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Claus Störtebecker

by Georg Engel · German · Gutenberg #41382 · 800,795 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Claus Störtebecker
    
This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
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Title: Claus Störtebecker

Author: Georg Engel


        
Release date: November 17, 2012 [eBook #41382]
                Most recently updated: October 23, 2024

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/41382

Credits: Produced by Norbert H. Langkau, Heike Leichsenring and the
        Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK CLAUS STÖRTEBECKER ***

Anmerkungen zur Transkription:

Offensichtliche Interpunktionsfehler wurden berichtigt. Eine
Liste der sonstigen Berichtigungen am Text finden Sie am Ende des
Dokuments.

Mit _ umschlossene Texte sind im Original in einer anderen Schriftart
(Antiqua) als der Haupttext (Fraktur) gedruckt. Römische Zahlen
wurden nicht hervorgehoben.

Einfache Anführungszeichen werden als Apostrophe (') wiedergegeben,
doppelte Anführungszeichen mit Guillemets (»«).

Im Original ist jeweils der erste Buchstabe eines Kapitels mit einem
Bild dargestellt. Diese reine Textversion verzichtet auf die
Wiedergabe dieser unbeschrifteten Illustrationen.

Neben den normalen Gedankenwechseln innerhalb eines Kapitels (die als Reihe
von fünf Sternchen wiedergegeben sind), gibt es auch einen Gedankenwechsel,
der im Original aus einem weiten Abstand zwischen zwei Absätzen besteht
und im Folgenden als Reihe von drei Sternchen dargestellt ist.



       *       *       *       *       *




Georg Engel


Claus Störtebecker



Roman in zwei Bänden

Dreizehnte Auflage

Union Deutsche Verlagsgesellschaft
Stuttgart / Berlin / Leipzig


Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten

Copyright 1920 by Grethlein & Co. G.m.b.H. in Leipzig / Buchschmuck
nach Entwürfen von Herbert Hauschild in Leipzig / Druck der
Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart

   -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --


Claus Störtebecker

Erster Band


   -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --


Das erste Buch

[Illustration]


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Sinnspruch

  Geschichten und Geschichte
  wachsen und wechseln
  im Entstehen

Fontane




I.


Sommerabend. -- Über die Buchenwipfel droben auf den Dünenhöhen fährt
ein Rauschen. In langer Kette wälzt sich das bewegliche Gold der Sonne
durch die aufgescheuchten Zweige. Und zwischen den grauen Stämmen steht
blaß und aufrecht das Schweigen und starrt mit seinen unbeweglichen
Zügen auf die tanzende See.

Das Meer aber spricht, seine Augen sind bald tiefblau, bald purpurn, und
wild blitzen sie, wenn das Element herüberruft zu den Kreidefelsen, die
sich dicht unter die Wälder schmiegen wie ein weißes Knie unter ein
grünes Gewand.

Was das Meer ruft, das versteht niemand. Denn nur selten horcht ein
menschliches Ohr in den Wind, obwohl es manchmal von dort klingt, als
donnere von draußen eine Forderung herüber oder ein vergessener Schrei
aus fernen Zeiten. Doch zu deuten vermag man die Sprache des Wassers
nicht. Und dann liegt der ungeheure Spiegel wieder still. Das Abbild des
einzelnen strahlt er niemals wieder, so tief man sich auch beugt, aber
die Bewegungen des Himmels malt er ab, der goldne und der silberne Wagen
rollen über seine Scheibe, die Zeiten huschen über ihn hinweg und ein
Kranz von Völkern faßt ihn ein.

Sommerabend.

Und in der Rüste des Tages, gerade als der purpurne Ball sich im Wasser
kühlt, da steigt eine andächtige Stunde herauf. Da stockt der Tanz der
Zeiten über dem Meer, der Zug der Völker wallt deutlicher, und die
Vergangenheit schickt vom Rande des Horizontes ihr Schattenschiff an
die Gestade der Lebendigen.

Ich stehe am Ufer und sehe die Scharen aus dem Fahrzeug an mir
vorüberquillen. Sie tragen meine Züge, sie reden meine Sprache, es sind
Menschen, die nicht tot sind, denn der Mensch stirbt nicht auf Erden,
weil sein Geschick dauert. Unvermutet bin ich selbst in den Segler der
Schatten gestiegen, und ich fühle, wie ich zurückgleite in den Nebel der
Jahrhunderte. Oder vorwärts?

Von den Küsten der Vergangenheit zu den Gestaden der Gegenwart schwimmt
das Schiff unaufhörlich hin und wieder. Es trägt, was lebend ist von den
Toten, und trägt das Tote fort zu den Gewesenen. Und dann gelangt es an
einen Strich, wo man die Stimmen von beiden Küsten unterscheidet, wo sie
sich mischen und ergänzen.

Horcht! Laßt uns lauschen!

       *       *       *       *       *

Dort, wo jetzt Saßnitz seine terrassenförmig ansteigenden, weißen Villen
über der Westbucht von Rügen erhebt, da träumte zum Ausgang des
vierzehnten Jahrhunderts tiefe Ruhe in den waldgekrönten Schluchten.
Eine Ansiedlung gab es noch nicht, und der Küstenstrich führte nach der
Ansicht grüblerischer Cisterziensermönche aus dem nahen Kloster nur
deshalb seinen Namen, weil Graf Harro von Cona ein paar seiner »Sassen«,
die man auch Leibeigne nennen konnte, dort in eine elende Bretterhütte
behaust hatte, damit sie ihm von nun an fleißig den seltenen Seelachs
fingen. Einen Lohn erhielten die unfreien Fischer dafür nicht, sie
durften sich den Zehnten ihres Fangs behalten, das übrige aber mußten
sie mit einem Strandvogt abrechnen, der mit Zahlen und Peitsche wohl
umzugehen wußte. Eine besondere Vergünstigung bestand darin, daß es den
Sassen vergönnt war, auch am Sonntag zu fischen. Allein die Beute war
des Klosters, denn Graf Harro galt als ein frommer Mann und legte Wert
darauf, seinen Lachs häufig in Gesellschaft des Abtes zu verspeisen.
Wenn dann der geistliche Herr hie und da an den Hof des Herzogs von
Wolgast ritt, dann ließ der Gottesmann wohl auch unauffällig etwas von
den Wünschen des Conaer Grafen fallen, und so bezahlte sich der Lachs,
und die armen Fischer arbeiteten heimlich und ohne daß sie es ahnten, an
der Größe ihres Herrn mit. Freilich, sonder Bewußtsein. Denn in der
gebrechlichen Hütte lebte man dahin ohne Kenntnis von den Dingen der
Welt. Man stand auf, fuhr aufs Meer und warf sich abends auf die
Schilfstreu, gleich einem Werkzeug, das nach dem Gebrauch wieder in die
Ecke gestellt wird. Das gleichmäßige Schweigen aber, das sich die
Bewohner der Hütte einander vererbten, es schrieb sich dennoch her von
einem Ereignis, vor dem die Sassen eben auf Zeiten hinaus verstummt
waren. Etwa um 1366 hatte es sich zugetragen.

Der Platz in der Hütte war durch Todesfall wieder einmal erledigt. Da
wurde in den Bretterbau ein Sasse gesetzt namens Claus Beckera. Als der
Vogt ihn hineinführte, da lachte der gräfliche Beamte und meinte: »Nimm
dich in acht, Claus, daß du das Querhölzlein nicht schädigst«. Und diese
Warnung galt mit Recht, denn der neue Bewohner mußte sich tief bücken,
bevor er die Schwelle überschritt. Zu riesenhaft ragte er an Wuchs und
Gliedern, und ein langer fuchsroter Wirrbart hing ihm bis auf den Leib.
Wer ihn nicht genauer kannte, der mochte ihn infolge der Haarwildnis für
einen gereiften Mann schätzen. Er zählte aber erst fünfundzwanzig Jahre
und war ein harmloser, gutmütiger Bursche, kundig des Legens und
Knüpfens der Netze, und ein Meister mit der Axt. Bald fing er auch an,
allerlei Gerät damit zu schaffen. Er baute einen hölzernen Stall für ein
paar Ziegen, er wölbte über dem offenen Ziegelherd einen Rauchfang mit
einem Abzug, ja eines Tages begann er sogar die lehmige Erde zu bahnen
und legte Dielen. Alles, als wenn er geahnt hätte, was ihm bevorstand.
So war der Herbst hereingebrochen. Durch die Wälder der Höhen wogte es,
ein Knarren und Ächzen klagte um die Hütte auf ihrem einsamen Hügel, und
die Seegräser auf dem gelben Sand pfiffen und schwirrten, als ob die
Sichel auf einem Stein geschliffen würde. Unten stürzten die Schäumer
schmetternd gegen die gewaltigen Steine, jedoch Claus Beckera merkte
nichts von diesem ewigen Streit, denn eine finstere Nacht wölbte sich
über der Leere, und er selbst hockte geruhsam in seinem breiten
Armstuhl, den er erst vor kurzem aus rohem Eichenholz gezimmert, und
beim Schein eines qualmenden Buchenfeuers auf dem Herd rieb er eifrig an
einem eisernen Widerhaken, wie er zum Aalstechen benutzt wurde. Sein
roter Bart glänzte gleich einer feurigen Welle. Dazu grölte er ein
uraltes Schleiferlied:

  »Wetze gut,
  Dann schnett se gut --
  Der Claus, der ist der Sigrun gut.«

Zwar besaß er keinerlei Beziehung zu solch einem Menschenkind, kannte
wohl auch kaum die Trägerin eines derartigen Namens, doch der
schärfenden Wirkung des Liedes tat dies keinen Abbruch.

Das Buchenfeuer puffte, und der Riese rieb mit seinem Stein immer
emsiger über das Eisen, bis blaue Funken unter seinen Händen
hervorspritzten.

Da wurde mit klirrender Faust an die Tür geschlagen, zwei-, dreimal, das
leichte Holz zitterte, und in der Hütte dröhnte es wider.

»Sachte,« murmelte Claus, der vor Verwunderung aus seiner gebückten
Stellung nicht emporfinden konnte. »Wie? Was? Ein Mensch?« Er versuchte
sich zu sammeln und schüttelte in dumpfem Erstaunen den gewaltigen
Haarbusch; so was stellte sich hier doch nur selten ein.

»Mach auf,« forderte draußen eine rauhe Stimme, und von neuem regte sich
ein kurzes Rasseln.

Schwerfällig und ohne sich weiter Rechenschaft darüber abzulegen, ob er
klug oder vorsichtig handele, schob der Fischer den Querbalken zurück,
und sofort schlug das Licht des Herdes nach draußen. Auf dem nassen,
sturmgefegten Hügel standen zwei gepanzerte Knechte. Die führten
zwischen sich ein verwirrtes, zitterndes Geschöpf, unentschieden ob Weib
oder Mädchen, dessen kurze Röcke flatterten im Wind und die nackten Füße
sanken tief in den Sand. Ein blaues Tuch hatte das Wesen um den Kopf
gewunden. Hinter ihnen, kaum noch erreicht vom roten Flackerschein,
bemerkte der Bewohner der Hütte einen Cisterzienser, kenntlich an seinem
grauen Gewand. Doch hatte der Mönch seine Kapuze weit über die Stirn
gezogen, wie wenn er Schutz vor dem Unwetter suche oder als ob er sein
Antlitz verbergen möchte vor dem, was hier geschah.

Inzwischen war der älteste der Eisenbewehrten über die Schwelle
getreten. Dann zeigte er auf die zwei eingestickten blauen Kugeln seines
Mantels.

»Kennst du die?« fragte er kurz und bedeutsam.

Ratlos nickte der Fischer. Er starrte noch immer von einem zum anderen,
betroffen ob des unerklärlichen Aufzugs.

»Wohl,« rang er sich endlich ab, »Ihr seid des Grafen.«

»Und der Graf,« berichtete der Knecht scharf und schob sich die
Sturmhaube aus der Stirn, damit ihn der andere besser verstehen möchte,
»läßt dir sagen -- --«

»Läßt mir sagen?« echote der Fischer und fing an mit schwerer Zunge zu
stammeln, weil des Unmöglichen immer mehr wurde.

»Läßt dir sagen,« vollendete der Gewappnete finster, während er den
Schaft seiner Lanze auf die neue Diele stieß, »dies sei dein Weib«.

»Dies sei -- --«

»Dein Weib.«

Eine schwere Weile regte sich nichts zwischen den Menschen in der Hütte.
Man hörte nur die keuchenden Atemzüge des Fischers und das Bersten der
brennenden Buchenklötze. Einzig die hellblauen Augen lebten in dem
versteinten Gesicht des Sassen; die wanderten hilfeflehend und ohne eine
Spur von Verständnis von den Knechten zu dem zerzausten Mädchen, das
ebenfalls mit vorgebeugtem Leib und gefalteten Händen zu lauschen
schien, bis sich der Rücken des Riesen allmählich neigte, als ob man ihm
einen Baumstamm auf den Nacken geladen.

Plötzlich aber schnellte er empor. Das Blut schoß ihm in die erblaßten
Wangen, und die Rechte tastete nervig nach der Axt neben dem Herde.
Jetzt hätte vielleicht eine schnelle Gewalttat alles entschieden. Doch
ehe noch der schwere Holzstiel emporzutaumeln vermochte, da drängte sich
hinter den Knechten die graue Gestalt des Mönches in den Kreis der
Hadernden, und eine jugendlich schmerzerfüllte Stimme rief:

»Füge nicht zum Leid noch die Sünde!«

So ernst und mitleidsvoll klang die Mahnung, daß der
leidenschaftgeschüttelte Riese einhielt. Die Axt entsank ihm, und mit
beiden Händen und wankend griff er nach seiner Brust, denn eine
Lanzenspitze hatte das dünne Hemd bereits durchschnitten und suchte dort
bedrohlich Eingang. Dazu schrie der gepanzerte Knecht: »Wenn du leben
willst, sei vernünftig.«

»Vernünftig -- vernünftig,« gellte es dem Überwundenen zwischen die
irren, durcheinandergehetzten Sinne. Er wußte nicht, sollte er lachen
oder brüllen. War dies nicht Tollheit? Kehrte sich nicht alles Unterste
nach oben? Schaukelte seine Hütte nicht auf der tobenden See, ohne daß
er den Ausgang fand? Oder hatte man ihm vielleicht gar die Zunge
herausgeschnitten und verlangte trotzdem, er solle sprechen? Wer half?
Wer half?

In letzter Not blieben seine Blicke an dem jungen, hereingeschleppten
Mädchen haften. Warum? Weil man der Fremden wohl anmerkte, daß sie
scheu, zitternd und wider ihren Wunsch hier stand, und dann, weil die
Dirne, die man mit ihren nackten Füßen gewiß von weit her bis zu ihm
getrieben, gleichfalls ein Sassenkind war wie er, und deshalb gewohnt,
nicht nach eigenem Willen zu schalten.

Heftig trat er auf sie zu und besah sie. Vor seinem mächtigen Schritt
erschrak das Wesen, und in ihre braunen Augen trat ein offenes Flimmern
der Angst.

»Was ist mit dir?« herrschte er und ahnte nicht, wie sehr sie sich vor
seinen riesigen Armen fürchtete und vor den Haarbüscheln unter seinem
Kinn. Sie kannte, was ein grimmiger Mann vermag. Dann aber faltete sie
die Hände vor der Brust und sagte sanft und in ihr Schicksal ergeben:

»Mir geht es schlimm.«

Nichts weiter, allein die wenigen Worte fanden den Weg zum Verständnis
des Riesen. Erstaunt wich er zurück, und tief aus seinem Inneren quoll
zum erstenmal ein Bewußtsein seines Standes und seiner Lage hervor. »So
geht es uns allen,« murmelte er beinahe betroffen über die neue
Erkenntnis, »dazu sind wir geboren.«

»Genug Geschwätz,« unterbrach hier der gräfliche Knecht ungeduldig und
schaute sich hastig nach dem jungen Cisterzienser um, der allem, was
sich in der Hütte begab, mit gesenktem Haupt gelauscht hatte -- »Wir
haben noch einen weiten Weg. Beeilt Euch.«

Da sandte Claus Beckera einen letzten sehnsüchtigen Blick nach dem
Ausgang der Hütte. Als er sich jedoch davon überzeugte, daß sich die
Lanzenspitzen von neuem drohend gegen ihn richteten und wie zu gleicher
Zeit über den Leib der Magd ein ihm unbegreifliches, ja widerwärtiges
Beben lief, da entschloß er sich, vor allem sein Leben zu retten, sein
nacktes Leben, das einzige kostbare Geschenk seines Gottes!

So griff er denn gewaltsam nach der Hand des Weibes, so daß es taumelnd
an seine Seite gerissen wurde, und in rohem Ausbruch entlud sich endlich
seine Wut in vollem Hohn:

»Munter -- munter, ihr eisernen Wichte, ihr Schnapphähne -- da ich mich
doch gegen mein Unheil nicht wehren kann, so macht die Schandhochzeit
wenigstens kurz.«

Erregt trat der Mönch hinter die sinkenden Spieße. Die spielenden Feuer
huschten über sein zuckendes Antlitz. Er malte das Zeichen des Kreuzes
in die Luft und sprach mit zitternder Stimme:

»Mühsal ist das Leben, Duldung das Gebot, Seligkeit das Scheiden.
Wandelt in Frieden.«

Das Weib jedoch hörte auf nichts. Es sah starr in die Flammen des
Herdes, die es fortan schüren sollte.

       *       *       *       *       *

Mühselig kroch seitdem die Zeit dahin. Ein Tag sank arbeitsgebrochen und
müde zum anderen, und in der Hütte richtete sich das Schweigen ein. Es
wohnte dort und ließ sich aus dem engen Raum nicht mehr vertreiben. Ja,
wenn die junge Frau selbstvergessen einmal versuchte, einen hellen
Singsang aufzuschlagen, dann traf sie aus den vergrübelten Augen des
Fischers ein seltsam drohender Blick, und sofort brach die Fröhlichkeit
ab, und die zur Stille Verwiesene schaffte erschreckt und
niedergeschlagen an ihrem Tagwerk weiter. Sie wußte recht gut, der
mürrische Geselle grollte mit ihr, weil man ihm die unwillkommene Dirne
aufgedrungen. Und das fand sie auch ganz in Ordnung. Aber manchmal
strich sie doch an ihren weißen Armen herunter, und ein natürliches
Staunen befiel sie, weil der Riese, der so dicht neben ihr lebte, so gar
keinen Gefallen an ihr finden wollte. Warum? Was ihr früher widerfahren,
ein solches Erlebnis fand sie nicht ungewöhnlich. Darein mußten sich die
Dienenden einmal schicken. Vielen Mägden auf den Höfen der Mächtigen
erging es so. Und seit sie den geschützten Unterschlupf gefunden,
glaubte sie mit dem sicheren Bewußtsein eines starken Menschen, daß es
keinen Zweck hätte, noch fürder an der Vergangenheit zu zerren. Claus
Beckera war eben ein ungefüger, störrischer Klotz, dem man es nicht
leicht recht machen konnte. »Aber warte nur,« dachte sie mit weiblichem
Trotz, »auch große Mäuse fängt die Katz«. Dabei entstand unter ihren
flinken und noch merkwürdig zarten Händen allerlei Brauchbares und
Nützliches, was bis dahin dem rohen Bretterbau gemangelt. So oft Claus
von der Seefahrt heimkehrte, entdeckte er stets irgendein neues Stück
des Hausrats, ein frisches Linnenhemd, eine geflochtene Strohmatte oder
gar ein festgefügtes Bettgestell für den Eheherrn, alles Dinge, die wie
durch Zauber über Nacht an Stelle von etwas Altem und Verbrauchtem in
der Hütte gewachsen waren. Natürlich bemerkte der Riese all diese
wohnlichen Veränderungen sofort und sonder Hinweis, allein gleichmütig
und ohne Dank nahm er sie hin, warf sich auf den neuen,
linnenbesponnenen Strohsack und ließ seine Gefährtin nach wie vor auf
der Schilfstreu in der Ecke liegen.

Aber Hilda, so hieß das junge, verschleppte Geschöpf, verlangte nichts
anderes. Ja, es galt ihr ganz natürlich, daß der Fischer nicht einmal
ihren Namen zu kennen schien, denn bei den kurzen Wünschen, die er
selten an sie richtete, nannte er sie »Weib« oder »Fru«. Und darauf
gehorchte Hilda und sprang zu ihm, wie ein folgsamer Hund. Doch
allmählich wurden ihre Bewegungen langsamer. Auch darum kümmerte sich
Claus nicht, nur wunderte er sich zuweilen, wenn er das braunbezopfte
Weib jetzt öfter ruhend an der Fensterluke lehnend fand, von wo es dann
mit einem unverständlichen Lächeln und mit großen erwartenden Augen auf
den sonnenblitzenden Eisrand der See hinabstarrte.

Claus begriff das nicht, ärgerte sich auch über die ungewohnte
Versäumnis, und als er sie wieder einmal feiernd vor ihrem Ausguck
antraf, da fuhr es grob aus ihm heraus, während er die großen
Lederstiefeln krachend in eine Ecke schleuderte: »Was tust du?«

Sie wurde blutrot, sendete ihm einen halb listigen, halb demütigen Blick
zu und stotterte, langsam zum Herd zurückschleichend:

»Ich sinne.«

Leicht hätte sie auch äußern können »ich träume«, denn ihre Gedanken
waren jung und wanderlustig und ließen sich in den Verschlag des
Schweigens nicht ebenso willig bannen wie ihr Leib. In solchen Stunden
erblickte das suchende Weib die dunkle See dort draußen gleich einem
gebahnten Tanzplatz, und sie sah sich selbst dort unten mit
seidengeschmückten Männern herumspringen, die sie herzten, um ihr dann
goldene Schaumünzen um den Hals zu hängen. Fegte aber schließlich ein
rauhes Wort ihres Gefährten all den Glanz auseinander, dann seufzte sie
tief auf und bemitleidete heimlich den störrischen Gesellen, weil er für
das feine, verborgene Spiel keinen Sinn besaß.

Und doch -- auch dieser Weg ins Freie sollte der Beladenen eines Tages
gestört werden.

Frühlingsstürme pfiffen über die Dünen, Hilda stand in der offenen Tür
und sog gierig das warme Wehen ein, das einen unbestimmten Duft von
Veilchen und Tannenharz mit sich führte. Hoch oben am Waldesrand traten
die jungen Rehe heraus und äugten über die funkelnde See.

Da stieg unten vom Strand ein einzelner Mann den gewundenen Fußpfad
herauf. Hilda beugte sich spähend vor. Der Ankömmling trug ein weites
blaues Wams und derbe Holzschuhe. Im ledernen Gürtel steckte ihm eine
kurze geflochtene Peitsche, und seine Faust stützte sich klammernd an
einen mannshohen Stab, dessen Spitze in eine kleine silberne Krone
auslief. Das war der Strandvogt, eine untersetzte Gestalt mit grauer
Schifferkrause und scharfen umfalteten Augen. Wie er sich jetzt schweren
knirschenden Schrittes emporwand, mußte man wohl erkennen, daß sich der
Mann für einen Mächtigen hielt, dessen Faust das kleine zerstreute Leben
hier am Strand behüten oder auch zertrümmern konnte.

Jetzt stand er vor dem jungen Weibe, doch bevor er zu reden anhob, kniff
er erst beobachtend das linke Auge zu. Im Grunde genommen wußte er
bereits, was er zu erkunden strebte.

»Gott zum Gruß,« begann er und wies mit seinem Stabe gegen das Dach der
Hütte, »die Sparren gegen die Windseite müssen gedoppelt werden. Vergiß
das nicht.« Sein einziges offenes Auge lief geschäftig weiter. »Sieh da
-- auch ein Ziegenstall. Wieviel sind drin?«

»Drei,« erwiderte Hilda mit sich kämpfend, denn sie war sich des
Unrechtes bewußt.

»Um eines zu viel,« tadelte der Vogt, das Haupt mit der Lederkappe
bedächtig wiegend. »Nun, man wird Nachsicht haben. Man gönnt dir das
gute Fortkommen.« Bedeutsam strich er sich über den graugeringelten Bart
und trat gewichtig näher. Augenscheinlich gelangte er erst jetzt zu
seiner besonderen Absicht. »Wo ist Claus Beckera?«

»Auf See,« versetzte Hilde zögernd, wobei sie den Atem anhielt.

»Ich weiß,« bestätigte der Strandvogt. Vorsichtig blickte er sich um,
als ob er einen Lauscher fürchte, dann beugte er sich ganz nahe an die
Erblaßte heran. »Wann erwartest du deine Stunde?« forschte er ernst und
dringend. Und als das Weib ihn finster anstarrte und in die Hütte
zurückwich, um allerlei Abgebrochenes und Verwirrtes zu murmeln, da
bedrängte er die Widerspenstige nicht weiter. »Es ist gut,« meinte er
sich aufrichtend und knöpfte an der großen Ledertasche unter seinem
Gürtel herum. »Nun hadere nicht, Dirn, man will dir nicht übel. Sieh
her« -- er langte in die Tasche und wog den Inhalt dann auf der flachen
Hand -- »dessen zum Zeichen soll ich dir etwas zahlen. Es ist nicht
wenig. Vier Silbergulden.«

»Silber?« schrie Hilda, die aus ihrer fernen Ecke hervorstürzte und ein
warmer Triumph lebte in ihrer Stimme. »Jetzt wird sich Claus freuen.«

Da legte der Vogt die vier Silberlinge breit auf den Tisch. Dann wandte
er sich zum Gehen. Indessen ehe er die Schwelle erreichte, stand Hilda
schon wieder hinter ihm. Das Geld hatte sie bereits zusammengerafft.

»Daß Claus mir nicht erfährt von wem,« forderte sie schroff.

