Der Tunnel: Roman
by Bernhard Kellermann · German · Gutenberg #44489 · 676,609 chars · public domain (US)
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Title: Der Tunnel: Roman
Author: Bernhard Kellermann
Release date: December 23, 2013 [eBook #44489]
Most recently updated: October 23, 2024
Language: German
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/44489
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DER TUNNEL
Roman
von
BERNHARD KELLERMANN
S. Fischer, Verlag, Berlin
1913
26.--35. Tausend.
Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.
Copyright 1913 S. Fischer, Verlag, Berlin.
Der Tunnel
Erster Teil
1.
Das Einweihungskonzert des neuerbauten Madison-Square-Palastes bildete
den Höhepunkt der Saison. Es war eines der außerordentlichsten Konzerte
aller Zeiten. Das Orchester umfaßte zweihundertundzwanzig Musiker, und
jedes einzelne Instrument war mit einem Künstler von Weltruf besetzt.
Als Dirigent war der gefeiertste lebende Komponist, ein Deutscher,
gewonnen worden, der für den einen Abend das unerhörte Honorar von
sechstausend Dollar erhielt.
Die Eintrittspreise verblüfften selbst New York. Unter dreißig Dollar
war kein Platz zu haben, und die Billettspekulanten hatten die Preise
für eine Loge bis auf zweihundert Dollar und höher getrieben. Wer
irgendwie etwas sein wollte, durfte nicht fehlen.
Um acht Uhr abends waren 26., 27. und 28. Straße und Madison Avenue
von knatternden, ungeduldig bebenden Automobilen blockiert. Die
Billetthändler, die ihr Leben zwischen den Pneumatiken von sausenden
Automobilen verbringen, stürzten sich, schweißtriefend trotz einer
Temperatur von zwölf Grad Kälte, Bündel von Dollarscheinen in den
Händen, tollkühn mitten in den endlos heranrollenden Strom wütend
donnernder Wagen. Sie schwangen sich auf die Trittbretter, Führersitze
und selbst Dächer der Cars und versuchten das Schnellfeuer der Motoren
mit ihren heiser heulenden Stimmen zu überbrüllen. »~Here you are!
Here you are!~ Zwei Parkettsitze, zehnte Reihe! Ein Logenplatz! Zwei
Parkettsitze ...!!« Ein schräger Hagel von Eiskörnern fegte wie
Maschinengewehrfeuer auf die Straße nieder.
Sobald ein Wagenfenster klappte -- »Hierher!« -- warfen sie sich
blitzschnell wie Taucher wieder zwischen die Wagen. Während sie aber
ihr Geschäft abschlossen, Geld in die Taschen stopften, gefroren ihnen
die Schweißtropfen auf der Stirn.
Das Konzert sollte um acht Uhr beginnen, aber noch ein Viertel nach
acht warteten unabsehbare Reihen von Wagen darauf, bei dem in Nässe
und Licht schreiend rot leuchtenden Baldachin vorzufahren, der in das
blitzende Foyer des Konzertpalastes hineinführte. Unter dem Lärm der
Billetthändler, dem Knattern der Motoren und Trommeln der Eiskörner
auf dem Baldachin quollen aus den einander blitzschnell ablösenden
Cars immer neue Menschenbündel hervor, von den dunkeln Mauern der
Neugierigen mit stets neuer Spannung erwartet: kostbare Pelze, ein
funkelndes Haargebäude, aufsprühende Steine, ein seideglänzender
Schenkel, ein entzückender weißbeschuhter Fuß, Lachen, kleine
Schreie ...
Der Reichtum der fünften Avenue, Bostons, Philadelphias, Buffalos,
Chikagos füllte den pompösen, in Lachsrot und Gold gehaltenen
überhitzten Riesensaal, der während des ganzen Konzerts von Tausenden
von hastig bewegten Fächern vibrierte. Aus all den weißen Schultern
und Büsten der Frauen stieg eine Wolke betäubender Parfüme empor,
zuweilen ganz unvermittelt von dem nüchternen und trivialen Geruch
von Lack, Gips und Ölfarbe durchsetzt, der dem neuen Raum anhaftete.
Scharen und Aberscharen von Glühlampen blendeten aus den Kassetten
der Decke und Emporen über den Raum, so gleißend und grell, daß
nur starke und gesunde Menschen die Lichtflut ertragen konnten. Die
Pariser Modekünstler hatten für diesen Winter kleine venezianische
Häubchen lanciert, die die Damen auf den Frisuren, etwas nach hinten
gerückt, trugen. Gespinste, Spinngewebe aus Spitzen, Silber, Gold, mit
Borden, Quasten, Gehängsel aus den kostbarsten Materialien, Perlen und
Diamanten. Da aber die Fächer unausgesetzt vibrierten und die Köpfe
stets in leichter Bewegung waren, so glitt fortwährend ein Glitzern
und Flimmern über das dichtgedrängte Parkett, und hundertfach sprühten
gleichzeitig an verschiedenen Stellen die Feuer der Brillanten auf.
Über diese Gesellschaft, ebenso neu und prunkvoll wie der Konzertsaal,
fegte die Musik der alten, längst vermoderten Meister dahin ...
Der Ingenieur Mac Allan hatte mit seiner jungen Frau, Maud, eine kleine
Loge dicht über dem Orchester inne. Hobby, sein Freund, der Erbauer des
neuen Madison-Square-Palastes, hatte sie ihm zur Verfügung gestellt und
Allan kostete diese Loge keinen Cent. Er war zudem nicht aus Buffalo,
wo er eine Fabrik für Werkzeugstahl besaß, hierhergekommen, um Musik
zu hören, für die er gar kein Verständnis hatte, sondern um eine zehn
Minuten lange Unterredung mit dem Eisenbahnmagnaten und Bankier Lloyd,
dem mächtigsten Mann der Vereinigten Staaten und einem der reichsten
Männer der Welt, zu führen. Eine Unterredung, die für ihn von der
allergrößten Bedeutung war.
Am Nachmittag, im Zuge, hatte Allan vergebens gegen eine leichte
Erregung gekämpft, und noch vor wenigen Minuten, als er sich durch
einen Blick überzeugte, daß die Loge gegenüber, Lloyds Loge, noch leer
war, hatte ihn die gleiche sonderbare Unruhe angefallen. Nun aber sah
er den Dingen wieder mit vollkommener Ruhe entgegen.
Lloyd war nicht da. Lloyd kam vielleicht überhaupt nicht. Und selbst
wenn er kam, so war damit noch nichts entschieden -- trotz Hobbys
triumphierender Depesche!
Allan saß da, wie ein Mann, der wartet und die nötige Geduld dazu
hat. Er lag in seinem Sessel, die breiten Schultern gegen die Lehne
gedrückt, die Füße ausgestreckt, so gut es in der Loge ging, und sah
mit ruhigen Augen umher. Allan war nicht gerade groß, aber breit
und stark gebaut wie ein Boxer. Sein Schädel war mächtig, mehr
viereckig als lang, und die Farbe seines etwas derben bartlosen
Gesichts ungewöhnlich dunkel. Selbst jetzt im Winter zeigten seine
Backen Spuren von Sommersprossen. Wie alle Welt trug er das Haar
sorgfältig gescheitelt; es war braun, weich und schimmerte an den
Reflexen kupferfarben. Allans Augen lagen verschanzt hinter starken
Stirnknochen; sie waren licht, blaugrau und von gutmütig kindlichem
Ausdruck. Im ganzen sah Allan aus wie ein Schiffsoffizier, der gerade
von der Fahrt kam, vollgepumpt mit frischer Luft, und heute zufällig
einen Frack trug, der nicht recht zu ihm paßte. Wie ein gesunder,
etwas brutaler und doch gutmütiger Mensch, nicht unintelligent, aber
keineswegs bedeutend.
Allan vertrieb sich die Zeit, so gut er konnte. Die Musik hatte
keine Macht über ihn und anstatt seine Gedanken zu konzentrieren und
zu vertiefen, zerstreute und verflüchtigte sie sie. Er maß mit den
Blicken die Dimensionen des ungeheuren Saales aus, dessen Decken-
und Logenringkonstruktion er bewunderte. Er überflog das flimmernde,
vibrierende Fächermeer im Parkett und dachte, daß »viel Geld in den
Staaten sei und man hier so etwas unternehmen könne, wie er es im
Kopf hatte«. Als praktisch veranlagter Mensch unternahm er es, die
stündlichen Beleuchtungskosten des Konzertpalastes abzuschätzen. Er
einigte sich auf rund tausend Dollar und verlegte sich hierauf auf das
Studium einzelner Männerköpfe. Frauen interessierten ihn gar nicht.
Dann streifte sein Blick wiederum die leere Loge Lloyds und tauchte
in das Orchester hinab, dessen rechten Flügel er übersehen konnte.
Wie alle Menschen, die nichts von Musik verstehen, verblüffte ihn die
maschinelle Exaktheit, mit der das Orchester arbeitete. Er rückte ein
wenig vor, um den Dirigenten zu sehen, dessen stabführende Hand und
dessen Arm nur zuweilen über der Brüstung erschienen. Dieser hagere,
schmalschulterige, distinguierte Gentleman, dem sie für diesen Abend
sechstausend Dollar bezahlten, war Allan vollends ein Rätsel. Er
beobachtete ihn lange und aufmerksam. Schon das Äußere dieses Mannes
war ungewöhnlich. Sein Kopf, mit der Hakennase, den kleinen, lebendigen
Augen, dem zusammengekniffenen Mund und den dünnen, nach rückwärts
stehenden Haaren erinnerte an den eines Geiers. Er schien nur Haut und
Knochen zu sein und nichts als Nerven. Aber er stand ruhig inmitten
des Chaos von Stimmen und Lärm und ordnete es nach Belieben mit einem
Wink seiner weißen, anscheinend kraftlosen Hände. Allan bewunderte ihn,
etwa wie einen Zauberer, in dessen Macht und Geheimnisse einzudringen
er nicht einmal den Versuch machte. Dieser Mann schien ihm einer
fernen Zeit und einer sonderbaren, unverständlichen, fremden Rasse
anzugehören, die dem Aussterben nahe war.
Gerade in diesem Augenblick aber streckte der hagere Dirigent die Hände
in die Höhe, schüttelte sie wie in Raserei, und in den Händen schien
plötzlich eine übermenschliche Kraft zu wohnen: das Orchester brandete
auf und verstummte mit einem Schlag.
Eine Lawine von Beifall rollte durch den Saal, hohl tobend in der
ungeheuren Ausdehnung des Raumes. Allan rückte aufatmend zurecht, um
aufzustehen. Aber er hatte sich getäuscht, denn drunten leiteten die
Holzbläser schon das Adagio ein. Aus der Nebenloge drang noch das Ende
eines Gesprächs herüber.... »... zwanzig Prozent Dividende, Mann! Es
ist ein Geschäft, wie es glänzender ...«
Und Allan war gezwungen, wieder ruhig zu sitzen. Er begann abermals
die Konstruktion der Logenringe zu studieren, die ihm nicht ganz
verständlich war. Allans Frau dagegen, selbst angehende Pianistin,
ergab sich mit ihrem ganzen Wesen der Musik. An der Seite ihres
Gatten erschien Maud zart und klein. Sie hatte den feinen braunen
Madonnenkopf in den weißen Handschuh gestützt, und ihr transparent
leuchtendes Ohr _trank_ die Tonwellen, die von unten herauf, von oben
herab, von irgendwoher kamen. Die ungeheure Vibration, mit der die
zweihundert Instrumente die Luft erfüllten, erschütterte jeden Nerv an
ihrem Körper. Ihre Augen waren geweitet und ohne Blick in die Ferne
gerichtet. So stark war ihre Erregung, daß auf ihren zarten, glatten
Wangen kreisrunde rote Flecke erschienen.
Nie, so schien es ihr, hatte sie Musik tiefer empfunden, nie hatte
sie überhaupt je solche Musik gehört. Eine kleine Melodie, ein
unscheinbares Nebenmotiv konnte eine niegekannte Helligkeit in ihrer
Seele wecken. Ein einzelner Klang konnte eine unbekannte, verborgene
Ader von Glück in ihr anschlagen, daß es hell daraus strömte und sie
im Innern blendete. Und alles Gefühl, das diese Musik in ihr auslöste,
war reinste Freude und Schönheit! All die Gesichte, die ihr die Musik
entgegentrug, waren in Helligkeit und Verklärung getaucht und schöner
als jede Wirklichkeit.
Mauds Leben war eben so schlicht und einfach wie ihre Erscheinung.
Es gab weder große Ereignisse noch besondere Merkwürdigkeiten darin
und glich dem von Tausenden von jungen Mädchen und Frauen. Sie war
in Brooklyn, wo ihr Vater eine Druckerei besaß, geboren und auf
einem Landgut in den Berkshire-Hills von ihrer sie verzärtelnden
Mutter, einer gebornen Deutschen, erzogen worden. Sie hatte eine
gute Schulbildung genossen, zwei Sommer lang Vorlesungen an der
~summerschool~ von Chautauqua gehört, sie hatte eine Menge von Weisheit
und Wissen in ihren kleinen Kopf hineingestopft, um es wieder zu
vergessen. Obwohl nicht übermäßig musikalisch begabt, hatte sie sich
auf dem Klavier ausgebildet und ihr Studium in München und Paris bei
ersten Lehrern abgeschlossen. Sie war mit ihrer Mutter auf Reisen
gewesen (der Vater war lange tot), sie hatte Sport getrieben und mit
jungen Männern geflirtet wie alle jungen Mädchen. Sie hatte eine
Jugendschwärmerei gehabt, an die sie heute nicht mehr dachte, sie hatte
Hobby, dem Architekten, der sich um sie bewarb, einen Korb gegeben,
weil sie ihn nur wie einen Kameraden lieben konnte, und sie hatte den
Ingenieur Mac Allan geheiratet, weil er ihr gefiel. Noch vor ihrer
Verheiratung war ihre kleine, angebetete Mutter gestorben, und Maud
hatte bittere Tränen vergossen. Im zweiten Jahr ihrer Ehe hatte sie ein
Kind geboren, ein Mädchen, das sie abgöttisch liebte. Das war alles.
Sie war dreiundzwanzig Jahre alt und glücklich.
Während sie in einer Art von herrlicher Betäubung die Musik genoß,
erblühte wie durch einen Zauber ein Reichtum von Erinnerungen in
ihr, einander scheinbar willkürlich ablösend, alle sonderbar klar,
alle merkwürdig bedeutungsvoll. Und ihr Leben erschien ihr plötzlich
geheimnisvoll, tief und reich. Sie sah die Züge ihrer kleinen Mutter
in unendlicher Vergeistigung und Güte vor sich, aber sie empfand
keine Trauer dabei, nur Freude und unaussprechliche Liebe. Als weile
die Mutter noch unter den Lebenden. Gleichzeitig erschien ihr eine
Landschaft in den Berkshire-Hills, die sie als Mädchen häufig auf dem
Rade durchquert hatte. Aber die Landschaft war voll geheimnisvoller
Schönheit und von einem merkwürdigen Glänzen erfüllt. Sie dachte an
Hobby, und im gleichen Augenblick sah sie ihr Mädchenzimmer, das
vollgestopft mit Büchern war, vor sich. Sie sah sich selbst, wie sie
am Klavier saß und übte. Aber unmittelbar darauf tauchte Hobby wieder
auf. Er saß neben ihr auf einer Bank am Rande eines Tennisplatzes, der
schon so dämmerig war, daß man nur die weißen Streifen der Courts noch
unterscheiden konnte. Hobby hatte ein Bein übergeschlagen und klopfte
mit dem Rakett auf die Spitze seines weißen Schuhs und plauderte. Sie
sah sich selbst, und sie sah, daß sie lächelte, denn Hobby sprach
nichts als verliebten Unsinn. Aber eine heitere, übermütige, ein wenig
spöttische Passage wehte Hobby hinweg und rief ihr jenes fröhliche
Picknick ins Gedächtnis zurück, bei dem sie Mac zum erstenmal gesehen
hatte. Sie war zu Besuch bei Lindleys in Buffalo, und es war im Sommer.
Im Wald standen zwei Autos, und sie waren im ganzen wohl ein Dutzend,
Damen und Herren. Jedes einzelne Gesicht erkannte sie deutlich wieder.
Es war heiß, die Herren waren in Hemdärmeln, und der Boden brannte.
Nun aber sollte Tee gekocht werden und Lindley rief: »Allan, wollen
Sie das Feuer anmachen?« Und Allan antwortete: »~All right!~« Und
Maud schien es jetzt, als habe sie schon damals seine Stimme geliebt,
seine tiefe, warme Stimme, die im Brustkorb resonierte. Da sah sie
nun, wie Allan das Feuer zurechtmachte. Wie er still, unbeachtet von
allen, Äste zerbrach, zerknackte, wie er _arbeitete_! Sie sah, wie er
mit aufgestülpten Hemdärmeln vor dem Feuer kauerte und es behutsam
anblies, und plötzlich entdeckte sie, daß er auf dem rechten Unterarm
eine blaßblaue Tätowierung trug: gekreuzte Hämmer. Sie machte Grace
Gordon darauf aufmerksam. Und Grace Gordon (dieselbe, die neulich
den Eheskandal gehabt hat) sah sie erstaunt an und sagte: »~Don't
you know, my dear?~« Und sie berichtete ihr, daß dieser Mac Allan
der »Pferdejunge von Uncle Tom« war und erzählte das romantische
Jugenderlebnis dieses braunen, sommersprossigen Burschen. Da kauerte
er, ohne sich um all die schwätzenden, fröhlichen Menschen zu kümmern,
und blies das Feuer an, und sie liebte ihn in diesem Augenblick. Gewiß
tat sie es, sie wußte es nur nicht, bis heute. Und Maud überließ sich
nun ganz ihrem Gefühl für Mac. Sie erinnerte sich an seine merkwürdige
Werbung, an ihre Trauung, die ersten Monate ihrer Ehe. Dann aber kam
die Zeit, da ihr Mädchen, die kleine Edith, zur Welt kommen sollte und
zur Welt kam. Nie würde sie Macs Fürsorge vergessen, jene Zärtlichkeit
und Ergebenheit in dieser Zeit, die für jede Frau ein Maßstab der Liebe
des Mannes ist. Es zeigte sich plötzlich, daß Mac ein fürsorgliches,
ängstliches Kind war. Nie würde sie diese Zeit vergessen, in der sie
sah, wie wahrhaft gut Mac war! Eine Welle von Liebe strömte durch Mauds
Herz und sie schloß die Augen. Die Gesichte, die Erinnerungen versanken
und die Musik trug sie fort. Sie dachte nichts mehr, sie war ganz
Empfindung ...
Ein Getöse, wie von einer einstürzenden Mauer, brach plötzlich an Mauds
Ohr und sie erwachte und holte tief Atem. Die Symphonie war zu Ende.
Mac war schon aufgestanden und reckte sich, die Hände auf der Brüstung.
Das Parkett brandete und toste.
Und Maud stand auf, ein wenig schwindlig und benommen, und begann ganz
plötzlich wild zu applaudieren.
»So klatsche doch, Mac!« jubelte sie außer sich, das Gesicht glühendrot
vor Erregung.
Allan lachte über Mauds ungewöhnliche Aufregung und klatschte einigemal
laut in die Hände, um ihr eine Freude zu machen.
»Bravo! Bravo!« rief Maud mit ihrer hellen, hohen Stimme und beugte
sich mit vor Erregung feuchten Augen weit über die Logenbrüstung.
Der Dirigent trocknete sich das magere, vor Erschöpfung bleiche Gesicht
ab und verbeugte sich wieder und wieder. Als aber der Beifall nicht
enden wollte, deutete er mit ausgebreiteten Händen auf das Orchester.
Diese Bescheidenheit war offenbar geheuchelt und erweckte Allans
unausrottbaren Argwohn gegen Künstler, die er nie für volle Menschen
nehmen konnte und, offen herausgesagt, für unnötig hielt. Maud aber
schloß sich dem neuen Beifallssturm hingerissen an.
»Meine Handschuhe sind geplatzt, sieh, Mac! Was für ein Künstler! War
es nicht wunderbar?« Ihre Lippen waren verzückt, ihre Augen leuchteten
hell wie Bernstein, und Mac fand sie ungewöhnlich schön in ihrer
Ekstase. Er lächelte und erwiderte, ein wenig gleichgültiger als er
wollte: »Ja, das ist ein großartiger Bursche!«
»Ein Genie ist er!« rief Maud und klatschte begeistert. »In Paris,
Berlin, London habe ich nie so etwas gehört --« Sie brach ab und wandte
das Gesicht der Türe zu, denn Hobby, der Architekt, trat in ihre Loge.
»Hobby!« schrie Maud, immer noch klatschend, denn sie wollte, wie
tausend andere, den Dirigenten nochmals herausrufen. »Klatsche, Hobby,
er muß nochmals heraus! Hip! Hip! Bravo!«
Hobby hielt sich die Ohren zu und ließ einen ungezogenen
Gassenbubenpfiff hören.
»Hobby!« schrie Maud. »Wie kannst du dich unterstehen!« Und sie
stampfte empört mit dem Fuß auf. In diesem Moment ließ sich der
Dirigent, schweißtriefend, das Taschentuch im Nacken, nochmals sehen,
und sie klatschte von neuem rasend.
Hobby wartete, bis der Lärm nachließ.
»Die Leute sind vollständig verrückt!« sagte er dann mit einem hellen
Lachen. »So etwas! Ich habe ja nur gepfiffen, um Lärm zu machen, Maud.
Wie geht es dir, ~girl~? ~And how are you, old chap?~«
Erst jetzt hatten sie Muße, sich richtig zu begrüßen.
Die drei verband in der Tat eine aufrichtige und selten innige
Freundschaft. Allan kannte recht wohl die früheren Beziehungen Hobbys
zu Maud, und obwohl nie ein Wort darüber gesprochen wurde, verlieh
dieser Umstand dem Verhältnis zwischen den beiden Männern besondere
Wärme und einen eigenen Reiz. Hobby war noch immer ein wenig in Maud
verliebt, war aber taktvoll und klug genug, es sich nie merken zu
lassen. Allein Mauds sicherer weiblicher Instinkt ließ sich nicht
täuschen. Sie genoß Hobbys Liebe mit leisem Triumph, der zuweilen
in ihren warmen braunen Augen zu lesen war, und entschädigte ihn
mit einer aufrichtigen schwesterlichen Zuneigung. Sie hatten sich
alle drei in verschiedenen Lebenslagen, voller Freude, sich nützlich
sein zu können, Dienste erwiesen, und besonders Allan fühlte sich
Hobby gegenüber zu großem Danke verpflichtet: hatte doch Hobby ihm
vor Jahren zu technischen Versuchen und zur Errichtung seiner Fabrik
fünfzigtausend Dollar verschafft und für diese Summe persönliche
Bürgschaft geleistet. Hobby hatte ferner in den letzten Wochen Allans
Interessen vor dem Eisenbahnkönig Lloyd vertreten und das bevorstehende
Rendezvous vermittelt. Hobby hätte alles für Allan getan, was überhaupt
möglich war, denn er bewunderte ihn. Schon in der Zeit, da Allan nichts
geschaffen hatte als seinen Diamantstahl Allanit, pflegte Hobby zu
all seinen Bekannten zu sagen: »Kennen Sie übrigens Allan? Der das
Allanit erfand? Nun, Sie werden noch hören von ihm!« Die Freunde sahen
einander jährlich einigemal. Die Allans kamen nach New York oder Hobby
besuchte sie in Buffalo. Im Sommer verlebten sie regelmäßig drei Wochen
zusammen auf Mauds bescheidenem Landgut Berkshirebrookfarm in den
Berkshire-Hills. Ein jedes Wiedersehen war für sie ein großes Ereignis.
Sie fühlten sich um drei, vier Jahre zurückversetzt, und alle jene
fröhlichen und vertrauten Stunden, die sie zusammen verbracht hatten,
wurden irgendwie lebendig in ihnen.
Diesen ganzen Winter hindurch hatten sie sich nicht gesehen, und
ihre Freude war um so lebhafter. Sie musterten einander von oben bis
unten wie große Kinder, und beglückwünschten sich in heiterem Ton zu
ihrem Aussehen. Maud lachte über Hobbys dandyhafte Lackschuhe, die
auf den Kappen wahre Rhinozeroshörner aus glänzendem Leder trugen,
und Hobby begutachtete wie ein Modekünstler Mauds Kostüm und Allans
neuen Frack. Wie bei jedem Wiedersehen nach längerer Zeit mischten
sie hundert rasche Fragen und rasche Antworten durcheinander, ohne
über irgend etwas eingehender zu plaudern. Hobby hatte, wie immer, die
sonderbarsten und unglaublichsten Abenteuer erlebt und deutete das eine
und das andere an. Dann kamen sie auf das Konzert, Tagesereignisse und
Bekannte zu sprechen.
»Wie gefällt euch übrigens der Konzertpalast?« fragte Hobby mit einem
triumphierenden Lächeln, denn er wußte schon, was die Freunde antworten
würden. Allan und Maud hielten mit ihrem Lob nicht zurück. Sie
bewunderten _alles_.
»Und das Foyer?«
»~Grand~, Hobby!«
»Nur der Saal ist mir ein wenig zu prunkvoll,« warf Maud ein. »Ich
hätte ihn gern intimer gehabt.«
Der Architekt lächelte gutmütig. »Natürlich, Maud! Das wäre richtig,
wenn die Leute hierher kämen, um Musik zu hören. Fällt ihnen gar nicht
ein. Die Leute kommen hierher, um etwas zu bewundern und sich bewundern
zu lassen. >Schaffen Sie uns eine Feerie, Hobby,< sagte das Konsortium,
>der Saal muß alles bisher Dagewesene totschlagen!<«
Allan stimmte Hobby bei. Was er aber in erster Linie an Hobbys Saal
bewunderte, war nicht die dekorative Pracht, sondern die kühne
Konstruktion des freischwebenden Logenringes.
Hobby blinzelte geschmeichelt. »Das war keineswegs einfach,« sagte er.
»Es machte mir viel Kopfzerbrechen. Während der Ring genietet wurde,
schwankte die ganze Geschichte bei jedem Schritt. So ...« Hobby wippte
sich auf den Fußspitzen. »Die Arbeiter bekamen es mit der Angst --«
»Hobby!« rief Maud übertrieben ängstlich aus und trat von der Brüstung
zurück. »Du erschreckst mich.«
Hobby berührte lächelnd ihre Hand: »Keine Angst, Maud. Ich sagte den
Burschen: wartet nur, bis der Ring ganz geschlossen ist -- keine
Macht der Welt, höchstens Dynamit ist noch imstande ... hallo!« rief
er plötzlich ins Parkett hinab. Ein Bekannter hatte ihn durch das
zusammengerollte Programm wie durch ein Sprachrohr angerufen. Und Hobby
führte eine Unterhaltung, die man durch den ganzen Saal hätte verstehen
müssen, wenn nicht gleichzeitig überall Gespräche in dem gleichen
ungeniert lauten Ton geführt worden wären.
Allenthalben hatte man Hobbys auffallenden Kopf erkannt. Hobby
hatte die hellsten Haare im ganzen Saal, silberblonde, glänzende
Haare, die peinlich gescheitelt und glattgestrichen waren, und ein
leichtsinniges schmales Spitzbubengesicht von ausgesprochen englischem
Typus, mit einer etwas aufwärts gebogenen Nase und nahezu weißen
Wimpern. Im Gegensatz zu Allan war er schmal und zart, mädchenhaft
gebaut. Augenblicklich richteten sich von allen Seiten die Gläser auf
ihn, und aus allen Richtungen klang sein Name. Hobby gehörte zu den
populärsten Erscheinungen New Yorks und zu den beliebtesten Männern
der Gesellschaft. Seine Extravaganzen und sein Talent hatten ihn rasch
berühmt gemacht. Es verging kaum eine Woche, ohne daß die Zeitungen
eine Anekdote über ihn brachten.
Hobby war mit vier Jahren ein Genie in Blumen, mit sechs ein Genie in
Pferden (er konnte in fünf Minuten ganze Heere rasender Pferde aufs
Papier werfen) und nun war er ein Genie in Eisen und Beton und baute
Wolkenkratzer. Hobby hatte seine Affären mit Frauen gehabt und mit
zweiundzwanzig Jahren ein Vermögen von hundertundzwanzigtausend Dollar
in Monte Carlo verspielt. Jahraus, jahrein stak er bis über seinen
weißblonden Scheitel in Schulden -- trotz seinem enormen Einkommen --
ohne sich eine Sekunde darüber zu bekümmern.
Hobby war am hellichten Tag auf einem Elefanten durch den Broadway
geritten. Hobby war jener Mann, der vor einem Jahre »vier Tage
Millionär spielte«, in einem Luxuszug nach dem Yellowstonepark fuhr,
um als Viehtreiber heimzufahren. Er hielt den Rekord im Dauer-Bridge,
achtundvierzig Stunden. Jeder Trambahnführer kannte Hobby und stand mit
ihm nahezu auf Du und Du. Unzählige Witze Hobbys wurden kolportiert,
denn Hobby war Spaßvogel und Exzentrik von Natur. Ganz Amerika hatte
über einen Scherz gelacht, den er anläßlich der Flugkonkurrenz New York
-- San Franzisko in Szene setzte. Hobby hatte den Flug als Passagier
des bekannten Millionärs und Sportmanns Vanderstyfft mitgemacht und
über alle Menschenansammlungen, die sie in einer Höhe von achthundert
oder tausend Meter passierten, Zettel ausgestreut, auf denen stand:
»Komm herauf, wir haben dir was zu sagen!« Dieser Scherz hatte Hobby
selbst derart entzückt, daß er ihn während der ganzen Reise, zwei Tage
lang, unermüdlich wiederholte. Vor wenigen Tagen erst hatte er New
York wiederum durch ein ungeheures, ebenso geniales wie naheliegendes
Projekt verblüfft: New York -- das Venedig Amerikas! Er, Hobby, schlug
nämlich vor (da der Boden im Geschäftsviertel einfach nicht mehr zu
bezahlen war), in den Hudson, East River und die New York-Bai riesige
Wolkenkratzer, ganze Straßen auf Betonquader zu stellen, die mit
Klappbrücken verbunden waren, so daß die großen Ozeanfahrer bequem
passieren konnten. Der »Herald« hatte Hobbys faszinierende Zeichnungen
veröffentlicht und New York war von dem Projekt berauscht.
