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Der Tor: Roman

by Bernhard Kellermann · German · Gutenberg #41882 · 676,720 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Der Tor: Roman
    
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Title: Der Tor: Roman

Author: Bernhard Kellermann


        
Release date: January 20, 2013 [eBook #41882]
                Most recently updated: October 23, 2024

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/41882

Credits: Produced by Jens Sadowski


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TOR: ROMAN ***

Der Tor


Roman
von
Bernhard Kellermann

Achte Auflage


S. Fischer, Verlag, Berlin
1913


Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.
Copyright 1908 S. Fischer, Verlag, Berlin.




Erster Teil





Erstes Kapitel


Jener junge Mann, um den es sich hier handelt, ein schlichter junger Mann,
wie es deren Tausende gibt, traf gerade zu einer Zeit in der kleinen
fränkischen Stadt ein, als sich alle Welt in der größten Aufregung befand.

Ein Dienstmädchen nämlich, eine brave und beliebte Person, die jeder
hundertmal mit ihren roten Backen und dem Mund voll weißer Zähne gesehen
hatte, nahm sich das Leben. Sie war nicht zur Stelle, als man sie rief; man
wartete, suchte und fand sie erhängt auf dem Speicher. Aber das war nicht
alles. Dieses Dienstmädchen mit den roten Backen und weißen Zähnen, diese
ordentliche, unschuldig aussehende Person hatte zuvor ein Kind geboren und
es in ihrer Kammer versteckt. Sie hatte das Kind in ein Körbchen gebettet
und in die Ecke hinter einen Schrank gelegt. Ein Gesangbuch lag dabei, ein
goldenes Kreuzchen, ein silberner Ring mit einem winzigen blauen Stein. Das
Kind war in ein weißes seidenes Tuch gehüllt. In die Wand, oberhalb des
Körbchens, hatte sie eine Unmenge von Kreuzen geritzt, einen ganzen
Friedhof. Plötzlich nun schrie das Kind jämmerlich in der Kammer der Magd.
Ja, da schreit ja ein Kind, sagten die Leute, in ihrer Kammer! Und die Frau
des Hauses, Frau Häberlein, die Gattin des Bezirksamtmannes, fand das Kind
in der Ecke. Es war in ein seidenes Tuch eingehüllt, das die Frau des
Hauses dem Dienstmädchen einige Wochen vorher zu Weihnachten geschenkt
hatte. Ein fast neues, feines Tuch.

Die Stadt geriet mehr und mehr in Aufregung. Man riß die Fenster auf und
rief: Was ist denn wieder? Ein Kind, sie haben ein Kind in ihrer Kammer
gefunden! Zwei barmherzige Schwestern schwebten über den Marktplatz und
verschwanden im Hause des Bezirksamtmannes. Sie trugen das Kind in das
Waisenhaus.

Aber damit war es noch nicht zu Ende. Plötzlich hörte man ein Geschrei auf
der Straße, ein schreckliches Geschrei, und man sah eine verschrumpfte,
alte Frau, ein winziges Etwas von einer alten Frau, in großen Filzsocken
durch die Straßen rennen. Sie lief in das Haus des Bezirksamtmannes,
erschien wieder schreiend, lief zum Westtor und zurück zum Osttor, hin und
her, und immer tauchte sie wieder auf und ihr Geschrei und entsetzliches
Weinen schien überall zu sein und plötzlich dicht unter den Fenstern aus
dem Erdboden zu dringen. Die Leute öffneten die Fenster: Beruhigen Sie sich
doch! sagten sie. Sie sagten es mit eindringlicher, tiefer Stimme; sie
sagten es weich und tröstend. Aber die kleine alte Frau sah nichts, hörte
nichts. Sie schlug die Hände über dem Kopfe zusammen, rannte Straße auf,
Straße ab und schrie, schrie.

Vor dem Westtor gab es eine Szene. Hier kam ein Fleischergeselle auf einem
Karren angefahren, in dem ein Rudel kleiner Schweine saß. Arbeiter,
Handwerker stellten den Wagen und fielen mit den Fäusten über den Gesellen
her. Der Bursche wehrte sich so gut er konnte und brüllte, daß man es bis
in die Stadt hinein hörte. Die kleinen Schweine steckten die Schnauzen
durch das Gitter und quiekten. Zwei Stadtsoldaten nahmen den
Fleischergesellen in Schutz, man hätte ihn sonst erschlagen. Ich bin nicht
schuld! schrie er. Sie führten ihn zur Sicherheit aufs Stadthaus. Auf dem
Wege dorthin begegneten sie der alten, kleinen Frau, die in ihren
Filzsocken hin und her rannte. Das ist er! riefen die Leute und deuteten
auf den Burschen. Aber die schreiende Frau sah und hörte nichts, sie schrie
und rannte weiter.

Man sprach den ganzen Abend und den folgenden Tag von nichts anderm als dem
Dienstmädchen und dem Kinde und der kleinen schreienden Frau. Es gab
förmliche Redeschlachten und erregte Szenen. Man verurteilte, verteidigte,
mutmaßte, und in dem Abendzug, der von der Nachbarstadt zurückkehrte, wäre
es beinahe zu einer richtigen Schlägerei gekommen. Da war ein Lehrer, ein
entlassener Volksschullehrer, ein riesenhafter Mann mit einem schwarzen,
wilden Kopf, der den Zorn aller Reisenden herausforderte. Er sagte, es wäre
nun genug, immer nur dieses Dienstmädchen und nichts als dieses
Dienstmädchen, eine solch alberne, beschränkte Person --

Kurz und gut, damit begann es.

»Genug nun von dieser albernen, beschränkten Person, die sich wegen eines
Kindes und eines untreuen Geliebten aufhängt,« schrie er. »Genug und
abermals genug --« Aber da erhob sich ein solcher Tumult in dem überfüllten
Coupé, daß man nicht verstand, was er sonst noch sagte, trotzdem er mit
einer ungeheueren tiefen Stimme wie eine Baßtrompete wetterte. Eine Bäuerin
in Trauerkleidern, die bis jetzt ruhig dagesessen war, stand plötzlich auf
und stieß eine Menge Schimpfwörter heraus, einen ganzen Strahl von
Schimpfwörtern, allein ihre Stimme schnappte über, man hörte nichts als
Gekreische. Sie schüttelte einen dünnen raschelnden Blechkranz in der Hand
und machte Miene auf den Lehrer loszufahren; ein starker Geruch von Schmalz
und saurer Milch drang aus ihren Kleidern. In der Mitte des Abteils saß ein
jüdischer Viehhändler, ein dicker, fetter Kerl mit Brillantringen an den
Händen und Stallmist an den Stiefeln, der vor Vergnügen auf- und abtanzte
und mit den Händen seine kurzen, fetten Schenkel bearbeitete. Er lachte,
daß ihm das Wasser aus den Augen sprang und stieß einen hohen gurgelnden
Laut hervor, ähnlich einer Turteltaube, während er hin- und herschaukelte
und die Leute zu beiden Seiten zusammendrängte. Im Nebenabteil hatte sich
eine Dame erhoben, sie blickte über die Trennungswand, drehte den Kopf hin
und her in einer bauschigen Boa aus schillernden Hahnenfedern und lächelte
mit tief herabgezogenen Mundwinkeln. »Pfui!« rief sie, »Pfui! Welch
entsetzliche Roheit. Pfui!«

Der Lehrer stand ruhig im Lärm und lächelte. »Sie vergeben, meine Dame!«
wandte er sich mit einer Verbeugung zu dem Kopfe, der sich noch immer in
der bauschigen Federboa hin und her drehte. »Aber ich denke, wenn dieses
Dienstmädchen, diese Margarete Sammet oder wie sie heißen mag, mit Ruhe und
Überlegung, mit Stolz --«

Aber man unterbrach ihn. »Ruhe! Ruhe!«

»Die Herrschaften müssen doch einräumen --«

Man räume nichts ein, gar nichts räume man ein! Alle schrien und der Lehrer
lachte und zuckte die Achseln. Der jüdische Viehhändler schaukelte auf und
ab, so sehr gurrte er, und schließlich bekam er einen brüllenden
Hustenanfall, der jedes andere Geräusch verschlang.

In diesem Augenblick hielt der Zug und unwillkürlich wurden alle still.
Aber sobald sich die Laterne in der Nacht draußen schwang und die Maschine
heulte, begann der Lärm von neuem. Eine heisere Stimme arbeitete sich
mühsam durch das Getöse.

»Davon war ja gar nicht die Rede!« sagte ein Mann mit aufgeblähtem Hals,
ein Schuhmachermeister, und riß die Augen so weit auf, daß man fürchtete,
sie fielen heraus. »Wir sprechen vom Dekan, vom Pfarrer, von der
Beerdigung.«

»Ich würde sie auch nicht beerdigen!« sagte der Lehrer mit ruhigem Baß und
der Kopf der Dame mit der Boa schnellte augenblicklich wieder empor.

»Schweigen! Schweigen!«

Der Viehhändler riß den Mund auf, um laut zu schreien, wurde aber im
gleichen Moment vom Sitze geschleudert, die Bäuerin mit dem Blechkranz und
alle auf der einen Bank flogen in die Höhe. Ein runder schwarzer Korb
rollte aus dem Netz und fiel dem Händler auf den Rücken. Die Bremsen waren
plötzlich angezogen worden, der Zug hatte sich kaum in Bewegung gesetzt
gehabt.

Es wurde still und eine Stimme in der Dunkelheit draußen rief: »Ja, weshalb
schlafen Sie denn, wenn Sie mitfahren wollen, Sie! Ein solcher Tölpel --
marsch!« Die Coupétüre sprang auf und ein junger Mann wurde
hereingeschoben. Hut und Mantel des jungen Mannes waren beschneit und mit
Eiskörnern bedeckt, wie sie entstehen, wenn man sich lange in der Kälte
aufhält. Er zog einen roten Reisesack nach sich, beugte sich zum Fenster
hinaus und rief: »Vielen Dank, mein Herr!« Der Zug fuhr wieder. Alle sahen
auf den jungen Mann, dessen Augen von Schlaf, Ermüdung und Kälte gerötet
waren. Er kniff die Augen zusammen, blickte durch die Wimpern, die
auffallend lang und dicht waren, in den Tabaksqualm und schob sich behutsam
mit seiner Reisetasche zwischen den Stiefeln, Knien, Packen und Säcken
hindurch.

»Ich bitte um Entschuldigung,« sagte er leise, ohne die Lippen zu öffnen,
»vielleicht erlauben Sie mir --«

Alle Augen folgten seinem Reisesack. Es war ein gestickter Reisesack. Auf
einem abgewetzten roten Grund war eine Henne gestickt, die auf farbigen
Eiern brütete. Sie hatte einen ziegelroten, flammenden Kamm und als Auge
eine große schwarze Perle. Mit diesem roten Kamm und schwarzen Auge sah sie
herausfordernd und zornig aus. Über ihr stand in weißen Perlen: Glückliche
Reise. Der Viehhändler deutete auf den Reisesack und gluckste, und alle
begannen plötzlich über die herausfordernd und zornig dasitzende Henne zu
lachen. Nur der Lehrer blieb ernst, er sah sich aufmerksam den Reisenden
an.

Der junge Mann fand ein schmales Plätzchen in der Ecke, er machte sich so
dünn als möglich, nahm den Hut ab und legte ihn aufs Knie, knöpfte den
Mantel eng zu und schloß sofort die Augen.

Der Schuhmachermeister mit dem aufgeblähten Hals betrachtete mit einem
raschen Blick die vom Schnee rotgebeizten Stiefel des jungen Mannes, dann
ließ er wieder die aufgerissenen Augen von einem zum andern gleiten und
schrie:

»Ist das nicht -- meine Herren -- hören Sie! Ist das nicht empörend! Der
Dekan will sie nicht beerdigen. Nein, er will sie nicht beerdigen!«
wiederholte er und rollte die Augen.

Der Lehrer lachte belustigt.

»Schweigen Sie!« schrie der Schuhmachermeister empört und deutete auf den
Lehrer. »Ja, Sie, Sie sollen schweigen! Ich finde es unbegreiflich! Er
beerdigt sie nicht. Wie einen Hund wird man sie einscharren, kein
Glockengeläute, kein Gesang, kein Segen.« Tränen traten in seine großen
Augen. Er zog die Dose heraus und schnupfte. »Keine geweihte Erde!« fügte
er hinzu. Die Bauernfrau in Trauerkleidern jammerte. »Oh du lieber guter
Himmelsvater --«

»Es wird sich nicht mit den Kirchengesetzen in Einklang bringen lassen,«
sagte der jüdische Händler, »so scheint es mir -- die Kirchengesetze --
eben --«

Hier begann der Schuhmachermeister sich vollständig zu verändern. Er
schwoll an, sein Hals, sein Gesicht, er wurde dunkelrot, und mit den
stierenden großen Augen hatte er Ähnlichkeit mit einem jener rotlackierten
chinesischen Götzenbilder. Er sah aus, als wolle er den Händler vernichten,
aber im letzten Momente schrumpfte er zusammen, er beugte sich zu dem
Händler und reichte ihm mit übertriebener krampfhafter Freundlichkeit die
Dose. »Mein Freund!« zischelte er. »Mein Freund, Kirchengesetze, ich bitte
Sie! Kirchengesetze hin, Kirchengesetze her. Gehen Sie zum Henker, mein
verehrter Herr, mit Ihren Kirchengesetzen. Kirchengesetze? Ich will Ihnen
--«

»Ich will Ihnen mal einen Fall erzählen,« unterbrach ihn der Händler, die
Prise Tabak auf dem Daumen.

»Lassen Sie mich mit Ihrem Fall in Teufelsnamen in Ruhe. Ich sage Ihnen,
die Mutter, hören Sie, eine alte, kleine, eine arme kranke Frau, rannte wie
verrückt herum und schrie, verrückt, ich wiederhole. Sie lief also ins
Pfarrhaus, obwohl sie doch wissen sollte, daß unser Pfarrer gestorben ist.
Sie klopft also, trommelt an die Tür, schreit, jammert. Er ist ja
gestorben, der alte Hummel, sagten sie, ja, bei allen Heiligen, Sie wissen
doch, daß er gestorben ist, vor einem Monat, Sie waren ja selbst bei der
Beerdigung. Aber die Frau, hören Sie, sie verstand kein Wort, sie klopfte,
pochte, hämmerte an die Tür. Sind Sie denn ganz verrückt, sagten sie, wie
kann er aufmachen, wenn er tot ist? Es ist niemand da, keine Seele, der
neue Pfarrer ist ernannt, aber er ist noch nicht da. Gehen Sie nach
Weinberg, zum Dekan, er hat die Verwesung, gehen Sie dahin. Sie lief also
nach Weinberg -- sie lief eine Stunde weit im Schnee, geängstigt, gehetzt,
verzweifelt -- sie lief und lief -- sie stellte sich vor das Haus des
Dekans und schrie. Meine liebe Frau, sagt der Dekan -- Gesundheit, Sie
beniesen es -- meine liebe, gute Frau, es tut mir leid. Hören Sie in
Teufelsnamen, ich brauche also gar nicht erst Ihren Fall zu erfahren --
lassen Sie mich in Ruhe mit Ihrem Fall, lassen Sie mich in Ruhe und Frieden
damit -- diese verzweifelte Frau wirft sich ihm zu Füßen, jammert, schreit.
Aber alles ist umsonst, für die Katze, alles. Meine liebe gute Frau, sagt
der Dekan, ich kann nicht. Es ist unmöglich. Ja, wenn der Lebenswandel
Ihrer Tochter -- ich kann nicht -- ich sage, der Lebenswandel Ihrer Tochter
-- es tut mir leid. Die alte Frau, eine Greisin, grau, alt, ein
beklagenswertes Mutterherz, wirft sich ihm zu Füßen, beschwört ihn in des
Heilands Namen, aber er sagt, liebe, gute Frau, trösten Sie sich -- des
Allmächtigen Wege sind unerforschlich --«

»Da sehen Sie eben die Vorschriften!« sagte der Händler und nieste
dröhnend, indem er Mund und Nasenlöcher und Augen läppisch aufsperrte und
das Coupé mit sprühendem Dunst anfüllte.

»Die Frau Dekan hat der verzweifelten Mutter eine Tasse Kaffee angeboten,
es sind gute Menschen -- aber eine Tasse Kaffee macht ihr die Tochter nicht
lebendig, eine Tasse Kaffee ist kein Trost für ein verzweifeltes
Mutterherz, keine Einsegnung.«

Hier wurde der Schuhmachermeister von einem Herrn mit langem messinggelben
Schnurrbart und großer Glatze, Postadjunkt Kaiser, unterbrochen. »Sie hat
ihn zurückgewiesen, den Kaffee«, sagte er. »Die Frau Dekan hat es mir
selbst erzählt. Mein Mann kann nicht, es ist unmöglich«, sagte sie.

Der Händler nieste zweimal, leckte sich den Bart und sagte:

»Die Kirchenverordnung meine Herrn, es steht fest, die Kirche muß einen
Unterschied machen zwischen einem Selbstmörder und einem anständigen
Menschen --« Der Lehrer ließ ein lautes Lachen hören -- »zwischen einem
Mädchen, das außerehelich entbindet und einer, sagen wir, einer
barmherzigen Schwester --«

Aber der Schuhmachermeister mit dem Blähhals fiel ihm ins Wort. »Hören Sie
auf!« zischte er und sein Gesicht schwoll an, als werde es von einer
unsichtbaren Macht bis zum Zerplatzen aufgeblasen. »Was verstehen Sie? Ich
sage, solch ein Jammer, eine alte arme Frau, die nahe daran ist, den
Verstand zu verlieren, ja, vielleicht hat sie ihn schon verloren? -- Sie
kniet vor dem Pfarrhaus und schreit wie besessen, sie rennt in alle Häuser
und bittet die Leute zu bezahlen -- die Kosten zu bezahlen -- ein jeder ein
wenig, dann ginge es. Sie will ja alles zurückbezahlen --«

Die Stimme eines kleinen graubärtigen und sauber gekleideten Mannes, der
sich bisher mit keinem Worte an dem Gespräche beteiligt hatte, sagte: »Der
Herr Dekan wird recht wohl wissen, was zu tun ist!« Die Stimme sprach so
bestimmt und die Kinnladen des alten Herrn bewegten sich mit solcher Würde,
daß alle auf ihn hören mußten. »Weshalb also ereifern Sie sich so, meine
Herren? Die Kirche kann ihre Segnungen nur Gliedern derselben angedeihen
lassen, die sich ihrer würdig zeigen. Ein Mädchen jedoch, das einen solch
unzüchtigen Lebenswandel führte und zuletzt zu all den Sünden noch jene des
Selbstmordes fügte, ist meines Erachtens dieser Segnungen unwürdig --
unwürdig, voll und ganz --«

Der Lehrer, der in der Mitte des Abteils stand, funkelte mit den
Brillengläsern und brach in ein lautes lustiges Lachen aus, der alte Herr
hielt inne und starrte ihn mit offenem Munde an. Diese Pause benutzte der
Schuhmachermeister. Er rollte die Augen und schrie zu allen gewendet:

»Sodann also rannte die alte Frau, dieses gepeinigte Mutterherz, zu dem
katholischen Geistlichen. In des Heilands Namen, helfen Sie mir! Aber der
geistliche Rat sagt, es tut mir leid, liebe Frau, gehen Sie zum Herrn Dekan
nach Weinberg. Ich habe hier nichts zu tun!« Er schlug die Hände zusammen
und ließ die Augen fragend von einem zum andern wandern.

Der graubärtige Herr hatte sich von seiner Verblüffung erholt und nahm das
Wort wieder auf. »Ich selbst habe Angehörige auf dem Friedhof liegen,«
sagte er, »ich glaube den Herrschaften bekannt zu sein -- Messerschmied
Ulrich, eingesessener Bürger und Magistratsrat -- ich wünsche nicht, daß
meine Angehörigen in der gleichen geweihten Erde ruhen mit einer Person --
nun, ich habe nicht zu richten -- aber es ist in Ordnung, was der Herr hier
sagt: Es muß ein Unterschied herrschen! Wer unwürdig ist, ist unwürdig.«

O Gott, o Gott, jammerte die Bäuerin in Trauerkleidern.

»Hier!« schrie der Schuhmachermeister, »hier sitzt sie! Hier sitzt eine
Tante von ihr! Sie muß so etwas mit anhören!«

Der Händler sagte: »Ein Unterschied muß herrschen, das ist klar!«

Da erhob sich der Schuhmachermeister und schrie zornig: »Was verstehen denn
Sie, wie? Sie als Israelit, was verstehen Sie?« Das rief ein lautes
Gelächter hervor. »Nein!« fuhr der Schuhmachermeister fort und dämpfte die
Stimme. »Ich kann dem Herrn Dekan nicht recht geben und auch Ihnen, Herr
Rat Ulrich, auch Ihnen kann ich nicht recht geben, niemals, niemals!« Er
flüsterte.

Messerschmied Ulrich zuckte die Achseln. »Ich äußerte nur meine bescheidene
Meinung!« sagte er und ein böser Glanz kam in seine Augen. »Ich gebe dem
Herrn Dekan vollkommen recht und kann auf keinen Fall dulden, daß man eine
Behörde öffentlich in dieser beleidigenden Weise kritisiert. Das ist meine
Meinung! Ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen!«

»Ja, Gott helfe ihm, Amen!« sagte lachend der Lehrer. »Gott helfe dem Herrn
Messerschmied Ulrich, eingesessenen Bürger und Magistratsrat und mache ihn
selig, Amen! Er kann nicht anders! Er hat gestritten für die gute Sache und
sein Leben dabei aufs Spiel gesetzt! Gott helfe ihm! Hahaha! Aber die
Wahrheit ist die, meine Herrschaften, daß morgen Hochzeit auf Schloß Bruck
ist, der Dekan hält die Trauung. Hohe Herrschaften kommen von allen
Himmelsgegenden, nach der Feier ist großes Diner, bei dem der Herr Dekan
beileibe nicht fehlen kann. Das ist -- hol' mich der Teufel! -- der Grund,
weshalb er so standhaft und mutig die in der Erde ruhenden Bürger, Ulrich
und Konsorten verteidigt. Im übrigen kann er nicht da und dort sein, das
versteht sich von selbst.«

Der dicke Händler ließ wiederum den hohen gurrenden Laut hören, ähnlich
einer Turteltaube, und sein Bauch begann zu zittern. Er zog ein gelbes
Taschentuch heraus, eine Art Fahne, die für einige Zeit durchs ganze Coupé
flatterte und einen Staubregen von Schnupftabak, Brotkrumen und andern
Dingen ausstreute; dahinter verbarg er sich.

Aber, was der Lehrer doch daher schwätze! Der neue Vikar sei ja angekommen
-- he! -- hier, Kaiser habe es erzählt!

»Ja, ich habe ihn gesehen!« sagte der Adjunkt und wischte sich etwas
unsicher den langen messinggelben Schnurrbart. »Auf Ehre! Er sieht wie ein
Offizier in Zivil aus, schwarzer Schnurrbart, Zylinder. Im übrigen hat mir
die Frau Dekan erzählt, daß es der neue Vikar ist. Aber ich bitte Sie,
meine Herrn -- das ändert an der Sache ja nichts. Der Dekan ist sein
Vorgesetzter und er hat zu gehorchen, fertig!«

»Also, trotzdem ein Verweser da ist, trotz alledem, das ist ja -- das ist
ja --« sagte ratlos der Schuhmachermeister.

Der Lehrer lachte. »Alterieren Sie sich nicht, mein Freund!« sagte er. »Ich
gebe Ihnen die Versicherung, daß es dem Dienstmädchen ganz gleichgültig
ist, ob man sie einsegnet oder nicht, ob man sie beerdigen wird wie einen
eingesessenen, ehrenhaften Bürger oder nicht.«

»Wie? Wie?«

»Sie hat, was sie will. Sie ist tot. Basta! Und gesetzt den Fall, daß es
einen Himmel gibt -- was ich für meine Person nicht glaube -- so ist es
einerlei, ob sie erster, zweiter oder dritter Klasse beerdigt wird. Sie
kommt hinein, ob ihr der Herr Dekan von Weinberg einen Empfehlungsbrief
mitgibt oder nicht. Oder? Deshalb sage ich, ich würde sie auch nicht
kirchlich beerdigen -- ganz wie der Magistratsrat Herr Ulrich -- ebenfalls
nicht, nein!«

»Wie? Wie?«

»Nein, denn es ist ja absolut einerlei, absolut einerlei. Ich für meine
Person verzichte freiwillig auf jede Einsegnung, ja, ich verbiete diesen
Pfarrern, Vikaren und geistlichen Räten, sich überhaupt einzumischen. Ich
will nicht einmal etwas zu tun haben mit dieser Gesellschaft!«

»Wie? Wie? Ja, da hört sich denn doch --«

Ein unbeschreibliches Getöse entstand. Einige sprangen auf, und der Kopf
der Dame tauchte wieder hinter der Scheidewand empor und drehte sich empört
hin und her. Der Händler schaukelte vor Vergnügen hin und her und der
Schuhmachermeister saß wie niedergeschmettert da und starrte mit großen,
leeren Augen auf den Lehrer.

Der Lehrer antwortete mit einem dröhnenden Gelächter.

Aber hier nahm die Sache plötzlich eine Wendung.




Zweites Kapitel


Der Messerschmied Ulrich nämlich stand auf. Er stand auf und trat auf den
Lehrer zu. Sein Kinn und sein grauer Bart, der lang und schmal war und
Ähnlichkeit hatte mit einem Zopfe, fingen an zu zittern, noch ehe er zu
sprechen begann.

»Herr!« sagte er dann. »Herr!« sagte er dann. »Herr! Ich sage, Sie haben --
Herr! -- Sie gehörten früher einem Stande an, einem gebildeten Stande --
ich hätte so etwas nicht für möglich gehalten! Nein! Sie haben sich --
erfrecht -- jawohl, erfrecht, die mir teuern Toten auf dem Gottesacker zu
bespei -- bespeien, jawohl! -- Aber nicht genug damit -- Sie haben sich
erfrecht, die Religion und ihre Priester zu verhöhnen. Das ist mir zuviel!«
Der Lehrer lächelte gutmütig, und der Messerschmied schöpfte tief Atem,
wurde blaß und wiederholte einigemal keuchend: »Das ist mir zuviel!« Und
sein Bart zitterte.

Der Lehrer winkte nachlässig mit der Hand und sagte mit ruhigem Lächeln und
gutmütigen Augen hinter den Brillengläsern: »Beruhigen Sie sich doch,
Verehrtester! Sie können sich in Ihrer Gesundheit schädigen.«

Jedoch der Messerschmied Ulrich gehörte dem Stadtrat an und war überhaupt
ein Mann, der keinen Spaß verstand.

»Wie?« schrie er pfeifend. »Wissen Sie auch, mit wem -- mit wem -- Sie
sprechen? Und erinnern Sie sich vielleicht, was Sie, wer Sie eigentlich
sind?«

Der Lehrer lächelte und sein gleichsam von einem braunen Firnis überzogenes
Gesicht nahm einen gütigen, väterlichen Ausdruck an. Seine Augen waren von
verschiedener Größe, das größere betrachtete erstaunt den Messerschmied,
das kleinere lachte ihn lustig an.

»Fragen Sie mich, junger Mann?« sagte er endlich.

»Junger --!«

»Ich sage vergleichsweise: junger Mann,« fuhr der Lehrer fort, »denn Sie
sind ja mir gegenüber noch sehr jung, eine Art Säugling, möchte ich sagen,
ja, noch ungeboren -- in der Tat! Ich meine, ob Sie mich fragen?«

»Ob ich Sie frage?« antwortete der Messerschmied und seine Stimme zitterte,
als ob ihn jemand unausgesetzt auf den Rücken klopfe. »Ja, gewiß, ich frage
Sie! Ich möchte das zu gerne wissen!«

Der Lehrer kämmte mit der Hand den langen, knisternden, schwarzen Bart und
schüttelte den Kopf. »Wenn Sie mich nun fragen -- und Sie fragen mich doch,
nicht wahr? -- so kann ich Ihnen wohl antworten, aber es tut mir leid für
Sie, denn ich sage keine Schmeichelei: Sie sind eine Art Scherenschleifer
und ich bin ein Edelmann!«

Es wurde ganz still und man hörte die Räder auf den Schienen stampfen. Der
jüdische Händler gluckste leise.

Der Messerschmied tat zuerst gar nichts. Es schien, als ob er nichts gehört
habe. Dann schüttelte er die Schultern, als sei ihm der Rock unbequem, er
schnitt eine Grimasse, zischelte und plötzlich verbeugte er sich tief vor
dem Lehrer. Er lachte meckernd und sagte mit wütender, zitternder Stimme:

»Gut! Sie mögen im Recht sein, Herr Edelmann -- mein Herr Edelmann. Sie
mögen zehnmal im Recht sein -- aber, wenn Sie ein Edelmann sind -- was hier
von all diesen Herren niemand bezweifelt -- ach, nein, nein, niemand
bezweifelt es -- ach, du gütiger Himmel, nein, nein! -- so werden Sie
gefälligst, Herr Edelmann, zuvor Ihre Schulden bezahlen. Nicht wahr, Sie
werden zuvor Ihre Schulden bezahlen, mein Herr Edelmann. Sie erinnern sich
vielleicht, daß Sie mir seit sechs Jahren -- seit sechs Jahren! -- neun
Mark und fünfzig Pfennig schuldig sind! Bitte! Ich weiß nicht, wo Ihr
Schloß liegt oder Ihr Besitztum -- also, bitte sehr, bitte!«

Gelächter. Er streckte die bebende Hand hin und musterte mit übertrieben
spöttischer Miene den Lehrer vom Kopf bis zum Fuße. Der Lehrer war ohne
Kragen, ein Tuch war um seinen braunen Hals geschlungen. Wie sein Gesicht,
so war seine ganze Kleidung verwettert und verwildert, seine Schuhe
klafften und man sah die nackten Füße, die Ärmel waren an vielen Stellen
zerrissen und mit unordentlichen Stichen zusammengenäht.

Der Lehrer blickte mitleidig lächelnd auf die bebende Hand des
Messerschmieds und schüttelte den haarigen Kopf. »Ist das Ihr Ernst?«
fragte er voller Bedauern, im tiefsten Baß.

