Gutenberg · eo1.org

← catalogue

Slavische Volkforschungen

by Friedrich S. Krauss · German · Gutenberg #44868 · 1,237,502 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Slavische Volkforschungen
    
This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
of the Project Gutenberg License included with this eBook or online
at www.gutenberg.org. If you are not located in the United States,
you will have to check the laws of the country where you are located
before using this eBook.

Title: Slavische Volkforschungen

Author: Friedrich S. Krauss


        
Release date: February 10, 2014 [eBook #44868]
                Most recently updated: October 24, 2024

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/44868

Credits: Produced by Jeroen Hellingman, Barbara Tozier, Bill Tozier,
        minstrel and the Online Distributed Proofreading Team at
        http://www.pgdp.net/ for Project Gutenberg.


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SLAVISCHE VOLKFORSCHUNGEN ***

                       SLAVISCHE VOLKFORSCHUNGEN

             Abhandlungen über Glauben, Gewohnheitrechte,
                        Sitten, Bräuche und die
                     Guslarenlieder der Südslaven


                Vorwiegend auf Grund eigener Erhebungen
                                  von
                        Dr. Friedrich S. Krauss.





                        Verlag von Wilhelm Heims
                             Leipzig 1908.








                        Alle Rechte vorbehalten.








Herrn Prof. Dr. KARL von den STEINEN zugeeignet von KRAUSS.


STEGLITZ-Berlin,
1 Friedrichstraße,
31. August 07.


Sehr verehrter Herr Krauss!

Sie wollen einem Ethnologen, und zwar einem »Amerika- und
Südseereisenden«, der sich bei den nackten und wilden Kindern der
Tropen am wohlsten gefühlt hat, Ihre »Slavischen Volkforschungen«
widmen? seinen Namen in ehrender Form mit dem Werk über ein Gebiet
verknüpfen, auf welchem Sie der anerkannte Meister sind und er in
völliger Unwissenheit befangen ist? Ich könnte mich dabei beruhigen,
daß symbolische Handlungen unter Kulturmenschen sinnlos sein dürfen.
Aber glücklicherweise ist das Trennende zwischen unseren Berufen nur
Schein — zumal in Anbetracht der Entstehungsgeschichte dieses Buches.
Die prächtigen Guslarenlieder und ein großer Teil der Aufzeichnungen,
die jetzt endlich in einem gewichtigen Bande herausgegeben werden
sollen, stellen Sammlungen dar, die Sie als junger, gänzlich
mittelloser Mann mit unglaublich zäher Arbeit und unter den
schwierigsten äußeren Bedingungen geborgen haben: Sie haben bei dem
Wandern unter Ihren Südslaven nach Lage der Dinge damals keine
geringeren materiellen Entbehrungen erlitten und sind zweifellos von
keinem geringeren wissenschaftlichen Idealismus getragen worden als der
vortrefflichste Forschungsreisende in irgend einem fremden Erdteil!
Auch in dem einen kennzeichnenden Punkt halten Sie den Vergleich mit
den echten Pfadsuchern unbekannter Länderstriche aus, daß Sie sich
Ihre Aufgabe selber geschaffen haben: Sie erkannten den hohen Wert
eindringlichster volkskundlicher Erhebungen im Dunstkreis der
europäischen Kultur zu einer Zeit, als die berufenen Würdenträger
der südslavischen Gelehrsamkeit noch keine Ahnung hatten von den
Schätzen, die sie umgaben.

Aber die wichtigere Übereinstimmung, die ich gegenüber Ihrem
Anerbieten empfinde, liegt in dem Objekt der Forschung. Wie Vieles ist
in dem letzten Vierteljahrhundert, seit Sie den Klängen der Guslen
nachgingen, zur Klarheit gediehen! Was von führenden Geistern
theoretisch bereits formuliert war, was aber durch induktive Beweise
erhärtet werden mußte und durch Beweise in endloser Fülle mit immer
neuen Überraschungen von allen Ecken und Enden der Welt erst in dieser
Periode erhärtet worden ist, die Wesensgleichheit der Volkskunde und
der Völkerkunde — sie ist heute ein selbstverständlicher Satz
geworden. Das psychologische Verständnis von Sitte und Brauch und
aller sozialen Tradition fließt aus denselben überreichen Quellen auf
den Höhen und in den Niederungen der Menschheit. Die künstliche
Scheidewand zwischen geschichtlichen und geschichtlosen Völkern ist
nicht mehr zu halten. Ja, ich gestehe, nicht ohne Neid und Furcht
betrachte ich den wachsenden Aufschwung folkloristischer und verwandter
Untersuchungen. Es scheint nicht ausgeschlossen, daß die mit so vielen
feineren und zuverlässigeren Mitteln der sprachlichen und historischen
Analyse ausgestattete Wissenschaft, die von unseren komplizierten
Formen aus rückschließend die Anfänge zu erkennen strebt, in der
Erklärung selbst des primitiven Denkens einst noch einmal die
Ethnologie überflügelt, die heute leider immer und immer noch vor dem
Problem versagt, ob ein einfaches Erzeugnis mit Sicherheit — und an
der Sicherheit hängt alles! — den Ursprung oder die Verarmung
bedeutet. Vorläufig aber wollen wir uns freuen, daß wir uns als enge
Fachgenossen fühlen, mögen wir nun hier bei unseren Kulturnationen in
die tieferen Schichten graben oder fern bei einem Wildstamm den
gegenwärtigen Horizont festlegen. Dieselben Gesetze, dieselben
Phänomene, und, trotz Bastian, vielleicht auch die Kontinuität, gegen
die wir uns noch sträuben! In diesem Sinne kann ich die Patenschaft
annehmen und danke ich Ihnen herzlichst.


Ihr ergebener

Karl von den Steinen.






INHALT.


                                                                 Seite

I. Zur Einführung. Ansätze zu einem moslimisch-slavischen
Schrifttum. — Einflüsse des türkischen auf das slavische
Volktum. — Probestücke aus der handschriftlichen Literatur
bosnischer Moslimen                                                  1


I. Abteilung.

   II. Hexen                                                        31
  III. Die unheimlichsten Waldfrauen                                87
   IV. Rückkehrende Seelen                                         110
    V. Der Vampir                                                  124
   VI. Der Werwolf                                                 137
  VII. Die Mar                                                     145
 VIII. Menschenfleischessen                                        155
   IX. Liebezauber                                                 164


II. Abteilung.

    X. Guslarenlieder. Zur Einführung                              177
   XI. Vom wunderbaren Guslarengedächtnis                          183
  XII. Džanüms Heerzug                                             190
 XIII. Rákóczy’s Fall                                              225
  XIV. Wie Mohammed Köprülü Vezier geworden                        252
   XV. Die Russen vor Wien                                         277
  XVI. Die Mutter der Jugović                                      287
 XVII. Novak der Heldengreis                                       292
XVIII. Die Milchbrüder                                             306
  XIX. Wolf Feuerdrache                                            332
   XX. Der Yoga-Schlaf                                             335
  XXI. Die Menschwerdung des hl. Panteleimon                       349
 XXII. Echte und unechte Vilenkinder                               352
XXIII. Ein Heldengemetzel                                          361
 XXIV. Von einer Vila Zöllnerin                                    365
  XXV. Vilenpfeile (Drei Guslarenlieder)                           371
 XXVI. Das Heldenfräulein und die Blockhausvilen                   384
XXVII. Wie Vilen Ibrâhim Nukić heilten                             394

       Schlagwörterverzeichnis                                     405








ZUR EINFÜHRUNG.

    Ansätze zu einem moslimisch-slavischen Schrifttum. — Einflüsse
    des türkischen auf das slavische Volktum. — Probestücke aus der
    handschriftlichen Literatur bosnischer Moslimen.


Wir wollen einige merkwürdige Proben des orientalisch-slavischen
Schrifttums vorlegen, das sich in Bosnien und dem Herzoglande bei den
moslimischen Slaven entwickelt hat. Es sind dies Erzeugnisse einer gar
bescheiden auftretenden Kunstdichtung, wo die Kunst keine besondere
Dichtung und die Dichtung keine erhebliche Kunst zeigt. Die
Kunstdichtung gehört eigentlich nicht zur Ethnographie, sondern, wie
es sich von selbst versteht, hauptsächlich zur schöngeistigen
Literatur und will vornehmlich vom Standpunkte des Ästhetikers aus
betrachtet werden. Das gilt aber im allgemeinen von jeder literarischen
Schöpfung, im einzelnen können doch noch immer andere Gesichtpunkte
zur Geltung kommen. So muss z. B. gegebenenfalls der Ethnograph die
allerersten Ansätze zu einer Kunstliteratur, wo noch immer die
Individualität des schaffenden Dichters soferne unter der Menge
verschwindet, als sein geistiges Eigentum als blosser Ausdruck des
Fühlens und Denkens der breiten Menge angesehen werden kann, ganz
gewiss in den Kreis seiner Betrachtungen ziehen. Ein literarisch
gebildeter Dichter kann ins Volk hinabsteigen oder das Volk zu sich
emporheben, je nachdem er die Gabe besitzt, auf die Menge nachhaltig
einzuwirken. Erst die für einen beschränkteren Kreis des Volkes
berechnete literarische Produktion, die, um verstanden zu werden, beim
Zuhörer oder Leser eine nicht ganz alltägliche Auffassung und Bildung
zur Voraussetzung hat, soll man füglich der Kunstdichtung beizählen.

So legt die Kunstdichtung mittelbar dafür Zeugnis ab, dass in gewissen
gesellschaftlich bevorzugten Kreisen die lebendige Volküberlieferung
nicht mehr ausreiche, um das erwachte Bedürfnis nach geistiger Nahrung
zu befriedigen. Die Kunstdichtung mag, z. B. wie bei den Hebräern des
Altertums und den Hellenen, auf heimatlichem Boden unter günstigen
Umständen in Anlehnung an die Volküberlieferungen der illiteraten
Menge entstanden oder als ein Reisschössling aus der Fremde importiert
worden sein. Im ersteren Falle muss auch der Kunstliteratur ein
ungleich höherer, ethnographisch relativer Wert innewohnen, als im
letzteren, denn sie wird ihm mitunter wohl recht schätzbare
Aufschlüsse über das Volktum bieten. Die aus der Fremde verpflanzte
Literatur verleugnet dagegen höchst selten ganz ihren ursprünglichen
fremden Charakter; sie zu durchforschen wird für den Ethnographen nur
soweit von Belang sein, als er aus solchem Schrifttum beiläufig
entnehmen kann, in welcher Form und in welcher Art ein Volkgeist dem
anderen sich anbequemt, wie ein Volk die Gedanken eines anderen Volkes
geistig zu verarbeiten vermocht hat.

Die Kunstliteratur der moslimischen Slaven Bosniens und des
Herzoglandes besteht vorwiegend aus importierten und in slavischer
Sprache nachgebildeten türkischen und arabischen Geisterzeugnissen. Es
ist gewiss nicht wenig anregend, den Grundursachen nachzuspüren, die
die Entwicklung einer orientalisch-slavischen Literatur bei den
Südslaven begünstigt haben. Die Erscheinung ist ethnographisch um so
auffälliger und bemerkenswerter, als die Südslaven sich nicht bloss
einer alten klösterlichen Literatur, sondern auch einer überaus
reichhaltigen, sagen wir gleich, einer wunderbar herrlichen epischen
Volküberlieferung, der Guslarenlieder, berühmen können.

Kurz mag man die Frage so stellen: Wiefern sind die Südslaven, die
älteren Bewohner des Balkans, in ihrer geistigen Entwicklung von den
späteren Nachkömmlingen, von ihren Herren, den Türken, bestimmt
worden?

Über vierhundert Jahre lang herrschte der Halbmond über das weit
ausgedehnte, von Natur aus so eigentümlich gestaltete Gebiet der
Balkan-Halbinsel. Hier suchten die Türken festen Fuss zu fassen, weil
sie vom Balkan aus die vitalen Interessen ihres Reiches Westeuropa
gegenüber am erfolgreichsten verteidigen konnten. Der innige Kontakt
zwischen so verschieden gearteten Völkerschaften, wie die Türken und
Slaven, musste einen Verschmelzungprozess hervorrufen. Es fällt nicht
leicht, einen klaren Einblick darein zu gewinnen, weil es noch an
einschlägigen Vorarbeiten sehr gebricht.

Zur Zeit als die ersten türkischen Kriegerscharen die kleinasiatischen
Besitzungen des oströmischen Kaiserreiches zu bedrängen anfingen, war
der bulgarische Staat innerlich zerfallen, das serbische Reich stand
erschöpft und geschwächt da, das bosnische lag, durch
jahrhundertelange heftige Religionkriege aufgerieben, förmlich in den
letzten Zügen, das halbmythische chrowotische endlich war schon
längst zum Anhängsel Ungarns geworden.

Unter dem Drucke einer unproduktiven, geistertötenden
spätgriechischen Kultur, hart bedrängt von der
griechisch-orientalischen und von der römischen Kirche, hatte sich der
südslavische Grund- und Lehenadel zumeist zum Bogomilentum
geflüchtet. Es scheint, als ob die Lehre Bogomils ihren Anhängern die
meisten persönlichen Freiheiten gewährt habe. Die Ursprünge dieser
Sekte dürften im Arianismus zu suchen sein. Sehr häufig standen in
Religionstreitigkeiten und Angelegenheiten Adel und König in einander
entgegengesetzten Lagern. Das Bogomilentum hatte die jungen
südslavischen Staatenbildungen in ihren Grundvesten zerfugt, indem es
die breite Menge des Volkes in wahnwitzvolle Religionhetzen
hineingetrieben. Delirant reges, plectuntur Achivi. Kriege mit
auswärtigen Feinden haben fast immer zur kräftigeren Ausbildung der
Individualität des obsiegenden Volkes beigetragen; mitunter haben
selbst erlittene Niederlagen ein Volk zur höchsten Ausnützung und
Betätigung der in ihm schlummernden Kräfte genötigt; die Flamme von
Bürgerkriegen aber, zumal derjenigen, die religiöser Fanatismus
auflodern lässt, die zehrt Mark und Bein des Volkes auf. Der grösste
Sieg bleibt stets ein Pyrrhussieg.

Solcher düsterer Siege hatte das vortürkische Südslaventum an allen
Ecken und Enden, am meisten in Bosnien, aufzuweisen. So mochte den
Bošnjaken der Türke als ein ersehnter Befreier und Erlöser aus
unleidlichen gesellschaftlichen Verhältnissen erscheinen. Auf eine
andere Weise kann man sich füglich die eine Tatsache nicht erklären,
wie die Türken mit verschwindend geringen Opfern an Blut, nahezu ohne
Schwertstreich, über Bosnien Herren geworden. Fast der ganze Adel und
ein grosser Teil des Volkes hatte sich vom König losgesagt und
freiwillig zum Islam geschworen. Feigheit war gewiss nicht der
Beweggrund, und die Habsucht, um die ererbten Güter weiter im Besitz
zu behalten, wohl auch nicht, helle Verzweiflung war es, die den
stolzen Adel zu diesem Schritt getrieben.

Der Übertritt zum Islam dürfte den Bošnjaken nicht besonders schwer
gefallen sein, denn Adel und Volk hatten im Religionwechseln schon
förmlich eine Übung erlangt. Von den Türken aus wurde in dieser
Hinsicht auf die Bošnjaken kaum ein besonderer Zwang ausgeübt. Das
muss wohl auch der erbittertste Türkenhasser den Türken
wahrheitgemäss zu ihrem Lobe nachsagen: sie waren in Europa weder in
religiöser noch in nationaler Beziehung Proselytenmacher. Der Türke
blickte mit viel zu viel Geringschätzung auf den Slaven herab, als
dass er es für wünschenswert gehalten hätte, ihn zum Islam zu
bekehren. Tatsächlich hatte sich der bosnische Adel durch seinen
Übertritt nicht viel genützt. In den ersten zwei Jahrhunderten der
Okkupation durch die Türken spielt der moslimische Slave eine
durchwegs höchst untergeordnete Rolle im politischen Leben; und die
moslimischen Slaven, die sich später als Helden hohen Ruhm erwarben,
die Mujo Hrnjica, Siv sokol Alile, Ćejvan aga dedo, dedo Varićak,
Pandžić Huso, Tale Orašjanin, Džanan sarajlija und so viele andere
waren ausnahmlos homines novi, Männer aus der Schichte der Ackerbauer,
die ihre Stellung und ihre Macht lediglich ihrer persönlichen
Tapferkeit und ihrem Mute zu verdanken hatten.

Immer wieder muss sich der südslavische Ethnograph, angesichts solcher
mächtigen Wandlungen im Volkleben, die Frage zu beantworten suchen,
wie war es denn mit dem südslavischen Volktum in den Zeiten vor der
türkischen Invasion beschaffen?

Über die ethnographischen und kulturellen Verhältnisse der Südslaven
in den der türkischen Herrschaft vorausgegangenen Jahrhunderten sind
wir leider äusserst mangelhaft unterrichtet. Was uns von der
altsüdslavischen Literatur überkommen, sind trümmerhafte Petrefakte
einer slavisierten spätbyzantinischen Literaturströmung. Einige
magere, gedankenarme Chroniken über kriegerische Ereignisse,
zweifelhafte Geschichten von Duodezkönigen, einige Bändchen
königlich oder »kaiserlich« serbischer Gesetze und diplomatischer
Korrespondenzen sind, abgesehen von zahlreichen sachlich und sprachlich
minderwertigen Evangelien-Übersetzungen, Homilien und ungemein naiven
Heiligenlegenden, fast die einzigen, freilich sehr dürftigen
literarischen Quellen unseres Wissens vom Kulturleben der Südslaven in
vortürkischen Zeiten. Man hat zwar ein Sammelwerk aller südslavischen
Steininschriften in Angriff genommen. Den Hauptvorteil dürfte aus
dieser Sammlung vorzugweise der Philolog als Grammatiker ziehen; wie
denn im allgemeinen die altslavischen Texte, die dem Süden entstammen,
immer die sorgfältigste Beachtung der Linguisten verdienen.

In die verknöcherte byzantinische Schablone, die den Südslaven
aufgenötigt wurde, liess sich unter den damals obwaltenden
Verhältnissen unmöglich originelles, individuelles Wesen einfügen.
Der byzantinische Geist musste, wie er schon einmal war, entweder
vollinhaltlich aufgenommen oder zurückgewiesen werden. Den Südslaven
ist der Byzantinismus hauptsächlich durch die griechisch-orientalische
Kirche vermittelt worden, die keine Kompromisse zuliess. Die
illiteraten Südslaven hatten wohl damals, in der Periode ihrer ersten
Staatenbildungen, keine eigene, widerstandfähige Kultur der
eindringenden byzantinischen als Wehr entgegenzustellen. Auch
wetteiferten die Fürstenhöfe und der Adel in der Nachahmung
byzantinischer Vorbilder. Byzanz war der erste und bedeutendste
Lehrmeister der Balkan-Slaven. Andererseits drang zu den Südslaven vom
Südwesten italienische, vom Nordwesten deutsche Kultur ein.

Den weitaus überlegenen Kulturen ihrer sprachstammverwandten Brüder,
den Griechen, Italienern und Deutschen gegenüber, konnten sich die
Südslaven doch nur stets aufnehmend verhalten. Es ist nicht leicht
annehmbar, das südslavische Volktum hätte unter diesem Einstürmen
dem slavischen Vorstellungkreise durchaus nicht abartiger Elemente noch
Raum zu einer freien und gedeihlichen Entwicklung gefunden. Das
echtslavische, aus den nördlichen Heimatstätten mitgebrachte Volktum
blieb jedoch fast ausserhalb der Berührung mit der Literatur und
Kultur, die von Mönchen und Adeligen aus dem Auslande mitgebracht
wurde. Man sah mit Gleichmut, wo nicht mit Verachtung auf das
ungebildete Volk herab und bekümmerte sich um sein inneres Leben und
Weben so gut wie gar nicht. Wie lässt es sich denn anders erklären,
dass uns die gesamte altsüdslavische Literatur nicht einmal die
blossen Namen der altsüdslavischen vorchristlichen Gottheiten oder
ihrer Kultusstätten, geschweige erst Nachrichten über Sitten und
Gebräuche oder zum mindesten ein einziges episches oder vielleicht
lyrisches Lied aufbewahrt hat? Die alten slavischen religiösen und
gesellschaftlichen Anschauungen bildeten eben keinen Faktor, mit dem
die Missionare des östlichen und westlichen Christentums hätten
rechnen müssen.

Bis zum Anfang des 14. Jahrhunderts bedrohte die Südslaven
Gräzisierung im Osten, Romanisierung und Germanisierung im Westen. Als
aber die Türken Glied für Glied dem byzantinischen Reiche in Asien
ausrissen, behob sich auch rasch das politische Alpdrücken der
Balkan-Slaven; da streckte und reckte sich das Serbenreich, von Byzanz
frei geworden, gar mächtig aus, östlich fast über ganz Bulgarien und
südlich bis tief nach Griechenland hinab. Es gewann für einen
Augenblick den Anschein, als sollte sich unter dem Szepter der
serbischen Eroberer ein grosses Reich bilden, das alle Südslaven vom
Schwarzen Meer und der Donau-Mündung angefangen bis zu den blauen
Fluten der Adria zu einem Staate vereinigen wird.

Der Bošnjak verlegt das goldene Zeitalter seines bosnischen Stammes
unter die Regierung des halbmythischen bosnischen Fürsten Kulinban,
noch mehr feiert der Serbe seinen Car Dušan. Der eine wie der andere
hatten es verstanden, die Präponderanz der Pleme-Oberhäupter zu
Gunsten der Krone bedeutend zu schwächen und die kleinen Spaltungen
unter den Phylen (plemena) und Phratrien (bractva) auszugleichen.
Beider Politik rüttelte das Volkbewusstsein auf. Das eigentliche
Erwachen zur Erkenntnis ihrer Volkkraft verdanken die Südslaven im
allgemeinen, insbesondere aber die Serben, mittelbar dem Ansturm der
Türken gegen das byzantinische Reich. Die serbischen, Byzanz
tributären Herrscher wurden zu Bundgenossen Byzanz’ gegen die
Türken. Damals mochte der poetisch veranlagte serbische Streiter,
heimgekehrt aus siegreichem Kampfe in weiter Ferne, an langen
Winterabenden seinen um das Herdfeuer lagernden Plemegenossen in
rhythmischem Singsang, begeistert von den Erinnerungen, Kunde tun von
Kampfmühen und herber Not, von kühnen, abenteuerlichen Zügen durchs
schauerliche Dunkel der Urwaldbestände des Balkans, von reissenden
Gebirgströmen und von endlos weiten weizenspendenden Gefilden, von
gleissenden Gewaffen und stahlbepanzerten fremden Kriegerscharen, von
der stolzen Pracht und Herrlichkeit der Tempel und Paläste in Kaiser
Konstantins weissen Stadt am Meere. Und gerne flocht er mit das Lob der
holdseligen, liebreichen Frauengestalten am Hofe der Komnênen ein.

Begierig lauschte Jung und Alt solchen seltsamen Mären. Eine ungeahnte
Welt voll verlockender Zauberdinge hielt ihren Einzug in das
bäuerliche Gemüt des Serben. Unter dem bezwingenden Eindruck solcher
Schilderungen regte sich im Bauer ritterlicher Sinn, Tatendrang und die
Lust an waghalsigen Abenteuern. Das war wie nach langem Winterschlafe
ein sonniges Frühlingauferstehen der südslavischen Volksdichtung.

Noch gegenwärtig, volle fünf Jahrhunderte nach jenen Ereignissen,
weiss der illiterate serbische Guslar in Bosnien und dem Herzogtum
davon zu singen und zu sagen. Und selbst wenn er ein Geschehnis
späterer Zeit, aus der Epoche der Türkenherrschaft besingt, so
schmückt er seine Darstellung mit dem überkommenen Vorrat von
stereotypen Wendungen und Gleichnissen aus jener ersten grossen Periode
der epischen Volksdichtung aus.

In der Schlacht am Leitenfelde (Kosovo polje), am 13. Juni 1389,
unterlagen die vereinigten serbischen Kriegscharen der türkischen
Übermacht. Einige Jahrzehnte nachher kam auch Bosnien und bald darauf
das Herzogtum unter türkische Botmässigkeit.

Die Türken hatten den Balkan nur politisch, nicht auch sozial erobert.
Ein beträchtlicher Teil der Südslaven serbischen Stammes flüchtete
nach Dalmatien, ins Küstenland, nach Chrowotien und Istrien und auf
die Inselwelt der Adria. So wuchs allmählich ein Damm an gegen die
Romanisierung Dalmatiens und gegen die Germanisierung Chrowotiens.
Selbst die Slovenen in Krain und Kärnten wurden durch die neuen
Zuzüge aus dem Süden, besonders aus Bosnien, gegen die Verdeutschung
widerstandfähiger. Andererseits begann nach und nach die chrowotische
Mundart in der lebenskräftigeren, volltönenderen serbischen
aufzugehen und ist schliesslich in ihr so gut wie ganz aufgegangen.
Wenn man heutigen Tages von einer chrowotisch-serbischen oder
serbisch-chrowotischen Sprache und Literatur spricht, so ist darunter
die slavische Mundart des Serbenstammes und das in dieser Mundart
verfasste Schrifttum zu verstehen.

Vom Gesichtpunkte des Ethnographen aus betrachtet, sind die Chrowoten
und Serben trotz ihrer nahen Verwandtschaft doch zwei selbständige
eigenartige Typen der slavischen Völkerfamilie. Genaue, rein sachliche
Untersuchungen wären aufzustellen, um klarzulegen, wie viel die Serben
und Chrowoten einander in ethnographischer Hinsicht zu verdanken haben.
Die serbischen Flüchtlinge verpflanzten unter die Chrowoten die Epen,
die von der Leitenfelder Schlacht, vom Car Lazar, von den Helden
Obilić Miloš, Relja Krilatica, Starina Novak, dijete Grujica, von den
beiden Kosančić und vielen anderen, am meisten verhältnismässig vom
Prinzen Marko erzählen. Die Jahrhunderte hindurch gebräuchlichen
kleinen Raub- und Plünderzüge der Magyaren, Chrowoten [1] und Serben
ins türkische, und der Türken oder der moslimischen Slaven ins
ungarische und venezische Gebiet wanden immer neue Episoden in das
schier endlose Epengeranke der Südslaven ein.

Einen neuen mächtigen Impuls, den zweitkräftigsten, seitdem der
serbische Volkstamm in der Geschichte aufgetreten, erhielt die epische
Volkdichtung in den letzten Dezennien vor der Verdrängung der Türken
aus Ungarn. Die ritterlichen moslimisch-slavischen Grenzwächter
(serhatlije od ćenara), die beiläufig dreissigtausend [2] Mann
auserlesener Truppen ins Feld stellen konnten, hatten einen gar
schweren Stand, die weithin ausgedehnten Marken des türkischen Reiches
im Westen gegen die fortwährenden Anstürme venezischer, deutscher und
magyarisch-chrowotischer Kriegscharen zu verteidigen. Die gewaltigen
Kriegzüge gegen Österreich boten den Moslimen serbischer Zunge und
serbischen Stammes weitaus reichere und für sie erfreulichere Motive
für eine epische Volkdichtung dar, als solche in der älteren
Überlieferung vorhanden waren. Meine grossen Sammlungen
moslimisch-slavischer Epen [3] legen ein glänzendes Zeugnis dafür ab,
dass das südslavische Volktum in diesen Schöpfungen seinen höchsten
und künstlerisch vollendetsten Ausdruck gefunden. Nur die
altgriechischen Epen Homers sind den moslimisch-slavischen ebenbürtig,
sonst hat kein Volk unter den sog. Indogermanen so gediegenen Reichtum
an Volkepen »aus tiefen Furchen seiner Brust« gezogen.

In der Crnagora, in Bosnien, im eigentlichen Serbien und in Bulgarien
entfaltete sich vom 15. Jahrhundert ab unter den slavischen
Nichtmoslimen eine Hajduken-Epik, die stofflich und in der Ausführung
auf ein Haar den neugriechischen und den albanesischen Klephten-Epen
gleicht. Die dicht bewaldeten Höhenzüge der Balkan-Gebirge und die
höhlenreichen Karstgebiete sind die wahren Heimstätten der Hajduken
gewesen, von denen der Guslar singt:


    mač i puška i otac i majka
    dvije male bratac i sekuna
    oštra ćorda vijernica ljuba
    tvrda st’jena mekano uzglavje
    kabanica kuća do vijeka.


    Seine Flinte heisst er »Mutter!« und sein Schwert »lieb
                                                     Väterchen!«
    Zwei Pistolen in dem Gürtel »Brüderchen und Schwesterchen:«
    An dem Gurt ein scharf Gewaffen ist sein »trautes Ehgemahl!«
    Und der harte Felsen dient ihm nachts als weiches Polsterpfühl;
    Und sein Heim, das ist sein Mantel bis zur letzten Lebensstund.


