Komödiantinnen: Roman
by Walter Bloem · German · Gutenberg #44647 · 499,342 chars · public domain (US)
The Project Gutenberg eBook of Komödiantinnen: Roman
This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
of the Project Gutenberg License included with this eBook or online
at www.gutenberg.org. If you are not located in the United States,
you will have to check the laws of the country where you are located
before using this eBook.
Title: Komödiantinnen: Roman
Author: Walter Bloem
Release date: January 12, 2014 [eBook #44647]
Most recently updated: October 23, 2024
Language: German
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/44647
Credits: Produced by Tor Martin Kristiansen, Jan-Fabian Humann,
Norbert Müller and the Online Distributed Proofreading
Team at http://www.pgdp.net
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK KOMÖDIANTINNEN: ROMAN ***
Komödiantinnen
Ullstein-Bücher
Eine Sammlung
zeitgenössischer Romane
[Illustration Verlagslogo]
Ullstein & Co / Berlin und Wien
Komödiantinnen
Roman von
Walter Bloem
[Illustration Verlagslogo]
Ullstein & Co / Berlin und Wien
Alle Rechte, insbesondere das der Uebersetzung
vorbehalten. -- Copyright 1914 by Ullstein & Co
1.
Aus tiefdunklem Jugendschlummer fuhr Hans Thumser mit einem Ruck in die
Höhe. Teufel auch! das nenn' ich dachsen! Und diese Pestbeule von einem
Korpsdiener hatte mich doch wecken wollen? Wieviel mag's denn sein? Uhr
steht natürlich -- Skandal! schon wieder mal das Aufziehen verbummelt!
Und schon ganz hell! Jeden Augenblick muß der Wagen kommen mit Pilgram,
dem gestrengen Senior, der so verdammt ungemütlich werden kann ... und
mit Durchlaucht, dem fürstlichen Konkneipanten eines wohllöblichen
C. C. der Franconia ... und dann warten lassen?! Herrgottsakra -- rin'
in die Buchsen --!
Durchs offene Fenster schwamm herbstlicher Frühnebel in das schummrige
Studentenbudchen. Matt flimmerten an den Wänden die dreifarbenen
Wappenschilde, die gekreuzten Schläger, die langsam einstaubenden Mützen
und Bänder -- weit matter noch vom Schreibtisch her die Goldtitel des
_corpus iuris_, der spärlichen Lehrbücher der Rechtswissenschaft ...
Und weiß blinkte nun der gertengeschmeidige Körper des jungen Studenten:
Hals und Nacken wurden mit raschen, scharfen Güssen erfrischt, und dann
wusch der Jüngling sorgsam das dichte braune Haar mit schäumendem
Bay-Rum durch, um alle septischen Stoffe zu entfernen und der
Säuberungsarbeit des Paukarztes vorzuarbeiten ... Denn heute bekam Hans
Thumser Prügel, das stand in den Sternen geschrieben. Herr Borgmann,
Neo-Borussiae gewesener Zweiter, Erster _ad interim_ war der S. C.
Fechter ... gegen den konnte der schlanke Fuchsmajor der Franken nicht
an. Da galt es nur, sich gegen die unvermeidliche Abfuhr zu wehren,
solange Faust und Klinge hielten ... Schade, daß es gerade der Borgmann
sein mußte, der einen unterkriegte -- dieser üble Geselle, den man nicht
riechen konnte, mit seinem suffisanten Gesicht, seinem fatzkigen
Lächeln, den frostigen Froschaugen -- dem mal einen Streicher über die
Ohrfeigenvisage ziehen, von der Temporalis bis ins Kinn -- aber nee,
nich dran zu denken, er konnte zu viel, der Affe, der miserablichte!
So -- die Toilette wäre beendigt! Noch einen Blick in den Spiegel --
ade, du große schmale Nase, vielleicht auf Nimmerwiedersehen -- na, und
auf Stirn und Wange ist ja auch noch eine ganze Menge Platz, zwischen
den alten Abfuhren aus Heidelberg und denen vom Sommer, und nun statt
der grünen Mütze für heute den weichen Knockabout auf die Stirn gestülpt
-- denn in jener Stadt, in der das Reichsgericht saß, die erleuchtete
Körperschaft, welche die Schlägermensur für einen Zweikampf mit
tödlichen Waffen im Sinne des Strafgesetzbuches erklärt hatte -- im
guten biedern Leipzig waren Staatsanwaltschaft und Polizei nach der
Mahnung jenes schönen Würzburger Studentenverses tätig:
»Darum auf, ihr Wächter des Gesetzes,
Hüter des Studentenpaukgehetzes --
Lauscht überall
Auf Waffenschall
Und seid stets der Mensur
Auf der Spur!«
Auch das dreifarbene Band wanderte zusammengerollt in die Tasche -- erst
draußen im braunen Herbstwalde bei Knauthain würde es sich um die junge
Brust schlingen dürfen ... und nun hinaus ... das Frühstück mußte man
sich für heut verkneifen, denn Frau Marie Wehe, genannt Mutter Ach,
stand um fünf Uhr noch nicht auf aus ihrem keuschen Witwenbette ...
Als Hans Thumser im dunklen Korridor an der Tür zu der Nachbarbude
vorüberschritt -- der Nachbarbude, die dies Semester zu Mutter Achs
bittrem Schmerz unvermietet geblieben war -- da stolperte er plötzlich
über etwas Zierliches, Weiches ... was Teufel -- also doch noch
Nachbarschaft gekommen --?!
Hans Thumser bückte sich und hob ein Etwas auf, das nur ... ein
Lackschuh sein konnte ... und zwar ein winziger ... mit knisternder
Seidenschleife besetzter ... ein feiner, geheimnisvoll irritierender
Duft entstieg ihm ... Hans Thumser trat mit seinem seltsamen Fund an
die Mattscheibe der Korridortür, die ein falbes Licht einfallen ließ,
und betrachtete mit der naiven Andacht seiner unverwöhnten zwanzig Jahre
das zierliche Wunder. Gott, welch eine Wirrnis von Träumen stieg empor
aus diesem schmalen Kahn der Sehnsucht ... Mit einem tiefen Seufzer,
von fröstelnden Schauern überrieselt setzte der Jüngling seine Beute
sacht und herzklopfend wieder vor die Tür, die nun auf einmal ein Eden
barg. Ein weißes Viereck schimmerte matt vor dem des Dämmers nun
gewöhnten Blick, als der Student sich wieder zu seiner ganzen Länge
aufgerichtet ... in unzähmbarer Neugierde tastete er nach seiner
Zündholzschachtel und las im zuckenden Flackerlichte die
lithographischen Schriftzüge:
Asta Thöny
Herzoglich Meiningische Hofschauspielerin
Was ... war das?!
Hans Thumser hatte auf eines jener Dämchen geraten, die sich wohl
bisweilen im _Quartier latin_ einnisteten, um Jugendglut und
Monatswechsel der akademischen Bürger zu brandschatzen ... und nun --?!
Eine Künstlerin ... ein Mitglied jener erlauchten Komödiantengilde,
deren Siegeszug dem staunenden Deutschland, nein der Kulturwelt erst
erschlossen die ganze Herrlichkeit des klassischen deutschen, des
klassischen germanischen Dramas --?!
Hans Thumser sah sich in der Heimatstadt, auf einem Platze des zweiten
Ranges, den er vom Taschengeld abgeknausert, abgebettelt dem gütigen
Vater, der so schlecht nein sagen konnte -- sah sich sitzen als
ahnungsvollen Primaner und lauschen -- lauschen in Verzückung und
Tränen ... schauen voll seliger Gier und ungläubig-gläubigen
Ueberschwangs in eine Wunderwelt hinein, da alle seine Träume die
Erfüllung fanden ... und sah sich am andern Tage auf der Schulbank,
stumm und stumpf bei jeder Frage der Lehrer, gleichgültig gegen ihren
Zorn und den Spott der Mitschüler, die nicht ahnen konnten, was mit dem
Primus vorgegangen ... was ihm die flinke Zunge, das unfehlbare
Gedächtnis lähmte ...
Und nun --?! Eine Meiningerin -- und seine Zimmernachbarin?
Was konnte das bedeuten --?
Etwa dies: daß die Meininger in Leipzig wären -- gastierten drüben im
Carolatheater --?
Und davon -- davon hatte man nichts erfahren?
Freilich -- unmöglich wär's nicht -- wie man so dahinlebte, das
Gladiatorendasein des aktiven Korpsstudenten ...
Asta Thöny? Nein -- den Namen Asta Thöny verzeichnete seine Erinnerung
nicht -- das mußte wohl ein neues Mitglied sein, schlank und ... duftig
wie die Schuhchen, von denen nun, im wachsenden Tageslicht, ein paar
Lichtpünktchen aufgleißten aus dem Dämmer des Korridors ...
Aber ein anderer Name stieg nun auf, ein weißleuchtendes Mädchenbild
tauchte glorienumstrahlt aus der Tiefe seiner Visionen: Jucunda Buchner,
die kaum Sechzehnjährige, die Thekla der Meininger ...
Sie sah er, im dritten Akt der »Piccolomini«, einsam im finstern
Schloßgemach, mit der Laute hineingeschmiegt in einen faltenstarren
rotsamtenen Vorhang, scharf abgehoben die weiße Gestalt vom riesigen
Fenster, durch dessen hundert kreisrunde Scheiben die sternlose Nacht
hineinglotzte ... und wie ein Kind im Finstern singt, die
Herzensbangigkeit zu betäuben, so verloren, so verlassen, so
angstumschauert hatte das junge Weib seine schmachtende Weise vor sich
hingelallt:
Der Eichwald brauset, die Wolken ziehn --
Das Mägdlein wandelt an Ufers Grün --
Das Auge von Weinen getrübet ...
Du Heilige, rufe Dein Kind zurück --
Ich habe genossen das irdische Glück --
Ich habe gelebt und geliebet ...
O Erinnerung ... o Ahnung ... o Kunst, du mächtige Weckerin, Vorschule
des Lebens, Tummelplatz der werdenden, in Werdeschauern erzitternden
Seele --!
Gelebt und geliebet ... und du, junges Studentlein im finstern Korridor
-- aus dessen Dunkel die weißen Lichtpünktchen glitzern von Asta Thönys
Lackschuhchen -- --?!
Hans Thumser schrak zusammen. Ihm war's, als hätte er aus weiter Ferne,
ungeduldig, seinen Namen rufen gehört ...
Und richtig:
»Thumser! Thumser! Zum Donnerwetter, wenn Du jetzt nicht kommst, fahren
wir ohne Dich!«
Ach so ... ach ja ... die Stunde, die heischende ... die Stunde des
Burschenkampfes ...
Hans Thumser fuhr auf, reckte sich -- kein Abschiedsblick mehr zurück zu
den Lichtpünktchen drunten, dem weißen Kärtchen an der Pforte des
Geheimnisses -- fort -- hinaus --!
Er flog die krachenden Stiegen hinunter, der mächtige Haustürschlüssel
knarrte im Schloß -- und draußen auf der morgenstillen, morgenleeren
Sophienstraße empfing ihn ein Durcheinander von Begrüßung und Vorwurf --
»Na, Du Schlafratze -- endlich ausgepennt?« zürnte der Senior vom
Rücksitz aus. Und:
»Hatten schon alle Hoffnung aufgegeben, Sie noch unter den Lebenden
begrüßen zu dürfen!« schnarrte der Major von Gorczynski, dessen kantige
Reiterfigur sich noch immer nicht in das elegante Zivil des
Prinzenbegleiters eingewöhnen mochte.
Erbprinz Heribert aber, der durchlauchtigste Konkneipant der Franken,
zog nur stumm und mit indignierter Miene den steifen grauen Filzhut.
Also man ließ warten! na ja, an einer deutschen Hochschule funktioniert
der Betrieb nun einmal nicht wie am herzoglichen Hofe zu
Nassau-Dillingen ... man mußte Nachsicht üben ...
Mit einem Ruck saß Hans Thumser neben seinem Korpsbruder auf dem
Rücksitz, dem Prinzen gegenüber, der ihn durch sein Monokel mit
kühl-durchdringendem Blick niederzuschmettern suchte, was ihm freilich
nicht gelang.
»Also wenn Durchlaucht gestatten, fahren wir ab!« sagte Valentin Pilgram
mit korrektem Gesicht. Er war auch nicht sehr erbaut von der Ehre, einen
prinzlichen Mitkneipanten im Korps durch das Semester schleppen zu
müssen, zumal einen solchen faden Burschen, der nicht warm wurde unter
den Kommilitonen, deren Mütze er wie zum Maskenscherz die wenigen Male
aufsetzte, wenn er gelangweilt und verständnislos an den offiziellen
Veranstaltungen des Korps teilnahm ... indessen das gehörte nun einmal
dazu ...
»Also los, Kutscher und lassen Sie gefälligst die Gäule loofen, sonst
fällt der erschte Hieb, ehe wir draußen sind!«
»I herrjemerschnee, Herr Pilgram, das kann Sie ja gar nich passier'n --
de Allererschten wär'n mer sein am Platze, da genn' Se sich drauf
verlass'n!« ...
Als der Wagen anzog, fiel der Blick der Abfahrenden auf eine lange
Kolonne riesiger Möbeltransportwagen -- drüben waren sie aufgefahren vor
der nüchternen Häuserfront, deren Erdgeschoß die Einfahrt zum
Carolatheater durchstieß. Das Theater selber lag verborgen und
schmucklos dahinter im Hofe. Um die Wagen aber sammelte sich eine Rotte
herkulischer Blusenmänner und begann sie zu entladen. Was kam da alles
zum Vorschein!
Das erste, was das Auge der Wageninsassen entdeckte, war der riesige
Körper eines schwarzen Pferdes, in liegender Stellung, in der Stellung
des Todes ausgestopft ... Unter derben Späßen hoben die untersetzten
Arbeiter die Bestie aus dem Finstern des Wagens und trugen sie in die
Dämmerung des Flurs. Und im schnellen Davonfliegen des Wagens erfaßte
der Blick der Enteilenden noch ein Chaos von Gegenständen, die bereits
ausgepackt an den Hauswänden lehnten: ein ganzes Arsenal eiserner
Rüstungen, Schwerter, Hellebarden, Federhelme ... und noch allerhand
Dinge, seltsam durch ihre Lage und Zusammenstellung: einen prunkvollen
gotischen Altar, einen mächtigen Eichbaumstumpf, dessen papierene
Blätter im Herbstmorgenhauche gespenstisch raschelten -- und endlich ein
kolossales Renaissance-Büfett, das Hans Thumser auf den ersten Blick
wiedererkannte: es hatte im Bankettsaal des Grafen Terzky gestanden, der
Zecherrausch der Friedländischen Generale hatte es umbrandet -- damals,
im Barmer Stadttheater, als Hans Thumser in Fieberschauern den
»Wallenstein« erlebte ...
»Die reine Trödelbude --« sagte Valentin Pilgram, der Senior, und zog
die Winkel des schmalen Mundes verächtlich herab. »Ooch 'n Geschäft,
sich Abend für Abend die Visage zu beschmieren, sich vor so'ne Lappen
hinzustellen und mit Armen und Beinen zu fuchteln ...«
Die blassen, matten Züge des Erbprinzen hatten sich plötzlich belebt.
»Sie vergessen, lieber Pilgram, daß diese Fuchtelei mit Armen und Beinen
doch manchmal ganz niedlich anzusehen ist ... namentlich wenn diese Arme
und Beine -- halten Sie sich mal die Ohren zu, Herr Major! -- na also,
wenn sie schlank, jung und ... _feminini generi_ sind ...«
»-- _gener=is=_, Durchlaucht!« erlaubte sich der Erzieher zu bemerken.
»Echauffieren Sie sich nicht, lieber Major -- als Sprachlehrer sind Sie
nicht engagiert -- Sie haben nur für meine Moral zu sorgen -- wenn's
auch schwer fällt ... aber nun sagen Sie mal, Sie Alleswisser -- was
bedeutet denn dieser Apparat da vor dem ollen muffigen Carolatheater?«
»Die Meininger, Durchlaucht, beginnen in fünf Tagen ein vierwöchiges
Gastspiel in Leipzig,« sagte der Major.
»Und das haben Sie mir bis jetzt unterschlagen, Sie Cerberus?«
»Ich habe nicht gewußt, daß Durchlaucht sich auch für =ernste= Kunst
interessieren ...«
»Ah bah -- Theater ist Theater ... und wo kann der Thronfolger eines --
na sagen wir mal eines Staates von mäßigem Umfang -- wo kann ich mich
besser auf meinen künftigen Beruf vorbereiten als im Theater? Mein
Hoftheater, das ist doch der einzige Platz, wo ich später ...
gewissermaßen ... wirklich mal was zu sagen haben werde ...«
»Durchlaucht ... ich darf wohl bitten ...« warf der Major ein.
»Na, jedenfalls ist das meine Auffassung!« lachte der Erbprinz, »--
können Sie meinetwillen nach Dillingen berichten! Und das bitte ich mir
aus, Herr Major: bei den Meiningern belegen Sie heut abend sofort die
vorderste Proszeniumloge! Ich sehe mir die ... Kunst ... gern aus der
nächsten Nähe an! Lieber Pilgram -- zur Eröffnungsvorstellung sind Sie
mein Gast, nicht wahr?«
»Sehr gütig, Durchlaucht ...« sagte Valentin Pilgram und sann nach.
»Das wäre, soviel ich weiß, am nächsten Mittwoch ... da haben wir
allerdings offizielle Kneipe, und ich als Erster Chargierter dürfte
eigentlich nicht ... und dann ... habe ich auch nicht allzuviel fürs
Theater übrig ...«
»Philister Sie! Na und Sie, Herr Thumser -- wie wär's mit Ihnen?«
Hans Thumser wurde glühendrot ... halb in Glück, halb in Befangenheit
... er hatte sich bereits schmerzlich bewegt ausgerechnet, daß es gegen
Ende des Monats gehe, und sein Wechsel ihm einen Besuch der Meininger
wohl schwerlich vor dem ersten November gestatten würde ... also das
fiel ja geradezu vom Himmel ... andererseits ... mit diesem blasierten,
schwunglosen Menschen zusammen -- wie würde er's ertragen, in seine
Andacht hinein solche Reden vernehmen, gar ihnen ehrerbietig lauschen zu
müssen?
Dennoch ... besser als gar nichts ...
»Ich nehme mit Freuden an, Durchlaucht ...«
»Also abgemacht! Was gibt's denn, Herr Major?«
»Jungfrau von Orleans ...«
»Ausgerechnet --!« schnarrte der Prinz -- »Schiller --! Gymnasium in
Wiesbaden -- verfluchten Angedenkens! Schiller! Was ist Schiller? Eine
Serie von Aufsatzthemen --!!«
»Stimmt!« rief Pilgram. »Keine zehn Pferde ziehen mich ins Theater, wenn
Schiller gespielt wird! 'Die tragische Schuld der Maria Stuart' --
'Wallenstein, ein tragischer Charakter' -- 'Die poetische Gerechtigkeit
in der Braut von Messina' -- pfui Deuwel! um junge Hunde zu kriegen --!«
Wie bin ich unter diese Menschen geraten? dachte Hans Thumser. Warum
trage ich die gleiche Mütze und die gleichen Farben wie sie? Kein Takt
des Herzschlags, kein Gefühl, kein Wort ist mir mit ihnen gemeinsam ...
Und derweil rollte der Wagen seitwärts durch die nüchternen,
morgenleeren, hallenden Straßen der Südstadt, dem fernen Kampfplatz
entgegen, wo Hans wieder einmal seine Zusammengehörigkeit mit seinen
Korpsbrüdern, seine Zugehörigkeit zum Frankenbunde mit seinem Herzblut
besiegeln sollte ...
»Vergessen Sie nicht, Durchlaucht, daß Jucunda Buchner die Jungfrau
spielt ...«
»Jucunda Buchner? Ist -- wer?«
»Nun, der jugendliche Stern der Meininger -- einfach Sehenswürdigkeit --
gewissermaßen das deutsche Mädchen in Reinkultur --«
»Schön -- also abgemacht!« sagte der Erbprinz. »Aber halten Sie mich
fest, lieber Major, sonst mach' ich Dummheiten...«
»Buchner?« sagte der Senior, »hm -- da fällt mir was ein. Mein Hauswirt,
der Kanzleirat Buchner, der hat ja, soviel ich weiß, irgendwo 'ne
Tochter beim Theater ... das wäre doch ulkig ... soviel ich weiß, wurde
ihre Ankunft erwartet ... und ich mein' auch, daß sie in Leipzig spielen
sollte, hätte die Alte erzählt -- ich hab' aber nicht recht hingehört --
was geht mich das Theater an ...«
»Herrgott, Mensch -- das Theater!« platzte Thumser heraus. -- »Hier
handelt sich's doch um die Meininger! Hast Du davon überhaupt eine
Ahnung, was dieses -- dieses Theater bedeutet? Die Entdeckung der
Klassiker, ihre Eroberung für die Bühne unserer Zeit, die Entbindung all
der tausend köstlichen Sinnlichkeiten, die im Drama unserer Großen
schlummern -- bist Du denn solch ein Barbar, solch ein Banause, daß Du
von all dem nichts weißt -- daß all das für Dich nicht existiert?«
»Na, entschuldige schon, daß ich existiere!« schnarrte der Erste. »Ne
wirklich, teures Thumserherz, das alles ist mir schnuppe, schnupper, am
schnuppesten! Ich halt's mit meinem Vater, der nie in seinem Leben ins
Theater gegangen ist und doch Senatspräsident am Oberlandesgericht in
Dresden geworden ist, und jedenfalls noch ein Endchen weiter kommen wird
im Leben, eh er Schluß macht! Kunst ist Spielzeug für charakterlose
Müßiggänger -- unsere Zeit aber braucht Arbeiter, Charaktere -- Männer,
verstehste?!«
»Bumm, bumm, bumm! Tusch!« sagte der Prinz. »Sie sind zum
Landtagsabgeordneten qualifiziert, lieber Pilgram ...«
»Verzeihung, Durchlaucht, es muß auch -- Landtagsabgeordnete geben! Ne,
lieber Thumser, lauf Du nur immer ins Theater und laß Dir -- wie hast Du
so schön gesagt? -- laß Dir Deine tausend köstlichen Sinnlichkeiten
entbinden -- mein Bedarf ist mit Fechtboden, Kneipe und Windscheids
Drogenweltkolleg vollkommen gedeckt!«
»Und so was hat nun das Glück, mit Jucunda Buchner unter einem Dache zu
wohnen ...« seufzte Erbprinz Heribert.
»Das weiß ich noch nicht, das ist nur eine Vermutung von mir,
Durchlaucht ... Uebrigens ist die Sache wirklich ohne Interesse für
mich. Mit einer Komödiantin möcht' ich noch nicht mal eine Poussage
haben ... man kann ja doch nie wissen, ob sie einem nicht was vormimt
und einen innerlich auslacht ...«
»Na, teurer Pilgram, nu sei'n Se aber friedlich!« schmunzelte der
Erbprinz. »Davon versteh'n Sie nu wirklich nischt -- det haben Sie noch
nich gehabt!«
»Sie doch auch nicht, wie ich hoffe, Durchlaucht!« sagte der Major
und blinzelte seinem jungen Herrn unter grimmig zusammengezogenen
Brauen verschmitzt zu. Und Erzieher und Zögling wechselten ein
Augurnlächeln ...
Der Wagen rollte. Niederer wurden die Häuser, die beiderseits die
Connewitzer Landstraße umsäumten. Und bald wurde die Bebauung offener,
ländlicher. Dann bog die Fahrt nach rechts, und in die braunen
Schattenhaine des Streitholzes ging's hinein, die Pleiße wurde
überschritten auf knarrender Holzbrücke, unter der sich die gelben
Fluten träge hinwälzten, noch angeschwollen von den ersten Herbstregen,
welche die vergangene Woche gebracht. Aber heut rang sich aus
Nebelbrodem die verschlafene Morgensonne mühsam durch, umgoldete das
rötliche Buchenlaub zu Häupten der Dahinrollenden, verhieß einen lustig
blanken Fechtertag, den letzten unter freiem Himmel für dies Jahr: der
nächste würde schon im benachbarten Halle, richtiger im Vorort
Cröllwitz, steigen müssen, an der murmelnden Saale, gegenüber den
reckenhaften Trümmern des Giebichenstein.
Allmählich wandte sich das Gespräch von dem strittigen Thema des
Theaters zum minder kontroversenreichen des nahen Bestimmtages hinüber.
Daß der Fuchsmajor der Franken heute seine todsichern Senge bekommen
würde, galt als ausgemachte Sache, über die niemand Worte zu verlieren
brauchte. Es fragte sich bloß, ob Hans Thumser auf seine notorische
vielgeprüfte Quartblöße oder auf Borgmanns allgefürchteten Durchzieher
abgestochen werden würde -- von dem Valentin Pilgrim, der Senior, im
Gesicht bereits ein stattliches Exemplar trug, welches Ohrläppchen und
Mundwinkel mit einem linealgraden breiten Strich verband ...
Aber während man also über Hans Thumsers nächste Zukunft verhandelte,
das Schicksal seiner linken Gesichtshälfte sachverständig abtaxierte
-- -- war Hans Thumsers Inneres auf geheimnisvolle Weise in
Gleichgültigkeit und Fernsein untergetaucht.
Jungfrau von Orleans ... sang es in seinem Herzen ... Jucunda Buchner
... das war wie eine leuchtende, gnadenvolle Nähe, wie ein offener
Himmel, aus dem eine lichte Madonna sich neigt, gegenwärtig und doch
unnahbar, bekannt und doch undurchdringlich ...
Und zwischen die Choralmelodien, die Harfenarpeggien, welche das
Heiligenbild umschauerten, kicherte und schwirrte es hinein wie
Flötentriller, wie kecke Geigenpizzicati:
Asta Thöny ... Asta Thöny ...
Und ein paar neckische, blinkende Lackschuhchen tanzten auf und nieder,
aus denen zwei schlanke, seidenbestrumpfte Knöchel guckten -- was
darüber war, verschwand in rosigen Schleiern, aus denen es lachte und
girrte wie Taubengurren:
Asta Thöny ... Asta Thöny ...
Ernsthaft und aufrecht saß Valentin Pilgram, der gestrenge Senior des
Korps Franconia. Als läge die Regierungslast eines Millionenstaates auf
seinen Schultern, so pflichtdurchdrungen, so würdeumbauscht saß er und
übersann das Programm des Tages ... Ob Heinz Hartwig, das muntre,
taprige, ewig korkende Füchslein, wohl heute endlich eine einwandfreie
Mensur liefern würde und daraufhin ins engere Korps rezipiert werden
könnte? Und Ivo Volkner, der leichtblütige Rheinländer aus Düsseldorf,
dessen letzte Mensur auch keineswegs tadelsfrei gewesen war -- ob er
wohl sein unstätes Musikantentemperament heute so weit im Zaume halten
würde, um sich herausreißen zu können?
Und was sollte der C. C. auf den merkwürdig schnoddrigen Brief unseres
lieben Kartellkorps Pomerania zu Göttingen antworten? Ob es nicht doch
besser war, das alte Kartellverhältnis zu lösen und ein
frisch-fröhliches P. P. zu fechten?! Aber was würden die gemeinsamen
Alten Herren sagen?
Und ob man den Rektor zur C. C.-Antrittskneipe einladen mußte --
anläßlich der hohen Ehre, daß ein richtiggehender Prinz und Thronfolger
zu den Konkneipanten des Korps zählte?
Ja, man hatte schon seine Sorgen ... Der Reichskanzler war am Ende auch
nicht viel schlimmer dran als der Erste Franconiae-Leipzig ...
Der Erbprinz aber träumte von einer fernen Zukunft ... noch war der alte
Herr ja ... hm, hm! -- erheblich rüstig ... und seine Altersgenossen,
die Leutnants des Sophien-Regiments, hatten ihm gelegentlich in später
Stunde, wenn der Sekt die Zungen gelöst, das Gefühl der Distanz ein
wenig gemildert hatte -- na ja, dann hatten sie ihm gelegentlich etwas
gesteckt von all dem Gemunkel, das in der Residenzstadt umlief über die
zarten Beziehungen des hohen Herrn zu der weiblichen Elite des
Hoftheaters ...
Er, Heribert Hans Herwig, würde sich das erlauchte Vorbild seines
gnädigsten Vaters zum Muster nehmen, wenn er einmal als Heribert XIV.
das Thrönchen seiner Väter bestiegen haben würde.
Inzwischen hielt man sich studienhalber in Leipzig auf und würde auch da
auf seine Rechnung zu kommen wissen ...
Jucunda Buchner ... das klang recht verheißungsvoll ... und Jungfrau von
Orleans ... Himmel, es gibt allerhand Arten von Jungfrauen ...
Nun war man »draußen«. Mitten im tiefschattigen Buchenwald ein
wuchtender Eichbaum, sonst von tiefem Dämmerfrieden umwirkt, heut
umbraust von einem bunten, farbentollen Leben. Die wilden
Völkerschaften, die inmitten moderner Gesittung ein mittelalterliches
Reckendasein führten bei Waffenklirren, rauhem Sang und schäumenden
Kannen, die Franken und die Neo-Borussen, die Westfalen und Meißner und
Thüringer, hier hatten sie sich Stelldichein gegeben zur
allwöchentlichen feierlichen Rauferei. Und diesmal, als am ersten
Bestimmtage des Semesters, war alles in besonders gehobener Stimmung.
Die alten Bekannten in den verschiedenen Korps begrüßten sich hinüber
und herüber, mit besonderer Herzlichkeit jene, die bereits einmal oder
gar mehrmals die Klinge gekreuzt hatten -- wesentlich zeremonieller
schon jene, denen heute der blutige Gang bevorstand. Alles war in Wagen
gekommen, die nun als langer Park auf der Chaussee aufgefahren waren,
stets bereit, mit den Paukanten in Windesschnelle davonzusausen, wenn
die weithin aufgestellten Schnarrposten die Annäherung von Pickelhauben
und grünen Waffenröcken melden sollten. Alles war im »Bummel« gekommen,
das heißt im Hut, die Couleur in der Tasche; nun wurden schleunigst
Mützen und Bänder angelegt: gar lustig flimmerten auf dem bunten Tuch,
der dreifarben-gestreiften Seide, die Sonnentupfen, die durchs braune
Laubdach sich niederringelten. Und bald stand das erste Paar bereit:
Pilgram, Franconiae Erster, gegen den stämmigen Zweitchargierten der
Meißner.
