterkeit ihres
Verkehrs. Nachdem sie verschiedene Themata versucht hatte, brachte sie
das Gespräch auf die Malerei, über die er sehr gut sprach und hörte
ihm aufmerksam zu. Sie gingen zu Fuße nach dem gemieteten Haus und
besichtigten es.

»Über Eines freue ich mich sehr,« sagte Anna zu Golenischtscheff, als
sie bereits auf dem Rückwege waren. »Aleksey wird ein gutes Atelier
haben. Du wirst doch ohne Zweifel dieses Zimmer nehmen,« sagte sie zu
Wronskiy auf russisch, ihn jetzt duzend, da sie schon erkannt hatte,
daß Golenischtscheff ihnen in ihrer Einsamkeit sehr nahe treten würde,
und man so vor ihm nichts zu verhehlen brauche.

»Malst du denn?« sagte dieser, sich schnell zu Wronskiy hinwendend.

»Ja, ich habe mich lange damit beschäftigt und jetzt wieder ein wenig
angefangen,« versetzte Wronskiy errötend.

»Er hat ein bedeutendes Talent,« antwortete Anna mit freudigem Lächeln,
»ich bin natürlich kein Kritiker, aber kundige Kunstrichter haben es
auch gesagt.«


                                   8.

Anna fühlte sich in dieser ersten Zeit ihrer Freiheit und schnellen
Genesung in einer Weise glücklich und voll Lebensfreude, die nicht zu
vergeben war. Die Erinnerung an das Unglück ihres Gatten vergällte ihr
ihre Seligkeit nicht. Diese Erinnerung war ihr einerseits zu furchtbar,
als daß sie daran hätte denken mögen, andrerseits verlieh ihr das
Unglück des Gatten eine viel zu hohe Seligkeit, als daß sie Reue über
dasselbe hätte empfinden können. Die Erinnerung an alles, was sich mit
ihr seit ihrer Krankheit zugetragen, die Aussöhnung mit dem Gatten,
der Bruch mit ihm, die Nachricht von der Verwundung Wronskiys, dessen
erneutes Erscheinen bei ihr, die Vorbereitung der Ehescheidung, das
Verlassen des Hauses ihres Gatten, der Abschied von ihrem Sohne --
alles das erschien ihr wie ein Fiebertraum, aus welchem sie, allein
mit Wronskiy, im Auslande erwacht war. Die Erinnerung -- das Böse, das
sie ihrem Gatten zugefügt hatte, erweckte in ihr ein Gefühl, welches
dem Ekel und dem Gefühl ähnlich war, welches ein Mensch empfindet, der
ertrinken wollte und sich von einem andern losgerissen hat, der sich an
ihn anklammerte. Dieser letztere Mensch war ertrunken. Natürlich war
das keine schöne Handlung, aber es war die einzige Rettung und man that
daher am besten, an diese furchtbaren Einzelheiten nicht mehr zu denken.

Ein Schluß der sie über ihre Handlungsweise beruhigte, kam ihr damals,
in der ersten Minute nach dem Bruch, und wenn sie jetzt an ihre ganze
Vergangenheit dachte, erinnerte sie sich dieses Schlusses. »Ich habe
unwiderleglich das Verhängnis dieses Mannes herbeigeführt,« dachte sie,
»aber ich will aus diesem Unglück keinen Vorteil ziehen; auch ich leide
und werde leiden, ich bin dessen beraubt, was ich über alles schätzte,
-- des ehrenhaften Namens und meines Sohnes. Ich habe schlecht
gehandelt, und will daher kein Glück, keine Ehescheidung; ich werde
leiden in meiner Schmach und der Trennung von dem Sohne.«

Aber so aufrichtig Anna auch leiden wollte, sie litt nicht; und ihre
Schmach war für sie nicht vorhanden. Mit dem Takte, von welchem sie
beide so viel besaßen, kamen sie im Auslande, indem sie russische Damen
mieden, nie in eine falsche Situation und überall trafen sie Leute,
die sich stellten, als ob sie die beiderseitige Lage noch weit besser
verständen, als sie selbst sie auffaßten. Selbst die Trennung von ihrem
Sohne, den sie liebte, war ihr in der ersten Zeit nicht schmerzlich.
Ihr Töchterchen, sein Kind, war so lieb, hatte Anna so für sich
eingenommen, seit ihr das Mädchen allein verblieben war, daß sie nur
selten noch des Sohnes gedachte.

Ihr Bedürfnis zu leben, mit der Genesung erhöht, war so stark, und ihre
Lebensverhältnisse waren so ungewohnte und angenehme, daß Anna sich
unverzeihlich glücklich fühlte.

Je mehr sie Wronskiy erkannte, desto mehr liebte sie ihn. Sie liebte
ihn um seiner selbst willen und wegen seiner Liebe für sie. Ihre
vollständige Herrschaft über ihn war ihr eine fortwährende Freude.
Seine Nähe war ihr stets willkommen. Alle Züge seines Charakters,
den sie mehr und mehr erkannte, waren ihr unaussprechlich lieblich.
Sein Äußeres, das sich im Civilanzug verändert hatte, war für sie so
anziehend, wie für eine liebende junge Frau. In allem was er sprach,
dachte und that, sah sie etwas besonders Edles und Erhabenes, und ihr
Entzücken über ihn erschreckte sie selbst sogar häufig. Sie suchte
nichts Unschönes in ihm und konnte auch nichts finden; sie wagte es
nicht, das Bewußtsein ihrer Nichtigkeit vor ihm gewahr werden zu
lassen, denn es schien ihr, als ob er, wenn er dies wüßte, schneller
aufhören könne, sie zu lieben. Jetzt aber fürchtete sie nichts so sehr
-- obwohl sie nicht den geringsten Anlaß hierzu hatte -- als, seine
Liebe zu verlieren. Sie konnte nicht umhin, ihm dankbar zu sein für
sein Verhältnis zu ihr und mußte ihm zeigen, wie hoch sie dasselbe
schätzte. Er, der nach ihrer Meinung einen so ausgeprägten Beruf für
die Staatscarriere besaß, in der er einmal eine bedeutende Rolle
spielen mußte -- er hatte seinen Ehrgeiz für sie geopfert, ohne je auch
nur das geringste Bedauern darüber zu zeigen.

Er war mehr noch als früher, liebevoll und achtungsvoll gegen sie
geworden und der Gedanke, sie möchte sich des Peinlichen ihrer Lage
niemals bewußt werden, verließ ihn nicht eine Minute. Er, so ganz ein
Mann, war vor ihr nicht nur widerspruchslos, er hatte nicht einmal
seinen eigenen Willen, und war offenbar nur damit beschäftigt, auf
welche Weise er ihren Wünschen zuvorkommen könne. Und sie konnte
nicht umhin, dies hochzuschätzen, obwohl sie das Übermaß seiner
Aufmerksamkeit für sie, diese Atmosphäre liebevoller Sorgfalt mit der
er sie umgab, bisweilen bedrückte.

Wronskiy jedoch war ungeachtet der vollständigen Verwirklichung
dessen, was er so lange ersehnt hatte, nicht vollkommen glücklich.
Er fühlte bald, daß die Verwirklichung seines Wunsches ihm nur ein
Körnlein von jenem Berg von Glück gewährt hatte, den er erwartete.
Diese Verwirklichung zeigte ihm nur den ewigen Fehler, den die Menschen
begehen, indem sie sich das Glück als Verwirklichung eines Wunsches
denken. In der ersten Zeit, nachdem er sich mit ihr vereinigt und
den Civilrock angelegt hatte, empfand er all den Reiz der Freiheit im
allgemeinen, den er nicht vorher gekannt hatte, sowie die Freiheit der
Liebe, und er war zufrieden; doch nicht auf lange. Bald fühlte er, daß
sich in seiner Brust der Wunsch der Wünsche regte -- die Langeweile.
-- Ganz ohne seinen Willen klammerte er sich an jede vorüberhuschende
Laune, indem er sie als Wunsch und Ziel erfaßte. Sechzehn Stunden
des Tages mußte man sich beschäftigen, obwohl man im Ausland in
vollkommener Freiheit lebte, außerhalb jenes Kreises von Anforderungen
des gesellschaftlichen Lebens, wie er die Zeit in Petersburg für sich
in Anspruch nahm.

An jene Zerstreuungen des Junggesellenlebens, die Wronskiy bei früheren
Reisen ins Ausland beschäftigt hatten, war nicht mehr zu denken,
da schon ein einziger Versuch dieser Art einen unerwarteten, einem
verspäteten Abendbrot unter Bekannten nicht entsprechenden Trübsinn
in Anna hervorrief. Beziehungen zu der Gesellschaft des Ortes, auch
den Russen hier, konnten sie bei der Unbestimmtheit ihrer Verhältnisse
ebenfalls nicht unterhalten. Eine Besichtigung der Sehenswürdigkeiten
hatte, abgesehen davon, daß sie alles schon gesehen hatten, für ihn
als einen Russen, und verständigen Menschen, nicht jene unerklärbare
Bedeutung, wie sie die Engländer diesem Punkte beimessen.

Wie daher das hungernde Tier nach jedem fallenden Gegenstande schnappt,
in der Hoffnung, in ihm etwas zu fressen zu finden, so griff auch
Wronskiy vollständig instinktiv bald zur Politik, bald nach neuen
Büchern, bald nach der Malerei.

Da er von Kindheit an Talent zur Malerei gehabt, und, indem er nicht
wußte, wofür er sein Geld verausgaben sollte, Stahlstiche zu sammeln
begonnen hatte, so blieb er endlich bei der Malerei, und begann sich
mit ihr zu beschäftigen und jenen brachliegenden Wust von Wünschen,
welcher nach Verwirklichung verlangte, in ihr abzulagern.

Er besaß die Fähigkeit, die Kunst zu erfassen, und in der That mit
Geschmack die Kunst nachzuahmen; er meinte auch, daß er dasselbe
besäße, was der Künstler brauche, und befaßte sich, nachdem er einige
Zeit geschwankt hatte, welches Genre der Malerei er erwählen solle: das
religiöse, historische oder realistische, mit Malen. Er verstand sich
auf jedes Genre und konnte sich für dieses, wie für jenes begeistern,
aber er vermochte sich nicht vorzustellen, daß es auch möglich sei,
ganz und gar nichts zu wissen, was es für Richtungen in der Malerei
gebe, und sich unmittelbar von dem inspirieren zu lassen, was in
der Seele lebte, ohne Sorge, ob das, was man malte, auch zu einem
bestimmten Genre in der Kunst gehörte. Da er dies nicht kannte, und
sich nicht unmittelbar vom Leben beeinflussen ließ, sondern mittelbar,
vom Leben wie es durch die Kunst schon verkörpert war, so begeisterte
er sich sehr schnell und leicht und erreichte ebenso schnell und
leicht, daß das, was er malte, demjenigen Genre sehr ähnlich wurde,
welches er nachzuahmen wünschte.

Vor allem gefiel ihm die französische Schule, die graziöse und
effektvolle, und nach dieser begann er, das Bild Annas in italienischem
Kostüm zu malen. Das Porträt erschien ihm und jedermann, der es sah,
als sehr gelungen.


                                   9.

Der alte vernachlässigte Palazzo mit den hohen bossierten Plafonds und
Fresken an den Wänden, Mosaikboden und schweren gelben Stoffgardinen an
den hohen Fenstern; Vasen auf den Konsolen und Kaminen, geschnitzten
Thüren und dämmerigen Sälen, die mit Gemälden vollgehängt waren --
dieser Palazzo hielt, nachdem sie in ihn übergesiedelt waren, schon in
seiner äußeren Erscheinung in Wronskiy eine angenehme Täuschung wach,
die, daß er weniger ein russischer Gutsherr und Stallmeister ohne Amt
sei, als vielmehr ein erlauchter Liebhaber und Kunstmäcen, und er
selbst -- ein bescheidener Künstler, der sich von der Welt losgesagt
hatte, von seinen Verbindungen und dem Ehrgeiz -- für ein geliebtes
Weib.

Die Rolle, welche Wronskiy mit seinem Umzug in den Palazzo erwählt
hatte, gelang vollständig und durch Vermittelung Golenischtscheffs mit
einigen interessanten Personen bekannt geworden, fühlte er sich für die
Anfangszeit beruhigt. Er malte unter der Leitung eines italienischen
Professors der Malerei Studien nach der Natur und beschäftigte sich mit
dem Kunstleben Italiens im Mittelalter. Das mittelalterliche Kunstleben
Italiens hatte für Wronskiy in letzter Zeit soviel Reiz gewonnen,
daß dieser selbst einen Hut und das Plaid über der Schulter nach der
mittelalterlichen Mode zu tragen begann, was ihm sehr gut stand.

»Da leben wir hier und wissen gar nichts davon,« sagte eines Tages
Wronskiy zu Golenischtscheff, der früh zu ihm gekommen war. »Hast du
das Gemälde Michailoffs gesehen?« Er reichte die am Morgen soeben
erhaltene russische Zeitung hin, und wies auf einen Artikel über einen
russischen Maler, der in der nämlichen Stadt lebte und hier ein Gemälde
ausgeführt hatte, über welches schon lange Gerüchte umliefen und das
schon im voraus angekauft worden war.

In dem Aufsatz wurden der Regierung und der Akademie Vorwürfe gemacht,
daß der vorzügliche Künstler jeder Aufmunterung und Unterstützung
entbehre.

»Ich habe das Bild gesehen,« antwortete Golenischtscheff, »natürlich
ist er nicht talentlos, aber er verfolgt eine vollständig verkehrte
Richtung; das ist noch immer jene Richtung Iwanoff-Strauß-Rénan,
Christus und der kirchlichen Malerei gegenüber.«

»Was stellt das Gemälde dar?« frug Anna.

»Christus vor Pilatus. Christus ist als Hebräer mit allem Realismus
der neuen Schule dargestellt« -- durch die Frage nach dem Inhalt
des Gemäldes auf eines seiner Lieblingsthemen gebracht, begann
Golenischtscheff zu erklären.

»Ich begreife nicht, wie man einem so groben Irrtum verfallen kann.
Christus hat doch schon seine bestimmte Verkörperung in der Kunst
der größten Altmeister. Wenn man nicht Gott darstellen will, sondern
einen Revolutionär oder Weisen, so mag man sich den Sokrates aus der
Geschichte wählen, den Franklin, die Charlotte Corday -- aber nur nicht
Christus. -- Man nimmt da aber gerade diejenige Gestalt, die man für
die Kunst nicht nehmen soll, und dann« --

»Aber ist es denn wahr, daß sich dieser Michailoff in so großer Armut
befindet?« frug Wronskiy in dem Gedanken, daß er, als russischer Mäcen,
ohne Rücksicht darauf, ob das Gemälde gut oder schlecht sei, dem
Künstler helfen könne.

»Kaum; er ist ein bedeutender Porträtmaler. Ihr habt wohl sein Porträt
der Wasiljtschikowa gesehen? Er scheint indessen nicht mehr Porträts
malen zu wollen, und kann es allerdings möglich sein, daß er sich
wirklich in Not befindet. Ich sage, daß? --

»Könnte man ihn nicht bitten, ein Porträt der Anna Arkadjewna zu
malen?« sagte Wronskiy.

»Weshalb meines?« fiel Anna ein, »außer dem deinigen möchte ich kein
anderes haben. Oder noch besser wäre Any« -- so nannte sie ihr kleines
Mädchen -- »da ist sie gerade,« fügte sie hinzu, durch das Fenster auf
eine hübsche italienische Amme schauend, welche das Kind in den Garten
trug, und dann sorglich verstohlen auf Wronskiy blickend.

Die hübsche Amme, deren Kopf Wronskiy für sein Gemälde porträtiert
hatte, bildete das einzige geheime Leid im Leben Annas. Wronskiy hatte
sie gemalt, sich in ihre Anmut und Mittelalterlichkeit verliebt, und
Anna wagte nicht, sich zu gestehen, daß sie fürchtete, sie könne auf
diese Amme eifersüchtig werden. Infolge dessen behandelte sie dieselbe
ausnehmend gut und verzärtelte sie sogar, ebenso wie den kleinen Sohn
derselben.

Wronskiy blickte ebenfalls durch das Fenster und dann Anna in die
Augen, wandte sich jedoch hierauf sogleich wieder zu Golenischtscheff
und sagte:

»Kennst du diesen Michailoff?«

»Ich bin ihm begegnet, doch ist er ein Sonderling und ohne jede
Bildung. Wißt Ihr, er ist einer jener Wilden, jener Neuerer, die man
jetzt so häufig trifft; einer jener Freidenker, welche =d'emblée=,
in den Begriffen des Unglaubens, der Negierung und des Materialismus
aufgezogen sind. Früher,« fuhr Golenischtscheff fort, ohne zu bemerken,
oder bemerken zu wollen, daß auch Wronskiy und Anna zu reden wünschten,
»früher war ein Freidenker ein Mensch, der in den Begriffen Religion,
Gesetz und Moral erzogen worden, und selbst durch Kampf und Mühe
zum Freidenkertum gelangt war; jetzt zeigt sich ein neuer Typus der
selbstgewordenen Freidenker, welche emporwachsen, ohne auch nur davon
gehört zu haben, daß es Gesetze der Moral, der Religion giebt, und daß
Autoritäten existieren; solcher, die eben geradezu in den Begriffen
des absoluten Nein, das heißt also, wie Wilde aufwachsen. So Einer ist
er nun; der Sohn eines höheren Moskauer Lakaien wohl, der keinerlei
Bildung empfangen hat. Nachdem er in die Akademie eingetreten war und
sich einen Namen gemacht hatte, begann er, gerade kein Dummkopf, das
Bedürfnis nach Bildung zu fühlen. Er wandte sich daher zu dem, was ihm
als Quelle der Bildung erschien -- zu den Journalen. Man bedenke nur,
in der alten Zeit hätte ein Mensch, der sich bilden wollte, nehmen
wir an, ein Franzose, alle Klassiker studieren müssen: die Theologen,
Tragiker, Historiker und Philosophen; man bedenke die geistige
Arbeit, die ihm da obgelegen haben würde. Jetzt aber, bei uns, ist
er geradenwegs auf die oppositionelle Litteratur gestoßen, hat sich
schnell den ganzen Extrakt der Verneinungswissenschaft zu eigen gemacht
-- und ist fertig! Vor zwanzig Jahren würde er in dieser Litteratur
die Kennzeichen eines Kampfes mit der Autorität, mit hundertjährigen
Anschauungen gefunden haben, er würde aus diesem Kampfe erkannt haben,
daß es noch etwas Anderes gebe, jetzt aber verfällt er geradenwegs
einer Litteratur, in welcher man die alten Anschauungen nicht einmal
mehr einer Bekämpfung würdigt, sondern unverhohlen heraussagt, >das
ist nichts mehr, =évolution=, Kampf ums Dasein!< Ich habe in meiner
Abhandlung« --

»Wißt Ihr was,« sagte Anna, die schon lange aufmerksame Blicke mit
Wronskiy gewechselt hatte, und wußte, daß diesen der Bildungsgang des
Künstlers nicht interessierte, sondern nur der Gedanke beschäftigte,
ihm zu helfen, ihm ein Porträt zuzuweisen: »Wißt Ihr was?« unterbrach
sie den sich im Redefluß verlierenden Golenischtscheff, »wir wollen zu
ihm gehen!«

Golenischtscheff sammelte sich und stimmte bereitwillig zu, da jedoch
der Künstler in einem entfernteren Viertel wohnte, beschloß man einen
Wagen zu nehmen.

