Gutenberg · eo1.org

← catalogue

Singapore, Malacca, Java.

by Fedor Jagor · German · Gutenberg #44405 · 708,824 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Singapore, Malacca, Java.
    
This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
of the Project Gutenberg License included with this eBook or online
at www.gutenberg.org. If you are not located in the United States,
you will have to check the laws of the country where you are located
before using this eBook.

Title: Singapore, Malacca, Java.

Author: Fedor Jagor


        
Release date: December 10, 2013 [eBook #44405]
                Most recently updated: October 23, 2024

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/44405

Credits: Produced by Peter Becker and the Online Distributed
        Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This book was
        produced from scanned images of public domain material
        from the Google Print project.)


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SINGAPORE, MALACCA, JAVA. ***

  +------------------------------------------------------------------+
  | Anmerkungen zur Transkription                                    |
  |                                                                  |
  | Kursiver Text ist als _kursiv_ markiert, gesperrter Text als     |
  | ~gesperrt~. Brüche sind als 1/2 dargestellt, bei Zahlenangaben   |
  | bedeutet 2-1/2 soviel wie 2,5 (und nicht 1,5).                   |
  |                                                                  |
  | Die Fußnoten sind fortlaufend nummeriert worden und befinden     |
  | sich am jeweiligen Ende der 3 Buchteile, abgetrennt durch eine   |
  | Zeile "----------". Hinweise zu Korrekturen und Inkonsistenzen   |
  | befinden sich am Ende des Buchs.                                 |
  +------------------------------------------------------------------+




                           SINGAPORE MALACCA
                                 JAVA.

                             ~REISESKIZZEN~

                                  VON

                               F. JAGOR.

                 MIT VIERUNDZWANZIG FEDERZEICHNUNGEN.

                             [Illustration]

                              BERLIN 1866.

                       VERLAG VON JULIUS SPRINGER.

                            MONBIJOU-PLATZ 3




Das Recht der Uebersetzung ist vorbehalten.




VORWORT.


Die Absicht des Verfassers ist, in den vorliegenden Reiseskizzen,
welche achtzehn Monate einer fast fünfjährigen Reise umfassen, kurze
Schilderungen der hervorragendsten Gegenstände zu geben; die rein
persönlichen Erlebnisse und rein wissenschaftlichen Einzelnheiten sind
daher in der Regel fortgelassen worden, während Dinge, die für einen
grösseren Leserkreis von Interesse schienen, etwas ausführlicher
behandelt worden sind. -- Die Angaben über den Kaffee- und Reisbau in
Java sind zum grossen Theil aus zwei von der Maatschappij tot nut van
't algemeen herausgegebenen Schriften „de Koffij” und „de Rijst”
entnommen, viele Angaben über die Cinchonen aus: Travels in Peru and
India von Markham, der die Pflanzen nach Indien übersiedelte. Ferner
sind benutzt worden: Journal of the Indian Archipelago, Crawfurd
Dictionary, Singapore Free Press, Singapore Straits Times, Royle
fibrous plants of India, Porter Tropical agriculturist, Nassau-Lees
Tea Cultivation in India, Tijdschrift voor Nederlandsch Indie,
Tijdschrift voor taal-, land- en volkenkunde, Junghuhn's Java.

Die Bilder sind nach Originalzeichnungen und Photographien des
Verfassers ausgeführt, zum Theil von ihm befreundeten bedeutenden
Künstlern, die ihm mit der liebenswürdigsten, uneigennützigsten
Bereitwilligkeit entgegengekommen sind; die Bilder zu S. 35, 36, 50, 54,
101 nach Photographien, die zu 129, 138, 215, 218, 226 nach
Camera-lucida-Aufnahmen, so dass sie fast die Genauigkeit von
Photographien haben. Die Schiffe zu S. 7 und 50 sind Dumont d'Urville's
Atlas entnommen, die Vögel S. 198 und die Fledermaus 216 nach
ausgestopften Exemplaren gezeichnet.

       *       *       *       *       *

Die malayischen Namen sind nach der deutschen Aussprache geschrieben;
_s_ muss aber = _ss_ gesprochen werden.

1 Seemeile, 60 auf den Grad, = 1/4 deutsche Meile. 1 Mile (engl.) = 2/9
deutsche Meilen.

Bei Singapore und Malacca sind englische, bei Java folgende Maasse
gebraucht: Pariser Fuss = 0,325 M. = 1,035' rh., Paal = 1/5 preuss.
Meile = 4800' rh., Bau = 71 ares = 500 Quadratruthen.

In Singapore und Malacca wird der Pikul (= 100 Katti), wie in
China, = 133-1/3 ℔ engl. a. d. p. = 120,96 Zoll ℔, in Java = 125
℔ = 136 ℔ engl. = 123,4 Zoll ℔ gerechnet. 1 Ton = 20 Cwts. =
2240 ℔ engl. = 2032 Zoll ℔. 1 Dollar = 42,4 Sgr., 1 Rupie = 20 Sgr.

[Illustration]

In der Unterschrift zur Zeichnung S. 210 lese man Bandjar-negara statt
Wonosobo.




Inhalt.


  Singapore.

  ~Erstes Kapitel.~ Seereise. -- Flaggensprache. -- Feuer an Bord.
  -- Gefärbte See. -- Ankunft in Singapore                            3.

  ~Zweites Kapitel.~ Rhede von Singapore. -- Junken. -- Prauen. --
  Nipa-Palme. -- Rhizophoren. -- Palankinfahrt. -- Hindufest          9.

  ~Drittes Kapitel.~ Landhaus. -- Klima. -- Muskatnuss-Pflanzung.
  -- Europäer. -- Früchte. -- Nahrungsmittel. -- Diener              17.

  ~Viertes Kapitel.~ Ueberblick der Stadt. -- Strassenleben. --
  Reis. -- Chinesen. -- Malayen. -- Malayische Sprache               33.

  ~Fünftes Kapitel.~ Fischen mit Toba. -- Tiger. -- Termiten. --
  Pfeffer. -- Gambir. -- Sago                                        54.

  ~Sechstes Kapitel.~ Opium                                          70.

  ~Siebentes Kapitel.~ Gründung und schnelles Aufblühen
  Singapores. -- Rhiow. -- Seeräuberei. -- Malayische Kronik. --
  Uebersicht der Verkehrsverhältnisse, sonst und jetzt. --
  Ausbreitung der Chinesen. -- Dampfschiffe                          81.


  Malacca.

  Anblick von Malacca. -- Portugiesen. -- Chinesen. -- Melaleuca.
  -- Mission unter den Mintras und Jakuns. -- Guttapercha. --
  Neuer Pungulu in Allor-gadja. -- Rückkehr zu den Mintras. --
  Ehepärchen. -- Blasrohr. -- Pfeilgift. -- Fahrt nach Lingi. --
  Der Dato von Lingi. -- Zustände in den kleinen Malayenstaaten.
  -- Zinn. -- Leben im Walde. -- Zweckmässige Kleidung. --
  Insektenpulver. -- Chinesischer Leichenzug. -- Geschichte von
  Malacca. -- Tapioka. -- Djaggeri                                   99.


  Java.

  ~Erstes Kapitel.~ Batavia. -- Buitenzorg. -- Botanischer Garten.
  -- Gunong Salak. -- Reisbau. -- Kultursystem. -- Warongs. --
  Erdnüsse. -- Megamendong-Pass. -- Telaga warna. -- Pasanggrahans
  und Gasthäuser. -- Preanger Regentschaften. -- Bandong. --
  Junghuhn                                                          127.

  ~Zweites Kapitel.~ Reise nach Trogon. -- Strassen. --
  Waringibäume. -- Bogenschiessen. -- Religion der Javanen. --
  Vulkan Guntur. -- Erdtransport durch Wasser. -- Solfataren. --
  Theebau. -- Vulkan Papandayan. -- Telaga bodas. -- Kaffeebau.
  -- Schattenspiel. -- Hirschjagd. -- Malayische Küche. --
  Tänzerinnen in Sumedang. -- Gamelang-Musik                        142.

  ~Drittes Kapitel.~ Reise nach dem Malabar. --
  Cinchonenpflanzungen daselbst. -- Cinchonenbau in Java und
  Vorderindien. -- Tischchen deck' dich. -- Bambus. -- Gärtnerei.
  -- Pangerango                                                     167.

  ~Viertes Kapitel.~ Vulkan Tankubang-prau. -- Kostbare Waffen. --
  Tiger. -- Kawali. -- Schirme. -- Fest in Pandjalu. -- Ausbruch
  des Gelungung. -- Büffelkarren. -- Teakholz. -- Kindersee. --
  Universalmittel. -- Pfahldorf. -- Zimmet. Loro-Kidul. -- Essbare
  Vogelnester und abergläubische Gebräuche beim Einsammeln
  derselben. -- Kampf zwischen Tiger und Büffel. -- Tigerstechen.
  -- Reise nach dem Slamat. -- Rhinozerosse                         182.

  ~Fünftes Kapitel.~ Hochebene von Dïeng. Vulkane. Solfataren.
  Tempel. -- Vogelscheuchen. -- Tempel Perot. -- Affengemeinde.
  -- Bad. - Fliegende Hunde. -- Borobudor. Pavon. Mundut. --
  Sultan von Jokjokarta und seine Familie. -- Salzgewinnung. --
  Karang-tritis. -- Getäuschter Gastfreund. -- Landpächter. --
  Indigofabriken. -- Begräbnissplatz Imogiri. -- Tempel bei
  Kalasan und Prambanan. -- Surakarta. -- Der Kaiser und sein
  Hofstaat. -- Betelkauen. -- Pangerans. -- Tanz. -- Der alte
  Blücher. -- Batek. -- Berg Lawu. Raden Rio. -- Neujahrsfest in
  Surakarta                                                         209.

  ~Sechstes Kapitel.~ Festung Ambarawa. -- Samarang. Schule.
  Waisenhaus. -- Surabaya. Maschinenfabrik. -- Tempel um Malang.
  -- Ardjuno. Legende. -- Semeru. -- Lamongan. Gewitter. --
  Rückkehr nach Batavia                                             234.




Singapore.




Erstes Kapitel.

    Seereise. -- Flaggensprache. -- Feuer an Bord. -- Gefärbte See. --
    Ankunft in Singapore.


Im Juni 1857 verliess ich Hamburg und landete nach 105 Tagen in
Singapore. Für unser Schiff, das selbst bei dem besten Winde selten mehr
als sechs Seemeilen in der Stunde machte, war es eine sehr schnelle
Reise, die ohne die besondere Gunst des Wetters und den rastlosen Eifer
des Kapitäns nicht möglich gewesen wäre. Klipperschiffe fahren oft mit
mehr als doppelter Geschwindigkeit und dennoch pflegen sie den Weg kaum
in kürzerer Zeit zurückzulegen, da sie bei Windstillen, deren fünf Zonen
zu passiren sind, leicht wieder einbüssen, was sie bei gutem Winde
gewonnen haben. So kam es auf hoher See mehrere Male vor, dass bessere
Segler uns überholten, und dennoch fand sich bei Vergleichung unserer
Daten, dass sie Europa vor uns verlassen hatten, also länger unterwegs
waren, als wir.

Ausgenommen zwei kleine wüste Felsen, Martin Vas und Trinidad, die in
20-1/2° südlicher Breite vor der Küste von Brasilien liegen, sahen wir
auf der ganzen Reise kein Land; zwar hätten wir den 12,172 Fuss hohen
Pik von Teneriffa erblicken müssen, da wir nur 30 Seemeilen davon
vorüberfuhren, der Nebel verhüllte ihn aber.[1]

Als wir Ende Juli bei Tagesanbruch mit dem leisesten Luftzug an jenen
Felsen vorübertrieben, waren vom Mast aus dreizehn Schiffe in Sicht,
deren Wege sich hier kreuzten. Mit Hülfe der Marryat'schen
Flaggensignale entstand bald eine lebhafte Unterhaltung; jeder fragt und
versteht die Antwort in seiner eigenen Sprache, unbekümmert um das Idiom
seines Korrespondenten, man tauscht die Namen aus, erkundigt sich,
woher, wohin, und schliesst nach einigen Spezialfragen gewöhnlich mit
einem freundlichen Gruss. Ein schönes Schiff, nach seiner Reisedauer
gefragt, erwiderte aber barsch: das geht Niemand etwas an;
wahrscheinlich war es lange unterwegs und ärgerte sich darüber.[2]

Maury hat so anschaulich geschildert, wie das scheinbar pfadlose Meer in
Wirklichkeit von grossen Handelsstrassen durchschnitten wird, auf
welchen sich alle Schiffe bewegen, wie die Karawanen in der Wüste, und
hier befanden wir uns offenbar an einem Kreuzpunkt: Schiffe, die um das
Kap Horn, andere, die um das Kap der guten Hoffnung gekommen waren, und
solche, die von Europa kamen und nach den östlichen oder westlichen
Gestaden des stillen Meeres wollten, begegneten sich hier. Bei gutem
Winde eilen die Schiffe schnell an einander vorüber; eine so zahlreiche
Versammlung ist nur bei Windstillen auf solchen Hauptstrassen möglich.

Wir befanden uns zwischen der südlichen Grenze des SO.-Passats und der
nördlichen des westlichen Gegenstromes. Am Nachmittag begannen wir
allmälig den Einfluss des letzteren zu fühlen und schon am folgenden
Tage empfanden wir seine volle Wirksamkeit. Diese westlichen Winde sind
viel kräftiger und konstanter, als der SO.-Passat, sie brachten uns
schnell um's Kap; wir fuhren aber 5° südlich daran vorbei, sowohl um die
Agulhas-Strömung zu vermeiden, die, aus dem indischen Ozean kommend,
sich dicht um's Kap herum drängt und dann im südatlantischen Ozean
fächerförmig ausbreitet (sie wird von den heimkehrenden Schiffen
benutzt), als auch, um den Weg abzukürzen, indem wir nicht einem
Parallel-, sondern einem grössten Kreise folgten. Auf der Mercators
Projection scheint unser Kurs ein Umweg zu sein, auf dem Globus ergiebt
sich der Vortheil sogleich.

So lange wir uns in diesen Breiten befanden, waren, da der August unserm
Februar entspricht, Sturmvögel, Sturzwellen, Schnee und kaltes Wetter
unsere beständigen Begleiter, freilich hatten wir auch immer frische
Brisen, die sich zuweilen bis zum Sturm steigerten. Das Schiff war aber
schon seit Wochen darauf vorbereitet; alles, was nicht fortgestaut
werden konnte, war festgemacht, alle nicht ganz zuverlässigen Segel und
Taue durch neue ersetzt und, da gegen die Tüchtigkeit des Schiffes wie
des Kapitäns kein Zweifel bestand, so war es ein grosses Vergnügen,
pfeilschnell durch die hohen Wellen getrieben zu werden.[3]

Als wir uns schon wieder in wärmeren Breiten im indischen Ozean
befanden, brach Nachts Feuer aus. Es schlief Alles, ausgenommen der
Steuermann und vielleicht die wachthabenden Matrosen, die sich auf dem
Vorderdeck aufhielten. Durch einen Zufall wurde die Gefahr bemerkt, als
schon der ganze Salon mit dichtem Rauch erfüllt war. Die Wand einer
Kajüte brannte in hellen Flammen, und wenig fehlte, so wäre der daneben
liegende Raum, in welchem Theer, Firniss und andere Brennstoffe
aufbewahrt wurden, von der Flamme ergriffen worden und jede Rettung
unmöglich gewesen. Wir hatten 1000 Centner Pulver an Bord, die der
Rheder bis zum Tage vor der Abfahrt klug verschwiegen hatte. Das Feuer
wurde schnell gelöscht. Wie so häufig bei wirklich grosser Gefahr,
verlor Niemand den Kopf; eine gewisse Aufregung war nur an dem
Schiffsjungen zu bemerken, der als Urheber des Brandes eine Tracht
Prügel erhielt.

Am 20. September mussten wir nach der Schiffsrechnung ganz nahe bei der
Sunda-Strasse sein. 52 Tage waren vergangen, seitdem wir jene Felsen
gesehen, deren astronomisch bestimmte Lage uns zum letzten male
Gelegenheit gegeben hatte, den Gang unseres Chronometers zu prüfen.[4]
Es war ein sehr trüber Tag, alle Augen suchten den Horizont ab, um
zuerst Land zu entdecken. Endlich schien an einer Stelle der Nebel etwas
dichter zu werden; es war keine Wolke, die Form zeichnete sich immer
bestimmter, mehr und mehr Einzelheiten traten hervor, wie bei dem
Entwickeln einer Photographie, und bald lag Javahoofd deutlich vor uns
in der Gegend, wo es liegen sollte. Das Tageslicht reichte noch aus, um
uns den Felsen, die Brandung und die üppige Vegetation der Südostspitze
Java's deutlich erkennen zu lassen; da es aber nicht rathsam schien, uns
Nachts in die enge Sunda-Strasse zu wagen, so wurde beigedreht, um den
Tag abzuwarten. Javahoofd bildet den östlichen Pfeiler des einen
Hauptthores zur indischen Inselwelt. Es ist im Besitz der Holländer. Als
das zweite Hauptthor muss man die Strasse von Malacca betrachten, durch
welche der ganze Handel zwischen China und Indien geht. Es ist durch die
Niederlassungen von Pulo-Pinang, Malacca und Singapore in den Händen
der Engländer; das südliche Ufer, die Küste von Sumatra, gehört zwar den
Holländern, doch ist es für die Schifffahrt nicht geeignet, so dass die
Engländer in ungestörtem Besitze dieser Strasse sind.

[Illustration]

Von hier an war die Fahrt höchst angenehm; wie ein grosses bewegliches
Panorama zogen lange Küstenstriche von Java, Sumatra, Banca und viele
kleine Inseln, bis an den Meeresspiegel dicht bewaldet, an uns vorüber.
Gleich an der Eingangspforte ragte der Vulkan Krokotan aus dem Meere
hervor, stark rauchend, während der dahinter liegende Vulkan Pulo-Besi
nur seinen Umriss durch den Nebelschleier erkennen liess. An Anjer, wo
die Sundanesen den Schiffen gewöhnlich das erste Willkommen in der
Tropenwelt darbringen, kamen wir leider Nachts vorüber, so dass wir von
den köstlichen Früchten und anderen Erfrischungen nichts erhielten. Das
Meer wurde immer belebter, in ganzen Geschwadern erschienen die
sonderbarsten kleinen Schiffe, zwischen deren hohen Mattensegeln fast
nackte Eingeborne wie Katzen herumkletterten. Die letzten Sturmvögel
hatten uns in 26° südl. Br. verlassen, jetzt schwebten Tropikvögel hoch
über uns hin, mehrere kleine bunte Sänger kamen an Bord, um auszuruhen,
und die Matrosen litten nicht, dass die Schiffsjungen das Gastrecht
gegen sie verletzten. Auch einen Schmetterling trug uns der Wind zu und
einige glänzende Käfer.

In diesem von Inseln eingeschlossenen Meere regte sich nur ein sanfter
Luftzug, wir brauchten eine Woche bis Singapore, obgleich die Entfernung
von Javahead wenig über 500 Seemeilen beträgt. Doch war dies immerhin
noch kein ungünstiges Verhältniss. Ein Klipper, der einige Monate nach
uns in Singapore eintraf, hatte die Reise von Australien bis zu jenem
Kap in ungewöhnlich kurzer Zeit zurückgelegt, und brauchte von dort
sechs Wochen, um den Hafen zu erreichen. Die Segelschiffe sind hier so
häufigen Windstillen ausgesetzt, dass man die wahrscheinliche Reisedauer
nach Europa gehender Schiffe gewöhnlich erst von dem Tage an rechnet, wo
sie die Sunda-Strasse passirt haben. In Anjer werden alle aus- und
einfahrenden Schiffe verzeichnet und in besonderen Listen bekannt
gemacht; die Betheiligten suchen mit Ungeduld den Namen ihres Schiffes
darin, weil erst ausserhalb der Sunda-Strasse auf beständige Winde zu
rechnen ist.

Am 21. September war das Meer mit einer Substanz bedeckt, die vom Schiff
aus täuschend wie Sägespähne aussah (wahrscheinlich Cook's sea
saw-dust); sie war nicht gleichmässig über die Oberfläche vertheilt,
sondern in parallele Streifen geordnet, die 1 bis 10 Fuss breit waren
und in sehr verschiedenen Zwischenräumen einander folgten. Zuweilen
fuhren wir stundenlang durch Bänder, die nur wenige Fuss von einander
getrennt waren, dann kamen Zwischenräume von 10 bis 20 Minuten vor, die
bei unserer langsamen Fahrt Entfernungen von 1/2 bis 1-1/2 Seemeilen
entsprachen. Selbst vom Mast aus gesehen, reichten die Streifen bis an
den Horizont. Fast drei Tage lang fuhren wir durch diese Substanz, am
Nachmittag des dritten Tages wurde das Meer bewegter, die Streifen
vermischten sich, die ganze Oberfläche nahm eine gleichmässige
schmutzige Färbung an, am nächsten Morgen war die Erscheinung
verschwunden. Unter dem Mikroskop erschienen die einzelnen Partikelchen
als zierlich verflochtene Fäden; jeder Faden bestand aus einer Reihe von
Zellen, deren Scheidewände in der Mitte des Fadens flach, nach beiden
Enden hin gewölbter wurden und an den Enden selbst halbkugelförmig
waren; jede dieser Zellen war noch durch eine gerade Querwand getheilt,
längs der Mittellinie lagen Chlorophyllkügelchen. Bei dem Filtriren des
Wassers, in welchem die Substanz schwebte, röthete sich das Filtrum, wie
von Jod, die Färbung verschwand bald wieder. Es ist die von Professor
Ehrenberg im rothen Meer entdeckte, später von vielen Reisenden
beobachtete Pflanze Trichodesmium erythraeum. Wo sie vorkommt, findet
sie sich immer in ungeheurer Menge beisammen. Vielleicht entstehen diese
Pflanzen in geschützten Buchten, die durch Treibholz oder ähnliche
Hindernisse zeitweise geschlossene Becken bilden, und wuchern darin so
lange fort, bis durch einen Zufall der schützende Damm zerbrochen wird.
Dann würde der äussere Rand der Einwirkung der Wellen blossgelegt
werden, die bei so ruhiger See vielleicht gerade die rechte Kraft
besässen, um je einen schmalen Streifen vom Rande zu lösen und
fortzuschwemmen. Da dies nur bei Ebbe stattfinden könnte, indem die
Fluth die Substanz zurückdrängen würde, so entsprechen vielleicht die
grossen Zwischenräume, die wir zuweilen unter den Streifen wahrnahmen,
den Fluthzeiten.

Am Sonntag, nachdem wir zuerst das Land erblickt, kam ein leichter
Sampan auf uns zu und brachte einen malayischen Lootsen an Bord, der uns
durch die Rhiow-Strasse führte; es war ein ruhiger, intelligenter
Mensch, doch verstand er, mit Ausnahme der Schiffs-Ausdrücke, fast kein
Wort englisch. Mit Sonnenuntergang liessen wir auf der Rhede von
Singapore den Anker fallen. Natürlich gingen wir noch an's Land,
obgleich es schon Nacht war, es war entzückend wieder festen Boden unter
den Füssen zu haben, den würzigen Duft der Bäume einzuathmen, unter
Palmen zu wandeln. Einen eigenthümlichen Reiz, mit einem Anklang von
Bangigkeit, hatte es auch, die Eingeborenen vorübergleiten zu sehen, die
in der Dunkelheit so wild aussahen. Alles war so fremdartig, nicht
~eine~ europäische Kleidung war zu sehen, bevor wir das Gasthaus
erreichten, wo wir den Abend mit Champagner, Chesterkäse und englischen
Zeitungen beschlossen.




Zweites Kapitel.

    Rhede von Singapore. -- Junken. -- Prauen. -- Nipa-Palme. --
    Rhizophoren. -- Palankinfahrt. -- Hindufest.


Als wir am andern Morgen an Bord erwachten, war das Schiff von einem
Kranz von Booten umgeben, die Geschäfte mit uns machen wollten. Am
willkommensten war uns eine grosse Mannichfaltigkeit tropischer Früchte,
von denen ich nur Ananas, Cocos und Bananen kannte. Es kamen Schneider,
Schuhmacher, Wäscher, Klempner, Händler mit Getränken, Fleisch,
Geflügel, Glaswaaren, Steingut, Kuriositäten; ein wahrer schwimmender
Markt, als hätte die Stadt eine Probe geschickt von Allem, was sie zu
leisten vermag, und unser Steuermann, der nach einer Fahrt von mehr als
100 Tagen noch nicht Lust hatte, an's Land zu gehen, konnte sich hier
wenigstens einen allgemeinen Ueberblick verschaffen. Die meisten Leute
sprachen ein paar Worte englisch, alle waren von einem ungeheuren
Schachergeist besessen, am eifrigsten, lautesten und zudringlichsten
gebahrten sich die Chinesen, wie sie auch die zahlreichsten waren.

Um uns auf der Rhede lag eine grosse Anzahl stattlicher europäischer
und amerikanischer Schiffe, und hinter ihnen eine solche Musterkarte
der allersonderbarsten Fahrzeuge und Flaggen, wie sie vielleicht kein
anderer Hafen der Welt aufzuweisen haben möchte. Doch waren keine
chinesischen Junken darunter, diese fangen erst im December an, ihre
Heimath zu verlassen, wenn der NO.-Monsun in Kraft ist, und kommen
frühestens gegen Neujahr hier an.[5] Sind sie einmal hier, so richten
sie sich ganz häuslich ein, da sie vor dem Monat Juni, wenn der
SW.-Monsun beständig ist, selten zurückkehren. Obgleich ihre Zahl mit
jedem Jahre abnimmt und von europäischen Schiffen ersetzt wird, sah
ich doch einige Monate später ihrer viele hier liegen. Die Gestalt der
Junken ist aus chinesischen Bildern allgemein bekannt. Interessant ist
aber das Treiben an Bord und rings umher. Das Schiff wird gleich nach
Ankunft abgetakelt und in ein schwimmendes Waaren-Magazin verwandelt,
oder vielmehr in einen Bazar; denn die Ladung ist nicht einem
Superkargo anvertraut, sondern jeder handeltreibende Passagier (und
jeder Chinese treibt Handel) hat sein Geld in denjenigen Waaren
angelegt, die ihm den meisten Gewinn versprechen, und feilscht mit
seinen Kunden auf eigene Hand. Lange rothe Papierstreifen, mit grossen
Buchstaben bemalt, vertreten die Handelsschilder, Proben der
verkäuflichen Waaren werden an den Seiten der Junke ausgehängt. Durch
eben so viele Käufer und Verkäufer wird auch die Rückfracht beschafft,
und da die nie müssigen Chinesen, wenn sie sonst nichts zu thun haben,
die bösen Geister durch Gong-Musik und Knall-Feuerwerk vertreiben, so
herrscht immer um die Junken ein wüster Lärm. Jetzt wimmelte der Hafen
von „Prauen” aller Art, die sich aber nun bald in Bewegung setzen, um
nach den östlich gelegenen Inseln und Küsten zurückzukehren. Diese
Fahrzeuge sind nur klein, aber sehr malerisch, manche reich mit
Schnitzwerk verziert, bunt bemalt und vergoldet. Die Mattensegel und
groben Stricke aus Rotang (spanisch Rohr) oder Palmenfasern, die
hölzernen Anker und die Bewaffnung vermehren das eigenthümliche
Ansehen. Die Kabel und Taue dieser Prauen bestehen zuweilen aus
dünngespaltenem, zusammengedrehtem Stuhlrohr, häufiger aus der
schwarzen Faser, die bei der Gomutipalme (Arenga saccharifera) den
Ursprung der Blattstiele am Stamm bekleidet (daher sie bei den
Spaniern Cabo negro heisst), oder aus Coir, der Faser, welche den Kern
der Cocosnuss umgiebt, derselben, die jetzt so viel zu Fussdecken
verarbeitet wird. Beide letztere sind zwar weniger stark, als
Hanfstricke, aber leichter und elastischer. Vor Erfindung der
Ankerketten hatten viele Schiffe in den indischen Gewässern
dergleichen Kabel, und hielten vor Anker Stürme aus, bei denen
stärkere, aber weniger elastische Hanfkabel zerrissen. Zu
Passagierbooten benutzt man die weitberühmten Sampans, leichte,
bequeme, schnelle Kähne mit einem Sonnendach für den Passagier. Sie
sollen nicht europäischen Booten nachgebildet sein, sondern diesen zum
Theil als Muster gedient haben. Obgleich die Mannschaft aus vier
Ruderern und einem Steuermann besteht, sind sie sehr billig. Eine
Fahrt in solchem Boot, namentlich in der Gegend, wo die Schiffe der
Eingeborenen am dichtesten liegen, gehört zu den angenehmsten
Ausflügen und liefert eine Unzahl interessanter Genrebilder. Noch
billiger, sicherer, freilich auch viel langsamer, fährt man auf dem
Schuhboot der Chinesen; es ist fast so breit als lang, und wenn ein
schneller Raubfisch das Modell zum Sampan geliefert hat, so ist das
Schuhboot wohl der Schildkröte nachgebildet. Vorn hat es einen
Schnabel, wie andere Boote auch, an seinem abgestutzten Hintertheil
aber zwei kurze Schwänze, vorn ist natürlich auch auf jeder Seite ein
grosses, in die Tiefe schauendes Auge angebracht, sie fehlen keinem
chinesischen Fahrzeuge („no got eye, how can see?”). Gegen das Land
hin nimmt das Gewimmel der kleinen Boote und Leichter immer mehr zu,
und an der Mündung des kurzen Flusses ist ein Gedränge und Gesumme,
wie am Eingang eines Bienenkorbes.