Der Angeredete wandte sich kaum. »Von mir nicht,« gab er gelassen
zurück. »Was schiert mich der Bursche? Solange er seinen Fang abliefert,
bin ich ihm nicht gram.«

Damit nickte er steifnackig, stemmte seinen Stab in den Sand und schritt
wuchtig den steilen Saumpfad hinab. Hilda starrte ihm finsteren Auges
nach, solange sie die silberne Krone blitzen sah.

Doch seit dieser Zeit wurde die Einsame nachdenklich und oft schüttelte
sie sich, als ob sie sich gegen böse Gedanken zu wehren hätte. Dann
stach es ihr durch den aufgescheuchten Sinn: »Wie, wenn man ihr
dasjenige, was sie erwartete, zu nehmen trachtete? Stellten die vier
Silbergulden nicht vielleicht das Kaufgeld dar? Man erzählte sich von
dem Conaer Herrn doch solche gewalttätigen Geschichten. Und war er nicht
auch mit dem jungen Mecklenburger Herzog geritten, als dieser an der
Spitze von allerlei Raubgesindel und Landstreichervolk die Heerstraßen
der Kaufleute von Stralsund unsicher machte? Nach einem solchen Zuge
hatte er ihr doch das blaue Kopftuch zugeworfen?« Wütend schlug sie mit
der Faust gegen die Türpfosten und reckte sich drohend, allein gleich
darauf schrak sie zusammen, und trotz der milden Frühlingsluft wurde sie
von einem Schauer durchfröstelt.

»Warte,« quoll es dabei über ihre bebenden Lippen, »ich sag's Claus. Der
läßt sich nichts nehmen.« Indessen im nächsten Augenblick stand sie
schon wieder erstarrt. Ach du lieber Gott, was schierte denn Claus der
fremde Balg? Er kümmerte sich ja nicht einmal um die Mutter, die alles
nach seinem Willen tat? Nein, nein, am besten war's wohl, auf der Hut zu
bleiben und auch das Geld nicht zu zeigen, um nicht unnötigen Fragen des
Fischers ausgesetzt zu sein.

So nähte sie denn die Silbergulden in ihren Rock ein, und nur manchmal
streifte sie ihren Genossen ängstlich und erwartungsvoll, als wünschte
sie heimlich von ganzem Herzen, er möchte endlich das Geheimnis
entdecken.

Aber seitdem war Unrast über ihr, und sie sang nicht mehr. Immer
eilfertiger flogen die Tage an ihr vorüber, und immer unsicherer wurde
ihr Gang.

Eines Nachts kehrte Claus nicht nach Hause zurück. Todmüde lehnte Hilda
an der offenen Luke und suchte das unerkennbare Grau zu durchdringen.
Vergeblich, nichts löste sich ab von dem schwarzen Dunst, in den der
Sturm oftmals wie mit einem schweren Sack hineinschlug. Nur in
entfesselter Wut lärmte die See, und im Morgendämmer fuhr an den
Strandsteinen fast ununterbrochen eine schlängelnde weiße Mauer empor.
Solange die Dunkelheit währte, hatte das verängstigte Weib von Zeit zu
Zeit einen brennenden Kienspan aus der Fensterhöhlung herausgehalten,
zum Zeichen für den auf der tosenden Fläche Herumirrenden, damit er
nicht ins Weglose getrieben würde. Doch der wütige Zug hatte das karge
Feuerlein jedesmal heißhungrig gefressen, und die nackten Arme sowie die
offene Brust des Weibes schauderten vor Kälte. Jetzt wurde es heller.
Dinge und Gerätschaften traten in der Hütte hervor. Und draußen im Stall
begann der Geißbock die harte Stirn gegen die Tür zu reiben. Verwirrt,
übernächtig blickte sich Hilda in dem engen Raume um. Es fehlte etwas
-- es war etwas von seinem Platz genommen, das sich freilich nie gütig
und freundlich gezeigt, dem aber doch alles hier eignete. Sogar sie
selbst. Und dem man wohl auch Gehorsam und Dank schuldete. Mehr wußte
sie nicht. Vergessen war ihre eigene Unkraft, verflogen die bleierne
Müdigkeit der Glieder; ihrer selbst ungewiß ergriff sie einen rohen Ast
und wankte halbnackt zum Strand hinunter. Unten über die sonst so ebene
gelbe Fläche spielte das Wasser, schwärzliche Seegrasbündel schlängelten
sich der Vorwärtswatenden um die Füße, und der Sturm stemmte sich gegen
sie wie eine gierige Faust, die ihr die Gewänder vom Leib zu reißen
strebte.

Keuchend kämpfte sich Hilda weiter.

An einem jetzt halbversunkenen Pfahl, der gestern noch im Trockenen
eingerammt war, scheuerte und zerrte sich ein Boot an zerfasertem
Strick. Das war Claus Beckera's zweiter, kleinerer Kahn, und daneben
ragte aus der Überflutung ein derber Mann in mächtigen Stiefeln auf,
abgekehrt, die Lederkappe tief über die Stirn gezogen. Seine Rechte aber
klammerte sich auch jetzt an den kronengeschmückten Stab. Gerade in der
Not legte er ihn nicht ab. Hilda erkannte ihn sofort. »Vogt,« stieß sie
hervor, »er ist draußen.«

Der Aufseher nickte, sprach jedoch nichts. Nur sein erkennender Blick,
den er auf die Erregte heftete, verriet die Meinung, wie dem Weib
vielleicht bald Hilfe nötiger sein möchte als dem Verlorenen. Inzwischen
hatte sich Hilda hoch auf die Zehen aufgerichtet. Um sich besser zu
heben, hatte sie dabei ihre Hände ganz sonder Achtung auf die Schulter
des Vogtes gestützt. Der schien nichts zu merken.

Dann warf sie die Rechte vor. »Dort draußen das Schwarze,« wies sie.

»Ein Baumstamm,« belehrte der andere. »Ich sehe ihn schon lange.« Und
halb tröstend setzte er noch hinzu: »Wir haben Seewind. Wenn er noch
lebt, wird es ihn hereinwerfen. -- Auch so,« kaute er mit geschlossenem
Munde.

Damit wandte er sich ab und schritt langsam die Dünen empor. Dort wollte
er noch einmal Ausschau halten. Draußen, hinter den rollenden Bergen
schaukelte das längliche, schwarze Ding auf und ab. Und wenn die
Zurückgebliebene ihr Sehvermögen aufs äußerste anstrengte, dann glaubte
ihre aufgescheuchte Einbildung einen dunklen Kopf und eine greifende
Faust zu erkennen. Die drohte oder winkte zu ihr herüber.

Da hielt sie sich nicht länger. Ihr Mitleid war stärker als ihre
Schwäche. Ungestüm bückte sie sich, so schwer es ihr fiel, löste die
hänfene Schnur und kletterte in das regengefüllte Boot hinein. Ihr
Glaube half ihr, denn der Kahn befand sich an der Stelle einer Strömung,
so daß das Schiff mit einer Kraft und Stetigkeit hinausgetrieben wurde,
als wären unsichtbare Segel an den fehlenden Mast gesetzt. Hochauf
spritzte die Dünung, und das zerbrechliche Gerät seufzte in Schmerz und
Jammer. Stieren Auges hockte das Weib auf dem morschen Brett, das Haupt
unveränderlich nach dem herumgeschleuderten, schwarzen Sarg gerichtet.

Jetzt -- und jetzt -- da tauchte sie wieder vor ihr auf, die Faust, die
sie halb im Traum vor sich geschaut. Mit einer wilden Bewegung warf sich
das Weib lang in den Kahn und griff nach den krallenden Fingern. Ein
wüster Kampf hob an. Der Verfallene dort unten war wohl schon der Tiefe
verschrieben, denn er wehrte und sträubte sich, bis eine sich blähende
Woge den schweren Körper plötzlich unter einem Schwall in den rettenden
Nachen stürzte. Einen Augenblick wurden die Planken überschäumt und
begraben, dann hoben sie sich wieder, kreiselten irre herum, und die
rollenden Wasser trieben das Schifflein vor sich her, gleich einem
geprügelten Hund.

Düster reckte sich das Land empor, und hoch oben gegen den verhängten
Himmel zeichnete sich die Gestalt eines Mannes ab, der staunend das
Begebnis verfolgte.

       *       *       *       *       *

Der Vogt hatte den Schiffbrüchigen in die Hütte getragen. Der mächtige
Körper ruhte jetzt auf dem Bettgestell und rang mit dem Tode. Und in der
Ecke auf der Schilfstreu erwachte zur selben Stunde ein neues Leben.
Hilda hatte einen Sohn geboren.

Ein langes, schmächtiges Knäblein. Es schrie nicht, sondern hatte die
Fäuste geballt, und die schwarzen, nächtigen Augen hielt es fordernd ins
Leere gerichtet. Nein, nicht ins Leere. Am Fußende der Streu hing die
Axt an der Wand. Später erinnerte sich die Mutter, daß ihr Sohn zur
Stunde seines Eintritts unausgesetzt die Schärfe des Beils betrachtet.
Vom Vogt war aus dem Kloster einer der Cisterzienser geholt worden. Der
schaffte nun kundig um die drei Unmächtigen herum. Zu jener Zeit
erfüllten die Klosterleute, gleichviel ob jung oder alt, willig die
Pflichten des Arztes und der Wehmutter, und die Gepflegten glaubten, es
müsse so sein. Bruder Franziskus war zudem derselbe, der in jener von
Hilda unvergessenen Nacht den erzwungenen Bund gesegnet hatte, jetzt tat
er sein Äußerstes, um die bedrohte Gemeinschaft zu erhalten. Bald flößte
er dem hingestreckten Fischer scharfe, seltsam duftende Tropfen ein, die
er in einem venezianisch geschliffenen Büchslein aus seiner Kutte zog,
bald pustete er unter die Flamme des Herdes, um der Wöchnerin einen
warmen Trank zu bieten; ja, er reinigte den Neugeborenen sogar im ersten
lauen Bade. Dabei glitt ein wohlgefälliges Lächeln über das ernsthaft
jugendliche Antlitz des Bruders, und während seine Rechte zart über die
weichen Glieder des Kleinen strich, sprach er mit der Bestimmtheit des
Erfahrenen:

»Ein edler Bau. Wie nach den Maßen der alten Meister. Möge der
Unerforschliche dies Kindlein zum Guten bilden.«

Hilda hörte es auf ihrer Schilfstreu. Und zum erstenmal zuckte es wie
Stolz um ihre Lippen, da sie daran dachte, welch adligem Ursprung der
Säugling seinem Blute nach entstammte. Zugleich aber heftete sie einen
erschreckten Blick auf das Bettgestell, wo sich der gewaltige Körper
ihres Eheherrn zu regen begann. Sofort griff sie hastig nach den
eingenähten Silbergulden.

Ja, ja, das war das Mittel, um sich gegebenen Falles von jedem Tadel
loskaufen zu können. Allein sonderbar -- so schwer sie auch die Änderung
begriff -- es traf sie kein lauter Vorwurf mehr. Noch ehe Claus auf
seinen zerschlagenen Beinen hin- und herzukriechen vermochte, hatte der
Mönch dem Entkräfteten kurz den Hergang seiner Rettung erzählt. Stumpf,
in sich gesunken, hockte der Fischer dabei auf seinem Lager und ließ nur
ab und zu einen forschenden Blick über das Neugeborene gleiten. Weder
bedankte er sich, noch gab er sonst eine Erkenntlichkeit kund. Auch
überließ er nach wie vor alle Hilfeleistung für sein Weib dem Bruder
Franziskus. Und doch -- es kam vor, daß er zuweilen die Milch der Geiß
in einem Holzschaff dicht neben der Streu der jungen Mutter
niedergleiten ließ. Keiner wußte zu welchem Zweck, und man konnte doch
annehmen, daß der Trank für Hilda und ihr Kind bestimmt sei. Ein
andermal freilich begab sich, was der glücklichen Frau anzeigte, nun sei
der Damm von Groll und Übelwollen vielleicht für immer gebrochen. Eines
Abends blieb der Mönch vor dem Aufbruch gedankenvoll an der Streu des
Kleinen stehen, und während er ihn seiner Gewohnheit gemäß zum Abschied
segnete, sprach er bestimmt:

»Nun ist es Zeit. Morgen wollen wir das Kind in das Kloster tragen, die
Taufe zu empfangen. Wie soll es heißen?«

Hierauf regte sich Hilda nicht. Sie kehrte ihr Haupt vielmehr der Wand
zu und kratzte ungeduldig mit den Nägeln gegen die Holzbohlen. Alles, um
den ungestümen Wunsch ihres Herzens zu betäuben. Statt ihrer jedoch
erhob sich der Fischer von seinem Sitz neben dem Herd, tastete sich
schwerfällig nach der Streu des Säuglings zurecht, und nachdem er in das
schmale Gesicht, neugierig und kopfschüttelnd wie stets, herabgeschaut,
da brach es plötzlich brummend und drohend aus ihm heraus, als hätte er
sich gegen einen Angriff zu wehren:

»Das Knäblein heißt wie ich, nicht anders. Claus soll es heißen.«

Da nickte der Mönch mit einem stillen Lächeln, das liegende Weib jedoch
hob ungestüm den Arm und versuchte glücklich auf der bärtigen Wange des
Riesen herumzustreicheln. Unschlüssig und verletzt schüttelte er sie ab.
Aber als nach der Taufe die junge Frau wieder in der Hütte auf und ab
wirkte, da hörte sie draußen vor dem Gebäu ihren Eheherrn singen. Das
war noch nicht. Auf leichten Sohlen schlich sie hinzu, um zu lauschen.
Im Sonnenschein saß Claus und schliff seine Axt am Feuerstein. Dazu
summte er behaglich in das Spritzen der Funken hinein:

  »Wetze gut,
  Dann schnett se gut,
  Der Claus, der ist der Hilda gut.«

Er wußte sonst keinen Namen. Es hatte nichts weiter zu bedeuten.




II.


Goldgrüne Schatten spielten um die Buchenwipfel hoch über der roten
Klostermauer. Auf einer der verfallenen Grasstufen, die in breiten,
unkrautbewachsenen Abständen zu der schmalen Eingangspforte
hinaufleiteten, hatte sich ein einsamer Bruder hingelagert. Achtsam trug
er in einer Falte seiner Kutte ein paar Brosamen weißen Hirsekuchens
verborgen, und nun streute er die Krumen in weitem Bogen den Finken,
Meisen und Amseln des Waldes hin, die in einiger Entfernung
hochaufhuschend nach den leckeren Bissen pickten. Noch hatte der Einsame
seine gefiederten Freunde nicht allzulange gefüttert, als der Schwarm
plötzlich schwirrend und rauschend auf die untersten Zweige der Buche
abzog, stutzend vor eiligen Schritten, die den Waldpfad heraufklangen.
Der Klosterbruder hob das Haupt. Der Tritt, dieses hastige, sprunghafte
Ausgreifen deuchte ihm bekannt. Seit sechzehn Jahren fast hatte er ihm
prüfend und abschätzend gelauscht. Und jetzt -- aus dem schwarzgrünen
Bogengang stürmte es hervor. Ja, Pater Franziskus kannte jene schlanke,
geschmeidige Knabengestalt in dem weißen Linnenkittel, oft hatte er die
wohlabgemessene Form dieser Knie und Waden in ihrer braungesonnten
Nacktheit bewundert, mit heimlichem Schrecken aber fast immer in die
schwarzen begehrlichen Augen hineingeschaut, die wie zwei flimmernde
Abgründe in dem schmalen Jugendantlitz brannten, ewig bereit, Nahes und
Fernes zu verschlingen. Immer aufgetan zu neuer Forderung. Niemals zu
müde, um zu suchen und zu fassen. Davor war dem Mönch nicht selten ein
drückendes Befremden aufgestiegen, denn diese rastlos einschlürfenden
Augen widersetzten sich allzusehr dem geduckten Dasein eines
Sassenkindes. Ebenso wie die braunen Wellen des Haupthaares das Gebot
der kurzen Schur leichtfertig mißachteten.

In weiten, glatten Sprüngen setzte der weiße Schatten durch den Wald.
Daher kam es, daß seine Gefährtin, ein etwa vierzehnjähriges Mädchen,
dem sein rotes Röckchen hindernd um die entblößten Beine wirbelte, eine
geraume Strecke hinter dem Buben zurückblieb. In den Kranz der blonden
Zöpfe, die das Kind dichtgeflochten und eng um das Haupt trug, waren
bläuliche und rötliche Muscheln gesteckt, und so erhielt die Kleine ein
fremdartiges und wildes Aussehen. Zu dem sanften Gesicht wollte der
absonderliche Schmuck keineswegs passen. Auch zögerte die jetzt ruhiger
Schreitende und griff sich ein paarmal verstohlen in die Flechten, in
sichtlicher Furcht, wie man das blitzende Stirnband an der Klostermauer
beurteilen würde.

In der Tat war der ungewohnte Zierat das erste, was dem Bruder, während
er sich auf seiner Grasstufe ein wenig aufrichtete, störend ins Auge
fiel. Halb unwillig riß der Ruhende ein paar Halme aus, bevor er mit
einer raschen Kopfbewegung nach den Muscheln wies:

»Wozu das, Anna? Was soll der Putz?«

Kaum war die Mißbilligung gefallen, als ein tiefes Rot über die Wangen
der Getadelten ging, ihre blauen Augen drehten sich ängstlich, und
unwillkürlich falteten sich ihre Hände vor der Brust. Dazu warf sie dem
Knaben im weißen Kittel einen jähen Blick zu, als wäre dieser der Herr,
von dem sie und ihr Schicksal abhingen. Der ließ sie auch nicht im
Stich.

»Ich hab's ihr hineingesteckt,« sagte er lachend, und seine Augen
weideten sich wohlgefällig an seinem Werk, als möchten sie sich von dem
blaufeuchten Glanz der Muscheln nicht trennen. Dazu strafften sich die
schlanken Beine, die er schon früher gespreizt aufgestemmt hielt, noch
etwas fester in den Sehnen, und der ganze Bursche sah unbekümmert und
keck aus, wie wenn nach seinem Wohlgefallen sich Regen und Sonnenschein
zu richten hätten.

Unbehaglich bemerkte es der Mönch. Gerade dieses Aufbegehren einer
unbändigen Natur suchte er zum Heile des Knaben zu unterdrücken. Der
Fischerssohn, dem er anhing, mußte gegen sein Blut geschützt werden. Das
war's. Dazu gehörte, daß man seine Unwissenheit nicht allzusehr
erhellte. Auch durfte er nicht über seinen Stand hinauswachsen oder gar,
wie er es liebte, seine Gedanken fabulierend ins Weite schweifen lassen.
Das Meer verlockte zu derartigen Nebelfahrten. Aber solches Entgleiten
war einem Sassenkind nicht günstig -- jedenfalls in solcher Jugend
nicht.

»Nimm der Dirne die Torheit aus den Haaren,« befahl er darum hart.

Claus Beckera rührte sich nicht. Nur seine Augen blitzten hartnäckig
auf, und seine Rechte vollführte eine ungläubige, fortschleudernde
Bewegung, als könnte er damit die unbegreifliche und ihm unklug dünkende
Abneigung des Klosterbruders zerstreuen.

»Es sieht gut aus,« beharrte er noch immer in Bewunderung vor dem
fremden Glanz. »Es sind Maimuscheln. Die Gnadenbilder in der
Klosterkirche und die Fräuleins auf dem Schloß tragen auch solch bunte
Steine.«

»Eben darum ziemt sich der Tand nicht für Anna Knuth, die Tochter der
Strohflechterin,« belehrte Bruder Franziskus ruhig und streckte die Hand
nach dem abenteuerlichen Schmuck aus, wobei er sich stellte, als bemerke
er das heftige Zusammenzucken des wilden Jungen nicht. »Es sind
Unterschiede in die Welt gesetzt. Sie stammen von Gott.«

Er zerpflückte jetzt die Muschelschnur zwischen den Fingern, und da er
wahrnahm, wie sein halbwüchsiger Freund, um den er sich sorgte, die rote
Unterlippe nagte, fuhr er begütigend fort: »Schau um dich, Nikolaus,
schau auf den Wald. Hier blüht der Haselstamm und wird nur ein Strauch.
Daneben aber die Buche wächst über zwanzig Ellen. Und machen doch
zusammen den schattigen Wald aus und müssen sich dulden. So geht es auch
bei den Menschen.«

Eine Weile raschelte der Wind durch die Zweige. Dann lachte der Knabe
mit einem Male hell auf.

»Was hast du?« fragte Franziskus verwundert.

Heftig reckte sich der im weißen Kittel. Ein Zug von Vorwitz und
frühreifer Spottsucht lief über sein schmales Antlitz, als er nun die
Rechte bestimmt vorwarf.

»Da sieh, Geweihter,« rief er selbstsicher, denn er gebrauchte häufig
für den Mönch die ehrfürchtige Bezeichnung seiner Mutter, »den Hasel-
und den Buchbaum hier. Ob die einander gleichen?«

»Nein,« murmelte der Cisterzienser noch im Ungewissen, »sie gleichen
einander nicht. Sie sind von verschiedener Art.«

»Aber die Menschen, die gleichen einander,« vollendete der Knabe jetzt
rechthaberisch, tat einen Luftsprung und warf seiner Begleiterin einen
Blick des Schutzes zu. »Du hast selbst gesagt, wir wären alle nach dem
Bild Gottvaters gemacht.«

Da brach der Mönch verstimmt und finster das aussichtslose Gespräch ab.
Zumal er auffangen mußte, wie das kleine Mädchen ob der Keckheit des
Burschen verstohlen zu lächeln anhob.

»Es wäre dir besser,« brummte er aufgebracht, indem er sich ratlos mit
beiden Handflächen die ergrauten Schläfenhaare zurückstrich, »dein
Vater hätte dir öfter mit dem Gürtelriemen den Rücken gewalkt.«

Als des Vaters Erwähnung geschah, wich das vorlaute Wesen des Knaben
gedankenschnell. Kleinlaut senkte er das Haupt und scharrte mit dem
nackten Fuß über den Moosboden.

»Vater rührt mich nicht an,« meldete er nachdenklich. »Er sitzt den
ganzen Tag auf der Düne und sonnt sich.«

Jetzt fuhr der Bruder mitleidsvoll über das wellige Gelock des Burschen.
Sein Groll war verschwunden. Die Erinnerung an ein ehrenhaft mühselig
Leben hielt ihn gefangen. »In deinem Vater sitzt die zehrende Sucht,«
sprach er leise, »der Frühling ist für ihn ein gefährlich Ding. Und was
tust du, sein Los zu erleichtern, Nikolaus?«

»Ich? --« Der Gefragte blickte suchend umher. Endlich schienen die
scharfen Augen etwas erwischt zu haben, als sie rückschweifend einen
schmalen Ausschnitt des durch die Stämme schimmernden Meeres entdeckten.
»Ich fahre hinaus und lege seine Netze,« verteidigte er sich
erwartungsvoll, denn er wollte gelobt werden. »Ich bringe mehr heim als
er. Manchmal bin ich die ganze Nacht fort. Und ein fein Segel hab' ich
gemacht aus rotem Packtuch,« setzte er befriedigt hinzu, »und kann den
Wind vor- und rückwärts abfangen. Davon hat der Vater nichts verstanden.
Das ist ein neu und gut Ding. Und Mühe hat es gekostet.«

»Dich nicht,« versetzte der Mönch unbeirrt, wobei er versuchte, den
irrlichternden Strahl der schwarzen Augen auszuhalten. »Lüge nicht,
Bursche. Dir ist es eine Lust, auf dem Wasser zu liegen und dich mit dem
Wind herumzuschlagen. Du dünkst dich dann besser als andere
Menschenkinder. Dort draußen fängst du auch die grilligen Gedanken, die
dir nicht taugen. Sage, was führt dich heute her?«

Jetzt trat der Knabe näher und küßte zärtlich die feine weiße Kutte des
Mönches. Ein Staatskleid der Brüder, das nur bei besonderen Anlässen
getragen wurde.

»Mir war bange nach dir, Geweihter,« brach es inbrünstig aus ihm heraus,
und er streichelte verstohlen das Tuch des faltenreichen Gewandes. »Es
quält mich oft eine Unruhe, wenn ich dich nicht nach diesem oder jenem
fragen kann. Denn du weißt alles, was mir fehlt.«

Da verbarg Pater Franziskus ein halbes Lächeln.

»Du Tor,« wies er bescheiden die übertriebene Meinung ab, »ich weiß
nicht einmal, was deine Gespielin dort zwischen den beiden Binsendeckeln
trägt. Was ist's?«

»Ja, das rätst du nicht,« schrie Nikolaus Beckera, plötzlich wieder in
seine wilde Heftigkeit zurückfahrend, und dabei stürzte er auf das
Mädchen zu und riß ihr ohne weiteres das grüne Geflecht aus den Händen.
»Gib her -- ein wunderlich Tier,« stammelte er atemlos und brach die
Deckel auseinander. »Dergleichen gibt es sonst nicht in unserem Wasser.
Und dir gehört es, Geweihter, dir allein.«

Eine ungeheure Scholle kam zum Vorschein, dunkelgrau mit roten Punkten
und wohl anderthalb Fuß im Durchmaß. Der Fisch glänzte perlmutterfarbig
in der Sonne. Bewundernd standen die drei um den seltenen Fang herum,
und die Kinder lachten vor Freude, als der Pater mit Kennermiene den
Finger spitz in den Rücken der Scholle setzte, um wohlgefällig das
Fleisch des Tieres auf seine Festigkeit hin zu prüfen.

»Ein herrlich Stück,« gestand der Bruder selbstvergessen und klopfte dem
Spender dankbar die Wange. Allein unvermutet hielt er inne, ein
feindlicher Gedanke schien seine offene Lust zu hemmen.

»Was gibt's?« rief der Junge erschreckt.

Der Bruder maß ihn prüfend von oben bis unten.

