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Jenseits der Schriftkultur — Band 4

by Mihai Nadin · German · Gutenberg #4374 · 452,574 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Jenseits der Schriftkultur — Band 4
    
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Title: Jenseits der Schriftkultur — Band 4

Author: Mihai Nadin


        
Release date: August 1, 2003 [eBook #4374]
                Most recently updated: August 22, 2012

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/4374

Credits: Produced by Michael Pullen


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK JENSEITS DER SCHRIFTKULTUR — BAND 4 ***




Produced by Michael Pullen









Jenseits der Schriftkultur
(C)1999  by Mihai Nadin




Das Zeitalter des Augenblicks

Aus dem Englischen von Norbert Greiner




Inhalt

VORWORT ZUR DEUTSCHEN AUSGABE
EINLEITUNG: SCHRIFTKULTUR IN EINER SICH WANDELNDEN WELT
Alternativen



Jenseits der Schriftkultur


BUCH I.

KAPITEL 1: DIE KLUFT ZWISCHEN GESTERN UND MORGEN

Kontrastfiguren
Taste wählen--drücken
Das Leben ist schneller geworden
Aufgeladene Schriftkultur
Der Mensch entwirft, der Mensch verwirft.
Jenseits der Schriftkultur
Ein bewegliches Ziel
Der weise Fuchs
"Und zwischen uns der Abgrund"
Wiedersehen mit Malthus
In den Fesseln der Schriftkultur

KAPITEL 2: DIE USA--SINNBILD FÜR DIE KULTUR DER SCHRIFTLOSIGKEIT

Dem Handel zuliebe
"Das Beste von dem, was nützlich ist und schön"
Das Rückspiegelsyndrom


BUCH II.

KAPITEL 1: VON DEN ZEICHEN ZUR SPRACHE

Wiedersehen mit semeion
Erste Zeichenspuren
Skala und Schwelle
Zeichen und Werkzeuge

KAPITEL 2: VON DER MÜNDLICHKEIT ZUR SCHRIFTLICHKEIT

Individuelles und kollektives Gedächtnis
Kulturelles Gedächtnis
Existenzrahmen
Entfremdung von der Unmittelbarkeit

KAPITEL 3: MÜNDLICHKEIT UND SCHRIFT IN UNSERER ZEIT: WAS VERSTEHEN
WIR, WENN WIR SPRACHE VERSTEHEN?

Bestätigung als Feedback
Mündlichkeit und die Anfänge der Schrift
Annahmen
Wie wichtig ist Literalität?
Was ist Verstehen?
Worte über Bilder

KAPITEL 4: DIE FUNKTIONSWEISE DER SPRACHE

Ausdruck, Kommunikation, Bedeutung
Die Gedankenmaschine
Schrift und der Ausdruck von Gedanken
Zukunft und Vergangenheit
Wissen und Verstehen
Eindeutig, zweideutig, mehrdeutig
Die Visualisierung von Gedanken
Buchstabenkulturen und Aphasie

KAPITEL 5: SPRACHE UND LOGIK

Logiken hinter der Logik
Die Pluralität intellektueller Strukturen
Die Logik von Handlungen
Sampling
Memetischer Optimismus


BUCH III.

KAPITEL 1: SCHRIFTKULTUR, SPRACHE UND MARKT

Vorbemerkungen
Products "R" Us
Die Sprache des Marktes
Die Sprache der Produkte
Handel und Schriftkultur
Wessen Markt?  Wessen Freiheit?
Neue Märkte, Neue Sprachen
Alphabetismus und das Transiente
Markt, Werbung, Schriftlichkeit

KAPITEL 2: SPRACHE UND ARBEITSWELT

Innerhalb und außerhalb der Welt
Wir sind, was wir tun
Maschine und Schriftkultur
Der Wegwerfmensch
Die Skala der Arbeit und die Skala der Sprache
Angeborene Heuristik
Alternativen
Vermittlung der Vermittlung

KAPITEL 3: SCHRIFTKULTUR, BILDUNG UND AUSBILDUNG

Das Höchste und das Beste
Das Ideal und das Leben
Relevanz
Tempel des Wissens
Kohärenz und Verbindung
Viele Fragen
Eine Kompromißformel
Kindheit
Welche Alternativen?


BUCH IV.

KAPITEL 1: SPRACHE UND BILD

Wie viele Worte in einem Blick?
Das mechanische und das elektronische Auge
Wer hat Angst vor der Lokomotive?
Hier und dort gleichzeitig
Visualisierung

KAPITEL 2: DER PROFESSIONELLE SIEGER

Sport und Selbstkonstituierung
Sprache und körperliche Leistung
Der ‘illiterate’ Athlet
Ideeller und profaner Gewinn

KAPITEL 3: WISSENSCHAFT UND PHILOSOPHIE - MEHR FRAGEN ALS ANTWORTEN

Rationalität, Vernunft und die Skala der Dinge
Die verlorene Balance
Gedanken über das Denken
Quo vadis, Wissenschaft?
Raum und Zeit: befreite Geiseln
Kohärenz und Diversität
Computationale Wissenschaft
Wie wir uns selbst wegerklären
Die Effizienz der Wissenschaft
Die Erforschung des Virtuellen
Die Sprache der Weisheit
In wissenschaftlichem Gewand
Wer braucht Philosophie und wozu?

KAPITEL 4: EIN GESPÜR FÜR DESIGN

Die Zukunft zeichnen
Die Emanzipation
Konvergenz und Divergenz
Der neue Designer
Virtuelles Design

KAPITEL 5: POLITIK: SO VIEL ANFANG WAR NOCH NIE

Die Permissivität der kommerziellen Demokratie
Wie ist es dazu gekommen?
Politische Sprachen
Kann Schriftlichkeit zum Scheitern der Politik führen?
Die Krabben haben pfeifen gelernt
Von Stammeshäuptlingen, Königen und Präsidenten
Rhetorik und Politik
Die Justiz beurteilen
Das programmierte Parlament
Eine Schlacht, die wir gewinnen müssen

KAPITEL 6: GEHORSAM IST ALLES

Der erste Krieg jenseits der Schriftkultur
Krieg als praktische Erfahrung
Das Militär als Institution
Vom schriftgebundenen zum schriftlosen Krieg
Der Nintendo-Krieg
Blicke, die töten können


BUCH V.

KAPITEL 1: DIE INTERAKTIVE ZUKUNFT: DER EINZELNE, DIE GEMEINSCHAFT
UND DIE GESELLSCHAFT IM ZEIT-ALTER DES INTERNETS

Das Überwinden der Schriftkultur
Das Sein in der Sprache
Die Mauer hinter der Mauer
Die Botschaft ist das Medium
Von der Demokratie zur Medio-kratie
Selbstorganisation
Die Lösung ist das Problem.  Oder ist das Problem die Lösung?
Der Umgang mit den Wahlmöglichkeiten
Der richtige Umgang mit den Wahlmöglichkeiten
Abwägungen
Aus Schnittstellen lernen

KAPITEL 2: EINE VORSTELLUNG VON DER ZUKUNFT

Kognitive Energie
Falsche Vermutungen
Netzwerke kognitiver Energie
Unebenheiten und Schlaglöcher
Die Universität des Zweifels
Interaktives Lernen
Die Begleichung der Rechnung
Ein Weckruf
Konsum und Interaktion
Unerwartete Gelegenheiten

NACHWORT: UMBRUCH VERLANGT UMDENKEN

LITERATURHINWEISE

PERSONENREGISTER

ÜBER DEN AUTOR




Vorwort zur deutschen Ausgabe

Unsere Welt ist in Unordnung geraten.  Die Arbeitslosigkeit ist eine
große Belastung für alle.  Sozialleistungen werden weiter drastisch
gekürzt.  Das Universitätssystem befindet sich im Umbruch.  Politik,
Wirtschaft und Arbeitswelt durchlaufen Veränderungen, die sich nicht
nach dem gewohnten ordentlichen Muster des sogenannten Fortschritts
richten.  Gleichwohl verfolgen Politiker aller Couleur politische
Programme, die mit den eigentlichen Problemen und Herausforderungen
in Deutschland (und in Europa) nicht das Geringste zu tun haben.  Das
vorliegende Buch möchte sich diesen Herausforderungen widmen, aus
einer Perspektive, die die Zwangsläufigkeit dieser Entwicklung betont.

Wenn man eine Hypothese vorstellt, benötigt man ein geeignetes
Prüffeld.  In meinen Augen ist Deutschland am besten dafür geeignet.
In keinem anderen Land der Welt läßt sich die Dramatik des Umbruchs
so unmittelbar verfolgen wie hier.  In Deutschland treffen die Kräfte
und Werte, die zu den großen historischen Errungenschaften und den
katastrophalen historischen Fehlleistungen dieses Landes geführt
haben, mit den neuen Kräften und Werten, die das Gesicht der Welt
verändern, gewissermaßen in Reinform zusammen.

An Ordnung, Disziplin und Fortschritt gewöhnt, beklagen die Bürger
heute eine allgegenwärtige lähmende Bürokratie, die von Regierung und
Verwaltung ausgeht.  Früher galt das, verbunden mit dem Namen
Bismarcks, als gute deutsche Tugend, eine der vielen
Qualitätsmaschinen „Made in Germany“.  Im Verlauf der Zeit aber wurde
der Bürger abhängig von ihr und konnte sich nicht vorstellen, jemals
ohne sie auszukommen.  Die Mehrheit schreckt vor Alternativen zurück
und möchte nicht einmal über sie nachdenken.  Geprägt von Technik und
Qualitätsarbeit ist die Vorstellung, daß das Industriezeitalter
seinem Ende entgegengeht, den meisten eine Schreckensvision.  Sie
würden eher ihre Schrebergärten hergeben als die digitale Autobahn zu
akzeptieren, die doch die Staus auf ihren richtigen Autobahnen zu den
Hauptverkehrszeiten abbauen könnte--ich betone das „könnte“.  Noch
immer lebt es sich gut durch den Export eines technischen und
wissenschaftlichen Know-how, dessen Glanzzeit allerdings vorüber ist.

Als ein hochzivilisiertes Land ist Deutschland fest entschlossen, den
barbarischen Teil seiner Vergangenheit hinter sich zu lassen.  Der
Klarheit halber sei gesagt, was ich unter barbarisch verstehe:
Hitler-Deutschland verdient keinen anderen Namen, ebensowenig wie
alle anderen Äußerungen von Aggression, Antisemitismus und Rassismus,
die noch immer nicht der Vergangenheit angehören.  Aber bis heute hat
man nicht verstanden, daß eben jene pragmatische Struktur, die die
industrielle Kraft Deutschlands begründete, auch die destruktiven
Kräfte begünstigte.  (Man denke nur an die Technologieexporte, die
die wahnsinnigen Führer ölreicher Länder erst jüngst in die Hände
bekommen haben.) Das wiedervereinigte Deutschland ist bereit, in
einer Welt mit globalen Aufgaben und globalen Problemen Verantwortung
zu übernehmen.  Es setzt sich unter anderem für den Schutz des
tropischen Regenwaldes ein und zahlt für Werte--den Schutz der
Umwelt--statt für Produkte.  Aber die politischen Führer Deutschlands
und mit ihnen große Teile der Bevölkerung haben noch nicht begriffen,
daß der Osten des Landes nicht unbedingt ein Duplikat des Westens
werden muß, damit beide Teile zusammenpassen.  Differenz, d. h.
Andersartigkeit, ist eine Qualität, die sich in Deutschland keiner
großen Wertschätzung erfreut.  Verlorene Chancen sind der Preis, den
Deutschland für diese preußische Tugend der Gleichmacherei bezahlen
muß.

Die englische Originalfassung dieses Buches wurde 1997 auf der
Leipziger Buchmesse vorgestellt und in der Folge von der Kritik
wohlwollend aufgenommen.  Dank der großzügigen Unterstützung durch
die Mittelsten-Scheid Stiftung Wuppertal und die Alfred und Cläre
Pott Stiftung Essen, für die ich an dieser Stelle noch einmal Dank
sage, konnte dann Anfang 1998 die Realisierung des von Beginn an
bestehenden Plans einer deutschsprachigen Ausgabe konkret ins Auge
gefaßt werden.  Und nachdem Prof. Dr. Norbert Greiner, bei dem ich
mich hier ebenfalls herzlich bedanken möchte, für die Übersetzung
gewonnen war, konnte zügig an die Erarbeitung einer gegenüber der
englischen Ausgabe deutlich komprimierten und stärker auf den
deutschsprachigen Diskussionskontext zugeschnittenen deutschen
Ausgabe gegangen werden.  Einige Kapitel der Originalausgabe sind in
der deutschsprachigen Edition entfallen, andere wurden stark
überarbeitet.  Entfallen sind vor allem solche Kapitel, die sich in
ihren inhaltlichen Bezügen einem deutschen Leser nicht unmittelbar
erschließen würden.  Ein Nachwort, das sich ausschließlich an die
deutschen Leser wendet, wurde ergänzt.

Die deutsche Fassung ist also eigentlich ein anderes Buch.  Wer das
Thema erweitern und vertiefen möchte, ist selbstverständich
eingeladen, auf die englische Version zurückzugreifen, in die 15
Jahre intensiver Forschung, Beobachtung und Erfahrung mit der neuen
Technologie und der amerikanischen Kultur eingegangen sind.  Ein
Vorzug der kompakten deutschen Version liegt darin, daß die jüngsten
Entwicklungen--die so schnell vergessen sein werden wie alle anderen
Tagesthemen--„Fortsetzungen“ meiner Argumente darstellen und sie
gewissermaßen kommentieren.  Sie haben wenig miteinander zu tun und
sind dennoch in den folgenden Kapiteln antizipiert: Guildos Auftritt
beim Grand Prix d’Eurovision (liebt er uns eigentlich immer noch, und
warum ist das so wichtig?), die enttäuschende Leistung der deutschen
Nationalmannschaft bei der Fußballweltmeisterschaft (standen sich im
Endspiel Brasilien und Frankreich oder Nike und Adidas gegenüber?),
die Asienkrise, das Ergebnis der Bundestagswahlen, der Euro, neue
Entwicklungen in Wissenschaft und Technologie, die jüngsten
Arbeitslosenzahlen, die Ökosteuer und vieles mehr.  Wer sich der Mühe
einer gründlichen Lektüre des vorliegenden Buches unterzieht, wird
sich auf diese Entwicklungen einen eigenen Reim machen können, sehr
viel besser als die Mediengurus, die uns das Denken abnehmen wollen.
Zumindest wird er über die wortreichen Artikel halbgebildeter
Akademiker und opportunistischer Journalisten schmunzeln, die allzeit
bereit sind, anderen zu erklären, was sie selbst nicht verstehen.

Wie in der englischen Version möchte ich auch meine deutschen Leser
einladen, mit mir in Kontakt zu treten und mir ihre kritischen
Kommentare oder Fragen per e-mail zukommen zu lassen: nadin@acm.org.
Im Einklang mit dem Ziel des Buches, für die Kommunikation jenseits
der Schriftkultur das schriftkulturelle Eins-zu-Viele-Verhältnis
(Autor:Leser) zu überwinden, wird für dieses Buch im World Wide Web
ein Forum eingerichtet.  Die Zukunft gehört der Interaktion zwischen
Vielen.

Wuppertal, im November 1998

Mihai Nadin




Buch IV.



Kapitel 1:


Sprache und Bild

Photo, Film und Fernsehen haben die Welt mehr verändert als
Gutenbergs Druckmaschine.  Besonders Film und Fernsehen bekommen die
Schuld für den Niedergang der Schrift- und Lesekultur zugeschrieben,
in jüngerer Zeit kommen Computerspiele und das Internet als Schuldige
dazu.  Weltweit hat man in Untersuchungen herauszufinden versucht,
wie diese Medien unsere Lesegewohnheiten, Schreibfähigkeit,
Sprachverwendung und Sprachverstehen beeinflußt haben.  Die
Aktionsformen und die Verbreitung von Informationen über
elektronische Medien und das World Wide Web sind ebenfalls unter
vergleichenden Gesichtspunkten untersucht worden.  Daraus konnten
Schlußfolgerungen gezogen werden über den Einfluß verschiedener
Schrifttypen auf Art und Umfang der PrintProdukte und auf die
Veränderungen der Schreibweisen (in Romanen, wissenschaftlichen
Texten, in der Geschäftskorrespondenz, in Handbüchern, in Lyrik und
Dramatik, sogar in der persönlichen Korrespondenz).

In einigen Ländern verfügt jeder Haushalt über ein Fernsehgerät, in
manchen über mehr als eines. 1995 wurden mehr Computer als
Fernsehgeräte verkauft.  In vielen Ländern haben die meisten Kinder
ausgiebige Fernseh- und Filmerfahrungen, bevor sie lesen können; in
einigen Ländern können sie sogar Computerspiele bedienen, bevor sie
ein Buch in die Hand bekommen.  Während der Grundschulzeit verbringen
sie dann mehr Zeit vor dem Fernsehapparat als mit Büchern.  Die
Erwachsenen, die heute zur vierten oder fünften Fernsehgeneration
gehören, sind in noch größerem Maße Bildern ausgesetzt.  Einiges
davon geschieht in freier Entscheidung--Fernsehsendungen, Kinofilme,
Videokassetten und CD-ROMs. Andere Bilder werden ihnen an ihrem
Arbeitsplatz, beim Arzt, bei der Ausübung ihres Hobbys und durch die
Werbung aufgenötigt.  Das Interesse an Fernsehen und Videotechnik
wuchs, als Aufnahme- und Abspieltechnik auch dem Laien leicht
zugänglich wurden.  Heute kann für jeden familiären, schulischen oder
beruflichen Anlaß ein umfangreiches Videoarchiv angelegt werden.  Das
Kabelfernsehen ermöglicht ohne weiteren größeren Aufwand die
Produktion eigener Fernsehprogramme.  Durch die verfügbaren
Netzwerksysteme (Kabel, Satellit, Radiowellen) können Bilder von den
entlegensten Orten an alle Haushalte, Schulen und Bibliotheken
übermittelt werden, was die Beziehung zwischen Eltern und Kindern und
das Verhältnis beider zu Sprache, Bildung und Schriftkultur
beeinflußt.  Ohne allzu großen Aufwand kann jeder seine eigene CD-ROM
herstellen; der Zugang zum Internet ist nicht teurer als ein
Zeitschriftenabonnement, aber sehr viel interessanter, weil man nicht
nur passiver Rezipient ist.

Es geht nicht mehr um den Einfluß, den Bild, Verarbeitungstechnologie
und Computer auf Lesegewohnheiten oder den die neuen Medien auf die
Schreibfähigkeit ausüben.  Die skizzierte Entwicklung verzeichnet
einen fundamentalen Umbruch--die Abkehr von einem einzigen, alles
beherrschenden Zeichensystem, der Sprache, und von der Schriftkultur
als der verdinglichten Form von Sprache.  An ihre Stelle treten
verschiedene Zeichensysteme, unter denen die visuellen eine führende
Rolle einnehmen.  Wenn wir diesen Umbruch nur als einen verstärkten
Einfluß der Technologie verstehen, dann verkennen wir die wahre Natur
dieses Umbruchs und der Folgen, die er nach sich zieht; und wir
können uns nicht angemessen darauf einstellen.  Wir müssen vor allem
den Grad der Notwendigkeit dieser Technologie erkennen.  Die die
Pragmatik der Industriegesellschaft kennzeichnende Obsession mit
Symptomen ist nicht beschränkt auf Reparaturwerkstätten und
Arztpraxen.

Die neuen durch die veränderte Skala des Menschen eröffneten
praktischen Erfahrungen, die die Alternativen zur Sprache notwendig
gemacht haben, bestätigen uns, daß wir uns nicht einfach nur
intensiver mit Fernsehen oder Computerbildschirmen, mit Werbung,
Photographie oder Laserdisketten, CD-ROM, digitalem Fernsehen, dem
Internet oder dem World Wide Web beschäftigen sollten; worum es
wirklich geht, ist die Frage, wie wir lernen können, mit der neuen
Komplexität umzugehen, wie wir sie in den Griff bekommen, um unsere
Bedürfnisse und auf Globalität gerichteten Erwartungen effizienter zu
erfüllen.

Wer den Niedergang der Schriftkultur auf das Fernsehen oder auf das
Eindringen von elektronischen und digitalen Geräten in unser Leben
zurückführt, macht es sich entschieden zu leicht.  Es ist natürlich
einfacher, die Stunden zu zählen, die ein Kind durchschnittlich vor
dem Fernsehgerät verbringt--in den USA sind es bis zum Schulabschluß
16000 Stunden im Vergleich zu den 13000 Stunden, die für das Lesen
aufgebracht werden--, als nach den Gründen dafür zu fragen.  Wir
wissen alle, daß ein Kind in Amerika heute, bevor es je Alkohol oder
Zigaretten kaufen darf, über eine Million Werbesendungen dazu gesehen
hat.  Dennoch kommt kaum jemand auf den Gedanken, die neuen Arbeits-
und Kommunikationsstrukturen wahrzunehmen, egal wie oberflächlich
einige davon auch immer sein mögen.  Es ist noch relativ leicht
einzusehen, daß bestimmte Arbeits- und Lebensgewohnheiten verloren
gegangen sind.  Die Gründe hierfür erschließen sich uns erst, wenn
wir uns den notwendigen Entwicklungen gegenüber offen zeigen und sie
aus einer gänzlich neuen Perspektive betrachten.

Einige der heute geläufigen visuellen Zeichensysteme haben sich aus
der Schriftkultur heraus entwickelt: Werbung, Theater und
Fernsehspiel.  An sie stellen wir die für das Maschinenzeitalter
charakteristischen Erwartungen.  Andere visuelle Zeichensysteme
überschreiten die der Schriftkultur gesetzten Grenzen: konkrete
Poesie, Happening, Animation, Performancespiele bis hin zum
interaktiven Videospiel, interaktive Multimedien, virtuelle
Realitäten und die globalen Netzwerke.  In diesen Aktivitäten liegt
eine eigene, ganz neue Dynamik, an Stelle der traditionellen
Homogenität werden das Anderssein, Unterschiede und Auswahl betont.
Viele dieser Erfahrungen ergeben sich aus der praktischen
Notwendigkeit, den menschlichen Erfahrungshorizont zu erweitern und
mit der Dynamik der globalen Wirtschaft Schritt zu halten.


Wie viele Worte in einem Blick?

In einer Zeitschrift der Druckindustrie (Printer’s Ink) hat Fred R.
Barnard 1921 eine Formulierung verwendet, die seitdem immer wieder
aufgegriffen wurde: "Ein einziger Blick ist 1000 Worte wert!"  Er
formulierte sie später um und behauptete, es sei ein altes
chinesisches Sprichwort: "Ein Bild ist 1000 Worte wert."  Er wollte
damit auf die Wirkungskraft von Bildern aufmerksam machen, auf die im
übrigen Gestalter und Handwerker aller Art in jahrtausendealter
Praxis schon immer gesetzt hatten.

Bilder sind konkreter als Wörter.  In ihrer Konkretheit vermögen sie
natürlich nicht, andere Bilder zu beschreiben.  Dennoch assoziieren
wir mit den abstrakten Begriffen, die der Mensch im Verlauf seiner
praktischen und theoretischen Tätigkeit entwickelt hat, immer wieder
Bilder.  Sie sind auch in ihrer Verwendbarkeit eingeschränkter und
viel stärker durch ihren Entstehungszusammenhang bestimmt.  Das Wort
rot ist im Vergleich zur Farbe, die es bezeichnet, willkürlich.  Auch
hat die Bezeichnung selbst nur einen Annäherungswert.  In einem
bestimmten experimentellen Zusammenhang kann man viele
Farbnuancierungen unterscheiden, für die es keine eigenen
Bezeichnungen gibt.  Die Farbe in einem gegebenen Bild hingegen ist
eine meßbare physikalische Größe, die man in der Photographie, im
Druck oder der Pigmentsynthese entsprechend leicht verarbeiten kann.
Im gleichen experimentellen Zusammenhang kann diese Farbe mit vielen
Gegenständen und Abläufen assoziiert werden: mit Blumen, Blut, einem
Stop-Schild, einem Sonnenuntergang oder einer Fahne.  Sie kann
Vergleiche oder Assoziationen bewirken oder selbst zur
konventionalisierten Bedeutung werden.  Wird ein visuelles Zeichen in
Sprache übersetzt, wird es mit derartigen für die Sprache typischen
Konventionen beladen--Rot als Farbe der Revolution, das Rot der
Kardinäle, der Rotgardisten usw.--und damit aus dem Bereich der
physikalischen Bestimmtheit (Wellenlänge oder Oszillationsfrequenz)
in den Bereich kultureller Konventionen verlagert.  Diese
Konventionen gehören zum Symbolinventar einer bestimmten Gemeinschaft.

Rein bildliche Zeichen wie im Chinesischen und im Japanischen
beziehen sich auf die Sprachstruktur und tragen kulturelle Bedeutung.
Unabhängig davon, zu welchen Abstraktheits- und Kompliziertheitsgrad
sie sich entwickelt haben, behalten sie doch einen Bezug zu dem, was
sie bezeichnen.  Sie weiten die Erfahrung des Schreibens--besonders
in kalligraphischen Übungen--auf die darin ausgedrückte Erfahrung aus.
Wir können die in der Sprache verkörperte Logik durchaus auf Bilder
übertragen, und das nicht nur bei den chinesischen Ideogrammen.  Doch
verändern wir damit automatisch den Status des Bildes; es wird eine
Illustration.

Die in der Schriftkultur verkörperte Sprache ist ein analytisches
Instrument, das die analytische Tätigkeit des Menschen fördert.
Bilder haben vornehmlich synthetische Eigenschaften und eignen sich
besonders für Komposita.  Synthetisierende Tätigkeiten, besonders der
Entwurf von Gegenständen, Mitteilungen oder Handlungsabläufen,
greifen auf Bilder zurück, besonders auf aussagekräftige Diagramme
und Zeichnungen.  Schrift beschreibt, Bilder bilden heraus.  Sprache
setzt für das Verstehen einen Kontext voraus, in dem
Distributionsklassen definiert werden.  Bilder deuten einen solchen
Kontext an.  Ein Bild kennt aufgrund seines individuellen Charakters
keine Entsprechung für eine Distributionsklasse.

Beim Betrachten eines Bildes, zu welchem praktischen oder
theoretischen Zweck auch immer, beziehen wir uns stets auf die
Methode des Bildes, nicht auf seine Bestandteile.  Die Methode eines
Bildes ist seine Erfahrung, nicht eine auf ein bestimmtes Repertoire
angewandte Grammatik oder die Umsetzung bestimmter grammatikalischer
Regeln.  Die Kraft der Sprache liegt in ihrer abstrakten Natur.
Bilder beziehen ihre Wirkungskraft gerade aus ihrer Konkretheit.  Die
Abstraktheit der Sprache ergibt sich daraus, daß eine
Sprachgemeinschaft ein bestimmtes Vokabular und eine Grammatik
gemeinsam hat; die Abstraktheit von Bildern bedeutet, daß Menschen
eine gemeinsame visuelle Erfahrung teilen oder daß die Bilder einen
Kontext für neue Erfahrungen schaffen.

Solange die visuelle Erfahrung wie bei den nomadischen Stämmen auf
die eigene, begrenzte Welt beschränkt blieb, konnten visuelle Zeichen
nicht als Medium für eine Erfahrung dienen, die über diese sich
verändernde Welt hinaus wies.  Die Sprache entwickelte sich ja gerade
aus dem Bedürfnis heraus, diese Grenzen von Raum und Zeit zu
überwinden und Optionen zu schaffen.  Das abstrakte phonetische
Zeichen bot sich als Alternative, es konnte leichter von einer Welt
in die andere überführt werden, wie es die Phönizier ja auch
praktizierten.  Jedes Alphabet ist ein kondensiertes visuelles
Zeugnis von Erfahrungen, die sich inzwischen von der Sprache und
deren konkreter praktischer Motivierung losgelöst haben.