[Illustration]

Wie bedeutend der Schiffsverkehr in Singapore, und wie sehr die deutsche
Rhederei daran betheiligt ist, zeigt folgender Auszug aus der Singapore
Free Press vom 6. Mai 1865: „Abgesehen von inländischen (d. h. nicht
europäischen und amerikanischen) Schiffen, liegen jetzt 154 grössere
Schiffe mit Raaen (square rigged vessels) im Hafen, wovon 3 britische
und 2 Kolonial-Kriegsdampfer, 2 englische, 2 amerikanische
Handelsdampfer, 2 holländische Postdampfer, 78 englische Kauffahrer, 19
hamburger, 9 bremer, 8 französische, 5 dänische, 5 preussische, 4
amerikanische, 4 holländische, 3 oldenburger, 2 hannoveraner, 2
schwedische, 2 siamesische, 1 norwegisches, 1 belgisches. Von den
Kauffahrern verhalten sich die unter deutscher Flagge (38) zu den
englischen wie 1 zu 2 und zu denen aller übrigen Nationen wie 2 zu 1
(dies würde stimmen, wenn die unter dänischer Flagge fahrenden Schiffe,
wie es früher meist der Fall war, holsteiner wären). Vor acht Jahren
lagen um dieselbe Zeit nur 60 Kauffahrer im Hafen; das Verhältniss der
deutschen zu den englischen Schiffen war damals wie 1 zu 11, und das der
deutschen zu denen aller übrigen Nationen, wie 1 zu 8. So weit haben es
Freihandel und deutscher Unternehmungsgeist gebracht. Wir würden uns
durchaus nicht wundern, wenn in wenigen Jahren das Verhältniss noch mehr
zu ihren Gunsten wäre.”

Vom Hafen aus gesehen zeigt die Insel Singapore einen langgestreckten,
stellenweis steilen Küstensaum, über den sich einige sanfte Hügelwellen
erheben. Von der Stadt ist nur ein Theil sichtbar, in der Nähe derselben
liegen viele einzelne Häusergruppen, weiterhin ist Alles mit dichtem
Wald bedeckt, der einen zusammenhängenden einförmigen immergrünen
Teppich bildet, nur in der Nähe des Strandes mit einigen Landhäusern
geschmückt. Der Anblick ist lieblich, aber nicht besonders schön, da es
an Kontrasten und hervorragenden Gegenständen fehlt. Die schöne grosse
Kirche, die künftig die Hauptzierde der Stadt sein wird, ist noch im Bau
begriffen. Die Insel liegt bekanntlich unmittelbar vor der südlichen
Spitze der malayischen Halbinsel, des südlichsten Punktes von Asien, und
ist nur durch eine Meerenge getrennt, die im Allgemeinen eine Meile, an
einer Stelle aber nur 2000 Fuss breit ist. Früher ging der ganze Handel
nach China durch diese schmale Gasse, jetzt fahren die Schiffe um die
Südseite der Insel unmittelbar an der Stadt Singapore vorbei. Die Insel
besteht, wie das gegenüberliegende Festland selbst, aus Granit und
älteren geschichteten Gesteinen, letztere nehmen den grössten Theil des
Flächenraumes ein, es ist noch nie ein Fossil darin gefunden worden;
auch fehlen alle Anhaltspunkte, um ihr relatives Alter genauer bestimmen
zu können. Uebrigens haben sie ganz den Habitus unserer ältesten
Gesteine und gehören auch wohl den ältesten Gebilden an; es sind
Sandsteine, Thone, Letten; an vielen Stellen tritt ein sehr
eisenhaltiger Thoneisenstein auf, meist in Nestern, seltener in Bänken;
bis jetzt wird er ausschliesslich zum Strassenbau benutzt, obgleich er
sich wegen seiner geringen Festigkeit wenig dazu eignet. Der Granit, der
einen viel kleineren Flächenraum einnimmt, tritt nie an die Küste, er
bildet den Centralkern der Insel; aus ihm besteht auch der höchste Punkt
derselben, Bukit-tima. Der Boden ist nicht fruchtbar, in den Niederungen
häufig versumpft; die dem Meere näher gelegenen Sümpfe sind brakisch, in
ihnen wuchert die stammlose Nipa-Palme und ein Dickicht von Mangelbäumen
(Rhizophoren), das an flachen Stellen weit in's Meer hinein reicht und
die ganze Insel, ausser wo die Ufer steil sind, mit einem Sumpfgürtel
umgiebt. Aus den Wurzeln der Nipa-Palme (Nipa fruticans) wird in Borneo
Salz gewonnen; die Blüthe liefert in den Philippinen und in Siam Zucker
und Branntwein, wie viele andere Palmen, und nach demselben später zu
beschreibenden Verfahren. In Singapore werden nur die Blätter zum Behuf
der Dachdeckung zu „Atap” verarbeitet und die ganz jungen, noch gelben
unentfalteten zur Herstellung von Cigaretten, indem man Tabak darin
einrollt. Die Ataps sind eine wesentliche Vervollkommnung ihres
Prototyps, des längs des Blattstiels gespaltenen Palmenwedels. Man
erhält sie, indem man die Seitenblätter im Drittel ihrer Länge, von der
Basis an gerechnet, umknickt, sie auf einen mehrere Fuss langen Stock
dachziegelförmig aneinander reiht und durch einen Rotang-Splitt in
dieser Lage befestigt. Die einzelnen Ataps werden beim Dachdecken wie
Dachschiefer übereinander gelegt. Ein solches Dach ist sehr leicht,
völlig regendicht, nur muss es häufiger ausgebessert werden, als ein
Ziegeldach.

Die Mangelsümpfe (mangrove swamps) werden durch die merkwürdige Ordnung
der Rhizophoraceen gebildet, die in tropischen Meeren alle flachen
Küsten umsäumen. Es sind fast die einzigen Bäume, die im Meere wachsen
und auf Kosten desselben das Land vergrössern, indem sie immer weiter
darin vordringen und mit dem dichten Faserwerk ihrer Wurzeln das durch
die atmosphärischen Wasser in das Meer geschwemmte Erdreich
zurückhalten, so dass man oft nicht weiss, ob man schon am Lande oder
noch im Meere ist. Bei keiner Pflanze tritt die Fortpflanzungsfähigkeit
so schlagend vor die Augen, als bei dieser, wo die Früchte, noch an den
Zweigen der Mutterpflanze hängend, sich schon in junge Bäume verwandeln
mit langer spindelförmiger Wurzel. Beim Abfallen bleiben sie senkrecht
im Sumpf stecken und wachsen sogleich weiter, oben Blätter, unten
Wurzeln entwickelnd, während die an den niedrigeren Zweigen hängenden,
ohne sich abzulösen, den Sumpf erreichen und darin fortwachsen. So
sendet der Wald immer einen Gürtel junger Pflanzen vor sich her, indem
er weiter in's Meer rückt. Sind die Bäumchen etwas grösser geworden, so
entspringen am Umfange des Stammes Luftwurzeln, die in einem Bogen den
Sumpf erreichen. Diese Wurzeln senden seitlich wieder Wurzeln aus, und
schliesslich steht der Stamm, der 30 bis 40 Fuss hoch wird, auf einem
domartigen Geflecht von Luftwurzeln, das bei Ebbe entblösst, bei Fluth
gewöhnlich bis an den Stamm bedeckt ist, dann hat man einen Wald im
Meer. Auch von den Aesten senken sich Luftwurzeln herab, die, wenn sie
den Boden erreichen, darin weiter wachsen als Stützen der Aeste, aber zu
selbstständigen Bäumen werden, wenn die Verbindung mit der Mutterpflanze
aufgehoben wird. Das Holz wird hauptsächlich zur Feuerung benutzt, die
Rinde zum Gerben (sie enthält mehr Tannin als die Eichenrinde), auch
zum Färben dient sie den Eingebornen. Die Rizophorenwälder sind ein
Lieblingsaufenthalt für Krokodile, Krabben, Einsiedlerkrebse und viele
Gastropoden; auch Austern sitzen an den Stämmen; mit der Behendigkeit
einer Eidechse kriecht und hüpft mittelst der Brustflossen ein
sonderbarer Fisch auf dem Schlamme umher (Periophthalmus sp. div.).
Dergleichen Sümpfe sind ein sicherer Zufluchtsort für Seeräuber,
und gewöhnlich wegen ihres dichten, für die Sonnenstrahlen
undurchdringlichen Laubdaches eine Quelle böser Miasmen. In Singapore
aber, wo sie nur einen schmalen Gürtel bilden, werden sie durch die
beständig mit einander wechselnden Land- und Seebrisen hinreichend
gelüftet.

Wie gefährlich dergleichen Sumpfwaldungen zuweilen sind, zeigt folgende
Notiz aus meinem Tagebuch: „14. Juni 1858. Als wir uns bei der dicht vor
der NW.-Küste von Borneo (5° 04' N' 115° 12' O.-Gr.) liegenden Insel
Moarro befinden, kommt ein Boot auf uns zu und meldet, dass das vor uns
vor Anker liegende Schiff, die englische Barke Anna Maclean, in Noth
sei. Unser Kapitän begiebt sich an Bord, bald darauf nehmen wir das
Schiff in's Schlepptau und bugsiren es in den Hafen von Labuan. Das
Schiff hatte, um Kohlen zu laden, auf Moarro, der Mündung eines Flusses
gegenüber, angelegt, der viele Meilen weit durch die Sumpfwälder
fliesst, aus denen hier die Küste von Borneo besteht. Der Nachts wehende
Landwind hatte ihm die giftigen Miasmen wie aus der Mündung eines
Trichters zugeführt; in wenigen (2?) Tagen war die ganze Mannschaft
theils erkrankt, theils gestorben. Der Kapitän, der Steuermann, 3
Matrosen waren todt, nur ein Mann war noch dienstfähig.”

Unser Lootse, der uns gestern durch die Rhiow-Strasse gebracht, führte
uns heut durch das Gewirr der Gassen von Singapore nach dem Handelshaus,
dem unser Schiff konsignirt war. Man hatte uns frühestens 14 Tage später
erwartet, ich fand die liebenswürdigste Aufnahme.

Zunächst wollte ich eine Fahrt durch die Stadt machen, und nahm deshalb
einen Palankin, so heissen die hiesigen Miethswagen; es sind länglich
viereckige, vierrädrige Kasten, mit Vorder- und Rücksitz, ringsum von
Jalousien umgeben und mit einem kleinen Pony bespannt, beispiellos
billig (1 Dollar pro Tag) und sehr zweckmässig, bis auf den Anstrich,
der weiss statt schwarz sein sollte. Der Kutscher war ein Kling (Telinga
von der Küste Koromandel), fast schwarz, mit einem grossen Turban und
einem Lendentuch, sonst unbekleidet, doch sah er nicht unanständig aus,
da die dunkle Farbe den Eindruck des Nackten fast aufhebt. Mitten auf
der Stirn trug er einen Fleck von rothem Ocker, so gross wie eine
Oblate. Alle Hindus haben dergleichen Abzeichen von verschiedener Form
an der Stirn, und bezeichnen dadurch die religiöse Sekte, der sie
angehören.

Ich liess mir die Tour, die ich machen wollte, ins Malayische
übersetzen, lernte die Worte nach dem Klang auswendig, und hatte die
Genugthuung, sogleich vom Kutscher verstanden zu werden, was er durch
einen Salam (Anlegen der Hände an die Stirn und Verneigung) ausdrückte.
Er ergriff das Pferd am Zügel und lief in kurzem Trabe mit ihm davon.
Einige Male setzte er sich während der Fahrt auf das vorn angebrachte
Brett und versuchte, das Pferdchen von dort aus zu lenken. Dies gelingt
aber selten auf die Dauer, da die meisten hiesigen Ponies zu eigenwillig
sind, dann muss der arme Bursche wieder absteigen und nebenher laufen.
So kamen wir bald vor die Stadt, die Landstrasse wurde immer einsamer.
Ich liess halten und stellte den Kutscher zur Rede, er vertheidigte sich
sehr fliessend, doch konnten wir gegenseitig kein Wort verstehen.
Endlich kehrte er aber um und führte den Wagen an die Stelle zurück, wo
ich eingestiegen war. Hier brachte ein vorübergehender Kling, der
Englisch verstand, Alles in Ordnung. Es ergab sich, dass der Kutscher
fast ebenso fremd war, als ich, kein Wort Malayisch verstand und nur auf
meine Ortskenntniss gerechnet hatte. Ich habe dies so ausführlich
erzählt, weil ganz ähnliche Auftritte täglich vorkommen und sie so
bezeichnend für die Art der Eingebornen sind, die auf die Frage, ob sie
Dies oder Jenes wissen oder können, immer Ja antworten, wenn sie
glauben, dass solche Kenntniss oder Fähigkeit ihnen Vortheil bringen
werde; sehen sie aber mehr Mühe als Lohn voraus, so machen sie es
natürlich umgekehrt.

Nachmittags begegnete mir eine grosse Kling-Prozession, der ich folgte.
Den Zug eröffnete eine Musikbande, dann kamen einige Paare, die lange
Stecken trugen, mit denen sie gegenseitig Schein-Angriffe machten und
parirten; sie besassen grosse Gewandtheit und Sicherheit. Ihnen folgte
paarweis ein Zug von Hindus, deren nur um die Hüften verhüllter, sonst
nackter Körper mit gelbem Turmerikpulver[6] eingerieben war. Die Meisten
trugen Hals- und Armbänder aus aufgefädelten kleinen weissen Blüthen.
Einige dieser Leute hatten sich einen etwa fusslangen Spiess durch
Lippen und Zunge, einen zweiten Spiess durch Backen und Zunge gestossen.
Andere hatten sich auf jeder Seite des Körpers in der Gegend der Hüften
zwei zwei Zoll lange Einschnitte gemacht, und durch die so entstandenen
Oesen lange Stricke gesteckt, die von davor- und dahintergehenden
Männern beständig hin- und hergezogen wurden. Unmittelbar auf sie
folgten die Götter, deren Gunst durch diese Verstümmelungen erlangt
werden sollte, theils auf Schultern getragen, theils auf Ochsenkarren
gezogen. Es waren schöne Gruppen darunter: vor den reich drapirten
Nischen, in welchen sich die Bilder der Gottheiten, von Gold und Silber
glitzernd, befanden, standen je zwei junge Hindu-Mädchen in sehr
glänzender Kleidung von Gold- und Silberbrokat, die auffallend an die
Festkleider der Mutter Gottes in katholischen Kirchen erinnerte. Sie
trugen langgestielte Wedel von weissen Federn, die sie feierlich hin-
und herbewegten. Später überzeugte ich mich, dass es keine wirklichen
Mädchen waren, sondern Knaben, die ihre Rollen so täuschend spielten.
Auf einem freien Platz vor der Stadt machte der Zug Halt. Es waren viele
Zuschauer anwesend, vorwiegend Klings, Chinesen, Malayen, fast kein
Europäer. Die Meisten kauerten, hockten, sassen auf dem Boden, nur die
hintersten Reihen standen. Jeder hatte gewiss die ihm behaglichste
Stellung eingenommen, die aber zum Theil der Art war, dass sie bei uns
kaum ein Turner auf die Dauer ausgehalten hätte. Diese Leute, die von
Jugend auf nie einen Stuhl oder Tisch benutzen, weder enge Kleider, noch
Schuhe tragen, wissen aus ihren unteren Gliedmassen viel mehr Nutzen zu
ziehen, als wir. Die Beine müssen häufig als Arme aushelfen, wobei die
Füsse die Stelle der Hände vertreten; so heben sie Sachen vom Boden auf,
ohne sich zu bücken, halten das eine Ende eines Gegenstandes mit den
Füssen fest, während sie das andere Ende mit den Händen bearbeiten.
Besonders verstehen sie sich durch die grosse Gelenkigkeit ihrer Beine
eine Auswahl bequemer Stellungen zu verschaffen und die Last des
Oberkörpers so geschickt zu balanciren, dass sie nicht ermüden können.
Selbst wenn man ihnen einen Stuhl anbietet, ziehen sie die Beine in die
Höhe und richten sich auf dem Sitz ein, als ob sie am Boden sässen.
Diese beneidenswerthe Fertigkeit ist aber leider nur in der ersten
Jugend zu erlernen, in Kinderstuben, wo es keine Stühle giebt, und nur,
wenn die Ausbildung der Füsse nicht durch Schuhe gehemmt wird.

Mitten auf dem Platz war ein grosses Feuer angezündet. Als es
ausgebrannt war, lag die Gluth fast fusshoch und hatte gegen 20 Fuss
Umfang. Die freiwilligen Märtyrer wurden bis an den Rand geführt,
sprangen hinein, gingen langsam hindurch und taumelten in einen mit
Wasser gefüllten Graben am jenseitigen Rande. Ihre Freunde liefen
herbei, ermunterten, unterstützten sie und führten sie nach einer kurzen
Erholungspause einzeln in einen grossen Kreis, den die Zuschauer offen
gelassen hatten. Hier wurden sie mit einer gewaltigen Peitsche
gegeisselt, bis sie vor Schmerz hinstürzten, worauf sie von ihren
Freunden mit triumphirendem Gemurmel durch die Reihen getragen wurden.
Es war ein ekelhaftes Schauspiel, das diese Leute von schönster
kaukasischer Rasse hier vor den Malayen und Mongolen aufführten.

[Illustration]

Ueber die Bedeutung des Festes konnte ich in Singapore nichts
Zuverlässiges erfahren, später aber fand ich in den Blaubüchern der
Präsidentschaft Madras, dass auch dort das Naruppuh-terunaul oder
Feuerfest immer noch besteht, die Theilnahme sich jedoch, ebenso wie
hier, auf die untersten Volksklassen beschränkt und überall im Abnehmen
begriffen ist. Es ist keine von der Hindu-Religion vorgeschriebene
Feierlichkeit. Nach einigen Berichten hat sie insofern eine religiöse
Bedeutung, als sie mit der Verehrung der Gottheit Durmarasawney der
Tamil, oder Veerbudrasawney der Telegu, in Beziehung steht, deren Zorn
dadurch abgewendet werden soll; nach den meisten Berichten aber hat die
Religion gar nichts damit zu schaffen, es ist nur ein alter Brauch, dem
die niederen Klassen aus roher Schaulust zugethan sind, während die
Gebildeteren fern bleiben. An manchen Orten sind es dieselben
Individuen, die alljährlich die Feuerprobe bestehen und dafür bezahlt
werden, wie andere Gaukler. Häufig aber sind es beschränkte Menschen aus
den niedrigsten Kasten und Parias, die sich zur Erfüllung eines Gelübdes
die Peinigung auferlegen. Es sollen fast nie üble Folgen eintreten,
namentlich keine Todesfälle (zwei in den Berichten erwähnte waren
jedenfalls nur mittelbar durch die Feuerprobe veranlasst), und
wahrscheinlich ist ein grosser Theil des Eindrucks der guten Aufführung
zuzuschreiben. Die indische Regierung beschloss in Folge jener Berichte,
das Fest nicht amtlich zu verbieten, da sie ihr Ziel sicherer zu
erreichen glaubte, indem sie ihren Beamten empfahl, für das allmählige
Aufhören unter der Hand nach Kräften zu wirken.




Drittes Kapitel.

    Landhaus. -- Klima. -- Muskatnuss-Pflanzung. -- Europäer. --
    Früchte. -- Nahrungsmittel. -- Diener.


Der preussische Konsul, dem ich während meines Aufenthalts in Singapore
sehr viel verdankte und der mir auch noch später, so weit der Einfluss
seiner Empfehlungen reichte, mit der freundschaftlichsten,
angelegentlichsten Fürsorge den Weg ebnete, hatte mir auf seinem
Landhause eine Wohnung einrichten lassen, die ich wenige Tage nach
meiner Ankunft bezog. Es war wohl die schönste Besitzung auf der Insel,
jetzt dient sie dem Guvernör zum Aufenthalt. Fast alle grossen Kaufleute
haben ein Haus vor der Stadt, gewöhnlich auf dem Gipfel eines Hügels, wo
die Seebrise alle Räume durchweht und abkühlt. Die hiesigen Landhäuser
sind die angenehmsten und zweckmässigsten, die ich in heissen Ländern
kennen gelernt habe, fast alle nach demselben Typus gebaut. Der leitende
Gedanke dabei ist, die bewohnten Räume allseitig von Luft umkreisen und
durchdringen zu lassen und sie gegen die Sonnengluth zu schützen. Das
Haus ruht auf steinernen Pfeilern, gegen 15 Fuss hoch, der Raum zwischen
den Pfeilern ist meist offen, nur wo es an Platz gebricht, werden
einzelne Räume zwischen den Pfeilern durch leichte Holzwände oder Gitter
abgetheilt. Der obere Stock, die eigentliche Wohnung, ist rings von
einer breiten Gallerie, Veranda, umgeben, die vom Dach weit genug
überragt wird, um gegen den Regen geschützt zu sein. An der äusseren
Seite der offenen Veranda sind dunkelgrüne Rouleaux aus feingespaltenem
Bambus angebracht, ein chinesisches Substitut für Jalousien; sie lassen
die Luft durch, schliessen aber das blendende Licht aus. Durch
rechtzeitiges Aufziehen und Herablassen derselben wird die Veranda und
die von ihr umgebene Wohnung stets angenehm kühl erhalten. Die Zimmer
haben nur Jalousien statt Glasfenster und massiver Thüren und öffnen
sich alle nach der Veranda. So ist der ganze bewohnte Kern des Hauses
ringsum von einer isolirenden Luftschicht umgeben. Von jedem
Schlafzimmer führt eine kleine Treppe in ein zur ebenen Erde
befindliches Badezimmer. Küche, Stallung, Remise, sowie die Wohnungen
der Dienerschaft befinden sich in kleinen Nebenhäusern, durch einen
bedeckten Gang mit dem Haupthause verbunden, wodurch aller widerwärtiger
Geruch und Lärm ferngehalten wird. Im Speisesaal und in den
Gesellschaftszimmern fehlt nie die Punka, ein grosser Fächer, bestehend
aus einem mit Zeug bespannten Rahmen, der von der Decke herabhängt und
durch ein Loch in der Wand mittelst einer Schnur von Aussen in Bewegung
gesetzt wird.[7] Rings um das Haus des Konsuls war ein Garten, der eine
Auswahl der schönsten Pflanzen des Archipels und neben anderen
ausländischen Zierpflanzen auch europäische Rosen enthielt, denen man
aber ansah, dass sie hier nicht heimisch sind. Der frühere Besitzer, der
auch als Botaniker bekannte Arzt Oxley, hatte durch eifriges Sammeln und
Tauschen den schönen Garten geschaffen. Da stand die Amherstia nobilis,
das einzige grössere Exemplar auf der ganzen Insel, neben der Poinciana
regia und dem Prachtstrauch Duranta Plumieri, umgeben von Ixoren in
allen Farben und ebenso mannigfaltigen Hibiscusarten, darunter die Rose
der Chinesen, von den Bedienten Schuhblume genannt, weil sie die
lackirten Schuhe ihrer Herren damit putzen, Bauhinien, Passifloren und
unter dem dichten, von sonderbar verschlungenen Luftwurzeln gestützten
Schattendach eines Ficus die herrlichsten Orchideen und epiphytischen
Farne. Fast Alles war in Blüthe, wie denn die meisten Pflanzen hier das
ganze Jahr hindurch gleichzeitig Blüthe und Frucht tragen.

Da Singapore nur 1° 17' nördlich vom Aequator liegt, so herrscht dort
ein ewiger Sommer. Der Unterschied zwischen dem längsten und kürzesten
Tag beträgt nur 7-1/2 Minuten; praktisch genommen sind also alle Tage
des Jahres durchaus gleich lang. Der Temperaturunterschied zwischen dem
Mittel des kältesten und des wärmsten Monats beträgt weniger als einen
halben Grad, die mittlere Jahreswärme 22-1/2° R. Die äussersten
Thermometerstände sind 17° und 26° R. Die Morgen sind angenehm kühl,
aber die Sonne steigt schnell so hoch, dass alles mit blendendem Lichte
und sengender Gluth übergossen sein würde, wenn nicht Wolken, häufige
Regenschauer und regelmässig wechselnde Land- und Seebrisen Licht und
Hitze milderten. Es regnet an 180 Tagen etwa 90 Zoll; im Winter etwas
mehr als im Sommer, doch vergeht selten eine Woche ohne Regen; trockene
und Regenzeit, die weiter nach den Wendekreisen hin fast ebenso
deutlich, wenn auch nicht so schroff gesonderte Jahreszeiten bilden, wie
unsere Sommer und Winter, fehlen hier in der unmittelbaren Nähe des
Aequators. Der erste Januar ist vom ersten Juli nicht zu unterscheiden.
Bei einer so beträchtlichen Regenmenge in so hoher Temperatur ist die
Feuchtigkeit der Luft immer sehr gross. Es ist sehr schwer, Eisengeräthe
gegen Rost zu schützen. Das Leder verschimmelt, Papier verstockt, der
Phosphor läuft von den Zündhölzern ab.

Der Garten ging allmälig in eine Muskatnuss-Pflanzung über, die den Rest
des „Oxley-Hügels” einnahm. Das ganze Grundstück, sowie die Fahrwege
in demselben, sind von Hecken aus Zwergbambusen umschlossen, so
gesundheitstrotzend und immergrün, wie keine andere Hecke der Welt. Die
Hauptstiele sind höchstens fingerdick; die Seitenschösse wie starker
Draht und ebenso steif, starren nach allen Richtungen hin so
gleichmässig dicht, dass die immer sorgfältig unter der Scheere
gehaltenen Hecken wie riesige Bürsten aussehen. Wer die vielen schönen,
anscheinend so gesunden Muskatbäumchen betrachtete, die mit Bevorzugung
vor jeder anderen Kulturpflanze die Häuser aller Europäer umgaben,
konnte nicht ahnen, dass diese mit so vieler Mühe und grossen Kosten
angesiedelten Fremdlinge bereits den Keim des Todes in sich trugen. Der
Muskatnussbaum (Myristica moschata) ist so oft und gut beschrieben
worden, dass ich nur Einiges erwähnen möchte, was sich besonders auf
seine Kultur in Singapore bezieht. Heimisch ist er nur auf den Molukken
und den umliegenden Inseln. Sein Produkt, die Muskatnuss und die Macis,
sind, seitdem die Europäer zuerst in jene Meere kamen, Gegenstände des
strengsten Monopols gewesen. Die Banda-Inseln, auf welche die Holländer
der leichteren Kontrolle wegen den Anbau beschränkten, obwohl ihnen dies
nie ganz gelang, lieferten Jahrhunderte hindurch allein dies Gewürz.
Nachdem die ursprüngliche Bevölkerung der Inseln, die sich dem Zwange
nicht fügen wollte, ausgerottet worden, wurde der Anbau durch Sklaven,
jetzt durch Sträflinge, betrieben, unter der Leitung von Europäern, die
zwar die Pflanzungen eigenthümlich besitzen, das Produkt aber nur an die
Regierung zu einem festgesetzten Preise verkaufen dürfen (Perkeniers).
1798, als die Engländer die Molukken inne hatten, übersiedelten sie die
Pflanze nach Sumatra, von wo sie 1819 durch Raffles nach Singapore
gebracht wurde. Ihr Anbau kam hier schnell in Mode, fast alle Landhäuser
wurden mit dergleichen Pflanzungen umgeben. Der Baum, der in seiner
Heimath 70 Fuss hoch werden soll (ich fand später in Camarines auf Luzon
einen fast 100 Fuss hohen, sehr mächtigen, wilden Muskatnussbaum, dessen
Früchte nicht grösser als kleine Kirschen, aber ganz ohne Aroma waren),
bleibt hier strauchartig und übersteigt selten 20 Fuss. Sein Habitus
hält die Mitte zwischen einem Lorbeer und einer Orange. Der einzelne
Baum ist sehr schön, eine Pflanzung aber hat ein zu einförmiges Ansehen.
Die Frucht gleicht einer Aprikose, doch läuft das Ende, an welchem der
Stiel sitzt, spitz zu, wie bei einer Birne. Ist die Frucht reif, so
springt sie auf. Dann sieht man im Innern hinter einem intensiv
karminrothen Netzwerk, der sogenannten Muskatblüthe oder Macis des
Handels, die glänzend schwarze Hülle der Nuss. Die Nuss selbst ist
schwer herauszuschälen. Erst durch sehr langes Trocknen über schwach
glimmendem Feuer schrumpft sie allmälig so weit zusammen, dass die
Hülle, welche die ursprüngliche Grösse behält, durch vorsichtiges
Klopfen zersprengt und abgelöst werden kann. Die Muskatblüthe wird an
der Sonne getrocknet und gepresst und erhält dadurch ihre gelbe Farbe.
Es dauert 9 bis 10 Jahre, bevor die aus Samen gezogenen Bäume Früchte
tragen. Ein grosser Uebelstand ist, dass die männlichen und weiblichen
Blüthen auf verschiedenen Bäumen sitzen, so dass später ein Theil der
unfruchtbaren männlichen Bäume umgehauen und durch neue weibliche
ersetzt werden muss. Gewöhnlich lässt man auf 10 weibliche Bäume einen
männlichen stehen. Während die Pflanze in Banda ohne alle Pflege
wuchert, fordert sie hier unausgesetzt die grösste Sorgfalt. Der
Uebelstand, dass sie erst nach so langen Jahren den vollen Ertrag giebt,
tritt um so mehr hervor, wenn man berücksichtigt, dass der hier übliche
Zinsfuss 12% beträgt. Trotzdem erlangte der Anbau dieses Gewürzes doch
schnell eine grosse Ausdehnung. Einerseits ist sowohl der Boden als das
Klima von Singapore für die Erzeugung der meisten andern
Kolonial-Produkte nicht geeignet. Zucker, Kaffee, Baumwolle, Cacao,
Arrow-root zu ziehen ist versucht worden, jedoch ohne rechten Erfolg.
Andererseits konnten die Muskatgärten bequem vom Besitzer übersehen
werden, da sie keine grosse Ausdehnung haben und unmittelbar sein Haus
umgeben. Auch der Umstand, dass die Pflanze in anderen tropischen
Ländern, wo man ihren Anbau versucht hatte, nicht hinreichend gedieh, um
ihr Produkt zum Handelsartikel zu machen, war nicht übersehen worden;
man hoffte dem indischen Archipel das Monopol zu bewahren. Die
Erwartungen der Pflanzer sind aber gänzlich zu Schanden geworden. Schon
bei meiner letzten Anwesenheit, 1859, begannen viele Bäume zu kränkeln
und trotz aller Bemühungen der Gärtner abzusterben. In fast allen Stufen
seiner Entwickelung wurde der Baum von verschiedenen Insekten
angegriffen. Das Uebel verbreitete sich so schnell, dass jetzt, 1864,
fast alle Pflanzungen sowohl in Pinang, als in Singapore völlig zerstört
sind. Der Verlust an Kapital wurde schon 1862 auf mehr als 500,000
Dollars angeschlagen. Durch das Aussterben der Muskatbäume haben alle
ländlichen Grundstücke eine bedeutende Entwerthung und die
Hypothekengläubiger entsprechende Verluste erlitten. Nach einer
Privatmittheilung hatte beispielsweise ein reicher Chinese 4000 Dollars
auf eine Pflanzung geliehen, die nach dem Absterben der Bäume nicht für
300 zu verkaufen war. Wäre aber das Unglück auch nicht eingetreten, so
würden doch die hochgespannten Erwartungen der Pflanzer nicht in
Erfüllung gegangen sein, da der Verbrauch und mithin auch der Preis
aller Gewürze, mit Ausnahme des Pfeffers, fortwährend abnimmt.[8]

Von der Veranda des schönen Landhauses übersah man einen grossen Theil
der Insel. Zunächst um den Fuss des Hügels und im Thal zwischen den
nächsten Anhöhen liegen in hübschen Gruppen die kleinen Häuschen der
Eingebornen, unter Bambusbüschen und Obstbäumen, von Arecapalmen
überragt, die auf langem, zierlich dünnem Schaft eine Blätterkrone
tragen, so leicht, wie ein Federbusch. Es ist die eleganteste aller
ostasiatischen Palmen, Hooker vergleicht sie mit einem vom Himmel
geschossenen Pfeil; die Eingebornen pflanzen sie aber nicht ihrer
Schönheit wegen, sondern weil sie die Arecanüsse liefert, die sie mit
dem Betelpfeffer kauen. Die besseren dieser Häuser sind aus Brettern
erbaut, viele aber nur aus Bambus, Matten, Palmenblättern und allerlei
Nothbehelf; sie stehen auf Füssen von Palmenstämmen, einige Fuss hoch
über der Erde. Der Fussboden besteht aus gespaltenen Bambusen oder
Nibongpalmen (Caryota urens), die neben einander liegen, ohne sich zu
berühren, so dass Luftzug von unten durchdringt. Das Ganze überragt wie
ein Sonnenschirm ein hohes Dach aus Palmenblättern, das auf den
Seitenwänden nicht fest aufliegt, sondern dem Luftzug eine Oeffnung
freilässt. Solche Häuschen sind recht kühl.