Nach Verlauf einer Stunde fuhren Anna die neben Golenischtscheff
saß, und Wronskiy, der auf dem Vordersitz des Wagens Platz genommen
hatte, vor einem neuen, unschön aussehenden Gebäude in dem abgelegenen
Stadtviertel vor. Nachdem sie von der heraustretenden Frau des
Hausmanns erfahren hatten, daß Michailoff den Zutritt zu seinem Atelier
wohl gewähre, augenblicklich aber sich in seiner Privatwohnung, die
wenige Schritte entfernt lag, befinde, so sandten sie ihm ihre Karten
mit der Bitte um die Erlaubnis, seine Gemälde sehen zu dürfen.


                                  10.

Der Maler Michailoff war, wie immer, bei der Arbeit, als man ihm die
Karten des Grafen Wronskiy und Golenischtscheffs überbrachte. Er hatte
diesen Morgen in seinem Atelier an einem großen Gemälde gearbeitet.
Als er in seine Wohnung gekommen war, hatte er sich über seine Frau
geärgert, weil diese nicht mit der Hauswirtin umzugehen verstand, die
Geld verlangte.

»Zwanzigmal wohl habe ich dir gesagt, laß dich nicht in Erklärungen
ein, du bist ohnehin schon dumm genug; willst du aber auf italienisch
etwas erklären, dann wirst du noch dreimal dümmer,« sagte er zu ihr
nach langem Gezänk.

»Sei lieber nicht so nachlässig! Ich kann doch nicht dafür. Wenn ich
Geld hätte« --

»Laß mich in Ruhe, um Gottes willen!« rief Michailoff, Thränen in der
Stimme, eilte, sich die Ohren zuhaltend, in sein Arbeitszimmer hinter
die Zwischenwand, und schloß die Thür hinter sich. »Einfältige,« sprach
er zu sich selbst, ließ sich an seinem Tische nieder, klappte den
Karton auseinander und machte sich mit besonderem Eifer an eine schon
begonnene Zeichnung.

Niemals arbeitete er mit so großem Eifer und Erfolg, als wenn es ihm
im Leben nicht gut ging, besonders aber, wenn er sich mit seiner Frau
gezankt hatte.

»Könnte man nur sonstwohin durchbrennen!« dachte er bei seiner Arbeit.
Er entwarf eine Zeichnung zu der Figur eines Menschen, der sich im
Zornanfall befindet. Die Zeichnung war schon vorher entworfen, aber
er war mit derselben nicht zufrieden. »Nein, die andere war besser;
wo ist sie denn nur?« Er ging zu seiner Frau, und frug grollend, und
ohne aufzublicken, die alte Magd, wo das Papier wäre, welches er ihnen
gegeben hätte. Das Papier mit der darauf hingeworfenen Zeichnung fand
sich, es war aber beschmutzt und mit Stearin betropft. Gleichwohl nahm
er die Zeichnung, legte sie vor sich auf den Tisch, und begann, nachdem
er mit den Augen blinzelnd zurückgetreten war, sie zu betrachten.
Plötzlich lächelte er und schwenkte freudig mit den Armen. »So ist
es, so!« sagte er, und begann, den Bleistift ergreifend, schnell
zu zeichnen. Ein Stearinflecken hatte der Figur eine neue Stellung
verliehen. Er zeichnete diese neue Stellung und plötzlich fiel ihm das
energische Gesicht eines Kaufmanns mit hervorstehendem Unterkinn ein,
bei dem er sich seine Cigarren kaufte, und dieses Gesicht, dieses Kinn
gab er nun seiner Figur. Er lachte vor Lust; die Gestalt war plötzlich
aus einer toten, nur gedachten, lebendig, eine solche geworden, die
man nicht mehr verändern konnte. Diese Figur lebte, sie war deutlich
und zweifellos bestimmt. Man konnte jetzt wohl noch die Zeichnung
ändern, im Einklang mit den Erfordernissen der Gestalt, man konnte wohl
selbst die Füße anders stellen, die Haltung des linken Armes gänzlich
ändern, die Haare zurücklegen. Brachte man auch diese Verbesserungen
an, so verankerte man doch nicht die Figur, sondern nur das, was die
Figur verdeckte. Er nahm damit gleichsam nur die Hüllen von ihr ab,
wegen deren sie nicht ganz sichtbar war und jeder neue Strich zeigte
die ganze Gestalt nur noch mehr in all ihrer energischen Kraft, einer
Kraft, die ihm plötzlich von den Stearinflecken hervorgebracht zu sein
schien. Sorgfältig beendete er gerade die Figur, als man ihm die Karten
brachte.

»Sogleich, sogleich!«

Er eilt zu seiner Frau.

»Laß es gut sein, Sascha, sei nicht mehr böse!« sagte er zu ihr,
schüchtern und zärtlich lächelnd, »du warst schuld und ich war
schuld; ich will schon alles in Ordnung bringen.« Nachdem er sich mit
seiner Frau ausgesöhnt hatte, zog er einen olivenfarbigen Paletot mit
Sammetkragen an, setzte seinen Hut auf, und begab sich nach seinem
Atelier. Die so wohlgelungene Figur hatte er bereits vergessen. Es
erfreute und erregte ihn jetzt nur der Besuch seines Ateliers seitens
dieser vornehmen Russen, die im Wagen angekommen waren.

Über sein Gemälde, dasselbe, welches jetzt auf seinem Platze stand,
hatte er auf dem Grunde seines Herzens nur ein Urteil -- dies, daß ein
ähnliches Gemälde bisher noch niemand gemalt habe. Er wähnte nicht,
daß sein Bild besser sei als alle Rafaelschen, er wußte nur, daß das,
was er auf demselben wiedergeben wollte, noch nie jemand wiedergegeben
hatte. Dies wußte er genau und er wußte es schon lange, seit jener
Zeit, da er es zu malen begonnen hatte. Aber die Urteile der Menschen
hatten für ihn, wie sie auch sein mochten, gleichwohl eine ungeheure
Wichtigkeit, und sie regten ihn bis auf den Grund seiner Seele auf.
Jede Bemerkung, selbst die allergeringste, welche bewies, daß seine
Kritiker auch nur den kleinsten Teil von dem erkannten, was er in
diesem Gemälde gesehen hatte, regte ihn bis auf den Grund seiner Seele
auf.

Seinen Kritikern maß er stets größere Tiefe an Verständnis bei, als wie
er selbst besaß, und er erwartete von ihnen stets etwas, was er selbst
noch nicht in seinem Gemälde gesehen hatte. Oft fand er dies auch, wie
ihm schien, in den Urteilen der Beschauer.

Schnellen Schrittes näherte er sich der Thür seines Ateliers; und trotz
seiner inneren Erregtheit, frappierte ihn die matte Beleuchtung der
Gestalt Annas, wie sie im Schatten der Einfahrt stand und dem eifrig
ihr etwas auseinandersetzenden Golenischtscheff zuhörte, zu gleicher
Zeit aber auch offenbar wünschte, den herankommenden Künstler zu sehen.

Er selbst war sich dessen gar nicht bewußt geworden, daß er an sie
herantretend, diesen Eindruck erfaßt und sich zu eigen gemacht hatte,
ebenso wie das Unterkinn jenes Kaufmanns der ihm Cigarren verkaufte,
und er barg ihn nun an eine Stelle, von der er ihn wieder hervorholen
würde, sobald er ihn brauchte. Die Besucher, schon vorher durch
Golenischtscheffs Erzählung über den Künstler ernüchtert, wurden dies
noch mehr durch dessen äußere Erscheinung.

Von mittlerer Größe, gedrungen, mit schwankendem Gang, machte
Michailoff in seinem zimmetfarbenen Hut, dem olivengrünen Paletot und
den engen Beinkleidern -- man trug zu dieser Zeit längst schon weite
-- insbesondere aber durch das Gewöhnliche seines breiten Gesichts und
einen Ausdruck, in welchem sich Schüchternheit mit dem Wunsche, seine
Würde zu beobachten, vereinigte, einen nicht eben angenehmen Eindruck.

»Bitte ergebenst,« sagte er, sich bemühend, gleichmütig zu erscheinen,
und zog, in den Hausflur tretend, einen Schlüssel aus der Tasche um die
Thür zu öffnen.


                                  11.

Beim Eintritt in das Atelier musterte der Künstler Michailoff
noch einmal seinen Besuch und prägte seinem Gedächtnis noch den
Gesichtsausdruck Wronskiys ein, insbesondere dessen Backenpartieen.

Wenn auch sein künstlerisches Empfinden fortwährend thätig war, indem
es Material sammelte, wenn er auch immer mehr und mehr die Erregung
darüber empfand, daß die Minute der Beurteilung seines Werkes nahte,
so hatte er sich doch dabei schnell und feinsinnig aus unmerklichen
Anzeichen eine Vorstellung über diese drei Personen gebildet.

Der Eine da -- Golenischtscheff -- war ein hiesiger Russe. Michailoff
entsann sich weder seiner Familie, noch wußte er mehr, wo er ihm
begegnet war, und was er mit ihm gesprochen hatte. Er entsann sich
nur noch seines Gesichts, wie er sich überhaupt aller Gesichter
entsann, die er einmal gesehen hatte, doch entsann er sich auch,
daß dies eines jener Gesichter war, die von seiner Phantasie in
die höchst umfangreiche Klasse der unwahren und ausdrucksarmen
einregistriert wurden. Die langen Haare und die sehr offene Stirn
verliehen dem Gesicht äußere Bedeutung, obwohl sich auf ihm nur wenig,
kindlich-unruhiger Ausdruck, der sich über der schmalen Nasenwurzel
konzentrierte, zeigte.

Wronskiy und die Karenina mußten nach der Vorstellung, die sich
Michailoff von ihnen machte, vornehme und reiche Russen sein, die
nichts von Kunst verstanden, wie alle diese reichen Russen, sich aber
als Liebhaber und Verehrer derselben gebärdeten.

»Sie haben gewiß schon die ganze alte Kunst gesehen und bereisen
jetzt die Ateliers der neuen Meister, die deutschen Charlatane und
die englischen Praerafaelistennarren, und kommen nun zu mir nur der
Vervollständigung der Umschau halber,« dachte er.

Er kannte die Manier der Dilettanten sehr genau -- je klüger diese
erschienen, um so schlimmer war es -- welche die Ateliers der
zeitgenössischen Künstler nur mit der Absicht zu sehen kamen, daß sie
das Recht hätten sagen zu können, die Kunst sei im Niedergang begriffen
und daß sich, je mehr man auf die Neuen schaue, umsomehr wahrnehmen
lasse, wie unnachahmlich erhaben die alten Meister geblieben seien.

Er erwartete alles dies, sah alles dies, schon auf ihren Gesichtern,
in dieser gleichmütigen Nachlässigkeit, mit der sie unter sich
sprachen und auf die Büsten blickten und sich ungezwungen bewegten,
in der Erwartung, daß er ihnen das Gemälde zeigen würde. Aber
nichtsdestoweniger empfand er beim Durchblättern seiner Skizzen und als
er die Vorhänge hob und die Decke wegnahm, eine hohe tiefe Erregung;
umsomehr, als ihm, obwohl alle vornehmen und reichen Russen dumm und
beschränkt nach seinen Begriffen sein mußten, Wronskiy sowohl wie
besonders Anna, gefielen.

»So, ist es gefällig?« sprach er, mit linkischem Gange auf die Seite
tretend und nach dem Bilde weisend. »Es ist die Mahnung des Pilatus.
Matthäi Kap. =XXVII=« -- sagte er, im Gefühl, daß seine Lippen vor
Aufregung zu zittern begannen. Er ging abseits und trat hinter sie.

Während der wenigen Sekunden, während deren die Besucher schweigend
das Gemälde beschauten, blickte es Michailoff gleichfalls an, und er
schaute mit gleichgültigem, interesselosem Blick darauf. Während dieser
wenigen Sekunden hatte er sich im voraus davon überzeugt, daß das
höchste und gerechteste Urteil von ihnen ausgesprochen werden würde,
gerade von diesen Besuchern, welche er eine Minute zuvor noch so gering
geschätzt hatte. Er hatte alles vergessen, was er über sein Bild vorher
gedacht hatte während der drei Jahre, in denen es von ihm gemalt ward;
er vergaß alle Vorzüge desselben, die für ihn zweifellos vorhanden
waren und sah sein Bild nur mit ihrem unbewegten, unparteiischen und
frischen Blick an; und jetzt sah er an ihm nichts Gutes mehr. Er sah im
Vordergrund das unwillige Gesicht des Pilatus und das ruhige Antlitz
Christi, im Hintergrund die Gestalten der Kreaturen des Pilatus und
das Gesicht Johannis, die Vorgänge beobachtend. Jedes Gesicht, unter
so vielem Suchen, so vielem Irren, Verbessern an seinem eigenartigen
Charakter in ihm erstanden, jedes dieser Gesichter, die ihm soviel
Mühe und Freude gemacht hatten, sie alle, so oft umgeändert unter der
Rücksichtnahme auf den Gesamteindruck, und auf alle diese Nüancen des
Kolorits und der Töne, die er mit soviel Mühe erzielt hatte, alles
dies vereint, zeigte sich ihm jetzt, indem er die Augen der Besucher
beobachtete, als Trivialität, die schon tausendmal wiederholt worden
war.

Selbst das wertvollste dieser Gesichter, das Antlitz Christi, als
Mittelpunkt des Bildes, der ihm soviel Freude gemacht hatte, als er
es endlich gefunden, alles das erschien jetzt verloren für ihn, als
er auf sein Gemälde mit ihren Augen blickte. Er sah nur eine gut --
und selbst das nicht einmal, da er jetzt klar eine Masse von Mängeln
wahrnahm -- gemalte Wiederholung aller jener zahllosen Christusbilder
Tizians, Rafaels, Rubens', und der nämlichen Söldner des Pilatus.
Alles war trivial, dürftig und veraltet, ja, selbst schlecht gemalt --
bunt und schwach. Sie werden recht haben, wenn sie in Gegenwart des
Künstlers verstellte höfliche Phrasen drechseln, ihn aber bedauern und
verspotten, sobald sie unter sich sind.

Das Schweigen wurde ihm allzu drückend, obwohl es nicht länger als eine
Minute gewährt hatte; um es zu brechen und zu zeigen, daß er nicht aus
seiner Ruhe gekommen sei, wandte er sich, indem er sich zusammenraffte,
an Golenischtscheff.

»Ich hatte wohl, wie mir scheint, das Vergnügen« -- sagte er zu
demselben, unruhig bald auf Anna, bald auf Wronskiy blickend, um nicht
einen einzigen Zug des Ausdrucks ihrer Gesichter zu verlieren -- »Ihnen
schon begegnet zu sein?« --

»Gewiß! -- Wir sahen uns bei Rossi, entsinnt Ihr Euch jenes Abends,
als jene italienische Dame vortrug,« begann Golenischtscheff frei, und
ohne das geringste Bedauern den Blick von dem Gemälde ab und zum Maler
wendend.

Als er indessen bemerkte, daß Michailoff ein Urteil über sein Gemälde
erwarte, sagte er: »Euer Bild hat gute Fortschritte gemacht, seit ich
es zum letztenmal gesehen habe. So wie damals, überrascht mich auch
jetzt die Figur des Pilatus. So muß man diesen Mann auffassen, als gut
und brav, aber als Beamter bis auf den Kern seiner Seele, der nicht
weiß, was er anrichtet. Mir scheint indessen« --

Michailoffs bewegliches Gesicht erglänzte plötzlich über und über,
seine Augen leuchteten auf.

Er wollte etwas sagen, konnte es aber vor Erregung nicht, und
stellte sich nun, als müsse er husten. So niedrig wie er auch
die Fähigkeit Golenischtscheff, die Kunst zu verstehen, anschlug,
so unbedeutend auch die treffende Bemerkung desselben über die
Wahrheit des Gesichtsausdruckes des Pilatus als eines Beamten war, so
zurücksetzend für ihn die Äußerung einer so unbedeutenden Bemerkung
erscheinen konnte, die zuerst kam, während über das Hauptsächlichste
nicht gesprochen worden war, befand sich Michailoff gleichwohl in
Entzücken über dieselbe. Er selbst dachte über die Figur des Pilatus
das Nämliche, was Golenischtscheff ausgesprochen hatte. Der Umstand,
daß dieses Gutachten nur eines von Millionen anderer war, die, wie
Michailoff sicher wußte, alle richtig gewesen sein würden, verminderte
für ihn die Bedeutung desselben nicht. Er gewann Golenischtscheff
für diese Bemerkung lieb und fiel aus der Stimmung der Beklommenheit
plötzlich in die des Entzückens. Sofort lebte sein ganzes Gemälde
vor ihm wieder auf in all der unaussprechlichen Schwierigkeit alles
Lebenden. Michailoff versuchte es nochmals zu sagen, daß er sich
den Pilatus ebenso gedacht habe, aber seine Lippen vibrierten nur
widerspenstig und er konnte sich nicht äußern. Wronskiy und Anna sagten
gleichfalls etwas mit jener leisen Stimme, mit welcher man gewöhnlich
-- teils um den Künstler nicht zu verletzen, teils um nicht laut eine
Dummheit zu sagen, die man so leicht äußern kann, wenn man über Kunst
spricht -- in Gemäldeausstellungen konversiert.

Michailoff schien es, als ob sein Bild auch auf sie Eindruck gemacht
hätte. Er trat zu ihnen hin.

»Wie wunderbar ist der Ausdruck des Christus!« sagte Anna. Vor allem,
was sie gesehen, hatte ihr dieser Ausdruck gefallen, und sie fühlte,
daß dies der Mittelpunkt des Gemäldes war und deshalb ein solches Lob
dem Künstler angenehm sein würde.

»Man sieht, wie er Pilatus bemitleidet!«

Dies war wiederum eins aus der Million richtiger Urteile, die man an
seinem Bilde und an der Figur des Christus finden konnte.

Sie hatte gesagt, daß es ihm leid thue um Pilatus. In dem Ausdruck
des Christus mußte ja auch der von Mitleid liegen, da in ihm der
der Liebe lag, einer überirdischen Ruhe und Todesbereitschaft, des
Bewußtseins einer bevorstehenden Rechenschaft über seine Worte. Gewiß
lag der Ausdruck des dienstthuenden Beamten in dem Pilatus, der des
Mitleids mit diesem in dem Christus, da der Eine die Verkörperung des
fleischlichen, der Andere die des geistigen Lebens ist. Alles das
und noch vieles andere ging Michailoff durch den Kopf, und abermals
leuchtete sein Auge auf vor Entzücken.

