Das Meer
by Bernhard Kellermann · German · Gutenberg #42339 · 367,067 chars · public domain (US)
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Title: Das Meer
Roman
Author: Bernhard Kellermann
Release date: March 15, 2013 [eBook #42339]
Most recently updated: October 23, 2024
Language: German
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/42339
Credits: Produced by Jens Sadowski
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS MEER ***
Das Meer
Roman
von
Bernhard Kellermann
S. Fischer, Verlag
Berlin 1917
26.--40. Auflage.
Gedruckt während der Kriegszeit auf Papier mit Holzschliffzusatz.
Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.
Copyright S. Fischer, Verlag, Berlin.
Das Meer
I
Wir hatten alles, was das Herz begehrt. Wir hatten Frauen die Fülle, wir
hatten zu trinken, wir hatten Stürme, die mit achtzig Seemeilen
Geschwindigkeit dahinfegten. Wir brauchten nichts, merci, hebe dich hinweg
--
Auf unserer Insel gab es weder Baum noch Strauch. Wie ein in Schutt
zerfallenes Gebirge sah sie aus, und ringsum keuchten die Klippen in der
Brandung. Tag und Nacht aber donnerte es, horch! Das war das Meer. Es
wehte, immerfort schrie der Wind, und wenn ein Mensch über die Heide ging,
so flatterte er wie eine zerfetzte Fahne. Zu jeder Stunde bei Tag und bei
Nacht schrillten die Möwen, denn ihnen gehörte Insel und Meer. Manchmal
versank die Insel buchstäblich unter ihrem markerschütternden, feilenden
Lärm. Wenn ich da draußen bei den Klippen schwamm, so reckten sie unruhig
die weißen Köpfe, es waren ihrer drei, fünf, zehn, aber sobald ich näher
kam, waren es Hunderte, Tausende. Sie umkreisten mich schrillend wie eine
wetternde Wolke und mich erfaßte eine mystische Furcht, denn es waren ihrer
so viele. Sie schreien noch oft in meinen Träumen.
En route! Das Großsegel donnert und wir jagen dahin. Unsere Muskeln sind
hart und unsere Herzen stählern und klingend -- -- --
Wann aber meine Augen zum erstenmal auf Rosseherre fielen, kann ich nicht
mehr sagen. Ich weiß nur, daß es an einem Posttag im Frühjahr war.
Rosseherre war das einzige blonde Mädchen auf der Insel, und es ist
möglich, daß sie gerade deshalb Eindruck auf mich machte. Sie war
eigentlich nicht blond, sondern gelb, wenn man so sagen kann. All die
andern dagegen waren schwarz und ich kannte sie alle.
Zuweilen unternahmen wir eine Expedition, Yann, der »kleine Kapitän«,
Poupoul, mein Hund, und ich, und auf diesen Entdeckungsreisen machte ich
ihre Bekanntschaft. Es gab auf der Insel dreimal mehr Frauen als Männer,
denn die Männer machten Dienst auf den Schiffen, Gott weiß, wo sie waren.
Solange sie jung waren, waren sie schön, und alten gingen wir aus dem Wege.
Braun gebacken von der Sonne waren sie und das Blut glühte in ihren Wangen
und Augen, als ob sie gerade aus einem heißen Ofen kämen. Sie hatten weiße,
starke Gebisse und pechschwarzes Haar, das sie offen trugen bis zu den
Schultern herab. Sie waren einfältigen Herzens, munter und laut und
zögerten nicht lange, denn es fehlte ihnen an Zeit und Auswahl.
Yann und ich setzten in irgendeiner kleinen Bar Dampf auf, dann sah mich
Yann mit feuchtglänzenden Augen an und puffte mich: »Hehe?«
»Schön!« sagte ich. Yann und ich verstanden einander auf eine nahezu
mysteriöse Art.
»Aber noch ein Glas! He, Patron, noch ein Glas, rasch!«
Wir brachen auf. Wir schlugen sofort ein derartig rasches Tempo an, als
gälte es Leben oder Tod. Nicht eine Minute Zeit hatten wir zu versäumen.
»Nur keine großen Umstände gemacht, hörst du?« sagte Yann. »Sie warten nur
darauf --«
»Tiens!« sagte ich, ärgerlich über Yanns ewige Bevormundung. »Habe ich je
Umstände gemacht? Sakrenomdedü« --
»Allons, allons!« Yann lachte.
Es war Nacht, alles schlief. Die Leuchtfeuer suchten nach uns wie riesige
Blendlaternen und wir schlichen wie Diebe zwischen den Hütten dahin. Oft
mußten wir uns hinter eine niedrige Mauer ducken um nicht gesehen zu
werden. »Nieder!« kommandierte Yann. Dann pochte Yann an ein Fenster:
»Mach' auf, mach' doch auf!« Er pochte geduldig eine Stunde lang und
raunte: »Mach' auf, ich bin es, Yann!« Endlich klirrte der Riegel und Yann
schlüpfte ins Haus. Ich wartete. Die schwarzen Wolken wälzten sich über den
Himmel, der Wind knallte in meinem Rock, ich fror. Endlich kam Yann wieder,
satt und erhitzt sah er aus.
»Es ist heute nichts mit ihr.«
»Nichts?«
»Nein, wir haben einen unglücklichen Tag gewählt.«
»O, Yann!« Und wir steuerten einen anderen Kurs. »Mach' auf, mach' doch
auf, ich bin es, Yann.« Wir lauschten, Poupoul knurrte. »Mach' auf, mach'
doch auf!« In den Fischerhütten roch es süß und kräftig wie in einem
Kuhstall.
»Umarme ihn, vorwärts!« befahl Yann. »Er ist mein Freund -- Napoleon --
hast du nie gehört von ihm?«
Dann hielten wir uns ein paar Striche westlich und klopften eine abseits
liegende Kneipe wach um uns zu stärken. Wir brachten den Wirt um seine
Nachtruhe, aber da wir die kapitale Zeche von einem Franken machten und bar
bezahlten, waren wir willkommene Gäste.
»Nun wollen wir nach Stiff gehen,« sagte Yann, »eine halbe Stunde, dort
wohnt Jeanne, aber wir müssen uns in acht nehmen, sie muß herauskommen« --
Unersättlich war Yann.
»Wird sie herauskommen, Yann?«
Yann blieb stehen und rückte die Mütze ins Genick. »Wenn ich klopfe? He?«
Auf diese Weise machte ich die Bekanntschaft der Schönheiten der Insel. Wir
litten keinen Mangel, das will ich nicht behaupten. Es wäre undankbar,
nichts anderes.
Rosseherre aber hatte ich noch nicht gesehen,
An einem Mittwoch nun ging ich zum Hafen hinüber um zu sehen, ob der
»Kommissionär« heil hereinkäme. Das Meer war erregt.
Die Fischer standen oben auf den Felsen, turmhoch über der Bai, und
blickten regungslos auf den »Kommissionär« hinaus, nur zuweilen spien sie
aus, aber ohne sich zu rühren. Sie sahen zerzaust und zerwühlt aus,
ausgetrocknet von der Sonne, die Augen geschliffen vom Wind. Manche
schienen gerade aus dem Wasser zu kommen, die dünnen Haare klebten an ihren
Schläfen, die Kittel hingen an ihren Schultern herab. Neben ihnen stand
Noel, der Kaufmann und »Inselkönig«, in einer schwarzen Lederjacke, den
Feldstecher vor den Augen. Er strotzte von Wohlhabenheit, sein Gesicht war
siegellackrot und sein schwarzer Vollbart knisterte vor Gesundheit. »O,
lala!« rief er und schüttelte besorgt den Kopf, denn der »Kommissionär«
gehörte ihm. Ein paar Fetzen Tuch an den Stangen watete der Kutter in der
Ferne durch die sausende Dünung, unter Sturzseen begraben. Manchmal versank
er bis auf die Mastspitze -- fahre wohl! -- nein, er tauchte wieder auf.
Hinter ihm ging schräg der schwarzgraue Regen. Plötzlich hielten alle
Fischer inne -- wenn jetzt ein Seil riß oder der Wind nur eine Minute
aussetzte -- sie spien wieder aus, es gab keine Gefahr mehr. In den Nischen
der Klippen kauerten Trüppchen von Fischerweibern, wie Hühner, die der Wind
in einen Winkel wehte. Alles flatterte an ihnen, die schwarzen offenen
Haare, die Bänder der weißen Hauben, die Röcke. Die schwarze Jeanette saß
bei ihnen und blickte lächelnd zu mir empor. Ich stand bei den Fischern,
regungslos wie sie, und nur zuweilen nahm ich die Pfeife aus dem Mund und
spie aus, auf amerikanische Art, durch die Zähne; ich hatte es darin zur
Vollkommenheit gebracht.
Der »Kommissionär« zog die Segel ein und warf mit Gerassel seinen
zerfressenen Anker aus. Eine kleine Rostwolke stieg auf und ich roch sie
bis herauf. Sofort kam aus dem Hafen wie stets jenes kleine Boot heraus,
das sich wie eine Kaulquappe bewegte, denn es wurde mit einem einzigen
Ruder am Stern gerudert. Ein halbes Dutzend flatternde Bündel (Menschen),
Ballen, ein Rudel kleiner Schweine, all das wurde mit einer Hast
hineingeworfen, die Seeleute an sich haben, wenn sie schon einmal arbeiten.
Im Nu war der Nachen zum Sinken voll.
Die Schweine schrien mörderisch, und die Weiber in den Felsennischen
kreischten vor Lachen. Plötzlich aber begannen sie zu rufen. Sie schwenkten
die Arme und schrien: »Rosseherre! Rosseherre!«
Im Schnabel des kleinen schlingernden Bootes stand ein Mädchen mit
flatternden messinggelben Haaren.
Ich hatte sie noch nie gesehen. Gelbes Haar hatte sie! Und sie stand so
ruhig.
Die quiekenden Schweine wurden herausgeworfen, die Ballen, der Postsack und
ein ganzes Gebirge von großen Brotlaiben mit schmutziggrauer Kruste. Die
Schweine liefen darüber, die gelbe Welle leckte nach ihnen und färbte
einzelne dunkel, ehe Noel sie wegräumen konnte.
»Pack an, pack an!« schrie er, und der Dorflump in seinen klaffenden Hosen,
Noels Schützling, sprang mitten in das Gebirge von Brot hinein.
Rosseherre stieg geschickt zwischen zwei Wellen aus dem Nachen und
klapperte rasch in ihren Holzschuhen den Steig hinauf. Je näher sie kam,
desto gelber wurde ihr Haar. Sie war klein und schmal, ein Mädchen von
sechzehn Jahren; sie trug eine weiße Haube, ein Tuch um die Schultern, und
war schwarz gekleidet wie alle Frauen der Insel.
Wir wandten uns ihr zu. Die Fischer taten es, ohne die Füße zu regen, ihre
Holzpantinen waren festgenagelt am Boden. Kedril nahm den Tabakklumpen aus
dem Mund und legte ihn unter die Mütze auf den Kopf. »Da ist ja Rosseherre
wieder!« sagte er. Die andern sagten nichts. Sie spritzten den Tabaksaft
mit kindlicher Freundlichkeit durch die Zähne und nickten. Man sah ja, daß
sie da war.
In diesem Augenblick sah Rosseherre zu uns her. Das gelbe Haar wehte um ihr
kleines kindliches Gesicht und sie strich es mit der Hand zurück. Die
Weiber schrien ihr lachend etwas zu, und sie sah mich von oben bis unten
neugierig an. Ich nahm die Pfeife aus dem Mund, bewegte aber keine Miene.
Da kehrte Rosseherres Blick nochmals zu mir zurück und haftete an meiner
Hand, an der ich einen unscheinbaren Ring trug. Dann sah sie mir rasch in
die Augen. Was für ein Blick war es doch?
Die Weiber lachten breit, plapperten und gingen mit Rosseherre davon. Im Nu
hatte sie der Wind um die Ecke geweht. Aber bevor Rosseherre verschwand,
blickte sie nochmals zurück.
Drunten in der Bai schaukelte verlassen der »Kommissionär«; ein Matrose in
rotem Hemd kletterte auf dem Deck. Der Briefträger und Chef der Post ging
an die Arbeit. Bis an die Zähne bewaffnet stürzte er sich ins Feuer. Er
hatte hohe Reiterstiefel an und schwang einen lächerlich kleinen Korb mit
den Briefen in der Hand. Sein Dienst war mörderisch. Wohin er kam, mußte er
ein Gläschen trinken. Am Abend kehrte er aber stets als Sieger zurück,
schnaubend wie ein Nilpferd, in Schweiß gebadet, um in Chikels Bar
zusammenzubrechen unter der ungeheuren Last von Verantwortung, Wichtigkeit
und eines höllischen Dienstes, für den er acht Tage lang Kräfte gesammelt
hatte.
Der Karren mit dem Schimmel kam, um die Säcke und Ballen fortzuschaffen.
Dieser Schimmel stand und ging, in einer Art Kniebeuge, er hatte rote
Ränder um Augen und Nüstern und war fast gänzlich haarlos. Er schlief
augenblicklich ein, und der Dorflump kitzelte ihn mit einem Strohhalm
aussichtslos in den Nasenlöchern.
Der Karren fuhr ab -- und nun war wieder Ruhe auf der Insel für eine ganze
Woche.
Ich kaufte im Dorf für zwei Sou Fische und wanderte nach »Sturmvilla«
zurück.
»Hast du gesehen, daß sie auf deinen Ring blickte?« sagte ich zu mir. »Sie
sind doch auf der ganzen Welt die gleichen. Was für gelbes Haar sie hat,
oho, das ist schon fast nicht mehr erlaubt, wie, Poupoul!«
Plötzlich fiel mir ihr Blick wieder ein. Merkwürdig. Es war ein -- wie soll
ich sagen? -- es war ein Blick wie ihn Wahnsinnige haben.
II
Der Weg führte hoch oben über die Felsen dahin, in denen das Meer ohne
Aufhören wusch und schaufelte.
Tag und Nacht war es an der Arbeit. Es fand eine Spalte und fing an, einen
Tunnel zu bohren. In tausend Jahren sollte er fertig sein und es ging mutig
ans Werk. Ein paar Schritte weiter hämmerte es in einer Höhle und meißelte
in einem Schacht. In tausend Jahren sollte der Schacht mit dem Tunnel
zusammenstoßen. Dann wollte es in den großen Stürmen Spitzhacken und Picken
nach oben schicken um eine Halle auszuhauen. In abermals tausend Jahren war
die Decke so dünn, daß sie nach den Regengüssen einstürzte, und dann stand
eine Klippe da, frei und scharf wie eine Sense, und das Meer suchte sich
eine neue Aufgabe. Es hatte Zeit.
Je näher man Sturmvilla kam, desto lauter wurde das Meer. Denn hier außen
war der offene Ozean und der große Strom brach sich an den Klippen.
Unaufhörlich stiegen die Gischtsäulen an den Riffen empor. Zuweilen dröhnte
es, als ob eine ungeheure Felsmasse ins Meer stürzte. Eine große Woge. Ich
hielt nicht mehr den Schritt an, nur manchmal erschrak ich noch tief innen
im Herzen.
Vereinzelte bleischwere Tropfen fielen vom Himmel. Das Gewölk schleppte
sich niedrig und schwer wie schwarzer Qualm übers düstre Meer und es wurde
rasch Nacht. Unsere beiden Leuchttürme begannen zu arbeiten. Im Norden
Stiff. Wie ein saugender, erschreckender Mond zuckte er hinter der
schwarzen Heide empor. Zweimal weiß und einmal rot. Im Süden aber begann
hoch oben eine geisterhafte Sonne mit vier bleichen Strahlenbündeln wie
irrsinnig zu kreisen. Das war Creach. Er schleuderte seine Lichtgarben
dreißig Meilen weit in die Nacht hinaus. Es waren sausende Hiebe von
Doppelblitzen. Sie flogen über die schwarze Heide, die bleichen Giebel der
Hütten, liefen wie eine leuchtende Schlange an den Klippen über der Bai
drüben entlang, betasteten ein Riff, eine Woge, einen Wolkensaum, ein Segel
-- fort, Nacht, Schwärze -- und schon blendeten sie wieder auf. Mit der
Nacht, da die Geräusche des Tages verstummen und das Ohr sich schärft,
donnerte das Meer um so lauter, und so kam es, daß man glaubte fortwährend
in einem Gewitter zu leben.
Creach leuchtete mir auf den Weg. All die Felsen, die glattgeschliffenen
Elefantenschädeln und Skeletten vorweltlicher Tiere ähnlich sahen, füllten
sich mit Gestalt und Leben, wenn der Lichthieb über sie hinfegte. Mitten
unter ihnen stand ein bleicher, abgezehrter Mönch, der den Arm erhob und
den Skeletten predigte: »Es ist noch nicht zu spät, ihr Saurier!« In jeder
Nacht stand er da und predigte, am Tage war er nichts als ein ordinärer
Felsklotz. Auch mir predigte er, wenn ich vorüberkam: »Was den Sauriern
gilt, gilt auch dir!« Und er drehte sich nach mir mit dem erhobenen Arm:
»Es ist noch nicht zu spät, Heide!« Sturmvilla selbst sah wie ein bleicher
Schädel aus, durch dessen zerfressene Nase ich hinein mußte.
Sie war früher ein Wächterhaus, aber nun gehörte sie Noel, dem Kaufmann,
der ein Sammler alter Baracken war, die er mit großartigen Namen
ausstattete: Villa de tempête, Sans-souci, Louis seize.
Ich nahm die Fische aus, schabte sie ab und briet sie in einem dick mit
Butter beschmierten Papier über einem kleinen Feuer. Aus der Leber machte
ich mit Butter, Salz und Essig die Sauce dazu. Dann hatten wir noch ein
paar kleine Kartoffeln, herrlich!
Sturmvillas Gemächer bestanden aus einem einzigen kleinen Raum und die
Hälfte davon nahm ein unförmiger pechschwarzer Kamin ein, der mich fast
verschlang. Ich liebte es, davor zu sitzen und dem Feuer zuzusehen.
Die Fische zischten und draußen rumorte das Meer. Mein Ohr war fein und
geschliffen und ich unterschied jede einzelne Woge. Der Strom stürzte sich
gierig und wild gegen die Klippen, in der Ferne dröhnte es in gleichmäßigen
Intervallen, als ob eherne Röhren ans Land rollten. Das war die Brandung in
der Bai. Dazwischen unterschied ich ein fernes knatterndes Schnellfeuer.
Das war das Meer bei Creach. Es hatte die Klippen in Trümmer zerschlagen
und jede Woge rollte die zentnerschweren Kugeln auf und ab. Das Splittern
und Krachen aber und die Schreie, was war das? Nein, ich öffnete nicht mehr
die Türe. Ich sah nicht mehr schwarze Schiffsrümpfe auf- und abstampfen,
ich hörte nicht mehr Ertrinkende schreien. Es waren die dunkeln Klippen,
die da draußen tanzten, und ich wußte auch, woher die Schreie kamen. Es war
das Wasser, das schrie, der Wind. Die Steine schrien.
Es pochte an die Türe. Ich wandte mich nicht um. Wer sollte kommen? Der
Wind weinte an meinem Guckloch, er weinte von einem Schmerz, der nicht
alltäglich ist, einem auserlesenen Schmerz, der das Herz eines Heiligen
brach. Dann lachte er ein kleines, irrsinniges Lachen und weg war er.
Ich saß vor meinem kleinen Feuer und rauchte die Pfeife. »He, Poupoul,
alter Kamerad!« sagte ich und kraute ihm den Kopf. Was war geschehen?
Nichts. Aber es lag ein Geruch wie von Abenteuern in der Luft.
Dieser gelbe Irrwisch, der heute aus dem Meer gestiegen war! Ich machte
mich bereit. Nimm dich in acht, Yann --
III
Gleich am nächsten Tag zog ich auf Kundschaft aus, um Rosseherre
aufzustöbern. Aber ich fand sie nicht. Nun, mochte sie in Gottesnamen
bleiben, wo sie wollte, ich war nicht auf sie angewiesen. Und am
übernächsten Tag hatte ich sie vergessen.
Die Möwen schrien und die Meerschwalben zogen läutend und glucksend dahin.
Es wehte, die Brandung donnerte. Wir fuhren hinaus zum Fischfang. Wir
fuhren hinaus um den Hummer und die Languste zu fangen, unser Boot war
angefüllt mit Reusen. Kedril, der Pilot Nummer Eins, erhielt eine Depesche
und wir jagten zwischen den schwarzen raschen Wogen dahin wie ein
Geisterschiff. Wir brüllten wie Teufel, um das Meer zu überschreien.
Kommando und Wiederholungen der Kommando. Ich bediente das Focksegel und
trachtete mit dem Wind fertig zu werden. Ich stemmte die Füße gegen die
Bootsrippen und oft hing ich wagrecht im Boot um das Segel zu spannen.
Meine Hände waren zerschunden, meine Augen entzündet vom Salzwasser und vom
Wind, die Haare klebten mir im Gesicht. Wir kreuzten acht Stunden lang
zwischen den Wassergräbern, bis das trübe Licht unseres Dampfers aus der
Dunkelheit blinzelte, und acht Stunden lang trillerte uns der Wind wie eine
schrille Pikkoloflöte in die Ohren. Der Pilot kletterte an der schwarzen
Eisenwand in die Höhe und verschwand, und nur oben tauchte sein
schnapsrotes Gesicht mit der geschwollenen Backe -- er verwahrte den Tabak
darin -- wieder im Lichtschein der Lampen auf. Lebe wohl, Pilot! Wir, der
Knecht und ich, legten mit aller Kraft die Stangen gegen den Dampfer um
nicht zu zerschellen, und das eiserne Ungeheuer strich davon. Dann jagten
wir durch die Nacht die vielen Meilen zurück. Die Sturzseen prasselten auf
unseren geölten Anzügen. Unsere Augen lagen auf der schwarzen Straße vor
uns und spähten nach Gischt aus. Denn wo Gischt war, waren Klippen. Im
Nebel aber legten wir uns über den Bootsrand und schnupperten ganze Tonnen
von Luft durch unsere geringelten Nasen -- um die Klippen zu _riechen_.
Wir tranken. O, wie mörderisch tranken wir! Mit der Flasche in der Hand
taumelten wir an den Wänden entlang und tranken, weil wir durstig waren.
All das Salz, hinab damit. Die Fischer brüllten zum Fenster hinaus. Das
Meer hatte ihre Herzen wild gemacht und was sollten sie damit tun? »Brülle
auch!« schrie Yann, und ich brüllte ebenfalls zum Fenster hinaus. Es machte
uns Vergnügen. --
Tagelang aber hausten wir einsam da draußen mit dem Wind und den Möwen,
Poupoul und ich.
Vor meinem Hause lag ein Stein, groß und flach wie ein Tisch. Er war grau
in der Sonne, bei trübem Wetter aber färbte er sich dunkel. Auf diesem
Stein saß ich und sah dem Meere zu.
Die Wolken zogen am Himmel und ihre Schatten trieben übers Meer wie dunkle
Inseln. Der Wind blies scharf hinein ins milchig grüne Wasser, ohne
nachzulassen, und das Meer war eine Armee spitzer Wellen, der Horizont
rauchte. Der Wind heulte und schrie und das Meer war getigert mit breiten
zornigen Gischtstreifen, die dahinfuhren, Donner und Blitz.
Die Stunde kam und das Meer war anders.
Die Weite blendete mich. Ich stand auf, als ob ich etwas sagen wollte,
ungeheure Worte schwebten mir auf den Lippen, Felsen von Worten, aber ihr
Sinn war mir fremd und ich sagte nichts. Ich setzte mich wieder. Der Wind
blies und fachte mein Herz an, daß es glühte, bis dahin, wo es ganz alt
war. Und ich saß inmitten der Weite und Leere und der unbekannten Dinge,
die in der Luft sind. So saß ich vom Morgen bis zum Abend und nun verstand
ich, was mein Herz mir sagen wollte. Ja! Ich blickte in die Höhe. Gott war
verreist, er hatte die Erde vorläufig allein gelassen, da sie aus den
Kinderschuhen heraus war, aber die alten Götter lebten noch, denen ich
räucherte, da ich übers Gebirge kam, die Steinaxt auf der Schulter. Hörst
du es? Wie es sauste da droben! Die alten Götter waren da droben unterwegs.
Tausend Quadratmeilen Wasser, tausend Kubikmeilen Luft, alles gehörte mir.
Nein, die da droben sollten nicht auf den Gedanken verfallen, es mit einem
undankbaren, schäbigen Burschen zu tun zu haben. Ich ging und stahl einen
halben Gartenzaun und machte ein Feuer an zwischen den Klippen. Ich warf
Fische hinein, die ich eigenhändig gefangen hatte, mit Augen und
Eingeweiden warf ich sie ins Feuer, und der Rauch schwärzte mein Gesicht.
Sie sollten es sehen, wenn sie dort oben durch den Äther fuhren!
Und Tag um Tag saß ich auf dem Stein vor meinem Hause.
Draußen zogen die Dampfer vorüber.
Ich unterschied die kleinste Rauchwolke unter dem hängenden Gewölk, ja
sogar ein Mast, der am Horizont wanderte, fein wie eine Nadel, konnte
meinen Augen nicht entgehen. Die Rauchwolke wuchs, ein grauer qualmender
Turm stand auf der Linie des Horizonts. Der Turm wölbte sich, bekam Maste,
Kamine, Verdecke. Die Möwen schwangen sich von den Klippen und schossen
schrillend hinaus. Und der Dampfer kämpfte sich näher. Sein Bug, sank ein
und verschwand, lange, als ginge es hinab. Dann stieg der Bug in die Höhe
und der Stern versank. Und wieder neigte sich der Bug. So zog er dahin. Die
Gischtsäulen fuhren senkrecht am Schnabel in die Höhe, die Sturzseen
strichen übers Deck. Wenn es dunstig war, so kam es vor, daß ich die
Dampfer aus den Augen verlor und minutenlang suchen mußte, bis ich sie
wiederfand. Bei Sturm erschienen sie wie verzweifelte Gespenster, die sich
mit dem Meere schlugen. Sie sahen kahl aus, wie rasiert vom Wetter. Sie
stampften auf und ab, qualmten, rollten hin und her, versanken, und oft
dauerte es eine Stunde, bis sie den großen Strom passiert hatten.
Sie zogen nach Süden und Südwest. Von meinem Stein aus sah ich bis nach den
heißen wimmelnden Städten Asiens, nach Südafrika, Mexiko und Südamerika,
und zuweilen bis dahin, wo die Palmeninseln in einem Meer so blau wie Samt
schlummern, und die Affen kletterten in unseren Tauen, sobald wir anlegten.
Ich spähte hinaus. Der Wind zerrte in meinen Haaren, die Funken stoben aus
meiner Pfeife und fuhren wagrecht über die Heide. Auf einem Felsen saß ein
Möwe mit gesträubten Federn und spähte hinaus wie ich.
Poupoul hockte neben mir und seine Nase ringelte sich bei all den Düften,
die das Meer sandte. Er war ein pensionierter Schiffshund, ein zottiger
schwarzer Pudel, groß und ein wahrer Teufel, und hatte alle Meere befahren.
Ich hatte ihn drüben an der Küste gegen eine Flasche eau de vie
eingehandelt. Zuweilen machte er eine kleine Exkursion, die Schnauze am
Boden, ob nicht etwa Schweinsohren versteckt wären. Er trollte hin und her
und lief hinab zum Meer. Das tat er auf drei Beinen, denn gewiß war es so
ein erhöhtes Vergnügen. Er sprang vor und zurück, hielt den Rachen schräg
und schnappte nach der Welle. Dann kam er zurück und setzte sich, wieder
still neben mich.
Ein Dreimaster stand auf dem Meer. Poupouls gelbe Augen blendeten durch
seine ergrauenden Haarbüschel hindurch zu mir empor.
»Ja, Poupoul, ich sehe ihn schon.«
Poupoul aber wollte wissen, ob das sein Schiff sei.
»Ja, es ist deines!«
Da heulte Poupoul kurz und heiß. Ich klopfte ihm den Pelz. »Komm!« Wir
gingen. Wir suchten eine Möwenfeder für meine Pfeife und strichen durch die
Klippen. »Gott gebe, Poupoul, daß wir eine passende Feder finden!« Die
Welle klopfte. Ich sah sie an und sagte: »Und was willst du?« Zuweilen
redete ich mit den Sandkörnern, die über die Heide rollten; denn ich konnte
nicht immer nur mit Poupoul reden. Auch mit den schwarzen Hammeln sprach
ich, die da und dort angepflöckt waren und darauf warteten, daß ein
Grashalm wuchs. Ich begrüßte sie und machte ihnen meinen Standpunkt klar.
»Daß Ihre Herren Väter Hammel waren, mit Ihrer Erlaubnis,« sagte ich, »ist
keine Schande! Nein, deswegen vertragen wir uns recht gut. Aber, daß Ihre
Abkömmlinge noch in Millionen von Jahren nichts als Hammel sein werden, das
macht Sie verächtlich. Sie haben sich in eine Sackgasse verrannt, Ihr
Zustand flößt mir Mitleid ein. Ich bitte um Verzeihung, meine Herren!« Ich
grüßte und ging. Die Hammel sahen mir frierend und zitternd nach.
Wir hatten die Feder gefunden und gingen wieder nach Hause. Horch! Ringsum
mahlte es wie tausend Wasserfälle -- die große Lunge atmete. Die Möwe war
unterwegs, die Meerschwalbe läutete.
Trii! -- Trii! --
Döi! Döi! Gullugullugullu -- döi!
Der Wind fegte und ich mußte mich an den Steinen in der Heide festhalten.
Wenn aber die Sonne schien und ich bei guter Laune war, so setzte ich mich
in die Klippen und zog meine kleine Flöte aus der Tasche. Ich hatte sie bei
Noel gekauft, um mir die Zeit damit zu vertreiben, sie kostete zehn Sou,
besaß aber einen wundervollen Ton. Nun, ich spielte nicht für euch, keine
Angst, ich spielte für die kleine Welle zu meinen Füßen, für die Fische im
Meer, für den Dampfer in der Ferne, für Poupoul und mich.