Nach Süden sieht man die Strasse, die zur Stadt führt, aber bald hinter
einem Hügel verschwindet, der auch den grössten Theil der Stadt
verbirgt; im Hintergrund erscheint das Meer mit seinem Inselgürtel. Nach
dem Innern zu erheben sich eine Menge kleiner Hügel; jeder der näher
gelegenen trägt auf dem Gipfel ein schönes geräumiges Landhaus, neben
welchem häufig einzelne Bäume emporragen, deren spärliche Blätterkrone
in gar keinem Verhältniss zu dem enormen Stamm zu stehen scheint. Es
sind die letzten Ueberreste des Urwaldes, der vor Kurzem noch Alles
bedeckte, sie wurden ihrer Grösse wegen als Erinnerungssäulen geschont,
können sich aber nicht in die neuen Verhältnisse schicken; ihr Stamm, an
die Feuchtigkeit und den Schatten des dichten Waldes gewöhnt, kann die
freie Luft und Sonne nicht ertragen und vertrocknet schnell. Weiterhin
werden die Landhäuser immer seltener, dichter Wald überzieht
gleichmässig die ganze Landschaft, deren Einförmigkeit nur durch sanfte
Hügelwellen unterbrochen wird. Ziemlich in der Mitte der Insel hebt sich
Bukit-tima deutlich über die kleineren Anhöhen hervor, und in äusserster
Ferne erblickt man bei heiterem Wetter hinter immer zarter abgetönten
Hügelreihen den Gunong-Pulaï, der dem jenseitigen Festlande angehört.

Zur völligen Behaglichkeit fehlte mir noch ein Diener; denn obgleich
mein Gastfreund deren über ein Dutzend hielt und den grössten Theil des
Tages nicht zu Haus war, konnte ich doch nur sehr schwer
Dienstleistungen von seinen Leuten erlangen, da es die hiesigen Diener
für eine ungerechte Zumuthung halten, einem Anderen, als ihrem Herrn
behülflich zu sein. So ist es auch bei Tisch. Ist man eingeladen, so
bringt man seinen Diener mit, weil man sonst Gefahr läuft, nichts zu
essen zu bekommen. Hinter dem Stuhl eines jeden Gastes steht dessen
Bedienter, gewöhnlich ein Chinese mit langem Zopf, oder ein Kling mit
grossem Turban. Jeder von diesen sorgt ausschliesslich für seinen Herrn
und sucht ihm die besten Stücke zu verschaffen. Oft sieht man sie sich
darum balgen, wobei sie aber immer ihr würdevolles Wesen bewahren, wie
es sich in Gegenwart grosser Herren, für welche hier alle Europäer
gelten, ziemt. Einem Freunde ihres Herrn erweisen sie auch wohl mitunter
eine kleine Gunst, verlangt aber ein Fremder etwas von ihnen, so stehen
sie wie versteinert und in ihrem feierlich-respektvollen Gesicht malt
sich die tiefste Entrüstung über die ungebührliche Zumuthung.

Alle Europäer, die auf dem Lande wohnen, bringen die Geschäftsstunden
von 9 bis 4 Uhr in der Stadt zu. Während dieser Zeit steht ihr Haus
gewöhnlich ganz leer, selbst die Bedienten sind dann meist nicht
anwesend oder schlafen so fest, dass sie ebenso gut abwesend sein
könnten. Das Haus steht offen, keine Thür ist verschlossen, man kann
frei durch alle Räume gehen, die zum Theil mit werthvollen Gegenständen
ausgestattet sind. Aber sonderbarer Weise wird nichts gestohlen.
Obgleich unter den Eingebornen Diebstähle, auch Räubereien, häufig
vorkommen, so war doch kein Fall bekannt, dass je das Haus eines
Europäers beraubt worden wäre. Die Eingebornen haben eine gewisse Scheu,
solches Grundstück zu betreten, die sich aus der Furcht vor den Hunden
nicht genügend erklären lässt; denn Hunde giebt es nicht überall, auch
würden sie entschlossenen Dieben kein Hinderniss sein. Es scheint daher
fast, wenigstens schmeicheln sich die Europäer damit, dass ein gewisser
Nimbus das Haus beschütze.[9]

Die Europäer, deren Zahl sehr gering ist und zum grossen Theil aus
wohlhabenden Kaufleuten und hoch besoldeten Beamten besteht, geniessen
in mancher Hinsicht eine bevorzugtere Stellung, als der hohe Adel in
Europa. Sie sind durch Reichthum, Bildung, Intelligenz,
Unternehmungsgeist und Ehrenhaftigkeit den anderen hier vertretenen
Nationen sehr überlegen. Ausserdem bilden Farbe und äussere Haltung eine
natürliche unübersteigliche Schranke für alle ehrgeizigen Asiaten, deren
einige ebenfalls grosse Reichthümer ansammeln. Auch der Luxus, in dem
sie leben, die Freigebigkeit, mit der sie bezahlen, sind Mittel, bei den
Asiaten Achtung zu erlangen. Einer der angenehmsten Vorzüge, die aus
diesem Verhältniss entspringen, ist das unbegrenzte Vertrauen, das alle
Europäer geniessen. Keiner von ihnen trägt Geld bei sich, und kann
dennoch in jedem Laden kaufen, was er will. Ich hatte einmal in Johore,
auf dem asiatischen Kontinent, jenseits der kleinen Meerenge, eine
Anzahl Jungen benutzt, um Thiere und Pflanzen zu sammeln. Da ich kein
Geld hatte, erhielt jeder für das, was er ablieferte, ein Stückchen
Papier, auf das ich mit Bleistift die Anzahl Cents schrieb, die er dafür
empfangen sollte. Als ich Abends abfuhr, rechnete ich die einzelnen
Zettel zusammen und gab dem ältesten Jungen einen Schein für die ganze
Summe, zahlbar in Singapore. Keiner hatte das geringste Misstrauen, sie
schienen alle so befriedigt, als hätte ich sie baar bezahlt, obgleich
wir einander völlig fremd waren. Als ich Singapore verliess, fuhr mich
mein Kutscher an den Platz der Einschiffung und setzte meinen letzten
Koffer ins Boot. Ich schuldete ihm mehrere Monate Fuhrlohn, schrieb mit
Bleistift einige ihm unverständliche Worte auf einen Zettel, den er bei
meinem Banquier abgeben sollte, er machte seinen Salam und wünschte mir
eine glückliche Reise. Sogar die Hunde, die in dergleichen Dingen immer
eine richtige Witterung haben, erkennen die bevorzugte Stellung an.
Sobald ein ganz fremder Europäer zum ersten Male das Grundstück eines
andern betritt, kommen sie ihm bis an die Hecke entgegengelaufen und
geleiten ihn freundlich bellend und wedelnd ins Haus. Wenn erst die
europäische Bevölkerung mehr zunimmt, Unbemittelte oder gar
Industrieritter hierher kommen, wird dieser Zustand natürlich aufhören.

Die Lebensweise der reicheren Europäer ist äusserst angenehm und mit
Ausnahme der zu kopiösen Mahlzeiten sehr zweckmässig. Die Billigkeit der
Landhäuser, der Dienerschaft und der Pferde erlaubt ihnen mit
verhältnissmässig geringen Kosten einen fürstlichen Haushalt zu führen.
Sie stehen gewöhnlich vor Tagesanbruch auf, nehmen ein Bad und machen
einen grossen Spaziergang. Nach einem einfachen Frühstück, um 9, fahren
sie zur Stadt, arbeiten bis um 4 in ihren meist sehr luftigen Kontoren
und kehren nach Haus zurück. Bei der Ankunft bietet der erste Diener
seinem Herrn ein Glas Sherry an und berichtet, ob etwas vorgefallen,
dann folgt Bad, Ausfahrt in eleganter offener Equipage, gegen 7 Uhr
Diner, nach Tisch wird gelesen, geplaudert, Billard gespielt. Man geht
früh zu Bett, wenn keine Gäste da sind; sonst dauern die Gesellschaften
gewöhnlich bis 11 Uhr. Mit Sonnenuntergang wird das ganze Haus
verschwenderisch beleuchtet, wenn auch kein Besuch da ist.

Frauen sind auch in der europäischen Gesellschaft wenig zahlreich. Sie
leben meist auf so kostspielige Weise, dass nur wenige Männer reich
genug sind, Frauen in dem zum herrschenden Ton gewordenen Luxus zu
erhalten. Auch vertragen dieselben meistens das Klima weniger gut als
Männer; sie werden bald apathisch, kränkeln und sind genöthigt, zur
Wiedererlangung ihrer Gesundheit nach Europa zurückzukehren. Tritt
dieser Fall nicht ein, so zwingt sie bald die Sorge für die Erziehung
der heranwachsenden Kinder zur Heimreise, während der Mann, wenn er noch
kein hinreichendes Vermögen erworben, zurückbleibt.

Wie aber fast jedes Uebel auch seine gute Seite hat, so ist der Verkehr
unter den Männern innerhalb derselben gesellschaftlichen oder eigentlich
finanziellen Schichten, denn in solche ist die hiesige Gesellschaft
streng gesondert, um so bequemer und herzlicher; während in fast allen
kleinen Kolonien, wo es Frauen und gar arme Beamten- und reiche
Kaufmannsfrauen giebt, das Leben durch die Eifersüchteleien der sonst so
liebenswürdigen Wesen sehr verbittert wird. Auch sind Frauen als
Hüterinnen des Anstandes und der Sitte in englischen Kolonien
entbehrlicher, als in jeder andern. Der starre Schematismus der
englischen Erziehung hält für das ganze Leben vor. Während kontinentale
Europäer in fernen Ländern gern jeden lästigen Zwang so bald als möglich
ablegen, sich vernachlässigen, „ihre Kaste verlieren”, bleiben die
Engländer überall Engländer -- Insulaner -- Fremde. Daher ist auch ihr
Einfluss auf die Sitten der Eingebornen ein sehr geringer. Eben so
gering sind auch die Leistungen ihrer wohl besoldeten, fein gebildeten
Missionäre im Vergleich zur Mehrzahl der katholischen, die, ungestört
durch wissenschaftliche Bildung, gesellschaftliche Stellung, häuslichen
Wohlstand und Familienbande, in besonderen Seminaren mit militärischer
Disziplin zum Bekehren erzogen, in ein viel näheres und daher
einflussreicheres Verhältniss zu ihren Täuflingen treten.

Die hiesigen englischen (aber nicht die deutschen) Häuser sind meist nur
Agenturen grösserer Firmen, deren Hauptsitz in England oder Kalkutta
ist, und die noch an mehreren andern Plätzen in China und am Archipel
ihre Kontore haben. Daher finden unter dem Personal häufige Versetzungen
statt. Als ich nach 6 Monat langer Abwesenheit Singapore wiedersah, traf
ich die Hälfte meiner Freunde nicht mehr an; sie waren nach allen
Richtungen zerstoben und durch neue Ankömmlinge ersetzt.

Unter den Europäern herrscht grosse Gastfreundschaft. Fast täglich
ist man eingeladen. Als ich mich zum ersten Male in einer solchen
Gesellschaft befand, machten die geographischen Spezialkenntnisse der
Anwesenden einen grossen Eindruck auf mich. Mein Nachbar rechts war
10 Jahre auf den Philippinen gewesen, der zur Linken hatte so eben
einen grossen Theil Borneo's durchreist; der gegenüber hatte fast
alle grösseren Inseln des Archipels besucht, auch Neu-Guinea und die
Nordküste Australiens. Ein anderer (Col., jetzt General Mac Leod) war
zu Fuss durch Birma bis an die Grenze von China gegangen, durch
Länder, die ausser ihm noch kein Europäer betreten hatte. Wie
erweiterte sich aber erst der geographische Horizont, als die Damen
die Kartoffelfrage behandelten! „Sind dies javanische oder
chinesische Kartoffeln?” -- „Neuseeländische.” -- „Ich ziehe die
kalifornischen vor.” -- Die eine bezog ihren Bedarf aus Holland, die
andere aus Neuholland. -- Europäische Gemüse und Früchte gedeihen
hier nicht. Von den hier gebauten Gemüsen sagen fast nur Bohnen und
mehrere Gurkenarten unserem Geschmack zu. Dagegen liefern die
hiesigen Gärten in grosser Fülle die besten Früchte der heissen Zone.
Am häufigsten ist die Banane oder Pisang (Musa paradisiaca), in sehr
vielen Varietäten, bei weitem die verbreitetste und nützlichste aller
tropischen Früchte. Ihr Geschmack hält die Mitte zwischen Birne und
gekochter Kartoffel; sie dient als Obst und Gemüse, und wird selbst
von Europäern reichlich gegessen, die sonst die meisten Früchte,
sogar die köstliche Ananas, aus Gesundheitsrücksichten ängstlich
vermeiden, was, so weit meine Erfahrung reicht, ein Vorurtheil ist.
Keine Frucht ist leichter zu kultiviren; sobald die Fruchttraube
abgenommen, wird der Stamm umgehauen, um für die aus der Wurzel
aufgeschossenen jüngeren Triebe Platz zu machen; so geht es fort und
fort. -- Die Ananas, malayisch Nanas (Ananas sativa), von Singapore
übertreffen an Wohlgeschmack alle in Java, Siam oder auf den
Philippinen gebauten, und werden selbst von den in europäischen
Treibhäusern gezogenen an Duft nicht übertroffen. An Süssigkeit und
Saftfülle bleiben diese aber hinter der Singapore-Ananas zurück. Sie
ist so billig, dass man sie in Verbindung mit feinem Sand benutzt, um
das Verdeck der Schiffe zu scheuern. Man isst gewöhnlich nur die
untere, süssere Hälfte und wirft die obere fort. -- Von Vielen wird
der Mangustan (Garcinia mangostana) für die Königin aller Früchte
erklärt. Sein Vorkommen ist auf ein sehr kleines Gebiet beschränkt;
weder in Ost- noch Westindien gelang es bisher, ihn zu ziehen. (Es
gilt als einen der grössten Triumphe der Kunstgärtnerei, dass der
Herzog v. Devonshire einige Mangusten zur Reife gebracht hat.) -- Nur
in gewissen Jahreszeiten häufig sind die Mangos (Mangifera indica),
die, wenn sie nicht sehr gut sind, wie Aprikosen mit Terpentin, oft
aber auch wie Terpentin mit Aprikosen schmecken. Dies ist eine der
wenigen tropischen Früchte, von denen es viele durch Kultur
entstandene Varietäten giebt.

Die grösste aller Baumfrüchte ist wohl die Nangka, Jackfruit (Artocarpus
integrifolia), von denen eine einzige über einen halben Centner schwer
wird. Obgleich sie sehr angenehm würzig schmeckt, wird sie von Europäern
fast nie gegessen. Sie ist eine nahe Verwandte der Frucht des Brodbaums
(A. incisa), die hier nicht geschätzt und nur von den Eingebornen als
Gemüse genossen wird. Häufiger erscheint die Papaya auf der Tafel, die
Frucht des Melonenbaumes (Carica papaya), die weder die Grösse, noch den
Geschmack einer sehr mittelmässigen Melone erreicht. In der inneren
Höhlung liegen eine grosse Menge dunkelgrüner Kerne; sie sehen aus wie
Kapern, riechen wie Kresse und schmecken gar nicht. Der Saft der
unreifen Frucht enthält aber Fibrin, das ausser bei Pilzen noch bei
keiner Pflanze nachgewiesen wurde. Dieser Saft, ja die blosse
Ausdünstung der Blätter, mehr noch die Berührung hat die höchst
auffallende Eigenschaft, die Muskelfaser zu zersetzen, das zäheste
Fleisch zart zu machen.[10]

Sehr schön modellirt und gefärbt, wie aus Wachs gebildet, sind die
Jambusen (Eugenia spec. div.), deren einige wie Rosen duften. Sie
erfrischen, ohne den Geschmack zu befriedigen, da ihr loses, schwammiges
Zellengewebe nur schwach säuerliches Wasser enthält.

Angenehmer schmecken die Anonen-Arten, die aber in Singapore noch nicht
die verdiente Verbreitung gefunden haben.

Der Lei-tschi der Chinesen (Nephelium lichi), der in Siam so gut
fortkommt, scheint in Singapore nicht zu gedeihen; der Rambutan, eine
ihm verwandte Nephelium-Art (N. lappaceum?), ist häufig und kommt ihm im
Geschmack sehr nahe. Die fleischige Hülle haftet aber durch unzählige
Fäserchen so fest am Kern, dass ihr Genuss unbequem ist.

Apfelsinen sind in zahlreichen Varietäten vorhanden, in allen Grössen,
vom kleinen Kumqwat, nicht grösser als eine Walderdbeere, bis zur
Pumpelmuse (Citrus decumana), die fast kopfgross wird. Letztere hat zwar
einen grossen Verbreitungsbezirk, erlangt aber nur an gewissen eng
begrenzten Lokalitäten ihr volles Aroma. Am besten geräth sie in Batavia
und in Amoy. Sie ist lange nicht so saftreich, aber würziger, als alle
andren Oranien. Der Name Pumpelmuse klingt sehr holländisch, kommt aber
wahrscheinlich vom Tamil-Wort Bambalmas. Die Engländer nennen sie
gewöhnlich Shaddock nach einem Schiffskapitän, der sie von Batavia nach
Westindien übersiedelte. Dr. de Vry sagt in einem vor der British Assoc.
in Birmingham gehaltenen Vortrage, dass die Pumpelmusen in Bandong
(Java) in 2300' Meereshöhe ungeniessbare Früchte, nicht grösser, als
gewöhnliche Apfelsinen, tragen, dass er aber von einem einzigen Baum in
seinem Garten 200 ℔ Blüthen (!) gepflückt habe und dass er von 1000 ℔
Blüthen 1 ℔ Neroli bester Qualität erhielt (Chemical News. Sept. 29.
65).

Als Unkraut wuchert die Guajava (Psidium pomiferum und P. pyriferum),
deren den Holzbirnen und Aepfeln ähnlich aussehende Früchte die Stelle
unserer Quitten vertreten, ohne ihrem Aroma gleichzukommen; sie werden
fast nur eingemacht gegessen.

Eine der merkwürdigsten Früchte von allen ist der Durian (Durio
zibethinus); nach Crawfurd ist er auf dasselbe kleine Gebiet beschränkt,
wie der Mangustan und wächst auf hohen Bäumen, häufiger im Walde, als
kultivirt, hat ziemlich die Grösse und Gestalt der Ananas, aber die
pyramidalen Warzen, die seine holzige Schale bedecken, sind hart und
spitz. Bei der reifen Frucht springt die Schale an vier Stellen der
Länge nach bis zum Stiel auf und enthüllt eine weiche, weisslich gelbe,
creme-artige Substanz, welche die Zwischenräume zwischen den nussgrossen
Samenkernen ausfüllt. Sie schmeckt besser als der beste Creme, und
riecht schlechter als Knoblauch. Dieser ungemein penetrante Geruch ist
anfänglich Jedem zuwider, der Wohlgeschmack aber so gross, dass der
ursprüngliche Widerwille sich bald in eine wahrhaft leidenschaftliche
Zuneigung verwandelt. Man zahlt oft einen Dollar für das Stück, während
Ananas nur einen Cent kosten, so gross ist die Nachfrage ihrer Verehrer.
-- Hoch bezahlt sind auch steinharte, fade Birnen und Aepfel, die der
Norden von China liefert; sie sind fast ungeniessbar für neue
Ankömmlinge, aber länger Ansässige, denen sie das Obst der geliebten
Heimath versinnlichen, dichten ihnen in frommer Erinnerung einen
Wohlgeschmack an, den sie durchaus nicht besitzen.

Die Sehnsucht nach der Heimath ist ein stehender Zug bei allen
Europäern, die in diesen fernen Landen leben. Eine hübsche Sitte, die
sich darauf gründet, ist der Toast: „Auf die fernen Freunde”, der zum
Schluss des Mahls im besten Wein mit feierlicher Stille getrunken wird.

Viele hiesige Früchte, wenn auch in Gärten gewachsen, sind kaum als
veredelt zu betrachten und unterscheiden sich wenig oder gar nicht von
ihren Stammeltern im Walde. Aber auch diejenigen, die man nicht wild,
sondern nur um die Wohnungen der Menschen antrifft, haben sich nur wenig
von dem ursprünglichen Typus entfernt, da fast keine Varietäten
vorhanden sind (ebenso ist es mit den Zierblumen). Doch ist wohl nicht
zu zweifeln, dass sich aus den vorhandenen Obstarten eine eben so
grosse Menge hochedler Sorten erzielen liesse, als man in Europa aus
fast ungeniessbaren ursprünglichen Arten gezogen hat. Für's Erste ist
aber keine Aussicht auf dergleichen Versuche vorhanden. Die hiesigen
Europäer wenden ihre ganze Energie und Intelligenz dem Handel zu und
kehren, sobald sie können, nach Europa zurück. Die wenigen, die hier
bleiben, haben meist ihre Strebsamkeit verloren, sie nehmen immer mehr
von der Gleichgültigkeit der Eingebornen an. Von ihnen sind Versuche,
die so viel Zeit, Kenntniss und Mühe verlangen, kaum zu erwarten.

Ausser Obst, etwas Gemüse und Geflügel, vielen Fischen und Krebsen
liefert die Insel keine Nahrungsmittel. Es wird aber Alles in Menge
eingeführt, ja oft sind manche Artikel hier billiger, als am
Produktionsort. Hühnerfleisch und Reis isst man täglich wenigstens zwei
Mal. Hammelfleisch ist sehr theuer und gilt für einen grossen
Leckerbissen. Die besten Hammel kommen aus Bengalen, darauf folgen die
vom Peiho, weniger geschätzt sind die von Shanghai und Australien. Puter
kommen aus Java und kosten 5 bis 6 Dollars das Stück. In Singapore
können sie nicht gezogen werden, auch die eingeführten sterben bald.

Von europäischen Speisen sind namentlich die national-englischen in
Blechbüchsen immer vorhanden, sie sind meist aus englischer Fabrik,
daher weder sehr wohlschmeckend, noch mannigfaltig. In anderen Kolonien
lässt man sich dergleichen Sachen lieber aus Frankreich kommen und steht
sich besser dabei. Die gewöhnlichen Getränke sind englisches Bier,
Bordeaux-, Rheinwein. Geeisten Champagner trinkt man so häufig, dass die
chinesischen Bedienten das Wort ihrer Aussprache akkommodirt haben,
indem sie aus Cham-paign sim-kin machen.

Von der Wichtigkeit der Erfindung, Nahrungsmittel in
hermetisch-verschlossenen Büchsen aufzubewahren, bekommt man erst auf
Seereisen und mehr noch in den Kolonien, besonders in den abgelegenen
Stationen, eine richtige Vorstellung.[11] Wenn aber die Zubereitung
nicht sehr schmackhaft ist, so stellt sich nach fortgesetztem Gebrauch
allmälig ein solcher Ekel ein, dass selbst die Matrosen Salzfleisch
vorziehen. Dies tritt namentlich bei englischen Präparaten bald ein, bei
französischen habe ich es nie empfunden. Hoffentlich ist der Zeitpunkt
nicht mehr fern wo man wenigstens die für die Passagiere bestimmten
Nahrungsmittel während der ganzen Reisedauer nur durch Kälte frisch
erhalten wird. Wenn die Eismaschinen erst den nöthigen Grad von
Vollkommenheit erreicht haben, dürfte es wohl an der Zeit sein, sie mit
einem System von Röhren zu verbinden, die, mit einer schwer erstarrenden
Flüssigkeit gefüllt, einen angemessenen Raum hinreichend kalt erhalten,
um alle darin niedergelegten Nahrungsmittel völlig frisch zu bewahren.
Man sollte glauben, dass die Kosten der Einrichtung und des Betriebes,
besonders auf Dampfschiffen, wo ein kleiner Bruchtheil der vorhandenen
Kraft zu diesem Zweck abgezweigt werden könnte, beträchtlich geringer
sein würden, als die des jetzt eingeführten Gebrauchs, lebende Thiere
sammt Futter und Wärter mitzunehmen. Abgesehen aber vom Kostenpunkt
würden die Annehmlichkeiten für die Reisenden sehr gross sein. Der
Zahlmeister könnte auf jeder Station diejenigen Artikel in Fülle
einkaufen, die gerade dort am vorzüglichsten sind; statt des Fleisches
von Thieren, die durch die Seereise gelitten haben, könnte man den
Reisenden mit wahrscheinlich geringeren Kosten stets das beste, gleich
in geeigneten Stücken eingekaufte Fleisch vorsetzen. Führte man ein
solches Röhrensystem durch die von den Passagieren bewohnten
Schiffsräume, wie man Häuser durch warmes Wasser heizt, so könnte die in
niederen Breiten, besonders an Bord überfüllter Dampfschiffe, so
unerträgliche Hitze auf ein Minimum herabgedrückt werden. Namentlich
aber für die Fahrt auf dem rothen Meere, die während einiger Monate so
verrufen ist, dass die Gesellschaften während dieser Zeit genöthigt
sind, ihre Preise herabzusetzen, würde eine solche Einrichtung von
grossem Werthe sein.

