Theorie und Praxis des Generalstreiks in der modernen Arbeiterbewegung
by Elsbeth Georgi · German · Gutenberg #43664 · 459,780 chars · public domain (US)
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Title: Theorie und Praxis des Generalstreiks in der modernen Arbeiterbewegung
Author: Elsbeth Georgi
Release date: September 7, 2013 [eBook #43664]
Most recently updated: October 23, 2024
Language: German
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Transcriber's note/Anmerkung zur Transkription:
Alte Schreibweisen des Originals (wie z.B. "hiedurch",
"misverstandener" oder "Schiffahrt") haben wir so weit
wie möglich beibehalten. "G-str." steht für "Generalstreik",
"Kl-str." für Klassenstreik und "Str., str." für "Streik";
siehe Liste der Abkürzungen. Hervorhebungen im Original
durch _gesperrten_ Druck haben wir mit _Unterstrichen_
dargestellt. Die Abkürzungen "z.B." und "Z.B." erscheinen
zur besseren Lesbarkeit hier ohne Leerzeichen.
THEORIE UND PRAXIS DES GENERALSTREIKS IN DER MODERNEN ARBEITERBEWEGUNG.
INAUGURALDISSERTATION
DER HOHEN STAATSWISSENSCHAFTLICHEN
FAKULTÄT DER UNIVERSITÄT ZÜRICH
ZUR ERLANGUNG DER WÜRDE EINES
DOCTOR OECONOMIAE PUBLICAE
VORGELEGT VON
ELSBETH GEORGI
Aus Breslau.
Genehmigt auf Antrag von Herrn Prof. Dr. _Heinrich Sieveking_ am 29.
Februar 1908.
Die staatswissenschaftliche Fakultät gestattet hiedurch die Drucklegung
vorliegender Dissertation, ohne damit zu den darin ausgesprochenen
Anschauungen Stellung nehmen zu wollen.
_Zürich_, den 15. Februar 1908.
Der Dekan der staatswissenschaftlichen Fakultät: Professor Dr. _Max
Huber_.
Weimar. -- Druck von R. Wagner Sohn.
Herrn Professor Dr. Heinrich Herkner zugeeignet.
Vorwort.
Vorliegende Arbeit ist auf Anregung und unter Förderung von Herrn
Professor Dr. _Heinrich Herkner_ entstanden; ich bin meinem verehrten
Lehrer auch hierfür zu dauerndem Dank verpflichtet.
Herr Professor Dr. _Heinrich Sieveking_ hatte die Güte, mir wertvolle
redaktionelle Ratschläge zu erteilen.
An dieser Stelle möchte ich auch allen denen danken, die mich bei der
Sammlung des Materials unterstützt haben.
_Zürich_, 2. März 1908.
Elsbeth Georgi.
Inhaltsverzeichnis.
Seite
Abkürzungen IX
Einleitung 1
_Erster Teil:_ Das Wesen des Klassenstreiks.
§ 1. Definition 3
§ 2. Eigenschaften des Klassenstreiks 6
§ 3. Ziele des Klassenstreiks 9
§ 4. Wirkungsweise des Klassenstreiks 12
§ 5. Die Arten des Klassenstreiks 17
§ 6. Vergleich des Klassenstreiks mit verwandten
Aktionsmitteln 21
_Zweiter Teil:_ Geschichte des Klassenstreiks und der
Klassenstreik-Idee.
Erstes Kapitel: _Vorläufer_.
§ 7. Klassenstreikähnliche Bewegungen im Altertum und
in neuerer Zeit 30
§ 8. Die Klassenstreik-Idee im englischen Chartismus 32
§ 9. Die Klassenstreik-Idee unter dem zweiten Kaiserreich 38
Zweites Kapitel: _Die moderne Arbeiterbewegung_.
(a) Geschichte des politischen Massenstreiks.
§ 10. Belgien 41
§ 11. Schweden 50
§ 12. Österreich 55
§ 13. Deutschland 58
(b) Geschichte des Generalstreiks.
§ 14. Frankreich 72
§ 15. Schweiz 80
§ 16. Italien 80
§ 17. Spanien 89
§ 18. Holland 90
§ 19. Rußland 95
(c) Die internationalen Arbeiterkongresse und der
Klassenstreik.
§ 20. 99
_Dritter Teil:_ Zur Kritik des Klassenstreiks.
Erstes Kapitel: _Bedingungen des Klassenstreiks_.
§ 21. Bedingungen des Ausbruchs des Klassenstreiks 103
§ 22. Bedingungen der Durchführung des Klassenstreiks 116
§ 23. Bedingungen des Erfolgs des Klassenstreiks 125
Zweites Kapitel: _Wert des Klassenstreiks_.
§24. 131
_Schlußwort:_ Aufgaben der Gesellschaft. 135
Literaturverzeichnis 137
Übersichtstafel über die Streikarten 144
Abkürzungen.
Allg. Ztg. = Allgemeine Zeitung München.
Arb. Ztg. = Arbeiter-Zeitung Wien.
Bernstein,
"Pol. M-str. u.
pol. Lage" = Bernstein, "Der politische
Massenstreik und die politische
Lage der Sozialdemokratie in
Deutschland".
Congrès général
... Paris 1899 = Congrès général des organisations
socialistes françaises, Paris 1899,
compte rendu sténographique
officiel.
Enquête = Lagardelle, "La Grève Générale
et le Socialisme, Enquête
internationale."
Friedeberg,
"Weltansch." = Friedeberg, "Weltanschauung und
Taktik des deutschen Proletariats".
Frankf. Ztg. = Frankfurter Zeitung.
G-str. = Generalstreik.
Hdwb. d. Staatswft. = Handwörterbuch der Staatswissenschaften.
Kl-str. = Klassenstreik.
Leitart. = Leitartikel.
M-str. = Massenstreik.
N. Z. Z. = Neue Zürcher Zeitung.
N. Zt. = "Die Neue Zeit".
Prot. Gwft. Kongr. = Protokoll des Gewerkschaftskongresses
zu ...
Prot. int. Kongr. = Protokoll des internationalen
Kongresses zu ...
Prot. Parteitg. = Protokoll des Parteitags zu ...
Rdsch. Soz. Mh. = Rundschau der Sozialistischen
Monatshefte.
Roland-Holst,
"G-str. u. Sozd." = Roland-Holst. "Generalstreik u.
Sozialdemokratie".
Soz. Mh. = Sozialistische Monatshefte.
Soz. Prx. = Soziale Praxis.
Str., str. = Streik.
Einleitung.
Auch dem oberflächlichsten Beobachter der modernen Arbeiterbewegung kann
es nicht entgehen, welche Bedeutung seit einiger Zeit das
"Generalstreik"-Problem erlangt hat. Kaum ein Monat, ohne daß irgendwo
ein "Generalstreik" ausbricht, versucht oder angedroht wird, kaum ein
Gewerkschafts- oder Parteikongreß, kaum eine sozialistische Zeitung oder
Zeitschrift, die sich nicht auch damit zu beschäftigen hätte. Eine
umfassende Darstellung des "Generalstreiks" wäre daher gewiß eine
verlockende und lohnende, aber auch eine äußerst schwierige Aufgabe. Ein
vielsprachiges, in Flugschriften, Vereinsberichten, Zeitungsartikeln
zerstreutes Material müßte gesammelt werden. Dies kann besonders dem,
der der Arbeiterbewegung fernsteht, nicht leicht fallen. Zu dieser
äußeren Schwierigkeit tritt aber noch eine bedeutendere innere. Sie
ergibt sich daraus, daß die "Generalstreik"-Frage aufs Engste mit allen
übrigen sozialen Problemen verknüpft ist.
Der Versuch, trotzdem ein solches Thema zu behandeln, läßt sich aber
vielleicht dadurch rechtfertigen, daß die folgenden Seiten
nur den Zweck verfolgen, den Leser mit den hauptsächlichsten
"Generalstreik"-Erfahrungen und "Generalstreik"-Lehren bekannt zu
machen.
_Erster Teil:_
Das Wesen des Klassenstreiks.
§ 1. Definition.
Wollen wir aus dem Begriffskonglomerat, das sich hinter dem Schlagwort
"Generalstreik" versteckt, einen wissenschaftlich brauchbaren Begriff
herausschälen, so müssen wir von vornherein jene Streikformen
ausschalten, die lediglich Spezialfälle des innergewerblichen Kampfes
der Arbeiter darstellen,[1] also Streiks, die lediglich eine
Verbesserung der Arbeitsbedingungen für die beteiligten
Berufsangehörigen bezwecken.
[Fußnote 1: Vgl. _Umrath_, "Zur Generalstreikdebatte", p. 15.]
Zu diesen auszuschaltenden Streiks gehört z.B. der große
österreichische Kohlengräberausstand, der, dank seinem ökonomischen
Druck (Mangel an Brennmaterial, Gefährdung der Industrie) und der ihm in
der öffentlichen Meinung zu teil gewordenen Unterstützung, das Gesetz
über die Arbeitsdauer in Bergwerken, den gesetzlichen Neunstundentag
herbeiführte.[2] Ferner gehört hierher der Bergarbeiterstreik im
Ruhrgebiet 1905, der ebenfalls einzig gegen die Unternehmer
gerichtet,[3] ebenfalls von der Öffentlichkeit unterstützt war[4] und
ebenfalls die Zusicherung einer legislativen Regelung wirtschaftlicher
Verhältnisse herbeiführte.[5] Hierher gehört weiter der ungarische
Eisenbahnerstreik 1904, der mit einem Mißerfolg endigte,[6] in gewissem
Sinne läßt sich endlich noch der erfolgreiche "Musterstreik" der
Arbeiter und Beamten der Schweizerischen Nordostbahn im Jahre 1897
hierzu rechnen.[7] Alle diese Ausstände werden häufig als
"Generalstreiks", günstigstenfalls als "Berufsgeneralstreiks"
bezeichnet. Sie unterscheiden sich aber von einem gewöhnlichen Ausstand
in nichts, als in ihrer Ausdehnung. Und allein um eben dieser Ausdehnung
willen wurden sie zu "Generalstreiks" gestempelt.
[Fußnote 2: Soz. Prx. 17./1. 07, "Wahlreform und Sozialpolitik in
Österreich"; Prot. Parteitg. Jena 05, p. 305; Prot. Parteitg. Wien 03,
p. 45; vgl. auch _Roland-Holst_, "G-str. u. Sozd." p. 42, dort auch über
den Massenstreik der pennsylvanischen und den der französischen
Bergleute (p. 42).]
[Fußnote 3: 200 000 Arbeiter streikten, trotz Abratens der Führer,
trotz schlechter Konjunktur, so groß war die allgemeine Erregung über
das Vorgehen der Unternehmer (betr. das "Wagennullen", Berechnung der
Ein- und Ausfahrtszeit usw.); vgl. _Hue_ über den Generalstreik im
Ruhrgebiet.]
[Fußnote 4: Die Streikenden fanden Unterstützung sowohl in den Kreisen
der Arbeiterschaft, (auch bei den ausländischen Arbeitern; die
belgischen Arbeiter traten in den Solidaritätsstreik, vgl.
_Roland-Holst_ a. a. O. p. 10, Note), als auch im Bürgertum: die
Öffentlichkeit stellte sich auf ihre Seite; die Regierung unterstützte
die Streikleitung; die Polizei besorgte Säle für die Ausständigen,
schaltete die Anwendung einer Reihe von Bestimmungen des Vereinsgesetzes
aus, hielt mit der Streikleitung vielfach telephonische Verbindung; es
kam überhaupt nicht zu Ruhestörungen (_Leimpeters_, "Die
sozialdemokratische Partei und die Gewerkschaften", p. 929); der Streik
mußte aus Mangel an Mitteln abgebrochen werden.]
[Fußnote 5: Die spärliche Berggesetznovelle, die den Arbeitern aber
keineswegs genügte, vgl. z.B. _Bebel_, Prot. Parteitg. Jena 05, p.
305.]
[Fußnote 6: Seit 1899 hatte das Eisenbahnpersonal sich mehrfach um
wirtschaftliche Verbesserungen bemüht; mit dem endlich 1904
erscheinenden Gesetzentwurf betr. die Regelung der Bezüge der
Staatsbahnangestellten waren diese nicht zufrieden. Ein geringfügiger
Anlaß am 19./4. 04 genügte, um sofort den allgemeinen Streik
herbeizuführen. Der Eisenbahnbetrieb im ganzen Land ruhte. Es streikten
30 000 (Chronique du Musée social, Mai 04, p. 193, 194; nach "Der
Massenstreik der Eisenbahner in Ungarn", von einem _Ungarn_, streikten
42 000 Personen); die Streikenden strömten nach Pest; am 20. April wurde
mit der Regierung unterhandelt, aber erfolglos. 10 000 Streikende wurden
als Reservisten eingezogen (vgl. _Umrath_, "Zur Generalstreikdebatte",
p. 15; auch _Ungar_, a. a. O.), das Eisenbahnregiment mobilisiert, die
Arbeiterführer verhaftet, die Truppen konsigniert. Nach 5 Tagen nahmen
die Arbeiter die Arbeit wieder auf, nachdem die oppositionellen
Abgeordneten ihnen die Förderung ihrer Angelegenheit zugesichert hatten;
die Eisenbahnerforderungen wurden erst 3/4 Jahre später erfüllt (vgl.
Soz. Prx. XIV. 51. Sp. 1347, 1348).]
[Fußnote 7: Vgl. _ab-Yberg_, "Die Strikes und ihre Rechtsfolgen", p.
15, 16; Prot. Parteitg. Jena 05, p. 307.]
Ein großer Streik ist aber an sich noch kein "Generalstreik". Vielmehr
wird der "Generalstreik" definiert bald als "einheitliche Verabredung
verschiedener Berufskategorien zum Zwecke gewaltsamer Erzwingung von
Zugeständnissen der Unternehmer oder gar der Staatsgewalt,... die zu dem
geltenden Recht in Widerspruch stehen",[8] bald als friedliche
Arbeitsniederlegung in einem ganzen Staatswesen, sodaß alle Produktion
und aller Verkehr gehemmt wird,[9] bald als gleichzeitige
Arbeitseinstellung der "wichtigsten Gruppen, welche das ganze
Reproduktionssystem repräsentieren".[10] Aber Ausdehnung über das ganze
Land, oder Gleichzeitigkeit, oder Hemmung allen Verkehrs und aller
Produktion, oder friedliche Form, oder rechtswidrige Forderungen lassen
sich keineswegs bei sämtlichen der in Frage kommenden Erscheinungen
konstatieren. Diese differieren vielmehr in Eigenschaften, Zielen und
Wirkungsweise ganz außerordentlich von einander; nur ein äußerst
weitmaschiges Begriffsnetz wird zugleich den schwedischen und den
italienischen, die spanischen und die russischen sogenannten
Generalstreiks, die Anschauungen von _Pouget_ und _Bernstein_,
_Nieuwenhuis_ und _Kautsky_ zu umspannen vermögen. Daher müssen wir uns
begnügen, den sogenannten Generalstreik als _demonstrativen
Massenausstand zur Förderung proletarischer Klasseninteressen_ zu
definieren.
[Fußnote 8: _v. Reiswitz_, "Generalstreik?", p. 82, 83.]
[Fußnote 9: _Eckstein_, "Was bedeutet der Generalstreik?", p. 358.]
[Fußnote 10: _ab-Yberg_, "Die Strikes und ihre Rechtsfolgen"; ebenso
fordert _Jaurès_ (Enquête, p. 97) "que les corporations les plus
importantes, celles qui dominent tout le système de la production,
arrêteront à la fois le travail".]
Aber der lässige Sprachgebrauch etikettiert nicht nur Unternehmungen und
Theorien allerverschiedensten Stils gleichmäßig mit der Marke
"Generalstreik". Er ersetzt diese auch beliebig durch verwandte
Ausdrücke, wie "Massenstreik", "politischer Massenstreik",
"Solidaritätsstreik", "Sympathiestreik", "generalisierter
Sympathiestreik (grève généralisée)"; ja, er versteht unter
"Generalstreik" ("general strike", "grève générale", "sciopero
generale")[11] bald die Gesamtheit der in Frage stehenden Erscheinungen,
bald nur einen Spezialfall derselben.[12]
[Fußnote 11: Der Ausdruck stammt aus der Chartistenbewegung, wo man
neben "sacred week", resp. "sacred month" auch von "national holiday",
"national strike", "general holiday" und "_general strike_" sprach.]
[Fußnote 12: Als nämlich in den 1890er Jahren neue Klassenstreikarten
auftauchten, drangen die Vertreter sowohl der alten, wie auch der neuen
Lehre auf eine Differenzierung in der Benennung, um das eigne Dogma vor
der diskreditierenden Verwechslung mit dem der feindlichen Schule zu
bewahren (vgl. z.B. _Ledebours_ Äußerungen gegen Friedeberg auf der
Generalvers. des Wahlvereins für den 6. Wahlkreis am 29. IX. 1905
["Vorwärts" Nr. 230, 1. X. 05]; _Kautsky_: "Der Bremer Parteitag", p.
7-9). In den interessierten Kreisen wird unter "Generalstreik" daher
jetzt im allgemeinen das alte Steckenpferd der Anarchisten verstanden,
während das bei den Sozialdemokraten akkreditierte Kampfmittel
"politischer Massenstreik" heißt.]
Zur Vermeidung der üblichen Verwechslungen ist daher die Einführung
eines neuen Terminus für unsere Untersuchung unentbehrlich. So brauchen
wir denn im folgenden für den _Oberbegriff_, also den demonstrativen
Massenausstand zur Förderung proletarischer Klasseninteressen, die
Bezeichnung "_Klassenstreik_", und wir reservieren den Ausdruck
"_Generalstreik_" für den _Unterbegriff_, für eine ganz spezielle Form
des Klassenstreiks.
§ 2. Eigenschaften des Klassenstreiks.
(a) _Größe._
Die Ausdehnung des Klassenstreiks wird nach oben begrifflich durch die
Gesamtheit der Lohnarbeiter begrenzt. Ein _totaler_ Streik, d. h. ein
Streik aller Arbeiter, aller Gewerbe, allüberall, ein Stillstehen "aller
Räder" im mathematischen Sinne, wie es den ersten anarchistischen
Generalstreikpropagandisten vorschweben mochte, wird heute von keiner
Seite mehr als Erfordernis irgend einer Klassenstreik-Spezies
betrachtet,[13] sondern es wird nur von gewissen Gesichtspunkten aus
eine _relative Allgemeinheit_ verlangt. Die _untere_ Grenze des
Klassenstreiks liegt nämlich (räumlich) bei derjenigen Arbeitergruppe,
deren Streik in einer gegebenen Zeit, und (zeitlich) bei demjenigen
Zeitraum, während dessen der Streik einer gegebenen Arbeitergruppe
genügt, um eine bedeutende gesellschaftliche Wirkung zu erzielen.
Demzufolge weist die Ausdehnung des Klassenstreiks zahlreiche
Variationen auf.
[Fußnote 13: _Girardin_ forderte seinerzeit für seine grève universelle
die Beteiligung "de toutes les professions manuelles dans tous les pays
civilisés" (cit. bei _Weill_, "Histoire du Mouvement social en France",
p. 34).]
Die _räumliche Ausdehnung_ kann in gewerblicher oder geographischer
Richtung liegen.
1. Bei der _gewerblichen_ Ausdehnung des Klassenstreiks handelt es sich
vor allem um die _Bedeutung_ der beteiligten _Gewerbe_; diese richtet
sich einerseits rein _quantitativ_ nach der Anzahl der zugehörigen
Lohnarbeiter, andererseits _qualitativ_ nach dem Grad ihrer sozialen
Unentbehrlichkeit. Je weniger die Gesamtwirtschaft und das Gesamtleben
auf die Funktion einer bestimmten Gewerbegruppe angewiesen ist, eine
umso größere quantitative Ausdehnung ist zum Zustandekommen eines
Klassenstreiks erforderlich; je größer aber die qualitative Bedeutung
einer Gewerbegruppe, eine umso geringere Teilnehmerzahl genügt zur
Herbeiführung des Klassenstreiks.[14] Die _qualitative_ Ausdehnung läßt
sich _positiv_ umschreiben, z.B. Beteiligung derjenigen Gewerbe, die
das ganze Produktionssystem und das ganze Verkehrsleben stützen,[15] die
das ganze soziale Leben unterhalten: also Streik nicht nur im
Transportgewerbe und den Kraftlieferungsbetrieben (Kohle, Gas,
Elektrizität), sondern auch bei der Lebensmittellieferung (ausnahmsweise
nur wird auch die Beteiligung der Landarbeiter gefordert[16]) und in den
sogenannten öffentlichen Diensten. Sie läßt sich auch _negativ_
bestimmen, z.B. werden unter Umständen "die wesentlichen Erfordernisse
des öffentlichen Lebens, die Produktionszweige von unbedingter
allgemeiner Notwendigkeit" vom Ausstand ausgenommen;[17] doch zeigt sich
hierbei das Bestreben, "keine Masche im Gewebe der Solidarität unnötig"
zu zerschneiden.[18] Die wenigsten gehen so weit, wie _Turati_, der
Licht, Brot, Trinkwasser, Sanitätsdienst, Post und Telegraph,
Tagespresse usw. respektiert wünscht (da "die Aufhebung dieser
Institutionen... den höheren Forderungen der Zivilisation" widerstreite,
auch dem Ziel des Streiks durch Verstärkung der "reaktionären
Strömungen" schade).[19] Die prinzipiellen Streikeinschränkungen richten
sich im allgemeinen nach dem Zwecke des Streiks.[20] Natürlich werden
regelmäßig Ausnahmen zu gunsten der Nahrungsmittelversorgung der
Arbeiter selbst gemacht.
[Fußnote 14: Vgl. _Roland-Holst_, "G-str. und Sozd.", p. 6;
_Cohnstaedt_, "Generalstreik, Massenstreik und Sozialdemokratie" p.
748.]
[Fußnote 15: So z.B. _Briand_ (Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 28);
Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 54; _Jaurès_, "Aus Theorie und Praxis", p.
98, 99; ders. in der "Petite République", 29. Aug. 01 (cit. bei
_Umrath_, p. 18); so schon _Lovett_ (vgl. _Gammage_, History of the
Chartist Movement, p. 127); auch der "_Weckruf_" vom 28. Mai 04, Nr. 7,
2. Jahrg., im Leitart. "Der Generalstreik".]
[Fußnote 16: So durch _Herbert_-Stettin (Prot. Parteitg. Mannheim 06,
p. 285); vgl. auch _Marchioni_, "Massenstreik und Landarbeiter".]
[Fußnote 17: _Turati_, "Lehren und Folgen des Generalstreiks in
Italien", p. 867.]
[Fußnote 18: _Olberg_; _Roland-Holst_, a. a. O. p. 132.]
[Fußnote 19: Das Weitererscheinen der Presse wünscht auch _Branting_,
("Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 420ff.); _Olberg_ ("Der
italienische Generalstreik", p. 23) aber erblickt hierin eine
ungerechtfertigte Ausnahme von der allgemeinen Arbeitsruhe; übrigens
tritt sie für Aufrechterhaltung der Krankenpflege und der
Nahrungsmittelversorgung der Hospitäler ein.]
[Fußnote 20: Vgl. _Bernstein_, "Ist der politische Streik in
Deutschland möglich?", p. 32.]
Außer nach der Bedeutung der beteiligten Gewerbe kann der Umfang des
Klassenstreiks auch nach ihrer _Betriebsform_ differieren; im
allgemeinen handelt es sich um die Beteiligung der Groß- und
Mittelbetriebe; die des Kleinbetriebes ist selten und wird auch kaum
gefordert.
2. Die _geographische_ Ausdehnung des Klassenstreiks hängt einerseits
_quantitativ_ von der Größe des Streikgebiets ab. Hiernach unterscheidet
man lokale, regionale, nationale und internationale Klassenstreiks; je
kleiner das Streikgebiet, umso größer im allgemeinen die gewerbliche
Ausdehnung. Ausstand möglichst aller Lohnarbeiter an einem einzelnen
Platze, das ist der typische Umfang des romanisch-anarchistischen
Generalstreiks, des sogenannten Solidaritäts- und Sympathiestreiks, der
übrigens stets die Tendenz nach Erweiterung bis zum Weltstreik zeigt,
sich auch nicht selten zum regionalen Ausstand (sogenannte "grève
généralisée") verallgemeinert. -- Gewöhnlich wird Ausdehnung über ein
von vornherein beträchtliches Wirtschaftsgebiet gewünscht, das umso
größer sein muß, je mehr auf gewerbliche Vollzähligkeit verzichtet wird.
-- Andererseits hängt die geographische Ausdehnung _qualitativ_ von der
sozialen Bedeutung des Streikgebietes ab; denn der Ausstand kann an
allen Plätzen des Streikgebietes ausbrechen, sich unterschiedslos über
Stadt und Land erstrecken, oder aber sich auf industrielle Zentren, vor
allem auf die großen Städte beschränken.[21]
[Fußnote 21: Vgl. hierüber Prot. Parteitg. Wien 1894, _Schuhmeier_, p.
67, _Resel_, p. 70 ff.; ferner _Lafargue_, Enquête p. 67.]
Zwei Ausnahmefälle, übrigens ohne praktische Bedeutung, bildet die
räumliche Umgrenzung eines Klassenstreiks einerseits nach dem
Konsumtionskreis (nur die Arbeit für die "herrschenden Klassen",[22]
oder für die mobilisierte Armee [so _Nieuwenhuis_] soll unterbrochen
werden), oder andererseits nach der Zahl der einem Armeeverband (sei es
im aktiven Dienst, sei es als Reservisten) angehörigen Proletarier.
[Fußnote 22: "Weckruf" vom Dez. 04, Nr. 14 (cit. vom Sekretariat des
_Schweiz_. _Gewerbevereins_, "Begleiterscheinungen bei Streiks", p. 11
ff.).]
Die _zeitliche Ausdehnung_ muß über die Dauer der gewöhnlichen
Demonstration hinausgehen. Gleichzeitigkeit und Kontinuität sind nicht
unbedingt erforderlich; der Streik kann vielmehr "intermittieren", "in
Unterbrechungen und Pausen arbeiten",[23] und zwar sowohl geographisch
intermittieren (wie in Rußland), als auch gewerblich intermittieren (wie
in Marseille).
[Fußnote 23: Vgl. _Göhre_, "Sturmzeichen"; ferner _Roland-Holst_, a. a.
O. p. 104 ff. und dieselbe "Der politische Massenstreik in der
russischen Revolution", p. 215.]
(b) _Form._
Wie jeder Streik bedeutet der Klassenstreik nicht nur eine rein passive
Arbeits_ruhe_, sondern auch eine ostentative Arbeits_verweigerung_. Die
Form des Klassenstreiks hängt also von der Ausgestaltung der
Arbeitsverweigerung ab.
Bei _friedlicher_ Form gelangt die Arbeitsverweigerung nur durch die
sich auf der Straße zeigende Masse der Feiernden zum Ausdruck, die sich
prinzipiell in den Schranken der Gesetzlichkeit, "in den Grenzen der
Mäßigung, Gesittung und Vernunft" halten oder doch halten wollen.[24]
[Fußnote 24: Vgl. _Turati_, a. a. O.; _Bernstein_, a. a. O. p. 36;
_Eckstein_, "Was bedeutet der Generalstreik", p. 358; systematische
Anwendung des Streikrechts, nicht verhüllte Gewalt, fordert _Jaurès_,
"Aus Theorie und Praxis", p. 99 ff., gewaltlose Demonstration
_Bernstein_ ("Pol. M-str. und pol. Lage", p. 40).]
Bei _gewaltsamer_ Form zeigt sich die Arbeitsverweigerung in
absichtlicher Verletzung des Rechtszustandes, in absichtlicher
Vollführung von Akten der physischen Gewalt. Die "bewaffnete Hand",[25]
"Feuer und Schwert",[26] der "ökonomische Furor"[27] sind hierbei die
normalen Attribute des Klassenstreiks.
[Fußnote 25: Vgl. "Der Generalstreik", Leitart. des "_Weckruf_" vom 28.
Mai 04.]
[Fußnote 26: "Und arbeiten wir überhaupt nie mehr für die Ausbeuter!
Brennen wir sie von dem Lande weg, auf dem wir leben wollen" (Conrad
_Froehlich_, "Der Weg zur Freiheit", p. 10).]
[Fußnote 27: Beim Generalstreik in Triest: Demolieren von Gebäuden,
Umstürzen von Gaslaternen, Einschlagen von Fensterscheiben, Ermordung
eines Polizeikommissärs, vgl. "Weckruf" Nr. 7, April 1905; ähnlich auch
"Weckruf" Nr. 14, Dez. 04 (beide cit. vom Sekretariat des Schweiz.
Gewerbevereins, a. a. O. p. 11, 12).]
Eine dritte Richtung schließt "rohe Gewalt" zwar aus,[28] doch soll sich
im übrigen hierbei die Form der Arbeitsverweigerung nach den besonderen
Umständen richten. Rechtsverletzungen werden weder gesucht noch
gemieden, spielen überhaupt eine ganz sekundäre Rolle. Das Proletariat
dürfe sich nämlich "nicht blenden lassen durch das Wörtchen
Gesetzlichkeit",[29] brauche in der Notwehr "die Gesetze des
Klassenstaats" nicht mehr zu respektieren,[30] sondern "wenn die
herrschenden Klassen den Boden der Gesetzlichkeit zertrümmern", dann sei
das Proletariat "im Recht, zu sagen: ich stelle mich auf den granitenen
Boden meiner Macht".[31]
[Fußnote 28: _Friedeberg_, "Parlamentarismus und Generalstreik", p.
31.]
[Fußnote 29: _Zetkin_, Vortrag in einer öffentlichen Versammlung der
Filiale Berlin des Zentralverbandes der Stukkateure am 21./8. 05 über
den pol. M-str. (Bericht im Vorwärts, 23. Aug. 05).]
[Fußnote 30: _Friedeberg_, a. a. O. p. 28, 29.]
[Fußnote 31: _Zetkin_, Vortrag in einer öffentlichen Versammlung der
Filiale Berlin des Zentralverbandes der Stukkateure am 21./8. 05 über
den pol. M-str. (Bericht im Vorwärts, 23. Aug. 05).]
§ 3. Ziele des Klassenstreiks.