Schrift visualisiert Sprache; die Lektüre gibt der geschriebenen
Sprache ihre mündliche Dimension zurück, wenn auch in gezähmter Form.
Die Buchstaben der verschiedenen Alphabete sind nicht einfache,
neutrale Zeichen für eine abstrakte phonetische Sprache, sondern
vielmehr die Zusammenfassung visueller Erfahrungen und die Kodierung
von Regeln des Wiedererkennens; sie haben einen Bezug zu
anthropologischer Erfahrung und zu kognitiven Abstrahierungsprozessen.
Der Mystizismus von Zahlen und deren meta-physische Bedeutung, der
Mystizismus von Buchstaben oder Buchstaben- und Zahlenverknüpfungen,
von Formen, Symmetrien und Ähnlichem gehören dazu.  Mit der
Alphabetisierung und der Einführung von Zahlensystemen nahm die
abstrakte Natur der visuellen Darstellung die phonetische Eigenschaft
der Sprache an.  Für den durchschnittlich gebildeten (oder
ungebildeten) Menschen ging die Konkretheit der bildlichen
Darstellung zusammen mit den darin gefaßten Elementen (welche
Erfahrung steht hinter einem Buchstaben, einer Zahl, einer bestimmten
Schreibweise?) ein für allemal verloren.  Eben diese Durchbrechung
von Spracherfahrungen gehört zum allgemeineren Prozeß der
Akkulturierung.  Schriftforscher haben verschiedene Ebenen
nachgewiesen, auf denen ein jedes Buchstabenbild Ausdrucksebenen
formt, die in sich bedeutsam sind.  Dennoch ist deren alphabetisches
Wissen für das Schreiben etwa so relevant wie eine gute Beschreibung
der verschiedensten Radtypen für die Herstellung und Benutzung von
Automobilen.

Heute verwenden wir Bilder nach Maßgabe der Möglichkeiten, die die
Zwänge unserer Lebenspraxis und entsprechender Technologien
bereitstellen.  In den vorausgegangenen Kapiteln haben wir einige
dieser Bedingungen ausgeführt.  Es waren im einzelnen:
1. die globale Skala unseres Daseins und unserer Tätigkeit;
2. die Vielfalt, die durch die aus der Globalität hervorgehenden
praktischen Erfahrungen ermöglicht wird;
3. die Dynamik immer schneller werdender und zunehmend vermittelter
Formen der Interaktion;
4. die Notwendigkeit, menschliche Interaktion zu optimieren, um
höhere Effizienzebenen zu erreichen;
5. die Notwendigkeit, die latenten Stereotypien der Sprache zu
überwinden;
6. die nicht-lineare, nicht-sequentielle, offene Natur menschlicher
Erfahrungen, die die neue Skala in den Vordergrund gerückt hat.
Die Aufzählung läßt sich fortsetzen.  Je besser wir den Einsatz von
Bildern beherrschen, desto mehr Argumente können wir zu ihren Gunsten
vorbringen.  Wir sollten diese Argumente jedoch nicht als unkritische
Verherrlichung von Bildern mißverstehen.  Vieles läßt sich nicht
allein durch Bilder ausdrücken: theoretische Arbeit etwa oder
metasprachliche Reflexion.  Bilder sind faktisch, situationsgebunden,
instabil.  Sie vermitteln auch ein falsches Demokratieverständnis.
Vor allem aber veranschaulichen sie die Verlagerung von einem
positivistischen Tatsachenverständnis, wie es den schriftkulturellen
Determinismus bestimmt, zu einer relativistischen Auffassung von
einer chaotischen Funktionsweise, wie sie sich im Markt oder in den
neuen Formen menschlicher Interaktion niederschlägt.  Wir müssen ein
besseres Verständnis vom Leistungspotential von Bildern außerhalb
ihrer traditionellen Wirkungsbereiche in Kunst, Architektur und
Design entwickeln, um wirklich ermessen zu können, in welchem Maße
sie am Denken und den bislang eher nicht-bildlichen Formen
menschlicher Praxis teilhaben werden.

Die Bildlogik unterscheidet sich von der Logik, die der menschlichen
Selbstkonstituierung durch Sprache zu eigen ist.  Insofern ist sie
besonders in solchen Tätigkeitsbereichen wirkmächtig, die unsere
Gefühle und Instinkte einbinden.  Bildlichkeit ist proteischer Natur.
Bilder bilden nicht nur ab; sie formen, gestalten, bilden
Gegenstände.  Daher können Assoziationsabläufe besser durch Bilder
als durch Sprache unterstützt werden.  Durch Bilder wird der Mensch
besser akkulturiert; d. h. in eine Kultur eingebunden und mit einer
Identität versehen, die er auf der abstrakten Ebene der
Kultureinbindung durch Sprache nicht erfahren kann.  Die Welt der
Avataren, d. h. die dynamische graphische Darstellung eines Menschen
in der virtuellen Welt der Netzwerke, ist eine konkrete Welt.  Die
hierin einbezogenen Individuen schaffen sich im besten Sinne des
Wortes neu als visuelle Einheiten, die mit anderen einen Dialog
aufnehmen.

Innerhalb einer bestimmten Kultur sind die Bilder aufeinander bezogen.
Innerhalb der Vielfalt der Kulturen können Bilder Erfahrungen
übersetzen.  Vor dem Hintergrund unserer allgemeinen Globalität ist
der Bildgebrauch zugleich distinktiv und integrativ.  Die
Distinktionsleistung äußert sich darin, daß sie die
Identifikationsmerkmale der jeweils kulturgebundenen Individuen trägt,
die sich in den neuen lebenspraktischen Zusammenhängen konstituieren.
Die Integrationsleistung wird am besten durch die Metapher des
global village veranschaulicht, jener kleinen großen Welt aus
Telekommunikation und den Interaktionen im Internet und im World Wide
Web.

Wir sollten die bislang erörterten Eigenschaften von Bildern nunmehr
in Beziehung zu jenen veränderten Perspektiven setzen, die die
Bildtechnologien eröffnet haben.  Nur so werden wir verstehen,
inwiefern Bilder Sprachen hervorbringen können, die unsere
traditionelle Schriftkultur überflüssig machen oder, besser noch, die
sie ergänzende partielle Alphabetismen erfordern.


Das mechanische und das elektronische Auge

Der Photoapparat und die dazugehörige Technologie der
Photoentwicklung und -verarbeitung sind Produkte der Schriftkultur,
antizipieren aber einen Zustand jenseits derselben.  Die Metapher des
Auges für die Optik der Linse und die Mechanik des Apparats mußte für
den neuen Blick auf die Wirklichkeit auf Kategorien der Schriftkultur
zurückgreifen, insbesondere auf deren implizite Raumauffassung und
Raumdarstellung.  Die genaue Diskussion um Möglichkeiten und Grenzen
der Photographie, die mit den ersten Photos einsetzte und bis in
unsere heutige Zeit anhält, ist eine einzige Übung im analytischen
Denken und Handeln.

Manche haben die Photographie als ein Beschreiben mit Licht
verstanden, andere als mechanisches Zeichnen.  Die kreativen
Möglichkeiten schienen eher begrenzt, die dokumentarischen standen
außer Frage: Sie bot eine Art Kurzschrift für Beschreibungen, die in
schriftlicher Form schwierig, aber prinzipiell möglich waren.  Je
mehr die Möglichkeiten und Verwendungsbereiche der Kamera erweitert
wurden, desto interessanter wurde die Photographie als Beleg und
Dokument in Journalismus und Wissenschaft, im persönlichen und
familiären Leben.  Allmählich traten Bilder an die Stelle von Wörtern,
und schließlich mußten Schrift und Schriftkultur eine ganze Reihe
von Erfahrungsbereichen, die mit Raum, Bewegung und ohne Kamera nicht
erkennbaren Aspekten zu tun hatten, der Bildlichkeit als
Darstellungsmedium überlassen.

Das Unsichtbare wurde plötzlich mit Hilfe der Kamera viel
überzeugender, anschaulicher und authentischer vorgeführt, als Worte
darüber hätten berichten können.  Das in vielen Geschichten erwähnte,
aber im wahren Wortsinn unsichtbare Abwassersystem von Paris mag hier
als Beispiel dienen.  Vor der Photographie konnte nur die Zeichnung
das Sichtbare ohne Umsetzung in Worte oder komplizierte Diagramme
wiedergeben.  Aber jede Zeichnung war schon immer interpretierte
Darstellung, nicht nur dadurch, daß sie auswählte, sondern eine
Perspektive wählen mußte und das Dargestellte emotional anreicherte.
Es brauchte lange, bis auch die Kamera eine derartige
interpretierende Eigenschaft aufzuweisen hatte, und auch dann war es
wegen der zwischengeschalteten Verarbeitungstechnologie nicht leicht
zu sagen, was dem abgebildeten Gegenstand hinzugefügt worden und aus
welchen Gründen dies geschehen war.

Heutzutage haben alle Photoapparate das notwendige Bedienungswissen
eingebaut.  Die Metapher des Auges, die sich ohnehin mit dem
Aufkommen der elektronischen Photographie verändert hat, hat sich
ebenso erübrigt wie jedwede Beachtung von Blende, Belichtungszeit und
Entfernung.  Die Lebenspraxis, die zur Photographie hinführte, hat
mit der heutigen Praxis der vollautomatischen Kamera nur noch wenig
gemein.  Das alltägliche Photographieren setzt keinerlei spezielle
Kenntnisse mehr voraus, sondern begleitet Reisen, gesellige
Veranstaltungen oder auch sehr persönliche Situationen gewissermaßen
als Alltagsreflex.  So ersetzen Photographien heute schriftliche
Berichte, und Photoalben ersetzen Tagebücher, zumal ein Photoapparat,
so merkwürdig das klingen mag, leichter zu benutzen und vermutlich
genauer ist als die Sprache.  In gewisser Hinsicht ist er eine
komprimierte Sprache, die uns auf das kommende Zeitalter einer
visuellen Syntax vorbereitet.  Wenn die wissenschaftliche
Photographie nicht zur Verfügung stünde, müßten wir für das, was uns
die Bilder aus dem Weltraum, vom Elektronenmikroskop, aus dem
Erdinneren oder aus den Tiefen des Meeres mitteilen, ungeheure, kaum
verfügbare sprachliche Mittel aufwenden.  Zur Zeit Leonardo da Vincis
gab es nur die eine Alternative, die der Zeichnung--neben einer
ausgreifenden Phantasie.

Die Photokamera hat--expliziter noch als die Sprache--eine eingebaute
Raumvorstellung.  Sie ist in der Geometrie der Linse angelegt und
drückt sich in den charakteristischen Merkmalen der Photographie aus:
zweidimensionale Reduktion unserer dreidimensionalen Erfahrungswelt,
die im wesentlichen durch die physikalischen Eigenschaften der Linse,
aber daneben durch Licht, Filmqualität, Entwicklungsart, Photopapier
und verwendete Technik beeinflußt wird.  Mit der Differenzierung
unserer räumlichen Vorstellungen haben wir auch die Objektive
verbessern (Weitwinkel, Zoom) und Funktionen entwickeln können, die
unseren visuellen Erfahrungen entsprechen.  Mit der Möglichkeit, die
Zeit zu kontrollieren, konnten schließlich auch dynamische Vorgänge
aufgezeichnet werden.

Eine neue Phase im Verhältnis zwischen Schriftkultur und Photographie
wurde durch die Polaroid-Kamera eingeleitet, die die ursprünglichen
zwei Stadien des Photographierens zusammenfaßte, das Ergebnis sofort
ausdruckte und--zumindest anfänglich--auf Reproduzierbarkeit
verzichtete.  Die traditionelle Kameratechnik wies ein Verhältnis
zwischen Mensch und Instrument auf, das auch das Verhältnis zur
Maschine kennzeichnete: Was kann ich damit machen?  Mit der
Polaroid-Kamera veränderte sich die Frage: Was kann sie für mich
leisten?  Die Akzentverlagerung drückt ein verändertes Verhältnis zum
Medium aus und befreit die Photographie zugleich aus einigen von der
Schriftkultur auferlegten Beschränkungen.  Die Frage "Was kann ich
tun?" zielt auf photographisches Wissen, auf die vom Photographen
getroffene Auswahl, also auf Identitätserfahrung in einem neuen
lebensweltlichen Erfahrungszusammenhang.  "Was kann sie leisten?"
bezieht sich auf die im Gerät eingebauten Fähigkeiten.  Die Werbung
für diese Art von Kamera ist vielsagend: "Sie bekommen Ihr Photo,
solange die Erinnerung frisch ist."  Im Gegensatz zur schriftlichen
Aufzeichnung ist das Sofortbild nur auf kurze Dauer angelegt, als ein
Schnellersatz für die Schrift.

Eine noch wichtigere Veränderung bringt die elektronische und
besonders die digitale Kamera.  In der Digitaltechnik wirkt sich die
geringste Veränderung des Input nachhaltig auf das Ergebnis aus, und
die Qualität ist deutlich besser.  Der Unterschied ist sehr wichtig:
Er kennzeichnet völlig neue Bildbedingungen und verändert unser
Verhältnis zum Visuellen nachhaltig.  Die Sprache fand in der Schrift
das angemessene Medium, die Drucktechnik machte das geschriebene Wort
zum Gegenstand der Schriftkultur.  Bilder konnten nicht mit derselben
Leichtigkeit angefertigt und auch nicht mit den Mitteln übertragen
werden, die für die Übertragung der Stimme zur Verfügung standen.
Als wir elektromagnetische Wellen--mit einer Geschwindigkeit mehrfach
so hoch wie die Klanggeschwindigkeit--zur Telefon- oder
Radioübertragung nutzten, haben wir damit die Funktion der Sprache
gefestigt, sie aber gleichzeitig von einigen Beschränkungen der
Schriftlichkeit befreit.  Die digitale Photographie leistet ein
Gleiches für Bilder.

Die Herstellung eines schriftlichen Berichts über einen Vorgang
irgendwo in der Welt erfordert sehr viel mehr Zeit als die
Anfertigung eines Bildes von eben diesem Vorgang.  Ein
Photojournalist kann die Bilder, die er mit seiner digitalen Kamera
aufgenommen hat, per Netzwerk auf die druckfertige Seite senden.  Das
Verstehen eines Bildes, dessen Drucklegung übrigens schon lange vor
der Erfindung des Computers eine digitale Komponente benötigte (das
Raster), erfordert einen weitaus geringeren sozialen Aufwand als die
Schriftlichkeit.  Die Komplexität verlagert sich von der Aufnahme des
Bildes zu dessen Übermittlung und Empfang.  In den entsprechenden
neuen Photogeschäften kann jeder farbenprächtige Drucke oder die
glänzenden CDROMs bekommen, von denen jedes einzelne Bild auf den
Fernsehmonitor geholt oder auf unseren Computern weiterverarbeitet
werden kann.

Zwischen der Verwendung des Bildes als Zeugenbeleg und seiner
Verwendung als Prätext für neue praktische Anwendungen--ein Medium
von visueller Relativität und von fragwürdiger Moral--ist alles nur
Denkbare möglich.  Bilder können in sich schnell entwickelnden
Situationen--Transaktionen, Informationsaustausch, Konflikten--besser
als Worte vermitteln.  Sie sind frei von den Extralasten, die die
Wörter üblicherweise mit sich tragen, und sind jederzeit und überall
auf der Welt in allen Einzelheiten verständlich.  Die elektronische
Verarbeitung digitaler Photographien ermöglicht--soweit
erforderlich--in vielen unvorhersehbaren Zusammenhängen Vergleiche
oder Manipulationen.  Die Metapher der Einäugigkeit, die das Wesen
des Photographischen beschreibt, kennzeichnet eine flache,
zweidimensionale Welt.  Das ist die Sichtweise von Zyklopen, die
alles flach sehen.  Diese Metapher ist leider, wenn auch nicht ganz
zufällig, für die Computergraphik übernommen worden.  Die Bilder auf
einem Computerbildschirm werden mit den Konventionen des monokularen
Sehens zusammengehalten.  Die digitale Photographie hingegen kann mit
dynamischen Eigenschaften ausgestattet und in Netzwerke eingebracht
werden.  Das wirklich Revolutionäre an der digitalen Photographie ist
jedoch die 3D-Kamera, ein technisches Ungeheuer mit zwei (und wenn es
sein muß, auch mehr) Augen.  Sie eröffnet Erfahrungen in einem
pragmatischen Rahmen, der nicht länger auf Sequenzen oder auf
reduktionistische Darstellungsstrategien beschränkt ist.


Wer hat Angst vor der Lokomotive?

Als man die ersten bewegten Bilder einer Öffentlichkeit vorstellte,
brachen die Zuschauer in Geschrei aus und liefen fort, als eine
Lokomotive im Film direkt auf sie zufuhr.  Die Bewegung erhöhte die
realistische Wirkung der Bilder und vermischte im Film die Grenze
zwischen Wirklichkeit und neuen kinematographischen Ausdrucksformen.
In den frühen Stummfilmen konnte der an die Schriftkultur gebundene
Realismus des Bildes--das als Illustration des Drehbuchs verstanden
wurde--den fehlenden Gesprächston ersetzen.  Schriftkulturelle
Erfahrung und die Möglichkeit, Bewegung in den Film hineinzuschreiben,
gehörten eng zusammen.  Weil die Sprache den allgemeinen
Verstehenshintergrund bot, konnten kurze, detailfreudige Szenen auch
ohne Worte verstanden werden.  Die filmische Konvention beruht auf
der gemeinsamen Erfahrung der Teilhabe an einer ausgedehnten weißen
Seite, auf die laufende Bilder projiziert werden.  Humor stand nicht
zuletzt deshalb im Mittelpunkt, weil die mechanische Reproduktion von
Bewegungsabläufen aufgrund der erst rudimentären Filmtechnik und des
fehlenden Tons ein komisches Element beinhaltete.  Später kam Musik
hinzu, dann der Dialog.  Die Synchronisation von Bild und Ton und
farbige Bilder wurden sehnsüchtig erwartet.

Die im wesentlichen visuelle Natur der filmischen Erfahrung erhellt
erneut die Rolle der Sprache als Synchronisationsmittel, während die
Mechanik von Kamera und Projektor die optischen Illusionen
hervorbrachte.  Zugleich zeigte der Film, daß auch andere Ausdrucks-
und Kommunikationsmittel diese Rolle übernehmen konnten.  Sprache ist
an Körperbewegung gebunden und hat nicht selten Anteil an den
rhythmischen Mustern dieser Bewegung.  Im vorsprachlichen Stadium des
Menschen haben andere rhythmische Mittel diese
Synchronisationsleistung getragen, und obwohl es keinerlei Beziehung
zwischen der kinematographischen Erfahrung und den
Migrationsbewegungen primitiver Stammeskulturen gibt, sollten wir
doch diese Grundstruktur der Synchronizität zur Kenntnis nehmen.  Die
Mittel, mit denen die Synchronizität bewerkstelligt wurde,
kennzeichnen die verschiedenen Stadien der menschlichen Evolution:
von den wenigen und einfachen Mitteln früher autarker Lebensformen
über die komplexen, von der Schriftlichkeit beherrschten Mittel, die
die Verschriftlichung von Bewegung erlaubten, bis hin zur
Kinematographie, die eine neue Synchronisationsstrategie einführte.
In mancherlei Hinsicht zeichnet die Entwicklungsgeschichte des Films
die Entwicklung des Konflikts zwischen der Schriftkultur und den auf
Bildern beruhenden Synchronisationsstrategien nach.

Die Zwischenstadien sind allseits bekannt: Musikbegleitung durch
einen Pianisten, aufgezeichnete Musik, in den Film integrierter Ton,
Stereophonie.  Auch die Funktionen sind offensichtlich: Untermalung
der gefilmten Bewegungsrhythmen, Dramatisierung des Geschehens,
Erhöhung der realistischen Wirkung durch Dialog und wirklichen Ton
und schließlich die Erweiterung der Ausdrucksmittel zur
Hervorbringung neuer Wirklichkeiten.  Einige kinematographische
Konventionen sind Kulturleistungen, die wir vielleicht mit den
Konventionen der ideographischen Schrift vergleichen können.  Sie
gehören gleichwohl in einen pragmatischen Zusammenhang, der die
Merkmale der Schriftkultur trägt, ergeben sich jedoch aus Tätigkeiten,
die auf höhere Produktivitäts- und Effizienzebenen zusteuern.  Jeder
Film ist die Grundform zahlloser Kopien, die Millionen von Zuschauern
vorgeführt werden, die wiederum für den Nachvollzug des Inhalts keine
schriftkulturelle Bildung benötigen.  Die filmische Erfahrung bezeugt
die vielfältigen Komponenten menschlicher Interaktion und eröffnet
Ausblicke auf Erfahrungen, die nicht mehr auf das Wort gebracht
werden können; sie deutet damit die Möglichkeit an, die Grenzen der
Schriftkultur zu überschreiten und sogar die ersten Schichten des
Sichtbaren hinter sich zu lassen--d. h. genauer: das Imaginäre in den
Prozeß der menschlichen Selbstkonstituierung einzubeziehen.

Einige dieser Veränderungen haben sich vollzogen, als der
Film--nachdem er die Phase des verfilmten Theaters durchlaufen
hatte--nach seinen ihm eigenen Ausdrucksmitteln zu suchen begann.
Das führte zunächst zu einer Komprimierung der Sprache--die Zahl der
Wörter wurde verringert, um eine eigene, filmische Ausdrucksweise zu
finden, Literatur wurde zusammengefaßt.  Besonders in der
Nachahmungsphase wurden die Grenzen des Mediums deutlich.  Drehbücher,
die nach literarischen Werken verfaßt waren, deren Komplexität die
des Films übertraf, konnten nicht umgesetzt werden.  Auch mußte die
Konzentrationsfähigkeit der ungeübten Zuschauer in Rechnung gestellt
werden.  Als dann später ganze Romane in den Zeitrahmen von 90 bis
120 Minuten gepreßt wurden, war eine neue Phase erreicht, in der die
Mittel der Schrift durch nichtoder paralinguistische Mittel ersetzt
wurden.

Die Generationen, die mit den Anfängen des Films aufgewachsen sind,
lernten dessen Konventionen, obwohl sie in schriftkulturelle
Zusammenhänge eingebunden blieben.  Der Film als Medium sui generis
mit ganz eigenen Merkmalen wurde erst in der jüngeren Vergangenheit
so erfahren, und zwar im allgemeinen Zusammenhang einer Lebenspraxis,
die sich allmählich von den Einschränkungen schriftkultureller
Bildung befreite.  Das Medium des Films integriert das Audiovisuelle
und die Bewegung.  Mit den Mitteln des Films können die komplizierten
Erfahrungen aufgezeichnet und anschließend einer schnellen, langsamen,
vollständigen oder partiellen Analyse unterzogen werden.  Die
Filmerfahrung ist eine Erfahrung des Zusammenhangs von Raum und Zeit.
Aber im Gegensatz zu der in der Sprache zum Ausdruck gebrachten
Raum- und Zeiterfahrung, die von einer schriftkulturell gebildeten
Gemeinschaft allgemein geteilt wird, können Raum und Zeit im Film
unterschiedlich ausfallen oder individuell geprägt sein.  Innerhalb
der filmischen Konventionen können wir uns über die physikalischen
Grenzen unserer Lebenswelt und unserer sozialen und kulturellen
Bindungen erheben und einen neuen Handlungsrahmen setzen.  Die große
Faszination, die die sich abzeichnenden Technologien zur Schaffung
des Unmöglichen im virtuellen Raum (die durch digitale Synthese
entstehen) auf die Filmstudios Hollywoods ausüben, ist hierfür ein
gutes, wenn auch fragwürdiges Beispiel.  Aber auch hier stoßen wir an
die Grenzen, die der dem Film zugrundeliegenden Struktur gesetzt sind.
Der Film, der auf dem Höhepunkt der Schriftkultur entwickelt wurde,
markiert genau die Grenze, die zwischen den praktischen Erfahrungen
verläuft, welche der durch die Schriftkultur optimal repräsentierten
Skala des Menschen entsprechen, und der neuen Skala, für die sowohl
Film als auch Schriftkultur nur noch begrenzt angemessen sind.  Es
ist sogar fraglich, ob sich der Film als Alternative zu den neuen
Medien behaupten kann; denn auch die Grenzen seiner
Leistungsfähigkeit zeichnen sich bereits ab.

Die Filmtechnik hat also unsere Spracherfahrung beeinflußt und
zugleich die Grenzen dieser Erfahrung aufgezeigt.  Ein Film ist weder
ein illustrierter Text noch die Transkription eines Schauspiels.  Er
überträgt vielmehr eine Welt aus Sätzen und Bedeutungen, die einem
Text zugewiesen sind, in eine komplexere Welt aus
aufeinanderfolgenden Bildern, die eine neue kohärente Einheit bilden.
In diesem Prozeß fungiert die Sprache einmal als Sprache
(Figurenrede), ein andermal als Prätext für den visuellen
kinematographischen Text.

Bevor es den Film gab, haben wir uns in der natürlichen Welt unseres
konkreten, physikalischen Daseins, auf der Bühne des Theaters oder in
der Welt unserer Phantasien und Träume bewegt.  Die sychronisierende
Funktion der Sprache hat diese Bewegung (Arbeit, Zusammenleben)
sozial relevant gemacht.  Unsere in der Sprache vollzogene Bewegung
(mach das, geh dort hin) ist eine Abstraktion.  Die im Film
aufgezeichnete Bewegung ist indessen eine Re-Konkretisierung dieser
Abstraktion.  Das erklärt, warum Filme so wichtig als Bedienungs- und
Handlungsanleitung, für Unterricht und Indoktrination geworden sind.
Das erklärt auch, warum ein Film selten oder nie an ein Individuum
gerichtet ist, sondern an ein Publikum, dessen Größe seine Produktion
erst wirtschaftlich macht.  Die Filmindustrie in Hollywood beruht auf
einer Effizienzformel, die die Globalität des Publikums, den global
verbreiteten Analphabetismus und die vorhandenen
Distributionsmechanismen einkalkuliert.  Für einen Film mit einem
Investitionsaufwand von über 100 Millionen Dollar benötigt man die
Zuschauer von fünf Kontinenten, ohne daß damit schwarze Zahlen
garantiert sind.  Es ist noch nicht absehbar, ob Dreamworks, das aus
der Affäre zwischen Hollywood und der Computerindustrie
hervorgegangen ist, irgendwann seine eigenen Distributionskanäle im
globalen digitalen Netzwerk einrichten wird.

Es drängt sich die Frage auf, ob die Sprache des Films die
Schriftkultur überflüssig gemacht oder ob der um sich greifende
Analphabetismus erst das Bedürfnis nach Filmen hervorgerufen hat.
Natürlich gibt es dafür keine einfache Erklärung, und es spielen eine
ganze Reihe von Faktoren zusammen.  Das Schlüsselelement ist die
zugrundeliegende Struktur.  Bücher verkörpern die Eigenschaften der
Sprache und setzen Erfahrungen in Gang, die im Rahmen dieser
Eigenschaften liegen.  Wenn sich der Mensch neuen lebenspraktischen
Bedürfnissen und Herausforderungen ausgesetzt sieht, die sich aus
einer neuen Skala des Daseins ergeben, dann sinnt er nach
Alternativen, die der Dynamik des Umbruchs besser gerecht werden als
Bücher und die damit verbundenen Erfahrungen.

Bücher, in denen selbst hochgebildete Menschen bisweilen den Faden
verlieren oder für deren Lektüre wir heute nicht mehr die Zeit oder
die Geduld aufbringen, werden für uns im Film interpretiert oder
zusammengefaßt.  Dadurch--und nur dadurch--hat mehr als eine
Generation einen allgemeinen Zugang zu etablierten Meisterwerken der
Prosa und des Theaters, zu wissenschaftlichen, historischen oder
geographischen Berichten gefunden.  Das hatte und hat seinen
Preis--zwischen Buch und Film gibt es keine direkte Entsprechung;
aber darum geht es hier nicht.  Es geht darum, daß sich die
Kinematographie in einem Rahmen herausgebildet hat, in dem
Schriftkultur und schriftkulturelle Bildung diejenigen Erfahrungen,
die außerhalb ihrer Strukturen liegen, nicht mehr zu tragen vermögen.

Die Ausdrucksmittel des Films konnten bestimmte Aspekte des sozialen
Lebens besser vermitteln, als es die sprachlichen Mittel vermochten.
Auch sind die filmischen Ausdrucksmittel für die Dynamik des Umbruchs
und die Globalität unseres Lebens besser geeignet.  Sie haben uns auf
die elektronischen Medien vorbereitet und verkünden das Zeitalter der
Obsession mit Berühmtheit (Stars).


Hier und dort gleichzeitig

Wenn das Filmische die Grenzlinie zwischen der Schriftkultur und
einer Phase jenseits von ihr markiert, dann verkörpert das Fernsehen
den Konflikt zwischen einer auf Schriftkultur basierenden
Zivilisation und der Zivilisation der ‘Illiteralität’.  Das Fernsehen
hat das Gewicht eindeutig zu Gunsten des Visuellen verlagert.  Es
wurde in genau jenem Zusammenhang erfunden, in dem sich die Skala des
menschlichen Lebens änderte.  Mit ihm vollzog sich der Übergang von
einer Welt der Mechanik und der Chemie, die noch die Produktion und
Wiedergabe von Filmen bestimmte, zu einer Welt der Elektronik und der
digitalen Technologie.