»Und wie diese Figur gearbeitet ist, wie viel Luft; man kann um ihn
herumgehen,« sagte Golenischtscheff, offenbar um mit dieser Bemerkung
anzudeuten, daß er den Gedanken und Sinn der Figur nicht billige.

»Ja, ein wunderbares Meisterstück. Wie jene Figuren in dem
Hintergrunde sich abheben! Das ist Technik!« sagte Wronskiy, sich
zu Golenischtscheff wendend, und damit auf ein zwischen ihnen
stattgehabtes Gespräch darüber, daß Wronskiy an der Erwerbung dieser
Technik verzweifelte, anspielend.

»Ja, ja, wunderbar,« bestätigten Golenischtscheff und Anna.

Trotz des aufgeregten Zustandes, in welchem sich Michailoff befand,
griff diesen doch die Bemerkung über die Technik schmerzlich ans Herz
und grollend auf Wronskiy blickend, verfinsterte er sich plötzlich. Oft
schon hatte er das Wort Technik gehört und durchaus nicht begriffen,
was man eigentlich darunter verstände. Er wußte, daß man mit diesem
Worte die mechanische Fertigkeit des Malens und Zeichnens meine, die
vollständig unabhängig war von dem Inhaltlichen. Oft schon hatte er
bemerkt -- auch bei der gegenwärtigen Lobesspende -- daß man die
Technik dem inneren Werte gegenüberstelle, gerade als ob es möglich
wäre, das gut zu malen, was schlecht sei. Er wußte wohl, daß viel
Aufmerksamkeit und Vorsicht erforderlich sei, um ein Gemälde nicht
zu schädigen, wenn man von ihm die Hüllen abnahm, aber eine Kunst
des Malens -- eine Technik -- die gab es dabei nicht. Hätte sich
einem kleinen Kinde, oder seiner Köchin das ebenfalls geoffenbart,
was er sah, dann würden diese gleichfalls das herauszuschälen
verstanden haben, was sie sahen. Aber selbst der erfahrenste und
auch geschickteste Beherrscher der Maltechnik wäre allein mit der
mechanischen Fertigkeit nicht imstande gewesen, etwas zu malen, wenn
sich ihm nicht vorher die Grenzen des Inhaltlichen offenbarten. Dann
aber wußte er auch, daß wenn man nun einmal von einer Technik sprach,
er ihretwegen nicht gerühmt werden konnte. In allem was er malte und
schon gemalt hatte, erkannte er ihm in die Augen fallende Mängel, die
aus der Unvorsichtigkeit hervorgegangen waren, mit der er die Hüllen
entfernt hatte, und die er nun nicht mehr verbessern konnte, ohne die
ganze Schöpfung zu verderben. Fast auf allen Figuren und Gesichtern
sah er noch die Mängel nicht vollständig abgenommener Hüllen, die sein
Gemälde verdarben.

»Eines, wenn Ihr mir gestattet, diese Bemerkung zu machen, ließe sich
sagen,« äußerte Golenischtscheff.

»Ah, sehr erfreut, ich bitte Euch,« antwortete Michailoff mit
gekünsteltem Lächeln.

»Es ist dies, daß dieser Christus da bei Euch ein Menschgott, aber kein
Gottmensch geworden ist. Indessen, ich weiß ja, daß Ihr es eben so
gewollt habt.«

»Ich konnte den Christus nicht malen, der nicht in meiner Seele ist,«
versetzte der Maler mürrisch.

»Ja, aber in diesem Falle -- wenn Ihr mir gestattet meine Idee
auszusprechen -- Euer Gemälde ist so gut, daß meine Bemerkung ihm nicht
schaden kann, und dann ist dies ja auch nur meine persönliche Meinung.
Bei Euch ist das etwas Anderes; selbst das Motiv ist ein anderes. Aber
nehmen wir etwa den Iwanoff. -- Ich glaube, daß wenn Christus mit der
Norm eines historischen Gesichts zusammengebracht wird, es für Iwanoff
besser wäre, ein anderes historisches Thema zu wählen, ein neues, noch
nicht angeschlagenes.«

»Wie aber, wenn dies das erhabenste Thema wäre, welches sich der Kunst
bietet« --

»Wenn man nur suchen will, so wird man auch andere finden. Es handelt
sich nur darum, daß die Kunst keinen Streit, und keine Düfteleien
duldet. Vor einem Gemälde Iwanoffs ersteht für den Gläubigen wie für
den Nichtgläubigen die Frage: Ist das Gott oder ist es nicht Gott? und
diese stört die Einheit des Eindrucks.«

»Warum? Mir scheint, daß für gebildete Menschen,« sagte Michailoff,
»ein Streit nicht mehr bestehen kann.«

Golenischtscheff war hiermit nicht einverstanden und fertigte
Michailoff mit seinem ersten Gedanken über die Einheit des Eindrucks
ab, die in der Kunst notwendig sei.

Michailoff geriet in Erregung, wußte aber nichts zur Verteidigung
seines Gedankens zu sagen.


                                  12.

Anna und Wronskiy hatten schon längere Zeit Blicke miteinander
gewechselt im Bedauern über die scharfsinnige Redefertigkeit ihres
Freundes; endlich schritt Wronskiy, ohne auf den Hausherrn zu warten,
zu einem anderen, einem kleinen Gemälde.

»Ah, wie reizend, wie reizend! Wundersam! Wie reizend!« riefen beide
mit einer Stimme.

»Was hat ihnen so gefallen?« dachte Michailoff. Er hatte das vor drei
Jahren gemalte Bild vergessen; vergessen alle die Leiden und Freuden,
welche er mit diesem Bilde durchlebt hatte, indem es ihn mehrere Monate
hindurch ausschließlich, und ohne daß er sich davon hätte trennen
können, Tag und Nacht beschäftigte, es vergessen, wie er überhaupt
stets seine vollendeten Bilder vergaß. Er liebte nicht einmal, es
anzuschauen, und stellte es nur deshalb aus, weil er einen Engländer
erwartete, der es zu kaufen wünschte.

»Ah; eine alte Studie,« sagte er.

»Wie hübsch,« rief Golenischtscheff, gleichfalls augenscheinlich
aufrichtig von dem Reiz des Bildes gefesselt.

Zwei Knaben im Schatten einer Bachweide angelten Fische. Der Eine,
ältere, hatte soeben die Angel ausgeworfen und führte aufmerksam
die Angelspule aus einem Gestrüpp heraus, ganz versunken in diese
Beschäftigung; der Andere, jüngere lag im Grase, den wirren Blondkopf
auf die Ellbogen gestützt, und schaute mit den blauen Augen
nachdenklich auf das Wasser.

Woran mochte er denken?

Das Entzücken über dieses sein Bild rief in Michailoff die frühere
Erregung hervor, doch scheute er sich vor diesem unangenehmen müßigen
Interesse für ältere Arbeiten, und so suchte er, obwohl ihm dieses Lob
angenehm war, die Besucher zu dem dritten Bilde hinzuziehen.

Doch Wronskiy frug, ob er dieses Gemälde verkaufe. Michailoff, von dem
Besuch erregt, war diese Frage über Geldgeschäfte jetzt sehr unangenehm.

»Es ist zum Verkauf ausgestellt,« versetzte er, sich verfinsternd.

Nachdem die Besucher gegangen waren, setzte sich Michailoff vor
seinem Bilde »Pilatus und Christus« nieder und wiederholte sich in
Gedanken alles, was gesprochen worden, oder, wenn nicht ausgesprochen,
so doch von den Besuchern angedeutet worden war. Und seltsam, was
so hohe Bedeutung für ihn gehabt hatte, während sie hier waren und
er sich in Gedanken auf ihren Standpunkt versetzte, hatte jetzt
plötzlich für ihn allen Wert verloren. Er schaute jetzt auf sein
Gemälde mit seinem vollen künstlerischen Blick, und kam zu demjenigen
Standpunkte der Überzeugung von seiner Vollkommenheit und darnach auch
Bedeutung, welcher ihm notwendig war zu der alle anderen Interessen
ausschließenden Spannkraft, mit welcher allein er nur zu arbeiten
vermochte.

Der eine Fuß des Christus war allerdings nicht recht befriedigend.
Er nahm die Palette und machte sich an die Arbeit. Indem er den Fuß
besserte, blickte er fortwährend auf die Gestalt des Johannes im
Hintergrund, welche die Besucher gar nicht bemerkt hatten, und die
gleichwohl -- er wußte es -- noch über der Vollkommenheit selbst stand.
Nachdem er mit dem Fuß fertig war, wollte er sich an diese Figur
begeben, aber er fühlte sich allzu erregt dazu. Nichtsdestoweniger
konnte er aber auch nicht arbeiten, wenn er ganz kühl, sowie wenn er
zu weich gestimmt war und alles zu sehr sah. Es gab nur eine Stimmung
in dem Übergang von der Kühle bis zur Begeisterung, in welcher ihm die
Arbeit möglich war. Jetzt befand er sich in allzugroßer Aufregung. Er
wollte das Gemälde verhüllen, hielt aber inne, mit der Hand den Vorhang
haltend, und schaute lange, beglückt lächelnd, auf die Gestalt des
Johannes. Endlich, gleichsam mit Schmerz sich losreißend, ließ er den
Vorhang fallen und begab sich ermüdet, aber beglückt heim.

Wronskiy, Anna und Golenischtscheff waren, heimgekehrt, in ausnehmend
angeregter und heiterer Stimmung. Man sprach von Michailoff und seinen
Bildern. Das Wort »Talent«, unter welchem sie eine angeborene, fast
physische Fähigkeit, unabhängig von Verstand und Herz verstanden,
und als das sie alles bezeichneten, was von dem Künstler durchlebt
wird, tauchte besonders häufig in ihrer Unterhaltung auf, da es ihnen
unentbehrlich dazu war, das zu bezeichnen, wofür sie kein Verständnis
besaßen, und worüber sie doch sprechen wollten. Sie sagten, man könne
ihm das Talent nicht absprechen, infolge der mangelnden Bildung aber
vermöge sich dieses nicht zu entwickeln. -- Dies sei das Unglück aller
russischen Künstler! -- Aber das Bild mit den beiden Knaben war doch in
ihrer Erinnerung haften geblieben und immer wieder kehrten sie zu ihm
zurück. Wie reizend! Wie schön war es ihm gelungen! Und wie einfach!
Er selbst weiß gar nicht, wie schön es ist. »Ja, das darf man nicht
fortlassen, das muß man kaufen,« sagte Wronskiy.


                                  13.

Michailoff verkaufte Wronskiy das Bild und willigte auch ein, Annas
Porträt zu malen. Am festgesetzten Tage kam er und begann seine Arbeit.

Von der fünften Sitzung an setzte das Porträt jedermann in Erstaunen,
besonders Wronskiy, nicht nur durch die Ähnlichkeit, sondern
vornehmlich durch seine Schönheit. Es war seltsam, wie Michailoff jene
nur ihr eigene Schönheit hatte treffen können. »Man muß sie kennen und
lieben, wie ich sie geliebt habe, um diesen eigenen, lieblichen und
seelischen Ausdruck bei ihr zu entdecken,« dachte Wronskiy, obwohl nur
er in diesem Gemälde den lieblichen, seelischen Ausdruck erkannte.
Derselbe war aber so getreu, daß es ihm und anderen schien, als ob
sie ihn schon längst gekannt hätten. »Wie lange habe ich mich nun
schon geplagt, und nichts fertig gebracht,« sprach er bezüglich seines
eigenen Porträts, »und er hat sie nur angeschaut und gemalt! Das ist
die Technik.«

»Es wird noch kommen,« tröstete ihn Golenischtscheff, nach dessen
Auffassung Wronskiy Talent besaß und, was die Hauptsache war, auch
die Bildung, die einen erhabneren Blick auf die Kunst verlieh. Die
Überzeugung Golenischtscheffs von Wronskiys Talent wurde noch dadurch
gestützt, daß Golenischtscheff Wronskiys Teilnahme und Lob für seine
Arbeiten und seine Ideen brauchte, und so fühlte er, daß Lob und
Unterstützung hier auf Gegenseitigkeit beruhten.

In einem fremden Hause, und insbesondere in dem Palazzo bei Wronskiy
war Michailoff ein abweisend anderer Mensch, als in seinem Atelier.
Er war abstoßend höflich, gerade als fürchte er die Annäherung an
Menschen, die er nicht achte. Er nannte Wronskiy Ew. Erlaucht und blieb
niemals, ungeachtet der Einladungen Annas und Wronskiys, zum Essen da,
kam auch nicht zu anderen Zeiten, als zu den Sitzungen. Anna war gegen
ihn freundlicher, als gegen andere, und ihm dankbar für das Porträt.
Wronskiy war mehr als nur höflich gegen ihn, und interessierte sich
augenscheinlich für das Urteil des Künstlers über sein eigenes Gemälde.
Golenischtscheff ließ keine Gelegenheit vorüber, Michailoff die wahren
Begriffe über Kunst beizubringen, allein Michailoff blieb sich immer
gleich in seiner Zurückhaltung gegen alle. Anna fühlte an seinem Blick,
daß er sie gern betrachtete, doch er mied Gespräche mit ihr. Zu den
Gesprächen Wronskiys über dessen Malerei schwieg er beharrlich, und er
schwieg ebenso beharrlich, als man ihm das Bild Wronskiys zeigte; er
fühlte sich auch offenbar belästigt von den Reden Golenischtscheffs und
erwiderte diesem nichts.

Im allgemeinen gefiel ihnen daher Michailoff mit seinem zurückhaltenden
und unangenehmen, gleichsam feindseligen Verhalten sehr wenig, nachdem
man ihn näher kennen gelernt hatte, und man war deshalb froh, daß
als die Sitzungen beendet waren, in ihren Händen ein schönes Porträt
zurückblieb, während er selbst sein Kommen einstellte.

Golenischtscheff war es zuerst, der den Gedanken aussprach, den alle
hatten, nämlich, daß Michailoff auf Wronskiy einfach neidisch sei.

»Gesetzt, er beneidete ihn nicht, weil er Talent besitzt, ist es ihm
doch verdrießlich, daß ein Hofmann und reicher Mann, noch dazu ein
Graf, was schon alle beneiden, ohne besondere Mühe das Nämliche, wenn
nicht noch Besseres, leistet, als er, der sein ganzes Leben dem geweiht
hat. Die Hauptsache bleibt doch die Bildung, die jener nicht hat.«

Wronskiy verteidigte Michailoff, doch auf dem Grunde seines Herzens
glaubte er hieran, weil nach seiner Auffassung ein Mensch aus jener
anderen, niedrigeren Welt Neid hegen mußte.

Das Porträt Annas, ebenfalls in derselben Weise nach der Natur gemalt
von ihm wie von Michailoff, hätte Wronskiy den Unterschied zeigen
müssen, welcher zwischen ihm und jenem bestand, aber er gewahrte
denselben nicht. Er hörte nach der Arbeit Michailoffs nur auf, sein
Porträt von Anna weiter zu malen, indem er meinte, dies sei nunmehr
überflüssig geworden. Sein Gemälde aus dem mittelalterlichen Leben
hingegen setzte er fort, und er selbst, wie auch Golenischtscheff und
namentlich Anna fanden, daß es sehr schön sei, weil es den berühmten
Bildern viel ähnlicher werde, als das Bild Michailoffs.

Dieser nun war, ungeachtet dessen, daß ihn die Porträtierung Annas sehr
angezogen hatte, seinerseits noch froher als jene, als die Sitzungen
zu Ende waren und er nicht mehr das Geschwätz Golenischtscheffs über
Kunst anzuhören brauchte, und die Malerei Wronskiys vergessen durfte.
Er wußte, daß es unmöglich war, Wronskiy zu verbieten, mit der Malerei
Mutwillen zu treiben; er wußte, daß dieser ebenso wie alle anderen
Dilettanten das volle Recht besaß, zu malen was ihm anstand -- aber
ihm war dies unangenehm. Es war eben unmöglich, einem Menschen zu
untersagen, sich eine große Puppe aus Wachs zu machen und sie zu
küssen. Aber wenn nun gar dieser Mensch mit der Puppe kam, und sich
vor einem Verliebten hinsetzte und beginnen wollte, seine Puppe zu
liebkosen, wie ein Verliebter die, welche er liebt, so mußte das
dem Verliebten widerlich sein. Und dieses widerliche Gefühl empfand
Michailoff beim Anblick der Malerei Wronskiys; es wurde ihm dabei
komisch und ärgerlich, kläglich und grimmig zugleich zu Mut.

Die Passion Wronskiys für die Malerei und das Mittelalter hielt nicht
lange an. Wronskiy besaß doch soviel Geschmack für Malerei, daß er sein
Bild nicht zu beenden vermochte und es blieb liegen. Voll Bestürzung
war er inne geworden, daß die Mängel des Bildes, im Anfang weniger
bemerkbar, überraschend wirkten, wenn er es fortsetzte. Es ging ihm,
wie Golenischtscheff, der fühlte, daß es ihm auf das Reden nicht
ankomme und sich beständig damit selbst täuschte, daß nur seine Idee
noch nicht ausgereift sei, daß er sie erst austragen und Material
sammeln wolle. Aber Golenischtscheff hatte dies verbittert gemacht
und es marterte ihn; Wronskiy hingegen vermochte sich weder selbst
zu täuschen noch zu peinigen oder gar über sich selbst verbittert zu
werden; mit der ihm eigenen Charakterfestigkeit hörte er eben auf, ohne
eine Erklärung oder Rechtfertigung, zu malen.

Ohne diese Beschäftigung indessen erschien ihnen -- sowohl ihm wie
Anna, die sich über seine Ernüchterung verwunderte -- das Leben nun
so langweilig in der italienischen Stadt, wurde der Palazzo plötzlich
so sichtlich alt und schmutzig, schauten die Flecken auf den Gardinen
so unangenehm hervor, die Ritzen auf den Fußböden, die abgefallene
Stuccatur an den Karnisen, wurde ihnen auch der ewige Golenischtscheff,
der italienische Professor und ein deutscher Reisender nach und nach
so langweilig, daß man dieses Leben ändern mußte. Man beschloß, nach
Rußland auf das Land zu gehen. In Petersburg gedachte Wronskiy mit
seinem Bruder eine Vermögensteilung vorzunehmen, während Anna ihren
Sohn wiedersehen wollte. Den Sommer beabsichtigten sie auf dem großen
Erbbesitz Wronskiys zu verleben.


                                  14.