»Ja -- hähä -- das ist mein Ernst!«

»Wie leid es mir tut, daß Sie sich so in meine Hände liefern, mein Herr!«
sagte der Lehrer. »Aufrichtig gestanden, ja! Wie niedrig Sie doch denken,
Geld, Schulden und dergleichen Geschichten mit dem Begriffe Edelmann in
Verbindung zu bringen? Edelmann, mein Herr, das ist Noblesse, Weltgefühl,
Kraft, Genialität -- Dinge, von denen Sie noch gar nichts gehört haben,
nicht mehr als ein Hering vom süßen Wasser. Aber nun hören Sie: Ich bezahle
nie, nie mit Geld. Ich bezahle mit Liebenswürdigkeit, Geist, Humor.«

»Bitte, bitte!« heulte der Messerschmied und schüttelte die Hand.

»-- eine Münze, die für Sie gar nicht existiert, leider. Ich habe die halbe
Welt durchwandert, ohne zu bezahlen, Tatsache! Ich habe tausend Freunde in
der Welt, Edelleute, Fürsten -- ich bringe Glück und frohen Sinn in jedes
Haus -- man empfängt mich mit Freuden, man entläßt mich mit Tränen in den
Augen -- ich kann den ganzen Heine, Schiller, Goethe und Shakespeare
auswendig, jede Szene, die die Herrschaften nur immer wünschen -- wollen
Sie eine Probe? -- Nun, wollen Sie eine Probe -- he! Und nun Sie, ein
geborener Scherenschleifer, der alle Schaltjahre einen Gedanken hat, eine
krankhaft zur Menschenähnlichkeit aufgeblähte Blase, ein alter Hanswurst,
der dreißigtausend Siriusfernen abseits aller Kultur geboren ist --«

»Bitte, bitte!« heulte der Messerschmied unaufhörlich und schüttelte die
ausgestreckte Hand, daß seine Gummimanschetten rasselten. Alles lachte,
weniger oder mehr ungeniert, je nachdem man in freundschaftlicher Beziehung
zu dem Magistratsrat stand. Aus dem Lachen des Viehhändlers hörte man die
aufrichtige Freude eines fetten Menschen heraus.

Der Lehrer aber stand ruhig wie ein Turm inmitten des Gelächters, mit
seinem verwilderten schwarzen Kopf, seinem nußbraunen Gesicht, seinen
kindlichen gütigen Augen, und deklamierte lächelnd und in aller Ruhe mit
einer solch tiefen Stimme, wie man sie noch nie gehört hatte.

»Aha, ich sehe schon, Sie bestehen auf Bezahlung!« sagte er endlich. »Ich
habe nun zwar keinen Pfennig in der Tasche, arm wie eine nackte, junge
Ratte bin ich -- ich werde Sie trotzdem bezahlen, hier im Augenblick werde
ich Sie bezahlen, in diese Hand, Sie sollen sehen, Sie kostbare
Versteinerung, teuerste Essenz der bürgerlichen Gesellschaft,
Aushängeschild der Krämergilde, Sie werden es erleben, daß ich Sie bezahle.
Ehe Sie sich auch nur den Geruch Ihrer Lieblingsspeise vorstellen können,
wird das Geld auf Ihrer Hand liegen. Es ist Ihnen doch einerlei, woher ich
es nehme?«

»Bezahlen, bezahlen, Herr Edelmann!«

»Gut! Wieviel, sagten Sie? Neun Mark und fünfzig Pfennig, wenn ich richtig
hörte, nicht wahr? Schön. Sofort. Ich habe zwar keinen Heller in der Tasche
-- aber sofort.« Er wandte sich an die Anwesenden. »Wer ist so freundlich,
mir sofort neun Mark fünfzig Pfennig zu schenken -- zu schenken?« fragte er
und verneigte sich.

Gelächter. »Bitte, bitte!« wiederholte der Messerschmied, der sich dem
Siege nahe wußte.

»Seine Münze ist außer Kurs!« sagte der Viehhändler. »Hat er nicht selbst
gesagt, daß er niemals bezahlt?«

»Schenken, schenken -- meine Herrn?«

»Bitte, bitte!« triumphierte der Messerschmied. »Sie großes Maul von einem
Edelmann -- Sie Vagabond von einem Edelmann (er sagte Vagabond), bezahlen
Sie, haha -- so etwas von -- haha.«

»Geduld!« sagte der Lehrer. »Sofort werde ich Sie befriedigen, verehrter
Herr!« Er musterte spöttisch die Gesellschaft und zog mit der Hand den
schwarzen Bart herab, so daß seine roten Lippen zum Vorschein kamen. Sie
sahen aus, als pfeife er. Er rief über die Scheidewand ins Nebenabteil
hinüber -- »neun Mark und fünfzig -- schenken!« Aber man lachte und sagte
ihm Schmeicheleien.

»-- so etwas von einem großen Maul von einem Edelmann -- haha!«

Der Lehrer lächelte, er verlor nicht die Fassung. Er zuckte bedauernd die
Schultern und sagte: »Aus Kieselsteinen läßt sich kein Likör abziehen, ich
hätte das wissen sollen. -- Aber Geduld, Edler, wenn ich nicht sofort
bezahle, so sollen Sie sagen, ich sei eine Null, ein Loch, eine Einbildung,
ein eingesessener Bürger.« Damit wandte er sich an den jungen Mann, der in
der Ecke schlief.

Der junge Mann saß mit geschlossenen Augen. Die Lippen halb geöffnet, den
Hut auf den Knien, genau so wie er sich nach seinem Eintritt gesetzt hatte.
Er hatte dunkelbraunes weiches Haar, eine hohe Stirne, die weit über die
Augen vorsprang, sein Gesicht war fein, mager und lang, ohne Bart und von
jener weißlichen Hautfarbe, wie man sie oft bei Rothaarigen findet. Sein
Mund war knabenhaft und rot.

Der Lehrer näherte sich ihm und berührte seinen Arm mit der Fingerspitze.

Sofort schlug der Fremde die Augen auf, braune, sanfte Augen; nun sah sein
Gesicht auffallend schön und strahlend aus.

Der Lehrer verbeugte sich und wiederholte seine Bitte: »neun Mark und
fünfzig Pfennig, sofort. Wenn es dem Herrn möglich sein sollte.«

Gelächter.

Aber nun ereignete sich etwas, was alle verblüffte, nur den Lehrer nicht.
Der Fremde lächelte, richtete sich ein wenig auf und griff in die Tasche
und klimperte mit Geld. Es reichte nicht. Er errötete leicht, griff nach
dem gestickten Reisesack und öffnete ihn, tauchte mit der langen Hand
hinein und zog ein Taschentuch mit einem Knoten heraus. Den Knoten öffnete
er und es fand sich ein zusammengefaltetes Stück Papier darin Diesem Papier
entnahm er ein kleines Goldstück und gab es dem Lehrer.

»Danke!« sagte der Lehrer und verbeugte sich. Er wandte sich an den
Messerschmied. »Sie sehen, daß es noch immer Edelleute auf der Welt gibt.
Bitte, Herr Messerschmied Ulrich!«

Alle saßen mit aufgerissenen Mäulern und Augen und begannen erst zu lachen,
als der Messerschmied, der einen Augenblick nicht wußte, was er tun sollte,
das Goldstück einsteckte und fünfzig Pfennig zurückgab. Diese fünfzig
Pfennig überreichte der Lehrer dem Fremden, der sofort wieder die Augen
schloß und sich in die Ecke zurücklegte.

In der letzten Station -- Stadt Weinberg -- stieg ein Herr mit glänzendem
Zylinder und schwarzem gewichsten Schnurrbart ein. Adjunkt Kaiser grüßte
und rückte höflich zur Seite. Das Gespräch stockte. Dann wandte sich der
Viehhändler an den Herrn mit dem glänzenden Seidenhut.

»Verzeihen Sie mir die Kühnheit;« sagte er mit schmeichlerischer Stimme.
»Können Sie mir vielleicht Auskunft geben, ob man dieses Dienstmädchen,
diese Selbstmörderin, kirchlich beerdigen wird oder nicht?«

Der Herr mit dem Seidenhut legte die Stirne in Falten und sagte kühl: »Nein
-- soviel mir bekannt ist -- hat das Dekanat von einer Einsegnung Abstand
genommen.«

Er zog ein Notizbuch heraus und blätterte darin, um weitere Fragen
abzuschneiden.

Der Händler verneigte sich. »Danke!« Und er flüsterte den andern zu: »Nein,
nein.«

Der Schuhmachermeister nickte resigniert mit dem Kopfe und bot allen eine
Prise an.

Der Zug verlangsamte die Fahrt und schließlich schlief er ein und regte
sich nicht mehr. Als man hinaus sah, fand es sich, daß man weit draußen vor
der Station stehen geblieben war. Man war angekommen. Der erste, der
ausstieg, war der Herr im Zylinder, alle ließen ihm den Vortritt. Zuletzt
stieg der Fremde mit dem gestickten Reisesack aus.

Es war düster und kalt; nur wenige Laternen brannten in der kleinen
Station, die ganz im Schnee versank.




Drittes Kapitel


Der Fremde stieg aus und er wäre beinahe in den großen Filzhut gestiegen,
den der Lehrer vor ihm bis zur Erde schwang. Er lachte laut und fröhlich.

»Sie konnten sich wohl vorstellen, daß ich nicht verschwinden würde, ohne
Ihnen zuvor unter vier Augen gedankt zu haben!« sagte er und half dem
Fremden beim Aussteigen. Das heißt, er griff nach dem rechten, dem linken
Arm, der Achselhöhle des Fremden, ohne ihn jedoch zu berühren. »Erlauben
Sie Ihre Tasche -- bitte -- nur bis Sie richtig auf den Beinen sind.«

Der Fremde lächelte fein und gütig. »Danke, ganz und gar unnötig,« sagte
er. Er hatte schöne Augen, denn sie waren golden. Ihr klarer und
leuchtender Blick machte den Lehrer einen Moment lang betroffen. Der Fremde
sprach leise, als ob er sehr müde wäre. Er lächelte und sah den Lehrer an,
wie wenn er ihn schon Jahr und Tag kennte. Der Lehrer betrachtete ihn eine
Weile, er bog sogar den Kopf zurück, um ihn genau ansehen zu können; dann
stürzte er sich wieder auf die Reisetasche. Er strömte über von
Freundlichkeit und Diensteifer.

»Erlauben Sie, nur bis Sie über die Geleise sind!«

»Bitte, oh, ich kann ja selbst --« sagte der junge Mann und zog mit einer
geradezu lächerlichen Besorgnis die Tasche an sich, und verbeugte sich
leicht gegen den Lehrer. Er blickte sich um. Er sah die Leute an, die über
den beschneiten Bahnsteig eilten, er sah in die Höhe, nach rechts, nach
links, er sog die Luft ein. Jede Kleinigkeit schien ihn zu interessieren.

Aber der Lehrer verneigte sich abermals, zog den Hut und ergriff endlich
die Tasche. »Ich betrachte es als eine Auszeichnung, mein Herr!« sagte er.
»Welche Kälte, nicht wahr? Eine verfluchte, angenehme Kälte, bei allen
Teufeln! -- Sie haben mir einen großen Dienst erwiesen,« fuhr er fort,
indem er unvermittelt seinem beweglichen, von vielen Falten durchzogenen
Gesicht einen ernsten Ausdruck gab. »Das war eine echte Edelmannstat!«
Seine kindlichen Augen leuchteten.

Der Fremde sah umher. »Aber die Sache ist ja nicht der Rede wert,« sagte
er.

Der Lehrer lachte. »Da haben Sie recht! Klar gesehen ist es etwas ganz
Selbstverständliches, ein Edelmann springt dem andern bei, ja, er springt
jedem bei, der in der Klemme sitzt. Ganz einerlei wer es auch sei, und sei
es der Teufel selbst. Aber trotz alledem, ich freue mich und danke Ihnen!
Wenn Sie nun nicht dagewesen wären -- nehmen wir an -- oder keine zehn Mark
gehabt hätten? -- Hol' mich der Teufel, wie wäre ich vor diesen
Scherenschleifern und Schuhflickern dagestanden. Es juckt mich immer, sehen
Sie, dieses Gesindel mit Worten niederzuschmettern, aufzudonnern -- zum
Beispiel, einmal wollte ein Lump von einem Gastwirt mich hinauswerfen,
buchstäblich hinauswerfen aus seiner Bude. Er hetzte den Hund auf mich!
Immer heran mit deinem gichtbrüchigen Hund, schrie ich und breitete die
Arme aus -- heran mit diesem Floh von einem Hund! -- Was glauben Sie, was
passierte? Es war eine Ulmer Dogge --«

»Nun?« fragte der junge Mann lächelnd.

»Haha, er riß mich zu Boden, buchstäblich, wie einen Pfahl rannte er mich
um -- aber, bin ich gegangen? -- Nein -- werde doch vor keinem Hunde
ausreißen -- hahaha!«

Auch der Fremde lachte.

»Dann hören Sie, einmal, da donnere ich also, donnere vor Wichten und
Schneidern und sage, ich bin ein Mann, der ein Pferd an den Zähnen in die
Höhe hebt und einen Kilometer weit damit springt. Hebe den Tisch, sagen
sie, hebe diesen Tisch. Ich hob diesen Tisch, ein schwerer Tisch, mein
Herr, ich hob ihn und brach mir einen Zahn dabei aus -- sehen Sie hier --
sehen Sie in der Mitte, diesen schönen Zahn, auf den ich immer stolz war,
brach ich mir ab -- aber ich hob den Tisch! Entschuldigen Sie einen
Augenblick!« Er wandte sich ab und zog den Hut vor einer jungen Dame mit
auffallend reichem schwarzen Haar und stolzem Profil, die, gefolgt von
einem Diener in ledergelber Livree, die Geleise überschritt. Der Diener war
mit Schachteln und Paketen beladen. »Guten Abend, gnädiges Fräulein!« sagte
der Lehrer und verbeugte sich mit großer Würde.

Die Dame aber schenkte ihm nicht die geringste Beachtung.

Der Lehrer lachte gutmütig und wandte sich an den Fremden. »Sie ist sehr
stolz? Haben Sie es bemerkt?« sagte er mit gedämpftem Baß. »Sie dankte mir
nicht, aber ich grüße sie -- erstens ist sie sehr schön und zweitens ist
sie eine Freundin meiner Tochter Susanna! -- Deshalb grüße ich sie und
deshalb werde ich sie immer grüßen, wenn sie mir auch hundertmal nicht
danken sollte. Denn, wer meiner Tochter Susanna nur zulächelt, den küsse
ich auch schon, sehen Sie,« fügte er mit einem leisen zutraulichen Lächeln
hinzu. »Geben Sie acht, eine Schiene. Welche Rattenfalle von einem
Bahnhofe, nicht wahr? Sie kommen in Geschäften in die Stadt, mein Herr?«

Der Fremde, der der Dame mit dem auffallend reichen schwarzen Haar
nachblickte, sagte: »Ja, man könnte es so nennen.« Und er nickte. Die Dame
verschwand.

Der Lehrer berührte die Schulter des Fremden. »Verzeihung!« Er lachte und
sein lautes, gesundes Lachen hallte in dem schmalen nach Papier riechenden
Gange wieder, den sie durchschritten. »Es war mehr eine Verlegenheitsfrage
als Neugierde. Ich hoffe aber, ja, ich wünsche Ihnen ganz speziell, daß Sie
nicht lange hier zu tun haben werden. Eine recht elende Stadt, von
bürgerlichem Volke bewohnt. Ohne Würde, ohne schöne Gebärde, ohne Ziel und
Wunsch, mit verächtlichen Maßstäben. Eine Grube voller Ausschuß, Scherben
von Menschen, wie in den meisten kleinen Städten, wo die geistige
Konkurrenz gleich Null ist und dickranzige Bürger jeden Gedanken in Grund
und Boden hineinlächeln. Sind Sie Sammler von Abnormitäten, so werden Sie
auf Ihre Kosten kommen. Gewissermaßen ein Museum von Bürgerlichkeit und
Dummheit. Aber was wollen Sie, verehrter Herr: Ein Kork kann sich so schwer
machen wie er will, er sinkt nicht unter! Dies ist wiederum eines meiner
dreitausend Sprichwörter über den Bürger.« Der Lehrer lachte zufrieden;
dann fuhr er fort: »Da haben Sie zum Beispiel den geistlichen Rat, fett wie
ein Schwein -- aber, ich bitte Sie, welch prächtiges kluges Geschöpf ist
ein Schwein im Vergleich zu ihm! Er treibt Teufel aus, am lichten Tag und
verbrennt sie auf einem Spirituskocher. Da haben Sie wimmelnde Beispiele.
Der Bürgermeister allein -- von einer Essenz aus ihm gewonnen, würde ein
einziger Tropfen hinreichen, ein Genie augenblicklich zu verblöden. Solch
eine Stadt ist das! Geist ist alles, sehen Sie, auf Moral pfeife ich!«

Der Lehrer war wieder im Schwunge. Er zog den Hut in die Stirne, so daß
sein halber Kopf darunter verschwand, sprach, gestikulierte, lachte, und je
länger er sprach, desto glücklicher und zufriedener sah er aus. Er streckte
die Arme bald gerade aus, bald gegen den Himmel, er wiegte sich hin und her
und drehte sich auf dem Absatze.

Vor dem Bahnhofe wartete eine Art Wagen, einer großen Hutschachtel ähnlich,
die ganz oben ein winziges Fensterchen hatte. Aus dem Fenster blickte das
fette, zufriedene Gesicht des Viehhändlers, der sich im Zuge so gut
amüsiert hatte. Eine Zigarre glimmte in seinem Munde und sein Gesicht
füllte das ganze Fenster aus. Auf dem Bock des Wagens saß ein dunkles
Bündel und dieses Bündel rief: »Weißer Elefant?«

»Nein, danke!« antwortete der Fremde, der in der eisigen Luft heftig zu
zittern begann. »Ist es denn weit zur Stadt?«

»Höhö! Eine halbe Stunde! Der Herr fahren also nicht mit? Hü!«

Die Hutschachtel rollte davon und die glimmende Zigarre des Händlers
erlosch in der Nacht wie ein kleines Fünkchen.

Der Lehrer lachte herzlich. »Sie können sich doch denken, verehrter Herr,«
rief er aus, »daß der Bahnhof weit außerhalb der Stadt liegt! Man
befürchtete, die Häuser würden einfallen. Ich werde mir erlauben, Ihnen in
aller Eile eine Skizze von dieser Stadt zu entwerfen und Sie werden mir in
einer Woche, nein, morgen schon sagen können, ob ich ein Talent zu
Schilderungen habe oder nicht. Diese Stadt also --«

»Verzeihung!« unterbrach der Fremde den geschwätzigen Lehrer. »Darf ich mir
eine Frage erlauben? Hier in der Stadt hat sich ein Unglück ereignet, nicht
wahr?«

»Ja.«

»So viel ich hören konnte, ein Mädchen hat sich das Leben genommen?«

»Ja -- ja -- richtig!« Der Lehrer blickte den jungen Mann prüfend von der
Seite her an. »Haben Sie denn nicht geschlafen?« fragte er, ohne seine
Überraschung verbergen zu können.

»Nein!« Der Fremde lächelte fein. »Ich habe nicht geschlafen, ich habe
jedes Wort gehört.«

»Ah!« Das größere Auge des Lehrers erweiterte sich vor Erstaunen, das
kleinere prüfte den Fremden mit einem langen scharfen Blick.

»Aber Sie haben sich schlafend gestellt?« sagte der Lehrer langsam,
gleichsam für sich; und er fügte rasch hinzu: »Ja, ich habe dies und jenes
gehört. Interessiert Sie der Fall?«

Der junge Mann nickte. »Ich habe das allergrößte Interesse!« sagte er.

Der Lehrer erzählte. »Was für merkwürdige Dinge auf der Welt passieren!«
schloß er. »Nicht wahr?« Er lachte leise. Wenn man des Lebens komischen
Spuk recht ins Auge fasse, murmelte er, indem er sich den schwarzen Bart
strich, man müsse die Folgerung ziehen, daß Gott wahnsinnig sei.

Der Fremde blickte den Lehrer mit klaren, ernsten Augen an. »Sie kennen
vielleicht die unglückliche Mutter des Mädchens?«

Der Lehrer erstaunte immer mehr. Er trat einen Schritt zurück und vermochte
nicht sofort zu antworten. Aber er faßte sich und lächelte. »Diese kleine,
alte Frau?« sagte er und blickte den Fremden mit einer gewissen Scheu an,
die immer wieder in seinen Zügen auftauchte, so oft er sie auch zu
unterdrücken versuchte. »Sie ist eine Eierhändlerin, wissen Sie, geht herum
in den Dörfern und kauft Eier ein, um sie in der Stadt zu verhandeln. Ein
armes Dingchen, sie wohnt neben dem Armenhaus, dicht daneben, fast im
Armenhaus selbst, im Hexengäßchen wohnt sie, jedes Kind kennt sie.«

»Danke!« sagte der Fremde und streckte dem Lehrer mit einer offenherzigen
Bewegung die Hand entgegen. »Danke Ihnen aufrichtig!« Die Herzlichkeit in
seiner Stimme besiegte die sonderbare Scheu des Lehrers vollständig. Ein
Lächeln verklärte sein männliches, wildes Gesicht. Er streckte ihm beide
Hände hin.

»Verehrter!« rief er aus. »Verehrter! Es ist mir eine große Freude, Ihnen
auf meiner Wanderschaft begegnet zu sein. Ich hoffe, das Glück wird nicht
ohne Nachwuchs bleiben, das heißt, Sie verstehen mich wohl, ich hoffe, daß
ich Sie wiedersehen werde. Vielleicht schenken Sie mir die Ehre Ihres
Besuches? Ich bin in Acht und Bann, ohne jeglichen bürgerlichen Kredit, ein
entlassener Volksschullehrer -- sage es gleich, ohne zu befürchten, daß Sie
das abhalten könnte mein Haus zu betreten.« Und als der Fremde mit
herzlichen Worten für die Einladung dankte und seinen Besuch zusagte, fügte
er mit strahlendem Gesichte und aufrichtiger Freude flüsternd hinzu: »Ah,
herrlich! Mein Heim ist bescheiden, aber die Flagge des Glückes flattert
darüber. Sie werden Mütterchen kennen lernen, meine Frau! -- Mütterchen, so
heißt sie in der ganzen Stadt -- haha -- Sie werden sie kennen lernen, so
klein wie sie ist! Ich bezahle Ihnen hundert Flaschen Wein, wenn Sie sich
vorstellen können, wie klein sie ist und wie leicht! Oft, wenn ich in den
Feldern herumliege, denke ich, wie klein ist sie doch -- wie klein und
leicht -- wie ein Kork. Und Susanna werden Sie kennen lernen -- meine
Tochter -- ein herrliches Geschöpf, herrlich an Körper und Geist -- eine
Art Heldin -- nun, Sie werden sie ja sehen! Ich bin eben auf dem Wege zu
ihnen, zu Mütterchen und Susanna, seit einem Jahre bin ich nicht mehr da
gewesen -- aber plötzlich hat mich die Sehnsucht gepackt, so daß ich sogar
den Zug nahm, was seit sechs Jahren nicht mehr passierte, ich mache alles
zu Fuß --«

»Sie arbeiten also auswärts?« fragte der Fremde.

»Wie?«

»Sie arbeiten also auswärts, nicht hier am Platze?«

Der Lehrer gab seinem Kopfe einen Ruck und beugte das Ohr lauschend herab.
»Ah!« rief er, »arbeiten?« Er schüttelte langsam den haarigen Kopf und
seine Augen glühten. »Ich hasse die Arbeit! Ich bin ein freier Mann, ein
Wanderer, wandere umher, jahraus -- jahrein -- in Sturm und Wetter, in
Sonne und Tau -- ein Bruder der Vögel, ein Freund der Bäume, ein Sohn der
Sonne« -- hier legte er die Hand aufs Herz und seine Augen glänzten
schwärmerisch -- »ein Schrecken für alle eingesessenen Bürger! Ein Komet,
der unterwegs ist, wenn Sie wollen. Nein, ich arbeite nicht, junger Freund,
haha, was Ihnen doch einfällt!« Er betrachtete den Fremden mit einem
gönnerhaften, väterlichen Blick. »Meine Familie lebt in angenehmen
Verhältnissen -- sozusagen in sehr angenehmen Verhältnissen. Ich hoffe, Sie
werden den Besuch nicht vergessen, gleich hier beim Bahnhof!«

»Auf keinen Fall.«

Der Lehrer sah den jungen Mann lange an, gleichsam, um sich sein Antlitz
für alle Zeiten einzuprägen; er bewegte den Kopf in kleinen Rucken, um
genauer zu sehen und tiefer in die Züge eindringen zu können. Dann
schüttelte er leicht den Kopf.

»Sie sind ein eigentümlicher Mensch!« sagte er leise. »Ich habe auch Ihr
Gesicht noch nicht gesehen, alle anderen Gesichter habe ich ja tausendfach
gesehen. Ich schätze es mir zur Ehre, Ihnen begegnet zu sein. Allezeit Ihr
Diener!« Darauf nahm er den Hut ab, drückte ihn gegen die Brust und
verbeugte sich. »Erlauben Sie mir, daß ich mich Ihnen zum Abschied
vorstelle!« sagte er in tiefstem Baß. »Heinrich Löwenherz, ein fahrender
Gesell!«

Der Fremde nahm den Hut ab und verbeugte sich seinerseits.

»Richard Grau,« sagte er.

Der Lehrer verschwand wie ein Phantom irgendwohin und der Fremde sah ihm
mit einem nachdenklichen und erstaunten Blicke nach. Aber dieser Heinrich
Löwenherz hatte eine schöne Empfindung in ihm zurückgelassen, und er nahm
sich vor, ihn sobald als möglich aufzusuchen.




Viertes Kapitel


Die kleine Stadt lag schon ganz ausgestorben. In den krummen Gassen
brannten einige Laternen, halb zugeschneit, mit kleinen verrußten
Petroleumlämpchen. Die alten buckligen Häuser standen stumm und vornüber
gebeugt und erinnerten an im Stehen schlafende Pferde. Da und dort
schimmerte ein helles Fenster. Der Schuhmachermeister Männlein saß
friedlich über die Arbeit gebeugt, der Fleischer Keim hackte etwas auf
einem Blocke und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Auch Fräulein
Karola Sperling, Modes, hatte noch Licht. Denn sicherlich war sie es, die
da droben im Giebelzimmer wohnte.

Über den öden Marktplatz fuhr der Wind und kämpfte mit einem Zeitungsblatt,
das offenbar die Absicht hatte, die Kirchgasse hinauf zu rollen. Aber der
Wind zwang es, umzukehren, zerrte es an den Häusern entlang und ließ es
endlich die Gasse, die zum Flusse führte und Fischergasse hieß,
hinabflattern.

Sobald das Zeitungsblatt in der Fischergasse verschwunden war, tauchte der
Fremde, der sich Richard Grau genannt hatte, aus der langen Gasse auf, den
Reisesack in der Hand.

Er ging langsam auf das Hotel »Zum weißen Elefanten« zu und sah sich das
Hotel von oben bis unten aufmerksam an. Es war ein alter gelber
Fachwerkbau, der die Fenster gerade da hatte, wo niemand sie suchte und
sich im Gegensatz zu all den andern Häusern ringsum zurückbog. Rechts unten
hatte es einen kleinen Erker, der sich auf eine kurze, plumpe Säule
stützte. Aus dem Erker schimmerte Licht. Vor dem breiten Tor stand der
Hotelwagen, der einer großen Hutschachtel ähnlich sah.

Die Aufschrift »Hotel zum weißen Elefant« zog sich über die ganze Breite
des mächtigen Hauses hin und zum Überfluß hing noch ein Schild über dem
breiten Tore, ein kleiner, drolliger Elefant mit kurzen Stoßzähnen und
geschwungenem Rüssel und listigem Schmunzeln, ähnlich jenen ausgestopften
Exemplaren, die die Kinder an einem Stricke hinter sich herschleifen.

Der kleine weiße Elefant schwang sich im Winde und schmunzelte.

Grau stellte die Reisetasche ab und ordnete sein Halstuch. Es wird wohl
besser aussehen! dachte er und suchte in den Manteltaschen nach den
Handschuhen. Aber diese Handschuhe, dicke, warme Handschuhe, die er erst
gestern gekauft hatte, waren nicht zu finden. Plötzlich hörte Grau auf zu
suchen. »Aber natürlich!« rief er aus und lächelte und sein Antlitz nahm
einen glücklichen und träumerischen Ausdruck an.

Er räusperte sich und zog die Klingel. Ein kleines Fenster an der Wand fiel
herab und eine hastige, sich überstürzende, ärgerliche Stimme fragte:
»Wollen Sie Bier?« Es hörte sich wie Gebell an.

Grau nahm den Hut ab. »Nein,« sagte er, »ich will ein Zimmer -- ein
einfaches Zimmer, nicht zu teuer. Nur für diese Nacht.«

»Äh!« bellte die Stimme und ein ärgerliches kleines Gesicht fuhr zum
Fenster heraus. »Sie haben an der Gassenschenke geläutet, sehen Sie denn
nicht die Fremdenglocke? Können Sie denn nicht lesen?«

Grau lächelte. »Natürlich kann ich lesen,« sagte er, »entschuldigen Sie
nur, wenn ich an der Gassenschenke geläutet habe --«

»Jajajaja!« Der Wirt, ein x-beiniger Mann mit winzigem Kopfe kam heraus und
musterte Grau. Er schlich im Halbkreis um ihn herum, wog den Reisesack mit
den Blicken, betrachtete Graus alten Hut, abgetragenen Mantel, seine
frostroten Hände und endlich machte er die Augen scharf und musterte sein
Gesicht, das vor Erschöpfung bleich und ausgehungert und vor Kälte blau
gefroren aussah.

