Gutenberg · eo1.org

← catalogue

Friedrich Arnold Brockhaus, Sein Leben und Wirken. Erster Theil

by Heinrich Eduard Brockhaus · German · Gutenberg #44677 · 911,406 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Friedrich Arnold Brockhaus, Sein Leben und Wirken. Erster Theil
    
This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
of the Project Gutenberg License included with this eBook or online
at www.gutenberg.org. If you are not located in the United States,
you will have to check the laws of the country where you are located
before using this eBook.

Title: Friedrich Arnold Brockhaus, Sein Leben und Wirken. Erster Theil

Author: Heinrich Eduard Brockhaus


        
Release date: January 15, 2014 [eBook #44677]
                Most recently updated: October 24, 2024

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/44677

Credits: Produced by Constanze Hofmann, Karl Eichwalder, Norbert
        Müller and the Online Distributed Proofreading Team at
        http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned
        images of public domain material from the Google Print
        project.)


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK FRIEDRICH ARNOLD BROCKHAUS, SEIN LEBEN UND WIRKEN. ERSTER THEIL ***

          Friedrich Arnold Brockhaus.

                 Erster Theil.




            [Illustration: Portrait]




    ~Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.~




          Friedrich Arnold Brockhaus.

             Sein Leben und Wirken

 nach Briefen und andern Aufzeichnungen geschildert


                      von

                  seinem Enkel

           Heinrich Eduard Brockhaus.


                 Erster Theil.


  Mit einem Bildniß nach Vogel von Vogelstein.

          [Illustration Verlagsemblem]

                    Leipzig:
                F. A. Brockhaus.

                     1872.




                    Vorwort.


Am 4. Mai dieses Jahres sind hundert Jahre seit dem Tage verflossen, an
welchem

          #Friedrich Arnold Brockhaus#

geboren wurde. Dem Gedächtnisse des Verewigten sollen bei dieser
Jubelfeier nachfolgende Blätter geweiht sein.

       *       *       *       *       *

Kaum mehr als die Hälfte dieses Zeitraums war ihm zu leben vergönnt:
am 20. August 1873 werden es funfzig Jahre, daß er im kräftigsten
Mannesalter den Seinigen und seinem Wirken entrissen worden ist. Und
nur achtzehn von den einundfunfzig Jahren seines Lebens wirkte er in
dem Berufe, zu dessen hervorragendsten und verdientesten Vertretern er
gehört.

Was er in dieser kurzen Spanne Zeit erstrebt und geschaffen, gibt ihm
den Anspruch darauf, daß sein Gedächtniß in Ehren gehalten, sein Leben
und Wirken der Nachwelt vorgeführt werde. Friedrich Arnold Brockhaus
verdient ein Blatt in der Geschichte des deutschen Buchhandels, und der
Versuch, ihm ein solches zu widmen, bedarf darum keiner Rechtfertigung.

Dagegen erscheint eine Erklärung nöthig, weshalb ein solcher Versuch
nicht schon früher gemacht wurde.

Der Grund liegt hauptsächlich darin, daß für eine Biographie desselben
nur ein ungenügendes, geringes und lückenhaftes Material vorhanden
ist. Deshalb kam auch die bald nach seinem Tode von einem Freunde,
Professor Friedrich Christian August Hasse in Dresden, gehegte Absicht,
ihm ein literarisches Denkmal zu errichten, nicht zur Ausführung, obwol
er vor Vielen dazu berufen und befähigt gewesen wäre. Aus gleichem
Grunde trat in späterer Zeit der Gedanke an eine ausführlichere
biographische Schilderung immer mehr in den Hintergrund, je weniger es
trotz mehrfacher Bemühungen gelingen wollte, jene Lücken auszufüllen.
Die an den Tagen des 13. und 14. Juli 1856 begangene Jubelfeier des
funfzigjährigen Bestehens der Firma F. A. Brockhaus ließ den Wunsch nach
einer Lebensschilderung ihres Begründers wieder lebhafter hervortreten,
und sein hundertjähriger Geburtstag erschien als der passendste
Zeitpunkt zur Ausführung.

Der Unterzeichnete, ein Enkel des Verstorbenen, übernahm die schwierige
Aufgabe; er fühlt vor allem die Verpflichtung, sich wegen dieses
Wagnisses zu entschuldigen, und muß dabei zunächst von sich selbst
sprechen.

       *       *       *       *       *

Wie mein Vater Heinrich Brockhaus, der seit dem Tode seines Vaters, bis
1850 zusammen mit seinem ältern Bruder Friedrich, an der Spitze des
Geschäfts steht, und dessen funfzigjährige buchhändlerische Wirksamkeit
wir gleichzeitig mit dem hundertjährigen Geburtstage seines Vaters
feiern können, und wie mein jüngerer Bruder Heinrich Rudolf, habe ich
es mir zur Lebensaufgabe gemacht, die Firma F. A. Brockhaus im Geiste
ihres Gründers fortzuführen. Seit über 20 Jahren ihr angehörend, hegte
ich von jeher den lebhaften Wunsch, mich mit dem Leben meines Großvaters
näher bekannt zu machen und es dann auch Andern zu schildern. Meine
hohe Achtung für ihn und sein Wirken als Buchhändler stieg immer mehr,
je vertrauter ich mit seinen Schöpfungen wurde. Ich beschäftigte
mich eingehend mit dem trotz der Lückenhaftigkeit sehr umfänglichen
Material an Briefschaften sowie mit den Verlagsartikeln unserer Firma
aus jener Zeit, und es gelang mir auch wenigstens von einigen Seiten
wichtige Vervollständigungen jenes Materials zu erlangen. Als diese
wichtige Vorarbeit beendigt war, erkannte ich freilich, daß es nur
verhältnißmäßig Weniges sein würde, was ich daraus zusammenstellen
könnte, doch aber mußte ich mir sagen, daß es zu bedauern wäre, sollte
auch dieses Wenige verloren gehen. So ist es mir als Pflicht erschienen,
lieber das zu geben, was ich geben konnte, als, vor der Schwierigkeit
der Aufgabe zurückschreckend, die bessere Ausführung einer ungewissen
Zukunft zu überlassen.

Denn auch die Ueberzeugung mußte ich bald gewinnen, daß ein ferner
Stehender oder einer spätern Generation Angehörender noch weniger im
Stande sein würde, ein einigermaßen treues Lebensbild meines Großvaters
zu entwerfen. Ich habe ihn allerdings nicht mehr persönlich gekannt --
er starb sechs Jahre vor meiner Geburt; aber außer meinem Vater theilte
mir mein Onkel, Professor Hermann Brockhaus, der mich auch bei meiner
Arbeit vielfach durch seinen Rath unterstützt hat, manches Nähere über
mir sonst unbekannt gebliebene Verhältnisse mit, und ich konnte dadurch
sowie durch mündlichen und schriftlichen Verkehr mit Männern, die ihn
noch selbst gekannt hatten, jenen für einen Biographen stets mislichen
Mangel einigermaßen ersetzen.

Als bloßen Versuch einer Biographie bitte ich aber meine Schilderung
anzusehen und, wenn sie selbst geringe Erwartungen nicht befriedigen
sollte, dies wenigstens zum Theil Umständen, die außer mir liegen,
zuzuschreiben.

Ich bin nicht berufsmäßiger Schriftsteller, sondern praktischer
Geschäftsmann; außer der selbst bei vollständiger Befähigung
erforderlichen Uebung fehlte mir aber auch die zu einer bessern Lösung
der Aufgabe nöthige Zeit.

Mit an der Spitze eines umfangreichen Geschäfts stehend, konnte ich nur
die wenigen Stunden der Muße und die sonst der Erholung bestimmte Zeit
zuerst auf die Lektüre der Tausende von Briefen sowie der einschlagenden
Literatur, dann auf die Ausarbeitung verwenden. So habe ich auf dem
Comptoir und zu Hause, auf dem Redactionsbureau und auf dem Reichstage,
namentlich aber auf Erholungsreisen, in Dresden und Thüringen, im
Seebade auf der Insel Wight und der Insel Sylt, seit Jahren fast
jede freie Stunde, seltener einige Wochen, der Arbeit gewidmet. Eine
zusammenhängende längere Zeit ausschließlich für sie zu gewinnen war mir
unmöglich.

       *       *       *       *       *

Meine nächste Absicht war ferner nur die: den Mitgliedern der Familie
sowie den Angehörigen und Freunden unserer Firma ein Lebensbild
von Friedrich Arnold Brockhaus darzubieten, aus seinen und aus den
an ihn gerichteten Briefen das nach meiner Ansicht Wesentliche und
Charakteristische mitzutheilen, und nur so viel, als zum bessern
Verständniß desselben ganz nothwendig erschien, hinzuzufügen. Erst
während der Arbeit gewann ich die Ansicht, daß meine Mittheilungen
doch auch für weitere Kreise, zunächst für den deutschen Buchhandel,
Interesse haben könnten, und ich entschloß mich deshalb, sie nicht, wie
anfänglich beabsichtigt, blos als Manuscript für die Familie und für
Freunde drucken zu lassen, sondern sie auch allgemein zugänglich zu
machen. Ich hoffe damit zugleich meinerseits eine Anregung zu geben,
daß auch andere Buchhandlungen künftig mehr als bisher Mittheilungen
aus ihren Geschäftspapieren als Beiträge zu einer leider noch nicht
geschriebenen Geschichte des deutschen Buchhandels veröffentlichen.
Manche der abgedruckten Briefe und andern Actenstücke sowie die mit
möglichster bibliographischer Genauigkeit angefertigten Uebersichten
über die Verlagsthätigkeit meines Großvaters dürften wol auch auf
ein literarhistorisches Interesse Anspruch machen. Bei letztern hat
mir besonders der gleichzeitig mit diesem Buche von meinem Vater
herausgegebene chronologische Katalog der von 1806 bis 1872 im Verlage
der Firma F. A. Brockhaus erschienenen Werke, mit biographischen und
literarischen Notizen, treffliche Dienste geleistet.

       *       *       *       *       *

Was die bei meiner Arbeit befolgte Methode betrifft, so habe ich es mir
zur Pflicht gemacht, die Auszüge aus Briefen und andern Aufzeichnungen
meist mit den Worten der Verfasser wiederzugeben, nicht in Bearbeitung.
Dieser wichtigste Bestandtheil der Arbeit ist von meinen mehr als
verbindendes Glied dienenden Bemerkungen auch äußerlich durch den
Druck unterschieden. Ich weiß, daß von Vielen die entgegengesetzte
Art, die Verarbeitung von Briefen und sonstigen Actenstücken zu
einer selbständigen neuen Schöpfung des Biographen, vorgezogen wird.
»Friedrich Perthes' Leben« von dessen Sohne Clemens Theodor Perthes
ist das mustergültige Beispiel einer in dieser Weise ausgeführten
Biographie. Allein abgesehen davon, daß eine solche Behandlung einen
Meister der Biographie verlangt, als welcher sich der Verfasser jenes
Werks bewährt und dasselbe zu einer Zierde unserer Literatur gemacht
hat, gestattete mir schon die Beschaffenheit meines Materials ein
ähnliches Verfahren nicht. Aus manchen Lebensperioden meines Großvaters,
zum Theil den wichtigsten, war so gut wie nichts vorhanden, über seine
Jugend und sein erstes Mannesalter wesentlich nur ein von ihm selbst
verfaßter Rückblick, während aus andern Jahren wieder zahlreichere
Mittheilungen vorlagen. So blieb mir nach reiflicher Prüfung nichts
Anderes übrig, als das Wenige, was ich fand, möglichst vollständig
und wortgetreu zu veröffentlichen. Daraus erklärt und entschuldigt
sich auch die größere Ausführlichkeit mancher minder wichtiger, die
verhältnismäßige Kürze anderer wichtigerer Abschnitte.

Da ich den Namen Friedrich Perthes genannt habe, kann ich es mir
nicht versagen, darauf hinzuweisen, daß der hundertjährige Geburtstag
beider Männer beinahe zusammenfällt und daß ich diese Zeilen zum
Gedächtniß von Friedrich Arnold Brockhaus gerade an dem hundertjährigen
Geburtstage von Friedrich Perthes niederschreibe. Perthes und
Brockhaus gehören unzertrennlich zueinander als zwei Männer, auf die
der deutsche Buchhandel gleichmäßig stolz sein kann. Wie in ihrer
Geburt, so berührten sie sich auch vielfach in ihrem Leben und Wirken
als Buchhändler und als deutsche Patrioten; wie sie persönlich nahe
befreundet waren, werden auch nach dem Tode ihre Namen zusammen
fortleben.

Daß ich in dem von mir Geschilderten nicht allein den Gründer unserer
Firma, sondern auch meinen Großvater verehre, hat mich nicht abgehalten,
die erste Pflicht jedes gewissenhaften Biographen: immer die Wahrheit
und zwar die volle Wahrheit zu sagen, auszuüben und obenan zu stellen.
Ich habe dies auch in solchen Fällen gethan, wo die Erfüllung dieser
Pflicht mir nicht leicht wurde, und alle entgegenstehenden Bedenken
fallen lassen. Auch Privatverhältnisse glaubte ich nicht übergehen oder
mich auf bloße Andeutungen darüber beschränken zu dürfen, wenn ihre
Vorführung zur Schilderung des äußern Lebens oder zur Charakterisirung
wesentlich erschien.

Auch einen andern Fehler, in den häufig Biographen verfallen, bin ich
bestrebt gewesen zu vermeiden: den von mir oft empfundenen Uebelstand,
daß der Geschilderte lediglich verherrlicht und als Mittelpunkt der
ganzen Zeit, in der er gelebt und gewirkt, hingestellt wird.

       *       *       *       *       *

Nur die Hälfte meiner Arbeit lege ich gegenwärtig vor und habe sie als
ersten Theil bezeichnet, da sich während der Abfassung und nach schon
begonnenem Drucke bald die Unthunlichkeit herausstellte, das Ganze in
einem Bande und zu dem gebotenen Termine zu vollenden.

Dieser erste Theil schildert das Leben von Friedrich Arnold Brockhaus
bis zu seiner Uebersiedelung nach Leipzig und zwar zunächst die Jugend
und sein erstes Wirken in Dortmund, dann die Zeit in Amsterdam, darauf
die Zwischenperiode vor seiner Niederlassung in Altenburg, endlich die
in Altenburg verlebten Jahre. Das beigegebene Bildniß ist nach einem
von dem Maler Vogel von Vogelstein in Dresden gezeichneten Porträt
gestochen, das als sehr getroffen gilt.

Der zweite Theil ist dem leider nur sehr kurzen Wirken des Verewigten
in Leipzig gewidmet und soll außer seiner dort entwickelten lebhaften
Verlagsthätigkeit auch die zahlreichen literarischen Streitigkeiten
schildern, in die er damals verwickelt wurde, seine Kämpfe gegen
den Nachdruck und für eine gesetzliche Regelung der deutschen
Preßgesetzgebung, die durch eine Recensur seines Verlags in Preußen
entstandenen Schwierigkeiten, endlich die letzte Lebenszeit.

Diesen zweiten Theil hoffe ich dem ersten bald folgen lassen und damit
das Werk vollständig vorlegen zu können.

       *       *       *       *       *

Zum Schluß fühle ich noch die Verpflichtung, allen Denen zu danken, die
mich durch Ueberlassung von Briefen, durch Ertheilung von Auskünften
oder in anderer Weise bei meiner Arbeit unterstützt haben. Ihre Zahl ist
so groß, daß ich darauf verzichten muß, ihnen hier einzeln meinen Dank
auszusprechen.

Freilich kann ich aber auch nicht umhin, zugleich der Hoffnung Ausdruck
zu geben, daß mir aus Anlaß der Veröffentlichung dieses ersten Theils
noch manche werthvolle Beiträge zur Ausfüllung der vorhandenen Lücken
zufließen werden. Diese Ergänzungen sowie jede Berichtigung meiner
Darstellung werde ich auf das gewissenhafteste und dankbarste benutzen.

       *       *       *       *       *

Ich empfehle meine Arbeit dem Wohlwollen und der Nachsicht meiner Leser.

#Leipzig#, 21. April 1872.

                                    _Dr._ Heinrich Eduard Brockhaus.




           Inhalt des ersten Theils.


  #Vorwort#                                                          V

  #Erster Abschnitt.# Anfänge.

    1. Vorfahren.                                                    3
    2. Jugendzeit und erstes Mannesalter.                           14
    3. Der Hiltrop'sche Proceß.                                     21
    4. Ein Rückblick.                                               33

  #Zweiter Abschnitt.# In Amsterdam.

    1. Kaufmännische Thätigkeit.                                    41
    2. Errichtung einer Buchhandlung.                               49
    3. Erste journalistische Verlegerthätigkeit.                    60
    4. Weitere Verlagsthätigkeit.                                   83
    5. Reisen zur leipziger Buchhändlermesse.                      101
    6. Zerwürfnisse mit Baggesen.                                  121

  #Dritter Abschnitt.# Von Amsterdam nach Altenburg.

    1. Ende des amsterdamer Aufenthalts.                           155
    2. Vier Monate in Leipzig.                                     181
    3. Beziehungen zur Hofräthin Spazier.                          190
    4. Abschluß der amsterdamer Zeit.                              223

  #Vierter Abschnitt.# In Altenburg.

    1. Neues Leben.                                                251
    2. Neue Verlagsthätigkeit.                                     270
    3. Die »Deutschen Blätter«.                                    306
    4. Geschichtliche und encyklopädische Verlagsthätigkeit.       356




               Erster Abschnitt.

                    Anfänge.




                       1.

                   Vorfahren.


Die Familie, welcher Friedrich Arnold Brockhaus entstammt, gehört
Westfalen an, wo sie sich durch zwei Jahrhunderte verfolgen läßt; sie
ist dort noch jetzt in mehrern Zweigen vertreten, während er selbst und
die von ihm gegründete Firma sich in Leipzig niedergelassen haben.

Die Vorfahren von Friedrich Arnold Brockhaus waren fast sämmtlich
geistlichen Standes, und unter ihnen befindet sich eine Reihe verdienter
evangelischer Pastoren; auch viele Glieder der in ihrem Vaterlande
gebliebenen Zweige der Familie haben sich diesem Berufe wieder gewidmet.

Der Erste des Namens Brockhaus, von dessen Leben etwas bekannt ist,
war Adolf Heinrich Brockhaus, Pastor zu St.-Thomä in Soest, geboren
in Altena (einer kleinen Stadt im westfälischen Sauerlande, nahe bei
Lüdenscheid), 1699 ordinirt und 25 Jahre lang, bis 1724, in seinem
Amte wirkend. Im Kirchenbuche wird gesagt, daß er ein sehr tüchtiger,
fleißiger, ehrsamer, von Allen geliebter Pastor war und an seiner
Beerdigung die ganze Gemeinde theilnahm. Er war verheirathet mit
Margarethe Katharine Sybel, einer alten Predigerfamilie in Soest
angehörend, mit welcher die Familie Brockhaus noch mehrfach in
Verwandtschaftsverhältnisse trat.

Aus früherer Zeit ist über die Familie nichts Sicheres zu erfahren,
da die ältern Kirchenbücher von Altena nicht mehr vorhanden sind. Wir
wissen deshalb auch nicht, ob die Familie schon länger in Altena lebte
oder von anderswoher dahin gekommen war. In Altena wird zwar noch ein
Vorfahr, Eberhardt Brockhaus aus Unna, seit 1665 als Vicar (zweiter
Prediger) genannt[1]; aber auch über ihn und seine Verwandtschaft mit
dem Pastor Adolf Heinrich ist nichts bekannt. Nach Familientraditionen
sollen die Vorfahren schon seit den Anfängen der Reformation lutherische
Prediger in Westfalen gewesen sein.

       *       *       *       *       *

Mit dem bekannten holländischen Philologen und Dichter Brockhusius
(eigentlich Jan van Broekhuizen, gewöhnlich Janus Broukhusius genannt),
geb. 20. November 1649 zu Amsterdam, gest. 15. December 1707, scheint
die westfälische Familie Brockhaus in keinem Zusammenhang zu stehen. Die
vielfach verbreitete Annahme, daß dies der Fall sei, beruht außer auf
der Aehnlichkeit beider Namen wahrscheinlich nur darauf, daß Friedrich
Arnold Brockhaus eine Zeit lang in Amsterdam gelebt hat.

Mit dem Geschlechte der Erp oder Erpp von Brockhauß (auch Brockhuß und
Brockhausen geschrieben) läßt sich ebensowenig eine Verwandtschaft
nachweisen, obwol sie wahrscheinlich ist, da diese Familie gleichfalls
aus Westfalen zu stammen scheint. Der Bekannteste aus derselben ist
Simon Anton Erp von Brockhauß oder Brockhausen, geb. 14. Mai 1611 zu
Lemgo, 1647 Professor der Rechte am Gymnasium zu Bremen, 1650 Rathsherr,
1665 Gesandter auf dem Reichstage zu Regensburg, später Bürgermeister
von Bremen, gest. 18. November 1682.[2] Auf dem Titel seiner 1640 in
Helmstedt gedruckten Doctordissertation: »_De litis contestatione_«,
ist er ausdrücklich als Westfale bezeichnet. Nach mehrern auf der
Bibliothek zu Bremen aufbewahrten Fliegenden Blättern hieß sein Vater
Johann Erp von Brockhauß und war »_Utriusque juris Doctor_, der
fürstlichen Aebtissin zu Hervord, Gräflich Bentheim-Tecklenburg'scher
und Lippe'scher Geheimrath und Hofgerichtsassessor«, sein Großvater
Tilemann Erp von Brockhauß war »Hochgräflich Hoy'scher und Lippe'scher
Geheimrath und Drost zu Hoya, Ucht und Freudenberg«. Jahreszahlen sind
bei Beiden nicht angegeben. Simon Anton hinterließ keine Söhne, nur
zwei Töchter, sodaß mit ihm der Mannesstamm erlosch. Dagegen ist auf
einer juristischen Dissertation aus Helmstedt: »_De nuptiis_«, 1654
gedruckt, als Verfasser Anton Christian Erp Brockhuß genannt, mit dem
Zusatz _Old._ (aus Oldenburg), jedenfalls der Abkömmling eines andern
oldenburger Zweigs der Familie.

In keiner verwandtschaftlichen Beziehung zu der westfälischen Familie
Brockhaus scheint das pommersche Geschlecht Brockhausen zu stehen, das
in alten Urkunden Brockhuß, später aber auch Bruckhausen und Brockhusen
geschrieben wird. Der erste 1511 urkundlich Genannte dieses Geschlechts
ist Jürgen Brockhuß zu Groß-Justin im Kreise Cammin. Ein Nachkomme
desselben war der preußische Staatsminister Karl Friedrich Christian
Georg von Brockhausen (gest. 1829).

       *       *       *       *       *

Ein Sohn des zuersterwähnten Pastors zu St.-Thomä in Soest, ebenfalls
mit Namen Adolf Heinrich Brockhaus, wurde 1740 von einer andern Gemeinde
der Stadt Soest, der zu St.-Walpurgis, zum Pastor gewählt. Seine Tochter
Josina verheirathete sich mit einem Pastor Sybel in Soest; ihr Enkel ist
der Geschichtschreiber Heinrich von Sybel in Bonn.

Ein anderer, wahrscheinlich älterer Sohn des Pastors zu St.-Thomä,
Johann Diederich Melchior Brockhaus, geb. 1. Februar 1706, wurde mit 23
Jahren, am 1. December 1728, zum Pastor in Meyerich bei Kirch-Welver
erwählt (beide Orte liegen zwischen Soest und Hamm, das Dorf Meyerich
westlich, die Kirche zu Welver östlich, von schönem Eichenwald umgeben;
in Meyerich befindet sich das Pfarrhaus, während die Kirche der Gemeinde
in Welver steht). Er starb 70 Jahre alt, am 16. November 1775, nachdem
er sein Amt 47 Jahre lang bekleidet hatte.

Johann Diederich Melchior Brockhaus hat in dem Kirchenbuche von Welver
außer den kirchlichen Notizen hier und da besondere Ereignisse aus
seiner amtlichen Thätigkeit verzeichnet, die ihn selbst trefflich
charakterisiren und zugleich als interessante Beiträge zur Zeit- und
Sittengeschichte aufbewahrt zu werden verdienen.

Die erste und ausführlichste Mittheilung, durch die Ueberschrift »_In
memoriam successorum_« als ein Fingerzeig für seine Amtsnachfolger
bezeichnet, betrifft einen Conflict des eifrig protestantisch gesinnten
Pastors mit einem katholischen Kloster. Dieses, ein Nonnenkloster,
befand sich ganz in der Nähe der Kirche zu Welver, und seine
Nachbarschaft scheint dem würdigen Pastor Melchior viel Sorge und Kampf
bereitet zu haben.

Ueber die kirchlichen Verhältnisse daselbst sagt ein competenter
Geschichtschreiber[3]:

  Die Reformation ward in Welver definitiv im Jahre 1565 eingeführt.
  Freilich werden schon vorher evangelische Prediger genannt; allein
  die Gemeinde war erst seit dem genannten Jahre dem evangelischen
  Bekenntniß entschieden zugethan. Nur das in Welver befindliche
  freiadeliche Cistercienserinnenkloster, welches über die Pfarrei das
  Collationsrecht hatte, blieb katholisch. Der evangelischen Gemeinde
  erwuchsen hieraus oft die schwersten Bedrängnisse. Namentlich
  hatte dieselbe zur Zeit des Dreißigjährigen Kriegs zu leiden,
  indem ihr durch Militärgewalt die Kirche entzogen und in derselben
  der katholische Gottesdienst restaurirt wurde. Doch bald nach dem
  Friedensschluß wurde am 19. December 1649 auf Befehl des Kurfürsten
  Friedrich Wilhelm durch den Drosten von Neuhoff zu Altena und den
  Richter _Dr._ Zahn zu Unna unter Hinzuziehung des Magistrats von Soest
  den Evangelischen die Pfarrkirche wieder überwiesen.

  Späterhin machte das Kloster wiederholt den Versuch, durch seinen
  Beichtiger in der Gemeinde Parochialhandlungen verrichten zu lassen.
  Ein hierdurch veranlaßter heftiger Rechtsstreit wurde endlich durch
  ein Decret vom 1. September 1709 dahin entschieden, daß dem Kloster
  nur das Recht, innerhalb seiner Ringmauern (aber nicht außerhalb
  derselben) Ministerialhandlungen verrichten zu lassen, zuerkannt wurde.

Aus Anlaß dieser Verhältnisse entstanden natürlich häufige Reibungen
zwischen dem evangelischen Pastor und der Aebtissin des katholischen
Klosters. Die erwähnte eigenhändige Mittheilung des Pastors Melchior
lautet:

  Nachdem der zeitige evangelisch-lutherische Prediger zu Welver,
  Johann Diederich Melchior Brockhaus, vernommen, daß die Nonnen zu
  Welver bei ihrer abgöttischen Procession ihre Knechte pflegten
  zu gebrauchen, daß sie den sogenannten Himmel (worunter das
  _abominabile_[4] getragen wird) und die Fahnen (die vorhergetragen
  werden) müssen tragen, und _anno_ 1732 vier lutherische Knechte aus
  hiesiger Gemeinde im Kloster wohnen, so habe ich als ihr Seelsorger
  dieselben Knechte zu vier verschiedenen Malen gewarnt, sich dieser
  Abgötterung nicht theilhaftig zu machen, auch bedroht, daß ich sie
  im Contraventionsfalle ohne vorhergehende Kirchenbuße nicht zum
  heiligen Nachtmahl administriren würde, nämlich 1) _privatim_, 2) im
  Beichtstuhl, 3) ordentlich auf der Kanzel _Dom. VI. p. pascha_ und 4)
  am heiligen Pfingsttage nach der Nachmittagspredigt auf der Kanzel.
  Demungeachtet aber hat die damalige unruhige _abdissin Biscopime_
  zwei von diesen Knechten durch 4 Butten Bier dazu _persuadirt_ oder
  gezwungen (wie so hernach _coram protocollo ecclesiastico_ gestanden),
  daß Einer die Fahne, die Anderen den blauen Himmel tragen sollten
  und sind vor der _monstrance_ in die Knie gefallen. Wie ich nun am
  folgenden Sonntage die Bosheit dieser Knechte öffentlich bestrafte
  und sie 2 mal ins Kirchengebet geschlossen, schickte die verwegene
  _abdissin_ 3 Kerls zu mir ins Haus und ließ mich fragen, warum ich
  gegen ihre Knechte so scharf gepredigt. Darauf ich aber die Antwort
  gab, sie sollten den Nonnen wiedersagen, sie haben sich um mein Amt
  gar nicht zu kümmern und wäre ich allein verbunden Gott und unserm
  Könige Rechenschaft davon zu geben. Darauf fragte ich die 3 Kerls, wie
  sie daran kämen, daß sie mich in meinem Hause zur Rede stellten, nahm
  den Besen und jagte sie zum Hause heraus.

  Wie nun nach einiger Zeit die Knechte zum heiligen Abendmahl gingen,
  mußten sie sich erst ordentlich durch die Kirchenbuße mit der Gemeinde
  aussöhnen.

