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Aus einer kleinen Garnison: Ein militärisches Zeitbild

by Fritz Oswald Bilse · German · Gutenberg #44719 · 336,523 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Aus einer kleinen Garnison: Ein militärisches Zeitbild
    
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Title: Aus einer kleinen Garnison: Ein militärisches Zeitbild

Author: Fritz Oswald Bilse


        
Release date: January 20, 2014 [eBook #44719]
                Most recently updated: October 24, 2024

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/44719

Credits: Produced by Norbert H. Langkau, Matthias Grammel and the
        Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS EINER KLEINEN GARNISON: EIN MILITÄRISCHES ZEITBILD ***

                 Aus einer kleinen Garnison.


                 Ein militärisches Zeitbild

                             von

                   Fritz von der Kyrburg.


                       [Illustration]


                       =Braunschweig=
               _=Verlag von Richard Sattler=_
                            1903.




Inhaltsverzeichnis


                                  Seite
    Erstes Kapitel                    1

    Zweites Kapitel                  27

    Drittes Kapitel                  78

    Viertes Kapitel                 125

    Fünftes Kapitel                 185

    Sechstes Kapitel                233

    Siebentes Kapitel               245

    Achtes Kapitel                  264




[Illustration]


Erstes Kapitel.


In dem geräumigen, mit behaglicher Eleganz eingerichteten Wohnzimmer war
Frau Clara König damit beschäftigt, die letzten Vorbereitungen zum
Empfang ihrer Gäste zu treffen.

Denn heute war Musikabend, zu welchem sich einmal in der Woche die
engeren Freunde des Hauses versammelten, soweit sie musikalisch waren.
Diesmal aber hatte man noch einige Familien dazu gebeten, damit sich
alle von der erfolgreichen Tätigkeit der »Künstler« überzeugen sollten.

Hier rückte die Hausfrau einen Stuhl zurecht, dort strich sie glättend
über ein gesticktes Deckchen, welche sie in allen Farben und
Geschmacksrichtungen selbst gefertigt. Sie prüfte die Lampen auf ihre
Lebensfähigkeit, klappte Klavier und Harmonium auf und warf schließlich
einen liebevoll sorgenden Blick nach den gefüllten Blumenvasen, ob sie
auch ihren duftenden Inhalt von der vorteilhaftesten Seite zeigten. Denn
darauf hielt sie sehr, nie fehlte auf dem Kamin und dem Erkersims ein
Sträußchen oder frisches Grün, selbst nicht zur kalten Winterszeit.

Frau Clara war eine mittelgroße Dame von etwa dreißig Jahren, mit einer
gefälligen Figur und einem hübschen, frischen Gesicht. Die munteren
blauen Augen gaben ihm im Verein mit dem geschmackvoll frisierten
Blondhaar einen jugendlich angenehmen Ausdruck.

Jetzt ließ sie sich in einen Sessel nieder, denn es war alles in bester
Ordnung. Das war übrigens immer so.

Da teilte sich die Portiére zum Nebenzimmer, und ihr Gatte, ein großer
Herr mit schwarzem Schnurrbart, trat herein, um auch seines Amtes zu
walten. Ihm lag es nämlich ob, den Kronleuchter anzuzünden. Im
Allgemeinen pflegte er pro Gast nur eine Flamme zu brennen, heute aber
ließ er den ganzen Lüstre in festlichem Glanze erstrahlen, denn man
erwartete viele Gäste, während nur 5 Flammen vorhanden waren. So brannte
er denn den Wachsstock an, welcher praktischer Weise meist auf oder
dicht neben dem Ofen zu finden war, schimpfte über die hohe Gasrechnung,
entzündete die Flammen, schüttete einen Eimer Kohlen in den Ofen und
warf ein Blatt Papier hinterher, daß er nicht puffen sollte. Dann ließ
er sich gleichfalls in einen Sessel nieder.

Herr Albrecht König war seines Zeichens wohlbestallter Rittmeister. Die
Schwadron hatte er in bester Ordnung, denn er widmete sich ihr mit
großem Eifer und nie erlahmender Sorgfalt. Fand sich Zeit und Muße, so
las er die »Deutsche Zeitung«, studierte den Kurszettel, arbeitete im
großen, trefflich in Stand gehaltenen Garten des Hauses oder überwachte
den Hühnerhof, dessen Eierertrag er für hohe Preise an seine Gattin
verkaufte. Hatte er gar nichts zu thun, so führte er Schlachten mit
seinem neunjährigen Sohne auf, hielt Weinproben ab oder übte Klavier,
denn dieses Instrument verstand er fast meisterhaft zu spielen.

Ein Geräusch im Vorzimmer verkündete jetzt die Ankunft der ersten Gäste.
Man vernahm einen langsam schleppenden Schritt und ein heftiges
Schnauben. Die Tür ging auf, und herein trat Landrat von Konradi, ein
wohlbeleibter Herr mit einem Klemmer auf der aristokratischen Nase, über
den hinweg sein Blick jetzt forschend die Frau des Hauses suchte. Das
Haar schien zwar ergraut, doch dunkel gefärbt, und böse Menschen wollten
wissen, es geschehe für das schöne Geschlecht. Der Herr Landrat hatte
nämlich keine Frau. Sein Ideal verkörperten ein gutes Diner und mehrere
noch bessere Weinsorten, und, da beides im Hause des Rittmeisters zu
finden war, kam er gern. Im Übrigen galt er für einen Gentleman.

Während er sich gerade bemühte, der Hausfrau mit Entrüstung zu erzählen,
wie ein von ihm bestellter Fasan in gänzlich ungenießbarem Zustande
angekommen sei, öffnete sich wieder die Tür und Frau Rittmeister Kahle
trat ein.

Von kleiner, zierlicher Figur, jedoch mit einem Gesicht, welches dem
eines ungezogenen Knaben glich, war sie im Allgemeinen eine ganz
niedliche Erscheinung, nur spielte ein beständiges Lächeln um den etwas
großen Mund, und wenn sie ihn auftat, ließ sich eine unzarte, fast
kreischende Stimme hören.

Ihr folgten drei jüngere Herren, als erster Leutnant Pommer. Man
schätzte ihn allgemein wegen seines natürlichen offenen Wesens; schien
er dadurch auch manchmal etwas derb, so wußte doch jeder, wie es gemeint
war. Mit besonderer Liebenswürdigkeit begrüßte er Frau Kahle, und es sah
fast drollig aus, wie der große, korpulente Mann mit dem Nippfigürchen
kontrastierte.

Der zweite war der Leutnant Müller. Wer es nicht wußte, sah an der
selbstgefälligen Miene und der steifen Haltung des Herrn, daß er der
Regimentsadjutant sein müsse. Er galt für den Schrecken aller
Hausfrauen, denn er war unersättlich und vernichtete mit Seelenruhe die
dreifache Portion wie ein anderer Sterblicher. Legten seine
Tischgenossen die Gabel aus der Hand, so langte er mit der
Versicherung, daß er gerade dieses sehr gern äße, zum dritten Male zu.

Der letzte der Herren war Leutnant Kolberg, ein auffallend blaß
aussehender junger Mann mit kühn emporgewirbelten Schnurrbartenden. Er
führte ein unsolides Leben und rühmte sich einer bewegten Vergangenheit.

Während man der noch fehlenden Gäste harrte, bildeten sich einige
Gruppen. Leutnant Kolberg war ebenfalls zu Frau Kahle getreten und maß
sie von oben bis unten mit wohlgefälligen Blicken. Der Adjutant suchte
von Frau König zu erforschen, was es zu essen gäbe, und als er es
erfuhr, behauptete er sofort, es sei sein Leibgericht. Der Landrat
plauderte mit dem Rittmeister über eine Weinreise, die sie gemeinsam zu
unternehmen gedachten, um den Keller mit neuen Schätzen zu füllen.

Wieder ging die Tür auf, und herein schwebte eine ungeschickt gepuderte,
aussagend korpulente Dame in einem schwarz und gelben Kleide, dessen
Machart sich mit den unpassend zusammengestellten Farben in
Geschmacklosigkeit überbot. Sie stürzte sofort auf Frau Clara zu,
drückte ihr mit den rundlichen Fingern die Hand und gab ihrer Freude
über die erhaltene Einladung Ausdruck. Den anwesenden Herren hielt sie
die fleischige Rechte so dicht unter die Nase, daß diesen gar nichts
anderes übrig blieb, als den obligaten Handkuß darauf zu drücken.

Es war Frau Rittmeister Stark, die jüngste Gattin im Regiment, wenn sie
auch weit über fünfzig Lenze zählte.

Ihr folgte tänzelnden Schrittes der eben so rundliche Gemahl. Er trug
einen schwarzen Spitzbart und einen langen Nagel am kleinen Finger,
dessen Pflege täglich längere Zeit in Anspruch nahm.

Seine Stimme verriet, daß ihr Besitzer einem guten Trunk nicht abhold
war.

Hinter dem Ehepaar tauchte plötzlich die Gestalt des Kommandeurs auf.

Alle traten ehrfurchtsvoll zur Seite und machten eine tiefe Verbeugung
vor ihm, während er auf Rittmeister König und Gattin zuschritt. Die
krummen Beine im Verein mit dem derben Gesicht gaben der ganzen
Erscheinung des Obersten von Kronau nicht viel von dem, was man sich
unter einem Regimentskommandeur vorstellt, in Civil hätte man ihn
vielleicht für einen Agrarier gehalten, dessen Sprache den Masuren nicht
verleugnen konnte. Auch blinkte ihm stets eine Träne im Auge, welche er,
sobald sie ihm entsprechend groß erschien, durch eine stereotype
Kopfbewegung seinem Gegenüber vor die Füße oder auf den Rock zu
schleudern liebte.

Die ihm folgende Dame mit dem Gouvernantengesicht, in ein schlecht
sitzendes perlgraues Kostüm mit rotem Sammetkragen gezwängt, war seine
Gattin.

Fast zu gleicher Zeit erschien auch der noch fehlende Teil der
Gesellschaft, an der Spitze Oberleutnant Borgert. Seine stechenden Augen
ruhten nur selten auf dem, welchen er einer Ansprache würdigte, seine
Figur war korpulent, dabei aber elastisch und schmiegsam. Hinter ihm
stand der Oberleutnant Leimann, eine kleine, etwas gebeugte Erscheinung
mit einem Buckelansatz und viel zu kurzem Halse. Zwischen den
hochgezogenen Schultern saß ein birnenförmiger Kopf mit zwei kleinen
Schweinsäuglein, welche meist unstät umherirrten oder so
zusammengekniffen waren, daß man sie nicht sah. Das an einer Schnur
hängende Einglas setzte er nie auf, denn er fürchtete, sich lächerlich
zu machen.

Diese beiden Herren wohnten in einem Hause und waren eng mit einander
befreundet. Vielleicht hatte sie ein chronischer Mangel an Kleingeld
zusammengeführt, was ihnen jedoch kein Grund war, sich irgend einen
Wunsch zu versagen, vielmehr lebten sie, als seien sie die Erben reicher
Häuser.

»Verzeihen Sie, gnädige Frau«, wandte sich Leimann an Frau König, »daß
meine Gattin nicht mitkommt, sie hat wieder ihr altes Leiden, Sie wissen
ja, Migräne!« Dabei machte er ein Gesicht, als glaube er selbst nicht
recht daran. »Sie wird natürlich nachkommen, sobald sie sich besser
fühlt.«

»Das tut mir sehr leid,« entgegnete Frau Klara liebenswürdig, »nun,
hoffentlich hält das Kopfweh nicht lange vor! Es sollte mich freuen,
Ihre Gattin bald begrüßen zu können.«

Als nun auch der kleine Leutnant Bleibtreu, ein besonderer Freund des
Hauses und einziger Offizier in Rittmeister König's Schwadron, zur
Stelle war, meldete der Diener, es sei angerichtet. So begaben sich denn
die Herrschaften nach dem Eßzimmer und ließen sich an dem mit großer
Sorgfalt gedeckten Tische nieder.

Anfangs herrschte Schweigen, erst als ein jeglicher seinen Teller
gefüllt, kam die Unterhaltung allmählich in Gang.

»Das Wetter ist in den letzten Tagen so schön, daß man bald mit dem
Netzspiel beginnen kann,« bemerkte Frau Oberst von Kronau.

»Gewiß«, erwiderte der Oberst mit vollem Munde, »ich werde nächste Woche
eine Versammlung des Klubs anberaumen, und dann kann's losgehen!«

»Ach ja, entzückend,« rief Frau Stark begeistert, »ich spiele
leidenschaftlich gern, Sie spielen doch alle mit, meine Herrschaften?
Sie, meine liebe kleine Frau Kahle, waren ja schon früher eine der
Eifrigsten. Und wie ist es mit Ihnen, Frau König?«

»Ich lasse es besser, denn es bekommt mir nicht.«

»Und Ihr Gatte?«

»Ich spiele nicht Tennis,« erwiderte der Rittmeister, »Sie wissen ja,
ich kenne das Spiel gar nicht, aber ich sehe es ganz gern, wenn es von
graziösen Damen gespielt wird.«

Frau Stark kniff die Lippen zusammen und sandte dem Rittmeister einen
wütenden Blick. War das mit den »graziösen Damen« nicht auf sie gemünzt?
Es geschah ihr aber ganz recht, denn es war geradezu lächerlich, wie die
ältliche Frau stets die jugendliche spielen wollte, hatte sie doch noch
in ihren alten Tagen einen Schwadronsgaul bestiegen, um reiten zu
lernen, weil andere Damen es taten.

»Vom Civil werden sich wohl auch mehrere beteiligen«, ergriff der Oberst
wieder das Wort, »ich lasse eine Liste herumgehen.«

Alle sahen sich ungläubig an, denn mit dem Civil hatte es der Oberst
durch mancherlei Geschichten gründlich verdorben, man mied ihn, wo man
konnte.

»Ich spiele auch mit,« warf Landrat von Konradi ein, »vorausgesetzt, daß
es nicht zu heiß wird. Nächste Woche habe ich aber noch keine Zeit, ich
muß erst Erbsen legen, sonst wird es zu spät.«

»Allerdings,« rief König dazwischen, »sonst geraten sie nicht mehr
ordentlich.«

»Wie? Erbsen geraten nicht? Erbsen geraten immer, wenn man es richtig
anfängt,« entgegnete fast gereizt Frau Oberst.

»Das kann man doch aber nicht behaupten, gnädige Frau, da spricht doch
vieles mit!«

»Nein, nicht im geringsten, Herr Rittmeister, es gibt ein Rezept, nach
dem sie geraten _=müssen=_!«

»Da wäre ich doch neugierig, denn voriges Jahr sind mir fast alle Erbsen
verdorben.«

»Sie müssen sie bei Mondenschein legen, und niemand darf dabei ein Wort
reden, dann geraten sie immer, ich sehe es ja bei meinen. Ich bin aber
nicht etwa abergläubisch, meine Herrschaften, aber es ist so.«

Wenn Frau Oberst etwas behauptete, war ein Widerspruch eigentlich ein
kühnes Unterfangen, Leutnant Bleibtreu aber äußerte lachend:

»Wenn man dann bei Sonnenschein den Speck dazwischen säet, gibt es
gleich Erbsen mit Speck.«

»Sie müssen es ja wissen, Herr Leutnant, spotten Sie nur, es ist doch
so!« entgegnete die Frau Oberst giftig. »Übrigens nächste Woche habe
ich auch noch keine Zeit, meine Gänseleberpastete ist noch nicht
fertig!«

»Sie kochen sie selbst ein?« fragte interessiert der Landrat.

»Gewiß, ich koche immer sechs Töpfe, mein Mann ißt das Zeug so
schrecklich gern.«

»Woher beziehen Sie denn die Trüffeln dazu? Ich suche nämlich gerade
eine gute Quelle.«

»Was, Trüffeln? Es schmeckt ohne Trüffeln genau so gut, das ist nur
Einbildung.«

»Aber ich bitte Sie, gnädige Frau, das ist ja beinahe die Hauptsache an
der ganzen Pastete!«

»Gott bewahre, ich nehme nie Trüffeln!«

»Gänselebern muß man bei einer Mondfinsternis kochen, gnädige Frau, dann
werden sie schön dunkel!« bemerkte spöttelnd Leutnant Pommer.

»Ach, verhöhnen Sie mich nur! Ich weiß, wie es ist, und so bleibt es!«

So blieb es auch, denn keiner wagte noch eine Einwendung.

Frau Oberst mußte ihre fließende Rede unterbrechen, denn alle erhoben
sich jetzt, um die eben eintretende Frau Oberleutnant Leimann zu
begrüßen. Frisch und rosig, mit einem bezaubernden Lächeln auf den
Lippen, erschien sie in der Tür des Eßzimmers.

»Seien Sie mir nicht böse, Frau König, ich hatte noch einige wichtige
Briefe zu schreiben. Aber wollen die Herrschaften nicht Platz behalten?«

»Ich denke, Sie hatten Kopfweh?« hieß es von allen Seiten.

»Kopfweh? Ja richtig, das hatte ich auch. Man vergißt es ganz, wenn man
so oft darunter leidet.«

Sie war eine schöne junge Frau von fünfundzwanzig Jahren und
geschmackvoll gekleidet. Gegenüber von Oberleutnant Borgert nahm sie
ihren Platz ein.

Das Gespräch erhielt jetzt eine allgemeinere Wendung, man redete von
diesem und jenem und ließ sich auch die vorzüglichen Speisen schmecken,
denn es gab »Labskaus«, das Spezialgericht aus Frau Clara's Küche. Der
Adjutant hatte den Mund noch nicht geöffnet, außer um riesige Bissen
hineinzuschieben. Ab und zu gab er durch einen unverständlichen Laut
seinen Beifall zu erkennen. Er aß noch immer, als schließlich die
Hausfrau die Tafel aufhob. Man wünschte sich gegenseitig »gesegnete
Mahlzeit« und suchte die Nebenräume auf, wo den Damen Kaffee, den Herren
Likör, Bier und Cigarren gereicht wurden.

Bald hatten sich wieder plaudernde Gruppen gebildet, während der Oberst
den Ort für geeignet hielt, mit seinem Adjutanten eine dienstliche
Angelegenheit zu erledigen. Dann begab er sich in's Nebenzimmer und
begann ein lebhaftes Gespräch mit Frau Stark, aus welchem, da es
halblaut geführt wurde, nur abgebrochene Sätze von Oberleutnant Borgert
aufgefangen werden konnten.

»Sie _=müssen=_ es erreichen,« hörte er die Dame flüstern.

»Hoffentlich geht zur Besichtigung alles gut,« gab der Oberst zur
Antwort, »die Vorgesetzten sind seit dem letzten Mal auf Ihren Gatten
aufmerksam geworden, im Stall fing es an, wo die Streu nicht den
Wünschen der Herren entsprach.«

»Ich gehe jeden Morgen durch den Stall und pfeife die Unteroffiziere an.
Aber freilich, wenn dann mein Mann zur Besichtigung wieder den Kopf
verliert, kann ich nicht helfen. Das letzte Mal habe ich ja alles durch
den Feldstecher mit angesehen, und es ging ganz gut bis zuletzt, wo das
Abschwenken in Züge nicht klappte. Auch war sein Kommando falsch.«

»Nun, hoffen wir das Beste! Wenn man Major werden will, heißt es eben
doppelt aufpassen, und stimmt etwas nicht, werden die Vorgesetzten
gleich stutzig.«

»Es ist ganz gleich, Herr Oberst, mein Mann muß Major werden! Wenn Sie
uns fallen lassen, dann......«

»Seien Sie ohne Sorge, gnädigste Frau! ich habe ihm eine glänzende
Konduite geschrieben, wenn ich es auch nicht verantworten kann, Sie
sehen also, ich tue mein Möglichstes.«

»Das sind Sie mir auch schuldig, Herr Oberst, denn ohne mich wären Sie
heute...... nun, Sie wissen ja.«

Rittmeister König trat hinzu.

»Reisen Herr Oberst nächste Woche mit an die Mosel zur Weinprobe? Herr
Landrat von Konradi fährt auch mit. Es sollen tadellose Sorten zum
Verkauf kommen.«

»Gewiß, mein lieber König, Sie wissen ja, bei so etwas bin ich immer
dabei. Mit Ihnen gehe ich gerne proben, denn ich habe heute wieder
gesehen, daß Sie eine tadellose Zunge haben.«

»Sehr schmeichelhaft für mich, Herr Oberst! Aber ich sehe, Herr Oberst
rauchen nicht. Es steht alles in meinem Zimmer.«

Der Oberst schritt ins Nebenzimmer, wo er Frau Kahle mit Leutnant Pommer
in der einen und mehrere junge Herren mit Frau Rittmeister König in der
andern Ecke plaudern sah. Oberleutnant Leimann trat gerade aus dem
Eßzimmer ein, hinter ihm seine Gattin mit mürrischer Miene, die sich
aber sofort aufhellte, als Oberleutnant Borgert herantrat und seine
Hausgenossin in's Gespräch zog.

»Nun, was haben Sie denn wieder für wichtige Privatangelegenheiten,
meine Gnädigste?«

»Ich? nichtsweiter! Mein Mann hat zur Abwechselung ein bißchen
geschimpft, Sie kennen ja seine geschmacklose Art, über alles gleich
grob zu werden.«

»Was gibt es denn aber schon wieder? Hat Ihnen der Auftritt heute
Nachmittag nicht genügt?«

»Jetzt ist er wütend, weil ich mich mit Briefschreiben entschuldigt
hatte, er hatte mich mit Kopfweh entschuldigt. Ich habe diese ewigen
Korrekturen satt.«

»Das ist ein Scheidungsgrund, gnädige Frau,« scherzte der Oberleutnant.
»Suchen Sie sich einen anderen Gatten, wenn Ihnen dieser nicht zusagt.«

»Sie haben gut Witze machen, Sie glauben gar nicht, wie mir manchmal
alles zuwider ist.«

»Dann erst recht, gnädige Frau! Wählen Sie unter den Edlen des Landes!
Ich kann Ihnen sogar gute Vorschläge machen.«

»Dann schießen Sie einmal los!« scherzte Frau Leimann mit schelmischem
Augenaufschlag.

»Ich wüßte schon einen, wie wäre es zum Beispiel,..... nun, mit mir?«

»Der Vorschlag ließe sich hören, aber erst müssen Sie mir sagen, was Sie
mir bieten können!«

»Setzen wir uns und bereden wir den hochwichtigen Fall!« sagte Borgert
lachend, und sie ließen sich auf dem Divan nieder.

»Also, passen Sie auf! Ich biete Ihnen ein elegantes Heim, einen Wagen
mit Pferden, eine Villa am Züricher See und ein Heer dienstbarer
Geister!«

»Und wer bezahlt das alles?«

»Bezahlen? Wer tut denn das noch? Es ist gänzlich aus der Mode und
geschmacklos, man verplempert damit das meiste Geld. Ich bezahle nie und
lasse mir nichts abgehen wie Sie sehen.«

»Das ist ja alles sehr verlockend, aber noch habe ich ja meinen Mann,«
scherzte Frau Leimann weiter.

»Gewiß, den haben Sie noch, aber Sie können sich ja einstweilen an mich
gewöhnen.«

Frau Leimann nickte lächelnd und stützte den Kopf in die Hände, während
sie träumerisch auf den Teppich sah.

Borgert wurde plötzlich ernst, und als die letzten Gäste ins Nebenzimmer
verschwunden waren, suchten seine Augen die seiner Nachbarin.

»Was sehen Sie mich denn so an, Herr Borgert? Es kann einem ja Angst
werden!«

»Ich denke so vieles, gnädige Frau, was ich nicht sagen darf. Im Scherz
spricht man leicht über Dinge, die scheinbar nur ein solcher sind, in
Wahrheit aber berühren uns diese Dinge oft tiefer.«

»Sie sprechen wieder in Rätseln, mein Lieber, und es ist wohl an der
Zeit, daß wir ein anderes Thema wählen. Aber wollen wir denn nicht auch
hineingehen? Man könnte sich wundern, uns so allein zu finden, und
wieder klatschen.«

Dabei erhob sie sich, und als Borgert schnell noch ihre Hand ergriff, um
sie zu küssen, machte sie keine ernstliche Anstrengung, ihm zu wehren,
dann trat sie mit der Miene eines unschuldigen Kindes in das Wohnzimmer.
Borgert aber blieb in dem matt erhellten Raume sitzen, zog einen Brief
aus dem Aufschlag des Überrocks und las ihn. Dann steckte er das Papier
mit einem unterdrückten Fluch wieder ein und versank in Nachdenken.

Im Nebenzimmer war es inzwischen lebendig geworden. Das Stimmen der
Geigen, das Brummen eines Cellos und einige Klavier-Akkorde riefen alle
Gäste herbei, denn jetzt sollte der musikalische Teil des Abends seinen
Anfang nehmen.

Am Harmonium hatte Rittermeister König Platz genommen, während seine
Gattin die Klavierbegleitung übernahm. Landrat von Konradi und
Oberleutnant Leimann standen mit den Geigen bereit, Leutnant Bleibtreu
hatte sich, das Cello zwischen den Knieen, im Hintergrunde
niedergelassen. Die Zuhörer saßen erwartungsvoll in den kleinen und
großen Sesseln, am Kamin, und um den mit Biergläsern besetzten Tisch
herum.

Das Spiel begann, ein Trio von Reinhardt. Es klang gut, denn alle hatten
ihre Partie fleißig geübt, und so machte der Vortrag einen angenehmen
Eindruck. Nur der Landrat wiegte sich bei jedem Bogenstreich von einem
Fuß auf den anderen und begleitete sein Spiel mit einem störenden
Schnaufen. Auch Leimann gehörte zu den Musikern, welche man bei Ausübung
ihrer Kunst nicht ansehen darf, um sich den Genuß nicht zu verderben,
denn sein Kopf war jetzt ganz zwischen die Schultern gerutscht und seine
noch mehr gebeugte Figur bot von hinten kein sehr harmonisches Bild. Der
Cellist griff manchmal daneben, spielte dann aber die folgenden Töne um
so kräftiger, damit man hören konnte, wie er sein Instrument
beherrschte. -- Dem Trio folgte je ein Solostück der beiden Geiger,
sowie eine von Ehepaar König mit guter Technik und warmer Empfindung
vorgetragene Rhapsodie von Liszt. -- Zum Schluß waren alle des Lobes
voll und jeder suchte durch ein kunstgerechtes Urteil sein
Musikverständnis zu bekunden.

»Ach, mein lieber Leutnant Bleibtreu,« rief Frau Stark dazwischen, »Sie
müssen mir auch Cellounterricht geben, ich spielte das Instrument in
meiner Jugend, aber in der langen Zeit habe ich es ganz verlernt.«

Daß seit ihrer Jugend eine lange Zeit vergangen, wurde von keiner Seite
bezweifelt, und König flüsterte Bleibtreu zu, sie könne mit ihren dicken
Fingern einen einzelnen Ton ja gar nicht greifen.

Borgert war während des Spiels in den Durchgang zum Nebenzimmer getreten
und schaute mit gelangweilter Miene den Gästen zu. Manchmal warf er
einen forschenden Blick auf Frau Leimann, welche mit träumerischen, halb
geschlossenen Augen weit in einem bequemen Sessel zurückgelehnt saß.

Die Spieler hatten jetzt auch am Tische Platz genommen, und die
Unterhaltung begann von neuem über gleichgültige Tagesfragen, wobei Frau
von Kronau den Löwenanteil nahm, denn ihr Mundwerk stand selten einen
Augenblick still.

So verging rasch die Zeit, und als die Kaminuhr ½11 zeigte, schaute der
Oberst verständnisinnig nach seiner Ehehälfte, welche sich darauf mit
einem leichten Kopfnicken erhob und zur Frau des Hauses wandte.

»Liebe Frau König, es war reizend von Ihnen, uns den Genuß des heutigen
Abends zu verschaffen, es ist aber so spät geworden, daß wir uns
verabschieden müssen. Nochmals vielen Dank!« Dabei reichte sie ihr die
Hand und schüttelte sie kräftig.

»Wollen Sie denn wirklich schon gehen? Es ist ja noch nicht einmal 11
Uhr. Einen Augenblick können Sie doch noch bleiben!«

Als Frau König aber sah, wie auch der Oberst, Familie Stark und der
Landrat von den übrigen Gästen Abschied nahmen, gab sie alle weiteren
Überredungskünste auf, im Grunde ihres Herzens nicht unzufrieden, jetzt
nur noch einen kleinen Kreis um sich zu behalten, bei welchem man nicht
jedes Wort auf die Goldwage legen und fürchten zu müssen glaubte, der
Oberst könne irgend etwas unpassend finden und am nächsten Tage zum
Gegenstand einer dienstlichen Besprechung machen. Denn darin leistete er
Märchenhaftes.

Nachdem die Herrschaften das Haus verlassen, rückten die
Zurückgebliebenen ihre Stühle näher zusammen und ein frisches Glas Bier
wurde gereicht.

Das anfängliche Schweigen ward durch Borgert unterbrochen.

»Haben Sie gesehen, wie diese Stark mit dem Oberst wieder geflüstert
hat? Diese Manieren sollten sie doch zu Hause lassen, denn da scheint
man ja nicht sonderlich penibel zu sein. Denken Sie, neulich stand ich
dabei, wie Stark mit dem Pantoffel nach seiner Gattin warf, welche mich
in einem schmutzigen Morgenrock empfangen hatte.« --

»Das ist noch gar nichts,« rief Leimann dazwischen, »als sie kürzlich
in meiner Gegenwart wieder einen Krakehl miteinander hatten, brachte der
Dicke seine Frau einfach mit den Worten: »Halt's Maul!« zum Schweigen.«

»Es scheint überhaupt dort manchmal nicht ganz friedlich zuzugehen,«
entgegnete der Adjutant.