Das Fernsehen ergab sich aus den Veränderungen der Natur und Struktur
unserer theoretischen und praktischen Erfahrungen; es entwickelte
sich aus dem Bedürfnis heraus, dynamische Bilder aufzuzeichnen und zu
übermitteln.  Elektrizität hatte bereits als Medium für die
Aufzeichnung und Übermittlung des Tons in Elektronengeschwindigkeit
durch die Telefonnetzwerke gedient.  Und da Bilder und Geschehnisse
durch das Licht beeinflußt sind, in dem wir sie sehen, ergibt sich
der Wunsch, das Licht aufzuzeichnen und zu übertragen.  Eben das wird
vom Fernsehen geleistet.  In seinen ungelenken und noch in vielem der
Mechanik verpflichteten Anfängen war das Fernsehen ein
Nachrichtenmedium, das eine direkte Verbindung zwischen der
Informationsquelle und dem Publikum herstellte.  Es war weitgehend
illustrativ.  Heute ist es konstitutiv, d. h. es übermittelt nicht
nur Nachrichten, es macht Nachrichten.  Es konstituiert ein allgemein
verbreitetes Massenmedium, in dem sich Unterhaltung und Ritual
(politisches, religiöses, militärisches) ausbreiten.

Die Schriftkultur ermöglicht die Erfahrungen menschlicher
Selbstkonstituierung in einer von der klassischen Physik und Chemie
beherrschten und erklärten Welt.  Sie basiert auf derselben
Grundstruktur und gibt die spezifischen Merkmale dieser Erfahrung
wider.  Elektrizität und Elektronik ermöglichen extrem schnelle
Abläufe, eine menschliche Tätigkeit auf höchster Effizienzebene, hohe
Vielfalt, sehr unterschiedliche Vermittlungselemente und
Feedback-Phänomene.  Die Filmkamera trägt noch alle Zeichen der
Schriftkultur.  Sie kann durchaus mit der Druckmaschine verglichen
werden, wenn der Vergleich auch nur teilweise zutrifft, denn sie
schreibt Bewegungen auf den Film und läßt sie uns kollektiv auf der
weißen Seite, der Leinwand, lesen.  Zwischen der Aufzeichnung der
Bewegung und der Betrachtung liegt genügend Zeit, um die Aufzeichnung
zu verarbeiten und zu vervielfältigen.

Das Fernsehen ist seiner Struktur nach völlig anders.  Es fängt
Bewegung und all das andere, was wir für Wirklichkeit halten, ein und
macht es dem Betrachter direkt zugänglich.  Elektronische Übertragung
ist viel elaborierter und vielschichtiger als die Filmtechnik und
daher viel effizienter.  Der Film überträgt aus der ausgewählten Welt
der Bewegung an ein begrenztes Publikum im Kino.  Das Fernsehen
überträgt mit vielen Kameras in die ganze Welt, und alle Menschen
können die Fernsehbilder gleichzeitig empfangen.  Fernsehen ist
allgemein verbreitet und simultan, unterschiedliche Ereignisse an
verschiedenen Orten können gleichzeitig auf den Fernsehschirm
gebracht werden.  Im Vergleich dazu ist der Film zentralistisch, auf
eine Örtlichkeit beschränkt, an der er sich abspielt.  Er ist
sequentieller Natur insofern, als er einer Erzählstruktur folgt und
eine abgeschlossene Erzähleinheit ausmacht.  In seiner endgültigen
Form kann er nicht mehr verändert und durch neue Elemente ergänzt
werden.

Film und Fernsehen repräsentieren mithin trotz einiger
Gemeinsamkeiten zwei völlig unterschiedliche und unvereinbare
Tätigkeits- und Erfahrungsbereiche.  Und da das Fernsehen
mittlerweile Eingang in Schul- und Ausbildung, in mancherlei Formen
kollektiver Kommunikation, in Sport, Kunst und sonstige Bereiche wie
Weltraumforschung oder Kriegsführung gefunden hat, können wir wohl
sagen, daß es erhebliche Auswirkungen auf die heutigen sozialen
Interaktionsformen besitzt, ohne selbst ein interaktives Medium zu
sein.  Die Fernsehübertragung eines wichtigen Ereignisses erreicht
nahezu die gesamte Weltbevölkerung.  In seinen Anfängen förderte das
Fernsehen solche Eindrükke von Dezentralisierung, die die
vorausgegangenen Technologien nicht vermitteln konnten.  Videokamera
und Videorecorder, besonders die digitalen Ausführungen, machen uns
nunmehr zu Besitzern nicht nur der Empfangsgeräte für die neue Bild-
und Tonsprache, sondern auch der Sender, der Quellen, machen uns alle
zu Inhabern kleiner Hollywood-Filmstudios, veranlassen uns die
Sprache des Fernsehens zu leben, sie an die Stelle der Schriftkultur
zu setzen.  Das interaktive Fernsehen wird diesen Prozeß noch weiter
unterstützen.

Schon heute schicken viele Menschen anstelle von Briefen Videobänder
an Verwandte, Behörden oder an Fernsehsender, die an einem Feedback
oder an neuem Stoff interessiert sind.  Der massive Truppenaufmarsch
im Golfkrieg hat verdeutlicht, welch große Rolle die
Videokommunikation bei der Verlagerung von schriftkultureller zu
schriftloser Kommunikation spielt.  Telefon-, Fernsehund Videotechnik
beherrschten die Kommunikationsmuster aller Beteiligten.  Spätere
Truppenbewegungen (in Somalia, Bosnien-Herzegowina) haben dieses
Muster der schriftlosen, ‘illiteralen’ Kommunikation bekräftigt.

Unter den vielen Netzwerken, die heute unsere Existenzgrundlagen
ständig verändern, spielt das Kabelfernsehen eine besondere Rolle.
Für viele ist das Kabelfernsehen lediglich eine Ersatzbibliothek,
eine weitere Möglichkeit, klassische Programme, Pornographie und
Aberglauben in unseren Privatbereich hineinzutragen.  Die
erschöpfende Nutzung unserer elektronischen Prachtstraße als eine
vielspurige Autobahn, die von uns in beiden Richtungen benutzt werden
kann, als Empfänger all dessen, was wir empfangen wollen, und als
Sender von visuellen Nachrichten an jeden, der sie empfangen möchte,
liegt noch vor uns.  Aber mit der computergestützten visuellen
Kommunikation unter Einbeziehung des digitalen Fernsehens verfügen
wir über die komplette Infrastruktur für eine visuell bestimmte
Gesellschaft.  Im Zeitalter des Internet gehören die verkabelten oder
drahtlosen Netzwerke zum künstlichen Nervensystem fortschrittlicher
Gesellschaften.  Ob mit Hilfe von Modems oder anderen
hochentwickelten Methoden digitaler Informationsverarbeitung, das
Kabelsystem hat schon heute das Wesen vieler unserer Erfahrungen
verändert, vor allem im Bereich der Unterhaltung, des Unterrichts und
der Arbeitswelt.

Das hat auch negative Auswirkungen, und wir müssen uns mit den Folgen
auseinandersetzen, die mit der Zeit weit über das hinausgehen können,
was wir heute wissen.  Kindern, die vor dem Fernsehgerät aufwachsen,
fehlt die Erfahrung der eigenen Bewegung.  Unter dem Begriff der
"kindlichen Zombie-Natur" hat Jaron Lanier auf ein verbreitetes
Phänomen hingewiesen: ein leerer, nichtssagender Blick; die mangelnde
Fähigkeit, über das Fernsehbild hinaus anderes zu sehen und zu
begreifen; die Forderung nach sofortiger Befriedigung der Wünsche;
mangelnde Wertschätzung für erfolgreiche und befriedigende Arbeit.
Viele Videospiele erziehen unseren Kindern die Verhaltensmuster von
Versuchsratten an, die lernen, Probleme durch mechanische Routine zu
lösen.  Die Maßstäbe fernsehgerecht aufbereiteter Wettkämpfe sind nur
ein magerer Ersatz für Leistung und Verantwortung.  Und wenn sie zu
wählen haben, dann zwischen Markennamen, ganz gleich, ob damit
politische Programme oder Konsumgüter bezeichnet werden.  Als Masse
angesprochen verleiben sie sich mit den für alles und jedes
erstellten Meinungsumfragen die Mehrheitsmeinungen ein.  Daß diese
Technologie visuelle Alternativen zur Schriftlichkeit der
Schriftkultur anbietet, steht außer Frage.  Die Crux liegt darin, in
welchem Maße diese Alternativen die ehemaligen Formen der
Determiniertheit und die früheren Zwänge perpetuieren oder ob sie
einem neuen Entwicklungsstadium des Menschen Ausdruck verleihen.  Der
Grad der Notwendigkeit und damit die Effizienz einer jeglichen neuen
visuellen Ausdrucks-, Kommunikations- und Interaktionsform ist
dadurch bestimmt, wie sich die Menschen durch ihr praktisches Handeln
unter Einbezug des Visuellen in der Welt konstituieren.  Der höchste
gültige Maßstab ist der der Verwirklichung unserer individuellen
Möglichkeiten.  Ein Staatspräsident oder ein Fernsehstar, telegen
oder nicht, hat wenig oder gar keinen Einfluß auf unsere individuelle
Verwirklichung in der vernetzten Welt.

Obwohl das Fernsehen viel mit Sprache zu tun hat, benötigen wir für
den Konsum einer Fernsehshow keine schriftkulturelle Bildung.  Daher
begünstigt anhaltender Fernsehkonsum stereotypes Sprechen und Denken,
das sich vor dem Hintergrund allgemein verbreiteter Ausdrucksformen,
Gesten und Werte vollzieht.  Es wäre indes zu einfach, hierbei nur
das Negative herauszustellen: die Förderung von Passivität und
geistiger Lethargie etwa, die Manipulierbarkeit (in wirtschaftlicher,
politischer und religiöser Hinsicht) oder die Loslösung von
erfüllenden persönlichen Beziehungen (zu anderen, zur Kunst oder zur
Literatur).  Diese und zahlreiche weitere Faktoren, die uns
Medienkritiker und Soziologen immer wieder vorhalten, sollten in der
Tat nicht unterschätzt werden.  Aber es wäre anmaßend, das Fernsehen
uneinsichtig und geradezu kurzsichtig nur aus dem Blickwinkel
verlorengehender Schriftkultur zu betrachten.  Wir sollten auch und
vor allem die Strukturveränderungen begreifen, die zu Fernsehen und
Video geführt haben, und diejenigen Veränderungen genauer untersuchen,
die diese ihrerseits bewirkt haben.  Anders können wir die neuen
Möglichkeiten, die uns diese neuen Erfahrungen eröffnen, nicht
nutzbringend anwenden.  Außer dem Fernsehen gibt es noch so viel mehr,
trotz der uns versprochenen 500 Kanäle und des fast unbegrenzten
Angebots an Videokassetten.

Auch die Sprache ist nicht unbedingt ein demokratisches Medium, und
die Schriftkultur mit den ihr eigenen elitären Merkmalen noch weniger.
Wenngleich sie die demokratischen Prinzipien verkündigte und
festigte, hat gerade sie diese doch immer wieder verraten.  Bilder
verlangen uns zwar weniger ab, sind dafür aber allgemeiner und
leichter zugänglich.  Wörter und Texte können die Bedeutung einer
Aussage verdunkeln, Bildern können unmittelbar zu dem in Beziehung
gesetzt werden, was sie bezeichnen.  Im Visuellen sind mehr Sperren
eingebaut als im Wort, obwohl die verleitende Kraft eines Bildes
vermutlich mehr mißbraucht werden kann als die des Wortes.  All das
wird uns helfen, die Verlagerung sozialer und politischer Funktionen
von der Schriftkultur (Bücher und Zeitungen, politische Manifeste,
Zeremonien und Rituale, die auf Text und Lesen basieren) auf visuelle
Medien, besonders das Fernsehen und dessen Folgen besser zu verstehen.
Wir sollten dabei auch bedenken, daß nicht das Fernsehen daran
schuld ist, wenn viele in unserer heutigen Zeit jenseits der
Schriftkultur von ihrem Wahlrecht keinen Gebrauch machen, und daß es
nicht das visuelle Element ist, das Schauspieler, Rechtsanwälte,
Erdnußfarmer oder erfolgreiche Manager aus der Ölindustrie in die
höchsten politischen (und am wenigsten nützlichen) Regierungsämter
bringt.

Das HDTV (hochauflösbares Fernsehen) zeigt uns einige der typischen
Merkmale dieser Entwicklung--vor allem, wie die Integrationsfunktion
ausgeübt wird.  Integration durch Schriftkultur erforderte
gemeinsames Wissen, vor allem gemeinsame Schreib- und Lesekenntnisse.
Integration über die Vermittlung der modernen bildherstellenden
Technologien, besonders über Fernsehen und computergestützte visuelle
Kommunikation, bedeutet Zugang zu und Verfügbarkeit von Informationen.
Das Fernsehen läßt Länder mit unterschiedlichster Identität,
Geschichte und Kultur nach außen hin so gleich aussehen, daß man sich
nach den Gründen für die Uniformität fragen muß.  Alle Erklärungen im
Detail--Marktprozesse, vor allem weltweit greifende Werbung, das
uniforme elektronische Auge--vermögen letztendlich nicht zu
überzeugen.  Die Ähnlichkeit ist vielmehr bestimmt durch den
Mechanismus, den wir zur Erreichung höherer Effizienz einsetzen:
durch zunehmende Arbeitsteilung, erhöhte Vermittlung und den Bedarf
an alternativen Integrationsmechanismen--all das spiegelt sich in den
Fernsehbildern wider.  Diese Ähnlichkeit bildet das Substrat der
Fernsehbilder und das Substrat des Modetrends, der neuen Rituale und
neuen Werte, so kurzlebig sie auch sein mögen.

Schriftkultur und Fernsehen schließen einander nicht aus.  Aber
diejenigen, die die Qualität der schriftkulturellen Bildung durch
Fernsehen erhöhen zu können glaubten, mußten einsehen, daß diese
Mittel nicht zum erwünschten Ziel geführt haben.  Sprache
stabilisiert, macht gleichförmig, entpersonalisiert.  Fernsehen hält
Schritt mit allen Veränderungen, ist offen für Vielfalt und erlaubt
persönliche Interaktion zwischen jenen, die durch Kameras und
Empfänger miteinander verbunden sind.  Schrift und Schriftkultur sind
hochentwickelt, kompliziert, anspruchsvoll und träge.  Fernsehen ist
spontan und augenblicksbezogen.  Daneben leistet es wissenschaftliche
Dienste, für die sich die Sprache nicht eignet.  Wir können mit der
Sprache keine Dinge erfassen, die wir uns nicht vorstellen können.
Wir können in der Sprache keine Abläufe erfassen, die wir auf einem
Fernsehschirm modellhaft darstellen und mit denen wir zukünftiges
Handeln entwerfen können.  Natürlich verwische ich mit solchen
Überlegungen die Grenzen zwischen dem konventionellen Fernsehen und
dem digitalen Bild.  Entscheidend ist aber, daß das Fernsehen mit
allen seinen Möglichkeiten und Anwendungen den nächsten Schritt zu
einer Sprache der Bilder vollzieht, die die Möglichkeiten der
Computertechnologie und der Vernetzung bewußt miteinbezieht.

Das digitale Fernsehen ist in vielen Bereichen einsetzbar.
Designtätigkeit jedweder Art (Kleidung, Gestaltung von Möbeln,
Produktdesign) kann sich aus der Zusammenarbeit zahlreicher
Beteiligter an vielen unterschiedlichen Orten entwickeln und
unmittelbar in die Produktion einmünden.  Modifizierungen und Tests
können ständig vorgenommen, Produktionsentscheidungen spontan
getroffen werden.  Kommunikation auf derart hohen Effizienzebenen
wird zum entscheidenden Bestandteil der kreativen und produktiven
Leistung.  Die Sprache ist die Sprache des Produkts, eine sich
fortschreibende visuelle Wirklichkeit.  Die daraus resultierenden
Design- und Produktionszyklen werden kürzer, viel kürzer, als daß sie
in einer auf Schriftlichkeit beruhende Kommunikationsform eingebettet
bleiben könnten.

Dieser Effizienzgrad ist nur durch digitale Technik zu erreichen.
Jedes einzelne digitale Bild kann gespeichert, verändert und in neue
Kontexte eingebracht werden.  Es eröffnet ungeahnte
Handlungsspielräume, veranlaßt kreatives Programmieren und
Interaktivität.  Wer sich diese Möglichkeiten zur kreativen Planung
offenhält, erschließt sich eine neue Welt.  Es ist durchaus denkbar,
daß sich aus diesen Tätigkeiten völlig neue, ertragreichere Formen
der Kommunikation einstellen.  In etwa zehn Jahren werden alle
Fernsehgeräte auf digitalen Empfang umgerüstet sein, sofern es dann
überhaupt noch einzelne Fernsehempfänger geben wird.  Entscheidend
aber sind die unzähligen kreativen Möglichkeiten, die sich aus dieser
neuen Wirklichkeit des digitalen Fernsehens ergeben.


Visualisierung

Um mitzuteilen, daß wir etwas verstanden haben, greifen wir auf
verschiedene Alltagsidiome zurück.  Im Englischen sagt man "I see.",
im Deutschen "Ich habe begriffen."  In beiden Fällen wird die
abstrakte Sprache gewissermaßen rekonkretisiert, auf ein Greifbares
oder Visuelles zurückgeführt.  Wir setzen das Verstandene also
offenbar wieder in Dinge und Bilder um, an denen wir das Abstrakte
festmachen.  Ich würde sogar sagen, daß wir alles Abstrakte in der
Konkretheit unserer Sinneseindrücke neu schaffen.  In Sprache und
Schriftkultur herrscht Rationalität vor, gebildet zu sein ist für
viele gleichbedeutend damit, rational zu sein.  In Wirklichkeit ist
jedoch die Rationalität, die wir mit Sprache verbinden, ein kleiner
Teil der potentiellen Rationalität des Menschen.  Die Messung
(lateinisch ratio), die wir in unsere Objektivierung
hineinprojizieren, könnte durchaus auch auf unser Wahrnehmungssystem
bezogen sein.  Es spricht manches dafür, daß einige negative
Auswirkungen unserer schriftkulturellen Rationalität hätten vermieden
werden können, wenn wir auch unsere anderen
Persönlichkeitsdimensionen in unser Tun eingebracht hätten.

Wir haben in verschiedenen Zusammenhängen festgestellt, daß die
Verlagerung von Schriftkultur und Schriftlichkeit zu einer stärker
auf Visualisierung gründenden Zivilisationsform durch neue Geräte,
verstärkte Vermittlung und Integrationsmechanismen hervorgerufen
wurde, welche sich ihrerseits aus den neuen Lebenspraktiken einer
veränderten Skala des menschlichen Tuns entwikkelt haben.  Die
Erweiterung unseres Erkenntnis- und Handlungshorizonts hat komplexere
Arbeitszusammenhänge hervorgebracht, für die unsere Schriftkultur nur
noch bedingt geeignet war und neue, strukturell angemessenere
Sprachen entwickelt werden mußten.  Die Integration dieser Vielfalt
ist durch schriftkulturelle Mittel nur noch teilweise zu leisten,
nicht zuletzt auch deshalb, weil viele Wissenschaftler aller
Disziplinen die besessene Suche nach endgültigen Erklärungen
aufgegeben und durch Vorstellungen von unbegrenzten Abläufen ersetzt
haben.

Bilder eignen sich neben anderen Zeichensystemen strukturell besser
für einen pragmatischen Rahmen, der durch die unaufhörliche
Vermehrung von Wahloptionen, durch hohe Effizienz und Distribution
gekennzeichnet ist.  Um aber Bilder für solche Zwecke einsetzen zu
können, benötigt man einen konzeptuellen Kontext, der diese extensive
Bildverwendung zuläßt.  Keiner von denen, die an der Erfindung des
Computers beteiligt waren, konnte vorhersehen, daß seine Leistung
über die Mechanisierung der Zahlenverarbeitung hinausgehen würde.
Die visionäre Dimension des digitalen Computers ist nicht in seiner
Technologie angelegt, sondern im Konzept einer Universalsprache,
einer characteristica universalis, oder, wie Leibniz es nannte, einer
lingua Adamica.

Das vorliegende Buch will weder die Geschichte des Computers
schreiben noch die der Sprachen, die vom Computer verarbeitet werden.
Aber unser Thema der Visualisierung--vor allem unter dem
Gesichtspunkt einer Verlagerung von Schriftlichkeit auf
Bildlichkeit--erfordert eine kurze Erörterung der Frage, wie
Visualisierung und die Benutzung des Computers durch den Menschen
zusammenhängen.  Das binäre Zahlensystem (das Leibniz in einer auf
den 15. März 1679 datierten Handschrift Arithmetica Binarica nannte)
war ursprünglich nicht als endgültiges Alphabet aus nur zwei
Buchstaben konzipiert, sondern als Grundlage für eine die
Begrenztheit der natürlichen Sprachen überschreitende
Universalsprache.  Bei allen Bemühungen Leibniz’, diese
Universalsprache für Gesetzestexte, wissenschaftliche Erkenntnisse,
Musik u. a. nutzbar zu machen, ist doch die eigentliche Leistung
jahrhundertelang unbeachtet geblieben, ähnlich wie der Versuch,
abstrakte Phänomene mit Hilfe der zwei Symbole seines Alphabets zu
visualisieren.  Dabei verdienen zwei Briefe an Nicolas de Remond (ca.
1714) besondere Beachtung, in denen er komplizierte Begriffe aus der
chinesischen Philosophie in sein binäres Zeichensystem überträgt.
Diese Briefe führen uns unmittelbar in den Bereich des Visuellen und
belegen vermutlich erstmalig den Versuch, aus dem Ideographischen ins
Sequentielle und schließlich ins Digitale zu übersetzen.  Es mußten
300 Jahre vergehen, bis Computerfreaks bei ihren Versuchen, das
Digitalprinzip für Musiknotation zu verwenden, entdeckten, daß Bilder
in einem binären System geschrieben werden können.

Zwei Schlüsse lassen sich daraus ziehen: 1. Nicht die verfügbare
Technologie hat unseren Blick für die Bedeutung von Bildern geschärft
und den Weg zu ihrer digitalen Verarbeitung geöffnet, sondern die
geistige Fähigkeit, die durch die eigene Effizienzerwartung motiviert
war. 2. Visualisierung beschränkt sich nicht auf die Illustration von
Wörtern, Begriffen oder Eingebungen.  Sie stellt vielmehr den Versuch
dar, geeignete Instrumente, Bilder, zur Darstellung und Verwendung
von Informationen zu entwickeln.  Ein Text auf dem Computerbildschirm
ist ein solches Bild, die Visualisierung von Sprache, die nicht aus
einer menschlichen Hand mit einem Schreibwerkzeug stammt.  Ein
Computer spricht keine Sprache.  Er übersetzt jedwedes Alphabet in
sein eigenes Alphabet, verarbeitet es und übersetzt es zurück in
unser Alphabet, und zwar in Form gespeicherter oder automatisch
erzeugter Bilder.

Auch beim Schreiben visualisieren wir, indem wir Sprache auf dem
Papier sichtbar werden lassen.  Beim Zeichnen setzen wir unsere Pläne
für neue Gegenstände ins Bild.  Solange wir den Computer lediglich
anstelle anderer Schreibwerkzeuge verwenden, verändern wir damit
nicht die Bedingungen der Sprache.  Wenn wir aber darüber hinaus
Sprachregeln einprogrammieren (Rechtschreibung, Morphologie u. ä.),
Vokabular und Grammatik speichern und menschliche Sprachverwendung
nachahmen lassen, dann ist das geschriebene Ergebnis nur noch
teilweise auf die Schriftbildung des Verfassers zurückzuführen.  Die
Visualisierung des Textes führt zur automatischen Erstellung anderer
Texte und zu Beziehungen zwischen Sprache und nicht-sprachlichen
Zeichensystemen.  Wir verfügen heute über Mittel zur elektronischen
Verknüpfung von Bild und Text, für Querverweise zwischen Bild und
Text und für die schnelle Umsetzung von Texten in Diagramme.  Es gibt
inzwischen elektronische Zeitschriften, deren Begutachtungs- und
Herausgebertätigkeiten ausschließlich im Netzwerk ablaufen.  Sie
können Bilder, Animationen und Geräusche integrieren und
OnlineReaktionen auf Hypothesen und Daten hervorrufen.  Diese
Publikationen erreichen ihr Publikum natürlich sehr viel schneller.
Damit hat sich das Internet zu einem neuen Publikationsmedium
entwickelt, in dem der Computer die Rolle der Druckmaschine
übernimmt--einer Druckmaschine mit völlig neuen Eigenschaften.  Damit
haben all diejenigen, die sich in der neuen Welt des Internet
entfalten, Zugang zu Informationsressourcen gefunden, die vordem nur
den Eigentümern der Druck- und Medienindustrie oder anderen
gesellschaftlich privilegierten Personen offenstand.

Die visuelle Komponente des Computers, die Computergraphik, beruht
auf der gleichen Sprache aus Nullen und Einsen, auf der sämtliche
anderen Computerabläufe beruhen.  Diese gemeinsame alphabetische und
grammatische Grundlage erlaubt es, Sprache (Übersetzungen von Bildern
oder Zahlen-Bild-Beziehungen wie Diagramme, Skizzen u. ä.) und
abstrakte Beziehungen zu betrachten.  Die Entwicklung von Mitteln,
mit deren Hilfe wir die Grenzen von Sprache und Schriftlichkeit
überwinden können, hat die wissenschaftliche Arbeit vergangener Jahre
beherrscht.  Die neuen Mittel der Informationsverarbeitung versetzen
uns nunmehr in die Lage, an die Stelle der üblichen
phänomenologischen Beobachtung die Entwicklung und Verwendung
verschiedener Spezialsprachen zu setzen, mittels derer wir neue, auf
sehr komplexe und dynamische Phänomene bezogene Theorien entwerfen
können.

Wir wollen die Verlagerung auf visuelle Darstellungsmodi und die
damit verbundene Verlagerung von quantitativen Evaluationen zu
qualitativen Evaluationen einschließlich der diese darstellenden
Bildlichkeit an einigen Abläufen verdeutlichen.  In der medizinischen
Forschung, bei der Synthese neuer Substanzen und bei der
Weltraumforschung haben sich Wörter nicht nur als irreführend,
sondern auch in mancherlei Hinsicht als ineffektiv erwiesen.  So
haben neue Visualisierungstechniken auf der Grundlage der
Molekularresonanz innovative Bereiche der Medizin weitgehend von der
Sprache losgelöst: Patienten beschreiben ihren Zustand, Ärzte
vergleichen diese Beschreibungen mit Krankheitstypologien, die auf
den neuesten und fortlaufend ergänzten Daten beruhen; im Netzwerk
kann der jeweils qualifizierteste Arzt konsultiert werden;
experimentelle Daten werden mit den theoretischen Modellen
zusammengeführt, die Ergebnisse visualisiert und auf digitalen
breitbändigen Hochgeschwindigkeitskanälen ausgetauscht.

Mit solchen Visualisierungstechniken haben wir mittlerweile auch
besseren Zugang zu den Daten der Vergangenheit bekommen und natürlich
zu den Informationen, die wir für unsere zukunftsgerichteten Projekte
benötigen.  Mit der Computertomographie konnte z. B. der innere
Aufbau ägyptischer Mumien dreidimensional dargestellt werden, ohne
daß sie auseinandergenommen und beschädigt werden mußten.  Dabei
wurde ein Simulationssystem verwendet, wie es in der nicht-intrusiven
Chirurgie üblich ist.  Bei Design und Herstellung neuer Materialien,
der Weltraumforschung und in der Nanotechnologie ist die analytische
Perspektive schriftlichkeitsbezogener Methoden längst durch visuelle
Synthetisierungsmethoden ersetzt worden.  Molekülstrukturen können
abgebildet und Interaktionsprozesse von Molekülen simuliert werden,
um die Einwirkung von Medikamenten auf die behandelten Zellen, die
Dynamik der Vermischung sowie chemische und biochemische Reaktionen
verfolgen zu können.  Es ist ferner möglich, in virtuellen Räumen
jene Kräfte zu simulieren, die beim sogenannten Docking
(Zusammenfügen) von Molekülen eine Rolle spielen.  Keine sprachliche
Beschreibung, keine Flugsimulation kann die Abbildung von Daten aus
der Radioastronomie oder wesentliche Bereiche der Genetik und
modernen Physik ersetzen.  Nicht zuletzt ergibt der Bereich der
künstlichen Intelligenz ein geeignetes Beispiel ab.  Obwohl man sich
in diesem Zusammenhang darum bemüht, tätige menschliche Intelligenz
in ihren authentischen Abläufen nachzubilden, zeichnet sich doch
gerade dieser Bereich paradoxerweise dadurch aus, daß er hergebrachte
Werte und Begriffe, die zur Schriftkultur gehören, bewahrt.

