Das Bildnis des Dorian Gray
by Oscar Wilde · German · Gutenberg #44238 · 513,940 chars · public domain (US)
The Project Gutenberg eBook of Das Bildnis des Dorian Gray
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Title: Das Bildnis des Dorian Gray
Author: Oscar Wilde
Translator: Richard Zoozmann
Release date: November 20, 2013 [eBook #44238]
Most recently updated: October 23, 2024
Language: German
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/44238
Credits: Produced by Norbert H. Langkau, Marc-Andre Seekamp and the
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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS BILDNIS DES DORIAN GRAY ***
Das Bildnis des Dorian Gray
Oscar Wilde
Das Bildnis des Dorian Gray
Ins Deutsche übertragen von
Richard Zoozmann
Berlin ~W~ 50
Schreitersche Verlagsbuchhandlung
Alle Rechte vorbehalten
Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig
Vorbekenntnis
Der Künstler ist der Schöpfer schöner Dinge.
Kunst zu offenbaren und den Künstler zu verbergen, ist die Aufgabe der
Kunst.
Ein Kritiker ist, wer seinen Eindruck von schönen Dingen in eine andere
Form oder in einen anderen Stoff zu übertragen vermag.
Die höchste wie die niederste Form der Kritik ist eine Art
Autobiographie.
Wer in schönen Dingen einen häßlichen Sinn findet, ist verderbt, ohne
anmutig zu sein. Das ist ein Fehler.
Wer in schönen Dingen einen schönen Sinn findet, hat Kultur. Er
berechtigt zu Hoffnungen.
Das sind die Auserwählten, für die schöne Dinge lediglich Schönheit
bedeuten.
Ein moralisches oder unmoralisches Buch gibt's überhaupt nicht. Bücher
sind gut oder schlecht geschrieben. Sonst nichts.
Die Abneigung des neunzehnten Jahrhunderts gegen den Realismus ist die
Wut Calibans, der sein eigenes Gesicht im Spiegel erblickt.
Die Abneigung des neunzehnten Jahrhunderts gegen die Romantik ist die
Wut Calibans, der sein eigenes Gesicht im Spiegel nicht sieht.
Das sittliche Dasein des Menschen liefert dem Künstler einen Teil des
Stoffgebietes, aber die Sittlichkeit der Kunst besteht im vollkommenen
Gebrauch eines unvollkommenen Mittels.
Kein Künstler empfindet das Verlangen, etwas zu beweisen. Selbst
Wahrheiten können bewiesen werden.
Kein Künstler hat ethische Neigungen. Eine ethische Neigung beim
Künstler ist eine unverzeihliche Manieriertheit des Stils.
Kein Künstler ist an sich krankhaft. Der Künstler kann alles
aussprechen.
Gedanken und Sprache sind für den Künstler Werkzeuge einer Kunst.
Laster und Tugend sind für den Künstler Stoffe einer Kunst.
Was die Form betrifft, so ist die Kunst des Musikers die Urform aller
Künste. Was das Gefühl betrifft, so ist der Beruf des Schauspielers
diese Urform.
Alle Kunst ist gleichzeitig Oberfläche und Symbol.
Wer unter der Oberfläche schürft, tut es auf eigene Gefahr.
Wer das Symbol herausdeutet, tut es auf eigene Gefahr.
In Wahrheit wird der Betrachter und nicht das Leben abgespiegelt.
Meinungsunterschiede über ein Kunstwerk beweisen seine Neuheit,
Vielfältigkeit und Lebenskraft.
Sind die Kritiker uneinig, so ist der Künstler einig mit sich selbst.
Man kann einem Menschen verzeihen, daß er etwas Nützliches schafft,
solang er es nicht bewundert. Die einzige Entschuldigung für den, der
etwas Nutzloses schuf, besteht darin, daß es äußerst bewundert wird.
Alle Kunst ist völlig nutzlos.
Erstes Kapitel
Das Atelier schwamm in einem starken Rosendufte, und wenn der leichte
Sommerwind die Bäume im Garten wiegte, so floß durch die offene Tür der
schwere Geruch des Flieders herein oder der zartere Duft des Rotdorns.
Aus der Ecke seines Diwans mit persischen Satteltaschen, auf dem Lord
Henry Wotton lag und wie gewöhnlich unzählige Zigaretten rauchte, konnte
er gerade noch den Schimmer der honigsüßen und honigfarbigen Blüten
eines Goldregenstrauches wahrnehmen, dessen zitternde Zweige nur
seufzend die Last einer so flammenden Schönheit zu tragen schienen, und
dann und wann huschten die phantastischen Schatten vorbeifliegender
Vögel über die langen bastseidenen Vorhänge, die vor das große Fenster
gezogen waren. Das gab einen Augenblick lang eine Art japanischer
Stimmung und ließ den Lord an die bleichen, nephritgelben Maler der
Stadt Tokio denken, die mit Hilfe einer Kunst, die notwendigerweise
erstarrt genannt werden muß, das Gefühl von Schnelligkeit und Bewegung
hervorzubringen suchen. Das tiefe Gesumme der Bienen, die ihren
zweifelnden Flug durch das hohe, ungemähte Gras nahmen oder mit
eintöniger Zähigkeit um die bestaubten Goldtrichter des wuchernden
Geißblattes kreisten, ließ die Stille noch drückender scheinen. Das
dumpfe Brausen Londons murrte dazu wie die Baßtöne einer fernen Orgel.
In der Mitte des Gemaches stand auf einer hoch aufgestellten Staffelei
das lebensgroße Bildnis eines außerordentlich schönen Jünglings, und ihm
gegenüber, ein paar Schritte entfernt, saß sein Schöpfer, der Maler
Basil Hallward, dessen plötzliches Verschwinden vor einigen Jahren bei
der Menge so viel Aufsehen gemacht und zu so vielen seltsamen
Vermutungen Anlaß gegeben hatte.
Während der Maler die anmutige und liebenswürdige Gestalt betrachtete,
die seine Kunst so prachtvoll wiedergespiegelt hatte, huschte ein
freudiges Lächeln über sein Gesicht und schien dort verweilen zu wollen.
Plötzlich aber fuhr er auf, schloß die Augen und preßte die Lider mit
den Fingern zu, als fürchte er, aus einem absonderlichen Traume zu
erwachen, und als suche er ihn im Gehirn einzuschließen.
»Es ist dein bestes Werk, Basil, das beste, was du jemals gemacht hast«,
sagte Lord Henry schläfrig-müde. »Du mußt es nächstes Jahr unbedingt ins
Grosvenor schicken. Die Akademie ist zu groß und zu gewöhnlich.
Jedesmal, wenn ich hinging, waren entweder so viele Leute da, daß ich
die Bilder nicht sehen konnte, und das war schlimm, oder so viel Bilder,
daß ich die Leute nicht sehen konnte, und das war noch schlimmer. Das
Grosvenor ist der einzig richtige Platz.«
»Ich denke überhaupt nicht daran, es auszustellen«, antwortete der Maler
und warf den Kopf in jener merkwürdigen Art zurück, über die schon oft
seine Freunde in Oxford gelacht hatten. »Nein, ich will es nirgends
ausstellen.«
Lord Henry hob die Augenbrauen und sah den anderen erstaunt durch die
dünnen blauen Raucharabesken an, die in so abenteuerlichen Wirbeln von
der starken opiumgetränkten Zigarette aufstiegen. »Nirgends ausstellen?
Ja warum, mein Lieber? Hast du einen Grund dafür? Was ihr Maler doch für
Käuze seid! Ihr tut alles in der Welt, um euch einen Namen zu machen.
Habt ihr ihn endlich, so wollt ihr ihn scheinbar wieder loswerden. Das
ist albern von dir, denn es gibt nur ein leidiges Ding auf Erden, das
peinlicher ist als in aller Leute Munde zu sein, und das ist: nicht in
aller Leute Munde zu sein. Ein Porträt wie das da höbe dich weit über
alle jungen Leute in England empor und würde die Alten vor Neid platzen
lassen, soweit alte Leute überhaupt noch einer Empfindung fähig sind.«
»Ich weiß, du wirst mich auslachen,« entgegnete er, »aber ich kann es
wahrhaftig nicht ausstellen. Es steckt da zuviel von mir selbst drin.«
Lord Henry streckte sich auf dem Diwan aus und lachte.
»Ja, ich habe das gewußt; es bleibt aber doch wahr, ganz sicher.«
»Zuviel von dir soll darin sein? Auf mein Wort, Basil, ich hätte nie
geahnt, daß du so eitel bist; ich kann wirklich nicht die blasseste
Ähnlichkeit entdecken zwischen dir mit deinem groben, eckigen Gesicht
und deinem kohlschwarzen Haar und diesem jungen Adonis, der so aussieht,
als sei er aus Elfenbein und Rosenblättern erschaffen. Nein, mein
lieber Basil, es ist ein Narziß, und du -- natürlich hast du ein
geistvolles Gesicht und so weiter. Aber Schönheit, wirkliche Schönheit
hört da auf, wo der geistvolle Ausdruck anfängt. Geist ist an sich eine
Art Übermaß und zerstört das Ebenmaß jedes Gesichts. Im Moment, wo man
sich ans Denken begibt, wird man ganz Nase oder ganz Stirn oder sonst
etwas Greuliches. Sieh dir doch mal alle die Männer an, die in gelehrten
Berufen etwas geleistet haben. Sind sie nicht alle ausgesprochen
häßlich? Natürlich die Männer der Kirche ausgenommen. Aber in der Kirche
denken sie eben nicht. Ein Bischof sagt mit achtzig Jahren noch
unveränderlich dasselbe, was ihm als achtzehnjährigem Bengel beigebracht
wurde, und infolgedessen sieht er immer entzückend aus. Dein
geheimnisvoller junger Freund, dessen Namen du mir nie verraten hast,
dessen Bild mich aber tatsächlich bezaubert, denkt niemals. Davon bin
ich felsenfest überzeugt. Es ist irgendein hirnloses schönes Geschöpf,
das wir im Winter immer bei uns haben sollten, wenn es keine Blumen zum
Anschauen gibt, und im Sommer, wenn wir etwas zur Abkühlung unseres
Geistes gebrauchen. Schmeichle dir also nicht, Basil: du siehst ihm ganz
und gar nicht ähnlich.«
»Du verstehst mich gar nicht, Henry«, antwortete der Künstler.
»Natürlich sehe ich ihm nicht ähnlich. Das weiß ich selbst. In
Wirklichkeit wäre ich sogar traurig, sähe ich ihm ähnlich. Du brauchst
nicht mit den Achseln zu zucken. Ich sage dir die Wahrheit. Jede
körperliche und geistige Besonderheit umschwebt eine gewisse Tragik; so
eine Tragik etwa, wie sich das Schicksal der Könige auf ihren Irrwegen
in der Weltgeschichte an die Füße zu heften scheint. Es ist besser,
nicht anders zu sein als die Nebenmenschen. Die Häßlichen und die Dummen
haben das beste Leben der Welt. Sie können ruhig dasitzen und das Spiel
sorglos begaffen. Sie wissen zwar nichts von Siegen, aber dafür bleibt
ihnen auch die Bekanntschaft mit den Niederlagen erspart. Sie leben
dahin, wie wir es alle sollten: ungestört, gleichgültig und ohne
Mißbehagen. Sie bringen anderen kein Unheil und empfangen es auch nicht
von fremder Hand. Dein Stand und dein Reichtum, Harry, mein Geist,
soviel ich davon habe, meine Kunst, soviel sie wert ist, Dorian Gray für
sein schönes Aussehen -- wir müssen alle für die Geschenke der Götter
leiden, schrecklich leiden.«
»Dorian Gray? Heißt er so?« fragte Lord Henry und ging durch das Atelier
auf Basil Hallward zu.
»Ja, so heißt er. Ich wollte dir's eigentlich nicht sagen.«
»Aber warum nicht?«
»Oh, ich kann's nicht so erklären. Wenn ich einen Menschen sehr, sehr
lieb habe, verrate ich an niemand seinen Namen. Das käme mir so vor, als
lieferte ich damit einen Teil von seinem Selbst aus. In mir hat sich
allmählich eine förmliche Liebe zu Geheimnissen entwickelt. Das scheint
noch die einzige Art zu sein, das Leben unserer Zeit mysteriös und
wunderbar zu machen. Die gewöhnlichste Begebenheit wird reich an
Schönheit, wenn man sie verbirgt. Ich sage auch nie, wohin ich reise,
wenn ich mal die Stadt verlasse. Wenn ich's täte, wäre meine ganze
Freude daran hin. Das mag eine alberne Gewohnheit sein, aber sie bringt
doch irgendwie ein bißchen Romantik ins Leben. Du denkst jetzt gewiß,
ich bin furchtbar närrisch?«
»Nicht im geringsten,« antwortete Lord Henry, »nicht im geringsten, mein
lieber Basil. Du scheinst zu vergessen, daß ich verheiratet bin, und daß
der Hauptreiz der Ehe darin liegt, daß sie beiden Teilen ein Leben der
Täuschung zur Notwendigkeit macht. Ich weiß nie, wo meine Frau ist, und
meine Frau weiß nie, was ich tue und treibe. Wenn wir beisammen sind --
wir sind gelegentlich beisammen, wenn wir zu einem Diner eingeladen sind
oder zum Herzog aufs Land fahren -- so erzählen wir uns die
verrücktesten Geschichten mit dem ernsthaftesten Gesicht. Meine Frau
versteht das vorzüglich, ohne Frage besser als ich. Sie verwickelt sich
bei den Tatsachen nie in Widersprüche, und bei mir kommt es beständig
vor. Wenn sie mich aber ertappt, macht sie mir nie eine Szene. Ich
wünschte manchmal, sie täte es. Aber sie lacht mich nur aus.«
»Ich kann die Art nicht leiden, wie du über deine Ehe sprichst«, sagte
Basil Hallward und ging langsam auf die Tür zu, die in den Garten
führte. »Ich glaube, du bist in Wirklichkeit ein ganz guter Ehemann und
schämst dich nur immer über diese Tugend. Du bist überhaupt ein
sonderbarer Kauz: du sagst nie was Moralisches und tust nie was
Schlechtes. Dein Zynismus ist nichts als Pose.«
»Natürlichkeit ist immer eine Pose, und zwar die ärgerlichste Pose, die
ich kenne«, rief Lord Henry lachend aus, und die beiden jungen Männer
gingen zusammen in den Garten und ließen sich auf einer langen
Bambusbank nieder, die im Schatten eines hohen Lorbeerbusches stand.
Das Sonnenlicht flirrte tanzend über die glatten Blätter. Im Grase
zitterten weiße Gänseblümchen.
Nach einer Weile zog Lord Henry seine Uhr: »Ich fürchte, ich muß gleich
fort, Basil,« brummte er, »aber bevor ich gehe, mußt du mir noch
unbedingt die Frage beantworten, die ich vorhin an dich gerichtet habe.«
»Was war das?« sagte der Maler, die Augen fest zu Boden gerichtet.
»Na, du weißt doch.«
»Sicher nicht, Harry.«
»Gut, dann will ich's dir nochmals sagen. Du sollst mir erklären, warum
du Dorian Grays Porträt nicht ausstellen willst. Ich bestehe darauf, den
wirklichen Grund zu wissen.«
»Ich habe dir den wirklichen Grund schon gesagt.«
»Nein, das hast du nicht getan. Du hast nur gesagt, weil zuviel von dir
selbst in dem Bilde stecke. Das ist aber kindisch.«
»Harry,« sagte Basil Hallward und sah dem anderen gerade ins Gesicht,
»jedes Porträt, das mit Gefühl gemalt ist, ist ein Porträt des
Künstlers, nicht des Modells. Das Modell ist nur der Anlaß, die
Gelegenheit. Nicht dies wird vom Maler enthüllt; nein, der Maler
offenbart auf der farbigen Leinwand eher sich selbst. Ich will also dies
Bild darum nicht ausstellen, weil ich fürchte, ich habe das Geheimnis
meiner eigenen Seele darin aufgedeckt.«
Lord Henry lachte. »Und worin bestünde das?« fragte er.
»Ich will es sagen«, antwortete Hallward; aber in sein Gesicht trat ein
Ausdruck von Ratlosigkeit.
»Ich bin äußerst gespannt, Basil«, fuhr sein Gefährte mit einem Blick
nach ihm fort.
»Oh, es ist wirklich nicht viel zu berichten, Harry,« entgegnete der
Maler, »und du verstehst es wohl kaum, wie ich fürchte. Vielleicht auch
glaubst du mir nicht einmal.«
Lord Henry lächelte und bückte sich dann, um ein rosa angehauchtes
Gänseblümchen aus dem Grase zu pflücken, das er betrachtete. »Ich werde
dich ganz gewiß verstehen,« erwiderte er, die Blicke aufmerksam auf die
kleine, goldene, weißgefiederte Blütenscheibe gerichtet, »und was das
Glauben angeht, so kann ich alles glauben, vorausgesetzt, daß es
unwahrscheinlich genug ist.«
Der Wind schüttelte ein paar Blüten von den Bäumen, und die schweren,
vielgesternten Traubendolden der Fliederbüsche bewegten sich in der
schwülen Luft. Eine Grille begann an der Gartenmauer zu zirpen, und wie
ein blauer Faden huschte eine lange, dünne Wasserjungfer auf ihren
braunen Gazeflügeln vorbei. Lord Henry glaubte Basil Hallwards Herz
pochen zu hören und war neugierig, was wohl kommen möchte.
»Die Geschichte ist einfach die«, sagte der Maler nach einer Weile. »Vor
zwei Monaten ging ich mal zu einem der Massenempfänge bei Lady Brandon.
Du weißt, wir armen Künstler müssen uns von Zeit zu Zeit in der
Gesellschaft zeigen, um das Publikum daran zu erinnern, daß wir keine
Wilden sind. Du sagtest mir einmal: in Frack und weißer Binde kann
selbst ein Börsenmensch in den Verdacht von Bildung kommen. Nun also,
ich war etwa zehn Minuten da und redete mit korpulenten, aufgeputzten,
vornehmen Witwen und platten Akademikern, da merkte ich plötzlich, daß
mich jemand anblickte. Ich drehte mich halb um und sah zum ersten Male
Dorian Gray. Ich spürte, wie ich blaß wurde, als sich unsere Blicke
begegneten. Ein seltsames Angstgefühl überkam mich. Ich wußte, ich stand
einem Menschen Aug-in-Auge gegenüber, dessen bloße Erscheinung so
bezaubernd auf mich wirkte, daß sie, wenn ich sie gewähren ließe, meine
ganze Natur, meine ganze Seele, ja selbst meine Kunst an sich reißen
müßte. Ich bedurfte nie in meinem Leben irgendwelcher Einwirkung von
außen her. Du weißt ja selbst, Harry, wie unabhängig ich von Haus aus
bin. Ich bin immer mein eigener Herr gewesen; war es wenigstens so
lange, bis ich Dorian Gray traf. Dann -- aber ich weiß nicht, wie ich
dir das begreiflich machen soll. Irgend etwas schien mir im voraus zu
sagen, daß ich an einem schrecklichen Wendepunkt in meinem Leben stand.
Ich hatte die eigentümliche Empfindung, das Schicksal halte für mich die
ausgesuchtesten Freuden und die ausgesuchtesten Schmerzen in
Bereitschaft. Ich bekam Furcht, und ich wandte mich zum Gehen. Das
Gewissen trieb mich nicht dazu: es war eine Art Feigheit. Ich bilde mir
nichts darauf ein, daß ich diese Flucht versuchte.«
»In Wirklichkeit sind Gewissen und Feigheit ein und dasselbe. Gewissen
lautet nur die eingetragene Firma. Weiter gar nichts.«
»Ich glaube das nicht, Harry, und ich glaube, du wohl auch nicht.
Einerlei aber, aus welchem Grunde es geschah -- es mag auch Stolz
gewesen sein, denn ich war schon immer sehr stolz -- jedenfalls eilte
ich der Türe zu. Natürlich prallte ich dabei mit Lady Brandon zusammen.
>Sie wollen doch nicht etwa schon davonlaufen, Herr Hallward?< kreischte
sie auf. Du kennst ja ihre schrille Stimme.«
»Ja, sie ist ein Pfau in allem, bis auf die Schönheit«, sagte Lord Henry
und zerrupfte das Gänseblümchen zwischen seinen langen nervösen Fingern.
»Ich konnte ihrer nicht loswerden. Sie zerrte mich zu den königlichen
Hoheiten hin, zu den Leuten mit Orden und Sternen und zu den ältlichen
Damen mit riesenhaften Diademen und Papageiennasen. Sie nannte mich
dabei ihren besten Freund. Ich hatte sie nur ein einziges Mal vorher
gesehen, aber sie setzte es sich in den Kopf, aus mir den Löwen des
Tages zu machen. Ich glaube, damals hatte gerade ein Bild von mir großen
Erfolg gehabt, wenigstens hatten die Zeitungen allerhand Geschwätz
darüber gebracht, und das ist ja im neunzehnten Jahrhundert das
Eichungsmaß der Unsterblichkeit. Plötzlich stand ich dem jungen Manne
gegenüber, dessen Äußeres mich vorhin so merkwürdig erschüttert hatte.
Wir standen ganz nahe beieinander und berührten uns beinah. Unsere
Blicke trafen sich wiederum. Es war leichtsinnig von mir, aber ich bat
Lady Brandon, mich ihm vorzustellen. Vielleicht war es aber doch alles
in allem nicht so leichtsinnig. Es war einfach nicht zu umgehen. Wir
hätten auch ohne Vorstellung miteinander gesprochen. Ich bin dessen
gewiß. Dorian sagte es mir nachher. Auch er fühlte, daß unsere
Bekanntschaft Schicksalsfügung war.«
»Und wie hat Lady Brandon den wunderbaren Jüngling beschrieben?« fragte
sein Gefährte. »Ich weiß, es ist ihre Manier, von jedem ihrer Gäste eine
kleine Skizze zu geben. Ich erinnere mich, wie sie mich mal einem
schrecklichen, alten Herrn mit puterrotem Gesicht vorstellte, dessen
Brust mit Orden und Bändern beklext war, und mir in einem tragischen
Flüsterton, der für jedermann im Zimmer hörbar war, die erstaunlichsten
Einzelheiten über ihn ins Ohr zischelte. Ich mußte einfach davonlaufen.
Ich entdecke die Leute gerne von mir selbst aus. Aber Lady Brandon
behandelt ihre Gäste genau so, wie ein Auktionator seine Waren. Sie
erklärt sie einem entweder so lange, bis nichts mehr davon übrigbleibt,
oder sie sagt alles, gerade mit Ausnahme dessen, was man wissen will.«
»Die arme Lady Brandon! Du bist hart gegen sie«, sagte Hallward
zerstreut.
»Mein guter Junge, sie wollte einen Salon gründen und hat es nur bis zu
einem Restaurant gebracht. Wie soll ich sie da bewundern? Aber sage nun
endlich, was sie über Herrn Dorian Gray erzählt hat?«
»Oh, so irgend was wie >Entzückender junger Mensch -- seine arme Mutter
und ich ganz unzertrennlich -- vergaß ganz was er treibt -- fürchte fast
-- gar nichts -- ach ja, spielt Klavier -- oder war es die Geige, lieber
Herr Gray?< Wir mußten beide lachen und wurden sofort Freunde.«
»Lachen ist wohl lange nicht der schlechteste Anfang für eine
Freundschaft, und gewiß ihr schönstes Ende«, sagte der junge Lord und
pflückte sich noch ein Gänseblümchen.
Hallward schüttelte den Kopf. »Du hast ja keine Ahnung, was Freundschaft
ist, Harry,« murmelte er, »und ebensowenig, was Feindschaft ist. Du hast
alle Welt gern; mit anderen Worten: dir sind alle gleichgültig.«
»Wie grausam ungerecht von dir!« rief Lord Henry, stieß seinen Hut in
den Nacken und sah zu den Lämmerwolken empor, die gleich verwirrten
Knäueln glänzendweißer Seide über das türkisfarbene Gewölbe des Himmels
dahinschifften. »Ja, grausam ungerecht von dir. Ich unterscheide die
Leute sehr scharf. Ich wählte meine Freunde nach ihrem guten Aussehen,
meine Bekannten nach ihrem guten Charakter und meine Feinde nach ihrem
guten Verstande. Der Mensch kann nicht vorsichtig genug sein in der Wahl
seiner Feinde. Ich habe keinen einzigen, der ein Narr ist. Es sind
sämtlich Leute von einer gewissen geistigen Höhe, und daher schätzen sie
mich auch alle. Bin ich sehr eitel? Ich glaube, es ist ein bißchen
eitel.«
»Ich glaube auch, Harry. Aber nach deiner Einteilung zählte ich nur
unter deine Bekanntschaften.«
»Mein lieber, alter Basil, du bist weit, weit mehr als ein Bekannter.«
»Und weit weniger als ein Freund! Wohl so eine Art Bruder?«
»Pah, Bruder! Bleibe mir mit Brüdern vom Halse. Mein ältester will nicht
sterben, und meine jüngeren tun scheinbar nichts anderes.«
»Harry!« rief Basil mit gerunzelter Stirne.
»Mein lieber Junge, ich meine es nicht so ernst. Aber ich kann mir nicht
helfen, ich verabscheue meine Verwandten. Ich vermute, das schreibt sich
daher, daß kein Mensch bei einem anderen seine eigenen Fehler vertragen
kann. Ich verstehe durchaus die Wut der englischen Demokraten auf die
sogenannten Laster der oberen Stände. Die Massen fühlen, daß
Trunkenheit, Dummheit und Unsittlichkeit zu ihren Vorrechten gehören
sollten, und daß jeder von uns, der sich darin bloßstellt, gewissermaßen
auf ihrem Gebiete wildert. Als damals der Scheidungsprozeß des armen
Southwark spielte, war ihre Entrüstung wirklich prachtvoll. Und trotzdem
lebt meiner Überzeugung nach nicht der zehnte Teil des Proletariats der
Sitte gemäß.«
»Ich stimme keinem einzigen deiner Worte bei, und, was mehr ist, Harry,
du selbst glaubst ja auch nicht im mindesten daran.«
Lord Henry strich seinen braunen Spitzbart und stieß mit dem zierlichen
Spazierstock aus Ebenholz gegen die Kappe seines eleganten Lackstiefels.
»Wie englisch du bist, Basil! Du machst heute zum zweitenmal diesen
Einwurf. Wenn man einem richtigen Engländer eine Idee mitteilt -- an
sich schon immer eine Unüberlegtheit --, so fällt es ihm nicht im Traum
ein, zu erwägen, ob die Idee richtig oder falsch ist. Das einzige, was
ihm von Belang scheint, ist das, ob der Sprecher selbst daran glaubt.
Aber der Wert einer Idee hat nicht das geringste mit der Aufrichtigkeit
dessen zu schaffen, der sie ausspricht. Aller Wahrscheinlichkeit nach
wird die Idee um so geistreicher sein, je unaufrichtiger der Mann ist,
weil sie in diesem Fall weder die Färbung seiner Bedürfnisse noch seiner
Wünsche noch seiner Vorurteile annehmen wird. Indes habe ich nicht die
Absicht, politische, soziale oder metaphysische Diskussionen mit dir zu
führen. Mir sind Menschen lieber als Grundsätze und grundsatzlose
Menschen überhaupt das Liebste auf Erden. Erzähle mir mehr von Dorian
Gray. Wie oft siehst du ihn?«
»Jeden Tag. Ich wäre unglücklich, wenn ich ihn mal einen Tag nicht sähe.
Er ist für mich einfach ein Bedürfnis.«
»Wie merkwürdig! Ich glaubte immer, du kümmertest dich um nichts anderes
als um deine Kunst.«
»Er ist für mich jetzt meine ganze Kunst«, sagte der Maler ernsthaft.
»Manchmal glaube ich, Harry, daß es nur zwei wichtige Epochen in der
Weltgeschichte gibt. Die erste ist das Auftreten einer neuen
Kunsttechnik und die zweite die Erscheinung einer neuen Persönlichkeit
in der Kunst. Was die Erfindung der Ölmalerei für die Venezianer war,
das war das Gesicht des Antinous für die spätgriechische Bildhauerkunst,
und das wird eines Tages für mich das Gesicht Dorian Grays sein. Worauf
es dabei ankommt, ist nicht, daß ich ihn male, zeichne, skizziere.
Natürlich hab' ich das alles getan. Aber er ist weit mehr für mich als
ein Modell oder ein Mensch, der mir sitzt. Ich will gewiß nicht
behaupten, daß ich unzufrieden mit dem bin, was ich nach ihm gemacht
habe, oder daß seine Schönheit derart ist, daß sie die Kunst nicht
ausdrücken könne. Es gibt überhaupt nichts, was die Kunst nicht
ausdrücken kann, und ich weiß: was ich gemacht habe, seitdem ich Dorian
Gray kenne, ist gute Arbeit, ja, die gelungenste Arbeit meines Lebens.
Aber auf irgendeine seltsame Weise -- ich glaube kaum, daß du das
verstehen wirst -- hat mir seine Persönlichkeit eine vollständig neue
Art der Kunst, einen durchaus neuen Stil offenbart. Ich sehe die Dinge
anders, ich denke darüber anders. Ich kann jetzt das Leben auf eine Art
festhalten, die mir früher nicht gegeben war. >Ein Traum von Form in
unseren Tagen des Denkens<: wer war es, der so sagte? Ich hab's
vergessen, aber das bedeutet Dorian Gray für mich. Die bloße sichtbare
Gegenwart dieses Knaben -- denn für mich ist er kaum mehr als das, wenn
er auch schon über die Zwanzig -- seine bloße sichtbare Gegenwart --
ach! ich glaube nicht, daß du einen Begriff davon hast, was sie für mich
bedeutet! Ohne selbst es zu wissen, enthüllt er mir die Linien einer
neuen Schule, einer Schule, in der enthalten ist die ganze Leidenschaft
der Romantik und die ganze Vollkommenheit des griechischen Geistes. Die
Harmonie von Seele und Leib, wieviel ist das doch! Wir in unserer
Verblendung haben die beiden voneinander gerissen und haben uns einen
Realismus erfunden, der gewöhnlich ist, und einen Idealismus, der leer
ist. Harry! wenn du wissen könntest, was mir Dorian Gray ist! Erinnerst
du dich an die Landschaft von mir, für die mir Agnew ein so wahnsinniges
Geld angeboten hat und von der ich mich doch nie trennen wollte? Es ist
sicher eins der besten Stücke, die ich je gemacht habe. Und warum? Weil
Dorian Gray neben mir saß, während ich sie malte. Irgendein ganz feines
Fluidum strömte von ihm zu mir, und zum erstenmal in meinem Leben
entdeckte ich in der simpeln Waldlandschaft das Wunder, nach dem ich
immer gesucht und das ich nie gefunden hatte.«
»Basil, das ist ja eine ganz außerordentliche Geschichte. Ich muß Dorian
Gray kennenlernen.«
Hallward schnellte von der Bank auf und ging im Garten hin und her. Nach
einer Weile kam er zurück.