»Vorgestern hatte sich Stark im »Weißen Schwan« etwas festgetrunken, und
als er so ziemlich blau war, kam seine Frau, machte ihm eine Szene und
nahm ihn unter dem Gelächter der übrigen Gäste mit nach Hause. Dort
werden sie sich nachher wohl nicht gerade geküßt haben.«

»Das kommt übrigens öfter vor, sie holt ihn sogar aus dem Kasino zum
Essen und nennt ihn vor den Ordonnanzen einen Lüdrian,« warf ein anderer
ein.

»Nun ja,« sagte König, »sie paßt eben auf ihren Mann gut auf, denn er
will jetzt Major werden, oder besser gesagt, sie Majorin.«

»Aber das ist ja ganz ausgeschlossen,« rief Borgert entrüstet, »wenn
dieser unfähige Patron Major wird, dann werde ich General. Es scheint ja
allerdings, als ob der Oberst alles für ihn aufböte!«

»Dafür hat er seinen Grund!« entgegnete Leimann bedächtig.

»Wieso?«

»Kennen Sie denn die Geschichte nicht? Die Spatzen pfeifen sie schon von
den Dächern.«

»Nein, erzählen Sie, das ist ja rasend interessant!« Dabei rieb sich
Borgert vergnügt die Hände und rückte etwas näher zu seinem Freunde
heran.

»Voriges Jahr hatte der Oberst bekanntlich durch eine seiner berühmten
Taktlosigkeiten einen Herrn vom Civil beleidigt. Dieser schickte ihm
eine Forderung. Da wurde es dem guten Oberst doch etwas flau zu Mute,
denn mit dem Munde ist er stets voran, hat er aber etwas zu riskieren,
dann sitzt ihm das Herz in der Hose. Da ging seine Freundin, diese
Stark, zu jenem Herrn hin und sagte, sie sei an der ihm zugefügten
Kränkung schuld, indem sie eine unwahre Behauptung ausgesprochen habe.
Sie hat dem Oberst also das Leben gerettet, denn der andere ist als
unfehlbarer Schütze bekannt wie ein bunter Hund. Darum hat sie ihn jetzt
ganz in der Tasche, und wenn sie ihm etwas befiehlt, gehorcht er wie ein
Stubenhund. Was dabei herauskommt, sehen Sie ja alle Tage.«

»Aber das ist ja großartig,« rief triumphierend Borgert, »wissen Sie
noch so Geschichtchen? Es ist überhaupt längst Zeit, daß man diese
beiden aufgeblasenen Personen abhalftert. Er hat Manieren wie ein
Bursche und sie wie eine Waschfrau, ich werde einmal herumhorchen und
Material sammeln. Es ist eine Schande, daß man sich dieses Weib gefallen
lassen muß.«

»Sie soll ja früher auch sonderbare Beziehungen zu einem adligen Herrn
gehabt haben, man munkelt so etwas!«

»Von wem wissen Sie denn das wieder?«

»Mein Bursche hat es mir neulich erzählt, der ist aus ihrer Heimat.«

»Was Sie nicht sagen, da muß ich doch einmal gründlich nachforschen,
denn das Geld für ein Auskunftsbureau ist sie ja doch nicht wert,
diese.... Nun, ich kann das Wort nicht aussprechen, das mir auf der
Zunge schwebt.«

»Dann wundert es mich aber, daß sie überall so großartig auftritt, wenn
sie so viel auf dem Kerbholz hat.«

»Das ist eben ihre Manier!« entgegnete Müller wichtig.

»Dieselbe Sache wie mit dem Wagen. Den geschmacklosen Karren hat sie
irgendwo aufgetrieben, setzt den Burschen im Cylinder und gelben
Stiefeln hinten drauf, spannt zwei Schwadronsgäule ein und fährt den
Leuten etwas vor. Dabei biegen sich die Axen, wenn die dicke Person
darin sitzt. Daß sie täglich auch ein Dienstpferd reitet, dagegen sagt
der Oberst nichts, obwohl in den Vorschriften beides streng verboten
ist. Frißt ein anderer aber nur eine Kleinigkeit aus, so steckt er ihn
drei Tage ein und kommt sich höllisch schneidig vor.«

»Der Oberst ist eben ein ganz pflaumenweicher Bruder, dabei schnurrt er
wie gedruckt. Einem mir bekannten Herrn hat er erzählt, wie
ausgezeichnet er mit dem Civil stände, und wie sein Tennisplatz belagert
sei. Er spielt aber doch meist allein, wer sich vor diesen Leuten
drücken kann, tut es doch sicher.«

»Ich wette, daß er vor der nächsten Versammlung des Tennisklubs eine
dienstliche Besprechung ansetzt, dann hat er uns alle in der Falle.«

       *       *       *       *       *

Während dieser Unterhaltung hatte Frau Leimann mit leuchtenden Augen dem
Oberleutnant Borgert zugehört, wie er in seiner gewandten Weise über den
Oberst und Stark's zu Felde zog, der Rittmeister sog nachdenklich an
seiner Cigarre und unterdrückte ein Gähnen, während seine Gattin in
Gedanken versunken mit einer Quaste der Tischdecke spielte.

»Warum so ernst, meine Gnädige?« redete Borgert sie an.

»Ich dachte gerade darüber nach, wie Sie später über uns reden würden,
wenn uns einmal irgend etwas auseinanderbringt!« erwiderte sie
lächelnd.

»Aber ich bitte Sie, gnädige Frau, Sie scheinen an meiner guten
Erziehung zu zweifeln, trauen Sie mir so etwas zu? Und überhaupt, wie
könnte........«

Er brach seine Rede ab, denn Frau Kahle hatte sich erhoben, um Abschied
zu nehmen, mit ihr Leutnant Pommer, welchen sie um Begleitung bat, denn
ihr Gatte befand sich auf einer Dienstreise.

Der Kreis war somit wieder etwas kleiner geworden, und als man von neuem
um den Tisch Platz genommen hatte, bemerkte Borgert:

»Dieser Kahle mit dem Schusterjungengesicht könnten wir eigentlich
einmal ein neues Kleid schenken, außer der verwaschenen Fahne, die sie
immer trägt, scheint sie nichts zum Anziehen zu haben.«

»Sie sollten sie erst einmal im Hause sehen,« entgegnete wegwerfend
Müller, »da sieht sie aus wie ein malproperes Dienstmädchen; das
schmutzige Hauskleid einmal zu flicken, scheint sie auch keine Zeit zu
haben, ihr Junge läuft ebenfalls immer herum wie so ein Gassenbube aus
der Unterstadt. Außerdem kann der Bengel schon lügen, daß es eine Lust
ist.«

»Das hat er von seiner Mutter!« lachte Borgert, als ihn ein
vorwurfsvoller, kalter Blick aus Frau Königs Augen traf und zum
Schweigen brachte. So ward die Unterhaltung allmählich eintöniger. Der
Rittmeister gähnte schon etwas deutlicher, und Leimann war ganz in
seinem Sessel zurückgesunken und hielt nur noch mühsam die Augen auf,
während seine Gattin eine äußerst gelangweilte Miene zeigte, wodurch
ihre Züge alle Anmut und Schönheit verloren und alt, ja abgelebt
erschienen. Müller verdaute noch immer, und so schien es an der Zeit,
sich zum Aufbruch zu rüsten.

Unter lebhaften Versicherungen, wie reizend der Abend gewesen, trennte
man sich, und der Rittmeister geleitete seine Gäste die Treppe hinab, um
dann den Riegel an der Haustür vorzuschieben.

Als er wieder im Wohnzimmer stand, sagte er, die Gasflammen ausdrehend,
zu Frau Clara: »Ein interessanter Abend! Vor diesen beiden Herren heißt
es sich in Acht nehmen!«




[Illustration]


Zweites Kapitel.


»Unteroffizier Meyer! Lassen Sie gefälligst den Mist aus dem Stalle
schaffen, das ist ja eine schamlose Schweinerei! Was? die Stallwache ist
nicht da? Dann machen Sie es selbst, es fällt Ihnen keine Perle aus der
Krone. Vorwärts, dann bringen Sie mir das Parolebuch!«

»Zu Befehl, gnädige Frau.«

Frau Rittmeister Stark schritt, von zwei großen struppigen Hunden
begleitet, mit langen Schritten im Stalle auf und ab. Sie trug ein
schmutziggraues, schlechtsitzendes Reitkleid und einen runden Hut. In
der Rechten hielt sie eine Reitgerte, welche sie manchmal sausend durch
die Luft fahren ließ, daß sich die Hunde ängstlich hinter ihr
verkrochen. Mit scharfem Blick musterte sie alles, die Streu, die
Namentafeln über den Ständen der Pferde, und studierte eifrig das
schwarze Brett, auf dem mit Kreide der Tagesdienst geschrieben stand.
Hinter zwei Pferden, den einzigen beim Ausrücken zurückgebliebenen,
machte sie Halt und schaute mit zornigen Augen auf das zottige,
schlecht geputzte Fell der mageren Tiere, deren Kruppen mit den
Hüftknochen ein gradliniges Dreieck bildeten. Dann hob sie dem einen
Wallach den Hinterfuß und besah den Huf, holte ein Notizbuch aus der
Rocktasche und notierte: »Remus Nr. 37 fauler Strahl, vorn links neues
Eisen.« Darauf schritt sie die Treppe zum Heuboden hinauf. Dort lagen
zwei Mann der Stallwache in süßem Schlummer, ohne das Eintreten der
Schwadronsmutter zu bemerken. Wütend fuhr sie die erschrockenen Schläfer
an:

»Faules Pack, schert Euch an die Arbeit, sonst mache ich Euch lebendig,
ihr trägen Lümmels ihr!«

Und sie stürzten an die Futtermaschine, als stände der leibhaftige
Teufel hinter ihnen. Dann stieg sie die Treppe hinab und ging
Unteroffizier Meyer entgegen, welcher atemlos mit dem Parolebuche ankam.
Er schlug die Sporen klirrend zusammen und hielt der Gestrengen das Buch
vor.

»Halten Sie es gefälligst, während ich lese, oder meinen Sie, ich wollte
mir die Finger an dem schmutzigen Umschlag fettig machen? Hier steht,
daß morgen Revision des Sattelzeuges ist. Haben Sie alles in Ordnung?«

»Ich will den Herrn Wachtmeister fragen.«

»Vorwärts holen Sie ihn, aber Galopp!«

Der Wachtmeister war nicht sehr entzückt, daß man ihn in seiner Ruhe
störte, denn die Zeit, während welcher sich die Schwadron auf dem
Exerzierplatz befand, war für ihn die angenehmste des Tages. So saß er
denn bei einer Tasse Kaffee seiner Ehehälfte gegenüber und rauchte
behaglich die Morgenzigarre, als Meyer den Wunsch der »Gnädigen«
überbrachte.

Zornig stampfte er auf und brummte:

»Was fällt nur diesem Frauenzimmer ein, sie tut gerade, als hätte sie
etwas zu sagen! Es ist ein Skandal, daß man sich das gefallen lassen
muß, aber tut man es nicht, gibt es Stank mit dem Oberst, der tanzt ja
ganz nach ihrer Pfeife.«

Mißmutig schnallte er den Säbel um, stülpte die Mütze auf den kahlen
Kopf und ging schimpfend die Treppe hinab. Langsam schlenderte er über
den Kasernenhof dem Stalle zu und trat vor Frau Stark mit einem Gesicht,
das sagen zu wollen schien: »Du kannst mir den Buckel herunterrutschen!«

Sofort fuhr sie ihn an:

»Wachtmeister, ist alles für morgen in Ordnung?«

»Ich denke, will aber heute Abend nochmals nachsehen.«

»Was, heute Abend? Sofort geschieht es, die Bummelei hat jetzt ein Ende.
Außerdem verbitte ich mir Ihren brummigen Ton, sonst werde ich Sie dem
Oberst melden. Bringen Sie mir jetzt mein Pferd.«

»Das ist zum Fouragieren, alle Pferde sind mit ausgerückt, bis auf die
beiden Lahmen dort!«

»Was? Mein Pferd zum Fouragieren? Was ist das für eine neue Frechheit!
Lassen Sie es sofort holen, der Unteroffizier kann zu Fuß gehen.«

Da wandte sie sich um, als sie Schritte vernahm, und, den Oberleutnant
Borgert erblickend, rief sie ihm in schmelzendem Tone zu:

»Ah, sehe ich recht, mein lieber Oberleutnant Borgert, nicht wahr? Schon
so früh im Dienst? Ich wollte gerade den Pferden meines Gatten etwas
Zucker bringen, sehe aber, sie sind nicht da, mein lieber Mann rückt
immer so entsetzlich früh aus.«

»Ihr Interesse für die Schwadron muß ich loben, gnädigste Frau, habe Sie
schon so oft bewundert, wenn Sie im Stalle Befehle erteilten.«

»Befehle? Ich richte nur dann und wann kleine Bestellungen an den
Wachtmeister aus, wenn mein Mann etwas vergessen hat. Man muß sich doch
auch etwas um die Schwadron kümmern.«

»Sie sind zwar die »Gefreite« Ihres Gatten, aber ich sehe, Sie führen
das Regiment. Meinen Glückwunsch zu diesem Avancement!«

»O Sie kleiner Schäcker! Sie machen immer zu niedliche Scherze! Ich sehe
Sie doch heute Abend im Kasino?«

»Gewiß, gnädige Frau, wir haben bereits um 5 Uhr eine dienstliche
Besprechung.«

»Ach richtig, das hätte ich fast vergessen. Sie wird nicht lange dauern,
es gibt nur einige Kleinigkeiten.«

»Sie wissen.....«

»Aber gewiß, man interessiert sich doch auch ein wenig. Ich habe den
Oberst auf Verschiedenes aufmerksam gemacht, das wird er wohl besprechen
wollen.«

»Ich bin neugierig darauf! Doch da sehe ich gerade den Rittmeister
König, mit welchem ich etwas zu erledigen habe. Guten Morgen, meine
Gnädigste!«

»Adiö, mein Lieber, auf Wiedersehen!« Dabei hielt sie ihm die Hand vor
den Mund, welche in einem schmutzigen Reithandschuh ihres Gatten
steckte.

Während Frau Stark sich wieder dem Wachtmeister zuwandte, eilte Borgert
dem Rittmeister König nach, der gerade in den Hof der dritten Schwadron
einbog.

»Guten Morgen, Herr Rittmeister! Ich bitte sehr um Verzeihung, wenn ich
störe, aber eine dringende Angelegenheit veranlaßt mich, eine Bitte
vorzutragen.«

»Nanu, was gibt es denn,« fragte erstaunt der Rittmeister, »ist es denn
etwas so Wichtiges?«

»Heute Nachmittag wird der Oberst wohl wegen der Kasinorechnungen
sprechen, und da wäre es mir vor den jüngeren Herrn außerordentlich
peinlich, wenn er dabei meinen Namen nennen würde.«

»Aber ich kann Ihnen das Geld jetzt nicht geben, es war mir schon
schwer, vor 8 Tagen die 100 Mark für Sie aufzutreiben.«

»Wenn ich trotzdem meine Bitte wiederhole, Herr Rittmeister, so tue ich
es, weil ich mich in einer außerordentlich peinlichen Lage befinde. Habe
ich nicht bis zum Abend 400 Mark, so erwachsen mir die größten
Unannehmlichkeiten und unabsehbare Folgen.«

»Das ist ja alles ganz gut und schön, aber ich habe das Geld einfach
nicht!« entgegnete König achselzuckend.

Einen Augenblick sahen beide schweigend vor sich hin, dann brachte
Borgert zögernd hervor:

»Wenn ich mir einen Vorschlag erlauben dürfte, Herr Rittmeister?«

»Nun, und der wäre?«

»Ich bitte aber das, was ich sage, nicht falsch zu verstehen! Könnte man
nicht einstweilen die Schwadronskasse in Anspruch nehmen, da es sich nur
um kurze Zeit handelt?«

»Aber um Gotteswillen, mein Lieber, was muten Sie mir zu! Ich kann doch
keine Kasse angreifen!«

»Ich fände darin insofern kein Vergehen, da Herr Rittmeister doch allein
für die Kasse verantwortlich sind und ein Eingriff in die Kasse nicht
vorliegt, sondern nur das Entnehmen eines Betrages, der sofort wieder
ersetzt werden kann!«

»Nein, nein, das geht beim besten Willen nicht!«

»Aber ich bin völlig ratlos, Herr Rittmeister, was ich machen soll,«
entgegnete Borgert in wehleidigem Tone.

König überlegte und drehte sinnend seinen Schnurrbart. Eigentlich wäre
es schlau gewesen, sich diesen Mann, der mit seiner spitzen Zunge und
seinem Einfluß auf das gesamte jüngere Offizierkorps unter Umständen
einem sehr schaden konnte, wenn man einmal nicht mehr mit ihm stand,
möglichst zu verpflichten. Die lumpigen 400 Mark lagen ja zu Hause im
Schreibtisch, die hätte er ihm also ruhig geben können. Glaubte aber
Borgert, das Geld entstamme der Schwadronskasse, so stand zu erwarten,
er würde so bald nicht mit einem ähnlichen Anliegen kommen, wenn er die
Schwierigkeiten sah und die unsauberen Wege, die man einschlagen mußte.
So beschloß denn König, ihm das Geld aus eigener Tasche zu leihen, ihn
jedoch in dem Glauben zu belassen, der Betrag sei der Kasse entnommen.

»Gut,« sagte er nach einer Weile, »Sie sollen das Geld haben! Wann
können Sie es bestimmt zurückbezahlen?«

»In zehn Tagen ist alles glatt, Herr Rittmeister! Mein Wort darauf!«

»Schön, heute Mittag können Sie auf's Bureau kommen!«

»Meinen gehorsamsten Dank, Herr Rittmeister!«

»Bitte, bitte, hoffentlich war es das letzte Mal! Jetzt muß ich aber
fort, die Schwadron ist schon lange draußen!«

Dabei reichte er Borgert die Hand, bestieg sein Pferd und ritt im Trabe
zum Kasernenhof hinaus.

Borgert eilte erleichtert und freudigen Herzens seiner Wohnung zu, der
Dienst begann heute erst um 10 Uhr. Er hätte den Mann umarmen mögen, er
war doch ein furchtbar anständiger Kerl und half einem immer aus der
Klemme! Zehn Tage hieß eine lange Zeit, da würde schon irgend jemand Rat
schaffen!

Leimann wartete indes unruhig in Borgerts Zimmer, und als dieser jetzt
freudestrahlend eintrat, wichen die Falten von seiner Stirn.

»Hat er es getan?« rief er dem Freunde entgegen.

»Natürlich, ohne Weiteres! Gehen Sie um elf Uhr auch zu ihm, Sie haben
ja nur zweihundert Mark Rest von Ihrer letzten Gesellschaft her, er tut
es glatt; was dem einen recht ist, ist dem anderen billig.«

Und als am Mittag die beiden Freunde im Kasino bei einer Flasche Eckel
saßen, sah man an Leimann's ausgelassener Heiterkeit, daß auch er keine
Fehlbitte getan. --

       *       *       *       *       *

Pünktlich um fünf Uhr standen sämtliche Herren des Offizierkorps mit
Säbel und Mütze im Lesezimmer des Kasinos, als der Oberst mit
Dienstmiene eintrat und von den Schwadronschefs die Meldung
entgegennahm, daß »Alles zur Stelle« sei.

»Meine Herren,« begann der Gestrenge, »ich habe Sie hierherbefohlen, um
Einiges mit Ihnen zu besprechen. Ad 1. Ich möchte Sie ersuchen, bei
Bällen und ähnlichen Gelegenheiten Tanzsporen zu tragen, damit
unangenehme Zwischenfälle, wie vorgestern Abend, vermieden werden. Ein
Herr, den ich nicht nennen will«, -- dabei fixierte er scharf den
Leutnant von Meckelburg -- »hat nämlich mit seinen Sporen der Gattin des
Herrn Rittmeisters Stark den ganzen Saum vom Kleide gerissen. Das darf
nicht vorkommen, meine Herren, und ich werde künftig in ähnlichen Fällen
Bestrafung eintreten lassen. Ferner ist es unter wohlerzogenen Menschen
üblich, einer Dame nicht zuerst die Hand zu reichen. Tut es die Dame
aber, dann erfordert wohl der gute Ton den in unseren Kreisen üblichen
Handkuß. Daß einige von Ihnen, meine Herren, in diesem Punkt noch der
Erziehung und Nachhülfe bedürfen, beweisen mir die diesbezüglichen
Klagen einer Dame des Regiments.« Das bezog sich darauf, daß Leutnant
Bleibtreu es kürzlich vorzog, Frau Stark gegenüber diese Höflichkeit zu
unterlassen, da sie Handschuhe aus Hundeleder trug, welche noch dazu vom
Regen durchnäßt waren.

Eine Träne zu Boden schleudernd, fuhr er fort:

»Ferner, meine Herren, verbiete ich Ihnen, eine andere Stadt ohne Urlaub
aufzusuchen. Wer hinüber nach dem Nachbarort will, hat mich um Urlaub zu
befragen, wenn der Weg auch nur ein paar Minuten weit ist. Sie wissen
alle, daß zwei Herren des Regiments unter betrübenden Umständen ihren
Abschied nehmen mußten, weil sie dort das Pflaster nicht vertragen
konnten und Schulden in kaum glaubhafter Höhe gemacht haben.«

»Gestatten Herr Oberst eine Frage?« unterbrach ihn Rittmeister König.

»Bitte schön, Herr Rittmeister!«

»Gilt diese Bestimmung auch für die verheirateten Herren zum Besuch von
Gesellschaften, Theater, Konzerten u. s. w.?«

»Natürlich, ich will über jeden von Ihnen genaue Kontrolle haben, wie
oft er die Garnison verläßt. Zuwiderhandlungen werde ich unnachsichtlich
nach dem Strafgesetzbuch bestrafen und zwar nicht als Übertretung,
sondern als Nichtbefolgung eines gegebenen Befehls.«

Es entstand eine Pause, während welcher der Oberst sein Taschentuch
herausholte und damit das linke Auge wischte.

Als er sich dann im Kreise umsah, um die Wirkung seiner Worte zu prüfen,
glaubte er in aller Gesicht Erstaunen und Empörung zu lesen.

Soweit war man nun also! Weil zwei leichtsinnige Vögel nicht Maß halten
konnten, wurde das ganze Offizierkorps in diesem elenden Neste
eingesperrt; die einzige Abwechslung, ein Konzert oder ein gutes Glas
Bier, gehörte nun auch wie so vieles unter die Rubrik der frommen
Wünsche. Denn wer hatte Lust, sich jeden Tropfen nachrechnen zu lassen,
den er da drüben trank? Lieber ging man gar nicht hin. Fragte eine Dame
des Regiments ihren Gatten, ob er nicht Lust habe, sie am Abend bei den
Besorgungen in der Nachbarstadt zu begleiten, weil dort alles besser und
billiger sei, so hieß es: Nein, ich darf nicht, ich muß erst fragen, wie
ein Schuljunge seinen Lehrer, ob er einmal hinaus dürfe: Dafür bin ich
Rittmeister und 15 Jahre im Dienst!

So hatte denn der Oberst seiner Leistungsfähigkeit als Kommandeur und
seinem Schneid ein neues Denkmal gesetzt, es fehlte jetzt nur noch, daß
man um Erlaubnis bitten mußte, ein Glas Bier in der eigenen Garnison
trinken zu dürfen. Aber das kam vielleicht noch später! -- Daß der
Oberst besonders den jüngeren Herren eine Gelegenheit gab, gegen einen
Befehl zu handeln, wenn diese nach dem Dienst Vergnügungen nachgehen
wollten, die sie in der Garnison nicht fanden, bedachte er nicht, er
hatte ein neues Förderungsmittel der Disziplin und des militärischen
Gehorsams in die Welt gesetzt. --

»Nunmehr, meine Herren,« fuhr der Oberst fort, »wollen wir zur Wahl des
Kasinovorstandes schreiten, denn das laufende Jahr ist um. Sie, Herr
Rittmeister Kahle, haben im vergangenen Jahre den Posten inne gehabt,
und es freut mich, Ihnen sagen zu können, daß die Art und Weise, wie Sie
Ihres Amtes gewaltet haben, meinen vollsten Beifall gefunden hat. Wir
alle, meine Herren, sind dem Herrn Rittmeister zu großem Danke
verpflichtet, denn er hat unter Aufopferung des größten Teiles seiner
Mußestunden alles daran gesetzt, das Kasino in die Höhe zu bringen, hat
unser Vermögen vergrößert und zahlreiche sehr wohl bedachte Änderungen
und Einrichtungen getroffen. Ich meine daher, wir können nichts
Besseres tun, als Herrn Rittmeister Kahle zu bitten, das Amt zu
behalten, denn es ist in unserem eigensten Interesse. Sollte aber jemand
andere Vorschläge haben, dann wollen wir die Abstimmung durch Zettel
vornehmen.«

Ein Beifallsgemurmel, wie es der Oberst nach seinen Worten noch nie
vernommen, ging durch die Reihen, und so war denn Kahle für das weitere
Geschäftsjahr als Kasinodirektor gewählt.

»Ich sehe davon ab,« setzte der Oberst noch hinzu, »die Bücher zu
revidieren, denn ich bin sicher, daß ich alles in bester Ordnung finden
würde. Aber noch eins, meine Herren! Es ist durchaus unstatthaft, daß
die Herren Kasinorechnungen anwachsen lassen, wie es wieder der Fall
ist. Die beiden Kontos mit den höchsten Beträgen sind allerdings heute
bezahlt worden, aber ich werde rücksichtslos vorgehen, wenn nicht zum
Ersten nächsten Monats alle Reste gedeckt sind. Richten Sie sich danach!
Ich danke, meine Herren!«

Also schnell, Ihr Leutnants, hieß es nun, lauft zu einem Juden oder
Wucherer und pumpt Euch Geld, denn Ihr habt alle ein paar Hundert Mark
stehen, eine ratenweise Zahlung von Eurer Zulage gestattet man Euch
nicht, sonst bekommt Ihr einen Klecks in die Konduite und das hängt Euch
nach, bis Ihr alte Esel seid. Aus dem Nest hinaus dürft Ihr nun auch
nicht mehr, laßt es Euch aber bei Leibe nicht einfallen, jetzt öfter im
Kasino zu sitzen, dann bekommt Ihr höhere Rechnungen und werdet doch
noch eingesperrt!

Inzwischen versammelten sich im Lesezimmer die Damen des Regiments und
zwei Herrn vom Civil, denn jetzt kam der Hauptteil des Abends, die
Vorstandswahl für den Tennisklub und die Verabredung der regelmäßigen
Spieltage im Kasinogarten.

Frau König war als einzige nicht erschienen, ihr Gatte hatte sie unter
einem Vorwand entschuldigt, denn jede Gelegenheit, wo sie mit den Damen
des Regiments zusammen kommen konnte, mied sie nach Möglichkeit. Sie
fühlte sich nicht heimisch unter ihnen; die inhaltlose, oft schrecklich
langweilige Unterhaltung, welche sich meist um höchst gleichgültige
Dinge drehte, war ihr ein Greuel, sie paßte auch gar nicht hinein in
diese Gesellschaft und war nicht danach geartet, an einem nur auf
Äußerlichkeiten und strengen Formen beruhenden Verkehr Gefallen zu
finden. Ganz besonders aber war es ihr zuwider, wenn sie sah, wie man
eben noch in der liebenswürdigsten Weise mit einander umging, um eine
Minute später, wenn irgend einer sich empfohlen hatte, über ihn
herzuziehen und kein gutes Haar an ihm zu lassen. Wenn sie nicht offen
über alles urteilen und reden durfte -- und das hätte ihr übel bekommen
mögen -- ließ sie es lieber ganz und blieb in ihren vier Pfählen.

Die Verhandlungen im Lesezimmer dauerten lange, jede der Damen hatte
einen besonderen Wunsch, auch bedurfte es einer ausführlichen
Ermunterungsrede seitens des neugewählten Vorstandes, mehrere noch
zögernde Herren zum Beitritt zu bewegen. Daß die meisten von ihnen
niemals zum Spiel erscheinen würden, war ja vorauszusehen -- jetzt erst
recht mochte keiner dem Oberst einen Gefallen tun -- aber man hatte doch
etwas mehr an Eintrittsgeldern.

Endlich öffneten sich die Flügeltüren zum Speisesaal, wo jetzt ein
einfaches Abendessen eingenommen werden sollte. Die kreischende Stimme
der Frau Oberst übertönte die Unterhaltung, in den Ecken standen
einzelne Gruppen jüngerer und älterer Herren, die neuesten Bestimmungen
seitens des Obersten einer scharfen Kritik unterziehend.

Die Rittmeister König und Hagemann scherzten in etwas derber Weise mit
Frau Stark herum, Leutnant Pommer aber wich nicht von Frau Kahles Seite.

Nachdem die Tafel aufgehoben war, hatten die meisten Herren den
lebhaften Wunsch, endlich diesem langweiligen Zusammensein, zu welchem
man sie unter der Maske einer dienstlichen Besprechung herbeigenötigt
hatte, entschlüpfen zu können. Da rief Frau Stark in den Saal hinein:

»Wie wäre es, Herr Oberst, wenn wir die Gelegenheit benutzten und ein
kleines Tänzchen arrangierten? Es hat doch wohl niemand von den
Herrschaften etwas vor? Ich fände es reizend, entzückend!«

Der Oberst besann sich einen Augenblick, dann erklärte er sich sofort
mit Freuden bereit, denn ein Wunsch der Frau Stark hieß ein Befehl.