Und nun -- heiho! Gellende Kommandorufe hinein in die lauschende Stille,
widerhallend an den schlanken, weißleuchtenden Buchenstämmen ... und
nun: klirr, klirr der helle Klang, wenn Eisen scharf auf Eisen traf, im
Wechsel mit dem dumpfen Knall der flachen Hiebe, die über Stulp und
Schädel krachten -- heiho! uralte Reckenlust am tollen Raufen, am harten
Widereinander der jugendlichen Kräfte ...
Jähes Halt der Sekundanten, Pause, Blut rinnend hüben über die schmalen,
herrischen Züge des Frankenseniors, drüben über die feisten Speckbacken
des Fechtchargierten der Meißner ... und wiederum Kommandos, hageldichte
Hiebe, Stahl auf Stahl ...
Und dann war's plötzlich aus: der Meißner hatte seine Abfuhr weg, eine
lange Quart, fast unpariert, überm linken Ohr. Und in die
blutbeschmierte Bandage mußte nun Hans Thumser hinein.
Schon stand er dem verhaßten Borgmann gegenüber, schon faßten die Gegner
einander fest ins Auge, schon flogen die Klingen in die Auslage,
kauerten die Sekundanten wie sprungbereite Katzen zu ihrer Kämpfer
Seiten -- da entstand eine Bewegung unter der lauschenden Korona. Auf
dem weichen Waldboden scholl ein dumpfes Klackern wie von Huftritten,
und auf dem schmalen Pfade, der am Wiesensaum entlang sich zog, flitzten
zwei Reiter heran -- aber nicht die Grünröcke der Gendarmen --
Zivilisten waren's, ein Herr und eine Dame. Hans Thumser sah, wie alle
Köpfe sich wandten -- doch ihm blieb nicht Zeit -- nur einen grauen
Schleier sah er wehen von einem hohen, schwarzglänzenden Seidenhut; sah
etwas Lichtes, Klares darunter, hell abgehoben vom dämmernden Waldgrund
-- und dann --
»Auf die Mensur -- bindet die Klingen!«
»Gebunden sind --!«
»Los!«
Und nun alles Leben in Aug und Handgelenk hinein sich krampfend -- und
ein Wille nur -- sich wehren -- und treffen! treffen --!!
»Halt!«
»Halt --!!«
Und auch hier schon nach dem ersten Gange helle rote Bäche rinnend über
weiße Stirnen, zernarbte Wangen ...
Und während der Paukarzt mit dem Wattebausch in Hansens klaffende
Stirnwunde tupft, vernimmt des Fechters Ohr ganz deutlich aus der Mitte
der Umstehenden die Worte:
»Das ist die Buchner!«
Und eine andere Stimme fragt:
»Und der Herr -- wer ist das?«
»Das ist Franz Burg -- der Heldenspieler ...«
Inzwischen hat der Paukarzt seine Untersuchung beendigt; er lächelt:
»Weiter!«
»Herr Unparteiischer -- von unserer Seite kann's weitergehen ...«
Aber drüben bei den Neo-Borussen scheint man noch nicht so recht im
Klaren ... na, wenn Hans Thumser auch schließlich wird dran glauben
müssen: auch Herr Borgmann hat sein Teil bekommen, scheint's!
Er lugt umher: dort halten sie, die Reiter, unterm Eichbaum und spähen
neugierig hinüber ... Ja, das glaub' ich, ihr Komödianten -- so etwas
bekommt ihr nicht alle Tage zu sehen -- hier schwingt man die Waffe
nicht nur zum Spiel -- und was hier Stirn und Wange färbt, ist
wirkliches Blut, nicht Schminke ...
Und dies schmale, feine junge Gesichtchen -- das ist ... Thekla -- das
ist Johanna von Arc?!
Nun werden auch die Neo-Borussen wieder munter:
»Herr Unparteiischer, von unserer Seite kann's weitergehen!«
»_Silentium_ -- Pause _ex_!«
»Auf die Mensur -- bindet die Klingen!«
Jucunda! betet irgend etwas in Hans Thumsers Seele. Er fühlt, wie alle
Sehnen sich straffen.
»Gebunden sind!«
»Los!«
Und zweimal, dreimal schmettert Hieb auf Hieb -- und:
»Halt!«
»Halt!«
»Herr Unparteiischer, bitte drüben nachzusehen und einen Blutigen zu
konstatieren!« ruft Valentin Pilgram, Hansens Sekundant, wilden Triumph
in der Stimme -- sich aufrichtend, zischt er seinem Paukanten ins Ohr:
»Du -- das ist Rest!!«
»Rest? Bei wem? Bei mir?« fragt Hans Thumser ganz verdutzt.
»Ne -- da drüben -- bei Borgmann! Teufel auch, Thumser -- der
Durchzieher -- so was darfste öfters schlagen!«
Was? Er -- Hans Thumser -- er hätte den S. C. Fechter -- --?
Donnerwetter!
An des Gegners Stirn klaffte ein breiter roter Spalt, aus dem zwei feine
warme Strahlen spritzten --
»'raus!« sagt drüben der Paukarzt.
»Herr Unparteiischer, wir erklären die Abfuhr!«
Borgmann stampfte vor Wut mit dem Fuß, als der Paukarzt von hinten mit
kräftigem Griff seine Stirn zusammenpreßte und ihn herumdrehte. Was
half's?
»_Silentium_ -- Neo-Borussia erklärt Abfuhr nach anderthalb Minuten!«
Als Hans Thumser sich aus dem Schwall der Glückwünsche seiner
Korpsbrüder losmachte und Ausschau hielt -- war das Reiterpaar
verschwunden.
»Gratuliere!« sagte Erbprinz Heribert. »Fabelhaft, lieber Thumser, meine
vollste Bewunderung! Haben Sie übrigens die Buchner gesehen?! Vollkommen
tadelloses Mädchen ...«
2.
Wenn Hans Thumser auf ein Glück wartete, so machte die Ungeduld ihn
krank, verdarb ihm jede Minute mit zehrender Sehnsucht. So war es schon
immer gewesen, solange er sich seiner erinnern konnte. Die letzten
Wochen vor dem Weihnachtsfest, vor dem Beginn der Sommerfrische waren
ihm stets eine endlose Tortur gewesen ... Und als er später begonnen
hatte zu empfinden, daß nur die Stunden wahrhaft lebenswert seien, in
denen er mit einem gewissen braunbezopften Menschenkind unter einem
Dache weilen durfte ... da war alles, was zwischen diesen Stunden lag,
nur wie ein unermeßlich langer, böser, dumpfer Traum und Alpdruck
gewesen ...
Und so bedrückend, so angstumschnürt wälzten sich auch die Tage dahin,
die Hansens Mensurtriumph noch von der Eröffnungsvorstellung des
Meininger Gastspiels schieden. Er saß inmitten seiner Korpsbrüder,
schwatzte und trank mit ihnen wie immer, ließ ihre Lobesbezeigungen mit
der gleichen Gelassenheit über sich ergehen wie den boshaften Spott der
Neider, es sei nur ein »Schweinedusel« gewesen, daß er den S. C.
Fechter hinabgetan habe ... Er ließ auf offizieller Kneipe seine Füchse
in die Kanne steigen, daß sie quietschten, und schrieb morgens bei
Windscheid und Binding im Kolleg mit einem ganz ungewohnten,
krampfhaften Eifer nach, als steure er auf ein Prädikatexamen los -- --
und all dies Tun blieb seiner Seele so fern, so fern ...
Manchmal fragte er sich, ob er wohl bei ganz gesundem Verstande sei --
ob es nicht eine fixe Idee, ein krampfhaftes Wahngebilde sei, das ihn so
grenzenlos hungern ließ nach -- nach einem Nichts, einem Spiel, dem
flüchtigen Schattenbilde eines Dichtertraums ... Und dann wieder genoß
er mit einer phantastischen Seligkeit sein Wesen, das ihn vom wachen
Leben hinweg so unwiderstehlich in luftige Spukwelten drängte ...
Nur die Stunden zählten wenigstens halb, die er am Fenster seiner Bude
verbrachte, hinüberstarrend zur nüchternen Front jener Gebäude an der
langweiligen Sophienstraße, hinter denen der kahle Bau des
Carolatheaters sich barg. Dort war um die Vormittagsstunden ein
lebhaftes Kommen und Gehen. Früh um neun begannen die Proben, natürlich
nur für die neuangeworbene Statisterie, denn für die Solo-Rollen
»standen« selbstverständlich alle Stücke des Repertoires. Aber die
stattliche Schar des »Volkes«, die in jeder Stadt aufs neue
zusammengebracht und gedrillt werden mußte, die wimmelte heran, füllte
die sonst stille Straße mit Lachen und Geschwätz ... braunäugige Töchter
kleiner Bürgersleute, stellungslose Ladenfräulein und Kommis,
Stadtreisende und Konservatoristen -- vor allem aber Studenten,
Studenten von jener Sorte, die der Waffenstudent eigentlich nicht
mitrechnete, und die trotzdem die weitaus überwiegende Mehrzahl der
akademischen Bürgerschaft bildete: die »Finken«, auch »Bummler« genannt,
obwohl sie natürlich weit weniger bummelten als die jungen Herren in
Mützen und Bändern ... gar zu gerne hätte Hans Thumser sich mit ins
Gewühl der Statisten gemengt, um als »Volk« oder »Friedländischer
Soldat« oder als römischer Quirite sich an den großen, festlichen
Unternehmungen zu beteiligen, die da drüben vorbereitet wurden ... Und
eines Tages hatte er sich's getraut, vor den Ersten hinzutreten mit der
Bitte:
»Sag' mal, Pilgram, wie ich höre, wirken eine ganze Menge Studenten in
den Vorstellungen der Meininger als Statisten mit -- hättest Du was
dagegen, wenn ich da ebenfalls mittäte?«
Der Erste sah den Fuchsmajor mit einem Blick an, als bäte dieser um
Erlaubnis, silberne Löffel zu stehlen.
»Hör mal, Du, Dein Kopfschmiß von Sonnabend eitert wohl nach innen,
he?!«
Also damit war es nichts ... und so mußte man sich denn begnügen, von
weitem zuzuschauen, wie die glücklicheren Kommilitonen, frei des
korpsstudentischen Zwanges, nach Schluß der Probe froh erregt, mit
glühenden Köpfen, lebhaft diskutierend dem Eingangstor des Theaters
entströmten, um die namenlosen Kneipen aufzusuchen, in denen sie nach
eigener Wahl und entsprechend der Rücksicht auf die Dimensionen ihres
Monatswechsels verkehrten. Und inmitten dieser Beneidenswerten kamen
auch die Helden und Heldinnen aus der Probe -- natürlich mußten ja auch
sie wenigstens die Massenszenen immer wieder aufs neue mit probieren ...
Und noch ein andres heimliches Fest blühte für Hans Thumser innerhalb
seiner bescheidenen vier Wände, die glücklicherweise so dünn waren, daß
sie manch ein Geräusch durchließen von jener geheimnisvoll lockenden
Welt, die hinter ihnen sich barg: das Klappern zierlicher Pantöffelchen,
das Rascheln seidener Röcke, keckes Mädchenlachen und halblautes
Geschwätz, wenn Kolleginnen drüben zum Besuch kamen ... Aber noch immer
war's ihm nicht geglückt, seine Nachbarin von Angesicht zu Angesicht zu
sehen.
Inzwischen baute Hans in seinem Herzen ein seltsam Kirchlein auf: droben
war ein feierliches gotisches Heiligtum, in dem Jucunda Buchners weiße
Gestalt auf ernstem Altare stand, von Weihrauch und Kerzengeflacker
umspielt ... darunter aber, tief unter der Erde, barg sich eine dämmrige
romanische Krypta, in der tolle Orgien verbotener, heidnischer Kulte
nächtens gefeiert wurden vor einem üppig lächelnden Götzenbild -- seine
Züge waren nicht genau erkennbar -- verschwammen im hüpfenden
Fackellicht, das durch den Raum dunstete ...
Aber Hänschen Thumser war nicht der Mann des tatenlosen Zuwartens. Es
mußte etwas geschehen, die dumpfe Qual dieser sehnsüchtigen Tage zu
verkürzen. Aber was? Immer wieder mündeten seine Pläne in die
Erkenntnis, daß man einem jungen verwöhnten Mädchen -- und eine
Schauspielerin konnte man sich ja doch nicht anders vorstellen als jung
und verwöhnt, nicht wahr? -- daß man solch einem Liebling der Götter und
Menschen nur nahen könne mit gebenden Händen ... und seine Hände waren
leer ... der Monatswechsel heidt -- knapp noch das Nötigste für die
letzten Tage vorhanden ...
Auf einmal -- welch glorreicher Gedanke! Hänschen Thumser konnte ja
etwas, das am Ende doch nur die wenigsten unter Asta Thönys Verehrern --
gewiß hatte sie unzählige -- reiche Bankiersöhne und Gardeleutnants und
-- na und solche Leute mit unerschöpflichen Portemonnaies -- aber gewiß
konnten solche Leute meistens eines nicht, oder wenigstens nicht so gut
wie Hänschen Thumser -- nämlich =dichten=!
Juchhe! Hänschen hat kein Geld, um kunstvolle Blumenarrangements zu
kaufen -- aber wunderschöne Verse kann er machen! -- Also los! ein Blatt
aus dem Kollegheft gerissen und gereimt auf Deuwel komm heraus!
»Ich bin ein junger Korpsstudent,
Die Schuhe Lack, der Rock patent --
Korrekt und schick an mir ist alles --«
lauter unbestreitbare Wahrheiten! aber nun kommt der Haken.
»-- im Portemonnaie nur haust der Dalles --«
So -- immer frisch heraus mit dem sauren Bekenntnis, dann weiß Asta auch
gleich, wie sie mit mir dran ist -- was sie von mir zu erwarten hat --
und was nicht ...
»Doch da das Schicksal über Nacht
Zu Budennachbarn uns gemacht --«
(Ach du liebes, gnädiges Schicksal du!)
»-- müßt' ich Dich eigentlich begrüßen,
Und Rosen legen Dir zu Füßen --
Wie gerne würd' ich mich erdreisten --
Doch leider --«
Alle Wetter: das wird ja ein prachtvoller Reim:
»-- kann ich mir's nicht leisten ...«
Nun ein zweites offenes Bekenntnis:
»Noch kenn' ich Dich, Du Schelmin, nicht,
Sah nicht einmal Dein Angesicht --
Nur --«
Gott, bleiben wir doch schon bei der Wahrheit:
»-- hab' ich morgens früh gesehn
Vor Deiner Tür zwei Schuhchen stehn --
So winzig, duftig, elegant --«
Hans! du imponierst mir! So viel edle Dreistigkeit hätt' ich dir gar
nicht zugetraut -- aber freilich: auf dem Papier, und mit einer
schützenden Scheidewand dazwischen -- -- Aug' in Auge würde das Debüt
wohl etwas kümmerlicher ausfallen, wie? -- Aber weiter, weiter -- einen
Reim auf »elegant« -- pah, Spielerei!
»-- daß gleich mein Herz in Flammen stand --«
-- nein, das ist doch zu billig, zu abgeschabt:
»Da gab es Funken -- Flammen -- Brand!«
Ja, es ist eine alte Sache: Verse werden immer am besten, wenn man ganz
geradezu ausspricht, was wirklich passiert ist:
»Und seitdem träum' ich wahnbetört,
Von dem, was da hineingehört --«
Ist das nicht ... doch ... gar zu unverschämt?! Ach was, mehr wie hauen
kann sie schließlich nicht!
»Willst Du mir's auf den Nacken setzen,
Mir wär's ein sklavisches Ergetzen --«
-- ne, das ist ein falscher Ton -- von der Sorte sind wir doch nicht! --
»Ach, dürft' ich's einmal -- einmal küssen --
Wirst mir's schon noch -- erlauben müssen --
O welche süße Phantasie --
Und ach -- probiert hab ich's noch nie -- --«
Hans überlas das Geschriebene. Himmel, ist das schnurrig, wenn's auf
einmal so in einem zu dichten anfängt! Ein ganz andrer Mensch kommt da
plötzlich zum Vorschein als der, den man so im Leben darstellt ...
Hatte er das wirklich geschrieben, er, der wohlerzogene Beamtensohn, der
geschniegelte, korrekte Korpsstudent, der künftige Richter des Volkes?!
Ach, und es gefiel ihm so gut -- daß er's ganz hastig und mit fliegenden
Fingern ins Reine schrieb und kuvertierte ... dann stülpte er die grüne
Mütze auf, lauschte, ob seine Nachbarin daheim sei ... und da er
keinerlei Geräusch hörte, klinkte er im Vorbeigehen sachte die Tür zum
Nebenstübchen auf und sah --
Sah durch den Spalt eine zierliche Mädchengestalt in weißem Unterrock
und weißem Frisiermantel schlafend aufs Sofa hingestreckt ... ein
schwarzes Wuschelköpfchen ... und über den Rand des Sofas guckten ein
paar schwarzbestrumpfte Füße, an denen zierliche rote Halbpantöffelchen
baumelten ...
Und schon hatte er mit einem Ruck den Briefumschlag mit seinen
unverschämten Versen mitten in die Stube geschleudert, die Tür mit
hartem Knall zugeklinkt -- und flog nun die Stufen hinunter -- die grüne
Mütze war ihm in den Nacken gerutscht, seine Wangen brannten, und
draußen zog er mit seinem spanischen Rohr einen Durchzieher durch die
Luft, daß es nur so pfiff.
Wie in Hans Thumsers unoffiziellem Herzen, so war auch in Valentin
Pilgrams korrekter Chargiertenseele Revolution ausgebrochen, und auch
die um einer Zimmernachbarschaft willen. Aber diese Revolution war doch
von einer ganz anderen Sorte und gipfelte in der Erklärung, die der
Senior in energischem Tone an die Frau Kanzleirat Buchner abgab: er
kündige hiermit seine Bude und werde sofort ein andres Quartier suchen,
wenn man den ruhestörenden Lärm und groben Unfug da nebenan nicht
abzustellen die Mittel finden würde ...
Und das war so gekommen:
Valentin Pilgram stand im sechsten Semester. Er war bereits zwei
Semester in Berlin inaktiv gewesen und nur nach Leipzig zurückgekehrt,
weil er als Königlich sächsischer Untertan sein Referendarexamen in
Sachsen ablegen mußte. Er war auf dringendes Bitten des C. C. zu Anfang
des Semesters noch einmal wieder aktiv geworden und hatte die erste
Charge interimistisch übernommen, weil kein anderer geeigneter
Korpsbursch für diesen Posten da war, und der Vertreter des Marburger
Kartellkorps, der die erste Charge später definitiv bekommen sollte,
doch erst einmal in Leipzig und im Korps warm werden mußte.
Interimistisch bekleidete dieser junge Herr die zweite Charge. Und so
teilte Pilgram mit seiner ganzen feierlichen Gewissenhaftigkeit seine
Zeit zwischen dem Korps und der Vorbereitung fürs Examen. Und in der
letzteren war er nun plötzlich und gründlich unterbrochen worden durch
ein grollendes Getöse, das aus der Nachbarkammer in seinen
Studienfrieden hinüberklang, aus der Nachbarkammer, in der, wie er
gelegentlich mit halbem Ohr vernommen hatte, die Tochter seiner
Hauswirte, die herzoglich meiningische Hofschauspielerin Jucunda
Buchner, für die Dauer des Gastspiels ihres Ensemble einquartiert
worden war. Mitten in die Lektüre der Windscheidschen Drogenweltweisheit
war da plötzlich eine sonore Altstimme hineingeklungen, zunächst in
sachtem, murmelndem Repetieren, dann aber in selbstvergessen wildem
Ausbruch:
»Und =einer= Freude Hochgefühl entbrennet,
Und =ein= Gedanke schlägt in jeder Brust --«
Da war der reckenhafte _candidatus iuris_ mit einem Wutknurren
aufgefahren ... aber umsonst: die sonore Stimme drinnen grollte weiter
-- sänftigte sich nun zu herzbeklommener Klage:
»Doch mich, die all dies Herrliche vollendet,
Mich rührt es nicht, das allgemeine Glück,
Mir ist das Herz verwandelt und gewendet,
Es flieht von dieser Festlichkeit zurück ...«
Aber bald schrillte sie wieder auf mit jähem Wehlaut, daß sich vor Wut
und Entsetzen dem Rechtskandidaten die Gedärme umkehrten.
»Sollt' ich ihn tö--öten? Konnt' ich's, da ich ihm
Ins Auge sah? I--h--n tö--ö--öten? Eher hätt' ich
Den Mordstahl auf die eig'ne Brust gezückt!«
Das war zuviel! Der Student riß einen seiner Lederpantoffeln von den
Füßen und pfefferte ihn krachend gegen die Nachbartür.
Einen Augenblick verblüffte Stille -- doch o weh -- sein Warnsignal war
offenbar nicht verstanden worden -- schon nach wenigen Sekunden setzte
das Gegroll und Gewimmer drüben wieder ein:
»Und bin ich strafbar, weil ich menschlich war?
Ist Mitleid Sünde?«
»Nee!« brüllte Valentin Pilgram. »Mitleid is keene Sinde nich! Haben Sie
ruhig Mitleid mit mir und halten Sie den Mund -- ich muß lernen!!«
Einen Augenblick war drüben alles stumm -- todesstarres Schweigen. Und
plötzlich fauchte ... ja fauchte, anders war's nicht zu nennen -- keifte
-- ja man muß schon sagen, keifte die sonore Stimme von nebenan:
»So? Lernen müssen Sie? Na -- ich auch ... stopfen Sie sich Watte in die
Ohren!« Und noch dreimal mächtiger und markerschütternder grollte nun
der majestätische Alt:
»Ist Mitleid Sünde? Mitleid! Hörtest Du
Des Mitleids Stimme und der Menschlichkeit
Auch bei den andern, die Dein Schwert geopfert?!«
Da sprang Valentin Pilgram wütend auf, riß den Klingelzug, daß es
schrill durch den Flur gellte, und als die stattliche runde Frau
Kanzleirätin ganz entsetzt ins Zimmer schoß, schnauzte er sie an:
»Was ist das für ein gottverfluchter Spektakel daneben? Wenn das nicht
in fünf Sekunden aufhört, zieh' ich!«
»Erlooben Se mal, mei gutester Herr Pilgram!« entrüstete sich die
behäbige Dame im geblümten Morgenrock sehr energisch. »Se wissen,
scheint's, nich so recht, mit wäm Se's zu tun ha'm! Das is Se nämlich
meine Tochter, die große Jucunda Buchner von die Meininger -- die
Jungfrau von Orleans!«
»Und wenn je die Jungfrau Maria selber wär' -- hier verlang' ich meine
Ruhe, versteh'n Se mich, Frau Kanzleirat?! Ich hab' diese Bude
gefälligst zum Studieren gemietet -- versteh'n Se? Wir sind Se hier nich
im Theater!!«
»Se sollten Ihn' was schämen, Herr Pilgram, daß Se nich mal kenn'n
bißchen Ricksicht nähm' auf Studium von eener gottbegnadeten Ginstlerin,
wo ganz Leipz'g stolz drauf is!«
»Wenn eener ä Vierteljahr vor'm Examen steht, dann hört die
Rücksichtnahme ergebenst auf!« brüllte Pilgram. »Ich muß ooch studieren,
aber mei Studium is wenigstens geräuschlos! Wenn Se e gottbegnadetes
Mädchen zur Tochter haben, die beim Studieren einen Schkandal macht, wo
die Mauern von Jericho von könnten einstürzen, dann vermieten Se
gefälligst keene Buden an Studenten nich!«
»Herr Pilgram -- wenn ich gewußt hätte, was für e ungeschliffener Mensch
Sie sein kenn' -- nie wär'n Se mir ieber de Schwell gekomm', weeß
Knebbchen!«
»Mamaa!« tönte da plötzlich der sonore Alt aus dem Nebenzimmer, »rege
Dich doch bitte ja nicht auf, Mamaaa! Der Herr mag ruhig ziehen -- ich
komme Deiner Haushaltungskasse für den Schaden auf!«
Frau Kanzleirat musterte den Studenten von oben bis unten mit einem
Blick tiefster Verachtung. »Da heer'n Se's, Herr Pilgram! So benimmt
sich e wahrhaft vornähmer Mensch! -- Also wenn Se zieh'n woll'n, ich hab
Sie nich das mindeste dagegen -- lieber heut als morgen! Adieu, Herr
Pilgram -- ziehen Se glicklich!«
Und die stattliche Dame rauschte hinaus mit der Würde einer Königin. Die
Schleppe des geblümten, nicht mehr ganz saubern Morgenrockes waberte
hinter ihr drein.
Valentin Pilgram aber blieb etwas benommen an seinem einsamen
Studiertisch. Es war doch höchst fatal, nun so mitten in den
Examensvorbereitungen das lieb gewordene Quartier gegen ein noch
unbekanntes eintauschen zu müssen ... am Ende hätte er auch ein bißchen
weniger hitzig sein können ... vielleicht mit einem guten Wort hätte
sich die Sache viel besser einrenken lassen ... Aber das machte diese
verfluchte Kandidatenstimmung, das Bangen vor diesem fahlen Gespenst,
das am Ende der Studentenzeit hockte mit stieren Augen und sich ganz,
ganz unmerklich immer näher heranschob ... da sollte der Teufel nicht
nervös werden ... Was keine sausende Säbelklinge fertiggebracht hatte:
das Schreckbild der drei Männer hinterm grünen Tisch hatte es erreicht:
Valentin Pilgram hatte Angst ... und dieser Zustand, so ungewohnt, so
unmöglich, der hatte ihn toll gemacht ... Eigentlich hatte er sich ja
doch wirklich unqualifizierbar benommen ... es waren doch weibliche
Wesen, beinahe Damen, mit denen er so gröblich umgesprungen ... zwar ein
Kanzleirat war ein Subalternbeamter, und seine Frau gehörte nicht zur
Gesellschaft ... und vollends eine Komödiantin ... aber wenn auch ...
wenn auch ... Valentin Pilgram, ich glaube, dein Benehmen war durchaus
nicht auf der Höhe der berühmten korpsstudentischen Direktion ... deren
eifriger Hüter du selber so lange im C. C. gewesen ...
Valentin wartete mit Spannung, ob nicht alsbald da drinnen wieder der
dunkeltönige Alt mit dröhnendem Jambenschwall einsetzen würde ... er
wartete mit Spannung und Verlangen ... das Fortdauern der Störung wäre
wie eine nachträgliche halbe Entschuldigung seiner Hitze gewesen ...
aber er wartete umsonst. Alles blieb still darinnen. Er hätt' also
triumphieren, den ertrotzten Arbeitsfrieden eifrig büffelnd genießen
können ... aber seltsam ... die richtige Streberstimmung wollte nicht
wiederkommen ...
Teufel auch, Valentin Pilgram, du hast doch nicht etwa einen
»Moralischen«?
Franconias Senior stand langsam auf und räumte Drogenweltlehrbuch und
Repetitorien zusammen. Er stülpte die grüne Mütze auf den strohblonden
Schädel und stieg sinnend die altehrwürdigen Holzstiegen hinab auf die
»Kleine Fleischergaß«. Drüben im ersten Stockwerk des »Cafébaums« winkte
über dem in Sandstein gemeißelten Amor, der schon seit Jahrhunderten
einem gleichfalls sandsteinernen Türken »e Schälchen Heeßen« kredenzte,
winkte Franconias Wappenschild, lockte, unter den morgendlich geöffneten
Fenstern des Kneipzimmers, im Morgengolde sich bauschend, das
grün-gold-rote Banner ... aber der Erste stieg nicht hinauf. Er ging
auch nicht auf Wohnungsuche: er tat etwas, was er im Leben noch nicht
getan hatte: er ging zur Universität und kämpfte inmitten eines
Massenandranges von Kommilitonen, ganz gewöhnlichen Nichtinkorporierten,
um ein Studentenbillett zur morgigen Eröffnungsvorstellung der Meininger
-- zur »Jungfrau von Orleans« ...
Ecke Roßplatz, und Roßstraße, vor dem Hotel Hauffe, in dessen erstem
Stockwerk der _studiosus iuris et cameralium_ Heribert Hans Herwig
Erbprinz von Nassau-Dillingen mit seinem militärischen Begleiter und
seiner Dienerschaft die ganze Zimmerflucht an der Straßenfront inne
hatte, harrten frühmorgens um sechse zwei Reitknechte in Livree mit drei
prächtigen Gäulen. Sie plauderten mit dem galonierten Portier.
»Nanu?« meinte der Hotelgestrenge, »schon wieder? Ihr seid ja
Frühuffsteher geworden uff eemal?«
»Was will mer mache?« meinte der ältere der herzoglich nassauischen
Pferdepfleger. »Unser junger Herr hat widder mal e funkelnagelneies
Veegelche g'fange ...«
»Ei herrjemerschnee!« machte der Portier. »Was das nur zu bedeiten hat?
Das is doch ganz unnatierlich fier so 'n jungen Herrn -- Morgen fier
Morgen drei Stunden durch den Wald zu flitzen un sich den Schlaf um die
Ohr'n zu schlagen ...«
»Ich glaub, ich weeß, was da derhinner steckt!« meinte der jüngere
Bursche. »Ich hab' neilich so ebb's uffg'schnappt, wie se beim Reite
g'sproche habe. Er und der Major!«
»Da wär' ich Ihn' aber doch wahrhaft'g neigierig!« kicherte der Portier
und schob sich von seiner Treppe hinunter auf den Bürgersteig.
»Nu -- e Weibsbild steckt da derhinner!« triumphierte der Reitknecht.
