Die Hessen und die andern deutschen Hilfstruppen im Kriege gross-britanniens gegen Amerika, 1776-1783
by Edward J. Lowell · German · Gutenberg #44049 · 504,103 chars · public domain (US)
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Title: Die Hessen und die andern deutschen Hilfstruppen im Kriege gross-britanniens gegen Amerika, 1776-1783
Author: Edward J. Lowell
Translator: Otto Christoph von Verschuer
Release date: October 27, 2013 [eBook #44049]
Most recently updated: October 23, 2024
Language: German
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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE HESSEN UND DIE ANDERN DEUTSCHEN HILFSTRUPPEN IM KRIEGE GROSS-BRITANNIENS GEGEN AMERIKA, 1776-1783 ***
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| Anmerkungen zur Transkription: |
| |
| Der Text wurde weitgehend in seiner Ursprungsform |
| belassen, auch in zweifelhaften Fällen wie: |
| "Bankroft", obwohl vermutlich jeweils George |
| Bancroft gemeint ist. Gesperrter und kursiver Text |
| ist als _Text_ markiert, Fettdruck als =Text=. |
| |
| Eine Liste der vorgenommenen Änderungen befindet sich am |
| Ende des Texts. |
| |
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Die Hessen
und die andern deutschen Hilfstruppen im Kriege
Gross-Britanniens gegen Amerika
1776-1783
Von
Edward J. Lowell.
Uebersetzt mit Autorisation des Verfassers
von
O. C. Freiherrn von Verschuer
Major z. D.
Mit 8 Plänen
Zweite, um eine Einleitung vermehrte Ausgabe.
Braunschweig und Leipzig
Verlag von Richard Sattler
1902.
Seinem ehemaligen Regiments-Kommandeur
Herrn Generalmajor z. D. von Gersdorff
in Dankbarkeit und Verehrung
gewidmet
von
dem Uebersetzer
Einleitung des Übersetzers.
In vorliegendem Buche will der Verfasser das Auftreten der »Deutschen
Hilfstruppen« in Amerika einer genauen Beleuchtung unterwerfen,
insbesondere will er den Legenden entgegentreten, die sich in seinem
Vaterlande im Laufe der Zeit über die Hilfstruppen -- mit dem
Sammelnamen »Hessen« bezeichnet -- gebildet haben. Seine Anschauungen in
Betreff der Subsidien-Verträge mit England und der an diesen beteiligten
Fürsten stimmen im allgemeinen mit den Ansichten weiter Kreise in
Deutschland überein, viele urteilen bei weitem schärfer, aber bei einer
grossen Menge werden die abfälligen Urteile nach verschiedener Richtung
hin mehr oder weniger scharf bekämpft. Wie erklärt sich dieser Zwiespalt
der Meinungen, und wie könnte er einigermassen überbrückt werden? Er
erklärt sich m. E. hauptsächlich dadurch, dass viele Geschichtschreiber
die Frage des sogenannten Soldatenhandels nicht genügend im Lichte der
damaligen Zeit betrachten, und dass diese Frage bisher nicht in ihrer
Vielseitigkeit und mit derjenigen Gründlichkeit behandelt worden ist,
die zur Erlangung eines objektiven Urteils unbedingt notwendig ist. Ein
solches Urteil wird nur erlangt werden können durch eine genaue Prüfung
und Vergleichung der bereits vorhandenen und eine Untersuchung der noch
unbenutzt liegenden Quellen, ferner durch gleichzeitiges
in-Betrachtziehen der politischen und militärischen Verhältnisse und
Zustände -- und ihrer Entwickelung -- in _allen_ Staaten, die im Laufe
des 17. und 18. Jahrhunderts je an dem Überlassen von Truppen gegen
Subsidien beteiligt gewesen sind, und schliesslich durch ein
sich-Vertiefen in die Anschauungen der Zeit und zwar aller Kreise: der
Fürsten, Landstände, Offiziere, Soldaten und des Volkes. Nur aus dem
Geiste der Zeit heraus kann das Übereinkommen deutscher Fürsten mit
England im Jahr 1776, können die Urteile der Zeitgenossen für und wider
-- verstanden, erklärt werden. Von grosser Bedeutung aber ist die
Thatsache, dass die Verträge mit England und das Auftreten deutscher
Soldtruppen in Amerika in den Zeitabschnitt fallen, der der
französischen Revolution vorausging. Hervorragende Geister der damaligen
Zeit bemühten sich, weiten Kreisen in Europa bei Gelegenheit des
ungewöhnlichen Falles der Verschickung deutscher Truppen über den Ozean
zum Bewusstsein zu bringen: _was das Überlassen von Menschen an fremde
Souveräne gegen Geld zu bedeuten habe!_ Wie in vielen andern Dingen so
auch in dieser Frage beginnt sich ein Wandel in den Anschauungen Bahn zu
brechen. Das was die Fürsten und die an den Verträgen mit England
interessierten Kreise -- im Geiste ihrer Zeit, in ihren Ideen und
ererbten Überlieferungen befangen, sowie unter Berufung auf die
Reichsverfassung -- zu thun für Recht hielten, wird als »Menschenhandel«
bezeichnet. So erklärt es sich, dass bei den Verträgen des Landgrafen
Friedrich II. und der andern beteiligten Fürsten Ausdrücke wie »Verkauf«
und »Seelenhandel« anfangen laut zu werden, während man zu Zeiten der
frühern Subsidien-Verträge in dem Überlassen von Truppen etwas
Althergebrachtes, nichts Unrechtes erblickte.
Viel Aufsehen hat seiner Zeit das Buch von Friedrich Kapp über den
»Soldatenhandel« erregt. Er nennt es »Beitrag zur Kulturgeschichte des
18. Jahrhunderts.« Niemand wird den Wert, den es hat, bestreiten. Ein
Buch aber, das sein Entstehen einer Tendenz verdankt, wie sie der
Verfasser im Eingang zum Ausdruck bringt, kann unmöglich Anspruch auf
Objektivität machen. Und wer eine so leidenschaftliche Sprache wie Kapp
führt, kann nur ein einseitiges, kein gerechtes Urteil fällen.
Wie wir sehen, stützt Lowell sein Urteil über die deutschen Zustände im
18. Jahrhundert zum grossen Teil auf die Forschungen Kapps, sowie auch
auf Seume (dessen Zeugnis aber ebenfalls nicht kritiklos hinzunehmen
ist). Dieser Teil des L.schen Buches wird deshalb sicher -- wenngleich
ihn eine völlig objektive Ausdrucksweise auszeichnet -- von einer spätern
Geschichtschreibung berichtigt und ergänzt werden. Von unbestreitbarem
Wert wird aber ebenso sicher der Hauptteil seines Buches sein, in dem er
-- dank seiner umfassenden und gewissenhaften Quellenforschungen --
besser, und nebenbei fesselnder, als irgend ein Geschichtschreiber vor
ihm, uns erzählt, von welcher Art deutsche Offiziere und Soldaten waren,
die in der »Neuen Welt« auftraten, welche Eindrücke sie von ihr bekamen,
und dass sie unter den schwierigsten Verhältnissen ihre Schuldigkeit
gethan haben.
Zum Schluss möchte ich noch einmal darauf hinweisen: das Vermieten von
Truppen ist eine Erscheinung im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts, die
der Geschichte einer grossen Zahl von deutschen Staaten, darunter die
bedeutendsten, angehört. Ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte wird
in vorliegendem Buche in Erinnerung gebracht. Dunkel sah es mehr oder
weniger in _allen_ deutschen Landen -- in mancher Hinsicht -- um die
Zeit des letzten Viertels des 18. Jahrhunderts aus. Gleichzeitig wissen
wir aber zu unserm Glück, dass dieses Dunkel einem Licht hat weichen
müssen, das uns das 19. Jahrhundert gebracht hat.
_Frankfurt_ a. M., im März 1902.
=v. Verschuer.=
Vorwort
Die Geschichte der deutschen Hülfstruppen, die im Revolutionskriege für
Gross-Britannien fochten, hat von amerikanischen Geschichtsschreibern
nicht den Grad von Beachtung gefunden, den ihre Wichtigkeit berechtigt
erscheint zu verdienen. Es ist sehr viel Wesen davon gemacht worden,
dass 7000 französische Soldaten und 19 000 französische Seeleute den
Vereinigten Staaten bei der Belagerung von Yorktown beistanden, aber
vergessen haben wir, dass eine Macht von zwischen 15 und 20 000
Deutschen im Verlauf von 7 Jahren gegen uns kämpfte, dass mehr als
29 000 zu diesem Zweck nach Amerika gebracht wurden, dass mehr als
12 000 niemals nach Deutschland zurückkehrten. Ich weiss von keinem
amerikanischen Geschichtsschreiber ausser Bankroft, der gründliche
Studien über diesen Gegenstand in den Original-Quellen gemacht hätte;
dem ganzen Charakter seines Werkes nach wäre es nicht angängig gewesen,
die Geschichte der deutschen Truppen in ihren Einzelheiten zu schreiben.
Doctor George Washington Greene hat interessante Auszüge aus 3
Kapp'schen Büchern herausgegeben, und die Erzählungen der Baronesse
Riedesel sind ins Englische übersetzt worden von William L. Stone Esq.,
der auch den Teil von Eelkings »Leben von Riedesel«, welcher vom
Revolutionskrieg handelt, übersetzt hat.
Ich kann nicht behaupten, bei der Bearbeitung des vorliegenden Buches
annähernd alle die sehr inhaltreichen Quellen, die die Bibliotheken und
Archive in Deutschland enthielten, benutzt zu haben. Ich habe indessen
deutsche Originalberichte von jedem wichtigen Engagement gefunden und
von beinahe jedem Scharmützel im Revolutionskriege vom Jahr 1776 bis zum
Ende, ausgenommen einige von den Gefechten, die in Carolina und Georgia
stattfanden und in denen wenige, wenn überhaupt, Deutsche engagiert
waren. Einige von diesen Berichten sind, glaube ich, niemals einem
amerikanischen Schreiber vor Augen gekommen.
In Deutschland haben die Verträge in Betreff der Überlassung von
Hilfstruppen an Gross-Britannien und die Geschichte dieser Truppen
mehr Beachtung gefunden als in Amerika. Zwei Geschichtsschreiber sind
unter denen, die diesen Gegenstand behandelt haben, besonders
hervorzuheben. Der eine ist Fritz Kapp, einst Mitglied des Reichstages
und vordem in der Verbannung in Amerika. Diesem Buche verdanke ich
sehr viel, direkt und indirekt, wegen der vielen Fingerzeige, die
dasselbe enthält, besonders in den ersten fünf Kapiteln. Der
andere Geschichtsschreiber ist Max von Eelking, Hauptmann in
Sachsen-Meiningen'schen Diensten und korrespondierendes Mitglied des
New-Yorker Geschichtsvereins. Seine zwei Werke, »Die deutschen
Hilfstruppen im nordamerikanischen Befreiungskriege« und »Leben und
Wirken des Herzoglich Braunschweigischen Generallieutenants Friedrich
Adolf von Riedesel«, stellen die Geschichte vom deutschen Standpunkt
aus dar. Hauptmann von Eelking stand ein sehr reichhaltiges Material
zur Verfügung. Die Liste der für das erste Werk benutzten
Handschriften (von denen viele Eigentum von Privatpersonen) enthält 38
Nummern. Bei der Lebensbeschreibung von Riedesel hatte er die
Erlaubnis, alle Briefe und Schriften, die der General hinterlassen, zu
benutzen. Wenn Hauptmann von Eelking so viel Sorgfalt im Gebrauch des
Materials als Fleiss in der Sammlung desselben entwickelt hätte, so
würden seine Werke sehr wertvolle Beiträge zur amerikanischen
Geschichte sein. Leider erleiden die Resultate seines Fleisses durch
Ungenauigkeiten Einbusse. Ich habe ihn oft benutzen müssen, habe es
aber mit Vorsicht gethan.
Der Leser wird in diesem Buche Stellen finden, die mehr dem Gebiete der
Biographie oder Anekdote als der reinen Geschichte angehören. Die
Abenteuer von verhältnismässig unwichtigen Persönlichkeiten wie
Wiederhold, Ewald oder Baronesse Riedesel sind mit ziemlicher
Ausführlichkeit erzählt. Es war meine Aufgabe, einen Begriff davon zu
geben, was für eine Art Leute die Hilfstruppen waren und was für einen
Eindruck Amerika und die Amerikaner auf sie machten. Zu diesem Zweck
habe ich mich nicht gescheut, scheinbar unbedeutenden, gewöhnlichen
Stoff da zu verwenden, wo er charakteristisch geschienen hat, oder
Meinungen und Beschreibungen anzuführen, die, obschon echt, irrig waren.
=Der Verfasser.=
Inhalt.
Seite
Kapitel I. Die Fürsten 1
" II. Die Verträge 12
" III. Die Verträge vor dem Parlament 22
" IV. Die Soldaten 30
" V. Von Deutschland nach Amerika 37
" VI. Die Schlacht von Long-Island 1776 41
" VII. Von der Okkupation von New-York bis zur Wegnahme
von Fort Washington, 15. Sept.-16. Nov.
1776 51
" VIII. Trenton, 26. Dez. 1776 64
" IX. Der Winter 1777 75
" X. Die Braunschweiger in Canada 1776 90
" XI. Baronin Riedesels Reise 1776 u. 77 98
" XII. Ticonderoga und Bennington, Juli und August 1777 108
" XIII. Stillwater, am 19. Sept. u. 7. Okt. 1777 120
" XIV. Saratoga, vom 11-16. Okt. 1777 129
" XV. Die Braunschweiger in Gefangenschaft 145
" XVI. Brandywine, Germantown und Redbank, September
und Oktober 1777 160
" XVII. Der Rückzug der Briten durch New-Jersey, Januar
bis Juli 1778 170
" XVIII. Newport, vom November 1776 bis Oktober 1779 174
" XIX. Die Umgegend von New-York 1777-79 180
" XX. Wiederholds Reise -- eine Episode -- Sept. 1779 187
" XXI. Savannah, Charleston und Pensacola, 1778-1781 195
" XXII. New-York in den Jahren 1780 u. 81 208
" XXIII. Der Feldzug im Süden im Jahre 1781 216
" XXIV. Schluss 230
Seite
=Anhang.=
A. Quellen-Verzeichnis 241
B. Die hessischen Regimenter und ihre Namen 244
C. Übersicht über die Zahl der von jedem deutschen Staat nach
Amerika gesandten Truppen und über die Zahl derer, die nicht
zurückkehrten 248
D. Verlustliste der Deutschen in den Haupt-Schlachten und
Gefechten des Revolutionskrieges 250
=Karten und Pläne.=
1. Schlacht von Long-Island 1776 48
2. Operationen in New-Jersey und Pennsylvanien 1776 64
3. Affaire bei Trenton 1776 74
4. Burgoynes Übergabe 1777 128
5. Schlacht von Brandywine 1777 160
6. Überfall auf Paulus Hook 1779 186
7. Lord Cornwallis Operationen im Süden 1781 216
8. Yorktown 1781 224
Die Hessen
und die andern deutschen Hülfstruppen im Kriege
Gross-Britanniens gegen Amerika
1776-1783.
Kapitel I.
Die Fürsten.
Die Stadt Cassel ist für den durchreisenden Fremden eine der
anziehendsten in Mitteldeutschland. Ihre Galerien, Parks und Gärten,
sowie ihre grossen Paläste erregen Bewunderung und Staunen. Hier brachte
Napoleon III. die Monate seiner Gefangenschaft zu inmitten einer
Umgebung, die ihn an die Grossartigkeit von Versailles erinnert haben
möchte, welche den Schöpfern dieser herrlichen Anlagen wohl als Vorbild
vorschwebte. Die Anlagen und Schlösser rührten hauptsächlich aus dem
XVIII. Jahrhundert her, als die Augen der meisten Fürsten von Europa auf
den französischen Hof gerichtet waren; und kein Hof folgte eifriger und
konsequenter, in äusserem Gepränge wenigstens, dem Beispiel des
französischen Hofes, als der des Landgrafen von Hessen-Cassel. Die
Ausgaben für alle diese Bauten und Parkanlagen waren ungeheuer, aber es
war im allgemeinen Geld im Staatsschatz. Das Land jedoch war arm. Die
3-400 000 Einwohner lebten hauptsächlich vom Ackerbau, während die
Landgrafen Finanzmänner waren. Es war ein einträglicher Handel, den sie
betrieben. Nach der Ware, die sie verkauften oder ausliehen, war grosse
Nachfrage im damaligen Jahrhundert, wie in allen Jahrhunderten, es waren
eben _Menschen_, mit denen die Landgrafen von Hessen-Cassel Handel
trieben. Daher kam es, dass Landgraf Friedrich II. und seine Leute in
der amerikanischen Geschichte eine Rolle spielten und dass der Name
»Hessen« eine landläufige Bezeichnung in den Vereinigten Staaten wurde.
Die Landgrafen nahmen es nicht sonderlich genau mit den Ländern und den
Abnehmern, mit denen sie in Verbindung traten. 1687 stellte einer
derselben 1000 Mann den Venetianern für Geld zur Verfügung, um gegen die
Türken zu fechten. 1702 dienten 9000 Hessen unter den Seemächten und
1706 waren 11 500 Mann in Italien. England war der beste Kunde. Während
eines grossen Teils des XVIII. Jahrhunderts hatte es Hessen in seinem
Sold. Ein Teil derselben war bei der Armee des Herzogs von Cumberland
während des Prätendenten Invasion 1745, aber es ist festgestellt, dass
sie sich zu fechten weigerten, um einen Vertrag wegen Auslieferung der
Gefangenen zu erlangen. Es würde für viele von ihnen günstig gewesen
sein, wenn sie sich aus demselben Grunde geweigert hätten nach Amerika
zu gehen. So wenig spielte bei den Landgrafen der Patriotismus oder die
Politik eine Rolle, dass im Jahre 1743 Hessen gegenüber Hessen standen,
6000 Mann, die in der Armee des Königs Georg III. von England und 6000
Mann, die im gegnerischen Heere des Kaiser Karl VII. dienten.
Die Landgrafen von Hessen waren nicht die einzigen Fürsten, die ihre
Truppen in fremden Sold gaben. Im amerikanischen Revolutionskrieg
überliessen sechs deutsche Fürsten ihre Soldaten an Gross-Britannien.
Diese waren Friedrich II., Landgraf von Hessen-Cassel, Wilhelm, sein
Sohn, unabhängiger Graf von Hessen-Hanau, Carl I., Herzog von
Braunschweig, Friedrich, Fürst von Waldeck, Carl Alexander, Markgraf von
Anspach-Bayreuth und Friedrich August, Fürst von Anhalt-Zerbst. Die
Handlungsweise dieser Fürsten stand in keinem Einklang mit der Politik
des Kaiserreichs und dem sittlichen Empfinden der damaligen Zeit, der
Kaiser aber hatte keine Macht es zu verhindern, denn die Abhängigkeit
von denjenigen Teilen des Reiches, die ausserhalb seiner Erblande lagen,
war wenig mehr wie nur dem Namen nach vorhanden.
Die Karte von Deutschland im XVIII. Jahrhundert zeigt ein
ausserordentliches Flickwerk. Ueber den nördlichen Theil des Landes, von
Osten nach Westen, aber nicht in ununterbrochener Folge, ziehen sich die
Gebiete des Königs von Preussen. Die österreichischen Erblande, in einer
ziemlich kompakten Masse, nehmen die südöstliche Ecke ein. Ueber die
Grenzen dieser zwei grossen Mächte hinaus liegt Alles durcheinander.
Kurfürstentümer, Herzogtümer, Erzbistümer, Besitzungen von Markgrafen,
Landgrafen, Fürsten und freien Städten sind unentwirrbar
zusammengewürfelt. Es gab beinahe 300 souveräne Staaten in Deutschland,
neben über 1400 Besitzungen des hohen Adels, die direkt unter dem Kaiser
standen und viele Souveränitätsrechte hatten. Einige von diesen 300
Staaten waren nicht grösser als Stadtgebiete von Neu-England, viele
nicht grösser als amerikanische counties. Auch war keiner derselben in
sich geschlossen, die Besitztümer waren meist aus getrennten
Länderteilen zusammengesetzt. Jedes kleine Fürstentum hatte seinen
kleinen Fürsten mit seinem Hof und seiner Armee zu unterhalten. Die
Fürsten waren regelrecht despotisch. Die Ueberreste von dem, was einst
konstitutionelle Versammlungen gewesen waren, bestanden in manchen Orten
noch (Landstände), aber sie repräsentierten im besten Falle nur einen
kleinen Teil der Bevölkerung. Die Städte wurden durch die privilegierten
Klassen verwaltet. Auf dem Lande war den Bauern in einigen Gegenden ein
wenig Freiheit in der Verwaltung ihrer Orts-Angelegenheiten belassen,
aber im allgemeinen waren die Bauern nicht viel besser daran wie
Leibeigene und Gegenstand der Tyrannei einer Horde von Beamten, die bei
jeder Gelegenheit sich einmischten. Der Handel war durch Zölle und
Abgaben gehemmt; jeder kleine Staat hatte sein eigenes Finanz-System,
Handel und Industrie waren durch Monopole beschränkt. An einigen Orten
regelten drückende Gesetze die Kleidung und Kost der Bevölkerung.
Vor Eintritt in das letzte Viertel des Jahrhunderts hatten in
politischer Beziehung bessere Verhältnisse Platz gegriffen. Friedrich
der Grosse von Preussen und Joseph II. von Oesterreich waren, jeder in
seiner Art, erleuchtete Fürsten, und ihr Beispiel hatte viele von den
besseren Souveränen bewogen, einigermassen für das Wohl des Volkes zu
sorgen. Der Einfluss der freiheitlichen Bewegung in Frankreich machte
sich ebenfalls fühlbar. Aber die Ideen von politischer Freiheit hatten
selbst bei den am weitesten vorgeschrittenen Geistern in Deutschland
kaum Eingang gefunden. Die gute oder schlechte Gesinnung des Fürsten
stand nicht _mehr_ unter dem Einfluss der öffentlichen Meinung als der
Zustand des Wetters. Die Lehre vom passiven Gehorsam war an der
Tagesordnung, obschon nicht völlig unbestritten. Wenn, wie ein
Geschichtsschreiber in Betreff politischer Verhältnisse
auseinandersetzte, es die Pflicht des Untergebenen wäre zu gehorchen,
selbst wenn sein Fürst aus reiner Willkür sein Leben von ihm fordern
würde, so kann man hoffen, dass es ebenso richtig war, wenn ein anderer
Geschichtsschreiber sagte, dass »in fürstlichen Häusern alle Tugenden
erblich sind«.
Wir wollen nun etwas eingehender die speziellen Erben aller Tugenden
betrachten, die Söldner nach Amerika sandten.
Der bedeutendste von ihnen war Friedrich II., Landgraf von
Hessen-Cassel. Dieser Fürst war der katholische Fürst eines
protestantischen Landes. Seine erste Gemahlin war eine englische
Prinzessin, eine Tochter Georg II. Sie hat sich bei seinem Uebertritt
zum Katholizismus nur von ihm getrennt und nach Hanau zurückgezogen mit
seinem vorzüglichen Sohn, von dem ich sogleich sprechen werde.
Friedrich hatte in Cassel ein fröhliches Leben geführt. Er hatte eine
abgedankte Maitresse des Herzogs von Bouillon zu sich genommen, aber er
hielt nicht viel von der Treue und soll mehr als 100 Kinder gehabt
haben. Es wurde ein französisches Theater und eine Oper mit
französischem Ballet unterhalten. Französische Abenteurer mit guten
Empfehlungen waren willkommen und erhielten selbst verantwortliche
Stellungen im Staat. Der Hof war nach französischem Muster eingerichtet.
Französisch war ebenfalls -- und ist es noch lange nachher geblieben --
die Sprache der Fürsten, Hofmänner und Diplomaten. In dieser Sprache
korrespondierte Friedrich der Grosse mit vielen seiner Verwandten, seine
Schwester schrieb darin ihre Memoiren, und französisch wurde gesprochen
am Hofe des kleineren Friedrich, welchen wir vor Augen haben.
Zur Zeit der amerikanischen Revolution lebte der Landgraf mit seiner
zweiten Frau. Er war ungefähr 60 Jahre alt und scheint damals etwas
gesetzter geworden zu sein. Er war ein tüchtiger Regent. Seine Truppen,
durch Konscription ausgehoben und nach preussischem System gedrillt,
bestanden aus guten Soldaten. Seine Armee zählte im Jahre 1781 22,000
Mann, während die Bevölkerung seiner Gebiete wenig mehr als 300,000
Seelen betrug; aber viele Fremde wurden zum Dienen angeworben. Ein Teil
wurde nicht ununterbrochen bei der Fahne gehalten, sondern während des
grössten Teils des Jahres beurlaubt, um nur auf einige Wochen zu den
Uebungen eingezogen zu werden. Friedrich nahm grosses Interesse an
seiner Armee und korrespondierte mit seinen Offizieren in Amerika um
allen seinen Einfluss nutzbringend fühlen zu lassen. Auch bekümmerte er
sich um die inneren Angelegenheiten des Landes und hinterliess bei
seinem Tode einen vollen Staatsschatz. Er gründete Schulen und Museen
und liebte wie seine Vorfahren, Prachtbauten. Als er 12,000 Mann nach
Amerika sandte, setzte er die Steuern für deren Hinterbliebene
herunter, und, obschon diese, traurig und niedergeschlagen, ihre Söhne
und Brüder, die jenseits des Ozeans für fremde Interessen kämpfen
mussten, betrauerten, so verdient Friedrich von Hessen-Cassel in
gewisser Hinsicht Nachsicht im Urteil, da er immerhin persönliche Würde
zeigte und einer der wenigst scrupellosen Fürsten war, die Söldner nach
Amerika schickten.
Wilhelm, der älteste Sohn und voraussichtliche Erbe Landgraf Friedrichs,
regierte während der Revolution die unabhängige Grafschaft Hanau, die
einige Meilen östlich von Frankfurt am Main lag. Wilhelm stand seinem
Vater nach an Würde, kam ihm aber gleich an Sinnlichkeit. Im August
1775, als man in Deutschland von der Nachricht der Schlacht von Bunker
Hill noch ganz erfüllt war, beeilte sich der Erbprinz, Georg III. ein
Regiment anzubieten »ohne die geringsten Bedingungen«. Trotz der
Beteuerung seiner uneigennützigsten Ergebenheit erhielt er schliesslich
einen höhern Preis für den gestellten Mann als einer seiner Mitbewerber,
ausgenommen seinen durchlauchtigen Vater. Die Höfe von Cassel und Hanau
standen nicht auf gutem Fusse. Seitdem der Landgraf den Glauben
gewechselt hatte, lebte er mit seiner Gemahlin und seinen Erben in
Streit. Aber die Lebensweise seines ältesten Sohnes unterschied sich
nicht sehr von seiner eigenen. Als Wilhelm ein natürliches Kind zu
unterhalten hatte, schlug er den Preis eines jeden Sackes Salz, den
seine Unterthanen von den Salzminen brachten, um einen Kreuzer auf und
gab die so erhaltenen Einkünfte dem Kinde. Als seine Nebenkinder die
Zahl 74 erreicht hatten, mussten die ärmeren seiner Unterthanen mit dem
Salz sparsam umgehen. Einer seiner Bastarde war jener General von
Haynau, welcher in österreichischen Diensten Grausamkeiten in Italien
1849 beging, der in Brescia Frauen peitschen liess und nachher in London
vom Pöbel misshandelt wurde. Wilhelms Maitresse war während vieler
Jahre ein Fräulein von Schlotheim, die ihm zuerst entlief aber von den
eigenen Eltern zurückgeschickt wurde. Nach den Worten einer Dame in
Cassel »konnte der hessische Adel diesen Vorteil nicht entbehren«.
Obschon der Fürst im Jahre einige 12,000 Pfund Sterling als Subsidien
für die Sendung von Truppen nach Amerika erhielt, so glaubt doch Kapp,
dass er keine Steuern erliess, ausser den Frauen und Kindern der
Soldaten der Expedition oder solche Steuern, die vom Eigentum der
Soldaten erhoben wurden, die weder Frauen noch Kinder hatten. Dass die
nachher erwähnten Fürsten Steuern erlassen hatten, habe ich nicht
erfahren, aber meine Quellen mögen lückenhaft sein.