Die Herren waren wütend. So ein Blödsinn, bei der Hitze zu tanzen, es
war doch viel vernünftiger, auf der Veranda in Ruhe ein Glas Bier zu
trinken! Leutnant Specht aber ärgerte sich besonders, denn er wollte um
zehn Uhr sein Verhältnis an der Bahn abholen. Er machte seinem Unmut
Lust, indem er sich an Borgert wandte:

»Die alte Schraube ist verrückt mit ihrer Tanzerei, wir wollen sie aber
heute bewegen, bis ihr der Schaum auf dem Buckel steht!«

Während der Saal ausgeräumt und zum Tanzen hergerichtet wurde, unternahm
man eine kleine Promenade im Garten.

Der Halbmond leuchtete schwach vom Horizont herüber und ließ die Türme
und Häuser der Stadt als nebelhafte Silhouetten erscheinen. In dem
jungen Grün der Büsche klagte eine Nachtigall ihr Lied in die milde Luft
hinein, während vom Saal her das Stimmen der Geigen dazwischen klang.
Aus der Stadt tönten einige vom Winde oft jäh unterbrochene Akkorde
einer Karoussellorgel durch den stillen Abend, dessen wohlige Ruhe ganz
danach angetan war, den Menschen elegisch, träumerisch zu stimmen.

Oberleutnant Borgert gab indes einer Anzahl jüngerer Herren eine
Gratisvorstellung auf dem Tennisplatz, indem er treffend Frau Stark
nachahmte, wie sie die Bälle schlug und aufhob, und die Herren hielten
sich den Bauch vor Lachen, so vorzüglich verstand der Oberleutnant seine
improvisierte Rolle. Er beschloß erst sein Spiel, als er ganz drüben am
Gartenrand ein weißes Kleid durch das Blattgrün schimmern sah.

Wer war das? So allein? Er mußte hinschleichen und die Ohren spitzen,
vielleicht gab es da wieder etwas Interessantes.

Vorsichtig und geräuschlos huschte er über den Rasenteppich und
versteckte sich hinter einem Fliederbusch. Wenige Schritte vor ihm stand
Leutnant Pommer, welcher seinen Arm um Frau Kahles Taille gelegt hatte
und eifrig leise auf sie einsprach. Schade, daß sie so flüsterten, aber
verstehen konnte man doch manchmal einen Satz.

»Was macht es denn, Grete! Wenn er dich so behandelt, hast du ein Recht,
dich schadlos zu halten. Er ist außerdem viel zu taperig, etwas zu
merken! Und wenn du wüßtest, wie lieb, wie unendlich lieb ich dich
habe!«

»Wenn du mich wirklich lieb hast, dann will ich nicht nein sagen, ich
möchte so gern einmal wieder glücklich sein!«

Da umschlang der dicke Leutnant das kleine Persönchen mit seinen
ungelenken Armen und küßte sie stürmisch auf Mund und Augen. Sie aber
entwand sich ihm und huschte wie ein Reh über den Rasen dem Kasino zu,
aus dessen weit geöffneten Fenstern jetzt der Walzer »Über den Wellen«
in die Mainacht hinausklang. Pommer schlich auf der anderen Seite herum
dem Hauptportal zu, auf daß man nichts merken sollte. Dann verließ auch
Borgert sehr befriedigt seinen ehrenhaften Posten.

Im Saal ging es flott her. Am meisten tanzte Frau Stark, sie flog von
einem Arm in den anderen und schwitzte dabei wie ein Soldat im
Laufschritt. Besonders Leutnant von Meckelburg wurde immer wieder als
Opfer vorgedrängt, er tanzte aber entsetzlich schlecht und konnte nicht
in Takt kommen. Wenn die dicke Dame den kleinen Baron mit ihren prallen
Armen gegen den gewaltigen Busen drückte, verschwand er fast ganz in den
Falten des schwarz und gelben Kleides.

Schließlich konnte sie nicht mehr und ließ sich pustend in einen Sessel
fallen, dabei fuhr sie mit dem Rücken der Hand über die Stirn, auf
welcher erbsengroße Schweißperlen leuchteten. --

Leutnant Specht vergnügte sich auf seine Weise und tanzte mit
vorgedrückten Knien, wie man es in den Amorsälen sieht.

Borgert stand in einer Ecke halb über Frau Leimann gebeugt, welche
ermüdet auf einem Stuhle saß und sich Kühlung mit dem Taschentuch
fächelte. Der Blick des Oberleutnants ruhte auf der Stelle, wo das Weiß
des zarten Busens durch die Stickerei des Halsausschnittes leuchtete,
und er sog mit gierigem Behagen den Duft ein, welcher dem jugendlich
schönen Körper entströmte.

Im Lesezimmer füllten Ordonnanzen die schon oft geleerten Gläser mit
kühler Maibowle, während eine Anzahl Herren um den runden Tisch herum
saßen, einen Pfennigskat spielend.

Leutnant Specht benutzte den nächsten Walzer, sich französisch zu
empfehlen, es war die höchste Zeit zum Zuge, und, da es zu spät zum
Umziehen war, holte er seine Dame in Uniform ab. Sie trug drei kleine
Packete mit Eßwaren, welche sie aus ihrer Tasche zur Führung des
Haushaltes gekauft hatte.

In der Sophaecke saß gedankenvoll der Leutnant Bleibtreu. Er rauchte
bedächtig seine Cigarre und hörte nur mit halbem Ohre den witzelnden
Reden der Skatspieler zu. Er war nicht besonders guter Laune, denn es
tat ihm leid, daß Frau König, die einzige Dame, mit welcher er sich gut
unterhielt, nicht anwesend war; dann schweiften seine Gedanken nach der
Heimat, wo jetzt die Wälder in ihrer jungfräulichen Sommerpracht standen
und wo er so manche schöne Stunde verbracht hatte in den Armen der Natur
und mit Menschen, die ihn liebten.

Wie ganz anders schien es doch hier! Lauter Menschen, denen man
innerlich nie recht nahe kam, deren Interesse meist nur äußerlichen
Dingen und Vergnügungen oft zweifelhafter Art gewidmet war. Zwar hatte
man hier den Dienst, den man liebte, aber er genügte nicht, um einen
Menschen zu befriedigen, dessen Lebensbedürfnisse nicht so eng begrenzt
waren, wie die der meisten Kameraden. Nun sollte man noch jahrelang in
dieser Umgebung leben, dazu fern von allem, was eine Abwechslung bot in
dem ewigen Einerlei des Dienstes, unter Menschen, mit denen man im
Verkehr nie über die Äußerlichkeiten des guten Tons hinauskam und die
stets auf der Lauer lagen, wo sie aus den Schwächen ihres Nächsten
Kapital zu schlagen vermochten.

Und das war Kameradschaft, die im deutschen Heere so viel gepriesene
Kameradschaft!

Ein Zusammenleben unter gleichen Lebensbedingungen, der Zwang, mit
einander leben und auskommen zu müssen, sich gegenseitig mit äußeren
guten Formen bedienen und gemeinsam beim Dienst, im Kasino und zu allen
möglichen Veranstaltungen zu erscheinen, das war es, was man unter
Kameradschaft verstand.

Wo aber blieb das innerliche Sichanschließen, das gegenseitig
Ineinanderaufgehen und das Bestreben des einzelnen, seinem Nächsten nur
helfend und fördernd, nie aber mißgünstig und übelwollend zu begegnen?
In diesem Punkte sank das schöne deutsche Wort zu einer leeren Phrase
herab!

Gewiß gab es Fälle, wo Angehörige eines Offizierkorps sich auch wirklich
innerlich verbrüderten, wo eine treue, zu jedem Opfer fähige
Freundschaft die Herzen verband, aber zwei solche Kameraden im echten
Sinne des Wortes waren ja so selten, eine so außergewöhnliche
Erscheinung! Ging es einem gut und hatte man nichts verbrochen, so war
man allen gut Freund, d. h. der Verkehr mit den Kameraden bewegte sich
in liebenswürdigen Formen, man prostete sich zu, man scherzte, trank,
vergnügte sich zusammen und erwies sich Gefälligkeiten, welche für den,
der sie leistete, meist kein Risiko, keine Unannehmlichkeit, kein Opfer
bedeuteten. Aber die Kameradschaft als solche fordert weit mehr!
Befindet sich ein Kamerad auf schiefer Bahn, beweist er, daß es ihm hier
und dort noch fehlt und kehrt er Seiten heraus, die anderen peinlich,
unangenehm werden, oder hat er aus Unverstand, Unkenntnis, mangelnder
Erziehung etwas Falsches, Tadelnswertes begangen, so weist man ihn
höchstens, wenn es überhaupt geschieht, in schroffer Form auf seine
Fehler hin, anstatt in liebevoller, freundschaftlicher Weise bemüht zu
sein, die Schwächen seines Nächsten zu heilen, seine Eigenheiten zu
berücksichtigen, seine Fehler mit den eigenen zu vergleichen, ja, man
läßt ihn links liegen und behandelt ihn wie einen Menschen, der wenig
oder gar nichts taugt und eben nicht »hineingehört«; nur dann drückt man
ein Auge zu, wenn von dem Sünder noch ein Vorteil zu erwarten steht oder
wenn er sich durch andere Verdienste und Leistungen besonders beliebt
gemacht hat.

Wieviel besser war doch ein Civilist daran! Fand er keinen wahren
Freund, so lebte er für sich, ohne gezwungen zu sein, bei allen
Mahlzeiten und sonstigen Gelegenheiten mit Menschen zusammen zu sein,
denen man innerlich fremd blieb.

Im Dienst ist das eine andere Sache.

Solche Gedanken beschäftigten Bleibtreu, als Rittmeister König aus dem
Saale kam und sich neben ihm auf dem Sopha niederließ.

»Das nennt der Mensch nun ein Vergnügen!« brummte er. »Wahrscheinlich
wird man uns noch öfter mit solchen Festen langweilen, um uns zu
ersetzen, daß wir nicht mehr nach der Stadt hinüber dürfen. Meine Frau
wird schöne Augen machen, wenn ich ihr das erzähle!«

»Ich muß auch sagen, Herr Rittmeister, daß ich die heutige Verordnung
haarsträubend finde,« stimmte Bleibtreu zu. »Hätte es der Oberst den
Leutnants allein verboten, so wäre es hart und dabei noch ungeschickt,
aber den Verheirateten gegenüber ist es eine tolle Bevormundung und eine
beispiellose Rücksichtslosigkeit. Er fährt natürlich, so oft er Lust
hat!«

»Solche Feste wie heute möchten ja noch angehen, wenn sie im allgemeinen
Einverständnis oder auf vorherige Verabredung hin veranstaltet würden,
aber nein, Madame Stark befiehlt und wir gehorchen! Denn es sollte einer
kommen und sagen, er hätte etwas anderes vor, der Oberst würde ihn
morgen ganz gehörig zurechtstutzen. Sie haben ja wieder ein kleines
Exempel gehabt.«

»Nicht einmal trinken kann man, was man will,« fuhr der Rittmeister
fort, »der Oberst braut einfach eine Bowle und wir bezahlen. Die kostet
heute doch mindestens sechs Mark pro Mann. Er kann ja gar nicht wissen,
ob ich nicht vielleicht nur für eine Mark trinken will, vielleicht Bier
oder Selterswasser! Hinterher aber stellt er sich hin und raisonniert
über die Kasinoschulden!«

»Sie haben recht, es wäre manchem dienlicher, wenn er etwas sparsamer
lebte, z. B. diesem Borgert und wie sie alle heißen. Es ist traurig, daß
unter den sämtlichen Herren noch nicht der dritte Teil zu rechnen
versteht,« erwiderte Bleibtreu.

»Ja ja,« sagte König, »aber das ist einer der Krebsschäden unseres
Standes. Es ist ja kaum glaublich, wie viele Offiziere alljährlich wegen
Schulden um die Ecke gehen. Und wie kommt das? Warum können junge Leute
in anderen Stellungen vernünftiger wirtschaften? Erstens, weil sie nicht
gezwungen sind, mit Leuten zusammen zu leben, die in besseren
Verhältnissen sind. Hat einer kein Geld, dann lebt er nach seinem Gusto
und fühlt sich schließlich ganz wohl dabei. Aber im Kasino sitzt der
Kapitalist neben dem armen Schlucker. Es ist leicht gesagt, die Reichen
im Offizierkorps sollen ihre Lebensweise den Mitteln der ärmeren
Kameraden anpassen. Ich kann aber doch unmöglich verlangen, daß ein
Millionär zum Essen Wasser trinkt und auf eine elegante Wohnung oder
schöne Pferde verzichtet, lediglich, um einen Kameraden mit fünfzig
Mark monatlichem Zuschuß nicht zum Mittun zu verführen! Auf die Dauer
gefällt dem Unbemittelten sein bescheidenes Dasein nicht mehr, wenn er
sieht, wie besser gestellte Kameraden in Saus und Braus dahinleben, und
das Ende: er macht eben mit. Geld braucht er nicht gleich, auf seinen
bunten Kragen hin borgt man ihm, so viel er will. Geht es aber ans
Zahlen, dann ist das Elend groß. Findet sich nicht ein rettender Engel
in Gestalt eines Juden oder dergleichen, so geht er einfach über die
Höhe. Und bei den Versuchen, Geld zu erlangen, kommt es oft zu
unsauberen Machinationen. Vielleicht scharrt der Vater noch seine
letzten Groschen zusammen und gewöhnt sich die Abendcigarre ab, um den
Jungen über Wasser zu halten. Und gelingt es dem jungen Offizier
wirklich, aus der Klemme herauszukommen, so fängt er bald von Neuem an
in dem schönen Vertrauen, daß sich auch das nächste Mal eine offene Hand
finden werde.«

»Dagegen läßt sich aber doch kaum etwas machen, jeder ist eben für sich
selbst verantwortlich,« entgegnete Bleibtreu.

»Nichts machen ließe sich da?« rief der Rittmeister. »Ei gewiß. Man
braucht nur ein Gesetz aufzustellen, etwa dahin lautend, daß die
Schulden des Offiziers bis zum Rittmeister ausschließlich nicht
einklagbar sind. Dann werden sich die Kaufleute schon vorsehen und
nicht mehr ins Blaue hinein einem Leutnant von dreiundzwanzig Jahren
borgen, dessen Verhältnisse sie gar nicht kennen. Einem Civilisten, der
vielleicht dreimal so viel Geld hat, wie jener, borgt man nicht für
hundert Mark, wenn man nicht genau weiß, wer und was er ist, wie er
steht usw., aber an den Offizier drängen sich die Geschäftsleute
geradezu heran, weil sie wissen, sie bekommen ihr Geld in den meisten
Fällen, weil es sonst dem Schuldner an den Kragen geht.«

»Ich meine, es ist überhaupt die ganze Sonderstellung des Offiziers, die
ihn zu einem kostspieligen Leben veranlaßt. Man sollte daher wenig
Bemittelte einfach ausschließen,« versetzte Leutnant Bleibtreu.

»Das wäre übertrieben, aber energische Schritte sollte man tun gegen
solches Luxustreiben,« fuhr König fort. »Es ist schön und wohlgemeint,
wenn man verordnet: »je mehr Luxus und Wohlleben um sich greifen, umso
mehr soll der Offizier auf eine einfache Lebensweise bedacht sein.« Das
ist ein frommer Wunsch, man wird es aber niemals tun, wenn man bei
anderen Klassen ein gesteigertes Wohlleben bemerkt, denn der Offizier
hält sich rücksichtlich seiner bevorzugten gesellschaftlichen Stellung
für verpflichtet, wie kein anderer, diesen Luxus wenigstens mitzumachen,
wenn nicht gar zu übertreffen. Er hält sich eben für mehr wie andere,
und der Leutnant sieht oft mit Verachtung, mindestens aber mit einem
bedauernden Lächeln auf die herab, die sich durch ihrer Hände Arbeit
oder durch geistiges Schaffen der Welt nützlich machen. Dieser Dünkel
ist der Fluch unseres Standes und geeignet, Volk und Offizierkorps immer
mehr von einander zu entfernen, während das Gegenteil zu wünschen ist,
denn das Volk muß seinen männlichen Nachwuchs dem Offizierkorps zur
Erziehung in die Hände geben. Wenn aber das Vertrauen zu ihm mehr und
mehr schwindet, dann wird auch die Lust am Soldatsein, die damit Hand in
Hand gehende Vaterlandsliebe, allmählich getötet. Man sollte den
Offizier mehr geistig beschäftigen und ihm zeigen, was ihm in Vergleich
zu anderen Ständen fehlt, und welchen Nutzen diese für den Staat
bedeuten. Dann würde er die ihm von niemand streitig gemachten
Prärogative und Privilegien dankbar anerkennen lernen, statt in ihnen
einen Grund zur Selbstüberhebung zu erblicken.

Und in dieser haben noch andere Mängel ihren Ursprung. Sie ist schuld
daran, daß so viele Offiziere in dem gemeinen Soldaten nicht den
zukünftigen Vaterlandsverteidiger und Kameraden sehen, den sie fördern
sollen, sondern nur den Gegenstand zahlreicher Mühen und reichlichen
Ärgers. --

Und damit wird ein neues Übel in die Welt gesetzt. Der junge
zwanzigjährige Mann fühlt mit innerem Mißbehagen diese Entfremdung von
seinem Vorgesetzten. Er verliert allmählich die Lust an seinem bunten
Rock, besonders, wenn die Vorgesetzten noch mit übertriebenen
Anforderungen an ihn herantreten oder Ungerechtigkeit in der Behandlung
walten lassen. Solange der Soldat unter dem Druck des Militarismus
steht, wird er sich schwer hüten, seinen Ansichten Ausdruck zu
verleihen, ist er aber der militärischen Fesseln los und ledig, wird
sich meist sein vielleicht vorhandener Hang zum Sozialismus umso
kräftiger entfalten, nach den Erfahrungen, die er in seiner Dienstzeit
gemacht. Und das ist schlimm, wenn ein Hauptmittel zur Bekämpfung des in
riesigem Wachsen begriffenen Sozialismus, nämlich die Dienstzeit der
noch einer Beeinflußung und Belehrung zugänglichen jungen Leute, in ein
Förderungsmittel umschlägt, und das tut es, solange man aus dem
Offizierkorps heraus derartige Vorbilder als militärische Erzieher
wirken läßt.«

»Sollten das alles nicht nur vorübergehende Erscheinungen sein, an denen
der Offizierstand krankt?« warf Bleibtreu ein.

»Nein, das ist gerade das Traurige, es sind fest eingewurzelte
Krebsschäden. Aber selbst diese könnten eingedämmt oder ganz und gar
vernichtet werden, wenn man sich mit allem Ernst der Sache annehmen
wollte, statt sich in dem Dünkel zu wiegen, daß ein deutsches
Offizierkorps oben an stehe und keiner Reform bedürfe. Noch ist es Zeit
zu retten, denn jene Mißstände haben noch keine Form angenommen, die
eine Unterdrückung unmöglich macht, noch haben wir trotz aller Übel
vortreffliche Leistungen zu verzeichnen, und der Ruf unseres Heeres im
Ausland ist ein glänzender. Aber Eile tut not, man soll das Eisen
schmieden, solange es warm ist. Eine Armee ist eben zum Kriegführen da,
und deshalb muß sie unter einem dreißigjährigen Frieden leiden. Aber wir
brauchen keinen Krieg, um jene Übel zu töten, sondern Männer mit Umsicht
und einem klaren Kopf, die offen eingestehen, daß etwas faul ist im
Staate Dänemark.«

König hatte sich ordentlich warm geredet. Er tat einen tiefen Zug aus
dem Bierglase, das ihm soeben eine Ordonnanz gereicht, er hatte nämlich
dem Oberst zum Trotz auf die Bowle verzichtet. Es war ihm Bedürfnis,
sich ab und zu alles von der Leber herunter zu reden, was ihn bedrückte,
und war das geschehen, so fühlte er sich wohl und frei.

Borgert hatte in der Nähe gestanden und den Ausführungen des
Rittmeisters aufmerksam gelauscht, denn wenn zwei etwas zu reden hatten,
fehlte er nie im Hintergrunde. Im Stillen lächelte er über diese beiden
Grübler, welche offenbar die Vorteile, die sich ihnen boten, nicht zu
würdigen verstanden. Warum dachten sie nicht wie er? Das Leben genießen,
wie es kommt, und die Feste feiern, wie sie fallen! Das war sein
Standpunkt, und deshalb schmeckte ihm der unbezahlte Sekt so gut! Er
fühlte sich ganz wohl in diesem kleinen Nest, denn hier gab es mitunter
ein kleines Skandälchen, das ihm in der früheren Garnison so sehr
gefehlt. Als man aber seine Vorliebe für solche Art von Abwechslung
entdeckt, schickte man ihn an die Grenze, wo er sich austoben konnte zu
Nutz und Frommen seiner Kameraden.

Mit halbgeschlossenen Augen und überlegener Miene stand er an den
Türpfosten gelehnt, als er sich plötzlich aufmerksam umsah.

Wo war denn der dicke Pommer? Er hatte ihn doch noch eben ziemlich
betrunken zwischen den Damen herumstolpern sehen, jetzt war er fort. Und
Frau Kahle? Richtig! Auch weg. Schnell auf die Suche also, vielleicht
konnte er noch ein neckisches Schauspiel erleben.

So schlich er denn hinaus in den Garten, nachdem er die Cigarre zur
Seite gelegt, damit sie ihn nicht verraten solle. Der Mond hatte sich
diskret hinter dem Horizont versteckt, um nicht mit anzusehen, was da
unten hinter den Büschen vor sich ging, nur matt erleuchteten seine
Strahlen eine Wolkenschicht, welche über seinem Versteck schwebte.

Und richtig! dort saßen sie, eng aneinander geschmiegt, auf der schmalen
Holzbank an der Gartenmauer. Die Nachtigall sang noch immer, nur etwas
weiter in der Ferne. Pommer sprach konfuse Worte, ohne sich sonderlich
Mühe zu geben, nicht laut zu sein, Frau Kahle lehnte mit dem Kopf an
seiner Schulter und lauschte den Tönen der Liebe, die ihr Ohr seit dem
ersten Jahre der Ehe nicht mehr vernommen. Ab und zu küßte der Leutnant
schmatzend die kleinen Hände und den Mund der jungen Frau. Sein rechter
Arm umschlang fest die zierliche Taille, und die große Hand ruhte auf
ihrem wogenden Busen.

»Siehst du, Grete, geliebte Grete, du mußt dich freimachen von diesem
Mann, er ist ein Tyrann, hat kein Gefühl und ist auch viel zu groß für
dich!«

»Er ist ein guter Kerl, aber er versteht mich nicht! Ich muß jemand
haben, der mich versteht und wirklich liebt. Ich will dir das Leben so
schön machen, wenn du müde vom Dienst nach Hause kommst und du sollst es
so gut haben!«

»Wie ich dich lieb habe, du kleiner, süßer Racker!«

»Ich dich auch, Hans! Und denke nur, das hat mich furchtbar gekränkt,
mein Mann hat das ganze vorige Jahr mit der Frau vom Amtsrichter
herumgeliebelt, die doch dazu gar nicht schön und schon ziemlich alt
ist. Kürzlich ist er sogar der alten Hebamme nachgelaufen, die er nicht
erkannte, weil sie ein Tuch um den Kopf trug. Sie hat ihn mit ins Haus
gelockt und dann ganz ruhig ihr Tuch abgenommen. Dann sagte sie: »So,
Herr Rittmeister, das werde ich Ihrer Frau erzählen, was Sie für ein
Bürschchen sind!« Und sie hat es mir erzählt.«

»Das kannst du dir nicht gefallen lassen, Grete, das würde ich nie tun!«
Dabei umschlang er sie mit sinnlichem Verlangen so fest, daß sie leise
aufschrie.

Da tönte laut der Name des Offiziers vom Kasino herüber, man verlangte
nach ihm.

Aus Furcht, auf seinem Ehrenposten gesehen zu werden, wenn das Paar sich
jetzt erhob, schritt Borgert auf die beiden zu und sagte, als er vor dem
verdutzten Liebespärchen stand:

»O Gott, bin ich erschrocken! Aber pardon, ich will nicht stören!« Dabei
zog er sich schnell wieder zurück und eilte ins Kasino. Keiner ahnte
natürlich, warum die vorher so gelangweilte Miene des Oberleutnants
jetzt einen so pfiffigen, lächelnden Ausdruck zeigte. Jetzt wußte er
genug und konnte sich noch ein Weilchen dem Tanze hingeben, es war doch
gar zu schön, so ein reizendes Weib wie diese Leimann im Arm zu haben!
Die wäre wohl noch eine Sünde wert gewesen!

Das Fest währte jetzt nicht mehr lange. Die Damen waren müde, besonders
Frau Stark war halb zu Tode getanzt worden. Selbst Frau Oberst hatte
genug und schwieg, was bei ihr als Seltenheit galt. Frau Leimann aber
klagte plötzlich über Kopfweh und bat Borgert, sie nach Hause zu
bringen, da ihren Gatten das heulende Elend, wie oft nach einer Bowle,
gepackt hatte und er schluchzend im Garten umherstolperte.

Die Herren hatte fast alle der frische Maitrank überwältigt, und sie
waren unangenehm laut, einige auch recht derb in ihren Scherzen
geworden. Es war also Zeit, sich zu trennen, und so bestieg man die am
Kasinotor seit zwei Stunden wartenden Krümperwagen. Die Kutscher mußten
erst mit einigen Kosenamen und Püffen geweckt werden, sie waren müde von
der anstrengenden Felddienstübung am Vormittag.

       *       *       *       *       *

Am nächsten Morgen um zehn Uhr lag der dicke Pommer noch in den Federn.
Er hatte den Dienst verschlafen, und da es nun doch zu spät war, drehte
er sich noch einmal um und schnarchte weiter.

Als er um elf Uhr erwachte, sah er erst blöde vor sich hin, dann fuhr
die Rechte, die noch vor wenigen Stunden Frau Grete's Hand gedrückt, in
das wirre Haar.

Donnerwetter, was brummte ihm der Schädel! Was war denn los gewesen? Ach
richtig, die verdammte Bowle gestern Abend!

Aber da war noch etwas! Ein weißes Kleid flocht sich in der Erinnerung
an den gestrigen Abend, und allmählich stand ihm verschwommen wieder
alles vor Augen, was sich zugetragen. Er sah nach der Uhr. Was, schon
elf vorbei?

Mühsam und keuchend kroch er aus dem Bett und in die Hosen hinein, dann
machte er etwas Toilette. Es war ihm alles gleich heute, sein Kopf
schmerzte ihn zu sehr, und dabei immer der Gedanke an das Ereignis von
gestern! Es war unerträglich! Mißmutig ließ er sich auf einen Stuhl
nieder, und als der Bursche vom Kaffeebrett den Löffel fallen ließ, fuhr
er ihn wütend an:

»Dummes Schwein, mache nicht so einen Radau, sonst fliegst du vor die
Tür.«

Pommer versuchte sich ganz genau die Ereignisse des gestrigen Tages vor
Augen zu führen, und je mehr sie ihm ins Gedächtnis zurückkehrten, umso
größer ward sein Entsetzen über seine Handlungsweise.

Was hatte er getan! Die Frau eines Kameraden verführen wollen, er,
dessen Ansichten und Grundsätze sonst so streng waren, der doch fast als
einziger bei den Kameraden etwas galt, wenn er ihnen schonungslos den
Kopf zurechtsetzte, denn jedermann wußte, er redete nicht nur, sondern
lebte auch nach dem, was er anderen predigte.

Sein früheres Leben ließ er an seinem Geiste vorüber ziehen. War da
irgend ein schwarzer Punkt, ein Makel zu finden? Nein, rein und
fleckenlos lag die Vergangenheit hinter ihm, und jetzt, nachdem er die
Klippe der leichtsinnigen Jugendjahre unversehrt überwunden, lud er eine
so schwere Schuld auf sich, er betrog einen Kameraden mit seiner Frau!
Pfui!

Aber hatte sie ihm nicht selbst gesagt, daß sie unglücklich sei, von
ihrem Gatten schlecht behandelt werde, sodaß sein Tun als entschuldbar,
vielleicht sogar edel erscheinen durfte?

Nein und abermals nein, er hatte gefehlt, schwer gesündigt an dem
Heiligsten, was ein Mann sein Eigen nennt.

Die ehrenhafte Gesinnung des Offiziers lag in hartem Kampfe mit ihm
selbst, er zweifelte an der Lauterkeit seiner Gesinnung, und diese
Qualen waren ihm eine Folter.

Das Blut stieg ihm zu Kopfe, es tanzte ihm vor den Augen, sterben hätte
er mögen, nur schnell sterben, nachdem er so die Moral mit Füßen
getreten und sein Gewissen mit einem Fluch belastet hatte, der ewig auf
ihm ruhen mußte.

Aber wie hatte es nur kommen können, daß er sich so vergaß?

Der verdammte Sektfrühschoppen mit dem leichtsinnigen Saufaus, dem
Borgert, und dann das schwere Türkenblut, das Müller zum Essen
spendierte, weil er eine Wette verloren, und dann die unselige Maibowle
am Abend, das alles hatte ihm, der selten ein Glas Wein zu trinken
pflegte, den klaren Verstand geraubt! Die gemeinen Kerle, die das
merkten und ihm immer mehr zu trinken gegeben hatten, wahrscheinlich
weil er sie in der Trunkenheit amüsierte!

Freilich mochte er die kleine zierliche Frau gern leiden, sie war so
ganz nach seinem Geschmack, niedlich, mollig und zutunlich. Oft
verlieben sich große, starke Männer in kleine Frauen. Aber so etwas wie
gestern war ihm doch nie in den Sinn gekommen, es war ihm unerklärlich.
Er mußte hingehen und tausendmal um Verzeihung bitten, rückhaltlos seine
Sünde eingestehen, das konnte seine Schuld etwas mindern, wenn auch
nicht tilgen.