»Harry,« sagte er, »Dorian Gray ist für mich nichts als ein
künstlerisches Motiv. Vielleicht fändest du gar nichts in ihm. Ich finde
alles in ihm. Er ist in Wirklichkeit nie mehr in meiner Arbeit lebendig,
als wenn kein Schatten von ihm darin ist. Er ist für mich, wie ich
sagte, die Anregung zu einem Stil. Ich finde ihn in den Schwingungen
gewisser Linien wieder, in der Lieblichkeit und Zartheit gewisser
Farben. Das ist alles.«
»Warum aber willst du dann sein Bild nicht ausstellen?« fragte Lord
Henry.
»Weil ich, ohne es zu wollen, einen gewissen Ausdruck all dieser ganz
merkwürdigen Künstlervergötterung hineingelegt habe, von der ich
natürlich nie zu ihm sprechen wollte. Er hat von alledem keine Ahnung.
Er soll nie etwas davon ahnen. Aber die Welt könnte es erraten; und ich
will meine Seele ihren seichten, spähenden Augen nicht entblößen. Mein
Herz sollen sie nie unter ihr Mikroskop bekommen. Es ist zu viel von mir
selbst in dem Dinge, Harry -- zu viel von mir selbst.«
»Dichter nehmen's nicht so genau wie du. Die wissen, wie einträglich es
ist, Leidenschaft zu veröffentlichen. Ein gebrochenes Herz bringt es
heutzutage zu einer ganzen Reihe von Auflagen.«
»Ich finde sie darum eben abscheulich!« rief Hallward aus. »Ein Künstler
soll Schönes schaffen, aber er soll nichts von seinem eigenen Leben
hineintragen. Wir leben in einer Zeit, wo die Menschen aus der Kunst
eine Art Autobiographie zu machen wünschen. Wir haben eben den klaren
Begriff für Schönheit verloren. Eines Tages will ich der Welt zeigen,
was sie ist, und deshalb soll die Welt mein Bild Dorian Grays niemals
sehen.«
»Ich glaube, du hast unrecht, Basil, aber ich will mit dir nicht
streiten. Nur die geistig Entkernten streiten sich gern. Sag' mir, hat
dich Dorian Gray sehr lieb?«
Der Maler dachte ein paar Augenblicke nach. »Er hat mich gern«,
antwortete er nach einer Weile; »sicher hat er mich gern. Natürlich
schmeichle ich ihm fürchterlich. Ich finde eine ganz besondere Lust
daran, ihm Dinge zu sagen, die mir später leid tun, wie ich ganz genau
weiß. In der Regel ist er auch reizend zu mir, und wir sitzen dann im
Atelier und schwatzen von tausend Dingen. Dann und wann ist er
allerdings greulich gedankenlos und scheint große Freude darin zu
finden, mir wehe zu tun. Dann, Harry, habe ich das Gefühl, daß ich
jemand meine ganze Seele überantwortet habe, der sie behandelt wie eine
Blume für das Knopfloch, wie ein kleines Ehrenzeichen, mit dem man seine
Eitelkeit befriedigt, wie einen Zierat für einen Sommertag.«
»Sommertage, Basil, pflegen manchmal lange zu währen«, murmelte Lord
Henry. »Vielleicht wirst du seiner früher müde, als er deiner. Es ist
sehr traurig, daran zu denken, aber es ist ohne Zweifel wahr, daß das
Genie die Schönheit überlebt. Das erklärt auch die Tatsache, daß wir uns
soviel Mühe geben, uns mit Bildung vollzupfropfen. In dem wilden
Existenzkampfe ums Dasein wollen wir alle etwas Dauerhaftes haben, und
so füllen wir unser Gehirn mit Plunder und Tatsachen an, in der dummen
Hoffnung, dadurch unseren Platz zu behaupten. Der durch und durch
unterrichtete Mann -- das ist das moderne Ideal. Und das Gehirn dieses
durch und durch unterrichteten Mannes hat etwas Fürchterliches. Es
gleicht einem Kuriositätenladen, in dem es lauter Ungeheuerlichkeiten
voll Staub gibt, und wo jeder Gegenstand über seinen wahren Wert hinaus
ausgezeichnet. Immerhin, ich glaube, du wirst zuerst müde werden. Eines
Tages wirst du deinen jungen Freund anschauen und finden, daß er etwas
verzeichnet ist, oder du wirst an seiner Farbe etwas auszusetzen haben
oder irgend so etwas. Du wirst ihm dann in deinem Herzen bittere
Vorwürfe machen und ganz ernsthaft überzeugt sein, daß er sich recht
schlecht gegen dich benommen hat. Wenn er dich dann das nächstemal
besucht, wirst du völlig kühl und gleichgültig gegen ihn sein. Das wird
sehr schade sein, denn es wird dich selbst verändern. Was du mir da
erzählt hast, ist völlig ein Gedicht, eine Romanze der Kunst möchte man
es nennen, und das Schlimmste beim Erleben von Gedichten ist nur, daß es
einen so ganz unpoetisch zurückläßt.«
»Harry, ich bitte, sprich nicht so. Solang' ich lebe, wird mich die
Persönlichkeit Dorian Grays beherrschen. Du kannst meine Empfindung
nicht nachfühlen. Du wandelst dich zu oft.«
»Ah, mein lieber Basil, gerade darum kann ich sie nachempfinden. Die
treuen Menschen kennen nur die triviale Seite der Liebe; die Treulosen
allein erfahren die Tragödien der Liebe.« Und Lord Henry zündete an
einem zierlichen silbernen Büchschen ein Streichholz an und begann eine
Zigarette zu rauchen, mit jener so selbstbewußten, zufriedenen Miene,
als hätte er den Sinn der ganzen Welt in einen Satz zusammengefaßt. Man
hörte ein leises Rauschen von zirpenden Sperlingen in den grünen, wie
mit glänzendem Lack überzogenen Efeublättern, und die blauen
Wolkenschatten jagten wie Schwalben über das Gras. Wie reizend war es
doch in dem Garten und wie entzückend waren die Gefühlsregungen anderer
Leute! -- weit entzückender als ihre Gedanken, so schien es ihm. Des
Menschen eigene Seele und die Leidenschaft seiner Freunde -- das sind
die fesselnden Dinge des Lebens. Er stellte sich mit geheimem Vergnügen
das langweilige Frühstück vor, das er durch seinen langen Besuch bei
Basil Hallward versäumt hatte. Wäre er zu seiner Tante gegangen, hätte
er dort sicher Lord Goodbody getroffen, und das ganze Gespräch hätte
sich mit der Armenernährung und der Notwendigkeit von Musterwohnhäusern
beschäftigt. Menschen jedes Standes hätten die Wichtigkeit gerade jener
Tugenden gepredigt, für die sie in ihrem eigenen Leben gar keine
Verwendung hatten. Der Reiche hätte von dem Werte der Sparsamkeit
geredet, und der Träge mit wahrhafter Beredsamkeit über die Würde der
Arbeit. Es war reizend, all dem entgangen zu sein. Als er an seine Tante
dachte, schien ihm etwas einzufallen. Er wandte sich zu Basil und sagte:
»Mein lieber Junge, ich erinnere mich jetzt.«
»Woran erinnerst du dich, Harry?«
»Wo ich den Namen Dorian Grays gehört habe.«
»Wo war das?« fragte Hallward mit leichtem Stirnrunzeln.
»Schau' doch nicht so böse drein, Basil. Es war bei meiner Tante, Lady
Agatha. Sie erzählte mir, sie sei einem wunderhübschen jungen Menschen
begegnet, der ihr im East-End helfen wolle, und er heiße Dorian Gray.
Ich muß zugeben, sie hat mir nie etwas darüber gesagt, daß er so hübsch
sei. Frauen haben kein Verständnis für Schönheit, wenigstens gute Frauen
nicht. Sie sagte, daß er sehr ernst sei und eine edle Seele habe. Ich
stellte mir natürlich sofort ein Wesen mit Brille und wallendem Haar und
gräßlich vielen Sommersprossen vor, das auf riesigen Füßen umherstapfe.
Ich wünsche jetzt, ich hätte gewußt, daß er dein Freund ist.«
»Ich bin sehr froh, daß du es nicht gewußt hast, Harry.«
»Warum?«
»Ich will nicht, daß du ihn kennenlernst.«
»Du willst nicht, daß ich ihn kennenlerne?«
»Nein.«
»Herr Dorian Gray ist im Atelier«, sagte der Diener, der in den Garten
hinaustrat.
»Jetzt mußt du mich vorstellen!« rief Lord Henry lachend. Der Maler
wandte sich zu seinem Diener, der blinzelnd in der Sonne dastand:
»Bitten Sie Herrn Gray, zu warten, Parker; ich komme in ein paar
Minuten.« Der Mann verbeugte sich und ging ins Haus.
Dann sah der Maler Lord Henry an. »Dorian Gray ist mein teuerster
Freund«, sagte er. »Er hat eine schlichte und edle Seele. Deine Tante
hatte ganz recht mit dem, was sie über ihn sagte. Verdirb ihn mir nicht.
Versuche nicht, Einfluß auf ihn auszuüben. Dein Einfluß wäre
verderblich. Die Welt ist groß, und es gibt eine Menge köstlicher
Menschen auf ihr. Raube mir nicht den einzigen Menschen, der meiner
Kunst ihren ganzen Zauber verleiht, den sie hat: mein Leben als Künstler
hängt von ihm ab! Denke daran, Harry, ich vertraue dir.« Er sprach sehr
langsam, und die Worte schienen sich ihm gegen seinen Willen zu
entringen.
»Was für Unsinn du redest!« sagte Lord Henry lächelnd, nahm Hallward
unter den Arm und führte ihn in das Haus.
Zweites Kapitel
Als sie eintraten, erblickten sie Dorian Gray. Er saß am Klavier, mit
dem Rücken ihnen zu, und blätterte in einem Notenbande mit Schumanns
Waldszenen. »Die mußt du mir leihen, Basil!« rief er aus. »Ich möchte
sie spielen lernen. Sie sind geradezu entzückend.«
»Das hängt ganz davon ab, wie du mir heute sitzen wirst, Dorian.«
»Ach, ich habe das Sitzen lange satt, und ich will gar kein lebensgroßes
Bild von mir«, antwortete der Jüngling und schwang sich in dem
Musikstuhl auf eine eigensinnige, launische Knabenart herum. Als er aber
Lord Henry erblickte, stieg für einen Augenblick ein schwaches Rot in
seine Wangen, und er sprang auf. »Ich bitte um Entschuldigung, Basil,
ich wußte nicht, daß jemand bei dir ist.«
»Das ist Lord Henry Wotton, Dorian, ein alter Freund von Oxford her. Ich
habe ihm gerade erzählt, wie musterhaft du sitzen kannst, und jetzt hast
du alles verdorben.«
»Mir haben Sie das Vergnügen, Ihre Bekanntschaft zu machen, nicht
verdorben, Herr Gray«, sagte Lord Henry, ging auf ihn zu und streckte
ihm die Hand entgegen. »Meine Tante hat oft von Ihnen gesprochen. Sie
sind einer ihrer Lieblinge und, wie ich fürchte, auch ihrer Opfer.«
»Ich stehe zur Zeit auf Lady Agathas schwarzer Liste«, antwortete Dorian
mit einem komisch reuigen Gesichtsausdruck. »Ich hatte ihr versprochen,
sie letzten Dienstag nach einem Klub in Whitechapel zu begleiten, und
ich habe dann die Abmachung vergessen. Wir sollten da miteinander
vierhändig spielen -- drei Stücke glaube ich. Ich weiß nun nicht, was
sie mir dazu sagen wird. Ich habe Angst, ihr einen Besuch zu machen.«
»Oh, ich werde Sie mit meiner Tante versöhnen. Sie ist Ihnen äußerst
zugetan. Und ich glaube auch, es schadet nichts, daß Sie nicht dort
waren. Die Zuhörer haben sicher angenommen, es sei vierhändig gespielt
worden. Wenn sich Tante Agatha ans Klavier setzt, macht sie für zwei
Personen reichlich Lärm.«
»Sie sprechen sehr schlecht von ihr, und mir machen Sie auch gerade kein
Kompliment damit«, antwortete Dorian lachend.
Lord Henry sah ihn an. Ja, er war wirklich wunderbar schön, mit seinen
feingeschwungenen dunkelroten Lippen, seinen offenen blauen Augen und
seinem gewellten, goldblonden Haar. In seinem Gesicht war ein Ausdruck,
der sofort Vertrauen erweckte. Aller Glanz der Jugend lag darin und
ebenso all die leidenschaftliche Reinheit der Jugend. Man fühlte, daß er
bisher noch nicht von der Welt befleckt war. Kein Wunder, daß ihn Basil
Hallward anbetete.
»Sie sind viel zu hübsch, um sich mit Wohltätigkeit abzugeben, Herr Gray
-- viel zu hübsch!« Und Lord Henry warf sich auf den Diwan und öffnete
seine Zigarettendose.
Der Maler hatte inzwischen eifrig seine Farben gemischt und seine Pinsel
zurechtgemacht. Er sah etwas gequält aus, und als er Lord Henrys letzte
Bemerkung hörte, blickte er zu ihm hin, sann einen Augenblick nach und
sagte dann: »Harry, ich möchte das Bild heute fertig kriegen. Fändest du
es sehr grob von mir, wenn ich dich jetzt bäte, uns allein zu lassen?«
Lord Henry lächelte und sah Dorian Gray an. »Soll ich gehen, Herr Gray?«
fragte er.
»Oh, bitte, nein, Lord Henry. Ich sehe, Basil hat wieder einen seiner
schlechten Tage, und ich kann ihn nicht vertragen, wenn er so brummt.
Außerdem möchte ich von Ihnen erfahren, warum ich mich nicht mit
Wohltätigkeit befassen soll?«
»Ich weiß nicht, ob ich Ihnen das sagen soll, Herr Gray. Es ist ein so
langweiliges Thema, daß man schon ernsthaft darüber reden müßte. Aber
jetzt geh ich auf keinen Fall, nachdem Sie mir erlaubt haben,
dazubleiben. Du hast doch nichts im Ernst dagegen, Basil? Du hast mir
oft genug gesagt, daß es dir angenehm sei, wenn deine Modelle mit jemand
plaudern können.«
Hallward biß sich auf die Lippe. »Wenn es Dorian wünscht, wirst du
natürlich dableiben. Dorians Launen sind Gesetze für jedermann, außer
für ihn selbst.«
Lord Henry nahm seinen Hut und seine Handschuhe. »Trotz deiner
dringenden Aufforderung, Basil, fürchte ich, gehen zu müssen. Ich habe
mit jemand eine Verabredung im Orleans-Klub. Adieu, Herr Gray! Bitte,
besuchen Sie mich doch mal eines Nachmittags in Curzon Street. Um fünf
Uhr treffen Sie mich fast immer. Schreiben Sie mir, bitte, wann Sie
kommen. Es täte mir sehr leid, wenn Sie mich verfehlten.«
»Basil,« rief Dorian Gray, »wenn Lord Henry Wotton geht, dann gehe ich
auch. Du bringst ja beim Malen nie die Lippen auseinander, und es ist
furchtbar ermüdend, auf einem Podium zu stehen und sich anzustrengen,
freundlich auszusehen. Bitte ihn, dazubleiben. Ich bestehe darauf.«
»Bleib, Harry, du machst Dorian damit ein Vergnügen und auch mir«,
sagte Hallward, ohne von seinem Bilde aufzublicken. »Er hat ganz recht,
ich spreche nie ein Wort während der Arbeit und höre ebensowenig zu, und
das muß sehr langweilig für meine unglücklichen Modelle sein. Ich bitte
dich also, bleib.«
»Was fange ich aber mit meinem Mann im Orleans an?«
Der Maler lachte. »Ich glaube, damit wird es keine Schwierigkeit haben.
Setz dich nur wieder, Harry. Und jetzt, Dorian, geh auf das Podium und
bewege dich nicht zuviel und achte auch nicht auf das, was Lord Henry
sagt. Er hat einen sehr bösen Einfluß auf alle seine Freunde, nur mich
ausgenommen.«
Dorian Gray bestieg das Podium mit der Miene eines jungen griechischen
Märtyrers und stieß, zu Lord Henry gewandt, der ihm gleich gut gefallen
hatte, einen kleinen drolligen Seufzer aus. Dieser Mann war so ganz
anders als Basil. Die beiden bildeten einen entzückenden Gegensatz. Und
er hatte ein so schönes Organ. Nach ein paar Augenblicken sagte Dorian
zu ihm: »Haben Sie wirklich einen so bösen Einfluß, Lord Henry? Ist es
so arg, wie Basil sagt?«
»Es gibt keinen sogenannten guten Einfluß, Herr Gray. Jeder Einfluß ist
unmoralisch -- unmoralisch vom wissenschaftlichen Standpunkt aus.«
»Wieso?«
»Weil jemand beeinflussen soviel ist wie ihm die eigene Seele leihen. Er
denkt dann nicht mehr seine natürlichen Gedanken und brennt nicht mehr
in seinem natürlichen Feuer. Seine Tugenden sind gar nicht seine
Tugenden. Seine Sünden, wenn es so etwas wie Sünden gibt, sind nur
ausgeborgte. Er wird ein Echo für die Töne eines anderen, Schauspieler
einer Rolle, die nicht für ihn geschrieben wurde. Der Sinn des Daseins
ist: Selbstentwicklung. Die eigene Natur voll zum Ausdruck zu bringen --
diese Aufgabe hat jeder von uns hier zu lösen. Heutzutage hat jeder
Mensch Angst vor sich. Sie haben ihre heiligste Pflicht vergessen,
nämlich die gegen sich selbst. Natürlich sind sie wohltätig. Sie nähren
den Hungernden und kleiden den Bettler. Aber ihre eigenen Seelen darben
und gehen nackt. Der Mut ist unserem Geschlecht abhanden gekommen.
Vielleicht haben wir ihn nie wirklich besessen. Die Furcht vor der
Gesellschaft als der Grundlage der Sittlichkeit, und die Furcht vor
Gott, als dem Geheimnis der Religion -- das sind die zwei Dinge, die uns
beherrschen. Und doch --«
»Dorian, dreh den Kopf mal ein wenig mehr nach rechts, sei so gut«,
sagte der Maler, der ganz in sein Werk vertieft war, aber doch gemerkt
hatte, daß in des Jünglings Gesicht ein Ausdruck getreten war, den er
vorher nie darin gesehen hatte.
»Und doch,« fuhr Lord Henry mit seiner tiefen musikalischen Stimme fort,
während er die Hand in der anmutigen Art bewegte, die er schon
seinerzeit in Eton gehabt hatte, »ich glaube, wenn die Menschen nur ihr
eigenes Leben voll, bis auf den letzten Rest ausleben würden, jedes
Gefühl Gestalt bekommen lassen, jeden Gedanken ausdrücken, jeden Traum
in Dasein umsetzen wollten -- ich glaube, dann käme in die Welt ein
solcher Schwung von neuer Freudigkeit, daß wir alle die Krankheiten des
Mittelalters vergäßen und zum hellenischen Ideal zurückkehrten, ja wir
kämen vielleicht zu etwas Feinerem und Reicherem, als das hellenische
Ideal war. Aber selbst der Tapferste unter uns hat Angst vor sich
selber. Die Selbstverstümmelung der Wilden hat ihr tragisches
Überbleibsel in der Selbstverleugnung, die unser Leben verstümmelt. Wir
büßen für unsere Entsagungen. Jeder Trieb, den wir zu ersticken suchen,
frißt im Innern weiter und vergiftet uns. Der Körper sündigt nur einmal
und hat sich durch die Sünde befreit, denn Tat ist immer eine Art
Reinigung. Nichts bleibt davon zurück als die Erinnerung an ein
Vergnügen oder die schmerzliche Wollust der Reue. Der einzige Weg, eine
Versuchung zu bestehen, ist, sich ihr hinzugeben. Widerstehen Sie ihr,
und Ihre Seele erkrankt vor Sehnsucht nach der Erfüllung, die sie sich
selber verweigert hat, erkrankt vor dem Verlangen nach dem, was ihre
ungeheuerlichen Gesetze ungeheuerlich und ungesetzmäßig gemacht haben.
Es ist wohl gesagt worden, die großen Ereignisse der Welt gingen im
Gehirn vor sich. Im Gehirn und ganz allein im Gehirn werden auch die
großen Sünden der Welt begangen. Sie, Herr Gray, Sie selbst mit Ihrer
rosenroten Jugend und Ihrer rosenblassen Knabenunschuld, Sie haben schon
Leidenschaften erlebt, die Ihnen Angst einjagten, haben Gedanken gehabt,
die Sie in Schrecken setzten, haben wachend und schlafend Träume gehabt,
deren bloße Erinnerung Ihre Wangen schamrot werden ließ --«
»Hören Sie auf,« stammelte Dorian Gray, »hören Sie auf, Sie machen mich
ganz wirr. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Es gibt eine Antwort
darauf, aber ich kann sie nicht finden. Sagen Sie nichts mehr! Lassen
Sie mich nachdenken. Oder vielmehr, lassen Sie mich versuchen, dem nicht
nachzudenken.«
Etwa zehn Minuten stand er bewegungslos da, mit halboffenen Lippen und
seltsam leuchtenden Augen. Er war sich dumpf bewußt, daß ganz neue
Einflüsse in ihm arbeiteten. Und doch schien es, als kämen sie in
Wirklichkeit aus seinem eigenen Innern. Die paar Worte, die Basils
Freund zu ihm gesagt hatte -- ohne Zweifel zufällig hingeworfene Worte
voll absichtlicher Paradoxie -- hatten eine geheime Saite seiner Seele
berührt, die vordem nie berührt worden war, die er aber nun zittern und
in seltsamer Wildheit schluchzen hörte.
Musik hatte ihn so ähnlich aufgewühlt. Musik hatte ihn oft in Aufruhr
gebracht. Aber Musik war etwas Unbestimmtes. Sie bringt keine neue Welt
in uns hervor; schafft eher ein neues Chaos in uns. Worte! Bloße Worte!
Wie schrecklich die waren! Wie klar und lebendig und grausam! Man konnte
ihnen nicht entrinnen. Und doch, welch tiefer Zauber steckte in ihnen!
Sie schienen die Kraft zu haben, formlosen Dingen eine greifbare Gestalt
zu geben, und schienen eine Musik in sich zu bergen, so süß wie die der
Geige oder der Laute. Bloße Worte! Gab es denn irgend etwas so
Wirkliches wie Worte?
Ja; es hatte in seiner Knabenzeit Dinge gegeben, die ihm unbegreiflich
geblieben waren. Jetzt verstand er sie. Plötzlich bekam das Leben für
ihn lodernde Farben. Nun schien es ihm, als sei er mittenhin durch Feuer
gewandelt. Warum hatte er es nie gemerkt?
Lord Henry beobachtete ihn mit einem feinspürenden Lächeln. Er verstand
sich gut auf jenen psychologischen Moment, in dem man kein Wort sagen
darf. Er fühlte sich sehr stark interessiert. Die jähe Wirkung seiner
Worte machte ihn erstaunen; nun entsann er sich eines Buches, das er mit
sechzehn Jahren gelesen und das ihm viel bis dahin Unbekanntes enthüllt
hatte, und er fragte sich, ob Dorian Gray jetzt wohl eine ähnliche
Erfahrung erlebe. Er hatte nur einen Pfeil ins Blaue geschossen. Hatte
er das Ziel getroffen? Wie anziehend doch dieser Junge war!
Inzwischen malte Hallward in jenen wundervollen, kühnen Zügen weiter,
die das Zeichen aller wahren Feinheit und Vollkommenheit sind, denn die
kann der Kunst nur aus der Kraft werden. Er merkte die wortlose Stille
gar nicht.
»Basil, ich habe jetzt genug von dem Stehen!« rief Dorian plötzlich aus.
»Ich muß hinaus und mich im Garten hinsetzen. Die Luft hier ist zum
Ersticken.«
»Mein Bester, das tut mir wirklich leid. Wenn ich male, kann ich an
nichts anderes denken. Aber du hast nie besser Modell gestanden. Du
warst ganz ruhig. Und ich habe endlich den Ausdruck herausgebracht, den
ich gesucht habe -- die halb offenen Lippen und den Glanz in den Augen.
Ich weiß nicht, was Harry dir erzählt hat, aber sicher hat er es
bewirkt, daß du den prachtvollsten Ausdruck hast. Ich vermute, er hat
dir Komplimente gemacht. Du darfst ihm nur kein einziges Wort glauben.«
»Er hat mir nicht das kleinste Kompliment gemacht. Vielleicht ist das
der Grund, daß ich wirklich kein Wort von dem glaube, was er gesagt
hat.«
»Sie wissen selbst, daß Sie jedes Wort davon glauben«, erwiderte Lord
Harry, der ihn mit seinen weichen, träumerischen Augen ansah. »Wir
wollen zusammen in den Garten gehen. Es ist furchtbar heiß hier im
Atelier. Basil, laß uns irgendein Eisgetränk geben, irgendwas mit
Erdbeeren darin.«
»Gern, Harry. Klingele nur selbst, und wenn Parker kommt, will ich ihm
sagen, was Ihr haben wollt. Ich muß erst den Hintergrund hier noch
fertig machen und komme dann später nach. Halte mir Dorian aber nicht zu
lange fest. Ich war nie in besserer Malstimmung als heute. Dies Porträt
wird mein Meisterwerk. Wie es da steht, ist es schon mein Meisterwerk.«
Lord Henry ging in den Garten hinaus und fand dort Dorian Gray, wie er
sein Gesicht hinter den großen, kühlen Blütenbüscheln der
Fliedersträuche versteckte und fieberhaft ihren Duft einsog, als tränke
er Wein. Er trat nahe an ihn heran und legte ihm die Hand auf die
Achsel. »Sie haben ganz recht, so zu tun«, sagte er leise. »Nichts hilft
der Seele besser als die Sinne, sowie den Sinnen nichts besser als die
Seele helfen kann.«
Der Jüngling schreckte auf und trat einen Schritt zurück. Er war ohne
Hut, und das Blattgewirr hatte seine widerspenstigen Locken aufgewühlt
und ihre goldblonden Strähnen in Unordnung gebracht. In seinen Augen lag
ein Ausdruck von Furcht, wie ihn Menschen haben, die man jäh aus dem
Schlaf reißt. Seine zartgeformten Nasenflügel bebten, und ein geheimer
Nerv zuckte leis an den scharlachroten Lippen, so daß sie beständig
zitterten.
»Ja,« fuhr Lord Henry fort, »das ist eines der großen Geheimnisse des
Daseins -- die Seele durch die Sinne und die Sinne durch die Seele
heilen können. Sie sind ein wunderbares Menschenkind! Sie wissen mehr,
als Ihnen bewußt ist, gerade wie Sie weniger wissen, als Ihnen dienlich
ist.«
Dorian Gray runzelte die Stirn und wendete den Kopf weg. Ein
unwiderstehlicher Reiz zog ihn zu diesem großen, anmutigen jungen Mann
hin, der da neben ihm stand. Sein romantisches, olivenfarbiges Gesicht
und der müde Ausdruck darin fesselten ihn. Es war etwas in dem müden Ton
seiner Stimme, was völlig in Bann schlug. Auch seine Hände, kühl, weiß
und blumenhaft, zogen an. Sie bewegten sich bei seinen Worten,
begleiteten sie wie Musik und schienen ihre eigene Sprache zu reden.
Aber er hatte auch Angst vor ihm und schämte sich dieser Angst. Warum
hatte ein Fremder kommen müssen, um ihn sich selber zu offenbaren? Er
kannte Basil Hallward nun seit Monaten, aber diese Freundschaft hatte
ihn niemals verwandelt. Jetzt war plötzlich jemand in sein Leben
getreten, der ihm des Lebens Mysterium enthüllt zu haben schien. Und
doch, wovor sollte er sich fürchten? Er war kein Schulknabe und kein
kleines Mädchen. Es war töricht, Angst zu haben.
»Kommen Sie und setzen wir uns in den Schatten«, sagte Lord Henry.
»Parker hat uns was zu trinken gebracht, und wenn Sie noch länger in
solcher Sonnenglut stehenbleiben, werden Sie sich Ihren Teint verderben,
und Basil wird Sie nie mehr malen. Sie dürfen sich wirklich nicht von
der Sonne verbrennen lassen. Es würde Ihnen schlecht stehen.«
»Was läge weiter daran?« rief Dorian Gray und lachte, als er sich auf
eine Bank am Ende des Gartens setzte.
»Alles sollte Ihnen daran liegen, Herr Gray.«
»Wieso?«
»Weil Sie die wundervollste Jugend haben, und Jugend ist das einzige,
dessen Besitz einen Wert hat.«
»Ich empfinde das nicht, Lord Henry.«
»Nein, jetzt empfinden Sie es nicht. Später einmal, wenn Sie alt,
runzlig und häßlich sind, wenn das Denken Furchen in Ihre Stirne
gegraben und die Leidenschaft Ihre Lippen mit ihrem schrecklichen Feuer
verbrannt hat, dann werden Sie es empfinden, furchtbar empfinden. Jetzt
können Sie hingehen, wo Sie wollen, und Sie berücken die ganze Welt!
