Das Exemplar
by Annette Kolb · German · Gutenberg #44298 · 382,107 chars · public domain (US)
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Title: Das Exemplar
Author: Annette Kolb
Release date: November 27, 2013 [eBook #44298]
Most recently updated: October 23, 2024
Language: German
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/44298
Credits: Produced by Jens Sadowski
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS EXEMPLAR ***
Das Exemplar
Roman
von
Annette Kolb
1913
S. Fischer, Verlag, Berlin
Zweite Auflage.
Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.
Copyright 1913 S. Fischer, Verlag, Berlin.
Das Exemplar
Erstes Kapitel
Zwei Monate aus Mariclées seltsamem Leben seien hier preisgegeben und der
Vorhang weit davon zurückgeschlagen; dann falle er wieder zu, und sie mag
wieder ihres Weges ziehen. Man nannte sie Mariclée. Niemand wußte, wer sie
zuerst so nannte, aber keiner nannte sie anders. Und es war bezeichnend,
denn sie hatte etwas Namenloses, Unzuständiges, wie es auch stets ihr Los
war, mit gesellschaftlich denkbar verschiedensten Leuten in Kontakt zu
kommen und selbst keinem einzigen Kreis anzugehören. Dies führte so weit
zurück, als sie sich erinnern konnte, und fügte sich so allerorts, als
müßte es so sein.
Denn in unserem Leben stehen wir wie inmitten einer Landschaft, und mögen
unsere Schicksale noch so bereichert wiederkehren, sie weisen doch einen
höchst gleichartigen Charakter auf; wie etwa ein Gletscher nicht auf einer
Düne steht: diese Art von Uniformität, meine ich, trägt unser Leben zur
Schau.
Und das ihre glich einer Bergstraße. Wo nur ein Ausblick lag, da würde sie
stehen; da zog sich ihr Weg hin, doch lenkte er nie bis ins gelobte Land
hinein. Nur eines anzuführen: Mariclée kam leicht in Palästen zu wohnen,
wie die Steinnelke gern an steilen Anhängen wächst. Aber sie hatte kein
Geld. An ihr war alles wie hingeflogen und wieder abgerissen: ihr
Verhältnis zum Leben, zur Natur, zu den Menschen, zu sich selbst. Sie stand
sich nicht sehr nahe. Und darum gehörte sie zu jenen heute nicht mehr
seltenen Menschen, von denen behauptet wird, daß sie nicht lieben können.
Mariclée hatte viele Freunde und dachte sie diese zu einer Garbe
zusammengestellt, so hielt sie eine Probe der verschiedensten, seltensten
Blumen, die's heute gibt. Denn auch dies war ihr Geschick, daß sie spät
oder früh, dauernd oder flüchtig auf ihrem Wege blühten. Darum stand sie zu
ihnen wie ein Kunstsammler zu seinen Raritäten: daher ihr Spleen,
vielleicht auch ihre Blasiertheit. Denn wer die Menschen ihrem Wert nach
liebt, der schätzt den einen gegen den anderen ab, und das schrankenlose
Aufgehen in einem einzigen vermag er nicht mehr.
Doch auch die besten Auktionen haben ihre Glanznummern. Und plötzlich war
es über sie gekommen, daß sie im August des Jahres 1909 nach London fuhr,
um nach Jahren ein Wunderexemplar ihrer Sammlung wieder vorzunehmen. Allein
es fing gleich damit an, daß sie einander verfehlten. Das »Exemplar« -- es
soll nicht anders heißen in dieser halb leidenschaftlichen, halb kuriosen
Geschichte -- hatte sich eingefunden, aber Mariclée hatte sich
unbegreiflicherweise im Datum geirrt und traf erst am folgenden Morgen ein.
Jetzt mußte sie zehn Tage bleiben, wenn sie ihn erwarten wollte.
Es war ihr erster Abend. Wie mit einem gelben, welken Schleier umwob die
Hitze den Himmel und den träumerischen Park von St. James. Über die Brücke
gebeugt, hingen ihre Blicke an den Wasserflächen und tauchten unter wie
gebannt. Die Schwäne glitten, nie emporblickend, dahin, und so schwermütig
und weit vibrierte da die müde Stunde, so riesig waren ihre Schauer, daß
Mariclée sich hastig losriß und zur Ablenkung, und weil sie London
überblicken wollte, das Dach des ersten Motorwagens bestieg, der ihr
entgegenfuhr.
Allein er trug sie unversehens in eine entsetzliche Welt. Denn jene selbe
Gleichförmigkeit, die ihr an den glatten, großfenstrigen Häusern der
Reichen so würdig, stilvoll und motiviert erschien, wie schmachvoll ist sie
in den Slums! Und Sklaven waren das, die hier mit gemordeter Phantasie, ja,
wie Geblendete in solch unerhörten Häusern zu wohnen einwilligten, an denen
nicht ein Fenster, nicht eine Tür von der des Nachbarn sich unterschied,
sondern die in ihrer schmählichen Gleichförmigkeit wie Sträflinge
dastanden, ihre meilenlangen, niedrigen Reihen verzweifelt ausgestreckt,
Händeringende, Lebendig-Begrabene, Bilder der Hölle!
In dieser Woche sollten viele Leute an Hitze sterben, ihr aber war am
nächsten Morgen, als sei London eine riesengroße gelbe Schlange, die sie
unbarmherzig immer fester an sich drücken und ersticken wollte. Aber es war
etwas anderes: es hatte sie so hart und unvorbereitet getroffen, das
Exemplar verfehlt zu haben, daß sie, um den Schlag aufzuhalten, sich sagte,
sie spüre ihn nicht, die Verzögerung passe ihr sogar. Nun rächte sich die
Lüge. Was wollte sie in London und was nützte ihr jetzt die zierliche, nahe
an Westminster gelegene Wohnung, die ihr von Freunden überlassen worden
war? Selbst die Sonne konnte es ihr nicht mehr recht machen, ob sie grell
schien oder wie durch Alabaster: Spleen, Neurasthenie sind ja nichts
anderes als ein Erkranken unserer Eindrücke, und jeder ist da sein eigener
Arzt und weiß allein, ob er dem Leiden gebieten kann, oder ob es über ihn
hinschlägt und wie eine Sturzwelle ihn hinabreißt. Mariclée hatte einen
Brief an eine irische Dame in Hampstead -- einem Vororte -- ganz zu unterst
in ihrem Koffer liegen, denn sie hatte nie beabsichtigt, sich seiner zu
entledigen. Statt dessen gab sie ihn nun auf der Stelle auf. Sonst war --
im August -- von allen ihren Bekannten nur der deutsche Botschaftsrat in
London und ihm hatte sie ihr Hiersein erst recht zu kaschieren gedacht,
statt dessen stürzte sie ans Telephon und es fiel ihr ein Stein vom Herzen,
als sie die wohlbekannte Stimme hörte und er sie für denselben Abend zu
sich lud. Sie nahm sogleich einen Hansom und blickte mit fiebernden, wie
erweiterten Augen in den gelb verglühenden Tag.
Bei ihm sah es übrigens auch recht verlassen aus: sein Hausstand unterwegs
und alle Möbel in Überzügen. Aber die rationelle Art, mit der Mariclée ihm
jetzt eine Menge Eindrücke, von denen sie nichts zu wissen glaubte,
Beobachtungen und Vergleiche mitzuteilen hatte, frappierte sie. Sie hatte
doch geglaubt, sie sei krank! Und jetzt ging sie so munter das weite Zimmer
auf und nieder, blieb wieder stehen, rauchte Zigaretten vor dem Kamine,
warf sich in einen Armstuhl, sprang wieder auf, und war ganz Bewegtheit und
Bewegung, wie der vom Windstoß gekräuselte See.
»Ich finde London verändert wieder,« rief sie. »Wie individuell, wie
wesenhaft ist doch die Seele einer Stadt. Diese hier gleicht einer Blume,
die sich jetzt voll entfaltete, einem vollen Kelche, einer fast überreifen
Frucht. Neu ist auch in dem alten Zauber, der alten Glut, die über London
ausgegossen liegt, der nachsommerliche Puls. Aber die Worte wie
überschrittener Höhepunkt, absteigende Linie sind hier viel zu bequem! Der
Maßstab des Altertums ist an unsere Ära nicht anzuwenden, in uns liegt ein
zu großer Vorrat treibender Kräfte der Umwandlung und der Verjüngung. Auch
unsre gefährlichsten Phasen führen nicht mehr zum Verfall.« Und dabei erhob
sie sich, denn gewagte Dinge pflegte sie immer sehr bestimmt zu sagen; hier
lag ihre ganze Sicherheit.
»Ein Etwas auf diesem Boden,« fuhr sie fort, »heimelt mich immer so
unsäglich an. Man ist hier viel weniger intellektuell, aber wie viel
vergeistigter ist dennoch das Tierische. Auserlesene Organismen dürfen sich
gewiß am glücklichsten potenzieren, wo das äußerliche Leben den adligsten
Zuschnitt findet, als hätten die Engländer nicht nur mehr ästhetischen
Sinn, sondern ästhetischere Sinne. Auge, Nerv und Sensibilität des
Gebildeten erfahren so im vornherein mehr Würdigung und Schonung, weil die
Zivilisation in ihrer untersten Stufe -- der dienenden Klasse -- um einige
Schichten höher fundiert. Ich ließ mir heute von einer housemaid eine
Adresse aufschreiben und war von ihrer schönen, ja eleganten Schrift
gerührt.«
»Dafür ist bei uns die Mittelklasse entschieden schmucker geraten,« sagte
der Botschaftsrat. »Hier nennt man ja auch middle-class,« sagte Mariclée,
»was wir auf deutsch untergeordnet heißen würden. Wie anders bei uns!
Insofern ist es zutreffend, dies überfüllte London leer zu nennen, wenn die
vornehmen Leute nicht zugegen sind. Ich habe noch keine schönen Menschen
gesehen.«
Und immer lebhaft, immer von neuem angeregt, fuhr sie zu plaudern fort. Wie
ein Feuer, das zusammensank, und dann plötzlich wieder zu knistern, zu
prasseln und zu lodern anfängt, so war sie jetzt mächtig in Schwung
geraten, die Dinge nahmen wieder ihre rechten Verhältnisse an, und ihr
Spleen und alles was sie selber betraf, schrumpfte zu einem so unwichtigen
Punkte ein, daß sie ihn nicht mehr gewahrte. Die beiden aßen dann allein in
dem großen Speisesaal am verkleinerten Tisch und im Raum verloren wie auf
einer Bühne. Der Faden ging ihnen nie aus, und sie waren einander zugetan
und vertraut. Allein sie waren zu jung, um nicht zu fühlen, daß der Rahmen
etwas zu romantisch war für die Situation, weil sie nie aneinander dachten.
Dies war Mariclées zweiter Abend in London.
Tags darauf gedachte sie einer Freundin, auf welche sie sich bisher nicht
hatte besinnen wollen. Denn ihre Wege lagen so abseits. König Eduard
verbrachte alljährlich eine Woche bei ihr; sie hielt auf einem der
schönsten Schlösser Englands großen Staat, und Mariclée scheute aus vielen
Gründen das Drum und Dran eines solchen Besuches. Und nun schrieb sie ihr
doch. »Wie gerne würde ich kommen,« schrieb sie ihr, »sofern es sich in
einem Tage machen läßt, denn leider ist es mir ganz unmöglich zu
übernachten.« Nachträglich riß sie den Brief noch einmal auf, um die Worte
»ganz unmöglich« zweimal zu unterstreichen.
Diese wenn auch noch fiktive Unterbrechung ihrer Tage mußte sie sich jetzt
schaffen, denn der Spleen saß ihr immer tiefer im Nacken. Wem er nie
widerfuhr, wie könnte der begreifen, daß eine ledigliche Stimmung in dem
Maße unsere Energie lähmen darf? Ein paar vor uns liegende Tage nehmen da
die bedrohliche, unübersehbare Länge finsterer Jahreszeiten an, und man
entschließt sich nicht eine Straße hinabzugehen, weil einem vor der weiten
Reise graut. In Westminster Abbey hatte Mariclée die Flucht ergriffen, weil
in dem grasigen Hofe das Sonnenlicht so qualvoll stille auf dem Gemäuer lag
und die etwas rudimentäre englische Gotik (sie feiert keine heimlichen
Minnelieder in luftigen Balustraden, tröstlichen Pfeilern und Koloraturen)
ihr das Herz zermalmte. Ihre Fenster sahen auf einen grünen Hof, eine
gotische Kirche und ein paar Bäume. Und auch hier steigerte sich der helle
Tagesschein, der darüber leuchtete, zu einem so kranken, unerträglich wehen
Licht, daß sie die schweren Vorhänge gesenkt hielt, um es auszuschließen.
Mariclée lag im Dunkeln auf dem Diwan ihres geborgten Salons, als plötzlich
ein Pfiff ihre stillen Räume durchdrang. Sie stürzte an die Tube. Der
Liftjunge meldete einen Besuch und fragte an, ob sie empfing.
Es war die Dame aus Hampstead, die als Antwort des eingesandten
Empfehlungsbriefes erschien und ehe Mariclée die Vorhänge zurückschlagen
konnte, stand sie schon an der Schwelle. Sie war sehr provinzlerisch, hatte
Zähne, vor denen man sehr erschrak, und auf ihrem Hute schwankten rote,
lächerliche Blumen. Aber den Ausschlag gab eine anheimelnde Begrenztheit,
die Mariclée unverweilt zu Herzen ging. Sie war die Gutherzigkeit in
Person, hielt sich nicht lange auf, und lud Mariclée ein, den morgigen
Sonntag nach Hampstead zu fahren und den Nachmittag und Abend mit ihrer
Familie zu verbringen. Gewiß, natürlich, mit Vergnügen würde sie kommen. Es
war ein kurzer Besuch und weil ihr bangte, so schnell wieder allein zu
bleiben, und sie ihren Brief aufgeben wollte, gab sie dem Gast zur
naheliegenden Victoriastation das Geleite. Erst auf der Straße im
Sonnenlicht bemerkte sie deren erhitztes und ermüdetes Gesicht. Sie hatte
die Mühe nicht gescheut, in dieser Glut so weit zu ihr herauszufahren und
Mariclée hatte nicht einmal daran gedacht, ihr eine Tasse Tee anzubieten.
Dies war unverzeihlich. Allein es stand geschrieben, daß sie sich mit
dieser Familie stets schlecht benehmen würde.
* * * * *
Und der Sonntag kam: auf heißen, bleiernen Sonnenrädern kreiste er über die
Stadt. Mariclée mußte an Münchener Freunde denken, die ein junges Krokodil
in einem Glaskasten aufgezogen hatten: an einem schönen Frühlingsmorgen
stellten sie ihn auf die Veranda, und vergaßen ihn dort; die Sonne prallte
gegen das Glas, und nach Verlauf von ein paar Stunden lag hier, verdurstet
und verdorrt, ein in dem kalten Deutschland vor Hitze verendetes Krokodil.
Und so ward ihr die Einsamkeit, der sie sich zur Unzeit in die Arme
geworfen hatte, zum erstickenden Glaskasten.
Sie wohnte in einem sogenannten mansion das heißt, es fehlte die
persönliche Bedienung, aber läutete man, oder blies in die Tube, so meldete
sich ein Stubenmädchen oder ein Liftboy oder ein Kellner, und wer nicht
ausgehen mochte, konnte zu Hause essen, vorausgesetzt, daß er auf den
Sonntag nicht vergaß. Als sie da um zwei Uhr klingelte, hieß es, die Küche
sei gesperrt und sie hätte nichts bestellt. Sich aber in den heißen
Häuserozean zu stürzen, und nach einem Hotel zu fahnden, dazu fehlte ihr
ganz und gar die Kraft. Zur Teezeit würde sie ja in Hampstead sein, und so
lange hielt sie es schon aus. Später beim Umkleiden fror sie, woraus sie
schloß, daß es kühler geworden sei, und sie zog sich herbstlicher an.
Aber draußen wehte keine Luft, nur heißer Benzinhauch, und die Häuser
begannen zu schwanken und zu brausen, und wie Wellen sich zu häufen,
unbarmherzig und uferlos. Die Dächer glitzerten, die Fenster blendeten
. . . so kam sie nach Hampstead. Das Haus der irischen Familie aber war
luftig und groß, der kühle Salon fast ein Saal. Er überblickte einen
flachen, reizenden Garten, und schweres Silber schimmerte vom Teetisch.
Mariclée warf einen raschen Blick auf die hot-cakes und nahm sich vor, eine
hübsche Anzahl davon zu essen, aber sie brachte, so vorzüglich sie waren,
kaum das erste hinunter und zerbröckelte es mit etwas zitterigen Fingern.
Die Familie war sehr zahlreich und bestand aus alten Eltern und gereiften
Söhnen und Töchtern. Nach dem Tee wurde gefragt, ob sie lieber zur
Hampsteader Heide oder zum Tennisklub ginge. Ach! sie schielte nach dem
Garten! aber der Tennis, sie merkte es gleich, stand auf dem
Vergnügungsprogramm des Tages und so zog sie denn mit, und in der Sonne,
auf einem unbequemen Klappstuhl placiert, sah sie den Spielenden zu. Was
sie da vor Augen hatte, war gute Bourgeoisie, abseits des Snobismus, wie
der Eleganz. Wer immer zu ihr sprach, sprach ihr mit einer herzhaften
Breitspurigkeit, die wir fast schamlos fänden, ausschließlich vom Wetter.
Aber Wetter, Politik und Sport sind eben die drei brennenden Themen in
England. Und dann war von diesen spielenden Männern keiner von des
Gedankens Blässe angekränkelt; sie fanden im Ballwerfen nicht Erholung,
sondern Beschäftigung, und selbst die schon Ergrauten hatten etwas von
sympathischen Kindern an sich. Nur für den Schneider machte es einen
Unterschied.
Mariclée saß in ihrem heißen Kleide in der Sonne, unbeweglich mit
aufgespanntem Schirm und von den Wettergesprächen grenzenlos ermattet, als
plötzlich ein neues Klubmitglied in Gestalt eines Franzosen auf dem Platze
erschien. Darob entstand nun -- der Entente cordiale zum Trotz --
allgemeine Verwirrung und Konsternation. Ein Ring des Schweigens zog sich
um ihn; verstohlene Blicke gingen hin und her, zögernde Mienen umgaben ihn:
er war wie unter die Wilden geraten. Mit einer Geste selbstloser
Entschlossenheit legte endlich eine Spielerin ihr Rakett hin und begann mit
dem neuen Ankömmling ein wundervolles Gespräch. Der Franzose, der sehr
höflich, aber aus Bordeaux war, gab sich erst alle Mühe zu verstehen, dann
aber zu vertuschen, wie wenig er von dem entlegenen Französisch dieser
Engländerin erriet, und statt ihr beizuspringen, hielt Mariclée ihren
Schirm etwas tiefer und horchte so ergötzt, daß sie alle ihre Leiden
darüber vergaß.
Als es endlich kühl und angenehm im Freien wurde, brach alles auf, um sich
für den Abend umzuziehen. Sie indessen blieb wieder in dem luftigen Salon,
bald von diesen, bald von jenen Mitgliedern der Familie unterhalten. Und
jetzt sprach man nicht mehr vom Wetter zu ihr, sondern von den Kriegsplänen
der Deutschen gegen England. Sie raffte sich auf, sie abzuleugnen, und voll
Eifer zu versichern, daß wir die Engländer liebten. Dann fragte alles, ja
wozu wir dann in so wütendem Tempo unsere Kriegsschiffe bauten?
»Weil es nichts Rückständigeres gibt, als die Gegenwart,« sagte sie
plötzlich. Der Satz gehörte nur weitläufig hierher, aber sie hatte ihn
irgendwo einmal mit Erfolg geäußert, und half sich schnell damit aus. Die
Worte fingen nämlich jetzt an denselben Tanz aufzuführen, wie vordem die
Dächer und Häuser. Mein Gott! dachte sie, wann essen diese Menschen zu
Abend? Jetzt wollte gar der Hausherr den Gedanken näher erörtert haben, und
seine Tochter setzte hinzu: o, sie hätte schon vernommen, was für eine
geistreiche und interessante Person sie sei. Mariclée wollte etwas darauf
erwidern, aber statt dessen streckte sie die Hand aus, und fiel zurück.
Es war jedoch keine Ohnmacht. Denn sie sah genau, wie die alte Mutter
dieser gereiften Söhne und Töchter ihrem Manne und ihren Kindern ein
Zeichen gab, daß sie das Zimmer verlassen sollten; und sie blieb allein mit
ihr zurück. Mariclée sprach eine Zeitlang nichts, dann sagte sie, es sei
die Hitze, die ihr solche Kopfschmerzen gebe. Aber die Alte wollte nicht
dulden, daß sie sich aufrichtete, sondern hieß sie schweigen, und ergriff
ihre Hand. Dabei murmelte sie Worte wie zu sich selbst, mit einer leisen,
veränderten Stimme. Mariclée betrachtete sie mit einem Male voll Neugier.
Ihre Schlichtheit hatte etwas so Edles -- wem in aller Welt glich nur diese
Frau? an wen erinnerte dies gebleichte Haupt und diese unbewegte und
versteinerte Gestalt? Ja wahrhaftig, jetzt hatte sie's, sie hatte etwas
rein Antikes, sie gemahnte an die alte Schaffnerin der Odyssee.
Mariclée sank wieder zurück und ließ sie gewähren, ihre Hände streicheln
und ihre Worte murmeln. Denn ihre Gedanken wanderten jetzt weit von hier.
Ach wie ferne stand ihr dieses Haus, und diese gütige Alte! und sofern das
Leben ein Wandern ist, hatte sie nicht Jahre winterlichen Bodens
überschritten, und war sie nicht traurig und fremd wie Demeter unter diesem
Dache eingekehrt? Sie weinte nicht, ihre Züge verhielten sich ja
unbeweglich: es war nur als quoll ein heißer Saft tropfenweise aus ihren
geschlossenen Augen. Warum hatte sie ein falsches Datum angegeben? welch
freudloser Stern hatte es so gewollt? und was hatte sie vermocht, sich
selber vorzulügen, daß es sie nicht beträfe? Nichts fällt ja so schwer auf
unsere Schultern zurück, als wie ein abgeworfenes Kreuz.
Dies war ihr vierter Tag in London. Jedoch der Wein und der Schinken, den
es an diesem Abend gab, blieben ihr unvergeßlich.
Zweites Kapitel
Bis jetzt war Mariclées Reise ein fortwährendes Fiasko gewesen, und zwar
gleich von der Überfahrt an. Sie hatte sich nicht vorgesehen, und alle
Einzelkabinen besetzt gefunden. Im Ankleideraum aber boten -- wie auf Order
hier eingeschifft -- die häßlichsten Damen des Kontinents ein wahrhaft
tückisches Bild. Und die Abscheulichste, mit hornharten, zielsicheren
Augen, seifte und striegelte ihre Arme, die Sünderin, als wären sie schön.
Mariclée wich vor ihrem Anblick erschrocken zurück und floh an Deck. Denn
lieber als mit den häßlichen Frauen verbrachte sie die kalte Nacht (das
schöne Wetter setzte erst am folgenden Tage ein) ohne Mantel auf einer
harten Bank. Dort hatten sie gegen Morgen recht trübselige Träume
heimgesucht . . . .
Am Montag zog die Sonne wieder am wolkenlosen, gelb umdunsteten Himmel, wie
inmitten eines Strahlenkranzes, auf und drückte wie eine feurige Krone auf
London hernieder. Auf den Simsen der Fenster lag überall ein feiner Ruß,
doch standen am Vormittag ihre Zimmer im angenehmsten Licht, und ganz
erfüllt von Londons penetrantem und rauchigem, jedoch so stimulierendem
Geruch. Freilich durfte man jetzt nicht denken: ein paar Stunden von hier,
da frohlockt eine beschauliche Luft, da summen Bienen, da atmen Wälder und
das glückliche Meer -- -- -- und wie sie eben dennoch daran dachte, pfiff
und klingelte es wieder in ihrer Wohnung, und ein kleiner Telegraphenjunge
stand mit einer Depesche vor ihrer Tür. Jene Freundin, auf die sie sich
nicht hatte besinnen wollen, von der sie sich vergessen glaubte, und der
sie dann doch geschrieben hatte, lud sie dringend bis zum Samstag zu sich
ein. Mariclées Herz stockte vor Freude. Vor Sonntag hatte sie keine
Aussicht das Exemplar in London zu sehen. Wie sich das traf! Auch zauderte
sie keinen Augenblick, schrieb eine Zusage und reichte sie dem Boten. Erst
als er mit ihrer Antwort abgezogen war, fiel ihr das dickunterstrichene
»ganz unmöglich« aus ihrem Briefe ein.
Den Abend verbrachte sie mit dem Botschaftsrat. »Eigentlich wollte ich
morgen nach Glenford,« teilte sie ihm mit.
»Wie amüsant!« sagte er.
»O nein!« seufzte Mariclée. »Wenn viele Gäste dort sind, setzen sie des
Abends ihre Tiaren auf, und meine Situation ist dann unhaltbar. Fürs erste
wäre ich natürlich die einzige, die nicht ihre eigene Jungfer brächte. Wie
stehe ich dann da?«
»Ich versichere Sie, wegen Ihrer Pretiosen ladet Sie niemand ein.«
»Wie herzlos Sie oft reden!« sagte sie. Aber er ließ sich nicht aus seiner
Ruhe bringen.
»Ich bin auf Ihre Eindrücke gespannt,« gab er zurück.
»Aber ich kenne den Schauplatz, und weiß, was ich riskiere.«
»Ich meine, daß Sie es dennoch riskieren sollten,« sagte er.
Und sie sprachen von etwas anderem.
Von allen gedankenlosen Aussprüchen ist der gedankenloseste: »Les extrêmes
se touchent«. Zum mindesten bei Individuen. Wo Kontraste sich berühren,
geschieht es immer durch irgendwelche geheime Ähnlichkeiten. So bestand
zwischen den Beiden infolge ihrer Kontraste eine Kluft, aber die Gleichheit
ihrer Interessen war ein starkes Band.
Mariclée war vorhin einem sehr komischen Herrn begegnet, der mit fliegenden
Frackschößen seiner Mahlzeit entgegeneilte. Von ihm erzählte sie nun. Er
schien so ohne jeglichen Vorbehalt und auf so groteske Weise mit dem Leben
einverstanden und eine so froschhafte Befriedigung machte sich auf seinem
alten Gesichte breit, daß zu ihm gehalten selbst der dümmste Deutsche
denkerisch veranlagt schien. Und sie vertieften sich wieder in ihr übliches
Gespräch. Er meinte, selbst die gescheiten Engländer dächten sehr oft
nicht. »Aber,« rief sie, »wie haben es dafür die paar Nachdenklichen hier
schön! Und wie früh gelangen sie zur Macht. Sie haben nicht wie bei uns
wider die überhitzte Intellektualität jener Legion von Halbgescheiten
anzukämpfen.«
Von draußen wogte und brauste die mächtige Stadt wie von der Ferne herein.
Mariclée hatte sich behaglich in eine Sofaecke zusammengerollt und starrte
vor sich hin. »Ich habe eine große Entdeckung gemacht,« hub sie an, »aber
es ist so hart, daß ich für meine Entdeckungen nie etwas bekomme!«
»Was denn für eine Entdeckung?« forschte er.
»Ich entdeckte etwas, indem ich etwas wissen wollte,« sagte sie. »Ich
wollte wissen warum die deutsche Dummheit sich so gar nicht zur englischen
Borniertheit verhält, da der englische und der deutsche Geist einander doch
so zugänglich, so verwandt, ja in mancher Hinsicht fast identisch sind.
Während der französische und der deutsche Geist solche Not haben einander
zu durchdringen, und zwar am fühlbarsten wohl in der Politik, wo Ihr beim
besten Willen vor Reibereien zwischen der Gloriole Française und dem
deutschen Starrsinn nicht vom Flecke kommt. Dies Kompliment muß ich Euch en
passant schon machen.«
»Aber die Entdeckung?«
»Ferner wollte ich wissen,« fuhr sie fort, »warum dagegen bei so großer
Divergenz des Geistes die Sottise française und die Bêtise allemande so
stammverwandt sind, und so ausgezeichnet harmonieren, daß sie die reine
Terz abgeben! Dies ist meine Entdeckung. Was geben Sie mir dafür?« und sie
streckte lachend die Hand aus. Denn Mariclée wurde stets sehr aufgeräumt,
wenn man auf ihre Worte achtete. Vor leidlich klugen Leuten konnte sie
nicht bestehen. Es bedurfte wirklichen Scharfsinns, denn sie war allzu
elektrisch: wer nicht fest auf die Klinge drückte, vernahm keinen Ton.
Als sie nach Hause kam, lag schon ein Brief ihrer Freundin vor, der genaue
Angaben betreffs ihres Zuges enthielt, und ebensowenig wie das Telegramm
auf das bewußte »ganz unmöglich« einging. Sie las ihn noch unten in der
Halle. »Es wird, wie's wird,« dachte sie, »zum Absagen ist es zu spät.« Und
sie betrat den Fahrstuhl, vor dessen Tür ein Junge wartete. Den Dienst
besorgten zwei Liftboys, von welchen der eine häßlich war und untersetzt,
der andere einen eleganten Kopf auf einem hochgewachsenen Körper trug. O
Macht der Schönheit! Immer zog sich ihr Herz zusammen, wenn sie der
Häßliche hinaufzog.