Das Ziel eines Klassenstreiks kann die Erfüllung von Forderungen sein,
die nur einen Teil der Streikenden unmittelbar interessieren, um
deren Durchsetzung willen aber aus Solidaritätsgefühl auch nicht
unmittelbar interessierte Arbeiterkategorien in den Ausstand treten;
indem sie die Sonderforderung zu der ihren machen, bringen sie die
Klassenzusammengehörigkeit des Proletariats zum Ausdruck, verwandeln sie
das Sonderziel in ein _mittelbares Klassenziel_, wollen sie mittelbar
die proletarischen Klasseninteressen fördern. (Hierher gehören vor allem
die romanischen Sympathiestreiks.)
Das Ziel des Klassenstreiks kann aber auch die Erfüllung von Forderungen
sein, an denen die Gesamtheit des Proletariats interessiert ist (oder
interessiert sein könnte), ein _unmittelbares Klassenziel_; und zwar
handelt es sich hierbei um jede Art von Gesamtforderungen, um
Teilpostulate, wie um Endpostulate.
Die _Teilforderung_ kann _wirtschaftlicher_ Natur sein, sich z.B. auf
die Einführung des Achtstundentages,[32] auf die Einführung von
Versicherungseinrichtungen[33] usw. für eine Gesamtarbeiterschaft
beziehen. Oder die Einzelforderung trägt, wie dies bei den bisherigen
Klassenstreiks mit unmittelbarem Klassenziel die Regel war,
_politischen_ Charakter.
[Fußnote 32: Vgl. den auf dem intern. Kongr. in Zürich 1893
aufgetauchten Plan.]
[Fußnote 33: Vgl. _Girardins_ Vorschlag.]
In erster Linie handelt es sich hierbei um _prinzipielle_ politische
Forderungen, um politische Rechte,[34] in allererster Reihe um das
politische Wahlrecht.[35] In der _Defensive_: Schutz der Verfassung
gegen den Staatsstreich;[36] Verteidigung des Wahlrechts gegen
"reaktionäre Anschläge"; Bekämpfung eines als ungenügend und
entwicklungshemmend empfundenen neuen Wahlprojekts (wie 1902 in
Schweden); Effektuierung nur theoretisch vorhandener Rechte.[37] In der
_Offensive_: Eroberung parlamentarischer Grundrechte (z.B. in
Begleitung der bürgerlichen Revolution; Rußland); Ausbau der Demokratie,
Erzwingung "drängender politischer Forderungen",[38] vor allem Eroberung
des allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlrechts.[39]
[Fußnote 34: _Umrath_, "Zur Generalstreikdebatte", p. 15;
_Roland-Holst_ (Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 25); Amsterdamer
Resolution über den Generalstreik (Prot. p. 24 ff.); _v. Elm_ (Prot.
Gwft. Kongreß Köln 05); _Destrée_ und _Vandervelde_, "Le Socialisme en
Belgique", p. 22; _Bernstein_, "Ist der politische Streik in Deutschland
möglich?", p. 36.]
[Fußnote 35: Durch das zugleich das Koalitionsrecht bedingt wird, vgl.
_Kloth_, "Generalstreik und Maifeier auf dem Gewerkschaftskongreß in
Köln"; _Liebknecht_ (Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 195, 196); vgl. auch
Prot. Parteitg. Jena 05; _A. v. Elm_, "Rückblick auf den 5. deutschen
Gewerkschaftskongreß".]
[Fußnote 36: Vgl. z.B. _Girardins_ Plan von 1851 (unten p. 38);
_Parvus_, "Staatsstreich und politischer Massenstreik".]
[Fußnote 37: So wünscht _Lensch_ ("Politischer Massenstreik und
politische Krisis") den Klassenstreik, um die tatsächliche Bedeutung des
dem Proletariat zugänglichen Parlaments zu erhöhen; "pour briser la
force de la soldatesque", die sich in der Dreifuskrise über das
Parlament hinwegzusetzen schien, also um dieses und die parlamentarische
Regierung zu unterstützen, würde _Kautsky_ ("Jaurès et Millerand",
Mouvement socialiste 1899) seinerzeit den französischen Proletariern den
Eintritt in einen Klassenstr. empfohlen haben, wenn _Kautsky_ nicht
selbst -- und mit Recht -- gezweifelt hätte, daß ein bürgerliches
Ministerium sich dieses Hilfsmittels bedienen würde.]
[Fußnote 38: _Cohnstaedt_, a. a. O. p. 743, 744; ähnl. Amsterdamer
Resolution über den Generalstreik, a. a. O.; Prot. Parteitg. Bremen 04,
p. 193.]
[Fußnote 39: Die Wahlrechtsforderung erschien schon in der
Chartistenbewegung, und die verlockende "Idee, durch Einstellung der
Arbeit die Gewährung politischer Forderungen zu erzwingen", taucht "in
der Geschichte der modernen Demokratie" immer wieder auf (_Bernstein_,
"Der Streik als politisches Kampfmittel", p. 689).]
Außerdem kommen auch _gelegentliche_ politische Teilforderungen vor, die
sich auf einzelne unliebsame Maßnahmen der Regierung beziehen, deren
Ausführung oder Wiederholung verhindert werden soll, z.B. auf
kriegerische Unternehmungen,[40] oder auf die Beeinflussung der
Wirtschaftskämpfe durch die öffentliche Gewalt.[41]
[Fußnote 40: Durch den Kriegsstreik (Prot. int. Kongr. Brüssel 1891, p.
24, 27, 31; Prot. int. Kongr. Zürich 1893, p. 20 ff.; Prot. int. Kongr.
London 1896, p. 24;) _Jaeckh_, "Die Internationale", p. 76; _Hervé_ (cit.
in der "Hilfe", XI. Jahrg. Nr. 21); Enquête sur l'idée de patrie et la
classe ouvrière [Mouvement socialiste 1. und 15. Nov. 05, p. 327]; La
"Patria" e l'Antimilitarismo, Inchiesta fra la classe operaia
organizzata ["Il Divenire sociale", 16. XII. 04, p. 387, 388] und zwar
entweder spez. Militärstreik (Dienst- und Stellungsweigerung), oder
Streik der auf den Krieg bezüglichen Gewerbe, oder überhaupt
Klassenstreik im Moment des Kriegsausbruchs.]
[Fußnote 41: Klassenstreik z.B. als Protest gegen Soldatenverwendung
bei Streiks (Italien 1904); oder als Protest gegen die Hinderung des
Streikpostenstehens ("die famose Idee des Genossen _Wiesenthal_", deren
Mitteilung durch _Bömelburg_ auf dem Kölner Gewerkschaftskongreß 05
große Heiterkeit erregte [vgl. Prot. p. 219]).]
Bei den _Endzielen_, den proletarisch-revolutionären Zielen, handelt es
sich einerseits um _positive Forderungen_: Eroberung der Staatsgewalt,
"Ergreifung der politischen Macht",[42] "Diktatur des Proletariats",[43]
sei es, daß der Klassenstreik nur als "letzte, ernsteste Drohung vor dem
Sturm", als "Präludium" der Revolution auftritt,[44] sei es, daß er die
direkte Einführung der proletarischen Aera beabsichtigt.
[Fußnote 42: _Parvus_, "Staatsstreich und politischer Massenstreik", p.
394.]
[Fußnote 43: _Leipziger Volkszeitung_ vom 8. 3. 04, Art. "Märzluft",
zit. von _David_, "Rückblick auf Jena", p. 842, Note 1.]
[Fußnote 44: _Eckstein_, "Was bedeutet der Generalstreik?" p. 363;
--_Zetkin_, a.a.O.; _Block_, "Formen und Möglichkeiten des
Massenstreiks"; _Cohnstaedt_, a. a. O.]
Andererseits handelt es sich um _negative_ Forderungen: Beseitigung der
kapitalistischen Ausbeutung,[45] Beseitigung, "Zersprengung des
Klassenstaats",[46] "um Raum zu machen für die Freiheit",[47] in deren
Schutz sich alsdann die neue Gesellschaftsordnung entwickeln werde.[48]
Mehrfach wird übrigens auch die "transformation sociale" selbst, die
Aneignung des gesellschaftlichen Eigentums und die Einführung der neuen
Ordnung, also nicht bloß das Niederreißen, zu den Obliegenheiten dieses
sogenannten "Expropriationsstreiks" oder "absoluten Generalstreiks"[49]
gerechnet.[50]
[Fußnote 45: _Friedeberg_, "Weltansch."; ähnlich _Thesing_, "Per la
questione dello sciopero generale."]
[Fußnote 46: "Der Generalstreik" ("_Weckruf_", 28. Mai 04); _Sorel_,
"Lo sciopero generale"; _Friedeberg_, "Parlamentarismus und
Generalstreik", p. 4, 15, 26, 27, 31; derselbe, "Weltansch.", Nr. 40;
_Mazuel_, vom P. S. R. ("Congrès général des organisations socialistes
françaises Paris 1899", p. 254, 255).]
[Fußnote 47: "_Weckruf_", a. a. O.]
[Fußnote 48: So z.B. _Friedeberg_, "Weltansch."; "Antimilitarismus u.
Generalstreik" (Beilage zur "_Wahrheit_", Nr. 11, p. 11).]
[Fußnote 49: _Roland-Holst_, "G-str. u. Sozd.", p. 5; _Louis_,
"L'Avenir du Socialisme", p. 297.]
[Fußnote 50: So _Bakunins_ Anhänger auf dem Kongreß in Brüssel
(_Umrath_, "Zur Generalstreik-Debatte", p. 13, 14); so die in Brüssel
erscheinende "Internationale" im März 1869, daß der G-str. "in einem
die Gesellschaft erneuernden Zusammenbruch endigen" werde; so der
Kongreß in Genf 1873 (vgl. _Weill_, p. 163); so die Allemanisten
(_Richard_, "Manuel socialiste", p. 78 ff.); -- so die "Jungen" (vgl.
_Kampffmeyer_, "Der Generalstreik und die Eroberung der ökonomischen
Macht"); _Briand_, "La grève générale et la révolution". -- _López
Montenegro_ wünscht (in der Broschüre "La huelga general") die
Herbeiführung der sozialen Revolution durch den allgemeinen, womöglich
internationalen Ausstand, der nicht eher beendigt werden solle, "bis die
Häuser den Bewohnern gehörten, die Erde und ihr Ertrag den Bebauern..."
usw.; "Die Neugestaltung der Produktion werde sich schon von selber
machen" (vgl. _Eltzbacher_, "Der Anarchismus und die soziale Revolution
in Barcelona", p. 7).]
§ 4. Wirkungsweise des Klassenstreiks.
Die Wirkung des Klassenstreiks kann sich einerseits in einem Druck auf
die Gegner zur Herbeiführung des Zieles äußern; andererseits kann der
Streik aber auch eine Beeinflussung der Arbeiter selbst zur Folge haben.
Der _Druck auf die Gegner_ kann auf zweierlei Weise erfolgen: durch
wirkliche Ausführung des Klassenstreiks, oder durch seine bloße
Ankündigung.
Bei der _wirklichen Ausführung_ kann dieser Druck vorwiegend _ideeller_
Natur sein: _Manifestations- oder Demonstrationsstreik_. Durch die
Arbeitsverweigerung soll der Gegner und sollen die Indifferenten
nachdrücklichst auf das Begehren der Arbeiter aufmerksam gemacht, zu
seiner Erfüllung aufgefordert werden;[51] der Demonstrationsstreik
bedeutet also einen starken "Appell an die Gewissen... eine Aufrüttelung
der schlafenden Rechtsempfindung", einen "Gewissensschärfer", soll aber
nicht bloß einen "Bittgang", sondern "immer auch ein eindrucksvolles
Mene-Tekel",[52] eine Drohung darstellen; es soll "der Einheit des
Willens der Massen in Bezug auf ein bestimmtes Ziel der stärkste,
nachhaltigst wirkende Ausdruck gegeben",[53] "die in der Zahl liegende
Wucht der Arbeiterklasse mit der nötigen Zähigkeit und Energie
entfaltet" werden, damit sich "die herrschenden Klassen der Stärke der
Gegner bewußt werden",[54] erkennen, "wie ernst es ihnen sei"[55] und
aus diesem "Anschauungsunterricht"[56] lernen. Der auch vom
Demonstrationsstreik unzertrennliche mehr oder minder starke materielle
Druck soll zur Verschärfung des psychologischen Effekts dienen,
zugleich, durch Erweckung von Furcht vor der Wiederholung oder
Verstärkung der Arbeitseinstellung, wie eine Drohung wirken.
[Fußnote 51: Denn die Arbeitsniederlegung ziehe so weite Kreise in
Mitleidenschaft, "daß sich die Öffentlichkeit wohl oder übel genötigt
sieht, sich mit dem Streik und seinen Ursachen eingehend zu befassen"
(_Bernstein_, "Pol. M-str. u. pol. Lage", p. 39).]
[Fußnote 52: _Bernstein_, "Politischer Massenstreik und
Revolutionsromantik".]
[Fußnote 53: _Bernstein_, "Der Kampf in Belgien und der politische
Massenstreik", p. 417; _Kampffmeyer_, a. a. O. meint, auch der
Kleinbetrieb könne sich Arbeitsruhe "im Interesse einer allgemeinen
politischen Demonstration auferlegen".]
[Fußnote 54: _Olberg_, "Nachträgliches zum Eisenbahnerstreik".]
[Fußnote 55: _v. Elm_ (Prot. Gewft. Kongr. Köln 05, p. 226). -- In
einem Aufruf der tschecho-slawischen Sozialisten zur Demonstration am
10. Okt. 05 in Prag für das allg. gl. Wahlrecht heißt es: "Erhebet Euch
in Massen, damit Euer Wille unabwendbar erscheine, wie das Schicksal!...
Erheben wir uns zu einer Manifestation, damit sie die Kraft und
Entschlossenheit von Hunderttausenden klarlege, wenn sie gezwungen
wären, von der Abwehr zum Angriff überzugehn" (vgl. Dokumente des
Sozialismus, Nov. 05, p. 521).]
[Fußnote 56: Z.B. "Der Generalstreik" ("_Weckruf_", 28. Mai 04), und
_Kampffmeyer_, a. a. O. p. 877.]
Beim _Pressionsstreik_ aber ist der beabsichtigte Druck vorwiegend
_materieller_ Natur. Durch die Wirkungen des Ausstandes soll die
Gegenseite unentrinnbar zu einem Tun oder Unterlassen genötigt
werden.[57]
[Fußnote 57: Vgl. _Heine_, "Politischer Massenstreik im gegenwärtigen
Deutschland?"; vgl. auch Block, a. a. O.]
Der Pressionsstreik ist in seiner zeitlichen Ausdehnung prinzipiell von
der Kapitulation einer der beiden Parteien abhängig; seine Dauer läßt
sich also gar nicht von vornherein bestimmen. Der Demonstrationsstreik,
der nur Eindruck machen soll, ohne daß mit einer sofortigen Erzwingung
von Konzessionen gerechnet würde, kann von Anfang an für eine bestimmte,
meist kurze Dauer proklamiert werden.
Von der _bloßen Ankündigung_, der "proklamierten Bereitschaft",[58] der
Androhung des Klassenstreiks wird erwartet, daß sie unter Umständen
genüge, um die Gegner zur Nachgiebigkeit zu veranlassen.[59] Und zwar
kommt die Drohung sowohl für Teilziele in Betracht, (besonders Schutz
der Volksrechte, "Hinter dem allgemeinen Wahlrecht muß stehen der Wille
zum Generalstreik"),[60] als auch zur Durchsetzung des Endziels; man
glaubt, daß die Gegner, wenn sie die Arbeiter im Besitz einer solchen
Waffe wüßten, eher einen friedlichen Ausgleich suchen würden.[61]
[Fußnote 58: Dr. _Liebknecht_, Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 281.]
[Fußnote 59: Ähnlich wie mitunter bei Lohnkämpfen "die Besorgnis vor
der Waffe, welche die Arbeiter gebrauchen können", die Unternehmer zu
Konzessionen veranlasse (_Stieda_, Art. Arbeitseinstellungen im Hdwb.
der Staatsw. 2. Aufl.); -- aus diesem Grund will z. B, _Adler_ den
polit. M.str. nicht abschwören (vgl. Prot. Parteitg. Wien 03, p. 131).]
[Fußnote 60: Dies der vielfach angefochtene Satz von _Hilferding_ ("Zur
Frage des Generalstreiks"). -- Beispiele solcher Klassenstreikdrohung:
in Belgien soll auf diese Weise Ende der 1890er Jahre der Versuch einer
Wahlrechtsverschlechterung verhindert worden sein; in Frankreich soll
die Kl-Str.-Drohung die Zurücknahme einer Antistreikvorlage bewirkt
(_Briand_ a. a. O. p. 12 ff.), die Angst vor dem Generalstreik
seinerzeit den Eintritt Millerands ins Ministerium gefördert
haben (?), (vgl. _Dejeante_, "Congrès générale des Organisation
socialistes françaises Paris 1899," p. 257 ff.), während z.B. die
Generalstreikdrohungen, die Ende Juli 1906 in Zürich laut wurden, das
kantonale Verbot des Streikpostenstehens, das bis Ende 1906 dauerte,
nicht zu beseitigen vermochten.]
[Fußnote 61: So _Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 739, 740.]
Die Androhung wird verschieden wirken, je nachdem ein Klassenstreik
schon vorangegangen ist oder nicht, je nachdem eine größere oder
geringere Beeinträchtigung zu erwarten steht.[62] Wie die Ausführung, so
kann auch die Androhung unter Umständen das Gegenteil des gewünschten
Effekts herbeiführen, indem sie z.B. den Gegner zu umso energischerem
Widerstand reizt; oder indem sie von Dritten in verhängnisvoller Weise
in Rechnung gezogen wird.[63]
[Fußnote 62: Daß die Furcht vor dem Unbekannten, vor dem "adversaire
mysterieux, dont la force doit être présumé d'autant plus grande, plus
irrésistible, qu'on n'a pas eu encore l'occasion de la mesurer"
(_Briand_, a. a. O. p. 12 ff.) hierbei eine Rolle spiele, ist bei den
gegenwärtigen Verhältnissen des intern. Nachrichtendienstes, sowie bei
dem Stande der an Hand der Statistik und der täglichen Erfahrung
erlangten Voraussicht kaum anzunehmen.]
[Fußnote 63: _Bernstein_, "Patriotismus, Militarismus und
Sozialdemokratie", sagt: "Die Vorstellung, daß in dem in Frage kommenden
Lande eine machtvolle Partei existiert, die nur auf den Krieg wartet, um
der eigenen Regierung Schwierigkeiten zu bereiten, einen Militärstreik
und dergleichen ins Werk zu setzen, kann zur größten Kriegsgefahr
werden, für abenteuernde Politiker geradezu ein Anreiz sein, auf einen
Krieg mit jenem Lande hinzuarbeiten."]
Die _Wirkung auf die Arbeiter selbst_ kommt einerseits bei der
_wirklichen Ausführung_ des Klassenstreiks zu Stande. Zunächst handelt
es sich hierbei um eine Beeinflussung der _aktiv am Streik beteiligten
Arbeiter_, die "im Kampf ihre Kraft erproben und sich für den späteren
siegreichen Kampf schulen" sollen;[64] denn der Klassenstreik stärke das
Klassenbewußtsein,[65] das revolutionäre Bewußtsein;[66] außerdem
handelt es sich um die Wirkung auf die _übrigen Proletarier_, also um
einen propagandistischen Zweck;[67] der Klassenstreik, der auch dem
letzten Proletarier die gegenseitige soziale Abhängigkeit klar vor Augen
führe, vermöge Gebiete und Gewerbe aufzurütteln, die für gewöhnlich der
sozialistischen Agitation unzugänglich seien.[68] Außer der Propaganda
für die proletarische Bewegung im allgemeinen soll aber auch die
Propaganda für den Klassenstreik als solchen gefördert werden. Und in
der Tat läßt sich eine derartige Wirkung, sogar über nationale Grenzen
hinaus, auch mehrfach wahrnehmen.[69]
[Fußnote 64: _Vanêk_ (Prot. Parteitg. Wien 03, p. 125); ähnl. _Olberg_,
"Nachträgliches zum Eisenbahnerstreik"; _Block_, a. a. O. p. 563.]
[Fußnote 65: _Umrath_, a. a. O. p. 18, 19; Resolution der Guesdisten
(Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 30).]
[Fußnote 66: Dieses habe im Generalstreik "sein neues kommunistisches
Manifest" geschrieben; die Generalstreikidee bedeute "nichts anderes,
als die Ersetzung der großen unpersönlichen stimmzettelfrohen Masse
durch die Vereinigung der zielklaren und zielwollenden Persönlichkeiten"
(E. Th. "Der Parteitag von Jena und der Generalstreik" ["Einigkeit", 9.
Dez. 05]; _Friedeberg_, "Parlamentarismus und Generalstreik", p. 3, 31,
32), während der Parlamentarismus dem "Klassenkampf den Todesstoß"
gegeben habe, da er das Proletariat an der Legalität des "Klassenstaats"
interessiere, das revolutionäre Bewußtsein einschläfere; nur durch die
Erfahrung des Generalstreiks könne das Proletariat den endlichen Zerfall
der bürgerlichen Gesellschaft kennen lernen (_Louis_, p. 301 ff.).]
[Fußnote 67: _Luxemburg_ ("Und zum dritten Mal das belgische
Experiment") nennt den Klassenstreik ein "wirksamstes Mittel der
sozialistischen Agitation"; der "_Weckruf_" (Art. vom 9. Jan. 04, "Wo
wollen wir hin? Der Generalstreik") nennt ihn "wirksamstes
Propagandamittel"; die "_Wahrheit_" (Beilage zu Nr. 11,
"Antimilitarismus und Generalstreik", p. 12) sagt: "Kein anderes
Propagandamittel hat... so bedeutende Erfolge erzielt"; vgl. auch
_Block_, p. 563; _Weill_, p. 410.]
[Fußnote 68: So sei ein Teil der Hausindustrie beim belgischen
Wahlrechtsstreik aufgerüttelt worden; der "_Weckruf_" (28. Mai) rühmt
diesen Effekt den Solidaritätsstreiks nach, behauptet auch einen großen
propagandistischen Erfolg (?) des Genfer Generalstreiks ("_Weckruf_" vom
9. Jan. 04).]
[Fußnote 69: Einfluß des belgischen Kl-streiks auf den schwedischen von
1902 (vgl. Enquête, p. 377; Allg. Ztg. 21. 4. 02); Eindruck des
finnischen Nationalstreiks auf die schwedischen Arbeiter (_Branting_
[Soz. Mh. Aug. 06, p. 664]); Einfluß der beiden belgischen Kl-streiks
auf die österreichische Wahlrechtsbewegung (Prot. Parteitg. Wien 1894,
p. 4-6, 31, 34, 58; Prot. Parteitg. Wien 1903, p. 131); Einfluß des
schwedischen Streiks (_Bracke_, Enquête, p. 86), ital. Streiks
(_Bömelburg_, Prot. Gwkft. Kongr. Köln 05, p. 215), der belgischen und
österreichischen Bewegung (_Bernstein_, Prot. Parteitg. Bremen 04, p.
193), der russischen Revolutionsstreiks (_Bernstein_, "Politischer
Massenstreik und Revolutionsromantik"; Prot. Parteitg. Jena, _Bebel_ [p.
307], _David_ [p. 328]; Prot. Parteitg. Mannheim, _Luxemburg_ [p. 261],
_David_ [p. 259]) auf die deutsche Klassenstreikdiskussion.]
Nicht nur mit der Ausführung, auch mit der _bloßen Verbreitung der Idee_
werden gewisse Wirkungen auf das Proletariat bezweckt. Einerseits soll
die Überzeugung von der Anwendungsmöglichkeit dieses Mittels das
"erhebende und stählende Gefühl der eigenen Kraft und Siegeszuversicht"
entfachen und hierdurch dem Proletariat den Verzicht auf schwächende
Zwergkämpfe (durch die es den Zusammenbruch hinauszuschieben trachte)
ermöglichen.[70] Andererseits soll die Vorstellung einer scheinbar so
gut fundamentierten, scheinbar so leicht zu erreichenden Eingangspforte
zu den Herrlichkeiten des Zukunftsstaates, soll die "anziehende",
"verführerische", "fascinierende" Idee, durch bloßes Nicht-Arbeiten die
Erlösung von aller Mühsal zu erlangen,[71] im Proletariat den Glauben an
eine bessere Zukunft befestigen. Der Klassenstreik erscheint in dieser
Auffassung als "weithin leuchtende Fackel",[72] "Leitstern",
"Richtschnur", "Symbol",[73] "Ideal",[74] "das große Endziel",[75] kurz,
als Ersatz für die schon abgegriffene Vorstellung vom Zukunftsstaat. Wie
diese wird auch die Klassenstreikidee als Propaganda-, Organisations-,
Erziehungsmittel betrachtet,[76] und zwar soll sie nicht nur das
Klassenbewußtsein fördern, indem sie die "Ideale des Klassenkampfes" in
den Vordergrund rücke,[77] sondern durch Kräftigung des revolutionären
Willens auch eine Beschleunigung der Entwicklung herbeiführen können; so
daß sich infolge der Klassenstreik-Propaganda die Umwandlung der
kapitalistischen in die sozialistische Gesellschaft weit früher
vollziehen könne, als dies der bloß mechanische Ablauf der ökonomischen
Verhältnisse gestatten würde.
[Fußnote 70: _Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 740.]
[Fußnote 71: Diese Vorstellung sei nur zu sehr geeignet, den vielen
"utopisch angelegten Naturen" in den Arbeiterkreisen aller Länder
Nahrung zu geben (_Vliegen_, "Der Generalstreik als politisches
Kampfmittel", p. 195).]
[Fußnote 72: _Friedeberg_, "Parlamentarismus und Generalstreik", p.
31.]
[Fußnote 73: Der Sozialismus befasse sich mit dem Mysteriösen, der
Transformation der Produktion; von dieser schweren Lehre gebe der
Generalstreik ein leicht faßliches Bild (_Sorel_, "Lo sciopero
generale").]
[Fußnote 74: Vgl. z.B. auch _Weill_, p. 409 ff.]
[Fußnote 75: _Friedeberg_, "Weltansch.".]
[Fußnote 76: Vgl. _Thesing_, "Per la questione dello sciopero
generale"; _Polledro_, "Per la terminologia dello sciopero generale";
die Erfüllung des proletarischen Seelenlebens mit der Generalstreikidee
werde die Organisationen so stärken, daß gewaltsame Kämpfe vielleicht
vermieden werden können (_Friedeberg_, a. a. O., und "Parlamentarismus
und Generalstreik", p. 27 ff.); "En indiquant aux travailleurs un but
d'organisation, en leurs offrant un moyen d'emancipation, à l'efficacité
duquel ils croient fermément, elle (die G-streiksidee) a puissament
contribué à donner à l'action syndicale plus de confiance et de methode"
(_Briand_, p. 15).]
[Fußnote 77: _Friedeberg_, "Parlamentarismus und Generalstreik", p. 3,
4, 26, 27; derselbe: Prot. Parteitg. Dresden 03; ähnl. _Allemane_ (Prot.
int. Kongr. Amsterdam, p. 26); sowie die programmatische Erklärung des
7. Kongresses der "freien Vereinigung" im April 1906 (cit. bei _v. Elm_,
"Die Gewerkschaftsdebatte auf dem Mannheimer Parteitag").]
§ 5. Die Arten des Klassenstreiks.
Da der Begriff Klassenstreik so verschiedenerlei Eigenschaften, Ziele
und Wirkungsweisen eines Ausstandes in sich schließt, so kann der
Klassenstreik auch in einer großen Zahl von Variationen auftreten, unter
denen man zwei Hauptarten zu unterscheiden pflegt: _Generalstreik_ und
_politischer Massenstreik_.
Der _Generalstreik_ strebt im allgemeinen mehr nach quantitativem, der
_politische Massenstreik_ mehr nach qualitativem Umfang; ersterer
begnügt sich unter Umständen mit lokaler, strebt aber meist nach
internationaler Ausdehnung, letzterer tendiert in der Regel zu
nationaler Ausdehnung.
Der _Generalstreik_ neigt meist, doch nicht ausnahmslos (_Friedeberg_;
_Briand_), zu gewaltsamen Formen; es soll ihm jeder gesetzliche Inhalt
fehlen; er soll, insbesondere nach Ansicht der revolutionären
Syndikalisten, "nicht mehr als Ausführung eines gesetzlich verbrieften
Rechts, sondern... als der Typus der revolutionären Tat" gelten
(_Lagardelle_). Der _politische Massenstreik_ hingegen fordert meist,
aber ebenfalls nicht ausnahmslos (man denke an einige deutsche
"Ultra-Radikale"!), nur eine friedliche Arbeitsverweigerung.
Der _Generalstreik_ vertritt vorwiegend wirtschaftliche,
antiparlamentarische, anarchistisch-revolutionäre mittelbare und
unmittelbare Klassenziele, ohne doch politisch-parlamentarische
Forderungen unter allen Umständen auszuschließen;[78] der _politische
Massenstreik_ kennt nur politisch-parlamentarische, also nur
unmittelbare Klassenziele.
[Fußnote 78: Vgl. z.B. _Briand_, a. a. O. p. 6; Resolution der
Kommissionsminderheit (Prot. int. Kongr. Paris 1900, p. 32); ebenda p.
7; Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 28-30; ähnlich die Allemanisten
(vgl. _Richard_, Mouvement socialiste, 1899, I. p. 619 ff.); Congrès
corporatif de Marseille 1892; Conféd. générale du travail (vgl.
"Antimilitarismus und Generalstreik", Beilage zu Nr. 11 der
"_Wahrheit_"); "_Weckruf_" (28. Mai 04, "Der Generalstreik").]
Der Zweck des _Generalstreiks_ besteht zum großen Teil in der Wirkung
auf die Arbeiter selbst, der des _politischen_ Massenstreiks fast
ausschließlich in der Wirkung auf ihre Gegner.
Doch selbst diese hauptsächlichsten Unterscheidungspunkte ergeben keine
feste Grenzlinie. Denn die Tatsachen der als Generalstreiks und der als
politische Massenstreiks rubrizierten Unternehmungen und Projekte stehen
sich oft außerordentlich nahe. Der einzige wirklich durchgreifende
Unterschied zwischen Generalstreik und politischem Massenstreik besteht
überhaupt nicht in objektiven Merkmalen, sondern in der _subjektiv_
umschriebenen Stellung und Funktion des Klassenstreiks, in dem
_subjektiv_ ihm zugewiesenen Rang _innerhalb der proletarischen
Bewegung_.