Da klopfte es an der Tür. Als wenn der Rachegeist schon selbst
erscheinen müsse, fuhr der gequälte Mann zusammen und ließ ein dumpfes
»Herein« ertönen.

Oberleutnant Borgert trat über die Schwelle, den Helm in der Hand. Er
schien etwas erstaunt, den Kameraden in diesem Zustande vorzufinden,
dann aber nahm er ihn scharf ins Auge und sagte:

»Verzeihung, wenn ich störe, aber eine peinliche Angelegenheit veranlaßt
mich, mit Ihnen zu reden.«

»Dienstlich oder privat?« brummte Pommer.

»Beides, wie Sie wollen,« antwortete Borgert dreist.

»Für Privatsachen bin ich jetzt nicht in Stimmung. Bitte lassen Sie uns
den Fall ein andermal besprechen.«

»Bedaure sehr, ich wünsche den Fall _=jetzt=_ zu erledigen. Sie wissen
wohl, daß ich als Dienstälterer das Recht habe, Sie wegen einer
Angelegenheit zur Rede zu stellen, wenn ich es für nötig halte.«

Pommer besann sich einen Augenblick. Er, der vor seiner
Offizierslaufbahn drei Jahre die Universität besucht und dann in großen
Bankhäusern tätig gewesen war, der das Leben von der ernstesten Seite
kennen gelernt und die doppelte Erfahrung besaß, wie die meisten seiner
Altersgenossen, er sollte sich von einem Menschen zur Rede stellen
lassen, der nichts als trinken, schimpfen und Geld ausgeben konnte, der
im Dienst eine Null war? Und zu dieser Handlungsweise war jener
berechtigt, sie war dienstlich sanktioniert?

Richtig, ja, es war so, jetzt fiel es ihm ein, daß er schon früher
einmal über diese widersinnige Bestimmung nachgedacht und überlegt
hatte, wie sehr jenes Recht gemißbraucht werden könnte, wenn es einem
nur daran lag, einem jüngeren Kameraden ordentlich eins auszuwischen,
ohne daß dieser sich wehren konnte. Alle durften sich also einem
Jüngerem gegenüber jederzeit als Vorgesetzte aufspielen, wenn es ihnen
eine Laune eingab! Wirklich großartig!! --

Ein spöttisches, grimmiges Lächeln ging über Pommers blasses Gesicht,
dann antwortete er mit fester Stimme:

»Bitte, was steht zu Diensten?«

»Der Zufall führte mich gestern Abend in den Garten, wo ich etwas sah,
das ich mir noch nicht erklären kann. Sie haben......«

»Jawohl, ich habe eine Dame, die Gattin des Rittmeisters Kahle geküßt,
ihr von Liebe gesprochen u. s. w., das weiß ich.«

»Darf ich Sie um eine Erklärung bitten, wie Sie dazu kommen?«

»Ich war betrunken, sonst wäre es nicht vorgekommen!«

»Nun, Ihre Erklärung klingt ja ganz kurz und einfach, warum betrinken
Sie sich, wenn Sie es nicht vertragen können und so wenig Herr Ihrer
Handlungen bleiben?«

»Daß ich betrunken war, ist nicht nur meine Schuld, in erster Linie
mußten andere.....«

Borgert schnitt ihm das Wort ab, um nichts zu hören, was ihn als Vorwurf
treffen konnte. Mit ironischer Miene fiel er ein:

»Sie scheinen sich über die Schwere Ihrer Handlungsweise nicht ganz im
Klaren zu sein, deshalb möchte ich Sie nochmals darauf hinweisen!«

»Ihrer Belehrung darüber bedarf ich nicht, ich weiß selbst, was
ich......«

»Pardon, ich rede wohl, mein Verehrter, ich gestatte Ihnen nicht, mich
zu korrigieren, denn ich bin gekommen, _=Sie=_ zu korrigieren!«

Pommer wollte auffahren, aber die kalten Augen und der entschiedene,
schneidende Tonfall der Worte des Oberleutnants geboten ihm Schweigen.

»Was Sie da getan haben, ist das schwerste Vergehen gegen die
Kameradschaft, welches ich mir denken kann. Die Frau eines Kameraden
anfassen, heißt einen Treubruch, fast ein Verbrechen begehen, welches
mit Recht eine schwere Sühne fordert. Bedenken Sie nur, was Sie tun
würden, wenn Sie Ihre Gattin in den Armen eines anderen fänden, ich
glaube, Sie würden ihn sofort umbringen oder wenigstens nachher zum
Zweikampf auf Leben und Tod herausfordern. Sie aber haben sich an einer
verheirateten Frau vergriffen, an einem Etwas, das uns ein
Nolimetangere, ein Heiligtum sein soll! Schon ein Händedruck, ein Blick
kann zum Ehebruch werden, allein der geheime Wunsch, die Frau eines
anderen zu besitzen, zu küssen! Können Sie dem Manne jetzt noch ehrlich
ins Gesicht sehen, nachdem Sie ihn so hintergangen und betrogen haben?
Ich könnte es nicht! Ich würde vor ihn treten, meine Sünde freiwillig
eingestehen und ihm Genugtuung geben. Nie hätte ich von Ihnen geglaubt,
daß Sie einer solchen Handlungsweise fähig wären, schämen Sie sich bis
in den Grund Ihrer Seele! -- Ich will Sie nun nicht ins Unglück stürzen
und den Fall nicht weiter verbreiten, denn sonst dürften Sie verloren
sein. Abgesehen von Ihrer Stellung würde Ihr Leben auf dem Spiele
stehen. Ich erwarte aber von Ihnen, daß Sie noch heute der Dame einen
Besuch machen, um Verzeihung bitten und sich vergegenwärtigen, was ich
für Sie getan habe!«

Borgert reckte sich siegesgewiß in die Höhe und mit überlegenem Blick
schaute er auf den armen Pommer herab, dessen erst widerwillige Miene
allmählich den Ausdruck stiller Ergebenheit, eines großen
Schuldbewußtseins angenommen hatte. Immer mehr war der große starke Mann
auf seinem Stuhl zusammengesunken, und sein leerer Blick starrte wie
leblos zu Boden.

Zwei dicke Tränen blinkten ihm im Auge, der Mann weinte. Tat er es, weil
seine Schuld ihm so schwer auf dem Gewissen lag, oder weil er vielleicht
gar noch vor die Pistole des betrogenen Gatten treten mußte? Nein,
gefehlt hatte er nun einmal, und er war Manns genug, die Folgen zu
tragen. Feige war er nicht.

Aber er schämte sich! Und das Gefühl der Scham ist es, welches den Mann
am meisten vor sich selbst erniedrigt.

Zugleich stieg ein warmes Gefühl der Dankbarkeit in ihm auf gegen den,
welcher Zeuge seines Verbrechens gewesen, ihn aber jetzt, statt ihn der
Kugel des Betrogenen zu überantworten, großmütig auf seinen Fehler
hinwies. Und es war recht gewesen, was er gesagt hatte!

Da erhob sich der Offizier und reichte Borgert stumm die Hand, ihm fest
ins Auge blickend. Borgert's Auge aber wich scheu nach der Seite und der
Oberleutnant sagte gütig:

»Nun, trösten Sie sich nur! Machen Sie die Sache wieder gut und nehmen
Sie sich künftig in Acht!«

»Ich danke Ihnen«, brachte Pommer mit tränenerstickter Stimme hervor.
»Ich habe Ihr Wort, daß die Sache unter uns bleibt? Es ist nicht
meinetwegen, aber der Dame soll man nichts nachsagen können:«

»Sie haben mein Wort, ich schweige!«

Und als er jetzt dem Oberleutnant mit dankerfüllten Blicken nachschaute,
während er ihn verließ, glaubte er, über die Schwelle schritte ein
Freund, dem er sein Leben danken müsse! --

Der großmütige Held war recht befriedigt von seiner Mission. Das war so
ganz ein Fall nach seinem Geschmack! Zu riskieren gab es nichts dabei,
im Gegenteil, er spielte die Rolle eines guten, rettenden Engels, der
den Fehlern des Nächsten Verzeihung bot und ihn liebevoll auf den
verlassenen Pfad der Tugend zurückgeleitete. Außerdem war es ja ein ganz
amüsantes Schauspiel, einen Kameraden, der sonst als ganzer Mann dastand
und den nichts rühren konnte, jetzt zu seinen Füßen zu sehen. Auch
schien ihm ein glücklicher Gewinn, daß er Pommers Einfluß auf das
gesamte jüngere Offizierkorps nun in seine Hand bekommen und sich
dienstbar machen konnte. Schließlich fehlte auch das Pikante an der
Sache nicht, denn er würde natürlich auch Frau Kahle demütigen und sie
fragen, in welcher Weise die Sache ihre Erledigung gefunden habe. Wie
freute er sich darauf, wenn die kleine Frau weinend vor ihm niedersank
und ihn um Schweigen bat!

Ein Liedchen trällernd, betrat Borgert sein Haus, gab dem Burschen
Säbel, Mantel und Helm und stieg die Treppe zu Leimanns hinaus.

Er traf sie nicht allein. Der Regimentsadjutant war anwesend, er hatte
heute schon um 1/2-12 das Geschäftszimmer verlassen, weil der Oberst
sich auf Jagd befand. Frau Leimann trat auch herein, und, da die beiden
Herren gerade plaudernd zum Fenster hinaus auf die Straße sahen, wo Frau
König mit Leutnant Bleibtreu vorbei ritt, küßte er der Angebeteten
stürmisch beide Hände.

Die Herrschaften aber wollten sich vor Lachen ausschütten, als Borgert
in der ihm eigenen witzigen Weise mit furchtbar drolligen Gesten und
trefflichem Mienenspiel seine neuesten Erlebnisse zum Besten gab.

Inzwischen saß Pommer am Schreibtisch und machte in einem langen Briefe
an seine Mutter dem gepreßten Herzen Luft. Dabei sang er dem neuen
Freunde wahre Loblieder und rühmte seine vornehme Gesinnung in
überschwänglicher Weise.

Er war jetzt ruhiger geworden, die Vorgänge des verhängnisvollen Abends
erschienen ihm zwar immer noch in demselben Lichte, aber mehr vom
Standpunkte eines Menschen betrachtet, der, im Innersten überzeugt, eine
verwerfliche Tat begangen zu haben, sich sagen kann, daß nur durch
einen unglücklichen Zufall, nicht aber aus verderbter Gesinnung oder
Schlechtigkeit jener Fehltritt geschah.

Um die Mittagsstunde kleidete er sich fertig an, um Frau Kahle
aufzusuchen, denn um diese Zeit pflegte der Gatte nicht zu Hause zu
sein. Vielleicht wäre es ihm gleich gewesen, was ein Fremder mit seiner
Frau zu verhandeln hatte, aber man konnte nicht wissen, es war besser
so.

Klopfenden Herzens, mit dem Gefühl einer tiefen Reue und Beschämung,
schritt er die teppichbelegten Stufen zu Frau Kahle's Räumen empor, und
er hatte auch nicht lange zu warten, bis man ihn einließ.

Mit einem leichten Aufschrei eilte die Dame auf ihn zu, umschlang seinen
Hals und küßte dem Widerstrebenden stürmisch den Mund.

»Wie danke ich dir, daß du kommst! Wie habe ich mich nach dir gesehnt!
Jetzt bin ich wieder glücklich, da du bei mir bist. Mein Mann ist bis
zum Abend fort, bleibe bei mir, Hans, ich kann nicht ohne dich sein!«

Bei diesen Worten hatte sie ihn neben sich auf den Divan gezogen und
schloß ihm den Mund mit stürmischen Küssen.

»Die ganze Nacht habe ich ruhelos verbracht,« fuhr sie süß flüsternd
fort, »ich konnte mein Glück nicht fassen, ich glaubte, es sei ein
Traum, daß ich in dir ein Wesen gefunden habe, das ich lieben darf, das
mich liebt. O, wie danke ich dir, du einzig Geliebter!«

Leutnant Pommer saß da wie versteinert. Er brachte kein Wort hervor und
duldete schweigend die Liebkosungen der Frau. --

Wo waren seine Vorsätze geblieben, wozu war er hierher gekommen? Um sein
Unrecht wieder gut zu machen, um seiner Reue Worte zu verleihen, um zu
beichten, daß alles nur die Eingebung eines unseligen Augenblicks, die
Tat eines vom Rausch verwirrten und entfesselten Gefühls gewesen sei!

Aber er konnte sich jetzt nicht anklagen, konnte nicht mit einem banalen
Wort den Traum zerstören, welcher die liebende Frau umfing. Und was er
vorher für eine Ehrenpflicht gehalten, erschien ihm jetzt unmöglich
angesichts der lodernden Glut, die er im Herzen des Weibes entfacht.
Lieber sterben, als jetzt eingestehen müssen, es ist alles nur Lüge,
Schein, Laune gewesen. Dieser glühenden Liebe durfte er nicht mit einem
Faustschlag antworten!

Und als der Kopf der ganz den Gefühlen ihres Glückes hingegebenen Frau
an seinem Busen ruhte, in welchem das Herz zum Zerspringen klopfte, ging
eine Wandlung in ihm vor: aus dem sonst so willensstarken Manne ward ein
willenloses Opfer einer gewaltigen Macht: der Liebe. --

Sein Blick streifte an der Gestalt des Weibes herunter, die ihn in ihren
Armen hielt. Das leichte Morgenkleid ließ die Formen eines jugendlichen
Körpers erkennen, die weißen Arme, von denen die Spitzen des Ärmels
herabgeglitten waren, und der Duft, welcher von ihnen ausströmte, alles
verwirrte und betäubte ihm den Sinn und ließ den letzten Rest
Entschlossenheit in dem sonst so zielbewußten Manne ersterben. Und er
umschlang das zitternde Weib mit wilder, sinnlicher Glut. -- -- --

Der Tag neigte sich schon seinem Ende zu, als Pommer die Tür des Hauses
hinter sich schloß, in dem Frau Kahle wohnte.

Mit scheuem Blick, wie verstört, schritt er über die Straße und achtete
nicht der Soldaten, die des Weges kommend, ihm die schuldige
Ehrenbezeugung erwiesen, er wäre auch an Oberleutnant Borgert
vorbeigegangen, hätte ihn dieser nicht mit einem über die Straße
gerufenen Gruß aus seinen Gedanken aufgeschreckt. Zögernd blieb er
stehen und schaute wie geistesabwesend nach dem Kameraden, der jetzt
über den Straßendamm auf ihn zukam.

»Guten Tag, lieber Pommer! Nun, was macht Ihr Kater?«

»Danke, danke, es ist gut, ich fühle mich ganz wohl, sehr wohl, und was
ich noch sagen wollte,.... ich bin dort gewesen!«

»Bei ihr? Na sehen Sie, das war vernünftig! Alles in Ordnung?«

»Natürlich, alles glatt, jawohl, alles in bester Ordnung.«

»Na, dann leben Sie wohl, ich muß weiter. Adieu!«

»Adieu! Und nochmals vielen Dank!«

»Aber ich bitte Sie! Es war gern geschehen, Sie haben wohl gesehen, daß
ich es gut mit Ihnen meine!«

»Ja, wir wollen gute Freunde werden!«

Als Pommer in seiner Wohnung anlangte, glaubte er verzweifeln zu müssen.
Was hatte er getan?! --

Statt das Vergehen vom gestrigen Tage durch ein offenes Bekenntnis
seiner Schuld zu sühnen, war er noch tiefer in die Sünde hineingeraten,
er hatte aus einem Fehltritt ein neues, weit größeres Verbrechen
entstehen lassen, statt mit aller Entschlossenheit gegen seine Schwäche
anzukämpfen. Und noch mehr! Er hatte einen Freund betrogen, sein
Vertrauen, seine ehrenhafte, liebevolle Handlungsweise in gemeinster
Weise mit Füßen getreten!

Aber es war zu spät! Jetzt gab es kein Befreien mehr aus den Ketten der
Sünde, der Lüge, jetzt hieß es den einmal betretenen Pfad weiter
schreiten, wie auch das Ende sein mochte. Und er suchte sich vor seinem
Gewissen zu entschuldigen, daß die Macht des Zufalls, an der sein Wille
sich gebrochen, ihn in seine jetzige Lage hineingezwungen habe.

       *       *       *       *       *

Wochen und Monate vergingen.

Das Paar traf oft zusammen, machte Spaziergänge im nahen Wäldchen,
begegnete sich »zufällig« auf der Straße oder genoß, wenn der Gatte
abwesend war, ein Schäferstündchen in Frau Gretes traulichem Boudoir.

Pommers Zuneigung zu dem pflichtvergessenen Weibe hatte ihn in der
ersten Zeit ganz in ihren Bann gezogen. Doch war jener Reiz mehr
sinnlicher Art gewesen, einer wahren inneren Liebe fand er sich nicht
fähig zu einer Frau, deren seichte Moral, deren oberflächliche
Anschauungen über die Pflichten einer Gattin und Mutter, deren
rückhaltlose Hingabe an den ersten, welcher ihr seine Liebe gestand,
ihren inneren Wert bald hatten erkennen lassen. Und so gab es Stunden,
wo dem Manne der Verkehr mit der heißblütigen, hysterischen Frau
allmählich überdrüssig schien, denn es fehlte der innere Kern, der
moralische Halt dieses Verhältnisses, und wie bald ist der Mensch von
Genüssen übersättigt die sich in regelmäßiger Folge wiederholen und
nicht im Herzen wurzeln, wie sie allein uns auf die Dauer mit Freude
erfüllen! So ward aus der Zuneigung mit der Zeit eine schroffe
Abneigung, eine Art Ekel und Widerwillen gegen jene Frau, welche in
seinen Augen mit jedem Tage an Wert verlor und den Mangel an weiblicher
Tugend mehr und mehr erkennen ließ, sie war ihm nur noch das Weib, wie
es als solches die Schöpfung dem Mann bot.

Und je mehr diese Empfindung in ihm wuchs, um so geringer galt ihm das
Vergehen, welches ihm früher als ein ehrloses Verbrechen erschien und
sein Gemüt bedrückte. Aber offen eingestehen, daß sie ihm nicht genüge,
daß er an ihren Reizen keinen Genuß mehr finde, das konnte er nicht, es
schien ihm unmännlich und undankbar, denn hatte er nicht auch schöne
Stunden durch sie genossen? --

Schreiben mochte er nicht, das war zu gefährlich, denn kam dem
ahnungslosen Gatten der Brief in die Hände, konnte die Sache noch ein
übles Nachspiel haben, und das war sie nicht wert.

Hätte Pommer in Frau Gretes Innerem lesen können, wäre er ein
Frauenkenner gewesen, so hätte er bald eingesehen, daß eine Lösung des
Verhältnisses nur eines einzigen Wortes bedurfte, denn auch sie fand
keinen Reiz mehr im Verkehr mit einem Manne, der ihr zu pedantisch, zu
linkisch und unbeholfen vorkam, der sich auf jedes Schmeichelwort
besinnen mußte und immer erst einen Rippenstoß brauchte, den gebotenen
Genuß zu kosten. Sie liebte das Feurige, das stürmische Sichhingeben,
ohne das ewige Grübeln über Recht und Unrecht! Wem sie ihre Liebe gab,
der mußte mit vollen Zügen den Freudenbecher trinken und ihn von neuem
begehren, war er in wilder Leidenschaft geleert!

Als dann Pommer eines Tages die Mitteilung erhielt, daß er unter
Beförderung zum Oberleutnant versetzt sei, kostete es ihm keine große
Überwindung, von Frau Kahle Abschied nehmen zu müssen.

»Ich gehe fort, wir sehen uns nicht wieder!«, hatte er mit kühler Ruhe
gesagt.

Und sie stieß einen Schrei aus und sank wie niedergeschmettert auf den
Divan.

Da hatte er leise die Tür geöffnet und war verschwunden. Sie aber
schaute ihm durchs Fenster nach, und als er um die Ecke gebogen, schlug
sie den Flügel auf und spielte einen lustigen Walzer von Strauß.

Da fiel ihr ein, man könnte sie herzlos nennen, wenn sie die Trennung so
leicht überstände; und so schrieb sie einen acht Seiten langen Brief an
Oberleutnant Borgert, indem sie den Schmerzen und Seelenqualen einer
betrogenen, unglücklichen Frau beredten Ausdruck verlieh. --

So sehr waren ihre Worte von dem Empfinden eines wahren, tiefen
Schmerzens durchweht und so rührend, tief ergreifend die Ausbrüche des
Jammers um den verlorenen Geliebten, daß niemand sich denken konnte, das
alles sei nur ein Schauspiel, die virtuos durchgeführte Rolle einer
Ophelia oder Desdemona. --

Selbst die Herrn des Offizierkorps konnten eine stille Teilnahme nicht
unterdrücken, als Borgert am Abend den Brief im Kasino verlas, nur einer
rief mit verschmitzter, verständnisinniger Miene:

     »Fauler Zauber!«

Wußte er das aus Erfahrung? --




[Illustration]


Drittes Kapitel.


Am Spätnachmittag eines Herbsttages saß in seiner angenehm durchwärmten
Stube der Vizewachtmeister Roth und mit ihm Sergeant Schmitz am
Kaffeetisch.

Die Einrichtung des im ersten Stock der Kaserne gelegenen Raumes machte
den Eindruck der Wohlhabenheit, und man hätte beim ersten Anblick
glauben können, ein Mitglied der »oberen Zehntausend« habe hier sein
Lager aufgeschlagen, wenn sich nicht das Meiste bei näherer Betrachtung
als überladener, wertloser Putz entpuppt und darauf hingewiesen hätte,
daß nur die Sucht, dem Raum einen gediegenen Geschmack zu geben, welcher
gerade in der Einfachheit zu wirken sucht, diese tote Pracht geschaffen.
Die grün und blau geblümte Tapete war durch große Bilder in schweren
Eichen- und Goldrahmen stellenweise ganz verdeckt. Über dem Sopha aus
rotem Plüsch hing eine Reproduktion von Lenbach's »Fürst Bismark«,
rechts und links davon die Bildnisse zweier Pferde, in Öl gemalt. An
der Wand gegenüber stand ein Klavier von schwarzem Holz mit silbernen
Armleuchtern, obgleich weder der Vizewachtmeister Roth noch seine
Gattin, eine frühere Ladenmamsell, in die Kunst des Klavierspielens
eingeweiht waren. Doch mit diesem Klavier, auf welchem nur
allsonntäglich ein junger Unteroffizier der Schwadron mit monotoner
Akkordbegleitung die »Donauwellen« hervorzauberte, hatte es seine
besondere Bewandtnis, und nie ruhte der Blick des Besitzers ohne einen
gewissen Groll auf der schuldlosen »Drahtkommode«.

Im ersten Jahre ihrer Ehe nämlich hatte es die Frau Wachtmeisterin oft
schmerzlich empfunden, nicht ein Klavier oder gar einen Flügel, das
Kennzeichen einer »gebildeten« Einrichtung, ihr eigen nennen zu können,
denn die Kollegin der zweiten Schwadron besaß ein Instrument. Sie
bedauerte aber das Fehlen eines solchen umso mehr, als sie häufig
behauptete, in ihrer Jugend Klavierunterricht genossen zu haben.

Roth sprach daher des öfteren mit Nachdruck gegenüber den vier
Einjährigen der Schwadron von den Talenten seiner Lebensgefährtin auf
musikalischem Gebiete, die nun elend verkümmern müßten, da er zur
Anschaffung eines »Pianinos« nicht die nötigen Mittel besäße. Es hatte
ihn daher kaum gewundert, als er eines Tages jenen »schwarzen
Wimmerkasten«, wie er ihn nannte, in seinem »Salon« vorfand mit einer
schriftlichen Widmung der gütigen Spender.

Als aber für die Einjährigen der Tag der Entlassung kam, kam für den
entsetzten Wachtmeister ein großer Wagen, dessen Rosselenker die Weisung
hatte, das für sechs Monate gemietete Klavier wieder abzuholen. Um nicht
zum Gespött der Kameraden zu werden und auf flehentliches Bitten seiner
Gattin kaufte Roth das Klavier auf Ratenzahlung von zehn Mark monatlich,
und nun stand das unselige Instrument unbenutzt an der Wand, während die
Rechnung dafür noch lange nicht abbezahlt war und es jeden Ersten einen
köstlichen Goldfuchs verschlang. Daher die Wut des Wachtmeisters auf
dieses Prunkstück seines Salons!

Über dem Klavier prangte ein gewaltig großer Stahlstich von Vernet's
bekanntem »Leichenschmaus« in schwerem Brokatrahmen, an dessen Ecken je
ein kleiner japanischer Fächer befestigt war.

Neben dem Klavier stand ein Vertikow aus Nußbaum und darauf sechs grüne
Weingläser, diesmal ein bar bezahltes Geschenk früherer Einjähriger.
Auch ein großer eichener Schreib-Tisch fehlte nicht, dessen Ecke von
einem Vogelbauer mit gelbgefiedertem Bewohner zweckmäßig besetzt war,
während ein Lineal, ein gewaltiges Schreibzeug aus Hirschhornstangen
und ein Federhalter die berufliche Ausrüstung dieses Hausmöbels
darstellten. Über dem Schreibtisch hing, von Rehgehörnen umgeben, ein
großes Kaiserbild, darunter zwei gekreuzte Säbel und eine Kukuksuhr. Ein
großer Blumentisch stand am Fenster, bei näherer Betrachtung aber ergab
sich, daß die Blüten nicht in einem Gewächshause, sondern unter der
Schere einer geschickten Blumenmacherin erblüht waren.

Den Boden bedeckten zwei weiße Felle und drei Teppiche, sowie ein echter
Kelim unter dem Sophatisch, über dessen Kanten eine blaue Plüschdecke
mit großen Quasten fast bis zum Boden herabhing.

Durch die beiden nach Osten gelegenen, mit schweren Portieren behangenen
Fenster sah man heute dunkelgraue Wolkenmassen am Himmel dahintreiben,
ein eintöniges, farbloses Meer, aus dem ab und zu kalte Regen- oder
Hagelschauer sich lösten und, vom heulenden Winde getrieben, wie
gewaltige Wogen über die Stadt und die öden Felder wälzten.

Wenn der Regen so gegen die Scheiben prasselte, und der Wind im
Ofenrohre pfiff, dann fühlte man sich um so wohliger in der warmen Stube
und bedauerte die Kameraden, welche jetzt draußen im Freien Dienst tun
mußten.

Es war die Zeit, zu welcher das Regiment alljährlich seine Reservisten
einzog und sie in den hinter der Kaserne gelegenen Baracken
unterbrachte. Dann war es oft nicht angenehm, bei einem Hundewetter wie
heute auf dem Exerzierplatz herumstehen zu müssen, und man beneidete die
Rekrutenunteroffiziere, welche im Stall oder auf den Stuben Instruktion
abhalten durften.

Einen Vorteil aber brachte die Reserve doch. Man bekam eine Zulage, und
besonders Roth, der als Wachtmeister zur ersten Reserve-Eskadron
kommandiert war, stand sich ganz gut dabei. Ferner sah man mitunter
einen alten Bekannten älterer Jahrgänge wieder, auch frühere Einjährige
befanden sich unter den Reservisten und hatten meist einen offenen
Beutel, wenn sie sich dadurch den Dienst etwas erleichtern konnten.

Schmitz war Futtermeister der vierten Schwadron und ebenfalls zur
Reserve kommandiert. Er versah sein Amt vortrefflich, wer sich davon
überzeugen wollte, brauchte nur einen Blick auf die Pferde zu werfen,
wie sie glänzten im Haar, wie schön rund und sauber sie im Stroh
standen. Der Stall selbst war stets ein Muster von Sauberkeit, kein
Strohhalm hing aus den Ständen heraus auf den blank gefegten Damm, die
Wände waren schön weiß gekalkt und die Fenster klar und hell.

Wenn Schmitz den Stall zwischen den Pferdereihen hinabging, dann war es
geradezu drollig anzusehen, wie alle Tiere seinen Tritt, seine Stimme
kannten, wie sie die Köpfe nach ihm wandten und leise wieherten, wenn er
den einen oder anderen seiner Lieblinge anrief. Da war das »Klärchen«,
ein reizendes Füchschen, das ihm nachlief wie ein Hund und immer mit den
Nüstern an seinen Taschen nach einem Stück Zucker schnüffelte, dann sich
auf die Hinterbeine stellte oder bittend einen Vorderfuß erhob, und die
»Ahnfrau«, ein altes kleines Pferdchen mit tiefschwarzem Glanzhaar, das
wegen seines Alters aller Liebling war und oft mit Leckereien bedacht
wurde.

Der besondere Stolz des Futtermeisters aber waren die zwölf Chinesen.
Sie hatten den ostasiatischen Feldzug mitgemacht und waren dann in das
Regiment eingestellt worden, schöne Pferde mit herrlichem Haar und
kräftigen Knochen, wenn auch nicht alle so groß wie »Peiho«, »Wu« und
»Kwangsü«. --

Die beiden Freunde saßen noch plaudernd am Kaffeetisch, als Frau Roth
eintrat, eine mittelgroße Brünette mit kleinen Augen und einer gebogenen
Nase. Ihr Gesicht hätte dem eines Vogels gleichen können, doch verlieh
das wellige, kastanienbraune Haar dem an sich nicht schönen Kopf einen
gewissen Reiz. Sie hielt ein Servierbrett, mit einer gestickten
Serviette überdeckt, in den Händen, darauf stand eine Flasche Moselwein,
drei Gläser und eine schmale Zigarrenkiste.

»Donnerwetter Roth, bei dir geht's heut aber mächtig üppig zu! So eine
Feier lasse ich mir gefallen,« rief Schmitz erstaunt.