Lewin war seit drei Monaten verheiratet. Er war glücklich, aber nicht
ganz so wie er erwartet hatte. Auf jedem Schritte begegnete er der
Enttäuschung in früheren Träumen, doch auch neuen, unerwarteten Reizen.
Er war glücklich, sah aber, nachdem er ins Familienleben getreten war,
auf jedem Schritte, daß dieses durchaus nicht so war, wie er es sich
vorgestellt hatte. Auf jedem Schritte erfuhr er an sich, was ein Mensch
fühlen mag, der sich an der glatten glücklichen Fahrt eines Nachens
auf dem See ergötzt, nachdem er sich etwa selbst hineingesetzt hat.
Er sah, daß er, indem er schon ruhig sitzen mußte und nicht schaukeln
durfte, sich auch noch dessen bewußt sein mußte -- ohne nur eine
Minute zu vergessen, wohin er fahren wollte -- daß unter seinen Füßen
Wasser war und er rudern mußte, und daß dies den nicht daran gewohnten
Händen mühsam wurde. Die Sache sah wohl sehr leicht aus, aber sie zu
vollbringen -- wenn es auch mit viel Freude verbunden war -- blieb
doch sehr schwierig.

Als Junggeselle hatte er oft, auf das Eheleben mit seinen kleinlichen
Sorgen, seinem Streit, seiner Eifersucht blickend, geringschätzig in
seinem Innern gelächelt. In seinem künftigen Eheleben konnte nach
seiner Überzeugung nicht nur nichts Ähnliches existieren, es sollten
sogar alle äußerlichen Formen desselben, wie ihm dünkte, dem Leben
der anderen in allem vollständig unähnlich sein. Plötzlich aber
hatte sich anstatt dessen auch sein Leben mit seinem Weibe nicht
nur nicht besonders gestaltet, sondern sich im Gegenteil, gerade
aus all jenen kleinlichsten Kleinigkeiten zusammengesetzt, die er
vordem so sehr verachtet hatte, die aber jetzt, gegen seinen Willen,
eine ungewöhnliche und unabweisbare Bedeutung erhalten hatten. Lewin
erkannte auch, daß die Regelung aller dieser Kleinigkeiten durchaus
nicht so leicht war, als ihm früher geschienen hatte. Ungeachtet
dessen, daß Lewin glaubte, die richtigsten Begriffe vom Eheleben
zu besitzen, stellte er sich, wie alle Männer, das Familienleben
unwillkürlich nur als eine Befriedigung seiner Liebe vor, der kein
Hindernis mehr in den Weg treten durfte, und von welcher ihn keine
kleinlichen Sorgen abziehen sollten. Er sollte nach seiner Auffassung
seine Arbeit verrichten und von derselben ausruhen im Glück der Liebe.
Sie sollte daher auch nur geliebt werden; allein er hatte dabei, wie
alle Männer, vergessen, daß auch sie arbeiten müsse. Er wunderte sich,
wie sie, die poetische, reizende Kity, nicht in den ersten Wochen,
nein, schon in den ersten Tagen des Ehelebens bereits, denken, sich
erinnern, sich sorgen konnte um Tischtücher, Möbel, Matratzen für die
anreisenden Besuche, das Geschirr, den Koch, das Essen und dergleichen.
Schon als Bräutigam war er in Erstaunen gesetzt worden von der
Bestimmtheit, mit welcher sie auf eine Reise ins Ausland verzichtete
und sich dafür entschieden hatte, auf das Dorf zu gehen, gerade als ob
sie schon wüßte, was not thue, und daß sie außer an ihre Liebe, auch
noch an Nebensächliches denken könne. Dies hatte ihn damals verstimmt,
und auch jetzt verstimmten ihn mehrmals ihre kleinen Mühen und Sorgen.
Doch er sah, daß ihr dies ein Bedürfnis war, und da er sie liebte, so
konnte er nicht umhin, sich über diese Sorgsamkeit zu freuen, wenn er
auch nicht wußte weshalb, und wenn er auch darüber spöttelte.

Er lächelte darüber, wie sie die Möbel stellte, welche aus Moskau
gebracht worden waren, wie sie ihr Zimmer und seines neu ausschmückte,
Gardinen aufsteckte, über die künftige Unterbringung der Besuche
verfügte, wie die Dollys; ferner wie sie ihre neue Zofe unterbrachte,
wie sie dem alten Koch das Menü vorschrieb und mit Agathe Michailowna
in Widerspruch geriet und diese der Verwaltung der Speisekammer enthob.
Er sah, daß der alte Koch lächelte und damit zufrieden war, sah, daß
Agathe Michailowna bedenklich, aber freundlich den Kopf schüttelte
über die neuen Verfügungen der jungen Herrin in der Vorratskammer; er
sah, wie Kity ungewöhnlich lieblich war, wenn sie lachend und weinend
zugleich, zu ihm kam, um ihm mitzuteilen, daß die Magd Mascha gewöhnt
sei, Agathe als Herrin zu betrachten, und daß deshalb niemand auf sie
höre. Ihm erschien dies lieblich, aber auch seltsam, und er dachte es
würde wohl besser sein, wenn dies nicht wäre.

Er kannte jenes Gefühl der Veränderung nicht, welches sie nun kennen
gelernt, nachdem sie daheim wohl bisweilen einmal nach Kohl mit Kwas
oder Konfekt verlangt hatte, ohne daß dies oder jenes zu haben gewesen
wäre, während sie jetzt befehlen durfte, was sie wollte, ganze Haufen
von Konfekt kaufen, Geld soviel sie wollte ausgeben, oder Backwerk
bestellen konnte nach Herzenslust.

Mit Freude dachte sie jetzt auch der Ankunft Dollys und der
Kinder, besonders deswegen, weil sie für jedes der Kinder dessen
Lieblingsgebäck hatte backen lassen, und Dolly ihre ganze neue
Einrichtung abschätzen lassen wollte. Sie wußte zwar selbst nicht,
warum und zu welchem Zwecke, aber das Hauswesen zog sie unwiderstehlich
an. Instinktiv fühlte sie das Nahen des Frühlings und wohl wissend, daß
es auch für sie schwere Stunden geben werde, baute sie sich, wie sie es
verstand, ihr Nest, und mühte sich zu gleicher Zeit zu lernen, wie man
bauen müsse.

Diese pedantische Sorglichkeit Kitys, dem Ideal Lewins von einem
erhabenen Glück der ersten Zeit so sehr entgegengesetzt, war eine der
Enttäuschungen. Diese liebliche Fürsorge, deren Sinn er nicht begriff,
die er aber lieben mußte, war die erste der neuen Enttäuschungen.

Eine zweite Ernüchterung, zugleich aber auch einen Reiz bildeten die
Zwiste. Lewin hatte sich nie vorstellen können, daß zwischen ihm und
seinem Weibe andere Beziehungen, als zärtliche, achtungsvolle und
liebevolle bestehen könnten, und plötzlich, gleich von den ersten Tagen
an, gerieten sie einmal so in Zwist, daß sie zu ihm sagte, er liebe sie
gar nicht, liebe nur sich selbst und nun zu weinen begann, und die Arme
hochhob.

Dieser erste Streit kam davon her, daß Lewin nach einer neuen Meierei
gefahren und eine halbe Stunde länger geblieben war, weil er auf einem
kürzeren Wege hatte heimfahren wollen, in welchem er sich jedoch
geirrt hatte. Er fuhr heim, nur in Gedanken an sie, an ihre Liebe
und sein Glück, und je näher er kam, um so heißer wallte in ihm die
Zärtlichkeit für sie. Er eilte nach ihrem Zimmer noch mit der nämlichen
Empfindung -- ja einer noch stärkeren -- als die gewesen, mit der er
sich dem Hause der Schtscherbazkiy genähert hatte, um seine Werbung
anzubringen. Da aber begegnete ihm plötzlich ein finsterer, noch nie an
ihr gesehener Ausdruck; er will sie küssen, sie stößt ihn von sich.

»Was hast du?«

»Du hast ja recht gute Laune,« begann sie, sich bemühend, ruhig und
sarkastisch zu erscheinen.

Kaum aber hat sie den Mund geöffnet, als der Redestrom der Vorwürfe
einer sinnlosen Eifersucht sich ihr entrang, alles dessen, was sie
in dieser halben Stunde gemartert hatte, die von ihr, indem sie
unbeweglich am Fenster saß verbracht worden war. Da erkannte er zum
erstenmal klar, was er noch nicht gewußt, als er sie nach der Trauung
aus der Kirche geführt hatte. Er erkannte, daß sie ihm nicht nur nahe
stehe, sondern daß er jetzt nicht einmal mehr wisse, wo sie aufhöre
und wo er anfange. Er empfand dies an jenem quälenden Gefühl der
Zweiheit, welches er in dieser Minute hatte. Im ersten Augenblick war
er verletzt, ebenso schnell aber wurde er auch inne, daß er von ihr
nicht verletzt werden könne, daß sie ja er selbst sei. Er empfand in
diesem ersten Augenblick ein Gefühl, ähnlich dem, welches ein Mensch
hat, wenn er, plötzlich einen starken Schlag von hinten erhaltend,
sich gereizt und mit dem Wunsch nach Rache umwendet, den Schuldigen
zu entdecken, sich aber dabei überzeugt, daß er sich unvermutet selbst
geschlagen hat, und daher niemandem zürnen dürfe, sondern seinen
Schmerz überwinden und beschwichtigen müsse.

Niemals hatte er dies mit solcher Macht in der Folge wieder empfunden,
aber jenes erste Mal konnte er sich lange Zeit darüber selbst nicht
wieder finden. Ein natürliches Gefühl erheischte von ihm, daß er sich
rechtfertigte und ihr ihre Schuld vorhalte; dies aber thun, hieß
sie nur noch mehr reizen und den Bruch noch größer machen, der die
Ursache des ganzen Leides bildete. Die eine, gewöhnlich vorhandene
Empfindung zog ihn, die Schuld von sich ab und auf sie zu wälzen, eine
andere, noch viel stärkere aber, schnell -- so schnell als möglich
-- den stattfindenden Gefühlsausbruch, zu besänftigen und ihn nicht
stärker werden zu lassen. Es war qualvoll, unter einer ungerechten
Beschuldigung zu leiden, allein sich zu rechtfertigen und ihr wehe
zu thun, war noch schlimmer. Wie ein Mensch im Halbschlaf, der von
einem Schmerz gequält ist, so wollte er jetzt die schmerzende Stelle
losreißen, von sich werfen und fühlte, als er zur Besinnung kam, daß
diese schmerzende Stelle -- er selbst war. -- Man konnte sich somit
nur bemühen, der kranken Stelle behilflich zu sein, zu dulden, und er
bemühte sich denn, dies zu thun.

Beide söhnten sich aus; sie, indem sie ihre Schuld einsah, ohne sie
jedoch einzugestehen, wurde wieder zärtlich gegen ihn, und beide
verspürten ein neues verdoppeltes Glück in ihrer Liebe. Dies hinderte
indessen nicht, daß sich diese Zusammenstöße nicht wiederholten, ja
sogar ziemlich häufig, und bei den unerwartetsten und geringfügigsten
Anlässen. Diese Zusammenstöße entstanden oft daraus, daß sie noch
nicht wußten, was das Eine für das Andere bedeutete, daraus, daß sie
in dieser ganzen ersten Zeit beide häufig in schlechter Laune waren.
Befand sich der eine Teil in guter, der andere in übler Stimmung,
so wurde der Frieden nicht gestört, wenn sich aber beide gerade in
Mißstimmmung befanden, so entstanden Zwiste aus Ursachen, die ihrer
Nichtigkeit halber so unbegreiflich waren, daß beide sich nachher
durchaus nicht mehr zu entsinnen vermochten, worüber sie sich entzweit
hatten. Allerdings verdoppelte sich hingegen das Glück ihres Lebens,
wenn sie beide bei guter Stimmung waren. Nichtsdestoweniger war aber
doch diese erste Zeit eine schwere für sie.

Während dieser ganzen Zeit hatte sich eine lebhafte Spannung, gleich
einem Zerren nach den beiden Enden einer Kette, durch die sie verbunden
waren, fühlbar gemacht.

Überhaupt war jener Honigmonat, das heißt der Monat nach der Hochzeit,
von dem sich Lewin, der Überlieferung nach, so viel versprochen hatte,
nicht nur nicht süß, sondern bildete vielmehr in der Erinnerung beider
gerade die schwerste und niederdrückendste Periode ihres Lebens.
Indessen bemühten sie sich beide für ihr späteres Leben alle die
häßlichen und beschämenden Umstände dieser ungesunden Zeit, in der sie
doch beide selten in normalem Seelenzustand, selten sie selbst gewesen
waren, aus ihrem Gedächtnis zu verwischen.

Erst im dritten Monat ihres Ehestandes, nach der Rückkehr von Moskau,
wohin sie sich für einen Monat begeben hatten, gestaltete sich ihr
Leben geebneter.


                                  15.

Sie waren kaum von Moskau wieder zurückgekommen und freuten sich nun
ihrer Einsamkeit. Er saß im Kabinett am Schreibtisch und schrieb;
sie, in jenem dunkellila Kleid, welches sie in den ersten Tagen
ihres Ehestandes getragen und heute wiederum angelegt hatte, und das
besonders denkwürdig und teuer für ihn war, saß auf dem Diwan, dem
nämlichen altmodischen Lederdiwan, der stets unter dem Großvater und
Vater Lewins im Kabinett gestanden hatte und stickte eine =broderie
anglaise=. Er sann und schrieb, fortwährend in dem angenehmen
Gefühl ihrer Gegenwart. Seine Beschäftigung, sowohl die mit der
Landwirtschaft, als seinem Werke, in welchem die Prinzipien einer neuen
Landwirtschaft dargelegt werden sollten, war nicht von ihm aufgegeben
worden, aber so wie ihm vordem schon diese Arbeiten und Ideen klein und
geringfügig erschienen waren im Vergleich mit dem Dunkel, welches das
ganze Leben bedecke, so erschienen sie ihm auch jetzt noch unwichtig
und kleinlich im Vergleich mit dem vom warmen Lichtglanz des Glückes
überfluteten Leben, das vor ihm lag. Er setzte seine Arbeiten fort,
empfand aber jetzt, daß der Schwerpunkt seiner Aufmerksamkeit auf
etwas Anderes übergegangen sei und er infolge dessen ganz anders und
klarer auf die Sache blickte. Vordem war für ihn diese Beschäftigung
sein Lebensheil gewesen, vordem hatte er empfunden, daß ohne dieselbe
sein Dasein allzu düster sein würde; jetzt aber waren ihm diese
Arbeiten notwendig, damit ihm das Leben nicht zu einförmig erhellt
sein möchte. Nachdem er sich von neuem seinen Manuskripten gewidmet
hatte, fand er beim Durchlesen des Geschriebenen mit Genugthuung, das
Werk sei es wert, daß er sich mit ihm befaßte. Viele der früheren
Ideen zeigten sich ihm zwar überflüssig oder übertrieben, aber vieles
noch Fehlende wurde ihm auch klar, als er das ganze Werk in seinen
Gedanken wieder auffrischte. Er schrieb jetzt ein neues Kapitel über
die Gründe der ungünstigen Lage des Ackerbaues in Rußland. Er legte
dar, daß die Armut Rußlands nicht nur von der unregelmäßigen Verteilung
des Grundbesitzes und falscher Methode herrühre, sondern auch in der
letzten Zeit die in Rußland in nicht normaler Weise zur Entwickelung
gelangte äußerliche Civilisation hierzu beigetragen habe, insbesondere
durch die Verkehrswege, die Eisenbahnen, welche die Centralisierung
in den Städten mit sich gebracht hätten, die Entwickelung des Luxus,
und in der Folge hiervon, zum Schaden für die Landwirtschaft, die
Entwickelung des Fabrikwesens, des Kreditwesens und seines Trabanten --
des Börsenspiels. --

Ihm schien, daß bei einer normalen Entwickelung des Wohlstandes im
Reiche, alle diese Erscheinungen erst auftreten, nachdem man auf die
Landwirtschaft schon bedeutende Mühe verwendet hätte und dieselbe
in gesetzliche, oder wenigstens bestimmte Verhältnisse getreten
sei; daß der Reichtum einer Gegend in gleichmäßigem Wachstum stehen
müsse, und insbesondere in der Weise, daß andere Schößlinge der
Kapitalwirtschaft nicht der Landwirtschaft zuvorkommen dürften, daß
im Einklang mit notorisch bekannten Verhältnissen der Landwirtschaft
auch dementsprechende Verkehrswege dafür vorhanden sein müßten; und
daß bei der gegenwärtigen ungeregelten Ausnutzung des Bodens die
Eisenbahnen, welche nicht einem landwirtschaftlichen, sondern einem
politischen Bedürfnis entsprängen, verfrüht wären, und, anstatt zu der
Hebung der Landwirtschaft, welche letztere man doch von ihnen erwarte
beizutragen, dem Landbau zuvorkommend, nur eine Entwickelung der
Industrie und des Kredits hervorriefen, jenen aber hemmten. Er bewies,
daß weil nun die einseitige und verfrühte Entwickelung eines einzelnen
Organs im lebenden Organismus dessen Gesamtentwickelung hemmte, auch
der Kredit auf die allgemeine Entwickelung des Wohlstandes in Rußland,
die Verkehrswege, den Kraftaufwand der industriellen Thätigkeit, die in
Europa so zweifellos notwendig, weil alle zur rechten Zeit entstanden
seien, in Rußland nur Schaden verursachten, indem sie die Hauptfrage
der Organisierung des Ackerbaues verdrängten.

Während er so seine Ideen niederschrieb, dachte sie daran, wie
unnatürlich aufmerksam ihr Gatte gegen den jungen Fürsten Tscharskiy
gewesen sei, der ihr am Abend vor der Abreise sehr taktlos die Cour
gemacht hatte.

»Er ist offenbar eifersüchtig,« dachte sie; »mein Gott, wie gut und
befangen er ist! Er ist eifersüchtig auf mich! Wenn er wüßte, daß alle
für mich soviel sind, wie Peter der Koch.« Und mit einer ihr selbst
wunderlichen Empfindung von Selbstgefühl blickte sie auf seinen Nacken
und den rotschimmernden Hals. »Es ist zwar schade, ihn seiner Arbeit
zu entreißen -- er macht Fortschritte -- so muß ich doch sein Gesicht
sehen; ob er wohl fühlt, daß ich nach ihm schaue? Ich will, daß er
sich umwendet! Ich will es, nun!« und sie öffnete die Augen weiter, im
Wunsche, damit die Wirkung ihres Blickes zu verstärken.

»Ja, sie saugen alle Säfte in sich auf und geben einen falschen Glanz,«
murmelte er, mit Schreiben innehaltend, und blickte sich um, indem er
fühlte, daß sie auf ihn schaue, und lächelte.

»Was ist?« frug er noch lächelnd, und erhob sich.

»Er hat sich umgeblickt,« dachte sie.

»Nichts. Ich wollte nur, daß du dich umschautest,« versetzte sie, ihn
anblickend und zu erraten suchend, ob es ihm unangenehm gewesen sei
oder nicht, daß sie ihn gestört habe.

»Wie wohl wir uns doch so zu Zweien befinden! Ich wenigstens,« sagte
er, zu ihr hintretend und von einem Lächeln des Glückes strahlend.