Drittes Kapitel
Früh am nächsten Nachmittag fuhr sie statt in einem Taxameter aus
Liebhaberei in einem Hansom zur Bahn, weil es sie jedesmal optimistisch
stimmte, wenn sie in diesem so geschmackvollen und würdigen Vehikel
einherzog. Der Londoner Himmel sah aus, als ob er überhaupt nie wieder zu
regnen, noch je ein Wölkchen aufzubringen gedächte. Ihr Hansom fuhr recht
gemächlich, so daß sie Zeit hatte, eine Revision ihres Geldbestandes
vorzunehmen. Denn Mariclée notierte nie eine Ausgabe, weil es sie
deprimierte, und ihre Rechenkünste beschränkten sich darauf, daß sie hin
und wieder zusammenzählte, was ihr noch blieb. Man hatte ihr versichert, in
England sei es akzeptiert dritter Klasse zu fahren, selbst für die
reichsten Leute; sie fand das zwar im höchsten Grade merkwürdig von diesen
reichen Leuten, allein die Fahrt war teuer, sie trug sich noch mit
ungewissen Plänen, und mußte in petto die sehr bedächtige Ameise spielen,
wollte sie auf ein Weilchen den Schein der zirpenden Grille vertreten. Sie
lief also erst auf den Perron, sah mit Späherblicken umher, und musterte
alle Reisenden. Es war ein denkbar philiströses Publikum, und sie löste
beruhigt eine Karte; kaum schritt sie aber wieder den Zug entlang, als eine
Dame vor ihr stand, die genau aussah, als führe sie nach Glenford. Ihr Haar
war wundervoll aufgebaut, in der Hand hielt sie ein Safrantäschchen (ihre
Tiara?) und nicht nur eine Jungfer, es summte auch, halb Hofprediger, halb
Monsignore, der distinguierteste aller Kammerdiener um sie her. Mariclée
wollte an das andere Ende des Zuges gehen, aber der Schaffner beschied sie,
daß nur ein einziger Wagen bis nach Ollerton lief. Es war derselbe, den die
Dame bestieg. Ihre Reisegefährten, ein borstiger alter Brite und seine
unschöne ältliche Tochter waren vielleicht sehr reich, elegant waren sie
nicht. Sie sahen aus als bewohnten sie in irgendeinem geisttötenden Nest
ein phantasieloses Cottage. Und so war es auch. Als der Zug vor einem öden,
roten Städtchen hielt, befanden sich die beiden offenbar zu Hause. Statt
ihrer zog jetzt eine große Hutschachtel in das sehr schäbige und schmutzige
Kupee, gefolgt von einem Fräulein in Filosellhalbhandschuhen und mit
zerstochenen Fingern. Aber vielleicht war sie sehr reich und nähte nur zu
ihrem Vergnügen. Die Dame mit der Tiaratasche fuhr noch immer mit. Schon
wurde Leicester ausgerufen. Da -- o unverhoffte Freude! Wahrhaftig sie
entstieg dem Zuge, auf Nimmerwiedersehen überschritt sie die Plattform, von
ihrer Jungfer, ihrem päpstlichen Legaten und Mariclées Segenswünschen
gefolgt. Bald darauf kam ein Fluß und ein Hügel, der sich ganz für sich
allein am Ufer hinzog und hier stieg auch das Fräulein mit der Hutschachtel
aus und Mariclée war allein. Wie eine schimmernde Schale breitete sich das
Land vor ihren Blicken aus, und der Tag schien in seinem eigenen Glanze
versunken. Die Sonne goß jetzt ermattet Ströme silbernen Lichtes über die
umfriedeten Äcker und die in biblischer Ruhe gelagerten Schafe. Und die
umflitterten Bäume, das wellige Land, die schwimmenden Fernen, sie alle
schienen zum Meere hinzuwallen oder zu rufen: »Als eine Insel liegen wir im
Meeresschoß!«
In den leeren Wagen drang bald darauf der Abend mit köstlicher Frische
herein; niemand störte sie mehr. Der Zug fuhr durch das versonnene Land wie
im Traume dahin und erfüllte die stille Luft mit seinem Gerausch. Wälder
tauchten empor, Dörfer, verlorene Städtchen richteten sich auf, doch
unaufhaltsam eilte er jetzt an ihnen vorbei. Über den schlicht gepolsterten
Sitzen hing ein Spiegel. Mariclée band sich einen neuen Schleier um, und
fing an sich zu richten. Ihr halb gejagter, halb duldender Blick machte ihr
nichts weis. Sie wußte, das Wesen, das sie da mit so ernster Miene ansah,
war jetzt doch in seinem Element und liebte es halb als Heldin, halb als
Abenteuerin sich zu fühlen. Bald kam es jetzt, das prunkende, ewig
umdüsterte Haus, Englands berühmtes Geisterschloß mit seinen trauernden
Fenstern. Würde man ihr wieder dasselbe Zimmer geben? sie erschrak bei dem
Gedanken. Weiß Gott! der Gespenster hatte sie vergessen.
Der Zug näherte sich wieder einer kleinen Station, aber statt durchzufahren
hielt er diesmal an. Ein Lakai im langen weißen Mantel lief hin und her,
während ein großer Herr in hellem Überrock auf jemanden zu warten schien.
Es stieg aber niemand aus.
Da riß ein Schaffner an ihrer Türe, rief heftig: »Ollerton« und im Nu
sprang Mariclée heraus. Die Station war erweitert worden, sie hatte sie
nicht wieder erkannt. Geschwind war sie beim Gepäckwagen und zeigte dem
weißen Lakaien ihren Koffer, der mit großer Eile ausgeladen wurde.
Schmerzlich fielen ihr dabei alle Gegenstände ein, die in ihrem Kupee für
die nächste Millionärin, die dort einsteigen würde, zurückblieben: ein
Sonnenschirm, ein Täschchen, Handschuhe und ein Buch. Sie hatte noch Zeit.
Sollte sie sie schnell aus der bekannten Dichterklasse hervorholen? Nein,
gewiß nicht. Dazu war sie viel zu feig. Stand der Herr noch hinter ihr?
hatte er sie gesehen, oder hatte er sie nicht gesehen? Aber natürlich hatte
er sie gesehen. Sie war ja das einzige, was auf dieser Plattform zu sehen
war. Nicht nur, daß er sie gesehen hatte, er sah sie an.
Mit einem halben Lächeln nähertretend, zog er den Hut und sie erwiderte
seinen Gruß.
Wenige Schritte vor ihnen stand ein Auto, der weiße Lakai hatte sich schon
zum Chauffeur geschwungen und sie stiegen ein.
»Ein heißer Tag,« begann er. »Ich war über Land und kam von einer anderen
Seite.«
Das Auto fuhr, leise schwirrend wie ein Pfeil.
Plötzlich sagte Mariclée: »Ich hoffe nur, mein Gepäck ist nicht
zurückgeblieben!«
Er drückte an den Knopf, ließ sofort halten, versicherte sich, daß alles in
Ordnung war und sie fuhren wieder zu. Er hatte es so angelegentlich getan,
daß sie ihm hätte danken sollen, und es lag ihr auf der Zunge. Aber etwas
hielt sie zurück und sie schwieg; denn es war ihr nicht gegeben, zwei Dinge
auf einmal zu tun und die Art, wie er sich einer so geringfügigen Sache als
wäre sie von großer Wichtigkeit, annahm, hatte sie zu sehr frappiert. Denn
die »Manier« war unverkennbar die des Don Juan.
Sie flogen im hellen Abendlicht die weite Schloßallee entlang,
perlmutterfarbene Wolken schwammen am sonnenlosen Himmel über die Wälder
hin. Und wie damals ging ein Rufen, Schlagen, Wehen, wie von Tieresstolz
über Boden und Gezweig. Wie damals tauchte wieder aus einer Mulde, und
keinem unbefugten Auge sichtbar, ein riesengroßer, schweigsamer und
strenger Bau empor, der auf finsteren Gedanken, wie auf Pfeilern gegründet
schien; -- hinter einer breiten kurzen Brücke zuerst der niedere Teil des
ehemaligen Konvents, und unter steinernen, wappentragenden Löwen, der
offene Eingang in der gedämpften, gemütlichen Pracht seiner kostbar
ausgeschlagenen Wände.
»Sind viele Gäste hier?« fragte Mariclée mit verhaltenem Atem.
Sie hatte im Park helle Silhouetten und wallende Hüte bemerkt.
»Für den Augenblick fast niemand.«
»Aber wer ist das Mädchen?« Und sie deutete auf eine hohe Gestalt mit einem
bebänderten Schleierhut, die ruhigen Schrittes dem Portale zuging.
»Das ist Ihre Freundin,« sagte er. Sie hatte jedoch schon eine verheiratete
Tochter.
Einen Augenblick später begrüßten sie sich. »Und dasselbe Zimmer sollst du
wieder haben,« verkündete sie ihr. Mariclée nickte wie jemand, dem man
etwas mitteilt, was er schon weiß. Denn vom Moment an, wo sie wieder über
diese Schwelle gezogen war, hatte sie dies gewußt.
Viertes Kapitel
Don Juan zeigte sich bei Tische, wo er Mariclées Nachbar war, als ein
ungewöhnlich begabter und vielseitiger Mann und wie einer selbstgefällig
seine Hand ausstreckend, geschliffenes Glas im Lichte dreht und wendet, so
drehte und wendete er ihr alle Fazetten seines Geistes zu und ließ sie
funkeln und gefiel sich mit viel Natürlichkeit und noch mehr Geschick an
seinem eigenen Feuer. Es trug niemand eine Tiara und sie waren nur zu
sechs: Don Juan und Mariclée, ihre Freundin, deren Gatte Lord S., seine
Mutter und seine Schwester. Mariclée hatte nicht gedacht je wieder hier zu
sein, und wie fühlte sie sich doch wieder mit ihren innersten Fibern an
dies prunkvolle und interessante Haus gewöhnt, als sei etwas von ihrem
Geiste all die Weil in diesen Mauern zurückgeblieben. Wie hatten sie selbst
die Schauer der oberen Zimmer wieder angeheimelt, da sie die alten
Eindrücke so unverändert wiederfand. Die Pracht der Möbel, der Gobelins und
Kamine war es ja nicht allein, denn in Museen sieht man vereinzelt, wie
ausgestopft, solche Stücke. Sondern überall das Zusammentönen und -leben
dieser stillen Truhen, dieser alten Teppiche, dieser seidenen Draperien und
Quasten, mit den schlanken Fachkästen und Stühlen und dem kunstvoll so rein
und naiv gewundenen oder skulptierten Holz. Wo an den niedern Wänden der
Raum nicht von den Wappen mit den ausgehauenen Löwen ausgefüllt, oder
köstliche Schreine eingelassen waren, zogen sich durch jene oberen Zimmer
hindurch früh mittelalterliche Gobelins. Lange Prozessionen schritten da
einher, Könige, Bischöfe und Heilige; edle Jungfrauen blickten rührend und
ernst, und hinter dem Stuartbett heute wie damals eine geheimnisvolle
schöne, eine große, weinende Gestalt. Alles dies hatte sie schon erlebt und
ihr stilles Wiedererkennen war ein inneres Grüßen. Ob es die Gespenster
schon wußten, daß sie wieder gekommen war?
Man hatte sich nach Tische in den großen Saal verfügt, und Mariclée war mit
ihrer Kaffeetasse an das äußerste Ende gegangen, und staunte wie die
Beauvais, die alten Möbel und Bilder, die ausgeschüttete Pracht kostbarer
Dinge hier wie zu leuchtender Musik zusammenflossen, als sie plötzlich
merkte, daß Don Juans schwerer Blick auf ihr ruhte. Aber sie hielt ihn aus
und lächelte ein wenig, ein Lächeln, das ihn intrigierte, weil er es nicht
verstand.
Und dann saßen sie alle beisammen und man sprach für den Rest des Abends
von nichts anderem mehr, als von Politik. Es war der Sommer, in dem es in
ganz England nur ein einziges Thema gab: Das Budget; und Mariclée dachte
für den Rest des Abends nur mehr an dies Budget, das sie nichts anging.
Es war schon vorgeschrittene Nacht, als sie auf ihr Zimmer kam. Der weiche
Glanz der mächtigen Hänglaternen vermochte so wenig wie die Morgenstrahlen
die Düsterkeit dieser Gänge zu verscheuchen, als könnten Jahrhunderte
nichts daran rücken. Sie dachte an den jungen Mann, der damals ihr
gegenüberwohnte. Was mochte wohl aus ihm geworden sein? Da öffnete sich
dieselbe Türe und Leporello glitt mit einer Wasserkanne aus dem Zimmer
seines Herrn: sie sah im Fluge schimmernde Spiegel, anheimelndes
Kerzenlicht, und wohl an die zwanzig Schuhe am Boden hingereiht. Ach,
morgen früh würde er Glenford schon verlassen! sollte sie denn wieder wie
damals diesen Flügel ganz allein bewohnen? Aber gottlob, neue Gäste waren
ja erwartet! mochten sie _drei_ Diademe übereinander tragen!
Und sie betrat ihr Zimmer; blickte auf ihr Bett, auf die maskierte Türe.
Wie illusorisch war die Zeit! es gibt vergangene Dinge, die nicht vorüber
sind, ob wir sie auch vergaßen. Und _eine_ Nacht von ihren damaligen
Nächten war geblieben. Denselben Ton, dieselbe Stimmung nahm sie wieder mit
innerem Erblassen wahr. Aber sie traf ihre Maßregeln, drehte das Licht
nicht ab, sondern umflorte es mit einer rosa seidenen Schärpe.
Am nächsten Morgen hörte sie die Stimme ihrer Freundin, die vom Garten aus
nach ihr rief. Sie folgte ihr und beide gingen plaudernd die Terrassen auf
und nieder, als Don Juan aus dem Hause trat und sich zu ihnen gesellte; es
hatte sich ein Irrtum mit seinem Zuge herausgestellt und vor Nachmittag
konnte er nicht fahren.
Die Sonne stieg höher und sie setzte sich mit den beiden unter einen Baum,
dessen mächtiges Gezweige einen weiten Schattenring am Rasen zog. Sie
gerieten bald sehr eifrig ins Gespräch. Das intellektuelle Prestige der
Deutschen ist in England ebenso enorm, wie ihre Unbeliebtheit; so viel
hatte Mariclée schon heraus. »Daß die Engländer die Deutschen nicht
kennen,« sagte sie, »ist nämlich gar nicht wahr: Deutsche und Franzosen
kennen einander nicht, aber zwischen uns und England besteht nichts
anderes, als ein durch das Tantengetratsch der Zeitungen immerwährend hin-
und hergetragner Bruderhaß. Wenn wir einmal zu einer Verständigung kommen,
gibt es eine Familienfeier, wie sie kolossalischer nie dagewesen ist.«
»Und inzwischen das Tempo, mit dem ihr eure Dreadnoughts beschleunigt!«
warf ihre Freundin ein.
»Und inzwischen euer Argwohn!« seufzte Mariclée.
»Unser sehr berechtigter Argwohn,« schloß Don Juan.
Und wohin sie in England kam, es hallte ihr über die Deutschen nirgends ein
anderer Ton entgegen!
Zum Schluß natürlich -- wie wäre es anders möglich gewesen? -- sprachen sie
von Liebe.
Es war zuvor von Politik die Rede gewesen, und es reizte Mariclée, Don Juan
gegenüber die These zu verfechten, die Politik sei eine passionelle Ader
und ein großer Staatsmann könne nicht zugleich eine Laufbahn als homme à
bonnes fortunes verfolgen; sie zitierte dabei Bismarck, Beaconsfield und
Gladstone.
Don Juan, der wie so viel andere Konservative, bei den letzten Wahlen
seinen Sitz im Parlament verloren hatte, wollte dies nicht gelten lassen.
Er nannte Goethe und Napoleon; allein sie ließ den einen ebensowenig als
einen wirklichen homme à femmes gelten (Napoleon nämlich) wie den andern
als eigentlichen Staatsmann. Er sammelte flugs andere Leute und schickte
englische Politiker ins Treffen, deren Biographie sie nicht genügend
kannte. Übrigens war er bezaubernd. Es ist hart zu sagen, aber nicht die
Liebe, die man hegt, sondern etwas so Abhängiges, wie die Liebe, die man
einflößte, diese ist die abtönende und feilende Kraft, die so wenig für
unseren Wert, aber so einzig für unsere Geltung entscheidet. Was ihn trug,
war nicht sein eigenes Feuer, noch die Gefühle, die er etwa empfand,
sondern es war die Gewalt, welche ihm die Frauen zugestanden, und der
Reflex _ihres_ Blutes, nicht das Spiel seines eigenen, hing ihm wie ein
Purpur an. So war es nur natürlich, daß er die Liebe als etwas so
Unentrinnbares hinstellte. »Unentrinnbar?« wiederholte fragend Mariclée und
ließ ihre Blicke in die Ferne schweifen. »Ist sie so einfach? Unser Hang in
eure Arme zu sinken ist doch ebenso elementar wie unsere Scheu euch zu
verfallen. Ihr glaubt nicht recht daran, weil es ein Zug ist, der euch
fehlt. Denn ihr seid uns zwar untreu, jedoch nicht abgeneigt.«
Es amüsierte sie so, ihm das zu sagen.
Und diesmal widersprach er nicht, nur wollte er diesen »Zug« sehr einfach
auf einen Instinkt der Selbsterhaltung zurückleiten; die Liebe griffe so
ungleich mächtiger in unsere Organismen ein, daß die Natur selbst in
größerer Zurückhaltung Schutz suche. Aber dies war den Freundinnen doch
nicht subtil genug. Freilich destillierten sich die höchsten Dinge aus den
primitivsten, aber wie ein Grundstein die erste Bedingung zu schwebenden
Pfeilern sei. Man brauche ihn nicht zu sehen und für das Bild des Ganzen
sei er unbeträchtlich.
Und so disputierten sie hin und her, um sich dann wieder auf irgendeinen
Scherz des Don Juan hin zu einigen, bis sie die Luncheon-Glocke unterbrach.
Bei diesen Luncheons fand Mariclée vor allem zwei Dinge nach Wunsch: daß
man seinen Hut aufbehielt (man zog meist bis gegen Abend damit herum) und
daß man sich selbst bediente. Der butler und sein Generalstab erschienen
nur zu Anfang, reichten einiges herum und zogen dann wieder ab. Auf den
mächtigen Seitentischchen brannten Flämmchen unter den silbernen
langstieligen Kasserolen und warfen Reflexe auf die farbigen Teller, das
Gold und Silber der Bestecke, die feierlichen Platten, die da warteten.
Nichts aber von allen Speisen schien ihr so prächtig zu einem Stilleben
geeignet, wie zerlegte grouse. Die Teile schichteten sich mit so satter
Kompaktheit auf, der Ton des Fleisches, mit seiner, wie in sich ruhenden
Fülle, war so souverän, daß zu ihm gehalten solch alltägliche Dinge wie
Indiane oder Fasane jede künstlerische Berechtigung verloren. Es war das
Ideal.
Mariclée ging eben mit ihrem Teller spazieren, als eine junge und sehr
elastische Gestalt, die ganz mit Schleiern und hellen Tüchern bedeckt
schien, zur Tür hereinwehte. Es war die Herzogin von R. . . Sie sah aus,
als käme sie von einem Ritt durch die Wüste und sei soeben vom Höcker ihres
Kamels herabgeglitten; es stand aber nur ihr Auto draußen auf dem Kies und
sie war gekommen, um den Don Juan darin mitzunehmen. Erst als sie den
Schleier von ihrem Gesichte zurückschlug, sah Mariclée, daß die Jugend von
ihr entwichen war. Wenn aber eine junge Schönheit uns entzückt, so haben
die Reize einer schön _gebliebenen_ Frau etwas, das uns begeistert. Ist die
Zeit etwas so Niedriges, dachte sie bei ihrem Anblick, daß alles, was ihr
widersteht, so edel wirkt?
Es kam auf der Stelle und unter großem Wehklagen die politische Lage zur
Sprache. Daß Tags zuvor ein englischer Pair im Parlament übel bestanden
hatte und die Liberalen die besseren Führer aufwiesen, war ein Grund mehr,
gegen sie erbittert zu sein. Der Name Churchill, der in Deutschland so
bereitwillige Erwähnung findet, war in diesen Kreisen geächtet. Er hatte
soeben in einer glänzenden und insolenten Rede die Herzöge arg zerzaust,
und diese immens reichen Herren, die Roseberry those poor but honest dukes
zu nennen gewagt hatte, ironisiert. »And we _are_ so poor!« klagte die
Herzogin.
Man war von Tisch aufgestanden und hatte sich in die Halle verfügt, denn es
war dort am kühlsten. Mariclée schlich indes in die Bibliothek, um diese
Rede, die ihr entgangen war, nachzulesen. Sie brauchte eine ganz Weile, um
sie herauszufinden, vergrub sich dann mit ihrer Zeitung in einen tiefen
Lehnstuhl und machte sich gewissenhaft darüber. Da ging plötzlich die Türe
auf, und Don Juan trat herein.
»Ich komme mich zu verabschieden«, sagte er. Und wie er vortrat und
lächelnd auf sie zukam, und ihre Hand faßte, und sie hielt und die Hoffnung
aussprach ihr wieder zu begegnen, so daß unwillkürlich ihre Haltung der
seinigen entsprach, und sie ihn ansehen und ein wenig lachen mußte, -- das
Ganze war ein Meisterstück. Weiß doch ein Frauenkünstler so geschickt mit
ihnen umzugehen wie ein Virtuos mit seiner Geige. Zwar kannte sie ja die
Art, und das Prinzip war überall dasselbe: selbst nach flüchtiger Begegnung
leichthin den Schein anzunehmen, als sei ein Eindruck hingenommen worden,
einzig zu dem Zwecke, daß ein Eindruck hinterbliebe.
Aber aber -- -- -- zufällig war ihr schon der Don Juan Deutschlands und
Frankreichs, Don Juan d'Austria, ja sogar der Süditaliens begegnet. Und
nichts sieht einem Erleben so ähnlich wie ein Erkennen.
Fünftes Kapitel
Mariclée ging in die Halle zurück und fand dort ihre Freundin im Gespräch
mit der Herzogin, die, wieder ganz verschleiert, aussah wie Scheherazade.
Als die beiden Frauen sie gewahrten, lächelten sie, als müßten sie lächeln,
weil sie daherkam, da sie eben von ihr sprachen. Mariclée bemerkte es, aber
an keinem Ort der Welt fühlte sie sich so sicher. Ihre Freundin besaß eine
starke Eigentümlichkeit, ohne daß man je versucht gewesen wäre, sie
eigentümlich zu nennen. Sie hatte so viel in der Welt gelebt, daß eine
natürliche Anlage die Menschen zu behandeln, wie es ihnen am wohlsten tat,
sich bei ihr so ausgebildet hatte, daß es kaum mehr eine Intuition, schon
mehr ein Instinkt zu nennen, war. Sie hatte Routine wie ein anderer eine
Glatze, sie war taktvoll, wie ein anderer korpulent ist, das heißt es war
ihr zur Natur geworden. So verfuhr sie mit Mariclée unwillkürlich, als wäre
diese von Glas, und in der Tat war sie, obwohl gar nicht empfindlich, im
höchsten Grade zerbrechlich. Ließ man sie im Stiche, so fiel sie
allsogleich um, und wenn sie nicht sehr behutsam zwischen zwei Fingern
gehalten wurde, lag sie gleich in Scherben. Dann war sie weder Seele noch
Leib, nur mehr ein sichtbares Stück Unbehagen, das sich nach Unsichtbarkeit
sehnte, ungefüge und erloschen.
Don Juan hatte der schönen Herzogin in den Wagen geholfen und entschwand
mit ihr durch dieselbe Allee, durch die er tags zuvor mit Mariclée
einherzog. Sie folgte jetzt der Freundin, die sie vom Peristyle aus gerufen
hatte und trat mit ihr ins Freie. Der Ausblick war hier von einer
unerhörten Düsterkeit. Hatte sich Glenford mit dieser Landschaft oder diese
Landschaft mit Glenford in Einklang gesetzt? Sie gemahnte an die
machtvollen und zugleich unerbittlich verfallenen Shakespeareschen
Königsdramen. Und welcher Meister hatte diese flachen Beete, diese
Senkungen und diese in ihrer Gepflegtheit so selbstherrlichen Plane gelegt,
die bis an den Saum der tiefen Wälder reichten, und den gesteigerten Ton
dieser Natur noch erhöhten? Mariclée dachte an die erwarteten Gäste. Wo
blieben sie nur?
»Komische Leute!« sagte da plötzlich Lady S. »Man hat doch seine Tage so
ausgerechnet. Unsere Freunde wollen am Freitag kommen, aber Samstag fahren
wir ja selber nach Schottland. Ich kann sie natürlich nicht haben.«
Da warf Mariclée einen stummen Blick zu den Bäumen empor, die wie starke
Tore gegen Norden die Mulde versperrten. Heute ist Mittwoch, dachte sie,
also drei Nächte! Im übrigen ließ sie sich nichts merken, sondern zeigte
sich gesprächig und heiter, erzählte und ließ sich erzählen, aber abends
dehnte sie das Zusammensein möglichst lange hinaus. Die anderen hatten sich
schon eine gute Weile zurückgezogen, als sie mit der Freundin die weite
Treppe hinaufging. Auf dem Freiplatz trennten sie sich und Mariclée wollte
in ihren stillen Gang einbiegen, da durchschauerte sie ein plötzlicher
Frost. Im selben Augenblick fühlte sie sich am Arme erfaßt!
»Du fürchtest dich!« rief ihre Freundin.
Aber Mariclée machte sich auf der Stelle von ihr los.
»Wovor denn?« fragte sie mit dem natürlichsten Lachen der Welt.
»Keine Torheiten. Es ist doch so einfach, daß ich dir eine Jungfer
schicke!«
»Und ich muß dich wirklich bitten, mich damit zu verschonen, ich fürchte
mich kein bißchen. Wovor soll ich mich fürchten?«
Und sie tanzte den Gang hinab.
»Ich würde es dir wirklich sagen,« lachte sie noch an der Türe. Und sie
schlüpfte in ihr Zimmer hinein. Dort sank sie in einen Stuhl. Das mit der
Jungfer war nämlich durchaus nicht so einfach; sie wußte von früher her
genug törichte Stücke von den Glenfordschen Leuten. Man hatte das ganze
Personal längst unter Dach nach einer anderen Himmelsrichtung
untergebracht. Und dann hatte sie kein Verlangen, ihre Gespensterfurcht so
fraternisieren zu lassen. Denn sie tat sich etwas darauf zugute. Allein sie
glaubte wahrhaftig, wenn Don Juan nur noch bis zum Abend geblieben wäre,
sie hätte sich zu seinen Füßen gestürzt, damit er sie nicht allein ließe.
Denn sie verging vor Angst. Zwar nur von jener Türe drang sie wieder auf
sie ein. Warum war sie jetzt maskiert? Und von neuem dachte sie an den
Marquis von Chandieu, der bei ihrem letzten Besuch ihr Nachbar gewesen war,
und sie immer so eindringlich nach ihren Eindrücken befragt hatte. Aber
damals hatte sie keine zu verzeichnen, es war alles erst nach seiner
Abreise geschehen. Wie stolz hatte sie ihn damals angehört! Wie hatte sie
sich innerlich gebrüstet, wenn er ihr seine gestörten, schlaflosen Nächte
gestand, während sie so gänzlich unangefochten von derlei Nervositäten
blieb. Was war aus ihm geworden? Warum hatte sie all die Zeit hindurch
niemals an ihn gedacht? Und warum, da sie ihn so vergessen hatte, war er
ihr mit einem Male so gegenwärtig, als müßte sie aufstehen und den Gang
überschreiten und ihm erzählen, wie alles über sie gekommen und sie eins
geworden war mit ihm in ihrer Angst, aber viel später, erst eine Woche
nachdem er so plötzlich verreiste, und sie allein in diesen Gängen und
dieser Flucht von Gemächern zurückblieb. Und plötzlich überkam sie eine
große Reue, daß sie es nie getan hatte, und sie nahm sich vor (des Nachts
faßte sie immer sehr viele Vorsätze) es nachzuholen. Es würde das erste
sein, daß sie sich morgen nach ihm erkundigte.
Sie rückte ihren Schreibtisch zurecht, und bereitete sich vor, ihre
Briefschulden zu tilgen. Denn seitdem sie nach London gefahren war, hatte
sie keinem Menschen geschrieben. Sie faßte geschäftliche und Freundesbriefe
ab und warf sie dann auf den Tisch. Von Zeit zu Zeit blickte sie auf und
sah auf die Türe. Nur eines hätte sie nie ertragen: das Licht zu verlöschen
und dieser Türe den Rücken zu kehren. Erst als der Morgen graute, legte sie
sich auf das Bett und dort wollen wir sie eine Weile schlafen lassen und
erzählen, was für Erinnerungen es denn waren, die sich für sie an dieses
Zimmer ketteten.
Als sie vor ein paar Jahren zum erstenmal nach Glenford fuhr, hatte sie
nicht nur von seinen Ländereien, dem langen Saale mit den elf nach Westen
stehenden Fenstern, der Minnesängergalerie, Straffords berühmtem Porträt,
und all den Bildern und historischen Schätzen vernommen, sondern auch von
den Gespenstern, die seit Jahrhunderten hier umgehen sollen. Die Aussicht
auf eine Bekanntschaft mit ihnen wollte sie mit gespannter, aber heiterer
Neugierde erfüllen. Steht doch selbst der Leichtgläubigste solchen Dingen
skeptisch gegenüber, weil er fühlt, daß sein Leben alles Gespenstige so
siegreich ausscheidet, wie das Licht die Finsternis; und darum macht es ihm
Spaß, wenn er von jenen leeren Schemen -- zu welchen er zwar selbst über
Nacht gehören kann -- wie von etwas »Wirklichem« Kunde erhält.