»Hat der Vogt deinen Fang gesehen?«

Jetzt zuckte das kleine Mädchen, wie von einem Streich getroffen, zurück
und sprang Schutz suchend hinter den nächsten Baumstamm. Claus Beckera
aber wurde seltsam bleich. Dann begannen seine schlanken Glieder vor
Zorn oder vor Scham zu zittern. Etwas Haßerfülltes, von Leidenschaft
Überwältigtes brodelte aus seinen schwarzen Augen.

»Der Vogt weiß von nichts,« widersprach er hart und schob die Faust
geballt von sich. »Ich hab' das Tier die ganze Nacht über zwischen den
Strandsteinen versteckt.«

Kopfschüttelnd wies der Mönch das Geschenk von sich, auch entsetzte er
sich heimlich darüber, wie wenig sein Zögling zu Bescheidenheit und zu
geduldigem Dienst zu lenken wäre.

»Weißt du nicht,« ermahnte er heftig und hob drohend den Finger, »daß
all dein Fang dem Grafen eignet? Was soll ich mit dem entwendeten Gut?«

»Essen,« schrie Claus, der noch immer zitterte und bebte. Und wie
tückische Pfeile schnellten die Worte von ihm: »Der Graf hat satt. Wie
kann er uns das nehmen, was wir fangen? Gehört ihm die See?«

»Wem gehört sie sonst?«

»Dem, der auf ihr segelt und Netze legt,« eiferte der Knabe ohne jedes
Besinnen. Schmetternd warf er den Fisch auf den Waldboden und machte
Miene, ihn mit seinen nackten Füßen zu zerstampfen.

»Claus,« rief das kleine Mädchen hinter seinem Baum um Erbarmen flehend.

Jetzt sprang auch der Bruder hinzu, bückte sich und riß den
Flossenträger an sich. Dunkelrot war das weiße Gesicht des Mönches
übergossen. Es blieb unentschieden, ob vor Anstrengung oder weil er den
feinen Mund des Fischerssohnes in befriedigtem Triumph lächeln sah.

»Unsinniger,« zürnte er in ehrlichem Unwillen, »Gottes gedeihliche Gabe
vernichten? Oh, ich sehe, ich bin zu schwach gegen den bösen Geist, der
in dir wohnt. Geh mir aus den Augen und kehre so bald nicht wieder.«

Einen Augenblick blieb es still zwischen den dreien, dann wandte sich
Pater Franziskus, den Fisch noch immer in den flachen Händen, und stieg
mit weiten Schritten die Grasstufen in die Höhe. Bald mußte er das kaum
mannshohe Pförtlein in der Mauer erreicht haben. Da geschah etwas
Unerwartetes.

Ebensoschnell wie Claus Beckera in Zorn und Wut hineingerast war, so
erfaßte ihn jetzt eine verzweifelte Reue. Urplötzlich füllten sich seine
funkelnden Augen mit Tränen und unbekümmert darum, ob seine kleine
Gefährtin sein Handeln begriffe, stürzte er auf die unterste Stufe
nieder, wo er die Arme wild emporwarf, als könnte er so den
Entweichenden zurückhalten.

»Tu das nicht, Geweihter,« schluckte er schmerzzerrissen. »Ich hab' dich
lieb. Und wer soll mir die Hand auf die Stirn legen, wenn mich die
Schmerzen quälen, die mich blind machen? Nein, tu das nicht, Geweihter
-- tu das nicht.«

Noch zitterte die Klage dieses wahrhaftigen Knabenschmerzes unter den
sonnenstillen Bäumen, noch hatte sich der leichtgerührte Bruder nicht
völlig gewandt, da klang in der Schwärze des Waldes ein Horn. Zugleich
hörte man den Hufschlag der Rosse.

Einen Augenblick wurzelten die drei auf der grünen Lichtung fest. Dann
geriet Leben in den Mönch, und während er die Scholle eilfertig auf
einen Mauervorsprung zu betten suchte, segnete er Gott im stillen für
die gelegene Unterbrechung. Wohltätig enthob sie ihn der begehrten
Versöhnung mit dem aufgeregten Knaben.

»Sie kommen,« rief er dem verblüfften Fischer zu, der ohnehin alles, was
bis dahin geschehen, längst vergessen hatte. Ungestüm war er
aufgesprungen, um nun, fiebernd vor Neugier, das dicke Gehölz zu
durchdringen.

»Vier -- fünf -- zehn Pferde,« zählte er, »sieh -- sieh, Anna,
Stahlpanzer und seidene Mäntel.«

»Dänische Herren,« berichtete der Bruder erregt und strich sich die
weiße Kutte glatt, »reiten auf Tagfahrt nach Stralsund und nehmen zur
Nacht hier Obdach.«

Gespannt drängten sich die Kinder an beide Seiten ihres Freundes. Kaum
konnte er sich ihrer erwehren.

»Dänen?« stammelte Claus zweifelhaft. Denn er vermochte nicht mit
Sicherheit anzugeben, wo jene Völkerschaft seßhaft wäre. »Was treiben
die in Stralsund?«

Doch der Mönch schüttelte ihn ab, ohne den stets regen Eifer des
Wißbegierigen befriedigen zu wollen.

»Wozu brauchst du das erfahren, Claus?« weigerte er sich vorsichtig.
»Was kümmern dich die Händel von Königen und Herren? Diesmal zwar
handelt es sich um eine gerechte Sache,« setzte er mehr für sich hinzu,
»gilt es doch, die Horde der gesetzlosen Schuimer zu vertilgen.«

Da packte ihn der Knabe heftig am Kleid. »Was sind Schuimer?« drängte er
ungebärdig. »Sag es mir.«

Der Mönch erschrak. Gar zu wild brannten die dunklen Knabenaugen in die
seinen. Das geheimnisvolle Wort, das im Volk für die unter der schwarzen
Flagge Herumstreifenden umging, schien in der unbeherrschten Seele ein
Feuer entzündet zu haben. Wieder rettete der Pater seine Verlegenheit
hinter strenge Abweisung.

»Schweig,« befahl er. »Was schiert sich ein Sasse, der von der
Herrschaft gut gehalten wird, um die von jedem Ehrsamen gemiedene Brut
der Friedlosen? Danke Gott im stillen dafür -- der du ein nährend
Gewerbe und einen sicheren Platz hast -- daß die Fürsten und Städtischen
dem wüsten Drang ein Ende machen wollen. Merk' dir, Bursche, solange das
Gelichter nicht von der See fortgefegt wird, so lange kannst du, wenn du
ehrlich bist, unter deinem Dach nicht ruhig schlafen.«

Schon wurden die buntgeschirrten Rosse unter den Stämmen sichtbar. So
blieb Pater Franziskus nur noch Zeit, die Kinder beiseite zu schieben
und den wesenlos Gaffenden gutmütig zuzuflüstern:

»Schaut auf die Vordersten. Ja, die Beiden. Das sind die Gesandten der
Königin. Der Drost Reichshofmeister Henning von Putbus. Und der
Hauptmann Konrad von Moltke. Gar stolze und mächtige Herren.«

Mit weit aufgerissenen Augen verfolgte Claus Beckera nun das sich
entwickelnde farbige Bild. Er merkte nicht einmal, wie er dabei
krampfhaft die Hand seiner kleinen Gefährtin ergriffen hatte. So
übergewaltig, so betörend wirkte auf ihn der goldige Glanz der Großen.
Allmählich spann sich ein feines, unwirkliches Netz vor seine
hinstarrenden Blicke, und er zuckte beinahe schmerzhaft zusammen, sobald
aus dem Gewebe ein besonders greller Blitz auf ihn zuschoß. Da --

Trat aus der Pforte über den Grasstufen nicht der Abt mit seinem Prior
hervor? Beides hinfällige Greise. In seinem schneeweißen Gewand, das
goldene Kreuz klappernd auf den dürren Gliedern, trippelte das Männchen,
achtsam auf jedem Absatz die Schleppe hebend, auf den ersten der Reiter
zu, um endlich dem Reichshofmeister mit zitternder Hand einen silbernen
Pokal entgegen zu reichen. Auf breitem Gaul saß der Drost zurückgelehnt,
die überlangen Beine gewaltig gespreizt, denn die flickenreiche
Zaddeltracht beengte den hochaufgeschossenen Mann. Zwiefältig war das
Staatskleid zusammengesetzt, auf der linken Seite rot, auf der rechten
gelb, während Arme und Beine umgekehrt bekleidet waren. Dazu saß ihm
eine ungeheure blaue Wulsthaube auf dem verkerbten Haupt, von der ihm
noch eine riesige blaue Fahne fast bis an die Knie hinunterfloß. Man sah
ihm an, der lange Ritt hatte ihm heiß gemacht, denn er schob
luftschöpfend an dem schwarzen Ledergürtel unterhalb seiner schmalen
Hüften herum, und wenn die tiefliegenden lauernden Augen nicht
widersprochen hätten, so hätte man den Reichshofmeister der Königin
Margaretha für einen abgedienten und eitlen Höfling halten können. Aber
die Augen wohnten ihm unter graustruppigen Brauen wie der Fuchs in
seinem Bau. Aufmerksam, sprungbereit. Und über die verschrumpfte Stirn
flog manchmal ein erhellender Blitz. Nicht umsonst ging die Sage, diese
vermorschte, im Winde schwankende Leiter hätte die Sprossen geboten, auf
denen die zierlichen Füße seiner Königin bis in die kältesten Höhen der
Staatskunst emporgeklettert wären. Doch die Sage fügte ihm Unrecht zu,
denn er selbst hatte in dem fürstlichen Frauengemach erst die
unmerklichen Windungen und herzenskühlen Methoden gelernt, die die
nordische Welt jetzt in Spannung hielten. Von ganz anderer Art war sein
Gefährte, der dicht neben ihm seinem gescheckten Schimmel wuchtig den
schweißenden Hals klopfte. In einem verregneten Lederkoller hockte der
Hauptmann Konrad von Moltke auf seinem abgetriebenen sehnigen Gaul. Sein
linkes, von einem grünen Strumpf umspanntes Bein hatte er lässig in die
Höhe gezogen, so daß er den Arm darauf stützen konnte. Und auf diesem
ruhte wieder der völlig kahle, in der Sonne glänzende Schädel, unter dem
eine krumme Geiernase rauflustig und hochmütig in die Welt stach. Die
eiserne Sturmhaube, die den beinernen Totenkopf wohl allzusehr drücken
mochte, hing ihm schaukelnd vom Sattel, und die rot verschwollenen
Augenlider blieben hartnäckig geschlossen, vielleicht vor Müdigkeit,
vielleicht aus Abneigung gegen das Mönchsgesindel, dem seine Herrin so
auffallende Bevorzugung erwies. Man munkelte da allerlei. Der
verkniffene Mund des Dänen jedoch redete laut von Geiz und Beutesucht.

»Er sieht aus wie der Seeadler, wenn man ihm die Federn ausgerupft hat,«
dachte Claus Beckera staunend, ohne den gierigen Blick von dem
Knochenmann abwenden zu können.

Inzwischen hatte sich die hinfällige Kinderfigur des Abtes auf den Zehen
aufgerichtet. Ängstlich vor dem scharrenden Braunen ausweichend, reichte
er dem Reichshofmeister seinen Becher dar. Das Männchen, dem ein paar
einzelne graue Locken verloren um die Stirn flatterten, machte
unverkennbar den Eindruck, als ob er sich hinter seinen Pergamentrollen
wohler fühle als bei dieser ungewohnten Staatshandlung.

»Herr Henning von Putbus,« lispelte er ohne Mark und kaum hörbar,
»Reichshofmeister und Drost der großmächtigen -- -- --«

Hier klatschte der Knochenmann seinem Gaul höchst wuchtig gegen den Hals
und kniff seine Lider immer unbegreiflicher zusammen.

Der Abt verwirrte sich.

»Der Herr führte Euch zum Segen an die deutsche Küste,« stotterte er
verlegen und begann mit dem Becher hin und her zu zittern. »Er führte
Euch an die Küste -- ja -- und möge die Tagfahrt zu Stralsund Euren
Wünschen entsprechen.«

Höflich streckte der Hagere seine Beine noch steifer von sich, ergriff
den Becher und verneigte sich so geschmeidig, wie man von dem
vertrockneten Gerüst in dem Geckengewand kaum erwarten konnte. »Da der
redliche Abscheu Eures Ordens gegen die Vergewaltiger der See bekannt
ist,« sprach er ziemlich unbeteiligt, »so werden Eure Gebete mit uns
sein. Ich weiß -- ich weiß.« Er führte den Pokal oberflächlich und ohne
zu nippen an seinen Mund. Sein Nachbar jedoch, der Hauptmann von Moltke,
riß ihm ungeduldig den Pokal, bevor er noch dazu aufgefordert wurde, aus
der Hand, tat einen tiefen Blick hinein und stürzte das Getränk gierig
hinunter. Der Kriegsmann mochte durstig sein. Allein unvermutet hielt er
inne, und während er böse die verschwollenen Augen aufriß, goß er
gereizt den Rest auf die Erde.

»Gemischt,« knurrte er, und seine Stimme klang, wie wenn man Scherben
gegeneinander reibt. »Himmel und Hölle -- ich -- --«

In diesem Augenblick schlug erneutes Pferdegetrappel aus dem Wald
heraus, der Reiter verschluckte das weitere, hob die abschreckend dürre
Hand und schwenkte sie dem neuen Ankömmling entgegen. »He, Cona,« krähte
er immer in demselben bitteren, menschenverachtenden Ton, »meiner Seel,
Ihr standet gut im Futter, seit wir uns zuletzt begegneten. Wißt Ihr
noch auf der Tagfahrt zu Wismar? Man sagt, Liebwertester, Ihr hättet
über See recht einträgliche Geschäfte betrieben. Und kenntet die
Schliche der Schuimer aus Erfahrung.«

Es mußte eine besonders giftige Anspielung in jener Anrede liegen, denn
der Reichshofmeister, der plötzlich noch fahler aussah als gewöhnlich,
hob abwehrend die Rechte, schöpfte vergeblich Luft und versuchte, sein
Unbehagen hinter einem begrüßenden Lächeln zu verbergen. Er brachte es
jedoch nur zu einem Grinsen, zumal er wahrnahm, wie der Graf von Cona,
der nun in der Abendsonne dicht neben seinem jungen Sohne mitten auf der
Lichtung hielt, verärgert und beschämt das feiste Vollmondgesicht
verzog. Spähend blinzelte der so Wohlgenährte im Kreise umher, ob auch
die Mönche den beißenden Spott verstanden hätten. Dann strich er mit der
fleischigen Hand über den halblangen blauen Tappert, der ihn
schlafrockartig umhüllte, und stieß endlich kurzatmig, nach Art der
Dicken hervor:

»Seid gegrüßt, Ihr Herren. Auch du, Moltke. Immer munter. Immer
gelenkig. Wollen absteigen und das Nachtmahl einnehmen, das der Herr Abt
für uns gerüstet. Aus leerem Magen steigt zudem allerlei verwirrtes
Zeug. Und wenn es Euch wirklich Ernst gegen die Freibeuter ist, die ja
manchem ein verstecktes Plätzchen gut zu bezahlen wußten -- nicht wahr,
nicht wahr, so ist es doch? -- dann werden wir morgen in Stralsund
weiter sehen. Werden sehen, wo unser Vorteil liegt. Und nun zu Tisch,
liebe Herren.«

Schwerfällig und ächzend schwang er das rechte Bein vom Roß. Allein
durch die weitausladende Bewegung des unförmlichen Körpers mochte der
dürre unruhige Gaul des Dänenhauptmanns gereizt werden. Mit einem
schrillen Wiehern stieg das Tier kerzengerade in die Höhe. Ringsum wurde
ein einziger Schrei laut. Doch ohne Zögern schlossen sich die sehnigen
Beine des Kriegers um den Leib seiner Schecke zusammen. Ja, er rührte
sich kaum, so fest saß er im Sattel. Zu gleicher Zeit aber sah man, wie
der Knabe im weißen Kittel hochauf in den Zügeln des Schimmels hing. Die
kleinen Fäuste rissen erbarmungslos am Maulbügel des Tieres.

»Laß los,« krähte der Däne ungehalten und fletschte die stockigen Zähne.
Da war das Pferd schon zur Erde gebracht. Und der Helfer stand nun,
keineswegs befangen, sondern die Hände stolz in die Hüften gesetzt,
geschwellt von einem rauschenden Kraftgefühl, mitten in dem ihn
umgaffenden Kreis. Wieder merkte er es kaum, daß seine Gefährtin auf ihn
zugestürzt war, um ihm ängstlich Brust und Glieder zu befühlen.

»Unsinn,« schimpfte der Hauptmann mißfällig. »_Ragazzaccio maledetto_!«
vervollständigte er seinen Fluch auf welsche Art, denn er hatte sich
seinen ersten Kriegsruhm in den italienischen Städtekriegen erworben.
Gezwungen nestelte er an seiner Ledertasche, um dem Buben ein paar
Scheidemünzen zuzuwerfen, doch einer besseren Einsicht folgend unterließ
er diese Spende wieder auf halbem Wege.

»Wer ist der Bursche?« fragte statt seiner der Graf von Cona, der
inzwischen auf krummen Beinen neben dem gleichfalls abgestiegenen
Reichshofmeister stand. Und da er den einfachen linnenen Kittel und
daneben den prächtigen Wuchs des Knaben nicht recht zusammenzureimen
wußte, setzte er dringlich hinzu, denn die nahe Tafel lockte den immer
Hungrigen: »Schnell, schnell, wer ist es? Gäbe einen stattlichen
Knecht.«

Eine Stille entstand. Bis das Schweigen von der Stimme des Bruder
Franziskus unterbrochen wurde. Einem unwiderstehlichen Trieb folgend,
hatte sich der Pater vor die Kinder aufgepflanzt. Jetzt gab er besorgt
die Auskunft:

»Es ist der Sohn des Fischers Claus Beckera.«

»Das ist ein lauer Hund,« stotterte der Dicke, der im ersten Augenblick
seine unangenehme Überraschung nicht meistern konnte. »Sorgt schlecht
für uns.« Und sein Doppelkinn unter dem Kragen des blauen Tappert weit
hervorschiebend, begann er vor Verlegenheit zu poltern: »Wozu treibt
sich der Sasse hier herum?«

In das Antlitz des Jungen war Hitze gestiegen, böse zerrten die dunklen
Augen an dem blauen Faltenrock herum.

»Mein Vater -- --« schrie er.

Da wurde er von dem Mönch zurückgerissen. Zugleich fühlte er, wie ihm
die Lippen fest verschlossen wurden.

»Er hat eine Sternscholle für die Tafel gebracht,« erklärte der Bruder
ruhig und zeigte nach dem Mauervorsprung, auf dem der Riesenfisch in der
Abendsonne glitzerte.

Neugierig wandte sich der Graf. Mochte es nun sein, daß ihn der Anblick
des mächtigen Fanges versöhnte, oder war er sonst froh, der lästigen
Begegnung überhoben zu sein, gemütlich schob er seinen Arm unter den des
Reichshofmeisters und zog ihn mit sich.

»Man speist gut bei den Brüdern,« schmatzte er mit breitem Lachen. »Wer
weiß, welche Überraschung unser wartet. Kommt, Herr Drost, ihr Herren
kommt. Man soll den Koch nicht warten lassen.«

So zogen die Gäste, geführt von den Mönchen, durch die enge Pforte über
den Grasstufen. Die Knechte leiteten die Pferde um die Mauer herum in
die Ställe, und bald lag die Lichtung in Einsamkeit.

Nur ein einzelner Reiter war zurückgeblieben. Auffällig zögerte er mit
dem Absitzen, lenkte seinen Rappen vielmehr spielerisch hin und her, bis
der Junggraf Malte von Cona seinen Entschluß gefaßt haben mußte. Mit
einem Sprung setzte sein Pferd hinter den bereits heimkehrenden Kindern
her, und während die Jungmännerfaust keck und ohne Umstände in die
Haarflechten des aufschreienden Mädchens griff, rief er wie zur
Beruhigung mit einem zugleich harmlosen und gebieterischen Lachen, denn
das Ganze sollte nach der Sitte der Zeit einen Scherz darstellen.

»Dirn, versteh Spaß, wo kommst du her?«

Die Kleine starrte ihn mit blauen Augen flehentlich an und begann vor
dem vornehmen Herrn zu zittern.

»Laß ab, Herr,« stammelte auch Bruder Franziskus in aufsteigender
Empörung, »es ist noch ein Kind.«

Doch der Jüngling warf dem Mönch nur einen verächtlichen Blick zu, es
kümmerte den Geschorenen nichts, mit wem der Grundherr seine Belustigung
auf offener Straße treiben wollte. Doch verwunderlich dünkte es den
Reiter, auf welche Weise der Fischerknecht den gnädigen Scherz aufnahm.
Atemlos lehnte der weiße Kittel an einer mächtigen Buche, von wo der
Knabe zuvörderst ohne genaue Erkenntnis des Vorganges die bunte Pracht
des Adligen in unruhiger Gier verschlang. Die überlangen Schnäbel der
rosa Strümpfe, die enggepreßte rote Schecke des Wamses und darüber den
kurzen gelben Kragen, der mit blitzenden Gold- und Silberstücken besetzt
war. Und doch -- die Faust des Burschen riß und zerrte dabei auf eine
sonderliche Art an einem stämmigen Ast herum. Wollte der Lümmel etwa die
schuldige Ehrfurcht vergessen? Ungläubig und geringschätzend zuckte der
Junker die Achsel, dann ließ er seinen Blick von neuem hartnäckig über
die feine Gestalt der Dirne laufen, die sein Anruf so völlig der Sprache
beraubt hatte.

»Komm zu dir, Rotröckchen,« meinte er ungeduldig, obwohl er beifällig
genug auf die nackten Füße des Kindes herabschaute. »Wo kommst du her?
Bist du die Schwester des Sassen da?«

Noch immer hielt er das Ganze für einen ihm ziemenden Scherz und
wunderte sich nur, warum das Mädchen so sehr in Zittern und Beben
versank.

»Nein,« flüsterte sie und senkte das Haupt, »ich bin Anna Knuth.«

»Und meiner Mutter Schwestertochter,« sprach Claus hart dazwischen. Er
hatte den Ast herabgerissen und trat nun, auf alles vorbereitet, näher.
Dabei schauerten seine Glieder dennoch wie im Frost, denn die vererbte
Achtung bäumte sich gegen die Gier, ein Abenteuer zu erleben. Rastlos
schwankte die Zufallswaffe in seiner gekrampften Faust. Er wußte selbst
nicht, wogegen er kämpfen sollte.

»Du bist nicht gefragt,« schleuderte ihm der Junggraf unwillig entgegen,
wobei er herrisch die Rechte vorwarf, als wolle er die nahende, die
unbegreifliche Auflehnung an ihren Platz bannen. »Gleich packst du dich
von dannen, Tölpel.«

Der im weißen Kittel rührte sich nicht. Nur der Buchenast hörte auf zu
zittern, ja, das Holz gewann von Minute zu Minute eine immer straffere
Spannung. Eine Weile verharrten die drei Gestalten bewegungslos, wie in
der Tiefe eines Traumes. Selbst das Pferd stand gepreßt unter dem
einfangenden Druck. Da vermochte sich der Cisterzienser in seiner
Herzensangst am frühesten aus der Lähmung emporzuraffen. Kaltblütig
schritt er, als wäre nichts Erhebliches geschehen, bis dicht an die
Flanke des Rosses heran, um dort dem Tier kosend über den Hals zu
klopfen. Mit großen Augen verfolgten die Jungen, die Aufgeregten, sein
Tun.

»Ja, es sind Annerbäulkenkinder[*],« sprach er im weichen Dialekt der
Gegend, und keine Hast, keine Unruhe verrieten in dem ebenen Antlitz,
wie sehr er mit der Überlegenheit des Alters bemüht war, die
aufgepeitschten Sinne der anderen zu besänftigen. »Anna Knuths Vater ist
ertrunken. Man sagt, die Schuimer hätten ihn ins Meer geworfen. Da hat
sich ihre Mutter nun ein Hüttlein dicht neben den Beckeras errichtet,
und Mutter und Tochter nähren sich recht und redlich vom Mattenflechten.
Ein mühselig Gewerbe, Herr, das die Finger zerschneidet.«

  [*] Vetter und Base.

Weisend hob er den Arm der Kleinen empor, und der Graf bemerkte nun
verdutzt, wie die Hand der Blonden von schwärzlichen Kerben durchfurcht
war. Das lenkte seine unüberlegte Begehrlichkeit wohltätig ab. Sofort
suchte er nach Art der großen Herren das Leid der Armen durch ein
Almosen zu lindern.

»Warum sagtest du das nicht gleich, dummes Gör,« tadelte er wohlwollend,
während er ungestüm an einer Silbermünze seines gelben Kragens
herumdrehte. »Matten? Gut, da magst du die weichsten von deinem Geflecht
auf unseren Hof bringen. Mein Hund soll darauf liegen. Und hier,
Rotröckchen, hier hast du deinen Lohn im voraus.«

Lachend, mit einer freigebigen Gebärde schleuderte er den abgerissenen
Knopf dem Mädchen vor die Füße. Und ehe die drei Zurückgebliebenen sich
noch besinnen konnten, hatte der gewandte Reiter seinen Gaul zur Seite
geworfen und sprengte nun um die Mauer herum dem Stalle zu.

»Eilt nach Hause,« drängte der Bruder die beiden Kinder, die bestürzt
auf das sich entfernende Klingeln der silbernen und goldenen Münzen
lauschten. »Geht -- geht rasch, der Mann will euch nicht wohl.«




III.


Sie saßen in der Hütte der Beckeras zum kargen Nachtmahl vereint. Die
Alten hatten ihren Hunger bereits gestillt und hockten ausruhend am
Herd, von wo ein verglimmender Kienspan leuchtete. Zu ihnen hatte sich
Anna Knuths Mutter gesellt, ein hageres, früh ergrautes Weib mit
unzähligen Sommersprossen im abgemagerten Antlitz. Arbeitsverbittert sah
sie aus, und vor der hereinströmenden Kühle des Meeres fröstelte die
Abgezehrte häufig zusammen.