Wird das immer so sein?... Sie haben ein wundervoll schönes Gesicht,
Herr Gray. Runzeln Sie nicht die Stirn. Sie haben es. Und Schönheit ist
eine Form des Genies -- steht in Wahrheit noch höher als das Genie, da
sie keinerlei Erklärung bedarf. Sie ist eine der großen Lebenstatsachen,
wie das Sonnenlicht oder der Lenz oder wie in dunkeln Gewässern der
Widerschein der Silbermuschel, die wir Mond nennen. Sie kann nicht
bestritten werden. Sie hat ein göttliches, erhabenes Recht. Wer sie
hat, den macht sie zu einem Prinzen. Sie lächeln? Oh, wenn Sie sie
verloren haben, lächeln Sie nicht mehr... Die Leute sagen manchmal,
Schönheit sei nur etwas Äußerliches. Mag sein. Aber zum mindesten ist
sie nicht so äußerlich wie das Denken. Für mich ist Schönheit aller
Wunder Wunder. Nur die Hohlköpfe urteilen nicht nach dem Äußeren. Das
wahre Geheimnis der Welt ist das Sichtbare, nicht das Unsichtbare...
Ja, Herr Gray, die Götter haben es gut mit Ihnen gemeint. Aber was die
Götter schenken, rauben sie bald wieder. Sie haben nur ein paar Jahre,
wo Sie wahrhaftig vollkommen, restlos leben können. Indem Ihre Jugend
verrauscht ist, nimmt sie die Schönheit mit, und dann werden Sie
plötzlich entdecken, daß Ihrer keine Siege mehr warten, oder daß Sie
sich mit jenen traurigen Siegen werden begnügen müssen, die Ihnen die
Erinnerung an die Vergangenheit bitterer machen wird als Niederlagen.
Jeder Monat, der dahingeht, bringt Sie näher einem schrecklichen Ziele.
Die Zeit ist eifersüchtig auf Sie und kämpft gegen Ihre Lilien und
Rosen. Sie werden fahl und hohlwangig, und Ihre Augen werden sich
trüben. Sie werden unsäglich leiden... Ach! leben Sie Ihre Jugend,
solange sie da ist. Vergeuden Sie das Gold Ihrer Tage nicht, leihen Sie
Ihr Ohr nicht den Philistern, mühen Sie sich nicht, hoffnungslose
Verhängnisse zu verbessern, geben Sie Ihr Leben nicht den Unwissenden,
Niedrigen, den gemeinen Leuten hin! Das sind die kranken Ziele, die
falschen Ideale unserer Zeit. Leben Sie! Leben Sie das wunderschöne
Leben, das in Ihnen ist! Lassen Sie sich nichts verloren sein! Suchen
Sie rastlos nach neuen Sinneseindrücken! Fürchten Sie nichts... Ein
neuer Hedonismus -- der täte unserem Jahrhundert not. Sie könnten sein
sichtbares Symbol werden. Mit Ihrer Persönlichkeit können Sie alles
wagen. Die Welt gehört Ihnen einen Sommer hindurch... Im Augenblick, da
ich Sie sah, merkte ich, daß Sie keine Ahnung davon haben, was Sie
wirklich sind, was Sie wirklich sein könnten. So viel in Ihnen entzückte
mich, daß ich förmlich gezwungen war, Ihnen etwas über Ihre Natur zu
sagen. Ich dachte mir, welche Tragik darin läge, wenn Sie vergebens
lebten. Denn Ihre Jugend währt nur so kurze Zeit -- so kurze Zeit. Die
alltäglichen Wiesenblumen welken, aber sie blühen wieder. Der Goldregen
wird im nächsten Juni genau so gelb sein wie heute. In einem Monat setzt
die Klematis purpurne Sterne an, und Jahr für Jahr umhüllt die grüne
Nacht ihrer Blätter solche Purpursterne. Aber wir Menschen bekommen
unsere Jugend nie wieder. Die Freude, die den Puls des Zwanzigjährigen
peitscht, läßt nach. Unsere Glieder versagen, die Sinne werden seicht.
Wir verkommen und werden greuliche Verpuppungen, werden verfolgt von den
Erinnerungen an die Leidenschaften, vor denen wir zurückgeschreckt sind,
und an die reizenden Versuchungen, denen zu erliegen wir nicht den Mut
hatten. Jugend! Jugend! Es gibt in der Welt nichts weiter als Jugend!«
Dorian Gray hörte zu, mit aufgerissenen Augen und staunend. Der
Fliederzweig, den er in der Hand hielt, fiel auf den Kies. Eine Biene in
ihrem Pelzkleid schoß her und umsummte ihn einen Augenblick. Dann
krabbelte sie eifrig auf den kleinen Blumensternen herum. Er beobachtete
sie mit dem seltsamen Interesse an gewöhnlichen Dingen, das wir in uns
heranzubilden suchen, wenn wir uns vor entscheidenden Dingen fürchten,
oder wenn uns ein neues Gefühl erschüttert, für das wir noch keine
Formel haben, oder wenn ein schrecklicher Gedanke das Hirn umklammert
und verlangt, daß wir uns ihm ausliefern sollen. Nach einer Weile
schwirrte die Biene weg. Er sah sie in den bunten Trompetentrichter
einer tyrischen Winde kriechen. Die Blume schien zusammenzuzucken und
bewegte sich dann mit Grazie hin und her.
Plötzlich erschien der Maler unter der Tür des Ateliers und forderte sie
mit kurzen wiederholten Zeichen auf, hereinzukommen. Sie sahen sich
einander an und lächelten.
»Ich warte!« rief er. »Kommt herein! Das Licht ist ganz prächtig, und
ihr könnt eure Gläser mitbringen.«
Sie standen auf und schlenderten den Weg zurück. Zwei grünlichweiße
Schmetterlinge flatterten an ihnen vorüber, und in dem Birnbaum an der
Gartenecke begann eine Drossel zu flöten.
»Es freut Sie, mich kennengelernt zu haben, Herr Gray?« fragte Lord
Henry und blickte ihn an,
»Ja, jetzt bin ich erfreut darüber. Ich weiß nicht, ob ich's immer sein
werde!«
»Immer! das ist ein schreckliches Wort. Ich schaudere, wenn ich es höre.
Die Frauen haben es so gern. Sie zerstören sich jedes Abenteuer, indem
sie ihm Ewigkeit verleihen wollen. Außerdem ist es ein sinnloses Wort.
Der einzige Unterschied zwischen einer Laune und einer Leidenschaft,
die ein Leben lang dauert, ist, daß die Laune ein bißchen länger
dauert.«
Als sie ins Atelier traten, legte Dorian Gray seine Hand auf Lord Henrys
Arm. »Lassen Sie also unsere Freundschaft eine Laune sein«, sagte er
leise und errötete über seine eigene Kühnheit. Dann bestieg er das
Podium und nahm wieder seine Stellung ein.
Lord Henry warf sich in einen bequemen Korbsessel und beobachtete ihn.
Das Hin- und Herfahren des Pinsels auf der Leinwand war das einzige, die
Stille unterbrechende Geräusch, nur manchmal hörte man den Schritt
Hallwards, wenn er zurücktrat, um sein Werk aus der Entfernung zu
prüfen. In den schrägen Sonnenstrahlen, die durch die offene Tür
fluteten, tanzte der Staub in goldenen Schuppen. Über allem lagerte der
schwere Duft der Rosen.
Als etwa eine Viertelstunde vergangen war, hörte Hallward zu malen auf,
betrachtete Dorian lange Zeit, sah dann lange auf das Bildnis, nagte an
dem Stiel eines seiner großen Pinsel und runzelte die Stirn. »Ganz
fertig«, rief er endlich, bückte sich und schrieb in großen grellroten
Lettern seinen Namen in die linke Ecke der Leinwand.
Lord Henry trat heran und betrachtete das Bild mit Kennerblick. Es war
in der Tat ein wunderbares Kunstwerk und auch wunderbar ähnlich.
»Lieber Junge,« sagte er, »ich wünsche dir herzlich Glück. Es ist das
beste Porträt unserer ganzen Zeit. Herr Gray, kommen Sie und sehen Sie
selbst!«
Der Jüngling schrak wie aus einem Traume auf. »Ist es wirklich fertig?«
murmelte er, als er vom Podium herabstieg.
»Ganz fertig«, antwortete der Maler. »Und du hast heute glänzend Modell
gestanden. Ich bin dir sehr, sehr dankbar.«
»Das ist nur mein Verdienst«, warf Lord Henry ein. »Nicht wahr, Herr
Gray?«
Dorian gab keine Antwort, sondern trat, ohne hinzuhören, vor sein Bild
und wandte sich dem Werke zu. Als er es sah, zuckte er zusammen, und
seine Wangen röteten sich einen Augenblick vor Vergnügen. Ein Ausdruck
der Freude blitzte in seinen Augen, als erkenne er sich selbst jetzt zum
ersten Male. Bewegungslos und in Staunen versunken, stand er da und
merkte dumpf, daß Hallward zu ihm sprach, ohne daß er den Sinn der Worte
erfaßte. Das Gefühl seiner eigenen Schönheit kam über ihn wie eine
Offenbarung. Er hatte es nie vorher empfunden. Basil Hallwards
Komplimente hatte er nur für liebenswürdige Übertreibungen der
Freundschaft gehalten. Er hatte sie gehört, über sie gelacht und sie
vergessen. Sein Wesen hatten sie niemals beeinflußt. Dann war Lord Henry
Wotton gekommen mit seinem sonderbaren Hymnus auf die Jugend, seiner
schrecklichen Warnung von ihrer Flüchtigkeit. Das hatte ihn rechtzeitig
aufgerüttelt, und als er jetzt dastand und das Abbild der eigenen
Schönheit betrachtete, durchdrang ihn die volle Wirklichkeit jener
Schilderung. Ja, der Tag mußte kommen, da sein Gesicht verrunzelt und
verwelkt, die Augen trüb und farblos, die Anmut seiner Gestalt geknickt
und entstellt sein würde. Das Scharlachrot der Lippen würde verblassen,
der Goldglanz des Haares sich wegstehlen. Das Leben, das von seiner
Seele gebildet wurde, zerstörte seinen Körper. Er würde häßlich,
abscheuerregend und formlos werden.
Als er daran dachte, durchfuhr ihn ein scharfer Schmerz wie ein
Messerstich und ließ die feinsten Nerven seines Ichs erbeben. Seine
Augen verdunkelten sich zu Amethysten, und ein Tränenflor umschleierte
sie. Es war, als hätte sich ihm eine eiskalte Hand aufs Herz gelegt.
»Gefällt es dir nicht?« rief endlich Hallward, ein wenig gereizt durch
das Schweigen des Jünglings, dessen Grund er nicht begriff.
»Natürlich gefällt's ihm«, sagte Lord Henry. »Wem würde es nicht
gefallen? Es gehört zu den größten Werken der modernen Kunst. Ich gebe
dir jeden Betrag dafür, den du verlangst. Ich muß es haben.«
»Es gehört nicht mir, Harry.«
»Wem denn?«
»Dorian natürlich«, antwortete der Maler.
»Da hat er Glück...«
»Wie traurig!« flüsterte Dorian und hielt die Augen noch immer fest auf
das Bild gerichtet. »Wie traurig! Ich werde alt werden und häßlich und
widerlich. Aber dies Bild wird immer jung bleiben. Es wird nie über den
heutigen Junitag hinaus altern... Wenn es nur umgekehrt sein könnte!
Wenn ich ewig jung bliebe und dafür das Bild altern könnte! Dafür --
dafür -- gäbe ich alles! Ja, nichts in aller Welt wäre mir dafür
zuviel! Ich gäbe meine Seele dafür!«
»Dieser Tausch würde dir schwerlich passen, Basil«, rief Lord Henry
lachend. »Das wäre schlimm für dein Bild.«
»Ich würde mich ernstlich dagegen wehren, Harry«, sagte Hallward.
Dorian Gray wandte sich zu ihm und sah ihn an. »Ich bin davon überzeugt,
Basil. Die Kunst ist dir mehr als deine Freunde. Ich bedeute für dich
nicht mehr als eine grüne Bronzefigur. Vielleicht kaum so viel, müßte
ich sagen.«
Der Maler war starr vor Erstaunen. So zu sprechen sah Dorian gar nicht
ähnlich. Was war geschehen? Er schien ganz erregt. Sein Gesicht war
gerötet, und die Wangen brannten.
»Ja,« fuhr er fort, »ich bin dir weniger als dieser Hermes aus Elfenbein
oder der silberne Faun da. Die wirst du immer liebbehalten. Wie lange
wirst du mich liebhaben? Vermutlich bis die erste Runzel mein Gesicht
entstellt. Ich weiß jetzt, wenn man erst seine Schönheit verliert, hat
man alles verloren. Dein Bild hat mich dies gelehrt. Lord Henry Wotton
hat ganz recht. Jugend ist das einzige, was Wert hat auf der Welt. Sowie
ich entdecke, daß ich alt werde, bringe ich mich um.«
Hallward wurde bleich und faßte ihn bei der Hand. »Dorian, Dorian!« rief
er, »sage so etwas nicht. Ich habe nie einen Freund gehabt wie dich und
werde nie wieder so einen haben. Du bist doch nicht auf leblose Dinge
eifersüchtig? Du, der schöner ist als irgendeines von ihnen.«
»Ich bin eifersüchtig auf jedes Ding, dessen Schönheit nicht stirbt. Ich
bin eifersüchtig auf das Bild, das du von mir gemalt hast. Warum darf es
behalten, was ich verlieren muß? Jeder Augenblick, der verfliegt, raubt
mir etwas und schenkt ihm etwas. Oh, wenn es doch umgekehrt wäre! Wenn
sich das Bild verändern und ich immer bleiben könnte, wie ich jetzt bin!
Warum hast du es gemalt? Es wird mich dereinst verhöhnen -- furchtbar
verhöhnen!« Die heißen Tränen traten ihm in die Augen, er zog seine Hand
weg, warf sich auf den Diwan und vergrub sein Gesicht in den Kissen, als
betete er.
»Das ist dein Werk, Harry«, sagte der Maler bitter.
Lord Henry zuckte die Achseln. »Es ist der wahre Dorian Gray -- sonst
nichts.«
»Das ist er nicht.«
»Wenn er es nicht ist, was habe ich damit zu schaffen?«
»Du hättest weggehen sollen, als ich dich darum bat«, grollte er.
»Ich blieb, als du mich darum batest«, war Lord Henrys Erwiderung.
»Harry, ich kann nicht auf einmal mit meinen beiden besten Freunden
Streit anfangen, aber ihr beide habt schuld, daß ich das beste Stück,
das mir je gelungen ist, hassen muß, und ich werde es vernichten. Ist es
schließlich mehr als Leinwand und Farbe? Ich will es nicht eingreifen
lassen in drei Leben und sie zerstören.«
Dorian Gray hob seinen goldschimmernden Kopf von dem Kissen und blickte
ihn mit bleichem Gesicht und tränenfeuchten Augen an, als er zu dem
Maltische aus Kiefernholz trat, der unter dem hohen verhängten Fenster
stand. Was wollte Basil beginnen? Seine Finger wühlten zwischen dem Wust
von Blechtuben und trockenen Pinseln herum, als suchten sie etwas. Ja,
sie suchten das lange Schabmesser mit der schmalen Klinge aus
schmiegsamem Stahl. Endlich hatte er es gefunden. Er wollte die Leinwand
zerschlitzen.
Mit einem erstickten Schluchzen sprang der Jüngling vom Diwan auf, schoß
auf Hallward zu, riß ihm das Messer aus der Hand und schleuderte es in
den äußersten Winkel des Ateliers. »Tu es nicht, Basil, tu es nicht«,
schrie er. »Es wäre Mord.«
»Ich freue mich, daß dir meine Arbeit endlich doch gefällt, Dorian«,
sagte der Maler kühl, als er sich von seinem Erstaunen erholt hatte.
»Ich hätte es gar nicht geglaubt.«
»Gefällt? Ich bin verliebt in dies Bild, Basil. Es ist ja ein Teil von
mir selbst. Ich fühle es.«
»Schön, sobald du trocken bist, sollst du gefirnißt, gerahmt und zu dir
hingeschickt werden. Dann kannst du mit dir anfangen, was dir beliebt.«
Er schritt durch den Raum und klingelte nach Tee. »Du trinkst doch Tee,
Dorian? Du auch, Harry? Oder machst du dir nichts aus so einfachen
Genüssen?«
»Ich bete einfache Genüsse an«, sagte Lord Henry. »Sie sind die letzte
Zuflucht komplizierter Naturen. Aber für Szenen schwärme ich nicht,
außer auf der Bühne. Was für tolle Burschen seid ihr doch, ihr beide!
Wer war es doch gleich, der den Menschen als ein vernünftiges Tier
definiert hat? Das war eine der voreiligsten Definitionen, die je
aufgestellt wurden. Der Mensch hat eine ganze Menge Eigenschaften, aber
gewiß keine Vernunft. Alles in allem übrigens: Gott sei Dank, obwohl
mir's eigentlich lieber wäre, ihr beiden Wirbelköpfe zanktet euch nicht
um das Bild. Du solltest es lieber mir gegeben haben, Basil. Dieses
törichte Knäblein braucht es eigentlich gar nicht, und ich brauche es
sehr.«
»Wenn du es einem anderen geben willst als mir, Basil, verzeihe ich es
dir nie«, rief Dorian Gray; »und ich erlaube niemand, mich ein törichtes
Knäblein zu nennen.«
»Du weißt, Dorian, das Bild gehört dir. Ich hab' es dir geschenkt, noch
ehe es vorhanden war.«
»Und Sie wissen, Herr Gray, daß Sie ein wenig töricht waren und daß Sie
ernstlich gar nichts dagegen haben können, an Ihre große Jugend erinnert
zu werden.«
»Heute früh hätte ich sehr viel dagegen gehabt, Lord Henry.«
»Ah! heute früh. Seitdem haben Sie einiges erlebt.«
Es klopfte an die Tür, und der Diener trat mit einem besetzten Teebrett
ein und servierte auf einem kleinen japanischen Tisch den Tee. Die
Tassen und Löffel klapperten, und ein georgischer Samowar begann zu
summen. Zwei gewölbte chinesische Porzellanschüsseln wurden von einem
jungen Diener hereingebracht. Dorian Gray ging hin und goß den Tee ein.
Die beiden Männer schlenderten zum Tische und sahen nach, was unter den
Deckeln der Schüsseln war.
»Wir wollen heute abend ins Theater gehen«, meinte Lord Henry.
»Irgendwo wird sicher was los sein. Ich habe zwar zugesagt, im
White-Klub zu soupieren, aber mich erwartet nur ein alter Freund; ich
kann ihm also ein Telegramm schicken, daß ich nicht wohl sei oder
infolge einer späteren Verabredung nicht kommen könne. Das würde ich für
eine reizende Entschuldigung halten. Sie hat einen förmlich
überraschenden Duft von Aufrichtigkeit.«
»Es ist so lästig, sich den Frack anzuzerren«, murmelte Hallward. »Und
wenn man ihn anhat, sieht man so gräßlich aus.«
»Ja,« antwortete Lord Henry träumerisch, »die Kleidung des neunzehnten
Jahrhunderts ist abscheulich. Sie ist so düster, so deprimierend. Die
Sünde ist noch das einzig Farbenfreudige, das im modernen Leben
übriggeblieben ist.«
»Du solltest wirklich nicht solche Dinge vor Dorian sagen, Harry!«
»Vor welchem Dorian? Vor dem, der uns den Tee einschenkt, oder dem
anderen auf dem Bilde?«
»Vor keinem.«
»Ich ginge gerne mit Ihnen ins Theater, Lord Henry«, sagte der Jüngling.
»Dann kommen Sie doch. Und du auch, Basil, nicht wahr?«
»Ich kann nicht, wirklich nicht. Es ist mir lieber so. Ich habe eine
Unmenge zu tun.«
»Schön also. Dann müssen wir zwei allein gehen, Herr Gray.«
»Ich freue mich riesig darauf.«
Der Maler biß sich auf die Lippe und schritt, die Teetasse in der Hand,
zum Bilde. »Ich bleibe hier bei dem wirklichen Dorian«, sagte er
traurig.
»Ist das der wirkliche?« rief das Original und ging gleichfalls langsam
zu ihm hin. »Bin ich wirklich so?«
»Ja, genau so bist du.«
»Wie wundervoll, Basil!«
»Du siehst wenigstens jetzt so aus. Aber das Bild wird sich nie ändern«,
seufzte Hallward. »Das ist schon etwas.«
»Was man heute für ein großes Wesen aus der Treue macht!« rief Lord
Henry aus. »Und doch ist sie selbst in der Liebe eine rein
physiologische Frage. Sie hat auch nicht das mindeste mit unserem
eigenen Willen zu tun. Junge Männer wären gerne treu und sind es nicht;
alte würden gerne untreu sein und können es nicht: das ist alles, was
sich darüber sagen läßt.«
»Geh heute abend nicht ins Theater, Dorian«, bat Hallward. »Bleibe hier
und speise mit mir.«
»Ich kann nicht, Basil.«
»Warum?«
»Weil ich Lord Henry Wotton zugesagt habe, ihn zu begleiten.«
»Er wird dir darum nicht mehr zugetan sein, wenn du so treu deine
Versprechungen hältst. Er bricht seine immer. Ich bitte dich, nicht zu
gehen.«
Dorian Gray schüttelte lachend den Kopf.
»Ich beschwöre dich.«
Der junge Mann schwankte und blickte zu Lord Henry hinüber, der die
beiden mit einem belustigten Lächeln vom Teetische aus beobachtete.
»Ich muß mit, Basil«, antwortete er.
»Schön«, sagte Hallward und ging zum Tische hinüber, wo er seine Tasse
hinstellte. »Es ist ziemlich spät, und da ihr euch noch umziehen müßt,
habt ihr keine Zeit mehr zu verlieren. Adieu, Harry! Adieu, Dorian! Komm
bald wieder. Komm morgen.«
»Bestimmt.«
»Aber nicht vergessen!«
»Nein, natürlich nicht!« rief Dorian.
»Und... Harry!«
»Ja, Basil?«
»Vergiß nicht, was ich dir sagte, als wir am Vormittag im Garten saßen.«
»Ich habe es vergessen.«
»Ich vertraue dir.«
»Ich wünschte, ich könnte mir selbst vertrauen«, sagte Lord Henry
lachend. »Kommen Sie, Herr Gray, mein Wagen steht unten, und ich kann
Sie an Ihrer Wohnung absetzen. Adieu, Basil! Es war ein sehr
unterhaltender Nachmittag.«
Als sich die Tür hinter ihnen schloß, warf sich der Maler auf den Diwan,
und in sein Gesicht trat ein schmerzlicher Ausdruck.
Drittes Kapitel
Um zwölfeinhalb Uhr am nächsten Tage schlenderte Lord Henry Wotton von
Curzon Street nach Albany hinüber, um einen Besuch zu machen bei seinem
Onkel Lord Fermor, einem heiteren, aber ziemlich rauhen alten
Junggesellen, den die Außenwelt einen Egoisten nannte, weil sie keinen
besonderen Nutzen aus ihm ziehen konnte, der aber in der Gesellschaft
als freigebig verschrien war, weil er die Leute, die ihn amüsierten,
aufs beste fütterte. Sein Vater war britischer Gesandter in Madrid
gewesen, als Isabella noch jung war und man noch nichts von Prim wußte,
hatte sich aber in einem Augenblicke launischen Ärgers aus dem
diplomatischen Dienste zurückgezogen, weil man ihm nicht den
Gesandtenposten in Paris angeboten hatte, zu dem er sich vollauf
berechtigt geglaubt hatte durch seine Geburt, seine Arbeitsunlust, sein
gutes Englisch in seinen Depeschen und durch seine zügellose
Vergnügungssucht. Der Sohn, der des Vaters Privatsekretär gewesen war,
hatte mit seinem Chef zugleich den Abschied genommen, was man damals
ziemlich verrückt fand, und als der Titel einige Monate später auf ihn
überging, hatte er sich ernstlich dem großen aristokratischen Studium
gewidmet, absolut nichts zu tun. Er besaß zwei große Häuser in der
Stadt, zog es aber vor, in einer Junggesellenwohnung zu hausen, weil das
weniger Umstände machte, und speiste meistens im Klub. Er beschäftigte
sich ein wenig mit der Verwaltung seiner Kohlenminen in den
Midlandgrafschaften und entschuldigte diese verwerfliche industrielle
Tätigkeit damit, daß er sagte, der einzige Vorteil, Kohlen zu besitzen,
sei der, es einem Gentleman möglich zu machen, in seinem eigenen Kamin
Holz zu brennen. Politisch war er ein Tory, außer wenn die Tories
Regierungspartei waren, denn in solchen Zeiten verlästerte er sie und
schimpfte sie radikales Gesindel. Er war ein Held für seinen
Kammerdiener, der ihn drangsalierte, und ein Schrecken für die meisten
seiner Verwandten, die er drangsalierte. Nur England konnte ihn erzeugt
haben, und er selber sagte immer, daß das Land mehr und mehr auf den
Hund käme. Seine Grundsätze waren altmodisch, aber an seinen Vorurteilen
war etwas dran.
Als Lord Henry ins Zimmer trat, fand er seinen Onkel in einem flockigen
Jagdrock, eine ziemlich wohlfeile Zigarre im Munde und brummend in den
»Times« lesend.
»Na, Harry,« sagte der alte Herr, »was bringt dich so früh her? Ich
dachte immer, ihr Dandies steht nie vor zwei Uhr auf und werdet nie vor
fünf Uhr sichtbar.«
»Reine Familienliebe, auf mein Wort, Onkel Georg; ich brauche etwas von
dir.«
»Geld vermutlich«, sagte Lord Fermor und machte ein saures Gesicht. »Na
gut, so setz' dich und sag' mir alles. Ihr jungen Leute von heutzutage
bildet euch ein, das Geld wäre alles.«
»Ja,« brummelte Lord Henry, während er seine Blume im Knopfloch
zurechtrückte, »und wenn sie älter werden, dann wissen sie es. Aber ich
brauche kein Geld. Nur Leute, die ihre Rechnungen zahlen, brauchen
Geld, Onkel Georg, und ich bezahle meine nie. Kredit ist das Kapital
eines zweitältesten Sohnes, und man kann brillant davon leben. Außerdem
kaufe ich immer bei Dartmoors Lieferanten, und daher habe ich nie
Scherereien. Was ich brauche, ist eine Auskunft, keine nützliche
Auskunft natürlich, sondern nur eine wertlose.«
»Ich kann dir alles sagen, Harry, was je in einem englischen Blaubuch
gestanden hat, obwohl diese Bengels heutzutage einen Haufen Unsinn
zusammensudeln. Als ich noch Diplomat war, lagen die Dinge besser. Aber
ich höre, man stellt jetzt die Leute auf Grund einer Prüfung ein. Was
kann man da noch erwarten? Prüfungen, mein Bester, sind der reine Humbug
von A bis Z. Wenn einer Gentleman ist, weiß er schon genug, und wenn er
kein Gentleman ist, so mag er alles Mögliche wissen, es hilft ihm doch
nichts.«
»Herr Dorian Gray hat nichts mit Blaubüchern zu schaffen«, sagte Lord
Henry in seinem schläfrigen Tone.
»Herr Dorian Gray? Wer ist das?« fragte Lord Fermor, seine buschigen
weißen Augenbrauen zusammenkneifend.
»Um das zu erfahren, bin ich gerade hergekommen, Onkel Georg. Oder
genauer gesagt, wer es ist, weiß ich. Nämlich der Enkel des verstorbenen
Lord Kelso. Seine Mutter war eine Devereux, Lady Margaret Devereux. Ich
möchte, daß du mir etwas über seine Mutter erzählst. Was weißt du von
ihr? Wen hat sie geheiratet? Du hast zu deiner Zeit doch so ziemlich
alle Leute gekannt, also wahrscheinlich auch sie. Ich interessiere mich
gegenwärtig ungemein für Herrn Gray. Ich habe ihn erst gestern
kennengelernt.«
»Kelsos Enkel!« wiederholte der alte Herr, »Kelsos Enkel! ... natürlich
... ich war mit seiner Mutter sehr intim. Ich glaube, ich war sogar bei
ihrer Taufe. Es war ein ganz außergewöhnlich schönes Mädchen, diese
Margaret Devereux, und hat dann alle jungen Männer toll gemacht, als sie
mit einem jungen Habenichts davonlief, einer absoluten Null, mein
Bester, einem Fähnrich bei der Infanterie oder so was Ähnliches.
Natürlich. Ich erinnere mich jetzt an die ganze Geschichte, als wäre sie
gestern passiert. Der arme Kerl wurde dann ein paar Monate nach der
Hochzeit in einem Duell in Spa getötet. Man erzählte damals eine
häßliche Geschichte darüber. Man sagte, der alte Kelso hätte irgendeinen
Schuft, so einen Abenteurer aus Belgien gemietet, um seinen
Schwiegersohn öffentlich zu beleidigen, hätte ihn dafür bezahlt, mein
Bester, einfach bezahlt, damit er es täte, und dieser Kerl spießte dann
sein Opfer auf wie eine Taube. Die Geschichte wurde natürlich vertuscht,
aber Kelso mußte eine Zeitlang sein Kotelett allein im Klub essen. Ich
hörte, er brachte seine Tochter wieder mit, doch sie sprach nie mehr ein
Wort mit ihm. O jawohl, das war eine böse Sache. Das Mädel starb dann
auch, kaum ein Jahr später. So, sie hat also einen Sohn hinterlassen?
Das hatte ich ganz vergessen. Was für ein Junge ist es denn? Wenn er
seiner Mutter ähnlich sieht, muß es ein hübsches Kerlchen sein.«
»Er ist sehr hübsch«, stimmte Lord Henry bei.
»Ich hoffe, er wird in die rechten Hände kommen«, fuhr der alte Mann
fort. »Es muß ein Haufen Geld auf ihn warten, wenn Kelso pflichtgemäß an
ihm handelte. Seine Mutter hatte übrigens auch Geld. Der ganze Selbysche
Besitz fiel ihr durch ihren Großvater zu. Ihr Großvater haßte Kelso,
hielt ihn für einen gemeinen Köter. War es übrigens auch. Er kam mal
nach Madrid, als ich dort war. Na, ich mußte mich des Kerls schämen. Die
Königin pflegte mich nach dem englischen Edelmann zu fragen, der sich
immer mit den Kutschern über die Taxe zankte. Man machte einen ganzen
Roman daraus. Ich wagte einen Monat lang nicht, bei Hof zu erscheinen.