»Man hat nur einmal im Jahr Geburtstag, da kann man schon etwas springen
lassen. Schenk' ein, Alte!«

Die Frau goß die Gläser bis zum Rande voll, daß sie fast überliefen. Ein
freudiges »Prost« ertönte, und alle gossen auf einen Zug das edle Naß
hinunter. Dann hoben sie noch einmal die Gläser zu einander und sahen
sich an. Das hatten sie den Herren Offizieren abgelauscht.

Die beiden Männer zündeten sich eine Cigarre an, welche zur Feier des
Tages eine Leibbinde trug, und füllten die Gläser von Neuem. Eine Stunde
war ja noch Zeit bis zum Abendstalldienst, und vorher gab es nichts zu
tun, denn Oberleutnant Specht, der die Reserve-Eskadron führte, kam des
Nachmittags nie zum Dienst, man hatte also Ruhe.

»Fährst du Weihnachten auf Urlaub?« fragte Roth seinen Freund.

»Weiß noch nicht!« gab Schmitz achselzuckend zur Antwort. »Ich möchte
ganz gern, ich bin jetzt zwei Jahre nicht aus dem Drecknest
fortgekommen. Aber es lohnt sich auch gar nicht, für die paar Tage eine
solche Reise zu machen, denn bis ich hier vom Ende der Welt nach Hause
komme, brauche ich achtundvierzig Stunden, Rückreise ebensoviel, das
macht vier Tage und mehr wie sechs gibt es nicht. Die Sache ist auch
verflucht teuer!«

»Was kostet's denn?«

»Ziemlich dreißig Mark, und so viel hab' ich nicht übrig!«

Roth lachte höhnisch auf.

»Um die paar Kröten geht's? Lumperei!«

»Ja, du hast gut lachen, für dich spielen sie keine Rolle, aber für den,
der sie nicht hat, z. B. mich!«

»Kann ich dir pumpen, Kleinigkeit!«

»Sag' mal, alter Freund, du hast wohl in der Lotterie gewonnen? Es geht
immer so hoch bei dir her in letzter Zeit, alle Augenblicke fährst du
'nunter in die Stadt, rauchst 10 Pfennig-Cigarren und willst auch noch
verpumpen! Du mußt mindestens geerbt haben!«

»Hab' ich auch, aber es ist keiner gestorben vorher!« lachte Roth
übermütig. »Die Hauptsache ist, daß man ein bischen schlau ist und alles
mitnimmt, was einem so über den Weg läuft!«

»Du hast wohl einen Juden totgeschlagen?«

»Nee, doch nicht ganz!«

»Na wie meinst du's denn, ich verstehe dich nicht!«

Roth blinzelte nach seiner Frau hinüber und dann zu Schmitz, der mit
neugierigen Augen dasaß. Seine Frau sollte also wohl nichts hören. Als
sie aber gleich darauf aufstand, um eine neue Flasche Wein zu holen,
begann Roth leise:

»Ich kann's dir ja sagen, aber.......« -- dabei legte er bedeutsam den
rechten Zeigefinger auf den Mund --, »Maul halten!«

»Selbstredend, ich bin der Letzte, der dich verklatscht!«

»Also, ich habe doch jetzt schon die zweite Reserve. Voriges Mal waren
eine ganze Portion alte Einjährige dabei, reiche Bauernjungens. Du
erinnerst dich doch an den dicken Kramer, das vollgefressene Schwein,
dann den Roßbach, der zwölf Pferde zu Hause im Stall hat, und den
Scheller, den Unterrocksjäger, und diese Gesellschaft? Die Kerls wissen
nicht, wohin mit allem Geld, und da werde ich doch den Deubel tun, denen
auch noch Löhnung, Bekleidungsgeld u. s. w. geben, auf die paar lumpigen
Groschen kommt's denen doch nicht an. Der Scheller hat mir auch so
nebenbei einen kleinen Verdienst zukommen lassen. Wie ich am letzten
Abend vor der Entlassung nachsehe, ob alles in der Klappe liegt, da hat
der Kerl eine Sau mitgenommen, und wie ich eben loslegen will, da sagt
er mir ins Ohr: »Nischt sagen, Herr Wachtmeister!« Na, ich hab's Maul
gehalten, und am nächsten Mittag stak ein blauer Lappen im Mantel.«

»Donnerwetter, Kerl, hast du Dusel! Wenn die Brüder nun aber später
etwas verraten, wenn sie nicht befördert werden?«

»Sagt keines was, sie sind froh, wenn sie mit dem Kommiß nichts mehr zu
schaffen haben.«

»Na, ich hätte Angst, es gäbe mal Spektakel!«

»Denkt nicht dran. Jetzt sind wieder da so ein paar fette Jungens, der
reiche Metzgerjunge da aus Braunschweig und diese Brüder, klotzig reiche
Kerls, sage ich dir. Soll ich denen die paar Mark auszahlen, damit sie's
nachher versaufen? Nee, das besorge ich lieber selber. Na prost!«.

Die Gläser erklangen hell und im Augenblick waren sie wieder leer.

»Schmeckt dir das Zeug? Kostet drei Mark die Pulle!«

»Verflucht teuer, wo hast du das her?«

»Stammt noch vom vorigen Jahr, weißt du. Du kennst doch noch den
Einjährigen Römer? Wie der nicht Unteroffizier werden sollte, habe ich
mich ein bischen ins Zeug gelegt beim Chef, und da kriegte er die
Tressen. Dafür hat er so eine Kiste Wein geschickt. Anständig, was?«

»Das glaub ich wohl!«

»Siehst du, alter Freund, man muß immer praktisch sein. Bis voriges Jahr
hatte ich doch die Menage, nicht? Der Metzger kam nun alle Augenblicke
und sagte, es wären etwas zu viel Knochen, es hätte sonst nicht genug
Gewicht. Ein paar mal war auch das Fleisch saumäßig schlecht, zu leicht
oder zu sehnig. Als ich nun mal Dampf machte und mit Meldung drohte,
sagte er: Nischt verraten, Sergeant, ich tu's nicht vergessen! Seit der
Zeit lasse ich auch mein Fleisch da holen und er wiegt anständig, daß
muß ich schon sagen. Vorgestern war es aber nichts wert, mein Fleisch,
und da habe ich ihm, als er vorm Laden stand, gesagt: »Jungeken, Du
weeßt doch noch?« Und gestern kam der tadellose Schweinebraten gratis
und franko, den meine Alte heute gemacht hat. Ja, das summt sich, alter
Freund, hier ein Rebbes und dort ein Profitchen.«

Schmunzelnd klopfte der Vizewachtmeister auf seine Hosentasche, in der
ein gefüllter Geldbeutel klapperte, dann stürzte er ein Glas Wein
hinunter.

»Trink doch, Kerl, Schmitz, du bist wohl schon voll?«

»Von wegen Vollsein, so schnell geht's nun doch nicht! Prost!«

In diesem Ton ging die Unterhaltung fort, und als die dritte Flasche
leer war, hörte man beiden an, daß sie nicht mehr viel vertragen
konnten. Die Augen stierten gläsern und die Köpfe waren hochrot von dem
ungewohnten Weingenuß. Dabei tönte ihre Rede laut und polternd,
besonders Roth brachte kaum noch einen richtigen Satz zusammen.

Plötzlich sah er nach der Uhr. Schon sechs! Also Zeit zum
Abendstalldienst!

»Komm, Schmitz, wir müssen in den Stall, das Viehzeug hat Hunger!«

Sie erhoben sich wankend, Roth schnallte den Säbel um und beide
polterten die Steintreppe der Kaserne hinab. Roth ließ dabei seinen
Säbel schleppen, und es gab einen Mordsspektakel, wie die schwere Plempe
von Stufe zu Stufe klappernd niederfiel.

Mancher steckte neugierig den Kopf zur Tür hinaus und als er die beiden
angeheiterten Vorgesetzten gewahrte, dachte er: »die haben genug! Wenn
einer von uns so besoffen in der Kaserne herumtorkelte, ginge es ihm
gleich an den Kragen.«

Am Ausgange des Gebäudes trat der Gefreite Dietrich der vierten
Schwadron an Roth heran:

»Ich möchte Herrn Wachtmeister bitten, für Stube X ein paar Kohlen
herauszugeben, mein Beritt war zum Fouragieren und wir sind alle ganz
naß geworden. Es ist kalt oben und die Sachen werden sonst bis morgen
nicht trocken!«

»Was! Kohlen? Geht zum Quartiermeister, ich habe für Euch Lümmels keine
Kohlen!« lallte Roth.

»Der Quartiermeister ist in die Stadt und da haben Herr Wachtmeister
doch den Schlüssel zum Keller!«

»Scher' dich weg, Ihr braucht nicht gleich Kohlen, wenn es ein paar
Tropfen regnet. Legt Euch ins Bett, wenn Ihr friert, Schweinepack,
gemeines!«

Der Gefreite stand zögernd einen Augenblick still, dann ging er mit
wütendem Gesicht in die Kaserne.

Im Stall war es schon leer geworden, die Leute befanden sich bereits
wieder in ihren Stuben, nachdem sie die Streu aufgeschüttelt und die
Pferde getränkt hatten. Nur die Stallwache war noch anwesend.

Der eine von ihnen, ein Gefreiter, hatte sich im Civil einen so dicken
Bauch gezüchtet, daß der Quartiermeister beim besten Willen keinen auch
nur leidlich passenden Rock für den »vollgefressenen Reservehund« finden
konnte, der Ärmste mußte also seine Übung im Drillichanzug als
Stallwache ableisten. Der zweite war lungenkrank. Man merkte es erst
eine Woche nach dem Eintritt und nun hatte es keinen Zweck mehr, den
Mann noch zu entlassen, im Stall hatte er ja nichts auszustehen. Der
dritte war ein halber Idiot aus der Polackei, grinste wie ein
Irrsinniger stets vor sich hin und war im Dienst nicht zu gebrauchen, da
er alle Vorgesetzten mit »du« anredete und stets zum Honneur die Mütze
abnahm.

Der Futtermeister erschrack, als er merkte, daß die Futterzeit schon
überschritten war, denn für seine Pflegebefohlenen sorgte er gut, das
mußte ihm der Neid lassen. So rief er denn schnell die Stallwache heran
und trieb sie mit einem: »Galopp, faules Zeug!« zur Eile an. Der kleine
Futterwagen wurde mit Hafer und Hecksel gefüllt und auf die Stallgasse
gefahren. Das Quietschen der Holzräder war den Pferden die liebste Musik
am Tage. Als sie es vernahmen, kam Leben in die erst träge, mit
hängenden Köpfen dastehenden Tiere, denn sie hatten schon gedacht, man
habe ihre Abendmahlzeit vergessen. Jetzt sprangen sie wild in den
Ständen herum, neckten und bissen einander, schlugen übermütig aus, und
das Rasseln der Ketten mischte sich mit dem Wiehern und Quiecken der
Pferde zu einem lauten Geräusch. Der »Napoleon« hatte solchen Hunger,
daß er angesichts der Futterschwinge dem dicken Gefreiten aus
übermütiger Freude vor den Bauch schlug, sodaß dieser den Hafer fallen
ließ und mit schmerzverzerrtem Gesicht beide Hände auf die getroffene
Stelle preßte.

Der Vizewachtmeister sah das und rief ihm zu:

»Vorwärts, heb' den Dreck wieder auf, deinem dicken Wanst schadet so ein
Puff nichts!«

Der Gefreite aber machte keine Miene, dem Befehl nachzukommen, sondern
hielt noch immer seinen Bauch fest, während ihm Tränen in die Augen
traten. Da wankte Roth auf ihn zu, knuffte ihn mit der Faust in den
Rücken und drückte ihn, seinen Hals von hinten umfassend, so tief
nieder, daß dem armen Kerl das Blut zu Kopfe stieg, während er den
verschütteten Hafer zwischen der Streu heraussuchte. Als er damit fertig
war, gab ihm Roth noch einen Schubs, daß er gegen »Napoleons«
Hinterbeine flog und diese in seiner Angst umklammerte, um nicht unter
das Pferd zu fallen.

Das ging aber »Napoleon« über den Spaß. Erst kein Futter und dann noch
solche Scherze! Er keilte mit beiden Beinen kräftig aus und schleuderte
den armen Gefreiten auf die Stallgasse, wo er bewußtlos liegen blieb.

Roth erschrak. Zum Glück hatte keiner den Vorgang mit angesehen, denn
Schmitz war mit den beiden anderen gerade am Ende des Stalles
beschäftigt. So rief er denn die beiden Reservisten herbei und ließ den
Bewußtlosen nach der Revierstube tragen. Fatal war ihm die Geschichte
doch, denn der arme Kerl hatte ordentlich eine ins Gesicht gekriegt.

Als der Oberleutnant am nächsten Morgen fragte, warum der Gefreite ins
Lazaret gekommen sei, antwortete Roth:

»Er ist ungeschickt an das Pferd getreten und hat es erschreckt, da
schlug es aus und traf ihn an den Kopf!«

»So ein Esel,« schalt der Oberleutnant, »eigentlich sollte man den Kerl
noch obendrein einsperren, daß er uns die Pferde verdirbt!«

Für heute Abend aber war dem Vizewachtmeister die Laune verdorben.

Im Stalle war es ruhig geworden, man vernahm nur noch ein Rauschen, als
die vielen Pferdezähne den Hafer zermalmten.

Roth warf einen Blick in die Futterkiste.

»Gib den Rest dem »Zeus«, der ist so mager!« sagte er zu Schmitz.

»Nein, dem gebe ich nichts mehr, der hat genug, außerdem hat er heute
morgen einen geschlagen. Das Vieh wird ja ganz verrückt, wenn es immer
lahm im Stall steht und so eine Menge Hafer frißt!«

»Gib's ihm nur, er kann's vertragen!«

»Aber wozu denn, es ist doch Unfug!«

Der Wachtmeister wurde puterrot, nichts konnte ihn wütender machen als
ein Widerspruch.

»Gib ihm den Rest, sage ich!« polterte er Schmitz nochmals an.

Schmitz aber klappte den Deckel der Kiste zu und entgegnete kurz:

»Ich bin froh, wenn ich etwas sparen kann!« Damit zog er den Wagen fort.

Wütend brauste Roth auf:

»Sergeant Schmitz, Sie wollen meinen Befehl nicht ausführen? Ich werde
Sie melden!« Damit ließ er den verdutzten Futtermeister stehen, ging
schwankend, mit finsterer Miene durch den Stall nach seiner Wohnung,
trank einen Schnaps zur Beruhigung der Nerven und warf sich in der
Uniform aufs Bett.

Der Lungenkranke und der Pole steckten noch jedem Pferd eine Hand voll
Heu in die Raufe und legten sich auf das Stroh in der Ecke des Stalles
schlafen, Sergeant Schmitz aber ging bedächtig nach seiner Stube.

Am folgenden Mittag übergab die Ordonnanz der Reserve-Schwadron dem
Regiment ein Schriftstück folgenden Inhalts:

      Tatbericht.

      Gestern gelegentlich des Abendstalldienstes erteilte der die
      Aufsicht führende Vizewachtmeister Roth dem Futtermeister Sergeant
      Schmitz einen Befehl, welchen dieser nicht ausführte. Als
      Vizewachtmeister Roth den Befehl nachdrücklich wiederholte,
      weigerte sich p. Schmitz nochmals, demselben Folge zu leisten. Der
      Vorfall geschah in Gegenwart der Stallwache, auch war Sergeant
      Schmitz nach Angabe des p. Roth betrunken.

                                          _=Specht=_,
                                Oberleutnant und Eskadronführer
                                der 2. Reserve-Übungs-Eskadron.

Der Futtermeister saß gerade beim Essen, als der etatsmäßige
Wachtmeister an ihn herantrat, ihn für seinen Arrestanten erklärte und
nach dem Arrestlokal brachte, wo er bis zur Aburteilung des Falles
verbleiben sollte, denn man hatte sein Vergehen als »ausdrückliche
Verweigerung des Gehorsams vor versammelter Mannschaft« bezeichnet. Als
solche galten bereits die beiden Posten der Stallwache.

Mit Windeseile ging der Vorfall von Mund zu Munde, alle waren empört
über die Handlungsweise Roth's, selbst die Offiziere erklärten
einstimmig, einem solchen Vorgesetzten müsse man so bald als möglich den
Laufpaß geben.

Roth aber kam sich groß vor und glaubte, eine Heldentat vollbracht zu
haben. Außer Dienst war er ein Kamerad, der mit sich spaßen ließ, und
kein Spielverderber, aber im Dienst, Teufel auch, da sollten sie ihn
kennen lernen, da hatte jede Vertraulichkeit ein Ende, da hieß es: ich
befehle und du gehorchst, sonst breche ich dir das Genick.

Sergeant Schmitz saß indes in seiner düsteren, kalten Zelle. Wie leblos
stierte er den ganzen Tag auf die rauhen Steinfließen, er glaubte zu
träumen, konnte und konnte nicht glauben, daß er wegen eines
militärischen Vergehens hier hinter Schloß und Riegel säße. Hatte er
nicht neun lange Dienstjahre hinter sich, in denen er sich tadellos
geführt, ohne jemals bestraft worden zu sein?

Erst allmählich kam ihm der Ernst seiner Lage zum Bewußtsein, und damit
wuchs ein glühender Haß heran gegen den Mann, welchen er für einen
Freund gehalten, der ihm in einer Laune, unter dem Einfluß der
Trunkenheit die Früchte seines bisherigen Lebens und damit die Zukunft
zerstört hatte. Dem Schurken wollte er es zeigen, wenn er wieder auf
freiem Fuße stand, niemand sollte es verborgen bleiben, welche
grundgemeine Gesinnung dieser Hallunke hinter seinem schöntuerischen
Wesen verbarg.

Daß man ihn vor ein Kriegsgericht stellen würde, schien ihm außer
Zweifel, tatsächlich lag ja eine ausdrückliche Gehorsamsverweigerung
vor, aber die Verhandlung mußte ergeben, daß die näheren Umstände dem
scheinbaren Vergehen jedes erschwerende Moment benahmen und es sich
sonach nur um einen Wortwechsel handelte, dem allerdings leicht ein
dienstlicher Charakter untergeschoben werden konnte, wenn man das bis zu
dem Augenblick der strafbaren Handlung bestehende und willkürlich
abgebrochene freundschaftliche Verhältnis Roth's zu Schmitz außer Acht
ließ.

Dieser Punkt aber mußte bei einer Verhandlung geschickt und eingehend
beleuchtet werden, denn an ihm hing der Ausgang der Sache!

Sergeant Schmitz meldete daher beim Regiment, er erbitte die Gestellung
eines Verteidigers und gleichzeitig die Erlaubnis, mit diesem in
schriftlichen oder mündlichen Verkehr treten zu dürfen.

Er war aber nicht wenig erstaunt, als schon nach wenig Tagen
die Mitteilung an ihn gelangte, ein Verteidiger könne von
Militärgerichtswegen nur bei Aburteilung über Verbrechen gestellt
werden, doch stehe der Annahme eines solchen auf eigene Kosten sowie
eine Besprechung mit demselben während der Untersuchungshaft nichts im
Wege.

Also auch das noch! Woher das Geld nehmen für einen Verteidiger? Und
ohne den war geringe Aussicht auf Erfolg, er fühlte sieh dem
redegewandten Roth und gar den Richtern gegenüber nicht gewachsen, er
konnte nicht die Umstände ins richtige Licht setzen, wie sie ihm als
Erklärung der Angelegenheit so wichtig erschienen. Es half also nichts,
das Geld mußte beschafft werden!

Nach dreiwöchiger Untersuchungshaft wurde endlich der Termin anberaumt,
an welchem die Hauptverhandlung stattfinden sollte. Schmitz glaubte dem
Ausgange ruhig entgegensehen zu dürfen, hatte ihm doch selbst sein
Verteidiger erklärt, eine ungünstige Wendung sei nicht zu erwarten,
sobald man den Richtern von der Handlungsweise Roth's und den näheren
Umständen ein klares Bild entworfen haben würde. Schmitz sah daher in
dem für den Termin bestimmten Tag den Augenblick der Befreiung, der ihn
von diesem einsamen, schauerlichen Dasein der letzten Wochen erlösen
werde.

Selbst die ihm endlich zugestellte Anklageschrift vermochte seine
Hoffnung nicht niederzudrücken, darin stand eben alles von der
schroffsten Seite beleuchtet, damit man überhaupt eine Handhabe zur
Anwendung der in Frage kommenden Gesetze habe.

Sie lautete:

»Wider den Sergeanten Ferdinand Julius Schmitz ist Strafantrag wegen
Vergehens gegen §§ 94 des Militär-Strafgesetzbuches gestellt.

Wenngleich der Angeklagte behauptet, mit dem Vizewachtmeister Roth in
einem besonders freundschaftlichen Verhältnis gestanden zu haben, so ist
hierin kein Grund zu erblicken, der zur Nichtbefolgung eines Befehls im
Dienst berechtigt. Vielmehr geschah die Gehorsamsverweigerung in Bezug
auf einen zweimal mit Nachdruck gegebenen Befehl in Gegenwart der
Stallwache, also vor versammelter Mannschaft.

Die Entschuldigung des Angeklagten, infolge Weingenusses in erregter
Stimmung gewesen zu sein, ist kein Milderungsgrund, vielmehr ist in dem
Umstand, daß die Tat auf Trunkenheit im Dienst zurückzuführen ist, ein
Grund zur Erhöhung des Strafmaßes zu erblicken.

Aburteilung hat durch das Kriegsgericht zu geschehen.«

Das klang ja allerdings ganz gefährlich, wie wenn er ein Verbrecher
schlimmster Sorte wäre, er, der sich neun Jahre vorwurfsfrei geführt. Er
mußte fast lachen über diese Anschuldigung, sie enthielt eben nur eine
ganz subjektive, einseitige Beurteilung des Falles.

Am 20. Oktober Mittags zwölf Uhr begann die Verhandlung.

Die Richter waren aus dem Sitz des Generalkommandos herübergekommen und
saßen mit ernsten Gesichtern an dem langen Tisch, ein Major, ein
Hauptmann, ein Oberleutnant, ein Kriegsgerichtsrat als Führer der
Verhandlung und ein zweiter, welcher die Anklage erhob.

Nachdem Schmitz nochmals den Sachverhalt geschildert, wurde Roth als
Zeuge vernommen. Er stellte die Angelegenheit im grellsten Lichte dar,
wollte nichts von einer Freundschaft wissen und leugnete auch auf das
Entschiedenste, ebenfalls betrunken gewesen zu sein, wie es Schmitz
behauptete. Als Zeugen seiner Nüchternheit hatte er den Lungenkranken
und den Polen gewonnen, welch' letzterem er eingepaukt hatte, auf alle
Fragen mit dem Kopfe zu schütteln, womit er auch Glück hatte, da die
Fragen zufällig entsprechend gestellt waren. Schließlich beschwor der
Vicewachtmeister mit fester Stimme die Wahrheit seiner Aussage.

Das war allerdings eine unerwartete Wendung. Schmitz hatte nicht
erwartet, auch noch mit der Lüge kämpfen zu müssen, und seine Hoffnungen
sanken beträchtlich, als er den Major mißbilligend mit dem Kopfe
schütteln sah.

Es folgte sodann die Anklagerede des Kriegsgerichtsrats, die etwa wie
die Anklageschrift lautete.

Sodann erhob sich der Verteidiger. Mit beredten Worten schilderte er
nochmals den Vorgang, erwog die näheren Umstände, wies auf das ihm durch
Zeugen bestätigte frühere Verhältnis der Gegner und schließlich darauf
hin, daß sich der ganze Vorgang im Anschluß an eine Geburtstagsfeier
zugetragen habe. Nach alledem, und mit Rücksicht auf die bisherige
Führung des Angeklagten sei auf Freisprechung zu erkennen.

Das Gericht zog sich zur Beratung zurück und es dauerte lange, bis die
Herren mit ernsten Gesichtern wieder im Verhandlungszimmer erschienen.

Schmitz glaubte einen Augenblick die Besinnung verlieren zu müssen, als
er das Urteil vernahm: zwei Monate Gefängnis!

Er sah sein Leben vernichtet. Umsonst waren die langen Jahre, die er mit
Aufopferung seiner besten Kraft dem Vaterlande gedient; seine
Zukunftspläne, nach zwölfjähriger Dienstzeit eine Anstellung am
Bürgermeisteramt seiner Vaterstadt zu erhalten, waren mit einem Schlage
vernichtet. Was würden seine Eltern, seine Geschwister sagen, was sollte
aus seiner Braut werden?

Eine namenlose Wut packte ihn, den Mann hätte er auf der Stelle würgen
können, der mit Gemeinheit, Lüge und Meineid sein Dasein zerstört und
jetzt mit höhnischer Miene an ihm vorüberschritt. Ja, er hörte den
Kommandeur zu dem ehrlosen Lumpen sagen: »So ist's recht, Roth, scharf
im Dienst, so wünsche ich mir meine Unteroffiziere.«

Nun, die Rache sollte nicht ausbleiben. Schmitz wurde am 21. Oktober
durch einen Wachtmeister auf Festung gebracht, wo viele Stunden der
Selbstverleugnung und schwere Tage seiner warteten.

So kam allmählich die Weihnachtszeit heran. Schnee bedeckte den
Kasernenhof, alles lag öde, leblos und starr durch die grimmige Kälte
der letzten Tage.

Ein großer Teil der Mannschaften hatte Urlaub für die Festtage erhalten,
und ein jeder nahm im Dienst seine ganze Kraft zusammen, um nicht im
letzten Augenblick der zu erwartenden Freuden beraubt zu werden.

Fast allabendlich fuhren die Herren des Offizierkorps, natürlich ohne
Urlaub, nach der Nachbarstadt, um Weihnachtseinkäufe zu machen, denn
nach Hause fahren wollte nur einer von ihnen, die anderen beabsichtigten
eine kleine Feier im Kasino, wo sie sich gegenseitig kleine Geschenke zu
machen gedachten.

Borgert und Leimann kehrten stets mit Packeten beladen zurück, sie
kauften alles, was ihnen gefiel, Geld würde sich später einmal finden,
denn jetzt pumpte ja jeder mit Freuden, wenn er nur seine Ware los
wurde.

An den geschäftlichen Teil in der Stadt schloß sich meist ein kleines
Gelage in einem guten Restaurant, und oft kam es vor, daß die Herren in
recht angeregter Stimmung den letzten Zug zur Garnison bestiegen.

Eines Abends hatte auch der neue Riesling besonders gut geschmeckt, und
alle langten ziemlich »blau« in später Nacht zu Hause an.

Der Regimentsadjutant fand ein Diensttelegramm in seiner Wohnung vor und
mußte sich noch einmal, trotz der späten Stunde zum Regimentsschreiber
begeben, um mit diesem über die Erledigung des Telegramms Rücksprache zu
nehmen.

Starker Schneefall war eingetreten, und der scharfe Ostwind trieb die
Flocken in wildem Wirbelspiel durch die kalte Luft, sodaß man die Augen
zusammenkneifen mußte und nur mit Mühe den zugewehten Weg erkennen
konnte.

Die Störung zu mitternächtlicher Stunde paßte dem bequemen Müller gar
nicht und er schimpfte vor sich hin, als er die Allee zur Kaserne
entlang schritt. Auch pflegte er in angeheitertem Zustand meist
schlechte Laune zu haben, war händelsüchtig und brach gerne einen Streit
vom Zaune, in dessen Verlauf er in unschöner Weise auf seine
Sonderstellung als Adjutant und seine dabei gewonnene Diensterfahrung
hinwies. Die Kameraden nannten es Größenwahn.

Durch die schneeerfüllte Luft sah man nur vor dem hellen Fenster der
Wachtstube die dicken Flocken in wildem Spiele tanzen, drinnen aber
schlief der Wachthabende und neben ihm zwei Gemeine.

Der Offizier vom Dienst war schon dagewesen und so hatte man es sich
bequem gemacht, der Vorschrift entgegen Säbel und Helm abgelegt, den
Rock geöffnet und eine warme Decke aus der Kaserne herbeigeholt.

Auf Posten stand der Gemeine Röse. Er hatte in dem Schilderhaus Schutz
vor dem Unwetter gesucht und stand, den Säbel in der kalten Faust, an
der Rückwand des schwarz und weiß gestrichenen Häuschens. Warum sollte
er das nicht? Es war ja ausdrücklich gestattet!

Seine Gedanken weilten in der Ferne bei den Eltern und Geschwistern, die
er in zwei Tagen zum ersten Male seit langer Trennung wieder sehen
sollte. Wie freute er sich auf diese Stunde, da er nun als schmucker
Kavallerist die Lieben daheim begrüßen, alte Freunde und im Stall den
»Hans«, das brave Pferd, die blanken Kühe und die fetten Schweine
wiedersehen durfte!

Aus seinen Gedanken schreckte ihn plötzlich ein lauter Ruf:

»Posten!«

Röse blinzelte durch die runde Luke an der Seitenwand des
Schilderhauses, konnte aber niemand entdecken. Erst auf einen
nochmaligen, laut durch die Winternacht hallenden Ruf trat er heraus und
erkannte in dem undurchsichtigen Schneetreiben eine Gestalt, welche auf
ihn zukam.

»Warum präsentieren Sie nicht, Sie Schwein!« brüllte der
Regimentsadjutant.