  Darauf wurde nun diese Sache in _Cleve_ anhängig gemacht, da denn
  sowohl an den Großrichter, als an den _Magistrath_ ein _rescript_
  kam, die Sache genau zu untersuchen und die _interessirten persohnen_
  eidlich abzuhören, damit die _abdissine_ sich nicht zu beschweren habe.

  Wie nun kurz darauf diese unruhige _abdissine_ wegging und ich bei
  _Installation_ der neuen _abdissine_ ins Kloster zu Meßen genöthigt
  wurde, begehrte der Praelate von Campen nebst den Nonnen von mir, daß
  ich mich doch bemühen möchte, die Sache gütlich abzuthun. Die vorige
  _abdissine_ sei eine unruhige Persona gewesen, sie wollten dergleichen
  nicht wieder anfangen. Darauf antwortete ich ihnen, wenn sie mir die
  Kosten wollten wiedergeben, die an diesen _process_ gelegt, und daß
  sie es nicht wiederthun wollten, könnte die Sache liegenbleiben. Kurz
  darauf haben sie mir 10 Reichsthaler rechtlich ausbezahlt.

Nach einer Küsterwahl, die nicht nach seinem Willen erfolgte, schreibt
Pastor Melchior ins Kirchenbuch:

  Wenn nun dieser junge Mensch seinem Amte keine Genüge thun sollte
  und sonderlich die Jungens in der _information_ versäumen, so fordere
  ich, daß die Verwahrlos'ten von meinen Händen nicht gefordert
  werden. Dem allwissenden Gott, wie auch meiner ganzen Gemeinde ist
  bekannt, daß ich auf ein tüchtiges _subjectum_ sehe, nämlich auf den
  Schulmeister in _Catrop_. Ich habe aber der Gewalt weichen müssen. Was
  nun verwahrlos't und versäumt wird, das kommt auf die Menschen, welche
  diesem jungen Menschen dazu behülflich gewesen.

Bei einer andern Küsterwahl trägt der Pastor mit Stolz ins Kirchenbuch
ein, daß er das katholische Kloster durch ein drastisches Mittel, wie
er sie überhaupt geliebt zu haben scheint, verhinderte, an derselben
theilzunehmen:

  Das Kloster schickte (wie das wohl geschehen sollte) den Vogt in die
  evangelische Kirche, daß er im Namen des Klosters votiren sollte. Ich
  fragte ihn, was er wollte? Nichts. Darauf nahm ich den Chorstock[5]
  und trieb ihn vor mir her zum großen Gelächter der ganzen Gemeinde aus
  der Kirche und ließ die Kirche zuschließen.

  Ist also dieser Küster ohne _consens_ und _collation_ des Klosters
  erwählt, es ist auch bei der Wahl Niemand vom Rathhause zugegen
  gewesen; auch über 1½ Jahr von mir allein in Gegenwart des
  Lehnherrn auf dem Chor eingeführt und ist kein Vogt dabei gewesen.

Endlich hat der Pastor Melchior auch einen geheimnißvollen Vorfall
verzeichnet, ohne hinzuzufügen, was er selbst davon halte:

  1757, den 7. October, hat sich des Abends um 7 Uhr Folgendes in
  unserer Kirche zugetragen.

  Wie die Fräuleins des Klosters Welver um bemerkte Zeit in ihre
  Kirche gehen wollten, sehen sie, daß es in unserer Kirche helle ist.

  Wie sie nun vermuthen, es möchten Diebe in der Kirche sein, müssen
  nicht nur alle Bediente des Klosters, sondern auch die Leute, so zu
  Welver am Kirchhofe wohnen, unsere Kirche besetzen. Die auch sämmtlich
  das Licht in unsrer Kirche gesehen.

  Wie nun der Küster gezwungen wird, die Kirche zu öffnen, ist das
  Licht auf einmal verschwunden. Die Leute sind durch die ganze Kirche
  gegangen, ob etwas darin wäre, haben aber nichts verspürt. Ob nun
  dieses eine Vorgeschichte ist, ob und wann es soll erfüllt werden,
  wird die Zeit lehren; Gott wende Alles zum Besten.

Einige nähere Lebensumstände dieses Mannes, des Großvaters von Friedrich
Arnold Brockhaus und jedenfalls des hervorragendsten unter dessen
Vorfahren, sind durch ein altes Buch erhalten, in das er außer seinen
Ausgaben (aus deren Verzeichnung hervorgeht, daß er auch ein tüchtiger
Oekonom und guter Haushalter war) dann und wann Nachrichten über seine
Erlebnisse einschrieb.[6]

Pastor Melchior verzeichnet darin zunächst den Tag seiner Geburt und
Taufe und macht bei Nennung eines seiner Pathen, einer adelichen Dame,
die Bemerkung: »welche aber nach der Zeit zum _pabtum_ abgefallen und
ihren eigenen Taufbund gebrochen«. Dann fährt er fort:

  Gott gebe, daß mein nahme im Himmel unter der Zahl der außerwehlten
  auch möge angeschrieben stehen. Habe Dank, Du frommer Gott, daß Du
  mich wunderbarlich im mutterleibe gebildet, mit einer vernünftigen
  Seele und gesunden Gliedmaßen von frommen Eltern hast lassen gebohren
  werden und sonderlich in der heiligen Taufe einen ewigen Bund mit mir
  gemacht. Gib gnade, mein Gott, daß ich in diesem Bunde leben, leyden
  und sterben möge.

Darauf erwähnt er seiner Studienzeit. Er ging im Februar 1724 (also 18
Jahre alt) nach Halle, aber schon am 6. Juli dieses Jahres nach Jena:
»weil mir die _collegia theologica_ in Halle nicht anstehen wollten«;
von da reiste er am 2. August 1726 nach Leipzig und kam am 20. August
1727 über Frankfurt a. M., Köln und Altena (wo er einmal predigte,
wahrscheinlich weil diese Stadt der Geburtsort seines inzwischen als
Pastor in Soest verstorbenen Vaters war und dort noch Verwandte von ihm
lebten) nach Hause zurück. Er machte sein Examen und predigte mehrmals,
bezog indeß im Sommer 1728 nochmals die Universität Halle »wegen des
königlichen Befehls, daß niemand sollte befördert werden, der nicht
zuletzt in Halle studirt«. Am 28. August 1728 wieder in Soest angelangt,
wurde er am 1. December zum Prediger nach Meyerich berufen, am 8.
examinirt, am 9. ordinirt und am 12. December installirt.

Ueber seine Studienzeit schreibt er folgende Selbstanklage nieder, die
indeß gleich der folgenden wol nicht ganz wörtlich zu nehmen ist:

  Wie ich nun mein Universitätsleben zugebracht, ist dem allwissenden
  Gott am besten bekannt. Viel gutes habe ich daselbst gelernt, aber
  auch durch Müßiggang, Verschwendung und auf andere Gott allein bewußte
  Weise mich schwerlich versündiget.

          Ach Gott, wenn mir das kömmet ein,
          Was ich mein Tage u. s. w.

Dann fährt er fort, nach Erwähnung seiner Anstellung:

  Ob es mir nun gleich an genugsamer geschicklichkeit fehlet, ich auch
  leyder sonderlich im Anfang meines ambtes Vieles versehen und also
  Blutschulden auf meine arme Seele geladen (!), so verspreche ich doch
  inskünftige zu verbessern, was ich bißanhero versehen habe, und glaube
  festiglich, daß mein getreuer Erlöser _Jesus Christus_ mit seinem
  theuern Blut meine Blutschulden tilgen werde.

Die übrigen Notizen des Tagebuchs beziehen sich meist auf Ereignisse
in seiner Familie. Er war dreimal verheirathet und hatte funfzehn
Kinder (sechs Söhne und neun Töchter), von denen neun noch vor ihm
starben, meist in sehr zartem Alter. Seine erste Frau starb im ersten
Wochenbett und zwar, wie er bemerkt: »an eben dem Tage und in eben der
Stunde, darinnen wir vorm Jahre waren copuliret; so war sie auch an eben
demselben Tage vor 25 Jahren gebohren«; er fügt hinzu: »Gott gebe allen
frommen Christen eine solche dreifach glückselige Stunde!« Mit seiner
zweiten Frau, Maria Elisabeth, Tochter des Pastors Hennecke in Soest,
war er fast zwanzig Jahre verheirathet und sie wurde die Mutter von
zehn Kindern, darunter die beiden Söhne, die seinen Namen fortpflanzten.
Zum dritten male verheirathete er sich in seinem funfzigsten Jahre mit
Klara Dorothea Quante und lebte mit ihr ebenfalls fast zwanzig Jahre,
bis an seinen Tod (1775), während seine Witwe, die ihm vier Kinder
geboren hatte, erst 1808, 83 Jahre alt, starb.

Noch einige Aeußerungen des Pastors Melchior in seinem Tagebuche seien
zu seiner Charakterisirung hier verzeichnet.

Beim Verlust eines dreijährigen Töchterchens schreibt er:

  Mein halbes Herz ist mit ihr in die Erde gescharrt. Gott gebe, daß
  wir in kurzer Zeit im Himmel uns mögen wiedersehen.

          Amen, Amen, komm du schöne
          Freudenkrone, bleib nicht lange,
          Deiner warte ich mit Verlangen.

Und bei einem ähnlichen Verluste:

  Der Herr bescheere mir ein baldiges freudiges Wiedersehen dieses und
  meiner übrigen in der Herrlichkeit triumphirenden Kinder, nach seinem
  gnädigen Willen. _Dulce meum terra tegit._ Ich habe hier wenig guter
  Tag u. s. w.

Kaum 30 Jahre alt, wurde er von heftigen Leiden am Fuße heimgesucht;
diese verloren sich nach einigen Jahren und er erreichte dann das Alter
von 70 Jahren. Während seiner Leiden schreibt er einmal:

  Doch ich will schweigen und meinen Mund nicht aufthun, der Herr
  wirds wohl machen! Ich werde doch gewiß endlich, wo nicht in dieser
  Zeit doch gewiß in der ewigkeit zu Gottes größe sagen: der Herr hat
  alles wohl gemacht!

Und nach seiner Genesung schreibt er:

  Gelobet sei der Herr täglich, Er leget uns eine Last auf, aber er
  hilft uns auch.

Der unmittelbare Amtsnachfolger dieses ersten Pastors in Meyerich war
sein zweiter Sohn Ludolph Wolrath (oder Wohlrath) Arnold Brockhaus,
geb. am 6. September 1744, eine Zeit lang Lehrer am Gymnasium zu Soest,
zum Pastor in Meyerich erwählt am 26. December 1775, also kaum sechs
Wochen nach dem Tode seines Vaters. Er trat sein Amt 1776 am Sonntage
Sexagesimä (11. Februar) an und bekleidete es 46 Jahre lang, bis 1822,
wo er es, 78 Jahre alt, wegen Altersschwäche niederlegte; er starb am 6.
Februar 1823.

Diese beiden Pastoren, Vater und Sohn, haben also zusammen fast ein
volles Jahrhundert (93 Jahre lang) derselben Gemeinde vorgestanden.
Sie sind auch Beide in der kleinen Kirche zu Welver beerdigt, wo ihre
Grabstätten durch Leichensteine bezeichnet sind. Zu ihrem Gedächtniß
hat Heinrich Brockhaus (der zweite Sohn von Friedrich Arnold) im Jahre
1869 der Kirche zu Welver ein von Professor Andreae in Dresden gemaltes
Altarbild geschenkt.

Der zweite Pastor zu Meyerich, Ludolph Wolrath Arnold Brockhaus, hatte
zwei Söhne, die sich beide gleichfalls dem geistlichen Berufe widmeten
und zwar nicht in Meyerich, aber in andern westfälischen Gemeinden
angestellt wurden: Ludolph Brockhaus, geb. am 28. September 1778, Pastor
in Lüdenscheid, und Theodor Brockhaus, geb. am 18. Mai 1780, Pastor in
Kierspe; Söhne und Enkel von ihnen wirken noch jetzt als Pastoren in
westfälischen Gemeinden.

       *       *       *       *       *

Ein zweiter Sohn des ersten Pastors zu Meyerich, der ältere Bruder
des zweiten Pastors (die übrigen vier Söhne waren noch als Kinder
gestorben) wurde der Stammvater des nicht-theologischen, kaufmännischen
und buchhändlerischen Zweigs der Familie Brockhaus. Es war dies der
Vater von Friedrich Arnold Brockhaus, Johann Adolf Heinrich (oder
Henrich) Brockhaus, geb. zu Meyerich am 21. Mai 1739. Derselbe
erlernte die Handlung in Hamm und zog dann nach der damals Freien
Reichsstadt Dortmund, wo er 1767 Katharina Elisabeth Davidis (geb.
am 22. März 1736), Witwe des _Dr. med._ Kirchhoff, heirathete und
ein Materialwaarengeschäft begründete. Er war Mitglied des Raths und
überhaupt in seiner Vaterstadt angesehen, wo er am 26. März 1811 starb.

Johann Adolf Heinrich Brockhaus hatte zwei Söhne, die er für seinen
Beruf, den kaufmännischen, bestimmte.

Der ältere, Gottlieb Brockhaus, geb. am 4. September 1768, übernahm das
väterliche Geschäft und blieb bis an sein Lebensende (30. Mai 1828) in
Dortmund.

Der jüngere Sohn war Friedrich Arnold Brockhaus, dessen Leben und Wirken
die nachfolgenden Blätter gewidmet sind.




                       2.

       Jugendzeit und erstes Mannesalter.


Friedrich Arnold Brockhaus wurde zu Dortmund am 4. Mai 1772 geboren.
Nach dem Kirchenbuche der evangelischen Sanct-Reinoldi-Kirche daselbst
(bei welcher sein Vater das Amt eines Diakonen bekleidete) erhielt er
in der am 8. Mai im Hause des Predigers Mellmann vollzogenen Taufe die
Namen David Arnold Friederich, doch scheint er den erstern Vornamen nie
geführt zu haben und die beiden andern gebrauchte er in umgekehrter
Reihenfolge; sein Rufname war Arnold. Taufzeugen waren: David Friedrich
Davidis, Subdelegatus und Pastor zu Wennigern (wahrscheinlich der
Bruder seiner Mutter), Ludolph Wolrath Arnold Brockhaus, Lector an dem
Gymnasium zu Soest (der spätere Pastor zu Meyerich, ein jüngerer Bruder
seines Vaters) und Jungfrau Maria Elisabeth Davidis (vermuthlich eine
Schwester seiner Mutter).

Seine Jugendzeit verlebte er in Dortmund. Für den Kaufmannsstand, zu
dem ihn sein Vater bestimmt hatte, zeigte er anfangs keine besondere
Neigung, dagegen von frühester Jugend an das lebhafteste Interesse
für die Literatur. Sein Vater suchte diese Neigung auf alle Art zu
unterdrücken und stellte ihn deshalb, während er ihn das dortige
Gymnasium besuchen ließ, in den Freistunden in seinem Verkaufsladen mit
an. Mit 16 Jahren, 1788, gab er ihn nach Düsseldorf in die Lehre zu
einem Kaufmanne Namens Friedrich Hoffmann, bei dem er die »Handlung«
erlernen sollte. Dieser Aufenthalt dauerte fünf bis sechs Jahre und
wurde von dem jungen Manne gut benutzt, sodaß ihn sein Principal trotz
seiner Jugend bald zu größern Handlungsreisen verwendete und ihm nach
und nach die wichtigsten Arbeiten übertrug. Derselbe scheint selbst
die Absicht gehabt zu haben, ihn zu seinem Compagnon zu machen, und
mit seiner Nichte, Maria Siebel, zu verheirathen; doch kam es zu einem
Zerwürfniß zwischen Principal und Gehülfen, und Brockhaus verließ
infolge dessen seine Stellung in Düsseldorf.

Mit 21 Jahren, 1793, ins älterliche Haus nach Dortmund zurückgekehrt,
wo inzwischen (am 15. August 1789) seine von ihm stets hochverehrte
Mutter gestorben war, wurde er vom Vater wieder in dessen
Materialwaarenhandlung beschäftigt, fand aber an dem Verkehr mit den
nach der Stadt kommenden Bauern, dem Abwiegen von Kaffee und Zucker
begreiflicherweise jetzt noch weniger Gefallen als früher. Er hatte auf
seinen Geschäftsreisen weitere Gesichtspunkte erhalten, die ihm die
kleinbürgerlichen Verhältnisse seiner Vaterstadt und das Detailgeschäft
seines Vaters verleideten; er fühlte, daß ihm für seinen künftigen Beruf
als Kaufmann -- denn mit diesem schien er sich jetzt doch ausgesöhnt zu
haben -- noch Vieles fehle, was er in Dortmund nicht erlernen könne,
und bat deshalb den Vater, ihn in die Fremde ziehen zu lassen. Und
welchen Ort wählte er aus? Keinen andern als den Schauplatz seiner
spätern Hauptwirksamkeit als Buchhändler: Leipzig. Freilich dachte er
dabei wol nicht an den Mittelpunkt des deutschen Buchhandels, sondern
an die Handelsstadt, an die berühmten leipziger Messen, die auch von
den dortmunder Kaufleuten regelmäßig besucht wurden. Aber gewiß hatte
Leipzig als Buchhändlerstadt für ihn noch einen besondern Zauber, und
daß dort zugleich eine Universität war, fiel auch mit in die Wagschale.
Ja nach seinen eigenen Aeußerungen scheint es, daß er geradezu die
Absicht hatte, auf der dortigen Universität zu studiren. Der Vater
gab den Bitten des Sohnes nach. Vielleicht hatte er auch noch einen
besondern Grund, den Sohn für einige Zeit aus Dortmund zu entfernen: ein
Liebesverhältniß des Sohnes, das fast ein tragisches Ende genommen hätte.

Als der einundzwanzigjährige Jüngling aus der düsseldorfer Lehre
zurückkehrte, traf er im älterlichen Hause eine Cousine aus dem
benachbarten Soest, die Tochter der an einen dortigen Kaufmann
verheiratheten Schwester seines Vaters, von dem Onkel zum längern Besuch
eingeladen. Die beiden jungen Leute fanden aneinander Gefallen und
besonders schien der junge Mann, der unter seinen Altersgenossen durch
lebhaften Geist, höhere Bildung und Interesse an Kunst und Literatur
hervorragte und viel von Düsseldorf und seinen Reisen zu erzählen
wußte, einen tiefen Eindruck auf das Gemüth des in den einfachsten
Verhältnissen aufgewachsenen Mädchens zu machen. Nach ihren eigenen
Erzählungen in spätern Lebensjahren sprudelte er damals von Frohsinn
und Lebensmuth über und hatte stets ein französisches Chanson auf der
Zunge. Sein Vater war natürlich der Ansicht, daß der Sohn noch nicht
ans Heirathen denken dürfe, und schritt energisch ein. Das Mädchen nahm
sich die Sache sehr zu Herzen: sie stürzte sich aus Verzweiflung in
den offenen Brunnen auf dem dortmunder Markte! Glücklich gerettet und
zu ihren Aeltern nach Soest gebracht, zog sie sich bald tiefsinnig in
ein dortiges Frauenstift zurück; später, nach Auflösung der Klöster und
Stifter unter Napoleon's Herrschaft, trat sie indeß ins bürgerliche
Leben zurück und heirathete 1809 (also erst in reiferm Alter, 16 Jahre
nach dem Liebesverhältniß mit dem jungen Vetter) einen Kaufmann in
Soest, wo sie 1843 starb. In ihrem Alter weilte sie immer gern bei
der Erinnerung an jene Zeit und erkundigte sich mit Interesse nach
allen Verhältnissen ihres verstorbenen Vetters. Wie auf diesen die vom
Vater getroffene Entscheidung, die Verzweiflungsthat des Mädchens und
ihr Schicksal eingewirkt, ist uns nicht bekannt. In spätern Jahren
erkundigte auch er sich oft nach seiner Cousine, ohne sie indeß je
wiederzusehen.

       *       *       *       *       *

Im Sommer 1793 ging Brockhaus nach Leipzig und blieb dort fast
anderthalb Jahre, bis Ende 1794. Mit regem Eifer widmete er sich seiner
weitern Ausbildung: der Vervollkommnung in den neuern Sprachen sowie dem
Studium der allgemeinen Wissenschaften, obwol er unsers Wissens weder
in einem kaufmännischen Geschäft angestellt war, noch sich unter die
Studirenden aufnehmen lassen konnte. Von Professoren der Universität,
deren Vorlesungen er gehört, nennt er den Philosophen Ernst Platner,
den Mathematiker und Physiker Hindenburg und den Chemiker Eschenbach.
Auch an dem literarischen und buchhändlerischen Leben Leipzigs nahm
er das lebhafteste Interesse. Sehr oft besuchte er unter anderm die
Köhler'sche Buchhandlung, mit deren Besitzer er durch die mit diesem
nahe befreundete dortmunder Familie Varnhagen in Berührung gekommen war,
fleißig die neu erschienenen Bücher durchmusternd.

Nur ein einziger Brief von ihm ist aus dieser Zeit erhalten, der aber
ein um so merkwürdigeres Actenstück bildet. Es ist dies ein förmlicher
Verlagsantrag des noch nicht ganz 22 Jahre zählenden jungen Kaufmanns
und Studenten an eine angesehene leipziger Verlagshandlung. Und daß
dieser Verlagsantrag kein bloßes Project war, auch keine Gedichtsammlung
oder kein Drama, wie sie mancher junge Mann dem Buchhändler als
Erstlingswerk anbietet, sondern ein größeres ernstes Werk betraf, geht
daraus hervor, daß er dem Briefe einen vollständigen »Plan« des auf 20
Druckbogen berechneten Buchs in Form eines »Prospectus« und sogar einen
Theil des fertigen Manuscripts hinzufügt!

Der Brief lautet wörtlich folgendermaßen:

                An die Herren Voß und Comp.

        Meine Herren!

  Aus dem auf der andern Seite folgenden Prospectus werden Sie den
  Plan und aus den beifolgenden acht Bogen Manuscript die Behandlung
  eines Buchs sehen, das ich diese Ostermesse -- etwa 20 Bogen in 8.
  stark -- herausgeben möchte.

  Ich biete es Ihnen zum Verlag an; muß Sie aber ersuchen, mir bis
  morgen Ihre Entscheidung darüber zukommen zu lassen; -- sollten Sie
  mündlich mit mir darüber sprechen wollen, so wird mir Ihr Besuch
  morgen früh in der Zeit von 10-12 Uhr sehr angenehm sein.

  Den 3. März 1794.          Ihr ergebener Diener
                               F. A. Brockhaus.

                             Wohnt in Nr. 75 im Hay'schen
                             Hause auf der Petersstraße bei dem
                             Friseur Dieterich.

Die hier erwähnte »andere Seite« dieses Briefs mit dem »Plan« des Werks
findet sich leider in dem Archiv der noch jetzt bestehenden Buchhandlung
(die den Brief erst vor einigen Jahren auffand und der Firma F. A.
Brockhaus freundlich überließ) ebenso wenig, als die acht Bogen des
vermuthlich »Manuscript« gebliebenen Manuscripts vorhanden sind; wir
würden daraus wenigstens ersehen haben, auf welche Gegenstände die
Studien des jungen Autors in Leipzig vorzugsweise gerichtet waren.
Vermuthlich ist ihm von Herrn Voß Beides zurückgegeben worden, und
wahrscheinlich im Comptoir der Buchhandlung, nicht in seiner Wohnung,
wohin er naiverweise seinen künftigen Verleger bestellt hatte.
Ueberhaupt ist der Ton des Briefs, die Sicherheit des Auftretens, das
Verlangen einer Entscheidung »bis morgen«, die kurze geschäftsmäßige
Form charakteristisch für den Briefschreiber. Derselbe mochte damals
nicht ahnen (wie es in der Festrede von Heinrich Brockhaus beim
funfzigjährigen Jubiläum der Firma F. A. Brockhaus heißt), »daß er
selbst und eine von ihm gegründete Buchhandlung im Laufe der Zeiten
selbst so viele Verlagsanträge anzunehmen und -- abzulehnen haben würde.«

In Leipzig knüpfte er mit dem Vertreter eines Hauses in Manchester an
und wurde von diesem gegen Ende 1794 engagirt, einer in Livorno zu
errichtenden Filiale jenes Hauses vorzustehen. In Amsterdam sollte er
mit dem Engländer zusammentreffen und zuvor wollte er nur seinen Vater
in Dortmund begrüßen. Da brach der Krieg zwischen Frankreich und Italien
aus und das englische Haus vertagte seinen Plan auf günstigere Zeiten.
Ein Anerbieten desselben, inzwischen eine Stelle auf dem Comptoir
in Manchester anzunehmen, lehnte er ab und beschloß, vorläufig in
Dortmund zu bleiben. Er etablirte sich auch bald darauf selbständig als
Kaufmann, zuerst in Dortmund, dann in Arnheim und endlich in Amsterdam.
Diese kaufmännische Wirksamkeit umfaßt die Jahre 1796-1805, also sein
dreiundzwanzigstes bis dreiunddreißigstes Lebensjahr.

       *       *       *       *       *

Brockhaus errichtete in Dortmund ein En-gros-Geschäft in englischen
Manufacturen, besonders groben Wollenstoffen, und verband sich dazu
mit einem Freunde, Wilhelm Mallinckrodt; Beide nahmen bald darauf
noch einen dritten jungen Dortmunder, Gottfried Wilhelm Hiltrop,
zum Associé an, und so wurde zwischen ihnen am 15. September 1796
ein Societätsvertrag abgeschlossen. Ihr Geschäft unter der Firma:
»Brockhaus, Mallinckrodt und Hiltrop«, nahm bald den erfreulichsten
Aufschwung; Brockhaus leitete das Comptoirgeschäft, Mallinckrodt machte
die Reisen und hatte das Waarenlager unter sich, während Hiltrop von
Anfang an nur eine untergeordnete Rolle spielte. Bald beschlossen denn
auch die beiden Freunde, sich von Hiltrop, den sie wesentlich seines
bedeutenden Vermögens halber zum Associé genommen hatten, wieder zu
trennen, zumal er ihnen seines unverträglichen Charakters wegen lästig
geworden war. Sie kündigten ihm im Jahre 1798, zahlten ihm seinen
Antheil heraus und zeichneten ihre Firma nunmehr, vom 1. Januar 1799
an: »Brockhaus und Mallinckrodt«; Hiltrop gründete ein eigenes Geschäft
gleicher Art in Dortmund. Bald darauf errichteten sie ein zweites
Haus in Arnheim unter der Firma: »Mallinckrodt und Compagnie«, und
Mallinckrodt zog zu dessen Leitung im Jahre 1801 nach Arnheim, während
Brockhaus in Dortmund verblieb. Das Haus in Arnheim war besonders
deshalb gegründet worden, weil der Hauptabsatz des dortmunder Geschäfts
nach Holland stattfand. Ihr Geschäft nahm einen immer größern Umfang an
und die beiden jungen Kaufleute erwarben in wenig Jahren ein bedeutendes
Vermögen.

In diese Zeit fällt Beider Verheirathung. Brockhaus vermählte sich am
30. September 1798 mit der Tochter eines der angesehensten dortmunder
Patricier, des Senators und Professors Johann Friedrich Beurhaus: Sophie
Wilhelmine Arnoldine, geb. 24. December 1777; Mallinckrodt mit einer
Freundin derselben. Brockhaus nannte später die ersten drei Jahre seiner
Ehe (1798-1800) die glücklichsten seines Lebens. Am 17. Juli 1799 wurde
ihm sein erstes Kind geboren: eine Tochter, Auguste; am 23. September
1800 sein erster Sohn: Friedrich.

Dieses Glück sollte aber nicht lange dauern und die Veranlassung dazu
bildete der frühere Associé Beider, Hiltrop, obwol derselbe, als ein
Verwandter der Familie Beurhaus, mit Brockhaus verwandt geworden war und
später sogar sein Schwager wurde, indem er Elisabeth Beurhaus, eine
Schwester von Brockhaus' Frau, heirathete. Aus einer geschäftlichen
Angelegenheit entwickelten sich bald Verhältnisse der unangenehmsten
Art, die zunächst auf Brockhaus' äußeres Leben entscheidenden Einfluß
übten. Sie wurden die Ursache, daß er Dortmund verließ und nach Holland
zog, ja selbst, daß er sich dort später dem Buchhandel widmete, dem er
sich bei seinem Verbleiben in Dortmund schwerlich zugewendet haben würde.

Brockhaus wurde nebst seinem Associé Mallinckrodt von Hiltrop in einen
Proceß verwickelt, der unter den Fehden und Anfechtungen, an denen sein
Leben reich war, eine der hervorragendsten Stellen einnimmt und ihn mit
kürzern oder längern Unterbrechungen bis an sein Lebensende verfolgte.
Da der Proceß in dieser Zeit seinen Ursprung hat und mit ihm die
nächsten Lebensschicksale von Brockhaus verknüpft sind, so müssen wir
denselben jetzt im Zusammenhange erzählen, wenn dadurch auch der Zeit
mehrfach vorgegriffen wird.




                       3.

            Der Hiltrop'sche Proceß.


Die beste Grundlage zu einer Schilderung dieses Processes, dessen
vollständige Darstellung in vieler Hinsicht interessant wäre, hier aber
zu weit führen würde, bietet eine von Brockhaus kaum ein Jahr vor seinem
Tode veranstaltete und als Manuscript gedruckte Sammlung der darauf
bezüglichen wichtigsten Actenstücke, die sowol seine eigenen Eingaben
als die ergangenen Urtel, Gutachten u. s. w. enthält und somit ein
unparteiisches Urtheil ermöglicht.[7]

Der Ursprung des Processes und sein erster Verlauf war in Kürze
folgender.