Hobby ernährte allein ein Schock Journalisten. Er war Tag und Nacht bei
der Arbeit, für sich zu »tuten«; er konnte nicht existieren ohne die
ununterbrochene Bestätigung seines Daseins in der Öffentlichkeit.
So war Hobby. Und nebenbei war er der begabteste und gesuchteste
Architekt New Yorks.
Hobby brach sein Gespräch mit dem Parkett ab und wandte sich wieder den
Freunden zu.
»So erzähle doch, was die kleine Edith treibt, Maud?« fragte er,
obschon er sich schon vorher nach dem Kinde, dessen Pate er war,
erkundigt hatte.
Mit keiner Frage konnte man Mauds Herz mehr berühren. In diesem
Augenblick war sie von Hobby »ganz einfach entzückt«. Sie errötete und
sah ihn mit ihren warmen braunen Augen schwärmerisch und dankbar an.
»Ich sagte dir ja schon, daß Edith mit jedem Tage süßer wird, Hobby!«
antwortete sie mit zärtlichem, mütterlichem Ton in der Stimme und ihre
Augen standen voll Freude.
»Das war sie doch immer.«
»Ja! Aber -- Hobby, du kannst dir keinen Begriff machen -- und wie klug
sie wird! Sie fängt schon an zu sprechen!«
»Erzähle ihm doch die Geschichte von dem Hahn, Maud,« warf Allan ein.
»Ja!« Und Maud erzählte strahlend und glücklich eine kleine drollige
Geschichte, in der ihr Mädchen und ein Hahn die Hauptrolle spielten.
Alle drei lachten wie Kinder.
»Ich muß sie bald wieder sehen!« sagte Hobby. »In vierzehn Tagen komme
ich zu euch. Und sonst war es langweilig in Buffalo, sagst du?«
»~Deadly dull!~« versetzte Maud rasch. »Puh, todlangweilig, Hobby,
zum Sterben!« Sie zog die feinen Brauen in die Höhe und sah einen
Augenblick aufrichtig unglücklich aus. »Lindleys sind nach Montreal
übergesiedelt, das weißt du ja.«
»Das ist sehr schade.«
»Grace Kossat ist schon seit dem Herbst in Ägypten.« Und Maud schüttete
Hobby ihr Herz aus. Wie langweilig doch so ein Tag sein könne! Und wie
langweilig ein Abend! Und in scherzhaft vorwurfsvollem Ton fügte sie
hinzu: »Was für ein Gesellschafter Mac ist, das weißt du ja, Hobby!
Er vernachlässigt mich noch mehr wie früher. Manchmal kommt er den
ganzen Tag nicht aus der Fabrik. Nun hat er sich zu all den hübschen
Dingen noch ein Heer von Versuchsbohrern angeschafft, die Tag und Nacht
Granit, Stahl und Gott weiß was bohren. Diese Bohrer pflegt er wie
Kranke, genau wie Kranke, Hobby! Er träumt nachts von ihnen ...«
Allan lachte laut auf.
»Laß ihn nur machen, Maud,« sagte Hobby und blinzelte mit seinen weißen
Wimpern. »Er weiß schon, was er will. Du wirst mir doch nicht auf ein
paar Bohrer eifersüchtig werden, ~girlie~?«
»Ich hasse sie ganz einfach!« antwortete Maud. »Glaube auch nicht,«
fuhr sie errötend fort, »daß er mit mir nach New York gefahren wäre,
wenn er nicht Geschäfte hier hätte.«
»Aber Maud!« beschwichtigte Allan.
Hobby dagegen hatte Mauds lächelnd geäußerter Vorwurf an das
Wichtigste erinnert, was er Allan hatte sagen wollen. Er sah plötzlich
nachdenklich aus und faßte Allans Frack.
»Höre, Mac,« sagte er etwas leiser, »ich befürchte, daß du heute
umsonst von Buffalo hierhergekommen bist. Der alte Lloyd ist nicht
wohl. Ich habe vor einer Stunde Ethel Lloyd angeklingelt, aber sie
wußte noch nicht, ob sie kommen würden. Das wäre in der Tat fatal!«
»Es muß ja nicht gerade heute sein,« entgegnete Allan, ohne seine
Enttäuschung zu verraten.
»Auf jeden Fall bin ich wie der Satan hinter ihm her, Mac! Er soll
keine ruhige Stunde mehr haben! Und nun adieu einstweilen!«
Im nächsten Augenblick tauchte Hobby schon mit lautem Hallo in einer
Nachbarloge auf, in der drei junge rothaarige Damen mit ihrer Mutter
saßen.
Der Dirigent mit dem mageren Geierkopf stand plötzlich wieder am Pult
und ein fein anschwellender Donner stieg aus den Kesselpauken empor.
Die Fagotte intonierten ein fragendes, süß klagendes Motiv, das sie
wiederholten und steigerten, bis die Geigen es ihnen entrissen und in
ihre Sprache übertrugen.
Maud überließ sich wieder der Musik.
Allan aber saß mit kühlen Augen in seinem Sessel, die Brust geweitet
vor innerer Spannung. Er bereute nun, hierher gekommen zu sein! Lloyds
Vorschlag zu einer kurzen Besprechung in der Loge eines Konzertsaales
hatte bei der Wunderlichkeit des reichen Mannes, der nur äußerst selten
jemand in seinem Hause empfing, nichts Merkwürdiges an sich, und Allan
war ohne zu zögern darauf eingegangen. Er war auch geneigt, Lloyd
zu entschuldigen, im Falle er wirklich krank war. Aber er forderte
für sein Projekt, dessen Größe ihn zuweilen selbst überwältigte, den
allergrößten Respekt! Er hatte dieses Projekt, an dem er fünf Jahre
lang Tag und Nacht arbeitete, bisher nur zwei Menschen anvertraut:
Hobby, der ebensogut zu schweigen verstand, wenn es sein mußte,
als er schwatzen konnte, wenn man ihm die Zunge nicht festband.
Sodann Lloyd. Nicht einmal Maud. Er verlangte, daß Lloyd sich in
den Madison-Square-Palast _schleppte_, wenn es irgendwie anging! Er
verlangte, daß Lloyd ihm zum mindesten eine Nachricht schickte, ihm ein
anderes Rendezvous vorschlug! Versäumte Lloyd dies -- nun, so wollte er
nichts mehr mit dem launenhaften, kranken, reichen Mann zu tun haben.
Die von vehement bebender Musik, von Parfümen, blendenden Lichtfluten,
dem Glitzern von Edelsteinen erfüllte Treibhausatmosphäre, die ihn
umfieberte, steigerte Allans Gedanken zu höchster Klarheit. Sein Kopf
arbeitete rasch und präzis, obwohl ihn plötzlich eine starke Erregung
ergriffen hatte. Das Projekt war alles! Mit ihm stand oder fiel er! Er
hatte für Versuche, Informationen, tausend vorbereitende Arbeiten sein
Vermögen geopfert und mußte, klar gesagt, morgen von vorn anfangen,
sobald das Projekt nicht ausgeführt wurde. Das Projekt war sein Leben!
Er rechnete seine Chancen durch wie ein algebraisches Problem, bei dem
jedes einzelne Glied das Resultat der vorhergehenden Resultate ist. In
erster Linie konnte er den Stahltrust für sein Projekt interessieren.
Der Trust hatte in der Konkurrenz mit dem sibirischen Eisen den
kürzeren gezogen und lag in einer unerhörten Flaute still. Der Trust
würde sich auf das Projekt stürzen -- zehn gegen eins gewettet! --
oder aber Allan konnte mit ihm einen Krieg bis aufs Messer führen. Er
konnte das Großkapital, die Morgan, Vanderbilt, Gould, Astor, Mackay,
Havemeyer, Belmont, Whitney und wie sie alle hießen attackieren. Den
Ring der Großbanken unter Feuer nehmen. Er konnte endlich, wenn alles
fehlschlagen sollte, sich mit der Presse verbünden.
Er konnte auf Umwegen sein Ziel erreichen; klar gesehen, brauchte er
Lloyd gar nicht. Aber mit Lloyd als Verbündeten war es eine gewonnene
Attacke, ohne ihn ein mühsames Vordringen, bei dem jeder Quadratfuß
Terrain einzeln erobert werden mußte.
Und Allan, der weder sah noch hörte, arbeitete hinter unerbittlichen,
halbgeschlossenen Augen seinen Feldzugsplan bis in die kleinsten
Einzelheiten aus ...
Plötzlich aber ging etwas wie ein Schauer durch den Saal, der ohne Laut
unter der Hypnose der Musik lag. Die Köpfe bewegten sich, die Steine
begannen stärker zu flimmern, Gläser blinkten. Die Musik floß gerade in
sanftem Piano dahin, und der Dirigent wandte irritiert den Kopf, da man
im Saale flüsterte. Etwas mußte geschehen sein, das größere Macht über
das Auditorium hatte als die Hypnose der zweihundertundzwanzig Musiker,
des Dirigenten und des unsterblichen Komponisten.
In der Nebenloge sagte eine gedämpfte Baßstimme: »Sie trägt
den Rosy Diamond ... aus dem Kronschatz von Abdul Hamid ...
zweimalhunderttausend Dollar Wert.«
Allan hob den Blick: die Loge gegenüber war dunkel -- Lloyd war
gekommen!
In der dunkeln Loge war Ethel Lloyds bekanntes Profil schwach
sichtbar, zart, delikat gezeichnet. Ihr goldblondes Haar war nur an
einem unbestimmten Flimmern zu erkennen, und an der linken Schläfe
(die dem Publikum zugewendet war) trug sie einen großen Edelstein von
blaßrötlichem Feuer.
»Sehen Sie diesen Hals, diesen Nacken,« raunte die gedämpfte Stimme des
Herrn nebenan. »Haben Sie jemals solch einen Nacken gesehen? Man sagt,
daß Hobby, der Architekt -- ja, der Blonde, der vorhin nebenan war ...«
»Nun, das läßt sich denken!« flüsterte eine andere Stimme mit rein
englischem Akzent und ein leises Lachen drang herüber.
Der Hintergrund von Lloyds Loge war durch einen Vorhang abgetrennt,
und Allan schloß aus einer Bewegung Ethels, daß Lloyd dahinter saß. Er
beugte sich zur Seite und flüsterte Maud ins Ohr: »Lloyd ist nun doch
gekommen, Maud.«
Aber Maud hatte nur Ohr für die Musik. Sie verstand Allan gar nicht.
Sie war vielleicht die einzige im Saal, die noch nicht wußte, daß
Ethel Lloyd in ihrer Loge saß und den »Rosy Diamond« trug. In einer
momentanen seelischen Aufwallung, die die Musik in ihr entfachte,
streckte sie ihre kleine Hand tastend nach Allan aus. Und Allan nahm
ihre Hand und streichelte sie mechanisch, während tausend rasche, kühne
Gedanken durch sein Gehirn jagten und sein Ohr Bruchstücke von dem
Geklatsch aufnahm, das die Stimmen nebenan raunten und flüsterten.
»Diamanten?« fragte die flüsternde Stimme.
»Ja,« erwiderte die raunende Stimme. »Man sagt, so fing er an. In den
australischen Camps.«
»Er spekulierte?«
»Auf seine Weise. Er war Kantinenwirt.«
»Er hatte keine Claims, sagen Sie?«
»Er hatte seinen eigenen Claim.« (Leises inneres Lachen.)
»Ich kann Sie nicht verstehen.«
»Man sagt es. Seine eigene Mine, die ihm keinen Cent kostete ... die
Arbeiter werden, wie Sie wissen, genau untersucht ... verschlucken
Diamanten.«
»Das ist mir ganz neu ...«
»Lloyd, so sagt man ... Kantinenwirt ... er tat etwas in den Whisky ...
daß sie seekrank wurden ... seine Mine ...«
»Das ist unglaublich!«
»Man sagt es! Und jetzt gibt er Millionen für Universitäten,
Sternwarten, Bibliotheken ...«
»Ei ei ei!« sagte die flüsternde Stimme, vollkommen totgeschlagen.
»Dabei ist er schwerkrank, menschenscheu -- meterdicke Betonwände
umgeben seine Wohnräume, damit kein Laut hereindringt ... wie ein
Gefangener ...«
»Ei ei ei ...«
»Pst!« Maud wandte empört den Kopf und die Stimmen verstummten.
In der Pause sah man den lichtblonden Hobby in Lloyds Loge treten und
Ethel Lloyd wie einer vertrauten Bekannten die Hand schütteln.
»Sie sehen, daß ich recht hatte!« sagte laut die tiefe Stimme in
der Nachbarloge. »Hobby ist ein Glückspilz! Da ist allerdings noch
Vanderstyfft da --«
Dann kam Hobby herüber und steckte den Kopf in Allans Loge.
»Komm, Mac,« rief er, »der alte Mann wünscht dich zu sprechen!«
2.
»Das ist Mac Allan!« sagte Hobby, indem er Allan auf die Schulter
klopfte.
Lloyd saß zusammengekauert mit gesenktem Kopf in der halbdunklen Loge,
von der aus man einen blendenden Ausschnitt des Logenringes voll
lächelnder, schwätzender Damen und Herren überblicken konnte. Er sah
nicht auf und es schien, als habe er nicht gehört. Nach einer Weile
aber sagte er bedächtig und trocken, mit heiseren Nebengeräuschen in
der Stimme: »Ich freue mich aufrichtig, Sie zu sehen, Herr Allan! Ich
habe mich eingehend mit Ihrem Projekt beschäftigt. Es ist kühn, es ist
groß, es ist möglich! Was ich tun kann, das wird geschehen!« Und in
diesem Moment streckte er Allan die Hand hin, eine kurze, viereckige
Hand, lasch und müde und seidenweich, und wandte ihm das Gesicht zu.
Allan war von Hobby auf diesen Anblick vorbereitet worden, aber er
mußte sich trotzdem zusammennehmen, um das Grauen zu verbergen, das ihm
Lloyds Gesicht einflößte.
Lloyds Gesicht erinnerte an eine Bulldogge. Die unteren Zähne
standen ein wenig vor, die Nasenlöcher waren runde Löcher und die
tränenden, entzündeten kleinen Augen standen wie schräge Schlitze in
dem braunen, ausgetrockneten und bewegungslosen Gesicht. Der Kopf
war vollkommen haarlos. Eine ekelhafte Flechte hatte Lloyds Hals,
Gesicht und Kopf zernagt und ausgetrocknet und die tabakbraune Haut
und die eingeschrumpften Muskeln über die Knochen gespannt. Die
Wirkung von Lloyds Gesicht war fürchterlich, sie ging vom Erbleichen
bis zur Ohnmacht und nur starke Nerven vermochten den Anblick ohne
Erschütterung zu ertragen. Lloyds Gesicht war der tragikomischen Larve
einer Bulldogge ähnlich und verbreitete gleichzeitig den Schrecken
eines lebendigen Totenkopfes. Es erinnerte Allan an Indianermumien,
auf die sie bei einem Bahnbau in Bolivia gestoßen waren. Diese Mumien
hockten in viereckigen Kisten. Ihre Köpfe waren eingetrocknet, die
Gebisse erhalten, hinter den verschrumpften Lippen grinsend, die
Augen mit Hilfe von weißen und dunklen Steinen grauenhaft natürlich
nachgeahmt.
Lloyd, der die Wirkung seines Gesichtes recht gut kannte, war zufrieden
mit dem Eindruck, den es auf Allan machte, und orientierte sich mit
seinen kleinen feuchten Augen in Allans Zügen.
»In der Tat,« wiederholte er dann, »Ihr Projekt ist das kühnste, von
dem ich je hörte -- und es ist möglich!«
Allan verbeugte sich und sagte, er freue sich, Herrn Lloyds Interesse
für sein Projekt erweckt zu haben. Der Augenblick war entscheidend
für sein Leben, und doch war er -- zu seinem eigenen Erstaunen --
vollkommen ruhig. Noch beim Eintreten erregt, war er nun imstande,
Lloyds kurze, präzise Fragen klar und sachlich zu beantworten. Er
fühlte sich diesem Mann gegenüber, dessen Aussehen, Karriere und
Reichtum tausend andere verwirrt haben würde, augenblicklich sicher,
ohne daß er einen bestimmten Grund dafür hätte angeben können.
»Sind Ihre Vorbereitungen so weit gediehen, daß Sie morgen mit dem
Projekt vor die Öffentlichkeit treten können?« fragte Lloyd zuletzt.
»Ich brauche noch drei Monate.«
»So verlieren Sie keinen Augenblick!« schloß Lloyd in bestimmtem Ton.
»Im übrigen verfügen Sie ganz über mich.« Hierauf zupfte er ein wenig
an Allans Ärmel und deutete auf seine Tochter.
»Das ist Ethel Lloyd,« sagte er.
Allan wandte Ethel, die ihn während des ganzen Gespräches betrachtet
hatte, den Blick zu und grüßte.
»~How do you do~, Mr. Allan?« sagte Ethel lebhaft und reichte Allan mit
der ganzen Natürlichkeit und Freimut ihrer Rasse die Hand, wobei sie
ihm offen ins Gesicht blickte. »Das also ist er!« fügte sie nach einer
kurzen Pause mit feinem, ein wenig schalkhaftem Lächeln hinzu, hinter
dem sie ihr Interesse für seine Person zu verbergen suchte.
Allan verbeugte sich und wurde verwirrt, denn mit jungen Damen wußte er
gar nichts anzufangen.
Es fiel ihm auf, daß Ethel übermäßig stark gepudert war. Sie erinnerte
ihn an ein Pastellgemälde, so zart und weich waren ihre Farben, das
Blond ihrer Haare, das Blau ihrer Augen und das feine Rot ihres jungen
Mundes. Sie hatte ihn wie eine große Dame begrüßt und doch klang aus
ihrer Stimme etwas Kindliches, als sei sie nicht neunzehn (das wußte er
von Hobby), sondern zwölf Jahre alt.
Allan murmelte eine Höflichkeitsphrase; ein leicht verlegenes Lächeln
blieb auf seinem Munde stehen.
Ethel betrachtete ihn immer noch aufmerksam, halb wie eine
einflußreiche Dame, deren Interesse eine Huld ist, und halb wie ein
neugieriges Kind.
Ethel Lloyd war eine typisch amerikanische Schönheit. Sie war schlank,
geschmeidig und dabei doch weiblich. Ihr reiches Haar war von jenem
seltenen zarten Goldblond, das die Damen, die es nicht besitzen,
stets für gefärbt erklären. Sie hatte auffallend lange Wimpern, in
denen Spuren von Puder haften geblieben waren. Ihre Augen waren
dunkelblau und klar, erschienen aber infolge der langen Wimpern leicht
verschleiert. Ihr Profil, ihre Stirn, das Ohr, der Nacken, alles war
edel, rassig und wahrhaft schön. Aber auf ihrer rechten Wange zeigten
sich schon die Spuren jener entsetzlichen Krankheit, die ihren Vater
verunstaltet hatte. Von ihrem Kinn aus zogen hellbraune, vom Puder
fast zugedeckte Linien, wie Fasern eines Blattes, bis zur Höhe des
Mundwinkels, einem blassen Muttermal ähnlich.
»Ich liebe es, mit meiner Tochter über Dinge zu plaudern, die mich
lebhaft interessieren,« begann Lloyd wieder, »und so dürfen Sie es mir
nicht übelnehmen, daß ich mit ihr über Ihr Projekt gesprochen habe. Sie
ist verschwiegen.«
»Ja, ich bin verschwiegen!« versicherte Ethel lebhaft und nickte
lächelnd mit dem schönen Kopf. »Wir haben stundenlang Ihre Pläne
studiert und ich habe mit Papa so lange darüber geplaudert, bis er
selbst ganz begeistert war. Und das ist er jetzt, nicht wahr, Papa?
(Lloyds Maske blieb bewegungslos.) Papa verehrt Sie, Herr Allan! Sie
müssen uns besuchen, wollen Sie?«
Ethels leicht verschleierter Blick haftete an Allans Augen und ein
freimütiges junges Lächeln schwebte über ihren schöngeschwungenen
Lippen.
»Sie sind in der Tat sehr liebenswürdig, Fräulein Lloyd!« erwiderte
Allan mit einem leisen Lächeln über ihren Eifer und ihr munteres
Geplauder.
Ethel gefiel sein Lächeln. Ganz ungeniert ließ sie den Blick auf
seinen weißen starken Zähnen ruhen, dann öffnete sie die Lippen, um
etwas hinzuzufügen, aber in diesem Augenblick setzte das Orchester
rauschend ein. Sie berührte flüchtig das Knie ihres Vaters, um ihn um
Entschuldigung zu bitten, daß sie noch spreche -- Lloyd war ein großer
Musikfreund -- und flüsterte Allan wichtigtuerisch zu: »Sie haben eine
Bundesgenossin an mir, Herr Allan! Ich gebe Ihnen die Versicherung, ich
werde nicht erlauben, daß Papa seine Meinung ändert. Sie wissen, er tut
das zuweilen. Ich werde ihn zwingen, daß er alles in Fluß bringt! Auf
Wiedersehen!«
Mit einem höflichen, aber etwas gleichgültigen Kopfnicken, das Ethel
einigermaßen enttäuschte, erwiderte Allan ihren Händedruck -- und damit
war das Gespräch zu Ende, das über das Werk seines Lebens und eine neue
Epoche in den Beziehungen zwischen der Alten und Neuen Welt entschied.
Funkelnd und stark im Innern unter dem Anprall von Gedanken und
Empfindungen, die dieser Sieg in ihm auslöste, verließ er mit Hobby die
Loge Lloyds.
Vor der Türe stießen sie auf einen Mann von kaum zwanzig Jahren, der
gerade noch Zeit gehabt hatte, zurückzutreten und sich aufzurichten,
bevor er überrannt wurde. Offenbar hatte er versucht, an Lloyds Loge zu
lauschen. Der junge Mann lächelte, womit er seine Schuld eingestand und
um Entschuldigung bat. Er war ein Reporter des »Herald« und hatte den
gesellschaftlichen Teil des Abends zu bearbeiten. Ungeniert vertrat er
Hobby den Weg.
»Herr Hobby,« sagte er, »wer ist der Gentleman?«
Hobby blieb stehen und zwinkerte gut gelaunt. »Sie kennen ihn nicht?«
fragte er. »Das ist Mac Allan, von den Allanschen Werkzeugstahlwerken,
Buffalo, Erfinder des Diamantstahls Allanit, Championboxer von Green
River und der erste Kopf der Welt.«
Der Journalist lachte laut heraus: »Sie vergessen Hobby, Herr Hobby!«
erwiderte er, und indem er mit dem Kopf gegen Lloyds Loge deutete,
fügte er flüsternd und ehrerbietig neugierig hinzu: »Gibt es etwas
Neues, Herr Hobby?«
»Ja,« antwortete Hobby lachend und ging weiter. »Sie werden staunen!
Wir bauen einen tausend Fuß hohen Galgen, an dem am 4. Juli alle
Zeitungsschreiber New Yorks aufgehängt werden.«
Dieser Scherz Hobbys stand tatsächlich am nächsten Tag in der Zeitung,
zusammen mit einem (gefälschten) Porträt von Mr. Mac Allan, Erfinder
des Diamantstahls Allanit, den C. H. L. (Charles Horace Lloyd) in
seiner Loge empfing, um mit ihm über eine Millionengründung zu
verhandeln.
3.
Maud schwelgte noch immer. Allein sie war nicht mehr imstande, mit
jener heiligen Andacht zu lauschen wie vorher. Sie hatte die Szene
in Lloyds Loge beobachtet. Sie wußte wohl, daß Mac damit beschäftigt
war, etwas Neues auszuarbeiten, eine »große Sache«, wie er sagte.
Irgendeine Erfindung, ein Projekt, sie hatte ihn nie darüber gefragt,
denn nichts lag ihr ferner als Maschinen und technische Dinge. Sie
begriff auch, wie wertvoll für Mac eine Verbindung mit Lloyd sein
mußte, aber sie machte ihm stille Vorwürfe, daß er gerade diesen Abend
für eine Besprechung gewählt hatte. Den einzigen Abend des Winters,
an dem er mit ihr zusammen ein Konzert besuchte. Sie verstand nicht,
wie es ihm möglich war, während eines solchen Konzerts an Geschäfte
zu denken! Zuweilen kam ihr der Gedanke, als ob sie nicht recht in
dieses Amerika hineinpasse, wo alles Busineß war und nur Busineß, als
ob sie glücklicher geworden wäre da drüben in der Alten Welt, wo sie
noch Erholung und Geschäft zu trennen verstanden. Aber nicht das allein
beunruhigte Maud, der feine, ewig wache Instinkt der liebenden Frau
ließ sie befürchten, daß jene »große Sache«, diese Lloyds und wie sie
hießen, mit denen Mac nun zu tun haben würde, ihr noch mehr von ihrem
Gatten rauben würden, als die Fabrik und seine Tätigkeit in Buffalo es
jetzt schon taten.
Über Mauds fröhliche Laune war ein Schatten gefallen, und sie legte
die Stirn in Falten. Dann aber glitt plötzlich eine stille Heiterkeit
über ihr Gesicht. Eine fugenartige, tändelnde und heitere Passage
hatte ihr -- dank einer rätselhaften Ideenverbindung -- ganz plötzlich
ihr Kind deutlich und in den reizvollsten, eine Mutter beglückenden
Situationen ins Gedächtnis gerufen. Es verlockte sie, in der Musik eine
Prophezeiung des Lebens ihres kleinen Mädchens hören zu wollen, und
anfangs ging alles herrlich. Ja, so glücklich sollte ihre Edith werden,
so sollte Ediths Leben sein! Aber die spielerische, sonnige Heiterkeit
ging unvermittelt in ein schweres, schleppendes ~majestoso sostenuto~
über, das Beklommenheit und böse Ahnungen erweckte.
Mauds Herz klopfte langsamer. Nein, nimmermehr sollte das Leben ihres
kleinen süßen Mädchens, mit dem sie wie ein Kind spielte und das sie
wie eine erfahrene alte Frau pflegte, dieser Musik ähnlich werden.
Welch ein Unsinn, mit solchen Einfällen zu spielen! Sie breitete sich
in Gedanken über die Kleine, um sie mit ihrem Körper gegen diese bange,
schwere Musik zu decken, und nach einiger Zeit gelang es ihr auch,
ihren Gedanken eine andere Richtung zu geben.
Die Musik selbst kam ihr zu Hilfe. Denn plötzlich riß die Brandung der
Töne sie wieder fort zu einer unbestimmten Sehnsucht, die heiß und
herrlich war und alle Gedanken erstickte. Sie war Ohr, wie vorher.
Mit einer atemlosen, rasenden Leidenschaftlichkeit jagte die Musik
dahin, von heißen, verführerischen Stimmen angeführt, und Maud war wie
ein loses Blatt im Sturmwind. Plötzlich aber brach sich die wilde,
keuchende Leidenschaft an einem unbekannten Hindernis, so wie die Woge
an einem Felsen zerschellt, und die donnernde Brandung zerflatterte in
schreiende, wehklagende, zitternde und ängstliche Stimmen. Maud war
es, als ob sie plötzlich still stehen müsse und gezwungen sei, über
etwas nachzudenken, was unbekannt, geheimnisvoll und unergründlich
für sie war. Die Stille, die dem heißen Sturm folgte, war so bannend,
daß plötzlich alle vibrierenden Fächer im Parkett stehen blieben. Mit
einer Dissonanz setzten die Stimmen da drunten wieder unsicher, zögernd
ein (die Fächer bewegten sich wieder), und diese zusammengepreßten,
gequälten Töne, die sich nur schwer und mühselig zur Melodie
durchkämpften, stimmten Maud nachdenklich und traurig. Die spottenden
Fagotte drunten sprachen zu ihr, und die Celli, die ganz ehrlich
litten, und es schien Maud, als ob sie plötzlich ihr ganzes Leben
verstünde. Sie war nicht glücklich, trotzdem Mac sie anbetete und sie
ihn abgöttisch liebte -- nein, nein, es war da irgend etwas, was
fehlte ...
In diesem Augenblick, gerade in diesem Augenblick, berührte Mac ihre
Schulter und raunte ihr ins Ohr: »Entschuldige, Maud -- wir fahren am
Mittwoch nach Europa. Ich habe noch viel vorzubereiten in Buffalo. Wenn
wir jetzt gehen, können wir den Nachtzug noch erreichen. Was denkst du?«
Maud antwortete nicht. Sie saß still und regungslos. Das Blut stieg ihr
über Schultern und Nacken ins Gesicht. Ihre Augen füllten sich langsam
mit Tränen. So vergingen einige Minuten. Sie war in diesem Augenblick
Mac bitterböse im Herzen. Es erschien ihr roh, sie mitten aus dem
Konzert zu reißen, nur weil seine Geschäfte drängten.
Allan sah, daß sie schwer atmete und ihre Wange rot geworden war. Seine
Hand lag noch auf ihrer Schulter. Er machte eine liebkosende Bewegung
und raunte begütigend: »Nun, so bleiben wir, Liebling, ich machte nur
den Vorschlag. Wir können auch recht gut den Frühzug morgen nehmen.«
Maud aber war die Laune gründlich verdorben. Die Musik quälte sie
jetzt und machte sie bang und unruhig. Sie schwankte noch, ob sie
nachgeben sollte oder nicht. Da sah sie zufällig, daß Ethel Lloyd ganz
ungeniert das Glas auf sie gerichtet hatte, und augenblicklich schickte
sie sich an zu gehen. Sie zwang sich zu einem Lächeln, damit Ethel
Lloyd es sähe, und Allan war sehr erstaunt über ihren zärtlichen (noch
feuchten) Blick, mit dem sie sich an ihn wandte. »Gehen wir, Mac!«
Es freute sie, daß Mac ihr zuvorkommend beim Aufstehen behilflich war,
und heiter lächelnd, anscheinend in der glücklichsten Laune, verließ
sie die Loge.