»Treten Sie ein! Ins Gastzimmer!«

Nach all der Dunkelheit erschien das Gastzimmer festlich beleuchtet,
obgleich nur eine einzige Hängelampe brannte. Alles erschien nahezu weiß,
die Wände, der lange, mit Vasen, Papierblumen und Gipsfiguren barbarisch
geschmückte Tisch, die Vorhänge, die Wände und selbst der Fußboden. Die
Decke aber war braun. Es war wohltuend warm hier, und der Duft einer feinen
Zigarette vermischte sich mit dem abgestandenen Geruch von Speisen und
etwas Ranzigem. Aus dem Geruch schloß Grau, daß hier die unverheirateten
Beamten der Stadt aßen, etwa zehn an der Zahl, die alle gut zu speisen
liebten. Ihr durch die Tafel angeregtes Gespräch schien noch in der Luft zu
hängen und irgendwo zu stecken, gleich dem Rauche der schweren Zigarren,
die sie nach dem Essen pafften. Nun war das Zimmer öde. Irgendwo zirpte
eine Spieldose eine Arie, und an einem Tischchen in einem Erker saßen eine
Frau und ein junger Mann vor einer Batterie von Weinflaschen. Die Frau saß
sehr unschön da, den Stuhl weit zurückgeschoben, die Ellbogen auf den Tisch
gestützt, das Gesicht in den Händen. Der junge Mann saß in seinem Stuhle,
die Füße, an denen er abgeschabte Reitstiefel trug, weit von sich gestreckt
und rauchte. An seiner weißen Hand blitzten Steine. Er kitzelte die Frau
mit einer Reitpeitsche am Halse. Beide wandten das Gesicht zur Türe, als
Grau eintrat und Guten Abend wünschte, die Frau tat es, ohne die Hände vom
Gesicht zu nehmen. Sie war blond und schön wie eine Puppe. Sie hatte auch
das Puppenlächeln. Der junge Mann hatte ein fahles, langes Gesicht und
seine schwarzen gescheitelten Haare spannten sich wie glänzender Atlas über
den Schädel.

»Hö!« schrie der junge Mann und sprang auf. Er eilte auf Grau zu, nahm die
Reitpeitsche unter die Achsel, verbeugte sich wie ein Kellner und rieb sich
die Hände, als wasche er sie.

»Was befehlen der Herr?« fragte er mit einer für seine zwanzig Jahre
außerordentlich tiefen und rauhen Stimme und lachte betrunken. In seiner
Rocktasche zirpte die Spieldose.

Grau sah ihn mit erstaunten Blicken an. »Sind Sie der Kellner?« fragte er,
indem er sich, unangenehm berührt, abwandte und den Mantel auszog. Ein
alter, etwas knapper, dunkelfarbiger Gehrock kam zum Vorschein. Die Ärmel
waren mit schwarzen Borten eingesäumt und die Brustaufschläge zeigten etwas
wie schwarze Seide. Da und dort schien der Stoff mit Tinte nachgefärbt zu
sein.

Die blonde Frau lachte kichernd. »Aber, Herr Baron!« rief sie mit einer
Mischung von Vorwurf und Koketterie in der inhaltslosen, hohen Stimme und
sah Grau mit ihren großen Augen neugierig an.

»Ich fühle mich hier zu Hause, Tante!« sagte der junge Mann, den die Frau
Baron nannte und lachte. »Deshalb, mein Herr, deshalb. Außerdem, weil Sie
mir gefallen. Sagen Sie das eine, sind Sie kurzsichtig?«

Ja, er sei ein wenig kurzsichtig, entgegnete Grau höflich.

»Aha -- deshalb. Deshalb sehen Sie einen so eigentümlich an. Wenn Sie nun
nicht kurzsichtig wären, so wäre -- aber Ihre Kurzsichtigkeit entschuldigt
Sie, natürlich, haha -- natürlich. Haben Sie schon den Trompeter von
Säckingen gehört? Wie? Ja, wenn Sie ihn noch nicht gehört haben, sofort
soll das Orchester antreten -- sofort --«

Der Baron lachte und sprach auf Grau unausgesetzt ein. Er nahm die
Spieldose aus der Tasche und zog sie auf. Der Blick seiner dunkelgrauen
Augen war unsicher und flackernd, ruhelos und gequält. Grau erinnerte sich,
diesen Blick bei einem Manne gesehen zu haben, der mit nackten Füßen auf
Glasscherben tanzte, um sich zu vergessen, um sich selbst zu foltern -- der
Mann hatte wohl seinen Grund gehabt. -- Auf der rechten Wange hatte der
junge Mann einen kleinen Schmutzflecken und gerade dieser Schmutzfleck
allein schien sein Gesicht brutal und betrunken zu machen, denn außerdem
war es fein und regelmäßig, ja sanft.

»Hören Sie das Orchester? Behüt' dich Gott -- Onkel!« schrie er den Wirt
mit dem kleinen Kopf an. »Bringe mir den schwersten Wein, den du hast im
Keller -- schwarz muß er sein -- sofort! Das heißt, du brauchst dich nicht
zu beeilen. Du kannst wegbleiben, solange du willst, Onkel, wir brauchen
dich ja nicht hier -- keine Seele fragt nach dir! Herrgott im Himmel,
Onkel, wie ein Floh kommst du mir heute vor, genau wie ein im Dienst
ergrauter Floh --«

»Herr von Hennenbach, Herr Baron!« rief die blonde Frau im Erker und
kicherte in die Hände.

Der Wirt murmelte eine Verwünschung und näherte sich Grau. »Was wünschen
der Herr? Abendbrot?«

»Ja, eine Kleinigkeit.«

»Schweinebraten, Schnitzel, Nieren --«

Grau winkte ab und schüttelte den Kopf. Der Wirt begann laut zu bellen.
»Der Herr können auch Taube haben, Huhn --«

Grau machte ein hilfloses Gesicht. »Nein, danke,« sagte er, »ich bin
nämlich gar nicht hungrig, müssen Sie wissen. Vielleicht haben Sie etwas
Wurst und Bier?«

Der Wirt entfernte sich mit einer ärgerlichen Grimasse.

Die Frau im Erker begann zu kichern und zu keuchen und plötzlich stieß sie
einen leisen Schrei aus. Dann hustete sie und rückte den Stuhl. »Sie
sollten nicht mehr trinken, Herr Baron, Sie Wildfang!« kicherte sie.

»Ruhe, Tante, Ruhe!« sagte der junge Mann rauh. »Ich trinke die ganze
Nacht, morgen, übermorgen, die ganze Woche, ich habe meine Periode und muß
mich betäuben --«

Plötzlich stand er vor Grau und verbeugte sich. »Darf ich den Herrn zu
einer Partie Billard einladen?«

»Danke.«

»Einsatz zwanzig Mark. Ich gebe dem Herrn fünfzig Bälle auf hundert vor.«

»Ich bedaure, ich spiele nicht Billard.« Grau sprach sanft und höflich.

Der Baron lachte. Also nicht einmal Billard spiele der Herr? »Sie waren
wohl nie Student? Kann ich mir denken.«

»Doch, mein Herr!«

»Ja, du meine Güte, da haben Sie nicht Billard gelernt? Ich möchte schon
wissen, was Sie dann in Ihrer freien Zeit taten?«

»Ich habe Stunden gegeben.«

»Aha! Das ändert die Sache allerdings. Aber hören Sie, ob Sie Billard
spielen oder nicht, das ist ganz egal -- ganz egal -- Sie lernen es.
Trotzdem Sie sehr kurzsichtig zu sein scheinen -- trotzdem prophezeie ich
Ihnen, daß Sie es in fünf Minuten können. Ich gebe Ihnen auf hundert Bälle
neunzig vor -- Einsatz zwanzig Mark --«

Grau lächelte. »Entschuldigen Sie --«

»Ich gebe Ihnen fünfundneunzig vor -- neunundneunzig -- hören Sie -- und
wenn Sie blind sein sollten -- einen Ball werden Sie doch machen.«

»Nein, ich danke Ihnen vielmals. Ich bin zu müde.«

»Ah!« Der junge Mann warf sich rittlings auf einen Stuhl am Tische. »Dann
vielleicht -- Dame, Domino -- oder Schach oder Mühle, was Sie wollen -- Sie
können ja sitzen bleiben, wenn Sie müde sind -- ja, Sie brauchen nicht
einmal zu ziehen, ich ziehe für Sie -- die Hälfte Steine gebe ich Ihnen --
ja, Donner und Doria!« rief er plötzlich aus und lachte laut und roh. Er
hatte Graus Reisesack entdeckt. Er sprang auf und besah sich den Reisesack
in der Nähe. Er lachte und bewegte die Reitpeitsche, als ob er die Henne
kitzle. »Was für eine kostbare Sache!« schrie er. »Wohl ein altes Stück?«

»Es dürfte ziemlich alt sein, ja.« Grau lächelte, er änderte nicht den Ton
der Stimme.

»Wohl ein -- ein Familienstück -- ein Erbstück?«

»Nein.«

»Nicht! Es sieht genau so aus. Was würden Sie sagen, mein Freund, wenn
Ihnen jemand für die Tasche zwanzig Mark gäbe?«

»Ich verkaufe sie nicht,« antwortete Grau geduldig.

Der Baron lachte laut heraus. Er lachte Grau ins Gesicht, dicht ins Gesicht
und sagte: »Hundert Mark! In die Hand! Na?«

Hier erhob sich Grau und verbeugte sich. »Ich sehe, der Herr sind in guter
Laune,« sagte er, »ich verstehe das recht wohl, daß der Herr scherzen
wollen, aber sollte es nicht jetzt genug sein?« Er sah den Baron an und
plötzlich veränderten sich seine Augen. Eine leichte Glut begann in ihnen
aufzuleuchten und ihr Blick schien langsam in die flackernden Augen des
Barons einzudringen, bis hinab in die Tiefe.

Der Baron blinzelte, wie um sich von einer Macht zu befreien. Er kniff die
Lider zusammen und lachte.

»Aber, Herr Baron!« kicherte die blonde Frau im Erker.

»Hundert Mark! Für die Tasche hier! Barzahlung? Nicht? Aber Herr, Herr, was
ist mit Ihnen? Sie scheinen nicht allein kurzsichtig zu sein -- aber hole
mich der Teufel, ich darf Sie doch zu einer Flasche Wein einladen?«

»Ich danke Ihnen herzlich,« sagte Grau und errötete, »ich habe keine Lust.
Ich bin zu müde, danke!«

Der Baron lachte und schrie: »Dieser Herr errötet, Tante, wie ein junges
Mädchen, wie ein Jüngferchen aus dem siebzehnten Jahrhundert. Also, Sie
schlagen die Einladung aus?« wandte er sich wiederum an Grau. Er wartete
ein wenig und sah Grau in die Augen; er wollte wieder zu sprechen beginnen,
aber er zögerte und verlor von neuem unter dem Blicke Graus die Sicherheit.
Einen Augenblick lang sah er überrascht aus, dann lachte er heraus und
schrie: »Gut! Und wenn Sie mich auch noch so kurzsichtig ansehen, wissen
Sie nun, was? -- Hole Sie der Teufel!« Er klappte die Reitstiefel zusammen
und drehte sich um.

Grau zuckte die Achseln und winkte den Wirt heran. »Wo ist das
Hexengäßchen, bitte?« fragte er.

»Hexengäßchen? Hexengäßchen? Ja, was wollen Sie denn im Hexengäßchen, im
Hexengäßchen?«

»Ich will jemand besuchen, der hier wohnt. Neben dem Armenhaus.«

»Armenhaus? Armenhaus?«

»Eine Frau Sammet möchte ich besuchen, eine Eierhändlerin. Sie wohnt doch
da, nicht wahr?«

Nun verstand der x-beinige Wirt mit dem kleinen Kopf, der in Wirklichkeit
mit den großen Augen, der langen, flachen Nase, dem kleinen Mund und dem
verkümmerten Kinn dem Kopfe eines Flohs glich. »Der Herr kommen zur
Beerdigung?«

»Ja,« sagte Grau und schlüpfte in den Mantel, während ihm der Wirt den Weg
beschrieb.

»Wenn er doch zum Teufel ginge!« schrie der Baron mit einer zu Graus
Verwunderung nahezu haßerfüllten Stimme.

Ah, wie traurig, dachte Grau, er ist unglücklich, und noch so jung!

Grau kehrte nach einer Viertelstunde unbefriedigt zurück und ging sogleich
auf sein Zimmer. Er hatte die Eierhändlerin nicht zu Hause angetroffen.




Fünftes Kapitel


Grau schloß die Türe seiner Kammer und begann augenblicklich erregt mit
sich selbst zu sprechen.

»Man nimmt sich doch nicht so rasch das Leben!« sagte er und gestikulierte
heftig. »Das Mädchen war doch so jung und gesund! Aus Scham allein hat sie
es nicht getan, das glaube ich nicht. Nein, nie und nimmer! Es mußte noch
etwas anderes mitspielen, eine Kränkung oder sonst etwas. Der
Fleischergeselle leugnet. Man kennt den Verführer nicht. Ich werde ihn
herausfinden, bei Gott, das werde ich!«

Er war todmüde und legte sich zu Bett. Er war einen vollen Tag unterwegs
gewesen und hatte, um Geld zu sparen, noch dazu eine Strecke von fünfzehn
Kilometern zu Fuß zurückgelegt, um einen Umweg der Bahnlinie abzuschneiden.

Dieses arme Mädchen! dachte er. Entsetzlich! Mit einem Seufzer der Lust
empfangen, in Angst getragen, in Verzweiflung geboren und mit dem Leben
bezahlt. Genug, genug!

Er schlief ein, wurde aber gleich darauf durch das Bimmeln einer dünnen
Blechglocke geweckt.

Im Gastzimmer unter ihm rumorte die rauhe Stimme des jungen Barons. Hier
und da bellte ärgerlich der kleine Wirt, und in nahezu gleichen
Zwischenräumen ließ sich das leere Lachen der blonden Wirtin hören. Es
hörte sich an wie der Ton einer kleinen dünnen Blechglocke, an der der
Baron zog, wann es ihm gefiel. Einmal zog er zweimal nacheinander daran,
ein andermal tat er nur einen kurzen, schrillen Ruck. Die Personen da
drunten verkleideten sich, der Baron wurde zu einem Manne, der auf
Flaschenscherben tanzte und seine Augen glühten.

Grau richtete sich im Bette auf. Er konnte nicht schlafen.

»Dieses arme Mädchen ist es ja nicht allein!« rief er aus und schlug mit
der flachen Hand auf die Bettdecke. »Da ist noch diese alte verzweifelte
Mutter, die ganz von Sinnen hin- und herrannte und schrie. Da ist noch das
arme verwaiste Kind! -- Aber auch das ist noch nicht alles!« fuhr er fort,
wobei sich sein Herz zusammenkrampfte. »Tausende solch unglücklicher
Mädchen gibt es, Tausende solch verzweifelter Mütterchen, Tausende solch
verwaister Kinder! Tausende! Tausende! Tausende!«

Er befreite sich von diesem Gedanken.

Aber augenblicklich erschien an einer andern Stelle seines Kopfes ein
Gefangener, der an der Wand der Zelle lehnte; es war Nacht, aber er schlief
nicht, durch das kleine Gitter über seinem Kopfe drang ein fahles Licht, da
stand er mit bleichem Gesichte, starrte vor sich hin und nagte an der
Lippe. Wieder, da sah er in eine Kammer: Auf dem Bett lag eine tote Frau,
eine Kerze brannte daneben, ein Kind saß auf dem Boden und lächelte ihm zu.
Auf dem fahlen Gesicht der Toten stand mit erschreckender Deutlichkeit
geschrieben: Ich wurde geboren und weiß nicht weshalb, ich habe gelebt,
weiß nicht warum und weshalb bin ich doch gestorben? Nun aber kann ich den
Weg zur Seligkeit nicht finden, ach! Dann sah er einen schlafenden Mann mit
kurzen aschgrauen Haaren vor sich und er sah einen Gedanken, der im Haupte
des Schlafenden wanderte. Der Gedanke wanderte hin und her, wie ein Licht,
das in der Nacht wandert und vor verschlossenen Türen stehen bleibt.
Plötzlich stand das Licht ruhig und loderte hell auf und der Schlafende
erwachte verstört. Er schlüpfte in die Kleider, hastig, schlich sich aus
dem Hause, verstohlen, und sein schneller Schritt verschwand in einer
dunkeln Gasse. Aus der Ferne drang ein entsetzlicher Schrei.

Grau schrak zusammen. Den Schrei hatte die blonde Wirtin ausgestoßen. Aber
es war kein Schrei des Schreckens, es war ein schrilles, ersticktes Lachen.
Der junge Baron verabschiedete sich, das Tor fiel ins Schloß und durch das
ganze Haus lief ein dumpfes Zittern vom Keller bis zum Boden. Der Wirt
zankte, die Frau lachte gedämpft. Schritte schlichen hin und her auf
knarrenden Dielen, bald unten, bald oben, an seiner Tür vorbei. Es war der
kleine Wirt, der nachsah, ob alles in Ordnung war. Er flüsterte, tuschelte,
zankte. Und wieder knarrte sein schleichender Schritt durch das ganze Haus.

Graus Züge fielen ein. All das Leid, das auf der Erde war! Er fühlte es, es
lag wie eine Last auf seiner Brust, er hörte es, ja, er roch es! Dunkler
und dunkler wurde es in seiner Brust und endlich erschauerte er von all der
Finsternis, die in seinem Innern war. Er preßte die Hände vors Gesicht und
zitterte und dieses Zittern kam nicht von der Kälte allein. Die ganze Erde
schreit ja immerzu, dachte er, sie zittert und bebt ja unausgesetzt. Wenn
sich das Schluchzen einer einzigen Nacht vereinigt, so tobt es lauter als
das wilde Meer! Dieses leise Weinen in den Kissen, dieses Klopfen der
Herzen, das Keuchen der Sterbenden, die Schreie der Gebärenden --

Ob man auch das Auge schließt, was hilft es, das verquälte Antlitz des
Menschen ist überall, es dringt durch die Lider hindurch, ob man die Ohren
verschließt, was hilft es doch?

Scheint nicht manchmal ein entsetzlicher Schrei durch die Nacht zu hallen,
aller Menschen Stimmen, die sich zu einem einzigen Schrei der Anklage
vereinigen, zu einem Schrei nach Erlösung?

Ein Schweigen noch furchtbarer als dieser Schrei ist die Antwort.

Grau saß regungslos im Bette und starrte vor sich hin. Und er sah Tausende
von Menschen vor sich, die im Bette saßen und starrten und nur den Wunsch
hatten, zu vergessen, zu schlafen, nicht mehr zu denken. Aber draußen in
der finstern Nacht murmelte und tobte es und wollte nicht ruhig werden.

»Wenn man doch etwas tun könnte,« sagte Grau und nickte und seine Augen
brannten. »Nichts sollte mir zuviel sein, nichts! Aber man ist ja so arm --
viel zu arm!«

Die Kerze erlosch, aber er regte sich nicht. Nun war es dunkel um ihn her
und er starrte in dieses Dunkel hinein, seine Züge fielen ein, sie
verzerrten sich. Er dachte, dachte, grub die Zähne in die Lippe --

Aber mit einem Male veränderte sich der Ausdruck seines Gesichtes und
seiner Augen. Er blickte auf das Fenster, und Neugierde, Erstaunen,
Verwunderung und Freude spiegelten sich in seinen Zügen.

Auf diesem Fenster jedoch war nichts Besonderes zu sehen. Es war eine
schwarze Scheibe und vom Marktplatze, von irgendwoher fiel der Schein einer
Laterne darauf, so daß feine Lichtbogen entstanden, wie man sie um den Mond
sieht, wenn er einen Hof hat. Doch das war nicht alles. In diesem
Lichtbogen lebte es! Es regte sich, es flimmerte, es zuckte darin. Feine
Kristalle formten sich. Es war wie gesticktes Moos, wie feine zitternde
Gräser, dann strebten schmale, wehende, glitzernde Pflanzen empor, dem Tang
ähnlich, der auf dem Grunde des Meeres wächst. Weiße Korallenzweige wuchsen
zwischen ihnen hindurch, verästelten sich feiner und feiner, etwas wie
spitze Flossen tauchte auf, Sterne, deren Enden zitterten -- und alles
glitzerte und flimmerte als sei es aus Splittern von Brillanten gebildet.

Es war ein betörend schönes Bild, ein Wunder an Reichtum, Glanz und Formen,
das eine unsichtbare Hand hier an das schwarze Fenster eines nichtigen
Wirtshauses zeichnete.

Grau saß und seine Augen waren wach und hell und sahen zu, wie es sich
formte, veränderte, wuchs. Auf seinen knabenhaften Lippen schwebte ein
seltsames Lächeln und in seinen Augen war ein fremder Glanz. Er atmete
wieder. Er atmete tief und befreit.

»Er schreibt! Er schreibt!« flüsterte er leise und Freude erfüllte ihn und
stummer Jubel. Gleichzeitig aber schämte er sich.

»Ich bin müde gewesen, er möge mir verzeihen!«

Grau schlief ein und er atmete tief und froh und lächelte im Schlafe. In
seinen Traum kam ein alter kranker Bauernknecht mit entzündeten Augen, der
eine zerrissene Jacke trug und dicke neue Handschuhe an den Händen hatte;
er schwang die Hände vor ihm und lachte. »Deine Handschuhe sind warm,
vergelt's Gott!« schrie er und nickte ihm zu.




Sechstes Kapitel


Es kamen viele Leute in Trauerkleidern und stiegen die beschneiten Stufen
zu der kleinen Kirche mit dem weißen Turm empor. Es kamen Leute vom Land,
Bauern, die ernste Gesichter machten und langsam daherstampften, es kamen
immer mehr, auch die jungen Damen, die ein gutes Herz hatten, kamen; auch
der Schuhmachermeister mit dem aufgeblähten Hals kam, feierlich pustend, in
einem engen Gehrock, mit frostroten Handgelenken, ein kleines Bukett aus
Wachsblumen in der Hand. Es kamen immer mehr, in all den weißen Gassen
wanderte es. Viele kamen aus Neugierde, natürlich. Der kleine Friedhof war
ganz schwarz und alle drängten der Ecke zu, die den Namen Selbstmörderecke
hatte. Es war sehr stille über dem Städtchen und die Sonne blendete.

Plötzlich hörte man ein Schluchzen, ein Schreien, und man sah, daß ein Sarg
die Staffeln heraufgetragen wurde, ein roher Kasten. Man schaffte ihn aus
dem Spital herauf. Hinter dem Sarge kam eine Gruppe von Frauen, die in der
Mitte etwas Weißhaariges führten, das sich schüttelte und hin- und herwarf
und sich auf die Staffeln werfen wollte und schrie.

Der Sarg kam heran und alle nahmen den Hut ab. Man räusperte sich, man
hustete, man zog die Brauen zusammen und in den schwarzen Fäusten der
jungen Damen erschienen blendendweiße Taschentücher. Die kleine Frau schrie
ohne Aufhören, aber als sie an das Friedhoftor kam, schwieg sie plötzlich.
Das aber war noch viel schrecklicher als ihr Geschrei. Sie wankte zwischen
den Frauen einher, und alle wichen zurück, niemand wollte einem solch
schrecklichen Jammer nahe kommen. Eine breite Gasse entstand.

Gestern sind ihre Haare noch grau gewesen, aber heute sind sie weiß. Aber
diese Haare waren nicht nur weiß, das war es nicht allein, die Haare
flatterten. Sie waren dünn und kurz und befanden sich in ununterbrochener
Bewegung, immerzu stiegen einzelne Haare in die Höhe, kräuselten sich,
sanken zurück, andere lösten sich und flatterten langsam in die Höhe.

Der gelbe Sarg wanderte durch die Menge, getragen von sechs Männern, es
schien als stelze er auf diesen vielen dunkeln Beinen durch den Schnee,
direkt auf das Grab zu, wie auf seine Höhle. Die weißhaarige Frau sagte
etwas und machte mit beiden Händen Zeichen, daß man nichts zu befürchten
habe. Dann ließ sie sich in die Knie nieder und küßte das Ende des gelben
Sarges, küßte es mit gespitzten runzeligen Lippen, wobei sie die beiden
Seitenwände des Sarges mit den Händen streichelte. Als die Träger sich
anschickten, den Sarg hinabzulassen, begann die alte Frau zu lachen und mit
den Fäusten auf ihre Stirn zu schlagen. Alle Leute wichen zurück und
erblaßten. Der Schuhmachermeister mit dem aufgeblähten Hals wurde blaurot
im Gesicht und öffnete weit den Mund, die jungen Damen wandten sich ab und
bissen in die Taschentücher.

Da begann es in der Luft zu schwirren, ein feines Sausen schwang sich in
der Stille und es klang als fiele ein klingendes Becken hoch aus der Luft
herab; die Glocken begannen zu läuten. Süß und feierlich klangen sie und
alle Augen richteten sich auf den kleinen, weißgetünchten Turm, wo sie sich
in den Luken schwangen. Es läutet! Ja, natürlich, es läutet, es läutet in
der Kirche. Und alle Glocken läuteten, nicht nur die Beerdigungsglocke. Es
gab einige, die sofort in den Turm hineingingen, wo der Kirchner und sein
Gehilfe an den Stricken auf und abtanzten. Es läutet ja?

»Er hat es befohlen, der Neue!«

Die kleine verzweifelte Frau hörte auf zu lachen und lauschte, indem sie
den weißen Kopf zur linken Schulter neigte und den Mund öffnete. Sie wandte
sich nicht um, sie lauschte nur. Es war das große Geläute.

Die schmale Türe der Sakristei öffnete sich und der Vikar stieg die Stufen
herab. Er war im Talar und auf seinem Arme lag ein Buch. Alle sahen ihn
kommen und bildeten eine Gasse. Er schritt hindurch, den Blick auf den
Boden geheftet. Er trat ans Grab und nahm das Barett ab.

Seine Haare waren braun und weich, mit einem Schimmer ins Rote, und alle
konnten sehen, daß sein Gesicht lang und mager war.

Er schlug die Augen auf und sah nun aus, als ob er noch nicht zwanzig Jahre
alt wäre. Er lächelte unmerklich und richtete den sanften, schimmernden
Blick auf die weißhaarige Frau. Dann begann er zu sprechen. Es war
totenstill und man hörte einen gedämpften Schritt im Schnee knarren. So
leise sprach der Vikar, daß man ihn kaum verstand, seine Stimme zitterte
und plötzlich blieb er stecken. Er schwieg eine lange Weile, errötete, aber
er wandte den Blick nicht von der kleinen Frau ab. Dann fand er sich wieder
zurecht und nun sprach er rasch und sicher bis ans Ende. Seine Stimme wurde
nicht laut, aber sie schwebte doch klar und deutlich bis in jede Ecke des
Friedhofes und ein feines, feierliches Echo antwortete von der Kirchenwand
her.

Die Rede des Vikars war schlicht und nicht lang. Er sprach von den vielen
Kränzen, die man der Verblichenen gebracht habe, und daß sie aus Nah und
Fern gekommen seien, die sie kannten, so viele, viele seien gekommen, alle
habe ihr Tod und ihr Schicksal erschüttert und in der Stadt und auf dem
Lande trauere ein jeder um sie. Nun erst, da sie tot sei, wisse man, wie
sehr man sie geliebt habe.

»Sie war jung und frisch und voll von Leben,« sagte er, »ihr habt sie
gekannt, ich habe nur von ihr gehört. Sie wandte sich ab von der Erde und
starb den schwersten Tod, den es gibt.«

Der Vikar sprach davon, wie fleißig und treu sie gewesen sei, wie
diensteifrig sie war und wie fein doch ihr Herz war.

»Es war so fein, ihr Herz,« sagte er und lächelte leise, »sie starb an
ihrem feinen Herzen. Sie glaubte auch, daß ihr alle sie mißachten würdet,
sie fürchtete euren Blick, sie schämte sich vor euch. So fein war sie. Das
aber wollte sie nicht. Da warf sie denn alles hin, was sie hatte, ihre
Jugend, ihre Frische, ihre Erinnerungen, ihre Wünsche und alle Freuden, die
auf sie warteten. Das alles warf sie hin. Viel zu viel war es, viel zu
viel.«

»Viel zu viel war es, viel zu viel,« wiederholte der Vikar, und das feine,
klingende Echo rief: Zu viel, zu viel.

Da begann die alte Frau zu weinen, ihr Gesicht zog sich zusammen, nichts
als braune Runzeln war ihr Gesicht, es sah wie eine Nuß aus.

Der Vikar blickte auf sie und lächelte. »Sie hat wohl Grund zu weinen,«
sagte er, »wer von uns allen würde nicht weinen an ihrer Stelle. Wir würden
klagen wie sie und Worte könnten uns nicht trösten. Aber in ihrem Schmerze
wird es wie eine feine Freude sein, daß die, um die sie trauern muß, so
fein war und gut. Und sie wird ja ihr Kind haben! Es ist auch ein Mädchen,
es wird wachsen, spielen, lachen, es wird etwas sein, das sie tröstet,
nicht alles, aber doch viel, nicht wahr, viel!«

Nun sprach er ausschließlich zu der alten Frau und er sagte auch, daß ihre
Tochter nun bei Gott sein werde, zu den feinsten Seelen werde sie gehören.

»Denn Gott versteht sich wohl besser auf Menschenseelen als wir,« sagte er.
»Er wird sagen: Ich habe gesehen, wie du gekämpft hast, wie du gerungen
hast -- ich habe alles gesehen, es ging über deine Kraft. Ich habe auch
gesehen, daß du auf dem Wege zum Tode einem Kinde begegnetest und du hast
es gestreichelt. Auch das habe ich gesehen, auch das. Ein Hund hat vor
deinem Hause gebellt und du hast ihm Nahrung gegeben -- damals warst du
noch ein Kind -- auch das habe ich gesehen und nicht vergessen, denke
nicht, daß mir etwas entgeht und daß ich etwas vergesse -- zittere nicht
--«

Die alte weißhaarige Frau lauschte. Sie legte ein wenig den Kopf auf die
Seite, ganz wie ein Vogel, der lauscht, und heftete die tränenwunden Augen
auf die Lippen des Vikars; kein Wort sollte ihr entgehen, nichts, nicht das
kleinste Wort. Sie begann leise und schmerzlich mit dem Kopfe zu nicken und
die Tränen flossen langsam über ihr welkes Gesicht und tropften in den
Schnee.

Der Vikar segnete die Tote ein und alle beugten die Köpfe, sein Blick ging
über sie hin.

Unter all den Anwesenden befand sich ein Mann mit gelbem Gesicht und
kleinem Spitzbart und dieser Mann war der einzige, der den Kopf nicht
senkte. Er stand und lächelte und heftete die kleinen Mausaugen erstaunt
und spöttisch auf den Vikar.

Der Vikar ging rasch durch die Menge hindurch und sein Talar verschwand in
der schmalen Türe der Sakristei.