»Kalt -- immer kalt,« schüttelte sie sich. Dann hob sie den gespendeten
Silberknopf von ihrem Schoß, um ihn beinahe ungläubig gegen den
ungewissen Lichtschein zu kehren. »Warum er das wohl geschenkt?« suchte
sie in fruchtlosen Zweifeln zu ergründen; als aber die Hausfrau, die
prall und rund, voll gesparter, selbstbewußter Kraft ihr
gegenüberlehnte, eine heftige Bewegung gegen die Esse ausführte, wie
wenn sie das Wertstück am liebsten in die Flammen schleudern möchte,
denn Hilda kannte die Aufmerksamkeiten der Herren, da schüttelte die
Mattenflechterin müde das Haupt. »Nicht doch -- nicht doch,« wehrte sie
sich gegen diesen Gedanken ihrer gewalttätigen Schwester. »Wie käme ich
wohl je wieder zu solch einem Schatz? Morgen segle ich nach Stralsund
und kaufe für uns Decken. Die Hauptsache ist, daß wir es warm haben.«

»Ja, ja, hübsch warm,« murmelte der alte Claus Beckera und zog seine
allmählich spindeldürr gewordenen Beine bis tief unter seinen Sitz, da
der Husten, der nicht zum Ausbruch kommen wollte, seinen ausgemergelten
Leib wieder verkrümmte. Mit äußerster Kraft rang er danach, das laute
Bellen zu verhindern. Nicht eigentlich, um seine Umgebung nicht zu
erschrecken, denn der kranke Riese war noch immer nicht zart und
nachgiebig geworden. Nein, er mochte nur nicht die Augen des Weibes so
groß und erkennend auf sich gerichtet fühlen. Das Weib wußte alles, sie
war klug und ließ sich nicht täuschen. Ja, der Fischer glaubte, sie lese
ihm Zeit und Stunde des Kommenden ganz sicher von der Stirn. Und dagegen
sträubte er sich. Es war wohl noch gar nicht so schlimm, und er wollte
einmal sehen, wer zäher war, er oder die Augen von ihr.

So strich er sich scheinbar aufgeräumt über die Welle des roten Bartes,
der jetzt doppelt scharf gegen die vergilbten, eingefallenen Wangen
abstach, und gegen den Tisch gewandt richtete er die wohlwollende
Ermahnung an seinen Sohn:

»Iß, Jünging, iß.«

Der Knabe träumte vor der rohen Platte, hielt das Haupt aufgestützt, und
nur ab und zu führte er den Holzlöffel ungewiß und willensunmächtig in
den Napf mit dem warmen Hirsebrei. Seine sonst so blitzenden Augen aber
hatten sich verschleiert, wie nach innen gerichtet schienen sie Bilder
und Vorstellungen zu verfolgen, die auf dem Grund seiner Seele
dahinstiebten. Unwillig zuckten seine Lippen oft, als könne er das
Fliehende weder erkennen noch festhalten. Betroffen beobachteten seine
Angehörigen das an dem immer Unruhigen befremdliche Wesen.

»Iß, Claus,« bat die kleine Anna Knuth, die dem Versunkenen gegenüber
saß, wobei sie ebenfalls versäumte, ihren Löffel gegen den Napf zu
lenken, denn ihr Gemüt nahm willigen Anteil an dem völligen Verstummen
ihres Gefährten. »Wir sind lange gelaufen -- du bist müde.«

Doch auch diese warme Bitte erreichte den in Fremdes Hinabgetauchten
nicht. Offenbar hatte er die sanfte, demütige Stimme gar nicht
vernommen. Über die Schulter seiner Freundin hinweg starrte er immer
ausdrucksloser durch die offene Luke der Hütte, dorthin, wo das letzte
Abendrot fern auf den Wassern schaukelte. Langsam stieg die blaue Wand
der Nacht über die Ränder der See. Und zugleich verfinsterte sich auch
die Stirn des Träumenden immer auffälliger.

»Willst du wohl antworten, wenn man dich fragt?« drohte Hilda, seine
Mutter, ungeduldig. Heftig war sie hinter den Schemel des Sohnes
getreten. Nun ließ sie ihre Hand klatschend auf den Nacken des
Abgewandten niederfallen. Ihre lebhafte, tatbereite Natur sträubte sich
gegen solch ein zweckloses und unheimliches Hindämmern. Was hatte der
große, kräftige Bursche in sich hinein zu horchen, anstatt seinem
arbeitsunfähigen Vater hilfreich zur Seite zu stehen? Verlangte doch der
Vogt nach wie vor den vollwichtigen Fang. »Junge, willst du wohl?«

»Mutter,« unterbrach der kranke Riese erschreckt, indem er abermals
gegen den gefährlichen Hustenreiz ankämpfte, und dabei versuchte er,
sich zu erheben, was ihm aber nicht sofort gelang. »Laß -- laß den
Jungen. Wer weiß, was er hat. Er trägt Gedanken in seinem Kopf. Und
Gedanken kann man nicht immer verstehen.«

Hieraus war zu entnehmen, was Hilda längst wußte, daß der alte Beckera
in scheuer Achtung vor der wilden trotzigen Art seines Sohnes
dahinlebte, daß er aber geradezu in Aberglauben und Bewunderung versank,
sobald sein Pflegling merkwürdige Fragen und Ansichten äußerte, wie sie
der Rotbart in seinem einförmigen Gewerbe niemals für möglich gehalten.
Je weniger der Plumpe ein derartiges hitziges Arbeiten des Hirns
begriff, desto rückhaltloser fühlte er sich heimlich geschmeichelt, weil
solches an seinem eigenen Sassenherde geschah.

»Laß ihn, Mutting, laß, wer weiß?«

»Ih, was hier, wer weiß?« schalt Hilda. »Was nützt das?« Sie schlug noch
einmal zu.

Mit einem Sprung war der Knabe auf den Füßen. Der zweite Hieb hatte ihn
geweckt. Der Napf auf dem Tisch zitterte vor dem ungestümen Auffahren,
selbst der Kienspan auf dem Herd schickte seine Flamme in dem Luftzug
rauchend zur Höhe.

»Was ist?« ermannte sich der Bursche, und seine Blicke umfingen seine
Angehörigen so dunkel und fremd, daß alle merkten, sein Körper sei eben
erst, wie ein Stein aus Himmelshöhen, unter sie gefallen.

Staunend, mit weit aufgerissenen Augen betrachtete ihn der alte Beckera,
sein harmloses Gemüt bückte sich tief vor diesem vornehmen Entrücktsein
in eine andere Welt. Abwehrend hob er wiederum die abgezehrte,
faltenreiche Faust.

»Laß,« murmelte er noch einmal, kaum hörbar.

Die Mutter aber wünschte ihren Jungen aus seinem zwecklosen Hindämmern
aufzujagen.

»Fehlt dir was?« forschte sie barsch, während sie ihm ohne weiteres den
Holznapf fortnahm, denn die Ziegen konnten noch recht gut von den Resten
gesättigt werden. »Wozu hockst du hier und glotzt vor dich hin?«

Heftig schüttelte sich der junge Claus, dann sprang er an die offene
Luke und trotz der feuchten Abendluft riß er sich den weißen Kittel vorn
am Hals auseinander, bis ihm der Zugwind über die nackte Brust spülte.

»Kalt,« fröstelte die Mattenflechterin in ihrer Ecke wehleidig zusammen.
Auch der alte Fischer hustete unvorsichtig.

»Zu warm, viel zu warm,« wehrte sich der Knabe. Plötzlich aber warf er
das braune Lockenhaar ungestüm zurück und führte mit geballter Faust
einen besinnungslosen Hieb gegen die Bohlen des Fensters. In Wut und
stürmischer Auflehnung entlud sich, was in seinem schwelenden Hinbrüten
bedrohlich gegen ihn aufgestanden war.

»Wir wissen hier von nichts,« schrie er in bitterem Zorn, und seine
funkelnden Augen klagten alle Anwesenden der Reihe nach eines
unsühnbaren Verbrechens an, »wir wissen nichts von dem, was draußen
geschieht.«

Verständnislos maßen sich die anderen. Allein, wenn sie auch nicht
begriffen, wonach diese entfesselte und von einem flüchtigen Lichtstrahl
geblendete Seele schrie, die unverbildeten Menschen fühlten doch, daß
sich hier etwas Ungewohntes und in seiner Anmaßung Gefährliches rege,
etwas Aufständisches, Unbotmäßiges, das mit den Fäusten gegen den Käfig
der Unmündigkeit und des Elends zu hämmern begann. Und das erfüllte sie
mit Abneigung und Mißtrauen. Die geduckten Nacken hatten ja längst
verlernt, sich zu recken, und weil sie zu tief in Abhängigkeit gebeugt
waren, so hielten sie es beinahe für eine Wohltat, die unwissenden
Häupter nicht mehr dorthin erheben zu brauchen, wo in der Höhe die
Blitze zuckten. Gott bewahre uns vor Ungemach. Unwillkürlich falteten
sich ihre Hände. Und nur der kranke Riese atmete ein paarmal mühsam auf,
aber als er sich zu einer kleinlauten Frage anschickte, da bebte doch
etwas von zurückgedrängter Genugtuung in seiner gebrochenen und heiseren
Stimme, denn ihm kam es vor, als wenn seine Hütte durch all dies sehr
geehrt und begnadet würde. Gott wahre uns vor Ungemach.

»Was wissen wir nicht, Jünging?« räusperte er sich demütig und klammerte
sich mit beiden Fäusten an das Lehnbrett seines Schemels, um aufrecht
sitzen zu können. »Was wissen wir nicht?«

Da biß der Angeredete in seine Unterlippe und zugleich rüttelte er, von
neuer Besessenheit befallen, an der Umfassung der Luke, als müsse er
sich durchaus einen verbreiterten Ausblick schaffen. Dazu tobte er
voller Verachtung gegen die Dumpfheit, die ihn hier umgab.

»Wißt ihr, daß ein paar Meilen von uns zu Stralsund eine Tagfahrt
gehalten wird? Was ist eine Tagfahrt?«

Der alte Fischer riß an seinem langmähnigen Bart, die Brust drohte ihm
stillzustehen, und durch sein blondgraues Struwelhaar drang ihm der
Schweiß. Vor Überraschung verging ihm völlig das Denken. Alle guten
Geister, um was kümmerte sich die junge Brut?

»Große Herrensache,« vermochte er endlich seiner Atemnot abzuringen,
»sie reden da.«

Sein Pflegling trat ihm näher.

»Von was reden sie da?« forderte er begierig.

Den Alten umwirrte jetzt vollkommene Betäubung. Noch nie war so etwas
Unnötiges von ihm verlangt worden. Und nun gar von dem angenommenen
Sohne. Und doch ergriff ihn die ungewisse Ahnung, in diesem Drängen wehe
eine köstliche Luft, nach der er sich schon lange gesehnt, weil sich in
ihr atmen ließe. Ja atmen, atmen, denn das Ersticken nahte wohl bald.
Hohl stöhnte er auf, dann keuchte er hervor:

»Sie reden da von uns, und was man uns nehmen soll, damit wir steuern.«

Es klang wie das Heulen eines gemißhandelten Hundes. Alte Erinnerungen
von Zwang und Demütigung richteten sich in dem Gestammel empor. Und bei
diesen aufreizenden Lauten beugte sich ihm der Sohn lauernd entgegen,
und seine Augen drohten unheilverkündend in der Hütte umher, als suchten
sie jetzt schon den Eindringling, der da kommen sollte, um erpreßtes Gut
zu verlangen. Gott schütze uns vor Ungemach. Welcher Geist war zur bösen
Stunde in das junge Blut gefahren!

»Sie reden da von uns? Und fragen uns nicht?« rang es sich wie von
selbst aus dem erwachenden Bewußtsein ab. »Sind wir denn Steine?«

Der alte Claus zitterte vor Angst. Ganz unvermittelt schämte er sich,
weil er sich von dem Unbekannten soweit verleiten ließ.

»Laß, mein Jünging, laß, wir verstehen das nicht.«

»Eben, wir verstehen das nicht,« zischte der Knabe. Ratlos schlug er
sich mit der Faust vor die Stirn.

Vom Herd erhob sich eine schrille Stimme. Dort stieß Hilda die
Feuerzange wütend unter ihre Töpfe. In Scherben klirrte ein Napf auf den
Ziegelestrich.

»Was ist das für ein Zeug?« zeterte sie in ihrer Befürchtung, rächende
Herrenhände könnten sich an ihrem lebenden Schatz vergreifen. »Hab' ich
dich dazu aufgefüttert, damit du hier allerhand Unkraut säst? Meinst du,
wir könnten vom Wortefangen leben? Gleich schere dich dort hinaus, wohin
du gehörst. Oder willst du abwarten, bis dir die Peitsche des Vogts
Beine macht?«

So laut ihre Stimme auch gellte, der schlanke Bursche wandte den Blick
auf die eifernde Frau, aber ihre Vorwürfe glitten von ihm ab, als wären
seine Ohren noch immer für die Dinge des Alltags und der einförmigen
Gewohnheit verstopft. Aufrecht stand er da, plötzlich ein Fremder unter
diesen kleinen furchtsamen Sassen, von der Zaubergerte einer Erkenntnis
berührt, die er nicht zu bewältigen vermochte; und nur als durch seine
Träume das Wort »Peitsche« hindurchpfiff, da zuckte ein kurzer Schauer
über seinen Nacken, und seine Hände zitterten widerstrebend nach
rückwärts. Gleich darauf jedoch war auch diese Schwäche abgeschüttelt
und er konnte geschmeidig bis dicht an den Sitz des Alten herangleiten,
um dem aufhorchenden Fischer von neuem zuzuflüstern:

»Sag' mir, was sind Schuimer?«

»Oh, oh,« winselte Anna Knuths Mutter kläglich, und zu gleicher Zeit
nestelte sie aufgescheucht den silbernen Knopf in einen Schlitz ihres
Rockes. »Böse Menschen, Claus, glaub mir, böse Menschen. Sie segeln in
ihren Raubschiffen, sie plündern das Gut der Reichen und morden die
Armen. Ich kenne sie. Versaufen und verschlemmen in einem Tag, was wir
des Jahres zusammengescharrt.«

»Seid still,« stieß Hilda an ihrem Herd hervor. Leichenblaß war sie
geworden, seit ihre Sorge um ihren Einzigen sich an einen bestimmten
Begriff klammern konnte. »Sprich ein Ave, mein Jünging. Ein frommer
Christenmensch darf die Rotte nicht kennen.«

»Ave Maria, heilige Mutter -- --« sprach die kleine Anna folgsam vor
sich hin. Auch ihr Gespiele faltete unwillkürlich die Hände, denn der
Wunsch der Mutter galt dem Aufgestörten immer noch als ein unabwendbares
Gebot. Dennoch hinderte ihn die Bewegung nicht, seinem Vater abermals
zuzuraunen:

»Wer aber hat die Männer so weit gebracht?«

»Ja, wer?« murmelte der Fischer betäubt. Plötzlich aber faßte er den
Kopf des Sohnes in beide Hände, und sein Leid und seine Krankheit und
die Bedrängnis eines ganzen Lebens vom Grund seiner Seele auffegend,
schrie er unvermutet in irrem Geheul:

»Die Not, mein Jünging, ich mein' die Not.«

»Ja, die Not,« sprachen die anderen jetzt gepackt und gleichförmig vor
sich hin.

Da war der fesselnde Bann von dem Knaben gewichen. Ungehindert und in
der Lust sich zu befreien, brannte es hemmungslos aus ihm weiter:

»Und wer gibt den Herren seidene Kleider und uns Lumpen? Wer gibt ihnen
Gold und Edelsteine und uns die Peitsche? Und wer gibt ihnen die
fremden Sprachen, die wir nicht verstehen, und uns -- und uns die
Dummheit?«

»Ja, wer, wer?« wiederholten die anderen geistesabwesend.

Die armen Menschen hockten da, als seien sie mit Nägeln an ihre Sitze
geheftet und müßten es dulden, daß ihre Zungen die Eingebungen eines
fernen Geistes nachäfften. Endlich -- endlich entriß sich Hilda jener
lähmenden Verzweiflung. Mit einem Sprung war sie bei ihrem Kinde, das
sie der Macht des Teufels entreißen zu müssen wähnte, ein Schlag ihrer
geballten Faust schmetterte mitten in sein weiches, fieberndes Antlitz.

»Mutter!«

Da riß sie ihn an seinen langen Haaren und schleifte ihn fast bis zur
Schwelle der Kate.

»Gleich packst du dich in dein Boot,« schäumte sie in übertriebener Wut,
obgleich eine unnennbare Angst ihr die Seele zudrückte. »Geh -- geh,
Müßiggänger und Maulaffen brauchen wir hier nicht. Bring lieber was
Tüchtiges heim, damit wir Ruhe haben vor dem Vogt. Und gnade dir Gott,
wenn du jemals wieder dein Maul auftust über Dinge, die uns nichts
angehen.« Ohne jeden Übergang fiel sie dem schon in die Nacht
Geschobenen um den Hals, klammerte ihre Arme fest um seinen Nacken, und
zum erstenmal hörte der überwältigte Sohn seine Mutter betteln und
stöhnen:

»Tu's nicht, mein liebes Kind -- schlag' dir solche Gedanken aus dem
Kopf. Taugen nichts für arme Leut' -- richten dich und uns zugrunde.
Sieh, die Herren sind nun einmal in Samt und Seide geboren und leiden
nichts anderes. Geh -- sei wieder mein lieber, guter Junge -- geh, geh!«
Gewaltsam drängte sie den Zögernden, der in heißer, geweckter
Zärtlichkeit ihren Mund suchte, von sich und wußte nicht, daß sie ihn
seinem Schicksal entgegentrieb.

       *       *       *       *       *

Noch befangen von all dem Widerspruchsvollen glitt Claus die Dünen
hinab; aber je kälter ihm der scharfe Seewind um die Ohren strich, desto
klarer erholten sich seine lebhaften Sinne, und kaum spürten seine Füße
den feuchten Strand unter sich, da hatte das bewegliche und stets nach
Neuem schweifende Gemüt des Knaben bereits den Streit mit den Seinen
vergessen. Kräftig zog er sich den Ledergürtel enger und horchte im
Schreiten auf das unheimliche Schreien der wilden Schwäne.

»Jetzt eine Armbrust, wie sie den Herren eignet,« dachte er, »und ein
paar stattliche Federn für die Kappe sollten mir nicht fehlen.«

Die Nacht und die graue Leere, die sich wie ein offenes Tor auftat,
schreckten und hinderten ihn so wenig, daß seine Augen vielmehr
anfingen, halb im Spiel den Schimmer der weißen Strandwellen von dem
Gefieder der belauschten Vögel zu unterscheiden. »Sie kämpfen da
draußen,« urteilte er gespannt, »und stoßen einander gegenseitig die
Brust ein.« Und dann schoß es ihm durch den Kopf, ob es nicht möglich
sei, sich solch ein königliches Tier zu zähmen. Noch niemand hatte das
zwar versucht. Es mochte wohl schwer halten. Aber sein nach Pracht und
Glanz ewig dürstendes Herz wurde von dieser Idee völlig bestrickt.
Beinahe vergaß er bereits die Jagd nach den unsichtbaren Geschöpfen.

»Man müßte gegen den Wind heranschleichen -- --« murmelte Claus, »und
dann -- --« Da stutzte er. Dicht neben dem Pfahl, an dem sein Boot
angebunden lag, erhob sich eine dunkle Gestalt. Der breite, untersetzte
Mann mußte bis dahin auf dem Bordrand gesessen haben, jetzt wendete er
sich voll dem Ankömmling entgegen, und durch die Nacht schimmerte
zuvörderst eine gewaltige Schädelplatte. Auch wenn die schwere, wuchtige
Figur noch tiefer von Finsternis bedeckt gewesen wäre, dieses beinerne
Dach, gegen das sich rechts und links zwei dicke graue Haarwülste
abbuschten, würde den Besitzer verraten haben. Zudem stand niemand so
herrisch auf gespreizten Beinen wie der Vogt. Schweigsam musterte der
Sechziger den Fischer, denn auch seinen Blicken bot die Dunkelheit kein
Hindernis, und erst nachdem er ein paarmal über die kurze, vermottete
Bartkrause gestrichen, spuckte er hart und abfällig, wie es in seiner
Art lag:

»Der Mond steigt schon. Warum kommst du so spät?«

»Ich?«

»Ja, dich meine ich, wen sonst?«

Oh, da war es abermals. Claus Beckera kniff die Fäuste zusammen, bis die
Nägel ihm ins Fleisch schnitten. Und doch erzählten seine mühsam
zurückgepreßten Atemzüge ganz deutlich davon, welche Anstrengung es ihn
kostete, um seinen unzähmbaren Haß gegen den ewigen Zwang
hinunterzuwürgen. Knirschend vor Überwindung bückte er sich, und seine
Hände rissen viel heftiger an den Stricken des Bootes herum, als nötig
gewesen wäre, um die Knoten zu lösen. Dabei stieß er hinter
zusammengebissenen Zähnen hervor, daß er ein Segel besitze und deshalb
viel schneller die Fahrt zurücklegen könne, als es selbst der Vogt mit
seinen plumpen Rudern vermöchte. Und überdies -- allein das weitere
verlor sich. Schon stemmte er die Schultern gegen den Kahn, und
unbekümmert um den Beobachter begann er das Schifflein zwischen den
großen Steinen hindurchzuschieben.

Aufmerksam hörte der Vogt zu. Endlich jedoch nickte er wie in galligem
Vergnügen über die Kraft des Jungen, dann äußerte er mit seiner markigen
Gelassenheit:

»Schön, du wirst dein Segel nötig haben, denn ihr seid im Rückstand.
Lange warte ich nicht mehr.«

Claus Beckera schob, er schob, als ob er den Strand von den Wäldern und
Bergen losreißen wollte. Ruhig ließ es der Vogt geschehen. Als aber der
Bug des Schiffes gerade in das Wasser hinabtauchen wollte, da
schlenderte er plötzlich näher und legte seine Faust hemmend auf den
Bordrand.

Ruckartig fuhr der Bursche empor. »Was gibt's?« drohte er gepreßt, und
jetzt konnte er es nicht mehr hindern, daß sich das Weiße seiner
Augäpfel unheimlich zu drehen begann. »Wozu hältst du mich, Vogt?«

Voll dumpfer Warnung durchschnitt es die Nacht, der salzige Wind führte
förmlich die Vorahnung einer Gewalttat, den Ruch eines aufschnellenden
Raubtiersprunges, mit sich; doch den Machthaber schien diese sich
windende Bosheit mehr zu ergötzen. Fast wohlwollend knurrte er:

»Kuck, Söhnlein, deine Lichter funkeln wie faules Holz. Wollen sehen, ob
man sie zu was Nützlichem brauchen kann.« Er warf den Arm vor und wies
seitwärts gegen das Meer. »Paß auf, was siehst du da?«

Von dem Ernst des Mannes getroffen, kehrte sich Claus überrascht der
angedeuteten Richtung zu, heimlich geschmeichelt, weil der Gefürchtete
offenbar seine Hilfe in Anspruch zu nehmen gedachte.

»Nun?« forschte der Alte nach einer Pause.

Merkwürdig, der Junge beugte sich über das Boot und starrte hinaus. Zu
seiner Linken, dort, wo der Umschwung der Wälder dunkel und schwarz zur
Stubnitz abbog, glomm ein schmaler Feuerstreifen auf dem Gewässer. Eine
schaukelnde rote Lache wiegte es sich, immer wieder von der ebbenden
Flut zerrissen und ebensooft von neuem zu einem losen, blitzenden Fließ
gesammelt. Auffällig stach der Schein von den blassen, silbernen Rillen
ab, die weit hinten am Horizont der heraufgleitende Mond in das Wasser
furchte.

Was konnte das bedeuten?

Gepackt strengte Claus Beckera sein Sehvermögen aufs äußerste an, längst
war er auf die umspülten Strandsteine gesprungen, und nun suchte er dort
draußen, suchte, ob vielleicht ein Schiff mit entzündeten Pechfackeln
seines Weges glitte.

Doch der Vogt lehnte brummig eine solche Vermutung ab. Seit drei Nächten
fahnde er vergeblich den Strich entlang. Auch dort oben auf der
Freiplatte von Stubbenkammer hätte er nachgeforscht. Umsonst -- außer
ein paar Rehen nichts Besonderes! Und doch, wie zum Hohn flimmere die
verwünschte rote Haut auf dem Wasser.

Verärgert kehrte sich der Alte ab, als möchte er das äffende Feuerspiel
nicht länger betrachten.

»Sieh zu, Söhnlein,« meinte er zum Abschied, und es klang wieder recht
giftig und überlegen, »ob du klüger bist als wir anderen. Hältst dich ja
ohnehin für einen stattlichen Hecht. Am Ende glückt dir der Fang. Wird
dir gewiß größeren Spaß bereiten, als Heringe ziehen und Flundern. Aber
gib acht,« setzte er noch im Fortgehen hinzu und hob warnend den
kronengeschmückten Stab, »daß du nicht in eine Falle gerätst! Wer weiß?
Die Rotte möchte vielleicht den Herren zu Stralsund was zum Raten
aufgeben.« Und schon außer Hörweite lachte er kurz in sich hinein: »Wer
kriegt heraus, wo die Freunde des armen Mannes gern gesehen werden? Es
ist Becherspiel.«

In demselben Augenblick setzte Claus Beckera von seinem Stein mit einem
weiten Sprung in das Boot. Hochauf peitschte der Schaum, und der Wind
trieb ein helles Jauchzen herüber.