Merkwürdig ist die Erscheinung, dass bei den Bulgaren sowohl die
epischen Lieder aus der älteren Periode als die Hajduken-Epen
vorwiegend auf Anlehnung an serbische Originale oder auf unmittelbare
Entlehnung aus dem Serbischen hindeuten. Dafür haben die Bulgaren die
Sagen, Märchen und Legenden mehr ausgebildet. Die Stoffe sind vielfach
orientalischen Ursprungs. Bulgarien hatte es unter türkischer
Herrschaft verhältnismässig weitaus besser als die Bewohner der
übrigen Provinzen. Bei den Bulgaren entwickelte sich frühzeitig ein
beträchtlicher Gewerbefleiss, dessen Erzeugnissen leicht alle Märkte
des Orients zugänglich waren. Der regere Handelverkehr und der
aufsteigende Volkwohlstand beanspruchten den Bulgaren derart, dass er
den Sinn und das politische Verständnis für seine Volkindividualität
verloren zu haben schien und bis zum Anfang dieses Jahrhunderts gar
keine grösseren Anstrengungen machte, die Türkenherrschaft
abzuschütteln. Fanden sich ja erst vor zweihundert Jahren die
Rhodopebulgaren sogar bewogen, samt und sonders den Islam anzunehmen.
[4]

Im allgemeinen hat sich der Islam als nicht geeignet erwiesen, die
Abendländer für seine Prinzipien zu gewinnen. Die Serben und die
Bulgaren, sowie ein Teil der Balkan-Zigeuner, machten in dieser
Hinsicht die alleinige Ausnahme unter den Völkern Europas. Dagegen
bewährte sich der Islam unter den turanischen und semitischen
Völkerschaften in Asien und unter den Negern in Afrika als höchst
wirksames Förderung- und Bindemittel der Kultur.

Die oft aufgetischten Redensarten von den barbarischen, wilden
Türkenhorden haben nur bedingt eine Berechtigung. Länder und Völker
werden nicht erobert und nicht bezwungen durch zierlich gedrechselte
Komplimente von Salonhelden ebenso wenig, als durch gelahrte
Doktordissertationen. Der Krieg rast dahin auf ehernem Wagen. Den Weg,
den er gewandelt, bezeichnen geknickte Menschenblüten, bleichendes
Gebein und zu Trümmerhaufen umgewandelte Behausungen der Menschen. Ein
grosser Krieg kommt seinen Folgen nach einem schrecklichen
Naturereignis gleich, etwa einem Erdbeben, wie das von Krakataua, oder
einer verheerenden Sintflut. Nach der Katastrophe erblüht auf Ruinen
wieder neues Leben.

In weiteren Kreisen, besonders unter den Südslaven, hat sich wie ein
verrotteter Aberglaube eine grosse Geringschätzung, wo nicht
Verachtung, der orientalischen Kultur eingewurzelt, soweit letztere
durch die Türken repräsentiert wird. Wenngleich die Türken auch
keine grosse selbständige Kultur geschaffen, so war ihnen doch als den
Erben arabischer und persischer und mittelbar selbst altägyptischer
Kultur eine höchst wichtige Maklerrolle zwischen Orient und Okzident
zugefallen.

Das Türkentum hat also auf die Südslaven in zwei Beziehungen einen
segenreichen Einfluss ausgeübt, indem es einmal die Südslaven zu
einem besonderen Kampf ums Dasein nötigte, das andere Mal dadurch,
dass es ihnen die Bekanntschaft mit arabischer und persischer Industrie
und Kunstfertigkeit vermittelt hat. Sowohl durch diese Reibungen und
Konkurrenzen, als infolge der mannigfaltigen Kreuzungen, steigerte sich
die durchschnittliche Intelligenz der Südslaven um ein
Beträchtliches, die Art wurde verbessert und veredelt. Soweit ich
Angehörige der verschiedenen slavischen Völker im persönlichen
Umgang kennen gelernt, sind mir die Südslaven, namentlich die Serben
und Bulgaren, als die schönsten an Wuchs und Gestalt erschienen. Ich
will noch hinzufügen, dass sie geistig ausgezeichnet veranlagt sind
und in dieser Hinsicht weder den Polen noch den Čechen im geringsten
nachstehen, nur fehlt ihnen im Durchschnitt jene rastlose
Beharrlichkeit und Schaffensfreude, die man getrost als
charakteristische Merkmale der Čechen im Verhältnis zu den übrigen
Slaven betrachten darf.

Die Südslaven lernten von ihren Herren, den Türken, die Fabrikation
von Tüchern und Teppichen, von Sattelzeug und Waffen, von
Hausgerätschaften und von noch unzähligen kleinen und grossen Dingen.
[5] In der Baukunst ragten die türkischen Meister besonders durch
kunstvolle Brücken und Festungbauten hervor.

Die Zähmung der Falken zur Jagd und auch zur Briefpost gehörte zur
Türkenzeit bei den bosnisch-herzögischen Edelleuten zu den
gewöhnlichen Beschäftigungen. Den Gebrauch der Jagdfalken finden wir
öfter in Guslarenliedern besprochen, aber meines Wissens nur dreimal
den Falken als Briefboten. Brieftauben scheint man nicht benutzt zu
haben, zum mindesten nicht bei Moslimen. In einem Guslarenliede wird
erzählt, wie Muškić Stjepan (Stefan der Moskauer) seinen Brief nach
Udbina bestellt:


    er rief darauf herbei den grauen Falken
    und band ihm um den Hals das Briefchen fest,
    und gab auf griechisch ihm sodann die Weisung:
    — »Verweil mir nirgends und an keinem Orte
    eh’ du zur Burg des Burgherrn hingekommen,—
    dann lass dich ihm aufs Fenstergitter nieder:«

    Der Falke flog zum Himmel unter Wolken
    und liess im türk’schen Udbina sich nieder
    auf Osmanagas weissgetünchter Warte
    und von der Warte schoss er hin ans Fenster.

    Als ihn ersah der Burgherr Osmanaga,
    da sprach er wohl auf griechisch an den Falken:
    — »Komm her zu mir graugrüner Vogel Falke!«
    Der Falke fiel ihm auf den weissen Schoss,
    da löst’ er ihm den Brief vom Halse los
    und legte sich den Brief auf seine Kniee
    und brach das Siegel von dem Schreiben auf.


Bei den Türken stand die Falkenbeize seit jeher in grösstem Ansehen.
(»Falknerklee«, drei ungedruckte türkische Werke über die
Falknerei, eines der ältesten Denkmäler der türkischen Literatur,
übersetzte Josef von Hammer. Pesth 1840.) Die türkischen Sultane
waren fast ausnahmlos Freunde der Falkenjagd. Am meisten widmeten sich
ihr Bajesid, der Wetterstrahl, und Mohammed IV. Nach der Schlacht bei
Nikopolis (28. September 1396) gab S. Bajesid den ausgelösten
deutschen, ungarischen und französischen Kriegern eine Falkenjagd zum
besten und setzte sie durch die Pracht seines Jagdstaates, der aus
7000 Falkenjägern und 6000 Hundewärtern bestand, in Erstaunen. Die
Falkeniere bildeten die Masse der sultanischen Jägerei, welche aus den
vier Klassen der Falkenjäger, der Weihejäger, der Geierjäger und der
Sperberjäger bestand, während die Hundewärter, in der Folge den
Janitscharen einverleibt, 33 Regimenter bildeten. Ihre höheren
Offiziere wurden durch Benennungen der Jagd nach den ältesten
Begriffen des Morgenlandes geadelt, weil die Lebensmittel der Nerv des
Krieges und die Jagd dessen edelstes Vorspiel ist. [6]

In dieser Schule lernten auch die bosnisch-herzögischen Spahis und
Zaimbege die Falknerei kennen und verpflanzten sie von dort in ihre
Heimat, wo sie sich hie und da bis auf den heutigen Tag noch behauptet
hat. Der verdienstvolle und sehr strebsame Herausgeber des »Glasnik«
in Sarajevo, Herr K. Hörmann, liess durch den Maler Ewald Arndt aus
Deutschland darüber in Bosnien Ermittelungen anstellen und
veröffentlichte in seinem Organe die mit Hülfe des Bezirkvorstandes
Jordan und des Oberförsters Elleder gewonnenen Nachrichten. [7]

Noch vor 15 bis 20 Jahren jagten allgemein die Begen in Nordbosnien
(Krajina) und im Savelande mit Falken, gegenwärtig aber ist die
Falkenjagd nur noch üblich in den Edelsippen Uzeirbegović in Maglaj
und den Širbegović und Smailbegović in Tešanj. Die Begen erklären
bestimmt, die Falknerei sei nach der Unterwerfung des Landes durch die
Osmanen eingeführt worden. Einen Jagdfalken zu überwintern, verstehen
die Begen nicht mehr, wahrscheinlich, weil sie die zweckmässige
Fütterung des Vogels verlernt haben, früher richtete man den
Wanderfalken (falco peregrinus) ab, in unserer Zeit dagegen so gut wie
ausnahmlos nur jene Art, die man »atmadža« nennt (atmadža oder
akmadža bedeutet aber türkisch einen Sperber!). Zuweilen nimmt man
auch einen gewöhnlichen Sperber, doch hat man von ihm nur geringen
Vorteil.

Den Falken fängt man mit Netzen. Zwei beiläufig zwei Meter hohe und
ebenso breite Netze werden sehr schwach in einem spitzen Winkel an
Stangen befestigt. Von der Aussenseite verdeckt man die Netze mit
dünnem Gezweige und grünen Dornen. In der Mitte zwischen den
Netzflügeln bindet man eine lebendige Dohle an, worauf sich der Jäger
in einem Gebüsch in der Nähe verbirgt. Um sich zu befreien, fängt
die Dohle zu flattern und zu krächzen an, worauf sich leicht ein
einjähriger noch unerfahrener Falke auf die Beute stürzt. Es
entspinnt sich ein heftiger Kampf, bei dem das Netz über den Kämpfern
zusammenfällt. Zur Abrichtung wählt man lieber ein Weibchen als das
schwächere und kleiner gebaute Männchen. Die Freunde der Falkenjagd
wissen genau, aus welchen Nestern sie die tauglichsten Falken erhalten
können; alle Falken sind nämlich nicht gleich gelehrig. Im
Ozren-Walde zählt man 20 Falkenhorste, doch nur an drei Stellen findet
man die verwendbaren Falken.

Die Falkenbeize erheischt viele Mühen. Vorerst muss man den Falken
daran gewöhnen, geduldig den Riemen am Bein zu tragen. Der Sitz des
Falken muss stets in schaukelnder Bewegung erhalten bleiben und von
Zeit zu Zeit hat man den Falken mit Wasser zu bespritzen, damit er
nicht einschlafe. Auch muss er lernen, ruhig auf des Jägers Hand zu
sitzen, die mit dicken aus Schaffell angefertigten Handschuhen
bekleidet ist. Diese Abrichtung währt 15 bis 20 Tage. Mit dem
gefügigen Falken auf der Hand begibt sich der Jäger in Begleitung
seines Jagdhundes aufs Feld. Sobald der Hund eine Wachtel
aufgestöbert, wirft der Jäger den Falken in der Flugrichtung der
Wachtel auf, und der Falke schiesst auf seine Beute mit Blitzschnelle
los. Ein gut geschulter Falke in Händen eines tüchtigen Jägers kann
des Tags 10 bis 15 Wachteln fangen. Im Herbste, wenn die Wachteln nach
dem Süden wandern, kann ein flinker Falke 60 bis 80, ja sogar 100
Wachteln einfangen oder erbeuten. Der Gebrauch eines Federspiels oder
Luders bei der Falkenbeize scheint den bosnischen Waidmännern
unbekannt zu sein.

Fast alle Musikinstrumente, die vielgedachten Guslen, das Symbol des
Südslaventums, die auf asiatischen Ursprung hindeuten, haben die
Südslaven den Türken zu danken. Mit der Šargija, der Bugarija, den
Čemane und der Tamburica, Instrumenten von der Art der Mandoline, die
gleichfalls dem Oriente entstammt, brachte der asiatische Osten dem
Südslaven eine phantasievolle, blumenreiche, herzinnig-zarte, sinnige
Lyrik von auserlesenstem Reichtum an Motiven und geistvoll zugespitzten
Pointen. Nicht leicht hat mehr eines slavischen Knaben Wunderhorn
solche Diademe und kostbare Perlenschnüre, wie das südslavische
Schatzkästlein der Volklyrik, aufzuweisen. Nur dem Spanier war es
beschieden, in ähnlicher Weise aus dem unversieglichen Jungbrunnen
orientalischer Dichtung liebetrunken zu nippen.

Das lyrische Volklied der Südslaven verleugnet im allgemeinen auch
äusserlich seinen orientalischen Charakter nicht. Die köstlichsten
Stücke rühren aber in der Lyrik nicht minder als in der Epik von den
moslimischen Slaven her. In dieser Lyrik kommt stürmische Glut
gesunder Sinnlichkeit, gelangt der Liebe Lust und Leid voll und
farbenprächtig zum Ausdruck, während die Liebelieder der
südslavischen Nichtmoslimen besonders in jenen Gegenden, wo die
Türken nie festen Fuss gefasst hatten, vielfach das Gepräge
schrankenloser Sinnlichkeit und dabei oft eine nicht leicht näher zu
bestimmende Nüchternheit, die zuweilen an Plattheit grenzt, aufweisen.

Der rege Verkehr zwischen den Slaven und Türken übte auf den
beiderseitigen Sprachschatz eine nachhaltige Wirkung aus. Die
gegenwärtige türkische Sprache hat eine Menge slavischer Elemente in
sich aufgenommen, die serbische und bulgarische aber noch weit mehr
türkische oder turzisierte arabische und persische Ausdrücke. Es lag
ja in der Natur des gesellschaftlichen Verhältnisses, dass die Slaven
mehr nehmen mussten, als sie zu geben hatten.

Die serbische und bulgarische Sprache hat zusammen wohl über
zehntausend dem türkischen Wortvorrat entlehnter Wörter noch zur Zeit
in allen den verschiedenen Gegenden im Gebrauche behalten. Vor allem
tragen 70 Prozent der gewerblichen und landwirtschaftlichen Geräte
und Werkzeuge und Verrichtungen, die Kleidungstücke und mannigfache
Verhältnisse des Lebens lauter Fremdnamen. Eine recht fleissig
ausgearbeitete, für die praktischen Bedürfnisse des Alltaglebens
berechnete lexikalische Zusammenstellung türkischer und anderer
orientalischer Worte in der serbischen Sprache hat im Jahre 1884 der
Serbe Gjorgje Popović in Belgrad veröffentlicht. (»Turske i druge
istočanske reči u našem jeziku. Gragja za veliki srpski rečnik.«
gr. 8o. p. 275.) Auf Vollständigkeit erhebt Popovićs Arbeit noch
lange keinen Anspruch. [8]

Es ist klar, dass dort, wo die Berührung zwischen Türken und Slaven
am intensivsten stattfand, die Volksprache davon ausreichendes Zeugnis
ablegt. Das ist der Fall in denjenigen bosnischen und herzogländischen
Bezirken, die vorwiegend von Moslimen bewohnt werden. In den sonnigen
Lehnen der Treskavica planina liegen z. B. lauter moslimische
Ortschaften, wo die serbische Mundart nahezu schon den Charakter einer
türkisch-slavischen Mischsprache erlangt hat. Dort habe ich viele
tausende Verse epischer Lieder aufgezeichnet, von denen mancher Vers
lauter Fremdworte enthält, z. B.:


    Vlasi Muje bastisali kulu.


    Die Christen zerstörten Mustapha’s Burg,


oder zum mindesten unter vier Worten drei fremde, z. B.:


    eto aga dženliva hajvana!
    Poljeće bakrena džemija
    pro deniza i kara limana.


    hier ist, o Herr, das rasende Geschöpf!
    Es flog dahin die kupferne Galeere
    übers Meer und über die schwarze Buchtung.


Ein Epos von der Eroberung Ofens hebt also an:


      Razbolje se sultan Sulejmane
    u Stambolu gradu bijelome
    na svom tâchtu u svome devletu
    treći danak šechli ramazana.


      Es erkrankte Sultan Sulejman
    in Stambol, der weissen Stadt,
    auf seinem Throne in seinem Reiche,
    am dritten Tag des Monats Ramaddăn.


Von den zwölf Substantiven und Adjektiven dieser vier Zeilen sind
sieben Fremdwörter. Das ist eine Probe der allergewöhnlichsten
Volksprache. Natürlich sind in den Erzeugnissen der
moslimisch-slavischen Kunstdichtung die Fremdwörter noch stärker
vertreten, denn die Verfasser setzten bei ihren Lesern eine höhere
Kenntnis des Türkischen voraus.

Eine Sprache ändert ihren Charakter durch Aufnahme von Fremdwörtern
solange nicht, als sie die Eindringlinge durch Vor- und Nachsilben der
neuen Umgebung vollkommen anzupassen vermag. So verfügt unsere liebe
deutsche Sprache, wie dies aus Heyse’s grossem Fremdwörterbuch
ersichtlich ist, über die hübsche Kleinigkeit von 70 000
Fremdwörtern; hat demnach siebenmal mehr als die Südslaven geborgt,
ohne sich mit dem fremden Gemengsel den Magen zu verderben. Diese
Fremdworte bergen in sich ein grosses Stück der Geschichte von der
geistigen Entwicklung des deutschen Volkes. Ich meine, der Deutsche hat
sich seiner Fremdwörter nicht nur nicht zu schämen, sondern mag sich
ihrer getrost berühmen, sofern sie für ihn zeugen, dass er sich in
der ganzen Welt umgetan hat, um überall das Beste zu lernen.

Freilich gehören sieben Zehntel der Fremdwörter im Deutschen nur der
konventionellen Ausdruckweise verschiedener Stände und Berufklassen
an, während bei den Südslaven alle 10 000 Fremdworte im illiteraten
Volke selbst gebräuchlich sind. Selbstverständlich kennen die
Bewohner eines Dorfes nur einen winzigen Bruchteil der Fremdworte, wie
sie ja auch nicht den gesamten Sprachschatz beherrschen. Den hat kein
Einzelner, und mag es der gelehrteste seines Volkes sein, jemals ganz
inne.

Eine Mischsprache beginnt sich erst dann zu entwickeln, wenn die eine
Sprache durch eine andere auch in der Flexion und der Satzfügung
wesentliche Änderungen erleidet, nachdem sie sich schon einen schweren
Bruchteil an Fremdworten einverleibt hat. Das Bulgarische hat die
Kasusendungen bis auf schwache, vereinzelt erhaltene stereotype
Ausnahmen und den Infinitiv verloren, hat sehr viel Wörter aus dem
Türkischen herübergenommen, aber noch immer nicht genug, um als
Mischsprache zu gelten. Die Satzfügung ist trotz aller Veränderungen,
die die bulgarische Sprache im Laufe der letzten fünf Jahrhunderte
erlitten, im Grunde genommen slavisch geblieben.

Obwohl die serbische Mundart der moslimischen Slaven von Herzeg-Bosna
die Kasusendungen und den Infinitiv noch besitzt, scheint es mir doch,
dass sie wenigstens in den Erzeugnissen ihrer Kunstliteratur eher das
Bild einer Mischsprache darbietet als das bulgarische, und zwar darum,
weil sie in syntaktischer Beziehung eine bedeutende Beeinflussung durch
das türkische Zeitwort etmek (itdim perf. sing.), d. h. tun, machen,
erfahren hat. Das Zeitwort selbst ist nicht mit eingedrungen in die
slavische Sprache, sondern nur die im Türkischen mit diesem Zeitwort
übliche Konstruktionweise; für verabsäumen (zanemariti) wird z. B.
terk (arabisches Wort) činiti (machen, slavisches Wort), d. h.
»Verabsäumung machen«, gesagt, für erwähnen (spominjati) sikri
činiti (Erwähnung machen; Erwähnung tun), für sich bedanken oder
dankbar sein (zahvaliti se, zahvalan biti) Dankbarkeit machen: šućur
činiti. Der Bulgare setzt für das etmek am häufigsten činim (ich
mache), aber nicht selten pravim (ich fertige an) oder storim (ich
schaffe) ein. In der Regel verrät sich die entlehnte Konstruktion
schon dadurch, dass das Substantivum fremd ist, indessen hat das
Serbische, dem natürlichen der Sprache innewohnenden Abstossungdrange
folgend, sehr häufig die fremden Substantive durch gut slavische
ersetzt, so z. B. (bei Bogoljub Petranović: Srpske narodne pjesme iz
Bosne, Sarajevo 1867):


    Kakav li je grijeh učinio? (S. 27. Nr. 25.)
    grijeh učiniti für zgriješiti,


    Was hat er für Sünde begangen (getan);
    Korrekt slavisch müsste man fragen: kako li je oder u čem li je
    zgriješio.


    veliku radost učiniše (S. 37. Nr. 30),
    radost učiniti für obradovati se,


    sie machten eine grosse Freude,
    korrekt wäre: veoma se obradovaše.


Bei L. Marjanović (Hrvatske, d. h. bosnische nar. pj. Agram 1867)
liest man auf S. 57. V. 15:


    na Udbinu zatrke čineći.
    zatrke činiti ist für zatrkivati se;


    Ins Udbinaer Gebiet Einfälle machend,
    korrekt wäre: zatrkivajući se.


Im Bulgarischen bei Miladinovci S. 116, Nr. 84 (Bolgarski narodni
pesni, Agram 1861): svadba činit, für svatuet (er feiert Hochzeit);
S. 452, Nr. 488: mome se pišman storilo (das Mädchen hat Reue
gemacht, d. h. sie hat ihr Jawort zurückgenommen), wofür der Serbe
sagen würde: moma se pišman učinila oder popišmanila se; pišman
ist persisch pešiman. Gut slavisch wäre: moma riječ svoju pokajala
(sie hat ihr Wort bereut) oder, wie die Bauern in Slavonien sagen, cura
se predomislila (das Mädchen hat sich eines anderen besonnen). Bei
Vladimir Kačanovskij (im Sbornik bolgarski pesen, St. Petersb. 1882),
liest man auf S. 502, Nr. 200, V. 322: nemu se poklon napravil (er
hat sich vor ihm verbeugt), der Serbe sagt dafür poklon činiti, so
z. B. bei Petranović a. a. O. S. 38, Nr. 30: poklon čini
prečistoj gospoži (er verbeugt sich vor der erlauchtesten Frau).

Diese Hinweise mögen hier genügen. Ich habe solcher Beispiele bei
sechshundert bisher vorgemerkt und gedenke einmal, bis meine Sammlungen
südslavischer Volküberlieferungen gedruckt sein werden, diese und
noch eine Reihe verwandter Erscheinungen der südslavischen
Sprachentwicklung eingehend zu behandeln.

Ich wiederhole es, dass nach meinem Dafürhalten die serbische Mundart
der bosnisch-herzogländischen moslimischen Schriftdenkmäler bei
weitem mehr den Charakter einer Mischsprache als das Bulgarische an
sich trägt. Sie ist nicht zufällig entstanden, sondern durch die
Bedürfnisse im Laufe der Zeiten geschaffen worden. So musste die
Hülle sich umarten, in der die türkische Auffassung zu dem Südslaven
sprechen konnte. Es ist gleichsam das Lallen und Stammeln des Kindes,
das mit dem Ausdruck ringt, um seinen Wahrnehmungen und Beobachtungen
Geltung zu verschaffen. Das Kind empfängt viel zu viel auf einmal und
vermag sich nicht aus dem Gewirre herauszuhelfen. Der wirkliche
Kunstdichter unter den slavischen Moslimen befand sich in einer
ähnlichen Lage. Auf ihn drängte seine slavische Muttersprache und
zugleich die türkische ein. Er bediente sich beider, um seine Gedanken
am klarsten auszudrücken. Er borgte der fremden nur das ab, was ihm in
der seinigen nicht genug bestimmt gefasst zu werden möglich schien.

Unstreitig zeichnet sich eine derartige Mischsprache durch einen
Reichtum von Wendungen aus und kann in hohem Grade ausgebildet werden.
Ich gedenke beispielweise der deutsch-slavisch-hebräischen Mundart der
polnischen Juden, die um ihrer Sprache willen nur zu oft
ungerechtfertigten Angriffen ausgesetzt sind. Die polnischen Juden sind
von alterher grösstenteils deutsche Einwanderer; darnach ist der
Grundzug ihrer Mundart formell deutsch geblieben, die Syntax aber eine
slavische geworden und der Sprachschatz hat sich durch unzählige
hebräische Worte aus der Bibel und dem Talmud und durch eine
stattliche Anzahl romanischer Elemente aus den von französischen,
italienischen und spanischen Juden verfassten Kommentaren zum Talmud
bereichert. In dieser Mischsprache, die in Südrussland, Polen, in
Galizien, in Ungarn und Nordamerika von 8 000 000 Menschen verstanden
und gesprochen wird, halten Talmudgelehrte geistreiche und verzwickte
Vorträge und Streitereien ab über die spitzfindigsten Glaubenssätze
des Judentums und über Thesen der alexandrinischen Philosophenschule,
ja in New York besteht sogar ein grösseres Theater, in welchem
klassische Dramen, wie z. B. Shakespeares »Hamlet« in dieser
Mischsprache von der Bühne herab vorgetragen werden.

Nicht minder ausbildungfähig scheint mir die Mundart der slavischen
Moslimen zu sein. Selbstverständlich sprechen die gegenwärtigen
politischen Verhältnisse gegen die Wahrscheinlichkeit, dass die
Mischsprache der slavischen Moslimen je eine Stufe der Vollendung wie
das sogenannte Jüdisch-Deutsch erlangen werde. Es wäre im Interesse
der Südslaven auch gar nicht wünschenswert, wenn ihrer jungen
serbischen Literatur daheim eine so überflüssige und die allgemeine
Literaturentwicklung hemmende Konkurrenz grossgezogen würde. [9]

Die Volkepik und Volklyrik mit den übrigen mündlichen
Überlieferungen reichten bei der illiteraten Menge vollkommen aus, die
Bedürfnisse nach anregender Unterhaltung und Belehrung über die
Vergangenheit zu befriedigen. Die Kunstliteratur der moslimischen
Slaven in Herceg-Bosna verfolgt aber, mit geringer Ausnahme, der
Hauptsache nach paraenetisch-didaktische Zwecke. Ein grosser Teil
dieser Literatur besteht aus Wörterbüchern und Sammlungen von
Redensarten behufs Erlernung der arabischen und türkischen Sprache.

Die Kunstschriftsteller der moslimischen Slaven scheinen gar keine
Kenntnis weder von der älteren noch von der gleichzeitigen
südslavischen Literatur gehabt zu haben, sonst hätte der erste
bekannte Vertreter dieser Richtung Potur Uskufî (der ungenannte
Renegat aus Dolnje Skoplje) in dem Einleitungpoem zu seiner
Liedersammlung im Jahre 1630 die unrichtige Behauptung wohl nicht
ausgesprochen:


    Zwar schrieb schon mancher manches schöne Wort
    Gleich Edelsteinen alle, schmuckster Sorte;
    Allein auf Bosnisch ward noch nichts geschrieben;
    Prosa wie Dichtung sind da Null geblieben.


Derselbe hat einige scherzhafte poetische Episteln, mehrere Liebelieder
und viele Sprüche in Vierzeilen verfasst. Unter den moslimischen
Slaven in Bosnien ist sprichwörtlich sein Ausspruch:


    Uči piši, radi vrlo, da ne budeš ĭzločest. [10]


    Lerne, schreib’ und arbeit’ emsig, sonst wirst du ein
                                                        Taugenichts.


Dr. Otto Blau, in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts
preussischer Konsul zu Sarajevo, hat die Lieder Uskufîs und noch
einiger anderer Dichter dieser Art, mit Übersetzung und sprachlichen
Erläuterungen einbegleitet, im V. Band der Abhandlungen für die
Kunde des Morgenlandes (herausgegeben von der morgenländischen
Gesellschaft) publiziert. In der Wertschätzung dieser Erzeugnisse
scheint mir Blau viel zu hoch ausgeholt zu haben. Die eigentlich
schönen Lieder sind direkt türkisch und nur durch slavische Zeilen
versetzt; sie sind auch nicht in der Mischsprache verfasst. Ähnliche
Gemengsel von Versen in verschiedenen Sprachen, z. B. der deutschen
und der lateinischen, der polnischen und lateinischen oder der
polnischen und deutschen, sind auch bei uns wohl bekannt. Oskar Kolberg
bietet in seinem monumental-klassischen Sammelwerke polnischer
Volküberlieferungen eine stattliche Reihe derartiger Dichtungen [11]
dar.

Recht hübsch ist wohl die Liebeklage El-Abd-Mustafas, des Bošnjaken,
die in Blaus Nachdichtung also lautet:


    Wo bist du geblieben, mein trautestes Lieb?
    Lang schon ist’s her, und ich sah dich nicht!
    Bei Gott, du bist mehr als das Leben mir lieb!
        Lang schon ist’s her, und ich sah dich nicht!

    Lang schmacht’ ich, o Herz, dich einmal zu umfahn,
    Ich seufze, seit dich meine Augen nicht sahn;
    Mein Herz sehnt nach dir sich, o glaube daran!
        Lang schon ist’s her, und ich küsste dich nicht!

    Ich sag’s dir: o du meine Seele und Wonne,
    Du bist wie ein Sträusslein von Rosen so schön.
    O fleuch nicht vor mir, meine strahlende Sonne!
        Lang schon ist’s her, und ich sah dich nicht!

    Dem Blatte gleich, welk’ ich, mein Herzblatt, um dich.
    Mein Auge weint Ströme von Zähren um dich.
    O Herrin, vor Kummer verzehre ich mich!
        Lang schon ist’s her, und ich herzte dich nicht!

    Die Wange dein blüht wie ein Waldröslein rot.
    Schwarzdrossel zum Schmuck ihren Frohsinn dir bot.
    Wer dich liebt, dem tät eine Schlinge wohl not.
        Lang schon ist’s her, und ich umschlang dich nicht.

    Verbirg dich vor mir nicht, o komm doch heraus!
    Sonst hauch’ ich mein Leben noch ohne dich aus:
    Wo bist du, mein Schatz! sprich, wo hältst du jetzt Haus?
        Lang schon ist’s her, und ich küsste dich nicht.

    Du merkst nicht, o Freundin, die Tränen so schwer,
    Wenn trauernd ob Deiner ich irre umher
    Und klage Weh, wenn ich dich sehe nicht mehr.
        Lang schon ist’s her, und ich sah dich nicht.