»Ich hann's neilich ganz g'nau geheert: Lasse mer heemreite, hat der
Major g'sagt -- heit morge finne mer se doch nit -- hat er g'sagt!«
»I nee so was!« staunte der Portier. »Un dann sind se wärklich alle zwee
heemgeritten?«
»Ja -- ganz wahrhaftig sinn se heemg'ridde!«
»Wer das bloß sinn mag?« meinte der Portier. »Gewiß ganz was Vornähmes
-- sonst tät der gnädige Herr doch gewiß nich so viel Umstände dann
machen um so e Weibsbild!«
»Pscht -- die Herre komme!«
Der Erbprinz federte mit dem natürlichen Schwung seiner einundzwanzig
Jahre in den Sattel -- der Major mit der wohlkonservierten, doch
immerhin etwas gewollteren Elastizität seiner zweiundvierzig. Und im
Schritt ging's die gutgepflasterten Straßen der erwachenden Großstadt
hinab, am massiven Bau und klobigen Rundturm der Pleißenburg vorüber bis
zu den Anlagen jenseits des Flüßchens, wo man antraben konnte.
»Wenn Sie ahnten, Durchlaucht, wie komisch Ihnen die Maske eines
schmachtenden Toggenburg steht -- Sie würden sich selber erheblich
auslachen!« meinte Herr von Gorczynski.
»Gott, wenn mir's doch Vergnügen macht, lieber Major -- lassen Sie mir
schon den kindlichen Spaß!«
»Ich versteh' Sie nicht, Durchlaucht -- Sie benehmen sich wie ein
Sekundaner von einem Kleinstadtpennal und nicht wie ein Fürst ... So'n
Theatermädel ... der schickt man doch einfach ein Rosenarrangement und
seine Visitenkarte -- und das Weitere findet sich!«
Ueber das blasierte Knabenantlitz des Erbprinzen flog ein flüchtiges
Rot. »Wenn ich glaubte, bei der Buchner ginge das auch so, dann pfiff'
ich auf das ganze Abenteuer. Die Nummer kenn' ich nun allmählich! Die
Weiber, die sich kommandieren lassen, die hab' ich satt! Ich möchte
einmal ein Erlebnis haben -- ein richtiggehendes Erlebnis!«
»Na, auf Ihre Manier werden Sie's höchstens bis zu einem richtiggehenden
Korbe bringen!« meinte der Major. »Ein Mann, der schmachtet, hat von
vornherein alle Chancen verloren! Selbst wenn er der Erbprinz von
Nassau-Dillingen wäre!«
»Ich will aber diesmal überhaupt nicht der Erbprinz von Nassau-Dillingen
sein! Versteh'n Sie mich, Herr Major?! Es paßt mir nicht, immer nur auf
das Prinzenkonto geliebt zu werden! Schließlich bin ich doch ganz
simplement als junger Mann nicht zu verachten, wie? Sehen Sie -- und das
möcht' ich mal ausprobieren! Ich hab' mir's nun mal in den Kopf gesetzt!
Und gestern hab' ich der Buchner ein Rosenarrangement geschickt mit
einem Kärtchen, auf das ich nichts weiter geschrieben habe als: Herbert
von Dillingen, _studiosus iuris et cameralium_!«
»Na, ich sag's ja, Durchlaucht! Sie sind auf dem besten Wege, einen
hahnebüchenen Unsinn aufzustecken! Aber was ich Ihnen sage: Ich habe
Ihnen viel durch die Finger gesehen -- aus unerschütterlicher Liebe zu
Ihnen --«
»Na ja, aus unerschütterlicher Liebe zu mir. Und weil Ihnen Ihr gesunder
Menschenverstand sagt, daß Sie aller Voraussicht nach unter Bernhard dem
Sechzehnten noch zehn Jahre, unter Heribert dem Vierzehnten aber, will's
Gott, den ganzen Rest Ihrer Erdenlaufbahn abzuleisten haben werden!«
»Oh -- aber Durchlaucht!« sagte der Major und legte mit pathetischer
Bewegung seine Hand auf jene Stelle seines Busens, unter der man den
Sitz seiner unerschütterlichen Liebe zu seinem jungen Herrn und Zögling
annehmen mußte.
»Bitte, lieber Gorczynski -- stürzen Sie sich nicht in Unkosten -- ich
denke, wir beide kennen uns!« lachte Erbprinz Heribert.
»Ernsthaft gesprochen, Durchlaucht!« sagte der Major etwas verärgert,
indem er seinen Gaul in Schritt fallen ließ, »ich lasse Ihnen jede
harmlose Affäre durchgehen -- wenn sich aber etwas Ernsthaftes anspinnt,
berichte ich _a tempo_ nach Dillingen! Ihr erlauchter Herr Vater hat
mich kategorisch dahin instruiert: keine Weibergeschichten! Und ich
glaube diese Instruktion ganz im Sinne meines gnädigen Herrn
aufzufassen, wenn ich --«
»Wie kann man sich nur so sinnlos aufregen, mein Teuerster! Also weil es
mir Vergnügen macht, mal ein paar Vormittage im Leipziger Ratsholz
spazieren zu reiten, und weil ich dabei gelegentlich die Hoffnung
ausgesprochen habe, einen gewissen grauen Schleier noch einmal wehen zu
sehen, wittern Sie bereits allerlei Tragödien!«
»Ich gestatte mir, Durchlaucht, mich auf meine Menschenkenntnis zu
berufen. Es ist wider die Natur, wenn ein von seinem gnädigen Herrn
Vater mit überaus auskömmlicher Apanage ausgestatteter und dank meiner
überaus riskierten Nachsicht bereits einigermaßen erfahrener junger
Prinz einer Theatermamsell wegen, die er ein einziges Mal von weitem
gesehen hat, an drei nacheinanderfolgenden Tagen um fünf statt um neun
Uhr aufsteht. Wenn ich das nach Dillingen berichte, gibt's eine
Katastrophe! Hab' ich nicht recht?«
»Von weitem gesehen?« schmunzelte der Prinz. »Ich habe mir bereits
eingehenderes Material verschafft!« Und er holte einen großen Umschlag
aus seiner Rocktasche, reichte ihn von Schimmel zu Rappen zum Major
hinüber. Dem fielen beim Oeffnen drei Bilder in die Hand: es waren
Darstellungen eines jungen Mädchens; zunächst im Straßenkleide --
Pelzjäckchen, Barett, Muff -- und dann im Eisenharnisch mit bloßem
Haupt, aufgelösten Haaren, ein Schwert und eine Fahne in Händen --
und endlich im Samt, mit riesigen Puffenärmeln, das Gesicht von
langen Ringellocken umwallt und von einem starren weißen Rundkragen
eingesäumt ...
»Kreuzmillionen --!« entfuhr es dem Major. »Das ist --?!«
»Das ist -- =sie=,« sagte der Erbprinz, und über seinem fahlen
Lebemannsangesicht lag eine Sekundanerröte, die dem Major völlig fremd
war an seinem Zögling. Er starrte den jungen Mann an, als sehe er ihn
zum erstenmal.
Verdammt -- also so stand die Sache?! Nun hieß es aber wahrhaftig
aufpassen ...
Der Major reichte die Bilder zurück. »Na ja,« sagte er im Tone völliger
Wurstigkeit, »die Buchner ... Gott, warum nicht? Wenn Sie sich auf die
nun mal kaprizieren, Durchlaucht -- von meiner Seite aus steht nichts im
Wege! Nur fangen Sie's vernünftig an und halten Sie sich nicht zu lange
bei der Vorrede auf! Also wir werden sie auf -- na sagen wir auf morgen
abend, heut nach der Premiere wird sie schwerlich abkömmlich sein -- wir
werden sie auf morgen abend zum Souper einladen -- sie mag noch eine
Kollegin mitbringen -- und dann entwickelt sich alles weitere glatt und
prompt historisch!«
Der Erbprinz antwortete nicht. Er gab dem Gaul die Schenkel, und zwar so
heftig, daß das rassige Tier ganz erschrocken zusammenfuhr und dann in
tollen Sätzen von dannen raste. Der Major flitzte hinterdrein und
überlegte im Hinsausen, ob er das als eine Zustimmung zu seinem
Vorschlage aufzufassen habe.
Auf jeden Fall -- geschehen mußte es. Und wenn sein Schützling, ein
wenig verspätet allerdings -- na, wie nannte man das noch -- hm, hm!
sein -- sagen wir also: Herz entdeckt hätte -- dann möglichst schnell
diese kleine Entgleisung auf den Normalweg zu dem üblichen, gefahr- und
schmerzlosen Ausgang leiten ... So befahl es Pflicht und Instruktion ...
Und in Gedanken redigierte er folgendes Billett, das er heut abend bei
der Premiere mit einer aufmunternd luxuriösen Blumenspende auf die Bühne
lancieren wollte -- heut abend? Nein -- da würde die Aktion vermutlich
ihren Effekt verfehlen -- würde untergehen in einem Wust und
Ueberschwall ... nein, morgen früh zum Frühstück -- das wird das
richtige sein! Also ungefähr folgendermaßen würde er schreiben:
»Mein sehr verehrtes _etcaetera_! Zwei aufrichtige und hingerissene
(gerissen ist sehr gut!) Verehrer Ihrer Kunst würden es sich zur
höchsten Ehre und Freude rechnen, Ihre nähere Bekanntschaft _etcaetera
etcaetera_. Wir wagen deshalb die dreiste Bitte, daß es Ihnen,
Verehrungswürdige, gefallen möge, morgen, Donnerstag abend, nach der
ersten Wiederholung der »Jungfrau« mit uns im Hotel Hauffe zwanglos zu
soupieren ... Sollten Sie unter Ihren liebenswürdigen Kolleginnen eine
nähere Freundin haben, die es nicht verschmähen würde, eine Stunde in
harmlos vergnügter Gesellschaft _etcaetera_, so würde uns das eine
ganz besondere _etcaetera_ ... In Voraussetzung Ihrer Zustimmung
werden wir uns erlauben, nach Schluß der Vorstellung ein Coupé zur
Verfügung der Damen am Bühneneingange _etcaetera_. Mit der
Versicherung unserer vollkommensten Bewunderung Ihre aufrichtigen
Verehrer
v. Dillingen. v. Gorczynski.«
Na ja -- das übliche Schema -- das nie versagende ... pöh ... eine
Komödiantin ... wenn's weiter nichts ist ...
Und schließlich die Hauptsache: zwei blaue Lappen hinein -- für jede
einen -- damit die guten Kinder auch gleich merken, daß man ernsthafte
Absichten hat -- nicht wahr?
3.
Am Mittwoch nachmittag um fünf war der allwöchentliche Seniorenkonvent:
die Zusammenkunft der Korpsburschen sämtlicher Leipziger Korps. Sie fand
auf der Kneipe des präsidierenden Korps statt: zurzeit war's
Neo-Borussia, die ihr Heim in nächster Nähe der Franken aufgeschlagen
hatte, im ersten Stock eines gleich uralten, verräucherten,
verwahrlosten Kneiphauses, wie der altberühmte Cafébaum eins war, in dem
Franconia residierte. Es stand irgendeine der welterschütternden Fragen
auf der Tagesordnung, um welche sich ein hoher S. C. an jedem Mittwoch
Nachmittag die Köpfe zu zerbrechen pflegte. Diesmal lag vor -- na was
noch? -- lag vor ein Antrag von Misnia und Thuringia, ein wohllöblicher
S. C. wolle beschließen, daß die Klingen der Mensurspeere an der Spitze
in Zukunft nicht mehr rechtwinklig und scharfkantig abgeschliffen
würden, wie es bisher üblich war, sondern abgerundet ... Infolge des
eckigen Schliffs waren nämlich an den letzten Bestimmtagen ein paar so
hahnebüchene Knochensplitter herausgekommen, daß die Paukärzte
kategorisch Wandel verlangten: die Klingen sollten in Zukunft an der
Spitze halbkreisförmig geschliffen werden ... Das war natürlich ein
Problem von fundamentaler Bedeutung, und so erhitzten sich die Gemüter
immer mehr und mehr, immer stärker wurde der Bierkonsum, immer massiver
der Zigarren- und Zigarettenqualm ... und immer hastiger rückte der
Zeiger jener Stunde zu, da im Carolatheater das Gastspiel der Meininger
beginnen sollte ... Theater -- pah! Wer hat Zeit, ans Theater zu denken,
wenn der bittre Ernst des Lebens einen im Bann hält?
Einer hatte Zeit: der schlanke Fuchsmajor der Franken natürlich -- er
saß auf Kohlen und hätte sich mit Vergnügen bereit erklärt, sich am
Sonnabend auf Mensur mit einem kantig geschliffenen Speer ein halbes
Dutzend Knochensplitter aus dem Schädel hauen zu lassen, wenn er dadurch
diese entsetzliche Debatte hätte abkürzen und den Anschluß an den Beginn
der Vorstellung hätte erreichen können ...
Endlich wagte er ein Aeußerstes. Er ging leise zum Ersten hinüber,
neigte sich und flüsterte ihm -- der mit aller Nervenanspannung der
hitzigen Rede seines Gegenpaukanten vom vergangenen Sonnabend, des
Meißner Zweiten, folgte -- flüsterte ihm ins Ohr:
»Pilgram, ich darf Dich vielleicht daran erinnern, daß Durchlaucht mich
auf heut abend in seine Loge eingeladen hat -- da darf ich doch
keinesfalls zu spät kommen ... würdest Du wohl gestatten, daß ich den
S. C. verlasse?«
»Du bist verrückt!« knurrte Pilgram halblaut. »S. C. geht doch vor allem
andern vor! Du siehst, ich muß ja auch aushalten!«
»Du --?! Ja, wie soll ich das verstehen, Pilgram? Gehst Du ... denn auch
... ins ...«
Der Erste errötete tief. Es war ihm herausgefahren, das Geheimnis,
dessen er sich vor allen Korpsbrüdern schämte: daß der traditionelle
Feind aller neun Musen sich ein Theaterbillett erstanden hatte -- und
noch dazu eine Studentenkarte zu einer Mark und zwanzig Pfennigen, um
gänzlich unstandesgemäß -- selbstverständlich im Bummel, also im
tiefsten Inkognito -- zwischen allerhand proletigen Kommilitonen, das
Parterre, ganz hinten, zu bevölkern -- sintemalen und alldieweilen es
auch bei ihm am Monatsschluß nicht mehr zu dem für das Korps
vorgeschriebenen Platz im ersten Rang hatte reichen wollen ...
»Allerdings -- ich geh' auch!« zischte Pilgram. »Wir gehen nachher
zusammen -- aber im S. C. wird ausgehalten, und wenn uns die ganze
Affenkomödie durch die Lappen gehen sollte!«
Vor solchem Pflichteifer verstummte Hans Thumser -- völlig erschüttert
... Freilich, was galt diesem Banausen die Versäumnis eines, zweier,
dreier Akte Schiller! Wie mochte der bloß auf die Idee gekommen sein,
ins ... Hallo -- sollte da am Ende ein ... trotz allem ... erwachtes
Interesse für seine berühmte _filia hospitalis_?! Alle Wetter -- das war
am Ende doch wohl die einzige Erklärung!
Und während ein wohllöblicher S. C. sich weiterhin über krummen oder
geraden Schliff der Klingenspitzen aufregte, griff Hans Thumser alle
fünf Minuten heimlich nach seiner Taschenuhr ... halb sieben -- --
sieben Uhr jetzt -- verflucht! War denn diese verdammte Zwiebel rasend
geworden? Und nun -- nun war es auf einmal halb acht -- in diesem
Augenblick hob sich da unten fern in der Südstadt, in der Sophienstraße,
der Vorhang zum Prolog, und der biedere Thibaut d'Arc verlobte seine
zwei ältesten Töchter ... Nun stand sie auf der Bühne -- sie, die
Madonna aus der oberen Kirche seines Herzens ... noch im schlichten
Kleide der Bäuerin, doch schon überlagert vom tragischen Schatten ihrer
göttlichen Sendung ...
»Meine Herren,« sagte der Vorsitzende, Herr Borgmann, Neo-Borussiae, die
linke Stirnseite noch immer von mächtigem Wattebausch unter schwarzer
Kompresse bedeckt, da, wo Hans Thumsers kecker Durchzieher ihm wider
alle Vorsicht Schwarte, Knochenhaut und alle Aeste der Temporalis
durchgesäbelt -- »meine Herren, meiner Ueberzeugung nach würden wir uns
vor sämtlichen Glocke schlagenden S. C. eines hohen Kösener unsterblich
blamieren, wenn wir als einziger S. C. den allgemein üblichen
scharfkantigen Schliff abschaffen wollten -- und zwar aus einer
Anwandlung von Humanitätsdusel heraus, der für mein Empfinden einen
bedenklichen Beigeschmack von Kneiferei hat --«
»Ich bitt' ums Wort!«
»Ich auch! Ich auch!« so scholl's heftig aus der Korona.
»Silentium für Herrn von Schubart, Misniae!« sagte Borgmann gelassen.
»Ich muß mir aufs entschiedenste verbitten,« schrie Herr von Schubart,
der Zweite der Meißner, in den Zigarrenbrodem hinein, »daß der Herr
Erste Chargierte des präsidierenden Korps von einer Maßregel, die mein
C. C. befürwortet, erklärt, sie habe einen Beigeschmack von Kneiferei!
Ich verlange, daß der Herr Vorsitzende diese Aeußerung mit dem Ausdruck
des Bedauerns zurücknimmt -- andernfalls behält sich mein C. C. weitere
Schritte vor, sowohl gegen einen wohllöblichen C. C. des präsidierenden
Korps als auch gegen Herrn Borgmann persönlich!«
Dreiviertel acht --! wimmerte Hans Thumsers sehnsüchtige Seele -- und in
seinem Herzen klang's:
»Nichts von Verträgen! nichts von Uebergabe!
Der Retter naht, es rüstet sich zum Kampf --
Vor Orleans soll das Glück des Feindes scheitern,
Sein Maß ist voll, er ist zur Ernte reif!«
Thuringia schloß sich den Erklärungen Misnias an; Guestphalia schwankte,
während Franconia und Neo-Borussia gemeinschaftlich gegen den Antrag auf
Abänderung des Klingenschliffs auftraten. Unter allgemeiner Erregung
schritt der Vorsitzende endlich um zehn Minuten vor acht zur Abstimmung,
und nun fiel Guestphalia definitiv zur Partei des runden Schliffs.
Franconia und Neo-Borussia waren überstimmt: die holde Menschlichkeit
oder, wie Herr Borgmann Neo-Borussiae es nannte, der Geist der Kneiferei
hatte gesiegt ... Und mit dem Zigarrenrauch hingen unzählige P. P.
Suiten und Säbelforderungen in der Luft ... Morgen früh zum Frühschoppen
würden sie explodieren ...
»Nu aber raus!« zischte Pilgram seinem Korpsbruder zu. »Weh Dir, wenn Du
den andern was davon sagst, daß ich ins Theater geh -- offiziell büffle
ich heut abend!«
Drunten wartete des Ersten Chargierten der Korpsdiener mit Hut und
Regenschirm. Pilgram riß ihm beides aus der Hand, zog Mütze und Band ab
und übergab sie dem Getreuen. Thumser, der vornehm in der
Proszeniumsloge sitzen würde mit dem Erbprinzen, blieb natürlich in
Couleur. Und in rasendem Tempo hasteten nun die beiden Studenten die
kleine Fischergasse hinab.
Auf dem Alten Markt standen Droschken aufgefahren. Die Wanderer warfen
einen wehmütigen Blick hinüber:
»Wenn's doch schon der Erste wäre!« knirschte Hans Thumser.
»Beine in die Hand!« knurrte Pilgram.
Als Hans Thumser sich auf Zehenspitzen in die Proszeniumsloge schob,
hatte der erste Akt bereits begonnen. Der Erbprinz und der Major wandten
kaum zu flüchtiger Begrüßung die Köpfe -- schon waren sie im Bann. Und
hinter den schwarzen Silhouetten der Vordermänner sah Hans nur mit einem
flüchtigen Blick die von der Bühne her matt erleuchteten vordersten
Reihen des Publikums im Parkett -- lauter Gesichter, im Lauschen und
Schauen erstarrt. Und schon schlugen auch über ihm die Wogen zusammen.
Ein hoher gotischer Saal am Hoflager König Karls von Frankreich. Düstere
pfeilergetragene Holzdecke, die Wände eichengetäfelt, darüber Gobelins
mit steifen Reihen buntgewandeter Ritter und Edeldamen. Und ganz
tief hinten ein buntes Fenster, durch das sich ein paar verirrte
Sonnenstrahlen stehlen. Und mit zweien Getreuen der unglückliche
weichherzige König, dessen Knabenhand wohl seine Agnes Sorel zu kosen
vermag, nicht aber die Zeit, die aus den Fugen gegangen, wieder
einzurenken ... drei Ratsherren knien vor ihm, seine vielgetreuen Bürger
von Orleans, und flehen um Hilfe, um Entsatz ihrer hartbedrängten Stadt
... Verzweiflungsvoll ringt der König die kraftlosen Arme:
»Kann ich Armeen aus der Erde stampfen?
Wächst mir ein Kornfeld in der flachen Hand?«
Doch sieh: ein Lichtstrahl zittert in das Dunkel der Szene: Die Geliebte
kommt: Sie bringt opfermutig all den blinkenden kostbaren Tand, den ihr
König in süßen Stunden ihr um den Nacken gewunden ... Ein
schwarzlockiges, schmiegsames, kätzchenweiches Geschöpfchen ... Ihre
Augen schimmern in koketten Tränen, ihre Hände, weich und rosig wie
Frühlingswolken, umschmeicheln den Freund, noch in der Angst der
Verzweiflung liebeheischend, sehnsuchtsweckend ...
»Agnes Sorel ... Asta Thöny«
sagt der Theaterzettel. Herrgott ... das ist sie ...
Und einen Moment ist Hans Thumser wieder Hans Thumser ... Er tastet nach
seiner Brusttasche, wo ein etwas zu stark parfümiertes rosa Billetchen
steckt: Die Worte, die es enthält, ach, die kann er auswendig, im
Träumen, von vorn und von hinten:
»Nach zierlichen Schuhchen und dem, was drin steckt,
Liegt mancher Fuchs auf der Lauer --
Eintritt verboten! Hier wird nicht geschleckt!
Füchschen, die Trauben sind sauer!«
Also -- das ist sie ... das ... Füßchen werden nicht vorgezeigt, nur
zwei zierliche Goldspitzen lugen im Schreiten ab und an für einen
winzigen Moment unterm schweren Brokat des gotisch starren Gewandes
vor ... dafür aber läßt dies neidische Gewand einen Hals frei ... einen
Hals ... o Gott, o Gott ...
Einen Augenblick ist Hans Thumser Hans Thumser -- der sehnsüchtige Knabe
an der Schwelle des Lebens ... nur einen Augenblick ... und schon wieder
ist er ... niemand und alles ... nur Auge, nur weitgeöffnet schauendes
Gottesauge -- nur Seele, alliebende, alldurchdringende Weltseele ...
Höher schwillt die Flut des Entsetzens um den verlorenen Königsknaben
und sein zitterndes Lieb ... Eine Hiobspost jagt die andere, das Maß des
Ertragens ist voll, sein Land und seine Ehre gibt der Schwache preis,
und empört fallen die letzten seiner Getreuen von ihm ab ... Verlassen
steh'n die beiden Kinder ...
Da auf einmal ... kommt einer der Entwichenen zurück ... auf seinem
zuckenden Gesicht, seinen stammelnden Lippen glüht ein Wort ... ein
Wort, das längst ins Fabelland entschwunden schien ... das Wort:
=Sieg= ...
Und sieh -- da führen die edlen Herren aus des Königs Gefolge einen
riesigen Krieger heran: einen Ritter im zerhauenen, blutbekrusteten
Harnisch: ein blutiger Fetzen windet sich um seine kampfglühende Stirn,
aus seinem blutunterlaufenen Auge lodert das gleiche Zauberwort: das
unfaßbare: Sieg ... Sieg ...
Und atemlos, stockend oft und nun in wahnwitzigen Jubel ausbrechend,
kündet er die phantastische Mär:
Das Wunder ist herabgestiegen vom Himmel ... Ein weißes Mädchen ist in
die Mitte der umzingelten Franzosen getreten -- hat dem Fahnenträger das
Banner entrissen und an der Reisigen Spitze sich in den Feind gestürzt!
»Ein Schlachten war's, nicht eine Schlacht zu nennen!«
Und daß fassungsloser Unglaube kniebeugender Glaube werde -- -- wird sie
selber kommen! wird kommen -- hierher, an diese Stelle, auf der wir
stehen, harrend, bis ins Mark erschüttert und dennoch zweifelnd ...
Und horch! Schon kündet sich's an: Da draußen, in den fernen Gassen der
Stadt, hören wir den Lärm eines jäh triumphierenden Empfangs ... Näher
und näher kommt das festliche Getös ...
Und da -- da fangen ja die Glocken von allen Türmen plötzlich an zu
schwingen ... und heller tönt draußen das tolle Jauchzen der
Begeisterung ... und nun stürzen sie alle, die in der dumpfen, ragenden
Kammer weilen, in kindischer Hast ans Fenster da hinten und beugen sich
hinaus, und sieh, sie sehen's schon, das Wunder, das Unmögliche -- sie
schreien und winken und schreien --
Und horch, nun stürmt's da draußen die Stufen hinauf, nun stürzt, nun
strömt es herein. Ratsherren und Rittersleute und Bürger und Weiber und
Soldknappen und Kindervolk und ... eben Menschen, schreiende, tobende,
vor Erlösungstaumel sinnlose Menschen ... Vor dem König, der mit der
Geliebten, zitternd, schwindelnd, da vorn geblieben, werfen sie sich auf
die Knie, in den Staub, heulen und jauchzen: Sieg! Sieg! Sieg!
Und nun -- nun öffnet sich auf einmal, wie die Flut des Roten Meeres vor
dem Durchzug der Kinder Israel, so klaffend öffnet sich durch die
Menschenflut eine Gasse ... und durch die Gasse ... schwebenden
Schrittes ... kommt ... sie ...
Kommt ein weißes Mädchen, nein, kein Mädchen, kein Mensch ... ein
Gedanke, ein Gottgedanke, der Gedanke der Erlösung, der Gerechtigkeit,
der Freiheit, des Vaterlandes ...
Und steht so vor dem König ... das Ewige, das Heilige, das Unendliche
selbst ...
Und doch ... nur ein Mädchen ... ein junges, weißes Weib ...
In der winzigen Garderobe, rechts vom Schauspieler, auf der Frauenseite,
wartete Mutter Buchner ihrer berühmten Tochter. Sie hatte es sich zwar
nicht versagen können, sich von einem Eckplatz des Parketts aus an
Jucundas Spiel, den neidisch-ehrfurchtsvollen Blicken der Bekannten, dem
Jubelsturm des Publikums zu weiden; aber am Anfang des zweiten Aktes,
das wußte sie, trat Jucunda nicht auf, und da drängte es sie in die
Garderobe ihres Kindes, um ihr Zofendienste zu leisten. Ach, am liebsten
wäre sie ja von Ort zu Ort mitgereist ... Wenn ein Mädchen so ungeheuer
viel Talent hatte ... und so gut gewachsen war -- na, man wußte ja, von
wem sie das hatte! -- und so heißblütig -- ach Himmel, man war ja selber
auch mal jung gewesen! -- Das war ja ganz selbstverständlich, daß die
Mannsbilder hinter so einer her waren wie verrückt -- da hätte man ja
doch als Mutter eigentlich auf Schritt und Tritt aufpassen müssen ...
Aber da war ihr Alter, der Herr Rat ... der konnte ja nicht leben ohne
seine Doris ... Na, solange das Kind in Leipzig war, sollte es
wenigstens fühlen, was man an einer Mutter hat ... Und kaum war der
Vorhang nach dem ersten Akt gefallen, da flog -- während das Publikum
noch immer tobte, die Gardine auf und nieder tanzte, die Darsteller sich
immer und immer wieder süß lächelnd verneigten -- flog Mutter Doris aus
dem Zuschauerraum zu dem bekannten Pförtchen, das nur denen vom Bau sich
öffnet, hastete die steinerne Treppe hinauf in das winzige, von
Schminke, Puder und Menschendunst geschwängerte Kämmerchen und wendete
das gewärmte Hemd, das auf der Heizung bereit hing ... Denn wie ihre
Jucunda schwitzte bei so'ner großen Szene, das war schon nicht mehr
schön ... Von Kopf bis zu Füßen mußte sie die Unterwäsche wechseln
jedesmal, wenn irgend Zeit blieb ... Freilich, wie das Mädchen sich auch
ins Zeug legte ...
Und nun kam sie -- kochend, dampfend, wie aus dem Backofen ... fiel in
den Frisierstuhl und streckte alle Viere von sich ... Frau Doris umarmte
sie zärtlich und drückte ihr einen begeisterten Mutterkuß auf die
triefende Stirn ...
»Schinderei, verfluchte!« pustete Jucunda. »Wie aus dem Wasser gezogen
ist man -- und das schon nach dem ersten Akt! Schnell, Muttel, die
Lappen runter und frische Wäsche! Ich komm' ja um!«
In der Tür der Garderobe drängten ein paar Kollegen nach, der Heldin des
Abends die Hand zu drücken. Alle mochten sie das stramme junge Ding
leiden, das mit seinen achtzehn Jahren so resolut durch diese
schminkestarrende Welt stapfte, als sei sie darinnen geboren und nicht
in einem engbrüstigen Leipziger Spießermilieu ...
»'raus!« befahl Mutter Doris. »Alles 'raus! Meine Tochter wünscht
alleene zu sein!«
Und rasch vollzog sich die Verwandlung. In kräftiger Frische,
schweißgebadet, stieg der derbe Mädchenleib aus den klatschnaß
zusammensinkenden Hüllen, wurde von sorglicher Mutterhand mit lauen
Güssen überspült und in die frischen gewärmten Unterkleider gesteckt.