Im October 1799 fallirte das Bankhaus Simon Moritz Bethmann in London,
mit dem sowol Hiltrop als die Firma Brockhaus & Mallinckrodt in
Geschäftsverbindung (Wechselgeschäften) standen. Hiltrop hatte an
Bethmann vom April bis September 1799 circa 2800 Pfd. St. remittirt und
dagegen Fabrikanten und Kaufleute im Innern von England angewiesen, für
Waaren, die sie ihm lieferten, auf Bethmann zu ziehen. Mehrere solche
Wechsel waren auch gezogen und bezahlt worden, Hiltrop's Guthaben an
Bethmann betrug aber bei Ausbruch des Concurses noch 1806 Pfd. St.
Die Firma Brockhaus & Mallinckrodt, welche ebenfalls in einem längern
Geschäftsverkehr mit Bethmann gestanden hatte, schuldete dagegen diesem
Hause eine Summe von 2204 Pfd. St., die sich aber auf 774 Pfd. St.
reducirte, da Bethmann ihnen mehrere Wechsel im Betrage von zusammen
1429 Pfd. St. zurückgegeben oder sie von den daraus entstandenen
Verbindlichkeiten gegen die Masse von W. L. Popert u. Comp. in Hamburg
(die in der damaligen allgemeinen Handelskrisis ebenfalls fallirten)
liberirt hatte. Brockhaus & Mallinckrodt gaben Hiltrop aus freien
Stücken Kenntniß von diesem Stande ihrer Rechnung mit Bethmann, um
ihm dadurch zur Rettung eines Theils seines Verlustes behülflich zu
sein. Hiltrop benutzte dies aber, um sofort unterm 25. November 1799
auf die Forderung der Bethmann'schen Masse an Brockhaus & Mallinckrodt
gerichtlich Arrest legen zu lassen. Der Magistrat zu Dortmund bestätigte
diese Maßregel.

Brockhaus & Mallinckrodt appellirten hiergegen an die höhern
Reichsgerichte, besonders aus Rücksicht auf Bethmann in London, da
diesem z. B. nur sechs Wochen Zeit zu Einreden gegeben wurde, während in
dem damaligen harten Winter von 1799 auf 1800 der Postenlauf zwischen
Cuxhaven und Harwich mehrere Monate lang unterbrochen war. Außerdem
waren sie inzwischen von der Firma Gebrüder Bethmann in Frankfurt a. M.
(Verwandte des londoner Hauses) beauftragt worden, eine Forderung an
Hiltrop im Betrage von 8000 Thlr. frankfurter Wechselgeld (10000 Thlr.
Berg. Courant) einzukassiren, und diese Forderung war ihnen selbst
zu diesem Zweck cedirt worden: gewiß ein Beweis großen Vertrauens zu
der jungen Firma von seiten jenes großen Hauses. Infolge alles dessen
entschloß sich Hiltrop, der trotz seines frühern großen Vermögens
infolge seiner geschäftlichen Unfähigkeit rasch in finanzielle
Verlegenheiten gerathen war und auch von andern Gläubigern hart
bedrängt wurde, zu einem gütlichen Vergleich, der durch Vermittelung
des gemeinschaftlichen Schwagers von Hiltrop und Brockhaus, Erbsaß
(später Justizcommissar) Heinrich Beurhaus zu Dortmund, unterm 24.
April 1800 abgeschlossen wurde. Danach sollte der Proceß von Gebrüder
Bethmann in Frankfurt gegen Hiltrop bis zur Erledigung des Processes von
Hiltrop gegen Bethmann in London sistirt werden, Hiltrop von Brockhaus
ein »Darlehn« von 1200 Pfd. St., das er ebenfalls erst nach Austrag
dieser Sache zurückerstatten sollte, empfangen, Letzterm dagegen (resp.
Beurhaus) seine Forderung an Bethmann in London cediren und für den Rest
seiner Schuld bei Gebrüder Bethmann in Frankfurt Waaren an Zahlungsstatt
geben, auch sein Conto-Corrent mit Bethmann in London als richtig
anerkennen.

Schon fünf Monate nach Abschluß dieses Vergleichs machte indeß Hiltrop
den Versuch, denselben umzustoßen, und zwar wieder auf eine ihm von
Brockhaus vertraulich gemachte Mittheilung hin: daß die Bethmann'schen
Massecuratoren in London jenen Vergleich nicht genehmigen wollten. Er
fand an dem gegen Brockhaus sehr feindselig gesinnten Bürgermeister
Schäffer in Dortmund einen bereitwilligen Helfer, der bei dem traurigen
Zustand der damaligen reichsstädtischen Verfassung eigenmächtig
verfahren konnte; durch ihn erreichte er, daß sein wiederholtes
Arrestgesuch vom 15. September 1800 genehmigt und das Waarenlager von
Brockhaus & Mallinckrodt (das einen Werth von mindestens 100000 Thlr.
hatte) mit Arrest belegt und versiegelt wurde. Da alle Remonstrationen
gegen diese, wie Brockhaus sich ausdrückt, »fürchterlichen, im höchsten
Grade ungerechten Maßregeln, die den bürgerlichen Ruin der Beklagten
augenblicklich nach sich ziehen mußten«, erfolglos blieben, so
wendeten sich letztere an die höchsten Reichsgerichte um Schutz gegen
Unterdrückung und forderten Genugthuung sowie Schadenersatz. Da schien
endlich Hiltrop sein Unrecht einzusehen; er bat um Verzeihung für sein
»kränkendes und übereiltes Betragen« und versprach, in Zukunft nur in
dem ordentlichen Wege Rechtens gegen die Beklagten vorzugehen.

Das Verdienst, dieses Resultat herbeigeführt zu haben, durch welches die
Angelegenheit wenigstens ihren gehässigen Charakter verlor, gebührt
Hiltrop's Frau, Elisabeth, einer Schwester von Brockhaus' Frau. Sie
wandte sich direct an Brockhaus, den von ihrem Manne so vielfach und
so empfindlich Gekränkten, und bat ihn, das Verfahren ihres Mannes zu
entschuldigen: gewiß ebenso ein Zeichen ihres richtigen Gefühls als
Frau, wie der wahren Achtung und des vollen Vertrauens, das sie zu ihrem
Schwager als einem Ehrenmanne hatte.

Sie schreibt in diesem Briefe, dessen Datum uns nicht bekannt ist:

  Brockhaus! Brockhaus! Ich fordere Sie auf, mich anzuhören. Sehen
  Sie, mein Herz ist voll trüben Gedenkens über eine Geschichte,
  welche nie hätte geschehen müssen, und ich weiß mich an Niemand
  sicherer zu wenden als an Sie selbst. Sie beurtheilen die Sache gewiß
  richtig, davon bin ich überzeugt, und ich weiß auch, daß Sie glauben:
  Uebereilung ist kein Verbrechen. Dieses hat sich Hiltrop zu Schulden
  kommen lassen .... Brockhaus, Brockhaus, ich ahndete nichts von Allem,
  was geschehen ist, und flehe ich zu Ihnen, mich und mein armes Kind
  nicht unglücklich zu machen, da dieses doch jetzt nur einzig von Ihnen
  abhängt. Verzeihen Sie Hiltrop, der sich hat bereden lassen und leider
  jetzt mit Schaden einsehen muß, wie wenig man Leuten trauen darf. Es
  thut ihm auch für mich leid und er glaubt es sich nicht vergeben zu
  können, mir solche Unruhe zu machen, und hat mir deswegen gesagt,
  ich könnte die Sache ganz nach meinem Wunsche einrichten. Theurer
  Brockhaus, mein Herz will keine Feindschaft gegen Sie und Sophie, die
  immer mehr meine Freundin als Schwester war. Jetzt, ich weiß es, sind
  Sie aufgebracht gegen Hiltrop und über sonstiges Verfahren und wollen
  die Sache nach Wetzlar berichten. Brockhaus, Gott! dieses können und
  werden Sie nicht wollen. Lassen Sie Vergebung über Ihren gerechten
  Zorn siegen! Denken Sie, daß es Uebereilung ist, welches mein armes
  Mädchen noch so schwer büßen sollte; geben Sie mir Ihre Hand darauf,
  so nicht zu verfahren, und im voraus danke ich Ihnen für Ihre Güte.
  Daß es Güte ist, bin ich fähig zu fühlen ....

Brockhaus erfüllte die Bitte seiner Schwägerin; er verzichtete auf
Genugthuung und Schadenersatz, wogegen Hiltrop am 3. October 1801 auf
Cassation aller Maßregeln gegen die Firma Brockhaus & Mallinckrodt beim
dortmunder Magistrat antrug, während der Proceß selbst seinen Fortgang
hatte.

Indessen war Brockhaus der Aufenthalt in Dortmund durch die widrigen
Erlebnisse der beiden letzten Jahre so verleidet worden, daß er mit
dem Gedanken umging, das dortmunder Geschäft ganz aufzulösen und zu
Mallinckrodt nach Arnheim zu ziehen. Er hatte deshalb schon im Sommer
des Jahres 1801 eine Reise nach Holland gemacht, und als er im August
von dort zurückkehrte, verbreitete sich in Dortmund das Gerücht, daß
er die Stadt verlassen und nach Holland übersiedeln wolle. Die Sache
war damals indeß nur ein Project, das, wie Brockhaus selbst sagt,
»wahrscheinlich nie wäre ausgeführt worden«. Hiltrop wurde aber gerade
dadurch veranlaßt, seinen Arrestantrag zu wiederholen, Brockhaus mußte
eine bedeutende Caution stellen und wurde selbst persönlich verhaftet.
Dies veranlaßte ihn, sein Vorhaben wirklich auszuführen. Er verließ
seine Vaterstadt und zog noch im Spätherbst 1801 nach Arnheim, der
am Rhein (Leck) gelegenen Hauptstadt der Provinz Geldern, wo er mit
Mallinckrodt bereits ein Jahr vorher ein Haus errichtet hatte.

       *       *       *       *       *

Arnheim bildete übrigens blos einen kurzen Durchgangspunkt für ihn. Die
Hauptstadt und erste Handelsstadt Hollands, Amsterdam, schien ihm ein
geeigneterer Wirkungskreis für seine Handelsspeculationen, besonders
seinen Verkehr mit England, und so zog er schon im Winter von 1801 auf
1802 dorthin. Vorher trennte er sich geschäftlich von Mallinckrodt, um
sein Glück allein weiter zu versuchen, und auch wol, weil Mallinckrodt
ihm die durch Hiltrop verschuldete Störung ihres Geschäfts zum Vorwurf
machte. Mallinckrodt blieb in Arnheim zurück und setzte das bisherige
Geschäft allein fort, scheint aber seinen Associé, der ihn jedenfalls
geistig bedeutend überragte, sehr vermißt zu haben. Er bewahrte für
diesen stets regstes Interesse und vollste Hochachtung und besuchte ihn
später in Leipzig. Durch Hiltrop's fortgesetzte Machinationen scheint
er mehr noch als Brockhaus gelitten zu haben und dadurch in seinem
Geschäfte wesentlich gestört worden zu sein. Hiltrop ging indeß erst
in späterer Zeit, 1815, direct und separat gegen Mallinckrodt vor, als
er in seinem Verfahren gegen Brockhaus nichts erreichen konnte. Er
brachte es im Sommer 1822 bis zur Execution gegen Mallinckrodt, gewann
dadurch aber nichts, da die hypothekarischen Gläubiger desselben den
Ertrag der auf diese Weise verkauften Mallinckrodt'schen Grundstücke,
Waaren und Mobilien völlig in Anspruch nahmen. So hatte Hiltrop die
traurige Genugthuung erlebt, wenigstens den einen der von ihm Verfolgten
geschäftlich und bürgerlich ruiniert zu haben, während Brockhaus' reger
Geist sich bald andern Bahnen zuwandte, auf denen ihn Hiltrop zwar
stören, aber nicht, wie es seine Absicht war, ebenfalls ruiniren konnte.

Denn allerdings ließ Hiltrop nicht nach in seinem Vorgehen gegen
Brockhaus, das er, nachdem seine eigene bürgerliche und geschäftliche
Stellung dadurch empfindlich gelitten hatte, zum alleinigen traurigen
Geschäft seines Lebens gemacht zu haben scheint. Wir müssen deshalb
hier wieder anknüpfen an den oben geschilderten ersten Verlauf dieses
Processes und die weitern Stadien desselben vorführen.

       *       *       *       *       *

Trotz der durch Hiltrop's Frau in so richtigem Gefühle angestrebten
Aussöhnung und Hiltrop's Selbstdemüthigung war der Proceß über die
Gültigkeit des am 24. April 1800 abgeschlossenen Vergleichs in Dortmund
anhängig geblieben, während Mallinckrodt und Brockhaus seitdem in
Arnheim und Amsterdam lebten. Die Acten sollten verschickt sein, waren
aber von der dortmunder Behörde verloren worden! Erst im August 1805
wurden sie aus den Manualacten der Sachwalter wieder nothdürftig ergänzt
und am 19. Juli 1806 erfolgte ein Rechtsspruch der göttinger Facultät,
in welchem dem Kläger der Beweis, daß dem Verfahren der Beklagten gegen
ihn ein »Betrug«(!) zu Grunde liege, nachgelassen wurde. Hiltrop trat
die übrigen ihm auferlegten Beweise an; der Sachwalter der Beklagten,
obwol sonst ein geschickter Jurist, wußte sich in diese kaufmännischen
Verhältnisse nicht zu finden und übergab einen durchaus verfehlten
Gegenbeweis, doch hatten die Beklagten selbst ein Promemoria darüber
entworfen. Unterm 16. November 1809 wurde das den Beklagten ungünstige
erste Urtheil seitens der herzoglich bergischen Regierung gefällt,
verfaßt von dem Oberbergrichter Bölling in Essen. Es nahm den Beweis
für geführt an und verurtheilte die Beklagten, an Hiltrop 606 Pfd.
St. nebst Zinsen und Proceßkosten zu zahlen. Gegen dieses Erkenntniß
appellirten Brockhaus und Mallinckrodt und ließen eine von Brockhaus
selbst verfaßte »Rechtfertigung« dieser Appellation unterm 28. Februar
1810 (in Amsterdam) für ihre Freunde drucken. Sie belegten durch
zwei Parere, von der Kaufmannschaft zu Leipzig (vom 6. April 1800,
verfaßt vom Kramerconsulent _Dr._ Bahrt) und von der Kaufmannschaft
zu Elberfeld (vom November 1801, verfaßt von dem Syndikus derselben,
_Dr._ Brüninghaus), daß ihr Verfahren der Lage der Sache und dem
kaufmännischen Geschäftsgange durchaus angemessen gewesen sei. Später
erfolgten noch zwei Gutachten, welche sie ebenfalls von dem frivolen
Vorwurfe eines »Betrugs« vollkommen freisprachen: das eine von dem
Professor _Dr._ Dabelow in Halle, später in Dorpat, datirt Leipzig, 16.
Juli 1810, das andere von der Juristenfacultät zu Halle vom Januar 1813.
Dennoch wurde von dem neuerrichteten bergischen Appellationsgerichtshofe
zu Düsseldorf unterm 24. November 1813 das Erkenntniß erster Instanz
lediglich bestätigt. Dieses Urtheil kam jedoch nie zur Vollstreckung,
vielleicht infolge der eingetretenen politischen Ereignisse; es wurde
sogar dem inzwischen von Amsterdam nach Altenburg und später nach
Leipzig übergesiedelten Brockhaus gar nicht publicirt, wie durch eine
Bescheinigung der herzoglich sächsischen Landesregierung zu Altenburg
vom 16. März 1822 ausdrücklich beglaubigt wird.

Hiltrop beruhigte sich aber nicht und reichte nach Verlauf mehrerer
Jahre, am 17. August 1819, eine neue Klage gegen Brockhaus ein. Damit
beginnt das dritte und letzte Stadium dieses langwierigen Processes.
Das königlich preußische Oberlandesgericht zu Hamm bestätigte durch
ein Erkenntniß vom 5. Januar 1822 die für den Beklagten ungünstigen
Urtheile von 1809 und 1813, während es unterm 30. März 1822 eine von
Brockhaus gegen einen Arrest auf ein Erbtheil seiner minorennen Kinder
erhobene Klage im wesentlichen zu seinen Gunsten entschied. Gegen
diese Erkenntnisse, insbesondere das erste, appellirte Brockhaus. Er
verfaßte für den Justizcommissar Cappel in Hamm selbst eine ausführliche
»Instruction« (worin er unter anderm sagt, daß diese Erkenntnisse »sich
ebenso wenig mit den anerkanntesten Sätzen des Völkerrechts als mit dem
Geiste der preußischen Proceßgesetzgebung, diesem Meisterstücke einer
legislativen Weisheit, vereinbaren lassen«) und ließ die obenerwähnte
»Sammlung von eilf Actenstücken« für das Gericht und für seine Freunde
drucken (das Vorwort dazu ist aus Leipzig vom 1. Juli 1822 datirt).
Indeß betätigte der zweite Senat des Oberlandesgerichts zu Münster
unterm 28. September 1822 lediglich die frühern Erkenntnisse. Brockhaus
gab sich aber noch immer nicht für besiegt, obwol er damals eben eine
lebensgefährliche Krankheit überstanden hatte, deren Wiederholung er
kaum ein Jahr darauf erlag: er ergriff das letzte Mittel, das ihm
übrigblieb, und wandte sich an das Geheime Obertribunal zu Berlin mit
der Bitte um Cassation, resp. Revision des Erkenntnisses von 1813.
In dem von ihm selbst wieder verfaßten »Revisionsbericht« (der kein
Datum hat, aber jedenfalls noch im Spätherbst 1822 geschrieben ist)
betont er, daß ihn zu diesem Antrage außer dem bedeutenden Objecte des
Processes (zuletzt gegen 10000 Thlr.) besonders der Umstand bestimme,
wegen eines vermeintlichen »Betrugs« und infolge eines irrigerweise für
»rechtskräftig« angenommenen Erkenntnisses verurtheilt zu werden.

Noch ehe die Antwort von Berlin erfolgt war, starb Brockhaus. Erst
mehrere Jahre nach seinem Tode (1828) wurde der Proceß endlich von
seinen Erben durch einen Vergleich mit Hiltrop beendigt; letzterer starb
am 2. April 1845.

Das Urtheil des Geheimen Obertribunals in Berlin vom 2. April 1824
hatte die frühern Erkenntnisse bestätigt, doch war den Stadtgerichten
zu Leipzig durch ein allerhöchstes Rescript der königlich sächsischen
Landesregierung zu Dresden vom 23. October 1824 die Befolgung der
betreffenden Requisitionen untersagt worden. Hiltrop ruhte trotzdem noch
immer nicht, und um ihr in Preußen befindliches Eigenthum vor ihm zu
schützen, sah sich die Firma F. A. Brockhaus veranlaßt, ihre Rechnung
mit den preußischen Buchhandlungen in der Zeit vom 15. November 1824 bis
21. November 1828 unter der Firma »Literatur-Comptoir in Altenburg
_L^a B_« zu führen, wozu der mit ihr seit langem befreundete Besitzer
dieser Firma, Johann Friedrich Pierer in Altenburg, bereitwillig die Hand
bot.

Dieser Proceß mußte hier, obwol er Brockhaus' Hauptthätigkeit, die
buchhändlerische, nicht berührt, ausführlicher dargestellt werden, weil
er ihn während seines ganzen Lebens beschäftigte und von ihm persönlich
mit der größten Energie und Ausdauer betrieben wurde. Es war in der
That, wie er sich selbst später ausdrückte, der »blutige Faden«, der
sich durch sein ganzes Leben hindurchzog und auf dasselbe mehrfach
entscheidend einwirkte: er hatte die Familie entzweit (obwol selbst
fast alle Verwandten Hiltrop's auf Brockhaus' Seite traten und dessen
Verfahren misbilligten); er hatte ihn aus seiner Vaterstadt vertrieben
und war die Veranlassung, daß er diese nur noch einmal (1811) besuchte;
er verfolgte ihn überallhin: nach Amsterdam, Altenburg und Leipzig, und
nöthigte ihn gerade auch in den, durch andere Aufregungen ihm schon
so verbitterten, letzten Jahren seines Lebens zu eigener aufreibender
Thätigkeit.

Die Frage liegt hier nahe, ob denn im Laufe der 22 Jahre, die dieser
Proceß dauerte, nie Versuche zu Vergleichen gemacht worden seien.
Allerdings ist das geschehen und zwar -- zur Ehre und Rechtfertigung
von Brockhaus muß dies hervorgehoben werden -- insbesondere von seiner
Seite, jedoch, wie er selbst sagt, »von diesem einzig und allein nur
aus #dem# Grunde, daß er gewünscht hat, Ruhe zu gewinnen und sich von
dem Odiösen, was mit der Führung eines solchen Processes überhaupt
und besonders in weiten Entfernungen verbunden ist, völlig befreit zu
sehen: nie aber, daß er durch einen Vergleich habe anerkennen wollen,
als ob seitens Brockhaus und Mallinckrodt je etwas in dieser Sache
geschehen, was auf irgendeine Weise gegen kaufmännische Sitte und
Ehre und gegen kaufmännische Ordnung oder gegen kaufmännisches Recht
gewesen«. Abgesehen von dem unterm 24. April 1800 abgeschlossenen,
aber bald wieder von Hiltrop umgestoßenen Vergleiche sowie davon, daß
Brockhaus, wie früher berichtet, auf die Bitte von Hiltrop's Frau die
Klage gegen diesen beim Reichskammergericht in Wetzlar unterließ, bot er
1816 oder 1817 Hiltrop zur Niederschlagung alles Zwistes eine jährliche
Rente von 200 Thlr. an, die nach seinem Tode auf seine Kinder bis zur
Volljährigkeit des jüngsten übergehen solle. Und als Hiltrop dies
ablehnte, wollte sich Brockhaus 1821 selbst zur terminlichen Zahlung von
4000 Thlr. verstehen, einer Summe, die das, was Hiltrop ursprünglich
an Bethmann in London verloren, bedeutend überstieg. Aber auch dieses
Anerbieten war von Hiltrop unangenommen und sogar unbeachtet geblieben.
Selbst noch 1822 erklärte er sich bereit, »wesentliche, wenn auch bei
veränderter und günstigerer Lage der Sache nicht mehr so bedeutende
Opfer zu bringen, wenn ihm dazu auf angemessene Weise die Hand geboten
würde und der Gegner damit nicht zu lange warte«. So kann Brockhaus
sicherlich nicht der Vorwurf der Unversöhnlichkeit, Streitsucht oder
Rechthaberei gemacht werden. Eher könnte man ihn deshalb tadeln, daß
er, zunächst aus Theilnahme für seinen frühern Associé Hiltrop und um
diesen vor einem Verlust zu bewahren, sich in eine ihm ganz fremde
Angelegenheit gemischt und dann im Anfange des Processes dem Gegner
mehrfach selbst die Waffen gegen sich geliefert habe; er fühlte dies
auch selbst und that in dieser Beziehung die für ihn charakteristische,
aber gewiß nur ehrenvolle Aeußerung: es sei dies von seiner und
Mallinckrodt's Seite besonders geschehen »aus Ueberspanntheit, da wir
die Welt noch nicht nahmen, wie sie ist, sondern wie sie sein sollte,
und die wir damals noch so einfältig waren, zu glauben, als ernte man
von dem Haufen der Menschen für große und rechtschaffene Handlungen Dank
ein.«

Der Hiltrop'sche Proceß hat übrigens, wie aus Vorstehendem wol
hervorgegangen sein dürfte, außer dem persönlichen auch ein
mannichfaltiges allgemeineres Interesse, und es mögen deshalb zum
Schluß einige Stellen aus der mehrerwähnten Schrift folgen, die
Brockhaus über den Proceß 1822 zusammenstellte, in der Hoffnung, daß
sie »dem Sachkenner genügen werden, um sich über den Charakter der
darin handelnden Personen und über die Natur der stattgefundenen und
obschwebenden Verhältnisse zu orientiren«.

In treffendster Weise, mit scharfem Verstande, klarem weitblickenden
Geiste und in prägnantem Stile charakterisirt er den Proceß und sein
Verhalten in demselben mit folgenden Worten:

  Bei einem Processe, der fast ein Vierteljahrhundert unter #vier#
  verschiedenen Gesetzgebungen und Gerichtsformen geführt worden ist
  und in welchem mehrere der Sachwalter die Sache selbst gar nicht
  begriffen haben, läuft die Wahrheit am Ende Gefahr, unter der Masse
  der stattgefundenen Verhandlungen und angehäuften Actenstöße völlig
  erdrückt oder erstickt zu werden, sodaß es die größte Noth thut,
  das Wichtige und Wesentliche von dem Unwichtigen und Unwesentlichen
  zu scheiden, um dem künftigen Referenten und endlichen Richter die
  Uebersicht und Beurtheilung zu erleichtern oder gar -- nur möglich zu
  machen. Ohnehin haben die bloßen Juristen in Städten und Gegenden,
  wo kein großer Handelsverkehr ist, in der Beurtheilung verwickelter
  kaufmännischer Verhältnisse höherer Art selten große Stärke und
  gerathen nur gar zu leicht auf Abwege, die von der Wahrheit entfernen.
  Ich erinnere hier an die Verhandlungen im Fonk'schen Processe über
  dessen Handlungsbücher und Berechnungen ....

  Der Proceß (Hiltrop) ist interessant durch den Wechsel der Gesetze
  und gerichtlichen Formen, unter deren Herrschaft er geführt wurde.
  Er begann zu einer Zeit, wo Dortmund noch als Freie Stadt dem
  Deutschen Reiche angehörte; er wurde fortgesetzt unter der fürstlich
  nassau-oranischen Regierung, unter der Herrschaft der französischen
  Gesetze, welche im Jahre 1811 im Großherzogthum Berg in Kraft getreten
  waren; er ist wieder aufgenommen unter der jetzigen königlich
  preußischen Regierung und wird jetzt nach preußischen Rechten und
  Formen verhandelt. Es ist für das Interesse der Rechtswissenschaft
  von großer Wichtigkeit, die Verhältnisse dieser verschiedenen
  Gesetzgebungen in ihrer Wechselwirkung und vorzüglich zu dem Zwecke
  zu betrachten, um die Bedingungen und Grenzen der Rechtskraft und
  Vollstreckbarkeit richtig zu bezeichnen.

  Er ist interessant durch die kaufmännischen Verhältnisse, welche
  ihm zu Grunde liegen, deren Combinationen sich die Richter der ersten
  und zweiten Instanz durchaus nicht klar zu machen vermocht haben, so
  einfach sie auch jedem Sachkundigen erscheinen müssen.

  Er hat endlich in dem neuesten Abschnitte noch eine allgemeine
  Wichtigkeit durch die völkerrechtliche Frage gewonnen, inwiefern
  ein königlich preußischer Staatsbürger einen entfernten Ausländer
  zwingen kann, vor den königlich preußischen Gerichten sich als
  Beklagter zu stellen und den Vortheil aufzugeben, welcher mit der
  Verhandlung der Sache vor seinem ordentlichen Richter, in gewohnten
  Formen, nach bekannten Rechten, für ihn verknüpft ist. In der That
  würden die von dem königlichen Oberlandesgericht zu Hamm in erster
  Instanz hierüber aufgestellten Grundsätze alle Ausländer, welche in
  Preußen Geschäfte treiben, und alle benachbarten Regierungen zur
  besondern Aufmerksamkeit und zu abweichenden Maßregeln verpflichten.
  Diese wichtige völkerrechtliche Frage macht in der jetzigen Lage der
  Sache den Hauptpunkt des Streites aus. Der Gang der Sache ist nämlich
  folgender ....

  So liegt die Sache in diesem Augenblicke; einfach an sich in jedem
  ihrer Abschnitte, so verworren auch der erste Anblick derselben sein
  mag. Zunächst dreht sie sich fast nur um Formalien, um Gerichtsstand
  und Rechtskraft. Man ist nur zu sehr geneigt, auf denjenigen, welcher
  mit der bloßen Form ficht, den Verdacht eines Bewußtseins des Unrechts
  in der Sache fallen zu lassen, und daher war dem Beklagten an nichts
  mehr gelegen als daran, zu zeigen, daß er sich gegen die Form nur im
  Vertheidigungsstande befindet, nicht aber sie zur Schutzwehr einer
  Ungerechtigkeit gebraucht. Man hat es ihm vielleicht verübelt, daß er
  die Entscheidung eines königlich preußischen Gerichtshofs so eifrig
  abzulehnen bemüht ist; allein man würde dabei aus den Augen gesetzt
  haben, welchen großen Werth es für einen Jeden hat, nur von seinem
  ordentlichen heimischen Gerichte nach bekannten Gesetzen und Formen
  gerichtet zu werden. Wer irgend eine Erfahrung in dieser Art gemacht
  hat, der vermag die großen Nachtheile zu würdigen, mit welchen schon
  die bloße Entfernung den Betrieb eines Rechtsstreites umgibt.