    Bei Gott! ich bin dein, wie’s ein Waisenkind ist!
    Verdirb es, verwirb es, wie Dir es erspriesst!
    Schlag, Nachtigall, schlage, wo immer du bist!
        Lang schon ist’s her, und ich sah dich nicht.


Solcher Liedchen enthält Blaus Sammlung mehrere; das sind aber auch
die besten Stücke des moslimisch-slavischen Kunstschrifttums, soweit
ich es kennen gelernt habe. Auf meiner ethnographischen Forschungreise
in Bosnien und dem Herzogtum habe ich dieser Literatur nebenbei einige
Aufmerksamkeit gewidmet und an 24 Handschriften gesammelt, die zu
dieser Literatur gehören. Alle sind mit arabischen Buchstaben
geschrieben. Mit solchen Schriftzeichen sind vor 45 Jahren zu
Konstantinopel zwei Broschüren für die moslimischen Slaven
Herceg-Bosnas gedruckt worden. [12]

Uskufî ist der bekannteste von den Kunstdichtern unter seinen
Glaubensgenossen. Man zeigte mir zu Skoplje an dem Vrbasflüsschen sein
ehemaliges Heim und auf der Ruine von Prusac sein Lieblingplätzchen,
von wo aus man einen herrlichen Ausblick auf das tiefe und breite Tal
und auf die Höhen der Čardak Planina geniesst.

Am meisten verbreitet sind im Volke die sogenannten Avdijen, das sind
Ratschläge eines Vaters an seinen Sohn Avdija. Darnach nennt der
slavische Moslim solche Gedichte kurzweg Avdije, ohne Rücksicht
darauf, ob sie den Namen Avdija enthalten. Es unterliegt keinem
Zweifel, dass die Avdijen als blosse Übersetzungen, vielleicht
Umarbeitungen türkischer oder vielmehr arabischer Vorlagen sind. [13]

Jeder Moslim lernt in Bosnien und im Herzogtum vom Gemeindelehrer, vom
Chodscha (hodža) türkisch lesen und schreiben und die unumgänglich
notwendigen Suren des Koran; überdies muss er eine Avdija auswendig
kennen. Auch Mädchen haben die Avdija inne. Ein kleines,
fünfjähriges Töchterchen eines Beg (Edelmannes) in Maglaj an der
Bosna sang mir in näselndem Tone eine Avdija vor. Sie hatte sich mit
kreuzweis unterschlagenen Beinen auf dem Boden niedergekauert und
wiegte rhythmisch den Oberkörper nach rechts und links.

Erwachsene näseln gleichfalls recht monoton die Avdija herab, nur
ist’s Gebeutel krampfhafter; dabei rollt der Rezitator mit den Augen
hin und her und schneidet Grimassen, als handelte es sich um Sein oder
Nichtsein. Der Orientale kennt überhaupt das ruhige Erzählen nicht
wie wir, er singelt immer nach gewissen Rhythmen und hält viel auf
Pathos. Jeder Blick und jedes absichtliche, wenn auch noch so leise
Zucken mit den Brauen oder dem Munde, alles hat seinen besonderen
tiefen Sinn und Wert. In die geringfügigste Kleinigkeit weiss der
Orientale etwas hineinzugeheimnissen. Seine Mimik dient zur plastischen
Hervorhebung seiner Rede. Er spricht nicht bloss, um zu sprechen, er
will den Zuhörer auch gleich durchdringend überzeugen. Er spricht
nicht bloss mit dem Munde, er spricht zugleich mit dem ganzen Körper.
Die Mimik wird zum Kommentar der Worte.

Aus diesem Grunde ist eine Avdija für den slavischen Moslim von
weitaus höherer Bedeutung, als sie uns erscheinen mag, die wir leicht
geneigt sind, eine Avdija als eine Reihe zusammenhangloser, zum Teil
recht einfältiger Aussprüche zu betrachten. Lehrsätze dieser Art
kennt übrigens auch der nichtmoslimische Slave in Herceg-Bosna. Er
legt sie den Waldfräulein, den Vilen, in den Mund. Jede Sentenz hebt
also an:


    Govorila vila sa zelene st’jene.

    Es sprach die Vila von der grünen Felswand herab.


Ein Spruch lautet z. B.:


    ne prelazi na četir noge mosta.

    Auf vier Füssen überschreite keine Brücke.


d. h. der Reiter soll vom Pferde absteigen und das Pferd am Zügel
führend über die Brücke gehen. Die Brücke kann ja morsch sein.
Darum ist Vorsicht notwendig. Unter anderen lehrt einmal die Vila
gleich der Pseudosybille: μὴ προβάδην ἰὼν οὐρήσῃς. Auch vom Sattel
herab soll man es nicht tun.

Das zweite Stück, das wir hier mitteilen, hat einen gewissen Edhem
ćatib (Schreiber) oder Imam (Vorbeter in der Moschee), wie er dies am
Schluss des Gedichtes selber anführt, zum Verfasser. Wann und wo er
gelebt, darüber habe ich nichts in Erfahrung bringen können. Sein
Aufenthaltsort dürfte wenigstens zeitweilig zu Zenica in Bosnien
gewesen sein, da er sein Gedicht an die Edelfrauen von Zenica richtet.
Wohl hat er das Lied in einer Zeit geschrieben, als sich die
moslimischen Edelleute von Zenica durch bedeutenderen Reichtum
auszeichneten, so dass sich ihre Frauen der Putzsucht ergeben konnten.

Sowohl die Avdijen als Edhems Gedicht haben durch die Randbemerkungen,
die von Abschreibern in den Text aufgenommen wurden, stark gelitten.
Öfters sind auch die Verse kunterbunt durcheinandergemengt.
Konjekturalkritik an diesen Texten zu üben, ist kaum statthaft; man
muss sie eben hinnehmen wie sie sind.

Mit der Verskunst der moslimisch-slavischen Kunstdichter ist es nicht
weit her. Die Maasse sind der arabischen und türkischen Verstechnik
entlehnt. In unseren Proben herrscht der achtsilbige trochäische Vers
vor. Je drei Verse enden auf gleichen Reim. Übrigens sind ein
gleichmässig durchgeführtes Metrum, reiner Reim, Korrespondenz der
Strophen und dergleichen Forderungen der Metrik unseren Dichtern
ziemlich Nebensache. Vielleicht fällt ein Teil der Schuld auch auf die
Abschreiber. Potur Uskufî hat wohl am meisten gute Verse aufzuweisen.
In der Prosa befleissigten sich unsere Moslimen der Nachbildung
arabischer Makamen, ohne aber die Vorbilder auch nur annähernd zu
erreichen. Es sind eben schüchterne Versuche.

Dr. Blau hat seinen Uskufî und die anderen Dichter in versifizierter
deutscher Übersetzung wiedergegeben, freilich auf Unkosten der
Genauigkeit. Wir übersetzten Edhem des Imams Ermahnungen an die Frauen
von Zenica gleichfalls in Versen und teilen hier die ersten drei
Strophen als Probe mit:


        Horcht, ich werd’ euch etwas sagen,
    Werde keine Lügen sagen.
    Lasst euch jetzt von mir beraten,
    Ich erzähl’ von euren Taten.

        Achtet auf des Gatten Rede,
    (Seid ihr wahrhaft Edelfraun)
    Stellt euch Frauen niemals blöde,
    Tut zur Unzeit niemals spröde,
    (Gott und eurem Mann ergeben)
    So gewinnt ihr ’s Himmelreich.

        Jede Frau hat’s Ohr verpicht
    Folgt sie ihrem Manne nicht,
    Satan spuckt ihr ins Gesicht.
    Merkt euch’s wohl, o Edelfraun!


Wir wollen unsere Vorlagen doch lieber in guter Prosa darbieten, schon
um der getreueren Verdeutschung willen. Es widerstrebt auch unserem
Formgefühl, so schlechte deutsche Verse, wie es die slavischen der
Originale sind, zu machen. Bessere darf ja füglich der Übersetzer
nicht substituieren, denn das wäre in gewissem Sinne auch eine
Entstellung des ursprünglichen Bildes. Sollten die Diktion und die
Wendungen der Originale in der Übertragung ganz getreu sich
abspiegeln, so müssten für die slavischen Fremdworte auch im
Deutschen fremde, beispielsweise französische, Ausdrücke eingesetzt
werden. Das wäre aber zu viel des Guten.

Wir beschränken uns hier auf die Wiedergabe zweier sowohl sprachlich,
als inhaltlich für die ganze moslimisch-slavische paraenetische
Literatur besonders charakteristischer Texte, die sich auch durch
Kürze auszeichnen: auf das Gedicht Edhems und die Avdija: oh drvišu
otvor oči.

Die Avdija ist für den südslavischen Ethnographen eigentlich
belanglos. Es ist ein moslimisches Lehrgedicht in überwiegend
slavischen Worten, weiter nichts. Die darin enthaltenen religiösen
Vorschriften sind freilich zum grossen Teil allgemeiner Natur, sofern
als sie Grundzüge der Moral enthalten, die den Ariern und den Semiten,
den Arabern nämlich, gemeinsam sind.

Weitaus bedeutsamer ist Edhems Gedicht, das einen Zuchtspiegel der
Frauen vorstellen soll. Ich habe die soziale Stellung des Weibes bei
den Südslaven schon öfters beleuchtet, z. B. in meinem Buche »Sitte
und Brauch der Südslaven«, Wien 1885, S. 482—529, dieses
hochwichtige Kapitel ist aber noch lange nicht zu Ende geschrieben.
Sowohl bei den Südslaven als bei den Orientalen (den Türken und
Arabern) hat das Weib seit den ältesten Zeiten einen sehr
untergeordneten Rang eingenommen. Die orientalischen Anschauungen
klangen in dieser Beziehung dem Serben gar nicht besonders fremdartig.
Sie sagten ihm beinahe noch mehr zu wegen ihrer grösseren Strenge und
Rücksichtslosigkeit. Wenn bei den Serben, dem Bauernvolke in Serbien,
Bosnien, im Herzogtum, in Slavonien und teilweise selbst in Chrowotien
die Frauen mit den Männern gemeinschaftlich an einem Tische nicht
essen, wenn sich die Frauen vor Fremden nicht zeigen dürfen, wenn sie
des Mannes geringe Dienerinnen und Lastträgerinnen sind, so mögen die
Südslaven in dieser sozialen Einrichtung von den Türken nur noch
bestärkt worden sein. Manche Härte im Brauche der Südslaven mag das
Türkentum und Arabertum verschuldet haben. Den stattgefundenen
Einfluss können wir derzeit noch nicht genauer bestimmen. Uns liegt es
vorderhand ob, die Erscheinungen und Tatsachen aufs gewissenhafteste zu
fixieren. Soviel aber darf man getrost sagen, dass die nüchternen
Strafreden und Zurechtweisungen, die Edhem an Frauen, und noch dazu an
Edelfrauen (Kadune) richtet, in dieser rohen, witzlosen Art kein
Seitenstück weder in der christlich- noch moslim-slavischen
Volksliteratur des Serbenstammes finden. Edhem verrät sich als das
pedantische Schulmeisterlein mit der Schmitzrute als dem unfehlbaren
Attribut; nur lässt er diesmal seine gestrenge Gesinnung zur
Abwechslung einmal die hochgestellten Frauen fühlen. Er hat das
Bedürfnis, als Sittenverbesserer sich recht bemerkbar zu machen. Um
auf jeden Fall sicher zu gehen, borgt er seine Weisheit
türkisch-arabischen Autoritäten ab. In der Meinung, dass er etwas
besonders Gediegenes zu stande gebracht, fordert er zum Schluss seiner
Ermahnungen die Frauen noch auf, sie möchten seiner, des
»liebwerten« Edhem, gedenken.

Vergleicht man die Erzeugnisse der Kunstliteratur der moslimischen
Slaven mit ihrer Volkliteratur, so muss man wohl eingestehen, dass die
erstere mit der letzteren gar keinen Vergleich verträgt.

Die Avdija lautet im Texte (die Fremdworte sind hier kursiv gedruckt):


        Oh drvišu otvor oči,
    batiluka ti ne uči
    tefhit srcom pravo uči;
    sevap hoćeš, nefsa muči.

O Derwisch, öffne die Augen, lehre keine Schlechtigkeiten, lehre vom
Herzen recht die Einheit Gottes. Wenn du Belohnung willst, quäle die
Seele.

    Krivo nikom ti ne čini,
    haka na hak ti ne čini,
    hair što je ono čini,
    dunjaluka mejl ne čini,
    zićir boga puno čini.

Tue niemandem Unrecht an, tue kein Unrecht (unter dem Scheine von
Recht). Was Segen bringt, das sollst du tun. Hege keine Neigung für
weltliche Dinge. Ruf oft Gott an.

    Allah, allah aškila jahu.
    Rizaluka puno čini
    i za zićir misô podaj,
    selameta duši gledaj, allah (etc.).

Übe viele gottgefällige Werke aus und richte deine Gedanken auf die
Anrufung Gottes, sei besorgt für dein Seelenheil.

      šučur čini kad je kolaj,
    sabur čini kad je belaj
    zalaleta ti ne gledaj,
    tahret nefsu dobro podaj,
    zulum nefsa dizgin ne daj,
    amel čini, sunet gledaj,
    gaflet digni ter pogledaj.
    Fars štogod je ono čini,
    kazajeta sve naklanjaj.

Erweis dich dankbar, so oft es nur möglich ist; drückt dich die Not,
sei geduldig. Geh nicht auf Irrwege, verleihe wohl der Seele Reinheit,
lass der herrschsüchtigen (ungerechten) Seele die Zügel nicht
schiessen (amet čini?), beobachte die Überlieferung. Behebe die
Sorglosigkeit und öffne die Augen; halt das Zeremoniell ein; neig dich
immer der Gerechtigkeit zu; halt dich an die gute Sinnart und hüte
dich stets vor gemeiner Gesinnung.

      Ti se drži l’jepe huje,
    sve se čuvaj murdar huje.
    Nehi što je ono bježi,
    već se prava puta drži.
    Laf ne čini i ne laži
    jer sirrija laži ne će.
    U elifu sirra traži, allah (etc.).

Fliehe vor dem Verbotenen, vielmehr halt dich stets an den geraden Weg.
Schwätz kein leer Gewäsch und lüge nicht, denn Sirrija verabscheut
(mag nicht) die Lügen. Im Genossen suche Sirrija usw.

      U pamet se ti obuj,
    terk učini alčak huju,
    dragom bogu ti robuj.

      Ti nikoga ne muči,
    svoje srce poturči
    hevhit srcem sve uči.
    Sve nek ti je ašk’ ullah
    a na srcu fićr’ ullah
    na jeziku zićr’ ullah, allah (etc.).

Hüll dich in Verstand ein, und gib auf die tölpelhafte Sinnart. Diene
dem lieben Gott. Du sollst niemand quälen. Dein Herz bekehre zum
Türkentum. Lehre fortwährend mit dem Herzen die Einheit Gottes. Immer
sei dir Allah lieb; auf dem Herzen soll dir der Gedanken an Gott, auf
der Zunge der Name Gottes liegen.

      U gafletu ne budi
    brez avdesta ne hodi
    srcu jezik ugodi.
    Nemoj biti bi nemaz,
    vaktom hajde na nemaz,
    bogu ćini sve niaz.

Gib dich der Sorglosigkeit nicht hin; geh nicht ohne Waschung einher,
passe die Zunge dem Herzen an; sei nicht ohne Gebet (ohne gebetet zu
haben), geh pünktlich zum Gebet und bezeuge Gott immerfort Verehrung.

      Ovi svijet kilu kal,
    ašk ne čini ti na mal
    već nauči ilmi hal, allah (etc.).

Diese Welt ist ein leeres Gewäsch. Hege keine Liebe zu weltlichen
Gütern, sondern lerne den Katechismus (die Glaubenssatzungen)
auswendig usw.

Gr’jehovâ se pokajati,
šerijata sve gledati
od insana u kraj bježati.

Die Sünden sollst du bereuen und immerdar das göttliche Gesetz
beachten, (und) den Menschen aus dem Wege gehen.

      šućur ćini daima
    i za muke lastima
    srce nek ti je daima, allah (etc.).

Sei immer dankbar und besonders hege dein Herz für die Mühen
Dankbarkeit. Allah usw.

      Ako hoćeš mumin biti
    valja srce očistiti
    boga zićir učiniti,
    grihovâ se pohajati
    šerijata sve gledati
    na grijeh se ne varati
    dragom bogu robovati.

Willst du ein Gläubiger sein, so musst du dein Herz reinigen und
Gottes gedenken; die Sünden bereuen, das göttliche Gesetz beobachten,
auf die Sünde sich nicht betrügen (sich durch die Sünde nicht
verführen lassen) und dem lieben Gott dienstergeben sein.

      Vi slušajte amr’ ullah
    a na srcu sve činite zićir allah.

    Ovi svijet sve će proć
    po dušu će meleć doć
    već je nama do pomoć, allah (etc.).

Ihr sollt dem Befehl Gottes gehorchen und im Herzen allezeit den
Gedanken an Allah hegen. Diese Welt wird samt und sonders vergehen, der
Engel wird kommen um die Seele (abzuholen); wir stehen auf Hilfe an,
Allah usw.

    Nut pogledaj sirrije
    sve turčine miluje,
    i dan i noć kazuje allah (etc.). [14]

Nun schau dir an den Sirrija, der tut fortwährend den Türken schön
und spricht so bei Tag als bei Nacht: Allah, Allah aškila jahu.


»Edhems Ermahnungen.« Sie sind in einem von Fremdwörtern reineren
Slavisch als die Avdija gehalten und für die Frauen leichter
verständlich, während die Avdija manchen Ausdruck darbietet, den der
Lehrer in der Schule erst erklären muss. Vom V. 27–29 ist der Text
verderbt. V. 28 muss wohl lauten: slušajte vi svoje majke. V. 29: o
kadune na vijeke (Befolgt o Edelfrauen die Ratschläge eurer Mütter
bis in Ewigkeit).


      Slušajte što ću vam ja kazat,
    ne ću vam laži ja kazat;
    nasihet vi uzmite od mene
    pa ćete mlogo čut od sebe.

Hört, was ich Euch sagen werde. Ich werde Euch keine Lügen sagen.
Nehmt Rat an von mir, und Ihr werdet viel von Euch zu hören bekommen.

       Muža dobro slušajte;
    ako ste vi kadune ikolko
    a vi lude ne bu(d’)te
    mužu ugodne bu(d’)te,
    bogu robinje i svom mužu
    ter u dženet uho(d’)te.

Hört wohl auf des Mannes (Gatten) Wort. Seid Ihr auch nur ein wenig
Edelfrauen (= habt Ihr etwas vom Adel in Euch) so seid nicht närrisch;
seid dem Gatten angenehm, Dienerinnen Gott und Eurem Manne: und
fürwahr, Ihr kommt ins Paradies.

      Svaka žena zagluša
    koja čojka ne sluša,
    šejtan njome brukuša
    neka znate kadune.

Jedes Weib ist törisch (= schwerhörig), welche ihrem Mann nicht Folge
leistet. Der Satan treibt sein (frevelhaft) Spiel mit ihr; wissen sollt
Ihr’s Edelfrauen!

      što muž reče ne radite
    već se š njime inadite
    mužu hator sve kvarite,
    ružno po vas kadune.

Was der Mann sagt, das mögt Ihr nicht tun, vielmehr zankt (hadert) Ihr
mit ihm; Ihr verderbt dem Manne jede Lust. Das ist schimpflich für
Euch, o Edelfrauen!

      Mužu hizmet činite,
    l’jepo š njime živite;
    dobroga se bojite
    ružnom smrti ne mrite.

Seid dem Manne dienstbar (bedient ihn), lebt gut mit ihm. Fürchtet
Euch vor dem Guten, (damit) Ihr nicht eines garstigen Todes sterbet.

      Koja muža imade
    hak muževlji ne znade
    u džehennem ona ide,
    odveće je udavana.

Die einen Mann besitzt und von Mannesrechten nichts wissen will, die
geht zur Hölle, die ist zum Überfluss verheiratet (= besser wäre es,
sie wäre nicht verheiratet).

      Ako će biti i mati
    kad vas na zlo navrati
    ne valja poslušati
    neka znate kadune.

Und wäre es selbst die Mutter, wenn sie Euch zum Bösen lenkt, sollt
Ihr nicht folgen. Ihr sollt es wissen, o Edelfrauen!

      Kogod ima pameti
    (p) a ako će bit za vratim
    valja njega slušati,
    neka znate kadune!

Wer immer Verstand hat (den Verständigen), und mag er selbst hinter
der Türe (wie ein Bettler) stehen, so muss man seinem (Rate) Folge
leisten. Ihr sollt es wissen, o Edelfrauen!

      Pamet berte u glavu
    ter vi ho(d)te u pravu
    ter ne ho(d)te tamo amo
    â moje l’jepe kadune!

Verstand sammelt in den Kopf und geht den geraden Weg: und lungert
nicht hin und her herum, o meine schönen (braven) Edelfrauen!

      U džennet igjite za rana
    poslušajte korana
    čuvajte vi imana
    moje drage kadune!

In den Himmel geht Ihr frühzeitig ein, (wenn Ihr) den Koran befolgt;
den Glauben bewahrt, meine lieben Edelfrauen!

      čuvajte dobro mene vi,
    u dobro se zabavi,
    ne ljutite muža vi
    oj Zeničke kadune!

Achtet wohl (gut) auf mich; beschäftigt Euch mit Gutem, ärgert den
Mann nicht, o Ihr Edelfrauen von Zenica!

      Brez izuna kad hodi
    lanet na nju dohodi
    u džehennem odhodi.

Wenn sie ohne Erlaubnis ausgeht, kommt der Fluch auf sie, und sie
fährt in die Hölle hinab.

      Ona žena nesretna
    koja čojka namuči
    vrag je na zlo nauči,
    doće joj šejtan na oči
    kadno stane mrijeti.

Jenes Weib ist unglücklich, welches den Mann satt quält, der Teufel
lehrt sie Böses (tun) an. Es wird ihr in der Todstunde der Teufel vor
die Augen treten.

      Koja čojka rasipa
    nije ona žena lipa
    ona gora nego slipa
    ružna puno do vika.

Die ihres Mannes (Habe) verschwendet, das Weib kann nimmer schön sein,
sie ist ärger (unglückseliger), als wäre sie blind; sie ist viel
garstig bis an ihr Ende.

      Koja čojka ne će obuć
    u srcu joj pukla žuć
    tako dila kano lugj. [15]

Die ihren Mann nicht ankleiden [16] will, der soll im Herzen die Galle
zerplatzen, sie handelt wie ein Verrückter.

      Lajk je žena kaduna!
    kad se gizdaš dukatim
    zakat valja davati
    od onijeh dukati
    sve od groša po paru.

Es ziemt sich (ist ihrer würdig) für eine Edelfrau, wann Du Dich mit
Dukaten schmückst, musst Du auch Almosen spenden, von jedem Dukaten,
auf jeden Piaster eine Para.

      Sve zine uiše
    i vlah krstu uiše
    i azap doiše
    bojte se boga kadune!

Alles liebt Kostbarkeiten, und auch der Christ liebt das Kreuz (als
Schmuck zu tragen), fürchtet Gott o Edelfrauen!

      Ne spavajte po svu noć
    bu(d)te mužu od pomoć
    uč’te buni u ponoć
    Umisli se ti u dragog Edhem ćatib’ jal imama.

Schlaft nicht die ganze Nacht. Seid dem Manne eine Hilfe. Lernet dieses
um Mitternacht. Vertief dich in Gedanken an den liebwerten »Edhem den
Schreiber oder Imam«.


Es erübrigt noch, einige sachliche Bemerkungen über das
Sprachmaterial dieser eigenartigen Literatur zu bieten, was um so eher
gerechtfertigt erscheint, als der bosnisch-türkische Dialekt bisher
nur in zwei oder drei Abhandlungen wissenschaftlich erörtert wurde.
Dem grossen Kreise der Gebildeten blieb er aber sozusagen unbekannt.
Und doch könnte niemand in Abrede stellen, dass eine eingehende
Bearbeitung dieses Sprachmaterials in zweifacher Hinsicht nutzbringend
ausfallen müsste. Denn wir haben es hier mit der seltenen Erscheinung
zu tun, dass zwei ganz fremde Elemente — Zweige des indogermanischen
und des turanischen Sprachstammes nämlich — zusammentreffen,
teilweise ineinander verschmelzen und übergehen. Man hat daher
Gelegenheit, die Gesetze der Lautwandlungen an einem ursprünglichen
Beispiele beobachten zu können. Weiters aber wird sich ein
unmittelbarer praktischer Nutzen für die türkische Lexikographie
herausstellen, wie auch manche in anderen slavischen Sprachen
anzutreffenden Ausdrücke, über deren Provenienz bisher gewagte
Hypothesen aufgestellt wurden, nunmehr in anderem Lichte erscheinen
müssen. Besonders der mit Rücksicht auf die noch unfertige türkische
Lexikographie zu erwartende Fortschritt kann bedeutend werden, indem
nicht nur eine mässige Bereicherung des türkischen Wortschatzes zu
erhoffen ist, sondern auch eine Richtigstellung der vorhandenen
Wörterbücher. Es ist in der Tat auffallend, dass Bianchi, Jenker
u. a. Verfasser türkischer Wörterbücher für Ausdrücke
unzweifelhafter slavischer Abstammung das Polnische als Quelle
annehmen, während es doch notorisch ist, dass die Osmanen niemals in
dauernder intimer Berührung mit dem Polenreiche standen. Schon Blau
hat auf diesen Umstand hingewiesen, der sicherlich Beachtung verdient;
und eine aufmerksame Vergleichung der gangbaren Lexika mit dem bisher
gesammelten bosnisch-türkischen Wortschatze wird zu dankenswerten
Korrekturen Anlass geben.

Die Anführung der aus der Beobachtung des Übergangs türkischer
Ausdrücke oder Stämme auf slavischen Sprachboden gewonnenen Regeln
und Gesetze gehört schon aus dem Grunde nicht hieher, weil sie bei dem
Leser die Kenntnis beider Sprachen voraussetzt. Ebensowenig können wir
hier eine Bereicherung des Wortschatzes anstreben, da eine solche
Arbeit nur dann wissenschaftliche Berechtigung beanspruchen könnte,
wenn sie in möglichster Vollständigkeit geboten würde.

Die bosnischen Moslimen, die sich nur durch den verschiedenen Glauben
von ihren christlichen Landsleuten unterscheiden, bedienen sich — wie
schon früher bemerkt — bei ihren Aufzeichnungen der arabischen
Schriftzeichen. Einerseits mag die aus dem Koranstudium sich ergebende
Notwendigkeit, das arabische Alphabet zu kennen, und anderseits der
Wunsch, sich vor ihren geringgeschätzten andersgläubigen Mitbürgern
in jeder Hinsicht auszuzeichnen, diesen Brauch gezeitigt haben, der als
eine der Hauptursachen für die Entstehung der bosnisch-türkischen
Mischsprache angesehen werden kann. Denn es ist unzweifelhaft, dass
hier mehr oder weniger bewusste Absichtlichkeit vorliegt. Es galt vor
allem, die Sittenlehren des Islam unter den neuen Gläubigen zu
verbreiten, und hiezu musste eine Form zweckmässig erscheinen, die —
indem sie die schwer übersetzbaren, wichtigen Ausdrücke in ihrer
ursprünglichen türkischen oder arabischen Form übernahm, — sie
doch kommentierend dem Alltagverstand zugänglich machte. Wir sehen
auch, dass nahezu alle auf Religion, Moral, Seelenleben bezüglichen
Ausdrücke dieses Dialektes türkisch sind. Um aber zu verhüten, dass
die ursprüngliche Bedeutung der wichtigen Ausdrücke in der
Übersetzung verloren gehe, hat man das ihnen eigene arabische Gewand
beibehalten, und so war die Grundlage gegeben, auf der sich diese
Literatur in orientalischem Gewande entwickeln konnte.

Nun ist aber zu bedenken, dass die arabische Schrift der türkischen
Sprache selbst durchaus fremd ist und dass sie sich nur widerwillig dem
ihr auferlegten Zwange fügt. Bekanntlich reicht das arabische
Schriftsystem zur Vokalbezeichnung nicht aus, und gerade die türkische
Sprache mit ihrer hoch entwickelten Euphonie und ihren vielen
Vokallauten bedarf einer genauen Unterscheidung. Eine Folge dieses
Umstandes ist die sehr mangelhafte türkische Orthographie, für die
gangbare feste Regeln aufzustellen viele Männer — aber leider!
bisher vergeblich — sich abmühten. Auch die Araber fühlen das
Unzulängliche ihrer Schriftmethode, und in neuerer Zeit sind
Bestrebungen zu verzeichnen, die unter Beibehaltung des arabischen
Alphabets doch eine genauere Orthographie und vor allem bessere
Bezeichnung der Selbstlaute zum Zwecke haben. In diesen mangelhaften,
von vornherein unzulänglichen Apparat wurde nun eine slavische Sprache
hineingezwängt, die bei ihrem grossen Vokalreichtume hiezu ganz und
gar ungeeignet ist. Unmittelbare Folge war eine unbeschreibliche
Verwirrung der Orthographie, die das Lesen und das Verständnis der
Texte erschwert, ja letzteres stellenweise unmöglich macht. In den
vorhandenen sechs Manuskripten des mit »Hajd Avdija ti na vaz«
beginnenden Lehrgedichtes kommen in jedem Vers, in jeder Zeile so viel
orthographische Varianten vor, dass man — um eine Vergleichung zu
ermöglichen — alle sechs Texte vollinhaltlich hersetzen müsste.