Die Garderobiere, ein verknittertes, verhutzeltes Weiblein, stand müßig
daneben und träumte von der goldenen Zeit, als auch sie einmal am
Stadttheater zu Stallupönen erste Naive gewesen und von den Leutnants
der Garnison mit billigen Buketts und falschen Schmucksachen
überschüttet worden war ... Dann aber mußte sie eingreifen, denn über
das weiße Gewand des Bauernmädchens wurde nun die wuchtige Rüstung
geschnallt und mit einem Dutzend Riemen und Oesen befestigt -- darauf
verstand Mutter Doris sich denn doch nicht. Inzwischen aber schwatzten
die Frauen ohn' Unterlaß:
»Gott, war das ein Spektakel zum Aktschluß! Namentlich da hinten im
Parterre!« sagte Jucunda und warf das langflutende braune Gelock über
die Rüstung zurück.
»Natierlich -- das gloob' ich ooch!« erwiderte die Mutter und strich mit
glättendem Kamme bedächtig durch die krause Mähne der Tochter. »Da
sitzen doch die Herren Studenten! Was die trampeln kenn'! Gott soll mich
bewahren! 's ganze Parkett war Dir doch eene Staubwolke! Und =unserer=
is ooch dabei -- wirscht mer's glauben?«
»Wer? Der unverschämte Mensch aus dem Eckzimmer?«
»Freilich, der! Un gezogen is er noch lange nich!«
»I nee so was!« lachte Jucunda.
»Eegentlich is mer'sch ganz lieb, daß er noch nich weg is,« sagte Mutter
Doris. »Immerhin er is der Erste Scharschierte vons älteste und
angesehenste Korps in Leipz'g ... Un so lang als ich denken kann, hab'
ich immer Korpsstudenten bei mir wohnen gehabt -- 's wär doch sehr
unangenehm für mich gewäsen, wenn er wär' mit'n großen Krach von mir
fortgegangen -- leicht hätt's kenn' passieren, daß die ganzen Korps mich
hätt'n in'n Verruf getan -- damit sin se immer sehr fix bei der Hand,
wenn ma een' von ihn' mal schief angekuckt hat ... Unser Nachbar
Wunderlich, der Mützenmacher, der kann e Wertchen davon erzählen ... Der
hat mal een' von die Korpsstudenten, der absolut nich wollt' zahl'n, nu,
dem hat er en groben Brief geschrieben -- und iebermorgen war er schon
im S. C. Verruf -- das kost'n an sechshundert Mark jährlich!«
»I herrjemerschnee!« lachte Jucunda, »das hätt' ich wissen sollen, daß
unser Student so ein großes Tier ist! Da hätt' ich durch meine Grobheit
ja beinahe Deinen Geschäftsbetrieb ganz bösartig geschädigt! Na,
hoffentlich kommst Du noch mal mit 'nem blauen Auge davon! Uebrigens,
Muttel, wenn ich mich recht erinnere, so hast Du den einflußreichen
Jüngling auch nicht gerade mit Glacéhandschuhen angefaßt ...«
»Nu, ich hab' mich eben lassen hinreißen,« sagte Frau Doris. »Weeßte,
wenn eener mir mit mein' Goldkinde tut anbinden -- hernach weeß'ch mich
nich zu beherrschen -- reinweg wie ene Furie werd' ich Dir dann!«
»Muttel!« sagte Jucunda zärtlich und legte einen Augenblick lang das
lockenumflutete Haupt an den mächtig wallenden Mutterbusen.
In diesem Augenblick trat Franz Burg herein, der Oberregisseur, in der
klirrenden Rüstung des englischen Oberfeldherrn, in einer Maske so voll
schrecklichen Ingrimms, daß Jucunda hell auflachte:
»Donnerwetter, lieber Freund -- mit Ihrem Konterfei kann man ja die
Pferde scheu machen!«
»Himmel -- für die guten Leipziger muß man eben ein bißchen dick
auftragen ...«
»Schön,« sagte Jucunda, »werd' ich mir merken. Passen Sie mal auf,
Meister, wie ich jetzt loslegen werde!«
»Aber gefälligst mit einem vernünftigen Stimmansatz, und nicht wieder so
aufs Organ loswüsten wie im ersten Akt! Ihnen geht's zu gut, Kindchen,
Sie werden mir zu üppig ... In einem Alter, wo andre Kolleginnen froh
sind, wenn sie einmal ein Servierbrett mit Kaffeegeschirr hereinbringen
dürfen, toben Sie schon abendfüllend durch ganz Deutschland -- da muß ja
so ein achtzehnjähriger Verstand aus dem Leim gehen ...«
»Ach, lassen Sie mich doch ...« Jucunda reckte den herrlichen Körper,
daß alle Niete und Scharniere der Rüstung knackten ... »Lassen Sie mich
doch, lieber Freund ... Es ist ja so schön ...«
Franz Burgs Augen schimmerten hinter den grimmigen, rotgrauen Brauen in
einem ganz seltsam weichen Licht ... Sie glitten über die schlanke,
waffenblanke Gestalt, wie ein Streicheln.
»Schön ist's, das glaube ich -- Sie sind eben ein Sonnenkind,
Langbeinchen!« So nannte er sie noch immer, aus jener Zeit, wo sie als
blutige Novize wegen ihres knabenhaften Wuchses immer die Pagen hatte
spielen müssen ... Jetzt freilich wäre das nicht mehr zu machen gewesen
-- sie war ein Weib geworden ...
»Na also -- Sie sind fertig ... Nun halten Sie aber Ruhe, bis Sie geholt
werden ... Und nicht zu toll mit dem Organ aasen, verstanden? Adieu,
Langbeinchen!«
»Adieu, Sie Bester!«
Ein Blick so voll dankbarer Zärtlichkeit, daß der grimme Talbot rasch
das Visier herunterklappte ... Und durch die Augenlöcher klang sein
Knurren:
»Also fang'n mer an!«
Er rasselte von dannen. Jucunda warf ihm ein halbes Dutzend Kußhände
nach.
»Aber Jucunda!« rief die Mutter ganz entsetzt.
»Ach laß doch, Muttel! Einmal ein Mensch beim Theater, ein einziger,
der selbstlos gütig ist -- einen lehrt, einem vorwärts hilft, ohne
gleich -- --«
Der zweite, der dritte Akt waren vorübergebraust, mit Schlachtgetöse und
Siegesjubel und Sterbegrauen ... und hatten geendet mit der
naiv-gewaltigen Szene, in der Johannas tragisches Geschick sich wendet:
der Fluch ihrer übernatürlichen Sendung sich wider sie kehrt. Das Herz
der Jungfrau hat mit Entsetzen sein Mädchentum empfunden ...
Große Pause nun -- alles strömte hinaus in die schmalen,
schlechtbeleuchteten Gänge, das dürftige Foyer des dumpfen winkligen
Hauses ...
Und da oben fanden sich die beiden Franken, ihr fürstlicher Konkneipant
und sein Erzieher. Die Herren begrüßten einander mit dem gewohnten starr
offiziellen Gesicht, dem korrekten Händeschütteln der hoch gewinkelten
Arme ... Keiner mochte verraten, wie sehr er gepackt war.
»Ganz nett -- wie?« näselte der Erbprinz.
»Na ja ... Aber immer dies ewige eintönige Pathos, das hält kein Pferd
auf die Dauer aus!« schnarrte Pilgram.
»Wie fanden Sie die Buchner?« fragte nachlässigen Tones der Prinz.
»Na -- mein Himmel -- spielt eben Schiller!« erwiderte der
Rechtskandidat.
Hans Thumser blieb stumm. Ihm standen Erregung und Entzücken bis an den
Hals -- die Tränen, die er mühsam hatte unterdrücken müssen, preßten ihm
die glühenden Augen. O Gott -- so Erhabenes, so Ungeheures erlebt zu
haben ... Und dann den gelassenen Weltmann mimen zu müssen mit zwanzig
Jahren ... Was war das für eine Jugend? Sie schämte sich aller
jugendlichen Empfindungen ... der Begeisterung, des Glaubens an das
Große, das Weltbezwingende ...
Und schnell vollendete sich's nun. Wie ward es Valentin Pilgram zumut,
als er nun im festlich geputzten Saale zu Reims die Verse erklingen
hörte, die er neulich so schmählich unterbrochen?
»Sollt' ich ihn töten? Konnt' ich's, da ich ihm
Ins Auge sah? Ist Mitleid Sünde?!«
Was war denn das, was so heiß und fremd unter der linken Westentasche
zuckte und hüpfte? Was war dieser geheimnisvolle Schmerz, dieser
brennende, der durch Hirn und Glieder rumorte, wenn dieses Mädchen
seine stählernen blauen Augen verloren in den dunklen Raum
hinausschweifen ließ, in dem er saß, inmitten der proletigen Finken
ringsum, die er verachtete, wie er alles verachtete, was nicht zu den
Angehörigen eines hohen Kösener S. C. Verbandes zählte?! War es die
Scham, daß er dies Mädchen, diese weiße, stolze Weibesgestalt da hinten,
gekränkt, gestört in ihrem Studium -- sich benommen gegen sie wie ein
Rauhbein, ein Knote ohne Kinderstube und Direktion!
Ja, das mußte es sein, das und nichts andres ... Er wird morgen früh
seinen Bratenrock anziehen und seine beste Mütze aufsetzen -- wird sich
feierlich durch die Frau Kanzleirätin anmelden lassen und förmlich und
devotest um Verzeihung bitten ... Es ist männlich, begangenes Unrecht
einzusehen und zu sühnen, und durch Revokation und Deprekation einer
Dame gegenüber vergibt auch Franconiae gewesener Erster, Erster, Erster
_ad interim_ sich nichts -- nein, ganz gewiß nicht!
Also das mach' ich! Gesegnet meine wüste Laune, gesegnet meine
Examensnervosität ... So hab' ich doch wenigstens einen anständigen
Grund, mich ihr vorzustellen, sie zu sehen, mit ihr zu sprechen ... Und
ich werde mich dermaßen kavaliermäßig benehmen ... Ich werde ...
Ueberhaupt ... Ich werde -- hol' mich der Teufel -- Eindruck werd' ich
machen, so wahr ich Valentin Pilgram bin, Franconiae gewesener Erster,
Erster, Erster _ad interim_!
Hans Thumsers Seele war aber zwiegeteilt, wie fast immer -- fast immer
... Noch einmal, in der zweiten Szene des vierten Aktes, kam die andere
-- nach der er ein geheimes, lästerliches und süßes Schmachten verspürt
hatte, nun sie so lange verschwunden war ... kam Agnes Sorel, stand
neben der herrischen Gestalt Jucundas in ihrer kätzchenhaften
Holdseligkeit ... schmiegte an Jucundas gepanzerten Busen die
unverhüllte, die rosige lockende Brust ... O Hans Thumser, und denken zu
müssen, daß diese Himmelswonne Nacht für Nacht neben deinem
Knabenstübchen schläft, nur durch eine dünne Ziegelmauer von dir
getrennt, in der es gar noch eine Tür gibt, die freilich verschlossen
ist und mit einem Kleiderschrank verstellt ... O Hans Thumser, wie wirst
du dies Bewußtsein ertragen, nun du sie kennst, sie gesehen hast mit
deinen scheuen, brennenden Augen, ihr Bild hineingesogen in deine
lechzende, lebenshungrige Seele ... Wie wirst du's ertragen?
Füchschen, die Trauben sind sauer ... So hat sie geschrieben. Ach, du
Schelm, du böser, neckender Traumspuk du -- du warmes, weiches, nahes,
fernes, weltenfernes Menschenkind -- --!
Still -- es erfüllt sich Johannas Geschick ... Vor dem Bannspruch des
Vaters, der sie höllischer Blendekünste zeiht, verstummt sie ...
verstummt vor dem Donner des Himmels ... flieht in Einsamkeit und
Verzweiflung -- fällt stumm und wehrlos in die Hand der Feinde ...
Doch dann, in letzter, höchster Not, kommt noch einmal über sie die
alte, magische Kraft: Sie zerreißt ihre Ketten, entrafft sich den
entsetzten Feinden, trägt noch einmal das Banner der Jungfrau zum
Kampf ... und dann, die Todeswunde in der Brust, von Siegesbannern
überbauscht, läßt sie ihre reine Seele ins All hinüberströmen ...
O Dichter! Dichter! betet Hans Thumser -- großer, herrlicher mit Deiner
wunderbaren Cherubseele -- einen Tropfen von Deinem Geist in mein
junges Herz -- einen Flammenfunken von Deinem Himmelsfeuer!
»Wie wird mir? -- leichte Wolken heben mich --
Der schwere Panzer wird zum Flügelkleide --
Hinauf -- hinauf -- die Erde flieht zurück --
Kurz ist der Schmerz, und ewig ist die Freude!«
Ein heftig gestammelter Dank an den Prinzen, ein feierliches Schütteln
der korrekt eingewinkelten Hände mit ihm und dem Major, und dann hinaus
-- hinaus in die herbstliche Abendluft ... O glühende Stirn, o glühendes
Herz ...
Und nun -- warten -- sie noch einmal sehen, sie, »die alles Herrliche
vollendet« ... nicht jene andre, das Kätzchen, den Spukgeist ... Nein,
die eine, die weiße, die königliche ...
Warten auf sie -- sie warten ja alle ... Eine dichtgedrängte Schar,
lauter blutjunges Volk. Konservatoristinnen und Ladenmamsellchen
untermischt mit Primanern und Studenten ... Sie warten vor dem Portal,
vor dem ein einziger Wagen noch hält, ein einziger, während all die
andern mit ihrer Fracht schleierumhangener, kapuzenverhüllter
Weiblichkeit von dannen donnern -- ein einziger Wagen, in dem, hüstelnd
und frierend, ein bebrilltes Männlein hockt mit grauem Kragenbart: der
Kanzleirat Buchner ...
Es dauert lange, dies Warten ... Aber Hans Thumser wartet nicht allein:
An seiner Seite, geduldig fröstelnd, harrt der gestrenge Senior, ganz
gegen jede Wahrscheinlichkeit und Psychologie ...
»Ne, Pilgram, wie =Du= mir heute vorkommst!«
»Na, was denn? Wieso denn?« knurrt der Erste. »Denkste vielleicht, Du
hast die Kunstbegeisterung alleene gepachtet?!«
Und endlich -- endlich -- -- am Bühneneingang fliegen die Hüte, die
Mützen von den Köpfen --
»Jucunda Buchner -- hoch! hoch!«
Voran schiebt sich eine derbe Matrone in uraltmodischer
schleifenbesetzter Kapuze -- und dann kommt -- sie -- so mädchenhaft auf
einmal, so spießbürgerlich schlicht ... Wie ein Backfisch schaut sie
aus, so menschlich, so nahe ...
»Hoch! hoch!« brüllen die Studenten, juchzen die Mädels -- sie huscht
vorüber, kopfnickend, so lieb, so einfach, so -- so fabelhaft nett --
sie schlüpft in die Wagentür, nickt noch einmal vom Fensterrand -- neuer
Jubel --
Ach was -- längst nicht genug!
Eine neue, eine würdige Huldigung dem wundervollen Menschenkind!
»Kommilitonen!« ruft Hans Thumser und schwenkt die grüne Mütze,
»Kommilitonen! Wir spannen ihr die Pferde aus, wir fahren sie im Triumph
nach Hause!«
Ein Beifallsgeheul ist die Antwort. Und auf die Gäule stürzt sich
der Schwall -- im Nu sind die Scheuenden, Schäumenden abgesträngt,
der fluchende, peitschenschwingende Kutscher entwaffnet und vom Bock
gezerrt ...
»Verrickt seid 'r! Alle mitenander seid 'r übergeschnappt! Der Deifel
soll Euch hol'n!«
Und hundert Hände packen zu, langen nach der Deichsel, den Zugscheiten,
den Strängen -- hundert Hände greifen in die Speichen -- hurra! Der
Wagen rollt, rollt mit seiner vielgeliebten Fracht ... Und allen voran
als Führer, den Hut auf dem Stock balancierend, den Stock im Takt
schwingend wie ein Tambourmajor schreitet einer, der den Weg kennen
muß: Franconiae gewesener Erster, Erster, Erster _ad interim_!
Und der Wagen rollt die Sophienstraße entlang, umdröhnt vom Jauchzen
schönheitstrunkener, größeberauschter Jugend ... Rollt die Zeitzer
Straße, den Peterssteinweg hinab, der Altstadt zu ... Und immer
zahlreicher wird das Huldigungsgefolge hinter dem Triumphzug, den Jugend
der Jugend, der Schönheit, der Kunst bereitet, immer betäubender
schwillt der allgemeine Jubel:
»Jucunda Buchner -- hoch -- hoch Jucunda -- unsre Jucunda!«
4.
Als der Triumphwagen endlich in der Katharinenstraße hielt, zog der alte
Buchner den riesigen Hausschlüssel aus der Tasche und stieg als erster
aus. Ein hundertstimmiger Jubel empfing ihn ...
»Das ist der Vater -- Jucundas Alter ist das -- Papa Buchner hoch!
hoch!«
Ein Dutzend Hände waren ihm behilflich, hoben ihn über die Bordschwelle,
ganz betäubt humpelte er durch die Gasse, die sich vor seinen Schritten
öffnete, fand die Tür seines Hauses zu seiner Verwunderung bereits
geöffnet und schlüpfte hinein, wie erlöst, daß er dem Getös entronnen
...
Und nun schob sich Mama Buchners massives Gestell aus der Droschke.
»Achtung, jetzt kommt Mamachen!« schrien kecke Stimmen. »Platz für
Mamachen!« Geblendet vom grellen Licht der Gaslaterne, dicht neben dem
finstern Hauseingang, verwirrt vom Stimmengewirr, dem Glanz blitzender
Augen, dem Durcheinander winkender Hände, flatternder Tücher verfehlte
Mutter Doris mit unbehilflich suchendem Fuß den Wagentritt und wäre
gestürzt, hätte nicht ein sehniger Arm sie gefaßt und ihre schwerfällige
Gestalt mit sicherem Griff aufs Trottoir, auf die Beine gestellt. Und
gleich darauf fühlte sie ihre Hand in diesen sehnigen Arm hineingezogen,
fühlte sich sicher und ritterlich der Haustür zugeführt -- sah dankbar
zu ihrem Beschützer empor und -- sah in das verlegenheitglühende Gesicht
ihres Mieters ...
»Gnädige Frau --« stammelte Pilgram.
Gnädige Frau --?! Es war das erstemal, daß ihr Student diese Anrede für
die Frau Kanzleirätin fand ... sie war direkt erschüttert ...
»Herr Pilgram -- nee heer'n Se, das is aber hibsch von Ihn' ...«
»Darf ich Ihnen meinen aufrichtigen Glückwunsch zu dem Riesenerfolge
Ihres Fräulein Tochter -- gnädige Frau? und zugleich auch meine Bitte um
Entschuldigung wegen meines unqualifizierbaren Benehmens von vorgestern
morgen --«
»Ach sei'n Se still, Herr Pilgram -- scheen war's ja grade nich ... Aber
Sie haben's ja gut gemacht ... Also woll'n mer uns wieder vertragen!
Aber wo bleibt denn 's Kind?«
's Kind war noch nicht abkömmlich. Sie mußte draußen die Dutzende von
Händen schütteln, die sich ihr entgegenstreckten ... Und dabei liefen
ihr die hellen Tränen nervöser Seligkeit über die Backen ...
»Dank ... tausend, tausend Dank!« Das war das einzige, was sie nur immer
wieder stammeln konnte ...
Und endlich fiel die Pforte denn doch ins Schloß, während die
begeisterte Jugend draußen weiter jubelte und tobte. Kanzleirat Buchner
wollte abschließen, aber Valentin Pilgram kam ihm zuvor. Und dann
entzündete er ein Wachsstreichholz und geleitete Mama Doris mit der
Galanterie eines Oberhofmarschalls die knackenden Treppen des
altehrwürdigen Baues hinan, der einstmals ein feierlich elegantes
Patrizierhaus gewesen war ... Der Kanzleirat und die Heldin des Abends
folgten.
Oben wollte sich Valentin verabschieden, um in seinem Zimmer zu
verschwinden, aber Jucunda rief:
»Was? Sie wollen schon schlafen? Nee, gibt's nich! Muttel, mach' Licht
in der guten Stube! Wir schwatzen noch eins! Und Du, Alter, rück' mal
ein paar Pullen Gose heraus! Ich hab' einen Pferd'sdurst!«
Und sieh -- nach wenigen Minuten war's hell und mollig in der
behaglichen Wohnstube, und während Mutter Buchner drinnen Bemmchen
schmierte und Papa Kanzleirat Zigarren und Aschenbecher bereit stellte,
sorglich aus den dickbauchigen Goseflaschen das bernsteingelbe
bitterliche Naß in die hohen Stangengläser plätschern ließ, stand
Valentin Pilgram voll nie gefühlter Empfindungen am Fenster, hinter
Jucundas hoher Gestalt, die noch immer hinaus auf die Straße winkte und
Kußhände warf, während von drunten, vom Straßendamm empor ohn' Ermatten
das Begeisterungsgebrüll der Burschen tönte, die Taschentücher der
Mädels flatterten ...
»So, Kind,« sagte Mutter Doris endlich, »nu mache schon Schluß, daß Du
was zu essen und zu trinken kriegst ... Bitte, Herr Pilgram, nehmen Sie
Platz!«
Valentin und Jucunda traten vom Fenster zurück. Jetzt erst fand das
Mädchen Zeit, den jungen Gesellen zu mustern.
»Sie sind wohl einen halben Kopf größer als ich,« sagte sie anerkennend.
»Aber Sie -- Sie sind ... etwas ganz Besonderes ... eine ganz andre
Sorte von Mensch als ... nu als wir gewöhnlichen Leute, wir simplen
Rechtskandidaten ... und so was.«
»Erlauben Sie mal -- Sie sind doch auch was Besonderes ... Erster
Chargierter des ältesten und angesehensten Korps in Leipzig ...« Sie
wies auf einen Stuhl.
»Gott -- gnädiges Fräulein ... Wie können Sie so was überhaupt ... das
sind doch Kindereien, wenn man's mit ... mit Ihrer Kunst vergleicht ...«
O Valentin Pilgram -- wer dir das gestern prophezeit hätte ... daß du so
zu einer Komödiantin sprechen würdest ... daß die Heiligtümer deiner
Seele so schnell verbleichen würden ...
»Na, nu nähmt mal gefälligst ä bißchen Platz, Kinder!« rief der
Kanzleirat ...
Kinder --?! Es durchfuhr die beiden jungen Menschen ... ein seltsames,
ahnungsvolles Gefühl ... Mit einem Male war Jucunda Buchner nicht die
glückverwöhnte, reichbegnadete Künstlerin, sondern ein Backfisch von
achtzehn Jahren ... und Valentin Pilgram nicht der Sohn des
Senatspräsidenten am Dresdener Oberlandesgericht, nicht der Erste
Chargierte eines wohllöblichen C. C. der Franconia, sondern ein Knabe
von vierundzwanzig, in all seiner senioralen Würde doch noch immer ein
junger, lebensunkundiger Novize des Daseins ...
Zwei blutjunge Menschen ... zwei Kinder ... beide gewachsen wie ein paar
Tannen, beide jung, stark und heiß ...
»Kinder!« hatte der alte Mann gesagt ... Wie seltsam das die Seele traf
...
Beider Augen waren gesenkt, beider Stirnen glühten, als sie sich setzten
...
Man stieß mit den langschäftigen Gosengläsern an, Jucunda tat einen
tiefen, herzhaften Schluck und biß dann nicht minder herzhaft in ihre
Butterbemme.
»Donnerkiel!« sagte sie, »das tut aasig gut ...«
»Nu sagen Se, Herr Pilgram, wie sind Sie denn bloß in's Theater
gekommen? Ich hab' gedacht, Sie haben gar nischt iebrig für die Kunst?«
erkundigte sich Mama Buchner.
»Ja ... Frau Rätin,« sagte Valentin, »wie soll ich Ihnen das erklären?
Sie haben nämlich recht ... Ich hab' wirklich nicht viel Sinn für die
Kunst ... Ich -- nu ich war eben ... neugierig war ich -- auf meine
Budennachbarin ...«
»Sehr schmeichelhaft!« lachte Jucunda und zündete sich eine Zigarette
an. »Na und -- und was sagen Sie nu?«
»Gar nischt sag' ich --« bekannte der Student. »Wissen Sie ... zum
Komplimente machen ... bin ich nicht maulgewandt genug ... ich kann nur
sagen: dies war der schönste Tag meines Lebens.«
»Hehe -- da siehst es, Jucunda, was fier ä Kerle Du bist!« schmunzelte
der Kanzleirat.
»Ach -- das geht doch nicht auf mich!« wehrte Jucunda ab. »Herr Pilgram
ist eben von Schillers großer Dichtung so ergriffen gewesen ...«
»Ne, gnädiges Fräulein, das könnt' ich nu gerade nich sagen,« erklärte
Valentin. »Ich bin eben doch, wie mein Korpsbruder Thumser sagt, ich bin
doch ein Banause. Schiller? Ich weeß nich ... es ist mir doch zu viel
Schmalz an der Brühe ... Wenn Sie nicht gewesen wären, gnädiges
Fräulein, ich glaube nicht, daß ich wäre bis zum Ende dageblieben ...«
»Schämen Sie sich!« zürnte das Mädchen.
»Ja -- 's tut mir selber leid, daß ich so wenig Verständnis habe für die
sogenannte Kunst ... Sehen Sie ... ich stamme aus einer alten Juristen-
und Beamtenfamilie ... bei uns zu Hause ist nie von was anderm die Rede
gewesen wie von Dienst und Vorgesetzten und Karriere machen und Orden
kriegen und Gesetzesnovellen ... und das Theaterspielen und Musikemachen
und Bilderklexen und Verseschmieren -- nee, davon hat man bei uns nie
was wissen wollen. Aber was Arbeit und Pflicht und Gehorsam ist und
Gewissenhaftigkeit und Treue ... das ist mir eingepaukt worden von
Kindesbeinen an ... und nicht nur mit der Moralpredigt, sondern mit dem
guten Beispiel, dem nachahmungswürdigen Vorbild ...«
»Das is sähr scheen, wenn man das von sein' Elternhause kann sagen --«
meinte der Kanzleirat. »Prost, Herr Pilgram -- Ihre Herren Eltern sollen
leben.«
Andächtig tat Pilgram Bescheid. Aber Jucunda war des trockenen Tones
satt:
»Erzählen Sie mir lieber von heut abend -- erzählen Sie mir, wie ich
Ihnen gefallen habe! Sie können's ruhig ein bißchen dicke machen ... Sie
haben ja gar keine Ahnung, wieviel Honig und Weihrauch unsereins
vertragen kann nach so einer gewonnenen Schlacht ...«
»Aber Jucunda -- so schäme Dich doch! Was soll denn Herr Pilgram von Dir
denken?«
»Na -- nichts als was wahr ist! Daß ich eine ganz eitle, verwöhnte
Komödiantin bin! Nicht wahr, Herr Pilgram, so denken Sie doch! Nur
heraus damit ...«
»Gnädiges Fräulein, ich denke an nichts andres als an den Augenblick, wo
Sie zuerst herauskamen ... Wir waren zu spät gekommen, aus dem S. C.,
wissen Sie? da muß man aushalten -- und als wir kamen, hatte der erste
Akt schon angefangen ... und ich langweilte mich und dachte: na ja,
Schiller ... und überlegte, was für ein Aufsatzthema mein alter
vermickerter Professor auf Prima in Dresden wohl aus diesem ersten Akt
herausgeschlagen hätte: Würde Johanna d'Arc ihr Vaterland auch errettet
haben, wenn Karl der Siebente anstatt mit den Engländern mit den
Deutschen Krieg geführt hätte? oder so ähnlich ... Und da -- da kamen
Sie -- und auf einmal wurde alles wahr und richtig und interessant und
... na ja eben schön ... mit einem Wort ...«
»Ich seh's kommen, daß se Dich noch ganz närr'sch werden machen, Jucunda
--« kicherte der Kanzleirat.
»Ach ja ... macht mich nur ruhig närrisch, Kinder -- es ist ja so schön,
gefeiert zu werden ... und begraben zu werden unter Lorbeer und Rosen --
und die Pferde ausgespannt zu kriegen ... hören Sie, Herr Pilgram -- die
Idee, die war wohl von Ihnen?«
»Ehrlich gestanden, nein -- so leid mir's tut -- aber den glorreichen
Einfall, den hat mein Korpsbruder Thumser gehabt ...«
»Schade -- sonst hätten Sie wahrhaft'gen Gott 'nen Kuß gekriegt dafür
--«
Der Kanzleirat drohte der Tochter lächelnd mit dem Finger.
»Säh'n Se, Herr Pilgram, wie se Ihn' schon überschnappt?«
Und er ließ frische Gosefluten in die Gläser kluckern.
Aber allmählich fielen dem alten, hageren Männchen, das sein ganzes
Leben in der muffigen, überhitzten Luft der Königlichen Justizbureaus
zugebracht hatte, die geröteten Aeugelchen zu. Er verabschiedete sich
und humpelte ins Schlafzimmer.
Auch Mutter Doris fiel allmählich ab.
»Nu, Herr Pilgram, wie denken Sie über's Schlafengehen?«
»Gibt's nich!« erklärte Jucunda. »Wenn Du müde bist, Mamachen, kriech in
Gottes Namen in die Posen ... Ich bin noch nicht fällig, und Herr
Pilgram wird mir Gesellschaft leisten, bis meine Nerven ausgezappelt
haben ...«
Und die jungen Menschen waren allein. Es wurde still, ganz still
ringsum. Von der Katharinenstraße klang ab und an noch das schläfrige
Geklapper eines heimwärts trottenden Droschkengauls ... Vom nahen
Rathausturme meldeten die Glocken mit hallenden Schlägen Viertelstunde
um Viertelstunde ... sonst nichts mehr. Leipzig schlief.