Die alte Frau folgte ihm und ging die Stufen empor. Aber hier geschah etwas
Merkwürdiges. Auf jeder Stufe kniete sie nieder und küßte sie. Dann machte
sie den Knöchel des Fingers ganz spitz und pochte an die Türe.

Sie blieb über eine Stunde in der Sakristei.




Siebentes Kapitel


Graus Hände zitterten: Nein, nein, er hatte nicht die rechten Worte
gefunden, er hatte es nicht vermocht!

Er warf einen Blick in die kleine alte Kirche, wo er eine blitzblanke
kleine Orgel entdeckte und an einem Fenster die Reste einer ehemaligen
Bemalung. Ein herrliches Fleckchen Blau, ein Streifen von einem seltenen
Weinrot. Dann ging er durch den gedeckten Gang und hinüber ins Pfarrhaus.
Während er sich umkleidete, sah er sich in der neuen Wohnung um. Das
Pfarrhaus war ebenfalls alt, klein, mit Winkeln und Erkern,
Holzvertäfelungen und einer kleinen Wendeltreppe. Im Vorraum hing ein altes
pechschwarzes Ölgemälde. An der Türe war eine große Glocke angebracht und
zwar war sie so aufgehängt, daß sie gleichsam zu schwingen anfing, wenn man
sie nur ansah.

Vorläufig war es für Grau noch ein Rätsel, was er mit all den Zimmern
anfangen sollte.

Er öffnete eines der kleinen Fenster. Sonne, Stille, Weite! Unter ihm lag
die Stadt und die weite Talebene. So unregelmäßig und klippig wie sich das
Treibeis staut, so unregelmäßig und klippig drängten sich all diese hundert
steilen Giebel und Dächer ineinander. Da und dort klafften Risse und
Spalten, das waren die Gassen und kleinen Plätze. Über diese beschneiten
Giebel war eine Unmasse von Türmchen und Dachreitern geschüttet. Aus den
unzähligen Kaminen stiegen dünne opalisierende Rauchsäulen in die klare
Winterluft. Hunderte von Fenstern und Scheiben blitzten und blendeten und
farbige Fünkchen tanzten auf den Schneedächern.

Rings um die weiße Stadt war alles weiß. Auch der Fluß, der die Stadt die
Höhe hinaufdrängte, war weiß, er war gefroren. Eine Menge von Kähnen,
Barken, Fähren und Frachtschiffen mit Masten und Stangen lag fest im Eise
und auf den Schiffen kletterten kleine Pünktchen herum, Kinder, die
spielten.

Eine weiße Brücke spannte sich über den weißen Fluß. Dann begann die Ebene,
weit und weiß dehnte sie sich, bis zu den Höhenzügen, ferne Wälder,
kriechendem Moose ähnlich, waren über sie ausgestreut.

Ein feines Klingen schwang in der winterlichen Stille, es klang aus einer
Schmiede. Die Pünktchen, die auf den Schiffen klettern, erwiderten es
schrill.

Zwei Fenster gingen auf den Garten hinaus. Der Garten war klein, nahezu
dreieckig und in zwei Terrassen angelegt. Er war angefüllt mit unberührtem,
wie Seide schimmerndem Schnee, und in den Ecken lagen Büsche, Gestrüpp,
Stickereien aus Schneekristallen und mit Schichten von Schnee bedeckt, die
eigentümlichen Blütentellern ähnlich sahen. Gegen die Straße zu, die Höhe,
war der Garten mit einem grünen Zaun abgegrenzt, auf den andern Seiten
stieß er gegen Gärten. Da war ein Park, ein wahrer Wald alter, hoher Bäume,
die tief im Schnee wateten; er konnte weit in ihn hinein sehen, denn die
Mauer war niedrig. Zwischen den Stämmen der alten Bäume schimmerte ein
langes weißes Gebäude, ein Herrschaftshaus. Die Mauer des andern
anstoßenden Gartens war übermäßig hoch und sah düster aus wie eine
Gefängnismauer. Über sie hinweg blickten die zwei trüben Fenster eines
grauen alten Hauses, wie zwei düstere traurige Augen unter einer niedern
vergrämten Stirn. Die übermäßig hohe Mauer aber bot einen ganz merkwürdigen
Anblick dar. Sie war mit Glassplittern und Eisenspitzen gespickt und trug
eine große Tafel, die man leicht von der Straße aus lesen konnte, mit der
Aufschrift: Vor den Hunden wird gewarnt! Achtung, Selbstschüsse! Vorsicht!
Fußangeln!

Grau lächelte. »Eigentümlich!« sagte er.

Dann nahm er rasch den Hut und verließ das Haus, immer noch zitterten leise
seine Hände. Wie töricht!

Grau begab sich in den »weißen Elefanten« und trug den roten Reisesack in
seine Wohnung hinauf. Auf dem Wege begegnete er jenem Mann mit dem gelben
Gesicht, der ihm im Friedhof aufgefallen war. Der Mann strich an den
Häusern entlang, blieb stehen, als er Grau gewahrte und ging dann
geradeswegs auf ihn zu, als ob er ihn ansprechen wolle. Aber er tat es
nicht, er machte plötzlich einen Bogen, blinzelte und verzog die Lippen zu
einem saueren Lächeln. Er griff an den Hut und Grau grüßte hastig und
freundlich.

»Ein schöner Tag!« sagte er lächelnd. »Nicht wahr?«

Der Mann aber machte nur ein verblüfftes, ernstes Gesicht, zwinkerte und
strich sich die Haare aus der Stirn, er grüßte nicht. Wie sonderbar! dachte
Grau und vergaß die Begegnung nicht wieder.

Nach einer Weile sah man Grau wieder die Staffeln herabkommen, einen
lächerlichen kleinen Zylinder auf dem Kopfe, eine Liste in der Hand. Er
ging rasch und schwebend. Er schritt über den Marktplatz und trat beim
Uhrenhändler Lux ein. Hier sprach er lange. Dann erschien der Uhrenhändler
Lux im Fenster, eine goldene Uhr in der Hand, er ritzte, prüfte, zwängte
ein Glas ins Auge und drehte die Uhr hin und her. Darauf verließ Grau
heiter den Laden und der Uhrenhändler verbeugte sich hinter ihm.

Grau ging in den »weißen Elefanten« und beglich seine Rechnung. Der
x-beinige mürrische Wirt bellte wie am Abend, aber er gab sich Mühe zu
lächeln. Hätte er gewußt, wer der Herr sei, so würde er ihm ein besseres
Zimmer gegeben haben. »Bitte, bitte, ich habe prächtig geschlafen!« Der
Wirt verbeugte sich vor Grau und Grau verbeugte sich vor dem Wirt. Die
blonde Frau sah übernächtig aus. Grau betrachtete sie mit einem
eigentümlichen Ausdruck der Augen, und ein fades Lächeln kam auf ihr
Puppengesicht und in ihre wasserblauen Augen. Grau errötete und ging.

Nun konnte man Grau mit seinem kleinen Zylinder, die Liste in der Hand, die
Straße hinab gehen sehen. Er verschwand in den Häusern, verhielt sich
einige Zeit darin und erschien wieder auf der Straße, um im nächsten Hause
zu verschwinden. Ganz wie ein Briefträger.

Was Grau in den Häusern tat, ist sehr einfach zu erklären. Er klopfte an
die Türe, zog den Zylinder, stellte sich vor und rückte mit der Liste
heraus.

»Ich bitte tausendmal um Entschuldigung, diese arme, alte Frau, sie ist im
höchsten Grade bedürftig, der Kummer macht sie auf einige Zeit
erwerbsunfähig -- dazu die Unkosten -- Grau, Vikar Grau -- dann ist ja auch
das Kind da, verzeihen Sie die Störung, ich bitte tausendmal um
Entschuldigung!«

Überall brachte er das gleiche vor. Die Leute räusperten sich, putzten sich
die Nasen, kamen in Verlegenheit -- denn Grau stand geduldig wartend da,
blickte sich lächelnd im Zimmer um und verbeugte sich ab und zu ein wenig
mit der Liste in der Hand -- sie fuhren hastig in die Taschen und
klapperten mit Schlüsseln. Hier und da waren aber diese Schlüssel absolut
nicht zu finden, und sie sprangen umher, rannten gegen Türen und Wände,
aber die Schlüssel waren ganz einfach fort. Man wird die Spende ins
Pfarrhaus senden.

»Schön, schön! Ganz nach Belieben, gnädige Frau. Darf ich Sie vielleicht
bitten, Namen und Betrag einzuzeichnen, hier in diese Liste, Bleifeder habe
ich, bitte hier. Es ist der Ordnung halber und dann ermutigt es die andern
Herrschaften -- denn wo ein Sperling ist, da sind auch schon zwei, wo zwei
sind, sind drei, wo drei sind, da sind auch gleich hundert, nicht wahr?
Hier, erlauben Sie gütigst, ein ungenannt sein wollender Wohltäter hat auf
einen Schlag zwanzig Mark gezeichnet, Herr Bürgermeister Stürmer zehn Mark,
Frau Tierarzt Hammer fünf, Frau Rentamtmannswitwe Ulzhöfer eine Mark --
wenn es auch nur eine Kleinigkeit ist -- mit einem Tropfen kann man den
Durst ja nicht löschen, aber in einer Ansammlung von Tropfen kann man recht
schön ertrinken -- danke, herzlichen Dank, gnädige Frau.«

»Vergessen Sie nicht zum Steinbruchbesitzer Eisenhut zu gehen, Herr Vikar!«

»Danke, auf keinen Fall! Ich danke Ihnen aufs herzlichste!«

Er kam in alle diese alten, krummen Häuser, in alle möglichen Stuben, zu
allen möglichen Menschen. Jedes Haus roch anders, die Treppen knarrten
anders. Die einen waren steil und dunkel und kletterten in eine Art von
Turm hinauf, andere waren breit und licht, knarrten vornehm und führten auf
weite, helle Vorplätze. Zuweilen stand man unvermutet dicht vor den Türen,
es gab aber auch Treppen, auf denen man sich verirren konnte; sie liefen
kreuz und quer, endeten im Boden oder führten auf einen Hof hinaus. All die
Glocken, die Grau an diesem Tage läutete, hätten zusammen ein Konzert
gegeben. Da waren schüchterne und anmaßende Glocken, gutgelaunte und
mißgestimmte, winselnde und lachende, solche die knarrten und fauchten,
bevor sie einen Ton herausstießen, andere, die bei der leisesten Berührung
in ein übermäßiges Gebimmel ausbrachen, die einen beruhigten sich sofort
wieder, die andern läuteten fleißig weiter; es gab freundliche Glocken, die
sofort höflich sagten: Herein, herein! es gab ungastliche, die brummten:
Geh weg, weg! Die Zimmer, in die Grau trat, waren weit und licht, oder
düster, oder schmal wie ein Omnibus. Es gab eine Menge von interessanten
Dingen zu sehen, eine Uhr aus Porzellan, einen Ofen, der merkwürdigerweise
an der ungeschicktesten Stelle im Zimmer stand, dafür aber die zwölf
Apostel auf den Kacheln zeigte, Schränke von unglaublicher Größe, förmliche
Häuser, alte Waffen, Truhen, Zinnkannen, in jedem Zimmer wenigstens etwas.

Grau sah sich alles aufmerksam an und nichts entging ihm. In einem Hause
rannten ihn zwei große Jagdhunde beinahe um, Kinder prügelten sich in einem
andern und rollten ihm unter die Füße, das aber brachte ihn nicht aus der
Fassung. »Bitte, bitte, ich bin ja der Eindringling, entschuldigen Sie --
Grau, Vikar Grau.« Er lächelte, verbeugte sich vor den jungen Mädchen, die
steif wie Besen dastanden, vor den Männern und Frauen, den Dienstboten, ja
vor den Hunden. An die Hausfrauen hatte er nach dem ersten Anliegen noch
ein zweites. Nachdem er sie mit Worten, Entschuldigungsformeln, Redensarten
und Sprichwörtern, die er selbst erfand, allen erdenklichen
Liebenswürdigkeiten genügend bearbeitet hatte, um sie für sein erstes
Anliegen günstig zu stimmen, rückte er noch mit einem andern heraus. Ja,
nämlich, wo sie Eier, Butter und Schmalz bezögen? Es wäre am Platze, diese
Eierhändlerin auch anderweitig zu unterstützen. -- »Darf ich Ihre Adresse
in dieses Notizbuch schreiben, wie? Die Frau wird sich erlauben, zu Ihnen
zu kommen, ich habe alles mit ihr besprochen. Gut!«

Er hatte überall Erfolg. Die Leute waren anfangs ein wenig erstaunt, aber
gegen so viel Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit konnten sie nicht
aufkommen. Dann waren es auch Graus Augen, die sie alle ansehen mußten. Wie
merkwürdig, dieser Mensch hatte goldene Augen. Auch seine Weise dazustehen,
zu plaudern, zu lächeln, so unerhört herzlich, frei und fein -- sie
zeichneten!

Das Gerücht ging vor ihm her und er fand sie alle vorbereitet; die Türen
waren entweder verschlossen oder sie öffneten sich sofort, als ob man
dahinter gewartet habe. Fräulein Karola Sperling, die Modistin, die in der
Stadt die »ewige Braut« hieß, ließ ihn sogar durch ein Mädchen bitten, bei
ihr vorzusprechen. Sie sah aus wie ein junges Mädchen und hatte weißblondes
Haar, ihre Manieren waren verschämt und kokett und doch war sie über
fünfzig Jahre alt. Ihr weißblondes Haar war an den Schläfen schneeweiß. Sie
hatte den Bräutigam im Kriege verloren und trauerte seitdem um ihn. Sie
erzählte Grau ihre ganze Lebensgeschichte, ein trauriges Idyll; sie zeigte
ihm auch das Bildnis des Bräutigams, eines Offiziers, während sie lächelte
und eine Träne verbarg. Zuletzt zeichnete sie dreißig Pfennig, nicht ohne
zu erröten. Grau dankte ihr aufs herzlichste und hätte ihr am liebsten die
Hand geküßt.

Ein feister, glänzender Herr mit einer großen Zigarre im Munde, die das
ganze Zimmer mit Rauch angefüllt hatte, wies ihn dagegen kurz ab. Er gab
prinzipiell nichts.

»Wieso?«

»Ja, zum Teufel -- Pardon! -- aber ich bin ein Feind von all diesen Dingen,
Almosengeben und Unterstützungen und so weiter,« sagte er und paffte, so
daß er nahezu in der Rauchwolke verschwand!

»Ah!« sagte Grau schüchtern. »Ich bitte um Entschuldigung, wenn es brennt,
so nimmt man Wasser und löscht und denkt nicht weiter. Man kann nicht
weniger geben als Geld, mein Herr, glauben Sie mir. Ich habe einen Mann
gekannt, der bei keinem Juden etwas kaufte, ja niemals mit einem Juden
sprach -- ebenfalls aus Prinzip! Was sagen Sie dazu? Hahaha! Aber könnten
Sie nicht eine Ausnahme machen -- diese unglückliche Eierhändlerin --«

»Ich habe weder mit Ihrem Manne noch mit der Eierhändlerin etwas zu tun!«

»Mehr als Sie glauben!« Grau setzte sich auf einen Stuhl, obgleich ihn der
feiste, glänzende Herr nicht zum Setzen aufgefordert hatte. »Weit mehr, als
Sie glauben. Ich habe beobachtet, daß eine Schwalbe in einer Dachrinne
festgeklemmt wurde, nun kamen hunderte von Schwalben --« begann er
lächelnd.

»Ich bin aber keine Schwalbe!« unterbrach ihn der feiste Herr mit einer
verzweifelten Gebärde und verschwand in der Rauchwolke.

»Mehr als Sie glauben, mein Herr!« sagte Grau und stand auf. »Entschuldigen
Sie, daß ich Sie in Ihrer Arbeit gestört habe. Vielleicht könnten Sie aber
Ihre Frau Gemahlin oder Ihre Haushälterin dazu bewegen, Eier und Schmalz
bei dieser armen Frau --«

Der Herr brach in ein zorniges Lachen aus. »Hier!« sagte er. »Hier nehmen
Sie drei Mark, basta. Aber meinen Namen lassen Sie hübsch aus dem Spiele!«
Er warf ärgerlich die Münze auf den Tisch.

Grau verneigte sich. »Also ungenannt sein wollender Wohltäter -- gut,
danke! Sehen Sie, wie recht ich hatte, Sie sind doch eine Schwalbe,
trotzdem!«

»Ich gebe Ihnen diese Kleinigkeit da,« sagte der Herr und stand auf,
»ehrlich gesagt, um meine Ruhe zu bekommen. Das ist der wahre Grund, der
wahre!«

»Das glauben Sie nur!« sagte Grau, merkwürdig lächelnd.

Der dicke Herr stutzte; er griff sich an den Kragen, dann lachte er, und
zwar ein komisches Gemisch von zornigem und vergnügtem Lachen.

»Ich war vielleicht etwas geradeaus!« sagte er lachend und seine Mienen
hellten sich mehr und mehr auf. »Aber es ist mein Prinzip, stets unverblümt
zu sagen, was ich denke! Ich bin ein Feind aller Verzärtelung und alles
Damenhaften! Hom, hom! Ich bin auch ein Feind der Damen, ehrlich gestanden,
hahaha! Ich bin auch ein Feind aller phrasenhaften Entschuldigungen,
verdamm' mich Gott! Aber ich bitte Sie, zum Zeichen Ihrer Nachsicht --
Ihrer -- ein paar meiner Zigarren zu rauchen. Bitte, bitte!«

Grau wollte ablehnen, aber der feiste Herr schüttelte erregt den Kopf und
fuhr so energisch in die Zigarrenkiste, daß es aussah, als ob er Grau alle
Zigarren auf einmal geben wollte. Je tiefer seine Hand aber in der Kiste
wühlte, desto mehr mäßigte er seine Erregung und als er die Hand zurückzog,
befanden sich nur vier Zigarren darin; er legte sie vor Grau auf den Tisch,
merkwürdigerweise jedoch blieb eine Zigarre in seinen Fingern hängen und
wanderte wieder in die Kiste zurück.

Grau dankte, nahm zwei Zigarren und ging. Der Herr begleitete ihn hinaus,
bis ans Stiegenhaus, und verneigte sich laut lachend.

»Also, ich bitte nochmals um Entschuldigung, ich bin zuweilen sehr reizbar
-- hahaha -- auf Wiedersehen, Herr Grau!« Er lachte noch in das Stiegenhaus
hinein, als Grau schon das Haus verlassen hatte.

Grau kam auch zu dem Schuhmachermeister mit dem aufgeblähten Hals. Hier
mußte er eine Tasse Kaffee annehmen. Der Schuhmachermeister versprach, die
Schuhe der alten Frau kostenfrei auszubessern, zu sohlen, zu flecken, auch
eine Filzsohle wollte er hineinlegen. Übrigens bezog er Eier und Schmalz
schon von ihr.

»Vergessen Sie ja nicht, zum Steinbruchbesitzer Eisenhut zu gehen, neben
dem >Elefanten<, das alte Haus -- er ist der reichste Mann der Stadt!«

»Auf keinen Fall!«

Graus Liste wuchs. Es ging die Straßen links hinunter und rechts herauf. Er
vergaß kein Haus. Auf diese Weise lernte er die ganze Stadt kennen; er
machte die Bekanntschaft von vielen liebenswürdigen Menschen; viele Güte,
die sich in einem Lächeln verriet, viel Stolz und Feinfühligkeit, die sich
in einem Verstecken des Blickes offenbarte, ja, selbst Adel, den Grau in
einer kleinen Bewegung der Hand entdecken konnte. Versteckte Schönheiten
und viel Sehenswertes, so daß er sich für die geringe Mühe überreich
belohnt fühlte. Seine Laune wurde noch besser. Endlich kam er zum x-ten
Male auf den Marktplatz und ging auf Eisenhuts Haus zu.

Da lag dieses Haus, in dem der reichste Mann der Stadt wohnte, inmitten all
dieser gepflegten, gestrichenen und mit Schnitzwerk und Erkern gezierten
Häuser, grau, elend und verwahrlost. Ein kalter Hauch ging von ihm aus. Der
Bewurf war an vielen Stellen herabgefallen und die nackte Mauer blickte
hervor, es war geschwärzt von Ruß und lange, schmutzige Regenspuren liefen
vom Dache bis zum Erdgeschoß herab wie Tränenspuren über ein altes,
schmutziges Gesicht. Kinder hatten Gesichter an die Wand gemalt und unter
einem riesigen Kopf mit spitziger Nase und zwei kleinen Augen auf der
gleichen Seite des Gesichtes stand geschrieben: »Ich bin der Geizhals
Eisenhut, bembele bembum --.« Von der Türe war die Farbe gesprungen und sie
sah fleckig aus wie ein Pilz und so staubig, als hinge der ganze Staub vom
letzten Sommer daran.

Grau zog an einem Glockenring und eine Glocke im Hause bellte wie ein
alter, heiserer Hund. Grau läutete drei-, viermal, die Glocke bellte und
klaffte, aber niemand öffnete.

Vor dem Nachbarhause stand der Schlächtermeister Keim unter der Tür des
Ladens, dick und wohlgenährt, eine Kappe auf dem Ohr. Er stemmte die Fäuste
in die Hüften und seinen Bauch erschütterte ein verhaltenes Lachen.
Trotzdem es Winter war, glänzte er von all dem Fett, das er ausschwitzte,
seine Schürze flatterte leicht und er erweckte durchaus nicht den Eindruck
der Schwere trotz seiner Dicke. Er erinnerte an einen jener komischen
Papierballone, die man zur Volksbelustigung an Jahrmärkten steigen läßt,
und das Zittern des Bauches drückte gleichsam die Ungeduld des Ballons aus,
in die Höhe zu segeln.

»Er ist da, er ist zu Hause!« sagte der Schlächtermeister Keim und schon
zitterte das Lachen in seinen dicken Backen. »Er ging soeben hinein.«

Grau läutete wieder.

»Unterdessen,« sagte er zu dem Schlächtermeister, »ich komme in einer
Angelegenheit, die nicht nur Herrn Eisenhut betrifft -- Grau, Vikar Grau --
Sie kennen diese alte Frau Sammet, diese Eierhändlerin, Herr Keim, nicht
wahr, das ist Ihr Name -- auf dem Firmenschild da --«

»Jawohl, Keim, so heiße ich.«

»Wer so prächtig aussieht wie Sie -- hier ist die Liste -- deswegen wird
kein Auge weniger auf der Suppe schwimmen --«

In dem Gesichte des Schlächtermeisters, der vor Wohlgenährtheit nahezu
platzte, verschwand augenblicklich jede Spur von Fröhlichkeit, ja, er sah
plötzlich betrübt aus. Er hatte in letzter Zeit soviel gegeben, daß er
wirklich nicht mehr konnte. Er rückte die Kappe vor, um sich hinterm Ohr
kratzen zu können. Jeden Tag käme etwas Neues.

Grau sah ihn an und lächelte. »Aber wer so gütig aussieht wie Sie?« sagte
er. »Ich glaube ja gerne, daß Sie in der letzten Zeit stark in Anspruch
genommen wurden, aber das ist doch ein besonderer Fall, nicht wahr?«

»Jeder Fall ist eben besonders.« Der Schlächtermeister steckte die Hände in
die Hosentaschen und schaukelte leise auf den kurzen schwammigen Beinen hin
und her.

Grau lächelte. »Erlauben Sie,« begann er von neuem, »würden Sie sich zu
einer kleinen Gabe entschließen können, wenn ich Ihnen einen Scherz
erzählte, über den Sie herzlich lachen müssen und den Sie Ihr ganzes Leben
-- ich sage, Ihr ganzes Leben lang nicht mehr vergessen?«

Herr Keim bemühte sich ein ernstes Gesicht zu machen.

»Das kommt darauf an!« sagte er und spuckte gleichgültig in den Schnee.

Grau sagte lächelnd: »Hören Sie, Sie heißen Keim, aber wenn Sie schon Keim
heißen, so muß man zugeben, daß der Keim hübsch aufzugehen verspricht!«

Der dicke Fleischer brach augenblicklich in ein lautes Gelächter aus. Er
hielt den hüpfenden, dicken Bauch mit den beiden Händen und schüttelte
sich.

»Hahaha!« lachte er und hustete, »hahaha!«

Grau wippte mit der Liste und Herr Keim gab zwei Mark.

Da rasselte etwas an der alten fleckigen Haustüre und ein Guckfensterchen,
nicht größer als eine Streichholzschachtel, fiel herab.

Dieses Geräusch des herabfallenden Fensterchens kam Grau bekannt vor. Und
nun schien es ihm, als ob er dieses Guckfensterchen selbst schon vorher
gesehen hätte.

Ein Auge funkelte in dem Guckloch und eine zaghafte, hohe Fistelstimme
fragte:

»Wer ist da?«

»Ist Herr Eisenhut zu Hause?«

»Nein!« antwortete die Fistelstimme und Grau glaubte ein feines Kichern zu
hören.

»Wann kommt er denn zurück?«

»Er ist verreist!« Das Guckfensterchen schloß sich wieder.

Grau verließ die Türe mit einer eigentümlichen Empfindung. Wie merkwürdig!
dachte er und die Fistelstimme klang ihm noch lange im Ohr, während er die
Jungferntreppe hinaufstieg, eine Art von schmalem Kamin, der zwischen
kahlen Hauswänden und Gartenmauern zur Höhe führte. Er wollte im Schlosse
vorsprechen, jenem weißen Herrschaftshause, das er heute von seinem Fenster
aus gesehen hatte.

Er ging durch den weiten Park, dessen Bäume so hoch waren, daß er sich
winzig klein dagegen vorkam, und sann darüber nach, wo er das kleine
Guckfensterchen schon gesehen habe. Jenes Geräusch, das es beim Herabfallen
verursacht hatte, verfolgte ihn hartnäckig. »Es ist doch höchst einerlei,«
sagte er vor sich hin, »wo ich solch ein Guckfenster schon gesehen habe,
was liegt viel daran? Aber trotzdem, trotzdem! Ich habe dieses Guckfenster
schon gesehen oder vielmehr gehört, das ist es.« Er schüttelte den Kopf und
stand vor dem weißen Hause. Nun erst sah er, daß ein Flügel des
Herrschaftshauses eingeäschert war bis auf den Grund. Die Brandstätte war
abgeräumt, Gerüststangen waren eingerammt, aber man sah keine
Handwerksleute.

Er stieg die Treppe hinauf, öffnete die schwere Türe und stand plötzlich
vor einem pechschwarzen Neger, der eine Laterne auf dem Kopfe trug.

»Ach,« ging es ihm durch den Kopf, »jetzt erinnere ich mich! Ich habe
dieses Guckfensterchen schon gesehen in einem Hause, in dessen Flur eine
alte Holzfigur stand, ein Heiliger. Die Arme des Heiligen waren
abgeschlagen. Aber wo, wo denn?«

Der pechschwarze Neger war aus Bronze und von der Laterne hingen schwere
Messingketten herab. Grau wollte eben an einer Türe pochen, als ein Diener
hinter ihm fragte, was der Herr wünsche. Die Jacke des Dieners war
gestreift und erinnerte an das Fell eines Zebras. Der Diener öffnete die
Türe eines kleinen Salons und bat Grau zu warten.

Der Salon wurde von einem Sonnenstrahl erhellt, der sich durch die Gardinen
zwängte. Die Möbel waren hell und niedrig und standen auf zierlichen weißen
Beinen.

Grau wartete und wagte nicht zu atmen, so still war es hier und so vornehm.
Er hätte sich gerne geräuspert, aber das ging wohl nicht gut hier. Da hörte
er einen gedämpften Schritt und eine junge Dame erschien in der Türe.

Sie nickte und fragte: »Womit kann ich Ihnen gefällig sein?« Sie sprach
höflich aber kühl.

Grau erwiderte nichts. Er sah die junge Dame an. Sie hatte auffallend
reiches Haar von tiefschwarzer Farbe und war von fremder, stolzer
Schönheit. Sie stand im Schatten und ihr Gesicht sah lang und bleich aus.
Ihre Augen waren klar und ernst. Aber das Merkwürdige daran war, daß sie
heller aussahen als selbst die blassen, langen Wangen. Das kam von den
schwarzen wie Atlas glänzenden Haaren, die fast die ganze Stirn bedeckten
und von den langen glänzenden Wimpern, die die Augen einsäumten. Etwas von
dem Glanze, der Kerzenlicht bei Tag eigen ist, war in diesen Augen.

»Womit kann ich Ihnen gefällig sein, mein Herr?« wiederholte das Mädchen.

Grau brachte hastig seine Bitte vor, und die junge Dame erwiderte, daß sie
mit ihren Eltern sprechen werde und ihm Bescheid zugesandt werden würde.

Grau verbeugte sich und sah noch einmal in dieses schöne, regungslose
Gesicht und ging. Er vergaß ganz mit seiner Liste herauszurücken und zu
fragen, wo die Herrschaften Eier und Schmalz bezögen.

Er ging rasch durch den Park hindurch und war so erregt, daß er nichts sah
und nichts hörte, bis er wieder auf dem Marktplatze stand.

»In welche Stadt bin ich doch da geraten!« flüsterte er. »Zuerst diese
Sache mit dem Guckfensterchen und nun dieses Mädchen. Ich habe ja dieses
Mädchen schon einmal gesehen, irgendwo und irgendwann, ich erinnere mich
deutlich an dieses Gesicht und diese sonderbaren Augen.«

Er eilte weiter und erst nachdem er bis zum Flusse hinabgelaufen war, fiel
ihm ein, daß er noch einen Besuch hatte machen wollen.




Achtes Kapitel


Grau sprach bei Frau Bezirksamtmann Häberlein vor, wo das Dienstmädchen
zuletzt gedient hatte. Hier hielt er sich längere Zeit auf.

Die Frau des Hauses, eine Dame mit breiten Hüften, schmaler, fast
zierlicher Büste, porzellanartigem Teint und viel äußerlicher Vornehmheit,
empfing ihn mit übersprudelnder Herzlichkeit im Salon. Ihre Stimme bimmelte
immerfort wie ein kleines helles Glöckchen, besonders hell, wenn sie
lachte; sie konnte aber auch und zwar ganz unvermittelt, Teilnahme,
Mitleid, Resignation, Ergebenheit, Schmerz, Trauer und sogar Verzweiflung
ausdrücken, um gleich darauf wieder in Heiterkeit zu erklingen.