»Auch mir ist so wohl! Ich werde nirgends mehr hinfahren, namentlich
nicht nach Moskau.«

»Woran dachtest du denn eigentlich?«

»Ich? Ich habe gedacht -- nein, nein, geh nur, schreib, zerstreue dich
nicht,« sprach sie, die Lippen kräuselnd, »ich muß jetzt diese kleinen
Löcher hier ausschneiden, siehst du?« --

Sie ergriff die Schere und begann auszuschneiden.

»Ach nein, sage mir doch, woran dachtest du?« sagte er, sich zu ihr
setzend und der kreisförmigen Bewegung der kleinen Schere folgend.

»O, woran ich dachte? Ich dachte? An Moskau, an deinen Nacken.«

»O, warum mir solch ein Glück? Es ist übernatürlich. Das ist zu schön,«
sagte er, ihr die Hand küssend.

»Mir ist es im Gegenteil um so schöner, je natürlicher es ist.«

»Du hast da ein Zöpfchen,« sagte er, behutsam ihren Kopf wendend. »Ein
Zöpfchen. Siehst du hier. Doch nein, nein, arbeiten wir!«

Die Arbeit wurde indessen nicht mehr fortgesetzt, und sie fuhren wie
schuldbewußt auseinander, als Kusma eintrat, um zu melden, daß der Thee
serviert sei.

»Ist aus der Stadt Etwas angekommen?« frug Lewin Kusma.

»Soeben. Es wird ausgepackt.«

»Komm sobald als möglich,« sagte sie zu ihm, das Kabinett verlassend,
»sonst werde ich in deiner Abwesenheit die Briefe lesen. Wir wollen
auch vierhändig spielen.«

Allein geblieben, packte er seine Hefte in das neu von ihr gekaufte
Portefeuille und wusch sich alsdann die Hände in dem neuen Waschbecken
und mit dem neuen, mit ihr zugleich hier erschienenen eleganten
Zubehör. Lewin lächelte über seine Gedanken und schüttelte mißbilligend
den Kopf darüber; eine Empfindung, die der Reue ähnlich war, quälte
ihn. Etwas Beschämendes, Verweichlichtes, Capuanisches, wie er es sich
selbst nannte, lag in seiner jetzigen Lebensweise.

»Es ist nicht gut, so zu leben,« dachte er bei sich. »Bald sind es nun
schon drei Monate und ich arbeite fast nichts. Heute habe ich mich
beinahe zum erstenmal wieder ernstlich an eine Arbeit gemacht, und was
geschah dabei? Kaum angefangen, habe ich sie wieder beiseite geworfen.
Selbst meine gewöhnlichen Übungen, selbst die habe ich fast aufgegeben.
Die Ökonomie, ich gehe fast gar nicht mehr nach ihr und fahre auch
nicht mehr. Bald thut es mir leid, sie im Stich lassen zu müssen, bald
sehe ich, daß sie sich langweilt. Habe ich doch gedacht, daß bis zur
Heirat das Leben an und für sich nicht gerechnet werden kann, daß es
erst nach derselben als ein wirkliches beginnt. Aber nun sind es schier
drei Monate, und noch nie habe ich meine Zeit so müßig und so nutzlos
hingebracht! Nein; das kann nicht mehr so fortgehen; man muß anfangen.
Natürlich ist sie nicht schuld. Ihr kann man in keiner Beziehung
Vorwürfe machen. Ich selbst hätte fester sein und meine männliche
Unabhängigkeit wahren müssen. Indessen ist es ja möglich, sich selbst
wieder daran zu gewöhnen und auch sie darin zu unterrichten; natürlich
ist ihr keinerlei Schuld beizumessen,« sprach er zu sich selbst.

Es ist indessen schwer für einen unzufriedenen Menschen, einem anderen,
und zwar gerade dem, der ihm am nächsten steht, in Bezug auf das,
worüber er unzufrieden ist, nicht Vorwürfe zu machen. Auch Lewin war es
dunkel in den Kopf gekommen, daß -- nicht, daß sie selbst schuld daran
gewesen wäre -- sie konnte an nichts Schuld tragen -- ihre Erziehung
wohl schuld sei, die allzu oberflächlich und frivol gewesen war --
(dieser Narr Tscharskiy; sie, das weiß ich, wollte ihn wohl von sich
abweisen, aber sie verstand es nicht). Außer dem Interesse für das Haus
-- das heißt ihre Familie -- außer ihrer Toilette und der =broderie
anglaise= hat sie keine ernsthaften Interessen. Sie hat kein Interesse
für ihre eigene Angelegenheit, die Wirtschaft, ihre Bauern, auch nicht
für die Musik, in der sie doch ziemlich sicher war, noch für Lektüre.
Sie thut nichts und ist doch vollständig zufrieden.

Lewin tadelte dies in seinem Innern und erkannte noch nicht, daß sie
sich auf diejenige Periode ihrer Wirksamkeit vorbereite, die für sie
erscheinen mußte, und in welcher sie zu gleicher Zeit als Frau ihres
Gatten, und Herrin des Hauswesens Kinder zu nähren und zu erziehen
haben würde. Er erkannte nicht, daß sie dies durch ihre Ahnung schon
wußte und sich in der Vorbereitung auf diese schwere Mühe über die
Augenblicke der Sorglosigkeit und des Liebesglückes, die sie jetzt noch
genoß, keine Vorwürfe machte, sondern heiter ihr künftiges Nest sich
baute.


                                  16.

Als Lewin nach oben kam, saß seine Gattin vor dem neusilbernen Ssamowar
hinter dem neuen Theegeschirr und las, nachdem sie die alte Agathe
Michailowna mit einer ihr kredenzten Tasse Thee mit an das kleine
Tischchen gesetzt hatte, einen Brief Dollys, mit welcher sie beide in
beständigem und lebhaftem Briefwechsel standen.

»Da seht, Eure Herrin hat mich hierher gesetzt; sie sagte, ich solle
auch mit bei ihr sitzen,« begann Agathe Michailowna, Kity gutmütig
zulächelnd.

In diesen Worten Agathe Michailownas sah Lewin die Lösung eines
Dramas, welches sich in jüngster Zeit zwischen dieser und Kity
abgespielt hatte. Er sah, daß ungeachtet alles Leides, welches der
Agathe Michailowna durch die neue Herrin verursacht worden war, die
ihr die Zügel des Hausregiments aus der Hand genommen hatte, Kity sie
gleichwohl überwunden und gezwungen hatte, sie zu lieben.

»Da habe ich einen Brief an dich gelesen,« sagte Kity, ihm einen
fehlerhaft geschriebenen Brief reichend. »Hier ist einer von jenem
Weibe deines Bruders, wie es scheint,« sagte sie, »ich habe ihn nicht
gelesen. Der hier ist von den Meinen und von Dolly. Denke dir, Dolly
hat Grischa und Tanja zum Kinderball zu den Sarmatskiy geführt! Tanja
hatte dabei eine Marquise gemacht.«

Lewin hörte sie jedoch gar nicht; errötend hatte er das Schreiben von
Marja Nikolajewna, der früheren Geliebten Nikolays, ergriffen und es
zu lesen begonnen. Es war dies bereits das zweite Schreiben von ihr.
Im ersten Briefe hatte sie geschrieben, daß sein Bruder sich ihrer
entledigt habe, ohne daß sie sich eine Schuld beizumessen hätte, und
mit rührender Naivetät hinzugefügt, daß sie, obwohl sie nun wieder
im Elend lebe, um nichts bitte und nichts wünsche, und daß sie nur
der Gedanke quäle, Nikolay Dmitrjewitsch könne ohne sie mit seiner
schwachen Gesundheit ins Verderben geraten; sie hatte den Bruder
gebeten, Sorge für ihn zu tragen. Jetzt schrieb sie einen zweiten
Brief. Sie hatte Nikolay Dmitrjewitsch gefunden, sich wieder mit
ihm in Moskau vereint, und war mit ihm in eine Gouvernementsstadt
gereist, woselbst er ein Amt erhalten hatte. Dort war er indessen mit
seinem Vorgesetzten in Differenzen geraten und wieder nach Moskau
zurückgekehrt, »und der teure Mann ist nunmehr so krank geworden, daß
er wohl schwerlich je wieder aufkommen wird,« schrieb sie; »er hat
fortwährend Eurer gedacht, Geld besitzt er gar nicht mehr.«

»Lies, da schreibt Dolly von dir,« begann Kity lächelnd, hielt aber
plötzlich inne, als sie die Veränderung ihres Gatten gewahrte.

»Was hast du? Was ist da?«

»Sie schreibt mir, daß mein Bruder Nikolay dem Tode nahe ist. Ich muß
zu ihm.«

Das Gesicht Kitys veränderte sich plötzlich. Die Gedanken an Tanja als
Marquise, an Dolly, alles war verschwunden.

»Wann wirst du fahren?« sagte sie.

»Morgen.«

»Und ich gehe mit dir, darf ich!« fuhr sie fort.

»Kity! Was soll das?« frug er vorwurfsvoll.

»Was das soll?« erwiderte sie, gekränkt, daß er darüber wie es schien
ungern und mit Verdruß ihren Vorschlag entgegennahm. »Weshalb soll ich
nicht mit reisen? Ich werde dir nicht hinderlich sein. Ich« --

»Ich reise, weil mein Bruder stirbt,« antwortete Lewin. »Weshalb sollst
du da« --

»Weshalb? Eben deshalb, weshalb du reisest« --

»In einer für mich so ernsten Minute denkt sie nur daran, daß sie sich
allein könnte langweilen,« dachte Lewin, und die Auslegung in der so
ernsten Angelegenheit brachte ihn auf. »Es ist aber unmöglich,« sagte
er in strengem Tone.

Agathe Michailowna, welche sah, daß es zum Streit kommen wollte, setzte
leise ihre Tasse nieder und ging hinaus. Kity hatte sie gar nicht
bemerkt. Der Ton in welchem ihr Mann die letzten Worte gesprochen
hatte, hatte sie insofern besonders verletzt, als dieser offenbar dem
nicht glaubte, was sie sagte.

»Ich sage dir, daß wenn du reisest, ich mit dir reisen werde;
unbedingt mit reisen werde,« fügte sie eifernd und zürnend hinzu.
»Weshalb ist denn das unmöglich? Weshalb sagst du, es sei unmöglich?«

»Weil wir, Gott weiß wohin, auf was für Wegen und mit welchen
Gasthäusern zu reisen haben werden. Du wirst mir nur beschwerlich
sein,« sprach Lewin, sich bemühend, kaltblütig zu bleiben.

»Auf keinen Fall! Ich habe keinerlei Bedürfnisse. Wo du bist, kann ich
auch sein!«

»Nun dann, schon deshalb kannst du nicht, weil sich dort jenes Weib
befindet, dem du dich doch nicht nähern kannst« --

»Ich weiß nichts und will nicht wissen, wer oder was dort ist! Ich weiß
nur, daß der Bruder meines Gatten stirbt und daß mein Gatte zu ihm
geht; ich aber mit meinem Gatten gehen will, um« --

»Kity! Rege dich nicht auf! Bedenke, die Sache ist zu wichtig, so daß
es mir schmerzlich ist, zu denken, du könntest die Empfindung einer
Schwäche, die Abneigung davor, allein zu bleiben, hereinmengen. Nun,
wird es für dich langweilig hier, so fahre nach Moskau.«

»Da haben wirs! Stets schreibst du mir nur schlechte, niedrige Gedanken
zu,« fuhr sie fort, unter den Thränen der Erbitterung und des Zornes.
»Ich will nichts; es ist keine Schwäche, nichts; ich fühle nur, daß es
meine Pflicht ist, mit meinem Gatten zu sein, wenn er Leid trägt; du
aber willst mir absichtlich weh thun, willst mich absichtlich nicht
verstehen.«

»Nein; das ist doch zu schrecklich; geradezu ein Sklave zu sein!« rief
Lewin aus, indem er aufstand. Er war nicht fähig, seinen Verdruß noch
länger zurückzuhalten. Doch in diesem Augenblick empfand er, daß er
sich selbst traf.

»Aber weshalb hast du dann geheiratet? Wärest du doch frei geblieben!
Weshalb hast du geheiratet, wenn du es bereust!« fuhr sie fort, sprang
auf und eilte in den Salon.

Als er ihr nachfolgte, brach sie in Schluchzen aus. Er begann ihr
zuzureden mit dem Wunsche die Worte zu finden, welche sie, wenn nicht
überzeugen, doch wenigstens beschwichtigen könnten. Aber sie hörte ihn
nicht und war mit nichts einverstanden. Er beugte sich herab zu ihr,
und ergriff ihre abwehrende Hand. Er küßte die Hand, er küßte ihr das
Haar und küßte wiederum ihre Hand -- sie schwieg beharrlich. -- Als er
sie aber mit beiden Händen beim Kopfe nahm und »Kity« sagte, da kam sie
plötzlich zur Besinnung, brach in Thränen aus und war beschwichtigt.

Es wurde also bestimmt, daß man morgen vereint reiste. Lewin sagte zu
seinem Weibe, daß er wohl glaube, sie wollte nur mitreisen, um ihm
nützlich zu sein; er gab auch zu, daß Marja Nikolajewnas Aufenthalt bei
dem Bruder nichts Anstößiges habe -- reiste aber nichtsdestoweniger,
auf dem Grund seiner Seele unzufrieden mit ihr und mit sich selbst.

Mit ihr war er unzufrieden, weil sie es nicht hatte über sich gewinnen
können, ihn fort zu lassen, obwohl es doch notwendig war. Wie seltsam
ward es ihm jetzt bei dem Gedanken, daß er, der ja noch vor kurzem
nicht gewagt hatte, an das Glück zu glauben, daß sie ihn lieben könne,
sich jetzt darüber unglücklich fühlte, daß sie ihn zu sehr liebte!
-- Mit sich hingegen war er unzufrieden, daß er seinen Willen nicht
durchgesetzt hatte. Noch weniger war er im Grund seiner Seele damit
einverstanden, daß sie mit jener Weibsperson, die bei seinem Bruder
lebte, etwas zu thun haben sollte, und er dachte mit Schrecken an alle
Berührungen, welche stattfinden konnten.

Schon das Eine, daß sein Weib, seine Kity, in einem Raume mit jenem
Mädchen leben sollte, machte ihn schaudern vor Ekel und Entsetzen.


                                  17.

Das Gasthaus der Gouvernementsstadt, in welcher Nikolay Lewin krank
lag, war eines jener Gouvernementshotels, wie sie nach neuen,
vervollkommneten Mustern gebaut werden, ausgestattet mit den
vorzüglichsten Rücksichtnahmen auf Sauberkeit, Komfort und selbst
Eleganz, sich aber infolge des Publikums, das sie besucht, mit
außerordentlicher Schnelligkeit in schmutzige Schenken, unter dem
Anstrich zeitgemäßer Vervollkommnung, verwandeln, damit aber noch
schlimmer werden, als die altmodischen, nur unsauberen Gasthäuser.

Das Hotel war schon in diesen Zustand geraten, und der Soldat in
schmutziger Uniform, welcher am Eingang eine Cigarette qualmte, und
das Amt eines Portiers versah, sowie die gußeiserne, zugige, düstere
und unfreundliche Treppe, der freche Kellner in schmutzigem Frack und
der öffentliche Salon mit dem staubbedeckten Bouquet von Wachsblumen,
welches den Tisch zierte, der Staub und Schmutz, die Unordnung überall,
und dazu noch die eigentümliche gleichzeitig bemerkbare Eisenbahnhast,
riefen in dem Lewinschen Ehepaar nach dem jungen Eheleben ein
beklemmendes Gefühl hervor; besonders beklemmend dadurch, daß sich der
scheinbare Eindruck, den das Gasthaus machte, in keiner Weise mit dem
vereinbarte, was beide darin erwartete.

Wie immer, so zeigte es sich auch jetzt, daß, nachdem sie die Frage, zu
welchem Preise sie ein Zimmer zu haben wünschten beantwortet hatten,
nicht ein einziges in gutem Zustande befindliches da war. Ein gutes
Zimmer war von einem Eisenbahnrevisor besetzt, ein zweites von einem
Moskauer Advokaten, ein drittes von der Fürstin Astaphjewa, die vom
Dorfe gekommen war. Es blieb nur ein schmutziger Raum, neben dem man am
Abend noch ein zweites freizumachen versprach.

Voll Verdruß über sein Weib, da es so kam, wie er erwartet hatte, und
namentlich, daß er im Augenblick der Ankunft, wo ihm das Herz von
Bewegung ergriffen war bei dem Gedanken, wie es mit dem Bruder stehen
möge, Sorge für sie zu tragen hatte, anstatt sofort zu dem Bruder eilen
zu können, führte Lewin seine Frau in das ihnen zugewiesene Zimmer.

»Geh, geh,« sagte sie, ihn mit schüchternem, schuldbewußtem Blick
anschauend.

Schweigend schritt er aus der Thür und traf hier mit Marja Nikolajewna
zusammen, die von seiner Ankunft erfahren hatte, aber nicht wagte,
bei ihm einzutreten. Sie sah noch geradeso aus, wie er sie in Moskau
gesehen hatte, das nämliche wollene Kleid, Arme und Hals nackt, und das
nämliche, gutmütig stumpfe, nur etwas voller gewordene, pockennarbige
Gesicht.

»Wie geht es? Was macht er? Wie?«

»Sehr schlecht. Er steht gar nicht mehr auf. Er hat Euch schon
erwartet. Er -- Ihr seid mit Eurer Gattin gekommen?«

Lewin verstand in der ersten Minute nicht, was sie in Verlegenheit
setzte, doch klärte sie ihn sogleich auf.

»Ich will gehen -- nach der Küche,« sagte sie; »der Herr wird sich
freuen. Er hat schon gehört, und kennt die Dame, und entsinnt sich
ihrer noch vom Auslande her.«

Lewin verstand jetzt erst, daß sie seine Frau meine, wußte aber nicht,
was er ihr antworten sollte.

»Kommt, kommt!« sagte er.

Kaum hatte er sich jedoch zum Gehen angeschickt, als sich die Thür
seines Zimmers öffnete und Kity herausblickte. Lewin errötete vor Scham
und Ärger über sein Weib, das sich selbst und ihn in diese schwierige
Situation gebracht hatte; Marja Nikolajewna errötete aber noch mehr.
Sie drückte sich seitwärts, bis zum Weinen rot geworden und drehte die
Zipfel ihres Tuches, die sie mit beiden Händen ergriffen hatte, in
ihren roten Fingern, ohne zu wissen, was sie sagen oder anfangen sollte.

Im ersten Moment sah Lewin den Ausdruck einer lebhaften Neugier in dem
Blick, mit welchem Kity auf dieses für sie unbegreifliche, schreckliche
Weib schaute, aber dies währte nur einen Augenblick.

»Nun, wie ist es denn, wie ist es denn?« wandte sie sich an ihren
Gatten und an jene. »Was macht er?« wandte sie sich an ihren Mann und
dann an sie.

»Man kann indessen auf dem Korridor nicht sprechen!« sagte Lewin sich
voll Verdruß nach einem Herrn umblickend, welcher dröhnenden Schrittes,
als wäre er ganz allein hier, soeben den Korridor hinabging.

