Unter Palmen und Buchen. Erster Band.
by Friedrich Gerstäcker · German · Gutenberg #44239 · 370,425 chars · public domain (US)
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Title: Unter Palmen und Buchen. Erster Band.
Author: Friedrich Gerstäcker
Release date: November 20, 2013 [eBook #44239]
Most recently updated: October 23, 2024
Language: German
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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK UNTER PALMEN UND BUCHEN. ERSTER BAND. ***
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Unter Palmen und Buchen.
Erster Band.
Unter Buchen.
Gesammelte Erzählungen
von
Friedrich Gerstäcker.
Leipzig,
Arnoldische Buchhandlung.
1865.
Inhaltsverzeichniß.
Seite
Eine alltägliche Geschichte 1
Die Vision 16
Folgen einer telegraphischen Depesche 131
Der Polizeiagent 140
Eine Heimkehr aus der weiten Welt 274
Wenn wir einmal sterben 289
Eine alltägliche Geschichte.
Es war auf einem Balle in der Erholung, daß Dr. Kuno Brethammer Fräulein
Bertha Wollmer kennen lernte -- oder vielmehr zum ersten Male sah, und
sich sterblich in sie verliebte.
Bertha Wollmer trug ein einfaches weißes Kleid, einen sehr hübschen
Kornblumenkranz im blonden Haar und sah wirklich allerliebst aus. Aber
es bleibt immer ein gefährlich Ding, wenn sich ein Mann eine Hausfrau
auf einem Balle sucht. Der Ballsaal sollte der letzte Ort dazu sein,
denn dort ist Alles in Licht gehüllt, und er wird geblendet und
berauscht, wo er gerade Augen und Verstand nüchtern und besonnen auf dem
rechten Fleck haben müßte.
Diesmal hatte aber Dr. Brethammer seine Wahl nicht zu bereuen, denn
Bertha Wollmer war nicht allein ein sehr hübsches Mädchen, das sich mit
Geschmack zu kleiden wußte, sondern auch außerdem wacker und brav,
ein wirklich edler Charakter und eine, wie sich später herausstellte,
vortreffliche Wirtschafterin. -- Der Doctor hätte auf der Welt keine
bessere Lebensgefährtin finden können.
Gegen ihn selber ließ sich eben so wenig einwenden. Er war etwa 34 Jahre
alt, Advocat mit einer recht guten Praxis, hatte also sein Auskommen,
galt in der ganzen Stadt für einen braven, rechtschaffenen Mann,
schuldete keinem Menschen einen Pfennig und als er, vierzehn Tage
später, um Bertha Wollmer anhielt, sagte das Mädchen nicht =nein=, und
Vater und Mutter sagten =ja=, worauf dann noch in der nächsten Woche
die Verlobungskarten ausgeschickt wurden. Zwei Monate später fand die
Hochzeit statt.
So lebten die beiden Leute viele Jahre glücklich miteinander, und Dr.
Brethammer sah mit jedem Tage mehr ein, daß er eine außerordentlich
glückliche Wahl getroffen und Gott nicht genug für sein braves Weib
danken könne. Er liebte sie auch wirklich recht von Herzen, aber -- wie
das oft so im Leben geht -- das, was sein ganzes Glück hier bildete,
wurde ihm -- durch Nichts gestört -- endlich zur =Gewohnheit= und er
=vernachlässigte=, was er hätte hegen und pflegen sollen.
Es mag sein, daß seine Liebe zu der Gattin deshalb nie geringer wurde,
aber er vernachlässigte auch =die Form=, die in einem gewissen Grade in
allen Lebensverhältnissen nöthig ist: er war oft rauh mit seiner Frau,
ja heftig, und wenn er auch dabei nicht die Grenzen überschritt, die
jeder gebildete Mensch inne halten wird, that er ihr doch oft -- gewiß
unabsichtlich -- recht wehe. Ja manchmal, wenn ihm ein heftiges Wort
entfahren war, hätte er es von Herzen gern widerrufen mögen, aber -- das
ging leider nicht an, denn -- er durfte sich an seiner Autorität nichts
vergeben.
Nur zu =einer= Entschuldigung ließ er sich herbei: »Du weißt, ich
bin jähzornig,« sagte er, »wenn's aber auch oft ein Bischen rauh
herauskommt, so ist es ja doch nicht so schlimm gemeint und eben so
rasch vergessen.«
Ja, das war allerdings der Fall; =er= hatte es eben so rasch vergessen,
aber =sie= nicht, und wenn sie ihm auch nie ein unfreundlich Gesicht
zeigte, wenn sie ihn immer bei sich entschuldigte und sein oft
mürrisches Wesen auf die Sorgen und den Aerger schob, den er außer dem
Hause gehabt -- ein =kleiner= Stachel blieb von jeder dieser Scenen in
ihrem Herzen zurück, so viel Mühe sie sich selber gab, die Erinnerung
daran zu bannen; =einen= kleinen Nebelpunkt ließ jede solche Wolke
zurück, die an der Sonne ihres häuslichen Glücks, sei es noch so schnell
vorübergezogen, und in einsamen Stunden konnte sie oft recht traurig
darüber werden.
Sie hatten zwei Kinder mitsammen, an denen der Vater mit großer und
wirklich inniger Liebe hing -- und doch, wie wenig gab er sich mit ihnen
ab! -- Es ist wahr, am Tage war er sehr viel beschäftigt und mußte sich
oft gewaltsam die Zeit abringen, um nur zum Mittagsessen zu kommen, aber
Abends um sechs Uhr hatte er dafür auch jedes Geschäft abgeschüttelt,
und dann wäre ihm allerdings Zeit genug geblieben bei Frau und Kindern
zu sitzen, um sich seines häuslichen Glückes zu freuen, aber -- »er
mußte dann doch ein wenig Zerstreuung haben« -- wie er sich selbst
vorlog -- er mußte den Geschäftsstaub abschütteln und mit einem »Glas
Bier« hinunterspühlen, und das geschah am besten im Wirthshaus, wo man
nicht gezwungen war zu reden -- wenn man nicht reden wollte -- wo
man einmal eine Partie Scat oder Billard spielte, um die ärgerlichen
Geschäftsgedanken aus dem Kopf zu bringen -- und wie die Ausreden alle
hießen, mit denen er allein =sich selber= betrog, denn seine Frau fühlte
besser den wahren Grund.
Er =amüsirte= sich nicht zu Haus. Er hatte seine Frau und Kinder
unendlich lieb und würde Alles für sie gethan, jedes wirklich große
Opfer für sie gebracht haben aber -- er verstand nicht, sich mit ihnen
zu beschäftigen, und suchte deshalb Unterhaltung bei Karten und Billard.
Und wie verständig und lieb betrug sich seine Frau dabei! Er mochte noch
so spät Abends zum Essen kommen, nie zeigte sie ihm ein unfreundliches
Gesicht, nie frug sie ihn, wo er heute so lange gewesen. Die Kinder --
wenigstens das jüngste -- waren dann schon meist zu Bett gebracht; er
konnte ihnen nicht einmal mehr »gute Nacht« sagen, und ärgerlich über
sich selber -- so sehr er auch vermied es sich selber einzugestehen --
verzehrte er schweigend sein Abendbrod.
Das waren die Momente, wo ihm der älteste Knabe ängstlich aus dem Weg
ging, denn hatte er irgend etwas versäumt, und der Vater erfuhr es
in einer solchen Stunde, dann konnte er =sehr= böse und =sehr= heftig
werden -- und die arme Mutter =litt= besonders schwer darunter.
Wie oft nahm er sich vor, die Abende in seiner Familie, bei den Seinen
zuzubringen, und er wußte ja, wie sich seine Frau darüber gefreut haben
würde. So lieb und gut sie dabei mit den Kindern war, so sorgsam sie
auf Alles achtete, was dem Gatten eine Freude machen oder zu seiner
Bequemlichkeit dienen konnte, so verständig war sie in jeder andern
Hinsicht, und es gab Nichts, worüber sich nicht ihr Mann hätte mit ihr
unterhalten mögen, Nichts, worin sie nicht im Stande gewesen wäre,
einen vernünftigen Rath zu ertheilen. Er kannte und schätzte diese
Eigenschaften an ihr -- er liebte sie dafür nur desto mehr, aber --
wenn der Abend, wenn die Zeit kam, wo er wußte, daß sich die Spieltische
besetzten oder die gewöhnliche _quatre tour_ zusammenkam, dann ließ es
ihn nicht länger zu Hause ruhn.
Seine Frau war die letzten Jahre kränklich geworden, da sie aber nie
gegen ihn klagte und ein häufiger wiederkehrendes Unwohlsein stets so
viel als möglich vor ihm verbarg, um ihm die wenigen kurzen Stunden
nicht zu verbittern, die er bei ihnen zubrachte, achtete er selber nicht
viel darauf, oder hielt es doch keineswegs für gefährlich. Er hatte in
der That =sehr= viel zu thun und den Kopf zu Zeiten voll genug -- nur
seiner Frau daheim hätte er es nicht sollen entgelten lassen. Sobald er
das aber ja einmal fühlte, wollte er es auch stets wieder gut machen,
und überhäufte sie mit Geschenken -- ja, wo er einen Wunsch an ihren
Augen ablesen mochte, erfüllte er ihn -- soweit er eben mit Geld erfüllt
werden konnte -- nur seine Abende widmete er ihr nicht. -- Er wollte
auch eine Erholung haben, wie er meinte, und in seiner Heftigkeit gegen
die Seinen mäßigte er sich eben so wenig.
»Ihr müßt mich nehmen, wie ich nun einmal bin,« sagte er in einer halben
Abwehr, in halber Entschuldigung; »Ihr wißt wie's gemeint ist,« und
damit war die Sache für =ihn= abgemacht, aber nicht für die Frau.
Er war auch jetzt zu Zeiten, in Gegenwart Fremder heftig gegen sie,
und fuhr sie rauh an. Er meinte es wirklich nicht so bös, wie die Worte
klangen, aber es trieb ihr doch manchmal die Thränen in die Augen,
so sehr sie sich auch dagegen stemmte, ihm zu zeigen, wie weh er ihr
gethan.
So verging der Winter. Es war eine neue Gesellschaft in X. gegründet
worden und Brethammer Vorstand dabei. Das Local wurde mit einem Ball
eröffnet, und er hätte seine Frau gern dort mit eingeführt, ja er kaufte
ihr ein ganz prachtvolles Ballkleid und that wirklich Alles, um sie zu
überreden, ihm die Freude zu machen. Sie sagte ihm jetzt, daß sie
unwohl sei, aber er wollte es ihr nicht glauben, und erst als sie ihm
mittheilte, wie viel sie den letzten Herbst gelitten, und wie große Mühe
sie sich gegeben, es nicht zu zeigen, erschrak er, und jetzt fiel ihm
auch ihr bleicheres Aussehen, fielen ihm die eingefallenen Wangen auf.
Aber er nahm es trotzdem leicht. Sie war schon oft unwohl gewesen
und hatte sich immer wieder erholt, auch diesmal würde es sicher
vorübergehen, wenn sie sich nur schonte. Es war unter solchen Umständen
jedenfalls das Vernünftigste, daß sie =nicht= auf den Ball ging.
Der Winter verging, Bertha wurde in der That nicht kränker, aber sie
blieb leidend, und ihr Gatte gewöhnte sich zuletzt an diesen Zustand. Er
hatte anfangs seine Heftigkeit gemäßigt und sich Gewalt angethan -- und
ach, wie dankbar war ihm Bertha dafür! -- auf die Länge der Zeit aber
vergaß er das wieder -- es war ja nicht mehr nöthig. Seine _quatre tour_
und Scatpartie versäumte er aber nie und amüsirte sich ganz vortrefflich
dabei. Kam er dann Abends nach Haus -- ob er sich auch einmal um eine
halbe oder ganze Stunde verspätet hatte -- fand er den Tisch gedeckt,
und war es so spät geworden, daß die Kinder zu Bett geschickt werden
mußten, so setzte sich sein Weib mit ihm allein zum Essen nieder.
Im Frühjahr schienen Bertha's Leiden heftiger wiederzukehren, und der
Arzt kam fast täglich, aber auch er sah keine Gefahr darin. Er wußte
selber nicht, daß Bertha ihr Leiden leichter nahm, als es wirklich war,
oder vielleicht mehr vor ihm verbarg, als sie hätte thun sollen; aber
sie fürchtete, dem Gatten das Haus dadurch noch ungemüthlicher zu
machen, und trug deshalb lieber Alles allein.
Eines Abends, im Mai, saß Dr. Brethammer wieder am Kartentisch und zwar
in einem Garten, etwa drei Viertelstunden Wegs von X. entfernt, wohin
die kleine Gesellschaft bei schönem Wetter allabendlich auswanderte, als
ein Bote hereingestürzt kam und ihm einen kleinen Zettel überreichte. Es
standen nur wenige Worte darauf:
»Komm zu mir. -- Bertha.« Aber die Worte waren mit zitternder Hand
geschrieben, und den Mann überkam, als er sie gelesen, eine ganz
sonderbare Angst.
Was konnte da vorgefallen sein? war Bertha krank geworden? daß sie
fortwährend krank gewesen, wollte er sich gar nicht gestehen, aber der
Bote wußte weiter nichts. Man hatte ihn auf der Straße angerufen und gut
bezahlt, damit er so schnell wie möglich diesen Brief übergeben sollte.
-- Mitten im Spiel hörte der Doctor auf, ein Beisitzender mußte dasselbe
übernehmen, und so rasch ihn seine Füße trugen, eilte er in die Stadt
zurück. Und er hatte nicht zu sehr geeilt -- unten im Hause traf er sein
Mädchen, die eben aus der Apotheke kam und verweinte Augen hatte.
»Was um Gotteswillen ist vorgefallen -- meine Frau --?«
»O gehen Sie hinauf, gehen Sie hinauf!« rief das Mädchen. »Sie hat so
danach verlangt, Sie noch einmal zu sehen.«
Der Mann wußte nicht, wie er die Treppe hinauf kam. Der Arzt stand neben
dem Bett, streckte ihm die Hand entgegen, drückte sie leise und verließ
das Zimmer, und neben dem Bett kniete der Unglückliche, die kalte Hand
seines treuen Weibes mit Küssen und Thränen bedeckend.
»Mein Kuno,« flüsterte die zitternde Stimme, »o wie lieb das von Dir
ist, daß Du noch einmal gekommen bist -- mir ist nur so kurze Zeit
geblieben -- das Alles brach so schnell herein.«
»Bertha, Bertha, Du kannst -- Du darfst mich nicht verlassen,«
schluchzte der Mann und schlang seinen Arm krampfhaft um sie.
»Du thust mir weh,« bat sie leise, »fasse Dich Kuno, es muß sein -- ich
muß fort von Dir und den Kindern -- o sei gut mit ihnen, Kuno -- sei
nicht so rauh und heftig mehr -- sie sind ja lieb und brav, und Du, --
hast sie ja auch so lieb.«
Der Mann konnte nicht sprechen. In der leisen, mit bebender Stimme
gesprochenen Bitte lag ein so furchtbarer Vorwurf für ihn, daß er seinen
Gefühlen, seiner Reue, seiner Zerknirschung nicht mehr Worte geben
konnte. Nur seine Stirn preßte er neben die Sterbende auf das Bett, und
ihre Hand lag auf seinem Haupt und drückte es leise an sich.
»Kuno,« hauchte ihre Stimme nach einer langen Pause wieder.
»Bertha, meine Bertha!« rief der Mann, sein Antlitz zu ihr hebend,
»fühlst Du Dich besser?«
»Leb wohl!«
»Bertha!« stöhnte der Unglückliche, »Bertha!«
»Mach mir den Abschied nicht schwer,« bat die Frau, »die Kinder habe ich
schon geküßt, ehe Du kamst -- ich wollte noch mit Dir allein sein. Laß
mich ausreden,« flehte sie, »mir bleibt nicht mehr viel Zeit und das
Sprechen wird mir schwer -- leb wohl, Kuno -- habe noch Dank -- tausend
Dank für all das Liebe und Gute, was Du mir gethan -- sei mir nicht bös,
wenn ich vielleicht --«
»Bertha, um Gottes willen, Du brichst mir das Herz --«
»Es ist gut -- es ist vorbei -- es wird Licht um mich -- leb' wohl Kuno
-- sei gut mit den Kindern -- auf Wiedersehen!«
»Bertha!« -- -- es war vorbei. Der Mann knieete neben der Leiche seiner
Frau, und es war ihm, als ob das Weltall ausgestorben wäre und er allein
und trostlos in einer Wüste stände.
Die nächsten drei Tage vergingen ihm wie ein Traum. Fremde Leute kamen
und gingen ein und aus im Hause; er sah sie, wie man gleichgültige
Menschen auf offener Straße vorbeipassiren sieht, und selbst als sie die
Leiche in den Sarg legten, blieb er still und theilnahmlos. Die Kinder
kamen über Tag zu ihm, hingen an seinem Hals und weinten; er preßte
sie fest an sich und küßte sie und blieb dann wieder allein bei der
Geschiedenen.
Endlich kam die Stunde, wo der Sarg fortgeschafft werden mußte, und
jetzt war es, als ob er sich dem widersetzen wolle. Aber es traten eine
Masse Leute in's Zimmer; Freunde von ihm dazu, die herzlich mit ihm
sprachen und ihm zuredeten, daß er sich den Unglücksfall nicht so schwer
zu Herzen nehmen solle. Er hörte ihre Trostgründe gar nicht, aber er
fühlte, daß was hier geschah -- eben geschehen =mußte=, und duldete
Alles.
Nach dem Begräbniß kehrte er mit seinen Kindern nach Haus zurück, schloß
sich hier in sein Zimmer ein und weinte sich recht von Herzen aus.
Danach wurde ihm etwas leichter -- und es ist ein altes und wahres
Sprüchwort -- die Zeit mildert =jeden= Schmerz, denn das Menschenherz
wäre sonst nicht im Stande zu tragen, was nach und nach ihm aufgehoben
bleibt. =Die Zeit mildert jeden Schmerz, aber -- die Zeit mildert und
sühnt keine Schuld.=
Den =Verlust= der Gattin hätte er ertragen -- mit bitterem Weh wohl, es
ist wahr, denn er hatte sie treu und innig geliebt, aber mit Jahr und
Tag wäre die schwere Stunde des Verlustes, das Gefühl, nie mehr ihr
treues Auge wieder schauen zu können, mehr in den Hintergrund getreten,
und ihm nur die Erinnerung an ihre Liebe und Treue geblieben. Jetzt aber
nagte ein anderes Gefühl an seinem Herzen, nicht allein das Gefühl der
=Schuld=, nein auch die =Reue= über vergangene Zeit mit dem Bewußtsein,
diese nie zurückbringen, das Versäumte nie, nie wieder nachholen oder
ungeschehen machen zu können, und das bohrte sich ihm in's Herz, nicht
mit der Zeit weichend, nein, mit den wachsenden Jahren fester und fester
und unzerstörbarer.
Draußen die Welt merkte Nichts davon; er war immer ernst und
abgeschlossen für sich gewesen, und daß er sich jetzt vielleicht noch
etwas zurückgezogener hielt, konnte nicht auffallen, aber daheim
in seiner jetzt verödeten Klause, da stieg die Erinnerung an die
Geschiedene mahnend vor ihm empor, und je weniger Vorwürfe sie ihm je im
Leben gemacht hatte, desto mehr machte er sich jetzt selber.
Wieder und wieder malte er sich die Stunden aus die er mit vollkommen
gleichgültigen Menschen draußen bei den Karten oder hinter dem
Wirthstische verbracht, während seine Bertha daheim mit einer wahren
Engelsgeduld auf ihn wartete, und so lieb, so freundlich ihn empfing,
=wenn= er endlich zurückkehrte. Wieder und wieder malte er sich die
einzelnen Fälle aus, wo er rauh und heftig gegen sie gewesen, die nie
ein rauhes und heftiges Wort zu irgend einer Erwiderung gehabt, und vor
Scham und Reue hätte er in die Erde sinken mögen, wenn er sich jetzt
überlegte, wie er damals immer -- immer Unrecht gehabt, und das nur,
=wenn= er es auch früher eingesehen, nicht früher hatte =eingestehen=
mögen.
Aber das Alles kam jetzt =zu spät= -- zu spät für =ihn= wenigstens.
Er hatte einen Schatz gehalten, und mißachtet, bis er von ihm genommen
wurde -- keine Reue brachte ihn je zurück, und daß er sich jetzt elend
und unglücklich fühlte, war nur die Strafe für eine begangene Sünde.
Für ihn war es zu spät -- =aber noch nicht für Viele, die diese Zeilen
lesen=. Viele, viele halten in gleicher Weise einen ähnlichen Schatz --
und vernachlässigen, mißhandeln ihn ebenso, und es war der Zweck dieser
Zeilen, daß sie sich den Moment jetzt, da es noch =für sie= Zeit ist,
ausmalen möchten, wo die Gattin =plötzlich, unvorbereitet= abgerufen
wurde, und die Reue des Mannes dann =zu spät= kam, und =nie, nie= wieder
gut gemacht werden konnte.
Die Vision.
Erstes Capitel.
Die Sturmnacht.
In Alburg, einer nicht ganz unbedeutenden deutschen Stadt, lebte der
Justizrath =Bertling= in glücklicher und zufriedener Ehe mit seiner
jungen Frau.
Bertling war ein ruhiger, behäbiger Charakter, der die Welt gern an
sich kommen ließ, und nichts weniger liebte als unnütze und unnöthige
Aufregungen. Er hatte auch in der That besonders deshalb sein
Junggesellenleben aufgegeben, um sein Haus gemüthlich zu machen, und
sich -- bisher vermißte -- Bequemlichkeiten zu verschaffen; aber er
liebte nichtsdestoweniger seine Frau von ganzem Herzen und fühlte sich
glücklich in ihrem Besitz.
=Auguste= paßte auch vortrefflich für ihn, und zwar nicht etwa durch
eine Aehnlichkeit ihres Charakters, sondern eher durch einen Gegensatz,
durch welchen sich die beiden Gatten vollständig ergänzten, denn man
darf ja nicht glauben, daß zu einer glücklichen Ehe stets gleiche
Neigungen und Ansichten, gleiche Tugenden und Fehler gehören. Auguste
war denn auch, während ihr Mann ganz entschieden dem praktischen und
realen Leben angehörte, weit mehr schwärmerischer Natur, ohne jedoch im
Geringsten überspannt zu sein. Unermüdlich thätig in ihrem Hausstand,
beschäftigte sie sich aber auch gern mit Lectüre, und vorzüglich
mit solcher, die einer ideellen Richtung angehörte. Sie phantasirte
vortrefflich auf dem Piano, und liebte es sogar, selbst noch =nach=
ihrer Verheirathung -- was ihr Gatte entschieden mißbilligte -- bei
mondhellen Nächten im Garten zu sitzen.
Lebhaft und heiter dabei, mit einem warmen Gefühl für alles Schöne, wob
sie bald mit diesen Tugenden und Vorzügen einen ganz eigenen Zauber um
ihre Häuslichkeit, dem sich ihr Gatte nicht entziehen konnte und wollte,
so daß er bald von anderen Frauen, =ihren= Männern gegenüber, als das
Muster eines vortrefflichen Ehemannes aufgestellt wurde.
So hatten die jungen Leute -- denn der Justizrath zählte kaum ein
und dreißig und seine Frau erst zwanzig Jahr -- etwa zwei Jahre
in glücklicher, durch nichts gestörte Ehe gelebt, als eine schwere
Krankheit -- ein damals in Alburg umgehendes Nervenfieber -- die junge
Frau erfaßte und lange Wochen auf das Lager warf.
Ihr Mann wich in dieser Zeit fast nicht von ihrer Seite und nur die
wichtigsten Geschäfte konnten ihn abrufen -- ja oft versäumte er selbst
diese und ganze Nächte hindurch wachte er neben ihrem Bett. Allerdings
paßte ihm das nicht zu seinem sonst gewohnten, bequemen Leben, aber die
Angst, sein Weib durch irgend eine Vernachlässigung zu verlieren, oder
auch nur ihren Zustand gefährlicher zu machen, ließ ihn das Alles nicht
achten, und so ward ihm denn auch endlich die wohlverdiente Freude zu
Theil, die schlimmste Krisis überstanden und die geliebte Frau nach und
nach genesen zu sehen. Aber es dauerte lange -- sehr lange, bis sie sich
wieder vollständig von dem überstandenen Leiden erholen konnte.
Der Körper gewann dabei noch verhältnißmäßig am Schnellsten die frühere
Frische wieder, wenn auch die Wangen bleicher, die Augen glänzender
schienen, als sie sonst gewesen. Sie hatte aber in ihrer Krankheit
besonders viel phantasirt und dabei oft ganz laut und deutlich die
tollsten, wunderlichsten Dinge gesprochen. Darum bedurfte es weit
längerer Zeit, ehe der Geist wieder Herr über diese Träume wurde,
die sich mit der Erinnerung früherer wirklich erlebter Scenen so
vermischten, daß sie oft anhaltend nachdenken mußte, um das Wahre
von dem Falschen und Eingebildeten oder nur Geträumten zu sondern und
auszuscheiden.
Auch das gab sich nach und nach oder stumpfte sich doch wenigstens ab.
Die Erinnerungen an diese Träume wurden unbestimmter, wenn auch einzelne
von ihnen noch manchmal wiederkehrten und sie oft, mitten in der Nacht,
plötzlich und ängstlich auffahren machten, ja sogar wieder bestimmte
Bilder und Eindrücke annahmen.
Bertling behagte das nicht recht, denn er wurde dadurch ein paar Mal
sehr nutzloser Weise alarmirt. Einmal -- und noch dazu in einer sehr
kalten Nacht -- behauptete seine Frau nämlich bei ihrem plötzlichen
Erwachen, es wäre Jemand im Zimmer und unter das Sopha gekrochen -- sie
habe es deutlich gehört, ja sogar den Schatten durch das Zimmer gleiten
sehen. Bertling protestirte gegen die Möglichkeit, aber es half ihm
nichts; um seine Frau nur endlich zu beruhigen, mußte er aufstehen und
die Sache untersuchen, was er denn gründlich mit Hülfe einer Elle that.
Natürlich fand er nicht das geringste Verdächtige, vielweniger einen
dort versteckten Menschen, und Beide lachten nachher über dies kleine
Abenteuer, -- aber der Justizrath trug doch einen Schnupfen davon, der
ihn sogar auf ein paar Tage zwang das Bett zu hüten.
Das andere Mal wollte Auguste im Nebenzimmer ein verdächtiges Flüstern
gehört haben und wenn sich auch dieses nach sorgfältiger nächtlicher
Untersuchung, die der Justizrath im Schlafrock, in der Linken das Licht,
in der Rechten den Feuerhaken, vornahm, als unbegründet herausstellte,
so wurde der Mann doch durch diesen verschiedentlich erweckten Verdacht
endlich selber so mißtrauisch gemacht, daß er sich für weitere derartige
Fälle stillschweigend rüstete. Er holte nämlich ein Paar alte, schon
lange zur Rumpelkammer verurtheilte Sattelpistolen hervor, reinigte
und lud sie und gab ihnen einen Platz in der obersten Schieblade
seiner Kommode, um sie bei einer etwa wieder vorzunehmenden Patrouille
wenigstens bei der Hand zu haben.
Wochen vergingen indeß, ohne daß sich eine derartige Scene wiederholt
hätte, und Bertling beruhigte sich endlich vollständig mit dem Gedanken,
daß jene Ideen nur die Nachwehen der überstandenen Krankheit gewesen
seien; der jetzt kräftig gewordene Körper nun aber alle derartigen
Phantasiebilder ausgestoßen, und für die Zukunft unmöglich gemacht habe.
Auguste war in der That wieder so frisch und lebenslustig als je
geworden, wenn ihre Gesichtsfarbe auch etwas »intressanter« als früher
geblieben sein mochte. Sie sah bleicher aus, als sie sonst gethan, aber
keineswegs kränklich oder leidend und besuchte auch wieder gern und
oft Gesellschaften und Bälle, wobei es manchmal einige Schwierigkeiten
hatte, den etwas phlegmatischen Gatten für solche Vergnügungen
mitzubegeistern.
Auch gestern Abend war in der »Erholung« ein brillanter Ball gewesen,
auf dem Auguste bis vier Uhr morgens getanzt, während ihr Gatte, als
treuer Gefährte, bis etwa um zwei Uhr Whist gespielt, und noch ein paar
Stunden in einer bequemen Sophaecke verträumt hatte. Heute sollte dafür
recht früh zu Bett gegangen werden, und die beiden Eheleute saßen Abends
allein zusammen in der Stube am Theetisch.
Es war im Februar, aber ein ganz entsetzlich naßkaltes und stürmisches
Wetter. Noch vor wenigen Tagen hatte harter Frost die Erde gedeckt;
heute peitschte der Regen die kaum aufgethauten Fenster und die
Windsbraut heulte zwischen den Giebeln und riß an Thüren und
Fensterflügeln, wie zornig darüber, daß es einen Platz geben solle, in
den man ihr, der Gewaltigen, den Eintritt verweigere.
Und wie das draußen durch die Straßen fegte! Der Justizrath war
aufgestanden und ans Fenster getreten, denn die Unterhaltung wollte
heute nicht recht fließen. Seine Frau war abgespannt, klagte über ein
leichtes Kopfweh und Brennen in den Augen und war schon ein paar Mal,
wie krampfhaft zusammengefahren -- jedenfalls in Folge des gestrigen
Balles.