Nachdem ich in dem schönen Landhause einige Wochen zugebracht, die unter
der Masse neuer Eindrücke und Bekanntschaften sehr angenehm verflogen,
entschloss ich mich, die wahrhaft fürstliche Gastfreundschaft unseres
Konsuls nicht länger in Anspruch zu nehmen, bezog eine kleine Wohnung in
der Stadt und wollte anfangen, recht fleissig zu sammeln und zugleich
Individuen der verschiedenen Rassen, welche die völlige Freiheit des
Verkehrs hier zusammenführt, zu photographiren. In Europa hatte ich viel
von der Vortrefflichkeit und Billigkeit der indischen Diener gehört und
meine Ansprüche, sowie meine Ausrüstung danach zugeschnitten. Einen
Diener wollte ich zum Sammeln und Präpariren von Thieren, einen zweiten
auf Pflanzen, einen dritten auf photographische Handleistungen
abrichten. Auch konnte ich, wenigstens im Anfang, Diener genug bekommen,
sie fanden aber keinen Geschmack an meinen Liebhabereien und verliessen
mich gewöhnlich wieder nach einigen Tagen. Durch Vermittelung eines
gefälligen Freundes wurde mir ein kleines, niedliches Bretterhaus, 100
Schritt vom Meer, das der Regierung gehörte und zur Zeit unbenutzt
stand, zur Verfügung gestellt. Ich liess mich mit meinem Gepäck darin
nieder und verlebte hier einige sehr angenehme Monate. Die
Liebenswürdigkeit und Herzlichkeit, die ich ohne Ausnahme von allen
Europäern erfuhr, wird mir immer eine der liebsten Erinnerungen bleiben.
Einmal zeigte mir Jemand ein Glas voll Schlangen und Eidechsen in
Spiritus, ohne sie mir anzubieten, und ich erinnere mich noch, dass ich
von einem so unerwarteten Verfahren ganz betroffen war. Ich wüsste die
Gefälligkeiten, die mir ununterbrochen von allen Seiten erwiesen wurden,
nicht schlagender anzudeuten, als durch dies Geständniss. Der Tag
verging unter den mannigfachsten Beschäftigungen, die Abende brachte ich
gewöhnlich auf dem Landhaus irgend eines Freundes zu. Freilich fehlte es
auch nicht an allerlei kleinen Miseren, welche aber gegen die Freuden
des damaligen Lebens sehr zurücktraten. Eine dauernde Unbequemlichkeit
war die Schwierigkeit, einen guten Diener zu finden. Als ich in meinem
Häuschen die grossen Kisten geöffnet hatte und der Bediente den Inhalt
erblickte, schüttelte er bedenklich den Turban und sprach halb englisch,
halb malayisch: „Viel, viel Sachen, Herr, nehmt einen andern Diener, zu
viel Mühe!” und ging ab. Ich wagte nicht auszugehen, da das Haus nicht
verschliessbar war. Bald kam ein Platzregen, der durch das schadhafte
Dach drang und die ausgepackten Sachen durchnässte. Nach einigen Tagen
erbarmte sich meiner eine Dame und verschaffte mir ein wahres Muster von
Bedienten, der Alles allein zu machen versprach. Auch stattete sie mich
noch mit allerlei Gegenständen der Bequemlichkeit aus, um mir den
Aufenthalt in meiner neuen Wohnung angenehm zu machen. Als ich spät
Abends nach Hause kam, fand ich aber dasselbe offen, der Diener war
nicht da, weil er, wie er mir am andern Tage sagte, noch keine
Schlafmatte hatte. Um eine zu suchen, verbrachte er den grössten Theil
des zweiten Tages ohne Erfolg. Am dritten Tage kam er spät und brachte
noch einen Landsmann mit, der ihm helfen sollte; dieser schien ein
Literat zu sein, er las den ganzen Tag, deklamirte und schrieb;
verlangte ich etwas von ihm, so seufzte er und sprach: „much, much
trouble.” Nachmittags fand ich ihn in meiner Geldtasche wühlend und
entliess ihn. Den andern behielt ich noch 6 Tage, davon war er 2 Tage
krank, einmal musste er vor Gericht, ein andermal hatte er dringende
Geschäfte in Familienangelegenheiten. Nachdem ich in kurzer Zeit einige
Malayen und mehrere Klings gehabt, bekam ich einen berühmten, kleinen
Chinesen. Leider verstand er nicht malayisch und ich nicht chinesisch.
Er verstand überhaupt nichts, da er noch nicht gedient hatte, besass
aber grossen Eifer. Meine Schuhe putzte er nicht nur von aussen, sondern
auch von innen, und als ich ihm auftrug, meinen schwarzen Frack zu
reinigen, um darin bei einem amtlichen Diner des Guvernörs zu
erscheinen, wusch er ihn mit Seife und Wasser. Dadurch wurde der kleine
Bursche so berühmt. Seine angenehmste Eigenschaft aber war, dass er
immer lief, wenn ich „lakas” rief. Dies hatte für mich einen solchen
Reiz, nachdem ich mich so lange mit den faulen, mürrischen Klings
beholfen hatte, dass ich den armen Jungen fast nur in diesem schnellen
Tempo benutzte. Aber nach 6 Wochen war er's müde. Als auch er mich
verlassen hatte, blieb ich längere Zeit ohne alle Bedienung. Mein Haus
war eigentlich nur dem Scheine nach verschlossen, obgleich ich oft den
ganzen Tag und einen Theil der Nacht abwesend war. Auf meinem Balkon
hingen mehrere Thermometer ganz frei, mir ist aber nie etwas gestohlen
worden. Und doch stand das Haus auf einem Grundstück, das nur zum Theil
durch eine Hecke eingefasst war und an einer wenig frequenten, Abends
nicht beleuchteten Strasse lag. Den Grund weiss ich mir nicht zu
erklären.

Wenn aber auch ein hiesiger Diener den Anforderungen, die man in Europa
an einen solchen stellt, nicht entspricht, so kann man sich doch sehr
gute Bedienung verschaffen, wenn man für verschiedene Dienstleistungen
im Hause verschiedene Diener annimmt, was bei ihren bescheidenen
Ansprüchen nicht sehr theuer ist. Auch verlangt die Gerechtigkeit, zu
erwähnen, dass ich schliesslich einen vorzüglichen Diener bekam, treu,
anstellig, fleissig, bescheiden; zu meinem grossen Bedauern zog er sich
später in den Wäldern von Malacca ein Junglefieber zu, wodurch ich
gezwungen wurde, ihn in Singapore unter der Pflege eines Arztes
zurückzulassen.




Viertes Kapitel.

    Ueberblick der Stadt. -- Strassenleben. -- Reis. -- Chinesen. --
    Malayen. -- Malayische Sprache.


Die Stadt bildet ein Kreis-Segment, dessen Sehne, der Strand, von NO.
nach SW. streicht, während der nach NW. gerichtete Bogen im N. von
einem Kanal, in seinem weiteren Verlauf durch eine Reihe von Anhöhen
begrenzt wird. Gegen 20 dieser, im Durchschnitt 100 Fuss hohen Hügel
treten unmittelbar an den Rand der Stadt und schon beginnen die
Häuser, sich an den Abhängen in die Höhe zu ziehen. Jeder Gipfel
gewährt einige hübsche Bilder, die alle aus denselben, aber immer
anders gruppirten Elementen bestehen. Die schönste Rundsicht hat man
vom Government-hill, jetzt Fort Canning, das mitten in der Stadt
liegt. Hart an seinem Fuss fliesst der kleine Fluss, der die Stadt in
zwei Theile sondert. Die nördliche, räumlich grössere Abtheilung
enthält die meisten öffentlichen Gebäude, viele Wohnhäuser reicher
Kaufleute und Beamten, die noch unvollendete Kirche und die
Esplanade, einen schönen grossen Rasenplatz dicht am Meere, auf
welchem jeden Abend ein kleiner Korso und Cricket, das nationale
Ballspiel der Engländer, mehrere Male in der Woche auch Militärmusik
stattfindet. Auf der Südseite ist das Geschäftsleben konzentrirt.
Diese vertritt die „City”, jene das „Westend”; letzteres liegt aber
östlich. Dicht an seiner Mündung hat der Fluss nach Süden zu ein
quadratisches Stück Land von etwa 1000 Fuss Länge und Breite
angeschwemmt; Raffles, der Gründer der Stadt, hat die Trümmer eines
Hügels, der früher an der Mündung stand, darauf geschüttet. Es hängt
nur auf einer Seite mit dem Lande zusammen, zwei andre Seiten werden
vom Meere, die vierte vom Fluss gebildet. In diesem Viereck befinden
sich alle grösseren Geschäftshäuser und Speicher der Europäer sowohl,
als der Asiaten. Auf den dem Meere zugekehrten Seiten ragen
Landungsdämme ins Wasser, an welchen die Güter für die verschiedenen
Firmen unmittelbar in die daran stossenden Speicher gebracht werden.
In der Mitte des Vierecks liegt der Commercial square, der
Centralpunkt des Verkehrs für die Europäer, und vertritt fast die
Stelle einer Börse. Noch lebhafter aber ist das Gewimmel auf und an
dem kleinen Flusse: an seinen beiden Ufern liegt eine fast
ununterbrochene Reihe von Leichtern und andern kleinen Booten, welche
Waaren aus- und einladen, die von stämmigen chinesischen Kulis oder
durch Ochsenkarren weiter geschafft werden. In der Mitte bewegen sich
vom frühesten Morgen bis spät Abends dichte Züge ein- und
ausfahrender Lastboote aller Grössen.

[Illustration:

  MALAYIN (SINGAPORE)  CHINESIN (FU-TSCHAU)  CHINESE (OPIUMRAUCHER)
    BATTA (SUMATRA)      MALAYE (JOHORE)         BATTA (FRAU)
]

Die Rhede ist umschlossen von dichtbewaldeten Inseln, über die sich die
Kronen zahlreicher Palmen erheben. Gewöhnlich ist das Meer so ruhig, wie
ein Binnensee und bedeckt mit Schiffen aller Länder, zwischen denen
unzählige kleine Boote hin- und herfahren. Eine ganze Kette solcher
kleinen Eilande und Felsen liegt im Süden der Hauptinsel und setzt in
SO-Richtung den Umriss der Küste wie in einer punktirten Linie fort.
Die südlichste derselben, St. John, musste früher von allen grösseren
Fahrzeugen umschifft werden, bis man unmittelbar an der Südküste von
Singapore selbst eine Durchfahrt entdeckte, tief genug für die grössten
Schiffe. Sie wird im Süden von der Insel Blakang-mati begrenzt, welche
fleissige Bugis in ein Ananasfeld verwandelt haben, und bildet den
sogenannten neuen Hafen, New harbour, in dem jetzt die grössten
Dampfschiffe anlegen und ihre Kohlendepots haben. Es sind daselbst Docks
und Landungsbrücken errichtet, so dass die Schiffe unmittelbar am Lande
anlegen und löschen können, während in Singapore Alles durch Leichter
gelandet werden muss. New harbour hat aber so wenig Raum, dass er kaum
für die Bedürfnisse der Dampfschifffahrt ausreicht.[12]

Das bunte Treiben in den Strassen entspricht dem, was die Schiffe auf
der Rhede vermuthen liessen. Die Stadt ist der Sammelplatz aller Völker
des fernen Ostens. Weitaus überwiegend an Zahl und Bedeutung sind die
Chinesen. Dann folgen der Menge nach die Völker malayischer Rasse,
Bewohner des Archipels: Bugis, Javanen, Sundanesen, echte Malayen und
endlich die Klings, wie hier allgemein sämmtliche Bewohner
Vorder-Indiens ohne Unterschied genannt werden, obgleich das Wort, eine
Korruption von Telinga, ursprünglich nur die Eingebornen der Ostküste
der vorderindischen Halbinsel bezeichnet. Diese drei Völkerschaften
bilden die Hauptmasse; mehr vereinzelt erscheinen zwischen ihnen Araber,
Perser, Parsis, Armenier, Siamesen, Birmanen, Anamiten, Tagalen und
Juden in alttestamentarischer Tracht.

In allen Hauptstrassen der Stadt sind die Häuser im Erdgeschoss mit
fortlaufenden Bogengängen versehen, unter welchen man zwar Schutz gegen
die Sonne findet, aber nicht gegen die Zudringlichkeit der kleinen
Handelsleute, die hier als Geldwechsler, öffentliche Schreiber und
Krämer ihr Wesen treiben. Bei letzteren findet man oft das sonderbarste
Gemisch von Waaren, namentlich bei den Klings: neben europäischen Eisen-
und Kurzwaaren sieht man die verschiedensten Produkte des Archipels,
indische Medikamente, Hülsenfrüchte und mitten unter den
Nahrungsmitteln grosse Stücke Arsenik in offenen Schalen, das
namentlich nach Madras zum Einbalsamiren der Leichen, auch nach anderen
Häfen zum Präpariren der Häute geht. Eine andere in die Augen fallende
Waare, die man aber nur an den Thüren der Grosshändler trifft, sind
Kanonen von jedem Kaliber, für die immer ein guter Markt ist, da sich
hier sowohl die Seeräuber zum Angriff, als die friedlichen Kauffahrer
zur Vertheidigung ausrüsten.

Besonders auffallend im hiesigen Strassenleben ist die fast gänzliche
Abwesenheit der Frauen. Chinesen und Klings, die mit der Absicht kommen,
nachdem sie ein kleines Vermögen erworben, in ihr Vaterland
zurückzukehren, bringen keine Frauen mit, und ein grosser Theil der
Bevölkerung ist fluktuirend, kommt mit dem einen Monsun und kehrt mit
dem andern in die Heimath zurück, die Familie bleibt daheim. Von den
wenigen Frauen, die hier ansässig sind, werden die meisten, der Sitte
des Orients gemäss, im Hause gehalten. Nach den statistischen Berichten
ist das Verhältniss der Frauen zu den Männern ohnehin nur wie 1: 8, aber
auf der Strasse fehlen erstere fast ganz. Nie geht eine Frau neben ihrem
Mann, oder gar von ihm geführt, es könnte die Würde des Mannes
beeinträchtigen, ihn lächerlich machen. Die malayischen Familien gehen
gewöhnlich Einer hinter dem Andern, zuerst die Kinder, dann die Mutter,
dann der Vater und die Erwachsenen. Auch Männer gehen immer nur hinter
einander, der Vornehmste voran, die andern folgen genau nach ihrem
Range. Sie haben diese Gewohnheit wohl in der Heimath angenommen, wo nur
schmale Pfade durch den Wald führen, und befolgen sie hier auch auf den
breitesten Strassen. Derselbe Gebrauch ist unter den Indiern in Amerika
allgemein: daher der englische Ausdruck: Indian file. Manche können es
auch nicht unterlassen, wenn sie an Hecken vorbeigehen, einige Zweige
einzuknicken, wie sie es im Walde gewöhnt sind, zu thun, um den Rückweg
zu finden.

[Illustration:

   TELINGA. (BAYADERE.)       TELINGA.               JAVANE.
  BUGIS. (CELEBES.) MANN.    BALINESIN.      BUGIS. (CELEBES.) FRAU.
]

Den buntesten, interessantesten Anblick gewährt die Stadt wohl Abends
zwischen 8 und 10 Uhr. Die Strassen, in welchen die Geschäftshäuser der
europäischen Kaufleute liegen, sind dann öde und finster, aber in den
anderen Stadttheilen, besonders im Viertel der Chinesen, herrscht die
grösste Lebendigkeit. Hier sind alle Läden offen und mit grossen, bunten
Papierlaternen, die zugleich als Firmaschilder dienen, beleuchtet,[13]
alle Werkstätten in voller Thätigkeit. Längs der Häuser haben sich ganze
Reihen kleiner Geschäftsleute, Hausirer, besonders aber viele Garköche
mit ihren tragbaren Gestellen eingefunden, welche an dem einen Ende
eines Bambus die Küche, am andern sämmtliches Geschirr tragen.
Dazwischen wogt eine dichte Menschenmenge, die hier ihre Abendmahlzeit
kauft und meist gleich an Ort und Stelle verzehrt.

Die Chinesen bedienen sich zum Essen der bekannten kleinen Stäbchen;
alle andern hiesigen Asiaten essen mit den Fingern, zuweilen auf sehr
unappetitliche Weise. Noch unappetitlicher ist die Art, wie die Gäste
ihrem Wirth nach beendigter Mahlzeit ausdrücken, dass sie völlig satt
sind. Die Mehrzahl der hiesigen Bevölkerung lebt fast nur von Reis.
Viele geniessen kaum etwas anderes.[14] Fleisch und sonstige Zuspeisen
werden von den Aermeren nur in so geringer Menge dazu genossen, als bei
uns Pickles oder andre Reizmittel. Darauf sind auch die Garköche
eingerichtet; für ein paar Pfennige kann sich dort Jeder die kleinsten
Portionen seiner Lieblingsgerichte kaufen, die zuweilen auf römischen
Wagen, nicht grösser als eine Goldwage, abgewogen werden. Es sieht
drollig aus, wenn eine Anzahl chinesischer Kulis ihre Mahlzeit
einnehmen. Sie hocken um einen Eimer voll Reis, um welchen im Kreise
herum eine Anzahl pikanter Zuspeisen in kleinen Tassen stehen. Jeder
füllt sich eine geräumige Schale mit dem Nationalgericht, fasst seine
beiden Essstäbchen, die so dick wie Bleistifte und anderthalb mal so
lang sind, indem er sie mit Daumen und Mittelfinger gegen den
Zeigefinger presst, und schaufelt sich mit den beiden Enden, den Athem
dabei einziehend, eine grosse Anzahl Reiskörner zu, die einzeln, aber in
enggeschlossener Reihe, in den weit geöffneten Mund fliegen, um auf
einmal verschlungen zu werden; ab und zu holt er sich mit seinen
Stäbchen, indem er sie wie eine Zange gebraucht, ein Stück Fleisch oder
Fisch aus einer der Tassen, beisst ein wenig davon ab, legt den Rest in
seine Schale und schaufelt von neuem weiter. Es ist auffallend, wie die
hiesige chinesische Bevölkerung gesund und kräftig bleiben kann bei
einer Kost, die fast nur aus Stärkemehl besteht und an Stickstoffgehalt
selbst von der Kartoffel übertroffen wird, wenn man von dieser den 3/4
des Gewichts betragenden Wassergehalt ausser Rechnung lässt; die
chinesischen Lastträger, wenigstens die im Dienst der Europäer, essen
allerdings nicht unbedeutende Mengen Schweinefleisch.

Die Chinesen sind als sehr geschickte Köche bekannt; auch haben sie ein
grösseres Feld, als die unsrigen, da sie viele Dinge verwenden, die dem
Europäer als unrein gelten. Die von Max Müller (Science of language S.
346) nach Farrar erzählte Geschichte, welche ihm Veranlassung giebt,
eine der Annahmen über den Ursprung der Sprache als die Bau-Bautheorie
im Gegensatz zur Puh-Puhtheorie zu kennzeichnen, ist noch heute in China
unter den Europäern gang und gäbe. Ein Engländer nämlich, dem man eine
Schüssel vorgesetzt hatte, die ihm verdächtig schien und der wissen
wollte, ob es Ente sei, fragte: Quack-Quack? und erhielt die klare,
offene Antwort: Bau-Bau! Einige ihrer Leckerbissen sind für uns geradezu
Ekel erregend, z. B. faule oder angebrütete Eier, deren Schale etwas
geöffnet wird, damit der Käufer sehe, dass er nicht etwa getäuscht
werden und statt des begehrten ein frisches Ei erhalten solle.[15] Diese
Liebhaberei scheint aber doch nicht allgemein zu sein. Sie haben auch
ein Verfahren, Eier sehr lange frisch zu erhalten. Hier ist das Rezept:
2 Maas Asche, 1 Maas Salz mit Wasser zu einem Brei gemischt, mit dem die
aufzubewahrenden frischen Eier bedeckt werden.

Das chinesische Element tritt namentlich in einigen Theilen der Stadt so
sehr in den Vordergrund, dass man sich in China wähnen könnte. Alle
Handwerke, besonders solche, die Geschick und Ausdauer verlangen, werden
fast nur von Chinesen betrieben. Sie mögen wohl das fleissigste Volk auf
Erden sein, vom frühen Morgen bis spät in die Nacht sieht man sie
arbeiten. Mit Ausnahme des Neujahrsfestes giebt es für sie keinen
Feiertag. Neben dem grossen Fleiss bilden auch Sparsamkeit und
Genügsamkeit sehr hervorragende Züge in ihrem Charakter. Ihr
Handwerkszeug, ihre Kleidung und ihre Nahrung sind von der einfachsten
Art, auch sind sie in fast allen ihren Genüssen sehr mässig; ihre
Tabakspfeife hat kaum die Grösse eines Fingerhuts, von einer Cigarre
rauchen sie gewöhnlich nur einige Züge hinter einander und heben den
Rest auf. Sie trinken fast nur dünnen Thee, der sehr billig ist, immer
ohne Milch und Zucker aus ganz kleinen Tässchen. Die reichsten Chinesen
gehen kaum besser gekleidet, als die armen; eine kurze, weite Hose, eine
baumwollene Jacke, und bei den Wohlhabenden Schuhe ohne Strümpfe, bilden
nebst Zopf und Fächer den ganzen Anzug.

Ein grosser Theil des Handels und der Schifffahrt ist in ihren Händen,
nur an dem direkten Handel nach Europa und Amerika bleiben sie bis jetzt
unbetheiligt.[16] Alles aber, was an Produkten des Archipels nach
Europa kommt, geht erst durch Vermittelung der Chinesen an die
europäischen Exportöre über, ebenso wie die meisten europäischen Waaren
erst durch ihre Hände zu den Eingebornen gelangen. Noch ehe ein
einheimisches Schiff Anker geworfen hat, ist schon ein Chinese an Bord,
der mit dem Patron Bekanntschaft macht, ihn während der ganzen Dauer
seines Aufenthalts nicht aus den Augen verliert, ihm Geld vorschiesst,
seine Schwächen erlauscht und ausbeutet und schliesslich Eigenthümer der
Ladung wird. Ich versuchte einige Male Muscheln oder Kuriositäten an
Bord neu angekommener Prauen zu kaufen, es gelang aber nie, da Alles
immer schon von Chinesen belegt war. Wollte ich aber von diesen einen
Gegenstand erwerben, so boten sie ihn entweder umsonst als Probe und
fragten, wie viel Pikul sie mir davon liefern sollten, oder verlangten
einen enormen Preis dafür, in der Meinung, dass der Gegenstand für mich
einen ganz besonderen Werth haben müsste.

Die Handwerke werden alle, wie schon erwähnt, in offenen Läden oder auf
der Gasse selbst betrieben, so dass man im Schlendern durch die Strassen
bequem zusehen kann. Am auffallendsten ist dabei der geringe Raum, der
dem Chinesen genügt, und die einfachen Werkzeuge, deren er sich bedient.
Unglaubliche Sparsamkeit an Zeit, Raum und Stoff, wie sie sich nur unter
einer so überdichten Bevölkerung, wie China sie besitzt, ausbilden
konnte, tritt Einem auf immer neue Weise vor Augen. In einem schmalen
Laden werden häufig zwei verschiedene Handwerke betrieben, auf der einen
Seite arbeitet ein Schneider mit einem Dutzend Gesellen, auf der andern
ein Schuster, jeder Einzelne nimmt kaum mehr Raum ein, als der Stuhl,
auf dem er hockt. Einzelne Handwerke weichen in ihren Manipulationen von
den unsrigen ab: die Zinngiesser giessen ihre Zinn- und Blei-Legirungen
auf dickes Bambuspapier, worauf es sich gleichmässig flach ausbreitet,
und benutzen die so erhaltenen dünnen Kuchen statt der gewalzten Tafeln,
die man bei uns anwendet. Noch viel dünnere Tafeln erhalten sie nach
Lockhart, indem der hockende Arbeiter mit geschickter Handbewegung je
einen Löffel voll geschmolzenen Metalls zwischen zwei auf dem Boden
liegende mit dergleichen Papier bezogene Steine schleudert, wobei er den
obersten Stein auf einen Augenblick mit den Fersen lüftet und gleich
wieder fallen lässt. Ein kleiner tragbarer Thonofen bringt zugleich die
Legirung in Fluss und erhitzt die Löthkolben. Die Drehbank besteht aus
einem rohen Gestell, in welchem horizontal eine um ihre Axe drehbare
Walze liegt. Um diese ist eine Schnur geschlungen, deren Enden an zwei
unten angebrachten Tretbrettern befestigt sind, durch welche die Walze,
wie bei uns das Rad eines Scheerenschleifers, in Bewegung gesetzt wird.
Ein Schwungrad ist nicht vorhanden. An dem, dem Arbeiter zugekehrten
Ende der Walze, das mit Harz überzogen ist, wird der zu drehende
Gegenstand, nachdem er vorher erwärmt worden, festgeklebt.

Manche Handwerke, die von Hausirern auf offener Strasse getrieben
werden, sind den Chinesen eigenthümlich. So werden zerbrochene Gläser
auf folgende Weise geflickt: Nachdem die Scherben aneinandergefügt sind,
bohrt man zu beiden Seiten des Sprunges paarweis feine Löcher, dann wird
ein feiner weicher Draht von der konvexen Seite durch ein Löcherpaar
gesteckt, an der anderen Seite fest angezogen und so abgeschnitten, dass
nur zwei kurze Enden hervorragen. Diese werden mit einem Hämmerchen
platt geschlagen, so dass dadurch zwei Nieten entstehen. Manche alte
Lampenglocken sind wohl mit 20 solcher kleinen Anker zusammengeflickt.
Man kann daraus auf den hohen Werth des Glases im Innern Chinas
schliessen. In Singapore verschwindet dieser Industriezweig immer mehr,
da hier das Glas fast so billig als in Europa ist.

Die interessanteste Strassen-Industrie ist das Flicken eiserner Pfannen;
diese Pfannen sind von sehr sprödem, dünnem Gusseisen und springen
leicht. Der chinesische Pfannenschmied schlägt erst zu beiden Seiten des
Sprunges einen dünnen Streifen Eisens ab, um die Oeffnung zu erweitern
und frischen Bruch zu erhalten, dann zündet er einen kleinen tragbaren
Kohlenofen aus feuerfestem Thon, 10 Zoll hoch, 6 Zoll Durchmesser, an,
stellt einen Schmelztiegel hinein, der einige Stückchen Eisen enthält,
und bläst an. Das Gebläse ist das Miniaturmodell eines Cylindergebläses;
jedoch noch einfacher in seiner Einrichtung, indem der Windbehälter
nicht zwei, sondern nur ein Ventil hat. Auch steht es nicht aufrecht,
sondern wird bei dem Gebrauche auf den Boden gelegt. In einem fusslangem
Bambusrohr von etwa 1-1/2 Zoll innerem Durchmesser bewegt sich als
Kolben eine am Rande mit Baumwollenwatte umgebene, an einem Stäbchen
befestigte Scheibe. In jeder Endfläche des Bambuscylinders ist eine sich
nach innen öffnende Klappe zum Eintritt der Luft angebracht. Während
durch die Bewegung des Kolbens die eine Klappe Luft einlässt, schliesst
sich die andere und umgekehrt. Die zusammengepresste Luft strömt
abwechselnd durch eins von zwei in der Wand des Bambus nahe den
Endflächen befindlichen Löchern in den Windkasten, einen hölzernen Trog
von vierseitigem Querschnitt, der mit seiner offenen Seite an dem
Bambusrohre luftdicht befestigt ist. Aus diesem Behälter entweicht die
Luft durch ein in der Mitte der dem Cylinder gegenüberliegenden Seite
befindliches Loch. An diesem nun ist ein trichterförmiges Blechrohr
befestigt, dessen Spitze in eine unter der Feuerung befindliche Oeffnung
gesteckt wird. Damit aber der Luftstrom ununterbrochen sei, was zum
Schmelzen des Eisens durchaus erforderlich ist, hängt in der Mitte des
Windkastens an der Bambuswand der Austrittsöffnung gerade gegenüber eine
zungenförmige, in den Trichter hineinragende Klappe, welche, durch den
komprimirten Luftstrom abwechselnd nach rechts oder links gestossen,
diesem den Ausgang öffnet und zugleich die Verbindung mit dem Raume
schliesst, in welchem die Luft verdünnt ist. Ist das Eisen in Fluss, so
schöpft der Arbeiter ein wenig davon auf einen mit Thon beschmierten,
mit Kohlenpulver bestäubten Lappen und drückt damit das Metall von unten
in die Spalte, indem er gleichzeitig mit der Basis eines walzenförmigen
Stückes Holzkohle auf die oben herausquellende Masse drückt, welche sich
fest anlegt, einen Theil der Spalte ausfüllt und oben und unten eine
dünne Ausbreitung bildet. Bei grösseren Sprüngen wird dann dasselbe
Verfahren so lange wiederholt und werden so viele eiserne Flicken
aneinander gereiht, bis der ganze Riss ausgefüllt ist.