Der hier benützte Text ist der deutlichste von allen und beweist durch
eine gewisse Stetigkeit der Orthographie, dass der Schreiber ein
gebildeterer Mann gewesen. Zu erwähnen ist noch, dass die von mir
gesammelten bosnisch-türkischen Handschriften vielleicht alle aus der
zweiten Hälfte des XIX. Jahrhunderts stammen und daher in ihrer argen
Unbeholfenheit ein Bild eines halbverflossenen bosnischen Schrifttums
gewähren.

Dass diese bilingue Literatur nie tiefere Wurzeln im Volke zu fassen
vermochte und stets nur ein bestimmten Zwecken dienendes Kunstprodukt
blieb, ist klar. Die nur wenigen verständlichen Texte erschwerten die
Verbreitung der einzelnen Gedichte und waren auch Ursache, dass sie —
mit zunehmender Verbreitung — immer mehr von der ursprünglichen Form
abweichen. So kommt es, dass die vorhandenen Gestaltungen eines und
desselben Gedichtes starke Abweichungen zeigen, indem in einzelnen ganz
neue Verse und Strophen auftauchen, in anderen wieder der Wortlaut
nicht übereinstimmt. Diese Abweichungen sind indes nicht
ausschliesslich auf Rechnung der Kopisten zu setzen, denn auch die nach
unmittelbarer mündlicher Überlieferung niedergeschriebenen Texte
ergeben, dass so viele Rezitatoren, so viele individuelle Varianten
vorkommen. Unter solchen Umständen, wo der stoffliche Inhalt allein
massgebend ist, muss freilich die poetische Form allen Wert verlieren;
jedenfalls kann man nicht erwarten, dass sich eine gesunde Kunstpoesie
auf solchem Boden entwickle.

Fassen wir kurz zusammen. Die bosnisch-türkische Mischsprache weist
zwar schon die Merkmale eines Dialekts auf, ist aber doch nicht so tief
in das Geistesleben des Volkes eingedrungen, dass man sie als die
hervorragend charakteristische Eigenschaft der ganzen bosnischen
Volkindividualität betrachten müsste. Ihre Berechtigung datiert von
dem Augenblicke an, als sich die Bošnjaken aus
Nützlichkeitrücksichten dem türkischen Wesen anzupassen begannen,
und hört mit dem Augenblicke auf, seitdem die türkische Herrschaft
nur noch der Geschichte angehört. Vollends der Gebrauch der arabischen
Schriftzeichen ist schädlich, da er als Hindernis gegen die
Verbreitung der Literatur wirkt. Vom praktisch-zivilisatorischen
Standpunkte aus verdienen daher alle auf Erhaltung und Pflege dieser
eigenartigen Literatur gerichteten Bestrebungen keine Förderung. In
neuerer Zeit nennen sich die bosnischen und herzogländischen Moslimen
unter dem Einfluss der Schulbildung bald Serben, bald Chrowoten und
bedienen sich sowohl der cyrillischen als der lateinischen Schrift. Es
gibt auch unter ihnen schon Kunstdichter, die es mit ihren Brüdern auf
den Agramer und Belgrader Parnassen in der Anstrudelung unerweichlich
grausamer Huldinnen erfolgreich aufnehmen. Nur am übermässigen
Gebrauch türkischer Lehnwörter halten sie noch fest. Das
unterscheidet sie von den anderen, die man auch nicht liest und vom
Guslaren, der in der Volksprache singt und überall dankbare
Zuhörerschaften findet.







I. ABTEILUNG.

HEXEN.


I. Der Name.

Der eigentliche slavische Name für Hexe ist vještica, bulg.
vješčirica, für den Hexenmeister viještac. Die Etymologie des
Wortes ist klar. Es bedeutete ursprünglich die Wissende, der Wissende,
die Kundige und hat in Nebenformen noch in der gegenwärtigen Sprache
diese Bedeutung beibehalten; veda slovenisch: das Wissen; neveda ein
Unwissender; vedavica Kartenaufschlägerin (Russ. vēdma die Hexe);
vedovin fatidicus, vijest Wissen, Nachricht, Bewusstsein; vijestnik der
eine Nachricht bringt, Bote; vještina peritia, Findigkeit; vještak
peritus, ein Kundiger, ein Wissender = viještac, diese Nebenform für
Hexenmeister, sowie viještka und vještica zur Bezeichnung einer Hexe
dient; nago-viještati zu erraten suchen; izvjedjavati in Erfahrung zu
bringen suchen, auskundschaften; vještati zaubern, hexen. Vještica
bezeichnete ursprüngliche eine weise Frau. (Vgl. über diese Benennung
Grimm, D. M. 987.) In vielen Gegenden, namentlich ist dies für
Dalmatien bezeugt, scheut man in Gegenwart von Kindern vještica zu
sagen und gebraucht dafür die Euphemismen krstača oder rogulja (auch
roguša) [17]. Krst bedeutet Kreuz [18] und Krstača (von χριστός)
ist wohl die mit einem Kreuz Gezeichnete, die Hexe [19]. Rogulja nennt
man eine Hexe zweifelohne deshalb, weil man sie sich zuweilen, wohl
anknüpfend an die Vorstellung vom gehörnten Teufel der christlichen
Kirche, gehörnt denkt. In Slavonien hörte ich öfters Kühe, die
recht grosse Hörner hatten, mit dem Namen »Rogulje« rufen. Im
chrowotischen Küstenlande scheint das Wort vještica vollständig von
dem italienischen Lehnworte štriga verdrängt worden zu sein [20].
Unter den Slovenen und den Kaj-Chrowoten hat das deutsche Wort Zauberin
in der verhunzten Form copernica (masc. coprnjak, inf. coprat,
zacoprat, partic. zacopren) volles Bürgerrecht erlangt. Man gebraucht
das Wort auch in Slavonien, doch ganz in dem Sinne wie in Deutschland.
In Bosnien, dem Herzogtum, in Serbien und Bulgarien ist es unbekannt.
Die Ausdrücke coprati, coprija, copernik und coprnica finden sich
schon in den ältesten slovenischen und provinzialchrowotischen
Wörterbüchern und Texten (Bjelostijenec, Jambrešić, bei Glavinić,
vrgl. die Worte bei Daničić srps. ili hrv. riečnik Agr. 1882).
Daraus ergibt sich, dass sie frühzeitig, wohl schon im Mittelalter,
dem Deutschen entlehnt wurden. Im allgemeinen scheuen sich die
Chrowoten und Slovenen coprnica für Hexe zu sagen, sondern gebrauchen
dafür in mildem Tone die Bezeichnung ‘hmana žena’ (gemeines
Weib); hmana ist das deutsche gemein; »Man nimmt Anstand, sich des
Wortes ‘coprnica’ zu bedienen, weil sonst die Hexen darüber so
sehr in Zorn geraten, dass sie den Betreffenden nächtlicherweile
heimsuchen, ihn in vier Stücke reissen, jedes Stück nach einer
anderen Weltgegend schleudern und hierauf alle Zuchtschweine, Kühe und
Pferde aus dem Hause forttragen.« In Dalmatien bis tief noch in
Serbien hinein wendet man häufig an zur Bezeichnung einer Zaubererin
den Ausdruck maćionica, eines Zauberers: maćionik, einer Zauberei:
maćija. Man erkennt auf den ersten Blick das italienische magia, die
Magie. Zlokobnica (etwa: böse Begegnerin) heisst jedes alte Weib, dem
man in aller Frühe, wenn man das Haus verlässt, begegnet, ehe man
einen anderen Menschen noch gesehen. Eine klassische Stelle [21], die
hier im Wortlaute angeführt zu werden verdient, gibt eine nähere
Beschreibung der Hauptmerkmale, an denen man eine vještica, maćionica
und zlokobnica ohne weiteres voneinander unterscheiden kann: »Slušao
sam od starih adžija i kadija, da svaka vlahinja kad pregje 40 godina
preda se nečastivome te postane vještica ili dajbudi zlokobnica ili
maćionica. Prava vještica ima krst pod nos [22], svaka zlokobnica po
nekolko brčnih dlaka [23], a maćionica namrskana čela i krvave
pečate po obrazu.« (Ich habe von alten Hodžen und Kadis öfters
gehört, dass sich jede Walachin, sobald sie das 40. Lebensjahr
überschritten, dem Gottseibeiuns (nečastivomu) überliefert und eine
Hexe (vještica), oder zum mindesten eine zlokobnica oder maćionica
wird. Eine echte Hexe trägt ein Kreuzzeichen unter der Nase, jede
zlokobnica hat einige Barthaare und eine maćionica hat die Stirne voll
finsterer Falten und Blutflecken im Gesichte.)

Die vještica hat auch den Namen »mora« (die Mar oder Trut), je
nachdem sie als solche auftritt. [24]

Für Zaubern ist der Ausdruck čarati am gebräuchlichsten. [25]

Snkrt. kar machen, tun; lit. kėrėti, kirti (zaubern); ahd. karawan,
ags. gearvjan. čarati für hexen und zaubern (incantare, ueneficium
facere) kommt schon in den ältesten südslav. Wörterbüchern vor. Im
Volksprichwort: čarala baba da ne bude mraza a s jutra snijeg do
koljena. (Das alte Mütterchen hexte, damit kein Frost eintrete, in der
Früh aber lag der Schnee knietief.) Načarati verzaubern; začarati
jemand durch Zauberei verblenden. čâr, incantatio; čara strigamento,
Zauberei; pl. čari, Zaubermittel; čarnik Zauberer, čarnica
Zaubererin; čarovnik magus; čarobija magia; čaralija, čarolija
Zauberei als Begriff, čarka Zauberei in einem besonderen Falle, der
vorliegt, etwa Verzauberung (čaratan und čarataonik Zauberer,
čaratanija Hexerei, sind Lehnworte aus dem Italienischen ciarlatano,
frz. charlatan). Nicht minder häufig gebraucht man für zaubern
činiti. Der Grundbegriff ist derselbe wie in čarati, der des Tuns,
Machens, Snskst. či, sammeln. Opčiniti, počiniti, učiniti
bezaubern; učiniti se sich in etwas verzaubern, verwandeln; začiniti
incantare; čîn, počin, Zauberei, Verzauberung, pl. čini. Tun,
machen bedeutete ursprünglich auch vračati (vrgl. griech. Γεργ)
hexen, wahrsagen, heilen, vračiti, medicari, izvračiti herstellen,
gesund machen; vrač Wahrsager, Hexenmeister; noch vor hundert und
fünfzig Jahren allgemein in der Bedeutung medicus; die Neuslovenen
gebrauchen noch gegenwärtig für Arzt den Ausdruck vračar; vračlja,
mulier, quae sanat, im Wtb. bei Stulić; vračilja sanatrix i. W. bei
Habdelič; vračitelj medicus bei Belost. vračnik medicus. Stul.
vračara, vračarica, Wahrsagerin; eine Frau, die Krankheiten zu heilen
versteht. Vračba, vračtvo medicina, Heilmittel; adj. vračan;
vračljiv medicabilis; nevračljiv immedicabilis. Von derselben Wurzel
auch vrag der Teufel, eigentlich der Arbeitende (vrgl. d. Werk). Die
Vorstellung von einem Höllenteufel kam den Südslaven, sowie den
Slaven überhaupt erst durch die christliche Lehre; vražati so viel
als čarati, ueneficia adhibere, magicam artem exercere, vražalac,
vražalica, vraževnik Zauberer, fascinator; vragoduh malo genio
agitatus; vragometan a daemone obsessus.

Für Zaubern gibt es eine ganze Reihe von Ausdrücken; am
gebräuchlichsten ist bajati (Sskst. bha sprechen, griech. φα, vrgl.
φάναι lat. fama); izbajati durch Zauberei bewirken; obajati behexen;
zabajati incantare; bajiti einen Kranken pflegen; bajac, bajač
Zauberer, incantator; basma, Zauberspruch. Daneben basna Zauberspruch,
Fabel, bajka fabella; bahati colere artem magicam; bahalica maga;
bahoriti fascinum depellere; bahoriti se sich heilen, curieren; bahor,
bahorac, bahorica, bahornik, bahornica Beschwörer und Beschwörerin;
bahorija, bahorstvo Beschwörung.

Für Amulet ist der echtslavische Ausdruck zapis, das Verschriebene.
Skst. pis ritzen, kratzen; hamalija, das gleichfalls Amulet bedeutet
und weit gewöhnlicher als das W. zapis gebraucht wird, ist ein
Lehnwort aus dem Italienischen ammaliamento, lat. amuletum, frz.
amulette. Alle in der Sprache vorkommenden Ausdrücke für Zaubern
ergeben, dass ursprünglich diesen Bezeichnungen an und für sich
durchaus keine schlimme, sondern vielmehr eine gute Bedeutung zukam.
Die Wandlung erfolgte erst durch den Einfluss des Abendlandes.



II. Hexen (Vještice) und Waldfrauen (Vile.) [26]

Je tiefere Wurzeln ein geläutertes Christentum und abendländische
Kultur unter den Südslaven schlagen, desto mehr wird der alte
Volksglaube verdrängt, er gerät allmählich in Vergessenheit; die
alten Glaubenvorstellungen verblassen oder es tritt eine Verwirrung
ein, die es dem Forscher zuweilen recht erschwert, die ursprüngliche
Fassung herauszufinden. In unserem Falle ist dies indessen noch nicht
eingetreten. Wir können noch ganz deutlich den Weg verfolgen, auf dem
der alte Glaube an die »Vile«, die südslavischen Waldfrauen, zu
bösen Dämonen umgewandelt wurde. Die Vilen stellt man sich vor, wie
es aus den älteren Volksliedern ersichtlich ist, als den Inbegriff
aller Frauenschönheit und Vollendung. Sie sind die segenspendenden
Huldinnen der Fluren und Berge, sie sind die Genien der Helden, denen
sie mit Rat und Tat jederzeit beistehen, sie lehren die Kleinen
Gottesfurcht und fromme Sitte und sind frei von jeder Arglist und
Tücke. [27] Sie sind aber unversöhnlich, wenn man ein Gelübde, das
man ihnen gelobt hat, nicht erfüllt [28] und wissen diejenigen hart zu
bestrafen, die frech ihren Reigen, den sie in hellen Sommernächten im
Mondenschein aufführen, zu stören wagen, oder die sie belauschen. So
entstand die Redensart:


    »Naišo je na vilinsko kolo«
    Er traf auf einen Vilenreigen,


wodurch man sich die plötzliche Erkrankung eines gesunden Menschen zu
erklären sucht. Gewöhnlich wird solch sträflicher Vorwitz durch
dauernde Brachlegung der Verstandkräfte bestraft, mitunter begnügen
sich aber die Vilen, den Betroffenen gehörig durchzubläuen. Von
dieser Auffassung ist nur ein kleiner Schritt zu der Umwandlung der
Vilen in Plagegeister. Ein Hirte war so unglücklich, eine Vila zur
Unzeit zu überraschen und musste für das unglückselige Ungefähr
jahrelang büssen.

Es war einmal ein Hirte, der verstand so ausgezeichnet auf der
einfachen und doppelten Hirtenflöte zu spielen, wie kein Zweiter nah
und fern. Eines Abends, als es zu dämmern anfing, ging er seiner Herde
voran nach Haus. Er flötete so süss und mild, so hoch und so tief auf
seiner kleinen Flöte, wie ein Schwälblein in der Lenzsonne nur singen
kann. Eben tönte aus dem Dorfe der Glocke Ava Maria-Geläute zu ihm
herüber, doch Stanko betete nicht mit, sondern blies auf seiner Flöte
das Ave Maria-Gebet her. Gerade als er damit fertig geworden, erreichte
er auch den Zaunsteg vor dem Dorfe, und siehe da! Auf dem Zaune sitzt
da ein Frauenzimmer, ganz in Weiss gehüllt, eine Vila. Stanko nähert
sich dem Zaunstege, die Vila stösst einen feinen, markdurchdringenden
Schrei aus, ganz nach Vilenart, und fährt auf in die Höhe. Ein
heisser Windhauch umweht Stanko, er sinkt auf die Erde nieder, das
Trittbrett auf dem Stege springt entzwei. Er rafft sich auf, eilt nach
Hause, die Vila immer hinterdrein, er setzt sich zum Tische, um zu
nachtmahlen, die Vila setzt sich an seine Seite neben seinem Knie
nieder, er ins Bett, die Vila zu ihm ins Bett, er aus dem Bett, sie
gleichfalls, er zur Arbeit, sie folgt ihm auf Schritt und Tritt.

Als nun Stanko merkte, dass die Vila durchaus von ihm nicht weichen
will, beklagte er sich bei seinen Hausleuten und der ganzen Sippe. Man
berief Zauberer und Zaubererinnen, Beschwörerinnen und Wahrsagerinnen
— alle Mühe verloren, die Vila liess von Stanko nicht ab; der war
überdies kein Recke, sondern ein schwächliches Männchen. So währte
dies volle drei Jahre und während dieser Zeit trübte sich allmählich
Stankos Geist, Stanko wurde verrückt. Oft brach er in ein Geschrei und
Gejammer, in ein wüstes Lärmen und Toben aus, als ob ihm jemand die
Haut zu einem Weinschlauche abzöge; er warf sich auf die Erde, als
schleuderte ihn jemand zu Boden, und gleich darauf zeigten sich auf
seinem Körper blaue Striemen, als hätte ihn einer mit einem Stock
durchgebläut. Fragte man ihn: »Was fehlt dir, Stanko?«, so
antwortete er, dass ihn Vilen deshalb prügeln, weil er sich weigere,
mit ihnen durch die Welt zu ziehen. Oft fand man ihn in der Früh
gefesselt, kreuzweis mit Bastwinden gebunden, und wieder erzählte er,
dass es die Vilen getan, weil er sich ihnen nicht füge und ihre Worte
nicht beachten mag. Eines Morgens erblickte man Stanko auf dem Wipfel
einer Weisspappel in der Nähe seines Meierhofes. Keine lebende Seele
vermochte ohne ausserordentliche Zu- und Ausrüstungen auf den hohen
Stamm der Pappel hinaufgelangen. »Wer hat dich, Stanko, auf die Pappel
hinaufgeschafft?« fragte man ihn, und er rief hinab: »Die Vilen«.
Die Leute sahen sich genötigt, lange Nägel in den Stamm
einzuschlagen, und so klommen sie zu Stanko hinauf, der oben an der
Spitze im Geäste mit Lindenbast angebunden war. Mit Müh und Not hat
man ihn losgelöst, denn so fest war er angebunden; dann liess man ihn
mittels eines Seiles hinab.

Mehr als fünfzehn Jahre lang ertrug Stanko derartige Qualen durch die
Vilen, bis man ihn schlieslich eines Morgens in der Nähe der Hütte in
einer Grube fand, in der er im Kote erstickt war. [29]

Nun begreift man leicht den Übergang der Vilen zu vještice oder
copernice.

Die übliche, ziemlich junge Dreiteilung der Vilenarten wird fast ganz
auf die Hexen übertragen.

Es gibt drei Arten von Hexen. Zur ersten Art gehören die Lufthexen
(sonst »zračne vile«). [30] Diese sind von sehr böser Gemütart;
sie sind den Menschen feindlich gesinnt, jagen ihnen Schreck und
Entsetzen ein und stellen ihnen auf Weg und Steg überall nach.
Nächtlicher Weile pflegen sie dem Menschen aufzupassen, und ihn so zu
verwirren, dass er das klare Bewusstsein vollständig verlieren muss.
Zur zweiten Art gehören die Erdhexen (sonst »pozemne vile«). Diese
sind von einschmeichelndem, edlem und zugänglichem Wesen und pflegen
dem Menschen weise Ratschläge zu erteilen, damit er dieses tun und
jenes lassen möge. Am liebsten weiden sie Herden. Die dritte Art
bilden die Wasserhexen (sonst »povodne vile«), die höchst bösartig
sind, doch, wenn sie frei auf dem Lande herumgehen, mit den ihnen
begegnenden Menschen sogar gut verfahren, Wehe und Ach aber demjenigen,
den sie im Wasser oder in der Nähe erreichen; denn sie ziehen und
wirbeln ihn so lange im Wasser herum, oder reiten ihn der Reihe nach so
lange, bis er jämmerlich ertrinken muss. (Aus Vidovec, Chrowotien.)

Nun ist uns auch die Entstehung folgender Redensarten verständlich
geworden, durch die man böse Weiber kurz und treffend zu bezeichnen
sucht: »To je vila« (das ist eine Vila), oder: »To je vila ljutica«
(das ist eine ingrimmige, eine bissige Vila, d. h. ein böses,
heimtückisches und rachsüchtiges Weibsstück), oder man sagt zu einem
Frauenzimmer, das man nicht gerne um sich sieht: »Idi vilo!«
(Troll’ dich, Vila) ganz in der Bedeutung von: arge Hexe.




III. Die Hexe im Sprichwort.


    Ako i je baba, nije vještica.
    Wenn sie auch ein altes Weib ist, so ist sie doch keine Hexe,


sagt wohl ein Mann in launiger Stimmung von seiner Alten,
gewissermassen, um sie wegen ihres Alters, das leicht den Verdacht der
Hexenkunst erwecken könnte, zu entschuldigen, worauf in der Regel das
Weib in demselben Tone entgegnet:


    Svaka baba vještica a djed viještac.
    Jedes alte Mütterchen ist eine Hexe und (jeder) Alte ein
    Hexenmeister.

    Biži ko vištica od biloga luka.
    Sie eilt davon wie eine Hexe vor weissem Lauch.


Mit Knoblauch vertreibt man Hexen.


    Uskostrešila se ko vištica.
    Ihre Haare sind wirr und zerzaust wie bei einer Hexe.

    Izgleda kao da su ga coprnice donijele sa Ivanjščice. [31]
    Er sieht aus, als hätten ihn die Hexen von der Ivanjščica
    hergebracht.

    Svaka vračara s vražje strane.
    Jede Hexe ist von des Teufels Partie,


d. h. sie hat ihre Seele dem Teufel verschrieben und steht mit ihm im
Bunde.


    Kud će vještica do u svoj rod?
    Wohin wendet sich eine Hexe, als zu ihrer Sippschaft?

    Jaše ga vještice.
    Es reiten ihn Hexen.


Das ist die Hexe als Alp. (Er leidet an nächtlichen Samenergüssen.)


    Vračarice, coprnjice, kuko ljeskova!
    Zauberin, Hexe, Haselstockhacken! [32]


Eine Beschimpfung für ein Frauenzimmer, das auf Zauberei und Hexerei
viel hält und sich damit abgibt.

Nebenbei mag noch der Verwünschung »izjele te vještice!« (Hexen
sollen dich ausfressen) Erwähnung geschehen.




IV. Versammlungorte der Hexen.

Regelmässig versammeln sich die Hexen in der St. Johannis- und der St.
Georgnacht [33], Weihnachten und zu Pfingsten auf Pusten (weiten
Ebenen), an Kreuzwegen und brauen dort ihre Zaubertränklein.

In der vorchristlichen Zeit fielen auf die genannten Tage die
Hauptfeste des Volkes. Jung und alt zog zu Georgi, zu Pfingsten und am
Johannistage hinaus in Wald und Flur, brachte bei Tanz und Spiel Opfer
dar und feierte das Fest der erwachenden und blühenden Natur. Wie vor
tausend Jahren, so feiert noch jetzt der südslavische Landbewohner
diese Feste, die nun ein christliches Gepräge erhalten haben, nebenher
geht aber noch eine Unzahl altheidnischer Gebräuche mit. Warum gerade
an diesen Tagen den Hexen eine grosse Rolle zufällt, erklärt sich
einfach daraus, dass man vor Zeiten an diesen Tagen Opferzüge leitete
und mancherlei »Zaubereien«, zum Wohle aller und einzelner
veranstaltete. Bei einem einfachen Volke, wie die Südslaven, das sich
vorzugweise mit Ackerbau und Viehzucht beschäftigte und noch
beschäftigt, brachte man selbstverständlich die meisten Opfer dar, um
für das liebe Vieh und die Felder den Segen der Geisterwelt zu
erwerben. Zu ihren Ehren schmückte man die Wohnungen der Menschen und
die Nutztiere mit Blumen und Kränzen. Die weisen Frauen, die die
Aufsicht über die Festzüge führten, trugen besondere Zweige in der
Hand, beräucherten Menschen und Tiere und sprachen dazu ihre Segen.
Die neue christliche Lehre musste, um sich behaupten zu können,
teilweise die alten Bräuche zu den ihrigen machen, diejenigen aber,
die sich mit ihrem Geiste nicht vertrugen, als das Gaukelspiel böser
Geister hinstellen. So wurden die alten Priesterinnen, die wohl
mancherlei Kenntnis von heilkräftigen Kräutern besassen, böse Hexen,
die dem lieben Vieh nachstellen und den Menschen nur Schaden bereiten.
Infolge dieser Wandlung in der Volkanschauung fing man an, den nicht
mehr verstandenen Brauch des Bekränzens und Schmückens der Nutztiere
als Abwehrmittel gegen den Einfluss der Hexen auszulegen. Die
Vorstellung von dieser Art von Hexen hat mit jener von den Vilen nichts
gemein als den Namen, so ferne man in manchen Gegenden die
Bezeichnungen vještica (coprnica) und vila nicht mehr
auseinanderhält.

Am Georgtage schmücken im ganzen slavischen Süden die Hirten mit
Blumenkränzen die Hörner der Kühe, um jeden Hexenzauber
fernzuhalten. In den Blumen und Zweigen heimen gütige Baumseelen. Die
unbekränzten Kühe sind den Hexen preisgegeben. Die Kränze befestigt
man abends an der Stalltüre, wo sie das ganze Jahr über hängen
bleiben. Wenn es ein Hirte unterlässt, eine Kuh zu bekränzen, so
erhält er vom Eigentümer der Kuh nicht nur nicht das übliche
Trinkgeld, sondern setzt sich noch der Gefahr aus, durchgebläut zu
werden. Die Zeugnisse für den angeführten Brauch sind sehr zahlreich.
(Vrgl. über diesen Brauch bei a. Völkern. Mannh., Bk. S. 295.)

Am Georgtage früh, wenn der Hirte die Kühe aus dem Stalle lässt,
nimmt die Schaffnerin in die eine Hand Salz, in die andere einen
Scherben mit Feuerbrand. Das Salz reicht sie der Kuh, die nun über die
Glut hinwegschreitet. In dem Feuer brennen allerlei Rosenarten. Dadurch
bricht man die Macht der Hexen über die Kuh. (Aus Warasdin). In der
Umgegend von Karlstadt begnügen sich die Hausfrauen, morgens beim
Austreiben der Kühe bloss ein Kreuz über sie zu schlagen, um die
Hexen fernzuhalten. (V. Lorković, Arkiv, 1863, VII, S. 239.) (Über
die Bedeutung dieser Bräuche vrgl. Mannh. Bk. Kap. VI,
Vegetationgeister, Sonnenzauber S. 497–566.)

Am Vorabend von Georgi, an manchen Orten am Georgtage frühmorgens,
schneiden alte Weiber Distelzweige ab und bringen sie an den Türen des
Gehöftes an; ferner machen sie Kreuze aus Kuhdreck sowohl an den Hof-
als an den Stalltüren, damit die Hexen den Kühen keinen Schaden antun
können. (Aus Warasdin.) Manche schlagen aus demselben Grunde grosse
Nägel in die Stalltüre ein, doch glaubt man, dass diese kein so
zuverlässiges Abwehrmittel gegen Hexenzauber wie Distelzweige bilden.
In Vinica und dessen Umgebung schneidet man vor Sonnenaufgang die
Distelzweige ab. Man legt sie einander auf den Kopf, ferner legt man
solche Zweige auf die Umzäunung des Gehöftes, die Fenster und Türen
des Hauses und ebenso in Kranzform den Kühen um den Nacken, damit die
Hexen dieses Jahr über Mensch, Tier und Haus keine Macht erlangen
können. Gelingt es einer Hexe trotz alledem durchs Hinterhaus über
den Gartenzaun in den Stall zu dringen, so verendet das ganze Vieh in
dem Hause.

Es war einmal ein Mann, der wollte keine Disteln an der Stalltüre
anbringen, ja er verspottete sogar die Leute, die es taten. Dafür
kamen aber das ganze Jahr allabendlich Hexen zu ihm und molken seine
Kühe aus. Er dachte sich: »Ich muss doch aufpassen, wer denn das ist,
der regelmässig meine Kühe ausmilkt.« Er verbarg sich im Heu,
lauschte und hielt scharfe Wache. Auf einmal, es war um die elfte
Stunde, erschien ein Melkkübel und die Kuh fing an ganz von selbst die
Milch in diesen Kübel hineinrinnen zu lassen. Er fährt rasch aus
seinem Versteck hervor, ergreift den Kübel und schlägt ihn mit aller
Kraft zur Erde. Der Kübel aber verwandelt sich in eine grosse Kröte,
und eben diese Kröte macht Miene, auf ihn zu springen. Er hurtig fort
und ins Haus hinein. Das war sein Glück. Eine Woche darauf war Georgi.
Am Vorabende befestigte er an der Stalltüre Distelzweige und die Kuh
gab fortan reichlich Milch. (Aus dem Dörfchen Vidovec bei Warasdin.)