Herzog Carl I. regierte über Braunschweig-Lüneburg und der Erbprinz Carl
Wilhelm Ferdinand hatte sich mit ihm in der Regierung vereinigt. Der
Letztere hatte eine Schwester König Georg III. geheiratet. Das Land
hatte nur ungefähr 150,000 Einwohner und die Fürsten waren tief in
Schulden. Carl war verschwenderisch und der siebenjährige Krieg war sehr
kostspielig gewesen. Es waren Versuche gemacht worden, den Finanzen
durch Alchemie aufzuhelfen, aber das Gold war im Rauchfang verflogen
oder hatte seinen Weg in die Taschen der Alchemisten genommen, denn es
war keins in den Schmelztöpfen gefunden worden. Ein italienischer
Theater-Direktor erhielt ein Salair von 30,000 Thalern jedes Jahr,
während Lessing, der bereits der Autor von »Emilia Galotti« und »Minna
von Barnhelm« war, als Archivar für eine Kleinigkeit diente. Prinz Carl
Wilhelm Ferdinand war ein besserer Haushalter als sein Vater. Die
Lotterie, ein in jener Zeit modernes Mittel um Geld zu machen, war unter
der Leitung eines Staatsministers eingerichtet worden, und brachte viel
Geld ein, denn obschon der Herzog von Braunschweig weniger pro Kopf an
Subsidien für die Sendung von Soldaten nach Amerika als irgend ein
anderer Fürst erhielt, so war er doch im Stande, für sein Korps von
4300 Mann 160,000 Pfund in die Tasche zu stecken, bevor der Krieg
beendigt war.
Die kleinen Gebiete von Anspach und Bayreuth, die zusammen ungefähr
400,000 Seelen enthielten, waren kurz vorher unter der Regierung des
Markgrafen Carl Alexander vereinigt worden. Keines von beiden Ländern
war unter seinen Souveränen glücklich gewesen. Beide Länder hatten zu
Zweigen der grossen Hohenzollern-Familie gehört, deren Hauptlinie
bereits in Preussen den Grund zu der Macht gelegt hatte, welche ihr
heute den ersten Platz in Europa gegeben hat. Aber den Markgrafen von
Anspach und Bayreuth fehlte die Geschicklichkeit, welche der rauhen
Strenge König Friedrich Wilhelms, des Vaters Friedrichs des Grossen, zu
Grunde lag.
Von diesem Friedrich Wilhelm haben wir ein lebendiges Bild in den
Memoiren seiner Tochter Wilhelmine. Wie er seine Kinder mit dem Stock im
Zimmer herumjagte, wie Wilhelmine sich unter dem Bett verbarg und
Friedrich im Kloset, wie der König grosse Soldaten liebte und seiner
Gemahlin gegenüber tobte, ist da genau erzählt. Mit der ausdrücklichen
Absicht, ihre Geschichte heiterer zu machen, erzählt die Prinzessin, wie
ihr Vater, der im Allgemeinen der keuscheste der Monarchen war,
versuchte, eine Hofdame auf der Treppe zu küssen und wie sie ihn in's
Gesicht schlug, so dass seine Nase blutete. Wilhelmine vermählte sich
mit einem Markgrafen von Bayreuth, und ihre Schwester Friederike Louise
mit einem Markgrafen von Anspach; letztere aber lebte nicht auf gutem
Fusse mit ihm.
Dieser Markgraf von Anspach war gutmütig in seiner Weise und gütig, wenn
er nicht schlecht gelaunt war. Er liebte es, seinen Dienern kleine
Gnadenbeweise zu geben, und ihnen persönlich davon Mitteilung zu machen.
Er erlaubte bereitwillig, den Kranken Leckerbissen aus seiner Küche
zukommen zu lassen. Wenn er nicht betrunken war, so war er geneigt, bei
Verbrechern die Todesstrafe in Freiheitsstrafe zu verwandeln, falls sie
sich nicht eines so schrecklichen Verbrechens schuldig gemacht hatten,
wie der Überredung von Soldaten, zu desertieren, an seinem Hof zu
stehlen oder zu wilddieben; aber seine militärischen Exekutionen waren
barbarisch. Der Markgraf war regelmässig in seinem Kirchenbesuch und
geneigt, Kirchen, Schulen und Hospitäler zu gründen. Er wäre deshalb
wohl von seinen Unterthanen geliebt worden, wenn nicht seine ungezähmte
Laune, und die Excesse, in die sie ihn führte, gewesen wären. Als er
einmal gehört hatte, dass seine Hunde nicht gut gefüttert wurden, ritt
er zu dem Haus des Mannes, der sie in Verwahrung hatte, rief ihn an die
Thür und erschoss ihn an der eigenen Thürschwelle. Als ein Gastwirt
wegen eines kleinen Diebstahls geklagt hatte, liess der Markgraf den
Dieb hängen. Im Jahre 1747 war ein Dienstmädchen ohne Untersuchung
gehängt worden, weil es einem Soldaten zur Flucht verholfen hatte. Als
der Markgraf eines Tages aus seinem Schloss ritt, hielt er still und
ersuchte den Wachtposten, der der Stadtwache angehörte und kein
regulärer Soldat war, um sein Gewehr. Der arme Bursche, der nicht
argwöhnisch war, gab es her, worauf der Markgraf ihn einen Feigling und
Schuft nannte und ihn von zwei Husaren an den Schwänzen der Pferde durch
den Mühlteich schleifen liess, an welcher Behandlung der Mann starb.
Einer seiner Stallmeister, mit Namen von Reitzenstein, obschon
habsüchtig und verderbt, war beim Volke beliebt, weil er einigemal diese
Excesse mässigte. Bei einer Gelegenheit machte ein Schafhirt mit der
Herde nicht schnell genug Platz für den Markgrafen wodurch Seiner
Durchlauchtigsten Hoheit Pferd scheute. Der Markgraf forderte des
Stallmeisters Pistolen um den Burschen niederzuschiessen. »Sie sind
nicht geladen,« antwortete von Reitzenstein. Indessen kurz bevor sie zu
Hause anlangten, zog der Stallmeister beide Pistolen heraus und feuerte
sie in die Luft. Paff! Paff! »Was ist los?« schrie der erschrockene
Markgraf. »Mein gnädiger Herr,« antwortete der andere, »ich glaube, Sie
werden diese Nacht viel besser schlafen, nachdem sie den Krach der
Pistolen jetzt, als eine Stunde vorher gehört haben.«
Es war sehr gefährlich, des Markgrafen Handlungsweise zu kritisieren.
1740 war ein gewisser Christoph Wilhelm von Rauber angeschuldigt,
Karrikaturen und Schmähschriften verbreitet zu haben. Deswegen war er
verurteilt worden, sich auf den Mund zu schlagen, doch mit der
Verschärfung, dass es für ihn der Scharfrichter thun sollte, ferner
sollte er sehen, wie der Letztere seine Schmähschriften verbrannte, und
zuletzt geköpft werden, welch letztere Strafe gnädig in lebenslängliches
Gefängnis und Konfiskation umgewandelt wurde.
Carl Alexander, der Sohn dieses grausamen Markgrafen scheint etwas
menschlicher als sein Vater gewesen zu sein. Er war in seiner Jugend
nach Utrecht geschickt worden, um Staats-Wissenschaften zu lernen und
dann nach Italien, wahrscheinlich um sich fürstliche Tugenden
anzueignen. Er kehrte, durch Ausschweifungen abgelebt, zurück, welches
sein Vater dem Reisebegleiter, Rath Meyer Schuld gab. Der letztere wurde
in Zelle eingekerkert, sein späteres Schicksal ist unbekannt. Einer
anderen Erzählung zufolge wurde er in Altenkirchen hingerichtet.
Im Jahre 1777 war Carl Alexander, der Markgraf von Anspach und Bayreuth
geworden, tief in Schulden und entzückt durch die Gelegenheit zwei
seiner Regimenter in fremden Sold zu geben. Rekruten und Ersatzleute
waren in Zeitabschnitten hinausgesandt worden, bis eine Totalsumme 2353
erreicht war, für deren Dienste der Markgraf mehr als 100,000 Pfd.
erhielt. Carl Alexander war der letzte Markgraf von Anspach und
Bayreuth. Im Jahre 1791 verkaufte er beide Länder an Preussen, für eine
Pension, von welcher er nachher in England lebte, wo er 1806 starb.
Neben den Markgrafen von Anspach scheinen die Fürsten von Waldeck
ziemlich beachtenswert. Allerdings gebrauchten sie ihr kleines Land
hauptsächlich als Domäne um Leute für den Holländischen Markt
aufzuziehen, aber sie selbst fochten mit Auszeichnung für dasselbe Land.
Das Ausrüsten von Truppen für Amerika war mehr ein Neben-Geschäft, denn
die ganze ausgeschickte Anzahl betrug nur 1225 Soldaten.
Friedrich August, Fürst von Anhalt-Zerbst, kann als die Karrikatur eines
kleinen deutschen Fürsten seiner Zeit angesehen werden. Er regierte über
einige 20,000 Seelen, aber man kann nicht sagen, dass er sie regiert
hat, denn die letzten 30 Jahre seines Lebens brachte er in Basel und
Luxemburg zu. Selbst da fand er, dass seine Unterthanen ihm störend
werden könnten, und verbot bei Strafe der Entlassung, durch eine formell
gedruckte Ordre, dass ihn einer seiner Beamten mit den Angelegenheiten
seines Landes behelligte. Er war nicht übermässig streng, indessen hatte
er auf der Insel Wangeroog einen Galgen errichten lassen als
Schreckmittel für die Austern-Stehler. Seine Armee von 2000 Mann, und
diese noch dazu mehr auf dem Papier, zählte nicht weniger als 11
Obersten, doch als es dazu kam, 600 Mann nach Amerika zu senden, musste
er über die Grenzen des Landes hinausgehen, um nicht nur Soldaten
sondern auch Offiziere zu finden. Das kleine Fürstentum war so zu sagen
in Kommission und wurde durch einige wenige Privat-Räte verwaltet. Es
hatte weder Kunst noch Industrie, und hatte durch Krieg, Hungersnot,
Pest und Hochwasser gelitten. Aber es war ein Land, das sehr hohe
Beziehungen hatte. Die Schwester des Fürsten war die Kaiserin Catharina
II von Russland. Der Fürst selbst, obschon er fern vom Lande wohnte,
fühlte trotzdem die Höhe seiner Stellung und hatte ein mitfühlendes Herz
für Monarchen, wo nicht für Unterthanen. Als er hörte, dass gottlose
Franzosen ihren König Louis XVI enthauptet hatten, verfiel er in
Melancholie, verweigerte Essen und Trinken und starb, wie er gelebt
hatte, als Parodie, die Karrikatur eines königlichen Märtyrers.
Kapitel II.
Die Verträge.
Aus den Verhandlungen zwischen dem Hof von Grossbritannien und den
deutschen Fürsten zur Anwerbung von Soldtruppen für den Krieg in Amerika
ist ersichtlich, wie begierig man auf beiden Seiten war, zu einem
Resultat zu gelangen. England gebrauchte Leute, die Fürsten Geld, und
während die Letzteren sich bemühten so hohe Subsidienbeträge wie möglich
zu bekommen, war die Hauptsorge des Kabinets von Lord North, die
höchstmögliche Anzahl von Soldaten ohne Verzögerung zu erhalten.
Friedrich Kapp, der deutsche Geschichtsschreiber dieses Handels, meint,
dass Colonel William Faucitt, der Britische Kommissionär und
General-Bevollmächtigte in dieser ganzen Angelegenheit, zu weitgehende
Zugeständnisse bei Aufstellung der Bedingungen machte. Dies scheint
jedoch nicht die Ansicht des Earl of Suffolk, North's Sekretär der
auswärtigen Angelegenheiten, gewesen zu sein, da er sich fortgesetzt mit
seinem Agenten sehr zufrieden erklärte.
Das britische Kabinet war in seinen Hoffnungen, die es darauf gesetzt
hatte, im Sommer und Herbst 1775 20,000 Mann von Russland zu bekommen,
getäuscht worden. Ebenso zerschlugen sich die Verhandlungen in betreff
eines sogenannten Schottischen Regiments, das gegenwärtig in
holländischen Diensten war. Fünf Bataillone Hannoverischer Unterthanen
Georg III. wurden nach Gibraltar und Minorca schleunigst entsandt, um
die Engländer, die in diesen Festungen als Besatzung dient, für andere
Zwecke frei zu machen. So war keine andere Hülfe zu gewärtigen als von
den kleinen unabhängigen deutschen Fürstentümern.
Der Erbprinz von Hessen-Cassel, gleichzeitig regierender Graf von
Hessen-Hanau, hatte geschrieben, um Seiner Majestät von England seinen
Eifer und seine Ergebenheit -- »dem besten der Könige« -- auszudrücken
und ihm die Dienste seines Regiments von 500 Mann anzubieten, »alles
Landeskinder, die ich dem Schutze Euerer Majestät anvertraue, und die
alle mit mir bereit sind, ihr Leben und Blut in Dero Diensten zu
opfern.« Man darf aber nicht glauben, dass der Prinz daran dachte, sein
eigenes kostbares Leben in Gefahr zu bringen, und der Ausdruck von der
Opferfreudigkeit seiner Unterthanen war auch nur eine reine Phrase. Der
Fürst von Waldeck schrieb im November 1775 in ähnlicher Art, indem er
600 Mann anbot. Seine Offiziere und Soldaten, ebenso wie ihr Fürst,
verlangten nichts besseres, als eine Gelegenheit zu finden, sich für
Seine Majestät zu opfern.
Der Herzog von Braunschweig-Lüneburg und der Landgraf von Hessen-Cassel
boten zwar ihre Dienste nicht an, Colonel Faucitt fand aber keine
Schwierigkeiten in Verhandlungen mit ihnen einzutreten. Der Markgraf von
Anspach-Bayreuth machte im Herbste 1775 ein Anerbieten von zwei
Bataillonen, aber der betreffende Vertrag mit ihm kam erst nach mehr als
einem Jahre zu Stande, und im Oktober 1777 wurde mit dem Fürst von
Anhalt-Zerbst ein Übereinkommen getroffen, für dessen Zustandekommen er
Alles that, was in seinen Kräften stand. Anerbietungen von Truppen von
Seiten des Kurfürsten von Baiern und des Herzogs von Württemberg führten
zu keinem Resultat, einesteils wegen der schlechten Beschaffenheit und
Ausrüstung der angebotenen Soldaten und andernteils, Letzteren
betreffend, wegen der Schwierigkeiten, die Friedrich der Grosse wegen
Durchpassierens seiner Besitztümer machte. Anerbietungen mehrerer
anderer kleiner deutscher Fürsten führten zu nichts.
Der Vertrag, der zuerst abgeschlossen wurde, war der mit dem Herzog von
Braunschweig. Er ist datiert vom 9. Januar 1776. Der Herzog stellt darin
Sr. Britannischen Majestät 3964 Mann Infanterie und 336 unberittene
Dragoner zur Verfügung. Dies Korps sollte auf Kosten des Herzogs
vollkommen ausgerüstet werden, ausgenommen die Pferde der leichten
Kavallerie. Sie sollten von Braunschweig in zwei Teilen marschieren im
Februar und März, und der König war verpflichtet Massnahmen zu treffen,
um Desertionen während des Marsches durch Kurfürstlich Hannoversches
Gebiet auf dem Wege zur Küste zu verhindern. Der König sollte sie
bezahlen und verpflegen wie seine eigenen Soldaten, und der Herzog
sollte sich verpflichten, sein Korps in den vollen Genuss der von Sr.
Britannischen Majestät genehmigten Geld-Verpflegung gelangen zu lassen,
mit andern Worten, den Leuten keine niedrigere Löhnung zu zahlen und die
Differenz in die Tasche zu stecken. Die Britische Regierung traute ihm
jedoch nicht. Von der Zeit der Ankunft der Truppen in Amerika an wurde
die Löhnung direkt dorthin geschickt, um sie nicht durch die Hände Sr.
Hoheit des Herzog gehen lassen zu müssen. Diese Vorsichtsmassregel war
bei allen deutschen Hilfstruppen angewandt worden mit Ausnahme derer von
Hessen-Cassel, dessen Landgraf es gelang, die Geldwirtschaft selbständig
zu führen. Die Braunschweig'schen Soldaten sollten in Britischen
Hospitälern gepflegt werden, und die Verwundeten, die nicht mehr
dienstfähig wären, auf Kosten des Königs nach Europa transportiert und
in einem Hafen der Elbe oder Weser gelandet werden. Der Herzog war
einverstanden damit, die jährlich für das Korps notwendig werdenden
Rekruten auszuheben, zu disziplinieren und auszurüsten, aber wenn es
sich ereignen sollte, dass eins der Regimenter, Bataillone oder eine
Kompagnie aussergewöhnlich Verlust erleiden sollte, entweder in einer
Schlacht, bei einer Belagerung oder durch eine Epidemie, oder durch den
Verlust eines Transportschiffes auf der Fahrt nach Amerika, so sollte
Se. Britannische Majestät für den Schaden aufzukommen haben an
Offizieren und Soldaten und die Kosten tragen für die Rekruten, die
nötig würden, um die Korps wieder auf ihren alten Etat zu bringen.
Der Herzog sollte die Offiziere ernennen und die vakanten Stellen
besetzen. Er verpflichtete sich, dazu geeignete Leute zu wählen. Die
Rechtspflege reservierte er für sich. Es wurde festgesetzt, dass seine
Truppen nicht zu aussergewöhnlichen Dienstleistungen herangezogen werden
sollten, die ausser Verhältnis ständen zu den Anforderungen, wie sie an
die übrige Armee gestellt wurden.
Der König von England verpflichtete sich, Seiner Hoheit unter dem Titel
Werbegeld für jeden Soldaten den Betrag von 30 Kronen oder 7 Pfund 4
Schilling 4-1/2 Pence zu zahlen. Ausserdem hatte er jährlich an
Subsidien 11,517 L. 17 S. 1-1/2 P. vom Tage der Unterzeichnung des
Vertrages an, so lange die Truppen in seinem Sold ständen, zu zahlen,
und das doppelte dieser Summe (also 23,035 L. 14 S. 3 P.) noch zwei
Jahre nach Rückkehr der Truppen in das Gebiet Seiner Hoheit. In
Anbetracht der Eile, mit der die Truppen ausgerüstet waren, gewährte Se.
Majestät den Sold für zwei Monate vor dem Ausrücken und übernahm alle
Unkosten von der Zeit an nach dem Verlassen ihrer Standquartiere.
Noch eine Bedingung in diesem Vertrage verdient hervorgehoben zu werden,
da sie die wohlberechtigte Entrüstung aller derer erregt hat, die dieses
Handeln mit Menschenblut verdammt haben. Es heisst darin: »Dem Herkommen
entsprechend sollen drei Verwundete einem Gefallenen gleich gerechnet
werden; für einen Gefallenen soll der Satz bezahlt werden, wie er bei
dem Werbegeld für den Einzelnen festgesetzt ist.« Diese Clausel, die in
dem darauf folgenden Vertrag mit Hessen-Cassel nicht verzeichnet steht,
befindet sich in dem Vertrag mit Braunschweig in demselben Artikel, in
welchem die Bedingung betreffs Vergütung für aussergewöhnliche Verluste
durch Schlachten, Epidemien und Schiffbrüche enthalten ist. Man könnte
es so verstehen, dass der König von England sich verpflichtete, für
jeden Rekruten, der an Stelle eines gefallenen Braunschweigers treten
würde, die Kosten tragen sollte, dass aber für jeden Deserteur oder für
jeden an einer Krankheit verstorbenen der Herzog einen anderen Mann zu
stellen hätte, es sei denn, dass eine ungewöhnlich verheerende Epidemie
ausbräche. Aber wenn man der Sache diese Auslegung giebt, wie verhält es
sich mit den »drei Verwundeten«? Kapp verwirft diese Erklärung, und
behauptet, dass für neue Rekruten Werbegeld gezahlt wurde ausser den 30
Kronen für die Gefallenen und Verwundeten, und dass dieses Blutgeld vom
Fürsten in die Tasche gesteckt wurde, anstatt dass es die Familien des
Gefallenen oder der Verwundete selbst erhielt. Jedenfalls steht die
Thatsache fest, dass der Herzog von Braunschweig kontraktlich die Summe
von ungefähr 35 Dollars für jeden, der in der Schlacht fallen würde, und
11 Dollars 36 cent für jeden Verkrüppelten zu bekommen hatte. Es ist
wahrscheinlich jetzt nicht mehr möglich nachzuweisen, wieviel England in
Wirklichkeit hierfür ausgezahlt hat. Die Bezahlung war auf den
Rechnungen, die dem Parlament von dem Kriegs-Ministerium eingereicht
wurden, nicht in einzelnen Posten aufgeführt. Kapp glaubt, dass dem
Kabinet die Kritik, die dieser Punkt herausgefordert haben würde, nicht
angenehm gewesen wäre.
Der Vertrag mit Hessen-Cassel, datiert vom 15. Januar 1776; er
unterscheidet sich von dem mit Braunschweig hauptsächlich dadurch, dass
er sich für den deutschen Hof günstiger stellte. In erster Linie wurde
der König von Gross-Britannien veranlasst, ein Schutz- und Trutz-Bündnis
mit dem Landgrafen von Hessen-Cassel zu schliessen. Die Hessischen
Truppen sollten geschlossen unter der Führung ihres Generals bleiben,
wenn nicht die Kriegsverhältnisse eine Teilung notwendig machen würde.
Die Kranken sollten in der Pflege der eigenen Ärzte und anderer Leute
bleiben, welche die Hessischen Generale zu ernennen hätten; und es
sollte ihnen Alles, was der König seinen eigenen Truppen zu Teil werden
liesse, ebenfalls zugestanden werden. Nach diesem Vertrage war der
Landgraf verpflichtet, 12,000 Mann aufzubringen, sie vollständig
auszurüsten und, wenn gewünscht auch Artillerie zuzuteilen. Es wurde
derselbe Satz Werbegeld wie an den Herzog von Braunschweig gezahlt, also
30 Kronen oder 7 £. 4 Sch. 4-1/2 Pfg. für jeden Mann. Die Subsidien
waren jedoch im Verhältnis höher, sie betrugen 450,000 Kronen oder
108,281 £ 5 Sch. pro Jahr und wurden (aber nicht verdoppelt) noch ein
weiteres Jahr nach Rückkehr der Truppen nach Hessen gezahlt. Der
Landgraf stellte später noch mehrere kleinere Kontingente auf, für die
er besondere Verträge abschloss. Nach ungefährer Schätzung bestand der
Vorteil, den der Landgraf über den Herzog erlangte, darin, dass --
abgesehen von dem obenerwähnten Blutgeld, worüber genauere Angaben
fehlen und abgesehen von den Sporteln, die die hohen Rivalen noch
bekamen und wenn man nur das Werbegeld und die Subsidien rechnet -- der
Landgraf von Hessen-Cassel mehr als das Doppelte für jeden nach Amerika
geschickten Mann wie der Herzog von Braunschweig bekam. Hierzu kam noch,
was ausserhalb des Vertrages lag, dass der Landgraf Ansprüche auf eine
alte Schuld vom siebenjährigen Kriege her geltend machte, die früher
nicht anerkannt worden war. Sie betrug 41,820 £. 14 Sch. 5 Pfg.
Die Verträge mit den kleineren Staaten Hessen-Hanau, Waldeck,
Anspach-Bayreuth und Anhalt-Zerbst unterschieden sich in den Grundzügen
nicht von den oben beschriebenen. Keiner von ihnen war für die Fürsten
ganz so günstig wie der Vertrag mit Cassel, keiner ganz so günstig für
England wie der mit Braunschweig. Die Blutgeld-Klausel findet sich in
den Verträgen mit Hanau und Waldeck, aber nicht in dem mit Anspach.
Von Zeit zu Zeit wurden mit mehreren der oben erwähnten kleineren
Fürsten Händel wegen Gestellung von Ersatzmannschaften abgeschlossen.
Jäger und Scharfschützen waren besonders gesucht.
Jedes Jahr wurden Rekruten zu den verschiedenen Truppenteilen nach
Amerika gesandt. Die Gesamtsumme der Leute setzt sich nach Kapp wie
folgt zusammen aus:
Braunschweig 5 723
Hessen-Cassel 16 992
Hessen-Hanau 2 422
Anspach-Bayreuth 2 353
Waldeck 1 225
Anhalt-Zerbst 1 152
--------------
Zusammen: 29 867
Von diesen segelten etwas mehr als 18 000 Mann im Jahre 1776 nach
Amerika. Von dieser Gesamtsumme von beinahe 30,000 Mann kehrten 12,554
nicht wieder nach Deutschland zurück. Ausser den Kontingenten, die durch
die Verträge mit den deutschen Fürsten nach Amerika gesandt wurden,
diente noch eine gewisse Anzahl Deutscher in Englischen Regimentern, von
denen einige Aushebungs-Stationen am Rhein hatten.
Es ist schwer zu sagen, wie diese Händel zwischen England und den
deutschen Fürsten von der öffentlichen Meinung in Deutschland damals
beurteilt wurden. Schlözer's »Briefwechsel«, das erste deutsche Journal
dieser Periode, kam in Göttingen, dem Hannoverschen Gebiet Georg's III.
zugehörig, heraus. Es enthält viele Aufsätze über den Amerikanischen
Krieg, die alle von Englischer Seite geschrieben sind mit der einzigen
Ausnahme eines Briefes an Baron Steuben, der auf Seiten der Kolonien
focht. Der Brief ist obendrein von dem Herausgeber in einer den
Amerikanern übel gesinnten Weise mit Anmerkungen versehen. Dieser Ton
mag vielleicht Schlözer durch die Umstände aufgezwungen worden sein, da
die Presse in Deutschland mehr geduldet als frei war. Ein interessantes
kleines Buch wurde in Wolfenbüttel bei Braunschweig im Jahre 1778
veröffentlicht. Es enthält eine Beschreibung von Amerika, seiner
Produkte, Geographie, seine Geschichte und eine vorzügliche Karte. Der
Verfasser des Buches ist den Kolonisten durchaus feindlich gesinnt. Die
Sendung von mehr als 17000 Deutschen nach Amerika ist nur kurz, man
möchte sagen, nebenbei erwähnt, dagegen sind die ersten Operationen in
diesem Kriege, und speziell dieser Hilfstruppen ziemlich ausführlich
behandelt und doch war die Anwesenheit so vieler Deutscher in Amerika
zweifellos der Hauptgrund für das Entstehen des Buches. Auch ist es
billig, dass in jenen Tagen ein Aufruhr viel schärfer beurteilt wurde
als heut zu Tage, und dass ein solcher in den Augen von konservativ
denkenden Leuten nicht als ein politischer Fehler sondern als ein
abscheuliches Verbrechen galt.
Ganz verschieden davon war die Art, in welcher die Liberalen Europas
über den Krieg und die Söldner urteilten. Die Prinzipien, die im Begriff
waren, der französischen Revolution die Wege zu ebnen, brachen sich
Bahn, und einige der Darsteller dieses grossen Dramas begannen auf der
Bühne zu erscheinen. Mirabeau, als Flüchtling in Holland weilend,
veröffentlichte ein Pamphlet gerichtet »An die Hessen und andere
deutsche Volksstämme, die von ihren Fürsten an England verkauft sind.«
Es ist die Mirabeau'sche Schrift ein beredter Protest gegen die Raubgier
der Fürsten und ein herrlicher Tribut, der dem Patriotismus der
Amerikaner gezollt wird. Das Genie Mirabeau's konnte weit genug in die
Zukunft sehen, um zu erkennen, dass der Nord-Amerikanische Kontinent
einst ein Asyl für die Unterdrückten aller Nationen werden würde. Der
gegen den Landgrafen von Hessen-Cassel geführte Schlag traf sein Ziel.