»Es steckt ander Blut in ihm,« dachte der Vogt, »als in dem faulen
Bauch. Bauernblut, Sassenblut, das Blut des armen Mannes. Die Augen des
Jungen glühen, wie wenn eine Hütte brennt. Man wird ihm öfter eins auf
den Kopf geben müssen. -- Schade, mag ihn gern leiden.«

       *       *       *       *       *

Es war zur gleichen Stunde, als die beiden dänischen Großen im
Gastzimmer des Klosters ihre Betten aufsuchten. Der Reichshofmeister
Henning von Putbus saß bereits entkleidet auf dem breiten Pfühl, und
seine nackten Beine sahen so elend mager und abgezehrt aus, daß der
Hauptmann Konrad Moltke, der nach einem reichlichen Trunk mit der
Ölleuchte in der Hand in dem kahlen Raum herumtaumelte, um einen Nagel
für seinen Lederkoller zu finden, von Zeit zu Zeit in ein heiseres
Kichern des Abscheus ausbrach. Als aber der Drost während seines tiefen
Grübelns sich noch eine spitze Nachtmütze über den langen Schädel zog,
da kannte das Vergnügen des halb Berauschten keine Grenzen.

»Bellissimo,« lallte er und hielt seinem Gefährten die zinnerne Lampe
fast unter die Nase, damit er ihn besser betrachten könne. »Man tut Euch
Unrecht, Drost; auf mein Schwert, bitteres Unrecht, Drostlein. Ich weiß
es jetzt -- Ihr bezaubert unsere erhabene Königin durch die
Schlagfertigkeit Eures Witzes -- sagt nichts, ich bezeuge es. Ja, wenn
Ihr noch ein Pfaff wäret, solch ein weicher, niedlicher, dann, dann
-- --« Krampfhaft schluckte er ein paarmal, und die Erinnerung an die eben
genossenen Tafelfreuden stieß wieder empfindlich gegen sein schwankes
Hirn. »Gut, gut,« gab er den neuen Eindrücken nach und sank, immer die
Leuchte zwischen den Fingern drehend, mitten in dem Zimmer auf einen
geflochtenen Stuhl nieder. »Es kommen jetzt reiche Zeiten. Wir brauchen
nur -- brauchen nur den Schuimern all die hübschen Dinge aus den Taschen
zu ziehen, die sie gar fleißig zusammengekratzt, und Ihr könnt Euch
Margretlein in einem seidenen Hemd vorstellen. Meiner Seel -- --«

»Steht auf und seht zu, ob wir nicht behorcht sind?« sagte der Drost
einsilbig statt einer Antwort.

»Behorcht?« fuhr der Krieger etwas ernüchterter empor und tastete sich
beleidigt an die Stelle, wo früher sein Wehrgehenke befestigt war --
»Ihr meint die Kutten? Ih, da soll doch gleich ein Mordsdonner -- --«

Schwerfällig wankte er bis zu dem engen Pförtlein und lugte hinaus.
Allein seinem trüben Blick enthüllte sich nichts als ein dänischer
Knecht, der am Ende des schmalen Ganges unter einem Bogenfenster die
Wache hielt. Undeutlich glitzerte das Mondlicht auf seinem Kettenhemd.

Knallend warf der Hauptmann die Tür ins Schloß. Dann fröstelte er
zusammen.

»Nichts,« stellte er ermüdet fest und schaute wieder verglast auf den
langen Menschen unter der Zipfelmütze. »Habe ihnen einen unserer Spieße
in den Weg gestellt. Was sonst?«

»Was sonst?« Behutsam war der Drost unterdessen ins Bett gekrochen, und
während er nun den Schlafsack über sich zog, der für die unmäßige Länge
dieser Gliedmaßen keineswegs ausreichte, da blinzelte er zu seinem
wieder hingesunkenen Gefährten hinüber und schien zu prüfen, ob die
glühende Geiernase noch ein Tröpfchen Vernunft zu wittern imstande
wäre.

»Solltet Ihr mich verstehen,« sprach er endlich mit seiner leisen,
salbungsvollen Stimme, »dann rate ich Euch, Herr Hauptmann, versprecht
morgen den Hansischen und denen vom preußischen Orden und namentlich den
mißtrauischen Städtern, was unter dem Himmel Raum hat. Wir Dänen
schicken Schiffe, daß man die See nicht mehr wahrnimmt, und Wäppner,
soviel als Sterne um den Mond wandern. Greift tief in den Beutel unserer
guten Absichten und seid nicht sparsam.«

Der auf dem Strohstuhl hielt sich die Hand hinter das Ohr, damit er kein
Wort verliere, und der runde glänzende Schädel begann lebhaft zu nicken.
Die Aussicht auf die nahe Beute vertrieb dem Habsüchtigen sogar den
Weindämmer ein wenig.

»Recht, recht,« stimmte er gierig zu. »Wir tonnen die Schuimer. Ihr
wißt, meine Erfindung. Wir stecken sie in Fässer, den Kopf nach draußen,
und lassen sie schwimmen. Gute Ware, an der sich redlich verdienen
läßt.«

Da zog Herr Henning von Putbus die Nachtmütze völlig herab und kehrte
sich der Wand zu.

»Ich sehe, Ihr versteht mich nicht,« meinte er gelassen. »Löscht das
Licht und schlaft Euch aus. Und noch eins, Liebwerter, habt die
Gewogenheit und wollet nicht schnarchen. Morgen mehr.«

Der Hauptmann aber zerrte seine niedrigen Lederstiefel ab und knallte
sie böse gegen die Wand.

       *       *       *       *       *

Mitten in der Nacht erlosch die feurige Lache auf dem Meere. Plötzlich
und unvorhergesehen, als hätte ein Riesenfuß den Brand zertreten.

In dem Boot aber, das dicht umwölkt an den Strand glitt, da flüsterte
eine feine Wisperstimme:

»Laß uns den Zufall anbeten, schöner Knabe. Fürwahr, eine mächtige
Gottheit. Sollte auf dieser lieblichen Insel oder in dem Palaste deiner
Väter mein Glück eine erfreuliche Wendung nehmen, dann gelobe ich den
wechselnden Horen hundert Ochsen. Du staunst, schöner Fischer? Warum?
Weil du mich in Lumpen erblickst. Laß dir bedeuten, die Kinder des
Zufalls spielen heute mit Bettlerpfennigen und morgen mit Szeptern und
Kronen. Pah, ich schlief schon in den Betten eines Königs.«

»Wer bist du?« atmete Claus fast unhörbar. Angeschmiedet hing er an
seinen Rudern und wagte kaum durch eine Bewegung die Rede seines Gastes
zu unterbrechen. Und als es von neuem fein und wisperstimmig aus dem
milchigen Schwaden heraustönte, da mußte sich der Bursche besinnen, ob
jetzt ein Mann oder ein Weib spräche.

»Wer ich bin?« lachte es zierlich, und eine zarte weiße Hand glitt für
einen Augenblick aus dem Nebel. »Wenn du _Magister probandus_ des
Kollegiums zu Paris wärest, du Holder, du hättest keine schwierigere
Aufgabe ersinnen können. Doch immerhin, laß uns untersuchen. Laut
_Testimonium logicum_ ist das 'ich' von dem 'bin' abhängig. Prüfen wir
hingegen die Frage nach _jure praesente_, dann, mein schöner Telemach,
dann wäre ich Strandgut, von dir gefunden und nach Gutdünken zu
verwenden. Darum gestatte mir, das Examen mit der Gegenfrage zu
schließen: Was gedenkst du mit mir Hungrigem zu beginnen?«

Claus Beckera rührte sich nicht. Sprachlos, kaum einen erstickten Laut
in der Kehle, starrte er zu der feingliedrigen Gestalt hinüber, und nur
wenn sich die Wolle des Nebels ein wenig zerfaserte, dann wagte sein
scheuer Blick über das zerrissene braune Schifferwams des Fremden zu
streifen, der so unverständliche Dinge vorbrachte. Glühende Neugier
peinigte ihn, ob jene beschmutzten Lumpen wirklich einen Mann verbargen.
Weiß Gott, das war zweifelhaft. Gar zu weich und zärtlich zeichneten
sich mädchenhafte Glieder unter den Fetzen ab, und man brauchte nur die
an einigen Stellen der Blöße hervorglänzende weiße Haut zu betrachten
oder die langen gelben Haare, die ein schmales bartloses Antlitz
einschlossen, um von neuem der Unsicherheit zu verfallen. Und dann noch
eins. Wie kam der Landstreicher zu der dicken goldenen Kette um seinen
entblößten Hals? Wie zu dem köstlichen Schlangenreif um die rechte
Handfessel? Nein, nein, Claus regte sich nicht, denn die Unsicherheit
betäubte ihn. Hatte er womöglich ein Weib in der Höhle zwischen den
Kreidefelsen gefunden?

Mit einem vieldeutigen Lächeln nahm der Fremde diese heimliche
Untersuchung auf, dann aber schien ihn Ungeduld anzuwandeln, und
plötzlich, als ob ihm daran läge, sich ein für allemal zu offenbaren,
riß er sich hastig die enganschließende lederne Kappe vom Haupt. Zu
gleicher Zeit jedoch sprang er zur Höhe und raffte einen langen,
verkorbten Hieber an sich, wie er wohl nur in Welschland gebraucht
wurde.

Was war das?

Der Fischerjunge fiel beinahe rücklings in den Stern seines Bootes.
Diese ungestüme, kräftige Bewegung, die das Fahrzeug, obschon es bereits
zwischen den Steinen eingeklemmt lag, zum Zittern brachte -- und dann
vor allen Dingen die breite blutige Narbe auf der Stirn des Fremden, sie
warfen alle Vermutungen des Unerfahrenen über den Haufen. Gott bewahre,
nun stand es fest -- vor ihm, auf den Hieber gestützt, wiegte sich trotz
allem ein Mann und offenbar kein ungefährlicher, denn unter den sanften
Brauen des Fremden begann ein mißtrauisches, unstetes Flackern
aufzuleben. Und jetzt, jetzt bemerkte Claus erst, sein Gast besaß
doppelfarbige Augen, ein blaues und ein schwarzes, wodurch eine
unheimliche Zwiespältigkeit hervorgerufen wurde. Denn während der blaue
Stern unverändert lachte, schien aus dem dunklen eine drohend ernste
Frage auf den Sitzenden herniederzublitzen.

»Höre, mein Täubchen,« sprach der Fremde nachdrücklich, und auch das
feine Wispern war aus seiner Stimme verschwunden, »ich habe dir die
_opinio vulgi_, die Treuherzigkeit des gemeinen Haufens, geglaubt, als
ich aus meiner Zurückgezogenheit in deinen Kahn sprang. Ich habe nicht
angenommen, daß du ein Fuchs bist, der einem hinten herum in die Beine
fährt. Solltest du aber trotzdem einen derartigen Scherz planen, dann,
mein Prinz, würde ich sehr gegen meinen Willen die Leitung dieses Kahnes
übernehmen müssen, denn ich verstehe mich, wie ich dir schon andeutete,
gar nicht übel auf das Rudern, und wir würden auffallend rasch in den
acherontischen Gewässern anlangen. Begreifst du mich?«

Schlank, mädchenhaft hing die biegsame Figur, die fast um einen Kopf
geringer war als die von Claus Beckera, an ihrer ausländischen Waffe,
aber über das blasse, bartlose Antlitz lief zugleich ein so verbissener,
warnender Zug, die gepflegte Rechte zuckte so bedeutsam an der dicken
goldenen Kette, daß Claus, er wußte selbst nicht warum, von dem Gedanken
gestochen wurde, man könnte dies Zierstück wohl auch dazu verwenden,
jemandem den Hals abzuschnüren.

Allein der Junge fürchtete sich nicht, keck flog er empor, und als er
sich jetzt, um ein Haupt überragend, neben dem Fremden aufreckte, da
leuchtete ihm von der Stirn stolz und rein der Helferwille der Jugend.
Betroffen mußte der Landstreicher die unwillkürlich edle Art seines
Fährmanns anerkennen, und während er seine zwiespältigen Augen
eindringlich auf dem anderen ruhen ließ, drehte er nachdenklich und
prüfend an seinen gelben Haaren. Er schien kein geringer Menschenkenner
zu sein.

»Du kommst nur zu gemeinen Leuten,« sprach Nikolaus mit Aufgebot seiner
hellen Vernunft, damit das Abenteuer nicht vollkommen Herr über ihn
würde, »und deine schönen Worte gefallen mir wohl, obwohl ich sie nicht
verstehe, denn mein Verstand ist ungelehrt.« Hier schwankte seine Stimme
zwar ein wenig und seine Fäuste wollten sich ballen, doch sofort gewann
sein frisches Wesen wieder die Oberhand. Ja, er konnte seinen Gast jetzt
sogar freimütig anlächeln. »Wenn es aber wirklich deine Absicht ist, bei
uns eine Weile als Fischerknecht zu bleiben, weil du dich, wie du sagst,
vor den Nachstellungen der Reichen und Mächtigen verkriechen mußt -- wenn
das alles wahr ist, dann will ich meinen Vater wohl dahin bringen. Denn,
kuck, Fremder, du gefällst mir, und da wir selbst bedrückte und
gepeinigte Leute sind, so kennen wir Hunger und Peitsche zu gut, als daß
wir Verfolgten und Bettlern nicht gern weiterhelfen sollten. Nur eines«
-- und er wandte sich mit der ganzen Offenheit eines um Freundschaft
Werbenden an den kleinen strohblonden Mann und streckte ihm die Hand
entgegen, »sage mir, du meinst es doch redlich?«

Über den Nebeln war rot und blendend ein schmaler Abschnitt der
Frühsonne in die Höhe gebrochen. Davon ränderten sich die schwarzen
Wolken, und ein sengender Strahl spielte in das Boot hinein. Doch den
Strohblonden schien die unerwartete Helligkeit zu stören, ungewiß
scheuerte er sich hin und her, und während er sich ungemütlich in seine
Lumpen hüllte, da warf er erst noch einen spähenden Blick auf die
menschenleere Küste, bevor er endlich mit raschem Griff die dargebotene
Rechte des Knaben an sich riß. Aber die zarten Finger preßten, daß Claus
hätte schreien mögen.

»Komm Kleiner,« sprach es wieder mit einer kosenden Mädchenstimme, »du
verstehst dein Handwerk, bist ein Menschenfischer, wie ihn der Götze von
Rom nicht besser brauchen könnte. Und willst du ein Zeichen dafür, wie
sehr du meine arme Seele geangelt hast -- hier -- hier --« Ohne Besinnen
sprengte er die goldene Kette vom Halse und drückte sie gemeinsam mit
dem Hieber seinem Führer in den Arm. »Gib mir ein Stück Brot dafür,
süßer Telemach. Aber schnell, schnell, denn mich lüstet nach einer Streu
im Winkel des Stalles.«

Wohlwollend, fast zärtlich streichelte er dem verdutzten Jungen die
Wange, dann duckte sich der Kleine und fuhr wie ein Wind an den Strand
der Sassen.




IV.


Es war eine lange Beratung erforderlich, bevor die Beckeras den Fremden
zu dauerndem Dienst in ihrer Behausung duldeten. Zu verschiedenen Malen
zogen sie, laut streitend, vor den Ziegenstall, wo der Ankömmling sich
wie ein Igel in einer Ecke zusammengerollt hatte. Denn ein
Landstreicher, der goldene Ketten verschenken konnte, erregte der
Hausmutter unstillbaren Argwohn. Und dennoch schwieg sie und blickte mit
mütterlicher Teilnahme auf die zierliche Puppe hinab, die, das Haupt mit
den wirren blonden Haaren auf den Arm gebettet, einem arglosen Schlummer
verfallen war. Zwar ihren Haupteinwand ließ sich die Kluge nicht rauben.
Das Schmuckstück, das der Kleine sicherlich nicht auf ehrliche Weise
erworben, das stopfte sie ihm gleich bei ihrem ersten gemeinschaftlichen
Besuch hastig und abgeneigt unter das Heulager, und ihre Züge
verfinsterten sich, als sie dabei bemerken mußte, wie sehnsüchtig ihr
Sohn das Verschwinden der Schnur verfolgte.

»Teufelsgold,« sagte sie hart. »Fängt Seelen. Ich kenn' das.«

Kräftig stützte sie sich auf die offene Stalltür, und ihr Argwohn flog
zu ihrem Eheherrn hinüber, ob der wohl das rasche Wort verstanden haben
könnte. Allein der kranke Riese hatte sich längst entwöhnt, seinem Weibe
nachzuspähen. Auch beschäftigten ihn seine eigenen Vermutungen viel zu
gründlich, woher sich der Fremde wohl die blutige Narbe über der Stirn
geholt haben könnte. Zu jener Zeit redeten solche Schrammen mit der
Stimme unserer Zeitungen, anregend, jede ungeübte Vorstellung
beflügelnd, und so kam es, daß auch dem großen, schlank gewachsenen
Jungen die heimliche Parteinahme für den Fremdling beide Wangen färbte.
Das Herumtasten, das Rätseln an einem bereits beneideten Leben, das
trieb seine Einbildungskraft über Stock und Stein, durch Heldentum und
undeutliches Verbrechen.

Es war eine Stunde des Erwachens.

Tief seufzte er auf, als seine dunklen Augen sich, durch ein Wort seiner
Mutter aufgescheucht, von dem Hingestreckten trennen mußten.

»Mann,« forderte Hilda von ihrem Eheherrn, »was denkst du?«

Da besah sich der alte Claus Beckera nochmals eingehend den Hieber, den
er fürsorglich an sich genommen, wog das feine, biegsame Eisen und
darüber den merkwürdig verästelten Korb am Griff -- ein Stück, wie es im
Norden, allwo breite gerade Schwerter geschmiedet wurden, nirgends im
Gebrauch war, und dann schüttelte der Kranke von neuem nachdenklich das
Haupt.

»Mutting,« flüsterte er mit offenem Munde, da sich seinem dumpfen
Verstande die Herkunft und das Wesen des winzigen Kerlchens immer
dunkler verschleierte, »Mutting,« meinte er und hob unsicher die Waffe,
»er muß wohl von weit herkommen. Und daß ihn der Junge in der Spalte
zwischen den Felsen gefunden -- meiner Treu, ich wußt' gar nicht, daß
sich dahinter solch eine weite Höhle auftut -- ja, da möcht man wohl
denken, daß der Mensch Grund hat, sich zu verstecken. Schnurrig -- ist
noch so jung,« setzte er wärmer hinzu.

»Nicht älter als ich,« fiel hier der Sohn lebhaft ein, der schon dafür
zu kämpfen bereit war, an dem Schläfer einen Genossen gefunden zu
haben.

Doch das Weib bog sich weit über die Stalltür, um dem Umstrittenen noch
einmal gründlich das schmale Antlitz zu durchmustern. Dabei fielen der
Kundigen die vielen scharfen Fältchen um den Mund des Fremden auf, und
daneben entdeckte sie, wie genußsüchtig und verächtlich sich sogar im
Schlummer die Lippen und Nüstern dieses angeblichen Knäbchens wölbten.

»Nein,« die Hausfrau richtete sich auf und entschied bestimmt, »der hat
schon viel durchgemacht. Mag sich in Kot und auf Seide gewälzt haben.
Und zählt wohl so beiläufig gegen dreiunddreißig Jahr.«

»Das wäre,« murmelte der alte Claus verdutzt und glättete sich verlegen
den Bart. Aber gleich darauf sammelte er seinen Glauben zu der Meinung,
die schon lange in dem Stillen nistete: »Kuck, Hilda, es sind wilde
Zeiten, die werfen den Menschen hin und her. Ich merk's an mir, es ist
eine Unruhe über die Armen gekommen, so daß keiner mehr weiß, wo er
seinen Platz hat. Deshalb, Mutting, mein' ich, wer ein Haus hat und Weib
und Kind, der soll solch Friedlosen nicht wegjagen, sondern festhalten,
so er anwachsen will. Denn der Wind treibt uns alle. Heute mich, morgen
dich. Wer kann wissen, wann wir selbst ausgerissen werden?«

Da schwiegen die Streitenden und spähten ängstlich über sich in den
hellen Tag.

       *       *       *       *       *

Als aber gegen Mittag das zierliche Knäbchen fein und sittsam am Tische
der Sassen in der Hütte saß, als es die wohlgeformten Beine hübsch
rücksichtsvoll unter den Schemel zog, damit der ohnehin schmale Raum
nicht unnötig verengt würde, als der blonde Gast nicht, wie die anderen,
mit der Faust in die dampfende Schüssel voll Brot- und Käsesuppe langte,
um seinen Anteil zu erwischen, sondern aus seinen Lumpen ein zinkiges
Holzstäbchen hervorzog, womit er die Bissen säuberlich aufspießte, und
wie der Fremdling vor allen Dingen mit seiner wohllautenden kosenden
Stimme bescheidentlich und höchst verständlich -- ja ganz in der Sprache
des bäuerlichen Mannes -- die alten Beckeras über Herkunft, Stand und
fernere Absichten belehrte, da zerstreuten sich allmählich die Bedenken
der mißtrauischen Häusler, und ihr harmloser Sinn merkte gar nicht, auf
welch feine und schmeichelnde Art ihr Widerstreben in seidene Fäden
eingesponnen wurde. Wie wußte das kleine Kerlchen aber auch zu erzählen,
wie rollten unter seinen Worten dichte Wolkenschleier in die Höhe,
hinter denen die Küsten ferner Länder auftauchten, und Schlösser und
Städte und Händel und Getriebe der Welt. Wo hatte er sich überall
umgetan, in welch verschiedene Geschäfte und Gewerbe seine sanften
Kinderhände gesteckt; und hauptsächlich, wie lebendig er Geschehenes und
Gesehenes zu formen wußte, um es gegenwärtig auf die Diele der
Sassenkammer hinzuzaubern, bald durch eine Bewegung, bald durch
nachahmendes Spiel, das zog ihm seine Zuhörer willfährig entgegen. Und
mit einem kaum sichtbaren Lächeln trieb er die gewonnenen Seelen vor
sich her. Nur der junge Claus Beckera, der mit verkrampften Händen und
keuchender Brust lauschend neben dem Stuhl des Fremden hing, als ob ihm
der geistige Lauf noch immer nicht schnell genug ginge, ihm zitterten
mitten durch seine leidenschaftliche Bewunderung hie und da die Einwürfe
einer kühlen Vernunft hindurch, und dann kam ihm zwischen all dem bunten
Maskenspiel der Einwand, warum wohl der Ankömmling zwei voneinander so
gründlich verschiedene Sprachen redete. Denn das merkte der achtsame
Scharfsinn des Jungen sofort, die Weise des Zierlichen klang anders,
seitdem er sich an die Alten wendete. Einfach, schlicht, bauernmäßig,
all der vornehme und unverständliche Putz fehlte, durch den er vorhin
seinen Fährmann im Kahn so sehr gefesselt und geblendet hatte. Und der
junge Claus erriet mit Widerstreben, daß der Angespülte offenbar einen
gewichtigen Teil seines Wesens zu verdunkeln strebte, als ob gerade
dasjenige Gefahr brächte, was dem nach Wissen gequälten Buben so
köstlich und erstrebenswert erschien. Deshalb preßte der Junge auch
widerwillig den Mund zusammen, und die Angaben des Fremden, die er jetzt
auf Forderung der Alten über sein bisheriges Treiben machte, sie glitten
belanglos und unwahrscheinlich an dem Aufgestörten vorüber. Nein, nein,
schon jetzt beschloß er, er wollte binnen kurzem eine vertraute Stunde
wahrnehmen, um den gewandten Taschenspieler härter zu prüfen. So
wappnete sich Claus denn mit einer künstlichen Gleichgültigkeit, und
doch, kaum hatte der strohblonde Mensch in seiner mitreißenden
Lebhaftigkeit die Geschichte seiner Fahrten begonnen, da summte es dem
jüngsten der Zuhörer auch schon vor den Ohren, und siehe da, ganz gegen
seinen Willen schleppte ihn der starke, fremde Strom von dannen. Und es
handelte sich doch nur um eine Begebenheit, absichtlich einfach und
alltäglich ersonnen.

»Nichts für ungut,« hörte der Sohn den alten Beckera tasten, denn der
Riese schämte sich, seine Wohltat an Bedingungen zu knüpfen. »Wie magst
du dich heißen, Mann?«

Der Kleine zupfte an seinen gelben Haaren und lächelte unschuldig. Eine
Erinnerung an seine Kindheit schien ihn zu haschen.

»Heino Wichmann,« erwiderte er, sich leichthin verbeugend, was er jedoch
mitten in der Bewegung unterdrückte. »Meine Wiege hing in Hamburg
zwischen zwei Lederriemen.«

Da streichelte der junge Claus unwillkürlich über den Schemel seines
Gastes. Er wußte selbst nicht warum, aber aus dem Namen des Kleinen
musizierte es auf, wie von Flötenspiel auf einer Kirmeß.

»Heino,« flüsterte er fast zärtlich.

Die Mutter jedoch schlug abwehrend mit der flachen Hand über den Tisch.
»Und dein Vater?« fragte sie lauernd.

Heino Wichmann schloß das schwarze Auge. Er glich gänzlich einem guten
sanften Kinde, als er nun ehrfürchtig vorbrachte:

»Ich brauche euch nichts zu verbergen. Mein Vater war ein zünftiger
Sattler, und ich selbst hatte schon in seiner Werkstatt auf dem
Mönkedamm mein Gesellenstück gefertigt, einen Kutschbock für den Herrn
Alderman Tschokke, als mich der Rat mit anderer Jungmannschaft aushob,
damit wir als hansische Besatzung drüben nach dem dänischen Schonen in
das feste Schloß Helsingborg gelegt würden.«

»Dänemark,« atmete der alte Claus still vor sich hin und hob witternd
die Nase gegen die Fensterluke, hinter der sich der blaue Strich des
Meeres hob und senkte. Für ihn lag das Nachbargestade unmeßbar fern
hinter den schaukelnden Glashügeln. »Schonen? Helsingborg, so weit?«
dachte er kopfschüttelnd.