Unten brannten die Gaslaternen, aber sie erleuchteten die Straße nicht,
sondern warfen nur einen matten, flackernden Schein auf das schmutzige,
von halbgeschmolzenem Eis bedeckte Pflaster, denn selbst die
Glasscheiben schützten die Flammen nicht vor =diesem= Sturm, der sie
rastlos hin und her wehte und manchmal auszulöschen drohte. Die Straße
selbst war menschenleer, denn wer heute nicht nothgedrungen =mußte=,
verließ wohl nicht das schützende Haus, um sich einem solchen Unwetter
preiszugeben. Nur dann und wann floh ein einzelner später Wanderer
entweder mit dem Wind durch aufspritzenden Schmutz und Schlamm dahin,
oder kämpfte -- den Oberkörper weit vorn über gebeugt -- =gegen= den
Sturm, und dem Wetter in die Zähne, seine beschwerliche Bahn.
In langen Zwischenpausen rollte auch wohl einmal ein festgeschlossener
Wagen vorüber, aber das Geräusch desselben machte die gleich nachher
wieder eintretende Oede nur noch fühlbarer, als daß es sie unterbrochen
hätte.
Der Himmel war mit schweren jagenden Wolken bedeckt, und der hinter
ihnen stehende Vollmond konnte nicht mehr thun, als daß er manchmal ihre
riesigen, beweglichen Massen in einem matten Phosphorschimmer sichtbar
werden ließ. Aber selbst dies geschah nur auf Momente, und jedes
Mal darnach war es, als ob der Sturm nur Athem geholt und neue Kraft
gewonnen hätte, um so viel rasender zum Kampf herbei zu eilen.
»Merkwürdig, wie das da draußen tobt und gießt,« brach der Justizrath
endlich das lange Schweigen indem er den Rauch seiner Cigarre gegen die
Fensterscheiben blies. »Das ist nun Februar mit Mondschein im Kalender
wo man eigentlich eine hellkalte, ruhige Winternacht zu fordern hätte.
'S ist aber gerade, als ob die ganze Welt ihre Jahreszeiten umdrehte,
denn eingehalten werden sie wahrlich nicht mehr zur rechten Zeit.«
Er hatte sich dabei wieder dem Tische zugedreht, und sah jetzt wie seine
Frau mit gespannter Aufmerksamkeit auf dem Sopha saß, als ob sie auf
irgend etwas horche. Zu gleicher Zeit drang, durch die Wände und Decke
aber gedämpft, der Ton einer Menschenstimme zu ihnen herüber, die
jedenfalls ein geistliches Lied in lang gezogenen, schnarrenden Tönen
sang. Der Justizrath lachte.
»Das ist der verrückte Schuhmacher über uns, der jedesmal bei einem
Sturm, aber besonders bei einem Gewitter, den Herr Zebaoth anschreit,
und sich als größten Sünder des ganzen Weltalls denuncirt. Wenn diese
Narrheit nicht auch ihre komische Seite hätte, könnte es Einem wirklich
unheimlich dabei werden.«
Der Justizrath hatte Recht. Die Stimme klang in der That unheimlich in
diesem Aufruhr der Elemente und wenn der Wind dazu durch den Schornstein
heulte und in die Schlüssellöcher pfiff, gab es einen Dreiklang, der
Einem hätte das Haar zu Berge treiben können. Die Frau schauderte
auch in sich selbst zusammen, allein sie erwiderte kein Wort, und der
Justizrath, dem ihr Zucken nicht entging, fuhr fort:
»Man kann nur gar nichts dagegen machen; nicht einmal polizeilich
verbieten darf ich es ihm, denn geistliche Lieder zu singen ist eben
nichts Strafbares, und daß der Mensch so eine gellende Stimme hat,
lieber Gott, dafür kann er nichts; ich bezweifle sogar, daß er es selber
weiß. Uebrigens -- es ist ihm vielleicht in anderer Weise beizukommen,
denn seine Frau soll sich auch mit Kartenschlagen und allem möglichen
anderen abergläubischen Hocuspocus beschäftigen, und wenn ich darin
einmal einen Halt dafür bekomme, dann wollen wir der Geschichte rasch
ein Ende machen.«
»Was war das?« flüsterte die Frau und fuhr wie erschreckt halb von ihrem
Sitz empor.
»Was? -- das Klappern?« sagte der Justizrath, »wahrscheinlich hat wieder
Jemand die Hausthür unten aufgelassen und was nicht festgenagelt
ist, rasselt bei dem Sturm hin und her. Das wird eine vergnügte Nacht
werden.«
»Es war mir als ob Jemand klopfe --«
»Nun jetzt kommt kein Besuch mehr,« lachte der Mann, »und wenn --«
In dem Augenblick war es, als ob der Sturm seinen ganzen Angriff nur auf
diesen Punkt concentrirt hätte. Mit einem wahren Wuthgeheul fuhr es den
Schornstein herunter, und riß draußen an den Fenstern. Zu gleicher Zeit
flog die Stubenthür auf und der kalte Zug strömte voll ins Zimmer, daß
die Lampe hoch und düster aufflackerte.
»Alle Wetter!« rief der Justizrath, erschreckt zur Thür springend und
diese wieder schließend, »das wird denn doch beinah zu toll und das alte
Nest so windschief, daß weder Fenster noch Thüren länger in ihren Fugen
bleiben. Wenn der Wirth das nicht spätestens bis zum Frühjahr aus dem
Grunde wieder herstellen läßt, kündige ich ihm wirklich das Logis. Man
kann ja die Stuben auch fast gar nicht mehr erheizen.«
Die Frau war, als die Thür aufflog, allerdings erschreckt
zusammengefahren, hatte sich aber nicht weiter gerührt und saß jetzt
still und regungslos. Nur mit ihrem Blick strich sie langsam, als ob sie
irgend Jemandem mit den Augen folge, von der Thür fort, durchs Zimmer,
bis zu dem Stuhl am Ofen, auf dem er stier und fest haften blieb.
Ihr Mann hatte nicht gleich auf sie geachtet. Er zog die neben der
Thür befindliche Klingel, um das Dienstmädchen herbeizurufen und befahl
diesem dann nach der Hausthür hinunter zu sehen, wie auch den Hausmann
zu bitten, daß er dieselbe heute Abend verschlossen halte. Man konnte es
ja wahrlich hier oben im Hause vor Zug nicht aushalten.
Darnach trat er in die Stube zurück, und es fiel ihm jetzt auf, daß
seine Frau noch keine Silbe über die Störung geäußert hatte. Wie er sich
ihr aber zuwandte, konnte ihm auch unmöglich der stiere, staunende
Blick entgehen, den Auguste noch immer unverwandt auf den einen Punkt
gerichtet hielt. Unwillkürlich sah er rasch dort hinüber, es ließ sich
aber nicht das geringste Außergewöhnliche erkennen. Dort stand nur
ein leerer Stuhl, und darüber hing ein alter Kupferstich, der eine
Prügelscene aus irgend einer holländischen Dorfschenke darstellte.
»Nun?« sagte er endlich und jetzt selber erstaunt -- »was hast Du nur?«
Statt aller Antwort und ohne den Blick von dem festgehaltenen Punkt
zu nehmen, hob die junge Frau langsam den rechten Arm in die Höhe und
deutete mit dem Zeigefinger auf die Stelle.
»Ja aber mein Kind --« wiederholte der Mann bestürzt, denn er konnte
sich das wunderliche Betragen der Frau nicht erklären -- »ich begreife
noch immer nicht, was Du willst. Was ist denn dort, und weshalb deutest
Du auf den Stuhl und siehst so bestürtzt aus, als ob Dir ein Geist
erschienen wäre?«
»Siehst Du ihn nicht?« sagte die Frau leise, ohne ihre Stellung auch nur
um eines Haares Breite zu verändern.
»Wen denn?« rief Bertling halb ärgerlich und halb erschreckt noch einmal
den Kopf nach der bezeichneten Richtung zu drehend.
»Den fremden Mann,« erwiderte die Frau, die Worte aber viel mehr
hauchend als sprechend, »der dort auf dem Stuhl am Ofen sitzt.«
»Den fremden Mann? -- aber Kind, ich bitte Dich um Gotteswillen.«
»Sprich nicht so laut. Wenn er die Augen zu mir hebt, ist es immer, als
ob mir ein Messer durch die Seele ginge.«
»Aber wie sollte denn der hierher gekommen sein,« lachte Bertling
gutmüthig -- »sei doch vernünftig.«
»Wie die Thür aufging,« flüsterte die Frau »trat er herein, ging still
am Ofen vorüber und setzte sich dort nieder -- aber siehst Du ihn denn
nicht?«
»Mein liebes Herz« suchte sie der Justizrath zu beschwichtigen -- »wenn
dort irgend Jemand auf dem Stuhle säße, so müßte ich ihn allerdings
auch sehen, nicht wahr? Aber ich sehe Nichts als den leeren Stuhl. Komm
Schatz, das ist wieder einer von Deinen häßlichen Träumen -- schüttle
ihn ab -- Nun? -- ist er noch da?« setzte er lachend hinzu, als die Frau
wie warnend die Hand gegen ihn hob.
»Pst! sei ruhig!« sagte sie tonlos -- »jetzt regt er sich. Er sieht Dich
an.«
Bertling wurde es, dieser so bestimmt ausgesprochenen Ueberzeugung
gegenüber, selber ein wenig unheimlich zu Muthe, wenn er auch recht
gut wußte, daß das Ganze weiter Nichts sein konnte als eines jener
verworrenen Traumbilder, von denen er gehofft hatte, daß sie bei seiner
Frau nie mehr wiederkehren würden. Möglicher Weise hatten aber hier
verschiedene Factoren zusammengewirkt, um den Geist der noch nicht
vollständig Genesenen zu überreizen und krankhaft aufzuregen. Die
Abspannung nach der gestern durchschwärmten Nacht -- das heutige
Unwetter mit dem fatalen Klappern der Fenster und Thüren, der heulende
Sturm, der da oben seine Gesangbuchverse abwimmernde Schuhmacher,
vielleicht ein flüchtiges Unwohlsein mit in den Kauf; wer konnte denn
wissen wie das Alles auf sie eingewirkt hatte und es blieb deshalb
vor allen Dingen nöthig, sie von der Nichtexistenz ihres Traumbildes
thatsächlich zu überzeugen -- nachher beruhigte sich ihre
Einbildungskraft schon von selber.
»Aber mein liebes Herz,« sagte er endlich -- »so mach' doch nur einmal
diesem häßlichen Traum ein Ende -- -- --«
»Traum?« rief aber jetzt die Frau ungeduldig, wenn auch immer noch mit
vorsichtig gedämpfter Stimme -- »was Du nur mit Deinem Traum willst. Man
träumt doch nur wenn man schläft, doch schlafe ich jetzt oder schläfst
Du?«
»Aber ich selber sehe doch gar Nichts.«
»Nichts? Siehst Du denn nicht den kleinen grauen Mann dort neben dem
Ofen sitzen, wie er den rechten Arm auf der Stuhllehne liegen hat und
hier herüber sieht? Was er nur will. --«
»Aber meine liebe Auguste so sei doch vernünftig,« rief der Justizrath,
durch den Zustand wirklich beängstigt. »So überzeuge Dich doch nur
selber.« --
»Quäle mich nur nicht,« bat die Frau -- »von was soll ich mich denn
überzeugen? Sehe ich ihn denn nicht da sitzen? -- Daß sie ihn nur
hereingelassen haben.«
»Nun gut,« rief Bertling, der wohl einsah, daß bloße Vernunftgründe
nicht das Geringste fruchten würden, »dann will ich Dir =beweisen=,
daß Du Dich irrst, und nachher wirst Du mir doch Recht geben. Sitzt er
=noch= da?«
Die Frau nickte mit dem Kopf.
»Schön,« sagte Bertling, indem er entschlossen um den Tisch herum ging
und der bezeichneten Stelle zuschritt, »dann wollen wir doch einmal
sehen wie er sich =jetzt= benimmt.«
Der Blick der Frau haftete aber nicht mehr auf dem Stuhl, sondern hob
sich ein wenig und strich dann wieder langsam durch die Stube und zur
Thür zurück.
»Nun sieh,« sagte ihr Mann jetzt, indem er sich -- wenn auch mit
einem unbehaglichen Gefühl auf denselben Stuhl niederließ, auf dem das
Traumbild sitzen sollte -- »Du wirst mir doch jetzt zugeben, daß der
Stuhl vollkommen leer war, oder Dein grauer Herr müßte mich sonst auf
dem Schooß haben. -- Nun? -- was siehst Du denn jetzt wieder nach der
Thür?«
»Ja er ist fort,« lachte die Frau still vor sich hin. »Wie Du nur um
den Tisch herumgingst, stand er auf, glitt wieder der Thür zu -- und
hinaus.«
»Aber die Thür ist ja noch fest zu. Er kann doch nicht --«
Bertling hatte kaum Zeit zuzuspringen und seine Frau aufzufangen, denn
ihr gehobener Arm sank matt am Körper herab, und die ganze Gestalt
schien in sich selbst zusammenzubrechen. Sie konnte nicht ohnmächtig
sein, aber es war als ob nach der gehabten Aufregung eine völlige
Erschlaffung ihrer Glieder einträte. Er hatte sie auch kaum aufgehoben
und auf das Sopha gelegt, als sie in einen festen Schlaf fiel.
Der aber dauerte nicht lange. Schon nach kaum einer Viertelstunde wachte
sie wieder auf und sah sich etwas verstört im Zimmer um.
»Hab ich mich denn hier zum Schlafen niedergelegt?« sagte sie leise und
sinnend -- »es muß ja schon spät sein.«
Bertling hielt es für das Beste, von dem stattgefundenen Anfall heute
Abend gar nichts zu erwähnen, da er nicht wissen konnte, wie es die
Leidende aufnehmen würde. Wenn sie morgen wieder frisch und munter war,
wollte er es ihr erzählen, und sie lachte dann wahrscheinlich selbst
darüber.
»Es ist halb zehn, mein Kind,« sagte er, »und Du bist müde von der
gestern durchschwärmten Nacht. Ich glaube es ist das Beste wir gehen zur
Ruhe.«
»Ja,« sagte die Frau nach einer kleinen Pause, in der sie, wie
überlegend, vor sich niedersah -- »ich muß wirklich hier eingeschlafen
sein, denn ich habe schon geträumt. -- Was einem doch dabei für
wunderliche Dinge durch den Kopf ziehen. -- Ich werde lieber schlafen
gehen.«
Zweites Capitel.
Die Kaffeegesellschaft.
Am nächsten Morgen schien Auguste die gestrige Erscheinung vollständig
vergessen zu haben; sie erwähnte wenigstens kein Wort davon, und
Bertling hatte sich in der Nacht ebenso überlegt, die ganze Sache weiter
gar nicht zu berühren. Es würde sie nur beunruhigt haben, und konnte
doch zu weiter nichts nützen. Er hätte freilich gern gewußt, ob ihr jede
Erinnerung an die eingebildete Traumform verschwunden sei -- und fast
vermuthete er das Gegentheil, denn sie blieb an diesem Tag besonders
nachdenkend, hörte manchmal mitten in ihrer Arbeit auf und sah eine
Weile still vor sich nieder. Aber er mochte sie auch nicht fragen, denn
hatte sie es wirklich vergessen, so mußte sie dadurch nur mißtrauisch
gemacht werden.
Auch der Arzt, mit dem er darüber sprach, rieth ihm in keinerlei Weise
auf jenen Zustand hinzudeuten. Solche Erscheinungen kämen -- wie
er meinte -- im geistigen Leben der Frauen gar nicht so selten vor,
stumpften sich aber, wenn man ihnen Ruhe ließe, gewöhnlich mit der Zeit
von selber ab. Das einzige wirksame Mittel dagegen sei Zerstreuung --
leichte, am besten humoristische Lectüre, geselliger Verkehr etc. -- Sie
dürfte nicht zuviel allein gelassen werden, dann wichen diese Zustände
auch von selber wieder.
Bertling irrte sich übrigens, wenn er glaubte, jene eingebildete
Erscheinung wäre spurlos und vielleicht unbewußt an seiner Frau
vorübergegangen. Unmittelbar nach ihrer halben Ohnmacht besann sie sich
allerdings nicht gleich darauf und schlief in ihrer damaligen Abspannung
auch bald ein. Aber selbst schon in der Nacht kam ihr die Erinnerung
des scheinbar Erlebten, und am nächsten Morgen, als das schon fast
verschwommene Bild wieder klarer und deutlicher vor ihre Seele trat,
malte sie sich die Einzelheiten mehr und mehr im Stillen aus, bis sie
auch die kleinsten, unbedeutendsten Umstände wieder scharf und bestimmt
herausgefunden hatte. -- Aber sie erwähnte gegen ihren Gatten nichts
davon.
Einmal wollte sie ihn nicht ängstigen, weil er jenem Phantasiegebild
vielleicht zu viel Wichtigkeit beigelegt hätte, und dann -- war
sie selber noch nicht einmal mit sich im Klaren, ob es wirklich ein
Phantasiegebild gewesen sei oder nicht. Sie fürchtete auch den Spott
ihres Mannes, wenn sie ihm nur eine Andeutung gemacht hätte, daß sie
eine solche Erscheinung für möglich halte, und grübelte dabei im Stillen
weiter über das Geschehene.
In dieser Zeit, in welcher sie sich auch immer noch etwas angegriffen
fühlte, ging sie wenig aus und da ihr Mann durch eine Masse dringender
Geschäfte über Tag abgehalten wurde, ihr Gesellschaft zu leisten, las
sie viel -- jetzt aber am liebsten Bücher, die sich mit dem geistigen
Leben des Menschen beschäftigten und oft Dinge besprachen, die ihr
in ihrem überdieß aufgeregten und reizbaren Zustand weit besser fern
gehalten wären. So kam ihr auch das Buch der Seherin von Prevorst in die
Hände, und gab ihrem, schon außerdem zum Uebernatürlichen neigenden
Sinn, nur noch mehr Nahrung.
Wenn es überhaupt auf Erden Menschen gab, die mit jener, von anderen
Sterblichen nur geahnten Welt in unmittelbarer Verbindung standen, die
mit ihren körperlichen Augen das sehen konnten was um sie her =bestand=,
während es der Masse verborgen und unsichtbar blieb, warum sollte sie
dann nicht auch zu diesen gehören können? -- warum sollte gerade das,
was sie deutlich und klar =geschaut= hatte, nur allein bei ihr eine
Täuschung der Sinne gewesen sein? Daß aber etwas Aehnliches nicht allein
möglich, sondern schon wirklich an den verschiedensten Orten =geschehen=
sei, davon liefert ihr gerade die Seherin von Prevorst den sichersten
Beweis, denn das Buch brachte beglaubigte Thatsachen, und immer fester
wurzelte bei ihr die Ueberzeugung, daß auch sie zu jenen bevorzugten
Wesen gehöre.
Keineswegs erweckte aber dies, sich nach und nach bei ihr bildende
Bewußtsein, ihre Furcht vor dem, was ihr etwa noch begegnen könne. Im
Gegentheil freute sie sich viel eher einer solchen Kraft, und beschloß
sogar mit ruhigem kalten Blut Alles zu prüfen, was ihr in solcher Art an
übernatürlichen Gebilden auftauchen und sichtbar werden sollte.
Trotz dieser geistigen Stärke, die sie gewonnen zu haben glaubte, litt
aber doch ihr Körper unter der fast gewaltsam hervorgerufenen Aufregung,
und wenn auch Bertling den wahren Grund nicht ahnte, konnte ihm doch
nicht entgehen, daß seine Frau in der letzten Zeit sichtbar bleicher und
leidender geworden sei. Er schrieb das aber dem vielen Stuben sitzen
zu, und bat sie mehr an die frische Luft zu gehen und sich Bewegung
zu machen. Ja er drang sogar in sie -- was er sonst nie gethan -- ihre
verschiedenen Freundinnen einmal wieder aufzusuchen, und dann und wann
auch bei sich zu sehen, da er mit Recht von einer solchen Zerstreuung
wohlthätige Wirkung für sie hoffte.
Auguste, wenn sie auch nicht das Bedürfniß danach fühlte, beschloß doch
seinen Wunsch zu erfüllen. Die langen Stunden, die sie daheim allein
saß, wurden ihr selber zuletzt drückend, und außerdem hatte sie ja
manche Bekannte, mit der sie recht gern verkehrte und wo sie wußte, daß
sie gern gesehen war.
Am Besten von Allen hatte sie stets mit einer Jugendfreundin, der
jetzigen Hofräthin =Janisch=, harmonirt; Pauline Janisch war eine
prächtige junge Frau, aufgeweckt dabei und lebenslustig, und da sie in
müssigen Stunden auch gern ein wenig schwärmte und ganz vorzüglich
für alles Uebersinnliche leicht empfänglich war -- ohne sich aber davon
beherrschen zu lassen -- fühlte sie sich zu dieser besonders hingezogen.
Pauline wohnte in der nämlichen Straße mit ihr; als sie dieselbe aber
heute aufsuchte, bewegte sie sich in dem zwar kleinen, doch gewählten
Kreis einer Caffeegesellschaft, wo allerdings nichts Uebersinnliches
gesprochen wurde. Nur über die allergebräuchlichsten Themata solcher
Zusammenkünfte fand eine Verhandlung statt, als da sind: Theater und
was dazu gehört -- nämlich das Privatleben der Bühnenmitglieder --
Dienstboten-Noth, Sittengeschichte der Stadt mit Vorlage einzelner,
besonders hervorzuhebender Beispiele, und Klagen über die Vergnügungen
und Beschäftigungen der Männer =außer= dem Haus.
Erst das eintreffende Tageblatt gab der Unterhaltung -- nachdem man
zwei Verlobungsanzeigen und ein Heirathsgesuch gründlich betrachtet
und erschöpft hatte -- eine andere Wendung, und zwar durch einen
wunderlichen Vorfall in der Stadt selber, der in dieser Nummer eine
Erwähnung fand.
Ein in der äußersten Vorstadt gelegenes Haus nämlich, das früher einmal
zu einer Knopffabrik benutzt worden, jetzt aber schon seit mehreren
Jahren, durch das Scheitern des Unternehmens leer und verödet stand, war
vor Zeiten in den Ruf gekommen, daß es dort umgehe, und man hatte sich
Monde lang die merkwürdigsten Geschichten davon erzählt. Anderes kam
aber dazwischen, das ganze Gebäude wurde außerdem nicht mehr benutzt,
und da Niemand darin wohnte, schlief auch das Gerücht endlich ein, bis
der jetzige Eigenthümer vor ganz kurzer Zeit die ziemlich vom Wetter
mitgenommenen Baulichkeiten an einen Fremden verkaufte, der dort eine
Kammergarnspinnerei anlegen wollte.
Jetzt erinnerte man sich allerdings wieder lebhaft der früheren
Gerüchte, die aber in den ersten Wochen auch nicht die geringste
Bestätigung fanden. Der Fabrikant war mit zwölf oder sechszehn Arbeitern
dort eingezogen und die Leute, die größtentheils noch nicht einmal von
den Gerüchten gehört haben konnten, hatten die Nächte, die sie dort
zugebracht, vortrefflich und ungestört geschlafen. -- Es dachte schon
Niemand mehr an die früheren Spuckgeschichten.
Da erzählte man sich in der Stadt, sämmtliche Arbeiter in der Fabrick
hätten ihrem Brodherren den Dienst gekündigt. Es wurde dem anfangs
widersprochen, aber das Gerücht fand immer festeren Boden bis denn das
Tageblatt heute die Nachricht ganz sicher bestätigte. Es geschah das
durch die Aufforderung des Fabrikherrn, um neue Arbeiter herbeizurufen,
da sich die bisherigen, wie hier gedruckt stand, »durch abergläubischen
Unsinn hätten bewegen lassen, seinen Dienst zu quittiren.«
Es blieb jetzt keinem Zweifel mehr unterworfen, daß die bisherigen
Gerüchte nicht gelogen haben konnten, sondern etwas Wahres an der Sache
sein müsse und die Aufregung der kleinen Gesellschaft wurde noch erhöht,
als sich plötzlich herausstellte, daß sie selbst in ihrer Mitte ein
Individuum entdeckten, das ihnen von dem, jetzt jedes andere Interesse
verschlingenden Platz die genauesten und direktesten Nachrichten geben
konnte.
Es war das die Frau Präsident Cossel, eine schon ältliche Dame mit etwas
rother Nase, aber einem sehr entschieden energischen Zug um den Mund.
Die Dame hielt sich auch in der That nie bei Vermuthungen auf, sondern
sprach stets was sie wußte oder nicht wußte auf das aller Bestimmteste
aus. Widerspruch duldete sie nie und wenn man behauptet, daß die Haare
den Charakter des Menschen darthun, so mochte das recht gut auch bei der
Frau Präsidentin ihre Bestätigung finden, denn eben so starr und fest
gerollt wie die vier falschen Locken, die sie vorgebunden trug, war ihr
Gemüth.
»Es ist richtig -- ich weiß es; es spukt drüben,« sagte sie, indem
sie ihre Tasse zum vierten Mal zum Füllen reichte, und ihre schönen
Zuhörerinnen zweifelten viel weniger an der, jetzt als unumstößlich
festgestellten Thatsache, als daß sie sich wunderten, wie die Frau
Präsidentin diesen doch sicher höchst interessanten Fall so lange still
bei sich getragen und wirklich erst auf äußere Veranlassung von sich
gegeben habe.
Die Frau Präsidentin wohnte aber dem besagten Fabrikgebäude schräg
gegenüber, und konnte also, als allernächste Nachbarin desselben --
wenn irgend Jemand, Näheres darüber wissen. Die Neugier der Damen war --
hierbei sehr verzeihlich -- auf das Höchste gespannt.
»Es ist richtig! Ich weiß es! Es spukt drüben!« -- Gegen die =Thatsache=
war Nichts mehr einzuwenden, und es blieb jetzt nur noch übrig die
Einzelheiten derselben zu erfahren. Die Frau Präsidentin wußte Alles.
Die ersten Nächte waren die neu eingezogenen Leute vollkommen
unbelästigt geblieben, nur zu bald aber brach plötzlich -- und natürlich
genau um Mitternacht -- ein donnerndes Getöse im ganzen Hause los, daß
den Insassen das Haar auf dem Kopfe sträubte. Ketten klirrten über die
Treppen, die Balken krachten, als ob furchtbare Gewichte darauf geworfen
würden, die Thüren schlugen auf und zu, die Fenster klapperten -- und
das bei sternenheller Nacht und todter Windstille -- und ein unheimlich
flackernder Schein zuckte aus einer Stube in die andere durch das ganze
Haus. Das Nämliche wiederholte sich in den folgenden Nächten, nur
mit der Zugabe, daß den Schlafenden die Decken weggerissen wurden.
Allerdings glaubten die Leute anfangs an einen Schabernack, den ihnen
muthwillige Gesellen spielten, und um kein Aufsehen zu erregen, wurde
die Polizei heimlich von dem Unfug in Kenntniß gesetzt und traf in einer
der Nächte kurz vor zwölf Uhr dort ein, um die Urheber auf frischer That
zu ertappen. Ja ihr Aufpassen half ihnen nichts, denn erwischen konnten
sie Niemand, während gerade ihnen am tollsten mitgespielt wurde. Es
schlug ihnen die Hüte vom Kopf und die Stöcke aus der Hand, und die
Leute verließen -- wie die Frau Präsidentin behauptete -- in Entsetzen
das Haus.
Von =der= Nacht an waren die übrigen Arbeiter aber auch nicht mehr zu
halten, und obgleich der Fabrikherr -- aus leicht zu errathenden Gründen
-- ein tiefes Stillschweigen über alles Vorgefallene beobachtete, und
die Leute selber sich ebenfalls schienen das Wort gegeben zu haben,
nichts über die Sache verlauten zu lassen, war doch das allein der wahre
Thatbestand.
»Und woher es die Frau Präsidentin wußte?« -- wie die etwas muthwillige
Frau Hofräthin Janisch frug. -- Die Dame blitzte sie zwischen den Locken
hervor mit einem wahren Dolchblick an.
»Woher ich das weiß, Frau Hofräthin?« wiederholte sie, und absichtlich
mit etwas gehobener Stimme -- »ich denke, ich habe meine Quellen --
selbst wenn mein Mann nicht Präsident wäre, Sie wissen doch wohl --
oder =sollten= es wenigstens wissen, daß es zwischen Ehegatten kein
Amtsgeheimniß giebt. -- Aber noch mehr,« setzte sie plötzlich mit
geheimnißvollem Ton hinzu, »Sie wissen doch, daß sich der junge Belldan
gestern Morgen um's Leben gebracht hat?«
»Ei gewiß,« sagte die Frau Kreisräthin Barthels, »das ist ja
stadtbekannt. Er soll ein paar falsche Wechsel ausgestellt haben, und
wie ihn sein Vater aus dem Hause stoßen wollte, ging er in das Holz und
schoß sich eine Kugel durch den Kopf.«
»Bah,« sagte die Frau Präsidentin mit einer wegwerfenden Bewegung und
ganz entschiedener Betonung der nächsten Worte, »der junge Mensch hat
nie falsche Wechsel gemacht, aber aus Uebermuth die letzte Nacht in dem
Spukhaus geschlafen und darnach -- konnte er nicht länger leben.«
Was er dort gesehen hatte vermochte die Frau freilich selber nicht zu
sagen, aber schon die Andeutung war interressant genug, um eine weitere
Besprechung derselben außer Frage zu stellen und das Gespräch, einmal in
diese Bahn gelenkt, blieb nun natürlich in dem nämlichen Gleis und
ging von dem Spukhaus auf Gespenstergeschichten und Erscheinungen im
Allgemeinen über.