Letzterer versuchte nicht nur die ganze Auflage des Pamphlets
aufzukaufen, sondern veranlasste auch die Veröffentlichung einer
Antwort, die wiederum eine Entgegnung zur Folge hatte, in welchem der
zukünftige Tribun die Ansicht vertritt, dass ein Angriff auf die
Freiheit der Nationen das grösste aller Verbrechen sei. In demselben
Sinne schrieb Abbé Raynal und Andere, von denen einige zu dieser Zeit in
Europa besser bekannt waren als Mirabeau, und gegen den ein
Zeitungskrieg losbrach, der in den holländischen Zeitungen ausgefochten
wurde, die damals die einflussreichsten, weil freisten auf dem Kontinent
waren. In der Landes-Bibliothek in Cassel befindet sich ein
interessantes kleines Pamphlet, herausgegeben im Jahre 1782 in
französischer Sprache und ebenso in Deutsch. Dies Pamphlet war von
Schlieffen, dem Gesandten Landgraf Friedrichs II., geschrieben. Der
Schreiber weist auf die alte Erfahrung hin, dass die Menschen in allen
Zeitaltern sich gegenseitig umgebracht hätten, dass die Schweizer lange
Zeit gewöhnt gewesen als Söldner zu fechten, dass 10,000 Griechen unter
Xenophon dasselbe gethan hätten, und er hielte es für ungerecht, seine
Zeitgenossen für eine Sache zu tadeln, die in dem natürlichen Instinkt
der Menschheit begründet läge. Er konstatierte, dass das gegenwärtige
Vermieten von Truppen der zehnte Fall dieser Art seit Anfang des
Jahrhunderts sei. Er wies auf die Wohlthaten hin, die der Landgraf
seinem Lande hatte zu Teil werden lassen, und auf die Liebe, mit der ihn
sein Volk verehrte. Er lenkte die Aufmerksamkeit, und dies war
vielleicht sein bestes Argument, auf die Thatsache, dass der Landgraf
von Hessen und der Herzog von Braunschweig so nahe mit dem englischen
Königshaus verwandt wären, dass ihre Nachkommen eines Tages auf den
grossbritannischen Thron berufen werden könnten. Die prahlerische
Freiheit der Amerikaner wäre nur eine trügerische Sirene, denn die
Geschichte bewiese, dass republikanische Regierungsformen ebenso
tyrannisch und grausam wären wie Monarchieen.
Dahingegen war der Freiherr von Gemmingen, der Gesandte des Markgrafen
von Anspach, etwas beschämt über den Handel, den er abgeschlossen hatte.
»Es kommt mir immer sehr hart an, mit Truppen zu handeln,« schreibt er
an seinen Agenten in London, »aber der Markgraf ist entschlossen, die
Sache um jeden Preis zu Stande zu bringen, um seine und seiner Vorgänger
Schulden bezahlen zu können. Auf diese Weise wird freilich das Gute, das
aus dem Subsidien-Vertrag entspringt, die schlechte Seite des Geschäfts
überwiegen.« Später schreibt er: »Der Vertrag, den wir soeben
abgeschlossen haben, ist viel günstiger, als wir erwarten konnten, wenn
man bedenkt, dass das Anerbieten von uns aus ging und dass die
königlichen Waffen bisher einen solchen Erfolg in Amerika gehabt haben.
Die Sache wird natürlich in dem möglichst ungünstigsten Licht von Leuten
angesehen werden, die es nicht verstehen, eine Staatsangelegenheit im
Rahmen des Ganzen und nach ihren besonderen Motiven zu beurteilen. Aber
sobald diese Leute sehen, wie fremdes Geld in unser armes Land fliessen
wird, sobald sie sehen, dass dessen Schulden bezahlt werden, mit den
Mitteln, die uns jetzt zufliessen, so werden sie und die ganze Welt
entzückt sein und anerkennen, dass die Truppen, deren Pflicht es ist,
die Feinde des Landes zu bekämpfen, den schlimmsten Feind besiegt haben,
nämlich -- unsere Schulden. Selbst der niedrigste Soldat, der nach
Amerika geht, gut bezahlt und wohl versorgt, wird mit seinen
Ersparnissen zurückkehren und stolz darauf sein, für sein Vaterland und
seinen eigenen Vorteil gearbeitet zu haben ... Ich bin im Allgemeinen
ein erklärter Feind von solchem Handel mit Menschen; aber es giebt
Fälle, in denen Schlechtes sich in eine Wohlthat verwandelt, und so
verhält es sich, wenn ich mich nicht irre, in diesem Falle.«
Friedrich der Grosse drückte in einem Brief an Voltaire (vom 18. Juni
1776) seine Verachtung über die mit Menschen handelnden Fürsten aus und
fand etwas später Gelegenheit, ihnen Hindernisse in den Weg zu legen.
»Wäre der Landgraf aus meiner Schule hervorgegangen,« schrieb er, »so
würde er nicht seine Unterthanen an die Engländer verkauft haben, wie
man Vieh verkauft, um es zur Schlachtbank zu führen. Dies ist kein
schöner Zug in dem Charakter eines Fürsten, der sich rühmt, der
Lehrmeister von Regenten zu sein. Ein solches Handeln ist durch nichts
Anderes als durch schmutzigen Eigennutz hervorgerufen. Ich bedauere die
armen Hessen, die ihr Leben unglücklich und nutzlos in Amerika enden.«
Napoleon, der dreissig Jahre später den damaligen Landgrafen von
Hessen-Cassel (den »Grafen von Hanau« der Verträge) vertrieb, äusserte
sich folgendermassen: »Das Fürstenhaus von Hessen-Cassel hat viele Jahre
lang seine Unterthanen an England verkauft. Auf diese Weise haben die
Kurfürsten solche Schätze gesammelt. Diese Habsucht ist die Ursache des
Sturzes ihrer Dynastie.«
Kapitel III.
Die Verträge vor dem Parlament.
Der angreifende oder sich rechtfertigende Ton der Minister der deutschen
Despoten hatte wenig Einfluss, wenn ihre Herren sich einmal für eine
Sache entschieden hatten. Der leidenschaftliche Protest eines jungen
deutschen Poeten oder eines französischen Pamphletisten konnte
schwerlich auf die Politik einen Einfluss ausüben. Der König von
Preussen, dessen Wort in betreff des Verdingens von Soldaten für fremde
Kriegsdienste Gesetz gewesen sein mag, zog es vor, mit Verachtung zu
strafen, anstatt zu befehlen. Aber im Parlament von Gross-Britannien
wurden die Verträge zwischen dem König von England und den deutschen
Fürsten verhandelt durch verantwortliche Minister auf der einen Seite,
und auf der andern Seite durch Staatsmänner, von denen einige eines
Tages zur Macht gelangen konnten. Es ist richtig, dass die Majorität,
welche die Regierung unterstützte, so erdrückend war, dass die
Opposition keine Aussicht hatte, sie zu stürzen. Aber es lässt sich kaum
bezweifeln, dass, obwohl die grössere Stimmenzahl auf Seiten der Tories
im Parlament von 1776 war, das geistige Übergewicht auf Seiten der Whigs
sich befand.
Am 29. Februar 1776 beantragte Lord North, die Verträge zwischen Seiner
Majestät und dem Landgrafen von Hessen-Cassel, dem Herzog von
Braunschweig und dem Erbprinz von Hessen-Cassel dem »Committee of
Supply« zu überweisen. Er sagte, dass Truppen das beste und radikalste
Mittel wären, um Amerika zum verfassungsmässigen Gehorsam zu zwingen, da
man Soldaten auf diese Weise schneller und zu günstigeren Bedingungen
bekommen könnte, als durch Aushebungen in der Heimat; dass die
gemieteten Truppen weniger kosten würden, als man erwartet hätte und
schliesslich, dass die Truppenmacht, die sie im Stande sein würden, nach
Amerika zu senden, genügen würde, nach menschlicher Berechnung, das Land
zu zwingen sich zu unterwerfen, vielleicht ohne ferneres Blutvergiessen.
Lord North wurde unterstützt von Mr. Cornwall, der das hohe Haus
versicherte, dass er besser wie irgend Jemand in demselben Gelegenheit
gehabt hätte, Mittel und Wege kennen zu lernen mit den deutschen Prinzen
zu verhandeln und Truppen zu besorgen; dass seine jahrelange Stellung
(als Sekretär in dem Zahlamt während des deutschen Krieges) ihm diese
Gelegenheit gegeben hätte; und er wäre erstaunt zu hören, dass Leute,
die mit den deutschen Verhältnissen bekannt wären, die gegenwärtigen
Bedingungen ungünstig fänden. Er bestritt, dass die dem Herzog von
Braunschweig im Voraus bezahlten zwei Monate Sold nichts weiter als ein
Douceur wären, und blieb dabei, dass die Truppen unter besseren
Bedingungen wie je zuvor zu bekommen wären, besonders wenn das Geschäft
noch im Laufe des Jahres effektuiert werden könnte, woran er keinen
Grund hätte zu zweifeln.
Lord George Germaine verteidigte die Vorlage auf Grund der
Notwendigkeit. Er zählte eine Reihe von Präzedenzfällen auf, um zu
zeigen, dass in jedem Krieg oder Aufstand, England zu fremden Truppen
seine Zuflucht hätte nehmen müssen um die Schlachten zu schlagen und das
Land zu verteidigen. Lord Barrington, der im Innersten seines Herzens
das allgemeine Verhalten der Regierung nicht gebilligt und der
vergeblich den König gedrängt hatte, seine Entlassung anzunehmen, hatte
die Vorlage in ähnlichem Sinne unterstützt. Er gab zu, dass der Handel
kein günstiger sei, aber immerhin der beste, den man abschliessen
könnte.
Auf der anderen Seite verwarf Lord John Cavendish die Vorlage in allen
ihren Teilen. Britannien würde sich in den Augen von ganz Europa bloss
stellen. Er machte Einwendungen gegen jeden einzelnen Paragraphen des
Vertrags und hob hervor, dass eine Truppenmacht von 12,000 Fremden in
das Gebiet der britischen Krone befördert werden sollte ohne unter
Kontrolle weder des Parlaments noch des Königs zu stehen; denn der
Vertrag sagte ausdrücklich, »dass dieser Truppenkörper unter dem Befehl
der Generale bleiben sollte, denen er von Seiner Hoheit (dem Landgrafen)
anvertraut würde.«
Lord Irnham zweifelte an der Kompetenz der Fürsten, solche Verträge
abzuschliessen. Er hielt es für nicht vereinbar mit ihren Pflichten
gegenüber dem Reiche, sie machten sich dadurch in den Augen von ganz
Europa ehrlos und verächtlich: zur Unterstützung despotischer Gewalt
eine Pflanzschule von Soldaten zur Verfügung zu stellen, denen, die mehr
Geld, aber nicht mehr Recht und Wert hätten als die, die sie durch Geld
unterwerfen wollten. Er verglich die Fürsten mit Sancho Pansa, der
wünschte, dass wenn er ein Fürst wäre, alle seine Unterthanen Sclaven
werden würden, die er durch Verkauf zu Geld machte.
Mr. Seymour antwortete Mr. Cornwall und forderte ihn auf, einen einzigen
Fall anzuführen, in dem dieselbe Anzahl Truppen während derselben Zeit
der Nation so viel Geld gekostet hätte.
Der Hon. James Lutrell wies darauf hin, dass bereits 150,000 Deutsche in
Amerika wären und dass daher unter den angeworbenen Truppen leicht
Desertionen vorkommen könnten. Edmund Brake stellte fest, dass für 1000
Fremde ebenso viel bezahlt würde wie für 1500 Eingeborene. Sir George
Saville behauptete, dass dies der unvorteilhafteste Handel in dieser Art
sei, der je abgeschlossen sei, seitdem es üblich wäre, Truppen
anzuwerben; und Alderman Bull schloss die Debatte, indem er ausrief:
»Man lasse den Geschichtsschreiber nicht gezwungen sein zu sagen, dass
die russischen und deutschen Sklaven die Söhne Englands und der Freiheit
unterjocht haben, und dass unter der Regierung eines Fürsten aus dem
Hause Braunschweig jeglicher schmähliche Versuch gemacht wurde, den
Geist auszulöschen, den seine Vorfahren bezeugten und der sich trotz
Verrat und Verfassungsbruch auf dem Throne festzusetzen wusste.« Des
Alderman's Gesinnung war besser als seine Rhetoric, aber beides war
gleich nutzlos. Die Vorlage wurde mit 242 Stimmen gegen 88 angenommen.
Am 5. März 1776 beantragte der Duke of Richmond im Hause der Lords, man
möge Seiner Majestät dem König eine Adresse unterbreiten, um ihn zu
bitten, den Abmarsch der fremden Truppen zu inhibieren und Massregeln zu
treffen, um die Feindseligkeiten in Amerika sofort zu sistieren. Der
Protest drückte die Ansicht des Hauses aus über die Gefahr und die
Schande der Verträge durch die Gross-Britannien vor ganz Europa bekennen
müsste, dass es nicht im Stande sei, einerseits wegen Mangel an
Soldaten, andrerseits wegen Abneigung der eigenen Leute gegen diesen
Krieg, eine genügende Anzahl Leute für die erste Kampagne auf die Beine
zu bringen. Es wäre traurig zu sehen, wie durch das Abziehen der
nationalen Truppen (die ohnehin zu schwach wären für den unglücklichen
Zweck, dem sie dienen sollten) Gross-Britannien entblösst und den
Angriffen und dem Eindringen mächtiger Nachbarn und fremder Nachbarn
ausgesetzt sein würde.
Das Dokument wies sodann darauf hin, dass eine Aussöhnung mit den
Kolonien der Verwendung von Fremden vorzuziehen sei, die, wenn sie so
weit von ihrer Heimat entfernt wären und unter dem Elend des Krieges, an
dem sie kein Interesse hätten, leiden und so oft in Versuchung kommen
würden, die Abhängigkeit mit der Freiheit zu vertauschen, viel eher
meutern oder desertieren, als treu bleiben und mit Seiner Majestät
eigenen Unterthanen gemeinsam operieren würden.
Indem auf die Gefahr hingedeutet, fremde Truppen in das Reich
hineinzulassen und Klage erhoben wird, dass bereits zwei der stärksten
Festungen von ihnen besetzt seien,[1] fährt der Protest fort: »Wir haben
obendrein Grund zu befürchten, dass, wenn die Kolonien sehen, wie
Gross-Britannien Bündnisse schliesst und Truppen zu ihrer Unterwerfung
anwirbt, sie durch das gegebene Beispiel sich für berechtigt halten
werden, Anstrengungen zu machen, um ebenfalls Beistand zu erlangen; und
dass Frankreich, Spanien, Preussen oder andere Europäische Mächte denken
werden, dass sie ein ebensolches Recht haben wie Hessen, Braunschweig
und Hanau, sich in unsere inneren Angelegenheiten zu mischen.«
[1] Hannoversche Truppen waren nach Gibraltar und Port Mahon gesandt
worden.
Darauf wurde auf die Gefahr hingewiesen, dass man verpflichtet sein
würde, den Landgrafen von Hessen bei seinen Streitigkeiten in Europa zu
unterstützen, und es wurde der Meinung Ausdruck gegeben, dass
Gross-Britannien noch nie einen Vertrag eingegangen sei, der so teuer,
so ungleich, so entehrend und in seinen Folgen so gefährlich sei.
Indem der Duke of Richmond den Protest einbrachte, gab er einen kurzen
Überblick über die Verträge, die seit 1702 mit den Landgrafen von Hessen
abgeschlossen worden seien, und zeigte, dass die aufeinanderfolgenden
Landgrafen mit der Zeit ihre Forderungen gesteigert hätten, und dass,
wenn sie versuchten, günstigere Bedingungen herauszudrücken, sie niemals
unterliessen, ihre vorhergegangene Erpressung als Grundlage für den
neuen Vertrag dienen zu lassen und immer eine neue Forderung an
Gross-Britannien zu stellen. Dieser Vertrag sei »offenbar ein
gewinnsüchtiger Handel, indem man eine Anzahl Söldner in Sold nehme,
die man kaufe und verkaufe wie das Vieh, das zur Schlachtbank geführt
würde ... Legt man aber den Verträgen eine Alliance zu Grunde, was
würde die Folge sein? Dass, wenn eine dieser Mächte angegriffen oder
ohne Grund einen Angriff provozieren würde, wir sie mit allen uns zu
Gebote stehenden Mitteln unterstützen müssten. Folglich haben wir
wegen des Beistandes von wenigen Tausend Söldnern nicht nur doppelt zu
bezahlen, sondern wir gehen auch eine feierliche Verpflichtung ein,
unsere Streitkräfte zu opfern und Hülfe zu leisten, wenn der Landgraf
oder Herzog angegriffen oder ihm sein Besitztum streitig gemacht
wird.«
Der Duke of Richmond bezeichnete es ferner als eine Gefahr, einen
Truppenkörper von 12,000 fremden Söldnern zu haben unter dem Kommando
eines von dessen eigenen Generalen, bei dem die Möglichkeit nicht
ausgeschlossen sei, dass er zum Höchst-Kommandierenden befördert werden
könne; es könne eine grosse Verwirrung entstehen durch Streitigkeiten
zwischen dem fremden und eigenen kommandierenden General.
Der Earl of Suffolk antwortete für die Regierung: »Der Tenor der
Verträge,« sagte er, »ist kein anderer als er es bei früheren
Gelegenheiten gewesen ist. Der gegenwärtige, das ist wahr, ist voll von
schwülstigen hochtönenden Phrasen von einem Bündnis, und ich bin so
offenherzig, dem edlen Herzog zu bemerken, dass ich sie nur als solche
ansehe; und ich gehe soweit, zu sagen, dass die wahre Absicht der
Verträge die ist, weniger ein Bündnis zu schliessen als einen
Truppenkörper anzuwerben, den der gegenwärtige Aufstand in Amerika
notwendig erscheinen lässt.«
Indem Lord Suffolk somit die Bedingungen des Vertrages, für den er
persönlich verantwortlich war, in das richtige Licht gesetzt hatte, fuhr
er fort nachzuweisen, dass die Bedingungen vorteilhaft sein würden, wenn
man die Truppen nur ein Jahr gebrauchen würde, dass man aber unter allen
Umständen, wenn die Soldaten gebraucht würden, sich den gestellten
Bedingungen fügen müsste.
Der Earl of Carlisle war überzeugt, dass die Arbeitskräfte, die durch
die Industrie in Anspruch genommen würden, der geringe Nutzen einer
neuen Aushebung, wenigstens für die erste Kampagne und der Wunsch jedes
Vaterlandsfreundes, den unglücklichen Verhältnissen ein schnelles Ende
bereitet zu sehen, dass dies Alles die Notwendigkeit der Verwendung
fremder Truppen genügend rechtfertigen würde. Man sollte bedenken den
schwerfälligen Koloss, den das Reich bildete und die Operationen, die
selbst im Falle eines Defensivkrieges nötig sein würden, und stellte
anheim, ob es einem so unbedeutenden Stück Land, wie die Insel
Gross-Britannien möglich sei, eine Zahl aufzubringen, die genügten, um
Operationen zu führen, die derartige Anforderungen stellen würden.
Die Debatte zog sich sehr in die Länge und wurde mit grosser Erbitterung
geführt. Auf Seiten der Whigs klagte der Duke of Cumberland --
»Braunschweiger zu sehen, die einst -- was ihnen zu grosser Ehre
gereichte -- zur Verteidigung der Freiheiten der Unterthanen Verwendung
fanden, und jetzt nach einem andern Teil des grossen Reiches gesandt
werden, um sie der konstitutionellen Freiheiten zu berauben.« Der Duke
of Manchester führte aus, dass _der_ Mensch für einen Söldling gehalten
werden müsste, der für Geld um einer Sache willen kämpft, an der er
keinen Anteil hat. Der Earl of Helburne gab die Notwendigkeit der
Verwendung fremder Truppen nicht zu und wurde hierin von Lord Carnden
unterstützt, der das hohe Haus fragte, ob nicht der ganze Vertrag eine
Zusammensetzung von Schande, Niederträchtigkeit und Betrügerei wäre, wie
sie noch nie dem Parlament zugemutet worden wäre. »Ist einer unter Ihnen
my lords,« fragte er, »der nicht vollkommen einsieht, dass das Ganze ein
rein gewinnsüchtiger Handel ist, bei dem von der einen Seite Truppen
gedungen, von der andern menschliches Blut verkauft wird; und dass die
geduldigen Opfer, zum Abschlachten verkauft, die grössten Söldlinge in
des Wortes schlimmster Bedeutung sind?«
Die Tory-Lords scheinen sich weniger an der Debatte beteiligt zu haben,
wahrscheinlich, weil sie es für unnötig hielten zu sprechen, da sie in
der Majorität waren. Die Vorlage wurde mit 100 gegen 32 Stimmen
abgelehnt.
Es scheint mir, als ob die Lords nicht ganz gerecht in ihrem Urteil über
die deutschen Soldaten gewesen wären. Die meisten dieser armen Teufel
fochten nicht um Geld, sondern weil sie es nicht ändern konnten. Die
Leute, die wirklich »Söldlinge in des Wortes schlimmster Bedeutung«
waren, waren der Landgraf, der Herzog und die Fürsten; aber man konnte
von den edlen Lords kaum erwarten, dass sie dies aussprechen würden.
Was die Haltung der britischen Regierung beim Anwerben der Truppen
anbetrifft, so ist klar, dass ihr kein anderer Weg übrig blieb, wenn der
Krieg energisch durchgeführt werden sollte. Infolge des Misskredits, in
dem reguläre Soldaten bei den Engländern standen, war die britische
Armee zu Friedenszeiten nicht so stark wie die Zahl, die jetzt im
Ausland aufgebracht werden sollten. Werbungen waren mit Schwierigkeiten
verbunden, man erhielt durch sie nur rohe Rekruten. Die Konscription ist
ein Ding der Unmöglichkeit in England. Wenn man Leute haben wollte,
musste Lord North sie in Deutschland suchen.
Die Regierung und das Reich aber bezahlten einen enormen Preis für die
Hilfstruppen. Die Antwort auf den Vertrag mit dem Landgrafen war die
Unabhängigkeits-Erklärung. Die Verwendung von fremden Soldtruppen durch
die britische Regierung wirkte zum grossen Teil mit, die Amerikaner zu
dem Entschluss kommen zu lassen, ihre Lehnspflicht gegen die englische
Krone abzuschütteln und Bündnisse mit deren früheren Feinden zu suchen.
Die Gefahr, auf die in dem Protest der Lords hingewiesen worden war,
wurde zur Wirklichkeit, und Männer von englischem Blut behaupteten, dass
Frankreich ein ebensolches Recht wie Hessen hätte, sich in ihre inneren
Streitigkeiten zu mischen.
Kapitel IV.
Die Soldaten.
Die Soldaten, welche die deutschen Fürsten an England vermieteten zur
Unterdrückung der amerikanischen Revolution wurden auf verschiedene
Weise zusammengebracht. In Hessen-Cassel war das Land in Distrikte
eingeteilt gewesen, von welchen jeder eine bestimmte Anzahl Rekruten für
ein bestimmtes Regiment zu stellen hatte. Die Offiziere waren indessen
angehalten worden, soviel Fremde wie möglich der Armee zuzuführen, um
die eigenen Distrikte zu schonen, deren Einwohner immer bei der Hand
sein würden, wenn man ihrer im Notfall bedürfte. Es stand in den
Armee-Vorschriften, dass diejenigen Regiments-Kommandeure oder
Hauptleute sich am besten empfehlen würden, wenn sie versuchten, fremde
Rekruten einzureihen. Die zwangsweise Rekruten-Aushebung war verboten,
doch diese Bestimmung sollte wahrscheinlich nur auf die Eingeborenen
Anwendung finden. Jedenfalls scheint es nicht die Thätigkeit der
Werbeoffiziere vermindert zu haben, und in den kleineren Staaten hat
wahrscheinlich ein solches Gesetz überhaupt nicht existiert. In Anspach
durfte Niemand ohne Erlaubnis das Land verlassen oder heiraten. Es muss
dabei erwähnt werden, dass in diesem Fall mit Land nicht Deutschland,
sondern die Territorien des Markgrafen gemeint waren, und dass die
Fremden, die der Landgraf angeworben haben wollte, die Unterthanen der
benachbarten kleinen Fürsten waren. Werbeoffiziere waren über ganz
Deutschland hin thätig. Lüderliche Kerle, Trunkenbolde, Vagabunden und
Leute, die politische Umtriebe machten, wurden, wenn sie nicht über 60
Jahre alt, gesund und gut gewachsen waren, zwangsweise eingestellt. Mit
dem Geschenk eines grossen, robusten Mannes empfahl sich ein Fürst dem
andern in der angenehmsten Weise; in jedem Regiment waren viele
Deserteure von anderen Staaten. Zusammen mit dieser gemischten
Gesellschaft diente der ehrliche deutsche Bauernbursche. Es muss noch
erwähnt werden, dass die Regimenter, die nach Amerika geschickt wurden,
aus einem bessern Material bestanden, wie die Regimenter zu gewöhnlicher
Zeit. --
Johann Gottfried Seume, welcher später einige Bedeutung als
Schriftsteller erlangte, war ein Opfer des Werbesystems und hat eine
Beschreibung seiner Erlebnisse hinterlassen. Seume war Student der
Theologie in Leipzig, doch nachdem ihm religiöse Zweifel gekommen waren,
welche seine Freunde -- wie er wusste -- verletzen würden, machte er
sich zu Fuss auf den Weg nach Paris, mit einem Säbel an der Seite, mit
einigen Hemden und Bänden der Klassiker in der Reisetasche und ungefähr
9 Thalern. Seine Reise sollte indessen eine andere Richtung nehmen.
»Den dritten Abend übernachtete ich in Vach,« schreibt er, »und hier
übernahm trotz allen Protest der Landgraf von Kassel, der damalige
grosse Menschenmakler, durch seine Werber die Besorgung meiner ferneren
Nachtquartiere nach Ziegenhain-Kassel und weiter nach der neuen Welt.
Man brachte mich als Halbarrestanten nach der Festung Ziegenhain, wo der
Jammergefährten aus allen Gegenden schon viele lagen, um mit dem
nächsten Frühjahr nach Faucitts Besichtigung nach Amerika zu gehen. Ich
ergab mich in mein Schicksal und suchte das Beste daraus zu machen, so
schlecht es auch war. Wir lagen lange in Ziegenhain, ehe die gehörige
Anzahl der Rekruten vom Pfluge und dem Heerwege und aus den Werbestädten
zusammengebracht wurde. Die Geschichte dieser Periode ist bekannt genug:
niemand war damals vor den Handlangern des Seelenverkäufers sicher;
Überredung, List, Betrug, Gewalt, alles galt. Man fragte nicht nach den
Mitteln zu dem verdammlichen Zwecke. Fremde aller Art wurden angehalten,
eingesteckt, fortgeschickt. Mir zerriss man meine akademische
Inskription, als das einzige Instrument meiner Legitimierung. Am Ende
ärgerte ich mich weiter nicht; leben muss man überall: wo so viele
durchkommen, wirst du es auch: über den Ozean zu schwimmen war für einen
jungen Kerl einladend genug und zu sehen gab es jenseits auch etwas. So
dachte ich. Während unseres Aufenthalts in Ziegenhain brauchte mich der
alte General Gore zum Schreiben und behandelte mich mit vieler
Freundlichkeit. Hier war denn ein wahres Quodlibet von Menschenseelen
zusammengeschichtet, gute und schlechte, und andere, die abwechselnd
beides waren. Meine Kameraden waren noch ein verlaufener Musensohn aus
Jena, ein bankerotter Kaufmann aus Wien, ein Posamentierer aus Hannover,
ein abgesetzter Postschreiber aus Gotha, ein Mönch aus Würzburg, ein
Oberamtmann aus Meiningen, ein preussischer Husarenwachtmeister, ein
kassierter hessischer Major von der Festung und andere von ähnlichem
Stempel. Man kann denken, dass es an Unterhaltung nicht fehlen konnte;
und eine blosse Skizze von dem Leben der Herren müsste eine
unterhaltende, lehrreiche Lektüre sein. Da es den meisten gegangen war
wie mir, oder noch schlimmer, entspann sich bald ein grosses Komplott zu
unser aller Befreiung.«
Es wurde Seume angeboten, Rädelsführer der Verschwörer zu sein, doch auf
den Rat eines alten Feldwebels hin schlug er dies ehrenvolle Amt aus.
»Man wollte um Mitternacht auf ein Zeichen ausziehen, der Wache stürmend
die Gewehre wegnehmen, was sich widersetzte niederstechen, das Zeughaus
erbrechen, die Kanonen vernageln, das Gouvernementshaus verriegeln und
1500 Mann stark zum Thore hinaus marschieren. In drei Stunden wären wir
über der Grenze gewesen.« Jedoch das Komplott wurde verraten, die
Rädelsführer wurden verhaftet, unter ihnen Seume. Er wurde aber bald
wieder freigelassen, da niemand etwas gegen ihn aussagen konnte und
besonders weil es zu viele geworden wären, die hätten bestraft werden
müssen. »Der Prozess begann,« sagt er, »zwei wurden zum Galgen
verurteilt, worunter ich unfehlbar gewesen sein würde, hätte mich nicht
der alte preussische Feldwebel gerettet. Die Übrigen mussten in grosser
Anzahl Gassen laufen, von sechsunddreissig Malen herab bis zu zwölfen.