Sein Sohn aber fühlte sich vom Erdboden aufgehoben. Waren doch an ihm
erst gestern die Sendlinge einer bunten, kaum begreifbaren Gemeinschaft
vorübergezogen, die seidenen Fahnen ihrer Gewandung hatten ihn
gestreift, halb verstandene aufregende Andeutungen sein gärendes Hirn
getroffen, jetzt drängte es den auf dem Gewoge der Unwissenheit wütend
Herumgeworfenen, sich irgendwo anzuklammern.

Wundersam bedrängt spannte er den braunen Lockenkopf in beide Hände, und
während er bohrend vor sich hinstarrte, löste es sich wie die Hülle
eines inneren Traumes von ihm ab:

»Dort herrscht ein Weib. Wie war's doch? -- Margareta.«

Der Ausruf klang wie das Sehnen eines Eingekerkerten, wie der
Hilfeschrei eines Unfreien, der in einer Grube hockt und den Himmel um
Licht anfleht, und sofort richteten sich auch die Häupter der Seinen
unheimlich berührt und abmahnend gegen den in inneres Schauen
Verlorenen.

Was sollte das? Woher kam dem Ungelehrten diese Kunde? Und konnte dem
Sassensohne der Drang nach so gewaltigen Dingen nicht Unsegen stiften?
Denn darauf kam für sie alles an. Man wollte doch ungestört leben!

Auch über das halbgeschlossene schwarze Auge des Gastes war bei dem
unerwarteten Einwurf ein kurzes Zucken gelaufen, dann jedoch bewegte er
gleichgültig die schmalen Schultern, und als wäre nichts besonders
Auffälliges geschehen, fuhr er ruhig in seiner bescheidenen Schilderung
fort.

»Ja, ja, Margareta,« nickte er, sich schwierig besinnend. »Ich meine, so
heißt die Wittib. Hat ein kleines zartes Büblein, für das sie die
Herrschaft in acht nimmt. Mag sie. Was schiert uns Geringe die Plackerei
der Großen? Wenn wir nur unsere Löhnung pünktlich erhalten und sonst in
Ruhe unser Brot essen können.«

»Ja,« stimmte Hilda zum erstenmal gierig zu, »das ist das Rechte.«

Den alten Claus dagegen zog es aus dem Allgemeinen zu etwas Näherem.
»Nun,« hüstelte er gespannt, »habt ihr Hansischen pünktlich eure Löhnung
erhalten? Habt ihr in Ruhe euer Brot gegessen?«

Jetzt hob auch der junge Claus das Haupt, und aus seinen schwarzen Augen
züngelten ungestüme Flammen nach Abenteuer und Erlebnis.

»Wie war's?« stammelte er.

»Unruhig, lärmvoll,« sagte der Kleine und faltete die Hände auf dem
Tisch wie ein artiges Kind, das eine Geschichte wiedergeben soll. »Ihr
könnt euch denken, die Frau hat viele Widersacher innen und außen. Ist
eben doch ein Spinnrocken, dem sich der Schnauzbart ungern beugt. In der
Nähe streckt, wie man sagt, der dürre Schwedenkönig Albrecht die Finger
nach dem saftigen Erbe und treibt seinen ausgehungerten Spott über den
Unterrock und die Kunkel. Da könnt ihr in jeder Schenke hören, wie er
erst jüngstens der 'Dirne der Pfaffen' -- also schimpft er die Regentin
-- feierlich Schere und Fingerhut überreichen ließ nebst einem
Wetzstein, damit sie ihre Nadeln daran schärfe. Und innen da schreien
die Krämer darüber, weil sie uns Hansische in Helsingborg, Falsterbo und
Ikanör einliegen ließ, denn wir Deutschen, heulen sie, nähmen ihnen den
Markt. So kommt es dann oftmals zu Aufläufen, und bei einer solchen
Zusammenrottung, seht ihr, da zeichnete mir ein vorlauter Schwertfeger
seine Zunftmarke auf die Stirn.«

Hier lachte der Strohblonde wie über einen wohlgelungenen Streich,
wickelte sich die gelben Haare spielend um den Finger und ließ die
wohlgeformten Beine vergnügt schaukeln.

»Und du?« stotterte Nikolaus erwartungsvoll, denn seine verehrungsheiße
Hingabe an den Fremden verlangte dringend von Gegenwehr und scharfer
Vergeltung zu hören. »Was tatest du?«

»Ich?« Erst maß der Kleine die alten Beckeras, in deren stumpfen
Gesichtern sich schweigend der Abscheu vor Bürgerkampf und
Söldnerübergriff malte, dann hob er ebenfalls abgeneigt die Achseln, um
sofort in seiner leisen, unschuldigen Art zu hauchen: »Mir liegt nichts
an dererlei Ehrenschuld. Daran dürft ihr nicht glauben. Gott bewahre,
ich bin ein Bürgersohn und will nur hoffen, daß dem Ehrsamen der kleine
Hautritz gut bekommen sei.« Und damit er nicht tiefer in diesen Punkt
verstrickt würde, begann er emsig auf der rohen Tischplatte hin und her
zu zeichnen, als ob er das folgende schriftlich niederzulegen hätte.
»Wie es aber so geht, ihr guten Leute, es erhob sich trotzdem ein wildes
Geschrei bei den Dänischen, und schließlich waren unsere Hauptleute um
des lieben Friedens willen gezwungen, etliche ihrer Leute von sich zu
tun. Darunter wunderbarerweise auch mich, Heino Wichmann.«

»Heino,« wiederholte hier der junge Claus abermals von Liebe getroffen
und legte seinem Gaste zärtlich die Rechte auf die Schulter. Gepackt
wandte jetzt auch der Kleine dem glühenden Jungen sein schmales Antlitz
zu, seine beiden Augen öffneten sich weit und zogen förmlich die
flatternde Seele des Unbehüteten an sich. Das geschah aufblitzend,
schnell, wie ein einfallender Lichtstrahl. Die alten Beckeras merkten
nichts von dem geschlossenen Bund, weil sich ihren Werktagsblicken nur
enthüllte, wie das Kerlchen emsig auf den Tisch hämmerte, gleich
jemandem, der das Wichtigste rasch vorzubringen wünscht.

»Es lag gerade eine Freibeuter-Kogge unterhalb Helsingborg,« bemühte er
sich, unauffällig vorüberzugleiten, und man konnte meinen, jemand, der
eine dünne Eisdecke unter sich brechen spürt, wage hastig prüfende
Sprünge dem Lande zu. »Ein mächtiges Schiff,« wollte er fortfahren, »das
dort Handel trieb. Dorthin brachte man uns.« Allein mitten in den
flüchtenden Sätzen fand er sich festgehalten, gepackt von sechs
ängstlich zitternden Augen, die sich wie eine Kette über seinen Weg
spannten. Zugleich flüsterten und schrien heisere Stimmen, in
Beklemmung und Schrecken, durcheinander.

»Wohin brachte man dich, Unglücklicher? -- Wohin?«

»Gott, auf ein Fahrzeug der Schuimer, der Schwarzflaggen, oder wie man
sie sonst nennt,« huschte der Kleine mit dem Ton der Gleichgültigkeit
weiter, obwohl seine Finger ihr Spiel auf der Tischplatte viel unruhiger
fortsetzten. »Sie werden ja überall gern geduldet, die Freunde des armen
Mannes, weil sie für jedermann eine Zuflucht in der Not sind, und
hauptsächlich, da sie für billiges Geld sonst unerschwingliche Dinge ins
Land bringen. Gewürz und Tuche, Bier und Rauchwerk. Nicht wahr, so meint
man doch? Zudem, meine Freunde, wurde der Seeadler von einem Gewaltigen
der Schuimer kommandiert, der großes Ansehen weit umher genoß. Kurz,
dieser Kapitän sollte uns Verwundete um Schiffsdienst und ohne Fährgeld
heimführen. So hatte es Frau Margareta verabredet, denn sie tut ihren
Beutel für abgediente Leute nicht eben weit auf. Aber seht, ihr Lieben,
auf der Heimreise unter den schönen roten Segeln, bei dem leichten
Verdienst und mitten zwischen den freien Menschen, denen alles gehört
und die überall ihre Heimat haben, da fing sich der Hauptmann ohne große
Mühe meine Genossen ein, einen nach dem anderen, da wurden sie 'Gottes
Freund und aller Welt Feind,' wie ihr gotteslästerlicher Eid lautet, und
nur ich -- --«

»Und nur du?« lallte der junge Claus aus seinem wachen, düsterlodernden
Traum heraus und packte den Erzähler ungestüm an der Brust, als ob er
ihn hindern wollte, von dem gespenstisch mitten durch die Stube
rauschenden Schiffe zu entwischen.

Der andere schüttelte ihn überraschend kräftig ab.

»Laß mich,« wehrte er sich. »Mein Leben riecht nach Leder und Pfriem.
Mich zieht es nach einem warmen Ofen und friedfertigen Tagen. Wo ich
die finde, da wohnt mein Heiland. Deshalb, mein Büblein, siehst du,
sprang ich eines Nachts, gerade als die Schuimer hier dicht vor der
Küste unter Wind lagen, denn sie lauerten auf das Schiff der dänischen
Gesandten -- aus diesem Grund sprang ich in Gottes und aller Heiligen
Namen über Bord, bekam den Fels zu packen, kletterte in die Höhle, und
von dort hast du mich hervorgezogen. Dank sei dir und allen ehrlichen
Menschen. Und jetzt« -- geschmeidig glitt er von dem viel zu hohen Stuhl
herunter, und aus den wiegenden Schritten, mit denen er sich aalglatt
durch den engen Raum wand, wurde allmählich ein munterer Tanz. Es zuckte
und sprang in allen Sehnen des Kleinen, die langen gelben Haare
flatterten ihm wirr um die Schläfen, und den verständnislos
hinschauenden Häuslern kam es vor, als ob auch die ungleichen
Augensterne des Fremden in dem blassen Angesicht mithüpften. »Jetzt,«
schmeichelte er und streckte die Arme, so daß sich ganz unerwartet ein
paar derbe, harte Muskeln unter seinen Lumpen zeigten, »jetzt will ich
euch weisen, wie man als Ruderknecht das Meer schlägt. Seht so -- so,
mit solch langen Strichen, wie man eine schöne Wange streichelt. Und
dann die Fische. Ich kenne den Pfiff eines Bacchanten. Auf das Liedlein
strecken sie halb toll die grünen Schnauzen aus dem Wasser. Oh, laßt
mich nur machen.«

Plötzlich hielt Heino Wichmann auf seinem Weg inne, als besänne er sich,
daß er vor den armen Sassen vielleicht allzu wunderliche Dinge geäußert.
Doch die Beckeras blieben angeschmiedet an ihren Plätzen, in wesenlosem
Hinbrüten darüber, wie solch grelle, blitzende Heiterkeit sich in ihrer
dunklen Bohlenkammer entladen könnte. Und nur die Seele des alten Claus
riß und zerrte an dem Widerhaken, an dem sie sich in dumpfer Gefügigkeit
wand, denn von all den schmackhaften Ködern war ihm eine Lockspeise
zwischen den Zähnen aufgequollen, bis er sie nicht mehr herunterwürgen
konnte. Halb murmelnd, in unbestimmter, ferner Ahnung stieg es aus
seiner trockenen Kehle, dazu hielt er die Beine weit von sich gestreckt,
gleichsam zum Schutz gegen die erwartete Antwort.

»Nichts für ungut, Wichmann, wie sagst du doch -- ich meine bloß -- wie
hieß der Kapitän, der dich brachte?«

Kaum war das gleichgültige Wort verklungen, da war es mit dem Hüpfen und
Springen des Kleinen vorbei. Eingefangen wurzelte er in einer
Sonnenlache auf dem Fußboden fest, die unruhigen Augen begannen wieder
von einem zum anderen zu huschen, und die Stimme verfiel von neuem in
das harmlose Kinderwispern, als er nach einigem Zögern erwiderte:

»Ich sagte schon, es war ein Ansehnlicher unter den Freibeutern. Gödeke
Michael.«

»Gödeke? -- Gödeke-Michael?« wiederholten die drei, langsam in die
nächtige Kluft ihres Gedächtnisses hinabsteigend.

Eine Weile herrschte Stille, jeder horchte in den dunklen Schacht
hinunter, gespannt, angestrengt, ob nicht dem Laut ein Echo
heraufschalle, bis endlich vor dem kranken Fischer etwas Gestaltloses,
mit Schrecken Bekleidetes emportappte.

»Laß mich -- laß mich -- hab' doch schon mal gehört -- Singsang -- wie
war's noch?«

Noch gelber stach das Antlitz des Leidenden unter dem wirren Bart
hervor, da er mit Mühe die einzelnen Fetzen zusammensuchte. Scheu,
verstohlen summte er vor sich hin:

  »Der Gödeke, Gödeke Michael.
  Der führt auf dem Schwarzschiff allein den Befehl.«

Da stürzte es aus dem Kleinen wie gezogen hervor, unbekümmert darum, was
weiter daraus entstehen könnte:

  »Seine Brust ist wohl eine Elle breit,
  Den Bedürftigen schenkt er Speise und Kleid --«

Mutter und Sohn aber steckten die Köpfe zusammen, sie schränkten ihre
Hände fest ineinander, und der Atem hörte ihnen auf zu wehen, als die
anderen nun lauter anstimmten:

  »Und tragt ihr Armen am Leben schwer --
  Das Recht und die Freiheit wohnt auf dem Meer.
  Dort richtet die Reichen an Leib und Seel'
  Der Gödeke -- Gödeke Michael.«

       *               *               *

Viele Tage strahlten aus dem Meer und sanken erloschen wieder dahin
zurück. Die Jahreszeiten stiegen auf Schneeschauern und Sonnenwolken an
die Küste, gleich fremden Eroberern, die sich dann tief im Lande
verlieren, und aus Heino Wichmann, dem mädchenhaften Knäblein, dem
blondhaarumflatterten Geheimnis, war etwas Alltägliches geworden. Ein
Ruderknecht, der seinen Seedienst willig verrichtete und von den
Katenleuten nicht geschont wurde. Selbst dem Vogt, der sich bald nach
der Ankunft des Fremdlings hartnäckig nach dem Woher und Wohin erkundigt
hatte, leuchtete es ein, daß dieses zierliche Geschöpf für die Ruderbank
geboren sein müsse, und er lobte heimlich die geschmeidige Gewandtheit,
die der Kleine in der Führung eines Bootes an den Tag legte. Ja, sogar
der auffallende Drang des Fremden, immer wieder zur Tag- und Nachtzeit
in die Wogen hinauszuschneiden, er wurde schließlich von seinen neuen
Genossen als der selbstverständliche Trieb eines dem Handwerk mit ganzer
Seele Hingegebenen erachtet. Worüber man sich jedoch stets von neuem
wunderte, das war die unermüdliche Zähigkeit, jene aus allen Gliedern
des Kleinen rastlos quellende Frische, die an keinem Ding vorbeiglitt,
die von jedem etwas wußte und sich überall zu betätigen strebte. Heino
Wichmann vermochte der Hausfrau höchst merkwürdige Aufschlüsse über
Kochkunst und schmackhafte Gerichte zu erteilen, von denen die
unverbildete Seele Hildas nicht nur bisher kein Sterbenswort geahnt
hatte, sondern die ihre harmlose Rauheit zuerst auch als etwas beinahe
Schädliches einschätzte. Aber mit der Zeit wurden auf dem Herde unter
dem Rauchfang doch allerlei Versuche unternommen, und während der kleine
Strohblonde mit verschmitztem Lächeln die verschiedenartigsten Kräuter
und Wurzeln in den großen Kessel schleuderte, da zog von fern der süße
Duft einer etwas milderen Lebensführung unter das Strohdach. Man
schleckerte und schmatzte und erfuhr zu nicht geringem Befremden, wie
köstliche Erfindungen zu Padua, in Wien oder gar zu Paris die Köche
großer Herren aus Pilzen, aus Schaltieren und gedörrtem Fischfleisch
ersonnen hätten. Wunderlich! Heino Wichmann war weit herum gewesen.
Seine doppelfarbigen Augen hatten selbst auf das Geringste Obacht
gegeben. Hilda begann, ihm abzulernen. Nur zum Spiel, allmählich aber
wurde eine Sucht daraus.

Auch mit dem alten Claus Beckera ging eine Veränderung vor, seit der
wirblige Gesell in seiner Nähe weilte. Bisher war der Riese verfallen,
still, selbstverständlich und unablässig, wie der Wartturm einer
zerstörten Feste, aus dessen Gemäuer Tag für Tag gewichtige Feldsteine
herabbröckeln. Was nützte es, laute Klage über die erbärmliche Schwäche
zu führen? Viel besser war es, die Fäuste zu ballen, die Zähne
zusammenzubeißen und selbst dem Bruder Franziskus, der ab und zu den
schmerzenden Rücken des Kranken mit dem weißen Saft des Bilsenkrautes
einzureiben suchte, eine täuschende Behaglichkeit vorzuspiegeln. Der
Mörtel aber sprang weiter auseinander, und der Turm neigte sich tiefer
zum Fall. Nun aber wurde es anders. Gott mochte wissen, wieso Heino
Wichmann einen Blick in die Heilkunde seiner Zeit geworfen hatte. Fragte
man ihn danach, so schlenkerte er mit den feinen Händen und murmelte
etwas von den Meistern »der Physika und der Erztney«, was niemand um ihn
herum begriff. Was man jedoch nicht leugnen konnte, das war die
Wirksamkeit jener Mittel, die er mit seiner sprunghaft lachenden
Überredung bei dem Kranken anwandte. Sprachlos standen die Häusler hinter
dem ewig Zappligen, sobald er den überwundenen Riesen halb entkleidet in
den sonnenwiderstrahlenden Dünensand bettete, wo er den mächtigen Körper
dann mit seinen zarten Kinderhänden kreiselnd und wärmend bestrich. Und
siehe da, auf ein paar Stunden wichen die schweren Erstickungsanfälle von
dem Alten, und der Leidende vermochte sich aufzurichten, um gierig die
kühle Seeluft einzusaugen. Als aber der Herbst seine dunklen Hagelschwärme
gegen die Hütte warf und der Hustenkrampf die Lungen des Riesen zu
zerpressen anfing, da versuchte der Strohblonde sein Meisterstück. Eines
Mittags brachte er nämlich aus dem Wald zwei schwarze, schneckengleiche
Würmer mit. Die hielt er zwischen zusammengeballten Fäusten und sie mußten
so dem sich kräftig sträubenden Hausherrn ihre Saugrüssel auf die nackte
Brust setzen. Langsam füllten sich die schreckhaften Leiber mit dem
fieberheißen Blut, und vor den Augen der erstaunten Angehörigen dehnten
sich die verkrampften Glieder des Vaters, und ein befreiter Seufzer der
Entspannung tönte durch die Hütte. Fast eine Woche lang war der
gefürchtete Anfall beschworen.

So wechselten Weiß und Grün unter den Rändern des hohen Küstenwaldes,
die Tage strichen dahin gleich einer Rebhühnerhusche, einer hinter dem
anderen, und Heino Wichmann fing sich jeden einzelnen ein, um ihm vor
den Augen der Häusler sein besonderes Kennzeichen aufzudrücken. Immer
geschah etwas. Die Zeit bildete für die einsamen Strandsassen keine
gestaltlose Masse mehr, sondern die Unruhe des neuen Ruderknechtes
trennte sogar die einzelnen Stunden scharf voneinander ab.

In jenen Monaten war es, daß in den jungen Nikolaus ein unbegreifliches
Wachstum geriet. Der schlanke Leib des Burschen schoß sprunghaft in die
Höhe, bald überragte sein braunes Lockenhaupt um eine Spanne das sich
duckende des Vaters, seine Haltung erhielt etwas Gestrafftes, ja
Königliches, sein Gang etwas Anmutiges und zugleich Herausforderndes,
und seine Augen konnten plötzlich neben dem wilden Umherflackern einen
schwärmerischen Glanz bergen, der über die Dinge dieser Welt
hinauszuschweifen schien und etwas von dem unbewegten Flug eines
träumenden Adlers an sich hatte. Und der arme, von unruhigen Geistern
geplagte Sassensohn badete sich wirklich in den Breiten eines neuen
Lichtes.

Heino Wichmann!

Heino Wichmann war für den wilden durstigen Jungen ein Zauberer, der die
schmale Kinderhand nur emporzuwerfen brauchte, damit Sterne und Mond
stillstanden und auf den Winden von allen Weltteilen her das Wissen
Salomos herbeigeflogen kam. Wenn sich die beiden Unzertrennlichen in dem
plumpen Kahn unter dem roten Segel wiegten oder wenn sie im Abendrot
hoch oben auf den Hängen der Dünen lagen, dann schwand wie von selbst
die lächerliche Maskierung des angeblichen Ruderknechtes, die bäuerliche
Sprache tauchte unter, und aus dem braunen Lumpen trat ein anderer
hervor. Derselbe, der einst die goldene Kette und den welschen Hieber
getragen, derselbe, der mit seiner hauchenden Mädchenstimme spöttische
Gelehrsamkeit von sich schleuderte und für den es weder Unergründetes
noch scheue Ehrfurcht vor etwas Geschaffenem gab. In solchen Stunden
der Mitteilung konnte man deutlich merken, wie auch für das kleine
Kerlchen jenes unbändige Ausgeschöpftwerden ein nicht zu entbehrendes
Lebensbedürfnis bildete, ja, daß er sich trotz seines wegwerfenden
Lächelns voll Eitelkeit und Stolz in sich selber spiegelte, sobald sein
Zögling sich über ihn beugte gleich über einen tiefen Brunnen, in den
man ungestüm Eimer auf Eimer herabläßt. Da kam dann quellend und perlend
Trank um Trank hervor, klar und schlammig, unverdaulich und heilsam, als
ob in diesen Brunnen alle Quellen der Erde mündeten. Von dem nächsten
fing es an. Claus erfuhr, in welchem Volk er lebte, wie sich die Stände
und Ämter teilten, wo Unrecht und Bedrückung anhob und worin sich sein
Stamm von den anderen großen Menschengemeinschaften unterschied. Von da
gelangten sie ganz von selbst auf Ausdruck und Redeweise der Länder, die
Musik der welschen Sprachen, die Heino Wichmann vollkommen beherrschte,
klang vor dem entzückten Knaben auf und er lernte auch _latina lingua_
verehren, die Urmutter dieser Laute, und in verhaltener Begeisterung
schaute er in das Sein und Treiben jener untergegangenen Geschlechter
hinab, die mit diesen Lauten der alten Welt ihre Gesetze vorgeschrieben.
Helden und Weise zogen vorüber, Religionsstifter und Abtrünnige, und
ohne daß der Wissensdurstige es ahnte, wurden von dem ätzend scharfen
Erzähler Menschen und Dinge alle zu dem einen Ziele gelenkt, wie sie
nämlich der Befreiung und Entbürdung der nach Licht und Brot ringenden
Armen und Elenden gedient hätten. Denn dieses kleine strohblonde
Zwerglein sah, ohne jemals erregt zu werden, und obwohl es selbst sich
keinen erlangbaren Genuß entgehen ließ, überall seufzende Scharen der
Sklaverei um sich her, viele Millionen gefesselter und gestriemter
Unfreier, von denen er verkündete, daß sie nie sterben würden. Und
wahrhaft schneidend und fürchterlich klang sein feines Gelächter, so oft
er im Gegensatz zu allem Herkommen die gepriesenen Bringer des Heils und
der Ordnung, den Kaiser, der doch den Landfrieden befohlen, den Papst,
der doch den Verängstigten die Vergebung der Sünden reichte, ja, sogar
den Heiland, der die lichte Halle des Himmels geöffnet, für die
schlimmsten Vergewaltiger und Bedrücker der in Dummheit blökenden Erde
erklärte. Entrückt, von aller Gegenwart fortgeschwungen, krallte sich
dann Claus in den mütterlichen Sandboden, sein Atem schoß, als ob er
Mauern niederbrechen müßte, in seinen starren Augen züngelte der
niedergehaltene Glast von Blut, Einäscherung und Gewalttat, und doch
bebten alle seine Glieder im Frost der Angst, und das kalte Fieber des
Zweifels und der Unentschlossenheit stieß den Unreifen doch immer zurück
in die Schranken des Brauches und des Herkommens. In solchen
Augenblicken der Qual und des glühenden Wunsches packte er seinen
Verführer oft an der Brust und schüttelte den Kleinen, als ob er ihm das
Herz aus dem Leibe schleudern wollte, dazu schreiend:

»Was bleibt uns? Heino, um aller Heiligen willen, sag an, was muß uns
allen werden? Was?« Denn der suchende Verstand des Jungen wollte einen
Weg finden zwischen Gestern und Morgen, eine Brücke, die über das
Gewitter fortleitete. Heino Wichmann aber ließ sich, unberührt von
diesem Ausbruch, in das weiche Dünenlager zurückgleiten, lächelte mit
seinen bartlosen Lippen gegen das in den Himmel flüchtende Abendrot und
lispelte kaltblütig und grausam:

»Wer kennt die Medizin für alle? Aber für mich und dich, Büblein, ist am
besten ein seidener Pfühl, eine glatte Dirne darauf, und saufen und
prassen bis in den achten Tag.«

Da heftete Nikolaus einen verlöschenden Blick auf den sich genießerisch
dehnenden Kleinen, warf das Haupt gegen die dunkle See und saugte in
Verzweiflung an den ewig tränkenden Strömen.

Ekel, unerkanntes Mitleid mit einer zu erlösenden Welt, und das rasende
Verlangen, sich zu verschwenden, stritten in der sich weitenden Seele.