4.
Sie erreichten Central-Station gerade, als der Zug aus der Halle zog.
Maud vergrub die kleinen Hände in die Taschen ihres Pelzmantels und
lugte aus dem aufgestülpten Kragen zu Mac hin. »Da fährt dein Zug,
Mac!« sagte sie lachend und gab sich keine Mühe, ihre Schadenfreude zu
verbergen.
Hinter ihnen stand ihr Diener, Leon, ein alter Chinese, den alle Welt
»Lion« rief. Lion trug die Reisetaschen und sah mit stupidem Ausdruck
seines welken, faltigen Gesichtes dem Zuge nach.
Allan zog die Uhr und nickte. »Es ist zu schade,« sagte er gutmütig.
»Lion, wir fahren ins Hotel zurück.«
Im Auto erklärte er Maud, daß es ihm gerade ihretwegen unangenehm sei,
daß sie den Zug versäumt hätten; sie habe gewiß noch eine Menge mit dem
Packen zu tun.
Maud lachte leise. »Weshalb?« sagte sie und sah an Mac vorbei. »Wieso
weißt du, daß ich überhaupt mitfahre, Mac?«
Allan sah sie erstaunt an. »Du wirst schon mitkommen, denke ich, Maud?«
»Ich weiß wirklich nicht, ob es angeht, mit Edith im Winter zu reisen.
Und ohne Edith gehe ich auf keinen Fall.«
Allan blickte nachdenklich vor sich hin.
»Daran dachte ich im Augenblick gar nicht,« sagte er nach einer Weile
zögernd. »Freilich, Edith. Aber ich denke, es ließe sich trotzdem
machen.«
Maud entgegnete nichts. Sie wartete. So leicht sollte er diesmal nicht
davonkommen. Nach einer Pause setzte Allan hinzu: »Der Dampfer ist ja
genau wie ein Hotel, Maud. Ich würde Luxuskabinen nehmen, damit ihr es
bequem hättet.«
Maud kannte Mac genau. Er würde nicht weiter in sie dringen,
mitzukommen, sie nicht bitten. Er würde nun kein Wort weiter sagen und
es ihr auch gar nicht übelnehmen, wenn sie ihn allein reisen ließe.
Sie sah ihm an, daß er sich jetzt schon mit diesem Gedanken abzufinden
suchte.
Er blickte nachdenklich und enttäuscht vor sich hin. Es kam ihm gar
nicht in den Sinn, daß ihre Absage nichts als eine Komödie war, ihm,
der nie in seinem Leben Komödie spielte und dessen Wesen so einfach und
aufrichtig war, daß es sie immer von neuem überraschte.
In einer plötzlichen Aufwallung ergriff sie seine Hand. »Natürlich
komme ich mit, Mac!« sagte sie mit einem zärtlichen Blick.
»Ah, siehst du!« erwiderte er und drückte ihr dankbar die Hand.
Die Überwindung ihrer schlechten Laune machte Mauds Herz plötzlich froh
und leicht, und sie begann rasch und heiter zu plaudern. Sie sprach von
Lloyd und Ethel Lloyd.
»War Ethel sehr gnädig, Mac?« fragte sie.
»Sie war wirklich sehr nett zu mir,« entgegnete Allan.
»Wie findest du sie?«
»Sie kam mir sehr ungekünstelt vor, natürlich, ein wenig naiv sogar,
fast wie ein Kind.«
»Oh!« Maud lachte. Und sie begriff selbst nicht, weshalb Macs Antwort
sie wieder leicht gegen ihn verstimmte. »Oh, Mac, wie du dich auf
Frauen verstehst! ~Lord~! Ethel Lloyd und natürlich! Ethel Lloyd und
naiv! Hahaha!«
Nun mußte auch Allan lachen. »Sie kam mir in der Tat so vor,«
versicherte er.
Maud aber ereiferte sich. »Nein, Mac,« rief sie aus, »ich habe doch
nie so etwas Komisches gehört! So seid ihr Männer! Es gibt kein
gekünstelteres Wesen als Ethel Lloyd, Mac! Ihre Natürlichkeit ist
ihre größte Kunst. Ethel ist, glaube mir das ruhig, Mac, eine ganz
raffinierte, kokette Person und alles an ihr ist Berechnung. Sie möchte
euch Männer alle behexen. Glaube mir das, ich kenne sie. Hast du ihre
Sphinxaugen gesehen?«
»Nein.« Allan sagte die Wahrheit.
»Nicht? Aber sie sagte einmal zu Mabel Gordon: ich habe Sphinxaugen,
alle Leute sagen es. Und du findest sie naiv! Sie ist ja so schrecklich
eitel, dieses hübsche Geschöpf, oh, du mein Gott! Jede Woche mindestens
einmal erscheint ihr Bild in der Zeitung. Ethel sagt: --! Sie macht
Tag und Nacht Reklame für sich, genau wie Hobby. Sogar mit ihrer
Wohltätigkeit macht sie Reklame.«
»Vielleicht hat sie aber wirklich ein gutes Herz, Maud?« warf Allan ein.
»Ethel Lloyd?« Maud lachte. Dann sah sie Mac plötzlich in die Augen,
während sie sich an den Nickelgriffen des sausenden, schleudernden
Autos festhielt. »Ist sie wirklich so schön, Ethel?«
»Ja, sie ist schön, Maud. Aber, Gott weiß, weshalb sie sich so stark
pudert!«
Maud sah enttäuscht aus. »Hast du dich in sie verliebt, Mac? Wie alle
andern?« fragte sie leise, mit geheuchelter Angst.
Allan lachte und zog sie an sich. »Du bist ein kleiner Narr, Maud!«
rief er aus und drückte ihr Gesicht an seine Wange.
Nun war Maud wieder ganz zufrieden. Wie kam es doch, daß sie heute jede
Kleinigkeit irritieren konnte? Was ging Ethel Lloyd sie an?
Sie schwieg eine Weile, dann sagte sie in aufrichtigem Ton: »Es kann
übrigens sein, daß Ethel wirklich ein gutes Herz hat, ich glaube es
sogar.«
Aber gerade, als sie dies ausgesprochen hatte, fand sie, daß sie im
Grunde nicht recht an das gute Herz Ethels glaubte. Nein, heute war
nichts mit ihr anzufangen.
Nach dem Diner, das sie sich auf dem Zimmer servieren ließen, ging Maud
gleich zu Bett, während Allan im Salon blieb, um Briefe zu schreiben.
Allein Maud konnte nicht sofort einschlafen. Sie war seit dem frühen
Morgen auf den Beinen gewesen und übermüdet. Die trockene, heiße Luft
des Hotelzimmers versetzte sie in ein leises Fieber. Alle Aufregungen
des Tages, die Reise, das Konzert, die Menschenmenge, Ethel Lloyd,
alles erwachte wieder in ihrem übermüdeten Kopf. Sie hörte wieder
Konzert und Stimmen in ihren Ohren klingen. Drunten schwirrten die
Autos. Es tutete. In der Ferne rauschten die Hochzüge. Gerade als sie
einschlummern wollte, weckte sie ein Knacken in der Dampfheizung. Sie
hörte, daß der Lift im Hotel emporstieg und leise sang. Die Spalte an
der Tür war noch hell.
»Schreibst du noch immer, Mac?« fragte sie, fast ohne die Lippen zu
öffnen.
Mac erwiderte: »~Go on and sleep~.« Aber seine Stimme klang so tief,
daß sie, im leichten Fieber des Halbschlafes, lachen mußte.
Sie schlief ein. Aber plötzlich fühlte sie, daß sie ganz kalt wurde.
Sie wachte wieder auf, voller Unruhe und seltsamer Angst, und dachte
nach, was sie erschauern hatte lassen. Sofort fiel es ihr ein. Sie
hatte geträumt: sie kam in Ediths Zimmer, und wer saß da? Ethel Lloyd.
Ethel Lloyd saß da, blendend schön, den Diamanten auf der Stirn und
bettete die kleine Edith sorgfältig ein -- ganz als sei sie Ediths
Mutter ...
Mac saß in Hemdärmeln in der Sofaecke und schrieb. Da knackte es an der
Türe und Maud erschien in ihrem Schlafkleid, schlaftrunken ins Licht
blinzelnd.
Ihr Haar glänzte. Sie sah blühend und jung aus, wie ein Mädchen, und
Frische strömte von ihr aus. Aber ihre Augen flackerten unruhig.
»Was hast du?« fragte Allan.
Maud lächelte verwirrt. »Nichts,« entgegnete sie, »ich träume solch
dummes Zeug.« Sie setzte sich in einen Sessel und strich das Haar
glatt. »Weshalb gehst du nicht schlafen, Mac?«
»Die Briefe müssen morgen mit dem Dampfer fort. Du wirst dich erkälten,
Liebling.«
Maud schüttelte den Kopf. »O nein,« sagte sie, »es ist im Gegenteil
sehr heiß hier.« Dann sah sie Mac mit wachen Augen an. »Höre, Mac,«
fuhr sie fort, »warum verschweigst du mir, was du mit Lloyd zu tun
hast?«
Allan lächelte und erwiderte langsam: »Du hast mich nicht danach
gefragt, Maud. Ich wollte auch nicht darüber sprechen, solange die
Sache noch in der Luft hing.«
»Willst du es mir jetzt nicht sagen?«
»Doch, Maud.«
Da erklärte er ihr, worum es sich handele. Zurückgelehnt ins Sofa,
gutmütig lächelnd und in aller Ruhe setzte er ihr sein Projekt
auseinander, ganz als ob er nur eine Brücke über den East River bauen
wolle. Maud saß in ihrem Schlafkleid da und staunte und verstand nicht.
Aber als sie anfing zu verstehen, staunte sie immer mehr, und ihre
Augen wurden immer größer und glänzender. Ihr Kopf wurde ganz heiß!
Nun begriff sie plötzlich seine Tätigkeit in den letzten Jahren, seine
Versuche, seine Modelle und seine Stöße von Plänen. Nun begriff sie
auch, weshalb er zur Abreise gedrängt hatte: er hatte keine Minute Zeit
zu versäumen! Nun begriff sie auch, weshalb all die Briefe mit dem Boot
morgen fort mußten. Es erschien ihr fast, als träume sie wieder ...
Als Allan zu Ende war, saß sie mit großen glänzenden Augen da, die
nichts als Strahlen und Bewunderung waren. »Nun weißt du es, kleine
Maud!« sagte Allan und bat sie schlafen zu gehen. Maud trat zu ihm und
umschlang ihn, so fest sie konnte und küßte ihn auf den Mund.
»Mac, mein Mac!« stammelte sie.
Als aber Allan sie nochmals bat, sich niederzulegen, gehorchte sie
augenblicklich und ging hinaus, noch ganz trunken im Kopf. Es war ihr
plötzlich der Gedanke in den Sinn gekommen, als ob Macs Werk ebenso
groß sei wie jene Symphonien, die sie heute gehört hatte, ebenso groß
-- nur ganz anders.
Zu Allans Erstaunen kam sie aber nach einigen Minuten wieder herein.
Sie brachte eine Decke mit, und während sie flüsterte: »Arbeite!
Arbeite!« bettete sie sich zusammengerollt neben ihm aufs Sofa. Den
Kopf an seinen Schenkel gelegt, schlief sie ein.
Allan hielt inne und sah sie an. Und er dachte, daß sie schön und
rührend sei, seine kleine Maud, und er sein Leben tausendfach für sie
hingeben würde.
Dann schrieb er eifrig weiter.
5.
Am folgenden Mittwoch schiffte sich Allan mit Maud und Edith auf dem
deutschen Drei-Tage-Boot nach Europa ein. Hobby begleitete sie; er »kam
auf acht Tage mit«.
Maud war in wunderbarer Stimmung. Sie hatte ihre heiterste Laune --
ihre Mädchenlaune -- wiedergefunden, und diese Laune hielt während der
ganzen Fahrt über den winterlichen und ungastlichen Ozean an, obwohl
sie Mac nur bei den Mahlzeiten und am Abend zu Gesicht bekam. Lachend
und fröhlich plaudernd stapfte sie, in Pelze eingehüllt, in dünnen
Lackschuhen auf den eisigen Verdeckkorridoren hin und her.
Hobby war der populärste Mann auf dem Boot. Von den Kabinen der Ärzte
und Zahlmeister an bis hinauf zur geheiligten Kommandobrücke war er zu
Hause. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend gab es keine Stelle auf
dem Schiff, wo man nicht seine helle, etwas nasale Stimme gehört hätte.
Von Allan dagegen hörte und sah man nichts. Er war den ganzen Tag
über beschäftigt. Zwei Typistinnen des Schnellbootes hatten während
der ganzen Reise alle Hände voll zu tun, seine Briefe abzuschreiben.
Hunderte von Briefen lagen fertig und adressiert in Allans Kabine. Er
traf die Vorbereitungen zur ersten Schlacht.
Die Reise ging zuerst nach Paris. Von da nach Calais und Folkestone,
wo der Tunnel unter dem Kanal im Bau war, nachdem England seine
lächerliche Angst vor einer Invasion, die mit einer einzigen Batterie
verhindert werden konnte, überwunden hatte. Hier hielt sich Allan
drei Wochen auf. Dann gingen sie nach London, Berlin, Essen, Leipzig,
Frankfurt und wieder zurück nach Paris. Allan blieb an all diesen Orten
einige Wochen. Am Vormittag arbeitete er für sich, nach Tisch hatte
er täglich Konferenzen mit Vertretern großer Firmen, Ingenieuren,
Technikern, Erfindern, Geologen, Geographen, Ozeanographen,
Statistikern und Kapazitäten der verschiedensten Fakultäten. Eine Armee
von Gehirnen aus allen Gegenden Europas, aus Frankreich, England,
Deutschland, Italien, Norwegen, Rußland.
Am Abend speiste er allein mit Maud, wenn er nicht gerade Gäste bei
sich hatte.
Mauds Laune war noch immer ausgezeichnet. Die Atmosphäre von Arbeit und
Unternehmungen, die Mac umgab, belebte sie. Sie hatte vor drei Jahren,
kurz nach ihrer Heirat, fast genau die gleiche Reise mit Mac gemacht,
und damals hatte sie ihm nur schwer verzeihen können, daß er die meiste
Zeit mit fremden Menschen und unverständlichen Arbeiten verbrachte.
Nun, da sie den Sinn all dieser Konferenzen und Arbeiten begriff, war
alles natürlich ganz anders geworden.
Sie hatte viel Zeit und sie teilte sich diesen Überfluß an Zeit
sorgfältig ein. Einen Teil des Tages widmete sie ihrem Kinde, dann
besuchte sie Museen, Kirchen und Sehenswürdigkeiten, wo sie auch immer
sein mochten. Auf ihrer ersten Reise war sie nicht oft zu diesen
Genüssen gekommen. Mac hatte sie natürlich überallhin begleitet, wenn
sie es wünschte, aber sie hatte bald gefühlt, daß ihn diese herrlichen
Gemälde, Skulpturen, alten Gewebe und Schmuckstücke nicht besonders
interessierten. Was er gerne sah, das waren Maschinen, Werke, große
industrielle Anlagen, Luftschiffe, technische Museen, und davon
verstand sie ja nichts.
Nun aber hatte sie Muße und sie entzückte sich an all den tausend
Herrlichkeiten, die ihr Europa so teuer machten. Sie besuchte Theater,
Konzerte, so oft es anging. Sie sättigte sich für Amerika. Sie
bummelte stundenlang in alten Straßen und engen Gassen umher und
machte photographische Aufnahmen von jedem kleinen Kaufladen, den sie
»entzückend« fand, und jedem krummen alten Hausgiebel. Sie kaufte
Bücher, Reproduktionen aus den Museen und Ansichtskarten von alten
Häusern und neuen. Diese Ansichtskarten waren für Hobby bestimmt, der
sie darum ersucht hatte. Sie gab sich ehrliche Mühe, ihr Material
zusammenzubekommen, aber für Hobby, den sie liebte, war ihr keine
Arbeit zu viel.
In Paris ließ Allan sie acht Tage allein. Er hatte in der Nähe von
Nantes, bei Les Sables an der biskayischen Küste mit Geometern und
einem Schwarm Agenten zu tun. Dann schifften sie sich mit Geometern,
Ingenieuren und Agenten nach den Azoren ein, wo Allan über drei Wochen
auf den Inseln Fayal, San Jorgo und Pico beschäftigt war, während
Maud mit Edith den herrlichsten Frühling genoß, den sie je erlebt
hatte. Von den Azoren fuhren sie mit einem Frachtdampfer (als die
einzigen Passagiere, was Maud entzückte!) quer durch den Atlantik
nach den Bermudas. Hier, in Hamilton, trafen sie zu ihrer großen
Freude Hobby, der eine kleine Reise herüber gemacht hatte, um sie zu
erwarten. Die Geschäfte auf den Bermudas waren rasch erledigt und im
Juni kehrten sie nach Amerika zurück. Allan mietete ein Landhaus in
Bronx, und die gleiche Tätigkeit wie in London, Paris und Berlin begann
nun in Amerika. Täglich konferierte Allan mit Agenten, Ingenieuren,
Wissenschaftlern aus allen Städten der Staaten. Da er häufig lange
Besprechungen mit Lloyd hatte, so begann die Öffentlichkeit aufmerksam
zu werden. Die Journalisten schnüffelten in der Luft wie Hyänen, die
Aas riechen. Gerüchte von den abenteuerlichsten Gründungen schwirrten
durch New York.
Aber Allan und seine Vertrauensmänner schwiegen. Maud, die man
aushorchen wollte, lachte und sagte kein Wort.
Ende August waren die Vorbereitungsarbeiten beendet. Lloyd ließ an
dreißig der ersten Vertreter des Kapitals, der Großindustrie und
Großbanken Einladungen zu einem Meeting ergehen; diese Einladungen
hatte er eigenhändig geschrieben und durch Spezialkuriere aushändigen
lassen, um die Bedeutung der Konferenz zu betonen.
Und am 18. September fand diese denkwürdige Konferenz im Hotel
Atlantic, Broadway, statt.
6.
New York briet in diesen Tagen in einer Hitzwelle, so daß Allan sich
entschloß, die Versammlung auf dem Dachgarten des Hotels abzuhalten.
Die Geladenen, die größtenteils auswärts wohnten, waren im Laufe des
Tages und einige schon gestern eingetroffen.
Sie kamen in riesigen, staubbedeckten Tourencars mit Frauen, Töchtern
und Söhnen angerollt aus ihren Sommerresidenzen in Vermont, Hampshire,
Maine, Massachusetts und Pennsylvania. Die Einsamen und Schweiger
flogen in Extrazügen, die glatt jede Station ignorierten, von St.
Louis, Chikago und Cincinnati herbei. Ihre Luxusjachten dockten am
Hudson-River. Drei Chikagoleute, Kilgallan, Müllenbach und C. Morris,
waren mit dem Expreß-Luftliner, der die 700 Meilen von Chikago nach New
York-Centralpark in acht Stunden durchschneidet, angekommen, und der
Sportmann Vanderstyfft war im Laufe des Nachmittags auf dem Dachgarten
des Atlantic mit seinem Eindecker gelandet. Andere wieder trafen als
ganz unscheinbare Reisende, zu Fuß, mit einer bescheidenen Tasche in
der Hand, vor dem Hotel ein.
Aber sie kamen. Lloyd hatte sie in einer Angelegenheit von allererster
Bedeutung gerufen, und jene Solidarität, die das Geld in weit höherem
Maße als das Blut erzeugt, erlaubte ihnen nicht zurückzustehen. Sie
kamen nicht allein, weil sie ein Geschäft witterten (es war sogar
möglich, daß sie bluten mußten!), sie kamen in erster Linie, weil sie
erwarteten, ein Projekt mit starten helfen zu können, dessen Bedeutung
ihren Unternehmungsgeist befriedigte, der sie groß gemacht hatte. Lloyd
hatte jenes mysteriöse Projekt in seinem Sendschreiben »das größte
und kühnste aller Zeiten« genannt. Das genügte, um sie aus der Hölle
herauszuholen; denn das Schaffen neuer Werke war für sie soviel wie
leben selbst.
Die Bewegung so vieler Häuptlinge des Kapitals war natürlich nicht
unbemerkt geblieben, denn jeder einzelne war von einem ausgearbeiteten
Alarmsystem umgeben. Am Morgen schon war die Börse von einem leichten
Fieber geschüttelt worden. Ein zuverlässiger Tip jetzt bedeutete ein
Vermögen! Die Presse verkündete die Namen all der Männer, die im
Atlantic abgestiegen waren, und vergaß nicht hinzuzufügen, wieviel
jeder einzelne wert war. Nachmittag um fünf Uhr ging es schon hoch in
die Milliarden. Auf jeden Fall stand etwas Ungewöhnliches bevor, eine
Riesenschlacht des Kapitals. Einzelne Zeitungen taten so, als kämen sie
gerade vom Lunch bei Lloyd und seien bis zum Halse mit Informationen
geladen, Lloyd aber habe ihnen einen Knebel zwischen die Zähne
getrieben. Andere gingen weiter und veröffentlichten, was ihr Freund
Lloyd ihnen beim Dessert anvertraut hatte: es handele sich um nichts
Besonderes. Die elektrische Einschienen-Schnellbahn sollte von Chikago
weiter bis San Franzisko geführt werden. Das Netz des Luftverkehrs
sollte über die ganzen Staaten erweitert werden, so daß man nach jeder
beliebigen Stadt genau so fliegen könnte, wie heute nach Boston,
Chikago, Buffalo und St. Louis. Hobbys Idee: New York, das Venedig
Amerikas, stände dicht vor ihrer Realisierung.
Die Reporter umschnupperten das Hotel wie Polizeihunde, die auf der
Spur liegen. Sie traten mit den Absätzen Löcher in das zerweichte
Asphalt des Broadways und starrten an den sechsunddreißig Stockwerken
des Atlantic empor, bis die gleißende Kalkwand ihnen Halluzinationen
ins Gehirn spiegelte. Ein ganz Gerissener kam sogar auf den genialen
Einfall, sich als Telephonarbeiter ins Hotel zu schmuggeln, und nicht
nur ins Hotel -- bis in die Zimmer der Milliarden, wo er an den
Zimmertelephonen herumbastelte, um etwa ein Wort aufzuschnappen. Aber
der Manager des Hotels entdeckte ihn und machte ihn höflich darauf
aufmerksam, daß alle seine Apparate in Ordnung seien.
Umfiebert von glühender Hitze und Erregung stand das kalkweiße
Turmhaus da und schwieg. Es wurde Abend und es schwieg noch immer.
Der Gerissene von heute nachmittag kehrte in seiner Verzweiflung mit
einem Schnurrbart im Gesicht als ein Monteur Vanderstyffts zurück, der
an der Maschine oben auf dem Dach etwas nachzusehen habe. Aber der
Manager erklärte ihm mit höflichem Lächeln, daß Herrn Vanderstyffts
Marconi-Apparat ebenfalls in Ordnung sei.
Da trat der Gerissene auf die Straße und zerplatzte: er war plötzlich
irgendwohin verschwunden, um etwas Neues zu ersinnen. Nach einer
Stunde erschien er als Globetrotter in einem Automobil voll beklebter
Koffer und forderte ein Zimmer im 36. Stock. Da das 36. Stockwerk
aber von Hotelbediensteten bewohnt wurde, so mußte er sich mit
Zimmer Nummer 3512 begnügen, das ihm der Manager mit zuvorkommender
Geschäftsmiene anbot. Hier machte er einem chinesischen Boy, der zur
Dachgartenbedienung gehörte, ein bestechendes Angebot, wenn er einen
unscheinbaren Apparat, nicht größer als ein Kodak, in irgendeines
der Kübelgewächse da droben schmuggele. Allein er hatte nicht damit
gerechnet, daß Allanit ein Hartstahl war, den kein Geschoß durchschlägt.
Allan hatte seine genauen Instruktionen gegeben, und der Manager
verbürgte sich dafür, daß sie eingehalten wurden. Sobald alle Geladenen
den Roofgarden betreten hatten, durfte der Lift nicht weiter als bis
zum 35. Stock geführt werden. Die Boys der Bedienung durften den
Dachgarten nicht eher verlassen, als bis der letzte Gast sich entfernt
hatte. Nur sechs Vertretern der Presse und drei Photographen war der
Zutritt erlaubt (Allan brauchte sie ebenso wie sie ihn) -- allein gegen
die ehrenwörtliche Versicherung, während der Konferenz nicht mit der
Außenwelt in Verbindung zu treten.
Einige Minuten vor neun Uhr erschien Allan selbst auf dem Dachgarten,
um sich zu überzeugen, ob man all seine Anordnungen genau befolgt
habe. Er entdeckte augenblicklich den eingeschmuggelten drahtlosen
Telephonapparat im Geäst eines Lorbeerbaumes, und eine Viertelstunde
später hatte ihn der Gerissene wieder als ein hübsch verschnürtes und
versiegeltes Expreßpaket auf Nummer 3512 -- ohne überrascht zu sein,
denn er hatte deutlich in seinem Empfangsapparat gehört, wie eine
Stimme etwas unwillig sagte: »Schaffen Sie das Zeug weg!«
Von neun Uhr an begann der Lift zu spielen.
Die Geladenen tauchten schwitzend und pustend aus dem Hotelblock empor,
der trotz den Kühlanlagen in allen seinen Poren glühte. Sie kamen aus
der Hölle ins Fegfeuer. Jeder einzelne, der aus dem Lift stieg, prallte
vor dieser Mauer von Hitze zurück. Dann aber legte er augenblicklich
den Rock ab, nicht ohne die anwesenden Damen vorher höflich um
Erlaubnis gebeten zu haben. Diese Damen waren Maud -- heiter, blühend,
schneeweiß gekleidet -- und Mrs. Brown, eine alte, kleine, ärmlich
aussehende Frau mit gelbem Gesicht und dem argwöhnischen Blick
schwerhöriger Geizhälse: die reichste Frau der Staaten und berüchtigte
Wucherin.
Die Geladenen kannten einander ohne Ausnahme. Sie hatten sich auf
verschiedenen Kriegschauplätzen getroffen, sie hatten jahrelang
Schlachten Schulter an Schulter oder gegeneinander geschlagen. Ihre
gegenseitige Hochachtung war nicht allzu groß, aber sie schätzten
sich immerhin. Sie waren fast alle schon grau oder weiß, ruhig,
würdig, abgeklärt und besonnen wie der Herbst, und die meisten hatten
gutmütige, freundliche, ja kindliche Augen. Sie standen in Gruppen
beisammen und plauderten und scherzten oder gingen zu Paaren auf und
ab und flüsterten. Die Einsamen und Schweiger saßen schon still in den
Klubsesseln und blickten kühl, nachdenklich und mit etwas übelgelauntem
Gesichtsausdruck auf den persischen Teppich, der über den Boden
gebreitet war. Zuweilen zogen sie die Uhr und warfen einen Blick auf
den Lift: immer noch kamen Nachzügler ...
Drunten brodelte New York und das Brodeln schien die Hitze zu
verdoppeln. New York schwitzte wie ein Ringkämpfer nach getaner Arbeit,
es pustete wie eine Lokomotive, die ihre dreihundert Meilen hinter
sich hat und in einer Bahnhofhalle verschnauft. Die Autos, die im
zerweichten Asphalt der Straße klebten, surrten und brummten in der
Broadway-Schlucht dahin, die einander drängenden Züge der elektrischen
Cars hämmerten ihre Glockensignale; irgendwo, ganz fern, gellte eine
schrille Glocke: ein Feuerlöschzug, der durch die Straßen fegte. Es
war ein Summen wie von riesigen Glocken in der Luft, untermischt mit
fernen Schreien, als würden irgendwo in der Ferne Haufen von Menschen
abgeschlachtet.
Ringsum standen und funkelten Lichter in der tiefblauen, heißen
Nacht, von denen man auf den ersten Blick nicht sagen konnte, ob
sie dem Himmel oder der Erde angehörten. Vom Dachgarten aus sah man
einen Abschnitt der zwanzig Kilometer langen Broadway-Schlucht, die
ganz New York in zwei Teile spaltet: einen weißglühenden, klaffenden
Schmelzofen, in dem farbige Feuer schwangen und auf dessen Boden
mikroskopische Aschenteilchen entlang trieben: Menschen. Eine
Seitenstraße in nächster Nähe blendete wie ein Strom flüssigen Bleis.
Aus ferner gelegenen Querstraßen dampften lichte Silbernebel. Einzelne
Wolkenkratzer erhoben sich gespenstisch weiß im Lichtscheine eines
Platzes. Wiederum aber standen Gruppen von eng aneinander gedrängten
Turmhäusern dunkel, schweigsam, wie riesige Grabsteine, die über die
eingesunkenen verschwindenden Zwerghütten von zwölf und fünfzehn
Etagen emporragten. In der Ferne am Himmel ein Dutzend Stockwerke
mattblinkender Fensterscheiben, ohne daß das geringste von einem Haus
zu sehen gewesen wäre. Da und dort vierzigstöckige Türme, auf denen
matte Feuer lohten: die Dachgärten von Regis, Metropolitain, Waldorf
Astoria, Republic. Rings am Horizont glommen schwüle Feuersbrünste:
Hoboken, Jersey City, Brooklyn, Ost-New York. In der Spalte zwischen
zwei dunklen Wolkenkratzern zuckte jede Minute ein doppelter
Lichtstrahl auf, wie elektrische Funkennähte, die zwischen den Mauern
übersprangen: die Hochbahn der sechsten Avenue.