Der Abend rückte dabei heran, aber die Gesellschaft protestirte von der
kleinen lebhaften Hofräthin dabei warm unterstützt, gegen die Forderung
der Präsidentin, Licht herbeizuschaffen. Es ging Nichts über eine solche
Unterhaltung in der Dämmerung und als jetzt die Gaslaterne draußen auf
der Straße angezündet wurde, und ein ordentlich unheimliches Streiflicht
in das düstere Zimmer warf, rückten die Damen nur desto näher zusammen
und die Frau Kreisräthin behauptete, es gäbe doch gar kein wonnigeres
Gefühl in der Welt, als »wenn es Einen so ein Bischen gruselte.«
Nur Auguste, Bertlings Frau, hatte bis jetzt keinen Antheil an dem
Gespräch genommen, als vielleicht hie oder da einmal eine Frage
einzuwerfen, aber deshalb mit nicht weniger Aufmerksamkeit den
verschiedenen Geschichten gelauscht, die bald von dieser bald von
jener Dame zum Besten gegeben wurden und natürlich alle mit jener
übersinnlichen Welt in Verbindung standen.
In Alburg wurde auch noch das Tischklopfen und die Geisterschrift
mit Hülfe einer besondern mit Bleistift verbundenen Vorrichtung
leidenschaftlich getrieben und viele Damen beschäftigten sich heimlich
damit -- öffentlich durften sie es ja nicht, weil man das vollkommen
Nutzlose dieser Experimente lange eingesehen hatte, und die auslachte,
die es trotzdem noch ausübten. Eine Masse von Beispielen wurden
jetzt von entzifferten Briefen, von Zahlen, Nachrichten Entfernter,
Schutzgeistern und all derartigen Ergebnissen der Zauberkunst erwähnt,
dann sprang das Gespräch auf Ahnungen, Doppelgänger, Erscheinungen über
und die Frau Präsidentin erklärte mit ihrer gewöhnlichen Bestimmtheit --
was die Thatsache außer allen Zweifel stellte, -- daß ihr erster Mann --
Gott habe ihn selig -- ihr zwei Mal schon erschienen sei: Das erste Mal
als sie sich wieder verlobt habe. -- Das zweite Mal bei -- einer andern
Gelegenheit -- sie sagte nicht welcher -- und beide Male in seinem
grauen Schlafrock mit rothem Futter und hellblauen Quasten wie »der
Selige« immer daheim gekleidet gewesen.
Auguste lehnte schweigend in ihrem Fauteuil, anscheinend theilnahmlos,
aber mit ihrem Geist in reger Thätigkeit, und vor ihrem innern Auge
stieg die Gestalt wieder empor, die sie an jenem Abend gesehen hatte. --
Aber sie erwähnte kein Wort davon; es war das ihr eigenes Geheimniß, und
es kam ihr der Gedanke, als ob sie jenes Wesen erzürnen müsse, wenn
sie sein Dasein einem andern Menschen verrathe. So ganz mit sich selber
beschäftigte sie sich dabei, daß sie ordentlich erschrak, als die
kleine Gesellschaft plötzlich aufbrach, um in ihre eigenen Wohnungen
zurückzukehren. Es war sieben Uhr und damit Zeit geworden daheim
den Herren Ehegatten das Abendbrot zu bereiten. Der =Caffee= hatte
überhaupt, durch solch Gespräch gewürzt, weit länger gedauert, als das
sonst je der Fall gewesen.
Die lebhafte Scene des Ankleidens und Abschiednehmens verdrängte jetzt
auch bald all die düsteren Gedanken und Bilder, die den ganzen Abend
über dem kleinen Kreis geschwebt. Es war Licht gebracht, und die Meisten
hatten schon lange den ganzen heraufbeschworenen Spuk vergessen, --
Auguste nicht.
Sie nahm Abschied von der Freundin und ging die wenigen Schritte nach
ihrer eigenen Wohnung, kaum etwas mehr als über die Straße hinüber, --
allein immer aber war ihr Geist noch mit jenem Traumbild beschäftigt,
das ihr durch die Unterhaltung da drüben wieder in ihrer ganzen Schärfe
vor der Seele stand.
Still und schweigend stieg sie die Stufen hinan -- die Vorsaalthür war
offen -- auf dem Vorsaal selbst brannte kein Licht, aber die Gasflamme
der Treppe warf ihren Schein durch das über der Thür angebrachte
Fenster. Sie wußte bestimmt, ihr Mann war jetzt zu Haus und in seiner
Stube, wo er gewöhnlich bis zum Abendbrot allein arbeitete. Sie ging
durch ihr eigenes Zimmer nach seiner Thür, öffnete dieselbe, stand einen
Moment in sprachlosem Entsetzen auf der Schwelle und brach dann mit
einem halblautem Schrei und ehe ihr Gatte zuspringen und sie halten
konnte, bewußtlos in sich zusammen.
Drittes Capitel.
Der unheimliche Besuch.
Der Justizrath war an dem Abend beschäftigt gewesen, eingelaufene
Actenstücke durchzusehen und zu erledigen. Die Zeit verging ihm dabei so
rasch, daß er die Abwesenheit seiner Frau -- die er überdies bei Freund
Janisch gut aufgehoben wußte, gar nicht bemerkte.
Im Verlauf seiner Arbeit war er auch genöthigt gewesen ein paar Briefe
zu schreiben, die noch vor sieben Uhr auf die Post mußten. Er hatte das
Mädchen damit fortgeschickt und saß wieder über seinen Papieren als es
draußen klingelte und er selber hingehen mußte, um zu öffnen.
Draußen stand ein Fremder -- anständig angezogen, ein kleiner
schmächtiger Mann in dunkler Kleidung, der mit dem Hute in der Hand sehr
bescheiden frug, ob er die Ehre habe den Herrn Justizrath Bertling zu
sprechen.
»Mein Name ist Bertling, was steht zu Ihren Diensten?«
»Würden Sie mir gestatten ein paar Worte allein an Sie zu richten?«
frug der kleine Mann, wie schüchtern, und seine weiten, glänzenden Augen
hafteten dabei fragend auf dem Justizrath.
Diesem war die Störung eben nicht besonders gelegen, aber der Fremde sah
so bescheiden und anspruchslos aus und seine Frage klang so dringend,
daß er ihm die Bitte auch nicht abschlagen mochte.
»Dann sein Sie so gut und kommen Sie mit in mein Zimmer,« sagte der
Justizrath und ging seinem, etwas späten Besuch voran, ohne jedoch die
Vorsaalthür wieder zuschließen.
Im Studierzimmer Bertlings brannte die Lampe etwas düster, aber doch
hell genug, um die Züge des Fremden ziemlich deutlich erkennen zu
können. Er hatte eine hohe Stirn, von der er das schwarze schon dünn
gewordene Haar zurückgestrichen trug, und ein paar große sprechende
Augen, aber seine Züge sahen bleich und leidend aus; die Backenknochen
traten auffallend hervor und in dem ganzen Wesen des Mannes lag etwas
Scheues und Gedrücktes. Der Justizrath nöthigte ihn durch eine
Bewegung mit der Hand auf das Sopha, aber der Fremde schien diese Ehre
abzulehnen, denn er ließ sich auf dem nächsten Stuhl am Ofen nieder,
und zwar seitwärts, um dem Justizrath sein Gesicht zuzukehren und dabei
legte er den rechten Arm über die Lehne des nämlichen Stuhles.
Bertling entging übrigens nicht, daß sich sein Besuch durch irgend etwas
gedrückt fühlte, und theils aus angeborener Gutmüthigkeit, theils mit
dem Wunsch die unwillkommene Störung so viel als möglich abzukürzen,
sagte er freundlich:
»Und mit was kann ich Ihnen dienen?«
Der Fremde hatte noch keine Zeit zum Antworten gehabt, als nebenan eine
Thür ging und da Bertling, der recht gut wußte, daß das Mädchen kaum von
der Post zurück sein konnte, eben aufstehen wollte, um nachzusehen,
wer da wäre, öffnete sich die Seitenthür -- seine Frau stand auf der
Schwelle, hob langsam den rechten Arm und brach dann, ohne weiter
ein Wort, eben nur einen halblauten Schrei ausstoßend, besinnungslos
zusammen.
In tödtlichem Schreck sprang ihr Gatte zu, hob ihren Kopf auf sein Knie,
strich ihr in seiner Herzensangst die Stirn, rieb ihr die Schläfe und
rief sie mit allen Liebesnamen, um sie zum Leben zurückzubringen. Als
das aber Alles vergeblich blieb, hob er sie auf und trug sie auf ihr
eigenes Sopha im nächsten Zimmer und sprang dann zurück nach der Lampe.
Er wollte dabei den Fremden bitten, ihm sein Anliegen ein ander Mal
vorzutragen, aber der Stuhl war leer -- der Fremde fort -- er hatte
ihn gar nicht weggehen sehen, aber auch jetzt wahrlich keine Zeit, sich
weiter um ihn zu bekümmern. Er trug die Lampe hinüber und rieb Stirn und
Schläfe seiner Frau mit Eau de Cologne.
Glücklicher Weise kam auch jetzt das Mädchen, das recht frisches Wasser
bringen mußte, und nach wenigen Minuten schlug Auguste die Augen wieder
auf. Anfangs freilich schaute sie noch scheu und wie furchtsam umher,
als sie sich aber in ihrem eigenen Zimmer fand, beruhigte sie sich bald
und lehnte jetzt nur noch etwas bleich und erschöpft im Sopha.
»Aber ich bitte Dich um Gottes Willen, liebes Kind, was hattest Du denn
nur auf einmal« frug jetzt Bertling durch diese plötzliche Ohnmacht
nicht wenig beunruhigt -- »warst Du denn schon vorher unwohl?«
»Nein,« sagte die Frau leise, »mir fehlte gar nichts, aber -- als ich in
Dein Zimmer kam --«
»Ich habe heut Nachmittag sehr viel geraucht,« ergänzte Bertling,
»und der rasche Wechsel aus der frischen Luft in den Tabacksqualm hat
vielleicht den Unfall herbeigerufen.«
»Nein,« wiederholte die Frau mit dem Kopf schüttelnd, »das -- das war
es nicht -- ich war vollkommen gesund -- an den Tabacksgeruch bin ich ja
auch gewöhnt, aber -- als ich in Dein Zimmer trat sah ich --«
»Aber was denn mein süßes liebes Herz,« bat der Mann, »so sprich doch
nur; Du ängstigt mich ja noch viel mehr durch Dein Schweigen. -- Was
sahst Du denn?«
»Denselben grauen Mann,« hauchte die Frau mit kaum hörbarer Stimme
»-- den ich bei dem Sturm in Deinem Zimmer sah --«
»Aber liebes, liebes Kind,« bat der Mann erschreckt und zugleich
beunruhigt, daß seine Frau jenes Traumbild, wie er im Stillen gehofft,
nicht etwa vergessen habe, sondern noch voll und scharf im
Gedächtniß trage -- »sieh nur, was für einen tollen Streich Dir Deine
Einbildungskraft gespielt hat. Das war ja doch kein Gespenst, was Du
gesehen, sondern ein Mensch von Fleisch und Blut, der kurz vor Dir zu
mir kam und mich zu sprechen wünschte.«
»So hast Du ihn diesmal auch gesehen?« rief die Frau rasch und
erschreckt.
»Gewiß,« lächelte Bertling, »und er ist auch gar nicht wie ein Geist
eingetreten, sondern hat draußen geklingelt und ich habe ihm selber die
Vorsaalthür aufgemacht.«
»Und ist er =noch= bei Dir?« rief die Frau, sich rasch im Sopha
aufrichtend.
»Nein,« lautete die Antwort -- »wie Du ohnmächtig wurdest, muß er
fortgegangen sein, denn als ich nach der Lampe zurücksprang, war er
verschwunden.«
»Verschwunden?«
»Nun hoffentlich nicht in die Luft,« lachte Bertling, aber doch etwas
verlegen, denn es fiel ihm jetzt auf einmal ein, daß der Fremde in
seinem ganzen Wesen wirklich etwas Räthselhaftes gehabt habe, und
dabei merkwürdig rasch aus dem Zimmer gewesen sei. Wie =war= er nur
hinausgekommen, denn er erinnerte sich nicht gesehen oder gehört zu
haben, daß die Thür geöffnet wurde, was ihm doch kaum hätte entgehen
können -- »er -- er wird fortgegangen sein, als er sah, daß ich mich
nicht weiter mit ihm abgeben konnte.«
Seine Frau erwiderte nichts darauf. Sie schaute eine ganze Weile sinnend
vor sich nieder, endlich sagte sie leise:
»Er saß auf dem nämlichen Stuhl, auf dem ich ihn damals gesehen habe
-- genau so wie in jener Nacht, mit dem rechten Arm auf der Lehne --
er trug den nämlichen grauen Rock und sah eben so bleich aus und hatte
dieselben großen geisterhaften Augen.«
»Aber liebe, liebe Auguste« bat der Mann, jetzt wirklich beunruhigt, »so
gieb Dich doch nur nicht solch thörichten kindischen Gedanken hin, und
mische nicht eine wirklich menschliche, wahrscheinlich sehr unbedeutende
Persönlichkeit, mit Deinen Traumbildern zusammen. -- Uebrigens,« setzte
er rasch hinzu -- »muß ihm ja auch die Rieke auf der Treppe begegnet
sein, denn sie kam unmittelbar nach Dir -- Rieke!« rief er dann zur Thür
hinaus -- »Rieke!«
»Jawohl --«
»Kommen Sie einmal einen Augenblick herein.«
Die Gerufene steckte den Kopf zur Thür herein.
»Soll ich was?«
»Wie Sie vorhin zurückkamen, ist Ihnen da Niemand im Haus begegnet?«
»Doch, Herr Justizrath --«
»Nun siehst Du, liebes Kind -- und wie sah er aus?«
»Er!« sagte die Köchin etwas erstaunt -- »es war die Heßbergern, dem
Schuhmacher seine Frau von oben, die noch einmal unten in den Laden
ging, um für ihren Mann Branntewein zu holen. Der kriegt Abends immer
Durst, und sie trinkt dann auch mit.«
»Unsinn,« brummte der Justizrath -- »was geht mich die Frau an -- ich
will wissen, ob Sie im Haus keinem =Mann= begegnet sind?«
»Einem Mann?«
»Einem anständig gekleideten Herrn in einem grauen oder dunklen Rock,
der hier oben bei mir war?«
»Ich habe Niemanden gesehen,« sagte das Mädchen erstaunt mit dem
Kopf schüttelnd »und so lange ich hier oben bin, ist auch Niemand
fortgegangen, denn ich habe die Thür gleich hinter mir zugeriegelt und
die Kette vorgehangen.«
Die Frau nickte leise vor sich hin, Bertling aber, ärgerlich darüber,
daß er eine verfehlte Zeugenaussage veranlaßt, rief:
»Nun, denn ist er =vorher= gegangen; die Rieke kann ihm auch eigentlich
gar nicht begegnet sein, denn er muß doch eine ganze Weile früher die
Stube verlassen haben. So viel bleibt sicher, in den Boden hinein ist
er nicht verschwunden -- gehen Sie nur wieder an Ihre Arbeit Rieke -- es
ist gut --.«
Die Rieke zog sich an das Heiligthum ihres Heerdes zurück, griff dort
die Wassereimer auf und ging nach dem Brunnen hinunter, um frisches
Wasser zu holen. Unten im Haus begegnet ihr des Schusters Frau und das
Mädchen, mit dem eben bestandenen Examen noch im Kopf sagte zu dieser:
»Haben =Sie= denn vorhin einen Mann gesehen, Heßbergern, der von uns
herunterkam, wie Sie aus dem Haus gingen?«
»Ich? -- nein,« sagte die Frau -- »was für einen Mann?«
»Ja ich weiß es auch nicht, er soll einen grauen Rock angehabt haben.«
»Und was ist mit dem?«
»Gott weiß es,« brummte die Rieke -- »er muß auf einmal weggewesen sein
und Niemand hat ihn fortgehen sehen, und jetzt glaub ich, ängstigt sich
die Frau darüber und ist sogar ohnmächtig geworden. -- Na Nichs für
ungut« und damit schwenkte sie mit ihren Eimern zur Thür hinaus.
Der Justizrath ging indessen ein paar Mal im Zimmer auf und ab, aber er
dachte dabei nicht an den vollkommen gleichgültigen Fremden, sondern der
Zustand seiner Frau beunruhigte ihn immer ernsthafter. So reizbar und
erregt war sie noch nie gewesen, und während er geglaubt, daß sie all
die alten Phantasieen längst und für immer vergessen hätte, fühlte er
jetzt daß sie dieselben grade im Gegentheil still bei sich getragen und
darüber vielleicht die ganze Zeit gebrütet habe. Wie um Gottes Willen
konnte er ihr das nur aus dem Kopf bringen!
»Es ist doch merkwürdig« sagte die Frau endlich nach längerer Pause,
»daß =zwei= Personen denselben Gegenstand gesehen haben sollten.«
»Gegenstand -- Thorheit!« brummte aber der Justiz-Rath. »Thu' mir den
einzigen Gefallen, liebes Kind, und sprich nicht von Gegenständen, wo es
sich um eine einfache vollkommen gleichgültige Persönlichkeit handelt.
Gedulde Dich nur eine kurze Zeit, der Mensch kommt wahrscheinlich morgen
früh wieder zu mir, und dann erlaubst Du mir wohl, daß ich ihn Dir
vorstellen darf --«
»Und bist Du wirklich überzeugt, daß es ein =Mensch= war?«
»Aber Auguste --«
»Hast Du ihn berührt?«
»Ich? -- hm ich kann mich nicht besinnen -- es war auch keine
Gelegenheit dazu da, denn einem fremden Menschen giebt man doch
nicht gleich die Hand -- aber er ist doch wie andere Sterbliche
hereingekommen.«
»Hat er sich selber die Thür aufgemacht?«
Der Justizrath sann einen Augenblick nach -- »Nein« sagte er dann,
»das konnte er nicht, sie war ja verschlossen -- aber er muß sie selber
wieder aufgemacht haben, um hinaus zu kommen; das wirst Du mir doch
zugeben.«
Auguste war aufgestanden, ging auf den Justizrath zu, legte ihren
rechten Arm um seinen Nacken und ihr Haupt an seine Brust lehnend, sagte
sie leise und bittend:
»Sei nur nicht böse, Theodor, sieh ich kann ja Nichts dafür; und ich
-- mir möchte das Herz selber darüber brechen, aber -- ich fühle es
deutlich in mir, es ist eine Ahnung aus jener Welt, gegen die wir nicht
ankämpfen können, mag sich der Verstand auch dawider sträuben wie er
will. -- Wenn mir der =graue Mann= zum =dritten= Mal erscheint -- so
=sterb= ich.«
»Auguste, ich bitte Dich um Gottes Willen« rief jetzt der Mann in
Todesangst, indem er sie fest an sich preßte -- »gieb nicht solchen
furchtbaren Gedanken Raum. Sieh Kind, man hat ja Beispiele, daß Menschen
nur allein einer solchen fixen Idee erlegen sind, wenn sie sich erst
einmal in ihrem Geiste festgesetzt hatte. Erst war Trübsinn, dann
Schwermuth die Folge und im Körper nahm Schwäche zu, je mehr jene Idee
im Hirn seine verderblichen Wurzeln schlug.«
»Aber Du sprichst immer von einer =Idee=, Theodor,« sagte die Frau --
»habe ich denn die Gestalt nicht zwei Mal deutlich gesehen, so deutlich,
wie ich Dich selber hier vor mir sehe?«
»Das zweite Mal, ja, das gebe ich zu,« sagte der Mann in verzweifelter
Resignation, und jetzt nur bemüht diese Phantasie durch Vernunftgründe
zu bannen -- »denn das unglückselige Menschenkind, das gerade in der
Zeit zu mir kommen mußte -- und ich wollte, Gott verzeih mir die Sünde,
er hätte sonst was gethan -- saß wirklich da. Aber das erste Mal, liebes
gutes Herz =mußt= Du mir doch zugeben, daß es nur das Spiegelbild einer
Deiner Träume gewesen sein kann.«
Die Frau antwortete nicht, schüttelte aber nur leise und kaum merklich
mit dem Kopf.
»Sieh, liebes Kind,« fuhr Bertling, der die Bewegung an seiner Schulter
fühlte, fort: »Du wirst mir doch zugeben, daß ein Geist -- wenn wir
wirklich annehmen wollen, es =gäbe= derartige Wesen, denen verstattet
sei auf der Erde herumzuwandern und Unheil anzustiften -- körperlos sein
muß, also nur ein Hauch, verdichtete Luft höchstens. Was aber keinen
Körper hat, kann man ja doch nicht sehen, wenigstens nicht mit =unseren=
Augen, die ja doch auch nur körperlich sind.«
»Ich antworte Dir darauf durch ein anderes Beispiel,« sagte die Frau,
sich von seiner Schulter emporrichtend. »Wir wissen doch, daß die Sterne
am Himmel stehen, aber trotzdem sieht sie das Menschenauge am Tag nicht,
mag der Himmel so rein sein wie er will -- aber man hat Vorrichtungen
für das Auge, wodurch man sie doch erkennen kann, und warum sollte nicht
das Auge einzelner Menschen so beschaffen sein, daß sie einzelne Dinge
sehen können, die Anderen unsichtbar bleiben.«
»Aber die Sterne sind auch =Körper=, liebes Herz, und noch dazu ganz
respectable.«
»Du weichst mir aus,« rief die Frau, »und ich leugne, daß unser Auge nur
allein für =Körper= geschaffen ist. Der Schatten ist kein Körper und wir
sehen ihn doch.«
»Aber nur, wenn er auf einem Körper liegt, doch nie allein und
selbständig in der Luft.«
»Ich habe auch jene Gestalt nicht frei in der Luft gesehen,« sagte die
Frau, die fest entschlossen schien, den einmal gefaßten Gedanken auch
festzuhalten, »sondern vielleicht nur auf dem Hintergrund der Wand --«
»Du bringst mich noch zur Verzweiflung, Herz, mit Deinem Gespenst,«
sagte Bertling, während ein tiefer Seufzer seine Brust hob -- »wer Dir
nur in aller Welt die tollen Gedanken in den Kopf gesetzt haben kann.«
»Und nennst Du eine feste, innige Ueberzeugung mit diesem Namen,
Theodor?«
»Meine liebe Auguste,« flehte der Mann dringend, »mißverstehe mich
nicht. Ich will Dir ja bei Gott nicht wehe thun, aber wie in aller Welt
soll ich Dich nur überzeugen, daß -- daß Du Dich wirklich und wahrhaftig
geirrt und ein körperliches Wesen mit einem geistigen in eine ganz
unglückselige Verbindung bringst? -- Aber das hätte Alles nichts zu
sagen, Herz, denn von =diesem= Irrthum hoff' ich Dich mit der Zeit zu
überzeugen; nur =Das= beunruhigt mich, und noch dazu in der peinlichsten
Weise, daß sich bei Dir eine -- ich weiß gar nicht, wie ich es nennen
soll -- eine solche unglückselige Idee festgesetzt hat, die Du für eine
Ahnung nahen Todes hältst. Wenn Du mich nur ein ganz klein wenig liebst,
so bekämpfe diesen Gedanken mit allen Kräften, und von dem Uebrigen
fürchte ich Nichts für Dich. Willst Du mir das versprechen?«
»Aber lieber Theodor,« fragte die Frau -- »kann man denn eine
=Ueberzeugung= noch bekämpfen?«
Der Mann seufzte recht aus voller Brust. Endlich sagte er:
»Dagegen läßt sich nicht streiten, und wir können nur hoffen, daß der
liebe Gott noch Alles zum Besten wendet. Ich selber werde mir aber
jetzt die größte Mühe geben, um Dir den Patron, der mich heute Abend mit
seinem Besuch beehrte, als ein sehr körperliches Wesen vorzustellen, und
wenn ich erst einmal =eine= Flanke Deines Luftschlosses niedergerannt
habe, dann hoffe ich auch mit dem Uebrigen fertig zu werden. Bis dahin
bitte ich Dich nur um eins und das mußt Du mir versprechen: Dich nicht
absichtlich trüben Gedanken hinzugeben, sondern sie, so viel das nur
irgend in Deinen Kräften steht, zu bewältigen -- das Uebrige findet sich
dann. Thust Du mir den Gefallen?«
»Von Herzen gern,« sagte die Frau seufzend, »ach Du weißt ja nicht,
Theodor, wie furchtbar schmerzlich mir selber das Gefühl ist und ich
will ja gern Alles thun um es zu ersticken.«
»Dann wird auch noch Alles gut gehen, mein Kind,« erwiderte mit
erleichtertem Herzen Bertling, indem er sie an sich zog und küßte --
»und nun gilt es vor allen Dingen, meinen flüchtig gewordenen Besuch
aufzutreiben, und da mir die Polizei zu Gebote steht, hoffe ich, daß das
nicht so schwer sein soll.«
»Ich fürchte, Du wirst ihn nicht finden,« sagte Auguste.
»Das laß =meine= Sorge sein,« lächelte ihr Mann -- »und nun wollen wir
Thee trinken.«
Viertes Capitel.
Die Kartenschlägerin.
Bertling stand sonst nicht gern vor acht Uhr Morgens auf, und liebte
es seinen Caffee im Bett zu trinken. Er gehörte auch zu den ruhigen
Naturen, die sich durch kein Ereigniß, durch keine Sorge den Nachtschlaf
rauben lassen, sondern Alles, was sie bedrücken oder quälen könnte, über
Tag abmachen. Heute war er aber doch schon um sieben Uhr auf den Füßen
und vollständig angezogen, und ging jetzt selber aus, um vor allen
Dingen der Polizei eine genaue Personalbeschreibung seines gestrigen
Besuches zu geben, wie ebenfalls eine gute Belohnung auf dessen
Ausfindigmachung zu setzen. Natürlich durfte der Mann, wenn wirklich
gefunden, durch Nichts belästigt werden; nur seinen Namen und seine
Wohnung wollte er wissen, und ihn dann selber aufsuchen.
Die Polizei entwickelte auch eine ganz besondere Thätigkeit, denn zehn
Thaler waren nicht immer so leicht zu verdienen. Nach allen Seiten
breiteten sich ihre Diener aus und hatten auch in der That schon
den ersten Tag in den verschiedenen Revieren einige zwanzig Leute
aufgetrieben, die der gegebenen Beschreibung allenfalls entsprachen, den
Justizrath aber in nicht geringe Verlegenheit setzten. Er bekam nämlich
dadurch einige zwanzig Adressen von ihm völlig unbekannten Leuten, die
in den verschiedensten Theilen der Stadt sämmtlich die 3te oder 4te
Etage zu bewohnen schienen und wohl oder übel mußte er seine Wanderung
danach beginnen, denn zu sich citiren konnte er sie natürlich nicht.
Wie man sich denken kann, fand er auch die Hälfte von ihnen nicht einmal
beim ersten Besuch zu Haus, und wenn er sie fand, sah er sich wieder
und wieder getäuscht, denn der =Rechte= war nicht unter ihnen. Vier Tage
lang aber setzte er mit unverdrossener Mühe seine Versuche fort, immer
aufs Neue getäuscht, aber immer auf's Neue hoffend, daß ihm der nächste
Name den Gesuchten vorführen würde.
Dabei hegte er noch immer den stillen Glauben, daß der Mann, der an
jenem Abend jedenfalls etwas von ihm gewollt, vielleicht sogar von
selber wiederkehren würde -- aber er sah sich darin ebenso getäuscht,
wie in seinen eigenen Versuchen ihn aufzufinden. Der räthselhafte Mensch
schien wie in den Boden hinein verschwunden.
Am Meisten beunruhigte ihn dabei seine Frau. Sie wußte recht gut, wen er
die ganzen Tage über, mit Vernachlässigung aller seiner nothwendigsten
Geschäfte, gesucht habe; nie aber, wenn er körperlich ermattet und
geistig abgespannt zum Mittags- oder Abendbrot heim kam, frug sie ihn
nach dem Resultat seiner heutigen Suche -- sie schien das schon vorher
zu wissen, sondern nickte nur immer still und schweigend mit dem Kopf,
als ob sie hätte sagen wollen: Es ist ja natürlich -- wie kannst Du ein
Wesen in der Stadt finden wollen, das gar nicht auf der Erde körperlich
existirt -- und dem Justizrath war es dann jedesmal, als ob er wie ein
Maschinenwerk frisch aufgezogen wäre, und die Zeit gar nicht erwarten
könne, in der er wieder anfinge zu laufen.
Er war heute Nachmittag aber erst um vier Uhr fortgegangen, weil einige
nothwendige Arbeiten erledigt werden =mußten=, um sieben Uhr hatte er
außerdem eine Sitzung und seiner Frau gesagt, daß er heute nicht vor
neun Uhr nach Hause kommen könne -- wäre er aber im Stande sich früher
loszumachen, so thäte er es sicher. Dann ging er jedoch zu Janisch
hinüber und bat die junge Frau, ob sie heute Nachmittag nicht ein
wenig die Freundin besuchen könne. Sie sei heute so merkwürdig
niedergeschlagen, und da er durch nothwendige Geschäfte abgehalten
wäre, würde es ihm eine große Beruhigung sein, wenn sie ihr Gesellschaft
leisten wollte.
Die stets heitere und freundliche Hofräthin versprach das von Herzen
gern, ja meinte, sie hätte es sich heute sogar schon selber vorgenommen
gehabt, Augusten aufzusuchen, da sie -- einen Scherz vorhabe bei dem sie
ihre Mitwirkung wünsche.
»Sie sind ein Engel,« sagte der Justizrath mit einer, an ihm ganz
ungewohnten Galanterie, denn durch die freundliche Zusage schien sich
ihm eine Last vom Herzen zu wälzen, und vollständig versichert, daß
seine Frau jetzt für den Nachmittag und Abend Zerstreuung und also keine
Zeit habe, ihren trüben Gedanken nachzuhängen, ging er mit Ernst und
gutem Willen auf's Neue an die undankbare Arbeit, eine unbestimmte
Persönlichkeit, von der er weder Namen, Stand noch Wohnung wußte, in der
ziemlich weitläufigen Stadt aufzusuchen.