Wer mit Bildern in dem Maße aufwächst, in dem vorausgegangene
Generationen der Schriftkultur verpflichtet waren, entwickelt zu
Bildern ein anderes Verhältnis.  Die verfügbare Technologie zur
Visualisierung fördert neue Wege der Interaktion.  Diese Technologie
verändert dabei nicht nur Wissenschaft und Technik.  Sie beeinflußt
unseren täglichen Umgang miteinander, mit Menschen und völlig anderen,
weit entfernten Kulturkreisen und unseren Umgang mit Geräten und
Maschinen.  Sie stellt ein alternatives Medium für unser Denken und
unsere Kreativität bereit, wie sie es in der Geschichte von Technik,
Handwerk und Design schon immer getan hat.  Sie hilft uns dabei,
unsere Umwelt besser zu verstehen, insbesondere die vielfältigen
Veränderungen, die wir durch unsere Lebenspraxis in ihr hervorrufen.
Mit Hilfe von Visualisierungen erfahren wir räumliche Dimensionen,
die jenseits unserer unmittelbaren Wahrnehmung liegen, und das
Verhalten von Gegenständen in diesen Räumen.  Visualisierungen
erweitern den Bereich der künstlerischen, aber auch
wissenschaftlichen Kreativität.

Die Printmedien, die ohnehin Schriftlichkeit und Sehvermögen
zusammenführen, betonen heute die visuelle Komponente mehr denn je.
Wir sind zur Kommunikation nicht mehr ausschließlich den
sequentiellen schriftlichen Sprachformen ausgesetzt, aus teils guten,
teils zweifelhaften Gründen.  Eine visuelle Sprache begegnet uns in
Form von Comic Strips, Werbung, Wetterkarten, Wirtschaftsberichten
und zahlreichen anderen bildlichen Darstellungen.  Einiges davon wird
nach wie vor zu Papier gebracht, anderes in neuen dynamischen
Darstellungsformen dargeboten, deren Möglichkeiten wir angedeutet
haben, und die das, was vor wenigen Jahrzehnten noch utopischer Traum
weniger Visionäre war, zur Alltagsroutine gemacht haben.

Auch dort, wo bildliche Darstellungen bislang kaum von Bedeutung
waren, spielen die Möglichkeiten der Bildverwertung eine zunehmend
größere Rolle--im politischen Bereich, im juristischen Diskurs, in
der Verwaltung.  Bildbeweise gewinnen in Gerichtsverfahren an
Bedeutung, Geschworene können nicht nur die Ergebnisse forensischer
Untersuchungen, sondern das Verbrechen selbst per Bild nachvollziehen.
Damit sind menschliche Schicksale nicht mehr nur von individuellem
Erinnerungs- und Vorstellungsvermögen oder von rhetorischen
Fähigkeiten der Rechtsanwälte abhängig.  Steuerausgaben werden
veranschaulicht, politische Argumente im Bild vorgestellt.  Wenn ein
Politiker im Netzwerk eine bestimmte Leistung für sich beansprucht,
kann sein Anspruch mit realen Bildern gestützt oder in Frage gestellt
werden.  Politische Versprechen können noch während einer
Wahlkampfrede modellhaft durchgespielt und dargestellt, die
Entscheidung über eine militärische Aktion durch ein sofortiges
Referendum überprüft werden, während gleichzeitig diese Aktion
gegebenenfalls mit Alternativen auf Monitoren simuliert wird.  Der
Citoyen (Bürger) wird zum Netoyen (englisch netizen): der Bürger als
vernetztes Subjekt.  Alle diese Möglichkeiten grundsätzlich zu
verherrlichen, wäre indes töricht.  Der Mißbrauch von Bildern ist
genauso groß wie der mögliche Segen, der von einer vernünftigen
Verwendung ausgehen kann.

Dennoch verzeichnet die Ausbildung visuell gebildeter Menschen nicht
die gewünschten Fortschritte.  Noch immer erfinden wir das Rad neu,
wenn wir unsere Bildungsformen ausschließlich auf Schriftlichkeit und
Schriftkultur gründen und dabei eine umfassende visuelle Ausbildung
vernachlässigen.  Visuelle Alternativen, die lediglich der
Illustration des traditionellen Materials dienen, bekräftigen das
traditionelle System und genügen nicht den heutigen
Effizienzerwartungen.  Außerdem sind sie oft unwesentlich, schlecht
und teuer.  Statt Kommunikation zu fördern, lenken und manipulieren
sie sie.  Wir benötigen eine visuelle Bildung, genauer: eine Vielzahl
solcher visueller Alphabetismen, die allesamt weniger begrenzend,
weniger dauerhaft und weniger kompartimentiert sind, um unsere
Selbstkonstituierungund Persönlichkeitsentfaltung in Bildern zu
verbessern.  Die ethischen Aspekte solcher Erfahrungen bedürfen noch
der Lösung, besonders angesichts der Tatsache, daß die Beschränkungen
des Visuellen anderer Art sind als diejenigen, die im Buchstaben
unserer Gesetze und moralischen (oder religiösen) Überzeugungen
angelegt sind.

Ich hoffe gezeigt zu haben, daß es nicht darum geht, eine Form von
Bildung und Alphabetismus durch eine andere zu ersetzen.  Die Dynamik
des derzeit zu beobachtenden Prozesses erfordert vielmehr den
Übergang von einer einzigen, alles beherrschenden Form
schriftkultureller Bildung zu einer Vielfalt höchst anpassungsfähiger
Zeichensysteme.  Diese Anpassungsfähigkeit drückt sich in den
erforderlichen neuen Kompetenzen aus.  Auch sollten wir uns um ein
Verständnis der integrativen Prozesse bemühen, damit sich die
individuellen Fähigkeiten und Leistungen in einem durch extreme
Arbeitsteilung und Spezialisierung gekennzeichneten Rahmen der
menschlichen Identitätsfindung optimal entfalten können.  Wenn Sehen
gleichbedeutend mit Glauben ist, dann ist das Glauben all dessen, was
wir heutzutage zu sehen bekommen, eine Angelegenheit, auf die wir
letztendlich nur schlecht vorbereitet sind.



Kapitel 2:


Der professionelle Sieger

Die Bezüge zwischen Sport und Schriftkultur sind alles andere als
offensichtlich.  Das Zuschauen bei einer Sportveranstaltung setzt
keine sonderliche Bildung voraus, und um in einer sportlichen
Disziplin oder einer Mannschaft ein Star zu werden, bedarf es keiner
besonderen Lese- und Schreibfähigkeiten.  Die mit Sport verbundenen
Tätigkeiten und Abläufe gehören zu unserem alltäglichen körperlichen
Repertoire und bildeten einstmals die Grundlage für die primitiven
Überlebenstechniken.  Auch die auf körperliche Leistungsfähigkeit
bezogenen magisch-mythischen Rituale können ohne Rekurs auf mündliche
oder schriftliche Sprachlichkeit erklärt werden.  Außergewöhnliche
physische Fähigkeiten wurden und werden noch heute in einigen
Kulturen als Ausdruck von Kräften gedeutet, die sich unserer direkten
Kontrolle und unserem Verständnis entziehen.  Götterverehrung nahm
oft die Form außergewöhnlicher körperlicher Leistung an; in
archaischen Kulturen wurden Athleten als Dankesopfer dargebracht,
weil das Beste den Göttern zum Wohlgefallen diente.

Frühe Formen dessen, was später Sport genannt wurde, fielen zeitlich
mit der Entwicklung jener Zeichensysteme (Gesten, Laute, Formen)
zusammen, die schließlich zur Schrift führten.  Es war eine
synkretistische Entwicklungsphase, in der das Physische den Intellekt
beherrschte.  Das Laufen bei der Jagd und das Laufen als Spiel sind
zwei gänzlich verschiedene Erfahrungsformen, die unterschiedlichen
pragmatischen Kontexten angehören, sie verfolgen unterschiedliche
Zwecke und zeitigen unterschiedliche Ergebnisse.  Zwischen diesen
Erfahrungsformen liegen etwa 20000 Jahre.  Der in einem Wettkampf
ausgedrückte Grad der Abstraktion und Verallgemeinerung setzte
Selbsterfahrungen voraus, in denen sich das Verhältnis vom Physischen
zum Geistigen radikal veränderte.  Die Bezeichnung Sport entwickelte
sich vermutlich in dem lebenspraktischen Rahmen, in dem sich die
Trennung von säkularen und nicht-säkularen Formen der Lebenspraxis
vollzog.  Die Pflege und Ausbildung der biologischen Anlagen und
magisch-mythische Praktiken beruhten beide auf der Einsicht in die
besondere Bedeutung des Körpers und in die Notwendigkeit, diese
Einsicht allgemein zu verbreiten.  Die beherrschende Antriebskraft
war auch hier die Effizienz, nicht als solche bewußt gemacht, nicht
begrifflich gefaßt, aber anerkannt im Körperkult und in dem Bemühen,
diesen zum Teil der allgemeinen Kultur zu machen.  Wettkampf
(griechisch athlos) und Preis (griechisch athlon, woraus sich der
Begriff Athlet ergab) sind Verallgemeinerungen jener
lebenspraktischen Situationen, die Überleben und Wohlergehen
befördert hatten.

Sport ist eine komplexe Erfahrung mit rationalen und irrationalen
Komponenten, die im Verhältnis von Sport und Schriftkultur beide eine
Rolle spielen.  Wir wollen uns die Entwicklung anschauen, die den
Sport in seiner heutigen Form hat entstehen lassen: einerseits ein
Freizeit- und Entspannungsphänomen, andererseits eine hochkompetitive
Form der Arbeit, die wie jedes andere Produkt menschlicher Arbeit auf
dem Markt gehandelt wird.

Die Verbindung zwischen dem Ergebnis körperlicher Arbeit und
körperlicher Leistungsfähigkeit stellte sich im Zusammenhang einer
sehr begrenzten, aber stark strukturierten Tätigkeit ein.  Sie wurde
schnell zum Maßstab des Überlebenserfolgs, und so drückt sich die
Rationalität einer Lebensgemeinschaft, für die das Überleben der
Tüchtigsten zur alltäglichen Erfahrung gehört, im Prinzip des
Wettkampfs und der Konkurrenz aus.  Athleten fanden sich zum
Wettkampf ein, um den Göttern wohlgefällig zu sein, um Fruchtbarkeit,
Regen oder ein längeres Leben zu erflehen oder Dämonen zu vertreiben.
Viele Petroglyphen und frühe Schriftdokumente heben die Rolle des
Stärkeren, Schnelleren und Geschickteren heraus.  Alle Kulturen haben
Hinweise darauf überliefert, daß das Körperliche und dessen
besonderer symbolischer Status eine wichtige Rolle gespielt haben.

Die Einsicht, daß einige biologische Merkmale des Menschen seine
Überlebenschancen erhöhten, führte auch zum Verständnis der
Rationalität des Körpers.  Die Einbindung dieser Rationalität in eine
Kultur des Körperbewußtseins führte zu praktischen Erfahrungen der
Selbstentfaltung, die schließlich im Profisport ihren vorläufigen
Endpunkt fand.  Ein irrationales Element liegt darin, daß alle Männer
und Frauen zwar struktural gleich, manche aber dennoch physisch
vorteilhafter ausgestattet sind.  Wie bei allen anderen Formen der
Identitätsfindung wurde auch hier das Unerklärbare einem
Erklärungsbereich zugewiesen, der jeglicher Rationalität entbehrt.
Deshalb werden Bitten um Regen und Gesundheit oder das Vertreiben
böser Geister mit sportlicher Tätigkeit verknüpft.  Der Kult des
Körpers, besonders bestimmter Körperteile, ergab sich aus Erfahrungen
des Menschen, die zum Bewußtsein seiner selbst führten.  Als Körper
und Körperteile Selbstzweck wurden, stand die Rationalität
körperlicher Leistungsfähigkeit zu Überlebenszwecken zu anderen,
jenseits individuellen oder kollektiven Wohlergehens liegenden
Gründen im Widerspruch.  Ritual und Mythos, Religion und Politik
nahmen sich dieser irrationalen Komponenten an.  In
frühgeschichtlichen Kulturen, in denen die Kenntnis körperlicher
Phänomene noch nicht sonderlich ausgeprägt war, wurde von der
physischen Leistungskraft der wettstreitenden Athleten auf das
zukünftige Wohlergehen der ganzen Gesellschaft geschlossen.

Müssen wir in einem Zusammenhang, in dem das Überleben der
Tüchtigsten an körperliche Leistungsstärke gebunden war, von der
Vorstellung ausgehen, daß ein Kämpfer ähnlich einem allein lebenden
Tier, das sich den anderen nur zu Paarungszwecken anschließt, allein
auf sich gestellt aus der Menge herausragt und sich nur dem Kampf
stellt, um zu töten oder getötet zu werden?  Wohl nicht.  Der Mensch
hat sich stets in kooperativen Formen entfaltet, wie primitiv sie
ursprünglich auch waren.  Bis zu einer bestimmten Skala ging der
Kampf immer nur ums Überleben, er setzte sich um in Nahrungssuche und
Fortpflanzung.  Erst als die Landbewirtschaftung mehr Nahrung als
unmittelbar benötigt produzierte, verlagerte sich der Kampf vom
Überlebenskampf zur Selbstbestätigung im Wettkampf.  Wettkampf und
Leistungserwartung fielen mit den Anfängen der Schrift zusammen und
wurden dann zunehmend als Teil des kommunalen Lebens begriffen.  Jede
weitere Veränderung des menschlichen Daseins führte zu entsprechend
veränderten Erwartungen an die körperliche Leistungskraft, die den
jeweiligen Effizienzerwartungen entsprachen.


Sport und Selbstkonstituierung

Gymnastik als Körperkultur steht auch im Zusammenhang mit der
Entwicklung der Kunst.  Sie ist nicht nur zufällige Abfolge von
Bewegungsübungen, sondern hat physische und metaphysische Dimensionen;
letztere haben zu tun mit der Suche nach idealen Proportionen, die
in philosophischen Zusammenhängen gesucht und ausformuliert wurden.

Entsprechend der Grundthese dieses Buches, daß sich die
Menschheitsentwicklung als fortschreitende Selbstkonstituierung in
praktischen Lebenszusammenhängen vollzieht, ist auch Sport keine
reflexive, sondern eine konstitutive Erfahrung.  In der Ausübung
sportlicher Tätigkeiten entfalten die Menschen ihre körperlichen
Eigenschaften und deren Koordinierung.  Diese Entfaltung gehört zur
Identitätsfindung und damit auch zur Eingliederung in eine
interaktive Gruppe Gleichgesinnter.  Die Forschung führt die Anfänge
des Sports im wesentlichen auf Überlebenstechniken zurück und stellt
ihn damit in den Zusammenhang der Darwinschen Evolutionstheorie.  Aus
der Perspektive eines Joggers erweist sich der Dauerlauf aber eher
als eine sehr persönliche, individuelle Erfahrung.  Grundsätzlich ist
aber auch das Laufen eine gemeinschaftliche Angelegenheit von
Menschen, die der körperlichen Ertüchtigung einen bestimmten Wert und
soziale, kulturelle, wirtschaftliche und medizinische Bedeutung
beimessen.  Wir schaffen uns nicht nur durch Dichtung,
Landbewirtschaftung oder die Herstellung von Maschinen, sondern auch
durch sportliche Tätigkeit.  Der Sport besitzt wie die anderen
praktischen Erfahrungen natürliche, kulturelle und soziale
Dimensionen, die beim Erlebnis eines Sportereignisses
zusammmentreffen.  Das Zusammenspiel der verschiedenen Dimensionen
kann Gegenstand eines Berichts werden: die Erklärung der Leistung
durch Training, Veranlagung, durch soziale Bedingungen (Stolz,
Ehrgeiz, Patriotismus).  Vielen erscheint die Bedeutung eines
Sportereignisses daher auch nicht in der diesem Ereignis jeweils
eigenen Dynamik und dem speziellen Ablauf des einzelnen Wettkampfs,
sondern als vorbestimmt, wie in den magisch-mythischen Körperkulten
ja auch diese Bedeutung den gesamten Vorgang bestimmte.  Dem Verlauf
eines Fußall- oder Hockeyspiels wird man diese Bedeutung nicht mehr
direkt ablesen können.  Sie sind zu spezialisiert und stellen nichts
dar als sich selbst.  Aber ein Spiel kann doch auch andere Funktionen
zugewiesen bekommen und statt eines nach bestimmten Regeln
ablaufenden Wettkampfes zu einem Nervenkrieg, zur Darstellung von
Gewalt, Nationalstolz oder zu reinem Exhibitionismus degenerieren.

Trotz identischer körperlicher Anlagen der Menschen hat der Sport in
unterschiedlichen Kulturen doch unterschiedliche Formen und
Bedeutungen angenommen.  Ich habe dabei nicht die Freudsche oder
marxistische Theorie des Sports im Auge oder Huizingas Homo ludens.
Ich erkläre die Unterschiede viel mehr aus den unterschiedlichen
Kontexten, in denen sie sich wie jede andere Form menschlicher
Erfahrung entwickelt haben, also aus einer pragmatischen Perspektive.
Wenn ein Japaner in einem Kemari genannten Spiel gegen einen Ball
tritt, dann hat das mit Fußball wenig zu tun.  Wenn ein
buddhistischer Bogenschütze den Bogen spannt, dann ist dieser Ablauf,
in dem das Verlangen nach Einheit mit der Welt zum Ausdruck kommt,
ein anderer als beim Bogenschießen afrikanischer Stämme oder beim
Bogenwettkampf der antiken Olympischen Spiele.  Viele Beispiele
könnten dies ergänzen.  Vielleicht sollten wir uns die
Bewegungsabläufe jüngerer, nicht aus dem Symbolismus vergangener
Zeiten hervorgegangener Sportarten wie Baseball, Wassergymnastik oder
Eistanz anschauen, um zu sehen, welche Aspekte menschlicher Tätigkeit
jeweils in sie eingegangen sind und welche Erfahrungsformen sie für
die Beteiligten ergeben.  Überraschend ist vor allem die Vielfalt.
Die menschliche Phantasie ersinnt immer wieder neue Wettkämpfe, in
denen Sportler ihre körperliche Leistungsfähigkeit messen können.
Ebenfalls wenig überraschend ist die Tatsache, daß sie alle dabei
bestimmte Regeln befolgen, Spielregeln oder auch solche der äußeren
Erscheinung (Kleiderregeln u. ä.).  Neben solchen standardisierten
Erfahrungsmustern findet sich auch eine von diesem Standard
abweichende Praxis in Form von individuellen Regeln,
ad-hocKonventionen und privaten Wettkämpfen.  Die soziale und die
private Ebene des Sports hängen lose zusammen.  Als Profisportler muß
man die Regeln der standardisierten Erfahrung in bestimmten
Organisationsformen oder in anerkannten Wettkämpfen befolgen.  Im
übrigen befindet sich derjenige, der einem Beruf im sportlichen
Bereich nachgeht, in einer ganz ähnlichen Situation.  Hier ist die
Schriftkultur das Medium, das die Regeln faßt.


Sprache und körperliche Leistung

Uns interessiert nicht die Ähnlichkeit zwischen, sondern der
Zusammenhang von Sport und Sprache.  Ein offensichtlicher
Zusammenhang besteht darin, daß wir die Sprache zur Beschreibung von
Sportereignissen und deren Bedeutung verwenden.  Das heißt nicht, daß
es ohne Sprache keinen Sport gäbe.  Sport wurde zum Teil des
gesellschaftlichen Lebens, als sich Schriftsprachen herausbildeten.
Genügend visuelle Darstellungen (Petroglyphen und später
Hieroglyphen) deuten darauf hin, daß nicht nur die körperliche
Tätigkeit und die dazugehörige Übung als solche (z. B. die Jagd nach
wilden Tieren) beachtet, sondern die körperlich Tüchtigen auf
besondere Weise herausgehoben und behandelt wurden--im Grabmal des
ägyptischen Pharao Beni Hasan ist der Ringkampf in allen seinen
Varianten abgebildet.

Die Bewegungsmuster des Ballspiels im Kemari und die Muster der
Sprachverwendung im selben Kulturkreis hängen nicht unmittelbar
zusammen.  Aber das Spiel ist durch ein Konfigurationsprinzip
gekennzeichnet: Zweck des Spiels ist es, den Ball so lange wie
möglich in der Luft zu halten.  Fußball, auch das amerikanische
football, ist sequentieller Natur: Ziel des Spiels ist es, mehr Tore
als der Gegner zu erzielen.  Im Kemari ist das Spielfeld durch vier
verschiedene Bäume markiert: Weide, Kirsche, Pinie und Ahorn.  Beim
Fußball sind die Spielfeldgrenzen künstlich gezogen, außerhalb derer
die Spielregeln sinnlos wären.  Auch die Sprachen beider Kulturkreise
sind durch unterschiedliche Strukturen gekennzeichnet, die
unterschiedlichen Erfahrungszusammenhängen entsprechen.

Die ihnen jeweils innewohnende Logik beeinflußt offenbar die Logik
der Sportart.  Kemari ist nicht nur nicht-prädikativ und konfigurativ,
sondern vom Prinzip des amé beherrscht, das den Zusammenhang der
Dinge betont.  Fußball und football sind analytische Planungsspiele,
Texte, deren Endpunkt das erzielte Tor oder der touchdown ist.  Die
Mentalität, also der Ausdruck, den eine praktische Erfahrung in
bestimmten musterhaften Erwartungen findet, spielt im Sport also
ebenfalls keine geringe Rolle.

Sport ist ein Ausdrucksmittel.  In der Ausübung einer sportlichen
Tätigkeit drücken sich nicht nur körperliche, sondern auch geistige
Fähigkeiten aus: Selbstkontrolle, Koordination, Planung.
Ursprünglich haben sich körperliche Leistung und einfache
Sprachformen ergänzt.  Später gehen sie eigene Wege, ohne sich
allerdings jemals ganz zu trennen (wie die Olympischen Spiele der
Antike zeigen).  Als die Sprache an ihre relativen Grenzen kam,
konnten die Ausdrucksformen des Sports einige Funktionen übernehmen:
Nicht die allergrößte Sprachfertigkeit könnte je die Dramatik eines
Wettkampfes, die Tragödie einer Niederlage oder das Hochgefühl eines
Sieges wiedergeben.  Interessanter noch ist das, was die Sprache dem
Sport abgewann.  Sie griff einige der typischen Merkmale des Sports
auf, verallgemeinerte sie und übertrug sie in veränderter Form auf
Gebiete, die mit Sport nicht mehr das Geringste zu tun haben: Sport
statt Krieg, Sport als Ordnungsprinzip oder als Zirkus für die Massen.
Zuallererst aber gewannen die Menschen dem Sport den
Wettbewerbsgedanken ab als nationale Eigenschaft, aber auch als
Merkmal der Bildung, der Kunst und des Marktes.

Der in der Sprache rationalisierte Wettbewerbsgedanke führte zu
Vergleich und zu Leistungsmessung, womit die Grundlagen für eine
Sportbürokratie und die institutionalisierten Aspekte des Sports
gelegt waren.  Die Griechen hofierten die jeweiligen Sieger.
Zeitmeßgeräte kamen erst später zum Einsatz, vor allem, als in einem
allgemeinen Rahmen von Besitz, Recht und Erbrecht die Dokumentation
von Fakten an Bedeutung gewann.  Das Spiel bedarf keiner Sprache, die
Schrift aber ermöglichte es, allgemein verbindliche Regeln zu
formulieren, die dann die Natur des jeweiligen Spiels auf Dauer
festlegten.  Insofern ist die sich in organisierten Wettkämpfen
niederschlagende Institutionalisierung des Sports ein Produkt der
Schriftkultur und weist deren pragmatische Erwartungen auf.

In jeder Sportart verbirgt sich die Sehnsucht nach Natur und Freiheit,
eine Reminiszenz der überkommenen Überlebensstrategien des Jagens
und des Fischens.  Ihrer Natur nach verrät die jeweilige Disziplin
aber zugleich die Veränderungen, die im Verhältnis des Menschen zur
natürlichen und sozialen Umwelt und zur von ihm geschaffenen
künstlichen Welt eingetreten sind.  Das Schießen auf Zielscheiben
oder mit Laserstrahlen in Nintendo-Spielen steht eben am anderen Ende
der menschlichen Entwicklung.  Jene Umstände, die zwangsläufig zur
Schriftkultur geführt hatten, änderten auch den Status der
sportlichen Tätigkeit.  Der Wettkampf wurde zu einem Produkt mit
besonderem Status; der Siegerpreis versinnbildlicht den zeitlichen
Prozeß, durch den der Wettkampf evaluiert wird.

Allen Guttman hat folgende Kennzeichen des heutigen Sports
herausgestellt: Säkularität, Chancengleichheit, hochspezialisierte
Rollenverteilung, Rationalisierung, Bürokratisierung, Quantifizierung
und Streben nach neuen Rekorden.  Er hat die Merkmale jedoch nicht
mit den allgemeinen Strukturen des Sports korreliert und im
Zusammenhang mit der allgemeinen menschlichen Lebenspraxis bewertet.
Unter diesem Gesichtspunkt nämlich würde sich Effizienz als viel
wichtiger als etwa die sogenannte Chancengleichheit, Quantifizierung
oder Bürokratie erweisen.  Der Effizienzgedanke wird evident, wenn
wir die komplizierten, bisweilen obskuren Regeln sportlicher
Veranstaltungen in ritualistischen Kulturen mit Ansätzen vergleichen,
diese Regeln zu vereinfachen und die Abläufe so transparent wie
möglich zu gestalten.  Als einige afrikanische Stämme den
europäischen Fußball übernahmen, stellten sie ihn in den Kontext
ihrer rituellen Handlungen.  Sämtliche kulturellen Voraussetzungen
dieses Spiels wurden aufgegeben und durch andere, aus einem anderen
Praxiszusammenhang stammende Voraussetzungen ersetzt.  Der Inyanga
(Medizinmann) war für das Ergebnis verantwortlich; Spieler und
Anhänger mußten die Nacht vor dem Spiel gemeinsam am Lagerfeuer
verbringen; Ziegen wurden als Opfergaben dargebracht.  Die Zeremonie
wurde zum entscheidenden Strukturmerkmal, nicht das Spiel; Sieg oder
Niederlage waren sekundär.  Erst als jene Stämme näher mit
schriftkulturellen Zivilisationen in Beziehung traten, gewann der
utilitaristische Aspekt die Oberhand.  Die Fußballspieler aus Afrika,
die heute in den ersten Ligen der europäischen Länder Millionäre
werden, erkennen nur die Rituale des Siegers (und die entsprechende
Prämie) an.  Und wenn wir daraufhin den europäischen Fußball mit dem
amerikanischen football vergleichen, wird ebenfalls evident, wie sich
aus veränderten Strukturen der Lebenspraxis neue sportliche Muster
herausbilden.

In unserem Zusammenhang ist die Tatsache wichtig, daß die
Schriftkultur neben anderen Formen der Lebenspraxis auch den Sport im
Rahmen der für die Industriegesellschaft typischen Dynamik nachhaltig
geprägt hat.  Als Wiege des Industriezeitalters ist England zugleich
der Ausgangspunkt für viele Sportarten und andere Formen der
körperlichen Ertüchtigung gewesen.  Aber mit den Veränderungen der
Lebenspraxis sind manche der für die Industrielle Revolution
wichtigen Entwicklungen überholt.  Dazu gehört z. B. die Isolation
der Nationalstaaten.  Schrift und Schriftkultur fördern nationale
Eigenheit.  Seinem Wesen nach sollte der Sport über den nationalen
Grenzen stehen.  Aber die Erfahrung lehrt uns (und die Olympischen
Spiele 1936 in Berlin sind nur der Extremfall), daß
Sportveranstaltungen im Zeichen der Schriftkultur wie viele andere
Lebensformen nationalistisch durchdrungen wurden.  So degeneriert der
sportliche Wettkampf oft genug zur feindlichen Auseinandersetzung und
zum Konflikt.  Im alten Griechenland, in China oder Japan wurde keine
Leistung gemessen, anstelle des Vergleichs stand die körperliche
Harmonie und Ästhetik im Vordergrund.  In England wurde der Sport
institutionalisiert und die sportliche Leistung in Rekordlisten
festgehalten.  In England wurde die Geschichte des sportlichen
Wettkampfs als Rechtfertigung dafür geschrieben, daß er der
gebildeten Oberklasse vorbehalten blieb, ausschließlich für Amateure,
denen der Sieg als Lohn genügte.