Schlaflos war sie damals die Nacht hindurch via Ostende gefahren. Draußen
graute kaum merklich der Tag über ein baumloses, flaches, unsäglich trübes
Land. Hie und da streckte eine Windmühle wie verzweifelt ihre bretternen
Arme aus und erhöhte noch den Eindruck von Verlassenheit und Öde. Und in
jenem unendlichen, schattenhaften Grau, das den Himmel und die trauernde
Ebene erfüllte, wollte endlich auch ihr Bewußtsein ruhen und versinken.
Aber kaum eine Minute lang!
Denn als sie erwachte, lag nach wie vor matte, unklare Dämmerung über das
Land gebreitet, und zugleich rief ihre erschrocken ausgestreckte Hand ein
anderes Bild in ihr wach, das unvergeßlich, sie wußte es wohl! zwischen ihr
und der Außenwelt entstanden war.
Welcher Unhold hatte sie da so unvermittelt und so willenlos über eine so
fremde Schwelle geführt?
Durch ein hoch und ohne Sims in der Mauer angebrachtes Fenster schien das
Abendlicht unsäglich bange in ein schmales, verließartiges Zimmer schräg
herein; und sie erblickte da in einem hohen Lehnstuhl, der aber nicht
entfernt bis zu dem Fenster reichte, die Umrisse einer zarten und kostbar
gekleideten, aber schon sehr alten Frau: -- zwei langgestreckte seidne
Locken, deren Enden sich ätherisch lösten, umschimmerten ihre klaren Züge;
ihre reizende Hand hing ernst und traurig herab, und den Blick hielt sie
gespannt, erwartungsvoll auf Mariclée gerichtet. Als diese aber, seltsam zu
ihr hingezogen, nähertrat und in der sinkenden Dämmerung sie zu erkennen
suchte, da zerfiel, zersetzte, _zerfetzte_ sich ihr Angesicht vor ihren
Augen zu dem eines grauen, unnennbaren Gespenstes, und schaudernd streckte
sie die Hand aus, um den furchtbaren Anblick von sich abzuwehren.
Am Abend dieses selben Tages war sie in Glenford. Und der Zufall fügte, daß
gleich während des Diners von den Gespenstern des Schlosses gesprochen
wurde, ein Thema, das in Gegenwart der Eigentümer für gewöhnlich
ausgeschaltet blieb. Dies rief nun unverzüglich ihre eigenen Erinnerungen
wach; ihr, meinte sie, hätten Glenfords Gespenster wohl besondere Ehren
zugedacht, da ihr ja schon eines bis übers Meer entgegenfuhr. Und lebhaft
schilderte sie das seltsame Gemach, seine eigentümliche Lage und das
Gesicht, das sie am Morgen dieses Tages erlebte, hielt aber betroffen
mitten in ihrer Erzählung inne, als sie die plötzliche Stille und die
überraschten, gespannten Mienen rings um sie her bemerkte.
Einer der Gäste, ein Herr von Chandieu, ging nach Tische auf sie zu und bot
sich ihr als Führer an für ihren morgigen Rundgang durch das Schloß. Er
bestand darauf mit einer eigentümlichen Bestimmtheit, als gälte es einen
Vertrag, oder meinetwegen ein Engagement für einen Walzer, den man aber,
einmal vergeben, nicht mehr mit einem anderen tanzen dürfe.
So zogen sie denn Tags darauf durch die herrlichen, doch so umdüsterten, ja
wie untröstlichen Gemächer. Und von der schweren Stimmung, die darin
herrschte, überkommen, fühlte jeder sich allein und vergaß des anderen,
vergaß sich selber, und verstummte. Denn wie in sehnsüchtiger Abendröte,
atmete und verweilte hier noch die weite Vergangenheit. Als sie endlich die
Plattform eines breiten, turmförmigen Vorbaues betraten, der den Übergang
bildet zwischen dem Schloß und der noch älteren Abtei, sagte Chandieu:
»Noch ein Zimmer muß ich Ihnen zeigen,« und deutete auf die Wand. Eine
Eckmauer höhlte sich hier zu verschiedenen Windungen und Stufen und führte
plötzlich zu einer Versenkung und einer Türe. Sie traten ein, zwischen den
Quadern verborgen hineingebaut, hing da wie ein Lift ein hohes schmales
Gelaß. Schwermütig fiel das Licht durch ein hoch und ohne Sims in der Mauer
angebrachtes Fenster, und ein hoher Lehnstuhl, der aber nicht entfernt bis
zu dem Fenster reichte, stand davor. Mariclée begegnete Chandieus
fragendem, gespanntem Blick und erschrak. Zu genau war ihr schon der
Anblick, die unheimliche Lage dieser Kammer und ihre bange Atmosphäre
bekannt!
Indes erfüllte es sie mit unbeschreiblicher Genugtuung, daß die teilweise
Bestätigung eines gespenstigen Traumes sie nicht ängstigte, um so mehr als
die Inhaber der sogenannten Stuartzimmer sich über ihre schlaflosen Nächte
unumwunden äußerten. Dabei wußte man von diesen Räumen sowie von dem
anstoßenden Prunksaal, den der König während seines jährlichen Besuches
bewohnte, gar nichts Schauerliches zu berichten. Sie hingegen wohnte auf
der Ostseite nicht nur ganz allein, sondern ihre Türe führte direkt in das
große, in gelbem Damast und Silber ausgeschlagene Paradezimmer, das für die
»schwersten Gespensterfälle« notorisch war.
Nach einigen Tagen reisten die anderen Gäste, und mit ihnen Chandieu, ab,
und infolgedessen stand nun der ganze obere Teil des rechten Schloßflügels
leer; Mariclées Freunde forderten sie wiederholt auf, in ein anderes,
bewohnteres Stockwerk umzuziehen, allein sie weigerte sich auf das
entschiedenste, denn jetzt war alles so schauerlich und schön, und es
gefiel ihr erst recht. Sie besaß indes für Geister offenbar doch keine
Attraktion. Denn weder »das Mädchen«, noch »der Mönch«, noch der »cuddling
ghost«, noch die alte Dame, die sie doch kennen mußte, bemühten sich zu
ihr.
Da eines Nachts fuhr sie aus tiefem Schlafe von diesem Bette empor, warf
sich mit einem Satze blindlings gegen die Ausgangstüre, drehte dort
blitzschnell das Licht auf, und stürzte dann zu Boden. Verwundert blickte
sie in dem hellerleuchteten Raume umher. Was war geschehen? sie konnte sich
auf nichts besinnen. Warum lag sie zu Boden? und warum fühlte sie ihren
Blick umtrauert, wie ein vom Nebel umdüstertes Licht? Warum? Nur ein
Gedanke: Licht zu schaffen, hatte ja in ihr gelebt. Aber welch höllisches
Entsetzen hatte sie dann niedergeworfen und jagte sie von neuem, bevor sie
es faßte? -- Ach, jenes Licht, sie hatte es entfachen _müssen_, damit sie
die Erschütterung ertrug, die ihr jetzt das Bewußtsein brachte! sie war
nicht erwacht, sie war geweckt worden.
Erst als Tageshelle ihr Zimmer erfüllte, löschte sie, und trat ans Fenster.
Allein die Frühluft, die jetzt so froh zu ihr hereindrang, verscheuchte
nicht, wie sie es hoffte, die Grauen dieser Nacht. Der silberne
Morgenhimmel lehrte ihr nur, daß sie den Mut nicht finden würde, ja daß ein
unheimlich seltsamer Widerwille sie erfüllte, ihre untatsächlichen
Erfahrungen zu bekennen, als hafte etwas Totenhaftes an ihr, weil sie sie
erlebte. Und darum blieb sie in diesem Zimmer und schwieg. Aber sie ließ
ihre Lichter immer bis zum Sonnenaufgang brennen, und die Furcht vor einem
Erwachen, wie sie mit Bestimmtheit glaubte, es in seiner Unnatur ein
zweites Mal nicht zu ertragen, hielt Nacht für Nacht ihre Wachheit rege.
Und sie saß aufrecht und horchte. -- Gerührt vernahm sie das Rauschen der
Bäume, oder wenn ein Nachtvogel sich bewegte. Und sie horchte entsetzt --
wie ein Scheinlebender -- auf den unhörbaren Lärm, auf die feindselige
Luft, und durch alle Ritzen und Gänge hindurch die zerrüttete Ruhe. Welcher
Sinn war in ihr erwacht für die finsteren Flammen, lechzend wie das Leben
reißender Tiere vom Leben Verstoßener? für dies Wehen wie von
Schmerzensfaltern, der schweren Raupe des Verbrechens entflattert! Denn es
schien, als dürsteten sie nach ihr, als richte sich ihr Ansturm gegen eine
verwundbare oder gefahrvolle Stelle, eine Bresche in ihrem innersten
Selbst.
Dabei hing es oft an einem Haar, daß sie über alles dies nur lachte.
So drehte sie eines Nachts das Licht ungeduldig wieder ab und lag vor
Müdigkeit wie eine Schnecke zusammengerollt, ganz jenem Gefühl des raschen
Versinkens anheimgegeben, das uns umfängt, wenn der Schlaf, wie ein guter
Riese, unser Bewußtsein davon trägt.
Allein wie eine unrechte Beute ließ er sie jäh fallen. -- In der
Schnelligkeit, mit der sie nach dem Lichte auffuhr und ans Fenster stürzte,
hatte sie Decken und Tücher mit fortgerissen: ihr Blut wie in Flucht
geschlagen, hämmerte in ihren Schläfen, als dränge es den Augenhöhlen zu
entströmen, und in dem glänzenden Gemache, wie in einer Zelle eingemauert,
fühlte sie sich von der Nacht, die beglückt da draußen flutete, geschieden.
Und wie das erste Mal, kam jener unbeschreibliche und haßerfüllte Schatten
eines Hauches von jener Tür. --
* * * * *
Aber wir müssen zu Mariclée zurückkehren, denn sie ist schon erwacht. Ein
leises Klopfen scheuchte sie aus dem Schlafe und gleich darauf ertönte eine
Glocke. Es half ihr nichts, nach ihrer Uhr zu sehen; sie hatte wieder
einmal vergessen sie aufzuziehen. Sie eilte sich nun so gut sie konnte,
denn die Mutter des Hausherrn, die mit ihrer Tochter im Erdgeschoß wohnte,
war eine sehr alte, aber sehr pünktliche Dame, und Mariclée wollte nicht
später als sie erscheinen. Da sie jetzt allein auf diesem Stockwerk hauste,
nahm sie zum Ankleiden, wie früher, das Badezimmer in Beschlag. Es lag den
Königszimmern gegenüber, man mußte den Gang hinaufgehen und dann rechts
einbiegen. Wenn Gäste in Glenford waren und Stimmen, Seidengeknister und
huschende Zofen die Atmosphäre erhellten, die wie ein schwerer Himmel diese
Räume überhing, dann gewannen sie einen Zauber, eine faszinierende,
schaurige Heimlichkeit, die in der Welt vielleicht nicht ihresgleichen
hatte. Ein herumliegender Atlasschuh, ein hypermoderner Hut, ein Parfüm
wurde hier zur ergreifenden Note, und Schritte konnten wie beruhigende
Orgelklänge verklingen. Aber wehe, wenn das Leben an diesen verwunschenen
Gestaden nicht länger brandete. Vergangenes herrschte dann wieder, grübelte
und versank in sich selbst, schwarze Wolken sammelten sich wieder und die
erdrückte Luft preßte, wie einen Todesschweiß der Berührung weichende und
sprachlose Dinge aus! Untilgbarer Haß lauerte hinter den Baldachinen,
ohnmächtige Wut hing sich an die altertümlichen Pfosten, an das Holz und an
die damastenen Wände. Öffnete sich aber die Türe, trat ein Mensch in diesen
finsteren Kreis, so entstand jener gewaltige, unhörbare Tumult, und dann
rang es in allen Ecken den Kreis zu sprengen, die Schatten gerieten in
Aufruhr und überall gierte es so heiß, gierte so traurig ein Gesicht, eine
Gebärde zu werden. Und keine Sonne, kein frohlockendes Wölkchen, kein
Vogelgezwitscher linderte die Qual.
Sechstes Kapitel
Lord S. saß allein beim Frühstück, als Mariclée etwas atemlos hereintrat.
Die zweite Glocke war längst ertönt.
»Wie spät ist es denn?« fragte sie.
Er war ihr sichtlich überrascht entgegengekommen.
»Es ist noch früh,« sagte er. »Aber ich gehe auf die Jagd. Und nun hat man
Sie mit dem Gong so aufgeschreckt. Er galt nur mit.«
»Ach, das macht gar nichts,« sagte Mariclée und setzte sich gegen das
Licht, um ihre übernächtigen Augen zu schonen. Sie war sehr zufrieden, denn
ihr Plan war alsbald gefaßt. Ihrer Freundin gegenüber gewisse Eindrücke zu
besprechen, hatte sie sich niemals entschließen können. Sie hatte den sehr
deutlichen Verdacht, daß man sie damit beunruhigen konnte. Mit einem Manne
war es anders.
»Ja, danke,« sagte sie, da er für sie sorgte. »Ich fange mit einem Pfirsich
an.« Sie hatte einen wahren Heißhunger nach ihrer schlaflosen Nacht. »Aber
verdiene ich zu leben, da ich nie weiß, wie lange es her ist? Wann bin ich
hier gewesen? vor zwei Jahren oder vor zehn? Alles bleibt mir so lebhaft,
nur zerrinnt mir die Zeit, hier hängt ein Bild anders als damals«, und sie
deutete auf die Wand.
»Hören Sie noch von Chandieu?« fragte sie weiter. »Was treibt er, und was
ist aus ihm geworden?«
»Denken Sie,« sagte Lord S., »er ist tot, er starb vor ungefähr einem Monat
in der Schweiz. Wir hörten es erst kürzlich.«
»Tot!« rief Mariclée. »Mein Gott! so jung! was hat ihm gefehlt? er ist
tot!« wiederholte sie bestürzt. Und jetzt hielt sie nichts mehr zurück:
»Ich hatte seltsame Gespräche mit ihm,« gestand sie.
»Was hat er Ihnen gesagt?«
»Er klagte über seine Nächte und forschte immer nach den meinen. Sie
wissen, ich wohnte ihm gegenüber, und er schüttelte den Kopf, wenn ich ihm
sagte, daß ich sie eine nach der anderen in größter Seelenruhe
durchschlief. Aber ich weiß nicht,« fuhr sie scheinbar zögernd fort, »ob es
mir gestattet ist, von solchen Dingen mit Ihnen zu sprechen?«
»Aber natürlich! Wie kommt es, daß Sie zweifeln?«
»Man warnte mich, daß Ihnen Erörterungen über diese Dinge nicht willkommen
seien, und daß ich sie vermeiden sollte,« rückte sie wieder unverblümt
heraus.
»Wer hat Ihnen das gesagt?«
»Ich habe es oft gehört. Auch Chandieu machte mich darauf aufmerksam.«
»Chandieu hat vor seinem Tode das merkwürdige Geständnis abgelegt,« sagte
jetzt Lord S., »er habe in Glenford ein Gespenst gesehen und angesprochen.«
»Das hat er mir nie gesagt!« rief Mariclée. Aber sie wollte sich der
Mitteilung würdig erzeigen, indem sie kein zu großes Wesen daraus machte.
»Glauben Sie denn an solche Sachen?« fragte sie.
»Ich muß gestehen,« sagte er, »ich habe nie eine Wahrnehmung gemacht,
welche die Gespensterchronik dieses Hauses bereichern könnte.«
»Ach,« sagte Mariclée, »sobald man diesen Dingen mit Worten kommt, tritt so
viel Unsinn ans Tageslicht, daß sie zerfließen. Ob es an ihrer
Wesenlosigkeit oder an der Plumpheit des Wortes liegt, das ist mir noch
nicht klar. Aber eines wissen wir alle: Glenford besäße ohne seine Schauer
nie einen so unerhörten Reiz.«
Er nickte. »Ich glaube es selbst; und was Sie über mich sagen hörten,« fuhr
er dann fort, »trifft nicht für mich, es traf nur für meinen Vorgänger zu.
Solange mein Onkel lebte, blieben hier gewisse Fragen auf das bestimmteste
unterdrückt, und er duldete nicht, daß man sie vor ihm debattierte. So
wurde allerdings seine Abneigung für den Ton dieses Hauses bestimmend.«
»Im großen Ganzen sicher die richtige Haltung. Aber was hat Chandieu
gestanden?« Sie brannte darauf, mehr zu hören.
»Nichts, als was ich Ihnen sagte, und dies erst am Tage, an dem er starb.«
»Was hätte wohl Ihr Onkel zu einem solchen Geständnis gesagt?«
»Er hätte keine Notiz davon genommen. Hierin war er wirklich sehr eigen.
Selbst wo er sich gezwungen sah, etwas zu konstatieren, ließ er es ohne
Kommentar. So wollte er anfangs den Flügel für sich nehmen, in welchem Sie,
glaube ich, wohnen, weil ihm dort die Aussicht am besten gefiel. Seine
besondere Vorliebe galt dem gelben Zimmer.«
»Das in gelbem Damast und Silber ausgeschlagene,« unterbrach sie, »das in
meines führt?«
»Mein Onkel wollte es zu seinem Schlafzimmer machen, und hätte es
sicherlich behalten; er besaß jedoch einen Hund, von dem er sich nicht
trennen wollte, und was ihn nötigte auszuziehen, war nur dieses Tier. Es
hatte plötzlich voll Entsetzen auf eine Stelle des Zimmers hingestarrt, und
wurde von einem solchen Beben aller Glieder befallen, daß es nur
flehentlich winseln und sich sträuben konnte, aber nicht mehr imstande war
zu gehen, noch sich auf den Füßen zu halten. Man trug es endlich hinaus und
von dem Tag an wehrte es sich, mit allen Zeichen einer wütenden Angst, in
dieses Zimmer zu treten, und weder durch Schläge noch durch Lockungen
brachte mein Onkel das sonst so gefügige Tier über die Schwelle.«
Sie fragte nicht, nach welcher Richtung es geschaut hatte, sie konnte sich
so gut denken, auf welche Stelle es seine hilflosen Augen gerichtet hielt,
als es in seiner armen Hundeseele zusammenbrach. Die Schreckenstüre, die
sie von jenem Zimmer schied . . .
»Wie grauenhaft!« entfuhr es ihr und sie fügte dann schnell hinzu: »Wie
lang ist es her?«
»O an die dreißig Jahre mindestens.«
»Eine sehr lebendige Geschichte für einen toten Hund,« versuchte sie zu
scherzen.
»Sie haben ja gar nichts gegessen!« sagte Lord S.
»Was Sie mir erzählten, war wirklich zu spannend,« und sie erhob sich
rasch. Denn sie wollte ihn nicht länger von seiner Jagd zurückhalten. »Ich
möchte gerne mit Ihrer Mutter frühstücken. Sie wird gleich erscheinen und
ich will sie in der Halle erwarten.« Damit ging sie zur Türe und sie
trennten sich.
Mariclée vergrub sich in einen Lehnstuhl.
»Daß ich das alles gerade heute zu hören bekam, dachte sie, war wirklich
nicht nötig.« Sie nahm eine Zeitung, ließ sie ungelesen zu Boden fallen,
und sah mit müden Augen umher. Wie war Chandieu in diese Halle verliebt
gewesen, in diese tiefen Fenster, die Rüstungen, das Gebälk, und da oben
die alte Minnesängergalerie, eines der Schaustücke des Landes.
Dies also war der junge Mann gewesen, den sie für einen ziemlich
oberflächlichen Weltmann gehalten hatte. Wenn man auch die Sache selbst,
die allzu dunkel war, ganz außer acht ließ und nur sein Geständnis -- und
dies war nicht anzuzweifeln -- im Auge behielt, so hatte er auf jeden Fall
einen Mut bewiesen, dessen sich Mariclée, mit ihrem Stich ins Heroische,
noch immer unfähig wußte. Denn traulich scheinende, mit rosa Seide
umwundene Lampen waren freilich nicht die Szenerie, gewisse Phänomene zu
fördern, so erfahren war sie jetzt schon, daß sie dies wußte. Und sie
stellte sich Chandieu vor, wie er in der Dunkelheit aushielt. -- Aber
plötzlich riß ihr der Faden. »Ich habe ja noch zwei Nächte,« dachte sie,
»für diese langweilige Sippe.«
Siebentes Kapitel
Es war Schlag halb 10 Uhr, als die alte Dame, von ihrer Tochter begleitet,
die Halle betrat, in der Mariclée auf sie wartete. 85 Jahre trug diese Erde
sie, doch schien sie nicht dem Leben, sondern der etwas bleibenderen Region
eines Romans entnommen. In ihr war eine Vereinfachung, welche die
Vielfältigkeit des Lebens nie so ungebrochen gestattet, und man wurde ganz
träumerisch, ja man fühlte sich wie beschattet in ihrer Nähe. Denn sie
hatte das friedvoll Umgrenzte, das in sich selbst Beruhende und dabei
Spendende des Baumes. Sie hatte auch feine Weisheit, die von nichts zu
wissen braucht, die nie banal und doch für jedermann vorhanden ist. Ihr
Leben mußte ein merkwürdig geschütztes gewesen sein, aber daß es dabei so
hinaufwuchs, war ihr Verdienst. Mariclée war als ein recht fremder Vogel
diesem Baume zugeflogen, ein Grund mehr, um sein Gezweige schützend über
ihn zu breiten, denn irgendwie war das ein einsamer, vielgewanderter und
recht zerflatterter Vogel. Nahm sie ihren Tee nicht zu stark? war sie nicht
müde? das sollte sie lieber essen wie das. Sie hatte da ein hübsches Kleid,
und es stand ihr! Und bei allem, was die alte Dame äußerte, nickte sie mit
ihrem großen ehrwürdigen Kopf, der ihr nicht mehr recht solide auf den
Schultern saß. Mariclée kannte sie erst seit zwei Tagen. Wenn sie nicht bei
einem ihrer Kinder zu Gaste war, lebte sie in ihrem schönen Londoner Hause
mit dieser unverheirateten Tochter, die eine so närrische Liebe zu ihr
hatte, daß sie sie nie auch nur auf einen Tag verließ, so daß man sich
unwillkürlich fragte, was einmal aus ihr werden würde. Das ältliche
Fräulein hatte außerdem noch eine Leidenschaft; die des Schießens. Jeden
Morgen zog sie gemessenen Schrittes, in einem sehr städtischen Hute, sonst
ganz wie Amor bewaffnet, mit Köcher und Bogen aus und übte sich stundenlang
auf einem eigens für sie ausgesteckten Terrain. Mariclée versprach, sie
später dort zu treffen und ging indessen nach einer anderen Seite.
Wohin man von dem Schlosse aus sah, das diese weiten Parkländer, diese
offenen Haine und Äcker beherrschte, erstreckte sich unübersehbar ein
alter, heilig gehaltener Boden, dehnten sich Wälder, die kein fremder Fuß
betrat, und im nächsten Umkreis, bis zu dem nahen See, Plane mit
zauberhaften Bäumen, Terrassen, die nur ein tiefes Schönheitsbedürfnis so
ins Leben rufen und erhalten konnte; und links die schattige und stets
geheimnisvolle Straße. Und von hier bis zu jener Straße drang unaufhörlich
und hold der Turteltauben matter Ruf. Mariclée durchstreifte einen großen
Wald, in dessen Lichtungen das Wild sich rudelweise lagerte. Große runde
Rehaugen starrten sie fremd und ein wenig feindlich an, und alle Köpfe
wandten sich neugierig dem Wege zu, den sie verfolgte. So gelangte sie bis
zu einem niederen Tor, das aller Verlassenheit der Erde gewidmet schien.
Aber es gemahnte sie an die Zeit, und daß sie nicht wußte, wie spät es war.
Da fing sie an zu laufen, bis sie wieder zu den Gärten zurückfand, und von
weitem die Bogenschützin noch erblickte. In einiger Entfernung saß unter
einem Zelt die alte Dame. »Ah!« sagte Mariclée und lagerte sich neben ihr
am Boden, »ich bin so gelaufen, wieviel ist die Uhr und kann ich eine
Viertelstunde hier rasten?« Die Alte reichte ihr ein Kissen; Mariclée schob
es unter den Kopf und starrte in den alabastermilden Himmel. »Es war schön
im Walde,« sagte sie, »und wie weich ist in diesem Lande das Licht. Aber
wie grimmig sehen Glenfords Mauern in den Mittag hinein!«
»Ja, es ist ein finsteres Schloß,« sagte die Alte.
»Ich glaube, wenn es Gespenster gibt, so gibt es welche, die gar nicht so
schlimm, und andere, die ganz abominabel sind. Am ärgsten ist der Mönch des
gelben Paradezimmers, an ihm starb jener Mann.«
»Woher wissen Sie das?«
»Ja, das weiß ich ganz bestimmt.«
»Fürchten Sie sich da oben ganz allein?« fragte die Alte, die das Fürchten
nicht kannte.
»Nein,« sagte Mariclée gedehnt und schüttelte den Kopf, »ich genieße es.«
Dann fügte sie hinzu, indem sie zu ihr aufsah: »ich wüßte gerne, ob Sie
abergläubisch sind.«
»Ich grüße stets eine Elster, die einzeln vorüberfliegt: One for sorrow,
Two for mirth, Three for a wedding, Four a birth«, rezitierte sie und
nickte jedesmal mit dem Kopfe.
»Ich möchte gerne einen Mann ertappen, wie er gerade vor einer
einschichtigen Elster den Hut abnimmt.«
»O Kind,« erwiderte die Alte, »deshalb ist ein Ding noch lange nicht
töricht, weil es sich mit einem Manne nicht wohl verträgt.«
Gibt es etwas schöneres, dachte Mariclée, wie so ein mütterliches, altes
Weib?
Aber die Tochter hatte ihr Spiel beendet und Mariclée war wieder
aufgesprungen, denn sie hatte nur Zeit, sich umzuziehen.
Zum Lunch erschienen zwei Fräuleins, Töchter eines gewesenen Botschafters,
denen es das Leben nicht mehr recht machen konnte. Sie waren beide baumlang
und nicht sympathisch. Die eine war ältlich, die andere noch leidlich
schön, aber im Begriff zu verblühen. Mariclée wünschte der jüngeren einen
Mann und beide zum Hause hinaus. Denn sie hatten sich in Amerika, dem
letzten Posten ihres Vaters, eine höchst unangenehme Sprechweise angewöhnt,
die auf die Nerven ging. Sie sahen Glenford zum ersten Male und kreischten
vor Bewunderung bei jedem Stück, ja im großen Saale schrien sie wie am
Spieß. Mariclée bekam starkes Herzklopfen von ihren Organen, sie war müde
von ihrem Spaziergang und ihrer schlaflosen Nacht. Aber die beiden Damen
wollten das Schloß ansehen der Länge und der Quere nach, nicht nur die
Kapelle und alle Zimmer, sondern auch die Souterrains und alles Porzellan.
Arbeit genug für zwei Stunden, aber sie führten einen großen Vorrat von
Bewunderung mit. Lady S. fühlte sich plötzlich von Mariclée am Ärmel
gezupft:
»Bitte, führe sie nicht in mein Zimmer,« flüsterte sie, »bei mir liegt
alles so herum,« und sie schlich hinauf, warf sich auf ihr Bett und schlief
sofort ein.
Als sie etwas verspätet zum Tee herunterkam, waren die beiden Damen noch da
und der Quell ihrer Bewunderung sprudelte noch immer. Dafür trug die Miene
der Frau des Hauses deutliche Symptome von Erschöpfung zur Schau. Mariclée
konstatierte es mit Bedauern, aber ohne Gewissensbisse, denn sie war der
Meinung, daß solche Leiden nicht besser werden, indem man sie teilt. Auch
harrte schon ein Diener, mit Mänteln bepackt, im Hintergrund, die jüngere
hatte einen kleidsamen Schleier über ihren weitläufigen Federhut geworfen
und als sie sich jetzt wirklich erhoben und, wenn auch unter einem neuen
Schwall von Worten, wirklich verabschiedeten und wirklich zur Türe gingen,
war Mariclées Lächeln und ihr Händegruß von bezaubernder Wärme. Denn sie
wünschte ja allen Menschen das Beste.
Die beiden fuhren durch dieselbe Allee von dannen, durch welche gestern Don
Juan mit der schönen Herzogin entschwand. »Und jetzt Mariclée, ich bitte
dich, gehen wir spazieren,« sagte Lady S. Und sie nahmen ihren Weg durch
die entzückenden Gärten; aber sie kamen nicht weiter als bis zum Fluß.
Inmitten blauer Glyzinen, blauer Gladiolen, einem Dunstkreis langstieliger
blauer Lavendel stand eine marmorne Bank. Hier machten sie Halt und hier
vergaßen sie weiter zu gehen.
Mariclée hatte indessen wieder einen Plan. Sie starrte in den sinkenden Tag
nur von dem einen Gedanken erfüllt: Wie lenke ich das Gespräch unauffällig
auf das Exemplar? Er gehörte aber den Kreisen ihrer Freundin an, und er war
in Glenford gewesen, seitdem sie ihn nicht mehr gesehen hatte: sie wußte es
von ihm selbst. »Mein Gott!« sagte sie, »was für ein blauer Abend, welch
köstliche Stunde! Sieh diese blaue Libelle.« Es ist doch so leicht, dachte
sie, ich brauche das Gespräch nur auf gemeinsame Bekannte zu lenken. Allein
sie mußte doch einen gewaltigen Anlauf nehmen, um seinen Namen zu nennen,
denn sie hatte Angst vor dem, was sie jetzt hören würde; sie dachte nicht
an seine Ehe, aber an seine Gesundheit; denn sie wußte, wie krank er war.