Ein Klassenstreik heißt nämlich _Generalstreik_, sobald er als "_seule_
lutte qui soit digne de la classe ouvrière",[79] als das
prinzipiell-proletarische, weil vom Parlamentarismus unabhängige[80]
_Hauptmittel_ aller und jeder proletarischen Betätigung auftritt (so bei
den Anarchisten, revolutionären Syndikalisten).[81] Dabei beschränken
sich die Ergänzungswaffen des Klassenkampfs teils nur auf die übrigen
Mittel der "direkten Aktion", (also Boykott, Sabot, bewaffneter
Widerstand),[82] unter ausdrücklichem Ausschluß des Streiks zu
politischen Zwecken;[83] teils umfassen sie aber neben allem anderen
auch die parlamentarische Tätigkeit und den Streik zu politischen
Zwecken,[84] und sei es eventl. auch nur, damit bei der Anwendung des
letzteren den Arbeitern die Bedeutung der Massenaktion und des
eigentlichen Generalstreiks klar werde.[85]
[Fußnote 79: Léon _Quatrehomme_, ouvrier typographe (Enquête sur l'idée
de patrie et la classe ouvrière, p. 337).]
[Fußnote 80: Vgl. z.B. E. Th., "Der Parteitag von Jena"; _Friedeberg_,
"Parlamentarismus und Generalstreik", p. 26, 27; _Thesing_, a. a. O.;
_Kautsky_, "Maifeier und Generalstreik"; Prot. int. Kongr. Amsterdam 04,
p. 26, 28, 30, 71; _Roland-Holst_, "G-str. u. Sozd.", p. 157; _Umrath_,
a. a. O. p. 19, 20. Nicht nur die Idee des Generalstreiks sei "concetto
genuinamento operaio, che la classe lavoratrice ha ricavato dall'
esperienza della vita" (_Labriola_, "Riforme e Rivoluzione sociale", p.
211; ähnl. _Briand_, p. 4, 5; _Kautsky_, a. a. O.; derselbe, "Die
soziale Revolution" I. p. 51), sei das Produkt "de la mentalité ouvrière
elle même", entspreche einer "profonde intuition populaire" (_Louis_, p.
293 ff.), sondern auch die Anwendung stehe "en dehors de toute direction
politique" (_Richard_, "Manuel socialiste", p. 78, 79).]
[Fußnote 81: Als stärkste, wirksamste, entscheidenste Waffe erscheint
der Klassenstreik z.B. in der Resolution der Allemanisten (Prot. int.
Kongr. Amsterdam 04, p. 29, 30), in der Resol. der Kommissionsminderheit
(Prot. int. Kongr. Paris 1900, p. 32), in der Auffassung der
"Lokalisten" (vgl. Bericht im Vorwärts vom 18. Juli 06 über die
Generalversammlung der "Freien Vereinigung der Bauarbeiter Berlins und
Umgebung" am 15. Juli 1906) usw. --Nach dem Bericht der Étudiants
socialistes révolutionnaires internationalistes de Paris an den
internationalen revolutionären Arbeiterkongreß, der 1900 in Paris
stattfinden sollte (aber verboten wurde), ist der (gewaltsame)
allgemeine Ausstand "unter den gegenwärtigen Verhältnissen das beste und
sicherste Mittel zur Herbeiführung der sozialen Revolution" (vgl.
_Eltzbacher_, p. 5, 6).]
[Fußnote 82: Der letzte Anarchistenkongreß (3. Aug. 1907 in Amsterdam)
betrachtete übrigens, gemäß der Resolution _Malatesta_, die
Gewerkschaften und den Generalstreik zwar "als mächtige revolutionäre
Mittel, aber nicht als Surrogat der Revolution"; über diesen beiden
dürfe man nicht "die direkteren Mittel im Kampf gegen die militärische
Macht vergessen" (vgl. Frankf. Ztg. Sept. 07).]
[Fußnote 83: Sobald der Generalstreik "zum Hilfsmittel politischer
Aktionen herabsinkt" ("_Weckruf_", 28. Mai 04, vgl. auch z.B.
_Friedeberg_, "Weltansch." Nr. 37, 40; derselbe: "Parlamentarismus und
Generalstreik", p. 3; _Sorel_, a. a. O. p. 23, 24; usw.) bedeutet er für
die Anarchisten höchstens eine "kindliche Naivetät" ("_Weckruf_", 9.
Jan. 04, "Wo wollen wir hin? Der Generalstreik"), die dazu führe, "den
kraftvollen Gedanken des proletarischen Kampfes... zu verwässern"
(_Friedeberg_, "Weltansch."; ähnl. Franz _Winter_, "Brief aus
Österreich" ["_Weckruf_", 9. Jan. 1904]; "Der Generalstreik"
["_Weckruf_", 28. Mai 04]).]
[Fußnote 84: Der Generalstreik "non sostituice, nè elimina l'uso degli
altri mezzi risolutivi che la storia suggerisce, e che lo sciopero o
condiziona o rafforza o potenzia"; denn der Generalstreik sei die "forma
specifica della rivoluzione proletaria e delle successive conquiste che
alla rivoluzione menano" (_Labriola_, a. a. O.).]
[Fußnote 85: _Winter_, a. a. O.: "die Arbeiterschaft wird schon
dahinter kommen, daß mit ihm (dem Kl-str.) nicht nur politische Rechte,
sondern auch nützliche ökonomische Vorteile ... erobert werden können";
ähnl. das Anarchistenblatt "_Neues Leben_" (cit. in der Allg. Ztg.
19./4. 02); ferner "_Weckruf_" (9. Jan. 04, "Wo wollen wir hin? Der
Generalstreik"); _Berth_ (vgl. Notes Bibliograph. du Mouvement
socialiste, I. et 15. XI. 05, p. 374 ff.).]
Ein Klassenstreik heißt aber _politischer Massenstreik_, sobald er als
bloßes _Hilfsmittel_ im proletarischen Kampfe auftritt,[86] nur aus
Zweckmäßigkeitsgründen angewandt,[87] dem Parlamentarismus höchstens
koordiniert, fast regelmäßig subordiniert[88] wird. Dabei bedeutet er
meist überhaupt nur ein ausnahmsweises Hilfsmittel, das, wie _Turati_
sagt, "niemals zum normalen Kampfmittel des Proletariats erhoben werden
darf", die "ultima ratio",[89] die letzte, äußerste Kraftanstrengung in
extremen Fällen.[90]
[Fußnote 86: Prot. Parteitg. Jena 05, _Zetkin_, p. 324, _Bebel_, p.
338; _Adler_ (Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 105).]
[Fußnote 87: _Hilferding_, "Zur Frage des Generalstreiks", p.
141 ff.; _Delory_, P. O. F. (Congrès général des Organisations
socialistes françaises Paris 1899, p. 246 ff); _Umrath_, a. a. O.;
Kommissionsresolution des int. Kongr. Zürich, 1893 (cit. Prot. Parteitg.
Jena 05, p. 302).]
[Fußnote 88: Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 24 ff.; _Liebknecht_,
(Prot. Parteitg. Jena 05, p. 327); _Zetkin_ (Prot. Parteitg. Bremen 04,
p. 196); _Bebel_ (Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 227-241); Resolution
der ital. Integralisten (vgl. _Olberg_, "Der Parteitag von Rom");
Congrès général... Paris 1899, p. VII, 236-60; _Kautsky_, "Die soziale
Revolution", p. 50; ders. "Maifeier und Generalstreik"; _Zetkin_ (vgl.
Vorwärts 23. Aug. 05); _Luxemburg_, "Und zum dritten Mal das belgische
Experiment"; _Hilferding_, "Zur Frage des Generalstreiks", p. 141;
_Umrath_, a. a. O.; _Jaurès_, "Aus Theorie und Praxis", p. 97-121.]
[Fußnote 89: Z.B. _v. Elm_, (Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 226);
ähnl. _Adler_ (Prot. Parteitg. Wien 05, p. 129); _Bernstein_,
"Politischer Massenstreik und Revolutionsromantik".]
[Fußnote 90: Z.B. _v. Elm_, "Die Gewerkschaftsdebatte auf dem
Mannheimer Parteitag"; _Kautsky_, "Maifeier und Generalstreik"; Prot.
Parteitg. Wien 1894, p. 105 (Resolution _Adler_); Prot. Parteitg. Wien
03, p. 126; Prot. Parteitg., Wien 05, p. 66 ff., 121; Prot. int. Kongr.
Amsterdam, p. 8, 24 ff.]
Als solch extremer Fall erscheint einerseits die _soziale Revolution_;
und zwar wird dem politischen Massenstreik eine um so bedeutendere Rolle
"in den revolutionären Kämpfen der Zukunft"[91] zugewiesen, je mehr das
Vertrauen auf die ökonomisch-automatische Einführung des Sozialismus
verschwindet, der Glaube an den gewaltsamen Charakter der sozialen
Umwälzung bestehen bleibt,[92] zugleich aber auch die "Revolution im
Heugabelsinn"[93] an Kredit verliert. Durch die Entdeckung des
politischen Massenstreiks soll daher das bis anhin verschwommene Bild
von der proletarischen Revolution Leben und Farbe gewonnen haben.[94]
Daneben wird der politische Massenstreik übrigens unter Umständen auch
noch zu gelegentlicher Unterstützung des Klassenkampfs in seinen
vorrevolutionären Stadien vorgesehen.[95]
[Fußnote 91: _Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 738; ders. "Die
soziale Revolution" ("Formen und Waffen der sozialen Revolution");
_Umrath_, p. 19, 20; Enquête, p. 208; _Roland-Holst_, "G-str. u. Sozd.",
p. 169; _Parvus_, "Staatsstreich und politischer Massenstreik", p. 394;
_Willert_, Guesdist (Prot. int. Kongr. Amsterdam, 04, p. 27). --Über den
Kl-str. als modernen Ersatz für die Erhebung: _Bissolati_, "Das Ergebnis
der italienischen Wahlen", p. 958; vgl. auch _Eckstein_, p. 360.]
[Fußnote 92: Vgl. _Roland-Holst_, a. a. O., p. XII ff.]
[Fußnote 93: _Liebknecht_ (Prot. Parteitg. Jena 05, p. 327); vgl. auch
_Briand_ (Congrès général... Paris 1899, p. 156); _Parvus_, a. a. O.;
_Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 694; Prot. Parteitg. Bremen
04, p. 193; "'Der politische Massenstreik' und der Staatsanwalt",
Bericht über die Verhandlung im Prozeß gegen _Löbe_ (wegen Abdruck der
_Bernstein_'schen Rede), im Vorwärts, 1. Beilage zu Nr. 196, 23. Aug.
05. -- Andere, wie z.B. _Hue_ (vgl. "Partei und Gewerkschaft"),
_Vliegen_ (vgl. "Der zehnte Parteitag der niederländischen
Sozialdemokratie"), _Bömelburg_ (vgl. Prot. Gwft. Kongr. Köln 05)
glauben, daß es auch noch andere "schärfere" Mittel zur ev.
Herbeiführung der Katastrophe gäbe, als den Klassenstreik, und daß der
Augenblick diese schon mit sich bringen werde.]
[Fußnote 94: Dies rühmt z.B. _Roland-Holst_, a. a. O. p. 182 ff.]
[Fußnote 95: So spricht z.B. _Roland-Holst_ (p. 95 ff.) vom pol.
M-str. am Anfang (zur Erwerbung), im Verlauf des politischen Kampfes
(zur Erhaltung von Rechten) und am Schluß desselben (als soziale
Revolution), während z.B. nach der _Leipziger Volkszeitung_ vom 8. März
04 (cit bei _David_, "Rückblick auf Jena") der Klassenstr. einzig für
die soz. Revolution in Frage käme.]
Andererseits erscheint die Bedrohung der _sozialen Evolution_ als der
extreme Fall, der die ausnahmsweise Anwendung des politischen
Massenstreiks rechtfertigen könne. Und entsprechend dem
Parlamentarismus, den er schützen soll, erscheint hierbei auch der
politische Massenstreik entweder als wirksamster, wenn auch nicht
einziger "Faktor eines stetigen, organischen Fortschritts auf dem Wege..
der proletarischen.. Emanzipation",[96] oder geradezu als Voraussetzung
des Sozialismus überhaupt.[97]
[Fußnote 96: _Bernstein_, "Ist der politische Streik in Deutschland
möglich?"; _Kampffmeyer_, "Der Generalstreik und die Eroberung der
ökonomischen Macht"; _Bernstein_, "Pol. M-str. u. pol. Lage", p. 8 ff.,
34; ders. "Politischer Massenstreik und Revolutionsromantik";
_Bernstein_ als Zeuge im Prozeß gegen _Löbe_, a. a. O.; _v. Elm_ (Prot.
Parteitg. Jena 05, p. 323;) _Jaurès_, a. a. O.; -- _Olberg_, "Der
italienische Generalstreik", p. 22. -- _Hilferding_, p. 142; _Destrée
und Vandervelde_, p. 22; _Bebel_ (Prot. Parteitg. Jena 05).]
[Fußnote 97: "Hinter dem allgemeinen Wahlrecht muß stehen der Wille zum
Generalstreik" (_Hilferding_, a. a. O. p. 139 ff.), der Generalstr.
müsse die "regulative Idee" im Klassenkampf sein; z.B. von _Vliegen_
("Der Generalstreik als politisches Kampfmittel") als "Phrase"
abgelehnt; (vgl. oben p. 14).]
§ 6. Vergleich des Klassenstreiks mit verwandten Aktionsmitteln.
Dem Klassenstreik sind eine Reihe anderer Aktionsmittel des Proletariats
verwandt, die ebenfalls auf massenhafter Verweigerung notwendiger
Funktionen beruhen oder beruhen können.
Praktisch kommt fast ausschließlich der Entzug _wirtschaftlicher_
Funktionen in Betracht, und zwar vor allem der Entzug wirtschaftlicher
Funktionen innerhalb des Produktionskreises; hierbei handelt es sich in
erster Linie um die Mittel mit _obligatorischer_ Arbeitsverweigerung.
Unter diesen begreift der Normalfall, die _offene_ Arbeitsverweigerung,
also der _Streik_, auch den Klassenstreik in sich. Und zwar gleicht
letzterer in seinem gewerblichen Wirkungsvermögen völlig den übrigen
großen Streiks, steht hierin also, wie diese, in genauem Gegensatz zum
partiellen Streik.
Die _gewerbliche Wirkung_ eines Streiks auf die Unternehmer beruht im
allgemeinen auf dem Interesse derselben am Fortgang der Produktion.
Dieses Interesse, das den Unternehmer unter Umständen zur Nachgiebigkeit
gegenüber den Forderungen seiner Arbeiter bestimmt, ist ein doppeltes.
Der Fortgang der Produktion sichert einerseits die Verzinsung des im
Betrieb angelegten Kapitals, sowie den Unternehmergewinn (zugleich die
Erhaltung der Betriebseinrichtungen in brauchbarem Zustand): positives
Interesse, und erschwert andererseits die Verdrängung durch die
Konkurrenz (Einführung neuer Verfahren, Abfangen der Kundschaft usw.
während des Streiks): negatives Interesse.
Das _positive Interesse_ wird zwar vom Massenstreik, also auch vom
Klassenstreik, ähnlich berührt, wie vom partiellen Streik; etwas stärker
noch insofern, als beim Massenstreik von einer Aushilfe durch die
Streikversicherung viel weniger zu erwarten steht, als bei einem
partiellen Ausstand; dafür vermindert sich aber beim Massenstreik (und
erst recht beim Klassenstreik) die Rücksichtnahme seitens der Arbeiter
auf die wirtschaftlichen Konjunkturverhältnisse,[98] so daß hierbei
wohl ausnahmslos auch solche Unternehmungen getroffen werden, denen
gerade eine momentane Betriebsstockung zum Vorteil gereicht; ja,
auch die dem Unternehmer gewöhnlich aus dem Streik erwachsenden
Schwierigkeiten gegenüber Dritten (Nichteinhaltung von Lieferfristen,
Konventionalstrafen usw.) verringern sich, je größere Dimensionen der
Streik annimmt, je mehr er als Kasus angesehen werden darf.[99]
[Fußnote 98: Es kann beim Kl-str. um so weniger Rücksicht auf die
wirtschaftliche Konjunktur genommen werden, je mehr Rücksicht auf den
politisch günstigen Moment genommen werden muß (vgl. _Hanich_, Prot.
Parteitg. Wien, 1894, p. 65); eine Berücksichtigung der wirtschaftlichen
Konjunktur wird überdies um so schwerer, je größer der Streik ist, da
sich bei starker gewerblicher und geographischer Differenzierung der
Beteiligten kaum ein Zeitpunkt finden läßt, wo sich alle fraglichen
Gewerbe und Plätze annähernd gleicher Prosperität erfreuen.]
[Fußnote 99: Schon die gewöhnlichen Streiks, bes. Angriffsstreiks,
pflegen als Casus angesehen zu werden (vgl. _ab-Yberg_, p. 95).]
Erscheint hiernach schon das positive Interesse des Unternehmers
normalerweise durch den Massenstreik eher weniger bedroht, als durch den
partiellen Streik, so tritt eine völlige Umkehrung des Verhältnisses
bezüglich des _negativen Interesses_ ein. Die Unternehmerkonkurrenz
spielt nämlich eine um so kleinere Rolle, je größere Dimensionen der
Streik annimmt; denn je vollständiger die Einbeziehung aller miteinander
konkurrierender Unternehmungen, um so geringer für jede einzelne die
Gefahr der Konkurrenzstärkung während der Arbeitsunterbrechung.[100] Den
kräftigeren Unternehmungen kann der Massenstreik durch die Beseitigung
schwächerer Konkurrenten[101] sogar noch direkten Vorteil bringen. --Das
Konkurrenzmoment als Faktor des Entgegenkommens, als Faktor des
Streikerfolges, verliert also mit Ausdehnung des Streiks immer mehr an
Bedeutung[102] und verschwindet überhaupt völlig, sobald die Gesamtheit
der konkurrierenden Betriebe stillliegt.[103]
[Fußnote 100: Ähnlich liegen die Verhältnisse beim partiellen Streik
gegen Monopolisten (vgl. _Düwell_, "Zur Frage des Generalstreiks").]
[Fußnote 101: Da diese sich ev. schon an den positiven
Beeinträchtigungen durch den Streik verbluten; um die großen Unternehmer
empfindlicher zu treffen, schlug daher _Ellenbogen_ (Prot. Parteitg.
Wien 1894, p. 54) vor, den Kleinbetrieb von einem ev. Wahlrechtsstreik
ausdrücklich auszunehmen.]
[Fußnote 102: _Eckstein_, p. 258, 259; _Grosch_, "Der Generalstreik",
p. 14, 15; vgl. auch _Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 687 ff.]
[Fußnote 103: Soweit dies nicht der Fall ist, können die Unternehmer
übrigens durch internationale und nationale Vereinbarungen den
Konkurrenzausschluß selbst herbeiführen (vgl. _Düwell_).]
Der Massenstreik, und mit ihm der Klassenstreik, werden also in ihrer
Wirkung auf das Unternehmertum stets hinter der Wirkung des partiellen
Streiks zurückbleiben müssen, da das positive Interesse des Unternehmers
an der Aufrechterhaltung des Betriebes keinesfalls stärker berührt, sein
negatives Interesse aber ausgeschaltet wird. Der Massenstreik kann also
keineswegs von vornherein als der Superlativ des partiellen Streiks
angesehen werden; noch weniger ist die Berechtigung seiner Anwendung aus
etwaiger Erfolglosigkeit partieller Ausstände zu folgern.[104]
[Fußnote 104: Dies tut z.B. _Briand_ (Prot. int. Kongr. Paris 1900, p.
32, und "La grève générale et la révolution", p. 4, 5); vgl. auch
_Umrath_, a. a. O.; _Dejeante_ (Congrès général... Paris 1899, p. 257
ff.). -- Die tatsächliche Zunahme der Massenstreiks und die Wahrnehmung,
daß dieselben immer häufiger den Charakter politischer Ereignisse tragen
(bes. im Eisenbahnbetrieb und im Bergbau: Pennsylvanien, Kolorado,
Frankreich, England, Belgien, Deutschland, Österreich usw.), förderte
die Überzeugung, diese Waffe, die "die technische Entwicklung den
Arbeitern in die Hand gegeben" habe (Prot. Parteitg. Wien 05, p. 132),
sei auch im politischen Kampf anzuwenden (vgl. _Kautsky_, "Der Kongreß
in Köln"; ders.: "Die soziale Revolution", p. 49, 50; _Roland-Holst_,
"G-str. u. Sozd.", p. 32 ff., 54; _Bernstein_, "Trust und Streik";
ders.: "Der Kampf in Belgien und der politische Massenstreik", p. 416;
ders. am Parteitg. in Jena, Prot. p. 315; _Stadthagen_, ebenda, p.
330).]
Was dem Massenstreik aber an gewerblicher Wirkung abgeht, das kann unter
Umständen die außergewerbliche, die _soziale Wirkung_ ersetzen, die den
partiellen Streiks überhaupt fehlt, oder doch nur den exzeptionellen
unproletarischen Streiks[105] zukommt.
[Fußnote 105: Streiks der Schüler, Advokaten, Ingenieure, Richter,
Handelsgehilfen, Ärzte, Apotheker, Munizipalbeamten (Streik der
Gemeinderäte bei der südfranzösischen Winzerbewegung 1907). Die
österreichische Hausbesitzerversammlung soll gar den abenteuerlichen
Plan gefaßt haben (sofern keine Zeitungsente vorliegt), alle Wohnungen
zu kündigen, falls die Regierung nicht unverzüglich an die Abänderung
der Hauszins- und Gebäudesteuer ginge (gemäß "Fremdenblatt", cit. von
der Arbeiterzeitung Wien, 24. Juni 1906).]
Die soziale Wirkung des Massenstreiks kann von der _Zahl_ der
Streikenden abhängen; denn jede Arbeitsniederlegung sehr vieler Menschen
veranlaßt eine allgemeine Beunruhigung, Erregung, Unsicherheit, eine
allgemeine Störung von Handel und Wandel.[106]
[Fußnote 106: _Resel_ (Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 70 ff.) Die
Minderung der Kaufkraft der Ausständigen wird sich auf dem das
Proletariat versorgenden Markte fühlbar machen; das Stillliegen vieler
Betriebe zwingt, infolge der arbeitsteiligen Entwickelung, auch
zahlreiche Dritte zur Arbeitsunterbrechung; die Verlängerung der
Umschlagsdauer des Kapitals wird ein Sinken der Industriewerte nach sich
ziehen usw.]
Doch es kommt nicht nur auf die Zahl der Ausständigen, sondern auch auf
die soziale _Bedeutung_ der stillgelegten Werke an, wonach sich die
soziale Wirkung in qualitativer Richtung bestimmt. Unter den sozial
wichtigen Unternehmungen aber wird die Arbeitsruhe derjenigen Gruppen
den bedeutendsten Effekt herbeiführen, von deren fortwährenden
Leistungen, also von deren ununterbrochener Inbetriebhaltung das
gesellschaftliche Dasein in besonderem Maße abhängt (wie Kraft- und
Lebensmittelversorgung, Transport, Sanitätsdienst usw.). Je allgemeiner
in diesen Unternehmungen der Streik, um so empfindlicher seine Wirkung
auf die Gesellschaft.[107]
[Fußnote 107: Zur Förderung des sozialen Druckes bemühen sich die
Arbeiter daher auch um Fernhaltung der Konkurrenz beim Streik; so wurde
z.B. beim Streik im Ruhrgebiet seitens der Arbeiterschaft versucht, die
belgische und englische Kohle durch Verständigung mit den dortigen
Genossen fernzuhalten.]
Auch das staatliche Leben ist durch den Massenstreik mannigfachen
Beunruhigungen, unter Umständen sogar geradezu einer Gefährdung
ausgesetzt, -- ganz abgesehen davon, daß der Staat durch jede
gesellschaftliche Krise indirekt mitgetroffen wird.
Einerseits handelt es sich auch dem Staat gegenüber um quantitativ
bestimmte Wirkungen, sofern dieser nämlich die streikenden Massen um
ihrer Zahl willen nicht mehr in den Schranken von Recht und Ordnung zu
halten vermag; andererseits um qualitativ bestimmte Wirkungen, wenn
große Streiks "an Stellen, wo sie dem Staat und der öffentlichen Gewalt
am empfindlichsten sind", ausbrechen (Verkehrs- und Nachrichtendienst,
Militärverproviantierung usw.), infolge der Natur der streikenden
Betriebe die eigensten Funktionen des Staates stören und eine
"Desorganisation des Staatsmechanismus" einleiten würden.[108]
[Fußnote 108: Auf eine solche Wirkung rechnen _Parvus_, a. a. O.;
_Zetkin_ (vgl. Vorwärts, 23. Aug. 05); _Roland-Holst_, a. a. O. p. 100
ff.; _Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres" p. 208.]
Wenn qualitativ und quantitativ bestimmte gesellschaftliche Wirkungen
sich vereinigen, wenn der Massenstreik "der ganzen bürgerlichen
Gesellschaft Unbequemlichkeiten und Verluste" zufügt,[109] "die
notwendigen Funktionen der Wirtschaft" stilllegt und Störungen im
öffentlichen Betrieb bewirkt,[110] den "Lebensprozeß der
kapitalistischen Gesellschaft" bedroht, wenn er als "maladie
publique",[111] als "nationale Kalamität"[112] auftritt oder auftreten
soll, dann wird es sich kaum um den _innergewerblichen Massenstreik_
handeln, dann wird in der Regel ein _Klassenstreik_ vorliegen, oder zum
mindesten doch ein solcher gewerblicher Massenstreik, dem wir, eben um
dieser Wirkungen willen, eine Grenzstellung anweisen, den wir als
_Pseudo-Klassenstreik_ bezeichnen müssen.
[Fußnote 109: _Kautsky_, a. a. O. p. 690.]
[Fußnote 110: _Adler_ (Prot. Parteitg. Wien 05, p. 126).]
[Fußnote 111: M. _Fazy_, Zu den Motionen _Scherrer_ und _Sulzer_ (Amtl.
Stenogr. Bulletin der Schweiz. Bundesversammlung, Jahrg. XVI, p. 912).]
[Fußnote 112: _Kautsky_, "Die Soziale Revolution", p. 49 ff.; ähnl.
_Ulrich_, "Die Arbeiterausstände und der Staat", p. 1, 2.]
Die gewerblichen und die außergewerblichen Wirkungen des Klassenstreiks
treten in verschiedenen Kombinationen auf, je nachdem es sich um
Forderungen an die Unternehmer oder um solche an die Öffentlichkeit
handelt. (Natürlich versuchen wir hier nur eine Schematisierung des
Vorgangs, eine sozusagen geometrische Skizzierung der typischen
Grundformen, die unter der vielfarbigen Übermalung durch die stets
veränderliche Wirklichkeit noch hervorschimmern.)
Bei _wirtschaftlichen_ Forderungen wird die Druckkraft des Streiks bloß
auf die Unternehmer zwar nicht eben bedeutende Erfolge herbeiführen;
hingegen vermag vielleicht der zugleich auftretende gesellschaftliche
Druck die Öffentlichkeit dermaßen zu beunruhigen, daß sie einzuschreiten
versucht, den empfangenen Druck weiterleitet, ihn auf die
"widerspenstigen Unternehmer" überträgt. Je weniger die Allgemeinheit
unter der Erfüllung der Streikforderung zu leiden hat, je mehr sie den
Standpunkt der Arbeiter teilt und den der Unternehmer tadelt (wie dies
manchmal großen Monopolisten gegenüber der Fall ist), um so energischer
wird sie auch die Erfüllung der proletarischen Wünsche verlangen, so daß
also auf den Unternehmern außer dem allerdings nur schwachen
gewerblichen Druck ev. indirekt noch der bedeutendere gesellschaftliche
Druck lastet. Von der politischen Stärkeverteilung hängt es ab, ob die
Unternehmer ev. auch durch gesetzliche Regelung der fraglichen
Verhältnisse zur Gewährung der Forderung gezwungen werden können.[113]
[Fußnote 113: Ein derartiger Vorgang lag beim österr. Kohlengräberstr.
vor (vgl. _Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 689 ff.), wäre aber
auch beim reinen Kl-str. denkbar.]
Bei _politischen_ Forderungen kommt es zwar hauptsächlich auf die Stärke
des direkten gesellschaftlichen Druckes an, doch läßt sich dieser
indirekt noch durch den gewerblichen Druck, den der Streik auf die
Unternehmer ausübt, steigern; denn zeigen letztere auch wenig
Entgegenkommen bei ökonomischen Forderungen, die sie ev. aus der eigenen
Tasche befriedigen müßten, so neigen sie hier naturgemäß eher ein wenig
zu Konzessionen, wo sich der immerhin auch bei Massenstreiks erwünschte
gewerbliche Frieden auf Kosten dritter, nämlich auf Kosten der Regierung
erkaufen läßt. Je nachdem im Arbeitgeber der Staatsbürger oder der
Unternehmer vorherrscht, wird er seinen Einfluß für oder gegen die
Arbeiterforderung in die Wagschale werfen.[114]
[Fußnote 114: Je mehr der Unternehmer seinen Schaden "auf die
politische Maschine" übertragen könne, "um so wirksamer wird der Streik
sein" (_Adler_, Prot. Parteitg. Wien 05, p. 126 ff.; ähnl. _Kautsky_, a.
a. O.).]
Bricht der Klassenstreik in einem revolutionären Moment aus, wenn also
eine Kluft zwischen der bürgerlichen Gesellschaft und dem Staat besteht,
so kann auf letzterem außer dem direkten unter Umständen auch noch der
von Gesellschaft und Unternehmertum auf die Regierung überwälzte, also
ein indirekter Streikdruck lasten.
Eine Überwälzung eines indirekten Streikdrucks auf die Regierung ist
natürlich in wirklich demokratischen Staatswesen völlig
gegenstandslos,[115] da in solchen eine Kluft zwischen Regierung und
Volksmajorität prinzipiell ausgeschlossen ist. Überhaupt ist in der
durchgeführten politischen Demokratie jeder politische Streik so
überflüssig,[116] wie es der gewöhnliche Streik bei durchgeführter
gewerblicher Demokratie sein würde.[117] Nur wer, wie die französischen
revolutionären Syndikalisten, an die ausschlaggebende Bedeutung
sektiererischer Minoritäten glaubt, der wird auch in der Demokratie den
Streik predigen.[118]
[Fußnote 115: Gegen den pol. M-str. in der Demokratie äußerte sich z.