Es war eine grässliche Schlächterei. Die Galgenkandidaten erhielten zwar
nach der Todesangst unter dem Galgen Gnade, mussten aber
sechsunddreissig Mal Gassen laufen und kamen auf Gnade des Fürsten nach
Cassel in die Eisen. Auf unbestimmte Zeit und auf Gnade in die Eisen
waren damals gleichbedeutende Ausdrücke und hiessen so viel als »ewig
ohne Erlösung.« Wenigstens war die Gnade des Fürsten ein Fall, von dem
niemand etwas wissen wollte. Mehr als dreissig wurden auf diese Weise
grausam gezüchtigt, und Viele, unter denen auch ich war, kamen bloss
deswegen durch, weil eine zu grosse Menge von Mitwissern hätte bestraft
werden müssen. Einige kamen beim Abmarsch wieder los, aus Gründen, die
sich leicht erraten lassen: denn ein Kerl, der in Cassel in den Eisen
geht, wird von den Engländern nicht bezahlt.«
Bei Truppen, wie diese es waren, waren Desertionen natürlicherweise
etwas gewöhnliches. Der Militärdienst war gefürchtet, und in kleineren
Staaten hätte eine gelungene Flucht den Deserteur nach wenigen Meilen
über die Grenze gebracht. Das Volk sympathisierte mit ihm und würde ihm
geholfen haben, wenn hierauf nicht schwere Bestrafung gestanden hätte.
Dies war indess nicht nötig. Wenn in Württemberg Allarm geschlagen
wurde, musste sofort die ganze Gemeinde ausrücken und 24 Stunden lang
die Strassen, Fusspfade und Brücken besetzen, bis der Flüchtling
gefangen war. Wenn er entschlüpfte, so musste der Ort einen Ersatzmann
stellen, der ebenso gross war wie der Deserteur, und die Söhne der
ersten Männer des Ortes wurden in erster Linie genommen. Dieser Befehl
musste jeden Monat einmal von der Kanzel verlesen werden. Wer einem
Deserteur behülflich war, verlor die Bürgerrechte, wurde zu Zwangsarbeit
verurteilt und im Gefängnis gepeitscht. Die Gesetze in Hessen-Cassel
scheinen etwas weniger grausam gewesen zu sein. Bauern, die einen
Deserteur festnahmen, bekamen einen Dukaten; aber wenn ein Deserteur ein
Dorf passierte, ohne festgenommen zu werden, so musste das Dorf für ihn
bezahlen. Jeder Soldat, der sich über eine Meile von seiner Garnison
entfernte, musste mit einem Pass versehen sein, und alle Personen,
welche ihm auf eine grössere Entfernung von zu Hause begegneten, sollten
ihn danach fragen. Ein charakteristischer Fall ereignete sich 1738. Ein
preussischer Werbeoffizier und die Frau eines preussischen Soldaten
verleiteten einen Anspacher Soldaten zu desertieren um sich in die
preussische Armee einreihen zu lassen. Sie wurden durch die Anspacher
Behörde aufgefangen. Die Frau wurde gehängt; der Offizier musste bei der
Exekution zugegen sein und wurde dann in die Festung eingesperrt. Der
Deserteur scheint mit dem Leben davongekommen zu sein, da er ein
wertvolles Verkaufsobject war.
Wenn der Rekrut in die Liste eingeschrieben war, musste der Offizier
oder Unteroffizier ihn in die Garnison bringen. Dies gab natürlich
Gelegenheit zum Entfliehen; Kapp führt aus einem Buch, das 1805 in
Berlin gedruckt ist, die Vorsichtsmassregeln an, welche gegen diese
Gefahr anzuwenden waren. Der Unteroffizier, der den Rekruten begleitet,
muss Säbel und Pistolen tragen. Er muss den Rekruten vor sich her
marschieren, ihn aber niemals zu nahe an sich herankommen lassen und ihm
ankündigen, dass jeder verdächtige Schritt ihm das Leben kosten kann.
Grosse Städte muss er vermeiden, ebenso Orte, wo der Rekrut vorher
gedient hat. Es ist auch wünschenswert, den Ort zu vermeiden, wo der
Rekrut geboren ist. Sie müssen die Nacht in einem Wirtshaus zubringen,
dessen Besitzer Werbeoffizieren gut gesinnt ist. Der Rekrut und Offizier
müssen sich beide auskleiden, und ihre Kleider sind vom Wirt aufzuheben.
Wirtshäuser, wo Rekruten einquartiert werden, müssen besondere Räume
dafür haben, möglichst eine Treppe hoch und mit vergitterten Fenstern.
Die ganze Nacht muss ein Licht brennen, und der Unteroffizier muss seine
Waffen dem Wirt abgeben, damit sie der Rekrut nicht wegnehmen und gegen
ihn gebrauchen kann in der Nacht. Des Morgens bekommt er sie zurück,
sieht nach der Ladung und dem Pulver auf der Pfanne, zieht sich an und
ist reisefertig, bevor der Rekrut seine Kleider bekommt. Der Rekrut
betritt ein Haus oder eine Stube zuerst; er verlässt es zuletzt. Bei den
Mahlzeiten sitzt er mit dem Rücken an der Wand. Erscheint er
verdächtig, fliehen zu wollen, so müssen ihm die Hosenträger und -knöpfe
abgeschnitten werden, so dass er die Hosen mit der Hand halten muss.
Ein guter Hund, der für dies Geschäft dressiert ist, wird für den
Unteroffizier sehr zweckmässig sein. Wenn ein Unteroffizier
unglücklicherweise gezwungen ist, einen Rekruten zu töten oder zu
verwunden, so muss er eine Bescheinigung von der Ortsbehörde beibringen.
Aber kein Dokument kann die Flucht eines Rekruten entschuldigen, ein
Vorfall, der in Preussen als ganz unmöglich gar nicht der Erwähnung wert
gehalten wird.
Die Leute, die zusammengebracht waren für den Dienst in Amerika, waren
vom militärischen Standpunkt aus von sehr verschiedenem Wert. Sie wurden
alle von einer englischen Kommission in den Seehäfen in Empfang genommen
und vor der Einschiffung gemustert, gewöhnlich durch Oberst Faucitt,
welcher die Verträge abgeschlossen hatte; während einige der Regimenter
als vorzüglich befunden wurden, zeigte es sich, dass andere zum Teil aus
alten Leuten und aus Knaben bestanden, die den Strapazen nicht gewachsen
waren. Einige von den Soldaten wurden infolge dessen verworfen,
besonders in den letzten Jahren des Krieges, als es in vielen Städten
schwieriger wurde, gute Leute zu bekommen.
Es ist nach dem Quellenmaterial schwer zu beurteilen, welche Chancen ein
gemeiner Soldat hatte zu avancieren. Seume schreibt, dass er Aussicht
auf Avancement hatte, die aber durch die Beendigung des Krieges zerstört
wurde, da in Friedenszeiten einer, der nicht adelig war, es nicht weiter
als bis zum Feldwebel bringen konnte. Kapp behauptet, die Offiziere
gehörten meistens dem niederen Adel an. Die Rangliste der hessischen
Offiziere von 1779 weist dies nicht aus. Es zeigt sich, dass zu dieser
Zeit mehr als die Hälfte der Offiziere nicht adelig war.
Wir kommen zum Schluss zur Charakterisierung der Offiziere. Ihre Bildung
beschränkte sich im Allgemeinen auf ein gewisses Mass von Fertigkeit im
Schreiben und auf ein wenig barbarisches Französisch. Sie verstanden
weder die Ursache, aus welcher die Amerikaner kämpften, noch vor allen
Dingen die Sprache, in welcher die verschiedenen Staatsmänner ihre
Ansprüche geltend machten. Doch, wenn sie viel mehr verstanden hätten,
als es der Fall war, sie wären auf der Seite königlicher Vorrechte den
Rechten des Volkes gegenüber gewesen. Ich weiss mich keines Falles zu
erinnern, in dem nur ein an diesem Krieg beteiligter Offizier einen
Ausdruck gebraucht hätte, der eine Übereinstimmung mit der geistigen
freiheitlichen Bewegung des 18. Jahrhunderts gezeigt hätte. Einmal
finden wir sie von dem Despotismus des Kongresses sprechend. Diese
absurde Idee war ihnen wahrscheinlich durch die Engländer eingeflösst
worden und war von der anti-amerikanischen Presse in Deutschland
aufgenommen worden. Es lässt sich schwerlich bezweifeln, dass viele der
Offiziere sowohl als Soldaten mit Vergnügen ihrer Thätigkeit in Amerika
entgegensahen, schon um die Eintönigkeit des Garnisondienstes zu
unterbrechen.
Es bleibt noch zu erwähnen, dass viele der Soldaten, meist solche, die
in Gefangenschaft geraten waren, Bürger der Republik wurden, welche sie
helfen sollten zu unterdrücken.
Kapitel V.
Von Deutschland nach Amerika.
Die ersten deutschen Truppen, welche nach Amerika gingen, waren die
Braunschweiger. Diese marschierten am 22. Februar 1776, 2282 Mann stark,
von Braunschweig ab und wurden in Stade, in der Nähe der Elbmündung,
eingeschifft. Die zweite Braunschweiger Division, ungefähr 2000 Mann,
schiffte sich Ende Mai ein. Die erste hessische Division brach Anfang
März von Cassel auf und wurde in Bremerlehe, in der Nähe der
Wesermündung, eingeschifft, die zweite Division folgte im Juni; sie
zählten zusammen zwischen 12 und 13000 Mann. Sie waren zum grössten Teil
ausgezeichnete und wohlausgerüstete Truppen, denn die kleine Armee des
Landgrafen galt als eine der besten in Deutschland.
Der Marsch von Braunschweig und Cassel zu den Häfen war eine
verhältnismässig einfache Sache. Die Truppen kamen aus den Gebieten der
eigenen Fürsten in die hannöverschen Landesteile des Königs von England
und diese reichten bis an die See. Der Fürst von Waldeck schickte sein
Regiment durch Cassel ohne Störung. Der Graf von Hessen-Hanau, der
Markgraf von Anspach-Bayreuth und der Fürst von Anhalt-Zerbst hatten
einen längeren Weg zu machen und grössere Schwierigkeiten zu überwinden.
Die Truppen der letzteren sollten auf Booten den Rhein hinuntergeschickt
werden. Abgesehen von mehreren kleinen deutschen, am Rhein gelegenen
Staaten, welche ihnen den Durchgang verwehren konnten, war Preussen,
dessen Territorien sie passieren mussten, im Stande, ihnen grosse
Schwierigkeiten zu bereiten. Friedrich der Grosse versagte selbst seinem
Neffen, dem Markgrafen von Anspach, seine Einwilligung, sein Land zu
passieren. In einem Brief an ihn drückte er ihm sein Befremden aus, dass
deutsche Fürsten das Blut ihrer Landeskinder für fremde Interessen
opferten. Nebenbei war es ein kleiner Akt der Rache an England wegen
dessen schlechten Verhaltens inbetreff des Hafens von Danzig.
Seume hat von seinen Erlebnissen auf der Seereise folgende Beschreibung
hinterlassen:
»In den englischen Transportschiffen wurden wir gedrückt, geschichtet
und gepöckelt wie die Heringe. Um Platz zu sparen hatte man keine
Hängematten sondern Verschläge in der Tabulatur des Verdecks, das schon
niedrig genug war, und nun lagen noch zwei Schichten übereinander. Im
Verdecke konnte ein ausgewachsener Mann nicht gerade stehen und im
Bettverschlage nicht gerade sitzen. Die Bettkasten waren für je sechs
Mann. Wenn vier darin lagen, waren sie voll und die beiden letzten
mussten hineingezwängt werden. Das war bei warmem Wetter nicht kalt: es
war für den Einzelnen gänzlich unmöglich sich umzuwenden und ebenso
unmöglich auf dem Rücken zu liegen. Die geradeste Richtung mit der
schärfsten Kante war nötig. Wenn wir so auf einer Seite gehörig
geschwitzt und gebraten hatten, rief der rechte Flügelmann: Umgewendet!
und es wurde umgeschichtet: hatten wir nun auf der andern Seite quantum
satis ausgehalten, rief das nämliche der linke Flügelmann. Die
Verpflegung hielt gleichen Schritt mit der Unterbringung. Heute Speck
und Erbsen und morgen Erbsen und Speck; zuweilen Grütze und Graupen und
zum Schmause Pudding, den wir aus muffigem Mehl halb mit Seewasser, halb
mit süssem Wasser und altem Schöpsenfett machen mussten. Der Speck
mochte wohl vier oder fünf Jahre alt sein, war von beiden Seiten am
Rande schwarzstriefig, weiter hinein gelb und hatte nur in der Mitte
noch einen kleinen weissen Gang. Ebenso war es mit dem gesalzenen
Rindfleisch. In dem Schiffsbrot waren oft viele Würmer, die wir als
Schmalz mitessen mussten, wenn wir nicht die schon kleine Portion noch
mehr reduzieren wollten: dabei war es so hart, dass wir nicht selten
Kanonenkugeln brauchten es nur aus dem gröbsten zu zerbrechen; und doch
erlaubte uns der Hunger selten, es einzuweichen; auch fehlte es oft an
Wasser. Man sagte uns, und nicht ganz unwahrscheinlich, der Zwieback sei
französisch; die Engländer hätten ihn noch im siebenjährigen Kriege den
Franzosen abgenommen, seit der Zeit habe er in Portsmouth im Magazin
gelegen, und nun füttere man die Deutschen damit, um wieder in Amerika
die Franzosen unter Rochambeau und Lafayette, so Gott wolle, tot zu
schlagen. Gott muss aber doch nicht recht gewollt haben. Das
schwergeschwefelte Wasser lag in tiefer Verderbnis. Wenn ein Fass
heraufgeschroten und aufgeschlagen wurde, roch es auf dem Verdeck nach
einer Mischung von allen möglichen übeln Gerüchen. Es war angefüllt mit
fingerlangen Würmern, und es musste durch Tücher gefüllt werden, bevor
man es trinken konnte: und dann musste man immer noch die Nase zuhalten.
Rum und manchmal ein wenig starkes Bier verbesserten das Getränk.«
Auf diese Weise zusammengepfercht, in dicker Luft, mit schlechter
Nahrung und faulem Wasser, viele von ihnen ungenügend bekleidet, wurden
diese Jünglinge, alten Leute, Studenten, Kaufleute und Bauern Monate
lang auf dem Atlantischen Ozean herumgeworfen. Viele von den Leiden der
Reise waren zweifellos unvermeidlich, und viele von den Rekruten waren
schon an ein hartes Leben gewöhnt. Aber Vieles, was sie zu erdulden
hatten, war das Resultat von einem absichtlichen Mangel an Fürsorge und
grosser Habsucht. Was soll man sagen über das britische
Quartiermeister-Departement, das diese Leute auf die See schickte ohne
richtiges Essen und Trinken? Was vom Herzog von Braunschweig, welcher
seine Unterthanen nach Canada ohne haltbare Schuhe und Strümpfe schickte
und ohne Mäntel? Oft haben Menschen ein hartes Leben freudig ertragen,
weil sie den Grund verstanden. Aber diese armen Kerle litten für einen
Streit, der nicht ihr eigener war, nur um für die Mittel zu sorgen zur
Bezahlung der Schulden oder der Vergnügungen ihrer Herren.
Kapitel VI.
Die Schlacht von Long-Island, August 1776.
Die erste hessische Division, einige 8000 Mann stark, segelte an Sandy
Hook am 15. August 1776 vorüber und landete auf Staten Island, empfangen
von Artillerie- und Musketen-Salven. Die Division war unter dem Befehl
von Generallieutenant Philipp von Heister, einem alten Soldaten des
siebenjährigen Kriegs. Es wird erzählt, dass, als Landgraf Friedrich II.
ihn zur Führung des hessischen Expeditionkorps berief, er ihn mit den
Worten anredete: »Heister, Ihr müsst nach Amerika gehen.« -- »Sehr gern,
Hochfürstliche Durchlaucht, aber ich nehme mir die Freiheit einige
Bitten auszusprechen.« -- »Und die wären?« -- »Erstens, müssten meine
Schulden bezahlt werden, dann müsste für meine Frau und Kinder gesorgt
werden, bis ich wiederkomme, und wenn ich fallen sollte, müsste meine
Frau eine Pension bekommen.« Als der Landgraf dies lächelnd genehmigte,
rief Heister aus: »Nun sollen Ew. Hochfürstliche Durchlaucht sehen, was
dieser alte Kopf und diese alten Knochen noch leisten können.«
Die Armee, welche sich auf Staten Island unter dem Oberbefehl Sir
William Howes sammelte, zählte nach Ankunft der Hessen zwischen 25 und
30,000 Mann. Sie wurde unterstützt durch eine Flotte unter Sir Williams
Bruder, Lord Howe. Die gegnerische Armee unter Washington war etwa aus
13,000-14,000 Mann zusammengesetzt, von denen nicht mehr wie 6000 Mann
einige militärische Ausbildung genossen hatten und deren Offiziere im
bürgerlichen Leben gross geworden waren.
Die Hessen waren sehr erstaunt über den Reichtum und die Fruchtbarkeit,
welche sie auf Staten Island vorfanden. Die Kolonisten lebten in
bequemen Wohnhäusern, von Gemüse- und Obstgärten umgeben. Ihre
hellroten, von zwei kleinen Pferden gezogenen Wagen erregten die
Bewunderung der Deutschen. Ein Kolonist auf Staten Island lebte so
angenehm wie ein deutscher Landedelmann, und es erschien den Hessen
aussergewöhnlich, dass dies Volk sich gegen eine Regierung auflehnte,
unter welcher es sich so vieler Segnungen erfreute. Viele Amerikaner
waren bei der Annäherung der Hessen aus ihren Besitztümern geflohen und
die, welche blieben, machten zuerst Miene, sich widerspenstig zu zeigen;
aber als sie sahen, dass auf strenge Disziplin gehalten und regelrechte
Requisitionen unternommen wurden, kehrten die Flüchtlinge zurück und es
kam bald untereinander zu erträglichen, wenn nicht herzlichen
Beziehungen. Die britische Regierung hoffte noch die Kolonisten zu
versöhnen mit dem Mutterland, und strenge Befehle waren zur Vermeidung
von Exzessen gegeben worden.
Sir William Howe begann mit der Vereinigung seiner Truppen die
Vorbereitungen zum Angriff auf die Amerikaner. Die britische Avantgarde
unter Sir Henry Clinton, vereinigt mit den hessischen Jägern und
Grenadieren, die vom Oberst von Donop befehligt wurden, überschritten
die Narrows of Long Island am 22. August 1776. Ein Tagebuch, welches im
folgenden Jahr in einem »Magazin« in Frankfurt veröffentlicht wurde,
giebt einen genauen Bericht über diese Operation und von denen, die noch
folgten:
»22. August. Wir lichteten die Anker und segelten direkt gegen Long
Island. Die Kriegsschiffe kamen bis auf Schussweite an das Ufer heran
und richteten ihre Kanonen auf das Gestade. Um 8 Uhr morgens wimmelte es
an der ganzen Küste von Booten. Um 1/2 9 Uhr hisste der Admiral die rote
Flagge auf, und in einem Moment erreichten sämtliche Boote die Küste.
Die Engländer und Schotten mit der Artillerie wurden zuerst
ausgeschifft, und dann die Brigade Donop (die einzigen Hessen hier).
Nicht eine Seele machte Widerstand gegen unser Landen. Dies war der
zweite Fehler der Rebellen seitdem ich in Amerika bin. Der erste Fehler,
den sie machten, war auf Staten Island, denn sie hätten dort einen
grossen Teil der Unsrigen mit 2 6 Pfündern vernichten können, und jetzt
hätten sie uns auch in eine schlimme Lage bringen können. Wir
marschierten ebenfalls ungehindert durch Gravesend und kamen gegen Abend
in Flatbush an. 300 Riflemen waren kurze Zeit vor uns dort gewesen. Wir
schickten ihnen einige Kanonenschüsse nach, stellten unsere Pickets und
schliefen ruhig die ganze Nacht. Ich machte eine Beute von 2 Pferden,
von denen ich eines dem Oberst schickte, das andere meinem Diener als
Packpferd gab.
»23. August. -- Heute Morgen früh wurde der rechte Flügel unserer
Avantgarde angegriffen. Wir brachten 2 Geschütze in Stellung und warfen
sie zurück. Es regnete Kugeln. Hauptmann Congreve und ein Konstabler
wurden an meiner Seite verwundet, ein Engländer bekam einen Schuss durch
und durch. Am Nachmittag griffen sie auf der linken Seite des Dorfes an
und zündeten mehrere Häuser an, worauf wir uns in das Dorf zurückzogen.
Lieutenant von Donop wurde an der Brust verwundet; die Kugel streifte
eine Rippe. Ich avancierte auf dem rechten Flügel und besetzte einen
grossen Garten mit 150 Mann Jägern und leichter Infanterie. Als der
Feind von hier gewichen war, unterstützte ich Lieutenant von Donop. Die
Rebellen besetzten die Strasse mit 2 Kanonen und unsere schottischen
Hochländer bauten eine Batterie über den Weg mit Schiessscharten für 2
Kanonen. Ich hatte diese Arbeit zu decken und hatte den äussersten
Posten, wurde indessen wenig belästigt.
»24. August. -- Ein heisser Tag. Die Rebellen näherten sich zweimal und
schossen mit Haubitzen, so dass unsere gesamte Artillerie in Stellung
gebracht werden musste. Um Mittag schlief ich ein wenig, wurde aber
durch zwei Kanonenkugeln geweckt, die mich mit Erde bedeckten. Die
Rebellen haben einige sehr gute Schützen, doch manche darunter haben
sehr schlechte Gewehre. Aber sie sind listig wie die Jäger. Sie
erklimmen Bäume, kriechen auf dem Bauch wohl 150 Schritte vorwärts,
schiessen und gehen ebenso schnell wieder zurück. Sie machen sich
Deckungen von Ästen etc. Aber heute hatten sie grosse Verluste durch
unsere »Grünjacken«, denn wir lassen unsere Leute nicht eher schiessen,
als bis sie einen Mann gut auf's Korn nehmen können, so dass sie nicht
mehr wagen, irgend etwas gegen uns zu unternehmen.
»25. August. -- Wir verbarrikadierten uns in dem Dorf; des nachts
sollten sich unsere Jäger gehörig ausruhen. Gegen 2 Uhr weckten uns die
Rebellen aus unserem Schlummer; wir beruhigten sie schnell mit zwei
Kanonen und einigen Flintenschüssen. Heute wurden wir wieder
angegriffen, aber nachdem mehrere von ihnen ins Gras gebissen hatten,
zogen sie sich zurück. Long Island ist eine wunderschöne Insel, ein
Arkadien. Die entzückendste Gegend, voll von Wiesen, Kornfeldern, allen
Arten von Obstbäumen und gut gebauten Häusern. Es war noch eine grosse
Menge Vieh da, obwohl die Rebellen eine Menge mitgenommen hatten. Die
meisten der Einwohner waren aus ihren Behausungen geflohen. Die Rebellen
avancierten mit Macht. General Cornwallis wollte Oberst Donop
zurückziehen, aber er blieb wo er war und verschanzte sich.
»26. August. -- An diesem Tag wurden wir sehr beunruhigt und während der
Nacht fortwährend geweckt durch die Allarmierung der Vorposten. Dies war
nicht durch Angriffe der Rebellen verursacht, sondern meistens durch
Deserteure, die zu uns übergehen wollten; und wenn die Engländer und die
hessischen Grenadiere sie herankommen hörten, gaben sie sofort
Pelotonfeuer, falls sie nicht sofort eine Antwort bekamen. Heute traf
General von Heister mit 6 Bataillonen bei uns ein.«
»27. August. -- Unserm Oberst war versprochen worden, den ersten Angriff
zu machen, doch er hörte, dass die Engländer heute angreifen würden, und
er hatte weder gestern Abend noch heute Morgen einen Befehl bekommen.
Gegen 10 Uhr standen wir unter den Waffen (der Oberst hatte mit General
von Heister gesprochen) und gegen 11 waren wir alle in Schlachtordnung.
Auf unserer rechten und linken Seite gingen die Engländer vor und
vernichteten die, die wir zurückwarfen. Auf dem linken Flügel, wo ich
die Avantgarde (50 Jäger und 20 Grenadiere) kommandierte, stand Oberst
Block mit seinem Bataillon. Hinter mir hatte ich Kapitän Mallet mit
einer Kompagnie als Reserve. Im Zentrum griff Hauptmann von Wrede an und
hatte das Bataillon von Minnigerode hinter sich. Auf dem rechten Flügel
stürmte Kapitän Lory vor, unterstützt durch die 3 übrig gebliebenen
Kompagnien des Bataillons Linsingen.«
Der Verfasser, der diese Formation der Truppen beschreibt, berichtet nur
von der Brigade, in welcher er diente. Die Hessen, welche das Zentrum
der britischen Streitkräfte bildeten, waren an der Strasse von Flatbush
aufgestellt. Der rechte Flügel unter Clinton und Lord Percy, mit Sir
William Howe, war früh am Morgen aufgebrochen und es gelang ihm, den
linken Flügel der amerikanischen Stellung bei Bedford zu umfassen und
ihnen in den Rücken zu kommen. Nachdem Heister zur Rechten Kanonendonner
gehört hatte, befahl er den Angriff der Hessen. Die Schlacht war im
Wesentlichen gewonnen und verloren, bevor der erste Schuss gefallen war,
indem die Amerikaner überflügelt wurden. Die Letzteren sahen sich in
Gefahr, von ihren befestigten Werken abgeschnitten zu werden und flohen.
Einige ertranken im Gowanus Creek auf der Flucht. Zwei ganze Regimenter
wären wahrscheinlich gefangen genommen, wenn sich nicht General
Stirling mit fünf Kompagnien Marylanders, mit denen er den Rückzug
deckte, geopfert hätte. Von diesen fünf Kompagnien entrannen nur acht
Mann dem Tod oder der Gefangenschaft.
Kehren wir zu dem Tagebuch unseres hessischen Offiziers zurück.
»Meine Jäger waren so hitzig, dass ich, kaum im Wald angelangt, mich mit
meiner Truppe allein befand. Ich kam in die Mitte des Lagers der
Rebellen, wo sie noch waren; sah zu meiner Linken ihr grosses Lager, zur
Rechten ein befestigtes Werk; vor mir formierten sich 50-60 Mann zu
einer Kolonne. Aber wir liessen ihnen keine Zeit und schlugen sie
vollständig zurück. Viele wurden getroffen und noch mehr gefangen
genommen. Ich verlor nicht einen einzigen Mann, so sehr fürchteten sich
die Rebellen vor unsern Jägern. Auf dem linken Flügel ging es ebenso
gut. Wir verloren einige Leute; abgesehen von einem Jäger, der im Dorf
gefallen war, hatten wir keinen Toten. Am ersten Tag machten wir mehr
als 500 Gefangene, unter denen General Stirling und ein anderer General
waren; Oberst Johnson war gefallen. General Stirling ist einer der
bedeutendsten unter den Rebellen, der, das Schwert in der Hand, die
Leute zwang, gegen ihren König zu kämpfen. So lange wir keine Pferde
hatten, wurden die Gefangenen an die Geschütze gespannt, später wurden
sie an Bord der Kriegsschiffe gebracht. In zwei Tagen hatten wir 1100
Mann gefangen genommen. Die Rebellen sahen sehr zerlumpt aus und hatten
keine Hemden an. Unsere Hessen marschierten wie Hessen; sie marschierten
tadellos, und die Engländer wie die tapfersten und besten Soldaten, sie
verloren daher mehr wie wir. Dies war ein glücklicher Tag für uns. Die
Rebellen hatten eine sehr günstige Stellung im Wald und wir eine sehr
schlechte am Dorfe Flatbush. Anfangs machten sie einen guten Gebrauch
von ihrer Stellung, sie brannten ein Haus ab und legten Feuer an eine
Scheune bei unseren Vorposten. Aber als wir sie angriffen in ihren
Schlupfwinkeln, liefen sie, wie es der Pöbel immer macht.«[2]
[2] Nach »Die Neuesten Staatsbegebenheiten« 1777, Frankfurt a/M. Seite
110-116. Der Brief, von welchem das oben Angegebene der grösste
Teil ist, scheint von einem Jägeroffizier geschrieben zu sein,
wahrscheinlich entweder von Major von Prüschenk oder Lieutenant
von Grothausen.