Ich hoffe, er hat seinen Enkel besser behandelt als die
Droschkenkutscher.«
»Darüber weiß ich nichts«, erwiderte Lord Henry. »Ich vermute aber, der
junge Mann wird einmal wohlhabend werden. Er ist noch nicht volljährig.
Selby gehört ihm, das weiß ich. Er hat es mir gesagt. Und... seine
Mutter war also sehr schön?«
»Margaret Devereux war eines der entzückendsten Geschöpfe, die ich je
gesehen habe, Harry. Was in aller Welt sie dazu getrieben hat, so zu
handeln, habe ich nie verstehen können. Sie hätte jeden Mann heiraten
können, den sie wollte. Carlington war wahnsinnig verschossen in sie.
Aber sie war romantisch veranlagt. Alle Frauen dieser Familie waren so.
Die Männer waren ein trauriges Gesindel, aber beim Himmel! die Weiber
waren wunderbar! Carlington lag vor ihr auf den Knien. Hat's mir selber
gebeichtet. Sie lachte ihn aus, und es gab damals in London kein Mädel,
das nicht hinter ihm hergewesen wäre. Übrigens, Harry, da wir schon über
Mesalliancen reden: was ist das für ein Unsinn, den mir dein Vater von
Dartmoor erzählt, der eine Amerikanerin heiraten will? Sind englische
Mädels für ihn nicht gut genug?«
»Es ist jetzt Mode, Amerikanerinnen zu heiraten, Onkel Georg.«
»Ich verteidige die englischen Frauen gegen die ganze Welt, Harry«,
sagte Lord Fermor und schlug mit der Faust auf den Tisch.
»Man reißt sich um die Amerikanerinnen.«
»Sie halten sich nicht, hat man mir gesagt«, brummte der Onkel.
»Ein langes Verlobtsein erschöpft sie, aber für eine Steeplechase sind
sie brillant. Sie sind Flieger. Ich glaube nicht, daß Dartmoor Chance
hat.«
»Was ist's für eine Familie?« murrte der alte Herr. »Hat sie überhaupt
eine?«
Lord Henry schüttelte den Kopf. »Amerikanische Mädchen sind ebenso klug,
ihre Eltern zu verbergen, wie englische Frauen im Verbergen ihrer
Vergangenheit«, antwortete er und stand auf, um wegzugehen.
»Also vermutlich Schweinefleischhändler.«
»Das hoffe ich, Onkel Georg, in Dartmoors Interesse. Man hat mir gesagt,
mit Schweinefleischbüchsen zu handeln, soll nächst der Politik der
einträglichste Beruf in Amerika sein.«
»Ist sie hübsch?«
»Sie benimmt sich so, als wäre sie es. Das tun die meisten
Amerikanerinnen. Es ist das Geheimnis ihres magnetischen Reizes.«
»Warum bleiben diese amerikanischen Weiber nicht in ihrem Lande? Sie
sagen doch immer, es sei das Paradies für Frauen.«
»Das ist es auch. Und das ist auch der Grund, warum sie wie Eva so gern
daraus weg wollen«, sagte Lord Henry. »Adieu, Onkel Georg! Ich komme zu
spät zum Frühstück, wenn ich noch länger bleibe. Danke sehr für die
Auskunft, die du mir gabst. Ich habe immer das Bedürfnis, von meinen
neuen Freunden alles zu hören und möglichst nichts von meinen alten.«
»Wo wirst du frühstücken, Harry?«
»Bei Tante Agatha. Ich habe mich mit Herrn Gray dort angesagt. Es ist
ihr neuestes Protektionskind.«
»Hm! sag' der Tante Agatha, Harry, sie soll mich mit ihrem
Wohltätigkeitskrempel ungeschoren lassen. Ich habe sie bis hierher! Weiß
Gott, das gute Frauenzimmer meint, ich hätte nichts zu tun als Schecks
für ihre langweiligen Vereinsmeiereien auszuschreiben.«
»Abgemacht, Onkel Georg, ich werde es ihr bestellen, aber es wird nichts
nutzen. Wohltätigkeitsmegären verlieren alle Menschlichkeit. Das ist ihr
hervorstechendstes Merkmal.«
Der alte Herr brummte zustimmend und klingelte seinem Diener. Lord Henry
schritt durch die niedrigen Arkaden nach Burlington Street und lenkte
dann seine Schritte in die Richtung nach Berkeley Square.
Das war also die Geschichte von Dorian Grays Eltern. So roh umrissen sie
ihm auch geschildert worden war, sie hatte ihn doch nach Art eines
seltsamen, geradezu modernen Romans erregt. Eine schöne Frau, die alles
für eine wahnsinnige Leidenschaft einsetzt. Ein paar wilde, wonnige
Wochen, jäh abgeschnitten durch ein abscheuliches, heimtückisches
Verbrechen, Monate stummer Todesverzweiflung, und dann ein Kind unter
Schmerzen geboren. Die Mutter vom Tode weggemäht, der Knabe der
Einsamkeit und der Tyrannei eines alten, lieblosen Mannes ausgeliefert.
Ja, das war ein interessanter Hintergrund. Er gab dem jungen Menschen
Relief, machte ihn noch vollkommener. Hinter allem Köstlichen in der
Welt lauert eine geheime Tragödie, Welten müssen in Schwingung sein,
damit die kleinste Blume erblühen kann... Und wie entzückend war er
gestern abend gewesen, als er ihm mit erschreckten Augen, die Lippen in
scheuem Verlangen geöffnet, im Klub gegenüber gesessen und die roten
Kerzenschirme das erwachende Wunder seines Gesichts in einen noch
rosenfarbenen Ton getaucht hatten. Mit ihm sprechen, das war wie auf
einer auserlesenen Geige spielen. Er gab jedem Druck nach, jeder
zitternden Berührung des Bogens... Es lag doch etwas unerhört
Knechtendes darin, auf jemand Einfluß auszuüben. Keine andere Tätigkeit
kam dem gleich. Seine eigene Seele in eine anmutige Form gießen und sie
darin einen Augenblick lang verweilen lassen: seine eigenen
Gedankenakkorde im Echo zurückbekommen, bereichert durch die Musik der
Leidenschaft und Jugend: sein eigenes Temperament in ein anderes
hineinversenken, als wäre es das allerätherischste Fluidum oder ein
seltener Wohlgeruch: darin lag eine wahre Lust -- vielleicht die
allerbefriedigendste Lust, die uns übriggeblieben ist, in einer so
beschränkten und ordinären Zeit wie die unsere, die so derbfleischlich
in ihren Genüssen und so grobzufassend in ihren Begierden ist... Auch
war er ein wundervoller Typus, dieser junge Mensch, den er durch einen
so wunderbaren Zufall in Basils Atelier kennengelernt hatte, oder konnte
jedenfalls zu einem wunderbaren Typus umgemodelt werden. Anmut war ihm
verliehen und die schneeige Reinheit der Jünglingschaft, und eine
Schönheit, wie man sie bei alten griechischen Marmorbildern findet.
Nichts gab es, was sich nicht aus ihm machen ließe. Man konnte einen
Titanen oder ein Spielzeug aus ihm machen. Welch Jammer, daß solche
Schönheit dahinwelken muß... Und Basil? Wie interessant war doch er für
den Psychologen! Diese neue Art von Kunst, diese neue Weise, das Leben
anzuschauen, die ihm auf das seltsamste durch die sichtbare Gegenwart
eines Menschen erweckt wurde, der von alledem nichts wußte: der stille
Geist, der in einer düsteren Waldlandschaft wohnte und ungesehen ins
offene Feld entwandelte, enthüllte sich plötzlich wie eine Dryade, und
ohne Scheu, weil in der Seele, die sehnsüchtig nach ihm suchte, jene
wundersame Vision wach geworden war, der nur die außerordentlichen Dinge
offenbar werden: die bloßen Formen und Linien der Dinge wurden gleichsam
edler und bekamen eine Art von symbolischer Bedeutung, als wären sie
selbst nur Schatten einer anderen und vollendeteren Form, deren Abbilder
sie zur Wirklichkeit erhoben: wie merkwürdig das alles war! Er erinnerte
sich, daß es in der Geschichte irgend etwas Ähnliches gab. War es nicht
Plato, dieser Künstler in der Welt der Gedanken, der es als erster
untersucht hatte? War es nicht Buonarotti, der es in den farbigen Marmor
seiner Sonettreihe gemeißelt hatte? Aber in unserem Jahrhundert war es
etwas Seltenes... Ja, er wollte versuchen, für Dorian Gray das zu sein,
was der Jüngling, ohne es zu wissen, für den Maler war, der das
prächtige Bildnis geschaffen hatte. Er wollte versuchen, in ihm zu
herrschen -- hatte es in Wahrheit schon zum Teil getan. Er wollte diesen
wunderbaren Geist zu seinem eigenen machen. Es war etwas unwiderstehlich
Magnetisches in diesem Abkömmling von Tod und Liebe.
Plötzlich blieb er stehen und sah an den Häusern hinauf. Er entdeckte,
daß er bereits an dem Hause seiner Tante vorbeigegangen sei, und ging
stillächelnd zurück. Als er in die etwas düstere Halle eintrat, sagte
ihm der Diener, die Herrschaften seien schon beim Frühstück. Er gab
einem Lakai Hut und Stock und ging in den Speisesaal.
»Spät wie immer, Harry«, rief seine Tante, ihm zunickend.
Er erfand eine glaubwürdige Entschuldigung, setzte sich auf den leeren
Platz neben sie und sah sich um, zu sehen, wer noch da war. Dorian
begrüßte ihn schüchtern vom Ende des Tisches her, und seine Wangen
wurden vor geheimer Freude rot. Gegenüber saß die Herzogin von Harley,
eine Dame von bewunderungswürdig guter Laune und ebensolchem Charakter,
die jeder gern hatte und deren Körper in jenen erhabenen
architektonischen Maßen aufgebaut war, der von zeitgenössischen
Geschichtsschreibern bei Frauen, die nicht gerade Herzoginnen sind, als
Beleibtheit bezeichnet wird. Zu ihrer Rechten saß Sir Thomas Burdon, ein
radikales Parlamentsmitglied, das im öffentlichen Leben seinem
Parteichef Gefolge leistete und im privaten den besten Küchenchefs, der
nach einer weisen und allgemein verbreiteten Lebensregel mit den Tories
dinierte und mit den Liberalen geistig übereinstimmte. Den Platz an
ihrer Linken nahm Herr Erskine of Treadley ein, ein alter prächtiger und
gebildeter Herr, der sich die schlechte Gewohnheit des Schweigens
angeeignet hatte, da er, wie er einmal Lady Agatha erklärte, schon vor
seinem dreißigsten Lebensjahr alles gesagt hatte, was er überhaupt zu
sagen hatte. Seine Nachbarin war Frau Vandeleur, eine der ältesten
Freundinnen seiner Tante, eine vollendete Heilige unter den Frauen, aber
so geschmacklos verputzt, daß man bei ihrem Anblick immer an ein
schlechtgebundenes Gebetbuch denken mußte. Zu seinem Glück saß an ihrer
anderen Seite Lord Faudel, eine sehr intelligente Mittelmäßigkeit in den
besten Jahren, der so kahl war wie der Bericht eines Ministers auf eine
Interpellation im Unterhaus, und mit ihm unterhielt sie sich in jenem
intensiv-ernsten Tone, der, wie Lord Henry einmal selbst geäußert hatte,
der eine unverzeihliche Irrtum ist, in den alle wirklich guten Menschen
verfallen, und den keiner von ihnen völlig vermeiden kann.
»Wir sprechen über den bedauernswerten Dartmoor, Henry«, rief die
Herzogin, ihm vergnügt über den Tisch zunickend. »Glauben Sie, daß er
wirklich die berückende junge Dame heiratet?«
»Ich glaube, Frau Herzogin, sie hat sich fest vorgenommen, um das Jawort
zu bitten.«
»Wie schrecklich«, rief Lady Agatha. »Dann sollte sich wirklich jemand
ins Mittel legen.«
»Ich erfahre aus einer ganz vorzüglichen Quelle, daß ihr Vater ein
Kurzwarengeschäft in Amerika hat«, sagte Sir Thomas Burdon mit einem
überlegenen Blicke.
»Mein Onkel hat behauptet: Schweinefleischlieferant, Sir Thomas.«
»Kurzwaren! Was sind amerikanische Kurzwaren?« fragte die Herzogin und
erhob staunend ihre großen Hände und dabei jede Silbe betonend.
»Amerikanische Romane«, antwortete Lord Henry und nahm von den Wachteln.
Die Herzogin machte ein erstauntes Gesicht.
»Geben Sie nicht acht auf ihn, meine Liebe,« wisperte ihr Lady Agatha
zu, »er meint nie im Ernst, was er sagt.«
»Als Amerika entdeckt wurde,« sagte der radikale Abgeordnete und ließ
einige langweilige Tatsachen vom Stapel. Wie alle Menschen, die bestrebt
sind, ein Thema zu erschöpfen, erschöpfte er seine Zuhörer. Die Herzogin
seufzte und benützte ihr Vorrecht, zu unterbrechen. -- »Wollte Gott, es
wäre überhaupt nicht entdeckt worden«, rief sie aus. »Unsere Töchter
haben heutzutage wirklich gar keine Chance mehr. Das ist geradezu
empörend!«
»Vielleicht ist Amerika überhaupt nicht entdeckt worden, wenn man's
recht betrachtet«, sagte Herr Erskine. »Ich würde eher sagen, daß es nur
aufgefunden worden ist.«
»Oh, ich muß aber gestehen, daß ich einige Exemplare seiner
Bewohnerinnen gesehen habe,« antwortete die Herzogin zerstreut, »ich muß
zugeben, die meisten von ihnen sind ausgesprochen hübsch. Und außerdem
ziehen sie sich gut an. Sie beziehen alle ihre Kleider aus Paris. Ich
wollte, ich könnte mir das auch leisten.«
»Man sagt: wenn gute Amerikaner sterben, so fahren sie nach Paris«,
gluckste Sir Thomas, der eine große Kiste voll abgelegter Scherze sein
eigen nannte.
»In der Tat? Und wohin gehen schlechte Amerikaner, wenn sie sterben?«
fragte die Herzogin.
»Sie gehen nach Amerika«, murmelte Lord Henry.
Sir Thomas runzelte die Stirn. »Ich fürchte, Ihr Neffe hat Vorurteile
gegen dieses große Land«, sagte er zu Lady Agatha. »Ich habe es ganz
bereist im Eisenbahnwagen, die mir die Direktionen zur Verfügung
stellten. Man ist da in diesen Dingen außerordentlich höflich. Ich
versichere Ihnen, es ist eine vorzüglich bildende Reise da drüben.«
»Aber müssen wir wirklich nach Chicago schwimmen, um unsere Bildung zu
vervollständigen?« fragte Herr Erskine wehmütig. »Ich fühle mich
wirklich zu solcher Reise nicht aufgelegt.«
Sir Thomas winkte mit der Hand. »Herr Erskine of Treadley besitzt die
Welt auf seinen Bücherregalen. Wir Männer des praktischen Lebens lieben
es, die Dinge zu sehen, nicht darüber zu lesen. Die Amerikaner sind ein
außerordentlich interessantes Volk. Sie sind vollständig
Vernunftmenschen. Ich glaube, das ist ihr Charaktermerkmal. Ja, Herr
Erskine, ein ausschließlich von der Vernunft beherrschtes Volk. Ich
versichere Ihnen, es gibt bei den Amerikanern keinerlei Unsinn.«
»Wie schrecklich!« rief Lord Henry aus. »Ich kann rohe Gewalt vertragen,
aber rohe Vernunft ist mir unerträglich. Ich finde immer, daß ihre
Anwendung unbillig ist. Es heißt den Geist unterjochen.«
»Ich verstehe Sie nicht«, erwiderte Sir Thomas und wurde etwas rot.
»Ich verstehe Sie, Lord Henry«, murmelte Herr Erskine lächelnd.
»Paradoxe sind ja an und für sich recht schön und gut...«, nahm der
Baronet wieder das Wort.
»War das ein Paradoxon?« fragte Herr Erskine. »Ich habe es nicht dafür
gehalten. Vielleicht war es eins. Nun, der Weg zur Wahrheit scheint mit
Paradoxen gepflastert zu sein. Um die Wahrheit zu erkennen, müssen wir
sie auf gespanntem Seil tanzen sehen. Wenn die Wahrheiten Akrobaten
werden, können wir sie beurteilen.«
»Mein großer Gott!« sagte Lady Agatha, »was für eine Art zu diskutieren
habt ihr Männer. Ich verstehe nie ein einziges Wort von eurem Gerede.
Mit dir, Harry, oh! bin ich ganz böse. Warum versuchst du, unseren
lieben Herrn Dorian Gray zu überreden, nicht mehr ins East-End zu gehen?
Ich versichere dir, er wäre dort für uns unschätzbar; sein Spiel würde
die Leute ungemein begeistern.«
»Mir ist es lieber, wenn er für mich spielt«, rief Lord Henry lächelnd,
sah am Tisch hinunter, wo ihn ein fröhlich antwortender Blick traf.
»Aber sie sind in Whitechapel so unglücklich«, fuhr Lady Agatha wieder
fort.
»Ich kann mit allem möglichen Mitgefühl haben,« sagte Lord Henry, die
Achseln zuckend, »außer mit Leiden. Damit kann ich keine Sympathie
haben. Es ist zu häßlich, zu schrecklich, zu niederdrückend. In der heut
modernen Sympathie für die Leiden liegt etwas schrecklich Krankhaftes.
Man sollte mit Farben sympathisieren, mit Schönheit, mit Lebensfreude.
Je weniger man über das Elend des Lebens sagt, desto besser.«
»Aber das East-End ist ein sehr wichtiges Problem«, bemerkte Sir Thomas
mit ernstem Kopfschütteln.
»Sicherlich«, antwortete der junge Lord. »Es ist das Problem der
Sklaverei, und wir versuchen es derart zu lösen, daß wir die Sklaven
amüsieren.«
Der Politiker sah ihn mit einem forschenden Blicke an. »Welche Änderung
schlagen Sie also vor?«
Lord Henry lachte. »Ich habe gar nicht das Verlangen, in England etwas
zu ändern außer dem Wetter«, entgegnete er. »Ich begnüge mich mit
philosophischer Betrachtung. Da aber das neunzehnte Jahrhundert durch
übermäßigen Verbrauch von Sympathie Bankrott geworden ist, möchte ich
vorschlagen, daß man sich an die Wissenschaft hält, damit diese uns
wieder aufrichtet. Der Vorteil der Gefühle liegt darin, daß sie uns in
die Irre führen, und der Vorteil der Wissenschaft darin, daß sie sich
mit Gefühlen nicht abgibt.«
»Aber auf uns liegen so ernste Verantwortlichkeiten«, warf Frau
Vandeleur schüchtern ein.
»Entsetzlich schwere«, stimmte Lady Agatha ein.
Lord Henry sah zu Herrn Erskine hinüber. »Die Menschheit nimmt sich
selber zu ernst. Das ist die Todsünde der Welt. Wenn die Höhlenmenschen
schon hätten lachen können, hätte die Weltgeschichte andere Wege
eingeschlagen.«
»Ihre Worte klingen sehr tröstlich«, trillerte die Herzogin. »Ich habe
immer eine Art Schuldgefühl gehabt, wenn ich Ihre liebe Tante besuchte,
denn ich nehme nicht das geringste Interesse an East-End. In Zukunft
werde ich ihr ohne zu erröten ins Gesicht sehen können.«
»Erröten ist ein vorzügliches Schönheitsmittel«, bemerkte Lord Henry.
»Nur wenn man jung ist«, antwortete sie. »Wenn eine alte Frau wie ich
errötet, ist es ein sehr schlechtes Zeichen. Ach, Lord Henry, ich
wünschte, Sie könnten mir sagen, wie man wieder jung wird!«
Er dachte einen Augenblick nach. »Können Sie sich an irgendeinen großen
Fehler erinnern, den Sie in der Jugend begangen haben?« fragte er dann,
sie fest über den Tisch hin ansehend.
»An eine ganze Menge, fürchte ich!« rief sie aus.
»Dann begehen Sie sie wieder«, entgegnete er ernst. »Um seine Jugend
zurückzubekommen, braucht man nur seine Torheiten zu wiederholen.«
»Eine allerliebste Theorie!« rief sie. »Ich muß sie mal in die Praxis
umsetzen.«
»Eine gefährliche Theorie«, sagte Sir Thomas, seine dünnen Lippen
zusammenkneifend. Lady Agatha schüttelte den Kopf, aber sie amüsierte
sich doch. Herr Erskine lauschte.
»Ja,« fuhr Henry fort, »das ist eines der großen Lebensgeheimnisse.
Heutzutage sterben die meisten Leute an einer Art von schleichender
Verständigkeit, und erst, wenn es zu spät ist, kommen sie dahinter, daß
die einzigen Dinge, die man niemals bereut, die Torheiten sind.«
Nun lachte der ganze Tisch.
Er spielte jetzt mit diesem Einfall nach Willkür; warf ihn in die Luft
und änderte ihn um: ließ ihn entwischen und haschte ihn wieder auf: ließ
ihn phantastisch glitzern und gab ihm Paradoxe als Flügel. Als er
fortfuhr, rundete sich dieser Ruhm der Narretei in ein philosophisches
System und die Philosophie selbst wurde dabei jung und tanzte, begleitet
von der tollen Musik der Lust, in ihrem von Wein befleckten Gewande und
mit Efeu bekränzten Locken, wie eine Bacchantin über die Hügel des
Lebens und neckte den plumpen Silen, weil er nüchtern blieb. Die
Tatsachen flüchteten vor ihr wie das erschreckte Getier des Waldes. Ihre
weißen Füße stampften in der ungefügen Kelter, an der der weise Omar
sitzt, bis der schäumende Traubensaft in purpurblasigen Wellen an ihren
nackten Gliedern aufspritzte oder in rotem Gischt über die dunkeln,
triefenden, gewölbten Seiten der Kufe herabrann. Es war eine ganz
brillante Improvision. Er empfand, daß die Augen Dorian Grays auf ihn
gerichtet waren, und das Bewußtsein, daß es unter seinen Zuhörern einen
gab, dessen Temperament er zu bezaubern wünschte, gab seinem Witz
Würzigkeit und seiner Phantasie Farbe. Er war geistreich,
phantasievoll, unwiderstehlich. Er begeisterte seine Zuhörer dahin, aus
sich heraus zu gehen, und lachend folgten sie seiner Rattenfängerpfeife.
Dorian Gray verwandte seinen Blick nicht von ihm, sondern saß wie unter
einem Zauberbanne da, während ein Lächeln nach dem andern auf seine
Lippen trat und sich das Staunen in seinen dunklen Augen immer mehr
vertiefte.
Endlich betrat die Wirklichkeit im Kleide des Alltags das Zimmer, und
zwar in Gestalt eines Lakaien, der der Herzogin meldete, daß ihr Wagen
warte. Sie rang ihre Hände in geschauspielerter Verzweiflung. »Wie
schade!« rief sie aus. »Ich muß fort. Muß meinen Mann im Klub abholen
und mit ihm zu irgendeiner albernen Sitzung bei Willis fahren, wo er
präsidiert. Wenn ich zu spät komme, ist er sicher ärgerlich, und in dem
Hut, den ich aufhabe, könnte ich eine Szene nicht vertragen. Er ist viel
zu gebrechlich dazu. Ein rauhes Wort und er wäre ruiniert. Nein, liebe
Agatha, ich muß fort. Adieu, Lord Henry! Sie sind ein ganz entzückender
Mensch und fürchterlich unmoralisch. Ich weiß wahrhaftig nicht, was ich
zu Ihren Ansichten sagen soll. Sie müssen mal bei uns zu Abend essen.
Dienstag? Sind Sie Dienstag frei?«
»Für Sie würde ich jede andere Verabredung im Stich lassen, Frau
Herzogin«, sagte Lord Henry, sich verbeugend.
»Ah! Das ist sehr nett und sehr abscheulich von Ihnen«, rief sie;
»vergessen Sie also nicht zu kommen«, und sie rauschte aus dem Zimmer,
von Lady Agatha und den anderen Damen begleitet.
Als sich Lord Henry wieder gesetzt hatte, kam Herr Erskine zu ihm, zog
seinen Stuhl ganz nahe zu ihm hin und legte die Hand auf seinen Arm.
»Sie reden wie ein Buch«, sagte er; »warum schreiben Sie keins?«
»Ich lese Bücher viel zu gerne, als daß ich Lust hätte, eins zu
schreiben, Herr Erskine. Gewiß möchte ich manchmal einen Roman
schreiben, der so entzückend und ebenso unwirklich sein müßte wie ein
persischer Teppich. Aber in England gibt es ja kein literarisches
Publikum außer für Zeitungen, Katechismen und Konversationslexika. Von
allen Völkern des Erdballs haben die Engländer den am wenigsten
entwickelten Sinn für die Schönheit der Literatur.«
»Ich fürchte, Sie haben recht«, antwortete Herr Erskine. »Ich selbst
habe einstmals literarischen Ehrgeiz gehabt, aber ich habe ihn längst
abgelegt. Und nun, mein lieber junger Freund, wenn Sie mir erlauben
wollen, Sie so zu nennen, darf ich Sie fragen, ob Sie wirklich alles im
Ernst meinten, was Sie uns bei Tisch gesagt haben?«
»Ich habe ganz vergessen, was ich gesagt habe«, antwortete Lord Henry
lächelnd. »Es war wohl sehr toll?«
»Allerdings, sehr toll! Ich glaube wirklich, daß Sie ein äußerst
gefährlicher Mensch sind, und wenn unserer guten Herzogin irgend etwas
zustößt, so werden wir alle Sie in erster Linie dafür verantwortlich
machen. Aber ich würde mit Ihnen gern einmal länger über das Leben
debattieren. Die Generation, in die ich hineingeboren wurde, war sehr
langweilig. Wenn Sie mal londonmüde sind, kommen Sie doch nach Treadley
und setzen Sie mir da Ihre Philosophie des Genusses auseinander bei
einem ganz köstlichen Burgunder, den zu besitzen ich so glücklich bin.«
»Das wird mir ein großes Vergnügen sein. Ein Besuch in Treadley ist ein
großer Vorzug. Es hat einen vollkommenen Wirt und eine vollkommene
Bibliothek.«
»Die mit Ihnen vollständig werden wird«, antwortete der alte Herr mit
einer höflichen Verbeugung. »Und jetzt muß ich Ihrer trefflichen Tante
adieu sagen. Ich muß ins Athenäum. Es ist die Stunde, wo wir dort
schlafen.«
»Sie alle, Herr Erskine?«
»Vierzig von uns in vierzig Klubsesseln. Wir üben uns für eine Akademie
anglaise.«
Lord Henry lachte und stand auf. »Ich gehe in den Park!« rief er aus.
Als er durch den Türrahmen schritt, berührte ihn Dorian Gray am Arm.
»Erlauben Sie mir, mitzukommen«, flüsterte er.
»Aber ich dachte, Sie haben Basil Hallward versprochen, ihn zu
besuchen«, wandte Lord Henry ein.
»Ich möchte lieber mit Ihnen gehen; ja ich fühle, ich muß mit Ihnen
mitkommen. Bitte, erlauben Sie es. Und versprechen Sie mir, die ganze
Zeit zu erzählen? Niemand spricht so entzückend wie Sie.«
»Ah! Ich habe für heute gerade genug geredet«, sagte Lord Henry und
lächelte. »Alles, was ich jetzt möchte, ist, das Leben zu beschauen. Sie
können mitkommen und mitanschauen, wenn Sie wollen.«
Viertes Kapitel
Eines Nachmittags, einen Monat später, saß Dorian Gray zurückgelehnt in
einem schwellenden Sessel der kleinen Bibliothek in Lord Henrys Hause in
Mayfair. Es war in seiner Art ein allerliebster Raum, bis hoch hinauf
mit olivenfarbigem Eichenholz getäfelt, mit einem cremefarbigen
Deckenfries und mit Stuckverzierungen und mit einem ziegelfarbigen
Filzteppich, der in langen Seidenfransen auslief. Auf einem niedlichen
Tischchen aus Satinholz stand eine Figur von Clodion, und daneben lag
eine Ausgabe der Cent Nouvelles, die für Margarete von Valois von Clovis
Eve eingebunden und mit goldenen Gänseblümchen verziert war, wie sie die
Königin auf ihr Wappenzeichen gewählt hatte. Auf dem Kaminsims standen
ein paar große blaue Porzellanvasen mit Papageientulpen, und durch die
schmalen, bleigerahmten Rautenfelder der Fenster drang das
aprikosenfarbene Licht eines Londoner Sommertages.
Lord Henry war noch nicht nach Hause gekommen. Er kam grundsätzlich zu
spät, da sein Grundsatz war, Pünktlichkeit stehle einem die Zeit. Daher
sah der junge Mann etwas gelangweilt aus, als er mit lässigen Fingern
die Seiten einer reichillustrierten Ausgabe von Manon Lescaut
durchblätterte, die er in einem der Bücherschränke gefunden hatte. Das
abgemessene gleichförmige Ticktack der Louis-Quatorze-Uhr machte ihn
nervös. Ein- oder zweimal machte er schon Miene, wegzugehen.
Endlich hörte er draußen einen Schritt und die Tür öffnete sich. »Wie
spät du kommst, Harry!« sagte er leisen Vorwurfs.
»Zu meinem Bedauern ist es nicht Harry, Herr Gray«, antwortete eine
schrille Stimme.
Er sah sich rasch um und sprang auf die Füße.
»Ich bitte um Entschuldigung, ich glaubte --«
»Sie glaubten, es sei mein Mann. Es ist nur seine Frau. Ich muß mich
schon selbst vorstellen. Ich kenne Sie aus Ihren Photographien ganz gut.