»Erzählen Sie mir mehr von sich!« sagte Jucunda und legte sich mit
behaglichem Gähnen in die gestickten Schoner des grünen Plüschsofas
zurück. »Aber nicht so was Langweiliges vom Korps und von Ihren
Fechtereien und vom Examen und so! Was Schönes ... was Interessantes!«
»Ach, gnädiges Fräulein -- ich bin ein schrecklich uninteressanter
Mensch ... ich schäme mich ordentlich, ich werde ganz klein, wenn ich
mein Leben mit Ihrem vergleiche.«
»Na, aber Sie müssen doch irgend was Besonderes erlebt haben ... Waren
Sie denn nie verliebt? Haben Sie nie ein Mädchen geküßt?« Sie zündete an
dem Rest ihrer Zigarette eine frische an, pustete eine dicke Rauchwolke
zu Valentin hinüber und schielte durch den Qualm hindurch neckisch
blinzelnd zu ihm hin.
Valentin Pilgram wurde verlegen. »Hm ... ich weiß nicht recht, was ich
da antworten soll ... als Künstlerin wissen Sie doch jedenfalls schon
manches vom Leben ... und wissen, was wir jungen Männer, Studenten und
so -- wie soll ich mich nur ausdrücken?«
»Na, daß Ihr gerade keine Tugendspiegel seid ... Euch mit Kellnerinnen
und ... so 'ner Sorte von Weibsbildern herumtreibt ... Herr Pilgram, ich
bin ein Leipziger Kind, das alles ist mir nichts Neues. Aber -- sowas
zählt doch hoffentlich nicht?«
»Nein -- Sie haben ganz recht ... es zählt nicht ... Sehen Sie, man
betrinkt sich ja auch zuweilen mal ganz stumpfsinnig ... so ähnlich ist
das ...«
»Und -- sonst? Sonst haben Sie noch gar nichts ... erlebt? Niemals eine
richtige ... eine Leidenschaft ... ein Gefühl, daß Sie so richtig die
Zügel aus der Hand verloren haben? Daß es mit Ihnen durchgegangen ist
wie ein wildes Pferd, so zuck, zuck, hoppla, hopp, über Stock und Stein,
nur vorwärts, ins Weglose, ins Nichts -- nur vorwärts ... komme was
wolle?!«
Hingerissen hing Valentins Blick an den flackernden Augen, dem zuckenden
Munde des Mädchens. »Ach nein ... gnädiges Fräulein ... so was hab' ich
nie erlebt ... ich glaube auch, so was kann mir nie passieren ... dazu
sind wir Pilgrams viel zu korrekt ... viel zu gewissenhaft ...«
»Schade --« sagte Jucunda. »Ich denke mir, das müßte schön sein ...«
»Das ... glaube ich auch ...« sagte Valentin langsam. »Schön ... und
schrecklich ...«
»Wie wär's, wenn wir nun schlafen gingen? Ich fange doch allmählich an,
abzufallen ...«
»Schade!« sagte nun der Student. Seine Augen überflogen noch einmal die
weiße Gestalt, die sich in so fester, straffer Leiblichkeit abhob von
dem verschlissenen Samt, auf dem sie ruhte, beide Ellbogen nach vorn
emporgewinkelt, die Hände nach rücklings um die Lehne des Sofas
geklammert.
»Gott, war das ein Tag!« sagte das Mädchen. »Ein Schlachten war's, nicht
eine Schlacht zu nennen! Aber das Hübscheste daran war doch, daß ich Sie
nun kenne, Nachbar ... daß ich Sie Grobian doch ein bißchen gebändigt
habe ... nicht wahr? Und daß wir zwei nun allein noch übrig sind von all
dem Trubel und Trara ... was? Ist das nicht nett? Aber Sie sagen ja gar
nichts?«
»Was ... soll ich sagen?« stotterte der Student. »Ich ... sehe Sie
an ... und denke, daß morgen ... morgen das alles vorbei ist ... daß Sie
morgen wieder die allgefeierte Jucunda Buchner sind ... und ich ...
irgendein simpler, gleichgültiger Rechtskandidat ... der Ihnen nichts
sein kann ... nichts für Sie tun ... Ihnen nichts bedeutet als eben ein
Stück Publikum ... einer von den Tausenden, die Ihnen allabendlich
zujubeln, ohne daß Sie sie kennen, mehr für sie übrig haben als ein
geschäftsmäßiges Lächeln, wenn der Vorhang sich noch einmal hebt ...«
»Wer weiß!« sagte Jucunda mit einem gnädigen Blick. »Vielleicht, daß ich
doch einmal einen ... einen Ritter brauchen kann ... dann will ich mich
an diese Stunde erinnern ... und Sie rufen ... Soll ich?«
»Gnädiges Fräulein ...« sprach Valentin Pilgram heiser ... »Das wäre
mehr Gunst vom Schicksal, als ich Mut habe zu hoffen ...«
Sie reichte ihm die feste, warme Hand. Er küßte sie ... ehrfurchtsvoll,
als sei es einer Fürstin Hand ... und ging.
Als er die Tür zu seinem Kämmerchen hinter sich geschlossen, stand er
einen Augenblick im tiefen Dunkel, regungslos. Ihm war's, als drehe sich
alles um ihn im Wirbel. Und der reckenhafte Gesell, der
zweiundzwanzigmal dem Schläger und fünfmal dem Säbel Stirn und Brust
geboten, fühlte ein rätselhaftes Grauen vor etwas Kommendem, dem er
keine Deutung wußte ... das im Dunkel hockte und ihn ansah mit den
blauen, hellen, befehlenden Augen, von denen er fühlte, daß er ihnen
gehorsam sein müßte, was immer sie ihm gebieten würden.
5.
Die zwölf halben Liter Tucher, die Hans Thumser nach dem Jucunda-Rummel
auf der Kneipe noch in seine ausgepichte Fuchsmajorskehle gepumpt,
hatten die Erregung der zappelnden Nerven untergekriegt und für die
nötige Bettschwere gesorgt -- zum Anfang wenigstens. Aber dennoch -- als
der Student plötzlich aus dumpfen, wirbelnden Träumen in die Höhe fuhr,
so daß der kaum verheilte Schädel krachend gegen die Rückwand seines
Bettes bumste -- da war es noch stockfinster, und wie er ein Streichholz
entzündete, wies die Uhr halb vier ...
Und wieder Dunkelheit und Schweigen, und im Herzen schwirrend und
rumorend viel hundert Bilder, viel tausend Farben und Klänge ...
Wo soll es hin, das alles?! Was will's von dir, dies tolle, glühende
Leben?!
Da horch ... ein seltsamer Laut ... ein zager, verzitternder ... von
irgendwoher aus dem Dunkel ... und wieder ... und wieder ... derselbe
bang verschwebende Klageton ...
Weinen ... Weinen einer Frauenstimme -- ganz leise, mühsam unterdrückt
... von Tränen umschleiert ... erschütternd ...
Nun scheint's zu verstummen ... horch -- kein Laut mehr ... doch nein --
nur heftiger jetzt die wimmernde Klage ...
Um Gott -- das ist -- da nebenan -- das ist ... Asta Thöny ...
Tränen ... Tränen in Frauenaugen -- entsetzlicher Gedanke für einen
Jüngling, einen tatensehnsüchtigen, weltgläubigen -- wer konnte
glücklich sein, ach nur ruhig sein, nur schlafen -- wenn ein Mensch, ein
Mädchen weinen mußte?!
Himmel -- vielleicht ist sie krank geworden -- Agnes Sorel, die
kätzchenweiche, mit dem süßen, rosigen Hals, den dunklen, flirrenden
Augensternen ... windet sich in Schmerzen ... und niemand hört sie,
niemand steht ihr bei, denn sie ist nicht ein gehegtes, umsorgtes
Haustöchterlein wie Hansens Schwestern daheim -- sie ist ganz allein auf
der Welt -- einsam, schutzlos, hilflos ...
Gott, wenn das doch enden wollte! Das ist ja nicht zu ertragen, diese
hilflose Klage ... Aber was kann man tun?
Sich melden -- seinen Beistand anbieten ...
Aber -- könnte das nicht -- mißverstanden werden? Nachdem er nun einmal
die dummen, zudringlichen Verse hinübergeschickt? Und einen so
wohlverdienten, ach, eigentlich noch viel zu schmuck bebänderten Korb
gekriegt?
Aber -- wenn sie nun wirklich leidend wäre -- Hilfe brauchte -- gewiß,
sie würde nicht böse werden ...
Oder -- wenn man Mutter Ach weckte -- und ihr mitteilte, das Fräulein
scheine nicht wohl zu sein?
Aber -- wenn's nun gar nichts Ernstes wäre -- vielleicht nur eine Laune,
eine kindische Gereiztheit -- was weiß ich -- dann hätte man um nichts
und wieder nichts den schnarchenden Schlummer der ehrsamen Wittib
gestört ... und es gäbe gar noch eine Szene, nachts um halb vier ...
_Enfin_ -- was geht's mich an? Decke über die Ohren und weiter dachsen!
Ja, wenn das so ginge! Die Phantasie hebt an zu spielen -- dringt durch
die Finsternis, die Tapetenwand und malt in rosigen Farben das Bild des
einsam weinenden Kindes da drinnen ... und ach, das bange Schluchzen
dringt auch zum verbarrikadierten Ohr ...
Mut! Es muß!
»Gnädiges Fräulein --?« ganz leise, kaum geflüstert ...
Das Weinen geht weiter, still und bitter ...
»Gnädiges Fräulein --?«
Auf einmal ist's still da drüben -- Finsternis und lastende Stille
ringsum ...
»Verzeihen Sie, mein gnädiges ... Fräulein ... ich ... hörte ... ich
ängstige mich ... Sie möchten nicht wohl sein ... Hilfe brauchen ...
darum hab' ich mir die Freiheit genommen ...«
Noch immer alles still ... offenbar ist man böse ...
»Gnädiges Fräulein ... ich ... ich will nicht weiter beschwerlich fallen
... Sie wissen nun, daß jemand zur Hand ist, wenn's not sein sollte ...
Wenn Sie also nichts weiter von sich hören lassen -- dann -- na dann
darf ich ja wohl annehmen, daß ... daß alles in Ordnung ist ... und dann
werd' ich also in Gottes Namen weiterschlafen!«
Auf einmal ein Laut ... kein Weinen ... auch kein Wort ... etwas
andres ... etwas Silbern-Zwitscherndes -- ein ganz feines, ersticktes
Kichern ...
»Ach so --!« sagte der Student völlig beruhigt. »Na, denn gut' Nacht,
mein gnädiges Fräulein, und sei'n Sie nicht böse!«
Und krachend warf er sich auf die rechte Seite, fest entschlossen, nun
aber auch _a tempo_ --
Da horch! Noch einmal ein Lachen, nun aber hell, übermütig -- und dann
die Stimme, die girrende, die streichelnde der Agnes Sorel:
»Aber bitte ... ich muß ja doch danken für die gute Meinung! Aber sei'n
Sie ganz ruhig -- mir fehlt wirklich nix -- ich hab' nur so ein bissel
für mich geweint -- das kann doch vorkommen -- gelt?«
»Na -- wenn's weiter nichts ist ... ich hab' ja solch einen Schrecken
bekommen ...«
»O -- das tut mir leid -- ich hab' Sie so friedlich -- na ja, so
friedlich schnarchen gehört -- da hab' ich gedacht: den störst du
nicht ... und da hab' ich halt ein bissel geweint ... Nehmen Sie's nicht
übel, es soll nicht wieder passieren ...«
»Aber bitte -- von meinetwegen -- ich weiß ja jetzt, daß es nichts
weiter zu bedeuten hat, wenn Sie einmal nachts weinen -- da werd' ich
mich also künftig auch nicht mehr drum aufregen ...«
»Ach du lieber Gott -- zu bedeuten hat's schon was ...«
»Hm ... also doch?! -- -- Können Sie mir's nicht sagen?«
»Ach ... so durch die Tür hindurch ...«
Jetzt fingen Hans Thumsers Hände denn doch ein bißchen an zu zittern. Er
suchte nach einer Antwort ... fand keine ... Himmel! Meine unsterbliche
Seele für einen Einfall ...
»Ja ... so durch die Tür ... das geht natürlich nicht recht ...«
Endlich ... das erlösende Wort: da ist's:
»Aber ... wenn ich Ihnen ... morgen früh ... einmal ... meine
nachbarliche ... Aufwartung machen dürfte ...«
»Hm ... morgen früh?!« Es klang so gedehnt ... so ... nach einem leisen
Bedauern ... ach nein ... das war ja doch ... da mußte Hans Thumser sich
doch wohl ... verhört haben ...
»Morgen früh? Da hab ich ja Probe von zehn bis zwei ... Da müssen Sie
schon morgen nachmittag kommen ... zum Tee um fünf, wenn Sie mögen --
gelt?«
O Gott ... solch eine Einladung ... zum erstenmal in diesem jungen Leben
einem so schönen ... so ... verlockenden ... Mädchen gegenüber ... mit
ihr allein ... Gibt's denn so etwas?! Ist das denn möglich?!
»Nu -- Sie antworten ja gar nicht?« klang's ganz leise. »Sind Sie am
Ende gar -- schon wieder eingeschlafen?«
»Aber mein gnädiges Fräulein -- wie können Sie nur denken ...«
»Also Sie kommen? Das ist schön. -- Na, nu wollen wir aber auch ... gut
Nacht, Sie -- Sie Füchschen Sie!«
»Bitte -- Fuchsmajor!« rief Hans Thumser fast laut vor Selbstbewußtsein.
»Also ... wenn's denn sein muß -- gut Nacht, Agnes Sorel!
Auch jenseits der Loire liegt noch ein Frankreich,
Wir gehen in ein glücklicheres Land,
Da lacht ein milder, nie bewölkter Himmel,
Und schöner blüht das Leben und die Liebe!«
Ja! Wenn man so ein phänomenales Versgedächtnis hat! Und seinen Schiller
_intus_!
»Donnerwetter -- allerhand Achtung!« kicherte es von drinnen. »Da möchte
man ja wahrhaftig -- aber nein -- jetzt wird geschlafen -- gut Nacht,
Herr Fuchs=major=!«
Tiefe Stille ... Dunkelheit ... und zitternde Sehnsucht ... zitternde
Hoffnung ...
Hans Thumser fand keinen Schlaf. Zu toll rumorte die Jugendbangigkeit in
seinen Gliedern ...
Er lauschte, ob er wohl noch einen Laut vernähme von da drüben ... aus
der Märchenwelt der Träume ... aber alles blieb stumm ... und endlich
vernahm er durch den lastenden Frieden der Nacht geruhig schwellende,
leise Atemzüge ...
Sie schlief ...
Da streckte sich auch Hans Thumser mit einem langen Seufzer ... und
versank.
6.
Valentin Pilgram war erst spät aufgestanden. In wüstem Halbschlaf, von
tollen Träumen gequält, hatte er die Nacht verbracht. Nun saß er über
seinem Drogenwelt-Geruch und knuffte die vier Klassen der
Gradualerbfolge der Novelle 118 in den schmerzenden Schädel hinein.
Da klopfte es heftig an die Tür seiner Bude, und im selben Augenblick,
noch eh er: herein! hatte rufen können, schoß auch schon die Frau
Kanzleirätin herein, im geblümten Morgenrock, dessen Schleppe hinter ihr
drein waberte, in schleifenbesetztem Häubchen, unter dem die grauen
Strähnen des ungeordneten Haares hervorlugten:
»Ach herrjeses, Herr Pilgram, Herr Pilgram, kommen Se doch nur mal
schnell -- 's Kind hat ja en Weinkrampf -- ach es is gräßlich! Kennten
Se nich gehn und en Doktor holen? Ich hab ja keen' Menschen nich im
Hause ...«
Valentin schoß in die Höhe. »Einen Weinkrampf? Um Gottes willen, was ist
denn passiert?«
»Ä Rosenbukett is gekommen, groß wie ä Turm ... un dabei ä Brief, ne, so
was von einer Unverschämtheit is überhaupt noch gar nich dagewäsen ...«
»Ist sie denn ohnmächtig? Kann ich vielleicht helfen? Darf ich zu ihr
hinein?«
»I du mein Himmel, Herr Pilgram, se is noch im Neglischee ... na aber, ä
Kinstlerin -- ä Kinstlerin sieht ja schließlich ooch im Neglischee ganz
anständ'g aus ... kommen Se nur, Herr Pilgram, helfen Se!«
Aus der geöffneten Tür kam ein warmer Strom von Rosenduft ... und Rosen
überall, ein Rosenschwall, ein Rosenwald ... betäubend duftende, schon
leise welkende Rosen ... dazwischen die eigentlichen Blumen der Saison:
Dahlien, Astern, Erika ... und inmitten, auf eine Chaiselongue
hingeworfen, in leidenschaftlichem Schluchzen -- sie ...
Ein riesiges Arrangement von Rosen und Chrysanthemen, in Manneshöhe,
lag umgestürzt auf dem Boden -- daneben ein aufgerissenes Kuvert
mit aufgeprägtem Wappen, ein zerknitterter Bogen schweren
Elfenbeinbriefpapieres, und -- -- zwei Hundertmarkscheine ...
Auf dem Tisch aufgereiht die Karten der Spender der übrigen
Blumenherrlichkeiten -- Jucunda war offenbar eben beschäftigt gewesen,
den Gebern zu danken, prompt und akkurat, wie es zu den geschäftlichen
Pflichten einer vielgefeierten Künstlerin gehört ... da war =das da=
gekommen ...
Frau Buchner hob das Briefchen auf, glättete es und hielt es Pilgram
hin. »Da läsen Se's -- und sagen Se, ob so was meeglich is -- so eene
Gemeinheit --!«
Jucunda hatte sich beim Klang der Stimme ihrer Mutter aufgerichtet ...
nun tupfte sie rasch mit dem nassen Tüchlein die Tränen von den
glühenden Augen, ordnete das wirre Haar und verfolgte mit gierigen
Blicken Valentins Gesichtsausdruck, während er das Briefchen durchflog
...
Valentin Pilgram las ... und eine dunkle Zornesflamme schlug über sein
feierliches Gesicht.
»Halunken!« knurrte er.
Er las weiter -- nun wendete er das Blatt und sah nach der Unterschrift
... und plötzlich wurden seine Züge ganz starr, und seine Hände ballten
sich zur Faust. Dann las er zu Ende ... ließ das Blatt sinken und
starrte die Schauspielerin an mit Augen, in denen Schreck, fassungs- und
ratlose Bestürzung stand.
»Sie ... kennen, scheint's, die Herren --?« fragte die Kanzleirätin.
»Es scheint, fast -- ja ... entsetzlich fatal ...«
»Am Ende gar -- Korpsbrüder von Ihnen --?«
»Hm -- wenn's richtige Korpsbrüder von mir wären -- denen wollt ich die
Flötentöne schon beibringen!! -- aber so ...«
»Aber -- Sie kennen die Absender?«
»Ich ... fürchte ... ich kenn' sie ... von Dillingen ... von Gorczynski
...« Und mit heftig stammelnden Worten erklärte er den Damen, wer es
sei, den er hinter diesen Namen vermuten müsse ... und in wie naher
Beziehung diese Herren zu seinem Korps, zu ihm selbst standen ...
»Da sehen Sie's!« sagte Jucunda. »Ein Erbprinz! Ein Fürst! das muß man
eben einstecken ... nicht mal verklagen kann man so 'n großes Tier --
sonst engagiert einen kein Hoftheater mehr ... ganz wehrlos und
schutzlos ist man ...«
Und wiederum flossen die Tränen über das weiße, herrische Gesicht ...
und auch die Mutter, vom herzbrechenden Weinen der Tochter angesteckt,
schluchzte nun los. Um die Wette weinten die Frauen.
Es arbeitete heftig in Valentin Pilgrams festem, offenem Gesicht.
»Nein,« sagte er plötzlich hart und stand mit einem Ruck auf.
»Schutzlos? Das sind Sie nicht. Guten Morgen, meine Damen.«
»Wohin, Herr Pilgram? Was haben Sie denn? Was ist Ihnen?« rief Jucunda
und hielt den Studenten am Aermel seines Bratenrockes fest.
»Ich werde Ihnen Genugtuung verschaffen!«
»Sie -- mir? Nein, Herr Pilgram, das ... das geht nicht ... Sie werden
ja die entsetzlichsten Unannehmlichkeiten haben ... werden sich
womöglich gar um meinetwillen -- nein, das will ich nicht -- das sollen
Sie nicht, Herr Pilgram!«
»Nee, nee, Herr Pilgram!« sprudelte auch die Frau Kanzleirätin, »das
dürfen Se nich machen! Das kenn' wir ja gar nich von Ihn' verlangen! Das
dürfen wir ja gar nich von Ihn' annähm'!«
»Seien Sie ohne Sorge meinetwegen!« sagte Valentin und reckte sich zu
seiner ganzen Länge. »Ich bin Manns genug, so eine Affäre standesgemäß
zu erledigen.«
»Nein, Herr Pilgram, das dulde ich unter keinen Umständen! Wie kämen Sie
denn dazu, sich für mich ... ich bitte Sie, was gehe ich Sie denn
überhaupt an?«
Da sah der Student das schöne Mädchen mit einem Blick an, vor dem sie
die Augen niederschlagen mußte in Schreck und stolzem Machtgefühl
zugleich. Gott, war das entsetzlich ... war das berauschend schön ...
was sie da so jäh, so unerwartet erlebte ...
»Erinnern sie sich noch an ... gestern abend?« sagte der Jüngling. »Was
Sie mir da versprochen haben?«
»Ach ... das war so leichtsinnig daher geredet ...«
»Von =mir= nicht!«
Ach ... wie süß das war ... dies Bewußtsein, daß ein Starker, ein Kühner
sich einsetzt für dich ...
Aber nein ... das durfte nicht sein ... mit Blitzesschnelle flogen die
Bilder von hundert schrecklichen Möglichkeiten an ihrem Geiste vorbei.
Er war doch wohl Jurist -- seine Karriere würde er sich ruinieren --
sein Examen zunächst ... und wer weiß -- zwar Prinzen -- die schlugen
sich ja wohl nicht -- aber der Major ... ein Offizier ... ein Duell ...
Himmel, und der junge Mensch hatte ja doch Eltern daheim ... und
schließlich -- auch sie selber konnte eigentlich keinen Skandal
gebrauchen ... was wohl Franz Burg dazu sagen würde ... und ihr
gnädiger, gütiger Herr daheim in Meiningen ...
»Herr Pilgram -- das darf nicht sein! Ich bitte Sie, wenn Sie wüßten,
wie oft unsereine so etwas erleben muß -- wenn man da jedesmal Krach
machen wollte! Die Herren haben's ja wahrscheinlich gar nicht so schlimm
gemeint -- haben sich wohl gar nichts dabei gedacht --«
»Sie haben ... weinen müssen ...« sagte Valentin Pilgram durch die Zähne
... »das sollen sie mir bezahlen ... die zwei.«
Und mit sanftem Druck machte er die große, schlanke Hand los, die seinen
Rockärmel noch immer gefaßt hielt, küßte sie ehrerbietig und ging zur
Tür.
»Ach -- die dummen Tränen --« rief Jucunda -- »das macht nichts, die
sitzen einem Mädchen ja so lose ... sehen Sie, ich lache ja schon wieder
... ich lache ja doch --«
Und sieh: da liefen ihr wirklich aufs neue die heißen, hellen Tropfen
über die glühenden Backen ... sie schluchzte wie ein Kind:
»Ich will aber doch nicht -- Sie sollen nicht, Herr Pilgram --!«
Der war schon aus der Tür, schritt in seine Bude hinüber, riß die neuste
grüne Mütze vom Nagel und stülpte sie auf den Schädel. Nahm sein
silberbeschlagenes spanisches Rohr und ging zum Flur ... klinkte mit
hartem Ruck die Pforte auf und stieg mit hallenden Tritten die Treppen
hinab. Aus der steinumschnörkelten Pforte des altersgeschwärzten
Barockhauses trat er auf die belebte Katharinenstraße, ging den Markt
hinunter am Ladengewimmel des Rathausparterres vorbei und stolzierte
grimmigen Schrittes die Grimm'sche hinab.
Und dabei sann er, was zu tun. Also jetzt werde ich die beiden Burschen
ankontrahieren müssen -- nicht auf Pistolen, bah! Vor die Klinge sollen
sie mir, vor die krumme! Freilich, der Prinz wird sich wohl hinter seine
Hausgesetze verkriechen und mir einen Ersatzmann präsentieren ... aber
der Major, dieser aalglatte Streber -- der muß 'ran! Hat ja auch wohl
jedenfalls den saubern Wisch verfaßt -- denn des Prinzen kindliche Pfote
war das nicht, die kenn' ich doch! Na, und dann wollen wir dem mal
zeigen, was 'ne Prim ist!
Hm ... aber ... wie stellt sich das Korps dazu? Der Prinz ist
Konkneipant unseres Bundes, trägt offiziell seine Farben ... also ...
ich werde austreten müssen ... und nicht nur _pro forma_, denn sie
können mir ... nach dem Skandal können sie mir niemals das Band
zurückgeben ...
Teufel auch, da hab' ich mir ja eine schöne Suppe eingerührt ...
Aber was kann das helfen ... Ritterpflicht ist Ritterpflicht ... kein
Mädchen, und wär's zehnmal eine Komödiantin -- keine soll klagen, daß
ihre Ehre schutzlos sei, solange Valentin Pilgram noch eine Klinge
führen kann ... Hatte er sich nicht ihrem Dienste gelobt -- gestern
abend? Und wie rasch war das nun gekommen, daß dies Gelöbnis ihn zu
Taten rief!
Geld hatte man ihr zu bieten gewagt ... ihr, die ganz Deutschland
vergötterte ... ihr, die vor seinen Augen dastand in so stolzer
Reinheit, wie eine Heilige ... die hatte man kaufen wollen wie eine ...
wie eine aus den dunklen Gäßchen der Stadt, durch die am hellsten Tage
niemand gehen mochte --?! Das forderte Blut -- nur mit Blut war das zu
sühnen --!
Aber ... du selber, Valentin Pilgram --?
Hm ... ist das nun nicht eigentlich doch ein Narrenstreich? Hat sie
nicht doch recht gehabt, als sie sagte: was geh' ich Sie an --?!
O Valentin Pilgram, Rechtskandidat im achten Semester -- greif' in deine
Brust und frage dich: geht sie dich an -- diese -- diese da?!
Ja -- wenn eine in der Welt, dann geht diese da dich an ... denn,
Valentin Pilgram, so närrisch das auch klingen mag ... Du bist ...
diesem Mädchen bist du verfallen seit dem Augenblick, als sie durch die
Gasse des jauchzenden Volkes vor Karl den Siebenten trat ... und
zugleich in dein Leben, Valentin Pilgram, schicksalsgewaltig ... für
immer -- für alle deine Tage --!
Nun lag vor dem Schreitenden, herbstsonnenübergoldet, der Augustusplatz:
zur Rechten flimmerten die Wasser des Mendebrunnens, reckte sich die
finsterblinkende Front des Museums; zur Linken stieg in heiterer Anmut
der köstliche Bau des Neuen Theaters ins duftige Blau. Dorthin strebte
Franconias Senior, denn er wußte zu dieser Stunde das Korps im
Restaurant auf der Theaterterrasse zum Frühschoppen versammelt. Vor ihm
wanderte noch eine andere grüne Mütze: Pilgram ließ den Frankenpfiff
schallen: da fuhr der Kopf unter der grünen Fuchsmütze herum:
»Ah ... Pilgram --«
Ehrerbietig zog das blonde Füchschen vor dem gestrengen Ersten den
Deckel und sprang heran.
»Also, Hartwig, geh' zum Frühschoppen und sage dem Fuchsmajor, er möge
sofort die Korpsburschen zum außerordentlichen Korpskonvent
zusammenbitten! Ich erwarte die Herren im Flügelzimmer des Restaurants
-- verstanden?«
»Gewiß, gewiß, Pilgram -- ich laufe ...«
Und vom muntern Frühtrunk weg, von der sonnüberglühten Terrasse, wo bei
rauschender Musik die Korps ihren offiziellen Frühschoppen hielten
inmitten neugierig beobachtender Fremden, verschwand ein wohllöblicher
C. C. der Franconia unter dem Rundbogen, der zum inneren Lokal führte,
und versammelte sich in einem kühlen, abseitigen Gastzimmer zum Konvent
-- gespannt, was diese unerwartete Ladung zu bedeuten haben möge.
Die Franken waren's gewohnt, daß ein Ausdruck beklemmender Feierlichkeit
sich über das hagere Gesicht ihres Ersten legte, wenn er den
Korpskonvent eröffnete: aber so ... so unheimlich offiziell hatten sie
ihn doch noch niemals gesehen.
»Ich habe dem C. C. von einer persönlichen Angelegenheit Mitteilung zu
machen, die -- zu meinem größten Bedauern -- mich in einen Widerspruch
mit den Interessen des Korps bringt. Unser Konkneipant, Seine
Durchlaucht der Erbprinz, und dessen Begleiter Major v. Gorczynski haben
sich einer schweren Beleidigung gegen eine Dame schuldig gemacht. Diese
Dame ... diese Dame steht unter meinem Schutze ... und deshalb sehe ich
mich genötigt, diesen Herren eine schwere Forderung zu übersenden. Ich
kann natürlich nicht erwarten, daß das Korps den Erbprinzen zur
Verantwortung zieht ... und deshalb bleibt mir nichts übrig, als den
C. C. zu bitten, mir die Entlassung ohne Farben zu gewähren, damit ich
den Ehrenhandel mit einem Herrn, der offiziell zu den Angehörigen des
Korps zählt, zum Austrag bringen kann. Wünscht jemand zu meinem Antrage
das Wort?«
In stummer Verblüffung hatten die jungen Herren den Vortrag ihres
Häuptlings angehört -- angesteckt von seiner Erregung, seinem fiebernden
Ernst. Nun baten fast sämtliche Korpsburschen ums Wort und verlangten
nähere Erklärungen. Man fragte, wie es möglich sein könne, daß der junge
Prinz mit einer Dame, welche der nächsten Verwandtschaft ihres
Korpsbruders angehörte -- denn nur um eine solche Dame konnte es sich
doch handeln -- überhaupt in Berührung gekommen sein könne?