Noch kein halbes Jahr war es her, daß sie auf der Welt nichts anderes wie
englische Zeitungen las, um Nachrichten über seinen Zustand zu erfahren.
Und durfte sie von einer Besserung lesen, so las sie bald darauf von einem
Rückfall. Dabei konnte sie sich durch nichts anderes, als diese greulichen
Blätter informieren: sein Zusammenbruch war unmittelbar nach seiner Heirat
erfolgt und von seinen neuen Leuten, bei denen er todkrank darniederlag,
kannte sie niemand. Jetzt erfuhr sie, daß er sich mit dem Haus eines der
reichsten Herzöge Englands alliiert hatte, und mitten in ihre Spannung kam
ihr das Lachen: Er war kein Snob, aber dies sah ihm so ähnlich.
»Jetzt geht es aber wieder vorwärts mit ihm?« fragte sie.
»Ach nein! Man trägt ihn ja noch die Treppen hinauf.«
»Das kann doch nicht gut sein!« rief Mariclée. »Er fuhr doch erst kürzlich
nach London.«
»Es wundert mich sehr,« sagte die Freundin, »daß er imstande war.«
Mariclées Herz hatte zu schlagen aufgehört. Und dann entstand in ihr ein
betäubendes Brausen, als setzten von allen Seiten viele dumpfe
Glockenschläge ein, die ihr ganzes Innere erfüllten.
»Und ich habe ihn verfehlt, ich habe ihn verfehlt, ich habe ihn verfehlt!«
Aber sie fragte nicht mehr. Sie wollte nichts hören. Am Sonntag würde er
bestimmt wieder nach London zurückkommen. Er hatte es ihr ja geschrieben.
Es ging ihm eben viel besser, als man es noch wußte. Daß es ihm so viel
besser ging, war eben das Neueste. Sie ließ keinen anderen Gedanken in sich
aufkommen.
»Was hast du denn in London getrieben? Im August?« fragte die Freundin.
»Es war wirklich sehr heiß!«
»Und trotzdem fährst du jetzt wieder hin?«
»Vielleicht nur für einen Tag,« erwiderte Mariclée errötend.
»Du weißt,« fügte sie, nur um etwas zu sagen, schnell hinzu, »meine Pläne
sind immer sehr unentschieden, ich weiß nie, was ich morgen tue, ich armes
Kätzchen.«
»O, du bist gar kein armes Kätzchen!«
»Was? Ich tu dir nicht einmal leid?« fragte Mariclée, die jetzt um jedes
andere Thema froh war.
»Du tust mir kein bißchen leid, ich finde dich sehr beneidenswert.«
Mariclée riß die Augen auf.
»O bitte,« sagte sie fast beleidigt, »so beneide mich halt. Aber du bist
nicht anspruchsvoll, das muß ich schon sagen. Und um was, wenn ich fragen
darf? Um die ganze Liste von Dingen, die mir versagt sind?«
»Vielleicht,« entgegnete die andere, »ja vielleicht. Die anderen sind alle
so absolut abhängig von diesen Dingen und du bestehst nicht nur ohne sie,
nein, du bringst es sogar fertig zu balanzieren.«
»Was bleibt mir übrig,« seufzte sie, »vom Seil zu stürzen, oder darauf zu
tanzen.«
Aber die andere schüttelte den Kopf. »Was soll man dir wünschen?« fragte
sie. »Was möchtest du eigentlich?«
»Nichts,« sagte Mariclée, plötzlich sehr ernst geworden. »Nichts, denn ich
möchte alles und es würde mir nicht genügen, es zu haben, sondern ich
möchte es behalten. Aber mein Bewußtsein der Zeit ist so akut, daß ich sie
immer höre, und wie mit hundert Augen überall sehe, wie alles der Reihe
nach, ihrer Strömung weicht und von ihr fortgerissen wird, so daß ich mich
schon fragte: wie halten es die Glücklichen aus?«
Mariclées Freundin war eine gescheite Frau, die ihre nachdenklichen
Anwandlungen hatte, aber solche Exkurse waren ihr zu deutsch. Wenn Mariclée
anfing, solche Fäden auszuwerfen, verlor sie die Geduld.
»Ich wünsche dir einen Mann,« sagte sie, »du solltest jetzt wirklich bald
heiraten.«
Mariclée, immer bereit einzulenken, rollte ihren Faden wieder auf und warf
ihn beiseite.
»Aber ich brenne doch darauf,« versicherte sie. »Nur ist es müßig. Ich
werde so wenig einen Mann ziehen, wie das große Los. Paß nur auf.«
»Deine Einstellung auf den Haupttreffer ist aber auch nicht glücklich, ich
habe dir immer gesagt . . . .«
»Dabei gefalle ich euch ja so gut.«
Mariclée lachte, aber zugleich trieb es sie wieder ihren Gedankengängen zu.
»Irgendwie bin ich im vornherein für den Mann verdorben,« sagte sie. »Das
ist's. Denn die Dinge, die in meinen Kopf nicht hineinwollen, sind die,
welche sich von selbst verstehen und die andere gar nicht zu lernen
brauchen; die Begrenzung in der Liebe, so einfache Rechenexempel z. B. wie
Einen Mann zu lieben, glaubst du, ich brächte mir das bei? Entweder ist
_kein_ Mann der Liebe wert, oder ich will nicht sagen viele, aber doch eine
gewisse Anzahl. Gesetzt nun, ein recht annehmbarer, ja sagen wir sogar un
parti inespére, hätte ein Heim mit mir gegründet -- weißt du, auf wen ich
heute eifersüchtig wäre? O mit nichten auf andere Frauen, die ihn fesseln
würden, sofern sie reizend wären.«
»Du weißt nicht, was du daherredest,« unterbrach sie die Freundin.
»Bitte sehr, ich habe meinen Abnormitäten das exakte Maß genommen und ich
weiß es; ich wäre nicht auf andere Frauen eifersüchtig,« wiederholte sie,
»und um so weniger, je reizender sie wären, aber auf die liebenswerten
Männer wäre ich eifersüchtig, die ich indes kennen gelernt hätte, und denen
ich kein unverkürztes Interesse zuwenden dürfte, weil ich doch an den einen
gebunden wäre. Denn das Gebundensein, das ists! Das ist das Todesband, das
uns an alle Endlichkeiten knüpft. Die Befriedigung, das Lustgefühl,
niemandem zu gehören, ist aber so überbietend, daß man ebenso übermächtig
daran hängen kann, wie ein anderer am Genuß. Es ist jammerschade, daß keine
Vergleiche möglich sind. Ja, es frägt sich, wer mehr zurückbehält, der alle
Dinge auskostet, oder dem es glückt, sich von keinem fangen zu lassen. Auf
seiten des Verzichtes liegt nur leider das Odium der Moral, aber man wird
bald dahinter kommen, daß er nicht Sache der Tugend ist, sondern der
Liebhaberei, genau wie das Klettern, ein Sport, dem des Fliegers
vergleichbar, der vom Boden losgerissen, auf der Luft dahinzieht. So ist
der Wüstling für den andern, wie der andere für den Wüstling, >l'ingénu<.«
Sie hatte sich während dieses Monologes weit zurückgelehnt und sah zum
Abendhimmel empor.
Und was zog da unversehens, jedoch zu ihrer Rechten, am Horizonte auf? Es
war der Mond, den sie zum ersten Male in seinem neuen Kreislauf gewahrte.
Die halb gefüllte Scheibe noch kaum erkennbar, da es noch tagte. Mariclée
war leider, wir dürfen sie nicht besser machen, eine unendlich
abergläubische Person, die blindlings alles glaubte, was man ihr sagte. So
hatte sie einmal gehört, und glaubte seitdem erprobt zu haben und war
überzeugt, daß man den jeweiligen Mond zuerst von links erblicken müsse, um
Zeit seines Verlaufes günstiger Tage gewärtigen zu dürfen.
Sie gingen wieder durch die Gärten zurück, die Sinne vom Duft der vielen
Blumen benommen. Der Hauch entschlafener Rosen aber zog noch weiter, fernab
der Beete, durch die still gewordene Luft bis zu den großen Rasenflächen
vor dem Schlosse, und wie magisch zu den paradiesischen Bäumen hingezogen,
die dort standen, und aus deren undurchdringlichem Gezweig der matte Ruf
der Turteltauben unaufhörlich drang. In dieser holden Welt ragten Glenfords
Mauern, rauh und unversöhnlich, die fahle Front wie in sich selbst
versunken, und die schaurigen Fenster noch untröstlicher und böser, wenn
sie in der Abendsonne blinkten.
Übergehen wir die folgende Nacht, und sehen wir am nächsten Nachmittag nach
unserer Heldin, als sie, selbst einem flüchtigen Schatten nicht unähnlich,
in die Halle glitt, und zu ihrer heftigen Bestürzung einen Brief, in der
Hand des Exemplars, liegen sah. Dies konnte nur Schlimmes bedeuten, denn er
schrieb nie, wenn er anders konnte, und niemals, um zu schreiben. Daß
Mariclée eine große Anzahl Briefe von ihm besaß, dankte sie einzig dem
Umstand, daß er sich nicht entschließen konnte, die ihrigen zu missen.
Allerdings konnte es geschehen, daß er nur ein paar Sätze, wie auf einen
Anlauf hin und aufs Geradewohl geschrieben, an sie gehen ließ, allein sie
wußte, daß es etwas Unerhörtes für ihn war, einen Briefwechsel mit irgend
jemand aufrecht zu erhalten, so daß sie sich mit solchen Notsignalen
begnügte. Heute aber hatte er keinerlei Veranlassung, sie wagte kaum seinen
Brief zu öffnen und zögerte, bevor sie ihn las. Und es war, wie sie
befürchtete. Er hatte einen Rückfall erlitten und fragte nun, ob sie es
möglich machen könnte, ihre Pläne umzugestalten, und in vierzehn Tagen in
London zu sein. Bis dahin glaubte er bestimmt dort eintreffen zu können.
Mariclées erster Gedanke war ihre Wohnung. Sie stand ihr nur für den Monat
August zur Verfügung, wohin würde sie ziehen?
»Mariclée! Maricleia!« rief es draußen. Es war die Freundin, die im Wagen
zu einer Ausfahrt auf sie wartete, um noch eine Plauderstunde mit ihr zu
haben, denn für den Abend waren Gäste erwartet, und der morgige Vormittag
kam, nicht mehr in Betracht. Mariclée eilte hinaus und stieg mit heiterer
Miene zu ihr ein. Im Erleben von Enttäuschungen hatte sie schon früh eine
bemerkenswerte Routine erlangt und die soeben empfundene saß zu tief, um
mir nichts dir nichts emporzutreiben. Auf der Rückfahrt aber, als plötzlich
ein klagender Wind über die Farren hinwehte, und ein großes Rauschen den
Wald erfüllte, den sie eben hinter sich ließen und die halb gefüllte
Mondesscheibe langsam über die dunstumwobenen, blauen, bläulichen,
violetten Fernen aufzog, die nach dem Meer zu wallen schienen, da dachte
Mariclée an das heiße, rußige London, nach dem sie nun umsonst gefahren
war, zu dem sie nun umsonst zurückfuhr, an den einzigen Zweck ihrer Fahrt,
deren Erfüllung sich immer mehr hinausschob, immer unsicherer zu werden
drohte, sie dachte wie wenig Geld sie hatte, und daß keine Aussicht war,
diese Reise nochmals zu unternehmen, falls sie fehlschlug, und mit einem
Male mußte sie schnell über etwas lachen, um die allzu nahen Tränen
zurückzudrängen.
Aber auch die Freundin schien nachdenklich geworden:
»Ich weiß nicht, was dich um diese Jahreszeit in London halten kann,« sagte
sie ganz unvermittelt, »und ich frage dich nicht, aber bist du dort
wenigstens gut aufgehoben?«
»Ich habe mich entschlossen, gleich nach Irland zu fahren, und erst im
September länger in London zu bleiben,« erwiderte Mariclée, die erst sehr
rot und dann sehr blaß geworden war. »Es ist jetzt doch zu heiß.«
»Sieh dann in mein Haus. Es ist zwar geschlossen, aber die Lage ist viel
angenehmer, und man weiß doch, wo du steckst.«
»Ich danke dir sehr,« sagte Mariclée. Sie war stumm vor Freude. Ein schönes
Haus in einer schönen Umgebung. Aber davon lebte sie ja!
»Das wäre also abgemacht. Du steigst bei mir ab. Es ist mir eine
Beruhigung.«
»Liebst du mich denn?« fragte Mariclée schüchtern.
»Ich bin dir wirklich sehr ergeben,« erwiderte die Freundin.
Sehr, spontan, doch nie sentimental, gebot sie über keinerlei
Gefühlsvokabularien und ihre Gestalt -- eine der schönsten ihrer Zeit --,
die nie das Mittelbare eines Bildes, sondern stets, selbst in der Bewegung
wie eine Statue wirkte, war das getreue Abbild ihrer Seele. Auch um diese
konnte man ringsherum gehen, nirgends war sie Larve oder Wand, nirgends
eingekeilt. Sie besaß sich ganz, doch ohne sich zu kennen, denn über die
Form ihres Geistes war viel mehr zu sagen, wie über ihre Intellektualität,
und Mariclée hatte viel von ihr gelernt. Sie entwarf jetzt drollige
Schilderungen ihrer Melancholien in dem großen Mietshaus -- empfand sie es
doch stets als eine Befreiung, wenn sie sich selbst zum besten haben konnte
-- mußte aber dabei des schönen Knaben gedenken, der, einen finsteren Lift
auf- und niederziehend, seine Tage dort vertrauerte. Denn er war hilfbereit
und dabei flink wie ein Page zu ihr gewesen, hatte ihr beim Packen
geholfen, ihre Koffer geschlossen und zugeschnallt, ihre Schlüssel gefunden
und sie zur Eile gemahnt, so daß sie ohne ihn nie rechtzeitig zur Bahn
gekommen wäre. Sie erzählte nun von ihm, wie leicht er sicherlich seinen
Dienst in einem großen Hause erlernen würde und wie dekorativ er sei; denn
sie hätte ihm gerne zu einem besseren Dasein verholfen. Die Freundin riet
ihr aber, ihn erst zu verhören und dann seinen Namen der alten Haushälterin
zu geben, die ihr Haus in London bestellte und ihn wohl unterzubringen
wüßte.
Auch Mariclées letzte Nacht möchte der kluge Leser sicher lieber übergehen.
Er setzt voraus, daß sie die Lichter doch wiederum nicht löschte. Dennoch
müssen wir ihr noch einmal auf ihr Zimmer folgen.
Ihre Nachtwache eröffnete sie diesmal damit, daß sie den Brief des
Exemplars beantwortete, aber statt ihm gelassen, wie er sie fragte, zu
erwidern, artete ihr Brief in eine wilde, unordentliche Epistel aus.
»Ich bin der lebende Monat März,« brach sie sehr unnötigerweise aus. »Immer
Knospen haltend, die mir verkümmern, gleich immer einen neuen Büschel, kaum
daß mir der eine in der Hand verwelkte. Ach, ich bin es müde. Ja, ich werde
in London sein. Ich habe ja nur mir selbst Vorwürfe zu machen, ich weiß es
wohl,« fuhr sie fort, »und meine Klagen sollten nur Ihrer Krankheit gelten,
von der ich so wenig weiß, und auf die ich nie eingehe, weil Sie mir nie
davon sprechen.« Aber dann schrieb sie ihm: »Sie wissen, wie sehr ich es
hasse, mich in einem Zimmer wiederzufinden, das ich schon einmal bewohnte,
weil es mir wie ein Spiegel ist, in dem ich mich wohl oder übel selber
konfrontieren muß. Ich war mir selbst hier auf der Lauer, und dabei
erschien mir das Wesen, das ich damals war, zarter, feiner, durchsichtiger
und edler, als das Wesen, das ich heute bin. Denn ich habe zwar die alten
Ängste wiedergefunden, von denen ich Ihnen erzählte, und über die wir uns
oft zusammen unterhielten, doch ohne ihr Gefühl. Denn ich liebte, ja ich
_liebte_ jene Grauen, und wenn auch nicht der Mut, so lebte doch in mir der
Wunsch, ein leidenschaftliches Begehren, mich ihnen anheimzustellen; ich
empfand, welche Schmach es sei, sich vor dem zu fürchten, was man selbst
über Nacht zu werden bestimmt ist, aber ich bin stumpf und tot für sie
geworden, die ich ihnen doch indes um viele Tage näher gerückt, und näher
bin dem Tage, der mich zu ihnen gesellen wird. Ach! warum,« brach sie
wieder ab, »sind Sie immer krank!«
Und obwohl sie wußte, daß er einen so fassungslosen Brief nur mißbilligen
würde, und wie wenig er angezeigt war, schrieb sie dennoch dahin. Denn die
Nächte in diesem Zimmer hatten ihr recht zugesetzt und sie war nicht mehr
auf ihrer Höhe.
Als von dem leeren Gange draußen zwölf Glockenschläge erdröhnten, warf sie
die Feder hin und erhob sich. Nur noch einige Stunden, dann war es Morgen.
Und plötzlich warf sie sich vor ihrem Bette längs der maskierten Türe hin,
rang die Hände und eine Flut von Tränen entströmte ihren Augen. Und sie tat
den Schwur, falls sie ein drittes Mal in dieses Haus einkehren würde, jenem
Schatten, der, wie sie zu fühlen glaubte, nur auf eine Möglichkeit lauerte,
auf sie loszustürzen, mit dem alten Mitgefühl, ja wie mit bräutlich
geöffneten Armen zu stehen, und wenn es etwas wie eine Hilfe gab, etwas wie
diese Hilfe zu sein. Nur heute flehte sie gleichsam zu ihm selbst. Nur
heute kann ich es nicht, denn sieh! mein Geist ist solchen Dingen zu sehr
abgewandt, und zu sehr auf ein Leben gerichtet, das, immerwährend
gefährdet, alle Spannung meiner Seelenkräfte erheischt und »heute ist nicht
meine Stunde«.
Mariclée hatte eine Art, sich den »Dingen« gegenüber engagiert zu fühlen,
und einsehen gelernt, daß in ihr das Leben nicht wohl eingedämmt war,
sondern an irgendeiner schadhaften oder eingerissenen Stelle immerwährenden
Einlaß für jede Strömung beließ, und sie hatte entdeckt, daß es viel
weniger warm in ihr pulsierte als ihr Herz. Ob auf Grund eines Defektes
oder einer Qualität, hätte sie nicht zu sagen gewußt, aber sie wußte, daß
sie das Leben auf eine etwas _geisterhafte_ Weise vergötterte, und sie
glaubte den okkulten Dingen, welche sie doch scheute, sich nicht entziehen
zu dürfen, infolge der Schatten, von welchen sie selbst wie befleckt war.
In dieser Nacht kam sie auf einen Gedanken zurück, der uns noch zu sagen
bleibt. Sie hatte einige Bücher vom Fach genommen, sie mit ihrer
Schreibmappe und ihrer Nähschachtel aufs Bett gebracht, und sich häuslich
darauf niedergelassen. Dies war bei ihr nichts Sonderliches. Ein Bett, das
von ihr bezogen wurde, gewann sehr leicht den Anstrich eines Wohnzimmers,
die Bücher lagen wie auf einem Tische darauf verstreut, und man konnte sich
zwar denken, daß hier jemand schlief, sofern er einiges beiseite rückte,
doch nur so nebenbei. Heute aber wollte ihr kein einziges zusagen, und sie
fühlte sich außerstande, zu lesen, die Geschichte des toten Hundes und
Chandieus Geständnis fanden mit einem Mal eine Resonanz und einen
Nachdruck, die sie ganz erfüllten. Sie sah den armen, irr gewordenen Hund
entsetzten Auges auf die Türe starren, schäumen und sich sträuben. Doch was
ihr am lebhaftesten dabei vorschwebte, war die Fülle, das köstliche,
begehrenswerte Element, das in seinem aufgescheuchten Blute, und seinem
lodernden Blick den kurzen, aber alles überbietenden Triumph beging. Er war
längst tot, dieser lebenbehauptende Hund, viel toter als das neidisch
lechzende Gespenst, dessen Welt ihm so ewig fremd bedünkte. -- Denn in der
Tat: wie sänftiglich war der Gedanke an den zu Staub zerfallenen Hund, und
wie erweiterte sich die Kluft zwischen Mensch und Tier im Tode, der sie
doch gleicherweise schlug. »Tod, wo ist dein Stachel?« schlug da, grell wie
eine Flamme, der Sinn jener versteckten Frage in ihr auf. Sie griff zur
Bibel, zu müde, sie zu halten, entfiel sie ihr. Doch ihr Geist trieb jetzt,
wie von Fittichen getragen, heimischen Bereichen wieder zu. Wenn sie dem
Leben gegenüber stets etwas wie im Nachteil sich befand, so durfte sie
dafür so stille Buchten des Gedankens in sich bergen, daß sie, die so
kümmerlich Umfriedete, stets die Gesicherte und Gerettete war.
Ihre Fühlung zum Christentum hatte zwar viele Wandlungen erfahren, und ließ
nie ab, sich umzugestalten und zu verschieben. Für nichts war ihr Auge so
hart und so geschärft, wie für die Scheidungen, die hier zwischen Kern und
Schale vorzunehmen waren. Ja in ihrem Hang ihn immer reiner zu schälen,
konnte sie sich gar nicht genug tun, und immer weitergehend hatte sie auch
längst die Frömmigkeit von ihm gesondert, die, ihrer Meinung nach, dem
Christentum so wenig inhärierte, wie etwa die Sentimentalität dem Gefühl.
Sie galt ihr nur wertvoll als der Moment, dem die mittelalterliche Gotik
das verdiente ewige Relief verlieh, aber wie diese zugleich nur eine Phase,
und als solche weder festzuhalten, noch wieder zu beleben. Auf ihrer Bahn
immer weitergehend, oder besser gesagt, sich immer mehr entfernend, glich
ihr Rückzug letzten Endes einer Flucht, auf der sie immer mehr preiszugeben
und immer weniger zu retten fand. So erreichte sie glücklich ein Gestade,
zu dem auch nicht ein Echo mehr von all den verkehrten Zeitläuften
herüberdrang, denen eine zu erhabene Idee naturgemäß zum Opfer fallen
mußte; und so war ihr wachsender Indifferentismus nicht der Skepsis,
sondern dem Glauben entsprungen. Von übermächtigen Aversionen angetrieben,
hatte sie indes vielfach unbewußt und doch mit allen Mitteln unablässig um
die Mysterien gerungen, die hinter schwerfälligen Riesendogmen weit
versteckt und entzogen sind, bis sie sich einen Christus »herausschälte«,
der den meisten sicherlich profan erschienen wäre, ihr aber ein letztes,
absolutes Genügen, ein restloses Entzücken gewährte. Denn dieses, schien
ihr, wäre ein schlechtes Erlösungswerk, das nicht im Prinzip die endliche
Verjährung in sich trüge, und dies wäre ein trauriger Christus, bei dem von
dem Gekreuzigten nie abzusehen wäre . . . . Nicht eher, schien ihr, würden
die Zeiten sich erfüllen können, als bis dies langsame Geschlecht die
_zwei_ Gesichter eines Gottes anerkannte, der infolge seiner Mission sich
zwar auch den Einfältigen und Toren und dem gemeinen Volke zuzukehren
hatte, aber, wie alle Götter, als ein aristokratischer Gott sein wahres
Antlitz nur den adeligsten Geistern entschleierte. Dies aber war sein
Überwinderantlitz, das des Grabessprengers, der die entschwundene Antike
aus der Versenkung heben und sie von dem Fluch einer vorweg genommenen,
daher vergebens vindizierten Lebensfreude erlösen würde. Durch ihn führte
ein Pfad zu dem gelobten Land der Griechen und den verbannten Göttern
zurück. -- Auf ihren Katholizismus, der ihr von anderen Katholiken gern
bestritten wurde, tat sie sich nämlich viel zugute. Sie hielt ihn für viel
würdiger als den der anderen, die, ohne zu denken, sich bescheiden wollten,
während sie den Gedanken, der ihn trug, so stark gefunden hatte, daß sie
ihn, wie ein großes Kauffahrteischiff, mit allem befrachtete, was die Welt
an geistigen Werten enthielt, und ihm außer den neun Musen con allegria den
ganzen Olymp, außerdem die heterogensten Passagiere aufzuladen verstand.
Infolge ihrer hohen Meinung von der Tragfähigkeit jenes Gedankens war sie
von einem geradezu uferlosen Liberalismus, aber auch eine ganz grimmige
Anti-Klerikalistin, und Mönchen und Pfarrern begegnete sie auf der Straße
gar nicht gern; wo sie mit einem zusammentraf, was selten genug vorkam, da
sie es wohl zu vermeiden wußte, fand sie nach ein paar Worten meist Grund,
das Gespräch wieder abzubrechen. Dagegen hatte sie in Rom einen
französischen Monseigneur kennen gelernt, einen illustren Gelehrten von
europäischem Rufe, der seine Religiosität hinter einer Maske von
vollendeter Ironie verbarg, die alle Frömmler erbitterte. Und dabei
lavierte er so geschickt, daß die Leuchte seines Ruhms einer Partei
erhalten blieb, die immer Miene machte, ihn auszuweisen, und er einen Bau,
der nirgends mehr zusammenhielt, und statt niedergerissen und neu errichtet
zu werden, nur ein Dach auf seine Schäden setzte, zu schilden fortfuhr,
weil er die ewigen Fundamente dieser geborstenen Mauern sondiert hatte.
Achtes Kapitel
Mariclée stand reisefertig auf dem Perron. Der allgemeine Aufbruch hatte zu
einer kleinen Komplikation geführt, und da die alte Dame mit ihrer Tochter
zu dem Landsitz eines ihrer anderen Kinder per Auto gebracht werden sollte,
und das andere nach Schottland benötigt war, fuhr Mariclée mit ihr, um dann
an einem nördlicheren Punkt ihren Zug nach London einzuholen. Was ihre
Fahrplankenntnisse anging, hatte sie noch ein Mißtrauensvotum in Gestalt
eines Zettels mitbekommen, auf dem die Zweigstationen, an welchen sie
umsteigen mußte, mit allen nötigen Zeitangaben genau aufgeschrieben
standen. Doch wollte dies der alten Dame nicht genügen, und sie gab ihr
unterwegs die Absicht kund, nicht eher weiterzufahren, als bis sie sie
wohlverwahrt in ihrem Kupee gesehen und dem Stationsmeister anempfohlen
habe, eine Idee, die nicht angetan war, ihrem Schützling zuzusagen.
Mariclée zeigte sich förmlich entrüstet über den Gedanken, drohte sofort
auszusteigen, wenn die Greisin sich ihretwegen einer solchen Mühe
unterziehen wollte, bat und beschwor sie, davon abzusehen, erreichte aber
nur ein freundliches Nicken dieses ehrwürdigen und naiven Kopfes und die
Versicherung, es sei ihr nur eine Freude, ihr bis zuletzt das Geleite zu
geben, und die Tochter, als die gute Seele, die sie war, echote: es sei nur
eine Freude. Da sah Mariclée zum Fenster hinaus und sandte einen mutlosen
Blick zum Himmel empor. Er nur wußte: sie mußte jetzt sparen, sparen. Es
gehörte zu den sonstigen Unzuständigkeiten des armen Kindes, daß sie stets
nur auf das Geld rechnen konnte, das sie gerade besaß. Ging es ihr aus, so
mußte sie unerbittlich den Rückzug antreten, und wenn zehn Exemplare tags
darauf herbeieilen würden. Nun hatte sie eine ganz hübsche Summe
zusammengerafft, die für einige Wochen ausreichend war, aber sie wußte
jetzt gar nicht mehr, wie lang ihre Reise sich ausdehnen würde und mußte
für Unvorhergesehenes gewappnet sein. Sie ließ jetzt einen letzten Drachen
steigen, zwar nicht besonders hoch, denn es war zu aussichtslos, aber mit
einem geographischen Interesse, das man sonst nicht an ihr gewohnt war,
fragte sie nach der Eisenbahnlinie, zu der sie jetzt fuhren, und wie sie
sich zu derjenigen verhielte, auf der sie gekommen war, und dann eine Terz
tiefer und etwas mehr Fortepiano, aber mit derselben rein sachlichen
Neugier: »Könnte man da eigentlich dritter Klasse fahren?«
Die Mutter hatte ihre Erkundigungen überhört, aber das »o nein!« der
Tochter war mit solcher Überzeugung gesagt, daß Mariclée ihre Frage lieber
nicht wiederholte.
»Ich muß, glaube ich, dreimal umsteigen,« bemerkte sie, nur um etwas zu
sagen. Aber das war wiederum Wasser auf eine andere Mühle.