Der Herausgeber des Frankfurter Magazins, welcher das Obige
veröffentlicht, bemerkt, dass viele Briefe von hessischen Offizieren in
den Zeitungen erschienen sind; dass diese Offiziere sich selbst einen
grossen Teil des Verdienstes am Siege zuschreiben, und dass,
hinsichtlich des wohlbekannten Wertes der hessischen Soldaten sie diesen
zweifellos haben, aber dass einige von ihnen zu wenig die
Widerstandsfähigkeit und die militärische Ausbildung der Amerikaner in
Betracht ziehen, »so dass der Ruhm, einen Sieg über einen ein Drittel so
starken Feind erfochten zu haben, kein so grosser ist.« Diese Bemerkung
ist jedenfalls am Platz, und die Überlegenheit scheint nicht zu hoch
angegeben zu sein. Washingtons Armee hatte vor der Schlacht die Linie
von Kingsbridge bis Flatbush besetzt. Auf Long Island sind
wahrscheinlich nicht mehr wie 8000 Amerikaner gewesen, während die,
welche in vorderster Linie engagiert waren, nur 4 oder 5000 zählten,
gegen 20,000 Engländer und Deutsche.
Sir William Howe giebt in seinem offiziellen Rapport den Verlust der
Amerikaner an Toten, Verwundeten Gefangenen und Ertrunkenen auf 3300
Mann an. Bankroft glaubt aber, dass dies eine grosse Übertreibung ist,
denn, wenn man dem Rapport von Washington Vertrauen schenkt und eine
genaue Untersuchung anstellt, so erreicht der Gesamtverlust der
Amerikaner nicht ganz die Zahl von 1000, von denen 3/4 gefangen genommen
wurden. Der englische Verlust war, nach Howe, 17 Offiziere und 301
Unteroffiziere und Gemeine. Die Hessen hatten 2 Tote sowie 2 Offiziere
und 23 Mann Verwundete.
»Der Feind,« schreibt Oberst von Heeringen, der Kommandeur
eines hessischen Regimentes, »hatte vor seiner Front beinahe
undurchdringliches Dickicht, befestigte Linien und Redouten. Die
Schützen wurden meistens mit den Bajonetten an den Bäumen
aufgespiesst. Dies furchtsame Volk flösst eher Mitleid wie Furcht ein.
Sie gebrauchen 1/4 Stunde zum Laden, während dessen lassen wir sie
unsere Kugeln und Bajonette fühlen.«
Unter den Gefangenen, die die Hessen machten, waren zwei Generale --
Sullivan und Stirling. Nichts legt ein so charakteristisches Zeugnis ab
von dem Hass und der Verachtung seitens der hessischen Offiziere
gegenüber den undisziplinierten rebellischen Truppen ihrer Gegner, als
der Bericht von Heeringens über diese Generale und die anderen Offiziere
der amerikanischen Armee. »John Sullivan war ein Rechtsgelehrter und
vorher Diener, aber ein Mann von Geist, dessen Verlust die Rebellen sehr
beklagen werden. Unter den Gefangenen sind viele sogenannte Obersten,
Oberstlieutenants, Majors und andere Offiziere, die indess nichts
anderes als Mechaniker, Schneider, Schuster, Perückenmacher, Schneider
etc. sind. Einige von ihnen wurden gründlich gehauen von unseren Leuten,
die solche Menschen keineswegs für Offiziere gelten lassen wollten.
Sullivan wurde zu mir gebracht, ich untersuchte ihn und fand die
Originalbefehle Washingtons bei ihm vor, aus denen hervorgeht, dass er
die besten Truppen unter seinem Befehl hatte, dass Alles davon abhinge,
den Wald zu halten, und dass er 8000 Mann stark war. Die Engländer haben
150 Tote und Verwundete »(318 sagt Sir William Howe)«. Dies verdanken
sie mehr ihrem ungeordnetem Angriff, als dem Wert des Feindes. Es sah
schrecklich in dem Wald aus, da wenigstens 2000 Tote und Verwundete
dalagen. Kolonel John von den Rebellen ist tot. Ein Grenadier nahm
ihn gefangen und schenkte ihm grossmütig das Leben, sagte ihm aber, er
sollte sich hinter das Bataillon begeben, welches folgte, da der
Grenadier Schütze war. Jedoch der Oberst wollte ihn ermorden, von hinten
schlauerweise; heimlich zog er eine Pistole heraus, streifte ihn aber
nur am Arm, worauf der Letztere ihn mit 3 oder 4 Bajonettstichen
niedermachte.«
[Illustration: SCHLACHT VON LONG ISLAND August 1776.]
»Unter den gefangen genommenen Offizieren fand ich nicht einen einzigen,
der in fremden Diensten gewesen wäre. Sie sind nichts als Rebellen und
hiesige Bürger. Schneider Graul würde eine bedeutende Rolle hier
spielen.« Oberst von Heeringen findet es weit ehrenwerter, für anderer
Völker Streitigkeiten zu kämpfen, als für die eigenen. Einem Mann, der
einst Söldner war, konnte schon eher vergeben werden, wenn er zu den
Rebellen gehörte. »Mylord Stirling ist ein échappé de famille und gilt
nicht als Lord in England.« Er sieht dem Lord Granby ähnlich wie ein Ei
dem andern. General Putnam ist Metzger von Profession. Er kommt mir wie
Metzger Fischer in Rinteln vor. Die Rebellen desertieren in grosser
Zahl; es ist gar nichts, Obersten, Oberstlieutenants und Majors mit
ganzen Trupps von Leuten zu uns übergehen zu sehen. Die genommene Fahne,
die von rotem Damast gemacht ist mit dem Motto »Liberty«, erschien mit
60 Mann vor Ralls Regiment. Sie hatten alle ihre Gewehre umgekehrt und
die Hüte unter dem Arm, fielen auf die Knie und baten flehentlich um ihr
Leben. Kein Regiment ist richtig uniformiert oder bewaffnet. Jeder Mann
hat eine schlechte Flinte, solche, mit denen die hessischen Bürger am
Himmelfahrtstag ausrücken. Stirlings Regiment jedoch hatte blau und rote
Uniform, war drei Bataillone stark und bestand meistens aus Deutschen,
die sich aus Pennsylvaniern rekrutierten. Es waren grosse, schöne Leute,
die vorzügliche englische Gewehre mit Bajonett hatten. Diesem Regiment
standen die Engländer gegenüber und da diese sie für Hessen hielten, so
feuerten sie nicht. Doch dieser Irrtum kostete sie Oberst Grant, mehrere
andere Offiziere und 80 Mann. Sie bekamen eine Salve. Die Engländer
sammelten sich, griffen mit dem Bajonett an, schlugen alles zu Boden,
und was nicht massakriert war, wurde gefangen genommen. In kurzer Zeit
war das ganze Regiment vernichtet. Die Artillerie der Rebellen ist sehr
schlecht, die Kanonen meist von Eisen und auf Schiffskarren gesetzt.
Es ist behauptet worden, dass in dieser Schlacht die Engländer und
Hessen keinen Pardon gaben, wenn er verlangt wurde. Oberst von Heeringen
sagt: »Die Engländer gaben selten Pardon und forderten beständig die
Unsrigen auf, dasselbe zu thun.« Man sagt auch von den Amerikanern, dass
sie geglaubt haben, die Hessen gäben keinen Pardon und dass sie infolge
dessen mit einer eigentümlichen Verzweiflung gefochten haben sollen,
nachdem sie alle Hoffnungen aufgegeben hatten. Die Thatsache, dass sie
beiderseitig sich nicht verstanden, mag dahin geführt haben, die
Möglichkeit der Übergabe zu verringern; auch mag zur Erhöhung der Wut
beigetragen haben, dass einige Amerikaner die, welche sie gefangen
genommen, verräterisch angegriffen hatten. »Sie waren,« sagt Lieutenant
Rüffer in seinem Tagebuch, »so furchtsam, dass sie es vorzogen zu
fallen, als Pardon anzunehmen, da ihre Generale und Offiziere ihnen
gesagt hatten, sie würden gehängt.« Sicherlich der komischste Beweis von
Feigheit, der jemals gegen Soldaten erbracht worden ist.
Nach dem Verlust einer so wichtigen Stellung und von so vielen Leuten im
Verhältnis zur Zahl seiner kleinen Armee, fand es Washington nicht
ratsam, die Befestigungen von Brooklyn länger zu halten zu suchen;
nachdem er gesehen hatte, dass die englische Flotte sich anschickte den
East River in Besitz zu nehmen und seine Rückzugslinie abzuschneiden,
verliess er Long Island in der Nacht vom 29. zum 30. August und ging
nach New-York über, wohin alle Vorräte und Kanonen, ausgenommen einige
schwere Geschütze, die im Schmutz stecken blieben, gebracht wurden. Eine
Mythe durchlief die Reihen der Hessen, wonach ein Befehl Washingtons in
dem eroberten Lager gefunden worden sei, welcher sagte, da es doch
unmöglich sei, solchen grausamen und schrecklichen Feinden, wie den
Hessen, Widerstand zu leisten, so möchte jeder sehen, wie er am besten
entkommen könnte. Dies war also die erste Schlacht der deutschen Truppen
in der neuen Welt. Die Verachtung, die sie vor einem solchen
rebellischen und undisziplinierten Feinde hatten, war nur vermehrt
worden, eine Verachtung, welche völlig auszurotten, nur eine lange Reihe
von Kriegs- und Unglücksjahren im Stande war.
Kapitel VII.
Von der Okkupation von New-York bis zur Wegnahme von Fort Washington,
15. September bis 16. November 1776.
Es existiert nicht mehr Vieles, was den jetzigen Einwohner von New-York
an die kleine Stadt erinnern könnte, die vor 100 Jahren an der Südspitze
von Manhattan Island lag. Es war ein hübscher Ort, mit grossen bequemen
Häusern, die meist von gelben Ziegelsteinen gebaut waren. Die Räume
darin waren kärglich eingerichtet, der Fussboden mit Sand bestreut, und
die Wände mit hohem, gemalten Täfelwerk versehen. Die Büffets, die in
den besseren Häusern von solidem Mahagoni waren, waren mit glänzendem
zinnernen Gerät besetzt, oft auch mit solidem Silber für besondere
Gelegenheiten. Die Strassen waren krumm und hatten Rinnen in der Mitte,
waren aber vollständig rein und mit Bäumen besetzt. Vor dem Kriege hatte
der Ort über 20000 Einwohner gehabt, viele aber waren bei der
Annäherung der streitenden Armeen geflohen. Es gab dort viele Tories,
besonders unter den Reichen.
Zur Zeit, als Washington sich von Brooklyn zurückzog, wurde New-York
verteidigt durch ein permanentes Fort, mit Namen Fort George, im Westen
von einer Batterie, und durch provisorische Werke, die am Ufer entlang
an verschieden Stellen aufgeworfen waren. Im Norden, landeinwärts, wurde
der Broadway in der Nähe des Bowling Green durch eine Schanze gesperrt,
und eine zweite befand sich in der Gegend des heutigen Centre-Market.
Jenseits der Befestigungen lag eine Gegend, »die schönste, die ich je
gesehen habe,« sagt ein hessischer Offizier.[3] Kornfelder, Wiesen und
Obstgärten bedeckten das reizende Gelände, und von den Gipfeln der Berge
und Hügel schauten die alten Kolonialhäuser, jedes mit einer Piazza und
mit einer Ballustrade umgeben, herab in die lächelnde Landschaft. Der
hessische Lieutenant bezeichnet sie in seinem Enthusiasmus mit
Schlössern. Doch in der That, es war eine Vornehmheit in der Bauart der
besten Wohnhäuser der damaligen Zeit, welche diese Bezeichnung nicht
ganz unberechtigt erscheinen lässt.
[3] Lieutenant Hinrichs.
Trotz aller Anstrengungen Washingtons und des Kongresses, im Besitz von
New-York zu bleiben, war die Stadt doch völlig widerstandsunfähig. Die
Engländer hatten völlige Herrschaft über den Hafen, und eine bedeutende
Übermacht zu Lande. Als infolgedessen am 15. September 1776 die
königlichen Truppen auf der Insel landeten, war die einzige Sorge
Washingtons, der mehrere Tage lang Waffen und Vorräte wegschaffen liess,
die Nachhut seiner Armee in Marsch zu setzen, bevor ihm der Rückzug von
den Engländern abgeschnitten werden konnte. Die Landung war unter dem
Schutz von englischen Kriegsschiffen an einer Stelle, Kips Bay genannt,
(in der Nähe der östl. 34. Strasse) ausgeführt worden. Unser hessischer
Lieutenant nennt es 4 Meilen von New-York, er überschätzt aber die
Entfernung. Die Hessen waren in der Avantgarde, und wie gewöhnlich
bildeten sie die Jäger und die Grenadiere unter von Donop. Diese
marschierte unmittelbar auf New-York, während die englische leichte
Infanterie und die Highlanders sich beeilten, den Inselberg, oder jetzt
Murrayhill, zu besetzen. Unterdessen zogen die Amerikaner unter dem
alten Israel Putmann in Eile auf den Strassen ab, die dem North River am
nächsten lagen, in der Richtung auf Bloomingdale.
Der Landung der Briten war kein Widerstand geleistet worden. Die
neuenglische Miliz, die dieselbe hätte etwas aufhalten können, benahm
sich sehr schlecht, und zog sich die heftigste Missbilligung seitens
Washingtons zu. Es wird erzählt, dass ein Teil der amerikanischen Armee
zweifellos abgeschnitten worden wäre infolge dieser Panik, wenn nicht
Mrs. Murray Sir William Howe durch ihre gastliche Aufnahme und die
Anziehungskraft ihres alten Madeira aufgehalten hätte. Diese
schätzenswerte Dame hielt den britischen General 2 Stunden lang bei
guter Laune, während ihre zerlumpten und hungrigen Landsleute seinen
Krallen entwischten. Niemals hat wohl die Gastfreundschaft von
Murray-Hill einer bessern Sache gedient.
Am 16. September fand ein heftiges Gefecht in der Nähe von
Manhattanville statt. Ein Teil der britischen Infanterie und zwei
Bataillone Highlanders wurden zurückgeschlagen und waren in einer etwas
prekären Lage, als die allgegenwärtigen Jäger und Grenadiere zu ihrer
Unterstützung heranrückten; ebenso waren einige andere deutsche
Regimenter in Bewegung gesetzt worden. Washington, der fürchtete, dass
der Feind eine grössere Truppenmacht, als es in Wirklichkeit der Fall
war, vorschieben würde, ordnete den Rückzug an. Die Engländer verloren
280 an Toten und Verwundeten, die Amerikaner ungefähr 60. Dies Gefecht,
in dem die letzteren sich sehr gut benahmen und den Engländern einen
verhältnismässig schweren Verlust beibrachten, trug wesentlich dazu bei,
ihren Mut neu zu beleben nach den Rückzügen und Misserfolgen der
vergangenen Tage.
Der britische General hatte strengen Befehl gegeben, das persönliche
Eigentum zu respektieren, worauf sofort die reichen Besitzer der
Landhäuser, die bei Annäherung der königlichen Streitkräfte geflohen
waren und ihre Besitzung dem Schutz der Dienerschaft anvertraut hatten,
zurückzukehren anfingen. Lieutenant Hinrichs von den hessischen Jägern,
welcher am 15. Sept. Befehl erhalten hatte, Plünderungen zu verhüten,
hatte sich hierbei die Dankbarkeit der Einwohner erworben. Er war in dem
Gefecht am 16. verwundet und gezwungen worden sich nach ruhiger und
guter Pflege umzusehen. Er suchte Schutz bei einer Witwe, namens Ogylby
(Ogilvie?) in der Nähe von Hornhook am East River, und sah zu seiner
Befriedigung die ganze Familie sich wieder vereinigen nach der durch die
Kriegsgefahren verursachten Trennung. Grossvater, -mutter, Enkelkinder,
zusammen mit ihren schwarzen Sklaven und deren Kindern sahen sich wieder
und umarmten sich mit so viel Herzlichkeit, dass unser gutherziger
Lieutenant sehr gerührt wurde und eine fieberhafte Nacht verbrachte. Es
ist unnötig zu erwähnen, dass seine Wirte ihn mit der grössten Güte
behandelten. Er wurde von dieser wie von andern Wunden, die er im
Verlauf der Revolution erhielt, geheilt und starb als preussischer
Generallieutenant im Jahr 1834.
Die Stadt New-York war nur fünf Tage in den Händen der Briten gewesen,
als in der Nacht vom 20. zum 21. Septbr. in einer kleinen Schenke in der
Nähe von Whitehall Slip Feuer ausbrach. Das Wetter war trocken und heiss
gewesen. Starker Wind blies von Süd-West. Das Feuer breitete sich mit
fürchterlicher Heftigkeit aus. Die Ostseite von Broadway war bis
Exchange Place abgebrannt. Als der Wind sich nach Südosten gedreht
hatte, sprang das Feuer von Broadway nach Morris Street über und dehnte
sich bis Barclay Street aus, wobei die alte Trinity Church abbrannte,
St. Pauls aber verschont blieb. Schliesslich wurde man Herr des Feuers,
besonders durch die Anstrengungen von Soldaten und Seeleuten. Bankroft
behauptet bestimmt, dass dies Feuer nicht durch Brandstiftung verursacht
wurde; die Briten und Hessen aber waren damals anderer Ansicht und
einige moderne Geschichtsschreiber schenken ihren Berichten Glauben. Sir
William Howe stellte in seinem Bericht fest, dass an verschiedenen
Stellen Feuer angelegt worden sei. Eelking sagt, dass Donop in seinem
Tagebuch verzeichnet habe, dass der Brand von einem amerikanischen
Oberst Namens Scott, der früher Advokat gewesen war, in Szene gesetzt
worden sei.
Dieser hätte dazu 40 verwegene Leute verwendet, die, mit allerhand
Brennstoffen versehen, an verschiedene, im Besitz von Tories befindliche
Häuser Feuer gelegt hätten. Dieser Geschichte zufolge wurde Scott
verhaftet und der ganze Plan geschrieben bei ihm vorgefunden. Die
Meinung derer, welche glauben, dass das Feuer von den Whigs angelegt
worden sei, wird durch die zweifellose Thatsache bekräftigt, dass
mehrere einflussreiche Amerikaner zur Verbrennung New-Yorks geraten
hatten, und dass der Plan von Washington dem Kongress vorgelegt, aber
verworfen wurde. Andrerseits lässt sich sagen, dass Panik und
Leidenschaft, Geschichten von Brandlegung und Gewaltthätigkeiten, die
beständigen Begleiterscheinungen einer grossen Feuersbrunst sind.
Berichte, die aus damaliger Zeit stammen, sollte man immer mit der
grössten Vorsicht aufnehmen. Die Geschichte, welche Scott betrifft, ist,
soviel ich weiss, durchaus unbegründet. Nur soviel ist sicher, dass
verschiedene Personen während des Umsichgreifens des Feuers von
englischen Soldaten getötet worden sind, und Bankroft sagt, dass ein
armer Mensch, der zu den Tories gehörte, an den Beinen aufgehängt wurde,
bis er starb.
Am 10. Oktober 1776 schiffte General Howe den grössten Teil seiner
Truppen aus in der Absicht, noch einmal zu versuchen Washingtons
Rückzugslinie abzuschneiden und ihn in Manhattan Island einzuschliessen.
Vier Tage lang waren die Briten durch widrige Winde im East River
festgehalten worden und waren nur soweit gekommen, Hellgate am
Nachmittag des 14. zu passieren. Die Flotte lag die nächste Nacht vor
Anker und brach am andern Morgen um 6 Uhr auf, wurde aber durch Winde
und Sturmfluten aufgehalten, und erreichte Frogs Neck (oder Frogs Point,
wie es Washington nennt), nicht vor Einbruch der Dunkelheit. Hier hatte
Howe einstweilen seine Avantgarde gelandet, Washington aber war ihm
zuvorgekommen und hatte die Übergänge, die zum Festland führen, besetzt.
Howe beschloss infolge dessen vorzustossen und die Landung bei East
Chester zu bewerkstelligen. Dies gelang ihm am 18. Oktober nach einem
heftigen Gefecht. Die britische Armee stand jene Nacht unter Waffen mit
dem linken Flügel an eine kleine Bucht bei East Chester angelehnt, mit
dem rechten bei New-Rochelle. Unterdessen marschierten die Amerikaner
eiligst auf White Plains, wo sie eine starke Stellung einnahmen und
befestigten. Gerade in diesem kritischen Zeitpunkt vereinigte sich die
zweite hessische Division mit dem Rest der Armee. Sie bestand aus 3997
Mann unter dem Kommando von Generallieutenant Wilhelm von Knyphausen,
und hatte Cassel Anfang Mai verlassen. Das Waldeck'sche Regiment, 670
Mann stark, und die zweite Waldeck'sche Jäger-Kompagnie unter Hauptmann
Ewald waren mit dieser Division gekommen. Auf diese Weise waren die
deutschen Korps unter dem Kommando von General von Heister auf ungefähr
13,400 Mann gebracht worden. Die neue Division war zurückgelassen worden
um New-Rochelle zu halten, während die Briten auf White Plains
vorgingen.
Hauptmann Ewald und seine zweite Jäger-Kompagnie brauchten nicht lange
zu warten bevor sie in Aktion kamen. Am 23. Oktober stiessen sie bei
einer Rekognoszierung auf eine überlegene Zahl feindlicher Schützen und
würden zurückgetrieben sein, wenn ihnen nicht die Hochländer zu Hilfe
gekommen wären. Ein Lieutenant und sechs Mann wurden verwundet; von
diesen starben vier nachher. Dies ist der deutsche Bericht in Eelkings
Buch. Ich will auch den Bericht wiedergeben, welchen General Washingtons
Stabschef in seinem Rapport an den Präsident des Kongresses giebt: »Am
Mittwoch war ebenfalls ein scharfes Scharmützel zwischen einem Teil von
General Hands Schützen, ungefähr 240, und beinahe derselben Anzahl
hessischer Jäger, in welchem die letzteren geschlagen wurden. Unsere
Leute beerdigten 10 derselben auf dem Gefechtsfelde, machten zwei
Gefangene, von denen einer schwer verwundet war. Wir hatten keinen
andern Verlust als einen, wie anzunehmen, tödlich Verwundeten.«
Am 28. Oktober fand Sir William Howe die Armee Washingtons vorteilhaft
hinter dem Dorf White Plains postiert. Sie zählte etwas mehr als 13000
Mann, von denen etwa 1500 Chatterton Hill auf dem äussersten rechten
Flügel der amerikanischen Stellung besetzt hielten, die von der
Hauptmacht durch den Bronx-Fluss getrennt wurden. Sir William beschloss,
diesen rechten Flügel anzugreifen. Ein englisches und zwei hessische
Regimenter, unterstützt durch die hessischen Grenadiere, durchwateten
die Bronx und erkletterten die steilen und felsigen Hänge des Berges.
Das Regiment von Lossberg musste durch einen brennenden Wald angreifen
und dem heftigsten Feuer der Amerikaner die Stirn bieten. Sein Verlust
an Toten und Verwundeten betrug nahezu 50 Mann. Das Resultat des Kampfes
würde zweifelhaft geworden sein, wenn nicht Oberst Rall, der sein
eigenes Regiment und das nach Knyphausen benannte kommandierte, auch die
Bronx durchwatet, die Amerikaner in der Flanke gefasst und die in der
Front angreifenden Truppen unterstützt hätte. Der Fluss war tief und die
hessischen Soldaten zögerten hineinzugehen. Aber die Lieutenants
Wiederhold und Briede sprangen zuerst hinein, um sie durch ihr Beispiel
anzufeuern. Von dem erstem dieser Offiziere werden wir noch mehr hören.
Der zweite fiel wenige Tage später bei der Einnahme von Fort Washington.
Ein Teil der Amerikaner focht ganz gut bei dieser Gelegenheit, gegen
eine weit überlegene Zahl. Sie hatten einen zweifellosen Vorteil durch
ihre Stellung und machten einen guten Gebrauch davon, indem sie dem
Feinde einen Verlust von ungefähr 280 Toten und Verwundeten beibrachten.
Howe erwähnt in seinen Berichten den guten Dienst, den die englische und
hessische Artillerie leistete. Heisters General-Adjutant sagt, dass die
hessischen Feld-Geschütze einen solchen »Donner« machten, dass man weder
hören noch sehen konnte. Die Amerikaner hatten nur drei kleine Kanonen
auf dem Berge.
Die amerikanische Armee war zu dieser Zeit hauptsächlich aus Milizen,
die von den verschiedenen Staaten nach kurzen Dienstperioden gesandt
worden waren, zusammengesetzt. Diese Milizen waren in hohem Masse
schlecht bewaffnet und in Lumpen, undiszipliniert und befehligt von
Offizieren, die erst vor wenigen Monaten den Schreibpult oder Pflug
verlassen hatten. Während einige von diesen improvisierten Offizieren
Leute von Charakter und Talent waren, hatten andere nur das Verdienst,
Geschicklichkeit im Ausheben von Leuten zu besitzen. Die ausgehobenen
Leute aber wollten einen solchen Offizier nicht als ihresgleichen
betrachten und behandeln »und in seiner Eigenschaft als Offizier nicht
höher achten als einen Besenstiel,« sagt Washington. Einige der
Amerikaner hatten sich durch tapfere Thaten hervorgethan, aber, wie alle
rohen Rekruten, veranlassten sie Paniken, oft in ganz unvernünftiger
Weise. Diese Thatsachen müssen fortwährend bedacht werden, wenn nicht
die Geschichte der Revolution unverständlich werden soll. Sir William
Howe andererseits kommandierte eine reguläre, disziplinierte Armee,
welche kaum in Europa übertroffen wurde und mit Allem zur Führung eines
Krieges Wünschenswerten versehen war.
Nach dem Gefecht von Chatterton Hill standen sich die Armeen drei Tage
lang gegenüber und verstärkten ihre Verschanzungen. In der Nacht des 31.
Oktober zog sich Washington in eine starke Stellung oberhalb White
Plains zurück und Howe lenkte, nachdem er am folgenden Morgen die
amerikanische Arriergarde belästigt hatte, seine Aufmerksamkeit einer
neuen Idee zu.
Auf dem höchsten Punkt von New-York Island, wo sich ein Berg 238 Fuss
über das Niveau des Hudson erhebt, hatten die Amerikaner ein
fünfseitiges Erdwerk gebaut, welches sie Fort Washington nannten. Das
Fort war mit 34 Kanonen armiert, hatte aber keine Kasematten. Das
Vorfeld eignete sich gut zur Verteidigung und war besetzt von kleineren
Werken von geringer Stärke. Das Ganze bildete eine Barriere über das
obere Ende von Manhattan Island, um die Engländer zu verhindern, eine
Expedition zu Lande zu machen und sich weder sichere noch bequeme
Winterquartiere in New-York zu verschaffen. Auf der Jersey-Seite des
Hudson, gegenüber Fort Washington, lag Fort Lee. Zwischen diesen hatte
General Putnam es unternommen, eine unpassierbare Barriere, die den
Fluss gegen die Briten verschliessen sollte, zu bauen. Die Werke waren
unter dem unmittelbaren Kommando von General Greene. Am Morgen des 9.
Oktober indessen waren die Hindernisse durchbrochen worden, und an den
Forts vorbei fuhren zwei britische Schiffe von 44 Geschützen jedes, eine
Fregatte von 20 Geschützen und 3 oder 4 Tender, welche 2 amerikanische
Ruder-Galeeren auf dem Flusse genommen oder zerstört hatten. Angesichts
dieser Thatsachen wollte Washington das nach ihm benannte Fort
verlassen, welches in Gefahr war, umzingelt zu werden. Greene war
entgegengesetzter Ansicht und der Kongress teilte dessen verblendete
Idee. Die Autorität des Höchstkommandierenden war so beschränkt, dass es
ihm nicht gelang, seinen eigenen Ansichten Geltung zu verschaffen.
Anstatt die Besatzung von Fort Washington zurückzuziehen, wurde sie
verstärkt, bis Oberstlieutenant Magaw, der es befehligte, beinahe 3000
Mann unter seinem Kommando hatte. Die Stellung, die besetzt werden
sollte, war 2-1/2 Meile lang und schloss eine Redoute auf Laurel Hill
mit ein.