Die Hofräthin Janisch hielt indessen Wort; kaum eine halbe Stunde später
war sie drüben bei der Freundin und hatte ihr so viel zu erzählen und
plauderte dabei so liebenswürdig, daß Auguste das sonst so schwer auf
ihr lastende Gefühl endlich ganz vergessen zu haben schien. Bertling
würde seine herzinnige Freude daran gehabt haben, wenn er sie in dieser
Zeit hätte sehen können.
Indessen war die Dämmerung hereingebrochen. Eben aber wie Licht gebracht
werden sollte, sagte Pauline:
»Hör einmal, liebes Herz, ich -- ich habe etwas vor, bei dem Du mir
helfen sollst -- willst Du? -- es ist nur ein Scherz.«
»Von Herzen gern, was ist es?«
»In Eurem Hause wohnt eine Frau -- nun wie heißt sie doch gleich -- eine
Frau Heßling oder --«
»Heßberger? Das ist die Schuhmachers Frau, gleich über uns. Meinst Du
die?«
»Ganz recht. Ihr Mann arbeitet für uns und die Frau -- aber Du darfst
mich nicht auslachen, Schatz -- die Frau soll ganz vortrefflich Karten
schlagen können.«
Auguste lächelte. »Ich habe auch schon davon gehört,« nickte sie leise
vor sich hin, »und der Mann hat dabei die komische Eigenschaft, daß
er das für eine Kunst des Teufels hält, es der Frau aber doch nicht
verbietet, weil sie Geld damit verdient. Um aber das Unheil abzuwenden,
das dadurch auf ihn fallen könnte, singt er jedes Mal, so lange die
Frau mit solch unheiliger Beschäftigung hantirt, im Nebenzimmer und mit
lauter Stimme geistliche Lieder, die in der Nähe schauerlich klingen
müssen, denn schon aus der oberen Etage herunter haben sie uns oft zur
Verzweiflung getrieben. Bei Gewittern macht er es ebenso.«
»Das stimmt Alles,« lächelte Pauline, »und jetzt wollte ich Dir nur
mittheilen, Schatz, daß ich gesonnen bin, Dich diesen musikalischen
Ohrenschmaus ganz in der Nähe genießen zu lassen.«
»Mich,« frug Auguste erstaunt -- »was hast Du denn vor?«
»Nichts weniger« lachte Pauline, »als mir von Frau Heßberger heute Abend
die Karten legen zu lassen und in dem dunklen Buche des Schicksals
zu lesen, während ihr Gatte durch ein paar passende oder unpassende
Gesangbuchverse die bösen Geister fern hält.«
»Aber Pauline --«
»Und Du sollst mich begleiten,« rief diese muthwillig -- »ich will mich
nicht umsonst schon die ganze Woche darauf gefreut haben.«
Auguste schüttelte nachdenkend mit dem Kopf -- es war ihr nicht ganz
recht; die Aufforderung kam ihr aber auch so unerwartet und plötzlich,
daß sie nicht gleich einen richtigen Grund wußte, sie abzulehnen.
»Man soll doch eigentlich nicht mit den Geheimnissen der Zukunft sein
Spiel treiben« sagte sie endlich leise.
»Aber Herzensschatz,« lachte Pauline, »Du glaubst doch nicht etwa,
daß Frau Heßberger, die den ganzen Tag über Schuhe einfaßt, oder
ihrem Gatten den Pechdrath zu seiner Arbeit zurecht macht, Abends
eine wirkliche Sybille würde und mehr von den Geheimnissen der Zukunft
errathen könnte, als wir anderen armen Sterblichen auch?«
»Wozu dann aber einen solchen Versuch machen?«
»Verstehst Du denn keinen Spaß?« lachte Pauline -- »ich freue mich wie
ein Kind darauf, ihre geheimnißvollen Zubereitungen zu sehen und die
Orakelsprüche, während ihr Gatte den Teufel fern hält, -- aus ihrem
Munde zu hören. So was erlebt man doch nicht alle Tage, und bequemer wie
wir es von hier aus haben, bekommt man es auch sobald nicht wieder.«
»Aber was sollen die Leute dazu sagen, wenn wir hinauf zu der Frau
gehen?«
»Und wer braucht es zu erfahren? -- Deine Rieke schickst Du ein paar
Wege in die Stadt, wobei sie immer so viel für sich selber zu besorgen
hat, daß sie doch vor einer Stunde nicht wieder kommt, und in der Hälfte
der Zeit haben wir unseren Besuch gemacht.«
»Und wenn die Frau selber darüber plaudert?«
»Das thun derartige Leute nie, denn sie wissen, daß sie sich dadurch
ihre ganze Kundschaft vertreiben würden. Wo es aber ihren eigenen Nutzen
betrifft, sind solche Menschen klug genug. Thu mirs nur zu Gefallen,
Auguste; ich habe mich schon so lange darauf gefreut und kann doch nicht
gut allein hinauf gehen.«
»Wenn es mein Mann erfahren sollte, würde er böse darüber werden -- ich
kenne Bertling.«
»Lachen wird er,« rief Pauline »wenn wir ihm nachher die ganze
Geschichte erzählen -- es giebt ja doch einen Hauptspaß und Du darfst
ihn mir nicht verderben. Außerdem brauchst Du Dir ja auch gar Nichts
prophezeihen zu lassen, wenn Du irgend glaubst, daß es Deinem Mann --
den ich übrigens für vernünftiger halte -- fatal sein könnte. Du gehst
nur als Ehrendame mit, setzest Dich ruhig auf einen Stuhl -- oder wenn
der nicht da sein sollte, auf einen Schusterschemel und hörst zu.«
Auguste lächelte still vor sich hin, als sie sich das Bild im Geist
herauf beschwor, die muntere Freundin ließ auch mit Bitten nicht nach,
und wußte alle ihre Bedenken so geschickt und mit solchem Humor zu
beseitigen, daß sie sich endlich nicht länger weigern konnte und mochte,
und Pauline sprang jetzt, fröhlich in die Hände schlagend ordentlich wie
ein Kind, das ein neues Spielzeug bekommen hat, in der Stube herum.
Ein Auftrag für Rieke, um diese zu entfernen, war bald gefunden und kaum
sahen sie das Mädchen über die Straße gehen, als die beiden Frauen ihre
Tücher umhingen und in die dritte Etage hinanstiegen.
Nach der Frau Heßberger aber brauchten sie nicht lange zu fragen, denn
gleich rechts von der Treppe war die enge, dunkle Küche, in der die Dame
eben beschäftigt schien die Abendsuppe anzurichten. Eine gewöhnliche
Küchenlampe verbreitete ein mattes trübes Licht in dem niederen, eben
nicht besonders sauber gehaltenen Raum, in den aber des Schusters Frau
ganz vortrefflich hineinpaßte und sich auch wohl darin zu fühlen schien.
Wie sie die leichten Schritte auf der Treppe hörte, nahm sie aber mit
der Rechten, während die Linke noch immer in der Suppe rührte, die Lampe
auf und hielt sie über den Kopf, um darunter hinweg besser erkennen zu
können, wer der fremde Besuch sei. -- Unerwartet kam er ihr ja überhaupt
nicht, denn es geschah gar nicht etwa so selten, daß sie von den
verschiedensten Damen der Stadt und zwar von Damen =jeden= Ranges in der
Gesellschaft, gerade um diese Zeit des Abends, oder auch noch später,
aufgesucht und mit ihrer Kunst in Anspruch genommen wurde -- und sie
verdiente mehr damit wie ihr Mann, trotz allem Fleiß, mit Ahle und
Draht.
Auguste schämte sich fast ein wenig des Besuchs und hielt sich noch
immer scheu zurück, ihre keckere Freundin aber, die überhaupt die
Leitung des Ganzen übernommen hatte, trat auf die Frau zu und wollte
eben ihr Anliegen vortragen, als die Kartenschlägerin sie jeder
Ansprache überhob, indem sie mit einer Höflichkeitsbewegung, die als ein
Mittelding zwischen Knix und Verbeugung gelten konnte, sagte:
»Nun, da kommen Sie ja doch noch, Frau Hofräthin; habe Sie schon eine
halbe Stunde erwartet, und dachte beinah es wäre etwas dazwischen
gekommen. Bitte treten Sie näher Frau Justizräthin -- freut mich ja
recht sehr, Sie auch einmal oben bei mir zu sehen.«
Auguste erschrak beinahe, denn sie stand noch in dem halbdüsteren
Vorsaal und zum Theil von der Freundin gedeckt, Pauline aber wandte ihr
halblachend den Kopf zu und sagte dann:
»Schön, meine liebe Frau Heßberger, daß Sie uns erwartet haben; dann ist
wohl auch bei Ihnen Alles hergerichtet?«
»Alles, beste Frau Hofräthin, Alles,« erwiderte aber Frau Heßberger,
ohne sich außer Fassung bringen zu lassen. »Das versteht sich doch aber
auch von selbst, wenn man so vornehmen Besuch erhofft; die Stühle sind
schon zum Tisch gerückt; habe weiter nichts drin zu thun, wie nur die
Lichter anzuzünden.«
Pauline wurde selber ein wenig stutzig, die Frau ließ ihr aber keine
Zeit zu weiteren Fragen und nur mit den Worten: »Erlauben Sie, daß ich
vorangehe« -- öffnete sie die Thür zur Werkstätte, in welcher ihr Gatte
und ein Lehrjunge hinter ein paar erleuchteten Glaskugeln arbeiteten.
Der alte Heßberger, eine kleine untersetzte Gestalt mit einer schwarzen,
Gott weiß wie alten, fettglänzenden Mütze und eine Brille auf, kauerte
auf seinem Schemel und schaute, als sich die Thür öffnete, von seiner
Arbeit gar nicht auf. Mürrisch sah er vor sich nieder, und machte auch
nicht den geringsten Versuch selbst zu irgend einer Art von Gruß. Der
Besuch galt nicht ihm, so viel wußte er recht gut, weshalb also brauchte
er sich darum zu kümmern.
Auch selbst der Lehrjunge warf nur einen raschen und scheuen Blick nach
den Damen hinüber, denn der gegenüber sitzende Meister beobachtete ihn
über die Brille weg dann und wann, und ein, auf dem offenen Gesangbuch
dicht neben ihm liegender Knieriem mochte wohl eine versuchte Neugier
von seiner Seite schon manchmal auf frischer That ertappt und bestraft
haben.
Es ist möglich, daß das mürrische Temperament des Alten die einzige
Ursache dieser Gleichgültigkeit war, viel wahrscheinlicher aber, daß er
es eher aus Rücksichten für den Besuch selber unterließ, von diesem die
geringste Notiz zu nehmen, oder nehmen zu lassen, denn er wußte recht
gut, daß die Damen, die solcher Art bei Nacht und Nebel zu seiner Frau
kamen, nicht erkannt und am Liebsten gar nicht gesehen sein wollten
-- warum ihnen also nicht darin willfahren, da sie doch immer gut
bezahlten.
Die Frau bog indessen rasch zwischen einem Haufen der verschiedensten
Leisten und Lederstücke und dem Ofen hindurch nach der dort befindlichen
Thür, öffnete diese und entzündete zwei auf dem mit einer alten
verwaschenen Caffeeserviette bedeckten Tisch stehende Talglichter;
Auguste und Pauline waren ihr indeß gefolgt, und ehe sie die Thür hinter
ihnen schloß, rief sie nur noch dem Lehrjungen zu, die Suppe für den
Meister herein zu holen und drehte dann den Schlüssel im Schloß um.
Pauline, während ihre Freundin kaum aufzuschauen wagte, sah sich
indessen in dem kleinen Gemach um, das allerdings nicht glänzend
genannt werden konnte, aber doch sehr zu seinem Vortheil gegen Küche und
Werkstätte abstach.
Es war ein nicht sehr großes Gemach, das allem Anschein nach zum Wohn-
und Schlafzimmer der Eheleute diente. Zwei Betten standen -- Fuß- und
Kopfende an der einen Wand, durch nichts als ein paar alte Decken von
buntem Kattun verhüllt. An den Fenstern hingen aber Gardinen, ja standen
sogar zwei Blumentöpfe mit den ersten Kindern des Frühlings, Primeln und
Hyacinthen, und an beiden Seiten des kleinen Spiegels, aus dem eine Ecke
fehlte, waren ein paar schauerliche Oelgemälde angebracht, die
jedenfalls »Herrn und Madame Heßberger« im Sonntagsstaat -- vielleicht
als junge Eheleute darstellen sollten. Waren sie indessen mit der Zeit
so nachgedunkelt, oder verhüllte die jetzige Düsterheit des Gemachs ihre
vielleicht sonst sichtbaren Umrisse: in diesem Augenblick ließ sich auf
dem einen Bilde Nichts als die Contour eines Kopfes und ein riesiges
Jabot erkennen, während auf dem anderen nur die weit ausflügelnde Haube
der Frau und eine Hand sichtbar blieb, in der sie ein weißes Taschentuch
emporhielt.
Unter dem Spiegel hingen noch ein paar Silhouetten in unkennbaren
Formen.
Daß die Frau übrigens auf einen Besuch vorbereitet gewesen, wenn sie
das überhaupt nicht jeden Abend war, zeigte in der That die ganze
Vorrichtung des Tisches neben dem für die beiden Gäste zwei gepolsterte
Stühle mit altmodischen hohen Lehnen standen und auf diese nöthigte auch
die Frau Heßberger ihren Besuch und sagte freundlich:
»Setzen Sie sich, meine Damen, Sie brauchen mir gar Nichts vorher zu
sagen, ich weiß schon ohnedies weshalb Sie hergekommen sind -- bitte
nehmen Sie Platz, und wir wollen dann gleich einmal versuchen ob ich
Ihnen helfen kann.«
»Und wissen Sie wirklich was ich Sie fragen will, Frau Heßberger?«
frug Pauline, die in dem Augenblick doch etwas von ihrer vorherigen
Ausgelassenheit verloren zu haben schien.
»Warum sollt ich nicht, Frau Hofräthin, warum sollt ich nicht und wie
könnte ich mich unterfangen Zukünftiges voraus zu sagen, wenn ich nicht
das Vergangene und wirklich Geschehene wüßte --«
»Aber ich begreife nur nicht --«
»Lieber Gott« sagte des Schusters Frau, mit einem frommen Blick nach
oben, »wir begreifen Manches nicht auf dieser Welt, Frau Hofräthin, und
leben in unserer Unschuld so in den Tag hinein. -- Wenn man aber ein
Bischen tiefer sehen lernt, Frau Hofräthin, dann bekommt man eine andere
Meinung von der Sache -- Gottes Wege sind wunderbar.«
Es war ordentlich als ob das das Stichwort für ihren Gatten im
Nebenzimmer gewesen wäre, denn in demselben Moment begann er mit seinem
schauerlich näselnden Ton, das gewöhnliche Präservativmittel gegen den
bösen Feind und dessen Einwirkungen, irgend ein endloses Lied aus dem
Gesangbuch. Der würdevolle Vortrag wurde aber heute leider durch etwas
gestört; der Schuhmacher hatte nämlich noch keine Zeit bekommen, um
seine Suppe zu essen, und daß er Beides mit einander zu verbinden
suchte, that dem Einen Eintrag und ließ ihn das Andere nicht recht
genießen -- aber es mußte eben gehen.
Die Frau, ohne auf den plötzlichen Gesangsausbruch auch nur im Mindesten
zu achten, holte indessen von dem kleinen Tisch unter dem Spiegel, auf
dem einige vergoldete Tassen, zwei blaue Glasvasen mit Schilfblüthen
und ein paar grell bemalte Gypsfiguren standen, ein Spiel ziemlich oft
gebrauchter Karten, mit denen sie sich in einer Art von geschäftsmäßiger
Eile auf einen hohen Rohrschemel setzte und dabei links und rechts auf
die Lehnstühle wieß, um die Damen dadurch einzuladen Platz zu nehmen.
Pauline hatte im Stillen gehofft in dem Zimmer der Kartenprophetin eine
Menge wunderbarer und unheimlicher Dinge zu finden, die mit ihrer Kunst
in Verbindung standen -- einen schwarzen Kater z. B. der schnurrend
neben der Wahrsagerin saß und auf ihre Worte horchte -- düstere Tapeten
vielleicht und einen Todtenkopf von magischen Zeichen umgeben. Aber
von alledem zeigte sich nichts, denn der bunt gemalte Gipspapagei und
Napoleon I., die auf dem Tisch unter dem Spiegel standen und sich --
beide von einer Größe -- einander starr ansahen, konnten doch wahrlich
nicht als derartige Symbole gelten. Das ganze Zimmer zeigte überhaupt
Nichts, was nicht auch in der Wohnung jedes anderen Handwerkers zu
finden gewesen wäre -- die Karten selber vielleicht ausgenommen.
Die Aufmerksamkeit der kleinen lebendigen Frau wurde aber bald
ausschließlich auf die Karten gelenkt, denn die Frau Heßberger begann
jetzt in feierlicher Weise sie zu mischen, und dazu tönte der, nur
zeitweise von der Suppe unterbrochene Gesang des Schusters dazwischen
-- und wie laut die alte Schwarzwälder Uhr an der Wand da mit hinein
tickte.
Endlich war das Spiel gehörig vorbereitet und die Frau sagte plötzlich,
indem sie die Karten der rechts von ihr sitzenden Hofräthin zum Abheben
hinlegte:
»Also Sie wollen vor allen Dingen wissen, meine verehrte Frau Hofräthin,
ob Sie etwas Gestohlenes wieder bekommen werden und -- wo der Dieb zu
suchen ist.«
»Das allerdings« lächelte die kleine Frau -- »aber es wird doch wohl
nöthig sein zu sagen was es ist.«
»Das sehen wir ja aus den bunten Blättern« erwiderte ruhig die
Kartenschlägerin.
»In der That?«
Die Frau antwortete nicht mehr; sie legte in der gewöhnlichen Weise
ihre Karten auf den Tisch und während sie sich mit den gerade nicht
überreinlichen Fingern der rechten Hand das Kinn strich, betrachtete
sie die Kombination der verschiedenen Blätter mit leisem und prüfendem
Kopfnicken.
Augustens und Paulinens Blicke hafteten jetzt wirklich mit Spannung auf
den Zügen der Alten, die aber ihre Gegenwart ganz vergessen zu haben
schien, wie sie selber auch in diesem Augenblick gar nicht mehr das
schauerliche Lied des Schuhmachers in der nächsten Stube hörten.
Endlich brach die Alte das Schweigen und sagte:
»Jawohl -- ich hab es mir gleich gedacht -- das kann nur ein Hausdieb
sein -- aus dem Secretair heraus --«
»Hat sie Recht?« frug Auguste nur mit einem Blick über den Tisch hinüber
die Freundin und diese nickte ihr halbverstohlen zu.
»Nur ein Hausdieb -- aber er hat es schlau angefangen -- da die Treff
Sieben mit der Caro sechs, die den Coeur Buben in der Mitte haben -- --
aber der Bube selber war es nicht, doch hat er es fortgetragen und es
wird nie wieder zum Vorschein kommen --«
»Ja aber beste Frau Heßberger,« sagte Pauline mit einem schelmischen
Blick auf die Künstlerin -- »daß es Jemand fortgetragen hat, wußte ich
schon vorher, und jetzt möchte ich nur erfahren =wer=; dann ist es doch
vielleicht möglich dem gestohlenen Gegenstand auf die Spur zu kommen.«
»Nicht so leicht,« sagte die Frau kopfschüttelnd -- »da liegt es, die
Caro zehn sagt es deutlich -- ein Corallen-Halsband mit goldenem
Schloß -- das ist leicht versteckt. -- Aber der Dieb hat seine Spuren
zurückgelassen -- da gehen sie Treff zwei, Pike zwei, Treff vier, Pike
vier, -- deutlich hin zu der Pike-Dame -- ich sehe ein Mädchen mit
grünem Band auf der Haube, die etwas in die Taschen steckt und dann
langsam die Straße hinunter geht. --«
»In den Karten?«
»Dort unten an der Ecke trifft sie mit dem Coeurbuben zusammen -- aber
den kann ich nicht deutlich erkennen,« fuhr die Frau fort, ohne den
Einwurf zu beantworten. »Er ist zu weit entfernt.«
»Also die Pike-Dame mit dem grünen Band auf der Haube,« nickte Pauline
lächelnd, »da wäre schon eine ziemlich deutliche Spur gefunden, denn ich
kenne eine junge Dame, die ein grünes Band auf der Haube trägt. -- Wenn
wir nur den Coeur Buben ausfindig machen könnten, dem sie das Gestohlene
gegeben hat.«
»Das ist nicht so leicht,« sagte die Kartenschlägerin, die ihre Blätter
indessen aufmerksam betrachtet hatte -- »hier zieht sich eine lange
Linie von Treff und Pike zwischen ihm und Ihrer Karte durch, Frau
Hofräthin. -- Er kann nur durch die Pike-Dame mit dem grünen Band
ermittelt werden.«
»Der Wink ist deutlich genug, und ich werde ihn befolgen,« lächelte die
Hofräthin -- »herzlichen Dank Frau Heßberger -- Sie haben mir gezeigt,
daß Sie in Ihrer Kunst Meisterin sind« und dabei drückte sie der
geschmeichelten Schusters Frau einen harten Thaler in die Hand.
»Und soll ich Ihnen auch sagen, was Sie wissen möchten, Frau
Justizräthin?« wandte sich die Kartenkünstlerin jetzt an Auguste, die
ein wohl aufmerksamer, aber bis dahin doch theilnahmloser Zuschauer des
Ganzen gewesen war. Sie hatte dabei die über den Tisch gelegten Karten
wieder zusammengerafft und fing von Neuem an zu mischen.
»Ich danke Ihnen sehr,« sagte aber Auguste, fast ängstlich, »ich -- ich
habe meine Freundin nur begleitet.«
»Und doch liegt Ihnen etwas auf dem Herzen, Kind, was Sie um Alles in
der Welt davon herunter haben möchten,« fuhr die Frau geschwätzig fort,
ohne sich irre machen zu lassen. -- »Da heben Sie nur einmal ab, die
alte Heßbergern weiß oft mehr, als andere Leute zu glauben scheinen.«
Augusten war es, als ob ihr Jemand einen Stich ins Herz gegeben. -- Oh,
wohl lag ihr etwas auf dem Herzen -- aber was wußte die Frau davon --
was =konnte= sie davon wissen.
»Heben Sie nur ab, Frau Justizräthin,« drängte die Alte »-- es ist ja
nichts Unrechtes, was man damit thut. -- Was wir vom Schicksal nicht
erfahren =sollen=, erfahren wir doch nicht, so viel Mühe wir uns auch
damit geben.«
»So thu ihr doch den Willen,« lächelte Pauline -- »oder soll ich für
Dich abheben?«
»Nein, das muß die Frau Justizräthin selber thun,« wandte aber die Frau
ein; »sonst bekommen wir nachher Confusion. So ists recht -- danke Ihnen
Madamchen; nun wollen wir gleich einmal sehen, ob wir Ihnen nicht helfen
können« und in der alten Weise die Karten auslegend, bedeckte Sie
mit ihnen den Tisch, schüttelte dabei aber, wie über die Reihenfolge
erstaunt, langsam mit dem Kopf.
Auguste hatte fast willenlos ihren Wunsch befolgt, aber das Herz schlug
ihr dabei so fieberhaft, die Brust war ihr so beengt, sie hätte jetzt
Gott weiß was darum gegeben, nur von hier fort zu sein.
»Hm, hm, hm, hm« murmelte da die Alte vor sich hin, indem sie die Karten
prüfend betrachtete und immer stärker dazu mit dem Kopf schüttelte, »das
ist ja eine ganz wunderliche Geschichte -- da geht Ihr Lebensfaden so
glatt durch das halbe Spiel, und da kommt auf einmal ein fremder Mann
mit einem grauen Rock dazwischen --.«
Auguste wollte sich krampfhaft von ihrem Stuhl heben, aber sie vermochte
es nicht -- willenlos brach sie zurück; Pauline jedoch bemerkte zu ihrem
Schrecken, daß Leichenblässe ihre Züge deckte, und sie kaum im Stande
war, sich noch aufrecht zu halten. Pauline behielt auch in der That nur
eben noch Zeit zuzuspringen und sie zu halten, sonst wäre sie unfehlbar
von ihrem Stuhl herabgestürzt. Trotzdem wurde sie nicht ohnmächtig; es
schien nur als ob eine plötzliche Schwäche über sie gekommen sei und sie
bat mit leiser Stimme um ein Glas Wasser. Darnach fühlte sie sich
etwas gestärkt, aber jetzt bestand Pauline wieder darauf, daß sie des
Schuhmachers Wohnung augenblicklich verließen -- machte sie sich doch
längst schon insgeheim Vorwürfe darüber, die Freundin überredet zu
haben, sie hier herauf zu begleiten.
»Fühlst Du Dich stark genug Herz, mit mir fortzugehen?« frug sie leise,
indem sie ihren Arm um Augusten legte.
»Ja, ja,« rief diese rasch und heftig, indem sie sich ohne Hülfe
aufrichtete -- »komm fort -- mir ist es als wenn ich hier sterben
müßte.«
»Bitte leuchten Sie uns,« bat Pauline, indem sie dabei Augusten umfaßt
hielt.
»Aber beste Frau Hofräthin.«
»Wenn mir die Freundin hier krank wird, mache ich Sie dafür
verantwortlich,« rief die kleine Frau heftig. -- »Nehmen Sie Ihr Licht,
rasch!«
Sie sprach das mit einem so befehlenden, ja drohenden Ton, daß die bis
dahin noch so feierliche Frau Heßberger ganz beweglich wurde. Sie
griff auch rasch ein Licht auf und während ihr Mann mit dem geleerten
Suppennapf neben sich, noch an den letzten Versen seines endlosen Liedes
brüllte, schritten die beiden Damen durch die Werkstätte. Aber erst
draußen auf der Treppe, als Auguste wieder freie und frische Luft
schöpfte, athmete sie auf und schweigend stiegen die Freundinnen in die
untere Wohnung, wo sich die Justizräthin erschöpft in einen Stuhl warf.
»Aber lieber Herzensschatz,« nahm hier Pauline das Wort, nachdem sie
sich vorher überzeugt hatte, daß sie allein im Zimmer waren -- »wie, um
Gottes Willen hat Dich das Gewäsch der alten Kaffeeschwester auch nur
im Mindesten aufregen können. Du bist doch vernünftig genug an derlei
Unsinn nicht wirklich zu glauben.«
»Wir hätten gar nicht hinauf gehen sollen,« sagte Auguste leise -- »ich
wußte vorher wie es werden würde.«
»Aber soll man sich denn nicht einmal derartige Dinge mit ansehen?
Ist es denn nicht interessant zu beobachten wie die Menschen einander
betrügen und wie sie betrogen sein wollen?«
»Aber hat sie Dir denn nicht von Deinem verlorenen Schmuck gesagt? Woher
konnte Sie das wissen?«
»Woher?« lachte Pauline, »als ob derartiges Volk nicht überall herum
spionirte, und mit ein klein wenig Mutterwitz begabt, leicht im Stande
wäre, irgend etwas Glaubbares hinzustellen. Die Phantasie der Gläubigen
trägt freiwillig dazu bei und der Ruf einer Prophetin ist fix und
fertig. -- Denkst Du nicht, daß sie bei meinen Dienstboten schon herum
gehorcht hat, ja zehn gegen eins möchte ich wetten, daß ein' oder die
andere Person schon bei ihr gewesen ist, um sich Raths zu erholen; aber
das will ich schon herausbekommen, verlaß Dich darauf.«
»Und die Frau mit der grünen Schleife?«
»Es geht allerdings eine Wäscherin bei uns aus und ein,« sagte die
Hofräthin, »die eine grüne Schleife auf der Haube trägt, und der wird
sie oft genug begegnet sein. Ich habe aber nicht den geringsten Grund
auf die in jeder Hinsicht achtbare Person irgend einen Verdacht zu
werfen. Jedenfalls hat sie auch nur ganz auf gut Glück hin die genannt,
eben so wie bei Dir den Mann im grauen Rock.«
»Nein, nein,« rief aber Auguste rasch und heftig und warf den Blick
dabei scheu umher -- »da liegt ein tieferes Geheimniß zum Grunde und
=das= gerade drohte mir da oben die Besinnung zu rauben.«
»Es war so dumpf und heiß in der Stube, daß mir selber fast unwohl
geworden ist,« sagte die Hofräthin.
»Der graue Mann existirt,« flüsterte da Auguste »und unerklärlich bleibt
es mir, wie sie davon wissen konnte, denn gegen keinen Menschen in der
Welt habe ich mich darüber ausgesprochen, als gegen meinen Mann.«
Pauline schüttelte mit dem Kopf, endlich sagte sie:
»Und darf ich wissen, was es damit zu bedeuten hat?«
»Ja,« hauchte Auguste -- »aber nicht heute -- nicht jetzt Pauline -- ich
bin schon überdies zu aufgeregt, und fürchte, daß -- daß es noch mehr
der Fall sein würde, wenn ich -- jene wunderliche Erscheinung frisch
herauf beschwören wollte. Morgen -- morgen früh, wenn die Sonne scheint
und alles licht und hell um uns ist -- nicht jetzt -- nicht jetzt.«
»Gut mein liebes Herz,« sagte Pauline, die gar nicht daran dachte sie
jetzt zu drängen -- »bis morgen kann ich Dir dann auch vielleicht
von mir Auskunft geben, wie weit die Prophezeihung der Schusters Frau
wirklich zutrifft und ob sie eben mehr weiß wie andere Leute.«
Auguste erwiderte nichts darauf: sie nickte nur schweigend mit dem Kopf
und Pauline fühlte, daß sie ihr keinen größeren Gefallen thun konnte,
als sie jetzt allein und ungestört zu lassen. Sie nahm auch kurzen
Abschied von ihr und ging, sann aber unterwegs hin und her darüber, was
der sonst so ruhigen Freundin geschehen sein müsse, um sie in eine so
überreizte Stimmung zu versetzen, denn es war ja nicht möglich, daß die
albernen Vermuthungen der Schusters Frau wirklich einen Einfluß auf
sie ausgeübt haben sollten. Doch das gedachte sie morgen Alles
herauszubekommen -- heute ließ sich doch nichts mehr an der Sache thun.