Rings um das Hotel flimmerte das Feuerwerk der Nacht. Unaufhörlich
schossen Lichtfontänen und farbige Strahlengarben aus den Straßen
empor zum Himmel. Ein Blitz zerriß ein Turmhaus von unten bis oben und
setzte einen riesigen Schuh in Brand. Ein Haus ging in Flammen auf
und in den Flammen erschien ein roter Stier: Bull Durham Rauchtabak.
Raketen jagten zur Höhe, explodierten und bildeten beschwörende Worte.
Eine violette Sonne kreiste wie irrsinnig hoch oben in der Luft und
spie Feuer über Manhattan, die bleichen Lichtkegel von Scheinwerfern
tasteten nach dem Horizont und beleuchteten kalkweiße Häuserwüsten.
Hoch oben am Himmel über dem blitzenden New York aber standen blaß,
unscheinbar, elend, geschlagen, die Sterne und der Mond.
Von der Battery herauf kam ein Reklameluftschiff mit weichem Surren der
Propeller und zwei großen Augen, eulenhaft. Und auf dem Bauch der Eule
erschienen abwechselnd die Worte: Gesundheit! -- Erfolg! -- Suggestion!
-- Reichtum! -- Pinestreet 14!
Drunten aber, sechsunddreißig Stockwerke tief unten, wogte ein Heer
von Hüten um den Hotelblock, Reporter, Agenten, Broker, Neugierige --
in der blendenden Lichtflut _alle ohne Schatten_ -- schwirrend vor
Spannung, die Augen auf die Lichtgirlanden des Dachgartens gerichtet.
Durch das fiebernde Stimmengewirr, das das Hotel umbrandete, drangen
deutlich die Rufe der Broadway-Ratten, der Zeitungsausrufer, herauf:
»Extra! Extra!« Die »World« hatte im letzten Moment ihren letzten
und besten Triumph ausgespielt, mit dem sie alle anderen Journale
überstach. Sie war allwissend und kannte das Projekt genau, das die
Milliarden, die da droben schwitzten, vom Stapel ließen: eine submarine
Postbeförderung! ~A. E. L. M.! America-Europe-Lightning-Mail~! Genau
wie heute die Briefe durch Luftdruck in unterirdischen Röhren von New
York nach San Franzisko gepreßt wurden, sollten sie durch gewaltige
Röhren, die wie Kabel gelegt werden würden, nach Europa geschossen
werden. Über die Bermudas und Azoren! In drei Stunden! (Man sieht, die
»World« hatte Allans Reiseroute genau feststellen lassen.)
Selbst die ruhigsten Nerven hier oben konnten sich dem Eindruck der
fiebernden Straße, des brodelnden und glitzernden New Yorks und der
Hitze nicht entziehen. Alle wurden, je länger sie warteten, mehr oder
weniger erregt und empfanden es wie eine Erlösung, als der blonde
Hobby, der sich sehr wichtig gebärdete, die Versammlung eröffnete.
Hobby schwenkte ein Telegramm und sagte, daß C. H. Lloyd bedaure,
durch sein Leiden abgehalten zu sein, die Herrschaften persönlich
zu begrüßen. Er habe ihn beauftragt, ihnen Herrn Mac Allan, den
langjährigen Mitarbeiter der Edison-Works-Limited und Erfinder des
Diamantstahls Allanit, vorzustellen.
»Hier sitzt er!« Hobby deutete auf Allan, der neben Maud in einem
Korbstuhl saß, in Hemdärmeln wie alle andern.
Herr Allan habe ihnen etwas zu sagen. Er wolle ihnen ein Projekt
vorschlagen, das, wie sie wüßten, C. H. Lloyd selbst das größte und
kühnste aller Zeiten genannt habe. Herr Allan besäße Genie genug, das
Projekt zu bewältigen, für die Ausführung aber brauche er ihr Geld. (Zu
Allan:) »~Go on, Mac~!«
Allan stand auf.
Aber Hobby machte ihm ein Zeichen, noch einen Moment zu warten, und
schloß, indem er einen Blick in das Telegramm warf: Er habe vergessen
... für den Fall, daß die Versammlung auf Mac Allans Projekt eingehe,
beteilige sich C. H. Lloyd mit fünfundzwanzig Millionen Dollar. (Zu
Allan:) »~Now, my boy!~«
Allan trat an Hobbys Stelle. Die Stille wurde schwül und drückend.
Die Straße drunten fieberte wirrer und lauter. Alle Augen richteten
sich auf ihn: das war also er, der behauptete, etwas _Ungewöhnliches_
zu sagen zu haben! (Mauds Lippen standen vor Spannung und Angst
weit offen!) Allan drückte seinem Auditorium durch nichts seine
Wertschätzung aus. Er ließ den Blick ruhig durch die Versammlung
wandern, und niemand hätte ihm die große Erregung angemerkt, von der
er im Innern geschüttelt wurde. Es war keine Kleinigkeit, diesen
Leuten den Kopf in den Rachen zu stecken, und sodann: er war alles,
nur kein Redner. Es war das erstemal, daß er vor einer größeren und
distinguierten Versammlung sprach. Aber seine Stimme klang ruhig und
klar, als er begann.
Allan sagte zunächst, daß er, nachdem C. H. Lloyd die Erwartungen so
hoch gespannt habe, befürchte, die Versammlung zu enttäuschen. Sein
Projekt verdiene kaum größer genannt zu werden als der Panamakanal oder
Sir Rodgers Palk-Street-Bridge, die Ceylon mit Vorderindien verbindet.
Es sei, recht besehen, sogar einfach.
Hierauf zog Allan ein Stück Kreide aus der weiten Hosentasche und warf
zwei Linien auf die Tafel, die hinter ihm stand. Das sei Amerika und
das sei Europa! Er verpflichte sich, im Zeitraum von fünfzehn Jahren
einen submarinen Tunnel zu bauen, der die beiden Kontinente verbinde,
und Züge in vierundzwanzig Stunden von Amerika nach Europa zu rennen!
Das sei sein Projekt.
In diesem Augenblick flammte das Licht der Photographen auf, die ihr
Schnellfeuer eröffneten, und Allan machte eine kurze Pause. Von der
Straße herauf kam wirres Geschrei: sie wußten, daß die Schlacht da
droben begonnen hatte.
Es schien zunächst, als ob Allans Projekt, das eine Epoche in
der Geschichte zweier Kontinente bedeutete und selbst für diese
vorgeschrittene Zeit nicht alltäglich war, nicht den geringsten
Eindruck auf die Zuhörerschaft gemacht habe. Manche waren sogar
enttäuscht. Es schien ihnen, als hätten sie dann und wann schon gehört
von diesem Projekt, es lag in der Luft wie viele Projekte. Und doch
hätte es niemand noch vor fünfzig -- wie sagst du? -- vor zwanzig
Jahren aussprechen können, ohne daß man darüber gelächelt hätte. Es
gab hier Leute, die, während sie die Uhr aufzogen, mehr verdienten,
als die Mehrzahl der Menschen in einem Monat, es gab hier Leute,
die keine Miene verzogen, wenn die ganze Erde morgen wie eine Bombe
explodierte, aber es gab hier keinen einzigen, der erlaubte, daß man
ihn _langweilte_. Und davor hatten sie sich alle am meisten gefürchtet,
denn, bei Gott, C. H. Lloyd konnte auch einmal versagen! Es wäre ja
möglich gewesen, daß dieser Bursche irgendeine alte Sache auskramte,
etwa, daß er die Wüste Sahara bewässern und fruchtbar machen wolle,
oder sonst etwas. Sein Projekt war wenigstens nicht langweilig. Das
war schon sehr viel. Besonders die Einsamen und Schweiger atmeten
erleichtert auf.
Allan hatte keineswegs erwartet, sein Auditorium durch sein Projekt
niederzustrecken, und war mit dem Eindruck, den seine Ankündigung
machte, vollkommen zufrieden. Mehr konnte er vorläufig nicht verlangen.
Er hätte ja seine Idee langsam abbrennen können, aber er hatte sie
absichtlich wie eine Kartätsche gegen seine Zuhörerschaft abgeschossen,
um diesen Panzer einer scheinbaren Indifferenz, die jeden Redner hätte
entmutigen können, diesen Panzer aus Phlegma, Schulung, Ermattung,
Berechnung und Abwehr auf einen Schlag zu sprengen. Er mußte diese
sieben Milliarden zwingen, ihm zuzuhören. Das war seine erste Aufgabe,
das und nichts anderes. Und es schien, als ob ihm dies gelungen sei.
Die ledernen Sessel knirschten, einige lehnten sich bequem zurecht, sie
zündeten sich eine Zigarre an. Mrs. Brown nahm den Hörapparat zu Hilfe.
Wittersteiner, von der New York-Central Bank raunte I. O. Morse, dem
Kupfermann, etwas ins Ohr.
Und Allan fuhr ermutigt und sicherer fort.
Der Tunnel sollte hundert Kilometer südlich von New York von der Küste
New Jerseys ausgehen, die Bermudas und Azoren und Nordspanien berühren
und an der biskayischen Küste Frankreichs emporsteigen. Die beiden
ozeanischen Stationen, die Bermudas und Azoren, waren vom technischen
Standpunkt aus unentbehrlich. Denn mit ihnen, zusammen mit der
amerikanischen und den zwei europäischen, waren fünf Angriffsstellen
für die Tunnelstollen gegeben. Ferner waren die ozeanischen Stationen
für die Rentabilität des Tunnels von größter Bedeutung. Die Bermudas
würden den gesamten Personenverkehr und die Post des mexikanischen
Beckens, Westindiens, Zentralamerikas und des Panamakanals aufsaugen.
Die Azoren den gesamten Verkehr Südamerikas und Afrikas an sich reißen.
Die ozeanischen Stationen würden Angelpunkte des Weltverkehrs werden
von der Bedeutung New Yorks und Londons. Es war ohne jeden Kommentar
einleuchtend, welche Rolle die amerikanische und die europäischen
Stationen in Zukunft auf dem Erdball spielen würden! Die einzelnen
Regierungen würden gezwungen sein, ihre Zustimmung zum Tunnelbau
zu erteilen, ja, er, Mac Allan, würde sie zwingen, die Papiere des
Tunnel-Syndikats an ihren Börsen zuzulassen -- wenn anders sie nicht
gesonnen waren, ihre Industrien um Tausende von Millionen zu schädigen.
»Der Tunnel der Behringstraße, der vor drei Jahren in Angriff genommen
wurde,« sagte Allan, »der Dover-Calais-Tunnel, der in diesem Jahr
seiner Vollendung entgegengeht, haben zur Genüge bewiesen, daß der Bau
submariner Tunnel der modernen Technik keine Schwierigkeiten bereitet.
Der Dover-Calais-Tunnel hat eine Länge von rund fünfzig Kilometern.
Mein Tunnel hat eine Länge von rund fünftausend Kilometern. Meine
Aufgabe besteht demnach lediglich darin, die Arbeit der Engländer und
Franzosen zu verhundertfachen, wenn ich auch keineswegs die größeren
Schwierigkeiten verkenne. Aber ich brauche es Ihnen nicht erst zu
sagen: wo der Mensch von heute eine Maschine aufstellen kann, da ist
er _zu Hause_! Finanziell hängt die Ausführung des Projektes von Ihrer
Zustimmung ab. Ihr Geld brauche ich nicht -- wie Hobby sagte -- denn
ich werde den Tunnel mit amerikanischem und europäischem Geld, mit
dem Geld der ganzen Welt bauen. Das Projekt technisch in der Zeit von
fünfzehn Jahren zu bewältigen, ist allein von meiner Erfindung bedingt,
die Sie kennen, dem Allanit, einem Hartstahl, der der Härte des
Diamanten nur um einen Grad nachsteht, die Bearbeitung des härtesten
Gesteins ermöglicht und es erlaubt, eine unbeschränkte Anzahl von
Bohrern in beliebiger Größe äußerst billig herzustellen.«
Das Auditorium folgte. Es schien zu schlafen, aber gerade das war
ein Zeichen, daß es seine Arbeit aufgenommen hatte. Die meisten
der grauen und weißen Scheitel hatten sich gesenkt, nur zwei, drei
schweißglänzende Gesichter waren nach oben zum Himmel gerichtet, wo die
Sterne wie Scherben glitzerten. Jemand drehte eine Zigarre zwischen den
gespitzten Lippen und blinzelte zu Allan empor, ein anderer nickte,
das Kinn in der Hand, nachdenklich vor sich hin. Fast aus allen Augen
war der gutmütige und kindliche Ausdruck gewichen und hatte einem
nachdenklichen, verschleierten oder gespenstisch wachen Blick Platz
gemacht. Mrs. Brown hing an Allans Lippen und ihr Mund zeigte einen
scharfen, höhnischen, fast bösartigen Ausdruck. All die Gehirne
der dreißig Sklavenhalter, in die Allan seine Ideen und Argumente
hineinhämmerte, daß sie wie Keile festsaßen, waren in Schwung gekommen.
Das Geld dachte, das Eisen, der Stahl, das Kupfer, das Holz, die Kohle.
Diese Sache Allan war nicht gewöhnlich. Sie verdiente, daß man sie
überlegte und erwog. Ein Projekt wie dieses fand man nicht täglich auf
der Straße. Und diese Sache Allan war nicht leicht! Es handelte sich
hier nicht um ein paar Millionen Bushel Weizen oder Ballen Baumwolle,
nicht um tausend King-Edward-Mines-Aktien, Australien. Es handelte
sich um weit mehr! Für die einen bedeutete die Sache Allan einen Berg
von Geld ohne besonderes Risiko für das Eisen, den Stahl, die Kohle.
Ihr Entschluß war kein Kunststück. Für die andern bedeutete sie Geld
bei großem Risiko. Aber es hieß Stellung nehmen. Stellung! Denn es
handelte sich hier um noch etwas, es handelte sich hier um Lloyd und
um keinen andern als Lloyd den Allmächtigen, der wie ein goldenes
Gespenst, schaffend und vernichtend, über den Erdball schritt! Lloyd
wußte recht wohl, was er tat, und dieser Allan wurde geschoben und
glaubte zu schieben. In den letzten Wochen waren in Wallstreet große
Transaktionen in Montanwerten und Papieren der schweren Industrie vor
sich gegangen. Nun wußten sie, daß es Lloyd war, der seine Armeen durch
Strohmänner hatte vorschieben lassen! Es lag auf der Hand, Lloyd, der
jetzt in seinem Tresor saß und seine Zigarre lutschte, hatte schon seit
Wochen losgeschlagen, und dieser Mac Allan war seine Faust! Immer war
Lloyd der erste, immer hatte er die besten Claims schon besetzt, wenn
der allgemeine Rush kam. Allein noch wäre es ja Zeit, den Vorsprung
einigermaßen einzuholen. Man brauchte nur heute abend noch seine
Depeschen über die Welt zu jagen, sofort nach dem Meeting. Morgen früh
allerdings wäre es schon viel zu spät.
Es galt Stellung zu nehmen ...
Einzelne, deren Gehirne sich heißgelaufen hatten, unternahmen den
Versuch, dem Problem dadurch beizukommen, daß sie Allans Person unter
die Lupe nahmen. Während sie genau hörten, was Allan über den Bau des
Tunnels sagte -- wie er die Stollen vortreiben, ausbauen, belüften
wolle -- studierten sie ihren Mann von den Patentlederschuhen an --
seine schneeweißen Flanellhosen, seinen Gürtel, sein Hemd, seinen
Kragen und seine Binde -- bis hinauf zu den soliden Stirnknochen, über
die sich sein glatter, kupferrot schimmernder Scheitel spannte. Das
Gesicht dieses Mannes glänzte im Schweiß wie Bronze, aber es zeigte
jetzt, nach einer Stunde, nicht die leiseste Abspannung. Im Gegenteil,
es war markanter und wacher geworden. Die Augen dieses Mannes hatten
kindlich und gutmütig ausgesehen, als er begann, nun aber, schwimmend
in Schweiß, waren sie kühn und klar, stählern und blinkend wie jenes
Allanit, das dem Diamanten nur um einen Grad an Härte nachstand. Und
es war gewiß, daß dieser Mann sich nicht oft so in die Augen blicken
ließ! Wenn dieser Mann Nüsse aß, so brauchte er auf keinen Fall
einen Nußknacker. Die Stimme dieses Mannes hämmerte und rauschte im
Brustkasten, bevor sie herauskam. Allan warf eine Skizze auf die Tafel,
und sie studierten seinen gebräunten Unterarm mit den tätowierten
gekreuzten Hämmern, es war der Arm eines trainierten Tennisspielers
und Fechters. Sie studierten Allan wie einen Boxer, auf den man setzen
will. Der Mann war gut, ohne Zweifel. Man konnte auf ihn verlieren und
brauchte sich nicht zu schämen. Es war Lloyds Blick! Sie wußten, daß
er mit zwölf Jahren Pferdejunge in einer Kohlengrube war und daß er
sich im Laufe von zwanzig Jahren aus einer Tiefe von achthundert Metern
unter der Erde bis empor auf den Roofgarden des Atlantic gearbeitet
hatte. Das war etwas. Es war auch etwas, dieses Projekt auszuarbeiten,
aber das weitaus Schwerere und Bewunderungswürdigere war, daß er es
fertiggebracht hatte, dreißig Menschen, für die ein Tag ein Kapital
bedeutet, zu einer bestimmten Stunde hierher zu beschwören und sie
zu zwingen, ihm bei einer Temperatur von neunzig Grad Fahrenheit
zuzuhören. Vor ihren Augen schien sich das seltene Schauspiel
abzuspielen: einer kam den Glasberg herauf zu ihnen, gesonnen, seinen
Platz zu beanspruchen und zu verteidigen.
Allan sagte: »Zur Verwaltung der Stollen und für den Betrieb brauche
ich eine Stromstärke, die etwa jener der gesamten Niagara-Power-Works
gleichkommt. Der Niagara ist nicht mehr zu haben, so werde ich mir
meinen eigenen Niagara bauen!«
Und sie erwachten aus ihren Gedanken und sahen Allan ins Gesicht.
Noch etwas fiel ihnen an diesem Burschen auf: er hatte während
des ganzen Vortrages weder gelächelt noch einen Scherz gemacht.
Humor schien nicht gerade seine Sache zu sein. Nur einmal hatte
die Gesellschaft Gelegenheit gehabt zu lachen. Das war, als die
Photographen ein wütendes Zwischengefecht eröffneten und Allan sie
anherrschte: »~Stop your nonsense!~«
Allan las am Schluß die Gutachten der ersten Kapazitäten der Welt,
Gutachten von Ingenieuren, Geologen, Ozeanographen, Statistikern,
Finanzgrößen aus New York, Boston, Paris, London, Berlin.
Das größte Interesse erweckte Lloyds Resümee, der die Finanzierung
und die Rentabilität des Projektes ausgearbeitet hatte. Allan las
es zuletzt, und die dreißig Gehirne arbeiteten mit ihrer größten
Geschwindigkeit und Präzision.
Die Hitze schien sich urplötzlich verdreifacht zu haben. In Schweiß
gebadet lagen sie alle in den Sesseln und das Wasser rann ihnen über
die Gesichter. Selbst die Kühlapparate, die hinter den Gebüschen und
Sträuchern aufgestellt waren und ununterbrochen kalte, ozongesättigte
Luft aushauchten, schufen keine Linderung mehr. Es war wie in den
Tropen. Chinesische Boys, in kühles, schneeweißes Linnen gekleidet,
glitten lautlos zwischen den Sesseln hindurch und reichten Limonade,
~horses-neck~, ~gin-fizz~ und Eiswasser. All das half nichts. Die Hitze
stieg in Schwaden von der Straße herauf und wälzte sich als glühender
Brodem, den man mit den Händen greifen konnte, über den Dachgarten.
New York, aus Eisenbeton und Asphalt, war wie ein vieltausendzelliger
Akkumulator, der die Glut der letzten Wochen aufgespeichert hatte und
sie jetzt ausspie. Und ununterbrochen gellte und schrie die fieberige
Broadway-Schlucht tief unten. New York, von den Menschen zwischen
3000 Meilen Ozean und 3000 Meilen Kontinent aufgetürmt, dieses
kochende, schlaflose New York selbst schien zu fordern, zu beschwören,
anzupeitschen zu immer größeren, immer unerhörteren Anstrengungen.
New York selbst, das Gehirn Amerikas, schien zu denken, einen
Riesengedanken hin und her zu wälzen, zu gebären ...
In diesem Augenblick hörte Allan auf zu sprechen. Fast mitten im Satze.
Allans Rede hatte gar keinen Schluß. Es war eine umgekehrte Rede, deren
Steigerung am Anfang lag. Der Schluß kam so unerwartet, daß alle in der
gleichen Lage sitzen blieben und ihre Ohren noch arbeiteten, als Allan
schon gegangen war, um sein Projekt der Diskussion zu überlassen.
Das Reklameluftschiff kreuzte über dem Dachgarten und trug die Worte
über Manhattan dahin: »25 Jahre Lebensverlängerung! -- Garantie! -- Dr.
Josty, Brooklyn!«
7.
Allan fuhr mit Maud bis zum zehnten Stock ab, um zu dinieren. Er war
vom Schweiß derart durchnäßt, daß er sich vollständig umkleiden mußte.
Aber selbst dann schlugen augenblicklich wieder die Schweißperlen aus
seiner Stirn. Seine Augen waren noch geweitet und blicklos von der
großen Anspannung seiner Kräfte.
Maud trocknete ihm vorsorglich die Stirn und kühlte seine Schläfen mit
einer Serviette, die sie in Eiswasser getaucht hatte.
Maud strahlte! Sie plapperte und lachte vor Erregung. Was für ein
Abend! Die Versammlung, die Lichtgirlanden, der Dachgarten, das
zauberische New York ringsum, nie würde sie diesen Anblick vergessen.
Wie sie alle im Kreise saßen! Sie, die _Namen_, die sie seit ihrer
frühesten Jugend tausendmal gehört hatte, deren bloßer Klang eine
Atmosphäre von Reichtum, Macht, Genie, Kühnheit und Skandal erzeugte.
Und sie saßen und hörten ihm zu, Mac! Maud war unendlich stolz auf Mac.
Sein Triumph begeisterte sie, sie zweifelte keinen Augenblick an seinem
Erfolg.
»Welch schreckliche Angst ich doch hatte, Mac!« sprudelte sie hervor
und umschlang seinen Nacken. »Aber du hast gesprochen! Ich traute
meinen Ohren nicht! Guter Gott, Mac!«
Allan lachte. »Ich hätte lieber zu einer Herde von Teufeln gesprochen
als zu diesen Burschen, Maud, das kannst du mir glauben!« entgegnete er.
»Wie lange wird es nun dauern, denkst du?«
»Eine Stunde, zwei Stunden. Kann sein, die ganze Nacht.«
Maud öffnete überrascht den Mund.
»Die ganze Nacht --?«
»Kann sein, Maud. Auf jeden Fall werden sie uns Zeit lassen, ruhig zu
Abend zu essen.«
Allan war nun wieder vollkommen ins Gleichgewicht gekommen. Seine Hände
zitterten nicht mehr und in seine Augen war der Blick zurückgekehrt.
Er erfüllte seine Anstandspflicht als Gatte und Gentleman und legte
Maud das schönste Stück Beef vor, so wie sie es liebte, die schönsten
Spargel und Bohnen, und machte sich hierauf selbst ruhig an die Arbeit,
während ihm der Schweiß in großen Tropfen auf der Stirn stand. Er
fand, daß er außerordentlich hungrig war. Maud dagegen plauderte so
eifrig, daß sie kaum zum Essen kam. Sie ließ die ganze Gesellschaft
der Geladenen aufmarschieren. Sie fand, daß Wittersteiner einen
wunderbaren und bedeutenden Kopf habe. Über Kilgallans jugendliches
Aussehen wunderte sie sich, und John Andrus, den Minenkönig, verglich
sie mit einem Nilpferd; C. B. Smith, der Bankier, dagegen kam ihr wie
ein kleiner, grauer, schlauer Fuchs vor. Und diese alte Hexe Mrs. Brown
habe sie in der Tat gemustert, als sei sie ein Schulmädchen! Ob es wahr
sei, daß diese Mrs. Brown aus purem Geiz nie Licht zu Hause brenne ...?
Mitten in der Mahlzeit kam Hobby ins Zimmer. Hobby, der es gewagt
hatte (und es sich leisten konnte), in Hemdärmeln im Lift des Atlantic
herunterzufahren.
Maud sprang sofort erregt auf. »Wie steht es, Hobby?« schrie sie.
Hobby lachte und warf sich in einen Sessel.
»So etwas habe ich noch nicht erlebt!« rief er aus. »Sie liegen sich
in den Haaren! Es ist wie in Wallstreet nach den Wahlen! C. B. Smith
wollte gehen -- nein, das müßt ihr hören! Er will gehen, sagt, die
Sache sei ihm zu gewagt und steigt in den Lift. Aber sie sind hinter
ihm her und ziehen ihn mit aller Gewalt an den Rockschößen wieder aus
dem Lift heraus! Keine Lüge! ~Ye gods and little fishes!~ Kilgallan
steht in der Mitte und schwingt die Gutachten, Mac, und schreit wie ein
Ausrufer: Dagegen können Sie nicht ankommen, dagegen können Sie nichts
sagen!«
»Natürlich Kilgallan!« warf Allan ein. »Er hätte nichts dagegen!«
(Kilgallan war das Haupt des Stahltrusts.)
»Und Mrs. Brown! Es ist nur gut, daß Photographen da sind! Sie sieht
aus wie eine Vogelscheuche in Ekstase! Sie ist verrückt geworden, Mac.
Sie hat Andrus fast die Augen ausgekratzt. Sie ist außer sich und
schreit fortwährend: Allan ist der größte Mann aller Zeiten! Es wäre
eine Schande für Amerika, wenn sein Projekt nicht ausgeführt würde!«
»Mrs. Brown?« Maud war starr vor Erstaunen. »Aber sie brennt ja nicht
einmal Licht vor lauter Geiz!«
»Trotzdem, Maud!« Hobby brach von neuem in helles Gelächter aus. »Der
Teufel kennt die Menschen, ~girl~! Sie und Kilgallan, die zwei werden
dich durchsetzen, Mac!«
»Willst du nicht mit uns essen, Hobby?« fragte Allan, der einen
Hühnerschenkel zwischen den Zähnen bearbeitete und Hobby aufmerksam
zuhörte.
»Ja, komm doch her, Hobby!« rief Maud und stellte Teller zurecht.
Aber Hobby hatte keine Zeit. Er war weitaus erregter als Allan, obwohl
ihn die ganze Sache wenig anging. Er stürzte wieder hinaus.
Von Viertelstunde zu Viertelstunde kam er wieder, um über den Stand von
Allans Sache zu berichten.
»Mrs. Brown hat zehn Millionen Dollar gezeichnet, Mac! Es beginnt!«
»Mein Gott!« schrie Maud mit schriller Stimme und schlug vor
Überraschung die Hände zusammen.
Allan schälte eine Birne und wandte sich ruhig an Hobby: »Na, und?«
Hobby aber war zu erregt, um sich setzen zu können. Er lief hin und
her, nahm eine Zigarre aus der Tasche und biß die Spitze ab. »Sie
zieht also einen Notizblock aus der Tasche,« begann er, während er mit
fliegenden Händen die Zigarre in Brand steckte, »einen Block, den ich
nicht mit der Feuerzange anfassen möchte, so schmutzig ist er -- und
zeichnet! Stille! Alles ist starr! Und nun greifen die anderen in die
Tasche und Kilgallan geht herum und sammelt die Zettel ein. Kein Wort
wird mehr gesprochen. Die Photographen arbeiten mit Hochdruck! Mac,
deine Sache ist gemacht, ~I will eat my hat~ ...«
Dann ließ sich Hobby lange nicht mehr sehen. Eine ganze Stunde verging.
Maud war still geworden. Sie saß aufgeregt da und lauschte mit Ohren
und Augen, ob sich nichts rege. Je länger es dauerte, desto verzagter
wurde sie. Allan saß im Sessel und rauchte still und nachdenklich die
Pfeife.
Endlich vermochte Maud nicht länger an sich zu halten, und sie fragte,
ein wenig kleinlaut: »Und wenn sie sich nicht entschließen können, Mac?«
Allan nahm die Pfeife aus dem Mund, hob den Blick mit einem Lächeln
zu Maud und erwiderte ruhig und mit tiefer Stimme: »Dann fahre ich
wieder nach Buffalo und fabriziere meinen Stahl!« Aber mit einem
festen, sicheren Nicken des Kopfes fügte er hinzu: »Sie werden sich
entschließen, Maud!«
In diesem Augenblick klingelte das Telephon. Es war Hobby. »Sofort
heraufkommen!«
Als Allan wieder auf dem Dachgarten erschien, kam ihm der
Stahltrustmann Kilgallan entgegen und klopfte ihm auf die Schulter.
»~You are all right~, Mac!« sagte er.
Allan hatte gesiegt. Er händigte dem rotgekleideten Groom einen Stoß
Telegramme ein und der Groom versank im Lift.
Einige Minuten darauf war der Dachgarten leer. Jeder einzelne ging
unverzüglich an seine Arbeit. Hotelbedienstete schafften die Gewächse
und Sessel fort, um Platz für Vanderstyffts großen Vogel zu machen.
Vanderstyfft kletterte in die Maschine und schaltete die Lampen ein.
Der Propeller prasselte, ein Sturmwind fegte die Hotelbediensteten in
die Ecke, der Apparat lief ein Dutzend Schritte vorwärts und stieg
in die Luft. Und der große weiße Vogel zog den Lichtnebeln New Yorks
entgegen und verschwand.
8.
Zehn Minuten nach dieser Sitzung spielte der Telegraph nach New Jersey,
Frankreich, Spanien, den Bermudas und Azoren. Eine Stunde später
hatten Allans Agenten für fünfundzwanzig Millionen Dollar Ländereien
aufgekauft.