Es war am 16. November 1776, als dieses Fort durch die Armee von Sir
William Howe gestürmt wurde. Der Angriff wurde gleichzeitig von 4
Kolonnen gemacht, die gegen 4 verschiedene Punkte vorgingen, diejenige,
welche den Hauptstoss führte und welcher der Ruhm des Tages gehörte, war
aus Hessen unter Knyphausen zusammengesetzt. Diese Truppe setzte nach
New-York Island über bei Kings-Bridge früh um 1/2-5 Uhr und war in zwei
Kolonnen geteilt, die rechte unter Oberst Rall, die linke unter
Generalmajor Schmidt. In letzterer war Wiederhold mit der Avantgarde.
Während längerer Zeit mussten die Deutschen ruhig halten bleiben, bis
die englischen Kolonnen zum Angriff angesetzt waren und denselben
einleiteten. Unterdessen hatte Cornwallis die amerikanische Batterie auf
Laurel Hill genommen. Earl Percy mit zwei englischen und einer
hessischen Brigade hatte die amerikanischen Werke im Süden bedroht, und
Oberst Sterling mit den Hochländern war hinter der Truppenabteilung, die
Percy gegenüberstand, über den Harlem River gegangen und drohte dessen
Rückzugslinie abzuschneiden. Hierbei mussten die Hochländer ein steiles
Ufer hinauf angreifen und verloren dabei 90 Mann. Oberst Cadwalader, der
in dieser Gegend die Amerikaner kommandierte, war gezwungen sich
zurückzuziehen, und seine Leute, anstatt sich ausserhalb des Forts
Washington zu sammeln, hatten sich in das Fort hinein gedrängt und
behinderten dadurch die Vertheidigungs-Massregeln der eigenen Besatzung.
Es war zwischen zehn und elf Uhr. Der Moment für die Hessen zu
attaquieren, war schliesslich gekommen. Sie wateten durch einen Sumpf
und erklommen den steilen, felsigen Berg, auf den das Fort gebaut war.
Vergebens feuerten die Scharfschützen auf sie, vergebens überschüttete
sie die Artillerie mit einem Hagel von Granaten und Kartätschen.
Knyphausen selbst war fortwährend im stärksten Feuer, »so dass es ein
Wunder war,« schreibt Wiederhold, »dass er davon kam ohne totgeschossen
oder verwundet zu werden.« Der Boden war so steil dort, dass die Leute
sich am Gesträuch hinaufziehen mussten. Schliesslich erreichten sie die
Höhe, wo eine ebene Stelle war. »Vorwärts, Grenadiere!« rief Rall. Die
Tamboure schlugen, die Hornisten bliesen, die Leute schrieen Hurrah!
Hessen und Amerikaner mengten sich massenweise untereinander und alle
stürzten sich wild durch einander auf das Fort los.
Die Aussenwerke waren genommen und ihre Verteidiger zurückgetrieben, die
die Verwirrung in dem Hauptfort noch vermehrten. Oberst Rall rief einen
von seinen Kapitäns zu sich. »Hohenstein,« sagte er, »Sie sprechen
englisch und französisch; nehmen Sie einen Tambour, befestigen Sie ein
weisses Tuch an einem Kurzgewehr, gehen Sie in das Fort und fordern Sie
die Übergabe.« »Ich that dies sofort,« schreibt der Kapitän, »allein sie
feuerten beständig auf mich und den Tambour, bis wir auf die Glacies
kamen, wo die Rebellen uns mit geschlossenen Augen hinauf geleiteten.
Ich verlangte den Kommandanten zu sprechen. Sie schickten mir einen
Oberst (Cadwalader) zu, welcher Unterkommandant war, dem ich folgende
Bedingung stellte: Er sollte sofort mit der Besatzung aus dem Fort
herausmarschieren, und sie sollten vor General von Knyphausen die Waffen
strecken. Die ganze Munition, der Proviant und alles was dem Kongress
gehörte, sollte getreulich angegeben werden; dagegen ich ihm meine
Parole gäbe, dass alle vom Kommandanten an, einem jeden seine Equipage
sollte belassen werden, und endlich sollte eine weisse Fahne sofort
aufgehisst werden, um alle Feindseligkeiten abzubrechen. Der Kommandant
forderte vier Stunden Bedenkzeit, die ich ihm indessen verweigerte, und
gestattete ich ihm nur eine halbe Stunde, um sich mit seinen Offizieren
zu besprechen. Als die halbe Stunde verflossen war, kam der Kommandant
selbst, sein Schicksal schien ihm ungünstig. Deswegen sagte er: »Die
Hessen machen Unmöglichkeiten möglich.« Darauf sagte ich ihm: »General
von Knyphausen steht 100 Schritt von hier. Kommen Sie auf meine Parole
mit und sehen Sie zu, ob er Ihnen bessere Bedingungen stellen wird.« Er
war damit zufrieden und ging mit mir.«
Magaw ergab sich Knyphausen, trotz der Nachricht von Washington, der ihn
zu entsetzen versprach, wenn er bis zur Nacht aushalten könnte. Der
Platz war indessen unhaltbar. Die Deutschen verloren 56 Offiziere und
Leute tot und 276 Verwundete bei dem Angriff, die Engländer mehr als
120. Die Amerikaner verloren weniger als 150 Tote und Verwundete, aber
ungefähr 2800 Gefangene, unter denen einige der besten Soldaten waren.
Sie verloren auch einen grossen Teil ihrer Artillerie, viele Waffen und
Ausrüstungsstücke.
Der Quartiermeister von dem Grenadier-Bataillon von Minnigerode sagt,
indem er von dieser Schlacht spricht, dass, wenn nicht die Gefangenen
gewesen wären, der Verlust der Deutschen weit grösser gewesen sein
würde, als der von den Rebellen, und dass dies von der Art komme, wie
die letzteren fechten. »Sie liegen einzeln hinter Bäumen, Büschen,
Steinmauern und Felssteinen, schiessen auf grosse Distancen und mit
Sicherheit und laufen ganz schnell weg, sobald sie gefeuert haben. Die
Deutschen können nicht ein Drittel so weit schiessen und können viel
weniger laufend sie erreichen, und das Terrain hier ist so, dass man die
Feld-Artillerie bei einer Attaque selten heraufbekommen kann.«
Die Hessen sollen während des Angriffs kein Pardon gegeben haben den
Scharfschützen, die sie in den Aussenwerken und in den Gehölzen fanden.
Die Amerikaner, von denen viele dies gesehen haben müssen, waren
natürlich mutlos zur Zeit der Übergabe. Der Volksmund hatte böse Feinde
aus den Hessen gemacht. Kapitän von Malsburg erzählt, dass, als er in
das Fort hineinkam, er sich umgeben fand von Offizieren, denen Furcht
und Besorgnis auf den Gesichtern geschrieben stand. Sie luden ihn ein in
ihre Kaserne, drangen ihm Punsch, Wein und Kuchen auf, machten ihm
Komplimente wegen seiner Freundlichkeit, welche sie zu erstaunen schien,
und sagten, sie hätten so etwas nicht von einem hessischen Offizier
erwartet. Sie baten um seinen Schutz, und er dagegen hielt ihnen eine
Strafpredigt über die Sünde der Empörung gegen ihren guten König.
Die Besatzung marschierte aus zwischen den Regimentern Rall und Lossberg
hindurch, legte die Waffen nieder und übergab ihre Fahnen, die gelb,
weiss und hellblau waren. Knyphausen soll auf diese »mit Verachtung«
geblickt haben. Diese Haltung ist bezeichnend für das hessische
Bewusstsein ihrer Stärke, doch der amerikanische Leser muss Trost finden
in der Thatsache, dass innerhalb sechs Wochen die Fahnen der Regimenter
Rall und von Lossberg wieder in den Händen von Washingtons Armee waren.
Die Hessen erwarben sich grossen Ruhm bei dieser Aktion. Schmidt, Stirn
und Rall, und die Truppen unter deren Befehl wurden in den Tagesbefehlen
ehrenvoll erwähnt, und das genommene Fort wurde Fort Knyphausen genannt.
Kapitel VIII.
Trenton, 26. Dezember 1776.
Nach der Einnahme von Fort Washington zeigte Sir William Howe eine
ungewohnte Thätigkeit. Das Fort war am 16. November 1776 gefallen und am
20. ging die britische Armee über den Hudson nach New-Jersey hinein.
Fort Lee war hiermit nutzlos und unfähig zur Verteidigung geworden. Es
wurde schleunigst geräumt und die Geschütze, Zelte und der Proviant
darin im Stich gelassen. Mehr als 2000 Leute unter General Greene, die
seine Besatzung gebildet hatten, entkamen notdürftig über den
Hackensack, indem sie 73 Kranke zurückliessen. Der Zustand von
Washingtons Armee war ein verzweifelter. Die Dienstzeit von vielen
Milizen lief am 30. November ab. Diese waren nicht im mindesten zu
bewegen sich wieder einreihen zu lassen, selbst für eine kurze Zeit,
ebenso wie die Miliz von New-Jersey nicht ausrücken wollte, um ihren
eigenen Staat zu beschützen; eine Brigade derselben löste sich auf an
dem Tag, an dem die Briten in New-Brunswick einrückten. Washington hatte
ein Detachement unter Lee östlich des Hudson gelassen, doch Lee
missachtete nun Washingtons wiederholten Befehl sich mit ihm zu
vereinigen und murrte, anstatt zu handeln. Ungefähr 2400 Mann unter Lord
Stirling waren detachiert zum Schutz von Nord-New-Jersey und nach 4
Tagen beordert, den oberen Lauf des Delaware zu verteidigen; und der
Oberbefehlshaber hatte auf einmal 3500 Mann weniger unter sich. Der
Marsch der Briten durch New-Jersey wurde kaum gestört, obwohl sich
Washington langsam vor ihnen zurückzog und die Brücken zerstörte. Am 8.
Dezember zog er sich über den Delaware zurück und liess auf 70 Meilen
alle Boote an dasjenige Ufer des Flusses bringen, an dem er sich befand.
Es entstand eine Panik in Philadelphia, und der Kongress siedelte nach
Baltimore über. Washington fühlte sich nicht im Stande, mit seiner
Truppenmacht den Übergang der Briten über den Fluss zu verhindern. Howe
war indessen nicht der Mann, einen Winterfeldzug mit Energie zu
betreiben. Er kehrte nach New-York zurück indem er Cornwallis und
nachher Grant den Oberbefehl in New-Jersey überliess. Bankroft erzählt
uns, dass der Staat der Plünderung und der Gewaltthätigkeit preisgegeben
war, und dass alle Versuche, die Hessen davon abzuhalten, aufgegeben
wurden unter der Entschuldigung, dass die Gewohnheit des Plünderns das
Desertieren verhindern würde. »Man machte sie glauben,« führt er nach
dem offiziellen Bericht eines britischen Offiziers an, »bevor sie
Hessen-Cassel verliessen, sie sollten nach Amerika kommen, um sich ihr
Privat-Vermögen zu gründen, und bisher haben sie in der That nach diesem
Prinzip gehandelt.« Washington, auf der andern Seite, schreibt am 5.
Februar 1777: »Eine Thatsache muss ich zu Gunsten der Hessen anführen,
und die ist, dass unsere Leute, die gefangen genommen worden waren, im
Allgemeinen darin übereinstimmen, dass sie von diesen eine viel bessere
Behandlung erfuhren, als von den britischen Offizieren und Soldaten.«
[Illustration: OPERATIONEN IN NEW JERSEY UND PENNSYLVANIEN. 1776.]
Washington war in dem Glauben, dass die Operationen schnell wieder
aufgenommen werden, und die Briten auf Philadelphia marschieren würden,
so bald der Delaware zugefroren sein würde. Ein Brief, der einen oder
zwei Tage vor Weihnachten aufgefangen wurde, bestärkte ihn in seiner
Meinung. Es wurde von der grössten Wichtigkeit, einen Streich zu
führen, bevor der Feind sich anschicken würde, wieder vorzugehen und
noch vor dem letzten Dezembertag, an dem die Dienstzeit von vielen
seiner Leute ablaufen würde.
Die Art und Weise, in welcher General Grant, der britische Befehlshaber
in New-Jersey, über die Truppen verfügte, war folgende: »Princetown und
New-Brunswick wurden durch die englische Detachements gehalten.« Von
Donop, der die hessischen Grenadiere und die 42. Hochländer
kommandierte, stand in Bordentown. Rall, mit der Brigade, die für einige
Zeit unter seinem Befehl gestanden hatte, 50 hessischen Jägern, 20
englischen leichten Dragonern und 6 Geschützen hatte Quartier in Trenton
bezogen. Ralls Brigade war aus 3 hessischen Regimentern zusammengesetzt,
welche die Namen Rall, von Knyphausen und von Lossberg trugen. Sie war
von Qualität nicht wesentlich verschieden von anderen hessischen
Brigaden. Das Regiment von Lossberg hatte sich besonders ausgezeichnet
bei Chatterton Hill. Das Regiment Rall war aus schlechtem Material
gebildet, es war eins von denen, welche in der Eile formiert wurden, um
die Zahl der Soldaten voll zu machen, die der Landgraf zu stellen hatte,
aber Cornwallis berichtete lange nachher einem Komitee des Hauses der
Gemeinen, dass sich Ralls Brigade bei Fort Washington die Bewunderung
der ganzen Armee errang.
Die Regimenter Rall und von Lossberg waren in dem nördlichen Teil von
Trenton einquartiert, das Regiment von Knyphausen im südlichen, auf
beiden Seiten der Brücke über den Assanpink. Auf dieser Brücke war eine
Wache von 12 Mann aufgestellt. Die Soldaten lagen in den verschiedenen
Häusern zerstreut, und bei gutem Wetter standen die Geschütze im Freien,
von 2 oder 3 Leuten bewacht. Pickets waren auf den Strassen westlich des
Nebenflusses vorgeschoben. Die Hauptwache bestand aus einem Offizier und
70 Mann.
Oberst Rall war ein tollkühner Offizier von der alten Schule. Man sagte,
er habe darum gebeten, nach Trenton gelegt zu werden, weil er es für
einen gefährlichen Posten hielt. Bei Chatterton Hill hatte er seine
Sache sehr gut gemacht; er hatte mit seiner Brigade den amerikanischen
rechten Flügel geworfen und das Schicksal des Tages entschieden. Er
hatte einen Hauptanteil an der Erstürmung von Fort Washington genommen.
Derselbe verwegene Geist, welcher in früheren Jahren ihn veranlasste mit
den Russen unter Orloff als Volontär gegen die Türken zu kämpfen,
leitete ihn bei jenen Gelegenheiten. Die Leichtigkeit, mit welcher er
Siege erfochten hatte, seitdem er in Amerika war, hatte ihn mit einem
übermütigen Vertrauen erfüllt. Die lumpigen Gesellen, welche durch
New-Jersey hindurchgetrieben waren, möchten wohl eine Patrouille
gefangen nehmen oder ein Picket zurückwerfen, aber sie wären, wie er
dachte, ganz unfähig zu einem ernstlichen Angriff auf eine hessische
Brigade. »Erdwerke!« sagte er mit einem Fluch zu Major von Dechow, der
ihm riet, die Stadt zu befestigen; »lasst sie nur kommen! Wir werden sie
mit dem Bajonnet empfangen;« und als derselbe Offizier ihn bat, einige
Schuhe von New-York kommen zu lassen, erwiderte er, dass das Alles
Unsinn sei. Er und seine Brigade wollten barfuss über das Eis nach
Philadelphia laufen, und wenn der Herr Major keinen Teil an dieser Ehre
haben wollte, möchte er nur wegbleiben. General Grant, der englische
Oberbefehlshaber in New-Jersey, teilte Ralls Verachtung der Rebellen.
Als derselbe ihm vorschlug, ein Detachement nach Maidenhead zu schicken,
um die Verbindung zwischen Princetown und Trenton offen zu halten,
antwortete er spöttisch, dass er die Jerseys mit einer Korporalschaft im
Zaume halten wollte. Von Donop, der in Bordentown kommandierte, schickte
einen Ingenieur-Hauptmann nach Trenton, um Rall zu bewegen, anzuordnen,
dass der Ort verteidigungsfähig eingerichtet werde, aber letzterer ging
nicht darauf ein. Erdwerke wären unnötig, sagte er. Die Rebellen wären
Taugenichtse. Sie wären schon mehrmals unterhalb der Brücke gelandet und
hätten unbelästigt davon kommen können, aber jetzt hätte er (Rall)
Massregeln ergriffen. Wenn sie wiederkämen, wollte er sie nach guter Art
zurückjagen. Er hoffte, Washington würde auch mit herüberkommen, dann
könnte er ihn gefangen nehmen. Ralls Sorglosigkeit schien seinen
Untergebenen so gefährlich, dass die Offiziere von dem Regiment Lossberg
in einem Brief dem General von Heister Vorstellungen machten, aber zu
spät.
Ralls Verachtung vor seinem Feind verführte ihn, die einfachsten
Massregeln zu vernachlässigen. Er revidierte selten einen Posten, selten
zog er einen Offizier zu Rate. Er verweigerte es, einen Platz für die
Sicherheit der Baggage im Fall eines Angriffes zu bezeichnen. »Unsinn,«
sagte er, als er aufgefordert wurde, dies zu thun, »die Rebellen werden
uns nicht schlagen.« Doch die Leute wurden fortwährend angestrengt durch
unnötigen Wachtdienst und Hinundhermarschieren. Am 22. Dezember bekamen
zwei Dragoner, die mit einem Brief nach Princetown geschickt worden
waren, Feuer aus einem Walde heraus. Einer von ihnen fiel, der andere
ritt zurück nach Trenton und meldete den Vorfall. Darauf schickte Rall 3
Offiziere mit 800 Mann und 1 Kanone, um diesen Brief zu befördern, zur
grossen Heiterkeit der Engländer. Das Detachement hatte bei schlechtem
Wetter biwakieren und am nächsten Morgen zurückmarschieren müssen. Ein
Sergeant und 15 Mann würden für diesen Dienst vollkommen genügt haben.
Am 24. Dezember 1776 war eine Rekognoszierungs-Abteilung in der
Richtung auf Pennington vorgeschickt worden, wurde aber nach einem
Marsche von einigen Meilen zurückberufen. In der Morgendämmerung des
25. wurde auf die Pickets nördlich der Stadt von einer kleinen
Rekognoszierungs-Abteilung der Amerikaner ein Angriff gemacht. Der
Feind wurde zurückgeschlagen mit einem Verlust von 6 Verwundeten auf
Seite der Deutschen. Eine Patrouille von 30 Mann unter einem Fähnrich
wurde eine oder zwei Meilen zur Verfolgung der zurückgehenden
Amerikaner vorgeschickt, konnte sie aber nicht mehr einholen. Das
Picket an dem Schnittpunkt der obern Strasse am Fluss mit der nach
Pennington wurde daraufhin durch 10 Mann verstärkt unter Lieutenant
Wiederhold, so dass es nunmehr aus 25 Mann im Ganzen bestand. Rall war
nun der Ansicht, dass alle Gefahr vorüber war. Er war kürzlich gewarnt
worden, dass ein Angriff bevorstände, und nahm als ganz bestimmt an,
dass das Geplänkel, in welches die Pickets engagiert worden waren, der
Angriff war, vor dem er gewarnt wurde. Leslie, der in Princetown
kommandierte, hatte melden lassen, dass Washington sich vorbereitete,
den Delaware zu überschreiten, aber Rall gab nicht ernstlich Acht
darauf. Er befahl nur seinem eigenen Regiment, welches du jour hatte,
in den Quartieren zu bleiben. Er hatte allerdings Grund sich sicher zu
fühlen. Es war ihm bekannt, dass keine grosse Truppenmacht in seinem
Teil von New-Jersey belassen war. Washingtons Armee lag jenseits des
Delaware, eine zerlumpte, halbbewaffnete Bande von armen Teufeln, die
bis vor kurzem von Staat zu Staat und von Fluss zu Fluss getrieben
worden waren. Grosse Eisschollen schwammen, durch den Strom getrieben,
im Delaware hin und her und machten jegliches Übergehen gefährlich. Die
Nacht war stürmisch, selbst für Dezember, und bevor es Morgen wurde,
fegten Schlossen und Schnee durch die Strassen. Aber drinnen war Alles
fröhlich und lustig. Es war Weihnachtsabend. Die Deutschen, die in
Trenton gemütlich hausten, konnten über den Sturm lachen und ruhig
schlafen.
Weit anders wurde die Nacht von der amerikanischen Armee verbracht! Die
Truppen, unter dem unmittelbaren Befehl von Washington in ihrem Lager
auf der Pennsylvanischen Seite des Delaware oberhalb Trenton, zählten
nur 2400 Mann, die im Stande waren, eine anstrengende Unternehmung zu
machen. Diese brachen um 3 Uhr nachmittags am Weihnachtstag auf, jeder
Mann hatte Verpflegung für 3 Tage und 40 Patronen. Sie führten 18
Feldgeschütze mit sich. Diese Truppenmacht erreichte die Fähre von Mac
Konkey in der Abenddämmerung. Hier wurden die Boote durch Glovers
Seeleute von Marblehead bemannt, und zwischen den schwimmenden
Eisschollen hindurch wurde die kleine Armee über den Fluss gerudert. Ihr
Zustand war so erbärmlich, dass ein Bote, der ihr gefolgt war, leicht
ihre Spur verfolgen konnte »an dem Blut im Schnee von den Füssen der
Leute, die zerrissene Schuhe trugen.«
Inzwischen hatte Cadwalader den Fluss bei Dunks Fähre, unterhalb
Trenton, überschritten, aber das Eis hatte sich gegen des Jersey-Ufer
hin gepackt, und wenngleich die Fussmannschaften hinüber konnten, so war
doch für die Artillerie keine Hoffnung dafür vorhanden. Die 1800 Mann,
die diesen Teil der Unternehmung ausmachten, warteten vergeblich während
der Dezembernacht. Um 4 Uhr morgens beorderte Cadwalader, der sicher
glaubte, dass Washington, gleichwie er selbst, wegen der
Schwierigkeiten, mit der die Expedition zu kämpfen hatte, umgekehrt
wäre, seine halberfrorenen Leute nach ihrem kalten Lager zurück. »Die
Nacht,« schreibt Thomas Rodney »war eine so bitterkalte, wie ich sie
niemals erlebt habe.« Der Fluss war so schwierig zu überschreiten und so
voll von Eis, dass es 4 Uhr wurde am Morgen des 26. Dezember bis die
Truppen mit der Artillerie alle hinüber und marschbereit waren. Sie
hatten noch 9 Meilen zu marschieren, um Trenton zu erreichen, und der
Sturm hatte sich mit furchtbarer Heftigkeit erhoben. Die zitternden
Soldaten erklommen einen steilen Berg und stiegen auf die Strasse hinab,
wo die Bäume ihnen ein wenig Schutz gegen den Nordost-Sturm geben
sollten. In Birmingham wurde die Armee in zwei Kolonnen geteilt. Die
rechte unter Sullivan marschierte längs des Flusses, die linke unter
Washington auf der obern Strasse. Nach einer Weile meldete Sullivan
durch einen seiner Adjutanten an Washington, dass das Pulver nass
geworden wäre.
»Dann sagen Sie dem General,« antwortete Washington, »er solle mit dem
Bajonnet angreifen und in die Stadt eindringen, denn die Stadt müsste
genommen werden, und ich wäre fest entschlossen sie zu nehmen.« --
Es war ungefähr 1 Stunde nach Tagesanbruch als Lieutenant Wiederhold
seine Aussenposten eingezogen hatte. Es war eine kalte Nacht gewesen mit
Schnee und Schlossen. Die kleine Abteilung verbarg sich in einer Hütte,
die als Wachthaus diente. Wiederhold trat zufällig an die Thüre und sah
hinaus. Plötzlich waren die Amerikaner vor ihm. Er rief: »An die
Gewehre!«, und es wurden Schüsse gewechselt.
»Die Aussenwachen leisteten nur geringen Widerstand,« sagt Washington,
»obschon sie ihrer Zahl nach sich sehr tapfer hielten, indem sie
zurückgehend fortwährend, hinter Häusern gedeckt, feuerten. Zugleich
sahen wir, wie sich ihre Hauptabteilung formierte; -- aber nach ihren
Bewegungen zu urteilen, schien sie unentschlossen, was zu thun.«
Trommeln und Hörner erschallten in den Strassen von Trenton. Rall war
noch im Bett und völlig schlaftrunken. Lieutenant Biel, der als
Brigadeadjutant fungierte, scheute sich zuerst, ihn aufzuwecken, und
eilte zu der Hauptwache, um einen Lieutenant und 40 Mann den Pickets als
Unterstützung zu senden. Als er zum Hauptquartier zurückkehrte, lag Rall
in seinem Nachthemd zum Fenster hinaus und schrie: »Was ist denn los?«
Der Adjutant erwiderte ihm, ob er nicht das Feuern gehört habe. Rall
sagte, er würde sofort unten sein, und in einem Moment war er angezogen
und vor der Thüre. Eine Kompagnie von dem Regiment von Lossberg, welche
Quartiere an der Strasse nach Pennington hatte, und als Avantgarde
fungierte, hatte diese Strasse besetzt und empfing die fliehenden
Pickets, musste sich aber sogleich in die Stadt zurückziehen. Washington
drang bei King- und Queenstreet (jetzt Warren- und Greenstreet) ein, und
Sullivan von der Strasse am Fluss in die Secondstreet. Einem Teil von
Ralls Regiment gelang es, sofort sich zu formieren, und nach einer Weile
erschien Rall selbst zu Pferde. Lieutenant Wiederhold meldete ihm, dass
der Feind im Vordringen sei, und zwar nicht nur oberhalb der Stadt,
sondern auch zur Rechten und Linken. Rall fragte, wie stark der Feind
wäre. Wiederhold antwortete, dass er es nicht angeben könnte, aber er
hätte 4 oder 5 Bataillone aus dem Walde kommen sehen und dass drei davon
auf ihn gefeuert hätten, bevor er sich zurückzog. Rall rief, es sollte
avanciert werden aber er schien verwirrt und nicht imstande, einen
richtigen Entschluss zu fassen. Seine Truppen waren noch in Unordnung.
Rall wandte sich zur Rechten in einen Garten mit Äpfelbäumen östlich der
Stadt, und versuchte die Strasse nach Princeton in seine Gewalt zu
bekommen. Aber er wurde durch Hands Regiment Pennsylvania
zurückgeschlagen. Er beschloss darauf, sich einen Weg in die Stadt
wieder zu erzwingen mit seinem und dem Regiment von Lossberg, wenigstens
mit so vielen Leuten als zusammengebracht werden konnten. Dies soll er
versucht haben, um seine Baggage und die Beute der vorhergehenden Wochen
wegzuschaffen. Indessen wurde er durch einen Hagel von Blei aus Fenstern
und Thorwegen, von hinter Bäumen und Mauern her empfangen. Die Munition
der Hessen war nass von dem Schneesturm. Die Amerikaner erneuten den
Angriff und die Hessen wurden weiter zurückgeworfen, als sie gekommen
waren. -- Rall wurde durch eine Kugel tötlich verwundet, und die beiden
deutschen Regimenter, in die grösste Verwirrung gebracht, streckten die
Waffen.
Dem Regiment Knyphausen ging es wenig besser. Als Rall den Obstgarten
verliess und sich wieder gegen Trenton wendete, beschloss Major von
Dechow, sich einen Weg rückwärts über die Assanpink-Brücke zu bahnen und
sich nach Bordentown durchzuschlagen, wo Donops Truppenabtheilung lag.
Aber es war unmöglich dies auszuführen, da Sullivan schon die Brücke
besetzt hatte. Zwei Geschütze steckten tief in einer morastigen Stelle
und es wurde viel Zeit verloren bei dem Versuche sie herauszuziehen.
Dechow wurde verwundet. Einigen Soldaten gelang es, den Strom zu
durchwaten, aber die bei weitem grössere Zahl wurde umringt und an Lord
Stirling übergeben, mit Ausnahme der Privatbaggage und der Säbel der
Offiziere. Die, welche entkamen, nahmen ihren Weg nach Princeton. Auch
die Jäger und englischen Dragoner entkamen und erreichten Bordentown.
Lieutenant Grothausen von den Jägern wurde angeschuldigt, zu früh
zurückgegangen zu sein. Er war mit 50 Mann an der untern Flussstrasse
postirt gewesen und zog sich bei der Annäherung von Sullivan vor diesem
über die Assanpink-Brücke zurück. Nach Bankroft betrug die Gesamtzahl
derer, die auf diese Weise durchkamen, 162. Washington giebt in seinem
ersten Bericht an den Kongress die Zahl derer, welche sich ergaben, auf
23 Offiziere und 886 Mann an. Einige, die nachher in Trenton gefunden
wurden, erhöhten die Zahl auf 1000.