Frau Häberlein verheimlichte nicht, daß sie ein wenig verletzt sei, da Grau
so spät erst zu ihr komme. Als Frau des Bezirksamtmannes spielte sie die
Rolle einer Königin in der Stadt und jeder ankommende Beamte beeilte sich
ihr augenblicklich unter tiefen Bücklingen seine Ergebenheit zu Füßen zu
legen. Aber als Grau ihr mitteilte, daß er absichtlich zuletzt zu ihr
gekommen wäre, um sich über das unglückliche Mädchen näher zu erkundigen,
erklang das kleine Glöckchen ihrer Stimme um so lebhafter und heller. Mit
Vergnügen!

Sie begann sofort eifrig zu sprechen, schien aber merkwürdigerweise Graus
Anliegen zu vergessen. Sie sprach von ihrem Gatten, ihrem Vater -- sie war
von adeliger Abkunft -- eine Menge Offiziere in bunten Uniformen und mit
ordengeschmückter Brust tauchten auf, besonders ein General, ein Onkel von
ihr, erfreute sich ihres Interesses, und schließlich wimmelte es in ihrem
Gespräche von Herren und Damen wie in einem Ballsaal. Sie plauderte ohne
Pause, mit vor Liebenswürdigkeit und Eifer glänzenden Augen, die sie nur
gelegentlich von Grau abwandte, um sie einem schrägen Wandspiegel
zuzuwenden, in dem sie sich selbst sprechen sehen konnte. Wie man einen
Hasen mit Speck verziert, so war ihr Gespräch mit Worten und Zitaten aus
allen lebenden und toten Sprachen gespickt.

Glücklicherweise mußte sie niesen und es gelang Grau ihr ins Wort zu
fallen. Er erfuhr nun die näheren Umstände der Katastrophe, Einzelheiten
aus dem Leben des Mädchens, nichts wesentlich Neues.

Ja, sie sei ein braves, ein sehr fleißiges Mädchen gewesen, ordentlich,
reinlich, sparsam, ehrlich, frohsinnig -- mit einem Wort -- es sei sehr,
sehr schade, daß sie so traurig enden mußte.

»Man sagt, ein Fleischergeselle soll der Vater ihres Kindes sein?«

Wie unangenehm ihr die ganze Angelegenheit sei -- wie peinlich -- bei all
dem Bedauern mit dem armen Mädchen, natürlich -- kein Mensch könne sich
vorstellen -- wie peinlich ihr die Angelegenheit sei. »Ja, so sagen die
Leute, der Bursche aber leugnet es.«

»Er wollte wohl nichts mehr wissen von ihr?«

»Nicht eigentlich das. Er wartete oft stundenlang vor der Haustüre --
Margarete klagte oft darüber -- er belagerte das Haus, so daß ich meinen
Gatten aufforderte es ihm zu untersagen.«

»In den letzten Monaten wartete er?«

»Ja, sogar in den letzten Wochen.«

Grau versank in Nachdenken. »Das ist sehr merkwürdig,« sagte er. Er dachte
nach und erinnerte sich erst wieder, wo er war, als Frau Häberlein sich
leise räusperte.

»Entschuldigen Sie, gnädige Frau,« sagte er, »darf ich noch fragen, wie
lange das Mädchen in Ihrem Hause gedient hat?«

»Ein halbes Jahr. Genau ein halbes Jahr.«

»Und vorher?«

»Bei Herrn Eisenhut. Ach, solch eine heikle und penible Angelegenheit!«

Grau erhob sich. »Entschuldigen Sie die lange Störung, gnädige Frau!« Er
verbeugte sich. »Ich bin Ihnen zu großem Dank verpflichtet für Ihre gütige
Aufklärung.« Er ging, aber unter der Türe wandte er sich zurück und sagte:
»Noch eine Frage, verzeihen Sie gütigst. Von welcher Farbe waren die Augen
des Mädchens?«

Frau Bezirksamtmann Häberlein lächelte und sagte mit feiner Stimme, sie
bedaure, so genau pflege sie ihre Dienstmädchen nicht zu betrachten.

»Ja, entschuldigen Sie gütigst. Aber Sie mußten es ja sehen, ohne zu
wollen. Waren die Augen braun oder grau oder blau, erinnern Sie sich
nicht?«

»Wenn ich mich recht erinnere, so hat sie braune Augen gehabt, dunkelbraune
Augen, die im Dunkeln schwarz und glänzend aussahen. Sicherlich waren sie
braun, ja, ich glaube ganz sicher zu sein.«

»Das stimmt mit der Aussage der Mutter des Mädchens überein,« sagte Grau.
»Danke.«

Die Sammlung hatte eine hübsche Summe eingebracht, Grau war zufrieden und
lachte in sich hinein. Ordentlich habe ich abgegrast, dachte er. Er ging
geradeswegs ins Waisenhaus.

Die Schwestern empfingen ihn mit wenigen feierlichen und gütigen Worten in
den stillen Räumen, in denen sie sich ohne Laut bewegten. Er gab das
gesammelte Geld ab, die eine Hälfte bestimmte er für die alte Frau, die
andere Hälfte bat er für die Verpflegung des Kindes zu verwenden.

»Kann ich das Kind sehen?« fragte er.

»Oh, recht gern können Sie das,« lispelten die Schwestern und er sah das
Kind. Er betrachtete es lange und aufmerksam. »Es kann ein schönes Kind
werden,« sagte er, »was für kluge, hellgraue Augen es doch hat! Ist es
nicht auffallend zierlich gebaut? Aber es sieht kränklich aus, oder täusche
ich mich?«

Ja, der Arzt sei ebenfalls nicht zufrieden, es liege an der Amme. Eine
Schlossersfrau habe sich erboten, das Kind zu nähren, aber sie sei
brustleidend.

»Nein, das geht freilich nicht. Ich werde nachfragen. Sie haben niemand im
Hause, der das Kind stillen könnte?« fragte Grau.

Die Schwestern lächelten und erröteten unter der weißen Haube. »O nein,«
flüsterten sie.

Grau sah sie erstaunt an. Dann errötete auch er und machte sich eiligst
davon. »Du bist doch der größte Dummkopf der ganzen Welt,« sagte er zu sich
und lachte in sich hinein.

Am andern Morgen besuchte er zum Erstaunen der Leute alle drei Hebammen,
die es am Platze gab, um nach einer geeigneten Amme zu fragen. Er war den
halben Tag unterwegs, bis es ihm gelang, eine Magd dazu zu überreden, sich
des verwaisten Kindes anzunehmen. Die Magd war derb und stark, sicherlich
gesund und nach Graus Meinung imstande zwei, drei Kinder spielend zu
stillen. Die Magd erklärte sich nach langem Sträuben bereit, aber nun stieß
er unerwartet auf Schwierigkeiten bei der Dienstherrschaft.

Das waren zwei alte Leutchen, ein alter Rentier und seine Gattin, und sie
wollten die Erlaubnis nicht hergeben. Sie waren ohnedies ärgerlich, daß das
Mädchen, eine Verwandte von ihnen, in ihrem Hause geboren hatte, und
wollten nicht, daß es noch weiter bekannt wurde als es schon war. Sie
blickten einander an, der Alte, der eine Kappe mit einer Quaste auf dem
kahlen Schädel trug, und seine Frau, eine verschrumpfte Greisin mit
schneeweißem störrischen Haar und pfiffigem Lächeln, und sagten nein, ein
für allemal nein. Da saß denn Grau zwei geschlagene Stunden auf einem
harten Sofa und führte die Unterhandlung mit den beiden Alten, die noch
dazu schwerhörig waren. Der Greis beschäftigte sich damit, aus einem Topfe
Mehlwürmer hervor zu suchen für ein Rotkehlchen, das lustig in seinem Bauer
trillerte. Dann zerdrückte er Hanfkörner mit einem Bügeleisen. Die Greisin
tat nichts, sie saß da und blickte pfiffig lächelnd auf Grau.

Grau gab sich alle erdenkliche Mühe, aber die Alten rührten sich nicht.
Endlich sagte der Alte mit der Quaste: »Wir sind ja katholisch, mein Herr,
das Dienstmädchen aber ist ja protestantisch gewesen.«

Grau lachte. »Aber, du gütiger Himmel.«

Nun wollte der Greis den wahren Grund sagen. Er sagte: »Das wäre es ja
nicht, Herr, aber es wird so bekannt -- so bekannt überall -- und wir
wollten in aller Stille Gras über das Kind unserer Verwandten wachsen
lassen.«

»Gut! Aber man muß sich doch des verlassenen Kindes annehmen, nicht wahr?«

Oh, da gebe es ja die schwere Menge, sagte die Greisin und lächelte
pfiffig.

»Ganz einerlei! Man muß sich jedes einzelnen Kindes annehmen. Da ist nun
der Herr beschäftigt, Hanf zu knacken und er hat extra Mehlwürmer gezüchtet
und richtet jeden einzelnen her für sein Rotkehlchen wie einen Braten, man
kann recht gut beobachten, mit welcher Sorgfalt er es tut -- und nun ein
Kind! Ein Menschenkind! Vielleicht wird etwas Besonderes aus ihm -- das ist
wie eine Lotterie, vielleicht ist es ein Treffer.«

Man gewinne nie etwas. Der Alte mit der Quaste gluckste. Er band sich eine
grüne Schürze um und begann Schleißen zu schnitzen.

»Oh, erlauben Sie recht sehr, ich habe bei einem Tischler gewohnt, der
gewann das große Los -- er hat jetzt ein Karussell und ein
Wachsfigurenkabinett, zieht umher und bläst die C-Trompete« -- nein,
vielleicht sei es nur ein kleiner Treffer, oder gar kein Treffer, man müsse
sich des Kindes unbedingt annehmen.

Die Alten sahen einander an, lächelten, glucksten und sagten: »Nein!«

Grau wechselte das Thema. Er sprach über alles mögliche, über die Zucht von
Mehlwürmern und die Lebensweise der Rotkehlchen, über die
Verkehrsverhältnisse in früherer Zeit und was für eine Sache das doch
gewesen sei, mit Zunder und Stein Feuer zu machen. Die Alten lachten und
glucksten und machten es ihm vor. Sie konnten es, ja, das war eine Freude,
es zu sehen! In der ganzen Stadt gibt es vielleicht keinen mehr, der es
kann! Alterchen ging, um Kaffee aufzutischen, das andre Alterchen nahm die
grüne Schürze wieder ab, nachdem es genug Schleißen zum Anschüren
geschnitten, und brachte aus einem Schranke ein Gläschen mit Öl, ein paar
alte Schlüssel und krumme Nägel und ölte all das mit einer Taubenfeder
behutsam ein.

Grau erkundigte sich, ob sie Söhne oder Töchter hätten. Ja, das hatten sie,
einen Sohn, zwei Töchter. Nun wollte Grau gerne wissen, wo sie lebten, wie
sie lebten, ob sie gesund und glücklich seien, welchen Beruf der Sohn und
die Schwiegersöhne hätten, jede Kleinigkeit. Aber ehe sich's die beiden
Alten versahen, sprang Grau auf die Enkel über, ja, diese Enkelchen, nicht
wahr? Sechs, oh du meine Güte! Die Greisin ging und brachte Photographien
herbei und der Greis putzte sich die Hände an einer Zeitung, einem Ballen
Putzwolle und einem wollenen Lappen und entnahm dem Schubfache ein
Vergrößerungsglas, denn er mußte nun die Enkel ebenfalls genau sehen.

Grau fragte, wie alt die Enkel seien, wann sie geboren seien, ob sie krank
waren, er mußte alles genau wissen. Er sah die Bilder an, lobte den
trotzigen Zug eines Knaben, über den kleinen Zopf der Enkelin Babettchen
wurde er ganz außer sich vor Freude. Er besang diese Enkel. Ja, so klug, so
gesund, so blühend --

Die beiden Alten kicherten und glucksten.

Plötzlich sagte Grau: »Also, wie steht es jetzt mit der Amme? So ein armes,
verwaistes Kindchen, nicht wahr?«

Die Alterchen erschraken -- denn jetzt konnten sie ja nicht mehr, sie
konnten nicht -- sie sagten: »Ja.«

Grau schüttelte ihnen die Hände. Der Alte nahm die Kappe mit der Quaste ab
und ließ es sich nicht nehmen, Grau an die Türe zu begleiten; sein kahler
Schädel glänzte wie ein Feuerwehrhelm.

»Da fällt mir noch etwas ein,« sagte Grau, »könnten Sie nicht im Frühling
Ihr Rotkehlchen fliegen lassen, zum Beispiel?«

»Wie?«




Neuntes Kapitel


Als Grau nach Hause kam, warteten drei Leute auf ihn. Zwei Dienstmädchen,
die Geld brachten, das die Herrschaft gezeichnet hatte; dann stand noch
eine kleine, elend aussehende Frau da, die ihn zu sprechen wünschte.

Sie war die Frau eines Flickschneiders, ihr Mann war krank und dazu waren
noch fünf Kinder zu erhalten. Sie hatte nun gedacht, vielleicht könnte Herr
Grau ihr helfen.

Grau freute sich über ihr Vertrauen. »Ich danke Ihnen!« sagte er und
drückte ihr die Hand und seine Augen leuchteten. »Bitte, treten Sie ein!«
Er plauderte mit der Frau, der es offenbar Erleichterung verschaffte, ihm
ihr Herz auszuschütten. Sie war sehr arm, der Kranke hatte nicht einmal ein
ordentliches Bett. Grau ermutigte sie und sprach mit ihr wie ein Freund.
Dann ging er in die Küche hinaus, wickelte etwas Geld in Papier und übergab
es der Frau. »Ich werde morgen früh kommen,« sagte er. »Sagen Sie keinem
Menschen etwas davon,« fügte er flüsternd hinzu, »und kommen Sie heute
abend mit einem Karren zu mir, ich habe den ganzen Keller mit Holz gefüllt.
Auch ein Bettstück will ich Ihnen geben, es muß natürlich unter uns
bleiben, denn die Sachen gehören ja zum Hause und nicht mir, es muß ganz im
geheimen geschehen.«

Grau machte Feuer und packte eine Bücherkiste, die eingetroffen war, und
den roten Reisesack aus. Das nahm nicht viel Zeit in Anspruch. Die Bücher
stellte er, ohne sie anzusehen oder zu ordnen in ein Gestell, der rote
Reisesack enthielt nur weniges. Ein alter Anzug, etwas Wäsche, ein Pack
beschriebener Papiere, Hefte, zwei zusammengerollte Bilder, ein Glasprisma,
eine Tabakspfeife, eine verkorkte Flasche Rotwein und verschiedene
Kleinigkeiten. Die Flasche Rotwein, die ihm ein Freund, ein
Gefängnisdirektor, auf die Reise mitgegeben hatte, stellte er in die Ecke,
die Tabakspfeife stopfte er und setzte sie in Brand. Die Pfeife war von
jener Art, wie Jäger und Bauern sie rauchen. Der Kopf einer Gemse war auf
den Porzellankopf gemalt.

Die Pfeife war kaum richtig im Gange, als es klopfte und der
Fleischergeselle Anton Hammerbacher eintrat. Er war ein dicker, kleiner
Mensch, trug eine Bluse, eine aufgerollte Schürze und gestickte Hausschuhe.
Sein Gesicht war rund und freundlich, seine Backen leuchteten wie rote
Äpfel, aber seine kleinen dunklen Augen waren scheu und verschlagen.
Auffallend an ihm war, daß er immerfort den Mund zu einem breiten Lächeln
verzog und sich vergeblich abmühte, ein ernstes Gesicht zu machen. Seine
Hände waren vor Kälte aufgesprungen und das rote Fleisch sah hervor.

Er sagte, daß er hierher käme, weil es nicht mehr auszuhalten sei. Sie
hätten ihn fast totgeschlagen, niemand verkehre mehr mit ihm, aus dem
Kegelklub hätten sie ihn gestrichen und der Metzgerverein habe ihn
ausgestoßen.

Grau rauchte die Pfeife. »Setzen Sie sich, bitte, nehmen Sie Platz,« sagte
er, indem er den Burschen von oben bis unten musterte. »Es ist mir sehr
angenehm, daß Sie kommen, wenn ich offen sein will, ich habe Sie auch
erwartet. Wenn Sie nicht gekommen wären, so hätte ich Sie aufgesucht. Sie
haben ein Verhältnis mit Fräulein Margarete Sammet gehabt, nicht wahr?«

»Ja.«

»Wann hat es geendet?«

»Vorige Weihnachten.«

»Gut. Und warum? Haben Sie es abgebrochen oder das Mädchen? Erzählen Sie
mir, wie es herging. Und erlauben Sie mir, daß ich unterdessen diese Sachen
hier in Ordnung bringe. Sie können ganz frei reden, denn es wird alles
unter uns bleiben, ich gebe Ihnen mein Wort.« Grau streckte ihm die Hand
hin.

Der Bursche mit den rotleuchtenden Backen begann zu erzählen. Grau
unterbrach ihn.

»Ein Wort noch,« sagte er. »Sie können mir alles sagen und Sie dürfen
sicher sein, einen Freund und Ratgeber in mir zu finden. Lügen Sie nicht,
denn es ist so lächerlich zu lügen und auch ganz und gar unsinnig, denn ich
fühle es ja sofort, ich höre es am Ton Ihrer Stimme. Nun, bitte!«

Grau nagelte die zwei Bilder, die sich im Reisesack gefunden hatten, an die
Wand, während der Bursche erzählte. Das eine Bild war ein Farbdruck nach
einem wenig bekannten alten Niederländer; es stellte einen Heiligen dar,
der in einer Landschaft saß und dachte. An seiner Seite saß ein kleines
weißes Lamm. Der Heilige hatte den Kopf in die rechte Hand gestützt und
sein Gesicht zeigte einen so tiefen Ausdruck des Nachdenkens, daß es nahezu
idiotisch erschien. Aber gerade dieses nachdenkliche, nahezu idiotische
Gesicht liebte Grau an dem Bilde. Er liebte auch die nackten Füße des
Heiligen, sie waren unschön, eckig, die Zehen aufwärts gestellt; aber auch
diese Füße schienen nachzudenken. Nach Graus Meinung war dieses Bild eines
der größten Meisterwerke psychologischer Darstellung. Das andere Bild war
eine Radierung von Klinger, die Grau irgend einer Zeitschrift entnommen
hatte: Ein nackter Jüngling, der mit verhülltem Gesicht vor dem offenen
Meere im Grase kniet. Es war betitelt: An die Schönheit.

»Das heißt, sie fing an das Feine zu lieben, ist es nicht so?« wandte sich
Grau an den Burschen.

»Ja,« sagte der Bursche. »Sie sagte, ich rieche wie das Schlachthaus. Sie
kaufte mir einen Hut, weil ihr meine Mütze nicht gut genug war, sie konnte
auch meine Bluse nicht mehr leiden. Ich habe mir dann alles neu gekauft,
aber sie wollte trotzdem nichts mehr wissen von mir.«

»Man hat Sie aber im Sommer noch und im Herbst mit dem Mädchen gehen sehen,
was sagen Sie dazu?«

Das sei wahr. Sie habe ihm einmal zugerufen auf der Straße, wie es ihm
gehe. Darauf habe er sie gefragt, ob es nicht wieder wie früher zwischen
ihnen sein könne.

»Was hat sie darauf geantwortet?«

»Sie hat gesagt, sie wolle es mir bald sagen.«

»Hat sie wirklich bald gesagt?«

»So ähnlich. Sie kann auch bald gesagt haben.«

»Und das nächste Mal, sagte sie es da?«

Der Bursche schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte er, »aber sie war sehr gut
zu mir. Ich habe mit ihr unter der Türe gesprochen. Es war ein sehr schöner
Abend und ich sagte, ob wir nicht ein wenig spazieren gehen könnten. Wir
gingen bis ans Tor aber da blieb sie stehen und sagte, sie müsse heim. Ich
wußte nicht, was sie hatte. Sie weinte auch ein wenig.«

»Sie verstanden sie nicht mehr?«

»Nein.«

»Damals war sie schon sehr unglücklich!« sagte Grau und nickte.
»Verzweifelt war sie damals schon. Sie dachte, vielleicht kann er mir
helfen, aber trotzdem sie schon ganz verzweifelt war, tat sie doch nichts
Unehrenhaftes. Sie haben keine Unwürdige geliebt, mein Freund. Aus all dem,
was mir die Leute erzählt haben, konnte ich mir ein Bild von Fräulein
Sammet machen. Sie hätten wohl alles für sie getan?«

»Ja!«

Grau nickte. »Das ist schön von Ihnen und macht Ihnen alle Ehre. Halten Sie
das Gedächtnis der Toten hoch!«

Plötzlich nun zog Grau einen Ring mit einem winzigen blauen Stein aus der
Westentasche und hielt ihn Hammerbacher dicht unter die Augen. Er sah den
Burschen mit scharfen, eigentümlichen Blicken an. Der Bursche saß verblüfft
und sah fast erstarrt zu Grau empor.

Grau lächelte unmerklich.

»Ich habe schon mit ganz anderen Leuten gesprochen,« sagte er leise und
ließ den Burschen nicht aus den Augen, »mit Verbrechern und Mördern, aber
sie konnten mir nicht auskommen, sie mußten die Wahrheit sagen. Und nun,
haben Sie den Ring dem Mädchen gegeben? Sie wissen ja von welcher Bedeutung
dieser Ring ist. Nun? Nein? Gut!«

Grau steckte den Ring wieder in die Westentasche, er lächelte und klopfte
Hammerbacher auf die Schulter. Er fuhr in verändertem Tone fort: »Ich will
Ihnen sagen, was ich denke, mein Freund. Wir brauchen kein Wort mehr über
diese Angelegenheit zu sprechen. Ich habe das und jenes gesagt und gefragt
um Sie zu prüfen, um ganz sicher zu gehen. Sie sind unschuldig, absolut
unschuldig. Fräulein Sammet hätte sich ja auch nicht das Leben genommen,
wenn Sie der Vater des Kindes wären. Es ist vielmehr so, irgend einer hat
sie beschwätzt, einer aus einer höheren Schichte der Gesellschaft. Sie hat
ihn geliebt, auch das weiß ich, ich sage Ihnen nicht, wieso ich es weiß.
Und er, ein roher, ungebildeter Patron, hat das Mädchen auf dem Gewissen.
Ich sah mir zum Beispiel auch Ihre Augen an, Herr Hammerbacher -- aber das
hat ja wenig zu sagen, ich könnte mich ja allein schon auf mein Gefühl
verlassen. Ihre Nähe macht mich weder unruhig noch zweifelnd! Ich will
Ihnen sagen, ich war früher Gefängnisprediger und Dutzende von Gefangenen
haben mir geschworen, daß sie unschuldig seien. Sie haben geweint, sich
fromm gestellt, wahnsinnig gestellt -- man fühlt aber nur zu deutlich was
Wahrheit und was Lüge ist. Aber hören Sie, unter diesen vielen Dutzenden
war einer, der wirklich unschuldig war. Sein erster Blick sagte es mir! Er
sollte zehn Jahre absitzen wegen eines Verbrechens, das er nicht beging --
er ist nun frei. Doch, das alles gehört ja nicht hierher, ich will Ihnen
nur sagen, daß von meiner Seite nicht der geringste Verdacht auf Sie fällt
und daß ich alles tun werde, was in meinen Kräften steht, um Ihre Ehre zu
verteidigen!«

Der Bursche verzog den Mund und zeigte seine großen schaufelförmigen Zähne.

Grau stopfte die Pfeife und steckte sie in Brand. Er setzte sich
Hammerbacher gegenüber und sagte in vertraulichem Tone: »Nun sollen Sie mir
aber einiges erzählen. Sie wissen ja, ich bin erst wenige Tage hier und
weder mit den Verhältnissen der Stadt noch mit den Menschen hier vertraut.
Ich bin nun nicht gerade neugierig -- aber ich habe meine Gründe -- die
Unterredung bleibt natürlich ganz unter uns. Das versprechen Sie mir. Wo
hat Fräulein Sammet zuerst gedient?«

»Bei einem Wirt in Weinberg.«

Grau stellte einige Fragen. »Und hierauf?«

»Bei Herrn Eisenhut.«

»Gut. Was für ein Mann ist das doch, dieser Herr Eisenhut, der
Steinbruchbesitzer? Ist er nicht eine Art Sonderling, es scheint mir so.«

Herr Eisenhut erfreute sich keineswegs eines guten Rufes. Trotzdem er zwölf
große Steinbrüche besaß, war er sehr geizig. Er hatte die merkwürdige
Angewohnheit, Holz- und Kohlenstücke auf der Straße zu sammeln und seine
Jagdtasche war stets gefüllt mit Tannenzapfen, wenn er von der Jagd
zurückkehrte. Seine Dienstboten hielt er knapp und meistens besorgte er
sein Hauswesen selbst, um Ausgaben zu ersparen. Man sagte ihm nach, daß
sein Sinn für Reinlichkeit nicht besonders entwickelt sei. Zu all dem kam
noch, daß er ein Trinker war und oft des Nachts auf allen Vieren nach Hause
kroch; zuweilen war er auch am lichten Tage betrunken und taumelte durch
die Straßen, gefolgt von einer Menge Kinder, die Spottverse sangen. Seine
Furchtsamkeit war bekannt, er konnte zuweilen nachts mit einem Revolver in
der Hand durch sein Haus streichen.

»Er ist nicht verheiratet?« fragte Grau.

»Ach nein!« Hammerbacher lachte laut auf. »Keine mag ihn, trotzdem er so
reich ist. Er hat auch einmal Margarete einen Antrag gemacht.«

»Unmöglich!«

»So wahr ich dasitze! Sie hat es mir selbst erzählt. Er sagte: Du sollst
ein seidenes Kleid haben, eine Uhr, Ohrringe, einen Wagen und in acht Tagen
wollen wir Hochzeit machen, diese Damen vom Tennisklub sollen vor Neid grün
und blau werden.«

»Ah! Er hatte wohl schlimme Erfahrungen gemacht?«

»Er soll sich einen Korb geholt haben, ja. Aber auch Margarete mochte ihn
nicht. Sie ging aus seinem Hause.«

Grau stand auf und ging ans Fenster. Wie merkwürdig und wie einfältig, nun
hatte ihn plötzlich ein Gefühl der Rührung ergriffen. Aber was in aller
Welt sollte denn Ergreifendes an dieser Erzählung sein?

»Er hat wohl keine Freunde, Herr Eisenhut?« fragte er endlich.

»Doch, er hat schon Freunde, die kommen zu ihm um zu trinken. Sie trinken
oft die ganze Nacht hindurch bei ihm, das ist in der Stadt bekannt, sie
schreien und brüllen bis zum Morgen. Wenn ich ins Schlachthaus fahre, gehen
sie heim, sie sind dann alle betrunken und schreien und lachen. Sie heißen
sich: >Der goldene Zirkel<.«

»Dazu ist er also nicht zu geizig? Wie soll man das verstehen?«

»Er schickt ihnen am andern Tag die Rechnung.«

»Tut er das?«

»Ja, Margarete hat immer die Rechnungen herumtragen müssen, aber sie haben
nur gelacht und nie etwas bezahlt!«

»Was für Leute sind das, die bei ihm verkehren?«

»Das? Das sind immer die gleichen. Das ist ein Arzt, der Doktor Nürnberger,
ein Jude, der dicke Professor Richter von der Realschule, ein Adjunkt von
der Post, Kaiser heißt er, dann der junge Herr von Hennenbach, vom Schloß,
Amtsrichter Leutlein, ein Rechtspraktikant Schmitt --«

»Nun ja, ja --« unterbrach ihn Grau. »Die Herren sind wohl zumeist
Junggesellen?«

»Ja, man kennt sie alle hier in der Stadt. Margarete hat mir genug von
ihnen erzählt. Manchmal, wenn sie betrunken sind, da --«

Grau unterbrach ihn. »Ich will das nicht wissen,« sagte er.

»Herr Eisenhut hat mir einmal fünf Mark angeboten,« fuhr der Bursche fort,
»dafür sollte ich die Herren alle durchprügeln.«

Grau lächelte.

»Ja, für fünf Mark wollte er, daß ich mich zwei Monate einsperren lasse!«
Hammerbacher lachte. »Sie treiben oft ihre Späße mit ihm und da wird Herr
Eisenhut rasend vor Zorn. Einmal da drohten sie ihm ihn zu erschießen. Sie
nahmen Gewehre und Revolver, die er hat, und Herr Eisenhut rannte in den
Garten hinaus, aber sie umzingelten ihn. Er hat sie Diebe und Räuber
genannt. Er schrie um Hilfe, da sagten sie, wenn du dich entschuldigst, so
wollen wir dich diesmal noch laufen lassen. Aber du mußt auch das Notizbuch
herausgeben.«

»Was für ein Notizbuch?«

»Wo er hineinschreibt, was sie ihm schuldig sind. Dann hat er ihnen allen
die Hände küssen müssen und sie haben furchtbar gelacht. Am andern Morgen
habe ich das Fleisch gebracht und Eisenhut hat mich gefragt, ob ich mir
fünf Mark verdienen will.«

»Sie haben aber abgelehnt?«

»Ja.«

»Vielleicht hatten Sie nicht den Mut dazu?« fragte Grau und rauchte
lächelnd.

Der Bursche antwortete mit einem kühnen Blick.

»Ich? -- Oh, was das anbetrifft -- aber ich riskierte zuviel.«

»Ein wenig Prügel hätten die Herren wohl verdient,« sagte Grau; »wenn Ihnen
Herr Eisenhut aber hundert Mark angeboten hätte?«

»Dann schon!« sagte der Bursche und lachte.

Grau sah ihn an.