Einige Spiele wurden im Rahmen der Schriftkultur erst erfunden und
mit Funktionen versehen, die auch die Schriftkultur kennzeichnen.
Sie veränderten sich in dem Maße, in dem sich die Schriftkultur und
ihre Rolle veränderten, und brachten eine neue Kultur zum Ausdruck,
in der immer mehr Sprachen mit immer begrenzteren Funktionsbereichen
vorherrschten.  Im Informationszeitalter, in dem viele Aufgaben, die
ursprünglich der Sprache zufielen, von anderen Ausdrucksmitteln
übernommen worden sind, ist Sport für viele eine Frage der Datenfülle
geworden.  Wer sich an der Schönheit des Tennisspiels erfreut,
interessiert sich erst in zweiter Linie für die Geschwindigkeit des
ersten Aufschlags.  Aber nach einer gewissen Zeit wird auch er
begreifen, daß die neuen illiteraten Bedingungen das Spiel und die
Schönheit seiner Abläufe bis zur Unkenntlichkeit verändert haben.
Wer siegen will, benötigt einen schnellen und harten Aufschlag, der
aus dem Spiel kaum mehr als einen extremen kurzen (wenn überhaupt)
Austausch von harten Schlägen werden läßt.  Ähnliches gilt für
Baseball, American football, Basketball und Hockey: Sie alle sind
begleitet von unzähligen Statistiken, die für den Kenner oft
wichtiger sind als das Spiel selbst.  Die Veränderungen, denen Natur
und Zweck des Sports unterworfen sind, stehen im Einklang mit dem
Prozeß, der eine einzige, allseits beherrschende Sprache durch eine
Vielzahl von begrenzten Sondersprachen ersetzt und damit zugleich die
Notwendigkeit von Schriftkultur und schriftkultureller Bildung
eingeschränkt hat.


Der ‘illiterate’ Athlet

In der Geschichte des Sports ist das Ideal vom harmonisch
ausgebildeten Menschen durch den Hochleistungsgedanken ersetzt worden.
Die Dynamik, die diese Entwicklung förderte, ist im Grundsatz
identisch mit jener Dynamik, die alle anderen Formen menschlicher
Entfaltung verändert hat.  Strukturell handelt es sich dabei um die
Verlagerung von der direkten Auseinandersetzung mit der natürlichen
Umwelt zu stärker vermittelten Beziehungen zwischen Mensch und Natur.
Die Jagd nach einem Tier, das schließlich gefangen und verzehrt wird,
hat unmittelbar mit dem Überleben zu tun.  Neben dem körperlichen
Aspekt spielen weitere Elemente in der Beziehung Jäger--Beute eine
Rolle: die Verbergung des Körpergeruchs; das Anlocken der Beute; das
Beschränken auf einen unbedingt notwendigen Kraftaufwand.  Später
treten Ritual, Magie und Aberglauben hinzu, ohne dabei das Ergebnis
unbedingt zu befördern.

Das Laufen als Training der körperlichen Leistungsfähigkeit ist auch
eine unmittelbare Erfahrung, aber hinsichtlich des Ergebnisses
weniger unmittelbar als die Jagd.  Das Training verrät zusätzliche
Kenntnisse: Wie beeinflußt die Beschaffenheit von Muskeln und
Kreislauf, wie beeinflussen Widerstands- und Willenskraft unser Leben,
unsere Arbeit und unsere Gesundheit?  Es verrät ferner eine
verbliebene Sehnsucht nach der Erfahrung der Körperlichkeit und nach
einem unmittelbaren Raum- und Zeitgefühl, das in der künstlichen
Umwelt unserer Wohnungen und Arbeitsplätze verlorengegangen ist.  Das
Laufen aus reiner Freude unterscheidet sich wesentlich vom
zweckgerichteten Laufen--auf der Jagd, nach Freund oder Feind, nach
Beute oder Rekorden.  Das Laufen um des Überlebens willen ist keine
spezialisierte Tätigkeit; das Laufen bei Kriegsspielen erfordert
einige Spezialkenntnisse; die Weltmeisterschaft im Sport erfordert
die Kenntnisse einer ganzen Reihe von Spezialisten, die am Erfolg des
einzelnen Sportlers beteiligt sind.  Im ersten Fall (Jagd) liegt ein
unmittelbarer Anlaß vor; im zweiten Fall ist er weniger unmittelbar
und im dritten (Beute) auf vielfältige Weise vermittelt: die Idee vom
Laufen als Wettkampf, die von allen Beteiligten akzeptierte
Streckendistanz, die daran geknüpften Werte und Bedeutungen,
Trainingsmethoden und Ernährungsweisen, Sportkleidung.  Vor die
Spezialisierung ist ein Selektionsprozeß geschaltet.  Nicht jeder
bringt die für eine sportliche Höchstleistung notwendigen
körperlichen und geistigen Voraussetzungen mit.  Im Hintergrund
vollzieht sich die Evaluation des marktfähigen Produkts: des Athleten.
Während dieses Prozesses wird der Mensch verschiedenen Formen der
Entfremdung ausgesetzt, hervorgerufen durch den spürbaren Schmerz
oder unmerklich vollzogen--ungelesene Bücher schmerzen nicht.  Wir
nehmen in der Regel die Höhepunkte im Leben eines Sportlers zur
Kenntnis und vergessen dabei den schmerzensreichen Weg, der dem
Erfolg vorausging: harte Arbeit, schwierige Entscheidungen,
zahlreiche Entsagungen und die körperlichen und geistigen Qualen, die
der Sportler sich im Training und im Wettkampf auferlegen muß.

Wie gebildet muß er sein?  Im Grunde genommen stellt sich die gleiche
Frage beim Arbeiter, Bauern, bei einem Ingenieur, einer Tänzerin oder
einem Wissenschaftler.  Sport und Bildung hingen in einem bestimmten
Kontext einmal eng zusammen.  Der gesamte Schul- und Collegesport
(wie er sich im 19. Jahrhundert in England entwickelt hat) verkörpert
dieses Ideal: mens sana in corpore sano.  Einige Sportarten und der
Hochleistungsgedanke haben sich aus einer schriftkulturellen
Mentalität entwickelt und sind Projektionen von Sprache und
Schriftkultur in die körperlichen Übungen.  Tennis ist das vielleicht
bekannteste Beispiel hierfür.  Mit der Relativierung der
Schriftkultur emanzipierten sich indes auch die Sportarten und
entwickelten ihre eigene Sprache.  Der Sieg als einzig anerkanntes
Ziel stellt die Effizienz in den Vordergrund, die gemessen und
aufgezeichnet wurde.

Bildung und Effizienz in Sportarten, die körperliche Kraft und
Schnelligkeit voraussetzen, sind nicht unbedingt deckungsgleich.  Man
vergleiche etwa American football, Basketball oder Baseball mit
Langstreckenlauf, Schwimmen oder dem exotischen Bogenschießen.  Das
klingt nach Klischee und Vorurteil.  Aber es geht uns weder um das
Klischee des ungebildeten Muskelprotzes noch um das des Adligen, der
sein Latein ebenso gut beherrscht wie sein Pferd.  Es geht um das
sportliche Umfeld im allgemeinen.  Für das verbreitete Bild des zwar
körperlich außergewöhnlich, geistig aber weniger leistungsstarken
Athleten gibt es zwar genügend Gegenbeispiele, sie stellen aber wohl
dennoch eher die Ausnahme dar.  Das liegt nicht daran, daß
körperliche und geistige Leistungsfähigkeit einander ausschließen,
sondern daß die hohen Effizienzerwartungen es nahezu unmöglich machen,
in beiden Bereichen mit gleicher Intensität zu arbeiten und
entsprechende Leistungen zu erzielen.  Jede Form von Spezialisierung,
auch und gerade im Sport, erfordert eine Konzentration von Energie
und Talent auf die eine Sache.  Jede Entscheidung hat ihren Preis.

Sportliche Höchstleistung setzt zwar nicht unbedingt hohe Bildung
voraus, wohl aber eine Kenntnis der Sprache des Sports.  Hochleistung
und hohe Effizienz gründen auf einem bestimmten Typus
hochspezialisierter Kenntnisse und einer speziellen Sprache: genaue
Kenntnis des menschlichen Körpers, Ernährungswissenschaft, Physik,
Chemie, Biologie und Psychologie spielen zusammen.  Und eine jede
einzelne Sportart hat sozusagen ihre eigene Wissenschaft entwickelt,
die das Wissen aus vielen anderen Wissensbereichen zusammenträgt und
zu neuem Spezialwissen fügt.  Mit der zunehmenden Spezialisierung hat
der Sport seinen Charakter als gemeinschaftliche Tätigkeit verloren.
Man braucht nur das Basketballspiel von Jugendlichen auf unseren
Straßen und Plätzen zu beobachten und deren Freude am Spiel und an
der Bewegung mit dem professionellen Basketball zu vergleichen.
Letzteres besteht aus einem Team von jeweils nur auf bestimmten
Positionen hochspezialisierten Experten, deren Leistung in hohem Grad
vorhersagbar, begrenzt programmierbar und nur in sehr begrenztem Maße
wirklich originell ist.  Die nötigen Koordinierungsmaßnahmen werden
durch die natürliche Sprache erleichtert; aber die Effizienzerwartung
geht über die in der Sprache konstituierte und durch die Sprache
kommunizierte Erfahrung weit hinaus.  Jeder Aspekt des Spiels ist in
Diagrammen und Statistiken notiert; jeder Gegner minutiös auf
Videoband analysiert; ständig werden neue Strategien entwickelt und
taktische Spielzüge eingeübt.  Am Ende eines Spiels wird diese
spezielle Sprache zum eigentlichen Zweck: In den letzten 30 Sekunden
ist jede Bewegung und jedes Abspiel kalkuliert, jedes Foul (und die
dadurch gewonnene oder verstrichene Zeit) eingeplant.

Eine nicht geringe Rolle im Hintergrund spielt dabei die Technologie,
die dem Zuschauer oft gar nicht zu Bewußtsein kommt.  Sie hat mit
Schriftkultur meist gar nichts mehr zu tun.  Aber die Aufzeichnung
und Auswertung von Bewegungsmustern, die zur Höchstleistung führen,
und die ständige Optimierung dieser Muster und Erprobung oder
Simulation neuer Abläufe, meist individuell auf einen bestimmten
Sportler und seine persönlichen Daten zugeschnitten, gehören heute
zum Alltag des Leistungssports.  Oft genug werden dabei Grenzen
überschritten, Regeln sehr großzügig interpretiert und die Siege
durch Mittel erstrebt, die mit den hehren Idealen von Fairneß und
Chancengleichheit nur noch wenig zu tun haben.

Schon immer hat der Sport die gesetzten Grenzen getestet.  Einmal
gebrochene Regeln konnten ihrerseits zur neuen Regel werden.  Von
außen herangetragene Elemente (mystische, vom Aberglauben geleitete,
medizinische, technische und psychologische) sollten die Leistung
erhöhen.  Das Problem des Doping ist unter diesem allgemeinen
Effizienzgedanken vor dem Hintergrund der allgemein abnehmenden
schriftkulturellen Bildung zu sehen.  Die Sprachen der Stimulanzien,
Strategien und Technologien gehören zusammen, auch wenn einige mehr,
andere weniger unmoralisch und gefährlich sind.  Und da die Drogen
immer raffinierter und entsprechend schwieriger nachweisbar werden,
läßt sich gar nicht mehr genau sagen, welches Ergebnis auf rein
sportliche Leistung und welches auf Biochemie zurückzuführen ist.

Nicht nur die ehemaligen totalitären Staaten des Ostblocks haben die
Gruselgeschichten des Medikamentenmißbrauchs geschrieben.  Auch die
kommerzielle Demokratie mit ihren materiellen Verlockungen veranlaßt
viele Sportler, die Leistungsfähigkeit des Körpers bis zur
Selbstzerstörung voranzutreiben.  Zu den gebrochenen Rekorden bei den
Olympischen Spielen in Atlanta gehört auch die Zahl der
Dopingkontrollen (fast 20% aller aktiven Teilnehmer).

Von allen Sportarten ist der American Football wohl die erste
postmoderne Sportart, die sich im Verlauf der Zeit konsequent an die
neuen Erfordernisse angepaßt hat.  Wenngleich die Sprache dieser
Sportart vermutlich nur einem Eingeweihten verständlich ist, sei das
Phänomen hier kurz resümiert.  Wie keine andere hat sie hochgradige
Spezialisierung, Vermittlung, eine völlig neue Dynamik und eine ganz
eigene Sprache entwickelt.  Neben den 22 Positionen und den
besonderen Formationen für bestimmte Spielphasen und Spielzüge wird
jede der zahlreichen Funktionen innerhalb und außerhalb der
Mannschaft von speziellen Arbeitsteams unterstützt: Besitzer, Manager,
Trainer, Trainerassistenten und Betreuer, Spielerbeobachter und
Spielervermittler, Ärzte und Berater.  Die Regeln und das
Grundrepertoire an Abläufen sind nicht sehr umfangreich.  Sie folgen
wie in vielen anderen Spielformen schriftkulturellen Prinzipien: in
ihrer totalitären und zentralistischen Anlage, in der Befolgung eines
bestimmten Regelwerks und damit in ihrer Sequentialität.  Verbale und
numerische Signale, Farbkodes u. ä. gehören zum Zeichencharakter des
Spiels, das dem nicht Eingeweihten als reine, nach privaten Kodes
ablaufende Komödie erscheinen muß, was durch die merkwürdige
Ausrüstung der Spieler gewiß noch erhöht wird.  Die Entwicklung von
einer Collegesportart traditionell englischer Prägung zu dieser
zeitgenössischen amerikanischen Variante läßt sich nachvollziehen.
Im Vordergrund standen ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr das
Spiel und die Erfahrung des gemeinsamen Spielens, sondern der
unbedingte Wunsch nach Sieg. Der erhöhte Effizienzbedarf erforderte
effizientere Spielmaschinen, die sich auf eine begrenzte Auswahl von
Spielfunktionen beschränkten, diese perfektionierten und nur für
diese Aufgaben eingesetzt wurden.  Das Spiel gewann einen
Konfigurationscharakter, spielt sich auf mehreren Ebenen ab, verteilt
die Aufgaben nach einem strengen Schema und kann auf ein
kompliziertes Kommunikationsnetzwerk zurückgreifen, das das
Zusammenspiel der Funktionen sichert.  Die offene Gewalt ist im
Gegensatz zur inszenierten Clownerie des Wrestling authentisch und
spiegelt für viele das Konkurrenzgefühl und die Feindseligkeit der
heutigen Gesellschaft wider.  Alle Schreckgespenster des modernen
Sports sind hier vereinigt: Gewalt, Verletzung, Anabolika, Drogen,
illegales Geld--und Statistiken.  Der Geist dieser Sportart überträgt
sich zunehmend auf andere Sportarten und andere Lebensbereiche in
Politik und Geschäftswelt.  Beim Baseball sind Statistiken sogar noch
wichtiger.  Sie begleiten nahezu jede einzelne Bewegung des Spiels
und verleihen ihr eine Bedeutung, die dem Zuschauer ansonsten
entgehen würde.

Der Zusammenhang zwischen dieser neuen Dynamik des Sports und der
allgemeinen neuen Dynamik des menschlichen Daseins ist offensichtlich.
Größere Schnelligkeit, kürzere Zweikämpfe und kürzere Aktionsphasen
machen Sportereignisse in unserer heutigen Gesellschaft besser
vermarktbar.  Je genauer die einzelne Ausführung, desto weniger
ausdrucksstark wird sie.  Niemand war beim Eiskunstlaufen mehr an den
Pflichtfiguren interessiert, also wurden sie abgeschafft.  Aber die
Kür wird von einem Millionenpublikum bewundert und gerät immer mehr
zu einer Showveranstaltung.  Je ausdauernder die Leistung, desto
geringer die Attraktivität.  Eine rasante kurze Abfahrt ist allemal
aufregender als ein Langstreckenereignis.  All dies ist ganz
entschieden ein Kennzeichen unseres neuen Lebens jenseits der
Schriftkultur.  Niemand will mehr lernen, wie er die gleichen
Leistungen erbringen könnte; Wissen und Lernen sind irrelevant
geworden.  Was zählt, ist die Leistung und das Spektakel, und das
bringt die Preise ein, von denen die Sieger der antiken Olympiade,
die auf ihre Weise auch verwöhnt wurden, nicht einmal träumen konnten.
"Winner take all"--der Sieger bekommt alles: Das ist das
vorherrschende Gesetz, demzufolge nicht mehr die Freude am Wettkampf,
sondern der Sieg einziger Zweck ist.

Die Folge dieser Effizienzerwartung ist nicht nur ein relativ
ungebildeter Sportler, sondern auch eine diskriminierende Vorauswahl.
In den USA werden die Volkssportarten Football und Basketball von
schwarzen Athleten beherrscht.  Wenn man im Sport dieselben
Gleichheitsprinzipien wie in anderen Lebensbereichen anwenden würde,
verlöre er an Attraktivität.  Das führt ironischerweise dazu, daß in
den USA die schwarzen Afroamerikaner die Rolle des Entertainer für
die weiße Bevölkerung spielen.  Abgesehen von den enormen
Verdienstmöglichkeiten im Profisport führt die Leistungsbesessenheit
dazu, daß ein bestimmter, wichtiger Teil der Bevölkerung den
Unterhalter für die restliche Bevölkerung spielt.  Schwarze
beherrschen auch die besten BasketballLigen der restlichen Welt.  In
der ehemaligen Sowjetunion rekrutierten sich die Teilnehmer an den
Olympischen Winterspielen weitgehend aus der sibirischen Bevölkerung,
für die das Skilaufen eine alltägliche Lebensform ist.  In ganz
Europa holen die führenden Fußballvereine (und sogar
Nationalmannschaften) ihre Spieler aus Spanien, Italien, Afrika und
Südamerika.  Denn Effizienz ist leichter mit denen zu erreichen, die
die besseren körperlichen Voraussetzungen für ein bestimmtes Spiel
mitbringen, als mit denen, die man auf traditionelle Art über den
Breitensport an eine bestimmte Sportart heranführt.

Die Zuschauer von Sportveranstaltungen sind durch die vermittelnde
Tätigkeit des Fernsehens in ihren Erwartungshaltungen weitgehend
homogenisiert.  Der Sprache des Sports bedingungslos ausgesetzt,
erleben sie das Ereignis und dessen Interpretationen gleichzeitig.
Selbst die Mechanismen der Bedeutungszuweisung sind rationalisiert,
Schriftkultur spielt bei ihrer Vermittlung keine sonderliche Rolle,
eigenes Nachdenken erübrigt sich.

Diese Veränderungen im Sport--oder in anderen ähnlich veränderten
Lebensbereichen--einfach nur zu beklagen, würde nicht sehr weit
führen.  Gewiß sind die großen Athleten des heutigen Sports
schriftkulturell ungebildet (um nicht zu sagen Analphabeten).
Dennoch bemühen sich angesehene Colleges in den USA um sportbegabte
Studierende ausschließlich um deren sportlicher Leistungsfähigkeit
willen.  Diese heben zwar nicht das akademische Niveau der
Bildungseinrichtung, wohl aber deren Marktwert.  Bildung ist für
sportliche Höchstleistungen nicht nur unnötig, sondern vielleicht
sogar hinderlich.  Hochleistungssportler leben aus dem Koffer--in
Flugzeug, Hotel oder Trainingslager--, finden kaum Zeit für ihre
Bildung oder auch nur ein eigenes Privatleben.  Ihre begrenzte
Sprache reicht oft nicht einmal aus, ihre Frustration zu artikulieren,
wenn das erstrebte Leistungsziel einmal nicht erreicht wurde.  Sie
lesen nicht, sie schreiben nicht, selbst die Schecks werden von
anderen gezeichnet.

Sport ist Arbeit mit hohem Marktwert ohne schriftkulturellen Status.
Die Effizienz einer Sportart wird an ihrer Attraktivität gemessen,
und das heißt an der Fähigkeit, Botschaften von allgemeinem Interesse
zu vermitteln.  Weit entfernt davon, integrativ zu wirken oder das
Ideal eines vollkommenen Menschen zu verwirklichen, ist
Leistungssport heutzutage so spezialisiert wie jede andere
herausgehobene Tätigkeit.  Er stellt einen eigenen Kompetenz- und
Leistungsbereich mit einer eigenen partiellen Literalität dar.  Da er
bestimmte körperliche Eigenschaften und geistige Funktionen erfordert,
ist er zu einer Gußform, zu einer zweiten Natur der Sportler
geworden, mit allen daran geknüpften Folgen.  Weltweit werden heute
in den verbreiteten, durch hohe Effizienzerwartungen gekennzeichneten
Sportarten die späteren Athleten praktisch von Geburt an herangezogen.
Kinder werden nach ihrer genetischen Veranlagung und spezifischen
Befähigung ausgewählt, nach individuell zugeschnittenen Trainings-
und Ernährungsplänen ausgebildet und mit psychologischer und anderer
Hilfe so lange begleitet, bis sie sich als fertige Sportler dem
Wettkampf stellen.


Ideeller und profaner Gewinn

Die in den Sport getätigten Investitionen müssen sich auszahlen.
Niemand erwartet, daß der erfolgreiche Sportler über diesen Profit
Rechenschaft ablegt.  Denn niemand fragt auch nach dem Preis der
körperlichen oder psychischen Schäden, mit dem er erkauft wurde.
Diese gehören zur zynischen Erfolgsformel dazu, die offenbar jeder
begeistert akzeptiert.  Die enorm hohen Summen, die die auf dem Markt
gehandelten Spieler vertraglich zugesichert bekommen, spiegeln fast
bis auf den letzten Pfennig die Höhe die Zahl derer wider, die ihnen
zuschauen oder die Produkte kaufen, die deren Namen tragen.  In
einigen Ländern ist die Sportwette, ob legal oder illegal, der
Hauptwirtschaftszweig.

Dabei ist die Wette, obwohl sie ihre eigene partielle Literalität
entwickelt hat und ohne die Vermittlung von Schreiben und Lesen
auskommt, keineswegs eine neue Erfindung.  Das Spielen mit dem Glück
hat die Menschheit schon immer fasziniert.  Seitdem indes die
Vernetzung der Welt jedem jederzeit den Zugang zu jedem gewünschten
Sportereignis ermöglicht hat, ist die Wette wichtiger geworden als
das Ereignis selbst.  Unsere Sehnsüchte und Träume werden von denen
getragen, durch die wir uns repräsentiert sehen und auf deren Siege
wir nicht nur hoffen, sondern auch setzen.  Der Sport hat eine
ideelle Seite, den erfolgreichen Spieler, und eine profane, den
finanziellen Einsatz.  Die Hoffnung auf ein gutes Ergebnis leitet
sich aus den Erwartungen der Schriftkultur her.  Hier liegt der naive
Glaube zugrunde, daß sich geistige Bildung und körperliche
Extremleistung zu einer harmonischen Persönlichkeit zusammenfügen
lassen.  Warum dies nicht möglich ist, brauche ich nicht zu
wiederholen.  Wichtig ist indes, daß die ideelle und die profane
Seite nicht getrennt voneinander zu sehen sind.  Das verleiht dem
Wettkampf eine zusätzliche, undurchschaubare Dimension, die aus
sportfremden, durch diese indirekte Wette repräsentierten Faktoren
besteht.

Den größten indirekten Wetteinsatz stellen die Kosten für Vermarktung
und Werbung dar.  Die hierfür aufgebrachten Dollarbeträge in
Milliardenhöhe gehören vermutlich zu den spektakulärsten olympischen
Rekorden.  Mit der Verlagerung von der Produktions- zur
Dienstleistungsgesellschaft ist aus dem Sport eine
Unterhaltungsindustrie geworden.  Die neuen Medien tragen die
internationalen Großereignisse weltweit in jeden Haushalt.  Früher
haben wir uns mit den Bildern vom Sieger begnügt.  Heute besitzen wir,
so wir es wollen, eine Videoaufzeichnung des gesamten Spiels und
können uns jede Spielphase noch einmal ansehen; mit noch mehr
Breitband können wir uns das Ereignis live auf den Monitor holen,
natürlich gegen Bezahlung (wie im Pay-TV).

Sport ist eine Ware geworden, die wir gegen hohe Bezahlung
konsumieren, je nachdem, wohin uns das jeweilige Angebot eines
Reisebüros bringt: nach Atlanta, Barcelona oder Sydney.  Wir können
uns sogar die besten Trainer der Welt für eine Trainingseinheit oder
eine ganze Fitneßwoche leisten.  Tatsachen spielen, wie überall, kaum
noch eine Rolle; was zählt, ist das Image.  Im Mittelpunkt des
Schulsports stehen nicht mehr Autorität und Selbstdisziplin, sondern
die freie Wahl zwischen zahlreichen Sportarten und eine allgemein
verbreitete Lässigkeit und Genußsucht, die bisweilen die ganze Welt
als ein einziges großes Sportereignis erscheinen läßt.  Der Sport
wird von vielen Anliegen und Interessensgruppen vereinnahmt.  Auf der
Bühne der sportlichen Großereignisse konkurrieren die größten Firmen
der Welt mit feministischen und Menschenrechtsorganisationen, mit
AIDS-Hilfe- und Behindertengruppen um die Aufmerksamkeit und das Geld
der Zuschauer.  Sponsoring ist sehr wählerisch und steht oft genug im
krassen Gegensatz zu den Werbeslogans, die es verbreitet.  Diese
Formen des indirekten Wetteinsatzes haben den riesigen Markt der
Unterhaltungsindustrie im Auge, innerhalb dessen die
Interessensgebiete abgesteckt werden.

Der Wetteinsatz erfolgt über Produktwerbung auf Kleidung und Banden,
allgemeine Werbemaßnahmen und durch Öffentlichkeitsarbeit.  Bei der
Olympiade in Atlanta wurden eine halbe Million Markennamen vermarktet.
Allein ihre Auflistung und Verwaltung erforderte einen ungeheuren
Aufwand, der mit "Wahrung des Olympischen Gedankens und der Rechte
der offiziellen Sponsoren" begründet wurde.  Jeder Quadratzentimeter
am Körper eines Sportlers wird vermarktet.  Je besser der Manager
(nicht unbedingt die sportliche Leistung), desto höher der
Werbevertrag.  Detailaufnahmen von höchster Schärfe bringen den
Herstellernamen einer Armbanduhr aufs Bild, ein Firmenlogo auf den
Socken, Hemden und Stirnbändern den Getränkelieferanten oder den
Schnee- und Eisproduzenten der Olympischen Winterspiele.  Der
Wettkampf in der Arena und der Wettkampf um die sportlichen
Werbeträger nähren sich gegenseitig.

In der Tat ist die Welt ein Dorf, und zwar eines, das dem Ergebnis
geringere Bedeutung beimißt als den neuesten Werbespots.  Die
Botschaft ist dabei verlorengegangen.  Der Sportschuh ist die
Botschaft oder irgend etwas anderes, was den kurzen Triumphzug in der
Welt des Konsums antritt.  Ist dieser Triumph erreicht, halten
wahnwitzige Handelsaktivitäten mit dem Original und dessen
zahlreichen Derivaten und Kopien die Welt zwischen New York und
Sambia, Paris und den Stämmen des tropischen Regenwaldes, Frankfurt
und der hungerleidenden Bevölkerung Asiens und Afrikas in Atem.  Die
Verführungskraft des Sportmarketing wird allenfalls noch erreicht von
den ebenso ‘illiteraten’ Stars der Unterhaltungsindustrie, die
bisweilen auch für den Hunger in der Welt singen, was allerdings ihr
Werbepotential noch erhöht.

Mit all diesen Erscheinungsformen hat der Sport seinen Bezug zu Natur
und Natürlichkeit verloren.  Es sieht ganz so aus, als falle der
Sport in sich selbst zusammen, als erlebe er eine Art Implosion, die
Raum freigibt für die vielen Geräte, an denen wir daheim unsere
verweichlichten Körper ertüchtigen.  Radfahren, Rudern, Laufen und
Bergsteigen üben wir in der künstlichen Zurückgezogenheit unseres
Eigenheims und haben dabei den Blick auf die wenigen gerichtet, die
das alles noch wirklich tun, freilich aus Gründen, die immer weniger
mit sportlicher Leistungsfreude zu tun haben.  Bald schon werden wir
uns in den Swimming Pools und auf den Abfahrten der virtuellen
Realität tummeln, und damit wäre dann eine neue Phase in der
Geschichte der Olympischen Spiele eingeläutet.