Ja, herrlich klang es! Wunderbar klar hallte die Flöte in den Klippen
wider. Poupoul zuckte mit den Ohren und sah mich voller Bewunderung an.
IV
Nichts geschah. Das Meer wanderte. Aber dann trappelte es draußen und ich
stand auf und mein Herz klopfte. Horch, Poupoul! Was trappelt so? Geht man
draußen?
»Nun, so warte doch, du schwarzer Satan, wohin? Wie dein Haar glänzt! Wie
heißt du -- Yvonne? Ich möchte deinen braunen Nacken küssen, Yvonne, wo der
Wind dein Haar auseinanderbläst. So, siehst du, keine Angst -- zurück,
Poupoul! Hahaha -- sie ist doch kein Hammel!«
Nun vergingen wieder viele Tage, bevor sich hier außen ein Mensch zeigte.
Ich klopfte die Pfeife aus. Tock -- tock -- es hallte in der Heide. Aber
dann tauchte ein Mann aus der Heide auf und steuerte auf mein Haus zu. Es
war Kedril, der kam um mich zu seiner Hochzeit einzuladen.
»Du heiratest also, mon vieux?«
»Ja. Ich trinke zu viel. Wirst du kommen?«
»Wenn ich nicht komme, kommt niemand, Pilot!«
»Vielleicht kannst du deine Flöte mitbringen?« (Meine kleine Flöte war auf
der ganzen Insel berühmt.)
»Gewiß, mon cher!«
Auf dieser Hochzeit sah ich das gelbhaarige Mädchen wieder.
Um nichts zu versäumen, war ich schon am frühen Morgen zur Stelle. Der Tau
lag noch auf den Halmen.
Ich war rasiert, mein noch in Europa gewaschener Kragen (der letzte)
blendete in der Sonne. An der Hand trug ich zwei Ringe und über der Weste
eine dünne silberne Kette, die ich schon seit fünf Jahren mit mir in der
Hosentasche herumtrug. Gott weiß, warum. Ungeheuer vornehm nahm ich mich
unter den Fischern aus, und das Aufsehen war groß.
In der Kirche knieten links die Frauen mit den weißen Hauben, rechts die
Männer. Rosseherres helles Haar stach unter all den schwarzen Mähnen ab wie
ein neugeprägter Louisdor unter alten Kupfermünzen. So oft sie das Kreuz
schlug, bewegte sie die Lippen; sie sah weder rechts noch links. Der
Priester gackerte wie eine Henne, der schweres Unrecht widerfahren ist und
die ihr seelisches Gleichgewicht nicht wiederfinden kann. Er eiferte gegen
die Trunksucht. Gewiß, er fuhr in Wind und Regen hinaus aufs Meer und lebte
das ganze Jahr von getrockneten Fischen und Kautabak, während die Fischer
in einem gepolsterten Lehnstuhl saßen und sich an der Freundschaft der
Heiligen wärmten. Wir wurden langsam im Fegfeuer geröstet, dann strich ein
leiser Zephir der Seligkeit über uns hin und es war zu Ende. Alle waren
ergriffen. Kedril, der Bräutigam, der schon um sieben Uhr morgens betrunken
war, lauschte mit ein wenig ausgestreckter Zunge und der pure Alkohol
rieselte ihm aus den entzündeten Augen. Seine Braut kniete mit fettem,
gewölbtem Rücken, den Kopf gesenkt, wie bereit zur Hinrichtung.
Poupoul unterhielt sich unterdessen prächtig mit Noels grünem Papagei, der
auf dem Kirchplatz seine Morgenpromenade machte. Ich hörte die beiden
disputieren. Auf das schallende Spottgelächter des Papageis antwortete
Poupoul stets mit rasendem Kläffen.
Nach der Trauung küßten sich alle. Ein Mann machte die Runde mit einer
Flasche und jeder bekam einen Schluck geweihten Wein und ein Stückchen
geweihtes Brot. Der kleine Kirchplatz wimmelte von weißen Hauben; als sei
soeben ein Extrablatt ausgeworfen worden, so sah es aus.
Rosseherre stand in meiner Nähe und wandte zuweilen den Kopf nach mir. Auf
den ersten Blick hatte sie entdeckt, daß ich heute meine sämtlichen Juwelen
angelegt hatte. Zwei alte Fischer näherten sich ihr, nahmen die flachen
Tellermützen von den kahlen Schädeln und rieben ihre stachligen Gesichter
gegen ihre Wange, während sie mit eingeknickten Knien standen. Rosseherre
lächelte mir zu, als die Fischer sie küßten.
Nun kam die Reihe an mich. Ich nahm die Mütze ab und trat an Rosseherre
heran. Sie sah mich mit ungeheuer verwunderten Augen an. Diese Augen waren
graugrün und hatten gelbe Sterne in der Mitte. Sie sahen ganz anders aus
als neulich. Wie hatte ich doch denken können, daß ihre Augen wahnsinnig
aussähen? Nur alt erschienen sie mir. Ihre tiefroten rissigen Lippen
standen voll Erstaunen offen. Dann brach sie in kindliches Gelächter aus.
Sie klemmte die Hände zwischen die Knie und schüttelte sich wie ein
messinggelber Pudel, der aus dem Wasser kommt.
Alle wurden von ihrer Heiterkeit angesteckt, auch ich; ich lachte um meine
Niederlage zu verbergen.
»Du bist ja kein Fischer!« sagte sie im singenden Französisch der Bretonin.
»Woher weißt du das? Nun warte, wenn nicht heute, so morgen!«
Wiederum lachten alle.
Hierauf begaben sich die Geladenen ins Grandhotel, und auch die
Nichtgeladenen gingen dahin.
Das Grandhotel war eine elende gelbe Hütte, die abseits vom Dorfe stand,
dicht über der Bai, und sich nicht entschließen konnte, nach welcher Seite
sie umfallen sollte. Vor der krummen kleinen Tür saßen zwei Papageien auf
Sardinenbüchsen. Ohne jedes Zeichen von Aufregung saßen sie da, bald auf
der rechten Kralle, bald auf der linken, rollten die Liderkapseln, knarrten
und zuweilen lachten sie und schrien markerschütternd: Dieb, Lump,
Faulpelz!
Im Grandhotel hauste Madame Chikel, ein stämmiges Weib, à la bonheur, mit
einem lauten Mundwerk, immer liebenswürdig, immer entgegenkommend, und mit
Händen wie Anker. In ihrem Schatten fristete Herr Chikel sein jämmerliches
Dasein, wie ein Pilz im Schatten einer Eiche. Mit seinem breitrandigen
Plantagenbesitzerhut, den er sich beigelegt hatte, seinen ewigen Bandagen
an Kopf, Armen und Beinen, erinnerte er auch an einen Pilz.
Zuweilen bekam Herr Chikel einen Schlag mit einer Flasche über den Schädel,
zuweilen auch nur eine Serie der entzückendsten Backpfeifen. Manchmal mußte
er auch seiner Gesundheit halber im Freien übernachten. Er erschien im
Mondschein wie ein Bündel in der Tür und flog die Treppe hinab. Die Tür
krachte ins Schloß, der Riegel klirrte. Vorsicht! Aus dem Fenster flogen
Hämmer, Flaschen, und Chikel war gezwungen, sich in die Klippen
zurückzuziehen, in eine Art Fort, und hier schlief er.
Herr Chikel war eine Hundeseele. Lächle ihn an, was tut er? Er zittert mit
dem Bein und lächelt wieder. Lächle etwas spöttisch oder sauer, er wird
spöttisch oder sauer lächeln. Ziehe die Brauen zusammen und durchbohre ihn
mit Blicken, als ob du ihn töten wolltest -- er wird alles nachahmen. Er
war verdammt dazu, den Gemütszustand anderer widerzuspiegeln, und man
konnte ihn die Skala der Empfindungen auf- und abhetzen, bis ihm der
Schweiß aus den Poren brach.
Madame Chikel war ihm so sehr an Kräften überlegen, daß er mit List kämpfen
mußte. Er liebte es sich mit spitzen Gegenständen zu verteidigen, mit
Nadeln und Glasscherben, die er ins Bett legte; es kam ihm auch nicht
darauf an etwas Petroleum in den Strohsack zu gießen und nebenher ein
Streichholz fallen zu lassen. Sobald aber Madame Chikel etwas merkte, daß
zum Beispiel ein Nagel durch die Sohle ihres Holzschuhs getrieben war, oder
sonst etwas, schlug sie ohne Mitleid auf den Pilz ein.
In diesem, dem ersten Etablissement der Insel fand Kedrils Hochzeit statt.
Die Weiber der Geladenen brachten ihre eigenen Bestecke und Teller mit --
denn das Etablissement konnte nicht so viele stellen -- und das Mahl
begann. Ein wirres Meergespenst erhob sich und sprach. Es sprach
bretonisch. Es waren Namen, Namen, eine endlose Reihe. Da und dort schlug
einer das Kreuz und auch Rosseherre zuckte plötzlich zusammen, beugte den
Kopf und bewegte die Lippen. Dann sah sie auf, etwas bleich und scheu,
während sie zu lächeln versuchte. Es waren die Namen all derer, die aufs
Meer hinausgefahren und nicht mehr zurückgekehrt waren. Speisen und
Getränke wurden aufgetischt. Es gab Fisch, Hammel und einen Kuchen uralten
Rezepts, der aus Schweineblut, Mehl und Zwetschgen gebacken war. Am Anfang
ging es bäurisch steif zu, dann begann die Unterhaltung. Sie begann damit,
daß man allgemeinen Zweifel über die Treue von Kedrils Braut äußerte.
Kedril erstickte vor Lachen.
Nach dem Mahl wurde auf der Heide getanzt.
Bumba -- bumba -- alle formten einen Kreis und stampften mit den
Holzschuhen, als stiegen sie eine Treppe empor und sangen: bumba -- bumba.
Das dauerte endlos. Plötzlich aber begann eine einzelne Mädchenstimme zu
schrillen und der Kreis setzte sich in Bewegung.
Es war Rosseherre, die sang. Sie sang mit der Fistel, so hoch und schrill,
daß selbst eine Grille erstaunt wäre. Sie sang das bretonische
Hochzeitslied:
»Gib mir doch, gib mir doch, dein klein' Herz, mein Lieb« --
»Gib mir doch, gib mir doch, dein kleines süßes Herz« --
Sie wiegte den Kopf dabei und sah zum Himmel empor. Ihre Haare flogen und
der Reigen drehte sich. Die Holzschuhe klapperten, die Tücher wehten, die
langen Haare der Frauen, die Bänder der weißen Hauben. Auf der einen Hälfte
des Reigens wehte alles einwärts, auf der andern nach außen. Die Fischer
mit den Köpfen Ertrunkener und den blinkenden Augen trollten unbeholfen
dahin, die braungebeizten Indianerweiber lachten und zeigten die weißen
Zähne, während die Röcke über ihre dicken weißen Strümpfe emporschlugen. Um
den Reigen herum standen die Kinder, grell geputzt wie Puppen, mit
Ruschelköpfen, roten Backen und staunenden, strahlenden Augen.
Tief unten rauschte das Meer. Die Brandung lief und donnerte. Die Möwen
schrillten und flogen über den Reigen weg, der Wind wehte. Es war Sommer,
die Sonne schien, aber die Insel sah aus wie eine trostlose Öde von
starrenden Felsen. In der Ferne zogen auf einem tiefblauen Streifen im Meer
zwei Dampfer gegen Süden; da draußen lief die Straße vorbei, auf der die
Zeit wanderte.
»Gib mir doch, gib mir doch, dein klein' Herz, mein Lieb --«
Ich stand und folgte dem blonden Kopf Rosseherres, der im Kreise ging wie
eine funkelnde Glocke, die bimmelte. Rührend sang sie --
Neben mir stand Yann, der »kleine Kapitän«, denn wir waren stets beisammen.
Yanns Distelkopf war heute nicht nur gewaschen, sondern abgescheuert wie
ein Deck. Man sah noch deutlich jeden Bürstenstrich. Seine hellblauen
Kinderaugen waren geputzt wie Schiffslaternen. Er trug zur Feier des Tages
einen eingeschrumpften weißen Kittel, einen zerknitterten Kragen, blaue
Manschetten, schwarze Holzschuhe und ein dünnes Bambusstöckchen. Durch die
Krawatte hatte er eine Nadel mit einem riesigen Brillanten gesteckt, der
Quere nach, so daß die Nadel fingerlang herausragte. Und dazu -- ha, ha,
riechst du es nicht? -- hatte er sich parfümiert, der Elegant. Die blaue
schmucke Kapitänsmütze trug er nachlässig hinten im Genick wie etwas
Nebensächliches und Lästiges.
Yann stand natürlich mit gespreizten Beinen, die Hände in den Hosentaschen,
aber das war bei weitem nicht genug. Die Füße waren einwärts gerichtet,
besonders der rechte, die Schenkel auf unmögliche Weise verdreht, so daß
sein rundes Sitzfleisch plastisch hervortrat. Die linke Hüfte war stark
herausgedrückt, dann machte Yanns Taille einen graziösen Bogen einwärts und
die Brust stand vollkommen senkrecht. Diese Stellung gab einen federnden
Unterbau aus Gummi und Stahl, und so konnte man in aller Gemütsruhe auf
einem schwankenden Verdeck in der gröbsten See stehen. Auch ließ sich der
Oberkörper nach Belieben wenden und drehen, ohne daß man je den Unterbau
verändern mußte.
Yann war Kapitän eines kleinen Regierungsdampfers, der drunten auf der
Reede vor Anker lag. Seine Laufbahn war die übliche gewesen: Mousse auf
einem Fischerkutter, Ohrfeigen und nichts zu essen, Leichtmatrose auf
verschiedenen Segelschiffen, Ohrfeigen und wenig zu essen, zwei Campagnen
Stockfischfang auf den Bänken von St. Pierre, Hundefressen, ein paar Jahre
Dienst auf einem Amerikadampfer, erträgliches Essen. Von da an war es rasch
in die Höhe gegangen mit ihm. Er wurde geprüfter Pilot und die Regierung
vertraute ihm jenen schwarzlackierten Sarg mit Dampfheizung an, hundert
Tonnen, sechs Mann Besatzung. Diese Auszeichnung war ihm zu gönnen. Seine
Fingerkappen waren noch heute verunstaltet vom Reffen der Segel -- und da
drunten bei Kap Horn waren die vereisten Segel hart wie Glas, daß das Blut
aus den Nägeln sprang und man zuletzt die Ellbogen nehmen mußte -- sein
rechter Zeigefinger war gebogen vom Abschneiden von Tausenden von
Stockfischköpfen. Seine Finger hatten tiefe Rinnen von den Angelleinen,
seine Hände waren hart vom Rudern und den ewigen Tauen.
Yann war ein Tausendsasa. Er war Schneider, Schuster, Tischler, Schlosser,
Koch, was war er nicht, er konnte Strümpfe stricken, Netze knüpfen und
flicken, mit einem Stück Draht, das er auf der Straße fand, öffnete er dir
jedes Schloß. Dieser Teufelskerl sprach Arabisch, Malaiisch, Chinesisch,
was nicht, abgesehen von jenen lumpigen Sprachen wie Spanisch,
Portugiesisch, Englisch usw. Von all diesen Sprachen wußte er nur fünf
Wörter. Aber damit konnte er alles sagen, was nötig war die Bedürfnisse
eines Seemannes zu decken, der an Land geht. Obendrein wußte er von allen
Sprachen das gemeinste Schimpfwort, das er anwandte, wenn ihn die
Kenntnisse verließen oder ihm etwas gegen den Strich ging. Sobald er den
Fuß auf eine ferne Küste setzte, schleuderte er dem Gewürm dieses kapitale
Schimpfwort entgegen. Ah, ein Eingeweihter, kein Neuling! Die Preise sanken
rapid, denn Yann stieß bei jedem, auch dem demütigsten Angebot dasselbe
ungeheure Schimpfwort hervor, und das gleiche Wort bekam der Glückliche an
den Kopf, dem er etwas abkaufte.
So war Yann! Er war vollgestopft mit verfänglichen Scherzfragen und mit
zwölf Streichhölzern konnte er schädelspaltende Probleme bewältigen. Aus
einer einzigen Spielkarte konnte er etwas so unerhört Unanständiges
schneiden, daß einem das Wasser aus den Augen sprang. Gib Yann zum Beispiel
dein Taschenmesser. Er nimmt es in die Hand wie ein Numismatiker eine
seltene Münze. Messingfalse, gut, sie rosten nicht. Er stößt es in Noels
Ladentisch, wippt daran, er schneidet eine tiefe Kerbe in Noels Tisch: der
Stahl ist gut, überhaupt ein hübsches Messer! Er stellt beide Klingen
senkrecht zum Griff -- wenn nun einer Lust hat, ich stelle mich gegen die
Wand, heran -- wupp! zwei Stiche auf einmal. Yann streckt die Klingen. So!
Wenn nun hinten einer kommt und vorn -- eins, zwei! -- man schwingt den
Arm, der hinten erhält das Messer in den Bauch, der vorn in die Kehle. Ein
hübsches Messer, merci!
Und doch war Yann ein Gemüt. Es kam wohl vor, daß er seinen Schiffsjungen
mit der Faust ins Gesicht schlug, aber er gab ihm doch sofort zehn Sou, als
die Mutter dieses Schiffsjungen erkrankte. Er konnte mit Tränen in den
Augen schwärmen von einem Weinchen, das er vor sechs Jahren irgendwo
getrunken hatte, von Mädchen, die er genossen hatte -- ah, so etwas, süß,
saftig, und welch eine liebliche Stimme -- ! --
Da stand er nun, duftend und herausgeputzt, vom Kopf bis zu den Zehen eine
einzige ungeheure Überlegenheit und Verachtung, und sein loses Maul stand
nicht einen Augenblick still.
»He, dich haben sie wohl heute aus dem Friedhof freigelassen,
Großmütterchen?« sagte er zu einer verschrumpften Greisin mit wachsgelbem
Gesicht. Ein Mädchen, das guter Hoffnung war, grüßte er überaus höflich:
»Bonjour, messieurs-dames!« Für jeden hatte er eine kleine Aufmerksamkeit
auf Lager. Doch man nahm es ihm weiter nicht übel und zahlte ihm mit
gleicher Münze heim. Aber Yann behielt stets das letzte Wort.
»Ha! ha! ha!« Und mit einem schallenden Lachen machte er dem
niedergeschmetterten Gegner den Garaus.
Nun aber war seine Stunde gekommen. Er räusperte sich, was zum Teufel
steckt mir doch in der Kehle? »Vorwärts, gehen wir hinein. Ein Gläschen,
he!«
Der Reigen gefiel mir, ich blieb. Ich stand und sah Rosseherre an.
Yann lachte. »Wie kann dir das doch gefallen! Das sind ja Wilde!« sagte er
verächtlich. »Glaube nicht, daß das Franzosen sind! He! Nein, das sind
Leute aus der Sintflut, ohne jede Zivilisation und Bildung, sie sterben
aus. Sieh sie doch an -- bumba, bumba!« Und Yann lachte rasend um mir
seinen ungleich höheren Kulturzustand darzutun. Dabei war er aus Roskoff,
Yann hieß er und war selbst ein Bretone von oben bis unten, o du Schurke!
»Kennst du Rosseherre?« fragte ich ihn. »Rosseherre? Natürlich kenne ich
sie!« Yann sah an mir vorbei. Sonst sagte er nichts. Hm! »Nun marsch!« Er
wollte trinken und da gab es kein Sträuben bei ihm.
V
Wir hatten ganze fünf Schritte zu gehen, aber Yann handhabte sein
Bambusstöckchen, als ob er im Bois de Boulogne lustwandle.
Im Grandhotel ging es schon laut her. Die Fischer schwangen die Gläser in
den steifen Händen, sie sprachen wie Fässer und Röhren, stießen sich
gutmütig mit den Fäusten und spritzten einander ganze Duschen von Schnaps
ins Gesicht, wenn sie in Gelächter ausbrachen. Alles war in Bewegung, nur
Chikel, die Hundeseele, rührte sich nicht. Er hatte es sich in den Kopf
gesetzt nicht mitzumachen. Den bandagierten Fuß auf einem Stuhl, saß er in
der Ecke und spielte Domino mit einem unsichtbaren Gegner. Sein Kopf war
verbunden und nur ein kleines Auge bewegte sich hinter dem Verband, wie ein
kleines glänzendes Tier in einem dunklen Käfig.
»Hallo, Chikel, neulich war dein Arm verbunden und heute bist du ganz
eingewickelt?«
Yann aber sagte nichts, er postierte sich vor Chikel auf und lachte
unverschämt.
»Das sind die Folgen meiner schlechten Aufführung,« erwiderte Chikel mit
einem scheuen Achselzucken und schob mit der zarten schmutzigen Hand die
Dominosteine. Madame Chikel aber rief von der Bar herüber, daß man ihrem
Lumpen keinen Sou in die Hand geben solle. Heute nacht hatte ihr Lump die
Bretter der Bettstatt durchgesägt, so daß sie durchkrachte. »O, was für
eine erbärmliche Kanaille!«
Hier Pfiff Chikel vor boshaftem Vergnügen wie eine Maus, aber
augenblicklich schwieg er wieder still, da seine Gattin eine Gebärde
machte.
Der Reigen war zu Ende und die Hochzeitsgesellschaft füllte die kleine Bar.
Das eigentliche Fest begann. Die Bar wurde unter eau de vie gesetzt. Man
schrie und betrank sich, Männer und Frauen. Ein Dudelsack winzelte und man
tanzte. Es war eine Art Schottisch, aber die Hauptsache dabei war, daß man
gehörig mit den Holzschuhen stampfte. Das Grandhotel tobte wie das Innere
einer großen Trommel, auf die ein Rasender mit Prügeln losschlägt. Ganze
Wolken von Staub stiegen von den Dielen auf.
Rosseherre kam in meine Nähe und ich trat an sie heran und bat sie um einen
Tanz.
Ihr kleines Gesicht war mit einer sonderbaren Röte bedeckt, als sei es mit
Ziegelmehl gepudert. Sie lachte mich an. Ihr Gebiß blitzte. Sie sagte
nichts.
»Nun, Rosseherre? Willst du nicht?«
Rosseherre schüttelte den Kopf und lachte wieder. Sie war verlegen.
»Schön.« Ich wandte mich ab und kehrte zu Yann zurück um einen geeigneteren
Zeitpunkt für eine Annäherung abzuwarten.
Yann amüsierte sich prächtig. Er saß in einer Ecke, trank, applizierte den
Tänzern kleine Fußtritte in die Kniekehle und kniff die Frauen. Ho! Ho! Ho!
Und wie er dabei lachte! Schließlich stach er sich die Hand an seiner
Krawattennadel blutig, und augenblicklich riß er Binde und Kragen ab und
zerstampfte wütend diese Anhängsel der Zivilisation. Nun fühlte er sich
wieder Mensch, und es war merkwürdig, er trank jetzt zweimal so rasch.
Da gab es einen kleinen Zwischenfall. Jean Louis, den sie den »Meerkönig«
nannten, ein kleiner weißhaariger Greis, sank lautlos in sich zusammen. Man
trug ihn hinaus und legte ihn vor das Haus.
Rosseherre trat zu Yann. »Großvater liegt vor der Tür,« sagte sie etwas
beunruhigt.
Yann lachte. »Nun, und was weiter?« fragte er. »Glaubst du, jemand wird
kommen und ihn stehlen?«
Rosseherre lächelte. Nein, nun war sie beruhigt. Yann reichte ihr generös
sein Glas.
»Das hier ist mein Freund!« schrie er und deutete auf mich. »Umarme ihn,
vorwärts!«
Das kam Rosseherre sehr komisch vor.
»Wir kennen uns schon,« sagte ich, indem ich ihr die Hand reichte und in
die Augen sah, »aber Rosseherre will nichts mit mir zu tun haben, sie ist
zu stolz.«
»Stolz? O, ich bin gar nicht stolz!« rief Rosseherre singend aus und rückte
verlegen an der Haube.
»Aber doch willst du nicht mit mir tanzen, Rosseherre!«
Sie lachte.
»Tanze mit ihm, tanze sofort mit ihm, er ist mein Freund,« schrie Yann.
»Tanze mit ihm!« Das wiederholte er hundertmal, bis Rosseherre einwilligte.
Ich stampfte im Kreise wie die andern, Rosseherre im Arm. Sie war leicht
und schmal und ihre Haare fielen weich über meine Hand.
»Du bist wohl drüben an der Küste gewesen, Rosseherre?«
Ach, nein, sie war nicht auf der großen Erde, sie war nur auf der Insel
Molen.
»Heute in der Kirche sahst du so hübsch aus, Rosseherre. Wie eine kleine
Madonna. Du hast mir gefallen, bei Gott!« sagte ich und zog sie an mich.
Rosseherre sträubte sich nicht; sie lächelte und sah flüchtig zu mir empor.
Sie hatte viele Sommersprossen, besonders unter den Augen. Ihr Mund war
voll und weich, ein Mund, der sich beim Kusse ganz ergibt. Sie hatte fast
gar keine Brauen. Kindlich und unentwickelt war ihr Gesicht, trotz der
merkwürdigen, alten Augen. Auf ihrer niedrigen, eigensinnigen Stirn waren
die Linien vieler Falten zu sehen, wie bei allen Mädchen der Insel und
selbst bei Kindern. Denn in die grausame Helle des weiten Himmels konnte
man nur mit zusammengezogenen Brauen blicken.
Wir wurden langsam in der Runde geschoben. So oft wir an Yann vorbeikamen,
stach er nach uns mit seinem Bambusstöckchen. Dann war der Tanz zu Ende.
Rosseherre war erhitzt und trocknete sich die Stirn mit dem Ärmel. Ich zog
ein kleines, blaues Tuch aus der Tasche und reichte es ihr.
»Ein hübsches Foulard!« rief sie aus.
Yann prüfte fachmännisch das Gewebe.
»Prima!« sagte er.
Ich faltete das Tuch zusammen und legte es in Rosseherres kleine braune
Hand.
»Nun?«
»Behalte es, wenn du willst, Rosseherre. Ich brauche es nicht.«
Rosseherre sah mich ungläubig an.
»Nun, so nimm es doch, Rosseherre!« schrie Yann. »Er ist mein Freund!«
Rosseherre sah mich dankbar an. »Merci!« sagte sie leise und lächelte. Sie
betrachtete das Tuch nochmals von allen Seiten. »Wo hast du es gekauft? --
In Paris!?« Das konnte Rosseherre kaum fassen. Dann beugte sie sich über
meine Hand und studierte die Ringe. »Wie hübsch sie sind, Yann, sieh doch!«
Ich nahm die Ringe ab und sie streifte sie über die Finger. Sie hielt sie
gegen das Licht, damit sie glänzten, und ihre Augen waren voll verliebter
Gier.
Nun aber mußte Yann sein Gutachten abgeben. Er zog ein derbes Messer aus
der Tasche hinten, schabte vorsichtig daran und ritzte die Steine. Zuletzt
spie er etwas darauf und polierte sie am Ärmel.
»Echt!« sagte er.
Rosseherre war durstig und wollte gerne Cidre haben. »Also, Cidre,
Patronne! Im Namen der Hölle, rasch, sechs Flaschen!«
Yann prüfte ihn. Er roch, leckte, zerpreßte einen kleinen Schluck auf der
Zunge und je weiter seine Untersuchung vorschritt, desto strahlender wurde
seine Miene. Das war ein Cidre . . .! Auch Rosseherre und ich mußten daran
riechen, Yann zwinkerte vielsagend und überhäufte im nächsten Augenblick
Madame Chikel mit den wüstesten Vorwürfen, uns so etwas für diesen Preis
vorzusetzen. Madame Chikel war gezwungen den Preis um einen Sou pro Flasche
nachzulassen, ob sie wollte oder nicht. Nun war Yann glücklich.
»Ich tue das immer,« sagte er, »das sind ja lauter Diebe, diese Leute auf
der Insel. Selbst die Priester sind Diebe hier.« Dann zeigte er mir, wie
man Cidre zu trinken habe. »Nicht schlucken, um Gottes willen nicht
schlucken -- so -- einfach hinablaufen lassen. Durchs Schlucken verliert
der Cidre vollkommen seine Blume, seine Seele. Aber wenn man getrunken hat,
muß man die Zunge gegen den Gaumen pressen, das prickelt angenehm. So!«
Plötzlich schwang Yann seinen Fuß rasch unterm Tisch. »Ich wollte nur
sehen, ob ihr zwei -- haha!«
Wir unterhielten uns ausgezeichnet. Auch Poupoul. Es schien, als ob die
Erinnerung an seine besten Zeiten in ihm erwache. Er lächelte. Einigemal
wandte er mit großer Geschicklichkeit seinen Rattenfallentrick an, der
darin bestand, daß er die Zähne um ein Bein schlug und festhielt ohne zu
beißen.
Die schwarze Jeanette stand lächelnd neben uns und sah mit verlangenden
Augen zu, wie wir tafelten.
»Hole dir ein Glas, Jeanette!« rief ich ihr zu.
Aber da wurde Rosseherre purpurrot im Gesicht.
»Nun, ein Glas Cidre mag sie wohl haben?«
Yann sagte: »Sie ist Rosseherres Feindin.«
»Ach so!«
Da stand Jeanette mit dem Glas in der Hand. Yann sah sie an und lächelte
verächtlich.
»Du hast dir das Glas geholt?« fragte er spöttisch. »Nun, trag es wieder
hübsch zurück. Ho! Ho! Ho!«
Und Jeanette öffnete verblüfft den Mund, lachte laut und herzlich und trug
das Glas zurück.
Sie tröstete sich rasch. Ein kleiner stiernackiger Seemann hatte den Arm um
sie gelegt und sie ging mit ihm hinaus. Unter der Türe sah sie lachend zu
uns her und zeigte die Zähne.
»Siehst du,« sagte Yann, »da geht sie hinaus, sie schämt sich gar nicht.«
Die Bar tobte. Man hätte hier einen Dampfhammer arbeiten lassen können,
niemand hätte ihn gehört. Ha! Ha! Ha! Hoo! Es entstanden heulende
Schwingungen infolge des Getöses und zuweilen schien es, als fliege das
Grandhotel durch die Luft. Diese stillen, schweigsamen Leute, die in der
Einsamkeit der Wogen beim Rauschen des Meeres arbeiteten, brüllten heute
für ein ganzes Jahr. In der Ecke stand einer, den Kopf gegen die Wand
gelehnt, die Augen verzückt geschlossen, und riß das Maul auf und schrie
sinnlos heraus.