Am Georgtage kann man die Hexen leicht erkennen und ihr Treiben
beobachten, nur muss man folgendes tun: Zeitlich morgens vor
Sonnenaufgang begibt man sich auf die Weideplätze der Kühe, zieht
sich vollständig aus, wendet seine Kleider ganz um und legt sie so an.
Dann muss man ein Stück grünen Rasens herausschneiden und sich auf
den Kopf legen. (Aus Warasdin.) Als Beleg für die Wahrheit erzählt
man sich die Geschichte von den zwei Schmiedelehrjungen und ihrer
Meisterfrau, die nächtlich auf einem der Burschen, nachdem sie ihn in
ein Pferd verwandelt, zur Hexenversammlung reitet. Es wird dies als
eine Strafe für seinen Vorwitz hingestellt. Die Hexe wird schliesslich
auf dem Kapuzinerplatz in Warasdin verbrannt.

Die Hexen kann man ferner am Georgtage beobachten. Man stellt sich in
der Frühe, wann die Kühe ausgetrieben werden, mit einem Rasenstück
auf dem Kopfe hinter die Stalltüre, oder duckt sich daselbst nieder.
Dadurch wird man für die Hexen unsichtbar, denn sie glauben, man
befinde sich unter der Erde. (Aus Warasdin.)

Am Georgtage in aller Früh vor Sonnenaufgang steigen die Hexen in den
Kirchturm hinauf, um Schmierfette [34] von den Glockenarmen und ein
Stück vom Glockenstrick sich zu holen; denn dieser Gegenstände
bedürfen sie zum Hexen.

In der Johannisnacht schleicht die Hexe auf den geflochtenen Zaun
hinauf, der das Gehöft umschliesst und spricht: »Zu mir der Käse, zu
mir das Schmalz, zu mir die Butter, zu mir die Milch, euch aber (geb’
ich) die Kuhhaut.« (K meni sir, k meni maslo, k meni puter, k meni
mleko a vam pak kravsku kožu.) Da wird nämlich die Kuh verenden, das
Fleisch wird man vergraben, die Haut verkaufen müssen. Um solchen
Zauber zu nichte zu machen, geht man zeitlich früh am Johannistage auf
die Wiese, sammelt in einen Mantel Morgentau und trägt ihn heim. Zu
Hause angelangt, bindet man die Melkkuh an den Stützbalken (tram) an
und wäscht die Kuh mit dem eingesammelten Morgentau; sodann stellt man
den Melkkübel unter ihre Euter und melkt die Kuh. Tut man so, so kann
man mindestens vier volle Kübel Milch melken. (Aus St. Elisabeth
[Jalžabeta].)

Zur Abwehr gegen die Entziehung der Milch durch Hexen bedient man sich
auch des Wacholders. Folgende zwei Angaben sind aus Toplice. »Will man
es verhindern, dass Hexen zu den Kühen kommen, so nimmt man in der
Weihnacht einen Wacholderzweig und warte im Stalle, bis die Hexen
kommen, um die Kühe zu melken. Sobald sie zu melken anfangen, tritt
hin zur Kuh und versetz der Hexe drei Streiche. Das musst du schweigend
tun und ebenso schweigend dich sogleich entfernen.« Das zweite Mittel
lautet: »Will man die Hexen von den Kühen vertreiben, so geh’ zu
Weihnachten um die Mitternachtstunde hin, gib Wacholder in einen Topf
(in welchem Glutkohlen liegen) und räuchere damit dreimal deine Kühe,
dann wird das ganze Jahr keine Hexe zu ihnen kommen. Dies musst du aber
an jedem Weihnachtabend tun, wenn du willst, dass niemals Hexen zu dir
kommen sollen und deine Kühe ausmelken. [35]«

Nicht geringe Schwierigkeit bietet die Erklärung des Glaubens an die
Kerstniki (bei den Slovenen), die in der Johannisnacht mit den Hexen
kämpfen. Die Etymologie des Wortes Krstnik ist unzweifelhaft. Es ist
ein altes Lehnwort aus dem Griechischen. Im Bulgarischen und
Slovenischen bedeutet Krstnik so viel als Täufling, der Getaufte
(Kumče, wie man serbisch sagt). Wie lässt sich das Wort in dieser
Bedeutung in unserem Falle rechtfertigen? Sehen wir uns vor allem die
wenigen gedruckten Angaben an, aus welchen man etwas Näheres über die
Kerstniki erfährt. Die älteste Nachricht datiert aus dem Jahre 1854.

»In der Johannisnacht, so glauben die Slovenen um Görz, führen die
Hexen mit den Kerstniki einen heftigen Kampf. Die Kerstniki sind zwölf
Brüder. Wenn sich in einer Familie zwölf Söhne von einem Vater
befinden, so ist der zwölfte unter ihnen ein Kerstnik. In der
Johannisnacht schweben diese Kerstniki in grosser Gefahr, denn sie
werden da von den Hexen mit Überresten von Steckpfählen und Stumpfen
überfallen. Gerade deshalb gräbt man im Herbste die Steckpfähle und
die Stumpfen, die in der Erde zurückbleiben, sorgfältig aus und
schafft sie heim, damit die Hexen keine Waffen haben sollen, um mit den
Kerstniki zu kämpfen. Diejenigen Stücke, die sich nicht leicht
herausziehen lassen, rammt man noch fester in die Erde ein.«

Den Widerspruch, der darin liegt, dass zuerst alle zwölf Brüder
Krstniki genannt werden und dann trotzdem der zwölfte erst Krstnik
sein soll, fand der Erzähler nicht heraus. Man merkt es diesem Bericht
gleich an, dass die mythische Zwölfzahl nur herangezogen wird, um
etwas notdürftig zu erklären, was man nicht mehr versteht.

Nicht viel mehr als den blossen Namen bietet eine andere Erzählung.
»Die Krstnici beschützen zumeist die Welt vor Hexen.« Einen sicheren
Anhaltpunkt zur Deutung der Gestalt des Krstnik gewinnt man erst durch
eine Notiz: »Krstnik, človek kterega vile obljubiju.« »Krstnik ist
ein Mann, den die Vile liebgewonnen.« Diese dritte Nachricht rührt
aus dem Jahre 1860 her (Veglia glasn. II. 8).

Die Klasse von Geistern, zu der man die Vilen zählen muss, liebt es,
wie es die Mythen aller Völker erzählen, mit dem Menschen in die
vertrauteste Verbindung zu treten. Wenngleich die Vila ein
geisterhaftes Wesen ist, sucht sie doch den Umgang des Menschen. In der
Heidenzeit betrachtete man es als eine aussergewöhnliche glückliche
Auszeichnung für einen Sterblichen, wenn er von einer Waldfrau geliebt
wurde, in christlicher Zeit verschoben sich die Anschauungen. Die
Waldfrau erscheint mitunter als ein armes, verlassenes Wesen, das des
ewigen Heils unmittelbar nicht teilhaftig werden kann und wenigstens
mittelbar durch die Berührung mit Getauften Erleichterung erhofft und
findet. Eine Sage (Sdsl. S. u. M. Stück 90, S. 413) erzählt,
dass Vilen an einem Jüngling solches Wohlgefallen fanden, »dass sie
ihn zu sich in die Baumhöhle mitnahmen und drum waren sie in ihn
verliebt, weil sie durch ihn nach der Taufe dufteten« (»da su po
krstu dišale«). Vilen entführen auch Kinder, die schon getauft sind
und ziehen sie gross. [36] Solche Auserwählten darf man im Gegensatze
zu den nichtgetauften Vile, als die Getauften, d. h. Krstniki κατ’
ἐξοχήν benennen. Die Günstlinge der Vilen konnten wohl auch als
Fürsprecher für ihre Mitmenschen gelten; diese Auffassung wird durch
eine ganze Reihe Vilensagen bekräftigt. Die Krstniki erscheinen
demnach im Volksglauben als die Beschützer der Menschen. Man war aber
gewohnt, die Krstniki immer in einem nahen Verhältnisse zu den Vilen
zu denken. Sobald sich nun die Vilen zu coprnice wandelten, musste
notwendigerweise das alte freundliche Verhältnis in ein feindliches
verändern. Die Krstniki beschützen nicht mehr die Welt durch ihre
Fürsprache, sondern durch offenen Kampf, den sie mit den Vilen (=
copernice) auszufechten haben. — Nach dieser Deutung ist die erste
Sage, sehr jungen Ursprungs, und es fragt sich, ob das Ausreissen der
Stoppeln und Stümpfe, die nach der Ernte im Boden zurückgeblieben, in
irgend einen Zusammenhang mit den Krstniki überhaupt gebracht werden
darf, oder ob wir nicht vielmehr einen traditionellen Zug vor uns
haben, der auf einen alten Bodenzauber hinweist. Dies dürfte man aber
nur dann annehmen, wenn die Stoppeln verbrannt würden. Es ist
sonderbar, dass nur die Slovenen um Görz, nicht aber auch die übrigen
Südslaven diesen Brauch üben, auch scheut sich der Südslave zufolge
eines allgemeinen Glaubens, selbst eine abgestorbene Pflanze mit der
Wurzel auszureissen, denn man reisst dadurch, glaubt man, seiner
verstorbenen Mutter oder Grossmutter im Grabe die Haare aus. In
Maisfeldern werden z. B. im Savelande nach der Ernte die Stöcke,
sobald sie vollständig getrocknet sind, unten an der Wurzel
abgeschnitten; (man benützt die trockenen Stangen zur Feuerung.) Wer
den Charakter des südslavischen Bauernvolkes kennt, der weiss auch,
dass der Bauer nur so viel arbeitet, als er muss, um nicht mit den
Seinigen zu verhungern. Zu solchen überflüssigen Arbeiten, wie das
Ausziehen der Stoppeln und Stumpfen, kann ihn nicht einmal die Furcht
vor Hölle und Teufel bewegen.

Ausser bei den erwähnten Gelegenheiten versammeln sich die Hexen noch
regelmässig in hellen Mondnächten auf Kreuzwegen, um dort zu spinnen.
[37] Nie aber ist es ratsam, zur Nachtzeit dort vorüber zu gehen, denn
die Hexen behexen einen und senken über ihn einen tiefen Schlaf. Ihre
Zusammenkünfte finden auf Bäumen, besonders auf Ahorn-, Eschen-, [38]
Nuss- und Lindenbäumen statt, deren Äste folgender Art verwachsen
sind:


    [Illustration]


Aufenthaltorte der Hexen sind nebst dichten Wäldern und Schluchten
noch Düngerhaufen, Lauge- und Ascheablagerungen, Gestrüpp und dichtes
Gehölz. Sobald die Sonne untergegangen ist, versammeln sich die Hexen
in Zwetschkengärten und alten Ruinen; in Sommernächten treiben sie
ihr Unwesen in Scheunen, alten hohlen Bäumen, dunklen Hainen und
unterirdischen Höhlen. (Lonja in Chrowotien.) Die Hexen werden ferner
als wohnhaft gedacht in der Grotte Kleinhäusel (u velki jami pod malim
gradom) bei Postojna in Krain, ferner tanzen sie auf zwei grossen
Felsen in der Nähe der Grotte. Die Hexen haben Affenköpfe mit roten
Mützen darauf. Der Bauer hütet sich sorgfältig, in der Dämmerung an
einem Düngerhaufen vorüberzugehen, oder gar darüber zu schreiten,
namentlich tät er dies nicht barhaupt; denn man ist vollkommen
überzeugt, dass einen die Hexen, die auf dem Düngerhaufen hausen, auf
der Stelle durchbohren würden. Mein Gewährmann erzählte eine
Geschichte, um diesen Glauben zu belegen, und gesteht freimütig ein,
dass er früher wohl an der Existenz von Hexen gezweifelt habe, doch
angesichts der sich so oft wiederholenden Tatsache nicht umhin könne,
seinen Unglauben zu bereuen. »Ich sah«, berichtet er, »einen
Handwerker (der Mann lebte noch 1863), der verliess um Mitternacht das
Wirtshaus, wurde von den Hexen überfallen und dreimal furchtbar im
Dorngestrüpp zu Boden geschleudert. Zuletzt, nachdem sie ihn derart
zugerichtet, versetzten sie ihm einen so wuchtigen Hieb in den
Brustkorb, dass man noch jetzt, also mehrere Jahre nach diesem
Ereignisse, ein faustgrosses Loch an der betreffenden Stelle sehen
kann. Der Ärmste erzählte mir selber, dass er wohl sterben, aber
niemals der alten Bara, seines Nachbars Weibe, verzeihen werde; denn
sie habe er ganz deutlich von Angesicht im Mondlicht erkannt.«

Wenn ein heftiger Wind weht, da lieben es die Hexen, zu tanzen. Vor
Vergnügen drehen sie sich im Wirbel, und lagern an Orten, wo Menschen
gerne verweilen und ruhen, ihren Schweiss vom Tanze ab. Wer an einen
solchen Ort gerät, mit dem ist’s schlimm bestellt; er verliert die
Sprache, oder wird an Hand oder Fuss gelähmt. Man glaubt auch, dass
wenn einer eine Lungenentzündung bekommt, oder es rührt ihn der
Schlag, dass er auf Hexenschweiss getreten sei.

Man muss sich hüten, den Ort zu betreten, wo sich eine Hexe
aufgehalten, denn man verfiele sogleich in Wahnsinn und bliebe daselbst
so lange liegen, bis man vom Hunger heimgetrieben würde. Man erkennt
eine solche Stelle ohne weiters an den Fussabdrücken im Staub oder
Sand. Eine Hexe hat nämlich bloss vier Zehen am Fusse, die wohl nicht
anders aussehen als bei jedem Menschen, nur fehlt die grosse Zehe (der
Daumen). (Aus Warasdin.) Die rätselhaften vier Zehen, deren Eindrücke
im Boden den Gläubigen in Schrecken versetzen, rühren wohl von
Wildgänsen, Schwänen oder Wildenten her. Der Bauer kennt freilich die
Spuren dieser Tiere, doch er glaubt auch, dass Hexen ihre Gestalt
annehmen. Auch die ruhelosen Seelen von Kindern, die vor der Taufe
gestorben, treiben nächtlicher Weile ihren Spuk in Gestalt von Gänsen
auf Weideplätzen. Das sind die Móvje klr. moviči (vor der Wz. mar).

Stösst der Mensch durch Zufall auf eine Hexenversammlung, so muss er
rasch den Kopf bedecken, ein Kreuz schlagen, drei Schritte nach
rückwärts treten, dann einen vierten Schritt nach vorwärts machen,
denn sonst tritt er den Hexen in die Schüssel hinein. Beobachtet er
dies, so können ihm die Hexen gar nichts antun. (Aus Vinica.)

Wenn einer an seinem Gartenzaun irgend etwas wahrnimmt, was ihm eine
Hexe hingelegt hat, so darf er das Ding um keinen Preis in die Hand
nehmen, denn er würde im selben Jahre schwer erkranken, und wenn er
gar mit dem Dinge spielte, so müsste er gewiss sterben. (Aus
Warasdin.)

Hexen halten sich auch in Gewässern auf. In einem solchen Wasser muss
man sich hüten zu baden, denn man ertränke unfehlbar darin. Auch
fänden die Leute niemals den Leichnam des Ertrunkenen. Einen solchen
verdächtigen Ort erkennt man leicht daran, dass auf der Oberfläche
des Wassers ein toter Kater schwimmt. Zuweilen ist an solchen Stellen
das Wasser von einer sehr bedeutenden Tiefe, trotzdem aber von einer
solchen Klarheit und Durchsichtigkeit, dass man bis auf den Grund hinab
sieht. Häufig ist ein Wasser, das zum Aufenthalt der Hexen dient, ein
sehr trübes stehendes Gewässer, dem man nicht näher als bis auf
sieben Schritte kommen darf, weil der Mensch schon am blossen Dunst
ersticken müsste.

Drei Sagen zur weiteren Erläuterung. Die erste ist aus Bednje, die
zweite aus Biškupec, die dritte aus Warasdin in Chrowotien.



I.

Es war einmal ein junger Mann, der sich in ein Mädchen verliebte, das
eine Hexe war. Es fiel ihm öfters auf, dass sich das Mädchen immer zu
gewisser Zeit zu entfernen pflegte, ohne jemand mitzuteilen, wohin;
darum befragte er sie, wohin sie gehe, und sie gab ihm zur Antwort:
»Mein Liebster, ich gehe auf einen gar schönen Ort; komm Du auch mit,
Du wirst die Freude in vollen Zügen geniessen.« — Er willigte ein
und sie führte ihn auf einem ihm bis dahin unbekanntem Wege, bis sie
an einen Kreuzweg gelangten, wo sie zu mehreren solcher Mädchen und
Frauen stiessen. Mit diesen zusammen traten sie sodann in eine
wunderherrliche Burg, die sie urplötzlich herhexten, darin glänzte
aber alles in lauterem Golde und eine grosse Tafel war mit köstlichen
Speisen vollbedeckt. Man fing an, die mannigfaltigsten Speisen zu
essen, wie ihrer der Jüngling nicht einmal im Traume je welche
gesehen. Wie es überall zu sein pflegt, so geschah es auch hier; der
Wein erhitzte die Gemüter der Gäste und der Jüngling ergriff
lusterfüllt seinen Pokal und brachte einen Trunk zu Ehren des heiligen
Geistes aus. Da schien es ihm auf einmal dunkel um die Augen zu werden,
und er ergriff, als wenn er untersänke, schnell etwas über sich. Wie
er die Augen öffnete, sah er sich auf einem Lindenbaume und mit der
Hand hielt er sich an einem Aste fest.



II.

Es war einmal eine Hexe, die ging zum Dorfpfarrer zur Beichte; der
Pfarrer aber wusste, dass er eine Hexe vor sich habe und bat sie, sie
möge ihm den Ort ihrer Zusammenkünfte zeigen. Die Hexe erwiderte:
»Ich will Ihren Wunsch, Herr Pfarrer, erfüllen und Ihnen den Ort
zeigen. Kommen Sie mit mir auf den Düngerhaufen.« — Als sie auf den
Düngerhaufen kamen, hiess die Hexe den Pfarrer ihr auf den Fuss
treten. Kaum trat er ihr auf den Fuss, flogen beide hoch in die Luft
und gelangten in einen wundervoll schönen Palast, wo Hexenmeister mit
Hexen im vollsten Sinnentaumel herumtanzten und sich mit Speise und
Trank ergötzten. Auf einmal erschien in ihrer Mitte der Teufel selber
in Gestalt eines Kalbes, das Feuer aus dem Maule spie. Nun gingen die
Hexen der Reihe nach dem Kalbe den Hintern küssen, und so kam die
Reihe auch an den Pfarrer, der ohne weiteres das Beispiel der Hexen
nachahmen wollte, doch der Teufel herrschte ihn an: »Was hast Du
Stinktier vor? — Willst Du in unsere Genossenschaft aufgenommen
werden, so musst Du Deinen Namen mit eigenem Blute in dieses schwarze
Buch einschreiben!« — Der Pfarrer forderte ihn auf, ihm das Buch
vorzulegen, er sei bereit, sich zu unterzeichnen. Der Teufel reicht ihm
das Buch und der Pfarrer schreibt ein den süssen Jesunamen. Im selben
Augenblicke erdröhnte der Palast und zerfiel in Trümmer, Teufel und
Hexen verschwanden und der Pfarrer sah sich auf dem Gipfel der uralten
Linde vor der Kirche und zitterte vor Entsetzen am ganzen Leibe. Als in
der Früh der Messner läuten kam, rief ihm der Pfarrer von der Linde
herab zu: »Heda, nimm mich herab!« und der Messner entgegnete
kopfschüttelnd: »Der Teufel selbst muss Sie da hinauf gesetzt
haben«, stieg auf den Baum, holte den Pfarrer herab und trug ihn in
den Pfarrhof zurück.



III.

Ein Bauer ging mit einem Sacke Frucht in die Mühle und der Weg führte
ihn an einem grossen Baume vorüber, wo er schon früher zu hundert
Malen vorübergegangen war. In der Mühle sah er sich genötigt bis zur
Dämmerung zu warten, ehe an ihn die Reihe kam, und als die Frucht
gemahlen war, trat er den Heimweg an. Wie erstaunte er aber, als er an
der Stelle, wo der Baum stand, einen grossartig schönen, drei
Stockwerke hohen Palast erblickte, aus dem ihm ein Jubel
entgegenscholl, als wenn hundert Paare daselbst Hochzeit feierten.
Verwundert legte er den Sack ab, setzte sich darauf und sann nach, wo
er sich befände und wieso er hieher gelangt sei. Auf einmal traten aus
diesem Palaste über goldene Stufen zwei schöne Frauen heraus, fassten
ihn jede an einer Hand und führten ihn in den Palast hinauf. Oben traf
er Leute aller Art, unter denen eine unaussprechlich grosse Lustbarkeit
herrschte. Man bot ihm sogleich Speise und Trank an und schliesslich
tanzte er in bester Stimmung mit ihnen mit. Als er sich endlich
verabschiedete, um zu den Seinen zurückzukehren, reichte ihm die eine
ein grosses Stück Braten und die andere ein herrliches Kopftuch mit
den Worten: »Dein Weib wird es mit grossem Vergnügen tragen.« — Er
sprach ihnen seinen Dank dafür aus, worauf sie ihn wieder an der Hand
hinabgeleiteten. Unten angelangt, lud er wiederum seinen Sack auf den
Rücken auf und schlug den Heimweg ein. Zu Hause rief er vor Freude
seinem Weibe zu: »Errat’ mal Weib, was ich Dir Neues und Schönes
mitbringe?« — Noch etwas benebelt und in vergnügtester Laune griff
er in seine Ledertasche nach dem Fleische und zog heraus — einen
Pferdehuf. »Ich habe noch etwas, für Dich, Du«, sagte er, griff in
die Tasche nach dem Kopftuch und brachte einen — schmierigen
Abwaschfetzen zum Vorschein. Beide gerieten darüber in Verwunderung,
und der Bauer suchte schnurstracks den Pfarrer auf und teilte ihm das
sonderbare Abenteuer mit, aber der Pfarrer lachte ihn nur aus. Nun kam
bald wiederum der Zeitpunkt, wo die Hexen ihre Versammlung abzuhalten
und der Freude sich hinzugeben pflegten, und da schickten sie zum
Pfarrer, der eben an diesem Tage zwei Paare traute, eine vergoldete
Kutsche mit vier Rossen, einem Kutscher und zwei Herren mit der
ergebenen Einladung, er möge sie beim Festmahl mit seiner Gegenwart
beehren. Der Pfarrer nahm wirklich die Einladung an, stieg in die
Kutsche und schnell wie der Donner ging es zu jenem Palaste hin. Die
ganze lustige Gesellschaft kam ihm unter Musikbegleitung entgegen und
führte ihn über die goldenen Stufen hinauf in den Saal. Sogleich
räumte man ihm den Ehrenplatz oben an der Tafel ein. Doch die Freude
war von kurzer Dauer, wenngleich sie sehr gross war; alles trank der
Reihe nach und zuletzt kam der Pfarrer dran, der in Gottes Namen den
Pokal ansetzte; kaum war aber dieses Wort über seine Lippen gekommen,
verschwand alle Herrlichkeit um ihn herum und er sah sich auf einem
schwachen Aste auf dem Gipfel jenes Baumes sitzen, von dem ich zuvor
gesprochen. Die ganze Nacht bis zum hellichten Tag sass er da oben auf
der schwachen Rute und getraute sich nicht, sich zu mucksen, vor
Furcht, hinabzufallen und sich das Genick zu brechen, bis ihn endlich
vorüberziehende Leute aus seiner peinlichen Lage befreiten. Diesen
Streich spielten ihm die Hexen nur deshalb, weil er an sie nicht
glaubte.

Als Hauptversammlungort der Hexen von Syrmien wird ein alter Nussbaum
[39] bei dem Dorfe Molovina bezeichnet. Auch in einem sicilianischen
Zauberspruch (vrgl. Ausland 1875, St. 3) ist von den Geistern des
Nussbaumes die Rede. Sie heissen diavuli di nuci. »Die
neapolitanischen streghe versammeln sich unter einem Nussbaum bei
Benevent: das Volk nennt es die Beneventsche Hochzeit; gerade an diesem
Ort stand ein heiliger Baum der Longobarden.« (Grimm. D. M.
S. 1005.) Die älteste Nachricht über diesen Glauben bei den
Südslaven findet sich bei dem Ragusäer Dichter I. Gundulić
(1588–1638). Im II. Gesange seines Epos »Osman« (zuerst erschienen
1621) sucht der Vezir Dilaver den jungen türkischen Kaiser Osman zu
überreden, er soll die Mutter seines vom Throne gestürzten
Vorgängers, eine gefährliche alte Hexe, die ihm, Osman, nach dem
Leben trachtet, baldigst aus dem Wege räumen. Der Dichter schildert
das Treiben der Hexe nicht getreu nach dem südslavischen Volkglauben,
denn aus Strophe 36 und 37 geht hervor, dass er mit dem
abendländischen, oder genauer italienischen Hexenglauben wohl vertraut
ist. In der ersteren Strophe ist der Zug, dass die Hexe nachts auf
einem Bock durch die Lüfte reitet, dem südslavischen Volkglauben ganz
und gar fremd. Die Stelle lautet (Strophe 38 und 39, »Osman«,
II. Aufl. Agr. 1854, S. 20 f.):


    »Glas je, da ona od djetinje
    Mlječne puti pomas kuha,
    I na ovnu prjeko sinje
    Noći leti vragoduha,

»Man sagt sich, dass sie eine Salbe aus zartem (wörtlich: milchigem)
Kinderfleisch koche und vom Teufel besessen auf einem Bocke durch die
schwarze Nacht dahinfliege.«

    Na kom leti svegj bez straha
    K planinskomu vilozmaju,
    Gdje vještice podno oraha
    Na gozbe se strašne staju.«

»Auf welchem (nämlich Bocke) sie ohne Scheu allezeit zum vilenartigen
Drachen der Hochalpe reitet, wo sich Hexen unterhalb eines Nussbaumes
zu grausigen Mahlzeiten ein Stelldichein geben.«


Weitere Belege aus Dalmatien im Arkiv za pov. jugosl. V. S. 332. Der
Zauberspruch der Hexen, die im Begriff fortzufliegen sind, lautet:
»Nach Neapel unter die Nussbäume« (u Pulju pod oraje).

In einer Sage (Arkiv, VII, S. 218) zerreissen Hexen ein Mädchen unter
einem Nussbaume und sieden es in Öl ab.

Dagegen finden sich die Hexen von Chrowotien auf dem Berge Klek bei
Ogulin zusammen. (Vuk, a. a. O.) M. Kombola, Pfarrer in Selac im
Küstenlande, berichtet über diesen Volkglauben im Arkiv des
Kukuljević VII, 328. Zweifelohne war auf dem Klek eine vorchristliche
Kultstätte. Kombola ergänzt seine Nachricht mit der Bemerkung:
»Wüsste der hl. Elias, wann sein Tag sei, er würde sie (die Hexen)
alle vernichten und umbringen.« Unser Gewährmann nimmt auf eine
allgemein verbreitete Sage Bezug, die an den Heiligen anknüpft. Wie
wir in der Anmerkung hervorheben, ist der hl. Elias an Stelle des
Donnergottes der vorchristlichen Zeit getreten, der sich in einem
gewissen Sinne mit der neuen Ordnung abfand, doch immer noch hofft,
dass er wieder einmal die Herrschaft erlangen werde. Dieser Zeitpunkt
ist herangenaht, sobald sein alter Kult wieder vollkommen hergestellt
sein wird, oder, wie es in der Sage heisst, sobald er erfährt, wann
man sein Fest feiert. Es wird aber alljährlich begangen, nur weiss er
den Tag nie bestimmt. Fragt er Gott, so erhält er immer zur Antwort,
der Tag sei schon vorüber, oder er werde erst kommen. Der hl. Elias
verschläft nämlich immer sein Fest. Wenn er aber einmal wachbleiben
wird, dann geht die ganze Welt zu Grunde. (Das erzählte mir ein Bauer
aus Kamensko bei Požega in Slavonien. Die Vorfahren des Erzählers
sind Einwanderer aus dem Herzogtum. Eine Variante dazu in einer der
ersten Nummern des Ragusäer Slovinac.)

Die Hexen reiten auf Menschen, die sie mittels einer Zauberhalfter in
Pferde verwandeln. Auf ihrem Versammlungorte wird herumgetanzt. Die
heiteren Festtänze beim alten Opferkult, die frohe Sitte, die sich
noch bis in die Gegenwart erhalten hat, dass sich das Volk an Festtagen
vor der Kirche versammelt und Tänze aufführt, wurden mit der Zeit
durch den Einfluss der Geistlichkeit zu greulichen Hexentänzen
gestempelt, die unter Aufsicht des Teufels ausgeführt werden. Der
Teufel wird übrigens höchst selten in unmittelbarer Verbindung mit
Hexen gedacht. Seine Gestalt ist dem südslavischen Volkglauben
ursprünglich ganz fremd. Weist doch auch schon der Umstand darauf hin,
dass die Sprache keine besondere Bezeichnung für Teufel aufweist
(gjavol [diabolus], sotona [Satan] sind Fremdworte, vrag bedeutet den
Verderber überhaupt). An ihren Versammlungorten vergnügen sich die
Hexen nicht bloss mit Tanz, sondern auch mit Mahlzeiten. Ihre Gefässe
sind Pferdehufe und Eierschalen. Pferde brachte man beim alten Kult
gewöhnlich als Opfer dar. Noch heutigen Tags befestigt so mancher
südslavische Bauer am First seines Hauses einen Pferdekopf zur Abwehr
von Zauber. Eier als Sinnbilder des Werdens in der Natur opferte man
gleichfalls den Geistern. Wie es bei Hexenmahlen zugeht, darüber geben
uns die Sagen vielfachen Aufschluss. Hier mögen vor allem zwei
angeführt werden. Die erstere ist aus Kreuz in Chrowotien, die
letztere, eine Variante zur ersteren, aus Slovenisch-Feistritz.



I.