B. der Schweizer. Arbeitersekretär _Greulich_; vgl. auch z.B.
_Bourdeau_, p. 442.]
[Fußnote 116: _Kautsky_, a. a. O. p. 732, 733.]
[Fußnote 117: _Bernstein_, z.B. "Der Kampf in Belgien und der
politische Massenstreik", p. 416 ff.]
[Fußnote 118: "La démocratie... opprime la minorité qui porte en elle
l'avenir. La tactique de combat syndicaliste n'a aucun égard à la masse,
qui ne veut pas vouloir, et met au premier rang ceux qui sont décidés à
agir" (_Pouget_, cit. bei _Bourdeau_, p. 44; vgl. auch _Lagardelle_,
"Die syndikalistische Bewegung in Frankreich", und _Deville_,
"Revolutionärer und reformistischer Sozialismus in Frankreich", p. 26,
27). _Jaurès_ (vgl. "Aus Theorie u. Praxis", p. 119 ff., und "Grève et
Révolution" [Humanité, 5. Nov. 05]), der diesen Standpunkt ursprünglich
bekämpfte, macht den Syndikalisten doch insoweit Konzessionen, als er
zugibt, "la grève générale en France... pourra communiquer à la masse
lourde de la démocratie l'animation concentrée dans la classe ouvrière
organisée. Elle pourra même abreger l'agonie du régime capitaliste".]
Treten politische und wirtschaftliche Forderungen zusammen auf[119] so
kann der Gesamtdruck hierdurch verringert oder verstärkt werden, je nach
der Stellungnahme der Unternehmerschaft. Ist diese von vornherein zu
unbedingter Ablehnung der wirtschaftlichen Forderungen entschlossen, so
wird sie sich kaum für die Durchsetzung der politischen Wünsche bemühen,
wenn deren Erfüllung den Streik doch noch nicht beendigen würde. Liegt
den Unternehmern aber die politische Forderung selbst am Herzen, so
kommen sie vielleicht ausnahmsweise den Arbeitern in ökonomischer
Hinsicht entgegen, um deren Streikfähigkeit zu steigern.[120]
[Fußnote 119: Bei den meisten polit. M-streiks traten die Arbeiter auch
mit spez. wirtschaftlichen Forderungen an die Unternehmer heran: schon
beim Plug-Plot; in Belgien, usw.; auch 1894 von einem Teil der österr.
Sozialdemokratie für den projektierten Wahlrechtsstreik geplant (vgl.
_Hueber_, Prot. Parteitg. Wien 94, p. 58, _Adler_, Prot. Parteitg. Wien
05, p. 131).]
[Fußnote 120: Dies soll in Rußland vorgekommen sein (vgl. z.B.
_Roland-Holst_, "Der politische Massenstreik in der russischen
Revolution", p. 216).]
Ähnlich wie zu den verschiedenen Arten des Streiks, der offenen
Arbeitsunterbrechung, verhält sich der Klassenstreik zu denen der
versteckten, der trotz formeller Weiterarbeit tatsächlichen
Arbeitsunterbrechung, zu den Arten des _verschleierten Streiks_.
Seine legale Form bildet die sogenannte _passive Resistenz_ oder
_Dienstobstruktion_. Durch verabredete, peinlichste Befolgung eines den
Betriebserfordernissen nicht, resp. nicht mehr angepaßten
Dienstreglements wird der Arbeitseffekt so herabgesetzt, daß
tiefgreifende Betriebsstörungen oder Betriebslähmungen eintreten, die
den Wirkungen einer direkten Arbeitsverweigerung völlig gleichen. In
großem Maßstab wurde diese Methode bisher nur im Eisenbahnbetrieb
angewandt (in Italien und Österreich, wo sie völlig den Effekt eines
Massenstreiks ausübte).[121] Die Dienstobstruktion ist wirklich eine
"verteufelt schlaue Idee..., wenn sie auch in der Praxis, weil zu fein
zugespitzt, bald schartig werden kann";[122] "steht und fällt" sie doch
mit dem Reglement, nach dessen zweckmäßiger Revision sie entweder
erlöschen, oder den ihr eigentümlichen Boden formeller Legalität
verlassen und in den _Sabot_[123] übergehen muß. Der Sabot bedeutet
"systematisch langsam arbeiten oder Pfuscharbeit liefern",[124]
"Unsichermachung des Betriebs, Zerstörung von Produktionsmitteln",[125]
ist also völlig verwerflich.
[Fußnote 121: Vgl. Rdsch. Soz. Mh. Juni 05, p. 557-558; _Olberg_,
"Nachträgliches zum Eisenbahnerstreik", p. 380, 381; Rudolf Graf
_Czernin_, "Die Bekämpfung der passiven Resistenz", p. 7 ff.]
[Fußnote 122: Soz. Prx. 1905, Nr. 22.]
[Fußnote 123: Sabot = Hemmschuh, Radschuh, Bremse. -- _Lagardelle_
("Die syndikalistische Bewegung in Frankreich", p. 119) nennt das
englische Ca' canny als Ursprung der Sabotage; letztere müsse man
übrigens "als ein Kampfmittel der Verzweiflung betrachten, welches in
das System der an sich nötigen Werkstättearbeiten, das der Syndikalismus
aufstellt, nicht gehört".]
[Fußnote 124: Aus der Taktik der Confédération générale du Travail
(vgl. "Antimilitarismus und Generalstreik", Beilage zu Nr. 11 der
"_Wahrheit_").]
[Fußnote 125: "_Weckruf_" 05, cit. in der N. Z. Z. vom 12./10. 05, Nr.
283.]
Auch _Demonstration_ und _Insurrektion_ sind häufig mit
Arbeitsniederlegung verknüpft und kommen dann, da sie zudem meist Ziele
verfolgen, wie sie auch bei gewissen Klassenstreiks begegnen, diesen
äußerst nahe.
Wenn z.B. die Versammlungs- oder Straßendemonstration durch Arbeitsruhe
verstärkt wird,[126] so verwandelt sie sich bei genügender Ausdehnung
und genügender Dauer in den demonstrativen Klassenstreik. Insbesondere
kann dies bei der _Maifeier_ der Fall sein. Die Maifeier war
ursprünglich wohl als ein kurzer demonstrativer Weltstreik geplant.[127]
Entstammt sie doch der gleichen Quelle, wie der anarchistische
Generalstreik selbst;[128] möglich auch, daß der internationale
Arbeiterkongreß in Paris 1889 für die internationale Kundgebung zum 1.
Mai 1890 die Arbeitsruhe im Sinne hatte; doch enthielt er sich jeder
Vorschrift über die Form der Kundgebung;[129] auch auf den folgenden
nationalen und internationalen Kongressen wurde die Arbeitsruhe nur als
"würdigste" und "wirksamste", daher erstrebenswerteste Form der
Maifeier, keineswegs als deren Bedingung hingestellt.[130] Da zudem,
neben Tendenzen zur Abschaffung der Maifeier[131] auch Bestrebungen
aufgetaucht sind, aus praktischen Gründen von der Arbeitsruhe überhaupt
ganz abzusehen,[132] so läßt sich die Maifeier höchstens als "tentative
de grève générale",[133] nur ganz ausnahmsweise als wirklicher
Klassenstreik ansehen.
[Fußnote 126: Durch die Arbeitsruhe soll die Wirkung der Demonstration
in Bezug auf Eindrücklichkeit und Propagandakraft vertieft werden (vgl.
_Eckstein_, p. 361; "'Der politische Streik' und der Staatsanwalt", a.
a. O.; Bericht der Delegation der sozialdemokratischen Arbeiterpartei
Rußlands... p. 51; A. _Rudolph_, "Zur Maifeier"; _Bernstein_, "Pol.
M-str. u. pol. Lage", p. 33, 34; ders. "Der Kampf in Belgien und der
politische Massenstreik", p. 415, 416; _Block_, p. 563; _Cohnstaedt_, a.
a. O.; _Bömelburg_, Prot. Parteitg. Jena 05, p. 233; Prot. Parteitg.
Bremen 04, p. 193; Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 62.)]
[Fußnote 127: Die Maifeier ist eine Demonstration "für die gesetzliche
Einführung des achtstündigen Arbeitstags, für die Klassenforderungen des
Proletariats und für den Weltfrieden" zwecks Aufrüttelung der
"öffentlichen Gewalten" (vgl. die Protokolle der int. Kongr. von
Amsterdam 04, p. 53 ff.; Paris 1889, p. 123; Brüssel 1891; Zürich 1893,
p. 35; London 96, p. 29; Prot. Parteitg. Jena 05, p. 141).]
[Fußnote 128: Im Dez. 1888 beschloß der Kongreß der Federation of
Labour in St. Louis, am 1. Mai 1890 eine Kundgebung für die
Arbeiterforderungen zu veranstalten (vgl. z.B. Flugschrift zum 1. Mai
1895 [Buchdruckerei des Schweizerischen Grütlivereins]).]
[Fußnote 129: Prot. Int. Kongr. Paris 1889, p. 123.]
[Fußnote 130: _Kampffmeyer_, "Zur Maifeierfrage"; Protokolle der int.
Kongresse Brüssel 91; Zürich 93, p. 35; London 96, p. 29; Amsterdam 04,
p. 53 ff.]
[Fußnote 131: So z.B. auf der 9. Generalvers. des Zentralverbandes der
Schiffszimmerer Deutschlands im Mai 05; doch wurde der diesbezügl.
Antrag abgelehnt (vgl. Vorwärts, 25. 5. 05).]
[Fußnote 132: Vgl. Prot. Gwft. Kongr. Köln 05; man wollte die Feier auf
den Abend (Resolution _Schmidt_ auf dem Gewerkschaftskongr. Köln), oder
auf den ersten Sonntag im Mai verlegen (vgl. Prot. Gwft. Kongr. Köln;
Rdsch. Soz. Mh., Juni 05, über den Kongr. der belg. Arbeiterpartei
Ostern 05; Prot. int. Kongr. Brüssel 1891), wie dies tatsächlich in
einigen Ländern geschehen ist (Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 53
ff.).]
[Fußnote 133: _Briand_, "La grève générale et la révolution", p. 14.]
Hingegen wird die _Insurrektion_ wohl stets mit Arbeitsruhe verknüpft
sein. Bei früheren Revolutionen, zur Zeit der Vorherrschaft der
handwerksmäßigen Technik, mag die Arbeitsruhe freilich nur eine geringe
Rolle gespielt haben, denn die unterbrochene Handwerksarbeit läßt sich
nicht allzuschwer wieder aufnehmen, und wo etwa doch eine ernstliche
Störung eintrat, berührte diese, wegen der Enge des Marktgebiets, nur
einen verhältnismäßig kleinen Kreis; bei der heutigen industriellen
Entwicklung aber dürfte die Revolution fast notwendig mit dem
Klassenstreik verbunden sein.[134]
[Fußnote 134: Ein Beispiel hierfür scheint die russ. Revolution zu
bieten.]
Neben der _Verweigerung_ der _Produktionskraft_ des Proletariats tritt
die allgemeine Zurückziehung seiner _Konsumkraft_ aus dem bürgerlichen
Wirtschaftsleben sowohl wegen der geringen proletarischen Kaufkraft, als
auch wegen der fast unüberwindlichen Schwierigkeiten selbständiger
Verproviantierung an Bedeutung vollständig zurück.[135] -- Praktisch
ebenso erfolglos ist die Zurückhaltung von Leistungen gegenüber dem
Staat, sei es auf dem legalen Weg der parlamentarischen
Steuerverweigerung oder des Boykotts steuerbelasteter Waren,[136] sei es
in rechtswidriger Weise durch die militärische Dienstverweigerung oder
eigenmächtige Steuerverweigerung.
[Fußnote 135: Schon in der Chartistenbewegung wurde "exclusive dealing"
und "run on the banks for gold" (_Gammage_, p. 109), während der österr.
M-streikdebatten Bezugsbeschränkung auf Konsumvereine und Kleinhändler
vorgeschlagen (Prot. Parteitg. Wien 1903, p. 122ff.); es tauchte in
Österreich auch der Plan auf, einen ev. pol. M-str. durch Verweigerung
des Wohnungszinses zu unterstützen (Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 105).
Das Umgekehrte liegt bei den "Hungerstreiks" vor, wo nur das eigene
Leben einer Gefahr ausgesetzt wird, um hierdurch zu demonstrieren, um
"durch Imponderabilien, durch Furcht vor Skandalen, durch Erweckung
menschlicher Empfindungen doch einen Eindruck zu erzielen" (vgl.
_Liebknecht_, Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 195).]
[Fußnote 136: "Abstinence from all excisable articles" (_Gammage_)
schon bei den Chartisten geplant, ähnl. in der österr.
Wahlrechtsbewegung vorgeschlagen (Prot. Parteitg. Wien 03, p. 122ff.).]
_Zweiter Teil:_
Geschichte des Klassenstreiks und der Klassenstreikidee.
Erstes Kapitel:
_Vorläufer._
§ 7. Klassenstreikähnliche Bewegungen im Altertum und in neuerer Zeit.
Der Klassenstreik ist keineswegs so neu, wie es ihm manche seiner
heutigen Entdecker nachrühmen.[137] Denn er trat schon in den
sozialistischen "Flegeljahren" auf,[138] er erschien bereits an der
Wiege der modernen Arbeiterbewegung. Und eigentlich ist er noch viel
älter; eigentlich stammt er aus dem _Altertum_. Die antike Geschichte
kennt zwar keinen wirklichen Klassenstreik in unserem modernen Sinn,
aber doch immerhin klassenstreikähnliche Bewegungen: nämlich den
"sagenhaften _Massenstreik der Juden in Ägypten_, der nach der Bibel
ausbrach, weil die Beamten des Pharao den jüdischen Ziegelarbeitern
nicht das nötige Stroh zum Ziegelbrennen lieferten, und am Ende der
Dinge die Folge hatte, daß Pharao mit seinen Truppen im roten Meer
ertrank".[139] Und eine klassenstreikähnliche Bewegung war auch der
_Auszug der Plebejer auf den heiligen Berg_ im Jahre 494 v. Chr.[140]
Wollten die gedrückten Bauern die Patrizier durch diesen Entzug
militärischer und ökonomischer Kräfte in Verlegenheit setzen und dadurch
zur Nachgiebigkeit bewegen? Wollten sie nur den unerträglichen Lasten
entfliehen? Jedenfalls war den Römern die Wirkung der Sezession
empfindlich genug, um ihre Beendigung durch ein kostbares politisches
Recht, das Volkstribunat, zu erkaufen.[141]
[Fußnote 137: Von der "neuen Strategie" spricht z.B. E. Th. in dem
Artikel "Der Parteitag von Jena und der Generalstreik" ("Einigkeit" 9.
12. 05).]
[Fußnote 138: _Vliegen_ (Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 28).]
[Fußnote 139: _Bernstein_, "Der politische Massenstreik und die
politische Lage der Sozialdemokratie in Deutschland", p. 18; auf den
jüdischen Volksstreik verweist auch _Penzig_, "Massenstr. und Ethik", p.
3; ferner Nationalrat _Scherrer_, der Moses als Streikführer bezeichnet
(vgl. das amtl. stenogr. Bulletin der schweizerischen Bundesversammlung,
Bern 1906, Jahrg. XVI, p. 864); vgl. Exodus, Kap. 5 ff.]
[Fußnote 140: Freilich handelte es sich auch hierbei nicht gerade um
freie Lohnarbeiter. --Das aus dem Krieg heimkehrende römische Heer
erfährt, daß die Reformen zu Gunsten der Bauern vom Senat abgelehnt
worden sind; es verläßt darauf den Feldherrn und zieht in militärischer
Ordnung auf den heiligen Berg, wo es Miene macht, eine neue
Plebejerstadt zu gründen. "Dieser Abmarsch tat selbst den hartnäckigsten
Pressern auf eine handgreifliche Art dar, daß ein solcher Bürgerkrieg
auch mit ihrem ökonomischen Ruin enden müsse: der Senat gab nach."
(_Mommsen_, "Römische Geschichte", 3. Aufl. 1861, 1. Band, 2. Buch, Kap.
II, p. 263, 264).]
[Fußnote 141: Auf den Auszug der Plebejer als auf einen der ältesten
Klassenstreiks verweisen _Bernstein_ ("pol. M. Str. u. pol. Lage", p.
19; ders., "Der Streik", p. 9); _Penzig_ a. a. O. p. 3ff.; _Bourdeau_,
"Les grèves politiques", p. 425.]
Auch das ausgehende _Mittelalter_ weist, mit dem Beginn der
kapitalistischen Produktionsweise, Erscheinungen auf, die dem modernen
Klassenstreik nicht unähnlich sind. So in _Flandern_, wo sich im 14.
Jahrhundert die soziale Gärung, deren Träger hauptsächlich die Arbeiter
der Wollindustrie waren, in Volksbewegungen geltend machte, "bei denen
sich leicht alle für einen Arbeiterstreik charakteristischen
Erscheinungen wahrnehmen lassen".[142] Auch der sogenannte
_Ciompi_-Aufstand in Florenz 1378, der von den niedersten Elementen der
Wollenzunft ausging, scheint streikartigen Charakter getragen zu
haben.[143] Als Vorläufer in neuerer Zeit wäre z.B. aus den 90er Jahren
des 18. Jahrhunderts die Lohnbewegung der _Hamburger_ Schlosser zu
nennen, der sich aus Solidarität zunächst andere Gesellen, dann auch die
Fabrikarbeiter anschlossen, so daß eine Zeit lang allgemeine Arbeitsruhe
herrschte; die Bewegung wurde jedoch, da die Demonstrationen bald einen
aufrührerischen Charakter annahmen, mit Waffengewalt beendigt.[144]
[Fußnote 142: Vgl. _Pirenne_, Geschichte Belgiens, p. 419, 420.]
[Fußnote 143: Vgl. _Doren_, "Die Florentiner Wollentuchindustrie", p.
240 ff., 410. --]
[Fußnote 144: Vgl. A. _Heinrich_, "Ein Generalstreik in Hamburg vor 100
Jahren", p. 507.]
Wenige Jahre, ehe sich in Hamburg aus einem partiellen Streik zufällig
eine klassenstreikartige Erscheinung entwickelte, hatte bereits
_Mirabeau_ geäußert, das Volk könne "se croiser les bras pour obtenir
justice",[145] und als "erster Verkünder des Generalstreiks" den
privilegierten Ständen in der Nationalversammlung zugerufen: "Prenez
garde!... n'irritez pas ce peuple qui produit tout,[146] et qui pour
être formidable n'aurait qu'à être immobile".[147]
[Fußnote 145: Vgl. _Destrée_ und _Vandervelde_, "Le socialisme en
Belgique", p. 258.]
[Fußnote 146: Unter "peuple" ist natürlich der Tiers-Etat, also
Bürgertum inkl. Lohnarbeiter, zu verstehen.]
[Fußnote 147: Cit. bei _Jaurès_, (Enquête, p. 111) und _Umrath_, a. a.
O. p. 13.]
Nach den angeführten Beispielen kann zugegeben werden, daß "das große
Wort 'Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will!', dieses
Wort mit allen Phantasien, mit allen Konsequenzen, besonders mit aller
Begeisterung, die sich daran knüpft.... dem Proletariat
selbstverständlich in Fleisch und Blut" liegt, so daß der Gedanke des
Klassenstreiks "ganz selbstverständlich ... in verschiedenen Ländern, zu
verschiedenen Zeiten, in verschiedenen Formen und mit verschiedener
Bestimmtheit" auftritt.[148] Dennoch darf der proletarische
Masseninstinkt nicht als einzige Quelle der Klassenstreikidee angesehen
werden; diese wurde vielmehr zu gleicher Zeit "von Theoretikern
ausgeheckt... philosophisch begründet... von einzelnen Denkern des
Proletariats ersonnen".[149] Der theoretische und der praktische Faktor
haben gemeinsam an der Ausgestaltung dieses Gedankens gearbeitet.
[Fußnote 148: Dr. V. _Adler_ (Prot. Parteitg. Wien, 05, p. 125).]
[Fußnote 149: Dies bestreitet _Adler_ a. a. O.]
§ 8. Die Klassenstreikidee im englischen Chartismus.
In den 1830er Jahren tauchte in England mehrfach der Plan eines
"Universalstreiks" auf.[150] Doch der Gedanke, die allgemeine
Arbeitseinstellung auch in den Dienst politischer Forderungen zu
stellen, ist nicht in den englischen Arbeitermassen, sondern in den
Köpfen bürgerlicher Chartistenführer entstanden. Es soll ihnen dabei der
Auszug auf den heiligen Berg vorgeschwebt und sie zur Bezeichnung ihres
projektierten Streiks als "heilige" Woche veranlaßt haben;[151] sonach
wäre also auch unser moderner Klassenstreik durch ein geistiges Band mit
der Antike verknüpft.
[Fußnote 150: So forderte _Fielden_, angeregt durch die energische
Propaganda der "Gesellschaft für nationale Wiedergeburt" (von _Owen_ im
Dez. 1833 gegründet), die Textilarbeiter von Lancashire zu einem
"Universalstreik" zur Erlangung des 8-St.-Tages auf. Ein derartiger
Versuch, unter Führung der Baumwollspinner, scheiterte (vgl. S. & B.
_Webb_, "Geschichte des britischen Trade-Unionismus", p. 102, 103, 124,
125). -- 1834 trat die "grand national consolidated trades union" ins
Leben, und "es war die eingestandene Politik der Föderation, einen
Generalstreik aller Lohnarbeiter des ganzen Landes ins Werk zu setzen"
(S. & B. _Webb_, a. a. O. p. 104-106).]
[Fußnote 151: Vgl. _Bernstein_, "Der Streik als politisches
Kampfmittel", p. 960.]
Die Klassenstreikidee, die im Frühling 1838 im Chartismus erschien, ging
von der Birminghamer "political union" aus und wurde ganz besonders von
_Atwood_ propagiert.[152] Würde das Parlament "wahnsinnig genug" sein,
um die Petition[153] zu verachten, so wolle er das Volk "zu einem
feierlichen, heiligen, allgemeinen Ausstand aufrufen, nicht des
Arbeiters gegen den Herrn, sondern einem Ausstand aller gegen den
gemeinsamen Feind!", "then the working men with such of the middle class
as might be disposed to favour their views,[154] should proclaim a
solemn and sacred strike from every kind of labour. Not a hand was to be
raised to work, but every heart, every head, and every arm was to be
directed to the furtherance of the people's cause, until victory smiled
upon their efforts".[155] Denn durch "a national strike for one week,
during which time not a hammer was to be wielded, nor an anvil sounded,
nor a shuttle moved, throughout the country", könne das Volk auf das
Unterhaus "exercise... a little gentle compulsion".[156] -- _Atwood_ war
Gegner von Gewalttätigkeiten, bekämpfte also auch die Gruppe der
"physischen Gewalt" im Chartismus. Wenn er trotzdem ein Mittel empfahl,
das unweigerlich zur Revolution führen mußte, so war er sich entweder
dieser Konsequenz nicht bewußt,[157] oder -- und dies erscheint als das
Wahrscheinlichere -- er durfte diese Konsequenz außer Acht lassen, weil
er gar nicht die Absicht hatte, die holy week wirklich zu inszenieren.
Denn Atwood kannte sehr genau die Voraussetzungen ihrer siegreichen
Durchführung und wußte, daß, wenn diese Voraussetzungen einmal erfüllt
wären, die Chartisten auch ohne Streik siegen konnten. Aber die
Vorbereitung eines solchen Ausstandes konnte nach seiner Ansicht die
moralische Kraft des Volkes stärken und hierdurch gerade "die wilden und
verbrecherischen Verirrungen physischer Kraft" erdrücken;[158]
vielleicht glaubte er auch, daß das Parlament vor der Streikdrohung
kapitulieren und die Charte gewähren würde, wodurch sich die Frage der
heiligen Woche ja ohne weiteres erledigt hätte.
[Fußnote 152: Vgl. _Gonner_, "The Early History of Chartism", p. 636.
--_Atwood_ sprach für den Kl.Str. anläßlich der von der Birminghamer
"political union" am 21. u. 28. Mai 1838 veranstalteten Meetings, an
denen sich 150 000, resp. 200 000 Demonstranten beteiligten und ihm
zujubelten (Birminghamer Journal, 26./5. 1838, cit. bei _Tildsley_, "Die
Entstehung und die Grundsätze der Chartistenbewegung", p. 36, 37); am
16. Aug. 1838 setzte er in der Demonstrationsversammlung im Midland "die
heilige Frist von einer Woche fest, wenn das Unterhaus die Petition
nicht annähme" (_Tildsley_, a. a. O. p. 38); ähnlich sprach er auch auf
dem großen Birminghamer Meeting 1838.]
[Fußnote 153: Mit den 5 chartistischen Forderungen.]
[Fußnote 154: Es sollte also nicht eine reine Lohnarbeiterbewegung
werden.]
[Fußnote 155: _Gammage_, "History of the Chartist Movement".]
[Fußnote 156: Diese Worte machten großen Eindruck auf die Zuhörer (vgl.
_Gammage_, a. a. O. p. 43).]
[Fußnote 157: _Gammage_ a. a. O.]
[Fußnote 158: _Tildsley_, a. a. O. p. 48, 49.]
Dieser friedfertige Charakter des "national holiday" verschwand aber,
als im Winter 1838/39 die Führung der Chartistensache mehr und mehr auf
den extremen Flügel überging. Aus der demonstrativen "heiligen Woche"
wurde ein "heiliger Monat" mit Pressionscharakter;[159] die
linksstehenden Konventsmitglieder, die ihr eigenes revolutionäres
Empfinden in die Massen projizierten, rechneten sogar stark mit seiner
baldigen Verwirklichung. Immerhin befragte der Konvent das Volk in einem
Manifest noch direkt nach seiner Kampfbereitschaft, ob es bei ev.
Ablehnung der Charte "ulterior means", z.B. "an universal cessation of
labour" anzuwenden geneigt sein würde.[160] Die sogenannten Simultaneous
Meetings (Monstre-Versammlungen im ganzen Lande vom Mai-Juli 1839),
bereiteten unter dem Einfluß der extremen Chartistenführer dem Manifest
eine begeisterte Aufnahme.[161] Schließlich glaubte der ganze Konvent,
"a holiday, or sacred month would be found to be the only effectual
remedy for the sufferings of the people",[162] "that, until they had a
sacred holiday they would never have universal suffrage".[163] Die
Bedächtigeren freilich verlangten doch noch zuerst einen Versuch mit den
übrigen Mitteln, oder mindestens eine Vorbereitung des heiligen Monats
(z.B. Einsetzung einer Kommission zur Ausarbeitung des besten
Aktionsplans, "to select a few trades whose cessation from labour would
cause all other trades to leave off work"; Errichtung eines Streikfonds,
dessen Größe zugleich einen Gradmesser für die Streikbereitschaft der
großen Massen abgeben könne), und hintertrieben die sofortige Fixierung
eines Termins für seinen Anfang; doch vermochten auch sie den
"voreiligen und törichten Beschluß", daß der Konvent, bei Ablehnung der
Charte, am 13. Juli zusammenkommen müsse, um den definitiven Tag des
Streikbeginns festzusetzen,[164] nicht zu verhindern. -- Am 12. Juli
wurde die Charte wirklich vom Unterhaus abgelehnt, und am folgenden Tage
proklamierte der nur schwach besuchte Nationalkonvent, aller Warnungen
unerachtet, den 12. August als Eröffnungstag des heiligen Monats.[165]
Nun endlich aber kehrte dem Konvent die Einsicht in die realen
Machtverhältnisse zurück, endlich kam er zur Erkenntnis, warum das
Unterhaus sich durch die Streikdrohung nicht hatte einschüchtern lassen:
war es doch ganz unmöglich, den heiligen Monat in irgendwie erheblichem
Umfang zu verwirklichen; gerade unter der Majorität der wichtigsten
Distrikte fehlte, bei aller Begeisterung für die Charte, doch jede
Stimmung für den Ausstand;[166] nur die schlechtest gestellten Arbeiter
traten für ihn ein, während die Gewerkvereine ihn durchweg
ablehnten.[167] Daher erklärte sich der Konvent schon am 16. Juli für
inkompetent, Zeit und Umstände eines nationalen Generalstreiks
festzusetzen, und überließ dem Volke selbst die Entscheidung.[168] Die
Kommission, der die Befragung desselben aufgetragen worden war, riet
dringend, den Streikplan aufzugeben, und die ausschlaggebenden
Konventsmitglieder pflichteten ihr bei.[169] Am 6. Aug. vervollständigte
der Konvent seinen Rückzug durch die ausdrückliche Warnung vor dem
heiligen Monat; alles, was von dem stolzen Plane übrig blieb, war die
Empfehlung einer "grand national moral demonstration" (2-3tägige
Arbeitsruhe vom 12. Aug. an,[170] die auch zu Stande kam); die Bewegung
für den national holiday war vorläufig beendet.
[Fußnote 159: Von einer Beteiligung der Mittelklassen war nicht mehr
die Rede.]
[Fußnote 160: _Gammage_, p. 109; auch _Tildsley_, p. 46.]
[Fußnote 161: Wenigstens sagen dies die Berichte der Konventsmitglieder
beim Wiederzusammentritt des Konvents am 1. Juli 1839 in Birmingham;
vgl. _Gonner_, a. a. O. p. 640.]
[Fußnote 162: _Gammage_, a. a. O. p. 127.]
[Fußnote 163: So _O'Connor_; vgl. _Gammage_, a. a. O.]
[Fußnote 164: Dieser sog. Motion Dr. _Taylor_ stimmten auch solche
Konventsmitglieder zu, die von der Undurchführbarkeit eines heiligen
Monats zwar überzeugt waren, aber fürchteten, bei Ablehnung als
Feiglinge zu gelten; andere stimmten dafür, weil die Unternehmer mit
einer einmonatlichen Aussperrung drohten (_Gammage_ a. a. O. p.
126-130).]
[Fußnote 165: Man meinte, "the best time for commencing the sacred
month was when the corn was ripe and the potatoes were on the ground"
(cit. bei _Gammage_, a. a. O. p. 145).]