»Verzeihen Herr Leutnant, ich habe Herrn Leutnant nicht gesehen.«

»Halt' die Schnauze, verlogenes Aas, geschlafen hast du im Schilderhaus,
eine Ewigkeit stehe ich hier und warte. Aber ich werde dir zeigen, du
Bauer, was du zu tun hast!«

Damit schritt er vorbei und ließ Röse in starrem Schrecken stehen. Aus
dem Regimentsgeschäftszimmer schrieb er folgende Meldung:

»Den von 12 bis 2 stehenden Posten fand ich bei einer Revision schlafend
im Schilderhause vor. Derselbe trat erst nach zweimaligem Anruf heraus.
Etwaige Einwendungen des Mannes, mich nicht gesehen zu haben, muß ich
von vornherein als Unwahrheit bezeichnen, da ich genau bemerkt habe, daß
er geschlafen hat.«

Die Meldung legte er auf den Arbeitstisch des Kommandeurs. Dann holte er
den Schreiber aus dem Bett, verhandelte mit dem im Hemd auf dem kalten
Korridor vor ihm stehenden Manne fast zehn Minuten und schritt dann
seiner Wohnung zu. Er hatte jetzt sein Mütchen gekühlt und konnte ruhig
schlafen. -- --

Am Nachmittag des 22. Dezember kehrte Sergeant Schmitz aus dem Gefängnis
zurück.

Die früher so stolze, stramme Haltung hatte er verloren, sein Gesicht
war bleich und der sonst so keck in die Höhe gewirbelte schwarze
Schnurrbart hing strähnig um die Mundwinkel. Scheu sah er die ihm
Begegnenden an, und wenn ein Soldat ihn grüßte, hielt er es für eine
besondere Freundlichkeit, die ihm nicht zukomme, da er glaubte, in aller
Augen zu lesen:

»Seht, das ist ein Bestrafter, ein Verbrecher!«

Als er sich beim Schwadronchef zurückmeldete, reichte ihm dieser die
Hand.

»Tut mir leid, mein lieber Schmitz, daß ich Sie verlieren muß, Sie waren
mir stets ein Untergebener, auf den ich stolz war und der seinen Dienst
wie kein zweiter getan hat. Aber der Oberst hat befohlen, daß ich die
Kapitulation mit Ihnen aufhebe und Sie sofort entlasse. Der Wachtmeister
wird mit Ihnen das Nötige ordnen. Trösten Sie sich mit dem Gedanken, daß
Sie das Opfer einer gemeinen Gesinnung geworden sind, und so wünsche ich
Ihnen alles Gute; wenn Sie mich brauchen können, bin ich stets mit
Freuden bereit. Leben Sie wohl!«

Schmitz unterdrückte mit großer Mühe das Weinen, der Rittmeister aber
ging dem Stall zu. Es ging ihm wirklich nahe, dieser nette, stramme
Kerl, eine Stütze der Schwadron, um nichts und wieder nichts ins
Unglück gestürzt und auf die Straße gesetzt! Es war eine Schweinerei!

So ging denn Schmitz zum Wachtmeister, der ihm seine Papiere und fünfzig
Mark auf sein Sparkassenbuch übergab. Auch er drückte ihm bewegt die
Hand.

»Haben Sie noch Invalidenansprüche, Schmitz?« fragte er darauf.

»Ich habe Rheumatismus seit dem Manöver, wo wir wegen Seuchenverdacht
der Pferde drei Wochen biwakieren mußten!«

»Das haben Sie aber damals nicht gemeldet, und es ist schon fast 1-1/2
Jahre her.«

»Gemeldet habe ich es nicht, weil ich mich nicht krank schreiben lassen
wollte, ich mochte den Rittmeister mit den heruntergekommenen Pferden
nicht sitzen lassen.«

»Ich werde beim Regiment sofort Meldung machen, Sie können ja
einstweilen Ihre Sachen abgeben!«

So stieg denn Schmitz zu seiner Stube hinauf, packte die
Montierungsstücke zusammen und schnürte seine paar Habseligkeiten in
einen kleinen Koffer. Ehe er aber seine Uniform auszog, ging er in die
Stadt und kaufte für 45 Mark einen Zivilanzug, einen Kragen und einen
Hut. Schuhe besaß er noch.

Dann brachte er alle Uniformstücke dem Quartiermeister auf die Kammer,
dem er auch seinen Extrarock, eine eigene Mütze und eine lange Hose für
dreißig Mark verkaufte. Den Säbel wollte er als Erinnerung aufheben.

Jetzt kam das Schwerste, der Abschied von den Kameraden und den Pferden.
Jeder hatte ein freundliches Wort für ihn, und mancher stumme Händedruck
gab den schmerzlichen Gefühlen Ausdruck, mit denen man den lieben
Kameraden scheiden sah. Selbst die Mannschaften drängten sich heran, um
von ihm Abschied zu nehmen, er hatte sie zwar manchmal tüchtig
vorgenommen, aber sie kannten ihn als einen anständigen Kerl, der sie
nicht im Stiche ließ, wenn es darauf ankam.

Als der Mittagsstalldienst zu Ende war, ging Schmitz in den Stall. Kein
Gang war ihm im Leben so schwer geworden, wie dieser, und als er die
geliebten Tiere aus den eben gefüllten Krippen zu sich aufblicken sah,
sobald sie seine Stimme hörten, da hätte er laut aufschreien mögen vor
Weh und Schmerz.

Für »Klärchen« hatte er ein Stück Zucker mitgebracht und sowie er zu ihm
in den Stand trat, suchte es gleich nach dem gewohnten Leckerbissen und
bat mit gehobenem Fuß um einen zweiten. Er legte seinen Kopf an den
sammetweichen Hals des Tieres, strich ihm kosend über die schönen Augen
und die weichen Nüstern und küßte das Tier auf den Hals. Als er es
verließ, glaubte er in dem traurigen Blick und den leisen Wiehern einen
Abschiedsgruß zu empfinden. Auch von der alten »Marie« nahm er Abschied.
Wie lange mochte sie wohl noch den Dienst aushalten? Zuletzt ging er zu
»Napoleon«, dem Schmerzenskinde, aber auch er zeigte heute keine Spur
der gewohnten Bösartigkeit, sondern sah den fremden Mann in Zivil mit
fragenden Augen an.

Noch einen letzten Blick warf er auf seine Lieblinge, dann ging er mit
unterdrücktem Schluchzen wieder der Stube zu, um seinen Koffer zu holen.

Im Eingang trat ihm der Wachtmeister entgegen.

»Mit Ihren Invalidenansprüchen ist es nichts, Schmitz, der Oberst hat
gesagt, Sie hätten es gleich melden müssen, jetzt könnte jeder kommen.
Dann hat er mir noch die Rechnung Ihres Rechtsanwaltes übergeben, der
das Regiment um Eintreibung der Schuld ersucht hat. Es sind sechzig
Mark, wenn Sie nicht zahlen können, soll eine Pfändung vorgenommen
werden.«

Daran hatte Schmitz gar nicht mehr gedacht.

»In einer Stunde ist das Geld zur Stelle, Herr Wachtmeister!« sagte er
nach kurzem Bedenken.

Darauf ging er der Stadt zu und trat bei einem Uhrmacher ein, legte
seine silberne Uhr mit Kette auf den Ladentisch und fragte mit fester
Stimme:

»Was geben Sie mir dafür? Ich brauche Geld!«

Der Uhrmacher besah mit spöttischen Augen das Stück und sagte dann
achselzuckend:

»Zwanzig Mark, das ist aber reichlich Geld.«

Schmitz rechnete. Fünfunddreißig hatte er noch, zwanzig dazu machte
fünfundfünfzig, es fehlten noch fünf Mark. Da streifte er entschlossen
einen Ring vom Finger, das einzige Andenken an seinen verstorbenen
Vater.

»Was ist Ihnen der wert?«

»Zehn Mark, mehr nicht!«

»Gut, geben Sie her, Sie haben es dafür!« Schmitz strich die drei
Goldstücke ein, ging zur Kaserne, zahlte dem Wachtmeister sechzig Mark
aus und holte seinen Koffer, um den Abendzug zur Stadt noch zu
erreichen.

Wer den bleichen Mann mit dem kleinen Koffer gesenkten Blickes
dahinziehen sah, ahnte nicht, daß es ein königlich preußischer Sergeant
war, der jetzt eines ungeschickten kleinen Vergehens wegen, ohne einen
Pfennig, aber mit Rheumatismus in allen Knochen und einer zertretenen
Vaterlandsliebe im Herzen auf die Straße gesetzt war, um sich ein neues
Lebensziel zu suchen, nachdem er seine beste Kraft, seine Gesundheit und
seine Jugend dem Staat geopfert hatte.

Auf der Anhöhe, von welcher aus man einen Blick auf die in ihrem
weihnachtlichen Schneegewande ruhende Kaserne hatte, schaute er noch
einmal hinunter und schüttelte drohend den Arm, einen wütenden Fluch
ausstoßend.

Dann bestieg er auf dem Bahnhof einen Wagen vierter Klasse desselben
Zuges, in welchem zahlreiche Soldaten singend und scherzend nach der
Heimat fuhren, um dort im Kreise der Familie das Weihnachtsfest zu
feiern. --

Der Abend des 24. Dezember war gekommen. Alle Welt, Tausende, Millionen
waren heute glücklich, fühlten den Zauber, den das schönste aller
Christenfeste selbst auf das härteste Gemüt ausübt, weil es heilige
Erinnerungen in uns weckt. Es ist das hohe Fest der Liebe Gottes zum
Menschen, der Liebe des Christen zum Nächsten. Und keiner ist es, den
nicht der feierliche Klang der Weihnachtsglocken in eine weiche Rührung,
eine stille Andacht versetzt: der mächtige König im Palast und der Arme
in seiner Hütte, selbst der Verbrecher hinter der Kerkermauer, alle
öffnen ihr Herz den Strahlen der Liebe, die es an diesem Abend
durchleuchten.

       *       *       *       *       *

Friedrich Röse saß in der schlecht erwärmten Arrestzelle, in welcher er
die 14tägige Strafe wegen Wachtvergehens verbüßte.

Durch den mit Eisblumen bedeckten kleinen Lichtschacht sah er hinauf
nach dem Fenster im ersten Stock der 3. Eskadron, wo ein Weihnachtsbaum
im Lichterglanz erstrahlte. Schwermütig ernst ertönten die Klänge jenes
ewig schönen Weihnachtsliedes, dessen Musik gerade in ihrer Eintönigkeit
ergreifend wirkt. Fröstelnd saß er auf dem Rand der harten Holzpritsche,
und eine Träne rollte über die Wangen hinab auf das Steinpflaster des
Fußbodens. Wieder weilten die Gedanken daheim, aber nicht freudig,
erwartungsvoll, sondern Verstimmung, Schmerz und Sehnsucht lagen in den
Zügen des jungen Mannes.

Mit welcher Freude, welchem Eifer hatte er sich zum Militär gemeldet!
Schon sein Vater, einst Wachtmeister der Gardekürassiere, schilderte das
herrliche Soldatenleben in den schönsten Farben und hatte keinen
größeren Wunsch, als seinen Jungen einmal als flotten Unteroffizier
wiederzusehen.

Aber das gab es jetzt nicht mehr, er war bestraft mit strengem Arrest,
gebrandmarkt für seine ganze Dienstzeit.

Die freudige Lust am Soldatenstande hatte sich mit einem Male in Haß und
Ingrimm verwandelt gegen den bunten Rock, gegen alles, was Soldat sein
bedeutete, mit einem Schlage war aus dem diensteifrigen, strebsamen
Rekruten einer von den vielen geworden, die nur Soldat sind, weil sie
es müssen und die den Tag der Entlassung als den ihrer Freiheit
ersehnen.

Und warum war das alles?

Nicht weil er wissentlich seine Pflicht verletzt hatte, sondern weil es
einem jener Herren Offiziere einfiel, die Laune seiner Trunkenheit an
dem ersten besten Opfer auszulassen, das ihm in die Hände fiel. Und was
der Herr in seiner Meldung behauptete, stand als bombenfeste Tatsache
da, wer daran zweifelte, beging ein neues Vergehen, die
Achtungsverletzung.

Röse hatte auf die bezügliche Frage seines Rittmeisters den Vorgang
geschildert und seine Unschuld hoch und heilig beteuert, aber der
Adjutant hatte hierauf erwidert, der Mann wolle sich jetzt herauslügen.
Was er gemeldet habe, sei Tatsache.

Oder sollte er zugestehen: Ich habe dir Unrecht getan, habe mich geirrt,
denn ich war betrunken und übler Laune? Fiel ihm gar nicht ein, er
konnte sich diese Blöße nicht geben. Wie durfte er, der unnahbare, nie
fehlende Regimentsadjutant eingestehen, sich geirrt zu haben? Er irrte
sich eben nie, und was schadete es groß dem Kerl, wenn er die paar Tage
brummte?

Was es schadete?

Daß es einen Apostel mehr gab, der verkündete, er sei als Soldat ein
gepeinigter, in ein beschwerliches Joch gezwungener Mensch, der
Spielball seiner Vorgesetzten gewesen, die ihre Laune an ihm ausließen,
wie es ihnen behagte, daß unverdiente Härte und Ungerechtigkeit, gegen
die es keine genügende Waffe gab, da zu finden gewesen seien, wo
indviduelle Behandlung, Rücksicht und einsichtsvolle Überlegung am
Platze wären.

Und was es weiter schadete?

Daß Jedermann, dem Röse in späteren Jahren seine Papiere vorlegte, die
Achseln zuckte und dachte: »Du scheinst mir auch kein zuverlässiger
Bruder zu sein, 14 Tage wegen Wachtvergehens, das ist übel!« -- -- -- --

Gegen neun Uhr schreckte Röse ein Geräusch an der Tür aus seinen
Gedanken. Ein Schlüsselbund klapperte, das Schloß schnappte und herein
trat der Offizier vom Dienst, hinter welchem der Wachthabende stand.

Röse sprang auf, nahm eine militärische Haltung ein und meldete:

»Gemeiner Röse mit 14 Tagen wegen Wachtvergehens bestraft!«

Der Offizier schaute einen Augenblick in das Innere der dunkelen Zelle,
ob er nicht etwa einen verbotenen Gegenstand außer der Schlafdecke und
dem Wasserkrug entdeckte, dann wandte er sich zum Gehen. Da sagte Röse
zögernd:

»Gestatten der Herr Leutnant eine Bitte?«

»Wenden Sie sich an den Wachthabenden, wenn Sie etwas wollen«,
entgegnete der Offizier kurz und tappte die Steintreppe hinunter,
vorsichtig um sich schauend, daß er sich den grauen Mantel an dem
staubigen Treppenhaus nicht beschmutze.

Der Wachthabende begleitete ihn bis zum Ausgang und kehrte dann zu Röse
zurück.

»Was wolltest du denn?« fragte er wohlwollend.

»Ich wollte bitten, wenn ein Brief für mich da wär, daß ich ihn jetzt
bekommen kann, Herr Unteroffizier!« antwortete Röse schüchtern.

»Ja, mein Junge,« lachte der Unteroffizier gutmütig, »das geht
eigentlich nicht -- erst absitzen, dann's Vergnügen.« Wie er aber Röse,
der von seiner Schwadron war und den er gut leiden mochte, mit dem
trübseligen Gesichte vor sich stehen sah, tat ihm der arme Junge leid.
Es war doch eine harte Sache, hier den heiligen Abend verleben zu müssen
und obendrein wegen einer solchen Lappalie, und schließlich sogar
unschuldig. Er sagte daher freundlich zu Röse:

»Na ja, ich werde mal nachfragen lassen.«

Er verschloß die Zelle wieder und schickte einen Mann zu Röse's
Berittführer mit der Bitte, doch einmal zu ihm zu kommen. Und als dieser
herbeigekommen war, fragte der Wachthabende den Berittführer:

»Ist ein Brief für den Röse da?«

»Ein Brief nicht, aber ein Packet habe ich für ihn vom Wachtmeister
bekommen!«

»Weiß du was?« flüsterte der Wachthabende, »mach die Kiste auf und bring
dem Kerl was rüber, das arme Luder tut mir leid.«

Der Berittführer nickte und verschwand, um bald mit einem Brief, einer
Wurst und einem Stück Kuchen zurückzukehren. Der Wachthabende nahm alles
in Empfang und stieg zu Röse hinauf. Gleichzeitig hieß er einen Mann mit
einem Eimer Kohlen mit sich gehen.

Nach wenigen Minuten flackerte das Feuer in der Zelle wieder hell und
Röse stand davor, um beim flackernden Schein den Brief der Eltern zu
lesen. Dabei rannen ihm beständig die Tränen über die Backen. Dann
versteckte er wie einen kostbaren Schatz Wurst und Kuchen hinter der
Pritsche, hüllte sich in seine Decke ein und legte sich auf das harte
Holzbett nieder.

Bald schloß der Schlaf die verweinten Augen, und im Traum saß Röse
daheim unter'm Weihnachtsbaum im Kreise seiner Eltern und Geschwister.

Der 28. Dezember war ein Trauertag für die vierte Schwadron.

Die Leute, die erst am Abend vorher von Urlaub zurückgekehrt waren,
gaben heute einem Kameraden das letzte Geleit: man trug den Gefreiten
Dietrich zum Friedhof hinaus.

Er war stets ein schwächlicher Mensch gewesen. Damals aber, als er
erhitzt und vom Regen durchnäßt in die kalte Stube kam und kein Feuer
anbrennen konnte, weil ihm Roth die Kohlen verweigerte, packte ihm am
selbigen Abend ein heftiges Fieber. Nach zwei Tagen stellte der Arzt
Gelenkrheumatismus fest, der so stark auftrat, daß das Herz in
Mitleidenschaft gezogen wurde und der Arme am ersten Weihnachtsfeiertage
an Herzschlag starb.

Die tieferschütterten Eltern hatten zwar telegraphisch um Überführung
der Leiche ihres einzigen Sohnes zum Heimatsort gebeten, doch da das
Geld für einen Zinksarg und den Transport nicht kam, fand die Beerdigung
auf dem Garnisonsfriedhof statt.

Am nächsten Tage wurde auch der vom Pferde geschlagene dicke
Reserve-Gefreite aus dem Lazaret entlassen. Seine Verletzungen schienen
zwar geheilt, doch war das ganze Gesicht durch die zurückgebliebenen
Narben schrecklich entstellt und das linke Auge durch eine Operation
entfernt worden, da man infolge der Verletzung desselben fürchtete, das
andere Auge könnte in Mitleidenschaft gezogen werden.

So kehrte denn der Unglückliche als Halbinvalide mit einer monatlichen
Pension von neun Mark in die Heimat zurück.

       *       *       *       *       *

Der ehemalige Sergeant Schmitz saß am Sylvesterabend in seiner dürftigen
Stube.

Er hatte sich, um der äußersten Not vorzubeugen, als Arbeiter einer
großen Fabrik der Nachbarstadt verdingt und konnte so wenigstens seinen
Lebensunterhalt verdienen. Er bewohnte ein mäßiges Zimmer im zweiten
Stock eines Arbeiterhauses und wurde von der darin hausenden Familie
gegen geringes Entgeld mit verpflegt.

Jetzt saß er am Tisch, den Kopf in beide Hände gestützt. Vor ihm stand
ein Teller mit den Resten des kärglichen Abendbrotes, und eine kleine
Lampe mit zerbrochenem Schirm warf einen matten, rötlichen Schein auf
die am Tisch sitzende Gestalt und die ärmliche Einrichtung des kleinen
Raumes. An der Wand stand ein eisernes Bett mit rot und weiß kariertem
Bezug, und darüber waren Klinge und Scheide des Säbels übers Kreuz
befestigt.

Auf einem kleinen Holzschemel stand eine Waschschüssel, daneben lag ein
graues Handtuch. Das Feuer in dem kleinen Ofen war längst erloschen, nur
einzelne klimmende Köhlchen lebten noch darin.

Wer den Mann da sitzen sah, konnte glauben, einen Schlafenden vor sich
zu haben, aber Schmitz wachte, und in seinem Kopf jagten wilde Gedanken
durcheinander. Er dachte an vergangene Zeiten, und je schroffer ihm
seine jetzige Lebenslage von früheren Zeiten abzustechen schien, um so
grimmiger wurde sein Haß gegen den, welcher ihn in seine jetzige Lage
gebracht; er sann auf Rache, wie er jenen elenden Schurken strafen und
brandmarken könne für seine gewissenlose, gemeine Handlungsweise.

Eine Weile noch saß er brütend da, dann erhob er sich mit finsterem
Gesicht und trat an's Fenster, hauchte ein kleines Loch in die dicken
Eisblumen und schaute hindurch nach der erleuchteten Uhr des
Kirchturmes, aus dem jetzt das melodische Läuten der Glocken in die
kalte Nacht hinaus drang, das Herannahen des neuen Jahres kündend.

Elf Uhr! Schmitz setzte seinen Hut auf, ergriff den Spazierstock, blies
die Lampe aus und ging die dunkle Treppe hinab.

Auf der eisbedeckten Steinstufe vor der Haustür verweilte er einen
Augenblick und lauschte dem dumpfen, feierlichen Glockenton. Sonst
vernahm man keinen Laut, keinen menschlichen Tritt, nur ein fernes
Rauschen wie ein Atem erfüllte die Luft, der Atem einer Großstadt in der
Silvesternacht.

Schmitz schlug fröstelnd den Rockkragen hoch, steckte beide Hände in die
Hosentaschen und ging, den Stock unter'm Arm, eiligen Schrittes dem
Bahnhof zu, wo er für 20 Pfennig eine Fahrkarte nach seiner früheren
Garnison erstand und den bereitstehenden Zug bestieg.

Das kleine Städtchen lag wie ausgestorben in seiner schneeichten Hülle.
Von der Kaserne flimmerten die hell erleuchteten Fenster wie Sterne
herüber, und mitunter tönten abgebrochene Weisen eines Gesanges, oder
einzelne Akkorde, vom Winde sanft getragen, klangen in die Nacht hinaus.
In der Ferne summte es von dem Läuten zahlreicher Kirchenglocken, welche
in den vielen umliegenden Dörfern und Flecken das neue Jahr begrüßten.
Aus den hell erleuchteten Kneipen und Restaurationen aber ertönte lautes
Reden, Lachen und Gesang fröhlicher Zecher, die dem neuen Jahr einen
frischen Trunk entgegenbrachten.

Schmitz ging dem Stadtende zu, an welchem die Kaserne lag und machte vor
einem Wirtshause Halt. Scheu blickte er um sich, ob Niemand ihn
beobachte, dann stieg er auf den Rand der Mauer und schaute durch das
angelaufene Fenster.

Richtig, dort saß der Roth, im Kreise einiger Unteroffiziere und
Gefreiten, denn hier pflegte er allabendlich bis in die tiefe Nacht zu
zechen oder ein Spielchen zu machen.

Vorsichtig stieg er wieder herab und schritt der Kaserne zu. Er bog in
einen zu beiden Seiten mit beschneiten Hecken eingefaßten Richtweg und
stellte sich an der ersten Biegung auf. Hier pflegte Roth auf dem
Heimweg vorbeizukommen.

Schmitz mußte lange auf seinem Posten ausharren, aber es war ihm wohl zu
Mute.

Die bittere Kälte des Tages war um Mitternacht einer lauen Winterluft
gewichen, ein sanfter Wind trieb seine Schneeflöckchen vor sich her und
ließ die dürren Blätter der Buchenhecke rascheln. Unten, wo der schmale
Weg in die Straße einbog, sah man mitunter eine Gestalt wie einen
Schemen schwankenden Schrittes in dem Dunkelgrau der Nacht auftauchen
und lautlos auf der weichen Schneedecke wieder verschwinden -- Zecher,
die nach reichlichem Trunk der Ruhe des Bettes bedurften. --

Schmitz fühlte keine Spur von Kälte, denn bei jedem neuen Schlag der
fernen Turmuhr trieb ihm das Blut schneller durch die Adern, immer näher
rückte der Augenblick, auf den er sich schon so lange gefreut.

Endlich, es hatte eben zwei Uhr geschlagen, nahte eine dunkle Gestalt.

Der Wartende drückte sich an die Hecke und faßte den Stock fester, das
Herz klopfte ihm zum Zerspringen.

Schon war Roth auf wenige Meter herangekommen, das Gesicht fast ganz in
dem hochgeschlagenen Mantelkragen versteckt, aber Schmitz erkannte den
Wachtmeister genau, wie er, einen Gassenhauer vor sich hinpfeifend, mit
schleppendem Säbel schwankenden Ganges daher kam.

Als der Wachtmeister nur noch einige Schritte hatte, um neben Schmitz zu
sein, trat dieser, den Stock auf der Schulter, breitbeinig vor seinen
Gegner hin.

Roth stutzte einen Augenblick wie ein scheues Wild, dann sah er sein
Gegenüber scharf an. Er erkannte ihn nicht.

»Was wollen Sie?« brachte er mit trockener Kehle hervor.

»Mit dir abrechnen will ich«, war die kurze Antwort, die dem
Vizewachtmeister das Blut erstarren machte.

Einen Augenblick standen die beiden Männer einander gegenüber, da
erkannte Roth seinen ehemaligen Freund.

»Ach, du bist es, alter Kerl, was willst du denn hier?« stieß er mit
heiserer Stimme hervor.

»Das will ich!« schrie Schmitz und ließ seinen Stock sausend durch die
Luft fahren. Der erste Schlag traf den Gegner mitten ins Gesicht.

Der zum Tod Erschrockene taumelte einen Augenblick, ehe er aber seinen
Säbel ergreifen konnte, sauste ihm ein kräftiger Hieb nach dem anderen
in's Gesicht, auf den Kopf, die Schultern und Hände.

Da stürzte er sich wie ein wildes Tier auf seinen Gegner. Schmitz aber
holte aus und gab dem Wachtmeister eine schallende Ohrfeige, daß er
rücklings zu Boden fiel.

»So, du ehrloser Hund, du feiges, dreckiges Aas, das war für deine
gemeine Gesinnung und das ist für deine Lügerei!« Dabei gab er dem am
Boden Liegenden einen derben Tritt und entfernte sich.

Im Gehen rief er noch spöttisch seinem Opfer zu:

»Jetzt darfst du mich wieder melden, du Schweinehund, aber dann habe ich
so Verschiedenes zu erzählen!«

Nun war dem alten Futtermeister wieder wohl um's Herz, jetzt konnte er
sein Schicksal ruhiger tragen, denn er wußte den Gegner gestraft. Die
Rache ist doch süß!

Vizewachtmeister Roth mußte mehrere Wochen im Lazarett verbringen, bis
seine Wunden im Gesicht und an den Händen geheilt waren. Er hatte
angegeben, von einem betrunkenen Arbeiter überfallen worden zu sein und
behauptete, ihn mit dem Säbel zu Boden gestreckt zu haben.

Daran wollte aber niemand recht glauben, denn es meldete sich weder ein
verwundeter Arbeiter, noch war ein solcher durch Nachfragen bei den
Ärzten der Umgegend festzustellen. Im Stillen wußte jeder, aus welchem
Laden der verhaßte Wachtmeister seine Prügel bezogen hatte.

Schmitz aber feierte in der Silvesternacht seine Rachetat durch einige
Glas Bier, die er sich lange nicht geleistet hatte. Als er beim Schein
der Lampe Blut an seiner Hand entdeckte, wischte er es ab wie das eines
räudigen Tieres und warf sein Taschentuch in's Feuer. Dann rief er
lustig:

»Noch eins, Herr Wirt!«




[Illustration]


Viertes Kapitel.


In den letzten Tagen des Januar herrschte in den Räumen des
Offizierskasinos rege Tätigkeit.

Ein ganzes Aufgebot von Tischlern, Malern und Gärtnern war damit
beschäftigt, die Zimmer und Korridore samt Veranda und Wintergarten in
einen Festplatz mit zahlreichen Buden und Zelten umzuwandeln, damit
Prinz Karneval in den ersten Tagen des Februar einen würdigen Einzug
halten könne.

Unter dem Dach grünender Bäume waren buntbemalte, mit Plakaten aller Art
bedeckte Schaubuden aufgeschlagen, in denen es köstliche Leckerbissen
und allerlei Getränke, vom einfachsten Selterwasser bis zum echten
Französischen, zu kaufen geben sollte, in einer anderen sollten einige
als wilde Tiere frisierte Soldaten in Freiheit vorgeführt werden, ein
drittes Zelt war als Bühne hergerichtet, auf welcher man durch
Spezialitätenvorstellungen die Lachmuskeln der Festbesucher in Bewegung
halten wollte. Zwei mit Bänken besetzte Rasenplätze luden zu den
Genüssen einer Musikbande und echten Pilseners ein, während im
Nebenzimmer ein Standesamt errichtet war, wo man sich unter Verabfolgung
eines Glases Sekt für zehn Pfennig trauen und nach einer Stunde wieder
scheiden lassen konnte.

Der große Speisesaal stellte den Hauptfestplatz dar. Auf einer mit
Zweigen umkränzten Kanzel war Platz für ein Musikkorps, und die
Trompeter des Regiments schweiften täglich in der ganzen Gegend umher,
um irgendwo ein recht zerlumptes Musikantenkostüm aufzutreiben.

Sogar eine Photographierbude fehlte nicht, an deren Außenwand die
verlockendsten Porträts und Gruppenbilder zu sehen waren.

Natürlich bildete die bevorstehende Festlichkeit den Hauptgesprächstoff
während des Offiziersmittagstischs. Jeder wollte so originell als
möglich angezogen erscheinen, und es war ein langes Hin- und Herberaten,
bis man sich über das zu wählende Kostüm schlüssig wurde.

So kam der Tag des Festes allmählich heran. Am Nachmittag traf ein
kleines Heer von Friseuren ein, und der Regimentsschneider zog mit
seiner Nadelgarde von einem Herrn zum anderen, um noch Änderungen an den
Kostümen vorzunehmen oder mit hülfreicher Hand einzugreifen, wo etwas
nicht paßte.

Um sieben Uhr erwarteten die Ordonnanzen in schwarzen Kellnerfräcken
die Festteilnehmer, und es währte keine halbe Stunde, bis die Herren und
Familien des Offizierkorps mit ihren Gästen vollzählig erschienen waren.