Die Köpfe dampften, die Arme wirbelten. Die Augen glühten wie geschmolzenes
Blei in den brandroten Gesichtern. Die Frauen kreischten und quiekten. Es
herrschte eine Betrunkenheit, die in Europa längst ausgestorben ist. Nur
Chikel saß in seinem Winkel und spielte Domino.
Ich muß gestehen, daß ich mich hier zu Hause fühlte. Ich liebe sittsame
Gesellschaften nicht. Zuweilen staut sich die Luft in meinen Lungen und
dann macht es mir Vergnügen zu brüllen. Die überschüssige Kraft zuckt in
meinen Muskeln und sie werden plötzlich hart wie Stein, und dann ist es
hübsch einen Teller in Stücke zu schlagen. Siehst du! Wenn mich in guter
Gesellschaft ein Idiot langweilt, so muß ich dazu lächeln, hier aber kann
ich ihm sofort sagen, daß er in die Hölle fahren möge. Ja, bitte! Hier
konnte man auch trinken, ohne sofort als Pavian zu gelten und tausend
gestreckte Meilen Abstand zwischen sich und seine Umgebung zu legen.
Ha! Ha! Ha! Hooo!
Kedril hat allen Grund mit seiner Hochzeit zufrieden zu sein. Und er war
es. In eine Wolke von Alkohol eingehüllt, mit Gespensteraugen, ging er mit
einer Flasche in der Hand umher, wie ein Sprengwagen. Und dazu sprach
dieser Mann eine vollkommen neue Sprache! Hatte sich der Geist eines
Höhlenbewohners Chikels Seele bemächtigt und ritt sie?
»Was zum Teufel redet er denn?«
Yann wußte es. »Die Mondsprache,« sagte er und begann eine Unterhaltung in
diesem Idiom mit Kedril. Kedril war entzückt, er verstand, er antwortete.
Ich aber war Ausländer, Kedril sah das ein.
»Wo steckt denn deine Frau, Kedril?«
»Frau? Frau? Frau?« Kedril tanzte mit der Flasche. O, er hatte ganz
vergessen --
»Wie schön der Priester heute gesprochen hat, wie?« fuhr er fort. »Du
sollst dich nicht vollsaufen, hahaha, so schön, so rührend hat er
gesprochen. Morgen passiert die >Lady of Ireland<, morgen abend, wirst du
mitkommen? Eine Spazierfahrt. Ja, sagte ich, mein kleines Haifischchen --«
Er erzählte verworren von seinem Haifisch, den er im vorigen Sommer
gefangen hatte. »Mein kleiner Haifisch, ich sehe ihn, er marschiert daher,
komm heran, mein Kleiner, mit deinen hübschen Zähnchen -- keine Angst, gib
mit die Ehre.« Es sah aus, als habe er ihn mit der Hand gefangen und an den
Zähnen herausgezogen -- ekelhaft!
»O Kedril, Pilot Nummer Eins, Haifischfänger, ich sage dir, mein Bruder,
dieser Haifisch, der dich berühmt gemacht hat, war dein Verderben. Du warst
der ordentlichste Mann der Insel, jetzt geht es dahin mit dir. Du hast
geheiratet, wirst Kinder zeugen, Hydrocephalen, du wirst dein Boot
vertrinken und deine Frau wird dich windelweich hauen. Es gibt kein Zurück
mehr.«
Kedril war gerührt über meine Ansprache. Er umarmte und küßte mich. »Dank,
mein Freund, du meinst es gut mit mir!«
Ich drückte ihm verstohlen ein Fünffrankenstück in die Hand. »Es soll
lustig hergehen auf deiner Hochzeit, Pilot.«
Kedril prüfte die Münze zwischen den hölzernen Fingern und bohrte sich mit
der Flasche in die Mauer von Rücken, die die Bar umgab.
Eine neue Epoche des Festes begann. Sie charakterisierte sich dadurch, daß
es in allen Ecken klirrte und kurze Streitigkeiten aufflackerten. Sie
wurden in triefender Sentimentalität ertränkt. Die beiden Papageien, die
man hereingenommen hatte, turnten auf ihrer Stange und schrien begeistert.
»Und nun spiele!« rief Yann. »Du hast doch die Flöte dabei?«
»Jawohl!«
»So spiele uns etwas.«
Ich nahm die Flöte aus der Tasche, feuchtete die Lippen an und ließ die
Finger über die Löcher galoppieren. Und meine kleine Flöte sang:
Freut eu--ich des Lebens, weil no--och das Lä--ämpchen glüht --
Pflücke--et die Rose, eh' sie--ie verblüht -- --
Hoho! Bravo! Bis -- bis!
Und wieder sang meine kleine Flöte:
Freut eu--ich des Lebens . . .
Der Dudelsack winselte und die Holzschuhe stampften.
Da war auch die schwarze Jeanette wieder. Sie stand mit einem jungen
Fischer und sah zu uns her.
»Da ist sie wieder!« sagte Yann verächtlich.
Wirklich, sie schämte sich nicht im geringsten.
Ich tanzte immerfort mit Rosseherre.
»Tanzt nur, tanzt nur!« schrie Yann. Nun, wir tanzten. Wir wurden
gequetscht und getreten, aber es war schön. Rosseherres kleine Brust atmete
erregt. Ihr Gesicht war rot vom Cidre. So oft ich sie an mich zog, sah sie
zu mir empor und lachte mich an. Martina zupfte mich am Arm und sagte:
Hallo! Aber ich beachtete sie gar nicht. Es gab hier einige Mädchen, die
mir großes Entgegenkommen zeigten, aber was waren sie gegen Rosseherre? Sie
hatten alle dicke Bäuche, als ob sie guter Hoffnung wären, Rosseherre
dagegen, ha!
»Vielleicht werde ich dir einmal einen meiner Ringe schenken, Rosseherre,«
sagte ich ihr ins Ohr. Wie hübsch ihre kleine weiße Haube war, und ihr
Mieder war mit einem halben Hundert farbiger Nadeln zugesteckt.
Plötzlich aber tanzte etwas durch die Luft, tanzte und tanzte mir mitten
auf die Stirn. Ein Weinglas. Ich bekam einen kleinen Riß in die Haut und
blutete. Ich richtete mich auf. Im Falle es auf der Insel Sitte sein sollte
mit Gläsern zu werfen, diese Sitte machte ich nicht mit, nein, merci!
»Wer hat geworfen?« schrie ich. Rosseherre zupfte mich am Arm und ich
verstand.
Es war Yann. Er lachte, und in seinen hellblauen Kinderäuglein sah ich
gerade den letzten Funken Zorn erlöschen.
Deine letzte Stunde ist gekommen, kleiner Kapitän. Alle Kalenderheiligen
können dich nicht mehr retten!
»Hehe!« lachte Yann und wand sich. »Du wirst doch nicht! Hehehe, ihr sollt
endlich aufhören zu tanzen.«
»Er blutet ja,« sagte Rosseherre und reichte mir das kleine Tuch, das ich
ihr geschenkt hatte.
Das beruhigte mich augenblicklich. Yann genoß ja mildernde Umstände, das
Leben sollte ihm noch einmal geschenkt sein. Meine gute Stimmung kehrte
zurück, denn war es nicht rührend, da stand Rosseherre mit dem Tuch in der
Hand. Meine Seele, über die eben ein Taifun dahinwirbelte, lag spiegelglatt
da. Ich lachte. Ja, man muß lachen über ein Rindvieh deines Kalibers, Yann!
Ich bedauerte ihn sogar ein wenig. Er hatte zwei kolossale strategische
Fehler gemacht. Erstens hatte er mir durch den voreilig abgefeuerten Schuß
seine Stellung verraten, und zweitens hatte er Rosseherre gezeigt, daß er
eifersüchtig war. Und das war der schlimmere Fehler.
Yann stand auf und legte die Hand feierlich aufs Herz. Seine treuen
Kinderaugen standen voller Tränen. »Ich wollte ja nur ein wenig werfen, ein
wenig, mein Freund.«
Ich reichte ihm die Hand. Auch ich hatte Tränen in den Augen. Wir umarmten
und küßten uns wie es sich gehört, und somit war die Sache erledigt.
Rosseherre aber stand stumm da und ihre niedrige Stirn war in tausend
kleine Falten gekräuselt, wie das Meer, wenn es zu wehen anfängt.
Ich wusch die Schramme mit Cidre aus und bestellte Wein. »Wir wollen Dampf
aufsetzen! Rosseherre lache!«
Rosseherre lächelte.
Nun war alles in Ordnung.
Es schien mir nur recht und billig, daß ich mich für Kedrils Einladung
revanchierte, indem ich etwas ganz Außerordentliches zur Erhöhung des
Festes beisteuerte. Infolgedessen gab ich einen Cakewalk zum besten. Ich
hämmerte mit den Absätzen darauf los -- hang it all --
Da was no ha'r on de top of his haid
De place whar de ha'r ought to grow!
An he had no teef fo' to eat de hoe-cake
So he had to let de hoe-cake go!
Hang up de fiddle ad de bo-oo-ow --
O-oo-ooh! Hahaha! Was war das für ein Erfolg!
Poupoul umkreiste mich kläffend, er fürchtete um meinen Verstand.
Take down de shovel and de hoe --
Kedril dankte mir gerührt. Dann stotterte er, daß Madame Chikel nichts auf
Borg gäbe, und ich suchte meine Franken zusammen. Keinen Dank, Kedril,
wegen Aufgabe des Geschäfts wird das Lager verschleudert.
Eine neue, glänzendere Epoche des Festes begann. Rosseherre aber tanzte
nicht mehr mit mir.
VI
Es ist jammerschade, daß Kedrils Hochzeitsfest, das so glänzend und in
großem Stil verlief, mit einer kläglichen Dissonanz endete: Chikel, das
Lazarett, geladen mit Wut über sein freiwilliges Martyrium, fing wegen
nichts Streit an. Die Hochzeitsgesellschaft knäulte sich zu einer
unheilvollen Wolke zusammen, aber da fegte Madame Chikel wie ein Sturmwind
hinter der Bar vor. Das Blut stieg ihr in den Kopf, sie bekam ihren Anfall
von Raserei und warf uns alle zur Türe hinaus. Die Papageien erwachten bei
dem Lärm und schrien aus vollen Lungen: Dieb, Lump, Dieb, Dieb --
So endete Kedrils Ehrentag.
Ich lachte noch auf dem Heimweg. Ich bellte vor Lachen, denn ich war
vollkommen heiser. Hoho, wie wir alle zur Türe hinausflogen und über die
Heide rollten! Kedril rollte mit einer Flasche, die er hoch hielt. Yann,
Yann, wo bist du so plötzlich hingekommen? Das war nicht das langweilige,
vorsichtige Europa, das waren Leute aus der Steinzeit, die alles auf Leben
und Tod taten!
So sehr erschütterte mich das Lachen, daß es mir unmöglich war mich
aufzurichten. Ich kroch auf allen vieren dahin und da ich dazu bellte,
hielt mich Poupoul für seinesgleichen. Er tanzte wie närrisch vor mir herum
und zuweilen leckte er mir das Gesicht ab. Ich drehte bei und lauschte.
Dahinten gröhlte das Dorf. Es kühlte nur langsam ab. Die Nacht war schwarz
wie ein Kohlenbergwerk; Creach stand mitten darin wie ein glühendes
Gespenst, das Feuer durch alle Knochen spie.
Da hielt Poupoul an. Er stellte sich auf die Hinterfüße und legte mir die
Pfoten auf die Schultern und kläffte. Ich umarmte und küßte ihn: »Poupoul,
Seele, nun da wir beide Hunde sind!«
Und Poupoul leckte mit seiner saugenden Zunge mein Gesicht von unten bis
oben ab. Aber er ging nicht weiter. Da bemerkte ich, daß wir vor einem
Abgrund abgestoppt hatten: das war die Schlucht, die sie Poupons Schlucht
nannten.
Meine Stirn wurde eisigkalt. Ich schwang die Zunge zwischen den Zähnen und
dachte angestrengt nach. Lange. Ja! Weshalb sollte ich eigentlich auf allen
vieren kriechen? Das war es. Ich stand auf. Aber da entglitt die Insel
unter meinen Füßen wie eine Drehscheibe und ich verwandelte mich wieder in
einen Vierfüßler. Dagegen war nichts zu tun. Ich hatte die
Durchschlagskraft von Chikels Getränken unterschätzt, das war alles. Im
übrigen, gingen nicht meine Vorfahren ebenfalls auf allen vieren, als sie
noch der Einfachheit halber Haare trugen? Vielleicht würde es mir bei
einiger Propaganda gelingen, diese Art von Fortbewegung wieder in Mode zu
bringen? Die Menschen waren ja für jede Neuheit zu haben. Wie? En route,
Poupoul!
Als ich den Mönch passierte, der dastand und den Sauriern predigte, erfaßte
mich eine seelische Erschütterung. Ich sagte: »Ich nahe mich in Ehrfurcht,
auf den Knien, Hochwürdiger.« Aber der Mönch holte mit dem Arm aus und
schmetterte mich zu Boden. Lange lag ich leblos und Poupoul stellte
verzweifelte Wiederbelebungsversuche an.
Wie lange brauchten wir, Poupoul, bis wir nach Hause kamen? Aber
schließlich lag ich auf dem Bett. Da kam einer von den Sauriern auf der
Heide herein, ergriff das Bett mit dem Rüssel und schleuderte es hoch in
die Luft. Es tanzte und wirbelte herab zur Erde, wo es krachend aufschlug.
Ich erwachte. Aber da sauste ein brennendroter Komet heran und zerplatzte
vor meinem Gesicht. Hehehe! Zweitausend Grillen saßen in meinem Kopf und
schrillten: gib mir doch, gib mir doch -- da zog mich die Melodie langsam
im Kreise und ich schlief ein.
Doch ich fand keine Ruhe. Mein Blut kochte. Der Schweiß rann in Strömen
über mein Gesicht. Ich stand auf. Die Türe war offen. Es war kühl, ja bei
Gott, das war eine Nacht wie ein kühles Leintuch. Ich ging hinaus und
fühlte wie mein Kopf kühl und klar wurde. Das Mondlicht lag auf der Heide,
dick wie Schnee, und zwischen den Gräsern schwebten zarte, silberne
Lichtgespinste, die zerflossen, wenn man weiter ging. Ich stieg hinab zum
Meer.
Es lag wie flüssiges Silber, bebte und flimmerte, in der Nähe aber war es
schwarz und glatt wie Pech. Es atmete verstohlen wie ein Dieb im Versteck
und bei jedem verstohlenen Atemzug ringelte sich eine silberne Schlange im
Sand. Meine Sohlen glühten, ich watete hinein und meine Füße wühlten in
gleißendem Silber. Das Silber stieg mir bis an die Brust, an das Kinn --
ah, nun berührte es meine Lider, es schlug über mir zusammen. Nun war es
dunkel um mich her, ich aber gleißte von oben bis unten. Wie ein
schimmerndes Gespenst bewegte ich mich im schwarzen Meer. Silberne Perlen
stiegen unter meinen Sohlen auf. Ich nieste, und ich nieste Silber, einen
Sprühregen feiner silberner Tropfen, die rasch in die Höhe stiegen. Ich
blickte nach oben. Dort lag das Silber wie eine dicke Schicht. All die
schweren Silberkugeln, die meine Schritte aufrührten, tanzten blitzschnell
in die Höhe und vereinigten sich mit ihr.
»Das ist das Mondlicht auf dem Meere,« sagte ich und ging weiter. Wie
wunderbar ging es sich doch auf dem Grund des Meeres!
War vorhin Lärm gewesen? Nein. Aber doch war es jetzt tausendmal stiller.
Solch eine Stille! Ich blieb stehen und lauschte. Diese Stille ergriff
mich. Da stand ich auf dem Grund des Meeres, den Kopf geneigt, und lauschte
und war glücklich. »Das ist das Nirwana!« sagte ich und nickte. »Da sind
wir nun --«
Lächelnd ging ich weiter. Es ging über endlose Dünen, Sand, Sand, mein Fuß
sank ein. Das Meer war schwarzgrün wie die Urwälder, in die keine Sonne
dringt. Dann durchwanderte ich einen Wald hoher geisterhafter Eisblumen.
Wie bleiche Flammen standen sie und rührten sich nicht. Plötzlich aber
schwankten sie, teilten sich und ich sah zwei große runde Fenster vor mir
glänzen. Etwas mahlte, und nun sah ich, daß die großen runden Fenster die
Augen eines Ungetüms von einem Fisch waren, der mich neugierig anstarrte
und die Kiefer hin- und herschob. Hehe! Ich schnippte mit den Fingern. Das
Ungetüm spreizte seine Rückenflosse, manöverierte und zog sich zurück.
Der Wald der Eisblumen war zu Ende und ich stand wieder vor einer endlosen
Sandebene.
Ich suchte etwas. Was, im Namen Gottes, suchte ich doch? Da stieß ich an
etwas Hartes. Es war eine kleine Schiffskanone, die im Sande lag. Sie war
dick mit Grünspan bedeckt, ich pickte daran, siehe da, ganze Stücke ließen
sich abbrechen. Ich ging weiter. Was suchte ich doch hier? Ich schüttelte
den Kopf, ich wußte es nicht. Im Sande lag ein kleiner toter Fisch. Ich sah
ihn lange an. Geheimnisvoll lag er da und sein weißer Bauch schien mir zu
sagen, daß er lange auf mich gewartet habe, zu lange. Ich grub ein kleines
Loch, bettete den Fisch hinein, wie es sich gehört, und schüttete Sand
darüber. Oben auf das kleine Grab legte ich eine Muschel. Alles mußte seine
Ordnung haben.
Dann ging ich wieder. Unruhe ergriff mich. Ich blickte um mich, ich sah in
die Höhe. Ringsum war das dunkle unendliche Meer. Und plötzlich packte mich
eine fürchterliche Angst, weil ich hier unten im großen Meer irrte, klein
wie ein Sandkorn, und nicht wußte, warum. Ich fing an zu laufen. Das Grauen
jagte mich. Die Hände ausgestreckt, mit vor Entsetzen wehenden Haaren
stürzte ich durchs Meer dahin und schrie.
Plötzlich aber hielt ich inne und staunte und wurde ganz ruhig im Herzen:
vor mir lag ein Wrack, grünlichgrau wie das Meer selbst.
Es war ein haushohes altes Kauffahrteischiff, bauchig, mit einer Flucht
viereckiger Luken, plumpen Verdeckbauten und zersplitterten Maststumpen.
Von oben bis unten war es mit einer schleimigen Lehmschicht überzogen und
grüne Moosbärte hingen überall herab. Neugierig ging ich um das Wrack
herum. Am Bug war eine verstümmelte Holzfigur, am Heck stand der Name:
Maria A. D. 1730.
Da sah ich oben eine graue Gestalt, die sich über die Reling beugte, und
mich anrief: »Hallo, bist du hier, alter Leichenschänder?« Und der Mann
lachte.
Am Lachen erkannte ich ihn. Es war Kerhuel, ein Fischer, der vor einigen
Wochen mit zwei anderen ertrunken war.
»Ah, Kerhuel, du bist es!«
»Komm an Bord! Hast du Tabak bei dir? Hier ist die Leiter, Achtung!« Eine
Strickleiter hüpfte herab.
Ich geriet in große Erregung. »Ich habe Tabak, Kerhuel!« rief ich und stieg
rasch an der schleimigen Wand des Wracks empor.
»Vorwärts!« schrie Kerhuel, dessen Augen unnatürlich hell waren. »Alle sind
hier, Leman, Bec, eine tolle Wirtschaft. Rosseherre wartet schon lange auf
dich!«
Rosseherre! Ach, ich war ja ausgezogen um Rosseherre zu suchen! Wie dumm --
nun fiel es mir ein. Du wirst Rosseherre suchen, sagte ich zu mir, als ich
ins Meer stieg.
»Hallo!« heulte Kerhuel, die Hände am Mund. »Patron! Ein Neuer ist
gekommen! Hallo, Rosseherre, der Hochzeiter ist da!« Von allen Seiten
tauchten verwilderte Köpfe aus den Luken.
Ich sah eine Pyramide von grauen Haaren vor mir. Das war der Patron. Sein
Haupthaar, seine Brauen, sein Bart hingen wie Moos bis aufs Deck herab.
Sein Schnauzbart flatterte, sein Bart wehte, er hatte die Lippen schon
lange wieder geschlossen, als ich verstand, was er sagte: »Willkommen auf
dem Meeresgrund!«
Hundert Hände streckten sich mir zum Gruße entgegen, hundert neugierige
Gesichter, leuchtend von kindlicher Freude, umdrängten mich. Sie alle
hatten helle weitgeöffnete Augen und die Haare hingen ihnen wie nasser Tang
über die fahlen Gesichter. »Willkommen auf dem Meeresgrund!«
Ich erkannte Leman, wie immer hatte er den kurzen Stumpen einer Gipspfeife
im Mund, Bec mit der Hasenscharte -- hallo! Zwei Fischer, Vater und Sohn,
die ich nie gesehen hatte, schüttelten mir derb die Hand.
»Das ist Rosseherres Vater und das hier ist dein Schwager, umarme sie!«
rief Kerhuel.
»Rosseherre ist hier!« sagten die zwei und küßten mich auf beide Wangen.
Hier war ich gut aufgehoben, ich fühlte mich zu Hause. Da spürte ich einen
kleinen Schlag auf der Schulter und drehte mich augenblicklich um. Das war
Rosseherre! Sie sah mich an und lachte wie jemand, der sich versteckt hatte
und den man endlich aufstöberte.
»Hast du den Weg doch gefunden?« fragte sie. »Wo sind die Ringe?«
Ich antwortete ihr nicht. Ich war gelaufen durch Tangwälder, Wüsten und
über Wurzelberge und nun war sie da. Ich stieß einen wilden Schrei aus,
ergriff sie und hob sie hoch über den Kopf empor. Dann begann ich zu
laufen. Ich rannte die schmale Treppe hinauf aufs Achterdeck, um die
Taubündel herum, hinunter, an der Reling entlang, hinauf aufs Vorderdeck.
Ich lief wie ein Teufel, und hinter mir her tobte die wilde Jagd.
Rosseherre hielt sich an meinen Haaren fest und stieß einen durchdringenden
jauchzenden Schrei aus. Ich sprang mit ihr in eine Luke hinein, kletterte
blitzschnell die steilen Stufen hinab und eilte durch einen schmalen Gang.
Ein Schwarm aufgescheuchter winziger Fische schoß vor uns her. Die wilde
Jagd hinter uns heulte, daß es brauste. Ich rannte mit Rosseherre auf den
Armen durch ein Labyrinth von Gängen und Gemächern und endlich fing ich
mich in einem großen Raum am Heck. Es gab keinen Ausweg mehr. Die wilde
Jagd brach tobend herein. Ich keuchte.
»Hochzeit, Hochzeit!« schrien sie und schwangen die Mützen, indem sie uns
umringten.
»Wollt ihr nicht ein wenig Platz machen!« sagte ich lachend und wischte den
Schweiß vom Gesicht.
Nein, das wollten sie nicht. »Reißt ihnen die Kleider vom Leib, ho! ho!«
Sie heulten und drängten näher. Kopf an Kopf standen sie, hundert
neugierige fahle Gesichter mit nassen. Haaren und hellen Glasaugen. Sie
wollten alles sehen --
VII
Ich erwachte beim kläglichen Blöken eines Hammels. Die Türe stand offen und
die Sonne schien herein. Sie leckte schon nach meinem schwarzen Kamin, es
war nach Mittag. Ich sprang auf, Poupoul kam herein um beim Lever
gegenwärtig zu sein. Ich schämte mich ein wenig vor ihm und blinzelte ihn
scheu an. Aber seine Hochachtung und Zuneigung hatte nicht im geringsten
gelitten. Dann ging ich hinunter zum Meer und schwamm, bis ich eiskalt bis
in die Knochen wurde. Nun war ich frisch und guter Dinge. Ich hatte heute
nacht eines der tiefsten Bohrlöcher meiner Existenz erreicht -- nun würde
es gesetzmäßig in die Höhe gehen, immer höher, Gott weiß wohin.
Der Tag war herrlich und entfachte Mut.
Das Meer war spiegelglatt und blau wie Seide. Der Himmel war vollkommen
wolkenlos und von wunderbar tiefblauer Färbung. Er flimmerte und da und
dort war er durchsichtig wie Kristall: dort sausten die Windströme. Über
die Insel aber hauchte nur eine kaum fühlbare Brise. Sie streifte das Meer
und breitete einen großen stahlblauen Fächer darauf aus, der sich bald
öffnete, bald schloß. Ein Schwarm von kleinen leuchtenden Segeln stand
draußen. All die Fischer, die gestern betrunken vor dem Grandhotel rollten,
waren bei der Arbeit. Es wurde Abend, der Himmel färbte sich grünlich. Das
Meer wurde rot wie Wein und die leise Brise hauchte und tupfte das Meer mit
fransigen metallgrünen Flecken, die wanderten.
Die kleinen Segel glitten heimwärts durch die Bai und waren bleich.
Ich ging hinunter zum Hafen und stieg in Kedrils Boot. Als es dunkelte,
zogen wir das Segel auf. Unmerklich glitten wir dahin, lautlos wie ein
großer Vogel, und erst nach einer Stunde hatten wir die große Bai hinter
uns. Die Mondsichel gleißte. Alle großen Sterne funkelten am Himmel, die
kleinen waren nicht zu sehen. Es waren tausend Stockwerke des Raums über
uns. Die Mondsichel schwebte tief unten im Meer und die großen Sterne
blitzten aus der Tiefe. Es waren tausend Stockwerke unter uns. Zwischen
Oben und Unten war eine dünne Glasscheibe und darauf glitten wir dahin.
Die große Stille der Nacht machte uns still und jeder hing seinen Gedanken
nach. Am Horizont im Süden sprühte ein Stern, halb im Meer, wie ein
schwimmendes Feuer. Er sandte knisternde Strahlen nach mir -- er sprach mit
mir. Ihr Wesen, die ihr euch an diesem Feuer wärmt, wie nennt ihr diese
Sonne? Hala? Wandelte ich einst unter Halas Strahlen oder ist es mir
bestimmt auf meiner großen Reise dort vorüber zu kommen?
Du großer Geist über den Wassern: Laß mich einst unter Hala wandeln, laß
meine Seele in den Bisonochsen fahren oder den Brüllaffen, einerlei -- laß
sie nicht sterben --
Kedril nieste. Kedril, Unreiner, weshalb niesest du zu unrechter Zeit und
vermischst deinen Unrat mit dem Weihrauch, den ich dem großen Geiste
emporsende?
Wir lagen und warteten auf die »Lady of Ireland« aus Queenstown. Creach in
der Ferne schwang seine Lichtwindmühle durch die Nacht und alle sieben
Sekunden blendete uns sein Feuer zweimal nacheinander. Dann schien es, als
wären wir hundert Schritte entfernt und blickten mitten in die gleißende
Linse und erblindeten.
Das Meer pochte am Boot und das Spiegelbild der Mondsichel verzerrte sich
und manchmal brach es in Stücke und Splitter. Die großen Sterne gleißten in
der Tiefe wie faustgroße Brillanten, und zuweilen lösten sie sich in ein
Geflimmer zitternder Funken auf, die sofort wieder zusammenschmolzen. Ich
sah in das schwarze glänzende Pech hinein, durch mein mattes Spiegelbild
hindurch; zuweilen wölbte es sich lautlos, als atme es. Feindselig und
schaurig sah das Meer in der Tiefe aus -- man glitt hinab, ohne Laut,
tiefer und tiefer, es war dunkel und weich und immer noch fühlten die Füße
keinen Grund . . . Plötzlich fiel mir der Traum von heute nacht ein: da
drunten feierte ich Hochzeit mit Rosseherre --. Ich lachte leise.
»Siehst du das Licht?« fragte Kedril.
Ich machte die Augen scharf. Ein rötliches Pünktchen flimmerte am Horizont,
hundertfach feiner als der verglimmende Docht einer Kerze in einem dunkeln
Raum.
»Verteufelt scharfe Augen hast du, Pilot!«
Die »Lady of Ireland« rauschte heran. Ohne Laut. Das Deng-deng der Glocke
auf der Brücke klang klar durch die Stille. Ein paar Schatten beugten sich
herab. Kedril ging an Bord.
Wir wechselten einige Worte mit den Schatten da droben. Eigentümlich
klingen menschliche Stimmen in der Nacht auf dem Meer! Wie Gespenster waren
wir.
VIII
Alles traf so ein, wie ich es vorausgesehen hatte. An einem trüben
Nachmittag trappelte es vor meiner Türe wie wenn ein junges Pferd
vorbeigaloppierte, und als ich öffnete, sah ich ein Mädchen mit einer
weißen Haube in der Heide stehen. Sie führte zwei schwarze Hammel am
Strick. Ich sah bis hierher ihre Zähne, sie lachte. Der Wind flatterte in
ihren Rücken, es schien, als werde sie zu mir hergeweht.
»Hier wohnst du?« rief sie zu mir herüber und der Wind verwehte ihre
Stimme, daß sie fadendünn und fern klang.
»Ja, hier, hast du es nicht gewußt? Wohin gehst du?«
Rosseherre drehte sich und lachte. »Ich bringe meine Hammel nach Hause.«
»Was sagst du?«
»Meine Hammel bringe ich nach Hause!«
Ich ging näher.
»Wie ist es dir ergangen seit Kedrils Hochzeit? Nichts Neues?« Wir gingen
Seite an Seite und kämpften uns gegen den Wind.