Ich glaube, mein Mann hat ihrer siebzehn.«
»Nicht siebzehn, Lady Henry.«
»Schön, also achtzehn. Und dann habe ich Sie gestern abend mit ihm in
der Oper gesehen.« Während sie sprach, lachte sie nervös und beobachtete
ihn mit ihren verschwommenen Vergißmeinnichtaugen. Sie war eine
absonderliche Frau, deren Kleider immer so aussahen, als wären sie in
einem Wutanfall gezeichnet und während eines Gewitters angezogen worden.
Sie war gewöhnlich in irgend jemand verliebt, und da ihre Leidenschaft
nie erwidert wurde, hatte sie sich alle ihre Illusionen bewahrt. Sie
machte den Versuch, malerisch zu erscheinen, aber es gelang ihr nur,
unordentlich auszusehen. Sie hieß Viktoria und hatte eine krankhafte
Leidenschaft, in die Kirche zu laufen.
»Das war im Lohengrin, Lady Henry, nicht wahr?«
»Ja, es war bei dem entzückenden Lohengrin. Ich liebe Wagners Musik mehr
als die irgendeines anderen. Sie ist so laut, daß man sich die ganze
Zeit unterhalten kann, ohne daß die Nachbarn hören, was man sagt. Das
ist ein dankenswerter Vorteil. Meinen Sie nicht auch, Herr Gray?«
Über ihre dünnen Lippen kam wieder das nervöse Stakkatolachen, und ihre
Finger begannen mit einem langen Papiermesser aus Schildkrot zu spielen.
Dorian schüttelte lächelnd den Kopf. »Ich bedaure, Lady Henry, das ist
nicht meine Meinung. Ich unterhalte mich nie, während man spielt --
wenigstens nicht, wenn es gute Musik ist. Wenn man schlechte Musik hört,
ist man freilich verpflichtet, sie durch ein Gespräch zu ertränken.«
»Ah, das ist eine von Harrys Sentenzen, nicht wahr, Herr Gray? Ich
bekomme Harrys Ansichten immer von seinen Freunden zu hören. Das ist die
einzige Art, wie ich sie überhaupt erfahre. Aber Sie dürfen nicht
glauben, daß ich nicht auch gute Musik liebe. Ich vergöttere sie, aber
ich fürchte mich vor ihr. Sie macht mich zu romantisch. Ich habe
Klavierspieler geradezu angebetet -- manchmal zwei auf einmal,
versichert Harry. Ich weiß nicht, was es für eine Bewandtnis mit ihnen
hat. Vielleicht rührt es daher, daß sie Ausländer sind. Das sind sie
doch alle, nicht wahr? Selbst die in England Geborenen werden nach
einiger Zeit Ausländer, nicht wahr? Es ist sehr gescheit von ihnen und
für die Kunst sehr vorteilhaft. Das macht sie zu Kosmopoliten, nicht
wahr? Sie waren nie auf einer meiner Gesellschaften, Herr Gray. Sie
müssen einmal kommen. Ich kann mir zwar keine Orchideen leisten, aber
ich scheue in der Anschaffung von Ausländern keine Ausgabe. Sie geben
dem Hause ein so pittoreskes Aussehen. Aber da ist Harry. -- Harry, ich
kam her, um dich zu suchen, um dich etwas zu fragen -- ich habe ganz
vergessen, was -- und ich habe Herrn Gray hier getroffen. Wir haben so
entzückend über Musik gesprochen. Unsere Ansichten darüber sind die
gleichen. Nein, ich glaube, unsere Ansichten darüber sind ganz
verschieden. Aber er ist ganz allerliebst gewesen. Ich freue mich so
sehr, ihn einmal gesehen zu haben.«
»Das ist ja reizend, meine Liebe, ganz reizend«, sagte Lord Henry, seine
dunkeln geschwungenen Brauen hebend und beide mit vergnügtem Lächeln
ansehend. »Es tut mir so leid, Dorian, daß ich mich verspätet habe. Ich
war in Wardour Street, um mir einen alten Brokat anzusehen, und mußte
stundenlang darum handeln. Heutzutage kennen die Leute den Preis von
jeder Sache und den Wert von keiner.«
»Ich muß leider gehen!« rief Lady Henry aus und unterbrach ein
verlegenes Schweigen mit ihrem jähen, grundlosen Lachen. »Ich habe
versprochen, mit der Herzogin auszufahren. Adieu, Herr Gray. Adieu,
Harry. Du speist wohl nicht zu Hause, wie? Ich auch nicht, vielleicht
sehe ich dich bei Lady Thornbury.«
»Höchstwahrscheinlich, meine Liebe«, sagte Lord Henry und schloß die Tür
hinter ihr, als sie gleich einem Paradiesvogel, der die ganze Nacht dem
Regen ausgesetzt gewesen war, aus dem Zimmer hinausflatterte, einen
feinen Jasmingeruch hinterlassend. Harry zündete sich eine Zigarette an
und warf sich auf das Sofa. »Heirate nie eine Frau mit strohgelbem Haar,
Dorian«, sagte er nach einigen Zügen.
»Warum nicht, Harry?«
»Weil sie so sentimental sind.«
»Aber ich habe sentimentale Menschen gern.«
»Heirate überhaupt nie, Dorian! Männer heiraten, weil sie müde sind;
Frauen, weil sie neugierig sind: beide werden enttäuscht.«
»Ich glaube nicht, daß ich heiraten werde, Harry. Dazu bin ich zu
verliebt. Das ist einer deiner Aphorismen. Ich setze ihn in die
Wirklichkeit um, wie alles, was du sagst.«
»In wen bist du verliebt?« fragte Lord Harry nach einer Pause.
»In eine Schauspielerin«, sagte Dorian Gray errötend.
Lord Henry zuckte die Achseln. »Ein recht landläufiger Anfang.«
»Das würdest du nicht sagen, wenn du sie kenntest.«
»Wer ist's denn?«
»Sie heißt Sibyl Vane.«
»Nie von ihr gehört.«
»Das hat niemand. Aber später einmal wird man von ihr hören. Sie ist ein
Genie.«
»Mein lieber Junge, es gibt keine Frau, die ein Genie wäre. Die Frauen
sind ein dekoratives Geschlecht. Sie haben niemals etwas zu sagen, aber
sie sagen es entzückend. Die Frauen bedeuten den Triumph der Materie
über den Geist, wie die Männer den Triumph des Geistes über die
Sittlichkeit.«
»Harry, wie kannst du?«
»Mein lieber Dorian, es ist aber wahr. Ich beschäftige mich gerade mit
der Analyse der Frauen, daher muß ich das wissen. Das Thema ist nicht
so verwickelt, wie ich glaubte. Ich finde, daß es schließlich nur zwei
Arten von Frauen gibt, die einfachen und die geschminkten. Die einfachen
Frauen sind sehr nützlich. Wenn du als ehrbarer Mensch gelten willst,
mußt du nur eine von ihnen zu Tisch führen. Die andern Frauen sind zum
Entzücken. Aber sie begehen einen Fehler. Sie schminken sich, um jung
auszusehen. Unsere Großmütter schminkten sich, um geistreich zu
plaudern. Rouge und Esprit gingen Hand in Hand. Das ist jetzt alles
vorbei. Solange eine Frau zehn Jahre jünger aussehen kann als ihre
Tochter, ist sie gänzlich zufrieden. Was die Konversation betrifft, so
gibt es in ganz London höchstens fünf Frauen, mit denen sich's zu reden
lohnt, und zwei davon sind in anständiger Gesellschaft nicht möglich.
Aber genug, erzähl' mir was von deinem Genie! Wie lange kennst du sie?«
»Ach, Harry, deine Ansichten erschrecken mich!«
»Mach' dir darum keine Kopfschmerzen. Wie lange kennst du sie also?«
»Ungefähr drei Wochen.«
»Und wo hast du die Entdeckung gemacht?«
»Ich will dir's erzählen, Harry, aber du mußt nicht häßlich darüber
reden. Übrigens wär's gar nicht dazu gekommen, wenn ich dich nicht
kennengelernt hätte. Du hast mich mit einer wilden Begierde, alles im
Leben kennenzulernen, angefüllt. Noch viele Tage, nachdem ich dich
zuerst gesehen hatte, schien in meinen Adern etwas zu rumoren. Wenn ich
im Park spazierte oder Piccadilly hinunterschlenderte, schaute ich jeden
an, der mir entgegenkam, und wollte mit einer tollen Neugierde
herauskriegen, was für eine Art Leben die Leute alle führten. Einige von
ihnen fesselten mich. Andere erfüllten mich mit Schauder. Es schwamm ein
verführerisches Gift in der Luft. Mich hatte eine Leidenschaft nach
Erlebnissen gepackt... Eines Abends also gegen sieben beschloß ich,
mich auf die Suche nach einem Abenteuer zu begeben. Ich hatte solch
Gefühl, daß unser graues, riesenhaftes London mit seinen vielen
Hunderttausenden schmutzigen Sündern und seinen schillernden Sünden, wie
du dich mal ausdrücktest, irgend etwas für mich in Bereitschaft halten
müsse. Ich erfand mir tausenderlei Dinge. Schon die bloße Gefahr
schenkte mir einen gewissen Genuß. Ich erinnerte mich an das, was du mir
sagtest an dem wunderbaren Abend, als wir das erstemal zusammen
speisten: daß nämlich das Suchen nach Schönheit das eigentliche
Geheimnis des Lebens sei. Ich weiß nicht, was ich erwartete, aber ich
ging drauflos und wanderte nach dem Osten, wo ich meinen Weg bald in
einem Wirrwarr von rußigen Straßen und schwarzen, graslosen Plätzen
verlor. Gegen halb acht kam ich an einem kleinen, schnurrigen Theater
mit großen, flackernden Gasflammen und grellen Plakaten vorbei. Ein
widerlicher Jude, in dem erstaunlichsten Rock, den ich mein Lebtag
gesehen habe, stand an der Tür und paffte eine stänkrige Zigarre. Er
hatte fettige Peies, und ein riesiger Brillant glitzerte auf seiner
schmutzigen Hemdenbrust. >Eine Loge, Herr Baron?< fragte er mich und
nahm seinen Hut mit grandioser Unterwürfigkeit ab. Er hatte etwas an
sich, Harry, was mich belustigte. Er war das reine Monstrum. Du wirst
mich auslachen, ich weiß schon, aber ich trat wirklich ein und erlegte
ein Zwanzigmarkstück für die Proszeniumsloge. Ich kann mir noch heute
nicht erklären, warum ich das tat; und doch -- wenn ich's nicht getan
hätte -- bester Harry, ich wäre um das größte Ereignis meines Lebens
gekommen. Ja, lach du nur. Es ist häßlich von dir.«
»Ich lache nicht, Dorian, wenigstens nicht über dich. Aber du solltest
es nicht das größte Ereignis deines Lebens nennen. Sage lieber, das
erste Ereignis deines Lebens. Du wirst immer geliebt werden, und du
wirst in die Liebe immer verliebt sein. Die grande Passion ist das
Vorrecht aller Leute, die nichts zu tun haben. Das ist der einzige
Nutzen, den die Tagediebe eines Landes bringen. Habe keine Angst!
Himmlische Dinge warten noch deiner. Das ist der bloße Anfang.«
»Hältst du meine Natur für so oberflächlich?« rief Dorian Gray gekränkt.
»Nein, ich halte sie für so tief.«
»Wie meinst du das?«
»Mein lieber Junge, die Leute, die nur einmal im Leben lieben, das sind
in Wirklichkeit die Oberflächlichen. Was sie Anstand und Treue nennen,
nenne ich entweder die Trägheit der Gewohnheit oder Mangel an
Einbildungskraft. Treue ist im Gefühlsleben dasselbe, was Konsequenz im
Geistesleben ist, nichts als das Zugeständnis von Schwäche. Treue! Ich
muß ihren Begriff später mal analysieren. Freude am Besitz liegt darin.
Welche Menge von Dingen würden wir wegwerfen, wenn wir nicht fürchten
müßten, andere könnten sie auflesen. Aber ich möchte dich nicht
unterbrechen. Erzähle weiter.«
»Ich saß also in einer schauderhaften kleinen Loge, und ein ordinärer
Vorhang starrte mir gerade ins Gesicht. Ich schaute hinter der Gardine
vor und sah mich im Hause um. Es war ein schäbig-elegantes Ding,
gestopft voll mit Amoretten und Füllhörnern, wie auf einem
Hochzeitskuchen billigster Sorte. Galerie und Stehparterre waren
leidlich voll, aber die zwei Reihen schmieriger Fauteuils vorne waren
ganz leer und auf dem Platze, den sie vermutlich ersten Rang
titulierten, saß kaum ein Mensch. Weiber gingen mit Orangen und
Ingwerbier herum, und eine unglaubliche Masse von Nüssen wurde
verknackt.«
»Es muß ganz wie in der Glanzzeit des britischen Dramas gewesen sein.«
»Ganz so, vermute ich, und sehr niederdrückend. Ich begann, zu
überlegen, was um Himmels willen ich da anfangen sollte, als mein Blick
auf den Theaterzettel fiel. Was glaubst du, was sie spielten, Harry?«
»Ich vermute, der >kleine Kretin< oder >Blödsinnig, aber unschuldig<.
Unsere Väter liebten diese Art Stücke, glaube ich. Je länger ich lebe,
Dorian, je stärker fühle ich, daß alles, was für unsere Väter gut genug
war, für uns noch lange nicht gut genug ist. In der Kunst wie in der
Politik ~les grandpères ont toujours tort~.«
»Das Stück war gut genug für uns, Harry. Es war >Romeo und Julia<. Ich
muß zugeben, daß mich der Gedanke, Shakespeare in einer so elenden
Spelunke zu sehen, ärgerte. Und doch interessierte es mich irgendwie.
Jedenfalls entschloß ich mich, den ersten Akt abzuwarten. Es spielte da
ein schauderöses Orchester, das ein junger Hebräer dirigierte, der an
einem schnarrenden Klavier saß, mich beinah zum Davonlaufen brachte;
aber schließlich ging doch der Vorhang in die Höhe und das Stück fing
an. Romeo war ein hahnebüchener älterer Herr mit dick gemalten Brauen,
einer versoffenen Tragödenstimme und einer Falstaffgestalt wie eine
Biertonne. Mercutio war fast ebenso arg. Er wurde vom Komiker gespielt,
der Mätzchen eigener Improvisation einstreute und in der
verwandtschaftlichsten Beziehung zur Galerie stand. Sie waren beide
genau so grotesk wie die Szenerie, und die sah aus, als käme sie vom
Jahrmarktsrummel. Aber Julia! Harry, stell dir ein Mädchen vor, kaum
siebzehn Jahre alt, mit einem blumenhaften Gesichtchen, einem schmalen
griechischen Kopf mit dunkelbraunen Zöpfen, mit Augen, wie veilchenblaue
Brunnen heißer Leidenschaft, mit Lippen wie Rosenblätter. Das
entzückendste Geschöpf, das ich je im Leben gesehen habe. Du sagtest mal
zu mir, Pathos ergreife dich nicht, aber Schönheit, keusche Schönheit an
sich, könnte deine Augen wohl mit Tränen füllen. Ich sage dir, Harry,
ich konnte dieses Mädchen kaum sehen, von dem Tränenflor über meinen
Augen. Und ihre Stimme -- ich habe so eine Stimme nie gehört. Zuerst
sehr leise in tiefen, vollen Molltönen, die langsam und jeder für sich
allein ins Ohr zu träufeln schienen. Dann etwas lauter und erklingend
wie eine Flöte oder eine ferne Hoboe. In der Gartenszene hatte sie jene
zitternde Inbrunst, die man hört, wenn die Nachtigallen singen vor Tag
und Tau. Es gab dann Augenblicke, wo ihre Stimme die verhaltene
Leidenschaftsglut von Geigentönen hatte. Du weißt, wie eine Stimme einen
erschüttern kann. Deine Stimme und die Stimme von Sibyl Vane, die beiden
werde ich nie vergessen. Wenn ich meine Augen schließe, höre ich sie,
und jede von ihnen sagt etwas anderes. Ich weiß nicht, welcher ich
folgen soll. Warum sollte ich sie nicht lieben? Harry, ich liebe sie.
Sie ist alles in meinem Leben. Abend für Abend gehe ich hin, um sie
spielen zu sehen. An einem Abend ist sie Rosalinde, am nächsten Imogen.
Ich habe sie im Düster eines italienischen Grabgewölbes sterben sehen,
wie sie das Gift von den Lippen des Geliebten trinkt. Ich bin ihrer
Wanderung durch die Ardennen gefolgt, wie sie als hübscher Knabe mit
Hose, Wams und einem kleinen Barett verkleidet war. Sie war wahnsinnig
und ist vor einen schuldbewußten König hingetreten und ließ ihn Rauten
tragen und bittere Kräuter kosten. Sie war unschuldig, und die schwarzen
Hände der Eifersucht haben ihren zarten Hals zusammengepreßt. Ich habe
sie in jedem Jahrhundert und in jeder Tracht gesehen. Gewöhnliche Frauen
sagen unserer Phantasie nichts. Sie sind in ihre Zeit hineingebannt.
Kein Zauber kann sie umwandeln. Man kennt ihren Geist ebenso schnell wie
ihre Güte. Man kennt sie immer heraus. Es gibt kein Geheimnis in ihnen.
Sie reiten morgens in den Park und schnattern nachmittags beim Tee. Sie
haben ihr stereotypes Lächeln und ihre eleganten Modemanieren. Aber eine
Schauspielerin! Wie anders solche Schauspielerin! Harry! Warum hast du
mir nicht gesagt, daß nichts geliebt zu werden verdient als eine
Schauspielerin?«
»Weil ich so viele von ihnen geliebt habe, Dorian.«
»Oh, gewiß, gräßliche Geschöpfe mit gefärbten Haaren und geschminkten
Gesichtern.«
»Schmähe nicht gefärbtes Haar und geschminkte Gesichter. Es liegt
zuweilen ein ganz besonderer Reiz darin«, sagte Lord Henry.
»Ich wollte, ich hätte dir nie etwas von Sibyl Vane gesagt.«
»Du hättest gar nicht anders können, Dorian. Dein ganzes Leben lang
wirst du mir alles sagen, was du tust.«
»Ja, Harry, ich glaube, es ist so. Ich bin geradezu gezwungen, dir alles
zu sagen. Du hast eine seltsame Macht über mich. Wenn ich je ein
Verbrechen beginge, käme ich gleich zu dir und beichtete es dir. Du
würdest mich verstehen.«
»Menschen wie du -- die kühnen Sonnenstrahlen des Lebens -- begehen
keine Verbrechen, Dorian. Aber ich danke dir trotzdem für dein
Kompliment. Und nun sag' mir -- bitte gib mir mal die Streichhölzer
herüber; danke -- wie sind deine wirklichen Beziehungen zu Sibyl Vane?«
Dorian Gray sprang mit geröteten Wangen und blitzenden Augen auf.
»Harry! Sibyl Vane ist mir heilig.«
»Nur heilige Dinge sind wert, sie anzurühren, Dorian«, sagte Lord Henry
mit einem merkwürdigen pathetischen Ton in seiner Stimme. »Aber warum
fühlst du dich verletzt? Ich vermute, sie wird dir eines Tages gehören.
Wenn man verliebt ist, fängt man immer damit an, sich selbst zu
betrügen, und hört immer damit auf, andere zu betrügen. Das nennt die
Welt eine Liebesgeschichte. Auf jeden Fall denke ich, du kennst sie?«
»Natürlich kenne ich sie. Schon am ersten Abend im Theater kam der
gräßliche alte Jude nach der Vorstellung in meine Loge und bot mir an,
mich hinter die Kulissen zu führen und ihr vorzustellen. Ich war wütend
und sagte ihm, daß Julia seit Hunderten von Jahren tot sei und daß ihr
Körper in einem Marmorgrabe zu Verona liege. Nach dem bestürzten
Ausdruck in seinem Gesicht vermute ich, daß er glaubte, ich hätte zuviel
Champagner oder Ähnliches getrunken.«
»Kein Wunder!«
»Dann fragte er mich, ob ich für irgendeine Zeitung schreibe. Ich sagte
ihm, daß ich nicht mal eine lese. Das schien ihn furchtbar zu
enttäuschen, und er vertraute mir an, alle Theaterkritiker hätten sich
gegen ihn verschworen und jeder einzelne von ihnen wäre käuflich.«
»Es sollte mich nicht wundern, wenn er ganz recht hätte. Andererseits
aber, nach ihrem Aussehen zu schließen, können sie meistens gar nicht
teuer sein.«
»Einerlei, sie schienen über seine Mittel zu gehen«, sagte Dorian
lachend. »Inzwischen aber wurden die Lichter im Theater ausgedreht und
ich mußte fort. Er bat mich noch, einige Zigarren zu probieren, die er
mir sehr warm empfahl. Ich dankte. Am nächsten Abend ging ich natürlich
wieder hin. Als er mich sah, machte er eine tiefe Verbeugung und
versicherte mir, ich sei ein edelmütiger Kunstmäzen. Er ist eine höchst
abstoßende Kreatur, obwohl er eine außerordentliche Leidenschaft für
Shakespeare hegt. Er erzählte mir mal mit einem Anflug von Stolz, seine
fünf Bankrotte verdanke er nur dem >Barden<; so nannte er nämlich
hartnäckig Shakespeare. Er schien das für ein Verdienst zu halten.«
»Es ist ein Verdienst, lieber Dorian -- ein großes Verdienst. Die
meisten Leute werden bankrott, weil sie zuviel in der Prosa des Lebens
angelegt haben. Sich mit Poesie ruiniert zu haben, ist eine ehrenvolle
Auszeichnung. Aber wann hast du Fräulein Sibyl Vane zum erstenmal
gesprochen?«
»Am dritten Abend. Sie hatte die Rosalinde gespielt. Ich mußte hinter
die Bühne gehen. Ich hatte ihr ein paar Blumen zugeworfen, und sie hatte
zu mir hingesehen, wenigstens bildete ich es mir ein. Der alte Jude war
beharrlich. Er schien entschlossen, mich mit nach hinten zu nehmen, und
so gab ich nach. Es war sonderbar, daß ich sie nicht kennenlernen
wollte, nicht wahr?«
»Nein, ich glaube nicht.«
»Warum, lieber Harry?«
»Ich erkläre dir das ein andermal. Jetzt möchte ich gern von dem Mädchen
hören.«
»Von Sibyl? Oh, sie war so schüchtern und lieb. Sie ist noch fast wie
ein Kind. Ihre Augen öffneten sich in einem allerliebsten Staunen, als
ich ihr sagte, was ich über ihr Spiel dachte, und sie schien sich ihres
eigenen Könnens gar nicht bewußt zu sein. Ich glaube, wir waren beide
recht nervös. Der alte Jude stand grinsend an der Tür der staubigen
Garderobe und hielt theatralische Reden über uns beide, während wir uns
wie Kinder anstarrten. Er bestand darauf, mich >Herr Baron< zu nennen,
so daß ich Sibyl versichern mußte, ich sei nichts der Art. Sie sagte in
ganz schlichter Weise zu mir: >Sie sehen mehr wie ein Prinz aus. Ich
will Sie Prinz Märchenschön nennen<.«
»Mein Wort, Dorian, Fräulein Sibyl versteht es, Schmeicheleien zu
sagen.«
»Du verstehst sie nicht, Harry. Sie betrachtete mich nur wie eine Figur
in einem Theaterstück. Sie weiß gar nichts vom Leben. Sie wohnt bei
ihrer Mutter, einer verblühten, ältlichen Frau, die am ersten Abend in
einer Art türkisch-rotem Schlafrock die Lady Capulet spielte und den
Eindruck machte, als hätte sie bessere Tage gesehen.«
»Ich kenne diese Art, auszusehen. Sie stimmt mich unbehaglich«, sagte
Lord Henry mit verhaltener Stimme und betrachtete seine Ringe.
»Der Jude wollte mir ihre Lebensgeschichte erzählen, aber ich bemerkte,
sie interessiere mich nicht.«
»Da hattest du recht. Die Tragödien anderer Leute haben immer etwas
unglaublich Gewöhnliches an sich.«
»Sibyl ist das einzige, um das ich mich kümmere. Was geht's mich an,
woher sie stammt? Von ihrem kleinen Kopf bis zu ihrem kleinen Fuß ist
sie ein himmlisches Wesen. Jeden Abend, den ich erlebe, gehe ich hin, um
sie spielen zu sehen, und jeden Abend ist sie entzückender.«
»Ich vermute darin den Grund, weshalb du jetzt nie mehr mit mir zusammen
ißt. Ich dachte mir gleich, daß dahinter irgendeine merkwürdige
Geschichte stecke. Das ist so, aber es ist nicht ganz, was ich
erwartete.«
»Lieber Harry, wir sind jeden Tag entweder beim Frühstück oder beim
Abendessen zusammen, und ich bin mehrere Male mit dir in der Oper
gewesen«, sagte Dorian und öffnete verwundert seine blauen Augen.
»Du kommst immer furchtbar spät.«
»Ja, ich muß hin und Sibyl spielen sehen, und wenn auch nur einen Akt
lang. Ich hungere nach ihrem Anblick, und wenn ich an die himmlische
Seele denke, die in diesem zierlichen Elfenbeinkörper eingeschlossen
ist, packt mich stille Ehrfurcht.«
»Kannst du heute abend mit mir essen, Dorian?«
Er schüttelte den Kopf. »Heute abend ist sie Imogen,« antwortete er,
»und morgen abend Julia.«
»Wann ist sie Sibyl Vane?«
»Nie!«
»Da wünsche ich dir Glück.«
»Wie schrecklich du bist! Sie verkörpert alle die großen Frauengestalten
der Weltgeschichte in sich. Sie ist mehr als ein Geschöpf. Du lachst,
aber ich sage dir, sie ist ein Genie. Ich liebe sie und ich will's
erreichen, daß sie mich auch liebt. Dir sind alle Geheimnisse des Lebens
bekannt, du mußt mir sagen, wie ich Sibyl Vane so bezaubern kann, daß
sie mich liebt. Ich will Romeo eifersüchtig machen. Ich will, daß die
toten Liebhaber der Welt unser Lachen hören und sich grämen. Ich will,
daß unsere strahlende Leidenschaft ihren Staub wieder beleben und ihre
Asche zu Schmerzen auferwecken soll. O Gott, Harry, wie bete ich sie
an!« Er ging, während er sprach, im Zimmer auf und ab. Rote hektische
Flecken brannten auf seinen Wangen. Er war furchtbar erregt.
Lord Henry betrachtete ihn mit stillem Wohlbehagen. Wie anders war er
jetzt als jener verlegene, schüchterne Knabe, den er in Basil Hallwards
Atelier angetroffen hatte! Seine Natur hatte sich entwickelt wie eine
Blume und trug Blüten von brennendrotem Scharlach. Aus ihrem geheimen
Versteck war seine Seele hervorgekrochen, und die Wollust war ihr auf
halbem Wege entgegengekommen.
»Und was hast du nun vor?« sagte Lord Henry schließlich.
»Ich will, du und Basil sollt mich an einem Abend begleiten und sie
spielen sehen. Ich setze nicht die leiseste Besorgnis in die Wirkung.
Ihr werdet zugeben müssen, daß sie Genie hat. Dann müssen wir sie dem
Juden aus den Händen winden. Sie ist noch drei Jahre -- genau zwei Jahre
und acht Monate -- an ihn gebunden. Natürlich werde ich ihm etwas zahlen
müssen. Wenn das alles in Ordnung ist, suche ich mir ein Theater im
Westend und lasse sie dort erst mal richtig auftreten. Sie wird die Welt
ebenso verrückt machen wie mich.«
»Das wird kaum gehen, lieber Junge.«
»Ja, sie wird es; denn in ihr ist nicht nur Kunst, vollendetster
Kunstinstinkt, sondern sie hat auch Persönlichkeit; und du selbst hast
mir oft genug gesagt, daß nur Persönlichkeiten, nicht Prinzipien die
Welt beherrschen.«
»Schön, wann sollen wir also hingehen?«
»Laß mich mal nachdenken. Heute ist Dienstag. Wollen wir morgen
festsetzen? Morgen spielt sie die Julia.«
»Abgemacht! Morgen um acht im Bristol. Ich werde Basil mitbringen.«
»Bitte, nicht um acht Uhr, Harry. Halbsieben. Wir müssen dort sein, ehe
der Vorhang aufgeht. Du mußt sie im ersten Akt bei der Begegnung mit
Romeo sehen.«
»Halbsieben Uhr! Was für eine Tageszeit! Das wäre ja gerade so, wie ein
Abendbrot am Nachmittag essen oder einen englischen Roman lesen. Vor
sieben Uhr geht's nicht. Kein Gentleman speist vor sieben. Siehst du
Basil bis dahin? Oder soll ich ihm schreiben?«
»Der liebe Basil! Ich habe mich eine ganze Woche lang nicht um ihn
gekümmert. Das ist sehr häßlich von mir, denn er hat mir mein Porträt in
einem prachtvollen Rahmen, den er selbst entworfen hat, geschickt, und
obwohl ich ein bißchen eifersüchtig auf das Bild bin, weil es einen
ganzen Monat jünger ist als ich, muß ich doch zugeben, daß es mich ganz
entzückt. Ich bitte, schreib lieber. Ich möchte ihn nicht allein
wiedersehen. Er sagt mir Dinge, die mich verstimmen. Er gibt mir gute
Lehren.«
Lord Henry lächelte. »Die Menschen haben eine starke Vorliebe, das
wegzuschenken, was sie selber am nötigsten hätten. Ich nenne das den
Chimborasso Freigebigkeit.«
»Oh, Basil ist der beste Mensch, aber er scheint mir doch ein klein
bißchen Philister zu sein. Seit ich dich kenne, Harry, hab' ich das
entdeckt.«
»Basil, mein lieber Junge, tränkt seine Werke mit allem, was an ihm
entzückend ist. Die Folge ist, daß ihm fürs Leben nichts übrigbleibt als
seine Vorurteile, seine Grundsätze und sein gesunder Menschenverstand.
Alle Künstler, die ich kennengelernt habe, und die persönlich von
Anziehungskraft sind, waren schlechte Künstler. Gute Künstler leben nur
in ihren Schöpfungen und sind daher im Leben vollständig uninteressant.