Am Abhange des Klek lebte ein reicher Wirt mit seiner Frau, der Wirtin.
Der Wirt war hager und mager, die Wirtin aber gut genährt, wie ein
Mastschwein. Kam eine Zigeunerin zum Wirt, um ihm wahrzusagen.
»Hör’ mal, Du gutmütiger Tropf« (more), sprach die Zigeunerin,
»weisst Du, weshalb Dein Weib so dick und Du so abgezehrt bist?« —
»Weiss es nicht!« — »Mein guter Freund, Dein Weib ist eine Hexe.
An jedem Freitag im Neumond (mladi petak) reitet sie auf Dir auf den
Klek hinauf zum Teufelreigen« (Vražje kolo). — »Wie denn das?!«
— »Ganz einfach. Sobald Du einschläfst, schleicht sie zu Dir hin,
wirft Dir eine Zauberhalfter über den Kopf, Du verwandelst Dich
augenblicklich in ein Pferd und sie reitet dann auf Dir fort. Geh, gib
mal ein bisschen acht am nächsten Neumondfreitag.«

Am nächsten Freitag abend tat der Wirt, als schliefe er. Näherte sich
ihm die Wirtin mit den Halftern in der Hand. Sprang der Wirt vom Lager
auf und warf ihr die Halfter über den Kopf. Sie stand im selben
Augenblicke vor ihm als Stute, er bestieg sie und im Nu befanden sie
sich oben auf dem Klek. Dort band er (der Wirt) die Stute an einen Baum
und schaute dem Teufelreigen zu. Zuerst tanzten die Hexen alle zusammen
im Reigen, dann jede allein um ihren Topf herum. Diese Töpfe aber
waren nichts anderes als Eierschalen. Kam zum Wirt herangeflogen eine
alte Hexe, diese war seine alte Godin. »Was suchst Du da?« — »Ich
habe diese meine Stute bestiegen und sie trug mich hieher auf den
Klek.« — »Weh, flieh von hier, so schnell Du kannst. Wenn Deiner
die Hexen gewahr werden, dann ist’s um Dich geschehen. Wisse, dass
wir noch auf eine warten (auf sein Weib nämlich), ohne die wir
eigentlich gar nichts anfangen können.« Da hat sich freilich der Wirt
aus dem Staub gemacht, kam nach Haus, stellte die Stute im Stalle ein
und legte sich schlafen. Fragten ihn die Diener in der Frühe: »Was
ist das für eine Stute?« »Mir gehört sie«, antwortete der Wirt,
liess dann einen Schmied kommen und die Stute an allen vier Hufen
beschlagen. Hierauf ging er fort, um eine gerichtliche Kommission zu
holen. Diese kam, er erzählte den Herren ganz genau, was er gesehen,
nahm dann von der Stute die Zügel ab und sie verwandelte sich wieder
in das Weib von ehedem zurück; doch war sie an Händen und Füssen
beschlagen. Fing sie an zu jammern. Die Richter verstanden aber keinen
Spass. Sie liessen sie in eine Grube voll ungelöschten Kalks werfen
und dort musste sie elendiglich verbrennen. (Aus Chrowotien.)

Seit dieser Zeit zerbröckelt das Volk immer die Eierschalen, damit die
Hexen daraus keine Töpfe verfertigen können.

In Slavonien begnügt man sich mit dem Zerbröckeln der Eierschalen
allein nicht, sondern man wirft sie, ebenso wie Nägelabschnitzel und
ausgekämmtes Haar, sogleich ins Feuer, um jede Hexerei mit diesen
Dingen unmöglich zu machen. Wenn die Hexen übers Meer fahren,
benützen sie Eierschalen als Fahrzeuge. Derselbe Volkglaube findet
sich noch gegenwärtig in Deutschland. A. Wuttke berichtet darüber:
»Wenn man gekochte Eier gegessen hat, muss man die Schalen zerdrücken
oder verbrennen, sonst legen die Hühner nicht mehr, oder sonst kommen
die Hexen über sie«. [40] Genau stimmt mit dem Zuge in der
mitgeteilten Sage die Nachricht überein, die sich bei J. W. Wolf in
den »Niederländischen Sagen« (Leipz. 1843) St. 248, 515 und 572
findet: »Wenn man Eier gegessen, muss man die Schalen zerbrechen,
damit sie von den Hexen nicht als Böte gebraucht werden.« Nach Choice
(Notes from Notes and Queries. London 1859, S. 7) herrscht in Holland
der Glaube, dass die Hexen in Eierschalen nach England zu fahren
pflegen. Der berührte Volkglaube ist auch auf der Pyrenäischen
Halbinsel heimisch. Darüber findet sich nebst den angeführten eine
weitere Nachricht bei Felix Liebrecht (Zur Volkskunde. Heilbronn 1879,
S. 375), der aus Leitão Garret’s Schrift »Donna Branca ou a
Conquista do Algarve (Paris, 1826) folgendes entnimmt: »Auf dem Lande
ist es ein gewöhnlicher Aberglaube, die Schalen der genossenen Eier zu
zerdrücken, aus Furcht, dass die Hexen sich ihrer bedienen möchten,
um darin durch die Luft nach Indien oder andern fernen Ländern zu
schiffen, woselbst sie das Blut ungetaufter Kinder auszusaugen oder
einen andern ihrer gewöhnlichen Streiche auszuführen pflegen. Jedoch
ist es unerlässlich, dass sie rasch und vor dem Krähen des schwarzen
Hahnes (d. h. vor Mitternacht) nach Hause zurückkehren; zu dieser
Stunde nämlich geht ihre Zauberkraft zu Ende und daher sind schon
viele in jenen Meeren ertrunken.«

Sagen über Hexenfahrten übers Meer können sich selbstverständlich
bei Völkern, die an Meerküsten wohnen und besonders Handel und
Schiffahrt betreiben, reich entwickeln. »Wenn die Hexen übers Meer
fahren wollen«, sagt P. Kadčić Peke (Arkiv B. V. S. 333), »so
lösen sie das erstbeste Schiff vom Anker und schiffen sich ein. Mit
jedem Stoss legen sie ihre hundert Meilen zurück.« Es ist die
Windbraut, die in rasender Wut dahinstürmende Bora, wenn sie das Meer
von unterst zu oberst aufwühlt, Schiffe vom Anker federleicht
losreisst und sie mit Blitzschnelle in die weite See, weiter als das
Auge reicht, hinausschleudert, die der verzagende Mensch als die Hexe
auf der Meerfahrt betrachtet. [41]



II.

Es war einmal ein Schmied, dessen Weib eine Hexe war. Er hatte auch
zwei Lehrjungen, von denen der eine sehr dick, der andere aber
zaundürr war. Einmal fragte der Dicke den Mageren: »Wie kommt’s
denn, dass Du so mager bist? — Beide verrichten wir dieselbe Arbeit
und einer bekommt so viel zu essen, als der andere.« — Darauf
entgegnete ihm der Magere: »Leg Du Dich ’mal auf mein Bett eine
Nacht schlafen und Du wirst es schon selber erfahren, warum ich so
mager bin.« — Wirklich schlief der Dicke eine Nacht in des Anderen
Bett, und in der Früh fragte ihn der Magere: »Na, wie ist’s Dir
ergangen?« — »’S ist gar nichts vorgefallen.« — »Ich bitt’
dich, schlaf’ noch eine Nacht auf meinem Bette.« — »Warum
nicht?« — In dieser Nacht aber trat die Hexe ans Bett heran, gab mit
dem Zaume dem Jungen einen Streich, und im selben Augenblicke
verwandelte er sich in ein Pferd. Sie ritt es bis zum Morgengrauen die
ganze Nacht hindurch, und als sie nach Haus geritten kam, nahm sie den
Zaum ab und sofort stand er wieder in menschlicher Gestalt da. In der
Früh fragte ihn der andere, wie es ihm ergangen und erhielt zur
Antwort: »Schlimm genug. Ist die Hexe ans Bett getreten, hat mich in
ein Pferd verwandelt und ist die ganze liebe Nacht auf mir
herumgeritten.« — »Nun weisst Du, warum ich so ausgemergelt
ausschau.« — »Weisst Du was«, versetzte der Dicke, »lass mich
noch einmal in Deinem Bette schlafen, ich glaube, ich werde ihr das
Handwerk legen, denn ich weiss, sie hat nichts anderes getan, als mir
bloss mit dem Zaume einen Streich versetzt, worauf ich mich im selben
Augenblicke in ein Pferd verwandelte. Ich will schauen, irgendwie den
Zaum abzustreifen und ihr einen Schlag zu versetzen, damit sie sich in
eine Stute verwandle.«

Gesagt, getan. Er schlief also die dritte Nacht in des Kameraden Bett;
die Hexe stellte sich wiederum ein, versetzte ihm mit dem Zaume einen
Schlag und im selben Augenblicke verwandelte er sich in ein Pferd. Eine
Weile ritt sie auf ihm herum, dann band sie ihn an einen Baum an und
entfernte sich irgendwohin. Diesen Augenblick benützte er, um den Zaum
von sich abzustreifen, dann liess er ihn lose an einem Ohr hängen und
wartete auf ihre Rückkehr. Kaum war sie zur Stelle, so streifte er
vollends den Zaum ab, verwandelte sich wieder in einen Menschen und gab
ihr einen Streich mit dem Zaume, worauf sie sogleich die Gestalt einer
weissen Stute annahm. Er bestieg sie und ritt nach Hause. Zu Hause
angelangt, band er sie an einen Pflock und weckte seinen Kameraden auf,
er solle hurtig aufstehen, eine Stute müsse beschlagen werden. Der
Magere liess sich dies nicht zweimal sagen, sprang vom Lager auf und im
Handumdrehen war die Stute beschlagen. Hierauf nahmen sie ihr den Zaum
ab, sie verwandelte sich in ihre vorige Gestalt und wankte in ihr
Zimmer hinein, wo sie sich aufs Bett legte. In der Früh kam der
Schmied, ihr Mann, sie zu wecken, damit sie das Frühmahl zubereite.
Sie entschuldigte sich, sie könne nicht aufstehen, weil sie sich durch
und durch krank fühle. — »Was fehlt Dir denn?« fragte er, und sie
antwortete: »Ich bin beschlagen worden.« — »Was? Wer hat Dich
beschlagen?« — »Wer anderes als deine zwei Lehrjungen." —
Sogleich ging er zu den zwei Burschen und fragte sie, wie sie sich
unterstanden, die Frau zu beschlagen. Sie stellten sich darüber ganz
erstaunt und meinten, sie hätten niemand anderen als nur einer weissen
Stute Hufeisen angenagelt. Da erkannte der Meister sofort, sein Weib
sei eine Hexe, drum liess er Dornen auf einen Haufen zusammentragen,
legte sein Weib darauf und sie musste elendiglich verbrennen. [42]

Hexen zu sehen, wann sie zu ihrem Reigen ausziehen, gilt als sehr
schwer. Fährt eine Hexe zum Hexenreigen, so erhebt sich ein Sturm und
ein arger Wirbelwind. [43] Besonders wirbeln dann Federn im Wirbel und
man muss sich wohl in Obacht nehmen, dass man nicht in einen solchen
Wirbel hineingerät. Will man sich wirklich überzeugen, dass Hexen im
Wirbel dahinfahren, so braucht man nur ein langes und scharfes Messer
in den Wirbel hineinzuwerfen. [44] Die Hexen können dies nicht leiden,
sie geraten in Streit um den Besitz des Messers, und schneiden sich. So
wird das Messer ganz und gar blutig.

Überrascht man die Hexen bei ihrem Reigen, so schonen sie niemand,
auch nicht ihren nächsten Anverwandten. Auf irgend eine Art muss es
der Lauscher immer büssen. Davon erzählen drei chrowotische Sagen bei
Valjavec in den »Narodne prip.« S. 246:



I.

Es war einmal eine Mutter, die eine Hexe war. Sie hatte einen
erwachsenen Sohn, den sie zu einem Herrn in Dienst gab. Einmal ging der
Bursche auf Fuhrlohn und geriet, als er nachts heimkehrte, in die
Hexenversammlung, in der sich auch seine Mutter und Tante befanden.
Kaum ward die Mutter seiner gewahr, rief sie aus: »Wir müssen ihm die
Zunge herausschneiden, sonst erzählt er der ganzen Welt, wir seien
Hexen.« — Schon traf die Mutter Anstalten, um ihm die Zunge
herauszuschneiden, als sie von der Tante, d. h. ihrer Schwester, daran
verhindert wurde. »Was fällt Dir nicht ein«, rief diese aus, »Du
wirst doch Deinem eigenen Sohne nicht die Zunge herausreissen wollen!«
— Da stand sie ab von ihrem Vorhaben, dafür schlugen die Hexen
insgesamt auf den Burschen los, bis ihn die Kräfte verliessen. Er
hielt sich an den Strängen fest, so dass ihn die Pferde nach Hause
schleiften. Nach Haus gekommen, war er vom überstandenen Schreck so
gelähmt, dass er kein Wörtchen sprechen konnte. Indessen kam sein
Herr sogleich auf den Gedanken, der Bursche müsse unter die Hexen
geraten sein, nahm einen Besen zur Hand und schlug um ihn herum.
Endlich, mit grosser Müh’ und Not gewann der Arme wieder die Sprache
und erzählte dem Herrn, wie er unter die Hexen gekommen und wie arg
sie ihm mitgespielt. Am nächsten Tag in der Früh verfügten sich
beide zu den Nachbarn und erzählten ihnen die ganze Geschichte.
Hierauf versammelten sich alle Männer, gingen zu seiner Mutter und
Tante ins Haus, banden sie fest und verbrannten sie auf einem
Scheiterhaufen.



II.

Es waren einmal zwei Freunde, die reisten als Kaufleute durch die Welt.
Sie reisten lange, lange Zeit mitsammen, bis sie sich einmal trennten
und einer von dem andern nichts mehr erfuhr. Der eine ging und ging und
kam in einen Wald. Dort stand ein verdorrter Baum, wo der Teufel jeden
Samstag die Hexen in Beichte zu nehmen pflegte (de je vrag copernice
svake subote spovedaval). Der Mann wusste nichts davon, sondern stieg
auf den Baum hinauf, um auf ihm zu übernachten, denn die Nacht war
herangebrochen. Als sich der Kaufmann oben bequem gemacht, kam der
Teufel unter den Baum und wartete auf die Hexen. Die Hexen kamen und
der Teufel forschte sie über ihr Tun und Lassen aus. Die eine
erzählte, dass sie vornehmlich Kühen die Milch entzogen, eine zweite
gestand, dass sie Menschen das Herz herausgerissen, die eine erzählte
dies, die andere jenes, jede etwas, nur eine, das war die jüngste,
hielt sich für die verschlagenste und schwieg. Fragte sie der Teufel:
»Na, was hast denn Du inzwischen getrieben?« Antwortete sie: »Ich
habe es der Prinzessin angetan, dass sie zehn Jahre keinen Schritt wird
machen können.« Fragte der Teufel, was es für Gegenmittel für diese
Verzauberung gebe. Sie sprach: »Es müsste ein braver Jüngling zu
Pferde kommen, der Jüngling müsste so lange auf dem Pferde reiten,
bis es ganz von Gischt bedeckt wäre, dann solle er das Pferd mit einem
weissen Mantel bedecken, so dass der Mantel von dem Gischt ganz nass
würde und zuletzt die Prinzessin in diesen Mantel einhüllen.«

Der Mann auf dem Baume hatte dies alles belauscht, und als es tagte,
stieg er vom Baume herab. [45] Er reiste mit seiner Ware weiter durch
die Welt, und es traf sich, dass er gerade in jenen Ort gelangte, wo
die Prinzessin krank lag. Er fragte die Diener, ob sie etwas kaufen
wollen. Sie darauf: »Was und wozu sollten wir was kaufen? Unsere
Prinzessin ist ja krank.« Er: »Könnte ich nicht da helfen?« Sie
ihm: »Ei, was könnten Sie helfen? Das ganze Haus wimmelt von Ärzten
und die vermögen nicht zu helfen, da sollten Sie helfen?« Antwortete
er: »Ich kann helfen.« Sie erwiderten: »Na, also helft, wir geben
Ihnen, was Sie immer verlangen mögen!« Er bat, dass man ihm einen
braven Jüngling zu Rosse zur Verfügung stelle. Diesen Wunsch
erfüllten ihm die Leute. Er kurierte die Prinzessin und bekam sie zur
Frau, denn sie wollte niemand anderen haben, als nur ihn. Und so wurde
er glücklich und Herr des ganzen Königreiches.

Einmal stand er am Fenster und erblickte seinen ehemaligen Genossen mit
einer Warenkrücke des Weges kommen. Er liess ihn rufen und warf ihm
einige Dukaten aus dem Fenster zu. Auch erzählte er ihm, auf welche
Weise er in diese Stellung gelangt sei. Das liess sich der nicht
umsonst gesagt sein, sondern begab sich gleichfalls auf jenen Baum, wo
der andere gelauscht hatte. Als dem Teufel alle gebeichtet hatten, kam
auch an die jüngste die Reihe und er machte ihr den Vorwurf: »Aha,
das bist Du, die Du Dich berühmt hast, dass niemand der Prinzessin
wird Heilung bringen können.« Sie kam gleich auf den Gedanken, dass
sie von jemand belauscht worden sein mochte, schaute auf den Baum
hinauf, gewahrte den Mann oben und machte ihn im Verein mit ihren
Genossinnen zu Staub und Asche. (Arkiv za povj. jugosl. VII,
S. 253 f. von Valjavec.)



III.

Es war einmal eine Hausfrau, die eine Hexe war und einen Diener bei
sich in Diensten hatte. Die Hexe bestrich sich einmal mit ihrem
Zauberfette und murmelte dabei: »Weder an Bäume, noch an Sträuche«.
Der Diener belauschte sie, vernahm die Worte: »Weder an Bäume, noch
an Sträuche« und begab sich nach ihrem Fortgehen in ihre Stube.
Während er sich mit dem Fette einrieb, sprach er irrigerweise die
Formel unrichtig: »An Bäume und an Sträuche«. Als er sich
eingerieben, flog er hinaus, rannte an jeden Baum und jeden Stein an,
so dass er ganz zerschlagen und zerschunden in der Hexenversammlung
anlangte. Dort durfte das Wort »Gott« beileibe nicht ausgesprochen
werden, er aber vergass daran beim Anblick des herrlichen Saales und
rief entzückt aus: »O Gott, wie schön ist’s hier!« — Im Nu
stoben die Hexen auseinander und liessen ihn allein zurück. Drei Tage
lang blieb er dort, bis ihn irgend jemand aus seiner unfreiwilligen
Haft befreite, und drei Jahre lang dauerte es, bis er wieder in seine
Heimat zurückkam. [46]





V. Hexenzauber. Verwandlungen. Wie erfährt man, ob ein Weib eine Hexe
sei. Wodurch macht man Hexenzauber zu nichte.

Im allgemeinen hält man die Hexen für schwarze, kraus- und
weisshaarige, alte, arg zerlumpte Weiber. Ein schmuckes und stattliches
Frauenzimmer sieht man selten für eine Hexe an, doch kommt auch
dergleichen vor. Man stellt sich die Hexen als bösartige alte Weiber
vor, die aus dieser Welt nicht scheiden können, sie hätten denn eher
ihren Nebenmenschen recht viel Leids zugefügt. (Arkiv VII. 1863.
S. 241.) Gewöhnlich glaubt man, dass ein Frauenzimmer, ehe sie zur
Hexe wird, jahrelang als »Mora« (Trut oder Mar) junge Leute
beschläft und ihnen das Blut abzapft.

In jeder Hexe haust ein teuflischer Geist, der sie zur Nachtzeit
verlässt, sich in eine Fliege, einen Schmetterling, eine Henne, einen
Truthahn oder eine Krähe, am liebsten aber in eine Kröte verwandelt.
[47] Will die Hexe jemand einen besonders schweren Schaden antun, so
verwandelt sie sich in ein reissendes Tier, gewöhnlich in einen Wolf.
(Pogled u Bosnu. Zgr. 1842. S. 44.)

Ist der böse Geist aus der Hexe draussen, so liegt ihr Körper völlig
wie leblos da und wenn einer die Lage der Hexe derart veränderte, dass
der Kopf dort zu liegen käme, wo die Füsse liegen, und umgekehrt, so
gelangte die Hexe nimmer zum Bewusstsein, sondern bliebe für ewig tot.
Wenn man abends im Hause einen Schmetterling umherfliegen sieht, so
hält man ihn für eine Hexe, sucht ihn wo möglich zu fangen, brennt
ihn dann ein wenig an der Kerzenflamme oder am Lichte an und lässt ihn
wieder frei mit den Worten: »Komm morgen zu mir, damit ich Dir Salz
gebe!« Fügt es nun der Zufall, dass am nächsten Tage ein Weib aus
der Nachbarschaft in dies Haus kommt und Salz oder sonst irgend etwas
ausborgen will, und wenn sie noch zum Überfluss zufälligerweise am
Körper irgendwo ein Brandmal hat, so ist man vollends der
Überzeugung, dass sie die Hexe von gestern sei.

Hexen können nach Belieben einem Menschen die Besinnung rauben und ihn
auf einen beliebigen Ort schaffen. [48]

Hexen können sich in eine Kröte verwandeln:

Eine Mutter geriet in Streit mit zwei alten Weibern, die als Hexen
berüchtigt waren. Sie schwuren dem Weibe Rache. Es starben ihr in der
Tat alle Kinder, die bei ihr daheim waren, nur ein Mädchen von acht
Jahren blieb am Leben. Aber auch dieses wäre nicht am Leben geblieben,
hätte es sich nicht bei seinem Grossvater in einem anderen Dorfe
aufgehalten. Einmal führte eine Hausgenossin der Mutter das Mädchen
heim. Als sie über eine grosse Wiese hinschritten, sprangen vor sie
zwei grosse Kröten. Jede dieser Kröten hatte bloss zwei Füsse. Die
Kröten überschlugen sich dreimal kopfüber und verwandelten sich in
Weiber, die der Hausgenossin und dem Mädchen wohl bekannt waren. Sie
nahmen ihre Kopftücher ab und steckten sie zwischen die Füsse, als
wären es Pferde. Wirklich verwandeln sich die Tüchel in Pferde, die
Hexen ergreifen das Mädchen, fliegen mit ihm spurlos über Wiese und
Wald fort und machen erst an einem Kreuzwege Halt, wo sie das Mädchen
in Öl kochen liessen. Hier stand ein Nussbaum; unter diesem fand man
des Mädchens Tüchel und eine Schussweite davon entfernt ihr kahles
Gerippe.

Ursprünglich war die Vorstellung, dass in der Kröte ein den Menschen
wohlwollender Geist stecke, die vorherrschende. In den Sagen der
indogermanischen Völker erscheinen häufig Prinzen, Prinzessinnen und
selbst Gottheiten in der Gestalt einer Kröte oder eines Frosches. In
Tirol wird es vom Volke als ein grosses Vergehen betrachtet, eine
Kröte zu töten. [49] In Norwegen schreibt man einer Kröte die Macht
zu, sich an dem zu rächen, der ihr Böses tut, indem sie sich ihm
z. B. nachts auf die Brust legt (vrgl. Fel. Liebrecht. Zur Volkkunde.
S. 333). Dass ehedem auch die Südslaven die Kröte als ein höheres
und zugleich gutes Wesen betrachteten, dafür zeugt folgender Brauch.
Wenn ein Weib in den Wehen liegt, so streicht sie ein Bekannter mit
einem Stocke sachte über den Rücken. Mit diesem Stocke muss er aber
einmal eine Kröte vor den Angriffen einer Viper gerettet haben. Man
glaubt nämlich, dass ein solcher Stock sowohl bei einer Frau als bei
einem weiblichen Tiere die Geburtwehen bedeutend erleichtere. [50] Zu
vergleichen ist damit der schwedische Volkglaube in Wärend, über den
G. O. Hyltén-Cavallius (»Wärend och Wirdarne« Stockh. 1868. I,
S. 332) berichtet: »Scheidet jemand eine Schlange und einen Frosch,
so dass beide leben bleiben, dann gewinnt er die Kraft, dass, wenn er
eine in Kindnöten befindliche Frau umspannt, die rasch entbinden
wird.« Der Glaube, dass der Gegenstand, mit dem man eine Kröte von
der Schlange befreit, eine höhere Zauberkraft erlangt, steht nicht
vereinzelt da. In einer Handschrift aus dem Ende des 16. oder dem
Anfang des 17. Jahrhunderts, die Bartsch in d. Ztschrft. f. d.
Myth. III, S. 318 ff. mitteilt, heisst es auf S. 322: »Wan du
dartzu kömbst das eyne krötte vnd eyne schlange oder natter
mytteynander streitten, so zyhe dein schwerdt aus vnd thue der krötte
eynen beystand, vnd erschlage die natter, vnd dis schwertt behaltt
alsdan. so du dan siehst das ein vnfride ist vnd sich mit bloszen
schwerdtten eynander schlagen wöllen, so gehe hinzu vnd zeuch dein
schwerdt auch aus, vnd gebeutt ihnen den friede, so balden werden vnd
müssen sie friede halten.« (Weitere Nachweise bei Liebrecht
a. a. O.)

In der Gegenwart glaubt hie und da das Volk im slavischen Süden in der
Kröte nur noch eine Hexe zu erblicken, die man, wo es nur angeht,
töten müsse. Folgende Sage, die aus Slavonien stammt, mag diesen
Volkglauben erläutern. So war einmal ein Weib, das Weib fuhr täglich
über die Drau, um ihre Kuh, die auf dem anderen Ufer weidete, zu
melken. Als sie einmal hinüberkam, sah sie eine grosse Kröte an dem
Euter der Kuh saugen. Das Weib hielt gerade eine Ruderstange in der
Hand, durchstach damit den vorderen Fuss der Kröte und warf sie
hinaus. Auf der Rückfahrt, wo sie noch mit anderen Weibern fuhr und
ruderte, sah sie, dass die Hand der Lenkerin am Steuerruder
durchstochen ist; es war dies nämlich eine Hexe.

Eine verwandte Sage aus Schweden teilt Hyltén-Cavallius a. a. O. I.
272 mit.

Eine andere Sage aus Vidovec in Chrowotien hat gleichfalls die
Verwandlung einer Hexe in eine Kröte zum Vorwurf:

Es waren einmal zwei Brüder, der eine war arm, der andere reich. Der
Reiche hatte eine Hexe zur Frau, die Frau des Armen war aber keine Hexe
und eben deshalb blieb er arm. Einmal kam der arme Bruder zum reichen
und sprach zu ihm: »Hör ’mal, lieber Bruder, komm, hilf mir mein
Feld beackern.« Der Reiche willigte von Herzen gern ein, doch seiner
Frau war es nicht recht und sie sagte zu ihm: »Du wirst schon sehen,
wenn Du ackern wirst, so komm ich hintendrein und esse die ganze
Aussaat auf, so dass der Lump gar nichts haben wird.« — Am nächsten
Tage, nachdem die Brüder aufgeackert und die Saat ausgesäet, kam eine
grosse, abscheuliche Kröte und fing an die Körner aufzuessen. Der
Mann wusste schon von früher, sein Weib sei eine Hexe und war darüber
sehr böse, jetzt aber war er ihrer satt, zog einen Zaunpfahl heraus,
spitzte ihn zu und rannte ihn der Kröte durch den Leib. Inzwischen
machte der andere Bruder ein grosses Feuer an, in das sie nun die
Kröte hineinsteckten und so lange schmoren liessen, bis sie ganz
durchgebraten war. Als der reiche Bruder nach Haus kam, fand er sein
Weib in der Mitte des Zimmers liegen und schrecklich wehklagen, denn
sie war ganz gebraten. Da warf er sie ins Feuer, und so verbrannte die
elende Hexe vollends.

Will eine Hexe irgend jemand einen Schaden zufügen, so fliegt sie in
Gestalt einer schwarzen Krähe auf das Dach jenes Hauses, wo der wohnt,
den sie hasst, und krächzt unaufhörlich. Erschiessen kann man sie
nicht, ausser man lädt das Gewehr mit geweihtem Pulver und solchen
Nägeln, die wegfallen, wann der Schmied einem Füllen zum erstenmal
Hufeisen aufnagelt. — Es traf sich einmal, dass ein Schmied im Hofe
Pferde beschlug und sich eine Krähe aufs Dach niederliess und
abscheulich zu krächzen anfing. Der Schmied suchte sie zu
verscheuchen, doch sie wollte nicht fortfliegen, vielmehr machte sie
Miene, ihn anzugreifen. Da nimmt er sein Gewehr, lädt es und schiesst
auf sie, doch konnte er ihr nichts anhaben. Nun ward es ihm klar, das
sei ein Vöglein ganz anderer Art. Rasch entschlossen, lud er das
Gewehr mit geweihtem Pulver und mit den besagten Nägeln, legte los und
die Krähe fiel auf der Stelle vom Dache herab. Er hatte sie nicht
vollständig getötet, denn sie marterte sich noch zwei Tage lang,
eh’ sie verreckte. Im selben Augenblicke, als sie hin wurde, starb im
Dorfe eine alte Hexe, der sich der Schmied dadurch verfeindet, weil er
ihr einmal auf ihr Bitten keine saure Milch geben wollte. Nun war ihm
die ganze Geschichte klar und er wusste, dass er ihr in ihrer
Krähengestalt den Garaus gemacht.