Rosseherre sah mich durch das Gitter ihrer wehenden gelben Haare an und
lachte. »Yann hat mich vor Zorn geschüttelt. Weil ich mit dir tanzte.«
»Yann? Er sagte doch selbst, daß du mit mir tanzen sollst?«
»Aber weil du _so_ mit mir getanzt hast.«
»So? Wie sollte ich denn sonst mit dir tanzen? Man tanzt immer _so_ mit
einem Mädchen.«
Das sah Rosseherre ein. »Yann ist immer bei schlechter Laune,« fuhr sie
plappernd fort. »Er will, daß wir heiraten. Aber Jean Louis gibt nicht die
Einwilligung dazu und ohne das geht es nicht. Ich bin noch zu jung, sagt
Großvater.«
»Dir eilt es wohl nicht so sehr?«
Rosseherre schüttelte den Kopf. »O, nein! Wenn ich ihn einmal geheiratet
habe, so wird er anfangen zu trinken und mich schlagen, das tun sie alle.«
»Nein. Yann hat ein gutes Herz.«
Rosseherre nickte. »Sein Herz ist gut, ja. Aber er ist ein Seemann,
trotzdem.«
Rosseherre erzählte tausend Kleinigkeiten, die ich alle mit Vergnügen
anhörte. Ihre hohe kindliche Stimme schwang auf und ab und der Wind
verwehte sie. Die ganze Rosseherre flatterte wie eine Fahne. Bei jedem
Schritt schlüpften ihre kleinen runden Fersen aus den Holzschuhen. Ihre
Augen waren zusammengezogen und scharf gegen den Wind gerichtet, wie die
Augen einer Möwe. Sie zuckte nicht einmal mit der Wimper, wenn ihr die
eiskalten Regentropfen ins Gesicht schlugen.
Wie die Erde so braun bist du, Rosseherre, deine Haare sind gelb wie die
Heideblumen und sonst bist du gemacht aus Wind und Regen und Salz!
Wir gingen auf und ab über die öde Heide. Da und dort lagen verwitterte
Steinblöcke und Haufen von aufgeschichtetem Tang. Nichts war zu hören als
das klägliche Blöken der frierenden Hammel, die hier und da angepflöckt
waren, und der schrille Schrei einer Möwe irgendwo. Eine hungrige schwarze
Kuh stand am Wege und muhte melancholisch, als wir vorbeikamen. Sie war
nicht größer als ein Kalb, eine Zwergin von einer Kuh. Keine der wenigen
Kühe auf der Insel war größer. Auch die Tiere taten hier nur, was unbedingt
nötig war; die Hühner legten winzige Taubeneier. Am Boden zitterten kleine
kurzstielige Blumen. Der Wind ließ sie nicht in die Höhe wachsen. Da sie
die Nordwinde fürchteten, so hatten sie sich nur an den südlichen Rändern
der Erdwälle angesiedelt. Hier lagen sie auf dem Gesicht und froren. So oft
wir aus einer Mulde herauskamen, sahen wir das düster rauchende Meer und
die schäumenden Klippen. Der Norden der Insel war in eine Nebelbank
eingehüllt, die langsam näherkroch.
Rosseherre wußte nichts mehr, und nun erzählte ich ihr alles, was mir da
drunten auf dem Meeresgrund passiert war. Ich flocht eine Menge
haarsträubender Abenteuer mit Haifischen und Polypen ein um ihrer Phantasie
entgegenzukommen.
Plötzlich blieb Rosseherre, stehen und sah mich erschrocken an. Ihre Augen
waren grün wie der Schaum im Meer. »Du hast Vater und Bruder gesehen?«
unterbrach sie mich.
»Ich träumte das ja nur, Rosseherre.«
Rosseherres Blick flackerte und sie wurde rot. »Sie sind beide ertrunken,«
sagte sie leise. Und sie deutete über die Heide und ihre Stirn zerknitterte
sich feindselig. »Da draußen!« Eine Weile erschien sie mir merkwürdig und
um vieles älter, dann aber schüttelte sie den Kopf und ging weiter. »Und
was sagten sie?«
»Rosseherre ist hier. Sonst nichts.«
Rosseherre lächelte.
»Sonst sagten sie nichts?«
»Nein.«
Und ich erzählte, daß sie alle im Kreise standen und heulten, und was ich
mit ihr tat. Da sah mich Rosseherre mit großen, verwunderten, lachenden
Augen an und brach in ein lautes, kindliches Gelächter aus.
»Solch ein Traum -- hahaha! -- wie kann ein Mensch nur so etwas träumen.«
»Ja, was sagst du dazu, Rosseherre?« rief ich aus und lachte ebenfalls und
legte den Arm um ihr Mieder. »Ist das nicht eine närrische Sache gewesen?«
Rosseherre sah sich um und suchte zu entschlüpfen. »Wenn es jemand sieht!«
»Was tut es?«
Sie sah mich erstaunt an. »Yann wird dich töten?«
»Haha!« Ich lachte. »Was tut es?« Ich war ganz trunken von ihrer Nähe.
Durch das Mieder fühlte ich die Wärme ihres Körpers und ihre kleinen zarten
Rippen. Ihre Haare wehten mir ins Gesicht. Auf ihrer braunen Wange lag ein
Regentropfen und fing zu rieseln an. Gerade auf diesen rieselnden
Regentropfen küßte ich sie. Ihre Wange war kalt wie Eis.
»O, wie böse du bist!« rief Rosseherre aus, rot im Gesicht.
»Was soll ich tun, da du mir gefällst, Rosseherre?«
Sie lachte und kämpfte sich tapfer durch den Wind vorwärts.
»Du hast auch Jeanette geküßt.«
»Jeanette? Die schwarze Jeanette?«
»Ja, sie hat es erzählt. Und man sagt, daß du Martina besuchst und einmal
hat man dich nachts in Stiff gesehen, vor dem Hause der Witwe Bec --«
Da hatte ich es. Mein Leumund war nicht der beste.
»Hahaha, Rosseherre, Rosseherre, was die Leute doch alles zusammenlügen!
Sonst hat man nichts gesagt, wie?«
Die Nebelbank war dicht vor uns. Sie kroch auf gekräuselten Rädern von
Rauch über die Heide. Im Augenblick waren wir eingehüllt. Der Strick in
Rosseherres Hand wurde unsichtbar und die kleinen Hammel trippelten grau
und verwaschen hinter uns her. Rauch klebte in ihrer Wolle.
Plötzlich erschütterte ein furchtbarer Ton die Luft und wir erbebten. Es
klang, als ob ein haushoher eherner Stier brüllte. Sein Atem riß ein Loch
in den Raum, eine Röhre, durch die das Brüllen wie eine große grollende
Kugel hinaus übers Meer rollte, ferne, immer ferner. Dann erhob der eherne
Stier aufs neue sein Gebrüll und der Boden zitterte.
»Nun sieht uns niemand mehr, Rosseherre!« sagte ich und küßte ihre eisige
Wange, und ihre feuchten Haare kamen mir zwischen die Lippen.
Rosseherre sträubte sich nicht mehr. Aber sie lachte, als fände sie es
lächerlich, daß ich sie küßte.
»Wenn dir meine Ringe gefallen, Rosseherre,« sagte ich, »so sollst du sie
haben. Komme zu mir, dann bringe ich sie dir heraus, du brauchst nicht ins
Haus zu treten.«
»Weshalb aber willst du mir die Ringe schenken?« fragte Rosseherre.
»Weil du die Schönste der Insel bist!«
»Hahaha!«
»Wirst du kommen?«
Rosseherre sah mich an. »Weshalb soll ich denn nicht kommen?« sagte sie
verwundert. »Aber du darfst dich nicht mehr mit Jeanette abgeben, hörst du?
Ich hasse sie. Und Yann darf es nicht wissen!«
»Nie wird Yann etwas erfahren.«
»Nun, adieu!« Rosseherre lief. Doch nach ein paar Schritten blieb sie
wieder stehen. »Dis-donc!« rief sie durch den Nebel. »Kannst du mir zwei
Sou leihen?«
Ich lieh ihr zwei Sou. --
Die ganze Nacht hindurch brüllte das Nebelhorn von Creach. Alle drei
Minuten erschütterte sein Gebrüll zweimal nacheinander mein Haus. Und in
den Pausen war es so beängstigend still, als lausche alles, das Meer, die
Klippen. Und auch da draußen auf den Schiffen lauschten sie; sie neigten
sich über die Brücke, machten die Ohren scharf und zählten die Minuten ab
und ihre Herzen klopften.
Ich saß vor meinem kleinen Feuer, rauchte die Pfeife und dachte daran, was
ich Rosseherre sagen würde, wenn sie käme.
»Höre Rosseherre, kleine süße Madonna,« wollte ich sagen, »nimm Platz, ich
habe all die Zeit auf dich gewartet und mein Herz ist voller Freude dich zu
sehen« --
Ich lauschte. Ein Dampfer tutete. Ganz fern. Er tutete ängstlich und
eingeschüchtert, als ob er sich vorsichtig Schritt um Schritt vorwärts
taste. Der Nebel quoll wie Rauch durch die Ritzen der Türe. Ich legte Holz
aufs Feuer.
»Das ist ja alles Unsinn!« sagte ich laut. »Ich werde ganz anders mit ihr
reden. So, wie man mit einem Fischermädchen spricht, basta!«
IX
Als sie aber kam, sagte ich gar nichts. »Ah, da bist du ja!«
»Ja, da bin ich,« antwortete sie und zeigte die Zähne.
»Willst du nicht hereinkommen?«
Sie lugte neugierig durch die Türe.
»Nein, ach nein. Die Sonne scheint so schön!«
Da saß nun Rosseherre, die kleine Blume der Insel, auf dem Stein vor meiner
Türe und arbeitete an einem dicken weißen Strumpf. Die Holzschuhe hingen an
ihren Zehen, zuweilen strich sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Sie
plapperte und ihr frischer, sechzehnjähriger Mund stand nicht einen
Augenblick still.
Ich rauchte und sah ihren flinken braunen Händen mit den hellen
Fingernägeln zu, und den Stricknadeln, die gegeneinanderschlugen wie ein
Bündel von Masten verankerter Fischerboote bei unruhiger See.
Ein paar Schritte entfernt standen die beiden Hammel Rosseherres, schwarz
wie Teufel. Der Wind spielte in ihrer Wolle. Stundenlang konnten sie ohne
sich zu bewegen uns Wundertiere wie hypnotisiert anstarren und die helle
Angst und Ehrfurcht blendete aus ihren schwarzgeschlitzten Bernsteinaugen.
Zuweilen schnupperten sie mit ihren sanften süffisanten Kamelsschnauzen und
wichen scheu zurück, denn sie fürchteten sich vor allem, dem Wind, den
Insekten und selbst vor Dingen, die wir Menschen nicht sehen. Wenn Poupoul
sich nur streckte oder gähnte, so rannten sie rasend vor Schrecken um ihren
Pflock herum. Gewiß erschien er ihnen wie ein schrecklicher, haushoher Bär,
der sie mit Haut und Haar verschlingen konnte, ohne im geringsten satt zu
sein. Dann standen sie wieder auf ihren dünnen eleganten Beinchen, auf den
Zehen sozusagen, und sahen uns ängstlich und neugierig an.
Auf dem Meere zog ein Dampfer. Winzige Flaggen kletterten an seinen Tauen
in die Höhe, er sprach mit unserem Semaphor. Ich machte die Augen scharf
und spähte hinaus: da ruderte ein Fischer verzweifelt in seinem kleinen
Kahn um nicht zerschmettert zu werden. Nein, es war eine schwarze Klippe,
nichts sonst, immer wieder konnte ich mich täuschen. Die Wogen wanderten
vorüber, endlos, immer andere, immer die gleichen. Aus dem Meer hob sich
eine weiße Tatze und schlug nach den Klippen.
Es war warm, die Insekten summten. In den letzten Tagen waren vor
Sturmvilla kleine Blumen aufgeblüht, die ich noch nirgends gesehen hatte.
Sie sahen aus wie winzige gedrehte Wachskerzen, rundherum liefen kleine
Blüten, wächserne Glöckchen. Wir hatten es gut hier, und wie herrlich blau
der Rauch meiner Pfeife war!
Rosseherre schwang ihre Holzschuhe an den Zehen und sang halblaut. Es klang
wie das feine Weinen des Windes und zuweilen wie das Piepen der kleinen
Vögel, die auf der Insel lebten und nur leise und schüchtern sangen, als
sei es nicht der Mühe wert.
»Willst du mir nicht sagen, was du singst, Rosseherre?«
Rosseherre dachte lange nach, dann sang sie halblaut und rasch Strophe um
Strophe, erst Bretonisch und dann Französisch. Sie zögerte: »O, das kann
man nicht auf französisch sagen, es hört sich wie nichts an.«
»Was ist es?«
»Es ist ein Fischermädchen, das ins Kloster nach Quimper kommt. Der Fischer
besucht sie und klopft ans Fenster. Mach auf, mach auf! sagt er, blick
heraus. Du brauchst nur die Hand zu öffnen und ich lege einen Apfel und
eine Birne hinein.«
Sie wußte ein kleines trauriges Lied, das sie oft sang, und ich vergaß es
nicht wieder. Es braucht nur ein leiser Wind zu wehen und ich höre dieses
Lied in den Ohren. Denn das Lied und der Wind, das ist ein und dasselbe.
Ein Mädchen will einen Fischer heiraten, aber die Frauen sagen: Tu es
nicht. Nichts als Kummer wirst du haben, Kind, dann stirbt er und du bist
allein. -- Vielleicht nicht, sagt sie und nimmt ihn. Der Fischer zieht fort
nach St. Pierre zum Stockfischfang, auf viele Monate. Nun kommt eine Nacht,
eijo, wie wild und dunkel sie ist! Plötzlich pocht es ans Fenster der
Fischerfrau. Mach auf, ich bin's, dein geliebter Mann. Sie öffnet das
Fenster. Da steht er und auf der Hand trägt er sein Herz. Sie schreit und
klagt und läuft zu den. Nachbarn: Mein geliebter Mann ist tot.
»Ist er auch wirklich tot gewesen, glaubst du?«
Rosseherre sah mich mit erstaunten Augen an. Sie antwortete gar nicht.
Am besten aber gefiel mir das Lied, das die Fischerfrauen ihren Kindern
singen.
Sobald Rosseherre es begann, mußte ich lächeln.
Rosseherre sang:
Die Fischerfrau kocht den Brei und spricht: »Ach, könnt ich doch wissen, wo
mein guter Mann ist. Ein Jahr lang hab ich nichts von ihm gehört.« -- Der
Gnom sitzt im Kamin und äfft ihr nach --
Aber Rosseherre sagte ja nicht »Gnom«, sie sagte Lutin und das klang ganz
anders. Lutin, Lutin. Und die Stimme des Lutin sang sie ganz hoch und
quiekend:
Der Lutin sitzt im Kamin und äfft ihr nach: »Ach, könnt ich doch wissen, wo
mein guter Mann ist. Ein Jahr lang habe ich nichts gehört von ihm.«
Die Fischerfrau seufzt und spricht: »Ach, guter Mann, komm und hilf mir
doch.«
Der Lutin äfft ihr nach: »Ach, guter Mann, komm und hilf mir doch.«
Die Fischerfrau spricht: »Ach, guter Mann, der Lutin sitzt im Kamin und
äfft mir nach.«
Der Lutin äfft ihr nach: »Ach, guter Mann, der Lutin sitzt im Kamin und
äfft mir nach.«
Die Fischerfrau spricht: »Lutin, Lutin, ich habe keine Furcht vor dir.«
Der Lutin äfft ihr nach: »Lutin, Lutin, ich habe keine Furcht vor dir.«
Die Fischerfrau spricht: »Ach, guter Mann, hilf mir doch, der Lutin hat mir
einen schwarzen Stein in den Brei geworfen!«
Der Lutin äfft ihr nach: »Ach, guter Mann, hilf mir doch, der Lutin hat mir
einen schwarzen Stein in den Brei geworfen!«
Schrill und spottend klang hier Rosseherres Stimme. Ich lachte.
»Ich möchte das kleine Lied bretonisch haben,« sagte ich, »willst du es mir
aufschreiben?«
»Ja.«
»Komm herein.«
Rosseherre sah mich mit heiteren vielsagenden Augen an. Sie schüttelte das
gelbe Haar. »Nein? Rosseherre, was du doch denkst!« Ich brachte ihr ein
Stück Papier und sie beugte sich darüber und kritzelte: Rosse--herre.
»Aber das Lied?«
Rosseherre lachte. Sie konnte nicht schreiben.
Der Abend kam und Rosseherre pflöckte die Hammel ab.
Dann nahm sie den Strickstrumpf unter den Arm und lief. »Kenavo!«
»Kenavo!«
Die Bänder ihrer weißen Haube flatterten. Rasch und lieblich wie die Maus
im Felde bist du, Rosseherre -- -- --
X
An vielen Nachmittagen kam Rosseherre mit ihren Hammeln nach Sturmvilla.
Yann war draußen auf dem Meer.
Und sie erzählte von den Lutins, die früher an die Fenster der Fischer
klopften, in der Nacht, und schrien: märri, märri! Wie eine Katze miaute
Rosseherre. Ja, und ein Lutin zerriß einen Brunnenstein, mitten durch riß
er ihn, weil er in Wut kam. Sie lockten die Fischer auch in die Grotten am
Meer, sie sagten: Komm, komm mit in die Grotte, Gold, Gold, ganze Haufen
Gold will ich dir geben. Dann aber kam die Flut und die Fischer ertranken
elend.
Ob sie je einen Lutin gesehen habe?
Rosseherre schüttelte den Kopf. »Nein,« sagte sie und blickte mit offenem
Mund zum Himmel empor. »Einmal, glaube ich, habe ich Lutins gesehen, drei
Stück, die nebeneinander hockten und mir Gesichter schnitten. Aber ich muß
mich wohl versehen haben. Denn es gibt keine Lutins mehr. Die Priester sind
gekommen und haben Weihwasser über die Felsen gesprengt, da sind die Lutins
aufs Meer hinausgefahren, ganze Schwärme. Nur einen Geist gibt es noch auf
der Insel, das ist Poupon, der Mörder.«
»Poupon, der Mörder?«
Rosseherre nickte. »Ja,« sagte sie ernsthaft, »er haust in der tiefen
Schlucht, du gehst jeden Tag vorüber. Wenn das Meer wild ist, so kannst du
ihn heulen hören. Hüte dich vor ihm!«
»Hüte dich?«
»Ja. Niemand geht hier vorüber. Denn Poupon hat einen bösen Charakter.
Schon viele hat er hinuntergerissen. Alle machen einen Bogen. Poupon, ja,
er war ein Fischer und hatte eine junge Frau. Einmal fuhr er nach der
großen Erde hinüber und da kamen große Stürme und er mußte drei Wochen
warten. Dann kam er zurück. Und ein Lutin setzte sich auf sein Ohr und
sagte immerfort: Es war einer hier. Seine Frau setzte die Fischsuppe auf
den Tisch und klopfte ihm auf die Backe, aber er stieß sie zurück und
sagte: Wer war hier? Sie sagte: Keiner! und weinte.
Poupon aber wurde immer wütender; und nichts ist schrecklicher als ein
Fischer, der eifersüchtig ist. Frau! sagte er, wenn es so abgeht, so werde
ich sagen: Frau, ich verzeihe dir. Aber wenn es nicht so abgeht, so werde
ich sagen: Schmutzige Kuh! und werde dich töten. Sie sollte aber ein Kind
bekommen und Poupon erstach sie. Er kam mit einem blutigen Messer ins Dorf
und tanzte vor den Häusern, und die Leute fürchteten sich. Dann, ja, dann
lief er über die Heide nach Stiff, wo die Klippen so hoch sind wie zwei
Kirchtürme, und stürzte sich hinab. Aber das Meer wollte ihn nicht und warf
ihn zurück. Da rannte er rund um die Insel und schrie so furchtbar, daß
alle es hörten und die Türen aufmachten. Er stürzte sich dort in der
Schlucht ins Meer, aber das Meer nahm ihn nicht. Seitdem haust er in der
Schlucht. Und sobald der Sturm kommt, stürzt er sich ins Meer und heult
lauter als der Sturm, aber das Meer nimmt ihn nicht. Er kann nicht
sterben.«
Nun wußte ich auch, weshalb Rosseherre stets einen großen Bogen beschrieb,
sobald sie sich Poupons Schlucht näherte.
»Weshalb kann er aber nicht sterben?« fragte ich und stellte mich dumm.
Rosseherre brach in das heiterste Lachen aus. »Weil die Frau unschuldig
war! Der Lutin hatte ihn belogen. Traue nie einem Lutin, das sind schlechte
Wesen.« --
Ich ging ins Dorf und ließ mir all die Herrlichkeiten an Schultertüchern
vorlegen, die Noel besaß. Ich wählte ein blauseidenes Tuch mit grellroten
Rosen in den Ecken. In Noels Laden traf ich mit Martina zusammen. Sie rief
mich später vor Noels Haus an, ich wollte vorübergehen.
»Du bist so lange nicht gekommen?« sagte sie, und ich sah, daß sie trotz
alle dem schöne schwarze Augen hatte.
Ich blickte an ihr vorbei, hinaus aufs Meer.
»Ich komme auch nicht wieder!« entgegnete ich.
Martina sprach kein Wort darauf, sie sah mich verwundert an und ging.
Haha, welche Freude Rosseherre haben wird, wenn ich ihr das Schultertuch
zeige! Und ihre Freude war groß. »Das ist für mich?« sagte sie und deutete
auf ihr Herz. »O nein, o nein?«
Ich hatte ein kleines Messer. Das gefiel Rosseherre und sie bekam es. Mein
Bleistift gefiel ihr, eine alte Kupfermünze, ein Taschentuch. Alles hatte
Wert für sie und sie bekam es. Rosseherres Gesicht war verdunkelt von einem
tiefen, alten Kummer. Sie war Noel zehn Sou schuldig und er gab nichts
mehr, bevor sie bezahlte. Und Rosseherre zeigte mir ihr kleines
Lederbeutelchen, es waren nur drei Sou darin. Ob ich ihr vielleicht zehn
Sou leihen könne? Und nun war Rosseherre fröhlich, so leicht fühlte sie
sich, daß sie, immerfort ihre blitzenden Zähne zeigte.
»Rosseherre,« sagte ich, »willst du nicht jetzt die Ringe haben, die ich
dir versprach?«
Sie lächelte und schüttelte den Kopf.
»Nein?«
»Nein. Denn wenn ich sie habe, so wird niemand auf der Insel glauben, daß
du sie mir so geschenkt hast.«
»Aber du brauchst sie ja nicht zu zeigen.«
»Was habe ich von Ringen, die niemand sieht?«
»Und Rosseherre --?«
Rosseherre lachte. Sie war ein Kind.
Ich aber fühlte, daß ich keine Macht über sie hatte. Durch nichts konnte
ich Eindruck auf sie machen. Ich war wohl braun wie ein Fischer und meine
Stimme war so rauh wie die eines Matrosen. Zuweilen sagte sie auch, daß ich
wilde Augen habe. Ich hob den Stein, auf dem sie saß, ein wenig in die Höhe
um ihr zu zeigen, daß ich Kraft hatte. Ich warf mich in die Brust und
sagte, daß es mir Vergnügen machen würde, mit einem Schock Teufel um eines
ihrer blonden Haare zu kämpfen. Nichts half.
Rosseherre, was soll ich tun, soll ich Feuer speien und Felsblöcke ins Meer
schleudern wie der selige Polyphem? Hehe, Rosseherre, oder soll ich dir
zeigen, daß ich stärker bin als du --
XI
Es wehte, wirre Stimmen und hohles Geschrei waren in der Luft. Das Meer
warf sich unruhig hin und her und toste. Die Gischtsäulen stiegen senkrecht
an den Klippen empor und der Wind schleuderte sie zischend gegen das
Gestein.
Ich sah Rosseherre über die Heide kommen, aber plötzlich verschwand sie und
erst nach einer Weile entdeckte ich ihre weiße Haube draußen zwischen den
Klippen.
Sie saß untätig auf einem Stein und starrte ins Meer hinaus.
»Guten Tag, Rosseherre!«
Sie antwortete nicht.
»Willst du nicht zu mir kommen?«
Rosseherre zog die Stirn in tausend kleine Falten, dann sah sie mich an.
Ihre Augen sahen matt und krank aus. Ich verstand, was sie sagen wollte,
und ließ sie allein.
Einmal sah ich, daß Rosseherre den Kopf in die Hände nahm und ihn wiegte
wie jemand, der weint. Der Wind flötete in den Felsen und peitschte das
graue Meer. Sie saß im fegenden Regen.
Ich ging näher. Sie weinte nicht, sie sang mit einer hohen traurigen Stimme
und wiegte den Kopf dazu.
Ich rief sie an. Sie wandte den Kopf. Ihre Wangen schienen eingefallen zu
sein, sie sah gealtert aus. Ihre Augen waren ganz verändert und der Blick
so fremd, als erkenne sie mich nicht.
»Weshalb sitzt du denn im Regen, Rosseherre?«
Sie bewegte die Lippen und lächelte, ein leises, krankes Lächeln. Sie sagte
nichts.
Ich ging. Ich fing an zu verstehen, daß etwas nicht in Ordnung sein müsse
mit ihr.
Sie saß da draußen im Regen bis es dunkelte. Später ging ich hinaus um nach
ihr zu sehen. Sie war gegangen, einen andern Weg.
XII
Es ist noch Nacht. Alles ist leer, die Götter schlafen, die Tiere und
Menschen, ich allein bin wach. Wie ein Geist wandere ich im düstern
Morgengrauen. Stille. Nur mein Schritt pocht, wie ein dumpfer Hammer klopft
es unter dem Boden. Eine lautlose Brise schleicht dahin, gesättigt vom
starkriechenden Nachtschweiß des Meeres. Die Gestirne der Insel leuchten
noch, übernächtig erscheinen sie. Der Mond von Stiff zuckt fahl auf und ab,
weiß, weiß, rot, Creach schwingt seine bleichen Strahlenbündel atemlos im
Kreise. Im Osten birst die Nacht und der Morgen dampft durch den Spalt wie
blutnasses Fleisch. Ein Schauern geht über das Meer, als fröstle es.
Creachs Lichthiebe fliegen wie dünne Schleier dahin, die fahlen Farben der
Insel tauchen auf, das Meer färbt sich. Creach erlischt. Stiff im Norden
glüht noch einmal rot, dann kommt sein Licht nicht wieder.
Weit draußen schrillt eine Möwe. Ein Schrei antwortet ihr und plötzlich
erhebt sich auf den Klippen ein wirrer, feilender Lärm. Dieses gierige
Schreien von Raubvogelschnäbeln begrüßt zur gleichen Stunde das Licht von
Tausenden von kahlen Riffen in den Meeren.
Im Dunst des Hafens bewegten sich die Fischer wie plumpe, tappende
Gespenster. Ein riesiges Segel stieg in die Höhe und zog in den Nebel
hinein. Ich begrüßte Jean Louis, den »Meerkönig«, und schweigsam bereiteten
wir die Fahrt vor. Wir schöpften Wasser aus, ordneten Leinen, Köder, Segel.
Die Brandung donnerte. Die Welle spritzte, das Boot rieb sich knirschend am
Kai. Ein Ruder polterte, Ketten klirrten, eine laute Stimme schalt drinnen
im Nebel. Jemand fluchte. Es roch nach faulem Wasser und Fischen. Dann
klapperten wir den Steig hinauf zu Chikel um rasch zu frühstücken. Jean
Louis goß sich einen Schoppen eau de vie in die Kehle und damit war er
fertig. Auf dem Meere aß er dann den ganzen Tag nichts als ein Stück Brot
und am Abend trank er wieder einen Schoppen Schnaps, dann schlief er. So
lebten sie.
Wir fuhren. Ein paar schattenhafte Segel zogen vor uns im Dunst. Das eisige
Wasser rauchte. Über die klumpigen, niedrigen Wolken hauchte Glut und auf
einmal rückten sie in die Höhe und waren leicht und schwebend. Die Sichel
des Mondes wurde dünn und durchsichtig, die letzten Sterne zuckten
flimmernd und plötzlich waren sie verschwunden. Das Meer färbte sich
dunkelblau im Schatten der Klippen, die wie blaßrote Korallen blühten.
Milchige Nebelstreifen glitten über die Insel. Sie verhüllten den
Leuchtturm von Creach, und als er wieder auftauchte, blitzte sein gläserner
Kopf von roten Feuerchen. Plötzlich wurde das Meer weit und licht und die
Segel draußen leuchteten wie pures Gold.
Der Wind erfaßte unser Segel und das Boot legte sich zur Seite. Wir
begegneten der ersten Welle von Charakter, das Boot stieg in die Höhe und
glitt hinab. Das war der erste Gruß des großen Meeres! Von da draußen --
Ich machte es mir bequem im Boot und zündete eine Zigarette an. Jean Louis
rauchte trocken; er riß das Papier von der Zigarette und steckte den Tabak
in den Mund.
»Ein schöner Morgen, Jean Louis!«
»Hü-hü-hü!«
Der Meerkönig war nichts als ein winziges Bündel aus einer schmierigen,
flachen Mütze und schmutzigen Holzpantinen. Unter der Mütze hingen ein paar
dünne, weiße Haarsträhnen hervor, und ich sah nur selten sein faustgroßes,
rosiges, ewig lächelndes Gesicht. Seine Jacke war von allen Seiten
eingeschrumpft und die Hosen reichten nur bis zum Schienbein. Die blaue
Leinwand war gebleicht, schneeweiß auf Schultern und Schenkeln, und auch
die vielen Flicken waren schon längst wieder gebleicht. Die Ärmel waren mit
einer Kruste bedeckt und glitzerten von Fischschuppen. Er wischte Nase und
Messer daran ab. Jean Louis hatte Hände aus Holz vom ewigen Rudern und er
konnte die Finger nicht mehr biegen. Seine Äuglein waren gebleicht wie sein
Kittel, und doch sah er wie ein Fernrohr. Die Holzschuhe hatte er mit Stroh
ausgestopft und wo das Stroh den Schmutzpanzer durchstochen hatte, klebten
große Tropfen von schwarzem, trockenem Blut.