»Nun, so kommt doch herein,« sagte Kity, zu der sich emporrichtenden
Marja Nikolajewna gewendet, fügte aber, als sie das erschreckte Gesicht
ihres Mannes erblickte, sogleich hinzu, »oder geht, geht, und schickt
nach mir,« und wandte sich wieder in ihr Zimmer zurück.

Lewin ging zu seinem Bruder. Er hatte durchaus nicht erwartet, was er
bei dem Bruder sah und empfand. Er hatte erwartet, noch den nämlichen
Zustand der Selbsttäuschung zu finden, welcher -- er hatte dies gehört
-- bei Brustleidenden so häufig sein soll, und der ihn während des
Besuchs seines Bruders im Herbst so betroffen gemacht hatte. Er hatte
erwartet, die physischen Anzeichen des nahenden Todes noch ausgeprägter
zu finden, eine größere Schwäche und größere Magerkeit, aber es zeigte
sich fast noch immer der nämliche Zustand. Er hatte erwartet, selbst
wieder jenes Gefühl des Schmerzes über den Verlust des geliebten
Bruders und des Entsetzens vor dessen Tode zu empfinden, welches er
damals gehabt hatte, nur in noch höherem Grade. Er hatte sich selbst
darauf vorbereitet, aber er fand etwas ganz Anderes.

In einem kleinen, unsauberen Zimmer, deren gemaltes Getäfel an den
Wänden bespieen und hinter dessen dünner Zwischenwand Gespräch
vernehmbar war, in einer von erstickendem Geruch verunreinigten Luft
lag auf einem von der Wand abgerückten Bett ein vom Deckbett verhüllter
menschlicher Körper. Ein Arm dieses Körpers lag oben auf der Bettdecke,
und die große, wie eine Harke aussehende Hand dieses Armes hing auf
unbegreifliche Weise an einer dünnen, langen, von Anfang bis zur Mitte
gleichmäßig verlaufenden Spule fest. Der Kopf lag seitwärts gedreht auf
dem Kissen. Lewin sah die schweißbedeckten, spärlichen Haare an den
Schläfen und über der Stirn.

»Es kann nicht sein, daß dieser entsetzliche Körper mein Bruder Nikolay
ist,« dachte Lewin. Doch er trat näher, erblickte das Gesicht und sein
Zweifel war schon unmöglich geworden. Trotz der furchtbaren Veränderung
dieser Züge, mußte Lewin doch erst noch diese lebhaften, sich auf den
Eintretenden richtenden Augen, und diese leichte Bewegung des Mundes
unter dem zusammenklebenden Schnurrbart erblicken, wollte er die
furchtbare Wahrheit begreifen, daß dieser Totenkörper da sein lebender
Bruder war.

Die glänzenden Augen blickten ernst und vorwurfsvoll auf den
eintretenden Bruder, und sogleich mit diesem Blicke entstand eine
lebhafte Wechselbeziehung unter den Lebenden. Lewin fühlte sofort den
Vorwurf in dem auf ihn gerichteten Blick, und Reue über sein eigenes
Glück.

Als Konstantin Nikolays Hand ergriff, lächelte dieser. Sein Lächeln war
schwach, kaum merklich, und trotz dieses Lächelns schwand der strenge
Ausdruck seiner Augen nicht.

»Du hast wohl nicht erwartet, mich so zu finden,« brachte er mit
Anstrengung hervor.

»Ja -- nein« -- sprach Lewin, in seinen eigenen Worten irre werdend.
»Warum konntest du nicht früher von dir wissen lassen, zur Zeit meiner
Verheiratung? Ich habe überall Nachforschungen nach dir angestellt.«

Es mußte gesprochen werden, damit man nicht schwieg, und er wußte
doch nicht, was er sagen sollte, um so weniger, als sein Bruder nicht
antwortete, sondern nur unverwandt schaute, und offenbar in den Sinn
eines jeden Wortes eindringen wollte. Lewin teilte dem Bruder mit, daß
auch seine Frau mit ihm gekommen sei. Nikolay drückte sein Vergnügen
darüber aus, sagte aber, er fürchte, sie durch seinen Zustand zu
erschrecken. Ein Schweigen trat ein. Plötzlich regte sich Nikolay und
begann zu sprechen. Lewin erwartete etwas besonders Bedeutendes und
Gewichtiges dem Ausdruck seines Gesichts nach, doch sprach Nikolay nur
über seine Gesundheit. Er klagte den Doktor an, beklagte, daß er keinen
berühmten Moskauer Arzt habe und Lewin erkannte, daß er noch immer
Hoffnung hegte.

Die erste Minute des Schweigens benutzend, erhob sich Lewin, im
Wunsche, wenigstens für eine Minute von dem peinigenden Gefühl erlöst
zu sein, und sagte, daß er gehen wolle, um seine Frau herzuführen.

»Gut, ich will indessen anordnen, daß hier gesäubert wird. Es ist
schmutzig hier und riecht übel, glaube ich. Mascha! Räume hier auf,«
sagte der Kranke mit Anstrengung, »und wenn du aufgeräumt hast, kannst
du hinausgehen,« fügte er hinzu, den Blick fragend auf den Bruder
richtend.

Lewin antwortete nichts. Als er auf den Korridor hinaustrat, blieb er
stehen. Er hatte gesagt, daß er seine Frau herführen wolle, jetzt aber,
als er sich Rechenschaft von jenem Gefühl gab, welches er empfunden
hatte, beschloß er, im Gegenteil zu versuchen, sie zu überreden,
daß sie nicht zu dem Kranken gehe. »Wozu sie peinigen, wie ich mich
peinige?« dachte er.

»Nun? Was ist? Wie steht es?« frug ihn Kity mit erschrecktem Gesicht.

»Ach, es ist doch entsetzlich, entsetzlich. Warum bist du nur
mitgekommen?« sagte Lewin.

Kity schwieg einige Sekunden, schüchtern und kläglich auf ihren Mann
blickend; dann trat sie auf ihn zu und hing sich mit beiden Armen an
seinen Ellbogen.

»Mein Konstantin! führe mich zu ihm, es wird uns zu Zweien leichter
werden. Führe du mich nur, führe mich, bitte, und komm,« sagte sie,
»begreife doch, daß es mir bei weitem schwerer wird, dich zu sehen
und ihn nicht. Dort werde ich vielleicht dir und ihm nützlich werden
können. Bitte gestatte es!« beschwor sie ihren Mann, als ob das Glück
ihres Lebens hiervon abhinge.

Lewin mußte einwilligen und begab sich, nachdem er sich etwas erholt
hatte, Marja Nikolajewna schon ganz vergessend, mit Kity wieder zu
seinem Bruder.

Leisen Schrittes und unverwandt auf ihren Gatten blickend, welchem sie
ihr mutiges und doch gefühlvolles Antlitz wies, betrat sie das Zimmer
des Kranken und schloß, sich ohne Hast zurückwendend, geräuschlos
die Thür. Mit unhörbaren Schritten näherte sie sich rasch dem Lager
des Kranken und so herantretend, daß dieser den Kopf nicht zu drehen
brauchte, nahm sie sogleich das Skelett seiner großen Hand in ihre
frische, jugendliche, drückte sie und begann dann, mit jener, nur den
Frauen eigenen, und nicht verletzenden stillen Lebhaftigkeit mit ihm zu
sprechen.

»Wir sind uns in Soden begegnet, sind uns aber dort nicht bekannt
gewesen,« sagte sie, »Ihr habt da nicht vermutet, daß ich einmal Eure
Schwester werden würde.«

»Ihr solltet Euch nicht nach mir erkundigt haben?« frug er mit dem
Lächeln, welches schon bei ihrem Eintreten aufleuchtete.

»Nein; dann hätte ich ja erfahren. Wie recht Ihr doch gethan habt, uns
von Euch Nachricht zu geben! Kein Tag ist vergangen, daß Konstantin
nicht Eurer gedacht und sich beunruhigt hätte um Euch.«

Die Lebhaftigkeit des Kranken währte indessen nicht lange. Sie hatte
noch nicht aufgehört zu sprechen, als auf seinem Gesicht abermals der
strenge vorwurfsvolle Ausdruck des Neides des Sterbenden gegenüber dem
Lebenden erschien.

»Ich fürchte, Ihr werdet Euch hier nicht recht wohl befinden,« sagte
sie, sich von seinem starren Blicke abwendend und im Zimmer Umschau
haltend. »Man muß bei dem Wirt ein anderes Zimmer erbitten,« sagte sie
zu ihrem Manne, »schon, damit wir näher sind.«


                                  18.

Lewin konnte den Bruder nicht ruhig ansehen, nicht natürlich und
ruhig unbewegt in seiner Gegenwart sein. Als er bei dem Kranken
eingetreten war, hatte sich sein Blick und seine Wahrnehmungskraft
unbewußt verdunkelt, und er gewahrte nicht mehr die Einzelheiten des
Zustandes seines Bruders. Er hörte von dem entsetzlichen Geruch, sah
die Unsauberkeit, Unordnung und die peinvolle Lage, dieses Stöhnen,
und fühlte, daß Hilfe nicht mehr möglich war. Es war ihm nicht einmal
in den Sinn gekommen, daran zu denken, daß er alle Einzelheiten in
dem Zustande des Kranken erfaßte, daß da unter der Decke dieser
Körper lag, diese gekrümmten abgezehrten Beine, Brustknochen, dieser
Rücken und ob es nicht anginge, das alles besser zu legen, etwas
zu thun, was die Lage, wenn nicht besser, so doch weniger mißlich
gestaltete. Kalt rieselte es ihm über den Rücken hinab, als er an
alle diese Einzelheiten zu denken begann. Er war fest überzeugt, daß
hier nichts mehr zu thun war, weder etwas für eine Verlängerung des
Lebens, noch für eine Erleichterung der Leiden; doch das Bewußtsein,
sich eingestehen zu müssen, jede Hilfe sei unmöglich, machte sich ihm
schmerzlich fühlbar und versetzte ihn in Erbitterung. Lewin wurde es
infolge dessen noch schwerer ums Herz. Der Aufenthalt in dem Zimmer des
Kranken war qualvoll für ihn, nicht darin zu sein aber noch schlimmer.
Unter verschiedenen Vorwänden begab er sich daher fortwährend hinaus,
da er nicht die Kraft besaß, allein hier zu bleiben.

Kity aber dachte, fühlte und handelte durchaus nicht ebenso. Bei dem
Anblick des Kranken jammerte es sie um ihn, und das Mitleid in ihrer
Frauenseele erweckte durchaus nicht jenes Gefühl des Entsetzens und des
Ekels bei ihr, wie es dies bei ihrem Manne hervorgerufen hatte, sondern
lediglich die Erkenntnis ihrer Pflicht zu handeln, alle Einzelheiten
seines Zustandes kennen zu lernen und ihnen beizukommen. Und da in ihr
nicht der geringste Zweifel darüber bestand, daß sie ihm Hilfe leisten
müsse, so zweifelte sie auch nicht daran, daß dies möglich sei und
begab sich sofort ans Werk.

Alle jene Einzelumstände, deren bloße Vorstellung schon ihren Mann in
Schrecken versetzt hatte, lenkten sogleich ihre Aufmerksamkeit auf
sich. Sie schickte nach einem Arzt und in die Apotheke, befahl der mit
ihr gekommenen Zofe, sowie Marja Nikolajewna, zu fegen, den Staub zu
wischen und den Kranken zu waschen, wusch selbst mit ab, und reichte
Etwas unter die Bettdecke. Gegenstände wurden herbeigebracht oder aus
dem Krankenzimmer hinausgetragen nach ihrer Anordnung, und sie selbst
begab sich mehrmals nach ihrem Zimmer, ohne die ihr begegnenden Herren
zu bemerken, langte Betttücher und Überzüge, Handtücher und Hemden
hervor und brachte sie herbei.

Der Diener, welcher im Gesellschaftssaale ein Essen für Ingenieure
auszurichten hatte, erschien mehrere Male mit ärgerlicher Miene auf
ihren Ruf, konnte aber nicht umhin, ihre Befehle zu erfüllen, da
sie dieselben mit so wohlwollender Bestimmtheit erteilte, daß man
sie unmöglich sich selbst überlassen konnte. Lewin hieß dies alles
durchaus nicht gut; er glaubte nicht, daß daraus noch irgend ein Nutzen
für den Kranken erwüchse, vor allem aber fürchtete er, der Kranke
könne dabei noch in Aufregung geraten. Dieser jedoch verhielt sich,
wenigstens wie es schien, dem gegenüber gleichgültig und geriet nicht
in Erregung, sondern empfand nur eine gewisse Scham, interessierte
sich aber im allgemeinen für das, was sie an ihm that. Vom Arzte
zurückgekehrt, zu welchem Kity ihn gesandt hatte, fand Lewin, die
Thüre öffnend, den Kranken in dem Moment, als man nach Kitys Anordnung
seine Wäsche wechselte. Das lange bleiche Skelett des Rückens mit den
großen hervorstehenden Schulterblättern, und den starrenden Rippen
und Rückgratwirbeln war entblößt; Marja Nikolajewna und der Diener
waren mit dem einen Hemdärmel in Unordnung geraten und konnten den
langen herabhängenden Arm nicht hineinbringen. Kity, welche geschäftig
die Thür hinter Lewin wieder schloß, hatte nicht nach dieser Seite
geblickt, aber der Kranke stöhnte auf und sie wandte sich schnell zu
ihm hin.

»Schneller,« befahl sie.

»Ihr geht ja nicht,« sagte der Kranke gereizt, »ich will selber« --

»Was sagt Ihr?« frug Marja Nikolajewna dazwischen.

Kity hatte jedoch gehört und verstanden, daß es ihm peinlich und
unangenehm war, in ihrer Gegenwart entblößt zu sein.

»Ich sehe nicht hin, sehe nicht hin!« sagte sie daher, den Arm
richtend, »Marja Nikolajewna, tretet von dieser Seite, bringt ihn in
Ordnung,« fügte sie hinzu. -- »Geh doch -- bitte -- in meinem kleinen
Reisesack befindet sich ein Riechfläschchen,« wandte sie sich an ihren
Mann, »du weißt ja, in der Seitentasche. Bring es mir doch, während man
hier noch vollends Ordnung macht.«

Als Lewin mit dem Riechfläschchen zurückkehrte, fand er den Kranken
bereits wieder zurecht gelegt, und alles in seiner Umgebung völlig
verwandelt. Der drückende üble Geruch war mit einer Atmosphäre von
Essig und Parfüms vertauscht worden, welche Kity mit gespitzten Lippen
und aufgeblasenen roten Wangen durch das Flacon umhersprengte. Von
Staub war nichts mehr zu sehen und vor dem Bett lag ein Teppich.
Aus dem Tische standen geordnet Flacons und Caraffen, lag auch die
nötige Wäsche, sowie eine Arbeit in =broderie anglaise= von Kity. Auf
einem andern Tische am Bett des Kranken, stand Getränk, ein Licht und
Arzneipulver. Der Kranke selbst, gesäubert und gekämmt, lag in frischen
Überzügen, auf hochgemachten Kissen und in weißem Hemd mit einem weißen
Kragen um den unnatürlich dünnen Hals, und blickte mit einem Ausdruck
von Hoffnung unverwandt auf Kity.

Der von Lewin herbeigebrachte, erst im Klub aufgefundene Arzt, war
nicht der nämliche, welcher Nikolay Lewin sonst behandelte und mit
welchem dieser unzufrieden war. Der neue Arzt langte ein Hörrohr hervor
und behorchte den Kranken, schüttelte den Kopf, verschrieb eine Arznei,
und erklärte mit großer Ausführlichkeit zunächst, wie die Arznei zu
nehmen sei, und dann, welche Diät beobachtet werden sollte. Er empfahl
rohe oder nur weichgekochte Eier, und Selterswasser mit warmer Milch
von bestimmter Temperatur.

Nachdem der Arzt gegangen war, sagte der Kranke etwas zu seinem Bruder,
allein Lewin vernahm nur die letzten Worte »deine Katja«; an dem Blicke
jedoch, mit welchem jener sie anschaute, erkannte Lewin, daß sie gelobt
worden sei. Er rief nun auch Katja, wie Nikolay sie genannt hatte.

»Mir ist schon bei weitem besser,« sagte er, »bei Euch wäre ich
freilich schon längst wieder gesund geworden. Wie wohl mir ist!« Er
ergriff ihre Hand und zog sie an seine Lippen, gab aber, wie in der
Furcht, es möchte ihr dies unangenehm sein, seine Absicht auf, ließ die
Hand sinken und streichelte sie nur. Kity faßte diese Hand mit ihren
beiden Händen und drückte sie. »Jetzt legt mich auf die linke Seite und
geht schlafen,« fuhr er fort.

Niemand hatte verstanden, was er sprach, nur Kity hatte es erfaßt. Sie
hatte es verstanden, weil sie fortwährend in Gedanken beobachtete, was
er wünschen möchte.

»Auf die andere Seite,« sagte sie zu ihrem Manne, »er schläft stets
auf jener. Lege du ihn um, ich möchte nicht gern die Dienerschaft dazu
rufen. Ich aber kann es nicht. Ihr könnt es auch nicht?« wandte sie
sich an Marja Nikolajewna.

»Ich fürchte mich,« versetzte diese.

So entsetzlich es Lewin auch sein mochte, diesen grauenhaften Körper
mit beiden Armen umfassen zu müssen und Stellen unter der Bettdecke
zu berühren, von denen er nichts wissen mochte, machte Lewin, dem
Einflusse seines Weibes nachgebend, das energische Gesicht, das dieses
schon an ihm kannte und schickte sich dazu an, indem er die Arme
vorstreckte, war aber bei aller seiner Kraft, von der seltsamen Schwere
dieser ausgemergelten Glieder überrascht.

Während er ihn wandte, seinen Hals von dem abgezehrten, langen Arme
umfaßt fühlend, drehte Kity schnell und leise das Kopfkissen um und
schob es wieder unter, legte den Kopf des Kranken zurecht und ordnete
ihm das spärliche Haar, welches wieder an den Schläfen klebte.

Der Kranke hielt des Bruders Hand in der seinen. Lewin fühlte, daß
er etwas mit dieser Hand zu thun wünsche und dieselbe mit sich zog;
erstarrend folgte er derselben. Nikolay führte seine Hand an die Lippen
und küßte sie und Lewin erschauerte in Schluchzen und verließ, nicht
fähig zu reden, das Gemach.


                                  19.

»Er hat sich vor den Weisen verborgen und den Kindern und Thoren
entdeckt.« So dachte Lewin auch über sein Weib, als er an diesem Abend
mit ihr sprach.