Diese Ländereien befanden sich in der für den Tunnelbau denkbar
günstigsten Lage; Allan hatte sie schon vor Jahren ausgewählt. Sie
bestanden aus dem schlechtesten und billigsten Boden: Dünen, Heiden,
Moräste, kahle Inseln, Riffe, Sandbänke. Der Preis von fünfundzwanzig
Millionen Dollar war ein Spottgeld, wenn man bedenkt, daß die
Ländereien zusammen das Gebiet eines Herzogtums umfaßten. Einbegriffen
war ein ausgedehnter, tiefer Komplex in Hoboken, der mit einer Front
von zweihundert Metern an den Hudson stieß. Die aufgekauften Gebiete
lagen alle entfernt von größeren Städten, denn Allan brauchte diese
Städte nicht. Seine Heiden und Dünen waren berufen, in Zukunft selbst
Städte zu tragen, die die Umgebung verschlangen.
Während die Welt noch schlief, flogen Allans Telegramme durch die Kabel
und durch die Luft und überrumpelten sämtliche Börsen der Welt. Und am
Morgen erbebte New York, Chikago, Amerika, Europa, die ganze Welt, bei
dem Wort: »_Atlantic-Tunnel-Syndikat_«.
Die Zeitungspaläste waren die ganze Nacht tageshell erleuchtet.
Die Rotationspressen der Druckereien arbeiteten mit ihrer größten
Geschwindigkeit. Herald, Sun, World, Journal, Telegraph, all die in New
York erscheinenden englischen, deutschen, französischen, italienischen,
spanischen, yiddischen, russischen Zeitungen hatten erhöhte Auflagen
gedruckt, und Millionen von Zeitungsblättern gingen mit dem erwachenden
Tag über New York nieder. In den sausenden Aufzügen, auf den rollenden
Trottoiren und kletternden Treppen der Hochbahnstationen, auf den
Perrons der Subway, wo sich der allmorgendliche Kampf um einen Platz in
den vollgestopften Waggons abspielte, auf den Hunderten von Ferrybooten
und in den Tausenden von elektrischen Cars -- von der Battery
angefangen bis hinauf zur Zweihundertsten Straße wurden förmliche
Schlachten um die nassen Zeitungen geschlagen. In allen Straßen stiegen
Fontänen von Extrablättern über Menschenknäuel und ausgestreckte Hände
empor.
Die Nachricht war sensationell, unerhört, kaum faßbar, kühn!
Mac Allan! -- Wer war er, was hatte er getan, woher kam er? Wer war der
Bursche, der über Nacht vor die Front der unbekannten Millionen trat?
Einerlei, wer er war! Er hatte es fertiggebracht, das Tag um Tag
gleichmäßig dahinsausende New York aus den Geleisen zu werfen.
Die Augen saugten sich fest an den Ansichten prominenter
Persönlichkeiten, die ihre Meinung über den Tunnel im Telegrammstil
veröffentlichten:
C. H. Lloyd: »Europa wird ein Vorort Amerikas werden.«
Der Tabakmann H. F. Herbst: »Du kannst einen Waggon Waren von New
Orleans nach St. Petersburg schicken, ohne umladen zu müssen.«
Der Multimillionär H. I. Bell: »Ich werde meine Tochter, die in Paris
verheiratet ist, anstatt dreimal im Jahr, zwölfmal sehen können.«
Verkehrsminister de la Forest: »Der Tunnel bedeutet für jeden
Geschäftsmann ein geschenktes Lebensjahr an ersparter Zeit.«
Man verlangte ausführliche Nachrichten und man hatte ein Recht, sie
zu verlangen. Vor den Zeitungspalästen stauten sich die Menschen,
so daß die Führer der elektrischen Wagen mit den Stiefeln auf den
Glockenknopf hämmern mußten, um ihre Trains durchschieben zu können.
Stundenlang waren die Augen des kompakten Menschenblocks auf die
Projektionsfläche im zweiten Stock des »Herald-buildings« gerichtet,
obgleich seit Stunden die gleichen Bilder erschienen: Mac Allan, Hobby,
die Gesellschaft auf dem Dachgarten.
»Sieben Milliarden sind vertreten!!« »Mac Allan verkündet sein
Projekt.« (Kinematographisch). »Mrs. Brown zeichnet 10 Millionen.«
(Kinematographisch). »C. H. Smith wird aus dem Lift gezerrt.«
»Wir sind die einzigen, die Vanderstyffts Ankunft auf dem Roofgarden
bis zur unmittelbaren Landung zeigen können. Unser Photograph wurde von
der Maschine niedergerissen.« (Kinematographisch). New Yorks weiße,
mit Fenstern punktierte Wolkenkratzer, aus denen dünner, weißer Dampf
steigt. Ein weißer Schmetterling erscheint, ein Vogel, eine Möwe, ein
Monoplan! Der Monoplan saust über den Roofgarden hinweg, beschreibt
eine Kurve, kommt zurück, senkt sich, ein Riesenflügel schwenkt heran.
Schluß. Ein Porträt: Mr. C. G. Spinnaway, unser Photograph, den
Vanderstyffts Maschine zu Boden schleuderte und schwer verletzte.
Neueste Aufnahme: Mac Allan verabschiedet sich in Bronx von seiner Frau
und seinem Kind, um in die Office zu fahren.
Und wieder beginnt dieselbe Serie von Bildern.
Plötzlich -- gegen elf Uhr -- stockt die Serie. Etwas Neues?! Alle
Gesichter sind nach oben gerichtet.
Ein Porträt: Mr. Hunter, Broker, 37. Straße 212 East, buchte soeben
sein Billett für die erste Fahrt New York--Europa.
Die Menge lacht, schwingt die Hüte, schreit!
Die Telephonämter waren überarbeitet, die Telegraphen und Kabel konnten
die Arbeit nicht mehr bewältigen. In all den Tausenden von Bureaus New
Yorks riß man den Hörer vom Apparat, um mit Verbündeten die Lage zu
besprechen. Ganz Manhattan fieberte! Die Zigarre im Mund, den steifen
Hut im Nacken, in Hemdärmeln, schweißtriefend, saß und stand man und
schrie und gestikulierte. Bankiers, Broker, Agenten, Clerks. Offerten
ausarbeiten! Es galt, seine Stellung einzunehmen, so rasch, so günstig
wie möglich! Eine Riesenkampagne stand bevor, eine Völkerschlacht des
Kapitals, bei der man niedergeritten wurde, wenn man sich umsah. Wer
würde das Riesenunternehmen finanzieren? Wie würde es geschehen? Lloyd?
Wer sagt Lloyd? Wittersteiner? Wer wußte etwas? Wer war dieser Teufel
Mac Allan, der für fünfundzwanzig Millionen Ländereien über Nacht
aufkaufte, deren Bodenwert sich verdreifachen, verfünffachen, -- wie
sagst du! -- verhundertfachen mußte?
Am erregtesten ging es in den vornehmen Geschäftsräumen der großen
transatlantischen Schiffahrtskompanien zu. Mac Allan war der Mörder
des transatlantischen Passagierverkehrs! Sobald sein Tunnel fertig
war -- und es war ja recht wohl möglich, daß er eines Tages fertig
sein würde! -- konnte man die viermalhunderttausend Tonnen, die man
schwimmen hatte, einschmelzen lassen. Man konnte in Luxusschiffen
Reisende zu Zwischendeckpreisen befördern, man konnte die Kähne in
schwimmende Sanatorien für Lungenkranke umbauen oder sie nach Afrika
zu den Schwarzen schicken. Innerhalb von zwei Stunden hatte sich ein
Anti-Tunnel-Trust zusammentelephoniert und -telegraphiert, der eine
Interpellation an die verschiedenen Regierungen entwarf.
Von New York aus verbreitete sich die Erregung über Chikago, Buffalo,
Pittsburg, St. Louis, San Franzisko, während das Tunnelfieber drüben in
Europa London, Paris, Berlin zu ergreifen begann.
New York flimmerte und glitzerte in der Mittagshitze und als sich
die Leute wieder auf die Straße wagten, donnerten ihnen von allen
Straßenecken riesenhafte Plakate entgegen: »Hunderttausend Arbeiter!«
Endlich erfuhr man nun auch den Sitz des Syndikats:
Broadway-Wallstreet. Hier stand ein blendendweißes, halbfertiges
Turmgebäude, dessen zweiunddreißig Etagen noch von Handwerkern
wimmelten.
Schon eine halbe Stunde, nachdem das Riesenplakat New York überschwemmt
hatte, drängten sich auf den mit kalkbespritzten Brettern belegten
Granitstufen des Syndikatgebäudes Scharen von Arbeitsuchenden
zusammen, und das gesamte Heer der Arbeitslosen, das zu jeder Zeit
gegen Fünfzigtausend beträgt, wälzte sich durch hundert Straßen nach
Downtown. In den Parterreräumen, wo noch Leitern, Böcke und Farbkübel
herumstanden, stießen sie auf Allans Agenten -- kalte, erfahrene
Burschen mit dem raschen Blick von Sklavenhändlern. Sie sahen durch
die Kleider hindurch das Knochengerüst ihres Mannes, seine Muskeln und
Sehnen. An der Stellung der Schultern, an der Beuge der Arme erkannten
sie seine Kraft. Eine Pose, Schminke und gefärbte Haare, waren vor
ihren Augen sinnlos. Was grau war und schwächlich, was die mörderische
Arbeit New Yorks schon ausgesogen hatte, das ließen sie liegen. Und ob
sie auch Hunderte von Menschen in wenigen Stunden sahen -- wehe, wenn
einer einen zweiten Versuch machte: ihn traf ein eiskalter Blick, daß
ihm das Rückenmark gefror, und der Agent sah ihn hierauf überhaupt
nicht mehr.
9.
Noch am gleichen Tage erschienen auf allen fünf Stationen, an der
französischen, spanischen und amerikanischen Küste, auf den Inseln
Bermuda und San Jorgo (Azoren) Truppe von Männern. Sie kamen in
Wagen und Mietsautomobilen an, die sich langsam den Weg durchs
Gelände suchten, in Sümpfe einsanken und über Dünen humpelten.
Bei einer gewissen Stelle, die sich nicht im geringsten von der
Umgebung unterschied, kletterten sie von den Sitzen herab, schnallten
Nivellierapparate, Meßinstrumente, Bündel von Markierungsstäben vom
Wagen und machten sich an die Arbeit. Mit ruhiger Konzentration
visierten, maßen, rechneten sie, ganz als gälte es nur einen Garten
anzulegen. Der Schweiß tropfte ihnen von der Stirn. Sie steckten einen
Streifen Landes ab, der in einem genau festgelegten Winkel gegen das
Meer deutete und rückwärts weithinein ins Land lief. Bald waren sie
zerstreut an verschiedenen Punkten tätig.
In der Heide tauchten einige Wagen auf, beladen mit Balken, Brettern,
Dachpappen und verschiedenen Gerätschaften. Diese Wagen schienen
ganz zufällig hierhergekommen zu sein und nicht das geringste mit
den Geometern und Ingenieuren, die nicht einmal aufsahen, zu tun zu
haben. Sie hielten. Balken und Bretter prasselten auf die Erde. Spaten
blitzten in der heißen Sonne, die Sägen kreischten, Hammerschläge
dröhnten.
Dann kam ein Auto angeholpert und ein Mann stieg aus und schrie und
gestikulierte. Der Mann nahm ein Bündel Meßstangen unter den Arm und
stapfte zu den Geometern hinüber. Er war schmal und hellblond, es war
Hobby, der Chef der amerikanischen Station.
Hobby schrie Hallo! lachte, wischte sich den Schweiß ab -- er war in
Schweiß _gebadet_ -- und rief:
»In einer Stunde kommt ein Koch! Wilson schafft wie ein Wilder in Toms
River.« Dann steckte er zwei Finger in den Mund und pfiff.
Von den Wagen herüber kamen vier Männer mit Meßstangen auf den
Schultern.
»Hier, die Herren werden euch ~chaps~ sagen, was ihr tun sollt.«
Und Hobby kehrte wieder zu den Wagen zurück und sprang mitten in den
Holzhaufen hin und her.
Dann verschwand er in seinem Auto, um nach den Arbeitern in Lakehurst
zu sehen, die mit dem Bau einer provisorischen Telephonlinie
beschäftigt waren. Er schrie und schimpfte und fuhr weiter, am
Bahnkörper Lakehurst-Lakewood entlang, der das Gelände des Syndikats
durchschnitt. Mitten auf der Strecke, in einer Viehweide, auf der
Kühe und Ochsen umherstanden, hielt ein qualmender Güterzug von zwei
Lokomotiven und fünfzig Waggons. Hinter ihm her kam ein Zug mit
fünfhundert Arbeitern. Es war fünf Uhr. Diese fünfhundert Arbeiter
waren bis zwei Uhr mittags angeworben worden und hatten um drei Uhr
Hoboken verlassen. Sie waren alle heiter, gutgelaunt, aus dem kochenden
New York heraus zu sein und eine Beschäftigung in freier Luft gefunden
zu haben.
Sie stürzten sich auf die fünfzig Waggons und warfen Bretter,
Wellbleche, Dachpappen, Kochherde, Proviant, Zelte, Decken, Kisten,
Säcke, Ballen auf die Viehweide. Hobby fühlte sich wohl. Er schrie,
pfiff, kletterte rasch wie ein Affe über die Waggons und Bretterhaufen
und heulte seine Befehle. Eine Stunde später waren die Feldküchen
installiert und die Köche an der Arbeit. Zweihundert Arbeiter waren
beschäftigt, in aller Eile Baracken zusammenzuschlagen für die Nacht,
während die übrigen noch ausluden.
Als es dunkel war, empfahl Hobby seinen »~boys~« zu beten und sich aufs
Ohr zu legen, so gut es ging.
Er fuhr zurück zu den Geometern und Ingenieuren und telephonierte
seinen Rapport nach New York.
Dann ging er mit den Ingenieuren hinunter an die Dünen zum Baden.
Und hierauf warfen sie sich in den Kleidern auf den Bretterboden der
Baracke und schliefen augenblicklich ein, um mit dem Grauen des Tages
wieder ihre Tätigkeit aufzunehmen.
Um vier Uhr morgens trafen hundert Waggons Material ein. Um ein halb
fünf tausend Arbeiter, die die Nacht im Zug geschlafen hatten und
hungrig und erschöpft aussahen. Die Feldküchen arbeiteten schon im
Grauen des Tages mit Hochdruck und die Bäckereien standen unter Dampf.
Hobby war pünktlich zur Stelle. Die Arbeit machte ihm Vergnügen, und
obwohl er nur wenige Stunden geschlafen hatte, befand er sich in seiner
besten Laune, die ihm sofort die Sympathie seines Arbeiterheeres
gewann. Er hatte sich ein Pferd zugelegt, einen Grauschimmel, auf dem
er den ganzen Tag unermüdlich hin und her galoppierte.
Neben der Bahnstrecke häuften sich ganze Berge von Material an. Um
acht Uhr traf ein Zug von zwanzig Waggons ein, der nur Schwellen,
Schienen, Karren, zwei zierliche Lokomotiven für eine Schmalspurbahn
enthielt. Und um neun Uhr kam der zweite. Er brachte ein Bataillon von
Ingenieuren und Technikern mit, und Hobby warf tausend Mann auf den
Bau des schmalen Bahnkörpers, der zur drei Kilometer weit entfernten
Baustelle führen sollte. Am Abend traf ein Zug mit zweitausend eisernen
Feldbetten und Schlafdecken ein. Hobby wetterte ins Telephon und bat um
mehr Arbeiter, und Allan sagte ihm zweitausend Mann für den nächsten
Tag zu.
In der Tat trafen beim Morgengrauen zweitausend Mann ein. Und hinter
ihnen her schleppten sich endlose Züge mit Material. Hobby fluchte das
Blaue vom Himmel herunter. Allan begrub ihn buchstäblich! Dann aber
ergab er sich in sein Schicksal: er erkannte _Allans Tempo_! Es war
das an sich höllische Tempo Amerikas und dieser Zeit zur _Raserei_
gesteigert. Und er respektierte es, obwohl es ihm den Atem benahm, und
potenzierte seine Anstrengungen.
Am dritten Tage hatte die Feldbahn, auf der gerade ein Zug fahren
konnte ohne umzustürzen, die Baustelle erreicht, und am Abend des
dritten Tages noch pfiff eine kleine Feldlokomotive, die mit lautem
Hurra begrüßt wurde, mitten im Camp. Sie schleppte endlose Karren
voller Bretter, Balken und Wellblech herbei, und zweitausend Arbeiter
waren in fieberhafter Hast beschäftigt, Baracken, Feldküchen, Schuppen
anzulegen. Aber in der Nacht kam ein Gewittersturm und fegte die ganze
Stadt Hobbys durcheinander.
Hobby hatte für diesen Scherz nur einen langen gehaltvollen Fluch. Er
bat Allan um vierundzwanzig Stunden Frist, aber Allan nahm nicht die
geringste Rücksicht und sandte einen Materialzug nach dem andern, so
daß es Hobby schwarz vor den Augen wurde.
An diesem Tag kam Allan selbst abends um sieben Uhr im Auto mit
Maud heraus. Und Allan fuhr umher, wetterte und fluchte und nannte
alles eine Bummelei und sagte, das Syndikat bezahle und verlange
angestrengteste Arbeit, und fuhr wieder ab und hinterließ ein
Kielwasser von Staunen und Respekt.
Hobby war nicht _der_ Mann, der sich rasch entmutigen ließ. Er war
entschlossen, das fünfzehnjährige tolle Rennen durchzuhalten und fuhr
nun wie ein Teufel dazwischen. Das Allansche Tempo riß ihn mit fort!
Ein Arbeiterbataillon war mit dem Bau eines Bahndammes nach Lakewood
beschäftigt; für reguläre Züge; eine rostrote Staubwolke zeigte den
Weg seiner Arbeit. Ein zweites stürzte sich auf die ankommenden
Materialzüge, um in gepeitschtem Tempo die Güter abzuladen und
aufzustapeln, Schwellen, Schienen, Kabelmaste, Maschinen. Ein drittes
wühlte beim »Schacht«; ein viertes zimmerte die Baracken. All diese
Bataillone wurden von Ingenieuren befehligt, die an nichts erkennbar
waren als dem unaufhörlichen Geschrei und den erregten Gestikulationen,
womit sie die Arbeiterrotten antrieben.
Hobby, auf seinem Grauschimmel, war allgegenwärtig. Die Arbeiter
nannten ihn »Jolly Hobby,« wie sie Allan »Mac« getauft hatten und
Harrimann, den Chefingenieur -- ein stiernackiger düsterer Mann, der
sein ganzes Leben auf den großen Baustellen aller Kontinente verbracht
hatte -- einfach »Bull.«
Zwischen all diesen Menschenknäueln aber bewegten sich die Feldmesser
mit ihren Instrumenten, als ob sie der ganze Tumult nichts angehe, und
übersäten das ganze Gelände mit buntfarbigen Pflöcken und Stangen.
Drei Tage nach dem ersten Spatenstich war die Tunnelstadt ein
Minen-Camp gewesen, dann ein Feldlager und eine Woche später eine
ungeheure Barackenstadt, in der zwanzigtausend Menschen kampierten,
mit Schlachthäusern, Molkereien, Bäckereien, Basaren, Bars, Post,
Telegraph, einem Hospital und einem Friedhof. Abseits von ihr stand
schon eine ganze Straße fertiger Häuser, Edisonsche Patenthäuser, die
an Ort und Stelle gegossen wurden und innerhalb von zwei Tagen fix und
fertig waren. Die ganze Stadt war dick mit Staub bedeckt, so daß sie
fast weiß erschien; die wenigen Grasbüschel und die vereinzelten Büsche
waren zu Zementhaufen geworden. Die Straßen waren Eisenbahnschienen
und Schwellen, und die flachen Baracken versanken in einem Wald von
Kabelmasten.
Acht Tage später erschien inmitten der Barackenstadt ein schwarzer,
heulender und gellender Dämon: eine riesige amerikanische
Güterzugmaschine auf hohen roten Rädern, die einen endlosen Zug von
Waggons nachschleppte. Sie stand fauchend in dem Trümmerfeld, stieß
eine schwarze, hohe Rauchwolke in die grelle Sonne empor und sah um
sich. Alle blickten auf sie und schrien und heulten begeistert: es war
_Amerika_, das in die Tunnelstadt gekommen war!
Am andern Tag waren es Rudel und eine Woche später waren es Schwärme
dieser schwarzen, rauchenden Dämonen, die die Luft mit der bebenden
Ausdünstung ihrer Leiber erschütterten, ihre Saurierknochen schwangen
und aus Kiefern und Nasenschlund Dampf und Rauch stießen. Die
Barackenstadt sah aus, als ginge sie in Qualm auf. Oft war der Qualm so
dick, daß sich in der verdunkelten Atmosphäre elektrische Entladungen
vollzogen und bei schönstem Wetter Donner über die Tunnelstadt
hinrollte. Die Stadt tobte und schrie, sie pfiff, schoß, donnerte,
gellte.
Aus der Mitte dieser tobenden, rauchenden, weißen Schuttstadt aber
stieg eine ungeheure Staubsäule empor, Tag und Nacht. Diese Staubsäule
bildete Wolkenformationen, ähnlich jenen, die man bei Vulkanausbrüchen
beobachtet. Pilzförmig, von den oberen Luftschichten zusammengedrückt,
und Wolkenfetzen zogen von ihr aus mit den Luftströmungen.
Es kam ganz auf den Wind an. Aber die Dampfer haben diesen Staub auf
dem Meere beobachtet als eine viele Kilometer umfassende, kalkweiße
schwimmende Insel, und zuweilen siebte der Tunnelstaub über New York
herab wie ein feiner Aschenregen.
Die Baustelle war hier vierhundert Meter breit und zog sich fünf
Kilometer schnurgerade ins Land hinein. Sie wurde in Terrassen
abgebaut, die tiefer und tiefer stiegen. An der Mündung der
Tunnelstollen sollte die Sohle der Terrassen zweihundert Meter unter
dem Meeresspiegel liegen.
Heute eine sandige Heidefläche mit einer Heerschar von buntfarbigen
Pflöcken, morgen ein Sandbett, übermorgen eine Kiesgrube, ein
Steinbruch, ein ungeheurer Kessel aus Konglomeraten, Sandsteinen,
Tonen und Kalk, und zuletzt eine Schlucht, in der es wimmelte wie von
Maden. Das waren Menschen, winzig von oben gesehen, weiß und grau vom
Staub, graue Gesichter, Staub in den Haaren und Wimpern und einen Brei
von Staubmasse zwischen den Lippen. Zwanzigtausend Menschen stürzten
sich Tag und Nacht in diese Baugrube hinein. Wie ein See glitzert, so
glitzerten drunten die Picken und Schaufeln. Hornsignale: Staub wirbelt
empor, ein steinerner Koloß neigt sich vornüber, stürzt, zerfällt, und
Knäuel von Menschen wälzen sich in die Staubwolke, die emporjagt. Die
Bagger kreischen und jammern, die Paternosterwerke winseln und rasseln
unaufhörlich, Krane schwingen, Karren sausen durch die Luft, und die
Pumpen drücken Tag und Nacht einen Strom von schmutzigem Wasser durch
mannsdicke Röhren empor.
Heere von winzigen Lokomotiven schießen unter den Baggern hindurch,
schleppen sich zwischen Geröll und über Sandhaufen. Aber sobald sie
das freie Land und solide Schienen erreicht haben, fliegen sie wild
pfeifend und mit gellenden Glockensignalen zwischen den Baracken
dahin nach den Baustellen, wo man Sand und Steine braucht. Hier haben
die Züge Berge von Zementsäcken angefahren, und Arbeiterscharen sind
beschäftigt, große Kasernenbauten zu errichten, die vierzigtausend Mann
beherbergen sollen und zum Winter unter Dach sein müssen.
Fünf Kilometer vom »Schacht« entfernt aber -- wo die Trasse sich in
sanftem Winkel zu neigen beginnt -- stehen in einer Wolke von Öl, Hitze
und Rauch vier finstere Maschinen auf funkelnagelneuen Schienen und
warten und qualmen.
Vor ihren Rädern blitzen Schaufeln und Picken. Schweißtriefende
Rotten heben den Boden aus und füllen ihn auf mit Steinblöcken und
Schottersteinen, die aus Kippwagen die Böschung herunterpoltern. In
die Steine betten sie Schwellen, die noch kleben vom Teer, und wenn
sie eine Leiter von Schwellen gelegt haben, so schrauben sie die
Schienen darauf fest. Und wenn sie fünfzig Meter Schienen gelegt
haben, so pusten und zischen die vier schwarzen Maschinen und bewegen
die Stahlgelenke, drei-, viermal, und schon sind sie wieder bei den
blitzenden Schaufeln und Picken angelangt.
So wandern die vier schwarzen Ungeheuer jeden Tag vorwärts, und
eines Tages stehen sie tief zwischen hohen Geröllbergen, und eines
Tages stehen sie tief unter den Terrassen in einem Kamin von steilen
Betonwänden und starren mit ihren Zyklopenaugen auf die Felswand
vor ihnen, wo im Abstand von dreißig Schritten zwei große Bogen
angeschlagen sind -- die Mündung des Tunnels.
Zweiter Teil
1.
Wie in der Tunnelstadt auf amerikanischem Boden, so fraßen sich
Armeen schweißtriefender Menschen in Frankreich, Finisterre und auf
den ozeanischen Stationen in die Erde hinein. Tag und Nacht stiegen
an diesen fünf Punkten des Erdballs ungeheure Rauch- und Staubsäulen
empor. Das hunderttausendköpfige Arbeiterheer rekrutierte sich aus
Amerikanern, Franzosen, Engländern, Deutschen, Italienern, Spaniern,
Portugiesen, Mulatten, Negern, Chinesen. Alle lebenden Idiome
schwirrten durcheinander. Die Bataillone der Ingenieure bestanden zum
größten Teil aus Amerikanern, Engländern, Franzosen und Deutschen. Bald
aber strömten Scharen von Volontären aller technischen Hochschulen der
Welt herbei, Japaner, Chinesen, Skandinavier, Russen, Polen, Spanier,
Italiener.
An verschiedenen Punkten der französischen, spanischen und
amerikanischen Küste, der Bermudas und der Azoren erschienen Allans
Ingenieure und Arbeiterhorden und begannen wie an den Hauptbaustellen
zu wühlen. Ihre Aufgabe war es, die Kraftwerke zu bauen, Allans
»Niagara«, dessen Gewalt er brauchte, um seine Züge von Amerika nach
Europa zu jagen, die ungeheueren Stollen zu beleuchten und zu belüften.
Nach dem verbesserten System der Deutschen Schlick und Lippmann ließ
Allan ungeheure Reservoire anlegen, in die das Meer zur Zeit der
Flut strömte, um von da in niedriger gelegene Bassins zu donnern,
niederschießend die Turbinen zu drehen, die aus den Dynamos den Strom
schlugen, und bei Ebbe ins Meer zurückzukehren.
Die Eisenhütten und Walzwerke von Pennsylvania, Ohio, Oklahoma,
Kentucky, Colorado, von Northumberland, Durham, Südwales, Schweden,
Westfalen, Lothringen, Belgien, Frankreich buchten Allans ungeheure
Bestellungen. Die Kohlenzechen beschleunigten die Förderung, um
den erhöhten Kohlenbedarf für Transport und Hochöfen zu decken.
Kupfer, Stahl, Zement erlebten eine unerhörte Hausse. Die großen
Maschinenfabriken Amerikas und Europas arbeiteten mit Überschichten. In
Schweden, Rußland, Ungarn und Kanada wurden Wälder niedergemäht.
Eine Flotte von Frachtdampfern und Segelschiffen war ständig
zwischen Frankreich, England, Deutschland, Portugal, Italien und den
Azoren, zwischen Amerika und den Bermudas unterwegs, um Material und
Arbeitskräfte nach den Baustellen zu transportieren.
Vier Dampfer des Syndikats, mit den ersten Kapazitäten (zumeist
Deutschen und Franzosen) an Bord, schwammen auf dem Ozean, um die
Maße und Lotungen der nach den bekannten ozeanographischen Messungen
projektierten Tunnelkurve auf einer Breite von dreißig Seemeilen zu
kontrollieren und nachzuprüfen.
Von all den Stationen, Arbeitsstellen, Dampfern, Industriezentren aus
liefen Tag und Nacht Fäden nach dem Tunnel-Syndikat-Building, Ecke
Broadway-Wallstreet, und von hier aus in eine einzige Hand -- Allans
Hand.
In wenigen Wochen angestrengtester Arbeit hatte Allan die große
Maschine in Schwung gebracht. Sein Werk fing an, die Welt zu umspannen.
Sein Name, dieser vor kurzem noch gänzlich unbekannte Name, leuchtete
wie ein Meteor über den Menschen.
Tausende von Journalen beschäftigten sich mit seiner Person und nach
geraumer Zeit gab es keinen Zeitungsleser in der Welt mehr, der nicht
ganz genau Allans Lebensgeschichte kannte.
Diese Geschichte aber war keineswegs alltäglich: Von seinem zehnten bis
dreizehnten Jahr gehörte Allan zur Armee der unbekannten Millionen, die
ihr Leben unter der Erde verbringen und an die niemand denkt.
Er war in den westlichen Kohlenbezirken geboren, und der erste
Eindruck, der in seinem Gedächtnis haften geblieben war, war _Feuer_.
Dieses Feuer stand nachts an verschiedenen Stellen am Himmel, wie
feurige Köpfe auf dicken Leibern, die ihn schrecken wollten. Es kam
aus Öfen gegenüber heraus in der Gestalt glühender Gebirge, auf die
glühende Männer von allen Seiten Wasserstrahlen richteten, bis alles in
einer großen weißen Dampfwolke verschwand.