Der Meerkönig war der tapferste Mann der Insel, du kannst fragen, wen du
willst. Er hatte vierzehn Menschen das Leben gerettet und so und so oft
selbst Schiffbruch gelitten. In seiner Jugend hatte er wiederholt die Welt
umsegelt, aber davon wußte er nichts mehr. Er war jetzt »süben-hund-sübzüg
Jahre« alt und im nächsten Sommer wurde er »acht-hund-sübzig Jahre«. Der
Meerkönig war der gefürchtetste Dieb der Insel. In Nacht und Nebel fuhr er
hinaus, wo die Fischer die Langustenreusen verankert hatten. Diese Körbe
zog er in die Höhe, obschon sie so schwer waren, daß ein starker Mann zu
tun hatte. Er nahm die Langusten heraus, ließ die Reusen wieder hinab ins
Meer und legte die Langusten in seine Körbe. Wenn nun die Fischer am
nächsten Tag hinausfuhren, so zeigte es sich, daß alle Langusten
ausgerechnet in Jean Louis' Reusen marschiert waren -- hü-hü-hü --! O, sie
hatten ihn schon dabei erwischt --
Wir überquerten den Strom. Das Boot pendelte und das Spritzwasser klatschte
gegen unser Segel. Das Meer sauste und weiße Gischtbomben schlugen über die
Klippen ein.
»Tas Möhr gefällt mir heute nücht!« heulte Jean Louis.
Ich lachte vor mich hin. »Desto besser!« sagte ich und begann, Jean Louis'
Beispiel folgend, die Leine bereit zu machen.
* * * * *
Eine knappe Meile von der Insel entfernt gab es eine Kette von
halbversteckten Klippen und Riffen, gegen die der Strom tobte. An dieser
Kette von Riffen zogen wir entlang, hin und her, und fischten.
Die Wogen waren hier rasch und zornig, sie waren schwarzgrün und mit einer
Schicht wie von Öl und Ruß überzogen. Der helle Köder stieg in sie hinab
wie ein kleines grünes Licht. Das Licht sank und sank, wurde düster, und
endlich erlosch es und nichts blieb als dieses bebende, dahinsausende
Hügelfeld dunkler, schleimiger Wogen. Wir legten die Leine über den Finger
und fühlten im Beben der Schnur den gewaltigen Hub der großen Schlagader,
die Millionen Tonnen Wasser vom Golf von Mexiko bis hinauf zu den Lofoten
pumpt.
Drunten in der Finsternis aber -- ja, Gott gebe es, denn wir galoppierten
nicht zum Vergnügen hier an den Klippen entlang -- da waren sie. Ich
lauschte durch die Leine hundert Meter tief ins Meer hinab -- still! Ja,
sie waren da! Sie schossen hinter dem fliegenden Licht her, beglotzten es
von allen Seiten, ihre Rückenflossen spreizten sich vor Begierde, ihre
Leiber schwollen auf, ihre Schnurrbärte bebten, sie stießen mit den
stumpfen Schnauzen gegen den Köder, zerrten --. Aber noch war der rechte
Augenblick nicht gekommen. Der Fisch ist argwöhnisch. Ich zog etwas an der
Leine, um seine Gier zu reizen, ließ nach, machte ihn sicher und -- zog an.
Es war geschehen! Meine Arme wirbelten, ich lag über dem Bootsrand und
arbeitete fieberhaft. Ich hatte gut hundert Arme Leine einzuhaspeln und
mußte rasch sein, denn der Fisch läßt nichts unversucht. Wie ein Hund riß
er an der Leine, er schmiß sich gegen den Haken, zerrte, aber ich gab nicht
nach. Die Bleistückchen erschienen: und da war er. Er glotzte mich mit
aufgerissenen wütenden Augen an, schüttelte sich vor Schmerz und Entsetzen
und peitschte mit dem Schwanz. Ich packte ihn um den Leib, hakte die Angel
aus und warf ihn ins Boot. Einen Augenblick lag er erschrocken da, dann
warf er sich verzweifelt am Boden hin und her.
Und wieder stieg das kleine Licht in die Dunkelheit hinab.
Im Hafen hatte ich ein paar Krabben gekauft, für den Fall, daß die Fische
wenig Lust zum Anbeißen zeigen sollten. Der Meerkönig war nicht zufrieden
und so entschloß er sich, die Krabben zu opfern. Er riß ihnen die Scheren
aus und schrie sie wütend an, da sie sich wehrten. »Ho! Ho! -- seht doch
an, diese miserable Kreatur, will sich nicht einmal die Scheren ausreißen
lassen, hö!« Er zerstampfte Scheren und Krabben und warf den Schleim als
Lockspeise ins Meer.
Ich befestigte ein großes Stück am Haken. Wie ein geröstetes Huhn, das
urplötzlich in die Nacht eines Gefängnisses hinabtanzt, mußte den Fischen
dieser Braten vorkommen.
Es ging. Die Fische verloren den Kopf und rannten in die Angeln. Triefend
naß kamen sie herauf, die Mäuler verzerrt, und starrten mit entsetzten
Augen in die grausame Helle und die Gesichter dieser rasenden Teufel, denen
es Vergnügen machte sie aus ihrer dunkeln, rauschenden Heimat zu reißen.
Sie wurden ins Boot geworfen, das mit Blut und Schuppen besudelt war, und
hier mochten sie sterben. Sie schlugen um sich, ihre glänzenden,
silberweißen Leiber verfärbten sich, ein gelber Hauch lief daran entlang,
sie bekamen Flecken. Ihre Flanken flogen, die roten Kiemen spreizten sich
und entblößten das blutrote Fleisch, ihre goldenen Augen weiteten sich im
Todeskampf. Endlich machten sie eine letzte Anstrengung, sie bogen sich wie
eine Klinge und schnellten in die Höhe. Dann bekamen sie einen Fußtritt von
Jean Louis und nun lagen sie still. Aber noch nach einer Stunde konnte
Leben in ihnen sein.
Die Sonne stieg höher und wir fischten mechanisch und schweigsam. Das Boot
schwang auf und ab und flog dahin. Ich arbeitete ernst und hingegeben. Mit
großer Sorgfalt schnitt ich den Köder aus den Muscheln, die an flache
Chinesenhüte kleinsten Formats erinnerten. Viele trugen Büschelchen von
Moos und Tang und sahen aus wie verwegene Damenhüte der letzten Mode. Und
ich lachte vor mich hin, denn allerlei Abenteuer zogen durch meinen Sinn.
Ich kassierte hier außen beim Rauschen des Meeres noch einmal all die
leuchtenden Blicke ein, die mich da und dort getroffen, und atmete nochmals
die Wohlgerüche, mit denen die Frauen uns locken wie die Blumen die Bienen.
So wie der Dichter sagt -- aber da ging ein elektrischer Schlag durch die
Leine und ich spürte einen Stoß im Herzen: der Fisch . . .
Alle zehn Minuten wechselte der Meerkönig das Segel, um zu wenden. Dann
mußte ich mich ganz flach machen und doch riß mir das Segel jedesmal die
Kopfhaut ab. Die Wogen rauschten mit einförmigem Zischen und Sausen vorüber
und immerzu nagelte und schabte es am Boot. Zuweilen brauste eine rasche
Woge daher, schleuderte das Boot in die Höhe und überschüttete uns mit
Spritzwasser, und ich sah die Woge dahinfahren zwischen den andern, die in
Unordnung gerieten. Wiederum, da zischte es und ein großer marmorierter
Kreis, der knisterte und kochte, erschien: die Sohle der Woge hatte eine
verborgene Klippe getroffen. Der Kreis aus weißem und grünem Marmor flog
rasch weiter, kletterte über die Rücken der Wogen und noch in weiter Ferne
behielt er seine Form. Die Möwen strichen mit dem Bauch über die Wogen
dahin, jeder Bewegung, jeder Laune der Woge haarscharf und blitzschnell
folgend, auf und ab, und schrien. Ihre Fittiche schwirrten und ihre spitzen
Hakenschnäbel rissen die Luft auf. Ihnen gehörte das Meer und sie kümmerten
sich nicht um die Fischer. Sie stürzten sich in den Gischt der Klippen,
schlugen mit den Flügeln, als ob sie sich niederlassen wollten, stiegen
senkrecht in die Höhe, wenn die Woge nach ihnen sprang, und schossen
kopfüber herab, wenn die Woge vorbei war. Und das Wasser tropfte glitzernd
aus ihren Schwingen. Das Meer sang und brauste einförmig; Eine Stunde
verging und es war still. Dann zog ein Trupp Meerschwalben vorüber -- döi
-- döi -- gullugullugullu döi -- und schon waren sie weit weg. Wie ein
Faden zogen sie in der Ferne.
Ich zündete die Pfeife an. Ich kniete nieder, preßte die Knie gegen die
Bootsrippen und den Kopf gegen die Wand, und nun hatte ich Festigkeit genug
um ein Streichholz anzureiben.
* * * * *
Vor ein paar Minuten hatte ich einen Peitschenhieb von Spritzwasser übers
Gesicht erhalten, kalt wie Eis, jetzt aber bekam ich eine Schaufel Wasser
in die Ärmel und dieses Wasser war lauwarm. Der Strom hatte gewechselt.
Zuweilen führte er ins offene Meer hinaus, zuweilen auf die Insel, nur der
Meerkönig kannte seine Geheimnisse. Die Wogen waren vorher glatt gewesen,
nun waren sie mit einem Ringelpanzer bedeckt, da der Wind gegen die
Strömung blies. Die versteckten Klippen, an denen wir entlang zogen,
gebärdeten sich wilder. Unaufhörlich stieg der Gischt an ihnen in die Höhe
wie explodierende Bomben, wehende Schleier flogen auf, die in der Sonne
glitzerten und zerstoben. Man hörte dumpfe Kanonenschüsse, die mit jeder
Minute stärker wurden, je höher die Flut stieg.
Jean Louis sah das Wasser an und schüttelte den Kopf.
Der Himmel bewölkte sich und die Sonne verschwand hinter einer
porzellanweißen Wolke. Das Meer nahm ein düsteres und feindseliges Aussehen
an. Dunkel und schwer wälzte es sich heran, und wo das Licht der weißen
Wolke auffiel, rollte es wie eine Masse dicker weißer Ölfarbe dahin. Der
Mast knarrte und bog sich, und die Risse in unserem Scheuerlappen von Segel
wurden breit und klaffend. Wir segelten mit sechs Knoten Geschwindigkeit
und das Boot federte. Es schoß bebend hinab in die viele hundert Meter
langen Täler, überschnitt pendelnd die Wogen, und wenn wir oben waren, so
kam es mir vor, als säße ich auf dem Dachrand eines einstöckigen Hauses und
blickte hinab. Dann sah ich die keuchenden Riffe, die die Atemzüge dieser
großen Lunge maßen. Das Riff entblößte sich tief hinab, die Woge saugte,
gurgelte. Dann stürzte sie sich gierig in die Höhe und eine Gischtsäule
stieg senkrecht über das Riff empor. Einen Augenblick lang stand sie still,
dann drehte sie sich langsam, wie ein Baum aus Brillanten, und fiel in sich
zusammen. Das Riff war ein Sturz von hundert schäumenden Kaskaden. Und
schon tauchte das rostrote Riff wieder bebend empor, wie der Kopf eines
Schwimmers, der noch vom Wasser trieft und schon in der Sonne glänzt.
Manchmal sah ich auch von meiner Aussicht aus bis zum Horizont, nur einen
Moment, dann tauchten wir wieder hinab.
Oft segelte der Meerkönig, ohne aufzusehen, haarscharf an die Klippen
heran, aber ich hielt den Mund, denn ich wußte, er würde im letzten
Augenblick das Boot herumwerfen. Der Meerkönig bewegte sich in dieser
Wüstenei von Wasser so sicher wie jemand in seinem Zimmer. Er kannte hier
jeden Fleck und brauchte nicht aufzusehen. Er hatte seine Punkte; sobald
der und der Felsen in der Ferne zwischen dem und jenem Riff erschien, so
hieß es beizudrehen. Er kannte auch die verborgenen Felsen und wenn er
sagte, hier unten ist der men glas so war es sicher, daß einen Moment
später die Woge den Felsen traf und das Meer weithin marmorierte. Er wußte
noch mehr. Er wußte, wo in dieser und jener Stunde, bei dieser und jener
Strömung die Fische sich aufhielten, wohin sie wanderten, sobald der Strom
wechselte. Er wußte, welche Geschwindigkeit das Boot haben mußte, damit
diese und jene Art Fische anbiß, er wußte, wann die Fische zu erwarten
seien und wann sie verschwanden.
Oft mußte ich lachen, wenn ich ihn ansah. Da hockte das winzige Bündel,
gleichmütig wie vor dem Kamin und rollte mechanisch hin und her, während
ich mich festhalten mußte um nicht hinausgeschleudert zu werden. Er kaute,
blies den Schnauzbart, und versah die Angel andächtig mit dem Köder. Es sah
aus, als nähe er. Den alten Köder nahm er mit den Zähnen vom Haken und spie
ihn ins Meer. Er empfing den schweren Fisch mit täppischem Lachen, den
kleinen aber überhäufte er mit Schmähworten. Er fing einen winzigen Fisch,
nicht größer als eine Hand, der den Köder vollständig abgefressen hatte; da
wurde er purpurrot vor Zorn und schleuderte ihn so heftig ins Boot, daß das
Fischlein das Maul aufriß und augenblicklich still und steif lag.
Zuweilen kauerte der Meerkönig im Boot nieder und nahm eine Konservenbüchse
zur Hand. »Ent--schul--düge, mein Freund!« heulte er. »Wür sünd auf tem
Möhr!«
Eine unnötige Höflichkeit! In dieser Badewanne, die mit der gesamten
Ausrüstung fünfundsechzig Franken kostete, konnte man keinen Komfort haben
wie in einem Hotel.
Auf der Insel läutete es Mittag. Lockend und lieblich klang es zu uns
heraus. Wir aßen ein Stück Brot und tranken aus der Wasserflasche, die
Leine um den Finger gewickelt. Und wieder fischten wir. Wir versahen die
Haken schweigsam mit dem Köder, rissen den Fisch ins Boot, fluchten
halblaut, wenn sich die Leine verwirrte. Das Boot zitterte und schwang auf
und ab. Oft hing der Meerkönig über mir, als wolle er herabstürzen auf
mich, im nächsten Augenblick aber war seine Kappe tief unten und ich stand
senkrecht gegen die Bank. Ich war naß bis auf die Haut, das Wasser war mir
in den Nacken und die Ärmel gestürzt. Meine Haare waren zerweicht und die
Augen klebten zusammen und brannten. Mein Gesicht war ausgetrocknet und
heiß vom Salz, das sich wie feiner Flugsand in alle Poren fraß und die Haut
steif und bewegungslos machte. Meine Hände zitterten vor Erschöpfung, und
der Wind stach mich unaufhörlich wie eine eisige, spitze Nadel ins Ohr.
Mein Herz aber rauschte und sauste und war voll ungestümer Wildheit wie das
Meer um mich her.
Ja, ihr zu Hause, bleibt ruhig in euren Polstersesseln sitzen und lispelt
kluge und feine Worte über das Leben und werdet schwindsüchtig. Laßt mir
das Leben, das dumm und einfach ist, und ich will euch die Worte schenken.
Ein Segel mit einem Anker darauf zog hinter den schwingenden Linien der
Wogen vorüber. Es stieg empor, pendelte, verschwand vollständig, um erst
nach langer Zeit an entfernter Stelle wieder aufzutauchen. Im Nu war es
verschwunden.
»Es ist Zeit!« heulte Jean Louis. »Wir müssen gehen. Der Pilot fährt nach
Hause!«
»Eine Angel wollen wir noch auslegen, Meerkönig«
Aber da kam eine große Woge und wir machten uns schleunigst davon.
* * * * *
Diese Woge war die größte und schönste, die ich hier außen sah. Schon von
weitem sah ich sie herankommen. Sie riß sich ihre Bahn durch all die
wandernden Schaumkämme, ihr Gischt flog vor ihr einher und sie brauste und
zischte wie eine Schnellzugslokomotive. So groß und ungestüm war sie, daß
sie sich inmitten der andern Wogen ausnahm wie die rasende Wildsau unter
den Frischlingen. Dann prallte die ungeheure Wassermasse gegen die Klippen,
sie bebte zornig von oben bis unten, schwoll an und bäumte sich auf. Sie
wurde lang wie fünf Häuser und hoch wie ein zweistöckiges Haus und die
Wogen ringsum sahen winzig aus. Sie war schwarzgrün, aber als sie
anschwoll, wurde sie grün wie Flaschenglas. Darüber bebte eine Kuppe von
Türkis und auf dieser Kuppe saß ein Schmelz von gelbem Bernstein, von der
Sonne durchleuchtet, und darüber ein Diadem aus schneeweißem Schaum, über
der ganzen Woge aber schwebte ein breiter Schleier von Dunst, eine Wand von
Dunst, in der die Farben des Regenbogens schillerten. So stand sie. Wir
waren zehn Schritte von ihr entfernt und ich betrachtete erstaunt und
erschreckt dieses wilde schöne Tier, das das Meer geboren hatte. Nun aber
-- kam sie _herab_!
»Hallo! Jean Louis!«
Der Meerkönig war gerade dabei das Segel zu wechseln. Er hatte es
losgebunden und hielt die Leine in der Hand. Da erblickte er die Woge, die
bebte und funkelte und sich vornüber neigte, getigert mit weißen
Gischtstreifen, die fächerförmig herunterschossen. Er lachte idiotisch:
hü-hü-hü, und hielt die Leine des Segels mit beiden Händen fest, wie die
Zügel eines Pferdes, das durchgehen will. Er stemmte die Holzschuhe gegen
die Bank und sein Gesicht verzerrte sich vor verzweifelter Anstrengung. Das
Segel spannte sich zum Zerplatzen infolge des ungeheuren Luftdrucks, der
vor der stürzenden Wassermasse herfegte.
Die Woge donnerte und brüllte, das Boot flog in die Höhe, erst langsam,
dann mit jähem Ruck, und der Meerkönig verschwand in einem Schneegestöber.
Hühühü! Ein dicker Wasserstrahl fuhr wie eine Rakete zischend über das Boot
empor. Ich blickte durch den Riß eines grünen Fensters weit übers Meer, bis
zum Horizont: dort zog in aller Ruhe ein Dampfer mit zwei braunen Kaminen
und qualmte. Er fuhr gegen Südwesten. Habana, St. Thomas, Para, Rio
Janeiro, Valparaiso? Glückliche Reise! Da bekam ich einen Hieb über die
Augen.
Wir schöpften das Wasser aus. Vorwärts! Fort! Der Meerkönig sah totenbleich
aus und ich fühlte plötzlich genau die Stelle, wo mein Herz sitzt: denn es
war stillgestanden.
* * * * *
Nun blieb uns nur noch übrig den Strom zu durchqueren, der den Eintritt der
Bai durchschnitt. Zur Zeit der Ebbe war es nicht leicht, zur Zeit der Flut
für ein kleines Boot unmöglich. Es kam vor, daß man fünf Minuten zu spät
kam und dann drei, vier Stunden warten mußte, bis sich die Wut des Stromes
gelegt hatte. Einmal fuhr ein Kutter vom Hafen heraus, prächtiger Wind,
aber gerade mitten im Strom hörte der Wind auf und der Kutter wurde in die
Klippen getrieben und zerschellte. Die Mannschaft wurde zerfetzt, so daß
man sie nur noch an den Kleidern erkennen konnte; einem Matrosen fehlte der
Kopf.
Wie ein Heer von kolossalen Walfischen, das auf der Flucht war, schoß der
Strom dahin. Wir ritten darüber hinweg und fuhren in die Bai ein. Ich saß
am Steuer, denn das war meine Arbeit.
»Diaul, Diaul!« heulte der Meerkönig. »Ich habe hier außen schon zwei Boote
verloren. Einmal kam ich mit den Trümmern ans Land, einmal saß ich
vierundzwanzig Stunden auf einer Klippe bis sie mich holten. Abermals
gerettet, mein Freund, wir müssen eine Kerze stiften. Eine Zehnsou-Kerze!«
Er lachte und nahm die schmierige Kappe ab. Da kam sein bleicher Schädel
zum Vorschein. War das ein Mensch? Sein Schädel war bis zur Größe eines
Straußeneis eingeschrumpft. Drei dünne Haarsträhnen klebten an der Glatze.
Das Gesicht war eine Käferlarve, die Nase eingesunken, das Salz hatte die
Augen ringsum zerfressen, so daß sie wie Wunden aussahen.
»Glaubst du denn an solche Dinge, Jean Louis?«
Der Meerkönig lachte. »Auf dem Lande glaube ich nicht an Gott,« sagte er,
»aber auf dem Meere. Auf dem Lande kann dir die Regierung helfen, aber auf
dem Meere selbst der Minister nicht!«
Das leuchtete mir ein.
»Wie lange wirst du noch mit diesem Lumpen von einem Segel fahren?« fragte
ich.
»Ein neues Segel ist teuer, bei allen Teufeln, unerschwinglich!« antwortete
Jean Louis. »Ich werde Streifen darüber nähen, quer, mein Freund, quer. Vor
zehn Jahren hatte ich ein kleines Malheur mit einem Segel wie diesem da.«
Und Jean Louis erzählte dieses Malheur mit seiner heiser heulenden Stimme.
Er fischte bei Stiff und sein Segel zerriß in hundert Fetzen und er trieb
mit dem Strom. Da verlegte er sich aufs Rudern. Er ruderte wie ein
Irrsinniger, aber als er sich nach einer Weile umblickte, war die Insel
schon ganz klein. Am Abend sah er noch das Leuchtfeuer von Stiff, dann sah
er nichts mehr. Er spie ins Meer und sagte: Jetzt geht es dahin mit dir,
Jean Louis, hühü! Der Tag kam und er war Gott weiß wo. Es war Nebel, die
Dampfer heulten. Wieder wurde es Nacht und er sah eine dunstige
Lichtwindmühle die Flügel werfen. Einerlei, sagte er sich, du schläfst. Er
schlief. Plötzlich hörte er Tuten und lautes Gebrüll. Er erwachte und sah
ein riesiges schwarzes Gebäude mit vielen Lampen vor sich, und von da
droben riefen sie ihn durch das Sprachrohr an. Er ruderte heran und stieg
an Bord. Mein Boot, sakrenomdedü! -- Vorwärts, die Glocken klangen, die
Maschinen begannen zu arbeiten und der Dampfer marschierte. Am Morgen stand
der Meerkönig inmitten einer eleganten Gesellschaft von Damen und Herren,
die ihn erstaunt anlachten, den alten, weißhaarigen, kleinen Meerkönig, den
man mitten in der Nacht aus dem Kanal gefischt hatte. Sie stopften ihm die
Tasche voll Geld und besorgten ihm ein Billett zweiter Klasse von London
nach Brest. Hühü! Da war er wieder! Gehe in die Hölle, Meerkönig, da bist
du ja wieder! Sie hatten schon die Totenmesse gelesen. Ein Kreuzchen mit
seinem Namen stand in der Friedhofskapelle. Und er mußte acht Franken für
eine Messe bezahlen, die er nicht bestellt hatte.
»Aber ich bezahlte sie!« schrie Jean Louis und schlug an seine Brusttasche.
»Nun hab ich eine Messe voraus!«
Er, Jean Louis, hatte dem lieben Gott einen Vorschuß gewährt, haha!
Dann lenkte ich das Gespräch auf Rosseherre: »Du hast ja eine so hübsche
Enkelin, Jean Louis!« sagte ich.
»Rosseherre ist meine Pflegetochter!« heulte Jean Louis. »Meine zwei
Töchter waren böse Weibsbilder und keiner hätte sie angerührt. Sie waren
Kanaillen, sie prügelten mich, wenn ich getrunken hatte, und ich mußte
meine kleinen Sous in den Mauerritzen verstecken vor ihnen. Sie hätten mir
die kleinen Sous aus dem Maul gestohlen. Hühü -- nun sind sie tot! Sie
starben an der Schwindsucht. Rosseherre, mein Freund, ist meine
Pflegetochter.«
»Du liebst sie wohl sehr, Jean Louis?«
»--Hühühü!« Der Meerkönig lachte kindisch und schlug sich auf die kurzen
Schenkel. »Rosseherre! -- Eines nur ist schade. Sie ist nicht ganz gesund.«
»Hat sie es auch mit der Brust zu tun?«
Der Meerkönig schüttelte den Kopf. »Nein, mein Freund, sie hat es im Kopf.
Sie hat es von ihrer Mutter. Die war eine Geisterseherin. Sie geht mit dem
Meer. Sie hat Zeiten, da ist sie besessen und nicht bei Sinnen. Wenn sie
heute sagt, der Pilot ist in der Nacht ertrunken, so kommt er nicht zurück
-- nie mehr!«
Ich hielt auf die rote Boje in der Reede. »Und jetzt will Yann sie
heiraten?«
»Ja! Aber ich gebe meine Einwilligung noch nicht her!« Der Meerkönig warf
sich in die Brust und tat stolz.
»Höre!« sagte ich und sah Jean Louis in die flachen, gebleichten Augen, die
wie erblindet aussahen, »ich möchte dem kleinen Kapitän einen Streich
spielen, er hat mir neulich ein Weinglas an den Kopf geworfen. Ich werde
dir ein neues Segel kaufen, ein funkelnagelneues Segel aus bestem Material,
erstklassig, wenn du deine Einwilligung noch etwas hinausschiebst.«
Jean Louis schlug sofort ein. Er wollte noch so lange warten als ich
bestimmte.
»Gut, ich komme morgen zu dir und wir gehen zusammen zu Noel um die
Leinwand zu kaufen. Wir können dann auch gleich die Kerze aussuchen.«
Hier aber lachte Jean Louis verschmitzt.
Nun, da wir gut angekommen seien, sei es besser, die zehn Sou in Schnaps
anzulegen. Ich hatte nichts dagegen.
Jean Louis spülte die Fische ab und legte sie in den Kasten. Er schmunzelte
zufrieden. Einen selten guten Tag hatten wir gehabt. Für gut drei Franken
hatten wir gefischt in diesen zwölf Stunden! Wir bekamen ja nicht soviel
dafür, die Händler --. Der kleine Fischhändler auf der Insel, der größere
in Brest und der große Fischhändler in Paris. Sie alle hatten ungeheure
Spesen, Haus, Familie, Wagen, sie alle hatten ein enormes Risiko. Der
Meerkönig dagegen hatte keine Spesen und riskierte nichts als sein Leben.
Jean Louis kroch mühselig ans Land. Auf dem Lande bewegte er sich
unbeholfen wie ein Krebs. Er nahm den Kasten über die Schulter, die zwei
größten Fische trug er an den Zeigefingern, die er in die Kiemen einhakte,
und so klapperten wir langsam den Steig hinauf zu Chikel. Der Boden wogte
unter meinen Füßen, die Steine waren wie Teig.
In der Bar drängten wir die lauten Gäste zur Seite. »Platz gemacht, wir
sind Fischer, kommen eben von der Arbeit!«
»Hoho! Seht sie an die krummen Hunde.«
»Hahaha!«
Es ging immer laut und fröhlich bei uns zu.
Ich gehe nach Hause. Die Steine klingen unter meinen Schritten, meine Augen
sind scharf und folgen der Möwe weit hinaus übers Meer.
XIII
Am andern Tag machte ich Jean Louis den versprochenen Besuch.
»Guten Tag, Meerkönig, da bin ich wegen des Segels.«
»Hü--hü -- Segel?«
Er hatte alles schon wieder vergessen.
»Hühü -- da ist er jetzt -- tritt ein!« heulte Jean Louis.
Rosseherre war nicht da. Aber in der Ecke hing ein schwarzglänzender Rock.
»Feinste Seide!« sagte ich und der Meerkönig lachte geschmeichelt.
Das kleine, schmale Wohnzimmer besaß nur ein einziges viereckiges
Fensterchen in einer Nische. Die Bettschränke befanden sich an den
Längsseiten hinter kleinen, sauberen Vorhängen, wie Kasperltheater sahen
sie aus. Ein Tisch und Bänke rings an den Wänden, das war die ganze
Ausstattung. Unter eine Nische mit einer bunten Madonna aus Gips war jener
Spruch geheftet, mit dem vor Augen die Fischer ihr Leben verbringen:
Ar Maro
a zo eur moment terrubl
evit ar bec'herien,
galvet int ractal dirag.
Ar Barner Souveren.
(Der Tod ist ein schrecklicher Augenblick für die Fischer, denn sie werden
ganz plötzlich abgerufen vor den himmlischen Richter.)
Jean Louis goß Wein ein. Der Wein war dunkelgolden, was für ein Wein war es
doch?
»Dieses kleine Weinchen stammt aus einem Schiffbruch, mein Freund!«
Der Meerkönig verschwand und brachte von irgendwoher ein kleines
japanisches Lackschränkchen, das, hol mich der Teufel! tausend reizende
Schubfächer hatte.
»Schiffbruch!«
Ja, früher, da waren die Schiffe gekommen, hühü! Als die Feuer und
Nebelsirenen noch nicht so vollendet waren. Manchmal kamen zwei, drei in
einer Nacht. Man brauchte nur aufzulesen. Aber jetzt --? Das Leben wurde
immer schwerer.
Und plötzlich sah ich, daß der Tisch, an dem ich saß, ringsum mit einem
Rand versehen war und seine Füße hatten unten Beschläge zum Festschrauben,
was sagst du dazu!
Der Meerkönig lächelte pfiffig, gewiß hatte er noch ganz andere Reichtümer
irgendwo versteckt.
Dann gingen wir zu Noel.
»Willst du also das Tuch bezahlen?« fragte Jean Louis auf halbem Wege und
pflanzte sich mit gespreizten Beinen vor mir auf.
»Ja!«
»Wirklich bezahlen?«
»Wirklich!«
»Eh bien, mon vieux, en route!«
Jean Louis trat herausfordernd an den Kaufmann heran und heulte ihm ins
Gesicht: »Ich möchte Leinwand zu einem Segel kaufen, Noel!«
Der siegellackrote Noel aber hatte keine Eile. Er zuckte die Achsel und
sagte leise singend, indem er mit einem spöttischen Lächeln zum Fenster
hinaussah: »O, mein alter Freund, es ist mein Prinzip euch Fischern keinen
Sou zu kreditieren.«
Aber Jean Louis, der kaum über die Bar sehen konnte, deutete auf mich und
schrie wütend: »Mein Freund bezahlt!« Dann wischte er sich den Schweiß von
der Stirn. Der kleine Meerkönig zitterte vor Erregung an allen Gliedern.