Er stand auf. »Ich darf wohl annehmen, daß Sie über unser Gespräch
Stillschweigen beobachten,« sagte er und gab Hammerbacher die Hand. »Ich
danke Ihnen für Ihren Besuch und Ihr Vertrauen. Ich denke es wird das beste
sein, Sie durch eine Notiz in der Zeitung von dem Verdachte zu reinigen,
nicht wahr? Das wäre wohl das klügste und wirksamste. Guten Abend, Herr
Hammerbacher! Eine Frage noch, erlauben Sie, Herr Eisenhut steht ganz
allein, wie? Leben seine Eltern nicht mehr?«

»Sein Vater ist tot, er ist vor Geiz verhungert. Herrn Eisenhuts Mutter
lebt noch, aber sie ist nicht richtig im Kopfe.«

»Wohnt sie bei Herrn Eisenhut?«

»Nein. Sie wohnt bei einer Lehrersfrau beim Bahnhof draußen.«

»Sie wissen nicht wie die Lehrersfrau heißt? Heißt sie nicht Löwenherz?«

»Nein, ich weiß es nicht. Aber sie hat den Namen Mütterchen, weil sie so
klein ist.«

»Ah, ja!« rief Grau aus. »Herr Eisenhut wird wohl öfters hinaus kommen zu
seiner Mutter?«

»Ja, ich sehe ihn oft hinausgehen.«

»Gut, danke Ihnen, mein Freund! Morgen werde ich die Notiz in der Zeitung
bringen. Und vergessen Sie nicht, Herr Hammerbacher: Halten Sie das
Andenken an Fräulein Sammet hoch!«

Grau schob nie etwas auf. Er setzte sich augenblicklich an den Tisch und
warf folgende Notiz auf ein Blatt: »Der Fleischergeselle Herr Anton
Hammerbacher hat sich auf dem Vikariate eingefunden und die Erklärung
abgegeben, daß seine Beziehungen zu dem Dienstmädchen Fräulein Margarete
Sammet seit Jahresfrist vollständig gelöst waren. Seiner Aussage ist
unbedingter Glaube zu schenken. Grau, Vikar. --«

Nun wurde es Abend.




Zehntes Kapitel


Der Schnee im Garten draußen leuchtete stahlblau, die Nacht brach schnell
herein und mit ihr kam die Kälte, die kahlen Bäume begannen zu glitzern.

Grau gab sich dem schönen Gefühle des Alleinseins hin. Er setzte sein
Abendessen zu, Linsen, dann ging er wartend hin und her in seiner Stube und
dachte an tausend Dinge. All diese vielen Menschen, die er in den letzten
Tagen kennen gelernt hatte, welche Mannigfaltigkeit und welche Einheit
trotzdem.

Die Linsen begannen zu duften. Herrlich! Welch wunderbare Produkte es doch
auf dieser Erde gab, Linsen, Nüsse, Erdbeeren, die Birne, die Weintraube.
Man brauchte Stunden dazu sie alle aufzuzählen, nur um die Namen aller
Nüsse zu nennen, wie lange doch? Und schon von den Namen dieser Dinge geht
ein Zauber aus, man sieht sie, man schmeckt und riecht sie, sie sind die
Meisterwerke von Millionen großen Chemikern, jeder noch so unscheinbare
Strauch hat gearbeitet mit aller Kraft, um seine Frucht herrlich zu
bereiten in dieser Welt, da in die kleinsten Dinge der Wunsch nach
Vollendung gehaucht ist.

Man spricht ja nur von den einfachsten Produkten, wie Eisenbahnzüge und
Schiffe sie in jeder Stunde über Kontinente und Meere tragen --
Eisenbahnzüge und Schiffsbäuche gefüllt mit Wohlgerüchen, Farbenräuschen
und Formenwundern! Man spricht ja von nichts anderem, oder?

Spricht man hier zum Beispiel von den Steinen? Von den Kristallen, den
Quarzen, den Topasen, Smaragden, Diamanten? Oder von Perlen, Korallen und
Muscheln? Nein. Man kann ja nur an ein Ding denken, man kann ja nur in eine
Richtung denken. Wenn man gleichzeitig in alle Richtungen denken könnte, in
tausend Richtungen? Man hat zuerst an die Nüsse gedacht, dann an die
Diamanten, aber wenn man gleichzeitig an alle Dinge denken könnte? An die
Steine, die Pflanzen, die Tiere und alle, alle Dinge zu gleicher Zeit? An
die Muscheln, den Sand, die Palmen, die Kirschblüte, die Orchidee, die
Mammutfichte, den Seestern, den Sägefisch, die Wale, die Tiger und die
Giraffen, an die Papageien und die Adler -- an alles in seinem Wesen,
seinem Charakter, seiner Form und Farbe, würde man nicht taumeln wie der
Habgierige, auf den es Gold herabregnet?

Man spricht ja nur von den einfachsten und nächstliegenden Dingen.

Und doch da draußen existiert das alles, jetzt, in diesem Augenblick wehen
die Palmenwälder, die endlosen Fischzüge ziehen durch die Flut, die
Elefantenherden weiden, da und dort ist eine Insel, auf der sich Schwärme
von Paradiesvögeln sonnen, da und dort glüht jetzt eine Wiese in der Sonne
und Tausende von farbenprächtigen Faltern schaukeln sich, an einem fernen
Flußufer stehen Armeen von Flamingos, die Wölfe heulen im Schneefelde, in
diesem Augenblick öffnet die schönste purpurne Blume in irgend einem
einsamen Gebirgstale den Kelch, einerlei wo, in dieser Sekunde funkelt der
Gischt einer Woge im stillen Ozean in der Morgensonne -- es ist schön das
zu denken, es betäubt, berauscht. Hat man an alle Dinge gedacht, nein, nur
an wenige. Hat man an die jüngsten Geschöpfe gedacht, die der Mensch selbst
schuf? Die Geige, die sausenden Maschinen, menschliche Gehirne in Eisen,
die großen Dampfer, die mit ihren Schrauben die Flut des Meeres peitschen?
Es ist schön daran zu denken, es macht reich.

Aber man hat ja nur an die Oberflächen der Dinge gedacht, an das Sichtbare
der Erscheinungen. Würde man erst in die Dinge hineinblicken, wie? Schon
wie Zelle sich an Zelle gliedert, wie das Blut in den Adern rollt. Der
Gedanke allein macht schwindlig.

Hätte man auch das getan, hätte man schon alles getan?

Man hätte ja nur an das gedacht, was auf der Erde ist, an nichts anderes,
nicht an den Raum, die Sterne, die Geheimnisse, die sich zwischen Wesen und
Wesen spinnen, nicht an die ungesehenen Ströme, die in jeder Sekunde aus
unendlichen Fernen fluten und das Menschenherz erbeben lassen.

Es ist ja gut, daß man nicht an alle, alle Dinge in einer Sekunde denken
kann --

Die Linsen waren gekocht und Grau setzte sich zur Mahlzeit nieder. Es war
schön, allein zu sein. Er konnte denken an was er wollte, an alltägliche
Merkwürdigkeiten, zum Beispiel an den Löffel, den Teller, an die Fliege
dort auf dem Buche.

Draußen erwachte ein leiser Wind und Grau lauschte auf ihn. Bald hörte er
ihn wie ein Geräusch, bald unterschied er kleine Melodien, die immer
wiederkehrten und doch nie dieselben waren. Wie merkwürdig ist doch mein
Ohr nur, dachte er. Etwas Merkwürdigeres kann ich mir kaum denken. Wie eine
Orgel, in die der Wind fährt, wie eine Geige, wie eine Trommel, was man
will. Dazu habe ich zwei Ohren, aber weshalb wohl zwei? Ich habe zwei Augen
um rund zu sehen, vielleicht habe ich zwei Ohren um rund zu hören? Sollte
es das sein?

Grau lächelte. Hat nicht jeder Punkt meines Leibes Augen und Ohren, sieht
und hört nicht mein kleiner Finger?

Er lachte: Ah, ich denke für mich, ich spreche für mich, niemand schadet
das etwas, das sind meine Gedanken und ich bin gerne bereit, die andern
Leute zu vernehmen.

Meine Haare, zum Beispiel, welch geheimnisvolle Funktionen -- genug!

Er winkte mit der Hand, als ob er jemand zum Schweigen auffordern wolle,
und lächelte. Dann machte er sich an die Arbeit.

Zu den Mürrischen und Griesgrämigen wollte er reden, zu den Kleinherzigen,
Eng- und Kaltherzigen, den Armen, den Geizhälsen und Ofenhockern. Es ist ja
zuviel Armut in der Welt, meine Freunde, zuviel Geiz. Zuviel Zaghaftigkeit,
Schwäche, Mißtrauen und Trägheit und Haß! Zuviel Hader und Zank!

Da bist du zum Beispiel, du Kleinherziger! Wenn du allein bist, so ist dein
Herz mit Liebe angefüllt, du denkst, das werde ich tun und jenes, das wird
ihn freuen -- sobald du aber einen Menschen siehst, so mißfällt dir seine
Stimme oder sein Anzug und deine Seele zieht sich zurück wie die Schnecke
in ihr Haus. Habe ich dich entdeckt, Kaltherziger! Ich halte dich fest! Du
sollst ihn ansehen, er hat gelitten, er hat gewartet, ja siehst du nicht,
daß er gewartet hat im Wachen und im Schlafen, daß jemand zu ihm spräche,
sich Mühe gäbe ihn zu verstehen.

Und du, Empfindlicher, der für jedes Wort empfindlich ist, das man ihm
sagt, und so rasch die Laune verliert?

Und du, du Fauler, wie? Du bist dick und rund und deinem Gesichte sieht man
die Gutmütigkeit an. Eine Bettlerin pocht an deine Türe und fleht, ach,
denkst du, ich habe mich eben ein wenig ausgestreckt, ich würde ihr ja
gerne etwas geben, aber ich bin müde, ich werde still sein und sie wird
denken, es ist niemand zu Hause und wird fortgehen. Willst du denn dein
ganzes Leben lang so faul bleiben? Sprich?

Die Menschen wußten ja nicht, welche Schätze in ihren Herzen lagen. Er war
gekommen darin zu graben und die Schätze ans Licht zu heben.

Ein Mensch ohne Liebesfähigkeit, wie sollte er fähig sein, die Schönheit zu
empfinden -- oder jenes Größte zu fühlen, das Liebe und Schönheit
einschließt und sich dem Menschen nur in seltenen, kostbaren Augenblicken
offenbart?

Ja, wolle Gott ihm die Kraft verleihen, für die Griesgrämigen und Geizigen
und Faulen die richtigen Worte zu finden! Was war es doch, das sein Herz so
wild schlagen ließ, wenn er sich vorbereitete zu den Menschen zu reden, so
wild, daß er stets glaubte, sterben zu müssen?

Bald war Grau in die Arbeit vertieft, und der Heilige an der Wand, dessen
Füße sogar nachdachten, sah ihm zu.




Elftes Kapitel


Schon am nächsten Tage machte sich Grau auf den Weg, die Lehrersfrau zu
besuchen, bei der Eisenhuts Mutter wohnte. Es traf sich so günstig, daß er
von dem Lehrer zu einem Besuche aufgefordert worden war.

Es war kalt, aber die helle Sonne schmolz den Schnee auf den Dächern und wo
man ging, fielen einem langsame schwere Tropfen auf die Hand, den Hut, die
Schultern. Vor allen Häusern waren Kinder, Frauen und Männer beschäftigt,
das Eis aufzuhacken; in der ganzen Stadt hackte und pickte es lustig. Ein
heller gleichmäßiger Lärm erfüllte die Straßen, fast wie ein Singen. Und
unwillkürlich begann Graus Herz mitzuklingen. Im ersten Stocke eines
schönen alten Hauses blitzte ein Fensterspiegel und das war wie ein Winken,
ein Grüßen und durchfuhr ihn wie ein Gruß des Lichtes von weither. Vor
einer Schmiede stand ein Schimmel und Grau sah ihm einen Augenblick lang in
die großen Augen, die wie zwei schwarze Zauberspiegel glänzten. Er
streichelte die Schnauze des Pferdes und flüsterte ihm ins Ohr und der
Schimmel wandte sich nach ihm um, als ob er verstanden habe.

Die Straße machte eine Biegung und tauchte vollständig in Sonne. Die Sonne
blitzte in allen Fenstern, in all den Picken und Äxten, in all den Tropfen,
die langsam und schwer von den Dächern fielen.

Grau suchte sich seinen Weg zwischen den arbeitenden Leuten; er hatte eine
eigentümliche Art sie anzusehen, ihnen zuzulächeln und in die Augen zu
blicken. Was ist doch so sonderbar an den Menschenaugen, jener Schein,
frage ich? Nun, sie haben alle Sonne, Mond und Sterne im Blut, das ist
jener Schein, nicht wahr? Aber was ist doch jenes Leuchten in den
Menschenaugen, jenes besondere Leuchten?

Grau nickte den kleinen Knirpsen zu, die arbeiteten, daß sie schwitzten,
und als ein junges Mädchen mit halboffenem Munde an ihm vorüberging,
starrte er das Mädchen beinahe erschrocken an. Das Mädchen knickste hastig
und wurde rot. Ja, dachte Grau, etwas Schönes ist ein junges Mädchen, ob es
nun Sommer oder Winter ist; die Vögel, die Blüten, Kinder und junge
Mädchen, das ist alles ein und dieselbe Sache.

Er blickte dem jungen Ding nach und wäre beinahe überfahren worden. Ein
Jagdwagen fuhr rasch daher, der junge Freiherr von Hennenbach kutschierte.

Grau durchschritt den Torturm. Es war ein schöner Tag heute, das mußte man
sagen! Er atmete die frische Luft ein und fühlte wie seine Augen klarer und
sein Geist freier wurden. Es ist ja nur die Luft, dachte er, großer Gott im
Himmel, nur die Luft, nichts als die Luft, die Vögel atmen sie, die Bäume
und Menschen, aber was ist sie doch? Er blickte in die Höhe, da glitzerte
die Luft als sei sie aus kristallhellen Sternen gebildet. Die Bäume der
Allee streckten ihre Äste zitternd in diese helle, sonnige Luft empor.

Vor seinen Blicken breitete sich die weiße, weite Ebene aus. In ihrer Mitte
lag der vom Rauch geschwärzte kleine Bahnhof und aus einer Lokomotive,
nicht größer als ein Kinderspielzeug, stieg feiner brauner Rauch empor. Der
Schnee lag unberührt auf den Feldern, nur da und dort hatte der Wind mit
ihm gespielt, ein Feld klippiger kleiner Berge gebaut oder Wellen und
Schleifen in ihn gezeichnet. Er lag weithin wie schimmernder weißer Samt,
auf dem es glitzerte, als sei der Samt mit Brillanten bestickt. In der
Ferne sah es aus, als beginne der Schnee zu brennen, farbige Feuerchen
bewegten sich auf ihm hin und her; lichtes Grün, feuriges Rosa,
Schwefelgelb.

Auf der Straße gingen drei junge Mädchen und ein hagerer, etwas
schiefschultriger Mann, der ein Bündel Schlittschuhe trug. Sie hatten es
nicht eilig und gingen ganz langsam. Die Mädchen sprachen und lachten mit
klingenden Stimmen und der schiefschultrige Mann, der in einem gelben
abgetragenen Überzieher steckte, ein rotbraunes Halstuch und einen kleinen
spitzen Hut trug, meckerte dazwischen und sprach in hastigen, abgerissenen
Sätzen.

Zwei der Mädchen gingen Arm in Arm und waren ganz gleich gekleidet, ihre
Haare waren von schlichtem deutschen Blond, auch ihr Gang war der gleiche;
sie gingen beide als schritten sie auf einem Seil. Offenbar waren es
Schwestern. Das Mädchen, das an ihrer Seite schritt, war etwas größer,
freier in allen Bewegungen; sie trug den Kopf wie ein stolzes Tier im
Walde. Sie war gekleidet in ein langes flottes Jackett aus seidenhaarigem
Pelz, eine kleine Pelzmütze saß auf dem auffallend reichen, schwarzen Haar,
das in einen lockeren Knoten gebunden war. Ein dünner gelber Schleier floß
um die Pelzmütze herum und flatterte lustig im Winde.

Grau sah wie sie sich dahin bewegten und etwas in der Art ihrer Bewegung
ergriff ihn nahezu bis zu Tränen. Sie gingen mit der Seele der Frau, mit
der schwebenden, wehenden Seele der Frau, die in die Weite strebt, wartet,
späht, lockt und hofft. Der Mann an ihrer Seite dagegen ging nicht, er
schlich. Seine Seele war zusammengedrängt, gefesselt, er blickte in sich
hinein, er war beschäftigt mit sich selbst, ob er auch plauderte und
lachte.

Grau holte die Gesellschaft ein und da der Weg nur zum Teil vom Schnee
freigemacht war, mußte er sich hinter ihr halten. Er hörte, was sie sagten.

»Haben Sie die Geschichte von dem Manne gehört, der von der Doktorkutsche
auf der Straße gefunden wurde, nachts, im Schnee?« wandte sich das Mädchen
mit den schwarzen Haaren an den Mann, der die Schlittschuhe trug. Sie
sprach scharf, mit einem kaum hörbaren fremden Akzent.

»Adele!« sagten die Schwestern leise und lächelten.

Der Mann mit den Schlittschuhen lachte meckernd. »Jä,« sagte er, »ich habe
diese Geschichte gehört, natürlicherweise habe ich sie gehört -- am andern
Tag -- aber ich kann schwören --«

»Schwören Sie besser nicht!« fuhr das Mädchen fort. »Wie leicht hätten Sie
im Schnee erfrieren können.«

»Jä, wie leicht hätte ich im Schnee erfrieren können!«

»Sie sollten sich schämen, ich an Ihrer Stelle würde mich schämen.«

»Gewiß, Sie, ja Sie würden sich schämen, Fräulein von Hennenbach.«

»Sie ruinieren sich auch. Sie sind ein ganz origineller Mann, aber
vollständig verwahrlost. Vielleicht sind Sie auch nur originell, weil Sie
verwahrlost sind.«

Der junge Mann mit dem spitzen Hut lachte. »Wie geistreich!« sagte er und
lüftete ein wenig den Hut, indem er ihn bei der Spitze mit zwei Fingern
anfaßte und in die Höhe hob. »Wie geistreich!« meckerte er. »Wie
geistreich!«

»Es ist nichts mit Ihnen anzufangen!« sagte kühl das junge Mädchen und
wandte sich den Freundinnen zu.

Eine Weile blieb es still, dann begann sie von neuem: »Lassen Sie sich's
gesagt sein,« sagte sie, »daß ich meinem Bruder nicht mehr erlaube, Sie zu
besuchen. Sie treiben es zu toll bei Ihren Gelagen. Das ist ja die reinste
Lasterhöhle. Vier Nächte nacheinander hat er mit Ihnen durchgezecht. Es
wird auch Hasard gespielt, nicht wahr? Heute nacht hat er zweihundert Mark
dabei verloren.«

»Was hat er verloren?«

»Zweihundert Mark. Er hat sie heute von mir verlangt. Weiß Gott, es ist
unrecht von Ihnen. Natürlich muß er bezahlen, wenn er sein Ehrenwort
gegeben hat, aber es ist eine Sünde von Ihnen, er ist noch so jung.«

Der schiefschultrige Mann lachte laut heraus. »Aber es ist ja keine Silbe
wahr von all dem, was Sie da sagen!« rief er. »Keine Silbe, nicht eine
einzige Silbe! Er war eine ganze Woche nicht bei mir, kein Mensch war bei
mir. Wie kann er da zweihundert Mark verloren haben, wie denn? Ich habe
nicht mit ihm gespielt, das schwöre ich Ihnen!«

»Schon gut! Sie werden es ja nicht eingestehen, Sie werden es leugnen. Das
ist selbstverständlich. Ich werde Ihnen aber die Polizei ins Haus schicken,
mein Herr! Daß Sie es nur wissen. So wahr ich hier gehe, das werde ich tun.
Es ist Ihnen doch bekannt, daß Hasard polizeilich verboten ist, nicht
wahr?«

Der Mann rasselte mit den Schlittschuhen, warf dem Mädchen einen bösen
Blick zu, aber dann lachte er wieder. »Was Sie nicht sagen?« rief er aus.
»Ich bekümmere mich nicht um die Polizei. Sehen Sie, ich stecke jedem eine
Flasche Wein in die Tasche und dann gehen sie wieder. Übrigens, Fräulein
von Hennenbach, hat gerade Ihr Herr Bruder das Spiel eingeführt. Er brachte
es von Monte Carlo mit.«

Es blieb einen Augenblick still, dann erwiderte das Mädchen: »Er war ja nie
in seinem Leben in Monte Carlo, niemals!«

»Also hat er auch keine hundertundfünfzigtausend Mark dort verloren, wie?
Also lügt er?«

»Er macht sich einfach lustig über Sie, das ist alles!«

Der junge Mann nahm den Hut ab und verbeugte sich. Er lachte.

»Herr von Hennenbach lügt nicht!« rief er aus. »Herr von Hennenbach machen
sich einfach lustig. Er macht sich lustig, ja, das muß man sagen, er lügt
nicht, er macht sich lustig. Er sagt, er habe zweihundert Mark im Spiel
verloren und er hat drei Tage vorher mich um genau zweihundert Mark
gebeten, da er sie brauche. Ich habe sie ihm aber abgeschlagen -- rundweg
-- ich gebe nichts mehr, keinen Pfennig, ich habe die schlimmsten
Erfahrungen gemacht in der letzten Zeit!«

Grau watete nun durch den Schnee und beschrieb einen weiten Bogen um die
Gesellschaft. Hinter ihm meckerte der junge Mann, er räusperte sich und
rasselte mit den Schlittschuhen.

»Aber, nein!« sagten die Schwestern vorwurfsvoll, und die junge Dame fügte
in scharfem Tone hinzu: »Was denken Sie doch --?«

Doch der junge Mann lachte nur. Er sagte laut: »Alle Welt macht sich über
mich lustig -- ergo -- weshalb soll ich mich denn nicht auch ein wenig
lustig machen, wenn es mir einfällt! Wie? Bin ich etwas andres vielleicht
als die andern Menschen? Ich erlaube mir das zu fragen! Man soll sich nur
ein wenig in acht nehmen vor mir. Ich könnte eines schönen Tages einen
Skandal heraufbeschwören und das wäre manchen Leuten nicht angenehm, nein!«
Er meckerte, aber er schien zornig zu sein.

»Sie sind ja ein ganz gefährlicher Mensch!« sagte eine der Schwestern.

Fräulein von Hennenbach aber sagte kurz: »Tun Sie doch, was Sie nicht
lassen können, aber lassen Sie mich mit Ihren Anspielungen gefälligst in
Ruhe!«

Darauf bat der Mann um Entschuldigung. Ein solch harmloser Mensch, wie er
sei! Wenn er sich nur erlaube, zu scherzen --

Die Stimmen verloren sich. Grau war beim Bahnhof angelangt, blieb stehen
und blickte sich um. Dem Bahnhof gegenüber stieg der Wald an; eine Hütte,
gefüllt mit Brettern, Leitern, Balken, lag am Wege, dort stand ein dicker,
niedriger Turm mit leeren Fensterlöchern -- ein alter Wartturm -- aber von
einem Wohnhaus war nichts zu sehen. Allein dieser Lehrer, dieser Lehrer
Löwenherz, hatte er nicht gesagt: Gleich beim Bahnhof?

Die Gesellschaft holte ihn ein. Die Mädchen standen still, führten
flüsternd eine Beratung, dann sagte eine der Schwestern: »Suchen der Herr
etwas?«

Grau zog den Hut. »Ja, ich suche ein Haus,« sagte er.

»Hier sind keine Häuser,« sagte der Mann mit den Schlittschuhen mit dünner
Stimme und lächelte spöttisch. Grau hatte ihn schon gesehen. Er hatte ein
gelbes Gesicht, einen kleinen Spitzbart und Mausaugen.

»Ja, hier scheinen allerdings keine Häuser zu sein,« sagte Grau und blickte
umher. »Aber man hat mich hierher gewiesen -- ich suche das Haus eines
Lehrers, eines gewissen Lehrers Löwenherz!«

»Löwenherz?«

Die jungen Mädchen blickten einander an. Sie besannen sich und schüttelten
die Köpfe. Die Schwestern sahen einander so ähnlich, wie zwei rotbackige
Äpfel auf einem Zweig. Man hätte sie nicht zu unterscheiden vermocht, wenn
nicht die eine ein kleines braunes Mal auf der Wange gehabt hätte. Sie
hatten frische, runde Gesichter mit roten Wangen, die etwas rissig von der
Kälte waren, und nachdenkliche blaue Augen.

Fräulein von Hennenbach sah nicht so bleich aus wie neulich, als Grau in
ihrem Hause vorsprach, ihre Wangen waren von einer feinen Röte überzogen,
aber ihre Augen erschienen um so klarer und heller. Sie waren nahezu weiß.

Der Mann mit den Schlittschuhen begann plötzlich zu kichern und zu lachen.
Er streckte wichtigtuerisch die spitze Nase vor. »Es ist der Lehrer!« rief
er aus. »Sicherlich ist es der Lehrer. Er heißt Lenz, mein geehrter Herr.
Löwenherz! Was sagen die Damen dazu? Ein ausgezeichneter Einfall --
Löwenherz!«

Fräulein von Hennenbach öffnete erstaunt die Lippen. »Ah, Susannas Vater!«
sagte sie, und die Schwestern fügten wie aus einem Munde hinzu: »Ach ja,
Susannas Vater!«

»Ich erinnere mich, er sprach von seiner Tochter Susanna,« sagte Grau.

»Das ist ganz in der Ordnung, er wohnt hier. Nur muß man durch den Turm
gehen, bis zur Brücke. Der Herr hier hat im gleichen Hause zu tun.«

Sie gingen zusammen und schwiegen. »Ein schöner Tag!« sagte Grau nach einer
Weile. »Ja!« antworteten die Mädchen wie aus einem Munde und sahen ihn alle
an. Es war schön, wie sie alle die Gesichter zu ihm wandten, die außen
gehende mußte sich etwas vorbeugen. Er sah in diese drei Paar Augen hinein.
Aber es fiel ihm weiter nichts ein, was er den Mädchen sagen hätte können.

Von der Brücke aus konnte man ein kleines Häuschen im Felde liegen sehen.
Dieses Häuschen lag ganz einsam, halb zugeschneit lugte es mit zwei trüben,
kleinen Fenstern aus dem Schnee. Weit und breit war nichts zu sehen als
Schnee, kein Baum, kein Strauch, nur einige Krähen bewegten sich langsam in
einem Acker. Es lag da gleichsam ausgestoßen aus der Stadt, wie ein
Siechenhaus, wie die Hütte des Abdeckers. Ein Zaun lief um das Haus herum
wie ein Gitter, aus dem Kamin stieg ein Hauch von Rauch, den man nur mit
scharfen Augen wahrnehmen konnte.

Dieses Haus sei es!

Grau nahm den Hut ab. »Ich danke, meine Damen!« sagte er und verneigte sich
vor den drei jungen Mädchen. »Bitte, bitte!«

Fräulein von Hennenbach blickte ihn an. Sie heftete ihre hellen, klaren
Augen eine Weile auf Grau, dann sagte sie: »Wie schön Sie neulich
gesprochen haben!« Sie streckte ihm die Hand hin. Sie lächelte, aber ihr
Mund und ihre Züge blickten trotzdem ernst.

Die Schwestern lächelten ebenfalls, Grübchen erschienen in ihren Wangen und
ihre weißen, kleinen Zähne blitzten; sie richteten die Augen groß und
leuchtend auf Grau.

Grau verbeugte sich verwirrt. Er wagte kaum, die Hand des Mädchens zu
berühren. Er errötete und machte abermals eine verwirrte Verbeugung.

»Viele Grüße an Susanna, viele Grüße!« riefen die Mädchen.

»Morgen kommen wir!« setzten die Schwestern hinzu.

Der junge Mann lieferte die Schlittschuhe ab und ging an Graus Seite
feldeinwärts. Sie wateten bis an die Knie im Schnee. Grau ging wie ein
Träumender.

Wie merkwürdig, dachte er, wie merkwürdig! Und unwillkürlich wandte er sich
nochmals nach dem Mädchen um. Nun fällt es mir ein, wo ich dieses Mädchen
schon früher gesehen habe. Ich ging einst im Traume mit ihr über die Heide
-- damals unter dem Sternschnuppenregen. Es sind dieselben Augen und
besonders ihre Art, den Kopf zu tragen -- wie merkwürdig ist das Leben!

Er hörte kaum, was sein Begleiter sagte, obwohl er sich aus mehreren
Gründen außerordentlich für ihn interessierte.




Zwölftes Kapitel


Der Mann mit dem gelben Gesichte und den Mausaugen begann sogleich zu
sprechen; er sprach hastig und nahezu ohne Pause, bis sie das Häuschen
erreicht hatten. Er kicherte und hüstelte, während er sprach, und er sah
Grau immerzu mit seinen blinzelnden Augen an. Aber jedesmal, wenn Grau ihm
den Blick zuwandte, tat er, als suche er etwas im Schnee. Er kicherte, auch
als Grau einmal im Felde ausglitt.

Vorhin hatte er mit gezwungener Keckheit gesprochen, nun aber sprach er mit
unterwürfiger, fast demütiger Stimme, nach der Art vieler Männer, die ihr
Benehmen vollständig ändern, sobald sie die Gesellschaft von Frauen
verlassen.

»Sie erlauben wohl, daß ich Sie begleite?« begann er und lüftete den
spitzen Hut. »Ja, ich habe gehört, auf welche Weise der Herr mit dem Lehrer
zusammengetroffen sind, man hat es mir erzählt. Sie haben den Lehrer
natürlich nicht gekannt, sonst wären Sie wohl etwas vorsichtiger gewesen.
Ich muß Ihnen leider sagen, daß man sich mit den Leuten hier in acht nehmen
muß. Sogar gebildete Herren, Ärzte, Professoren, sie versprechen Ihnen das
Blaue vom Himmel herunter und halten -- nichts. Man kann hier Geld
zusetzen, du große Güte!«

»Kennen Sie Herrn Lenz?« fragte Grau.

»Ja, und ob ich ihn kenne. Jedermann kennt ihn. Er kommt auch zuweilen zu
mir, mitten in der Nacht kommt er angeschlichen. Er darf sich ja in der
Stadt nicht blicken lassen.«

»Er darf sich in der Stadt nicht sehen lassen? Was heißt das?«

Der junge Mann zog einen kleinen Zigarrenstummel aus der Tasche und steckte
ihn in Brand. »Er hat den Stadtverweis, mein Herr!« sagte er vergnügt
lächelnd und paffte. »Auch seine Familie, seine Frau, seine Tochter,
niemand darf die Stadt betreten.«

»Ja, was hat er denn Schreckliches getan?« fragte Grau und blieb stehen.