  Man wird es unter diesen besondern Umständen dem Beklagten nicht
  verargen, wenn er durch den gegenwärtigen Abdruck der wichtigsten
  Actenstücke seines Processes sowol für das Urtheil seiner Richter als
  für die Meinung seiner Freunde (für das größere Publikum sind diese
  Blätter ohnehin nicht bestimmt) die Materialien in einer leichtern
  Uebersicht zu liefern bemüht war. Er will dasselbe nicht bestechen,
  nicht für sich einnehmen; denn er legt die Hauptsache so vollständig
  vor, daß sie auch seinem Gegner zu statten kommen mag, wenn er selbst
  sich in seinen Ansichten geirrt haben sollte. Allein ein mehr als
  zwanzigjähriger Proceß, eine so vielfache Verkettung rechtloser Formen
  und Fragen bedarf wol eines Fadens, in dessen Finden nicht immer
  gerade derjenige am glücklichsten ist, welcher ihn für sich und andere
  zu suchen bestellt ist. Der Erfahrene weiß, daß dies zu sagen weder
  Anmaßung noch ein Vorwurf ist, und dreimal wenigstens wurde schon in
  der gegenwärtigen Sache der richtige Weg verfehlt.

Wir verlassen hiermit diesen unerquicklichen Proceß, der uns weit über
die Zeit hinausgeführt hat, die wir zunächst zu schildern haben, und
versetzen uns wieder nach Amsterdam und dem Jahre 1801, in welchem
Brockhaus sein Geschäft dorthin verlegte.

Zuvor sei indeß noch ein von Brockhaus selbst herrührender Rückblick auf
sein Leben bis zu diesem Zeitpunkte mitgetheilt.




                       4.

                 Ein Rückblick.


Brockhaus schrieb in spätern Jahren, wahrscheinlich erst 1818 oder 1820,
einen Rückblick auf seine Erlebnisse nieder, um einer Schwägerin, die in
trüben Verhältnissen seine Vertraute geworden war, einen nähern Einblick
in sein Leben zu gewähren. »Sie kennen es nicht«, fügte er hinzu, »oder
nur durch verworrene Sagen, und doch liegt in jeder Vergangenheit der
Schlüssel und häufig die Bedingung der Gegenwart.«

       *       *       *       *       *

Diese Selbstbiographie, die unsere bisherige Schilderung in manchen
Punkten ergänzt und den Verfasser trefflich charakterisirt, leider aber
nur bis zu dem Wendepunkte in seinem Leben reicht, an dem wir uns jetzt
befinden, lautet:

  Ich bin 1774 geboren.[8] Mein Vater, Sohn eines benachbarten
  Predigers, hatte meine Mutter, die Tochter eines angesehenen
  Kaufmanns, als Witwe geheirathet. Zwei Kinder erster Ehe waren
  gestorben, und aus dieser Ehe entsprangen zwei Söhne, von denen ich
  der jüngste bin, und der älteste mein noch in Dortmund lebender Bruder
  ist. Mein Vater, der erst 1811 gestorben, war ein sehr braver und
  wackerer Mann, aber nicht transcendent. Meine Mutter dagegen war eine
  geistreiche, vortreffliche Frau, und ihr Bild steht noch immer als das
  Ideal einer vollendeten Hausfrau vor meiner Seele.

  Ich war ein aufgeweckter Knabe mit einem brennenden Durst nach
  Kenntnissen aller Art, und einer wahren Bücherwuth. Noch schwebt es
  mir wie gestern in Andenken, und gibt dies zugleich ein Bild jener
  Zeit, wie ich das erste Buch kaufte und wie es ablief. Ich mußte für
  den Vater in den Bücherauctionen Folianten und Quartanten erstehen,
  die er in seinem Laden als Maculatur gebrauchte. Hier kam nun auch
  Voltaire's Leben von Karl XII. in der alten Uebersetzung unter den
  Hammer. Niemand bot etwas. Ich hatte das größte Gelüste nach dem
  Buch und wagte es, 2 Groschen zu bieten, und siehe da, ich erhielt
  es und war der glückliche Besitzer! Aber der Vater, ein strenger
  Mann, vermerkte es sehr übel, wie ihm überhaupt mein vieles Lesen in
  den Tod zuwider war, verwies mir meine Verschwendung, und ohne das
  Dazwischentreten der immer guten und verständigen Mutter hätte ich
  wol noch eine Ohrfeige dazu erhalten. Es ist, als ob ein Jahrhundert
  dazwischen läge zwischen dem, wie es damals war, und jetzt ist.

  Im funfzehnten Jahre kam ich nach Düsseldorf in eine dortige
  große Schnitthandlung, die zugleich Bankiergeschäfte machte, in
  die Lehre. Mein Lehrherr hieß Hofmann, er lebt noch und ist mein
  Freund geblieben. Er zeichnete mich unter sechs andern Commis und
  Burschen sehr aus, und zu sehr. Er bekam den Einfall, sein Geschäft
  zu erweitern, da er ein sehr wohlhabender Mann war, und eine
  Großhandlung neben der bestehenden Schnitt- und Wechselhandlung zu
  errichten, und er warf auf mich, den jüngsten Lehrburschen, die
  Augen, dazu die ersten Reisen zu machen, weil in dortigen Gegenden
  Alles durch Reisediener besorgt werden muß, da die Messen zu fern
  liegen. So wurde ich unerfahrener Mensch in einem Alter von kaum 17
  Jahren auf ziemlich große Reisen, die sich bis Hannover, Kassel,
  Koblenz, Lüttich, Cleve ausdehnten, geschickt, um die neuen Geschäfte
  zu gründen. Diese so frühen Reisen haben sehr nachtheilig auf mich
  eingewirkt. Meine Bildung war noch nicht vollendet und wurde dadurch
  ganz zerrissen, indem ich oft in Monaten nicht zu Hause kam, und
  anstatt geführt zu werden, wie es dem Jünglinge ziemt, mußte ich mich
  selbst führen. Gegen jetzt war damals eine große Sittenreinheit, aber
  dagegen wieder eine größere Roheit. Die gänzliche Freiheit, worin
  sich der siebzehnjährige Jüngling aber auf diesen Reisen befand,
  das fortwährende Gasthofleben und die stete Gesellschaft mit andern
  Reisedienern wirkte nothwendig nachtheilig auf Sitten und Charakter.

  Indessen vollzog ich meine Geschäfte zur höchsten Zufriedenheit
  meines Herrn, ich bildete mich zu einem tüchtigen Geschäftsmann,
  und mir ward vor Ablauf der Lehrzeit und noch nicht 20 Jahr (der
  Auftrag?), das Geschäft auch nach Braunschweig auszudehnen und
  dort die Messen zu beziehen. Mein Herr blieb dabei fein zu Hause,
  und mir ganz allein war das schwierige und kitzliche Geschäft der
  ganzen ersten Organisation übertragen. Und unser Geschäft war höchst
  bedeutend. Auch hier ging Alles gut, und ich erntete Ehre und Lob
  die Fülle. Auf der vierten Messe hatte ich das Unglück, daß mir 100
  Louisdor gestohlen wurden. Ich empfange solche vor Tisch, eben wie zum
  Essen geläutet wird, und bin dadurch behindert, sie in mein Bureau zu
  verschließen, lasse sie also auf dem Tische stehen. Wie ich nach Tisch
  wiederkomme, sind sie weg. Dieser Vorfall hatte auf mein Schicksal
  großen Einfluß. Herr Hofmann war darüber hart und ungerecht gegen
  mich, ich indignirte mich deshalb und bot ihm den successiven Ersatz
  an. Er war kleinsinnig genug, es anzunehmen, und dies empörte mich
  vollends. Ich sagte ihm auf und verließ sein Haus. Wäre dieser Vorfall
  nicht eingetreten, so wurde ich nach einigen Jahren gewiß Compagnon,
  und dies um so leichter, da sich eine zarte Neigung zu einer nahen
  Verwandten des Herrn Hofmann, Marie Sibel, in meiner Brust gebildet
  hatte, die gebilligt und mit Innigkeit erwiedert wurde. Ich hatte
  gegen Herrn Hofmann Unrecht, obgleich er nicht großmüthig handelte.
  Mein kecker Trotz kam mir später theuer zu stehen.

  Ich ging in das väterliche Haus zurück. Meine gute Mutter sah ich
  nicht wieder! Meine Liebe für Literatur und die Wissenschaften hatte
  indessen nie geschlummert, und ihr, dieser Liebe, danke ich es gewiß,
  daß ich auf den vielen Reisen und bei dem steten Herumschwärmen
  nicht moralisch untergegangen war. Je mehr ich aber immer las, je
  mehr fühlte ich auch die Lücken in meinem Wissen, da nirgends ein
  solider Grund gelegt war. Der erste Schulunterricht war nach damaliger
  Zeit sehr schlecht gewesen, und ich hatte keine Zeit gefunden, ihn
  nachzuholen. Ich fühlte aber, daß ich mehr wissen müsse, um meinem
  aufstrebenden Geiste Genüge zu leisten und höhern Aufgaben des
  Lebens entsprechen zu können. So ungewöhnlich es daher auch war, so
  bewog ich meinen Vater doch dahin, daß er mir erlaubte, ein Jahr
  eine Akademie zu beziehen, und ich ging nun nach Leipzig, wo ich
  _au 5^{me}_ in der Petersstraße bei einem Perrückenmacher anderthalb
  ganz glückliche Jahre zubrachte und, ich darf es sagen, musterhaft
  lebte und musterhaft fleißig war. Ich erwarb mir insbesondere die
  neuern Sprachen und erlangte darin eine ziemliche Vollkommenheit
  im mündlichen und schriftlichen Ausdruck; außerdem saß ich stets
  zu Platner's und Hindenburg's und Eschenbach's Füßen, trieb
  Philosophie, Physik und Chemie, was aber aus Mangel an gründlicher
  Elementarbildung, die sich später nie ersetzen läßt, nicht tiefe
  Wurzeln gefaßt hat.

  Nach Verlauf dieser glücklichen anderthalb Jahre engagirte ich
  mich bei einem englischen Hause in Manchester und war bestimmt, die
  Geschäfte desselben in Italien zu leiten. Wir gaben uns in Leipzig
  das Rendez-vous in Amsterdam, und ich reiste ab, um die Erlaubniß
  meines Vaters einzuholen und von ihm Abschied zu nehmen. Dieser, ein
  Mann im alten Stil, sah diesen Plan nicht gerne. Ich war zu einem
  Manne herangereift und galt für einen schönen Mann, ich hatte und
  zeigte mehr Talent und Geist und Bildung, als in meiner Vaterstadt an
  der Tagesordnung war -- was war natürlicher, als daß der gute Vater
  auf mich Pläne baute und mich um sich zu behalten suchte? Bonaparte
  unterstützte ihn und trat mir hier zuerst in meinen Weg. Er war eben
  zum Heerführer der Armee ernannt, die gegen Italien focht. Seine
  Siege führten ihn schnell über die Alpen und ganz Italien wurde
  von ihm überzogen. Mein Haus in Manchester hob seine Commandite in
  Livorno, wohin ich gehen sollte, auf, meldete mir dies und bot mir _en
  attendant mieux_ eine Stelle auf seinem Comptoire an. Die mochte ich
  nicht, und ich folgte nun williger den Wünschen des Vaters und um so
  leichter, da ich in unserm Städtchen eine Art Phänomen war und meine
  Eitelkeit täglich Triumphe feierte.

  Es dauerte nicht lange, als sich Gelegenheit zu einer
  Handelsverbindung zeigte. Diese wurde auch geschlossen mit einem
  wackern Freunde, Namens Mallinckrodt, und des Kapitals wegen, da
  die unserigen nicht zuzureichen schienen, mit einem Dritten, Namens
  Hiltrop, einem sehr reichen Menschen, den wir für dumm hielten und
  glaubten auf diese Weise benutzen zu dürfen. Dies war ein großes
  Unglück, dem ich unsägliche Leiden verdanke, denn dieser Mensch war
  freilich dumm, aber zugleich ein verworrener Phantast und von dem
  allerschlechtesten Charakter. Unser Geschäft bestand in englischen
  Manufacturwaaren im Großen, insbesondere in groben Wollartikeln,
  die in jenen Gegenden stark gebraucht wurden. Ich besorgte die
  Comptoirgeschäfte, Mallinckrodt die Reisen und das Waarengeschäft.
  Unsere Handlung hatte den glänzendsten Fortgang. Wir glaubten Hiltrop
  (den dritten Compagnon) entbehren zu können; wir separirten uns
  also von ihm und fanden ihn ab. Alles in der höchsten Ordnung und
  Rechtlichkeit.

  Wir heiratheten nun. Ich meine Sophie, er (Mallinckrodt) eine
  Freundin von ihr. Sophie war 19, ich eben 24 Jahre alt.[9] Sie war aus
  der angesehensten Familie meiner Vaterstadt, ehemaligen Patriciern.
  Sie war liebenswürdig, selbst schön, nicht geistreich, aber
  verständig und von einem edlen und festen Charakter, der sich in den
  schwierigsten Lebensverhältnissen erprobt hat. Dabei brachte sie mir
  ein für dortige Gegenden sehr bedeutendes Vermögen zu. Wir waren die
  glücklichsten Menschen unter der Sonne. Ach, wenn ich dieser Rosenzeit
  meines Lebens, die drei volle Jahre dauerte, gedenke, so rollen, wie
  auch jetzt, die hellen Thränen aus meinen Augen, denn in ihnen genoß
  ich des höchsten menschlichen Glückes. In diesen Zeitraum fällt die
  Geburt von Auguste und von Fritz.

  Aber nicht länger sollte unser Glück dauern. Unser Geschäft hatte
  einen höchst genialen Charakter angenommen, etwa oder ganz in der Art,
  wie ihn jetzt mein Buchhandel hat. Wir machten unerhörte Geschäfte,
  hatten einen grenzenlosen Credit und gewannen große Summen. Unser
  Geschäft hatte sich vorzüglich nach Holland gezogen; wir etablirten
  ein Haus in Arnheim, und mein Associé zog dahin. In dieser Epoche
  fielen die ungeheuern Bankrotte in Hamburg vor, von denen Sie wol
  mal werden gehört haben. Wir wurden zwar nicht direct, aber in einer
  indirecten Weise darin verflochten, die unserm Schicksal eine ganz
  andere Richtung gab. Jener unser erster Associé Hiltrop hatte nach
  seiner Trennung von uns ein ähnliches Geschäft, als es das unserige
  war, begonnen, aber freilich nicht mit unserer _adresse_ und unserm
  Geiste; er hatte sich also bald verfitzt, und als vollends sein
  Bankier in London, ein Vetter der Bethmann in Frankfurt, die ihn aber
  ruhig fallen ließen, Bankrott machte und er an diesem 15000 Thaler zu
  verlieren befürchten mußte, kam er in Verzweiflung, und nicht fähig,
  sich selbst zu retten, warf er sich uns in die Arme. Wir retteten ihn,
  übernahmen seine Sachen, auch mit einem Verlust von nur einem Drittel
  seine Forderung an den falliten Bethmann, da wir mit diesem auch in
  Verbindung waren und uns schmeichelten, die Rechnungen compensiren
  zu können. Wir arrangirten sein Creditwesen und handelten in jeder
  Hinsicht mit der höchsten Großmuth und Liberalität, ohne jedoch das
  kaufmännische Princip dabei aus den Augen zu lassen.

  Dieses _accomodement_ für und mit Hiltrop sollte für uns die
  Ursache unübersehbarer Verdrießlichkeiten und Unglücks werden.
  Dortmund war damals noch eine Reichsstadt, und das Unwesen in den
  Gerichtsformen und bei Processen war bei der absoluten Unabhängigkeit
  der Reichsstädte in den ersten Instanzen dort grenzenlos. Unsere
  Handlung hatte einen Schwung genommen, von dem man sich in der
  altväterischen Stadt nie eine Idee gemacht hatte, und ob wir gleich,
  ich darf das sagen, unser Glück nicht durch Uebermuth geltend machten,
  im Gegentheil allenthalben helfend mit der höchsten Uneigennützigkeit
  eingriffen, so führte doch unsere Existenz und unser Geschäft einen
  _train de vie_ mit sich, der dort neu war, großes Aufsehen machte und
  uns die heftigsten Neider und daraus Verleumder zuzog. Man hetzte
  jenen Phantasten Hiltrop, den wir vom Elend und Versinken #allein#
  und mit der vollkommensten Rechtlichkeit gerettet hatten, gegen uns
  auf, und dieser klagte nun gegen uns über jene stattgefundene Cession
  seiner Forderung an uns, und daß wir ihn dabei verletzt hätten. Der
  Proceß darüber nahm seinen Anfang, und da der Bürgermeister, die
  Seele von Allem, was in dem Städtchen geschah, mein erbitterter
  und entschiedener Feind war, so erwuchsen aus der Führung dieses
  unglücklichen Processes für mich (denn mein Associé war in Arnheim)
  namenlose Verdrießlichkeiten, und ich entschloß mich endlich,
  Dortmund ganz zu verlassen und nach Holland zu ziehen. Aber kaum
  verlautbarte dieser Entschluß, als mir erstlich eine ganz übertriebene
  Cautionsleistung für den obschwebenden Proceß abgefordert wurde und
  man sofort mit der Forderung von 10 Procent von unserm Vermögen
  auftrat. Beide Forderungen wurden mit einer Art von fanatischer Wuth
  bei unsern Widersprüchen verfolgt. An Hülfe war gar nicht zu denken,
  denn der Magistrat hatte und erkannte keine andere Behörde über sich
  als das Reichskammergericht in Wetzlar oder den Reichshofrath in
  Wien. Ich mußte Kränkungen über Kränkungen erleiden. Erst wurde unser
  ganzes Waarenlager mit Arrest belegt, meine Handlungsbücher wurden uns
  fortgenommen und untersucht, ich selbst am Ende persönlich arretirt.
  Ich mußte mich beugen und wenigstens die Caution für die 10 Procent
  Vermögenssteuer leisten. Der andern (Maßregel?) entging ich zu meinem
  Glücke durch Consequenz und Klugheit.

  So verließen wir unsere Vaterstadt und kamen fast wie Geächtete
  in Arnheim an. Die Geschichte hatte das ungeheuerste Aufsehen
  gemacht, der Haufen der Menschen war, wie ganz in der Regel, gegen
  uns, die man hochfahrige, überklugseinwollende, vorwitzige Personen
  nannte, denen hier Recht geschehen sei; unser Credit litt dadurch
  außerordentlich, und im Auslande, wo man sich solchen Unsinn, als
  der dortmunder Magistrat begangen, gar nicht denken konnte, mußte
  man ganz irre werden, als wir anzeigen mußten, wir wohnen nicht mehr
  in Dortmund, sondern jetzt in Arnheim. Dazu kamen nun die reellen
  äußern Zerstörungen, die mit dieser gewaltsamen Geschäftsverpflanzung
  verbunden sein mußten, und der Umstand, daß Alles allerdings auf die
  Spitze getrieben war, indem wir das Geschäft aus dem Gesichtspunkt
  betrieben hatten: man muß das Eisen schmieden, solange es glühend ist;
  -- kurz, unsere Lage wurde bei diesen Umständen höchst kritisch. Mein
  Associé, der blos das Waarengeschäft geleitet und von der einen Seite
  die großen geernteten Vortheile kannte, nicht aber alle die Fäden,
  die ich angesponnen, um das Geschäft in dieser Höhe zu erhalten, war
  nun höchst befremdet über die Stockungen in unserm Creditsystem.
  Er war unbillig genug gegen mich, der so unendlich gelitten und
  Alles allein hatte erdulden müssen, mir Vorwürfe zu machen, und ich
  war schwach genug, darüber so erbittert zu werden, daß ich ihm die
  Compagnieschaft aufsagte. Wir separirten uns also. Ich zahlte ihm
  ein Abfindungsquantum von baaren 60000 Gulden und übernahm das ganze
  Geschäft und zog nach Amsterdam. Dies war im Winter 1801 auf 1802.




               Zweiter Abschnitt.

                 In Amsterdam.




                       1.

           Kaufmännische Thätigkeit.


Als Brockhaus im Winter von 1801 auf 1802 Arnheim verließ und
nach Amsterdam übersiedelte, um hier das früher mit Mallinckrodt
betriebene Geschäft in englischen Manufacturen _en gros_ allein und
auf günstigerm Boden fortzusetzen, hatte er einen schweren Stand.
Durch den Hiltrop'scheu Proceß und die Verlegung seines Geschäfts von
Dortmund nach Arnheim hatte sein Credit schon leiden müssen, da die
kaufmännische Welt die nähern Umstände und die eigentliche Veranlassung
dazu nicht kannte. In Amsterdam hatte er somit eigentlich wieder von
vorn anzufangen. Indeß verlor er den Muth nicht, und das Glück schien
ihm auch bald wieder lächeln zu wollen.

Es waren damals die letzten Jahre der Batavischen Republik unter ihrem
trefflichen Leiter, dem Großpensionär Schimmelpenninck; die frische Luft
des Freistaats, der lebhafte Verkehr der großen Handelsstadt sagten ihm
weit mehr zu, als die engen Verhältnisse der kleinen Provinzialstadt
Arnheim und seiner freilich ebenfalls »freien« Vaterstadt Dortmund.
Außerdem stand er in Amsterdam ganz auf eigenen Füßen und befand sich
in neuer Umgebung; er hatte auf keinen Associé Rücksicht zu nehmen und
wurde in der ersten Zeit wenigstens fast durch nichts mehr an frühere
widrige Verhältnisse erinnert.

Alles das gab ihm eine zuversichtliche Stimmung. In dieser schreibt
er am 18. Mai 1802 an seinen Bruder Gottlieb in Dortmund, mit dem er
fortwährend in den herzlichsten Beziehungen verblieb:

  Wir fügen uns in unsere hiesigen neuen Verhältnisse Alle recht gut,
  und wenn ich mal diejenigen der alten Handlung ganz in Ordnung habe
  sowie mein properes Geschäft in gehörigem Vertrieb, so hoffe ich,
  wird mir endlich Zufriedenheit und Ruhe zutheil werden; ich werde
  gewiß mich für abermalige zu große Geschäfte hüten. Darin fehlte
  Mallinckrodt und verführte er mich auch hauptsächlich. O ich danke
  Gott, daß ich von ihm ab bin und allein handeln kann, wie ich jetzt
  will. Ich könnte ihm große Vorwürfe machen -- ich thue es nicht und
  ergebe mich in mein Schicksal. Die Zukunft verspricht mir auch ja so
  viel Gutes und ich hoffe, daß, wenn wir uns mal wiedersehen, wir Beide
  glücklicher sein werden als wie wir uns trennten.

Auch materiell unterstützte ihn der Bruder durch seinen Credit und wie
er es sonst vermochte. Im Sommer 1804 besuchte er ihn in Amsterdam.
Folgender bald nach dessen Abreise geschriebene Brief von Arnold
Brockhaus an seinen Bruder Gottlieb (vom 4. September 1804) gibt von dem
herzlichen Verhältniß zwischen Beiden und von der warmen Empfindung des
Schreibers Zeugniß:

               Theuerster Bruder!

  Freilich: unsere höchsten Freuden grenzen oft nur um eine Linie an
  den herbsten Schmerz. Wie glücklich verflossen uns die wenigen Tage,
  die wir hier zusammen lebten und -- was mir unschätzbar bleibt --
  auch mit einander verlebten. Aber der Abschied von Dir, theuerster
  Bruder, am Sonntag Morgen, -- der zerriß mir die Seele. Bin ich doch
  nie von Schmerz, Betrübniß und Wehmuth so hingerissen, so aufgelöst
  gewesen, als in den Stunden. Mir selbst fast unbegreiflich war auch
  die Stimmung, worin ich mich befand. War es mir doch, als ob mit Dir
  alle meine Hoffnungen, alle meine Freuden, alle Annehmlichkeiten des
  Lebens dahinschwänden, als ob die Zukunft von jetzt an nur Grausen und
  Schrecknisse für mich haben werde, als ob wir uns nie wieder sehen
  würden, -- als ob ich nichts Theueres mehr auf der Welt hätte!

  Ich konnte mich auch nicht erholen. Nicht eine, sondern mehrere
  Stunden lang saß ich in Schmerz versunken, ohne ein anderes Bewußtsein
  auf der Seele, als daß oft unwillkürlich und gedankenlos helle
  Thränenbäche mir aus den Augen stürzten. Nur die Liebkosungen der
  Kinder, an dem Arme ihrer guten, mir so lieben Mutter, brachten mich
  endlich wieder zu mir selbst. Der Tag verfloß uns so in feierlicher
  Stille, und nur Du warst der Gegenstand unserer traulichen Reden.
  Könnten wir Dich doch in unserer Mitte haben! Könnten wir doch nur
  zusammen leben! Das war der ewige Wiederholungspunkt, worin sich
  unsere Wünsche alle begegneten.

  Du eiltest in der Zwischenzeit der friedlichen Heimat zu. Jetzt ist
  der Bruder #da#, nun ist er #da#. Nun ist er in Amersfoort, Arnheim,
  Wesel -- nun eilt er in die Arme seiner lieben Frau, seiner geliebten
  Kinder, jetzt drückt er sie froh an sein Herz, nun sind sie zu Hause
  im kleinen Stübchen, jetzt erzählt der Bruder von uns -- und von
  Amsterdam, dem horchenden Lottchen, den erstaunenden Freunden! So
  warst Du uns stündlich und täglich gegenwärtig, so begleiteten wir
  Dich allenthalben und lebten in der süßesten Täuschung. Denn ach,
  -- wie schrecklich mußte der Uebergang von der Stimmung sein, mit
  welcher Du in Bochum ankamst, bis Du es wieder verließest. Erinnerst
  Du Dich des Vorfalls, den Du uns von dem Bauer in Brakel erzähltest,
  der bei seiner Zurückkunft, wo er sein liebes Weib und seine Kinder
  zu überraschen gedachte, ersteres und seinen Liebling von diesen todt
  fand? War es mir doch, als Du es erzähltest, als ob mir eine geheime
  Ahndung aufstieg. Das Herz brach mir fast, als Du es erzähltest! Gott,
  wie schrecklich hattest Du hier selbst fühlen können, du gefühlvoller,
  edler, einfacher Mensch, was Du mit so innigem Affecte von Andern
  darstellen konntest!

  Wir Alle, theuerster Bruder, haben an diesem Deinem harten
  Schicksale den innigsten Theil genommen und nehmen ihn noch immer.
  Gebe nur der gute Gott, daß sich noch Alles zum Besten lenke. Gebe
  er Dir Seelen- und Körperstärke, um die Gegenwart und die Zukunft
  ertragen zu können!

  Wir bitten Dich innigst, uns doch jeden Posttag, wäre es auch nur
  mit wenigen Zeilen, die Lage der Umstände zu melden. Wir befürchten
  zwar Alles, hoffen aber auch noch Alles.

Ein weiteres sprechendes Zeugniß der Liebe zu seinem Bruder Gottlieb
bietet ein Blatt, das dieser in seiner Wohnstube unter Glas und Rahmen
aufbewahrte. Es enthält eine bekannte Stelle aus Schiller's »Braut
von Messina« mit der Ueberschrift: »A. B. -- G. B.« und wurde ihm
wahrscheinlich einmal von seinem Bruder zum Geburtstage übersandt. Die
Worte (von Isabella nach dem zweiten Auftreten des Chors gesprochen)
lauten:

          Feindlich ist die Welt
    Und falsch gesinnt! Es liebt ein Jeder nur
    Sich selbst; unsicher, los und wandelbar
    Sind alle Bande, die das leichte Glück
    Geflochten -- Laune löst, was Laune knüpfte --
    Nur die Natur ist redlich! Sie allein
    Liegt an dem ew'gen Ankergrunde fest,
    Wenn alles And're auf den sturmbewegten Wellen
    Des Lebens unstet treibt. Die Neigung gibt
    Den Freund -- es gibt der Vortheil den Gefährten;
    Wohl dem, dem die Geburt den #Bruder# gab!
    Ihn kann das Glück nicht geben -- anerschaffen
    Ist ihm der Freund, und gegen eine Welt
    Voll Kriegs und Truges steht er zwiefach da.

Sein nicht mehr bedeutendes Betriebskapital wußte Brockhaus auf
geschickte Weise zu vergrößern, indem er das Vertrauen benutzte, das man
ihm in Amsterdam von allen Seiten entgegenbrachte. So hatte sich schon
in Dortmund ein französischer Emigrant an ihn angeschlossen und ihm
nach und nach eine größere Summe anvertraut, worüber nun in Amsterdam
am 1. Juni 1802 ein Document ausgestellt wurde; es war dies der frühere
Prevôt von Valenciennes, Pierre Antoine Louis Lehardy de la Loge.
Freilich entstanden ihm später manche Unannehmlichkeiten aus diesem
Geldgeschäfte, da die nach dem Tode seines Freundes von dessen Erben
geforderten Rückzahlungen des Kapitals gerade in eine sehr schwierige
Zeit fielen. In ähnlicher Weise bot ihm ein anderer französischer
Emigrant, ein früherer Militär, Charles Louis Remy la Motte de la
Tournelle aus Rheims, ein kleines Kapital gegen eine Jahresrente an und
Brockhaus schloß am 15. März 1802 darüber einen Vertrag mit ihm.