       *       *       *       *       *

Es kam eine Stunde, da der Hochmut des Knaben es nicht mehr länger
duldete, von dem Genossen noch fernerhin in Unkenntnis und Täuschung
gehalten zu werden. Ganz früh an einem tauperlenden Herbstmorgen war es.
Die Sonne rollte eben aus ihren verhängten Schleiern durch das
dunkelblaue zackige Gewölbe. Weit über dem Schlaf der See übten die
schwarzen Streifen der Stare schon für den kommenden Abzug. Und hoch
oben an dem hallenden Rand des Küstenwaldes klang die Axt. Dort hieb der
junge Claus ein paar schlanke Eichenstämme nieder, denn sie sollten ihm
zu neuen Ruderstangen dienen. Aber mitten in der Arbeit schleuderte
Claus die Axt auf den Waldboden, schnellte empor, und während er sich
die Fäuste in die Weichen setzte, forderte er dröhnend, ohne Übergang
noch Einleitung:

»Genug Verstellung. Du bist kein Ruderknecht, Heino. Du bist keiner.
Woher käme dir sonst all die Gelahrtheit? Nun schnell und ohne
Windbeutelei, wie steht's um dich?«

Leicht hätte ein anderer ob des ungewohnten Tons außer Fassung geraten
können. Der kleine Strohblonde jedoch, der gerade faulenzend vor einer
gewaltigen Buche stand, um dort voll Spannung der Zimmerarbeit eines
Spechtes zu folgen, er hüpfte selbst wie ein wippender Fink herum,
tänzelte ohne jede Verlegenheit auf seinen Zögling zu, um ihm dort von
unten herauf einen leisen Backenstreich zu versetzen.

»Kluges Näschen,« wisperte er voller Befriedigung, »gut, gut, Büblein,
ist auch Zeit, daß du endlich aus den Eierschalen schlüpfst. Aber nun
zieh die Kappe, mein Freund, denn du stehst vor etwas Fürtrefflichem.
Weißt du, was ein Bacchant ist?«

Vor dem Glanz jenes Titels wich der Fischerjunge zurück, und doch fiel
ihm ein, wie oft jene Lehrbuben und Handlanger der Wissenschaft hungernd
und bettelnd durch die Dörfer und kleinen Städte der Insel strichen, ja,
daß sie um Geld und Brot vor den Türen der Unfreien sangen. Das Wissen
war damals noch dem Elend verschwistert, und mancher Knecht tauschte
nicht mit dem dürren Gerippe, das auf einer Lehrkanzel stand. Dennoch
sagte er voll Ehrfurcht: »Bist du solch einer?«

»Noch mehr, Liebster, noch viel mehr. Ich wollte erst die Raupe an dir
vorüberkriechen lassen, damit dich der Sonnenflug des Schmetterlings
nicht blende. Aber jetzt entzücke dich, mein Freund, ziehe deine Schuhe
aus, wenn du es hörst, denn ich ward als etwas zugleich Kostbares und
daneben Zerbrechliches in den Schrein der Menschheit gestellt. Fasse
dich, Holder, und gerate nicht außer dir, denn sieh, ich bin Magister,
der Magister Heino Wichmann, versehen von den drei Universitäten Padua,
Wien und Paris mit einem versiegelten Lehrbrief, und hosianna, ich
verkaufe ihn dir für ein Paar wollene Strümpfe, denn durch die meinen
lugen kläglich die Zehen.«

Da riß Claus entgeistert die Kappe herunter und verneigte sich so tief
vor dem Männlein in Lumpen, wie er es bis jetzt nur vor dem Abt des
Klosters über sich gewonnen. Wirre Vorstellungen und ein tanzender
Himmel waren über ihm. Ein Gelahrter, ein Hochgelahrter hauste unter
dem Stroh und den Schindeln der Sassen. Alle Barmherzigkeit, er führte
das Ruder und fing Fische und ließ sich von den unwissenden Alten
ausschimpfen. Und dabei war das kleine strohblonde Kerlchen einer von
den Auserwählten, die zwar hungerten und froren und von Handwerkern und
Bütteln herumgestoßen werden durften, die aber doch in die sieben
Tagewerke so tief hineingeguckt hatten, daß ihr belebendes Wort ferne
Gräber öffnete und nahe Kaiser erblassen ließ.

Betäubt, hingerissen vor Dankbarkeit und Ehrfurcht wollte der Junge auf
das winzige Menschenkind zustürzen, aber wie nun sein schlanker Leib den
anderen so gewaltig überragte, da meldete sich plötzlich etwas von der
Überlegenheit des körperlich Stärkeren, und statt der glühenden
Zärtlichkeit, die er noch eben auszuteilen gedachte, fing Claus vielmehr
mißtrauisch an, nach den Lebensumständen des Kleinen zu forschen. Warum
ein Magister keinen Sitz unter seinen Genossen habe, was ihn
fortgetrieben und aus welchem Grund er sich nun schon so lange bei armen
einsamen Leuten verdingt? Das mußte er ergründen, daran klammerte er
sich fest.

Beineschlenkernd hockte Heino Wichmann zusammengekrümmt auf dem
gefällten Eichenstamm, grinste seinem aufgeregten Zögling spöttisch und
erkennend ins Gesicht und wickelte sich gelassen die gelben Haare um den
Finger. Endlich hauchte er gefällig und doch kalt, wie immer:

»Streng dich nicht an, Büblein. Der Mensch ist ein Trank, von dem man
höchstens fünf bis sechs Tropfen genießen soll. Mehr ist schädlich. Aber
weil du mir die Narbe über meiner Stirn so aufmerksam belauerst, so
magst du erfahren, wo mir diese rote Fahne zuerst aufgezogen wurde.« Er
rückte zur Seite. »Komm, setze dich neben mich und dann lerne an mir das
Exempel, daß es weichlich und dumm ist, wenn der Mensch nach etwas
Sehnsucht zeigt, was der Fresser Chronos längst verschluckt hat.«

Durch einen festen Griff fühlte sich Claus herabgezerrt, dann schlang er
die Arme stürmisch um den lächelnden Kleinen und horchte, als ob es um
sein Leben ginge.

Wo er sich überall herumgetrieben, das entdeckte der Erzähler nicht,
warum er die gelehrten Schulen verlassen, darüber glitt er hinweg. Nur
bei einem Punkt blieb er ausmalend stehen. Mitten aus einem tollen,
klirrenden Taumel mußte ihn plötzlich eine Begier, ein Heimweh, ein
Unbegreifliches, nach den Bücherhockern ergriffen haben, nach rauchenden
Öllämpchen, die in kalten Kammern über alten Schreibheften dämmerten,
nach den raufenden, zechenden und lernenden Bacchanten, nach dem Disput
streitender Dozenten und nach den dunklen Bogenhallen, wo aus löchrigen
und verschlissenen Professorenpelzen die Weisheit für hungrige Hörer
floß.

»Eine Äfferei,« urteilte Heino Wichmann grimmig.

Aus seinen vorsichtigen Andeutungen ging außerdem hervor, daß der
ehemalige Magister sich erst einem widerstrebenden und hohnlachenden
Kreise heimlich entziehen mußte, bevor er seinen drängenden Plan zur Tat
reifen lassen konnte. Aus welcher Stadt er entwichen, aus wie gearteten
Verhältnissen, das warf der Strohblonde mit einer abweisenden
Handbewegung beiseite. Genug, eines Tages tauchte er unvermutet in
Stralsund auf.

»Und dort?« drängte Claus, immer enger an den Freund sich schließend.

»Dort war eine Schule von Bacchantenschützen versammelt. In einer
Bodenkammer über einer Sattlerei hockten sie beieinander, und um den
Preis eines geordneten Vortrages stahlen und bettelten die Buben für
ihren Magister zusammen, was sie unbemerkt die krummen Treppen
hinaufschleppen konnten. So ging es eine Weile auch ohne den Verkauf der
goldenen Kette, die der Kleine aus nicht näher zu erörternden Gründen
dem Tageslicht keineswegs aussetzen mochte. Und schon faßte der Haufe
den Entschluß, sich gemeinsam nach Halle durchzuschlagen, wo der
berühmte Doktor Pelicanus die Grammatik lesen sollte, als -- --«

»Ja, Bübchen,« lächelte Heino Wichmann gönnerhaft, wobei er die
gespreizten Finger in das nicht mehr wärmende Sonnenlicht hielt, »aber
dann, liebe Unschuld, dann kam der Winter. Hast du schon einmal
gefroren, Cläuslein?«

»Ich denke wohl,« versetzte der Knabe mit weit aufgerissenen,
verständnislosen Augen.

Der Kleine nickte wegwerfend.

»Ja,« meinte er geringschätzig, »wie der Nordwind so einem von deiner
Art ein wenig die spitzen Nägel über den Leib ritzt. Aber was es heißt,
wenn die Zunge hinter den Zähnen vereist, oder sobald man halbtot in
seinem Bodenwinkel kauert, wo das Denken allmählich in dem klappernden
Gebein erstarrt, davon ward deiner Mutter Sohn nichts kund. Nicht wahr?
Ich sage dir, da führt man allerlei verrückte Tänze auf, ja, man vergißt
sich sogar so weit, zu beten, zu wimmern um einen einzigen Holzspan für
den leeren Ofen. Kuck, so ging es mir. Mein Verschlag lag der roten
Marienkirche gerade gegenüber, und durch die Lappen meines Fensters
konnte ich den heiligen Johannes auf seinem Postament stehen sehen. Der
fror weder in seinem weißen und blauen Überwurf, noch brauchte er von
einem Fuß auf den anderen zu hüpfen. Da schrie ich ihn an, er solle ein
Wunder tun; aber als er vornehm gegen mich Lumpen blieb und sich nicht
rührte, sieh, da packte mich die Wut, denn ich schämte mich für den
herzlosen Holzheiligen und ich beschloß, den Apostel zu seiner Pflicht
zu zwingen. In einer Nacht, wo es weiße Strümpfe durch die Straßen
schneite, schlich ich hinüber -- und dann eine Stunde später, oh, da
hatte sich Sankt Johann schon meines Ofens erbarmt, und himmlische Glut
umfing meine Glieder. Köstlich -- köstlich, der Heilige hatte ein warmes
Herz für mich Bresthaften.«

»Du -- du hast mit ihm eingeheizt?« stotterte Claus. Ein Schaudern
wollte ihn überrieseln, und in verschämter Bewegung bekreuzigte er sich
die Stirn. Und dabei packte den Mitgerissenen doch eine uneingestandene
Lust an dem Niederbrechen alles Herkömmlichen, und jener heimliche
Aufruhr, der stets von dem Strohblonden ausging, er zwang ihn immer
widerstandsloser in die Gefolgschaft dieses aufreizenden Lehrers.

Darum rechtete er auch nicht länger mit dem Wicht, sondern zeigte nur
stumm und hartnäckig gegen die Narbe des anderen.

»Ach so,« erinnerte sich Heino Wichmann bereitwillig, »du hast recht.
Dies da oben zog den Schlußstrich unter meinen Rückfall in die
Gelahrtheit. -- Mein Hauswirt, der Sattler, roch den Brand, er war nicht
einverstanden mit Sankt Johannis Einkehr bei mir, und so rückten nicht
allein seine Gesellen und Nachbarn mit Knütteln und Hellebarden gegen
mich aus, sondern auch die Stadtwache glaubte, einen seltenen Vogel an
mir erwischt zu haben. Oh Zeus« -- der Kleine wiegte auf seinem
Eichenstamm träumerisch das feine Haupt -- »es wurde ein wundervoller
Handel zwischen den Sankt Johannis-Rittern und meinen Buben. Allein, was
nützte uns die schönste lateinische Strategie? Pfui Teufel, zuletzt
mußte ich zum Fenster hinausspringen, ekelhaft, zum Hinterfenster
hinaus, in einen Kehrichthaufen. Behängt mit meiner güldenen Kette und
bewehrt mit dem schlanken Ravenneser Hieber stak ich stundenlang im
Unrat. Lerne daraus, wie aller Glanz und jede Würde der Erde in der
Stunde der Not gern zu Gestank und Kot hinabsteigt. Wobei nicht jedem
ein reinigend Bad darauf wird wie mir, der ich zu Nacht auf einem Balken
rittlings den schmalen Sund durchschwamm. Was dann weiter geschah« --
wollte der Kleine gleichmütig schließen und strich sich prüfend über
seine durchlöcherten Schuhe, aber plötzlich bettete er in heftiger
Spannung die Hand über die Augen, weil tief unter ihnen, am nahen
Strand, etwas Weißes, Glitzerndes, Lebensvolles gegen Sonne und Meer
aufleuchtete. -- »Was weiter geschah,« fuhr der Kleine hastig und bebend
fort, »das weißt du, und sieh, zum Dank zeige ich dir jetzt die einzig
vernünftige Gabe deines Gottes, die edelste und doch nie sättigende
Speise, die nicht lediglich für den Gaumen der Reichen ausgespart blieb
-- kurz, ich zeige deinen blöden Augen die schäumige, die
hüftenprangende Aphrodite.«

Er warf die zitternde Hand weit vor, und um seinen glatten Mund spielte
der unbeherrschteste Zug von Wollust und schonungsloser Sinnengier.
Katzenhaft, leise kichernd, glitt er bis an den freien Rand des Hanges.
Allein ein rascher Griff des Knaben warf ihn unsanft zurück. Totenblaß,
taumelnd, im Innersten seiner bereits zerrütteten Seele aufgewühlt,
schwankte der große Bursche vor dem Erstaunten auf und ab. Was er von
sich abwehren wollte, das wußte der Halberwachsene nicht, aber seine
schon von Stürmen bedrängte Scham tobte noch einmal in Wut und Grauen
gegen das Geheimnis, zu dessen Entschleierung ihm bisher der Mut
gemangelt.

»Du sollst nicht,« zeterte er besessen und grub seine Blicke angestrengt
in das Laub des Waldbodens, »das ist Anna Knuth, die -- --«

»Narr,« versetzte Heino Wichmann scharf und schüttelte die Faust ab.
»Der Name fällt mit dem Gewand. Geh zum Spinnrocken deiner Mutter!«

Da vergaß Claus, daß er hier trotz allem mit dem Wohltäter rang, der ihn
aus Nacht in den Tag geführt, besinnungslos, Funken vor den Blicken, hob
er die Faust, um dann -- wie eine Bildsäule der Ratlosigkeit zu
erstarren. Ein freches, höhnisches, gewalttätiges Lachen schmetterte ihm
entgegen, lähmte ihm den Arm und grub ihn wie einen Pfahl in den Boden
ein. Schon jetzt erkannte der Gebändigte, welche schreckhaften,
unheimlich aufspringenden Kräfte in dem Leib dieses bartlosen Kindes
verborgen fluteten. Stöhnend, von einem haltlosen Schluchzen
geschüttelt, wodurch das Vergnügen des Kleinen aber nur noch gesteigert
wurde, und dabei selbst unter den Peitschenhieben eines unsichtbaren
Peinigers, so mußte der Fischersohn mit ansehen, wie der Strohblonde,
auf dem Bauche liegend, alle Wonnen des Lichtes in sich einschlürfte,
und Abscheu und tiefer Schmerz um die entschwirrende Reinheit entluden
sich bei Claus in einem wilden Tränensturz. Unbewußt weinte er um die in
Sünden lachende Menschheit.

»Frommes Schäflein,« spottete Heino Wichmann über die Schulter zurück.
»Wir wollen dir ein Glöckchen um den Hals hängen.«




V.


Kalte, winddurchsauste Nacht senkte sich über den Landflecken Bergen. In
dem elenden Orte, der zwei bis drei Wegstunden von dem Sassensitze
entfernt auf der höchsten Erhebung der Insel kauerte, war Kirmes
abgehalten worden. Zudem hatten sich Gaukler gezeigt, die vom Hofe des
Wolgaster Herzogs zurück wanderten, hinten auf dem Ringelplatz hatten
Roßtäuscher die Gelegenheit benützt, ihr Vieh zum Verkauf anzubinden,
und die herbeigeeilten Fischer und Bauern versäumten nicht die seltene
Gelegenheit zu Spiel und Feier. Noch jetzt, nach Einbruch der Dunkelheit
trieben grölende und trunkene Haufen ihre grobe Kurzweil, ja, durch das
Heulen des Sturmes schrillten lauter und ohrenbetäubender als vorher die
Posaunen, Flöten und Trommeln der Wandermusikanten und Gaukler, denn
diese leichten Vögel marschierten tanzend und springend an der Spitze
einer Rotte, die sich eben begeistert und freudentoll zum Höhepunkt
allen Vergnügens anschickte -- zum Rauchspiel. Man hatte gottlob einen
verwachsenen, halbnackten Bettler dabei erwischt, wie er ein Huhn unter
seinen Lumpen verschwinden lassen wollte, und jetzt jagte man den
Armseligen, der nur mühsam an seiner Krücke sowie auf einem Holzbein
daherhumpelte, mit Ruten- und Stockhieben nach dem »Schütting«. Als man
in dieser ehemaligen Räucherkammer angelangt war, entzündeten junge
Burschen, denen das Amt als Auszeichnung überwiesen sein mochte, das auf
den Fliesen der Hütte aufgeschichtete Laubwerk; der Hühnerdieb wurde an
einem Querbalken bis unter das Dach des Raumes emporgezogen, und nun
knisterten die brennenden Zweige, dicker Qualm wälzte sich an den Wänden
hinauf, und es war spaßhaft zu beobachten, wie das Opfer nieste und
hustete und durch allerlei Verrenkungen gegen das Ersticken ankämpfte.

»Kuck, Fiek,« meinte ein junger Bauer zu seiner andächtig
emporstarrenden Braut, »das Luder hat ein Loch im Strumpf. Ich will ihn
ein wenig an den Zehen kitzeln«.

Düsterrot, in langen blutigen Streifen fiel der Widerschein des Feuers
durch die Ritzen der Hütte auf die Straße. An der fensterlosen Kalkwand
des benachbarten Häuschens lehnten zwei Gestalten in unbeteiligter Ruhe.
Ihre braune Fischertracht und die derben Tuchkappen unterschieden sie
keineswegs von dem sich drängenden Menschenknäuel. Nur wer sie genauer
musterte, konnte trotz der Dunkelheit in ihren blassen Gesichtern lesen,
wie wenig sie von der allgemeinen Lustbarkeit angesteckt waren.
Spöttisch grinste der Kleinere auf das rohe Getümmel, und wenn die
Schreie des Geräucherten lauter herausdrangen, dann zuckte sein
schlanker Gefährte vor Unmut oder Mitleid zusammen und konnte nur durch
den festen Griff des anderen davon abgehalten werden, über den
abstürzenden Weg in der Nacht zu verschwinden.

Um sie herum war Streit, Gelächter und Aufregung. Der Gott der ehrbaren
deutschen Lust gönnte seinen Gläubigen neue Freude. Unter der Linde, die
vor dem Rauchhaus ihre nackten Äste im Winde knarren und stöhnen ließ,
zeterte der Bader des Ortes wütend auf einen Tabulettkrämer ein, weil
ihn der Hausierer angeblich mit einem stumpfen Schermesser betrogen.
Jauchzend stieß der breite Haufe die beiden Widersacher gegeneinander,
reizte sie zu immer heftigeren Tätlichkeiten und fiel schließlich über
den ortsfremden Krämer her, um ihn zur Sühnung seines Vergehens zu dem
beliebten 'Rasieren' zu zwingen. Auf einem Fußknorren der Linde hockend
und von zahllosen Fäusten festgehalten, mußte es sich der Gerichtete
gefallen lassen, bei Fackelschein von dem gereizten Bartkratzer nach
strengen Regeln der Zunft eingeseift zu werden. Aber statt Schaum ward
ihm Unflat ins Gesicht geschmiert, und als Messer diente eine schartige
Sichel, die ihr Werk mit Kratzen und Geräusch verrichtete.

Tosender Beifall übertönte das Ächzen des Geschundenen, und die Nacht
verschlang den tanzenden Wirbel, der um die Linde herum tollte.

»Komm,« fröstelte Claus, indem er sich gewaltsam losriß, »wir wollen
heim.«

»Schürzenband,« spottete der andere und lehnte ruhig weiter an der
kahlen Wand, »behagt es dir nicht bei den Deinen?«

Der Junge verzog die Stirn, wie immer, sobald seinem Willen ein anderer
entgegengesetzt wurde, dann jedoch kratzte er aufbrausend gegen die
Mauer.

»Warum quälen sie sich?« warf er verstört hin. »Weshalb halten sie nicht
Eintracht untereinander, da sie doch alle arme Schächer sind?«

»Warum?« Ein bissiges Kichern antwortete auf diesen Notruf eines
grübelnden Gewissens, und während der Kleine pfeifend die Hände in
seinen Ledergürtel schob, schien er sich innerlich über die Bedrängnis
seines Schülers zu ergötzen. »Bist zu viel zu den Pfaffen gelaufen,«
gönnte er ihm endlich. »Weißt du nicht, daß Priester und Herren nur so
lange auf dem Buckel des Haufens da zu reiten vermögen, als er roh und
unbelehrt bleibt? Wenn der abgetriebene Gaul schreiben und lesen könnte
wie du, dann würde er leicht um sich schlagen und fürchterlich werden.«

»Was würde er dann tun, Heino?« flüsterte der junge Mensch unruhig. Es
feuerte vor ihm aus der Erde. Nebelhafte Gebilde stiegen plötzlich aus
dem kotigen Boden der Landstraße vor dem Erschauernden auf. Das Heil und
der Segen, die dieser fiebernde Knabe nicht für sich, sondern für
kommende Geschlechter traumhaft in sich trug, sie zogen in wirren
Gestalten, preisend und betend über eine grüne Flur an ihm vorüber.
Weihrauchfässer schaute er, Baldachine, Wagen beladen mit Brot, Korn und
Wein. Aber an der Spitze des Zuges erblickte er einen Hochgewachsenen,
geschmückt mit allen Zeichen des Glücks, fürstlich in Gold und Purpur
gekleidet -- das war er selbst.

Nahe unter der Linde tobten die dunklen Schatten immer zügelloser, aus
dem Schütting trug man den halbohnmächtigen Bettler gerade zur Erholung
ins Freie, doch Claus Beckera durchstieß mit seinen Blicken jene
taumelnde Menge und schritt geisterhaft durch sie hindurch ins Weite.

»Was würde der befreite Haufe tun?« murmelte er von neuem.

Mit einbohrendem Verständnis und doch beinahe belustigt hatte Heino
Wichmann das Versinken seines Schutzbefohlenen beobachtet, jetzt
rüttelte er ihn derb an der Schulter, denn der genießerische Sinn des
Kleinen verachtete nichts so sehr als das Vergessen von Zeit und
Gegenwart.

»Was weiß ich?« stieß er spitz zwischen den Zähnen hervor. »Vielleicht
würden deine wackeren Landsleute, wenn man sie aufweckte, auf den
Einfall geraten, anstatt Schweine und Kühe einmal das sanfte Fell von
Gräfinnen und Herzoginnen zu streicheln. Oder sie könnten darauf
bestehen, das herrschaftliche Land nach einer neuen Ordnung zu
vermessen; am Ende aber begnügen sie sich auch damit, den roten Hahn
fliegen zu lassen. Was willst du? Das ist ein schnelles und munteres
Tier.«

»Halt ein -- so nicht -- so nicht,« stammelte Claus aus seinen hohen
Himmeln herabgeschleudert und warf entsetzt beide Hände vor. Ohne
Übergang entdeckte der Fischersohn plötzlich wieder die betrunkenen
Bauern um sich her, und eine unnennbare Sehnsucht befiel ihn nach der
Einsamkeit des Meeres, nach Vater und Mutter und nach seinen schönen,
schimmernden Gedanken. »Komm,« rief er inbrünstig, »laß uns gehen.«

Allein den Magister verdroß das vornehme Absondern seines Zöglings.
Mächtig stachelte es seine Eigenliebe, weil die Unverdorbenheit des
Jüngeren sich noch standhaft weigerte, jenes leichtsinnige Lotterdasein
anzubeten, wie es der Kleine ohne Scham noch Reue für den einzigen
Trost, für die allein lindernde Salbe einer sinnlos in die Welt
geschleuderten und sich nun in Knechtschaft und Zwang verzehrenden
Menschheit erkannt hatte. Wie kam der Bursche dazu, etwas Besseres
erstreben zu wollen als Buhlschaft, Prasserei und Rausch? Soviel
Anmaßung eines Unmündigen durfte nicht geduldet werden. Mit beiden
Händen umklammerte der Strohblonde daher den Arm des Unschlüssigen und
riß ihn mit sich.

»Wohin gehst du, Heino?«

»Ins Himmelreich, Bübchen.«

»Heino, ich traue dir nicht.« Er wollte sich loszerren. Doch den Kleinen
überwältigte die Wut, heftig krallte er sich in den anderen ein und
schrie mit einer Stimme, die nichts mehr von Mädchenhaftigkeit an sich
hatte:

»Pfui Teufel, zieh dir ein Jungfernhemd an. Wer wird dir fürder noch die
Beinlinge glauben? Schmach und Schande! Meinst du, die Welt brauche
Männer, die aus einem Rosentopf wachsen?«

Da hatte er den Leichtbeleidigten, Ehrsüchtigen soweit, wie er
beabsichtigte. Als ob ihm ein Peitschenhieb rund um den Rücken geknallt
wäre, so bäumte sich Claus auf. Nichts mehr von Besinnung war in ihm. In
diesem Augenblick wäre er über die Leichen von Vater und Mutter
fortgesprungen, nur um den brennenden Schimpf zu widerlegen. Aber noch
mehr geißelten den Atemlosen die Furcht und das Grauen vor dem Verlust
von etwas Kostbaren. »Was kann das sein?« durchströmte es ihn noch, als
ihn Heino Wichmann hinter sich her um die Ecke der kahlen Mauer
herumzog. Er wußte es ganz gut und wehrte sich doch voller Schrecken
gegen seine eigene Erkenntnis. Heulend warf sich den beiden
Vorwärtstappenden der Wind entgegen, aus ihrer nahen Hütte kläfften zwei
bösartige Hunde, und ein langer gelber Lichtstreifen zeigte den späten
Gästen eine erleuchtete Kammer an.