Die Luft war voll von Rauch und Qualm, dem Geschrei von Fabrikpfeifen,
es regnete Ruß, und zuweilen brannte nachts der ganze Himmel lichterloh.
Die Menschen erschienen immer in Haufen in den Straßen geschwärzter
Backsteinhäuser, sie kamen in Haufen, sie gingen in Haufen, sie waren
immer schwarz und selbst am Sonntag hatten sie Kohle in den Augen. In
allen ihren Gesprächen kehrte stets das eine Wort wieder: Uncle Tom.
Vater und Fred, der Bruder, arbeiteten in Uncle Tom, wie alle
Welt ringsum. Die Straße, in der Mac aufwuchs, war fast immer mit
glänzendschwarzem Morast bedeckt. Danebenher floß ein seichter Bach.
Die wenigen Gräser, die an seinen Ufern wuchsen, waren nicht grün,
sondern schwarz. Der Bach selbst war schmutzig und meist schwammen
buntschillernde Ölflecken darauf. Hinter dem Bach standen schon die
langen Reihen der Koksöfen, und hinter ihnen erhoben sich schwarze
Eisen- und Holzgerüste, auf denen unaufhörlich kleine Karren liefen.
Am stärksten aber fesselte den kleinen Mac ein großes, richtiges Rad,
das in der Luft hing. Dieses Rad stand zuweilen auf Augenblicke still,
dann begann es wieder zu »schnurren«, es wirbelte so rasch, daß man die
Speichen nicht mehr sah. Plötzlich aber sah man die Speichen wieder,
das Rad in der Luft drehte sich langsamer, das Rad stand still! Und
darauf begann es wieder zu »schnurren«.
In seinem fünften Lebensjahre wurde Mac von Fred und den übrigen
Pferdejungen in das Geheimnis eingeweiht, wie man ohne jegliches
Anlagekapital Geld machen könne. Man konnte Blumen verkaufen,
Wagenschläge öffnen, umgefallene Stöcke aufheben, Autos herbeiholen,
Zeitungen aus den Trams sammeln und wieder in den Handel bringen.
Voller Eifer nahm Mac seine Arbeit in der »City« auf. Jeden einzelnen
Cent lieferte er an Fred ab und dafür durfte er die Sonntage mit
den Pferdejungen in den »~saloons~« verbringen. Mac kam nun in das
Alter, wo ein witziger Junge den ganzen Tag fährt, ohne einen Cent
zu bezahlen. Wie ein Parasit lebte er auf allem, was rollte und ihn
vorwärtsbrachte. Später vergrößerte Mac sein Geschäft und arbeitete auf
eigene Rechnung. Er sammelte leere Bierflaschen in den Neubauten und
verkaufte sie, indem er sagte: »Vater schickt mich.«
Aber er wurde abgefaßt, jämmerlich verprügelt und damit war das
blühende Geschäft zu Ende.
In seinem achten Lebensjahr bekam Mac von seinem Vater eine graue
Kappe und große Stiefel, die Fred getragen hatte. Diese Stiefel waren
so weit, daß Mac sie mit einem einzigen Schlenkern des Fußes in die
nächste Stubenecke befördern konnte.
Der Vater nahm ihn an der Hand und führte ihn nach Uncle Tom. Dieser
Tag machte auf Mac einen unauslöschlichen Eindruck. Noch heute
erinnerte er sich deutlich, wie er, erschreckt und aufgeregt, an der
Hand des Vaters durch den lärmenden Zechenhof schritt. Uncle Tom war
mitten im Betrieb. Die Luft bebte von Geschrei, Pfeifen, Kärrchen
sausten durch die Luft, Eisenbahnwaggons rollten, alles bewegte sich.
Hoch oben aber schwirrte die Förderscheibe, die Mac schon jahrelang aus
der Ferne gesehen hatte. Hinter den Koksöfen stiegen Feuersbrünste und
weiße Rauchwolken empor, Ruß und Kohlenstaub sank vom Himmel herab, es
surrte und zischte in mannsdicken Röhren, aus den Kühlanlagen stürzten
Wasserfälle, und aus dem dicken, hohen Fabrikschlot quoll unaufhörlich
pechschwarzer Qualm in den Himmel empor.
Je näher sie aber den rußigen Backsteingebäuden mit den geplatzten
Fensterscheiben kamen, desto lauter und wilder wurde das Getöse. Es
schrie in der Luft wie tausend gemarterte kleine Kinder; die Erde
zitterte.
»Was schreit so, Vater?« fragte Mac.
»Die Kohle schreit.«
Nie hatte Mac gedacht, daß die Kohle schreien könne!
Der Vater stieg die Treppe eines großen bebenden Hauses empor, dessen
Wände Risse zeigten, und öffnete die hohe Tür ein wenig.
»Tag, Josiah! Ich will dem Jungen deine Maschine zeigen,« rief er
hinein, und dann wandte er sich um und spuckte auf die Treppe. »Komm,
Mac!«
Mac lugte in den großen reinlichen, mit Fliesen belegten Saal. Der Mann
namens Josiah wandte ihnen den Rücken zu. Er saß in einem bequemen
Stuhl, hatte die Hände an blanken Hebeln und starrte regungslos auf
eine Riesentrommel im Hintergrunde des Saales. Ein Glockensignal
ertönte. Da bewegte Josiah einen Hebel und die großen Maschinen links
und rechts begannen ihre Schenkel zu schwingen. Die Trommel, die Mac
haushoch vorkam, lief immer rasender, und um sie herum sauste ein
schwarzes armdickes Drahtseil.
»Der Korb geht nach Sohle sechs,« erklärte der Vater. »Er fällt rascher
als ein Stein. Er wird gerissen. Josiah arbeitet mit achtzehnhundert
Pferden.«
Mac war ganz wirr im Kopfe.
An einer weißen Stange vor der Trommel stiegen Pfeile auf und ab, und
als die Pfeile in nächster Nähe waren, bewegte Josiah wieder einen
Hebel und die sausende Trommel wurde langsamer und stand still.
Mac hatte nie etwas so Gewaltiges gesehen wie diese Fördermaschine.
»~Thanks~, Josiah!« sagte der Vater, aber Josiah wandte sich nicht um.
Sie gingen um das Maschinenhaus herum und stiegen eine schmale
eiserne Treppe empor, auf der Mac in seinen großen Stiefeln nur
mühsam vorwärtskommen konnte. Sie stiegen dem schrillen, winselnden
Kindergeschrei entgegen, und hier war der Lärm so groß, daß man kein
Wort mehr verstehen konnte. Die Halle war riesig, dunkel, voller
Kohlenstaub und rasselnder eiserner Karren.
Macs Herz war beklommen.
Gerade da, wo die Kohlen winselten und schrien, übergab ihn der Vater
den geschwärzten Männern und ging davon. Da sah Mac zu seinem Erstaunen
einen Bach von Kohlen! Auf einem meterbreiten langen Band liefen
unaufhörlich Kohlenstücke dahin, um endlich durch ein Loch im Boden wie
ein endloser schwarzer Wasserfall in Eisenbahnwaggons hinabzustürzen.
Zu beiden Seiten dieses langen Bandes aber standen geschwärzte Knaben,
Knirpse wie Mac, und griffen hastig in den Kohlenstrom hinein und
suchten bestimmte Brocken heraus, die sie in eiserne Karren warfen.
Ein Junge schrie ihm ins Ohr, er solle zusehen. Dieser Knirps hatte
ein geschwärztes Gesicht und erst nach einer Weile erkannte ihn Mac an
einer Hasenscharte. Es war ein Junge aus der nächsten Nachbarschaft,
mit dem er erst gestern noch eine Schlägerei gehabt hatte, weil er ihm
seinen Spottnamen »Hase« nachrief.
»Wir suchen die Berge heraus, Mac,« schrie der »Hase« mit gellender
Stimme in Macs Ohr, »wir dürfen die Steine nicht mit verkaufen.«
Am nächsten Tage schon sah Mac so gut wie die andern, was Kohle war und
was Stein war, am Bruch, am Glanz, an der Gestalt. Und acht Tage später
war es ihm, als sei er seit Jahren in dieser schwarzen Halle voller
Lärm und Kohle gewesen.
Über den ewig gleitenden Kohlenbach gebeugt, mit den schwarzen Händen
nach den »Bergen« fahrend -- so stand Mac zwei volle Jahre, jeden Tag,
an seinem bestimmten Platz, der fünfte von oben. Tausende von Tonnen
Kohlen glitten durch seine kleinen raschen Hände.
Jeden Sonnabend holte er seinen Lohn, den er an den Vater (bis auf
ein kleines Taschengeld) abgeben mußte. Mac war neun Jahre alt und
ein Mann geworden. Wenn er am freien Sonntag in den »Saloon« ging, so
trug er einen steifen Hut und einen Kragen. Eine Pfeife hing zwischen
den Haifischzähnen; er kaute Gummi und hatte allezeit ein reichliches
Reservoir von Speichel zwischen Zunge und Gaumen. Er war ein Mann,
sprach wie ein Mann und hatte nur die helle, gellende Stimme eines
Knaben, der die Woche in einem lärmenden Arbeitsraum verbringt.
Das war die Kohle über der Erde, und er, Mac, kannte sie und wußte
in allen Dingen Bescheid -- besser als der Vater und Fred! Es gab
hier Dutzende von Knaben, die nach einem Jahr keine Ahnung hatten,
woher die Kohle alle kam, dieser endlose Strom von Kohlenblöcken,
die in die Waggons polterten. Tag und Nacht klirrten die eisernen
Türen des Schachtes und der triefende Förderkorb spie Tag und Nacht,
ohne Pause, vier eiserne Hunde voll Kohlen aus, fünfzig Zentner auf
einmal. Tag und Nacht rasselten die Hunde über die Eisenplatten der
Halle, Tag und Nacht drehten sie sich an einer bestimmten Stelle über
einer Öffnung am Boden (wie Hühner am Spieß!) und schütteten die Kohle
hinunter und liefen leer davon. Von da unten aber stieg die Kohle
auf einem Paternosterwerk herauf und wurde auf großen Sieben hin
und her gerüttelt und hier _schrie_ die Kohle. Die große Kohle, die
Förderkohle, ging in die Waggons und fort. Ja, ~well~, das wußten auch
die anderen Jungen, aber mehr nicht! Mac hatte sich schon nach einem
Monat gesagt, daß die Hunde, die durch die Halle polterten, unmöglich
all die Kohle bringen konnten! Und so war es. Täglich kamen Hunderte
von Waggons an -- von Uncle Tom II, Uncle Tom III und Uncle Tom IV
-- und sie alle kamen zu Uncle Tom I, weil hier die Wäschereien und
Kokereien und der »chemische Betrieb« waren. Mac hatte sich umgesehen
und wußte alles! Er wußte, daß die Kohle, die durchs Sieb fiel, durch
ein Paternosterwerk in die Wäscherei transportiert wurde. Hier lief
sie durch Kessel, in denen das Wasser die Kohle fortspülte, während
die Steine sanken. Die Kohle aber lief in eine Riesentrommel aus fünf
Sieben, mit verschieden großen Löchern; hier ging sie herum, rasselnd
und scharrend und wurde sortiert. Und die einzelnen Sorten liefen durch
Kanäle zu verschiedenen Trichtern und fielen als Stückkohle, melierte
Kohle, Nuß I, II, III, in die Eisenbahnwaggons und gingen fort! Die
Feinkohle aber, all die Splitter und der Staub -- die warf man fort,
glaubst du? Nein! Frage Mac, den zehnjährigen Ingenieur, und er wird
dir sagen, daß man die Kohle »aussaugt«, bis nichts mehr von ihr da
ist. Dieser Kohlenschutt lief eine eiserne, durchlöcherte Treppe empor.
Diese ungeheure Treppe voll grauen Schmutzes schien stillzustehen,
aber wenn man genau hinsah, so sah man, daß sie sich langsam -- ganz
langsam bewegte. In genau zwei Tagen lief jede Stufe hinauf, kippte um
und schüttete den Staub in ungeheure Trichter. Von da kam der Staub in
die Koksöfen, wurde Koks, und die Gase wurden in den hohen schwarzen
Teufeln niedergeschlagen und Teer, Ammoniak und alles mögliche daraus
gemacht. Das war der »chemische Betrieb« von Uncle Tom I und Mac wußte
alles.
In seinem zehnten Jahr bekam Mac vom Vater einen dicken Anzug aus
gelbem Tuch, eine wollene Halsbinde, und an diesem Tage fuhr er zum
erstenmal ein -- dahin, wo die Kohle herkam.
Die eisernen Schranken klirrten, die Glocke schlug an, der Korb stürzte
ab. Zuerst langsam und dann rasend rasch, so schnell, daß Mac glaubte,
der Boden, auf dem er saß, breche durch. Es wurde ihm einen Augenblick
schwarz vor den Augen, sein Magen schnürte sich zusammen -- dann aber
hatte er sich zurechtgefunden. Mit einem gellenden Lärm sauste der
eiserne Korb achthundert Meter tief hinab. Er schlug schwankend gegen
die Führungsschienen, daß es klirrte und krachte, als springe er in
Stücke. Das Wasser klatschte auf sie herab, die triefende schwarze
Bretterverschalung des Schachtes flog im Schein ihrer Grubenlampen
an den offnen Türen des Korbes in die Höhe. Mac sagte sich, daß es
so sein müsse. Zwei Jahre lang hatte er täglich beim Schichtwechsel
die Hauer und Bergleute mit ihren Lämpchen -- die wie Glühwürmchen in
der dunklen Halle tanzten -- aus dem Korb steigen sehen und mit dem
Korb versinken, und nur zweimal war etwas passiert. Einmal war der
Korb gegen das Dach gefahren und die Leute hatten sich die Schädel
eingeschlagen, das andere Mal war das Seil gerissen und zwei Steiger
und ein Ingenieur waren in den Sumpf gestürzt. Das konnte vorkommen,
aber es kam nicht vor.
Plötzlich hielt der Korb und sie waren auf Sohle 8, und es war auf
einmal ganz still. Ein paar bis zur Unkenntlichkeit geschwärzte,
halbnackte Gestalten empfingen sie.
»Du bringst uns deinen Jungen, Allan?«
»~Yep!~«
Mac befand sich in einem heißen Tunnel, der, beim Schacht schwach
erleuchtet, sich rasch in Finsternis verlor. Nach einer Weile
schimmerte in der Ferne eine Lampe, ein Schimmel erschien, Jay,
der Pferdejunge -- den Mac schon lange kannte -- an der Seite, und
hinterher rasselten zwanzig eiserne Hunde voller Kohlen.
Jay grinste. »Hallo! Da ist er ja!« schrie er. »Mac, ich habe gestern
noch drei ~drinks~ im Pokerautomaten gewonnen. ~Hej, hej, stop Boney!~«
Diesem Jay wurde Mac beigegeben und einen ganzen Monat lang stapfte er
wie ein Schatten an Jays Seite, bis er angelernt war. Dann verschwand
Jay, und Mac besorgte die Arbeit allein.
Er war auf Sohle 8 zu Hause und dachte gar nicht daran, daß ein Junge
von zehn Jahren etwas anderes sein könne als ein Ponyboy. Anfangs hatte
ihn die Finsternis und mehr noch die unheimliche Stille hier unten
bedrückt. Ja, was für ein ~fool~ war er doch gewesen, zu glauben, daß
es hier unten von allen Seiten picken und klopfen würde! Es war im
Gegenteil totenstill, wie in einer Gruft, aber man konnte pfeifen,
verstehst du? Nur beim Schacht, wo der Korb lief und ein paar Leute
die Hunde einschoben und herauszogen, bei den Flözen, wo die Hauer,
zumeist unsichtbar für Mac, eingeklemmt zwischen dem Gestein hingen
und die Kohle schlugen, war ein wenig Lärm. Eine Stelle aber gab es
auf Sohle 8, wo ein furchtbarer Lärm war. Dort arbeiteten die Bohrer.
Zwei Männer, die längst taub sein mußten, preßten die pneumatisch
betriebenen Bohrer mit den Schultern gegen den Felsen, und hier war
kein Wort zu verstehen.
Auf Sohle 8 arbeiteten einhundertundachtzig Menschen -- und doch sah
Mac selten jemand. Zuweilen einen Steiger, den Schießmeister, das
war alles. Es war stets ein Ereignis, wenn irgendein Lämpchen im
finsteren Stollen auftauchte und ein einsamer Wanderer angestapft kam.
Seine ganze Schicht lang fuhr Mac in diesen öden, schwarzen, niedern
Gängen hin und her. Er sammelte die Kohlenkarren bei den Flözen und
Bremsbahnen und fuhr sie zum Schacht. Hier hängte er sein Pferd vor
den fertigen Zug, leere Hunde, Hunde mit Gestein zum Ausfüllen der
abgebauten Flöze, mit Stempeln, Balken und Brettern zum Verzimmern
der Stollen, und brachte die Wagen an die betreffenden Stellen. Er
kannte das ganze Labyrinth der Stollen, jeden einzelnen Balken, den
der hereindrückende Berg geknickt hatte, alle Flöze, sie mochten
heißen George Washington, Merry Aunt, Fat Billy oder wie immer. Er
kannte die Wettervorhänge, aus denen schwere Grubengase stiegen. Er
kannte jeden »Sargdeckel«, ins Gestein eingesprengte kurze Säulen,
die plötzlich herausfahren können, um dich an die Wand zu nageln. Er
kannte die Wetterführung genau, Türen, die der stärkste Mensch nicht
öffnen konnte, bevor er nicht die dagegenpressende Luft durch ein
kleines Fenster in der Türe hatte ausströmen lassen -- dann pfiff die
Luft wie ein eisiger Sturmwind. Und wieder, da gab es Stollen voll
dumpfer, heißer Luft, daß einem sofort der Schweiß vom Gesicht stürzte.
Hundertmal in der Schicht durchquerte er diese eisigen und kochenden
Stollen, ganz wie es tausend Pferdejungen in diesem Augenblick tun.
Nach der Schicht fuhr er aus mit den Kameraden im aufwärtsschießenden,
klirrenden Korb, aus und wieder ein, ohne sich dabei etwas zu denken,
genau wie ein Clerk den Lift nimmt, um in seine Office und von der
Office auf die Straße zu kommen.
Da drunten auf Sohle 8 machte Mac die Bekanntschaft von Napoleon
Bonaparte, gekürzt Boney. So hieß sein Schimmel. Boney hatte Jahre da
unten in der Dunkelheit zugebracht und war halb blind. Sein Rücken war
gebogen und der Kopf bis zum Boden gesenkt, von dem ewigen Bücken in
den niedrigen Stollen. Boney hatte sich in den Pfützen zwischen den
engen Schienen die Hufe breitgetreten, so daß sie wie Kuchen waren.
Er war aus den besten Jahren heraus und die Haare gingen ihm aus. Um
die Augen und die Nüstern hatte er fleischrote Ringe, die nicht hübsch
aussahen. Dabei aber ging es Boney prächtig, er war dick und fett und
phlegmatisch geworden. Er ging stets im gleichen Trott. Sein Gehirn
hatte sich auf diesen Trott eingestellt und er konnte jetzt nicht mehr
anders. Mac konnte mit der Bürste (von ihr wird gleich die Rede sein)
vor ihm hertanzen -- Boney ging nicht rascher. Mac konnte ihn schlagen
-- da tat dann Boney, der alte Schwindler, als werde er eifriger,
er zeigte seinen Willen, nickte rascher mit dem Kopf, klatschte
nachdrücklicher in den Schmutz -- aber er ging nicht rascher.
Mac behandelte ihn nicht besonders zärtlich. Wenn er Boney zur Seite
haben wollte, so rannte er ihm den Ellbogen in den Wanst; anders tat
es Boney nicht, denn obwohl er sah, daß er Platz machen sollte und die
Ohren spitzte, ließ er es erst zu Rippenstößen kommen. Wenn Boney
einschlief, was häufig vorkam, so schlug ihn Mac mit der Faust auf die
Nase -- denn Mac mußte fördern und flog hinaus, wenn er seine Karren
nicht bewältigte. Er konnte keine Rücksicht nehmen. Trotz alledem waren
sie gute Freunde. Zuweilen -- wenn Mac sein Repertoire abgepfiffen
hatte -- klopfte er Boney auf den Hals und plauderte mit ihm: »~He, old
Boney, how are you to-day, old fellow? All right, are you?~« --
Nach halbjähriger Bekanntschaft fiel es Mac auf, daß Boney schmutzig
war. Er sah nur hier in der Finsternis, bei der Lampe, wie ein Schimmel
aus. Hätte man ihn ans Tageslicht gebracht -- ~holy Gee!~ -- wie hätte
Boney sich schämen müssen!
Mac nahm einen Anlauf und kaufte einen Striegel. In Boneys Kopf war
keine Erinnerung mehr an diesen Komfort, das sah Mac, denn Boney wandte
den Kopf. Das tat er aber selbst dann nicht, wenn neben ihm gesprengt
wurde. Dann schwang Boney seinen dicken Hängebauch vor Vergnügen hin
und her, um die Wollust des Bürstens auszugenießen. Mac versuchte es
auch mit Wasser, denn er hatte es sich in den Kopf gesetzt, Boney
schneeweiß herzurichten. Aber sobald Boney Wasser spürte, zuckte seine
Flanke, als fahre ein elektrischer Strom durch ihn, und er wechselte
unbehaglich die Füße. So blieb es beim trockenen Striegeln. Und wenn
Mac lange genug striegelte, so streckte old Boney plötzlich den Hals
vor und ließ ein tremulierendes, weinerliches Hundeheulen hören -- die
Ruine eines Gewiehers. Dann lachte Mac, daß der Stollen hallte. --
Mac hat Boney geliebt, ohne Zweifel. Noch heute spricht er zuweilen von
ihm. Er hat ein außergewöhnliches Interesse für alte, krummrückige,
fette Schimmel, und manchmal bleibt er stehen und klopft den Hals eines
Schimmels und sagt: »So sah Boney aus, Maud, siehst du, genau so!«
Aber Maud hat so viele verschiedene Boneys schon gesehen, daß sie an
der Ähnlichkeit mit dem old Boney zweifelt. Mac versteht nichts von
Gemälden und hat nie einen Cent dafür ausgegeben. Aber Maud entdeckte
einen primitiv gemalten, alten Schimmel unter seinen Sachen. Sie war
übrigens schon über zwei Jahre mit Mac verheiratet, als ihr seine
Sympathie für alte Schimmel auffiel. Einmal, in den Berkshirehills,
hielt er plötzlich das Auto an.
»Sieh dir mal den Schimmel an, Maud!« sagte er und deutete auf einen
alten Schimmel, der am Weg vor einem Bauernkarren stand.
Maud mußte laut heraus lachen. »Aber Mac, das ist ein alter Schimmel,
wie es Tausende gibt.«
Das sah Mac natürlich ein und er nickte. »Das mag schon sein, Maud,
aber ich hatte einmal genau den gleichen Schimmel.«
»Wann?«
»Wann?« Mac sah an ihr vorbei. Es gab nichts, was ihm schwerer wurde,
als von sich selbst zu sprechen. »Das ist schon lange her, Maud. In
Uncle Tom.«
Noch etwas hat Mac aus Uncle Tom mitgebracht. Das ist ein gellender
Raubvogelschrei -- hej! -- hej! -- den Mac unwillkürlich ausstößt, wenn
ihm jemand vor den Reifen des Autos herumläuft. Diesen Schrei hat er in
Uncle Tom gelernt. Damit trieb er Boney an, wenn er abfahren wollte,
und damit stoppte er Boney, wenn ein Wagen aus den Schienen gesprungen
war.
* * * * *
Mac war fast drei Jahre auf Sohle 8 und hatte den halben Erdumfang
in den Stollen von Uncle Tom zurückgelegt, als die Grubenkatastrophe
eintrat, an die sich heute noch viele erinnern. Sie kostete
zweihundertundzweiundsiebzig Menschen das Leben, aber sie sollte Macs
Glück werden.
In der dritten Nacht nach Pfingsten, um drei Uhr morgens, ereignete
sich eine Explosion schlagender Wetter in der untersten Sohle von Uncle
Tom.
Mac brachte seinen Zug leerer Hunde zurück und pfiff einen Gassenhauer,
den gegenwärtig der Phonograph in Johnsons »Saloon« jeden Abend
brüllte. Plötzlich hörte er durch das Gerassel der eisernen Hunde
hindurch ein fernes Donnern und blickte sich ganz mechanisch um, immer
noch pfeifend: da sah er, wie die Stempel und Balken wie Streichhölzer
knickten und der Berg hereinbrach. Er riß Boney mit aller Gewalt
am Halfter und gellte ihm in die Ohren: »Hej, hej! ~Git up -- giit
up!~« Boney, der erschrak und die Stempel hinter sich krachen hörte,
versuchte einen Galopp, old Bonaparte streckte seinen plumpen Leib,
daß er ganz flach lag, warf die Beine hinaus zu einem verzweifelten
~finish~ -- dann verschwand er unter dem stürzenden Gestein. Mac lief
wie besessen, denn der Berg kam hinter ihm her. Es galt! Aber zu
seinem Entsetzen sah er, daß die Stempel und Balken vor ihm ebenfalls
knackten und die Decke sich senkte. Da drehte er sich ein paarmal
im Kreise, wie ein Kreisel, die Hände an den Schläfen und stürzte
in einen Seitenverschlag. Der Stollen brach donnernd zusammen, der
Seitenverschlag krachte, und gehetzt von stürzendem Gestein flog Mac
dahin, rasend und flink. Endlich lief er nur noch im Kreise, die Hände
am Kopf, und schrie!
Mac zitterte an allen Gliedern und war ganz ohne Kraft. Er sah, daß er
in den Pferdestall gelaufen war, was Boney ebenfalls getan haben würde,
wenn ihn der Berg nicht erfaßt hätte. Er mußte sich setzen, da ihn die
Knie nicht mehr trugen, und da saß er nun, betäubt vom Schrecken, und
dachte eine Stunde lang gar nichts. Endlich beschäftigte er sich mit
seiner Lampe, die ganz winzig brannte, und leuchtete die Umgebung ab;
er war vollkommen eingeschlossen von Geröll und Kohle. Er versuchte zu
denken, wie es gekommen war, aber es fiel ihm gar nichts ein.
So saß er lange Stunden. Er weinte aus Verzweiflung und Verlassenheit,
dann raffte er sich zusammen. Er nahm ein Stück Kaugummi und seine
Lebensgeister kehrten zurück.
Es war eine Schlagwetter- oder Kohlenstaubexplosion, das stand fest.
Boney hatte der Berg erschlagen -- und ihn, nun ihn würden sie wohl
herausgraben!
Mac saß neben seiner kleinen Lampe am Boden und begann zu warten. Er
wartete ein paar Stunden, dann überschlich ihn eine eisige, kalte
Angst, und er fuhr erschrocken auf. Er nahm die Lampe und ging in die
Stollen links und rechts hinein und leuchtete das Geröll ab, ob kein
Weg offen sei. Nein! Es blieb also nichts übrig, als zu warten. Er
untersuchte die Futterkiste, setzte sich auf den Boden, und ließ die
Gedanken in seinem Kopfe tun, was sie wollten. Er dachte an Boney, an
Vater und Fred, die mit ihm eingefahren waren, an Johnsons Bar. An das
Lied des Phonographen. An den Pokerspielapparat in Johnsons Bar. Und in
Gedanken spielte er eine unendliche Serie von Spielen: er warf seine
fünf Cent ein, drehte die Kurbel, ließ los -- und merkwürdig, immer
gewann er: ~full hand~, ~royal flush~ ...
Aus diesem Spiel erweckte ihn ein eigentümlicher Laut. Es zischte und
knackte wie im Telephon. Mac lauschte angestrengt. Da hörte er, daß er
nichts gehört hatte. Es war die Stille. Seine Ohren schliefen ein. Aber
diese schreckliche Stille war unerträglich. Er steckte die Zeigefinger
in die Ohren und schüttelte sie. Er räusperte sich und spuckte laut
aus. Dann saß er, den Kopf gegen die Wand gelehnt und sah vor sich hin
auf das Stroh, das für Boney da war. Schließlich legte er sich auf das
Stroh, und mit einem jämmerlichen Gefühl der größten Hoffnungslosigkeit
schlief er ein.
Er erwachte (wie er glaubte nach einigen Stunden) infolge von
Nässe; die Lampe war ausgegangen und er plätscherte mit den Füßen
im Wasser, als er einen Schritt machte. Er war hungrig, nahm eine
Handvoll Hafer und begann zu kauen. Er setzte sich auf Boneys Barren,
zusammengekauert, in die Dunkelheit blinzelnd und kaute Korn um Korn.
Dabei lauschte er, aber er hörte weder Klopfen noch Stimmen, nur das
Rieseln und Tröpfeln von Wasser.
Die Dunkelheit war furchtbar, und nach einer Weile sprang er herab,
knirschte mit den Zähnen und raufte sich das Haar, während er toll
vorwärtsrannte. Er stieß gegen die Mauer, rannte zwei-, dreimal den
Kopf dagegen und hieb sinnlos mit den Fäusten aufs Gestein ein. Seine
verzweifelte Raserei dauerte nicht lange, dann tastete er sich den Weg
zum Barren zurück und fuhr fort, Hafer zu kauen, während er die Tränen
laufen ließ.
Stundenlang saß er so. Nichts regte sich. Sie hatten ihn vergessen!
Mac saß, kaute Hafer und dachte. Sein kleiner Kopf begann zu arbeiten,
er wurde ganz kühl. In dieser furchtbaren Stunde mußte es sich zeigen,
was an Mac war. Und es zeigte sich!
Plötzlich sprang er wieder auf den Boden und schwang die Faust in der
Luft: »Wenn ~those blasted fools~ mich nicht holen,« schrie er, »so
werde ich mich selbst ausgraben!«
Aber Mac begann nicht sofort zu wühlen. Er nahm wieder auf dem Barren
Platz und dachte lange und sorgfältig nach. Er zeichnete sich im Kopf
den Plan der Sohle beim Pferdestall. Im Südstollen war es unmöglich!