Aber auch in der kaufmännischen Welt gewann er rasch wieder bedeutenden
Credit. Allerdings ließ er sich dadurch verleiten, trotz seiner guten
Vorsätze wieder weiter zu gehen, als seine Kräfte erlaubten, und zudem
traten bald politische Verhältnisse ein, die das kaufmännische Geschäft
überhaupt sehr erschwerten. Es war die Zeit der Continentalsperre,
jener rücksichtslosen Maßregel Bonaparte's gegen England, durch welche
er dessen Macht zu brechen hoffte. Natürlich war es sein Streben, auch
die Nachbarländer zu gleichem Vorgehen gegen England zu bestimmen, da
er sich nur dann den gewünschten Erfolg versprechen konnte. So bot er
auch seinen ganzen Einfluß auf, um die schwache Batavische Republik zu
ähnlichen Maßregeln zu bringen, und diese vermochte dem Drängen des
mächtigen Nachbars auf die Länge nicht zu widerstehen. Die strengsten
Verordnungen wurden erlassen, um allen englischen Waaren den Eingang in
die Republik unmöglich zu machen.

Dies war natürlich ein tödlicher Schlag für Brockhaus' eben im
Wiederaufblühen begriffenes Geschäft, dessen Hauptbezugsquelle immer
England gewesen war. Trotzdem verlor er den Muth nicht gleich, er suchte
den veränderten Umständen gemäß neue Wege auf und noch bis in den Herbst
des Jahres 1804 gelang es ihm, der ungünstigen Conjunctur die Spitze zu
bieten. Allein die Verlegenheiten mehrten sich.

Unterm 30. September entwirft er dem Bruder folgendes anschauliche Bild
seiner Lage:

  Seit Deiner Abreise, lieber Bruder, habe ich viel Sorgen gehabt
  und noch sind sie leider nicht vorbei. Ich will mich mit Dir sehr
  offen unterhalten, gerade als ob wir traulich nebeneinander in der
  Mitternachtstunde säßen, wie wir es bei Deinem Hiersein so manchmal
  thaten.

  Ich habe unglücklicherweise noch immer nicht die goldene Kunst
  erlernt, die Segel einzuziehen, wenn der Wind am vortheilhaftesten
  hineinweht. Durch das günstige Geschäft in diesem Jahre verführt,
  habe ich mich unglücklicherweise wieder zu tief hineingesteckt,
  und es ist mir deshalb was über dem Kopf zusammengeschlagen. Dazu
  kam die verdammte Speculation auf die Ladung des hier verkauften
  Schiffes, wovon mir noch 12000 Gulden in Leipzig festsitzen und die
  im Ganzen doch nicht gut rentirt. Drittens hatte es mir Anstrengung
  gekostet, um an Hofmann & de Bri gleich eine Summe von circa 1500 £
  zu übermachen, in Absicht eines brillanten Debüts, da ich sonst
  noch ein paar Monate das Geld hätte halten können. Auch habe ich das
  Jahr zu viel comptant oder auf kurze Zeit gekauft .... Ich habe mich
  inzwischen gehalten, allen Engagements Genüge geleistet und denke,
  so Gott will, glücklich herauszukommen .... Es ist das Alles sehr
  schlimm gewesen und noch ist es nicht wieder im rechten Haken, allein
  so wie das Schlimme sehr nahe am Guten grenzt, so auch umgekehrt.
  Es wird hieraus für mich wahrscheinlich viel Gutes hervorgehen. Die
  Lehre, die ich jetzt erhalten, war scharf: meine Existenz stand auf
  einer Nadelspitze -- die habe ich erhalten --, aber mein Credit hat
  tief gelitten und das ersetzt sich schwerer, ob ich gleich hier auf
  dem Platze keines besondern Credits bedarf. Ich habe es nämlich mir
  selbst, meinem theuern Weibe, meinen geliebten Kindern heilig gelobt:
  von jetzt an nur ein kleines Geschäft, das nur halb so groß ist als
  mein jetziges, haben zu wollen. Ich werde nicht wieder wankend werden,
  zuverlässig nicht, dazu ist mein Vornehmen diesmal zu bestimmt und
  raisonnirt. #Das# Gute wird also aus meinen gehabten Verlegenheiten
  sicher hervorgehen und ich blicke wirklich seit der Zeit schon mit
  mehr Heiterkeit in die Zukunft als vorher. Ich habe allen Ideen
  von weitläufigem und ausgebreitetem Geschäft auf das feierlichste
  entsagt, und fortan werde ich mich nie wieder dazu verführen lassen,
  noch von dem geraden Wege in meinen Transactionen abgehen .... Dies,
  lieber Bruder, waren die Sorgen und die Verlegenheiten, worin ich
  mich befunden habe. Sie waren groß, da sie alle wie ein Gewitter auf
  mich zusammenstürzten, allein sie waren auch nicht größer als ich sie
  Dir geschildert, und ich hoffe, daß ich so ziemlich dadurch bin. Ich
  habe außer dem brüderlichen Hange, Dir auch nichts verschweigen zu
  wollen, was mir Gutes und Uebles auf der Welt widerfährt, auch noch
  #die# Ursache, Dir darüber zu schreiben, da es möglich wäre, daß durch
  Königshoff oder sonst Jemanden etwas darüber nach Dortmund berichtet
  würde, und damit Du dann weißt, was davon zu halten.

  Endlich noch eine brüderliche Mittheilung. Es ist unvermeidlich,
  lieber Bruder, daß der Uebergang von meinen ansehnlichern zu den
  kleinern Geschäften mich nicht geniren müßte, besonders da ich es als
  ersten Grundsatz festgesetzt, mich dazu #auch nicht eines# insoliden
  Hülfsmittels zu bedienen, ich vielmehr damit begonnen habe, solche
  zu succificiren. Ueberhaupt fühle ich, daß ich doch dem ausgedehnten
  Geschäfte nicht gewachsen war bei der hiesigen Solidität, und daß ein
  #Manufactur#geschäft #hier# mit einem Fonds wie der meinige eigentlich
  nur die Hälfte desjenigen solide thun kann, was ich ganz that. Außer
  den Hülfsmitteln, die in mir selbst liegen und die dazu mit dienen
  sollen, jenen Zweck zu erreichen, möchte ich aber auch noch gern alle
  die ins Werk setzen, welche für mich erreichbar sind und die dazu mit
  beitragen könnten, d. h. ich möchte gern alle die Fonds disponibel
  haben, welche mir doch einmal gehören, durch unangenehme Dispute aber
  nun für mich ohne Nutzen sind .....

Im weitern Verlaufe des Briefs macht er Vorschläge, die sich darauf
beziehen, daß er seinen Antheil an den gemeinschaftlichen Ländereien bei
Dortmund (circa 6 Morgen) abtreten und verschiedene Familienverhältnisse
geordnet haben möchte, wodurch er ein Kapital von 6000 Fl. zu erhalten
hofft. Außerdem bittet er seinen Bruder, ihn selbst noch auf etwa ein
Jahr mit einem besondern kleinen Kapitale von etwa 4000 holl. Fl. zu
unterstützen. Dann fährt er fort:

  Es soll sowol dies, als wenn ich jenes erhalte, nicht dazu dienen,
  meine Geschäfte zu erweitern. Nein, es ist und bleibt der heiligste
  und unabänderlichste Vorsatz bei mir, sie vielmehr sehr einschränken.
  Es soll aber dazu mit dienen, um mir Verbindungen ganz entbehrlich zu
  machen auf auswärtigen Plätzen, die, so wie sie sehr kostbar waren,
  mich auch stets genirten und meine Thätigkeit von meinem eigentlichen
  Geschäfte ablenkten. Ich habe vor, mich ganz aufs Reine zu setzen
  und endlich einmal mir selbst und meiner Familie zu leben. Dieser
  Uebergang kostet mir aber, wie Du denken kannst, sehr viel Mühe und
  erfordert auch neue Fonds, indem bei einem großen Geschäfte auch der
  Credit groß ist und eins das andere stopft. Daß Du mir das Kapital
  mit Sicherheit anvertrauen kannst, dafür bürgt Dir mein Ehrenwort,
  daß erstlich meine Sachen gut stehen, und zweitens, daß, möchten mich
  auch unglückliche Umstände ereilen, es mir die heiligste Pflicht sein
  würde, Dich vorzüglich zu decken. Ich weiß wol, lieber Bruder, daß
  Deine Einrichtungen und auch Deine Fonds es nicht erlauben, daß Du
  mich aus eigenen Mitteln bedeutend unterstützest, allein ich dachte,
  daß Deine Verbindungen Dir vielleicht Mittel an die Hand böten, hier
  oder da so ein Kapital von etwa bis zu 4000 Fl. zusammenzubringen.
  Solltest Du inzwischen keine Gelegenheit haben, so sagst Du es mir nur
  einfach und ich suche mich dann anders durchzuschlagen. Es braucht
  zwischen uns keiner Complimente darin. Ein Ja ein Ja, ein Wort ein
  Wort .... Kurz, lieber Bruder, Alles, was Du vermagst zu thun, das
  thue in diesem Augenblicke, der durch das Zusammentreffen mehrerer
  Umstände für mich sehr unangenehm ist. Die größte Krise habe ich zwar
  überwunden, allein geheilt bin ich noch nicht, und es wird mir noch
  große Anstrengungen kosten, ehe ich darüber bin .... Ich habe Dir
  Alles sagen und Dir nichts verschweigen wollen. Du und Sophie sind die
  einzigen Menschen auf der Erde, die meine wahrhaften Freunde sind. Ich
  kann und will Beiden nie etwas verhehlen. Es wird Alles gut gehen, nur
  der Augenblick war hart und ist es noch. Die herzlichste Umarmung!

Die Antwort auf diesen Brief liegt nicht vor. Doch ist kaum zu
bezweifeln, daß der Bruder ihm auch in diesem Falle, wie in so manchen
frühern, nach Kräften geholfen, denn unterm 26. August 1805 dankt er
ihm, weil er »die 3000 Fl. wieder in seinen Händen gelassen«, mit
dem Bemerken: wenn er sie gern zurückhaben wolle, so werde ihn dies
nicht geniren, falls er nur etwas vorher davon unterrichtet sei.
Jedenfalls gelang es Brockhaus, seine Verhältnisse zu ordnen, und seinem
Vorsatze getreu schränkte er das kaufmännische Geschäft wesentlich
ein. Im October 1804 scheint er mehrere Wochen in Wesel zugebracht
zu haben, wahrscheinlich eben zur Abwickelung eines frühern größern
Waarengeschäfts.

Diese Einschränkung in enge Verhältnisse konnte aber seinem regen,
weitstrebenden Geiste nicht lange genügen, und da er theils wegen der
Continentalsperre, theils nach den kaum überstandenen Bedrängnissen
daran festhielt, sein Geschäft in englischen Waaren nicht wieder
auszudehnen, so mochte für ihn der Gedanke nahe liegen, neben demselben
ein anderes Geschäft zu betreiben, das seinem Geiste bessere Nahrung
versprach und von dem er doch auch materielle Erfolge erwarten konnte.




                       2.

         Errichtung einer Buchhandlung.


Von Jugend auf von dem lebhaftesten Interesse für die Literatur erfüllt,
hatte Brockhaus, wie schon erwähnt, eigentlich gegen seinen Willen, nur
auf Wunsch seines Vaters und durch zufällige Umstände darauf hingeführt,
den Kaufmannsstand erwählt. Mehr durch fremde als durch eigene Schuld
und durch die Zeitverhältnisse an der Durchführung seiner kühn und
großartig angelegten Handelsunternehmungen gehindert, griff er jetzt
zu der Idee zurück, die ihn seit seinem Aufenthalte in Leipzig oft
lebhaft beschäftigt haben mochte: sich dem Buchhandel zu widmen, als
einem Berufe, in dem er seine kaufmännischen Kenntnisse verwerthen
und doch zugleich seiner Lieblingsneigung, der Beschäftigung mit der
Literatur, leben konnte. Er stand noch in dem ersten Mannesalter, dem
dreiunddreißigsten Lebensjahre; er hatte reiche Erfahrungen gesammelt,
deren Schwere seinen Geist in keiner Weise zu beugen vermochte; er
lebte in den glücklichsten Familienverhältnissen, an der Seite einer
geliebten Frau, von blühenden Kindern umgeben: noch in Arnheim war ihm
am 12. Februar 1802 eine zweite Tochter, Karoline, am 4. Februar 1804 in
Amsterdam ein zweiter Sohn, Heinrich, geboren worden. Sollte er den Muth
sinken lassen und nicht vielmehr versuchen, ob ihm das Glück nicht auf
einem andern Felde lächeln werde?

Im Sommer 1805 ging er an die Ausführung des neuen Plans, obwol
seine Buchhandlung formell erst am 15. October 1805 eröffnet wurde
und dieser also der Gründungstag der Firma F. A. Brockhaus ist. Von
diesem Tage datirt sein erstes buchhändlerisches Circular, allerdings
nicht mit seinem Namen, sondern mit der Firma »Rohloff und Compagnie«
unterzeichnet. Als Ausländer konnte er nämlich nicht Mitglied der
amsterdamer Buchhändlergilde werden, und so bewog er einen ihm bekannten
wackern Mann, den Buchdrucker J. G. Rohloff, zu erlauben, daß das
Geschäft auf dessen Namen geführt werde. Dieser war dabei weiter nicht
betheiligt, als daß er eine kleine Entschädigung für das Hergeben seines
Namens erhielt, und Brockhaus von Anfang an alleiniger Eigenthümer.
Auch ließ Brockhaus den Namen Rohloff's schon nach kaum zwei Jahren,
1807, ganz verschwinden und wählte für seine Firma die schon in jenem
ersten Circular zur Charakterisirung des neuen Geschäfts gebrauchte
Bezeichnung: »Kunst- und Industrie-Comptoir«, ohne Hinzufügung eines
Namens.[10] Hierüber sagt er in einem Briefe:

  Aus Zartgefühl trennte ich bei zunehmenden Geschäften Hrn. Rohloff
  von unserm Geschäfte, um auch nicht den Schatten von Besorglichkeit
  in der Seele des guten Mannes aufkommen zu lassen, die er doch haben
  mußte, da sein Name gebraucht wurde.

Jenes erste Circular, aus dem die Absichten des Begründers gleich
deutlich hervorgehen, lautet:

                                    Amsterdam, den 15. October 1805.

  Die Unterzeichneten haben die Ehre, Ihnen hiermit anzuzeigen, daß
  sie hierselbst ein Kunst- und Industrie-Comptoir errichtet haben,
  welches einerseits zur Absicht hat, nationale Wissenschaft und
  Kunst zu befördern und das Ausland damit bekannt zu machen, als
  andererseits: den Freunden der Wissenschaften und schönen Künste in
  den Vereinigten Niederlanden Gelegenheit zu geben, sich Alles, was
  das gebildetere Ausland, vorzüglich Frankreich, England, Deutschland
  und Italien, in diesen Hinsichten Merkwürdiges darbietet, schnell
  verschaffen zu können.

  Wir werden uns bemühen, für die Batavische Republik einen Central-
  und Verbindungspunkt zwischen nationaler und fremder Kunst und
  Wissenschaft zu bilden und dadurch einem längst gefühlten und
  allgemein anerkannten Bedürfnisse abzuhelfen.

  Jeder Auftrag des Auslandes, der sich also auf niederländische
  Literatur und Kunst bezieht, wird demnach ebenso pünktlich und
  sorgfältig ausgerichtet werden als wiederum alle inländischen
  Literatur- und Kunstfreunde Gelegenheit haben, durch uns alle
  Literatur-, Kunst- und Musikproducte des Auslandes schnell und zu
  billigen Preisen erhalten zu können. Zu beiden Arten von Aufträgen
  empfehlen wir uns also ergebenst und werden wir uns beeifern, das
  Zutrauen, um welches wir bitten, durch die That zu verdienen.

                                                 Rohloff & Co.


Dasselbe Circular wurde gleichzeitig in französischer Sprache versandt.
Der französische Text weicht nur darin von dem deutschen ab, daß es im
ersten Satze heißt: »_que les soussignés viennent d'établir en cette
ville un Institut de Commerce, ~sous la raison~: Bureau des Arts et des
Belles-lettres_«, woraus sich auch die bereits erwähnte, nach damaliger
Sitte ohne weitere Anzeige 1807 erfolgte Umänderung der Firma: Rohloff &
Co., in die von: Kunst- und Industrie-Comptoir, erklärt.

Nähere Mittheilungen über die Gründung des buchhändlerischen
Etablissements enthält ein Brief von Brockhaus an seinen Bruder, dem
er sich natürlich gedrungen fühlte, sofort Kenntniß davon zu geben. Er
schreibt aus Amsterdam vom 26. August 1805:

  Ich habe Dir neulich ein paar Worte von einer neuen Unternehmung
  gesagt, wobei ich mich interessirt habe.[11] Ich kann Dir jetzt
  etwas mehr darüber mittheilen. Ein paar angesehene und sehr
  wohlhabende Personen, Freunde der Wissenschaften und Künste, haben
  sich nämlich mit mir zu einem Institut wie das Weimarer und Wiener
  Industrie-Comptoir vereinigt, freilich sehr im Kleinen, um weniger
  selbst etwas zu produciren als fremde Sachen zu debitiren. Der Plan
  ist außer allem Zweifel ganz vortrefflich und verspricht, da durchaus
  noch nichts Aehnliches im ganzen Lande besteht, reiche Belohnung.
  Buch- und Kunst- und Musikalienhandel, activ und passiv, werden
  seine Vorwürfe sein. Wir haben einen Hauptdirector und ich bin
  Nebendirector, weil ich meiner sonstigen Geschäfte wegen nicht viel
  Zeit dazu verwenden kann. Ich werde Dir nächstens mal den Plan, wie
  wir ihn Schimmelpenninck vorgelegt haben, zur Einsicht mittheilen.[12]
  Wir haben von diesem trefflichen Manne die lebhafteste Ermunterung
  erhalten und das Versprechen, uns auf alle mögliche Weise zu
  unterstützen.

  Fürchte nicht, lieber Bruder, daß es mich in zu große
  Weitläufigkeiten setzen werde. Das wird nicht der Fall sein und kann
  es nicht sein, besonders da ich mein eigentliches Geschäft blos sehr
  mäßig treiben und höchstens darin einen Umschlag von 100000 Fl.
  bezwecken werde. Du kennst übrigens meine Liebhaberei für Literatur
  und Kunst und kannst also denken, wie angenehm es für mich sein wird,
  mich auf diese Art damit zu beschäftigen. Das Museum, das jetzt an
  250 Mitglieder hat, wird unser Institut, da einer der Directoren,
  Clifford, dabei interessirt ist, zu seinem Fournisseur wählen, und
  schon dadurch allein ist uns ein Absatz von 6000 Fl. sicher. Die
  Einrichtungen sind übrigens so getroffen oder werden es (denn noch ist
  die Sache erst im Werden), daß ich wenig Arbeit damit habe, und es
  wird mich dasselbe nicht verhindern, Euch dies Jahr noch zu besuchen,
  wenn nicht von andern Seiten vielleicht was dazwischen kommt.

Wer der in diesem Briefe erwähnte »Hauptdirector« des projectirten
buchhändlerischen Geschäfts war, neben dem sich Brockhaus nur als
»Nebendirector« bezeichnet, ist nicht bekannt. Entweder blieb die
Ernennung eines solchen ein bloßes Project, wie sich überhaupt das
Geschäft und Brockhaus' Wirksamkeit in demselben bald wesentlich anders
gestaltete, als er sie sich zuerst gedacht hatte. Oder -- und das
ist das Wahrscheinlichere -- unter dem »Hauptdirector« war derjenige
gemeint, der dem Publikum und speciell der »Gilde« gegenüber mit seinem
Namen hervorzutreten hatte, der Buchdrucker Rohloff, während Brockhaus
unter dem Namen eines »Nebendirectors« factisch der eigentliche Leiter
des Geschäfts wurde. Denn in einem spätern Briefe an seinen Bruder
(vom 25. August 1807) sagt er ausdrücklich, daß er der »alleinige
Eigenthümer« der Firma Rohloff & Co. gewesen sei. Auch die »angesehenen
und sehr wohlhabenden Personen«, von denen er in jenem frühern Briefe
sagt, daß sie mit ihm zur Gründung des Geschäfts sich vereinigt
hätten, sind wol schwerlich als Mitbegründer und Miteigenthümer des
Geschäfts anzusehen; es waren vielmehr »Freunde der Wissenschaften und
Künste«, die als solche und als seine persönlichen Freunde ihm mit
ihrem Einfluß und selbst mit materiellen Mitteln zur Seite standen. So
schreibt er einmal an seinen Bruder: »Ein wackerer Mann, dem ich mich
entdeckte, fand meine Idee sehr gut, und ich erhielt von diesem auch
noch dazu ein Kapital von 6000 Fl.« Dieser »wackere Mann« kann jener
ebenerwähnte Mitdirector des Museums, Clifford, oder der Großpensionär
Schimmelpenninck gewesen sein. Von letzterem wurde Brockhaus jedenfalls
auch materiell bei seinem neuen Unternehmen unterstützt, wie aus spätern
Rechnungspapieren hervorgeht. Ferner nennt er später einmal dankbar
folgende Namen als solcher Amsterdamer, die ihm in ähnlicher Weise
zu Hülfe kamen, ohne daß uns Weiteres als eben diese Namen bekannt
geworden: Gulcher, Falk, Hultmann, Rodde. Möglich ist indeß auch, daß es
ursprünglich auf ein Actienunternehmen abgesehen war, das sich später
zerschlug.

Aus dem oben mitgetheilten Briefe geht ferner hervor, daß Brockhaus
zunächst durchaus nicht die Absicht hatte, sein »eigentliches«
kaufmännisches Geschäft aufzugeben; er wollte dieses nur, wie er es
schon Ende 1804 sich selbst und seinem Bruder versprochen hatte,
nach den bösen Erfahrungen der letzten Zeit wesentlich einschränken
und neben demselben, gewissermaßen als Liebhaberei, das neue
buchhändlerische Geschäft betreiben. Dieses beabsichtigte Verhältniß
kehrte sich allerdings bald um: das buchhändlerische Geschäft wurde
die Hauptsache, das kaufmännische die Nebensache, sei es, daß er das
letztere absichtlich immer mehr einschränkte, oder daß dasselbe immer
weniger rentirte, sei es, daß das erstere sein Interesse und seine
Thätigkeit mehr in Anspruch nahm als er sich gedacht hatte. Indeß gab er
das kaufmännische Geschäft immer noch nicht ganz auf, sondern betrieb
es nebenbei mehrere Jahre fort, bis zu seinem Weggange von Amsterdam,
obwol er noch mehrmals sich ganz davon loszumachen versuchte. Eine
solche Doppelstellung erscheint in unserer Zeit der Arbeitstheilung
ungewöhnlich; damals und bei dem raschen Wechsel der politischen
Verhältnisse kam sie öfter vor.

Des Zusammenhangs wegen mögen aus dem bereits erwähnten spätern Briefe
an seinen Bruder vom 25. August 1807 einige Stellen gleich noch hier
folgen:

  Ich halte es für den glücklichsten Gedanken meines Lebens, daß ich,
  als vor zwei Jahren ich die Unmöglichkeit begriff, mein Geschäft in
  englischen Manufacturwaaren mit Glück, Ruhe und Segen fortführen zu
  können, um davon meine schwere Haushaltung und Ausgaben zu bestreiten,
  daß ich da den Entschluß faßte, hier ein Etablissement für Buch- und
  Kunsthandel zu errichten, wie es in unserm Lande keines gab, das mir
  ein gutes Auskommen versprach, keinen übergroßen Fonds erforderte
  und das meinem Genius vollkommen angemessen war. Indessen hatte ich
  zur Absicht, doch ein _noyau_ für Manufacturgeschäfte beizubehalten,
  um in günstigern Zeiten es vielleicht wieder aufzufassen und weiter
  auszudehnen. Ich war zu der Zeit einer der Directoren unsers Museums
  und meine Idee wurde dadurch sehr begünstigt .... Durch die Kenntniß
  und durch die Thätigkeit, welche ich in das neue, meinem Sinne so
  angemessene Geschäft legte, wuchs solches bald bedeutend, und ich
  entschloß mich, den _noyau_, den ich noch von Manufacturen angehalten
  hatte, fahren zu lassen und mich ganz und allein dem neuen Geschäfte
  zu widmen, für welches, wie wol Jeder gestehen wird, der mich kennt,
  ich Jedem und mir selbst außerordentlich berechnet schien ... Antheil
  hat Niemand am ganzen Geschäfte als ich allein. Ich lasse indessen im
  Publikum die Idee gelten, als ob mehrere dabei interessirt wären.

Er erwähnt dann noch, daß er seine »andere sehr lucrative aber lästige
Unternehmung« (den kaufmännischen _noyau_) zu verkaufen beabsichtige;
indeß findet sich keine Notiz, ob und wann dieser Plan zur Ausführung
gekommen.

       *       *       *       *       *

Doch kehren wir zu dem Beginn seines buchhändlerischen Unternehmens im
Sommer 1805 zurück, das er, wie alles im Leben, sofort mit lebhaftem
Eifer und nach großartigen Gesichtspunkten anfaßte.

Noch vor Erlaß des Circulars schrieb er an einige größere
Buchhandlungen, um gleich bei Eröffnung seines Geschäfts wohlgerüstet
auftreten zu können. Nur zwei solcher Briefe sind uns erhalten, beide an
Breitkopf & Härtel in Leipzig gerichtet.[13]

In dem ersten, Amsterdam, 5. September 1805 datirt und noch nicht mit
der Firma des neuen Geschäfts, sondern »A. Brockhaus« unterzeichnet,
heißt es:

  Einige Freunde der Literatur und schönen Künste haben sich
  entschlossen, hierselbst eine Buch- und Kunsthandlung anzulegen nach
  einem ganz neuen Plane, und dadurch für unsere Republik einem sehr
  gefühlten Bedürfnisse abzuhelfen. Es wird sich solche mit eigenem
  Verlage und mit Sortiment befassen und sich überhaupt bemühen, der
  Verbindungspunkt zwischen nationaler und ausländischer Wissenschaft
  und Kunst zu werden. Der vollkommene Mangel eines solchen Instituts
  in den Vereinigten Niederlanden, die glückliche Lage derselben zur
  Unterhaltung eines Verkehrs mit allen Nationen, selbst mit fremden
  Welttheilen, der Geist der Zeit überhaupt und endlich die Kenntnisse,
  der Eifer und die Mittel der Unternehmer -- Alles dieses läßt der
  Unternehmung mit Wahrscheinlichkeit einen guten Erfolg hoffen.

  Es sind noch einige Hindernisse, die in dem Zunft- und Gildenwesen
  ihre Ursachen haben, zu beseitigen, und wir müssen also die
  Herumsendung unserer Circulare, woraus Sie alles Nähere ersehen
  werden, so lange aussetzen. In einigen Wochen wird solches aber
  spätestens geschehen. Bis dahin habe ich, einer der Mitunternehmer,
  übernommen, schon einige Einleitungscorrespondenz anzufangen,
  und in dieser Qualität bin ich deshalb auch so frei, Ihnen das
  Gegenwärtige zu adressiren. Es soll sich dasselbe heute allein auf
  Ihren Musikverlag beziehen. Musikalienhandlung liegt vorzüglich
  mit im Plane unsers Instituts, da wir darin uns des besten Erfolgs
  schmeicheln dürfen, weil hierin fast nichts in unserer Republik gethan
  ist, unerachtet in derselben eine ausgezeichnete Liebhaberei für jede
  Gattung der Tonkunst statthat. Wir wünschen zu diesem Zwecke also mit
  den vorzüglichsten Musikalienhandlungen in Deutschland, der Schweiz
  und Frankreich in Verbindung zu treten und von denselben ihren Verlag
  in Commission zu erhalten, indem -- wenigstens vor der Hand -- es ganz
  unmöglich ist, sich selbigen gleich auf eigene Rechnung anzuschaffen.

  Meine ergebenste Frage an Sie ist also hierdurch: ob Sie sich hierzu
  wol entschließen möchten, und wenn das: ob Sie sich, was wir wünschen
  müssen, auf uns für unsere Republik einschränken und künftige ähnliche
  Anfragen zurückweisen wollen, solange unser Verkehr und Vertrieb Ihnen
  ansteht, und drittens: welches Ihre Bedingungen, Vortheile und Rabatte
  sind, die Sie zugestehen.

Aus einer Notiz auf dem Briefe ist zu ersehen, daß Breitkopf & Härtel in
Leipzig unterm 11. September antworteten:

  40 Procent gegen Baarzahlung, wenn er für netto 100 Thlr. nimmt; das
  franco Remittirte tauschen wir gegen andere Sachen aus.