Kapitel 3:


Wissenschaft und Philosophie--mehr Fragen als Antworten

In einigen führenden Wissenschaftsbereichen werden
Forschungsergebnisse ausgetauscht, sobald sie vorliegen.  Der
geradezu behäbige Prozeß der Drucklegung und des vorausgehenden
Begutachtungssystems wollen nicht so recht in dieses Bild passen.
Auf den Web-Seiten einiger Forschungseinrichtungen tritt an die
Stelle des Begutachtungsverfahrens, das von geriatrischen Hierarchien
beherrscht wird, der direkte Austausch zwischen den wirklichen
Leistungsträgern in der Forschung: Bahnbrechende Hypothesen werden
diskutiert, kritisiert, weiterentwikkelt.  Die Kommunikationsmedien
sind Instrument und zugleich Vermittler vieler Forschungsprojekte.
Bilder, Daten und Simulationen als Teil der Arbeit sind allgemein
zugänglich und in Formaten verfügbar, die sofort weiterverarbeitet
oder in technologische Testverfahren überführt werden können.

Der neue Rahmen wissenschaftlicher Arbeit wirft natürlich eine Reihe
von Fragen und Problemen auf, von denen nicht zuletzt die des
geistigen Eigentums und der wissenschaftlichen Seriosität dringend
einer Lösung bedürfen.  Dennoch hat sich das allgemeine Umfeld von
Forschung und Wissensvermittlung nachhaltig geändert, und die meisten
Wissenschaftler wissen, daß die traditionellen, aus der Schriftkultur
erwachsenen Modelle keine ausreichende Antwort darauf darstellen.  So
schön die durch die Technologie des Industriezeitalters verkörperte
Forschung ist, trägt sie doch wenig oder gar nichts zum
wissenschaftlichen Fortschritt in der Nanotechnologie, der
Bioinformatik, der Flüssigkeitsdynamik oder anderen Grenzbereichen
moderner Forschung bei.  Genexpression und Proteinsynthese
sind--gemessen an Arbeitsaufwand und Ergebnissen--Jahrhunderte weiter
als alles, was in der Vergangenheit je erforscht wurde.  Wenn man die
ständig neu entstehenden Wissenschaftsdisziplinen hinzuzählt, dann
kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß die Menschheit sich
jenseits der Schriftkultur neu erfindet.

Der folgende Überblick vermittelt einen Eindruck vom Umbruch in den
Wissenschaften, vom Gegensatz zwischen den fast schon plumpen
wissenschaftlichen Bemühungen einer durch Maschinenverarbeitung
gekennzeichneten Ära und der wissenschaftlichen Ebene der atomaren
und subatomaren Reorganisation.

Identische Komponenten können in unterschiedlicher Anordnung einmal
als Graphit oder Diamanten, ein anderes Mal als Sand oder Silikon für
Chips Gestalt annehmen.  Die Liste dieser Möglichkeiten verweist auf
eine Wirklichkeit, die unvorstellbare Folgen für uns haben wird, die
aber fast täglich durch eine nicht endende Serie neuer Entdeckung
bestätigt wird.  Leben auf dem Mars, molekulare Selbstorganisation,
Proteinfaltung, Abbildung mit atomarer Auflösung, Nanowerkstoffe mit
unvorhersehbaren Eigenschaften, Fortschritte in der Neurologie--diese
Auflistung sieht aus wie eine Sammlung reißerischer Schriftentitel,
spiegelt aber eine Wissenschaftswirklichkeit wider, die beständig
durch neue und noch kreativere Untersuchungen weiterentwickelt wird.
Deshalb hat es gar keinen Sinn, das gesamte Spektrum neuer
Forschungsansätze aufzulisten.  Wir wollen statt dessen die
Gesamtentwicklung unter einem dynamischen Gesichtspunkt verfolgen.
Vor allem möchte ich dabei den Eindruck vermeiden, die Wissenschaft
als die eigentliche Antriebskraft des Umbruchs hinzustellen, als
könnten die ihr zugrundeliegenden Motivationen und Mittel Richtung
und Zweck der Menschheit definieren.


Rationalität, Vernunft und die Skala der Dinge

Die aufgewiesene Dynamik des Umbruchs in Wissenschaft und Philosophie
steht im Zusammenhang mit der zugrundeliegenden Struktur jener
Lebenspraxis, die die Abkehr von der Schriftkultur herbeigeführt hat.
Beide weisen eine Rationalität auf, die die praktischen Erfahrungen
zu überzeugenden Schlußfolgerungen (gelegentlich auch logische
Schlüsse genannt) und zu Aussagen über zukünftige Ereignisse (in
Natur und Gesellschaft), bis hin zu deren Beeinflussung und Kontrolle
führt.  Rationalität hängt insofern mit Effizienz zusammen, als sie
bei der Auswahl der Mittel zur Erreichung bestimmter Zwecke mitwirkt
oder bei der Abwägung der Voraussetzungen, die zu bestimmten
Handlungsweisen führt.  Rationalität ist zielorientiert.  Vernunft
dagegen ist wertorientiert; sie begleitet den Menschen bei der
Entfaltung seiner Identität unter dem Gesichtspunkt der
Angemessenheit.  Rationalität und Vernunft bedingen sich gegenseitig.
An den Achsen richtig und falsch, gut und schlecht wird menschliches
Handeln und Empfinden in der unter dem Schutz der Schriftkultur
entworfenen Matrix von Leben und Arbeit dargestellt.

Der Prozeß, in dem Rationalität und Vernunft zu Merkmalen der
menschlichen Selbstkonstituierung werden, ist lang und mühsam.
Menschen, die sich in unterschiedlichen Lebenszusammenhängen
bestimmen, gehen ein Netz von Abhängigkeiten und Verbindungen ein.
In einer begrenzten Skala des Daseins finden Vernunft und
Rationalität zusammen.  Sie entwickelten sich jedoch bald schon
unabhängig voneinander, bereits in den frühen Siedlungs- und
Bewirtschaftungsformen wurde man sich der Unterschiede in den Zielen
und Mitteln beider Prinzipien bewußt, bis dann in der Kulturphase, in
der Werkzeuge und andere Gegenstände hergestellt wurden, Vernunft und
Rationalität getrennte Wege einschlugen.  Mit dem Aufkommen der
Wissenschaften schließlich gerieten beide nicht selten in Konflikt
miteinander: Manches kann richtig, muß aber nicht gleichzeitig gut
sein.  Es gibt eine Rationalität (zielorientiert auf Vermehrung von
Besitz und Vermeidung von Verlust gerichtet), die sich den Anschein
der Vernunft gibt--Handlungen zur Unterstützung jener Kräfte, die
Natur und Materie unter Kontrolle bringen.  Parallel zur Wissenschaft
manifestierten sich Magie und Aberglaube--Alchemie, Astrologie,
Zahlenmystik--mit dem Ziel, den sich nach den Maßstäben des Guten
entfaltenden Menschen mit der ihn behausenden Welt zu versöhnen.

In einigen Kulturkreisen förderte die Rationalität einen Hang, die
Natur zu bearbeiten, zu verändern und letztendlich zu
beherrschen--also: die Natur einem gewünschten Ordnungsprinzip zu
unterwerfen.  Die Vernunft hingegen suchte nach praktischen
Möglichkeiten, das Verhältnis zwischen Mensch und Natur zu
harmonisieren.

Die Schrift diente beiden.  In ihr wurde Sprache zu einer Gußform für
neue Erfahrungen, einem Hort für Wissen und einem wirksamen
Instrument zur Evaluation und Selbstevaluation.  Fast alle auf die
Schrift hinführenden menschlichen Leistungen ergaben sich aus den
schriftlichen Formen der Identitätskonstituierung.  Die
wissenschaftliche Revolution und die Neubestimmung der
Geisteswissenschaften (besonders der Philosophie) im 16. und 17.
Jahrhundert sind fest in der Lebenspraxis verwurzelt, die notwendig
zur Schrift hinführte.  Diese Entwicklung wird üblicherweise mit drei
Errungenschaften verknüpft:
1. der Entstehung eines neuen Weltbildes, das sich wissenschaftlich
in der heliozentrischen Astronomie und philosophisch als radikal
verändertes, diesseitsorientiertes Menschenbild äußerte;
2. der mathematischen Beschreibung von Bewegung;
3. einer neuen Begrifflichkeit für die Mechanik.


Die in diesen Leistungen zutage tretende naturwissenschaftliche und
humanistische Erneuerung gab den eigentlichen Anschub für die
industrielle Revolution.  Der Wandel von der Agrarwirtschaft als
Ausdruck einer relativ begrenzten Bevölkerungs- und Arbeitsskala zu
industrieller Produktion erhöhte die Effizienz in einer Größenordnung,
die die in jener Zeit erreichte kritische Masse der
Menschheitsentwicklung widerspiegelt.


Die verlorene Balance

In der Industriegesellschaft lief die Naturwissenschaft der
Philosophie den Rang ab.  Aus einer ursprünglich sehr elitären, von
den Hütern der Schriftkultur (der Religion) kontrollierten Tätigkeit
wurde ein fest in der Gesellschaft verwurzeltes Denk- und
Arbeitsprinzip.  Die Philosophie nahm eine gegenteilige Entwicklung;
sie opferte ihren Status als allgemeine Instanz des Fragens und der
wissenschaftlichen Neugier und wurde zum Privileg einiger weniger,
die sich die geistige Anschauung der Welt leisten konnten.  Die
Rationalität der Naturwissenschaften fand eine allgemeine Umsetzung
in Technik und Technologie und erreichte mit
Nahrungsmittelverarbeitung und Massenproduktion von Nahrung, mit den
modernen Transportmitteln (Auto und Flugzeug), dem allgemeinen
Wohnungsbau und der Verwendung von Strom als effizienter
Energiequelle ihren Höhepunkt.

Einstein hat eine gewagte Hypothese aufgestellt: "Die Tragödie des
modernen Menschen liegt darin, daß er Existenzbedingungen geschaffen
hat, für die er selbst nach seiner phylogenetischen Entwicklung gar
nicht geeignet ist."  Die verlorene Balance zwischen Rationalität und
Vernunft zeigt sich am deutlichsten in all den Folgen der
Industriellen Revolution, die zum zügellosen Kapitalismus des 19. und
20. Jahrhunderts geführt haben.  Erschöpfender Abbau von
Rohmaterialien, Luft- und Wasserverschmutzung, Erosion von
fruchtbarem Acker- und Weideland und geistige und körperliche
Belastung des Menschen gehören zu den unmittelbaren Auswirkungen
dieses Ungleichgewichts.

Diese Folgen allein würden indes nicht ausreichen, um die
Vorherrschaft der Schriftkultur in der Wissenschaft in Frage zu
stellen.  Die eigentliche Infragestellung erfolgt durch die neue
Skala der Menschheit, für die sich das Modell der industriellen
Revolution und der Schriftkultur als unzureichend erwiesen hat.  Die
Effizienzerwartungen in ganz neuen Größenordnungen erfordern eine
ganz neue Dynamik, neue Vermittlungsformen und -instanzen und damit
verbundene Prinzipien der Nicht-Linearität, der Vagheit und
Nicht-Determiniertheit.  Die Naturwissenschaft und deren Formen der
philosophischen Selbstreflexion haben schon heute Wissensbereiche
erschlossen, die jenseits der von der Schriftkultur gezogenen Grenze
liegen.  Die frühen Erfolge in der Mikrophysik führten zur
Entwicklung relativ rudimentärer Waffensysteme: als Antwort auf die
erste substantielle technologische Herausforderung
nicht-schriftkultureller Art.  Mittlerweile ist deutlich geworden,
daß wir eine neue Physik, eine neue Chemie und viele andere, erst
jenseits der Schriftkultur konstituierte Wissenschaftsdisziplinen mit
systemischem Fokus benötigen.  Die erwähnten Wissenschaftsbereiche
deuten bereits an, wie und in welche Richtung sich die
Naturwissenschaften entwickeln werden; zugleich lassen sie eine neue
Epistemologie erkennen, die neue Erklärungsmodelle der Welt
hervorbringt und auf ihre Angemessenheit und Kohärenz überprüft.  Für
die wissenschaftliche Praxis spielen dabei kognitive Ressourcen, die
nicht mehr durch das empirische Prinzip der Beobachtung eingeschränkt
sind, eine besondere Rolle.  Epistemologisch zweifelsfrei ist dabei
die Tatsache, daß nahezu alle neuen Wissenschaftsformen ein Interesse
am Lebendigen zeigen.  Bei diesen neuen Wissenschaften, die allesamt
auch philosophische Implikationen aufweisen, handelt es sich um
computationale Biophysik, Biochemie, Molekularbiologie, Genetik,
Medizin und um die Erforschung der Mikro- und Nanowelt.

Die Schriftkultur mit ihren strukturalen Merkmalen ist für diese
neuen Erfahrungen weder die geeignete Form noch der geeignete
Wissensspeicher oder auch nur ein effizientes Evaluationsinstrument.
Als eine unter vielen anderen Alphabetismen behält sie ihren Bereich,
für den sie angemessen ist und in dem sie die an sie gerichteten
Effizienzerwartungen erfüllt.  Der in der Ausdifferenzierung in viele
Alphabetismen zum Ausdruck kommende Umbruch vollzieht sich als
Konflikt zwischen Mitteln von nur begrenzter Effizienz und neuen
Mitteln, die den Problemen enorm gestiegener Bevölkerungszahlen und
dem neuen Anspruch auf Wohlstand und sogar Überfluß eher gerecht
werden.  Aus fast allen neuen Wissenschaftsdisziplinen entwickeln
sich neue Technologien.  Einige davon kennen wir bereits: Wir wissen,
daß Taschenrechner, hitze- und kältebeständige Gewebe und neue
Werkstoffe zu erschwinglichen Preisen die Nebenprodukte großer
wissenschaftlicher Projekte (Raumforschung, Genforschung, Biophysik)
sind.  An andere beginnen wir uns zu gewöhnen: intelligente Stoffe,
die ihre Struktur selbständig verändern können, und
selbstorganisierende Stoffe.


Gedanken über das Denken

Nach weit verbreiteter Auffassung ist--wie weiter oben schon
ausgeführt--das Denken an die Sprache gebunden, also ist die Sprache
das Medium des Denkens.  Andere (und hier beruft man sich immer
wieder auf Einstein) behaupten demgegenüber, ihr Denken würde sich in
Bildern, Geräuschen oder einer Mischung aus verschiedenen
Sinneseindrücken vollziehen.  Bis heute ist ungeklärt, ob dies eine
metaphorische Umschreibung oder eine Tatsache ist.  Das gleiche gilt
aber auch für die Sprache.  Daß wir unsere Gedanken sprachlich
ausdrükken, und zwar durchaus mit Mühen und meist ungenügend, muß
nicht heißen, daß wir nur in der Sprache denken.  Die Tatsache, daß
die Sprache ein Medium der Erklärung und Interpretation ist,
Schlußfolgerungen, Ableitungen und gelegentlich hypothetisches Denken
(sogenannte Abduktionen) ermöglicht, ist kein Beleg dafür, daß sie
das einzige Medium dafür ist.  Naturwissenschaftler denken in der
Sprache mathematischer oder logischer Formeln oder in neueren
Programmiersprachen, ohne sie deshalb zur alltäglichen Verständigung
oder für Gedichte oder Liebesbriefe zu verwenden.

Die Schriftkultur gründet den Primat der allgemeinen Bildung auf die
Überzeugung, daß das Denken sprachlicher Natur sei.  Dementsprechend
ist eine gute Sprachbeherrschung, wie sie in den Regeln der
Schriftkultur kodifiziert ist, Voraussetzung für erfolgreiches Denken.
Abgesehen davon, daß dies ein Zirkelschluß ist, der die
Voraussetzung zum Ergebnis macht, hätten Wissenschaft und Philosophie
dieser kühnen Annahme so manches entgegenzusetzen.  Sie ist niemals
bewiesen worden, und angesichts der Verbindungen zwischen allen
Zeichen, die am Denkprozeß beteiligt sind, ist sie wohl auch nicht zu
beweisen.  Bilder lassen Wörter assoziieren, aber andere
Sinneseindrücke tun dies auch.  Worte wiederum rufen Bilder, Musik
und ähnliches hervor.  Die integrative Natur des Denkens ist
vermutlich durch freiwillige Entscheidungsmechanismen oder durch
genetische Mechanismen bestimmt, die so strukturiert sind, daß sie
ein bestimmtes Zeichensystem (Sprache, die Formelsprache der
Mathematik, Diagramme) als vorherrschend anerkennen, ohne dabei
Denkweisen auszuschließen, die nicht auf diesen Voraussetzungen
beruhen.

Das Verständnis von Denken als sprachlichem Denken hat zu bestimmten
Formen der Lebenspraxis geführt, die nur unter dieser Voraussetzung
entstehen konnten.  Wir können Denken aber auch anders definieren,
was wiederum zu anderen notwendigen und nützlichen Denkweisen führen
kann oder bereits geführt hat.  In diesem Zusammenhang stellt sich
besonders eine Frage: Müssen wir denkende Maschinen--d. h.  Programme,
die vollkommen autonom solche Operationen durchführen, die wir
üblicherweise mit menschlichem Denken verbinden--deshalb von der
Diskussion ausnehmen, weil sie keine schriftkulturelle Bildung
besitzen?  Viele wissenschaftliche Versuche wären unter solchen
Voraussetzungen gar nicht erst auf den Weg gebracht worden, dazu
gehören vor allem die vielen neuen Entwicklungen von intelligenten,
selbstregenerierenden Werkstoffen.  Diese wissenschaftlichen
Disziplinen, die auf ungewohnten Denk- und Arbeitsweisen beruhen,
welche relativ unabhängig von Sprache, Bildung und Schriftkultur
funktionieren, haben zu anderen, komplementären Definitionen von
Denken und Rationalität geführt.  Indem man Denken mit anderen
menschlichen Regungen--mit Emotionen, Humor, Ästhetik oder der
Fähigkeit, Gedanken durch verschiedene Medien, Sinne oder Sprachen zu
projizieren--zusammen sieht, wird man vermutlich zu noch kühneren
wissenschaftlichen Ansätzen und Fragestellungen gelangen.

Bevor wir uns diesen anderen Definitionen des Denkens und des
Verhältnisses von Rationalität und Vernunft zuwenden, wollen wir
einige Merkmale des zeitgenössischen Denkens, besonders in
Wissenschaft und Philosophie betrachten.  Im Vergleich zu vergangenen
Lebensumständen ist der Anteil der Sprache im Arbeits- und
gesellschaftlichen Leben zurückgegangen.  Wenn sich unser Denken nur
in der Sprache vollziehen würde, hieße das, daß auch der Anteil des
Denkens abgenommen hat.  Nur wenige würden dieser These zustimmen.
Der Rest an Sprache, der in unserem Zusammenleben und im beruflichen
Miteinander geblieben ist, bringt lediglich die Segmentierung unseres
Lebens und unserer Interaktionsformen zum Ausdruck.  Dieser Rest an
Sprache, dessen Beherrschung eine weitere Bildung oder
schriftkulturelle Fertigkeit voraussetzt, besteht aus
gesellschaftlichen Allgemeinplätzen und eignet sich in keiner Weise
als Medium für das Denken.  Parallel zu der abnehmenden Bedeutung der
natürlichen Sprache gewannen die Sprachen der Wissenschaft und
Technologie in dem Maße an Vielfalt und Bedeutung, in dem die
Erwartungen an wissenschaftliche und technologische Effizienz stiegen.
Im begrenzten Umfeld der natürlichen Sprachverwendung wurden die
Ausdrücke, die die Menschen für das alltägliche Funktionieren
benötigen, ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse nach Vielfalt und
Veränderung in unseren gegenseitigen Beziehungen hervorgebracht.  Es
sind weitgehend Sprachkonserven mit begrenzter Funktion, die aus
vorangegangenen Situationen ungeachtet der sie hervorbringenden
Umstände übernommen wurden.  Es ist sehr wahrscheinlich, daß ein
schriftunkundiger, ja analphabetischer Nachbar niemals auffallen
würde; denn alles, worin er uns gegenübertritt, kommt ohne Bildung
und weitgehend ohne Schrift aus: Autofahren, Wäschewaschen, Kochen,
Bankgeschäfte, Telefonieren, Fernsehen, Einbindung in das Internet.
Mit ein wenig Übung kann man all diesen Tätigkeiten nachgehen, ohne
durch ein Bildungshandicap oder gar durch Analphabetismus aufzufallen.
Die neuen Geräte, die neuen Stoffe, die neuen Nahrungsmittel und
Arzneien, die eher im Grenzgebiet der Wissenschaft als in unserem
Lebens- und Arbeitsmittelpunkt angesiedelt sind, werden die
Möglichkeiten von und den Bedarf an Zivilisationsformen, die von mehr
als einer Ausdrucks- und Kommunikationsform gelenkt sind, noch
erhöhen.

In einer Welt, in der hochspezialisierte Tätigkeiten vorherrschen,
führen auch Ungebildete oder Analphabeten im Sinne der Schriftkultur
ein unbemerktes und reibungsloses Dasein, ohne ihr eigenes Leben oder
die Effizienz des Systems zu beeinträchtigen.  Auch hat sich ihre
Rolle verändert.  Denn auch eine analphabetische Rationalität ist
zielorientiert, sie drückt sich lediglich mit anderen Mitteln aus.
Auch sie formuliert Aussagen über das zukünftige Verhalten von
Systemen, die von hochspezialisierten, extrem funktionsorientierten
Sprachen betrieben werden und deren Betrieb nicht von der Bildung
ihres Betreibers abhängt.  Wissenschaftliche Bildung ist entweder in
Fähigkeiten zu lokalisieren, die man durch Ausbildung und Einübung
erwerben kann, oder aber in die Systeme eingebaut, die von Menschen
betrieben werden, die weniger über deren Funktionsweisen wissen als
die Maschinen selbst.

Falscher Sprachgebrauch, nachlässige Formulierungen und fehlerhafte
Grammatik, Alltagsfloskeln und die Unfähigkeit oder der Unwille, ein
Gespräch zu führen, sagen noch immer etwas über das Denken aus, wenn
auch vielleicht etwas anderes, Unerwartetes: z. B., daß Denkformen,
die auf nichtsprachlichen Zeichensystemen beruhen, effektiver und
hinsichtlich der vor uns liegenden Probleme zeitgemäßer sind;
vielleicht auch, daß sich das, was sich in einem Zeichensystem als
angemessen und effektiv erweist, nicht mit dem gleichen Ergebnis in
einen anderen lebenspraktischen Zusammenhang übertragen läßt.  Die
Naturwissenschaften jedenfalls versuchen sich weitgehend von den
Ungenauigkeiten, Mehrdeutigkeiten und stereotypisierenden Floskeln
der Sprache zu befreien; im großen und ganzen trifft dies auch für
die moderne Philosophie zu, obwohl ihr keine vergleichbaren
Alternativen zur Verfügung stehen.  Die Aufgabe der
Naturwissenschaften und in eingeschränkterem Maße auch der
Philosophie liegt heute darin, Sprache(n) zu finden, die Phänomene
wie Kontinuität, Vagheit und Unbestimmtheitsrelationen behandeln
können.

Die hochspezialisierten Lebensformen basieren nicht mehr vornehmlich
auf individuellem Wissen, sondern auf Individuen, die sich als
Informationsschnittpunkte, bzw.  Knoten, verstehen.  Wenn die
Notwendigkeit zu individuellem, selbständigem Denken abnimmt, dann
entspricht dies der extremen Segmentierung unserer Arbeitswelt und
dem Umstand, daß die aus dieser segmentierten Arbeit hervorgegangenen
Teilbeiträge technologisch erfolgreich zusammengeführt werden könnten.
Für unser Privatleben und alles, was wir für unseren
Lebensunterhalt tun (Ernährung, Erholung, Unterhaltung), gilt das
Gleiche.  Unser Denken beschränkt sich auf das Auswählen: aus
vorgefertigten Menüs, aus Konfektionsware, aus Fertigbauteilen, aus
Waschprogrammen.  Aber die Gegenstände unseres täglichen Gebrauchs
verkörpern die Intelligenz eines anderen.  Das verdinglichte Denken,
das in die Genmanipulation, in Materialien und Maschinen eingegangen
ist, schränkt das originale, tatsächliche Denken des einzelnen ein.
Der heutige Mensch bindet sich in das Informationsnetzwerk ein und
verbringt den weitaus größten Teil seines Lebens damit, Informationen
zu verarbeiten: Anweisungen für Tätigkeiten, die das gewünschte
Ergebnis zeitigen.  Man könnte sagen, die Menschen verlassen sich auf
lebendige Maschinen, die sich dem Benutzer anpassen, sich
eigenständig auf veränderte Bedingungen umstellen und sich selbst
reparieren.  Rationalität ist zunehmend in diese Technologie
integriert und damit aus dem Prozeß der individuellen
Selbstkonstituierung wegrationalisiert.  Die Folgen können immens
sein, aber sie werden gefährlicher, je weniger wir über sie
nachdenken oder uns ihrer bewußt sind.

Vergangenheit und Gegenwart haben auf dieser Ebene der Technologie
keine gegenseitige Anbindung mehr.  Der einzelne braucht nicht mehr
zu denken, muß sich in dieses Programm, das eine Rationalität mit
allerhöchster Effizienz und Vernunft verkörpert, einfügen.  Niemand
braucht mehr zu wissen, wie die Dinge unseres alltäglichen Lebens
hergestellt werden und wodurch ihre Qualität garantiert ist.  Nicht
der Prozeß der Herstellung ist wichtig, sondern allein das Ergebnis.
Effizienz ist vorrangig gegenüber individuellem Know-how.  Das Denken
ist dem Denken entfremdet in dem Sinne, daß jegliches Denken, also
jegliche Rationalität, außerhalb der Selbstkonstituierung des
einzelnen liegt.  Es scheint, als führen dieses veräußerte Denken und
diese veräußerte Rationalität ein Eigenleben.  Memetische Mechanismen
belegen diesen Prozeß.

In diesem unserem Stadium jenseits der Schriftkultur ziehen wir nicht
nur aus der erhöhten Effizienz unseren Nutzen, wir erleben auch, wie
das neue pragmatische Instrumentarium eigene, sich selbst erneuernde
Antriebskräfte entwickelt.  Es scheint bisweilen so, als würden nicht
die Menschen um erhöhte Kreativität und Produktivität ringen, sondern
als würden sich Wohlstand und Überfluß als gegebene Größen in unserem
Leben um die Erfüllung der Effizienzerwartungen in unserer global
angelegten Skala kümmern.  Mit der technologischen Entwicklung und
wissenschaftlichen Erneuerung Schritt zu halten, wird zum Selbstzweck,
der irgendwie von menschlicher Vernunft abgekoppelt wurde.  Die
verwirrende Rationalität unbegrenzter Wahlmöglichkeit geht einher mit
der Erkenntnis, daß Wertoptionen vollends verschwunden sind und kein
Raum mehr bleibt für vernunftgelenktes Nachdenken.  In der Folge
werden die sozialen und politischen Aspekte des Daseins
kurzgeschlossen, besonders diejenigen, die den Status von
Wissenschaft und Philosophie betreffen.  Wissenschaftliche Forschung
wird oft daraufhin befragt, ob ihre Ziele überhaupt sinnvoll sind.
Noch vor 15 Jahren war die Hälfte der Amerikaner der Meinung, daß
Wissenschaft und Technik die vielfältigen Probleme der Gesellschaft
nicht nur nicht lösen können, sondern dafür verantwortlich sind.  Die
Balance ist verloren gegangen, aber die Denkhaltungen derer, die den
Zielen und Werten der Schriftkultur verpflichtet bleiben, haben sich
deshalb nicht geändert.  Sie widersetzen sich den Natur- und
Geisteswissenschaften, statt sie als notwendige, wenn auch in sich
widersprüchliche Einheiten aufzufassen.  Und in Europa, wo man den
Entwicklungen in den neuen Wissenschaften eher hinterherläuft, zeigt
man sich noch zurückhaltender.  Skepsis ist gesund und notwendig,
aber sie hat auch ihren Preis.


Quo vadis, Wissenschaft?