Es bot ein buntes, farbenprächtiges Bild, wie sie alle in ihren
mehr oder minder geschmackvollen originellen Verkleidungen
durcheinanderwogten, während die Musik aus den verschiedenen Ecken
des Festplatzes ihre Tanzweisen ertönen ließ. Dabei floß der Sekt in
Strömen, und an einem Gartentische sah man sogar einen derben Bauern,
den Knotenstock zwischen den Beinen, eine Portion Kaviar verzehren,
während daneben ein Zirkusklown einen Hummer zerlegte.

Die drolligste Figur aber war der Kommandeur in seinem polnischen
Bauernkostüm, mit der Pelzkappe auf dem Kopf. Wäre er in dieser
Verkleidung auf dem Schweinemarkt in Pommern erschienen, hätte jeder
Käufer einen bedeutenden Borstentier-Züchter in ihm vermutet, mit dem es
sich lohnte, einen Handel anzufangen. Es machte ihm sichtlich auch keine
Mühe, durch entsprechende Gebärden und Bewegungen die Treue seiner Rolle
zu erhöhen.

Da der Sekt auf allgemeine Unkosten ging, war der Herr Oberst schon nach
einer Stunde »veilchenblau«.

Sein hoher Adjutant hatte nicht gut daran getan, die Verkleidung eines
polnischen Juden zu wählen, denn auf diese Weise ersetzte er geschickt,
was seinem Äußeren am waschechten Mauschel noch fehlte.

Frau König sah als Kammerzofe reizend aus, und ihre blauen Augen
strahlten vor Vergnügen. Wäre es im Ernst gewesen, so hätte die
niedliche blonde Dirn mit dem lebensfrohen frischen Gesichtchen sofort
eine Stellung mit hohem Lohn gefunden. Dies erkannte auch der
Jägerbursch, dessen Züge denen Bleibtreu's auffallend ähnlich waren, und
er beschloß, mit dem sauberen Mädel »zu gehen«, um sich dann mit ihm zum
Standesamt zu begeben. Erst das Ende des Festes machte einen Strich
durch die so schönen »Flitterstunden« des jungen Paares und führte ihm
die rauhe Wirklichkeit in Gestalt des zum Aufbruch mahnenden Gatten vor
Augen.

Auch Frau Leimann erschien als Vierländerin nicht minder begehrenswert.
Das Kostüm stand ihr gut, und Borgert weidete sich mit sichtlichem
Behagen an der schönen Figur und den kleinen Füßchen seiner
Hausgenossin.

Frau Kahle kokettierte als Blumenmädchen mit den jüngeren Herren, indem
sie aller Augen auf den Ausschnitt ihres Kleides zog, an welchem sie
eine herrliche Rose befestigt hatte. Auch sie spielte ihre Rolle
vortrefflich, denn der Sekt ließ bereits eine befriedigende Wirkung
erkennen. Leutnant Kolberg als Modegigerl hatte ihr bereits alle Blumen
abgekauft und sie dann als »Arbeitslose« gänzlich mit Beschlag belegt.

Frau Rittmeister Stark allein paßte gar nicht in das Milieu des
Festplatzes hinein. Die Wahl ihrer Gewandung hatte ihr heftiges
Kopfzerbrechen verursacht, denn als Blumenmädchen oder Balletteuse zu
erscheinen, schien ihr zu gewagt. Die Rolle einer Äpfel- oder Butterfrau
fürchtete sie als zu naturgetreu, und so schwebte sie denn in einem
schillernden Phantasiekostüm durch die Menge, das sie auf Befragen
neckisch für das einer »Nixe in mittleren Jahren« erklärte. So hatte sie
sich in eine Wolke rosa und mattgrüner Spitzen gehüllt, und der
gewaltige Busen schien die Meereswogen darzustellen, während die bloßen
Arme eigentlich mehr den Eindruck machten, als seien sie das
Handwerkszeug einer »Kraftmenschin« oder Riesendame.

Drei jüngere Herrn bildeten ein vortreffliches Vagabunden-Kleeblatt, und
man konnte glauben, die zerlumpten Gesellen hätten sich meuchlings von
der Landstraße eingeschlichen, um einmal ein Fest der »oberen
Zehntausend« mitzumachen. Die zu ihrer Rolle passende Trunkenheit
hatten sie sich in kürzester Zeit angeeignet.

Leutnant von Meckelburg stand als Leierkastenmann unbeweglich in einer
Ecke und konnte sich nicht entschließen, an dem lustigen Treiben
teilzunehmen, dabei machte er ein Gesicht, welches nicht unmittelbar auf
die Anwesenheit von Geist schließen ließ. Erst als er in späterer Stunde
seine musikalische Dekoration in einem Winkel des Festplatzes verborgen,
stellte sich allmählich etwas Geist ein, der aber dem Grunde einer
geleerten Sektflasche entstammte.

Die Musik spielte die schönsten Tanzweisen und benutzte die Pausen zu
intensivem Studium des Bierfasses, dessen Hahn aus dem Tannengrün ihres
Podiums herauslugte.

Um 11 Uhr begann die Festvorstellung auf der kleinen dazu errichteten
Bühne.

Ein Leutnant trug als Einleitung zwei prinkelnde Kouplets vor, indem er
als anmutige Chansonette in einem reichlich dekolletierten Babykleidchen
auf der Bühne herumhüpfte. Daran schloß sich die Aufführung einer
Parodie auf Shakespeares »Hamlet«, in deren Verlauf sämtliche
Mitwirkende durch Mord, Gift, Blitz, Hunger und Durst elendiglich zu
Grunde gehen. Zum Schluß trat sogar der Souffleur auf die Bretter und
gab, erschüttert durch die vor seinen Augen sich abspielenden Greuel,
seinem inhaltlosen Leben durch freiwilligen Sturz in die Versenkung
einen würdigen Abschluß.

So war die Stimmung immer anregender geworden und allmählich unterschied
sich die Fastnachtsfeier des Offizierkorps nur noch durch den immer noch
strömenden Sekt von dem Treiben auf einem wirklichen Festplatz zur Zeit
der Dorfkirmes.

Leutnant Kolberg hatte sich inzwischen mit Frau Rittmeister Kahle in
einer Laube niedergelassen und eine Rollschutzwand davorgestellt, um
ungestört und ungesehen ein trautes Stündchen zu verbringen.

Eine kleine »Flirtation« war ihm Lebensbedürfnis, und, da die Garnison
mit ihren soliden Bürgerstöchtern und ehrbaren Frauen seinen
diesbezüglichen Ansprüchen nicht gerecht wurde, wollte er einmal hier
sein Heil versuchen. Er wußte ja von Pommer her, wes Geistes Kind Frau
Grete war und wollte nun auf diplomatischem Wege das Feld sondieren.

Die dazu erforderliche Zeit aber hatte er zu lange bemessen, denn schon
nach einer Viertelstunde lag die kleine Frau wonne- und liebestrunken in
seinen Armen und wehrte sich nicht im Geringsten, als der feurige Galan
die Rose am Busen seiner neuen Geliebten einer eingehenden Besichtigung
unterzog.

Das war doch ein anderer Kerl wie sein unbeholfener Vorgänger, der
hatte Mut und Feuer, und sie malte sich ein Liebesleben mit dem neu
eroberten Romeo in den glänzendsten Farben.

In einer anderen Laube saß Oberleutnant Leimann ganz allein und vergoß
Bäche von Tränen. Das heulende Elend hatte ihn wieder pünktlich nach dem
sechsten Glase gepackt.

Jeden tröstlichen Zuspruch wies er schroff zurück, und die Ordonnanzen
wollten sich tot lachen, wenn sie den heulenden ungarischen Magnaten wie
ein Häuflein Unglück auf einem Weinfaß sitzen und herzbewegend
schluchzen sahen.

Seine Gattin fand die Situation höchst langweilig und beschloß daher,
einen Migräneanfall zu bekommen. Sie nahm also mit müden Zügen in einer
anderen Ecke Platz und bat den sofort hinzukommenden Borgert, sie nach
Hause zu bringen.

Durch diesen Auftrag nicht unangenehm berührt, bot er der schönen
Vierländerin den Arm, geleitete sie zur Garderobe, warf ihr den
Pelzmantel über die Schultern und geleitete sie nach Hause.

Als sie vor der Tür des gemeinsamen Hauses standen, tat sie einen tiefen
Seufzer und sagte leise:

»Die Luft hat mir gut getan! Es ist mir wieder wohl!«

»Also darf ich Sie wieder zum Kasino zurückbegleiten?« war Borgert's
Antwort, und der Ton seiner Stimme verriet sichtliche Enttäuschung.

»Ach nein, wir wollen bei mir noch eine Tasse Kaffee trinken, das wird
uns gut tun, ich habe auch gar keine Lust, wieder unter diese
betrunkenen Menschen zu gehen, es ist ein widerwärtiger Anblick!«

»Ganz wie Sie wünschen, meine Gnädigste!«

Dabei schob er den Schlüssel in das Schloß, öffnete die Tür, und beide
stiegen schweigend die dunkle Treppe hinauf.

Als sie im Zimmer angelangt waren, holte Borgert die Lampe herbei und
zündete sie an. Er kannte genau den Platz, wo sie zu finden war. Dann
griff er nach einer Zeitung und setzte sich träge in die Sofaecke.

Frau Leimann aber war im Nebenzimmer verschwunden, um nach wenigen
Augenblicken wieder mit der Kaffeemaschine zu erscheinen, auch hatte sie
das Fastnachtskostüm mit dem Morgenrock vertauscht, dessen weicher
Faltenwurf sich kosend an die schönen Glieder schmiegte.

»So,« sagte sie, die Gardinen zuziehend, »jetzt sind wir endlich in
unseren vier Pfählen, jetzt wollen wir noch ein Stündchen gemütlich
plaudern!«

Dabei ließ sie sich ebenfalls auf das Sofa fallen, und Borgert's Augen
hingen wie trunken an der jugendlich schönen Gestalt, die sich unter
dem Stoff des Gewandes verriet.

»Endlich allein! könnte man eigentlich sagen,« scherzte Borgert,
»hoffentlich kommt Ihr Gatte nicht zu bald nach, damit unser idyllisches
Kaffeestündchen nicht gestört wird.«

»Mein Mann?« erwiderte Frau Leimann mit spöttisch emporgezogenen Lippen,
»der kann bleiben wo er ist, wie ich ihn kenne, kommt er vor morgen früh
auch nicht nach Hause. Ich habe den Menschen schrecklich satt! Ich kann
ja zu Ihnen offen reden!«

»Ja, gnädige Frau, das sind eben die Freuden und Leiden des Ehestandes.
Drum prüfe, wer sich ewig bindet, sagt Schiller, denn sonst gibt es eben
ein Unglück!«

»Sie haben gut reden! Man kann doch in den paar Wochen, die man verlobt
ist, nicht seinen Zukünftigen so kennen lernen, wie man es in der Ehe
tut. Hätte ich das gekonnt, dann hätten wir nicht diese Dummheit
begangen, uns zu heiraten. Denn ich bin ihm jetzt zu arm und er wird mir
allmählich unausstehlich!«

»Darum heirate ich nie, ich lasse die Finger von diesem Hazardspiel!«

»Aber man ist doch schließlich dazu da!« erwiderte Frau Leimann fast
gereizt, »man will doch später nicht als alte Jungfer zum Gespött der
Leute werden.«

»Nach unseren Gesetzen und gesellschaftlichen Regeln hilft es eben
nichts, gnädige Frau, da heißt es entweder heiraten oder ledig bleiben.
Aber das ist entschieden eine Lücke in unserer Weltordnung. Wie wenige
sind es, die, nach langjähriger Ehe vor die Frage gestellt, ob sie sich
noch einmal heiraten würden, mit einem aufrichtigen »Ja« antworten
könnten! Meistens würde man doch die Gelegenheit benutzen, auseinander
zu laufen. Ich setze dabei also voraus, daß es eine Bestimmung gäbe, die
nach beispielsweiser zehnjähriger Ehe diese trennen und den Gatten eine
nochmalige gegenseitige Heirat gestatten würde.«

»Sie haben Recht, manche möchten schon nach den ersten Wochen wieder
auseinander, aber sie müssen weiter neben einander her vegetieren, weil
sie durch die sogenannte Ehe zusammengebunden sind.«

»Das wäre etwas voreilig gehandelt, gnädige Frau, denn viele Ehegatten
müssen sich erst an einander abschleifen und ganz genau kennen, um sich
schätzen zu lernen, wozu oft lange Jahre gehören, und dann kommt es doch
häufig vor, daß sie in späteren Jahren recht gut miteinander auskommen,
während sie früher wie Hund und Katze standen.«

»Gewiß, aber wenn nach zehn Jahren keine Liebe da ist, dann kommt sie
auch nicht mehr!«

»Das möchte ich beinahe auch glauben,« lachte Borgert, »man sieht eben,
die Ehe ist keine zeitgemäße Einrichtung. Sie mag gut sein für zwei
Menschenkinder, die äußerer Vorteile wegen, wie sie auch sein mögen,
sich heiraten. Aber für Menschen, die nur zusammenkommen, weil sie
glauben, sie lieben sich, ist es nichts, denn wenn die Liebe vorbei ist,
ist die Ehe nur ein Martyrium. Und deswegen sollte es für solche, die
sich näher treten wollen, eine andere Einrichtung geben, als sie dann
gleich fürs ganze Leben aneinander zu fesseln!«

»Sie meinen also dann, an Stelle der Ehe sollte man die sogenannte
»freie Liebe« einführen?«

»Gewiß, gnädige Frau, entweder das, oder, wenn dies aus irgend welchen
Gründen nicht ratsam erscheinen sollte, eine Einrichtung schaffen, wie
sie die Orientalen haben. Hat dort ein Mann sich an einer Frau
gesättigt, wenn ich mich drastisch ausdrücken soll, so geht er einfach
zur nächsten über, denn er darf sich ein ganzes Hans voll halten. Aber
er wird einer einzelnen gar nicht so schnell überdrüssig, weil er eben
Abwechslung in der Liebe haben kann. Und man kann doch keinen Menschen
zwingen, sein ganzes Leben nur immer denselben oder dieselbe zu
lieben!«

»Da schiene mir denn doch die freie Liebe noch ratsamer, wenn Sie einmal
die Einzelehe verwerfen wollen, denn sie wäre noch weniger durch Grenzen
und Gesetze beengt, wie es die orientalische Ehe trotzdem ist.«

»Selbstverständlich, welchen Unsinn und widernatürlichen Zwang unsere
Ehe bedeutet, sehen Sie, wenn Sie ihr Wesen einmal genau definieren. Was
heißt Ehe? Ein Bündnis zwischen Mann und Frau, die sich lieben oder
deren äußere Verhältnisse eine Verbindung ratsam erscheinen lassen.
Dabei machen Kirche und Gesetz, manchmal auch nur letzteres allein,
dieses Bündnis, Ehe genannt, zu einem rechtmäßigen.

Aber erstens: die sich lieben. Tun sie das immer und dann durch das
ganze Leben? Nein, nur in der Minderzahl der Fälle bleibt eine etwa zu
Anfang vorhandene Liebe bestehen, aber die Ehe ist von Gott und Natur
dazu bestimmt, Liebende zu verbinden. Tut sie das nicht, ist es Unsinn.

Zweitens: eine Ehe zwischen äußeren Umständen gibt es auch nicht, denn
um aus gemeinsamen Vorteilen, oder wie Sie es nennen wollen, Gewinn zu
haben, ist Handel und Geschäft der richtige Weg, aber nicht die heilige
Ehe.

Drittens: eine Ehe, in welcher die Liebe schwinden kann, ist ebenfalls
hinfällig, denn man muß bei der Trauung dem Pfarrer, gewissermaßen also
dem Stellvertreter Gottes, das eidliche Versprechen geben: wir wollen
uns das ganze Leben in Liebe angehören. Dieser Eid ist also sofort in
einen Meineid verwandelt, wenn die Liebe schwindet. Und wie kann man
mich denn zwingen, etwas zu schwören, von dem ich noch gar nicht weiß,
ob ich es zu halten im stande bin? Wider die Natur kann doch kein
Mensch!

Der Begriff Ehe ist also abgetan.

Was haben nun weiter Gesetz und Kirche mit der Verbindung zweier
Menschen zu tun, die sich lieben? Die Kirche gibt ihren Segen dazu und
soll den Bund heiligen. Das ist aber überflüssig und lediglich eine
Formsache, denn das Gefühl der Weihe, wie es die Trauung einflößen soll,
haben zwei Menschen von selbst, die sich wirklich gern haben und den
Entschluß fassen, sich zu verbinden.

Ferner, ein Gesetz muß es ja geben, denn es bildet die Norm für
auseinandergehende Ansichten, und ohne Gesetz ist kein Staat, kein
gemeinschaftliches Wirken zweier oder mehrerer Menschen denkbar. Die
Liebe als solche aber, wie sie allein zwei Gatten zusammenführen soll,
braucht keine Gesetze, denn diese sind von der Natur aufgestellt. Ein
Gesetz schreibt Handlungen oder Unterlassungen vor, gibt Anhaltspunkte
für das menschliche Zusammenleben und Wirken, Gefühle aber kann es
nicht vorschreiben, also auch nicht rechtskräftig machen.

Zwei Menschen also, die sich wirklich lieben und fühlen, daß sie
zusammen gehören, verbinden sich am natürlichsten durch die freie
Liebe!«

»Aber warum sollen sie sich denn nicht heiraten, wenn sie unbedingt
glauben, zusammen zu gehören?« warf Frau Leimann ein.

»Weil sie der Kirche keinen falschen Eid geschworen haben, wenn die
Liebe einmal schwindet, auch können sie dann ruhig wieder auseinander
gehen.«

»Aber dafür gibt es doch die Scheidung!«

»Gewiß, die gibt es. Eine Scheidung aber wirbelt meist so viel Staub auf
und hat oft so nachteilige Folgen für die Beteiligten, daß sie lieber
jahrelang in gegenseitigem Überdruß, oder gar in Haß und Verachtung
neben einander leben, als sich zur Scheidung entschließen. Abgesehen von
den großen gesetzlichen Schwierigkeiten einer solchen ist es aber auch
meist schwer, die nun einmal verbundenen äußeren Umstände, Vermögen u.
s. w. zu trennen.

Hört freie Liebe auf, so geht man stillschweigend wieder auseinander und
führt nicht jahrelang ein widernatürliches Leben in einer sogenannten
Ehe. Auch werden sich Mann und Frau, solange wahre Liebe zu einander
vorhanden ist, nicht gegenseitig mit einem anderen betrügen, und damit
wäre viel Unglück und Sünde aus der Welt geschafft.«

»Aber dann müßte ja jeder gesellschaftliche Familienverkehr aufhören,
denn die Männer eines gemeinsamen Wirkungskreises, z. B. eines
Offizierkorps oder die Beamten eines Gerichtes würden dann aus so
verschiedenen Schichten der Gesellschaft oder des Volkes ihre Frauen
wählen, daß diese gar nicht zusammen passen würden!«

»Das wäre kein Hinderungsgrund, gnädige Frau: die zu einander passen,
könnten doch miteinander verkehren. Die übrigen bleiben sich eben
gegenseitig fremd. Oder finden Sie es etwa schön, daß Frauen, die sich
innerlich ganz fern stehen und bleiben, jeden Tag wie dicke Freundinnen
zusammensetzen, weil es der gesellschaftliche Verkehr verlangt?«

»Das finde ich allerdings nicht schön, man braucht sich ja nur einmal
unsere Damenkaffees zu betrachten.«

»Die Wahl der Frau in der freien Liebe ist an keine Gesellschaftsklasse
gebunden, weil dann die Frau dem Manne eben nicht dazu dient, sich
äußere Vorteile in Stellung oder pekuniärer Beziehung zu schaffen oder
um mit ihr Staat zu machen, sondern nur für die Liebe, also für das
engere Leben in Haus und Familie.«

»Aber die Ehe ist doch eigentlich nur die Form für ein Naturgesetz, daß
nämlich das Menschengeschlecht erhalten wird.«

»Stimmt, aber dieses Naturgesetz wird weit besser durch die freie Liebe
als durch die Ehe gefördert. Nehmen Sie eine Ehe, in welcher die
wirkliche Liebe der Gatten zu einander geschwunden ist, oder sie sich
vielleicht sogar überdrüssig sind. Scheiden lassen wollen sie sich
nicht, aber Kinder werden doch in die Welt gesetzt, eins nach dem
anderen. Diese aber sind keine Kinder der Liebe, und ihre Erziehung,
Charakter- und Gemütsbildung muß doch darunter leiden, wenn sie keine
inneren Beziehungen, keine Herzens- und Seelenverwandschaft der Eltern
empfinden, denn dahinter kommt ein Kind sehr bald. Aber auch die
Kinderzahl würde sich in der freien Liebe verringern, denn ein Mann, der
seine Frau wirklich lieb hat, macht keine Maschine aus ihr, und glauben
Sie nicht, daß zum Glück einer Ehe schon zwei Kinder genügen? Jedes
weitere bringt nur Last und Sorge. Wenn aber, besonders in niederen
Volksklassen, die Kinderzahl abnimmt, ist auch gleichzeitig eines jener
Grundübel beseitigt, die den Sozialismus fördern.«

»Nun nehmen Sie aber eine Ehe, die fünf Kindern das Leben gibt und
setzen Sie statt der Ehe die freie Liebe: Der Mann wählt jedes Jahr
eine andere Frau, das lassen Sie zwanzig Jahre so fortgehen und es gibt
unter normalen Umständen zwanzig Kinder statt fünf. Was soll aus ihnen
werden? Der Mann kann doch nicht jedesmal in sein neues Liebesverhältnis
die jährlich wachsende Kinderzahl mitbringen und sie alle großziehen!«

»Betreffs der Kinder der freien Liebe könnte es ja ein Gesetz geben,
welches dem Vater dieselben Verpflichtungen auferlegt, wie sie für
außereheliche Kinder bestehen. Dann würde er sich schon einzurichten
wissen, wenn er zu regelmäßigen, seinem Einkommen entsprechenden
Geldopfern gezwungen wäre.«

»Und wenn der zweiten Frau nicht paßt, daß er das Kind des ersten
Verhältnisses mitbringt?«

»Dann könnte man Erziehungshäuser in großem Styl errichten. Schon unter
den jetzigen Verhältnissen wäre es oft gut, wenn ein Kind nicht bei den
Eltern aufwüchse, die nicht harmonieren, und so dem jugendlichen Gemüt
Eindrücke zu teil werden, die ihm nicht von Nutzen sind.

Indeß nennt man ja Kinder das Unterpfand der Liebe, sie würden das
einmal eingegangene Verhältnis erhalten helfen.«

»Dann kämen wir also wieder auf die Ehe zurück!«

»Gewiß, aber auf eine Ehe, die wir jeden Tag selbständig lösen dürfen.

Wir Menschen tun gut, uns in allem an die Natur zu halten, an ihr
künsteln und bessern zu wollen, hat meist den entgegengesetzten Erfolg.
Ein Tier tritt auch nicht vor den Altar oder den Standesbeamten, wenn es
sich mit einem anderen paaren will. Sind sie von einander gesättigt,
läuft das eine wieder nach Süden, das andere nach Norden.«

»Wir sind aber doch mehr wie Tiere!« lachte Frau Leimann.

»Dafür haben wir auch die Liebe, ein Tier kennt nur Triebe!«

Frau Leimann schwieg. Ein so ernstes Gespräch hatte sie lange nicht
geführt und es machte ihr fast Mühe, dem Gedankengang zu folgen. Schien
ihr auch mancher Punkt noch anfechtbar, im Grunde war es doch richtig
mit dieser freien Liebe, und sie bedauerte beinahe, daß man in der
Kultur noch nicht so weit gekommen sei. Das wäre eher nach ihrem
Geschmack gewesen, als die Ehe mit so einem langweiligen, häßlichen
Mann, wie ihr Gatte war, mit so unendlich vielen schlechten
Eigenschaften. Sie besaß auch genügend Feingefühl, um mit dem schlauen
Verstand einer Frau zu empfinden, wo hinaus Borgert mit Entwickelung
dieser seiner Ansichten wollte. Sie warf daher ihr erhitztes Köpfchen
auf, blinzelte verschmitzt den Apostel der freien Liebe von der Seite
an und fragte mit erheuchelter Unbefangenheit:

»Nun, sagen Sie, wenn eine Frau schon verheiratet ist, also bereits
durch eine Gesetzesehe gebunden, und kommt nun nachträglich zur
Einsicht, daß die freie Liebe besser ist? Was dann?«

»Dann mag sie ihrer Einsicht folgen, nur darf sie es nicht so
offenkundig vor aller Augen tun, da sie es eben nach den vorläufig noch
bestehenden Grundsätzen über eheliche Treue nicht darf. Sie muß es
machen wie die Pariserin.«

»Dann wird es aber Zeit, daß ich mich nach einem solchen heimlichen
Romeo umsehe, denn mein Gesetzlicher wird mir allmählich unheimlich!«
rief Frau Leimann belustigt.

»Kann ich Ihnen dabei behilflich sein, Gnädigste?« entgegnete Borgert
ebenfalls scherzend.

»Sie würden es sich damit wahrscheinlich wieder leicht machen, denn,
wenn ich mich recht entsinne, stellten sie sich schon einmal
freundlichst zur Verfügung!«

»Womit ich auch in diesem Falle meine Dienste beginnen würde!«

»Dann könnte ich ja mit Ihnen einmal die neue Theorie probieren, schade,
daß kein heimlicher Standesbeamter da ist. Aber nein, den haben Sie ja
als überflüssig verworfen.«

»Nein, den brauchen wir nicht, wir machen die Sache unter uns ab!« sagte
Borgert scherzend.

»Bedarf es denn gar keiner Formalitäten?«

»Gewiß, sogar vieler, und zwar derselben wie beim Abschluß einer
richtiggehenden Ehe!«

»Ach so, Sie meinen einen Händedruck und einen innigen, tränenfeuchten
Blick?«

»Auch das gehört dazu.«

»Auch? Was denn noch? Ich habe so ein schlechtes Gedächtnis.«

»Ich will es Ihnen ins Ohr sagen, rücken Sie etwas näher!«

Frau Leimann rückte dicht neben Borgert und sagte, unbefangen scherzend:

»Das scheint ja eine große Heimlichkeit zu sein!« Sie beugte ihren Kopf
zu Borgert hin, welcher in diesem Augenblick mit beiden Armen die schöne
Frau umschlang, während seine Lippen die ihren suchten. Da schlang auch
sie die Arme um den Mann, und lange hielten sie sich so umschlungen,
während ein heißer, glühender Kuß all die verhaltenen Gefühle der Liebe
auszuströmen schien, die lange beider Herzen erfüllt.

       *       *       *       *       *

Die Lampe war schon im Erlöschen begriffen, als ein unsicherer, schwerer
Schritt auf der Treppe vernehmbar ward.

»Er kommt!« stieß Frau Leimann erschrocken aus, »Du mußt dich eilen, daß
er dich nicht hört!«

Eine letzte Umarmung, und Borgert huschte durch das Speisezimmer dem
anderen Ende des Korridors zu, um über die Hintertreppe nach seiner im
Erdgeschoß gelegenen Wohnung zu gelangen. An der Tür aber zog er behend
die Schuhe aus und tappte leise die dunkle Treppe hinab.

Frau Leimann aber blies die Lampe aus, stellte Borgerts Kaffeetasse
unter das Sopha und legte sich wie schlafend in die weichen Kissen
zurück.

Inzwischen hatte Leimann geräuschvoll die Korridortür geöffnet und trat
jetzt in das Zimmer, wo die Gattin seiner harrte.

Einen Augenblick blieb er am Eingang stehen. Roch es hier nicht nach
Zigarettenrauch? Dann tastete er mit den Händen nach dem Tisch, ergriff
die Streichholzschachtel und zündete eine Kerze an. Da erblickte er
seine Gattin auf dem Sofa.

Der Anblick rührte ihn. Hatte die treue Seele auf ihn gewartet, um ihm
noch eine Tasse Kaffee anzubieten? Gewiß war sie vor Müdigkeit
entschlummert und hörte ihn nicht, als er nach Hause kam. So trat er
denn behutsam an das Sofaende und küßte seine Frau auf die Stirn.

Mit einem leichten Schrei fuhr sie empor.

»Ach du bist es, Georg, wo bleibst du so lange?«

»Sei mir nicht böse, mein Engel, daß ich dich warten ließ, aber ich
ahnte ja nicht, daß du meinetwegen aufbleiben würdest. Warum hast du
dich nicht gelegt?«

Aus den Worten klang ein liebevoller Ton, sie schienen wie eine
Entschuldigung, eine Bitte um Verzeihung; Frau Leimann aber wischte sich
den Schlaf aus den Augen und erhob sich müde.