Lewin dachte an das Wort des Evangeliums nicht deshalb, weil er
selbst sich für weise gehalten hätte. Er hielt sich nicht für weise,
wußte aber auch recht wohl, daß er doch klüger war, als sein Weib und
als Agathe Michailowna; wußte recht wohl, daß er, wenn er des Todes
gedachte, dies mit allen Kräften seines Geistes that. Er wußte auch,
daß viele höhere Geister von Männern, deren Gedanken er darüber gelesen
hatte, nicht ein Hundertstel von dem gedacht hatten, was sein Weib
und Agathe Michailowna darüber wußten. So ungleich nun diese beiden
Weiber einander sein mochten, Agathe Michailowna und Katja, wie sie
sein Bruder Nikolay, und auch Lewin sehr gern nannte, hierin waren sie
einander vollkommen ähnlich. Beide wußten sicher, was Leben eigentlich
war, und auch was Tod sei, und obwohl sie nicht antworten konnten,
oder die Fragen auch nur verstehen, die sich Lewin aufdrängten, so
zweifelten sie beide doch nicht an der Bedeutung dieser Erscheinung und
betrachteten dieselbe vollkommen gleichartig, nicht nur unter sich,
sondern, indem sie ihre Anschauung mit Millionen Menschen teilten. Der
Beweis dafür, daß sie genau wußten, was Tod sei, lag darin, daß sie,
ohne sich eine Sekunde zu besinnen, wußten, wie man mit Sterbenden
umgehen müsse, und diese nicht fürchteten. Lewin und die anderen
wußten, obwohl sie viel über den Tod sagen konnten, augenscheinlich
nicht, warum sie ihn fürchteten; sie wußten sicher nicht, was zu
thun sei, wenn ein Mensch starb. Wäre Lewin jetzt allein gewesen mit
seinem Bruder, so würde er ihn voll Entsetzen betrachtet, und mit noch
größerem Entsetzen gewartet haben, aber nicht imstande gewesen sein,
irgendwie zu handeln.

Er wußte nicht, was er sagen, wie er blicken, wie er gehen sollte.
Über Fernerliegendes mit ihm zu sprechen, erschien verletzend, das ging
nicht; über den Tod zu sprechen, die finstere Macht, ging auch nicht;
schweigen -- gleichfalls nicht. -- Blickte er den Kranken an, so konnte
dieser denken, er wolle ihn durchforschen, blickte er ihn nicht an, so
konnte Nikolay denken, er sei bei etwas ganz Anderem. Ging er auf den
Fußspitzen, so mochte der Bruder unzufrieden damit sein, trat er voll
auf, so schickte sich das nicht.

Kity dachte augenscheinlich gar nicht an sich und hatte wohl auch nicht
die Zeit, an sich zu denken; sie dachte nur an ihn, weil sie etwas
Bestimmtes wußte, und alles ging gut bei ihr von statten. Sie hatte
ihm von sich erzählt, von ihrer Hochzeit und hatte gelächelt und ihn
bemitleidet, ihm geschmeichelt, und mit ihm über Fälle von Genesungen
gesprochen, und das alles ging ihr gut von statten; vielleicht weil sie
etwas wußte.

Der Beweis dafür, daß ihre Wirksamkeit, wie diejenige Agathe
Michailownas, keine instinktive, rein physische unbedachte war, lag
darin, daß außer der physischen Beruhigung, der Erleichterung der
Leiden, sowohl Agathe Michailowna als Kity für den Sterbenden noch
etwas weit Wichtigeres anstrebten, als physische Beruhigung, ein
Etwas, das nichts Gemeinsames besaß mit physischen Umständen. Agathe
Michailowna hatte in dem Gespräch über jenen verstorbenen Alten gesagt:
»Nun, man hat ihm das Abendmahl, die letzte Ölung gegeben, gebe Gott,
daß ein jeder so sterbe!« Ganz ebenso hatte Kity ungeachtet aller Sorge
für die Wäsche, die wundgelegenen Stellen, das Trinken des Kranken
bereits am ersten Tage demselben von der Notwendigkeit gesprochen, daß
er kommuniziere.

Nachdem sie für die Nacht von dem Kranken in ihre beiden Zimmer
zurückgekehrt waren, hatte sich Lewin niedergesetzt und den Kopf sinken
lassen, ohne zu wissen, was er beginnen solle.

Geschweige, daß er davon gesprochen hätte, zu Abend speisen zu wollen,
oder das Nachtlager in Ordnung zu bringen, und zu überlegen, was nun zu
thun sei, vermochte er nicht einmal mit seiner Frau zu reden; so schwer
war ihm das Herz. Kity hingegen war geschäftiger, als gewöhnlich;
sie war sogar lebhafter, als sonst. Sie befahl Abendessen zu bringen,
packte selbst die Sachen aus, half die Betten vorzurichten und vergaß
nicht einmal, sie mit persischem Pulver zu bestreuen. In ihr lag eine
Munterkeit, eine Präcision im Denken, wie sie sich bei den Männern vor
einer Schlacht, einem Kampfe, in gefahrvollen entscheidenden Momenten
zeigt, jenen Minuten, in welchen ein für allemal der Mann seinen Wert
zeigt und beweist, daß seine ganze Vergangenheit nicht umsonst gewesen
ist, sondern eine Vorbereitung war für diese Minuten.

Alles ging ihr von statten, und es war noch nicht zwölf Uhr, als
alle Sachen sauber ausgepackt waren; sorgfältig und in einer Weise,
daß das Zimmer ihrem eigenen Hause ähnlich wurde, ihren Zimmern. Die
Betten waren aufgeschlagen, die Bürsten, Kämme, Spiegel aufgelegt, und
Servietten übergebreitet.

Lewin fand es sei unverzeihlich, jetzt zu essen, zu schlafen, ja selbst
zu reden und dabei zu empfinden, daß jede seiner Bewegungen nicht
schicklich sei. Sie hingegen steckte die Bürsten aus, verrichtete aber
alles so, daß nichts Verletzendes darin lag.

Essen konnten sie allerdings nicht und lange Zeit fanden sie auch
keinen Schlaf, ja sie wollten erst lange Zeit gar nicht zur Ruhe gehen.

»Ich bin sehr froh, daß ich ihm zugeredet habe, morgen zu
kommunizieren,« sagte sie, im Ärmelleibchen vor ihrem Necessaire
sitzend und sich mit dem dichten Kamme das reiche duftige Haar
strählend, »ich habe dies noch nie gesehen, weiß aber, daß Mama mir
gesagt hat, es wären Gebete für die Herstellung dabei.«

»Glaubst du wirklich, daß er wieder gesund werden kann?« sagte Lewin,
nach der, sobald sie den Kamm vorwärts bewegte, fortwährend verhüllten
dichten Zahnreihe an der hinteren Seite ihres runden Köpfchens schauend.

»Ich habe den Arzt gefragt; er sagte mir, daß er nicht länger als noch
drei Tage leben könne. Aber können die es wissen? Ich bin gleichwohl
sehr froh, daß ich ihn überredet habe,« sagte sie, unter ihrem Haar
hervor seitwärts nach ihrem Manne blickend. »Es ist alles möglich,«
fügte sie hinzu mit jenem eigentümlichen, ein wenig schlauen Ausdruck,
der stets auf ihrem Gesicht lag, wenn sie über Religion sprach.

Nach jenem Gespräch über die Religion, zur Zeit als sie noch Bräutigam
und Braut waren, hatte weder er noch sie ein Gespräch darüber wieder
angeknüpft, sie aber erfüllte dies Ceremoniell des Kirchenbesuchs,
des Gebetes, stets in dem nämlichen ruhigen Bewußtsein, daß es so
erforderlich sei. Ungeachtet seiner Versicherungen des Gegenteils
war sie fest überzeugt, daß er ein ebensolcher, ja, noch besserer
Christ war, wie sie und daß alles, was er darüber sprach, nur eine
seiner sarkastischen Männerlaunen sei, ebenso wie das, was er über die
=broderie anglaise= sagte: »Möchten doch die guten Leute lieber die
Löcher zustopfen, hier aber werden sie absichtlich eingeschnitten« und
Ähnliches.

»Jenes Weib da, die Marja Nikolajewna hat nicht verstanden, alles
das einzurichten,« sagte Lewin, »und -- ich muß es eingestehen, daß
ich sehr, sehr froh bin, daß du mitgekommen bist. Du bist solch eine
Reinheit, daß« -- er ergriff ihre Hand, küßte sie aber nicht -- das
Küssen ihrer Hand in dieser Nähe des Todes, erschien ihm unpassend
-- sondern preßte sie nur, mit schuldbewußtem Ausdruck in ihre
aufleuchtenden Augen blickend.

»Für dich allein wäre es doch so peinlich geworden,« sagte sie, wand
die Hände emporhebend, welche ihre vor Freude erglühenden Wangen
deckten, die Zöpfe auf dem Scheitel zusammen und steckte sie fest.
»Nein,« sprach sie, »das hat sie nicht verstanden. Zum Glück habe ich
viel in Soden gelernt.«

»Waren denn dort derartige Kranke?«

»Noch schlimmere sogar.«

»Es ist furchtbar für mich, daß ich ihn stets so sehen muß, wie er in
der Jugend war. Du glaubst nicht, welch ein schöner Jüngling er gewesen
ist; ich aber habe ihn damals nur nicht verstanden.«

»Ich glaube es wohl, recht wohl. Wie empfinde ich es, daß wir so gut
mit ihm gewesen sein würden,« sagte sie, erschrak aber sogleich über
das was sie gesagt hatte, sich nach ihrem Manne umschauend, und Thränen
traten ihr in die Augen.

»Ja -- gewesen sein würden« -- sagte er traurig, »das ist eben einer
jener Menschen, von denen man sagt, daß sie nicht für diese Welt sind.«

»Gleichviel, uns stehen noch viele Tage bevor, doch wir müssen uns
niederlegen,« sagte Kity, auf ihre winzige Uhr sehend.


                                  20.

                                Der Tod.

Am anderen Tage empfing der Kranke das Abendmahl und die letzte Ölung.
Während der Ceremonie betete Nikolay Lewin inbrünstig. In seinen
großen Augen, die nach der Monstranz gerichtet waren, welche auf einem
mit farbiger Serviette überdeckten L'hombretisch stand, drückte sich
ein so leidenschaftliches Flehen, eine Hoffnung aus, daß es Lewin
entsetzlich war, dies mit ansehen zu müssen. Lewin wußte, daß diese
leidenschaftliche Bitte und Hoffnung ihm die Trennung vom Leben, das
er so sehr liebte, nur noch schwerer machen würde. Lewin kannte seinen
Bruder und den Gang seiner Gedanken; er wußte, daß sein Unglaube nicht
davon herrührte, weil es ihm leichter ankam, ohne Glauben zu leben,
sondern davon, weil Schritt für Schritt die modernen wissenschaftlichen
Erklärungen der Welterscheinungen das Glauben verdrängt hatten, und
weil er wußte, daß seine jetzige Rückkehr zu demselben keine logische
war, die sich auf dem Wege eines solchen Gedankenganges vollzogen
hätte, sondern eine nur vorübergehende, egoistische, entstanden in
der sinnlosen Hoffnung auf eine Genesung. Lewin wußte auch, daß Kity
diese Hoffnung noch durch Erzählungen von ungewöhnlichen Heilungen
von denen sie gehört, genährt hatte. Alles dies wußte er, und es war
ihm qualvoll, auf diesen flehenden, hoffnungsvollen Blick, auf diese
abgezehrte Hand schauen zu müssen, die sich mühsam erhob, um das
Zeichen des Kreuzes auf der überhängenden Stirn, den hervorstehenden
Schultern und der heiserröchelnden, verödeten Brust zu machen, die
alle nicht mehr das Leben in sich zu bergen vermochten, um welches
der Kranke bat. Während des Sakraments that Lewin, was er in seinem
Unglauben tausendmal gethan hatte. Er sprach, sich zu Gott wendend:
»Mache, wenn du bist, daß dieser Mensch gesunde,« und wiederholte dies
mehrere Male, »und du wirst ihn und mich erretten.«

Nach der Salbung wurde es dem Kranken plötzlich bei weitem besser. Er
hustete nicht ein einziges Mal im Verlauf einer Stunde, er lächelte,
küßte Kity die Hand, dankte ihr mit Thränen und sagte, daß ihm wohl
sei, daß er sich nirgends krank fühle und Eßlust und Kraft verspüre.
Er erhob sich sogar selbst, als man ihm Suppe brachte und bat noch um
ein Kotelett. So hoffnungslos Lewin nun auch war, so augenscheinlich es
bei seinem Anblick wurde, daß er nicht genesen könne, befand er sich
und Kity während dieser Stunde in dem gleichen Glück, der nämlichen
Erregung darüber, ob man sich vielleicht doch nicht im Irrtum befinde.

»Ist er besser? -- Ja, bei weitem. -- Wunderbar. -- Nichts Wunderbares.
-- Er ist doch besser,« so sprachen sie flüsternd und einander
zulächelnd.

Die Täuschung war indessen nicht von langer Dauer. Der Kranke schlief
ruhig ein, nach einer halben Stunde jedoch weckte ihn der Husten, und
plötzlich waren alle Hoffnungen seiner Umgebung und in ihm selbst
geschwunden. Die Wirklichkeit des Leidens vernichtete, auch abgesehen
von dem Zweifel, an den vorher gehegten Erwartungen oder selbst der
Erinnerung an sie, die Hoffnungen Lewins und Kitys und die des Kranken
selbst.

Ohne dessen zu gedenken, woran er eine halbe Stunde vorher noch
geglaubt hatte, gleichsam als wäre es tadelnswert, sich daran zu
erinnern, verlangte er, daß man ihm das Jod, in einem Glase, welches
von durchlochtem Papier überdeckt war, zum Einatmen gebe. Lewin reichte
ihm die Flasche und der nämliche Blick leidenschaftlicher Hoffnung,
mit welchem er kommuniziert hatte, richtete sich jetzt auf den Bruder,
von diesem Bestätigung für die Worte des Arztes heischend, daß die
Einatmung von Jod Wunder thue.

»Wie, ist Kity nicht hier?« raunte er umherblickend, nachdem ihm
Lewin die Worte des Arztes mit innerem Widerstreben bekräftigt hatte.
»Nun, so kann ich es sagen; nur ihr zu Liebe habe ich diese Komödie
durchgemacht. Sie ist so lieb, aber wir beide können uns gegenseitig
nicht mehr täuschen. Hieran glaube ich,« sprach er, die Flasche mit
seiner Knochenhand pressend, und begann über ihr zu atmen.

Um acht Uhr am Abend nahm Lewin mit seiner Frau den Thee auf seinem
Zimmer ein, als Marja Nikolajewna atemlos ins Zimmer gestürzt kam. Sie
war bleich und ihre Lippen bebten.

»Er stirbt!« flüsterte sie; »ich fürchte, er stirbt sogleich!«

Beide eilten zu ihm. Er hatte sich erhoben und saß, mit dem Arme
auf die Bettdecke gestützt, den langen Rücken gekrümmt, mit tief
herniederhängendem Kopfe.

»Wie fühlst du dich?« frug Lewin flüsternd nach einer Pause.

»Ich fühle, daß ich scheide,« sprach Nikolay mit Anstrengung, aber
die Worte mit einer außerordentlichen Bestimmtheit langsam aus sich
herauspressend. Er hob den Kopf nicht, sondern richtete nur das Auge
nach oben, ohne mit ihnen das Gesicht des Bruders zu erreichen. »Katja,
geh' hinaus,« fuhr er fort.

Lewin sprang auf und befahl ihr mit gebieterischem Flüstern
hinauszugehen.

»Ich scheide,« sagte er wiederum.

»Weshalb denkst du das?« antwortete Lewin, um etwas zu sagen.

»Deshalb, weil ich scheide,« wiederholte Nikolay, sich gleichsam in
diesem Ausdruck gefallend. »Es ist zu Ende.«

Marja Nikolajewna trat zu ihm.

»Ihr müßtet Euch legen, dann würde Euch leichter,« sprach sie.

»Bald werde ich liegen,« versetzte er leise, »als ein Toter,« er sprach
höhnisch, erbittert, »nun, aber legt mich nur, wenn Ihr wollt.«

Lewin legte den Bruder auf den Rücken, ließ sich neben ihm nieder, und
blickte ihm, mit angehaltenem Atem ins Gesicht.

Der Sterbende lag mit geschlossenen Augen, aber auf seiner Stirn
bewegte sich ein leises Muskelspiel, wie bei einem Menschen, der tief
und angestrengt sinnt. Unwillkürlich dachte Lewin zusammen mit ihm das,
was sich jetzt in Nikolay vollziehen mochte, aber ungeachtet aller
geistigen Anstrengungen mit jenem übereinzukommen, gewahrte er an dem
Ausdruck dieses ruhigen ernsten Gesichts und dem Muskelspiel über den
Brauen, daß einem Sterbenden sich voll und ganz jenes Eine offenbart
ebenso, wie es für Lewin dunkel blieb.

»Ja, ja, so,« brachte der Sterbende abgebrochen und langsam hervor.
»Bleibt.« Er schwieg wieder. »So,« sagte er dann gedehnt und
befriedigt, als habe sich nun alles für ihn entschieden. »O Gott!«
begann er dann nochmals und seufzte schwer.

Marja Nikolajewna fühlte seine Füße an, »sie werden kalt«, flüsterte
sie.

Lange, sehr lange, wie es Lewin schien, lag der Kranke unbeweglich.
Aber er war noch immer am Leben und bisweilen atmete er auf. Lewin war
bereits abgespannt von der Anstrengung des Denkens. Er fühlte, daß er
trotz aller geistigen Anstrengung nicht begreifen könne, was jenes »so«
bedeutete. Er fühlte, daß er weit entfernt stand von dem Sterbenden.
Über die Frage des Todes selbst vermochte er nicht mehr nachzusinnen,
aber unwillkürlich kamen ihm Gedanken darüber, was er jetzt sofort zu
thun haben werde; dem Bruder die Augen zuzudrücken, ihn ankleiden zu
lassen und die Beerdigung zu bestellen. Und seltsam, er fühlte sich
dabei vollkommen ruhig und empfand weder Schmerz, noch einen Verlust,
und noch weniger Mitleid mit dem Bruder. Wenn jetzt ein Gefühl für
seinen Bruder in ihm war, so war es eher der Neid wegen jenes Wissens,
welches der Sterbende nun hatte, er aber nicht besitzen konnte.

Noch lange saß er so bei ihm, immer das Ende erwartend, aber das Ende
kam nicht. Die Thür öffnete sich und Kity erschien. Lewin stand auf, um
sie zurückzuhalten, aber gerade im Augenblick, als er sich erhob, hörte
er, daß der Sterbende sich regte.

»Geh nicht fort,« sagte Nikolay und streckte die Hand aus. Lewin gab
ihm die seine und winkte heftig seiner Frau, hinauszugehen.

Die Hand des Sterbenden in der seinen, saß er eine halbe Stunde, eine
ganze Stunde und noch eine Stunde.