Der junge Mann lachte meckernd. »Er hat,« sagte er flüsternd und kicherte
-- »er hat sie durchgeprügelt! Die Polizeidiener zuerst und dann den
Bürgermeister. Weil sie ihn entließen. Er war ja Lehrer hier in der Stadt.«

»Warum wurde er denn entlassen?«

»Oh, er machte Streiche. Er hat auch oft getrunken, mehr als er vertragen
konnte. Einmal lag er am Morgen betrunken auf dem Marktplatze, gerade als
die Sonne aufging. Ich muß lachen, wenn ich nur daran denke! Denn ich habe
ihn liegen sehen, bevor noch jemand kam, und gewartet und gedacht: Was für
ein Spaß wird das werden! Er lag so komisch da, er lag da, als ob er eben
einen großen Sprung machen wollte, so lag er da. Ich dachte, das wird einen
hübschen Spaß geben. Dann kamen die Leute, die Kinder kamen, die in die
Schule gingen, Frauen, Männer, aber er lag da und schlief, er war nicht
wach zu bekommen. Was ich gelacht habe!«

»Deshalb also wurde er entlassen?«

»Nein, nein. Damals unterrichtete er das Töchterchen des Bürgermeisters,
deshalb wurde er nicht entlassen. Auch seine Frau, die lief zum
Bürgermeister, flehte und winselte, und deshalb ließen sie es hingehen.
Aber später. Er hatte so eigentümliche Einfälle und er machte Streiche über
Streiche. Er sagte zu den Kindern: Heute ist keine Schule, es ist zu
schönes Wetter, geht hinaus in den Wald. Das ist aber doch keine Schule,
nicht wahr? Oder er hat ihnen keinen Unterricht gegeben, er hat ihnen
tagelang Märchen erzählt. Aber das tollste, was er gemacht hat, sehen Sie,
das hat ihm auch den Hals gebrochen. Ja, er ging also mit der Klasse
spazieren, er hatte die Mädchenklasse, an einem sehr heißen Tag im Juni. Da
kamen sie nun an einen Bach, es war sehr heiß, wie gesagt, und was meinen
Sie nun, was er tat? Er sagte: Alle auskleiden! Nun, Sie können sich
denken, das ging hui, hui, das kam den kleinen Mädchen gerade recht, sie
kleideten sich aus und plätscherten alle dreißig im Bach herum. Er, Lenz,
er saß dabei und lachte. Plötzlich aber kam der katholische Geistliche, der
geistliche Rat -- ein fetter -- ein etwas korpulenter Herr -- er kam -- und
so war es, der Lehrer mußte gehen. Aber hören Sie, er ging nicht, er ging
nicht!«

»Er ging nicht?«

»Nein, er sagte es, er sagte es zu mir. Ich werde nicht gehen, sagte er,
ich lasse es darauf ankommen. Ich werde morgen Schule halten und werde sie
hinauswerfen, wenn sie kommen. Tue das, sagte ich, welch einen Spaß wird
das geben, einen unbezahlbaren Spaß. Er sagte auch, daß der Bürgermeister
sich ein wenig in acht nehmen solle, außerdem könne er Prügel fassen. Ja,
tue es, tue es, sagte ich, das wird ganz unsagbar drollig werden. Du nimmst
dich meiner Familie an, ja? Ja, sagte ich, du kannst ruhig sein. Und hören
Sie, Herr, er tat es, er tat alles. Er hielt Schule und sie wollten ihn aus
dem Schulhaus weisen, aber er prügelte die Polizeidiener durch, dann ging
er ins Rathaus und prügelte den Bürgermeister durch -- vor all den
Schreibern --«

Der junge Mann lachte und hustete.

»Ich habe niemals mehr gelacht. Solch ein Mensch -- er mußte dann sitzen,
lange, lange Monate, er verlor seine Stellung, sein bißchen Vermögen,
alles, alles -- hähähä -- nun treibt er sich in der Welt herum und seine
Frau und seine Tochter sie sitzen hier. Wir wollen hoffen, daß der Herr ihn
antreffen.«

Sie näherten sich dem Häuschen und Graus Herz begann eigentümlicherweise zu
pochen.

»Sie hat keine Pension?« fragte er. »Die Frau?«

»Pension? Aber wieso denn Pension? Woher?«

»Hm. Sie hat auch kein Vermögen?«

»Hahaha, nein. Vermögen, um Gottes willen --!«

»Sie ist also arm,« sagte Grau leise zu sich selbst. »Wie sagten Sie? Sie
glauben also nicht, daß wir Herrn Lenz antreffen werden?« fügte er hinzu
und blickte den Mann mit dem Spitzbart an.

Der Mann mit dem Spitzbart zuckte zusammen. »Nein,« sagte er verwirrt, »ich
glaube es nicht. Er bleibt immer nur da, bis ihn seine Frau
zusammengeflickt hat, dann geht er wieder. Ich habe auch gehört, daß er in
Weinberg in einer Wirtschaft alle Fenster eingeschlagen hat, nun wird ihm
wohl der Boden zu heiß geworden sein. Vielleicht ist er da, wer weiß es? Er
ist sehr amüsant und er kann deklamieren -- was er doch alles im Kopfe hat!
Er kann Ihnen ganze Theaterstücke vorspielen. Er hat mir oft die ganze
Nacht hindurch vorgespielt.«

»Sie lieben es wohl, ihm zuzuhören?« fragte Grau lächelnd.

»Warum?«

»Nun, ich meine nur!« sagte Grau und lächelte.

»Ja, ich liebe es!« antwortete der Mann mit dem Spitzbart und errötete ein
wenig und blinzelte. »Er deklamiert oft die ganze Nacht bei mir, bis er zu
lachen anfängt --«

»Zu lachen?«

»Ja, zuletzt lacht er stets fürchterlich, so daß Sie Angst bekommen -- dann
wird er gefährlich -- hier sind wir!« Er öffnete das Gartentürchen und ließ
Grau eintreten. Man hörte keinen Laut hier außen, auch das Haus lag ohne
jedes Zeichen von Leben. Eine ganz besondere Stille und Einsamkeit
herrschte hier und auch der Wind, der leise um die Wände des Häuschens
strich, schien ein besonderer Wind zu sein.

Der Mann mit dem gelben Gesicht klopfte an die Haustüre. Sie warteten und
standen einander gegenüber.

Grau sah sich seinen Begleiter aufmerksam an. Eigentlich war das Gesicht
nicht gelb, es spielte in allen Schattierungen von Gelb bis Grau, gegen die
Schläfen zu ins Grünliche. Es war von tiefen Furchen durchzogen, die
fächerartig von den Augenwinkeln ausgingen und sich hart um den Mund
eingruben. Diese Furchen waren grau und es schien als sei Schmutz in ihnen.
Der Bart am Kinn sprang vor wie ein Geißbart; seine Haare waren von
unbestimmter Farbe, sie schienen feucht und klebend zu sein und waren grau
an den Schläfen, obgleich der Mann die Dreißig kaum überschritten hatte.
Seine Augen waren leicht entzündet, klein und neugierig bewegten sie sich
in dem getrübten Weiß hin und her. Die Lider zwinkerten unaufhörlich.

Dieses Gesicht verriet keinen bestimmten Charakter; Schüchternheit,
Keckheit, Demut und Hochmut, Habgier, Bosheit und Argwohn, alles konnte man
in diesen Zügen finden; aber Grau entdeckte ein Paar schöngezeichneter
Lippen, die sich zusammenzogen und gleichsam hinter dem dünnen Schnurrbart
versteckten, der in feuchten, kurzen Büscheln über den Mund herabhing.

Ihre Blicke begegneten sich und plötzlich hörte der Mann mit dem Geißbart
auf zu blinzeln; das Blut stieg ihm in die Wangen, als ob er tief
erschrocken wäre, dann erbleichte er. Er griff hastig an den Hut und sagte
mit kaum hörbarer Stimme: »Eisenhut!«

Grau reichte ihm die Hand. Eisenhuts Hand war feucht und schlaff.

Eisenhut begann wieder zu blinzeln. Er legte sein gelbes Gesicht in Falten
zu einem Lächeln, so daß man seine schlechten braunen Zähne sah, und sagte:
»Danke, danke, es ist mir sehr angenehm, Ihre Bekanntschaft zu machen.«

Er sprach hastig, ruckweise, und man hätte sagen können, auch seine Stimme
blinzelte.

Die Türe öffnete sich lautlos, und ein schmächtiges Mädchen, eine
Hornbrille auf der großen Nase, stand im Rahmen.




Dreizehntes Kapitel


»Guten Tag, Mütterchen!« sagte Eisenhut zu dem schmächtigen Mädchen, das
die Türe öffnete. Er deutete auf Grau und fügte geheimnisvoll hinzu: »Hier
ist ein Herr vom Gericht, der etwas von Ihnen will!«

Mütterchen krümmte sich zusammen und lugte scheu durch die Brille, aber sie
versuchte zu lächeln.

»Keineswegs!« rief Grau aus und zog den Hut und trat näher. »Herr Eisenhut
scherzt. Ich komme lediglich --«

Eisenhut lachte. »Nein,« unterbrach er Grau, »haben Sie keine Angst,
Mütterchen, es ist ein Herr, der Sie besuchen will, Herr Vikar Grau.«

Grau verbeugte sich und sagte, daß er so glücklich gewesen sei, Herrn Lenz
kennen zu lernen, einen ausgezeichneten und interessanten Mann, Herr Lenz
habe ihn zu einem Besuche aufgefordert.

Mütterchen öffnete den welken Mund, ging ein paar kleine Schritte rückwärts
und verbeugte sich schüchtern und mädchenhaft. Sie war klein, schmal,
hüftenlos wie ein Mädchen. Mit den pechschwarzen Haaren und der gebogenen
Nase sah sie wie eine kleine zusammengeschrumpfte Jüdin aus. Sie starrte
mit großen fragenden Augen, die wie bestaubter schwarzer Samt aussahen, zu
Grau empor, dann schüttelte sie langsam den Kopf.

»Sie haben ihn gesehen?« fragte sie leise und singend, und ihre Stimme
zitterte. »Er ist nicht hier!« Sie schüttelte traurig den Kopf, dann fügte
sie ganz leise hinzu: »Er wird noch zu tun haben.« Sie versuchte zu
lächeln.

»Ja, er wird noch zu tun haben, auf ein Haar!« rief Eisenhut boshaft aus
und ging hinein ins Haus.

Mütterchen stand ratlos, sie wußte nicht, was sie tun sollte. Sie zog den
verblichenen türkischen Schal enger um die schmalen Schultern und blickte
Grau hilflos an.

Aber Grau ging nicht.

Er sah Mütterchen an, die Türe, das Haus, er blickte auf die matten dunkeln
Fenster, er wandte den Blick wiederum auf Mütterchen.

»Wie fatal, wie fatal!« sagte er, und es hatte den Anschein als wolle er
gehen. Aber er ging nicht. Er sann nach, errötete und begann plötzlich
hastig zu sprechen. Ja, wie unangenehm es ihm doch wäre, den Herren nicht
anzutreffen. Er habe sich so darauf gefreut mit ihm zu sprechen. Und vieles
mehr.

»Könnte ich nicht auf ihn warten?«

»Warten?«

»Ja, warten, auf ihn warten!« wiederholte Grau und sah aus, als horche er
in sich hinein. Er blickte wiederum auf das Haus, die Fenster, und fügte
hinzu: »Wäre es nicht möglich, daß er gerade jetzt käme? Aber natürlich, im
Falle ich stören sollte? Gewiß erscheine ich Ihnen zudringlich, Frau Lenz.«

»Stören?« Mütterchen lächelte und schüttelte den Kopf. »Der Herr stören
keineswegs,« flüsterte sie, »wenn der Herr mir die Ehre antun wollen?« Sie
trat zurück und forderte Grau mit einer linkischen, rührenden Verbeugung
auf einzutreten.

»Die Ehrung ist auf meiner Seite!« sagte Grau freudig und verbeugte sich
ehrerbietig vor Mütterchen. »Wie liebenswürdig von Ihnen, Frau Lenz!«

Mütterchen öffnete eine Türe zur rechten Hand. Das erste, was Grau sah, als
er in das von verbrauchter warmer Luft erfüllte Zimmer eintrat, war der am
Boden hinhuschende Schein eines Feuers und zwei glänzende, große Augen in
einem fahlen, mageren Gesicht. Ein krankes, zwerghaftes Mädchen saß in
einem Lehnstuhle, eine Decke über den Knien. Sie heftete unausgesetzt die
großen Augen mit einem forschenden, starren Blick auf ihn. Das also ist
Susanna, dachte Grau, von der der Lehrer sprach. Unwillkürlich wurde er
kleiner, er duckte sich und sah nun nicht mehr so heiter aus.

»Hier ist ein Herr, Susanna,« sagte Mütterchen leise. »Herr --?«

»Grau!« Grau lächelte. Er ging auf die Kranke zu und begrüßte sie. Sie
legte ihre kleine gelbe Hand in die seinige, ohne auch nur eine Sekunde den
Blick von ihm zu wenden. Sie machte auch einen Versuch aufzustehen, aber
Grau erlaubte es nicht.

»Wie schön!« sagte Susanna. »Seien Sie herzlich willkommen. Es ist so
selten, daß uns jemand besucht, so daß es mir stets wie ein Traum
erscheint. Ach, Mütterchen, gib dem Herrn einen Stuhl.« Graus Herz begann
zu pochen, als Susanna zu sprechen anfing.

Susanna sprach mit einer hohen dünnen Stimme und sehr leise. Wie Mütterchen
so sang auch sie beim Sprechen ein wenig, aber ihre Stimme schien gleichsam
durch eine Wand zu kommen. Ihre Augen aber glänzten wie schwarze Spiegel,
während sie sprach, und sie sahen ihn unausgesetzt an. Die Lider schienen
nicht zu zucken. Sie sah gealtert aus und doch sah man, daß sie jung und
noch nicht zwanzig Jahre alt war. Sie hatte ein Gesicht wie ein seltsamer
Vogel. Ihr Hals war dünn und gelb und zwei schmale Sehnen hielten den
kleinen, abgemagerten, vorgebeugten Kopf. Die Augen lagen tief und füllten
die ganzen Augenhöhlen aus. Die Haare waren schwarz und glatt über der
niedrigen Stirne gescheitelt, zwei dünne, straffgeflochtene Zöpfchen hingen
über die Ohren herab, in denen sie Ringe mit langen silbernen Quasten trug.

Grau bestellte die Grüße, die ihm die Mädchen aufgetragen hatten, und
erzählte, welcher Zufall ihn hierher bringe.

»Die Schwestern werden Sie morgen besuchen,« fügte er hinzu.

Susanna lächelte ein wenig. Es war ein kleines, glückliches Lächeln, das
nur mühsam den langen Weg vom Herzen bis zu den Lippen zu finden schien.
»Danke!« sagte sie und blickte Grau an. »Ich habe auch schon von Ihnen
gehört, Herr Grau,« fügte sie hinzu, »und ich habe gewünscht Sie zu sehen
-- und nun sind Sie hier. -- Wie eigentümlich ist doch das? Aber noch
merkwürdiger ist es, daß ich mir gedacht habe, das muß Herr Grau sein, der
mit Herrn Eisenhut über die Wiese kommt. Nicht wahr? Ich fühlte es. Ich
weiß nicht warum.« Sie sah Grau abermals aufmerksam an und drehte den Kopf
etwas zur Seite, wie um besser seine Augen sehen zu können.

»Das ist eigentümlich!« sagte Grau lächelnd. »Und doch hat jeder Mensch das
so und so oft erlebt. Zum Beispiel als ich hier ankam, sah ich im Friedhof
einen Herrn und als ich später von Herrn Eisenhut reden hörte, wußte ich,
daß er jener Herr sein müsse, er und kein anderer.«

»Er war es auch?«

»Ja.«

»Merkwürdig. Vielen Dank für die Grüße, Herr Grau. Ich sah sie alle fünf
über die Brücke gehen. Es waren die Schwestern Sinding von der
Buchhandlung, sie sind Zwillinge, Klara und Maria Sinding. Sie sollten sie
kennen, so gut sind sie, so treu und schlicht. Und dann war ja auch die
andere dabei, nicht wahr?« Susanna blickte fragend in Graus Augen. »Haben
Sie die andere gesehen?«

»Fräulein von Hennenbach?«

»Ja, ja, ja! Haben Sie sie genau angesehen? Wie hat Sie Ihnen gefallen?«
Sie lächelte.

Sie war so gelb, so wächsern, so häßlich mit ihrer Hakennase, den
eingefallenen Wangen und der niedern Stirn, aber sobald sie lächelte, sah
man all das nicht mehr, man sah nur das Lächeln; es verzauberte ihre
Wangen, daß sie jung und süß wurden, ihre Lippen kräuselten sich und
enthüllten eine Reihe schneeweißer Zähne, die Augenbrauen zogen sich ein
wenig an der Nasenwurzel in die Höhe, der Glanz ihrer Augen veränderte
sich. Wenn sie darauf sprach, so war das Lächeln gleichsam in ihrer Stimme,
sie wurde sanfter und singender. Mit dieser lächelnden Stimme wiederholte
sie: »Nun, wie hat sie Ihnen gefallen?«

»Wie schön sie doch ist!« sagte Grau und lächelte ebenfalls.

Susanna nickte ein paarmal. »Ja, wie schön sie doch ist!« sagte sie. »Sie
ist berückend schön, ja! Wenn die zu mir kommt -- und sie scheut sich nicht
zuweilen zu mir zu kommen, so stolz sie auch ist, wir sind
Schulfreundinnen, müssen Sie wissen -- wenn sie nun eintritt in das kleine
Zimmer hier, so ist es mir, als wäre es Mai, Mai, und ich fühle mich gesund
und stark und so reich werde ich plötzlich im Herzen. So schön ist sie! Ich
liebe sie! Wie stolz sie geht! Ganz anders wie andere Menschen! Wie langsam
sie den Kopf bewegt! Ich liebe es schöne Menschen zu sehen, ich liebe es,
man fühlt sich selbst schön bei ihrem Anblick. Ich liebe Adele besonders.
Wenn ich ein Mann wäre, so würde ich nicht eher ruhen, als bis sie mich
wiederliebte. Nun es waren ja auch alle Männer der Stadt in sie verliebt!«

Grau lächelte. »Jetzt nicht mehr?« fragte er.

»Freilich, aber sie hüten sich wohl es laut werden zu lassen,« fuhr sie
geheimnistuerisch fort, »denn sie hat sich über alle, alle lustig gemacht.
Sie hat in Gesellschaft wieder erzählt, was sie zu ihr sagten -- nun, das
war ja vielleicht nicht recht von ihr -- sie haben es alle wieder hören
müssen, und dann -- dann sagen sie auch, sie lege es darauf an, jeden Mann
an sich zu ziehen -- aber das ist ja immer so -- auch er« -- sie flüsterte
und deutete auf die Türe -- »auch er, Herr Eisenhut, ist verliebt in sie,
auch er!«

»Also deshalb!« sagte Grau, und Susanna sah ihn fragend an.

»Susanna!« sagte Mütterchen. »Wenn er es hört!« Sie warf einen ängstlichen,
argwöhnischen Blick auf Grau.

Susanna lachte leise und hustete. »Wie sollte er es hören können,
Mütterchen, er kann es nicht hören und wenn er das Ohr an die Türe legt --
Herr Grau wird ihm nichts verraten, du solltest dir deine Leute doch
ansehen. Aber der Herr steht ja immer noch, Mütterchen, siehst du es nicht?
Ach, nicht diesen Stuhl, mein Herr, er ist nicht fest auf den Beinen.«

Mütterchen hatte sich abgemüht einen großen Lehnsessel herbeizuschleppen
und wartete bis Grau Platz nehmen wolle. Grau dankte und ließ sich nieder.
Der Stuhl war alt und knarrte, einen Augenblick lang glaubte Grau bis auf
den Erdboden zu sinken. Aber schließlich saß er und es sah aus, als ob er
nicht tiefer sinken sollte. Nun stand Mütterchen wieder wartend in der
Ecke; in das Tuch gehüllt, mit der Brille sah sie wie eine Eule aus.

Susanna lächelte, blickte auf ihre gelben kleinen Hände und blickte wieder
auf Grau.

»Aber das ist es ja nicht allein, daß sie so schön ist!« fuhr sie fort. »Es
ist noch etwas anderes.«

»Sie ist gewiß sehr eigentümlich.«

Ja, ob er das gefunden habe?

»Ich glaube, man kann es recht gut an ihren Augen sehen,« sagte Grau, der
Susanna unausgesetzt in die Augen blickte.

»Nicht wahr! Ja, sie ist so eigentümlich. Sie ist wie eine Fremde und hat
eine ganz andere Seele als wir andern alle. Es ist so schwer sie zu kennen,
und niemals kennt man sie ganz, denn immer kommt etwas Neues zum Vorschein.
Man kann nie wissen, was sie fühlt. Sie ist so verschlossen. Sie scheint
sich weder zu freuen, noch scheint sie zu leiden, ja manchmal könnte man
glauben, sie habe gar kein Herz. Aber sie ist ja nichts als Güte, nur ist
sie ganz anders gut als andere Menschen. Sie ist auch sehr mutig,
unerschrocken und kaltblütig. Hören Sie, als es gebrannt hat im Schloß --
Herr Grau haben wohl gehört von dem Brande --«

»Ich habe die Brandstätte gesehen.«

»-- was denken Sie, was sie tat? Sie ging beim ersten Alarm zu ihrer Mutter
ins Schlafzimmer und gab ihr ein Schlafpulver in Zuckerwasser. Denn die
Mutter Adeles ist leidend und wäre wohl vor Schrecken gestorben. Die Mutter
hat es selbst den Schwestern Sinding erzählt. Ist das nicht
bewundernswert?«

»Solch ein Gedanke!« sagte Grau. »Wie rasch sie denkt!«

»Ja, so rasch denkt sie! Der Gärtner bemerkte das Feuer zuerst, er ging
leise zu den Leuten und weckte sie, auch Adele. Sofort ging sie nun zu
ihrer Mutter. Auch dann, während des Feuers, blieb sie so ruhig und gefaßt
und gab an, was man tun sollte. Alle Leute hatten den Kopf verloren, auch
die Feuerwehrmänner. Es brennt so selten hier, das ist der Grund.«

»Wann war denn der Brand?« fragte Grau.

»Mütterchen, wann war es wohl?«

Mütterchen sagte: »Mitte August!«

»Und wie entstand das Feuer? Es hat ja einen ganzen Flügel zerstört, nicht
wahr?«

Das wisse niemand. Susanna schüttelte den Kopf. »Niemand weiß es,« sagte
sie. »Ja, es hat einen ganzen Flügel zerstört und gerade den, der nicht
bewohnt war. Kein Mensch wohnte darin, kein Dienstbote, niemand.«

»Welch ein Glück!«

»Ja, nicht wahr! Man hat wochenlang von nichts anderem gesprochen.
Vielleicht war es ein Racheakt. Aber man weiß es nicht. Sie dachten an ein
Dienstmädchen, das nicht richtig im Kopfe ist und das die Herrschaft
entließ. Aber dieses Dienstmädchen war zu einer Hochzeit verreist, also
konnte auch sie es nicht getan haben. Das Feuer muß von selbst entstanden
sein.«

»Von selbst?« Aber ein Feuer könne doch nicht von selbst entstehen? Grau
schüttelte den Kopf.

»Doch, ganz von selbst! Durch Wolle oder Vorhänge oder irgend etwas. Es war
furchtbar für die Familie. Denken Sie nur, all die alten kostbaren Möbel
und Bilder, die verbrannt sind. Aber das ist es nicht allein. Sie müssen
wissen, daß die Hennenbachs sich seit Jahren in Schwierigkeiten befinden.
Oh, denken Sie doch, solch ein feines Haus! Der Freiherr war Major und ist
ein Leben großen Stils gewöhnt, der Sohn, was er Geld brauchen mag --«

»Der Sohn?« unterbrach sie Grau.

»Ja,« erwiderte Susanna ein wenig überrascht. »Kennen Sie ihn?«

»Ich habe ihn ganz flüchtig kennen gelernt,« antwortete Grau. »Was ist das
für ein Mensch, ich interessiere mich für ihn.«

»Das? Ach, er ist ein sehr liebenswürdiger junger Mann, aber ein wenig --
ein wenig --«

Grau lächelte. »Nun?«

Mütterchen in der Ecke sagte: »Er ist ein Leichtfuß!«

Susanna lachte leise: »Aber wie kannst du das doch behaupten, Mütterchen!
Nun, ja, er ist ein wenig leichtsinnig, Herr Grau. Und er ist
verschwenderisch. Die ganze Familie gibt das Geld leicht aus. Auch Adele
braucht viel Geld, ja, sie wirft das Geld zum Fenster hinaus, kann ich
Ihnen sagen. Und nun brach das Feuer aus! Sie waren hoch versichert.«

Susanna blickte Grau lange an. »Denken Sie, wie böse die Menschen sein
können! Sie wissen, was ich meine!« Susanna ballte die Fäuste.

»Ja,« sagte Grau; »es ist übrigens recht gut möglich, daß das Feuer von
selbst entstanden ist,« fügte er hinzu, »durch Wolle, Späne oder irgend
etwas.«

Susanna lächelte. »Aber hören Sie, es war doch ein Glück dabei. Ja, ein
großes Glück. Nämlich er, der Major, er wollte keine Versicherung mehr
bezahlen. Auch die Freifrau nicht. Der Beamte der Gesellschaft
unterhandelte mit ihnen und da warf sich Adele ins Zeug und sagte, man
müsse versichern. Die Freifrau hat es den Sindings-Mädchen erzählt. Wie
gut, daß wir Adele nachgegeben haben, sagte sie.«

»Das war allerdings Glück im Unglück!« sagte Grau.

»Aber ich wollte ja von Adele erzählen, wie eigentümlich sie ist,« fuhr
Susanna fort. »Denken Sie, sie hat keine Miene gerührt, als das Feuer
ausbrach und niemals darüber gesprochen. Sie war der einzige Mensch in der
Stadt, der nicht davon sprach, es war gerade, als ob nichts geschehen wäre.
Auch den glücklichen Umstand, daß gerade sie es war, die auf die Erneuerung
der Versicherung drang, ließ sie unerwähnt, zu keinem Menschen sprach sie
davon. Auch als sie sich verlobte -- sie hat sich mit einem Baron Kirchgang
verlobt, aus einer sehr reichen und feinen Familie -- ja, da hat sie
ebenfalls keine Miene gerührt. So eigentümlich ist sie. Manchmal scheint es
als ob sie aus einer andern Welt sei.«

Grau blickte Susanna an. »Vielleicht ist sie es auch, nicht wahr?«

»Wie?«

»Vielleicht ist sie aus einer andern Welt,« sagte Grau mit eigentümlichen
Lächeln.

»Ich verstehe nicht?« sagte Susanna gespannt.

»Nun, vielleicht ist sie aus einer andern Welt als der Erde. Weshalb sollte
das nicht möglich sein?«

»Ja, wieso sollte es möglich sein?« fragte sie.

Grau zuckte die Achseln. »Ja, wieso sollte es nicht möglich sein?« fragte
er.

Susanna sah ihn lange an, sie lächelte verwundert, dann schüttelte sie
leise den Kopf und wandte den Blick dem Fenster zu. Der Schnee schimmerte
auf den Feldern.

»Ich werde jetzt mit Herrn Eisenhut reden, Susanna,« sagte Mütterchen leise
und wandte sich langsam der Küchentüre zu.

»Ja, tue das. Stelle es ihm vor, Mütterchen, nicht wahr? Du weißt ja, er
hatte noch immer ein Einsehen.«

»Ja,« sagte Mütterchen kleinlaut. Dann wandte sie sich an Grau. »Der Herr
müssen mich einen Augen -- blick ent -- schuldigen --«

»Mütterchen ist sehr scheu,« flüsterte Susanna. »Sie kann nicht sprechen,
aber sie fühlt. Ich möchte Sie auch bitten, nicht vom Vater zu sprechen in
ihrer Gegenwart. Sie leidet so. Er war hier, ich weiß es. Ich sah ihn zum
Fenster hereinblicken, in der Nacht, und am Morgen, da sah ich die
Fußspuren im Schnee. Mütterchen hat nichts gemerkt, das ist gut. Sie geht
umher und denkt an ihn, aber sie spricht nichts. Manchmal, wenn es stürmt,
beginnt sie zu weinen. Es ist solch schlimmes Wetter, sagt sie. Sonst
nichts. Aber ich weiß, daß sie meint, Vater könnte draußen sein. So ist
sie. Manchmal -- ach, nicht oft -- vielleicht zwei-, dreimal im Jahr, da
sagt sie: >Wenn er doch einen Brief schriebe!< Dann kann sie nicht mehr
schweigen, dann muß sie von ihm sprechen. Vater kommt so selten -- so
selten! Er hat eine unruhige Seele, aber er ist der allerbeste Mensch von
der Welt.« Sie hielt inne und lauschte gegen die Türe, hinter der man
Stimmen hörte, sie zitterte ein wenig, dann sagte sie: »Ich hoffe, Sie
werden noch ein Weilchen dableiben, Herr Grau, nicht wahr?«

»Mit dem größten Vergnügen,« sagte Grau. »Ich liebe es, Ihnen zuzuhören.
Aber ich muß meinen Mantel ablegen dürfen.«

»Natürlich, natürlich! Oh, denken Sie, wie ich mich gesehnt habe, mit
jemand zu sprechen.«

»Verzeihen Sie einen Augenblick,« unterbrach sie Grau, »da wir vorhin von
dem jungen Herrn von Hennenbach sprachen -- er ist wohl Student?«

»Ja. Weshalb?«

Grau lächelte. »Ich kann nicht verstehen, daß er hier ist, wenn er doch
Student ist. Er lebt wohl immer hier bei seinen Eltern?«

»Ja. Er ist seit zwei Jahren an der Universität eingetragen, aber er war
noch nie dort.«

»So, so. Er lebt also immer hier?«

»Ja, ja. Ich verstehe nicht --«

»Oh, bitte, es ist nur eine kleine Neugierde -- aber sprechen Sie doch nun,
bitte, Fräulein Lenz!«

Susanna lächelte, sah Grau an und fuhr fort: »Ja, ich freue mich, sprechen
zu können. Ich führe zuweilen lange Gespräche mit mir selbst, ich spreche
zu meiner Seele und meine Seele spricht zu mir. Und nun weiß ich ja nicht,
wovon ich anfangen soll. Und denken Sie, wie ich mich gesehnt habe, einen
fremden Menschen, einen neuen Menschen zu sehen!«

»Warum gerade das?« Grau rückte den Stuhl näher heran.