Die chinesischen Einwanderer kommen fast ausschliesslich aus den beiden
südlichen Küsten-Provinzen Quang-tong und Fuh-kien und bestehen
grösstentheils aus dem elendesten Proletariat, auch sollen sich die
dortigen Behörden der Auswanderer-Schiffe bedienen, um ihre Krüppel und
Taugenichtse loszuwerden. Die Schiffe setzen sich während des NO.-Monsun
in Bewegung und treffen in Singapore frühestens um Neujahr ein. Bei der
Ankunft schuldet der Einwanderer fast immer die Ueberfahrt und
vermiethet sich auf ein Jahr ohne Lohn gegen Beköstigung und eine kleine
Geldunterstützung an einen schon ansässigen Chinesen. Dieser bezahlt
dafür die Ueberfahrt, deren Betrag mit dem Bedürfniss nach
Arbeitskräften steigt oder fällt. Ein solcher Einwanderer heisst Sinkay,
der freie Arbeiter dagegen Kuli. Nicht alle, die hier ankommen, bleiben
in Singapore, mehrere tausend landen hier jährlich auf ihrer Durchreise
nach anderen Ländern des Archipels. Die meisten kommen mit der Absicht,
nachdem sie ein kleines Kapital erübrigt, in ihre Heimath
zurückzukehren. Es scheint aber, dass dies nur der Minderzahl gelingt.
Sehr Viele ergeben sich dem Opiumgenuss und Spiel und gehen daran zu
Grunde. Einige bleiben auch im Archipel und verheirathen sich mit
eingebornen Frauen. Es giebt Familien hier, die schon seit Generationen
in europäischen Kolonien leben, grosses Ansehen und bedeutende
Reichthümer besitzen und im Verkehr mit den Europäern viele gute
Eigenschaften von diesen angenommen haben. Die Zahl der jährlich hier
ankommenden Chinesen beträgt jetzt schon weit über 10,000. Es ist aber
wahrscheinlich, dass die Auswanderung aus dem übervölkerten China sehr
zunehmen wird, da immer mehr die künstlichen Schranken fallen, welche
ihr einerseits von den chinesischen Behörden, andererseits von den
europäischen Kolonial-Regierungen entgegengestellt sind. Auch war von
China aus das Auswandern der Frauen streng verboten, wodurch die
Mehrzahl der Männer bewogen wurde, wieder in ihre Heimath
zurückzukehren. In neuester Zeit gehen aber viele Frauen sowohl nach
Kalifornien als nach dem Archipel, und wenn sie auch nicht zu den
respektabelsten gehören, so ist es doch immerhin ein Anfang. Die inneren
Unruhen in ihrem Vaterlande veranlassen seit Kurzem auch viele im
Archipel als Handwerker oder Kaufleute etablirte Chinesen, ihre Familien
nachkommen zu lassen. Noch zahlreicher sind die Einwanderungen
unabhängiger Frauen, die hier ein grosses Feld für ihre Thätigkeit
finden. Viele von ihnen werden auf Kosten der geheimen Gesellschaften
hergebracht, die den Einfluss derselben auf die Männer für ihre Zwecke
ausbeuten (im November 1863 kamen 72 in einem Schiffe an).

In den holländischen und spanischen Kolonien legt man den Chinesen
allerlei Hindernisse in den Weg, indem man ihre Anwesenheit nur an
einzelnen Lokalitäten gestattet, ihre Thätigkeit auf gewisse Gewerbe
beschränkt, sie hohen Steuern und einer lästigen Polizeiaufsicht
unterwirft: alles in der ausgesprochenen Absicht, die Eingebornen gegen
die Habsucht, Schlauheit, Gewissenlosigkeit der Chinesen zu schützen.
Trotz aller gesetzlichen Beschränkungen hat aber die Einwanderung der
Chinesen stetig zugenommen; in den Philippinen soll sie eine
beträchtliche Einnahmequelle derjenigen Beamten sein, von deren Ermessen
die Erlaubniss zum Verbleib im Lande abhängig ist. Jetzt scheinen beide
Regierungen zu einer freisinnigeren Politik übergehen zu wollen und es
ist daher zu erwarten, dass sich bald ein stets wachsender Strom von
Arbeitskräften aus China über die Inseln ergiessen und die grossen
Hülfsquellen erschliessen wird, die jetzt in den spanischen Kolonien
fast ganz schlummern und in den holländischen nur sehr unvollkommen
ausgebeutet werden. Für das chinesische Proletariat wird der Archipel
daher wohl bald eine noch grössere Bedeutung erhalten, als Amerika für
das europäische. Die Länder der einheimischen Fürsten kommen immer mehr
und mehr unter den Einfluss der europäischen Regierungen, wodurch die
Sicherheit für Person und Eigenthum zunimmt, deren Mangel bisher auch
ein grosses Hinderniss für die Ausbreitung der Chinesen war. Bis jetzt
werden noch viele im Gebiet malayischer Fürsten liegende Zinngruben von
Malacca aus betrieben.

In den englischen Niederlassungen der Meerenge ist die Einwanderung
der Chinesen immer begünstigt worden. Sie geniessen dort Ansehen und
Freiheit und Sicherheit gegen Erpressungen, wie wohl in keinem anderen
Lande der Welt. Dass aus dieser unbeschränkten Freiheit der Kolonie
ernste Gefahren erwachsen könnten, ist kaum zu befürchten, da in einem
solchen Falle sich Alles gegen die Chinesen verbinden würde.
Bedeutende Störungen haben sie freilich schon oft veranlasst; sie
bilden einen Staat im Staate; fast Alle gehören geheimen
Gesellschaften an, gegen deren Thätigkeit die Regierung nichts vermag.
In Bezug auf diese Gesellschaften sagt der Guvernör in seinem
amtlichen Berichte 1858-59: „Ein anderes grosses Hinderniss bei
Entdeckung schwerer Verbrechen sind die chinesischen Hoeys, oder
geheimen Gesellschaften.... Es ist kein Zweifel, dass diese
Gesellschaften sich dazu hergeben, den Gang der Gerechtigkeit zu
hemmen. Man nimmt allgemein an, dass sie den Ehrgeiz haben, alle
Kriminalfälle unter ihren Landsleuten vor ihr eigenes Tribunal zu
ziehen. In Civilsachen wird ihre Schlichtung von Streitigkeiten eher
günstig als anders aufgenommen, und nach ihrer Auffassung sind ihre
Ansprüche, Kriminalfälle zu entscheiden, ebenso wohl begründet. Dass
dergleichen Tribunale bestehen, unterliegt keinem Zweifel, und es ist
zu befürchten; dass, um dieselben aufrecht zu erhalten und zu
verhindern, dass man sich an unsere Gerichtshöfe wende, sowie auch, um
die Wirksamkeit der letzteren zu lähmen, die Chinesen kein Bedenken
tragen, zu den gewaltsamsten Maassregeln zu greifen. Mord und
Menschenraub sollen häufig vorkommen, um lästige Zeugen zu beseitigen,
vielleicht aber ist einige Uebertreibung in der angeblichen Häufigkeit
dieser Verbrechen.” Schliesslich zweifelt der Guvernör an der
Möglichkeit, diese Gesellschaften auf dem Wege des Gesetzes
auszurotten und glaubt, dass alle Verordnungen dagegen nur den Zweck
haben würden, die Gesellschaften noch vorsichtiger zu machen und ihren
Widerstand zu verstärken.

Ich führe aus den Artikeln der einen geheimen Gesellschaft zur Probe
zwei Paragraphen an (das Original-Dokument wurde von der Polizei in
Beschlag genommen und befindet sich gegenwärtig in der Berliner
Bibliothek): „§ 4. Vom Augenblick des Eintritts in die Brüderschaft
Hung müssen alle Brüder bei jeder Gelegenheit, wo die Brüderschaft
sich gegen die Regierung erhebt, und die Soldaten ihr Widerstand
entgegensetzen, nach ihren äussersten Kräften Hülfe leisten; sie
müssen sich bemühen, alle Gefangenen, die gemacht wurden, zu befreien,
und dürfen nichts thun, was ihrer Flucht hinderlich sein könnte. Mögen
Alle, die anders handeln, binnen eines Monats sterben, vom Blitz
getroffen, und ihre Gliedmaassen zerstreut werden.

§ 5. Vom Augenblick des Eintritts in die Brüderschaft Hung darf Keiner
gegen Bestechung Emissäre der Regierung führen, um andere Brüder
gefangen zu nehmen. Sollten Habsüchtige oder lasterhaft Gesinnte also
handeln, so mögen sie umkommen innerhalb eines Monats unter 10,000
Schwertern. Werden sie aber entdeckt, so sollen sie sicherlich von den
Brüdern erschlagen werden.”

Ausser diesen Hoeys, die von China übergesiedelt und zum Theil sehr alt
sind, werden auch fortwährend geheime Gesellschaften zu besonderen
Zwecken, namentlich zur Erhöhung der Löhne, gebildet. Ist einmal ein
Europäer von einer solchen Gesellschaft in die Acht erklärt, so kann er
keinen chinesischen Bedienten bekommen, kein Handwerker arbeitet mehr
für ihn. Zwischen den verschiedenen Gesellschaften bestehen alte Fehden,
die schon häufig zu blutigen Strassenkämpfen Veranlassung gaben,
namentlich im Jahre 1854; aber auch in der allerneuesten Zeit scheinen
dergleichen wieder in grösserem Massstabe stattgefunden zu haben, wie
aus einem interessanten Artikel der Overland Straits Times vom 21.
November 1863 hervorgeht: „Die unaufhörlichen Unruhen und Fehden der
Chinesen, die oft in Strassenkämpfe ausarten, haben ihren Ursprung in
dem gegenseitigen Hass der verschiedenen geheimen Gesellschaften, mehr
noch in dem Hass der verschiedenen Faktionen oder Clans, in welche die
Chinesen gespalten sind. Es scheint, dass die Chinesen weniger
Individualität besitzen, als irgend ein anderes Volk; sich, wie schwache
Thiere, erst in Heerden wohl fühlen, und von jeher das Bedürfniss
fühlten, sich auf diese Weise zu schaaren. In China aber bewegt sich
jede Heerde auf ihrem eigenen Gebiet, während hier Mitglieder der
verschiedensten Verbindungen nur ein gemeinschaftliches Gebiet haben und
daher häufig in Kollision kommen. In den holländischen Kolonien ist in
jedem District, wo über 100 Chinesen wohnen, einer der Angesehensten
von Amtswegen als Hauptmann angestellt, der mit anderen unter ihm
Stehenden, auch amtlich ernannten Gehülfen die chinesische Bevölkerung
in Ordnung zu halten hat und bis zu einem gewissen Grade für sie
verantwortlich ist.”

In neuester Zeit hat man sich in Singapore damit geholfen, die
vornehmsten Chinesen nach englischer Sitte zu Spezial-Konstablern zu
machen, eine Massregel, die den besten Erfolg gehabt hat. Man
beabsichtigt, künftig bei Unruhen die angesehensten Chinesen, welche
gewöhnlich die höchsten Aemter in den Gesellschaften bekleiden, nicht
eher als Konstabler zu entlassen, bis die Unruhen völlig gedämpft sind.

Bisher blieben diese Kämpfe lediglich auf die Chinesen selbst
beschränkt, natürlich nicht ohne grosse Störungen der öffentlichen
Ruhe. Erwägt man übrigens, dass die hiesige chinesische Bevölkerung
nur aus den untersten Klassen und zum Theil aus dem Auswurf der
südlichen Küstenprovinzen Chinas hervorgegangen ist, dass ihnen die
Frauen, und also die Mittel zur Begründung einer Familie, gänzlich
fehlen, dass auch nicht die Spur einer Polizeikontrolle besteht, so
kann man sich nur wundern, dass so selten ernstliche Unruhen
vorkommen. Der Grund liegt gewiss in der Leichtigkeit des Erwerbes und
in dem „Selfgovernment”, das sich unter so freien Institutionen, an
deren Erhaltung Alle ein gleiches Interesse haben, nothwendig
entwickeln muss.

Einige Chinesen haben sich grosse Reichthümer erworben und gehören zu
den geachtetsten Bürgern der Stadt; manche haben bedeutende Summen zu
öffentlichen Zwecken geschenkt. Einer der hervorragendsten unter ihnen
ist Tan-kim-tsching. Sein Haus in der Stadt ist ein so schönes Beispiel
chinesischer Bauart, dass eine kurze Beschreibung von Interesse sein
dürfte. Durch eine kunstvolle Thür in durchbrochener Arbeit tritt man in
die Vorhalle. An der rechten, wie an der linken Wand derselben steht
eine ununterbrochene Reihe geschnitzter Stühle und Tische, je zwei
Stühle und ein kleiner Tisch aus demselben Holz. Die Tische sind höher
und schmäler als die Stühle, haben aber dieselbe Tiefe, so dass die
ganze Reihe wie aus einem Guss erscheint. Durch diese Anordnung hat
jeder Gast zur Rechten oder Linken die Hälfte eines Tischchens zur
Verfügung, um den Arm aufzulegen oder seine Theetasse abzusetzen. Die
Einrichtung ist so hübsch und zweckmässig, dass sie Nachahmung verdient.
Da hier zu Lande ein harter, kühler Sitz angenehmer ist als ein warmes
Polster, so sind die Böden der Stühle gewöhnlich aus Holz oder
spanischem Rohr gefertigt. In diesem Hause aber bestehen sie aus
eigenthümlichen Steinplatten, einer Art Kalkstein, vom Ansehen des
Florentiner Ruinenmarmors,[17] dem aber die Kunst nachgeholfen, indem
sie durch gewisse Beizen an passenden Stellen Infiltrationen erzeugt
hat. Bei einigen Platten ist die von der Natur gelieferte Zeichnung sehr
geschickt benutzt und durch Hinzufügung einiger Striche und Drucke ein
ganz nettes Bildchen zu Stande gebracht worden, während man bei andern
Platten im Nachhelfen zu weit gegangen, so dass sich sogleich die Hand
des Menschen verräth. Diese Platten sollen aus Yünan und Szechuen
kommen, die Kunst, sie zu fertigen, ist aber jetzt verloren gegangen; so
erfuhr ich wenigstens später in Kanton auf vielfache Nachfrage.
Vielleicht steht ihre Wiedergeburt in Europa durch Anwendung der
Kuhlmannschen Entdeckungen bevor. Die Hinterwand der Vorhalle besteht
aus reich geschnitzter, durchbrochener Holzarbeit mit Perlmutter
eingelegt; sie wird durch zwei bis zur Decke reichende Pforten in drei
Theile getheilt. Dahinter befindet sich ein Zimmer in demselben Stil,
aber reicher dekorirt und möblirt: statt der Hinterwand ist nur eine
Reihe zierlicher Säulen, durch welche man in den mit Fliesen belegten
Hof tritt. Zu beiden Seiten desselben bildet ein vorspringendes Dach
einen gegen den Regen geschützten Gang. Am gegenüberliegenden Ende des
Hofes befindet sich die Wohnung der Frauen, Fremden nicht zugänglich. In
den vier Ecken des Hofes sind Regengossen aus gebranntem Thon
angebracht, grosse Bambusen in Form und Farbe täuschend darstellend. An
ihrem unteren Ende lehnen sich schön modellirte Nelumbium-Blätter und
Blüthen aus demselben Material gegen die Wände, und wurzeln scheinbar in
den grossen Kübeln, die das Regenwasser aufnehmen. Aus gebranntem Thon
bilden die Chinesen auch sehr schöne Reliefs, die sie mit den reichsten
Farben verzieren. Die Figuren sind zwar für unsern Geschmack zu barok,
aber ihre Nachbildungen von Pflanzen, Vögeln u. s. w. sind meisterhaft,
naturgetreu und mit vollendeter Technik ausgeführt. Sie werden zur
Verzierung der Wände, Thüren, Dächer und Giebel verwendet; auch der Hof,
dessen Wände einfach grau gestrichen und mit einer rothen Borte
eingefasst waren, enthielt eine Anzahl solcher Reliefs; ein ganzer Fries
davon lief unter dem Dach entlang.

Für Dekorationen und Kostüme zeigen die Chinesen viel Geschmack, ihre
Theatergewänder sind prachtvoll. Eine der schönsten Prozessionen, die
mir je vorgekommen, sah ich in Singapore bei Gelegenheit einer
Feierlichkeit, in welcher gewisse Götzenbilder aus einem Tempel in der
Stadt wieder nach einem Tempel vor der Stadt, ihrem gewöhnlichen
Aufenthalte, zurückgebracht wurden. Den Glanzpunkt bildeten die Kinder
reicher Eltern in Gewändern alter mythischer Helden, zum Theil zu
Pferde, von vielen Dienern begleitet. Noch reicher und origineller waren
einzelne Gruppen auf niedrigen Rollwagen, welche letztere aber durch die
Dekoration so geschickt verhüllt waren, dass man einen grossen,
künstlichen Felsen vor sich zu haben glaubte. Auf dem Felsen wuchsen
prachtvolle, phantastische Blumen, und in dem Kelche oder auf dem
äussersten Zweige sass, wie eine Elfe, ein ganz kleines, reich und
sonderbar gekleidetes Mädchen, mit einem Fächer oder einer Blume in der
Hand. Andere Felsen trugen Sträucher oder Rohr, über welchen ein Reiher
oder grosser Raubvogel schwebte, und auf dem Vogel ritt oder stand ein
ganz junger Knabe. Auf alten chinesischen Vasen sieht man wohl
dergleichen Figuren, die uns wegen ihrer Abenteuerlichkeit für eine
Verirrung der Phantasie des Malers gelten. Hier sah man alle diese
Bilder leibhaftig vor sich. Dass Drachen und Ungeheuer aller Art nicht
fehlten, versteht sich von selbst. Jede dieser Hauptgruppen war von
einem langen Zug von Kulis begleitet, die von den Reichen zu diesem
Zweck gemiethet und in schöne Livreen gesteckt werden. In den Händen
trugen sie Fahnen, Laternen, Sonnenschirme, meist von schwerer Seide,
mit reicher Stickerei, und an den Füssen Schuhe und Strümpfe, was einen
besonders feierlichen Eindruck machte, da sie sonst immer barfuss, oder
wenigstens ohne Strümpfe, gehen. Abends ging ich mit einem Freunde durch
das Chinesen-Viertel, das aber nicht illuminirt war, wie wir erwartet
hatten. In einem grossen Speicher, gedrängt voll von Zuschauern, wurde
ein Schattenspiel aufgeführt. Der Puppenspieler sang mit näselnder
Fistelstimme hinter dem aufgespannten Laken, auf welchem sich der
Schatten einer Chinesin lebhaft bewegte. Das Publikum bildete den Chor.
Die Bühne stellte ein Zimmer mit einem grossen Bett dar. Ein Anwesender
erklärte uns das Stück: Der alte Ehemann der Dame ist verreist, ihr
junger Freund, den sie von ganzem Herzen liebt, ist ins Haus
gedrungen.... Wir warteten das Ende des Stücks nicht ab, obgleich unser
Dolmetscher uns versicherte, das Beste käme noch.

Ein anderes Mal sah ich eine chinesische Leichenfeier. Vor dem Hause des
Verstorbenen stand ein gedeckter Tisch, auf welchem verzierte Gerichte
aufgestellt waren, daneben erklang rauschende Musik. Nachdem der Sarg
auf Böcke gestellt worden, führte man die Kinder des Verstorbenen
heraus, einen Knaben und zwei Mädchen. Sie waren in Sackleinen
gekleidet, ganz verhüllt; der Zopf war aufgelöst, zwischen dem losen
Haar hingen Baststreifen herunter. Nachdem die Mädchen eine Zeit lang am
Sarge geweint, gingen sie in das Haus zurück. Der Knabe legte sich mit
untergezogenen Beinen flach auf den Boden, wie ein Schwimmender, und
blieb so, mit dem Gesicht die Erde berührend, während der ganzen Dauer
der Feierlichkeit liegen. Ein Mann trat nun an den Tisch und opferte,
unter verstärkten Gongschlägen, dem Geist des Todten, indem er dabei
abwechselnd kniete und sich mit weit ausgestreckten Armen erhob. Der
Sarg war inzwischen mit einem bunten, seidenen Tuch bedeckt und mit
Blumen bestreut worden. Zum Schluss wurde den Göttern zu Ehren eine
grosse Menge Goldpapier verbrannt. Aber die verschmitzten Chinesen
machen sich kein Gewissen daraus, selbst ihre Götter zu betrügen; nur
das erste Päckchen, dessen Blätter mit Ostentation einzeln ins Feuer
geworfen wurden, bestand durchweg aus Goldpapier; bei den übrigen
Päckchen, die ungeöffnet verbrannt wurden, war nur das oberste Blättchen
vergoldet, das Uebrige gemeines Packpapier. Der Sarg wurde dann von
Kulis auf die Schultern genommen und nach dem Kirchhof getragen. Die
Musik schritt voran, neben dem Sarge gingen die Hausgenossen, es folgte
ein grosser Haufe gemeinen Volks. Die Chinesen halten sehr viel auf ihre
Gräber und legen dieselben oft schon bei Lebzeiten an, zuweilen mit
grossen Kosten. Der katholische Provikar erzählte mir, dass ein Chinese,
der zur Zeit, wo das Hasardspiel noch erlaubt war, als Spielpächter viel
Geld erworben, sich bei Lebzeiten einen kostbaren Sarg verfertigen und
ganz mit Dollars ausfüttern liess. Als vorsichtiger Mann hinterliess er
eine Stiftung zur Besoldung von vier Grabwächtern, aber bald nach seiner
Beerdigung kam eine Schaar Kulis, vertrieb die Wächter, warf den
Leichnam aus dem Sarge und theilte sich in die Beute. Die
Todtenverehrung ist für Viele die einzige religiöse Uebung; sie hängt
unmittelbar mit der grossen Ehrfurcht zusammen, welche die Kinder ihren
Eltern erweisen.

Das Familienleben, soweit man es zu sehen bekommt, d. h. das Verhältniss
zwischen Vater und Kindern, bildet einen der angenehmsten Züge im
Charakter dieses so selbstsüchtigen Volkes.

       *       *       *       *       *

Die Malayen, obwohl sie hier zu Hause sind, nehmen nur eine
untergeordnete Stellung ein. Unter den Armeniern, Persern, Arabern,
Juden und Vorderindiern sind viele grosse Kaufleute von beträchtlichem
Reichthum; die Malayen bleiben arm, sie haben weder Geschick zu
Gewerben noch zum Handel, und stehen hier an Fleiss, Ausdauer und
Umsicht den übrigen Asiaten nach. Ihnen haften mehr die ritterlichen
Tugenden und Untugenden an. Im Verhältniss zu den Andern sind sie stolz,
zurückhaltend, verschlossen, gleichgültig, ernst, fast traurig, bei
guter Behandlung aber anhänglicher, zuverlässiger, gegen Beleidigungen
empfindlicher. Im Verkehr unter einander sind sie sehr rücksichtsvoll,
sie gebrauchen keine Schimpfwörter; „orang tjelaki, Unglücklicher!”
vertritt deren Stelle. Sie lügen auch weniger als die Anderen. Während
die Handlungen des Chinesen nur durch Eigennutz, niemals durch Ehrgefühl
bestimmt zu werden scheinen, ist bei dem Malayen mit Geld oft nichts
auszurichten. Liegt er nach genossener Mahlzeit auf seiner Matte
hingestreckt, so ist es schwer, ihn durch Geldanerbietungen zum
Aufstehen zu bewegen.

Die Farbe der Malayen ist gelbbraun, bei den Vornehmen heller, bei
denen, die viel im Freien sind, dunkler. Ihr Kopfhaar ist schwarz,
schlicht, drähtig; sonst sind sie fast unbehaart. Sie sind klein,
wohlgebaut, haben zierliche Hände; ihr Gesicht ist breit, flach; die
kleine Nase hat breite Flügel, der Mund ist gross, die Lippen sind nicht
aufgeworfen, ragen aber fast so weit vor, als die Nase.

Die Malayen sind überwiegend eine seefahrende Nation; ein Theil
derselben, die Orang-laut, Seemenschen, auch Seezigeuner genannt, leben
auf Kähnen vom Einsammeln von Agar-agar, Trepang (essbare Holothurien),
Muscheln und Schildkröten, vom Fischfang, Tauschhandel und Raub; auch
die Angesessenen schlagen ihre Wohnsitze am liebsten an oder in
Flussmündungen auf. Zwei Vorstädte Singapores, Kampong-Malacca und
Rochor, jene von Malayen, diese von Bugis bewohnt, können als Beispiele
dienen. Die Häuser stehen auf Pfählen im Wasser oder am sumpfigen Ufer,
der Fussboden besteht aus Latten von Bambus oder Nibong (Caryota urens)
mit Zwischenräumen, durch welche aller Unrath entfernt wird. Die Wände
sind aus gespaltenen Bambusen, Matten oder Palmenblättern, die Dächer
aus Atap. Vor den Häusern läuft ein Steg hin, schwankend, elastisch,
voll Lücken. Bei Ebbe steht das ganze Dorf im Schlamm, die Kinder waten
darin herum, suchen Muscheln, Krabben und Würmer als Köder für die
Angeln und holen aus den Reusen die Fische, die bei der zurücktretenden
Fluth hineingeriethen. Während der Fluth steht Alles unter Wasser, dann
fahren kleine Kähne hin und her, einige kaum gross genug, um einen
kleinen Jungen zu tragen, der ganz nackt in der Spitze hockt und sich
mit den Händen fortplätschert, so dass er fast wie eine Seejungfer
aussieht. Alt und Jung angelt dann unter dem Sonnendach, vor der
Hausthür liegend.

[Illustration: ROCHOR SINGAPORE]

Die in Singapore ansässigen Malayen sind grösstentheils Bootsleute,
Fischer, Sammler von Muscheln, Korallen, Agar-agar und Waldprodukten.
Sie decken die Häuser mit Atap, flechten Körbe und Matten und verrichten
viele untergeordnete Geschäfte, auch als Gärtner werden sie von
Europäern den hiesigen Klings und Chinesen vorgezogen. Als Diener sind
sie fauler und weniger anstellig, aber treuer und bescheidener als jene.

Das wesentliche Kleidungsstück für beide Geschlechter ist der Sarong,
ein baumwollenes Tuch von der Grösse eines Plaid, aber etwas breiter,
dessen beide kürzere Ränder übereinandergelegt und zusammengenäht
werden, so dass eine Art Unterrock entsteht, der vorn in Falten
zusammengenommen und mittelst eines Knotens, seltener durch einen
Gürtel, um die Hüften befestigt wird. Die Männer tragen oft unter dem
Sarong, der dann höher aufgeschürzt ist, eine bis zur Wade reichende
Hose, fast immer ein Kopftuch und zuweilen eine Jacke. Die Frauen ziehen
über den bis an die Knöchel reichenden Sarong einen Kattunrock, der,
vorn offen, nur durch ein Paar Knöpfe zusammengehalten wird und bis ans
Knie reicht. Im Hause und auf dem Felde tragen beide Geschlechter nur
den Sarong; Nachts hüllen sie sich darin ein zum Schlafen; sie baden
sogar darin; nach dem Bade wird er gegen einen reinen vertauscht und
gewaschen; so legt selbst derjenige, der nur zwei Sarongs besitzt,
täglich frische Wäsche an.

In Singapore ist das Tragen von Waffen verboten, sonst aber sieht man
nie einen Malayen ohne Kris oder Waldmesser; die Waffe gehört zum Anzuge
und ist bei der Unsicherheit der Person in den Malayenländern wohl kaum
zu entbehren. Die Frauen gehen meist im blossen Kopf, sie haben üppiges,
schwarzes Haar, schön von Ansehen, aber hässlich anzufühlen, da es
drähtig ist und dick wie Pferdehaar. Die kleinen Kinder gehen meist ganz
nackt, doch tragen kleine Mädchen zuweilen ein silbernes Feigenblatt,
wie unsere Statuen. Zum Putz gehören bei den Frauen gestickte
Pantoffeln, goldene Haarnadeln, Ringe; zu dem der Männer Sandalen. Auf
längeren Wegen legen auch die Lastträger Sandalen von Büffelleder an,
sonst geht gewöhnlich Alles barfuss.

Einen der widerwärtigsten Eindrücke habe ich von einem Besuch bei dem
Sultan von Johore behalten. Er ist der Sohn des Tuanko-Long, der
Singapore an die Engländer abgetreten. Sein Palast, von seinem Vater
aufgeführt, ist ein grosses, steinernes Haus, von aussen ganz
stattlich, aber unbewohnt und in raschem Verfall begriffen. Der von
einer steinernen Mauer umgebene Hof ist wüst und schmutzig; auf einer
Seite desselben befand sich ein langes, niedriges, hölzernes Gebäude mit
weit vorspringendem Dach aus Palmenblättern, das dem Sultan und seinem
Hofstaat zur Wohnung dient. Nachdem ich ein Empfehlungsschreiben des
Guvernörs vorgezeigt, wurde ich vor einen verschlossenen Fensterladen
geführt, vor dem eine hölzerne Bank stand, auf der ich Platz nahm. Es
dauerte einige Zeit, bis der Laden geöffnet wurde; nun erblickte ich den
Sultan, einen noch jungen, sehr fetten Mann. Auf dem Kopf trug er eine
schmutzige Mütze, um den Unterleib ein Tuch, sonst war er völlig nackt.
Er schien eben aus dem Schlaf zu erwachen und lag auf einer Matte. Auf
drei Seiten seines Stalles hingen schmutzige Kattun-Gardinen, um ihn
kauerten einige gräuliche, alte Weiber. Er brauchte fast eine
Viertelstunde, um die wenigen Zeilen des Briefes zu lesen. Dann stierte
er mich mit idiotischem Lächeln an, gähnte und rollte sich auf ein
Kissen. Essen, Schlafen und Opiumrauchen sollen seine einzigen
Beschäftigungen sein. Der ganze Auftritt erinnerte an die
Schaustellungen von fetten Schweinen oder Riesinnen auf Jahrmärkten. In
Folge der gänzlichen Unfähigkeit des Sultans übertrugen die Engländer
willkürlich die Souveränität von Johor auf den Tumongong, einen sehr
fähigen Malayen, der durch den Rath von Europäern geleitet, eine
geordnete Verwaltung dort eingeführt hat und bedeutende Einkünfte
bezieht.