[Fußnote 166: Zwar berichtete Dr. _Taylor_ noch nach Ablehnung der
Charte, in den Industriebezirken sei die Organisation für den heiligen
Monat "going on like a house on fire"; zwar verpflichtete sich auch noch
nach Ablehnung der Charte ein Meeting in Newcastle einstimmig für den
heiligen Monat; aber diese, wie die früheren Streikbeschlüsse,
entstanden in der Aufwallung leidenschaftlicher Volksversammlungen und
entbehrten jeder reellen Grundlage (vgl. _Gammage_ a. a. O. p.
129-145).]
[Fußnote 167: Vgl. _Brentano_, "Die englische Chartistenbewegung".]
[Fußnote 168: Weil der Konvent durch "desertion, absence and arbitrary
arrests" sehr reduziert sei; weil sich im Konvent und in der
Arbeiterschaft Meinungsdifferenzen über die momentane Durchführbarkeit
eines heiligen Monats gezeigt hätten; weil man die Allgemeinheit des
Streiks bezweifeln müsse, ein bloß partieller Streik aber als großes
Unglück anzusehen sei, deshalb solle das Volk selbst entscheiden (vgl.
_Gammage_, a. a. O. p. 146).]
[Fußnote 169: _O'Connor_ verstieg sich jetzt sogar zu der ebenso kühnen
wie unzutreffenden Behauptung, er und alle hervorragenden Führer seien
von jeher gegen das Projekt überhaupt gewesen (_Gonner_, a. a. O. p.
641, 642; _Gammage_, a. a. O. p. 147, 148; _Tildsley_, a. a. O. p. 47,
48; _Bernstein_, "Der Streik als polit. Kampfmittel", p. 691).]
[Fußnote 170: Für diese wurde die Unterstützung der "united trades"
angerufen (_Gammage_, p. 154ff.).]
Die gescheiterte Klassenstreikpropaganda war natürlich nicht dazu
angetan, das ohnehin gesunkene Ansehen des Chartismus zu retten; doch
die Bewegung begann von Neuem, als im Jahre 1840 zahlreiche Führer aus
der Gefangenschaft zurückkehrten.[171] O'Connor's Parteidiktatur
hinderte eine ersprießliche Reformarbeit, sowie den Anschluß an die
Antikorngesetzliga und die Wahlgesetzreformbewegung der Mittelklassen.
Als daher am 2. Mai 1842 auch die zweite Petition vom Parlament
verworfen worden war, rückte die Gruppe der "physischen Gewalt" wieder
in den Vordergrund des Chartismus, und "amidst the general dejection a
few men clung to the idea, which had animated them in 1839".[172] Die
Gelegenheit zum Streik bot sich bald. Denn durch unvermittelte
Lohnreduktionen, sowie durch Entlassungen chartistischer,
liga-feindlicher Arbeiter[173] stieg das Elend in den Industriegegenden,
zugleich die Empörung und die Streiklust. Es erscheint gar nicht
ausgeschlossen, daß die Antikornzoll-Liga den Streik absichtlich
anzettelte,[174] um die daraus entstehende Aufregung für ihre Zwecke
auszunützen. Sicherlich aber lag es weder in den Plänen der Liga, noch
in denen der anerkannten Chartistenführer,[175] die nun ausbrechende
Lohnbewegung zu einem heiligen Monat zu erweitern und die
wirtschaftlichen Ziele mit chartistischen Forderungen zu verquicken. Und
doch war letzteres unvermeidlich; denn, auch abgesehen von der Agitation
der "few men", die immer noch an die Wunderkraft eines national holiday
glaubten,[176] ist es durchaus begreiflich, daß die "durch die
Chartistenagitation aufgewühlten" Arbeiter, "durch die Not zum
Äußersten gebracht, von selbst auf die Idee des heiligen Monats
zurückfielen".[177]
[Fußnote 171: Vgl. für das Folgende insbes. _Brentano_, a. a. O.]
[Fußnote 172: _Spencer Walpole_, "A History of England from the
conclusion of the great war in 1815" p. 136, 137.]
[Fußnote 173: _Gammage_, a. a. O. p. 217.]
[Fußnote 174: _Bernstein_ behauptet dies (vgl. "Der Streik als pol.
Kampfmittel"; "Pol. M. Str. u. pol. Lage" p. 20); auch _Tildsley_, a. a.
O. p. 48.]
[Fußnote 175: Vgl. _Brentano_ a. a. O.; nach _Gammage_ (a. a.
O. p. 214 ff.) lag es nicht in den Plänen der einsichtsvolleren
Chartistenminorität.]
[Fußnote 176: _Spencer Walpole_, a. a. O. p. 136, 137.]
[Fußnote 177: _Brentano_, a. a. O.]
Der Ausstand, gew. als _Lancashire-Streik_ bezeichnet, begann am 5.
August 1842[178] in Ashton und verbreitete sich rasch über Lancashire,
Staffordshire, Cheshire, Warwickshire, Yorkshire, Schottland und
Wales.[179] Zu den ursprünglich rein wirtschaftlichen Forderungen[180]
gesellte sich in kürzester Frist das politisch-chartistische
Postulat.[181] Mit dem Rufe "suspension of labour, until such time as
they obtained a fair day's wage for a fair day's work, and the Charter
became the law of the land",[182] zogen die Ausständigen von Fabrik zu
Fabrik, rissen die plugs (Pfropfen) von den Kesseln der Dampfmaschinen,
(woher der Name "plug-plot" für die ganze Bewegung),[183] zwangen die
Arbeitswilligen zum Streik[184] und die Kaufleute zu Kontributionen an
Lebensmitteln und Geld. Dabei kam es zu Ausschreitungen; und mochte
deren Umfang, verglichen mit der Größe der Bewegung, auch gering
erscheinen,[185] mochten die Führer, soweit solche vorhanden waren, auch
immer wieder raten, "to stand out for the Charter and to keep the
peace",[186] so folgten nun doch Verhaftungen über Verhaftungen;[187]
und da zudem der erhoffte Anschluß des ganzen Landes ausblieb,[188] so
brach der Streik zusammen; Ende August war die Arbeit wieder
aufgenommen.[189]
[Fußnote 178: _Bourdeau_, "Les grèves politiques", nennt irrtümlich den
12. Mai als Beginn (p. 427).]
[Fußnote 179: Der Streik der Kohlengräber zog die Arbeitsruhe in der
Töpferei nach sich. --In Cheshire und Lancashire allein standen 150
Werke (mills) still (vgl. _Spencer Walpole_, p. 136, 137) und 50 000
Menschen waren arbeitslos (vgl. _Gammage_, p. 249 ff.). In Manchester
und 50 Meilen im Umkreis ruhte alle Arbeit, bis auf die in den
Kornmühlen (vgl. _Brentano_, a. a. O.)]
[Fußnote 180: Im Juli 1842 begannen die Versammlungen in Ashton,
Staleybridge, Heyde, "auf denen die Redner eine Arbeitseinstellung
empfahlen, bis die Arbeitgeber ihren Arbeitern Gerechtigkeit widerfahren
ließen" (_Brentano_, a. a. O.).]
[Fußnote 181: Am 7. August beschloß man schon in Ashton und bei einem
Meeting auf Mottram Moor (vgl. _Gammage_, a. a. O. p. 217), am 8. Aug.
in Staleybridge, (vgl. _Brentano_, a, a. O.), die Arbeit nicht eher
wieder aufzunehmen, bis die Charte Gesetz sei. -- Ein "meeting of the
delegates of the factory districts" in Manchester erklärte am 12. August
mit 320 von 358 Stimmen ebenfalls, der Streik solle für die Charte
fortgeführt werden, und forderte in einer Adresse vom 16. August das
Volk zum Ausharren bis zur Gewährung der Charte auf (_Gammage_ a. a. O.
p. 217 ff.) -- Auch das Exekutiv-Komitee der "National Charter
Association" erließ schließlich einen derartigen Aufruf, in welchem
überdies die baldige Beteiligung von Schottland, Irland und Wales, sowie
die Zustimmung der Gewerkschaften zur Charte verkündet wurde; "and when
an universal holiday prevails, ... then of what use will bayonets be
against public opinion?" (vgl. _Gammage_, a. a. O. p. 219.)]
[Fußnote 182: _Gammage_, a. a. O. p. 217 ff.]
[Fußnote 183: _Brentano_, a. a. O.]
[Fußnote 184: Mit Erlaubnis der "comittees of public safety" durfte
übrigens hie und da weiter gearbeitet werden, z.B. in den Kornmühlen
und wo es sich um leicht verderbliche Produkte handelte (vgl.
_Brentano_, a. a. O. und _Spencer Walpole_, p. 136 ff.).]
[Fußnote 185: _Spencer Walpole_; _Brentano_, a. a. O.]
[Fußnote 186: _Gammage_, a. a. O. p. 219, 226.]
[Fußnote 187: Zahlreiche Chartisten wurden angeklagt, weil sie mit der
Arbeitseinstellung den Zweck verfolgt hätten, Aufregung in den Gemütern
der friedlichen Untertanen zu verursachen (so in der Anklageakte gegen
59 Chartisten im März 1843 vor den Lancaster-Assisen; vgl. _Gammage_, a.
a. O. p. 231).]
[Fußnote 188: Selbst im Streikdistrikt nahm nur etwa ein Siebentel der
Gesamtbevölkerung teil, davon viele unfreiwillig (_Gammage_, a. a. O. p.
249). Vor allem waren die Trade-Unions dem Streik fast durchgehend
abgeneigt (S. & B. _Webb_, a. a. O. p. 138). --Am 22. Aug. z.B. mußte
man sich noch darum bemühen, durch Volksversammlungen die noch immer
fehlenden Londoner Chartisten zum Anschluß zu bewegen.]
[Fußnote 189: _Brentano_, a. a. O., sowie _Spencer Walpole_, a. a. O.
p. 136, 137.]
Der Lancashire-Streik war in jeder Beziehung erfolglos verlaufen; die
Chartisten aber, trotz ihrer ursprünglichen Zurückhaltung, "got the
blame off all the follies enacted during the strike".[190] Er versetzte
dem nun langsam versandenden Chartismus den Todesstoß.
[Fußnote 190: _Gammage_, a. a. O. p. 249.]
Seither haben sich die maßgebenden Kreise der englischen Arbeiterwelt
nie wieder mit dem Klassenstreik-Problem abgegeben.[191]
[Fußnote 191: Nur noch bei den englischen Anarchisten, die aber keine
Rolle spielen, werde vom Klassenstreik gesprochen (vgl. Henri _Quelch_
["Enquête" p. 186]).]
§ 9. Die Klassenstreik-idee unter dem zweiten Kaiserreich.
Nach dem Fiasko des heiligen Monats blieb es zunächst still in der
Klassenstreik-Frage.[192] Sie wurde zwar in Frankreich theoretisch
angetönt, aber ohne Erfolg. So erklärte am 3. Dezember 1851 der
geistvolle Journalist _Girardin_, man müsse den Staatsstreich Louis
Napoleons, statt mit vergeblicher Waffengewalt, mit der "grève
universelle" beantworten:[193] "Que le marchand cesse de vendre, que le
consomateur cesse d'acheter, que l'ouvrier cesse de travailler, que le
boucher cesse de tuer, que le boulanger cesse de cuire, que tout chôme,
jusqu'à l'Imprimerie nationale, que Louis Bonaparte ne trouve pas un
compositeur pour composer le _Moniteur_, pas un pressier pour le tirer,
pas un colleur pour l'afficher! L'isolement, la solitude, le vide autour
de cet homme!.. Rien qu'en croisant les bras autour de lui, on le fera
tomber.. Organisons la _grève universelle_!"[194]
[Fußnote 192: In der internationalen Sozialdemokratie diente der
Ausgang des Plug-plot noch viel später häufig als Argument gegen den
Klassenstreik überhaupt (_Bernstein_, "Pol. M-Str. u. pol. Lage", p.
20); so bei _Liebknecht_ (vgl. Prot. int. Kongr. Paris 1889, p. 126), da
der Mißerfolg trotz der damals schon vorzüglichen engl.
Gewerkschaftsorganisation eingetreten sei; wobei _Liebknecht_ freilich
übersieht, daß die Trade-Unions sich ja fast vollständig zurückhielten.
-- Und _Greulich_ meint (in "Wo wollen wir hin?"), wäre der Kl-Str.
"wirklich ein probates Mittel gewesen,... so hätte England lange nicht
genug Soldaten gehabt, um über ihn Meister zu werden", übersieht aber
ebenfalls, daß der Streik von 1842 ein ganz unvollständiger Kl-Str.
war, der pol. Streik, wie er nicht sein soll, sagt _Bernstein_ ("Der
Streik als pol. Kampfmittel"); daher kann sein Mißlingen auch in der Tat
noch nichts gegen den Kl-Str. als solchen beweisen.]
[Fußnote 193: Vgl. hierüber _Albert Thomas_, "Le second Empire" p. 396
ff.]
[Fußnote 194: Nach den Berichten von _Victor Hugo_ und _Ténot_ (in
seinem "Paris en Décembre 1851"), welch letzterer hierbei den Ausdruck
"grève générale" gebraucht (vgl. _Thomas_ a. a. O.).] Aber entsprach
diese Idee vielleicht auch dem "état d'hostilité et de découragement
tout à la fois, où se trouvait le peuple", so war doch die Situation für
eine erfolgreiche Durchführung völlig ungeeignet. Daher schenkten selbst
_Girardins_ republikanische Gesinnungsgenossen dem merkwürdigen Projekt
keine weitere Beachtung.[195] Vielleicht aber hat man in dem kurze Zeit
später publizierten Satze _Auguste Comte's_, das Proletariat besitze in
der Möglichkeit der Arbeitsniederlegung ein äußerstes Mittel "contre les
violations graves et prolongées de l'ordre 'sociocratique'",[196] einen
Reflex des Girardinschen Gedankens vor sich. _Girardin_ kam übrigens
später noch einmal auf die grève universelle zurück, mit deren Hilfe er
den Regierungen ein "grand système d'assurances au profit des ouvriers
contre la misère et les accidents" abzunötigen gedachte,[197] fand aber
auch hiermit keinen Anklang.
[Fußnote 195: Vgl. hierüber _Thomas_ a. a. O.]
[Fußnote 196: _Auguste Comte_, "Système de politique positive"
(1852-54), cit. bei _Georges Weill_, "Histoire du Mouvement social en
France (1852-1902)", p. 23.]
[Fußnote 197: Vgl. _Girardin_, "Pouvoir et impuissance, Questions de
l'année 1865", 1867 erschienen (cit. bei _Weill_, p. 34.).]
In Deutschland und Frankreich trat man angesichts der kriegerischen
Aussichten dem Generalstreik etwas näher, und nicht nur überzeugte
Sozialisten,[198] sondern auch weitere Kreise, die der internationalen
Arbeiter-Assoziation fernstanden, sollen im "Generalstreik"
(Militär-Streik) das einzige Mittel gegen den drohenden Konflikt
erblickt haben, so der "sozialistoide Nationalist Henri _Rochefort_" (in
der "Lanterne") und der deutsche Demokrat Dr. F. _Goetz_.[199]
[Fußnote 198: Z.B. Wilhelm _Liebknecht_, der die G-streiktendenzen des
Brüsseler Kongresses auf dem 5. Vereinstag der deutschen Arbeitervereine
zu Nürnberg im September 1868 vertrat (vgl. _Michels_, "Die deutsche
Sozialdemokratie im internat. Verbande" p. 180 ff.); später änderte W.
_Liebknecht_ seine Ansichten bezüglich des G-streiks übrigens total.]
[Fußnote 199: Vgl. _Michels_, a. a. O. p. 180 ff.]
Wenige Jahre zuvor war die Klassenstreikidee in der _internationalen
Arbeiter-Assoziation_ aufgetaucht, ob auf Grund der eben erwähnten
Andeutungen, ob in Wiederaufnahme der chartistischen Idee vom heiligen
Monat, ob infolge der Wahrnehmung gewisser Wachstumstendenzen bei den
modernen Arbeitskämpfen, muß freilich dahingestellt bleiben.
Der Kongreß der internationalen Arbeiterassoziation in _Brüssel_ 1868
lehnte zwar den Streik als vollkommenes Emanzipationsmittel der
Arbeiterklasse noch ab;[200] doch empfahl er auf Anregung von _Caesar de
Paepe_[201] den Generalstreik "dans le cas d'un conflit entre les
grandes puissances européennes";[202] denn da der Gesellschaftskörper
nicht existieren könne, wenn die Produktion eine bestimmte Zeit hindurch
unterbunden wäre, so würden die Produzenten im Stande sein, durch
Arbeitseinstellungen die Unternehmungen persönlicher und despotischer
Regierungen unmöglich zu machen.[203] Übrigens wurde auf jenem Kongreß
auch die Militärdienstverweigerung in diesem Zusammenhang erwähnt.[204]
Den in Brüssel mehr nur gestreiften Gedanken spannen besonders die
belgischen Internationalisten weiter aus, und sie kamen zu dem Ergebnis,
daß bei dem wachsenden Umfang der Streiks schließlich ein Generalstreik
eintreten werde, "der bei den die Arbeiterschaft erfüllenden
Emanzipationsgedanken 'nur in einem die Gesellschaft neugestaltenden
Zusammenbruch auslaufen könnte'".[205]
[Fußnote 200: Vgl. _James Guillaume_, "L'Internationale", p. 69.]
[Fußnote 201: Vgl. _Michels_, "Die deutsche Sozialdemokratie im
internationalen Verbande", p. 239.]
[Fußnote 202: Die deutschen Sektionen hatten im Hinblick auf die
drohende Kriegsgefahr gefragt, welche Stellung die Arbeiter im
Kriegsfall einzunehmen hätten, vgl. _Jaeckh_, "Die Internationale", p.
76.]
[Fußnote 203: _Guillaume_, p. 69; _Umrath_, a. a. O. p. 13.]
[Fußnote 204: _Nieuwenhuis_ (Prot. int. Kongr. Zürich 1893, p. 21
ff.).]
[Fußnote 205: Cit. bei _Bernstein_, "Die Generalstreikgewerkschaft".
Die belgischen Internationalisten forderten auf ihrem Kongreß in
Antwerpen 1873 auch geradezu zur Vorbereitung des Weltstreiks auf (vgl.
_Pouget_, Enquête, p. 39).]
Die französischen Internationalisten (bes. in Lyon und Marseille),
dachten 1869 übrigens an eine wirkliche Inszenierung des Klassenstreiks
zur Unterstützung der politisch-republikanischen Bewegung. Von Marseille
aus fragte _Bastelica_ am 6. Okt. 1869 bei _Richard_ an: "Pourrait-on
compter sur Lyon pour faire une grève générale, le 26 octobre
seulement?";[206] der Termin war offenbar mit Rücksicht auf die für
denselben Tag angesetzte republikanisch-parlamentarische Aktion gewählt;
aber diese unterblieb, und ebenso der Generalstreik.
[Fußnote 206: Vgl. Albert _Thomas_, a. a. O. p. 358.]
Unter den Mitgliedern der Internationalen Arbeiter-Assoziation waren es
hauptsächlich die Anhänger _Bakunins_, revolutionäre und antipolitische
Gewerkschafter, die den Generalstreik-Kultus betrieben. Allerdings mußte
er während der inneren Kämpfe zwischen _Marx_ und _Bakunin_ etwas in den
Hintergrund treten. Der Bakuninistische Flügel erklärte sogar auf seinem
Kongreß in _Genf_ 1873[207] offiziell, daß "bei dem gegenwärtigen Stande
der Internationale" die Lösung des Problems vorläufig ausgeschlossen
sei; diesem resignierten Scheinbeschluß widersprachen übrigens die in
geheimer, also maßgebender Sitzung geäußerten Anschauungen, die auf
Befürwortung des Generalstreiks teils als Mittel der Expropriation,
teils als Mittel der Agitation und Reform gingen.[208]
[Fußnote 207: Vgl. _Umrath_, a. a. O. p. 13, 14.]
[Fußnote 208: Vgl. _Pouget_ (Enquête, p. 39).]
Die Klassenstreikidee verschwand nun vorläufig wieder von der
Tagesordnung der internationalen Arbeiterbewegung[209] und kam erst in
den 1880er Jahren, im Anschluß an die anarchistischen Versuche in
Amerika, wieder zur Sprache.
[Fußnote 209: Vgl. _Umrath_, a. a. O. p. 13, 14.]
Zweites Kapitel:
_Die moderne Arbeiterbewegung._
(a) Geschichte des politischen Massenstreiks.
§ 10. Belgien.
Was den Chartisten Ende der 1830er Jahre vorgeschwebt hatte, das wurde
von den belgischen Arbeitern gewissermaßen neu entdeckt und in
Wirklichkeit umgesetzt: der Klassenstreik erschien zweimal als
bedeutsame Episode in der belgischen Wahlrechtsbewegung.[210] Die
ausgedehnten Streiks der Bergleute mochten den Gedanken nahe legen, den
Ausstand auch einmal in den Dienst politischer Forderungen zu
stellen.[211] Jedenfalls faßte seit dem Jahre 1890 die belgische
Arbeiterpartei die Möglichkeit eines nationalen Ausstands zur Erringung
der Verfassungsrevision ernstlich ins Auge. Schon 1891 traten, im
Anschluß an die Maifeier, über 100 000 Bergleute in einen politischen
Streik und errangen damit vorläufig wenigstens die Zusicherung der
Revision.[212] Da der Wunsch nach einer solchen weiteste Kreise der
Bevölkerung ergriffen hatte, willigte die Regierung im Februar 1893
schließlich auch darein,[213] lehnte aber das allgemeine, gleiche
Wahlrecht von vornherein ab, obgleich ein Tags zuvor unter den 111 700
Stimmberechtigten von Brüssel und seinen Vorstädten veranstaltetes
privates Referendum über die verschiedenen Wahlrechtsprojekte sich mit
46 000 von 60 279 abgegebenen Stimmen für den Antrag des Radikalen
_Janson_, nämlich das allgemeine, gleiche Wahlrecht, ausgesprochen
hatte.[214] Am lebhaftesten trat die Arbeiterpartei, die damals
überhaupt noch keine parlamentarische Vertretung besaß, für die Ablösung
des Zensussystems durch das demokratische Wahlsystem ein, und sie
beschloß,[215] bei Ablehnung desselben, (oder bei Beeinträchtigung durch
Pluralstimmen, die nicht auf allgemein menschlichen Kriterien, sondern
auf Grund- oder Diplombesitz beruhen würden), sofort die "grève
générale" zu proklamieren; sie forderte auch (am 8. April) die
Arbeiterschaft auf, sich zum Äußersten bereit zu halten. Die maßgebenden
politischen Kreise legten indeß dieser Drohung offenbar nur sehr geringe
Bedeutung bei;[216] hatte doch auch kurz zuvor erst ein angesehener
belgischer Arbeiterführer die Möglichkeit des Klassenstreiks, selbst bei
so entwickeltem Industrialismus wie in Belgien, überhaupt in Abrede
gestellt.[217] --Immerhin traf die Regierung für alle Fälle einige
polizeiliche Vorkehrungen, die sich aber bald als ungenügend erwiesen.
Denn nachdem der Verfassungsrat[218] den Antrag Janson mit 115 gegen 26
Stimmen abgelehnt und mit der Prüfung der übrigen Vorschläge begonnen
hatte, dekretierte der Generalrat der belgischen Arbeiterpartei den
allgemeinen Ausstand,[219] der alsbald ausbrach[220] und Brüssel,[221]
die größeren Provinzstädte,[222] vor allem die Bergwerksdistrikte,[223]
im ganzen ca. 250 000 Arbeiter[224] umfaßte und acht Tage lang währte.
-- Die von den Ausständigen veranstalteten Protestversammlungen, Umzüge
und anderen Manifestationen führten mehrfach zu Zusammenstößen mit der
bewaffneten Macht, besonders wenn diese Aktionen mit Ausschreitungen
verbunden waren,[225] und sie forderten, vor allem auf Seiten der
Arbeiter, zahlreiche Opfer.[226] --Diese Ruhestörungen verstimmten die
Liberalen, so daß sie anfingen, ihr Zusammengehn mit den Arbeitern zu
bedauern; andererseits währten auch ihnen die Kammerberatungen
allzulang.[227] Sie forderten dringend eine Entscheidung,[228]
verständigten sich am 16. April mit den Ultramontanen, und bereits am
18., während draußen der Streik noch auf seinem Höhepunkt stand, nahm
die Kammer das Pluralwahlrecht nach überraschend kurzer Debatte, und
ohne daß man sich über die Durchführbarkeit des komplizierten
"Verlegenheitssystems" recht klar geworden wäre, mit 119 gegen 14
Stimmen (bei 11 Enthaltungen) an. -- Diese Nachricht erweckte in den
demokratischen und sozialistischen Kreisen große Begeisterung und hatte
fast überall eine sofortige Beruhigung der Gemüter zur Folge; am
gleichen Abend noch beschlossen Versammlungen in Brüssel und Gent die
Wiederaufnahme der Arbeit. Der Generalrat der Arbeiterpartei Belgiens
behielt sich zwar weiteren Kampf gegen das Pluralwahlrecht vor, forderte
die Arbeiterschaft aber auf, sich vorläufig mit der prinzipiellen
Einführung des allgemeinen Wahlrechts zufrieden zu geben. Am 20. April
war der politische Streik bereits beendigt und die Ruhe allgemein wieder
hergestellt.[229]
[Fußnote 210: Diese selbst geht auf das Jahr 1866 zurück, doch erst
seit 1886 oder 1887 nahm auch das Proletariat daran teil, vgl.
_Anseele_, "Der Kampf um das allgemeine Stimmrecht in Belgien".]
[Fußnote 211: In den Jahren 1880-1891 soll die Streikbewegung ca. 200
000 Arbeiter umfaßt haben (vgl. N. Z. Z. 18./4. 93 u. ff.; vgl. auch
_Bourdeau_, a. a. O.; _Roland-Holst_, "G-str. und Sozialdemokratie" p.
57.)]
[Fußnote 212: Vgl. _Destrée und Vandervelde_, "Le Socialisme en
Belgique", p. 116 ff. Im Interesse der Wahlrechtsbewegung fanden auch
Massenmeetings statt, z.B. 1890 in Brüssel mit einer Teilnahme von
75-80 000 Personen (vgl. _Anseele_, a. a. O.; _Destrée_ und
_Vandervelde_, a. a. O.); eine eifrige Wahlrechtspropaganda erfüllte die
folgenden Jahre.]
[Fußnote 213: Am 28./2. 1893 begann die Kammerdebatte über die
Notwendigkeit einer Revision, die auch der Ministerpräsident,
_Bernaert_, in der Eröffnungsrede anerkannte.]
[Fußnote 214: N. Z. Z., 27./2. 93.]
[Fußnote 215: Auf dem Kongreß in Gent am 2. u. 3./4. 1893 (Allg. Ztg.
4./4. 93). Mit der Frage des Klassenstreiks hatten sich auch schon
zahlreiche frühere Kongresse beschäftigt: die von Brüssel, 5./4. 1891,
und 21./2. 1892; Bergarbeiterkongreß in Frameries, August 1892; Kongreß
vom 25./12. 1902 (vgl. _Destrée und Vandervelde_, a. a. O.)]
[Fußnote 216: Regierung und Kammermehrheit bezweifelten offenbar, daß
die Arbeiterführer die Proklamierung eines Klassenstreiks riskieren
würden und noch mehr, daß eine ev. Proklamation auch Erfolg hätte (Allg.
Ztg. 12. 4. 93); denn die sozialist. Partei machte mit ihren 80 000
Mitgliedern keineswegs einen imponierenden Eindruck.]
[Fußnote 217: Auf dem Kongreß des P. O. fr. in Marseille (vgl.
_Briand_, "La grève générale et la révolution", p. 14.)]
[Fußnote 218: Am 11./4. begannen die Verhandlungen des
Verfassungsrats.]
[Fußnote 219: Die Radikalen hatten zwar im allgemeinen zum Aufschub
geraten; doch sollen manche liberale Fabrikanten selbst ihre Arbeiter
zum Streik aufgefordert haben. Die Freimaurer versprachen angeblich,
Frauen und Kinder der Feiernden zu unterstützen (vgl. _Bourdeau_, p.
429; _Destrée_ und _Vandervelde_, p. 143 ff.)]
[Fußnote 220: Leider ist man hier, wie überhaupt bei allen
Klassenstreiks, von der Tagespresse abgesehen, hauptsächlich auf
sozialistische Darstellungen angewiesen, bei denen eine gewisse Gefahr
einseitiger Beurteilung nahe liegt.]
[Fußnote 221: Der Ausstand begann daselbst am 12. mit dem Streik der
Metallarbeiter, Holzarbeiter, Drucker und Lithographen, wurde aber nicht
vollständig (vgl. _Bernstein_, "Pol. M-str. u. pol. Lage", p. 21.)]
[Fußnote 222: Lacroyere, Haine, Verviers (65 Etablissements), Löwen,
Antwerpen, Gent (am 16./4. 25 000 Ausständige), Mons.]
[Fußnote 223: Aus wirtschaftlichen Gründen hatte eine von 4-5000 Mann
besuchte Bergarbeiterversammlung in Quaregnon schon am 10./4. den allg.
Ausstand im Borinage beschlossen, und 2000 Bergleute legten in Flenu
(bei Mons), obgleich die Führer rieten, erst die Stellungnahme des
Verfassungsrates abzuwarten, schon am 11./4. die Arbeit nieder. Am 14.
streikten im Borinage und in La Louvière je 16 000 Bergleute; zugleich
begann der Ausstand in Lüttich und Charleroi; die Bergarbeiter traten
(am 15.) dem Beschluß des Genter Sozialistenklubs (vom 12./4.) bei, am
17. den allg. Streik zu beginnen; 20 000 von den 30 000 Bergleuten
dieses Kohlenbeckens führten diesen Beschluß aus.]
[Fußnote 224: _de Brouckère_, (Enquête, p. 163); im ganzen Lande soll
die Streikbeteiligung am 13./4. ca. 30 000, am 15. schon gegen 100 000
betragen haben.]
[Fußnote 225: So z.B. die Attentate gegen den Bürgermeister von
Brüssel, _Buls_, am 14./4.; gegen _Woeste_, den Führer der Klerikalen;
bes. zahlreich sind die Ausschreitungen im Hennegau (Angriffe auf ein
kathol. Kasino, auf eine Kirche; am 12. in Quaregnon auf
Bergwerksgebäude; am 13. in Cuesmes usw.) und in Ostflandern (noch am
19./4. Angriffe auf die Schiffe im Antwerpener Hafen [N. Z. Z.,
19./4.]); in Brüssel fanden, trotz einer Verfügung des Bürgermeisters
vom 14./4., die Ansammlungen und Umzüge verbot, Demonstrationen vor dem
Parlamentsgebäude statt; der kgl. Palast in Brüssel wurde militärisch
bewacht, überallhin wurde Militär verlangt (in Mons wird am 13. die
Garnison konsigniert; am 14. gehen Truppen nach Charleroi und La
Louvière.)]