Fünftes Capitel.
Die böse Nacht.
Als der Justizrath an diesem Abend um neun Uhr nach Hause kam, war seine
Frau schon zu Bett gegangen. Sie hatte, wie das Mädchen sagte, heftige
Kopfschmerzen gehabt und sich zeitig niedergelegt. Als Bertling hinüber
ging, schlief Auguste und er trat noch in sein Arbeitszimmer, um die
heute eingelaufene Correspondenz zu lesen und zu beantworten -- hatte er
doch den ganzen Tag keine Zeit dazu gefunden.
Es war bald halb zwölf Uhr, ehe er selber sein Lager suchte und die Frau
schlief noch immer, aber unruhig. Sie schien zu träumen, hob den Arm
und öffnete die Lippen, sprach aber Nichts und lag gleich darauf wieder
still und ruhig. Sie hatte das in der letzten Zeit öfter gethan, auch
wohl gesprochen, aber immer nur unzusammenhängende Worte, ohne sich
später je eines Traumes bewußt zu sein, und Bertling beunruhigte sich
also nicht weiter darüber. Unwillkürlich fiel ihm aber doch wieder jener
wunderliche und so geheimnißvoll verschwundene Besuch ein, den er
bis dahin vergeblich in der ganzen Stadt gesucht. War nicht die ganze
Polizei nach dem Mann im grauen Rock ausgewesen, ohne auch nur auf die
entfernteste Spur zu kommen? und schien es nicht fast, als ob er die
Stadt in gerade so räthselhafter Weise verlassen hätte, wie damals
Bertlings eigenes Zimmer?
Mit den Gedanken suchte der Justizrath sein Lager und war bald, von den
vielen Arbeiten dieses Tages ermüdet, sanft eingeschlafen. -- Seiner
Meinung nach konnte er aber kaum die Augen geschlossen haben, als er
seinen Namen rufen hörte:
»Theodor! -- Theodor!«
Noch schlaftrunken richtete er sich empor -- »Weckst Du mich Auguste?«
frug er.
»Und Du kannst schlafen,« sagte die Frau mit vorwurfsvollem aber weichem
Ton -- »schlafen in der =letzten= Stunde, die wir noch beisammen sind?«
»Aber Auguste,« sagte der Mann erschreckt und war in dem einen Moment
auch vollkommen munter geworden -- »was hast Du nur -- was sprichst Du
da? Sicherlich hast Du geträumt -- ich bin ja bei Dir Herz, wache nur
ordentlich auf.«
»Ach ich war so glücklich,« sagte da die Frau, mit einem Ton, der
ordentlich in seine Seele schnitt -- »so glücklich die kurze Zeit mit
Dir -- und muß nun fort.«
Bertling wußte gar nicht wie er aus dem Bett kam, so rasch fuhr er in
seine Kleider und zündete dann ein Licht an.
Auguste lag, die Augen geschlossen, die Arme vor sich ausgestreckt, aber
die Hände gefaltet, in ihrem Bett und große helle Thränen liefen ihr
über die Wangen. Bertling aber hielt das immer noch für einen einfachen,
schweren Traum, der ja augenblicklich weichen mußte, so wie er sie nur
weckte.
»Mein liebes Herz,« sagte er, seinen Arm um ihre Schultern legend --
»wach auf, Du träumst ja nur --«
»Und hast Du schon Jemanden gesehen, der mit offenen Augen träumt?«
sagte sie, sich im Bett aufrichtend und ihn groß ansehend -- »Träumst Du
denn jetzt?«
»Aber von was sprichst Du?«
Sie antwortete ihm nicht gleich. -- Während er sich zu ihr auf die
Bettkante setzte, hatte sein Fuß den Stuhl ein klein wenig verschoben
und sie schien dem Geräusch zu horchen.
»Ich glaube sie kommen schon,« flüsterte sie scheu und faßte seinen Arm
mit allen Kräften.
»Wer, mein Herz? wer?« bat der Mann, der jetzt peinlich besorgt um die
Arme wurde, die wie er sich nicht mehr verhehlen konnte mit wachenden
Augen phantasirte. »Wer soll denn jetzt mitten in der Nacht zu uns
kommen?«
»Mitten in der Nacht? -- ja es ist gerade zwölf Uhr vorbei,« flüsterte
sie -- »das ist die Zeit, in der die schwarzen Männer kommen und mich
abholen. -- Oh Gott,« seufzte sie dabei -- »und jetzt hat mich Alles
verlassen -- selbst Theodor ist fort und ich allein kann mich ja nicht
gegen sie wehren.«
»Aber beste Auguste« rief Bertling bestürzt -- »was sprichst Du nur --
ich bin ja bei Dir hier.«
»Fort -- fort -- wer bist Du?« -- sagte sie und stieß ihn mit beiden
Armen heftig von sich -- »was willst Du hier -- und wie kommst Du hier
herein?«
»Aber ich bin es ja -- Dein Theodor -- kennst Du mich denn nicht?«
»Deine Stimme ist es -- ja,« sagte die Frau, indem sie ihn ein paar
Momente ruhig und fest betrachtete -- »aber das Gesicht kenne ich nicht
-- das ist mir fremd -- geh fort -- geh fort!« und sie warf sich dabei
zurück und barg ihr Gesicht im Kissen. Dort lag sie still und regungslos
viele Minuten lang und Bertling wußte nicht, was er beginnen sollte.
Vorsichtig legte er den Finger auf ihren Arm. -- Der Puls ging
vollkommen ruhig und eher langsamer als rascher wie gewöhnlich. --
Vielleicht schlief sie jetzt ein; er wollte sie wenigstens unter keiner
Bedingung stören, setzte das Licht fort, daß es ihr nicht auf die Augen
scheinen konnte und ließ sich dann behutsam und geräuschlos auf einem
Lehnstuhl nieder, um dort abzuwarten, ob sie noch einmal erwache.
So mochte er über eine Stunde gesessen haben und dachte gerade daran,
das Licht auszulöschen und selber wieder zu Bett zu gehen, als er die
Frau leise wimmern hörte.
Vorsichtig stand er auf -- sie lag noch genau so wie vorher, nur das
Gesicht hatte sie mehr nach oben gerichtet, damit sie frei athmen
konnte, aber beide Augen hielt sie mit den Händen bedeckt und weinte
still und leise.
»Auguste,« sagte der Mann da, indem er wieder zu ihr trat, »was hast Du
nur? -- Sage es mir -- ich bitte Dich darum.«
Sie schien ihn nicht zu hören, aber ihr Weinen wurde heftiger und brach
endlich in nicht laute, doch deutliche Klagen aus.
»Fort -- fort muß ich von hier, wo ich =so= glücklich war!« wimmerte
sie. -- »Ach nur so wenig Jahre durfte ich mit Theodor zusammen sein und
jetzt kommen die bösen schwarzen Männer und wollen mich fortschleppen
und in die kalte häßliche Erde legen. -- Oh was hab ich ihnen nur
gethan? -- Aber sie hassen mich hier -- Alle -- Keiner hat mich lieb --
Keiner -- und der Einzige, der mir gut war, Theodor, hat mich nun auch
verlassen.«
»Auguste,« bat Bertling in Todesangst, »Du brichst mir das Herz mit
solchen Reden. -- Ich bin ja hier -- bin bei Dir und werde Dich nie
verlassen.« Dabei drückte er sie fest an sich und küßte ihre Stirn aber
sie schien jetzt weder seine Worte zu hören, noch seine Berührung zu
fühlen. Wieder lag sie viele Minuten lang still und regungslos, und
nur das schwere Athmen verrieth, daß sie lebe -- endlich fuhr sie leise
fort:
»Oh daß Theodor von mir gegangen ist -- er war so lieb, so gut mit
mir -- und ich habe ihn so oft gekränkt, aber es doch nie -- nie böse
gemeint. -- Er =mußte= es doch wissen, wie ich ihn liebe -- und doch ist
er fort.«
»Aber ich bin ja bei Dir, Herz -- so höre doch nur! hier lege Deine Hand
auf mein Gesicht -- fühlst Du denn nicht, daß ich bei Dir bin -- daß ich
Dich nie verlassen werde?«
»Ja -- =Alle= haben mich verlassen,« rief die Frau eintönig -- »und
jetzt schleichen sich die schwarzen Männer herein und tragen mich fort
-- und wenn dann Theodor zurückkommt -- wie er sich wundern wird, wenn
ich nicht mehr da bin! und wie traurig wird er sein, -- armer -- armer
Theodor.«
Bertling war außer sich. Er fühlte, daß alle seine Worte nichts halfen.
Die Unglückliche hörte in diesem eigenthümlichen Zustand weder was
er sagte, noch fühlte sie den um sie geschlagenen Arm und die heißen
Thränen, die auf ihr Antlitz fielen und sich mit den ihrigen mischten.
Wieder lag sie eine halbe Stunde etwa in einem solchen fast bewußtlosen
Zustand und mit geschlossenen Augen. Das Licht brannte düster und
Bertling schritt leise zu der Lampe, um diese zu entzünden. Er glaubte,
daß vielleicht helleres Licht die aufgeregten Sinne eher beruhigen
würde. Wie er die Glocke aber wieder aufsetzte, wobei ein leicht
klirrendes Geräusch nicht zu vermeiden war, richtete sich die Kranke
plötzlich rasch und erschreckt empor und horchte mit weit geöffneten
Augen der Thür zu.
»Was hast Du denn Auguste, -- Was horchst Du so nach der Thür?« frug
ihr Mann um sie zu beschwichtigen. Sie verstand jetzt was er sagte, ja
schien ihn auch zu kennen und vergessen zu haben, daß sie früher über
seine Abwesenheit geklagt und scheu erwiderte sie:
»Hörst Du denn nicht die Schritte auf der Treppe? -- sie kommen um
mich abzuholen und unten im Haus steht der graue Mann, der mich auch
erwartet. Oh ich wußte ja, daß sie noch kommen würden, wenn es auch
schon zwölf Uhr vorbei ist.«
»Aber mein liebes süßes Herz,« bat Bertling, der sich schon dadurch
etwas beruhigt fühlte, daß er doch jetzt mit ihr reden konnte. -- »Zwölf
Uhr vorbei -- es ist schon fünf Uhr und die Sonne wird gleich aufgehen.«
-- Er hoffte sie dadurch, daß er sie glauben mache, es sei Morgen,
rascher zu beruhigen. Die Kranke aber schüttelte unwillig mit dem Kopf
und rief:
»Täusche mich nicht -- es fehlen nur noch ein paar Minuten an halb Zwei
-- sieh doch nach. --«
Bertling sah unwillkürlich nach seiner Uhr und Auguste hatte vollkommen
recht. Sie wußte genau, welche Zeit es war. Ehe er ihr aber noch etwas
erwidern konnte, nickte sie ernst und traurig mit dem Kopf und sagte:
»Ja -- ja -- so muß es sein -- =Du= wirst jetzt oben wohnen und =ich=
unten -- und wir werden nie wieder zusammen kommen.«
»Aber, wo willst Du =unten= wohnen, mein Kind,« lächelte der Mann, der
ihre Gedanken abzulenken suchte, -- »das untere Logis hat ja der Doktor
Pellert gemiethet.«
»Wer spricht denn davon,« sagte sie finster -- »in der Erde, mein' ich
-- wenn sie mich begraben haben. Sie kommen ja gleich.«
»Aber meine Auguste!«
»Und ich war so glücklich« fuhr sie leise, mit zum Herzen dringender
Stimme fort -- »so unsagbar glücklich -- aber nur für eine kurze --
kurze Zeit. Jetzt muß es sein und ich will mich auch nicht länger
sträuben -- ich kann mich ja doch nicht gegen die vier schwarzen Männer
wehren.«
»Und bin ich nicht hier Dich zu vertheidigen?«
»Was kannst =Du= gegen die =viere= ausrichten!« erwiderte sie
kopfschüttelnd, »und sie sind stark -- =sehr= stark. Aber ich habe nicht
mehr viel Zeit -- hier den Ring nimm mir vom Finger -- den schwarzen
Ring -- den sollst Du Paulinen von mir geben.«
»Aber Auguste.«
»So nimm denn doch den Ring -- sie kommen ja,« bat sie mit einer Stimme,
die ihm durch Mark und Bein schnitt und es blieb ihm Nichts übrig, als
ihrem Wunsch zu willfahren und ihr den Ring abzunehmen; fürchtete er
doch sie durch Widerspruch nur noch so viel mehr aufzureizen. Wie er
das aber gethan, stürzten ihm selber die Thränen aus den Augen und sie
umfassend jammerte er: »Meine liebe -- liebe Auguste.«
»Lebe wohl Theodor,« sagte sie da und schlang ihre Arme fest und fast
krampfhaft um seinen Nacken -- »lebe wohl und tausend, tausend Dank für
alles Liebe und Gute, das Du mir gethan. --«
»Aber Du gehst ja nicht von mir -- Du bleibst ja bei mir, nie -- nie im
Leben trennen wir uns mehr,« flüsterte der Mann in Todesangst.
»Es muß ja sein,« tröstete sie ihn leise -- »weine deshalb nicht -- oh
=Du= hast es ja auch gut -- =Du= kannst draußen im Sonnenlicht, auf der
schönen Erde bleiben -- aber mich -- mich legen sie in das dunkle kalte
Grab und ich bin noch so jung -- so jung und schon sterben -- oh es ist
recht, recht hart.«
»Auguste -- ich halte das nicht länger aus,« flehte der Mann, dem die
Aufregung fast den Athem nahm -- »so komm doch nur zu Dir -- es ist ja
Alles nur ein böser Traum.«
Unten auf der Straße rasselte in diesem Augenblick ein Wagen über das
Pflaster; der Schall klang deutlich herauf.
»Da sind sie,« flüsterte die Kranke erbebend -- »oh Gott wie =schnell=
sie kommen -- wie furchtbar schnell. -- Jetzt muß ich fort -- oh Gott,
oh Gott schon jetzt. Nein ich will nicht -- sie sollen mich nicht weg
von Dir nehmen -- ich will bei Dir bleiben« -- und krampfhaft klammerte
sie sich um seinen Hals. --
»Du gehst auch nicht fort Herz -- nie im Leben lasse ich Dich,« -- rief
Bertling, -- »wir bleiben ja beisammen -- oh so komm doch zu Dir. --
Hier -- hier,« sagte er und griff ein neben dem Bett stehendes Glas
Wasser auf, -- »trink einmal Auguste -- das wird Dir gut thun -- trink
einen langen Zug -- viel -- mehr noch, mehr.«
Er hatte sich fast gewaltsam von ihr losgemacht und ihr das Glas an die
Lippen gehalten. Wie sie das Wasser daran fühlte nahm sie einen kleinen
Schluck und als er es ihr wieder und wieder aufdrang, trank sie mehr,
bis sie das ganze Glas geleert. Dabei sah sie ihn mit einem wilden
verstörten Blick an.
»Meine Auguste« bat Bertling, ihr Haupt an sich pressend, »ist Dir jetzt
besser? -- kannst Du Dich besinnen?«
Sie drängte ihn langsam von sich -- sah ihn an -- blickte im Zimmer
umher und sagte leise:
»Was ist denn mit mir vorgegangen?«
»Du hast geträumt Herz -- schwer und furchtbar geträumt« rief ihr Gatte,
»oh Gott sei ewig Dank, daß es vorüber ist.«
»Geträumt? -- von was?« frug die Frau, die jetzt augenscheinlich ihre
volle Besinnung wieder erlangt hatte. Bertling hütete sich aber wohl
irgend eines ihrer Traum-Bilder auch nur zu erwähnen und ausweichend
sagte er:
»Oh nichts, Herz -- lauter tolles verworrenes Zeug; wild durch einander
hast Du gesprochen von Gesellschaften, Theater, Kleidern, Besuchen und
was weiß ich. --«
»Sonderbar,« flüsterte die Frau nachdenkend vor sich hin »ich kann mich
doch auf gar Nichts mehr besinnen. Aber mir ist mein Kopf so schwer --
so furchtbar schwer und die Augen brennen mir, als ob ich geweint hätte.
Wie viel Uhr ist es?«
»Es wird bald zwei Uhr sein.«
»So spät schon und Du bist noch angezogen? -- Du hast wohl wieder so
lange gearbeitet?«
»Ja -- ich hatte so viele Briefe zu schreiben -- aber lege Dich jetzt
hin und schlafe. Ich will auch zu Bett gehen.«
»Oh wie mir mein Kopf brennt -- ich kann gar nicht mehr denken,« sagte
die Frau und preßte ihre Stirne mit beiden Händen, -- »am Ende werd ich
noch krank.«
»Mach Dir keine Sorge mein Herz,« beruhigte sie aber der Mann, »morgen
wird schon Alles wieder besser -- wieder ganz gut sein. -- Gute Nacht,
mein Kind. --«
»Gute Nacht, Theodor,« sagte die Frau -- legte sich auf die Seite und
war auch in wenigen Minuten fest und sanft eingeschlafen.
Sechstes Capitel.
Die Begegnung.
Am nächsten Morgen, wo aber Auguste völlig gesund und mit keiner Ahnung
des Geschehenen, nur mit etwas Kopfschmerzen erwachte, ging Bertling in
aller Früh zu seinem Hausarzt, um diesem das Vorgefallene mitzutheilen.
Er hatte ihm schon früher einmal von der fixen Idee Augustens gesagt,
der Doctor nahm das aber damals -- vielleicht auch nur um den Mann nicht
zu beunruhigen -- außerordentlich leicht und versicherte ihn, daß solche
Fälle gar nicht etwa vereinzelt daständen. Es sei ein Blutandrang
nach dem Kopf und viel Bewegung in freier Luft -- vielleicht auch eine
blutreinigende Kur das Beste dagegen. Keinesfalls sollte er sich Sorgen
deshalb machen. -- Heute jedoch, als der Arzt die Phantasien dieser
Nacht erfuhr, in denen der »graue Mann« auch wieder seine Rolle
gespielt, zeigte er sich schon bedenklicher und meinte, Gefahr sei nur
in so fern vorhanden, daß die Phantasie der Kranken ihr noch einmal --
und also zu dem gefürchteten dritten Mal -- die Gestalt des Mannes im
grauen Rock vorspiegeln könne, ehe man im Stande sei sie zu überzeugen,
daß die erste Erscheinung weiter Nichts als ein Phantasiebild, die
zweite aber ein wirklich menschliches Individuum gewesen sei -- wie das
aber zu thun, ohne daß man des Grauen habhaft werde, vermöge er nicht
abzusehen, und daß der Graue nicht zu bekommen war, das wußte der
Justizrath besser als irgend Jemand in der Stadt. Welche Mühe hatte er
sich deshalb nicht schon gegeben und welchen Erfolg damit erzielt? -- es
war wirklich zum Verzweifeln.
Der Doctor versprach übrigens im Lauf des Vormittags bei der
Justizräthin vorzusprechen, um sich selber einmal von ihrem
Gesundheitszustand zu überzeugen. Vielleicht ließ sich dann auch das
Gespräch -- natürlich mit der gehörigen Vorsicht -- auf das eigentliche
Krankheitsobjekt lenken und möglich, daß ja doch die Vernunftgründe
eines Dritten und völlig Unparteiischen irgend einen wohlthätigen
Einfluß auf sie ausüben konnten.
Bertling seufzte tief auf, denn er am Besten fühlte das Trügerische
einer solchen Hoffnung, aber was anderes ließ sich thun und auch dieser
Versuch mußte gemacht werden, wenn er auch nicht das Geringste davon
erhoffte. Er fürchtete sich aber, lange von zu Haus fortzubleiben,
denn er wußte nicht, wie sich Auguste heute morgen nach der furchtbaren
Aufregung der letzten Nacht befinden würde. Er bat also den Doctor
seinen Besuch nicht zu lange zu verschieben und schritt dann sehr
niedergeschlagen und den Kopf voll trüber, wirrer Gedanken die Straße
hinab, in der Richtung seiner eigenen Wohnung zu. Er achtete dabei auch
gar nicht auf die ihm Begegnenden und erst als Jemand an ihm vorüber
ging, der ihn grüßte, faßte er unwillkürlich an seinen eigenen Hut und
warf einen flüchtigen Blick auf ihn, ohne sich jedoch in seinem Gang
aufzuhalten. Im Weiterschreiten fiel ihm aber der fast schüchterne Gruß
des vollkommen fremden Mannes auf -- wo hatte er nur das Gesicht -- wie
ein Messerstich traf es ihn plötzlich ins Herz -- =das war der Graue=
und mit dem Gedanken schon fuhr er auch herum und zurück, ihm nach --
daß er dabei gegen eine alte würdige Dame anrannte und sie beinah über
den Haufen geworfen hätte, fühlte er kaum, hielt sich wenigstens nicht
einmal lange genug, auch nur zu einer Entschuldigung auf, denn mit
peinigender Angst erfüllte ihn in dem Moment der Gedanke, daß ihm der
Fremde wieder wie damals, selbst unter den Händen weg entschwinden
könnte. Wenn er jetzt irgendwo in ein Haus getreten wäre -- wenn er die
nächste Quergasse erreicht hätte -- nein -- Gott sei ewig Dank -- dort
ging er noch und mit wenigen hastigen Schritten war er an seiner Seite.
Der Fremde, als er Jemanden neben sich halten sah, schaute auch zu ihm
empor und der Justizrath hätte laut aufjubeln mögen, als er in dem ihm
zugewandten Gesicht wirklich den Besuch von jenem Abend erkannte,
dessen Züge sich ihm in der Zwischenzeit oh, nur zu scharf und deutlich
eingeprägt. Er war aber auch fest entschlossen, den Mann jetzt nicht
wieder los zu lassen, bis er ihn seiner Frau gebracht, und wenn er nicht
gutwillig ging, ei dann hätte er selbst die Polizei zu Hülfe gerufen,
sogar auf die Gefahr hin eine Klage wegen unverschuldeter Gefängnißhaft
gegen sich anhängig gemacht zu sehen.
Der Fremde sah dabei etwas erstaunt, ja bestürzt zu ihm auf, denn
er ebenfalls hatte den Justizrath gleich beim ersten Begegnen wieder
erkannt und begriff jetzt natürlich nicht, was der Mann eigentlich von
ihm wolle. Dieser ließ ihm aber nicht lange Zeit darüber nachzudenken
und fast unwillkürlich die Hand auf seine Schulter legend (denn wenn
er es sich auch nicht selber gestehen mochte, war es doch ein fast
unbewußtes Gefühl, das ihn leitete, sich vor allen Dingen zu überzeugen,
er habe es wirklich mit einem =körperlichen= Wesen zu thun), sagte er
freundlich:
»Entschuldigen Sie, mein Herr, aber -- hatte ich nicht das Vergnügen,
Sie vor einiger Zeit einmal Abends auf ganz kurze Zeit bei mir zu sehen?
-- Ich bin der Justizrath Bertling -- wenn Sie sich auf meine Person
nicht mehr besinnen sollten?«
Der Mann schien etwas verlegen und sah den Justizrath fast wie scheu an;
endlich stotterte er:
»Ich weiß in der That nicht --«
»Ich will Ihrem Gedächtniß zu Hülfe kommen,« fuhr aber der Justizrath in
der neu erwachenden Angst fort, daß der Mann leugnen könnte oder er sich
doch am Ende in der Person geirrt, »meine Frau kam damals gerade nach
Haus und von einem leichten Unwohlsein ergriffen, wurde sie in der Thür
ohnmächtig. Sie besinnen sich gewiß.«
»Herr -- Herr Justizrath,« stammelte der Mann »ich -- ich -- kann nicht
recht begreifen --«
Bertling, der nicht ohne Grund fürchtete, der Mann könne Bedenken
tragen, sein damaliges rasches, und allerdings etwas rätselhaftes
Verschwinden einzugestehen, denn wie konnte er wissen, in welchem
Zusammenhang das mit der jetzigen Frage stand -- suchte ihn nur vor
allen Dingen darüber zu beruhigen. -- »Lieber Herr,« sagte er, »Sie
müssen mir vorher die Bemerkung erlauben, daß ich Ihre Antwort nur als
eine mir persönlich erwiesene Gefälligkeit betrachte und ich sehe ein,
daß es vorher nöthig ist, Ihnen die Beweggründe meines, Ihnen vielleicht
sonderbar erscheinenden Betragens mitzutheilen. Aber wir können das
nicht auf offener Straße abmachen, dürfte ich Sie deßhalb bitten mit
mir einen kurzen Moment in jenes Caffeehaus zu treten; wir sind dort
ungestört und ich gebe Ihnen mein Wort, daß Sie damit ein gutes Werk
thun.«
Der Fremde war augenscheinlich in der größten Verlegenheit, wie denn
auch sein ganzes Wesen etwas Schüchternes, ja Gedrücktes zeigte. Der
Einladung =konnte= er aber nicht gut ausweichen. Mit einer ziemlich
ungeschickten Verbeugung und ohne ein Wort zu erwidern, willigte er ein
und schritt neben dem Justiz-Rath dem Caffeehaus zu. Bertling ließ ihn
auch dabei nicht aus den Augen, denn er hatte immer noch das unbestimmte
Gefühl, als ob ihm der eben so glücklich Aufgefundene durch einen der
Trottoirsteine, wie durch eine Versenkung auf dem Theater verschwinden
könnte, und wollte sich später keine Vernachlässigung vorzuwerfen haben.
Im Restaurationslocal endlich angelangt, ließ er zwei Tassen Caffee und
Cigarren bringen und als Beides vor ihnen stand und der Kellner sich mit
seiner Bezahlung zurückgezogen hatte, that Bertling das Vernünftigste,
was sich unter diesen Umständen thun ließ und erzählte dem Fremden,
ohne vorher eine weitere Frage an ihn zu richten, das seltsame
Zusammentreffen eines Traumes seiner Frau mit seiner eignen Erscheinung,
wobei sein plötzliches und unbeachtetes Verschwinden natürlich alle die
überspannten Ideen der Kranken bestätigen mußte.
Der kleine Mann in dem dunklen Rock schien während dieses Berichtes
ordentlich aufzuthauen. Zuerst hatte er die angezündete Cigarre nur
schüchtern und mit der äußersten Spitze in den Mund genommen, daß er
kaum daran ziehen konnte und seinen Caffee halb kalt werden lassen
-- jetzt begann er mit augenscheinlichem Behagen den Dampf des guten
Blattes einzuziehen und that auch einen Schluck aus seiner Tasse und als
der Justizrath ihm endlich gestand, daß er die ganze Stadt schon habe
durch Polizei absuchen lassen, um seiner nur habhaft zu werden und seine
arme Frau von ihrem unglückseligen Wahne zu befreien, lächelte er sogar
still vor sich hin und leerte dabei seine Tasse bis zum letzten Tropfen.
Bei der nun wieder an ihn gerichteten Frage des Justizraths, ob er es
nicht gewesen sei, der ihn an jenem Abend besucht habe und zu welchem
Zweck, wurde er allerdings wieder ein wenig verlegen und sogar roth,
aber er leugnete nicht mehr und sagte:
»Wenn Ihnen =das= eine Beruhigung gewährt, Herr Justizrath, so kann ich
Ihnen gestehen, daß ich wirklich an jenem Abend in Ihrer Stube war und
nur bedauere --«
»Kellner! Eine Flasche Wein -- von Ihrem Besten -- bringen Sie
Champagner!« rief aber Bertling, der sich in diesem Augenblicke wirklich
Mühe geben mußte, dem kleinen Mann nicht um den Hals zu fallen.
»Aber Herr Justizrath --«.
»Thun Sie mir den einzigen Gefallen und trinken Sie ein Glas Wein mit
mir,« rief aber dieser in größter Aufregung »und, wenn Sie ein =Bad= von
Champagner haben wollten, ich verschaffte es Ihnen jetzt. Nun aber
sagen Sie mir auch, weshalb Sie so rasch verschwanden, mich nicht wieder
aufsuchten und wo Sie, vor allen Dingen, die ganze Zeit gesteckt haben,
denn kein einziger meiner Spürhunde konnte auch nur auf Ihre Fährte
kommen.«
»Lieber Gott,« sagte der kleine Mann mit einem schweren Seufzer -- »die
Sache ist außerordentlich einfach und leicht erklärt, denn -- wenn ich
mich auch in einer gedrückten Lage befinde, habe ich doch nicht die
geringste Ursache mich derselben zu schämen, da sie mich ohne mein
Verschulden getroffen hat.«
»Darf ich es wissen?« frug der Justizrath, während der Kellner Wein und
Gläser auf den Tisch stellte -- »vielleicht kann ich helfen.«
»Ich stamme aus Königsberg« erzählte der kleine Mann, »und hatte durch
Protection eine Anstellung als Lehrer in Mainz erhalten; dort ernährte
ich mich aber nur kümmerlich, als ich die Nachricht erhielt, daß in
meiner Vaterstadt ein guter Posten für mich offen geworden und ich
dort an einem der ersten Gymnasien mit einem ganz vortrefflichen Gehalt
einrücken könne. Ich gab meine Stelle in Mainz auf und machte mich auf
den Weg. Schon seit längerer Zeit aber kränkelnd, erfaßte mich hier
in Alburg ein heftiges Fieber, das eine Weiterreise unmöglich machte.