Die allgemeine Verkehrssprache hier sowohl, als in allen Küstenstädten
des Archipels, ist die malayische, die sich zu dem Zweck sehr eignet
durch leichte Aussprache, einfache Satzbildung, grosse Wortarmuth und
Unveränderlichkeit der Wörter. Die Sprache ist wohlklingender als alle
europäischen Sprachen, italienisch nicht ausgenommen, die Satzbildung
erinnert an die Sprache der Kinder; es giebt weder Deklinationen, noch
Konjugationen, die Wörter erfahren gar keine Beugung durch Veränderung
ihres Stammes oder durch Affixe. Während in unsern Sprachen die
Partikeln meist zu einsilbigen Wörtern oder zu blossen Buchstaben
eingeschrumpft sind, an denen die ursprüngliche Bedeutung längst nicht
mehr erkennbar ist, werden im Malayischen fast immer noch die Stämme
unverkürzt als Formwörter gebraucht. Max Müller (Science of lang. 279)
vergleicht den Unterschied zwischen den arischen Sprachen, welchen fast
alle in Europa gesprochenen angehören, und den turanischen, zu denen das
Malayische gezählt werden muss, mit dem zwischen einer guten und einer
schlechten Mosaik. Die arischen Wörter scheinen aus einem Guss, die
turanischen zeigen deutlich die Stellen, wo sie zusammengesetzt sind. Er
hebt hervor, weshalb die turanischen Sprachen auf dieser Stufe der
Entwickelung stehen geblieben: sie werden nämlich fast nur von Nomaden
gesprochen, die keine Literatur besitzen, wenig Verkehr mit einander
treiben, und so war es durchaus nothwendig, dass die Stammwörter ihr
deutliches Gepräge behielten und nicht durch phonetische Korruption
unkenntlich wurden.

Oft kommt im Malayischen dasselbe Wort unverändert als Hauptwort,
Zeitwort oder Formwort vor, aber auch da, wo die Sprache für das
Wurzelwort eine Vor- oder Nachsilbe verlangt, entzieht sich das hiesige
Publikum dieser geringen Mühe und braucht den Stamm meist unverändert in
den verschiedenen Redetheilen, wie es im Chinesischen geschieht. Diese
Neuerung muss wohl der überwiegend chinesischen Bevölkerung
zugeschrieben werden. Unter solchen Umständen sind geschlossene
Konstruktionen und schwierige Perioden gar nicht möglich. Man zerlegt,
was man zu sagen hat, in ganz kurze Sätze und darf sich häufige
Wiederholungen nicht verdriessen lassen. Während in unseren Sprachen
nicht nur für jeden spezifischen Begriff, sondern auch für die
Schattirungen desselben besondere Wörter vorhanden sind, hat die
malayische Sprache oft für eine ganze Gattung von Begriffen nur ein
Wort. So gering der malayische Wortschatz an und für sich aber auch ist,
so kursirt doch nur ein Bruchtheil desselben als Verkehrsmünze in
Singapore. Und wie wenig besitzen die Meisten selbst von dieser! Es ist
wunderbar, wie geringe sprachliche Mittel den Bedürfnissen eines so
grossartigen Handels genügen. Einige Beispiele für das Gesagte dürften
nicht ohne Interesse sein.

_Suda_: schon oder, _abis_: fertig, vollendet, drückt das Präteritum,
_nanti_: warten, oder _mau_: wollen, das Futurum aus, _di_ bezeichnet
das Passivum, z.B. _makan_: essen, _di makan_: gefressen werden; _tuwan
suda makan_: der Herr hat gegessen, _tuwan nanti makan_: der Herr wird
essen; _suda_: geschehen! antwortet der Bediente, wenn man ihm etwas
befiehlt; _suda!_ schreit auch der kleine Junge, wenn er Schläge
bekommt, und wünscht, dass die Gegenwart zur Vergangenheit werde; _makan
nassi_: Reis essen, überhaupt zu Mittag essen; _api makan ruma_: das
Feuer verzehrt das Haus; _angin makan layer_: der Wind bläht die Segel;
_piso makan kayu_: das Messer schneidet Holz; _saratu makan lima_: 100
frisst 5, d. h. 5% Zinsen; so frisst das Löschpapier Dinte, der Bediente
Lohn, der Kummer das Herz, und schliesslich _orang-puti makan angin_:
weisse Männer fressen Wind, d. h. gehen spazieren (den Malayen war
dieser Gebrauch so neu, dass sie erst einen Ausdruck dafür erfinden
mussten).

Unter den aus zwei Wörtern zusammengesetzten Begriffen kommen einige
hübsche Verbindungen vor: _mata_: Auge, _ayer_: Wasser, _mata-ayer_:
Brunnen, _ayer-mata_: Thräne, _mata-hari_: Sonne (das Auge des Tages),
_hidop_: leben, _mata-hari-hidop_: Osten, Sonnenaufgang; _mati_: todt,
_mata-hari-mati_: Westen, Sonnenuntergang, auch _mata-hari-djato_: das
Auge des Tages gefallen, versunken; _djalan_: gehen, Weg, Reise;
_mata-djalan_: Vortrab, Späher; _mata-kaki_: der Fussknöchel;
_mata-mata_ (Augen, Augen): der Spion, der Aufseher, der Polizist;
_besi_: Eisen, _brani_: tapfer, unternehmend, _besi-brani_: der Magnet;
_anak_: Kind, _anak-kontji_: Schlosseskind, Schlüssel; _anak-ayer_:
Bach, _anak-dayong_ (Ruder-Kind): der Ruderer; _anak-prau_: Schiffer;
_anak-duit_ (duit kommt vom holländischen deut und heisst Geld): Kind des
Geldes, Rente; _anak-songej_ (Fluss-Kind): Flussarm und viele Andere.
So sagt man Kuhkind für Kalb, Mannkind für Knabe, Fraukind für Mädchen,
Schweinekind für Ferkel, und im Kirchenstyl _anak-kambing-wolanda_:
Kind einer holländischen Ziege für Lamm Gottes; _bunga_: Blüthe,
_duit_: Geld, _tana_: Erde, und daraus _bunga-duit_: Zinsen,
_bunga-tana_: Landrente; _obad_: Medizin, _bedil_: Flinte,
_obad-bedil_: Schiesspulver; _isi_: Inhalt, _isi-negri_: die
Bevölkerung einer Stadt, _isi-prut_ (Bauch): die Eingeweide;
_bedil trada_ (nicht) _isi_: die Flinte ist nicht geladen.




Fünftes Kapitel.

    Fischen mit Toba. -- Tiger. -- Termiten. -- Pfeffer. -- Gambir. --
    Sago.


Da von der Stadt aus nach mehreren Richtungen Fahrwege ausgehen, Wagen
in Fülle vorhanden, und schnelle Sampans für Spazierfahrten immer bereit
stehen, kann man zu jeder Zeit angenehme Excursionen machen. Sehr
interessant und für den Sammler ergiebig ist eine Fahrt nach Pulo brani,
einer kleinen bei New harbour, N-O. von Blakang-mati belegenen Insel, wo
ein bei niedriger Ebbe fast trockenes Korallenriff eine reiche Ernte von
Korallen, Seeigeln, Ophiuren, Muscheln und Krebsen liefert. Unter jedem
Block, den man aufhebt, ist Leben. In jedem Tümpel haben Actinien und
verwandte Polypen ihre blumengleichen Tentakel entfaltet; in den
grösseren Becken schwimmen Schwärme kleiner einen oder ein paar Zoll
langer Fische, die in so prächtigen, intensiven, metallisch glänzenden
Farben prangen, dass man sie die Kolibris des Meeres nennen könnte. Ich
hatte oft mit einem Freunde versucht, die behenden Thierchen zu fangen,
immer vergeblich, bis wir uns endlich entschlossen, es mit Toba zu
versuchen. -- Toba oder Tuba (Dalbergia sp. div.) ist ein im Jungle
häufiger kletternder Strauch mit rothen Schmetterlingsblüthen. Wir
hatten für unsern Versuch auf dem Riff einen ziemlich kreisrunden Raum
von etwa 100 Fuss Durchmesser gewählt, der durch Zurücktreten des
Wassers bei der Ebbe ein fast abgeschlossenes Becken, etwa 1/2 Fuss
tief, bildete. Wurzel und Holz der Toba wurde zwischen Steinen zerklopft
und an verschiedenen Stellen ins Wasser geworfen. Nach wenigen Minuten
schwammen die Fische betäubt an der Oberfläche und liessen sich mit der
Hand greifen; nach 1/4 Stunde krochen Aale und andre in Löchern
verborgene Thiere hervor, nach 1/2 Stunde lagen fast alle todt auf dem
Rücken. Die Wirkung des Gifts erstreckte sich weit über unser
Wasserbecken hinaus. Ringsum waren Malayen beschäftigt, die betäubten
Fische mit der Hand zu greifen.

[Illustration: BEI NEW HARBOUR. SINGAPORE.]

Blakang-mati ist von Fiebern heimgesucht. Dr. Little schreibt sie, wohl
ohne genügenden Grund, der Nähe der Korallenbank zu. Eine Bugisfamilie,
die wir besuchten, schien sehr daran zu leiden. In ihrem praktischen,
aus Erfahrungen hervorgegangenen Aberglauben meinen sie, dass ein böser
Geist, der in den hohen Bäumen wohnt, sie hervorbringe. Daher wollten
sie diese Bäume, die ihre Hütten umgeben und feucht und ungesund machen,
umhauen.

Eine andere hübsche Excursion war nach dem 519' hohen sogenannten
Zinnberg (bukit-tima), dem höchsten Punkt der Insel. Man kann bis an
seinen Fuss im Wagen fahren, und wenn der Pony Lust hätte, bis auf den
Gipfel, auf welchem einige hohe Damar-Bäume stehen, aus deren Stamm das
geschätzte Harz reichlich ausquillt. Nach Versicherung eines
französischen Missionärs sind an seinem Fuss Spuren von Zinn und auch
von Gold gefunden worden, aber in zu geringer Menge, um zur Ausbeutung
anzuregen.

Eine kleine Abtheilung Sträflinge war hier beschäftigt, Tigerfallen
anzulegen und die Strasse von der seitlich eindringenden Vegetation zu
säubern, ein Geschäft, das oftmals wiederholt werden muss, da der Wald
sonst bald den ihm abgenommenen Boden wieder besetzt. Von der
Dichtigkeit und Undurchdringlichkeit einer solchen Waldung geben die
unsrigen keine Vorstellung. Zwischen den Hochstämmen, die sich meist
astlos bis an das 60-80' hohe Laubdach erheben, zieht sich nach allen
Richtungen ein so dichtes Gewirr von Unterholz, Schling- und
Kletterpflanzen, dass es unmöglich ist, ohne Waldmesser einzudringen.
Das grösste Hinderniss bilden die Calamusarten, Palmen, deren lange,
dünne Stämme dicht mit Stacheln besetzt sind. Die Blätter, und
namentlich deren peitschenförmig verlängerte Mittelrippe, tragen an der
unteren Seite scharfe Widerhaken, vermittelst welcher sie sich überall
festhängen, wo sie Halt finden, und so dem Stamm, der viel zu dünn und
elastisch ist, um sich selbst zu tragen, die nöthige Stütze verschaffen.
Einige Arten sollen über 1000 Fuss lang werden, nach Rumphius sogar bis
1800 Fuss;[18] sie ziehen sich wie Stricke nach allen Richtungen quer
durch den Wald; auch werden sie ja, nachdem die Blätter und Stacheln
entfernt sind, als Taue, und gespalten als Stricke, benutzt. Zu diesen
kletternden Palmen gehört auch unser spanisches Rohr oder Stuhlrohr
(Rotang der Malayen), es ist auf allen Inseln des Archipels sehr häufig
und für manche ein wichtiger Ausfuhrartikel.

Aber auch wo eine kleine Lichtung oder ein schmaler Pfad erlaubt hätte,
den Weg zu verlassen und tiefer in den Wald zu dringen, wurde ich durch
die Sträflinge daran verhindert, weil überall an solchen Stellen
Tigerfallen angelegt sind, tiefe Gruben mit Reisig und Erde so geschickt
bedeckt, dass sie selbst den vorsichtigen Tiger zuweilen täuschen. (Am
Tage vor meinem ersten Besuch waren in einer solchen Grube zwei Tiger
lebend gefangen worden.) In den Boden derselben sind häufig spitze
Pfähle eingerammt. Daher sind die Excursionen in diesem Walde, wenn man
vom Wege abweicht, sowohl durch die Tiger selbst, als auch durch die
Fallen in hohem Grade gefährlich. Meine Begleiter schienen allerdings
nur die letzte Gefahr im Auge zu haben. An einen Ueberfall von Tigern
dachten sie gar nicht, obgleich an mehreren Stellen frische Spuren zu
sehen waren.

Die Tiger spielen in Singapore eine grosse Rolle. Nach dem Urtheil der
ältesten Residenten und der am besten darüber unterrichteten Beamten
werden auf dieser kleinen Insel, die nur ein Drittel grösser ist als die
Insel Wight, jährlich 350-400 Menschen von Tigern zerrissen,[19] und
dennoch fürchtet sich Niemand vor ihnen, die Chinesen auf den
Gambirpflanzungen ausgenommen, die ausschliesslich als Opfer fallen. Ich
werde später darauf zurückkommen. Alle Versuche, das Thier auszurotten,
werden wohl fruchtlos bleiben, so lange nicht die ganze Insel von
Strassen durchschnitten und gleichmässiger bewohnt ist. Für jedes
gefangene oder getödtete Thier zahlt die Regierung 50 Dollars,[20]
ebensoviel fügt ein Verein von Privaten hinzu, der die Insel gern von
dieser Geissel befreien möchte. Aber trotz der hohen Prämie, und
obgleich ein Theil der Sträflinge zum Anlegen von Fallen verwendet wird,
scheint die Zahl der Tiger doch eher zu- als abzunehmen. Es unterliegt
keinem Zweifel, dass sie über die Meerenge schwimmen,[21] angelockt
durch die bequeme, reichliche Beute. Denn während der ersten Jahre,
nachdem die Engländer die Insel in Besitz genommen, befand sich kein
Tiger auf derselben. In einem kleinen Aufsatz des damaligen Guvernörs
John Crawfurd über den Ackerbau von Singapore, 1824, heisst es: „der
Tiger und Elephant, die für den Ackerbau in Sumatra und auf der
malayischen Halbinsel so verderblich sind, kommen in Singapore nicht
vor.”

Es ist interessant, die wirklich vorhandene Gefahr mit der gänzlichen
Verachtung derselben zu vergleichen, wie sie hier ganz allgemein
verbreitet ist. Was für eine wilde Flucht würde in Europa unter den
Spaziergängern stattfinden, wenn plötzlich in einem zoologischen Garten
die Tiger aus ihren Käfigen ausbrächen, wie Wenige würden sich wohl in
den Garten wagen, bevor die Thiere wieder eingefangen! Hier fahren aber
die Damen mit ihren Kindern ohne allen Schutz und ohne alle Furcht in
kleinen, offenen Ponywagen noch vor Tagesanbruch und nach der Dämmerung
spazieren, während zu beiden Seiten der dichte Wald, in dem notorisch
Tiger vorhanden sind, hart an die Strasse tritt. So fest ist die
Ueberzeugung von der Feigheit und Menschenfurcht dieser Thiere
eingewurzelt! Frisch angekommene Fremde sind die einzigen, die, wenn sie
von ihrer ersten Excursion heimkehren, mitunter „nicht ganz sicher sind,
aber kaum zweifeln, dass sie im Dickicht ein Paar grosse Augen sahen,
wahrscheinlich von einem Tiger,” sie werden aber regelmässig dafür
ausgelacht, weil Jedermann überzeugt ist, dass es nur ein Phantasiebild
war.

Mehr als die Tiger fürchtet man die Termiten, _rajap_ oder _ani-ani_,
auch _semut puti_, weisse Ameisen genannt, obgleich sie den Menschen
unmittelbar höchstens dann etwas belästigen, wenn die zur Paarungszeit
geflügelten Männchen und Weibchen in dichten Schaaren, Wasserhosen
vergleichbar, aus der Erde emporsteigen, in die Zimmer fliegen, nach
kurzem Herumflattern ihre Flügel verlieren und sammt diesen zu Boden
fallen. Sie kommen in solcher Menge und erscheinen gegen einen dunklen
Hintergrund so weiss, dass ihre Schwärme an die grossflockigen
Schneewetter warmer Wintertage erinnern. Nach dem Verlust ihrer Flügel
laufen sie zwar nicht unbehende, jedoch nicht schnell genug, um sich
ihren zahlreichen Feinden zu entziehen, denn Menschen (Eingeborene) und
Thiere betrachten sie als grossen Leckerbissen. Wahrscheinlich geht nach
diesem kurzen Ausflug der ganze Schwarm mit Ausnahme einiger
befruchteten Weibchen zu Grunde, die als Stammmütter einer neuen Kolonie
erzogen werden. Die Männchen kommen wohl alle um, da sie sich nicht
selbst erhalten können und für ihre Erhaltung durch die andern kein
Grund vorhanden ist; denn ein einmal befruchtetes Weibchen legt viele
Millionen Eier[22] (Berlepsch schätzt die Anzahl Eier, die eine
Bienenkönigin legen kann, auf 1-1/2 Millionen und Dr. Gerstaecker
schliesst aus der Vergleichung der Ovarien, dass ein Termitenweibchen
wenigstens 2 bis 3 mal so viel Eier legen könne). Sehr viel zahlreicher,
als die erwähnten, sind die geschlechtslosen Termiten, die Arbeiter, die
nie Flügel erhalten, sondern ihr ganzes Leben in einer Art von
Larvenzustand verbleiben. Sie wissen sich so geschickt vor dem Menschen
zu verbergen, dass sie ihm fast nie zu Gesicht kommen, wenn sie auch in
seiner unmittelbaren Nähe beschäftigt sind, ihm Haus und Habe zu
zerstören. In unterirdischen Gängen nähern sie sich den Häusern, führen
dann aus an einandergereihten Erdkügelchen einen bedeckten Gang in die
Höhe, der schnell verhärtet, da ihr Speichel wie Mörtel wirkt. Von
diesem aus schreiten sie ungesehen in ununterbrochenen Zügen zum
Angriff. Die fast fingerdicken Gänge sind leicht zu erkennen und zu
beseitigen, werden aber gewöhnlich sehr geschickt an den dunkelsten
Stellen des Hauses, in verborgenen Winkeln angelegt. Die Termiten
vernichten alles Holzwerk, Teak und Kampferholz ausgenommen; eine Kiste
von weichem Holz, von der Art, in welcher Flaschenweine Dutzendweis nach
den Kolonien gesandt werden, kann in einer Nacht gänzlich zerstört
werden, wenn sie im Freien unmittelbar auf dem feuchten Boden steht.
Metall greifen sie nicht an; in früheren Zeiten, wo man in entfernten
Kolonien nicht immer über gewissenhafte Beamte verfügen konnte, sollen
sie zwar oft das in den Regierungskassen vorhandene Geld ohne Rückstand
verzehrt haben. In den Häusern zerstören sie alle Möbel und Vorräthe,
doch gehen sie nicht in Baumwolle und fürchten sich vor Reishülsen,
deren scharfe Spitzen ihren weichen, nackten Körper wohl empfindlich
verletzen würden. In allen Speichern werden deshalb fusshoch Reishülsen
auf den Boden ausgeschüttet, bevor man Kaufmannsgüter darauf lagert, die
Pfosten aller Betten, Schränke und schweren Möbel stehen in
gusseisernen, mit Wasser oder Oel gefüllten flachen Schalen, zugleich
zum Schutz gegen Ameisen, die zwar nicht das Holz, aber die Vorräthe
fressen.

In dem Landhause eines Freundes hatten die Termiten einige mit Oelfarbe
gestrichene hölzerne Pfeiler, die das Gebäude trugen, fast aufgezehrt,
jedoch ohne die äussere Farbenschicht zu verletzen, so dass von dem
angerichteten Schaden nichts bemerkt wurde, bis jemand, der mit seinem
Stock gegen einen Pfeiler stossen wollte, diesen durchstiess. Durch die
grosse Gefahr veranlasst, wandte man sich an einen Malayen, dessen
Gewerbe das Aufsuchen und Vertreiben der Termiten war. Nach längerem,
sorgfältigem Suchen bezeichnete er eine Stelle im feuchten Rasen, etwa
30 Schritt vom Hause entfernt als diejenige, unter welcher man das Nest
finden würde. Für uns war nur eine kleine, kaum merkliche Erhöhung, auf
welcher bei genauer Untersuchung einige kleine Larven erkannt wurden,
wahrnehmbar; denn ungleich den meisten Arten, deren Baue oft mehrere
Fuss hoch über die Erde ragen, baut die fragliche Art, die Hagen als T.
gilvus beschrieben hat, unterirdisch, anscheinend ohne irgend welche
Anzeichen an der Erdoberfläche, die auf das Vorhandensein des Nestes
schliessen lassen. Der Boden, ein sandiger Lehm, wurde in einigen Zollen
unter der Oberfläche fester und zeigte Spuren von Struktur; in etwa 1
Fuss Tiefe stiessen wir auf sehr unregelmässige, wabenartige, festere
Erdmassen, bestehend aus vielfach gewundenen, einen Zoll hohen, eine
Linie dicken Wänden von oolithartigem Gefüge. Die einige Linien weiten
Zwischenräume, labyrinthische Gänge, sassen dicht voll kleiner,
geschlechtsloser Termiten (Arbeiter). Die nach oben ziemlich lockeren
Zwischenwände wurden nach unten zu fester. Unterhalb der eben
beschriebenen Erdmassen mit aufrechten Wänden, die aber in ihrem
unregelmässigen Aussehen mehr an Maeandrinen (Korallen) als an Waben
erinnerten, lagen dünne, festere, flach gewölbte Erdkrusten von
ähnlicher oolithischer Struktur, lose neben und über einander, oft an
den Rändern einander überragend, anscheinend konzentrisch um einen Kern
geordnet, durch mehrere Linien hohe fast horizontal verlaufende
Zwischenräume getrennt, die ebenfalls voll Termiten steckten. Sie waren
radial von engen, runden Quergängen durchbohrt, deren Mündungen von den
sogenannten Soldaten mit dem von Reisenden oft geschilderten Heldenmuthe
vertheidigt werden. Die Soldaten, die bei allen Termiten vorkommen, sind
geschlechtslos, arbeiten nicht; ihnen liegt der Schutz des Staates gegen
äussere Feinde und nach den Berichten mancher Reisenden auch die Polizei
ob, indem sie die Arbeiter zur Arbeit antreiben. Sie tragen am Kopfe
ausserordentlich starke, scharfe, zangenartige Kiefern, schnellen,
sobald ihnen die Hand unvorsichtig nahe gebracht wird, voll Wuth aus
ihrer Höhle und können, wie ich aus eigener Erfahrung weiss, mit einem
Biss die gefaltete Cutis am Gelenk des gebogenen Zeigefingers
durchschneiden, so dass die Wunde blutet. Der Kern des ganzen Baues
bestand aus der Wohnkammer der Königin und hatte die Form eines Stückes
Toilettenseife ohne Ecken, jedoch mit dem Unterschiede, dass sie bei
etwa gleicher Dicke fast doppelt so lang und breit war. Sie bestand aus
einer sehr festen Lehmmasse ohne wahrnehmbares Gefüge, von einem
kleinen, trichterförmigen Loche durchbohrt, dem einzigen Zugang. Als ich
die Kammer aufschnitt, zeigte sich im Innern ein hohler Raum, der, weil
die Wände gleich dick waren, der äusseren Form genau entsprach. Er
enthielt die Königin, ein garstiges, fingerdickes, fast zwei Zoll
langes, walzenförmiges Thier, das den inneren Raum zum grossen Theil
ausfüllte und von einer Anzahl kleiner Termiten umgeben war,
wahrscheinlich ihrer Dienerschaft, denn sie ist unbeholfen bis zur
Hülflosigkeit, eine wurstartig aufgeschwollene Masse, voll Eierstöcke.
Der Name einer Königin ist ihr in Folge eines nicht stichhaltigen
Vergleiches mit der Bienenkönigin gegeben worden, denn sie ist eher eine
Gefangene, als eine Gebieterin. Ihre Zelle kann sie nie verlassen, sie
ist völlig wehrlos, so dass sie sich keine Nebenbuhlerin abwehren kann;
oft trifft man daher in ein und demselben Bau mehrere Königinnen in
verschiedenen Entwickelungsstufen an. Unter dem Bau der Königin war die
Erde sehr lose; verschiedene Gänge führten von dort aus nach mehreren
kleinen Nestern, die keine Königin, wenigstens keinen Königsbau
besassen, sondern nur aus den oben erwähnten wabenartigen Massen
bestanden; es waren wohl neu angelegte, bisher nur vom Mutterstaat aus
bevölkerte Kolonien. In der Absicht, sie härter zu machen, wurden einige
Stücke des Baues der Sonne ausgesetzt. Die Gänge waren dicht mit
Termiten, Arbeitern und Soldaten, angefüllt. Bald stellten sich einige
kleine, schwarze Ameisen ein, rekognoszirten, kehrten um, und nach nicht
ganz 10 Minuten erschienen lange Züge derselben Art, die im Verlauf
einiger Stunden sämmtliche Termiten, obgleich sie doppelt so gross waren
als die Ameisen, aus ihren Schlupfwinkeln holten und davon schleppten.
Es war erstaunlich, zu sehen, wie diese kleinen Thierchen die ungleich
grösseren packten und sie davon trugen. Selbst die Soldaten wurden auf
diese Weise fortgeschleppt, wobei allerdings einige der Kleinen das
Leben liessen, denn wenn sie einem Soldaten unvorsichtig nahten, schnitt
er sie mit seiner scharfen Zange mitten durch; während sie noch zuckte,
kam ein andres Thierchen desselben Stammes und rettete den Leichnam.

Smeathman, dem man die erste ausführliche Schilderung der Termiten
verdankt, giebt an, dass eine alte Königin die Grösse von 20,000 bis
30,000 Arbeiterinnen erreichen könne! was aber eine Uebertreibung zu
sein scheint. Bei Wägungen an Spiritusexemplaren, die ich mit Dr.
Gerstaecker vornahm, ergab sich für eine Termitenkönigin von T.
bellicosus (der Spezies, auf die sich Smeathman's Mittheilungen
beziehen), dem grössten Exemplare der Berliner Sammlung, 16,135 Gramm,
für ein junges, befruchtetes, aber nicht weiter entwickeltes Weibchen
0,490, also 1/33 des obigen Gewichts (ein Arbeiter von dieser Species
war nicht vorhanden). Die Termitenkönigin T. gilvus (Hagen) von
Singapore wog 5,200 Gramm, ein junges, befruchtetes Weibchen (das aber
exenterirt war) 0,068 Gr., ein Arbeiter 0,005 Gr., also etwas weniger
als das Tausendfache der verhältnissmässig grossen Königin.

Die Termiten sind in mehreren Gattungen und vielen Arten über alle
wärmeren Erdtheile verbreitet, aber nicht überall gleich zahlreich oder
schädlich. In Rochefort sind sie seit 1797 amtlich bekannt und richten
dort fortdauernd grosse Zerstörungen an. Wahrscheinlich durch Hölzer von
San Domingo eingeschleppt, verbreiteten sie sich allmälig über viele
Städte und Ortschaften der Charente inférieure, so dass sie dort zu
einer sehr ernsten Plage geworden sind und den Wohlstand des ganzen
Departements bedrohen, indem sie Gebäude, Dächer, Korn und Mehlvorräthe,
Bibliotheken, Pflanzungen u. s. w. zerstören; alle vorgeschlagenen
Schutzmittel erwiesen sich bisher erfolglos.

Eines Tages besuchte ich eine Pfeffer- und Gambir- Pflanzung, die ganz
in der Nähe von Bukit-tima lag. Ich stieg bei einem französischen
Missionär ab, der mich überallhin begleitete und mir das Chinesische der
Pflanzer verdolmetschte. Es war ein Mann, wie ich deren später noch
öfter unter den katholischen Missionären getroffen habe, der Allem
entsagt hatte, um sich seinem selbstgewählten Berufe zu opfern. Ein
kleines Vermögen, das ihm durch Erbschaft zugefallen, hatte er dazu
verwendet, eine Kirche zu bauen, für sich selbst behielt er nichts
zurück und lebte, obgleich kränklich und alt, in grosser Dürftigkeit von
dem elenden Gehalt, das für alle diese würdigen Männer ohne Unterschied
monatlich 10 Dollars beträgt. Ich besah die Pflanzung und die Fabrik in
allen Einzelnheiten, doch waren die Angaben der Chinesen so ungenau, zum
Theil durch die Schuld des Dolmetschers, der die einfachsten technischen
Fragen nicht richtig zu verstehen schien, so widersprechend, dass ich
zur Ergänzung des selbst Gesehenen vorziehe, das Uebrige einigen
gediegenen Aufsätzen zu entlehnen.