»Ich mußte doch auf dich warten, Georg, du warst wieder in einem
schrecklichen Zustand. Als ich dich so sitzen sah, wurde mir so elend,
daß ich es nicht mehr aushalten konnte, und ging nach Hause!«

»Allein, so spät, in der Nacht? Warum hast du dich nicht von einer
Ordonnanz begleiten lassen?«

»Borgert hat mich bis an die Tür gebracht, er bot mir seine Begleitung
an!«

»Dafür muß ich mich morgen bei ihm bedanken, er ist überhaupt immer sehr
aufmerksam gegen dich! Wo ist er denn geblieben, ich habe ihn nicht mehr
gesehen den ganzen Abend!«

»Er klagte über Kopfweh, hatte auch ziemlich genug, er wird wohl zu Bett
gegangen sein.«

»Warum hast du ihm nicht noch eine Tasse Kaffee angeboten?«

»Aber Georg, was sollen denn die Dienstboten denken, wenn sie mich um
diese Zeit noch mit einem Herrn kommen hören, das geht doch nicht! Diese
Marie spitzt und horcht überhaupt immer herum, daß man sich
zusammennehmen muß, daß sie nicht einmal ein Wort auffängt. Ich möchte
nicht wissen, was die über uns schon alles geklatscht hat!«

»Dann schicke sie doch fort, wenn du ihr nicht traust!«

»Das hätte ich längst getan, aber ehe sie ihren rückständigen Lohn nicht
hat, kann ich ihr nicht kündigen.«

»Dann bezahle sie morgen!«

»Wovon? Hast du das Geld dazu?«

»Ich? Du weißt, daß ich von meinen paar Mark Gehalt für den Haushalt
nichts hergeben kann. Hat deine Mutter denn diesen Monat noch nichts
geschickt?«

»Nein, sie hat diesmal selbst nichts übrig!«

»Natürlich, das alte Lied!«

»Soll das vielleicht wieder ein Vorwurf sein? Du hast es ja gewußt, daß
ich nicht reich bin, also tue mir den Gefallen, mich endlich mit deinen
Anspielungen und Klagen zu verschonen, ich finde das allmählich
langweilig und geschmacklos!«

»Ja, das willst du nicht hören! Du hättest früher einsehen müssen, daß
eine solche Wirtschaft ohne Geld ein Unding ist! Jetzt haben wir jeden
Tag die Schweinerei, heute kommt der Metzger, morgen der Bäcker,
übermorgen die Waschfrau, alle wollen sie Geld. Ich kann es mir nicht
aus den Rippen schneiden.«

»Warst du es nicht selbst, der mich nicht los ließ? Hast du nicht alle
diese Bedenken ausgeschlagen und immer wieder auf eine Heirat
bestanden?«

»Gewiß, aber du und deine Mutter mußtet so vernünftig sein, den Unsinn
einzusehen, wenn ich es nicht tat. Deine Mutter wußte, was ein Haushalt
kostet, ich aber nicht. Jetzt ist es zu spät.«

»Das sehe ich selbst ein, das brauchst du mir nicht unter die Nase zu
reiben. Aber meine Schuld ist es nicht, denn wäre alles so geworden, wie
es meine Mutter wollte, brauchtest du dich heute nicht über eine arme
Frau zu ärgern. Du warst nicht der einzige, den ich hätte heiraten
können.«

»Das hättest du damals gleich sagen können,« entgegnete ihr Gatte
höhnisch, »es tut mir aufrichtig leid, wenn ich störend in deine Zukunft
eingegriffen habe.«

»Du bist gemeiner, Georg, als ich dachte.«

»Die Wahrheit wollt Ihr Weiber niemals hören, wenn man euch nicht ewig
Schmeicheleien sagt und schöne Töne vorflötet, seid ihr gleich auf den
Fuß getreten!«

»Nun, ich bin von dir nicht gerade verwöhnt mit derartigen
Liebkosungen!«

»Weil ich nicht weiß, wofür ich sie dir schuldig bin. Vielleicht dafür,
daß ich heute nicht weiß, wie ich meinen Schuster bezahlen soll, statt
daß ich auf der Kriegsakademie bin und ein anständiges Leben vor mir
habe?«

»Schweig, du gemeiner Mensch, du hast kein Recht, mich zu beleidigen!
Verlaß mein Zimmer oder ich verlasse das Haus!«

»Zu Befehl, meine Gnädigste! Angenehme Ruhe!«

Dabei schlug Leimann hinter sich die Tür ins Schloß, daß die Fenster
zitterten und begab sich in sein Schlafzimmer.

Seine Gattin aber vergrub schluchzend das Gesicht in den Sophakissen und
machte in einem Tränenstrom den Gefühlen des Hasses und der Wut gegen
den herzlosen Gatten Luft. Ihr ganzes Inneres empörte sich gegen die
Gefühlsroheit dieses Menschen, dem sie gefolgt war, weil er ihr auf den
Knien schwor, nicht ohne sie leben zu können, und nun trat er die
dargebrachte Liebe mit Füßen, entweihte alle heiligen Erinnerungen eines
Frauenherzens, welche sich an den ernstesten Schritt ihres Lebens
knüpfen und ihm in schweren Stunden eine Stütze, ein Halt sein sollen,
um Unglück und Ungemach leichter ertragen zu können.

Und hatte sie noch vor wenigen Minuten, als Borgert sich aus ihren Armen
befreite, etwas empfunden wie eine schwere Sünde, ein Verbrechen an der
Heiligkeit der Ehe, eine Gewissenlosigkeit gegen den Ahnungslosen, so
schien ihr jetzt ihre Handlungsweise eine gerechte Sühne und
entschuldbare Folge für die brutale, herzlose Gefühlsroheit ihres
Gatten.

Denn nie ist das Herz des Weibes mehr empfänglich für die verbotene
Liebe eines fremden Mannes, als in dem Augenblick, da es in den letzten
Zuckungen liegt von dem Todesstoß, den ihm der eigene Gatte gab.

       *       *       *       *       *

Der Morgen des jungen Tages vertrieb die letzten Festgäste aus dem
Kasino. Ausnahmslos hatte der Sekt seine Wirkung getan, und man verließ
den Festplatz in einer Stimmung, die darnach angetan war, die Grenzen
des guten Tones immer mehr zu überschreiten.

Die nahe Turmuhr schlug fünf, als die letzten, Rittmeister Stark nebst
Gattin und der Oberst, den seit drei Stunden wartenden Krümperwagen
bestiegen, dessen Pferde, durch den anhaltenden Regen ganz steif
geworden, sich kaum entschließen konnten, ihre Last in den Morgennebel
zu ziehen. Erst als der Kutscher einen Puff erhalten und mit der
Peitsche diesen an die armen Tiere weitergegeben hatte, kam das Gefährt
ins Rollen und brachte die übermütigen Nachtschwärmer ihrer Wohnung zu.

Leutnant von Meckelburg und Oberleutnant Specht konnten zwar kaum noch
auf den Beinen stehen, aber sie gingen getrost in die Kaserne, um von
5-6 Uhr Instruktion abzuhalten, nachdem sie sich schnell umgezogen.
Specht vergaß sogar, seinen künstlichen Schnurrbart zu entfernen und
erschien mit dieser an ihm ungewohnten Zierde der Männlichkeit vor
seinen lächelnden Rekruten.

Die meisten andern Herren zogen es vor, erst ihren Rausch ein wenig
auszuschlafen und ließen Dienst Dienst sein, vor 11 Uhr kam heute doch
kein Rittmeister in die Kaserne.

Sie sollten mit ihrer Vermutung auch Recht haben. Rittmeister König
allerdings war pünktlich um 7 Uhr zur Stelle und wohnte Bleibtreus
Reitunterricht bei, um dann eine Zählung der Kammerbestände vorzunehmen.
Sein Grundsatz war und blieb: Vergnüge dich, so viel du willst, aber
Dienst ist Dienst.

Hagemann erschien erst gegen elf Uhr auf der Bildfläche, um seinen Kater
von seinem Leibroß ein wenig spazieren tragen zu lassen. Stark dagegen
zog es vor, ganz zu Hause zu bleiben. Dafür kontrollierte seine wackere
Gattin, mit dem Notizbuch in der Hand, ob alle Reitlehrer bei ihren
Abteilungen seien und notierte Kolberg als den ersten, der den Dienst
»schwänzte«.

Um 1/2-1 Uhr empfing sie den Besuch des Rittmeisters Hagemann, der sich
entschuldigen wollte, weil er am gestrigen Abend infolge seiner sehr
angeregten Stimmung der »Meernixe« einige unzarte Schmeicheleien gesagt
hatte. Er hatte nämlich geäußert, sie müsse infolge ihres Fettgehaltes
vorzüglich schwimmen können, wenn das Meer nicht vor der Fülle ihres
Nixenleibes aus den Ufern träte.

Leimann ging ebenfalls eilig im Helm durch die Hauptstraße, um auch
seinerseits für sein gestriges Benehmen um Entschuldigung zu bitten.

Erst der Abend fand die Mehrzahl der Herren bei einem solennen
Dämmerschoppen im Kasino versammelt, wo man das Fest des vergangenen
Tages besprach und in mehr oder minder würzigen Reden die einzelnen
Teilnehmer einer Kritik unterzog.

Borgert verstand es dabei, in ganz besonders scherzhafter Weise das
Neuste über den nicht mit anwesenden Kolberg und Frau Kahle zu
berichten. Seinem Späherauge war nichts entgangen, er vermochte sogar zu
sehen, was hinter einer Rollschutzwand geschah.

Indessen saß der Geschmähte behaglich am warmen Ofen seines Zimmers, auf
seinen Knieen aber Frau Kahle.

Sie hatte es vor Sehnsucht nicht aushalten können und war unter dem
Vorwand, Besorgungen machen zu müssen, ihrem Gatten entwischt und im
Schutze der Dunkelheit nach dem Ende der Stadt in den kleinen Garten
geeilt, zwischen dessen hohen Kastanien das kleine von Kolberg bewohnte
Häuschen stand.

Dieser Versuch, ein ungestörtes Schäferstündchen zu genießen, glückte so
gut, daß es sich lohnte, ihn so oft wie nur möglich zu wiederholen. Es
war auch besser so, als dieses langweilige Spazierengehen, denn in dem
kleinen Nest paßte ein jeder auf und freute sich wie ein König, wenn er
etwas zu erzählen hatte, was ein anderer noch nicht wußte. Selbst den
Bäumen im Walde konnte man nicht trauen, war es doch schon vorgekommen,
daß ein Unteroffizier aus der Krone einer Ulme herabstieg, an deren Fuß
ein anderer sich mit seiner Braut vergnügte, und der Treulosen eine
ausgibige Portion Prügel verabreichte.

Außerdem war die Witterung meist kalt und schlecht, und zur Liebe
braucht man Wärme.

So aber merkte niemand etwas. Sie ging einfach aus, um Einkäufe zu
machen, und dann waren nach Eintritt der Dunkelheit die Straßen meist
so leer, daß sie kaum einem Menschen begegnete, wenn sie dem einsamen,
abgelegenen Häuschen zuging.

Die Glücklichen rechneten nicht einmal damit, daß man vor dem Burschen
auf der Hut sein müsse, er wurde eben jedesmal in die Stadt oder zur
Kaserne geschickt. Er hatte aber bald heraus, daß diese regelmäßigen
Sendungen am Montag und Donnerstag nur ein Vorwand seien, denn die
Aufträge, die er dabei erhielt, waren oft recht sonderbarer und
überflüssiger Art. So stellte er sich denn eines Tages hinter einem Baum
und erblickte zu seinem nicht geringen Erstaunen die Gattin des
Rittmeisters Kahle, die ungeniert zu seinem Leutnant hineinspazierte.
Allmählich aber wuchs seine Neugierde, und er schlich sich dann
regelmäßig unter das Fenster, um durch die dünnen Scheiben jedes Wort
mitanzuhören, oder vom nächsten Baum aus einen Blick in das Innere des
Zimmers zu werfen. Was er da sah, setzte ihn in Erstaunen, und er gab
gelegentlich seinen Gedanken in der Kantine Ausdruck. Er fand dabei ein
dankbares Publikum, denn alle lachten aus vollem Halse. Ihre Heiterkeit
aber erreichte den Höhepunkt, als der getreue Bursche Kolberg's aus dem
Portemonnaie eine in der Wohnung des Leutnants gefundene Haarnadel
herauszog und dieselbe Kahles Burschen übergab mit der scherzenden
Bitte, sie der Gnädigen zurückzuerstatten.

Kolbergs Bursche war dadurch ein interessanter Mann geworden, denn er
erzählte weit fesselnder als der des Hauses Leimann. Letzterer wußte von
seiner Gnädigen und Borgert ja auch so manches zu erzählen, doch seine
Darstellungen waren lückenhaft, weil sich das Dienstmädchen weigerte,
ihre weit interessanteren Beobachtungen zum Besten zu geben. Sie sparte
sich dieselben auf als Trumpf für spätere Zeiten, wo man durch sie nicht
nur den rückständigen Lohn, sondern vielleicht noch mehr herausschlagen
konnte.

So vergingen mehrere Monate.

Das Geheimnis von dem Verhältnis Kolberg's zu Frau Rittmeister Kahle war
allmählich in alle Kreise hindurchgesickert und der Gesprächsgegenstand
in mancher Kneipe des kleinen Städtchens geworden. Selbst Kolberg's
Kameraden wußten davon, aber keiner wollte es unternehmen, eine Sache,
für welche man nicht greifbare Beweise in Händen hatte, aufzurühren,
denn entweder stritten die beiden die ihnen zur Last gelegten Tatsachen
ab, und dann war man der Blamierte, hatte die Ehre eines Kameraden und,
was noch schlimmer war, die einer Dame des Regiments angegriffen, und
das mußte böse Folgen haben, denn wer konnte wissen, ob der einzige
Zeuge des Verhältnisses, Kolberg's Bursche, bei seinen Behauptungen
bleiben würde, wenn man ihm auf's Leder kniete? Vielleicht -- und das
schien wahrscheinlich -- würde er seine Erzählungen aus Furcht vor
Strafe für sein heimliches Aufpassen widerrufen oder die Sache in einem
anderen, unschuldigeren Lichte darstellen, vielleicht auch würde er
aussagen, nichts gesehen zu haben.

Andererseits fürchtete man mit Recht, die Enthüllung der Sache könnte
gewaltigen Staub aufwirbeln, die Verabschiedung eines Kameraden und das
unvermeidliche Duell zur Folge haben. Dem Rittmeister Kahle aber wollte
man wohl, weshalb ihm also solche unerquicklichen Weiterungen bereiten?

So blieb alles, wie es war, nur die Rederei nahm, besonders in der
Stadt, einen derartigen Umfang an, daß Rittmeister König sich entschloß,
dem Kommandeur privatim einen Wink zu geben.

Der Oberst aber fragte: »Melden Sie mir das dienstlich? Nein? Dann weiß
ich nichts davon, ich werde mir die Finger an einer solch heikeln
Geschichte nicht verbrennen.«

König verspürte auch wenig Lust, der Urheber einer großen
Skandalgeschichte zu werden und nachher womöglich noch eine Forderung zu
erhalten, er schwieg also ebenfalls.

So geschah denn von keiner Seite etwas, um dem Gerede ein Ende zu
machen und etwas aus der Welt zu schaffen, was dem Regiment und dem
gesamten Offizierkorps in hohem Grade schadete und geeignet war, sein
Ansehen in schlimmster Weise zu schädigen. Wo man in anderen Kreisen der
Bevölkerung bei gleichen Verhältnissen den Schuldigen zur Rechenschaft
gezogen haben würde, duldete man einen jedem Anstands- und Ehrgefühl
Hohn sprechenden Umstand, und das in einem Stande, der für sein Ansehen,
die Unanfechtbarkeit seiner Sitten und seine bevorzugte Stellung im
Vaterland die erste Stelle für sich beanspruchte.

Am schwersten traf dieser Vorwurf den Obersten von Kronau. Dieser Herr,
der stets bereit war, mit aller Strenge rücksichtslos einzugreifen, wenn
er etwas Ungehöriges oder Strafbares entdeckte und keine Milde kannte,
wenn er dabei für seine Person nichts zu fürchten hatte, er duldete die
Schande. Denn hier mußte er damit rechnen, daß ihm unter Umständen
Unannehmlichkeiten entstanden. Entweder konnte man ihn einer falschen
Anschuldigung zeihen, oder seine Stellung als Kommandeur erhielt einen
Stoß, wenn die vorgesetzten Behörden Kenntnis von den Geschehnissen in
seinem Regiment erhielten. Beides aber war durchaus nicht nach seinem
Geschmack.

Es kam ihm daher als hochwillkommene Nachricht, als er ein
Dienstschreiben erhielt, laut welchem der Rittmeister Kahle zum Major
befördert und in eine Garnison Süddeutschlands versetzt wurde. Da war
das ersehnte Ende dieser unseligen Geschichte, und er freute sich
doppelt, nicht voreilig gehandelt zu haben, denn nun wurde die Sache
durch eine günstige Wendung des Geschicks zum Abschluß gebracht.

Kahle war glücklich über die unerwartet schnelle Beförderung. Hatte er
doch nun das schöne Ziel erreicht, dem er lange Jahre ernster Arbeit und
redlichen Strebens gewidmet!

Jetzt konnte er ruhiger der Zukunft entgegensehen, denn nun die
gefährliche Majorsecke überwunden war, schien ihm eine weitere
aussichtsvolle militärische Laufbahn mit Rücksicht auf seine Fähigkeiten
außer Zweifel. Dazu die schöne neue Garnison, was wollte er mehr?

Schon am Tage nach der Beförderung versammelte ein Liebesmahl das
gesamte Offizierkorps im Kasino. Um den Scheidenden besonders zu ehren,
hatte der Oberst Epauletten befohlen, und der neugebackene Major nahm
sich besonders fein aus im Schmuck seiner Orden und Kandillen.

Als der zweite Gang vorüber war, erhob sich der Oberst und hielt dem
scheidenden Kameraden eine herzliche Abschiedsrede, in welcher er der
allgemeinen Beliebtheit und den hohen militärischen Tugenden Kahles
Ausdruck gab, dann überreichte er ihm den üblichen silbernen Becher mit
dem Namenszug des Regiments.

Kahle dankte mit gerührten Worten. Aus seiner Abschiedsrede klang die
Freude über die Beförderung heraus, aber auch ein Schmerz, nach so
langer Zeit in der Garnison die Kameraden und den Ort seiner Wirksamkeit
verlassen zu müssen. Oft hatte er sich sehnlich fortgewünscht aus diesem
weltvergessenen Städtchen, in dem es so viel Ärger gab, aber jetzt, da
es ans Scheiden ging, schnitt es ihm doch wie ein leichter Schmerz in
die Seele, auf immer von dort zu scheiden, wo er lange Jahre dem
Vaterlande in Ehren gedient.

Die Herren waren alle vollzählig am Bahnhof versammelt, als der Major am
nächsten Tage mit dem Mittagszuge abreiste. Nachdem er noch einmal allen
Lebewohl gesagt, und der Oberst ihn geküßt hatte, nahm er Abschied von
seiner Frau und dem kleinen Sohne. Es war ihm schwer ums Herz und es
kostete ihm Mühe, eine Träne zu verbergen, die sich in sein Auge stahl.

Auch seine Ehe wollte er nun zu einem trauten Zusammenleben gestalten,
auf daß mit den Freuden seiner neuen Stellung auch die eines gemütlichen
Heims erblühten, und dieser Vorsatz ließ ihn besonders herzlich von der
Gattin Abschied nehmen. Auch sie würde ihre kleinen Fehler ablegen, wenn
sie in anderer Umgebung die oft empfundene Langeweile und Bitterkeit
vergaß, die schönsten Jahre ihres jungen Lebens in einer kleinen Stadt
an den Grenzen des Reichs verbringen zu müssen. Konnte sie sich erst
wieder in der neuen schönen Garnison das Leben angenehm gestalten und
neue Eindrücke in sich aufnehmen, dann würden die kleinen Reibereien und
Feindseligkeiten in ihrer Ehe ebenfalls ein Ende nehmen, sie waren blos
die Ausgeburt der Abgeschlossenheit und Langeweile, in der eine so
lebenslustige Frau mißmutig und launisch werden mußte.

Bis die Räumung der Wohnung und der Umzug besorgt war, sollte Frau Kahle
in der alten Garnison verbleiben, und Oberleutnant Weil nebst Gattin
hatte sie gebeten, während jener Zeit als Gast bei ihnen zu verbleiben.

Mit Freuden nahm Frau Kahle die freundliche Einladung an. Hatte sie doch
so wenigstens Gelegenheit, diese paar Tage mit Kolberg ordentlich zu
genießen, denn jetzt brauchte sie niemand mehr Rechenschaft über ihr Tun
und Treiben zu geben, ja sie konnte sogar unter dem Vorwand einer
kleinen notwendigen Reise einen ganzen Tag und eine Nacht bei ihm
weilen, denn für eine Trennung auf lange Zeit, vielleicht für immer,
hieß es gründlich Abschied nehmen und den Freudenbecher der Liebe noch
einmal bis zur Hefe leeren!

Eines Tages saß Familie Weil mit ihrem Gast am Kaffeetisch, als der
Bursche einen Brief für Frau Kahle hereinbrachte, den der Briefträger
soeben abgegeben. Sie öffnete denselben, überflog die wenigen Zeilen und
steckte ihn leicht errötend in die Rocktasche.

»Frau Pfarrer Klein schreibt mir soeben, ich möchte sie doch heute noch
einmal zum Kaffee besuchen, damit sie mich noch einmal sehen könne.
Reizend liebenswürdig, nicht wahr? Ich will doch gleich hingehen, damit
es nicht zu spät wird.«

Dabei erhob sie sich, trank im Stehen ihre Tasse aus und tänzelte mit
einem »Auf Wiedersehen heute Abend« zur Tür hinaus. Wenige Minuten
später sah Weil sie auch eilenden Schrittes nach der Stadt zu wandern.

»Sonderbar!«, sagte er dann zu seiner Gattin, »mit der hat sie doch
früher nie verkehrt, die kennt man ja kaum. Das wird doch nicht irgend
eine Finte sein?«

»Laß sie doch gehen, wohin sie will, Max,« entgegnete Frau Weil
gleichgültig, »was kümmert's uns? In ein paar Tagen geht sie ja doch
fort, und schließlich ist sie ja allein für ihre Handlungen
verantwortlich!«

Weil aber schüttelte den Kopf und ging nach seinem Arbeitszimmer.

Die Uhr zeigte schon acht, und Frau Kahle war noch immer nicht zurück.
Man begann unruhig zu werden und sich um den Gast zu sorgen. War ihr
etwas zugestoßen?

Das Dienstmädchen deckte im Nebenzimmer gerade den Tisch, als das
Ehepaar seinen Vermutungen über die verschiedenen Möglichkeiten Ausdruck
gab, welche das Ausbleiben ihres Gastes verursacht haben könnten.

»Minna,« wandte sich Frau Weil an das Dienstmädchen, »es ist am besten,
Sie gehen einmal hin zu Frau Pfarrer Klein und fragen an, ob Frau Major
Kahle noch da ist, ich habe keine Ruhe, bis ich weiß, wo sie ist.«

»Bei der Frau Pfarrer wird sie aber nicht sein, gnädige Frau,«
entgegnete das Mädchen, »ich habe die gnädige Frau gegen halb Fünf oben
in der Allee gesehen, als ich Milch holen ging, die Frau Pfarrer wohnt
ja hinter der Kirche.«

»Dann hat es keinen Zweck, hinzuschicken,« sagte achselzuckend der
Oberleutnant, »ich werde wohl recht behalten, es war nur ein Vorwand, um
nicht zu sagen, wohin sie in Wirklichkeit gegangen ist. Ich denke mir
mein Teil!«

»Was denkst du dir, Max,« fragte neugierig seine Gattin, »wo soll sie
denn sein?«

»Beim Kolberg ist sie, ich wette meinen Kopf!«

»Aber wie kannst du das sagen, Max, sie wird doch nicht...«

»Gewiß wird sie! Und sie ist es!«

Beide schwiegen, als das Mädchen wieder eintrat; es stellte den
Teekessel auf den Tisch, zog dann aus der Tasche ein zusammengefaltetes
Papier, und reichte es Weil mit hämischem Lächeln.

»Haben die Herrschaften das vielleicht verloren?«

Während Minna sich wieder zurückzog, starrte der Oberleutnant erst mit
weit aufgerissenen Augen auf das Papier, dann lachte er höhnisch auf und
hielt es seiner Gattin hin.

»Bitte, willst du dich überzeugen, hier hast du es schwarz auf weiß.«

Frau Weil nahm zögernd das Blatt aus seinen Händen und las:

»Erwarte dich heute halb Fünf, da morgen dienstlich beschäftigt.«

Über- und Unterschrift fehlten, aber es waren Kolbergs unverkennbare
Schriftzüge.

»Jetzt haben wir die Geschichte! Dazu haben wir sie eingeladen, daß sie
uns etwas vorlügt und an der Nase herumführt, und dann ihre tollen
Geschichten weitertreibt! Habe ich nicht gleich gesagt, wir wollen es
bleiben lassen? Aber du hast darauf bestanden, sie einzuladen. Hättest
du auf mich gehört, bliebe es mir jetzt erspart, dieses Frauenzimmer
vor die Tür zu setzen.«

»Um Gotteswillen, Max, das kannst du doch nicht, stecke den Brief ins
Feuer!«

»Fällt mir gar nicht ein,« brauste Weil auf, »ich werfe sie zum Hause
hinaus! Oder meinst du, ich hätte hier ein Absteigequartier für
verdorbene Weiber? Sie kann sehen, wo sie unterkommt, ich danke
gehorsamst für die Ehre, sie weiter als Gast zu behandeln. Und der Brief
kommt nicht ins Feuer, sondern dahin, wohin er gehört, zum Ehrenrat!«

Weil ging mit großen Schritten im Zimmer auf und ab, die Hände in den
Taschen vergrabend. Sein finsterer Blick verriet Empörung und
Entschlossenheit.

»Wenn ich Dir raten soll,« begann die Gattin zaghaft, »dann stecke den
Brief in den Ofen und schweige die Geschichte tot. In zwei Tagen geht
sie ja doch fort und dann ist so wie so alles zu Ende. Nur laß die
Finger aus der Geschichte, denn du bekommst nur die tollsten
Unannehmlichkeiten! Und dann denke doch an den armen Major!«

»Ich tue, was ich gesagt habe, dabei bleibt es, derartige Sachen
verstehst du nicht zu beurteilen! Ich lasse mir nicht gefallen, daß
diese Person ihre Wirtschaft mit dem Lumpen, diesem Kolberg, aus meinem
Hause heraus fortsetzt. Soviel Anstandsgefühl muß sie sich noch gerettet
haben, diese Geschichten jetzt bleiben zu lassen, solange sie bei
anständigen Leuten zu Gaste ist. Eine Gemeinheit ist das, eine
Schweinerei sondergleichen!«

Frau Weil gab es auf, noch weiter auf ihren Gatten einzureden, denn sie
kannte seinen Zorn und seine Unerbittlichkeit, wenn er sich etwas
vorgenommen hatte. Sie zog die Stirn in Falten und blickte sinnend in
das rote Licht des Kamins, dessen flackerndes Feuer zitternde Schatten
auf den Teppich warf.

»Es ist angerichtet!« meldete das Dienstmädchen.

»Sagen Sie, Minna, wo haben Sie den Brief gefunden?« redete der
Oberleutnant sie an.

»Er lag auf dem Korridor unter dem Kleiderständer, er muß wohl jemand
aus der Tasche gefallen sein.«

»Es ist gut, Sie können gehen!«

Schweigend setzte sich das Ehepaar zu Tisch. Weil machte ein böses
Gesicht, und seine Gattin schaute mit hochgezogenen Augenbrauen nicht
von ihrem Teller auf. Sie blickte erst mit ängstlicher Miene nach ihrem
Manne hinüber, als die Korridortür geöffnet und Frau Kahle's Stimme
hörbar wurde.

»Sie kommt, Max! Mache um Gotteswillen keine Szene! Denke an die
Dienstboten, die können alles hören!«

Weil aber antwortete nichts, blickte auch nicht nach der Tür, als diese
sich jetzt auftat und Frau Major hereintrat.

Ihr Gesicht glühte, und die Augen schimmerten in feuchtem Glanz. Das
blonde Haar war verwirrt und eine Nadel stahl sich aus dem großen Knoten
am Hinterkopfe. Zwei Knöpfe der luftigen Sommerblouse standen offen, und
aus der Öffnung schaute ein kleiner Zipfel zierlicher weißer Spitzen
hervor.

»Guten Abend, meine Herrschaften!« rief die Eintretende mit heiterer
Stimme dem Ehepaare entgegen, »verzeihen Sie meine Verspätung, aber Frau
Klein forderte mich auf, mit ihr zur Stadt hinüber zu fahren und dadurch
wurde es etwas spät. Es war reizend, wir waren im Kaffee und haben
Besorgungen gemacht!«

Weil erhob sich steif und trat seinem Gast gegenüber.

»Gnädige Frau!« sagte er ernst und ruhig, »es ist unnötig und
vergebliche Mühe Ihrerseits, uns über den Zweck Ihrer Abwesenheit heute
Abend täuschen zu wollen. Der Brief, der am Nachmittag für Sie ankam und
durch einen Zufall in unsere Hände gelangt ist, beweist in
unzweideutiger Form, daß Sie das Ihnen gewährte Gastrecht in
schändlicher Weise gemißbraucht haben. Darf ich Sie bitten, so bald als
möglich, spätestens aber bis morgen früh, mein Haus zu verlassen. Heute
Abend wollen Sie uns gütigst allein lassen.«

Er machte eine steife Verbeugung und ließ sich wieder am Tisch nieder.

Frau Kahle stand einen Augenblick wie versteinert im Halbdunkel des
Zimmers, dann griff sie hastig nach ihrer Tasche. Die Hand suchte einen
Augenblick, dann wandte sich die Frau Major schweigend dem Ausgange zu
und ging nach ihrem Zimmer, dessen Tür sie heftig hinter sich zuwarf.

Nach dem Abendessen schritt der Oberleutnant zu seinem Schreibtisch,
zündete die grünverschleierte Lampe an und setzte sich in den Sessel.
Dann entnahm er einer Schublade einen großen Bogen weißes Papier,
tauchte die Feder ein und legte beides vor sich hin.

Eine halbe Stunde saß er zurückgelehnt und blickte sinnend auf den
weißen Bogen, dann ergriff er den Federhalter und begann zu schreiben.

Seine Gattin saß indes mit sorgenvoller Miene 

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