Susanna kicherte. »Sie werden vielleicht lachen!« sagte sie mit hoher
Stimme. »Aber, nein, Sie werden es wohl verstehen. Ich liebe es, ein neues
Gesicht zu sehen. Es ist mir fremd und gibt mir zu denken. Und ein neuer
Mensch, hören Sie doch, was hat er alles gesehen und gehört! Die Menschen,
die in unser Haus kommen, was haben denn die gesehen? Sie haben die Stadt
gesehen, den Wald, die Dörfer ringsumher, alle Gesichter, die auch ich
gesehen habe, alles, was sie gesehen haben, das kenne auch ich. Aber ein
neuer, ein fremder Mensch! Er hat so viele Städte gesehen, ferne Städte mit
wunderlichen Häusern und Türmen, und obwohl ich ja das nicht sehen kann, so
ist es mir doch, als brächte er all das mit. Er hat fremde Menschen gesehen
und mit ihnen gesprochen, all das scheine ich auch zu erleben, wenn er zu
mir kommt. Er hat gesehen, wie sie kämpfen da draußen um all die neuen
Ideen -- all das fühle ich. Er hat Musik gehört, große Werke, große
Künstler, das alles bringt er mit zu mir herein. Er ist ein Erlebnis, denn
all die Zeitlang, die ich nun hier sitze oder liege -- es ist ein Jahr und
noch ein halbes dazu -- habe ich nur sechs verschiedene Menschen hier bei
mir gesehen -- ja, sechs waren es.«

»Wie lange sind Sie denn schon leidend, Fräulein Lenz?«

»Es ist nun,« sagte Susanna und blickte in die Weite, »es ist nun vier
Jahre. Aber erst die letzten Jahre ist es so schlecht, daß ich nur im
Sommer noch ein wenig im Freien gehen kann.« Sie lächelte. »Trotzdem
vergeht die Zeit sehr rasch für mich. Ja, mein Gott, wo kommen doch die
Tage hin? Es ist so selten, daß ich mich langweile --«

»Wie gut das ist! Das ist gut!« unterbrach sie Grau.

»So selten. Nur wenn es in meinem Kopfe leer wird, dann kann es geschehen,
daß ich die Röschen der Tapete zähle, oder die Tassen im Glasschrank, oder
ausrechne wieviele Fingerbreiten wohl von hier zur Türschwelle sein mögen.«

»Jeder Mensch hat solche Augenblicke!«

»Ja, das mag sein. Es ist selten. Zuweilen ist es mir erlaubt zu lesen. Die
Sindings bringen mir Bücher und Adele, die alle Bücher hat, die es nur
gibt. Da lese ich dann. Diese Ideen! Ich liebe die Ideen, müssen sie
wissen, die neuen! Ja, wie ganz anders er doch die Welt betrachtet, denke
ich. Ich liebe die Dichter! Siehst du denn alle Menschen, von denen er
spricht, sage ich zu mir. Siehst du sie? Manchmal schüttle ich den Kopf:
Nein, sage ich, das ist nicht wahr. Aber ich liebe die Dichter! Ich liebe
die sanften, die zuweilen in den Büchern zu singen anfangen, so daß sie
sagen: Ja, wie schön, wie schön ist das doch! Ich liebe die grausamen, die
von wilden Herzen reden. Ich sitze und denke darüber nach, all das ist so
fern, so fremd, aber ich denke, von jeder dieser Personen hast du ein
kleines Etwas, von jeder, sie mögen schlecht oder gut sein.«

»Wie schön Sie das sagten!« sagte Grau bewundernd und nickte.

Susanna fuhr fort: »Es ist schade, daß es mir verboten ist, viel zu lesen,
denn sonst -- ich würde ja Tag und Nacht lesen, ich tue alles
leidenschaftlich, was ich tue. Aber dann kann ich ja dasitzen und zum
Fenster hinaussehen. Mütterchen hat den Stuhl so gestellt, daß ich zur
Brücke sehen kann. Es kann nichts in die Stadt gehen, es kann nichts aus
der Stadt kommen, ohne daß ich es sehe. Ist das nicht herrlich! Es ist nun
so schön und spannend, dazusitzen und zu warten bis etwas kommt. Lange Zeit
kann verstreichen, aber plötzlich -- sagen wir -- taucht der nickende Kopf
eines Pferdes auf. Ein Pferd! sage ich zu mir, und ich sehe das Pferd noch,
wenn es schon weit fort ist. Aber dann kommt eine Bäuerin mit einem Korbe
auf dem Rücken, oder es kommen Kinder. Ich denke, werden sie ins Wasser
spucken oder nicht. Aber da haben Sie sie schon an der Brüstung -- immer
sehen Kinder interessante Dinge im Wasser -- und sie müssen
hinunterspucken. Auch ich mußte es tun -- auch Sie?«

Grau lachte. »Ja,« sagte er.

Susanna fuhr fort: »Dann kommt die gelbe Postkutsche. Sie kommt in der
Frühe und kehrt spät am Nachmittage zurück. Ich freue mich, so oft ich sie
sehe, denn sie kommt regelmäßig wie ein Freund. Es scheint auch, als sei
ich persönlich mit ihr verknüpft, sie ist wie ein Mensch! Ich muß lachen,
wenn ich sie sehe, und manchmal winke ich ihr auch. Abends kann ich sie
jetzt nicht sehen im Winter, aber ich sehe, wie ein kleines Licht über die
Brücke kriecht. Dann sehe ich den Schnee. Er schmiegt sich wie heute, er
ist wie Sand, wenn es kalt ist -- er glänzt, wenn es getaut hat und Frost
darauf folgte. Er bewegt sich, wenn der Wind weht, und manchmal da sieht es
aus als tolle ein närrischer weißer Pudel im Felde herum. Dann sehe ich die
Wolken. Sie können mich froh und leicht machen, sie können machen, daß mein
Blut schneller läuft, daß mein Herz stockt, und es gibt solche, vor denen
ich mich leicht verneige, so drohend stehen sie da. Dann sehe ich die
Pappeln an der Brücke. Sie sehen jetzt wie Besen aus, aber wenn es stürmt,
so flattern sie wie Mähnen, und sie scheinen fürchterliche Angst zu haben.
Fast immer sitzt eine Krähe dort oben auf der Spitze, sie sitzt und lugt
aus und plötzlich fliegt sie fort. Aber sofort ist eine andere da, die ganz
genau aussieht wie die erste, man könnte glauben, es sei immer die gleiche.
Wenn es dunkel wird, warte ich auf den ersten Stern. Ich warte auf den
Mond. Sie sehen, so vergeht die Zeit, selbst im Winter gibt es so vieles zu
sehen. Aber dann werde ich oft müde und muß die Augen schließen, und wissen
Sie, was dann geschieht?«

»Dann träumen Sie!«

»Ja, dann träume ich.«

»Was träumen Sie denn?«

Mannigfacher Art waren die Träume Susannas. Am liebsten aber träumte sie
Musik. Ja, wenn sie nicht müde war, da träumte sie von Menschen; wie sie
sprechen und denken und handeln, wie wunderlich sie sind; aber wenn sie zu
müde dazu war, so träumte sie Musik.

»Ich würde zu gern hören, in welcher Weise Sie das tun, Fräulein Lenz. Ich
bin etwas neugierig, ich muß es gestehen. Aber ich werde mich gewiß
revanchieren, ich verspreche es Ihnen. Ich habe sehr viel erlebt und
gesehen und das alles werde ich Ihnen erzählen. Aber vorläufig ist die
Reihe an Ihnen.«

Susanna zögerte eine Weile. Sie hatte gesprochen und gesprochen, wie es oft
Menschen tun, die lange allein gewesen sind mit ihren Gedanken. Nun
erinnerte sie sich plötzlich, daß Grau ein Fremder war. Sie lächelte, aber
Grau verstand es, ihr zuzureden.

Susanna blickte lange zur Seite, dann fuhr sie fort: »Es kann eine
Abendwolke sein, die über den Himmel zieht und singt. Oder es kann sein --
aber Sie werden es besser verstehen: Zuerst, da ist es eine kleine Melodie,
das kleine Lied eines kleinen Vogels im Walde. Das ist die Flöte! Und es
ist ganz leise. Es ist der kleine Vogel, der singt, und sein Lied
schmeichelt den Bäumen. Sie beginnen sich zu wiegen und nun saust die
Melodie des kleinen Vogels im ganzen weiten Walde. Das sind die Violinen!
Sie wiederholen, sie verändern die Melodie des kleinen Vogels, aber sie
hören immer den kleinen Vogel singen. Plötzlich ist es wie ein Schreck, wie
eine Warnung, das ist die Klarinette, die warnt, das ist die Trompete, die
mit einem Stoß den Schreck hervorruft. Nun kommt der Sturm, die Pauken und
die Baßgeigen, er jagt daher, der Wald braust und wiederholt klagend und
furchtsam das Lied des kleinen Vogels. Der aber ist ganz still. Der Sturm
greift den Wald an, um den Vogel zu vernichten, aber der Wald verteidigt
ihn. Der Sturm und der Wald kämpfen miteinander. Sie hören nur den kleinen
Vogel lachen, denn er fürchtet sich nicht, er verspottet den Sturm. Das
macht den Sturm rasend, er wütet gegen den Wald, aber endlich macht er sich
grollend davon und die Bäume wiegen sich und sie hören den kleinen Vogel
wieder wie am Anfang. -- So ähnlich ist es, wenn ich Musik träume. Haha,
ich kann es ja nicht in Worten wiedergeben -- aber so ähnlich ist es, Sie
müssen es sich eben ausmalen.«

Grau zitterte. Ein eigentümliches Zittern machte seinen ganzen Körper
erbeben.

»Sie frieren?« sagte Susanna und richtete sich auf.

Grau gab sich Mühe gegen das Zittern anzukämpfen, aber es half nichts.
»Nein,« sagte er und lächelte, »ich friere nicht. Keineswegs. Ich hatte
einmal Fieber, ich kam einem Fieberkranken zu nahe und daher rührt das
Zittern. Seien Sie ganz unbesorgt und sprechen Sie ruhig weiter. Ich habe
die Musik gehört, Fräulein Lenz, ich habe alle Instrumente gehört, so gut
haben Sie das beschrieben! Welche Melodie aber hat der kleine Vogel
gesungen? Ich habe mir eine fröhliche, ein wenig kecke Melodie gedacht.«

»Fröhlich und ein wenig keck, ja. Es war ja nur ein Beispiel, weil Sie es
wissen wollten. Es kann auch sein, daß er traurig singt und es regnet, die
Regentropfen singen dieselbe traurige Melodie, die Blätter, der Wind. Es
muß auch nicht gerade ein Vogel sein, es kann ein junges Mädchen sein, das
man in einen schönen Garten eingeschlossen hat und das in der Sonne geht
und singt.«

»Warum muß das Mädchen gerade eingeschlossen sein?«

»Das weiß ich nicht. Aber ich fühle es so. Es kann auch das Meer sein, das
singt, oder Grotten oder eine Linde, in deren Zweigen Tausende von Vögeln
hüpfen.«

Grau schüttelte langsam den Kopf und Susanna sah ihn fragend an.

»Nun haben Sie sich verraten, Fräulein Lenz,« sagte er, »Sie sind ja ganz
außerordentlich für Musik begabt. Sie komponieren ja im Kopfe!«

Susanna lachte leise und errötete.

»Haben Sie auch schon als Kind solche Träume gehabt?«

Ja, da hatte Susanna gehört, daß die Glocken nicht einfach läuten, sondern
ein Lied singen, auch das Wasser, das man in einen Krug laufen ließ, es
sang.

»Da haben wir es!« Grau lachte. »Sie müssen Musik von Grund auf studieren.
Spielen Sie ein Instrument? Nein? Das schadet nichts; Sie müssen unbedingt
ein Piano haben!«

Susanna hörte ihm erstaunt zu, sie sah froh aus und sie lächelte und sagte
mit hoher Stimme: »Ich kann aber doch nicht spielen!«

»Das? Was das anbelangt -- da seien Sie ganz außer Sorge. Sie werden es
sehr schnell lernen. Ich habe Ihre Hände betrachtet, die Glieder der Finger
sind so fein, so fein und voll nervöser Kraft, ja, schön sind Ihre Hände,
Fräulein Lenz. Oh, vergeben Sie mir, wenn das zu kühn ist. Es fällt mir
natürlich gar nicht ein, Ihnen Schmeicheleien zu sagen, weder Ihnen noch
sonst jemandem, nein, aber wenn etwas schön ist, warum soll ich es nicht
beim Namen nennen -- nicht wahr? Ja, Sie haben Hände zum Klavierspielen, in
einem Vierteljahr werden Sie schon ganz prächtig spielen -- nach einem Jahr
oder zwei Jahren aber ausgezeichnet. Ich erbiete mich, Ihnen Unterricht zu
geben. Meine Kenntnisse sind gering, aber für den Anfang, da kann ich schon
zu gebrauchen sein, später, da wird sich ja alles finden --«

Susanna hörte ihm zu und lächelte. Sie erwiderte nichts darauf, aber ihr
Blick wurde plötzlich düster. Dieser Blick sagte: Ja, was spricht er denn
von Jahren und Jahren, sieht er denn nicht, wie es um mich steht?

Dann sagte sie leise: »Sie sind gut, Herr Grau. Zuweilen da blicken Sie so
streng, aber Ihre Augen sehen immer gütig aus. Ich habe gehört, wie
tatkräftig Sie sich der alten unglücklichen Frau Sammet angenommen haben --
ich --«

Aber davon wollte Grau nichts wissen. Er lachte und sagte: »Das ist mein
Privatvergnügen. Es macht mir Freude, das ist es. Ich habe ja im Grunde
genommen nichts für die Arme getan. Eine Kollekte, das war alles. Habe ich
mit dieser alten Frau gelitten, habe ich sie etwa an die Brust gedrückt,
ihren Scheitel, ihre Wangen gestreichelt, ihre Stirn geküßt, hat man etwas
derartiges etwa erzählt? Wie? -- Habe ich ihr Handreichungen getan, da sie
vor Schmerz nicht wußte wo aus und wo ein? Nein, all das habe ich nicht
getan. Leider nicht. Es ist also nicht richtig, was Sie sagen. Ein Dame
hier hat mir gesagt, ich hätte bei der Beerdigung schön gesprochen. Ich
habe mich geschämt. Schön! Ach nein, schlecht, ein paar armselige Worte
habe ich gesagt und die Scheu vor all den Zuhörern war größer als mein
Mitgefühl mit der unglücklichen Mutter. Sie sind also im Irrtum --«

Da kam Mütterchen ins Zimmer. Susanna wurde unruhig und sagte: »Es muß
heute schön draußen sein, der Schnee ist so weich.«

Mütterchen sah niedergeschlagen und entmutigt aus. Sie hatte feuchte Augen.
»Er hat nein gesagt!« flüsterte sie Susanna zu. Sie stellte eine Tasse
neben Grau.

»Nein?« jagte Susanna erschrocken. Sie blickte zu Boden, errötete, dann
setzte sie hinzu, indem sie Mütterchens Hand streichelte: »Ach, Mütterchen,
du mußt den Mut nicht sinken lassen. Du weißt, er will gebeten sein, er
ließ sich stets nach einigen Tagen erweichen.«

»Ja,« hauchte Mütterchen hoffnungslos und goß Kaffee in die Tasse.

»Ja, was tun Sie denn!« schrie Grau erschrocken und sprang auf.

»Ein Täßchen Kaffee, wenn der Herr mir die Ehre antun wollen.«

Grau sah Mütterchen lange an, seine Augen glänzten. »Wie liebenswürdig von
Ihnen,« sagte er und drückte Mütterchen die Hand. »Ich breche in Ihr Haus
ein, ich bin ein Fremder, das ist mir noch nie passiert, ich danke Ihnen!«
Er verneigte sich dankbar und setzte sich wieder.

Aber da war das Unglück schon geschehen. Durch die Küchentüre nämlich war
ein freches braunes Huhn in die Stube spaziert und stolzte keck im Zimmer
umher.

Mütterchen erstarrte vor Schrecken. »Da ist -- nun -- diese --« Sie blickte
starr und hilflos auf Grau. »Hsch, hsch -- du ungezogene --«

»Putt -- putt,« machte Grau. »Ein schönes Huhn. Sie halten Hühner, Frau
Lenz, seht an.« Er blickte freundlich auf die Henne als sei sie ein Mensch.

»Ja, in der Küche -- aber -- der Herr müssen entschuldigen -- mein ganzes
Leben bin ich noch nicht so in Verlegenheit gebracht worden -- wie mich
diese ungezogene -- hsch, hsch -- Kreatur blamiert -- Geh hinaus,
Klatschbase.«

»Klatschbase, so heißt sie,« erklärte Susanna, »weil sie so viel gackert.«

Klatschbase segelte endlich gackernd und schreiend zur Türe hinaus, nicht
ohne vorher zu zeigen, daß sie ein echtes Huhn sei. »O -- o --« hauchte
Mütterchen, aber Grau hatte es gar nicht bemerkt. Er sprach mit Susanna. Da
habe sie recht, ein schöner Tag sei heute. »In der Stadt hacken sie das Eis
auf,« sagte er. »Es kann nun nicht mehr lange währen, bis der Frühling
kommt.«

Susannas Augen glänzten. Sie blickte Grau erstaunt und lange an.

»Nun?«

»Als ob Sie erraten hätten, worauf ich warte!« sagte sie langsam. »Denn die
Wahrheit zu sprechen, ich sitze den ganzen Tag hier und warte auf den
Frühling. Ich warte auf ihn, ich liebe ihn, mein Herz klopft, denke ich an
ihn. Er ist mein Geliebter. Sie lieben ihn auch?«

Grau lächelte. »Ja, wer liebt ihn nicht?« sagte er. »Es gibt auf der ganzen
weiten Welt nicht einen einzigen Menschen, der ihn nicht liebt, er kann
noch so mißmutig sein.«

Susanna fieberte bei dem Gedanken an den Frühling. Sie lächelte und atmete
tief. »Oft denke ich,« fuhr sie fort, »ob es sich nicht jetzt schon rührt
da drinnen in der kalten Erde, ob nicht die Keime schon ein wenig erwachen
und sich dehnen, all die tausend, tausend Keime da drunten. Denn hören Sie,
sie müssen sich ja jetzt schon dehnen, denn haben Sie nicht plötzlich schon
ein Schneeglöckchen im Walde angetroffen, wie? Also müssen sie wohl oder
übel jetzt schon beginnen, nicht wahr? Ich freue mich auf all das, was
jetzt kommt, denn der Winter war doch recht lang. Wenn er schon kommt, der
Frühling! Guter Gott, wie weht es doch! Er haucht! Man spürt es an der
Schläfe, vor allem an der Schläfe, da haucht es, als ob ein warmer Mund
hauche. Wie warm es haucht! Denken Sie daran, wenn Sie hinaustraten und
dachten, ja, was ist dies plötzlich, so warm? Dann fassen Sie etwas an,
einen Ast, er ist feucht, er klebt! Das ist, wenn er kommt.«

Sie schwieg. Dann, nach einer langen Weile sagte sie -- und es klang wie
ein frohes Seufzen: »Dann wächst das Gras!«

Nein, dachte Grau, es klang nicht nur wie ein frohes Seufzen, nimmermehr
wirst du das vergessen können, es klang wie eine Liebkosung, es klang wie
ein Gebet. So eigentümlich sagte sie es, daß er einen Schmerz in der Brust
empfand, einen leisen Stich. Er sprach nichts, er war still und blickte auf
Susanna.

»Dann regnet es und Sie lachen!« fuhr Susanna fort. »Es regnet und Sie
lachen! Ja, regne nur, regne nur, denken Sie und lachen, denn jetzt kommt
er. Sie schließen die Augen und schlafen und Sie träumen, wie es sich regt
im Lande, die Wolken, die Erde, die Luft, alles ist in Bewegung. Die Luft
ist süß wie Milch, das Wasser wie Wein, die Menschen sind freundlicher
geworden. Im Walde da riecht es, der Schuh sinkt in den Boden, nasses,
faulendes Laub. Dann kommt der erste Keim hervor, das erste Grün, die erste
Blume. Kommen denn nicht die Tiere des Waldes zusammen, die Hasen und Rehe
und Eichhörnchen, Igel und Füchse, die Raben und die Marder, diese erste
Blume zu sehen? Wie aber sieht es unter den Hecken aus! -- Ja, wie sieht es
denn da aus?« rief sie und lachte. »Aber das ist ja alles, wenn er nur im
Anzuge ist --«

Plötzlich fiel etwas vor dem Fenster draußen herab, dann tanzte eine weiße
Flaumfeder herab, zwei, drei kleine Federchen folgten, nun fielen einige
Flocken zu gleicher Zeit und dann so viele, als ob man Hände voll Federchen
in die Luft streue, die Luft war grau getüpfelt. Sie fielen immer dichter,
sie wirbelten, tanzten, taumelten kreuz und quer, klebten an den Scheiben,
und endlich schossen weiße und graue Streifen durch die Luft und verhüllten
den Ausblick. Es schneite ordentlich. Sofort wurde es dunkel im Zimmer und
Susannas Augen glänzten aus einem fahlen ledergelben Flecken.

Susanna aber sah es nicht, sie sprach vom Frühling, den Bächen, den Wiesen,
den Wolken, vom Himmel, diesem blauen schimmernden Frühlingshimmel! Glanz
und Herrlichkeit --

»Sie gehen in den Wald!« sagte sie fiebrisch. »Sie gehen hinein wie in eine
Kirche. Die Buchen stehen da, naß und fleckig, sie haben Knospen wie grüne
Blüten überall, aber der Boden des Waldes ist von Anemonen gefärbt. Sie
kommen an einen Hang, der ist ganz gelb: Das sind die Schlüsselblumen, sie
kommen über die Wiese, da steht das Schaumkraut, so blau, so duftig. Sie
kommen an einen Bach, der ist golden gesäumt, das sind die Dotterblumen,
mit einem Griff können Sie einen ganzen Strauß pflücken, sie sind so saftig
und innen glänzen sie wie Schmalz. Das Gras wächst und wächst und wächst,
es wird immer länger, und wenn nun der Wind weht, so zittern die Gräser
nicht mehr, sie schwingen sich, sie wiegen sich, ganze Wellen. Oft liege
ich stundenlang hier und denke wie der Wind über die Wiese streicht und die
Wiese gibt sanft nach. Wie schön wäre es, barfüßig im Grase zu gehen!«

Ihre Augen fieberten, ihre Wangen röteten sich. Sie lachte und hustete.

»Du sollst solche Gedanken gar nicht haben,« sagte Mütterchen.

»Ich meine ja nur,« sagte Susanna. »Lieben Sie die Margareten, Herr Grau?«

»Ja,« sagte Grau. »Sie sehen so besonders reinlich aus.«

»Reinlich! Ja, ich sehe sie vor mir, alle, alle, alle Margareten sehe ich
vor mir! Ich liebe die Blumen, sage ich Ihnen.«

»Das kann ich wohl merken, Fräulein Susanna!« sagte Grau. »Oh -- verzeihen
Sie mir die vertrauliche Anrede, sie kam ganz von selbst auf meine Lippen.«

Susanna verneigte sich in ihrem Sessel. »Das ehrt mich!« sagte sie und sah
Grau erfreut an. »Ja, ich liebe sie!« fuhr sie fort und rang ein wenig die
kleinen mageren Hände. »Sie sind wie Kinder. So schön sind sie, so still
und geduldig. Sie blühen auf und sterben, und niemand hat sie gehört, daß
sie sich beklagten. Es scheint mir, die Menschen könnten viel von ihnen
lernen. Dann tun sie auch niemand etwas zu leide, sie leben ja von Erde,
Tau und Luft. Sie freuen sich, wenn die Sonne scheint, und wenn es Abend
wird, da schließen sie die Kelche und stehen schlafend da. Können Sie sich
eine ganze Wiese oder einen Abhang vorstellen in der Nacht, alle Blumen
haben die Kelche geschlossen und schlafen? Können Sie das? Ich kann es,
denn ich beschäftige mich unausgesetzt mit solchen Dingen. Das alles habe
ich von Mütterchen gelernt, nicht wahr, Mütterchen? Sie liebt die Blumen so
sehr.«

Grau wandte Mütterchen den Blick zu, und sie sagte: »Früher, ja, früher da
liebte ich sie.«

»Jetzt nicht mehr, aber --!«

Es gäbe so manches, sagte Mütterchen, nahm die Tasse und ging hinaus. Sie
kam mit der gefüllten Tasse zurück und stellte sie neben Grau hin, ohne ein
Wort zu sagen.

»Nein, aber ich protestiere!« sagte Grau.

»Wenn der Herr mir die Ehre antun wollen --«

Susanna aber fuhr fort vom Frühling zu sprechen. Draußen schneite und wehte
es, aber sie sah es nicht. Sie sah wie die Blumen im Gärtchen draußen
wuchsen, all die Nelken, Tulpen, Rosen und dieser Flieder von einer ganz
seltenen blaßblauen Farbe. Februar, März, sagte sie, und zählte die Wochen
an den Fingern ab.

Plötzlich schwieg sie. Sie blickte in die Weite und versank in Gedanken.
Ihre schweren Vogellider sanken halb über die schwarzen Augen, die Lippen
öffneten sich. Sie sprach mit sich selbst.

»Ich muß das grüne Gras noch einmal sehen, ich muß!« flüsterte sie. Sie
dachte nicht, daß Grau es hören könnte.

Grau erhob sich. Susanna erschrak.

»Oh, es ist spät?« sagte er. »Es ist spät!« Er griff in alle Westentaschen
und suchte nach der Uhr, dann, als er sie nicht fand, schlüpfte er rasch in
den Mantel. Es schien als könne es ihm nicht schnell genug gehen. »Es ist
spät!«

»Sie müssen gehen?«

»Ja, bei Gott, ich muß. Ich werde wiederkommen, ich werde wiederkommen,
wenn es die Damen erlauben, ganz gewiß --«

»Kommen Sie bald wieder!«

»Danke, danke! Ihnen habe ich tausendmal zu danken, Fräulein Susanna, es
ist einer der schönsten Nachmittage meines Lebens gewesen -- der schönste
vielleicht! Ich werde keine Silbe vergessen von dem was Sie mir erzählt
haben. Und wieviel habe ich Ihnen zu danken, Frau Lenz. Ja, ich muß,
erlauben Sie mir, ich bin ein Fremder für Sie, ein Eindringling, aber mit
welcher Freundlichkeit haben Sie mich aufgenommen!«

Er gab Susanna die Hand und sah sie lange mit leuchtenden Augen an. »Wie
rasch wir Freunde geworden sind!« sagte er.

»Ja!«

»Adieu, Fräulein Susanna!«

»Adieu, Herr Grau!«

Unter der Türe verbeugte sich Grau nochmals und wiederholte: »Adieu,
Fräulein Susanna!«

Mütterchen stand nicht davon ab Grau hinauszubegleiten. Der Herr wisse ja
nicht, wie man das Gartentürchen öffne.

Grau wehrte ab. »Sie können sich eine Erkältung holen, Frau Lenz. Wie es
doch schneit!« -- Nein, nein, der Herr wisse ja nicht --

Draußen fragte Mütterchen, was er von Susanna halte?

»Oh!« rief Grau aus, den Hut in der Hand, »ein prächtiges Geschöpf, ein
ganz und gar wundervolles Mädchen. Sie hat mich entzückt, ganz unter uns
gesagt!«

Mütterchen lächelte ein wenig. Ob der Herr sich nicht bedecken wolle? Sie
frage, was er von ihrem Befinden halte.

»Eine Erkältung,« sagte Grau scheu, mit einer Bewegung, als wolle er
entfliehen, und blickte auf Mütterchen herab, in deren Haaren sich der
Schnee ansammelte. »Eine schlimme Erkältung vielleicht -- aber --«

Ob der Herr sich nicht doch bedecken wolle? Sie sei nun schon über zwei
Jahre leidend. Sie sah Grau mit angsterfüllten Augen an.

Nun käme ja bald der Frühling! Luft, starke, stärkende Luft, Balsam für
Kranke. »Was übrigens das Leiden anbetrifft, so kann ich Ihnen recht wohl
sagen -- und jedermann wird es Ihnen bestätigen -- mit einem Leiden kann
man alt werden. Ich selbst habe einen Herrn gekannt --« Grau sprach noch
scheuer und wich ein wenig zurück. »Übrigens der Frühling, die Sonne --« Er
konnte nicht weitersprechen. Die jungen Vögel werden sie ins Grab singen,
dachte er.

Mütterchen verbeugte sich, aber sie sagte kein Wort, mit komischen Sprüngen
lief sie ins Haus zurück.

Grau setzte den Hut auf und ging. Er blickte sich einigemal um, als ob er
verfolgt werde. Sobald das kleine Häuschen im Düster untertauchte, begann
er zu laufen, was er konnte, und entfloh durch den wirbelnden Schnee.




Vierzehntes Kapitel


»Sie ist einer von jenen Menschen, für die man sein Leben lassen müßte!«
sagte Grau, der in seinem dunkeln Zimmer auf und ab ging. »Nur um ihr einen
einzigen glücklichen Tag zu schenken, müßte man tropfenweise sein Blut
hergeben!« Es blieb lange dunkel in Graus Zimmer, dann machte er Licht und
schrieb an Susanna einen langen Brief. Verehrte und bewunderte Freundin,
schrieb er. Er trug den Brief zur Post. Vielleicht kommt der Briefbote
selten in das kleine Haus da draußen vor der Stadt, dachte er und lächelte.
Und morgen würde Susanna lesen, daß sie einen Freund und Bruder gefunden
hatte.

Er fühlte sich froh und erleichtert, als er wieder die Staffeln
hinaufstieg. Obwohl es empfindlich kalt war und der Schnee unter seinen
Schritten knarrte, trat er nicht in das Haus, sondern er ging weiter, die
Parkmauer entlang. Plötzlich stand er vor einem hohen eisernen Gitter und
merkwürdigerweise pochte sein Herz, als er dieses Gitter sah. Der Park lag
öde und kalt. Grau dachte an den Mohren aus Bronze, der drinnen in dem
weißen Hause stand, an die Stille des Salons mit den zierlichen Möbeln und
an den leisen Schritt, der sich plötzlich der Türe genähert hatte; dann kam
sie. Ihre Stimme, ihre Augen -- er ging weiter, diese Erinnerung schmerzte
ihn. Er stieg die Höhe hinauf. Schnee, Düster und unheimliche Stille. Ein
paar Lichter blinzelten

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