Der Pfeffer wird hier immer zusammen mit dem Gambir gebaut. Die
ausgekochten Blätter der letzteren Pflanze dienen zur Düngung der
ersteren. Auf je 10 Acres Gambir rechnet man gewöhnlich einen Acre
Pfeffer. Der Pfeffer wächst sehr leicht und scheint nur sehr geringe
Pflege zu erfordern. Mit besonderer Sorgfalt wird er jedenfalls nicht
behandelt. Nicht einmal schattengebende Bäume, die man in anderen
Ländern für das Gedeihen der Pfefferrebe nothwendig erachtet, werden ihm
gewährt. Die Hauptsorge ist die Vertilgung des Unkrauts und die
Entfernung der seitlichen Ausläufer. Er wächst, der grellsten Sonne
ausgesetzt, an Pfählen aus gespaltenen Waldbäumen, die er, wie Epheu
kletternd, mit seinen dunkelgrünen herzförmigen Blättern dicht
bekleidet. Aus dem Laube hängen in grosser Fülle die langen schmalen
Trauben hervor, mit grünen Beeren, die bei völliger Reife scharlachroth
werden. Der Anblick der Pflanzen ist sehr schön. Die Vermehrung der
Reben geschieht durch Stecklinge, nach 4 bis 5 Jahren giebt sie schon
einen geringen Ertrag, der bis zum 7ten oder 8ten Jahr zunimmt. Wenige
Jahre, nachdem er sein Maximum erreicht, vermindert sich der Ertrag fast
ebenso allmälig, als er zunahm, so dass in einer wohlgeordneten
Pflanzung alle Jahre eine Anzahl junger Pflanzen gezogen werden müssen,
die der Reihe nach an die Stelle der abgestorbenen treten. Die Rebe
trägt gleichzeitig Blüthen und Früchte. Vier Monate nach Entfaltung der
ersteren sind die Beeren zum Pflücken reif, sie sind dann grün mit einem
Stich ins Rothe und werden in flachen Körben aus Bambussplinten über
Rauchfeuer getrocknet, wobei sie schwarz werden und einschrumpfen. Das
Aroma wird grösstentheils durch Lokalität und Boden bedingt, wie beim
Wein. Uebrigens aber geben die schwersten, vollsten, am wenigsten
runzligen Körner das beste Gewürz. Lässt man die Beeren völlig reif
werden, so löst sich die äussere scharlachrothe Hülle durch Mazeration
in Wasser ab; der zurückbleibende Kern bildet den weissen Pfeffer des
Handels, der theurer als der schwarze ist, weil bei dieser
Zubereitungsart immer eine grosse Menge durch Abfallen der völlig reifen
Beeren verloren geht. Von allen Gewürzen ist Pfeffer das verbreitetste
und wohl das einzige, dessen Verbrauch auch jetzt noch immer zunimmt,
während alle übrigen immer mehr aus der Mode kommen. Zur Zeit der
Entdeckung des Seewegs nach Indien und lange nachher, bevor Zucker,
Kaffee, Thee, Indigo und die Produkte der indischen Wälder in Europa
bekannt waren, bildete Pfeffer den Hauptartikel des indischen Handels
und war Gegenstand der heftigsten Kämpfe zwischen den seefahrenden
Völkern, sowie der drückendsten Monopole, die mit der herzlosesten
Zwangsarbeit für die Eingebornen gepaart gingen. Nach Crawfurd war der
Preis des Pfeffers zu Plinius Zeiten 1 Thlr. 5 Sgr. das Pfund und blieb
so bis zu Anfang des 16. Jahrhunderts. Durch das Monopol der Portugiesen
stieg er auf 1 Thlr. 10 Sgr.; als die Holländer die Portugiesen
verdrängt hatten, etwa 100 Jahre später, trieben sie den Preis auf das
Doppelte. Durch Konkurrenz der Engländer und Franzosen fiel der Preis
wieder und schwankte Jahrhunderte lang zwischen 16 und 10 Sgr. Erst in
diesem Jahrhundert fielen die Monopole, wodurch der Pfeffer auf seinen
Preis von 2-1/2 bis 3 Sgr. kam. Jetzt liefert die Westküste von Sumatra
den meisten Pfeffer. Crawfurd schätzt den Gesammtertrag des indischen
Archipels, mit Inbegriff der geringen Menge, welche Malabar, das
Vaterland des Pfeffers, jetzt noch produzirt, auf 40 Millionen Pfund.
Ausser Hinter-Indien erzeugen auch noch Guyana, Liberia, die Antillen
dies Gewürz. Die Gesammtproduktion dürfte gegenwärtig 50 Millionen Pfund
wohl nicht übersteigen.

Pfeffer und Gambir, die Haupt-Erzeugnisse des Landbaus in Singapore, das
ausserdem nur noch Kokosnüsse, Früchte und Gemüse für den eigenen Bedarf
produzirt, werden ausschliesslich durch Chinesen gewonnen. Es ist ein
mühsames, bei den gegenwärtigen Preisen der Erzeugnisse nicht sehr
lohnendes Geschäft voll Entbehrungen und wegen der vielen Tiger voll
Gefahr. Gewöhnlich sind es neuangekommene Einwanderer, die ihre
Ueberfahrt nicht zahlen können, welche von ihren reicheren Landsleuten
zu dieser Kultur verwendet werden. Nach dem Kontrakt müssen sie ein Jahr
für ihren Gläubiger arbeiten, während welcher Zeit sie nur kärgliche
Beköstigung und noch kärglicheren Lohn erhalten. Dennoch wissen sie
bald, häufig schon im ersten Jahre, etwas zu sparen und so viel Kredit
zu erwerben, dass sie ein kleines Geschäft anfangen oder als
selbstständige Arbeiter sich vortheilhaft verdingen können. Oft auch
thun sich mehrere zusammen und bewirthschaften gemeinschaftlich eine
Pflanzung. Nachdem eine passende Stelle im Walde gelichtet, wird das
Unterholz verbrannt, die gefällten Bäume bleiben liegen, da sie später
als Brennholz benutzt werden, ausser der Asche davon erhält der Boden
keinen Dünger. Man säet den Gambir (Uncaria Gambir) in Beeten, hält die
Sämlinge schattig und pflanzt aus, wenn sie 5 bis 6 Zoll hoch sind in 5
bis 6 Zoll Abstand. Hat die Pflanze eine gewisse Höhe erreicht, so wird
sie abwärts gebogen, so dass sie seitlich fortwächst. Dadurch wird die
Holzbildung gehemmt, die Blattbildung vermehrt, das Pflücken
erleichtert[23]. Nach 13 bis 14 Monaten sammelt man die ersten Blätter,
6 Monate später giebt die Pflanze den vollen Ertrag. Aber schon nach
wenigen Jahren (ca. 15) ist der Boden so erschöpft, dass die Pflanzung
aufgegeben und eine neue an einer andren Stelle errichtet werden muss.
Auf der verlassenen Stätte wuchert das so schwer zu vertilgende
Lalanggras (Saccharum imperatum), das mühsamer auszurotten ist, als
Urwald. Die Regierung fängt endlich an, durch eine bessere
Waldwirthschaft diesem Uebelstande und dem Treiben der chinesischen
Squatters ein Ende zu machen, indem sie dieselben zwingt, das Land zu
kaufen, das sie bepflanzen wollen; ein sicheres Mittel, um es in
Kulturland, statt in Graswildnisse zu verwandeln.

Das Pflücken der Blätter dauert das ganze Jahr über, jeder Strauch kommt
jährlich 3 bis 4 mal an die Reihe. Die Morgens gesammelten Blätter
werden am Nachmittag versotten, die Nachmittags gesammelten am folgenden
Morgen; ein Absud erfordert 5 bis 6 Stunden. Die Fabrikation ist sehr
einfach. Ein grosser Schuppen aus Stangen und Palmenblättern, mit
einigen Bänken aus gespaltenem Bambus versehen, die als Tisch und Betten
dienen, ist zugleich Wohnung und Fabrik. Der Kessel besteht aus einer
eingemauerten, flachen Pfanne aus Gusseisen, von etwa 3 Fuss
Durchmesser, auf welcher ein hohler Cylinder von Baumrinde steht, die in
~einem~ Stück von einem entsprechend grossen Baum abgelöst worden. Die
Fugen und die ganze Aussenseite sind mit Thon verschmiert, um sie gegen
das Feuer zu schützen. Man giesst etwas Wasser in die Pfanne, schüttet
die Blätter ein und wirft sie, nachdem sie etwa eine Stunde gesotten,
auf eine geräumige, ebenfalls aus einem Stück Baumrinde bestehende,
schräge Rinne, deren unteres Ende in den Kessel hineinragt. Der Arbeiter
knetet diese Blätter, damit das ihnen anhaftende Wasser in den Kessel
zurücklaufe. Der zur Konsistenz von dünnem Syrup eingedampfte Absud wird
in Eimer geschöpft. Ist er kühl genug, so beginnt eine eigenthümliche
Hantirung. Bekanntlich enthält der Gambir ausser der in kaltem Wasser
löslichen Catechugerbsäure auch in kaltem Wasser unlösliches Catechin;
anstatt nun einfach umzurühren, damit die Flüssigkeit überall
gleichmässig erstarre, klemmt der Arbeiter in jeden Eimer in schräger
Richtung einen Stock aus weichem Holz. Er stellt zwei solcher Eimer vor
sich hin und fährt mit jeder Hand an einem der Stöcke auf und ab. Die
Flüssigkeit verdickt sich zunächst am Stock, und da sie dort immer
abgestreift, die Masse überdies in beständiger Bewegung erhalten wird,
erstarrt sie gleichmässig, was nach Behauptung der Arbeiter durch
Umrühren nicht zu erreichen sein soll. Gewiss ist hier wieder ein
Stückchen Aberglauben im Spiel. Die hinreichend verdickte Masse wird in
flache, viereckige Kasten gefüllt, und wenn sie erhärtet ist, wie Seife
in Stücke geschnitten und im Schatten getrocknet. Die gekochten Blätter
werden noch einmal ausgesotten und schliesslich in dem Wasser
ausgewaschen, das zum Kochen der Blätter verwendet wird.

Eine Pflanzung von 5 Arbeitern enthält im Mittel 70-80,000 Sträuche und
liefert täglich 40-50 Katti (1 Katti = 1-1/3 ℔ Engl.) Gambir. Die
Arbeiter behaupten, nur das Holz eines gewissen Baumes besitze die
Eigenschaft, den Absud im Eimer erstarren zu machen und zeigten mir ihn
später, es war Artocarpus incisa. Nachher sagte man mir aber, dass jedes
weiche Holz sich dazu eigne, doch nehme man gewöhnlich einen Zweig des
eben genannten.

Gambir, besser unter dem Namen Terra japonica in Europa bekannt, wird
von den Malayen mit dem Betel gekaut, zu welchem Zweck er zuweilen noch
besonders raffinirt und in kleine, zierliche Kuchen geformt wird. Er
enthält 50-60% Gerbstoff und wird in steigender Menge nach Europa für
die Schnellgerbereien und Färbereien exportirt. Die sehr beständige,
schöne Holzfarbe der französischen Tapeten verdankt man dem Gambir. Die
Produktion wächst so schnell, als die Nachfrage, denn der Preis steigt
nicht. In Singapore nehmen die Pflanzungen ab, doch mögen wohl noch nahe
an 1000 auf der Insel vorhanden sein. Da es aber jetzt den Chinesen
nicht mehr gestattet wird, ohne alle Abgaben den Boden in Besitz zu
nehmen und den Wald zu zerstören, so ziehen sie sich mehr nach Johor.
Die Hauptproduktion ist aber auf den Inseln Bintang, Batam und Linga,
die unter holländischer Botmässigkeit stehen.

In Europa scheint einige Verwirrung in Bezug auf die Namen Gambir, Terra
japonica, Cutch, Catechu, Cachou zu herrschen. Abgesehen von den unter
dem Namen Cachou in Apotheken käuflichen Bonbons, die nur aus Lakritzen
und Salmiak bestehen, und mit Catechu (Cachou der Franzosen) nichts als
den Namen gemein haben, versteht man unter Gambir oder Terra japonica
gewöhnlich das Präparat von der Nauclea Gambir. Das eigentliche Catechu
(Cutch) dagegen wird von einer Mimose, Acacia Catechu (Willd.), und zwar
aus dem Herzen des Stammes und den Schoten, durch Auskochen und
Eindicken des Absuds gewonnen. Man erhält es namentlich aus Birma
(Pegu), Malabar und dem nördlichen Bengalen. Beide Substanzen sind
übrigens sowohl chemisch, als in Bezug auf ihre technische Verwendung
fast identisch. Das aus Arecanüssen bereitete Catechu scheint ganz vom
Markt verschwunden zu sein.

Die Chinesen auf diesen Plantagen sind es, die so häufig von Tigern
umgebracht werden. Wann der Kuli fast nackt im dichten Gebüsch hockt,
um die Blätter zu pflücken, so beschleicht ihn der Tiger von hinten
und tödtet ihn gewöhnlich mit einem Biss in den Nacken. Finden die
Kameraden den Leichnam, so verscharren sie ihn so schnell als möglich,
denn wenn die Polizei es erfährt, so zwingt sie die Leute, die
vielleicht schon stark verweste Leiche zur Stadt zu tragen, damit sie
vom Todtenbeschauer besichtigt werde, ohne ihnen dafür irgend eine
Entschädigung zu gewähren. Erwägt man, wie ungern die Chinesen einen
Schritt umsonst thun, wie höchst beschwerlich und ekelhaft der ihnen
aufgezwungene Dienst ist, und dass sie überdies schon aus der Heimath
eine heilige Scheu vor der Polizei mitbringen und jeden Kontakt mit
derselben vermeiden, berücksichtigt man ferner, dass weder ein
Passwesen, noch irgend eine Kontrolle über die sich hier aufhaltenden
Personen besteht, dass namentlich die Pflanzer in ihren entlegenen
Schlupfwinkeln im Walde fast nie aufgesucht werden, so darf man sich
nicht wundern, wenn nur eine sehr geringe Zahl dieser Todesfälle den
Behörden zu Ohren kommt. Dennoch werden im Jahr durchschnittlich 75
Fälle gemeldet, und auf der Annahme, dass die wirkliche Zahl der Opfer
wenigstens das Fünffache betrage, beruht die Angabe, dass jährlich
300-400 Personen von Tigern umgebracht werden. Ich habe mich an den
sichersten Quellen häufig über diesen Gegenstand erkundigt und kann
nur wiederholen, dass die bestunterrichteten Beamten diese Zahl eher
für zu gering, als zu gross halten. Zum Beweise, dass es auch in der
neuesten Zeit nicht besser geworden, füge ich einen Auszug aus den
Straits Times, Overland Journal, 21. Nov. 1863, bei: „Singapore. Die
Todesfälle durch Tiger sind wieder im Zunehmen. In den letzten 14
Tagen sind 7 Fälle bei der Polizei angemeldet und die verstümmelten
Leichen aufgefunden worden, die keinen Zweifel über die Ursache des
Todes liessen. Alle, die auf diese Weise ihren Tod gefunden, waren
Arbeiter auf Gambirpflanzungen.... Es ist bemerkenswerth, dass bei
diesen Leichen immer nur ein kleiner Theil des Körpers verzehrt ist,
es fehlt nur ein Bein, ein Arm, häufig nur der Kopf.”.. Der Redaktör
schliesst mit der Betrachtung: „Es ist ein Jammer, dass die Thiere
nicht ein Opfer ganz verzehren, bevor sie ein anderes angreifen, es
würde ein grosses Ersparniss an Menschenleben sein.”

Ausser den angeführten landwirthschaftlichen Produkten verdient noch
ein Industrieerzeugniss besondere Erwähnung: der Sago, welcher in
beträchtlicher Menge (jährlich für 60-70,000 Dollars) von Singapore
ausgeführt wird. Der rohe Sago kommt von Sumatra und Borneo, wird in
Singapore durch Schlämmen gereinigt und dann als Sagomehl,
grösstentheils aber, nachdem er vorher geperlt worden, als Perlsago
ausgeführt. Um es zu perlen, wird das noch etwas feuchte Mehl ein wenig
geknetet, in einem durch einen Kreuzstock weit offen gehaltenen flachen
Sack in rotirende Bewegung gesetzt, wobei sich kleine Klümpchen bilden,
die, nachdem sie durch ein grobes und ein feines Sieb gegangen, gleiche
Grösse haben. Sie werden in einer schräg eingemauerten, flachen, mit Oel
bestrichenen, eisernen Pfanne über gelindem Feuer mit einem hölzernen
Spaten vorsichtig umgerührt, wobei durch die an der Oberfläche
eintretende Kleisterbildung die Kugeln eine gewisse Festigkeit bekommen,
aber auch zusammenbacken; um sie zu trennen, werden sie noch einmal
gesiebt und dann abermals gedörrt, bis sie die gehörige Härte erlangt
haben.

Deutsche Hausfrauen pflegen die Perlform für das Kennzeichen des Sago zu
halten und unter Sago Perlen von beliebigem Stärkemehl zu verstehen. Der
eigentliche Sago ist aber das Produkt der Sagopalmen (Sagus laevis und
S. genuina), die besonders im Osten des Archipels sehr verbreitet sind;
sie liefern fast allein den Sago des Handels. Die Eingebornen gewinnen
ihn aber, besonders bei missrathener Reisernte, noch aus mehreren andern
Palmen- und Cycasarten für ihren eignen Bedarf. In Singapore kommt die
Sagopalme nur vereinzelt vor und wird nicht ausgebeutet. Die Art, den
rohen Sago zu gewinnen, habe ich nicht gesehen, sie ist von J. R. Logan
im Journal of the Ind. Arch. III. 288 ausführlich beschrieben.

Die Sagopalmen sind von sehr grossem Interesse, weil keine Pflanze,
selbst nicht die Banane und Kokospalme, bei so geringer Mühe eine solche
Menge Nahrungsstoff liefert. Die Produktion kann bei der
ausserordentlichen Fülle des Materials unbegrenzt gesteigert werden.
Wegen der jetzt gebräuchlichen, unvollkommenen Methoden der Bereitung
und besonders, weil der Sago nicht gleich an Ort und Stelle für die
Ausfuhr raffinirt wird, ist sein Preis zu hoch.[24] Nach Logan sollte
ein Pikul nicht mehr als 1/4 Dollar (11 Sgr.) kosten.

Ueber den ausserordentlichen Ertrag der Sagopalme geben folgende,
Logan's Aufsatz entnommene Angaben eine Vorstellung. In den östlichen
Inseln des Archipels, in Neu-Guinea, in Borneo und Sumatra ist die
Sagopalme am häufigsten und bildet in sumpfigen Niederungen grosse
Wälder. Dort ist Sago das Hauptnahrungsmittel. Eine Ertrag gebende
Pflanzung ist gar nicht mehr auszurotten, denn unähnlich andern Palmen
pflanzt sich die Sagopalme nicht nur durch Samen fort, sie treibt auch
Schösse aus der Wurzel, wie die Banane, und liefert so eine
ununterbrochene Ernte. Sie blüht terminal und stirbt, wenn die Früchte
reif sind, allmälig ab. Will man aber den Sago gewinnen, so wird der
Baum kurz vor der Blüthezeit umgehauen; der Stamm ist dann ein Cylinder
von 20 Zoll Durchmesser und 15-20 Fuss Länge; die Rinde bildet nur eine
dünne Schale, das ganze Innere ist mit Mark erfüllt, das aus Cellulose
und Stärkemehl besteht. Man rechnet, dass ein Baum durchschnittlich 700
℔ Stärkemehl (Sago) liefert. Nach Logan's Berechnung geben 3 Bäume mehr
Nahrungsstoff als 1 Acre Weizen und 6 Bäume mehr als 1 Acre Kartoffeln.
Ein Acre mit Sagobäumen bepflanzt, giebt, wenn er auf einmal umgehauen
wird, 5220 Bushel (= 3452 Scheffel Preuss.) oder so viel, wie 163 Acres
Weizen; und je nachdem man 7 oder 15 Jahre als den Zeitraum annimmt, den
der Baum zu seiner Entwicklung nöthig hat (darüber sind die Angaben
schwankend), kommt ein Acre Sago in seinem jährlichen Ertrag 10 oder 23
Acres Weizen gleich. (Da 163 Acres = 258,35 Morgen, so nimmt Logan etwas
mehr als 13-1/3 Scheffel Weizen pro Morgen an.)

In Berlin kostet durchschnittlich der Zentner „Kartoffel-Sago”, d. h.
geperlte Kartoffel- oder Weizen-Stärke, 10-11 Thlr., Palmen-Sago 16-17
Thlr., Tapioka-Sago, d. h. geperltes Manihot-Mehl, 22-23 Thlr. In
Singapore kostet 1 Ztr. Palmen-Sago durchschnittlich 2 Dollars als Mehl,
3 Ds. in Perlform; Tapioka-Mehl 3 Ds., Perlen 4 Ds. Die Fracht
übersteigt selten 1 Dollar per Zentner. Der grosse Unterschied im Preise
ist die Prämie der Zwischenhändler; sie zeigt, wie unvollkommen, unsere
Verkehrsverhältnisse noch sind.




Sechstes Kapitel.

    Opium.


Die hervorragendste Leidenschaft der Hinterindier, namentlich der
Chinesen, scheint die Spielsucht. In Canton spielt der hungrige Kuli mit
dem Garkoch um das Essen; gewinnt er, so speist er gratis, im andern
Fall verliert er den Einsatz und speist gar nicht. Das Spielen ist aber
hier sowohl als in Pinang und Malacca streng verboten, und wird deshalb
heimlich getrieben. Es ist ein öffentliches Geheimniss, dass die
niederen Polizeibeamten, alle selbst Asiaten, im Sold der
Spielunternehmer stehen und nicht nur die Spielhäuser nicht verrathen,
sondern sie gewöhnlich bei Zeiten warnen, wenn einmal von Seiten der
höheren Beamten ein Ueberfall gegen ein verdächtiges Haus ausgeführt
werden soll. Im Anfang des Bestehens der Kolonie waren auch Spielhäuser
gestattet, die Konzession dazu wurde, wie zum Opium- und
Branntwein-Handel dem Meistbietenden verpachtet und bildete eine der
bedeutendsten Einnahmen. Der einflussreichere Theil der europäischen
Bevölkerung fand aber hierin etwas Unsittliches; so ist denn jetzt das
Spiel seit einer Reihe von Jahren verboten, obgleich jedermann weiss,
dass die polizeilichen Mittel zur wirklichen Unterdrückung desselben
nicht vorhanden sind. In neuester Zeit wird daher die Ansicht immer
allgemeiner, dass es unter den bestehenden Verhältnissen angemessener
wäre, wieder öffentliche Spielhäuser einzurichten und sie zu einer
Steuerquelle zu benutzen, wie die Holländer und Spanier thun. -- In
diesem Sinne hat sich auch die Grand-Jury in ihrem letzten Bericht über
den Zustand der Kolonie (1865) ausgesprochen. Jedenfalls scheint es eine
grosse Inkonsequenz, das Spiel aus moralischem Zartgefühl zu verbieten
und das ~Opium~rauchen zu gestatten, das noch schlimmer ist, als
Hasardspiel, da es, einmal zur Leidenschaft geworden, den Menschen nicht
nur eben so sicher, wie jenes, moralisch und finanziell, sondern auch
physisch zu Grunde richtet. Die Ursache der Inkonsequenz liegt wohl in
dem grossen Gewinn, den die britische Regierung aus der Bereitung des
Opiums, die Kolonial-Regierung aus der Accise und die Kaufleute aus dem
Vertrieb ziehen, an dem sich übrigens nicht nur Engländer, sondern Leute
von allen Nationen mit gleichem Eifer und mit derselben Unbefangenheit
betheiligen, wie am Handel mit Tabak oder Spirituosen.

Opium ist bekanntlich der eingetrocknete Milchsaft des Gartenmohns
(Papaver somniferum) und wird besonders in der Türkei und in Indien
gewonnen. Das türkische Opium wird in Europa und Java, das indische in
China und Hinterindien genossen. In Britisch-Indien ist die
Opiumerzeugung Monopol der Regierung, in den Malwa- und andern Staaten
unter einheimischen Fürsten steht sie jedem frei; das Fabrikat zahlt
aber in Bombay einen Transitzoll von 400 Rupien per Kiste. Das Opium von
Behar, im Handel als Patna bekannt, und das von Benares, beide unter der
strengen Aufsicht englischer Beamten dargestellt, sind besser als
Malwa-Opium. Letzteres geht fast ausschliesslich nach Nord-China.[25]

Zum Rauchen ist das Opium, wie es aus Indien kommt, noch nicht geeignet;
es wird erst durch ein umständliches Verfahren, das 18 Stunden Zeit in
Anspruch nimmt, im Wesentlichen aber nur im Ausziehen der in Wasser
löslichen Bestandtheile und Eindicken des Auszugs besteht, in die von
den Rauchern beliebte Substanz ~Tschandu~ verwandelt, die wie Melasse
aussieht, aber noch konsistenter ist.[26]

Das Recht, das Tschandu zu bereiten, ist in Singapore Monopol der
Regierung, die es dem Meistbietenden verpachtet. Diese Pacht bildet ihre
~Haupt-Einnahme~; der Pächter ist immer ein Chinese, keinem Andern würde
es möglich sein, unter der hiesigen Bevölkerung eine gewinnbringende
Kontrolle auszuüben. Der Pächter, der gewöhnlich sehr reich wird,
verkauft das Tschandu an die Opiumkrämer, von denen es die Raucher in
einzelnen Dosen entnehmen. Die Wiederverkäufer erhalten gar keinen, oder
nur sehr geringen Rabatt, der höchstens für solche, die entfernt wohnen,
bis auf 8% steigt. Die Konsumenten kaufen ihr Tschandu bei dem Pächter
nicht billiger, als bei dem Kleinhändler; der Gewinn des letzteren
besteht lediglich in den Abfällen. Das Tschandu hinterlässt nämlich beim
Rauchen einen Rückstand, bestehend aus Kohle, brenzlichen Oelen, einigen
Salzen und etwas unverbranntem Opium. Dieser Rückstand heisst Tinko und
beträgt fast die Hälfte des ursprünglichen Tschandu. Er wird an die
ärmere Klasse zum halben Preis verkauft; man raucht oder verschluckt
ihn. Im ersterem Falle lässt er wieder einen Rückstand, Samsching, der
von noch Aermeren gekauft und verschluckt wird, da er nicht mehr
brennt. Aus dem Verkauf der Rückstände bestreitet der Opiumkrämer die
Miethe seines Lokals und den Unterhalt seiner Familie.

Wohlhabende rauchen ihr Opium zu Haus, Aermere bei den Krämern, die zu
dem Zweck einen besonderen Raum verfügbar halten, in welchem mehrere
Bambuspritschen angebracht sind. Diese engen, heissen, von Opiumrauch
erfüllten Räume werden als eine der Sehenswürdigkeiten Singapores
gewöhnlich von Fremden besucht. Daher sind die „Gräuel dieser Höllen,
der fürchterliche Qualm und die Entsetzen erregenden Gestalten der
Unglücklichen, die dem Laster fröhnen”, schon oft mit sehr lebhaften
Farben beschrieben worden. Ich habe diese Orte mehrere Male besucht,
fand aber den Qualm nie so unerträglich, als den Tabaksqualm mancher
deutschen Bierstuben, auch gelang es mir ebenso wenig, die schrecklichen
Folgen des Lasters gleich auf den Gesichtern der Raucher zu lesen, als
die Folgen der Trunksucht auf den Gesichtern von Stammgästen, oder die
des Spielens auf denen, die in Baden den Roulettetisch umgeben. Der
Raucher liegt auf einer Pritsche ausgestreckt, nimmt mit einer langen
Nadel eine kleine Menge Tschandu, zündet sie an, wozu einige
Geschicklichkeit gehört, da die Masse schwer brennt, und bringt sie auf
die feine Oeffnung eines birnförmig gestalteten Pfeifenkopfs, zieht den
Rauch mit einem oder einigen langen Athemzügen ein, behält ihn einige
Zeit bei sich und bläst ihn aus.

Nach Crawfurd wird an keinem Ort der Welt im Verhältniss zur Kopfzahl so
viel Opium konsumirt als in Singapore. Den Grund dafür sieht er in den
hohen Löhnen und in der überwiegend chinesischen Bevölkerung. Nach ihm
soll sich der Opiumverbrauch in Singapore zu dem in China und in Java
verhalten wie 33 zu 14 zu 4. C. giebt aber die Quellen dieser Zahlen
nicht an. Ich habe vergeblich versucht, ihre Richtigkeit zu prüfen, da
die in den mir zugänglichen Schriftstellern und Reports enthaltenen
einander so widersprechen, dass sie nicht in Einklang zu bringen sind.
Es wäre aber eine sehr interessante Arbeit für Jemand, dem ausreichendes
Material zur Verfügung steht, eine auf zuverlässige Zahlen begründete,
vergleichende Uebersicht der schnellen Zunahme des Opiumverbrauchs nicht
nur in Asien, sondern auch in Europa und Amerika aufzustellen; besonders
für ~England~ scheint Gefahr im Anzuge.

Ob die Regierung von Singapore die Macht besässe, das Opiumlaster jetzt
noch zu unterdrücken, ist eine andre Frage; ist es doch selbst in den
europäischen Polizeistaaten nicht gelungen, die Ueberhandnahme des
Tabakrauchens zu verhindern; um wie viel schwieriger wäre es in einem
Freihafen wie Singapore, wo alle Mittel zum Zwange fehlen, dem mit viel
grösserer Leidenschaftlichkeit getriebenen Opiumrauchen ein Ende zu
machen. Geradezu unmöglich wäre es vielleicht nicht, wenn der ernste
Wille vorhanden wäre und das Bestehen der Kolonie davon abhinge; gelingt
es doch dem Opiumpächter, dem Schmuggeln der Droge vorzubeugen.