»Sie brauchen sich gar nicht darum zu kümmern,« sagte die alte Dame, »der
Stationschef ist mir bekannt, ich werde mit ihm reden, und er wird Order
geben, daß der Schaffner Sie bei jedem Wagenwechsel benachrichtigt.«
»Aber ich bin doch kein Kind!« rief Mariclée ganz verzweifelt. »Sehen Sie,
es steht alles auf meinem Zettel! O ich bitte Sie, bleiben Sie im Wagen,
Sie haben noch eine lange Fahrt vor sich. Sie müssen sich schonen! Ich kann
nicht dulden . . . .!«
Es war alles in den Wind, und sie gab es auf. Aber am Perron, schnell den
Augenblick wahrnehmend, floh sie, wehenden Mantels, zum Schalter, konnte
aber nicht so schnell ankommen, denn es war Samstag und infolgedessen der
Andrang ziemlich stark. Endlich hatte sie ihr Billet (ein Billet erster
Klasse bis zur nächsten Zweigstation), und kehrte zu ihrer stattlichen
Suite zurück, bestehend aus den beiden Damen, dem Chauffeur und einem
Diener in weißer Livree, und man mußte wohl auch den Schaffner hinzuzählen,
der sich zu der Gruppe gesellt und dem man sie schon anempfohlen hatte.
Zwar waren sie alle im Begriff gewesen, sich zu zerstreuen, und auf die
Suche nach ihr zu gehen.
»Gottlob, da ist sie,« rief die Tochter.
»Ah! da sind Sie!« rief die Mutter, »warum entwischten Sie uns. Wir hatten
Sie ganz verloren! Wo steckten Sie denn?«
»Ich habe nur schnell mein Billet geholt,« sagte Mariclée, und weil auch
für den geringsten der Tage, ein ausgeworfener Würfel steht, drehte sie
sich jetzt selber den Strick.
»Ich bin wirklich sehr gescheit gewesen,« gestand sie mit einer kindlich
neckischen und noch dazu recht falschen Vertrauensseligkeit, »da ich immer
alles verliere, nahm ich mein Billet nur bis zur Station, an der ich
umsteigen muß,« (mein Gott, warum erzähle ich das? dachte sie) und fügte im
schwankenden Tone hinzu, »denn ich verliere es doch und so verliere ich es
nicht.«
Diese ebenso unnötige wie stupide Mitteilung fand die verdiente Wirkung:
»Aber mein bestes Kind, was für ein Gedanke! das ist ja ganz verfehlt! Sie
können doch nicht dreimal unterwegs an den Schalter laufen, um eine neue
Karte zu lösen, Sie riskieren ja Ihren Anschluß zu verfehlen. Geben Sie
her!«
Und schon war sie ihr entwunden und dem Schaffner überreicht, um
schleunigst umgetauscht zu werden. Er kam gleich wieder zurück, denn es war
jetzt höchste Zeit und der Schalter schon leer.
»Sie schieben das Billet in Ihren Handschuh, so können Sie es nicht
verlieren,« mahnte die Alte.
»O da ist keine Gefahr,« erwiderte Mariclée, sich selber vergessend »was
schulde ich Ihnen?« fragte sie den Schaffner mit gottergebener Miene. Dann
umarmte sie die Damen, dankte ihnen und stieg ein. Im letzten Augenblick
lief noch eine ladysmaid mit einem Kistchen Pfirsichen herzu, öffnete eilig
den Schlag und stellte es in ihr Kupee. Die Freundin hatte ihre Vorliebe
für diese Frucht wahrgenommen, und es für sie verpacken und in den Wagen
bringen lassen, woselbst Mariclée es dann vergaß. Nun aber war nicht mehr
zu spaßen. Ihre Türe wurde hastig zugeworfen und der Zug setzte sich in
Bewegung. »Schluß!« dachte Mariclée und fiel auf die Polster zurück.
Sie erwog jetzt, ob es nicht ratsamer wäre vor ihrer Londoner Wohnung, in
die sie doch nicht mehr zurückkehren würde, nur vorzufahren, ihre Koffer
aufzunehmen, und noch gleichen Abends nach Irland weiter zu fahren, vollzog
einen Kassensturz, und saß ganz in Gedanken, als der Schaffner mit
respektvoller Miene bei ihr eintrat, um ihr den ersten bevorstehenden
Wagenwechsel zu verkünden. Er teilte ihr gewissenhaft mit, was auf ihrem
Zettel stand und was sie schon wußte, trug ihre Sachen in ein anderes Kupee
und blickte von Zeit zu Zeit, wie zu einer Gefangenen, zu ihr hinein, als
wollte er sich überzeugen, daß seine hohe Schutzbefohlene noch am Leben
sei. Er gestattete ihr auch keinerlei Gefährten und hielt sie scheinbar für
zu vornehm, um mit anderen Reisenden in Kontakt zu treten. Als er sie dann
zum zweiten Male in einem leeren Wagen installiert hatte, trat er mit einer
Verbeugung vor und meldete, daß er selbst zwar nicht mehr weiterführe,
statt seiner jedoch sein Kamerad Sorge für sie tragen würde.
Mariclée hatte zu viel Humor, um ihm nicht den Lohn einzuhändigen, den er
von einer so hochgestellten Persönlichkeit erwarten durfte, und
verabschiedete ihn mit einem herablassenden Kopfnicken. Kaum war er
abgetreten, als schon die neue Wache aufzog, und zwei interessant
aussehende und sehr typische englische Herren, die bei ihr einsteigen
wollten, zurückhielt. Mariclée war sehr enttäuscht: es hätte ihr solche
Kurzweil bereitet, sie im stillen zu beobachten und zu studieren. Sie war
stets voll Interesse für Menschen, die sie nicht zu kennen brauchte,
betrachtete sie mit reger Anteilnahme für ihre Schicksale und ihr Sein,
ohne doch je durch eine Miene ihre Spannung zu verraten, und so ganz
Publikum verbleibend, daß die von ihr also Dramatisierten wie Bühne und
Zuschauerraum distanziert blieben. Es ging ihr mit den Menschen wie mit den
Bergen, deren Umrisse in der Ferne oft so viel verlockender sind, und die
man so mysteriös ausmalen kann, solang man ihren räumlichen
Weitschweifigkeiten und ihren rauhen Furchen nicht zu Leibe rückt. Allein
ihre neue Wache nahm es nicht minder genau wie die vorige, und hielt sie
streng isoliert. Sie mußte an den Kaiser von Österreich denken, von dem sie
gehört hatte, daß ihm die Briefe nie zukamen, die ihm geschrieben wurden,
und endlich verkürzte ihr der Schlaf ihre teure und langweilige Fahrt.
Neuntes Kapitel
Ruß und Hitze lasteten noch schwerer auf London als vor einer Woche. Der
Hansom, den Mariclée an der Bahn genommen hatte, stand schon stille und
noch immer war sie unschlüssig, was sie tun würde, stieg aus, ließ den
Wagen warten, und trat ins Haus. Ein Brief vom Botschaftsrat stellte ihr
den ersehnten Einlaß ins Parlament für nächsten Montag in Aussicht und da
solche Vergünstigungen in Anbetracht der Suffragetten mit jedem Tage
seltener wurden, gab er ihr den Rat, die Gelegenheit nicht unbenützt zu
lassen, um so mehr als die nächste Sitzung sehr stürmisch zu werden
versprach; er schlug ihr, der Zeitersparnis halber vor, selbst um Mittag
auf die Botschaft zu kommen (sie brauchte nur quer durch den Park zu
gehen), bis dahin würde ihre Karte ausgefertigt sein, sie könnten zusammen
essen, ein Museum besuchen und von dort aus, er in seine Kanzlei, und sie
nach dem Parlament fahren; alles so recht nach seiner Art, ganz
programmäßig eingerichtet. Mariclée entschloß sich zu bleiben und zog
hinauf. Sie fand ihr Zimmer in bester Ordnung und bestellte sich Tee, teils
weil sie einen zu nehmen wünschte, teils um eine etwas anheimelndere
Atmosphäre zu schaffen. Aber kaum hatte sie sich eine Tasse eingeschenkt,
als wieder ein Pfiff die Stille unterbrach und ein telephonischer Fernruf
an sie erging. Sie stürzte hinaus, verlangte den Lift, und da er nicht
gleich in die Höhe zog, ließ sie sich nicht Zeit, auf ihn zu warten,
sondern fing an die steile Treppe, die sonst nur die Leute benutzten,
hinunterzulaufen, ohne zu bedenken, wieviel schneller sie doch der Lift,
auch wenn er sich einen Augenblick verspätete, die vier Stockwerke hinunter
brächte. Schon war er auf ihr Geheiß hinaufgeschnellt und schwirrte
pfeilschnell wieder hinab, indes sie ihre Stufen dahinstürmte, und doch
nicht vorwärts zu kommen glaubte. Es war wie in einem Traum: immer eine
neue steinerne Windung vor sich, die Treppe, die nie ein Ende nahm, und
ihre Ungeduld -- denn sie wußte: nur Einer konnte auf den Gedanken gekommen
sein, nach ihr zu rufen, nur Einer wußte von ihrer heutigen Rückkehr.
Das Telephon war in der Halle, ohne Deckung, nahe am Eingang und höchst
unpraktisch angebracht. Es standen Leute herum, und von draußen tönte aller
Straßenlärm herein. Mariclée nahm das Rohr und nannte, ein wenig atemlos,
ihren Namen. Eine fremde Stimme bat sie einen Augenblick zu warten und dann
klang _seine_ Stimme zu ihr hin. _Seine_ Stimme! Diese Stimme, deren Klang
fast aus der Welt verklungen, verhallt und fast vergessen, sie nun wieder
bis ins Mark durchdrang; ihre Bänder waren nicht zerrissen, fest
zusammengefügt zu jenem verwöhnten, melodiösen Organ, vor dem ihr jetzt
schwindelte, und das tausend Erinnerungen in ihr wachrief, als läge sie im
Sterben! Ach, wie hätte Mariclée da auch vernommen, was er zu ihr sagte?
»Ich verstehe Sie nicht!« rief sie angstvoll in die Tube. Und jener
gemeinsame Bekannte fiel ihr ein, der sie gefragt hatte:
»Ist er schon tot?«
Ha! nichts von Tod, nichts für ihn von solcher Schmach! Er war nicht
gestorben. Dies war _seine_ Stimme! O wie sie lebte!
»Ich verstehe Sie nicht!« rief sie von neuem.
Mochte sie immer ferne dieser ihrer Heimat, in der ihr Herz gleichsam wie
angekommen in sich selber rasten durfte, mochte sie trauernden Fußes immer
ferne von ihr irren, -- wenn dieser Mann nur lebte! -- Wenn die Schale, in
der die Elemente seines Wesens wie zu einer Götterspende, köstlich gemischt
zusammenflossen, nur nicht zerbrach, wenn er nur lebte!
»Ach, ich kann Sie nicht verstehen!« rief sie und vernahm jetzt deutlich,
wie er sagte:
»Es ist umsonst!«
Und statt schnell zu rufen: Ich höre Sie jetzt, schwieg sie, denn ihr Hirn
war wie ausgelöscht. Sie lauschte, doch er war verstummt; da hing sie das
Rohr wieder ein, wandte sich ab und zog wieder in ihre Wohnung hinauf. Noch
lag Sonne über dem grasigen Hofe, vor ihrem Fenster, und die Kirche, deren
rauhe, ungefeilte Gotik auch die Jahrhunderte nicht glätten und verfeinern
konnte, tat ihr in der Seele weh. Vorm Kamin stand noch das Tischchen mit
dem Teegeschirr, allein beim Anblick der gefüllten Tasse durchschauerte sie
Ekel, und sie blieb am Fenster und starrte in das Tageslicht, von
Bitterkeit gesättigt.
Zehntes Kapitel
Mariclée verbrachte ihren Sonntag, in Anbetracht des Montag, so gut es
ging, und nährte sich von Pfirsichen. Auf diese Weise gedachte sie die
überschrittene Bilanz des vorhergehenden Tages ein wenig auszugleichen; zum
Frühstück Pfirsiche, mittags Pfirsiche und abends Pfirsiche; das Kistchen
mußte schon dran glauben. So brauchte sie es auch nicht noch einmal
mitzunehmen. Wie ökonomisch von ihr!
Pünktlich und zu gleicher Zeit, wie viele Abgeordnete, fand sie sich Tags
darauf vor den Toren des Parlamentes ein. Diese waren sämtlich von
frierenden, geduldig dreinschauenden und überall von Schutzmännern
bewachten Suffragetten umlagert, die, mit ihren Vereinsbändern umgetan, den
Vorübergehenden Zettel und Traktate entgegenstreckten. Mit Mariclée waren
sie besonders dringlich; sie wagte aber nichts anzunehmen, aus Angst sich
zu kompromittieren, zudem sie, als einzige Dame, ein gewisses Aufsehen zu
erregen schien, und nicht rechts noch links sehend, verleugnete sie mit dem
Mut der Feigheit die ganze Gesellschaft. So drang sie, den Abgeordneten auf
dem Fuße folgend, von einem Gitter zum anderen, bis zu einer inneren Halle
vor, in der alsbald ein Wächter auf sie zukam, und ihr den Einlaß
verwehrte. Mariclée hielt ihm gelassen ihre von der deutschen Botschaft
ausgestellte Karte entgegen. Er aber schüttelte nur den Kopf.
»Wir müssen uns nach der neuesten Verordnung richten,« sagte er, »die
Suffragetten sind schuld daran.«
»Aber ich bin doch keine Suffragette, ich bin eine Fremde; Sie haben meine
Karte nicht gut angesehen.«
Er bedauerte, zuckte die Achseln, allein er wankte nicht. Sie bestand auf
ihrem Recht und er auf seinem Verbot. Sie zeigte sich hartnäckig, dann
unangenehm, dann unsanft, und schließlich riß ihm die Geduld und er rief:
Was rief dieser Mann? Er rief. O Leser, ich muß es im Text wiedergeben.
»But Madam,« rief er, »I would only be too happy if I could oblige you.«
Man denke! -- sie kam von München, der Stadt der hohen künstlerischen
Initiativen, zwar auch der lauten Schwadroneure, doch zugleich der stillen,
seltenen Größen, dieser reizenden Stadt, die in mancher Hinsicht allen
anderen den Rang abläuft, und es in der Tat verdienen würde, als heutiges
Athen gepriesen zu werden, wäre sie nicht die Stadt unausgeglichenster
Kultur, in der sich Gebildete von Schutzmännern wie Rekruten von einem
ungeschlachten Feldwebel angefahren sehen und _allgemein_ gesprochen, die
Stellung der »Dame« jeder Tradition entbehrt.
Mariclée starrte dem zivilisierten Wächter ins Gesicht und machte ohne ein
Wort zu sagen kehrt. Es war ja nicht eben angenehm, einen Rückzug durch all
die Gitter anzutreten, vor welchen so viel Neugierige Posten standen, und
ihren Einzug beobachtet und kommentiert hatten. Sie wunderte sich sehr,
niemand kichern zu hören, besonders als sie jetzt eine Flugschrift, die ihr
eine Suffragette darbot, höflich dankend, in ihre Tasche schob.
* * * * *
Zwei Monate sind schnell dahin und dennoch viel zu ausgedehnt für ein
extenso. Die kostbare Zeit ist das große Wertlose an sich, daher der
nichtige Klang des Wortes »Tagebuch«.
Es kann nur wenig interessieren, was Mariclée nach ihrem Ausweis aus dem
Parlament mit ihrem letzten Londoner Abend anfing. Im Vertrauen gesagt, da
ihr noch Pfirsiche blieben (es war dies ihre Art zu rechnen) fuhr sie in
ein Theater, und ihr Staunen über das niedrige Niveau des Stückes war
ebenso groß wie über die wundervollen Gestalten der Spieler, und sie mußte
sich sagen, daß man in Deutschland ebensowenig ein derartig albernes Werk
ertrüge, als man solche Gestalten über die Bühne ziehen sah.
Ohne den schönen Liftjungen wäre sie auch am nächsten Morgen nie
rechtzeitig zur Bahn gekommen. Er hatte sich wieder, auf seine schüchterne
Art, ganz zu ihren Diensten gestellt, sich um alles gekümmert, wie ein Page
sich um sie bemüht, bis er sie dann im Lift zum letzten Male hinunterzog.
Und nun starrte sie ihm mit ihren oft so leblosen Augen, die doch alles in
sich aufnahmen, ins Gesicht und sagte:
»Kann ich etwas für Sie tun?«
Und er erwiderte: »Ich bin unglücklich in diesem Hause.«
Da ließ sie ihn Namen und Adresse aufschreiben und steckte den Zettel zu
sich. Dann durchschritt sie die Halle und verließ dieses Haus, für sie mit
einem grasigen Hofe und der freudlosen rohen Gotik eines mittelalterlichen
Kirchleins auf immer assoziiert.
Es war eine schlecht gezimmerte Barke, die Mariclée zur irischen Küste
hinübertrug. An Deck befand sich ein wunderschönes Mädchen mit einem jungen
Mann, die sich große Mühe gaben, nicht verliebt drein zu sehen, und in
deren Anblick sie sich sofort, wie in ein Bilderbuch, vertiefte. Nach einer
Weile befiel sie jedoch ein bedenkliches Würgen und sie floh nach dem
Damensalon, fühlte sich dort besser, streckte sich aber vorsichtshalber auf
einem Diwan aus, schloß die Augen und verhielt sich ganz ruhig. So bemerkte
sie nicht, daß ihr eine Stewardin gefolgt war, die Handtücher und eine
Wasserflasche in den Waschraum brachte und sich dann wieder zurückzog. Erst
als die Türe plötzlich aufgerissen wurde, fuhr sie aus einer Art Halbschlaf
empor und sah das wunderschöne Mädchen, mit bleichen, verzerrten Zügen
(einer Miene, mit der sie in einem fünften Akt Furore gemacht hätte) herein
und geraden Wegs in den Waschraum stürzen, wo sie sich einer ganz
formidablen Seekrankheit überließ. Sie stöhnte und jammerte und als sie
wieder zum Vorschein kam, war ihr Hut ganz verschoben und ihr Haar sehr
aufgelöst.
Mariclée bemerkte jetzt, wie völlig unausgerüstet sie war, erhob sich
sofort, goß Kölnisches Wasser in ein Glas und stellte ihr Reisenecessäre
zur Verfügung. Das Fräulein Wunderschön erzählte ihr nun, sie habe schon so
oft diese Fahrt unternommen, ohne je im Leben seekrank zu werden. Übrigens
erholte sie sich sehr bald, brachte ihr reizendes Haar in Ordnung, band mit
großem Geschick einen höchst kleidsamen Schleier vor, beguckte sich von
allen Seiten in Mariclées doppeltem Spiegel, und eilte dann, schnell wie
sie gekommen, wieder davon. Mariclée fühlte sich recht elend und legte sich
wieder hin. Zu müde, um zu lesen, und nicht mehr imstande zu schlafen,
starrte sie zu einer runden Luke empor, durch die man das blaue, aber
heftig bewegte Meer seine Wogen treiben sah, und ebenso elementar und
unaufhaltsam trieb da in ihr eine Woge von Melancholie die andere. Sie
dachte an das Exemplar, wie um an einer Planke sich daran festzuhalten,
jedoch umsonst. Er war zu fern, zu unerreichbar, eine zu lange Zeit hatte
zwischen ihnen schon geflutet. Schwermut schwoll zu etwas Mächtigerem an,
als ihr Gefühl und riß sie noch weiter von ihm weg. Und sie preßte ihre
heißen Hände auf ihr verdunkeltes Gesicht und überließ sich dem Unwetter,
das in ihr raste. O sterben zu können, ächzte sie, verlöschen zu dürfen. Es
löste nur der Anblick des treibenden Meeres durch die runde Luke solche
Leidenschaft in ihr aus, aber sie wußte es nicht.
Und indessen fuhr das Schiff, um ihren Weltschmerz unbekümmert, zur
irischen Küste hin. Schon machte sich jene Unruhe fühlbar, die einer
Landung vorangeht; Mariclée eilte auf den Vorplatz und spähte nach einem
Träger, als die Stewardin auf sie zukam, und sie mahnte, es sei
gebräuchlich, für Benützung der Handtücher etwas zu entrichten. »Ich
brauchte ja keines,« sagte Mariclée und wollte vorüber. Aber sie hatte es
mit einer cholerischen Person zu tun, die sofort die Hände über dem Kopf
zusammenschlug.
»O!« rief sie, »das ist nicht recht.«
»Es war eine andere Dame da,« sagte Mariclée ungeduldig, wurde aber
zugleich entsetzlich rot, verlor die Contenance und fügte hinzu:
»Was kosten denn die Handtücher?«
»Ich stehe hier Posten und habe keine andere Dame nicht gesehen,« dröhnte
die andere. Sie hatte durch ihren exaltierten Ton sofort Aufmerksamkeit
erregt, so daß sich Neugierige sammelten, die auf die Landung wartend,
nichts Besseres zu tun hatten, als hier aufzupassen; und sie gehörte wohl
irgendeiner Predigersekte an, denn, durch das Publikum stimuliert, wollte
sie jetzt vor Jehova ihr Recht austragen, und stimmte mit wirklichem Talent
ein regelrechtes Exordium an:
»Es ist nicht um des Geldes und es ist nicht um der Tücher willen, aber ich
habe keine andere Dame nicht gesehen.« Sie sagte es wie einen frommen Vers
herunter, und Mariclée stand jetzt einfach auf dem Pranger. Die
Umstehenden, schien ihr, konnten keinerlei Sympathien für sie hegen, denn
sie sah aus wie der Typ der überführten Lügnerin und war rot wie eine
Gartenerdbeere. Was wollte sie mit einem solchen Gesicht lange sagen? Je
weniger Worte je besser. »Wieviel macht es?« fragte sie nochmals. Aber so
schön hatte es die Alte nicht jeden Tag, und sie nahm die Gelegenheit wahr.
»Wahrlich, wahrlich,« hub sie mit lauter Stimme an, »ich bin arm und
geprüft, aber es ist nicht um der Tücher willen.« Und es klang, als sagte
sie: »Lügenhafte Lippen sind dem Herrn ein Greuel.«
O, ich darf nicht mehr allein reisen, dachte Mariclée, ich bin zu absolut
hilflos. Und sie zog ihre Börse wie einen Degen; dabei entsann sie sich,
daß sie vergessen hatte, zu wechseln und nur mehr Gold besaß. »Wechseln Sie
mir,« sagte sie. Die Landungsbrücke war jetzt gelegt worden; dies
interessierte die Umstehenden mehr und schweigend, wie sie sich versammelt
hatten, entfernten sie sich. Alsbald verstummte die Stewardin, sie kramte
jetzt ganz demütig in einer schmierigen Tasche herum und zog endlich einen
Schilling hervor. Mariclée war nun kreideweiß vor Erschöpfung und Zorn.
»Schnell,« sagte sie, »wechseln Sie sofort.« Die gottesfürchtige Alte lief
mit dem Pfunde die Treppe hinab. Mariclée wartete auf ihre Rückkehr, das
Schiff leerte sich rasch, und sie stand bald allein. »Der Zug wird gleich
abfahren, wir haben Verspätung,« sagte ein Matrose.
»Ich warte auf die Stewardin.«
»Sie haben kaum Zeit,« bedeutete er.
»Hier ist meine Tasche, ich komme gleich nach,« sagte sie, und lief die
Treppe hinab. Aber da war nirgends eine Stewardin zu sehen.
»Es sei höchste Zeit,« erfuhr sie nur. Da verlor sie den Kopf und rannte,
ohne ein Wort zu sagen, wieder hinauf, denn der Matrose, der ihre Tasche
trug, machte ihr von weitem immerzu Signale und den Zug wollte sie nicht
verfehlen. »Ich darf nicht zur Plattform, ich habe Dienst,« erklärte er.
Da nahm sie ihre Tasche und schleppte sie selbst.
Elftes Kapitel
Der Zug stand vor ihr, sie hatte nur ein paar Schritte zu gehen und weil
sie voll Schmerz über ihren eingebüßten Dukaten war und überhaupt nichts
mit der Menschheit mehr zu tun haben wollte, machte sie am äußersten Ende
ein leeres Kupee ausfindig, hob mit einiger Mühe dort ihre Tasche hinein,
und wollte eben selbst einsteigen, als sie ganz erbärmlich ausglitt. Sie
wußte nicht, daß in Irland die Stufen zu den Eisenbahnwagen tiefer, statt
höher, als der Boden gesetzt sind, und nun war sie so unglücklich gestürzt,
ihr Fuß so böse zwischen die Stufe und die Versenkung geraten, daß sie sich
weder rühren, noch ihn hervorziehen konnte. Er lag wie in einer Falle, und
buchstäblich auf die Folter gespannt, sobald sie sich bewegte. Alles lief
geschäftig hin und her, doch wie meilenweit von ihr entfernt, und ohne
ihrer zu achten. Sie wagte einen verzweifelten Ruck, da glitt ihr Vorderfuß
nur noch tiefer hinab. O Gott! dachte sie voll Entsetzen, noch einen
Augenblick und er bricht. Es war aus. Das Exemplar immerdar zu verfehlen,
mit einem gebrochenen Fuße hier zu stranden, dies war ihre Bestimmung, dazu
war sie herübergekommen und damit konnte sie nach Deutschland zurückhinken.
Es kam niemand ihr zu helfen, wer half ihr je? Ein drohendes Knacken, ein
unerträglicher, ein giftiger Schmerz; sie glaubte die Besinnung zu
verlieren; -- in dieser Sekunde, was sage ich? diesem Bruchteil einer
Sekunde, fühlte sie sich von rückwärts unter beiden Armen gefaßt, leicht
und geschickt auf die Beine geholfen und mit heilem Glied der gefahrvollen
Klemme entzogen. Sie wollte ihren Retter erkennen, aber dort rannte er
schon, einen letzten Koffer zu heben, ein Bürschlein, fast ein Kind,
angewiesen Trägerdienste zu leisten. Sie wollte ihn einholen, aber sie
konnte kaum auftreten, geschweige denn laufen, ein Schaffner gab ihr ein
warnendes Zeichen, halb stieg, halb kroch sie in den Wagen, ihre Türe wurde
zugeschlagen und der Zug setzte sich in Bewegung.
Sie hatte ihren Fuß ausgestreckt und saß da wie betäubt, denn sie konnte es
noch immer nicht fassen. Es dünkte ihr so unwahrscheinlich, so wunderbar,
daß sie gerade in jener Sekunde äußerster Not, und zwar nicht früher, auf
daß sie ihrer Drangsal voll bewußt werde, vor dem Schlimmsten verschont
geblieben war. Eine heiße Röte stieg in ihr auf, indem sie ihres
unbelohnten Retters gedachte, der wie auf ein höheres Geheiß auf sie
zuflog, ohne zu wissen was er tat -- sie aber wußte wohl, was sie ihm
dankte. Sie bedurfte hiezu keines Arztes, ein gesunder Instinkt hatte sie
im Moment der Gefahr nur zu hellsichtig gemacht und ihr die Eventualitäten
bedeutet, denen sie nun entronnen war. Aber warum eine solche Fügung zu
ihren Gunsten? Wo lag der Grund? der Sinn? den Sinn wollte sie haben! Es
war alles zu deutlich, zu kraß für einen Zufall gewesen, warum hatte dies
nicht geschehen, ein solcher Ruin ihrer Pläne und Hoffnungen sie nicht
treffen dürfen? Sie überdachte es noch einmal, rekapitulierte alles von
vorn. Warum war es so gekommen? Ja warum? Sie zermarterte sich das Gehirn
und konnte es nicht finden.
Draußen zog ein neues, ungewohntes, erstaunliches Land an ihr vorbei, eine
wilde, geheimnisvolle Gegend, deren Seele sie befremdete. Ein Bediensteter
trat bei ihr ein, meldete, daß ein Speisewagen im Zuge sei und fragte, ob
sie zu essen wünsche. Sie starrte ihn verwundert an. Was träumte dieser
Mensch?! Essen?! Ja richtig, solche Dinge gab es auch. Aber sie schüttelte
den Kopf. Nein. Das störte sie jetzt. Erst mußte sie diese Geschichte ihres
Sturzes ins reine bringen. Also wie war es? sie dachte an das Exemplar. Da
lag ihr Fuß, zwar mächtig in Schwellung begriffen, aber heil, nicht
gebrochen; er bedurfte keines Chirurgen ihn einzurenken, kein Knochen war
zersplittert. Denn dies hatte ja nicht sein dürfen. Und als es im Begriff
war dennoch zu geschehen, mußte just etwas anderes geschehen dies eine zu
verhindern. Aber warum denn? den Sinn wollte sie haben; und Mariclée stieg
immer tiefer in ihrem Bewußtsein hinab. Hast du selbst nicht immer
geholfen? sagte es ihr. Warst du nicht, ohne zu fragen, ja blindlings, zu
helfen immer bereit? und schlug hier nicht, nach dem Gesetz aller Dinge,
ein Pendel, so wie er anschlug, und genau wann er mußte, wieder zurück?
Denn warst du nicht selbst in jenem rettenden Knaben, der ohne zu fragen
dir zu Hilfe kam, und unbelohnt dir enteilte?
Zwölftes Kapitel
Die vierzehn Tage, die Mariclée in Irland zubrachte, lassen wir im Fluge
vorüberziehen. Sie liegen außerhalb der Bahn, deren Linien wir hier
verfolgen. Denn Mariclée hatte viele Existenzen, ja ein ganz weit
verzweigtes, nicht selten sogar ein verstricktes Netz von Existenzen, die
uns hier nicht kümmern; und sie war von ihren Zentren so vielfach
weggetrieben, daß sie nur selten fühlen durfte, daß sie lebte. Es war
deshalb in ihr eine innere Unaufmerksamkeit, welche sie immer wieder
meistern mußte, damit sie nicht in die Augen sprang. Sie war nicht
zerstreut, sie war abgewandt. Und nie war sie so versonnen und verträumt,
so fernab, wie an dem Orte, an dem sie sich jetzt befand. Lassen wir sie
also. Wir haben sie ja nicht zu suchen, wo sie nicht wirklich ist. Nur
eines einzigen unerwarteten, wenn auch lang vorbereiteten Erlebnisses
werden wir gedenken.