[Fußnote 226: So bei den Manifestationen in Brüssel am 12. u. 13. vor
der Kammer; so bei den nächtlichen Massenumzügen, an denen sich Tausende
beteiligten, revolutionäre Lieder singend, am 11. und 12., bes. aber am
13., 14., 16., wo es zu wüsten Straßenszenen kam; ähnlich geht es am 13.
in Lüttich, Gent, Cuesmes, Quaregnon, Frameries zu, in Paturages und
Quaregnon, am 14. in Vasmes, Wasmuel, Paturages (50 Verhaftete, 60
Verwundete), Jolimont; am 16. in Grammon, Mons, Antwerpen, Petit Wasmes;
am 17. in Antwerpen, Renaix, Courtrai, Mons (7 Tote, 47 Verwundete [N.
Z. Z., 18./4. 93.])]
[Fußnote 227: Inzwischen hatte die Kammer am 12./4. die sämtlichen 16
Wahlreformvorschläge abgelehnt und sich vertagt, während der
21er-Ausschuß die neu eingegangenen Vorschläge prüfte.]
[Fußnote 228: Allg. Ztg. 18./4. 93.]
[Fußnote 229: Nur im Borinage wurde wegen Lohndifferenzen noch weiter
gestreikt, und in Bernissart, Hennegau, kam es noch am 22./4. zu
Ruhestörungen durch Ausständige.]
Die Bewegung endete also mit einem bedeutenden Teilerfolg, und es
scheint auf den ersten Blick, als ob dieses Resultat nur dem Ausstand zu
danken sei;[230] doch hätte der Streik allein wohl kaum einen solchen
Effekt gehabt, wenn nicht eine Reihe wichtiger Umstände ihn in hohem
Maße unterstützt hätten:[231] er brach aus, nachdem eine vieljährige
Agitation das Interesse am Wahlrecht außerordentlich gesteigert hatte;
brach aus unter einer verhältnismäßig gut organisierten und an
Massenaktionen gewöhnten Arbeiterschaft; brach aus für ein allgemein
anerkanntes, leicht faßliches Ziel; nicht gerade spontan,[232] aber als
etwas Neues, Unbekanntes, die Gesellschaft Überraschendes;[233]
Einmütigkeit und Opferwilligkeit[234] eines solchen Arbeiterheeres
machten Eindruck; man glaubte sich am Rand der Revolution,[235] und die
Unzuverlässigkeit des belgischen Militärs steigerte das Unbehagen noch
um ein Beträchtliches;[236] vor allem aber: er brach aus in einem
Momente, wo die Wahlrechtsfrage wirklich "spruchreif"[237] war, wo nicht
nur die Arbeiterschaft, sondern auch die liberalen Volksmassen energisch
für eine Reform eintraten. Freilich gab das Parlament nur so weit nach,
als diese liberalen Kreise wirklich an der Revision interessiert waren;
da nun deren Ambitionen auch schon das Pluralsystem zu befriedigen
vermochte, so mußten sich die Sozialisten mit diesem halben Sieg
begnügen; denn trotz des durchgeführten Klassenstreiks konnte das
sozialistische Fahrzeug eben doch nicht höher hinauf steigen, als die
liberale Welle trug.
[Fußnote 230: Überraschender Weise findet man diese Ansicht sogar auch
in bürgerlichen Blättern vertreten; so schreibt der Brüsseler
Korrespondent der Allg. Ztg. (vgl. die Nummer vom 23./4. 93) am 20.
April vom "Rückzug der Regierung und ihrer Mehrheit" "unter dem Eindruck
der zunehmenden Arbeiterbewegung und der Straßenunruhen, aus Furcht vor
dem steigenden Wellenschlag des Volksaufruhrs", von der "Durchpeitschung
des Antrages Nyssens" (Pluralsystem), die einer Kapitulation sehr
ähnlich gesehen habe. -- Und ähnliches läßt sich z.B. die N. Z. Z.
unterm 19. April aus Brüssel schreiben (vgl. Nr. vom 21./4.): "wären die
Ausschreitungen unterblieben, so hätte tatsächlich kein Mensch gewagt,
den grandiosen Charakter der Bewegung zu leugnen. Den herrschenden
Klassen ist also die Macht der verkannten Arbeiterpartei zum unliebsamen
Bewußtsein gekommen", und "der achttägige Ausstand hat genügt, um
Regierung und Parlament zur Nachgiebigkeit in der Revisionsfrage zu
zwingen".]
[Fußnote 231: Es ist sogar die Meinung aufgetreten, daß der Kl-str. von
1893 eigentlich überflüssig war; die Wahlrechtsreform wäre auch ohne
ihn, nur vielleicht etwas später, gekommen. Denn die Wahlrechtsforderung
sei so populär gewesen, "daß die Regierung, weil sie die Mittelklasse...
und selbst die Bourgeoisie nicht geschlossen hinter sich fühlt, schwach
ist und nachgibt" (vgl. _Vliegen_, "Der Generalstreik als pol.
Kampfmittel", p. 196; Enquête, p. 135). Doch geht dies wohl zu weit:
denn eine Konstituante, die angesichts der Kl-str.-Drohung ruhig 16
Wahlprojekte verwarf, hätte ohne energischen Anstoß von außen die
Wahlreform sicher noch sehr lange weiter verschleppt.]
[Fußnote 232: Anders _Bernstein_, a. a. O. p. 20.]
[Fußnote 233: Ähnliches habe Europa seit den Tagen der Kommune nicht
mehr gesehen, schreibt die Allg. Ztg. 21./4. 93.]
[Fußnote 234: Die auswärtige Unterstützung kann übrigens nur minimal
gewesen sein; die ausländischen Gewerkschaften hatten eine diesbezügl.
Anfrage der belgischen Gewerkschaften schon im April und Mai 1892
abschlägig beschieden (vgl. N. Z. Z. 21./4. 1893); die seltsame Annahme,
daß die Bewegung aus Gründen der hohen Politik mit französischem Geld
unterstützt worden sei, -- allgemeines Wahlrecht, belgische Republik,
Annexion durch Frankreich -- (vgl. Allg. Ztg. a. a. O.), dürfte kaum
ernst zu nehmen sein.]
[Fußnote 235: N. Z. Z. 21./4. 93.]
[Fußnote 236: Die Militärbehörden gaben es später selbst zu, daß die
Reservisten "scharenweise, z. T. sogar in Uniform", an den
Manifestationen der Arbeiter teilgenommen hatten (vgl. Allg. Ztg. 3./5.
93); als am Vormittag des 18. April in der Brüsseler Vorstadt Molenbeek
eine Volksversammlung abgehalten werden sollte, die die Regierung zu
inhibieren wünschte, weigerten sich Bürgermeister und Bürgerwehr
erfolgreich, einem diesbezüglichen Befehl nachzukommen (vgl. N. Z. Z.
19./4. 1893). Diese militärische Zweifelhaftigkeit ist übrigens nur zum
Teil der von den Sozialisten eifrig betriebenen antimilitaristischen
Propaganda zuzuschreiben. Begreiflicherweise kamen im belgischen Heer,
das überhaupt "keine Armee im Sinne des Militarismus" (so Dr. _Adler_,
Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 77) war, und kamen vor allem in der
Bürgerwehr die allgemeinen Postulate des Landes ebenfalls zum Ausdruck.]
[Fußnote 237: _Bömelburg_, (Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 228).]
* * * * *
Obgleich die belgische Arbeiterpartei unter dem Pluralwahlrecht 28
Parlamentssitze eroberte,[238] betrieb sie doch weiter eine eifrige
antimilitaristische Agitation und eine lebhafte Propaganda für das S.U.
(suffrage universelle), in deren Hintergrund wiederum der Klassenstreik
schlummerte. Derartige Ausstandsdrohungen verhalfen ihr 1896 zu einer
"Scheinkonzession" bezüglich des Kommunalwahlgesetzes[239] und bewirkten
die Verwerfung einer konservativen Wahlrechtsnovelle,[240] sowie den
Sturz des Ministeriums Vandenpeereboom.[241] Dieser "Erfolg" erhöhte den
Optimismus der Anhänger des S.U., zu denen außer den Arbeitern auch die
Progressisten (d. h. Demokraten) und viele Liberale zählten.[242] 1901
verstärkten die Sozialisten ihre Wahlrechtspropaganda, die sich
nötigenfalls wieder bis zum Klassenstreik steigern sollte,[243] und
forderten die Regierung immer dringender zur Gewährung der
Verfassungsreform auf.[244] Schon Anfang _April 1902_ traten Tausende
von Berg- und Hüttenarbeitern in den Streik, der sich rasch ausdehnte.
Mit den Demonstrationen für das S.U. stieg auch die Zahl der
Ausschreitungen[245] und Zusammenstöße,[246] die mit dem Beginn der
Kammerverhandlungen (am 8. April) revolutionären Charakter
annahmen.[247] Waren nun die sozialistischen Führer nicht mehr im
Stande, die Ungeduld der Arbeiter zu zügeln,[248] oder verzweifelten sie
daran, den Revisionsantrag der Linken angesichts des klerikalen
Widerstands mit den gewöhnlichen Mitteln durchzusetzen, genug, sie
proklamierten am 13. April, noch ehe ihr auf die Tagesordnung des 16.
April gesetzter Antrag überhaupt zur Behandlung kommen konnte, mit der
Parole: "un homme, un vote"[249] den Klassenstreik als "letzte Waffe zur
Erlangung des allgemeinen Stimmrechts".[250] Der Ausstand verbreitete
sich "blitzschnell über das ganze Land"[251] und erreichte am 18. April
mit 300-350 000 Teilnehmern[252] Belgiens höchste Ausstandsziffer. Alle
Großindustrien und alle industriellen Gegenden waren beteiligt,[253]
wenngleich natürlich noch lange nicht die Gesamtheit der Arbeiter
streikte,[254] und vor allem die Staatsarbeiter, (insbesondere die
Eisenbahner, die Post- und Telegraphenangestellten),[255] sich
zurückhielten.[256] Auch war die Beteiligung am Ausstand keineswegs in
allen Fällen eine freiwillige. Die Unruhen nahmen übrigens von der
Proklamation des Streiks an bedeutend ab; die Führer, die in ihrer
Wahlrechtspropaganda vorher gelegentlich Perspektiven auch auf einen zu
inszenierenden Aufruhr eröffnet hatten,[257] traten nun mehr und mehr
für Respektierung der Legalität ein;[258] hatte doch die
Kammermajorität, im Bewußtsein ihrer tatsächlichen Überlegenheit, von
Anfang an der Drohung mit dem Bürgerkrieg[259] gegenüber vollste
Kaltblütigkeit bewahrt; sie ließ sich auch nicht durch die nationale
Arbeitsruhe erschüttern.[260] Die vereinigte Opposition[261] vermochte
nicht einmal die Auflösung der Kammer durchzusetzen,[262] und da auch
die erhoffte Initiative des Königs ausblieb,[263] so mußte die Linke in
den Schluß der Debatte einwilligen. Am 18. April lehnte die Kammer mit
82 gegen 64 Stimmen die sofortige Revision ab, stellte deren
Inangriffnahme nur für eine fernere Zukunft in Aussicht und vertagte
sich.[264] In der Aufregung über dieses Resultat kam es in mehreren
Provinzstädten zu blutigen Auftritten;[265] doch der Weisung des
Generalrats der Arbeiterpartei folgend, begann schon am 21. die
Wiederaufnahme der Arbeit, und bereits am 22. April kehrte das Land zu
normalen Verhältnissen zurück.[266]
[Fußnote 238: Zugleich nahmen die Liberalen ab; 1902 hatten die
Sozialisten sogar 32 Vertreter.]
[Fußnote 239: _Vliegen_, Enquête, p. 135, und "Der Generalstreik als
pol. Kampfmittel", p. 196.]
[Fußnote 240: Vgl. _Anseele_, a. a. O.]
[Fußnote 241: Vgl. _Bourdeau_, p. 429. Damals (1899) hatten die
Sozialisten parlamentarische Obstruktion gemacht; es kam zu
Straßenunruhen in Brüssel, Lüttich, Gent usw.]
[Fußnote 242: Rdsch. Soz. Mh., März 02, p. 226.]
[Fußnote 243: Beschluß des Parteitags in Lüttich, 8./4. 01; übrigens
ließen die Sozialisten auf Wunsch ihrer liberalen Bundesgenossen
das Postulat des Frauenstimmrechts fallen, nahmen aber die
Proportionalvertretung in ihr Programm auf (am Parteitg. in Brüssel,
30./3. 02; vgl. _Destrée_ und _Vandervelde_, a. a. O. p. 250 ff.;
_Vandervelde_, "Die belgischen Wahlrechtskämpfe 1902"; Allg. Ztg. 4./4.
02).]
[Fußnote 244: Vgl. Rdsch. Soz. Mh., a. a. O.]
[Fußnote 245: Die sollen aber vor und während des Streiks nicht auf
Konto der organisierten Arbeiter zu setzen sein, sondern vom "Abschaum
der Bevölkerung" ausgegangen sein, der sich nicht von politischen
Gründen leiten lasse; vgl. N. Z. Z. 16./4. 02; ähnlich Rundschau Soz.
Mh., Mai 02, p. 392: "Die revolutionäre Bewegung in Belgien".]
[Fußnote 246: Die Regierung mußte nach allen Seiten hin Truppen
senden.]
[Fußnote 247: Besonders in Brüssel, wo die sog. "jungen sozialistischen
Garden" die Agitation betrieben.]
[Fußnote 248: Berliner Lokalanzeiger (cit. in der N. Z. Z. 12./4. 02);
_Vandervelde_ a. a. O. p. 45.]
[Fußnote 249: _Bourdeau_, p. 429.]
[Fußnote 250: Vgl. das Manifest an die Arbeiter (aus dem "Journal du
Peuple" cit. in der Allg. Ztg. 16./4. 02).]
[Fußnote 251: N. Z. Z.; vgl. auch _Luxemburg_, "Und zum dritten Mal das
belgische Experiment". Am ersten Tag ist der Streik schon fast allgemein
im Kohlenbergbau, am 15. begreift er nach amtlicher Feststellung über
150 000 Arbeiter in sich (Allg. Ztg. 18./4. 02); am 16. ruhen alle
nennenswerten Betriebe; man spricht von 200000 Ausständigen, von einer
"nationalen Kalamität" (N. Z. Z. 17./4. 02); am 17. tritt im
gewerblichen Leben nahezu Stillstand ein, es streiken 300 000 Arbeiter.]
[Fußnote 252: Vgl. _Anseele_, "Der Kampf um das allgemeine Stimmrecht
in Belgien"; Enquête, p. 163; _Luxemburg_, a. a. O.; _Vandervelde_ a. a.
O.; N. Z. Z.; Allg. Ztg.; Rdsch. Soz. Mh., a. a. O.; _Bourdeau_.]
[Fußnote 253: _Vandervelde_, a. a. O. -- Der Streik erfaßte in erster
Linie die Kohlenbecken (von Mons, Borinage, Charleroi, Lüttich, Centre),
ferner die Steinbrüche, die Metall-, Glas-, Textil-, Zigarrenindustrie,
teilweise auch Klein- und Hausindustrie; Brüssel, Gent, Antwerpen usw.
haben nahezu volle Arbeitsruhe.]
[Fußnote 254: Die Diamantarbeiter von Antwerpen, sowie die durch einen
unglücklichen Arbeitskampf desorganisierten dortigen Docker schlossen
sich aus.]
[Fußnote 255: Trotz ihrer sozialistischen Gesinnungen und trotz
_Destrées_ diesbezüglicher Bemühungen, blieben sie bei der Arbeit (vgl.
_Vandervelde_ a. a. O.).]
[Fußnote 256: Allerdings streikten z.B. bereits am 15./4. 1902 15 000
Arbeiter der staatlichen Waffenfabrik in Herstal.]
[Fußnote 257: Vgl. Allg. Ztg. 9./4. und 15./4. 02.]
[Fußnote 258: Vgl. die Aufforderung zum Wahlrechtsstreik im "Journal du
Peuple", cit. in der Allg. Ztg. 16./4. 1902.]
[Fußnote 259: Bei Eröffnung der Revisionsdebatten am 16./4. 1902
seitens _Vandervelde's_.]
[Fußnote 260: Rdsch. Soz. Mh., a. a. O. Übrigens wurde der tägliche
Produktionsausfall auf 3-4 Millionen Fr. geschätzt (Allg. Ztg. 18./4.
1902), und am 17./4. 1902 hatte die belgische Handels- und Geschäftswelt
schon einen Schaden von "mindestens 100 Millionen Fr. zu tragen" (N. Z.
Z. 19./4. 02).]
[Fußnote 261: Sozialisten, Radikale und, trotz vorübergehender
Verstimmung, Liberale; die liberalen Abgeordneten waren verstimmt durch
die Unruhen; schon Anfang April stellte die gemäßigt-liberale "Etoile
belge" für weitere Unruhen eine Vergeltung bei den Wahlen in Aussicht
(N. Z. Z. 6./4. 02); vgl. auch das Votum des Gemeinderats von Schaerbeck
(N. Z. Z. 17./4. 02); die liberalen Abgeordneten traten teilweise
überhaupt nur aus politischer Notwendigkeit für das allgemeine Wahlrecht
ein, ohne mit dem Herzen dabei zu sein (Vgl. Allg. Ztg.; _Anseele_).]
[Fußnote 262: Allg. Ztg. 14./4. 02.]
[Fußnote 263: Allg. Ztg. 18./4. 02; N. Z. Z. 12./4. 02.]
[Fußnote 264: _Anseele_, a. a. O.; Rdsch. Soz. Mh., a. a. O.]
[Fußnote 265: Besonders in Löwen, wo es mehrere Tote gab; Brüssel
blieb, unter Einfluß der sozialistischen Führer, ruhig.--Der ganze
Streik scheint übrigens im ganzen recht ruhig verlaufen zu sein.
_Vandervelde_ (cit. in der N. Z. Z. 6./5. 02) spricht sogar von
"vollkommener", von "imposanter Ruhe"; doch gibt er an anderer Stelle
selbst zu, daß, wenn auch selten, Belästigungen Arbeitswilliger
vorgekommen seien (in "Die belgischen Wahlrechtskämpfe 1902").]
[Fußnote 266: Der Generalrat der Arbeiterpartei, der noch am Morgen des
18. die friedliche Verlängerung des Ausstands dekretiert hatte (vgl.
Allg. Ztg. 18./4. 02; _Vandervelde_, "Die belgischen Wahlrechtskämpfe
1902"), beschloß einstimmig, aber gegen die Wünsche der Bergleute von
Borinage und Charleroi, den Abbruch des Streiks. Am 20. wurde der
Beendigungsbeschluß durch ein Manifest verbreitet (vgl. Allg. Ztg.;
Rdsch. Soz. Mh., a. a. O.; _Destrée_ und _Vandervelde_, p. 261).]
So war der Wahlrechtsstreik denn gescheitert. Was sich die belgische
Sozialdemokratie allenfalls als "Erfolg" desselben herauskonstruierte:
die Verheißung einer dereinstigen Revision,[267] die Einigung der
Linken, die Einigung der Arbeiterschaft,[268] die Neubelebung des
antiklerikalen und sozialistischen Geistes,[269] das waren teils höchst
zweifelhafte Größen, teils solche Werte, die auch ohne den Klassenstreik
zu erreichen waren, und die die Verluste an Gut und Blut und politischem
Einfluß[270] nicht entfernt ausglichen. Die belgische Arbeiterpartei gab
denn auch selbst zu, daß sie eine "Schlappe" erlitten habe,[271] an
welcher übrigens nicht, wie den belgischen Sozialisten vielfach zur Last
gelegt, taktische Fehler die Schuld trugen;[272] vielmehr mußte der
Streik scheitern, weil er zu klein war, um die Gegner in Schrecken zu
setzen, über zu geringe eigene Mittel verfügte, um den Widerstand durch
längere Dauer zu besiegen, und weil er in einem Moment ausbrach, wo ihm
von anderen Gesellschaftsklassen kein Zuzug gewährt wurde. In Erinnerung
an den verhältnismäßig leichten Sieg des Jahres 1893 hatten sich die
belgischen Arbeiter wohl über die Schwierigkeiten getäuscht;
insbesondere hatten sie die Interessengemeinschaft mit den Liberalen zu
hoch bewertet, die Machtmittel der Regierung aber unterschätzt. Das
Kleinbürgertum, die liberalen Massen, befanden sich im allgemeinen beim
Pluralrecht ganz wohl, traten also zwar aus Prinzip, nicht aber mit
jener Wärme, die das persönliche Interesse verleiht, für das S. U.
ein.[273] Daher fehlte dem Streik der "tiefe Resonanzboden im Volk", er
"zündete nicht, er blieb Parteisache".[274] Je kühler die
Bundesgenossen, um so energischer der klerikale Gegner, dem der Besitz
überlegner Machtmittel,[275] die Kenntnis der Unzulänglichkeit der
proletarischen Hilfsquellen und die auf Grund der Erfahrungen von 1893
getroffenen Vorbereitungen die Kraft des Beharrens verliehen.
[Fußnote 267: Vgl. _Anseele_, a, a. O.; _Luxemburg_, a. a. O.;
_Vandervelde_, cit. in der N. Z. Z. 6./5. 02.]
[Fußnote 268: _Anseele_, a. a. O. p. 412.]
[Fußnote 269: _Vandervelde_, "Die belgischen Wahlrechtskämpfe 1902", p.
47.]
[Fußnote 270: Die Gewerkschaften wurden zwar nicht geradezu
erschüttert, doch sie und die Partei erholten sich nur langsam von der
Niederlage (vgl. _Vliegen_, Enquête, p. 135, und "Der Generalstreik als
politisches Kampfmittel", p. 196; _Bourdeau_, p. 430); -- bei den
Erneuerungswahlen am 25./5. 02 triumphierten die Klerikalen (vgl.
_Vandervelde_, a. a. O.; _Katz_, "Der politische Massenstreik", Nr. 33,
p. 3); die Sozialisten verloren 7 Sitze; selbst bei den
parlamentarischen Wahlen am 29./5. 04 soll sich die Wirkung des Streiks
noch für die Sozialisten nachteilig erwiesen haben (vgl. _Anseele_, "Die
belgischen Wahlen"). -- Im Innern der Partei hingegen scheint der Streik
keine üblen Folgen gehabt zu haben; der Parteitag vom 4./5. 02 billigte
den Rückzug und erteilte dem Vorstand Decharge (_Anseele, "Der Kampf um
das allgemeine Stimmrecht in Belgien"; _Vandervelde_, a. a. O.).]_
[Fußnote 271: So _Anseele_, a. a. O.; ähnl. _Vandervelde_ (gemäß N. Z.
Z. 6./5., sowie Neue Zeit 20. II. p. 166); "Le Peuple", Brüssel, 5./5.
02, cit. bei _Bourdeau_, p. 430.]
[Fußnote 272: Man machte den belgischen Sozialisten zum Vorwurf:
mangelnde Organisation (so z.B. _Zetkin_ [vgl. Vorwärts, 23./8. 05],
welche übrigens, inkonsequenter-, aber richtigerweise, den geordneten
Rückzug gerade der trefflichen Organisation zuschreibt), Überstürzung
(vgl. _Bernstein_, "Pol. M-str. und pol. Lage"). Vorherankündigung (vgl.
_Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 735), Zusicherung möglichster
Gewaltlosigkeit (vgl. _Zetkin_ a. a. O.; _Luxemburg_, "Das belgische
Experiment") und das Bündnis mit den Liberalen (vgl. _Mehring_, "Ein
dunkler Maitag"; _Kautsky_, "Die Soziale Revolution" I; _Luxemburg_ a.
a. O.; _Zetkin_ a. a. O.) (--) In der internationalen Sozialdemokratie
entfachte insbesondere der Rückzugsbeschluß einen gelinden Federkrieg.
Man beschuldigte die belgischen Arbeiterführer, sie hätten auf Anordnung
der Liberalen gehandelt. Doch konnten letztere sie höchstens in der
Überzeugung von der Beendigungsnotwendigkeit, die sich ihnen von selbst
aufdrängen mußte, bestärken. Der Streik mußte vor allem aus pekuniären
Rücksichten beendet werden. Bei der Riesenzahl der Streikenden reichten
die Ausstandsfonds auch bei geringer Unterstützung nur für kurze Zeit;
bis zum 20. April waren überhaupt nur 27 300 Fr. zusammengekommen, inkl.
der 10 000 Mark-Spende der deutschen Sozialdemokratie (Allg. Ztg. 21./4.
02), die nach Beendigung des Streiks übrigens noch 5000 Mk. schickte
(Prot. Parteitg. München 02, p. 18.). -- Die belgische Arbeiterschaft
scheint sich bei der beginnenden wirtschaftlichen Streikunfähigkeit und
der politischen Erfolglosigkeit doch auch nicht so durchaus
zuversichtlich gezeigt zu haben, wie es _Vandervelde_ ("Die belgischen
Wahlrechtskämpfe", p. 47) behauptet (vgl. z.B. Allg. Ztg. 21./4. 02 und
N. Z. Z. 22./4. 02). Eine Fortführung des Ausstands hätte zur
wirtschaftlichen Erschöpfung und zum "Versanden" der Bewegung geführt
und war um so weniger angezeigt, als ein Nachgeben der Regierung doch
völlig ausgeschlossen schien; so wären weitere Opfer also durchaus
überflüssig gewesen (vgl. _Vandervelde_, cit. in der N. Z. Z. 6./5. 02;
_Bernstein_, "Der Kampf in Belgien und der politische Massenstreik";
_Vandervelde_, "Nochmals das belgische Experiment"; _Luxemburg_, "Und
zum dritten Mal das belgische Experiment"; _David_, "Die Eroberung der
politischen Macht", p. 203; Bericht des internationalen sozialistischen
Bureau, cit. bei _Katz_, "Der politische Massenstreik", Nr. 33, p. 3;
Rdsch. Soz. Mh. Mai 02, p. 392.)]
[Fußnote 273: Nur ausnahmsweise, z.B. in Charleroi am 13./4.,
demonstrierten Sozialisten und Liberale gemeinsam (vgl. N. Z. Z.
14./4).]
[Fußnote 274: _Bernstein_, "Pol. M-str. und pol. Lage", p. 21, und
"Ist der politische Massenstreik in Deutschland möglich?" p. 33.]
[Fußnote 275: Es kamen nur wenige militärische Unzuverlässigkeiten
vor.]
Mußte ein Erfolg aber auch ausbleiben, so darf man deswegen doch noch
nicht von einem "schmählichen" Scheitern[276] reden; denn der Streik
verlief ruhig, planmäßig. Die Arbeiter hatten sich "wie ein Mann"
erhoben, und so zogen sie sich auch wieder zurück.[277] Maßgebende
auswärtige Sozialisten schätzen sogar den korrekten Rückzug
aus dem Kampf, die "Geschlossenheit und Einheitlichkeit" der
belgischen Wahlrechtsstreiter[278] nicht nur als eine ihnen
außerordentlich wertvolle Erfahrung, die weite Perspektiven auf neue
Anwendungsmöglichkeiten des Klassenstreiks gestatte, sondern, ähnlich
wie die Schweiz ihre nationale Waffen- und Trophäenhalle mit dem Bilde
des Rückzugs von Marignano schmückt, so schreiben sie den Rückzug der
belgischen Arbeiter aus dem Wahlrechtsstreik von 1902 geradezu auf die
Ruhmestafel des kämpfenden Proletariats.
[Fußnote 276: _Vliegen_, "Der Generalstreik als politisches
Kampfmittel", p. 193.]
[Fußnote 277: Vgl. _Anseele_, "Der Kampf um das allgemeine Stimmrecht
in Belgien".]
[Fußnote 278: Vgl. _Bernstein_, "Der Kampf in Belgien und der
politische Massenstreik", p. 415; _Vandervelde_, cit. in der N. Z. Z. a.
a. O.]
Auch jetzt noch erachtet die belgische Sozialdemokratie die "grève
générale" als "das vornehmste Mittel zur Erreichung des allgemeinen
Wahlrechts", wendet aber ihr Hauptaugenmerk vorläufig doch lieber dem
Ausbau des Gewerkschaftswesens zu.[279]
[Fußnote 279: Parteitg. 1903, vgl. Rdsch. Soz. Mh., Mai. 03, p. 379.]
§ 11. Schweden.
Unmittelbar nach dem zweiten belgischen Wahlrechtsstreik, vielleicht
psychologisch durch ihn beeinflußt[280] und, wie er, den Höhepunkt in
einer Wahlrechtsbewegung markierend, im Mai 1902, fand auch in Schweden
ein Klassenstreik statt. Außer den Arbeitern hatten weite Volkskreise
auch dort eine Reform des veralteten Zensus-Wahlrechts[281] gefordert,
sodaß die Regierung im März 1902 dem Reichstag einen diesbezüglichen
Entwurf vorlegte.[282] Da dieser aber das allgemeine Stimmrecht durch
"Garantien"[283] einschränkte, so rief er einen "Sturm der Entrüstung"
hervor,[284] der natürlich am lautesten in der Arbeiterschaft tobte,
resp. in der sozialdemokratischen Partei, die die Führung des
Proletariats in dieser Angelegenheit übernommen hatte.[285] Sie entwarf
alsbald einen sorgfältig durchdachten Demonstrationsplan.[286] Es sollte
"bis zur Einführung einer zufriedenstellenden Erweiterung des
Stimmrechts"[287] eine permanente Klassenstreik-Agitation veranstaltet
werden; insbesondere sollte das Volk durch sonntägliche, später
allabendliche Massendemonstrationen im ganzen Lande so aufgerüttelt
werden, "daß die Niederlegung der Arbeit aus der immer gespannter
werdenden Situation organisch herauswachsen", und daß der Volksprotest
"durch möglichst allgemeine Arbeitsruhe während der Parlamentsberatung
der Wahlrechtsfrage noch mehr verstärkt werden" könne.[288] Nach diesem
Plan wurde auch verfahren,[289] und da am 15. Mai die auf 2-3 Tage
berechnete Reichstagsdebatte beginnen sollte, so proklamierte die
sozialdemokratische Partei für den gleichen Tag und die gleiche
Dauer einen allgemeinen Ausstand im ganzen Lande,[290] einen
"Demonstrationsstreik",[291] der zeigen sollte, "daß die Arbeiterschaft
nicht gesonnen sei, sich politisch als quantité négligeable behandeln zu
lassen";[292] er sollte seine Spitze "nicht im geringsten gegen die
Unternehmer richten", sondern, "ausschließlich gegen die Regierung und
das Zensus-Parlament",[293] um letzterem die Abweisung der
Wahlrechtsvorlage nahe zu legen.