Entdeckung und Erklärung sind die beiden Ebenen, auf denen das
Verhältnis von Sprache und Wissenschaft relevant wird.  Wir sollten
vorausschicken, daß Schriftkultur und Schriftlichkeit niemals als
Mittel wissenschaftlicher Forschung und auch Sprache nicht als
Werkzeug für Entdeckungen angesehen wurden.  Man behauptete lediglich,
daß die Sprache den ersten Zugang zur Wissenschaft und damit das
Fortführen wissenschaftlicher Arbeit im wesentlichen ermöglicht.
Diese Behauptung traf in der Vergangenheit auch zu, solange sich
wissenschaftliches Arbeiten im homogenen kognitiven Umfeld
allgemeingültiger Raum- und Zeitdarstellungen abspielte.  Mit der
Veränderung dieses Umfelds stand dessen Ratio neuen Entdeckungen und
den Erklärungen bereits gefundener Entdeckungen im Wege.  Neben
vielen anderen Codes greift die Wissenschaft heute vornehmlich auf
symbolisches Denken zurück, wie es in Mathematik, Logik, Genetik,
Informatik usw. verbreitet ist.  Wissenschaft als zentralistisch
organisierte Institution macht heute neuen wissenschaftlichen
Arbeitsweisen Platz, die oft völlig unabhängig voneinander existieren
und so der Skala des jeweiligen Interessensphänomens gerechter werden.
Diese Unabhängigkeit und das Gespür für die veränderte Skala ergibt
sich aus den unterschiedlichen Forschungsgegenständen der
Spezialdisziplinen, aus unterschiedlichen Forschungsperspektiven und
Fragestellungen sowie aus unterschiedlichen Zeichensystemen, die als
effizientes Forschungsinstrument oder aber als Medium für effiziente
Erklärungsmodelle bereitstehen.

Platon hatte bekanntlich ausreichende mathematische Kenntnisse als
die Voraussetzung für die Zulassung zur Akademie erklärt.  Heute
würden die Hüter der Wissenschaften Logik, bzw. die Beherrschung von
künstlichen Sprachen wie etwa Programmiersprachen, fordern, wobei
diese ja selbst wiederum ständig optimiert, differenziert und durch
Erwartung einer erhöhten computationalen Effizienz verändert werden.
Zur Zeit des "Redners" Sokrates galt die Sprache als Grundlage und
Konstituens von Städten, Gesetzen und Künsten.  Zur Zeit des
römischen Dichters Lukrez wurde Physik in Versen abgefaßt (7000
Hexameter legten die epikureische Atomtheorie dar).  Galilei
bevorzugte den Dialog in seiner italienischen Umgangssprache, damit
seine Zeitgenossen die Entdeckungen der Physik und Astronomie
verstehen konnten.  Bei Newton wurde die Sprache durch Formeln und
Gleichungen ersetzt, die seitdem das Vokabular der Physik ausmachten.
Ähnliche Entwicklungen können wir in den Wissenschaftsgeschichten
Chinas, Indiens oder des Nahen Osten verfolgen.  Wenn also heute neue
visuelle oder multimediale Sprachen entwickelt werden, dann
entspricht dies unserer veränderten, auf eben diesen Phänomenen
beruhenden Lebenspraxis.  Sie führen zu noch mehr Arbeitsteilung,
Vermittlung und neuen Interaktionsformen; sie führen hin zu einer
Lebenspraxis, die eher intensional als extensional ist.


Raum und Zeit: befreite Geiseln

Die enzyklopädische Tradition erhob den wissenschaftlich tätigen
Menschen (l’homme scientifique) zum Mittelpunkt und definierte ihn
durch Sprache.  In dieser Tradition vollzog sich eine ganze Serie von
fortschreitenden Veränderungen der wissenschaftlichen Praxis.  Wir
können sie an der Sprache ablesen, in der sie ausgedrückt wurden.
Das synkretistische Stadium des Menschen war durch Beobachtung und
kurze Zyklen von Aktion und Reaktion gekennzeichnet.  Die frühen
Formen wissenschaftlichen Denkens waren noch nicht von der
praktischen Entfaltung des Menschen in der Welt abgekoppelt.  Bilder
und später Benennungen von Pflanzen, Tieren, Bergen und Flüssen
gehören in diese Zeit.  Erst als sich das Beobachten zu einem
dauerhaften Selbstzweck verselbständigte, wurde aus der
wissenschaftlichen Tätigkeit eine eigenständige Praxis.

Die Wissenschaft entstand zusammen mit dem magischen Denken und
setzte ihre weitere Entwicklung auch in dieser Symbiose fort, bis sie
sich schließlich gemeinsam mit der Religion dem Magischen entzog und
widersetzte.  Beobachten und Furcht vor dem Beobachteten waren lange
eins.  Die Bezeichnungen der Sterne geben Aufschluß über die
Veränderungen in der Sprache, in der die Astronomie sich ausdrückte.
Nur wenig wußte man offenbar in jener Zeit über die Mechanik des
Kosmos.  Mythische Bezeichnungen wurden durch die Tierkreiszeichen
magischen Ursprungs ersetzt (jeweils mit Bezug zu den praktischen
Tätigkeiten des Menschen im Jahreszeitenwechsel), später auch durch
die christlichen Taufnamen und heute durch die detaillierten
numerischen Auflistungen von Positionen, Bewegung und Beziehungen.

In die Beobachtung der Himmelskörper, aus der sich ein Gefühl für
Dauer und Zeit (wie lange braucht ein bestimmter Planet für die
Veränderung seiner Position?) einstellte, brachte der Mensch seine
spezifischen biologischen und kognitiven Merkmale ein: Sehen,
Assoziieren, Vergleichen.  Beobachtungen und Benennungen bezogen sich
auf Positionen und auf Lichtintensität.  Mit der sich allmählich
einstellenden Zeitvorstellung verloren die Himmelskörper ihre Bindung
an die Götter.  Auch zu Zeiten eingeschränkter wissenschaftlicher
Aktivität (Europa zwischen dem 5. und 10. Jahrhundert) wurden
Planeten beobachtet, Himmelskarten mit verschiedenen Konstellationen
gezeichnet und die Grundlagen für spätere Fortschritte in der
Astronomie gelegt.  Physikalische Eigenschaften wie Licht, Farbe und
Klarheit führten zu präziseren Bezeichnungen; die Identifikation von
Sternen wurde in manchen Lebenszusammenhängen (vor allem der
Seefahrt) von entscheidender Bedeutung für erfolgreiches Handeln.

Magie und Wissenschaften ermöglichten indes unterschiedliche
Erklärungen für Erfolg.  Zu jener Zeit wurden die Sterne anhand von
Merkmalen identifiziert, die jedem, der sie benötigte, offenkundig
waren.  Die magische Dimension ergab sich aus den Assoziationen
zwischen den Eigenschaften bestimmter Personen und dem Verhalten
bestimmter Planeten, d. h. aus dem abgeleiteten Einfluß, den die
Himmelskörper auf für den Menschen entscheidende Ereignisse ausübten.
In diesem gesamten Zusammenhang wirkte die Sprache als Werkzeug für
Integration und Beobachtung und als Mittel für die damals gültige
logische Praxis, z. B. für Deduktion.  Die Sprache formte die
Erfahrung und Auffassung von Zeit, speicherte das erworbene Wissen
und wurde auf diese Weise zu einem entscheidenden Medium für die
Selbstentfaltung des Menschen in der Zeit.  Die Rolle der Sprache
wurde durch die Schriftkultur gefestigt, die die in der Sprache
gefundenen Erkenntnisse verallgemeinerte, wodurch wiederum effektive
Mittel zur Strukturierung neuer Erwartungen geschaffen waren.  Erst
als zeitabhängige praktische Erfordernisse wie die Relativität, denen
mit schriftkulturellen Mitteln nicht mehr begegnet werden konnte,
einen kritischen Punkt erreichten, wurde die Zeiterfahrung aus den
Fesseln der Verbalsprache befreit.

Ein enormer kognitiver Schritt war nötig, um von der Unmittelbarkeit
der persönlichen Umgebung zur abstrakten Raumvorstellung zu gelangen.
Die Geometrie--wörtlich: Landvermessung--verbindet die sich konkret
stellenden Aufgaben (Landvermessung, Hausbau, Ausbau, Beobachtung der
Himmelskörper) mit der Verallgemeinerung von Entfernung.  Die
Vermessung des Landes führt nicht nur zu dessen Beschreibung, sondern
auch zu dessen Neuschaffung in der abstrakten Kategorie des Raumes.
Die Sprache spielte bei all dem eine entscheidende Rolle.  Zunächst
blieben die geometrischen Konventionen eng auf die praktischen
Implikationen bezogen.  Sobald allgemeinere Raumerfahrungen jenseits
der unmittelbaren Raumbeziehungen durch Seefahrt, Siedlungsformen,
Strategien der Landesverteidigung usw. möglich wurden, veränderte
sich die Sprache der Geometrie.  Bedingt durch weitere Entwicklungen
der Lebenspraxis und durch eigene, inhärente Antriebe bildeten sich
schließlich zahlreiche geometrische Sprachen heraus.

Die Sprachen, die die Grundlagen der Geometrie, der algebraischen
Geometrie, der Topologie und der Differentialgeometrie bilden, sind
so verschieden wie die Erfahrungen, aus denen sie abgeleitet wurden.
Oft reicht die schriftkulturelle Sprache aus, um geometrische
Probleme zu formulieren, sie versagt aber bei der Lösung dieser
Probleme.  Der intuitive visuelle Charakter der Geometrie ist
offensichtlich besser als die Schrift geeignet, Phänomene der
Symmetrie, vieldimensionale Räume und Konvexität zu erfassen.  Starre
und elastische Räume verhalten sich anders als Räume, die durch
Sprache beschrieben werden.  Die Bezüge der geometrischen Notationen
sind in aller Regel sehr abstrakt.  Dadurch, daß Raum und Zeit von
der Sprache losgelöst wurden, haben sich Rationalität, in der die
wissenschaftliche Praxis begründet ist, und Vernunft, in der die
Philosophie ihren Ursprung hat, nachhaltig verändert.


Kohärenz und Diversität

Wissenschaft führt die Ergebnisse diversifizierter Erfahrungen
zusammen und verleiht dem menschlichen Bedürfnis nach einem
zusammenhängenden Blick auf das Ganze gebührenden Ausdruck.  Wir
haben allerdings zeigen können, daß sich globale Zusammenhänge, wie
sie in der Sprache formuliert sind, und spezialisiertes Wissen nicht
unbedingt vereinbaren lassen.  Dementsprechend haben die
Wissenschaftler den Versuch, den allgemeinen (sprachlichen) Rahmen
mit dem spezialisierten (wissenschaftlichen) Blickwinkel in Einklang
zu bringen, aufgegeben.  Die Einsicht, daß die Wissenschaftssprache
nicht nur ein Beschreibungsinstrument ist, sondern ein formender
Faktor der wissenschaftlichen Arbeit, hat sich nur mühsam durchsetzen
können, zumal die Sprache ihre Darstellungsmechanismen für unser
Raum- und Zeitempfinden bereithielt.  Es war offenbar weniger
schwierig zu erkennen, wie die Art des Messens von bestimmten
Phänomenen (besonders in der Physik) das beobachtete System
veränderte, als zu verstehen, wie eine sprachlich formulierte
Hypothese den Rahmen für eine subjektive Wissenschaft abgab.  Die
Subjektivität sprachlicher Beschreibung entspricht einer spezifischen
Erfahrung, nämlich derjenigen, in der wir Dinge durch Sprache
identifizieren.

Bestimmte Entwicklungen in den Wissenschaften sind nicht für alle
Wissenschaftszweige identisch.  So entwickelten sich Astronomie und
Geometrie unterschiedlich und auch jeweils anders als andere
wissenschaftliche Disziplinen.  Der Konflikt zwischen den Zielen und
den Mitteln der Wissenschaft führte dazu, daß sich die Wissenschaft
allmählich von der Sprache befreite.  Damit aber wurden neue Sprachen
notwendig.  Das Aufbrechen der Sprachbarrieren und die damit
einhergehende Emanzipation von der Schriftkultur stellt schon in sich
eine praktische Erfahrung eigener Art dar.  Zwei Aspekte der Sprache
werden dabei neu überdacht: der epistemologische und der
kommunikative.  Unter dem epistemologischen Status überprüfen wir,
inwiefern die Sprache als Medium der Wissenschaft und bei der
Herausformung der Perspektive wissenschaftlicher Fragestellungen
fungiert.  Der kommunikative Status bezieht sich auf ihre Leistung
bei der Verbreitung gemeinsamen Wissens.  Die Ebenen der
Fragestellung, Ergebnisformulierung, Interpretation, des
Experimentierens und Evaluierens sowie der Mitteilung und Verbreitung
sind dabei verschieden.  Sie werden sich noch weiter auseinander
entwickeln.  Die der neuen Wissenschaft eigene Rationalität läßt sich
nicht mehr darauf beschränken, der techné einen logos beizugeben.
Das Erbe Francis Bacons, des weitsichtigen Theoretikers der
experimentellen Wissenschaften, und Descartes, dessen
Verstehensgesetze die schriftkulturelle Phase des wissenschaftlichen
Denkens beherrschten, hat sich daher in dem Augenblick erschöpft, in
dem wir die beherrschende Rolle einer einzigen Sprache zugunsten
einer Pluralität vieler (Sonder-) Sprachen aufgegeben haben und von
der Schriftkultur in ein Stadium jenseits der Schriftkultur
eingetreten sind.


Computationale Wissenschaft

Die Sprache ist mehrdeutig, ungenau und in bezug zu den beobachteten
und erklärten Phänomenen nicht neutral.  Aus diesem Grund mußte die
Informationswissenschaft Sondersprachen konstruieren, die die
Ambiguität der natürlichen Sprachen vermeiden und die hohe Effizienz
automatischer Verarbeitung ermöglichen.  Viele formale Sprachen sind
die neuen wissenschaftlichen Laboratorien, die uns auf das neue
Zeitalter der computerwissenschaftlichen Disziplinen vorbereiten.
Parallel hierzu entwickelten sich neue Formen des wissenschaftlichen
Experiments, die der Komplexität und Dynamik der neuen
wissenschaftlichen Gegenstände und Fragestellungen gerecht werden.
Wir fassen diese neuen Formen unter dem Namen der Simulation
(manchmal auch Modellierung); sie beschäftigen sich nicht mehr mit
dem Verhalten bestimmter, von uns untersuchter Aspekte der Welt,
sondern mit deren Beschreibungen.

Wenn wir die Explosion eines weit entfernten Planeten untersuchen
wollen, brauchen wir Daten über einen Zeitraum, der weit über das
Alter der Menschheit hinausreicht.  Statt zu warten (sozusagen bis in
alle Ewigkeit), werden astrophysikalische Phänomene modelliert und
mit Hilfe komplizierter mathematischer Beschreibungsmodelle im
Computer visualisiert.  Auch die Radioastronomie beschäftigt sich
längst nicht mehr mit dem Sichtbaren und ist schon gar nicht mit der
Geschichte der Planetennamen belastet.  Ihr Gegenstand sind
Planetensysteme, kosmische Physik, Dynamik und die Entstehung des
Universums.  Die Geometrie vieldimensionaler (mehr als drei) Räume
hat ebensowenig mit dem Sichtbaren zu tun--mit Landvermessung oder
Hausbau; sie entwickelt theoretische Konstrukte mit einer Praxis des
Denkens, Erklärens und sogar Handelns, die ohne die Verallgemeinerung
von Raumdimensionen nicht denkbar ist.  Für all diese
wissenschaftlichen Tätigkeiten werden wissenschaftliche Sprachen
benötigt, die mit unserer natürlichen Sprache wenig zu tun haben und
auch nicht in sie übersetzbar sind.

Zahlreiche andere Beispiele verdeutlichen die Grenze zwischen der
heutigen Wissenschaft und der natürlichen Sprache.  In solchen
Forschungszusammenhängen entsteht auch eine nicht auf Sprache
basierende Rationalität.  Mit dem Eintritt der Wissenschaften in das
Computerzeitalter werden aus Notwendigkeiten Möglichkeiten.  Es gibt
Forschungsbereiche, in denen die Kürze eines bestimmten Ablaufs die
direkte Beobachtung oder eine angemessene sprachliche Beschreibung
unmöglich machen.  Solche extrem kurzen Vorgänge mit schnellem
Energieaustausch und hohen Frequenzmustern können nur mit einem
Beobachtungsapparat angegangen werden, dessen Trägheit niedriger ist
als die der untersuchten Phänomene, und mit einem konzeptuellen
Rahmen, den die Sprache, die durch ein hohes Trägheitsmoment
gekennzeichnet ist, nicht bieten kann.

Die Struktur der Sprache spiegelt denjenigen Erfahrungsbereich wider,
der sie hat entstehen lassen; das Gleiche gilt für die Schriftkultur.
Deshalb müssen ihre Strukturen mit den Strukturen der neuen
Lebenspraxis, d. h. der neuen wissenschaftlichen Gegenstände und
Fragestellungen sowie der neuen Möglichkeiten des wissenschaftlichen
Arbeitens in Konflikt geraten.  Wir haben die konfligierenden
Strukturelemente in den vorausgegangenen Kapiteln eingehend
diskutiert.  In Frage steht in allen Fällen die Effizienz der
wissenschaftlichen Tätigkeit, die sich zunehmend auch solchen Fragen
wie Rekuperationsmechanismen in Natur und Gesellschaft oder
Strategien der Ko-Evolution mit der Natur (anstelle von
Dominanzstrategien) widmet und dabei mit Hilfe der erhöhten
Vermittlungskapazitäten und starker integrativer Mechanismen der
Computer holistische Modelle entwickelt.  Eine Idealisierung dieser
neuen Möglichkeiten wäre genauso kontraproduktiv wie eine
Dämonisierung der in unsere Schriftkultur eingebetteten Lebenspraxis.
Dennoch kommen wir nicht umhin, uns damit auseinanderzusetzen, was
nicht mehr den Erfordernissen unserer Entfaltung innerhalb der neuen
Skala der Menschheit entspricht, und uns ein Bild von alternativen
Erfahrungsformen zu machen, in denen sich eine neue Rationalität
herausbildet.

In dem sich rapide ausweitenden Zusammenhang, in dem sich unsere
parallel verlaufenden wissenschaftlichen Forschungen und die durch
schnelle und zuverlässige Netzwerke getragenen verteilten Aufgaben
abspielen, haben sich Wissenschaft und Forschung vom Modell
industrieller Verfahrensweisen ein für allemal befreit.  Die
Forschung, an die ich denke, wird nicht mehr in wenigen
zentralistisch organisierten Institutionen abgewickelt, die mit
großem finanziellen und instrumentellen Aufwand arbeiten; diese
werden vielmehr zunehmend ersetzt durch zahllose Experimente, die an
den verschiedensten Forschungseinrichtungen überall auf der Welt
durchgeführt werden.  Unter dem Begriff der Tele-Präsenz fassen wir
heute eine Forschungswirklichkeit, innerhalb derer Wissenschaftler,
die Tausende von Meilen voneinander entfernt arbeiten, mit den
unterschiedlichsten Geräten, Meß- und Testinstrumenten Experimente
gemeinsam durchführen.  Die Rolle von Laboratorien als Ort
wissenschaftlicher Selbstkonstituierung des Menschen wird übernommen
von Kollaboratorien, einer Verbindung aus tatsächlichen
Forschungsgeräten, die in den neuen Organisationsformen gleichwohl
effizienter eingesetzt werden können, und virtuellen
Forschungsplätzen, bei denen sich mehr Kreativität entfalten kann.
Für Forschungen im Nano-Bereich ist Interaktion im wörtlichen Sinne
der zeitgleichen Zusammenarbeit und Koordination grundlegend.  Inter-
bzw.  Multidisziplinarität ist hier kein Zukunftsziel mehr, sondern
praktische Voraussetzung für die Art der Integration, die die
heutigen wissenschaftlichen Projekte erfordern.


Wie wir uns selbst wegerklären

Die systematischen Bereiche der menschlichen Tätigkeit verändern sich
mit rasanter Geschwindigkeit.  Die Wissenschaft, die sich mit immer
kürzeren und intensiveren Phänomenen auseinandersetzt, weist
expressive Mittel auf, innerhalb derer die Sprache entweder eine
sekundäre Rolle spielt oder durch andere, nicht-sprachliche
Ausdrucksmittel ersetzt worden ist.  Verfahren, die die Kohärenz der
heute erforschten Phänomene in den Griff bekommen, müssen dieser
neuen Wirklichkeit angepaßt werden.  Die in der Sprache angelegte
Kohärenz vermittelt Erfahrungen aus der Vergangenheit, kann aber kaum
solche Erfahrungen angemessen erklären, die durch die neuen
Kohärenzformen gekennzeichnet sind.  In jüngerer Zeit hat sich vor
allem eine Frage aufgedrängt: Gibt es irgendein Verbindungselement
zwischen der Sprache, den möglichen vorhandenen Botschaften, die in
unserem Universum von anderen Zivilisationsformen auf anderen
Planeten ausgetauscht werden, den Informationen, die wir auf unserer
genetischen Ebene austauschen oder jenen biochemischen Spuren, die
wir aus dem Verhalten von Ameisenkolonien oder Bienenvölkern kennen?
Jede Antwort auf diese Frage wäre aus heutiger Sicht voreilig.  David
Hirsch behauptet, wie schon gesagt, daß 97% aller menschlichen
Tätigkeit begriffsfrei vonstatten gehen.  Die Kontrollmechanismen,
denen diese Tätigkeiten unterliegen, kennzeichnen nicht nur den
Menschen, sondern auch biologische Einheiten auf niederer Ebene (z.
B. die Insekten).  Unsere Forschung nach kosmischen
Zivilisationsformen außerhalb unseres Planeten, Genetik, Biochemie,
von Memetik gar nicht zu reden, wird durch diesen Hinweis nicht
unbedingt gefördert.  Unsere Erklärungsversuche von abstrakten
mathematischen Konzepten oder dem Verhalten komplexer Systeme (wie
etwa dem menschlichen Nervensystem), von denen einige Lernfähigkeiten
oder Tendenzen der Selbstorganisation aufweisen, stellen uns vor
ungemein hohe Ansprüche: Sind wir mit unseren Bemühungen, das
menschliche Wesen nachzubilden, im Begriff, uns selbst wegzuerklären?
Die Replikation von Gedanken, die auf dem von der Evolutionstheorie
bereitgestellten genetischen Modell basieren, bringt wiederum neue
Perspektiven mit sich.  Doch selbst wenn es uns gelänge, Methoden für
die erfolgreiche Replikation zu entwickeln, hätten wir damit noch
nicht zwangsläufig die Charakteristika der Selbstidentifikation des
Menschen in den Griff bekommen.

Und es drängt sich eine weitere Frage auf: Wissenschaft ergibt sich
aus der grundlegenden Erkenntnis, daß das Gesetz der Schwerkraft
überall gilt, daß Elektrizität nicht von den geographischen
Koordinaten des Ortes abhängt, an dem Menschen leben, und daß das
wissenschaftliche Rechnen am Computer eine universelle Rechenart ist.
Dennoch ist die Wissenschaft nicht wertneutral; ein Modell hat
Vorrang vor einem anderen; eine Form der Rationalität setzt sich
gegenüber anderen durch.  Die Wahrheit einer wissenschaftlichen
Theorie und ihre empirische Angemessenheit sind nur lose miteinander
verbunden.  Für Wissenschaftler sind Fragen der Wissenschaft oder der
vorherrschenden Modelle eine Frage der Rationalität, während sie für
andere, die sie in ihren praktischen Lebenszusammenhang einbinden
müssen, zu einer Frage der Angemessenheit werden.  Das ist mehr als
eine kulturelle oder eine memetische Angelegenheit.  Wir sehen uns
vielmehr der Tatsache ausgesetzt, daß die natürlichen Voraussetzungen
des Menschen ungeachtet der Vernunft oft genug wegerklärt werden.


Die Effizienz der Wissenschaft

Die Sprache hat sich in den vergangenen Jahren vermutlich mehr
verändert als im Verlauf ihrer gesamten Geschichte.  Dennoch sind
diese Veränderungen nicht mit der Tiefe und Weite der
wissenschaftlichen und technischen Veränderungen zu vergleichen.
Bereits das Wort Computerwissenschaft bringt die daran geknüpften
fundamentalen Veränderungen nicht genügend klar zum Ausdruck.  Auch
die Bezeichnungen für viele andere Erkenntnis- und Tätigkeitsbereiche
sind ungenügend: künstliches Leben, künstliche Intelligenz, Genetik,
Memetik usw.  Gleichwohl haben wir angemessene neue Notationssysteme
entwickelt, neue Denkweisen (die qualitative und quantitative Aspekte
miteinander verbinden) und neue (interaktive) Ausdrucksformen.  Aus
diesen neuen Wissenschaften wird sich mit ziemlicher Sicherheit eine
neue Form des menschlichen Daseins ergeben, eine neue conditio humana.
In ihr werden sich die veränderten Voraussetzungen des
wissenschaftlichen Arbeitens niederschlagen.

Vor mehr als 350 Jahren ist die logische Analyse durch das Prinzip
des Experimentierens ergänzt worden.  Heute übernimmt die Simulation
eine ähnliche Aufgabe wie ehedem das Experimentieren.  Sie ist das
Experiment in einem Stadium jenseits der Schriftkultur, sie wird die
dominierende wissenschaftliche Ausdrucksform für die systematische
Suche nach der Vielzahl von Elementen, die an den neuen
wissenschaftlichen Theorien und deren Anwendungen beteiligt sind.
Eine ganze Anzahl von Simulatoren verfügt über Wissen und Zweifel.
Es kann in einem allgemeineren Zusammenhang gesehen werden.
Simulation trägt jeglicher Variabilität Rechnung, erforscht
Relationen und testet funktionale Abhängigkeiten, und dies auf der
Grundlage einer enormen Datenmenge, die für die Leistungsfähigkeit
neuer Systeme entscheidend ist, bzw. mit Hilfe einer enormen Menge
von Menschen, die in sie eingebunden sind.  Nachdem die Wissenschaft
sich mühsam, aber zwangsläufig, von der Philosophie losgelöst und
ihre eigenen Methoden entwickelt hat, entdeckt sie aufs Neue die
Notwendigkeit jener Dimension, die das menschliche Denken und die
menschliche Vernunft eingenommen hatte.  Eben dies ist der Gegenstand
der künstlichen Intelligenzforschung, und eben dies soll von der
künstlichen Intelligenz letztendlich hervorgebracht werden:
Simulationen unserer Denk- und Vernunftfähigkeit.  In diesem
Zusammenhang beschäftigen sich Wissenschaftler auch mit der
Metaphysik von den Ursprüngen unseres Universums und der Sprache des
Geistes (lingua mentis), von der man annimmt, daß sie sich von der
Sprache unterscheidet, die wir in unserer Lebensgemeinschaft, in
unserem kulturellen und nationalen Dasein gebrauchen.

Wenn wir über die Entstehung des Universums oder über den
menschlichen Geist nachdenken, heißt das, daß wir uns, mit der
jeweils angemessenen Sprache, in einem pragmatischen Zusammenhang
setzen, der sich von der Interaktion innerhalb einer Gemeinschaft,
von kulturellen Werten oder nationalen Merkmalen unterscheidet.  Der
Fokus verschiebt sich von Quantität zu Qualität.  Damit verbindet
sich der Versuch, eine Wissenschaft zu errichten, die sich mit
artifizieller Wirklichkeit beschäftigt und diese schafft.  Als
wissenschaftliches Artefakt ist diese Wirklichkeit mit allen
Merkmalen des Lebens versehen, mit Veränderung und Evolution durch
zeitliche Abläufe hindurch, Auswahl der Tüchtigsten, und zwar der
Besten, die für diese Welt besonders tauglich sind, Wissenserwerb,
gesunder Menschenverstand und schließlich auch Sprache.  Diese
artifizielle Realität orientiert sich am Modell des Lebens als
Organisationsmerkmal und generiert lebensähnliches Verhalten:
iterative Optimierung, Lernen, Wachstum, Anpassungsfähigkeit,
Reproduktionsfähigkeit und sogar Selbstidentifikation.  Die
Wissenschaft verfolgt Standardisierungsstrategien.  Artifizielles
Leben ist hingegen bestrebt, Bedingungen für Vielfalt zu schaffen,
die die Anpassungsfähigkeit stärken sollen.  Die Zuweisung von
Ressourcen innerhalb eines Systems und Strategien der KoEvolution
werden als Quellen für vermehrte Leistung gewertet.  Die Forschung
geht aber von einer Voraussetzung aus, die eher in den Bereich der
Vernunft, nicht der Rationalität gehört: Menschen und das zur Lösung
anstehende Problem sind beständigem Wandel unterworfen.