Darauf erwidert Brockhaus unterm 27. September:

  Ihre Zuschrift vom 11. d. M. habe ich wohl erhalten und sie unserm
  Institute vorgelegt. Es hat dieses nichts dagegen, Ihnen zum Anfange
  comptant zu zahlen, jedoch unter der von Ihnen selbst angebotenen
  Bedingung, von Zeit zu Zeit das nicht Verkaufte gegen andere Artikel
  vertauschen zu können, und unter der, daß Sie uns anstatt 40 : 50
  Procent Rabatt geben. Wenn Ihnen dies convenirt, so wollen Sie für
  circa 400 Thlr. der neuesten und am meisten gesuchten Sachen -- ein
  Sortiment von Allem -- für uns auslegen und über Zwoll p. Adr. des
  Herrn F. L. Schlingemann an mich mit dem Postwagen absenden. Wir
  bitten Sie, diese Auswahl in jeder Rücksicht auf das sorgfältigste und
  geschmackvollste zu treffen. Es ist unser Debüt in diesem Artikel und
  also um so nöthiger. Den ungefähren Betrag _de circa_ 200 Thlr. wollen
  Sie in zwei Monat dato in holländischen Ct. Fl. (Courant-Gulden) nach
  dem dortigen Course auf mich bei der Absendung entnehmen. Factura und
  Avis über Ihre Tratte erwarte mit der Briefpost.

Aus dieser Correspondenz ersieht man, wie leicht sich Brockhaus in die
neuen Geschäftsverhältnisse fand, die ihm bisher ganz fremd waren, da er
doch nie den Buchhandel oder gar den Musikalienhandel »erlernt« hatte,
und wie umsichtig er sein Geschäft begann. Für die bestellten Musikalien
fand er auch bald einen regelmäßigen Abnehmer, indem ihm die Direction
des großen Concerts die Lieferung ihres Bedarfs übertrug; dies geschah
indeß erst am 21. October, während er jene erste Bestellung bereits am
27. September aufgegeben hatte. Auch das Museum übertrug ihm sofort die
Lieferung seiner Zeitungen und Bücher.

Um mit dem deutschen Buchhandel ordnungsmäßig verkehren zu können, hatte
er, auch noch vor Erlaß seines Circulars, einen Commissionär in Leipzig
gesucht und in der Person des Herrn Heinrich Gräff gefunden; er erwähnt
seiner bereits am 5. September in dem ersten Briefe an Breitkopf &
Härtel.

Aber noch kühnere Ideen hegte er gleich bei Beginn seiner
buchhändlerischen Laufbahn: er dachte sofort auch an die Errichtung
einer Buchdruckerei in Amsterdam! In demselben Briefe heißt es:

  Durch Herrn Gräff habe ich mir auch schon eine Probe von Ihrer
  Schriftgießerei erbeten, da wir die Absicht haben, auch ehestens eine
  Druckerei anzulegen, wozu wir wol gezwungen sind, da in unserer ganzen
  Republik keine Buchdruckerei existirt, die nur etwas Erträgliches zu
  liefern im Stande wäre.

Dieses Project kam freilich damals nicht zur Ausführung, sondern erst in
viel späterer Zeit (1818 in Leipzig), wie so manche Einrichtungen in dem
von ihm begründeten Geschäfte, zu denen er noch den Keim gelegt hatte.

Daß er sich überhaupt auch für das seinem Ideenkreise ferner liegende
technische Gebiet interessirte, geht noch aus folgendem, unterm 12.
Juli 1805 an Professor Gubitz in Berlin gerichteten Briefe hervor,
der zugleich zeigt, wie sorgfältig er schon damals die deutsche
Journalliteratur verfolgte:

  Durch die Discussionen, die unlängst zwischen Ihnen und Hrn. N. N.
  im »Freimüthigen« und in der »Zeitung für die elegante Welt« Platz
  gehabt und meiner Meinung nach sich auf eine sehr schmeichelhafte
  Weise für Sie und die schöne Kunst, der Sie mit einem so edlen
  Enthusiasmus anhangen, geendigt haben[14], bin ich auf Ihre Bemerkung:
  daß sich die Holzschneidekunst sehr zu unnachahmlichen Staatspapieren
  u. dgl. eigne, und durch die Anzeige, daß Sie sich mit Versuchen
  hierüber beschäftigten, insofern aufmerksam gemacht worden, daß
  ich einen Freund hierselbst, der einen sehr ansehnlichen Debit in
  gestochenen Wechseln (deutscher, holländischer und allen andern
  Sprachen), in Assignationen, Leistungen u. dgl. hat und der jährlich
  eine ganze Menge Platten abnutzt, ebenfalls aufmerksam gemacht habe,
  daß sich Formen aus Holz hierzu wol besser eignen und ihm einen
  ansehnlichern Vortheil abwerfen würden als Kupferplatten, die gleich
  abgenutzt sind. Mein Freund hat meine Idee sehr gut gefunden, und er
  hat mir demzufolge den Auftrag gegeben, mich mit Ihnen darüber zu
  unterhalten, welches zu thun ich mir hierdurch also die Freiheit nehme.

  Meine ergebenste Frage an Sie wäre also: ob Sie sich auch wol
  schon mit solchen Gegenständen beschäftigt, als oben erwähnt, und ob
  Sie mir darüber nicht einige Proben einsenden können? Wenn das aber
  nicht wäre -- ob Sie dann glauben, daß sich Ihre Kunst auch sehr zu
  Buchstaben und Zahlenzeichen eigne? Dann, was eine Platte, wie z. B.
  zu einliegendem Wechsel, kosten werde? Und endlich, ob Sie in den
  ersten drei Monaten wol Zeit haben würden, um ein halbes oder ganzes
  Dutzend von solchen und ähnlichen Formen fertig zu machen?

  Recht sehr angenehm wird es mir sein, hierüber baldmöglichst und
  wenn's angeht mit umgehender Post ausführliche Antwort zu erhalten,
  und in dieser Erwartung habe ich die Ehre, mich Ihnen auf das
  höflichste und ergebenste zu empfehlen.

Als ein Zeichen von Vertrauen zu dem neuerrichteten Geschäfte darf es
wol betrachtet werden, daß das altberühmte Haus Breitkopf & Härtel in
Leipzig ihm schon auf den ersten Brief hin den Antrag machte, auch
für den Vertrieb der Erzeugnisse seiner Pianofortefabrikation thätig
zu sein. Diesen Vorschlag glaubte Brockhaus indeß doch vor der Hand
ablehnen zu müssen. Er schrieb:

  Zu einem Geschäft mit Pianoforten oder sonstigen Instrumenten sind
  wir noch nicht eingerichtet. Unser Institut ist erst im Beginnen und
  kann nicht Alles zugleich unternehmen. Auch hält man hier nicht viel
  von ausländischen Pianofortes, da man dafür hält, daß sie dem hiesigen
  feuchten Klima nicht widerständen, sodaß man fast nur einheimische von
  Van der Does, Meyer und andern ausgezeichneten Meistern gebraucht.
  Da ich mir indessen selbst eins anschaffen will, so dürfte ich mich
  vielleicht entschließen, dazu eins von Ihnen zu nehmen, und es könnte
  solches dann als Muster dienen. Melden Sie mir also gefälligst die
  Preise der verschiedenen Arten und Formen und melden Sie mir, welche
  jetzt die beliebtesten und gesuchtesten sind.

So nach allen Seiten hin blickend, legte Brockhaus mit sicherer Hand die
Grundlagen zu seinem neuen Geschäfte.




                       3.

   Erste journalistische Verlegerthätigkeit.


Neben dem Sortimentsgeschäft: der Einführung ausländischer, besonders
deutscher und französischer Literatur, mit Einschluß der musikalischen,
nach Holland, widmete sich Brockhaus gleich im Beginne seiner
buchhändlerischen Laufbahn mit fast noch größerm Eifer der Begründung
eines Verlagsgeschäfts, das später die Hauptthätigkeit der von ihm
begründeten Firma bilden sollte. Er fühlte, daß dieses allein seinem
regen Geiste genügende Nahrung darbieten könne, wenn er auch wol noch
keine Ahnung davon hatte, zu welchem Umfange dasselbe allmählich
erwachsen werde. Und während er als Sortimentsbuchhändler von Anfang
an die internationale Seite vorzugsweise ins Auge faßte und in seinem
Geschäfte einen Mittelpunkt für den buchhändlerischen Verkehr der
verschiedenen Nationen zu schaffen suchte (eine Idee, die von seiner
Firma stets als ein Lieblingsgedanke gepflegt und, freilich erst lange
nach seinem Tode, in einer Weise verwirklicht worden ist, wie sie
ihm selbst vielleicht nur als Ideal vorgeschwebt haben mag), erfaßte
er als Verleger zunächst die nationale Seite, indem er, um seinem
Programm gemäß auch »nationale Wissenschaft und Kunst zu befördern«,
journalistische Unternehmungen zu begründen suchte. Auch darin also hat
er den Grund gelegt zu einer der Hauptthätigkeiten seines Hauses.

Als Deutscher in Holland lebend und durch Vorliebe besonders zur
Literatur Frankreichs hingezogen, suchte er jeder dieser drei
Richtungen gerecht zu werden; er begründete kurz nacheinander eine
holländische politisch-literarische Zeitung: »_De Ster_«, eine deutsche
zeitgeschichtliche Monatsschrift: Cramer's »Individualitäten«,
endlich eine französische belletristische Vierteljahrsschrift: »_Le
Conservateur_«.

Ueber diesen Beginn seiner Verlegerthätigkeit spricht er sich in einem
Briefe an Karl Friedrich Cramer aus, der in dessen »Individualitäten«
abgedruckt ist (wir kommen auf dieses Werk und seinen Verfasser bald
näher zu sprechen) und auch seines sonstigen Inhalts wegen hier
mitgetheilt zu werden verdient. Er schreibt aus Amsterdam vom 17.
October 1805, also zwei Tage nach Erlaß seines Circulars:

  Indem wir die Ehre haben, Ihnen angebogen ein Circular unsers
  hierselbst angefangenen Geschäfts zu übersenden, können wir uns das
  Vergnügen nicht versagen, uns noch näher mit Ihnen zu unterhalten;
  sowol weil wir wünschen, mit Ihnen in eine fortlaufende Geschäfts- und
  literarische Verbindung zu treten, als auch um Sie wegen Eines und
  Andern um Rath zu fragen.

  Hr. B. (Brockhaus), Schreiber dieses, der vorzüglichere Unternehmer
  und Eigenthümer unsers Geschäfts, hat nämlich stets an Ihren
  Schicksalen den innigsten Theil genommen, und es gibt vielleicht
  wenige Personen, zu deren Individualität er sich von jeher so
  hingezogen gefühlt hätte als zu der Ihrigen. Als Knabe und Jüngling
  schon -- er ist jetzo in den Dreißigern -- interessirte ihn vielleicht
  kein Schriftsteller in dem Grade als Sie, mit Ihren rhapsodischen,
  kühnen, aber alles Edle und Schöne mit der innigsten Wärme
  umfassenden Schriften. Er schwärmte mit Ihnen bei der Morgenröthe der
  französischen Freiheit; Klopstock und Ihre Lieblingsschriftsteller
  waren die seinen; jede von Ihnen herausgegebene Schrift wurde von ihm
  mit Begierde gelesen; er litt mit Ihnen bei Ihrem Weggange von Kiel;
  er indignirte sich über die Xenien wider Sie; er begleitete Sie mit
  einem sorgsamen ängstlichen Auge nach Paris, wo er sich um dieselbe
  Zeit wegen Handlungsgeschäften gerade einige Wochen aufhielt, in
  denen Sie dort eben angekommen waren (kurz nach dem berühmten XIII.
  Vendémiaire), was er freilich nicht eher erfuhr als durch Reichardt's
  Journal.[15] Seitdem forschte er nach, wo er nur konnte, ob es Ihnen
  wohlgehe; er suchte Alles zu lesen, was Sie von Zeit zu Zeit in
  Deutschland und Paris bekannt machten, und es ist ihm schwerlich
  etwas entgangen vom »Bardieten« an bis zu den »Tempelherren«, von der
  »hehren Jungfrau« bis zu Fischer's -- seines persönlichen Freundes
  -- »Valencia«.[16] Auch von den Arbeiten, wo Sie sich nicht nannten,
  wie oft im Journal »Frankreich«, in der »Eleganten Zeitung«, in den
  »Französischen Miscellen«, in den »Europäischen Annalen«, hat er Sie,
  und gewiß selten unrecht, errathen -- Sie sehen also, daß wir uns wol
  als alte Bekannte constituiren können.

  Damit Sie aber auch wissen, wer dieser Ihr unbekannter Freund ist,
  so wollen wir Ihnen das auch mit ein paar Worten sagen, Ihnen, der so
  viel auf Namen und individuelle Hinstellung hält. Ihr Freund heißt
  also .. Wilibald[17], ist ein Westfälinger, von Dortmund gebürtig ...
  In Düsseldorf lernte er die Handlung. In Leipzig studirte er, wie man
  sagt .. nach Ablauf der Lehrzeit. Im Jahre 1798 etablirte er sich
  in seiner Vaterstadt und heirathete ein liebes Weib. Seine Handlung
  zog ihn im Jahre 1802 nach Holland, wo er sich denn diese Zeit her
  in Amsterdam niederließ und seine Handlung mit .... fortsetzt.[18] Es
  geht ihm hier wohl und er lebt seinen Geschäften, seiner Familie und
  nebenher den Wissenschaften. Das jetzige Prohibitivsystem unserer
  Regierung gibt ihm in seiner Handlung mehr als gewöhnlich Muße, und
  aus alter Liebhaberei für Literatur und schöne Künste hat er die Idee
  zur Errichtung eines Kunst- und Industrie-Comptoirs gefaßt, und glaubt
  Zeit und Kenntnisse genug zu haben, es neben seinen andern Geschäften
  leiten zu können.

  Die Geschäfte unsers Comptoirs sollen in Buch-, Musik- und
  Kunsthandel bestehen und in eigenen Verlagsunternehmungen, die uns
  dem Geiste der Zeit angemessen scheinen. Zu unsern Commissionen in
  Paris haben wir uns an Herrn Hinrichs gewendet .... besonders da wir
  bereits den ehrenvollen Auftrag erhalten, für das hiesige Museum alle
  und jede literarischen Neuigkeiten aller Sprachen zu liefern, ein
  Auftrag, der in jeder Hinsicht so wichtig für uns ist, daß wir ihm
  die größte Pünktlichkeit und Ordnung zu widmen schuldig sind. Wegen
  unsers Musiklagers bleibt es uns durchaus nothwendig, daß wir uns auf
  französische Musik legen. Die Mode will es; diese Musik ist jetzt hier
  _à l'ordre du jour_ und da es in Amsterdam keine einzige gut oder auch
  nur einmal erträglich organisirte Musikhandlung gibt, so würden wir ...

  Ich komme jetzt auf das Fach unserer eigenen Unternehmungen, die wir
  successive auszuführen suchen werden und worüber wir uns ebenfalls
  Ihren Rath und Beistand erbitten. Die ersten davon dürften sein:

1) eine holländische politisch-literarische Zeitung,

2) eine dergleichen für ....[19]

  Es gibt durchaus kein Land in der Welt, das ein größeres Interesse
  an dem Wechsel der Weltbegebenheiten nimmt als das unsere, weil
  keines ist, das den großen Herren in Westen, Süden, Osten und Norden
  so viel Geld geliehen als unsere Nation und wo ein so großer Handel
  mit Staatspapieren getrieben wird als hier. Man liest also in Holland
  mit verschlingender Neugier Alles, was nur wie eine Zeitung aussieht.
  Daher sind denn auch wol unsere Zeitungen ohne alle Ausnahme so
  schlecht und Wahrscheinlichkeit dafür, daß eine nach einem der
  jetzigen Zeit mehr angemessenen Plane vielen Beifall und einen
  brillanten Absatz haben würde. Wir haben also ....

  Das wären mithin unsere Zeitungsunternehmungen. Andere literarische
  werden wir jede Messe einige machen, um in Leipzig Tauschartikel
  zu haben, da wir viel deutsche Bücher beziehen müssen. Sollten Sie
  also selbst etwas auf dem Amboß haben oder von Ihren literarischen
  Freunden dergleichen wissen, so bitten wir Sie recht sehr, dabei
  an uns zu denken. Sie werden es so gut fühlen als wir, daß unser
  Comptoir als ein junges neues Geschäft doppelt vorsichtig bei der
  Wahl seiner Verlagsartikel sein muß, und uns also nur so was anrathen
  und anbieten, dessen Beifall und guter Aufnahme Sie sicher wären. Ich
  habe in einem der neuesten Stücke der »Französischen Miscellen« die
  Ursache ersehen, warum Sie Ihr hinreißend interessantes Tagebuch nicht
  fortgesetzt haben, daß Sie es aber fortsetzen wollen. Haben Sie dazu
  schon einen Verleger? Sonst bin ich Ihr Mann. Es würde mir sehr viel
  Freude machen, wenn wir dieses anziehende Werk herausgeben könnten.
  Melden Sie mir mit umgehender Post doch das Nähere hierüber.

  Ich denke, sollten Daunon, Chenier, Riouffe, Oelsner, Ginguené u. a.
  nicht auch noch Memoiren oder andere Producte ähnlichen Inhalts in
  ihrem Pulte besitzen? .... Sie kennen diese Männer alle. Denken Sie
  dabei an uns. Wir bieten die Hand und besitzen jedes Mittel dazu;
  u. s. w.

Bevor wir Cramer's Antwort auf diesen Brief mittheilen und die daraus
hervorgehende geschäftliche und freundschaftliche Verbindung zwischen
beiden Männern schildern, haben wir über die holländische Zeitschrift
»_De Ster_« (»Der Stern«) zu berichten, da sie Brockhaus' erstes
Verlagsunternehmen war.

Die erste Nummer dieser Zeitschrift erschien am 11. März 1806. Ein
Redacteur ist nicht genannt, jedenfalls besorgte Brockhaus selbst
die Redaction. Auch ein Verleger ist auf dem Blatte nicht namhaft
gemacht, wie überhaupt das Erforderniß solcher Angaben erst eine
Erfindung der spätern Preßgesetzgebung ist. Die Ankündigungen sind
entweder »Der Unternehmer« oder »Die Expedition des Stern« oder »Das
Expeditions-Comptoir in der Warmoesstraat No. 2« unterzeichnet. Gedruckt
wurde das Blatt von J. G. Rohloff, dem Firmaträger des Geschäfts.

Der »_Ster_«, der dreimal wöchentlich in Klein-Folio-Format erschien,
war keine politische Zeitung, sondern eine politisch-literarische
Zeitschrift. In dem von »den Unternehmern« in holländischer Sprache
ausgegebenen Programme heißt es ausdrücklich:

  Das hauptsächlichste Ziel ihrer Zeitschrift soll nicht das sein, die
  allgemeine Neugierde nach politischen Gegenständen auf die gewöhnliche
  Art zu befriedigen, vielmehr werden alle sogenannten posttäglichen
  Zeitungsnachrichten davon ausgeschlossen bleiben. Statt dessen werden
  die Sammler dahin trachten, ihrer Nation die nähere Verbindung der
  besondern Weltverhältnisse kennen zu lehren; den Fortschritt oder das
  Zurückgehen der Cultur und Aufklärung bei andern Völkern zu ihrer
  Wissenschaft zu bringen und ihr dadurch gewissermaßen einen Prüfstein
  für ihre eigenen in die Hand zu geben; Nachrichten vom Zustande des
  Handels, der Manufacturen und Fabriken in andern Ländern mitzutheilen;
  Bemerkungen über dasjenige, was in dieser Rücksicht in unserm eigenen
  Vaterlande Neues an den Tag tritt einzuschalten; das lesende Publikum
  durch geistvolle Aufsätze aller Art angenehm und lehrreich zu
  unterhalten; endlich durch unparteiische Beurtheilungen einen Versuch
  zu machen, auf unsere Sitten, gesellschaftlichen Einrichtungen,
  einige Zweige der Staatsverwaltung von einigem Einflusse zu sein:
  eine Aussicht allerdings sehr weiten Umfangs, deren Nützlichkeit
  aber Unternehmer und Redacteurs sich Mühe geben werden, nie aus dem
  Gesichte zu verlieren.

Diesem Programm gemäß brachte »_De Ster_« neben Besprechungen von
literarischen und Theaterangelegenheiten, die den größten Raum einnehmen
und eigenthümlicherweise bisweilen auch in französischer und deutscher
Sprache geschrieben sind, keine politischen Nachrichten, sondern
Erörterungen über die politische Lage Europas. Bei aller Bewunderung
der Französischen Revolution und ihrer Principien, die nach der
damaligen Zeitströmung begreiflich ist und von dem Herausgeber Brockhaus
persönlich getheilt wurde, hielt sich das Blatt doch fern von einer
Verherrlichung Napoleon's und verrieth durchaus keine Sympathien für
dessen nivellirende Maßregeln und immer deutlicher hervortretende
Absicht, der am 16. Mai 1795 mit französischer Hülfe proclamirten
Batavischen Republik wieder ein Ende zu machen; ja seine Politik wird
bald offen gemisbilligt, bald durch versteckte Satire angegriffen.

Am 29. April 1805 war die Verfassung der Batavischen Republik auf
Napoleon's Wunsch zum dritten male umgeändert und der Patriot Rütger Jan
Schimmelpenninck, in dem er ein gefügiges Werkzeug für seine Plane zu
finden hoffte, als Groß- oder Rathspensionär (unter Erneuerung dieses
alten holländischen Staatsamtes) mit fast unbeschränkter königlicher
Macht an die Spitze derselben gestellt worden. Schimmelpenninck benutzte
seine Stellung aufs beste, um die durch Gebietsabtretungen an Frankreich
und England geschwächte und finanziell zerrüttete Republik wieder zu
heben. Doch gelang ihm dies nur zum kleinsten Theile, während er dadurch
Napoleon's Mistrauen erweckte. Als sich bald darauf ein Augenübel
Schimmelpenninck's so verschlimmerte, daß dieser fast ganz erblindete,
benutzte Napoleon diesen Umstand, um den ihm jetzt gefährlich
erscheinenden Patrioten zu beseitigen und mit seinem langgehegten Plane
offen hervorzutreten. Er schlug vor, seinen Bruder Ludwig Bonaparte zum
König von Holland zu wählen. Vergebens bemühte sich Schimmelpenninck,
diesem gewaltsamen Aufdrängen eines Fremdlings entgegenzuwirken;
Napoleon's Wunsch war damals so gut wie ein Befehl, und am 5. Juni 1806
wurde sein Bruder zum König von Holland ausgerufen, die Batavische
Republik war todt. Das Königreich Holland von Napoleon's Gnaden hatte
freilich auch keinen langen Bestand: die neuen Unglücksfälle, die das
Land trafen, veranlaßten den König schon am 1. Juli 1810 die Krone zu
Gunsten seines ältesten Sohnes (des ältern Bruders Napoleon's III.)
niederzulegen, doch Napoleon erkannte dies nicht an; ein Decret vom
9. Juli 1810 vereinigte das Königreich Holland mit dem französischen
Kaiserreiche, und erst im Herbste 1813 wurde durch die Schlacht bei
Leipzig auch Hollands staatliche Selbständigkeit wiederhergestellt.

Wir mußten an diese geschichtlichen Daten erinnern, weil durch sie die
Haltung und das Schicksal der jungen Zeitschrift erklärt wird. Als »_De
Ster_« am 11. März 1806 zu erscheinen begann, bestand die Batavische
Republik noch, und die Zeitschrift wirkte im Sinne des mit Brockhaus
persönlich befreundeten Großpensionärs Schimmelpenninck. Indeß schon
in ihrer Nummer 37 vom 3. Juni hat sie die Umwandlung der Republik in
ein Königreich zu melden; in der zweitfolgenden Nummer 39 vom 7. Juni
muß sie erklären, daß sie »auf Wunsch der Herren Magistratspersonen
der Stadt Amsterdam« nicht fortfahren kann, »betrachtende Artikel, den
gegenwärtigen Zustand unsers Vaterlandes betreffend«, aufzunehmen; die
nächste Nummer aber, Nr. 40 vom 10. Juni, ist zugleich die letzte: »_De
Ster_« war durch königlichen Befehl vom 9. Juni unterdrückt worden!
Gründe dieses Verbots sind in dem betreffenden Decrete nicht angegeben;
sie lagen wol darin, daß die neuen Machthaber überhaupt kein politisches
Blatt dulden wollten, das nicht ganz ihren Absichten huldigte.

Trotz dieses Schlags verlor übrigens Brockhaus den Muth nicht; er
gründete sofort ein neues Blatt unter dem Titel »_Amsterdamsch
Avond-Journal_« oder vielmehr er änderte nur den bisherigen Titel
»_De Ster_« in jenen um, denn das neue Blatt gleicht dem alten
vollständig, sowol äußerlich wie innerlich, und tritt selbst so offen
als unmittelbare Fortsetzung desselben auf, daß Nr. 2 den Schluß eines
in der letzten Nummer des »_Ster_« begonnenen Artikels bringt! In
der vom 19. Juni (also nur neun Tage nach dem Erscheinen der letzten
Nummer des »_Ster_«) datirten Nr. 1 ist ein Auszug aus einem königlichen
Decrete vom 16. Juni abgedruckt, worin die Erlaubniß zu dem neuen
Blatte ertheilt ist. Dieses hielt sich indeß noch weniger lange als
das frühere; es erschienen davon nur zwanzig Nummern, die letzte am 2.
August, ohne daß über den Grund seines Aufhörens etwas mitgetheilt ist.

Einige Aeußerungen Cramer's (in seinen »Individualitäten«) über den
»_Ster_« mögen als die einzige uns bekannte öffentliche Besprechung und
zur Charakterisirung der Zeitschrift wie ihres Begründers hier folgen.

Cramer schreibt aus Amsterdam vom 17. Februar 1806:

  Es werden noch manche Sterne aufgehen, denke ich, am hiesigen sowie
  an allen Horizonten der Welt. Einer, an dem ich einen so lebhaften
  Antheil nehme, als hätte ich ihn selber hervorgerufen aus dem Nichts,
  ist der, den uns unser Freund Wilibald[20] gleich in seinem ersten
  Briefe an mich angekündigt hat, und womit er jetzo in voller Arbeit
  begriffen ist. Die Zeitung, die er so nach einem bereits in Engelland
  funkelnden benennt, aber die durchaus nicht ganz politisch sein soll,
  scheint nun, nach den vorläufigen unvermeidlichen Geburtswehen, ihrem
  ans Lichttreten ziemlich nah. Welch schönes Feld hat er darin, in
  Gemeinschaft mit so vielen der besten hiesigen Geister, die daran
  theilnehmen werden, für Wirkung auf Wissenschaft und Geschmack in all
  den mannichfaltigen Aesten und Zweigen des großen Baums der Erkenntniß
  Gutes und Böses vor sich! Es ist ein völlig jungfräulicher Boden; von
  keinem -- zu meinem großen Verwundern! bisher in den sieben Provinzen
  urbar gemacht; eine Idee, um die man beneiden ihn muß. Ich will nicht
  sagen, daß sie unter den andern _Couranten_ von Amsterdam, Rotterdam,
  Haag schimmern wird, »wie unter den Sternen der Mond«; -- denn diese
  haben gar keinen Glanz; geben nichts als die magerste politische
  Kost, ohne jemals ein Fünkchen Raisonnement, in einem Schwall der
  tädiösesten Edictalcitationen, Tod- und Geburtannoncen, Nachrichten
  angekommener Schiffer, oder Gewürzkrämer- und anderer Notizen
  ersäuft, größtentheils auf schändlichem Papier mit noch schändlicher
  stumpfen Lettern gedruckt .... sie wird durch ihren Inhalt für
  denkende, gebildete Leser, für jeden Erkenntnißbegierigen ein
  Komet, ein wahres Phänomen von neuem Weltkörper sein. Alle möglichen
  literarischen auswärtigen Mittel, außer vielen inländischen, stehen
  ihm, der ein Kaufmann aus unsers Sieveking's Kategorie ist, zu Gebot;
  und da er im Kopfe den Zeug, aus Allem die Quintessenz zu wählen,
  besitzt, wird es sehr leicht für ihn werden, daß er an Interesse die
  »Freymüthigen«, die »Eleganten Zeitungen«, die »Auroren«, »Sphinxe«,
  und was weiß ich, wie sie alle heißen? so weit übertreffe, als der
  wieder aufgeweckte brüsselsche »_Esprit des Journaux_« nach dem ich
  unter allen Tag- und Monatsschriften in Paris am happigsten greife,
  die einzelnen Journale, aus denen ihn der Verfasser distillirt. Ueber
  die Organisation und Nativitätstellung dieses Sterns haben wir uns in
  den vergangenen Wochen fast tagtäglich unterredt; und uns gestern noch
  mit Bestimmung des emblematischen Druckerstockes dazu amüsirt. Einer
  aus Gille's Carte hat uns dazu zum Muster gedient, mit den gehörigen
  Veränderungen jedoch; so daß der blitzführende Adler unten in den
  siebenpfeiletragenden Löwen, und die Kaiserkrone in den batavischen
  Freiheitshut umgewandelt worden ist; zur Seite ein Eichen- und
  Lorbeerzweig, das Schöne zum Ernsten! -- dessen Kreis der Stern denn
  durchstrahlt. Sobald was davon dem Telescop oder Auge sichtbar werden
  wird, gebe ich Dir weitere Nachricht.