Die Nachricht von dem Siege der Amerikaner wurde in New-York mit Kummer
und Entrüstung aufgenommen.
Der alte Heister, der bei Sir William Howe nicht mehr in Gunst stand,
mag darin ein Vorzeichen seiner Abberufung gesehen haben. Er berichtete
am 5. Januar an Schlieffen, den Minister des Landgrafen, das
Vorgefallene. Seinem Märchen zufolge, das er berichtete, war Ralls
Brigade von 10 000 Mann überrascht worden und das Desaster durch die
Tollkühnheit des Obersten verursacht worden, indem er gegen die
Übermacht vorgegangen wäre, anstatt sich sofort über den Assanpink
zurückzuziehen. Heister giebt den Verlust von 15 Fahnen zu.
Der Landgraf von Hessen-Kassel war sehr ergrimmt. Er war der Ansicht,
dass solch ein Vorfall unmöglich gewesen wäre, wenn nicht alle Disziplin
gelockert wäre. Er befahl, dass eine Untersuchung eingeleitet werden
sollte, sobald die Offiziere, die als Gefangene in amerikanische Hände
gefallen seien, ausgewechselt sein würden, und drohte, dass die, welche
wegen schlechten Verhaltens für schuldig erachtet würden, zur strengsten
Verantwortung gezogen werden sollten. Auch erklärte er, den Regimentern,
welche ihre Fahnen verloren hätten, solche nicht eher wieder zu
verleihen, als bis sie eine gleiche Anzahl vom Feinde genommen hätten.
Er schrieb an Knyphausen, er hoffe, dass Alle, ebenso wie er, mit
grossem Kummer und mit Scham erfüllt seien, dass es notwendig wäre,
diese Scharte wieder auszuwetzen und dass Knyphausen nicht ruhen dürfte,
bis seine Truppen die Erinnerung an diese unglückliche Affaire durch
eine grosse Zahl von ausserordentlichen Thaten verwischt hätten. Der
Landgraf kannte sich nicht in seinem Zorne. Der eigentliche Sünder gegen
die militärischen Regeln starb in Oberst Rall. Es war die Ansicht von
Soldaten jener Zeit und ist die Meinung von denen die die Angelegenheit
seitdem studiert haben, dass die Niederlage und Gefangennahme der
hessischen Brigade in Trenton durch einfache militärische
Vorsichtsmassregeln von Seiten ihres Führers hätte verhindert werden
können. Cornwallis sagte später einem Komitee des Hauses der Gemeinen,
dass nach Donops Meinung Rall hätte aushalten können bis Donop zu seiner
Unterstützung von Bordentown herangekommen wäre, wenn er die Befehle Sir
William Howes befolgt und Redouten gebaut hätte. Rall war mehrfach
von seinen untergebenen Offizieren gedrängt worden dies zu thun. Dass
die unter seinem Kommando Befindlichen zur Lockerung der Disziplin
beitrugen, wozu sie durch das Beispiel ihres Führers notwendigerweise
verführt wurden, war natürlich. Alle fochten tapfer, viele wurden
verwundet, doch war der Verlust an Gemeinen nur gering. Dass ein
früherer Rückzug den Hessen ermöglicht hätte zu entkommen, ist richtig.
Aber man sollte Soldaten nicht ernstlich dafür tadeln, dass sie ihr
Terrain festhalten, wenn sie überfallen werden, auch ist Ralls Fehler,
wenn es einer war, zu versuchen, sich seinen Weg eher in der Richtung
auf Princeton als auf Bordentown zu bahnen, nicht auf die Rechnung
seiner Untergebenen zu schreiben.
[Illustration: PLAN VON DER AFFAIRE,
welche am 26. Dec. 1776 bei TRENTON zwischen einem Corps von 6000
Rebellen unter General Washington und einer Hessischen Brigade unter
Oberst Rall stattfand.
--< _Erklärung umseitig._ >--]
A. Trenton.
B. Picket von 1 Offizier und 24 Mann (Wiederhold).
C. Hauptmann Altenbocums Kompagnie vom Regiment von Lossberg, welches in
der Nachbarschaft einquartiert war und sich vor dem Quartier des
Hauptmanns formierte, während das Picket den Feind beschäftigte.
D. Picket von 1 Hauptmann, 1 Offizier und 75 Mann.
E. 1 Offizier und 50 Jäger, die sich sofort über die Brücke zurückzogen
(Grothausen).
F. Detachement von 1 Offizier und 30 Mann, die sich mit Donops Korps
vereinigten.
G. Platz, wo die Regimenter nach Verlassen der Stadt Halt machten, und
wo Oberst Rall den Versuch machte mit seinem und dem Regiment von
Lossberg einen Angriff auf die Stadt zu unternehmen, der abgeschlagen
wurde.
I. Platz, wo er mit den Regimentern gefangen genommen wurde.
K. Platz, wo das Regiment von Knyphausen, das die Flanke hatte decken
sollen, sich ebenfalls übergeben musste, nachdem es versucht die
Brücke zu erreichen. Die Geschütze vom Regiment von Lossberg waren
bei dem Regiment von Knyphausen und unglücklicherweise im Sumpf
stecken geblieben, und bei dem Versuch sie herauszuziehen war der
Moment, die Brücke zu gewinnen, verpasst worden, infolge dessen der
Feind sie stark besetzte.
L. Geschütze vom Regiment Lossberg.
M. Geschütze vom Regiment Knyphausen, die während der Affaire nicht beim
Regiment waren.
N. Geschütze vom Regiment Rall, gleich zu Anfang demontiert.
O. Angriff des Feindes vom Wald aus.
P. Vorgehen und Umzingeln der Stadt durch den Feind.
Q. 2 Bataillone des Feindes verfolgen das Regiment Knyphausen.
R. Letzte Bewegung und Angriff auf das Regiment Knyphausen.
S. Geschütze der Rebellen.
T. Platz, wo General Washington sich postiert hatte und von dem aus er
seine Befehle gab.
Die Wichtigkeit von Trenton für die Amerikaner darf nicht nur nach dem
numerischen Ausweis an Toten, Verwundeten und Gefangenen berechnet
werden. Es war ein neuer Beweis für die unerfahrenen und hülflosen
Kolonisten, dass sie sich einigermassen zu Soldaten eigneten und dass
ihre Sache nicht hoffnungslos war. Nach einer langen Reihe von
Missgeschick und fortwährendem Zurückweichen feuerte sie dies mit neuem
Mute an. Bunker Hill hatte die Amerikaner belehrt, dass sie den
britischen Regulären widerstehen könnten. Trenton bewies ihnen in einer
Stunde der Verzweiflung, dass die gefürchteten Hessen überwunden werden
könnten.
Kapitel IX.
Der Winter 1777.
Die hessischen Offiziere und Soldaten, welche in Trenton gefangen
genommen waren, mussten am 26. Dezember 1776 denselben kalten und mit
Schnee bedeckten Weg, auf welchem die Amerikaner zum Angriff vorgegangen
waren, zurücklegen. Wir können sie uns in ihren Uniformen zitternd vor
Frost vorstellen, während ihre zerlumpten und barfüssigen Bezwinger
fröhlich neben ihnen her marschierten und in der Siegesglut den eisigen
Wind vergassen. Wieder wurde der Delaware durch die schwimmenden
Eisstücke hindurch überschritten, und man kann überzeugt sein, dass es
nicht die zerlumpten Amerikaner waren, deren Zähne klapperten; aber eine
Reaktion trat ein nach so viel Mühsal und Aufregung; am nächsten Morgen
war die Hälfte der siegreichen Armee erschöpft und dienstuntauglich. 40
Stunden waren die Amerikaner ununterbrochen unter den Waffen gewesen und
hatten marschiert und gefochten in Schnee und Eis eines Dezembersturmes,
so dass nun die Natur Ruhe und Unterkunft für einige Tage forderte. Nur
Washington war unermüdlich, und obschon die Dienstzeit eines grossen
Teiles seiner Armee im Ablaufen begriffen war, schickte sich der grosse
Feldherr an, aus dem errungenen Erfolg Vorteil zu ziehen.
Die hessischen Offiziere wurden mit grosser Höflichkeit von den Führern
der Amerikaner behandelt. Washington drückte sein Mitgefühl mit ihnen
unmittelbar nach ihrer Übergabe aus. Stirling, der erst vor kurzem nach
seiner Gefangennahme auf Long-Island ausgewechselt war, erzählte den
Offizieren, die ihn besuchten, dass Heister ihn wie einen Bruder
behandelt habe, und dass er sie ebenso behandeln wollte. Er begleitete
sie bei ihrem Besuch bei General Washington und lud einige von ihnen zum
Diner ein. Washington erwies dieselbe Höflichkeit einigen von den
anderen. Einer von seinen Gästen hat in seinem Tagebuch einen Vermerk
über den Eindruck hinterlassen, den der berühmteste unter den
Amerikanern auf ihn gemacht hat: »Diesem General sieht man in seinem
Gesicht nicht die Grösse an, welche ihm im allgemeinen beigemessen wird.
Seine Augen haben kein Feuer, aber die freundliche Art seines Ausdrucks,
wenn er spricht, flösst Zuneigung und Hochachtung ein.«
Wiederhold schreibt: »Am 28. dinierte ich, wie gesagt, ebenso wie
mehrere andere Offiziere, mit General Washington. Er that mir die Ehre
an, sich viel mit mir über die unglückliche Affaire zu unterhalten, und
da ich ihm frei heraus die Ansicht äusserte, dass unsere Massregeln
schlecht gewesen wären, andernfalls wir nicht in seine Hände gefallen
wären, fragte er mich, ob ich bessere Massregeln getroffen hätte und in
welcher Weise. Darauf sagte ich Ja; erwähnte alle Fehler, welche
begangen worden waren, und zeigte, was ich gethan haben und wie ich mit
Ehren aus der Verlegenheit gekommen sein würde. Er billigte dies nicht
nur, sondern sagte mir auch einiges Schmeichelhafte darüber, sowie auch
über meine Wachsamkeit und den Widerstand, den ich mit meinen wenigen
Leuten in der Postenlinie am Morgen des Angriffes gemacht hätte. General
Washington ist ein zuvorkommender und eleganter Mann, aber scheint sehr
polite und reserviert zu sein, spricht wenig und hat eine schlaue
Physiognomie. Er ist nicht sehr gross, aber auch nicht klein, sondern
von Mittelgrösse, und hat eine gute Figur.« Es ist interessant, sich
diese Szene vorzustellen -- das Wohnzimmer im Farmhaus, das Feuer aus
dickem Scheitholz, die triefenden Lichter, die Bowle mit rauchendem
Punsch und General Washington die Kriegskunst erörternd mit seinem
Gefangenen, der, obwohl nur ein Lieutenant, ausländischen Kriegsdienst
kennen gelernt hat und wohl wert ist, angehört zu werden.
Die Gefangenen wurden binnen Kurzem nach Pennsylvanien und Virginien
befördert. Überall strömte das Volk zusammen, um sie zu sehen, und wenn
den fremden Eindringlingen in ihrem Unglück manchmal mit Flüchen und
Verwünschungen begegnet wurde, so dürfen wir diejenigen nicht zu scharf
beurteilen, deren Söhne und Brüder von den Hülfstruppen umgebracht
werden sollten.
Wir werden beinahe finden, dass die Wage sich zu Gunsten der Amerikaner
neigt, welche bei vielen Gelegenheiten ihren Feinden mit Vergebung und
Freundlichkeit begegneten. Die Begleitmannschaft der Gefangenen that
beständig ihre Pflicht und gelang es ihr, diese vor allem Schlimmeren
als Beschimpfungen zu bewahren. Die hessischen Offiziere und Leute
wurden von einander getrennt, und es ist nicht uninteressant, ihren
Wanderungen bis ins Einzelne zu folgen. Die Offiziere waren in
Philadelphia und statteten General Israel Putnam am Neujahrstag einen
Besuch ab. »Er schüttelte jedem von uns die Hand,« sagt einer in seinem
Tagebuch, »und wir mussten Alle ein Glas Madeira mit ihm trinken. Dieser
alte Graubart mag ein guter, ehrlicher Mann sein, aber niemand anders
als die Rebellen würden ihn zum General gemacht haben.«
Die Offiziere wurden, nachdem sie in Dumfries und im Thal von Virginia
einquartiert waren und viele kleine Beschwerden zu ertragen gehabt
hatten, im Dezember 1777 nach Fredericksburg gebracht, wo sie mit
grosser Gastfreundschaft und Güte behandelt wurden. Wiederhold wird
förmlich pathetisch bei dem Gedanken, von seinen dortigen Freunden
Abschied zu nehmen. Die Gefangenen hatten in grosser Gunst bei den Damen
der Nachbarschaft gestanden, welche, wie der Lieutenant sagt, »schön,
zuvorkommend, gütig, bescheiden und vor Allem sehr natürlich und
ungezwungen waren.«
16 Damen »ersten Ranges« verabredeten sich nebst einigen Herren, den
Kapitän in seinem Quartier zu überraschen, wovon er vorher heimlich
unterrichtet worden war. Er erzählt uns, dass sie kamen und nur eine
Stunde zu bleiben beabsichtigen, doch schliesslich von 1/2-4 bis 10 Uhr
abends blieben. General Washingtons Bruder, Schwester und Nichte waren
darunter. Die deutschen Offiziere regalierten ihre Gäste mit Thee,
Kaffee, Chokolade, Claret-Wein und Kuchen, und unterhielten sie mit
Instrumental- und Vokal-Musik, an welcher sich die Damen manchmal
beteiligten. »In Europa würden wir keinen grossen Beifall geerntet
haben, aber hier galten wir für Meister. Sobbe spielte die Flöte, Doktor
Oliva die Violine und ich die Guitarre. Wir wurden so mit Beifall
überschüttet, dass wir ganz beschämt waren. Ihre Freundschaft für uns
war zu gross. Einige von den amerikanischen jungen Herren wurden
eifersüchtig.«
Alle diese Freundlichkeit machte Eindruck auf die Gefangenen. In
Dumfries 9 Monate vorher, hatte Wiederhold in sein Tagebuch
niedergeschrieben, dass er lieber ein kleines Gut in Hessen besitzen
wolle, als die grösste Besitzung in Virginia und dass Amerika für solche
Leute gut wäre, welche zu Hause dem Galgen entronnen wären. Nun ist er
aber beim Verlassen von Fredericksburg ganz traurig, obschon es galt,
zur Armee nach Philadelphia zurückzukehren. Indessen hatte er
persönliche Gründe hierfür. »Es war sicherlich eine grosse Sache, sich
so grosser Freundschaft, ja, ich möchte sagen, Liebe zu erfreuen von
Leuten, deren Feinde wir waren und gegen die wir bald wieder als Feinde
auftreten mussten.
Sagte doch eine Schöne zu mir, welche mir so innig zugethan war: »Wollte
Gott, Sie könnten hier bleiben und dass ich niemals so unglücklich sein
müsste von ihnen zu scheiden, so wie ich es morgen thun muss und
vielleicht für immer. Aber gehen Sie, wo Ehre und Pflicht Sie hinruft
und bleiben Sie glücklich!« Dies war Seelengrösse, wie sie nicht allen
Rebellen innewohnt, denn sie war eine gute Amerikanerin in ihren
Gesinnungen, schön und reich.« Kein Wunder, dass der Lieutenant die
Meilen zählte, als er von Fredericksburg abmarschierte.
Die Soldaten erreichten Philadelphia einige Tage später als die
Offiziere. Über ihren Empfang durch die Volksmenge schreibt ein Korporal
in seinem Tagebuch: »Gross und Klein, Alt und Jung, standen da um zu
sehen, was für eine Sorte Sterblicher wir wären. Als wir gerade vor sie
kamen, sahen sie uns scharf an. Die alten Weiber schrien schrecklich und
wollten uns erwürgen, weil wir nach Amerika gekommen wären, um ihnen
die Freiheit zu rauben. Einige Andere brachten uns trotz allen
Schimpfens Schnaps und Brod, um es uns zu geben, aber die alten Weiber
wollten es nicht erlauben, und uns obendrein noch erwürgen. Unsere
amerikanische Begleitmannschaft hatte von Washington Befehl erhalten uns
in der Stadt überall herumzuführen, damit Jedermann uns sehen sollte;
aber das Volk drängte sich in uns hinein mit grosser Wut und
überwältigte beinahe die Begleitmannschaft, so dass, als wir uns den
Baracken näherten, unser kommandierender Offizier sagte: »Liebe Hessen,
wir wollen in diese Baracken marschieren.« Wir thaten es, und das ganze
amerikanische Detachement musste dem wütenden Volke Einhalt thun. Warum
der amerikanische Offizier seine Gefangenen in so liebevoller Weise
anredete, scheint nicht klar, aber ein grosser Grad von Vertraulichkeit
scheint sich zwischen ihnen ausgebildet zu haben. Eelking erzählt eine
Geschichte, die aber, cum grano salis, aufgenommen werden muss, dass,
als der Transport im Herbst 1777 von Lancaster nach Winchester geführt
wurde, und an die Grenze von Virginia kam, die pennsylvanische Eskorte
sich weigerte, weiter zu marschieren und nicht den Fuss auf den
geheiligten Boden setzen wollte. In der That zerstreuten sie sich, und
alle gingen nach Hause. Die Eskorte, die von Winchester hatte kommen
sollen, um sie zu treffen, war nicht angekommen. Der Kapitän, der das
Kommando über die Pennsylvanier gehabt hatte, war ein Mann von grosser
Geistesgegenwart und Menschenkenntniss. Er sagte zu den Hessen, deren
Zuneigung er durch seine Menschlichkeit gewonnen hatte, dass sie ohne
Eskorte weiter marschieren müssten, da er selbst nach Winchester
vorauseilen müsste. Er vertraute den Gefangenen und versprach ihnen gute
Behandlung bei ihrer Ankunft. Darauf verliess er sie. Die Gefangenen,
wenn man sie überhaupt so nennen kann, denen Niemand wehrte,
marschierten weiter in guter Ordnung. Am dritten Tage kam der alte
Kapitän mit einer virginischen Eskorte zurück und fand alle Hessen durch
Namensaufruf zur Stelle, nur einige gewissenlose Engländer waren
verschwunden. Die Deutschen wurden darauf alle mit Branntwein traktiert,
während die englischen Gefangenen ihren Marsch ohne diese Erfrischung
wieder aufnehmen mussten. Die Hessen erhielten fortan viele
Vergünstigungen.
Washington soll die Stimmung im Volke dadurch beruhigt haben, dass er
bekannt gab, die Hessen seien gegen ihren Willen nach Amerika gekommen.
Das Loos der Gefangenen scheint nicht übermässig hart gewesen zu sein.
Viele der gemeinen Soldaten vermieteten sich als Knechte auf die Farmen
und erhielten Verpflegung und Lohn.
So viele als von Washingtons kleiner Armee dienstfähig blieben,
überschritten in den letzten drei Tagen des Dezember den Delaware wieder
und wurden schleunigst unter Cadwaladers und Mifflins Kommando
vereinigt. Dadurch wurde ihre Zahl auf ungefähr 5000 gebracht, von denen
3/5 des Militärdienstes unkundig waren. Gegen diese kleine Truppenmacht
ging Cornwallis mit einer grösseren Zahl von britischen und hessischen
Veteranen vor. Er kam mit seiner ganzen Streitmacht von Princeton über
Maidenhead, trotz Donops Rat, in zwei Kolonnen auf beiden Seiten des
Assanpink zu marschieren. Am 2. Januar 1777 fand ein Geplänkel statt,
bei dem Lieutenant von Grothausen von den Jägern, welcher von Trenton 7
Tage vorher entkommen war, ohne seine volle Schuldigkeit gethan zu
haben, wie behauptet wurde, fiel. Eelking erzählt, dass er von einigen
Scharfschützen erschossen wurde, welche ihn unter dem Vorwande sich zu
ergeben, anlockten.
Am Nachmittag des 2. Januar standen sich die englische und
amerikanische Armee auf beiden Seiten des Assanpink-Flusses
gegenüber. Vergeblich drängten unsere Offiziere Cornwallis, sofort
anzugreifen. Die Sonne war im Untergehen, die Brücke war erfolgreich
verteidigt worden, die englische Armee musste den Strom durchwaten, um
an den Feind heranzukommen, und der Ausgang schien zweifelhaft. Der
britische General entschloss sich, den Angriff auf den folgenden Tag
zu verschieben. Washington wagte nicht, das Schicksal Amerikas auf die
Widerstandsfähigkeit seiner undisziplinierten Milizen hin zu
riskieren. Die Nacht war kalt und die Strassen in gutem Zustand für
das Passieren der Artillerie. Es wurde Holz auf die amerikanischen
Wachtfeuer gelegt und eine Wache zurückgelassen, um es zu unterhalten.
Inzwischen marschierte die amerikanische Armee durch die helle
Januarnacht ab, umging Lord Cornwallis linke Flanke und griff um 9 Uhr
morgens 3 englische Regimenter zu Fuss und 3 Kompagnien zu Pferde bei
Princeton an. Die Amerikaner warfen sie, töteten und verwundeten
ungefähr 200 Mann und machten 230 Gefangene, unter denen 14 britische
Offiziere waren. Der amerikanische Verlust an Leuten war gering, aber
schwer an Offizieren infolge eines Unfalles bei Beginn der Affaire.
Dieser Sieg bei Princeton war das letzte Ereignis des Feldzugs,
welches den Namen einer Schlacht verdient. Die Briten verliessen den
grössten Theil von New-Jersey und blieben nur in New-Brunswick, Amboy
und Paulus Hook. Aber die Vorposten der beiden Armeen unterhielten ein
Geplänkel den ganzen Winter hindurch. So wurde am 5. Januar 1777 eine
Abteilung von 50 Waldeckern von einer an Zahl nicht stärkern Abteilung
Milizen angegriffen, welche 8 oder 10 töteten und die Übrigen,
einschliesslich 2 Offizieren, zu Gefangenen machten.
In dieser scharmützelnden Art der Kriegführung nahmen, so weit es die
Hessen betraf, die Jäger oder Chasseurs, wie sie die Engländer und
Amerikaner nannten, den Hauptanteil. Sie waren gelernte Schützen und
rekrutierten sich aus den Jägern und Forstleuten von Deutschland. Eine
Kompagnie derselben war mit von Heister im August 1776 nach Amerika
gekommen, eine zweite unter Kapitän Ewald mit von Knyphausen im Oktober.
Sie hatten sich als so nützlich erwiesen, dass ihre Zahl durch einen
speziellen Vertrag mit dem Landgraf während des Winters 1777 auf 1067
Mann erhöht wurde, in 5 Kompagnien formiert, von denen eine zu Pferde
war. Andere Kompagnien wurden von Hanau und Anspach besorgt. Nach dem
Sommer 1777 war das Korps unter dem Befehl von Oberstlieutenant von
Wurmb, aber die Kompagnien oder detachierten Teile fochten im
Allgemeinen getrennt. Es gab wenige Operationen von einiger Wichtigkeit,
an welchen die Jäger nicht Teil nahmen. Wir glauben gern, dass sie
manche kühne und glückliche Streiche ausführten, müssen aber die Achseln
zucken, wenn wir belehrt werden, dass die amerikanischen Milizen
breitgeränderte Hüte trugen, welche sie über die Augen herunter gezogen
haben sollen, um sie gegen Wind und Schnee zu schützen, so dass die
Jäger imstande waren, sich bei hellem Tage an sie heranzuschleichen und
sie niederzumachen oder zu entwaffnen, bevor sie eine Ahnung davon
hatten. Diese Yankees sind gewöhnlich so sehr schläfrige Kerls (Eelkings
»Hülfstruppen« I. S. 182).
Ewald erzählt uns, dass zu Anfang des Jahres 1777 Lord Cornwallis sich
entschloss Boundbrook in New-Jersey, welches von 1000 Amerikanern unter
Oberst Butler gehalten wurde, zu überraschen. Der Angriff sollte in 3
Kolonnen ausgeführt werden. Die erste unter General Mattheus sollte
einen Scheinangriff auf die Front der amerikanischen Werke machen. Die
zweite unter Cornwallis sollte über Somerset nach links Butlers Stellung
umgehen und sie im Rücken fassen. Die dritte sollte rechts über
Greenbrook marschierend, dem Feinde den Rückzug nach Morristown
abschneiden. Ewald kommandierte die Avantgarde der 1. Division. Die
Strasse von Raritan Landing nach Boundbrook, welche in einer Länge von
2-1/2 Meilen an der linken Seite des Raritan River entlang führt, endigt
in einen Damm über einen Morast. Durch diesen floss ein Bach, über
welchen eine steinerne Brücke führte. Um die Brücke und den Damm zu
beherrschen, hatten die Amerikaner eine Brücke gebaut.
Die Division brach ungefähr um 2 Uhr morgens auf. Halbwegs Boundbrook
glaubte Ewald, der wie gewöhnlich an der Spitze war, er sähe etwas sich
bewegen. In der Hoffnung, eine feindliche Patrouille zu überraschen,
schickte er einen Mann mit dem Befehl zurück, dass der Rest seiner Leute
leise nachkommen sollte. Er wurde indessen entdeckt und angerufen. Indem
er seine Leute mit leiser Stimme heranrief, avancierte er bis dicht an
den Feind heran, der sich als ungefähr 30 Mann stark herausstellte.
Diese gaben eine Salve ab und verschwanden, Ewald hinter ihnen her.
Entgegen den Befehlen gaben die Jäger auch einige Schüsse ab. Es würde
besser gewesen sein, sagt Ewald, ihnen langsam zu folgen, da sie die
Jäger für eine gewöhnliche Patrouille gehalten haben mochten, eine
ebensolche, wie man auf dieser Strasse beinahe jede Nacht begegnete.
Ewald hoffte indessen, über den Damm und in die Redoute gleichzeitig mit
den Amerikanern zu gelangen, aber die Entfernung war zu gross und der
Tag brach an. Er war seiner Nase nachgegangen und hatte vergessen,
hinter sich zu sehen, bis er ungefähr 100 Schritt von der Redoute
entfernt, sich einem heftigen Feuer ausgesetzt sah, durch welches einige
seiner Freiwilligen verwundet wurden. Dann sah er sich um und bemerkte,
dass seine ganze Truppe aus 1 Lieutenant und 7 Mann bestand. Mit diesen
warf er sich auf die Brücke, die kaum 40 Schritt von der Redoute
entfernt war und deckte sich hinter die steinerne Brustwehr. Er hoffte,
dass mehr von seiner Abteilung zur Unterstützung kommen würden, aber es
stellte sich heraus, dass General Mattheus der Kolonne befohlen hatte zu
halten, da er nicht unnötig Menschenleben opfern wollte. Ewalds 7
Schützen unterhielten das Feuer auf die Schiessscharten der Redoute und
ihr Feuer wurde lebhaft beantwortet, aber es wurde Niemand auf beiden
Seiten getroffen. Nach kaum 1/4 Stunde hatten sie das Vergnügen,
heftiges Feuer jenseits der Redoute zu hören, welche von Cornwallis im
Rücken angegriffen war. Die Besatzung verliess das Werk, und Ewald mit
seinem Lieutenant und 7 Mann ging vor um Besitz davon zu ergreifen, und
nahm obendrein 12 Mann gefangen. »Aber«, sagt Ewald, »es war mein
Fehler, dass Lord Cornwallis nur 150 Gefangene und 2 Kanonen machte
anstatt 1000 Mann. Denn der Feind war durch das Feuer der Redoute
geweckt und bekam Zeit, mit General Lincoln zusammen zu entkommen.«
Hier möge noch eine andere Anekdote von Ewald folgen, die diese
Campagne betrifft: »Als wir zu Anfang des Jahres 1777 während des
amerikanischen Krieges in New-Brunswick in Jersey lagen, hatte ich den
Befehl über das äusserste Ende der Piquetlinie bei Raritan Landing an
der Strasse nach Boundbrook. Dieser Posten konnte nur durch grosse
Wachsamkeit und den guten Willen und die Liebe der Jäger zu mir
gehalten werden. Wir schlugen uns täglich mit den Amerikanern herum,
denn wir waren nur eine Meile von einander entfernt. Eines Morgens um
das Frühjahr herum, krochen die Amerikaner unter dem Schutze eines
dicken Nebels so nahe an einen meiner Posten heran, dass sie eins
meiner Piquets in demselben Moment erreichte, wie eine Patrouille, die
ich vorgeschickt hatte, und die geworfen wurde. Sie stürzten auf mich
los so schnell sie innerhalb 200 Schritt von mir konnten.