Ein großer Dichter, ein wirklich großer Dichter ist das unpoetischste
Geschöpf von der Welt. Aber untergeordnete Dichter bezaubern immer. Je
schlechter ihre Reime sind, desto malerischer ist ihr Aussehen. Die
bloße Tatsache, eine Sammlung mittelmäßiger Sonette veröffentlicht zu
haben, macht solchen Menschen einfach unwiderstehlich. Er lebt die
Poesie, die er nicht schreiben kann. Die anderen schreiben die Poesie,
die sie nicht zu leben wagen.«
»Ich möchte wissen, ob das wirklich so ist, Harry«, sagte Dorian Gray,
der inzwischen aus einem großen goldgefaßten Flakon auf dem Tische etwas
Parfüm auf sein Taschentuch gegossen hatte. »Es wird wohl sein, wenn du
es sagst. Jetzt aber muß ich fort. Imogen wartet auf mich. Vergiß nicht,
morgen! Adieu!«
Als er das Zimmer verlassen hatte, schloß Lord Henry die schweren Lider
und begann nachzudenken. Gewiß hatten ihn wenige Menschen bisher so
interessiert wie Dorian Gray, und doch verursachte ihm die wahnsinnige
Leidenschaft des Jünglings für eine andere Person nicht im entferntesten
Ärger oder Eifersucht. Es freute ihn. Dorian wurde dadurch nur noch
interessanter. Die Methoden der Naturwissenschaft hatten ihn immer
entzückt, aber der gewöhnliche Gegenstand dieser Wissenschaft war ihm
kleinlich und belanglos erschienen, und so hatte er begonnen, sich
selbst zu vivisezieren und hatte damit geendet, andere zu vivisezieren.
Das Menschenleben -- das schien ihm der einzige einer Untersuchung werte
Gegenstand. Verglichen damit war alles andere ohne jegliche Bedeutung.
Freilich, wenn man das Leben in dem seltsamen Schmelztiegel des
Schmerzes und der Lust beobachtete, konnte man keine Glasmaske über dem
Gesicht tragen, konnte auch nicht die Schwefeldämpfe abhalten, die einem
das Gehirn verwirrten und die Phantasie mit monströsen Ausgeburten und
mißratenen Träumen umwirbelten. Es gab so feine Gifte, daß man an ihnen
erkrankt sein mußte, um ihre Eigenheiten zu kennen. Es gab so seltsame
Krankheiten, daß man sie durchgemacht haben mußte, um ihre Art zu
begreifen. Und doch, welchen Lohn empfing man dafür! Wie wunderbar
wandelt sich einem dann die ganze Welt! Die merkwürdig strenge Logik der
Leidenschaft und das buntgefärbte Trieb- und Gefühlsleben des Geistes
anzumerken -- zu beobachten, wo sich die beiden Linien schneiden und wo
sie auseinandergehen, in welchem Punkte sie in Eintracht leben und in
welchem sie sich wieder bekriegen -- das ist ein Genuß! Was liegt an dem
Preise dafür! Man kann nie einen zu hohen Preis für ein Sinnenerlebnis
geben.
Er war sich bewußt -- und dieser Gedanke brachte einen freudigen Glanz
in seine achatbraunen Augen -- daß sich durch gewisse Worte, die er
gesprochen hatte, musikalische Worte in melodischem Tonfall, Dorian
Grays Seele diesem weißen Mädchen zugewendet und sich in Verehrung vor
ihr gebeugt hatte. In hohem Maße war der Jüngling sein Geschöpf. Er
hatte ihn vor der Zeit reifen lassen. Das war schon was. Die
gewöhnlichen Menschen warten, bis ihnen das Leben seine Geheimnisse
aufschließt, aber den wenigen Auserwählten werden die Mysterien des
Daseins enthüllt, bevor der Schleier weggezogen wird. Manchmal ist das
die Wirkung der Kunst, besonders der Dichtung, die ja unmittelbar die
Leidenschaften und den Intellekt behandelt. Ab und zu nimmt aber eine
komplizierte Persönlichkeit diesen Platz ein und übt das Amt der Kunst
aus, ist eigentlich auf ihre Weise ein richtiges Kunstwerk, denn das
Leben schafft ebenso seine vollendeten Meisterwerke wie die Poesie oder
die Bildhauerkunst oder die Malerei.
Ja, dieser Jüngling war vor der Zeit reich. Er erntete, während er noch
lenzte. Der Puls und die Leidenschaft der Jugend wohnten in ihm, und er
begann, seiner bewußt zu werden. Es war entzückend, ihn zu beobachten.
Mit seinem schönen Angesicht und seiner schönen Seele war er ein Stück
Leben zum Anstaunen. Es lag nichts daran, wie das alles endete, oder
enden sollte. Er glich einer der graziösen Gestalten auf einem Gobelin
oder in einem Schauspiel, deren Freuden von den unseren weit entfernt zu
sein scheinen, aber deren Schmerzen unseren Schönheitssinn erregen und
deren Wunden wie rote Rosen sind.
Seele und Leib, Leib und Seele -- wie geheimnisvoll das alles ist!
Animalisches ist in der Seele, und der Leib hat seine Augenblicke
geistiger Veredlung. Die Sinne können sich läutern, und der Intellekt
kann sich vergröbern. Wer kann sagen, wo die fleischlichen Triebe
endigen und die seelischen beginnen? Wie flach sind die willkürlichen
Erklärungen der handwerksmäßigen Psychologen! Und doch, wie schwierig
ist die Entscheidung zwischen den Lehren der einzelnen Schulen. Ist die
Seele ein Schatten, der im Hause der Sünde wohnt? Oder ist der Körper
wirklich in der Seele eingeschlossen, wie es sich Giordano Bruno dachte?
Die Trennung von Geist und Stoff ist ein Geheimnis, und die Vereinigung
von Geist und Stoff ist abermals ein Geheimnis.
Er dachte darüber nach, ob wir je die Psychologie zu einer so exakten
Wissenschaft machen können, daß uns auch das kleinste Triebrädchen des
Lebens offenbar würde. Wie die Dinge heute liegen, begreifen wir uns
selbst nie und die anderen nur selten. Die Erfahrung hat keinerlei
ethische Bedeutung. Sie ist nur das Firmenschild, das die Menschen ihren
Irrtümern anhängen. Die Moralisten haben sie meist als eine Art Warnung
betrachtet, haben für sie eine gewisse ethische Wirksamkeit in der
Bildung der Charaktere beansprucht, haben sie als Mittel gepriesen, das
uns darüber aufklärt, was wir tun und lassen sollen. Aber in der
Erfahrung liegt keine bewegende Kraft. Sie ist ebensowenig eine tätige
Ursache wie das Gewissen. Alles, was sie in Wirklichkeit lehrt, ist, daß
unsere Zukunft ebenso sein wird wie unsere Vergangenheit, und daß wir
die Sünde, die wir dereinst mit Abscheu und Widerwillen begangen haben,
immer und immer wieder und dann mit Genuß wiederholen werden.
Er war sich darüber klar, daß die Versuchsmethode die einzige sei, durch
die man zu irgendeiner wissenschaftlichen Erklärung der Leidenschaften
kommen könne; und sicher war ihm Dorian Gray ein bequemes Objekt und
schien reiche und wertvolle Erfolge zu versprechen. Seine jähe
sturmartige Liebe zu Sibyl Vane war eine psychologische Tatsache von
großem Interesse. Kein Zweifel, daß die Neugier dabei stark im Spiele
war, Neugier und Lust an neuen Erlebnissen; doch es war keine einfache,
sondern eher eine recht komplizierte Leidenschaft. Was von dem rein
sinnlichen Triebe des Knabenalters in ihr war, das hatte die Mitarbeit
der Phantasie umgebildet, in irgendwas verwandelt, das dem Jüngling
selbst ganz fern von allem Sinnlichen schien und gerade deshalb um so
gefährlicher war. Alle Leidenschaften, über deren Ursprung wir uns
selbst täuschen, üben die stärkste Herrschaft auf uns aus. Unsere
schwächsten Triebkräfte sind die, über deren Natur wir klar sehen. Es
kommt oft vor, daß wir im Denken mit uns selbst Experimente anstellen
und glauben, sie mit anderen zu versuchen.
Während Lord Henry noch dasaß und über diese Dinge nachgrübelte, wurde
an die Tür geklopft; ein Diener trat ein und erinnerte ihn, daß es Zeit
sei, sich für das Abendessen umzukleiden. Er erhob sich und blickte auf
die Straße hinab. Der Sonnenuntergang hatte die oberen Fenster der
gegenüberliegenden Häuser in ein feuerrotes Gold getaucht. Die Scheiben
glühten wie erhitzte Metallplatten. Der Himmel drüber glich einer
verwelkten Rose. Es erinnerte ihn an das junge, flammenlodernde Leben
seines Freundes, und er fragte sich, wie das alles enden würde.
Als er dann gegen halb ein Uhr nachts nach Hause kam, fand er im Vorflur
auf dem Tische ein Telegramm liegen. Er öffnete es und sah, daß es von
Dorian Gray war. Es teilte ihm mit, daß er sich mit Sibyl Vane verlobt
habe.
Fünftes Kapitel
»Mutter, Mutter, ich bin so glücklich!« flüsterte das Mädchen und barg
ihr Gesicht im Schoße der verblühten, müde aussehenden Frau, die mit dem
Rücken gegen das grell eindringende Licht in dem einzigen Armstuhl saß,
den ihr armseliges Wohnzimmer enthielt. »Ich bin so glücklich!«
wiederholte sie, »und du wirst auch glücklich sein.«
Frau Vane zuckte zusammen und legte ihre dünnen, wismutweißen Hände auf
den Kopf ihrer Tochter. »Glücklich!« echote sie, »ich bin nur glücklich,
Sibyl, wenn ich dich spielen sehe. Du darfst an nichts anderes denken
als an deine Rollen. Herr Isaacs ist sehr gut gegen uns gewesen, und wir
sind ihm Geld schuldig.«
Das Mädchen sah auf und ließ die Lippen hängen. »Geld, Mutter?« rief
sie, »was liegt an Geld? Liebe ist mehr als Geld!«
»Herr Isaacs hat uns tausend Mark Vorschuß gegeben, damit wir unsere
Schulden zahlen und für James eine anständige Ausrüstung anschaffen
können. Das darfst du nicht vergessen, Sibyl. Tausend Mark sind ein sehr
großer Betrag. Herr Isaacs benahm sich sehr anständig.«
»Er ist kein Gentleman, Mutter, und ich hasse die Art, wie er mit mir
spricht«, sagte das Mädchen, stand auf und trat ans Fenster.
»Ich wüßte nicht, wie wir ohne ihn vorwärts kämen«, entgegnete die alte
Frau weinerlich.
Sibyl Vane warf den Kopf in den Nacken und lachte: »Wir brauchen ihn
nicht mehr, Mutter, der Prinz Märchenschön bestimmt von jetzt ab über
unser Leben.« Dann schwieg sie. Eine Blutwelle schoß in ihre Wangen und
tauchte sie in ein dunkles Rot. Der rasche Atem öffnete ihre blühenden
Lippen. Sie zitterten. Ein Südwind heißer Leidenschaft durchbrauste sie
und bewegte die glatten Falten ihrer Gewandung. »Ich liebe ihn«, sagte
sie mit einfachem Ausdruck.
»Närrisches Kind! närrisches Kind!« waren die papageienhaften Worte, die
ihr als Antwort entgegenflogen. Dabei machte die beschwörende Bewegung
ihrer gekrümmten, mit unechten Ringen gezierten Finger diesen Ausruf
noch komischer.
Das Mädchen lachte wieder. In ihrer Stimme lag etwas wie der Jubel eines
Vogels im Käfig. Ihre Augen fingen die Lachmelodie auf und wiederholten
sie in ihrem Glanze: dann schlossen sie sich einen Augenblick, als
wollten sie ihr Geheimnis verbergen. Als sie sich wieder öffneten, war
der Schimmer eines Traumes über sie dahingegangen.
Aus dem abgenutzten Stuhl sprach die Weisheit zu ihr mit dünnen Lippen,
mahnte zur Besinnung und gab Ratschläge aus dem Buch der Feigheit, dem
sein Autor irrtümlich den Titel »Gesunder Menschenverstand« beigelegt
hat. Sie hörte nicht hin. Im Kerker ihrer Leidenschaft fühlte sie sich
frei. Ihr Prinz, der Prinz Märchenschön, war bei ihr. Sie hatte das
Gedächtnis beschworen, ihn herbeizuschaffen. Sie hatte ihre Seele auf
die Suche nach ihm geschickt, und die hatte ihn wieder hergebracht.
Sein Kuß brannte wieder auf ihrem Munde. Ihre Lider brannten wieder von
seinem Atem.
Dann zog die Weisheit andere Register auf und sprach von Erkundigen und
Nachforschen. Es mochte ja sein, daß dieser junge Mann reich sei. Wenn
dem so wäre, dann müßte man ans Heiraten denken. Um die Ohrmuschel des
Mädchens plätscherten die Wellen weltlicher Schlauheit. Die Pfeile der
Weltklugheit schwirrten an ihr vorüber. Sie sah, wie sich die dünnen
Lippen bewegten, und lächelte.
Plötzlich fühlte sie das Bedürfnis, zu sprechen. Die wortüberfüllte
Schweigsamkeit verwirrte sie. »Mutter, Mutter,« rief sie, »warum liebt
er mich so innig? Ich weiß, warum ich ihn liebe. Ich liebe ihn, weil er
so ist, wie die Liebe selbst sein muß. Aber was findet er an mir? Ich
bin seiner nicht wert. Und doch -- ich weiß nicht, warum -- ich fühle
mich wohl tief unter ihm, aber ich fühle mich nicht gering. Stolz bin
ich, schrecklich stolz. Mutter, hast du meinen Vater so geliebt, wie ich
den Prinzen Märchenschön liebe?«
Die alte Frau wurde bleich unter dem dicken Puder, womit ihre Wangen
beklebt waren, und ihre verwelkten Lippen zitterten in krampfigem
Schmerz. Sibyl stürzte zu ihr hin, schlang ihr ihre Arme um den Hals und
küßte sie. »Verzeih mir, Mutter! Ich weiß, es schmerzt dich, an unseren
Vater zu denken. Aber es schmerzt dich nur, weil du ihn so lieb gehabt
hast. Sieh nicht so traurig drein. Heute bin ich so glücklich, wie du es
warst vor zwanzig Jahren. Ach, könnte ich für immer so glücklich sein!«
»Mein Kind, du bist viel zu jung, um an eine Liebschaft zu denken.
Zudem, was weißt du von diesem jungen Mann? Du weißt nicht mal seinen
Namen. Die ganze Sache ist höchst unpassend, und wahrhaftig, gerade
jetzt, wo sich James nach Australien rüstet, und ich an so viele Dinge
zu denken habe, da muß ich sagen, du hättest mehr Überlegung zeigen
sollen. Immerhin, wie ich schon sagte, wenn er reich ist...«
»Ach Mutter, Mutter, laß mich glücklich sein!«
Frau Vane blickte sie an und schloß sie plötzlich mit einer der unwahren
theatralischen Gesten in die Arme, wie sie den Schauspielern oft zur
zweiten Natur werden. In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und ein
junger Bursche mit struppigem, braunem Haar kam in die Stube. Er war von
untersetzter Gestalt, und seine Hände und Füße waren groß und bewegten
sich etwas ungelenk. Er war nicht so gut erzogen wie seine Schwester.
Man hätte kaum die nahe Verwandtschaft erraten können, die zwischen
beiden bestand. Frau Vane richtete ihre Augen auf ihn, und ihr Lächeln
verstärkte sich. In ihrem Geiste ließ sie ihren Sohn die Rolle des
Publikums spielen. Sie war überzeugt, daß das Tableau interessant war.
»Du könntest dir wohl ein paar Küsse für mich aufheben, Sibyl«, sagte
der Bursche mit gutmütigem Knurren.
»Ach, Jim, du machst dir doch gar nichts aus Küssen!« rief sie. »Du bist
ein greulicher alter Bär!« Und sie hüpfte durchs Zimmer zu ihm hin und
umhalste ihn.
James Vane sah seiner Schwester zärtlich in das Gesicht. »Ich möchte mit
dir spazieren gehen, Sibyl. Ich glaube kaum, daß ich dies schreckliche
London jemals wiedersehe. Ich mache mir auch wirklich nicht im
geringsten was draus.«
»Mein Sohn, rede doch nicht so schreckliche Dinge«, grollte Frau Vane,
während sie seufzend ein flitteriges Theaterkostüm zur Hand nahm und es
auszubessern begann. Sie fühlte eine kleine Enttäuschung, daß er sich
der Gruppe nicht angeschlossen hatte. Es hätte die malerische Wirkung
der Szene so hübsch erhöht.
»Warum nicht, Mutter? Ich meine es im Ernst.«
»Du kränkst mich, mein Sohn. Ich hoffe, daß du von Australien als ein
gemachter Mann zurückkehrst. Ich vermute, es gibt in den Kolonien
sozusagen keine Gesellschaft, wenigstens nichts, was ich Gesellschaft
nenne; wenn du also dein Glück gemacht hast, mußt du zurückkommen und
dich zur Geltung bringen in London.«
»Gesellschaft«, brummelte der junge Mann. »Will davon nichts wissen.
Möchte nur soviel Geld verdienen, um dich und Sibyl vom Theater
wegzukriegen. Ich hasse es.«
»O Jim,« sagte Sibyl lachend, »wie unfreundlich von dir! Aber, willst du
wirklich mit mir spazieren gehen? Das ist nett! Ich fürchtete schon, du
wolltest dich bei deinen Freunden verabschieden, bei Tom Hardy, der dir
diese gräßliche Pfeife geschenkt hat, oder bei Nell Langton, der dich
auslacht, weil du sie rauchst. Es ist sehr hübsch von dir, daß du mir
deinen letzten Nachmittag schenkst. Wohin werden wir gehen? Komm, wir
wollen in den Park.«
»Dazu bin ich zu schäbig angezogen«, antwortete er mit gerunzelter
Stirn. »Nur Elegants gehen in den Park.«
»Unsinn, Jim«, flüsterte sie, und streichelte seinen Ärmel.
Er zauderte einen Augenblick. »Schön denn,« sagte er schließlich, »mach'
aber nicht zu lang mit dem Anziehen.«
Sie tanzte zur Tür hinaus. Man konnte sie singen hören, während sie die
Treppe hinauflief. Ihre kleinen Füße trippelten oben.
Er ging zwei oder dreimal durch die Stube, dann wandte er sich zu der
schweigsamen Gestalt im Lehnstuhl.
»Mutter, sind meine Sachen gepackt?« fragte er.
»Alles fertig, James«, antwortete sie, ohne von ihrer Arbeit
aufzuschauen. Seit einigen Monaten war es ihr unbehaglich, wenn sie mit
ihrem rauhen, finsteren Sohn allein war. Ihre oberflächliche Natur mit
ihrem unterdrückten Geheimnis wurde beunruhigt, wenn sich ihre Augen
trafen. Sie fragte sich, ob er einen Verdacht habe. Sein Schweigen, da
er sonst keine Bemerkungen machte, wurde ihr unerträglich. Sie fing also
zu jammern an. Frauen verteidigen sich, indem sie angreifen, gerade, wie
sie dadurch angreifen, daß sie unvermutet die Waffen strecken. »Ich
hoffe, James, dein Seefahrerleben wird dich befriedigen. Du darfst nie
vergessen, daß es deine eigene Wahl war. Du hättest in das Bureau eines
Anwalts treten können. Anwälte sind eine sehr geachtete Menschenklasse
und werden auf dem Lande oft in den besten Familien eingeladen.«
»Ich hasse Bureaus und ich hasse Schreiber«, erwiderte er. »Aber du
hast ganz recht, mein Leben habe ich mir selbst gewählt. Alles, was ich
sage, ist: Wache über Sibyl! Laß ihr kein Unglück zustoßen. Mutter, du
mußt über sie wachen!«
»James, du hast eine merkwürdige Art, zu sprechen. Natürlich wache ich
über sie.«
»Ich höre, ein Herr kommt jeden Abend ins Theater und geht hinter die
Kulissen und spricht mit ihr. Ist das wahr? Wie verhält sich's damit?«
»James, du sprichst von Dingen, die du nicht verstehst. Wir in unserem
Beruf sind gewöhnt, eine Menge wohltuender Aufmerksamkeiten zu
empfangen. Ich selbst habe zu meiner Zeit viel Blumen bekommen. Damals
verstand man noch etwas vom Spielen. Was Sibyl betrifft, so weiß ich im
Augenblick nicht, ob ihre Neigung ernst ist oder nicht. Aber darüber
besteht kein Zweifel, daß der fragliche junge Mann ein vollendeter
Kavalier ist. Er ist immer ausgesucht höflich zu mir. Auch sieht er aus,
als ob er reich wäre, und die Buketts, die er schickt, sind ganz
allerliebst.«
»Aber du weißt nicht mal seinen Namen«, warf der junge Mann barsch ein.
»Nein«, antwortete die Mutter mit gelassener Miene. »Er hat uns seinen
wirklichen Namen noch nicht verraten. Ich finde das sehr romantisch von
ihm. Wahrscheinlich ist er ein Herr von Adel.«
James Vane biß sich auf die Lippen. »Wache über Sibyl!« schrie er.
»Wache über sie!«
»Mein Sohn, du verletzt mich ungemein. Sibyl steht unablässig unter
meiner besonderen Obhut. Natürlich, falls dieser Herr vermögend ist,
sehe ich den Grund nicht ein, um einer Verbindung mit ihm auszuweichen.
Ich bin fest davon überzeugt, er gehört zur Aristokratie. Er sieht ganz
so aus, muß ich sagen. Es wird eine brillante Partie für Sibyl werden.
Sie würden ein entzückendes Paar abgeben. Seine Schönheit ist wirklich
ganz bedeutend; sie fällt jedem auf.«
Der junge Mann brummte etwas in sich hinein und trommelte mit seinen
dicken Fingern gegen die Fensterscheibe. Er hatte sich gerade umgewandt,
um etwas zu sagen, als die Tür aufging und Sibyl hereinflitzte.
»Was macht ihr beide denn für ernste Gesichter!« rief sie aus. »Was
gibt's denn?«
»Nichts«, antwortete er. »Man muß auch mal ernst sein. Adieu, Mutter;
ich will um fünf essen. Alles ist gepackt bis auf die Hemden; du
brauchst dich also um nichts mehr zu kümmern.«
»Adieu, mein Sohn«, antwortete sie mit einer Verbeugung gemachter
hoheitsvoller Würde.
Sie war äußerst gekränkt durch den Ton, den er ihr gegenüber
angeschlagen hatte, und in seinem Blick lag etwas, das ihr Angst
eingeflößt hatte.
»Gib mir einen Kuß, Mutter«, sagte das Mädchen. Ihre blütengleichen
Lippen berührten die welken Wangen und wärmten ihre Frostigkeit.
»Mein Kind! Mein Kind!« rief Frau Vane und schaute zur Decke auf, als
suchte sie in ihrer Einbildung eine Galerie.
»Komm, Sibyl«, sagte ihr Bruder ungeduldig. Er konnte die Attitüden
seiner Mutter nicht ausstehen.
Sie traten hinaus in den flimmernden, windbewegten Sonnenschein und
schlenderten die trostlose Euston Road hinab. Die Vorübergehenden
blickten verwundert auf den unfreundlichen, schwerfälligen jungen
Menschen in den groben schlechtsitzenden Kleidern, den ein so
liebliches, fein aussehendes Mädchen begleitete. Er glich einem
Gärtnerburschen, der eine Rose trägt.
Jim runzelte von Zeit zu Zeit die Stirn, wenn er den forschenden Blick
eines Fremden bemerkte. Er hatte jene Abneigung gegen das
Angestarrtwerden, die Menschen von Geist erst spät im Leben bekommen und
die den Herdenmenschen nie verläßt. Sibyl dagegen wußte nichts von der
Wirkung, die sie ausübte. Ihre Liebe zitterte auf ihren lächelnden
Lippen. Sie dachte an ihren Märchenprinzen, und damit sie um so besser
an ihn denken könnte, sprach sie nicht von ihm, sondern plauderte nur
von dem Schiff, mit dem Jim abfahren sollte, von dem Gold, das er sicher
finden würde, von der wunderhübschen Millionenerbin, deren Leben er
verruchten rotblusigen Buschräubern entreißen sollte. Denn er würde
nicht Matrose bleiben oder Verfrachter oder was er jetzt fürs erste
werden sollte. O nein! Solch Matrosendasein war schrecklich. Er solle
nur daran denken, in ein schreckliches Schiff hineingepfercht zu sein,
wenn die brüllenden, katzenbuckelnden Wellen immer eindringen wollen und
ein schwarzer Wind die Masten umblase und die Segel in lange,
klatschnasse Streifen zerreiße. Er sollte in Melbourne das Schiff
verlassen, dem Kapitän höflich Lebewohl sagen und sich sofort in die
Goldfelder begeben. Bevor noch eine Woche um sei, werde er auf einen
großen Klumpen puren Goldes stoßen, auf den größten, der je gefunden
worden sei, und werde ihn zur Küste schaffen in einem großen Wagen, den
sechs berittene Polizisten bewachen sollten. Die Buschklepper überfielen
sie dreimal, würden aber nach einem ungeheuren Gemetzel zurückgeschlagen
werden. Oder nein! Er sollte überhaupt nicht in die Goldfelder wandern.
Das sind schreckliche Örter, wo sich die Leute betrinken und einander in
Kneipen totschössen und eine schreckliche Sprache führten. Er sollte ein
friedsamer Viehzüchter werden, und eines Abends, wenn er heimritte,
begegnete er der schönen Erbin, die gerade von einem Räuber auf einem
Rappen entführt würde, und dann setzt er ihm nach und befreit sie.
Natürlich würde sie sich in ihn verlieben und er in sie, und sie
heirateten dann und kehrten heim und wohnten in einem großen Palais in
London. Ja, entzückende Dinge warteten auf ihn. Aber er müsse auch sehr
brav sein, nie die Geduld verlieren oder sein Geld vergeuden. Sie sei
nur ein Jahr älter als er, aber sie wisse schon genügend mehr vom Leben.
Er müsse ihr auch zuverlässig an jedem Posttag schreiben und jeden
Abend, wenn er schlafen gehe, beten. Gott sei sehr gut und werde über
ihn wachen. Auch sie werde für ihn beten, und in ein paar Jahren werde
er reich und glücklich nach Hause kommen.
Der Bursche hörte ihr brummig zu und gab keine Antwort. Ihm tat das Herz
weh, weil er von der Heimat weg mußte.
Aber es war nicht das allein, was ihn düster und verstimmt sein ließ. So
unerfahren er war, fühlte er doch sehr die Gefahr, die in Sibyls
Stellung lag. Dieser junge Stutzer, der ihr den Hof machte, konnte es
nicht ehrlich mit ihr meinen. Es war ein vornehmes Herrchen, und das
trug ihm seinen Haß ein, einen Haß, der aus einem sonderbaren
Rasseinstinkt herrührte, von dem er sich keine Rechenschaft geben konnte
und der ihn gerade deshalb um so stärker beherrschte. Er kannte auch die
Oberflächlichkeit und Eitelkeit seiner Mutter und sah darin ungeheure
Gefahren für Sibyl und Sibyls Glück. Kinder fangen damit an, ihre Eltern
zu lieben; wenn sie älter werden, sitzen sie über ihnen zu Gericht,
manchmal vergeben sie ihnen auch.
Seine Mutter! Es brütete in ihm, sie über etwas zu fragen, was er viele
schweigsame Monate hindurch mit sich herumgeschleppt hatte. Ein
zufälliges Wort, das er im Theater aufgeschnappt hatte, ein
hingeflüstertes Scherzwort, das er eines Abends auffing, als er an der
Bühnentür wartete, hatte eine Flucht schrecklicher Gedanken entfesselt.
Die Erinnerung daran schmerzte ihn wie der Hieb einer Reitpeitsche in
sein Gesicht. Seine Brauen kniffen sich in eine tiefe Furche zusammen,
und in schmerzlichem Krampf biß er sich auf die Lippen.
»Du hörst auch nicht ein einziges Wort, das ich sage, Jim!« rief Sibyl,
»und ich schmiede die entzückendsten Pläne für deine Zukunft. Sag' doch
mal was!«
»Was soll ich denn sagen?«
»Oh, daß du ein braver Bursche sein willst und uns nicht vergessen«,
antwortete sie und lächelte ihn an.
Er zuckte die Schultern. »Es wäre eher möglich, daß du mich vergißt, als
daß ich dich vergesse, Sibyl.«
Sie errötete. »Wie meinst du das, Jim?« fragte sie.
»Du hast einen neuen Freund, wie ich höre. Wer ist es? Warum hast du mir
nicht von ihm erzählt? Er meint es nicht gut mit dir.«
»Hör' auf, Jim«, rief sie aus. »Du darfst nichts gegen ihn sagen. Ich
liebe ihn.«
»Was, und du weißt nicht mal seinen Namen?« erwiderte er. »Wer ist es?
Ich habe ein Recht, das zu wissen.«
»Er heißt der Prinz Märchenschön. Gefällt dir der Name nicht? Oh, du
törichtes Jungchen! du solltest ihn nie vergessen. Wenn du ihn nur ein
einzigesmal sähest, müßtest du ihn für den entzückendsten Menschen auf
Erden halten. Eines Tages wirst du ihn kennenlernen: wenn du von
Australien zurückkommst. Er wird dir sehr gefallen. Allen Menschen
gefällt er, und ich ... ich liebe ihn. Ich wollte, du könntest heute
abend ins Theater kommen. Er wird kommen, und ich spiele die Julia! Oh,
wie ich sie spielen werde! Denk dir, Jim, lieben und die Julia spielen!
Wissen, daß er dasitzt! Zu seiner Freude spielen! Ich fürchte, ich werde
meine Kollegen erschrecken, erschrecken oder hinreißen. Lieben heißt,
hinauswachsen über sich selbst. Der gräßliche Herr Isaacs wird seinen
Kumpanen am Schenktisch zuschreien, ich sei ein Genie. Er hat mich wie
ein Dogma ausposaunt; heute abend wird er mich als Offenbarung
verkündigen. Ich fühle das. Und all das ist sein Werk, nur sein, des
Prinzen Märchenschön, meines wunderbaren Geliebten, meines Musengottes.