Die Erforschung des Virtuellen

Virtuelle Realitäten widmen sich nahezu allem, was auch die Künste
beschäftigt: Illusion von Raum, Zeit, Bewegung und Darstellung
menschlicher Gefühle.  Wer mit einem solchen System in eine
interaktive Beziehung tritt, wird in das Innere von Bildern,
Geräuschen und Bewegungen hineingezogen.  Sie alle sind simuliert,
Animation ist hier die neue Wissenschaftssprache, die im bewegten
Bild angelegt ist.  In gewisser Hinsicht wird die virtuelle Realität
zu einem Allzwecksimulator einer variablen Wirklichkeit, sie wird
ermöglicht durch Vermittlungselemente wie Computergraphik, Animation,
digitaler Ton, Positionierungseinheiten und eine ganze Zahl anderer
Elemente.  Innerhalb dieser virtuellen Realität stellen sie virtuelle
Gegenstände, Werkzeuge und Handlungsweisen zur Verfügung, die uns
Möglichkeiten unserer Selbstentfaltung und Selbstkonstituierung in
einer Welt des Meta-Wissens eröffnen.

Eine neue Qualitätsdimension spielt in der virtuellen Realität
insofern eine Rolle, als Wissenschaftler um ein kohärentes Bild der
ersten Minuten bei der Entstehung des Universums bemüht sind.  Physik,
Genetik, Biophysik, Biochemie, Geologie und alles andere, was in
diesen in vielfältiger Weise vermittelten Forschungen eingebunden ist,
vollzieht hier den letzten Schritt von der Wissenschaft zur
Naturgeschichte und zur philosophischen Ontologie.  Die Erklärung
dafür, daß Physiker ein nicht weiter teilbares Proton zur Erklärung
der Materie brauchten, ist nicht eine Frage von Zahlen, Präzision und
Gleichungen, sondern des gesunden Menschenverstands: Wenn Protonen
zerfallen könnten, würden Berge, Ozeane, Sterne und Planeten
zusammenbrechen und--zurück zu Neutronen und Elektronen
verwandelt--würde sich der ursprüngliche Big Bang in gegenteiliger
Richtung wiederholen.  Mit den neuen experimentellen Methoden, mit
Teilchenbeschleunigung in der Computersimulation, mit den neuen
radioastronomischen Beobachtungsmöglichkeiten öffnet die virtuelle
Realität neue Formen der Lebenspraxis und ermöglicht vollkommen neue
physikalische Theorien.  Ist dies alles in der Sprache zu leisten und
durch Sprache zu evaluieren?

Daß der Effizienzfaktor in dieser Entwicklung eine entscheidende
Rolle spielt, ist offensichtlich.  Im Fall der Wissenschaft hat die
allgemeine Effizienzvorstellung verschiedene Komponenten.  Eine Form
der Effizienz liegt darin, die Wissenschaft produktiv zu machen.  Im
Vergleich etwa zur Effizienz von Hebel, Rolle und Flaschenzug ist die
Effizienz des Elektromotors in einer anderen Größenskala angesiedelt.
Für unsere heute neu entwickelten Instrumente gilt das Gleiche,
allerdings auf sehr viel dramatischere Weise.  Die Wissenschaft ist
das aufwendigste und teuerste Unternehmen, das der menschliche Geist
hervorgebracht hat.  Ihre derzeitige Entwicklung wird offenbar durch
eine Eigendynamik angetrieben: Wissen um des Wissens willen.
Wissenschaft brachte aber auch Technologie und Technik hervor, die
jegliche menschliche Tätigkeit und Leistung entscheidend beeinflussen.

Die zweite Effizienzkomponente, die zu unserer neuen Lebenspraxis
geführt hat, liegt in der Notwendigkeit begründet, diese neuen
Instrumente, die neuen Energieformen und die neuen Formen
menschlicher Interaktion zu beherrschen und zu kontrollieren.  Die
Beherrschung eines mechanischen Werkzeugs ist etwas anderes als die
Beherrschung einer Programmiersprache, mit der eine hochkomplizierte
Technologie und enorme Energiemengen kontrolliert werden.  Aber
obwohl diese neuen Formen der multimedialen Vermittlung in unserem
Leben zugenommen haben, wissen wir noch nicht so recht, wie wir damit
umgehen sollen, und noch weniger, wie wir sie in unsere Bildungs- und
Ausbildungsformen und in die immer kürzeren Zyklen der
wissenschaftlichen und technologischen Erneuerung integrieren können.

Die dritte und letzte Effizienzkomponente ist im Bereich der
Erfindung, Entdeckung und Erklärung angesiedelt.  Nicht zuletzt unter
dem Druck der gesellschaftlichen Erwartungen (Staat, Geschäftswelt
und verschiedene Interessengruppen investieren in die Wissenschaft,
um damit bestimmte Ziele zu verfolgen) steht die Wissenschaft unter
hohem Erwartungs- und Leistungsdruck.

Aus der Sicht des Marktes sind diese Erwartungen dann erfüllt, wenn
sich die Investitionen auszahlen.  Enorme Summen gehen daher nicht
nur in zukunftsträchtige wissenschaftliche Projekte, sondern als
Risikokapital in Unternehmensneugründungen, die die
wissenschaftlichen Ergebnisse technologisch umsetzen.  Innerhalb
dieser ökonomischen Dynamik ist jegliche Form der Abkapselung oder
gar der Geheimnistuerei abwegig.  Sofern man versucht,
wissenschaftliche Entwicklungen geheimzuhalten, stößt man bald an die
Grenzen der wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit: Interaktivität und
die Zusammenführung unterschiedlichster, weltweit verbreiteter
wissenschaftlicher Aktivitäten, Vernetzung dieser Arbeit,
Arbeitsteilung und vor allem geteilte Ressourcen determinieren
heutzutage den Fortschritt in den Wissenschaften.  Insofern ist es
kaum noch verständlich, wie in den USA und in Europa die Bürokratie
der Wissenschaftsverwaltung diese neuen Formen der Wissenschaft und
damit den wissenschaftlichen Fortschritt behindert.  Sie stehen noch
immer unter dem schriftkulturellen Einfluß von Nationalstolz,
Sicherheit und ähnlichem und hüten einen Wissenschaftsbetrieb, der
längst passé ist.

Auch der Konflikt zwischen Wissenschaft und Ethik gewinnt eine neue
Dimension.  Nicht alle wissenschaftlichen Ergebnisse, die richtig
sind, sind auch gut für die Menschheit.  Höhere Effizienz kann sich
für den Menschen und für die Erhaltung des Lebensstandards als
kontraproduktiv erweisen.  In vielen Bereichen--zu viele, um sie
anzuführen--ist der Mensch bereits vollständig durch Maschinen
ersetzt.  Enorme körperliche oder geistige Anstrengung, Gefahren, die
von Chemikalien, von Strahlung oder anderen widrigen Elementen
ausgehen, können auf diese Weise vermieden werden.  Die Entfernung
von Menschen aus Arbeitsprozessen, in denen er sich schließlich
entfaltet und zu seiner Identität gefunden hatte, macht diese
Arbeitsprozesse gewiß auch fragwürdig.  Heute reden wir nicht mehr
nur über die genetische Manipulation der Bevölkerung, über die
geistige Manipulation des Menschen, über die Entwicklung
intelligenter Maschinen, die selbst ihre Hersteller beherrschen.  Wir
haben diese Möglichkeiten alle verwirklicht oder stehen zumindest
kurz vor ihrer Verwirklichung.  Wissenschaft und Technologie, und
noch weniger die Philosophie können diesen in der Entwicklung
zwangsläufig angelegten Konflikt einfach ignorieren.  Auch sollten
wir uns der Gefahr bewußt werden, daß wir allzu leichtfertig und aus
begrenztem Blickwinkel heraus zu scheinbar unproblematischen
wissenschaftlichen Lösungen greifen oder daß wir uns von dem Wahn
leiten lassen, grundsätzlich alles zu realisieren, was machbar ist.
Immerhin: Wir könnten bereits unseren Planeten zerstören, tun dies
aber nicht, oder doch zumindest nicht so radikal, wie wir es tun
könnten.  Vor allem muß sich die Wissenschaft selbst einer
permanenten Selbstkritik und Selbstbefragung unterziehen.  Es ist
daher wohl kein Zufall, daß die Naturwissenschaften nunmehr, jenseits
der Schriftkultur, die Philosophie wiederentdecken oder zumindest
ihrerseits eine Komponente philosophischer Selbstreflexion entwickeln.
Quo vadis, Philosophie?


Die Sprache der Weisheit

Das Nachdenken über den Menschen und seine Beziehungen zur Welt (zur
Natur, Kultur und Gesellschaft) stellt eine bestimmte Form der
philosophischen Erfahrung dar.  Sie beinhaltet, sich seiner selbst
und anderer bewußt zu werden; Ähnlichkeiten und Unterschiede zu
erkennen; Veränderungen in unseren Lebensabläufen und
Lebensbedingungen zu erklären und das so gewonnene Verstehen in die
Formulierung neuer Fragestellungen umzusetzen.  Die praktischen
Implikationen philosophischer Systeme sind vielfältig.  Sie
beeinflussen die wissenschaftliche, moralische, politische,
kulturelle oder sonstwie geartete Form menschlicher Selbstentfaltung
in der Welt.  Philosophische Systeme vermehren nicht unbedingt Wissen,
sondern Weisheit.  Insofern ist das klassische Modell der
Philosophie als Dachwissenschaft aller Wissenschaften, oder zumindest
als alma mater aller Wissenschaften, noch immer gültig.  Im Zentrum
philosophischer Systeme stehen menschliche Werte, nicht Fähigkeiten
oder Fertigkeiten, mit denen man bestimmte, durch eine Rationalität
vorgegebene Ziele erreichen kann.  Dennoch ist der Status der
Philosophie durch innere und äußere Faktoren zunehmend in Frage
gestellt.  Wenn die Philosophie an Bedeutung verloren hat, dann wohl
nicht zuletzt auch deshalb, weil die Philosophen einerseits mit dem
Anspruch der Allwissenheit auftraten, sich andererseits aber mit den
zentralen Aspekten der menschlichen Vernunft nur wenig beschäftigt
haben.

Die Philosophie besaß schon immer einen gewissen exklusiven Status.
Heute ist aus ihr eine Diskursform geworden, die sich entweder in
furchtbar gestelzter und umständlicher Sprache oder in einer Vielzahl
von spezialisierten Sprachen an einen relativ kleinen Kreis von
Eingeweihten wendet, in aller Regel ihrerseits Philosophen.  Die
veränderte Rolle der Philosophie drückt sich auch im gegenwärtigen
Sprachgebrauch aus.  Jeder spricht heute von "seiner Philosophie" und
meint damit alles Mögliche--Investitionsstrategien oder Strategien im
Fußball, Drogengebrauch oder Gesundheitsdiäten, Politik, Religion und
vieles andere.

Mißverstandene, aus der Schriftkultur übernommene kulturelle
Bedürfnisse und politische Bequemlichkeit führen dazu, daß die
tradierte Form der Philosophie als Fach an den Universitäten gelehrt
wird ohne Rücksicht darauf, was in diesem Fach gelehrt wird, wer es
lehrt oder welche Mittel er dafür verwendet.  In den kommunistischen
Ländern ist Philosophie ein Pflichtfach gewesen, unter dessen
Bezeichnung die herrschende Ideologie vermittelt und gefestigt wurde.
In den liberalen Ländern hat die Philosophie ihren Glanz verloren;
hier ist die philosophische Abstraktion ein eben solches
Schreckgespenst wie der Mangel an Geld.  Insofern ist allenthalben
eine philosophische Unbildung zu verzeichnen.  Sie ist jedoch nicht
das Ergebnis von abnehmenden Lese- und Schreibfähigkeiten, sondern
einer veränderten Lebenspraxis.

Weder die Spezialisierung der Sprache der Philosophie noch die
Einbindung logisch-mathematischer Formalismen und Operationen haben
der Philosophie oder dem Philosophen das ursprüngliche Prestige
zurückgeben können.  Zur Lösung der ihr eigenen, vor allem auf
menschlicher Erfahrung und das Gewissen bezogenen Fragen hat sie kaum
etwas beigetragen.  Vielmehr hat sich die Philosophie als
Dachwissenschaft verflüchtigt in eine ganze Zahl von
Einzelphilosophien: analytische, europäische, feministische,
afro-amerikanische, grüne Philosophie usw.  Jede dieser
Teilsdisziplinen hat eine eigene Sprache entwickelt und verfolgt
Fragestellungen, die in der Philosophie oder der Politik der
Schriftkultur verwurzelt sind.

Die Bedeutung (oder Bedeutungslosigkeit) der Philosophie ist nach wie
vor festzumachen an der Praxis des Fragens und Antwortens, einer
Praxis, aus der heraus sich die Philosophie ursprünglich entwickelt
hat.  Als eine Praxis, die dem menschlichen Wesen im Universum
menschlicher Erfahrung einen Platz zuweist, ist die Philosophie
ebenso relevant wie die praktischen Ergebnisse, die sich aus dieser
Positionierung des Menschen ergeben.  Viele wissenschaftliche
Theorien, wie z. B. die Relativitätstheorie in der Physik oder die
Gentheorie in der Biologie, sind in philosophischer Hinsicht genauso
relevant wie in wissenschaftlicher Hinsicht.  Andererseits weisen
auch zahlreiche philosophische Theorien eine erhebliche
wissenschaftliche Bedeutung auf: zahlreiche Komponenten im System der
Leibnizschen Philosophie, in Descartes’ Rationalismus oder in Peirces
Pragmatizismus.  Sie alle entwickelten sich in einem bestimmten
pragmatischen Erfahrungsrahmen, in dem sich Vernunft zur Geltung
brachte und spezifische Formen der Rationalität in Frage stellte.

Die Philosophie, wie wir sie aus den überlieferten philosophischen
Texten kennen, ist ein Ergebnis jener Erfahrungen, die die Schrift
möglich (wenn auch nicht universell akzeptiert) und später
Schriftkultur notwendig machten.  Ihre fundamentalen Oppositionen
entsprechen dabei im großen und ganzen den im Rahmen der Sprache
gefundenen praktischen Erfahrungen: Subjekt/Objekt,
rational/irrational, Materie/Geist, Form/Inhalt,
analytisch/synthetisch, konkret/abstrakt, Wesen/Phänomen.  Auch der
traditionelle gnoseologische Ansatz der Philosophie und die auf der
aristotelischen Logik basierende formale Logik weisen eben diese
Sprachstruktur auf.  Die grundlegende linguistische Unterscheidung
zwischen Subjekt und Prädikat kennzeichnet zumindest für die
westlichen Kulturkreise diesen Ansatz.  Die zur Industriellen
Revolution hinführenden Effizienzerwartungen blieben nicht ohne
Einfluß auf die Lage der Philosophie.  An diesem ihrem Wendepunkt
erkannten die Philosophen die praktischen Aspekte ihrer Disziplin.
Marx war davon überzeugt, daß der Mensch mit ihr die Welt verändern
würde.  In der Tat hat sich die Welt verändert, aber auf eine ganz
andere Weise, als er und seine Anhänger dies prophezeit hatten.  Der
feste Griff der verdinglichten Sprache hatte aus dem Arbeiterparadies
eine geistige Folterkammer gemacht.

Mit den Veränderungen der grundlegenden Strukturen veränderte sich
auch die Philosophie und befreite sich von den Sprachkategorien, die
ihren spekulativen Diskurs geformt hatten.  Ungeachtet dieser
Veränderungen hielten Bildungsinstitutionen, Berufsverbände und auch
Fachkonferenzen an den alten, aus den schriftkulturellen Erwartungen
abgeleiteten Zielen und Funktionen fest.  Das führte zu heftigen
Abgrenzungsversuchen (zu deren Hauptvertretern Feyerabend und Lakatos
gehören), die einer philosophischen Praxis das Wort redeten, die sich
der relativen Natur ihrer Aussagen bewußt ist.

Die in den Eingangskapiteln dargelegten neuen Formen der Logik und
wissenschaftliches Rechnen in algorithmischer und
nicht-algorithmischer Form befreite die Philosophie von den in der
traditionellen Sprache der Philosophie eingebetteten Dualismen.
Zufriedenstellendere Antworten auf ontologische, gnoseologische,
epistemologische und sogar historische Fragen müssen diese neuen,
kognitiv relevanten Wissensperspektiven erkennen lassen.  Mit ihrer
Mathematisierung gewinnt die Philosophie neuen Zugang zur
Wissenschaft und damit eine erhöhte Effizienz.  Sie ist logik- und
rechnerorientiert, hat genetische Schemata für die Erklärung von
Variation und Auswahl übernommen und sich um heute geläufige
memetische Methoden bereichert.  Nun ist es in der Philosophie zwar
keineswegs ungewöhnlich, daß man auf das Aufwärmen alter Theorien und
Sehweisen verzichtet und sich statt dessen um das Verständnis neuer
pragmatischer Bedürfnisse bemüht.  Die Verwissenschaftlichung der
Philosophie konnte sich indes erst durchsetzen, nachdem die Sprache
als einziges gedankliches Medium und die damit verbundene
Vorherrschaft der Schriftkultur überwunden waren.


In wissenschaftlichem Gewand

Viele von uns erinnern sich vielleicht noch an die Probleme, die
Alice in Lewis Carrolls Through the Looking Glass mit der Sprache hat,
vor allem mit den vielfältigen Bedeutungen, die einzelne Wörter
annehmen können.  Wenn wir vor diesem Hintergrund die großen
philosophischen Werke von Platon über Leibniz, Kant und Hegel bis zu
Peirce und anderen Revue passieren lassen, sehen wir Alices Kummer in
einem anderen Licht.  Abgesehen von Wittgenstein hat wohl kaum jemand
Anstoß an der menschlichen Fähigkeit genommen, einzelnen Wörtern
soviel unterschiedliche Bedeutung zukommen zu lassen.

Wenn wir uns heute fragen, was die Welt nachhaltig verändern, was sie
"bewegen" könnte, würden wir die Antwort auf diese Frage vermutlich
in einem neuen Zeichensystem sehen.  Das von Peirce entwickelte
kognitive Modell des diagrammatischen Denkens ist hierfür ein gutes
Beispiel.  Weitere Bereiche, in denen solche Zeichensysteme
entwickelt wurden, sind Kybernetik, Biogenetik, computergestütztes
Rechnen, die Erforschung der künstlichen Intelligenz und des
künstlichen Lebens sowie politische, soziale, ästhetische und
religiöse Begriffe.  Sie alle haben neue Formen der menschlichen
Selbstkonstituierung erleichtert, die nun gemeinsam zum
widersprüchlichen Bild der heutigen Welt beitragen.  Alle diese
Sprachen veranschaulichen den für unsere heutige Zeit grundlegenden
Prozeß der zunehmenden und fortschreitenden Vermittlung, der
Auffächerung in zahllose Spezialsprachen und der Veränderung im
Status und im Wertesystem des Schriftkulturideals.  Sie verleihen der
Philosophie ihr wissenschaftliches Gewand.  Klarheit (die nur schwer
in der natürlichen Sprache zu erreichen ist), Evidenz und Sicherheit
scheinen in der Wissenschaftssprache selbstverständlich.  Hinzu
kommen Objektivität und die seit jeher verführerische Wahrheit, mit
der sich die Philosophie immer schwer getan hat, zumindest als
annäherbare Größe.

Für die permanente Entfaltung des philosophischen Diskurses gibt es
einen inneren Grund: Die Menschen, die Philosophie betreiben,
verändern sich in dem Maße, wie sich die Welt verändert, in der sie
leben.  Menschliches Denken ist Teil dieser Welt; die Fähigkeit und
der Drang, über neue Fragen nachzudenken, neue Antworten zu suchen
sowie der Zweifel an unserer Fähigkeit, jemals die richtige Antwort
zu finden, ist ein wesentlicher Teil dessen, was den Menschen
auszeichnet.  Wir sollten uns vor Augen führen, daß die erhöhte
Vermittlung auch für die Philosophie Folgen mit sich bringt.
Vermittlung bedeutet einerseits ein hohes Maß an Integration dessen,
was die menschliche Praxis hervorbringt, und andererseits ein nicht
weniger hohes Maß an Unabhängigkeit, das das Subjekt gegenüber dem
Gegenstand der Arbeit oder des Nachdenkens gewinnt.  Es leuchtet wohl
ein, daß die Wissenschaft immer mehr Wissen über einen immer
begrenzteren Bereich von Gegenständen erlangt; dieser Umstand steht
aber im Widerspruch zu der Vorstellung von Philosophie, die sich in
der Sprache herausgebildet hat und die im Ideal der Schriftkultur
verkörpert ist.  Gemäß dieser metaphorisch definierten Vertiefung des
Wissens gewinnen die Philosophen untereinander an Unabhängigkeit,
werden aber aufgrund der notwendigen Verknüpfung dieses Wissens
stärker als je zuvor in einen Forschungsverbund eingebunden.  Was
diese paradoxe Situation im einzelnen bedeutet, ist nicht leicht
darzulegen.  Allgemein zeichnen sich zwei qualitativ gegensätzliche
Richtungen ab:
1. die Konzentration auf einen präzise bezeichneten Bereich des
Wissens oder Handelns, um diesen genau verstehen und kontrollieren zu
können;
2. ein abnehmendes Interesse am Ganzen, das sich nicht zuletzt aus
der Annahme ergibt, daß die Teile letztendlich durch die
gesellschaftlichen Integrationsmechanismen des Marktes nolens volens
wieder vereint werden.
Wir haben heute eine ganze Reihe von philosophischen
Einzeldisziplinen, Rechtsphilosophie, Ethik, Wissenschaftsphilosophie,
Sport, Erholung, Feminismus, Ökologie, Afrozentrismus--aber keine
allumfassende Existenzphilosophie mehr.

Die wissenschaftliche Einkleidung der Philosophie trägt zu deren
Bemühen bei, eine neue Legitimität zu gewinnen.  Sie arbeitet mit
Begriffen und Methoden, die an Rationalität orientiert sind, und
entfaltet sich in Naturwissenschaft und Technologie.  Durkheim hat
das Phänomen der Arbeitsteilung mit Hilfe von Darwins Modell der
natürlichen Auslese erklärt.  Heute versuchen die Philosophen, die
sich als Memetiker verstehen, Darwins Prinzipien an Rechnern zu
simulieren, um daran das Überleben und die Fortentwicklung von Ideen
zu beobachten.  Spencer war davon überzeugt, daß die Zunahme an
produktiver Arbeitskraft das Glück des Menschen vermehren würde.
Heute versuchen Philosophen, die Relation zwischen Befriedigung in
der Arbeit und Persönlichkeit im Diagramm zu erfassen.  Wieder andere
verhelfen Comtes Positivismus zu neuem Leben, entwickeln utopische
Systeme aus vergangenen Zeiten weiter oder ersinnen eine
Berechnungsmethode für intellektuelles Wohlergehen.  Einem
Philosophen, der die traditionellen Grenzen der Philosophiegeschichte
hinter sich lassen möchte, kann im Prinzip alles zum Gegenstand des
philosophischen Hinterfragens werden.

Wann immer neue Bewegungen, von denen einige mehr, andere weniger
gerechtfertigt waren und die allesamt die Verlagerung von einer auf
Autorität gründenden Schriftkultur hin zur grenzenlosen Wahlfreiheit
in einem schriftkulturlosen Zusammenhang widerspiegeln, wirksame
Instrumente zur Unterstützung ihrer Programme benötigten, griffen sie
zurück auf die Philosophie oder wurden von der Philosophie ergriffen.
So treffen heute im Namen der Philosophie Säkularismus und
Pluralismus mit vielen anderen Bewegungen zusammen, mit der
Schwulenbewegung, dem Feminismus, Multikulturalismus,
Alternsforschung, neuen Holismen, Populärphilosophie, sexueller
Emanzipation, Virtualität und vielem mehr.  Diese Situation läßt den
Drang der philosophischen Bemühungen nach neuer Effizienz erkennen,
zugleich aber auch Anstrengungen, die Beziehungen zur Schriftkultur
beizubehalten.  Die enorme Bandbreite der Gegenstände, die heute für
die Philosophie attraktiv zu sein scheinen, obwohl sie sich ganz
offensichtlich nicht zum philosophischen Gegenstand eignen, läßt
berechtigte Zweifel aufkommen.  Sofern die Sprache der Philosophie
nicht ohnehin unverständlich ist, scheint sie sich heute damit zu
begnügen, Dinge zu diskutieren, statt Gründe zu hinterfragen oder gar
neue Gedanken oder Erklärungsmodelle zu entwickeln.  Billige
Verallgemeinerungen helfen niemandem weiter, und man kann sich des
Eindrucks nicht erwehren, daß die Befreiung der Philosophie von der
Schriftkultur viel weniger produktiv ist als der vergleichbare
Befreiungsprozeß der Naturwissenschaften von der Sprache.

Wenn wir uns im World Wide Web die Bereiche näher anschauen, die der
Philosophie gewidmet sind, wird dieser Eindruck nachdrücklich
bestätigt.  Insgesamt scheint es so, als habe die Philosophie dieses
neue Medium als Alternative zum traditionellen philosophischen
Diskurs noch nicht akzeptiert.  Nicht zuletzt deshalb setzt sich wohl
die Meinung durch, daß die Naturwissenschaftler selbst die besten
philosophischen Überlegungen zu ihren eigenen Beiträgen zu bieten
haben.


Wer braucht Philosophie und wozu?

Brauchen wir heute noch Philosophie?  Ist sie ohne die sprachliche
Vermittlung zwischen den Philosophen und ihrem Publikum überhaupt
noch möglich?  Können wir ohne sie leben?  Kann sie im Zeitalter
hochgradiger Spezialisierung noch als vermittelnde Instanz zwischen
den Menschen wirken?  Kann sie je noch als Selbstbewußtsein der
Menschheit fungieren, wie es sich in Hegels Philosophie ausdrückt?
Und worin könnte ihre Aufgabe liegen, wenn sie tatsächlich in den
Naturwissenschaften aufginge, Teil des naturwissenschaftlichen
Fachdiskurses würde?

Ich tendiere dazu, der Philosophie ebenso wie der Schriftkultur trotz
der veränderten Situation und Bedeutung der Sprache auch weiterhin
Möglichkeiten und Relevanz einzuräumen.  Ihre Funktionen müssen im
pragmatischen Zusammenhang noch definiert werden--als
Vermittlungsinstanz, als Selbstbewußtsein der Menschheit, als
deutender Diskurs über die Menschheit und die Natur.  Wir müssen
nicht noch einmal im einzelnen wiederholen, daß die Philosophie in
den verschiedenen Skalen der Menschheit unterschiedliche Interessen
verfolgt hat, die sich aus den jeweiligen Effizienzerwartungen
ergeben hatten.  Noch nie hat uns die Philosophie Brot auf den Tisch
gestellt oder Werkzeuge an die Hand gegeben.  Ihre Fertigkeit bestand
darin, Fragen zu formulieren, vor allem die entscheidenden
Fragen--"Was ist was?" und "Warum?"; mit diesen Fragen hat sie nach
den Ursprüngen der Dinge geforscht.  Indem sie nach den Gründen von
Phänomenen und Handlungen forschte, mit anderen Worten: Indem sie
versuchte, die Welt und die scheinbare Ordnung der Welt zu verstehen,
war sie gleichzeitig Philosophie und Deuter der Wissenschaften.
Daraus entwickelten sich die weiteren entscheidenden Fragen, "Wie
können wir Wissen erlangen?" und "Wie können wir erklären?"  Diese
Fragen wurden dann jedoch nicht mehr von den eigentlichen Philosophen,
sondern zwingender von denen weiterverfolgt, die nach
wissenschaftlicher Rationalität suchten.

Keine noch so detaillierte Philosophiegeschichte kann uns eine
ausreichende Definition von Philosophie geben.  Der Gegenstand der
Philosophie verändert sich, wie sich die Menschen im Verlauf ihrer
praktischen Selbstkonstituierung verändern.  Alle Natur- und
Geisteswissenschaften (Ethik, Ästhetik, Politik, Soziologie und
Rechtswissenschaft) haben sich aus der Philosophie heraus entwickelt.
Selbst unsere Beschäftigung mit der Sprache ist letztendlich
philosophischer Natur.  Philosophie ist wohl die einzige wirkliche
Form der Abstraktion.  Sie ist nicht am Individuum interessiert, am
Phänomen, am Unmittelbaren, nicht einmal am Gedanken, sondern immer
nur an der Abstraktion derselben.  Selbst wenn andere Disziplinen wie
Mathematik, Logik, Linguistik oder Physik sich um die abstrakten
Vorstellungen im Umfeld ihrer Disziplinen bemühen, um ihnen dann im
Zusammenhang ihrer praktischen Erfahrungen Leben zu verleihen, sucht
die Philosophie doch immer wieder die nächsthöhere Abstraktionsebene,
die Abstraktion der Abstraktionen.  Die Naturwissenschaft verwendet
Abstraktionen als Instrument, um an das Konkrete heranzukommen; die
Philosophie geht den entgegengesetzt

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