Wenn er überhaupt herauskam, so konnte es nur durch Merry Aunt,
Pattersons Flöz, sein. Die Abbaustelle dieses Flözes lag siebzig,
achtzig, neunzig Schritte vom Stall entfernt. Das wußte Mac ganz genau.
Die Kohle in Merry Aunt war schon durch den Druck des Gebirges brüchig
geworden. Das war von großer Wichtigkeit.
Noch um ein Uhr hatte er zu Patterson hinaufgeschrien: »He, Pat,
Hikkins sagt, wir fördern nur noch Dreck!«
Pats schwitzendes Gesicht war im Lichtkreis der Lampe erschienen und
Pat hatte wütend geheult: »Hikkins ~shall go to the devil~, sag' ihm
das, Mac! ~To hell~, Mac! Merry Aunt ist nichts als Dreck, der Berg hat
sie zerdrückt. Hikkins soll das Maul halten, Mac, sag' ihm das, sie
sollen besser versetzen!«
Pat hatte das Flöz mit neuen guten Stempeln solid gestützt, denn er
hatte befürchtet, daß ihn das Gebirge totschlagen werde. Das Flöz war
steil, zweiundfünfzig Meter hoch und führte über eine Bremsbahn auf
Sohle 7.
Mac zählte die Schritte ab, und als er siebzig gezählt hatte, wurde ihm
eiskalt, und als er fünfundachtzig gezählt hatte und ans Gestein stieß,
jubelte er hell auf.
Eiskalt vor Energie, mit harten Sehnen und Muskeln machte er sich
sofort an die Arbeit. Nach einer Stunde hatte er -- knietief im
Wasser stehend -- eine große Nische aus dem Geröll geschlagen. Aber
er war erschöpft und wurde in der schlechten Luft seekrank. Er mußte
ausruhen. Nach einer Pause arbeitete er weiter. Langsam und besonnen.
Er mußte die Steine oben und zu beiden Seiten abtasten, um sich zu
sichern, nicht verschüttet zu werden, Steinsplitter und Steine zwischen
gefährlich hängende Brocken treiben, Stempel und Bretter aus dem Stall
zum Stützen holen und die Felsstücke herauswälzen. So arbeitete
Mac stundenlang, keuchend, kurz und heiß atmend. Dann war er total
erschöpft und schlief auf dem Barren ein. Sobald er erwachte, lauschte
er, und als er nichts hörte, machte er sich wieder an die Arbeit.
Er grub und grub. Mac grub auf diese Weise einige Tage -- und im ganzen
waren es doch nur vier Meter! Hundertmal hat er später geträumt, daß er
gräbt und gräbt und sich durchs Gestein wühlt ...
Dann fühlte er, daß er an der Mündung des angeschlagenen Flözes war.
Er fühlte es deutlich an dem feinen Kohlenstaub, der da lag von den
abgerutschten Kohlen. Mac füllte sich die Taschen mit Hafer und stieg
in das Flöz ein. Die meisten Stempel standen, der Berg hatte nur wenig
Kohle hereingedrückt, und Mac jauchzte und zitterte vor Freude, als
er merkte, daß sich die Kohle leicht wegschieben ließ, denn er hatte
zweiundfünfzig Meter vor sich. Sich von Stempel zu Stempel schiebend,
stieg er das schwarze Flöz in die Höhe. Zurück konnte er jetzt nicht
mehr, denn er verschüttete sich selbst den Weg. Plötzlich spürte er
einen Stiefel und am rauhen, abgeschürften Leder erkannte er sofort
Pattersons Stiefel. Old Pat lag da, verschüttet, und der Schrecken und
das Entsetzen lähmten Mac derartig, daß er lange Zeit untätig kauern
blieb. Noch heute wagt er es nicht, an diese grauenhafte Stunde zu
denken. Als er wieder zu sich kam, kroch er langsam höher. Dieses Flöz
war in normaler Verfassung leicht in einer halben Stunde zu besteigen.
Aber da Mac erschöpft und schwach war, die Kohle in ganzen Tonnen
wegräumen mußte und vorsichtig erst zu untersuchen hatte, ob die
Stempel noch standen, so dauerte es lange bei ihm. Schweißtriefend,
zerschlagen erreichte er die Bremsbahn. Diese Bremsbahn führte von
Sohle 8 direkt zur Sohle 7.
Mac legte sich schlafen. Er erwachte wieder und kletterte langsam die
Gleise hinauf.
Endlich war er oben: Der Stollen war frei!
Mac kauerte sich nieder und kaute Hafer und leckte seine nassen Hände
ab. Dann machte er sich auf den Weg zum Schacht. Er kannte die Sohle 7
so genau wie die Sohle 8, aber verschüttete Stollen zwangen ihn immer
wieder, den Weg zu ändern. Er wanderte stundenlang, bis das Blut in
seinen Ohren rauschte. Zum Schacht mußte er, zum Schacht -- die Glocke
ziehen ...
Plötzlich aber -- als er schon zitterte vor Angst, nun _hier_
eingeschlossen zu sein -- plötzlich sah er rötliche Lichtfunken:
Lampen! Es waren drei.
Mac öffnete den Mund, um zu schreien -- aber er brachte keinen Ton
heraus und brach zusammen.
Es ist möglich, daß Mac doch geschrien hat, obschon zwei von den
Männern schworen, nichts gehört zu haben, während der dritte
behauptete, es sei ihm gewesen, als habe er einen leisen Schrei gehört.
Mac fühlte, daß ihn jemand trug. Dann fühlte er, daß er sich im
ausfahrenden Korb befand, und zwar erwachte er, weil der Korb so
langsam ging. Dann fühlte er, wie man Decken über ihn breitete und ihn
wieder trug -- und dann fühlte er nichts mehr.
Mac war sieben volle Tage im Berg eingeschlossen gewesen, obschon er
glaubte, es seien nur drei gewesen. Von allen Leuten auf Sohle 8 war
er der einzig Gerettete. Wie ein Gespenst kam der Pferdejunge aus der
zerstörten Sohle herauf. Seine Geschichte ging seinerzeit durch alle
Blätter Amerikas und Europas. Der Pferdejunge von Uncle Tom! Sein Bild,
wie man ihn hinaustrug, zugedeckt, und seine geschwärzte kleine Hand
hing herab, wie er im Hospital im Bett aufrecht saß, erschien in allen
Journalen.
Die ganze Welt lachte gerührt über Macs erste Bemerkung, als er
erwachte. Er fragte den Arzt: »Haben Sie nicht etwas Kaugummi, Sir?«
-- Diese Bemerkung war aber ganz natürlich. Macs Mundhöhle war
ausgetrocknet, er hätte ebensogut um Wasser bitten können.
Mac war in acht Tagen gesund. Als man ihm auf seine Frage nach Vater
und Fred ausweichend antwortete, schlug er die mageren Hände vors
Gesicht und weinte, wie ein Knabe von dreizehn Jahren weint, der
plötzlich allein auf der Welt steht. Sonst aber ging es dem kleinen Mac
vorzüglich. Er wurde gefüttert, alle Welt schickte ihm Kuchen, Geld,
Wein. Damit aber wäre Macs Erlebnis zu Ende gewesen, wenn nicht eine
reiche Dame in Chikago -- gerührt durch das Schicksal des verwaisten
Pferdejungen -- sich seiner angenommen hätte. Sie leitete fortan seine
Erziehung.
Mac kam es nicht in den Sinn, daß man etwas anderes werden könne als
Bergmann, und so sandte ihn seine Patronesse auf eine Bergakademie.
Nach beendetem Studium kehrte Mac als Ingenieur nach Uncle Tom zurück,
wo er zwei Jahre blieb. Darauf ging er in die Silbermine Juan Alvarez
in Bolivia -- in eine Gegend, wo ein Mann genau wissen mußte, wann
der richtige Moment für einen gutsitzenden Faustschlag gekommen
war. Die Mine verkrachte und Mac leitete hierauf den Bau der Tunnel
der Bolivia-Anden-Bahn. Hier war ihm seine »Idee« gekommen. Die
Durchführung seiner Idee hing von verbesserten Gesteinsbohrern ab --
und so machte sich Mac an die Arbeit. Der Diamant der Diamantbohrer
mußte durch ein billiges Material von annähernder Härte ersetzt werden.
Mac trat bei den Versuchswerkstätten der Edison Works Limited ein und
versuchte einen Werkzeugstahl außerordentlicher Härte zu schaffen.
Nachdem er zwei Jahre mit Zähigkeit gearbeitet hatte und seinem
Ziele nahe war, schied er aus den Edison Works aus und machte sich
selbständig.
Sein Allanit machte ihn rasch wohlhabend. Zu dieser Zeit lernte er Maud
kennen. Er hatte nie Zeit gehabt, sich um Frauen zu kümmern und machte
sich nichts aus ihnen. Maud aber gefiel ihm auf den ersten Blick! Ihr
zarter brauner Madonnenkopf, ihre warmen, großen Augen, die in der
Sonne bernsteinfarben aufleuchten konnten, ihre ein wenig versonnene
Art (sie trauerte damals um ihre Mutter), ihr rasch entzündetes und
entzücktes Wesen, all das machte einen tiefen Eindruck auf ihn.
Besonders ihr Teint tat es ihm an. Es war die feinste, reinste und
weißeste Haut, die er je gesehen hatte, und er begriff nicht, daß sie
nicht beim kleinsten Luftzug zerriß. Es imponierte ihm, wie mutig sie
ihr Leben in die Hand nahm. Sie gab damals Klavierunterricht in Buffalo
und war von früh bis nachts tätig. Er hörte sie einmal über Musik,
Kunst und Literatur sprechen -- lauter Dinge, von denen er gar nichts
verstand -- und seine Bewunderung ihres Wissens und ihrer Klugheit war
grenzenlos. Er verschoß sich regelrecht in Maud und beging die gleichen
Dummheiten wie alle Männer in dieser Lage. Anfangs hatte er gar keinen
Mut, und es gab Stunden, da er ehrlich verzweifelt war. Eines Tages
aber entdeckte er einen Blick in Mauds Augen -- was für ein Blick war
es doch? -- und dieser Blick gab ihm Mut. Kurz entschlossen machte er
ihr einen Antrag, und einige Wochen darauf heirateten sie. Hierauf
widmete er drei weitere Jahre rastloser Tätigkeit der Ausarbeitung
seiner »Idee«.
Und nun war er Mac, ganz einfach Mac, den die Volkssänger in den
Concerthalls der Vorstadt besangen.
2.
In den ersten Monaten sah Maud ihren Gatten sehr selten.
Sie erkannte schon nach den ersten Tagen, daß seine jetzige Arbeit von
ganz anderer Art war als seine Tätigkeit in der Fabrik in Buffalo, und
sie war klug und stark genug, Macs Werk ohne viele Worte ihr Teil zu
opfern. An vielen Tagen bekam sie ihn überhaupt nicht zu Gesicht. Er
war auf der Baustelle, in den Versuchswerkstätten von Buffalo, oder
er hatte dringende Konferenzen. Allan begann seine Arbeit morgens um
sechs Uhr und sie hielt ihn häufig bis spät in die Nacht hinein fest.
Vollkommen ermüdet, zog er es zuweilen vor, auf der Ledercouch seines
Arbeitsraumes zu übernachten, anstatt erst nach Bronx zu fahren.
Auch darein fügte sich Maud.
Damit er wenigstens einigen Komfort für diese Fälle habe, richtete sie
ihm ein Schlafzimmer mit Bad und ein Speisezimmer im Syndikatgebäude
ein, eine richtige kleine Wohnung, in der er Tabak und Pfeifen, Kragen,
Wäsche, kurz alles, was er brauchte, fand. Sie überließ ihm Lion, den
chinesischen Boy, zur Bedienung. Denn niemand vermochte so gut mit Mac
umzugehen wie er. Lion konnte mit asiatischem Gleichmut hundertmal
nacheinander sagen -- immer mit einer kleinen angemessenen Pause
dazwischen --: »~Dinner, sir -- Dinner, sir.~« Er verlor weder die
Geduld noch hatte er Launen. Er war immer da und man sah ihn nie. Er
arbeitete lautlos und gleichmäßig wie eine gutgeölte Maschine und doch
war stets alles in peinlicher Ordnung.
Nun sah sie Mac allerdings noch seltener, aber sie hielt sich tapfer.
Solange es die Witterung erlaubte, arrangierte sie am Abend kleine
Diners auf dem Dach des Syndikatgebäudes, das einen berückenden
Blick über New York gewährte. Diese Diners mit einigen Freunden und
Mitarbeitern Macs machten ihr große Freude und sie verwandte den ganzen
Nachmittag auf die Vorbereitung. Es verdroß sie auch nicht, wenn Mac
zuweilen nur auf einige Minuten kommen konnte.
Die Sonntage aber verbrachte Allan regelmäßig in Bronx bei ihr und
Edith; und dann schien es, als wolle er alle Versäumnisse der Woche
wettmachen, so ausschließlich widmete er sich ihr und dem Kinde, heiter
und harmlos wie ein großer Knabe.
Manchmal auch fuhr er an den Sonntagen mit ihr nach der Baustelle in
New Jersey, um »Hobby etwas Dampf aufzusetzen«.
Es kam ein ganzer Monat voller Konferenzen mit den Gründern und
Großaktionären des Syndikats, mit Finanzleuten, Ingenieuren, Agenten,
Hygienikern, Baumeistern. In New Jersey waren sie auf große Mengen
Wassers gestoßen, in »Bermuda« verursachte der Bau des Serpentintunnels
unerwartete Schwierigkeiten. In »Finisterra« war das Arbeitermaterial
minderwertig und mußte durch besseres ersetzt werden. Und dazu häuften
sich die laufenden Arbeiten von Tag zu Tag mehr und mehr.
Allan arbeitete zuweilen zwanzig Stunden nacheinander, und es war
selbstverständlich, daß sie an solchen Tagen keine Ansprüche an ihn
erhob.
Mac versicherte ihr, daß es in einigen Wochen besser sein werde. Wenn
der erste Rush vorbei sei! Sie hatte Geduld. Ihre einzige Sorge war,
daß Mac sich überarbeiten könne.
Maud war stolz, die Frau Mac Allans zu sein! In einer stillen
Begeisterung ging sie umher. Sie liebte es, wenn die Zeitungen ihn den
»Eroberer der submarinen Kontinente« nannten und die Genialität und
Kühnheit seiner Entwürfe priesen. Übrigens hatte sie sich noch nicht
ganz daran gewöhnt, daß Mac nun plötzlich ein berühmter Mann geworden
war. Sie betrachtete ihn zuweilen voller Staunen und Ehrfurcht. Aber
dann fand sie, daß er ganz genau so aussah wie früher, schlicht, gar
nicht ungewöhnlich. Sie befürchtete auch, daß sein Nimbus in der
Öffentlichkeit verblassen würde, wenn die Leute wüßten, wie simpel sein
Wesen im Grunde genommen sei. Eifrig sammelte sie alle Aufsätze und
Zeitungsnotizen, die sich auf den Tunnel und Mac bezogen. Zuweilen trat
sie auch in ein Kinotheater, wenn sie gerade vorbeikam, um sich selbst
zu sehen, »~Mac's wife~«, wie sie in Tunnel-City aus dem Automobil
stieg und ihr heller Staubmantel flatterte im Winde. Die Journalisten
nahmen jede Gelegenheit wahr, um sie zu interviewen, und sie lachte
sich tot vor Vergnügen, wenn sie am nächsten Tag in der Zeitung einen
Artikel fand: »Macs Frau sagt, er ist der beste Gatte und Vater New
Yorks.«
Obwohl sie es sich nicht eingestand, schmeichelte es ihr, wenn die
Leute in Geschäften, wo sie Einkäufe machte, sie neugierig anstarrten,
und ein großer Triumph ihres Lebens war es, als Ethel Lloyd ihren Wagen
am Union-Square abstoppen ließ und sie ihren Freundinnen zeigte.
An den schönen Tagen fuhr sie Edith in einem eleganten Korbwägelchen
im Bronx-Park spazieren und dann besuchten sie stets den Tiergarten,
wo sie sich beide stundenlang vor den Affenkäfigen amüsieren konnten,
und zwar amüsierte sich Maud nicht weniger als ihr Kind. Als aber der
Herbst kam und Nebel aus dem feuchten Boden von Bronx stiegen, hatte
dieses Vergnügen ein Ende.
Mac hatte versprochen, an Weihnachten drei Tage ganz und gar -- ohne
jede Arbeit! -- mit ihnen zu verbringen, und Mauds Herz jubelte schon
Wochen vorher. Es sollte genau so werden wie ihr erstes gemeinsames
Weihnachtsfest. Hobby sollte am zweiten Feiertag kommen und sie wollten
Bridge spielen, bis sie umfielen. Maud hatte ein endloses Programm für
die drei Tage ausgearbeitet.
Den ganzen Dezember hindurch bekam sie allerdings ihren Gatten fast
nicht zu sehen. Allan war tagtäglich von Beratungen mit Finanzleuten
in Anspruch genommen, da sie die Vorbereitungen für die finanzielle
Kampagne trafen, die im Januar eröffnet werden sollte.
Allan brauchte -- vorerst! -- die hübsche Summe von drei Milliarden
Dollar. Aber er zweifelte keinen Augenblick daran, daß er sie bekommen
würde.
Wochenlang war das Syndikatgebäude von Journalisten belagert gewesen,
denn die Presse hatte mit der Sensation glänzende Geschäfte gemacht.
Auf welche Weise sollte der Tunnel gebaut werden? Wie verwaltet?
Wie sollten sie da drinnen mit Luft versorgt werden? Wie war die
Tunnelkurve berechnet worden? Wieso kam es, daß die Tunnelkurve, trotz
kleiner Umwege, um ein Fünfzigstel kürzer werden würde als der Seeweg?
(»Stich eine Nadel durch einen Globus und du weißt es!«) Das waren
alles Fragen, die das Publikum wochenlang in Atem hielten. Am Schluß
hatte man nochmals die Fehde um den Tunnel, einen neuen »Tunnelkrieg«
in den Zeitungen entfacht, der mit der gleichen Erbitterung und dem
gleichen Lärm geführt wurde wie der erste.
Die gegnerische Presse führte wiederum ihre alten Argumente ins
Feld: daß niemand diese ungeheure Strecke aus Granit und Gneis
herauszubohren imstande sei, daß eine Tiefe von 4000 bis 5000 Metern
unter dem Meeresspiegel jede menschliche Tätigkeit ausschließe, der
ungeheuren Hitze und dem enormen Druck kein Material standhalten
würde -- daß aus all diesen Gründen der Tunnel ein klägliches Fiasko
erleiden würde. Die freundlich gesinnte Presse aber machte ihren
Lesern zum tausendstenmal die Vorzüge des Tunnels klar: Zeit! Zeit!
Zeit! Pünktlichkeit! Sicherheit! Die Züge würden so sicher laufen wie
die Züge auf der Erdoberfläche -- ja, sicherer! Man sei nicht mehr
vom Wetter, vom Nebel und Wasserstand abhängig und setze sich nicht
der Gefahr aus, irgendwo auf dem Ozean von den Fischen gefressen zu
werden. Man erinnere sich nur an die Katastrophe der »Titanic«, bei der
sechzehnhundert Menschen das Leben verloren, und an das Schicksal der
»Kosmos«, die mit ihren viertausend Menschen an Bord mitten im Ozean
verscholl!
Die Luftschiffe kämen überhaupt niemals für einen Massenverkehr in
Betracht. Und zudem sei es bis heute erst zwei Luftschiffen gelungen,
den Atlantik zu überfliegen.
In jener Zeit konnte man keine Zeitung oder Zeitschrift in die
Hand nehmen, ohne auf das Wort »Tunnel« und auf Illustrationen und
Abbildungen zu stoßen, die sich auf den Tunnel bezogen.
Im November wurden die Nachrichten spärlicher und schließlich erloschen
sie ganz. Das Pressebureau des Syndikats hüllte sich in Stillschweigen.
Allan hatte die Baustellen gesperrt und es war unmöglich, neue
Illustrationen zu veröffentlichen.
Das Fieber, das die Zeitungen im Volk entfacht hatten, verflog, und
nach einigen Wochen war der Tunnel eine alte Geschichte, für die
man kein Interesse mehr übrig hatte. Etwas Neues stand momentan im
Vordergrund: internationaler Rundflug um die Erde!
Der Tunnel aber war vergessen.
Das war Allans Absicht! Er kannte seine Leute und wußte recht gut, daß
diese ganze erste Begeisterung ihm keine Million Dollar eingebracht
hätte. Er selbst wollte, wenn er den richtigen Zeitpunkt für gekommen
wähnte, eine zweite Begeisterung entfachen, die nicht allein auf
Sensation beruhte!
Im Dezember ging eine ausführlich kommentierte Nachricht durch die
Zeitungen, die geeignet war, eine Ahnung von der Tragweite des
Allanschen Projektes zu geben: die Pittsburg-Smelting and Refining
Company erwarb für die Summe von zwölfeinhalb Millionen Dollar das
Anrecht auf alle im Verlauf des Baus zutage geförderten Materialien,
die sich hüttentechnisch verarbeiten ließen. (Die Aktien der P. S. R.
C. waren im sechsten Baujahr um 60 Prozent gestiegen!) Gleichzeitig
erschien die Notiz, daß die Edison-Bioskop-Gesellschaft für eine
Million Dollar das alleinige Recht erworben habe, photographische und
kinematographische Aufnahmen vom Tunnel während der ganzen Bauzeit zu
machen und zu veröffentlichen.
Die Edison-Bio verkündete in grellen Plakaten, daß sie »das ewige
Denkmal des Tunnelbaus, vom ersten Spatenstich an bis zum ersten
Europa-Flyer schaffen wolle, um den kommenden Geschlechtern die
Geschichte des größten menschlichen Werkes zu überliefern.« Sie
beabsichtige, die Tunnelfilme alle zuerst in New York vorzuführen,
um sie von da aus über dreißigtausend Theater des ganzen Erdballs zu
schicken.
Es war unmöglich, eine bessere Reklame für den Tunnel zu ersinnen!
Die Edison-Bio begann ihre Arbeit am gleichen Tage und ihre zweihundert
Theater New Yorks waren bis auf den letzten Platz besetzt.
Edison-Bio brachte die bekannten Szenen auf dem Dachgarten des
Atlantic, sie zeigte die fünf gewaltigen Staubsäulen der einzelnen
Baustellen, die Steinfontänen, die das Dynamit emporjagt, die
Abfütterung von hunderttausend Menschen, den Anmarsch der
Arbeiterbataillone am Morgen, sie zeigte den Mann, dem ein Felsstück
den Brustkorb eingeschlagen hat und der noch leise atmet, bevor er
stirbt. Sie zeigte den Friedhof der Tunnelstadt mit fünfzehn frischen
Hügeln. Sie zeigte Holzfäller in Kanada, die einen Wald für Allan
niederschlagen -- sie zeigte die Heere von beladenen Waggons, die alle
die Buchstaben A. T. S. trugen.
Dieser Film, der zehn Minuten lang dauerte und den schlichten Namen
»Eisenbahnwagen« trug, machte den stärksten und in der Tat einen
überwältigenden Eindruck. Güterzüge, nichts sonst. Güterzüge in
Schweden, Rußland, Österreich, Ungarn, Deutschland, Frankreich,
England, Amerika. Züge mit Erzen, Holzstämmen, Kohlen, Schienen,
Eisenrippen, Röhren, endlos. Ihre Maschinen qualmten und alle rollten
vorüber -- alle rollten! -- ohne Aufhören rollten sie vorüber, so daß
man sie schließlich rollen und rauschen _hörte_.
Zum Schluß kam noch ein kurzer Film: Allan geht mit Hobby über die
Baustelle in New Jersey.
Jede Woche brachte die Edison-Bio einen neuen »Tunnelfilm«, und am
Schluß erschien Allan stets in irgendeiner Situation in eigener Person.
Während Allans Name früher kaum mehr gewesen war als der Name eines
Rekordfliegers, der heute bejubelt wird und morgen das Genick bricht
und übermorgen vergessen ist, so verband die Menge jetzt mit seinem
Namen und seinem Werk festgefügte und klare Vorstellungen.
Vier Tage vor Weihnachten waren New York und alle großen und kleinen
Städte der Staaten mit möbelwagengroßen Plakaten überschwemmt, vor
denen sich die Menge trotz dem Geschäftsfieber der Weihnachtswoche
ansammelte. Diese Plakate zeigten eine Feenstadt, einen Ozean
von Häusern, aus der Vogelperspektive gesehen. Nie hatte ein
Mensch etwas Ähnliches gesehen oder erträumt! In der Mitte dieser
Stadt, die in lichten Farben gehalten war (ganz wie New York an
einem dunstigen sonnigen Morgen erscheint), lag eine grandiose
Bahnhofanlage, im Vergleich zu der Hudson-River-Terminal, Central- und
Pennsylvania-Station Kinderspielzeuge waren. Ein Delta tiefliegender
Trassen ging von ihr aus. Die Trassen, ebenso die Haupttrasse, die zu
den Tunnelmündungen führte, waren von unzähligen Brücken überspannt,
von Parkanlagen mit Fontänen und blühenden Terrassen eingesäumt. Ein
dichtgedrängtes Gewimmel tausendfenstriger Wolkenkratzer scharte sich
um den Bahnhofsquare: Hotels, Kaufhäuser, Banken, Officebuildings.
Boulevards, Avenuen, in denen die Menge wimmelte, Autos, elektrische
Bahnen, Hochbahnen dahinschossen. Endlose Reihen von Häuserblöcken,
die sich im Dunst des Horizonts verloren. Im Vordergrund links waren
märchenhafte, faszinierende Hafenanlagen zu sehen, Lagerhäuser, Docke,
Kaie, auf denen die Arbeit fieberte, voller Dampfer, Schornstein an
Schornstein, Mast an Mast. Im Vordergrund rechts ein endloser, sonniger
Strand voller Strandkörbe, und dahinter riesige Luxusbadehotels. Und
unter dieser blendenden Märchenstadt stand: »Mac Allans Städte in zehn
Jahren.«
Die oberen zwei Drittel des Riesenplakates waren sonnige Luft. Und ganz
oben, am Rande, zog ein Aeroplan, nicht größer als eine Möwe. Man sah,
daß der Pilot etwas mit der Hand über Bord warf, das anfangs wie Sand
aussah, dann aber rasch größer wurde, flatterte, sich ausbreitete zu
Zetteln wurde, von denen einzelne dicht über der Stadt so groß waren,
daß man deutlich lesen konnte, was darauf stand: »Kauft Baustellen!«
Dieser Entwurf stammte von Hobby, der nur an den Kopf zu klopfen
brauchte und die großartigsten Dinge kamen heraus.
Am gleichen Tag lag das Plakat in entsprechendem Format allen großen
Zeitungen bei. Jeder Quadratfuß New Yorks war damit bedeckt. In allen
Bureaus, Restaurants, Bars, Saloons, Zügen, Stationen, Ferryboats,
überall stieß man auf die Wunderstadt, die Allan aus den Dünen stampfen
wollte. Man belächelte, bestaunte, bewunderte sie, und am Abend kannte
jedermann Mac Allans City ganz genau: ganz New York glaubte schon in
Mac Allan City gewesen zu sein!
In der Tat, dieser Bursche verstand es, von sich reden zu machen!
»~Bluff! Bluff! Fake! The greatest bluff of the world!~«
Aber unter zehn, die »Bluff« schrien, sah man immer einen, der die
Hände rang, die andern an den Schultern schüttelte und sich blau schrie:
»~Bluff?~ ~Nonsense~, Mann! Nimm deinen Kopf zusammen! Mac macht es!!!
Wir sehen uns wieder! Mac ist ein Kerl, der alles macht, was er sagt!«
Waren diese Riesenstädte in Zukunft überhaupt wahrscheinlich und
möglich? Das war die Frage, an der man sich die Köpfe einstieß.
Schon am nächsten Tage brachten die Zeitungen die Antworten
der berühmtesten Statistiker, Nationalökonomen, Bankiers,
Großindustriellen. ~Mr. F. says~: --! Sie stimmten alle darin überein,
daß allein schon die Verwaltung des Tunnels und der technische Betrieb
viele Tausende von Menschen erfordern würde, die an und für sich
respektable Städte füllten. Der Passagierverkehr zwischen Amerika
und Europa würde sich nach Ansicht der einzelnen Kapazitäten zu drei
Vierteln, nach jener anderer zu neun Zehnteln dem Tunnel zuwenden.
Heute waren täglich rund fünfzehntausend Menschen zwischen den
Kontinenten unterwegs. Mit der Eröffnung des Tunnels würde sich der
Verkehr versechsfachen, ja -- nach einigen -- verzehnfachen. Die
Ziffern konnten ins Unfaßbare emporschnellen. Ungeheure Menschenmassen
würden täglich in den Tunnelstädten eintreffen. Es war sogar möglich,
daß diese Tunnelstädte in zwanzig, fünfzig und hundert Jahren
Dimensionen annehmen würden, die wir Menschen von heute mit unseren
kleinlichen Maßstäben gar nicht auszudenken vermochten.
Allan führte nun Schlag auf Schlag.
Am nächsten Tag gab er die Bodenpreise bekannt!
Nein, Allan war nicht so schamlos, die gleichen Unsummen zu
verlangen, die man in Manhattan forderte, wo man den Quadratmeter
mit Tausend-Dollarnoten auslegen mußte, nein, aber trotzdem waren
seine Preise unverschämt und machten den stärksten Mann mundtot. Die
Real-Estate-Agenten tanzten, als ob sie Gift genommen hätten. Sie
machten Bewegungen, als hätten sie sich Finger und Mundwerk verbrannt.