Aber ich bin ein armes Ding neben ihm. Arm. Was liegt daran? Schleicht
Armut in ein Haus, fliegt Liebe durchs Fenster hinaus. Unsere
Sprichwörter müssen umgeändert werden. Sie sind im Winter erdacht
worden, und jetzt ist Sommer, für mich freilich Frühling, ein Tanz von
Blüten unter blauem Himmel.«
»Er ist ein Herr der feinen Gesellschaft«, sagte der Bursche finster.
»Ein Prinz!« rief sie mit melodischer Stimme. »Was willst du mehr?«
»Er wird dich zu seiner Sklavin machen.«
»Ich erschrecke bei dem Gedanken, frei zu sein!«
»Ich rate dir, dich vor ihm zu hüten.«
»Ihn sehen, heißt ihn anbeten, ihn kennen, heißt ihm vertrauen!«
»Sibyl, deine Liebe macht dich verrückt.«
Sie lachte und nahm seinen Arm. »Du lieber, alter Jim, du sprichst, als
wärest du hundert Jahre alt. Eines schönen Tages wirst du selbst lieben.
Dann wirst du wissen, was das heißt. Guck mich nicht so brummig an. Du
solltest dich freuen in dem Bewußtsein, daß du mich, obwohl du gehst,
glücklicher zurückläßt, als ich je gewesen bin. Das Leben ist bisher
hart für uns gewesen, furchtbar hart und schwer. Aber jetzt wird's
anders. Du gehst in eine neue Welt, und ich habe eine neue gefunden. --
Da sind zwei Stühle frei, wir wollen uns setzen und die eleganten Leute
Revue passieren lassen.«
Sie setzten sich mitten in eine Menge von Zuschauern. Die Tulpenbeete
längs des Weges flammten wie beschwörende Feuerglocken. Ein weißer
Dunst wie eine zitternde Wolke von Veilchenpuder hing in der schwülen
Luft. Die hellfarbigen Sonnenschirme tanzten auf und ab wie
Riesenschmetterlinge.
Sie brachte ihren Bruder dazu, daß er von sich, seinen Aussichten und
seinen Plänen sprach. Er redete zögernd und mühsam. Sie ließen ihre
Worte langsam aufeinanderfolgen, wie sich Spieler ihre Points ansagen.
Sibyl fühlte sich niedergedrückt. Sie konnte ihre Freude nicht
mitteilen. Ein schwaches Lächeln, das seinen vergrämten Mund umspielte,
war die einzige Antwort, die sie erhielt. Nach einiger Zeit verstummten
sie beide. Plötzlich erblickte sie den Schimmer goldenen Haares und
lachende Lippen, und in einem offenen Wagen fuhr Dorian Gray mit zwei
Damen vorbei.
Sie sprang auf. »Da ist er!« rief sie.
»Wer?« fragte Jim Vane.
»Der Märchenprinz«, antwortete sie, und spähte dem Wagen nach.
Er sprang auf und faßte rauh ihren Arm. »Zeig' ihn mir. Welcher ist es?
Zeig' ihn mir, ich muß ihn sehen!« rief er. Aber in diesem Augenblick
fuhr der Viererzug des Herzogs von Verwick dazwischen, und als die
Aussicht wieder frei war, hatte der Wagen schon den Park verlassen.
»Er ist fort«, murmelte Sibyl traurig. »Ich wünschte, du hättest ihn
gesehen.«
»Ich wünschte es auch, denn so wahr ein Gott im Himmel ist, wenn er dir
je ein Leides antut, bring' ich ihn um!«
Sie sah ihn erschreckt an. Er wiederholte seine Worte. Sie
durchschnitten die Luft wie ein Dolch. Die Leute ringsherum fingen an,
auf sie hinzustarren. Eine Dame ganz in der Nähe kicherte.
»Komm fort, Jim; komm fort«, flüsterte sie. Er ging ihr verbissenen
Mundes nach, als sie die Menge durchschritt. Er war zufrieden, daß er
das gesagt hatte.
Als sie bei der Achillesstatue war, drehte sie sich nach ihm um. In
ihren Augen lag Mitleid, das auf ihren Lippen zu einem Lachen wurde. Sie
schüttelte den Kopf über ihn. »Du bist verdreht, Jim, völlig verdreht;
ein ungezogener Bubi, sonst nichts. Wie kannst du so was Häßliches
sagen? Du weißt gar nicht, was du zusammensprichst. Du bist einfach
eifersüchtig und unfreundlich. Ach! ich wollte, daß du dich einmal
verliebst. Liebe macht die Menschen gut, und was du gesagt hast, war
schlecht.«
»Ich bin erst sechzehn,« antwortete er, »aber ich weiß, was ich zu tun
habe. Mutter kann dir nicht helfen. Sie versteht es nicht, dich zu
beschützen. Ich wünschte jetzt, ich ginge überhaupt nicht nach
Australien. Ich hab' nicht übel Lust, die ganze Sache zu lassen. Ich
tät's, wenn mein Vertrag nicht schon unterschrieben wäre.«
»Ach, sei nicht so ernsthaft, Jim. Du bist wie einer von den Helden aus
den albernen Melodramen, in denen Mutter so gern gespielt hat. Ich will
mich mit dir nicht streiten. Ich hab' ihn gesehen, und ihn sehen, ist
vollkommenes Glück. Wir wollen nicht streiten. Ich weiß, daß du einem,
den ich liebe, nie etwas antun wirst, nicht?«
»Solange du ihn liebst, wohl kaum«, war die finstere Antwort.
»Ich werde ihn immer lieben!« rief sie.
»Und er?«
»Auch immer.«
»Das ist sein Glück!«
Sie schrak vor ihm zurück. Dann lachte sie und legte die Hand auf seinen
Arm. Er war doch nur ein Junge.
Am Marble Arch bestiegen sie einen Omnibus, der sie in die Nähe ihrer
armseligen Wohnung in Euston Road brachte. Es war schon fünf Uhr
vorüber, und Sibyl mußte sich noch, bevor sie auftrat, ein paar
Stündchen niederlegen. Jim bestand darauf, daß sie es täte. Er sagte, er
würde lieber von ihr Abschied nehmen, wenn die Mutter nicht dabei wäre.
Sie würde sicher eine Szene machen, und er verabscheue Szenen aller Art.
Sie nahmen in Sibyls Zimmer Abschied. Im Herzen des jungen Menschen
brannte Eifersucht und ein grimmer, mörderischer Haß auf den Fremden,
der, wie er meinte, zwischen sie getreten war. Als sich aber ihre Arme
um seinen Hals schlangen, und ihre Finger durch sein Haar fuhren, wurde
er sanfter und küßte sie mit wirklicher Zärtlichkeit. Als er
hinunterging, standen Tränen in seinen Augen.
Die Mutter wartete unten auf ihn. Als er eintrat, murrte sie über seine
Unpünktlichkeit. Er gab keine Antwort, sondern setzte sich an sein
kärgliches Mahl. Die Fliegen summten um den Tisch und krochen über das
fleckige Tischtuch. Durch das Gerassel der Omnibusse und das Rackern der
Droschken konnte er die einförmige Stimme hören, die ihn um jede Minute
beraubte, die ihm noch übrig blieb.
Nach einer Weile schob er seinen Teller zurück und stützte den Kopf in
die Hände. Er fühlte, daß er ein Recht habe, es zu wissen. Wenn die
Dinge lagen, wie er vermutete, hätte man es ihm längst sagen sollen.
Gepeinigt von Furcht, beobachtete ihn die Mutter. Die Worte tröpfelten
ihr mechanisch von den Lippen. Ihre Finger zerknüllten ein zerrissenes
Spitzentaschentuch. Als die Uhr sechs schlug, stand er auf und ging zur
Tür. Dann wandte er sich um und sah sie an. Ihre Blicke begegneten sich.
In den ihren las er ein inbrünstiges Bitten um Mitleid. Das machte ihn
erst recht zornig.
»Mutter, ich muß dich was fragen«, sagte er. Ihre Augen irrten im Zimmer
umher. Sie gab keine Antwort. »Sag' mir die Wahrheit! Ich hab' ein
Recht, es zu erfahren! Warst du mit meinem Vater verheiratet?«
Sie stieß einen tiefen Seufzer aus. Es war ein Seufzer der
Erleichterung. Der schreckliche Augenblick, der Augenblick, vor dem sie
Tag und Nacht seit Wochen und Monaten gebangt hatte, war endlich
gekommen, und doch empfand sie keine Furcht. Ja, es war für sie
gewissermaßen eine Enttäuschung. Die grobe Unumwundenheit der Frage
heischte eine unumwundene Antwort. Die Situation war nicht langsam
gesteigert worden. Es war roh. Es erinnerte sie an eine mißlungene
Deklamation.
»Nein«, antwortete sie, erstaunt über die harte Einfachheit des Lebens.
»Dann war mein Vater ein Schuft!« schrie der Bursche und ballte die
Faust.
Sie schüttelte den Kopf. »Ich wußte, daß er nicht frei war. Wir haben
uns sehr lieb gehabt. Wenn er am Leben geblieben wäre, hätte er für uns
gesorgt. Sage nichts gegen ihn, mein Sohn. Er war dein Vater und ein
Gentleman. Er hatte wirklich hohe Verbindungen.«
Ein Fluch kam über seine Lippen. »Es bekümmert mich nicht meinetwegen,«
rief er, »aber laß Sibyl nicht... Ist es ein Gentleman oder nicht, der
sie liebt, oder so sagt? Mit hohen Verbindungen, vermute ich.«
Einen Augenblick lang kam ein schreckliches Gefühl der Demütigung über
die Frau. Ihr Kopf sank herab. Mit zitternden Händen wischte sie sich
die Augen. »Sibyl hat eine Mutter,« flüsterte sie, »ich hatte keine.«
Der junge Mensch war gerührt. Er ging zu ihr hin, beugte sich über sie
und küßte sie. »Es tut mir leid, wenn ich dich mit der Frage nach meinem
Vater verletzt habe,« sagte er, »aber ich konnte nicht anders. Jetzt muß
ich fort. Lebewohl! Vergiß nicht, daß du jetzt nur noch ein Kind zu
beschützen hast, und glaube mir, wenn dieser Mann meiner Schwester ein
Leid zufügt, dann bringe ich schon heraus, wer es ist, spüre ihn auf und
schlage ihn tot wie einen Hund. Das schwöre ich dir!«
Die wahnwitzige Übertreibung seines Schwurs, die leidenschaftlichen
Handbewegungen, die ihn begleiteten, die tollen, melodramatischen Worte
machten der alten Frau das Leben wieder interessanter. Diese Atmosphäre
war ihr vertraut. Sie atmete wie erlöst, und zum erstenmal seit vielen
Monaten bewunderte sie förmlich ihren Sohn. Sie hätte die Szene gern auf
derselben Gefühlshöhe fortgesetzt, aber er brach sie kurz ab. Koffer
mußten heruntergebracht und Decken beschafft werden. Der Hausknecht des
Mietshauses rannte geschäftig hin und her. Mit dem Kutscher wurde der
Preis abgehandelt. So wurde der Augenblick durch gemeine Einzelheiten
verzettelt. Mit einem erneuten Gefühl der Enttäuschung stand sie am
Fenster und ließ das zerrissene Spitzentaschentuch durch die Luft
wimpeln, als ihr Sohn wegfuhr. Es war ihr zumute, als sei eine große
Gelegenheit verpaßt worden. Sie tröstete sich, indem sie Sibyl sagte,
wie öde künftig ihr Leben sein werde, da sie jetzt nur ein einziges Kind
zu behüten habe. Diesen Satz hatte sie sich gemerkt. Er hatte ihr
gefallen. Von seinem Schwur sagte sie nichts. Er war lebendig und
dramatisch deklamiert worden. Sie hatte die Empfindung, daß sie alle
eines Tages darüber lachen würden.
Sechstes Kapitel
»Du hast doch schon die letzte Neuigkeit gehört, Basil?« sagte Lord
Henry am selben Abend, als Hallward in das kleine Separatzimmer im
Bristol trat, wo für drei Personen zum Essen gedeckt war.
»Nein, Harry«, antwortete der Künstler, während er Hut und Rock dem
dienernden Kellner gab. »Was ist es? Nichts über Politik, hoffe ich. Die
interessiert mich nicht. Im ganzen Unterhause gibts keinen einzigen
Menschen, den man malen möchte; wenn auch einigen von ihnen zur
Aufbesserung etwas Firnis nicht schaden könnte.«
»Dorian Gray hat sich verlobt«, sagte Lord Henry und beobachtete ihn,
während er sprach.
Hallward fuhr zurück und runzelte sofort die Stirn. »Dorian verlobt!«
rief er. »Unmöglich!«
»Es ist wahrhaftig wahr.«
»Mit wem?«
»Mit irgendeiner kleinen Schauspielerin.«
»Ich kann's nicht glauben. Dorian ist viel zu verständig.«
»Dorian ist viel zu klug, um nicht von Zeit zu Zeit verrückte Sachen zu
begehen, lieber Basil.«
»Heiraten ist kaum eine Sache, die man von Zeit zu Zeit tun kann,
Harry.«
»Außer in Amerika«, erwiderte Lord Henry nachlässig. »Aber ich habe ja
nicht gesagt, daß er verheiratet sei. Ich sagte, er sei verlobt. Das ist
ein großer Unterschied. Ich erinnere mich ganz deutlich, verheiratet zu
sein, aber ich kann mich nicht erinnern, verlobt gewesen zu sein. Ich
glaube fast, daß ich mich nie verlobt habe.«
»Aber überlege doch Dorians Geburt, seine Stellung, sein Vermögen. Es
wäre sinnlos, wenn er so tief unter seinem Stande heiraten würde.«
»Wenn du willst, daß er dies Mädchen heiratet, so brauchst du ihm das
nur zu sagen, Basil. Dann tut er's gewiß. Wenn ein Mann etwas auserlesen
Dummes tut, tut er's immer aus den edelsten Beweggründen.«
»Ich hoffe, es ist ein gutes Mädchen, Harry. Ich möchte Dorian nicht an
irgendein gewöhnliches Wesen gefesselt sehen, das ihn herabzieht und
seinen Geist verdirbt.«
»Oh, sie ist mehr als gut -- sie ist schön«, sagte Lord Henry und nippte
an einem Glas Wermut mit Pomeranzen. »Dorian sagt, sie ist schön, und in
Dingen dieser Art irrt er nicht häufig. Sein Bild von ihm hat sein
Urteil über die äußere Erscheinung anderer Menschen geschärft. Es hat
unter anderem diesen glänzenden Erfolg gezeigt. Wir sollen sie heute
abend sehen, wenn der Junge seine Abmachung nicht vergißt.«
»Ist das dein Ernst?«
»Vollständig, Basil. Es würde schlimm für mich sein, wenn ich je im
Leben ernsthafter sein müßte als jetzt.«
»Aber billigst du es denn, Harry?« fragte der Maler, der im Zimmer auf
und ab ging und sich auf die Lippen biß. »Du kannst es doch ganz
unmöglich billigen. Es ist eine törichte Verblendung.«
»Ich billige oder mißbillige nie wieder etwas. Sowas bringt einen in
eine ganz verrückte Stellungnahme zum Leben. Wir sind nicht in die Welt
geschickt worden, um unsere moralischen Vorurteile glänzen zu lassen.
Ich nehme nie Notiz von dem, was gewöhnliche Leute sagen, und ich mische
mich nie in Dinge, die reizende Leute vorhaben. Wenn mich eine
Persönlichkeit fesselt, dann ist jede Ausdrucksform, die sich diese
Persönlichkeit aussucht, für mich erfreulich. Dorian Gray verliebt sich
in ein schönes Mädchen, das die Julia spielt, und will sie heiraten.
Warum nicht? Wenn er Messalina heiraten wollte, würde er nicht weniger
interessant sein. Du weißt, ich bin kein Eheapostel. Der eigentliche
Nachteil der Ehe ist, daß man selbstlos wird. Und selbstlose Menschen
sind farblos. Sie werden unpersönlich. Jedoch gibt es gewisse
Temperamente, die durch die Ehe komplizierter werden. Sie behalten ihren
Egoismus und erweitern ihn durch eine Reihe anderer Ichs. Sie sehen sich
gezwungen, mehr als ein einzelnes Leben zu führen. Sie werden feiner
organisiert, und feiner organisiert zu werden, scheint mir der Zweck des
menschlichen Lebens. Überdies hat jede Erfahrung ihren Wert, und was man
auch gegen die Ehe sagen kann, eine Erfahrung ist sie sicher. Ich hoffe,
Dorian Gray wird dies Mädchen heiraten, wird sie sechs Monate hindurch
leidenschaftlich anbeten, und dann wird ihn plötzlich eine andere
anziehen. Es wäre prachtvoll, das zu beobachten.«
»Du glaubst kein einziges Wort von alledem, Harry; und das weißt du
auch. Wenn Dorian Grays Leben zerstört würde, wäre kein Mensch trauriger
als du. Du bist viel besser, als du vorgibst.«
Lord Henry lachte. »Der Grund, weshalb wir alle so gut von anderen
denken, ist der, daß wir alle Angst vor uns selber haben. Die Grundlage
des Optimismus ist nichts als Furcht. Wir halten uns für großherzig,
weil wir unserem Nachbar Tugenden zuschreiben, aus denen für uns ein
Nutzen erwachsen könnte. Wir rühmen den Bankier, damit wir unser Konto
überschreiten können, und finden im Buschklepper gute Eigenschaften in
der Hoffnung, daß er unseren Geldbeutel verschonen wird. Ich glaube
jedes Wort, das ich gesprochen habe. Ich habe die größte Verachtung für
den Optimismus. Was das zerstörte Leben betrifft, so ist kein Leben
zerstört, dessen Wachstum nicht gehemmt wird. Wenn man eine
Persönlichkeit verderben will, braucht man sie nur zu verbessern. Die
Ehe allerdings ist eine Narretei, aber es gibt andere und interessantere
Bande zwischen Mann und Frau. Natürlich würde ich dazu eher raten. Sie
haben den Reiz, fashionabel zu sein. Aber da ist Dorian selbst. Er wird
dir mehr sagen, als ich es kann.«
»Lieber Harry, lieber Basil, ihr müßt mir beide Glück wünschen«, sagte
der Jüngling, während er den Abendmantel mit den atlasgefütterten
Flügeln abwarf und den Freunden die Hand schüttelte. »Ich war niemals so
selig. Natürlich ist alles plötzlich gekommen; alles Entzückende kommt
plötzlich. Und doch scheint es das einzige gewesen zu sein, wonach ich
mein Leben lang auf der Suche war.« Er glühte vor Aufregung und Freude
und sah außerordentlich hübsch aus.
»Ich hoffe, du wirst immer sehr glücklich sein, Dorian,« sagte Hallward,
»aber ich kann es dir nicht ganz verzeihen, daß du mir deine Verlobung
nicht mitgeteilt hast. Harry hast du es mitgeteilt.«
»Und ich kann es dir nicht verzeihen, daß du zu spät kommst«, fiel Lord
Henry lächelnd ein und legte seine Hand auf die Schulter des jungen
Mannes. »Komm, wir wollen uns setzen und versuchen, was der neue Chef
hier kann, und dann erzählst du uns, wie alles gekommen ist.«
»Da ist wirklich nicht viel zu erzählen!« rief Dorian, als sie sich um
den kleinen Tisch gesetzt hatten. »Was geschah, war einfach so. Als ich
dich gestern abend verließ, Harry, zog ich mich an, aß in dem kleinen
italienischen Restaurant in Rupert Street, das ich durch dich
kennengelernt habe, und ging um acht Uhr ins Theater. Sibyl spielte die
Rosalinde. Natürlich war die Dekoration greulich und der Orlando zum
Lachen. Aber Sibyl! Ihr hättet sie sehen sollen. Als sie in ihren
Knabenkleidern auftrat, war sie einfach wunderbar. Sie trug ein
moosgrünes Samtwams mit zimtbraunen Ärmeln, eine kurze, braune, überm
Knie kreuzweise geschnürte Hose, ein reizendes grünes Barett mit einer
Falkenfeder, die von einem funkelnden Stein gehalten wurde, und war in
einen dunkelrot gefütterten Kapuzenmantel gehüllt. Sie war mir nie
schöner vorgekommen. Sie hatte all die zarte Grazie der Tanagrafigur,
die du in deinem Atelier hast, Basil. Das Haar schlang sich um ihr
Gesicht wie dunkles Laub um eine blasse Rose. Und ihr Spiel -- nun, ihr
werdet sie heute abend sehen. Sie ist eben eine geborene Künstlerin. Ich
saß ganz verzaubert in der schmierigen Loge. Ich vergaß, daß ich in
London war und im neunzehnten Jahrhundert lebte. Ich war mit meiner
Geliebten weit fort in einem Wald, den noch kein Menschenauge gesehen
hatte. Nach der Vorstellung ging ich hinter die Bühne und sprach mit
ihr. Als wir nebeneinander saßen, trat plötzlich ein Ausdruck in ihre
Augen, den ich nie vorher gesehen hatte. Meine Lippen fühlten sich zu
ihr hingezogen. Wir küßten uns beide. Ich kann euch nicht beschreiben,
was ich in dem Augenblick gefühlt habe. Mir schien, daß all mein Leben
in einen vollkommenen Moment rosenfarbiger Wonne zusammengepreßt wäre.
Sie zitterte am ganzen Leibe und bebte wie eine weiße Narzisse. Dann
warf sie sich auf die Knie und küßte meine Hände. Ich weiß, ich sollte
euch das alles nicht erzählen, aber ich kann mir nicht helfen. Natürlich
ist unsere Verlobung tiefstes Geheimnis. Sie hat nicht einmal zu ihrer
Mutter davon gesprochen. Ich weiß nicht, was meine Vormünder dazu sagen
werden. Lord Radley wird sicher wütend sein. Ist mir ganz gleich. In
weniger als einem Jahre bin ich volljährig und kann dann machen, was ich
will. Hatte ich nicht recht, Basil, meine Geliebte aus dem Reich der
Dichtung wegzuholen und meine Frau in Shakespeares Stücken zu finden?
Lippen, die Shakespeare reden gelehrt hat, haben mir ihr Geheimnis ins
Ohr geflüstert. Rosalindens Arme lagen um meinen Hals, und ich habe
Julia auf den Mund geküßt.«
»Ja, Dorian, ich glaube, du tatest recht«, sagte Hallward langsam.
»Hast du sie heute schon gesehen?« fragte Lord Henry.
Dorian Gray schüttelte den Kopf. »Ich verließ sie im Ardennenwald und
werde sie in einem Garten von Verona wiederfinden.«
Lord Henry schlürfte nachdenklich seinen Champagner. »In welchem
Augenblick hast du von Heirat gesprochen, Dorian? Und was erwiderte sie
darauf? Vielleicht hast du das schon ganz vergessen.«
»Lieber Harry, ich habe es nicht als Geschäft behandelt und habe ihr
keinen förmlichen Antrag gemacht. Ich sagte ihr, daß ich sie liebe, und
sie sagte, sie verdiene nicht, mein Weib zu sein. Nicht verdienen! Was
ist denn die ganze Welt für mich, wenn ich sie mit ihr vergleiche!«
»Die Frauen sind wunderbar praktisch,« murmelte Lord Henry -- »viel
praktischer als wir. In Situationen dieser Art vergessen wir oft, etwas
von Heirat zu erwähnen, und sie erinnern uns immer daran.«
Hallward legte die Hand auf seinen Arm. »Nicht doch, Harry. Du kränkst
Dorian. Er ist nicht wie andere Männer. Er würde nie jemand unglücklich
machen. Seine Natur ist dafür zu edel.«
Lord Henry blickte über den Tisch. »Dorian fühlt sich nie gekränkt durch
mich«, antwortete er. »Ich habe aus dem besten Grund gefragt, den es
geben kann, aus dem einzigen Grund, der eine Entschuldigung für eine
Frage ist -- einfach aus Neugier. Ich habe eine Theorie, wonach es immer
Frauen sind, die uns einen Antrag machen, und nicht wir den Frauen.
Natürlich ausgenommen die Mittelklassen. Aber die Mittelklassen sind
eben nicht modern.«
Dorian Gray lachte und schüttelte den Kopf. »Du bist ganz
unverbesserlich, Harry; aber ich bin nicht böse. Man kann dir ja gar
nicht böse sein. Wenn du Sibyl Vane siehst, wirst du fühlen, daß der
Mann, der ihr ein Leid antun kann, ein Tier sein muß, ein herzloses
Tier. Ich kann nicht begreifen, wie man es über sich gewinnen kann, ein
Wesen, das man liebt, in Schande zu bringen. Ich liebe Sibyl Vane. Ich
möchte sie auf einen goldenen Sockel stellen und dann sehen, wie die
ganze Welt das Weib anbetet, das mir gehört. Was ist Ehe? Ein
unwiderrufliches Gelübde. Du spottest deshalb darüber. Ach, spotte
nicht! Ein unwiderrufliches Gelübde will ich ablegen. Ihr Vertrauen
macht mich treu, ihr Glaube macht mich gut. Wenn ich bei ihr bin,
verleugne ich alles, was du mich gelehrt hast. Ich werde ein ganz
anderer Mensch als der, den du in mir siehst. Ich bin verwandelt, und
die bloße Berührung von Sibyl Vanes Hand läßt mich alle deine falschen,
bezaubernden, vergifteten, entzückenden Theorien vergessen.«
»Und die wären?« fragte Lord Henry, während er Salat nahm.
»Oh, deine Theorien über das Leben, deine Theorien über die Liebe, deine
Theorien über den Genuß. Tatsächlich alle deine Theorien, Harry.«
»Genuß ist das einzige auf der Welt, das eine Theorie verdient«,
antwortete er mit seiner sanften, musikalischen Stimme. »Aber ich
fürchte, es ist nicht meine eigene Theorie. Sie gehört der Natur, nicht
mir. Genuß ist das Siegel der Natur, das Zeichen ihrer Zustimmung. Wenn
wir glücklich sind, dann sind wir immer gut, aber wenn wir gut sind,
sind wir nicht immer glücklich.«
»Ah, doch, was verstehst du unter gut?« rief Basil Hallward.
»Ja,« wiederholte Dorian, indem er sich in seinem Stuhl zurücklehnte und
über den massigen Strauß rotblutiger Schwertlilien in der Mitte des
Tisches zu Lord Henry blickte, »was verstehst du unter gut, Harry?«
»Gut sein, heißt mit sich selbst im Einklang sein«, antwortete er, den
dünnen Stengel seines Glases mit blassen, feingespitzten Fingern
umfassend. »Mißklang heißt es, mit anderen übereinstimmen müssen. Das
eigene Leben -- das ist es, worauf es ankommt. Was das Leben unserer
Nachbarn betrifft, nun, wenn man durchaus ein Affe oder ein Puritaner
sein will, dann mag man ihnen ja seine moralischen Ansichten ins Gesicht
schleudern, aber sie gehen einen schließlich gar nichts an. Abgesehen
davon, hat der Individualismus in der Tat die höheren Ziele. Die moderne
Sittlichkeit besteht darin, daß man den Maßstab seiner Zeit anerkennt.
Ich habe die Meinung, daß jeder kultivierte Mensch, der den Maßstab
seiner Zeit anerkennt, damit eines der gröbsten Sittlichkeitsverbrechen
begeht.«
»Wenn man aber nur für sich selbst lebt, Harry, muß man da nicht einen
furchtbaren Preis dafür zahlen?« fragte der Maler.
»Ja, heutzutage werden wir in allem überteuert. Ich glaube, die
wirkliche Tragödie der Armut ist die, daß sich die Armen nichts leisten
können als Selbstverleugnung. Schöne Sünden sind wie alle schönen Dinge
ein Vorrecht der begüterten Klassen.«
»Man muß in anderer Münze zahlen als mit Geld.«
»In welcher Münze, Basil?«
»Ich meine mit Gewissensbissen, mit Schmerzen, mit... na eben mit dem
Gefühl der Erniedrigung.«
Lord Henry zuckte die Achseln. »Mein lieber Junge, die mittelalterliche
Kunst ist etwas Entzückendes, aber mittelalterliche Gefühle sind nicht
mehr Mode. Man kann sie freilich in der Dichtung gebrauchen. Aber die
einzigen Dinge, die in Dichtungen zu verwerten sind, sind solche, um die
man sich in der Wirklichkeit nicht mehr kümmert. Glaube mir, kein
zivilisierter Mensch bereut einen durchlebten Genuß, und kein
unzivilisierter Mensch weiß, was ein Genuß ist.«
»Ich weiß, was ein Genuß ist!« rief Dorian Gray. »Jemand anbeten.«
»Das ist jedenfalls besser, als angebetet zu werden«, antwortete Harry,
während er mit einigen Früchten spielte. »Angebetet zu werden, ist
peinlich. Die Weiber behandeln uns genau so wie die Menschheit ihre
Götter. Sie beten uns an und quälen uns unaufhörlich, irgendwas für sie
zu tun.«
»Ich würde sagen, alles, was sie von uns verlangen, haben sie uns zuerst
geschenkt«, sagte der Jüngling ernst und leise. »Sie erzeugen die Liebe
in uns. Sie haben ein Recht, sie dann zurückzuverlangen.«
»Das ist ganz richtig, Dorian«, rief Hallward.
»Ganz richtig ist niemals etwas«, sagte Lord Henry.