Glücklicher Weise fand ich bei guten Menschen ein Unterkommen aber
meine kleine Baarschaft schmolz entsetzlich zusammen und kaum wieder
hergestellt, erfaßte mich die Angst, daß ich, wenn ich nicht rechtzeitig
am Ort meiner Bestimmung eintreffen könnte, am Ende auch gar die
Anstellung verlieren und dann gänzlich brodlos sein würde. Ich schrieb
nach Königsberg, erhielt aber von dort nicht so rasche Antwort und in
meiner Herzensangst beschloß ich mich an =Sie=, Herr Justizrath, zu
wenden und Sie um ein Darlehn zu ersuchen, das ich Ihnen von meiner
Vaterstadt aus leicht zurückerstatten konnte.«
»Aber woher kannten Sie mich?«
»Nicht Sie, Herr Justizrath, aber Sie haben einen Bruder in Königsberg,
bei dem ich ein Jahr Hauslehrer war und auf dessen Zeugniß ich mich
mit gutem Gewissen berufen durfte. Wie aber der Unfall mit Ihrer Frau
Gemahlin stattfand, von dem ich keine Ahnung haben konnte, daß ich
selber die unschuldige Ursache gewesen, da fühlte ich doch recht gut,
daß das ein sehr schlecht gewählter Moment sei, um ein Darlehn
zu erbitten und ich beschloß lieber am nächsten Morgen wieder
vorzusprechen. Wie ich Sie mit der ohnmächtigen Dame beschäftigt sah,
verließ ich das Zimmer und ging nach Haus.«
»Aber warum kamen Sie nicht am nächsten Morgen?«
»Weil ich noch an dem nämlichen Abend einen Brief von Königsberg
erhielt, worin mir angezeigt wurde, daß es mit meinem Eintreffen dort
Zeit bis zum Ersten nächsten Monats habe. Jetzt war ich im Stande mir
mein Reisegeld vielleicht selber zu verdienen und brauchte Niemanden
weiter zu belästigen. Der Mann, bei dem ich die Zeit gewohnt, war
Copist, hatte aber in der letzten Zeit so viel drängende Arbeiten
erhalten, daß er sich außer Stande sah, sie allein zu beendigen. Ich
übernahm einen Theil und da mir noch vierzehn Tage Zeit bleiben, so
hoffe ich bis dahin mein Reisegeld wenigstens zusammen gespart zu
haben.«
»Und wieviel brauchen Sie dazu?« frug der Justizrath, der bis jetzt der
einfachen Erzählung mit der gespanntesten Aufmerksamkeit gefolgt war,
ohne den Erzählenden auch nur mit einer Sylbe zu unterbrechen. Nur
eingeschenkt und getrunken hatte er dazu und seinen Gast ebenfalls
stillschweigend durch Zuschieben des Glases genöthigt.
»Im Ganzen und mit dem, was ich hier noch zu zahlen habe, etwa 20
Thaler, aber 9 davon habe ich mir schon verdient -- oh ich bin sehr
fleißig gewesen die Zeit über und in den langen Tagen gar nicht aus
meinem Zimmer, ja nicht ein einziges Mal an frische Luft gekommen. Nur
heute =mußte= ich ausgehen und war eben im Begriff mir frisches Papier
zu holen, denn ich kann nicht gut einen Tag versäumen.«
»Mein lieber Herr,« sagte da der Justizrath, »dagegen werde ich
Einspruch erheben. Ihren heutigen Tag müssen Sie mir widmen, aber Sie
sollen dadurch nicht zu Schaden kommen. Es gilt hier meine Frau zu
überzeugen, daß sie sich durch einen Wahn, durch ein zufälliges Begegnen
hat täuschen lassen und wenn Sie mir dazu behilflich sein wollen, so
verfügen Sie über meine Casse. Mit Vergnügen steht Ihnen dann Alles
zu Diensten, was Sie zu Ihrer Reise und vielleicht noch für sonstige
Ausrüstung gebrauchen.«
»Herr Justizrath,« stammelte der Mann.
»Und glauben Sie um Gottes Willen nicht,« setzte Bertling rasch hinzu,
»daß Sie mir dadurch zu irgend einem Dank verpflichtet würden; nein
im Gegentheil, werde ich mich nachher noch immer als Ihren Schuldner
betrachten und sollten Sie je in Verlegenheit kommen, so bitte ich Sie,
sich vertrauensvoll an mich zu wenden.«
»Aber war ich nicht selber die Ursache dieses Unfalls?«
»Nein,« versetzte der Justizrath -- »in Ihnen repräsentirte sich nur die
frühere eingebildete Erscheinung und durch Sie hoffe ich deshalb meine
Frau nicht allein zu überzeugen, daß ihre zweite Gespenstervision ein
Irrthum war, sondern sie wird, während sie hierin die Täuschung
erkennt, auch einsehen, daß das =erste= Traumbild nur in ihrer Phantasie
gewurzelt haben konnte. Also wollen Sie sich mir heute zur Verfügung
stellen?«
»Von Herzen gern,« sagte der kleine Mann, der durch den ungewohnten
Champagner seine ganze Schüchternheit verloren zu haben schien.
»Befehlen Sie über mich und was in meinen Kräften steht, will ich mit
Freuden thun, -- habe ich doch dadurch auch einen Theil dessen gut zu
machen, was ich, freilich vollkommen ahnungslos, selber über Sie herauf
beschworen.«
»Gut,« genehmigte Bertling, sich vergnügt die Hände reibend. -- »So
kommen Sie denn jetzt mit zu meinem Arzt und dort wollen wir das Weitere
bereden, wie wir es am Besten anzufangen haben. Den Mittag sind Sie
ohnedies mein Gast, wenn wir vielleicht auch noch nicht bei mir zu
Hause diniren können. Vorher muß ich aber meine Frau jedenfalls auf Ihre
Begegnung vorbereitet haben.«
Siebentes Capitel.
Schluß.
Der Doctor, eben im Begriff seine Patienten zu besuchen, war nicht
wenig erstaunt, den Justizrath mit dem erbeuteten und so lange ersehnten
Unruhestifter eintreffen zu sehen, nahm aber auch zu viel Interesse an
der Sache, um nicht seine eigenen, selbst sehr nothwendigen Gänge für
kurze Zeit aufzuschieben und das Nähere mit dem Justizrath zu bereden.
Aufmerksam hörte er zunächst den kurzen Bericht an, der ihm über das
Zusammentreffen gegeben wurde und die Frage war nur jetzt, wie Auguste
mit ihrem leibhaften Traumbild zusammen gebracht werden konnte, ohne ihr
einen neuen Schreck zu verursachen, der diesmal dauernde Folgen haben
konnte.
Das zeigte sich denn auch nicht so leicht und die Männer überlegten
zusammen eine ganze Weile hin und her, wie es am zweckmäßigsten zu
arrangiren wäre. Der Justizrath schlug vor, den »grauen Mann« gleich zum
Mittag-Essen mit nach Haus zu nehmen, um im hellen Sonnen-Licht
jeden Gedanken an den häßlichen Spuck zu zerstören, -- aber dagegen
protestirte der Arzt.
»Damit setzen Sie Alles auf eine Karte,« rief er heftig aus, »denn
Sie können gar nicht wissen, wie sich in dem Geist Ihrer Frau das Bild
dieser geglaubten Spukgestalt erhalten oder entwickelt hat; bringen
Sie ihr aber jetzt den Mann am hellen Tag, der dann natürlich mit einer
höflichen, alltäglichen Verbeugung in's Zimmer tritt, so bürgt uns kein
Mensch dafür, daß sie ihn als denselben wieder erkennt, den sie in jener
=Nacht= gesehen und dann ist =Alles= verloren, denn nachher haben wir
=kein= Mittel weiter, ihr zu beweisen, daß sie sich getäuscht. Unser
Pulver ist verschossen und wir müssen der Natur und den Begebenheiten
eben ihren Lauf lassen, ohne im Stande zu sein, an irgend einer Stelle
hülfreich einzugreifen.«
»Aber was Anderes =können= wir thun?« rief der Justizrath -- »der
Gefahr, daß sie ihn nicht wieder erkennt, sind wir ja doch immer
ausgesetzt.«
»Doch nicht immer,« sagte der Doctor, der ein paar Minuten mit raschen
Schritten in seinem Zimmer auf- und abgegangen war -- »ich glaube, ich
weiß einen Ausweg.«
»Mein lieber Doctor --«
»Lassen Sie mich einmal sehen,« fuhr dieser fort. -- »Jetzt habe ich
keine Zeit, denn ich =muß= meine Patienten besuchen; vor Dunkelwerden
können wir aber auch gar nichts in der Sache thun, und bis dahin bin ich
in Ihrem Hause und bei Ihrer Frau. Bis dahin aber darf auch dieser Herr
Ihrer Frau nicht vor Augen kommen. Speisen Sie zusammen im Hôtel -- eine
Ausrede ist bald gefunden, machen Sie, was Sie wollen, aber bringen Sie
ihn nicht vor der Abenddämmerung in Ihr Haus.«
»Und dann?«
»Dann führen Sie ihn heimlich, ohne daß Ihre Frau etwas davon erfährt,
in Ihr Zimmer, zünden wie gewöhnlich Ihre Lampe an, die auch ein wenig
düster brennen darf und lassen sich den Herrn dann auf den nämlichen
Stuhl setzen, auf dem er an jenem Abend gesessen hat und zwar genau in
der nämlichen Stellung, den rechten Arm über der Lehne. -- Ich glaube,
Sie erwähnten das gegen mich.«
»Ja wohl. --«
»Schön. Sie selber kommen dann zu uns herüber, oder geben mir ein
Zeichen daß Alles bereit ist und überlassen das Andere mir. Wollen Sie
es so machen?«
»Bester Doctor, ich füge mich in Allem Ihrem Willen,« sagte der
Justizrath, »aber -- halten Sie es nicht für möglich, daß Auguste durch
die plötzliche Wiederholung der Erscheinung zum Tod erschrecken könnte?«
»Natürlich darf sie den Herrn da nicht unvorbereitet antreffen,« rief
der Doctor -- »doch Sie wollen das ja mir überlassen. Außerdem werde ich
noch vorher zu der kleinen Hofräthin Janisch gehen, sie in das Geheimniß
einweihen und sie bitten uns zu unterstützen. Für jetzt ersuche ich Sie
aber, mich zu entschuldigen, denn meine Zeit ist gemessen.«
»Und Sie vergessen nicht, noch vor Dunkelwerden zu mir zu kommen?«
»Ich vergesse nie etwas,« sagte der Doctor, nahm seinen Hut und stieg
ohne Weiteres voran die Treppe hinunter.
Der Justizrath war jetzt ein wenig in Verlegenheit, was er mit seinem
Schutzbefohlenen oder eigentlich Gefangenen, bis zum Mittagsessen
anfangen solle, noch dazu da er auch gern einmal nach Haus gegangen wäre
und ihn dorthin doch nicht mitnehmen konnte. Ueberließ er ihn aber bis
dahin sich selbst, so war er der Gefahr ausgesetzt, ihn nicht wieder zu
finden und das durfte er unter keiner Bedingung riskiren. Da blieb ihm
nur ein Ausweg, mit dem Fremden in dessen Behausung zu gehen, um sich
selber zu überzeugen, wo er wohne und wieder zu finden wäre.
Das geschah denn auch und nachdem Bertling in einer vollkommen
abgelegenen Straße vier steile dunkle Treppen hinauf geklettert war,
konnte er mit einiger Ruhe seinen eigenen Geschäften nachgehen. Er band
dem kleinen Mann aber noch einmal auf die Seele, das Haus um keinen
Preis zu verlassen, bis er selber zurückkäme, was aber bald geschehen
würde, da er ihn um ein Uhr zum Mittagessen abhole.
Seine Frau fand der Justizrath noch ziemlich abgemattet, aber doch
ruhig; sie hatte von dem, was sie die vorige Nacht mit wachenden Augen
geträumt, keine Ahnung und sie fühlte nur die Folgen der unnatürlichen
Aufregung, ohne sich dieser im Geringsten bewußt zu sein.
Um ein Uhr oder etwas vorher, entschuldigte sich Bertling, daß er mit
einem Geschäftsfreund zu Mittag speisen müsse, da sie Beide, außer der
Zeit, sehr beschäftigt wären, und er Vielerlei mit ihm zu besprechen
hätte -- zu sich hätte er ihn aber heute nicht einladen mögen, da
Auguste doch noch so angegriffen sei.
Auguste dankte ihm dafür, denn sie befand sich in der That nicht in der
Stimmung einen fremden Besuch zu empfangen; sie fühlte sich auch nie
wohler, als wenn sie allein gelassen wurde und ihr Mann versprach ihr ja
auch außerdem noch vor Abend wieder zu Haus zu sein und dann heute ganz
bei ihr zu bleiben.
Sie aß allein auf ihrem Zimmer und legte sich dann ein wenig auf das
Sopha, um auszuruhen; der Kopf that ihr weh und das Herz war ihr so
schwer, als ob irgend ein nahendes Unheil sie bedrohe. Sie fing auch
fast an, den dämmernden Abend zu fürchten und bereute schon, Theodor
nicht gebeten zu haben, noch vor der Zeit zurück zu kehren. -- Aber
sie durfte auch nicht so kindisch sein. Wenn er seine Geschäfte besorgt
hatte, kam er ja ohnedies schon immer von selber nach Hause.
Sie sollte aber ihren Nachmittag heute nicht allein verbringen, denn
etwa um fünf Uhr kam Pauline herüber. Wenn diese aber auch lachend
das Zimmer der Freundin betrat, erschrak sie doch sichtlich über deren
bleiches Aussehen, über ihre tiefliegenden Augen und den schmerzlichen
Zug um den Mund. Auf ihre theilnehmenden Fragen gab ihr Auguste aber nur
ausweichende Antworten; sie scheute sich selbst der Freundin gegenüber
das einzugestehen, was ihr die Brust beengte und ihr Herz mit einer wohl
unbestimmten, aber nichts desto weniger peinigenden Angst erfüllte und
Pauline, die das herausfühlte, war freundlich genug, auf ihren Wunsch
einzugehen. Ihr lag aber jetzt besonders daran, die Freundin zu
zerstreuen, und ohne daß Auguste es merkte, wußte sie das Gespräch auf
das Abenteuer mit der Kartenschlägerin zu bringen. Nicht mit Unrecht
glaubte sie, daß jene Aufregung wesentlich dazu beigetragen hatte, sie
niederzudrücken, und war das wirklich der Fall, so kannte sie ein Mittel
sie wieder aufzurichten.
»Denke Dir nur Schatz,« lachte sie, ganz wieder in ihrer, alten
fröhlichen Laune, »ich bin jetzt unserer Kartenschlägerin auf die Spur
gekommen.«
»Auf die Spur? -- wie so?«
»Oder ich habe wenigstens einen Beweis erhalten, was es mit ihrer Kunst
für eine Bewandniß hat.«
»In der That? -- aber durch was?« frug Auguste gespannt.
»Du erinnerst Dich doch,« fuhr Pauline fort, »daß ich bei ihr anfragen
wollte, wo ein mir gestohlenes Corallen-Halsband hingekommen sei und
wo ich den Dieb zu suchen hätte. Sie ließ mich aber die Frage gar
nicht stellen, denn jedenfalls hatte sie am Brunnen von unseren Mägden
erfahren, daß ich das Halsband vermisse. In den letzten drei Tagen war
auch wirklich bei uns von nichts Anderem gesprochen worden, und meine
Köchin, wie ich es mir gedacht, schon bei der Alten gewesen, um sie um
Rath zu fragen.«
»Also wirklich,« sagte Auguste.
»Du weißt auch, daß sie meinen Verdacht auf irgend eine Dame mit grünen
Haubenbändern lenken wollte.«
»Allerdings -- hatte sie sich geirrt?«
»Das Komische bei der Sache ist das,« lachte Pauline, »daß gar Niemand
das Halsband gestohlen hat, sondern daß ich es heute morgen selber
in einer kleinen Schieblade meines Secretairs fand, wohinein ich es
neulich, wahrscheinlich in großer Zerstreutheit gelegt.«
»Es war gar nicht gestohlen?«
»Gott bewahre, folglich konnte die »Dame« mit den grünen Haubenbändern
auch nicht der Dieb sein. Jetzt hab' ich der Sache aber näher
nachgeforscht und von meinen Leuten erfahren, daß die alte Frau
Heßberger eine ganz besondere Wuth auf meine Wäscherin hat, weil
diese sie irgend einmal, wer weiß aus welchem Grund, ich glaube wegen
Verleumdung, verklagt hat, und die Alte fünf Thaler Strafe zahlen mußte.
Die Schusters-Frau scheint eine ganz durchtriebene Person zu sein und
ich glaube, es ist sehr unnöthig, daß ihr liebenswürdiger Gatte,
während sie ihre =Kunst= ausübt, geistliche Lieder singt, um den Teufel
fernzuhalten, es scheint Alles sehr natürlich zuzugehen. --«
»Aber woher wußte sie --« wollte Auguste fragen, brach aber rasch und
plötzlich mitten darin ab.
»Was, mein Herz?« frug Pauline -- »etwa das, was sie Dir von einem
=grauen Mann= sagte? Das wolltest Du mir ja heute erzählen und ich bin
fest überzeugt, wir kommen der Sache ebenfalls auf die Spur. -- Sieh
mein Herz, mit all den Geistergeschichten läuft es ja doch jedesmal auf
blinden Lärm hinaus, denn auch das was uns die Frau Präsidentin damals
als =Thatsache= von der Kammgarnspinnerei erzählte, hat sich als ein
einfacher Betrug herausgestellt.«
»Als Betrug?«
»Gewiß und gestern Abend haben sie die Thäter erwischt. Aber nun erzähle
mir auch, was =Dich= drückt.«
Auguste zögerte noch, aber sie hatte der Freundin einmal versprochen,
ihr das Geheimniß mitzutheilen und es that ihr selber wohl, irgend
Jemand zu haben, dem sie ihr Herz vollkommen ausschütten konnte. So
erzählte sie denn auch jetzt, während der Abend schon wieder zu grauen
begann, von der ersten Erscheinung, die sie in ihres Mannes Zimmer
gehabt und wollte eben zu dem zweiten Begegnen mit dem unheimlichen
Wesen übergehen, als sie laute Stimmen auf dem Vorsaal hörten.
»Die Frau Justizräthin zu Haus?« -- Es war des Doctors Stimme, die Magd
erwiderte etwas darauf und gleich darauf klopfte es an die Thür.
Es war der Arzt, der seine Patientin zu besuchen kam. Er freute sich
übrigens sie so wohl und munter zu finden und meinte, nach ein paar
hingeworfenen Fragen: -- »Aber wie mir scheint, habe ich die Damen in
einer wichtigen Unterhaltung gestört -- thut mir leid, aber wir Aerzte
kommen oft ungelegen.«
»In einer Unterhaltung,« sagte da Pauline, »die auch =Sie= angeht,
lieber Doctor, denn sie betrifft Augustens Krankheit ebenfalls mit --
bitte, erzähle weiter, liebes Herz.«
»Aber Pauline,« sagte die Frau erschreckt, »das ist nicht Recht. Das was
ich Dir erzählte, war nur für =Dich= bestimmt.«
»Aber mein gutes Kind,« sagte die junge Frau »wenn ich nicht sehr irre,
so hat gerade diese Phantasie auf Dein körperliches Befinden den größten
und zwar nachtheiligsten Einfluß ausgeübt, und wie kann Dich ein
Arzt wieder herstellen, wenn er nicht die =Ursache= Deiner Krankheit
erfährt.«
»Ich danke Ihnen, Frau Hofräthin, daß Sie mir da beistehen,« sagte der
Doctor »und bitte Sie nun selber, beste Frau, mir nichts vorzuenthalten.
Außerdem wissen Sie, wie ich Ihnen und Ihrem Mann zugethan bin und schon
als =Freund= des Hauses, als der ich mich doch betrachten darf, ersuche
ich Sie dringend mir Alles mitzutheilen.«
Die Justizräthin sträubte sich noch ein wenig, aber es half ihr Nichts;
der Doctor versicherte sie dabei, daß ihr eigener Mann ihm schon einen
Theil vertraut habe, er wisse also doch einmal, um was es sich handele
und solcher Art gedrängt, erzählte Auguste denn das zweite, räthselhafte
Begegnen jener Erscheinung, ja verhehlte sogar nicht, daß sie von einer
Wiederholung derselben das Schlimmste fürchte.
Der Doctor hatte ihr schweigend zugehört -- draußen wurde wieder eine
Thür geöffnet und sein scharfes Ohr vernahm leise Schritte im Vorsaal.
Er wußte, der Justiz-Rath war mit dem Mann im grauen Rock eingetroffen.
Der Abend brach dabei immer mehr herein und der Doctor bat, daß man die
Lampe anzünden möge, da eben die Dämmerstunden die besten Hülfsgenossen
solcher Phantasien seien. Pauline fügte jetzt auch noch die Geschichte
der Kartenschlägerin hinzu, zu der der Doctor nur lächelnd den Kopf
schüttelte; endlich aber sagte er:
»Also, Sie fürchten eine =dritte= Erscheinung, liebe Frau Justizräthin,
weil Sie durch die zweite die Bestätigung der ersten erhalten haben?«
»Ja,« hauchte die Frau.
»Sie würden auch« -- fuhr der Doktor fort, »wie Sie mir ja selber
gestanden haben, ohne die zweite geneigt gewesen sein, die erste als
eine bloße Phantasie, als eine Ueberreizung Ihrer Nerven anzusehen,
nicht wahr?«
»-- Ja --« erwiderte die Frau wieder, doch etwas zögernd.
»Schön,« nickte der Doctor vor sich hin, »wenn ich nun hier mit meinem
Zauberstab« und er hob seinen Stock, den er noch in der Hand
hielt, »Ihnen selber die Erscheinung zum dritten und letzten Mal
heraufbeschwören würde, wobei ich Ihnen zugleich beweisen könnte, daß
wir es mit nichts Anderem, als einem vollkommen compacten Wesen aus
Fleisch und Blut zu thun haben, -- würden Sie mir dann zugestehen, daß
Sie sich geirrt, und daß solche Erscheinungen im Allgemeinen, und hier
auch im Besondern, nie und nimmer als etwas Anderes betrachtet werden
dürfen, wie als krankhafte Ausgeburten der Phantasie?«
»Jene Erscheinung heraufbeschwören?« frug Auguste ordentlich erschreckt.
»Ja -- aber nicht etwa aus dem Boden, wie einen Geist, sondern wie es
sich gebührt, die Treppe herauf,« lachte der Doctor. »Würden Sie mir
versprechen, sich recht tapfer dabei zu halten und ehe Sie uns wieder
ohnmächtig werden, erst einmal genau zu prüfen, ob Sie es mit einem
Geist oder einem wirklichen Menschen zu thun haben?«
»Ich begreife Sie nicht,« -- stammelte die Frau.
»Ist Ihr Mann nicht zurückgekehrt?« sagte der Doctor und horchte nach
dessen Thür hinüber -- »ich dächte, ich hätte ihn in seiner Stube gehört
-- he Justizrath?« rief er, indem er aufstand und an jene Thür klopfte.
»Ja ich komme gleich« -- antwortete Bertlings Stimme.
»Und wann soll ich ihn sehen?« rief die Frau, die sich einer leichten
Anwandlung von Furcht nicht erwehren konnte.
»Wann? -- jetzt gleich, wenn Sie wollen,« lachte der Arzt. »Vorher muß
ich Ihnen aber noch bemerken, daß der berühmte Mann im grauen Rock, vor
dem Sie einen solchen Respect haben, richtig aufgefunden ist -- denn was
spürte die Polizei nicht heraus, wenn man ihr nur ihre Zeit läßt -- und
er hat sich als ein vollkommen achtbares, aber auch eben so harmloses
Individuum herausgestellt, das damals nicht etwa ein überirdischer
Auftrag, sondern ein sehr irdisches Verlangen nach einer kleinen Summe
Geldes zu Ihrem Gatten getrieben hatte. Der gute Mann ist aber etwas
schüchterner Natur und da Sie bei seinem Anblick ohnmächtig wurden,
hielt er sich für überflüssig und ging seiner Wege. Diesmal wird er aber
nicht verschwinden und ich frage Sie jetzt noch einmal, fühlen Sie
sich in diesem Augenblick stark genug, Ihrem vermutheten Gespenst nicht
allein noch einmal zu begegnen, sondern ihm auch guten Abend zu sagen
und nachher sogar eine Tasse Thee mit ihm zu trinken?«
»Doctor -- wenn Sie mir =die= Ueberzeugung geben könnten!« rief die
Frau, indem sie von ihrem Stuhl emporsprang.
»Schön« sagte der Doctor, »dann bitte, geben Sie mir Ihren Arm. -- Sie
sind ja sonst ein vernünftiges Frauchen,« setzte er herzlich hinzu, »und
werden sich doch wahrhaftig Ihren klaren Verstand nicht von einer
bloßen Einbildung todtschlagen lassen. -- Also jetzt kommt die
Geisterbeschwörung und danach hoffe ich Sie wieder so munter und heiter
zu sehen, wie nur je.«
Er ließ ihr auch keine Zeit zu weiteren Einwendungen, nahm ihren Arm und
führte sie der Thür von ihres Gatten Zimmer zu.
»Können wir eintreten?« rief er hier, indem er anklopfte.
»Nur herein!« tönte des Justizraths frische Stimme, allein als der
Doctor die Thür aufwarf, fühlte er wie die Justizräthin an seinem Arm
zusammenzuckte. Pauline war jedoch schon an ihre andere Seite getreten,
um sie im Nothfall zu unterstützen. Aber die junge Frau hatte nicht zu
viel versprochen, wenn sie sagte, daß sie sich stark fühlte und
doch gehörte viel Willenskraft dazu, dem was sie bis dahin für eine
furchtbare Wirklichkeit gehalten -- eine Botschaft aus der Geisterwelt
-- jetzt wieder, genau wie an jenem Abend, zu begegnen und ruhig dabei
zu bleiben.
Auf dem Tisch stand die Lampe und warf ihren düsteren Schein über das
kleine Gemach, links neben dem Tisch saß der Justizrath -- rechts neben
dem Ofen, den rechten Arm über die Stuhllehne, das etwas bleiche
Antlitz der Thür zugedreht -- Auguste mußte tief Athem holen, denn ein
unsagbares Etwas schnürte ihr die Brust zusammen, -- saß der Mann im
grauen Rock, genau wie sie ihn an jenem Abend gesehen, in jeder Miene,
in jeder Falte seines Rockes.
»So meine liebe Frau Justizräthin«, rief aber der Doctor jetzt --
»hier habe ich also das Vergnügen Ihnen unseren Buzemann, unser
Schreckgespenst vorzustellen. Herrn Conrad Wohlmeier aus Königsberg --
Herr Wohlmeier, Frau Justizräthin Bertling -- bitte reichen Sie ihr die
Hand, damit sie nicht etwa glaubt, Sie beständen blos aus Kohlenstoff
und Stickstoffgas.«
Der kleine Mann war etwas verlegen von seinem Stuhl aufgestanden und der
ihn noch immer starr ansehenden Frau die Hand entgegenreichend, sagte
er:
»Frau Justizräthin, es sollte mir unendlich leid thun, wenn Sie mich für
einen Geist gehalten haben. -- Ich bin nur ein armer Gymnasiallehrer,
der --«
»Bravo«! rief der Doctor lachend aus, »das war eine vortreffliche Rede,
die Sie da gehalten haben, und nun, meine liebe Frau Justizräthin, sind
Sie jetzt überzeugt, daß Sie Ihrem guten Mann ganz nutzlos eine Menge
Sorge und Noth gemacht und sich selber in besonders thörichter Weise
gequält und geängstigt haben?«
»Lieber Doctor -- wie soll ich Ihnen danken?« sagte die Frau, während
Bertling auf sie zu ging und sie umarmte und küßte.
»Und jetzt!« rief Pauline lachend aus, »wollen wir auch noch den letzten
Zeugen herein holen, der eine ganz vortreffliche Erklärung abgeben kann,
woher die Frau Heßberger etwas von dem Mann im grauen Rock gewußt« --
und damit sprang sie nach der Thür des Doctors, um die Rieke herein
zu rufen -- aber die Thür war fest verschlossen und der Schlüssel
abgezogen. --
»Nun was ist das?« frug sie -- »die Thür ist ja zu.«
»Hm, ja,« lachte der Justizrath, aber doch etwas verlegen, »da ich -- da
ich doch nicht wissen konnte, wie die Sache heute ablief, so --«
»So hat er die Thür abgeschlossen, daß ihm der Geist nicht wieder
davonlaufen konnte!« jubelte der Doctor -- »das ist vortrefflich.
Justizrath, Sie sind ein Schlaukopf.«
Die Rieke wurde indessen hereingeholt und bestätigte, was sie schon an
dem Nachmittag der Justizräthin gestanden, daß sie an jenem Abend die
Frau Heßberger unten im Haus getroffen und sie gefragt habe, ob sie
keinen Mann in einem grauen Rock gesehen, der so plötzlich weg gewesen
wäre und über den sich die Frau so geängstigt hätte, daß sie ohnmächtig
geworden wäre. Danach konnte sich die Kartenschlägerin wohl denken,
daß die Erwähnung jenes Mannes noch frisch in der Erinnerung der
Justizräthin sein würde und in der Art solcher Frauen benutzte sie das
geschickt genug.
Der Doctor schwur übrigens, daß er der Gesellschaft da oben über kurz
oder lang das Handwerk legen lassen werde, denn er versicherte, daß ihm
in letzter Zeit schon verschiedene Fälle vorgekommen wären, wo sie mit
ihren so genannten Prophezeihungen Unheil gestiftet oder den Leuten sehr
unnöthiger Weise Kummer und Herzeleid bereitet hätten.