Oh, hehe! Sie schlugen Beulen in ihre steifen Hüte: Mac! Wo war er,
dieser Schurke, der ihre Hoffnungen zerschmettert hatte, in einigen
Jahren ein Vermögen zu verdienen! Woher nahm er das Recht, alles Geld
in die eigenen Taschen zu schieben?
Es lag haarklar auf der Hand: dieser Fall Allan war die größte und
kühnste Bodenspekulation aller Zeiten! Allan, dieser Schurke, hatte
Sandhaufen hektarweise eingekauft und verzapfte sie in Quadratmetern!
-- In der billigsten Zone seiner verfluchten Schwindelstädte -- die
noch gar nicht existierten! -- verhundertfachte, in der teuersten Zone
vertausendfachte er sein Geld!
Die Spekulation versteinerte! (Aber die einzelnen Spekulanten behielten
einander argwöhnisch im Auge. Sie witterten geheime Attentate, Truste,
Konzerne!) Wie eine feindselig geschlossene Phalanx stand sie Allans
unverschämten Forderungen gegenüber. Allan hatte noch dazu die Nerven,
zu verkündigen, daß er dieses »günstige« Angebot nur drei Monate offen
lassen werde. Sollte er! Es würde sich ja zeigen, ob es Liebhaber gab
für seine Schmutzpfützen -- hoho! -- Narren, die einfaches Wasser für
Whisky bezahlten -- -- --
Und es zeigte sich!
Gerade jene Schiffahrtskompagnien, die Allan mit Feuer und Gift auf
den Leib gerückt waren, sicherten sich die ersten Baustellen, Kaie,
Docke. Lloyds Bank schluckte einen ungeheuren Brocken, das Warenhaus
Wannamaker folgte.
Nun mußte man! Man mußte! Jeden Tag veröffentlichten die Zeitungen neue
Ankäufe -- sinnlose Summen für nichts als Sand, Geröll -- in einer
Bluffstadt! -- aber man mußte, wollte man nicht zu spät kommen. Es gab
Geschichten in der Welt, deren Ausgang man nie voraussagen konnte.
~Nearer my God to thee~, -- es gab kein Zurück mehr ...
Allan machte keine Pause. Er hatte die Öffentlichkeit auf die nötige
Temperatur gebracht und er wollte von dieser Temperatur profitieren.
Am vierten Januar lud er die Welt auf einer Riesenseite in allen
Zeitungen zur Zeichnung der ersten drei Milliarden Dollar ein, von
welcher Summe zwei Drittel auf Amerika und ein Drittel auf Europa
entfallen sollten. Eine Milliarde sollte durch Aktien, der Rest durch
Shares aufgebracht werden.
Die Subskriptionseinladung enthielt alles Wesentliche über Baukosten,
Eröffnung des Tunnels, Rentabilität, Verzinsung, Amortisation.
Dreißigtausend Passagiere täglich angenommen, würde sich der Tunnel
schon rentieren. Es sei aber ohne Zweifel täglich mit vierzigtausend
und mehr zu rechnen. Dazu kämen die enormen Einnahmen für Fracht,
Post, pneumatische Expreßpost und Telegramme ...
Es waren Zahlen, wie die Welt sie noch nie gesehen hatte! Verwirrende,
beschwörende, unheimliche Zahlen, die einem Atem und Verstand raubten!
Die Zeichnungsaufforderung war von den Gründern und Großaktionären
des Syndikats, den blendendsten Namen der Staaten, den führenden
Banken unterzeichnet. Als Chef des finanziellen Ressorts tauchte zur
größten Überraschung New Yorks ein Mann auf, der aller Welt als »Lloyds
~right-hand-man~« bekannt war: S. Woolf, bisher Direktor von »Lloyds
Bank.«
3.
Lloyd selbst hatte S. Woolf an die Spitze des Syndikats geschoben, und
damit war S. Woolfs Name für ewige Zeiten mit dem Tunnel verknüpft.
Sein Porträt erschien in den Abendblättern: ein würdevoller, ernster,
etwas fetter Gentleman von orientalischem Typus. Wulstige Lippen, eine
starke, gekrümmte Nase, kurzes, schwarzes, gekräuseltes Haar und kurzer
schwarzer Bart; dunkle hervorquellende Augen von leicht melancholischem
Glanz.
»Beginnt als Händler mit alten Kleidern -- jetzt finanzieller Leiter
des A. T. S. mit zweihunderttausend Dollar jährlich. Spricht zwölf
Sprachen.«
Die Sache mit den alten Kleidern war ein Märchen, das S. Woolf selbst
einmal scherzweise in die Welt gesetzt hatte. Aber ohne Zweifel kam S.
Woolf von »da unten« herauf. Bis zu seinem zwölften Jahre hatte er als
Samuel Wolfsohn den Schmutz eines ungarischen Nestes, Szentes, an den
Füßen herumgeschleppt und sich von Zwiebeln ernährt. Sein Vater war
Leichenwäscher und Totengräber. Mit dreizehn Jahren kam er als Lehrling
in eine Bank nach Budapest, wo er fünf Jahre blieb. Hier in Budapest
begann ihn zuerst »der Rock zu zwicken,« wie er sich ausdrückte.
Ausgehöhlt von Ehrgeiz, Verzweiflung, Scham und Machtgelüsten war er,
krank von tollen Wünschen. Er sammelte sich zu einem verzweifelten
Sprung. Obacht, nun kam er! Und Samuel Wolfsohn schuftete Tag und
Nacht, die Zähne zusammengebissen, mit wütender Energie. Er lernte
Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Russisch, Polnisch. Und
siehe da, sein Gehirn saugte diese Sprachen ohne große Schwierigkeiten
auf wie ein Löschblatt die Tinte. Er machte sich an Teppichhändler,
Orangenverkäufer, Kellner, Studenten, Taschendiebe heran, um sich in
der Aussprache zu üben. Sein Ziel war Wien! Er kam nach Wien, aber auch
hier zwickte ihn der Rock. Er kam sich wie mit tausend Riemen gefesselt
vor. Sein Ziel war Berlin! Samuel Wolfsohn ahnte die Marschroute. Er
nagelte noch weitere hunderttausend Vokabeln in sein Gedächtnis und
lernte die ausländischen Zeitungen auswendig. Nach drei Jahren gelang
es ihm, gegen einen Hungerlohn als Korrespondent bei einem Börsenmakler
in Berlin anzukommen. Aber auch in Berlin zwickte ihn der Rock! Hier
war er plötzlich _Ungar_ und _Jude_. Er sagte sich, daß der Weg über
London führen müsse und bombardierte die Londoner Bankhäuser mit
Offerten. Ohne Erfolg. Die in London brauchten ihn nicht, aber er,
Samuel Wolfsohn, wollte sie zwingen, ihn zu brauchen. Sein Instinkt
wies ihn auf Chinesisch hin. Sein Gehirn saugte auch diese schwierige
Sprache auf; die Aussprache übte er mit einem chinesischen Studenten,
dem er als Entgelt Briefmarken verschaffte. Samuel Wolfsohn lebte
elender als ein Hund. Er gab nie einen Pfennig Trinkgeld, er hatte
den Mut, die frechste Schnauze eines Berliner Kellners zu überhören.
Er nahm nie eine Elektrische, sondern schleppte sich heroisch auf
seinen elenden, schmerzenden Plattfüßen, die voller Hühneraugen waren,
dahin; er gab Sprachstunden für achtzig Pfennig, er übersetzte.
Geld! Seine tollen Wünsche schüttelten ihn, sein Ehrgeiz knirschte,
die kühnsten Verheißungen blendeten sein Hirn. Keine Pause, keine
Erholung, kein Schlaf, keine Liebelei. Demütigungen und Züchtigungen,
die das Leben über ihn verhängte, konnten ihn nicht mürbe machen,
er krümmte den Rücken und richtete sich wieder auf. Entweder, oder!
Plötzlich aber setzte er alles auf eine Karte! Er kündigte seine
Stellung! Er bezahlte einem Zahnarzt dreißig Mark für eine Plombe und
das Reinigen seines Gebisses. Er kaufte elegante Schuhe, ließ sich
bei einem ersten Schneider einen englischen Anzug bauen und dampfte
als Gentleman nach London. Nach vierwöchigen fruchtlosen Bemühungen
stieß er hier bei Tayler and Terry, Bankers, auf einen Wolfsohn, der
schon die Metamorphose hinter sich hatte. Dieser Wolfsohn sprach
genau so viele Sprachen wie er und machte sich einen Spaß daraus, dem
jungen Schwung das Genick zu brechen. Aber er brach es nicht. Es war
der größte Erfolg seines Lebens. Der arrivierte Wolfsohn ließ einen
chinesischen Dolmetsch kommen und versteinerte, als er hörte, daß die
beiden eine regelrechte Unterhaltung führten. Drei Tage später war
Samuel Wolfsohn wieder in Berlin, aber -- ~if you please!~ -- nicht,
um dazubleiben! Er war nun Mr. S. Wolfson (ohne h) aus London, sprach
ausschließlich Englisch und fuhr am selben Abend als nobler Reisender,
der die Bedienung des Schlafwagens tyrannisierte, nach Schanghai
weiter. In Schanghai fühlte er sich schon wohler. Er sah Luft, den
Horizont. Aber immer noch zwickte ihn der Rock ein wenig. Hier war
er _kein Engländer_, so peinlich genau er auch seine Klubgenossen
kopierte. Er ließ sich taufen, wurde Katholik, obgleich es niemand
von ihm verlangte. Er machte Ersparnisse (der alte Wolfsohn konnte
seine Leichenwäscherei aufgeben) und ging nach Amerika. Endlich konnte
er frei atmen! Er hatte endlich einen weiten Rock an, in dem er sich
wohlfühlte. Die Bahn war frei, alle Geschwindigkeitsenergien, die er in
sich aufgespeichert hatte, konnte er entfesseln. Resolut stieß er die
Endsilben seiner Namen ab, wie eine Eidechse den Schwanz, und nannte
sich Sam Wolf. Damit aber niemand auf den Gedanken kommen sollte, er
sei ein _Deutscher_, schob er noch ein o ein. Er verleugnete seinen
englischen Akzent, ließ sich den englischen Schnurrbart rasieren und
sprach durch die Nase; er gebärdete sich laut und gutgelaunt, er war
der erste, der den Rock auszog und in Hemdärmeln über die Straße ging.
Er lag wie ein Vollblutamerikaner im Thronsessel der Schuhputzer. Damit
war aber die Zeit vorbei, da man ihn in jede beliebige Form pressen
konnte, dreieckig, viereckig, kugelförmig, wie es sein mußte. S. Woolf
stoppte ab. Er hatte diese Verwandlungen nötig gehabt, um er selbst
zu werden. Punktum! Einige Jahre schuftete er an der Baumwollenbörse
in Chikago, dann kam er nach New York. Ausgerechnet von hinten her,
um den Erdball herum, war er dahin gekommen, wohin er gehörte. Seine
Kenntnisse, sein Genie, seine unerhörte Arbeitskraft brachten ihn rasch
in die Höhe, und nun preßte er mit seinen Patentsohlen fest und gehörig
auf die Schultern unter ihm, genau so, wie man ihn gepreßt hatte. Er
legte den lauten Brokerton ab, er wurde würdevoll, und zum Zeichen,
daß er arriviert sei und tun könne, was er wolle, schaffte er sich ein
individuelles Gesicht an: er ließ sich einen kurzen Backenbart stehen.
In New York widerfuhr ihm ein zweites Mal ein ähnliches Glück wie vor
Jahren in London. Er stieß auf einen zweiten S. Woolf, aber auf einen
S. Woolf von ungeheurem Kaliber. Er stieß auf Lloyd! Damals war er
bei der Union-Exchange, keineswegs in erster Stellung. Aber das Glück
wollte es, daß er ein kleines Manöver gegen Lloyd einzuleiten hatte. Er
machte ein paar geschickte Schachzüge, und Lloyd -- beschlagen in allen
Eröffnungen dieser Art von Schachspiel, ein Kenner -- fühlte, daß er
es hier mit einem Talent zu tun hatte. Das war nicht die Taktik W. P.
Griffith' und T. Lewis', nein -- und als Lloyd anklopfte, kam S. Woolf
heraus, und er sicherte sich dieses Talent. S. Woolf stieg und stieg
-- sein Auftrieb war so gewaltig, daß er nicht stillstehen konnte,
bevor er nicht ganz oben war. So landete er im Alter von zweiundvierzig
Jahren -- etwas fett schon und asthmatisch, hartgebrannt vom Ehrgeiz --
im Atlantik-Tunnel-Syndikat.
S. Woolf hatte auf seinem Weg nur einmal eine kurze Pause gemacht, und
sie war ihm teuer zu stehen gekommen. Er hatte sich in Chikago in eine
hübsche Wienerin verliebt und sie geheiratet. Aber die Schönheit der
Wienerin, die seine Sinne entzündete, war bald verblüht, und nichts war
geblieben als eine zänkische, arrogante, kränkelnde Ehefrau, die ihn
mit ihrer Eifersucht bis aufs Blut peinigte. Genau vor sechs Wochen
war diese Frau gestorben. S. Woolf trauerte ihr nicht nach. Er brachte
seine zwei Söhne in eine Pension, nicht nach Europa etwa, sondern
nach Boston, wo sie zu freien, gebildeten Amerikanern erzogen werden
sollten. Er richtete einer lichtblonden Schwedin, die Gesang studierte,
ein kleines Appartement in Brooklyn ein -- und dann nahm er einen
tiefen Atemzug und begann seine Tätigkeit im Syndikat.
Am ersten Tag schon kannte er Namen und Personalien seines ungeheuren
Stabs von Subdirektoren, Prokuristen, Kassierern, Buchhaltern, Clerks,
Stenotypistinnen, am zweiten Tag hatte er sämtliche Zügel in die Hand
genommen und am dritten Tage war es, als ob er diesen Posten schon seit
Jahren bekleidete.
Lloyd hatte S. Woolf empfohlen als den bedeutendsten Finanzpraktiker,
den er in seinem Leben kennen gelernt habe, und Allan, dem die
Persönlichkeit S. Woolfs fremd und wenig sympathisch war, mußte schon
nach wenigen Tagen gestehen, daß er, wenn nicht mehr, zum mindesten ein
bewundernswerter Arbeiter war.
4.
Die Subskriptions-Einladung war veröffentlicht, und der Tunnel begann
zu schlucken!
Die Aktien lauteten auf tausend Dollar. Die Shares auf hundert, zwanzig
und zehn Dollar.
Die kahle Riesenhalle der New York-Stock-Exchange erdröhnte am Tage der
Emission von ungeheurem Lärm. Seit vielen Jahren war kein Papier mehr
auf den Markt gekommen, dessen Zukunft sich so wenig vorherbestimmen
ließ. Sie konnte unerhört glänzend sein, sie konnte keinen Cent
Wert haben. Die Spekulation fieberte vor Erregung, verhielt sich
aber abwartend, da niemand den Mut aufbrachte voranzugehen. Aber S.
Woolf hatte schon Wochen vorher in Schlafwagen zugebracht und die
Stellung sondiert, die die schwere Industrie, die das größte Interesse
am Tunnel hatte, dem Syndikat gegenüber einnahm. Er ratifizierte
keinen Auftrags-Vertrag, bevor er sich nicht überzeugt hatte, daß
sein Mann ihm sicher war. So kam es, daß die Agenten der schweren
Industrie Punkt zehn Uhr einen Rush starteten. Sie erwarben für rund
fünfundsiebzig Millionen Dollar Aktien.
Der Damm war gebrochen ...
Allan aber war es in erster Linie um das Geld des Volkes zu tun. Nicht
eine Rotte von Kapitalisten und Spekulanten sollte den Tunnel bauen, er
sollte Eigentum des Volkes, Amerikas, der _ganzen_ Welt werden.
Und das Geld des Volkes ließ nicht auf sich warten.
Die Menschen haben stets die Kühnheit und den Reichtum bewundert. Die
Kühnheit ist ein Triumph über den Tod, der Reichtum ein Triumph über
den Hunger, und nichts fürchten die Menschen mehr als Tod und Hunger.
Selbst unfruchtbar, stürzten sie sich von jeher auf fremde Ideen, um
sich daran zu erwärmen, zu entflammen und über die eigene Dumpfheit und
Langeweile wegzutäuschen. Sie waren ein Heer von Zeitungslesern, die
dreimal täglich ihre Seele mit den Schicksalen unbekannter Menschen
heizten. Sie waren ein Heer von Zuschauern, die sich stündlich an
den tausendfältigen Kapriolen und tausendfältigen Todesstürzen ihrer
Mitmenschen ergötzten, in dumpfem Grimm über die eigene Ohnmacht und
Bettelarmut. Nur wenige Auserwählte konnten sich den Luxus leisten,
selbst etwas zu erleben. Den andern fehlte Zeit und Geld und Mut, das
Leben ließ ihnen nichts. Sie wurden fortgerissen von dem sausenden
Treibriemen, der um den Erdball fegte, und wer das Zittern bekam und
den Atem verlor, stürzte ab und zerschmetterte und niemand kümmerte
sich um ihn. Niemand hatte Zeit und Geld und Mut, sich um ihn zu
kümmern, auch das Mitgefühl war Luxus geworden. Die alten Kulturen
waren bankerott und die Masse war kaum der Beachtung wert: etwas
Kunst, etwas Religion, Christian Science, Heilsarmee, Theosophie und
spiritistischer Schwindel -- kaum genug, um den seelischen Bedarf einer
Handvoll Menschen zu decken. Ein bißchen billige Zerstreuung, Theater,
Kinos, Boxkämpfe und Varietés, wenn der sausende Treibriemen auf ein
paar Stunden stillestand -- um das Schwindelgefühl zu überwinden. Aber
viele hatten alle Hände voll zu tun, ihren Körper zu trainieren, damit
sie Kraft genug hatten, die Reise morgen wieder mitmachen zu können.
Dieses Training nannten sie Sport.
Das Leben war heiß und schnell, wahnsinnig und mörderisch, leer,
sinnlos. Tausende warfen es fort. Eine neue Melodie, wenn wir bitten
dürfen, nicht die alten Gassenhauer!
Und Allan gab sie ihnen. Er gab ihnen ein Lied aus Eisen und
knisternden elektrischen Funken, und sie verstanden es: es war das Lied
ihrer Zeit und sie hörten seinen unerbittlichen Takt in den rauschenden
Hochbahnzügen über ihren Köpfen.
Dieser Mann versprach keine Claims im Himmel, er behauptete nicht,
daß die menschliche Seele sieben Etagen habe. Dieser Mann trieb
keinen Humbug mit endgültig vergangenen und unkontrollierbaren
zukünftigen Dingen, dieser Mann war die Gegenwart. Er versprach etwas
Handgreifliches, das jeder verstehen konnte: er wollte ein Loch durch
die Erde graben, das war alles!
Aber trotz der Einfachheit erkannte jedermann, wie unendlich kühn das
Projekt dieses Mannes war. Und: es war umblendet von Millionen!
Zuerst floß das Geld des »kleinen Mannes« nur spärlich, dann aber in
Strömen. Durch New York, Chikago, San Franzisko, ganz Amerika schwirrte
das Wort »Tunnel-Shares.« Man sprach von den Viktoria-Rand-Mine-Shares,
den Continental Radium-Shares, die ihren Mann reich gemacht hatten.
Die Tunnel-Shares konnten alles bisher Dagewesene glatt hinter sich
lassen. Man konnte --! O, ~go on~, ja, und man brauchte es! Es handelte
sich nicht um tausend Dollar mehr oder weniger, es handelte sich darum,
sich den Rückzug ins Alter zu decken, bevor einem die Zähne aus dem
Kiefer fielen.
Wochenlang wälzte sich ein Strom von Menschen über die Granittreppe
des Syndikatgebäudes. Denn obwohl man die Shares an hundert anderen
Orten ebensogut kaufen konnte, wollte sie doch jedermann frisch aus
der Quelle haben. Es waren Kutscher, Chauffeure, Kellner, Liftboys,
Clerks, Ladenmädchen, Handwerker, Diebe, Juden, Christen, Amerikaner,
Franzosen, Deutsche, Russen, Polen, Armenier, Türken, alle Nationen
und Schattierungen der Haut, die sich vor dem Gebäude des Syndikats
zusammenknäulten und erhitzten durch Gespräche über Shares, Minen,
Dividende, Gewinn. Ein Geruch von Geld lag in der Luft! War es nicht,
als ob solides Geld, solide Dollarnoten aus dem grauen Winterhimmel
über Wallstreet herabregneten?
An manchen Tagen war der Andrang so groß, daß die Beamten gar nicht
die Zeit hatten, das einkassierte Geld zu ordnen. Es war, bei Gott,
wie in den fernen Tagen des Franklin-Syndikats, den Tagen des seligen
»520% Miller.« Die Beamten warfen das Geld einfach hinter sich auf den
Boden. Sie wateten bis an die Knöchel im Geld, und unaufhörlich waren
Diener beschäftigt, das Geld in Waschkörben wegzuschleppen. Diese Flut
von Geld, die nicht abnahm, sondern stetig wuchs, zauberte einen Glanz
wahnsinniger Gier in die Augen der Köpfe, die sich in die Schalter
zwängten. Eine Handvoll -- soviel als sie mit einer Hand packen
konnten! -- und sie, die Nummern, Motoren, Automaten, Maschinen,
waren: Menschen. Schwindlig im Hirn wie nach Ausschweifungen gingen sie
weg, berauscht von Träumen, Fieber in den Augen; wie Millionäre.
In Chikago, St. Louis, Frisko, in allen großen und kleinen Städten der
Staaten spielten sich ähnliche Szenen ab. Es gab keinen Farmer, keinen
Cowboy, keinen Miner, der nicht in A. T. S.-Shares spekulierte.
Und der Tunnel schluckte, der Tunnel trank das Geld, wie ein
Riesenungeheuer mit vorsintflutlichem Durst. Auf beiden Seiten des
Ozeans schluckte er.
5.
Die große Maschine lief mit ihrer vollen Geschwindigkeit, und Allan
sorgte dafür, daß sie das Tempo beibehielt.
Sein Prinzip war, daß man alles in der Hälfte der Zeit tun könne, die
man zu brauchen glaubt. Alle Menschen, die mit ihm in Berührung kamen,
nahmen unbewußt sein Tempo an. Das war Allans Macht.
Der zweiunddreißigstöckige menschliche Bienenkorb aus Eisen und Beton
roch von den Tresors im Souterrain bis hinauf zur Marconi-Station auf
dem flachen Dach nach Schweiß und Arbeit. Seine achthundert Zellen
wimmelten von Beamten, Clerks, Stenotypistinnen. Seine zwanzig Lifts
schossen den ganzen Tag auf und ab. Es gab hier Paternosteraufzüge,
in die man hineinsprang, während sie vorbeiflogen. Es gab Lifts, die
nicht bis zum zehnten, zwanzigsten Stockwerk hielten, D-Lifts, es gab
einen Lift, der bis zum obersten Stockwerk durchsauste. Kein einziger
Quadratmeter der zweiunddreißig Etagen lag brach. Post, Telegraph,
Kassen, Zentralen für Hochbau, Tiefbau, Kraftwerke, Städtebau,
Maschinen, Schiffe, Eisen, Stahl, Zement, Holz. Bis spät in die Nacht
hinein stand das Gebäude wie ein feenhaft beleuchteter Turm im bunten,
klingenden Gewimmel des Broadway.
Über die ganze Breite der obersten vier Etagen spannte sich ein
enormes, von Hobby entworfenes Reklametableau, das aus Tausenden von
farbigen Glühlampen gebildet war. Eine Riesenkarte des atlantischen
Ozeans, umrahmt von den Farben der stars and stripes. Der Atlantik
blaue, ewig bebende Wellenlinien, links Nordamerika, rechts Europa mit
den britischen Inseln, kompakte, blitzende Sternhaufen. Tunnel-City,
Biskaya, Azora, Bermuda und Finisterra Klötze rubinfarbiger Lichter,
die wie Scheinwerfer blenden. Auf dem Ozean, etwas näher zu Europa,
ein Dampfer, getreu in Lichtern nachgeahmt. Dieser Dampfer aber kommt
nicht von der Stelle. Unter den blauen Wellenlinien ist mit roten
Lampen eine sanfte Kurve gezeichnet, die über die Bermudas und Azoren
nach Spanien und Frankreich führt: der Tunnel. Durch den Tunnel aber
jagen unaufhörlich feurige Züge zwischen den Kontinenten hin und
her. Züge von sechs Waggons, in Abständen von fünf Sekunden! Ein
Lichtnebel steigt aus dem glitzernden Tableau empor, das getragen
wird von ruhigen, selbstbewußten, breiten, milchweißen Riesenlettern:
Atlantik-Tunnel.
Je erregter die Luft um Allan fieberte, desto wohler fühlte er sich.
Seine Laune war ausgezeichnet. Er sah stets heiß und angeregt aus,
kräftiger und gesünder denn je. Sein Kopf saß noch freier auf den
Schultern und diese Schultern waren noch breiter und stärker geworden.
Seine Augen hatten den kindlichen, gutmütigen Ausdruck verloren,
ihr Blick war bestimmt und gesammelt. Selbst sein Mund, früher
zusammengepreßt, war erblüht, gesättigt von einem unmerklichen und
undefinierbaren Lächeln. Er aß mit gesundem Appetit, schlief tief
und traumlos und arbeitete -- nicht überstürzt, aber gleichmäßig und
ausdauernd.
Maud dagegen hatte eingebüßt an Glanz und Frische. Ihre Jugend war
vorbei, sie war aus einem Mädchen eine Frau geworden. Ihre Wangen
zeigten nicht mehr die alte frische Röte, sie waren etwas fahler und
schmaler geworden, gespannt, aufmerksam, und ihre glatte Stirn war
nachdenklich gefaltet.
Sie litt.
Im Februar und März hatte sie einige herrliche Wochen verlebt, die sie
für Langeweile und Leere des Winters entschädigten. Sie war mit Mac
auf den Bermudas, Azoren, und in Europa gewesen. Besonders während
sie auf See waren, hatte sie Macs Gesellschaft fast den ganzen Tag
über genießen können. Nach der Heimkehr aber war es ihr um so schwerer
geworden, sich wieder in Bronx einzugewöhnen.
Mac war wochenlang unterwegs. Buffalo, Chikago, Pittsburg, Tunnel-City,
Kraftwerke an der Küste. Er lebte in D-Zügen. In New York aber
erwartete ihn schon wieder ein Berg von Arbeit.
Zwar kam er nun häufiger nach Bronx, wie er versprochen hatte, aber
fast immer, und selbst an den Sonntagen, brachte er Arbeit mit, die
keinen Aufschub erlaubte. Häufig kam er nur, um zu schlafen, zu baden,
zu frühstücken, und wieder war er fort.
Im April stand die Sonne schon hoch am Himmel und einige Tage waren
sogar drückend heiß. Maud promenierte mit Edith, die nun schon tapfer
an ihrer Seite einhertrippelte, im Bronx-Park, der von modernder Erde
und jungem Laub herrlich roch. Wie im vorigen Sommer stand sie wieder,
mit Edith auf dem Arm, stundenlang vor dem Affenkäfig und lachte.
Die kleine Edith ritt, rotglühend vor Vergnügen, auf einem zierlichen
Shetlandpony, sie warfen den Bären, die mit aufgesperrten Rachen an den
Gittern hockten, Brotstücke in die Mäuler, sie besuchten die Löwenbabys
-- so verging der Nachmittag. Zuweilen wagte sich Maud auch mit ihrem
Kind in die lärmende, staubende City hinein; sie hatte das Bedürfnis,
das Leben zu spüren. Gewöhnlich landete sie dann in den Anlagen der
Battery, wo die Hochbahnzüge über den Köpfen der spielenden Kinder
dahindonnern. Von dem ganzen endlosen New York liebte Maud diese Stelle
am meisten.
Neben dem Aquarium standen Bänke und hier nahm Maud Platz und träumte
über die Bai hinaus, während ihr Mädchen mit bunten Geschirren im
Sand spielte und vor Anstrengung und Aufregung laut schnaufte. Die
weißen Ferryboote pendelten unaufhörlich zwischen Hoboken, Ellis
Island, Bedloes Island, Staaten-Island und New York-Brooklyn hin und
her. Die milchige, weite Bai und der Hudson wimmelten von ihnen, oft
konnte sie dreißig zur gleichen Zeit zählen. Auf allen bewegte sich
ein weißer, doppelarmiger Hebel, dem Wagbalken einer Wage ähnlich,
ohne Pause auf und ab. So sah es aus, als marschierten die Dampfer
in Siebenmeilenstiefeln dahin. Die Central of New Jersey Ferry
kam beladen mit Eisenbahnwagen vorüber, Tugs und kleine Zollboote
schossen aufgeregt durch das Wasser. Fern im Sonnennebel stand die
lichte Silhouette der Freiheitstatue, und es schien, als schwebe sie
auf dem Wasser. Dahinter zog ein blauer Streifen, das war Staaten
Island, schon kaum mehr zu sehen. Aus den Kaminen der Dampfer schoß
ein weißer Dampfstrahl und nach einer Weile hörte man Tuten und
Pfeifen. Die Bai war voller Stimmen, vom schrillsten Winseln der
Tugs bis zum tiefen Brummen der Ozeandampfer, das die Luft weithin
erschütterte. Unausgesetzt rasselten Ketten und in der Ferne wurde
Eisen gehämmert. Der Lärm war so vielstimmig und mannigfaltig, daß er
wie ein sonderbares Konzert wirkte und Träumereien und Nachdenklichkeit
erzeugte.
Plötzlich tutete es ganz nahe: ein riesiger Schnelldampfer schob sich
in der Sonne durch das schmutziggrüne Wasser des Hudson; die Kapelle
spielte an Bord, alle Verdecke waren mit Menschenköpfen punktiert und
im Hinterschiff stand die schwarze Masse der Zwischendecker.
»Winke, Edith, winke dem Dampfer!«
Und
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