Diese Nachricht findet sich in einem Briefe Cramer's vom 30. März,
ebenfalls aus Amsterdam:

  Als ich aus dem Ballet wieder zu Wilibald kam, fand ich seinen
  Landsmann, den Kaufmann Mallinckrodt aus Arnheim[21], noch bei ihm,
  einen vortrefflichen Gesellschafter und humanen Mann ..... Vom
  »Sterne« hat er eben noch die ersten drei oder vier Blätter gesehen
  und einstecken gekonnt, die mit sehr piquanter Speise angefüllt
  sind; auf den ersten Netzwurf hat Wilibald doch gleich so viel
  Abonnenten gehabt, daß die Kosten gedeckt sind durch den Fang, und
  Tag vor Tag laufen der Schäflein mehr in die Hürden ein. Es stehen
  leckere politische, ästhetische, mercantilische Artikel drin; jedem
  Fremden, der holländisch mit Vergnügen lernen will, gibt der »Stern«
  die empfehlungswürdigste Uebungschrestomathie ab; schon erste der
  hiesigen Köpfe arbeiten daran (z. E. eine Kritik der Aufführung des
  Trauerspiels »Tancred«), es wird also eine Elite wahrscheinlich
  von Sprache, ein Schatz werden für das Lexikon und den Stil der
  Nation. Im vierten Stücke steht eine treffliche Uebersetzung von
  Sturzens Reise nach dem Deister, depaysirt, und hier nach Soesdyk
  hinversetzt; auch kömmt die hiesige Plantage darin vor. Ich denke:
  es wird den amsterdammer Damen gefallen, das Stück; und warum nicht
  den Rotterdammerinnen Haagerinnen, Delfterinnen, Gröningerinnen &c.
  auch? Giebt es Eine, in welcher Stadt auf der Erde es sei, der dies
  Schalksstück nicht aus dem Herzen und dem Wandel wie abgeschrieben
  gleichsam ist?

Cramer's schon mehrfach erwähnte »Individualitäten« waren das zweite
journalistische Unternehmen des jungen Verlegers, ein deutsches neben
dem holländischen »_Ster_« und dem französischen »_Conservateur_«. Denn
wenn es uns auch nur in Buchform vorliegt, in vier Bändchen, die »Hefte«
genannt sind, so zeigt doch die ganze innere und äußere Einrichtung
(die Eintheilung in einzelne Abschnitte und Briefe mit fortlaufenden
Daten, vom 2. August 1805 bis 26. September 1806) den journalistischen
Charakter. Noch mehr geht dies aus dem am 15. März 1806 zwischen
Brockhaus und Cramer darüber abgeschlossenen Verlagscontracte hervor.
Danach handelte es sich um den in »freien Heften« herauszugebenden
»ersten Jahrgang« eines Werks unter dem Titel: »Individualitäten aus
und über Paris von Karl Friedrich Cramer und seinen Freunden.« Dieser
erste Jahrgang sollte in zwölf Heften (die also wol als Monatshefte
gedacht waren), jedes zu zwölf Bogen erscheinen; je drei Hefte sollten
gleichzeitig einen zweiten Titel erhalten und dadurch als neue
Theile des in den Jahren 1792-97 in Altona und Leipzig von Cramer
herausgegebenen »Menschlichen Leben« bezeichnet werden. Das Werk
sollte in Leipzig in der Breitkopf'schen Druckerei gedruckt werden und
jedes Heft die Handschrift eines Gelehrten u. s. w. in einem Facsimile
bringen, dessen Platte in Paris unter Cramer's Leitung zu stechen wäre.
Ueber eine Fortsetzung des Werks in einem zweiten, dritten u. s. w.
Jahrgange sollte neue Verständigung stattfinden. Also der Verleger in
Amsterdam, der Redacteur in Paris, der Drucker in Leipzig, monatlich 12
Bogen (jährlich 144!), dazu artistische Beilagen und ein für damalige
Zeiten und ein derartiges Monatsjournal ansehnliches Honorar (24
resp. 30 Francs für den Bogen klein Octav) -- jedenfalls ein kühnes
Unternehmen für einen angehenden deutschen Verleger im Auslande! Die
Ausführung entsprach denn auch nur theilweise diesem Vorhaben: statt
zwölf Heften erschienen nur vier (wenn auch meist mehr als zwölf Bogen
enthaltend und jedes mit einem Facsimile) im Laufe von dreiviertel
Jahren. Der Gehalt der Zeitschrift war indeß ein werthvoller, der ein
etwas näheres Eingehen verdient, zumal darin auch einige biographische
Mittheilungen über Brockhaus enthalten sind und der Herausgeber seinem
Verleger persönlich nahetrat.

Vor allem müssen wir den Herausgeber selbst näher kennen lernen. Karl
Friedlich Cramer war eine eigenthümliche Natur, in vieler Hinsicht
der von Brockhaus ähnlich und diesen deshalb anziehend, wie Brockhaus
in seinem ersten Briefe an ihn (vgl. S. 61 fg.) selbst schildert. Am
7. März 1752 in Quedlinburg geboren, wo sein Vater, der verdiente
Kanzelredner Johann Andreas Cramer (auch als religiöser Dichter und
Biograph Gellert's bekannt), damals Oberhofprediger war, kam er mit
diesem noch als Kind nach Kopenhagen, dann nach Lübeck und Kiel. Er
studirte in Göttingen, wo er Anfang 1773 in den Göttinger Dichterbund
aufgenommen wurde, und lebte seitdem in Kiel, wo er erst Privatdocent,
1775 außerordentlicher und 1780 ordentlicher Professor der griechischen
Sprache, der orientalischen Sprachen und der Homiletik an der
Universität wurde. Als ein leidenschaftlicher Anhänger der Französischen
Revolution wurde er 1794 seines Amtes entsetzt und selbst aus Kiel
verwiesen. Den nächsten Anlaß dazu scheint er dadurch gegeben zu haben,
daß er den bekannten französischen Revolutionsmann Péthion (der erst
Jakobiner, dann Girondist war, als Royalist verdächtigt aus Paris
entfloh und im Juli 1793 in der Gegend von Bordeaux todt aufgefunden
wurde) in einer Ankündigung der Uebersetzung von dessen Werken einen
Mann von »menschenfreundlichstem Geiste«, »einen Märtyrer seiner
Rechtschaffenheit« genannt hatte! Nach kurzem Aufenthalt in Hamburg
ging er 1795 nach Paris und errichtete dort eine Buchhandlung und
Buchdruckerei, scheint damit aber schlechte Geschäfte gemacht und dabei
sein ganzes Vermögen eingebüßt zu haben. Eine Zeit lang war er deshalb
genöthigt, sich aus Paris zu entfernen. Er wendete sich nun wieder
literarischen Arbeiten zu und starb in Paris am 8. December 1807.

Cramer war ein fruchtbarer, talentvoller und kenntnißreicher
Schriftsteller, der lange Zeit auch großes Ansehen genoß, aber
excentrisch und von einem Hang zum Sonderbaren beherrscht. Anfangs
concentrirte sich seine literarische Thätigkeit um seinen fast 30
Jahre ältern Landsmann Klopstock (geb. 2. Juli 1724 in Quedlinburg),
der mit Cramer's Vater befreundet war und z. B. 1754 dessen Berufung
nach Kopenhagen veranlaßt hatte, nachdem dieser selbst 1751 auf
Graf Bernstorff's Veranlassung dorthin gegangen war. Auch war der
Göttinger Dichterbund, dem Cramer angehörte, der Mittelpunkt der
damaligen begeisterten Verehrung Klopstock's. Cramer schrieb in den
Jahren 1777-92 zwei große Werke über Klopstock, das eine aus zwei, das
andere aus fünf Bänden bestehend, und übersetzte unter anderm dessen
»Hermannsschlacht« ins Französische. Daß Klopstock auch seinerseits
viel auf Cramer hielt, geht schon daraus hervor, daß er eine seiner
schönsten Oden an ihn richtete; es ist die 1790 gedichtete Ode »An
Cramer, den Franken«, in der er das französische Volk vor neuen
Ueberschreitungen warnt, zugleich aber die Fürsten mahnt, sich durch das
Gespenst des untergegangenen Königthums warnen zu lassen. Ein zweites
Stadium der Schriftstellerlaufbahn Cramer's bildet das bereits erwähnte
Werk »Menschliches Leben«, ein drittes umfaßt drei von ihm in Paris
geschriebene Werke: ein »Tagebuch aus Paris« (2 Bände, Paris 1800), die
»Individualitäten aus und über Paris« und ein gleichfalls von Brockhaus
verlegtes Buch »Ansichten der Hauptstadt des französischen Kaiserreichs
vom Jahre 1806 an. Von Pinkerton, Mercier und C. F. Cramer« (2 Bände,
1807-8), außerdem ein Wörterbuch der deutschen und französischen Sprache
(2 Bände, Braunschweig und Paris 1805) und zahlreiche Uebersetzungen aus
dem Französischen ins Deutsche und umgekehrt, auch aus dem Dänischen,
sowie Artikel in französischen und deutschen Journalen.

Brockhaus trat mit Cramer erst im Herbst 1805 in Beziehungen, indem
er am 17. October jenen Brief an ihn richtete, in welchem er ihm
seine Verehrung aussprach und mehrere literarische Anträge stellte.
Ihre Verbindung dauerte gerade nur zwei Jahre, da Cramer, wie eben
erwähnt, am 8. December 1807 starb, war aber in dieser kurzen Zeit eine
sehr freundschaftliche und selbst innige. Cramer antwortete auf den
erwähnten Brief sofort am 24. October, sichtlich erfreut über die warme
Begrüßung (seine Antwort folgt weiter unten) und es entspann sich daraus
ein lebhafter Briefwechsel, ja Cramer kam im Februar des nächsten Jahres
nach Amsterdam und blieb dort drei Monate, in täglichem geschäftlichen
und persönlichen Verkehr mit Brockhaus. Als diesem am 28. Januar dieses
Jahres (1806) der dritte Sohn geboren war, gab er ihm auf Cramer's Rath
den Namen Hermann. Er schreibt darüber unterm 25. Februar folgende Worte
an seinen Bruder Gottlieb, die am besten das Verhältniß zwischen ihm und
Cramer charakterisiren:

  Die Wahl dieses Namens machte mein Freund, der Professor Cramer
  aus Paris, der sich seit einigen Wochen hier aufhält und während
  seines hiesigen Aufenthalts unser unzertrennlicher Gesellschafter
  ist, da vielleicht keine zwei Menschen auf der Erde existiren, die
  eine größere Aehnlichkeit in ihren Neigungen, in ihrem Geschmacke und
  in ihren Ansichten der Welt zusammen haben, als wir Beide. Er ist
  überhaupt einer der interessantesten Menschen, die ich kenne, und
  ich rechne die Wochen, die ich mit ihm verlebt, zu den glücklichsten
  meines Lebens.

Cramer äußert sich seinerseits mehrfach in ähnlicher Weise über
Brockhaus. So schreibt er aus Amsterdam unterm 30. März 1806 in den
»Individualitäten«:

  Fast alle meine Abende, wenn mir nicht gar zu arg von Morpheus
  zugesetzt wird, bring' ich bei unserm Freund Wilibald zu und seinem
  lieben Weibe, die an schöner deutscher Häuslichkeit, Gutheit,
  Freundlichkeit und Verstand zu meinen Idealen gehört; ich glaube
  mich manchmal in Eutin bei Vossen wieder zu sehen, dessen Ernestine
  sie sehr gleicht. Bei Erdäpfeln, fast noch nationaler hier, als die
  Canäle und Alexandriner sind, und die ich gebraten (_à l'italienne_)
  sehr gern mag, Fischen und trefflichem Beaunewein schwatzen wir oft
  bis tief in die Nächte hinein, schlummern dann und wann auch an der
  Torfglut des englischen Camins ein Duettchen zusammen; ich habe
  bei meiner Modehändlerin, Madame Müller, bei der ich, zehn Schritt
  ab von seinem Hause, mich einquartirt, meine Zerstreutheit so in
  Credit zu setzen gewußt, daß sie mir den Schlüssel zu ihrer Boutique
  anvertraut und ich in der Kunst, sie mit einer eisernen Stange wieder
  zu schließen, von ihr unterrichtet worden bin; so schlüpfe ich denn
  manchmal des Nachts um 12 oder 1 erst wieder zu mir herein.

Das obige schöne Wort über Brockhaus' Frau verdient um so mehr
mitgetheilt zu werden, als uns über dieselbe sonst leider sehr wenig
bekannt ist. Später richtet Cramer einmal einen (im vierten Hefte der
»Individualitäten« abgedruckten) Brief »An Sophie« statt »an Ihren
unmusikalischen Mann«, weil er über den Componisten Grétry spricht, und
fügt hinzu:

  Indem ich dies Stück Tagebuch schreibe, kömmt es mir vor als säße
  ich bei Ihnen und läse Ihnen daraus, indem Sie die Fliegen von der
  Wiege Ihres kleinen Hermann's verscheuchen ... ach! welch ein Name für
  mein Herz.

Brockhaus ließ in dieser Zeit auch das Porträt Cramer's für sich malen
(wahrscheinlich von dem ihm befreundeten Scheffer, dem Vater Ary
Scheffer's), und trennte sich später nur schwer davon, um es Cramer's
Witwe zu schenken.

Cramer's früher schon erwähnte Antwort an Brockhaus, datirt Paris 2.
Brumaire XIV (24. October 1805), lautet:

  Seit langer Zeit ist mir kein lieber Brief zugekommen, der mir so
  viel Freude gemacht, als der Ihrige; Freund Kühnwille! der Sie sind.
  Wie sachte es einem so vielfach angefeindeten, gescheuchten, so oft
  vorschnell verurtheilten Ismael thut, wenn er in den arabischen Syrten
  auf einen Esau-Kühnwille trifft, einerlei zottigen Haares mit ihm;
  davon hat nur ein Wüstenbewohner Begriff. Eng verbündet er sich und
  willig mit ihm, der ihm so frank seine Gleichförmigkeit enthüllt; so
  viel Edles von jugendlichem Antheil ihm sagt; ihn kennt und erkennt;
  wie eng und wie gern, dazu schenken Sie ihm der Worte Weitläufigkeit
  wohl. Er fühlt es, daß seine Seele mit der Ihrigen gebrochen ward aus
  einerlei Gestein. Also kurz und bündig, wie er's izt kann, in dieser
  herben und schnöden Zeit, zur Sache. Er nimmt die ihm vorgelegten
  Materien sogleich Punktweise vor ....

  Wegen Ihres dritten Gedankens, mein weitaussehender Herr: _alors
  comme alors_! Kömmt Zeit, kömmt auch Rath! Ich gehe mithin sogleich
  an Ihren vierten Punkt, der die Uebernehmung der Fortsetzung meines
  Tagebuches betrifft. Hätt' ich doch niemals geglaubt, ich Strauß,
  der seine Eier sogleich, wie er sie gelegt, im Sande vergißt, daß
  jenes seit acht Jahren verscharrte ausgebrütet worden sei; und ein
  klein Sträußchen geworden, das sich bis zu Ihnen nach Amsterdam hin
  verirrt! Ich wenigstens habe von keinem Menschen, über Aufnahme
  oder Nichtaufnahme davon (außer von Klopstock, der mir mit meinem
  »Marcus Sextus« darin seine vollste Zufriedenheit bezeugt) auch nur
  ein Sylbchen gehört. Es ward, da ich mich in Frankreich nicht mehr
  mit deutschem Verlage befassen gewollt, und August Campe mir dazu
  seine »Vermittlerschaft« versagt, von ihm wider meinen Wunsch an
  Kaven vertraut; bei dessen plötzlichem Hinschied auf einem Dorfe
  zwischen Hamburg und Lüneburg, es in seine Masse, dann justizmäßig in
  die Gläubigerklauen gerieth; so daß mir auch kein einziger kupferner
  Sechsling Billons nur dafür ward. Nun -- da mich denn neulich von
  Ohngefähr, bei Gelegenheit Raynouard's, der Fortsetzungskitzel dazu
  stach, und Ihre Sympathie nebst Kühnwillen Sie hinreizt, zu meiner
  »rhapsodischen kühnen Manier« -- wohlan, so seien Sie vor allen
  Andern dazu denn mein .. Mann. An Stoff, in meiner und meines Vaters
  Correspondenz, die gar manche Artikel von Ersten Nahmen aus unserm und
  andern Vaterlanden enthält, und meinem Umherblick auf den Wüsten und
  Aeckern der Menschheit, fehlt es mir eben nicht; unser Babylon hier
  reichte mir deren allein schon genug. Ich brauche gegen Sie, der sich
  auf _Dotem_ und Nicht-_Dotem Libellorum_ versteht, keiner weitläufigen
  Verständigung deshalb. Die »Individualitäten« werden ohngefähr geben,
  was mein »Menschliches Leben«, und jenes vergessene Ei, das von jenem
  den zwanzigsten Theil füllt, enthielt; und da es, Ihrem Wunsche
  gemäß, zu einer Art von periodischen _Salmi_ (aber um Gotteswillen,
  in freien Heften! denken Sie ans .. Mühlenpferd!) gedeiht, gleich
  den »Sphinxen«, »Auroren«, »Freymüthigen«, »Eleganten« u. s. w.,
  deren jedes »_Pages_« (siehe Diderot) und einige Quadersteine, nebst
  vielen Sandbröckeln, Moëllons, und Kalkausfüllseln, euch gibt; nicht
  bloß wilde Tellow-Ismaelitische Aufsätze reichen, im stricten und
  strictissimen Verstand, sondern auch, als Schnabelweide für die
  »Million«, eßbarere Hausmannskost, wie sie seit einigen Jahren, für
  den allgemeinen Gaumen der Neugier, in den »Miscellen«, »Politischen
  Annalen«, u. s. w. regelrechterer Art, und nicht ganz mit Verschmähung
  abseiten des Leservolks, gargekocht, zurechtgestutzt und aufgetischt
  worden sind. Ihr neuer Titel: »Individualitäten« bestimmt ihren ..
  Tadel und ihren Zweck; sie werden von Ismael Abdallah, der auch
  Artikel darin macht, herausgegeben und commentirt .. Die Tendenz
  dieser .. Kriegsnahmen ist Ihnen aus meinem »Tagebuche« bekannt.

  Die Sosiasbedingungen dabei anlangend denn nun .... Ich erwarte
  über diese, mit der nächsten Post, Wilibald's #Ja# oder #Nein#: --
  (»Euer Ja sei Ja! und Euer Nein sei Nein!«) .. vielleicht schreibe ich
  Ihnen alsdann auch noch über ein andres Werk, das mich seit Jahr und
  Tag in poetischer und prosaischer Zweisprache beschäftiget; und das,
  von manchen Bauleuten verworfen bisher, zum Ecksteine Ihres jungen
  Buchhandels vielleicht wird. Dieser Marmor ist -- wunderbar genug!
  von einem .. Weibe in England, aus dem schönsten parischen Bruche
  gehaun .. ich ciselire für Deutschland nur ein wenig daran; gelt,
  Sie haben wie jeder Andre, der nicht etwa der Berlepsch »Caledonia«
  las .. niemals etwas von .. Joanna Baillie gehört? Solch wunderbar
  Unbekanntbleiben, selbst in unserer alles Ausländische verschlingenden
  Lesenation, muß jeden Unbekannten für ein ähnlich Schicksal trösten
  darin. Für heute soviel genug, und .. Allah's heiligem und würdigem
  Schutze befohlen hiermit! ..

Brockhaus erwiderte sofort mit folgendem Briefe, datirt Amsterdam, 7.
November 1805:

  Hätte ich den Raum von 50 oder 60 Meilen, der uns von einander
  trennt, am Dienstage, wo ich Ihren lieben Brief vom 24. October
  erhielt, doch durchfliegen können, um Sie an meine Brust zu drücken
  und Sie zum Zeugen meiner Empfindungen über Ihre freundschaftlichen
  gegen mich geäußerten Gesinnungen zu machen! Ja, in Wahrheit, ein
  sympathetischer Zug treibt mich zu Ihnen hin, und mit Kindlichkeit
  sehe ich zu Ihnen hinauf, Klopstock's, Gerstenberg's, Kunzens,
  Schulzens, Baggesen's Freund ist mir ......[22] Aber so soll es auch
  mit der innigsten Liebe, Freundschaft und .. zwischen uns bestehn,
  bis Sie oder ich vom Freunde Charon in jenes unbekannte Land hinüber
  gesteuert werden. So lange wir aber noch hienieden pilgern, und uns
  mit dem prosaischen Troste des bürgerlichen Lebens herumschlagen, oder
  uns wenigstens durchzuwinden haben, lassen Sie uns Einer dem Andern
  nützlich sein; uns helfen und rathen; zusammen uns freuen und -- dem
  Gemeinbesten frommen, wo und wie die Gelegenheit sich zeigt. Ich gebe
  Ihnen meine Hand, daß Sie auf mich wie auf Ihr eignes Selbst rechnen
  können. Wenn Sie mich einmal näher kennen, werden Sie mir, hoffe ich,
  ein Gleiches zusichern. Sehr wahrscheinlich komme ich noch im Winter
  auf einige Wochen zu Ihnen. Ich will Ihnen also lieber von meiner
  Sehnsucht nach dorten Nichts sagen; denn wo könnte meine Prosa Worte
  finden, mein glühendes Verlangen auszudrücken?

  Das dem Freunde; jetzt dem Geschäftsmann und Verfasser! .... Ich
  komme zu dem mich am vorzüglichsten interessirenden Punkte davon:
  der Herausgabe Ihres »Tagebuchs«. Sie haben also so wenig Urtheile
  darüber vernommen? Ich glaube das wohl; und es ist auch wirklich
  in Deutschland sehr wenig bekannt geworden. Ich selbst habe mir
  unsägliche Mühe gegeben, ehe ich's erhalten konnte. Ich ruhte indeß
  eher nicht, bis ich's hatte; und seitdem hat es immer mit zu meiner
  Leibgarde gehört, die mich nicht verlassen darf. Noch gestern Abend
  habe ich meinem lieben Weibe die beiden schönen Briefe an Kunzen
  daraus vorgelesen und mich aufs neue an dem Freundschaftsbunde
  gefreut, der zwischen Ihnen und jenem Edlen muß geschlossen sein.
  Und dann las ich wieder die für mich hinreißende Stelle vor, wo Sie
  von dem Funde des _Colchicum_ und Ihrer Begeisterung dabei erzählen.
  Ach, wie haben wir Sie recht lieb; wie unsern Bruder und unsre
  Jugendfreunde.

  Ich nehme Ihre Vorschläge zur Herausgabe alle an .... Der von Ihnen
  gewählte Titel ist sehr gut; bis auf die _Noms de guerre_. Diese,
  liebster Freund, wünschte ich ließen Sie weg. Ich könnte Ihnen diesen
  Wunsch mit einer Menge von Gründen motiviren; ich unterlasse es aber,
  da Sie, glaube ich, den größten Theil derselben ahnden werden. Nur
  Das: daß ich sicher bin, daß dem Werke dadurch häufig der Eingang wird
  erschwert werden; besonders hier in unserer Republik, wo ich doch auf
  einen ansehnlichen Absatz rechnen muß ..... Ich sagte vorhin: ich
  vermuthe, daß Sie meine übrigen Gründe wegen dieser Nahmen ahnden
  werden. Thun Sie Das aber nicht, so werde ich sie Ihnen nächstens
  mittheilen ... Ich wünschte, daß der Titel folgenden Zusatz erhielte:
  von Cramer »und seinen Freunden«, damit Sie von diesen einige bewegen
  möchten, dann und wann ... mitzutheilen.

  Auch glaube ich, daß es sehr gut wäre, wenn Sie anfingen, Ihre im
  Journal »Frankreich« und anderswo zerstreuten Aufsätze und Briefe zu
  sammeln; und besonders, als Supplement zu den »Individualitäten«,
  oder als Vor- oder Nebenläufer derselben, herauszugeben. Es ist sehr
  Vieles darunter, das, in der großen Masse jetzo ersäuft, so aufs neue
  zusammengestellt, und allenfalls mit einigen neuen Schüsseln vermehrt,
  als Ihr specielles Eigenthum Aufnahme finden dürfte; einige Artikel,
  wo die Kurzsichtigkeit des Menschen scheiterte, als die Triumphgesänge
  über den 18. Fructidor, die Erwartungen von Mercier's »Neuem Paris«
  .. die allein, däucht mich, wären wegzulassen. Was denken Sie zu
  dieser Idee? und wenn Sie sie goutiren und ausführen können, bin ich
  Ihr Mann. Ihr ersticktes »Tagebuch« fände aufs neue einen Platz darin
  ..... Da Sie mit Ihren Anspielungen ein solcher Sphinx nun einmal
  sind, und es nur wenig Oedipe im Leservolke gibt, so dächte ich gar
  sehr: Sie behielten allerdings Ihre exegetische Tagebuchmethode,
  mit den angehängten Anmerkungen und Citaten, unten und hinter
  den Capiteln, selbst auf die Gefahr hin ein Pedant ein wenig zu
  erscheinen, bei .....

Cramer ging auf alle Wünsche seines Verlegers ein: die Veränderung des
Titels und selbst die Weglassung der »_noms de guerre_«, obwol nur
ungern, da er die Manie der Kriegsnamen nun einmal liebe und sie von
jeher geliebt habe; er beruft sich deshalb auf das Beispiel von Lorenz
Sterne (Yorik), Jung-Stilling und Jean Paul.

Es würde zu weit führen, auf den Inhalt der »Individualitäten« hier
näher einzugehen, obwol dieselben viele interessante Beiträge zur
Beurtheilung jener Zeit enthalten. Klopstock, Mirabeau, Grétry --
literarische, musikalische, Theaterzustände von Paris und Amsterdam
-- feuilletonistische Plaudereien über die verschiedenartigsten
Themata: dies der bunte Inhalt jenes wunderlichen Mitteldings
zwischen Zeitschrift und Buch. Es ist nicht zu verwundern, daß die
»Individualitäten« keine weitere Verbreitung und kein längeres Leben
hatten: Cramer war trotz seiner unleugbaren Genialität nicht der
geeignete Herausgeber, Amsterdam und Paris waren nicht die richtigen
Ausgangspunkte einer für Deutschland bestimmten literarisch-politischen
Zeitschrift. Die Absicht, die der Verleger damit verfolgte, hat er
später -- im »Hermes« und im »Literarischen Wochenblatt« -- besser zu
verwirklichen vermocht.

       *       *       *       *       *

Ein drittes journalistisches Unternehmen des jungen Verlegers neben
der deutschen Monatsschrift und der holländischen Zeitung war, wie
bereits erwähnt, eine französische Zeitschrift rein belletristischen
Charakters: »_Le Conservateur. Journal de littérature, de sciences et de
beaux-arts._« Dieselbe trat Anfang 1807 ins Leben, war also ebenfalls
schon im Laufe des Jahres 1806, gleichzeitig mit den beiden andern
Zeitschriften, vorbereitet worden. Sie erschien in Monatsheften von
acht bis zehn Octavbogen, wovon je drei einen Band mit besonderm Titel
bildeten, und war somit äußerlich wie auch innerlich ganz wie die großen
französischen Revuen unserer Tage, z. B. die »_Revue des deux Mondes_«,
angelegt. Die Zeitschrift bestand anderthalb Jahre lang, bis Mitte 1808,
sodaß im ganzen sechs Bände davon erschienen sind. Nur zwei derselben,
der dritte und vierte Band, liegen uns vor, die zugleich wenigstens ein
Inhaltsverzeichniß der ersten beiden Bände enthalten, während weder ein
Prospect noch ein Vorwort oder Schlußwort vorhanden ist.

Den Inhalt dieser Zeitschrift bildeten historische (namentlich
zeitgeschichtliche), biographische, kunstgeschichtliche und
literargeschichtliche Abhandlungen; ferner Erzählungen, Novellen und
Gedichte; drittens Berichte über neue literarische Erscheinungen und
über die Theater von Paris und Amsterdam; endlich kleinere Artikel über
Verschiedenes, »_Variétés_« genannt.

Unter den Mitarbeitern, die fast stets mit ihren Namen unterzeichnet
sind, befinden sich die besten französischen Schriftsteller jener Zeit,
wie Bonald, Boufflers, Chateaubriand, Chénier, Ch. de Dalberg, Despréz,
Dubois, Guingené, Lacretelle, Lebrun, Legouvé, Mercier, Bernardin de
Saint-Pierre, Charles de Villers u. s. w.