»Das ist es«, unterbrach Dorian. »Du mußt zugeben, Harry, daß nur die
Frauen den Männern das reinste Gold des Lebens schenken.«
»Vielleicht,« seufzte er, »aber unweigerlich verlangen sie es dann in
Kleingeld umgewechselt zurück. Das ist der Jammer dabei. >Die Frauen,<
hat einmal ein witziger Franzose gesagt, >regen uns an, Meisterwerke zu
schaffen, und verhindern uns immer, sie auszuführen.<«
»Harry, du bist schrecklich! Ich weiß gar nicht, warum ich dich so gern
habe.«
»Du wirst mich immer gern haben, Dorian«, antwortete er. »Wollen wir
Kaffee trinken, Kinder? -- Kellner, bringen Sie Kaffee, fine Champagne
und Zigaretten. Nein, lassen Sie die Zigaretten, ich habe selbst bei
mir. Basil, ich kann dir nicht erlauben, Zigarren zu rauchen. Du mußt
eine Zigarette nehmen. Eine Zigarette ist der vollendete Ausdruck eines
vollendeten Genusses. Er ist köstlich und läßt dabei unbefriedigt. Was
will man mehr verlangen? Ja, Dorian, du wirst mich immer lieb haben. Ich
bin für dich der Inbegriff aller Sünden, die du zu begehen nie den Mut
haben wirst.«
»Was für Unsinn du redest, Harry!« rief der junge Mann, während er seine
Zigarette an dem feuerspeienden Silberdrachen anzündete, den der Kellner
auf den Tisch gestellt hatte. »Wir wollen jetzt ins Theater. Wenn Sibyl
auftritt, werdet ihr ein neues Lebensideal bekommen. Sie wird euch etwas
offenbaren, das ihr noch nicht gekannt habt.«
»Ich habe alles kennengelernt,« sagte Lord Henry mit einem müden
Ausdruck in den Augen, »aber ich bin immer bereit, mir eine neue Emotion
zu verschaffen. Nur fürchte ich, daß es für mich derlei kaum noch gibt.
Immerhin, dein wunderbares Mädchen wird mich vielleicht erschüttern. Ich
liebe die Schauspielkunst. Sie ist soviel wirklicher als das Leben. Wir
wollen gehen. Dorian, du kannst bei mir einsteigen. Basil, es tut mir
leid, aber in meinem Brougham ist nur Platz für zwei. Du mußt schon in
einer Droschke nachfahren.«
Sie standen auf, zogen ihre Röcke an und tranken den Kaffee im Stehen.
Der Maler war schweigsam und bedrückt. Ein düsteres Gefühl lastete auf
ihm. Er konnte diese Ehe nicht gutheißen, und sie schien ihm doch besser
zu sein als manches andere, das hätte geschehen können. Nach einigen
Minuten gingen sie gemeinsam die Treppe hinunter. Er fuhr, wie
verabredet, allein, und sah auf die blitzenden Lichter des kleinen
Wagens, der vor ihm dahinrollte. Das seltsame Gefühl eines großen
Verlustes überkam ihn. Er fühlte, daß Dorian Gray nie wieder das für ihn
sein würde, was er ihm früher gewesen war. Das Leben war zwischen sie
getreten... Vor seinen Augen ward es dunkel, und die menschenvollen,
erleuchteten Straßen verschwammen vor seinem Blick. Als seine Droschke
am Theater vorfuhr, schien es ihm, als sei er um viele Jahre älter
geworden.
Siebentes Kapitel
Aus irgendeinem Grunde war das Haus an diesem Abend besonders dicht
gefüllt, und der fette jüdische Direktor, der sie an der Tür empfing,
strahlte von einem Ohr zum anderen in einem öligen, zuckenden Lächeln.
Er begleitete sie zu ihrer Loge mit einer gewissen prahlerischen Demut,
die feisten, juwelenbedeckten Hände hastig bewegend und sich mit der
Stimme beinahe überschlagend. Dorian verabscheute ihn mehr als je. Er
hatte das Gefühl, als sei er gekommen, um Miranda zu besuchen und
Caliban habe ihn empfangen. Dagegen hatte Lord Henry etwas für ihn
übrig. Wenigstens erklärte er, daß er ihm gefiele, bestand darauf, ihm
die Hand zu schütteln und versicherte ihm, er sei stolz darauf, einen
Mann kennenzulernen, der ein bedeutendes Genie entdeckt habe und an
einem Dichter bankerott geworden sei. Hallward unterhielt sich damit,
die Gestalten im Stehparterre zu beobachten. Die Hitze war äußerst
drückend, und der riesige Sonnenkronleuchter flammte wie eine
gigantische Dahlie mit Blättern von gelbem Feuer. Die jungen Leute auf
der Galerie hatten Röcke und Westen ausgezogen und sie über die Brüstung
gehängt. Sie riefen einander quer über das ganze Theater zu und
fütterten die grell gekleideten Mädchen neben ihnen mit Orangen. Ein
paar Weiber unten im Stehparterre lachten. Ihre Stimmen waren
schrecklich schrill und unangenehm. Vom Büfett her hörte man Flaschen
entkorken.
»Was für ein sonderbarer Platz, um seine Göttin zu finden!« sagte Lord
Henry.
»Ja«, erwiderte Dorian Gray. »Hier habe ich sie gefunden, und sie ist
göttlicher als alles Lebendige. Wenn sie spielt, wirst du alles
vergessen. Diese gewöhnlichen rohen Leute mit ihren alltäglichen
Gesichtern und brutalen Bewegungen werden ganz verwandelt, sobald sie
auf der Bühne steht. Sie sitzen stumm da und beobachten sie. Sie weinen
und lachen, wenn sie es will. Sie hält sie in Stimmung, wie man es mit
einer Geige tut. Sie veredelt sie, und man spürt, daß sie vom selben
Fleisch und Blut sind wie man selbst.«
»Vom selben Fleisch und Blut wie man selbst? Oh, ich hoffe nicht!« rief
Lord Henry, der die Leute auf der Galerie mit seinem Opernglas musterte.
»Höre nicht auf ihn, Dorian!« sagte der Maler. »Ich begreife, was du
meinst, und ich glaube an dies Mädchen. Der Mensch, den du liebst, muß
wunderbar sein, und jedes Mädchen, das die von dir geschilderte Wirkung
erzielt, muß fein und edel sein. Seine Mitmenschen veredeln -- das
verlohnt der Mühe. Wenn dies Mädchen die beseelen kann, die seelenlos
gelebt haben, wenn sie in Menschen, deren Dasein schmutzig und häßlich
war, einen Sinn für Schönheit wecken kann, wenn sie sie aus ihrem
Eigennutze losreißen und ihnen Tränen um Sorgen entlocken kann, die
nicht ihre eigenen sind, dann ist sie deiner Verehrung wert, dann ist
sie der Verehrung der ganzen Welt wert. Solche Heirat ist ganz das
Rechte. Ich dachte zuerst nicht so, aber jetzt gebe ich es zu. Die
Götter haben Sibyl Vane für dich geschaffen. Ohne sie wärst du nur
unvollständig gewesen.«
»Danke, Basil«, antwortete Dorian Gray und drückte ihm die Hand. »Ich
wußte, daß du mich verstehst. Harry ist ein Zyniker, er erschreckt mich.
Aber da kommt das Orchester. Es ist furchtbar, aber es dauert nur knappe
fünf Minuten. Dann geht der Vorhang auf und du erblickst ein Mädchen,
dem ich mein ganzes Leben schenken will, dem ich alles überantwortet
habe, was gut ist in mir.«
Eine Viertelstunde später betrat Sibyl Vane unter einem geräuschvollen
Beifallssturm die Bühne. Ja, sie war wirklich entzückend -- eins der
entzückendsten Geschöpfe, dachte Lord Henry, die er je gesehen hatte. Es
lag etwas von einem Reh in ihrer scheuen Grazie und ihren erstaunten
Augen. Ein schwaches Erröten wie der Widerschein einer Rose in einem
silbernen Spiegel trat auf ihre Wangen, als sie das überfüllte und
begeisterte Haus erblickte. Sie trat ein paar Schritte zurück, und ihre
Lippen schienen zu zittern. Basil Hallward sprang auf und begann zu
klatschen. Bewegungslos, und wie in tiefem Traume, saß Dorian Gray da
und sah sie an. Lord Henry starrte unverwandt durch sein Glas und
murmelte: »Entzückend! Entzückend!«
Die Szene stellte die Halle in Capulets Hause dar, und Romeo war in
seinem Pilgerkleid mit Mercutio und seinen anderen Freunden aufgetreten.
Die Musik präludierte, so gut sie konnte, mit ein paar Akkorden, und der
Tanz fing an. Mitten in dem Gewimmel von ungeschickten, schäbig
gekleideten Schauspielern bewegte sich Sibyl Vane wie ein Geschöpf aus
einer höheren Welt. Ihr Körper schwebte im Tanze wie eine Blume auf dem
Wasser. Die Linien ihres Halses glichen denen einer weißen Lilie. Ihre
Hände schienen aus kühlem Elfenbein zu sein.
Und doch schien sie von seltsamer Abwesenheit. Sie zeigte kein Zeichen
der Freude, während ihr Auge auf Romeo ruhte. Die wenigen Worte, die sie
zu sprechen hatte --
Nein, Pilger, lege nichts der Hand zuschulden
Für ihren sittsam-andachtsvollen Gruß;
Der Heiligen Rechte darf Berührung dulden,
Und Hand in Hand ist frommer Waller Kuß --
mit dem kurzen Dialog, der folgt, sprach sie in einem ganz gekünstelten
Tone. Die Stimme klang wundervoll, aber der Ton ganz verfehlt. Er traf
die Stimmungsfarbe nicht. Er nahm den Versen alles Leben. Er machte die
Leidenschaft unwahr.
Dorian Gray erbleichte, als er es hörte. Er war verlegen und erschreckt.
Seine beiden Freunde wagten nicht, ihm etwas zu sagen. Sie schien ja
ganz talentlos zu sein. Sie waren furchtbar enttäuscht.
Aber sie wußten, daß der wahre Prüfstein für jede Julia die Balkonszene
im zweiten Akt sei. Darauf warteten sie. Wenn sie hier versagte, war
nichts an ihr.
Sie sah reizend aus, als sie im Mondschein auftrat. Das konnte niemand
leugnen. Aber das Theatralische ihres Spiels war unerträglich und wurde
im Verlauf immer ärger. Ihre Gesten waren lächerlich gekünstelt. Sie
übertrieb das Pathos von allem, was sie zu sagen hatte. Die wundervollen
Verse --
Du weißt, die Nacht verschleiert mein Gesicht,
Sonst färbte Mädchenröte meine Wangen
Um das, was du vorhin mich sagen hörtest --
deklamierte sie mit der peinlichen Genauigkeit eines Schulmädchens, das
einen mittelmäßigen Vortragslehrer in der Schule gehabt hat. Als sie
sich über den Balkon lehnte und zu den herrlichen Versen kam --
Obwohl ich dein mich freue,
Freu' ich mich nicht des Bundes dieser Nacht:
Er ist zu rasch, zu unbedacht, zu plötzlich,
Gleicht allzusehr dem Blitz, der schon vorbei,
Noch eh' man sagen kann: es blitzt. -- Schlaf süß!
Mag warmer Sommerhauch die Liebesknospe
Zur Blume bis zum Wiedersehn entfalten --
sprach sie die Worte, als enthielten sie keinerlei Sinn für sie. Es war
nicht Aufregung. Nein, weit entfernt davon, erregt zu sein, schien sie
ganz mit sich zufrieden. Es war einfach schlechte Kunst. Es war ein
richtiger Abfall.
Selbst das gewöhnliche, ungebildete Publikum auf Stehplatz und Galerie
verlor sein Interesse am Stück. Man wurde unruhig und begann laut zu
sprechen und zu zischen. Der jüdische Direktor, der im Hintergrunde des
ersten Ranges stand, stampfte mit den Füßen und fluchte vor Wut. Einzig
und allein unbewegt war das Mädchen selbst.
Als der zweite Akt vorüber war, brach ein Sturm von Zischen los, und
Lord Henry stand von seinem Stuhl auf und zog seinen Rock an. »Sie ist
wunderschön, Dorian,« sagte er, »aber sie kann nicht spielen. Wir wollen
gehen.«
»Ich will das Stück zu Ende sehen«, antwortete der junge Mann mit
harter, bitterer Stimme. »Es tut mir äußerst leid, daß ich dich
veranlaßt habe, einen Abend zu vergeuden, Harry. Ich muß mich bei euch
beiden entschuldigen.«
»Mein lieber Dorian, ich glaube, Miß Vane war krank«, unterbrach ihn
Hallward. »Wir wollen an einem anderen Abend wiederkommen.«
»Ich wünschte, sie wäre krank«, erwiderte er. »Aber ich glaube, sie hat
nur kein Gefühl und ist kalt. Sie ist völlig verändert. Gestern abend
war sie eine große Künstlerin. Heute abend ist sie nur eine gewöhnliche,
mittelmäßige Schauspielerin.«
»Sprich nicht so über jemand, den du liebst, Dorian. Liebe ist etwas
viel Wunderbareres als Kunst.«
»Es sind beides nur Formen der Nachahmung«, bemerkte Lord Henry. »Aber
wir wollen gehen. Dorian, du darfst nicht länger hier bleiben. Es
schadet der Moral, schlechte Schauspielkunst zu sehen. Ich glaube
übrigens nicht, daß du deine Frau auftreten lassen wirst. Was liegt also
daran, ob sie die Julia wie eine Holzpuppe spielt! Sie ist wirklich
bezaubernd, und wenn sie so wenig vom Leben weiß wie vom Theaterspielen,
wird sie dir eine köstliche Erfahrung sein. Es gibt nur zwei Arten
fesselnder Menschen -- solche, die alles wissen, und solche, die gar
nichts wissen. Großer Gott, mein lieber Junge, mach' kein so tragisches
Gesicht! Das Rezept, jung zu bleiben, besteht einfach darin, nie eine
Erregung haben, die unzuträglich ist. Komm mit Basil und mir in den
Klub! Wir wollen Zigaretten rauchen und auf Sibyl Vanes Schönheit
trinken. Sie ist schön. Was willst du noch mehr?«
»Geh, Harry!« rief der Jüngling. »Ich will allein sein. Basil, geh! Ach,
könnt ihr nicht sehen, daß mir das Herz bricht?« Heiße Tränen traten ihm
in die Augen. Seine Lippen bebten, er drückte sich in die dunkelste Ecke
der Loge, lehnte sich an die Wand und verbarg sein Gesicht in den
Händen.
»Komm, Basil«, sagte Lord Henry mit seltsam zärtlicher Stimme; und die
beiden jungen Männer gingen zusammen hinaus.
Ein paar Augenblicke später flammte die Rampe wieder auf, und der
Vorhang rauschte zum dritten Akt in die Höhe. Dorian Gray ging auf
seinen Platz zurück. Er sah bleich, abwesend, gleichgültig aus. Das
Spiel schleppte sich weiter und schien endlos zu sein. Die Hälfte des
Publikums ging weg, auf schweren Stiefeln trampelnd und lachend. Das
Ganze war ein richtiges Fiasko. Der letzte Akt wurde beinah vor leeren
Bänken gespielt. Der Vorhang fiel unter Zischen und höhnischem Gegrunze.
Sobald es aus war, stürzte Dorian Gray hinter die Kulissen in die
Garderobe. Das Mädchen stand allein da, mit einem triumphierenden Zuge
im Antlitz. Die Augen leuchteten in einem merkwürdigen Feuer. Eine Art
Glanz umschwebte sie. Ihre halbgeöffneten Lippen lächelten wie ein
Geheimnis, das ihnen allein bewußt war.
Als er eintrat, blickte sie ihn an und ein Ausdruck unsäglichen Glückes
kam über sie. »Wie schlecht ich heute gespielt habe, Dorian!« rief sie.
»Schrecklich«, antwortete er und sah sie voll Staunen an --
»schrecklich. Es war geradezu fürchterlich. Bist du krank? Du hast keine
Ahnung, wie es war. Keine Ahnung, was ich durchgemacht habe.«
Das Mädchen lächelte. »Dorian«, antwortete sie und zog seinen Namen mit
einem musikalischen Klang in die Länge, als wäre er den roten Blüten
ihres Mundes süßer als Honig -- »Dorian, du hättest begreifen sollen.
Aber jetzt begreifst du, nicht wahr?«
»Was?« fragte er heftig.
»Warum ich heute abend so schlecht spielte. Warum ich immer schlecht
spielen werde. Warum ich nie mehr gut spielen werde.«
Er zuckte die Achseln. »Du bist gewiß krank. Wenn du krank bist,
solltest du nicht spielen. Du machst dich nur lächerlich. Meine Freunde
haben sich gelangweilt. Ich ebenfalls.«
Sie schien nicht zu hören, was er sagte. Sie war wie verklärt vor
Vergnügen. Eine Ekstase des Glücks beherrschte sie.
»Dorian, Dorian,« rief sie, »bevor ich dich kannte, war Spielen die
einzige Wirklichkeit in meinem Leben. Nur im Theater lebte ich. Ich
hielt das alles für wahr. An einem Abend war ich Rosalinde und Portia am
andern. Beatrices Glück war mein Glück, und Kordelias Tränen waren die
meinen. Ich glaubte an alles. Dies gewöhnliche Volk, das mit mir
spielte, schien mir göttlich. Die bemalten Kulissen bedeuteten für mich
die Welt. Ich kannte nichts als Schatten, und ich nahm sie für
Wirklichkeit. Da kamst du -- o mein schöner Geliebter -- und befreitest
meine Seele aus der Kerkerhaft. Du hast mich gelehrt, was die wahre
Wirklichkeit ist. Heute habe ich zum erstenmal die ganze Hohlheit
durchschaut, den Betrug, die Albernheit des falschen, verlogenen
Flittertandes, zwischen dem ich bisher gespielt habe. Heute abend wußte
ich zum ersten Male, daß dieser Romeo abscheulich und alt und geschminkt
ist, daß der Mond im Garten Blendwerk, die ganze Szenerie ordinär ist
und daß die Worte, die ich zu sprechen hatte, nicht wahr, nicht meine
Worte sind, nicht, was ich hätte sagen müssen. Du hast mir etwas Höheres
geschenkt, etwas, von dem alle Kunst nur Abglanz ist. Du hast mich
begreifen gelehrt, was Liebe ist. Mein Geliebter! Mein Geliebter! Prinz
Märchenschön! Prinz meines Lebens! Ich kann die Schatten nicht mehr
ertragen. Du bist mir mehr, als mir alle Kunst je sein kann. Was hab'
ich mit den Puppen eines Spiels zu schaffen? Als ich heute abend
auftrat, konnte ich nicht begreifen, wie es gekommen war, daß alles
verschwunden sein sollte. Ich hatte gedacht, ich würde wundervoll sein.
Ich merkte, daß ich durchaus versagte. Plötzlich dämmerte es meiner
Seele, was das alles bedeutete. Es war ein herrliches Wissen. Ich hörte
sie zischen und lächelte. Was konnten die wissen von einer Liebe wie die
unsere? Nimm mich fort, Dorian -- nimm mich mit dir irgendwohin, wo wir
allein sein können. Ich hasse das Theater. Ich konnte vielleicht ein
Gefühl darstellen, das ich nicht spüre, aber ich kann doch nicht eins
spielen, das mich verbrennt wie Feuer. Ach, Dorian, Dorian, begreifst du
jetzt, was das bedeutet? Selbst wenn ich es zustande brächte, wär' es
Entweihung, zu spielen, während ich liebe. Du hast mich sehend gemacht.«
Er warf sich auf das Sofa und wandte sein Gesicht ab. »Du hast meine
Liebe getötet«, murmelte er.
Sie sah ihn staunend an und lachte. Er gab keine Antwort. Sie kam hin zu
ihm und strich mit ihren kleinen Fingern durch sein Haar. Sie kniete
nieder und preßte seine Hände an ihre Lippen. Er schob sie weg, und ein
Schauder überlief ihn.
Dann sprang er auf und schritt zur Tür. »Ja,« rief er, »du hast meine
Liebe getötet. Bisher hast du meine Phantasie gefesselt. Jetzt fesselst
du nicht einmal meine Neugier. Du wirkst einfach nicht. Ich liebte dich,
weil du ein Wunder warst, weil du Genie und Geist hattest, weil du die
Träume großer Dichter verkörpertest und den Schatten der Kunst Gestalt
und Körper verliehest. All das hast du weggeworfen. Jetzt bist du leer
und seicht. Mein Gott. Was für ein Narr war ich, dich zu lieben! Wie
verblendet war ich! Jetzt bist du mir nichts mehr. Ich will dich niemals
wiedersehen. Nie mehr an dich denken. Nie mehr deinen Namen aussprechen.
Du weißt nicht, was du mir einmal warst. Ja, einmal, einmal... Oh, ich
ertrage es nicht, daran zu denken. Ich wünschte, ich hätte dich niemals
gesehen. Du hast die Poesie meines Lebens vernichtet. Wie wenig mußt du
von Liebe wissen, wenn du sagst, sie lähme deine Kunst! Ohne deine Kunst
bist du nichts. Ich hätte dich berühmt gemacht, zu einem Sterne, zu
etwas Herrlichem. Die Welt hätte dich angebetet, und du hättest meinen
Namen getragen. Was bist du jetzt? Eine Schauspielerin dritten Ranges
mit einem hübschen Gesichtchen.«
Das Mädchen war totenblaß geworden und zitterte. Sie preßte die Hände
zusammen, und die Sprache schien ihr in der Kehle erstickt zu sein. »Du
meinst es doch nicht im Ernst, Dorian?« flüsterte sie. »Du verstellst
dich nur.«
»Verstellen? Das überlaß ich dir. Du verstehst es ja so gut«, entgegnete
er bitter.
Sie erhob sich von den Knien und ging mit einem wehen, qualvollen
Antlitz zu ihm hin. Sie legte ihm die Hand auf den Arm und sah ihm in
die Augen. Er stieß sie zurück. »Berühre mich nicht!« schrie er.
Ein leises Stöhnen brach aus ihr hervor, und sie warf sich ihm zu Füßen
und lag da wie eine zertretene Blume. »Dorian, Dorian, geh nicht fort
von mir!« rief sie leise. »Ich bin so betrübt, daß ich nicht gut
gespielt habe. Ich dachte nur immer an dich. Aber ich will es wieder
versuchen -- wirklich, ich will es versuchen. Es kam so jäh über mich,
die Liebe zu dir. Ich glaube, ich hätte nie etwas von ihr gewußt, wenn
du mich nicht geküßt hättest -- wenn wir uns nicht geküßt hätten. Küß
mich wieder, Geliebter! Geh nicht von mir! Ich könnte es nicht
überleben. Oh, verlaß mich nicht! Mein Bruder... nein, nichts darüber.
Er meinte es nicht im Ernst. Er scherzte nur... Aber du, oh! Kannst du
mir nie den heutigen Abend verzeihen? Ich werde so fleißig sein und mir
Mühe geben, besser zu werden. Sei nicht grausam gegen mich, weil ich
dich mehr liebe als alles in der Welt. Es ist doch nur ein einziges Mal,
wo ich dir mißfallen habe. Aber du hast ganz recht, Dorian. Ich hätte
mich mehr als Künstlerin zeigen sollen. Es war närrisch von mir; und
doch konnte ich nicht anders. Ach, verlaß mich nicht, verlaß mich
nicht.« Leidenschaftliches Schluchzen erschütterte sie. Sie kauerte sich
nieder wie ein wundes Tier, und Dorian Gray sah mit seinen schönen Augen
zu ihr herab, und seine feingeschnittenen Lippen kräuselten sich in
tiefster Verachtung. Die Gefühlsregungen von Menschen, die man nicht
mehr liebt, haben immer etwas Lächerliches an sich. Sibyl Vane schien
ihm überspannt melodramatisch zu sein. Ihre Tränen und ihr Schluchzen
langweilten ihn nur.
»Ich gehe«, sagte er schließlich mit seiner klaren, ruhigen Stimme. »Ich
möchte nicht hart sein, aber ich kann dich nicht mehr sehen. Du hast
mich enttäuscht.«
Sie weinte still weiter und sagte nichts, sondern kroch näher. Ihre
kleinen Hände streckten sich ins Leere hinaus und schienen ihn zu
suchen. Er wandte sich stehenden Fußes herum und verließ das Zimmer.
Wenige Augenblicke später hatte er das Theater hinter sich.
Wohin er ging, wußte er selber kaum. Er erinnerte sich, durch schwach
beleuchtete Gassen gewandert, an traurigen, in schwarze Schatten
getauchten Türbogen und elend aussehenden Häusern vorbeigekommen zu
sein, Weiber mit heiseren Stimmen und schrillem Lachen hatten hinter ihm
her gerufen. Betrunkene waren fluchend und mit sich selber sprechend,
wie Riesenaffen, an ihm vorbeigetaumelt. Er hatte putzige Kinder auf den
Stufen kauern sehen und Schreien und Schimpfen aus düsteren Höfen
gehört.
Als der Morgen graute, fand er sich dicht bei Covent Garden. Die
Dunkelheit schwand, die Luft rötete sich in blaßrotem Feuer, und der
Himmel wölbte sich zu einer vollendeten Perle. Mächtige Wagen voll
nickender Lilien rumpelten langsam die gerade, leere Straße hinab. Die
Luft war schwer vom Dufte der Blumen, und die Schönheit schien seinem
Schmerz Linderung zu bringen. Er trat in die Markthalle und sah den
Männern zu, die ihre Wagen ausluden. Ein Fuhrmann in weißem Kittel bot
ihm von seinen Kirschen an. Er dankte ihm, wunderte sich, warum er kein
Geld dafür annehmen wollte, und begann zerstreut davon zu essen. Sie
waren um Mitternacht gepflückt worden, und sie hatten die Kühle des
Mondes in sich. Burschen in langer Reihe schleppten Körbe voll
gestreifter Tulpen und von gelben und roten Rosen herbei, trotteten an
ihm vorbei, als sie sich ihren Weg durch die großen, gelblichgrünen
Gemüsestapel suchten. Unter den grauen, in der Sonne bleichen Säulen der
Vorhalle lungerte ein Trupp von schmuddeligen Mädchen ohne Hüte und
warteten, bis die Versteigerung vorbei war. Andere drängten sich um die
auf- und zugehenden Türen des Kaffeehauses auf der Piazza. Die schweren
Lastgäule glitten auf dem Pflaster aus und stampften über die holperigen
Steine, ihre Glocken und Geschirre schüttelnd. Einige Fuhrmänner lagen
schlafend auf einem Haufen von Säcken. Mit regenbogenfarbenen Hälsen und
rötlichen Füßen trippelten die Tauben mitten darin umher und pickten
sich Körner auf.
Nach einer Weile rief er sich eine Droschke und fuhr nach Hause. Ein
paar Augenblicke blieb er zögernd auf der Schwelle stehen, blickte über
den schweigenden Platz und auf die Häuser mit den blanken, geschlossenen
Fenstern und den hellen Gardinen. Der Himmel war jetzt ein wirklicher
Opal, und die Dächer der Häuser glitzerten ihm wie Silber entgegen. Von
einem Schornstein gegenüber stieg eine dünne Rauchsäule in die Höhe. Sie
schlängelte sich wie ein violettes Band durch die perlmutterfarbene
Luft.
In der großen venezianischen Goldlaterne, einer Beute von der Barke
irgendeines Dogen, die von der Decke der großen eichengetäfelten
Vorhalle herabhing, brannten noch drei flackernde Gaslichter: wie dünne
blaue Feuerblüten, von weißen Flammen umsäumt. Er drehte sie aus, warf
Hut und Mantel auf den Tisch und ging durch die Bibliothek zur Tür
seines Schlafzimmers. Das war ein großer, achteckiger Raum zu ebener
Erde, den er in seinem neu erwachten Gefühl für Luxus erst unlängst
einrichten und mit einigen schnurrigen Renaissancegobelins hatte
bespannen lassen, die er in einer nicht mehr gebrauchten Dachkammer in
Selby Royal entdeckt hatte. Als er eben nach der Klinke griff, fiel sein
Blick auf das Bildnis, das Basil Hallward von ihm gemalt hatte. Erstaunt
schrak er zurück. Dann ging er in sein Zimmer und sah nachdenklich und
betroffen aus. Nachdem er die Blume aus seinem Knopfloch genommen hatte,
schien er zu zögern. Schließlich ging er zurück, trat vor das Bild und
musterte es. In dem unbestimmten, gedämpften Licht, das durch die
mattgelblichen Seidenvorhänge drang, schien ihm das Gesicht ein wenig
verändert. Der Ausdruck war anders. Man hätte sagen können, daß ein
grausamer Zug um den Mund läge. Es war wirklich seltsam.
Er drehte sich um, ging zum Fenster und zog den Vorhang auf. Der helle
Morgen flutete durch das Zimmer und fegte die phantastischen Schatten in
düstere Winkel, wo sie zitternd liegenblieben. Aber der seltsame
Ausdruck, den er im Gesicht des Bildes bemerkt hatte, schien nicht nur
dazubleiben, sondern sich noch verstärkt zu haben. Das heiße, zitternde
Sonnenlicht zeigte ihm den grausamen Zug um den Mund so deutlich, als
sähe er sich in einem Spiegel, nachdem er etwas Furchtbares verübt
hätte.
Er fuhr zusammen und nahm vom Tisch einen ovalen Spiegel, dessen Fassung
von elfenbeinernen Liebesgöttern gebildet wurde, eines der vielen
Geschenke Lord Henrys, und blickte hastig in die glänzende Tiefe. Keine
Linie solcher Art verunstaltete seine roten Lippen. Was sollte dies
bedeuten?
Er rieb sich die Augen und trat ganz nahe an das Bild heran, um es
abermals zu mustern. An der Technik der Malerei konnte man gar keine
Spur einer Veränderung bemerken, und doch war kein Zweifel, daß sich der
Ausdruck im ganzen verändert hatte. Es war keine Einbildung von ihm. Die
Sache war schrecklich klar.
Er warf sich in einen Stuhl und begann zu grübeln. Plötzlich überkam ihn
die Erinnerung an die Worte, die er in Basil Hallwards Atelier an dem
Tage gesagt hatte, wo das Bild fertig geworden war. Ja, er erinnerte
sich ganz deutlich. Er hatte den sinnlosen Wunsch ausgesprochen, daß er
selbst jung bleiben solle, und das Porträt altern: daß seine eigene
Schönheit fleckenlos bleiben, und das Antlitz auf der Leinwand die Last
seiner Leidenschaften und Sünden tragen solle: daß das gemalte Bildnis
von den Linien des Leidens und Denkens durchfurcht werden und er selbst
den feinen Schmelz und alle Lieblichkeit seiner Jugend behalten solle,
deren er sich damals gerade bewußt geworden war. Sein Wunsch war doch
nicht erfüllt worden? Solche Dinge bleiben unmöglich. Nur so etwas
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