Sofort floß Noel von Freundlichkeit und Eifer über. »Ah, das ändert die
Sache!« Er schleppte Ballen Tuch herbei, er brachte Gläser und Flaschen.
Nun begann die Arbeit des Meerkönigs. Er musterte die Ballen. Er nahm die
schmierige Kappe ab und setzte sie wieder auf. Dann stürzte er ein Glas
Schnaps in die Kehle. Er prüfte das Gewebe zwischen den Fingern, riß,
scheuerte, hielt gegen das Licht. Er nahm einzelne Fäden und zerriß sie.
Nicht zu leicht, nicht zu schwer, nicht zu dünn, nicht zu dick. -- Dann
trank er wieder einen Schnaps und noch einen, er stotterte, taumelte gegen
einen Mehlsack, er trocknete sich die Stirn und sagte, er käme morgen
wieder.
Erst am dritten Tag konnte er sich entschließen, und dann dämpfte er seine
Erregung mit so vielen gouttes, daß er mit dem Tuch unter dem Arm mitten in
der Heide auf einen Felsen rannte, kenterte und liegen blieb.
XIV
Ich begegnete Rosseherre in der Nähe des Dorfes als es dämmerte. Sie trug
einen großen Brotlaib unter dem Arm. Creach zündete gerade sein Feuer an.
In seinem gläsernen Kopfe hauchte es, wie wenn jemand ein glimmendes
Streichholz in den Mund nimmt und es anfacht, dann spie er kurze violette
Blitze, die in die Dämmerung wie geschliffene Nadeln stachen. Das Meer war
schon dunkel.
»Ihr wäret ja neulich auf ein Haar ertrunken!« sagte Rosseherre singend und
stemmte den Brotlaib gegen die schmale Hüfte.
Ich lachte. »Es war nicht so gefährlich,« sagte ich.
Rosseherre wiegte mit kindlichem Ernst den Kopf. »Jean Louis hatte die
Hoffnung schon aufgegeben! Und er kennt das Meer da draußen, niemand kennt
es besser. Und dann schwimmst du bei den Klippen, es ist dir schon ganz
einerlei, ob Ebbe oder Flut ist. Es gibt aber Strudel und Ströme und das
Meer kann dich hinaustragen. Amorik von Creach sagt, ich kann ihm schon gar
nicht mehr zusehen. Warum tust du das?«
»Ich schwimme ja nicht, wenn die Brandung sehr stark ist.«
»Du kennst das Meer nicht,« fuhr Rosseherre fort. »Du sollst dich in acht
nehmen.«
Ich lächelte. Die Besorgnis Rosseherres rührte mich. Sie war ein Kind. »In
acht nehmen?«
»Ja, vor dem Meer!«
»Ich möchte wohl gerne wissen, weshalb du auf der Insel lebst?« fuhr
Rosseherre fort.
»Um das Meer zu hören und den Fisch zu fangen, Rosseherre.«
Das verstand sie nicht. »Hast du denn keine Eltern und Geschwister?«
»Nein.«
»Und keine Frau?«
»Nein.«
»Aber Freunde hast du doch?«
»Nein. Ich bin seit Jahren unterwegs und meine Freunde haben mich längst
vergessen.«
Rosseherre schüttelte den Kopf. »Der Chef der Post sagt, du bist ein
englischer Spion und willst herausbringen, wo sie mit ihren Kriegsschiffen
auf der Insel landen können. Aber das ist nicht wahr. Vielleicht hast du
etwas getan und kannst nicht in dein Vaterland zurückkehren?«
Ich lachte.
»Oder bist du in deinem Vaterland sehr unglücklich gewesen und hast es
deshalb verlassen?«
»Nein, glaube das nicht, Rosseherre, ich bin im Gegenteil sehr glücklich
gewesen.«
»Ja, niemand begreift, weshalb du hier lebst -- hier, wo nichts ist?«
»Es gefällt mir hier.«
Rosseherre wußte nichts mehr zu fragen. Ihr Gesicht war nun ganz dunkel
geworden, nur ihre Haube leuchtete noch.
»Die Nächte sind nun so schön und warm, Rosseherre,« sagte ich, »du
solltest hören wie die Grillen bei Sturmvilla in den Nächten lärmen.«
Rosseherre drehte sich ein wenig und lachte leise. Ich sah das Weiße ihrer
Augen und ihre Zähne.
»Kenavo!« sagte sie dann.
»Kenavo!«
XV
In den Nächten war nichts als die Dunkelheit, das Schlagen des Meeres, das
Feilen der Grillen und meine Sehnsucht nach unbekannten und unmöglichen
Dingen. Die Erde war schwarz und das Meer, und ich war allein.
Das Meer brandete und donnerte ohne Aufhören, und doch war es so still in
meiner Hütte, daß ich das feine, klingende Hämmern der Spinnen in den
Wänden hörte. Immerzu blitzte es. Alle sieben Sekunden fuhr zweimal
nacheinander Creachs blitzendes Messer durch die Nacht, zerschnitt das
kleine Fenster, zerschnitt die Hütte und mich. Ich achtete nicht mehr
darauf.
In den klaren Nächten öffnete ich die Türe. Der schwüle Geruch des Meeres
strömte herein. Im Rahmen der Türe stand der tiefblaue Himmel und die
blitzenden Sternbilder. Ich trat vors Haus, machte ein paar Schritte in den
nassen Gräsern und ließ den Blick über die unendliche Kuppel des Firmaments
wandern. Zuweilen sank ein Meteor langsam und leuchtend ins Meer. Und
irgendwo draußen auf dem Wasser gab es ein kleines rotes oder grünes Licht,
das wanderte. Drüben über der Bai aber, an den Klippen, flogen Creachs
Lichthiebe atemlos dahin wie blendend erleuchtete Expreßzüge der Hölle,
die, tausend in der Stunde, in die Unendlichkeit hinausjagten. Es war
totenstill ringsum und ich ging wieder ins Haus zurück. Aber horch! Hörst
du nicht? Irgend etwas wanderte da draußen, bald nah, bald fern, lautlos
und unsichtbar, aber ich fühlte es, während ich vor meinem Feuer saß. Es
gab also noch etwas außer mir hier außen? War es ein toter Seemann, der aus
dem Meere stieg und sich zu seiner Hütte schlich um durch das Fenster zu
spähen? Was war es? Horch! Und zuweilen dachte ich an das sonderbare
Bibelwort: der Geist Gottes schwebte über den Wassern --
Langsam drehte sich die Nacht. Neue Sternbilder erschienen in der Türe. Ich
warf eine Handvoll trockenen Tang auf das Feuer. Das war alles, was ich in
einer Stunde tat. Die Möwen schrillten. Ebbe, dachte ich, die Möwen ziehen
auf Raub aus. Das Meer atmete erschöpft. Dann rollte das erste Dröhnen am
Gestade entlang: die Flut kam zurück. Und ich saß und hielt die Pfeife im
Gang und lächelte zuweilen, wenn eine schöne Vision im Feuer erschien. O,
ich verstand es meine Einsamkeit auszukosten, bis auf den Grund -- so
allein war ich, so herrlich allein, haha! Poupoul schlief vor dem Kamin und
ließ die Luft durch die Nasenlöcher wie durch Ventile abpfeifen. Wenn ich
ein Wort an ihn richtete, so klopfte er mit dem Schwanzstumpen und öffnete
schlaftrunken ein Auge. »Schlafe, Poupoul!« Da kroch er näher und legte den
Kopf auf meinen Fuß und schlief weiter.
Zuweilen stand ich auf und machte die Augen scharf, als ob ich auf etwas in
ganz weiter Ferne blickte: es waren Menschen, die ich sah, die Menschen,
die ich vor Zeiten gekannt hatte. So weit entfernt war ich nun von ihnen.
Und wieder stand ich auf und blickte in die Ferne: das waren Gedanken, die
ich sah, meine alten Gedanken vor Jahren. So fern, so klein. Weit entfernt
war ich nun von ihnen.
Ich ging hinaus und blickte über das schlaflose Meer: ein senkrechter Blitz
spaltete die Nacht in zwei Teile wie einen Block glänzender Kohle. Auf dem
Meere waren zwei ferne Stimmen, die riefen und antworteten, aber nichts war
zu sehen. Ein Hauch kam um mein Haus herum und stand neben mir wie ein
Geist. Es rieselte in einem Felsen, hörst du? Der Felsen altert.
Auf dem schlaflosen Meer schwang ein Funke hin und her, und weitab
antwortete ein anderer: zwei Schiffe, die miteinander sprachen.
In einer Nacht begann es zu wehen. Ich hielt den Atem, an. Über mir brauste
der große Raum. Von Getümmel und Kampf und einem herrlichen wilden Tod
sauste es da droben. Mein Herz pochte laut. Ich ging hinaus. Der Wind
schlug die Arme um mich und heulte mir in die Ohren, daß er mein Genosse
sei. Er umtoste mich und plötzlich entfachte er einen wunderbaren Gedanken
in meinem Kopfe. Ja! Wir wollten sehen, was an uns war, heute, jetzt! Und
ich ging hinab zum Meer, entschlossen es mit ihm aufzunehmen, sei es wie es
wolle. Der Wind heulte mir in die Ohren: ja, ja!
Das Meer war leuchtend schwarz und die wirbelnden Schaumkämme schneeweiß
mit glühenden Feuerchen im Innern. An den Felsen zersprang die Welle zu
Tausenden von Brillanten. Hinein! Ich wühlte in grünem Feuer und war selbst
wie ein glühender Geist, der sich im nächtigen Meere bewegte. Da drunten
leuchtete und flimmerte es wie ein schwarzer Wald voller Glühwürmchen.
Feuergarben schlugen bei jedem Schwimmstoß empor und meine Arme waren
bedeckt mit phosphoreszierenden Klümpchen. Ich warf mich der Woge entgegen
und wenn sie herankam, hob ich die Faust aus dem Wasser und schlug sie ins
Angesicht. Die Woge trug mich in die Höhe wie einen Span. Ich aber
verwandelte mich in eine wirbelnde Schiffsschraube und es ging dahin. Wenn
ich untertauchte, so wurde es still um mich, kam ich in die Höhe, so heulte
und tobte es in meine Ohren. Auf meinem Lid saß ein leuchtendes Körperchen
und ich fühlte das sanfte Licht durch das Lid hindurch.
Da war ich wieder. Ich stand und dampfte. Ich hatte mich dem Meere
angeboten, aber es hatte mich nicht gewollt. Meine Brust ging ruhig und
meine Arme zitterten nicht. Ich sah weit über das dunkle Meer hinaus.
Der Wind heulte und versprach mir Ehre und Reichtum und tausend schöne
Frauen.
Ich aber lachte. »Merci, behalte alles!« sagte ich. Ich brauchte nichts, so
stand es. In dieser Minute war ich ohne Wunsch.
Wie schwül es nun in meinem Hause war! Ich braute Grog und suchte meine
Lektüre hervor. Meine ganze Bibliothek, bestand aus einer Nummer des
New-York Herald, European Edition, die ich zufällig in der Tasche
mitgebracht hatte. Sie war vergilbt und roch nach Salz und stets kamen ein
paar Spinnen heraus. Ich konnte sie auswendig, jeden einzelnen Artikel und
selbst die Annoncen. Aber ich las sie immer wieder und geriet stets in eine
gehobene Stimmung, wenn ich sie auseinanderfaltete: das war die Welt, meine
Herrschaften, die Welt mit Haut und Borsten, einem Heiligenschein und roten
Mörderhänden.
Ja, haha, zu amüsant war das -- prost!
Auf Seite eins lag noch immer der Papst im Bett -- er hütete das Bett --
wegen eines leichten rheumatischen Leidens im rechten Knie, nicht im
linken, hol mich der Teufel! Ich wünsche seiner Heiligkeit rasche Genesung.
Auf derselben Seite rasselte ein betreßter Affengreis mit den Kinnladen und
die Affen ringsumher schlugen mit den Schwänzen vor Ergebenheit. Du wirst
alt Europa und beginnst zu stinken!
Es rüttelte an der Türe, es pochte, und ich wandte den Kopf. Herein!
Niemand antwortete. Eine feine Stimme, wie die einer kleinen frierenden
Seele, wimmerte oben an der Türe.
Da gefiel mir Bobby besser, der Nigger, den man im Staate Ohio hinrichtete.
O nein, zurück, Bobby braucht keinen geistlichen Zuspruch, er geht »zu
einem bestimmten Zweck in die Hölle«. Wenn es schon sein muß -- prost,
Bobby! -- Was sagst du übrigens dazu? Zwischen Deutschland und Italien
herrscht momentan große Kälte. He, dieses Genie, das Papierbrei wiederkaut
und ein von Druckerschwärze schwarzes Maul hat, legt die Hand auf das Herz
der Staaten und konstatiert große Kälte. Ich werde einen glühendheißen Grog
trinken, Sie papierenes Rindvieh, denn bei dieser großen Kälte zwischen
Deutschland und Italien klappern mir die Zähne.
Regen prasselte über mein Dach. Jemand pickte an das Guckfenster und ein
Gesicht sah herein und blinzelte mit zu. Aber ich kümmerte mich nicht
darum. Ich war es gewohnt, daß nachts Gesichter zu mir hereinsahen. Die
feine Stimme surrte jetzt am Boden, durch die Türritze. Da ließ Creach sein
Gebrüll in der Ferne hören. Nebel. Ich warf Tang aufs Feuer.
Dann stürzte ich mich in die Annoncen. Im Handumdrehen engagierte ich
dreiunddreißig chamber-maids, governesses nicht über zwanzig, zarte
Behandlung zugesichert, und hierauf verschwand ich blitzschnell unter der
Erde, um einen Küchenchef, 94 rue de Longchamps zu verpflichten. Ich raste
durch die Eingeweide von Paris, stieg ans Tageslicht empor, schwang mich
auf einen Autobus und segelte zwischen den Balkonen und Firmenschildern
dahin, und die Leute unten trieben im Strom. Hélas! Mein Küchenchef war
eben ausgegangen -- also wartete ich in einem Café, hier traf ich ein
hübsches Mädchen, Auto! Und es ging dahin über die glitzernden Asphaltseen
von Paris --
XVI
In einer Nacht aber, als ich wieder las, sah ein Gesicht zu meinem Fenster
herein und dieses Gesicht trug eine weiße Haube. Poupoul schlug an.
Ich legte den Herald beiseite und öffnete.
»Ah, du bist es, Rosseherre?«
»Ja, ich bin es,« sagte sie ohne Atem, »ich komme -- Jean Louis ist krank.«
»Was fehlt ihm denn?«
»Er spricht und lacht. Er hat Fieber. Komm und sieh!«
Wir gingen rasch über die Heide. Jean Louis lag in seinem Bettschrank und
empfing mich mit lautem Lachen. Hühühü!
»Hallo, Jean Louis, kennst du mich nicht?«
Nein, er erkannte mich nicht. Eine heiße, dumpfe, alkoholgeschwängerte Luft
schlug aus seinen Kissen. Rosseherre leuchtete mit einem Stümpfchen Licht,
das ihr über die Finger rann, und ich sah, daß er die Augen offen hatte. Er
lachte und plapperte.
»Was sagt er denn, Rosseherre?«
»Er sagt: komm heraus, mein Herzchen. Er meint den Fisch.«
Der Meerkönig war nicht nur betrunken, er hatte auch starkes Fieber, was
war zu tun? Wir legten ihm Kompressen auf den Kopf und die Brust und er
kicherte vor Vergnügen, als er das kalte Wasser fühlte. Rosseherre
zitterte.
»Es wird nicht schlimm sein, Rosseherre.«
»Nein?«
»Ich glaube nicht.«
Dann saßen wir und warteten. Rosseherre klebte das Lichtstümpfchen am Tisch
fest und der Talg floß und tropfte auf den Boden. Der Docht sank in den
geschmolzenen Talg und erlosch. Nun war es ganz finster.
»Hü--hü--hü!« lachte der Meerkönig.
Ich legte meine Hand an Rosseherres kleine Brust.
»Rosseherre?«
Sie neigte sich vor und legte die Hände um meinen Nacken.
»Une bonne pêche -- mon vieux -- mon vieux!« heulte Jean Louis und lachte.
»Aber Jean Louis --?« flüsterte Rosseherre.
»Er kann uns ja nicht sehen!« --
»Hühü -- sakrenomdedü -- trente sou -- quarante -- hühü,« lachte der
Meerkönig in seinem Bettschrank.
Rosseherre bebte am ganzen Körper. Sie gebärdete sich unsinnig, weinte und
flüsterte und bedeckte mein Gesicht mit raschen Küssen. Dann küßte sie mir
Hände und Füße, hundertmal. »Me o car,« flüsterte sie.
»Gute Nacht, Rosseherre.«
Sie begleitete mich vor die Türe.
»Gute Nacht!« Sie lächelte und ihre Brust atmete noch rasch.
Aber als ich schon gegangen war, rief sie mich nochmals zurück.
»Höre,« sagte sie, »könntest du mir nicht -- hundert Sou leihen -- ich habe
eine alte Schuld.« Sie stammelte. »Nein, nicht hundert -- fünfzig --
zwanzig Sou?« -- -- --
Am nächsten Abend klopfte es wieder an meinem Fenster und Rosseherre stand
vor der Tür. Sie war gekommen um mir zu sagen, wie es mit Jean Louis gehe.
»Es geht ihm gut, ja. Morgen wird er wieder hinausfahren.«
»Willst du nicht hereinkommen, Rosseherre?«
Rosseherre lachte. »Ja.«
»Nun, so tritt ein.«
Wie laut die Grillen doch in diesen Sommernächten um Sturmvilla lärmten!
Yann hatte viel drüben an der Küste zu tun, er mußte Kohlen holen für
Creach.
Wenn es Abend wurde saß ich gewöhnlich auf dem Stein vor meiner Tür, der
noch heiß von der Sonne war, und spielte mir ein Lied auf meiner Flöte.
XVII
Dann kamen die großen Stürme und alles wurde anders. Die Stürme selbst
waren schuld daran --
Eines Morgens erwachte ich mit einem elenden Gefühl. Das Atmen wurde mir
schwer. Ich ging hinaus um zu sehen, ob nicht etwa der Himmel herabgekommen
sei und in Mannshöhe über der Insel laste. Alles stand still. Die Gräser,
das Meer, die Luft, über dem Meer lag die lange Rauchwolke eines Dampfers,
der schon entschwunden war, auch diese Rauchwolke stand still. Ein grauer,
greisenhafter Himmel blickte von oben herab. Wo war das Leben hin?
Eine Stunde später änderte sich alles. Die Möwen waren die ersten, die das
Fest witterten. Sie zogen in weiten raschen Kreisen mit dem Bauch über das
Meer und schrien wild. Am Horizont schob sich eine unscheinbare,
bleifarbene Wolkenbank empor, aber so rasch, als steige sie aus einer
Versenkung herauf, und während sie wuchs wurde sie immer dunkler, fast
schwarz. Senkrechte weißliche Wolkenfetzen flogen vor ihr her. Das Meer
wurde düster und runzelte sich wie die Stirn eines wilden Tieres, das die
Geduld verliert. Die Fittiche der raschen Möwen flatterten kalkbleich vor
der dunkeln Wolke. Die Meerschwalben zogen in Zickzacklinien um die Klippen
und läuteten und gurrten. Auf einem Felsen saß ein Fischreiher, sah hinaus
und schlug zuweilen mit den Flügeln.
Mein Herz aber pochte.
Plötzlich ging ein pfeifender Hieb über uns dahin und die Insel war in eine
ungeheure Staubwolke gehüllt, als ginge sie in Rauch auf. Die Gräser legten
sich flach auf den Boden, Steinkörner sausten durch die Luft. Da war er --
Was für ein Gesang war das, bei allen Göttern? Es war das Lied vom Chaos,
als es noch nichts gab als die schwarzen Wasser und das nackte Gestein. Es
war das Schlachtenlied der Urriesen, die um Erde und Meer kämpften und sich
zerschmetterten --
Das Meer dröhnte schwer, die Felsen tuteten, und das Toben vereinigte sich
zu einem hohlen, surrenden Brausen, das alles erschütterte. Die Luft
wetterte, die Atmosphäre bebte, wie ein Riesenventilator surrte die Luft
und zerrte das Fleisch von den Knochen, riß an den Augenlidern und Lippen,
legte die Ohren um und bog die Nase, wohin sie wollte.
Die Küste ringsum war bis hoch hinauf mit Gischt bedeckt und sah wie
beschneit aus. Die Klippen im Meer trugen wehende Generalsbüsche. Das Meer
war getigert bis zum Horizont, ein paar fliegende schneeweiße Schaumkämme
mit Nacht dazwischen war das ganze Meer, nichts sonst. Die Schaumkämme aber
rasten gegen die Insel. Je näher sie kamen, desto lebendiger wurden sie. Es
waren Reihen von Schimmeln mit wehenden Mähnen, schäumenden Mäulern und
strampelnden Vorderfüßen. Sie galoppierten gegen die Klippen, stürzten in
die Höhe, wieherten, schwangen die Mähnen und sanken zerschmettert
rücklings ins Meer. Und augenblicklich galoppierte die nächste Reihe heran,
hoi, hoi, hopp hopp! Der Wind peitschte sie und sie taten ihr Bestes,
flogen heran, hinauf und zerschellten.
Das war er!
»Vater unser -- das ist er! Was soll ich tun? Sag mir den Gesang, den ich
anstimmen soll! Soll ich vom grasgrünen Meerteufel singen, der drunten
schlief und nun emporstieg und sich dreht wie ein rasender Kreisel?«
Poupoul sprang an mir empor, und ich packte ihn am Kragen und drosselte
ihn. »Nimm dich in acht, Poupoul, siehst du nicht, daß ich ein Mörder bin!«
Und ich ging dahin und schrie in den Sturm hinein --
Am Hafen unten standen Männer und Frauen, flatternde Fahnenfetzen, alle
erschrocken und bleich. Eine Frau lief schreiend hin und her und rang die
Hände. Ihr Mann war nachts hinausgefahren und noch nicht zurückgekehrt.
Jede Woge überflutete die Granitmauern des Dammes und hob spielend die
schweren Eisenringe in die Höhe, daß sie klirrten. Ganze Wände von Wasser
stürzten auf uns herab. Auf dem Damm lag ein behauener Granitblock, der
einer Boje als Anker dienen sollte, gut einen Meter hoch und breit. Er war
der Woge im Weg und plötzlich hob sie ihn und stürzte ihn ohne viele
Umstände vornüber den Damm hinab. Man hatte das Postschiff rasch in den
Innenhafen gebracht; auf dem Deck liefen brüllend die Matrosen umher und
zogen die Taue an. Der »Kommissionär« war gefesselt wie ein Tobsüchtiger,
mit Ketten, Drahtseilen, Tauen. Aber er wieherte vor Vergnügen, bäumte sich
auf, zerriß die Fesseln und schlug das Heck der »Notre Dame de l'Isle«, die
hinter ihm lag, in tausend Stücke. Draußen in der rasenden Bai ritt Yanns
kleiner Dampfer an seinen Ketten. Viel Vergnügen, Yann!
Da sah ich auf einmal auch Rosseherre. Sie saß auf der andern Seite des
kleinen Hafens in den Klippen. Sie sah gelb und elend aus und starrte mit
hochgezogenen Brauen in die Ferne. Sie hielt einen Rosenkranz in den Händen
und ihre Lippen bewegten sich.
»Hallo! Rosseherre!« schrie ich mit aller Kraft. Aber ich hörte nicht
einmal die eigene Stimme.
Plötzlich klang etwas wie ein ehernes Bellen durch den Sturm. Es läutete.
-- Bei Stiff war ein Schiff in Not.
Sofort machte ich mich auf den Weg. Bis Stiff hatte man eine knappe Stunde
zu gehen, aber ich brauchte zwei geschlagene Stunden dazu. Ich hielt den
Mantel mit den Zähnen fest und bohrte den Kopf in den Sturm. Schritt um
Schritt mußte ich mir erkämpfen. Der Sturm hatte die Regentropfen zu Nadeln
zugespitzt und sie spießten sich wie Eispfeile in meine Haut. Zuweilen war
ich gezwungen inne zu halten und im Schutze eines Steins aufzuatmen; wenn
ich nur so viel Deckung fand als für meinen Kopf nötig war und ein paar
Atemzüge tun konnte! Verließ ich die Deckung, so erfaßte mich der Sturm wie
ein sausender Treibriemen und riß mich mit sich. Poupoul erging es nicht
viel besser. Er streckte alle zehn Schritte sein Hinterteil dem Sturm
entgegen und atmete zwischen den Pfoten, den Kopf auf den Boden gepreßt.
Ich sah eine Möwe, die rückwärts flog! Sie landete erschöpft, ruhte ein
wenig und stürzte sich abermals dem Sturm entgegen. Sie drehte sich wie
eine Schiffsschraube, aber der Wind war stärker als sie und sie mußte
wiederum rückwärts fliegen. Der Sturm trug sie in die Höhe wie ein Stück
Papier, sie schrie, arbeitete wahnsinnig mit den Fittichen, aber es half
nichts, sie mußte dahin, wo der Sturm es wollte. In drei Stunden war sie in
England. Plötzlich begann ich zu pfeifen. He! Ja, ich pfiff ohne es, zu
wollen. Der Wind flötete zum Vergnügen in meinem Kehlkopf, und durch Öffnen
und Schließen des Mundes konnte ich ein ganzes Konzert pfeifen, über die
triefende Heide aber zog Rauch. Ich stand still. Eine wagrechte dicke
Rauchwolke zog rasend mit dem Sturm dahin. Brannte es? Brannte ein Schiff
da drunten? Nein, es war Wasserdampf. Die Insel war hier turmhoch, aber der
Sturm blies so heftig, daß er den Wasserstaub aus den Schächten und Kaminen
der Klippen riß, wie Rauch aus einem Schlot, und forttrug. Drei, vier
solcher Rauchsäulen fegten quer über die Insel.
Da war endlich Stiff. Sein kleiner gelber Leuchtturm schwamm verkrümmt in
einer Wasserblase, die Hütte der Markonistation kauerte wie ein zerzaustes,
graues Tier in der fegenden Heide. Selbst in der Sonne sah Stiff so
trostlos, öde und bedrückend aus, daß sich der Herzschlag verlangsamte.
Heute aber war es eine unterweltliche Wüstenei, die Grauen verbreitete. Und
wie böse stand die schwarze Flagge über dem Semaphor! Der Sturm stieß mich
hier wie ein Bündel vor sich her, er trug mich streckenweise, und es gelang
mir schließlich nur noch, mich auf allen vieren von Stein zu Stein vorwärts
zu bohren. Ohne Atem und fast seekrank vor Erschöpfung erreichte ich die
Markonistation. Ich hämmerte gegen den eisernen Laden.
Herr Boucher war hier, Gott sei Dank! Er warf sich gegen die Türe. »Ziehen
Sie doch!« schrie er.
»Ich ziehe ja!« antwortete ich. Die Türe schnappte wieder zu. Sollten wir,
zwei Männer, nicht imstande sein eine lumpige Türe zu öffnen? Herr Boucher
steckte einen Prügel durch die Türspalte, ich zog und die Türe flog
krachend gegen die Hanswand. Da lag sie nun, wie angeschraubt. Wir arbeiten
wie Teufel, der Regen peitschte uns das Gesicht, der Sturm riß uns das
Fleisch von den Knochen -- -- endlich.
»Es soll ein Schiff in Not sein, Herr Boucher?«
»Sehen Sie durch dieses Guckloch. Da drunten ist es. Sehen Sie es nicht?
Ein Fischerboot.«
Ja, nun sah ich es. Ein winziges Segel zuckte da drunten in der Tiefe
zwischen den Schaumkappen.
»Nun?«
»Sie sind verloren. Sie können nicht hinaus aufs Meer und nicht hinein in
die Bucht, sie würden in die Felsen geschleudert werden.« Herr Boucher nahm
den Stahlbügel mit dem Hörer über den Kopf und setzte sich vor den Apparat.
»Ich habe eben ein Gespräch belauscht zwischen einem Dampfer und Lizard.
Ich glaube ein Schiff ist gescheitert. Lesen Sie hier. Nein, nun höre ich
nichts mehr.«
Es war eine Depesche des Cunardliners Celtic an Lizard. Die Celtic
telegraphierte, daß sie den Kohlendampfer »Fullspeed« fünfzehn Meilen
südlich Scilly-Islands passiert habe, ohne Maste und Kamin, Maschine in
Ordnung.
»Ja, nun gehe ich wieder. Vielen Dank, Herr Boucher.«
Ich mußte hinunter! Es ist mir heute noch rätselhaft, wie wir, Poupoul und
ich, den steilen Pfad zur Bucht hinuntergekommen sind, aber wir kamen
hinunter, das ist eine Tatsache.
Ein Häufchen Fischer kauerte in den Felsennischen. Der Schuppen, in dem
sich das Rettungsboot befand, stand offen. Sie konnten natürlich nicht
hinaus zu dem kleinen zuckenden Segel. Es war sogar unmöglich das Boot ins
Wasser zu bringen. Sie standen mit den Händen in den Hosentaschen schwiegen
und starrten mit zusammengekniffenen Augen hinaus. Die Gischtfahnen gingen
haushoch über sie dahin.
Vor der Türe des Schuppens saß ein Weib mit zwei Kindern und alle drei
verfolgten regungslos das kleine Segel, das im Kreise zuckte. Das Weib
hatte harte Augen und lächelte kalt und verächtlich.
»Sie ist die Frau des Patrons da draußen,« sagte mir ein Fischer. »Es sind
drei Mann an Bord. Sie sind schon vierundzwanzig Stunden auf dem Meer. Sie
haben nur einen Laib Brot und eine Flasche Schnaps mit. Lange können sie es
nicht mehr aushalten. Sie sind hin!«
Als ich nach Hause kam, war Sturmvilla wie mit einem Aussatz bedeckt.
Schaumballen schwirrten durch die Luft. Die Wut der Brandung zerrieb das
Wasser zwischen den Felsen zu schmutzigem Schaum und der Wind trug ganze
Blöcke Schaum davon. Vor meiner Türe lag er fußhoch und die Heide war
weithin damit bedeckt.