Er dachte jetzt schon gar nicht mehr an den Tod; er dachte daran, was
Kity machen möge. Wer wohnte wohl in dem benachbarten Zimmer? Besaß
der Arzt ein eigenes Haus? Er sehnte sich nach Essen und Schlaf,
behutsam befreite er seine Hand und fühlte nach den Füßen. Sie waren
kalt, aber der Kranke atmete noch. Lewin wollte nun auf den Zehen
wieder herausgehen, aber von neuem regte sich der Kranke und sagte:
»Geh' nicht fort« -- -- --

Der Tag dämmerte herauf. Der Zustand des Kranken blieb noch immer
derselbe. Lewin befreite leise seine Hand, ohne auf den Sterbenden
zu blicken, begab sich nach seinem Zimmer und schlief ein. Als er
erwachte, erfuhr er anstatt der Nachricht vom Tode seines Bruders, die
er erwartete, daß der Kranke in den früheren Zustand zurückverfallen
sei. Er hatte sich wieder gesetzt, wieder gehustet, wieder zu essen und
zu sprechen angefangen, und wieder aufgehört, vom Tode zu reden. Er
hatte wieder Hoffnung auf Genesung ausgedrückt, und war noch reizbarer
und mürrischer geworden als vorher. Niemand, weder sein Bruder, noch
Kity vermochten ihn zu besänftigen. Er war gegen jedermann gereizt,
sagte jedermann Unangenehmes, machte allen Vorwürfe über seine
Leiden und verlangte, daß man ihm einen berühmten Arzt aus Moskau
herbeischaffe. Auf alle Fragen, die man an ihn über sein Befinden
richtete, antwortete er stets mit dem Ausdruck von Wut und Vorwurf »ich
leide furchtbar, unerträglich!«

Der Kranke litt mehr und mehr, besonders infolge der aufgelegenen
Stellen, die sich nicht mehr heilen ließen, und geriet mehr in Wut
über seine Umgebung, der er Vorwürfe über alles machte, und namentlich
darüber, daß man ihm den Arzt aus Moskau nicht herbeischaffe. Kity
bemühte sich in jeder Weise, ihm Beistand zu leisten und ihn zu
beschwichtigen, aber alles war vergebens und Lewin sah, daß sie selbst
körperlich, wie geistig erschöpft war, obwohl sie es nicht eingestand.
Jene Ahnung des Todes, welche in allen durch seinen Abschied vom
Leben in jener Nacht, als er den Bruder rief, erweckt worden war, war
verwischt. Sie alle wußten wohl, daß er unwiderruflich und binnen
kurzem sterben werde, daß er zur Hälfte schon tot sei, sie alle
wünschten nur das Eine, er möchte so bald als möglich sterben, aber
sie alle gaben ihm, indem sie dies verbargen, aus der Flasche die
Arznei, forschten nach Heilmitteln und Ärzten und täuschten ihn, und
sich selbst untereinander. Alles dies war eine Lüge, eine häßliche,
verletzende und hohnvolle Lüge. Und diese Lüge empfand Lewin, sowohl
der Eigenart seines Charakters halber, als auch, weil er den Sterbenden
mehr als alle anderen liebte, besonders schmerzlich.

Lewin, welchen der Gedanke, seine beiden Brüder wenigstens vor dem Tode
noch auszusöhnen, schon lange beschäftigt hatte, schrieb an Sergey
Iwanowitsch, und las, nachdem er Antwort erhalten hatte, dem Kranken
das Schreiben vor. Sergey Iwanowitsch schrieb, daß er selbst nicht
kommen könne, bat aber in rührenden Ausdrücken den Bruder um Verzeihung.

Der Kranke erwiderte nichts.

»Was soll ich ihm nun schreiben?« frug Lewin. »Ich hoffe, daß du ihm
nicht mehr gram bist?«

»Nein, keineswegs!« antwortete Nikolay voll Verdruß über diese Frage.
»Schreibe ihm, er möge nur einen Arzt schicken!«

Es vergingen noch weitere drei qualvolle Tage; der Kranke befand sich
immer im gleichen Zustand. Das Gefühl des Wunsches, er möchte sterben,
hatten jetzt alle, die ihn sahen, sowohl der Diener des Hotels, wie
der Wirt desselben und alle Insassen des Hauses; der Arzt und Marja
Nikolajewna, wie Lewin und Kity.

Allein der Kranke drückte dieses Gefühl nicht aus, sondern eiferte
im Gegenteil darüber, daß man den Arzt nicht schaffe, und fuhr
fort, Arznei zu nehmen und vom Leben zu sprechen. Nur in den
gezählten Minuten, in denen das Opium ihn für einen Augenblick die
ununterbrochenen Leiden vergessen ließ, sprach er im Halbschlaf
bisweilen aus, was mächtiger als bei allen anderen, in seiner Seele
ruhte: »O, wenn doch ein Ende käme«, oder »wann wird das vorüber sein«.

Die Qualen, stetig wachsend, thaten das ihre, und bereiteten ihn
zum Tode vor. Es gab jetzt keine Stellung mehr, in welcher er nicht
gelitten hätte; es gab keine Minute mehr, in welcher er einmal sich
selbst vergessen hätte, keine Stelle, kein Glied seines Körpers,
welches nicht geschmerzt, ihn nicht gemartert hätte. Selbst die
Erinnerung, die Eindrücke und die Gedanken über diesen Körper erregten
in ihm jetzt bereits einen solchen Ekel, wie der Körper selbst.
Der Anblick der übrigen Menschen, ihre Gespräche, ihre eigenen
Erinnerungen, alles das war für ihn nur peinlich. Seine Umgebung
empfand dies, und gestattete sich daher wie unbewußt in seiner Nähe
weder eine freie Bewegung, noch Gespräche oder Äußerungen von Wünschen.
Sein ganzes Leben zerfloß in das eine Gefühl des Leidens, und des
Wunsches, hiervon erlöst zu sein.

Augenscheinlich hatte sich nun jene Wandlung in ihm, die ihn auf
den Tod wie auf eine Erfüllung seiner Wünsche, wie auf ein Glück
blicken lassen mußte, vollendet. Früher war jedem besonderen Wunsche,
hervorgerufen durch Leiden oder Entbehrung, wie Hunger, Müdigkeit,
Durst, schon ein Zurechtrücken des Körpers, welches ihm Befriedigung
gewährte, genügt worden; jetzt aber fand die Entbehrung und der Schmerz
keine Befriedigung mehr, denn schon der Versuch zu einer Befriedigung
rief neue Schmerzen hervor, und so flossen denn alle Wünsche in dem
einen zusammen -- dem Wunsche, erlöst zu sein von all den Qualen und
von der Quelle derselben -- dem Körper.

Aber zum Ausdruck dieses Wunsches nach Befreiung hatte er keine Worte,
und daher sprach er nicht davon, sondern forderte nur noch nach seiner
Gewohnheit die Befriedigung der Wünsche, die schon nicht mehr erfüllt
werden konnten.

»Legt mich auf die andere Seite,« sagte er und verlangte gleich darauf,
daß man ihn wieder lege, wie vorher. »Gebt mir Bouillon! Schafft
sie fort! Sprecht doch etwas, weshalb schweigt ihr so!« Sobald man
aber angefangen hatte, zu sprechen, schloß er die Augen, und drückte
Ermattung, Gleichgültigkeit und Widerwillen aus.

Am zehnten Tage nach der Ankunft in der Stadt erkrankte Kity. Es
stellte sich Kopfschmerz und Erbrechen bei ihr ein, und sie vermochte
den ganzen Morgen nicht, das Bett zu verlassen.

Der Arzt erklärte, daß das Unwohlsein von Ermüdung und Aufregung
herrühre und empfahl geistige Ruhe.

Nach Tische indessen erhob sich Kity und begab sich wie gewöhnlich, mit
einer Arbeit zu dem Kranken. Er blickte sie streng an, als sie eintrat
und lächelte verächtlich, als sie sagte, daß sie unwohl sei. An diesem
Tage schneuzte er sich unaufhörlich und stöhnte kläglich.

»Wie fühlt Ihr Euch?« frug sie ihn.

»Schlechter,« brachte er mit Mühe heraus, »es schmerzt so.«

»Wo schmerzt es?«

»Überall.«

»Heute geht es zu Ende, paßt auf,« sagte Marja Nikolajewna; zwar
flüsternd, aber doch so, daß der Kranke, welcher fein hörte, wie Lewin
bemerkt hatte, sie vernehmen mußte. Lewin zischte ihr zu und blickte
sich nach dem Kranken um. Nikolay hatte dies gehört, aber die Worte
brachten bei ihm keinen Eindruck hervor. Sein Blick war noch der
nämliche vorwurfsvolle und gespannte.

»Warum denkt Ihr das?« frug Lewin sie, als sie ihm auf den Korridor
hinaus folgte.

»Er hat angefangen, sich abzunehmen,« sagte Marja Nikolajewna.

»Was ist denn das?«

»Nun dies,« antwortete sie, die Falten in ihrem wollenen Kleide
aufzupfend; in der That bemerkte Lewin, daß der Kranke an diesem ganzen
Tage an sich etwas herunterreißen wollte. Die Voraussagung Marja
Nikolajewnas war richtig. Der Kranke war bis zum Abend schon nicht mehr
bei Kräften, die Arme zu heben, und schaute nun vor sich hin, ohne den
Ausdruck konzentrierter Aufmerksamkeit im Blick zu verändern. Selbst
wenn sein Bruder oder Kity sich über ihn beugten, so daß er sie sehen
konnte, blickte er so. Kity sandte nach einem Geistlichen, um das
Sterbegebet sprechen zu lassen.

Während dieser das Gebet las, gab der Kranke kein Lebenszeichen von
sich, seine Augen waren geschlossen. Lewin, Kity und Marja Nikolajewna
standen am Bett. Das Gebet war von dem Geistlichen noch nicht zu Ende
gelesen worden, als sich der Sterbende streckte, seufzte und die Augen
schloß. Der Geistliche legte, nachdem er das Gebet beendet, das Kreuz
auf die kalte Stirn, zog es darauf langsam unter sein Gewand zurück,
und berührte, nachdem er noch zwei Minuten schweigend gestanden, die
erkaltete, blutlose große Hand.

»Er hat vollendet,« sprach er und wollte gehen, da aber bewegte sich
plötzlich der zusammengeklebte Bart des Toten und deutlich in der
Stille wurden aus der Tiefe der Brust bestimmt und klar die Worte
vernehmbar:

»Nicht ganz -- aber bald.« --

Nach Verlauf einer Minute erst erhellte sich das Gesicht, ein Lächeln
trat unter dem Barte hervor und die anwesenden Frauen befaßten sich nun
bestürzt damit, den Verstorbenen anzukleiden.

Der Anblick des Bruders und die Nähe des Todes erneuerte in der
Seele Lewins jene Empfindung des Entsetzens vor dem Rätselhaften und
zugleich vor der Nähe und Unvermeidbarkeit des Todes, das ihn an jenem
Herbstabend ergriffen hatte, als sein Bruder zu ihm gekommen war.

Dieses Gefühl war jetzt noch mächtiger als früher; noch weniger, als
früher fühlte er sich fähig, die Vorstellung vom Tode zu verstehen,
und noch entsetzlicher stellte sich ihm das Unvermeidliche desselben
vor Augen. Jetzt aber brachte ihn dieses Gefühl, dank der Nähe seines
Weibes, nicht zur Verzweiflung und trotz des Todes fühlte er die
Notwendigkeit, zu leben und zu lieben. Er fühlte, daß die Liebe ihn
von der Verzweiflung errettet hatte, und daß diese Liebe unter den
Schrecken der Verzweiflung nur noch stärker und reiner geworden war.

Das Geheimnis des Todes hatte sich nicht sobald vor seinen Augen
vollzogen, ungelöst geblieben, als schon ein anderes auftauchte, ebenso
unlösbar und herausfordernd zu Liebe und Leben.

Der Arzt hatte seine Vermutungen bezüglich Kitys bestätigt; ihr
Unwohlsein bestand in Schwangerschaft.


                                  21.

Seit der Minute, in welcher Aleksey Aleksandrowitsch aus den
Erklärungen mit Betsy und mit Stefan Arkadjewitsch erkannt hatte,
daß von ihm nur gefordert wurde, er möge sein Weib in Ruhe lassen,
indem er sie nicht mehr mit seiner Gegenwart belästigte, und daß sein
Weib selbst dies wünschte, fühlte er sich so verlassen, daß er keinen
selbständigen Beschluß mehr zu fassen vermochte, nicht mehr wußte, was
er jetzt wollte, und sich in die Hände von Leuten gebend, welche sich
mit dem bekannten Vergnügen um seine Angelegenheiten kümmerten, auf
alles nur billigende Antworten gab.

Nun nachdem Anna schon sein Haus verlassen hatte, und die Engländerin
sandte, um ihn fragen zu lassen, ob sie mit ihm zusammen zu Mittag
speisen werde oder allein, da erkannte er zum erstenmale klar seine
Lage und erschrak über sie.

Am schwierigsten in dieser Lage war vor allem, daß er in keiner Weise
seine Vergangenheit mit ihr so wie sie jetzt war, in Einklang und
Harmonie bringen konnte. Nicht jene Vergangenheit, in der er glücklich
mit seinem Weibe gelebt hatte, machte ihn ratlos. Den Übergang aus
derselben zu der Erkenntnis der Untreue seines Weibes hatte er bereits
wie ein Märtyrer durchlebt, der Zustand war schwer, aber er war ihm
verständlich gewesen. Wäre sein Weib damals, nachdem sie ihm von ihrer
Untreue Mitteilung gemacht, von ihm gegangen, so würde er erbittert,
unglücklich gewesen sein, aber er hätte sich dann nicht in jener für
ihn selbst unentwirrbaren, unbegreiflichen Lage befunden, in der er
sich jetzt fühlte.

Er konnte sich durchaus nicht seine neuerliche Verzeihung vergeben,
seine Versöhnlichkeit, seine Liebe zu dem kranken Weibe, und dem
fremden Kinde, angesichts dessen, was jetzt war, das heißt, dessen, was
er, gleichsam als Belohnung für alles dies, jetzt empfand, vereinsamt,
beschimpft, verlacht, niemandem brauchbar und von allen verachtet.

In den ersten zwei Tagen nach der Abreise seines Weibes empfing Aleksey
Aleksandrowitsch Bittsteller, den Geschäftsführer, begab sich ins
Komitee, und ging zur Mittagstafel nach dem Salon wie gewöhnlich. Ohne
sich Rechenschaft, weshalb er dies thue, zu geben, verwandte er alle
Kräfte seines Geistes in diesen zwei Tagen nur darauf, ein ruhiges, ja
selbst gleichmütiges Aussehen zu behaupten.

Indem er auf die Fragen, wie mit den Sachen und den Räumen der
Anna Arkadjewna verfahren werden sollte, antwortete, machte er
die gewaltigsten Anstrengungen über sich selbst, um den Anschein
eines Mannes zu wahren, für den das stattgehabte Ereignis nicht
unvorhergesehen gekommen sei, und nichts in sich trage, was aus der
Reihe der gewöhnlichen Vorkommnisse heraustrete; und er erreichte
seine Absicht! Niemand vermochte an ihm Anzeichen der Verzweiflung
zu finden. Am zweiten Tag nach der Abreise aber, als Korney ihm die
Rechnung vom Modewarenmagazin überreichte, welche Anna zu begleichen
vergessen hatte, und meldete, der Commis sei selbst da, befahl Aleksey
Aleksandrowitsch, diesen hereinkommen zu lassen.

»Entschuldigen Excellenz, daß ich zu stören wage. Aber wenn Excellenz
befehlen, daß ich mich an gnädige Frau wende, so geruhen Excellenz
wohl, deren Adresse mitzuteilen.«

Aleksey Aleksandrowitsch dachte nach, wenigstens wie es dem Commis
schien, und setzte sich, abgewendet, plötzlich an seinen Tisch. Den
Kopf in die Hände gestützt, verharrte er lange in dieser Stellung,
einige Male zu sprechen versuchend, aber wieder innehaltend.

Die Empfindungen seines Herrn begreifend, bat Korney den Commis, ein
ander Mal wiederzukommen. Nachdem Aleksey Aleksandrowitsch wieder
allein war, erkannte er, daß er nicht die Kräfte besitze, die Rolle der
Festigkeit und Ruhe noch weiter zu behaupten. Er befahl den auf ihn
wartenden Wagen wieder auszuspannen, niemand vorzulassen, und ging auch
nicht zur Mittagstafel.

Er fühlte, daß er diesem allgemeinen Andrang von Verachtung und
Gefühllosigkeit, wie er beides auf den Zügen des Commis und Korneys
und aller ohne Ausnahme, denen er in diesen zwei Tagen begegnet war,
offen gesehen hatte, nicht widerstehen könne. Er fühlte, daß er die
Gehässigkeit der Menschen nicht werde zurückweisen können, weil
diese Gehässigkeit nicht davon herrührte, daß er ein Narr war -- in
diesem Falle hätte er schon sich bemühen können, als etwas Besseres
zu erscheinen -- sondern davon, daß er schmachvoll und widerlich
unglücklich war.

Er wußte, daß man deswegen -- eben deswegen, weil sein Herz zerrissen
war -- mit ihm mitleidlos sein würde. Er fühlte, daß die Menschen ihn
vernichteten, wie man einen zerrissenen Hund, der vor Schmerz winselt,
noch erwürgt. Er wußte, daß seine einzige Rettung vor den Menschen die
war -- seine Wunden vor ihnen zu verbergen -- und er hatte dies zwei
Tage unbewußt zu thun versucht, fühlte sich aber jetzt nicht mehr bei
Kräften, diesen ungleichen Kampf fortzusetzen.

Seine Verzweiflung vergrößerte sich noch in dem Bewußtsein, daß er
vollständig vereinsamt dastand mit seinem Leid. Nicht nur in Petersburg
besaß er keinen einzigen Menschen, dem er alles hätte anvertrauen
können, was er erfahren hatte, der in ihm nicht den hochgestellten
Beamten, nicht das Mitglied der guten Gesellschaft bemitleidet hätte,
sondern einfach den leidenden Menschen -- nein, nirgends hatte er einen
solchen Menschen.

Aleksey Aleksandrowitsch war als Waise aufgewachsen; sie waren ihrer
zwei Brüder gewesen. Auf den Vater konnten sie sich nicht mehr
besinnen, die Mutter war gestorben, als Aleksey Aleksandrowitsch zehn
Jahre zählte. Das Vermögen war klein; der Onkel Karenin, ein hoher
Beamter und einstiger Günstling des verstorbenen Kaisers, erzog die
beiden.

Nachdem Aleksey Aleksandrowitsch das Gymnasium und die Universität mit
Prämien absolviert hatte, betrat er sogleich mit Hilfe des Onkels die
dienstliche Laufbahn und ergab sich von dieser Zeit an ausschließlich
dem amtlichen Strebertum. Weder auf dem Gymnasium noch auf der
Universität, oder später im Amte hatte Aleksey Aleksandrowitsch mit
irgend jemand freundschaftliche Beziehungen angeknüpft. Sein Bruder
war ihm der geistig zunächst stehende Mensch gewesen, doch hatte
derselbe im Ministerium der äußeren Angelegenheiten gearbeitet, war
stets im Auslande gewesen, und auch bald nach der Verheiratung Aleksey

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