[Fußnote 280: Vgl. Allg. Ztg. 21./4.; Enquête, p. 377.]
[Fußnote 281: Das schwedische Wahlsystem soll damals nur 6,7% der
Bevölkerung das Wahlrecht gewährt haben, während z.B. in Norwegen
19,9%, in Deutschland 21,2% wahlberechtigt gewesen seien (vgl. N. Z. Z.
24./5.).]
[Fußnote 282: Vgl. _Branting_, "Die schwedischen Reichstagswahlen", p.
54.]
[Fußnote 283: Z.B. sollten Wähler über 40 Jahre 2 Stimmen haben.]
[Fußnote 284: Vgl. _Branting_, a. a. O.]
[Fußnote 285: Die Gewerkschaften wollten nicht in diese rein politische
Angelegenheit gezogen werden, vgl. _Branting_, "Schweden vor einer neuen
Stimmrechtskampagne", p. 624.]
[Fußnote 286: Auf einem außerordentlichen Kongreß in Stockholm vom
10.-13. April.]
[Fußnote 287: Vgl. N. Z. Z. 14./4.]
[Fußnote 288: _Branting_, "Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 421
und "Die schwedischen Reichstagswahlen", p. 54.]
[Fußnote 289: Am 20./4. fanden in ganz Schweden Kundgebungen zugunsten
des allgem. Stimmrechts statt; in Malmö allein demonstrierten 15 000
Personen (vgl. Allg. Ztg. 21./4.); ebenso am 27./4. in den meisten
schwedischen Städten; in Stockholm zählte man 30-40 000 Teilnehmer. Am
12./5. erschien der Bericht der Reichstagskommission, wonach das
Stimmrecht erst von 25 Jahren an ausgeübt werden, ferner an Besitz usw.
gebunden sein sollte (vgl. Allg. Ztg. 13./5.).]
[Fußnote 290: Vgl. N. Z. Z., 15. und 24. Mai; Allg. Ztg. 15./5.]
[Fußnote 291: Vgl. _Branting_, "Die schwedischen Reichstagswahlen", p.
54; man habe erkannt, "daß die Zeit für einen wirklichen, durch einen
ökonomischen Druck auch politisch wirkenden Massenstreik noch nicht
gekommen" sei.]
[Fußnote 292: Allg. Ztg. 15./5. 02.]
[Fußnote 293: _Branting_, "Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 421
ff.]
Die Massen, gut diszipliniert und vorbereitet, folgten in fast allen
bedeutenderen Städten,[294] "in fast allen Teilen des Landes"[295] dem
Streikgebot,[296] sodaß der Ausstand am 17. Mai mit 116 bis 120 000
Teilnehmern,[297] einen Umfang erreichte, "der die kühnsten Erwartungen
weit übertraf".
[Fußnote 294: _Leimpeters_, "Zum Generalstreik", p. 431.]
[Fußnote 295: _Branting_, a. a. O. p. 420.]
[Fußnote 296: Am 15. streikten bereits in Stockholm 15 000 Fabrik-,
Werkstätten-, Verkehrsarbeiter und Setzer (vgl. N. Z. Z. und Allg. Ztg.
16./5.), am 16. über 30 000 (vgl. N. Z. Z. 17./5.), am 17. war die
Arbeitsruhe in Stockholm mit über 42 000 Ausständigen fast vollständig
(vgl. _Branting_, a. a. O. und "Die schwedischen Reichstagswahlen", p.
54); in Malmö war der Streik mit 13 000 Teilnehmern "fast vollständig"
(_Branting_, a. a. O.); dort standen schon am 15./5. die Fabriken und
Druckereien still (Allg. Ztg. 16./5.); 12 000 streikten in Gotenburg
(_Branting_, "Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 422); schon am
15./5. herrschte allg. Streik in Helsingborg (Allg. Ztg. 16. Mai). Es
wird als auffallend gemeldet, daß das "schwedische Manchester",
Norrköping, sich nicht dem Streik anschloß (N. Z. Z.), daß am 15. der
Streik in mehreren Städten "noch nicht allgemein" war, daß in Gotenburg
z.B. am 15. noch die Drucker, Straßenbahner, Gasarbeiter,
Droschkenkutscher arbeiteten (vgl. N. Z. Z. und Allg. Ztg. 16./5.);
diese negative Umschreibung des Streikumfangs gibt einen Fingerzeig für
die Größe der Bewegung; die Gesamtzahl der Streikenden im ganzen Land
betrug am 16. Mai schon 75-100 000 (N. N. Z. 17./5.).]
[Fußnote 297: _Branting_, "Die schwedischen Reichstagswahlen";
_Bourdeau_, p. 431.]
Die Wirkungen des Streiks machten sich sofort sehr unangenehm
bemerklich,[298] am meisten in Stockholm, das infolge der
Verkehrsstockung den Eindruck einer kleinen Provinzstadt erweckt haben
soll.[299] Die Zeitungen fehlten, wie auch anderwärts,[300] die
Beleuchtung litt.[301] Hingegen konnte die Wasser-, und anscheinend auch
die Nahrungsmittel-Versorgung aufrecht erhalten werden,[302] wie ja
seitens der Ausständigen von Anfang an "die für das Leben und die
Gesundheit der Bewohner unbedingt erforderliche Arbeit" als zulässig
erklärt worden war.[303] Der in solchen Maßnahmen zum Ausdruck
gelangenden Friedfertigkeit entsprach auch die von Freund und Feind
anerkannte "imponierende Ruhe" und "musterhafte Ordnung"[304] während
des Streiks, die denn auch den Arbeitern viele Bundesgenossen aus den
Reihen der Intelligenz zugeführt haben soll.[305] Mit "ruhiger
Präzision" wurde die Arbeit nach Schluß der Reichstagsdebatte am 17. Mai
auch wieder aufgenommen.[306]
[Fußnote 298: _Bourdeau_, a. a. O.; _Branting_, "Die Generalstreikprobe
in Schweden", p. 422.]
[Fußnote 299: N. Z. Z. 17./5.; der ganze Lokalverkehr lag danieder: vom
Morgen des 15. an stockte der Verkehr der Trams, Droschken,
Arbeitswagen, Dampfer (vgl. Allg. Ztg. 16./5.); in Malmö verkündeten die
Arbeiter der Staatsbahnwerkstätten ihren Streik für den 16., so daß man
schon den Anschluß der Eisenbahner fürchtete (vgl. Allg. Ztg. 15./5. und
N. Z. Z. 16./5.).]
[Fußnote 300: _Branting_, "Die schwedischen Reichstagswahlen"; die
Zeitungen fehlten in Stockholm und Malmö vom 16. an (vgl. Allg. Ztg.
15./5., N. Z. Z. 16./5.); nur das Regierungsorgan erschien (vgl. Allg.
Ztg. 17./5.); die Zeitungen drohten vergeblich mit einer 14tägigen
Aussperrung (N. Z. Z. 17./5.).]
[Fußnote 301: Stockholm war schlecht beleuchtet, da Gas- und
Elektrizitätsarbeiter streikten, sogar die Theatervorstellungen mußten
wegen des Streiks des Hilfspersonals abgesagt werden (Allg. Ztg.
17./5.).]
[Fußnote 302: Allerdings wollten z.B. in Upsala die Bäckereien, in
Malmö Kaffees und Restaurants für drei Tage den Betrieb einstellen (vgl.
Allg. Ztg. 15. und 17. Mai).]
[Fußnote 303: Allg. Ztg. 15./5.]
[Fußnote 304: _Branting_, "Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 420;
_Bourdeau_, a. a. O.; "alle Welt auf den Straßen, aber nicht eine
Fensterscheibe zerbrochen", "alles viel ruhiger als in gewöhnlichen
Zeiten"(?), rühmt _Branting_ ("Die schwedischen Reichstagswahlen"). Auch
bei den voraufgehenden Demonstrationen scheinen keine ernstlichen
Zwischenfälle vorgefallen zu sein; ein Krawall am 21. April in
Stockholm, bei dem mehrere Personen durch Säbelhiebe verwundet wurden
(Allg. Ztg. 20./4, N. Z. Z. 24./4.; _Branting_, "Die Generalstreikprobe
in Schweden"), soll insofern durch die Polizei veranlaßt worden sein
(vgl. _Branting_, "Die schwedischen Reichstagswahlen"), als sie die
Arbeiter am Demonstrieren habe hindern wollen (?). -- Bei der Kürze der
Bewegung und dem ruhigen Temperament der Schweden ist der friedliche
Verlauf nicht überraschend; auch drangen die Arbeiterführer energisch
auf Ordnung, und die Regierung duldete im allgemeinen überall die
friedlichen Straßendemonstrationen (_Branting_, "Die Generalstreikprobe
in Schweden"). Die Regierung hatte übrigens schon vor dem Ausstand
Truppen aus den Provinzgarnisonen nach Stockholm gezogen; sie verfügte
dort die Absperrung einiger innerer Stadtteile (Allg. Ztg. 15./5.).]
[Fußnote 305: _Branting_, "Die schwedischen Reichstagswahlen".]
[Fußnote 306: _Branting_, a. a. O. und "Die Generalstreikprobe in
Schweden", p. 422; der sozialdemokratische Direktionsausschuß in
Stockholm gab am 17./5. die telegraphische Parole aus, daß am gleichen
Abend um 6 Uhr der Ausstand zu beendigen sei (vgl. Allg. Ztg. 18./5.;
_Branting_, "Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 422).]
Der Reichstag hatte wirklich die Regierungsvorschläge verworfen und auf
das Jahr 1904 einen neuen Entwurf mit allgemeinem Stimmrecht
verlangt.[307] Damit war durchaus erreicht, was erreicht werden sollte:
ein Unerwünschtes war abgewehrt, ein Erwünschtes zudem in greifbare Nähe
gerückt.[308] Immerhin kann bezweifelt werden, ob diese Fortschritte
nicht vielleicht auch ohne den kostspieligen Apparat eines
Klassenstreiks zu erringen gewesen wären.[309]
[Fußnote 307: N. N. Z. 15. und 24. Mai; Allg. Ztg. 17./5.]
[Fußnote 308: Wenn man zunächst auch nur "eine vieldeutige, tastende,
sehr wenig verpflichtende Reichstagsresolution" gewonnen habe, so sei
nun doch die Stimmung im Reichstag dem allg. Wahlrecht günstiger, jede
Partei sich der Dringlichkeit der Reform bewußt geworden (_Branting_,
"Die schwed. Reichstagswahlen"; _Bömelburg_, Prot. Gwft. Kongr. Köln
1905, p. 220 ff.), wodurch die schwedische Stimmrechtsfrage "in eine
neue Phase getreten" sei (_Branting_, "Schweden vor einer neuen
Stimmrechtskampagne"); doch da es sich von Anfang an nur um eine
Demonstration handelte, kann "von Gelingen oder Nicht-Gelingen hier
keine Rede sein" (_Vliegen_, "Der Generalstreik als politisches
Kampfmittel").]
[Fußnote 309: Die N. Z. Z. 24./5., nimmt sogar an, der Streik habe
überhaupt keinen Einfluß auf die Reichstagsbeschlüsse gehabt.]
Die Arbeiter scheinen nur wenig unter den Nachwirkungen des Streiks
gelitten zu haben. Die unmittelbar folgenden Maßregelungen waren nicht
sehr erheblich,[310] und der angedrohte Streikrechtsentzug kam um so
weniger zu Stande,[311] als die Arbeiterorganisationen den Klassenstreik
inzwischen "begraben" hatten. Denn obgleich die Wahlreform sich über
Erwarten verzögerte, obgleich der finnische Nationalstreik seinen
Eindruck auf die schwedischen Arbeiter nicht verfehlte,[312] und
obgleich eine kleine "anarchosozialistische" Partei-Opposition zum
Generalstreik drängte,[313] ergab eine detaillierte Umfrage bei den
Arbeitern, besonders bei den gewerkschaftlich organisierten,[314] die
Ablehnung zwar nicht des Klassenstreiks an sich, wohl aber des
Klassenstreiks im damals vorliegenden. Falle.[315] Da die bloße
Wiederholung des Demonstrationsstreiks überdies gar keine Wirkung
versprochen, ein mehrwöchentlicher Ausstand aber die Arbeiterschaft den
größten Gefahren ausgesetzt hätte,[316] so ließ die Partei den Gedanken
des Klassenstreiks vorläufig fallen.
[Fußnote 310: _Branting_ ("Die Generalstreikprobe in Schweden" p. 423)
nimmt an, die schwedischen Arbeiter seien durch den Kampf gestärkt
worden; dies ist doch wohl fraglich: ein vor dem Streik angesammelter
Fonds von 80 000 Kr., um "Bürger, die ohne eigenes Verschulden
vielleicht von den Behörden drangsaliert werden", zu unterstützen
(Gerichtskosten und dergl.), soll "durch die Konflikte unter den
Streikenden stark mitgenommen" worden sein (_Branting_, "Schweden vor
einer neuen Stimmrechtskampagne", p. 623). _Branting_ ("Die schwed.
Reichstagswahlen") gibt auch einige Fälle zu, "wo fanatische Feinde der
Arbeiterbewegung die Situation für Repressalien auszunützen sich
bemühten". -- Nach _Roland-Holst_ ("G-str. u. Sozd.", p. 62) soll es nur
in einer großen Fabrik zu einer kurzen Aussperrung gekommen sein; den
Gewerkschaften habe der Streik "so gut wie keine Opfer" gekostet.]
[Fußnote 311: Der infolge des Streiks entstandene Gesetzentwurf gegen
gemeingefährliche Streiks wurde im Mai 1905 im Reichstag behandelt, von
der 2. Kammer aber abgelehnt (vgl. _Axel Hirsch_, "Lagförslaget mot
allmänfarliga sträjker").]
[Fußnote 312: Es soll "das Beispiel Finnlands, das durch seinen
Nationalstreik das Einkammersystem und allgemeines Stimmrecht für Männer
und Frauen mit einem Schlage erreicht hat,... auf die Arbeiter Schwedens
tief gewirkt" haben (_Branting_, "Die liberale Episode im schwedischen
Wahlrechtskampf").]
[Fußnote 313: Die sog. "Jungsozialisten", unter Führung von _Hinke
Bergegren_, "die nach anarchistischem Muster den Generalstreik als
sozialrevolutionäre Tat feiern" und eine eifrige G-str.-Propaganda
betrieben (vgl. _Branting_, "Schweden vor einer neuen
Stimmrechtskampagne"; Rdsch. Soz. Mh. Jan. 07).]
[Fußnote 314: Die Umfrage wurde von der Parteileitung veranstaltet, um
dem Parteitag im Februar 1905 zuverlässiges Material über die Stimmung
der Massen zu liefern; schon 1904 hatte die Partei, bei allem Interesse
für die Wahlreform, vorläufig von einem G-str. abgesehen (Rdsch. Soz.
Mh. Mai 04, p. 410).]
[Fußnote 315: Rdsch. Soz. Mh. 05, p. 354, 355; _Branting_, a. a. O. p.
623, 624.]
[Fußnote 316: Die gefestigte Unternehmerorganisation würde sich "nicht
noch einmal überrumpeln" lassen (_Branting_; _Roland-Holst_, "G-str. u.
Sozd.", p. 62); auch würden die Arbeiter bei einem zweiten Streik das
Publikum gegen sich gehabt haben (_Branting_); der Streik würde zu
Konflikten mit der bewaffneten Macht geführt haben.]
§ 12. Österreich.
In der österreichischen Wahlrechtsbewegung spielte der Klassenstreik
ebenfalls eine beträchtliche Rolle, wenngleich es hier bei der bloßen
Androhung sein Bewenden haben sollte. Der belgische Wahlrechtsstreik von
1893 legte der österreichischen Sozialdemokratie damals schon den
Gedanken nahe, das veraltete Wahlsystem nach belgischem Muster zu
bekämpfen.[317] Da die erlangte mäßige Wahlreform nicht
befriedigte,[318] so zog der Wiener Parteitag von 1894[319] als letztes
Auskunftsmittel den Klassenstreik in Betracht, nahm aber von dessen
momentaner Ausführung wegen zu geringer Entwicklung der Organisationen
noch Abstand.[320] Mit der Steigerung der Wahlrechtsbewegung[321]
entwickelte sich auch wieder eine eifrigere Diskussion des
Klassenstreiks, dessen Ansehen seit der von den belgischen Arbeitern
1902 erwiesenen Rückzugsmöglichkeit beträchtlich zugenommen hatte.[322]
Der besonders von den Bergarbeitern längere Zeit vertretene
Standpunkt,[323] den Klassenstreik nicht nur für das Wahlrecht, sondern
zugleich auch für den Achtstundentag zu inszenieren,[324] wurde gänzlich
aufgegeben. Doch handelte es sich für die österreichische
Sozialdemokratie auch jetzt noch mehr um akademische Erörterungen.[325]
Akut wurde die Frage erst, nachdem in Ungarn das allgemeine Wahlrecht
zugesichert worden war. Die Kampflust des Parteitags von 1905 wurde
durch die Kunde von dem gleichzeitig erlassenen russischen
Oktobermanifest noch um ein Beträchtliches gesteigert; so forderte er
denn die Arbeiter zur Bereitschaft für den politischen Massenstreik auf
und wies die Vertrauensmänner an, denselben im entscheidenden Moment zu
proklamieren.[326] Dem Drängen nicht nur des Proletariats, sondern
weitester Kreise des Bürgertums[327] nachgebend, erfolgte endlich die
Zusicherung der Wahlreform;[328] die Sozialdemokratie hielt daher
vorerst noch mit dem Äußersten zurück.[329] Sobald indeß die Reform im
Parlament auf Schwierigkeiten stieß, wurde das Arbeiterheer
mobilisiert.[330] Und zwar sah das sozialistische Aktionsprogramm bei
weiterer "Wahlreformverschleppung" zunächst einen dreitägigen
Demonstrationsstreik nur der Wiener Arbeiterschaft vor, um dem Gegner
gleichsam einen Vorgeschmack des allgemeinen Ausstands zu geben; sollte
auch diese letzte Drohung keinen Eindruck machen, so hätte der
Massenstreik in ganz Österreich zu folgen.[331] Die Wiener
Massenmeetings und zahlreiche andere Versammlungen pflichteten diesem
Plan, sowie den von den Führern getroffenen Vorbereitungen durchaus
bei.[332] Die Massenstreikbereitschaft veranlaßte natürlich
Gegenmaßregeln: die Regierung verstärkte die Wiener Garnison;[333] die
Vereinigung der Arbeitgeber Österreichs beschloß, trotz ihrer Sympathie
für das allgemeine Wahlrecht, dem dreitägigen Ausstand event. mit einer
entsprechenden Aussperrung zu begegnen;[334] im Parlament wurden Stimmen
laut, man solle die Wahlreform nun erst recht verweigern, als Protest
gegen den beabsichtigten Druck von außen.[335] Dennoch kam sie zu
Stande, und glücklicherweise ohne daß der angekündigte politische
Ausstand ausgeführt wurde. Aber die Wahlreform ist nicht eigentlich der
Klassenstreikdrohung zu danken, oder doch nur zum kleinsten Teil.[336]
Die _Klassenstreikdrohung_ mag den Gang der Ereignisse etwas
_beschleunigt_ haben; diese selbst aber hatten ihre Ursache nicht in
proletarischen Sonderwünschen, sondern im Gesamtempfinden des
österreichischen Volkes.
[Fußnote 317: Vgl. Prot. Parteitg. Wien 1894, Bericht der
Parteileitung, p. 4-6, _Adler_, p. 31, 34. Am 20. Aug. 1893 war
gelegentlich einer Massendemonstration für das allg. Wahlrecht im Wiener
Prater zum ersten Mal öffentlich vom "Generalstreik" die Rede.]
[Fußnote 318: Nach dem Scheitern des Taaffe'schen Wahlprojekts
(_Bernstein_, "Pol. M-str. u. pol. Lage", p. 21).]
[Fußnote 319: 25.-31. März 1904. Auf Anregung der Parteivertretung und
gemäß dem Beschluß einer am 8. Okt. 1893 in Wien zusammengetretenen
Reichskonferenz der österreichischen Sozialdemokratie wurde "das
allgemeine Wahlrecht und der Generalstreik" als dritter Punkt der
Tagesordnung behandelt und eine _Adler_'sche Resolution hierüber
angenommen.]
[Fußnote 320: Prot. Parteitage Wien 1894 (p. 105), 1905 (p. 127, 128).]
[Fußnote 321: Diese nahm schon 1903 wieder recht energische Formen an
und führte sogar zu blutigen Zusammenstößen mit dem Militär, z.B. in
Brünn am 7./9. 03 (Prot. Parteitg. Wien 05, p. 127 ff.); in den
folgenden Jahren fanden allenthalben große Wahlrechtsdemonstrationen
statt, z.B. am 10. Okt 05 in Prag, (bei Eröffnung des Landtags), wobei
ca. 40 000 Menschen teilnahmen, unter allgemeiner Arbeitsruhe (Alfred
_Weber_, "Die Wahlrechtsfrage in Österreich").]
[Fußnote 322: Vgl. Prot. Parteitg. Wien 1903, p. 122-133.]
[Fußnote 323: Bes. am Budweiser Parteitag (vgl. Prot. Parteitg. Wien
1894, p. 55, 71 ff., 97).]
[Fußnote 324: Prot. Parteitag Wien 1905, p. 131.]
[Fußnote 325: Prot. Parteitag Wien 1905, _Adler_, p. 125.]
[Fußnote 326: Prot. Parteitag Wien 05, p. 66-69. -- An den Parteitag
schlossen sich große Demonstrationen in Wien an, die sich (gemäß
Parteitagsbeschluß, vgl. Prot. p. 110) am 28. Nov., dem Tag der
Parlamentseröffnung, nicht nur in Wien, sondern im ganzen Lande
wiederholten, wodurch eine kurze allgemeine Arbeitsruhe entstand (vgl.
"Die neue Gesellschaft", Nr. 37, 1905, Glossen); in Wien beteiligten
sich ca. 1/4 Million, in Prag ca. 150 000 Personen (Rdsch. Soz. Mh. Jan.
1906, p. 85). -- Ein analoger Vorgang fand übrigens beim Zusammentritt
des _ungarischen_ Reichstags am 10. Okt. 1907 statt: vor allem in Pest,
doch auch im übrigen Reich, herrschte Arbeitsruhe, da die Arbeiter,
unter dem Beifall der ganzen Bevölkerung, für das allg. Wahlrecht
demonstrierten. (Vgl. z.B. "Züricher Post" vom 12. Okt. 07). -- Der
Parteitag der ungarischen Sozialdemokratie hatte Ostern 1905 für den
Massenstreik zur ev. Erkämpfung des allg. Wahlrechts votiert (Vgl.
Rdsch. Soz. Mh. Juni 05, p. 551).]
[Fußnote 327: Selbst bei den Demonstrationen sollen Angehörige der
Mittelklassen sich scharenweis beteiligt haben (_Weber_, a. a. O.; Soz.
Mh. Rdsch. Jan. 06, p. 85).]
[Fußnote 328: Arbeiter-Ztg., 12. Juni 06.]
[Fußnote 329: Prot. Parteitg. Wien 05, p. 132 ff., sowie
Versammlungsberichte usw. in der Arbeiter-Ztg. 19. Nov. ff.]
[Fußnote 330: Vgl. Rdsch. Soz. Mh. Juni 06, p. 516. Vertreter der
Partei, der Gewerkschaften und der Fraktion forderten im Manifest vom 9.
(oder 10.) Juni die Arbeiterschaft zur Vorbereitung des Massenstreiks
auf (Arbeiter-Ztg. 10. Juni 06).]
[Fußnote 331: Arbeiter-Ztg. 12. Juni 06.]
[Fußnote 332: Vgl. Vorwärts, 19. Juni 06. Am 14. Juni war die von der
Gesamtparteivertretung berufene und von allen Landesorganisationen und
sämtlichen gewerkschaftlichen Verbänden beschickte Konferenz in Wien
zusammengetreten und hatte über die Vorbereitung eines ev. Massenstreiks
beraten (vgl. Arbeiter-Ztg. 15. Juni), sich mit dem Manifest vom 9. Juni
einverstanden erklärt, die Arbeiter aufgefordert, unverzüglich die
letzten Vorbereitungen zu treffen, sowie einem aus Mitgliedern der
Parteivertretung, der Gewerkschaftskommission und der Fraktion
gebildeten Zentralkomitee in Wien die Aufgabe zugewiesen, sobald die
Wahlreform im Parlament stockte, sofort die Parole zum 3tägigen Wiener
Ausstand, resp. zum allg. österr. Massenstreik zu geben, zu dessen
Ausführung in den einzelnen Ländern dem Zentralkomitee entsprechend
zusammengesetzte Landeskomitees bestanden, die sich dann direkt mit den
Lokalkomitees in Verbindung setzen sollten (Arbeiter-Ztg. 15. Juni 06).]
[Fußnote 333: Vgl. Arbeiter-Ztg. 24. Juni 06.]
[Fußnote 334: Arbeitgeber-Versammlung in Wien am 26. Juni 06 (vgl.
Arbeiter-Ztg. 27. Juni und Frankfurter Ztg. 27. Juni 06).]
[Fußnote 335: Arbeiter-Ztg. 24. Juni 06.]
[Fußnote 336: Selbst der Vorwärts, 12. Juli 06, erklärt, die österr.
Wahlreform sei "weniger die Frucht des proletarischen Kampfes, als der
nationalistischen Verlegenheiten der Krone" gewesen.]
* * * * *
Gegenüber dem Umfang dieser Wahlrechtsstreik-Propaganda treten die
übrigen klassenstreikartigen Erlebnisse Österreichs beträchtlich zurück.
Immerhin muß an den _Generalstreik in Triest_ vom Jahre 1902 erinnert
werden, der übrigens seinem ganzen Charakter nach den romanischen
Klassenstreiks zuzuzählen wäre. Er soll wegen "der rücksichtslosen
Habgier der Lloydinteressenten"[337] ausgebrochen sein und sich "gegen
ein 150 Jahre altes Gesetz über den Seedienst und gegen den Mißbrauch
der Marinesoldaten zu Streikbrecherdiensten"[338] gerichtet haben. Das
ganze Triester Proletariat habe sich aus Solidarität am Ausstand der
Seeleute beteiligt.[339] Es kam zu blutigen Zusammenstößen;[340] doch
die Arbeiter sollen die Sympathien der Gesamtbevölkerung auf ihrer Seite
gehabt haben,[341] und diesem Umstand, nicht aber dem "ökonomischen
Furor",[342] dürften sie den freilich teuer erkauften Sieg[343]
verdanken.
[Fußnote 337: Rdsch. Soz. Mh., April 02, p. 318.]
[Fußnote 338: Bericht der italienischen Parteiexekutive in Triest an
den Parteitag (vgl. Prot. Parteitg. Wien 1903, p. 32, 33).]
[Fußnote 339: Mit diesem Ausstand dürfte wohl der G-str. in _Fiume_ in
Verbindung stehen, der am 1. April unter den Hafenarbeitern und Heizern
der ungarischen Schiffahrtsgesellschaft "Adria" ausbrach, dem sich am 3.
April zahlreiche Fabrikarbeiter anschlossen, der aber schon am folgenden
Tage als beendigt angesehen wurde (vgl. N. Z. Z. 2.-4. April 02).]
[Fußnote 340: Da Ruhestörungen vorfielen, wurde der Ausnahmezustand
verhängt (vgl. Prot. Parteitg. Wien 03, p. 54) und Militär gegen die
Streikenden aufgeboten (vgl. Rdsch. Soz. Mh., April 02, p. 318).]
[Fußnote 341: Soz. Mh., April 02.]
[Fußnote 342: Dessen wüste Szenen der "_Weckruf_", April 05, Nr. 7,
ausmalt (cit. vom Sekretariat des _Schweizerischen Gewerbevereins_,
"Begleiterscheinungen bei Streiks", p. 12).]
[Fußnote 343: Die Arbeiter des Seeverkehrs sollen sich die
Organisationsmöglichkeit erkämpft haben; der Streik habe 12
Menschenleben, unzählige Verwundungen und Jahre Kerkers gekostet; die
Partei habe übrigens aus dem Streik nur Nutzen gezogen (Prot. Parteitg.
Wien 1903, p. 32, 33, 38).]
§ 13. Deutschland.
In Deutschland begegnete der Klassenstreik-Gedanke ursprünglich
energischer Ablehnung.[344] "Das Wort des Genossen _Auer_:
Generalstreik ist Generalunsinn, wurde so ziemlich allgemein (in der
sozialdemokratischen Partei) als zutreffend akzeptiert".[345] Allerdings
erklärten sich anfangs der 1890er Jahre die "_Jungen_" (auch Berliner
Opposition genannt)[346] für den "gewaltrevolutionären Generalstreik zur
Niederwerfung der politischen und ökonomischen Herrschaft der
Bourgeoisie";[347] sie erlitten aber mit derartigen Anschauungen auf dem
Erfurter Parteitag (1891) eine vollständige Niederlage.[348] Anderthalb
Jahrzehnte später beherrschte die Klassenstreikidee das ganze
Parteileben der deutschen Sozialdemokratie. Freilich erschien diese Idee
nicht in ihrer alten, revolutionär-anarchistischen Form, sondern zumeist
in der "durch materialistische Geschichtsauffassung vertieften"
Spielart,[349] als politischer Massenstreik. Eine ganze Reihe
zusammentreffender Umstände haben diese Wandlung veranlaßt. Es lassen
sich _fünf Hauptquellen der deutschen Massenstreikbewegung_ nachweisen.
[Fußnote 344: Vgl. z.B. Edm. _Fischer_, "Die neueste Revision unserer
Theorie und Taktik", p. 292.]
[Fußnote 345: _Kolb_, "Zur Frage des Generalstreiks", p. 207.]