Der Sturm hatte meinen großen Kamin wie mit der Zunge ausgeleckt. Kein
Stäubchen war in meinem Zimmer mehr zu sehen.
In dieser Nacht schlief ich wenig. Ich dachte immerfort an das kleine
Segel, das bei Stiff im Kreise zuckte. Nun waren sie dreißig Stunden
draußen. Und immer im Kreise! Vielleicht konnten sie einen Kreis von
zweihundert Meter Umfang segeln, das war alles, was sie sich erlauben
konnten. Und kaum eine halbe Meile vom Land entfernt. Wie? Sie sehen das
Feuer von Stiff vor sich, dicht vor den Augen, am Tage hatten sie deutlich
die schwarze Flagge über dem Semaphor gesehen: das war der Tod, der da
droben wehte, ihr Tod war es. Vielleicht sahen sie Häuser, in denen man
sicher hocken konnte hinter den dicken Wänden und essen und trinken -- und
sie fuhren im Kreise, vor dem Tod her, der mit ihnen ein Spielchen trieb.
Die Nacht war voll von unbeschreiblichem Spektakel. Das Spritzwasser
zischte über mein Dach und rieselte an den Wänden herab. Regenböen
prasselten. Es tobte und toste. Es hörte sich an, als ob ein rasender
Riesengorilla auf den Klippen hockte und mit den Fäusten auf seinen Bauch
trommelte. Schreie durchschnitten die Luft, als ob Menschen von den Klippen
herabgestürzt würden und im Falle schrien. Gelächter, Flüche. Es waren all
die Seeleute, die draußen ertrunken waren, die schrien und die Fäuste über
den Klippen schwangen. Sie jammerten, denn sie sollten die Heimat nicht
wiedersehen. All die Schiffe, die hier gescheitert waren, fuhren noch
einmal in dieser Nacht auf. Sie krachten, splitterten, sanken. Und durch
den Lärm hörte ich das dumpfe Läuten des Meeres. Bis in die Tiefe war es
aufgewühlt. Da drunten rollten alte behaarte Glockentiere hin und her und
dröhnten.
Bum -- baha -- bum baha!
Aus dem Tosen aber hörte ich deutlich ein Heulen heraus, das fürchterliche
Heulen einer einzelnen Stimme! Sie rechtete mit Gott und der Hölle und
konnte kein Ende finden. Das war Poupon, der Mörder, den das Meer nicht
wollte. Hörst du ihn? Zuweilen stieß er einen Schrei aus und stürzte sich
hinab, aber immer kam er wieder, heulte, verfluchte Gott und die Welt und
schleuderte dem Schöpfer Felsen ins Gesicht, Felsen, Felsen! Hörst du?
Der Teil der Heide, auf dem mein Haus stand, hieß der »englische Friedhof«.
Vor zweihundert Jahren scheiterte hier eine englische Flotte von vierzig
Segeln und die Leichen bedeckten den Strand. Man begrub sie hier. Ja, nun
hörten auch sie, daß da oben etwas vor sich ging und kamen heraus. Sie
johlten und lärmten, viele hundert Stimmen schwirrten durcheinander, aber
ich glaubte doch jede einzelne zu verstehen. Das Haus war ihnen im Weg, sie
mußten etwas demolieren, denn sie waren wild geworden. Sie warfen sich mit
den Rücken dagegen. Sie stießen mit den Füßen gegen die Türe und lachten.
Öffne, öffne, you damn' rascal! Ich hörte sie ganz deutlich, ich hörte
sogar, daß sie Englisch sprachen. Auf das Dach! Nun, da waren sie auch
schon auf dem Dach, polterten, zerbrachen mir die Ziegel und schließlich
brüllten sie zum Kamin herein. Viele zu gleicher Zeit: Ha! Ha! Ho! Ho! Son
of a bitch. Hooo!
Ich setzte mich aufrecht und die Haare standen mir einzeln zu Berge.
Da aber ging ein schrilles Pfeifen über das Haus dahin, ein Schleifen, ich
hörte wie sie sich entfernten, wie der letzte vom Dach herabglitt. Sie
rannten johlend über die Heide. Wie ein Blitz, all die vielen Hundert
zusammen. Ich hörte, wie ihr Gejohl mehr und mehr in die Ferne entschwand.
Das Segel! Ja, das kleine zuckende Segel bei Stiff. Hier gab es Arbeit für
sie, hier gab es etwas zu tun --
»Vielleicht sind sie eben untergegangen,« dachte ich laut und fror.
XVIII
Der Tag kam und der Orkan surrte wie tausend rasende Expreßzüge über die
Insel dahin. Er heulte nicht mehr, schrie nicht mehr, er surrte, hohl und
dumpf. Nimm den Hut ab, ziehe die Jacke aus, hänge Hut und Jacke an meine
Hauswand, ohne Nagel, wie angeleimt bleiben sie hängen, so wehte es. Das
kleine Segel zuckte noch immer im gleichen Kreise. Sie waren nun
sechsunddreißig Stunden draußen. Die Nacht kam, fünftausend wiehernde
Kannibalen tanzten um mein Haus, wieder tagte es und der Sturm surrte.
Das kleine Segel war verschwunden.
Ich erbleichte, als ich es hörte.
Aber gerade als wir alle in Chikels Bar standen und uns ereiferten: diaul!
einen Laib Brot und eine Flasche Schnaps, zwei Tage ohne Schlaf und welche
Arbeit -- ging die Tür auf, und was kam herein? Drei Seegespenster! Drei
Gespenster mit kalkweißen Gesichtern und blauen Lippen, Leichen, die
tagelang in Eiswasser gelegen waren, mit Glasaugen, klebenden dünnen Haaren
und einem irrsinnigen Totenlächeln. Nun also, da waren sie! Es wurde ganz
still. Dann aber begannen die drei Seegespenster in den gemeinsten
Ausdrücken zu schimpfen. Ihr hättet uns ruhig ersaufen lassen, ihr
Hundesöhne! Gott, sei Dank, sie waren lebendig.
Sie hatten das Verzweifelte getan. Sie waren aufs offene Meer
hinausgefahren, um zu sterben -- oder, die Insel zu umsegeln und im Lee
irgendwo unterzuschlüpfen. Es war ihnen geglückt. Hoho, Brüderchen! Und nun
küßten wir sie alle.
Sie gossen sich Branntwein in die Kehle und gurgelten Schnaps. Einer ließ
drei, vier Gläser fallen, er hatte jedes Tastgefühl in den Händen verloren,
und lachte idiotisch.
Da kam noch ein Seegespenst herein. Aber es war nicht weiß, sondern schwarz
wie ein Neger, der da und dort Farbe gelassen hatte, mit rotgesäumten
Augen. Das war Yann. Der »kleine Kapitän« sprach wie ein Faß und hatte
einen furchtbaren Brüllhusten.
»Ich mußte an Land gehen,« hustete er, »ich habe keinen Kognak mehr, he,
Patronne! Rasch! Es war die reinste Hölle in der vergangenen Nacht. Willst
du mit an Bord? He?« Ah, Yann, wie spöttisch und überlegen du doch
lächelst!
»Sechs Flaschen Kognak, Madame Chikel!« erwiderte ich. »Etwas Käse. Hast du
Brot? Vorwärts Yann!«
Im Hafen schwammen die Trümmer der zerschlagenen »Notre Dame de l'Isle«.
Mit jeder Welle trieben sie vorwärts und zurück. Der gefesselte
»Kommissionär« hatte sich ein paar Rippen eingeschlagen und lag mit dem
Stern auf Grund und wälzte sich schwerfällig.
Wir sprangen ins Boot, Poupoul voran. Er war atemlos vor Vergnügen, sobald
er in ein Boot springen konnte. Die Ruder tauchten ein und das Boot trieb
mit der zurückflutenden Welle hinaus. Yann saß mit gebeugtem Nacken am
Steuer und folgte lauernd den Bewegungen der Wogen, wie ein Boxer jenen
seines Gegners. Er schrie den Matrosen Befehle zu und sie sahen ihm
gespannt auf den Mund, denn hier außen konnte man kein Wort verstehen. Wir
hatten fünfhundert Meter zu rudern, aber es sah aus als sollten wir den
»Arbeiter« nie erreichen. Manchmal stand das Boot buchstäblich senkrecht.
Der »Arbeiter« zerrte an seinen zwei Ankerketten, bäumte sich auf und
schlug aus wie ein Pferd. Bald war sein Deck auf Wasserhöhe, bald schnellte
es ein Stockwerk in die Höhe und der »Arbeiter« zeigte den roten Bauch.
Zuerst stieg Yann an Bord, dann reichte ich Poupoul hinauf, der zappelte
vor Erregung, zuletzt folgte ich.
Der »Arbeiter« war in voller Fahrt. Mit all seinen sieben Knoten rannte er
vorwärts und kam doch nicht vom Fleck. Ganze Häuser, ganze Straßen bebender
Wassermassen warfen sich ihm entgegen. Der Abstand zwischen den Wogenreihen
betrug gut zweihundert Schritt. Lange sausende Ebenen flogen heran, die
Wasserberge wuchsen bebend daraus hervor, der »Arbeiter« stieg, kletterte,
sprang, glitt hinab, und die nächste sausende Ebene flog heran. Der Wind
verwehte das Spritzwasser, so daß die Wogen wie mit weißen langen Wollfäden
bestreut aussahen. Wie ein fliegendes schwarzgrünes Gebirge waren sie, in
dessen Rinnen und Rillen der Schnee schmolz. Sie glitten blitzschnell an
den Wänden des Dampfers entlang, kreiselten wütend und kletterten dröhnend
und zischend an Deck. Der »Arbeiter« troff von oben bis unten.
Eine Sturzsee prasselte wagrecht über den »Arbeiter« dahin, vom Bug bis zum
Stern, und ich bekam die volle Ladung ins Gesicht.
»Vorwärts!« brüllte Yann und stieß mich in die Luke hinab. Es war unmöglich
in der kleinen übelriechenden Kajüte auch nur eine Sekunde aufrecht zu
stehen. Sie war dunkel und kreiste wie der Bauch eines Haifisches in voller
Fahrt. Und es ist bekannt, daß sich ein Haifisch in Spirallinien durchs
Wasser schraubt. Die Luke an der Luvseite war verschraubt und wir bekamen
nur dann etwas Licht, wenn sich das Glas gegenüber über Wasser befand.
Poupoul hustete ein wenig. Nun, Poupoul, du wirst doch nicht? Was fällt dir
ein, ein Schiffshund! Nein, Poupoul hatte ja nur zum Vergnügen ein wenig
gehustet, er fühlte sich zu Hause hier unten.
»Trinke, rasch!« schrie Yann und goß Kognak in eine Blechkasserolle.
Augenblicklich begannen wir mörderisch zu trinken, hier unten in dem
kreisenden Haifischbauch blieb nichts anderes zu tun übrig, entweder oder.
Also prost, meine Damen!
Ich verbrachte zwei ganz unvergeßliche Tage und Nächte auf dem »Arbeiter«.
Wenn die Flut kam, löste Yann seinen Steuermann ab. Wir mußten hinauf.
Sobald wir den Kopf aus der Luke streckten, fegten Wind und Wasser wie ein
Reibeisen über unser Gesicht. Dann kletterten wir zwischen zwei Sturzseen
die schmale eiserne Treppe zur Brücke empor und hier banden wir uns fest.
Der Sturm empfing uns mit einem pöbelhaften Triumphgeheul, als ob wir uns
versteckt gehabt hätten. Das Spritzwasser trommelte auf unseren geölten
Anzügen und festgebundenen Sturmhauben, und ganze Grotten von Wasser
stürzten auf uns herab. Das Wasser auf der Brücke ging uns über die
Knöchel, aber da wir barfüßig waren, schadete es nicht weiter. Es schwankte
hin und her, bis es endlich wie ein Wasserfall die eiserne Treppe
hinabstürzte. Zuweilen schlugen Bomben auf dem Dampfer ein, und Maste,
Kamin, alles verschwand in einer Wolke von Gischt und Dunst.
Yann hustete fürchterlich und fluchte ununterbrochen. Er hatte sich am
Sprachrohr den Mund blutig gestoßen und war wütend. Er überhäufte jede
einzelne Woge mit Flüchen wie einen persönlichen Feind. So oft einer dieser
fliegenden Wasserberge heranrollte, schrie er ins Sprachrohr: Zurück! --
und wenn wir den Berg hinaufgeklettert waren: Vorwärts! -- um den Anprall
der vielen tausend Tonnen Wasser auszugleichen. Die Ankerketten strafften
sich, knirschten, rasselten, der Bug sank ein, um gleich darauf einige
Stockwerke emporzuschnellen. Oft legte sich der Dampfer so stark zur Seite,
daß die Brücke steil wie ein Giebel stand. Das Meer war in der Nacht
schwarz wie Pech und die wirbelnden Gischtkämme leuchteten wie Schnee.
Creach schwang seine Lichtkegel im Kreise und beleuchtete das grauenhaft
gerunzelte Meer. Der Dunst des Spritzwassers glitzerte und funkelte in
seinem Lichte. Dann sahen wir auch alle sieben Sekunden das »Kamel«, das
draußen in der Bai galoppierte. Das »Kamel« war ein Felsen, hoch wie ein
fünfstöckiges Haus, aber das Wasser fegte darüber hin. Zuweilen fuhr der
Gischt nach allen Seiten in die Höhe, als sei das »Kamel« soeben aus großer
Höhe ins Meer hinabgesprungen.
Gegen drei Uhr nachts hatten wir Unglück. Die Spitze des Fockmastes mit
unserer hübschen Laterne ging über Bord. Yann stieß einen der längsten und
entsetzlichsten Flüche aus, den je eine menschliche Zunge zustande brachte.
Gewiß hätte er sich in der Wut dem Mast nachgestürzt, wenn er nicht
festgebunden gewesen wäre.
»Die Sache ist die,« schrie mir Yann ins Ohr, und drehte den Bug einer Woge
entgegen, die mit hocherhobenen weißen Tatzen schräg herankam und alle
andern überholte, »die Anker hatten sich festgebissen, aber der Teufel
weiß, ob die Ketten es noch lange aushalten werden. Dann gute Nacht, in
fünf Minuten sind wir in den Klippen. Achtung! O, daß alle stinkenden
Teufel der Hölle dich haariges Monstrum --! En arrière!« Eine ungeheure
Wassermasse schlug über Bord und der Dampfer sank so tief ein, daß es eine
Ewigkeit dauerte, bis er sich wieder in die Höhe arbeiten konnte.
Dann und wann unternahm ich eine kleine Expedition nach dem Maschinenraum.
Ich kletterte die Treppe hinab an Deck, wartete bis ich den nächsten
Eisengriff fassen konnte ohne über Bord gefegt zu werden, und kroch im Lee
des Kesselraums entlang. Wo der Wind eine Spalte fand, blies er so rasend,
daß ich spürte, wie sich das Fleisch an meinen Knochen verschob und löste.
Haha, da waren sie, schwarz wie Mohren hantierten sie da drunten. Ich
klopfte auf die verschraubte Luke, sie sahen herauf, grinsten und der
Maschinist öffnete. Ich ließ mich die eiserne Leiter hinab. Wie warm es
hier war!
»Ihr habt es gut hier, ihr Halunken!«
»Warum hast du uns nichts zu trinken mitgebracht?«
Ja, wie konnte ich es auch wagen ohne Kognak zu diesen Rußteufeln zu
kommen, deren Kehlen lichterloh brannten?
»Sofort!«
Ich kroch wieder zur Luke hinaus, machte die Expedition zur Kajüte hin und
zurück und da war ich wieder. Der Heizer ließ kochendes Wasser in einen
Tiegel und mischte einen großen Humpen Grog zurecht. Es roch hier unten
nach heißem Öl und Putzwolle. Die Schaufel scharrte und das Heizloch spie
Gluten. Es gab hier glühende Kohlenstückchen, die es auf meine nackten Füße
abgesehen hatten. Der Sturm toste in der Ferne; man fühlte sich hier wohl
und geborgen wie in einem eleganten Salon, wenn es draußen hagelt. Der Wind
tutete und pfiff durch das Sprachrohr und monoton rasselnd kamen Yanns
Befehle heraus: en route, doucement, en arrière! Der Maschinist hatte die
Hand am Hebel, die Maschine tickte, und wenn sich die Schraube über Wasser
befand, wackelte sie von oben bis unten.
»Hau -- hau -- hau -- en route!« hustete Yann.
»Der >kleine Kapitän< hat sich etwas erkältet!« Die Leute liebten Yann und
verließen sich auf ihn. Wenn er auch zuweilen mit den Fäusten auf sie
losging, er hatte seine guten Seiten, ohne Zweifel. Und dann, er war
tüchtig!
Die Burschen hier unten führten ein Leben für sich, was oben war, ging sie
gar nichts an. Nun ja, heute gab es etwas zu tun -- aber das hielt sie
nicht ab sich in aller Gemütlichkeit über die Dummheiten zu unterhalten,
die sie mit einer dicken Kellnerin in Brest getrieben hatten -- hahaha!
Das Sprachrohr rasselte, und der Dampfer wurde in die Höhe geschleudert.
Eine Sturzsee erschütterte ihn und er sank ein. Wohin sollte es noch gehen?
Eine Weile stand er still, dann legte er sich bebend auf die Seite, so daß
der Boden nahezu senkrecht stand und man sich mit Händen und Füßen
festklammern mußte. Wir sagten kein Wort. Der Maschinist am Hebel sah
wachsgelb aus unter der Rußschicht.
»Wenn jetzt der >kleine Kapitän< nicht bald ein Kommando gibt, dann ist er
über Bord gegangen!« sagte er und öffnete lauschend Mund und Augen.
»En route, nom de chien!« rasselte das Sprachrohr.
XIX
Sobald Yann abgelöst wurde, war er vollkommen Privatmann und tat, als ginge
ihn der ganze Kasten von einem Dampfer nichts mehr an.
Wir soupierten. Yann schnitt ungeheure Terrassen in den Brotlaib und den
Käse und stopfte sich mit beiden Händen den Mund voll. Während er noch mit
der rechten Backe kaute, trank er schon mit der linken aus der Flasche. Er
verlor keine Minute Zeit, immer war er in voller Fahrt. »Iß und trink!«
rief er zuweilen. Armer Yann! Er hatte vollkommen die Stimme verloren.
Während er sich mit der Zunge noch die Zähne reinigte, entkorkte er schon
eine neue Flasche.
Dann nahm er eine Zigarre aus dem Schubfach, legte sich zurück und atmete
ein paarmal tief auf.
»Haha!« lachte er.
»Prost, Kapitän!«
»Haha!« Yann zwinkerte gut gelaunt und ließ vor Vergnügen einen Wind
streichen. Dann brach er in lautes, hustendes Lachen aus und machte sich
ans Rauchen. Nun soll man nicht denken, daß Yann eine Zigarre ohne weiteres
rauchte. Yann tat nichts ohne weiteres. Er schnitt in der Nähe der Spitze
eine Kerbe in die Zigarre und hier zündete er sie an. »Hersehen! Ah, du
wirst die Augen aufreißen! Es wird -- hahaha! -- ein Mönch wird es!«
Nach einigen Zügen glühte die Kerbe und das war, bei Gott, ein Mönch in der
Kutte, mit einem glühendroten feisten Gesicht, und nun bekam er noch dazu
graue Haare!
Yann betrachtete den Mönch mit verliebten Augen. »Hahaha! Siehst du ihn?
Ein Pater, ein Franziskaner, ein Benediktiner, ein Kapuziner!«
Er lachte triumphierend.
Bis zur nächsten Wache blieben uns gute vier Stunden und so plauderten wir
ein bißchen. Wir hatten nun gegessen und getrunken, so weit es nötig war,
und nun tranken wir zum Vergnügen. Wir tranken puren Kognak aus einem
flachen Blechtiegel und klommen Hand in Hand Sprosse um Sprosse empor. Der
»Arbeiter« stampfte und bebte und krachte in allen Fugen, als wolle er
entzweireißen. Die Sturzseen klatschten über unseren Köpfen auf das Deck,
und unsere kleine Petroleumlampe schwang sich quiekend im Ring und qualmte.
Yanns Gesicht war ganz dunkel und aus seinem finstern Gesicht schimmerten
hell, fast weiß seine wasserblauen Augen. Der brennende Mönch stank, als ob
er Hufspäne und Haare im Leibe habe.
Die Unterhaltung begann. Wir konnten nie fünf Minuten sprechen, ohne uns in
den Haaren zu liegen. Wir ruhten so bequem auf den Kojen, rauchten, aber
sofort schnellten wir in die Höhe und brüllten einander an.
Da war zum Beispiel Yanns zweiter Maschinist lungenkrank und Yann hatte ihm
den Rat gegeben, die Glut des Heizloches einzuatmen um die Bazillen zu
töten.
Das hielt ich für falsch! Einfach für verkehrt!
»Die moderne Therapie erklärt große Wärme für Gift, geradezu -- Yann!«
Yann übergoß mich mit einem beißenden Spottgelächter.
»Und man schickt die Kranken nach Ägypten -- haha!«
»Der Trockenheit der Luft wegen!«
»Eh bien, mon cher monsieur le docteur -- ist die Luft aus einem Heizloch
etwa nicht trocken?«
»Du bist ein Zwanzigtausendtonnen-Rindvieh, Yann!«
»Haha! Also die kalte Luft soll heilen? Seht an!«
»Sie ist bazillenfreier, ja.«
»Bien! Warum schickt man die Kranken nicht nach dem Nordpol? Hast du schon
gehört, mon très cher ami, daß man einen Schwindsüchtigen nach dem Nordpol
schickte? Ja! Übrigens, mein Bruder, ein berühmter Spezialist in Nizza« --
»Schweige! Schweige!« brüllte ich.
»Ich rede solange ich will!« schrie Yann.
Nein, es war nicht gegen Yanns fünfundzwanzig Brüder und fünfzig Vettern
aufzukommen, die über den ganzen Globus verstreut waren. Man mochte von
Maschinen reden, von Astronomie, von Streichholzfabrikation, einerlei,
immer hatte Yann einen Bruder vom Fach, der ihm brühwarm die neuesten
Errungenschaften übermittelt hatte. Yann, Yann, man kann nicht mit dir
debattieren! Yann aber riß stets die Fahne an sich und schwang sie
triumphierend.
Dann erklomm er die nächste Sprosse, auf ihr begannen Scherzfragen und
Kunststücke. Yann warf ein Dutzend Streichhölzer auf den Tisch, und nun
ordne sie so, daß --
»Gehe in die Hölle, Yann!«
Yann aber ordnete die Streichhölzer wie es sich gehörte und lachte. Er
wollte mir ja nur beweisen, daß ich nichts wußte, nichts, und nichts
konnte, gar nichts. »Soll ich dir einen Fächer aus einem Stück Holz
schnitzen?«
»Nein!« Aber doch war ich gespannt, wie er das anstellen würde.
»Du wirst sehen. Auf den Segelschiffen macht man das.«
Yann stand auf und hielt rasch Umschau. Er schlug eine Leiste vom
Kartenschrank und begann augenblicklich zu arbeiten. Eins, zwei, die Fetzen
flogen. Er saß mit angezogenen Knien auf der Koje und hantierte sicher mit
dem Messer, obgleich er unaufhörlich auf- und abtanzte. Zuweilen stemmte er
das Knie gegen den Tisch um nicht zu mir herüber geschleudert zu werden.
Zuerst schnitzte er einen Stab, den er an verschiedenen Stellen einkerbte
-- das gab die Verzierungen des Griffes und der Stäbe -- dann schleißte er
ihn in dünne Streifen von oben bis herab zum Griff, und diese Streifen
drehte er vorsichtig auswärts. So! Fünf Minuten und fertig! Haha! Er
fächelte sich kokett.
»Nächstens werde ich dir einen Dreimaster in eine Kognakflasche
hineinschnitzen.«
»Gott beschütze mich!«
»Vollkommene Ausrüstung, mein Lieber!«
Darauf führte Yann eines seiner Lieblingskunststücke vor. Er nahm das
Messer, ein stumpfes, schmutziges Instrument, mit dem er Fische schlachtete
und Ratten, setzte es an den Daumen und schnitt. Das Blut quoll heraus.
Yann steckte den Daumen in den Mund, massierte ihn -- nichts war mehr zu
sehen, hoho! Ich rückte näher. Ein Schwindler bist du, Yann! Man sah ja
nicht gut, der Rauch war zu dick. Yann wiederholte triumphierend das
Experiment und führte mir eindringlich alle Phasen vor. Nun grub er mit dem
Messer rings um den Daumennagel einen Graben, der sich langsam mit
schwarzem Blut füllte. Er leckte, preßte -- verschwunden.
»Ein Teufelskerl bist du!«
Yann aber lachte mich vielsagend an: und was kannst du? Nichts.
Nein, wirklich, ich konnte nichts. Ich konnte einen Bindfaden mit meinem
Bizeps sprengen, zweistimmig pfeifen, amerikanisch ausspucken, zwei
vorsintflutliche Lieder und einen Triller auf der Flöte spielen -- lauter
minderwertige Künste.
Dann nahm Yann einen ungeheuren Schluck und warf sich in die Koje, die
Zigarre im Mund. »Man hat es nicht schlecht jetzt, man hat es zu etwas
gebracht!« begann er zufrieden und verschwand in der Rauchwolke.
»Man ist Kapitän, hat seine hundertundzwanzig Franken monatlich, man hat
sein Weinchen, seine Zigarre und eine Couchette zum Schlafen. Was willst du
noch mehr? Man hat das Gröbste hinter sich. Ah, das Furchtbarste, weißt du,
he, was das Furchtbarste ist? Lege mir zehntausend Franken auf den Tisch --
nein, nie mehr! Ich habe zwei Campagnen mitgemacht. Das ist ein Leben für
Hunde, für Schweine!«
»Wovon faselst du denn?«
»Idiot, du hörst wohl nicht? Ich rede von St. Pierre, beim Teufel!
Fünfzigtausend Stockfische, achtzigtausend in einer Campagne. He, mein
Lieber! Das Schiff ist von oben bis unten mit Salz angefüllt und die Arbeit
beginnt. Fische, Fische, nichts als Fische! Du schläfst, du bist todmüde,
pique! pique! auf! Die Fische sind da. Du fährst in die Hosen. (Hier fuhr
Yann in die Hosen und rieb sich den schweren Schlaf aus den Augen.) hinaus
in die Kälte, brrr! Du schlotterst nur so und legst die Angel aus und
ziehst sie ein und schläfst dabei. (Yann legte die Angel aus, zog und
schlief dabei.) Plötzlich -- tsch! -- ein Walfisch kommt daher und verjagt
die Fische. Du legst dich aufs Ohr. Pique, pique! O, gehe in die Hölle! Da
stehst du Tag und Nacht, im Nebel, im Sturm, im Schnee und fischst. Oder du
schneidest die Köpfe ab, tausend Köpfe an einem Tag, zweitausend. Am Tisch
ist ein langer Nagel, da hinein stößt du den Fisch und schneidest ihm eins,
zwei den Kopf ab. Du reißt die Leber heraus, ins Faß, die Gedärme wirfst du
ins Meer. Links und rechts vom Schiff tänzelt ein Haifisch und schnappt und
frißt alles, denn der Haifisch ist nichts als ein Schwein. O, was für ein
mörderischer Gestank! Die Leber riecht, die Fische stinken, das ganze
Schiff stinkt von oben bis unten wie faule Fische. Mein Lieber, prost! Es
ekelt dich an und du möchtest am liebsten über Bord gehen. Ich habe
handfeste Burschen gesehen, die weinten vor lauter Traurigkeit.«
»Hehe! Aber lustig ist es doch! Da gibt es merkwürdige Dinge. Zum Beispiel,
den Sonnenfisch! Er ist hoch wie ein Mann und flach wie ein Teller. Er hat
ein Gesicht und eine Nase wie ein kleiner, gedörrter Jude, ein Judenprofil.
Er fächelt mit den Flanken, so, siehst du, auf diese Weise schwimmt er. Vor
seiner Judennase schwimmt ein kleiner Fisch einher, das ist sein Pilot.
Denn der Sonnenfisch ist ungeheuer dumm und halb blind. Du lachst dich halb
tot über ihn. Wie ein dicker Bankier, der schwach auf den Beinen ist, läßt
er sich von seinem Fremdenführer alle Sehenswürdigkeiten zeigen, und dann,
wenn er sich satt gefressen hat, macht er sich schwer und läßt sich
hinabsinken auf den Grund des Meeres. Da liegt er im Sand, flach wie eine
Zeitung, und schläft und verdaut. Dann gibt es hier die Schwertfische, die
den Walfisch absolut nicht ausstehen können. Sobald so eine Dampfspritze in
voller Fahrt daherkommt, schnellt sich mein Schwertfisch in die Höhe, viele
Meter hoch und gräbt sein Schwert in den Wanst des Wales. Hinunter damit!
Ja, beim Teufel, eine gemütliche Welt hat unser Herrgott erschaffen.
Hohoho, wie konnte er nur auf all den Unsinn verfallen! Dann kannst du dich
auch mit dem Hai amüsieren. Du läßt ein Tau hinab, schwupp, er schneidet es
ab wie eine Zigarre. Wir haben auch dann und wann einen Hai gefangen, zum
Spaß, Gott o Gott, wie sie stinken! Und hüte dich, ihm noch nach Stunden zu
nahe zu kommen! Dieses Schwein ist mit Elektrizität geladen und gibt dir
einen Schlag, daß dir Hören und Sehen vergeht.«
»He! Entkorke eine neue Flasche, wir müssen trinken! Das ist eine
niederträchtige See heute! -- Zu fressen bekommst du bei den Bänken nichts.
Übel kann dir werden. Zwei Kartoffeln und grüne Erbsen, am Sonntag ein
Stückchen Speck, winzig, und ein Glas Wein. Der Speck wird verlost, wie
beim Pfänderspiel die Pfänder. Wem soll dieses Stück gehören? Sonst würde
es Streitigkeiten geben, denn alle sind wild vor Hunger wie Wölfe. Man haßt
sich auch, nach ein paar Monaten haßt man seinen besten Freund. Geh mir aus
dem Weg, du Fratze! Ah, was für ein Leben! Während der ganzen Campagne
wäscht sich kein Mensch mehr, wozu? Kommen schöne Mädchen an Bord? Aber vor
der Heimreise geht es nach St. Pierre um Einkäufe zu machen. Alles geht an
Land und alles wäscht sich. Lauter neue Gesichter! Eine neue Equipage, he?