Wenn ein junger Mann eines plötzlichen Todes stirbt, oder ein
allgemeines Sterben der kleinen Kinder von 1–6 Jahren eintritt, so
macht der Volkglaube die Hexen dafür verantwortlich. Die Montenegrer
glauben, dass ein Weib, das zur kinderfressenden Hexe werden will, vor
allem ihr eigenes Kind auffressen muss, ehe sie andern Kindern etwas
anhaben kann. [51] Ferner glaubt man, dass eine Hexe das Kind völlig
fremder Leute nicht fressen darf, sondern bloss solche Kinder, die der
Sippe, aus der sie selbst ist, abstammen. [52] Wenn eine Hexe einen
schlafenden Menschen wo überfällt, so versetzt sie ihm mit ihrem
Zauberrütlein einen Streich über die linke Brustwarze, worauf sich
dessen Brustkorb öffnet. Die Hexe reisst nun sein Herz heraus, frisst
es auf und dann wächst die Brustwunde von selbst wieder zu. Manche so
ausgeweidete Menschen sterben auf der Stelle, andere wieder schleppen
ihr Dasein noch einige Zeit weiter, so viel Lebenfrist ihnen eben die
Hexe nach der Tat noch zu bescheiden für gut befunden; ja, sie
bestimmt ihnen noch die besondere Todart, wie sie sterben sollen. [53]

Wenn es dem Ausgeweideten glückt, seines Herzens wieder habhaft zu
werden, so braucht er es nur aufzuessen und das Herz kehrt ihm wieder
an die alte Stelle zurück. Grimm (D. M. S. 1034 ff.) glaubt darin
einen alten Überrest des Brauches, Menschenfleisch zu essen, erblicken
zu sollen. Er stützt seine Ansicht durch eine ganze Reihe von Belegen
aus alter und neuer Zeit über diesen Brauch und den Glauben, dass man
durch den Genuss von Menschenfleisch eine höhere Macht erlange. Der
Vergleich, den Grimm zwischen der deutschen Bertha (vor allem ist es
noch zweifelhaft, ob dies eine deutsche Gottheit gewesen) und der Hexe,
die Menschen ihr Herz ausreisst, aufstellt, scheint mir auf einer
blossen Zufälligkeit zu beruhen. Abbate Fortis erzählt in seinem
Reisewerke über das dalmatische Küstenland (Kap. 8) eine
einschlägige Sage. Grimm teilt sie im Auszuge (D. M. S. 1034)
gleichfalls mit. Die Sage bei Fortis berichtet dasselbe, was wir aus
der weiter unten folgenden Istrischen erfahren. Bei Fortis ist es ein
Priester, der dem Ausgeweideten sein Herz rettet, indem er ihn das
halbgebratene Herz verschlucken lässt. Die Hexen entkommen der
verdienten Strafe, während sie in der istrischen Fassung angeklagt und
zum Strang verurteilt werden. Letztere Überlieferung lautet:

Es war einmal ein Mann und ein Weib. Nach einiger Zeit starb der Mann.
Sein Weib blieb nach ihm schwanger. Sie war aber eine Hexe (vešća).
Und sie brachte ein allerliebstes Töchterlein zur Welt, doch auch die
Tochter war eine Hexe. Als das Mädchen herangewachsen war, kamen aus
aller Herren Länder Burschen zu ihr auf die Freite. Doch sie wandte
ihre Gunst, oder tat wenigstens so, einem Burschen zu, der aus
demselben Orte, wie sie, war. Eines abends kam der Bursche noch mit
einem Freunde zu ihr auf Besuch. [54] Nachdem sie schon lange Zeit
dagesessen, schlief der Freier ein. Sein Freund lehnte sich an die Wand
und tat so, als ob auch er schliefe. Da fingen das Mädchen und ihre
Mutter, denn diese sass auch da, untereinander zu besprechen an, was
sie dem Freier antun sollen. Schliesslich sagte die Tochter: »Wir
reissen ihm das Herz heraus, braten es und verspeisen es.« Gesagt,
getan. Sie nehmen dem Freier das Herz heraus, schieben es in den Ofen
hinein und sagen: »Holen wir uns inzwischen, bis das Herz gebraten
wird, Brod und Wein, und dann haben wir ein schönes zweites
Nachtmahl.« Bevor sie hinausgingen, sagte noch die Mutter zur Tochter:
»Nun, wenn der sein Herz in drei Bissen wieder aufässe, das Herz
wüchse ihm wieder nach.« Der Freund, der nur so tat, als schliefe er,
hatte die ganze Unterredung mit angehört, und nahm, sobald die zwei
Frauen hinausgegangen waren, das Herz aus dem Ofen und steckte es in
die Tasche. Dann ging er hinaus, nahm einen — ich bitt um
Entschuldigung — Dreck und legte ihn ins Feuer, damit er statt des
Herzens brate. Die Zwei kommen zurück, nehmen das Ding vom Feuer und
fangen zu essen an. »Mir will es aber stark scheinen«, sagte die
Mutter zur Tochter, »als ässen wir Dreck.« »Scheint mir auch so;
dieses Herz ist gar nichts nutz.« Jetzt erwachten die zwei Burschen
und gingen heim. Als sie sich vor dem Hause befanden, sagte der Freier
zu seinem Freunde: »Du hör mal, mir scheint es, als wär ich ohne
Herz. Ich hör gar nichts, als ob etwas da drinnen pochen tät. Halt
mich, ich fall um.« Da nahm der andere ein Stück vom Herzen des
Freiers aus der Tasche, reichte ihm’s und sagte: »Geh, iss davon ein
bisschen, vielleicht fühlst dich drauf etwas leichter.« Der
nimmt’s, isst’s auf und antwortet: »Na, jetzt wird mir schon etwas
leichter; ich hör schon ein wenig mein Herz pumpern.« »Da nimm noch
ein Stück, vielleicht fühlst du dich drauf noch etwas leichter.« Der
isst auch das zweite Stück hinunter und meint: »Jetzt ist’s mir
noch besser.« Der Freund gibt ihm drauf das dritte und letzte Stück.
Nachdem er es aufgegessen, sagte er: »Na, jetzt fühl ich, dass ich
mein Herz ganz habe und dass es wieder wie früher regelmässig
schlägt.« Nun erzählte ihm der Freund haarklein, was er belauscht,
wie die zwei Weiber das Herz herausgerissen, in den Ofen gesteckt und
darauf gesagt hätten, wenn er das Herz auf dreimal aufässe, es tät
ihm wieder nachwachsen und werden, wie es früher gewesen. Am
darauffolgenden Tag begaben sie sich zu Gericht und machten davon die
Anzeige. Als das Gericht die zwei Weiber vorgeladen und ins
Kreuzverhör genommen, da läugneten sie zuerst Stein und Bein alles
ab, nachher aber bekannten sie doch ihre Untat. Und das Gericht liess
Beide aufknüpfen.

Denselben Glauben, dass Hexenspeise — wobei man wohl an
Menschenherzen zu denken hat — einem Ausgeweideten, wenn er davon
etwas zu sich nimmt, sein Herz wieder zurückgibt, erkennt man aus
folgender chrowotischen Sage:

Einem Pferdehirten hatten Hexen das Herz ausgetrunken (ispile), worauf
er von Sinnen kam. Er riss sich das Gewand vom Leibe und die Haare aus
dem Kopfe. Zu seinem Glücke war er der Eidam eines zauberkundigen
Weibes (zet babe vračare). Sie schickte ihm Hexenspeichel (coprnjske
zbljuvke), den man am Sonntag im Neumond im Morgengrauen irgendwo im
Walde oder an Zäunen finden kann, wo eben in dieser Nacht ein
Hexenmahl stattgefunden. Die Alte hatte nun zuvor dies Mittel mit
Weihwasser besprengt und ihre Gebete darüber gesprochen. Er trank dies
in Wasser und genas vollends. Seit dieser Zeit musste er stets
Rautekraut mit sich tragen, damit ihm die Hexen nichts anhaben können.
Die Raute tritt hier an Stelle des Knoblauchs ein. Auch sie, besonders
die Bergraute, [55] hat einen scharfen, durchdringenden Geruch, der sie
wohl als geeignetes Abwehrmittel gegen Hexenzauber erscheinen lässt.

Merkwürdigerweise macht die Sage die nächsten Anverwandten eines
Menschen zu seinen gefährlichsten Feinden, zu Hexen, die ihm das Herz
aus dem Leib reissen. Die Untat wird dargestellt, als wäre sie unter
dem unwiderstehlichen Zwang einer höheren Macht verübt worden. Bei
Tag fühlt die Hexe, zufolge einer Überlieferung gewissermassen Reue
über das Geschehene, ja sie kann sich ihres Verbrechens gar nicht
entsinnen, sondern fragt, was vorgefallen, und ist bereit, dagegen
Heilmittel in Anwendung zu bringen. Ich nehme Bezug auf das Volklied,
das von einer Mutter erzählt, die ihren eigenen Sohn ausgeweidet. Die
kürzeste und unvollständigste Fassung lautet:


    Auf dem Himmel lauter Sternlein,
    Lauter Schäflein in dem Tale.
    Bei den Schäflein wacht kein Hirte,
    Nur das traute Kind Miloje,
    Sanft und süss entschlief Miloje.
    Mara ruft ihn, seine Schwester:
    »Wache auf, o Milko, Bruder!«
    »Mara, Schwester, ich vermag’s nicht,
    Bin von Hexen ausgeweidet,
    Aus dem Leibe riss das Herz mir
    Uns’re Mutter mit den Zähnen,
    Uns’re Muhme leuchtete ihr.«


Den Originaltext dieses Liedchens sang mir mein Freund J. K. aus
Slavonien. Der Mann hatte das Gymnasium zurückgelegt, besuchte eine
Hochschule und hielt aber trotzdem unerschütterlich daran fest, dass
das Lied eine Tatsache berichte. Auffallend ist mir in dieser Fassung
des Liedes, dass die Hexe »mit den Zähnen« das Herz ihrem Opfer
herausreisst. Hier dürfte ein Zug aus dem Vampirglauben vorliegen. In
der serbischen Fassung (bei Karadžić, nar. pjesme I. 237), die mit
der vorangehenden übereinstimmt, spricht der erwachende Bruder (Radoje
wird er hier genannt) einfach:


    »majka mi srce vadila,
    strina joj lučem svetila«

    »Die Mutter nahm mir das Herz heraus,
    die Muhme leuchtete ihr dazu mit der Fackel.«


Dem Liede fehlt in beiden Fassungen der Schluss, er wird uns mehrfach
erzählt, z. B. bei F. Kurelac (Jačke ili narodne pěsme prostoga i
neprostoga puka hrvatskoga po župah šoprunskoj, mošonjskoj i
želěznoj na Ugrih. Zagreb. 1871. S. 296, St. 657), der das Lied um
das Jahr 1850 in Sentalek (Stegersbach) aufgezeichnet hat.


    — »Sinko Janko: kadî s konje pasal?
    — Mila majko, za lugom zelenim.
    — Sinko Janko, jesi l koga vidil?
    — Mila majko, jes tri bîle žene.
    — Sinko Janko, ča su ti činile?
    — Prva mi je srdačce vadila,
       Druga mi je tanjirac držala,
       Treta mi je na kraju plakala.
    — Jesi li mi, sinko, kû poznaval?
    — Prva si ti moja majka, bila,
       Druga mi je moja teta bila,
       Treta e bila premila sestrica.
    — Sinko Janko, ča im ti naručaš?
    — Mojoj majki tri prežarke ognje:
    Da bi va njih živa izgorila;
       Mojoj teti njoj tri konjske repe:
       Da bi me se na njih raztrzala;
       Sestri miloj njoj tri bele grade:
       Da bi mi se po njih sprehajala.«


    — Söhnchen Janko (Johannes), wo hast Du die Pferde geweidet?
    — Lieb Mütterchen, hinter dem grünen Hain.
    — Söhnchen Janko, hast Du jemand gesehen?
    — Lieb Mütterchen, ich habe drei weisse Frauen (scl. gesehen).
    — Söhnchen Janko, was haben sie Dir angetan?
    — Die erste hat mir das Herzchen herausgenommen,
       Die zweite mir das Tellerchen gehalten,
       Die dritte (stand) abseits und weinte.
    — Hast Du mir, Söhnchen, welche (von ihnen) erkannt?
    — Die erste bist Du, Mütterchen, gewesen,
       Die zweite ist meine Muhme gewesen,
       Die dritte ist meine über alles mir teuere Schwester gewesen.
    — Söhnchen Janko, was wünschst Du ihnen?
    — Meinem Mütterchen drei glühend heisse Feuer,
       Damit sie lebendig darin verbrenne;
    Meiner Muhme drei Pferdeschweife,
    Damit sie auf ihnen zerrissen werde;
    Der teueren Schwester, ihr drei weisse Burgen,
    Damit sie in ihnen lustwandeln kann.«


Ich vermute, dass dieses Lied aus Anlass eines Hexenprozesses in Krain
aufgekommen ist. Dort hat man, wie in Chrowotien, bis tief ins XVIII.
Jahrhundert hinein Hexen zum Scheiterhaufen geführt. Von dort aus
verbreiteten sich solche Prozesse weiter nach dem slavischen Süden.
Nur die Bulgaren scheinen von dieser Plage verschont geblieben zu sein.

Der ungenannte Verfasser des Schriftchens »Pogled u Bosnu ili kratak
put u onu krajinu« (Agram 1842) erzählt, wie er sich im Jänner 1840
in dunkler Nacht in ein türkisches Dörfchen bei Zvornik verirrt habe,
in ein türkisches Gehöfte eingetreten sei und von dem Eigentümer
beinahe erschossen worden wäre, weil ihn dieser für eine Hexe hielt,
die sein, des Türken, Kind auszufressen gekommen. Bruder und
Schwägerin des Türken retteten noch rechtzeitig den gefährdeten
Reisenden. Als sich der Irrtum herausgestellt, lud der Türke den
Wanderer zum Nachtessen ein und erzählte ihm den Grund seiner
Verbitterung: »Siehst du Brüderchen! Dies Haus gehört mir, das
nächste meinem Bruder. Ich habe zwei Kinder — Gott soll mir sie
leben lassen — Milica und Živan, mein Weib aber ist gestorben,
gerade jetzt wird’s ein Monat. Da in der Nachbarschaft lebt ein
Mensch, mit dem ich mich schon seit langem verfeindet habe. Er hat eine
Mutter, die ist eine alte Hexe, die hat mir gedroht, dass sie mir mein
ganzes Gesinde ausfressen wird (da će svu moju čeljad izjesti).«
Diesen Abend sass er bei seinem Bruder und trank Raki, um seinen Kummer
zu übertäuben. Als er heimkehrte, hörte er jemand Fremden im Hause
herumpoltern und die Kinder ängstlich schreien. Da war er fest
überzeugt, die alte Hexe wäre gekommen, um ihre Drohung auszuführen,
und wollte sie dafür bestrafen.

Ein Bannspruch gegen menschenfressende Hexen: Ein altes Weib, Namens
Dona aus Selačka in Serbien, pflegt auf folgende Weise Leute vom
Hexenzauber zu heilen. Sie nimmt einen Federwisch und einen roten Faden
in die Hand, berührt damit Kopf, Hände, die Herzgegend und die Füsse
des Leidenden und spricht dazu: »Heb’ dich von dannen, o weh (?),
ihr Hexen, Vile und Winde; ihr seid gekommen, damit ihr N. Herz und
Kopf ausfresset; doch bei ihm weilt Dona die Beschwörerin, die euch
schickt ins Gebirge, damit ihr (alles) Laub abzählt, ins Meer, damit
ihr den Sand ausmisst, in die Welt, dass ihr (alle) Wege abzählt. Auch
wenn ihr zurückkommt (scil. nachdem diese Aufgaben gelöst wären),
könnt ihr ihm gar nichts anhaben. Dona, die Beschwörerin, hat mit
ihrem Hauch (Seele) weggehaucht, mit der Hand wegbewegt und mit Gras
auseinandergeschoben. Auf N. Leben und Gesundheit.« Diese Worte
spricht sie dreimal nacheinander. Der Text lautet »ustaj, avaj,
veštice, vile i vetrovi, došli ste da N. — u pojedete srce i glavu;
ali je kod njega Dona bajalica, koja vas šilje u goru, list da
prebrojite, u more, pesak da izmerite, u svet, putove da prebrojite. I
kad se vratite, ne možete mu ništa učiniti. Dona bajalica je dušom
oduvala, rukom odmahala i travom rasturila. [56]

Für die Echtheit der Bannformel spricht die verwandte aus Grbalj, die
Vuk im Riečnik S. 367 b. gegen die Mora (die Mar) mitteilt. Die
sachliche Erklärung besonders der letzteren Formel bietet mancherlei
Schwierigkeiten dar. Ich will nur die Stelle daraus anführen, in der
die Aufgaben aufgezählt sind, die von der Mar und den bösen Geistern
überhaupt zuvor bewältigt werden sollen, ehe sie die Schwelle des
Hauses betreten mögen: »Nicht eher, als bist du abgezählt am Himmel
die Sterne, im Gebirge das Laub, am Meere den Sand, an der Hündin die
Haare, an der Ziege die Haarzotteln, an dem Schafe die Wollzotteln und
in den Zotteln die Haare.«

Beachtenswert ist die Wendung am Schlusse der Donaischen Formel, wo der
Hauch, die Handbewegung und das Gras (trava) als Abwehrmittel betont
werden.

Weint nachts ein kleines Kind, so glaubt man, dass es Hexen essen, und
man sucht auf den Feldern ein Kraut, das man vještički izjed [57]
(Hexenausfrass) nennt, streut dies Kraut in die Wiege, auch wird es
abgekocht und der Absud dem Kinde zu trinken verabreicht. Oder man
reibt mit Knoblauch die Wiege und die Fussohlen des Kindes ein, weil
dies ein bewährtes Mittel gegen die Hexen sein soll. [58]

In Serbien legt die Mutter in das Amulet, das sie ihrem Kinde um den
Hals hängt, ein Häuptchen Knoblauch. Dieser Knoblauch wird aber auf
folgende Weise gezogen. Die erste Schlange, die man im Jahre erblickt,
muss man töten, ihren Kopf vom Leibe lostrennen und kleinstossen. In
diese Stücke tut man das Zechel von einem Häuptchen Knoblauch und
pflanzt das ganze im Garten ein. Das Häuptchen, das daraus entsteht,
kommt ins Amulet.

Viele Bauern pflegen sich zu Weihnachten und im Fasching die Brust, die
Fussohlen und die Achselgegend mit Knoblauch einzureiben. In Slavonien
trägt der Bauer, natürlich die Bäuerin auch, immer ein Stück
Knoblauch als Amulet mit sich, um gegen alle Anfechtungen von Hexen
gefeit zu sein.

In einem slavonischen Reigenliedchen flucht die rechtmässige Frau der
Beischläferin ihres Mannes; in ihren Augen ist sie eine
menschenfressende Vila, der vor Knoblauch übel wird und die sich durch
Genuss von altem Unschlitt den Tod zuziehen soll:


    Oj inočo vilo,
    Ne jedi mi tilo!
    Već ti jedi staro salo,
    Ne bi l tebe već ne stalo,
    Pa ti jedi bila luka,
    Nek je tebi veća muka.


    »O Du Nebenweib, Du Vila,
    iss mir meinen Leib nicht ab!
    Sondern iss altes Unschlitt,
    vielleicht verschwindest Du doch endlich einmal;
    ferner iss Knoblauch,
    damit Deine Qual grösser sei!«


In einem anderen Liedchen sagt ein Mädchen:


    Gdi bi meni nahudile vile,
    Kad ja nosim u nedarah čine,
    Slipa miša i od guje repa,
    Bila beza i debela veza.


    »Wie könnten mir die Vilen Schlimmes antun,
    da ich im Busen Amulete trage,
    eine Fledermaus und den Schweif einer Natter,
    weisse Leinwand und dicke Stickerei.«


Die Stickerei, die verschiedene Figuren und Zeichen darstellt,
befremdet hier durchaus nicht.

Ein Märchen aus Krasica im chrowotischen Küstenlande [59] schildert
das Treiben einer menschenhinwürgenden Hexe wie folgt:

»Es war einmal ein Graf, der hatte eine einzige Tochter. Diese Tochter
war ein sehr übermütiges und verwöhntes Kind. Als sie
herangewachsen, schickte man sie in die Schule. Die Lehrerin, zu der
man sie in die Schule schickte, war eine Hexe, von der die Kinder
blutwenig lernten. Sie pflegte kaum in die Schulstube zu kommen, um die
Kinder zu ermahnen, dann ging sie wieder hinaus und kam erst zurück,
wenn es Zeit war, die Kinder zu entlassen. Wenn die Hexe zufällig
draussen eines ihrer Schulkinder erblickte, so schlug und prügelte sie
es wie ein stummes Tier. Als nun des Grafen Töchterlein zum erstenmale
die Schule besuchte, die Lehrerin aber sich gar nicht blicken liess, so
ging das Mädchen hinaus, um doch zu sehen, wo die Lehrerin bleibe. Sie
kommt hinaus, schaut in die Luft und da gewahrt sie ihre Lehrerin oben,
wie sie eben Kinder abwürgt. Wie das Mägdlein aber von der Lehrerin
erblickt wurde, so drohte ihr diese von oben herab. Als die Schule aus
war, kehrte das Mädchen heim und fand den sämtlichen Viehstand zu
Hause verendet. Als sie am nächsten Tage aus der Schule nach Hause
kam, da fand sie die Diener und die Dienerinnen tot. Am dritten Tage
waren Vater und Mutter tot und das ganze Haus nur mehr ein
Trümmerhaufen. Dies alles hatte die Lehrerin-Hexe verbrochen.« — Im
weiteren Verlauf des Märchens spielt die Hexe die bekannte Rolle der
bösen Schwiegermutter, die die Kinder ihres Sohnes und der ihr
missliebigen Schnur immer mit jungen Hunden und Katzen vertauscht und
so bewirkt, dass der Sohn seine Frau einmauern lässt. Schliesslich
stellt sich aber durch Gottes Wunder der wahre Sachverhalt heraus und
die Anstifterin alles Unheils erleidet das Schlimmste. In unserem
Märchen wird sie gleichfalls eingemauert. [60]

Um die Hexen herauszufinden, damit man sie die verdiente Strafe wegen
der angeblichen Kinderhinmordung erleiden lassen könne, befolgte man
und befolgt noch heutigen Tags in Montenegro und im Herzogtum soweit es
vor den Behörden verborgen bleiben kann, folgenden Brauch: Alle
waffenfähigen Männer eines Dorfes versammeln sich und der
Dorfälteste hebt beiläufig so an: »Ihr seht Brüder, dass unser
Stamm ausgewurzelt wird von Hexen und Zauberinnen, Gott möge sie
richten. Morgen in der Frühe soll jeder von euch sein Weib und seine
Mutter, so wie ich es auch selbst tun werde, zur Zisterne (oder zum
Fluss oder zum See) hinbringen, damit wir sie ins Wasser werfen und so
in Erfahrung bringen, welche die Hexen sind, dann wollen wir die
Schuldigen steinigen, oder sie müssen uns zum mindesten hoch und teuer
schwören, dass sie in Zukunft kein Unheil mehr anstiften werden. Wollt
ihr so, Brüder?« Einstimmig rufen alle: »Ja, so wollen wir, wie denn
nicht?« Am nächsten Tage führt jeder Mann sein Weib daher, befestigt
einen Strick unter den Armen um ihren Leib und wirft sie so
angekleidet, wie sie vom Haus kam, ins Wasser hinein. Die Weiber, die
augenblicklich untersinken, zieht man rasch mit dem Seil ans Trockene,
denn ihre Unschuld ist durch das Untersinken erwiesen, hingegen ist der
gegenteilige Beweis hergestellt, wenn eine auf der Oberfläche ein
Weilchen herumzappelt und nicht untergehen mag. [61]

V. Vrčević berichtet, er habe in seiner Kindheit erzählen gehört,
dass die Krivošijaner (in der Gegend von Cattaro) auf diese Weise ihre
Frauen einmal einem solche Ordale unterworfen haben. Demselben
erzählte ein Mann namens Lukas Pištelja aus Trebinje im Herzogtume,
dass die christlichen Einwohner dieses Ortes im Jahre 1857 von den
Türken gezwungen wurden, auf freiem Felde in die an der Stadt
vorbeifliessende Trebišnjica ihre eigenen Frauen hineinzuwerfen. Unter
denen, die untergingen, befanden sich zufälligerweise auch die Mutter
und die noch lebende (es war im Jahre 1874 als dies Vrčević schrieb)
Frau Pišteljas. Sieben Weiber gingen aber nicht unter, und zwar, weil
sie zuviel Kleider anhatten und das Wasser unter die Kleider gedrungen
war, da die Armen perpendikular ins Wasser fielen. Die Türken wollten
durchaus, dass alle sieben Weiber den Steinigungtod erleiden sollten.
[62] Nur mit schwerer Mühe und Not liessen sie sich von den hart
bedrängten Christen dazu bewegen, dass sie von der augenblicklichen
Strafe Absicht nahmen, indem sie sich damit zufrieden gaben, dass die
Beinzichtigten im Kloster Duži einen heiligen Eid ablegen mussten, in
Zukunft nimmermehr Kinder aufzufressen. [63]

Eines anderen Falles gedenkt Medaković. Ein Weib aus Bjelice in
Montenegro wurde ins Wasser gestossen, weil sie im Verdachte stand,
eine Hexe zu sein, doch sie ging nicht unter. Ob man sie deshalb
gesteinigt und was überhaupt mit ihr darauf geschehen, verschweigt
unser Gewährmann. Eine Witwe aus Rajčević wurde gleichfalls der
Hexerei beschuldigt und man wollte sie durchaus dem Ordale unterziehen.
Darüber entspann sich zwischen den Leuten ein Streit, der in einen
bitteren Kampf ausartete, in dem vier Menschen auf der Stelle ihren Tod
fanden.

Viel harmloser ist eine andere, im ganzen Süden bekannte Art und
Weise, nach der man die Hexen eines Ortes kennen zu lernen sucht. Man
kann sie alle bei der Mitternachtmesse in der Christnacht sehen. Zu
diesem Behufe arbeitet man vom Tage der hl. Lucia oder hl. Barbara an
bis zur Fastenzeit vor Weihnachten [64] an einem Schemel, und zwar so,
dass man jeden Tag einmal mit dem Beil in das Holz schlägt, aus
welchem der Schemel verfertigt wird. Mit diesem Schemel begibt man sich
in der Christnacht [65] in die Kirche und stellt sich darauf in dem
Augenblicke, wann der Priester den letzten Segen spricht. Da kehren die
in der Kirche anwesenden Hexen dem Altar den Hintern zu und schauen zur
Türe hin. Der Mann auf dem Schemel muss nun sofort, wie der Priester
das Kreuz schlägt, nach Hause eilen und sich ins Bett legen. Die Hexen
verfolgen ihn bis ins Haus hinein und er vermag sich nur dadurch vor
ihrer Rache zu schützen, dass er den Schemel unter das Bett stellt.
Die Hexen sind wohl jetzt machtlos, doch schärfen sie dem Manne ein,
reinen Mund zu halten über das, was er gesehen, sonst werden sie an
ihm Rache nehmen. (Über den deutschen Glauben vrgl. Grimm D. M.
1033.)

Ein Kürschnergeselle verfertigte auf die angegebene Weise einen
Schemel und beobachtete in der Kirche das Treiben der Hexen. Zu des
Burschen Unglück las der Priester hastig die Schlussgebete ab und der
Bursche konnte nur mit schwerer Müh’ und Not den Hexen entrinnen.
Sie holten ihn auf der Hausschwelle ein. Er flüchtete in die Küche
und warf sich schnell in den Brotofen hinein. Von dort zogen ihn die
Hausleute heraus und schafften ihn, der schon ganz leichenblass aussah,
in die Stube hinein. Er aber eilte zur Türe, warf sich auf die Erde
und rang die ganze Nacht hindurch mit einem unsichtbaren Jemand. Da kam
ein altes Weib aus der Nachbarschaft, beräucherte den Burschen, und
man sagt, es sei ihm darauf leichter geworden. Auf die Dauer half dies
aber doch nichts, bis sich endlich ein Weib seiner erbarmte und ihm den
Rat erteilte, er soll einer lebendigen Henne den Leib aufschneiden und
das Herz, solange es noch warm ist, roh aufessen. Dies tat er und genas
vollständig. Bis dahin hatte er das Reden fast verlernt gehabt und, es
kam häufig vor, dass er nachts bei geschlossenen Türen und Fenstern
plötzlich verschwand. Wahrscheinlich ritten da auf ihm Hexen herum.

Das Herzessen, wie es sich hier im Volkglauben erhalten hat, verrät
eine Auffassung der Dinge, wie sie nur einer alten Heidenzeit
zugeschrieben werden kann. Mit der steigenden Gesittung, als man sich
daran gewöhnt hatte, zubereitetes Fleisch zu essen, erhielt sich der
alte Brauch, nun ungewöhnlich geworden, nur noch bei Opfern. Als man
sie durch das Christentum auszumerzen begann, bezog der Volkglaube den
alten Brauch auf andere Dinge und leitete aus dem Genuss roher Herzen
eine besondere Kraft ab, die dem Betreffenden einmal zum Segen, wie
z. B. in dieser Sage, oder zum Unheil, wie den Hexen, die Kinder
ausweiden, ausschlagen kann.

Will man Hexenbesuch haben, so muss man jeden Morgen mit dem linken
Fusse beim Erwachen aus dem Bett steigen und den linken Fuss vor dem
rechten ankleiden.

Legt man einen Besen über die Schwelle, so kann keine Hexe
darüberschreiten. Ebenso kann man ihr auf offener Strasse den Weg
versperren, wenn man zwei Besen kreuzweis auf den Weg legt.