Glücklicherweise war ein tiefeingeschnittener Weg zwischen uns, in
welchen ich mich mit 16 Jägern hineinwarf, indem ich Lieutenant
Hinrichs zurief, meine rechte Flanke mit dem Rest der Leute zu decken,
bis Kapitän von Wreden mit seiner Kompagnie heraufkäme. Gerade als ich
den eingeschnittenen Weg erreichte, erhielt ich heftiges Feuer von
einem Regiment leichter Infanterie unter Oberst Buttler, woraufhin
meine Leute, welche sonst brave Burschen waren, den Kopf verloren und
wegliefen. Erstaunt, wie man wohl glauben mag, rief ich hinter ihnen
her: »Ihr mögt zum Teufel rennen, aber ich bleibe hier allein stehen.«
In diesem Moment bemerkte ich, dass ein Mann, Jäger Bauer, bei mir
stehen geblieben war. Er antwortete: »Nein, Sie sollen nicht allein
bleiben,« und er rief den Jägern, welche sich fort machten, nach:
»Jungens, halt, ein Schuft, der wegläuft!« Nachdem er diese Worte
einigemal nachgerufen hatte, kamen sie alle zurück und kämpften
als brave Burschen. Die Amerikaner, welche fortwährend ein
ununterbrochenes Feuer unterhalten hatten, waren die schreckliche
Verlegenheit, in der ich gewesen war, nicht gewahr geworden. Kapitän
Wreden und die leichte Infanterie von der englischen Garde unter
Oberst Osborne kam zu unserer Unterstützung, und die Amerikaner wurden
mit grossem Verlust zurückgeworfen und beinahe bis nach Boundbrook
getrieben.« Jäger Bauer, der bei dieser Gelegenheit bei Ewald stand,
war ein unbedeutend aussehender Bursche aus dem Anspacher Distrikt.
Ewald hatte sich erst geweigert, ihn in seine Kompagnie einzustellen
wegen seines Äussern, doch hatte er sich durch die Vorzüglichkeit
seines Schiessens bewegen lassen ihn einzureihen. Kurz nach der oben
erwähnten Affaire gab Bauer einen andern Beweis seiner Verwegenheit.
Am Morgen des 25. Mai fiel Ewald mit einer Abteilung von 11 Jägern und
30 Dragonern in einen Hinterhalt in der Nähe von Boundbrook. Sie
wurden umzingelt und waren in Gefahr gefangen genommen zu werden, und
gerade in diesem Moment stürzte Ewalds Pferd und der Kapitän lag auf
dem Wege. Als die Jäger, die eine kleine Strecke entfernt waren, das
Pferd ihres Kapitäns reiterlos auf sie loskommen sahen, erschien Bauer
mit zwei Andern plötzlich, um den verletzten Offizier in Sicherheit
zu bringen. Sie trugen ihn mitten im Kugelregen zurück, und als sie
ihn an einen sicheren Ort gebracht hatten, bemerkte Bauer, dass Ewalds
Hut fehlte. »Wir müssen ihn wiederkriegen, sagte er, »oder sie werden
morgen den Hut unseres Hauptmanns im Triumph nach Boundbrook
hineintragen.« Sie liefen wieder zurück und brachten wirklich den Hut
trotz aller Kugeln zurück.
Ewald versichert, dass Oberst Reed vor dem Überfall von Trenton Donop
zweimal besuchte, unter dem Vorwand, Gefangene auszuwechseln, aber in
Wirklichkeit um zu rekognoszieren. Er erzählt darüber die folgende
Geschichte:
»In derselben Weise kamen die beiden Obersten Hamilton und Schmidt mit
einem Trompeter an den Posten, welchen ich bei New-Brunswick in Jersey
im Anfang der Campagne von 1777 festhielt, nachdem General Howe von
New-Brunswick nach Milztown vorgegangen und wieder zurückmarschiert war.
Sie hatten unwichtige Briefe an General Grant von zwei englischen
Offizieren seiner Brigade, welche am Tage vorher durch ihre eigene
Schuld gefangen genommen worden waren, indem sie zum Vergnügen
umhergeritten waren. Ich gab diesen beiden Herren, welche sehr elegante
und höfliche Leute waren, zu verstehen, dass ich ihre Absicht wohl
gemerkt hätte, und gab ihnen den wohlgemeinten Rat, sich so schnell als
möglich fortzumachen und mich so bald nicht wieder zu besuchen. Hierüber
schienen sie sehr erstaunt zu sein, befolgten aber meinen Rat mit
grosser Eile. Ich würde sie sicherlich zur Verhaftung nach dem
Hauptquartier mit verbundenen Augen geschickt haben, wenn ich nicht
gewusst hätte, dass das Volk über eine so weise Massregel gegen
Amerikaner gelacht haben würde. Das Beste wäre, wenn solche Herren zu
unpassender Zeit mit Botschaften kommen, sie wenigstens für einen halben
Feldzug mit sich zu nehmen.«
Ich glaube nicht im mindesten, dass Hamilton zu den britischen Vorposten
mit der Absicht gegangen war, die ihm hier unterstellt wird, und ich
glaube sicher, es geschah, wenn er es that, ohne Mitwissen von
Washington. Indessen hat man keinen Grund zu bezweifeln, dass ihm Ewald
argwöhnte und ihn in der beschriebenen Weise entliess.
Es wurden nun im Winter von 1776 auf 77 Unterhandlungen eingeleitet,
infolge deren Generallieutenant von Heister abberufen wurde von dem
Kommando über die hessischen Truppen und Generallieutenant von
Knyphausen ihm folgte. Lord Suffolk hatte auf die Rückberufung gedrungen
aus dem Grunde, weil Sir William Howe nicht zufrieden war mit Heister.
Inwieweit Sir Williams Abneigung gegen ihn an rein persönlichen Gründen
gelegen hat, oder in wieweit der Argwohn gerechtfertigt sein mag, dass
Heister zu sehr »auf die Erhaltung der unter seinem Befehl stehenden
Truppen« bedacht war, ist jetzt vielleicht nicht mehr möglich zu
entscheiden. Aber wir wissen, dass Howe bereits vor der Affaire von
Trenton mit Heister unzufrieden war, zu einer Zeit, als die englischen
Verluste entschieden schwerer gewesen waren als die hessischen. Heister
hatte durch den Vertrag zwischen dem König von England und dem Landgraf
das Recht des unmittelbaren Befehls über ungefähr die Hälfte von Sir
William Howes Armee. Die Abmachungen in dem Vertrage waren unbestimmt
genug, um zu vielen Streitfragen Anlass zu geben. Heister soll
widerspenstig gewesen sein. Jedenfalls kam er mit seinem
Oberbefehlshaber nicht gut aus. Dies dürfte ein genügender Grund gewesen
sein, um ihn abzuberufen.
Die englische Regierung zog es vor, nicht offen mit dieser Sache
hervorzutreten, sondern die Rückberufung wurde durch den Landgraf
veranlasst auf Grund von Heisters Gesundheit und Alter und nur »für eine
gewisse Zeit«. Es war aber wohl begreiflich, dass der alte General in
Ungnade von dannen ging. Der Landgraf schreibt an Knyphausen: »Nichts
als die vollkommene Vernachlässigung aller Ordnung und Disziplin kann
diese Schande (von Trenton) über uns gebracht haben. Ich halte es für
sehr nötig, über die Sache mit Generallieutenant von Heister zu
sprechen, und seine Gesundheit ist obendrein für das Klima dort drüben
nicht stark genug. Ich schreibe ihm deshalb, hierher zu kommen für eine
gewisse Zeit und übertrage das Kommando ad interim über meine Truppen in
Amerika auf Sie.« Heister verstand vollkommen, dass er in Ungnade
gefallen war und starb zwei Monate, nachdem er Cassel erreicht hatte,
aus Kummer und Sorge.
Im Anfang des Frühjahrs 1777 beliefen sich die wirklichen Besitzungen
des Königs von England auf amerikanischem Boden auf folgende: Im Staate
New-York: die Insel im Hafen und etwa ein kleines Stück von West Chester
County bei Kings Bridge. In New-Jersey: Amboy, New-Brunswick und Paulus
Hook. In Rhode Island die eigentliche Insel. Aber die Wichtigkeit dieser
Posten war ausser allem Verhältnis zu ihrer Ausdehnung. Sir William Howe
kommandierte eine nach modernen Begriffen allerdings kleine Armee, die
aber gross genug war um die von Washington an Zahl zu übertreffen, und
die aus disziplinierten Truppen, darunter viele Veteranen, gebildet war,
während die amerikanische Armee eine veränderliche, hauptsächlich aus
Milizen bestehende Masse war. Der Kongress hatte an einem der letzten
Tage des Jahres 1776 bestimmt, dass Washington bevollmächtigt sei,
auszuheben, zu organisieren und mit Offizieren zu versehen: 16
Bataillone Infanterie, 3000 Mann leichte Kavallerie, 3 Regimenter
Artillerie und ein Korps von Ingenieuren. Aber diese Truppen, die erste
Armee der vereinigten Staaten, als solche, zusammen mit den 88
Bataillonen, welche gleichzeitig von den einzelnen Staaten aufgestellt
werden sollten, existierten bis jetzt hauptsächlich auf dem Papier. Am
14. März 1777 schreibt Washington an den Kongress: »Nach der genauesten
Schätzung, welche ich machen kann, erreicht unsere Gesamtstärke in
Jersey, welche augenblicklich dienstfähig ist, nicht die Zahl 3000.
Diese, ausgenommen 981 Mann, sind Milizen und bleiben nur bis zum
letzten dieses Monats zum Dienst verpflichtet. Die Truppen, die in der
Ausbildung begriffen sind, belaufen sich, einschliesslich des Personals,
auf ungefähr 1000.« Sir William Howes Armee kann zu dieser Zeit
schwerlich weniger als 25 000 Mann betragen haben.
Die Handvoll Leute, welche die Sache der Freiheit Amerikas aufrecht
erhielt, war ohne Geld, ohne Kredit, oft ohne Kleidung. Gegen diese
wurde die Kriegsmacht eines grossen Reiches gesetzt, die Loyalität,
angefeuert durch eine alte Monarchie, einen unbegrenzten Kredit,
unberechenbare Hülfsquellen. Eine zweite britische Armee bereitete sich
vor, von Kanada aus mit der von Sir William Howe zusammen zu operieren
und, indem sie die Hudson-Linie besetzte, das Land in zwei Teile zu
teilen. Die Amerikaner konnten nicht auf fremde Hilfe rechnen, bis sie
nicht die Fähigkeit, sich selbst zu helfen, gezeigt hätten. Ihre
Hoffnung konnte sich nur gründen auf die eigene Standhaftigkeit, und auf
den Genius und die patriotische Tapferkeit ihres grossen Führers.
Kapitel X.
Die Braunschweiger in Canada 1776.
Das Braunschweigische Kontingent der deutschen Truppen, welches von
England zur Unterdrückung der Revolte in ihren Nord-Amerikanischen
Kolonien gedungen war, wurde von Baron Friedrich Adolph von Riedesel
befehligt. Er stammte aus einer adeligen hessischen Familie und war im
Jahre 1738 geboren. Im Alter von 15 Jahren war er nach Marburg geschickt
worden, um Rechtswissenschaft zu studieren, obschon er kaum schreiben
konnte und nur einige wenige lateinische Brocken gelernt hatte. Ein
Bataillon hessischer Infanterie stand damals in Marburg, und Riedesel
sah lieber den Soldaten zu, als dass er den Professoren der Universität
zuhörte. Der Major, der die Bekanntschaft des Jungen gemacht hatte,
hoffte ihn als Rekruten zu bekommen. Er gab Riedesel den Rat, in seine
Kompagnie mit der Aussicht auf Avancement einzutreten und sagte ihm
obendrein, dass er mit seinem Vater gut bekannt sei und an ihn schreiben
würde, um seine Einwilligung zu diesem Plane zu erbitten. Kurz darauf
sagte der Major zu Riedesel, dass er von seinem Vater gehört, er habe in
seine Einstellung eingewilligt. Der Junge war über diese Nachricht
entzückt und wurde sofort für den Dienst gemustert. Indessen, als er
seinem Vater schrieb, um sich zu bedanken, erhielt er eine sehr
enttäuschende Antwort. Baron von Riedesel hatte nie etwas von dem Major
gehört und hätte nie seinem Sohn die Erlaubnis gegeben, den für ihn
gewählten Beruf zu verlassen. Nun aber, da der junge Mann in den Dienst
eingetreten sei, erforderte es die Ehre, seinen Farben treu zu bleiben,
aber er brauchte auf keine weitere Unterstützung von Seiten seines
Vaters zu rechnen. Es blieb dem jungen Riedesel nichts übrig, als sich
in sein Schicksal zu fügen. Die ganze Angelegenheit ist nur ein Beispiel
von dem deutschen Rekrutierungs-System der damaligen Zeit.
Der Landgraf von Hessen-Cassel, hatte einige seiner Regimenter an
England geliehen. Riedesel ging mit seinem Bataillon dorthin mit dem
Rang als Fähnrich. Er war indessen nicht so lange dageblieben, um die
Sprache vollkommen zu erlernen, denn sein Regiment war nach Deutschland
zurückbeordert worden, um am siebenjährigen Kriege Teil zu nehmen, in
welchem England mit Preussen und einige kleinere deutsche Staaten
Frankreich, Österreich, Russland und Schweden gegenüberstand. Von dieser
Zeit an war Riedesels Avancement rapide. Er wurde ein Günstling von
Prinz Ferdinand und vertauschte den hessischen Dienst mit dem
braunschweigischen. Beim Ausbruch der amerikanischen Revolution war er
bis zum Range eines Obersten aufgestiegen und wurde General an dem Tage,
an dem er an der Spitze des Kontingents aus Braunschweig nach Amerika
ausmarschierte.
Riedesel sah nichts Entehrendes in der Thätigkeit, zu der er berufen
war. Er war Soldat von dem Typus, der dem 18. Jahrhundert eigen ist, und
in militärischen Dingen kannte er nichts anderes als seine Befehle. Er
war überdies ein zärtlicher Gatte und Vater, und seine Frau und Kinder
sollten ihm nach der Neuen Welt nachfolgen, sobald es die Gesundheit der
ersteren erlauben würde. »Liebste Frau,« schrieb er von seinem ersten
Halt, »nie habe ich mehr gelitten, als heute früh bei meiner Abreise.
Mein Herz brach mir, und hätte ich zurückgekonnt, wer weiss was ich
gethan hätte! Aber, meine Liebe, Gott hat mir diesen Beruf gegeben, ich
muss ihm folgen; Pflicht und Ehre verbinden mich dazu; man muss sich
also trösten und nicht murren.«
General Riedesel brach von Braunschweig am 22. Februar 1776 nach Stade
an der Elbe auf, an der Spitze von 2282 Mann. Die Truppen wurden
zwischen dem 12. und 17. März eingeschifft und gingen am 22. März in
See. Es waren 77 Soldatenfrauen mit dieser Division. Der Rest des
braunschweigischen Kontingents marschierte im Monat Mai nach Stade. Die
einzelnen Teile zusammen beliefen sich auf die Gesamtsumme von 4300
Mann. Das Regiment von Hessen-Hanau, 668 Mann stark, schloss sich der
Expedition in Portsmouth an. Die Braunschweiger wurden besichtigt und
für den englischen Dienst gemustert durch den Oberst Faucitt, welcher
von dem Aussehen der Soldaten nicht befriedigt war. Viele waren zu alt,
viele nur halbwüchsige Jungen. Die Uniformen der ersten Division waren
so schlecht, dass die englische Regierung gezwungen war, Riedesel 5000 £
vorzuschiessen, um die Leute in Portsmouth neu auszurüsten. Er wurde von
den englischen Lieferanten betrogen, denn als man die Kisten mit Schuhen
auf der See öffnete fand man Damenschuhe darin enthalten. Für einen
Feldzug in Canada waren keine Mäntel vorgesehen. Neue Uniformen für die
erste Division wurden im Laufe des Sommers nachgeschickt.
Der General war von dem Geiste seiner Truppen sehr befriedigt. »Ich
weiss die Zufriedenheit unserer Soldaten nicht genugsam zu beschreiben,
-- -- alles ist munter und guter Dinge,« schreibt er von Bord des
Schiffes aus an seinen alten Chef, Prinz Ferdinand von Braunschweig.
Bald indessen gesellte sich die Seekrankheit zu der Unbequemlichkeit auf
den vollgepfropften Schiffen. »Die Soldaten sind meistens alle seekrank
gewesen. Die meisten sind es noch, wie auch meine Leute«, schreibt
Riedesel an seine Frau von Dover aus. »Der arme Koch ist es so sehr,
dass er gar nicht arbeiten, ja nicht einmal den Kopf aufheben kann. Das
ist eine grosse Unbequemlichkeit für uns, denn Kapitän Foy und ich
müssen unsere Küche selbst besorgen, welches Dich belustigen würde, wenn
Du es sähest.« Vor Beendigung der Reise war das Wasser verdorben.
Die Flotte von 30 Schiffen lichtete die Anker in Portsmouth am 4. April
und kam vor Cap Gaspé am 16. Mai an, vor Quebec am 1. Juni. Riedesel
erhielt hier das Kommando über ein besonderes Korps, welches aus 1
englischen und 2 deutschen Bataillonen mit 150 Canadiern und 300
Indianern bestand und den St. Lawrence-Strom entlang zwischen Quebec und
Montreal postiert war. »Das hiesige Land wird Dir sehr gefallen; es ist
so schön, wie es nur sein kann,« schreibt Riedesel am 8. Juni an seine
Frau; und weiter sagt er am 28.: »Du wirst die Gegenden hier herrlich
finden, nur schade, dass die Kolonien noch in ihrer Kindheit sind, und
man also Gemüse, Obst und andere dergleichen zu einem guten Tisch
gehörige Sachen sehr selten findet; Fleisch, Geflügel und Milch aber hat
man im Ueberfluss. Die Häuser sind alle nur von einem Stockwerk, haben
aber inwendig viele Zimmer und sind sehr reinlich. Die Einwohner sind
überaus höflich und dienstfertig, und ich glaube nicht, dass unsere
Bauern bei einer ähnlichen Gelegenheit sich so artig bezeigen würden.«
Nachrichten bekam man zu jener Zeit so spät, dass die Niederlage von
Montgomery und Arnold vor Quebec am 31. Dezember 1775 in England noch
nicht bekannt war, als die Flotte von dort absegelte. Riedesel und seine
Begleiter hörten erst davon auf ihrem Wege den St. Lawrence-Strom
hinauf. Kurz nach ihrer Ankunft wurde Canada von den »rebellischen«
Truppen bis zum Nordende von Lake Champlain gesäubert, auf welchem See
die Amerikaner eine Flotte improvisirt hatten, bestehend aus 4
Schaluppen, 8 »Gondolas« und 3 Ruder-Galleeren. Den Sommer brachten die
Briten damit zu, Kriegs- und Transportschiffe zu bauen, um den See
hinauf vorzudringen. Die Truppen wurden einquartiert oder in Lager
untergebracht den St. Lawrence- und Richelieu-Fluss entlang, und nur ein
bedeutendes Scharmützel vermochte die gewohnte Thätigkeit des Drillens
und Schanzenbaues und des gleichzeitig fortschreitenden Bootsbaues durch
Rückwärtsmarschieren zu unterbrechen.
Am 23. Juni wohnte General Riedesel einer feierlichen Versammlung bei in
der früheren Jesuitenkirche in Montreal von General Carleton, dem
Gouverneur von Canada und den Häuptlingen der fünf Nationen. Alle
höheren Offiziere der Armee waren dazu eingeladen worden und ungefähr
300 Indianer waren anwesend. Die europäischen Offiziere waren mit
Stühlen auf dem Chor der Kirche versehen, der Gouverneur in der Mitte,
den Hut auf dem Kopfe. Die Indianer sassen auf Bänken im Mittelschiff
der Kirche und rauchten ihre Pfeifen. -- Nachdem Reden gehalten und
verdolmetscht waren, wurden die Dienste der Indianer durch den
englischen General angenommen, und es wurden ihnen Stellungen
angewiesen. Die Indianer reichten den europäischen Offizieren die Hände,
und den Generalen Carleton, Burgoyne und Phillips wurden Skalpe von
Rebellen geschenkt. Was die englischen Herren mit diesen reizenden
Geschenken ihrer menschenfreundlichen Bundesgenossen thaten, ist nicht
ersichtlich. Bei einer späteren Zusammenkunft, die General Carleton mit
Indianern mehr von Westen her abhielt, erschien einer von diesen in der
Uniform des General Braddock, welchen er getötet zu haben behauptete.
Von Montreal sagt Riedesel: »Diese Stadt ist in der That etwas feiner
als Quebec und hat ungefähr 1600 Häuser. Sie ist von nichts anderem
umgeben als einer Mauer mit Schiessscharten für Kanonen und Musketen,
und was man Citadelle nennt ist ein Blockhaus in sehr schlechter
Verfassung. Diese Werke waren im Jahre 1736 angefangen worden. Die ganze
Insel Montreal, gleichwie auch die Stadt gehören dem Seminar.... In der
Nähe dieses Seminars ist der beste Garten von ganz Canada, aber er ist
nicht besser angelegt, als der von einer Privatperson bei uns zu Hause.
Sie haben die meisten Arten der europäischen Pflanzen hier.« --
Schliesslich war am 9. September der Transport fertig, um auf dem Lake
Champlain vorzudringen. Es war indessen notwendig, wegen der
Kriegsfahrzeuge noch einen Monat länger zu warten. Sobald diese
vollzählig waren, übertrafen sie die der Amerikaner um mehr als das
doppelte, sowohl an Zahl als an Gewicht. Sie waren mit aufgegriffenen
englischen Seeleuten bemannt, während die Schaluppen und Gondolas unter
Benedict Arnold meistens von Nicht-Seeleuten bemannt und befehligt
waren. Das Resultat war vorauszusehen. Arnold wählte am 10. Oktober
1776 eine unvorteilhafte Stellung zwischen Valcour Island und dem
westlichen Ufer des Sees. Hier bestand er einen ungleichen Kampf am 11.
und von da entwischte er in der folgenden Nacht, verwegen durch die
Linie der britischen Flotte hindurchschlüpfend. Am 13. wurde er in der
Nähe der Insel der vier Winde von Carleton eingeholt. Einige der Boote
zertrümmerten, andere wurden auf den Strand gesetzt und verbrannt; nur
fünf entkamen. Arnold und sein Haufe bewiesen die grösste Tapferkeit bis
zu Ende; aber Tapferkeit allein konnte den Mangel an Seetüchtigkeit und
die Minderzahl nicht ausgleichen. Einige von den Deutschen nahmen an dem
Seegefecht vom 11. teil, und eins der Schiffe, auf dem die Hanauer
Artillerie war, wurde durch das amerikanische Feuer zum Sinken gebracht.
Die Soldaten und Seeleute, welche es bemannten, wurden indessen durch
ein anderes Boot gerettet. --
Unmittelbar nach diesem Seekampf besetzte Carleton Crown Point ohne
Gegenwehr. Streifparteien wurden bis in die Nähe von Ticonderoga
vorgetrieben. Riedesel war am 22. oder 23. Oktober dieser Festung so
nahe, dass er sie von einem Hügel aus vollkommen sehen konnte. Er
dachte, sie könnte wohl leicht von der britischen Armee in Canada
genommen werden, wenn die ganze Armee in Bewegung gesetzt werden würde,
doch er rechnete die Stärke der eigentlichen Besatzung entschieden zu
hoch. Sir Guy Carleton hielt es für zu spät, in diesem Herbst weitere
Eroberungen zu unternehmen. Selbst Crown Point verliess er und zog sich
nach der Nordspitze des Sees zurück.
Die Truppen wurden in Winterquartiere gelegt, die Deutschen den
Riechelieu-Fluss entlang und in die Umgebung des Sees St. Pierre.
Riedesels Hauptquartier war in Trois-Rivières. Man bemühte sich, die
Anwesenheit der Soldaten nicht zu schwer auf den Einwohnern lasten zu
lassen, abgesehen von denen, die Sympathien mit den Rebellen gezeigt
hatten. Eine strenge Disziplin wurde aufrecht erhalten. Die Soldaten
empfingen ihre Verpflegung und fällten sich ihr Holz zum Feuern in den
Wäldern. Die Arbeit des Tragens des Holzes, sobald es gefällt worden war
und des Kochens scheint den Einwohnern obgelegen zu haben. Die Soldaten
waren versehen mit langen Hosen von dickem Tuch, die bis hoch zum Leibe
hinauf reichten, und mit warmen Fausthandschuhen und Kapuzen.
Die zweite Braunschweigische Division war im September nach einer langen
und stürmischen Ueberfahrt in Canada angelangt. Offiziere und Leute
waren schliesslich auf halbe Ration von verdorbenen Lebensmitteln
gesetzt worden. Als die Division von ungefähr 2000 Mann in Quebec ankam,
waren 19 Mann gestorben und 131 krank an Scorbut.
Der lange Canadische Winter brach unmittelbar darauf herein. Er wurde
von Riedesel zur Ausbildung der Truppen verwendet wenn das Wetter es
erlaubte, besonders zur Ausbildung im Schiessen. Er hatte bemerkt, dass
die Amerikaner bessere Schützen als die Deutschen waren, und er bemühte
sich eifrig, diesem Mangel bei seinen Soldaten abzuhelfen. Im Laufe des
Winters reiste er über 1800 Meilen im Schlitten, um die zerstreut
liegenden Detachements zu besichtigen, und um General Carleton in Quebec
und Montreal seine Aufwartung zu machen. An ersterem Orte war er am 31.
Dezember 1776, als ein feierlicher Gottesdienst in der Kathedrale
gehalten wurde zum Andenken an die Befreiung der Stadt von Arnold und
Montgomery an diesem Tag des vergangenen Jahres. Die Feierlichkeit wurde
geleitet von dem Bischof, und 8 unglückliche Canadier mussten öffentlich
Busse thun, mit Stricken um den Hals, und Gott, die Kirche und König
Georg um Verzeihung bitten dafür, dass sie den Amerikanern beigestanden
hatten.
Während des zweiten Teils des Winters gab Riedesel in Trois-Rivières
jede Woche einen Ball, teils um sich die Zuneigung der Einwohner zu
erwerben, teils um seine Offiziere von Thorheiten abzuhalten. Der 20.
Januar, der Geburtstag der Königin von England, wurde mit grossem Pomp
gefeiert. 40 Gäste waren zum Diner geladen. Gesundheiten wurden in
Champagner ausgebracht, und eine kleine Kanone wurde nach jedem Toast
abgefeuert wie im ersten Akte von »Hamlet«. Am Nachmittag und Abend war
ein Ball, zu welchem nicht weniger als 37 Damen erschienen. Diesen wurde
des Abends ein Souper serviert, wobei ihnen die Herrn aufwarteten.
»Demoiselle de Tonnencour«, schreibt ein Augenzeuge, »erhöhte ihre Reize
durch ihre Juwelen, aber die arme Demoiselle R--e, in ihrem schäbigen
baumwollenen Kleid, wurde vor vielen von uns vorgezogen wegen ihrer
natürlichen und angenehmen Art und ihrer schönen Stimme. Sie müssen
wissen, lieber Herr, dass die kanadischen Schönen französische und
italienische Lieder an der Tafel singen, und dass bereits mehrere Lieder
zu Ehren von General Riedesel geschrieben und komponiert worden sind,
und dass diese oft in Trois-Rivières gesungen werden«. Auf diese Weise,
mit Dienst und Vergnügen, gingen die Monate dahin bis zu Anfang Juni
1777, wo sich eine ereignisreiche Campagne für die Braunschweiger
eröffnete.
Kapitel XI.
Baronin Riedesels Reise 1776 und 1777.
Die Baronin von Riedesel war aufgebrochen, um sich mit ihrem Gemahl zu
vereinigen und hatte ihre drei kleinen Töchter mit sich genommen, von
denen die Älteste erst 4 Jahre und 9 Monate alt war und die Jüngste ein
Säugling von 10 Wochen. Die Reise von Deutschland nach Kanada war in
jenen Tagen keine leichte Sache, sie war weder frei von unberechenbaren
wie wirklichen Gefahren. »Man stellte mir nicht allein die Gefahren zur
See vor, sondern sagte mir auch, dass wir besorgen müssten von den
Wilden gefressen zu werden; dass man sich in Amerika mit Pferdefleisch
und Katzen ernährte; und doch schreckte mich alles dieses noch weniger
als der Gedanke, in ein Land zu kommen, wo ich die Sprache ni
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