Bon jour, messieurs!«
»Viele aber reisen nicht heim, mein Freund. Es rentiert sich nicht als
Leiche zu Hause anzukommen. Du mußt die Stürme nicht vergessen -- und die
Eisberge. Plötzlich tauchen sie vor dir auf und sie werden dich zertreten,
sie sehen dich gar nicht. Und die großen Schnelldampfer bei Nebel! Da heißt
es das Nebelhorn drehen -- tuh -- tuh! -- tagelang. Man hört sie schon
meilenweit. Sie brummen wie Bären, die Hunger haben. Er kommt heran, näher
und näher. Du liegst in der Koje, erwachst, horchst und deine Haare
sträuben sich. Alles stürzt an Deck: Patron, ein Dampfer kommt über uns!
Was sollst du tun? Wenn er dich nun nicht hört? Kein Wind, wohin? Und woher
kommt er? He, nun ist er ganz nahe, keine zweihundert Schritt entfernt. Du
wirst ihn nun nicht mehr hören, aber sehen, wenn es sein muß. Du stehst und
wartest und deine Zähne klappern vor Angst. (Bei Gott, Yanns Haare
sträubten sich bei der bloßen Erinnerung!) Da -- er tutet ferner -- er ist
vorüber! Du bist noch einmal mit heiler Haut davongekommen. Jedes Jahr wird
ein halbes Dutzend Boote glatt durchschnitten, das gibt einen kleinen Knax
und weg ist er.«
»Kommt er nicht zurück, Yann?«
Yann lachte. »Er wird sich das überlegen. Er braucht eine Viertelstunde,
bis er zurückkommen kann. Und wo bist du dann? Er findet vielleicht eine
Insel gesalzener Stockfische, das ist alles. -- Nun aber, sagen wir, du
kehrst zurück. Der Armateur gibt dir dein Gehalt, sechshundert oder
achthundert Franken, und dazu schenkt er dir zwei Stockfische. Zuerst
betrinkst du dich nun und schläfst dann irgendwo hinter einem Zaun, das
Geld in der verkrampften Hand. Hier ist es am sichersten. Das Geld bringst
du deiner Mutter. Sie gibt dir zehn Franken, damit du dir einen vergnügten
Tag machen kannst, staffiert dich aus und du promenierst im Dorf mit deinem
kleinen Bambusstock und läßt dich anstaunen. Ja, da bin ich wieder! Wenn du
keine Mutter hast, so gehst du gleich zu den Mädchen. Hier läßt du dich
häuslich nieder, ißt, trinkst, machst dir vergnügte Stunden mit dem ganzen
Haus, von der Besitzerin angefangen bis herab zum Dienstmädchen, sie nehmen
dir alles ab und werfen dich auf die Straße. Da bist du wieder. Du gehst
und verdingst dich und ein paar Tage später bist du wieder bei grünen
Erbsen und Kartoffeln angelangt. Hehe! Aber es war hübsch. Und alle andern
erzählen dir ebenfalls, wie hübsch es war. Sie singen und du singst mit und
bist geborgen. Du bist wieder auf dem Meer, wo du hingehörst.«
Plötzlich schnarchte Yann. Er konnte zu jeder Zeit einschlafen und
aufwachen, und es war ihm auch einerlei, in welcher Lage er schlief, ob er
auf einem Stein saß oder auf dem Boden lag, das Gesicht auf den Händen.
Ich saß mit angezogenen Knien in der Koje und rauchte. Zuweilen schwindelte
mir vorübergehend, es war nicht mehr hübsch. Der Dampfer rollte furchtbar.
Wenn sich die Ankerketten strafften, so erschütterten ihn ungeheure
ruckweise Stöße, daß alles ächzte und knarrte. Er zitterte vom Stampfen der
Maschine, und wenn die Schraube frei lief, so bebten seine Flanken. Droben
trillerte der Sturm in den Tauen, die Sturzseen klatschten und dann tropfte
und rieselte es an der Luke. Dicht an meinem Ohr prallten die Wassermassen
wie Rammklötze gegen die Wandung. Zwei Finger breit und da draußen war das
Meer. Ich sah durch das Guckfenster wie es mit geschliffenen Äxten und
gezackten, blanken Schwertern auf den »Arbeiter« einhieb. Das Glas war
pechschwarz, wir waren unten, ein Klumpen großer glotzender Augen hing am
Glas, ein weißes, aussätziges Gesicht starrte herein, ich sah das Licht des
Leuchtturms und die Gischtkämme, wir waren oben.
Poupoul leckte mir die Hand und wedelte mit dem Schwanz. Er freute sich. Er
glaubte, wir seien auf hoher See und morgen werde er an Deck gehen um
fliegende Fische anzubellen. Ich plauderte ein wenig mit ihm.
Da erwachte Yann. »Haha, und jetzt bist du hier, bist Kapitän,« fuhr er in
seinem Gespräch fort, »und hast eine silberne Uhr für dreißig Franken in
der Tasche. -- Hast du alles ausgetrunken? Vorwärts!«
Er hatte zehn Minuten versäumt und sie mußten nachgeholt werden. Im übrigen
hatte er recht, man mußte trinken. Wenn man nur einen Augenblick nachgab,
wurde man tödlich seekrank.
Yann holte nun aus einem Kästchen seine berühmte Zitronenessenz, die er in
den Kognak träufelte. Die Mischung nannte er Punsch. Dieser Punsch war von
unwiderstehlicher Wirkung und gerade das war Yanns Absicht. In der Tat
genügte ein Tropfen dieses Elixiers um einen Liter Wasser in eine starke
Zitronenlimonade zu verwandeln. Die Essenz stammte aus einem Schiffbruch
und war meines Erachtens für die Parfüm- und Seifenfabrikation bestimmt.
Wir stürzten uns abermals in Debatten, wurden laut und hitzig, und
behandelten jetzt überhaupt nur noch Gegenstände, von denen wir beide gar
nichts verstanden. Aber täuschten wir uns nicht ein wenig, Yann? Sprachen
wir nicht so atemlos um die Angst zu verbergen, die tief innen in unserem
Herzen nagte? Hatten wir nicht, während wir redeten und sorglos taten,
immerfort den einen Gedanken: wenn die Ketten reißen --? Dann begannen wir
fürchterlich zu lügen. Auch darin war Yann nicht zu schlagen. Er fing
sogleich an zu spurten. Nun war er auf jener Sprosse angelangt, auf der er
sich gewählter, kunstvoller und gedrechselter Redewendungen bediente: das
ist ganz den Umständen angemessen, das ist von keiner tieferen Bedeutung,
primo, secundo. Er erzählte eine schauerliche Geschichte von der
»Pacifique«, einem Dreimaster ohne Steuer, ohne Maste, Segel und Wind. Und
ohne Nahrung. Sie hatten das Los geworfen und zuerst den Steuermann
verzehrt, dann den Küchenjungen, dann --
Da saß Yann mit Tränen in den Augen, während ich mich totlachte. Da mir
nicht sofort eine Riesenlüge einfiel, mit der ich ihn niederwerfen hätte
können, so fügte Yann eine Erzählung hinzu von chinesischen Seeräubern, die
sie in den Molukken geköpft hatten. Zopf hoch, wupp! ins Meer, Zopf hoch,
wupp! -- Yann saß und köpfte, hahaha! Yann, wie tief bist du gesunken,
neulich köpfte dein Onkel, der Korvettenkapitän, und heute köpfst du schon
eigenhändig! Selbst der Dampfer lachte, er hüpfte auf und ab vor Vergnügen
und auch der Wind schrie vor Lachen -- haha!
»Ha,« sagte ich, »da du gerade von Chinesen erzählst, ich fuhr einmal auf
dem Japanischen Meer, und wir hatten zwei chinesische Boys, Hannes und
Lehmann, das waren Burschen! Wir kamen in einen Taifun und die Boys gingen
buchstäblich an der Decke, als sie die Speisen servierten. Ohne einen
Tropfen zu verschütten. An der Decke!«
»Lügner!« schrie Yann.
Ich lachte. Gerade das war wahr!
»Hehehe!« lachte Yann wütend. Er war geschlagen, ich hatte ihm etwas
_Unglaubliches_ erzählt.
»Hahaha!« lachte ich, außer mir vor Vergnügen.
Plötzlich schwang sich Yann eine Sprosse höher und auf dieser Sprosse
pflegten ihn seine traurigen Erlebnisse einzuholen. Er erzählte mir
abermals jene Geschichte von der »Charlotte«, die ihm vier Monate Gefängnis
eintrug. »Alle Ungerechtigkeit der Welt hatte sich gegen ihn vereinigt um
ihn zu vernichten!«
Die »Charlotte« war ein Dampfer, der draußen vor Creach auf Grund geriet.
Yann fuhr mit dem »Arbeiter« hinaus um sich die »Charlotte« anzusehen, die
von ihrer Mannschaft verlassen worden war. Als seine Matrosen dieses
hübsche Schiff sahen, wurden sie toll. Sie schlugen alles in Stücke und
plünderten den Dampfer von oben bis unten aus. Selbst die Messingbeschläge
schraubten sie ab. Yann protestierte, fluchte, umsonst. Yann hatte ein
gutes Herz, ein zu gutes. Er erstattete keine Anzeige. Aber als er sechs
Monate später einen renitenten Matrosen an Land schickte, denunzierte ihn
dieser Schuft und gab an, Yann habe sämtliche Schiffsinstrumente gestohlen
und eine silberne Teekanne mit Goldeinlage. Die Hunde von Matrosen schworen
so viele Meineide als nötig waren Yann das Genick zu brechen. Entlassung
und vier Monate Gefängnis!
Ha! Yann lachte höhnische Triller. »Ich! Ein Dieb? Ich??« Er raufte sich
die Haare und brach in Tränen aus. »Ein Dieb! Ich ein Dieb? Meine arme
Mutter --!« (Seine Mutter wurde plötzlich wieder lebendig.)
Hier streckte ich den Kopf aus meiner Muschel -- es war mir nämlich seit
einiger Zeit, als sause ich in einer spitzigen Zaubermuschel dahin -- und
sagte: »Du bist ja gänzlich betrunken, Yann!«
Yann mit den treuesten blauen Augen, Yann mit dem Kinderherzen -- ein Dieb!
O, wie lächerlich, wie absurd! Volldampf! Ich sauste nieder.
Yanns Gemüt aber war bis in die Tiefen aufgewühlt. »Diese Behauptung ist
eine infame Verleumdung, unwürdig eines Gentleman!« sagte er mit
feuchtschimmernden Augen im reinsten Französisch, wie man es nur an der
Sorbonne zu hören bekommt.
Yann fraß wohl lebendige Crevetten und Spinnen, aber vier Monate Gefängnis
kitzelten ihn nicht wenig. Er lief von Pontius zu Pilatus und sogar der
Minister geruhte ihm Audienz zu gewähren. Er sah in Yanns strahlende
Kinderaugen -- und Yann wurde zu einer Geldstrafe begnadigt. Nein, Yann war
kein Dieb!
Er genoß die Rechtfertigung, pries die Gerechtigkeit des Ministers und
schwor Rache. O, du meine Güte, wie er sich rächen wollte! Ich hörte kaum,
was er sagte, denn ich flog in meiner Zaubermuschel über Kontinente und
Meere dahin -- ah, das war Kioto unter mir, wo sie gerade das Flußfest
feierten, ein Gewimmel von Papierlampen, das Miauen der Tänzerinnen --
weiter --
Plötzlich hörte ich, daß Yann von Rosseherre sprach. Da saß er und
schwärmte. Ah, wie hübsch sie doch war, wenn die Bänder ihrer weißen Haube
flatterten! Wenn sie lachte und ihre weißen Zähne blitzten! Eine kleine
wilde Katze war sie! »Ich habe gearbeitet und geschuftet, meine Hände sind
hart wie Holz, meine Finger haben sich verbogen. Nun will ich Ruhe haben,
ein Heim, Kinderchen -- o! Ein hübsches Häuschen. Wehe dem, der mir
Rosseherre anrührt, hörst du?«
Ja, ich hörte, C'est la guerre, dachte ich, Yann. Heute raube ich dir deine
Geliebte, morgen wirst du mir die meine rauben. Frauen wollen noch immer
geraubt werden, es gelten keine Verträge, hörst du, Yann?
»Du hast Rosseherre Ringe geschenkt und ein Tuch. Warum hast du das getan?
He, sage mir die Wahrheit, war sie bei dir?«
»Hahaha. Yann, Yann! Wie langweilig du bist!« sagte ich und ich grüßte
hinunter, denn ich passierte soeben im Stillen Ozean einen Dampfer -- einen
der schmalen weißen Siebentausendtonnendampfer der Toyo Kisen Kaisha mit
einem Fächer in der Flagge -- die Chinesen servierten Tee an Deck und die
Damen winkten mir mit den Taschentüchern.
Yann stand auf. »Du bist mein Freund,« sagte er, »ich gebe mein Leben für
dich hin -- aber wenn ich es herausbringe -- hörst du mich?« Er knirschte
mit den Zähnen.
»Hahaha, Yann, schäme dich, so betrunken zu sein. Ho, wie du aussiehst --
du hast einen Kopf wie ein Ballon -- so groß -- o, Yann, hahaha!«
In diesem Augenblick bäumte sich der »Arbeiter« auf und die Ankerketten
krachten. Der Dampfer schüttelte sich wie ein Fisch an der Angel, dann
pendelte er in weitem Bogen.
Yann hatte sich am Tisch festgeklammert. »Da streiten wir uns über ein
Frauenzimmer, und unterdessen --!« flüsterte er erschrocken. Er lauschte.
»Die Ketten sind gerissen! Der Dampfer treibt!!« schrie er und stürzte die
Treppe hinauf.
Ich aber sauste gerade über Honolulu dahin, dicht über den Krater des
Halewauwau, Haus des ewigen Feuers -- die Schwarzen ließen sich auf
Brettern in der Brandung treiben und schrien: jiiii!
Nein, der Dampfer trieb nicht, er pendelte, es war nur eine Kette gerissen.
Ich zog mich in meine Muschel zurück und schlief.
Wir trennten uns nicht im besten Einverständnis, Yann und ich. Jean Louis
hatte ihm die Sache von dem Segel verraten, und Yann konnte in seiner
Betrunkenheit nicht umhin diesen Trumpf gegen mich auszuspielen.
»Jean Louis ist ein alter Idiot,« sagte ich, »weiß Gott, was in seinem
morschen Schädel vor sich geht.«
Aber trotzdem schieden wir nicht als Freunde. Yann sprach sogar davon mich
über Bord werfen zu lassen. Yann, mon cher ami, das Kindergemüt. Er war
toll von all dem Trinken und seine Augen waren blutunterlaufen und
schielten etwas. Nun, ich zog es vor mich freiwillig zu verabschieden.
Yann stand oben auf dem Verdeck und schnellte ganze Stockwerke in die Höhe
und dabei wiederholte er mit spöttischem Lächeln ohne Aufhören: »Au revoir
et merci, merci!«
Ich lachte noch nach Wochen, wenn ich daran dachte, wie er auf- und abflog
und spöttisch sagte: Au revoir et merci, merci!
XX
Als ich an Land kam, sah ich die Luft voll kleiner weißer Teufel mit
gespreizten Fledermausflügeln und auch die Erde war bedeckt damit, hier
waren sie grau. In ganzen Schwärmen zogen sie hin und her vor meinen Augen.
»Hoho!« sagte ich. »Poupoul, da haben wir es glücklich, weißt du, was das
ist? Das Delirium tremens, mein Sohn.«
Gott sei Dank, Sturmvilla stand noch! Immer noch saß der rasende Gorilla
draußen auf den Klippen und trommelte mit den Fäusten auf seinen Bauch. Ich
war erschöpft und schlief augenblicklich ein. Nach vielen Stunden erwachte
ich wieder. Etwas war geschehen! Die Fledermausteufel waren fort. Ich
lauschte. Der Wind weinte im Kamin, das Trommeln des Gorillas hatte
aufgehört. Der Sturm ließ nach. Ich trat vor die Türe. Das Meer schäumte
und raste und die Dämmerung eines Tages, der nie hell gewesen war, regnete
wie dicke graue Asche auf das düstere Chaos herab. Ein farbloser Dampfer
rollte draußen im fürchterlichen Seegang, ein großer P. u. O.-Steamer, kaum
sichtbar. Diese Dämmerung erfüllte das Herz mit dem Gefühl entsetzlichster
Verlassenheit und ich wagte weder zu denken noch zu fühlen. Ich schlief.
Dann weckte mich ein bekanntes Pochen.
Es war finstere Nacht. Creachs Lichtgarben wehten in zitternden Wellen, wie
feinstes Frauenhaar, durch die dunstige Atmosphäre. Im Norden stand der
scharlachrote Widerschein einer Feuersbrunst: das war das Feuer von Stiff,
über das dröhnende Meer wälzte sich Rauch.
Aber Rosseherre kam nicht plappernd und mit übermütigen singenden Ausrufen
herein, sie war scheu und ängstlich und sprach leise und etwas heiser.
»Ich sah dich heute an Land gehen,« sagte sie und drückte mir ein Paketchen
in die Hand. »Wie finster es bei dir ist.«
»Guten Abend, Rosseherre! Was macht Jean Louis?«
»Jean Louis schläft.«
Ich zündete Feuer an, und nun konnte ich wenigstens Rosseherres weiße Haube
und ihre hellen Haare sehen. Sie saß zusammengeduckt auf dem Bett.
»Was ist denn in dem Papier, Rosseherre?«
»Öffne doch.«
Es war ein Klumpen Honig darin.
»Die Schiffe auf dem Meeresgrund brechen auf,« sagte Rosseherre. »Jean
Louis hat eine große Büchse gefunden. Auch einen Ballen Feigen, doch sie
waren verdorben.«
Aber Rosseherres Worte wurden von einem leisen Wimmern erstickt. Und
plötzlich weinte sie laut und herzzerbrechend, wie ein Bauernmädchen weint,
das Kummer hat.
»Rosseherre?«
Rosseherre schüttelte den Kopf und die Tränen sprangen ihr über die Hände
und durch die Finger hindurch. »Ich weiß es nicht,« sagte sie, »aber ich
habe Angst. Wenn es stürmt, so bricht mein Herz. Ich muß an Vater denken
und an den Tag, da Diaul angehetzt kam. Diaul war Vaters Hund, eine Dogge,
so groß wie ein Kalb und ganz wild. Niemand durfte ihn anrühren, nur Vater.
Vater besorgte die Post von der Küste herüber. Er hatte ein hübsches Boot,
er war ja Pilot. In einem Vierteljahr waren schon zwei Postboote
untergegangen und da übernahm Vater die Post. Einmal nun war das Meer hoch,
es wehte, aber es war kein Sturm. Da kam Diaul angehetzt. Seht, sagte ich,
Vater ist zurück, da haben wir Diaul schon. Er troff von Wasser, aber Vater
warf ihn oft ins Wasser, es fiel uns nicht auf. Diaul, willst du nicht Ruhe
geben? Er war wie ein Narr, er sprang an mir empor und kläffte. Er war auch
gar nicht böse, ich schlug ihn auf die Schnauze, auch das ließ er sich
gefallen. Mit einem Male fing ich an zu schreien und ich lachte doch noch.
Ich verstand Diaul! Ich verstand auch plötzlich, weshalb vor einer
Viertelstunde mein Herz auf einmal stillgestanden war. Denn es war
stillgestanden und hatte sich nicht mehr gerührt! Ich lief hinter Diaul
her, alle liefen wir hinter ihm her, einer hinter dem andern, quer über die
Insel. Und ich war die erste von allen. Da lagen die Trümmer von Vaters
schönem Boot in den Klippen und Leichen. Acht Menschen sind ertrunken in
der Brandung, auch Vater. Man fand ihn nicht. Nur Diaul konnte sich
retten.«
Sie weinte mit zusammengepreßten Augen und Lippen. Ich legte meine Wange an
die ihre und schaukelte sie leicht hin und her wie ein Kind. Mein Gesicht
wurde naß von ihren Tränen.
»Diaul, mein armer Diaul!« wimmerte Rosseherre. »Wir hatten ihn so gern. Da
irrte er umher und verwilderte und bellte in den Nächten da draußen bei den
Klippen, wo das Boot gescheitert war. Dann ging Noel mit seiner Büchse
hinaus und ich hörte es knallen und dann kam Noel und sagte: nun ist Diaul
tot.«
Rosseherre weinte leise und fuhr fort: »Ich hatte auch einen Bruder. Er
hatte einen langen Schnurrbart. Er war ein wilder Mensch und er trank wie
alle. Aber er liebte mich. Oft sagte er zu mir: Rosseherre! und klopfte mir
auf die Wange. Sie fuhren hinaus zum Fischen und er kam nicht wieder. Und
ich hatte den ganzen Tag solch schreckliche Angst! Ich sah ja, sah es ja,
wie er über Bord stürzte und sein roter Schnurrbart schwamm auf dem Wasser.
Ich ging hinunter zum Hafen und wartete. Ich wußte wohl, Emile kommt nicht
wieder, aber ich wartete trotz alledem und betete. Da kam das Boot herein.
Der Patron sagte: Rosseherre --? Sonst sagte er nichts. Später sagte er zu
mir: der Strom nahm ihn mit sich, sein Schnurrbart schwamm, aber wir
konnten ihn nicht mehr einholen. Ich saß und betete für seine Seele, und
als es dunkel wurde, kam Jean Louis und sagte: nun, Rosseherre, es wird
Nacht.«
Ich wiegte Rosseherre und streichelte sie, so gut ich es konnte. »Weine
dich nur aus, kleine Rosseherre, dann wird es besser.«
Der Wind wimmerte leise an der Türe. Er klagte, als fiele ihm etwas
Trauriges ein, das er einmal gesehen hatte und nicht vergessen konnte. Das
Meer dröhnte wie dumpfer Kanonendonner. Es dröhnte regelmäßig alle zwei
Sekunden, und bei jedem Donnern ging ein leises Beben durch Rosseherres
Körper.
Sie hob den Kopf. »Hörst du das Meer?« fragte sie. »Ich werde wohl gehen
müssen, denn man weiß nicht, was geschieht. Es gibt Nebel.«
»Was soll denn geschehen?«
»Alles kann geschehen.«
»Alles?«
»Ja, denn ich habe Vater gesehen. Heute am lichten Tag.«
»Deinen Vater?«
»Ja. Er kam zur Türe herein und sagte: heute sollen sie sich in acht
nehmen, die da draußen.«
»Die auf dem Meer?«
»Ja!«
Poupoul nieste und Rosseherre erschrak, daß sie aufschrie.
»Aber, Rosseherre?« sagte ich lächelnd. »Was ist mit dir heute?«
Sie sah mich an. Ihre Augen flackerten im Feuerschein wie die Augen eines
Tieres, das voller Angst ist. »Ich weiß es nicht,« sagte sie und blickte zu
Boden, »aber ich habe Angst. All die Tage lang hatte ich schreckliche
Angst. So vieles geht mir durch den Kopf und ängstigt mich. Ich denke
daran, daß Yann im Meer sterben wird und auch ich, ich auch.«
»Nein, Rosseherre.«
»Vater sagte es mir,« erwiderte Rosseherre mit einem kleinen verträumten
Lächeln. »Schon lange. O, ich weiß, was ich weiß! Es ist auch nicht das
schlimmste. Denn dann kann ich vielleicht mit Vater und Bruder da drunten
sein, wo du sie einmal gesehen hast.«
»Rosseherre, das war doch ein einfältiger Traum. Ich hatte so viel
getrunken auf Kedrils Hochzeit.«
»Ja, ja.« Rosseherre lächelte ungläubig und blickte vor sich hin. Dann
lachte sie leise. »Nein, das eine ist gut, Jean Louis kann das Meer nichts
tun. Großvater ist gefeit.« Sie schüttelte die Haare vor Freude. Ihre
Wangen waren heiß und ihre Augen glänzten. Sonderbar war sie heute.
Nun roch auch ich den Nebel. Er roch wie Jod. Da begann Creach zu brüllen,
fern und dumpf, und ich sah ihn vor mir, eingepackt in undurchdringliche
Nebelballen.
Rosseherre erbebte. Sie zog die Brauen in die Höhe und lauschte angestrengt
auf das Brüllen des Nebelhorns, das übers Meer rollte und in einem fernen
Grollen unterging.
»Ich muß nun doch gehen,« sagte sie voller Angst.
Aber ich überredete sie zu bleiben. »Wir werden ein großes Feuer anzünden,
Rosseherre, etwas Grog wollen wir kochen, und dann werde ich dir eine
kleine Geschichte erzählen, warte nur. Du zitterst ja so, weil es kalt ist
hier. Poupoul, geh aus dem Weg! Du wirst sehen, wie hübsch es hier wird!«
Ich verbrannte meine englische Zeitung und dann riß ich die Schublade
meines kleinen Tisches in Stücke und warf sie ins Feuer. Auch der kleine
Tisch würde wohl bald an die Reihe kommen, es ging nicht anders. Während
ich den Grog braute, erzählte ich Rosseherre ein kleines lustiges Erlebnis
und als ich verstohlen zu ihr hinblickte, sah ich, daß sie lächelte.
Poupoul, der seine Leute kannte, saß vor ihr und klopfte mit dem Schwanz.
Auch er gab sich Mühe Rosseherre auf andere Gedanken zu bringen.
»Ist es nicht schon hübscher bei uns, wie, Rosseherre?«
»Ja!« Rosseherre nickte und sah ohne Blick vor sich hin. Sie schlürfte den
heißen Grog durch ein Stückchen Zucker, das sie hinter den Zähnen hielt.
Ihr Gesicht glänzte im Feuerschein, noch naß von Tränen, ihre gelben Haare
flimmerten als ob die Sonne darauf schien. »Nun habe ich keine so große
Angst mehr,« sagte sie und holte tief Atem, »aber zuweilen möchte ich
sterben vor Angst. Das Meer ruft mir. Gesichter erscheinen im Meer. Einmal
sah ich den Bruder auf einer Klippe sitzen. Er kam mit einer Welle herauf
und da saß er und sah mich an. Aber da schrie ich vor Angst und er tauchte
mit der Welle hinab. Einmal, als es stürmte, ging ich abends an den Klippen
entlang. Da lag ein Stein. Aber plötzlich stand der Stein auf und es war
ein alter Mann mit langen grauen Haaren. Er stand ganz ruhig und sah mich
an und aus seinen Augen fuhr Feuer -- da lief ich davon und fürchtete mich
eine ganze Woche lang. In den letzten Tagen aber hielt ich es nicht mehr
aus. Nun, sagte ich, es wird das beste sein, du springst hinab, die
gebenedeite Jungfrau wird dir vergeben. Ich ging nach Stiff, wo die Klippen
steil abfallen. Da weinte ich und betete und bat die gebenedeite Jungfrau
die große Sünde von mir zu nehmen. Aber als ich es tun wollte -- was meinst
du? Da saß Vater am Rande der Klippen, die Pfeife im Mund, genau so wie ich
ihn immer vor mir sehe. Er sah mich nicht an, aber er saß da. Er versperrte
mir den Weg.« Merkwürdig lächelte Rosseherre, als sie das sagte.
Und ich dachte, sonderbare Dinge gehen in deinem kleinen Kopf vor,
Rosseherre! Sonderbare Dinge!
Es schien Rosseherre zu erleichtern, wenn sie von Vater und Bruder sprechen
konnte. Ich ließ sie gewähren. Und sie erzählte mir alles aus ihrem jungen
Leben und was Jean Louis ihr von Eltern und Großeltern berichtet hatte. Die
meisten waren ertrunken. Und wie merkwürdig war es doch: keinen hatte das
Meer zurückgegeben, keinen einzigen. Sonderbar war der Tod ihres
Großvaters. Er fuhr nach Molen. Das Meer war glatt wie Öl. Er kam nie an,
kein Span seines Bootes fand sich, nichts --
»Nichts fand sich, Rosseherre?«
»Nichts!« Und Rosseherre lächelte sonderbar und fügte geheimnisvoll hinzu:
»Sie haben ihn hinabgezogen!«
Dann versank sie in Grübeleien.
Creach brüllte dumpf und Rosseherre zitterte am ganzen Körper.
Ich erzählte ihr von den fernen Ländern, die ich gesehen hatte und wie
merkwürdig die Leute dort waren. Sie hatten vielhundertjährige
Schildkröten, mit Edelsteinen und Schmuck besetzt, und beteten sie an. Und
sie hatten Götter, klein wie ein Däumling und wiederum groß wie der Phare
von Creach.
Rosseherre hatte kaum zugehört, nun aber lächelte sie. »Das sind Heiden,
meiner Treu!«
Dann mußte ich ihr von Paris erzählen. Von Paris konnte sie nicht genug
hören. Sie wollte wissen, was ein Diner kostete und wieviel sie im Hotel
für ein Zimmer verlangten. O, Diaul, wie unverschämt sie doch waren!
Rosseherre lachte und doch zitterte sie dabei.
»Vielleicht gehen wir einmal zusammen nach Paris. Rosseherre?«
Sie sah mich mit großen Augen an. »Nach Paris?«
»Ja, weshalb nicht? Jeden Tag können wir fahren.«
Rosseherre lächelte und schüttelte den Kopf. »Paris? Es ist so weit, nie
werde ich Paris sehen!«
Sie blieb lange still und teilnahmslos, ich konnte sagen, was ich wollte.
Sie lauschte unausgesetzt. Einmal sagte sie: »Man hört Creach nicht mehr so
laut, wie dicht der Nebel wird!«
Dann streichelte sie ganz mechanisch meine Hand. Sie sprach kein Wort. Sie
kniete sich zu meinen Füßen auf den Boden nieder, legte das Gesicht auf
meine Füße und umschlang sie mit den Armen, und so lag sie, ohne sich zu
rühren. Das tat sie oft und ich wehrte es ihr nicht. All ihre Zärtlichkeit
und Ergebenheit drückte sie damit aus.
Sie war nur ein Kind, das weder Vater noch Mutte
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