Wenn sich Mariclée diese Gegend ansah, geschah es stets mit derselben
Verwunderung wie das erste mal; sie konnte den Schlüssel zu ihr nicht
finden; und es ging ihr wie mit einem fremden Gesicht, das ein anderes,
wohlvertrautes, auf das man sich aber vergebens zu besinnen sucht, mächtig
evoziert. Sie meinte erst, das Rätsel läge wohl in ihrer historischen
Unkenntnis dieses Landes, und als sie reger geworden, verschlang sie ein
Geschichtsbuch um das andere. Als sie aber dann Bescheid wußte und wieder
hinaustrat in diese Natur, da wies sie alles zurück, vergaß und verwarf
alles was sie darüber gelesen hatte. Und nun erst war sie sich über ihren
Eindruck klar. Dieses Land erinnerte sie an Italien, aber es hatte keine
Geschichte, das heißt seine Geschichte fügte ihm nichts hinzu. Es gleicht
einem Pergament, an dem kein Griffel haften blieb.
Diese Natur schien, wie mit zurückgehaltenem Atem nur _einen_ Laut, nur
_einen_ Widerhall zu hegen und elende Geschicke, ununterbrochene Leiden und
Kämpfe verwischten sich auf diesem Boden und verwehten, als gehörten sie
nicht zu ihm. Und hier erst wußte Mariclée, warum ganz Norditalien, bis
hinab nach Rom (weiter war sie nicht gekommen) sie insgeheim irritierte:
weil Schritt für Schritt zu viel Geschichte, zu viel Begebenheiten sich
vorzudrängen suchten und weil es ermüdete, auf einen solchen Tumult von
Dingen, und auf so viele Fußstapfen zu stoßen. Kein gestürzter Sockel,
keine Steinplatte, kein noch so schlechtes Madonnenbild, das dem
Vorüberziehenden nicht zuzurufen scheint: »Achte mein!« »ich bin von dieser
Schule!« »ich aus jener Zeit«. Jeder Hügel, jede Straße, jeder Meilenstein
von Historie wie durchtränkt, und überall das Gedächtnis eines Namens,
eines Mordes, oder eines Affektes perpetuierend; ein zu redseliges,
gleichsam ausgeplauschtes Land, mit Daten und Erinnerungen wie ein
Kalendarium angefüllt; immer an das Tun von Menschen, die tot oder lebendig
stets die gleichen sind, und an das Vergangene und Vergängliche gemahnend,
und nie an das, was Mariclée vor allem liebte, an ein Verweilen und ein
Stillestehen. So war es denn ein untraditioneller, aber doch sehr deutscher
Zug, der ihre Liebe zu Italien mit einer gewissen Abneigung untermischte.
Hier dagegen war alles göttliche Vergessenheit und Öde. Dies wundervolle,
tiefbeseelte Land, seine verlassenen Ufer, seine leeren Abhänge und Täler
riefen inbrünstig nach edlen Bauten, nach Belebung, und doch liegt nichts
Abgestorbenes und nichts Begrenztes in ihrer Melancholie. Diese Höhenzüge
atmen nicht die wehe Holdseligkeit der allzu inkrustierten Hügel Fiesoles.
Ein stärkerer Trank: die Schale der Vergessenheit wird in dieser
ungelehrigen und ungelehrten Atmosphäre gebraut, die sich das Mittelalter,
die Renaissance wie den Amerikanismus gleicherweise entgleiten ließ, und
die nahe Brandung der Jahrhunderte nicht hört, weil sie, wie eine brausende
Muschel, der eigene Rhythmus erfüllt.
Mariclée ging eine herrliche Straße entlang, links vorspringende Felsen,
rechts den vielbesungenen Fluß, der in immer weiteren Kurven Inseln
umspült, und, als zögere er vor der unendlichen Meerespforte, seine
Strömung in Buchten zurückhielt.
Hin und wieder kam ihr ein Auto oder ein Wägelchen, nirgends ein Fußgänger
entgegen. Sie sah Wege, die einen Wald von märchenhafter Üppigkeit
durchzogen, epheuumrankte Bäume, wie Riesen zusammengerottet.
Mariclée war eine städtische Person, ihr Verhältnis zur Natur sehr kritisch
und mittelbar, wechselnd wie das Licht, und alles mit ihrer jeweiligen
Stimmung beleuchtend. Diese Gegend aber löste eine ungewohnte Sammlung in
ihr aus. Sie dachte an langes, blondes Gelock von goldenen Reifen und
Spangen gehalten, an die goldenen Kannen und Becher und die glatten
Diademe, die sie in der Dubliner Sammlung sehen würde, und von welchen sie
Abbildungen kannte, an eine verlorene Goldschmiedekunst, deren
unnachahmliche Arbeit auf ein so adeliges Leben deutete; sie dachte an den
Schwung, die köstliche Glätte und Musik normännischer Architektur, an die
beglückend reinen Schweifungen ihrer blanken Rotunden, und einzig solche
Dinge schwebten ihr hier vor, denn dieser Boden trug nur ein Merkmal, nur
ein Echo, wußte nur von Einem: dem Arischen. Dem Arier.
Nicht seinen Evolutionen etwa, noch seiner Geschichte, noch wie er im Lauf
der Zeiten sich ausbildete, verbildete, oder etwa wie sein Blut verarmte,
sich vermischte, wie seine Werte sich vermünzten, verzettelten, o, wie
belanglos zerfiel dies alles vor der allgewaltigen Idee, für die nicht _er_
stand, sondern die _ihn_ hielt. Denn diese Idee war der kastalische Quell,
der nur von einem _Werden_ begeistert murmelte, dessen klarer Strahl sich
vom Vergänglichen nicht trüben ließ und Gewesenes nicht kannte.
Mariclée sah nicht mehr den vielbesungenen Fluß, noch die traumhafte
Färbung seiner Gestade und ihre starke Trauer. Sie stand das Gesicht mit
ihren leidenden Händen verhüllt, und ließ den Ansturm ihrer Gedanken über
sich ergehen. Sie war sich mit einem Male so klar, warum sie eigentlich
lebte.
Dreizehntes Kapitel
Einmal besichtigte sie einen Dampfer der White Star Line, der auf dem Wege
nach New York einige Stunden in Queenstown hielt, um Passagiere und die
Post des ganzen Landes aufzunehmen. Immerzu liefen Männer, mit schweren
Säcken bepackt, die schmale, stufenlose Schiffbrücke hinauf, und dachte
man, sie seien jetzt endlich zu Ende, so liefen sie schon wieder, einer
hinter dem anderen, unter ihrer Last gebückt, mit neuen Säcken einher, und
einer, ein Zwerg, war besonders geschäftig und kehrte am öftesten wieder.
Mariclée verfolgte sein Tun mit gespannter Aufmerksamkeit, man warnte sie
jedoch, daß sie nicht lange auf diesem Schiffe hospitieren dürfe, und nun
lief sie eilig wie eine Maus hinauf, hinab, nach allen Richtungen hinein
und wieder heraus, durch das Zwischendeck, die Kajüten und in die oberen
Säle. Im Rauchzimmer waren an den vier Ecken Schreibtische angeschraubt,
und Mariclée, von dem Briefpapier mit den roten Fahnen fasziniert, setzte
sich hin und schrieb ein paar Zeilen an das Exemplar. Sie fand es
unbegreiflich, daß man unsere Zeit poesielos nannte. Was konnte es
Poetischeres geben, als so ein mächtiges Schiff heranziehen zu sehen, und
all den erfinderischen Geist, den Fleiß, die angestrengte Arbeit der Vielen
zu bedenken, die es zu diesem schönen Ungetüm werden ließen, daß dies
starke Meer, selbst im wildesten Sturme ein Ding, von so schwachen Händen
gezimmert, nicht mehr bemeisterte.
»Ich stünde gerne mit Ihnen auf einem solchen Schiff.«
Ahnungslos warf Mariclée diese Zeilen hin.
Vierzehntes Kapitel
Ihren letzten Tag in Irland verbrachte sie in einem alten, verwitterten
Schlößchen, hart am Meere. Sie fuhr durch ein welliges Terrain, wie es bei
uns im Gebirge die Almen umgrenzt, ein Hochfeld entlang, das, immer stärker
umweht immer feierlicher anstieg; alle Farben wie verwunschen: ein Grün,
das ins Saphirne, ein Blau, das ins Smaragdne spielte, und eine silberne
Sonne. Sie sah, was ihr noch niemals vorgekommen war, grasende Kühe, die
ihre Weideplätze verließen, langsam die hellen Felsblöcke erklommen, und
unbeweglich niederschauten, als hätten sie Augen für dieses Land; und
plötzlich, in der Ferne, ein heftiges Indigoblau, das wie ein jubelnder
Schrei in diesen Farbenhimmel einriß: ein mächtiges gewölbtes Band: das
steigende Meer.
Wo bin ich? dachte Mariclée.
Unten im Schlosse traf sie unter den Gästen eine schöne und sehr witzige
junge Deutsche an, ihre frühere Institutsgefährtin.
Das Schloß war reizend und altertümlich, hatte eine köstliche Stiege und
war von raffiniertem Komfort. Es stand geschützt und behauptete ganz allein
einen merkwürdigen, winzigen Hafen.
Bis zum Ufer streckte sich ein sorgfältig gepflegter Garten hin, und
leuchtende Blumenbeete so hart am Meer hatten etwas Unwahrscheinliches,
Kostbares und Faszinierendes. Es war ein blauer Schimmer über sie
gebreitet, und auf den breiten Blättern der niederen Palmengewächse lagen
saphirblaue Reflexe. Aber der Tannenwald, der hinter dem Schlosse die
Anhöhe hinaufzog, schlug wieder eine andere, sehr unerwartete Note an, und
stellte einen gemütlichen, anheimelnden und sehr deutschen Hintergrund.
Mariclée wußte garnicht wohin sie schauen sollte.
Als früh am Nachmittage ein Ausflug in der Jacht zum Vorschlag kam,
meldeten sich drei oder vier andere Gäste und die Kinder, es wurde also in
zwei Booten weiter in den Hafen hinausgerudert, wo sie verankert lag. Sie
war sehr klein, man rückte ziemlich enge zusammen, und Mariclée stellte
sich vor eine Luke, teils ihr teils den anderen zugewandt und sich mit
ihnen unterhaltend. Aber bald kehrte sie sich der Luke immer öfter zu und
fand es immer mühsamer sich an den Gesprächen zu beteiligen, als rückten
die Sprecher immer weiter von ihr weg. Der Hafen war von niedrigen Bergen
umzogen, die man doch keine Hügel nennen konnte, ihre Grate liefen ganz
nach Bergesart und auf ihren hellgrünen Abhängen weideten Kühe. Die Jacht
schoß an ihnen vorbei, steuerte ins Uferlose hinaus, hob und senkte und
legte sich, wie es den Wogen beliebte. Sie passierte eine kleine, schwarze,
uferlose Felseninsel, die nie ein Fuß betreten hatte, die aber eine Art
Walhalla der Raben zu sein schien. Mit unbeweglich ausgestreckten Schwingen
sie umkreisend, sich in das Geklüfte niedersenkend, schwebten sie dann
wieder langsam, feierlich empor.
Sie gehörte _ihnen_; diese Insel war ihr Reich. Mariclée dachte an den Tag
zurück, an dem sie als Kind zum ersten Male ein Konzert besuchte; wie sie
sich freute, und wie enttäuscht sie dann gewesen war. Sie hatte sich die
Klangwirkung eines Orchesters noch idealer ausgemalt. Sie hatte sich _die
Musik_ noch schöner vorgestellt! -- Aber rauschte hier nicht eben jener
früh und unbewußt von ihr erträumte Urquell, aus dem wir unsere Tonwellen
schöpften, sie auf Instrumente überleiteten und transponierten? Hier
schwoll es an, das mächtige Originalcrescendo, das große Dolente; hier
waren die zärtlichen Harfen und die Oboe her, und die Attacca subita der
Klarinetten und das Einstimmen der Waldhörner und die bebenden Flöten, die
sie gemeint hatte . . . Die Beethovenschen Symphonien heroische
Abstraktionen, die Partitur des Tristan eine Bearbeitung und eine
Reduktion! und jener dritte Akt, der so golden hervorquoll, hier strömte
und blutete er.
Sie lauschte.
Jemand zupfte sie am Ärmel, und sie spürte den Schmerz der Schlafwandlerin,
die ein jäher Ruf ins Leben zurückschreckt. Sie wandte sich um, vernahm
ganz deutlich, was ihr gesagt wurde, und mischte sich freundlich und
geduldig ins Gespräch. Aber sobald es anging, kehrte sie sich wieder der
Luke zu und starrte hinaus. Von einem solchen Sturm der Gefühle hatte sie
nichts gewußt. Ihr Verhältnis zur Natur war ja so unberechenbar, so morbid
und solchen Schwankungen unterworfen! Und nun nahte sie ihr wie ein
zwingender Gott; von ihrer Schönheit fortgerissen brach ihr Herz und wie
entwurzelt gab sie sich mit aller Wonne und allen Schauern hin, und wandte
ihr ein Antlitz zu, das nur der Mann, den sie liebte, je an ihr gesehen
hatte.
Fünfzehntes Kapitel
Mariclée fuhr nicht allein nach London, die junge Deutsche reiste denselben
Weg. Und sie plauderten, aber als die Dämmerung sank und London näher
rückte, hing jede ihren eigenen Gedanken nach. Wie wird es jetzt werden?
dachte Mariclée. Schweigend stiegen sie in London aus, als hätten sie durch
die bloße Tatsache ihrer Ankunft und die Verschiedenheit ihrer Ziele schon
Abschied voneinander genommen. Die Gefährtin hatte einige Stunden
Aufenthalt, bevor sie mit dem Nachtzug weiterfuhr, und begleitete Mariclée
in ihre neue Behausung. Der Wagen hielt in einer sehr stillen Straße, vor
einem regelrechten Palast. Sie zog die Glocke und es dauerte eine Weile,
bevor das Tor von einer alten Dienerin geöffnet wurde, die sich verbeugte,
als Mariclée ihren Namen nannte. Die beiden traten jetzt in eine tiefe
steinerne Halle. Hohe, verhängte Bilder hingen an den Wänden, und der
mächtige Lüster, sowie die Armleuchter an den Türen, waren verschleiert.
Eine breite, steinerne Treppe und eine kostbar getriebene Eisenrampe füllte
den meisten Raum aus, und trotz der geschnitzten Truhen und Stühle, die
herumstanden, war die Halle vor allem ein Stiegenhaus, und der Eindruck
pompös, aber sehr kahl.
»Gucke!« sagte die Freundin in ihrem schwäbischen Dialekt.
Es war ein sehr weitläufiger Bau. Sie wurden erst durch mehrere Säle und
Vorplätze mit zugedeckten Möbeln und verhängten Spiegeln und Bildern
geführt und dann einen schmalen Gang entlang, in ein nicht sehr großes,
aber prächtiges Zimmer. Die seidenen Vorhänge hatten einen breiten
kornblauen gestickten Rand, auf dem goldeingelegten geschweiften
Schreibtisch stand eine mit Briefpapier angefüllte Kassette. Im Kamin
brannte ein Feuer mit großem Geprassel.
Mariclée atmete auf. Hier war Stimmung; -- der behagliche Raum mitten in
diesem geschlossenen Hause, und Farbe und Einrichtung des Zimmers
entzückten sie.
»Ich packe schnell für dich aus und bringe deine Sachen in Ordnung,« sagte
die Architektin.
»Und ich fahre dann mit dir zur Station,« rief Mariclée, »wir essen dort
und bleiben zusammen bis zuletzt.«
Sie wußten recht wohl, daß sie Geheimnisse voreinander hatten, aber darin
beruhte eben der Reiz ihrer Intimität, daß sie sich so gut kannten, und
dabei nichts voneinander zu erfahren wünschten, und daß ihr gegenseitiges
Vertrauen so ohne Neugier und Vertraulichkeiten blieb.
»Liverpool Station!« rief Mariclées Gefährtin dem Kutscher zu, als sie mit
ihr wieder aus dem Hause trat und in den Wagen stieg, der mit ihren
Gepäckstücken gewartet hatte. Und aus der tiefen Stille ihres Squares
drangen sie nun wieder in das dämonische Herz der nächtlichen,
lichterbesäten Stadt und in jene rauschenden Straßen, in welchen, wie in
geschwellten Adern, Londons gewaltiges Leben umläuft.
Als sie die sehr entlegene Station erreichten, war es höchste Zeit, und von
Essen konnte nicht mehr die Rede sein. Die Architektin stieg schnell in
ihren Zug, der gleich darauf die Halle verließ, und fuhr einsam in die
schwarze Nacht hinaus, während die andere einsam in der schwarzen Stadt
zurückblieb.
Sechzehntes Kapitel
»Ich heiße Klara,« sagte die alte Dienerin, als sie am nächsten Morgen mit
großem Zeremoniell das Frühstück auftrug. Ihre anderen Mahlzeiten nahm
Mariclée außer Hause, aber dieses Frühstück war schon wirklich ein Genuß.
Der Aufwand an Silber und gedeckten Silberschüsseln, das Porzellan mit dem
optimistischen Tulpenmotiv, die breite, niedrige Teekanne, alles so
beschwichtigend! Die alte Klara befehligte noch eine junge Maud, und wenn
das Haus geschlossen war, beschränkte sich das Dienstpersonal auf diese
zwei. Doch niemals hätte Maud die Lippen geöffnet und zu Mariclée ein Wort
gesagt; sondern titulierte Chorführerin war Klara. Sie brachte jetzt die
Meldung, daß die Zimmerglocke zum Unglück abgerissen sei, doch würde sie
noch heute den Monteur bestellen, um sie zu richten. Indessen konnte sie
oder Maud von oben jederzeit hören, falls man sie riefe. Die nächstliegende
Türe ging direkt auf die Diensttreppe hinaus. Mariclée wollte aber nicht
dulden, daß man ihretwegen etwas reparieren ließ. Tagsüber brauchte sie
nichts, heißes Wasser hatte sie ohnedies, und sie konnte ja rufen. Die
absolute Abgeschiedenheit in einem so schönen Hause beliebte ihr in der
Tat, wie ihr die stille Straße inmitten des belebtesten Viertels behagte.
Sie machte sich zum Ausgehen bereit, weihte das schöne Briefpapier damit
ein, daß sie dem Exemplar ihre Ankunft meldete, verließ das Haus, warf
ihren Brief in den gegenüberliegenden Schalter und sah sich um. Sie wohnte
in Grosvenor Street, so glänzend und geschützt, als sich nur wohnen ließ.
Wenn sie um die Ecke bog, war sie in Piccadilly, dem Green Park und Ritz
gegenüber. Ihre Freundin hatte recht gehabt; hier lebte sichs anders, wie
in der Viktoria Street auf den grasigen Hof hinaus, mit der rauhen und
schmucklosen Gotik des finsteren Kirchleins. Man sah hübsche und
lebensfrohe Gesichter, hyperschlanke und reizende Gestalten.
Eine frühherbstliche Sonne schien weißlich, aber warm hernieder. Mariclée
trug ein grünes Kleid, weiße Handschuhe und einen dunkelgrünen Hut mit
einer langen schwarzen Feder.
So ging sie leichten Schrittes dahin. Das Wetter war so schön; sie wollte
den Weg bis zur Bildergalerie zu Fuß zurücklegen. Als sie vor der deutschen
Botschaft vorbeikam, machte sie einen weiten Bogen. Sie hatte jetzt mehrere
Bekannte in London, die sie aber vorerst alle zu meiden beabsichtigte, denn
wiederum, auch jetzt, _noch einmal_ andere Menschen zu sehen, bevor sie den
einen sah, für den sie ausschließlich gekommen war, nein! dies ertrug sie
nicht. Morgen früh hatte er ihren Brief, übermorgen würde sie
wahrscheinlich die Antwort haben und ihn eventuell überübermorgen sehen.
Sie konnte an nichts anderes mehr denken. --
Als sie die Galerie verließ, schlug es drei. Schon so spät! Gottlob. Auf
welche Stunde würde wohl der Zeiger deuten, wenn sie ihn wiedersah?
Sie war überzeugt, daß für alles Künftige ein genaues Orarium, zwar nicht
ausgegeben, wohl aber ausgefertigt stand. Sehen würde sie das Exemplar,
daran zweifelte sie eigentlich nicht, obwohl er ihr inzwischen kein
einziges Mal geschrieben hatte. Dies war nun einmal, leider Gottes, seine
Art. Aber auch sonst wußte sie gar nichts mehr von ihm. Sie hatte in Irland
meist nur irische Zeitungen zu Gesicht bekommen. So war sie doch zugleich
von einer gewissen Unruhe erfüllt. -- Vor abends wollte sie heute nicht
nach Hause zurückkehren. Briefe konnten doch noch keine vorliegen. Und wo
sollte sie nun essen? --
Dies war für sie eine sehr wichtige und dadurch sehr komplizierte Frage,
daß sie für ihre Mahlzeiten weder viel ausgeben konnte noch wollte, dabei
aber, wenn sie allein war, und zumal in England stets nur schöne Lokale in
Betracht zog. Die Teehäuser, die es hier alle paar hundert Schritte gab,
und die man ihr so warm anempfohlen hatte, waren ja sicherlich anständig, o
gewiß! äußerst preiswert, und infolgedessen für jemanden, der nichts besaß,
vollkommen angezeigt, sie leugnete es keineswegs; nur ging sie nicht
hinein; nur verging ihr alle Lust zu essen, wenn sie vor einem dieser
ungedeckten Marmortischchen Platz genommen hatte und umhersah.
O! diese Monotonie! o dieses tearoom Publikum! wie ununterschiedlich, wie
unindividuell! Es schien irgendwie eine Beziehung zwischen ihm und den drei
ewig selben Kuchensorten zu sein, die Tag aus Tag ein über ganz London hin
gebacken werden, und auf der Welt keine vierte und ohne je eine Variante,
oder auch nur den Gedanken an eine Variante, weder bei den Konsumenten,
noch den Leitern dieser »establishments«. Warum sollte sie da hineingehen?
ihr bißchen Geld ausgeben, um sich deprimieren zu lassen? Dies war ganz und
gar nicht ihre Art zu rechnen. Aber für heute, in Gottes Namen wollte sie
eine solche Bude betreten, sie war so müde, ihre Füße trugen sie nicht
weiter, und sie kannte sich noch nicht aus. So ging sie denn hinein,
blickte umher und war schon wieder unglücklich.
Wenn wir noch einen Moment bei dieser ihrer gewiß pathologischen
Empfindsamkeit verweilen, so geschieht es nur, weil eben hier der Grundton
ihres ganzen Wesens lag. Mariclée mußte immer vergessen. -- Auf diesem
einfachen Leitmotiv baute und gliederte sich bei ihr alles andere auf. Wer
dies von ihr wußte, der kannte sie durch und durch, denn alles andere war
sie nur beiläufig, von ungefähr, nebenbei, aber nicht wirklich. In
anregender Gesellschaft konnte sie für »Außendinge« von beispielloser
Unaufmerksamkeit sein, wie sie dann oft keine Ahnung hatte, was sie aß,
aber allein, in einem stimmungslosen Lokal, vor einem ungedeckten
Marmortischchen, billigem Porzellan und ungeschliffenen Gläsern -- da war
sie wie ein Fisch, der auf das Brett geworfen wird, ihrem Lebenselement
entrissen und schnappte nach Luft. Denn da gab es für die arme Mariclée
nichts zu vergessen --, sondern da wurde sie _erinnert_. --
Einmal und nicht wieder, dachte sie, indem sie zahlte und mit einem
mißmutigen Gesicht das Teehaus verließ. Die Sonne stand noch hoch, es war
gerade viertel nach drei. Sie seufzte. So langsam also konnte ihr die Zeit
verstreichen, wenn ihr etwas nicht paßte! Ein Ausrufer bot ihr Zeitungen
an, sie kaufte an alten was noch aufzutreiben war, nahm eine neue dazu und
ging in den Park, um sie im Freien zu lesen . . . . Als sie Whitehall
hinunter ging, kam ihr ein Totenwagen, -- der hellbraune Sarg in einem
gläsernen Kasten weithin sichtbar -- in grader Linie entgegen. Und
abergläubisch wie sie war, hielt Mariclée inne und atmete für den
Augenblick erleichtert und zuversichtlich auf.
Ihre Zeitungen nahm sie dann aufs Geradewohl und ohne auf das Datum zu
achten, her; sie wollte vor allen Dingen nachsehen, ob sie eine Nachricht
über das Exemplar enthielten, und das erste, wovon sie da las, war die
Beisetzung eines seiner nächsten Angehörigen, so daß die Familie, in die er
geheiratet hatte, in tiefe Trauer versetzt war. Ihr Herz stand still --
nicht ob des Todesfalles; mochten sie wie die Mücken um ihn herum sterben,
es kümmerte sie kein bißchen. Aber sie bedachte, daß er am Ende gar nicht
war, wo ihr Brief ihn suchte, denn diese Beisetzung war anderwärts, dann
durfte sie wiederum auf eine Verzögerung gefaßt sein, dann ging der Tanz
von vorne an. Nein, das ertrug sie nicht. Aber das Blatt war ja schon
mehrere Tage alt, Gottlob, er konnte zurück sein. Und kränker war er auch
nicht, denn er hatte jenem Begräbnis beigewohnt; hier stand es. Und sie
faßte sich wieder. Die anderen Blätter brachten nichts mehr über ihn.
Mariclée raffte sie zusammen, sie würde sie zu Hause lesen. Jetzt war sie
nicht imstande. Ein Fieber, eine Unruhe trieb sie von ihrem Platze fort, zu
gehen, rastlos, immerzu, wieder hinaus in die endlose Stadt, wieder zurück
in den Park. Und ihre Augen sogen alles ein, das früh verbrannte Laub der
Bäume, den stillen Himmel, der darüber hing, das glatte Grau der dunkelnden
Paläste, das matte Grün der Rasenflächen, das lichte Schwarz des Teichs.
Aber diese Augen trugen wieder den gezogenen, harmvoll matten Glanz des
Kranken, der durch eine trennende Scheibe und als ein Verbannter diese
Dinge sieht. O Gott, sie liebte sie so sehr, daß sie sie alle vorweg nahm.
Und eben darum war sie in ihnen nie enthalten. Wenn aber einer, der es gut
mit ihr meinte, da zu ihr hingetreten wäre und freimütig und plumperdings
zu ihr gesagt hätte: »Was tun Sie hier? Warum sind Sie gekommen? Was
vergeuden Sie Ihre schönsten Jahre und Ihre letzten Groschen, um einer
möglichen Versorgung aus dem Wege zu gehen, und statt nach einem braven
Mann zu fahnden, übers Meer, einem Vergebenen und für Sie Verlorenen
nachzuziehen? Besinnen Sie sich doch! Das Leben ist zu ernst und Ihre Lage
zu gefährdet!« Da hätte Mariclée mit besorgter Miene zugehört, nachdenklich
genickt und seufzend zugestimmt, wie sie es tat, als man ihr jene tearooms
anempfahl. Denn kein unvernünftiges Wort kam jemals über ihre Lippen. Aber
wenn dieser wohlmeinende Freund auch noch gefragt hätte, (was sich
vielleicht auch der Leser kopfschüttelnd fragt!) »_Was wollen Sie denn
eigentlich?_« so hätte sie wieder gelächelt, jenes leichtfertige etwas
verschmitzte Lächeln, das in Glenford den Don Juan intrigierte. Was sie
wollte? Was sie sich zu wollen erlaubte? Was sie sich herausnahm? Geduld!
-- Dies Buch ist ja zu keinem anderen Zwecke geschrieben, als um es zu
verraten.
Siebzehntes Kapitel
Sie ließ sich erst spät mit dem zierlichen Schlüssel, den ihr die alte
Klara am Morgen überreicht hatte, in ihren geborgten Palast ein. Alles war
still, sie hörte nie ein Flüstern, nie einen Laut, nie einen Tritt, außer
von ihrem Zimmer aus, wenn Klara oder Maud auf der Diensttreppe waren. Aber
nie trat ihr auf der weiten Marmortreppe jemand anderer entgegen, als in
dem hohen Spiegel, an dem sie vorüberzog, ihr eigenes Bild, nie hörte sie
auf den glatten Fliesen andere Schritte verhallen, als die ihren.
Am nächsten Morgen blähte ein herbstlicher Windzug ihre Vorhänge auf und
zum ersten Male, seitdem sie nach London gekommen war, zeigte sich die
Sonne nicht. Sie war beim Ankleiden, als es an ihrer Türe klopfte. Ein
gellendes Klingeln scholl durch das ganze Haus und gleich darauf zeigte
Klara ihren alten Kopf. Es sei ein Ruf vom Fernamt, und sie nannte zu
Mariclées tödlichem Schrecken den Namen des Exemplars. Ob Fräulein Klee
heute nachmittag um fünf Uhr den Tee bei ihm nehmen wollte, er würde um
diese Stunde in London sein.
»Ich werde kommen,« sagte sie tonlos. Die alte Klara eilte mit der Antwort
hinab.
Mechanisch fuhr sie fort sich zu frisieren, aber ein kreideweißes Gesicht
starrte jetzt aus dem Spiegel.