»Die Dame, für die ich einzutreten habe, ist keine Verwandte von mir ...
es handelt sich um ein junges Mädchen, das außer seinem Vater, einem
älteren, gebrechlichen Herrn, keinen männlichen Schutz zur Seite hat --
und für das einzutreten mir deshalb als die Pflicht eines Ehrenmannes
erscheint, zumal diese junge Dame zugleich eine berühmte und gefeierte
Künstlerin ist ... es handelt sich um die herzoglich meiningische
Hofschauspielerin Jucunda Buchner.«
Ein unwillkürlicher Laut des Staunens, der tiefsten Ueberraschung
entfuhr jedem der jungen Herren. Keiner konnte sich den Zusammenhang
erklären ... wußte doch außer Hans Thumser noch nicht ein einziger von
ihnen, daß ihr Erster, der notorische Verächter alles dessen, was Kunst
und Künstler hieß, überhaupt gestern abend bei den »Meiningern« gewesen
war ...
»Ich bitt' ums Wort!« rief Ivo Volkner, der temperamentvolle
Rheinländer, und als der Erste dem Konvent Silentium für Volkner
anbefohlen: »Ja, lieber Pilgram -- ohne uns in Deine persönlichen
Angelegenheiten hineinmischen zu wollen -- aber Deine Erklärungen sind
doch für uns alle dermaßen -- überraschend, daß wir doch wohl um etwas
genauere Auskunft bitten müssen ... was ist der ... jungen Dame ... denn
eigentlich passiert ... und wie kommst Du -- gerade Du dazu, Dich zu
ihrem Ritter aufzuwerfen?«
»Ich will ... zuerst diese letzte Frage beantworten. Oder vielmehr nicht
beantworten. Liebe Korpsbrüder, Ihr kennt mich und wißt: ich weiß im
allgemeinen, was ich tue ... Und wenn ich Euch sage, das, was ich zu tun
vorhabe, das muß sein -- na, dann darf ich vielleicht von Euch erwarten,
daß Ihr mir das glaubt. Hab' ich recht?«
Allgemeines Gemurmel der Zustimmung.
»Also noch einmal: ich halte mich für verpflichtet, für die Dame
einzutreten ... und bitte den C. C. ... von einer näheren Darlegung
meiner Motive ... Abstand zu nehmen.«
Volkner bat ums Wort und fragte:
»Ohne weiter in Dich dringen zu wollen, Pilgram: wir hören doch alle in
diesem Augenblick zum ersten Male, daß Du die Dame überhaupt kennst.
Sollten wir dann nicht wenigstens erfahren, wann und ... unter welchen
Umständen Du ... ihr denn eigentlich dermaßen nähergetreten bist, daß Du
-- hm! daß Du nun dermaßen für sie in die Verlängerung springen willst?«
»Das kann ich Euch mitteilen ... aber zur Erklärung meiner ... meines
Entschlusses wird's Euch wenig nützen ... ich muß da schon an ... an
Euer korpsbrüderliches Vertrauen appellieren ... ich kenne Fräulein
Buchner erst seit gestern abend ... sie ist die einzige Tochter des
Kanzleirats Buchner ... bei dem ich zur Miete wohne.«
»Also sozusagen -- _filia hospitalis_!« sagte Volkner, und ein kurzes,
verständnisvolles Schmunzeln ging über die erregten Gesichter der
Korpsbrüder.
»Nun, ich denke, ich habe Euch zu diesem Punkte mitgeteilt, was ... was
sich irgend mitteilen läßt. Und zweitens -- was wolltest Du ferner noch
wissen, Volkner?«
»Ja -- was denn der Erbprinz eigentlich gemacht hat ...«
»Er hat sie durch seinen Begleiter zum Souper einladen lassen -- na, das
möchte ja allenfalls gehen ... aber er hat dieser Einladung dadurch
einen nicht mißzuverstehenden Charakter gegeben -- daß er ... daß er
zwei Hundertmarkscheine beigefügt hat ...«
Das Lächeln, das bei Erwähnung der Soupereinladung um die Lippen der
jungen Herren aufgezuckt hatte, erlosch ... Rufe wurden laut:
»Geschmacklosigkeit!«
»Donnerwetter, der geht aber aufs Ganze!«
»Na ja -- ein Förscht -- der denkt eben, er braucht bloß auf'n Knopp zu
drücken ...«
»Ich denke, liebe Korpsbrüder, Ihr seht ein, daß eine solche infame
Beleidigung -- einem anständigen Mädchen gegenüber -- Fräulein Buchner
=ist= ein anständiges Mädchen, und wenn sie zehnmal eine Komödiantin ist
-- was sagst Du, Thumser? Du kennst sie ja auch?«
Hans Thumser hatte mit einem wahren Toben der Gefühle die Verhandlung
verfolgt, ohne selbst das Wort zu nehmen. Mein Gott, wie war aus dem
strahlenden Spiel von gestern so rasch ein grotesker, tragikomisch
grinsender Ernst geworden! Und was war doch dieser offizielle,
banausische Pilgram für ein Prachtkerl, daß er sich für ein jählings
erwachtes Gefühl gleich so ganz und rückhaltlos in die Schanze warf!
Ach, und du, Hans Thumser? was soll denn heut nachmittag werden? Mit was
für Träumen, was für Begehrnissen, Hans Thumser, trägst du dich?!
»Ein anständiges Mädchen?« rief er zur Antwort auf die Frage des Ersten.
»Eine Königin ist sie ... eine Göttin ... Pilgram, ich beneide Dich um
das Glück, für sie vom Leder ziehen zu dürfen!«
»So überschwenglich brauchen wir das gar nicht mal auszudrücken,« sagte
der Erste. »Aber ein anständiges Mädchen ist sie ... und da ich nun mal
zufällig das Pech oder ... das Glück habe, mit ihr unter einem Dache zu
wohnen ... und der erste honorige Mensch zu sein, dem sie sich
anvertraut hat ... so bleibt ja wohl nichts andres übrig, als die
Konsequenzen zu ziehen ...«
Bei diesen so nüchtern klingenden Worten schwoll's in all den jungen
Burschenherzen. Es war der romantische Glanz, der diese Tat ihres
Korpsbruders, ihres Führers, umwob, der ihnen allen Sinne und Urteil
blendete. Wenn auch der Idealismus, den das Gymnasium in ihnen erzogen,
durch die Formen blasierten, kaltschnäuzigen Lebemannstums verdeckt, ja
stellenweise überwuchert sein mochte -- noch lebte in ihnen allen etwas
von dem Adelsgeiste, unter dessen Herrschaft ihre ganze Jugend, die
Formung ihrer Seelen gestanden ... Wohl stieg in manchem von ihnen das
Gefühl auf, als hätte sich doch am Ende ein Kompromiß finden lassen ...
noch bedächtigere Seelen bedachten gar insgeheim, daß eine solche
Katastrophe, auch wenn Pilgram vorher offiziell aus dem Korps
ausschiede, doch nicht ohne Folgen für die Beziehungen des Korps zu dem
Erbprinzen und damit vielleicht überhaupt zu den deutschen Fürstensöhnen
bleiben könne ... In weiter Ferne dämmerte gar hie und da etwas wie der
Gedanke an verpfuschte Karriere, verspielte Zukunftsaussichten ... aber:
»Wer die Folgen ängstlich zuvor erwägt,
Der beugt sich, wo man die Tiefquart schlägt --
Frei ist der Bursch!«
-- das galt auch heute noch, das galt, das sang man nicht nur, so
handelte man auch -- hol's der Teufel!
Einstimmig ging Pilgrams Antrag durch, ihm die ehrenvolle Entlassung
ohne Band zu erteilen ... Aber durch jedes Herz ging's wie ein schriller
Riß, als nun Valentin Pilgram stumm das grün-gold-rote Band von der
Brust zog, es stumm auf die Mütze legte, die auf dem Tische lag, sich
mit schweigendem Händedruck von den ... ehemaligen Korpsbrüdern
verabschiedete ... und, mit einem Handwink im Kreise, an ihnen
vorüberschritt ...
Er ging durch den Schenkraum des Theaterrestaurants, schritt barhaupt
quer über den Augustusplatz, kaufte sich in der Passage für seinen
letzten Taler (Gott sei Dank, morgen ist der Erste!) einen einigermaßen
schäbigen Filzhut und kehrte dann zur Theaterterrasse zurück. Grüßend
schritt er am Frankentisch vorbei, wo die harrenden Füchse in stummer
Verwunderung ihre Mützen zogen, lüftete flüchtig den Hut zu den Tischen
der übrigen Korps und trat auf den Neo-Borussentisch zu, an dessen
Spitze der Erste, Herr Borgmann, mit dem gewohnten süffisanten Lächeln
präsidierte.
»Herr Borgmann -- kann ich Sie einen Moment sprechen?«
»Mit dem größten Vergnügen, Herr Pilgram ...«
Die beiden jungen Herren traten abseits an den Rand der Terrasse, von
der der Blick hinschweifte zum zitternden Spiegel des Schwanenteiches,
auf das braune, rieselnde Laub der Anlagen auf dem alten
Umwallungsgebiet.
»Zunächst gestatte ich mir, Ihnen anzuzeigen, daß ich aus dem Korps
Franconia ausgeschieden bin ...«
»Herr Pilgram --!«
»Sie werden den Grund sogleich erraten: Ich bitte einen wohllöblichen
C. C. der Neo-Borussia um Waffenschutz und zugleich Sie persönlich um
die große Liebenswürdigkeit, Seiner Durchlaucht dem Erbprinzen von
Nassau-Dillingen und Herrn Major von Gorczynski je eine Forderung auf
schwere Säbel ohne Binden und Bandagen auf fünfundzwanzig Minuten bis
zur Abfuhr zu überbringen.«
In ratloser Verblüffung waren Mutter und Tochter zurückgeblieben, als
ihr Student sich so unerwartet und kategorisch zu Jucundas Ritter
aufgeworfen. Nun sie allein waren, wich die erste Rührung und
Ergriffenheit bald einem kaltblütigen Erwägen.
»Das gibt weeß Knebbchen än richt'gen Schkandal!« platzte Mutter Doris
heraus. »Gucke, das hast Du nu davon, daß Du Dich so hast vergessen
kenn'! Schließlich -- so gefährlich war doch am Ende die ganze
Geschichte nu nich! Man hätte den Herrn ihr Geld einfach sollen
wiederschicken -- mit Abzug von's Porto nadierlich -- un den Korb zum
Gärtner zurück, un all's war in Ordnung! Statt dem wird der nun hingehn
und wird'n fordern, den Erbprinz, un der Krach is fertig! Un
schließlich, was wer'n die Leite sagen? Die Buchner hat's mit ä
Studenten, wer'n se sagen!«
Eine Flut von wirren Gedanken wirbelte durch Jucundas Hirn. Da
war so unendlich Vieles, was beglückte, erregte, schmeichelte,
stachelte, berauschte! Welch eine Macht ging von ihr aus -- trieb den
langen Jungen, einen Sohn aus gutem Hause, den Ersten Chargierten
des ältesten und angesehensten Korps in Leipzig -- sie war ihren
Kindheitserinnerungen noch nahe genug, fühlte sich noch immer als
Tochter eines Hauses, das jahraus, jahrein nur Korpsstudenten
beherbergte -- wußte das als eine Ehre zu schätzen ... ihn trieb sie in
tolle, aberwitzige Abenteuer, diese unheimliche Macht, die von ihr
ausging ... Achtzehn Jahre, und schon der Mittelpunkt von Tragödien und
Katastrophen ...
Aber da war noch eine andere Stimme: die Stimme der kalt rechnenden
Vernunft, die Stimme der kleinbürgerlichen Gerissenheit, die das früh
gewitzigte Töchterchen einer engbegrenzten Spießerwelt auf ihrem Anstieg
in lichte Höhen des Daseins bisher so sicher geleitet hatte: die warnte
vor dem Skandal ... mahnte zur Ruhe, zur Vorsicht ...
»Wenn ich nur wüßte, was Hoheit in Meiningen zu so einer Geschichte
sagen würde ...«
»Nu, ich glaub' nich, daß der gnädigste Herr sähre entzickt mechte sinn,
wenn's Geschichten gibt wegen en Prinzen aus fürstlichem Hause ...«
meinte die Mutter.
Jucunda sann, an wen sie sich wohl um Rat wenden könnte. Franz Burg!
schoß es ihr durch den Sinn. Der wackere, selbstlose Freund und Förderer
hätte es wohl verdient, daß sie sich überhaupt zuerst an ihn gewandt
hätte ... Und das hätte sie ja auch sicherlich getan, wenn nicht ihre
Nerven, noch nachzitternd von den gestrigen Fiebern, ihr den Streich mit
dem Weinkrampf gespielt hätten ... ja, und da war's eben alles so von
selbst gekommen, das Andre, das Unwahrscheinliche, das süß Berauschende
und Erschreckende ...
Mutter Doris war natürlich sehr einverstanden ... Und alsbald war
Jucunda auf dem Wege zu Franz Burg ... wie sie immer zu Franz Burg
gegangen war, wenn sie nicht mehr aus noch ein wußte ... es gingen
sehr viele Menschen zu Franz Burg, wenn sie nicht mehr aus noch ein
wußten ...
Ach, wie ging sie gern zu Franz Burg! Erstens war es ein behagliches
Bewußtsein, daß er verheiratet war -- sehr glücklich verheiratet.
Zweitens war's ein sehr behagliches Bewußtsein, daß -- nun daß er
trotzdem heftig für sie schwärmte -- so was merkt man doch, nicht wahr?
-- daß sich hinter seiner trockenen, reservierten Freundschaft eine
Empfindung versteckte, die gewaltsam gebändigt werden mußte ...
Gott, ist das entzückend, so zu fühlen, zu wissen, daß man wie eine
allvergötterte Königin durchs Leben schreitet ... Ihr fiel ein, daß sie
einmal von den Indianern gelesen hatte, sie sammelten die Skalpe ihrer
erlegten Feinde ... O Jucunda -- wenn du die Skalpe deiner zur Strecke
gebrachten Verehrer sammeln würdest ... was für ein Museum käme da
zusammen!
So sann Jucunda, während sie hastig die Petersstraße hinabschritt, den
Weg, den man sie gestern im Triumphzug heimwärtsgeführt ... Unter dem
Torweg kaufte sie sich die Morgenzeitungen, außer dem Tageblatt, das
sie daheim zum Frühstück schon verschlungen, und las die Kritiken ...
eitel Hosianna über den ganzen Abend, und sie natürlich der Mittelpunkt
... und hier ein Bericht über ihre Heimkehr, feuilletonistisch
zurechtgestutzt -- brav so, brav, na ja, so was macht eine bildschöne
Reklame, das darf öfter passieren!
Erst während sie die Anlagen am Roßplatz kreuzte, den Königsplatz
überschritt, kam ihr wieder in den Sinn, weshalb sie sich eigentlich
heut morgen zum Theater aufgemacht hatte, wo sie doch auf Rechnung
der gestrigen Strapaze von der Probe dispensiert war. Nein, dieser
gute Pilgram -- so ein Starrschädel! Eigentlich rührend ... und doch
ein bißchen zum Lachen, daß er sich ihretwegen ... des lumpigen Billetts
wegen, das doch wahrhaftig nicht das erste gewesen war und auch nicht
das letzte sein würde ... daß er sich deswegen mit Tod und Teufel
schlagen wollte -- sich sein Leben verpfuschen reineweg! Also solche
Männer gab es doch auch ... eigentlich eine Wohltat, wenn man so
inmitten dieses marklosen, irrlichtelierenden, an großen Worten sich
betrinkenden und vor jeder Tat mit eingekniffenem Schwanz abseits
schleichenden Künstlervolks lebte ... Franz Burg war ja eine Ausnahme
... aber ob er sich ihretwegen auch nur einem Schnupfen ausgesetzt
hätte statt einer Degenklinge -- das bezweifelte Jucunda denn doch
eigentlich ...
Da war das Carolatheater ... Jucunda schritt durch den Eingang,
überquerte das schmale Höfchen, den Kassenflur, in dem sich bereits
wieder das Publikum um die Abendplätze prügelte -- Gott, wie wird Hoheit
sich über die Kassenrapporte freuen! -- schlüpfte durch die knarrende
Eisentür in den Bühnenumgang und horchte am Pförtchen, das zur Bühne
führte. Burg arrangierte eben das »Lager« ...
»Kinder,« hörte sie seine Stimme, »faßt Eure Kriegsknechte man recht
feste um 'n Hals -- Ihr seid jetzt keine höheren Töchter mehr, Ihr seid
Lagerdirnen des Friedländers, die hatten etwas weniger etepetetige
Umgangsformen als die Leipzigerinnen von 1888! Und wenn's aus Versehen
mal 'nen handfesten Kuß absetzt -- na, für die Kunst muß man eben Opfer
bringen können!«
Ja -- das konnte natürlich bis zur Erschlaffung so weitergehen ... und
dabei war doch Eile not ... Es half nichts, sie mußte unterbrechen ...
obschon sie wußte, daß er das auf den Tod nicht leiden konnte ... Sie
trat in den halbdunklen Bühnenraum, den nur die offenen Gasflammen der
Proberampe matt erhellten. Da stand Franz Burg neben dem Regietisch,
umringt von der andächtig lauschenden Schar des »Volkes«.
»Suchen Sie mich, Buchner?«
»Wenn Sie einen Moment Zeit für mich hätten, Meister ... es ist dringend
...«
Jucunda störte nicht ohne Grund -- dafür kannte er sie. Aber allzu
gnädig klang es nicht, wie er drinnen im Konversationszimmer ein kurzes
»Also los!« hervorstieß.
Und Jucunda berichtete. Ausführlich entschuldigte sie sich, daß sie sich
nicht zuerst an ihn gewandt ... ließ deutlich durchblicken, daß ihr die
ganze Geschichte nur so über den Kopf gekommen ...
Ein sardonisches Schmunzeln zog über's ausgearbeitete Gesicht des
Oberregisseurs, in seinen dunklen, tiefliegenden Augen tanzten tausend
Teufelchen.
»Un wat sall ick dorbi dauhn?«
»Helfen sollen Sie, lieber Freund! Das darf doch nicht geschehen!«
»Ganz im Gegenteil, Kindchen -- einer von den dreien muß auf der Strecke
bleiben -- noch besser alle! Die Schädel sollen sie sich spalten --
einander auffressen wie die beiden Löwen in dem berühmten Liede:
Zwei Löwen gingen einst selband
In einem Wald spazoren,
Und haben da, von Wut entbrannt,
Einander aufgezohren!«
»Das -- kann Ihr Ernst nicht sein!«
»Aber blutiger! Was liegt an einem Rechtskandidaten, einem Erbprinzen,
einem Stabsoffizier! Hin müssen sie allesamt werden, damit Jucunda
Buchner im Triumph über ihren Leichnamen zum Tempel des Ruhms
emporwandelt!«
»Ach -- mir ist wirklich nicht nach Späßen zumut!«
»Denken Sie, mir?! Merken Sie nicht, Kindchen: alles, was nicht zum Bau
gehört, ist Publikum, das heißt, einzig und allein dazu da, uns zu
bewundern, zu feiern, zu erhöhen ... Gestern abend haben sie Ihnen die
Pferde ausgespannt und Sie im Wagen nach Hause gezogen: geben Sie mal
acht, wenn Ihr Student und Ihr Erbprinz sich Ihretwegen gegenseitig
aufgespießt haben -- was die Leute dann erst mit Ihnen aufstecken! Auf
Händen werden Sie dann nach Hause getragen!«
»Und ... was wird Hoheit zu der Geschichte sagen?«
»Hm ... Hoheit ...« Burg sann einen Augenblick nach. Allerdings, das war
zu erwägen ... An Hoheit durfte so eine kindische Affäre natürlich nicht
herankommen ...
Aber ... würde es denn überhaupt eine Affäre werden? Franz Burg kannte
die Welt und wußte, daß in ihr nichts so heiß gegessen wird, wie
jugendlicher Ueberschwang es kochen möchte ...
»Na ... so weit sind wir ja noch lange nicht!« lachte er. »Vorläufig
wollen wir mal ruhig zusehen, wie das Rummelchen sich historisch
entwickelt ... Is ja ganz nett, auch mal Zuschauer spielen zu dürfen!
So, und nun muß ich wieder Affen dressieren -- komm her, Langbeinchen,
gib mir 'n Kuß!«
Als Jucunda auf der Straße stand, sah sie ihre Kollegin Thöny drüben in
einem Fenster des ersten Stockes liegen. Sie winkte ihr zu.
»Was haben Sie denn da drinnen gemacht, Buchner? Kommen Sie 'nauf, wir
schwatzen ein bissel!«
Die beiden Rivalinnen kamen rasch ins Gespräch. Plötzlich fiel's Jucunda
ein, daß ihre Mutter daheim mit dem Mittagessen wartete: Na, dem ließ
sich abhelfen -- es war nicht alle Tage so nett -- nicht alle Tage
vertrug man sich so gut mit seinen Kolleginnen -- das mußte man
auskosten. Sie pfiff sich einen barfüßigen Jungen von der Straße herauf
und schickte ihn mit einem Markstück und einem Stadttelegramm zum
nächsten Postamt.
»Muß probieren, nicht zum Essen erwarten. Jucunda.«
Die Mädchen teilten das frugale Mittagsmahl, das Mutter Ach ihrer
Pensionärin gekocht hatte, und schwatzten, küßten sich, schworen sich
ewige Freundschaft ... und Asta Thöny hatte ganz vergessen, daß sie noch
heut nacht so heiß geweint hatte, weil man Jucunda Buchner die Pferde
ausgespannt hatte und ihr nicht ...
Und Jucunda Buchner dachte nicht mit einem Sterbensgedanken mehr daran,
daß um ihretwillen ein junger, wackerer Gesell im Begriff war, seine
Zukunft und sein Leben auf ein tolles Spiel zu setzen ...
Erbprinz Heribert und sein Mentor waren beim Dessert ... Zwei junge
Leutnants vom hundertsiebenten Regiment, Söhne verarmter
Nassau-Dillingenscher Adelsfamilien, deren alte Herren nur
Infanteriezulage erschwingen konnten, waren zu Tische geladen. Man trank
Pommery und beklatschte Hofskandäler der benachbarten Fürstenhöfe -- da
wurde in dringlicher, persönlicher Angelegenheit Herr Studiosus Borgmann
Neo-Borussiae gemeldet.
»Hm ... dringliche, persönliche Angelegenheit? Also bitte ins
Empfangszimmer ... Entschuldigen Sie mich einen Augenblick, meine
Herren ...«
Sporenklirrend ging der Prinz -- den militärischen Gästen zu Ehren war
er heut in der Uniform seiner Sophiendragoner -- in den Salon hinüber,
dessen konventionelle Hoteleleganz durch ein paar erlesene Stücke aus
dem erbprinzlichen Schloß Beauregard eine Art persönliche Note empfangen
hatte.
Herr Borgmann verneigte sich tief. Unter seiner schwarzen Kompresse
waren Stirn und Nase erblaßt vor feierlicher Erregung.
»Durchlaucht ... ich bedaure unendlich ... furchtbar peinliche Mission
...«
»Darf ich bitten, Platz zu nehmen?«
Stotternd entledigte sich Herr Borgmann seines Auftrages.
»Hören Sie mal, mein Verehrtester -- das ist ein Witz ... aber ein
fader!« sagte der Erbprinz. »Einen Augenblick ... ich werde Herrn von
Gorczynski rufen lassen, der ist ebenfalls beteiligt ...«
Er klingelte und befahl, den Major zu bitten.
»Nehmen Sie mir die Frage nicht übel, Herr Borgmann -- ist bei Ihrem
Herrn Auftraggeber vielleicht eine Schraube los?«
»Ich bedaure, als Kartellträger eine Kritik an dem Inhalt meines
Auftrages ... weder selbst ausüben noch ... entgegennehmen zu dürfen
...«
»Sehr korrekt!« lobte der Erbprinz. »Sie haben ganz recht -- verzeihen
Sie. Aber ich bin einstweilen dermaßen baff ... So was hab' ich denn
doch nicht für möglich gehalten.«
Und zu dem eintretenden Major mit einem boshaften Schmunzeln:
»Nun sagen Sie mal, mein Verehrtester -- was haben Sie uns da denn
eigentlich eingebrockt? Wir werden gefordert! Wir sollen uns prügeln --
weil wir den perversen Wunsch geäußert haben, mit der Jungfrau von
Orleans zu soupieren!«
Der Major begriff nicht -- mußte erst völlig aufgeklärt werden -- und
dann platzte er hell heraus ... Der Prinz stimmte ein, auch Borgmann
glaubte aus schuldiger Höflichkeit mitlachen zu müssen ...
»In der Tat, die Sache ist zum Wälzen,« sagte der Prinz -- »aber Teufel
auch, wie bringen wir diesen rabiaten Burschen, den guten Pilgram, zur
Ruhe? Wie die ganze verfahrene Karre wieder ins Gleis? Ich danke für
einen Skandal ... die Sache muß unbedingt in aller Stille arrangiert
werden.«
»Durchlaucht,« sagte der Major, »ich bin natürlich schuld. Ich habe
unsre ... hm, hm ... unsre vollkommen harmlose Soupereinladung scheinbar
doch ein bißchen zu herausfordernd stilisiert ... ich übernehme
selbstverständlich jede Verantwortung. Zunächst werde ich zu Fräulein
Buchner hinfahren, mich als den Schreiber des ... verhängnisvollen
Zettels bekennen ... und für mich, als den allein schuldigen Teil -- die
Verzeihung dieser ... nun der jungen Dame erbitten. Damit dürfte dann
wohl die Angelegenheit vollkommen erledigt sein -- nicht wahr, Herr
Borgmann?«
»Hm ... ich will's hoffen,« meinte Herr Borgmann etwas kleinlaut. »Wenn
ich den Fall richtig taxiere, ist mein Herr Auftraggeber in ... na, in
gewissen ... heiligen ... Gefühlen gekränkt ... die bei etwas
temperamentvollen jungen Leuten leicht eine ... etwas explosive Form
annehmen ...«
»Ach so -- Koller nennt man das ja wohl,« näselte der Erbprinz. »Ja ...
aber wenn ein solcher -- hm ... pathologischer Zustand gemeingefährlich
wird, dann muß eben eine Radikalkur versucht werden. Aeh -- die Sache
ödet mich ... Ich wünsche, lieber Herr von Gorczynski, daß Sie die
Angelegenheit völlig ins Reine bringen, verstehen Sie mich?«
»Gewiß, gewiß, Durchlaucht, ich werde es an nichts fehlen lassen ...«
hastete der Major beflissen.
»Und Sie, Herr Borgmann? Ich rechne auf Ihre Mitwirkung zu einer absolut
geräuschlosen Beilegung!«
»Durchlaucht wollen versichert sein, daß ich mein möglichstes tun
werde!«
Mit kurzer Verneigung schritt der Prinz an den beiden Herren vorüber und
überließ sie ihrer Ratlosigkeit. Auf dem Wege zum Speisesalon brach er
in ein schallendes Gelächter aus.
So eine gerissene Katze -- bringt's fertig, einen Prinzen, einen
Prinzenbegleiter und einen langen Laban von Schlagetot vor ihren
Reklamewagen zu spannen ... und sowas ist achtzehn Jahre alt und spielt
weißgewaschene Tugendengel dermaßen überzeugend, daß einem ganz
kniefällig dabei zumute wird ... Na, warte Du, Dich zähm' ich mir noch
mal, Du süße, weiße Bestie Du -- das lohnt doch noch der Mühe!
»Sie, lieber Aldringen, geben Sie mal 'n Glas Pommery -- aber etwas
lebhaft, bitte!«
7.
Major von Gorczynski hatte beschlossen, den Stier bei den Hörnern zu
packen. So etwas Blödsinniges war ihm in seinem ganzen Leben noch nicht
passiert! Eine Soupereinladung an eine Bühnenprinzessin, die mit einer
Säbelforderung seitens eines Korpsstudenten beantwortet wird! Und noch
dazu eines Korpsstudenten, von dem man mit positiver Bestimmtheit weiß,
daß er allem, was Theater und Theaterweiber heißt, weltenfern steht! Das
war zu abgeschmackt ... Was konnte nur vorgegangen sein, das diese
ausgefallene Konstellation ermöglicht hatte! Das mußte man
herausbekommen ... Und das Einfachste war, man ging gleich vor die
rechte Schmiede ... Mit dem Mädel war jedenfalls noch am ehesten fertig
zu werden ... Absolut geräuschlose Erledigung hatten Durchlaucht
verlangt? Herr von Gorczynski kannte sich jedenfalls mit Mädeln noch
besser aus als mit dieser rauf- und trinkfesten Männerjugend in Band und
Mütze, deren Begriffe und Sitten so was mittelalterlich
Unkontrollierbares an sich hatten ... Also auf zu Jucunda!
Frau Kanzleirätin Buchner öffnete selbst die Tür und war nicht wenig
entsetzt, als ein nicht mehr ganz junger, höchst eleganter und --
hm! -- pikfein parfümierter Herr in Gehrock, Zylinder, hechtgrauen
Glacés an der Entreetür stand und Fräulein Jucunda Buchner zu sprechen
wünschte ...
»Fräul'n Buchner is aus -- tut m'r unendl'ch leid ... Aber wenn ich was
kennte bestell'n -- ich bin die Mutter.«
Herr von Gorczynski musterte die stattliche, rundliche Frau mit
Kennerblick. Es war nachmittags um vier, aber die ... Dame war noch
immer in Morgentoilette ... geblümter Schlafrock und Schleifenhäubchen
... Also aus so einem ... Milieu entstammte das Dämchen, für das der
Sohn eines hohen sächsischen Justizbeamten Korpsband und Karriere in den
Wind schlug ... Hm ... Das vereinfachte die Situation allerdings
außerordentlich. Herr von Gorczynski war auf eine feingebildete Familie
gefaßt gewesen ... Vielleicht Justiz, Universität, ein Predigerhaus ...
Und nun ... Na, wenn man mit so etwas nicht geräuschlos fertig werden
sollte ...