Unter der Zeit deckte die Rieke den Tisch und die kleine Gesellschaft
setzte sich dann unter Lachen und heiteren Gesprächen -- die
Justizräthin zwischen den Doctor und »den Mann im grauen Rock« -- zu dem
frugalen aber fröhlichen Mahle nieder. Von dem Abend an aber verließen
jene bösen Träume die Justizräthin, denn zu fest hatte sie an die
Erscheinung geglaubt, um nicht jetzt, wo ihr der unleugbare Beweis des
Gegentheils geworden, auch nicht die ganze Gespensterfurcht fallen zu
lassen. Der Justizrath aber, seinem Wort getreu, und nur zu glücklich,
sein liebes Weib von jenem unheilvollen Gedanken geheilt zu sehen,
beschenkte den kleinen Lehrer noch an dem nämlichen Abend so reichlich,
daß er am nächsten Morgen, jeder Sorge enthoben, seine Heimreise und
dann seine Stellung in der Vaterstadt antreten konnte.
Die Folgen einer telegraphischen Depesche.
Telegraphische Depesche
Dr. A. Müller Leipzig --straße 15.
Herzlichsten Glückwunsch -- heutigen Geburtstag noch oft wiederkehren --
Alle wohl -- tausendmal grüßen -- Inniger Freundschaft.
=Mehlig=.
Obige Depesche war Morgens Früh, sieben Uhr in Berlin aufgegeben
worden, gelangte durch den Drath nach Leipzig und wurde dem erst
gestern angestellten Depeschenträger Lorenz als erste Besorgung zur
augenblicklichen Beförderung übergeben.
Lorenz lief was er laufen konnte, warf am richtigen Haus angelangt,
noch einen flüchtigen Blick auf die Adresse, zog dann die Klingel an der
Hausthür, und wurde ohne Weiteres eingelassen.
Wie er die Hausflur betrat, öffnete sich rechts eine Thür. Ein ältliches
Fräulein mit weißer Haube und Schürze kam heraus, und trug einen
Präsentirteller in der Hand, auf dem das, wahrscheinlich eben gebrauchte
Kaffeeservice stand; Lorenz trat auf sie zu.
»Telegrafische Depesche!« sagte er und hielt ihr das Couvert mit dem
rothen Streifen entgegen.
»Jesus Maria und Joseph!« schrie die Dame, schlug in blankem Entsetzen
die Hände über den Kopf zusammen und ließ das ganze Kaffeeservice auf
die Erde fallen.
»Bitte tausendmal um Entschuldigung,« sagte Lorenz, indem er sich bückte
und die halbe Kaffeekanne aufhob, den Präsentirteller aber liegen ließ.
»Von wem ist sie denn?« schrie aber die Dame, ohne selbst in dem
Augenblick des zerbrochenen Geschirrs zu achten.
»Ja das weeß ich Sie werklich nich,« sagte Lorenz, »aber sie is für den
Herrn Doctor Müller.«
»Doctor Müller? -- Sie Ungeheuer Sie, was bringen Sie mir denn da das
entsetzliche Papier?« rief die Dame mit vor Zorn gerötheten Wangen.
»Aber ich bitte Sie um tausend Gottes Willen mein bestes Mamsellchen!«
»Jetzt kann mir Ihr Telegraph mein Service bezahlen,« zürnte aber die
schöne Wüthende, »das ist ja ärger wie Einbruch und Diebstahl! oh, das
herrliche Porcellan!« Sie kniete neben den Scherben nieder und begann
die auseinander gesprengten Stücke, allerdings vergebens, wieder
zusammenzupassen. Lorenz wurde es aber unheimlich und wenn er auch nicht
recht begriff weshalb die Dame so erschreckt sei, hielt er dies doch
für einen passenden Moment sich aus dem Staub zu machen. Doctor
Müller wohnte jedenfalls oben. In Gedanken behielt er auch die
halbe Kaffeekanne bis zur Treppe in der Hand, dort legte er sie aber
vorsichtig auf die erste Stufe und stieg dann rasch hinauf in die
Bel-Etage.
Hier mußte er wieder klingeln. Ein Dienstmädchen öffnete ihm die Thür.
»Telegrafische Depesche!« sagte Lorenz und hielt ihr das Papier
entgegen. Kaum war aber das Wort heraus, als das Mädchen ihm die Thür
wieder vor der Nase zuschlug und er hörte nur noch wie sie drin über
den Gang stürzte und in ein Zimmer hineinschrie: »O Du lieber Gott eine
telegraphische Depesche.« Ein lauter Schrei antwortete -- ängstlich hin
und wiederlaufende Schritte wurden drinnen laut und Niemand schien sich
weiter um Lorenz zu bekümmern.
»Hm,« dachte dieser, »das is mer doch eene kuriose Geschichte -- was se
nur derbei haben? -- wenn se nich bald kommen, bimmele ich noch eenmal.«
Schon hatte er die Hand zum zweitenmale nach der Klingel ausgestreckt,
als es drinnen wieder laut wurde. Deutlich konnte er die Schritte einer
Anzahl von Personen hören, die auf die Saalthür zukamen und diese wurde
endlich wieder halb geöffnet.
Wenn Lorenz nicht selber so erschreckt gewesen wäre, hätte er gern
gelacht, denn auf dem Gang drinnen stand die wunderlichste Procession,
die er in seinem ganzen Leben gesehen. Vorn ein Herr mit einem dicken
rothen Gesicht und feuerrothem Backenbart, einem sehr schmutzigen
Schlafrock, darunter die zusammengebundenen Unterhosen und ein Paar
niedergetretene Pantoffeln. Hinter ihm stand eine Dame, ebenfalls im
höchsten Morgennegligée mit weißer Nachtjacke und Unterrock. Rechts und
links von diesen beiden drängten sich zwei Dienstboten herbei, Neugierde
und Furcht in den bleichen Gesichtern und vier oder fünf Kinder schauten
dazu mit den noch ungewaschenen und ungekämmten Köpfen vor, wo sie
irgend Raum finden konnten diese durchzuschieben.
»Telegrafische Depesche für Herrn Doctor Müller,« sagte Lorenz, um
diesmal keine Verwechslung des Namens möglich zu machen.
»Müller? -- Holzkopf!« schrie aber der Herr im Schlafrock und warf die
Thür von innen wieder dermaßen in's Schloß, daß Lorenz kaum Zeit behielt
zurückzuspringen.
Etwas erstaunt blieb er, mit seiner Depesche in der Hand, jetzt an der
Schwelle stehn, fing aber doch nun an zu glauben, daß die ganze Sache
irgend etwas Furchtbares und Gefährliches in sich trage, das mit den
geheimnißvollen Telegraphendrähten natürlich in directer Verbindung
stehen mußte, und daß jetzt mehr als je daran liege, die richtige
Person dafür zu finden. Vor allen Dingen suchte er deshalb, ehe er sich
weiteren Mißverständnissen aussetzte, die Wohnung des besagten Doctor
Müller ausfindig zu machen und der Zeitungsjunge, der eben das Tageblatt
brachte, diente ihm dabei als untrügliche Quelle.
»Doctor Müller?« sagte dieser -- »eine Treppe höher, können gleich das
Tageblatt mit hinaufnehmen -- doch Treppen genug zu laufen.«
Lorenz übernahm die Besorgung und befand sich bald zu seiner innigen
Beruhigung an der rechten Thür. Ein kleines weißes Schild mit dem Namen
des Dr. Müller darauf zeigte ihm, daß er sein Ziel erreicht habe.
An dieser Vorsaalthür war keine Schelle. Er klopfte erst ein paar Mal,
und da ihm Niemand antwortete, drückte er die Klinke nieder und trat
ein. Auf dem Vorsaal sah er auch Niemanden und die Küche stand leer, in
der nächsten Stube hörte er aber Stimmen, ging dort hinüber und klopfte
an.
Wie sich die Thür öffnete glänzte ihm ein mit Blumen, Torten und
Geschenken bedeckter Tisch entgegen und eine junge allerliebste kleine
Frau frug ihn freundlich was er wünsche. Lorenz, der außerordentlich
gutmüthigen Herzens war, dachte aber mit Zagen an die Verwirrung, die er
parterre und im ersten Stock schon angerichtet hatte und wünschte, mit
dem unbestimmten Bewußtsein, daß er der Träger irgend einer furchtbaren
Nachricht wäre, diese der jungen hübschen Frau so vorsichtig als möglich
beizubringen.
»Ach heren Se,« sagte er deshalb -- »erschrecken Sie nich -- es is Sie
was vom Telegrafen.«
Die junge Frau sah ihn stier an, hob langsam den rechten Arm in die
Höh und brach mit dem kaum hörbaren Schrei: »Er ist todt!« bewußtlos
zusammen. Ihr Gatte hatte auch in der That kaum Zeit sie aufzufangen und
vor einem vielleicht schlimmen Sturze zu bewahren.
»Um Gottes Willen, was ist?« frug er dabei den wie halb vom Schlag
gerührten Depeschenträger »eine Telegraphische Depesche? -- woher?«
»Nun, da Sie's doch schon einmal wissen,« sagte Lorenz, inniges Mitleid
in den erschreckten Zügen -- »es is Sie richtig vom Telegrafen.«
Der junge Mann trug sein armes, bewußtloses Frauchen auf das Sopha, wo
er sie den Händen der jammernd herbeistürzenden Schwiegermutter übergab.
Das Kind, das die Wärterin auf dem Arme trug, fing dabei an zu schreien,
die Köchin war ebenfalls herein gekommen und stand schluchzend und
händeringend an der Thür und mit zitternden Händen erbrach jetzt Dr.
Müller die Depesche, deren Buchstaben ihm im Anfang vor den Augen
flirrten und tanzten. Endlich las er leise vor sich hin:
Herzlichen Glückwunsch -- heutigen Geburtstag -- noch oft wiederkehren
-- Alle wohl -- tausendmal grüßen -- liebe Frau auch. Inniger
Freundschaft.
Mehlig.
Erst am Schluß und wie ihm das Bewußtsein dämmerte um was es sich hier
handele, knitterte er das Papier in der Hand zusammen, drehte einen Ball
daraus und schleuderte diesen mit aller Gewalt auf den Boden.
»Ist er todt?« sagte Lorenz in theilnehmendem Mitgefühl.
»Gehen Sie zum Teufel,« rief Dr. Müller in leicht verzeihlichem Aerger
-- »Sie und Ihre telegraphische Depesche -- solchen Glückwunsch möcht
ich mir nächstes Jahr noch einmal zum Geburtstag wünschen -- meine arme
Frau kann den Tod davon haben.«
»Bitte tausendmal um Entschuldigung,« sagte Lorenz, Niemand bekümmerte
sich aber mehr um ihn, denn die Uebrigen waren jetzt sämmtlich um die
Ohnmächtige beschäftigt, so daß er die Gelegenheit für passend hielt,
sich so rasch und unbemerkt als möglich zu entfernen. Durch das Haus
mußte er aber noch einmal förmlich Spießruthen laufen.
»Ach Sie Unglücksvogel,« sagte das Kindermädchen, das ihm mit einer Vase
frischen Wassers, um der Frau zu helfen, an der Thür begegnete.
»Das nächste Mal erkundigen Sie sich vorher nach dem Namen, Sie Dingsda«
-- sagte der Herr in dem schmutzigen Schlafrock, der an der Saalthür
in der ersten Etage ganz besonders auf ihn gewartet haben mußte, als
er dort rasch und geräuschlos vorbeigleiten wollte, und unten in der
Hausflur saß die Mamsell noch immer bei den Scherben, die sie vergebens
zusammenpaßte.
Auch diese empfing ihn wieder mit einer Fluth von Vorwürfen, Lorenz
aber hielt sich nicht auf und floh aus dem Haus hinaus, als ob er hätte
stehlen wollen und dabei erwischt worden wäre.
Erst nach langer Zeit gewöhnte er sich auch an diese unausbleiblichen
Folgen derartiger Depeschen, und als ich ihn neulich sprach, hatte er
sogar eine Art statistischer Tabelle aufgestellt, nach der er berechnet
haben wollte, daß durchschnittlich auf je vier telegraphische Depeschen
-- denn nicht alle laufen so unglücklich ab, -- eine Ohnmacht und
zwei zerbrochene Tassen, nur auf die sechste oder siebente aber ein
ernstlicher Unfall folge.
»S'is was Scheenes um en Telegrafen,« sagte er dabei, »aber Gott bewahre
Eenen vor ener telegrafischen Depesche!«
Der Polizeiagent.
I.
Im Packwagen.
Es war im Juli des Jahres 18--, als der von Cassel kommende Schnellzug
in Guntershausen hielt und dort solch eine Unzahl von Passagieren
vorfand, daß die Schaffner kaum Rath und Aushilfe wußten. Alle Welt
befand sich aber auch gerade in dieser Zeit unterwegs und die Züge --
da das andauernd schlechte Wetter bisher die Reisenden zurückgehalten
-- waren bei dem ersten warmen Sonnenstrahl gar nicht auf einen so
plötzlichen Andrang berechnet gewesen.
Uebrigens machte man möglich, was eben möglich zu machen war. Alle
vorhandenen Wagen wurden eingeschoben, jeder noch freie Platz dritter
Klasse -- zum großen Aergerniß mit Hutschachteln und Reisetaschen reich
bepackter Damen -- auf das gewissenhafteste ausgefüllt und dann in die
zweite, ja sogar selbst in die erste Klasse hineingeschoben was eben
hineinging. Die nächsten Stationen nahmen ja auch wieder Reisende ab,
und nach und nach regulirte sich alles.
Durch diesen Aufenthalt hatte sich der Schnellzug aber auch um eine gute
halbe Stunde verspätet und war eben zum Abfahren fertig, als noch ein
leichter Einspänner angerasselt kam und ein einzelner Herr, eine kleine
lederne Reisetasche in der Hand, heraus und darauf zusprang.
»Zu spät,« rief ihm der Oberschaffner entgegen und gab den
verhängnißvollen schrillenden Pfiff; »wir haben alle Personenwagen
besetzt.«
Der Fremde, der augenscheinlich kein Neuling auf Reisen war, warf einen
raschen, prüfenden Blick über die lange Wagenreihe und sah Kopf an Kopf
in den Fenstern -- aber die Schiebethür des Packwagens stand noch halb
geöffnet.
»Dann werde ich mich bis zur nächsten Station bei den Koffern
einquartiren,« lachte er und ohne die Einwilligung des Schaffners
abzuwarten, der übrigens auch nichts dagegen hatte, sprang er auf den
Wagentritt und in den Packwagen hinein. Bei einem solchen Andrang von
Personen mußte sich ein jeder helfen so gut er eben konnte.
»Das ist eigentlich nicht erlaubt --« sagte der Packmeister; aber der
Fremde kannte genau die Sprache, die hier alleinige Geltung hatte, und
dem Packmeister ein Stück Geld in die sich unwillkürlich öffnende Hand
drückend, lachte er:
»Ich führe ganz vortreffliche Cigarren bei mir und wenn ich nicht
im Wege bin, erlauben Sie mir wohl eine Viertelstunde Ihnen hier
Gesellschaft zu leisten.«
»Haben Sie denn ein Billet?« frug der Mann und sein =Gefühl= sagte ihm,
daß er ein großes Silberstück in der Hand hielt.
»Noch nicht -- ich bin eben erst, wie der Zug abgehen wollte, mit einem
Einspänner von Melsungen herüber gekommen. Mein Billet nehme ich auf der
nächsten Station.«
»Na da setzen Sie sich nur da drüben auf den Koffer, in Treysa
gibt's Platz,« bemerkte der Packmeister, während der Fremde seine
Cigarrentasche herausnahm und sie dem Manne hinhielt.
»Mit Erlaubniß -- danke schön« -- die Bekanntschaft war gemacht, der Zug
überdies in Bewegung und der Passagier, bis ein anderer Platz für ihn
gefunden werden konnte, rechtsgültig untergebracht.
Eine Cigarre wirkt überhaupt oft Wunder und die Menschen, die sich
diesen Genuß aus ein oder dem andern Grunde versagen, wissen und ahnen
gar nicht, wie sehr sie sich oft selber dadurch im Lichte stehen. Mit
einer Cigarre ist jeder im Stande, augenblicklich auf indirecte Art eine
Unterhaltung anzuknüpfen, indem man nur einen Reisegefährten um Feuer
bittet. Ist dieser in der Stimmung, darauf einzugehen, so giebt er die
eigene Cigarre zum Anzünden. Paßt es ihm aber nicht, so bleibt ihm
immer noch ein Ausweg -- er reicht dann dem Bittenden einfach ein
Schwefelholz. Der Empfänger dankt, zündet seine Cigarre an, wirft das
Holz weg und betrachtet sich als abgewiesen.
Mit einer dargebotenen Cigarre gewinne ich mir außerdem das Herz
unzähliger Menschen, die der =nicht= rauchende Reisende in gemeiner
Weise durch schnöde Fünf- und Zehn-Groschenstücke gewinnen muß. -- Sitz'
ich auf der Post neben dem Postillion auf dem Bock, so öffnet mir eine
Cigarre sein ganzes Herz; ich erfahre nicht allein die außerordentlichen
Eigenschaften seiner Pferde, sondern auch die Familiengeheimnisse des
Posthalters und erweiche ich dasselbe sogar noch mit einem Glase Bier,
so liegt sein eigenes Innere offen vor mir da. Selbst der gröbste
Schaffner wird rücksichtsvoll, sobald er die ihm dargereichte
Cigarrentasche erblickt -- man soll nämlich derartigen Leuten nie eine
einzelne Cigarre hingeben, weil sie außerordentlich mißtrauisch sind und
leicht Verdacht schöpfen können, man führe besondere »Wasunger« Sorten
bei sich für solchen Zweck und das verletzt ihr Ehrgefühl.
Auch der Packmeister war gesprächig geworden -- die Cigarre schmeckte
ausgezeichnet -- und erzählte von dem, was ihm natürlich am nächsten
lag, von der ewigen unausgesetzten Plackerei, so daß man seines Lebens
kaum mehr froh werden könnte. Die ganze Welt reise jetzt -- wie er
meinte -- in die Bäder. Er reiste auch in einem fort -- alle Wochen drei
Mal in die Bäder, kam aber nie hin und hatte kaum Zeit, sich Morgens
ordentlich zu waschen, viel weniger zu baden. In seinem Packwagen stecke
er dazu wie eine Schnecke in ihrem Haus, nur daß die Schnecke nicht
ununterbrochen Koffer und Hutschachteln ein- und auszuladen hätte.
»Sehen Sie« -- setzte er dann hinzu -- »so gewöhnt man sich aber daran,
daß ich schon Nachts in meinem eigenen Bett -- wenn ich meine Nacht
daheim hatte und ich schlafe dicht am Bahnhof -- im Traum, sowie ich nur
die verdammte Locomotive pfeifen hörte, Bettdecke und Kopfkissen in die
Stube hineingefeuert habe, weil ich glaubte, es wäre Station und ich
müßte ausladen. Es ist Sie ein Hundeleben.«
Wieder pfiff diese nämliche Locomotive. Der Zug hielt an einer der
kleinen Stationen und drei Koffer gingen hier ab, und ein anderer Koffer
mit zwei Reisesäcken und eine Kiste kam hinzu. Der Fremde mußte aber
noch sitzen bleiben, denn der Aufenthalt dauerte zu kurze Zeit, um ein
Billet lösen zu können.
»Ich begreife nicht,« sagte der Fremde, »wie Sie sich da immer so
zurecht finden, daß Sie gleich wissen was expedirt wird und was
dableibt. Kommt da nicht auch oft ein Irrthum vor?«
»Doch selten,« meinte der Packmeister, indem er seine bei der Expedition
ausgegangene Cigarre wieder mit einem Schwefelhölzchen anzündete -- »man
bekommt Uebung darin. Nur heute wär mir's in dem Wirrwarr bald schief
gegangen, denn in Guntershausen hatte ich aus Versehen den nämlichen
Koffer hinausgeschoben, auf dem Sie da sitzen. Glücklicherweise kriegte
ihn der Eigenthümer noch zur rechten Zeit in die Nase -- und das bischen
Spectakel, was der machte! Aber es war ja noch kein Malheur passirt und
so schoben wir ihn wieder herein. Den Packmeister möchte ich überhaupt
sehen, dem nicht schon einmal ein falscher Koffer entwischt ist -- der
Telegraph bringt das aber alles wieder in Ordnung. -- Staatseinrichtung
das mit dem Telegraphen.«
Der Fremde hatte sich, während der Mann sprach fast unwillkührlich den
Koffer angesehen, auf dem er saß, und stand jetzt auf und las das kleine
Messingschild. Es enthielt nur die zwei Worte »_Comte Kornikoff_.«
»Und wie sah der Herr aus, dem der Koffer gehörte?« frug er endlich.
»Oh, ein kleines, schmächtiges Männchen,« meinte der Packmeister, »mit
einem pechschwarzen Schnurrbart und einer blauen Brille.«
»Wohin geht denn der Koffer heute?«
»Nach Frankfurt -- ich war ja ganz confus und glaubte, er ginge nach
Cassel, weil ich gestern den Packwagen dorthin hatte.«
Wieder pfiff die Locomotive und während der Packmeister von seinem
Geschäft in Anspruch genommen wurde, betrachtete der Fremde das Schild
noch genauer, aber er sprach nichts weiter darüber und da sie gleich
darauf in Treysa hielten, mußte er dort aussteigen und ein Billet lösen.
Hier war auch eine große Zahl von Passagieren abgegangen und Platz genug
geworden.
»Wohin fahren Sie?«
»Frankfurt --«
»Die vorderen Wagen.«
Der Fremde schritt an der Reihe hinauf und sah in die verschiedenen
Coupés hinein. In dem einen saß ein Herr und eine Dame. Der Herr trug
eine blaue Brille. Er öffnete sich selber die Thür, stieg ein, grüßte
und nahm dann in der einen Ecke Platz.
Der Herr mit der blauen Brille schien das nicht gern zu sehen -- er
schaute aus dem Wagenfenster als ob er einen Schaffner herbeirufen
wollte, und warf dann einen forschenden Blick auf den Fremden. Dieser
aber kümmerte sich nicht darum, legte seine kleine Reisetasche in das
Netz hinauf und machte es sich dann vollkommen bequem.
»Bitte, Ihr Billet, mein Herr --«
»Hier --«
»Sie haben aber erste Klasse.«
»Es sitzen einige Damen erster Klasse,« sagte der Fremde, »und da ich
den Herrn da rauchen sah, nahm ich =hier= Platz. Die Dame wird mir wohl
das Anzünden einer Cigarre erlauben.«
Die letzten Worte waren, wie halb fragend an die Dame gerichtet, deren
Gesichtszüge sich aber nicht im Geringsten dabei veränderten. Sie mußte
den Sinn derselben gar nicht verstanden haben.
Der Schaffner coupirte das Billet und die Passagiere waren allein;
da aber der Fremde der Artigkeit Genüge leisten wollte, nahm er seine
Cigarrentasche heraus und aus dieser eine Cigarre und sagte dann noch
einmal, sich an den Herrn wendend:
»Die Dame scheint meine Frage nicht verstanden zu haben. Sie erlaubt mir
wohl, daß ich rauche?«
»Sprechen Sie Englisch?« frug der Herr in dieser Sprache zurück -- »ich
verstehe kein Deutsch --«
»Ich muß sehr bedauern,« sagte der Fremde achselzuckend, aber wieder in
deutscher Sprache. Die Unterhaltung war dadurch unmöglich geworden, die
Pantomine indeß zu deutlich gewesen und der Herr mit der blauen Brille
reichte dem, wie es schien eben nicht willkommenen Reisegefährten seine
brennende Cigarre zum Anzünden, die dieser dankend annahm und dann
zurückgab.
Die Dame hatte den Kopf halb abgewandt und sah zu dem geöffneten Fenster
hinaus. Der Fremde warf unwillkürlich den Blick nach ihr hinüber
und mußte sich gestehen, daß er selten, wenn je in seinem Leben,
ein schöneres Gesicht, regelmäßigere Züge, feurigere Augen und einen
tadelloseren Teint gesehen habe. Und wie schön mußte das Mädchen oder
die Frau erst sein, wenn sie =lächelte=, denn jetzt zog eine Mischung
von Trotz und Stolz -- vielleicht der Unwille über des Fremden
Gegenwart, die fein geschnittenen Lippen zusammen und gab dem lieben
Antlitz etwas Finsteres und Hartes, was ihm doch sonst gewiß nicht eigen
war.
Ein kurzes Gespräch entspann sich jetzt zwischen dem Herrn und der Dame,
auf welches der Fremde aber nicht zu achten schien, denn er nahm ein
Eisenbahnbuch aus der Tasche und blätterte darin. Die Dame sagte, ohne
jedoch den Blick von der Landschaft wegzuwenden, ebenfalls in englischer
Sprache:
»Wer ist der Fremde?«
»Ich weiß es nicht,« lautete die Antwort, »aber wir brauchen uns
seinetwegen nicht zu geniren; er versteht kein Englisch.«
»Aber er sieht englisch aus.«
»Bewahre,« lachte der Mann -- »er hat auch nicht ein einziges englisches
Stück Zeug an seinem Körper -- die Reisetasche ist ebenfalls deutsch,
gerade so wie sein Handbuch.«
»Er ist lästig, wir hätten erster Classe fahren sollen.«
»Liebes Herz, das schützt uns nicht vor Gesellschaft, denn der Herr hat
ebenfalls ein Billet erster Classe und ist nur hier eingestiegen, weil
er mich rauchen sah.«
»Dein fatales Rauchen.« -- Die Unterhaltung stockte und der Herr mit der
blauen Brille warf noch einen prüfenden Blick nach seinem Reisegefährten
hinüber, der aber gar nicht auf ihn achtete und sich vollständig mit
seiner Cigarre und seinem Buch beschäftigte. Nur dann und wann hob er
den Blick und schaute nach beiden Seiten auf die Landschaft hinaus und
streifte dann damit, wenn auch nur flüchtig, den Fremden.
Es war eine kleine, aber zierliche schlanke Gestalt, sehr elegant, aber
fast zu sorgfältig gekleidet, auch mit mehr Schmuck als ein wirklich
vornehmer Mann zu zeigen pflegt. Die Hände aber hatten etwas wirklich
Aristokratisches -- sie waren weiß und zart geformt und wenn er den Mund
zum Sprechen öffnete, zeigte er zwei Reihen auffallend weißer Zähne.
Sein Haar war braun und etwas gelockt, der Schnurrbart aber von tiefer
Schwärze, jedenfalls gefärbt. Die Augen ließen sich nicht erkennen,
da sie von der blauen Brille bedeckt wurden. Trotzdem aber, daß er nur
englisch zu sprechen schien, war er vollkommen nach französischer Mode
gekleidet. Nur die junge Dame trug in ihrem Putz und Reiseanzug den
entschieden englischen Charakter, wie auch entschieden englische Züge.
Ihren Begleiter würde man weit eher für einen Franzosen als für einen
Sohn Albions gehalten haben.
Mehrere Stationen blieben die Drei allein in ihrem Coupé. Die Dame war
müde geworden und hatte -- soweit es die Bewegung des Wagens erlaubte --
ein wenig geschlafen. In Gießen aber kamen noch eine Anzahl Passagiere
hinzu und zwei von diesen, ein Herr und eine Dame, stiegen in dies
nämliche Coupé. Wieder ein Paar Engländer und die Dame, wenn auch
schon ziemlich in den Jahren, doch mit den unvermeidlichen, langen
Hobelspahnlocken, die ihr vorn fast bis zum Gürtel nieder hingen; der
Herr mit einem breitränderigen, schwarzen Filzhut, einem kleinen, sehr
mageren Schnurrbart und einer Cigarre im Munde -- lauter continentale
Reiseerinnerungen, die wieder fallen müssen, sobald der Eigenthümer
derselben den Boden seines Vaterlandes aufs neue betritt.
Wenn sich die beiden Herren aber auch ziemlich kalthöflich gegeneinander
verneigten, so schienen die Damen dagegen schon beim ersten Blick
die gemeinsame Nationalität erkannt zu haben, und kaum saß die
Neuhinzugekommene, als sie auch ein lebhaftes Gespräch mit ihrer jungen
Nachbarin begann, an dem sich diese ebenfalls zu freuen schien, denn ihr
Gemahl oder Begleiter hatte sie wenig genug unterhalten.
Engländer auf dem Continent -- wie könnte es ihnen auch an Stoff zur
Unterhaltung fehlen -- Vereinigt sie nicht ein gemeinsames Leid und
Elend? Werden sie nicht gleichmäßig von allen Wirthen, Kellnern,
Droschkenkutschern, Gepäckträgern und Lohnbedienten geprellt, und
=kann= ein wirklicher Engländer ohne Lohnbedienten auf dem Continent
durchkommen, denn spricht er je die Sprache des Landes, auf dem er eine
freie Zeit zubringen will? -- Unter hunderten kaum einer.
Das Gespräch -- sowie nur die ersten Fragen über woher und wohin
erledigt waren, drehte sich auch nur um diesen Gegenstand, und der Herr
mit dem breitkrämpigen Hut nahm bald lebhaften Theil daran.
Er kam mit seiner Frau natürlich von London, hatte vier Wochen zur
Reise bestimmt, zwei davon schon nützlich verwandt, und schien fest
entschlossen, auch die andern beiden noch daran zu setzen, um sich in
jeder nur erreichbaren Stadt Deutschlands über die Wirthe im Einzelnen
und das Volk im Allgemeinen zu ärgern, und dann mit dem stolzen
Bewußtsein nach Hause zurückzukehren, daß es doch nur =ein= England in
der Welt gäbe.