Wer sonst einer Hexe aufpassen will, muss am Charsamstag abends seiner
Kuh zwischen den Hörnern ein wenig Haare ausschneiden und am
Palmsonntag mit den Haaren in der Tasche in die Kirche gehen. Während
nun der Priester den letzten Segen spricht, nehme man ein wenig von den
Haaren zwischen die Finger, bekreuzige sich so und vergrabe die Haare,
sobald man wieder nach Hause kommt, unter die Schwelle der Stalltüre,
durch welche die Kuh durchgehen muss. Die Hexe bleibt aber an einer
solchen Schwelle wie festgewurzelt stehen. Man kann sie nun leicht
erwischen und mit ihr tun, was man will. In der Folge wird sich sowohl
die betretene als überhaupt jede Hexe wohlweislich hüten, diesen
Grund und Boden je wieder heimzusuchen.

Wann eine Hexe gestorben ist und zu Grabe getragen wird, pflegt es
jedesmal zu donnern und zu hageln, wie man glaubt deshalb, weil sie bei
Lebzeiten Donner und Hagel heraufzubeschwören vermocht hat.

Eine Hexe darf man weder an einem geweihten Orte, noch in einem Garten,
oder auf der Strasse, oder am Wegrain, oder in einem Graben am Wege
vergraben, denn andere Hexen würden sie wieder herausscharren und
beleben. Darum muss man eine Hexe im Walde unter irgend einem sehr
alten, schattigen Baume vergraben, und Gott behüte, ja nicht unter
einem jungen; denn ein junger Baum breitet nicht hinreichenden Schatten
über die Hexe aus, der Schatten aber, den die Erde wirft, mit der das
Grab zugedeckt wird, reicht allein nicht aus. Dieser Schatten ist der
Hexe auch nicht im geringsten zuträglich.

Die Seele der Hexe ist ein Baumgeist, der seinen alterschwachen Wohnort
verliess, um als Hexe weiterzuleben. Stirbt die Hexe, so begräbt man
sie unter einem alte Baume, damit der böse Geist an seinem Ursprungort
verbleiben soll.

Wenn ich den Volkglauben richtig erfasse, so ist der ursprüngliche
Grund, weshalb man eine Hexe unter einen jungen Baum nicht vergraben
will, nicht der unzulängliche Schatten, sondern weil man glauben
mochte, dass der in dem jungen Stamme hausende Geist durch die Hexe
vertrieben würde, weshalb der Baum dann absterben müsse, oder dass
die Hexe als ein Krankheitgeist in den jungen Baum fahren und ihn so
zum Verdorren bringen würde. Im übrigen spricht man den Hexen ein
ungewöhnlich langes Leben zu. Irgendwo auf einem steilen Felsen im
Hochgebirge quillt ein »lebendiges Wasser« hervor, erzählte mir
jener Bauer aus Kamensko, an welchem sich die Hexen immer verjüngen.
Das Wasser des Lebens spielt in den Sagen aller Völker eine grosse
Rolle.

Um die Hexen zu bannen, pflegen die Bäuerinnen am letzten
Faschingsonntag die Kesselketten verkehrt aufzuhängen, andere legen
ein Kuhhorn in die Kohlenglut, weil Hexen diesen Geruch nicht
vertragen.

Man kann eine Hexe auch dadurch vertreiben, dass man sie verflucht. Die
Hexe verliert nämlich im selben Augenblicke all’ ihre Macht, denn
der Mensch trägt das Kreuz der katholischen Kirche, die Hexen aber das
Kreuz des Teufels. Es genügt, dass der Mensch ihr zuruft: »Gemeines
Weib, warum trägst du das Kreuz des Teufels? Du bist ja doch von aller
Welt gemieden (verlassen) und kein Mensch mag dich leiden!« (hmana
žena, zakaj nosiš križ vraži, ipak si od sega sveta ostavlena ter
te ne mre nijeden človek trpeti!) (Aus Warasdin.)

Man ersieht aus diesem Glauben deutlich, wie die alten Anschauungen die
von der neuen Lehre nicht ausgerottet werden konnten, als eine
Nachäfferei des wahrhaft Göttlichen hingestellt sind. Den Hexen und
dem Teufel schreibt man die Gebräuche und Abzeichen der Gotteskirche
zu, doch in karikierter Gestalt; was sie tun, tun sie verkehrt, zum
Spott und Hohn der lichten Gottheit. So wird z. B. in dem
berüchtigten malleus maleficarum mehrmals des Eidschwurs Erwähnung
getan, den die Hexen bei ihrer Aufnahme in den Bund dem Teufel zu
leisten haben. [66]

Wenn man die Unterhosen umwendet und sie so anzieht, ist man gegen
jeden Hexenzauber gefeit. Das südslavische Bauernhaus hat keinen
Anstandort und die Leute sind genötigt, auf dem Düngerhaufen oder
sonst wo auf einem Platze, wohin man den Kehricht wirft, ihre Notdurft
zu verrichten. Solche Orte sind aber nach dem Volkglauben Tummelplätze
der Hexen; darum hält man ein Stück Brot in dem Mund, während man
auf einem solchen Orte weilt; dadurch wird die Macht der Hexen
gebrochen. [67]

Der Mensch kann sich vor einer Hexe nur dann mit Erfolg verteidigen,
wenn er sich mit einem geweihten Stock wehrt. Etwas anhaben kann er ihr
aber auch nur in dem Falle, wenn er sie auf den Kopf oder den Hintern
mit dem Stocke trifft; denn im Kopfe der Hexe sitzt ihr Hass gegen
alles, was geweiht ist, mit dem Hintern dagegen verhöhnt sie alles,
was heilig ist

Wird eine Hexe so ertappt, dass sie nicht mehr entfliehen kann, so
verwandelt sie sich flugs in ein Stück Holz oder einen Stein, je
nachdem an dem Orte mehr Holz oder Steine liegen, so dass der Gegner
irregeführt wird. Gelänge es aber einem, den Gegenstand ausfindig zu
machen, in den sich die Hexe verwandelt hat, so kann er ihr leicht den
Garaus machen, wenn er nur herausbekommt, auf welcher Seite ihr Kopf
liegt. Trifft man die Hexe nicht gerade auf den Kopf, so mag man drei
Tage lang auf den Gegenstand losschlagen und man wird der Hexe dennoch
nicht das Geringste anhaben. Versetzt man ihr aber einen rechten Schlag
auf den Kopf, so bleibt sie für immer tot liegen, und zwar in der
Gestalt, die sie angenommen hat. [68]

Bäuerinnen, die an Hexen glauben, pflegen Schweinedreck in einen
Leinwandlappen einzuwickeln, den Lappen fest zuzubinden und als Amulet
an einer Schnur um den Hals zu tragen. Diese Schnur muss aber eben so
lang sein als das Weib gross ist, das die Schnur braucht, dann kann
kein Teufel und keine Hexe dem Weibe etwas anhaben. (Aus Krapina
Toplice in Chrowotien.)

Um sich vor Hexen zu schützen, trägt man Schlehdornen im Kleid
eingenäht. Mit Schlehdornen bannt man Hexen und Teufel. In Häusern,
wo es kleine Kinder gibt, befestigt man an Türen und Fenstern
Schlehdornen. [69] (Slavonien.)

Wie erwähnt benötigen die Hexen eines Zauberfettes. Wer davon isst,
versteht die Tiersprache. Wie dieses Fett gewonnen wird, erzählt
folgende Sage aus Kreutz in Chrowotien.

Es war einmal eine Hexe, bei der es niemand im Dienste aushalten
konnte. Nun ging einmal ein Junge des Weges, erblickte die Hexe und bot
ihr einen »guten Tag« zum Gruss. Sie winkte ihm freundlich zu, fragte
ihn, wohin er wandere, und er antwortete, er gehe einen Dienst suchen.
Sie sagte ihm gleich, bei ihr wär eben eine Stelle frei und er dürfe
nur eintreten, und so trat der Junge bei ihr in Dienst ein. Sie
schärfte ihm sogleich ein, er müsse sich brav aufführen, bei ihr
habe schon eine Menge Leute gedient, weil sich die aber nicht brav
aufgeführt, deshalb habe sie ihnen allen der Reihe nach den Garaus
gemacht. Der Junge gab ihr das feste Versprechen, sich stets brav
aufzuführen. Abends setzte sie ihm ein gutes Nachtmahl vor und befahl
ihm, er müsse morgen in der Frühe zeitlich aufstehen, um aufs Feld
ackern zu gehen. Der Junge erwachte zeitlich in der Früh und ging
ackern. Um die Mittagstunde setzte er sich zum Essen und liess die
Ochsen lange Rast halten. Als er abends heimkehrte, fragte ihn die
Vettel, wieviel er aufgeackert; und er antwortete »so und soviel«.
— Der Alten schien das wenig zu sein und sie schalt ihn einen trägen
Arbeiter. Hierauf begab er sich zur Ruhe, um am folgenden Tage wieder
seine Arbeit aufzunehmen. In der Früh trug ihm die Alte auf, er müsse
das, was er zuerst aufackere, es mag was immer sein, auf der Stelle
nach Hause bringen. Er begab sich aufs Feld, stemmte die Pflugschar ein
und ackerte eine Kröte heraus. Die nahm er sogleich und trug sie der
Alten heim. Die Alte sprach: »Gut mein Kind, gut«, und der Junge
kehrte wieder aufs Feld zurück. Nun klagte ihm einer der Ochsen, er
sei ganz müde, denn die Alte sei die ganze Nacht auf ihm
herumgeritten; deshalb gönnte der Junge den Ochsen wiederum eine lange
Rast. Er kommt nach Haus und seine Herrin fragt ihn: »Wie viel hast du
aufgeackert?« — »So und so viel.« Hierauf begab sich die Alte in
die Stube, der Junge aber huschte schnell in die Küche, um
nachzusehen, was die Alte koche und sah die Kröte in einer Rein
braten. Schnell ergriff er einen Löffel, schöpfte ihn voll Sahne, in
der die Kröte briet, und schlürfte den Saft hinunter. Sodann schaffte
er die Ochsen in den Stall und ging nachtmahlen, doch bekam er nicht
die Kröte zu essen. Nachdem er sich sattgegessen, begab er sich zur
Ruhe. Am dritten Tage gönnte er wiederum den Ochsen eine lange Rast.
Als er abends heimkehrte, stand er eine Weile mit der Alten im Hofe.
Die Alte besass eine Gluck, die ein hinkendes Küchlein hatte. Da
machte die Gluck dem hinkenden Küchlein Vorwürfe, warum es sich nicht
tummle, es sehe ja, ein Geier schwirre durch die Lüfte. Der Junge
verstand das ganze Gespräch und erzählte es der Alten. Die Alte hiess
ihn näher treten und sagte: »Geh’, komm’, zeig mir mal deine
Zunge!« — Er streckte die Zunge aus, die Alte aber nahm einen
Löffel und schabte das wenige von der Sahne ab, das noch auf seiner
Zunge klebte. Seit diesem Augenblicke verstand er nicht mehr die
Sprache der Tiere.

Das Fett, mit dem sich die Hexen einreiben, um fliegen zu können,
besteht nach einem andern Volkglauben aus Stutenbutter. [70] Ein Bauer
aus Toplice (dem Kurort bei Warasdin) erzählte folgendes Erlebnis:
»Ich habe an diesen Weihnachttagen ein Weib gesehen, das hat drei Tage
hindurch nach Stutenbutter gesucht (iskala konjsku putru, wörtl. sie
verlangte Pferdebutter.) Dann hab’ ich sie gesehn, dass sie welche
gefunden hat, wo die Pferde weiden. Ich bin ihr nun entgegengetreten,
sie hat aber die Butter unter die Schürze versteckt. Ich hab’
gesehen, wie ein bisschen davon hervorschaut und hab’ sie gefragt:
»Was fangen Sie damit an, Gevatterin?« (Kaj bute kuma s tem?) Da
verschwand sie augenblicklich spurlos, ich aber war in Furcht, weil ich
mich ganz allein befand. Ja, wenn ich sie nicht gefragt hätte, sie
hätten gesehen, sogleich hätt’ sie mich zu Staub und Asche
zermalmt. Wenn sie mit dieser Butter zaubern will, da muss sie sie in
der Mitternachtmette mit haben, und beim Segen muss sie auf ihr knieen.
Sobald die Mette aus ist, da muss die Hexe hurtig heim eilen, damit sie
von gar niemand wahrgenommen wird. Diese Zauberei (Hexerei, coprija)
ist zu folgendem gut: Wenn die Hexe alles, wie es sein muss, mit dieser
Butter vollbringt, so kann sie auf ihr (na njoj) wie ein Pfeil
dahinreiten und wird von niemand erblickt. Man sagt auch, dass es
zuweilen nur darum saust (fućka, vom Pfeifen des Wirbelwindes), weil
eine Hexe durch die Luft reitet, andere sagen wohl auch, der Teufel
führe Geld.« In Biškupec in Chrowotien glaubt das Volk, dass die
Hexen zu Pfingsten (na duhovo) um halb zwölf nachts das Fett bereiten,
das sie zum Fliegen befähigt.

Dieses Fett wirkt so kräftig, dass alles und jedes in Bewegung gerät,
was damit bestrichen wird.

Es war einmal eine Hexe, die befahl ihrem Sohne, aus dem Kasten Fett zu
nehmen und den Wagen zu schmieren. Der Junge ging in die Stube und nahm
das Fett heraus, vergriff sich aber und nahm ein Fett, das seine Mutter
brauchte. Er bestreicht das eine Rad und es fängt an sich zu drehen,
er bestreicht das zweite, auch dieses dreht sich, so das dritte und das
vierte, da flog der Wagen auf den grossen Nussbaum, der vor dem Hause
stand. Der Junge lief nun schnell zu seiner Mutter und erhob ein
Geschrei: »Mütterchen, Mütterchen, der Wagen ist mir auf den
Nussbaum hinaufgefahren.« — Sie: »Ja, was hast du angerichtet? —
Hab’ ich dir denn befohlen, mit diesem Fett den Wagen zu
bestreichen?« Hierauf ging sie hinaus und beschwor den Wagen vom Baume
herab, was niemand anderem als nur ihr gelingen konnte.

Besonders gefürchtet sind die Hexen, die Kühe behexen. Wenn einer Kuh
die Milch versiegt, oder wenn, wie man im Volke sagt, eine Kuh
eintrocknet, so schnitzt man einen Keil aus Birkenholz und keilt ihn im
Stalle unter dem Lager der Kuh, gerade unter ihrem Nabel in den Boden
ein. Damit ist der Hexenzauber gebrochen. Wird eine Hexe auf frischer
Tat ertappt, so soll man sie mit einem Birkenrutenbesen schlagen und
sie wird nimmer zaubern können. [71] Will man sein liebes Vieh gesund
erhalten, so schlage man es nur mit Birkenreisern. (Slavonien.) Ein
anderes Rezept aus Čehovci im Murlande lautet:

Um zu verhüten, dass Hexen den Kühen die Milch entziehen, nehme man
die Mistel, [72] die auf Bäumen wuchert und Holz vom
Kornellkirschbaum, füge Schiesspulver hinzu, lasse die Dinge einsegnen
und wickle sie in einen kleinen Leinenlappen, den man der Kuh, bevor
sie noch einmal abkalbt, in ein Horn hineingibt, nachdem man vorher das
Horn oben abgeschnitten. Infolgedessen wird keine Hexe dieser Kuh etwas
anhaben können.

In der Weihnachtnacht muss man den Kühen Heu vorlegen, und zwar muss
man damit rauschen, damit die Kühe nicht hören, wie sie der Reihe
nach von den Hexen angerufen werden und sich ihnen nicht melden. Der
Kuh, die sich auf den Ruf der Hexen meldet, entziehen die Hexen die
Milch.

Am Samstag vor Pfingsten (na soboto pred binkošti. Binkošti ist das
deutsche Wort Pfingsten, das wieder ein Lehnwort aus dem Griechischen
ist: πεντεκοστή, das slavische Wort ist duhovi) werden in Ormuž in
Steiermark von alten Weibern die Kühe angeräuchert, damit ihnen die
Hexen nichts anhaben können.

Will man verhüten, dass eine Hexe das Vieh behext, so pflegen die
chrowotischen Bauern einen Faden um das ganze Gehöfte herum zu ziehen,
den Faden muss man aber eigenhändig am Quatemberfasten gesponnen
haben. [73]

Hexen vermögen eine fremde Kuh auszumelken, wenn sie auch nicht im
Stalle bei der Kuh sind, wie es aus folgender Sage erhellt. Es waren
einmal zwei Nachbarinnen, von denen die eine eine Hexe war. Diese Hexe
pflegte das eine Ende eines langen Seiles über den Zaun in den Stall
ihrer Nachbarin zu werfen, steckte dann das andere Ende des Seiles in
ihren Milchkübel und melkte so die fremde Kuh aus. Sie wusste nur
nicht, dass sie bei diesem bösen Treiben von ihrer beschädigten
Nachbarin beobachtet wurde, und so selbst verriet, dass sie eine Hexe
sei. [74] Von der Strafe, die eine Hexe wegen unbefugten Ausmelkens
fremder Kühe erleiden musste, erzählt folgende Sage aus Chrowotien:

Es war einmal ein reiches und ein armes Weib. Die reiche Frau hatte nur
ein einziges Kind, die arme ihrer sieben. Die Reiche besass sieben
Kühe, die Arme nur eine und die gab keine Milch; denn sie wurde von
der Hexe ausgesaugt. Einmal ging die Arme in den Stall und erblickte
eine Kröte, die an dem Euter der Kuh säugte. Rasch ergriff sie eine
Axt und schlug auf die Kröte los. Diese Kröte war niemand anderer als
die reiche Nachbarin, die gleich am nächsten Tage gegen das arme Weib
beim Pfarrer Beschwerde führte. Der Pfarrer liess auf der Stelle das
arme Weib vor sich laden und fragte sie, wie sie es gewagt, ihre
Nachbarin so schmählich zuzurichten. Das Weib erklärte, sie habe bei
Leibe niemand anderen als nur eine Kröte geschlagen, die an dem Euter
ihrer Kuh gesaugt. Auf diese Weise erfuhr man, dass die reiche Frau
eine Hexe ist und liess sie auf Pferdeschweifen in Stücke reissen.

Die Hexe erlangt über die fremde Kuh durch ein sogenanntes
sympathetisches Mittel Gewalt. Darin liegt aber auch zugleich die
innere Kraft der Hexe. Gelingt es dem Beschädigten, die Stücke in die
Hand zu bekommen, so ist er zugleich Herr der Hexe. Er kann sie dann
nach Belieben vernichten. Darüber belehrt uns ein Märchen aus
Chrowotien.

In Cepirlak lebte ein Weib, das hatte drei Kühe. Die eine Kuh war
weiss, die andere schwarz, die dritte rot. Diese Kühe gaben recht viel
Milch. Das Mütterchen wurde reich und schenkte viel den Armen. Auf
einmal trockneten die Kühe ein, doch nicht plötzlich, sondern so,
dass sie immer weniger und weniger Milch gaben. Das Weib fütterte und
hielt wohl immer besser ihre Kühe, doch alles umsonst, zusehends
wurden die Kühe immer magerer, und darüber weinte das Mütterchen.
Sie wusste sich schon nimmer zu helfen, sondern suchte ein altes
Mütterchen auf und befragte sie um ihren Rat wegen der Kühe. »He«,
sagte das alte Mütterchen zu ihr, »da weiss ich dir wirklich keinen
Rat und keine Hilfe. Ein Weib hat dir die Kühe verhext (edna ti je
žena scoprala krave). Geh nach Haus, vielleicht findest du irgend
etwas.« — Geht das Weib heim, sucht in allen Winkeln herum, kann
aber nirgends etwas finden. Schaut sie da nicht zufällig in den
Rauchfang hinauf und erblickt im Rauchfang einen schwarzen Gegenstand.
Nimmt sie ihn herab, um doch zu sehen, was das sein soll. War das ein
Pack Lumpen. In den Lumpen aber waren drei Nägel und um jeden Nagel
ein Haar gewunden: ein rotes, ein schwarzes und ein weisses, gerade
solches Haar, wie es die Kühe eben hatten. Ging sie nun wieder zu dem
alten Mütterchen mit den Sachen, die sie da gefunden. Schaut das
Mütterchen die Sachen an und spricht zu ihr: »Nimm diese drei Nägel
und schmiede sie zu einem einzigen zusammen, dann nimm um 12 Uhr
nachts diese drei Kuhhaare und leg jedes mit einem Ende ans Feuer, und
zwar so, dass sie nur ein klein winzig anbrennen. So musst du nach und
nach jeden Tag tun, so lange, bis deine Kühe gesund werden.«
Schmiedet sie wirklich die drei Nägel in einen zusammen und fängt an,
die drei Haare zu versengen. Gott soll mich strafen, wenn nicht
wirklich von dem Augenblicke ab die Kühe immer gesunder wurden.
Schlimm aber erging es dem Weibe, das die Kühe verhext hatte. Noch den
Tag vorher war das Weib frisch und gesund. Von dem Augenblick ab, wo
das Weib die Haare zu versengen anfing, wurde die Hexe immer
hinfälliger, und je mehr die Kühe an Gesundheit und Kraft zunahmen,
desto mehr nahm die Hexe ab. Wenn das Weib schlief, kam die Hexe immer
unter ihr Fenster und fing zu jammern und zu winseln an: »Gib mir die
Nägel, gib mir die Haare zurück!« und so kreischte sie fort und
fort, bis der Hahn in der Früh »Kukuriku« krähte. So ging es Nacht
für Nacht, und die Hexe winselte immer mehr und mehr. Einmal winselte
sie so stark, dass ihr das Weib beinahe die Nägel und Haare schon
zurückgeben wollte. Wie sie sich aber erhob, um sie der Hexe
zurückzugeben, fingen die Kühe so jämmerlich zu brüllen und muhuen
an, dass sie sich darüber ganz entsetzte, und so gab sie der Hexe
weder die Nägel noch die Haare zurück. Ging sie wieder zu jenem alten
Mütterchen und erzählte ihr die Sache. »O Weh«, sagte das alte
Mütterchen, »gib es nicht her, um Gotteswillen, nicht! Sie möchte
gesund werden und das ganze Dorf verhexen. Verbrenn du nur noch den
Überrest der Haare, sonst ist’s in Zukunft um dich und um uns
schlimm bestellt.«

Das Weib ging jetzt nach Haus, nahm die Nägel, die in eins geschmiedet
waren, sowie den Rest der Haare und legte sie ins Feuer. Sobald die
Haare verbrannt waren, da züngelte flugs ein mächtiges Feuer durch
den Rauchfang im Hause der Hexe, eine schwarze Gestalt bemächtigte
sich der Hexe und flog mit ihr fort bis zu jenen Bergen. Dies aber war
der leibhaftige Teufel, der die Seele der Hexe mit sich forttrug in die
Hölle, auf dass sie dort ewige Qualen erdulde.

Mehr Märchen als Sagen sind folgende zwei Hexengeschichten, beide aus
der Umgegend von Warasdin.



I.

Es waren einmal eine Mutter mit einem kleinen Kinde, das sie vor kurzem
zur Welt gebracht. Da sie ein armes Weib war, konnte sie keine
Gevatterin finden. Nun begegnete ihr einmal auf dem Wege, als sie auf
Arbeit ging, eine Hexe und sie bat sie ihrem Kinde Gevatterin stehen zu
wollen. Nach der Taufe sagte die Gevatterin zur Mutter, sie möge sie
einmal besuchen, wenn das Kind etwas grösser geworden. Nach geraumer
Zeit machte sich die Frau auf den Weg zur Gevatterin in ihr Schloss.
Vor dem Schlosstore angelangt, fielen ihr zwei Hähne auf, die als
Torwächter auf und abgingen. Sie schritt vorbei, kam in die Küche und
erblickte Schürhaken und Schaufel gegeneinander schlagend und
herumtanzend. Als sie auf den Söller kam, sah sie in dem ersten Zimmer
nur Blutlachen, im zweiten Zimmer nur Fleischstücke, im dritten lauter
Hände und Füsse, und als sie durchs Schlüsselloch ins vierte
hineinlugte, gewahrte sie die Gevatterin, mit einem Pferdekopfe auf dem
Haupte, damit beschäftigt den Pferdekopf zu lausen. Kaum trat sie in
die Stube hinein, schleuderte die Gevatterin den Pferdekopf unter den
Stuhl, und der Besuch fing ihr zu erzählen an, was für
Merkwürdigenkeiten sie im Hinaufgehen gesehen: »Beim Eingang ins
Schloss sah ich zwei Hähne als Torwächter.« — »Das sind«,
erklärte die Alte, »meine Wächter.« — »Im Hinaufgehen sah ich in
der Küche Schürhaken und Schaufel tanzen.« — »Das ist meine
Dienerschaft, sie feiert Hochzeit und erfreut sich am Tanz.« — »Als
ich schon oben am Söller war, sah ich ein Zimmer voll Blutlachen.«
— »Das ist mein Wein.« — »Im zweiten und dritten Zimmer sah ich
lauter Fleischstücke.« — »Das ist mein Braten.« — Hierauf ging
die Hexe hinaus, brachte Blut und Fleisch und bot es der Frau zu essen
und zu trinken an, doch die weigerte sich beharrlich auch nur das
Geringste zu sich zu nehmen. Beim Abschiede gab ihr die Hexe das
Vortuch voll Kohlen und schärfte ihr ein, sie nicht wegzuwerfen,
wofern sie etwas Gutes zu haben wünsche. Auf dem Wege aber fiel der
Frau ein Teil davon aus der Schürze und sie fand es nicht der Mühe
wert, das zu Boden Gefallene mehr aufzulesen. Wie sie nach Haus kam,
warf sie verächtlich die Kohlen auf den Tisch, und siehe da! — es
war lauter blankes Gold. [75] Jetzt tat es ihr freilich leid um das,
was sie weggeworfen, und sie tummelte sich an den Ort zurück, um es
aufzulesen, doch es war keine Spur mehr von den Kohlen, ebensowenig
auch von einem Schlosse zu entdecken. Da ward es der Frau klar, dass
sie es mit einer Hexe zu tun gehabt.



II.

Es war einmal eine Gräfin, die hatte ein kleines Töchterchen. Die
Kleine ging einmal in den Wald und verirrte sich darin. Als sie so hin-
und herirrte und weinte, erblickte sie in weiter Ferne ein kleines
Häuschen, zu dem lenkte sie ihre Schritte. Als sie dort ankam, pochte
sie an der Türe an. Jemand rief von drinnen: »Herein«. — Das
Mädchen öffnete die Türe und trat in die Stube ein und erkannte
gleich beim ersten Blick, dass sie sich in der Behausung einer Hexe
befinde. Die Hexe sprang sogleich auf sie los, stach ihr die Augen aus
und jagte sie so lange um den Tisch herum, bis sich die Kleine ganz
wund schlug; dann aber trieb sie sie ins Bett. Am nächsten Tage ging
die Alte irgend wohin in den Wald und das Mägdlein blieb allein zu
Hause. Das arme Kind war vollkommen blind und sass traurig in einem
Winkel. Auf einmal hörte sie ein Vöglein singen und vernahm deutlich
seine Worte: »Öffne den Kasten, der dort steht, nimm das Fett heraus,
das sich darin befindet und bestreich dir damit die Augen.« — Das
Mägdlein tappte nach dem Kasten, schloss ihn auf, nahm das Fett
heraus, bestrich sich die Augen damit und ward auf der Stelle wieder
sehend. Jetzt schaute sie sich nach dem Vöglein um und entdeckte es in
einem Käfig. Sie trat zum Vöglein hin und sprach ihm ihren Dank aus,
und das Vöglein entgegnete ihr: »Ich habe dir nicht ganz umsonst
geraten, ich fordere einen Gegendienst. Du sollst mir den Kopf
abschlagen; ich bin nämlich so wie du ein verzaubertes Mägdlein und
kann wieder meine ehemalige Menschengestalt erlangen, wenn du mir den
Kopf abschlägst. Ich verstehe mich nicht wenig auf Hexenkünste und
werde leicht Mittel und Wege finden, um uns Beiden aus der Klemme zu
helfen.« — Gut. Das Mägdlein schlug dem Vöglein das Köpfchen ab
und das Vöglein verwandelte sich augenblicklich in eine schöne Maid.
Ohne auch nur einen Augenblick zu zögern, ergriffen die zwei Mädchen
die Flucht durch den Wald. Als inzwischen die Hexe nach Haus kam und
die Mädchen nicht mehr vorfand, sattelte sie rasch eine Wildsau und
setzte den Fliehenden nach. Wie sie ihnen schon, wie man sagt, auf den
Fersen war, merkte das Mädchen, das sich auf Hexenkünste verstand,
dass ihnen die Hexe nachsetzte und sagte zu ihrer Fluchtgenossin:
»Hörst du, wie sie hinter uns einherjagt? — Doch, ich kann ja
hexen: du sollst dich in ein Fischlein verwandeln, ich verwandle mich
in eine Lache.« — Sie hatte noch nicht recht diese Worte
ausgesprochen, so war die Verwandlung auch schon geschehen. Als die
Hexe fort war, verwandelte das kundige Mädchen sich und ihre Genossin
wieder in Menschengestalt und sie setzten ihre Flucht fort. [76] Auf
einmal vernahmen sie hinter sich Pferdegetrappe; das eine Mädchen
hörte die Stimme ihres Vaters und sagte zum anderen: »Hier wollen wir
warten, man sucht mich.« — Kaum hatte sie dies gesprochen, war ihr
Vater auch schon zur Stelle und hob Beide zu sich auf den Wagen, den
Soldaten aber, die er mit sich führte, befahl er, der Hexe
aufzulauern, sie festzunehmen und ins Schloss zu befördern. Die Hexe
wurde wirklich bei ihrer Rü

Showing first 200,000 characters. Full text: gutenberg.org/ebooks/44868