[Fußnote 346: Die Bewegung der "Jungen" entwickelte sich nach den
Wahlerfolgen von 1890; in ihrem Tatendrang verachteten die "Jungen" den
Parlamentarismus; es schwebte ihnen eine revolutionär-sozialistische
Gewerkschaftsbewegung vor.]
[Fußnote 347: Vgl. _Kampffmeyer_, "Der Generalstreik und die Eroberung
der ökonomischen Macht", und ders., "Eine Wiedergeburt der
Unabhängig-sozialistischen Bewegung?".]
[Fußnote 348: Prot. Parteitg. Erfurt 1891, p. 222. Aus den
G-str.-Schwärmern unter den "Jungen" wurden später vielfach überzeugte
Gegner, wie z.B. _Kampffmeyer_; vgl. auch _Kloth_, "Generalstreik und
Maifeier auf dem Gewerkschaftskongreß in Köln".]
[Fußnote 349: Frankf. Ztg., Leitart. über den M-str., 5./7. 06, Nr.
183.]
1. In erster Linie waren es die _inneren politischen Verhältnisse_, die
die Diskussion des politischen Massenstreiks heraufbeschworen. Der
politische Einfluß des Proletariats entsprach keineswegs den
Erwartungen, die im Jahre 1903 von der Partei an ihren 3 Millionen-Sieg
geknüpft worden waren;[350] alles war beim alten geblieben,[351]
ja, "die in verschiedenen Staaten versuchte oder durchgeführte"
Wahlrechtsverschlechterung[352] schien sogar auf eine Verstärkung
der Reaktion hinzuweisen. Je mehr die Partei sich der eigenen
Machtlosigkeit bewußt wurde, um so größere Besorgnisse hegte sie
hinsichtlich einer Verkürzung der politischen Rechte, insbesondere des
Reichstagswahlrechts.[353] Beim sächsischen "Wahlrechtsraub" freilich
hatte, nach Bebels eigenen Worten, "überhaupt noch kein Mensch an den
politischen Streik... gedacht";[354] später aber veranlaßten
Enttäuschung und Besorgnis die deutschen Sozialisten, oder doch gewisse
politisch führende Kreise derselben, zu einer _Revision_ ihrer _Taktik_.
Auf zwei Wegen konnten sie das verlorene Ansehen zurückzugewinnen
versuchen: waren sie einsichtig genug, ihre Ohnmacht aus der doktrinären
Intoleranz herzuleiten,[355] so mußten sie die in Dresden beschlossene
Intransigenz aufgeben und, mit Benutzung der erreichbaren
parlamentarischen Wege, eine praktische Sozialpolitik anstreben; sahen
sie ihre Einflußlosigkeit aber gerade als Folge einseitiger Pflege oder
Überschätzung[356] des Parlamentarismus an, so mußten sie auf weitere
Isolierung halten und neben (oder statt) dem für ungenügend befundenen
Parlamentarismus außerparlamentarische Aktionen, "eindringlichere
Kampfmittel",[357] suchen. Diesen letzteren Weg schlug die deutsche
Sozialdemokratie ein, und das Resultat war die "Aufzäumung des
Generalstreikgauls".[358]
[Fußnote 350: Vgl. _Giesberts_, "Die Utopie des Generalstreiks", p.
35.]
[Fußnote 351: Dr. _Liebknecht_ (Prot. Parteitg. Jena 05, p. 326).]
[Fußnote 352: Vgl. "Hamburger Echo", Leitart. über
"Anarcho-Sozialismus" (27. Aug. 05, Nr. 200). -- Es handelte sich um
"die Wahlrechtsräubereien in Sachsen, Lübeck und Hamburg, die
Verschlechterung des Gemeindewahlrechts in zahlreichen Städten, die...
immer offener heraustretenden Absichten auf Einschränkung des
Reichstagswahlrechts" (_David_, "Rückblick auf Jena", p. 841).]
[Fußnote 353: Vgl. _Bömelburg_ (Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 215);
vgl. auch _Cohnstaedt_, "Generalstreik, Massenstreik und
Sozialdemokratie", p. 748. Eine Resolution des Breslauer
sozialdemokratischen Vereins vom 29. Mai 05 (vgl. Vorwärts, 1./6. 05)
forderte bereits, "in solchen Fällen, wo dem Volke wirkl. Rechte
genommen werden sollen", den pol. Str. ev. ernsthaft in Betracht zu
ziehen. Mit dem Reichstagswahlrecht sei zugleich auch das
Koalitionsrecht bedroht (_Kautsky_, Vorwort zu _Roland-Holst_, "G-str.
u. Sozd.").]
[Fußnote 354: Prot. Parteitg. Jena 05, p. 337.]
[Fußnote 355: Frankf. Ztg. a. a. O.; Eugen _Katz_, "Der politische
Massenstreik" Nr. 33, p. 3.]
[Fußnote 356: Vgl. _Michels_, "Le Socialisme allemand et le Congrès
d'Jéna", p. 281-307.]
[Fußnote 357: Vgl. z.B. _Roland-Holst_, "Zur Massenstreikdebatte", p.
685 und Dr. _Liebknecht_, a. a. O.]
[Fußnote 358: v. _Gerlach_, "Maifeier und Massenstreik". _Katz_, a. a.
O., wirft die Frage auf, ob man den Arbeitern nicht etwa deshalb "das
Opium des Massenstreiks" eingegeben habe, "damit sie die Unfruchtbarkeit
der marxistischen Politik so bald nicht erkennen?"]
2. Es ist nicht überraschend, daß man auf der Suche nach dem
außerordentlichen Rettungsmittel gerade auf den Klassenstreik verfiel.
Praktische _Versuche in andern Ländern_ standen schon reichlich als
_Vorbilder_ zu Gebote.[359] So soll der schwedische und der
italienische, sollen die belgischen Klassenstreiks einen Einfluß auf die
deutsche Arbeiterbewegung ausgeübt haben.[360] Der Ruhrstreik Anfang
1906 lenkte ebenfalls die Aufmerksamkeit auf Massenaktionen mit
politischer Tragweite. Später mag auch die österreichische Wahlbewegung,
vor allem aber die russische Revolution[361] die Klassenstreik-Neigungen
gefördert haben.
[Fußnote 359: Übrigens wäre, wie _Heine_ ("Politischer Massenstreik im
gegenwärtigen Deutschland?" p. 754) hervorhebt, bloß um der
ausländischen Versuche willen die Massenstreikdiskussion in Deutschland
nicht notwendig gewesen.]
[Fußnote 360: _Bracke_, Enquête, p. 86; _Bömelburg_ (Prot. Gwft. Kongr.
Köln 05, p. 215); _Bebel_ (Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 307);
_Cohnstaedt_, a. a. O.]
[Fußnote 361: _Bernstein_, "Politischer Massenstr. und
Revolutionsromantik"; vgl. auch _Lensch_, "Politischer Massenstreik und
politische Krisis"; _Liebknecht_ in Bremen: "die Frage des Massenstreiks
ist die aktuellste Frage unserer gegenwärtigen und künftigen Politik"
(Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 196); _Kautsky_ ("Zum Parteitag")
rechnete schon "mit der Möglichkeit, ja Wahrscheinlichkeit
revolutionärer Situationen"; Edm. _Fischer_, a. a. O., wirft der
_Leipziger Volkszeitung_ vor, daß sie, nach ihrem Artikel "Märzluft" vom
8. (oder 18.?) März 04, den revolutionären Generalstreik schon nahe
glaube; "zum Glück", meint _Fischer_, "denkt in unserer Partei kein
Mensch daran, diese Phrasen ernst zu nehmen".]
3. Einen ferneren Hinweis auf den politischen Ausstand gaben die
_internationalen Kongresse_, voraus der Kongreß von Amsterdam.
4. Weit größere Bedeutung aber erlangten die _akademischen Erörterungen_
des Problems.[362] Sie gingen übrigens von sehr verschiedenen Seiten
aus: die größten Partei-Antipoden traten gleich warm für den
Klassenstreik ein; freilich dachten sie sich oft ganz verschiedene Dinge
darunter, was nicht wenig zu den späteren Verwirrungen beitrug.
[Fußnote 362: _Heine_, a. a. O.; bei der geringen politischen Bedeutung
der deutschen Sozialdemokratie hätten diese akademischen Erörterungen
übermäßige Bedeutung erlangt.]
_Kautsky_ hatte schon 1891 darauf hingewiesen, daß unter Umständen
"ausgedehnte Arbeitseinstellungen große politische Wirkungen hervorrufen
können".[363] -- Angeregt durch den ersten belgischen Wahlrechtsstreik
sprach _Bernstein_ sich 1894 für den "Streik als politisches
Kampfmittel" aus, speziell für den Streik als politisches
Demonstrationsmittel.[364] 1896 untersuchte _Parvus_ die
Wahrscheinlichkeit eines Staatsstreichs und kam zu dem Ergebnis, daß nur
der politische Massenstreik im Stande sei, unter Umständen eine bedrohte
Verfassung zu schützen.[365] Aber alle diese Anregungen, selbst
_Parvus'_ "Kassandrarufe", verhallten, "ohne in der Arbeiterschaft
besondere Beachtung zu finden".[366]
[Fußnote 363: _Kautsky_, "Die soziale Revolution" I, p. 50.]
[Fußnote 364: _Bernstein_, "Der Streik als politisches Kampfmittel".]
[Fußnote 365: _Parvus_, "Staatsstreich und politischer Massenstreik",
p. 199ff. Auch 1901 noch fand _Parvus_ mit seiner aus Handelskrise und
Generalstreik kombinierten Zusammenbruchstheorie, die er am 24. Sept.
1901 in der Dortmunder Arbeiter-Zeitung auseinandersetzte, wenig Anklang
(vgl. _Fischer_, "Die neueste Revision... usw.", p. 295).]
[Fußnote 366: _Flüchtig_, "Zur Frage des Generalstreiks", p. 445.]
Der zweite belgische Wahlrechtsstreik brachte die literarische
Diskussion des Klassenstreiks von neuem in Fluß: _Bernstein_[367]
verwies, bei vollster Ablehnung anarchistischer Gedankengänge, auf die
Möglichkeit, ja Wünschbarkeit des friedlichen Demonstrationsstreiks zu
politischen Zwecken, wie speziell zur Reform des preußischen
Wahlsystems, und er bemühte sich vielfach in Wort und Schrift, diesem
Gedanken Geltung zu verschaffen. Auch _Kautsky_ griff den Gedanken des
Klassenstreiks wieder auf, der für ihn hauptsächlich das Mittel der
sozialen Revolution bedeutete. Deshalb erschien ihm auch der politische
Massenausstand für Deutschland vorläufig noch unanwendbar, seine
Diskussion also auch nicht dringlich, doch lehrreich und
wünschenswert.[368] Diese Diskussion nahm aber erst seit 1904, "vor,
während und nach dem Kongreß von Amsterdam"[369] einen lebhafteren
Charakter in Presse[370] und Versammlungen an; sie erhielt im Sommer
1905 durch die Veröffentlichung von _Roland-Holst's_ "Generalstreik und
Sozialdemokratie" neue Nahrung.[371] Dieses Buch, auf _Kautskys_
Veranlassung geschrieben und von ihm in einem Geleitwort der deutschen
Arbeiterschaft an's Herz gelegt, erschien gerade im geeigneten
Augenblick, um einen bedeutenden, aber nicht ungefährlichen Einfluß
ausüben zu können, da es sich ebenso sehr durch Übersichtlichkeit und
fesselnde Darstellung, als durch Verkennung der tatsächlichen
Machtverhältnisse Deutschlands auszeichnete.[372]
[Fußnote 367: _Bernstein_, "Der Kampf in Belgien und der politische
Massenstreik".]
[Fußnote 368: Zum besseren Verständnis des Auslands, zur klaren
Erkenntnis der eigenen Widerstandskraft, zur Vorbereitung auf den
Amsterdamer Kongreß wünschte _Kautsky_ eine lebhafte Diskussion der noch
wenig geklärten Frage (vgl. die Anmerkung der Redaktion in der "Neuen
Zeit", 22, I, p. 134; vgl. _Kautsky_, a. a. O.; ders., "Zum Parteitag",
"Der Bremer Parteitag", "Allerhand Revolutionäres"; ferner Vorwärts, 4.
Juli 06).]
[Fußnote 369: _Bebel_, "Der Bremer Parteitag", p. 742.]
[Fußnote 370: Z.B. in der "Neuen Zeit" im Anschluß an den Artikel von
_Hilferding_, "Zur Frage des Generalstreiks".]
[Fußnote 371: Hingegen gab das _Roland-Holst_'sche Buch nicht, wie der
_Vorwärts_ (4. Juli 06) annimmt, überhaupt erst den Anstoß zur deutschen
Massenstreikdebatte.]
[Fußnote 372: _Roland-Holst's_ Buch erschien sehr bald schon in 2.
Auflage; sicher hat es einen beträchtlichen Einfluß auf den Jenaer
Parteitag ausgeübt, obgleich es nicht an scharfer Kritik fehlte:
_Bernstein_ (in "Dokumente des Sozialismus", V. 9) wandte sich besonders
gegen die von _Roland-Holst_ vertretene Katastrophentheorie, griff auch
ihre Darstellung der belgischen Wahlrechtsbewegung an; _Heine_
verurteilt das "Gerede" über den Verlauf eines Massenstreiks in
Deutschland als ein "Phantasieprodukt ohne Realität" (a. a. O.); vgl.
auch die kritischen Bemerkungen bei _Katz_, a. a. O. Nr. 34.]
5. Eine wesentlich andre Auffassung vom Klassenstreik, als die
Parteischriftsteller verschiedener Richtung, vertraten, (vertreten
noch), die "_Anarchosozialisten_", (auch Berliner Lokalisten
genannt).[373] Der "Wahlrechtsraub in Sachsen", der "Bruch der
Geschäftsordnung im Reichstag", die Neutralitätserklärung der
Gewerkschaften hatten auch den Führer der Lokalisten, Dr. R.
_Friedeberg_, zu einer _Revision der Taktik_ veranlaßt, die ihn
geradewegs zu "proletarischen Massenaktionen", mit deren Hilfe die
"Ideale des Klassenkampfs" wieder in den Vordergrund gerückt werden
sollten,[374] zum anarchistischen Generalstreik führte. Um seine
Anschauungen auch dem Amsterdamer Kongreß nahe zu legen, sprach
_Friedeberg_ am 3. August 1904 in Berlin unter großem Beifall der
Anwesenden über "Parlamentarismus und Generalstreik".[375] Ebenso
versuchte er dem Jenaer Parteitag vorzudemonstrieren, daß die deutschen
Proletarier einen "neuen Kurs" verlangten.[376] Zu diesem Zweck sprach
er am 23. August 1905 in Berlin über "Weltanschauung und Taktik des
deutschen Proletariats" und veranlaßte seine 3-4000 Zuhörer,[377] eine
anarchosozialistische Resolution, mit Generalstreik als pièce de
resistence, anzunehmen (sogen. Feenpalast-Resolution, nach dem Namen des
Versammlungslokals).[378] Freilich wies die sozialdemokratische Partei
die Friedebergsche Generalstreikpropaganda zurück, wie überhaupt den
ganzen "anarchosozialistischen Spuk";[379] dennoch fühlte die Partei
sich eingestandenermaßen zum Teil gerade durch die großen Berliner
Versammlungen der Lokalisten zur Erörterung des Klassenstreik-Problems
genötigt.[380]
[Fußnote 373: _Giesberts_, a. a. O. p. 30, berechnet ihre Zahl auf 17
000; sie liegen in beständiger Fehde mit den Zentralverbänden;
_Kampffmeyer_ ("Der Generalstreik und die Eroberung der ökonomischen
Macht") setzt die anarchosozialistische Bewegung in Parallele zur
Bewegung der "Jungen" von 1891; die Anarchosozialisten hatten sich unter
Führung von Dr. R. _Friedeberg_ samt ihrem Blatt, "Die Einigkeit", immer
mehr von den offiziellen Gedankengängen der Partei ab- und dem
Anarchismus zugewandt.]
[Fußnote 374: _Friedeberg_, Prot. Parteitg. Dresden 03.]
[Fußnote 375: Seine Resolution, die den Parlamentarismus verurteilt,
der Partei und den Gewerkschaften aber den Generalstreik als ethisches
Befreiungsmittel empfiehlt, (vgl. _Friedeberg_, "Parlamentarismus und
Generalstreik", p. 31, 32), soll mit Tausenden gegen 6 Stimmen
angenommen worden sein (vgl. _Friedeberg_, "Weltanschauung und Taktik
des deutschen Proletariats", Nr. 41); _Friedeberg_ erklärte in einer
Berliner Versammlung am 29./8. 04 die Stellungnahme des Amsterdamer
Kongresses für eine Konzession an seine Richtung (vgl. Allg. Ztg. 1./9.
04).]
[Fußnote 376: Die gleiche Absicht verfolgte die "_Einigkeit_" (Nr. 35,
Sept. 05, Beilage) mit ihrem Artikel "Jena".]
[Fußnote 377: Vgl. "_Einigkeit_", 2./9. 05; _Michels_, a. a. O. p. 287
ff.]
[Fußnote 378: _Friedeberg_, a. a. O.]
[Fußnote 379: Der Anarchosozialismus sei der unvermeidliche Ausbruch
"fortschrittshungriger Ungeduld", der "das Kind mit dem Bade"
ausschütten wolle (_Hue_, "Partei und Gewerkschaft"). Vorwärts, Leitart.
vom 4. Juli 06, Nr. 152, "Der politische Massenstreik"; _Kautsky_ ("Der
Bremer Parteitag", p. 7 ff.) meint, man müsse die Massenstreikdiskussion
nicht wegen, sondern trotz _Friedeberg_ betreiben; vgl. ders., Rezension
über _Friedebergs_ "Parlamentarismus und Generalstreik".]
[Fußnote 380: Vgl. _Bebel_ (Prot. Parteitag Bremen 04, p. 307);
mehrfach in der sozialdemokratischen Presse ausgesprochene Vorwürfe, die
Parteileitung lasse sich zu sehr durch die Lokalisten beeinflussen,
weisen ebenfalls darauf hin, daß die anarchosozialistische Propaganda
nicht ohne Einfluß auf die allgemeine Massenstreikbewegung in
Deutschland war.]
Das Zusammentreffen all dieser Faktoren macht es begreiflich, daß die
deutsche Sozialdemokratie sich dem Klassenstreik zuwandte, dessen sie
sich doch so lange Zeit hindurch erfolgreich erwehrt hatte, so auch noch
auf dem _Dresdener Parteitag_ 1903, wo _Friedebergs_ Anstrengungen, den
Klassenstreik auf die Tagesordnung des nächsten Parteitags zu setzen,
nur bei _Kautsky_ und einigen wenigen andern, "die zur sog. "radikalen"
Richtung zählen",[381] Unterstützung fanden. Denn obgleich der
Klassenstreik doch nur eine logische Konsequenz der neu beschworenen
Katastrophentheorie[382] und der Annahme eines "in greifbare Nähe
gerückten" Sieges der Sozialdemokratie dargestellt hätte, gelang es dem
Einfluß _Legiens_ und _Ledebours_, die offiziell radikale Dresdener
Mehrheit zur Verwerfung des Friedebergschen Antrags zu bewegen.
[Fußnote 381: Vgl. _Kolb_, "Zur Frage des Generalstreiks", p. 207, und
_Flüchtig_, "Zur Frage des Generalstreiks"; vgl. auch Prot. Parteitg.
Dresden 03, p. 134, 431 ff.]
[Fußnote 382: Vgl. _Bernstein_, "Ist der pol. Streik in Deutschland
möglich?"]
Doch schon auf dem _Bremer Parteitag_ 1904 trat ein Umschwung in der
Beurteilung des Klassenstreiks zu Tage. Zwar fehlte es nicht an Stimmen,
die die neuen Bestrebungen für "einfach lächerlich" erklärten.[383] Aber
als Dr. _Liebknecht_, unter Hinweis auf den Wert des Massenstreiks für
den Wahlrechtsschutz, auf die Bedeutung der ausländischen Diskussion und
das Ansehen der inländischen Verteidiger des Klassenstreiks und unter
ausdrücklicher Ablehnung des Generalstreiks Friedeberg'scher Observanz,
die Behandlung des Problems auf dem folgenden Parteitag verlangte, und
als unter anderen auch _Bernstein_ und _Zetkin_ eine Diskussion der
Frage befürworteten, da wurde der Liebknechtsche Antrag mit großer
Mehrheit dem Parteivorstand zur Erwägung überwiesen.[384]
[Fußnote 383: So die "_Chemnitzer Volksstimme_", cit. von Dr.
_Liebknecht_, (Prot. Parteitg. Bremen, p. 190). _Katzenstein_ meinte,
die Anhänger des _Generalstreiks_ hätten einen unfruchtbaren Boden zu
beackern (Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 190).]
[Fußnote 384: Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 190-198; _Bebel_, der über
den Amsterdamer Kongreß referierte, ohne sich aber persönlich zur
Klassenstreik-Frage zu äußern, befürwortete deren gründliche
literarische Diskussion, ehe die Partei sich offiziell mit ihr zu
beschäftigen habe (Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 307); _Kautsky_
erklärte, "mehr als solche Studien sind zunächst in Deutschland nicht
erforderlich" ("Der Bremer Parteitag", p. 9).]
Während der Klassenstreik in der Partei Anhänger gewann, beharrten
die _freien Gewerkschaften_ auf seiner Ablehnung, "einerlei, für
welche Zwecke er inszeniert werden soll"[385] und schienen "gegen
den Generalstreik-Bazillus immun zu sein".[386] Um jedoch die
immerhin gefährlichen Infektionsversuche zu verhindern, sowie um
etwaigen, von der Partei zu gewärtigenden, unerwünschten Direktiven
zuvorzukommen,[387] wurde der Klassenstreik im Mai 1905 vom
_Gewerkschaftskongreß in Köln_ behandelt.[388] Nur ganz wenige
Gewerkschaftsführer (so z.B. _von Elm_) traten dort für den politischen
Streik ein. Die Mehrzahl glaubte, in entscheidenden Augenblicken auch
ohne vorherige Beschlußfassung die richtige Taktik finden, und selbst
eine Zeit der Wahlrechtsverkürzung ohne Klassenstreik überstehen zu
können;[389] sie sah in dessen Diskussion daher eine überflüssige
Beunruhigung organischer Gewerkschaftsentwicklung und wies "alle
Versuche, durch die Propagierung des politischen Massenstreiks eine
bestimmte Taktik festlegen zu wollen", entschieden zurück.[390] Übrigens
sollte durch den Kölner Beschluß dem politischen Massenstreik eine
_event_. Funktion in einer _event_. sozialen Revolution nicht
abgesprochen werden.[391] Fast die ganze Partei, voraus die in Köln
nicht allzusehr gefeierten Literaten, verurteilten die Stellungnahme der
Gewerkschaften.[392] Diese hatten gehofft, durch ihre Resolution die
Massenstreikdebatte einzudämmen; aber das Gegenteil trat ein:[393] die
Massenstreikdebatte beherrschte mehr und mehr das Parteileben. Sie
erreichte ihren Höhepunkt im Herbst 1905 am _Parteitag_ in _Jena_, wo
der Klassenstreik überhaupt im Mittelpunkt des Interesses stand.[394]
Von der Stellung der Partei zum Klassenstreik-Problem hing ja auch ihr
Verhältnis zu den Gewerkschaften ab. Vergeblich mahnte eine kleine
Minderheit zur Mäßigung. In einem "Taumel" von Begeisterung und
Unbesonnenheit nahm der Parteitag, gemäß der Resolution _Bebel_, den
politischen Massenstreik unter die "gegebenenfalls" in Betracht zu
ziehenden Eroberungs- und Verteidigungsmittel der Sozialdemokratie
auf.[395] Der schon hierdurch, gewollt oder ungewollt, entstandene
Gegensatz zur Kölner Resolution[396] wurde übrigens durch den
leidenschaftlichen Tatendurst, der einen Teil der Debatte beherrschte,
noch bedeutend verschärft. -- Der Gedanke, daß der Massenstreikbeschluß
dem Parteirenommé wenig dienlich, daß die deutsche Sozialdemokratie
hiermit vollständig in eine schon zu Dresden betretene Sackgasse
hineingeraten[397] sei, war der Partei selbst vorläufig noch fremd;
wurde doch die Jenaer Resolution von einem Teil der Parteipresse
geradezu "als ein Weltereignis" gefeiert.[398] Sie befriedigte ja im
allgemeinen die Klassenstreikpropheten aller Richtungen: Marxisten sahen
den Klassenstreik mit Genugtuung dem Arsenal des deutschen Proletariats
eingereiht; Revisionisten (bes. _Bernstein_) sprachen _Bebels_ Referat
in Jena als einen Sieg ihrer Bestrebungen an;[399] Antiparlamentarier
und Anarchosozialisten konstatierten zuversichtlich einen "Ruck nach
links",[400] ein erstes In-Betracht-ziehen der direkten Aktion.
[Fußnote 385: Vgl. _Bebel_, vgl. "Der Bremer Parteitag", p. 742.]
[Fußnote 386: _Legien_, "In Köln am Rhein", p. 378.]
[Fußnote 387: Vgl. _Bömelburg_, in einer öffentlichen Maurerversammlung
in Leipzig am 14. Nov. 05 (Bericht hierüber im Vorwärts, 16. Nov. 05, 2.
Beilage). -- Bei den üblichen Meinungsverschiedenheiten zwischen der
Partei und der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands
fürchtete die letztere nicht mit Unrecht, der nächste Parteitag
werde einseitig über den M-str. Beschlüsse fassen, die den
Gewerkschaftstendenzen zuwiderlaufen könnten (vgl. _Bömelburg_, Prot.
Gewft. Kongr. Köln 05, p. 215).]
[Fußnote 388: Vgl. Prot. Gwft. Köln 05, p. 215-229.]
[Fußnote 389: Man habe einst das Sozialistengesetz auch ohne
Massenstreik überdauern können. (Vgl. Edm. _Fischer_, a. a. O. p. 299).]
[Fußnote 390: Resolution _Bömelburg_; mit allen gegen 7 Stimmen
angenommen (Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 30).]
[Fußnote 391: Wenigstens soll in der Resolution _Bömelburg_ ein solcher
Sinn ursprünglich nicht gelegen haben (vgl. _Legien_, Prot. Parteitg.
Mannheim 06, p. 241 ff.).]
[Fußnote 392: So z.B. die _Leipziger Volkszeitung_ (cit. im Vorwärts,
31./5. 05.). Zu den wenigen Parteiblättern, die den Kölner Beschluß
billigten, gehörte damals auch der Vorwärts (vgl. _Kautsky_, Vorwort zu
_Roland-Holst_, p. VIII).]
[Fußnote 393: Vgl. A. v. _Elm_, "Partei und Gewerkschaft", p. 734,
735.]
[Fußnote 394: Vgl. Prot. Parteitg. Jena 05.]
[Fußnote 395: Prot. Parteitg. Jena 05, p. 285 ff.; Annahme der
Resolution Bebel mit 287 gegen 14 Stimmen (bei 2 Stimmenthaltungen); die
Partei war aber durchaus nicht so einig, wie man nach diesem Ergebnis
und nach dem _Singer_'schen Schlußwort (p. 364) annehmen könnte.]
[Fußnote 396: Die Rdsch. Soz. Mh. meint, man habe sich in Jena
"absichtlich in Gegensatz zu der Kölner Resolution der Gewerkschaften"
gestellt.]
[Fußnote 397: Vgl. v. _Gerlach_, "Maifeier und Massenstreik"; _Katz_,
a. a. O. Nr. 33.]
[Fußnote 398: _Leimpeters_, "Die sozialdemokratische Partei und die
Gewerkschaften", p. 928.]
[Fußnote 399: _Bernstein_ (Prot. Parteitg. Jena 05, p. 315); vgl. auch
_Fournière_ in der Revue socialiste (cit. Rdsch. Soz. Mh. Nov. 05 p.
984).]
[Fußnote 400: Vgl. _Michels_, a. a. O.]
Alsbald begann auch in Presse und Versammlungen eine muntere
_Massenstreik-Agitation_, mehrfach sogar unter direkter Bezugnahme auf
die russische Revolution.[401] Dies steigerte sich noch, als die
Absichten der Parteileitung bezüglich der preußischen Wahlrechtsbewegung
bekannt wurden; denn zahlreiche Phantasten glaubten nun zuversichtlich,
daß die für Januar, März und Mai 1906 vorgesehenen Massendemonstrationen
nur ein Vorspiel bedeuten würden, daß die Bewegung sich steigern und im
Massenstreik gipfeln müsse.
[Fußnote 401: Vgl. z.B. Paul _Göhre_, "Sturmzeichen in Deutschland".]
Doch schon nach kurzer Zeit erfolgte der _Rückschlag_. Verschiedene
_ursprüngliche Verfechter_ der Massenstreikidee begannen, deren
unzeitgemäße Propaganda, die "Revolutionsromantik", die in Presse und
Versammlungen aufblühte, energisch zu bekämpfen.[402] Besonders aber
setzte die Umkehr des _Parteivorstandes_ dem Massenstreiklärm einen
wirksamen Dämpfer auf. Im Sommer 1906 wurde es nämlich bekannt,[403] daß
zwischen dem Parteivorstand und der Generalkommission bereits am 16.
Febr. 1906 ein "unverbindlicher" Meinungsaustausch betreffend die
Opportunität eines momentanen politischen Streiks in Preußen und über
die bei einem solchen ev. innezuhaltende Taktik stattgefunden habe, und
daß hierbei sechs von _Bebel_ formulierte Thesen zur Annahme gelangt
waren, von denen es nun hieß, sie stellten eine Preisgabe der Jenaer
Resolution dar.[404] _Bebel_ und der Parteivorstand verwahrten sich aufs
bestimmteste gegen eine solche Verdächtigung,[405] die sie auf
Entstellung des ersten und wichtigsten der _Bebel_'schen Sätze
zurückzuführen versuchten.[406] Zwischen beiden Fassungen besteht aber
durchaus kein prinzipieller, sondern bloß ein formeller und allenfalls
gradueller Unterschied; denn in beiden spiegelt sich gleichmäßig der
deutliche Wunsch: wenn irgend möglich, nur jetzt keinen
Massenstreik![407] Die Abmachungen der Februarkonferenz beschränkten
sich nämlich auf die augenblickliche Situation[408] und sollten die
Frage de
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