»So ... Sie sind die Mutter ... Na da ist es vielleicht am besten, ich
unterhalte mich erst mal ein wenig mit Ihnen ... Major von Gorczynski
ist mein Name.«
Frau Doris fühlte, wie ihr das Herz in die flanellenen Unterhosen
rutschte. »Ja, aber ... Sie sehen, Herr Major ... Ich bin Sie ja doch
gar nich angezogen ...«
»Bitte, das macht nichts ... Was ich Ihnen zu eröffnen habe, das können
Sie auch unangezogen hören. Also wenn ich bitten darf -- oder wünschen
Sie meine Erklärungen auf dem Hausflur entgegenzunehmen?«
»Ach nee ... Aber gewiß nicht, Herr Major ... Bitte treten Sie ein ...
in die gute Stube ...«
Herr von Gorczynski überflog mit demonstrativer Geringschätzung die
verschlissene Herrlichkeit des Buchnerschen Salons. Dann setzte er sich
mit einer gewissen Vorsicht, als fürchte er, der Samtfauteuil könne
unter ihm zusammenbrechen, in den grünen Plüsch und sah die vor Erregung
fiebernde Frau mit durchdringendem Blick an.
»Sie werden sich wohl ungefähr vorstellen können, weswegen ich komme,
Frau -- Buchner!« begann er scharf. »Nicht wahr?«
Frau Doris' Kinnbacken schlotterten. Da hatte man die Bescherung!
Und ihr Rat war fern ... Und das Kind ... Und sie mußte den ersten
Ansturm des Schicksals ganz allein aushalten, von Gott und aller Welt
verlassen ...
»Nu ja, nu nee ... denken ... kann ich mersch am Ende ...«
»Na also: Um's kurz zu machen: Ihr Fräulein Tochter hat eine Einladung,
wie sie in der ganzen Welt Abend für Abend an tausend und abertausend
Kolleginnen Ihrer Tochter ergeht -- die hat sie damit beantwortet, daß
sie mir und ... meinem jungen Freunde, in dessen Namen ich mit
unterzeichnet hatte, eine Forderung auf schwere Waffen hat überbringen
lassen. Darf ich mich zunächst erkundigen, in welchen Beziehungen der
... junge Herr, der sich zum Beschützer Ihrer Familienehre aufgeworfen
hat, zu Ihrer Tochter steht?«
»Aber ich bitt' Ihn', Herr Major -- in gar keener Beziehung. Er wohnt
hier im Haus ... zur Miete ... un da is er ... ganz zufäll'g is er dazu
gekommen, wie meine Tochter een Weinkrampf hat gekriegt, als das Bukett
ist angekommen ... un der Brief ... un ... un das Geld ...«
Hm ... das Geld ... und ... ein Weinkrampf ... verdammt peinliche
Vorstellung ... aber was war zu machen ... man mußte oben bleiben.
»So ... also in gar keinen Beziehungen ... verehrteste Dame, Sie haben
keinen dummen Jungen vor sich, dem Sie Lederstrumpfgeschichten
aufbinden können. Ich will also mal annehmen, der junge Herr ist der ...
Bräutigam Ihrer Tochter ...«
»Ne, ne, wahrhaft'gen Gott nich -- aber gar keene Ahnung ... e junger
Student, ne, ne, wie kenn' Se nur so was denken ... So was hat meine
Jucunda wahrhaft'gen Gott nich neetig!«
»Hm ... also nicht ... Na dann wollen wir's dahingestellt sein lassen,
welcher Art das ... Verhältnis zwischen den beiden jungen Leuten ist
...«
Jetzt hatte Frau Doris sich denn doch gefunden. Die Ehre ihres Hauses,
ihres Mädchens --? Ne, ne, damit durfte man denn doch nicht spaßen ...
»Heer'n Se, Herr Major,« rief sie zitternd, doch mit Entschiedenheit,
»das muß ich mir denn doch ganz ergäbenst verbitt'n! Meine Tochter hat
kein ... kein Verhältnis nich!«
»In dem Sinne, in dem Sie das Wort verstanden zu haben scheinen, habe
ich es durchaus nicht gebraucht ... und verbitte mir meinerseits eine
derartige Auslegung meiner Worte! Nun aber zu Ihrem Fräulein Tochter!
Hat sie -- und haben Sie als Mutter -- oder wenn Ihr Mann noch unter den
Lebenden ist --«
»Allerdings -- mein Mann ist der Kanzleirat Buchner -- ein königlicher
Beamter ...« warf Frau Doris ein, »Ritter des Albrechtkreuzes zweiter
Klasse ...« Sie richtete sich ordentlich auf an all diesen ehrenvollen
Tatsachen.
»Na also! Haben Sie alle zusammen sich denn eigentlich nicht klar
gemacht, was ein so ... rabiates Vorgehen denn eigentlich für Ihre
Tochter ... vielleicht auch für Ihren Mann ... bedeutet? Ich nehme an,
daß Sie bereits in Erfahrung gebracht haben, wer wir eigentlich sind --
wer sich hinter dem Namen von Dillingen versteckt -- hä? Wissen Sie das,
Frau Kanzleirat Buchner?«
»Ja, ja, ich weeß -- ich weeß,« stammelte die geängstigte Frau und fuhr
mit dem Rücken der fleischigen Hand über die feucht gewordene Stirn.
»Na also! Bilden Sie sich denn im Ernste ein, ein solcher Herr werde
sich wegen ... wegen einer Lappalie von einem x-beliebigen jungen
Menschen zur Rechenschaft ziehen lassen? Nee, verehrte Dame, die Sache
kommt anders: Es möchte Ihrer Tochter vielleicht doch peinlich sein,
wenn an ... eine gewisse Stelle ein Bericht über das ... eigentümliche
Interesse erginge, dessen Ihre Tochter sich in -- hm! Studentenkreisen
erfreut! Und wenn Ihre Tochter sich überlegt, daß ihr Kontrakt doch
am Ende noch nicht lebenslänglich und unkündbar ist, und daß es sich
wenig empfiehlt, sich die Gunst eines jungen Fürsten zu verscherzen,
der einmal der Brotherr eines der größeren deutschen Hoftheater sein
wird ... dann wird ihr am Ende klar werden, daß es ein bißchen übereilt
von ihr war, eine kleine Unbedachtsamkeit -- ich gebe ja zu, daß es
eine Unbedachtsamkeit war, Ihre Tochter ohne weiteres in eine Linie mit
der Mehrzahl ihrer Kolleginnen zu setzen ... Aber deshalb gleich nach
Blut -- nach Fürstenblut zu lechzen -- das scheint mir doch einigermaßen
kindisch!«
Völlig zerschmettert hatte Frau Buchner die Suada ihres vornehmen
Besuchers über sich ergehen lassen. Vor ihrem Auge tanzten hundert
gräßliche Bilder ... Der gnädigste Herr in Meiningen hatte Jucunda seine
Gunst entzogen -- ihr Vertrag war gekündigt ... Vergebens klopfte sie an
die Pforten aller deutschen Bühnen ... Als »schwieriges Mitglied« wurde
sie überall abgelehnt ... Das Elend lauerte, der Hunger ...
»Ne ... ne ... das is ja äne schreckliche Geschichte ...« stammelte sie.
»Nun, Sie scheinen ja Vernunft annehmen zu wollen. Ich empfehle Ihnen
also, unverzüglich mit Ihrer Tochter Rücksprache zu nehmen: Sie soll
ihren ... ihren jugendlichen Beschützer veranlassen, seine höchst
törichte und kindische Herausforderung zurückzuziehen ... Damit dürfte
die Angelegenheit eine für alle Beteiligten befriedigende Erledigung
finden. Sind Sie dazu bereit?«
»Aber mit dem greeßten Vergniegen -- 's wird sich doch am Ende noch
alles lassen ins reine bringen!« ächzte aufatmend die geängstigte Frau.
»Na also --« der Major erhob sich -- »ich rechne darauf, daß Sie Ihren
mütterlichen Einfluß in diesem Sinne geltend machen. Meine Empfehlung
an Ihr Fräulein Tochter ... und ... böse ... braucht sie uns nicht zu
sein ... Die ganze Sache war vollkommen harmlos gemeint ... also ...
adieu, Frau Kanzleirätin!«
Frau Buchner knixte ein übers andre Mal, während sie den Gast zur
Entreetür geleitete.
Auf der Schwelle wandte der Major sich noch einmal um.
»Apropos -- soweit ich unterrichtet bin, hat man bei Ihnen besonders
daran Anstoß genommen, daß meinem Briefchen ein ... ein kleines Geschenk
... in barem Gelde ... beigelegt war. Vermutlich haben Sie diese ...
diese kleine Aufmerksamkeit ... in Verwahrung genommen?«
»Allerdings ... das hab' ich ... in meine Wirtschaftskasse hab' ich die
Scheine eingeschlossen ... Jucunda wollte sie zur Post bringen, aber ...
sie wollte sich erscht noch nach Ihrer ... genaueren ... Adresse
erkundigen ... Na un von dem Wege, da is se noch nich zurück ...«
»Na, dann kann ich ihr ja den Gang ersparen ... Wenn Sie's mir gleich
aushändigen wollten ... und vielleicht --« ganz harmlos, nachlässig
wurde das hingelegt -- »vielleicht händigen Sie mir auch gleich das
Briefchen mit aus, das die Gemüter so sehr erregt hat -- und damit wäre
ja dann alles in schönster Ordnung ...«
»Gewiß, gewiß, Herr Major -- das hab' ich ooch ... alles kenn' Se
kriegen -- ich bin ja froh, wenn ich's aus 'm Hause hab ...«
Teufel auch ... das war mehr, als ich gehofft habe! schmunzelte der
Major, als er mit seinem Raube die halbdunkle Stiege hinunterknarrte.
Unten im Hausflur zog er den Brief hervor, entzündete ein Streichholz
und ließ das _corpus delicti_ in Flammen auflodern. Die beiden Scheine
aber, die er beim Empfang nur nachlässig in die Westentasche geschoben,
barg er nun sorgfältig in seinem Portefeuille. Es waren immerhin
zweihundert bare Mark ...
Und dann ging er zu Aeckerlein hinüber und bestellte eine Flasche
Heidsieck.
8.
Als Hans Thumser inmitten seiner Korpsbrüder das Theaterrestaurant
verließ und über den sonnenflimmernden Augustusplatz, die mittäglich
durchhastete Grimmaische Straße nach dem Baarmannschen Lokal am Markt
hinüberspazierte, wo das Korps speiste -- da wirbelte ihm der Kopf
dermaßen vom Fieber des Erlebens, daß die erregten Gespräche der Freunde
nur wie aus weiter Ferne zu ihm herüberklangen. Und doch disputierte er
selber eifrigst mit ... Es war ja kein Ende zu finden des Ueberlegens
und Projektierens -- wie alles kommen würde -- ob man sich nicht
übereilt, ob Pilgram, ob das Korps richtig gehandelt, ob sich nicht eine
minder schroffe Lösung des Konflikts hätte finden lassen ... Wie der
Erbprinz sich stellen würde ... und schließlich doch auch der Hof in
Nassau-Dillingen ... was der für Weisungen erteilen würde ... und was
all der welterschütternden Schicksalsfragen mehr noch waren.
Und dabei immer der heimlich bohrende, süß erregende, wonnesam
beklemmende Hintergedanke an ... heut nachmittag ...
Und so in Wirrnis und Ahnung verrannen die Stunden ... Jetzt ward alles
andre verdrängt durch das Mitgefühl mit Valentin Pilgrams Schicksal, des
Korpsbruders, der so ganz anders geartet war, mit dessen Wesen das
eigene niemals harmonisch hatte zusammenklingen wollen ... und dessen
starkgemute Jungmännlichkeit dennoch die lebenshungrige Seele fest in
ihren Bann geschlagen hatte -- längst eh dies opferstolze Einsetzen
seines ganzen Daseins für ein fremdes Mädchen, das Kind einer andern
Welt ... eh' diese Tat sein Bild in eine fast heroische Sphäre
emporgehoben ...
Und dann wieder schwirrten mit scheuem Flügelschlage die Gedanken um das
eigene Hoffen und Bangen ...
Und seltsam: Astas und Jucundas Bilder, sie rannen zusammen in der Seele
... Wer war's eigentlich, der ihn erwartete heut um fünf? War's nicht
jener Dämon, der in seines Korpsbruders Leben so verhängnismächtig
hineingegriffen? Jucunda! Jucunda! Der Name klang aus allen Gesprächen,
die in der Runde hin und wider flogen ... Daß es überhaupt eine Asta
Thöny gab, das wußte ja nur einer von seinen Freunden, und dieser eine
-- der war fern ... war ausgeschieden aus dem Bunde, dem sein ganzes
Herz gehörte, für dessen Farben er in siebenundzwanzig Waffengängen sein
junges Herzblut vergossen ... ausgeschieden um jener andern willen ...
und selbst dieser eine hatte sie doch nur auf der Bühne gesehen -- ahnte
nicht, daß sie mit Hans Thumser unter einem Dache wohnte ... konnte
nicht ahnen, daß sie heimlich nächtens in ihre Kissen weinen und dann
plötzlich lachen konnte, so girrend, so atemversetzend.
Nach dem Mittagessen blieb das Korps beim Kaffee noch lange zusammen.
Die Füchse wurden fortgeschickt, und immer und immer wieder in heftigen
Disputen drehten und wendeten die Korpsburschen das Ereignis des Tages.
Hans aber zog von Zeit zu Zeit heimlich die Uhr und zählte, wie eine
Viertelstunde um die andere verrann von jenen, die ihn noch von dem
größten Erlebnis seines jungen Daseins trennten ... Und einmal zog er
heimlich auch sein Portemonnaie und stellte fest, daß er heute, am
einunddreißigsten Oktober, noch fünfundachtzig Pfennige sein eigen
nannte ...
Teufel auch! Wenn man die Farben eines Korps trägt, kann man unmöglich
ohne ein bescheidenes Blümchen in der Hand bei einer Dame zum Tee
antreten ... Und Hans Thumser pumpte sich von Volkner, der immer Geld
hatte, eine Mark ...
Und endlich war's dreiviertel fünf ... Und wie ein Träumender strich
Hans Thumser die Petersstraße hinunter, einen Busch rosa Dahlien, in
Seidenpapier gewickelt, in der Hand ... Zu wem ging's? Zu Asta? Zu
Jucunda? Er wußte es nicht ... es ging ... zu =ihr= ...
Und so war's fast eine Selbstverständlichkeit, daß er sie nun =beide=
fand ...
Die Stube schwamm von Zigarettenrauch ... Und auf dem Sofa, eng
aneinandergelehnt, zwei Mädchen ... die, die er zu suchen kam -- und die
andere ...
»Ach Gott ...« lachte Asta in komischem Entsetzen auf, »Herr ... na wie
heißen Sie noch? Herr ...«
»Thumser,« stotterte Hans und blieb ganz verdonnert an der Tür stehen.
»Richtig, Herr Thumser -- mein Zimmernachbar -- nicht wahr, Sie sind's
doch? Mein Gott, Sie hatt' ich wahrhaftig total vergessen --«
»O bitte, dann will ich nicht stören,« sagte Hans und griff zur Tür.
Ein Kübel Eiswasser, einem glutgedörrten Saharawanderer jählings über
den Nacken gegossen ...
»Aber nein! Stören! Weglaufen! Gibt's nicht!« Und das weiche Figürchen
in der nicht ganz tadellos frischen Batist-Matinee sprang auf, stand vor
dem schlanken Studenten, eine Hand, zart und warm wie ein
sonnendurchglühtes Rosenblatt, legte sich auf die seine und zog ihn ins
Zimmer.
»Nicht böse sein! Meine Kollegin ist mich besuchen gekommen, und da
haben wir uns verschwatzt ... Ist's denn schon fünf Uhr? Himmel -- und
wie's hier ausschaut! Frau Wehe! Frau Wehe! Schnell kommen Sie mal her
und räumen S' ab! Gestattest Du, Jucunda? Mein Zimmernachbar, Herr
Studiosus Dummler --«
»Thumser,« verbesserte Hans etwas pikiert.
»Pardon -- Thumser -- meine Kollegin Buchner -- die große Buchner,
wissen S'!«
Jucunda grüßte stumm und königlich. Sie hatte die grüne Mütze, die drei
Farben um die Brust des jungen Mannes wiedererkannt ...
»Ich weiß ...« sagte Hans. »Ich war gestern abend in der 'Jungfrau' ...
und ich bin auch unter denen gewesen, die --«
»-- ihr die Pferde ausgespannt haben -- natürlich! Das nächste Mal, Sie
Schlingel, spannen Sie mir die Pferde aus -- verstanden? Sonst ist's aus
mit der guten Nachbarschaft!«
»Wird gemacht!« sagte Hans, der sich wiederfand. »Inzwischen darf ich
wohl als bescheidene Entschädigung diese Blümchen ...«
»Ach -- das ist famos! Sehen Sie, Jucunderl, es wachsen heuer doch nicht
alle Blumen bloß für Dich ...« Und sie drückte den Studenten in einen
der verschlissenen, fettigen Damastfauteuils, welche Mutter Achs beste
Bude verherrlichten.
Einen raschen Blick warf Hans Thumser in der Bude umher. Wild sah's
aus ... auf dem Tisch noch die Reste des bescheidenen Mittagsmahls,
Aepfelschalen und die zerknautschten Mundstücke abgerauchter Zigaretten
trieben sich auf dem fleckigen Tischtuch herum ... und drüben auf dem
Bette aufgestapelte Mullröcke und Spitzenhöschen, auf dem Schreibtisch
ein zusammengerolltes Korsett, dazwischen unsaubere Hefte mit
ausgeschriebenen Rollen und zerflederte Reclambändchen ...
Asta war diesem Blick gefolgt und sah den Ausdruck von Mißbehagen, der
ununterdrückbar das schmissebedeckte tadellos rasierte Gesicht des
korrekten und gepflegten Jünglings überzog.
»Bös schaut's aus da drin, gelt? Aber warten S' nur, ich schaff' schon
eine Ordnung! Faß an, Jucunderl, Du bist ja schuld, daß ich so einen
feschen, jungen Herrn in so einer Schlamperei muß empfangen! Und Sie,
Frau Wehe« -- die noch immer hübsche, kugelrunde Wittib stand mit
nachmittagschlafgeröteten Augen in der Tür -- »hinaus mit dem Abfall da!
Und ein' Tee kochen S' uns, und Kuchen will ich seh'n und Schlagsahn'
und was sich sonst gehört! Da haben S' ein Geld!« Und wie ein Irrlicht
fegte das dunkellockige Mädchen in der Stube umher, hob den Bettbezug
aus gewebter, leidlich defekter Spitze, das Ueberbett in die Höhe,
stopfte die herumliegenden intimen Kleidungsstücke drunter und deckte
mit einem Spitzbubenlächeln wieder zu, griff in die Nachttischschublade
und warf ein paar Markstücke auf den Tisch, daß zwei, drei in die Stube
kollerten und Hans Thumser sich bücken mußte, um sie wieder aufzulesen;
griff dazwischen in die Zigarettenschachtel, schob ihren beiden
Besuchern, sich selbst und schließlich auch der verlegen grinsenden
Wittib eine Zigarette zwischen die Lippen:
»Da, Herr Dummser -- haben S' Feuer?«
Und da flimmerten auch die feuchten Lippen, die dunklen, flackernden
Augen dicht vor Hansens Gesicht, loderten ihn an, während sie mit ihm
zugleich am nämlichen Zündholz ihre Zigarette anbrannte ...
Inzwischen saß Jucunda stumm und königlich auf dem Sofa, ohne eine Hand
zu rühren, und ließ ihre runden blauen Augen von einem zum andern
leuchten. Und auch Hans Thumsers Blicke gingen hin und her, von dem
Schalk zu der jungen Königin, von der jungen Königin zu dem rastlosen
Schelm ...
Und endlich gab's Ruhe und so etwas wie Ordnung, und mit einem tiefen
Aufseufzen warf Asta Thöny sich in das Sofa, kuschelte sich an Jucundas
kräftige Schulter ... und nun sahen zwei Augenpaare, das blaue, das
schwarze, den braunäugigen Studenten an ...
»So, Herr Dummser, nu erzählen S' uns was!«
Hans Thumser war des Umgangs mit weiblichen Wesen wenig gewohnt. Seine
Schwestern waren um vier und fünf Jahre jünger als er, die zählten, samt
ihrer Freundinnenschar, noch nicht mit, waren Gören, oder wie man daheim
sagte, Blagen ... unfähig, die erhabene Größe eines Studenten, eines
Korpsstudenten, eines Fuchsmajors richtig einzuschätzen. Und das Korps?
Es lebte außerhalb der Leipziger Gesellschaft, war völlig durch Mensur
und Kneipe absorbiert und kam höchstens auf dunklen und verschwiegenen
Pfaden einmal mit verachteten Parias der Weiblichkeit in Berührung ...
Aber ... er war ein werdender Poet ... und der Zauber der Situation
löste ihm die Zunge, gab ihm Worte, wie sie gesellschaftliche Routine
nicht kennt ...
»Erzählen soll ich Ihnen ... meine Damen? Ach ... ich hab' nichts
erlebt, was des Erzählens wert wär' in solch einem Augenblick ...
aber ... das darf ich ja wohl sagen, nicht wahr? daß ich sehr glücklich
bin ... Ich denke an gestern abend ... ich habe Sie beide gesehen und
bewundert und beneidet um das Glück Ihres Berufs ... den Menschen das
Schöne zu offenbaren ... und nun sitz' ich hier ... Ihnen gegenüber ...
seien Sie mir nicht böse, wenn das mir zu Kopf steigt und ... mich dumm
und stumm macht ... Sie nennen mich noch immer Dummser, gnädiges
Fräulein ... und das stimmt, ich bin auch ein dummer Bub, das fühl' ich,
jetzt, wo ich mit Ihnen zusammensitzen darf ... Nein, ich kann Ihnen
nichts erzählen ... ersparen Sie es mir, mich mit Konversationmachen
abzuquälen ... erlauben Sie mir nur ... da zu sein ... und Sie
anzuschauen ... und zu fühlen, ja bis ins Tiefste zu fühlen, wie schön
das ist ... was für ein Glück das ist!«
»Aber warum machen Sie sich selber so schlecht?« sagte Jucunda und sah
ihn groß an -- »Sie sprechen gar nicht übel ... im Gegenteil -- ich
meine, ich hätte noch niemals einen Menschen so sprechen gehört ...«
»Du --?« sagte Asta, »daß Du mir dem Jungen nicht zuviel Komplimente
machst! Das ist =meiner=, verstehst Du mich? Aber Du mußt immer alles
für Dich haben ... die Blumen -- die Kränze -- die ausgespannten Pferde
-- die Verehrer, alles muß sie allein haben! Und so was redet von
Freundschaft und Kollegialität! Schämen sollten S' Ihnen, mein
Fräulein!«
Hans wurde glühendrot. »Ach, meine Damen, machen Sie sich nur immer über
mich lustig ... ich weiß ganz genau, wie wenig ich Ihnen sein kann. Nur
das eine muß ich Ihnen sagen: Sie ahnen gar nicht, was dieser Tag für
mich bedeutet ... Sie können sich wohl nicht vorstellen, wie barbarisch
und rauh dies Leben ist, das wir jungen Dächse so führen auf deutschen
Hochschulen ... Und seit gestern ist's auf einmal bunt und licht und ...
groß und ... schön um mich her ... seit ich Sie beide kenne ...«
»Gott, wie süß er ist -- gelt, Jucunda?« sagte Asta und streichelte dem
Studenten mit einer raschen, zärtlichen Bewegung ganz leise und flüchtig
die glühende, narbenzerrissene Wange. »Nur mehr so Schönes, nur mehr! So
was kann man gar nicht genug hören!«
»Ach -- Sie scherzen wieder, Gnädigste --« sagte Hans. »Sie sind weit
schönere Worte gewohnt ... Sie verkehren am Hof -- inmitten von Geist
und Grazie ... die Dichter, deren Werke Sie verkörpern, huldigen Ihnen
...«
»Der hat Ahnung, gelt?« lachte Asta halb verschmitzt halb schmerzlich zu
ihrer Kollegin hinauf, in deren Arm sie sich drückte.
»Nein, Herr Thumser,« sprach Jucunda langsam, »Sie haben doch wohl eine
etwas -- na sagen wir mal zu ideale Vorstellung von unserm Leben ...
Glauben Sie mir nur, es gibt nicht viel Männer, die so zu reden wissen,
daß es einem wohltut ...«
»Gewiß, ich glaub's -- so verwöhnt, so anspruchsvoll wie Sie sein müssen
... denn so jung wie Sie sind, Sie sind berühmt, alles liegt Ihnen zu
Füßen, Sie kommen wie das Schicksal ... wehe dem, der Ihnen verfällt
...«
Ein Schatten war bei diesen Worten über die enthusiastischen Züge
geflogen, die flammenden Augen hatten sich verdunkelt.
Jucundas Stirn hatte sich langsam zusammengezogen.
»Wie das Schicksal?« fragte sie, »wie meinen Sie das?«
»O ... ich dachte an ... eine gewisse Geschichte ... eine sonderbare,
aufregende Geschichte ... von der Sie doch wohl auch wissen müssen ...«
»Sie ... meinen ... die Sache ... mit Herrn Pilgram? Von der wissen Sie
also auch schon?«
»Ich weiß ... selbstverständlich weiß ich ... wir sind ja doch
Korpsbrüder ...«
»Eine ... Sache?« fragte Asta ganz erstaunt. »Was hat's gegeben? Hast
mir ja doch gar nichts davon erzählt, daß es was gegeben hat? Heraus mit
der Geschichte!«
»Ich möchte ... eigentlich überhaupt nicht davon sprechen ...« meinte
Jucunda.
»Und ich ... ich halte mich ebenfalls nicht für berechtigt ...« setzte
Hans befangen hinzu.
»Schöne Sachen sind mir das!« zürnte Asta. »Ich bring' Euch zwei
zusammen, und schon habt Ihr Geheimnisse miteinander, und ich werd'
ausgesperrt und hab 's Zuschau'n! Na wartet -- jetzt kommt der Tee mit
dem Kuchen, hernach setz' ich Euch vor die Tür und ess' alles alleinig!«
Jucunda hatte einen Moment sinnend den Rauchwölkchen ihrer Zigarette
nachgestarrt. Es war dämmrig im Zimmer geworden. Frau Wehe kam mit dem
Tee, dem Gebäck, zündete die Petroleum-Hängelampe über dem Tische an,
und hell gleißten nun die drei jungen Gesichter auf dem Hintergrunde der
abgenutzten Stube, die rasch in völliges Dunkel versank.
Als die Wirtin gegangen, sagte Jucunda langsam: »Ich verstehe, daß Sie
sich über die ... Angelegenheit ... die bewußte ... nicht gern
aussprechen. Aber Sie werden begreifen: ich bin ziemlich gespannt. Sie
wissen schon drum ... also die Sache kommt doch, scheint's, wirklich an
die große Glocke. Ich bin ja schließlich doch ein bißchen beteiligt ...
Wollen Sie mir nicht sagen, was inzwischen eigentlich passiert ist?«
»Hm ... wenn unsre ... gütige Gastgeberin gestattet, daß wir uns in
ihrer Gegenwart über ... eine Sache unterhalten, die sie nicht ... in
die wir sie nicht einweihen dürfen?« »Na macht schon, macht schon ...«
maulte Asta, »Ihr brennt ja darauf, Eure Geheimnisse auszutauschen ...
ich ess' Kuchen.« Und wütend bissen ihre blinkenden Zähne in einen
braunlächelnden Mohrenkopf.
»Also kurz ... Er ... ist aus dem Korps ausgetreten ... und hat die ...
die bewußten beiden Herren auf Säbel ohne ohne gefordert ... Genügt
Ihnen diese Andeutung?« fragte Hans.
»Hm ... und mehr ... wissen Sie also noch nicht?«
»Noch nicht.«
»Immerhin ... also der Skandal ist fertig. Schöne Bescherung ...«
»Hol Euch der Satan, Kinder, Ihr macht eins aber wirklich neugierig wie
eine Ziege!« sagte Asta und ließ die kuchenstopfenden Finger sinken.
»Säbelforderung -- Skandal ... und dabei habt Ihr Euch vor einer halben
Stunde erst kennen gelernt vor meinen sehenden Augen ...«
»Gott, warum soll man's ihr schließlich nicht erzählen?« meinte Jucunda.
»Morgen weiß es ganz Leipzig ...«
»Hast einmal wieder was, womit Du Dich kannst int'ressant machen,
Jucunderl? Gott, das Mädel hat einen Dusel! Daß es um Dich geht, soviel
hab' ich schon heraus ... Also es werden zwei sich die Köpf'
entzweischlagen Deinetwegen ... hernach schauen die Leut' unsereins
überhaupt nicht mehr an ... und so ist's in allem! Schon wie's heißt --
Jucunda! Wie kommt bloß ein Vater auf die Idee, so ein Wurm 'Jucunda' zu
taufen? Als ob er damals schon geahnt hätt', daß das Kind einmal wird
unters Theater gehen! Sag' doch, Mädel -- wo kommst an so einen Namen,
so ein' ausgefall'nen?«
»Ach -- das ist einfach genug ... da war eine alte Tante, die eine
Beamtenpension zu verzehren hatte und so schöne uralte Möbel und Bilder
gehabt hat aus der Goethezeit ... um die sind alle Verwandte herum
gewesen erbschleichen ... aber meine Eltern haben den Vogel abgeschossen
und mich nach ihr getauft ... das hat sie so erschüttert, daß sie mir
den ganzen Krempel vermacht hat ...«
»Ach -- und nun hast Du das ganze schöne Zeugs?«
»I Gott bewahre -- verkauft hat's mein Vater und für mich in einem
Sparkassenbuch angelegt ... und davon sind mein Studium und meine
modernen Kostüme bezahlt worden -- paar Groschen werden wohl auch noch
da sein, denk' ich ...«
»Ja schaust, was Du für ein Glückskind gewesen bist ...« Astas Augen
irrten in die Ferne, ein ganz fremder Ausdruck von Bitterkeit und Ekel
umschattete das pfirsichweiche Oval. -- »So eine Tante wenn ich gehabt
hätt', meinetwegen hätten s' mich Eulalia mögen taufen! Ich hab' das
alles allein müssen schaffen, so gut oder -- so hundsfött'sch wie's hat
gehen mögen ... Dabei wird man ein armes, gerissenes, mit allen Hunden
gehetztes Wildkatzerl allenfalls ... und wenn man ein bisserl Talent
hat, hernach wurschtelt sich eins am End' auch noch rechtzeitig in die
Höh' ... aber eine Priesterin, vor der die Menschen sich platt auf den
Bauch schmeißen, eine Jungfrau von Orleans wird man nicht auf die Art!«
Mit herablassender Zärtlichkeit streichelte Jucunda die zierliche
Kollegin. »Ich sollte meinen, Asta, Du könntest noch ganz zufrieden sein
mit Dir -- nicht wahr, Herr ... Gott, dieser lächerliche Name -- schon
wieder hab' ich ihn verschwitzt --«
»Herr Dummerle!« half Asta ein, und um die schmerzlich verzogenen Lippen
huschte schon wieder der Schalk.