Diesen Namen entsprechend ist der Inhalt der Zeitschrift ein sehr
gediegener, und manche Abhandlungen haben bleibenden Werth. Natürlich
beschäftigt sich die Mehrzahl der Artikel mit Frankreich; indeß hat
diese Zeitschrift ebenfalls einen entschieden internationalen Charakter,
indem sie auch England, in zweiter Linie Holland und am meisten
Deutschland berücksichtigt. Fast in jedem Hefte finden sich Artikel
aus oder über Deutschland. So bringt gleich das erste Heft einen Brief
des Professor Erhard über eine Audienz der Deputirten der Universität
Leipzig bei dem Kaiser Napoleon. In demselben Hefte beginnt Charles
de Villers (der später in nähere Beziehungen zu Brockhaus trat) eine
sich durch drei Hefte erstreckende Abhandlung über die wesentlich
verschiedene Weise, wie die französischen und die deutschen Dichter
die Liebe behandeln, wozu später noch ein Nachtrag kommt, der durch
eine Tabelle erläutert wird. Ferner schreibt Charles de Dalberg,
»_Prince-Primat de Germanie_«, über den Einfluß der schönen Künste
auf das allgemeine Wohlbefinden. Später folgt eine Beschreibung der
Düsseldorfer Galerie als Bruchstück einer noch nicht veröffentlichten
Reise, ohne Namensnennung. Daran schließt sich der Abdruck einer von
dem »_historiographe prussien_« Johannes von Müller am 20. Januar 1807
in der berliner Akademie gehaltenen Rede über den Ruhm Friedrich's des
Großen. Im Aprilhefte von 1807 erschien auch zuerst der später als
besondere Schrift gedruckte (und von uns noch näher zu erwähnende)
Brief von Charles de Villers an die Gräfin Fanny von Beauharnais über
die Ereignisse in Lübeck am 6. November 1806, der Villers viele
Unannehmlichkeiten bereitete; er schildert darin offen die von seinen
Landsleuten bei der Erstürmung Lübecks begangenen Greuel. Vielleicht
als Gegengewicht gegen diesen Aufsatz ist in demselben Hefte eine
von Villers angefertigte Uebersetzung der Rede enthalten, welche der
bekannte Kirchenhistoriker Henke am 2. December 1806 zur Jahresfeier
der Krönung des Kaisers Napoleon in der Universitätskirche zu Helmstedt
hielt.

       *       *       *       *       *

Ehe wir uns den übrigen Verlagsunternehmungen von Brockhaus in dieser
Zeit außer den drei journalistischen zuwenden, mögen noch zwei Briefe
desselben an seinen Bruder Gottlieb einschaltet werden.

Der erste ist der schon oben erwähnte vom 25. Februar 1806, den er aus
Anlaß der Geburt seines dritten Sohnes schrieb:

  Hermann, lieber Bruder, so heißt das Schäflein, womit der Himmel
  unsere kleine Heerde wieder vermehrt hat. So hieß der Edelste der
  Deutschen! Wir müssen uns ja jetzt wohl an Namen halten! Wo sind jetzt
  Männer unter unserer Nation? Oder vielmehr unter unsern Fürsten?
  Würden wir sonst die Schmach kennen, die jetzt schwer beladen auf uns
  liegt? O der schändlichen Rolle Preußens! Freilich für die Menschheit
  ist es gut, daß Bonaparte mit seiner Herkuleskeule die Pinsel und
  Knaben mit einem Schlage dahingestreckt hat. Wie würde Deutschland
  von zahllosen, sich immer neu recrutirenden Armeen von Kosacken,
  Kalmucken, Kroaten, italienischen und französischen Völkern zerrissen,
  geplündert und zerfleischt worden sein, wenn die Vortheile der Armeen
  sich balancirt hätten und nicht Schläge wie die von Ulm und Austerlitz
  gefallen wären. Aber Deutschlands Ehre? -- sie ist zernichtet.
  Unnennbar groß ist aber Bonaparte geworden! Es ist wirklich fast kein
  Mensch, es ist ein Halbgott. Wäre er immer, was er zu zeiten ist, als
  Mensch, denn über ihn als Krieger und Regenten kann nur eine Stimme
  sein, wer würde ihn nicht unbedingt verehren, ja vor ihm niedersinken?

  Verzeih diese Digression, zu dem der Name meines kleinen Hermann
  mich verleitet.

Hier folgt die früher abgedruckte Stelle über Cramer, dem er die Wahl
dieses Namens verdanke. Darauf heißt es weiter:

  Ueber die politische Lage unsers Landes circuliren tausend
  Gerüchte. Sehr fatal ist es, daß Schimmelpenninck so gut wie blind
  ist, -- und daß man wenig Wahrscheinlichkeit zur Besserung hat. Das
  gibt nun den besten Vorwand für ihn, sich zu entfernen, oder für die
  Franzosen, sich unsers Gouvernements zu bemächtigen. Man spricht
  von einem Könige von Batavien, das Louis, ein elender Mensch, sein
  würde, Ostfriesland soll mit unserem Lande vereinigt werden u. s. w.,
  doch wer kann wissen? Daß Dortmund ebenfalls wieder unter andere
  Herrschaft kommen wird, ist auch wol sicher. Wol Darmstädtisch oder
  Braunschweigisch. Was denkt man bei Euch davon?

  Mit unserer literarischen Entreprise geht es immer _crescendo_.
  Wir erhalten jetzt einen Factor aus Deutschland. Mit _medio_ März
  wird ein eigenes Haus dazu bezogen. Die Unternehmung kann eben
  so hochwichtig als sehr lucrativ werden. Mit dem 11. März fängt
  sie mit der Herausgabe einer Zeitschrift an, deren Wichtigkeit
  nicht berechnet werden kann, wenn sie einschlägt. Es ist dies eine
  politisch-literarisch-historische Zeitung, wie noch keine ....

Hier schließt der erste Briefbogen, der zweite ist leider nicht mehr
vorhanden; die eigenen Aeußerungen von Brockhaus über den »_Ster_« wären
von besonderm Interesse gewesen.

Der zweite Brief ist der von ihm unterm 25. August 1807 geschriebene,
dessen auf sein Etablissement bezügliche wichtigste Stellen bereits
mitgetheilt wurden, während der in anderer Beziehung interessante Anfang
desselben hier folgen möge. Er schreibt:

  Dein Brief war meiner guten vortrefflichen Sophie und mir am
  Donnerstag, als wir ihn erhielten, ein Fest der Erquickung, und
  bis spät in die Nacht unterhielten wir uns über euch, ihr Lieben,
  über Vergangenheit, Zukunft, und wie es einst noch werden möchte!
  und werden könnte! und werden mag. So sitzen wir alle Abend, einen
  wie den andern, da ich allein niemahlen für mich ausgehe, wenn ich
  Abends 8 oder 9 Uhr vom Comptoir abkomme, zusammen und verplaudern
  dann süße, dann bittere Stunden, je nachdem der Gegenstand heiter
  oder traurig ist. Wie ich mich so an diese Häuslichkeit habe gewöhnen
  können, daß es mir auch unmöglich ist, nur eine Stunde oder ein paar
  es anderwärts auszuhalten, ohne von Langeweile und Ueberdruß bis zum
  Aeußersten gefoltert zu werden; wie ich auch gar nicht mehr für diese
  Abendgesellschaften, wo es lustig und fidel hergeht, passe und eine
  recht alberne Figur darin spielen würde; wenn ich über diese wie
  so manche Veränderung nachdenke, so fühle ich freilich wohl, welch
  einen großen Theil daran die Begebenheiten meines stürmischen Lebens
  haben, allein in dieser Hinsicht kann ich die Resultate davon doch
  nicht anders als höchst beglückend finden. Dieses #innere# Leben!
  diese Veredlung unserer ehelichen Verhältnisse und Rückwirkung von
  da auf unser ganzes Gemüth, wodurch dieses etwas Hehres und Heiliges
  erhalten, hat wirklich etwas so Beseligendes, daß ich nicht wünschen
  kann, es möchte anders sein.

  Unsere Bekanntschaften sind jetzt noch eingeschränkter als
  ehemals, und nur mit zweien Familien stehen wir auf einem wahren
  freundschaftlichen Fuß: die eine ist die unsers Arztes, eines
  vortrefflichen Mannes, der ein edles wackeres Weib hat; -- sie sind
  nie einen Augenblick an uns irre geworden und ihre Freundschaft und
  ihr Edelmuth hat alle Proben ausgehalten. Die andere ist eine wackere
  Künstlerfamilie: er ein Deutscher, sie eine Holländerin. Beide große
  Maler und sie wieder eine der liebenswürdigsten und gebildetesten
  Frauen, die ich kenne. Auch ihr zwölfjähriger Sohn ist schon großer
  Künstler. Alle drei: Vater, Mutter und Sohn, haben Baggesen gemalt,
  wie er hier war, und nach der Zeichnung der Mutter lassen wir jetzt
  einen Kupferstich machen. Sie wird auch Sophie und mich malen -- für
  dich, mein bester theuerster Bruder, Schwester, Vater. Harry wird
  Gustchen und Fritz malen, und das sollst du auch haben. Außer diesen
  beiden Familien, mit denen wir innigst verbunden sind, haben wir
  nur noch ein paar Bekanntschaften: wir sehnen uns aber auch nicht
  nach mehreren, da uns diese genug sind. Desto mehr lebe und webe ich
  dagegen im Briefwechsel mit mehreren auswärtigen Freunden, der eine
  zweite Würze meines Lebens ist: Baggesen ist der erste darunter, von
  Villers, der berühmte Verfasser des unsterblichen Werks über die
  Reformation, der zweite, Professor Fischer in Würzburg und mehrere
  andere schließen sich an sie an. So lebe ich.

Die in diesem Briefe erwähnten beiden Familien waren die des Arztes
Nieuwenhuys und des Malers Jan Baptist Scheffer nebst seiner Gattin
Cornelia, Aeltern des hier als zwölfjähriger Knabe erwähnten, später
berühmt gewordenen Malers Ary Scheffer. Jan Baptist Scheffer war in
Manheim geboren; er ging nach Holland, wurde zum Hofmaler des Königs
Ludwig ernannt, starb aber schon 1809 in Amsterdam. Seine Gattin
Cornelia, eine Holländerin, war ebenfalls Künstlerin und eine sehr
anmuthige, auch literarisch gebildete Frau. Später zog sie mit ihren
Söhnen Ary und Heinrich nach Paris und starb dort 1839. Ary Scheffer
war am 10. Februar 1795 in Dordrecht geboren, kam dann mit seinen
Aeltern nach Amsterdam und verließ dieses erst 1812, um sich in Paris
weiter auszubilden; hier wirkte er bis zu seinem 1858 erfolgten Tode.
In Amsterdam war er der Spielgefährte der ältesten Kinder von Brockhaus
gewesen.

Die hier erwähnten Porträts scheinen leider nicht mehr vorhanden zu
sein; über ihren Verbleib hat sich auch bei spätern durch Ary Scheffer
selbst angestellten Nachforschungen nichts ermitteln lassen.




                       4.

           Weitere Verlagsthätigkeit.


Gleich im Beginne seiner Verlegerlaufbahn entwickelte Brockhaus auch auf
andern Gebieten der Literatur einen nicht minder regen, vielseitigen und
für einen Anfänger kühnen Unternehmungsgeist als den eben geschilderten
in der Herausgabe von Journalen.

Von Cramer verlegte er außer den »Individualitäten« zunächst noch
Uebersetzungen von sechs Dramen der von diesem enthusiastisch verehrten
und Shakspeare zur Seite gestellten englischen Dichterin Joanna Baillie
(geb. 1762, gest. 1851). Sie erschienen noch 1806 unter dem von Cramer
herrührenden Titel »Die Leidenschaften« in drei Theilen, deren jeder
wieder einen ähnlichen charakterisirenden Titel führt: »Die Liebe«;
»Der Haß«; »Der Ehrgeiz«, später (1808 und 1809) auch einzeln in sechs
Separatausgaben unter ihren Originaltiteln.

Außerdem veröffentlichte er noch (1807 und 1808) Cramer's deutsche
Bearbeitung der Werke des Engländers Pinkerton und des Franzosen Mercier
über das damalige Paris unter dem Titel: »Ansichten der Hauptstadt des
französischen Kaiserreichs vom Jahre 1806 an« (zwei Bände, jeder mit
einem Titelkupfer), von Cramer durch eigene Beiträge vervollständigt.
Die Idee zu diesem Werke scheint von Brockhaus ausgegangen zu sein;
Cramer sagt darüber in dem Vorberichte:

  Mein Freund Wilibald, Pflegevater meiner »Individualitäten«, glaubte
  daher (und vielleicht nicht mit Unrecht), daß dieses Gemälde eines
  Engländers (Pinkerton) ... eines deutschen Kupferstichs nicht unwerth
  ... Er trug mir dieses Geschäft auf ... bat mich endlich sogar, von
  dem Meinigen noch hinzuzuthun und Pinkerton's Gemälde mit einigen (wie
  ich es für gut finden würde) Verzierungen oder _hors d'oeuvres_ zu
  vermehren. Wenn ich (wünschte er weiter) den ersten großen Vorläufer
  aller dieser Maler -- »_notre maître à nous tous!_« -- Mercier, dazu
  bewegen könnte, mir sein Atelier zu öffnen ... so (meinte er) würde
  diese Vereinbarung eines Engelländers, Deutschen und Franzosen eine
  vielleicht nicht unpikante Sache sein, und an jener ursprünglich
  hauptsächlich britischen Zeichnung wenigstens nichts verderben.

Neben Cramer war Jens Baggesen, der bekannte dänische Dichter, der
gleichzeitig auch in deutscher Sprache schrieb (geb. 15. Februar
1764 zu Korsör, gest. 3. October 1826 zu Hamburg), einer der
ersten Schriftsteller, mit denen Brockhaus in geschäftliche und
freundschaftliche Verbindung trat. Er schloß mit Baggesen schon am 17.
Juni 1806 in Amsterdam, wo dieser damals zum Besuche war, einen Contract
über eine neue umgearbeitete Auflage seines idyllischen Epos »Parthenais
oder Die Alpenreise«, die 1808 erschien, und wenig Tage darauf (21.
Juni) über eine Sammlung seiner Briefe, die aber erst 25 Jahre später
(1831), als beide Contrahenten gestorben waren, herausgegeben wurde.
Im folgenden Jahre (16. Juli 1807) wurde dann ein neuer Contract über
Baggesen's neueste Gedichte abgeschlossen, die fast gleichzeitig mit der
»Parthenais« (auch 1808) unter dem Titel: »Heideblumen. Vom Verfasser
der Parthenais. Nebst einigen Proben der Oceania«, erschienen. Von der
»Parthenais« verlegte er außerdem eine französische Uebersetzung in
Prosa, von dem bekannten Gelehrten Fauriel gefertigt; hieran knüpfte
sich eine längere Correspondenz zwischen Brockhaus und Fauriel über das
durch Baggesen's Schuld vielfach getrübte Verhältniß zwischen diesem und
Brockhaus, worüber wir weiter unten Näheres mittheilen.

Allein nicht blos journalistische und poetische Werke waren es, mit
denen sich der junge Verleger beschäftigte; er wagte sich sofort auch
an strengwissenschaftliche Werke größern Umfangs, deren Verlag zu allen
Zeiten mit Opfern verbunden zu sein pflegt.

Schon 1807 erschien in seinem Verlage der erste starke Band einer
lateinisch geschriebenen Geschichte der Botanik von dem gelehrten Arzt
und Botaniker Kurt Sprengel in Halle: »_Historia rei herbariae_«, und
im nächsten Jahre folgte der zweite Band; eine deutsche Bearbeitung
desselben Werkes unter dem Titel: »Geschichte der Botanik«, erschien
erst 1817-18 in seinem Verlage.

Fast gleichzeitig begann er ein noch umfangreicheres Werk desselben
Verfassers zu verlegen: »_Institutiones medicae_«, in sechs Bänden,
wovon der erste 1809 ausgegeben wurde, während die übrigen Bände in
den Jahren 1810, 1813, 1814 und 1816, in einer für den Verleger theils
seiner persönlichen, theils der politischen Verhältnisse wegen sehr
schwierigen Zeit, erschienen. Indeß wurde bei diesem Werke sein Muth
belohnt, indem er bereits wenige Jahre nach der Vollendung (1819) eine
zweite vermehrte und verbesserte Auflage desselben veranstalten konnte.

Ein drittes wissenschaftliches Verlagswerk, das er gleich im Anfange
seiner Verlegerthätigkeit übernahm, war die berühmte Naturgeschichte
der Eingeweidewürmer von dem greifswalder (später berliner) Professor
Karl Asmund Rudolphi (aus Stockholm); sie erschien unter dem Titel:
»_Entozoorum sive vermium intestinalium historia naturalis_« (2 Bände,
Band 2 in 2 Abtheilungen, 1808-10, mit 12 Kupfertafeln).

Ein viertes ebenfalls naturwissenschaftliches Werk, das er indeß
wahrscheinlich nur als Commissionsartikel übernahm (auf dem Titel sind
die Gebrüder van Cleef im Haag als Verleger genannt, während Heinsius'
»Bücher-Lexikon« das Kunst- und Industrie-Comptoir in Amsterdam als
solche bezeichnet) ist das Werk des bekannten französischen Botanikers
Brisseau-Mirbel (damals im Haag, später in Paris) über eine Theorie
des Gewächsbaues, mit französischem und deutschem Titel, herausgegeben
von dem holländischen Dichter Bilderdijk, der sich vielfach auch mit
naturwissenschaftlichen Studien beschäftigte. Eigenthümlicherweise
ist der Text des Werks gleichzeitig französisch (links) und deutsch
(rechts), während die Widmung an den König von Holland, die Vorrede
Bilderdijk's und die ausführlichen Noten blos französisch sind.
Bilderdijk entschuldigt sich in der Vorrede, daß er, in Amsterdam
geboren, weder das Französische wie ein Pariser, noch das Deutsche wie
ein »Sachse« schreibe; hiernach scheint auch die deutsche Uebersetzung
von dem holländischen Dichter herzurühren.

       *       *       *       *       *

Dem Jahre 1807 gehören noch drei Werke an, die von geringerer Bedeutung
sind, aber gleich von Anfang an erkennen lassen, daß der Verleger die
möglichste Vielseitigkeit seines Verlags erstrebte: ein französisches
Reisehandbuch für Deutschland: »_Itinéraire de l'Allemagne_« (von dem
Postmeister Raabe in Holzminden verfaßt), mit einer Karte; eine deutsche
Uebersetzung des hauptsächlich nach Bossuet's Katechismus bearbeiteten,
vom päpstlichen Legaten in Paris approbirten und von Napoleon
obligatorisch eingeführten »Katechismus zum Gebrauche in allen Kirchen
des französischen Kaiserreichs«; endlich eine deutsche Uebersetzung der
berühmten Memoiren des französischen, in englische Dienste getretenen
Schriftstellers Louis Dutens, der 1812 als britischer Historiograph in
London starb, unter dem Titel: »Dutens Lebensbeschreibung oder Memoiren
eines Gereiseten, der ausruht« (2 Bände), von dem durch sein Bibelwerk
bekannten Johann Friedrich von Meyer in Frankfurt a. M. bearbeitet.

       *       *       *       *       *

In dieser Zeit kam Brockhaus auch zuerst mit Villers in Beziehungen,
die sich bald in freundschaftliche verwandelten und bis zu des Letztern
Tode fortdauerten. Er veröffentlichte nämlich dessen berühmten »Brief an
die Gräfin Fanny von Beauharnois«, worin Villers die Erstürmung Lübecks
durch die Franzosen am 6. November 1806 und die dabei von denselben
verübten Greuel als Augenzeuge schildert.

Charles François Dominique de Villers, geboren 4. November 1765 zu
Bolchen in Lothringen, 1792 Artilleriehauptmann, floh bei Ausbruch des
Revolutionskriegs 1793, von den Jakobinern bedroht, nach Deutschland,
das fortan seine zweite Heimat wurde, und lebte meist in Lübeck, wo er
viel mit der Familie Rodde verkehrte, besonders mit seiner geistreichen
Freundin Dorothea Rodde, der Tochter des Geschichtschreibers Schlözer;
1811 wurde er zum Professor der Philologe an der Universität Göttingen
ernannt, nachdem ihm 1809 wegen seiner »ausgezeichneten Verdienste um
die deutsche Literatur« und besonders auch wegen seiner Bemühungen um
das Wohl der Freien Hansestädte das Ehrenbürgerrecht von Bremen ertheilt
worden war. Er wurde erst von französischer, dann von deutscher Seite
mehrfach belästigt und starb 26. Februar 1815 in Leipzig.[23] Villers
machte es sich zur Lebensaufgabe, deutscher Literatur und deutschem
Wesen dieselbe Anerkennung und Achtung in Frankreich zu verschaffen, die
er selbst dafür empfand, und so beiden Ländern zu nützen. Wurm bemerkt
über Villers:

  Wie sehr es ihm Ernst war mit der wissenschaftlichen Erforschung
  deutscher Zustände, das beweisen seine größern Arbeiten: die
  Darstellung der Kant'schen Philosophie, und die gekrönte Preisschrift
  über die Folgen der Reformation für die politische Lage der
  verschiedenen Staaten Europas und für den Fortschritt der Aufklärung.
  Das letztere Werk ist in wiederholten starken Auflagen und in einer
  holländischen, zwei englischen und drei deutschen Uebersetzungen
  verbreitet.

  In der Würdigung deutschen Geistes wetteiferten mit ihm Benjamin
  Constant und Frau von Staël. Mit Beiden war Villers innig befreundet.
  Constant hatte in Deutschland eine geistige Heimat gefunden, nur nach
  und nach söhnte er mit dem Entschluß sich aus, den die Ereignisse ihm
  fast wider Willen aufdrängten, seine wissenschaftliche Thätigkeit mit
  einer politischen in Paris zu vertauschen. Frau von Staël gefiel sich
  eine Weile in dem Gedanken, mit Villers vereint dahin zu arbeiten,
  daß der Gegensatz zwischen deutschem und französischem Wesen sich
  ausgleichen möge. Bald aber fand sie sich verletzt durch seine
  ausgesprochene Vorliebe für Deutschland, die sie ihm in tadelnden,
  selbst in harten Worten vorwarf. Als ihr selbst derselbe Vorwurf
  -- freilich von ganz anderer Seite her und in ganz anderm Sinn --
  zurückgegeben ward, da flüchtete sie mit ihren Klagen zu dem alten
  Freunde.

  Während ihrer langen Verbannung, der endlich der Sieg der fremden
  Waffen ein Ziel setzte, hatte ihre Liebe zur Heimat nur noch stärkere
  Wurzeln geschlagen. Anders war es mit Villers. Lebensschicksale,
  geistige Gewohnheiten hielten ihn von Frankreich fern, nicht
  irgendeine äußere, gebieterische Nothwendigkeit. In den frühern
  geflügelten Worten der Frau von Staël lag ein Stachel, den er tief und
  schmerzlich empfand. Glücklich, selbst inmitten einer ehrenvollen und
  vielbewunderten Thätigkeit, ist seine Lage nicht gewesen. Sie konnte
  es nicht sein.

  Wir Deutschen sind am spätesten zu dem Bewußtsein gelangt, daß die
  Nationalität nichts Zufälliges, daß sie nicht ein Ding ist, das man
  nach Belieben festhalten oder abstreifen und vertauschen mag. Es würde
  besser um unser Vaterland bestellt sein, wenn wir eher aus unsern
  weltbürgerlichen Träumen erwacht wären. Nicht daß es an kräftigen
  Stimmen gefehlt hätte, die uns zuriefen, das heilige Feuer zu hüten.
  Aber wir, wir schliefen und träumten.[24]

  In dieser beschämenden Betrachtung liegt gutentheils der Schlüssel
  zu demjenigen, was Villers' Ruhm und was sein Unglück ausmachte.
  Gewiß, wenn irgend Einer, so war er berufen, den geistigen Verkehr
  zwischen Deutschland und Frankreich zu vermitteln. Aber er fand sich
  zwischen beide Nationen gestellt. Und er trat zu uns herüber, als
  die Gewaltherrschaft seiner Landsleute, ein unholder Alp, über unser
  Vaterland sich ausbreitete, und jegliches Eigenthümliche zu erdrücken
  drohte. Das Ritterliche seines Charakters hat ihn herübergeführt. Aber
  seinen Landsleuten gegenüber, wie sollt' er da den Schein abwehren,
  als habe er die eigene Heimat verleugnet?

  Daß er uns näher angehörte, können wir nicht bezweifeln, da er
  selbst es eingestanden hat. Der Anlaß aber, bei welchem ihm das
  Bekenntniß entschlüpfte, war der bitterste, der unverdienteste,
  der ihm widerfahren konnte. Es war die unerhörte Behandlung, die
  er von der wiederhergestellten hannoverschen Regierung erfuhr; das
  absichtsvolle Misverständniß, als wär' er in Göttingen eben nur ein
  Eindringling des westfälischen Zwitterreichs gewesen; das Abfinden
  durch einen Gnadengehalt, in der Voraussetzung, er werde denselben in
  Frankreich verzehren. Durch die spätere Erlaubniß, in Göttingen zu
  bleiben, und durch eine Pensionszulage war das nicht wieder gut zu
  machen. Die Kränkung hat sein Herz gebrochen.

  Uns Deutschen geziemt es, eingedenk zu sein, was er uns zum Opfer
  gebracht hat.

Villers' Brief an die Gräfin von Beauharnais wurde dadurch veranlaßt,
daß diese, die Tante der Kaiserin Josephine, nach den schrecklichen
Ereignissen von Lübeck der Villers wie ihr befreundeten Familie Rodde
Theilnahme ausdrücken und ihre Hülfe anbieten ließ. Villers benutzte
dies, um der einflußreichen geistvollen Dame, die in Paris seine
persönliche Bekanntschaft gesucht hatte, die traurige Lage Lübecks
vorzustellen. Der Brief, vom 15. December 1806 datirt, ging erst am
12. Februar 1807 an seine Adresse nach Paris; am 4. März traf die
Antwort ein, daß die Gräfin bereit sei, dem Kaiser den Brief vorzulegen
und aufs wärmste zu befürworten. Inzwischen hatte Villers denselben
in Lübeck als Manuscript drucken lassen und sandte am 5. März vier
Exemplare nach Paris, darunter eins an Bernadotte und eins an Daru.
Gleichzeitig schickte er auch ein Exemplar an Brockhaus; dieser ließ
schon im Aprilhefte seines »_Conservateur_« den Brief abdrucken (vgl.
S. 78) und außerdem Separatausgaben davon in französischer und deutscher
Sprache erscheinen, die großes Aufsehen erregten und rasch drei Auflagen
erlebten. Auch zu diesen Separatausgaben hatte Brockhaus jedenfalls
Villers' Zustimmung, denn in einem (nicht unterzeichneten) Vorberichte
heißt es: der Brief sei erst blos als Manuscript gedruckt worden, »da
aber diese Schrift schon hier und da herumgekommen und ihr Verfasser
sah, wie zweifelhaft es sei, einer voreiligen unerlaubten Bekanntmachung
zuvorkommen zu können, so hat er unserm Wunsche gern nachgegeben und
uns den Druck erlaubt« u. s. w. Der Brief war gleichzeitig in Paris
gedruckt, aber dort wie später auch in Amsterdam confiscirt worden. Wurm
sagt darüber:

  Hat nun bei den »hohen und höchsten Herrschaften« diese beredte
  Fürsprache irgend Etwas ausgewirkt? Nein, nicht das Mindeste. Aber
  die Darstellung selbst, die, wie sich erweisen läßt, nur für das
  Auge einiger Wenigen bestimmt war, hat mit einem male die größte
  Oeffentlichkeit erlangt. Wenige Flugschriften in jener bewegten Zeit
  sind so verschlungen worden. Der Eindruck war tief und nachhaltig.
  Ein richtiger Instinct sagte den Feldherren, daß der französischen
  Herrschaft, daß dem Vertrauen der Völker zu französischer
  Gerechtigkeit und zu französischem Schutz ein sehr schlechter Dienst
  geleistet sei, indem die Wahrheit an den Tag komme.

  So fehlte es denn auch nicht an den Maßregeln, durch welche das böse
  Gewissen sich zu verrathen pflegt. Die Schrift von Villers ward in
  Paris confiscirt[25]: Baggesen, in einem ergötzlichen Brief, wünschte
  dem Verfasser Glück dazu. Die Aufregung unter den Franzosen war so
  groß, daß selbst die lübecker Censur sich endlich gemüßigt fand, die
  Buchhändleranzeige, welche die Schrift zum Verkauf anbot, zu streichen.

  Bedenklicher war, daß Villers von sicherer Hand erfahren mußte, auch
  Bernadotte habe an der Schrift Anstoß genommen. Doch war das gute
  Vernehmen, wie man aus dem Schreiben eines Adjutanten des Prinzen
  ersieht, dadurch nicht auf die Dauer gestört. Keinenfalls ließ Villers
  sich irre machen. Er war sich keiner Uebertreibung bewußt, und
  erklärte dies öffentlich im Vorwort zu einer spätern Auflage.

Der von Wurm erwähnte Brief Baggesen's an Villers, aus Hamburg vom 27.
Juni 1807 datirt, lautete:

  Ich schicke Dir hier die ganze Saisirungsgeschichte aus Amsterdam
  und Paris, die, wie ich hoffe, Dich mehr freuen als befremden wird.
  In der That war es nicht leicht möglich, Dir und der Sache einen
  größern Dienst zu erweisen, als eben durch diesen erzdummen Streich
  der pariser Polizei geleistet worden ist. Eine Schrift, wovon schon
  mehrere tausend Exemplare im Umlauf sind, zu confisciren, hieß
  derselben außer dem Umlauf auch Einlauf -- Interesse ins Unendliche
  -- außer dem moralischen auch religiösen Einfluß und selbst (das
  Höchste, was in unsern Tagen ein Buch gewinnen kann) den Reiz der
  Sünde, _vel quasi_ des Verbotenen, verschaffen. Wüßte ich nur mit
  Gewißheit, daß man auch meine Sachen auf diese Weise saisiren würde,
  den Augenbli

Showing first 200,000 characters. Full text: gutenberg.org/ebooks/44677