Wie wenig übrigens an eine solche Maasregel gedacht wird, geht aus
folgenden Auszügen aus dem Chinese Commercial Guide, Hongkong 1863,
hervor: danach betrug die jährliche Opiumeinfuhr in China während der
letzten 10 Jahre 70,000 Kisten. Das reichte für den Bedarf nicht aus und
beförderte die Produktion in China, wo gegenwärtig 20,000 bis 30,000
Kisten durch einheimische Pflanzer erzeugt werden. Die Nettoeinnahme in
Indien beträgt ungefähr 4,000,000 £ jährlich, das Produkt kostet der
Regierung etwa 400 Rupies (40 £) per Kiste. Der Opiumbau soll dort sehr
ausgedehnt und der Preis herabgesetzt werden, um das chinesische Opium
vom Markt zu verdrängen, was, wie man glaubt, stattfinden wird, wenn das
indische zu 450 Ds. per Kiste geliefert werden kann, während sein
Durchschnittspreis in den letzten 4 Jahren 800 Ds. betrug. Die
Gesammtausfuhr aus Indien von 1798-1855 betrug 1,197,041 Kisten und
stieg von 4000 Kisten im ersten Jahre auf 78,454 im letzten Jahre, die
indische Regierung zog daraus einen Gesammtgewinn von 67,000,000 £ und
darüber. 180,000 Kisten davon wurden in den malayischen Ländern
verbraucht.... In China wird das Opium in Schan-si, Schen-si,
Kwei-tschau, Yun-nan und Sze-tschuen gebaut. Sein Preis schwankt
zwischen 25 und 30 tael per 8-1/2 ℔ Englisch.[27] Auch in der Mongolei
und in Nord- China, sowie in Fuh-kien und Hün-nan wird der Mohn gebaut.
Der Werth des gegenwärtig in China eingeführten Opiums ist dem Werth der
Ausfuhr von Thee und Seide fast gleich. Als eine Errungenschaft des
letzten Krieges ist der Opiumhandel jetzt gesetzlich erlaubt. Der
Gebrauch der Droge hat sich über das ganze Reich verbreitet und seine
Billigkeit für Raucher, die fern von der Küste wohnen, wird den
Verbrauch wohl bedeutend steigern, sowie auch die damit verbundenen
Uebel ... Die Geschichte der Anstrengungen, welche die Beherrscher
dieses heidnischen Volks gemacht haben, um die Einführung des Opiums
abzuwehren, weil sie fühlten, dass es für die Einkünfte, die
Sittlichkeit und den Gewerbfleiss ihres Volkes schädlich war, und das
gänzliche Misslingen dieser Anstrengungen bildet eines der lehrreichsten
Kapitel in den chinesischen Annalen ...

Es ist zugleich die Geschichte der Anstrengungen des christlichen Volks
der Briten, um den „umnachteten Heiden” trotz allem Widerstande, durch
Schmuggel, Bestechung der Mandarine und offenbare Gewalt, ja sogar durch
zwei Kriege das Gift aufzuzwingen. Man sieht daraus, was es mit der
civilisatorischen Mission auf sich hat, wenn sie mit dem Eigennutz
kollidirt.

Dies hat unter der Ostindischen Kompanie stattgefunden. Jetzt aber steht
Indien und seine Opiumproduktion unmittelbar unter der englischen Krone,
die nun für eigene Rechnung Opium produzirt und verkauft, und auf jede
mögliche Weise das lukrative Gewerbe auszudehnen bemüht ist. Nach der
Times vom Mai 1865 ist der jüngste Ausfall im indischen Budget
hauptsächlich der über alle Maassen gesteigerten Opiumproduktion in
Indien zuzuschreiben (man hatte aus übergrossem Eifer weite Strecken
Landes, die dafür nicht geeignet waren, mit Mohn bebaut, auch fehlte es
an geübten Händen für die so sehr vermehrte Produktion).[28] Lockhart
druckt im „Medical Missionary in China” einen im Verein mit Rev.
Medhurst für ein Blaubuch geschriebenen Aufsatz über das Opium in China
ab, der viele interessante Thatsachen enthält; besonders geht daraus die
schnelle Ausbreitung des Lasters über das ganze chinesische Reich
hervor, „es hat als ein Bächlein begonnen und wäre jetzt eben so schwer
zurückzudrängen, als die Meeresfluth.”

Als Mittel der Abhülfe schlägt Lockhart der englischen Regierung vor,
den Opiumbau in ihrem Gebiet und den Transit durch ihr Gebiet ganz zu
untersagen; die englische Regierung zieht aber aus dieser Quelle
4,000,000 £ (nach Lockhart sogar 5,000,000 £)! Ausserdem empfiehlt er
das Gebet der Missionäre, Ermahnungen an die Chinesen und ähnliche
Mittel, auch fordert er die Opiumhändler in China auf, der Quelle ihrer
Reichthümer aus Rücksicht für ihre Nebenmenschen zu entsagen. Von allen
diesen Mitteln scheint das dritte noch das wirksamste, doch ist auch von
ihm nicht viel zu erwarten, denn die ungläubigen, genusssüchtigen,
eingebildeten, die Fremden verachtenden, auf ihre alte Kultur stolzen
Chinesen sind der schlechteste Rohstoff für christliche Missionäre. In
gleichem Maasse, wie die Nachfrage, wird auch die Opiumproduktion
zunehmen. Es wird wohl schwerlich ein anderes Mittel zur Beschränkung
des Missbrauchs erfunden werden, als das, welches sich in allen
ähnlichen Fällen bewährt hat: allgemeine Zunahme des Wohlstandes und der
Bildung und der in gleichem Maasse steigenden Selbstachtung und
Selbstbeherrschung.

Nach dem Urtheil mancher Aerzte und anderer am Opiumhandel nicht
Betheiligter soll mässiger Opiumgenuss nicht schädlicher sein als
mässiger Genuss von Spirituosen. Für diese Ansicht scheinen allerdings
die Tüchtigkeit und Körperkraft der chinesischen Bevölkerung von
Singapore zu sprechen, von der nach Dr. Little jeder Dritte ein
Opiumraucher sein soll. Manche geben sogar dem Genuss des Opiums den
Vorzug vor dem der Spirituosen. Jedenfalls ist der Opiumraucher für
seine Umgebung weniger lästig, da er sich während seines Rausches am
liebsten gegen die ganze Aussenwelt abschliesst, während sich der Säufer
aufdrängt und Händel sucht. Man sieht in den Ländern, wo Opium geraucht
wird, nicht die durch Völlerei veranlassten hässlichen Auftritte, ausser
in der Nähe der von europäischen, namentlich englischen Matrosen
besuchten Branntwein-Kneipen. Mässig genossen, befähigt es zum Ertragen
von Strapazen und Entbehrungen, denen der Mensch sonst erliegen müsste,
worüber Johnston's Chemistry of comm. life sehr schlagende Beispiele
enthält. Die grosse Gefahr liegt in dem zauberhaften Reiz, den das Opium
auf seine Verehrer ausübt, in der unwiderstehlichen Gewalt, die es über
ihre Willenskraft erlangt, in der Nothwendigkeit, die Dosis allmälig zu
steigern, um gleiche Empfindungen hervorzurufen. Daher ist es besonders
für reiche Wüstlinge verderblich, die weder durch den hohen Preis der
Droge noch durch ernste Beschäftigungen verhindert werden, dies immer
bereite Mittel zum Sinnenrausch anzuwenden.

Die in vielen ärztlichen und andern Büchern beschriebenen
physiologischen Wirkungen des unmässigen Genusses auf Geist und Körper
sind vielleicht noch abschreckender als die der Trunksucht.[29]
Abgesehen von den spezifisch verschiedenen physiologischen Folgen
nehmen unmässige Opiumraucher ein ähnliches Ende, wie Säufer. Sie
verlieren ihre gesellschaftliche Stellung, bringen sich und ihre Familie
in die tiefste Noth und sterben elend auf der Gasse. Darin stimmen Alle
überein, dass es sehr viel leichter ist, sich den Trunk abzugewöhnen,
als das Opium, wenn es einmal zur Leidenschaft geworden ist; Viele
halten es für unmöglich. Auch geschieht es nie ohne grosse Qualen des
Körpers und Geistes, und nur unter grosser Gefahr für die Gesundheit.
Lockhart erzählt aber, dass im Hospital von Shanghai Tausende von
Opiumrauchern behandelt wurden, von denen viele den Gebrauch aufgaben.

Ueber die oben angedeutete schnelle Zunahme des Opiumkonsums in
~England~ haben die dortigen Zeitungen schon oft berichtet, doch scheint
man in Deutschland von dem Umfang des Uebels keine Vorstellung zu haben.
Johnston sagt: „Der Opiumverbrauch in Grossbritannien ist, mit China
oder Indien verglichen, freilich unbedeutend, die Zunahme aber sehr
beträchtlich. Die eingeführte Menge betrug 1839, 41,000 ℔;
1852, 114,000 ℔: nach 15 Jahren fast das Dreifache!”

Johnston giebt leider ebensowenig wie Crawfurd die Quellen seiner Zahlen
an, und scheint zwischen Einfuhr und Verbrauch keinen Unterschied zu
machen, was bei steuerbaren Waaren richtig ist, da solche nur, nachdem
sie für den Verbrauch im Lande versteuert worden, in den Importlisten
aufgeführt werden, während die unversteuerten, für den Transit
bestimmten, bei der Wiederausfuhr unter „Transshipment” stehen. Bei
steuerfreien Gegenständen, wie Opium, trifft aber diese Annahme gewiss
nicht immer zu, da es keinen erheblichen Unterschied in den Unkosten
machen kann, ob man eine so theure, wenig voluminöse, steuerfreie Droge
vom eignen Lager oder von den Docks aus verschifft.

In dem Annual Statement of Trade and Navigation of the United Kingdom
1864 finden sich über Opium folgende Angaben:

             Import.     Export.    Transshipment.

  1859       141,168 ℔   79,059 ℔   90,794 ℔
  1860       210,867 „   98,072 „   91,922 „
  1861       284,005 „  290,120 „   53,580 „
  1862       221,381 „  146,337 „   57,820 „
  1863       254,314 „  110,101 „  104,756 „

Der mittlere Preis ist 1 £ per ℔.[30]

Nimmt man an, dass die Einfuhr nach Abzug der Ausfuhr den Verbrauch in
England darstellt, so erhielte man als das 5jährige Mittel 1859/63:
77609,2 ℔. Es ist aber sehr fraglich, ob diese Annahme zutrifft, da 1861
284,005 ein- und 290,120 ℔ ausgeführt, also 6115 ℔ mehr aus- als
eingeführt sind, während England doch kein Opium produzirt und viel
konsumirt. Bei einem Verbrauch von 77609,2 ℔ zu 7000 Gran und einer
Bevölkerung von 30,000,000 kämen 18,11 Gran jährlich auf den Kopf. Legt
man Johnston's Zahl 114,000 ℔ für 1852 zu Grunde, so erhält man 26,6
Gran per Kopf und Jahr. (Es muss aber auch berücksichtigt werden, dass
ein beträchtlicher Theil des in England verbrauchten Opiums zur
Darstellung des Morphins auch für das Ausland verwendet wird.)

Nach Crawfurd ist der Verbrauch in Singapore per Kopf und Jahr 330 Gran,
in China 140 Gran, in Java 40 Gran. Da aber bei der in China und
Hinterindien üblichen Art, das Opium im Wege des Rauchens zu geniessen,
die Hälfte seines Nutzeffekts verloren geht, so muss man diese Mengen
halbiren, um sie mit dem Konsum in England zu vergleichen. Man erhält
dann 165, 70 und 20 Gran gegen 18, resp. 26,6 Gran in England. Nach der
Angabe des Commercial Guide, dass China jetzt 100,000 Kisten per Jahr
verbrauche, erhielte man, die Kiste zu 70 Katti Tschandu (rauchbaren
Extrakt) = 93-1/3 ℔ engl. gerechnet, 163-1/3 Gran per Kopf und Jahr bei
einer Bevölkerung von 400 Millionen, d. h. für China so viel, als
Crawfurd für Singapore annimmt!

Johnston sagt, dass trotz der grossen Zunahme des Opiumverbrauchs in
England durchaus die statistischen Daten fehlen, auf welchen man die
Annahme begründen könnte, dass der Opiumgenuss schon jetzt unter der
Bevölkerung Grossbritanniens ein Nationallaster geworden sei oder bald
werden würde. Nach ihm soll die ländliche Bevölkerung noch frei davon
sein.

Eine England eigenthümliche Form des Opiummissbrauchs, dessen
ausgedehnte Verbreitung nach J. auf unbestreitbarem Zeugniss beruht, ist
aber die folgende: Die Mütter in den Fabrikstädten geben ihre Kinder an
Pflegemütter und diese beruhigen die Kinder und bringen sie in Schlaf
durch Opium. Rev. Clay gab an, dass allein in Preston 1843, 1600
Familien die Gewohnheit hatten, Godfrey's Cordial oder eine andre ebenso
schädliche Komposition zu gebrauchen, und dass in einem der
Begräbnissklubs jener Stadt 64% der Mitglieder vor dem fünften Jahre
starben.

Seitdem scheint sich aber das Uebel auch in der ländlichen Bevölkerung
eingebürgert zu haben, wie nachfolgende wörtlich übersetzte Stellen aus
dem 6^{th.} Report of the Medical Officers to the Privy Council 1863 pg.
81 zeigen:

    „Es kann, sagt Dr. Hunter, kein Zweifel an der Wahrheit der
    entsetzlichen Thatsache sein, die fast jeder Arzt in den
    Marschländern angiebt, dass daselbst keine Tagelöhnerwohnung zu
    finden sei, in welcher man nicht die Opiatflasche sähe, und kein
    Kind, das nicht davon auf eine oder andre Weise erhielte. In
    andern Gegenden, wo Frauen ausser dem Hause arbeiten, wie in den
    Fabrikstädten, wird es den Kindern von den Pflegemüttern
    eingegeben, und man braucht sich nicht zu wundern, dasselbe
    Verfahren hier in Anwendung zu finden; aber andre Umstände treten
    hinzu, die es zu einer allgemeinen Gewohnheit machen, dieses
    System des Dokterns in einer Ausdehnung zu betreiben, wie man es
    nur in dem fraglichen Distrikt kennt.

    Die schmerzhaften Rheumatismen und Neuralgien, die in den Mooren
    immer noch häufig sind (d. h. unter älteren Leuten, aber
    wahrscheinlich ohne allen Verdacht, dass kleine Kinder daran
    leiden), behandelt man allgemein durch reichlichen Gebrauch von
    Opium, und die ganze Bevölkerung ist mit dieser Droge durchaus
    vertraut geworden. Die Drogengrosshändler berichten, dass sie
    ungeheure Mengen nach diesen Gegenden senden, und die Drogenkrämer
    verkaufen oft bis zu 200 ℔ im Jahr[31]. Sie wird in Pillen und
    Penny-Stangen verkauft und ein Laden mit guter Kundschaft versieht
    wohl an einem Samstag Abend 300-400 Kunden mit diesem Artikel. Die
    Drogisten meinen, dass ihre grössten Konsumenten nicht die
    Bewohner der Dörfer oder kleinen Städte seien, in welchen sich ihr
    Laden befand, sondern vielmehr die Bewohner kleiner Weiler oder
    einzeln gelegener Bauernhöfe in den Mooren.

    Opium wird oft unter irgend einem rothwälschen Namen verlangt, und
    die damit verbundene Vorstellung ist die einer verbotenen Lust.
    Die Menge, die ein Opiumesser zu sich nehmen kann, ist oft
    angeführt worden (etwa eine halbe Unze täglich ist nicht
    ungewöhnlich), sie findet ihre Grenze eher im Preise, als in der
    Stärke der Droge. Ein Mann in Süd-Lincolnshire beklagte sich, dass
    seine Frau 100 £ für Opium ausgegeben habe, seit seiner
    Verheirathung. Man sieht mitunter auf dem Felde einen Mann im
    Schlaf, auf seine Hacke gelehnt, -- er fährt auf, wenn man ihm
    nahe kommt, und arbeitet eine Zeit lang rüstig weiter. Ein Mann,
    der ein schweres Stück Arbeit vorhat, nimmt seine Pille als eine
    Vorbereitung, und Viele trinken ihr Bier nie, ohne ein Stück Opium
    hineinzuwerfen. Um dem volksthümlichen Geschmack zu entsprechen,
    aber zur höchsten Unbehaglichkeit für Fremde, werden dem Bier
    narkotische Mittel von den Brauern oder Wiederverkäufern
    zugesetzt. Vor einem halben Jahrhundert wurde der Bau des
    Gartenmohns für den Londoner Drogenmarkt in diesem leichten Boden
    betrieben. Damals nahm der Landmann Mohntrank mit aufs Feld, und
    jetzt bildet der Mohnkopf, obgleich der Anbau des Artikels für den
    Handel fast aufgegeben ist, den Hauptbestandtheil der Kräuterthees
    und Hausmittel der Umgegend. Bei solcher Vertrautheit mit der
    Droge ist es kein Wunder, dass ein Jeder bereit ist, sie
    anzuwenden, um ein schreiendes Kind zu beruhigen, obgleich es dann
    sicher wieder schreit, sobald es erwacht. Opiumesser sollen immer
    Proselytenmacher sein und einem Kinde wohl Opium hinter dem Rücken
    der Mutter oder Amme geben. Die beliebteste Form für Kinder ist
    Godfrey's Cordial, eine Mischung von Opium, Syrup und einer
    Infusion von Sassafras. Es ist dickflüssig und wird häufig in
    einer Theetasse geholt. Wenn die Mutter auf Feldarbeit geht und
    ihr Kind einer Wärterin übergiebt, so hält sie es für das Beste,
    ihre eigene Flasche Godfrey zurückzulassen, denn die Praeparate in
    den verschiedenen Läden sind verschieden, und es giebt keinen
    kleinen Dorfladen, der überhaupt etwas verkauft, welcher nicht
    auch seinen eigenen Godfrey verkaufte. Den Absatz der Opiate in
    diesen kleinen Läden zu steigern, ist das eifrige Bestreben
    einiger unternehmender Grosshändler. Bei den Drogisten gelten sie
    für den „Haupt-Artikel” und der Gewinn daran ist gering, wenn er
    im rohen Zustande verkauft wird. Nicht selten ist es vorgekommen,
    dass eine Pflegeamme ihren eigenen Godfrey statt desjenigen ihrer
    Clientin gereicht, und über die Wirkung erschrocken, den Wundarzt
    herbeigerufen hat, der ein halbes Dutzend kleiner Kinder im Zimmer
    umherliegend antrifft, einige schnarchend, andere schielend, alle
    bleich mit hohlen Augen, und vergiftet.”

Auch unter den wohlhabenden Klassen soll der Gebrauch immer mehr
zunehmen, namentlich bei nervösen Frauen und geistig thätigen Männern in
Form von Medizin. Nach Angabe der Aerzte und Missionäre nehmen auch in
China die Meisten das Opium zuerst als schmerzstillendes, angenehm
erregendes Mittel und gewöhnen sich allmälig so an den Genuss, dass sie
ihm nicht mehr entsagen können. De Quincey's angeblich gegen das
Opiumlaster geschriebene Buch hat auch gewiss schon manchen Proselyten
unter müssigen Reichen gemacht.

Bei solchen Verhältnissen wird man unwillkürlich an eine geistreiche
Aeusserung Huc's erinnert (Chine I, 32). Nachdem er darauf aufmerksam
gemacht, wie die Engländer durch Konterbande, Bestechung der Beamten und
offene Gewalt trotz allem Widerstande der Regierung, das Opium in China
verbreitet haben, führt er an, dass es jetzt schon im Lande selbst
gebaut wird. In seiner allerdings sehr lebhaften Phantasie sieht er die
Zeit kommen, wo die Chinesen das Opium am billigsten produziren, dann
werden die englischen Schiffe, da der Verbrauch in England so schnell
zunimmt, ihren Bedarf aus China holen. Er schliesst mit der Bemerkung:
Beim Anblick dieser Schiffe, welche den giftigen Stoff aus dem
himmlischen Reich heimtragen, um England zu vergiften, wäre es erlaubt,
auszurufen: „Laissez passer la justice de Dieu!”

Nach der Tydschrift voor Staathuiskunde en Statistiek 1863 pg. 339 war
der Opiumverbrauch in Java 1854 48,660, 1855 61,602, 1856 70,787, 1857
84,629, 1858 91,300, 1859 99,807, 1860 105,537 Katti, in 6 Jahren mehr
als das Doppelte!

Die holländische Regierung ist ernstlich bemüht, den Opium-Konsum in
Java zu vermindern, hat aber auch noch kein wirksames Mittel ersinnen
können. Obgleich die Anzahl Opiumläden verringert wurde, stieg der
Verbrauch. Zu der so schnellen Steigerung in den letzten Jahren haben
Duymaer van Twist's wohlgemeinte, aber verfehlte Maasregeln beigetragen,
welche den Verbrauch zu beschränken beabsichtigten. Nach Bleeker betrug
die Bevölkerung von Java und Madura 1860: 12,718,717 Seelen, darnach
würde der Opiumverbrauch per Kopf 77,4 Gran für das Jahr 1860 betragen,
so dass Crawfurd's Annahme, die sich auf eine wenigstens 6 Jahr frühere
Zeit bezieht, wohl eher zu hoch als zu tief gegriffen ist.

Als die gewöhnliche tägliche Dosis eines Opiumrauchers in China giebt
Lockhart 1 Drachme an (Little nimmt für Singapore etwa halb so viel an),
woraus sich bei einer Einfuhr von 67,000 Kisten die Zahl der Raucher in
ganz China auf wenig über 2 Millionen berechnet (nach meiner Rechnung
fast doppelt so viel, da eine Kiste 70 Katti = 93-1/2 ℔ x 226 Drachmen
rauchbaren Extrakts enthält); manche verbrauchen bis 10 Drachmen per
Tag, dies sind aber nur die Reichen.

Ueber die Dosen, die ein Opiumesser in Europa zu sich nimmt, führt
Husemann, Toxicologie pg. 595, höchst auffallende Thatsachen an:

    „Eine der merkwürdigsten, dem Opium wohl mehr als irgend einem
    andern Narkotikum eigenthümliche Eigenschaft ist die
    ausserordentlich verschiedene Wirkung, die es in verschiedenen
    Ländern, auf verschiedene Rassen, auf verschiedene Individuen, in
    verschiedenen Lebensaltern, unter verschiedenen Idiosynkrasien
    hervorbringt. Auf Kinder ist die Wirkung ausserordentlich intensiv
    und inkonstant. Abgesehen von 2 vielleicht nicht ganz sicheren
    Fällen, wo 1/90 und 1/20 Gran tödtlich wirkten, sind viele Fälle
    bekannt, wo Kinder bis zu 5 Jahren durch 1/6 bis 1/2 Gran getödtet
    wurden.... Die Quantitäten, an welche sich Erwachsene gewöhnen
    können, sind wahrhaft erschreckend. Mir ist eine Dame bekannt,
    welche 1/2 Unze Opiumtinktur pro Dose nahm; Bäcker erzählt von
    einem Arzt, der täglich 30 Gran Opium in Substanz verzehrte. Die
    Confessions of an Opiumeater zeigen am besten, wie weit es ein
    Europäer bringen kann. Christison erzählt von einem alten Weibe,
    das 40 Jahre lang täglich 1/2 Unze Laudanum nahm; aber dies ist
    nichts gegen den Verfasser der Confessions, der es bis zu 8000
    Tropfen des „dread agent of unimaginable pleasure” brachte.[32]
    Nach Zeviani verzehrte ein Frauenzimmer in 33 Jahren 2 Zentner
    Opium, nach Krüger Hansen ein Kranker in 1 Jahr 4700 Gran.
    Christison erzählt sogar von einer Steigerung der Gabe bis zu 17
    Unzen Laudanum!”

    Als Fälle sonderbarer Idiosynkrasien bei Erwachsenen sind in
    demselben Werk angeführt: 3 Tage anhaltende Intoxication durch 1/2
    Gran Opium; Sopor nach 1/3-1/2 Gran Opium; Vergiftung durch 1 Gran
    Opium per Clysma.




Siebentes Kapitel.

    Gründung und schnelles Aufblühen Singapores. -- Rhiow. --
    Seeräuberei. -- Malayische Kronik. -- Uebersicht der
    Verkehrsverhältnisse, sonst und jetzt. -- Ausbreitung der Chinesen.
    -- Dampfschiffe.


Singapore ist sehr neuer Entstehung. Als die Holländer nach dem Frieden
von 1815 ihre ostindischen Besitzungen zurückerhielten, die ihnen die
Engländer während der französischen Kriege abgenommen hatten, breiteten
sie mit Eifer ihren Einfluss immer weiter über jene Meere aus durch
Besitznahme neuer Territorien und durch Verträge mit einheimischen
Fürsten, die ihnen grosse Vorrechte vor anderen Nationen einräumten. In
England sowohl als in Britisch-Indien wurde damals die grosse
Wichtigkeit des indischen Archipels für den Handel wenig gewürdigt, und
es möchte vielleicht den Holländern gelungen sein, ihre Nebenbuhler
zeitweis aus diesen Gewässern ganz zu verdrängen, wenn jene nicht in Sir
Stamford Raffles einen unüberwindlichen Gegner gefunden hätten. Dieser
hatte es sich zur Lebensaufgabe gemacht, das Monopol der Holländer in
jenen Meeren zum Vortheil seiner Landsleute zu brechen. Mit eben so viel
Kühnheit als Geschick und Beharrlichkeit schuf er durch die Gründung von
Singapore einen Stützpunkt für den britischen Handel in demselben
Augenblick, als die Engländer durch die traktatmässige Rückgabe Malaccas
an die Holländer den letzten Quadratfuss Landes in jenen Gegenden
verloren. Der Plan sowohl, als die Ausführung und die spätere
Vertheidigung seiner Schöpfung gegen die heftigsten Angriffe sind fast
ausschliesslich sein Werk. Es würde zu weit führen, hier alle
Hindernisse aufzuzählen, die er zu bekämpfen hatte. Am heftigsten war
natürlich der Widerstand von Seiten der Holländer, die sich in ihren
vertragsmässigen Rechten gekränkt hielten. Aber auch bei seinen
Landsleuten fand Raffles nur geringe Unterstützung, von mehreren Seiten
grossen Widerstand. Besonders von Pinang aus, das in Singapore einen
gefährlichen Nebenbuhler erkannte, wurden ihm viele Schwierigkeiten
bereitet. In England, wo die schwache Regierung der ostindischen
Kompanie nichts gegen die Beschwerden des holländischen Gesandten
vermochte, und die Wichtigkeit der neuen Kolonie nicht gewürdigt wurde,
kam es so weit, dass Lord Bathurst im offenen Parlament Raffles
desavouirte. Auch von den Direktoren der Kompanie erhielt er einen
Verweis. Nur bei den Kaufleuten fand er einige Unterstützung.

Schon 1818 hatte Raffles dem damaligen General-Guvernör von
Britisch-Indien einen Plan vorgelegt, um mitten im Archipel, am Ostende
der Malaccastrasse, als Gegengewicht gegen den holländischen Einfluss
ein Emporium zu gründen, und als im Januar 1819 Malacca aufgegeben
wurde, zauderte Raffles nicht länger mit der Ausführung. Ohne vorher auf
Instruktionen aus England zu warten, zum Theil auf eigene
Verantwortlichkeit, da er Gefahr im Verzuge sah, verschaffte er sich
bereits am 6. Februar 1819 ein Stück Land am südlichen Rande der Insel
und begann sofort die Gründung einer Stadt. Erst am 2. August 1824
schloss Crawfurd einen neuen Vertrag, wodurch den Engländern die ganze
Insel und Alles, was in einem 10 Miles breiten Gürtel darum liegt, mit
Ausnahme des entsprechenden Streifens auf der Halbinsel Johor,
überlassen wurde. Es befinden sich in diesem Gürtel 75 kleine Inseln,
deren Flächeninhalt zusammen 17 □Miles beträgt. Singapore hat
206 □Miles (ungefähr 10 deutsche Quadratmeilen), die ganze Besitzung
also 223 □M.

Ich erwähne nicht die diplomatischen Verhandlungen mit den einheimischen
Häuptlingen, deren Dispositionsfähigkeit die Holländer bestritten, noch
die Konflikte mit den letzteren, da sie zu verwickelter Art und von zu
lokalem Interesse sind, führe aber am Schluss dieses Abschnitts einige
Stellen aus einer von Raffles' malayischem Schreiber verfassten Kronik
an, welche auch als ein Beispiel der Auffassungsweise eines sehr fähigen
Eingebornen von Interesse sind.

Damals war Singapore eine von dichtem Urwald bedeckte Insel, ein
Zufluchtsort der gefürchtetsten Seeräuber. Etwa 700 Jahre früher war von
Palémbang aus eine Stadt Singa-pura (Löwenstadt) auf der Insel gegründet
worden, die aber später von den Siamesen (?) zerstört wurde. Seit
Jahrhunderten war Alles wieder mit dichtem Walde bedeckt. Erst 1811
hatte sich der Tumongong von Johor, Vater des S. 52 erwähnten, selbst
einer der verrufensten Seeräuberfürsten, am Südrande der Insel mit einem
Gefolge von etwa 150 Mann niedergelassen.

Eine der grössten Schwierigkeiten für Raffles war die Beschaffung eines
~Besitzers~ der Insel, von welchem diese rechtsgültig an die Engländer
abgetreten werden konnte. Unter den verschiedenen Prätendenten, die nach
dem Tode des letzten Sultans von Johor um die Erbschaft stritten, wählte
Raffles den Tuanko-Long, dessen Anrechte durchaus nicht ohne Zweifel
waren, und selbst diesen musste er den Holländern mit grosser
Heimlichkeit und List aus Rhiow entführen. Die Holländer hielten darauf
den Bruder Tuanko-Long's als Gegenkandidaten aufrecht, und Jahre lang
bekämpften sich die beiden Seemächte hinter diesen vorgeschobenen
Puppen. Erst 1824 wurde die Besitznahme von Singapore ausdrücklich durch
die Holländer anerkannt. Aber unter allen diesen Stürmen hatte sich der
gelegte Keim so schnell und kräftig entwickelt, dass Raffles bei seinem
letzten Besuch, 1823, die Freude hatte, in der erst 4 Jahre alten
Kolonie eine Bevölkerung vo

Showing first 200,000 characters. Full text: gutenberg.org/ebooks/44405