_Was sollte sie anziehen?_
Dies war ihr erster Gedanke. Sie hatte drei Feierkleider für die geplante
Begegnung in Bereitschaft: das grüne, das sie gestern trug, ein weißes, und
ein dunkles bleu-ardoise, das Einzige, was sie bei diesem trüben Wetter
wählen durfte. Sie zog es an, und sah darin schmal und gerade aus wie eine
Kerze. Und wie von einem magischen Reflex berührt, ward ihr Antlitz
plötzlich so ganz genau dasselbe wie damals, als sie zuletzt mit ihm
zusammen war, genau derselbe Ausdruck, dieselben blauen Irradiationen, die
ihre Augen untermalten wie zuletzt, jenes Gesicht, ihr einzig wahres, ein
abkunftloses, nur von ihm erkanntes, seltenes Gesicht, das seinige, da es
für ihn nur an das Licht trat, wie ein Kronschatz, der nur dem Einen taugt,
dem Unbefugten aber schwer und unzugänglich in den Schrein zurücksinkt.
Selbst ihr Körper wurde schärfer umrissen, und seine Linien traten
beseelter, ihre leichten Schultern flügelhafter noch hervor. Ihre oft so
leblosen Augen aber schienen jetzt wie Wachslichter bei Tageshelle, denn
etwas Abendliches, etwas, das der Tag bekriegte, und das sich selbst
verfechten mußte, behielt sie stets. »Klara! Klara!« rief sie und stürzte
hinaus. Und die alte Chorführerin, von der Lebhaftigkeit ihrer Stimme
erschreckt, eilte herbei, als sei ein Unglück geschehen.
»O Klara!« sagte Mariclée, »ich brauche einen Schleier, wo finde ich ihn am
besten? dieser Hut braucht eine Zutat; er sitzt so schlapp!«
»Bei Selfridge, ganz in der Nähe ist alles zu haben,« versicherte die
andere atemlos. »Aber der Hut sitzt schön, meine Gnädige.« Und sie sah fast
ein wenig betroffen zu ihr auf. War dies derselbe freudlose, etwas
saturnische Gast, der unter diesem Dache einzog?
»Er muß gehoben werden. Da, von der Seite,« sagte Mariclée und maß sich mit
kritischen Blicken.
Selfridge, ein kalkweißer, weithin sichtbarer Monumentalbau im Geschmack
Sardanapals, bot in der Tat alles, Schuhlitzen und einen Wintergarten; auch
leidliche Speisesäle in den oberen Stockwerken, wo man à la carte essen
konnte. Es stand auch ein einladendes Büfett beim Eingang. Doch graute
Mariclée vor den Fleischplatten. Sie war eigentlich hungrig, aber die Angst
schnürte ihr den Hals zu: Sie hatte auf die Uhr gesehen, und es war zwei
Uhr. In drei Stunden also. -- Dieser Speisengeruch war furchtbar. Und glitt
da nicht ein Sonnenstrahl die Wände entlang? Eine lichtblaue Fläche hatte
sich, wie ein heiterer See, in das stumpfe Himmelsgrau hineingerissen.
Sollte sie da nicht schnell nach Hause? stand ihr das grüne Kleid nicht
besser? -- Gott! -- wie der Herr da drüben essen konnte! -- was aß er denn?
es sah vortrefflich aus; das hätte sie auch gern gegessen, wenn sie hätte
essen können. Und mit einem Male schienen ihr all diese essenden Menschen
namenlos grotesk. Der Hunger war der große Rattenfänger, die Speisen die
Noten, aus denen er seinen Lockruf zusammensetzt, und zwar so, daß man
nicht merkt _wie_ man ihm folgt, und stets so viel genauer weiß _was_ man
ißt, als _daß_ man ißt. Weil aber Mariclée in Folge ihrer gesteigerten
Verfassung heute den Tanz so deutlich _sah_ und die Pfeife nach der man
sich in diesem Saale drehte, so deutlich heraushörte, wollte keine
Aufforderung an sie gelangen, und sie mußte von dem Tanzboden herab.
Die grauen Wolken hatten indes den lichten Himmelssee wieder verschlungen
und die Luft blieb regnerisch. Mariclée eilte nach Hause, wand und
befestigte den Schleier auf ihrem Hut und probierte ihn bald so, bald
anders. Es war die einzige Beschäftigung, auf die sie sich jetzt
konzentrieren konnte. Als dann die fünfte Stunde herannahte, verließ sie
das Haus und nahm einen Hansom, der denselben Weg einschlug, den sie Tags
zuvor in der Sonne zurücklegte: St. James Street, Trafalgar Place und
Whitehall hinab: fünf Uhr, fünf Uhr, fünf Uhr stand auf allen
Zifferblättern zu lesen und silbern ertönten fünf Schläge vom
Westminsterturm. Mariclée starrte mit der Miene einer Gerichteten auf die
grau glasierten Plätze und Straßen als müßte sie Abschied nehmen von allem,
was sie erblickte. Die alte Abtei stellte hier einen Abschluß von seltener
Majestät, die schöne niedrige Kapelle stark im Vordergrund, und der
weitläufige, gebieterische Bau so königlich gelagert. Ein edler, höchst
menschenwürdiger Platz, dessen Vorzüge sie jetzt mit geschärftem Auge
erfaßte. Bei dem Tore, von welchem aus Karl I. seine letzten Schritte ging,
bog jetzt der Wagen in eine stille und imposante Seitenstraße ein, fuhr
noch zwei glatte, hochfenstrige Fassaden entlang und hielt. Mariclée, die
reichlich Münze bei sich hatte, reichte, um Zeit zu gewinnen, dem Kutscher
ein Pfund zum wechseln hin und ließ ihn in ihre Börse stecken, was er für
gut erachtete. Sie stand nur dabei. Indessen öffnete sich die Türe des
Hauses, bevor sie noch Zeit hatte zu läuten; sie trat in eine reizende
Halle, sah zwei Diener in schwarzer Livree, die von ihrem Kommen
unterrichtet schienen und ihren Herrn jeden Augenblick erwarteten. Mariclée
hatte noch Zeit eine Stiegenrampe zu erblicken, viel zierlicher und schöner
als die in Grosvenor Street, dann sah sie nichts mehr, denn in demselben
Moment war die Halle von dem Geräusch eines stoppenden Autos erfüllt und
Mariclée wandte sich um. Sie sah einen Herrn, dessen Affektation sie nicht
minder frappierte wie seine Eleganz, langsam aber scheinbar mühelos die
Stufen emporsteigen und ging ein paar Schritte auf ihn zu.
»Halloh, da sind Sie ja!« sagte sie mit einer völlig unangebrachten
erkünstelten und blödsinnigen Degagiertheit.
»Haben Sie gewartet?« fragte er.
Und sie bemerkten nicht, daß sie einander gar nicht begrüßten.
»Wir hatten eine Panne.«
»_Wir!?_«
Mariclée starrte wieder auf den Eingang hin und sah eine Dame in tiefer
Trauer aus dem Wagen steigen. Bevor sie noch einen Gedanken fassen konnte,
schoß ihr alles Blut mit solchem Ungestüm zu Kopfe, daß sie schwankte wie
ein Rohr. Er, der indessen ihr Gesicht im Auge behalten hatte, stellte sich
alsbald schützend vor sie hin, als wisse er vor ihr von ihrer Bestürzung.
Er deutete auf eine gegenüberliegende Türe und ging, ohne ein Wort zu sagen
und ohne sich umzusehen, darauf zu, und sie wußte nicht, wie es kam, daß
sie dasselbe tat, und daß er Schritt mit ihr hielt und sie geleitete.
Sie betraten das Zimmer, und er schloß die Türe hinter ihr zu; niemand
folgte ihnen und sie waren allein. Sie empfand eine große Leere im Kopf und
eine große Unsicherheit in den Knien, ging auf einen Lehnstuhl zu, setzte
sich aber nur auf die Lehne, als sei sie nur ganz provisorisch hier, und er
nahm schräg ihr gegenüber Platz. Warum hat er mir das angetan? dachte sie.
»Wie geht es Ihnen?« fing sie an, »und was fehlt Ihnen eigentlich?« Er
sprach von einer verschleppten Malaria, aus der die Ärzte nicht klug
würden; von einem bösen Fieber, das unversehens immer wiederkehre. Das
einzige, was ihm tauge, sei Sonne und staublose Luft. Dies Frühjahr habe er
allein mit einer Wärterin auf einer Jacht in Afrika verbracht.
Während sie sprachen, hielten sie die Augen fest aufeinander gerichtet und
sahen sich unverwandt, mit ernster, ausdrucksloser Miene, wie zwei große
Vögel an.
»Sie haben sich aber nicht verändert,« sagte Mariclée, die ihn kaum
wiedererkannt hätte. Und was machte er für Augen? sie waren ja ganz steif;
und diese Unbeweglichkeit, diese Blässe, wie von einer Puppe? Und sie
bedachte nicht, wie versteinert sie selber drein sah. Jeder nahm jetzt her,
was ihm gerade einfiel. Er erwähnte den Todesfall, der sich so kürzlich
erst begeben hatte, machte ein gefühlvolles Gesicht, das sie gar nicht an
ihm kannte, und sprach von dem »schweren Kummer«, von dem sie alle
betroffen seien. Mariclée spürte einen starken Lachreiz. »Warum lügt er
denn so?« dachte sie.
»Davon weiß ich gar nichts; sind Sie deshalb in Trauer?« log sie zurück.
Von dem Zimmer, in dem sie saßen, sah sie nichts, bemerkte aber jetzt, daß
der Tee auf dem Tischchen vor ihnen serviert war, vergaß gänzlich die
Situation, und mechanisch, wie sie es früher oft getan hatte, schenkte sie
ihm und dann sich selber eine Tasse ein.
Und nie blickte sie zur Türe hin, als dächte sie mit nichten, daß hier
jemand eintreten könnte, als sei dies ihre letzte Sorge, als sei dies
keineswegs die Panik, die sie krampfhaft unterdrücken mußte, um ihr letztes
Restchen Fassung zu bewahren.
»Wie lange ist es her, seit wir uns nicht mehr sahen?« fragte sie.
Er wußte es auf den Tag.
»So kurz?« sagte sie irrsinnig. Sie wollte sagen: »So lang.« Aber es war ja
alles eins.
»Und Ihr Beruf?«
»Ich hoffe ihn wieder aufzunehmen.«
»Wirklich!« rief sie und leuchtete auf.
Aber sein Gesicht erhellte sich nicht. »Es sind noch lange Wege,« sagte er.
Da erlosch auch der Strahl in ihren Augen.
Sie war von der Lehne aufgestanden und hatte sich in den Stuhl gesetzt.
»Und was tun Sie indes?«
Er zuckte die Achseln: »Vorerst mich pflegen,« sagte er, »und in drei
Wochen nach Amerika fahren.«
»Schon wieder! so weit!« entschlüpfte es ihr.
Und immer starrten sie sich mit ernsten, ausdruckslosen Augen an, indes
ihre steinernen Masken ihre eigene Zwiesprache zusammen führten. »Ich kann
mich nicht wohl dispensieren,« sagte er; »meine Frau wünscht, daß ich sie
begleite, und die Seereise ist mir ja zuträglich.« -- Sie nickte; und weil
die Angst vor der Türe sie immer stärker würgte und immer mehr verstörte,
wußte sie jetzt nichts besseres vorzubringen, als einen albernen Tratsch
über eine Dame, die er früher flüchtig gekannt hatte und die sie beide in
keiner Weise interessierte.
»Und denken Sie, jetzt läßt sie sich richtig scheiden,« sagte Mariclée und
stellte ihre Tasse verzweifelt wieder hin.
Da kam er ihr zu Hilfe.
»Wie lange werden Sie in London bleiben?« unterbrach er sie, ohne eine
Miene zu verziehen.
»Drei Wochen,« erwiderte sie unbedacht, weil er vorhin »drei Wochen« gesagt
hatte. Eine jähe Röte stieg ihr zu Gesicht. »Oder vierzehn Tage,«
verbesserte sie. »Ich weiß es noch nicht.«
Er nahm stets den äußersten Termin bei ihr an. Sie hatte es nur zu wohl
erfahren, als sie in anderen Städten mit ihm zusammentraf. »Innerhalb drei
Wochen wären Sie also noch zu erreichen?« wiederholte er.
»Ja,« gab sie bei.
Da öffnete sich die Türe. Mariclée hatte das Gefühl, als lägen ihre Arme
und Beine in den vier Ecken des Zimmers verstreut und als müßte sie sie
dort holen gehen, in Wahrheit aber schoß sie kerzengerade in die Höhe. Sie
hörte, wie das Exemplar sie vorstellte, begrüßte die Eintretende mit großer
Natürlichkeit und näherte sich dann dem Fenster. Ihre Haltung war plötzlich
tadellos. Etwas appellierte an ihr Selbstbewußtsein oder ihren Stolz und es
war, als zöge unvermutet eine andere Fahne auf.
»Wir sprachen von Wiener Bekannten,« hub sie im leichten, klangvollen Tone
an und kehrte vom Fenster zurück. Sie war jetzt die Grazie und Sicherheit
selbst. Auch die Steifheit und Spannung im Auge des Exemplars hatte sich
gehoben, und ein Gespräch zwischen den Dreien geriet richtig in Fluß.
Mariclée zeigte sich lebhaft, ohne von einer eisigen Reserve zu lassen, und
brachte es zustande zu lachen, ohne doch jemals zu lächeln. Sie
unterhielten sich über die Juden, deren soziale Position in England eine
viel gesichertere sei wie am Kontinent, und das Exemplar meinte, es sei
eben auch die beste Sorte Juden in diesem Lande zu finden, und streute
amüsante und scharfe Bemerkungen ein.
Hin und wieder nahm sie ihre Tasse zur Hand setzte sie aber wieder hin,
weil sie fürchtete, man könne das Zittern ihrer Hand bemerken. Sie hätte
gerne ihren Tee genommen, und wie die andern etwas dazu genossen, um sich
weniger erschöpft zu fühlen, aber von essen konnte jetzt ebensowenig die
Rede für sie sein, wie für einen Schatten oder eine Abgeschiedene. Sie nahm
statt dessen eine Zigarette -- die war nicht so schwer wie eine Tasse --
und sie rauchte und erzählte von Irland, und wie ihr die Irländer gefielen
und mißfielen und von der Unmenge von Priestern. Indes lag jetzt in der
blassen, schwebenden Hand, mit der sie ein wenig gestikulierte, während sie
sprach, ein so ergreifender Ausdruck, daß Mariclée, der das Schöne, woher
es auch kam, nicht leicht entging, davon betroffen ward und sie senkte;
doch das Exemplar hatte sich schon von seinem Platze erhoben, und sie
wußte, es war, weil, ohne zu wollen, ihre Hand ihn gerufen hatte.
»Hier ist Feuer,« sagte er, indem er sie schnell erfaßte. »Ihre Zigarette
ist erloschen.«
Und dies war die einzige Begrüßung, die zwischen ihnen stattfand. Mariclée
wurde dessen nur wie von ferne gewahr. Sie hatte ja so viel zu tun, um
jegliche Gefühle in sich auszuschalten, auf daß die leicht vibrierende
Stimme, mit der sie redete, nicht brach. Man kam auf seine verflossene
Seereise zurück, während welcher er niemals nach Hause schrieb.
»Er ist ja zu Briefen einfach nicht zu bewegen,« sagte seine Frau;
»schreibt er _Ihnen_ je?«
»Niemals!« lachte Mariclée und schüttelte den Kopf. Die umfängliche
Schachtel, in der sie seine Briefe aufbewahrte, faßte sie zwar längst nicht
mehr. Aber konnte sie etwas anderes sagen, als was sie eben von dieser
Seite vernahm? Und dann: was waren das für Briefe? Meist flüchtig
hingeworfene Zettel. So war es, trotz der überfüllten Kassette fast
wahrheitsgetreu zu sagen »Niemals«.
Mitten drin trat auch die Frau einmal zum Fenster hin, um Mariclée, die im
Halbdunkel saß, von rückwärts und vom Profil zu mustern, und kehrte dann zu
ihrem Platze zurück. Und auch dieses fühlte Mariclée nur wie von fern.
Man sprach noch von diesem und jenem: von deutschen Stücken, für die er
eine Vorliebe hegte und von Hauptmanns »Griechischem Frühling«, den
Mariclée überall verkündigen und lobpreisen mußte, weil das Buch ihre
Marotte war; und endlich von dem kürzlich erfolgten Tode Tyrrels, wobei sie
sich über die unversöhnliche Haltung des Klerus mächtig ereiferte. Niemand
war in ihre Gedanken besser eingeweiht und mehr von ihnen eingenommen wie
das Exemplar, weshalb es ihm oft viel Spaß machte ihr zu widersprechen. So
nahm er jetzt, der als Anglikane in solchen Fragen in keiner Weise
engagiert war, für die schroffe Haltung der Kirche Tyrrel gegenüber munter
Partei, und sie wollte ihm etwas entgegnen, als ein Diener mit der Meldung
eintrat, das Auto sei vorgefahren. Da empfand sie den Schmerz des mitten
aus tiefem Schlafe jäh Aufgescheuchten und erhob sich; das Exemplar schien
von der Unterbrechung keine Notiz nehmen zu wollen, doch mahnte ihn seine
Frau, daß es Zeit wäre zu fahren, um nicht in die Nachtluft zu kommen, der
er sich nicht aussetzen durfte. Da brach er seinen Äußerungen über Tyrrel
mit einer äußerst frivolen, aber so witzigen Wendung die Spitze ab, daß
Mariclée ihn ansehen und lachen mußte. Denn zur Wirklichkeit und dem
Bewußtsein ihrer Situation kehrte sie erst zurück, als sie wieder in der
Halle stand und mit den beiden der offenen Pforte zuschritt.
»Da wir uns nun endlich kennen lernten, werden wir uns hoffentlich
wiedersehen,« sagte seine Frau.
»Ich hoffe es auch,« erwiderte Mariclée höflich und rasch, doch ohne den
Schatten eines Lächelns, denn ihr Gesicht war wieder wie versteinert. Und
sie ging die Stufen hinab. Aber da erschien er noch einmal vor dem Hause
und trat weiter hervor, als sähe er nach dem Wetter und nickte ihr zu, und
blickte sie an mit einem Lächeln, in dem alles lag, und dem alles entglitt,
das von den Dingen so wohl Bescheid wußte, das ein so weltweises, so
kundiges Lächeln war, mit Idealismen zwar vertraut, doch jeglicher Illusion
erstorben, ein so blasses, flickerndes und winterliches Lächeln, daß es
Mariclée, der Schutzlosen und Gefährdeten, vom Leben so viel rauher
Angefaßten, ins Herz schnitt und sie jeden Tropfen ihres Blutes aufbot, um
Sonne in ihr eigenes Lächeln zu weben, und ihn anstrahlte, ohne Trauer, als
sei nichts verloren. Dann riß sie ihre Blicke los und zog ihren verlassenen
Weg und sah nicht einmal hin, als sein Auto, das ihn an den Meeresstrand
zurücktrug, an ihr vorübersurrte. Denn jetzt war kein Licht mehr in ihren
Augen und ihre Kräfte waren ausgegeben.
* * * * *
Der Tag schien nur um ein geringes blasser und es dämmerte noch nicht. Aber
es war, als ob alle Uhren jetzt verschwunden seien, ihr wenigstens fiel
keine mehr ins Auge; sie dachte nicht mehr an die Zeit. Ihre Ernüchterung
war grenzenlos. Dies also war der Mensch, der sie so wert dünkte, den sie
mit solchen Gefühlen und solchen Gedanken behing, diese Puppe! -- Mariclée
stieß gegen ein Haus und taumelte. Wahrhaftigen Gottes, er sah aus wie eine
Puppe!
Sie stand plötzlich auf dem Trafalgar-Platz, sie wußte nicht wie. Nun, es
war wirklich gut, es war sicher ganz vortrefflich, daß sie ihn
wiedergesehen hatte. Aber wo hatte sie nur ihre Augen gehabt? Also das war
er; -- diese Puppe? und wenn sie es nicht selbst gewesen wäre, hätte sie
eine große Lachlust verspürt. Was für eine Puppe, sagte sie ganz laut und
wiederholte noch einmal, um das Erstaunliche auch auf englisch zu hören:
»What a doll!«
»Jetzt nehme ich ein Hansom,« dachte sie. Aber wozu? Welche Zeit wollte sie
denn gewinnen? Es war schon besser, sie ging zu Fuß. Sie durfte das Geld
nicht so hinauswerfen. Erst einen Kassensturz, wenn ich bitten darf. Warum
hatte sie nicht gesagt: ich kann nur mehr _zwei_ Wochen bleiben, mit zwei
Wochen hatte sie doch nur gerechnet. Wie? Was meinte sie da? Was? War das
ihr Ernst? Drei Wochen wollte sie nun um dieser Puppe willen? . . . Ach,
unterbrach sie sich selbst, nicht denken, jetzt nicht darüber denken
. . . später . . .
Und Mariclée tat an diesem Tage tatsächlich etwas Vernünftiges; sie nahm
ein Hansom, fuhr nach Hause, warf sich auf ihr Bette, gestattete sich
keinen einzigen Gedanken mehr, sondern schlief. Es herrschte völliges
Dunkel, als sie erwachte. Sie fühlte sich wie zerschlagen, erhob sich aber
rasch, zog ein Abendkleid an und verließ ihr geborgtes Palais. In diesem
Mausoleum hielt sie es jetzt nicht aus, und sie mußte ein hübsches
Restaurant ausfindig machen; dies war für den Augenblick das Wichtigste. In
einer tristen Teebude zu essen hätte sie heute schier umgebracht. Sie fand
in einer eleganten Seitenstraße ein sehr hübsches Lokal und zögerte nicht,
es zu betreten, denn ihr schwindelte vor Hunger.
Sie hatte sich tags zuvor ein Theaterbillett genommen, aber sie ließ es auf
dem Tisch zurück, als sie wieder ging. Ihr graute plötzlich vor dem
Zusammensein mit Menschen; sie wollte mit sich allein sein, nachdenken und
gehen. Die Luft war linde und still, über den schwarzen Wolkenstreifen, die
noch am Himmel zogen, ragten jetzt Sterne in verzweifelt überwältigender
Höhe. Mariclée kehrte von den dunkleren Seitenstraßen in die ruhelose Helle
Piccadillys zurück, wo die Finsternis auf Schritt und Tritt vor den
Lichtern zurückweicht, wie eine starre Kälte, die von mächtigen Feuern
unablässig gebrochen und verdrängt wird. Von dem Ansturm der Wagen, die so
endlos aufeinander folgten, daß der einzelne so wenig zählte wie in weiten
Wäldern der einzelne Baum, wurden ihre Sinne ganz benommen, wie auch von
der Gleichförmigkeit des rauschenden Lärms, den sie heute wie eine
gesteigerte Stille empfand. Vergebens wartete sie, um die Straße zu
passieren, denn nie wollte zwischen den vielen Kolonnen der Wagen, Autos,
Omnibusse und Hansoms eine Lücke entstehen; mitunter schwankten
hochgetürmte, bunte Stellwagen, mit Pferden bespannt, recht altväterisch
einher. Als da einer vorüberzog, dessen Dach ohne Insassen war, machte
Mariclée ein Zeichen, ergriff schnell die hilfreiche Hand, die ihr der
Kondukteur entgegenstreckte, und kletterte behend zu den oberen Sitzen
hinauf, von welchen aus sie unter freiem Himmel, ungestört und ganz für
sich allein, die Straßen dominierte. Denn unter freiem Himmel und allein
und abgetrennt zu sein war jetzt ihre ganze Sorge. Sie mußte wissen, was
die große Stille bedeuten wollte, die mit einem Male in ihrem Innern
entstanden war, wie der Wind, der mit einem großen Ruck mitten im Sturm
innehält, doch nur weil ihm der Atem ausging, und um desto stärker wieder
anzuheben. So traute sie dieser Stille, dieser Glätte eines allzu bewegten
Herzens nicht. Was mochte sich in ihm abspielen, daß so seltsame Schauer
seinen Gründen entstiegen und immer stärker wiederkehrten? Waren sie von
Glück oder Betrübnis aufgeweht? Ihr bangte wie vor einem Vorhang der ihr
das eigene Selbst noch vorenthielt und sich nun langsam teilte, sie in ihr
Inneres einzulassen. Der Omnibus fuhr durch die grelle Oxfordstreet und
Hyde Park entlang. Als er am Ziele war und wendete, stieg der Kondukteur
herauf, aber sie löste einfach eine neue Karte, fuhr bald hin, bald her,
tief in die Nacht hinein und blieb auf ihrem ambulanten Dach. Anderen
Menschen war es wohl zu kühl hier oben, denn niemand störte ihre
Einsamkeit. Im Parke, wo sie zusammenstanden, trugen sich die Bäume noch
sommerlich, doch ihr Laub hing schon recht herbstlich stille, weil keine
neuen Säfte sie mehr durchquillten. Aber was wußte sie da von Wärmegraden,
von Stunden oder Jahreszeiten? Und es war nicht Herbst. O nein! die Knospen
hingen zum Bersten reif an grünendem Geäst, nur ein Regenschauer mußte noch
herniedergehen; denn es war eine Frühlingsnacht; es war nicht Herbst; wer
sagte das? man stand im Lenz. »Ach ich Arme!« dachte sie, »warum bin ich so
glücklich?« und preßte ihre Arme gegen ihr Herz, das sich durch keine
Bedenken halten ließ; es hatte an diesem Tage allzuvieles gewaltsam
unterdrücken und verdrängen müssen; nun brach es ans Licht und prangte in
hellem Flor.
_Sie hatte ihn wiedergesehen, und er war nicht gestorben._ Die Leute, die
vor kaum einem Jahre seinen Tod so sicher in Aussicht stellten, die
Londoner Reporter, die vor jedem Redaktionsschluß anfragten, ob er noch
nicht zu vermelden sei, sie hatten einmal nicht Recht behalten, und ihr
Erzfeind: die Wahrscheinlichkeit war einmal nicht zur Wahrheit geworden,
sondern die Schatten, die sich schon das Zeichen gaben und an seiner
Schwelle sammelten, hatten wieder von ihr weichen müssen. Sie hatte ihn
wiedergesehen, und er war geblieben. Die Götter, die in das Herz des
Menschen sehen, hatten sich des ihrigen erbarmt, dessen Blut zu Asche
zerronnen wäre, wenn die Dinge ihren Lauf genommen hätten und statt es
fortan wie eine Urne zu tragen, hielt sie es jetzt wie einen frohlockenden
Zweig, den eine Überfülle aufbrechender Knospen zu sehr beschwert.
Denn in ihr war etwas, das den Tod nicht nur haßte, sondern ihn nicht
ertrug. Sie, deren kraftlose Hände einen Schlüssel nicht zu drehen
vermochten, der auch nur halbwegs strenge in seinem Schlosse saß, hatte
einmal eine verschlossene Türe gesprengt, weil der Schrei, der daraus
hervordrang, auf den Hörer augenblicklich eine freche Todesvision übertrug.
Und nicht das Erbarmen, sondern einzig die Wut hatte da ihre Kräfte so
vertausendfacht und ihre Schnelligkeit so gesteigert, daß sie wie eine
Kugel auf das betroffene Wesen hinschoß und mit einem verdunkelten und von
Haß entstellten Megärengesicht es seinem Schicksal entriß.
So sehr war sie in das Leben verliebt, daß diese Liebe die Natur in ihr
pervertiert hatte -- wie etwa eine bourbonische oder florentinische Lilie
eine pervertierte zu nennen ist. Mariclée war ein Kind ihrer Zeit; sie
mußte das hinnehmen. Bei aller Intensität war kein Geist abschweifender als
der ihrige und dem Gegenstande seiner Leidenschaft beständiger entrückt. Im
klassisch hergebrachten Sinne liebte sie das Exemplar mit nichten, und
sogenannte »Mädchenträume« hatte sie niemals auf sein Haupt gehäuft. Denn
ihr Bereich waren jene Zwischenstadien, die unsere Mütter und Großmütter
nicht kennen lernten. Aber heutige Frauen sind insofern die Erfahreneren,
als gewisse »Brechungen« ihres Gefühlslebens viel weiter ausgreifende
Strahlungen desselben ermöglichen. Es ist die Zeit, es ist die Zeit!
Denn zum Charakter einer Krankheit gehört es (und es ist ein alter
Gemeinplatz, die Liebe eine solche zu nennen), daß sie von einer Phase in
die andere übergeht und keinen eigentlichen Stillstand kennt. Manchmal
kommt es dann vor, daß sich die Krankheit zurückschlägt, so daß man nicht
sogleich zu sagen wüßte, wo denn ihr Herd zu suchen sei, weil sie nirgends
ist und überall, und im Moment, in dem sie zurücktritt, dem Ungewitzigten
behoben scheint.
Dieser Moment herrscht nun heute in Dingen der Liebe bei uns Europäern fast
epidemisch vor. Er ist es, der jener vielberühmten »Temperamentlosigkeit«
unterliegt, die den jüngsten Männern so vielfach eigen scheint und die
älteren so sehr befremdet; aber ich möchte fast behaupten: gerade von
diesen wird über dieses Thema immer nur das Falscheste vorgebracht. Sie
besinnen sich nicht lange, auch das stilisierte einfach für pervers zu
halten, und ehemalige Roués sind hier nicht selten unverbesserlich naiv.