Hans Thumsers Blicke wanderten rastlos von einer zur andern. Welches
Glück, daß er den goldenen Apfel des Paris nicht zu vergeben hatte!
Und Valentin Pilgram? Und die Affäre? Schon längst wieder versunken ...
kaum die Oberfläche des Gesprächs hatte sie gekräuselt, die Geschichte
von dem wackren Gesellen, der um dieses achtzehnjährigen Weibes willen
sein Blut, sein Schicksal aufs Spiel gesetzt hatte -- als Dank für ein
paar freundliche Worte, die sie ihm geschenkt ...
Dieser Gedanke tauchte dann und wann flüchtig auf in Hans Thumsers
Denken -- aber die Gegenwart, die nie erlebte, der beiden jungen,
blutjungen und doch schon aller Machtmittel ihres Geschlechtes kundigen
Geschöpfe verdrängte das Bild des Korpsbruders, das heut morgen in so
lichtem Heroenglanze gestrahlt hatte.
»Sagen Sie, Herr Thumser, was studieren Sie eigentlich?« fragte Jucunda.
»Gott, was studier' ich? Die Geheimnisse des S. C. Paukkomments -- die
Kunst, eine Tiefquart unter der steilsten Auslage hindurch in die
Nasenspitze des Gegners zu dirigieren ...«
»Das glaub' ich nicht ... so sehen Sie nicht aus, als ob das alles wäre,
was Sie treiben ...«
»Na ... meine kümmerlichen Versuche, mich mit der Juristerei
anzufreunden, werden Sie mir doch wohl kaum am Gesicht ansehen können?«
»Das nun schon gar nicht! Nein, es steckt noch etwas andres hinter Ihnen
--«
»Soll ich's verraten?« fiel Asta ein -- »ich weiß es nämlich ...«
Und mit ihrem Spitzbubenlächeln, das Köpfchen tief auf die weiche
Schulterlinie geneigt, fing sie an zu rezitieren:
»Ich bin ein junger Korpsstudent,
Die Schuhe Lack, der Rock patent,
Korrekt und schick an mir ist alles --
Im Portemonnaie nur --«
»Halt! Gnade!« rief Hans und legte seine Hand beschwörend auf Astas
runden Unterarm -- von dessen Wärme süße Schauer in seine Fingerspitzen,
seine Arme, sein Blut hinüberströmten.
»Ach -- sieh da -- Verse -- und von Ihnen?« fragte Jucunda. »Also ein
junger Schiller -- oder Goethe? Sieh da!«
»Ach Gott -- diese elenden Knittelreime -- wenn man nichts Besseres
könnte ...«
»Oh -- das ist aber nicht hübsch von Ihnen, daß Sie sich meinetwegen so
wenig angestrengt haben --« sagte Asta. »Na, was können Sie denn
Besseres? Heraus damit!«
»Jawohl, Herr Poet, eine Probe Ihrer Kunst!«
Hans Thumser ließ sich nicht lange bitten. Er sann einen Augenblick
nach. Dann richtete er sich unwillkürlich etwas auf, ein feierlicher,
strahlender Ausdruck kam in seine Züge; und in tiefinnerer Bewegung
sprach er:
»Abgründe klaffen rechts und links
Von meinem schwindelschmalen Pfade,
Und hinter mir schleicht stumm die Sphinx --
Doch über mir geigt Engelsgnade.
Ich aber will nachtwandlerkühn
Den Gratgang bis ans Ende wagen,
Und hell durchsonnt von Morgenglühn
Der Harfe gold'ne Saiten schlagen!«
»Ah ... bravo ... das ist wirklich ein Gedicht ...« sagte Jucunda. »Sieh
da -- wer hätte das hinter diesem wandelnden Modejournal gesucht ...«
»Oh ... seh' ich aus wie ein wandelndes Modejournal?«
»Na, so seht Ihr Korpsstudenten doch alle aus ...«
»Gott ja -- es braucht ja nicht jeder Poet auszusehen wie die Jünglinge
aus dem Café Größenwahn -- von denen mir ein Berliner Korpsbruder
neulich erzählt hat.«
»Nein, da haben Sie recht,« sagte Jucunda. »Die Sorte kenn' ich auch --
aus der Zeit unseres Gastspiels am Viktoriatheater ... ich denke mir,
der junge Goethe ist hier in Leipzig auch so etwa wie ein wandelndes
Modejournal herumgelaufen, während seine Kollegen lange fettige Haare
und schmutzige Hemdkragen trugen ... Sieh da -- also so schaut ein
junger Dichter aus ... alte kenn' ich ja schon diesen oder jenen, aber
das waren alles sehr verschlissene, sehr diplomatische, sehr nüchterne
und ... ernüchternde Herren ... Sie sind nicht nüchtern, Herr Thumser,
Sie laufen wie in einem ewigen Rausch herum -- wenn Sie auch noch so
schneiderelegant aufgemacht sind ...«
»Ja, das ist wahr!« sagte Hans lebhaft. »Ewiger Rausch! Sie haben recht!
Ich bin immer wie betrunken von ... von all dem Herrlichen um mich her
-- von all dem Neuen und Gewaltigen, das jede Stunde bringt! Ist nicht
die Welt ein einziges, ungeheures Wunder? Und so ein armes Menschenherz
viel zu klein und eng, um das alles zu fassen? Und wenn man's nun so
erleben darf, die Schönheit, die Kunst, die Poesie leibhaftig vor sich
zu sehen ... wie in Ihnen, Jucunda Buchner ...«
Die braunen Augen hingen an den blauen, die blauen an den braunen -- mit
hochaufgerichteten Leibern saßen die jungen Menschen einander gegenüber,
und Ströme des Lebens rauschten von einem zum andern.
Jucunda fühlte sich wachsen in dieser naiven Bewunderung eines Menschen,
in dem ihr weiblicher Instinkt die gärenden, schäumenden Kräfte witterte
... und Hans Thumsers gläubiges Märchenherz erblickte in dem weißen, vom
Schöpfer in einer Künstlerlaune so edel ausgeformten Gesicht die
fleischgewordene Schönheit, herabgestiegen vom Himmel, um ihm, dem
Werdenden, die Fülle zu offenbaren ...
Auf einmal fuhren beide herum: ein Ton, ein erstickter, war in ihre
Versunkenheit gedrungen -- ein Ton, den Hans schon einmal vernommen zu
haben meinte: der Ton eines bittren, unbezwinglichen Weinens ...
Asta Thöny hatte den Kopf in die Finger gedrückt, die Hände auf die Knie
gepreßt ... ganz in sich zusammengekauert saß sie da, die zierlichen
Schultern zuckten, aus dem Nest der schwarzen Flechten hatten sich ein
paar glänzende Locken gelöst und rollten über den weißen Nacken ...
»Aber Kind -- was ist Dir nur?« fragte Jucunda und legte den Arm um die
Hüften der Kollegin.
Aber die schüttelte die Umschlingung ab, sprang auf, eilte zum Fenster
hinüber und lehnte den hochgehobenen Arm, die tiefgesenkte Stirn an die
Scheiben ...
»Aber ... was ist Ihnen denn nur, gnädiges Fräulein?« stammelte Hans
Thumser.
»Ach, geht mir doch -- laßt mich doch in Ruh, Ihr zwei! Poussiert doch
miteinander, so viel Ihr Lust habt -- aber nicht in meiner Gegenwart!«
»Aber Kind!« sagte Jucunda, stand auf, sah Hans an mit einem Blick, der
für die Kollegin um wohlwollende Nachsicht zu bitten schien, wie für ein
törichtes, verzogenes Kind, und trat zu ihr ans Fenster.
»Ach, gehen Sie doch, Buchner -- lassen Sie mich! Es ist ja immer
dieselbe Geschichte! Alles müssen Sie für sich haben, alles belegen Sie
mit Beschlag -- alles muß zu Ihren Füßen liegen, keiner andern gönnen
Sie was! Den Jungen da, den hab' ich nun entdeckt -- und kaum hab' ich
ihn eingeladen, schon sind Sie da, als wenn Sie's gewittert hätten --
und gleich geht's los, das alte Spiel -- nur Jucunda Buchner redet, man
sieht nur sie, man hört nur sie, man vergafft sich nur in sie, nichts
existiert auf Gottes weiter Welt, nichts und gar nichts, als einzig und
immer wieder Jucunda Buchner!«
»Herr Thumser, ich bitte Sie um Ihr unparteiisches Zeugnis!« sagte
Jucunda ruhig, ganz beherrschte Weltdame -- »ist das nun gerecht, wie
diese Dame mich behandelt? Habe ich auch nur den geringsten Versuch
gemacht, Sie -- wie hat sie gesagt? -- mit Beschlag zu belegen? Haben
wir nicht vollkommen harmlos geplaudert alle drei? Und auf einmal aus
heitrem Himmel diese Explosion? Habe ich das verdient, Herr Thumser?
Bitte, sprechen Sie.«
In tödlichster Verlegenheit hatte Hans Thumser diesen Ausbruch, dieses
Zwiegespräch der Kolleginnen über sich ergehen lassen. Er suchte
vergebens nach der rechten Antwort auf Jucundas Frage.
»Gnädiges Fräulein ...« stammelte er zuletzt, »verzeihen Sie, wenn ich
auf Ihre Frage nicht antworte. Wir sind beide Fräulein Thönys Gäste ...
Ich bin untröstlich, daß ich Ihr Mißfallen erregt habe, Fräulein Thöny
... ich darf Ihnen zwar versichern, daß es keineswegs meine Absicht war,
Sie irgendwie zu ... wie soll ich sagen? ... zu vernachlässigen ... Wenn
ich dennoch ... es an der schuldigen Rücksicht habe fehlen lassen -- so
bitte ich tausendmal um Entschuldigung ...«
Asta Thöny antwortete nicht. Sie stand noch immer am Fenster ... der
Schein der Straßenlaternen von drunten umrandete ihre dunkle Silhouette
mit einem silbernen Streif -- den weißen Batist, den zarten Flaum des
Armes, die Flimmerlöckchen des schwarzen Haars. Wie das Kabinettstück
eines der holländischen Kleinmeister sah das aus.
Jucunda und Hans blickten einander an -- der Jüngling in ratloser
Befangenheit, das Mädchen gelangweilt, mit verdrossenem Achselzucken ...
In diesem Augenblick erklang draußen eine heftige, erregte Stimme, die
Jucunda auffahren machte:
»Na, Gott sei Dank und Lob -- endlich also! G'sucht hab' ich das Mädchen
durch die halbe Stadt ... nee so was, nee so was!«
Die Tür sprang auf, und eine massive Frauengestalt füllte den Rahmen --
Frau Wehe verschwand fast ganz hinter dem roten, schwitzenden Gesicht,
das von den Samtschleifen, den Seidenbändern eines schwarzen Kapothutes
eingesäumt war -- hinter den mächtigen Schultern unterm perlbesetzten
Samtcape ...
»Jucunda -- endlich ... Wenn Du wüßtest, was ich hab' müssen aussteh'n
diesen Nachmittag Dir zuliebe ... Daß mich der Schlag nicht hat
gerührt, das is mir ä blaues Wunder ...«
»Mutter -- Du?« sagte Jucunda langsam und ungnädig. Sie empfand dunkel,
daß diese Erscheinung in schroffem Widerspruch stand zu dem mystischen
Glanz, der, sie wußte es, von ihr ausging, wenn sie wollte, und wenn der
Glückliche, der in diesem Glanze stand, die nötige Naivität besaß.
»Was ist denn passiert? Darf ich zunächst bekannt machen? Meine Kollegin
Fräulein Asta Thöny -- Herr Studiosus -- na wie war's doch noch?
Dummser, nicht wahr?«
»Thumser,« sagte Hans.
»-- meine Mutter, Frau Rat Buchner. Also was steht Dir zu Diensten,
Mama?«
»Nu nee -- ich weeß nich recht, ich mecht wohl mal e Wertchen mir Dir
alleene sprech'n, Jucunda ... Entschuldigen Se nur, meine Herrschaft'n
-- aber kannste nich e bißchen mit mir uff de Straße 'nunter kommen,
Kind?«
»O bitte, gnädige Frau, wenn Sie mit Ihrem Fräulein Tochter etwas unter
vier Augen zu besprechen haben« -- fiel Hans Thumser ein -- »meine Stube
ist nebenan, die steht Ihnen mit Vergnügen zur Verfügung -- darf ich
Mutter Ach -- Frau Wehe, wollt' ich sagen, darf ich ihr Auftrag geben,
daß sie Licht macht?«
Jucunda dankte mit einem Lächeln, kühl und hoheitsvoll, wie nie zuvor,
als gälte es, den etwas befremdlichen Eindruck, den das Erscheinen ihrer
Mutter gemacht, durch doppelt königliches Wesen wettzumachen. Und Hans
und Asta blieben allein zurück.
Stumm war's im Zimmer, während jenseits der Tür, jenseits der beiden
Kleiderschränke, die sie hüben und drüben verbarrikadierten, ein
erregtes Flüstern anhob. In weißen Schwaden lag der Zigarettenqualm über
dem Tisch, wob um die Hängelampe, ward von Wärmestrudeln in ihren Schirm
hineingesogen und stieg um ihren Zylinder steil wie aus einem Schlot
empor.
Ein weiches, brüderliches Gefühl zog Hans zu dem Mädchen hin, das noch
immer schweigend am Fenster stand, vom Laternenlicht umsilbert, von
stoßweis zuckendem Schluchzen den schlanken Leib geschüttelt.
»Fräulein Asta!« sagte er und trat ein paar Schritte auf sie zu; das
Herz schlug ihm bis in den Hals. Nun war es da: er war zum erstenmal in
seinem Leben mit einem Mädchen allein.
Sie antwortete nicht, nur heftiger flossen ihre Tränen beim Klang der
gedämpften Stimme, die so erregt, so gütig ihren Namen sprach.
»Fräulein Asta,« sagte Hans noch einmal, »so wahr ich lebe, ich habe
nicht daran gedacht, daß mein Benehmen Sie kränken könnte. Und Sie
müssen mir's glauben, wenn ich Ihnen sage: es war reiner Zufall, daß
ich ... daß ich mich mehrmals hintereinander mit meinem Gespräch
nur an Fräulein Buchner gewendet habe -- ich weiß wohl, daß ich
gesellschaftlich noch nicht sehr gewandt bin ... aber ... Fräulein
Buchner ... Ihnen ... vorziehen ... daran hab' ich ja mit keinem
Sterbensgedanken gedacht ... ich wäre doch auch ein Narr ... Sie ...
Sie sind ja so ein ... so ein wundervolles Geschöpf ... Sie ahnen ja gar
nicht, wie ich ... hingerissen gewesen bin ... gestern, wie ich Sie auf
der Bühne sah ...«
Er lauschte, ob eine Antwort käme ... aber regungslos stand das Mädchen,
Arm und Stirn an die Scheiben gepreßt, die von der Wärme ihrer Glieder
mit einem feinen Nebel beschlugen. Und wie Hans sich zage, Schritt um
Schritt, der Fensternische näher schob, fiel sein Blick auf die
Sophienstraße: drüben, vorm Eingang des Carolatheaters, drängte sich
schon wieder, noch weit über eine Stunde vor Beginn der Vorstellung, ein
dichter Menschenhauf, des Augenblicks wartend, da die Kasse sich zur
ersten Wiederholung der »Jungfrau« öffnen würde. Noch nicht
vierundzwanzig Stunden waren vergangen, seit er Asta Thöny zum ersten
Male gesehen ...
Aber ihre Tränen waren versiegt: sie harrte, ohne sich zu rühren ... es
war, als lausche sie ... als lechze sie, mehr zu hören ... mehr ...
Hans Thumser fühlte, wie alle seine Glieder nur ein einziges banges,
verlangendes Beben wurden ... auch seine Stimme bebte heftig, als er
weitersprach, ohne zu wissen, was er sagte ...
»Asta ... ich habe noch nie ... noch nie ein Mädchen berührt ... ich bin
ein ganz dummer, dummer Bub ... Sie ... Sie müssen Geduld mit mir haben
... Wenn Sie ahnen könnten, wie mir zumut ist ... wie ich mich sehne ...
ach, wie namenlos ich mich sehne ... ach, und ich hab' mich ja schon so
gesehnt ... seit ich Sie gesehen hab' da drüben ... in Ihrer Schönheit
... und heut nacht, o Mädchen, wie haben meine Gedanken, meine Träume
sich an Dich gedrängt ... hast Du das denn nicht gefühlt? nicht geahnt?
Seien Sie doch nicht so stumm, sagen Sie mir doch, daß Sie mir verziehen
haben ... mir ist ja so bang, so namenlos bang ist mir nach Dir ...«
Da wandte das junge Weib sich um ... Ihre duftenden Arme warf sie dem
Knaben um den Nacken und überflutete ihm die Lippen, die Augen, den Hals
mit dem schäumenden Strom ihrer Küsse.
»Also, Jucunda, Du weeßt nu, was die Glocke geschlagen hat ...« beendete
drüben in Hans Thumsers Studentenbudchen Mutter Doris ihren Bericht über
die schwerste Stunde ihres Lebens -- wie sie den Nachmittagsbesuch des
Herrn vom Nassau-Dillingenschen Hofe genannt hatte. Sie thronte auf dem
Kanapee unter den gekreuzten durchbohrten Mützen, den staubigen,
verblichenen Bändern in ihrer ganzen schnaubenden, dampfenden
Leiblichkeit ... Die Korsettstangen knackten unter den keuchenden
Atemstößen der eingepreßten Lungen, die fleischige Hand wedelte ohn'
Unterlaß mit dem feuchten Taschentuch den beperlten Hängebacken
Erfrischung zu. Jucunda saß stumm in einem der geblümten Fauteuils, mit
zusammengepreßten Lippen, das stolze Haupt ein wenig zurückgeneigt, die
blauen Augen starr zur Decke gerichtet. Sie schwieg auch, als die Mutter
ihren Bericht geendet und erwartungsvoll an den Zügen der Tochter hing.
»Nu rede Du aber gefälligst ooch en Ton!« polterte Mutter Doris
schließlich heraus. »Ich mein', ich hätte mich nu genügend abgerackert
für Dich!«
»Na, wenn Du meine Meinung denn wirklich hören willst, Mutter: Du
scheinst mir eine märchenhafte Dummheit begangen zu haben.«
»I herrjemersch nee ... nu wird mer'sch aber doch zu tolle! Und was wär'
das fier ä Dummheit, wenn's gefällig wär?«
»Wie Du den Brief hast herausgeben können, Mutter, das versteh ich
einfach nicht ... das Geld, mag sein, obgleich mir's schon lieber wäre,
ich hätte einen Postquittungsschein in Händen ... aber den Brief --
unglaublich einfach!«
Sie sprang heftig auf, stieß den Fauteuil mit einem Ruck zur Seite, daß
er in seinen Grundfesten krachte, und rannte zum Fenster -- starrte
hinaus, wie drüben vorher die zierliche Kollegin ...
Ach ... da drunten drängten sich die Massen -- eben war der Kassenflur
geöffnet worden -- stießen sich, balgten, prügelten sich um den Vorrang
... wem galt das alles als ihr? Die alle da unten, hatten die einen
anderen Gedanken als -- Jucunda Buchner?
Und nach der Tortur dieser letzten Viertelstunde, nach all dem Ekel, der
Zukunftsbangigkeit, die in ihr aufgequollen war beim Bericht der Mutter
-- kam da auf einmal eine wunderbare Gelassenheit über das Mädchen. Pah
-- was konnte ihr geschehen?!
Inzwischen hatte Mutter Doris sich von ihrem ersten Schreck erholt.
»Nee, weeßte, Jucunda, ich versteh Dich nich, wahrhaft'gen Gott, ich
versteh Dich nich. Erscht stellst Du Dich an wer weeß wie sähre, daß De
so än Brief kriegst, un ... un das andre ... un nu kommt der, der Dir's
geschickt hat, und holt sich's wieder ab -- un nu is ooch wieder nicht
recht -- -- un ich hab' Dir doch bloß die scheißliche Geschichte woll'n
vom Halse halten ... nee, nee, so was! Das hätt' ich wissen sollen, dann
hätt' ich dem dicknäsigen Herrn ganz einfach gesagt: kommen Se
gefälligst wieder, wenn Fräulein Jucunda Buchner derheeme is -- mich
geht's nischt an!«
»Hättest Du das man getan, Mutter ... Ich hätte dem Herrn schon
beigebracht, wie man mit Jucunda Buchner spricht -- das kannst mir
glauben! Ach -- aber es ist ja alles egal ...«
Sie reckte sich ... ein harter Glanz kam in ihre Augen ... Noch eine
knappe Stunde, und die Rampenlichter flammten auf, und sie tauchte
hinein in ihren blendenden Schimmer -- und von jenseits, aus dem dunkel
gähnenden Zuschauerraum, dampfte die Vergötterung der anderthalb Tausend
ihr entgegen ...
»Was wirscht De denn nu anfangen?« fragte Mutter Doris ganz halblaut.
»Wo der Herr Major doch verlangt hat, Du sollst machen, daß der ... der
Herr Korpsstudent seine ... seine Aufforderung zum Duell ... daß er die
zurück tut nähm'!«
Jucunda versank in einen Wirbel der Gedanken. Das Bild des jungen
Gesellen stieg in ihr auf, der so viel für sie getan ... aus einem
ritterlichen Empfinden heraus, das so einfach, so natürlich war, daß
Jucunda es wohl verstehen mußte, würdigen konnte in seiner schlichten,
starken Mannhaftigkeit ... Und nun sollte sie selber von ihm verlangen,
daß er den kühnen, verhängnisvollen Schritt, den er zu ihrem Schutze
getan -- rückwärts tun sollte ... Sie war in einer Luft groß geworden,
in die immerfort, aus den Stübchen der Mieter ihrer Eltern in die gute
Stube da hinten mit den grünen Plüschmöbeln, in die Träume ihres eigenen
Mädchenkämmerleins hinein -- die romantischen Vorstellungen und Begriffe
von korpsstudentischem Schneid, von Burschenehre hineingeweht waren ...
O sie wußte ganz genau, was es für den weiland Ersten Chargierten der
Franconia bedeutete, aus dem Korps auszutreten, um einen Prinzen, der an
offiziellen Kneipabenden die grüne Mütze anlegte, zum Säbelduell fordern
zu können ... und was es nun erst bedeuten mußte, wenn sie ihm
zumutete, seine Forderung zurückzunehmen, ohne daß eine Sühne erfolgt
war ... ohne selbst eine formelle Bitte um Entschuldigung ... denn als
eine solche konnte doch der Besuch des Majors, seine unverblümten
Drohungen, die Erlistung des Briefes und des Geldes aus der Hand der
hilf- und ahnungslosen Mutter unmöglich aufgefaßt werden ...
Immerhin -- hier war der Ansatzpunkt. Die Sache mußte dem Studenten so
dargestellt werden, als habe der Major den Auftrag gehabt, eine Bitte um
Verzeihung im eigenen Namen und im Namen seines prinzlichen Zöglings
zu überbringen ... als ob er diese Bitte auch tatsächlich überbracht
habe ... und wenn sie, die Beleidigte, sich mit dieser Genugtuung
einverstanden erklärte, dann war ja doch wohl für ihren Beschützer kein
vernünftiger Grund mehr, seine Forderung aufrecht zu erhalten ... und
alles in schönster Ordnung ...
Alles in Ordnung? Nein ... Jucunda war ein viel zu klarer Kopf, als daß
sie die Folgen des Geschehenen nicht zu Ende gedacht hätte ...
Also er zieht seine Forderung zurück, und dann? Nun dann ist er, auf gut
deutsch gesagt, der unrettbar Blamierte ... Er ist aus dem Korps
ausgetreten und hat ein Mitglied des Korps gefordert -- die Forderung
ist zwar nicht zum Austrag gekommen, aber die unsühnbare Feindschaft
zwischen den beiden jungen Männern besteht -- sie können nicht mehr auf
der Kneipe zusammensitzen, nicht mehr die gleichen Farben tragen ... Und
da das Korps seiner ganzen Tradition nach, um seiner Beziehungen zu Hof,
Behörden, Gesellschaft willen den Prinzen nicht fallen lassen kann, so
wird eben Pilgram dran glauben müssen ... Er hat sein Band verloren,
ist ausgeschieden aus dem Kreise der Freunde seiner Jugend ... All das
tapfere Ringen, Mensuren, Chargen, verbummelte Semester umsonst ...
Das alles wußte Jucunda und wurde sich im angestrengten Nachsinnen
weniger Minuten über all diese Folgen klar, mitleidslos gegen sich und
ihn ...
Und wieder meinte sie sein hartes, herrisches Gesicht zu sehen, wie es
weich, selbstlos, opferfreudig aufglühte um ihrer Ehre willen ...
»Sie haben weinen müssen -- -- -- das sollen sie mir bezahlen, die zwei
...«
Wie gut, wie tapfer, wie ... heldenhaft seine Worte, seine Tat ... und
nun?!
Hieß das nicht ... ihn schmählich verleugnen ... wenn sie nun
zurückwich, sie ... und dadurch seiner Tat den ritterlichen Glanz
raubte ... sie zu einer Narrensposse, zu einem Dummenjungenstreich
erniedrigte?
Aber ... ihre eigene Zukunft? Ihre Karriere? War das nicht alles, alles
das, was der Major ihrer Mutter angedeutet hatte ... waren das nicht
alles Wahrheiten?!
Einen Augenblick lang war sie geneigt, das alles in den Wind zu schlagen
... Pah ... Engagement in Frage gestellt ... Bericht gegen sie beim Hof
in Meiningen ... War sie nicht Jucunda Buchner? Brauchte sie die
Hoftheater? Oder brauchten die Hoftheater -- sie?!
Ach nein ... So stand es doch nicht ... Man war nicht immer achtzehn
Jahre, nicht immer eine neue Entdeckung, eine Sensation, eine Mode ...
Jucunda wußte schon viel, viel zu viel von den brutalen Gesetzen der
Macht, der Laune, des Glücks, des Wechsels, welche die schillernde Welt
regierten, in der es ihr bislang so herrlich, so unverdient und
unfaßbar glänzend gegangen ... sie dachte an ihre alte, verknitterte
Garderobiere, die auch einmal eine vergötterte junge Liebhaberin gewesen
war -- freilich nur am Stadttheater in Stallupönen, aber je höher der
Anstieg, um so grimmiger die Gefahr, um so steiler und zerschmetternder
der Sturz ... Nein, beim Theater konnte sich niemand erlauben, nur auf
sein Talent, seine eigene Kraft und Persönlichkeit zu bauen und die
Gunst der Mächtigen, der Brotgeber leichtsinnig zu verscherzen ...
Niemand konnte sich das erlauben, auch Jucunda Buchner nicht ...
Er ... oder ich -- -- so stellte sich schließlich die Frage ... und
waren da die Chancen nicht doch zu ungleich? Schließlich ... ersparte
sie nicht auch ihm durch ihren Entschluß, ihn fallen zu lassen, das
größere Opfer, das noch ausstand? Das Risiko eines, nein zweier
Zweikämpfe mit schweren Waffen, unter den schärfsten Bedingungen?
Ersparte sie ihm nicht den definitiven, den viel größeren, gar nicht
wieder gut zu machenden Skandal?!
Eine ... Enttäuschung ... eine schmerzliche Wunde für sein jugendlich
enthusiastisches Empfinden bedeutete es ihm, wenn sie sich zurückzog ...
mehr doch nicht ... Für sie aber stand ihre ganze Zukunft, ihre Zukunft
als Künstlerin wie ihre materielle Existenz auf dem Spiele ...
Gab es da eine Wahl?
Und letzten, allerletzten Endes: Hatte er das alles nicht sich selber
zuzuschreiben? Hatte sie ihn um seinen Schutz -- gebeten?! Nein, das
hatte sie nicht getan, mit keinem Wort, keinem Blick ... Er hatte sich
zum Verteidiger ihrer Ehre aufgeworfen ... Hatte sich eigentlich, wenn
man es einmal mit einem etwas scharfen Ausdruck bezeichnen wollte,
aufgedrängt ... Und hatte sie nicht alles Mögliche versucht, ihn von
diesem unerbetenen Opfer abzuhalten?! Aber er war ja fortgestürmt, als
ging's um seine eigene Ehre, um sein Leben ...
Jucunda stand am Fenster, noch immer regungslos. Und hinüber, herüber
schossen die Gedanken, anklagend und entschuldigend ...
Mutter Doris saß ganz still und gedrückt in ihrem Kanapee ... Daß sie
eine furchtbare Dummheit gemacht, als sie das verhängnisvolle Briefchen
aus der Hand gegeben ... das war ihr nun völlig klar ... Ihre
spießbürgerliche Verschlagenheit sagte ihr ja nun selber, daß man aus
solchen Beweisstücken Kapital hätte schlagen müssen ...
Selbstverständlich nicht im materiellen Sinne -- o nein, so etwas hatte
Showing first 200,000 characters. Full text: gutenberg.org/ebooks/44647