Die junge Frau kam, wie sie sagte, mit ihrem Mann von Hannover, wo sie
ein Jahr bei Freunden zugebracht. Sie beabsichtigten jetzt auf einen
Monat nach Frankfurt oder auch vielleicht in ein benachbartes Bad zu
gehen, um ihre Gesundheit, die durch den längeren Aufenthalt in dem
rauhen Lande angegriffen sei, wieder herzustellen.
»Und wo werden Sie in Frankfurt wohnen?«
Sie wußten es noch nicht -- der Herr mit dem breiträndrigen Hut schlug
die »Stadt Hull« als ein sehr billiges, ihm besonders empfohlenes
Gasthaus vor. Uebrigens könne man ja vorher über den Preis von »_board
and lodging_« akkordiren -- =er= thäte das immer, wenn es auch ein wenig
»schäbig« aussehe -- den deutschen Wirthen gegenüber sei man sich das
aber schuldig.
Beide Parteien beschlossen deshalb, in Stadt Hull zu übernachten und
gemeinschaftlich zu essen -- »es sei das billiger.« Morgen konnte man
dann auch zusammen einen Lohnbedienten nehmen, und sparte dadurch die
halbe Auslage -- der morgende Tag würde überhaupt ein sehr angestrengter
werden, denn es gab in Frankfurt -- nach Murray -- eine Unmasse von
Sehenswürdigkeiten, die nun einmal durchgekostet werden =mußten=, wenn
man nicht die Reise umsonst gemacht haben wollte.
Der Herr mit der blauen Brille hatte sich nicht sehr an der Unterhaltung
betheiligt. Er schien keine Freude daran zu finden. Auch die
Aufforderung, gemeinsam in Stadt Hull zu logiren, beantwortete er
zweideutig, während die junge Dame augenblicklich bestimmt zusagte.
Dann lehnte er sich in seine Ecke zurück und schlief -- er verhielt
sich wenigstens von da an vollkommen ruhig, wenn man auch der blauen
Brillengläser wegen nicht einmal sehen konnte, ob er nur die Augen
geschlossen hielt.
Es war indessen dunkel geworden -- die übrigen Passagiere wurden
ebenfalls müde, und nur auf der vorletzten Station unterbrach der
Schaffner noch einmal die Stille, indem er die Billete nach Frankfurt
abforderte.
Der Fremde mit der blauen Brille schien wirklich eingeschlafen zu sein.
Er fuhr, als ihn der Schaffner, der neben ihm durch das Fenster sah, auf
die Schulter klopfte, ordentlich wie erschreckt in die Höhe und sah sich
wild und verstört um -- er hatte jedenfalls geträumt, und suchte dann,
als er begriff was man von ihm wolle, in der Westentasche nach seinem
Billet.
Ein kleiner weißer Streifen Papier fiel dabei auf die Erde und der
Fremde mit der Reisetasche, der jenem schräg gegenüber saß, stellte
den Fuß darauf. Dann war wieder alles still; der mit der blauen Brille
lehnte sich in seine Ecke zurück und sein halbes _Vis-à-vis_ nahm sein
Taschentuch heraus, ließ es wie zufällig fallen und hob den Zettel damit
auf -- es war der Gepäckschein.
Bald darauf rasselte der Zug mit einem markdurchschneidenden Pfeifen
-- daß Einem die eigene Lunge weh that, wenn man es nur hörte -- in den
Frankfurter Bahnhof ein, und der Fremde mit der kleinen Reisetasche war
der erste, der aus dem Wagen sprang und zu dem Güterkarren eilte.
Hatte er indessen unredliche Absichten dabei gehabt, so sollte er die
vereitelt sehen, denn es dauerte eine Ewigkeit, bis der, wie es schien,
wohlgemerkte Koffer, auf den der Schein lautete, zum Vorschein kam,
und bis dahin war der rechtmäßige Eigenthümer schon ebenfalls herbei
gekommen und erkannte sein Gepäck. Vergebens suchte er indessen in
allen Taschen nach seinem Schein und fluchte auf deutsch, englisch
und französisch, daß ihm die Beamten sein Gepäck nicht ohne denselben
ausliefern wollten.
Der Fremde hatte sich etwas zurückgezogen und stand im Schatten eines
Pfeilers -- jedenfalls machte er da die Entdeckung, daß der Herr mit
der blauen Brille nicht allein vollkommen gut deutsch, sondern auch
französisch sprach, und sich in beiden Sprachen erbot, seine Koffer zu
öffnen und dadurch zu beweisen, daß er der Eigentümer sei.
Der Inspektor kam endlich heran und ersuchte ihn sehr artig, nur so
lange zu warten, bis das übrige Gepäck fortgenommen sei; wenn er dann
die passenden Schlüssel producire, möge er seine Koffer mit fortnehmen.
Der Fremde zeigte Anfangs viel Ungeduld, und erklärte mit dem nächsten
Zuge nach Mainz noch weiter zu wollen, der Inspektor bedeutete ihm aber,
daß er dann hätte besser auf seinen Gepäckschein Acht geben sollen --
den Zug nach Mainz erreiche er indessen doch nicht mehr, da derselbe
schon vor einer Viertelstunde abgegangen, weil sich der Schnellzug
verspätet habe. Es blieb ihm zuletzt kein anderer Ausweg, als dem
gegebenen Rath zu folgen, und als seine Koffer wirklich zurückgeblieben,
und er sich durch seine Schlüssel als der rechtmäßige Eigenthümer
legitimiren konnte, bekam er endlich sein Gepäck und ließ es -- einen
großen und einen kleineren Koffer -- in die durch die Dame schon in
Besitz genommene offene Droschke schaffen.
Dicht dahinter hielt noch eine verschlossene Droschke =ohne= Gepäck;
sonst hatten sämmtliche Wagen, selbst die Omnibusse, schon die Bahn
verlassen, und der Kutscher fuhr jetzt, auf die Anweisung des Reisenden,
nicht nach der Stadt Hull, sondern nach dem »_Hôtel Methlein_.«
Die andere Droschke folgte in etwa zwanzig Schritt Entfernung nach, und
hielt, als die erste in den Thorweg einfuhr. Ein Reisender mit einer
kleinen Reisetasche in der Hand stieg aus, befahl dem Droschkenkutscher
zu warten, und betrat dann zu Fuß das nämliche Hotel.
Dort angekommen legte der Reisende nur eben in dem ihm bezeichneten
Zimmer sein geringes Gepäck ab, bestellte sich unten im Speisesaal
etwas zu essen und verließ dann noch einmal das Hotel, um nach dem
Telegraphenbureau zu fahren. Dort gab er folgende Depesche auf:
_Mr. Burton, Union Hôtel, Hannover._
Ist ein Graf Kornikoff ein Jahr in Hannover gewesen? -- Fremdenliste
nachsehen. Kommen Sie so rasch als möglich hierher. -- Bin ich
abgereist, liegt ein Brief im Hotel. --
_H._
Dann kehrte er ins Hotel zurück und verzehrte sein Abendbrod, das ihm
der Kellner brachte.
Der Saal war leer; nur vier Herren saßen an einem Tisch und schienen,
schon ziemlich angetrunken, den Geburtstag des einen zu feiern, der mit
schwerer Zunge noch eine Flasche moussirenden Rheinwein bestellte. Um
den Fremden bekümmerte sich Niemand.
Dieser aß das ihm vorgesetzte Beefsteak, trank seine Flasche Wein dazu
und wartete es ruhig ab, bis ihm der Kellner das Fremdenbuch brachte. In
dasselbe schrieb er sich ein als W. Hallinger, Particulier aus Breslau
und blätterte dann die Seiten nach den dort eingetragenen Namen durch.
Ganz zuletzt -- dicht über seinem eigenen Autograph -- standen seine
Reisegefährten eingetragen: »Comte Kornikoff und Frau, aus Petersburg --
von Hannover nach Frankfurt.«
Der Kellner hatte dabei bemerkt Nr. 6 und 7.
»Wollen Sie morgen früh geweckt sein?« frug ihn der Portier, als er
seine Flasche beendet und seine Cigarre ausgeraucht hatte, und eben im
Begriff stand zu Bett zu gehen.
»Wann geht der erste Zug?«
»Wohin?«
»Nach Mainz oder Wiesbaden.«
»Sechs Uhr.«
»Gehen da noch mehrere Passagiere ab?«
»Jawohl,« erwiederte der Portier, auf die für den Hausknecht bestimmte
Tafel zeigend -- »Nr. 5, Nr. 17 und Nr. 37 lassen sich wecken. Soll ich
Sie ebenfalls notiren?«
»Ach, ich weiß nicht; ich bin müde heut Abend. Ich werde wohl erst mit
dem zweiten Zug fahren.«
»Sehr wohl, mein Herr -- Kellner, Licht auf Nr. 8. Angenehme Ruhe.«
Der Fremde stieg auf sein Zimmer hinauf und sah vor Nr. 7 ein Paar
Herrenstiefeln und ein Paar lederne Damenschuhe stehen. Im Hotel schlief
aber schon alles; es war spät geworden, da sich der Zug überhaupt
verspätet hatte und der »Particulier Hallinger« suchte ebenfalls sein
Lager.
II.
Der Bundesgenosse.
Am nächsten Morgen war der Fremde, der sich in dem Fremdenbuch als
Particulier Hallinger eingeschrieben hatte, trotzdem daß er nicht
geweckt wurde, ziemlich früh wieder munter, aber es schlug 8 Uhr, und
die Stiefel und die Damenschuhe standen noch immer vor Nr. 7, ohne
hereingeholt zu sein. Erst gegen neun Uhr schienen die Insassen jenes
Zimmers ordentlich munter zu werden, und um halb zehn Uhr wurde Kaffee
bestellt. Aber erst gegen zwölf Uhr ging der Herr aus, und zwar allein
-- die Dame blieb auf ihrem Zimmer. Wie der Kellner aussagte, fühlte
sich die Dame nicht ganz wohl, und wollte heute ausruhen -- er hatte
wenigstens nicht in das Zimmer gedurft, und das Stubenmädchen mußte den
Kaffee hinein tragen. Wahrscheinlich lag sie noch im Bette.
Der Fremde blieb übrigens den ganzen Tag zu Haus, und schickte nur einen
Brief an _Messrs. Burton & Burton, London, 12 Fleetstreet_ durch den
Hausknecht auf die Post. Thatsache war übrigens, daß er sich ungemein
für seine Nachbarschaft zu interessiren schien, denn als der Herr wieder
nach Hause kam, rückte er sich leise einen Stuhl an die verschlossene
Verbindungsthür und horchte stundenlang mit einer merkwürdigen Ausdauer
dem da drüben gehaltenen Gespräch, jedoch ohne besonderen Nutzen. Die
laut gesprochenen Worte waren vollständig gleichgültiger Natur, und das
andere konnte er eben nicht verstehen.
Zu Mittag aß er an der Table d'hôte, aber von Nr. 6 oder 7 ließ sich
niemand dabei blicken. Die Dame schien sich noch angegriffen von der
Reise zu fühlen und Beide speisten auf ihrem Zimmer.
Erst Nachmittags begegnete er dem »Grafen Kornikoff« auf der Treppe und
dieser sah ihn etwas überrascht durch seine blaue Brille an. Der Fremde
heuchelte aber vollständige Gleichgültigkeit, nahm nicht die geringste
Notiz von ihm, und that wenigstens so, als ob er ihn gar nicht wieder
erkenne.
So verging der Tag, ohne daß die beiden Reisenden Miene gemacht hätten,
Frankfurt wieder zu verlassen. Der Oberkellner, mit dem sich Herr
Hallinger über die »bildschöne junge Frau« unterhielt, wußte wenigstens
nicht das Geringste davon. Abends aber, als der Schnellzug von Hannover
erwartet wurde, ging Hallinger hinaus auf den Bahnhof, und brauchte, als
der Zug endlich einlief, auch nicht lange nach dem Erwarteten zu suchen.
Dieser hatte ihn schon von seinem Coupé aus bemerkt und kam rasch auf
ihn zu.
»Hamilton! nun, was Neues?«
»Ich glaube, ich bin auf der richtigen Spur, Mr. Burton,« sagte dieser,
indem er achtungsvoll seinen Hut berührte. »Aber wo ist Ihr Gepäck?«
»Nichts als die Reisetasche hier.«
»Desto besser, auf der Jagd darf man nicht unnöthigen Plunder
mitschleppen. Kommen Sie, ich habe schon eine Droschke«.
»Gehen wir nicht lieber zu Fuß?«
»Es ist zu weit -- und fahren ist sicherer.«
»Und was =haben= Sie nun entdeckt?« frug der junge Engländer, als Beide
eingestiegen waren und davon rasselten -- die Unterhaltung wurde auch in
englischer Sprache geführt.
»Das will ich Ihnen mit kurzen Worten sagen,« berichtete der fälschlich
als deutscher Particulier eingetragene Fremde. »Durch einen reinen
Zufall war ich genöthigt, ein Paar Stationen in einem Packwagen zu
fahren, und fand dort einen Koffer, dessen Messingschild den Namen
»_Comte Kornikoff_« trug.«
»Und Sie glauben, daß jener Schuft Kornik dahinter stecke?«
»Durch den Namen allein wäre ich vielleicht nicht einmal darauf
gefallen,« fuhr Hamilton fort, »aber das französische Wort _Comte_ war
jedenfalls später zu dem Namen gravirt, denn es nahm nicht den Raum
ein, den ihm der Graveur gegeben hätte, wenn er es von Anfang an darauf
gesetzt. Ebenso schien das _off_ hinzugefügt.«
»Und die Beschreibung des Eigenthümers paßt?« rief Mr. Burton rasch.
»Ja und nein. Wohl in der Gestalt, aber sonst nicht ganz; der
dunkelblonde Backenbart fehlt«.
»Der kann abrasirt sein.«
»Das ist möglich -- aber er trägt einen vollkommen schwarzen Schnurrbart
und eine blaue Brille«.
»Der Schnurrbart ist vielleicht gefärbt.«
»Das vermuthe ich selber. -- Die Dame ist bei ihm.«
»Miss Fallow?«
»Unter dem Namen der Gräfin Kornikoff natürlich, -- wenn das nämlich der
von uns Gesuchte ist. Sie kennen ihn doch genau?«
»Als ob er mein leiblicher Bruder wäre. Er war ja sieben Jahre in meines
Vaters Haus und die beiden letzten als Hauptcassirer, wo er sich -- wer
weiß durch was, verleiten ließ, diesen bedeutenden Kassendiebstahl zu
begehen.«
»Wahrscheinlich durch eben diese junge Dame,« sagte Hamilton, »von der
ich ganz allerliebste Sachen gehört habe. Ihr eigentlicher Name ist Lucy
Fallow, Tochter eines Schneidermeisters in London, aber die Eltern sind
beide todt. Es sollen ganz ordentliche Leute gewesen sein. Das junge
Mädchen hatte, ihres anständigen Benehmens wegen und da sie wirklich
nicht ungebildet ist, ein Paar Jahr mit einer vornehmen Familie reisen
können, und dann später auch noch hie und da Unterricht in Musik
gegeben. Dadurch kam sie auch in Lady Clives Haus, von wo aus sie jetzt
beschuldigt wird, einen sehr werthvollen Schmuck entwendet zu haben.«
»Der sich dann vielleicht in ihrem Koffer findet.«
»Beinah hätte ich diese beiden Koffer erwischt,« lächelte Hamilton leise
vor sich hin, »aber ich durfte kein Aufsehen erregen, bis ich nicht
durch =Sie= hier Gewißheit über die Persönlichkeit erlangen konnte. Die
Dame kennen Sie nicht selber?«
»Nein -- ich habe sie nie gesehen.«
»Und von einem Grafen Kornikoff in Hannover auch nichts gehört?«
»Nicht das Geringste. Kein Mensch wußte dort etwas von ihm, und er stand
nicht einmal in einem Fremdenblatt. Er kann nur durchgereist sein, und
Sie werden gewiß die richtige Spur gefunden haben. Uebrigens müssen wir
vorher die nöthigen Schritte auf der Polizei thun.«
»Ist schon alles geschehen,« sagte Hamilton. »Ich habe den
Verhaftsbefehl für das Pärchen schon in der Tasche, und den Burschen mit
seiner Donna fest, sowie Sie mir nur bestätigen, daß er der Rechte ist.«
»Ich hätte im Leben nicht geglaubt,« sagte Mr. Burton, »daß Sie dem
Betrüger sobald auf die Spur kämen. Es geht alles nach Wunsch. Apropos,
haben Sie denn die Dame auch zu sehen bekommen?«
»Ich bin ja mit ihnen in =einem= Coupé gefahren,« lachte Hamilton, »und
sie ahnten dabei wahrscheinlich nicht, daß sie einen geheimen Polizisten
bei sich im Wagen hatten. Nun ich denke, wir werden noch länger
Reisegefährten bleiben. Aber da sind wir -- jetzt haben wir nur darauf
zu sehen, daß uns die Herrschaften nicht etwa morgen in aller Früh
durchbrennen. Wollen wir gleich auf Ihr Zimmer gehen?«
»Ich muß erst etwas essen; ich bin ganz ausgehungert.«
»Schön -- dann kommen Sie mit in den Speisesaal, wir finden ihn um diese
Zeit fast leer.«
Sie bogen rechts ein, um den Saal zu betreten. Als aber Hamilton die
Hand nach der Thür ausstreckte, öffnete sich diese, und Graf Kornikoff
trat heraus, warf einen flüchtigen Blick auf die Beiden und schritt dann
langsam über den Vorsaal, der Treppe zu.
»Das war er,« flüsterte Hamilton seinem Begleiter zu -- »wenn er Sie nur
nicht erkannt hat.«
Unwillkührlich drehte Burton den Kopf nach ihm um, konnte aber die
schmächtige Gestalt des Herrn nur noch sehen, wie er eben um die Ecke
bog, ohne jedoch dabei zurückzuschauen.
»Das glaub ich kaum,« sagte Burton, »denn der Moment war zu rasch, und
dann hätte er doch auch jedenfalls irgend ein unwillkürliches Zeichen
der Ueberraschung gegeben. In der Verkleidung und mit der blauen Brille
und dem schwarzen Schnurrbart würde ich selber aber nie im Leben diesen
Mr. Kornik vermuthet haben. Wenn Sie sich nur nicht geirrt, denn in dem
Fall versäumen wir hier viel Zeit.«
»Ist es denn nicht wenigstens seine Gestalt?« frug Hamilton.
»Die nämliche Gestalt allerdings,« bestätigte Burton, »aber das Gesicht
konnte ich -- unvorbereitet wie ich außerdem war -- unmöglich in der
Geschwindigkeit erkennen. Wann geht der erste Zug morgen früh?«
»Erst um sechs Uhr.«
»Ah, dann ist ja voller Tag,« sagte Burton, »und im schlimmsten Fall
halten wir ihn mit Gewalt zurück. Wäre es aber nicht besser, wir äßen
auf unserem Zimmer?«
»Jetzt kommt er nicht mehr herunter,« meinte Hamilton. »Jedenfalls
setzen Sie sich mit dem Rücken der Thür zu, und wenn er dann ja noch
einmal den Saal betreten sollte, so werde ich bald sehen, was er für ein
Gesicht dabei macht.«
Hamilton hatte übrigens Recht. Graf Kornikoff ließ sich nicht mehr
blicken und als die Beiden ihr Abendbrod beendet hatten, gingen sie auf
Mr. Burtons Zimmer hinauf, das einen Stock höher als Hamiltons lag, um
dort noch Manches zu besprechen.
Burton hatte sich jedoch vorher, auf Hamiltons Rath unter einem
französischen Namen in das Fremdenbuch eingetragen, um doch jede nöthige
Vorsicht zu gebrauchen. Auch verabsäumte der schlaue Polizeibeamte
nicht, vor Schlafengehen noch einmal die Tafel des Portiers zu
revidiren, ob sich vielleicht Nr. 6 oder 7 darauf befand, um früh
geweckt zu werden. Das war aber nicht der Fall, und Hamilton glaubte
jetzt selber, daß jener Herr, wenn es wirklich der Gesuchte gewesen, Mr.
Burton in dem Moment ihres augenblicklichen und unerwarteten Begegnens
nicht erkannt haben =konnte=. Er brauchte also auch Nichts zu
überstürzen.
III.
Entwischt.
Mitternacht war lange vorüber, als sich Hamilton endlich erschöpft und
ziemlich ermüdet auf sein Lager warf, aber trotzdem befand er sich schon
um fünf Uhr angekleidet wieder draußen auf dem Gang, denn heute sollte
er ja den Lohn seiner Bemühungen ernten, und die Zeit durfte ihn nicht
lässig finden.
Das Schuhwerk stand indeß noch immer friedlich dort draußen, des
Hausknechts gewärtig, aber die Bewohner des Zimmers mußten auf sein
-- sollten sie doch am Ende heute morgen abfahren wollen? »Nein, mein
lieber Mr. Kornik,« lachte der Engländer still vor sich hin, »da wir Sie
so hübsch in der Falle haben, wollen wir auch Acht geben, daß Sie uns
nicht wieder durch die Finger schlüpfen.«
In dem Augenblick wurde in Nr. 7 die Klingel gezogen und Hamilton trat
in seine Stube zurück, ließ aber die Thür angelehnt. Er horchte --
aber er konnte nicht hören, daß irgend jemand ein Wort sprach. Ein Paar
Stühle wurden gerückt und Schiebladen ziemlich geräuschvoll auf- und
zugemacht, aber keine Sylbe wurde laut. Hatte sich das junge Ehepaar
vielleicht gezankt?
Draußen klopfte der Kellner an Nr. 7 an.
»_Walk in_.«
Die Thür öffnete sich.
»_Do you speak english?_« lautete die Frage der Dame.
Der Kellner antwortete leise einige Worte, die Hamilton nicht verstehen
konnte, aber die Frage mußte verneinend beantwortet sein, denn die Dame
erwiderte gleich darauf heftig:
»_So send somebody with whom I can speak_.«
Der Kellner -- Hamilton sah durch die Thürspalte, es war ein ganz junger
Bursch, der augenscheinlich gar nicht wußte, was die Dame von ihm wollte
-- eilte wieder die Treppe hinab. »Aber alle Wetter, wo stak denn Mr.
Kornik, der doch ganz vortrefflich deutsch sprach?«
Hamilton erschrak. Hatte der Verbrecher wirklich gestern Abend Burton
erkannt und sich selber in Sicherheit gebracht? Darüber mußte er
Gewißheit haben -- aber seine Stiefeln standen noch vor der Thür. War er
vielleicht krank geworden?
Er stieg rasch die Treppe hinunter zum Portier, den er auch schon auf
seinem Posten fand.
»Ah, Portier, wissen Sie vielleicht, wann der Herr auf Nr. 7 wieder
abreisen wird?«
»Auf Nr. 7?«
»Graf Kornikoff, glaube ich --«
»Ah -- ja der Herr Graf, kann ich wirklich nicht sagen. Er wollte heute
Abend wieder kommen.«
»=Wieder= kommen?«
»Ja -- er ist heute Morgen halb zwei Uhr mit Extrapost nach dem
Taunusgebirg gefahren.«
»_The devil he is_,« murmelte Hamilton leise und verblüfft vor sich hin,
»und hat er Gepäck mitgenommen?« frug er laut.
»Nur eine Reisetasche -- die Dame ist ja noch hier.«
»Haben Sie ihn denn gesehen?«
»Natürlich -- ich habe die Tasche ja an den Wagen getragen.«
»Aber wann, um Gottes Willen, schlafen Sie denn?«
»Ich? -- =nie=,« lächelte der Mann in voller Ruhe. Aber Hamilton hatte
andere Dinge im Kopf, als sich mit dem Portier zu unterhalten. Mit
wenigen Sätzen war er oben an Mr. Burtons Zimmer, den er auch schon
vollständig angekleidet und seiner wartend traf.
»Er ist fort,« rief er diesem ganz außer Athem entgegen, »richtig
durchgebrannt. Er =muß= Sie gestern Abend erkannt haben. Der Lump ist
mit allen Hunden gehetzt.«
»Und was jetzt?«
»Ich muß augenblicklich nach, denn der Postillon, der ihn gefahren hat,
wird zurück sein und weiß jedenfalls die Station. Dort findet sich dann
die weitere Spur.«
»=Mit= der Donna?«
»Nein, die ist zurückgeblieben, die überlasse ich jetzt Ihnen.
Wahrscheinlich hat sie auch einen Theil von Ihres Vaters Geldern in
Verwahrung -- jedenfalls den Schmuck. -- Hier ist der Verhaftsbefehl für
Kornik und seine Begleiterin -- mir kann er doch nichts helfen, denn
er gilt, von den Frankfurter Behörden ausgestellt, nur für das hiesige
Gebiet. Das ist eine verzweifelte Wirthschaft in Deutschland, wo ein
Mann in einer einzigen Stunde in drei verschiedener Herren Länder sein
kann.
»Aber wie bekomme ich heraus, ob das auch in der That jene berüchtigte
Miss Fallow ist, bester Hamilton? Die Flucht des Grafen, wenn er
wirklich geflohen, bleibt allerdings sehr verdächtig und ich zweifle
kaum, daß Sie auf der richtigen Fährte sind, aber es -- wäre doch eine
ganz fatale Geschichte, =wenn= wir es nicht mit den rechten Leuten zu
thun hätten, und jetzt einer wildfremden und ganz unschuldigen Dame
Unannehmlichkeiten bereiteten.«
»Machen Sie sich deshalb keine Sorgen!« lachte Hamilton. »Daß ich Ihnen
aus diesem Grafen Kornikoff den richtigen und unverfälschten Kornik
herausschäle, darauf können Sie sich fest verlassen, und dies junge,
wirklich wunderhübsche Geschöpf, was ihn begleitet, hätte sich dem Lump
auch nicht an den Hals geworfen, wenn sie nicht schon vorher durch ein
=Verbrechen= mit einander verbunden gewesen wären. Nein, die einzige
Sorge, die ich habe, ist die, daß =Ihnen= die junge Dame einmal ebenso
eines Morgens unter den Händen fortschlüpft, wie ich mir in fabelhaft
alberner Weise habe den Hauptschuldigen entwischen lassen, und wenn ich
ihn nicht wieder bekäme, wäre das ein Nagel zu meinem Sarg. Aber noch
hab' ich Hoffnung -- ich =kenne= den Herrn jetzt, denn ich habe ihn
mir =genau= angesehen und wenn er sich wirklich auch den schwarzen
Schnurrbart abrasirte und die blaue Brille in die Tasche steckte, so
denke ich ihm doch auf den Hacken zu sitzen, ehe er es sich versieht.«
»Er wird direkt über die Grenze nach Frankreich fliehen.«
»Daran habe ich auch schon gedacht, denn Geld genug hat er bei sich,
aber dagegen hilft der Telegraph. An die beiden Grenzstationen werde ich
jetzt vor allen Dingen genau telegraphiren, und wenn ich da nur ein Wort
mit einfließen lasse, daß der Herr mit dem Revolutionscomité in London
in Verbindung stände, passen sie auf wie die Heftelmacher.«
»Und sie wollen dem Kornik nach?«
»Augenblicklich, so wie ich die Depeschen befördert habe. Ich nehme
jetzt ohne weiteres Extrapost und treffe ich ihn, so telegraphire ich
ungesäumt.«
»Und ich lasse unterdessen die Dame verhaften?«
»Das ist das Sicherste. Sie können ja Bürgschaft leisten, wenn es
verlangt werden sollte. Auf dem Gerichte finden Sie auch Jemand, der
englisch spricht.«
»Abscheuliche Geschichte,« murmelte der junge Burton zwischen den
Zähnen, »daß uns der Lump auch gestern Abend gerade so zur unrechten
Zeit in den Weg laufen mußte.«
»Das ist jetzt nicht zu ändern,« rief aber der weit entschiednere
Hamilton -- »wir haben immer noch Glück gehabt, das Volk Hühner so rasch
anzutreffen und zu sprengen. Jetzt halten Sie nur Ihren Part fest, und
ich glaube Ihnen garantiren zu können, daß ich =meine= Hälfte ebenfalls
zur rechten Zeit einbringe.«
»Und wissen Sie gewiß, daß Kornik die Stadt verlassen hat?«
»Gar kein Zweifel -- aber das erfahre ich ja auch gleich auf der Post.
Jetzt wollen wir nur noch einmal hinunter und sehen, ob wir nichts mehr
von der Donna zu hören bekommen.«
Es war in der That das Einzige, was sie thun konnten. Sie fanden die
Thür aber wieder geschlossen und Hamilton wandte sich unten an den
Oberkellner, um womöglich etwas Näheres zu erfahren.
»Ach, Oberkellner, meine Rechnung -- ich reise ab.«
»Zu Befehl, mein Herr --«
»Apropos, was war denn das heute Morgen für ein Lärm auf Nr. 7? Meine
schöne Nachbarin schien ja sehr in Eifer.«
Der Oberkellner lächelte.
»Der Herr Gemahl hat die Nacht eine kleine Extrafahrt gemacht und die
Dame scheint eifersüchtig zu sein.«
»Es scheint als ob er heimlich auf und davon gegangen wäre,« sagte Mr.
Burton leise zu Hamilton. Dieser zuckte die Achseln.
»Gott weiß es,« erwiderte er, »aber das werden Sie jetzt herausbekommen.
Lassen Sie sich nur nicht etwa von Thränen rühren, denn wir haben es
hier mit einer abgefeimten Kokette zu thun, der auch Thränen zu Gebote
stehen, wenn sie dieselben braucht. Ich aber darf keinen Augenblick
Zeit mehr verlieren. Auf die Koffer in Korniks Zimmer legen Sie
augenblicklich Beschlag und lassen sie visitiren. Kornik hat
wahrscheinlich alle Papiere entfernt und mitgenommen; aber in der Eile
bleibt doch noch manchmal ein oder die andere Kleinigkeit zurück, die
leicht zum Verräther wird.«
»Und wenn sie sich wei
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