Was sie indessen als dekadent (das Wort soll alles decken) abfertigen, ist
eine Krisis, die macht, daß es wert ist zu leben, wäre es nur, um
zuzusehen, wie sie verlaufen, wie die kommende Generation sich zu ihr
verhalten, und wie diese daraus hervorgehen wird. Mittlerweile scheinen sie
in der Tat überhaupt nicht zu lieben, denen heute die allgewaltige
Blindheit der Liebe verloren ging, so daß die Glut ihrer Herzen zurücktrat,
als ein schleichendes Fiebern sich in alle Adern ergoß und ihre Wildheit
schlug. Was die Besten so ermattete, ist der Vorgeschmack der großen
Ernüchterung, das Bewußtsein von der Schalheit der Dinge und die Angst vor
dem Sichbescheiden im Überdruß. Die Realität der Liebe verlor da zum ersten
Male, seitdem die Welt besteht, gerade für die Liebenden an Wichtigkeit,
und die Scheu des Unzulänglichen wurde so zur heutigen Romantik.
Mariclées Element war das Absichtslose. Sie konnte ihr Gefühl nur einem
solchen Manne zuwenden, bei dem aus irgendeinem Grunde eine Verwirklichung
ihrer Wünsche so ausgeschlossen war wie das Festland von der Meeresinsel.
Sie liebte ihn um seines Wertes willen und nichts darüber, damit schoß sie
aber gerade über das Ziel hinaus, verlor den Mann aus dem Auge und hing
sich an den Menschen. Sie wußte es nicht, aber das Exemplar, das ihr
zugesehen hatte, wußte es von ihr. Er hatte ihr die größte Wohltat
erwiesen, die ihr von einem Manne zuteil werden konnte: sie vollkommen zu
durchschauen, und so lang er lebte, war sie nicht allein.
Denn durch einen Zug ihres eigenen Wesens war sie er selbst, und zwar
gerade auf Grund jenes Idealismus, den er für sich nicht mobil machte, und
mit dem sie sich einen so unerhörten Luxus gestattete. Ihm war einer der
besten Tribünenplätze zugefallen, die im Leben zu haben sind, und alle
Vorteile und Genüsse, von den edelsten zu den materiellsten standen ihm zu
Gebote. Er hatte sich auch stets um einen solchen Platz bemüht, und sie
feilschte darob nicht mit ihm, denn ihr Verzicht auf das Ganze war nur
deshalb erfolgt, weil sie mit keiner zweitbesten Lage vorlieb nehmen
wollte. Sie flickerte dann lieber zwischen Bühne und Publikum hin und her,
ließ sich nirgends eingrenzen und war es zufrieden, sich allem und jedem
gegenüber eine vage Zugehörigkeit und einen vagen Protest vorzubehalten.
Dies war ihre Geste.
Er hingegen war der typische Zuschauer, für den gespielt, gearbeitet,
gelernt, geforscht, Kunst getrieben und immer neues gefunden und entdeckt
wird, und für den vor allem alle schönen Dinge vorhanden sind. Er gab sich
zu denken nicht sonderliche Mühe, denn just für ihn wurde ja gedacht. Und
woher sollen die Romanschriftsteller und Dramaturgen ihre Helden schöpfen,
wenn jene Typen aus der Welt verschwänden, welche den _Stoff_ zu ihrem
Gestalten liefern?
Ein solcher Held nun war das Exemplar.
Die Gemeinschaft, die zwischen ihm und Mariclée bestand, war ebenso kurios,
wie ihre bei den Haaren herbeigezogene erste Begegnung.
Vor einigen Jahren war er durch die Stadt gekommen, in der sie lebte. Und
am selben Tage hatte sie eine ehemalige russische Palastdame und Witwe
eines vielbereisten Diplomaten aufgesucht, die eine große Schwäche für sie
bezeigte und mit der sie sich hin und wieder zerwarf und dann wieder
versöhnte. Die alte Dame war sehr tyrannisch und unberechenbar in ihren
Launen, hatte sich aber dabei eine vollendete, in Anbetracht ihrer Jahre
sehr merkwürdige Grazie bewahrt und schien hier etwas verschlagen mit ihrer
Sarskoe-Zelo-Aura, die sie überall mit sich führte, ohne einen rechten
Gebrauch dafür zu finden, denn im Vergleich zu seinem früheren Glanze war
ihr Leben jetzt sehr windstill und verblaßt.
Als nun Mariclée an jenem Tage bei ihr erschien, wollte sie gleich über sie
verfügen, sie ins Theater und für den ganzen Abend in Beschlag nehmen. Aber
Mariclée tat ihr prinzipiell keinen Gefallen mehr, weil sie gefunden hatte,
daß anders nicht mit ihr auszukommen war. Und als sie merkte, daß ihre
scheinbar recht unmotivierte Weigerung andere Besucher, die zugegen waren,
unangenehm berührte, weigerte sie sich erst recht. Aber die
Gesellschaftsdame, ein junges und recht unglückliches Mädchen, zupfte sie
leise am Ärmel, nahm sie geschickt abseits und bat sie flehentlich der
alten Dame heute abend zu willfahren. Da witterte Mariclée eine häusliche
Szene zwischen den beiden und nahm ihre Absage zurück.
Eine Stunde später saß sie in einem Stück von Björnson, und bemerkte, daß
ein Herr in ihrer Nähe öfter zu ihr hersah, doch achtete sie nicht weiter
darauf, teils aus Zerstreutheit, teils weil sie ihn nicht kannte. Nach der
Vorstellung aber ging er plötzlich auf die alte Dame zu, die ihn mit einem
kleinen Freudenschrei willkommen hieß, denn sie kannte ihn vom letzten
Posten ihres Mannes her. Mariclée, immer noch recht unbeteiligt, hielt sich
jetzt abseits und ließ die beiden in dem engen Gang ein paar Schritte
vorausgehen. Aber vor dem Vestibül wandte er sich um, hielt inne und
verlangte ihr vorgestellt zu werden. Mariclée stand eine Stufe höher als er
und sah jetzt zum ersten Male sein Gesicht; sie stutzte. Sein wundervolles
Äußere frappierte sie so sehr, daß sich ihr Gesicht erhellte und sie ihm
unwillkürlich ihre Hand entgegenstreckte, aber zugleich blickte sie von ihm
weg und starrte ins Leere und lächelte dabei, als sähe sie sich im Geiste
sein Bild noch einmal an. Da kam er rasch die Stufe herauf, um ihre Hand zu
ergreifen, und sein Lächeln trug ohne eine Spur von Selbstgefälligkeit den
deutlichen Reflex des ihren. Und es geschah alles so rhythmisch, als hätte
im Hintergrund eine Musik diese flüchtige Begrüßung von Anfang bis zum Ende
begleitet. Sie war symbolisch genug. Nur das Leben konnte diese beide
trennen: ein Mißverständnis nie.
Trotzdem war er ihr am folgenden Morgen ganz aus dem Sinn. Sie erwartete an
diesem Nachmittage die alte Palastdame bei sich zum Tee. Als es läutete,
stand sie gerade am Fenster und sah einen Kindertotenwagen dem Hause
zufahren. Sie ging in den Salon, ihrem Besuche entgegen und sah das
Exemplar auf sie zukommen, wie wenn nichts natürlicher wäre, als daß er
heute in Begleitung ihrer alten Gönnerin hier erschiene und sich von ihr
hier einführen ließe. Sie war das einzige Wesen, daß er in dieser Stadt
kannte.
Von dieser Stunde an war das Unstete, Rastlose und Unsichere von Mariclées
Wesen dahin. Die beiden trafen sich fortan bald in kurzen, bald in längeren
Zwischenräumen bald in dieser, bald in jener Stadt, bald in Rom, bald in
Venedig. Wenn sie gingen, dann war es, als ob ein ehernes Gesetz sie zur
Gruppe zusammenschmiedete, und es war nicht als ob zwei, sondern als ob
einer ging. Seine Nähe war die Heimat, die alle Einsamkeit von ihr benahm,
und in der sie von allen Ungereimtheiten des Lebens rastete. Einmal im
Theater, als er die Hand ausstreckte, um ihren Zettel zu nehmen, waren ihr
Tränen in die Augen gekommen, weil seine Vollkommenheit sie so beglückte.
Denn er war gleichsam ein Übergang zum menschlichen Standbild. Dies
Phänomen war durch seine äußere Form im Verein mit der Akuität seines
Schönheitssinnes entstanden. Die Harmonie kann so gut wie die Häßlichkeit
als »Akkumulator« am Werke sein. Durch die Schärfe aber, mit der Mariclée
diese Harmonie so restlos wahrnahm, hatte sie Teil an ihm, ja »gehörte« er
bis zu einem gewissen Grade ihr.
Und nun stiegen auf dem Wagendache, auf dem wir sie ließen, auch die weit
verstreuten, selbst die vergessenen Tage ihrer Zusammenkünfte wie aus einer
Versenkung empor, zerfallene Kulissen durften wieder erstehen, der Zeiger
rückte bald nach dieser, bald nach jener Stunde ihres Zusammenseins zurück
und eine jede durfte wieder aufleben und erblühen. Und über Mariclée war
das Glück wie ein Frühlingssturm her und schüttelte und durchschauerte sie.
Er lebte, und sie hatte ihn wiedergesehen. Um sie her rauschten jetzt die
Bäume, von einem mächtigen Winde aus ihrer Stille aufgescheucht, die Nacht
war schon weit vorgeschritten, aber Mariclée nistete noch immer auf ihrem
Dache oben wie ein Käuzchen in seinem Felsenloch. Sie ließ sich durch den
Schaffner nicht stören, der ab und zu an der Stiege erschien und von dem
sie dann eine neue Karte löste. Zum wievielten Male war sie wohl schon Park
Lane und jene grotesken Häuser entlang gefahren, die ihr Dasein bald einem
undeutlichen Ricordo die Venezia (in englischer Betonung) verdanken, bald
-- (mit dem gleichen Akzent) von Nürnberg und Albrecht Dürer phantasieren?
Fassaden, in welchen sich gewisse angelsächsische Züge mit solcher Drastik
verdichten, daß diese zu Kalk und Stein verhärtete Borniertheit nicht
niedergerissen, sondern in künftigen Jahren restauriert werden sollte. Denn
der dumme Deutsche ist nur ein Ärgernis, dem stupiden Engländer gebührt ein
Monument.
Mariclée stieg nicht eher von dem Wagen herunter, als bis er seinen Dienst
einstellte, dann ging sie nach Hause und ließ sich mit ihrem kleinen
vergoldeten Kammerherrenschlüssel dort ein. Die Diensträume lagen weit ab
und niemand konnte sie hören, nur die Stille eines unterirdischen Gewölbes
wehte ihr hier entgegen. Sie tastete an der Türe nach den Hähnen, und
alsbald entströmte den verhängten Lüstern ein verschwiegenes, weißliches
Licht. Mariclée stieg wie im Traume die Steintreppe hinauf und an dem
großen Spiegel vorbei, aus dem ihr stets nur ihr eigenes Bild entgegentrat.
Doch halt! -- wer war das? -- das war nicht sie. Welche Gestalt zog da wie
auf Wolken einher? Wessen Antlitz? o das war nicht sie! ach ihre Züge waren
es, und nicht die ihren, wie die Rose, die am Gartenstrauche hängt, nicht
dieselbe ist, die am Hag eines Götterhaines entflammte. So also sah sie im
Glücke aus. -- Wo war die Unbelebtheit hin, die manchmal wie ein Vorhang
ihr weltabgewandtes Antlitz überzog und es umdüsterte? und sie wandte sich
ab, denn es schmerzte sie dies herrliche und lichtumflossene Gesicht zu
sehen.
* * * * *
Wie brachte sie es nur zuwege, wird sich der Leser denken, auf so geringe
Veranlassung hin, einen solchen Maibaum aufzurichten? Welch ein Aufwand von
Gefühlen pour si peu! Aber man denke, wie gewaltsam im Moment die ungeheure
Freude des Wiedersehens zurückgedrängt worden war, und gleich nach der
Zusammenkunft so weit zurückschlug, daß sie das Exemplar mit den vollkommen
nüchternen Augen eines gleichgültigen Passanten betrachtete und sogar
geneigt gewesen war, die ganze Geschichte von der lächerlichen Seite
anzusehen. Denn vergessen wir nicht, daß Mariclée sich leicht an der
äußersten Kante der Dinge bewegte.
So dachte sie auf ihrem Omnibus nicht mehr: »Warum hat er mir das getan?«
und prüfte nicht, ob er die Situation herbeigeführt oder nur geduldet
hatte. Sie dachte nur: O wie genau wußte er, daß er sie riskieren durfte!
Wie genau wußte er, bevor sich jene ominöse Türe öffnete, wie ich mich
verhalten würde! O wie gut bin ich bei ihm aufgehoben, und wie gut kennt er
mich?
Und so war das ganze Freudenfeuer vor allem eine Reaktion.
Achtzehntes Kapitel
Darüber konnte ja am nächsten Morgen kein Zweifel sein, daß es Herbst war.
Die alte Klara gab ungeheuer viel auf das Wetter. Wenn sie das Frühstück
heraufbrachte, verfehlte sie nie hierüber Bericht zu erstatten, und zwar
stets mit dem entsprechenden Mienenspiel: der guten Botschaft voll, wenn
die Sonne schien, besorgt, wenn sie sich nicht zeigen wollte, und
kopfschüttelnd, wenn es goß. Mariclée hatte von ihrem Bette aus den Blick
auf zwei Fenster, wovon das eine groß offen stand, so daß sie beim
Aufwachen über die jeweilige Witterung bestens orientiert war, aber sie tat
nie dergleichen, da die Alte den meteorologischen Vortrag als ihres Amtes
zu erachten schien.
»A very cool day indeed, Madam,« verkündete sie heute, »and no sun.« Sie
schloß das Fenster und zündete im Kamin ein Feuer an.
Mariclée war etwas gerädert von dem langen Fahren auf den harten Sitzen des
Stellwagens, und ihre Augen schienen wie nach einem Fieberanfall etwas
glanzlos und erweitert. Aber sonst zeigte sie sich wieder sehr vernünftig.
Es war immerhin gut, daß sie bei aller Verstiegenheit jederzeit imstande
war zum Bewußtsein der Wirklichkeit zurückzukehren, und sich in den Alltag,
ob sie ihm noch so weit davonlief, wieder zu schicken. Es galt jetzt die
nächsten drei Wochen so erträglich zu gestalten, als es sich mit ihren
beschränkten Mitteln vereinen ließ, denn _vorher_ würde sie das Exemplar
keinesfalls sehen. Daran zweifelte sie keinen Augenblick. Sie kannte ihn
viel zu gut, um nicht zu wissen, daß er den Moment der Möglichkeit sie noch
zu sehen aufs äußerste hinausschieben würde, weil ihm an dieser steten
Möglichkeit eines Wiedersehens vielleicht mehr gelegen war als an dem
Wiedersehen selbst.
Am liebsten hätte er sie nie aus seiner Nähe gelassen, weil sie ihn am
meisten entbehrte, wenn sie mit einer Möglichkeit ihn zu sehen rechnen
konnte und dann ausschließlich an ihn dachte. Er wußte, daß ihr zwar kein
anderer Mensch, daß ihr aber manche _Dinge_ mehr galten als er. Für eine
Idee hätte sie ihn jederzeit verraten und ihn über ein allgemeines
Interesse aus dem Auge verloren und vergessen, ja vergessen, selbst ihn!
Der Sinn für die Unwichtigkeit des Einzelnen und die Relativität der Dinge
ging ihr nie ganz verloren; hier lag der tragische Zug ihres Wesens: sie
war nicht zu umschreinen und sehr früh unfähig geworden _restlos_ in einem
Manne aufzugehen. Auf ihre geistige Welt hatte er nicht den leisesten
Einfluß. Denn was ihre geistige Position wert war, wußte sie. Sie hatte
sich zu führerlos zu ihr durchgerungen und in geistigen Dingen zu bittere
Not gelitten. Wenn sie aber den Stolz des Mannes eingehandelt hatte, so war
ihr der Stolz der Frau in die Brüche gegangen. Sie fragte sich nicht, als
sie jetzt einen Generalkassensturz vollzog, ob denn der ganze Spaß die
Opfer wert war, die sie bringen mußte, noch ob er sich mit ihrer Würde
vertrug. Sie wäre jederzeit zu einer Reise um die Welt bereit gewesen, um
eine halbe Stunde mit dem Exemplar zu verbringen. Seine Verheiratung
änderte an ihrer Haltung nicht das mindeste. Ihre Eifersucht war von ihrer
Weisheit und ihrem stets regen Überblick so überboten, daß sie es sich
zutraute auch die Eifersucht der anderen zu entwaffnen. Solche Dinge nahm
sie gar nicht wichtig. Kurz sie war ein Original.
* * * * *
Daß sie aber mit nichten diejenige war, die sie unter anderen Umständen und
in einer anderen Epoche geworden wäre, bedarf keines Wortes. Sie war als
ein Kind ihrer Zeit vom heutigen Manne gezeichnet. Das Bestimmende für ihre
eigenartige Entwicklung war, daß sie sich schon sehr früh von jener Gattung
Männern umringt sah, die, kurz umschrieben, keine épouseurs sind, und daß
sie gerade solche Typen am stärksten fesselte. Dies war ihr Schicksal; in
unseren Tagen durchaus kein seltenes. Als dann dieser Kreis von »Verehrern«
von dem klassischen Liebhaber gesprengt wurde, war es schon zu spät; und ob
sie es auch bedauerte, konnte sie nicht mehr zurück. Jene Utopien, die
Tolstoi vor 20 Jahren in seiner Kreuzersonate zu Forderungen zu erheben
wagte, sind, wenn auch in einer ganz anderen als der moralischen Tonart, im
Unterbewußtsein der jüngeren Generationen rege, vielfach zur Tat und
unverkennbar zur Neigung geworden. Indem sie keinem gehörte, behielt
Mariclée, wie sie glaubte, auf irgendeine mystische und geheimnisvolle
Weise auf alle liebenswerten Männer ein Recht. Zwischen der Eingrenzung
oder der Einsamkeit blieb keine Wahl. So wuchs sie denn wie ein halb
sublimer und halb absurder Protest ins Leben hinein. In einer Welt, in der
man alterte und starb -- die zwei einzigen Dinge, die sie nie vergessen
konnte -- tat sie nicht mit. Ja, alterte und starb sie darum weniger? »Ja,
weniger,« war jedesmal auf diese vernünftige Frage das sinnwidrige Echo
ihres Herzens.
Kurz, jene Keime, die sonst in der Frau erstickt zu werden pflegen, und
denen der Mann nicht Zeit läßt, ja die er vielmehr zu zertreten und mit
anderen Trieben aufzupfropfen und zu kreuzen bestrebt ist, sie hatten bei
ihr in eben jenen den Frauen gegenüber so sehr passiven Männern Nahrung
gefunden und durften durch Mariclées eigene Geistigkeit, sowie durch manch
äußere Umstände begünstigt, mit der ganzen Hitze einer sehr elementaren,
jedoch sehr umgewerteten Leidenschaft emporschießen und sich entfalten.
Als sie mit dem Exemplar zusammentraf, war die Natur in ihr schon so
stilisiert, daß sie auf den Wogen eines grenzenlosen Meeres, in dem sie
unter anderen Konstellationen zweifellos versunken wäre, sicheren Fußes
wandelte. Wenn aber das Band, das die Beiden vereinte, aus solchen
Paritäten geflochten war, daß keine Zeit, keine Mißverständnisse und keine
Eifersucht es zerreißen konnten, so hinderte das nicht, daß eine Welt von
Dingen täglich daran zerrte und es verhöhnte. In der Theorie war sie ja
eine große Utilitarierin; ihr wahres Leben ahnte niemand. Sie verbarg ihren
Idealismus wie einen Höcker (und das war er ja auch) und schnürte ihn so
geschickt ein, daß kein Mensch außer dem Exemplar sie darauf taxiert hätte.
Was aber ihr Dasein recht eigentlich zu einer Prüfung machte, war, daß sie
bei aller Verstiegenheit nicht in den Wolken lebte, sondern haarscharf
erkannte, wie diese Welt beschaffen war, was vor ihr galt, und was nicht,
und es ihr manchmal recht hart fiel, ihre Position, die jeder praktischen
Lebensführung Hohn sprach, nicht nur vor sich selber, auch dem Exemplar
gegenüber zu behaupten. Gerade _weil_ sie ein Teil von ihm war, jener Teil
seines Wesens aber, den er mit schonungsloser Konsequenz verneinte.
Insbesondere sein Herz hatte er mit einer harten Kruste künstlichen Eises
überzogen, die er eifersüchtig bewachte und um so fester zufrieren ließ, wo
sie einmal nachzugeben drohte. O, sie kannte ihn gut! Noch zuletzt, als sie
in Paris zusammentrafen, hatte sie deshalb mit ihm gehadert. Die Tuilerien
auf und abgehend, waren sie schon mehrmals vor einer dem Louvre zugewandten
Statue vorübergegangen, deren Nacktheit sie entzückte.
»Ich möchte nicht mit Ihnen tauschen,« hatte sie gesagt. »Für den Genuß
haben Sie den Enthusiasmus hingegeben, und für einen solchen Handel waren
Sie zu gut. Sie sind nicht glücklich.«
»Sind _Sie_ es?« hatte er mit leichtem Spott gefragt »und sollten Sie Ihre
Argumente nicht vorsichtiger wählen?« »Ich bin allerdings nicht glücklich,«
erwiderte sie da und wollte etwas geltend machen, aber zugleich war ihre
Stimme, wie die Saite einer Violine, jäh entzwei gerissen, so daß sie
schnell verstummte, da sie nur mehr über gebrochene Laute verfügt hätte.
Denn bei ihr war ja das Eis so jämmerlich dünn, daß der leiseste Druck
genügen konnte es einzutreiben. So gingen sie eine Weile stumm
nebeneinander her; hinter den Champs Elysées schlugen goldene Wolken wie
flammende Verheißungen am Himmel auf und wie immer war es, als ob ein
ehernes Gesetz sie zusammenschmiedete, daß sie nach einem Rhythmus und wie
eine Gruppe wandelten, denn in Wahrheit waren sie Eins. Sein krasser und
ungeheuchelter Egoismus war für Mariclée nur eine Lappalie, mit der man
nicht ins Gericht ging. Zwar zog er durch die stillschweigende aber
unerhörte Dreistigkeit, mit der er Leute, die ihm mißfielen, ablehnte,
einen Ring von Feinden, wohin er auch kam. Aber die paar Freunde, die er
überall besaß, hielten dafür blindlings zu ihm, denn loyaler war kein
Zweiter; und nie war er ein Feigling, nie ein Verräter; im Ganzen ein so
reiner Typ, daß er -- für die Phantasie -- dem Tod kaum eine Angriffsfläche
zu bieten hatte.
Was Mariclée indes von der flüchtigen Begegnung, die sie mit ihm gehabt
hatte, denken sollte, wußte sie noch immer nicht. Es war das Präludium
gewesen, und erst die Fuge würde sie über das Stück, dessen Tonart sich ja
in Bälde zeigen mußte, aufklären. Vorerst, dies wußte sie, würde sie weder
von ihm hören, noch hegte sie den Wunsch ihm zu schreiben. Der Feuerzauber
auf dem Stellwagendach war gründlich verblasen, und sie gestattete sich
keinen Gedanken daran, vielmehr begrüßte sie alles, was sie davon ablenkte
und zerstreute.
Als sie übrigens ihre Bilanz aufstellte, seufzte sie ein um das andere Mal.
Infolge ihres verlängerten Aufenthaltes stand sie finanziell recht schlimm.
Für unvorhergesehene Fälle, sowie für die Heimreise hatte sie erst eine
reichlich bemessene Summe von ihrer Barschaft abgehoben und als unantastbar
in ihren Koffer gesperrt. Dann erst zählte sie zusammen, was ihr zum Leben
für die drei nächsten Wochen blieb. Es war herzlich wenig. Für Ausflüge in
die Umgegend so gut wie nichts. Wenn sie sehr sparsam umging, konnte sie
sich wohl hin und wieder ein Theater leisten und für die Abende, die sie zu
Hause blieb, hatte sie den wundervollen Flügel, der im Saale stand, umringt
von verhängten Spiegeln und Bildern und den verschleierten Lüstern und
Kandelabern, die so feierlich hinter ihren weißen Umhüllungen erstrahlten.
Mariclée liebte die Musik über alles. Ohne den schönen Flügel hätte ihr
wohl vor ihrer Einsamkeit gebangt. Doch was für ein Gefährte war die Musik!
Bevor sie ausging, telephonierte sie an den Botschaftsrat.
»Ich fahre heute auf zehn Tage nach Schottland,« hörte sie ihn sagen.
»Treffen wir uns doch um zwei Uhr im Berkeleyhotel. Es liegt in Ihrer
nächsten Nähe und für mich auf dem Wege.«
»Es paßt mir sehr gut,« erwiderte Mariclée.
Wie war sie froh, daß sie ihn noch erreicht hatte, sehr froh, als sie ihn
in seiner nachdenklichen und schnellen, aber nie eiligen Weise die Straße
heraufkommen sah, sehr froh um die Ablenkung. Sie nahmen an einem der
kleinen Tische Platz, rechts saß ein fabelhaft elegantes junges Paar, links
ein dicker ältlicher Herr.
»Der könnte wirklich Maier heißen,« bemerkte sie.
»Er heißt auch wahrscheinlich so,« meinte der Botschaftsrat.
»Er paßt gar nicht nach London,« sagte sie kopfschüttelnd, »warum der wohl
hier sein mag?«
»Es wäre viel interessanter zu wissen, warum _Sie_ hier sind?« versetzte er
lachend, und sah sie von der Seite an.
»O! um den Engländern auf den Busch zu klopfen,« erwiderte sie lebhaft.
»Ich bin noch lange nicht zu Ende mit ihnen. Es gibt doch kein Volk, dessen
Eigenheiten so auf die Spitze getrieben sind. Ein Deutscher, der so deutsch
wäre, wie ein Engländer englisch sein kann, ist undenkbar. Wir stellen nie
in dem Grade eine Rasse, höchstens etwas Typisches dar. Aber hier! welche
Bodenzuständigkeit, mein Gott! man denkt an eine Algensorte. Von Jahr zu
Jahr werden sich die Leute hier untereinander ähnlicher. Haben Sie schon
bemerkt, daß in allen Teehäusern über ganz England dieselben paar
Kuchensorten tagaus tagein gebacken werden, so daß also die Mittelklasse
überall ganz genau dasselbe ißt, höchst schauderhaft.« Und sie fing wieder
die englische Gotik zu verwünschen an.
»Wo ist hier Innigkeit?« fragte sie. »Wenn man da an Nürnberg denkt oder an
Wien! Erinnern Sie sich jener kleinen Kirche: Maria am Gestade? wie
sangesfroh, welches Jubilieren, welche Seligkeit in den schlanken Mauern.
Hier muß man sich schon an die glatten, großfenstrigen Fassadenreihen
gewisser Wohnhäuser halten, die gerade in ihrer ewigen Gleichförmigkeit so
vornehm und gewaltig wirken. Die englische Gotik aber ist rudimentär und
finster, wie ein Blutgerüst, wenn man sie mit der unsern und der
französischen vergleicht.«
»Waren Sie in Oxford und Cambridge?« fragte er. »Das müssen Sie sich aber
wirklich ansehen, bevor Sie mit der englischen Gotik so samt und sonders
aufräumen! und vergessen Sie ja nicht nach Winchester zu fahren. Übrigens
sind hierzulande vor allem die normannischen Bauten zu besichtigen. Dort
werden Sie finden, was Sie suchen, ohne es weder in Deutschland noch in
Österreich anzutreffen,« und er nannte ihr diesen und jenen Ort, der nur in
drei Stunden, während der andere in zwei, der dritte gar nur in einer
Stunde von London aus mit der Bahn zu erreichen war.
Es ging Mariclée auf die Nerven, von all diesen Ortschaften zu hören, die
sie doch nicht aufsuchen konnte.
»Was ist interessanter?« fragte sie, »Oxford oder Cambridge?«
»Sehen Sie sich nur beides an,« riet er. »Und fahren Sie an einem schönen
Tag die Themse hinab. Sie werden es sehr genußreich finden.«
»Ich will auch Whitechapel kennen lernen,« sagte Mariclée, die nach einem
anderen Thema suchte.
»Aber ja nicht allein! Unter keinen Umständen ohne einen Detektiv
mitzunehmen,« warnte er. »Ich kann Ihnen eine vorzügliche Adresse geben.«
Er riß einen Zettel aus seinem Blockbuch und reichte ihn ihr hin, und sie
tat, als ob sie ihn aufbewahren würde. Ich werde allein gehen oder gar
nicht, dachte sie. Meine paar Schillinge helfen mir wahrlich zu keinem
Meilenstiefel. Wieviel normannische Bauten werden da für mich heraussehen?
-- Sie war recht verstimmt.
»Warum so schweigsam?« sagte er nach einer Weile. »An was denken Sie?«
»An den schönen Flügel, den ich in Grosvenorstreet habe,« sagte sie und
wandte ihm ein liebenswürdiges und heiteres Lächeln zu. Wenn sie sehr
einfache Dinge sagte, die sie doch nur selber verstehen konnte, mußte sie
lachen. Draußen stand sein Auto mit seinem Diener und seinem Gepäck, um ihn
zur Bahn zu befördern.
»Wo darf ich Sie absetzen?« fragte er.
»Vor einer Bank. Ich habe nur mehr deutsches Geld.«
Sie verabredeten sich für einen Abend der kommenden Woche, und in Haymarket
stieg sie aus.
»Geben Sie acht, daß Sie Ihr Geld nicht verlieren.«
»Keine Gefahr,« sagte Mariclée. »Ich habe mir innere Brusttaschen
anfer
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