»Hier läßt sich's wohl sein,« bestimmte Heino beinahe herrisch. Dann
schlug er ein paarmal gewaltsam gegen die Bohlen der Holztür. »Macht
auf, Menscher! Es gibt fürnehme Leute.«

       *       *       *       *       *

»Eia,« rief eine helle Stimme, als die beiden Ankömmlinge eintraten.
Eine blaue Wolke von Kiendampf wälzte sich ihnen entgegen. Hinten aus
dem umnebelten Ziegelherd tanzten für die Nacht bereits unruhige
Flammen, und in ihrem springenden Flackerlicht richtete sich mitten von
dem Estrich, wo sie bisher gelegen, eine junge Dirne bis zur Brusthöhe
empor, stützte sich auf die Ellbogen und ließ ihre neugierigen
grünblauen Augen musternd auf den beiden Männern ruhen. Allein bald
mußte sie einzig von der unberührten Schönheit des großen schlanken
Burschen gefesselt werden, von seiner deutlich bemerkbaren Scheu und
Unruhe, denn sie ließ eine gelbe Katze, mit der sie bis dahin offenbar
zur Ergötzung der Gäste eine kosende Neckerei getrieben, von ihrem Schoß
herabspringen, setzte sich auf der Diele zurecht und wiederholte mit
allen Zeichen der Befriedigung noch einmal:

»Eia.«

»Becke,« ermahnte eine rauhe Weibsstimme, deren riesenhafte
starkknochige Besitzerin neben dem Herd hockte, wo sie unausgesetzt eine
Holzkelle in dem Kupferkessel herumwandern ließ, »wie oft muß ich dir
sagen, du sollst nicht herumliegen und faulenzen, wenn gute Herren
kommen? Bei Gott, ich dresche dir noch den Buckel voll.«

»Haltet Euer Maul,« widersprach das Mädchen völlig ungerührt und
streckte der Wirtin sogar die Zunge entgegen. »Hat Euch der
Stadtschreiber nicht erst neulich bedeutet, daß der Rat mich nicht
missen will? Wer seid Ihr ohne mich, Ihr garstige Hexe?«

»Nun, mein Püppchen,« schluckte das Weib am Herd und schlug sich mit der
Linken auf die gewaltige Brust, als ob sie dort ihren süßsauren Grimm
einmauern müßte, zumal ihre übrigen Gäste, die unter einer tiefen
Wandeinbuchtung saßen, bereits aufmerksam zu werden begannen. »Es freut
mich weidlich, weil dir der Rat so wohlgewogen ist. Mußt aber auch
hübsch auf dich aufpassen, damit es lange dauert. Und nun, mein Engel,
steh auf und erkundige dich, was den Herren willkommen sei? Ein Krug
Met? Oder Mostwein? Oder ein heißes Süppchen? Oder gar etwas anderes?
Wir werden es an nichts fehlen lassen.«

Damit zwinkerte Frau Sibba, die Wirtin, mit ihren blau unterlaufenen
Augen, die gerade noch hinter dem schmutzigen Kopftuch hervorglotzten,
nach einer kleinen Nebenkammer, in der Claus nichts als ein zerwühltes
Strohsacklager wahrnahm. Von der Decke schaukelte eine trübe Ölleuchte
in einem halbzerbrochenen Scherben herunter, und ganz im Gegensatz zu
all der Dürftigkeit war über das Fußende des Bettgestells ein
rotseidener Fetzen mit eingewirkten Goldfiguren geworfen. Ein
sichtliches Zeichen dafür, wie dankbar irgendein unsteter Seemann von
hier geschieden.

»Steh auf, mein Täubchen,« ermunterte die Wirtin nochmals mit ihrer
harten Knechtsstimme, denn die stumme Verzauberung der am Boden
gefesselten, zottelhaarigen Becke dünkte ihr zu viel Ehre für zwei
armselig gekleidete Fischer. Was konnten solche Netzflicker auch anderes
als ein paar erbärmliche Pfennige in ihren Ledertaschen bergen? Wie hoch
stieg indessen das Befremden der Hausmutter, als der kleine strohblonde
Ankömmling mit einer zwischen Frechheit und Herablassung schwankenden
Gebärde, wie wenn das Haus und die Kammer, die Weiber und die Atzung
sein unbestreitbares Eigentum wären, sich zu der liegenden Dirne
niederwarf, um sie dort vertraulich zu umschlingen und der Überraschten
einen Kuß auf den entblößten Busen zu pressen.

»Wonnige,« schrie Heino Wichmann schallend durch den gedrückten Raum,
»Wonnige.«

Die Gäste unter dem Mauervorsprung meckerten und klopften mit den
Zinnkrügen ihren Beifall auf den Tisch. Die Dirne jedoch schlug lässig
nach der tastenden Hand des Frechen, obwohl die Entrücktheit von ihr so
wenig gewichen war, daß sie noch immer wortlos auf dem Estrich kniete.
Aber während sie sich die Haare zurückschob, saugten sich ihre
glänzenden Augen auffordernd und hungrig an dem blassen Antlitz des
erstarrten Burschen fest. Gerade seine ungläubigen, kindlich verstörten
Züge schienen ihr Mitleid zu erregen, denn die gemalten Lippen der Becke
bewegten sich, als ob sie diesem eigenartigen Besucher Trost zusprechen
wollte.

»Fein's Bübchen,« murmelte sie unhörbar.

Da klammerte der Magister seinen Arm um den Hals des Mädchens, zwinkerte
nur ihr verständlich nach seinem Begleiter hinüber und flüsterte der
jetzt zur Aufmerksamkeit Gezwungenen etwas ins Ohr. Das mußte ihr glatt
und lockend eingehen, lachend sprang sie empor, schob sich mit einem
verstohlen wiegenden Gang bis zur Schwelle, wo sie dann plötzlich und
unvermutet nach der Hand des unentschlossenen Gastes griff. Starke,
pulsende Schläge hämmerten aus der weichen runden Frauenhand in die
schreckgebundenen Glieder des Knaben hinüber, und doch -- so unbändig
wütete der letzte Kampf in dem zum Niederbruch Bestimmten, daß Claus
noch in diesem Augenblick jähzornig die Faust hob, schwankend, ob er
nicht die wohltuende und doch so peinigende Zärtlichkeit mit einem Hieb
in das rotwangige Gesicht vergelten sollte.

Wirklich, schon spannte er den Arm. Die Becke aber drängte sich noch
dichter an ihn heran, überstrich ihn von unten herauf mit ihren
blaugrünen Augen und sprach kosend:

»Komm -- du Schöner.«

Da stand er ganz still und horchte in schmerzlichem Erstaunen auf solche
nie gehörten Laute. Und während die Becke seine Reglosigkeit benutzte,
um ihm schmeichlerisch die flaumige Wange zu streicheln, bis sie es
endlich sogar versuchte, ihren Arm um seinen Nacken zu schmiegen, da
meinte der Verwandelte ganz deutlich einen Strom zu spüren, der sein
früheres Bild und seine lichte Vergangenheit mit sich forttrug.
Düsteren, verzweifelten Blickes verfolgte der Fischersohn das
Forttreiben seiner verlorenen Wesenheit. Ja, noch unter dem höhnischen
Gekicher des am Boden hockenden Magisters hätte er am liebsten vor
Jammer laut aufheulen mögen. Allein der Strom ließ ihn nicht mehr
auftauchen. Plötzlich empfand er spitze Zähne an seinem Ohr. Auf einen
ungeduldigen Wink des Strohblonden war die Dirne gewandt an dem Fischer
in die Höhe gesprungen, jetzt trug er die vollen Weibsglieder rittlings
auf seinen Armen, und rechts und links trafen ihn die raschen
schmerzhaften Bisse. Die fraßen den letzten Rest seiner Gegenwehr
hinweg.

Ein wilder, unnatürlicher Schrei der Entfesselung war es, der aus der
Kehle des Burschen raste. Selbst Heino Wichmann horchte überrascht auf,
als dieses gellend grausame Signal von etwas Neuem, bisher Unerhörtem
aus der Brust seines so schwer zu brechenden Zöglings herüberschmetterte.
Gleich darauf jedoch schüttelte der Kleine leichtmütig, wie stets, den
sich leise regenden Zweifel ab, und sein heller Diskant überschrillte
sogar noch das wüste Toben der anderen, als er jetzt vor Begeisterung
mit den Füßen auf dem Estrich trommelte, weil er wahrnahm, wie Claus von
Glut übersiedet seine Last an den Tisch schleppte. Dort warf er das
Mädchen, dessen Arme sich nicht von seinem Halse lösen wollten, mit
einem Krach auf die Platte. Ringsum spritzte es aus Kannen und Bechern!
Die Becke aber lehnte schnell ihre Wange an die ihres Ritters, versetzte
ihm verliebt einen Nasenstüber und flüsterte erregt, jedoch von den
anderen ungehört:

»Jetzt nicht, Lieber. Aber bleib hier. Ich zeig dir was.« Damit sprang
sie von dem Tisch herab.

Es war ein Bild, wie es später die nordischen Maler aus dunklem
Hintergrund herausleuchten ließen, sobald ihnen des Daseins derbe,
überschäumende Lust aus keckem Pinsel floß. Aber damals strahlte über
der Kunst ein strenger, heiliger Himmel, und auch in der Wirklichkeit
versteckten sich solcherlei Begebenheiten noch verstohlen in den
finsteren Ecken übel beleumundeter Schlupfwinkel.

Der Magister hatte sich inzwischen in die Höhe gefunden. Jetzt riß er
sich die Kappe vom Haupt, daß ihm die langen gelben Haarsträhne wirr auf
die Schulter fielen, und schleuderte die Kopfbedeckung in die Luft.

»Laßt uns das hochzeitliche Paar in Wein segnen,« piepste er mit seinem
tollen Sperlingsgezwitscher. »Ersäufen wir in der Trauben Blut all die
verruchte Plackerei. Riecht ihr es nicht? In Frau Sibbas edlem Haus
verbirgt sich die Freiheit. Greift sie, ihr Schindluder, ihr findet sie
sonst nirgends.«

»Greift sie,« schrie auch Claus Beckeras besessene Stimme. Flüchtig
erschrak der Bube, als er sich selbst hörte, als das Fremde wie mit
einer klirrenden Schere in seinen Gedanken herumschnitt, allein gleich
darauf stürzte er umnebelt der entwischten Dirne nach. Die schaffte
gerade am Herd, als er nach ihr tastete. Bissig schlug sie ihm auf die
Rechte, funkelte ihn an, denn dies Gebaren des Gesellen war ihr nicht
fremd, und herrschte hochmütig:

»Jetzt nicht, du unflügges Huhn. Ich hab's dir gesagt.«

Und abermals stand Claus behext, horchte verwundert auf und schüttelte
das schmale Haupt.

Unwirsch hatte bis jetzt die Wirtin das Treiben der beiden Fremden
gelten lassen, jetzt endlich riß ihr die Geduld. Mit einem ärgerlichen
Gehüstel erhob sie sich von ihrem Herdsitz, und siehe da, als sie stand,
streckte sie sich empor wie ein langer Pfahl, auf dessen oberer Kante
schmutziger Schnee liegt. Langen Schrittes fuhr Frau Sibba sodann auf
den Magister zu, wobei sie es für angebracht hielt, dem kleinen,
scheinbar so ungefährlichen Kerlchen ohne weiteres mit der Knochenhand
in den halboffenen Kragen zu greifen.

»Wie steht es mit der Zeche?« wollte sie gerade zwischen ihren
Zahnlücken liebevoll hervorpfeifen, da pluderte sich ihr Faltenrock
kreisrund in die Höhe, und die von ihm bekleideten Glieder flogen,
gleichsam geschleudert, auf den Holzhaufen hinter den Herd zurück. Wie
es geschehen, das konnte sich keiner erklären, da alles durcheinander
lärmte, aber sobald man durch den aufgestörten Kienqualm wieder
hindurchschauen konnte, da tanzte der Strohblonde wie von Sinnen mitten
in der Schenke herum, während er ein abgerissenes Glied seiner Goldkette
hoch über dem Gelbkopf schwang. Dazu flötete Heino Wichmann, sich
freundlich nach allen Seiten verbeugend, mit seinen süßesten Tönen, ob
man ihn vielleicht auch jetzt noch daran hindern wolle, die hier
versammelte Hundeheit durch Wein und Liebe von ihren Stricken
abzubinden?

»Durch Wein und Liebe,« wiederholte Claus sinnlos und versank völlig in
die vor ihm geöffnete Grube von Qualm und Glut. Die Becke wischte an ihm
vorüber und küßte ihn anfeuernd auf den Nacken.

Das alles verschwamm vor dem schon Nüchtern-Berauschten und drehte ihn
nur noch hilfloser in den kreisenden Wirbel. Was dann geschah, das
tanzte vor ihm auf und ab. Bald hoch flackernd, bald zusammenstürzend
wie die blauen Flammen des Herdes. Er sah sich im engen Drang auf die
Bank vor den Tisch geschoben, und aus dem Zinnkrug duftete ihm gärender
Met entgegen. Er leerte den Becher mehrmals, und seine Sinne gaukelten
fortan wie Schmetterlinge über dem süßen Trunk. Warum konnte er diesen
oder jenen Gedanken nicht mehr festhalten? Aufgescheucht versuchte er
es, aber es gelang ihm um keinen Preis. Statt dessen mußte er den Gängen
der Becke nachspüren, die den Gästen immer von neuem das Trinkgeschirr
auffüllte, es zog ihn, in ängstlicher Neugier ihren kurzen Rock zu
streifen, ja einmal brüllte er drohend auf, als die Dirne sich
verweilend auf die Knie eines alten, kahlköpfigen Mannes niederließ,
dessen feiner blauer Bürgerrock keineswegs hierher zu gehören schien.

»Was schiert dich, Bübchen?« hörte er zwar gleich darauf die Aufwärterin
lachen. Unhörbar war sie herangeschlichen, jetzt beugte sie sich über
den Vernunftberaubten und ihre Augen funkelten, als sie merkte, wie
Reife und Knabenschaft in ihm Würfel spielten. Da umklammerte er
erbittert die von Met und Hitze dampfenden Weibsarme, und schwankend
zwischen Wut, abgründiger Verachtung und stöhnender Besessenheit bettete
er sein Haupt an ihre Brust.

»Dummkopf,« sträubte sich die Eingefangene, »du reißt mir ja das Hemd.«
Aber es klang doch keuchend, und nur schwerfällig entzog sie sich.

Entzückt über dieses schwindelhafte Werben hatte sich Heino Wichmann auf
den Tisch geschwungen. Hier preßte sich das berauschte Kerlchen, obwohl
seine zwiefarbigen Augen noch immer so frostig wie früher blinkten, die
Rechte aufs Herz und sang mit seiner bohrenden Stimme einen Kehrreim,
welcher zur Zeit der fatalen Münzverhältnisse unter dem zur Verzweiflung
getriebenen Volke durch Dorf und Stadt lief:

  »Dirn im Bett und Wenzels[*] Geld --«

  [*] König Wenzel von Böhmen.

Und sofort wieherte der Chor zur Antwort:

  »Was ist falscher auf der Welt?«

»Ihr seid ein Spaßvogel, Kleiner,« sagte die Becke durchaus nicht
beleidigt.

Der Sänger aber strich ihr gönnerhaft über die Zottelhaare.

»Und du, ein schöner, fetter Bissen, Herzlein,« entgegnete er überlegen,
»jedennoch, ich gönne dir alles Gute.«

Quirlende Pfiffe, die aus der Ecke schrillten, belohnten jenen
anzüglichen Witz.

Und wieder tanzten vor Claus die blauen Flämmchen, und die
Schmetterlinge über dem Met taumelten schwer und flugtrunken -- -- --

Nach einer Weile ging die Becke und schlug in der Nebenkammer, öfter
über die Schulter zurückspähend, das zerwühlte Lager zurecht. Diese
Pause benützten die bäuerlichen Zecher zu Flüchen und Verwünschungen
über die gotteszerrissene Zeit. Da war zuerst der feine blaue
Ratsherrnrock. Am Tage hatte der nackenfette, ewig schmunzelnde
Glatzkopf die Stadtwage, sowie Recht und Sitte wahrzunehmen. Aber da ihm
zu Hause ein zänkisch Weib eignete, das ihn schlug, so verargte es ihm
keiner, wenn er abends Frau Sibba und die Becke besuchte. Er galt als
Stammgast, und allerlei Vorrechte wurden ihm eingeräumt. Deshalb war er
auch der einzige, der zufrieden und stillbehaglich in seinen Krug
blinzelte. Ganz anders die Bauern, deren fünf bis sechs in
galgenfröhlicher Verbitterung hinter ihren Töpfen lagerten. Zwischen den
haarigen Kerlen schwelte es wie die Lust zur Verschwörung. Denn der
Conaer Graf hatte, da er mit der Stadt Bergen im Streit lag, einfach die
umliegenden Hufen besetzt, und jetzt führte sein Troß Vieh und Getreide
des Landmannes fort als Wehrgeld für den Zug gegen die Freibeuter, so
hieß es.

»Es verstößt gegen das gemeine Huferecht,« stöhnten die Gepfändeten, und
drohend schrien sie den Ratsherrn an. »Gibt's denn kein Recht? -- Gott
verdamm mich, gibt's kein Recht?«

Der Dicke jedoch zuckte die Achseln und schwieg. Er wußte, wie wenig
gegen Spieße und Armbrüste ein Pergamentfetzen etwas ausrichtete.

Mit weit aufgestemmten Armen lag Claus über die Tischplatte geworfen,
sein glühend Antlitz hatte er auf beide Fäuste gestützt; und das Klagen
und Jammern der Landleute floß in die Adern des Jungen hinein wie
zischendes Blei. Es zerstach ihm das Hirn, es zerriß ihm die Augen, so
daß vorübergehend sogar das Bild der üppigen Dirne aus ihnen
herausstürzte; das unverstandene Drängen und Jagen des Burschen nach vom
Himmel strömendem Segen, nach einem Wohlstand, der jedem gleichmäßig die
Hand reichte, über welche kümmerliche Scholle er auch schritt, diese
gierige Sehnsucht, die sich so ungleiche Schwingen geborgt hatte, die
eine von den demütigen Lehren des Pater Franziskus, die andere von den
stachelnden Einflüsterungen des kleinen Magisters, jetzt rissen ihn die
starken Fittiche über seine irdische Besessenheit hinaus.

Drinnen in der Kammer walkte die Becke das Bett kräftiger, Claus Beckera
jedoch überhörte die aufreizende Hantierung, denn Zorn und Mitleid
hatten ihn längst an diese entrechteten Bauern gekettet, deren Plage ihm
widersinnnig und unmenschlich erschien. Es war eine geschnürte, drohende
Unruhe in seiner Stimme, als er sich jetzt flüsternd erkundigte, ob sich
denn keiner der Vergewaltigten gegen das schreiende Unrecht zur Wehr
gesetzt? Da warfen die Landleute scheue, betretene Blicke auf den
unreifen Buben, aber endlich steckten sie die Häupter zusammen und
wiesen mit Fingern auf einen untersetzten Mann am Ende der Bank. Der saß
in seinem braunen Bauerngewand in sich versunken da, über den violetten
Halskragen, der ihm das gefurchte Antlitz zum Teil verhüllte, war noch
ein unscheinbarer Tellerhut gedrückt, allein selbst durch diese
Vermummung hindurch hatte Claus aufgefangen, wie der Mann, so oft er
sich unbeobachtet wähnte, zuweilen schwer vor sich hinseufzte. Bald
griff der Einsame tastend nach dem kurzen Schwert an seiner Seite und
von dort wieder unsicher nach dem Stiel einer Axt, die er zwischen seine
Knie gelehnt hatte. Kaum aber bemerkte der Grübler die auf ihn
gerichtete Aufmerksamkeit, als er zusammenschrak und der Wirtin heftig
winkte, er wolle seine Zeche bezahlen.

»Tummle dich, Weib,« drängte er, indem er sich mißtrauisch in den Ecken
umsah, bis sein unsteter Blick endlich auf einem zusammengeduckten
Sprenkelbart haften blieb, auf einem schmutzigen Juden, der in seinem
gelben Schandrock und der roten Zwangskappe müde auf einem Holzblock
neben dem Eingang hockte, wo er von allen übersehen, gleich einem Stück
Niemand, ruhig ein Näpfchen Suppe schlürfte. Der Mann mit der Axt jedoch
schrie hämisch auf und schlug sich, wie in nagendem Grimm, den flachen
Hut tiefer über das Haupttuch. »Für den da, für den verfluchten Juden
bezahle ich mit,« rief er schneidend, während die tiefen Furchen in
seinem braunen Sorgenantlitz zuckten. »Komm, Mauschel, bist der richtige
Gesell für mich. Leck deine Schüssel leer, und dann fort.«

»Was ist mit dem Hebraicus?« unterbrach Heino Wichmann von seinem
Tischplatz aus spürend. Die feinen Nasenlöcher des Kleinen witterten
dabei wie die eines Jagdhundes, und sein ungleiches Augenpaar sprang die
beiden Weggenossen so lauernd und zerfleischend an, daß jeder von ihnen
unwillkürlich nach seinen Habseligkeiten griff.

»Was soll sein?« stammelte der Jude, indem er sich mühsam emporraffte.
»Ich wandere.«

»Ja, und ich will dir auch sagen, warum,« kreischte die Sibba und riß
ihm die Schale aus der Hand. »In Potthagen, wo du wohnst, da hat das
große Sterben schon wieder angehoben. Und was steckt dahinter? Ihr
Krummnasen, ihr Herrgottsmörder habt die Brunnen vergiftet. Ist es etwa
nicht wahr? Man sollte dich totschlagen, du garstiges Gewürm.«

Ein einziger, ein heulender Schrei kam von den gereizten Bauern.
Geballte Fäuste fuchtelten in der Luft, und ein schwerer Steinkrug flog
schmetternd gegen die Brust des Verhaßten. Welch eine Wollust, sein
eigenes Leid abwälzen zu können. Stöhnend sank der Jude auf seinem Platz
zusammen, und erst nach einer Weile vermochte er hervorzukeuchen:

»Gestern ist mein eigen Weib und mein Sohn verröchelt. Glaubt ihr -- --?«
Er murmelte etwas Unverständliches.

Doch der Abscheu der Landleute tobte weiter.

»Stoßt ihn ins Feuer, den Mauschel, soll er uns vielleicht den schwarzen
Gevatter an den Hals hetzen?«

Polternd sprangen die Männer hinter dem Tisch in die Höhe, ein
fluchendes Getümmel umzüngelte alsbald das Opfer ihrer Wut, und der
Angehörige eines aus den Reihen der Menschheit verwiesenen Stammes ließ
seine schwarzen Augen ungläubig und doch bereits auf alles gefaßt von
einem der Bedränger zum anderen rollen. Allein nirgends erspähte er
Gnade, überall nur sinnlose Fremdheit und schäumenden Haß. Da -- beinahe
im letzten Augenblick -- was war das? Da setzte etwas Wirbliges,
Zappelndes, Strohblondes mit einem katzenhaften Sprung von dem Tisch bis
dicht vor den Angegriffenen hin, ein helles Gelächter wurde
aufgeschlagen, und merkwürdig, die kleine Kinderfigur schien plötzlich
biegsam, wuchtig, stahlhart, wie eine gute Klinge, die sich zum Hieb
erhoben. Im gleichen Moment freilich war auch Claus Beckera in das
Gewühl geschossen. Ihn leitete kein besonderes Mitgefühl für diesen
umstellten Juden, nur das stürmische Weh für alle Unterdrückten äußerte
sich rückhaltlos auch hier. Es war eine wundervolle Bewegung, als sich
jetzt die überragende Gestalt schutzbereit vorwarf, halb geschmeidig,
halb gebieterisch. Dazu flammten die schwarzen Augen in einem dunklen,
bannenden Feuer, und die metallische Stimme füllte das ganze Haus mit
solch fortreißenden Wirbeln einer geschlagenen Trommel, daß selbst die
Becke, die neugierig am Pfosten der Kammer lehnte, ihren Nacken von
einem eigenartigen Schauder überkräuselt fühlte.

»Weh dem Armen,« schleuderte der zum erstenmal in eine wache Geisterwelt
Entrückte seinen Angreifern entgegen, »weh dem Armen, der einen anderen
Elenden entheiligt.«

Die Bauern sahen sich an, verstanden nicht und wichen vor der drohend
gereckten Faust zurück. Eine Stille, ein Verstummen fiel in den Tumult,
um gleich darauf durch ein quirlendes, sich überschlagendes Gelächter
abgelöst zu werden.

»Hört -- hört den Bußprediger,« schüttelte sich Heino Wichmann, und sein
Lachen legte sich wie ein Wall vor den Juden. »Meint man nicht, das
Bübchen möchte gleich Messe singen? Ja, das Pfaffendienern, das
Kutten- und Pantoffellecken ist ein gut Ding. Aber nun verstattet auch
mir ein Wörtlein, ihr Heufresser.«

»Was sagt er?« murmelten die Bauern, die es nicht begriffen, wie ein
Zwerg es wagen könnte, sie zu beschimpfen.

»Ich sage,« fuhr der Kleine in ungetrübter Ruhe fort, während er
gelassen vor dem Hebräer auf und ab wanderte, »daß ihr ein Querholz vor
der Stirn tragt und Ochsen seid.«

Die Bauern rührten sich nicht und horchten. Selbst die Becke, die nur
das Bild des glühenden Knaben verschlang, beugte sich vor.

»Ich dachte, ihr wolltet Edelwild jagen?« sprach der Magister schneidend
weiter, und in seinen Augen funkelte eine aufreizende Flamme von Bosheit
und verführerischem Aufruhr. »Ein Kesseltreiben gegen den zweibeinigen
Schädling!? Oder meint ihr, diejenige Meute sei die beste, die sich
selbst zerfleischt?«

Noch nie hatte Claus die aufwühlende Gewalt des Kleinen auf eine erregte
Schar verzweifelter Männer überspringen sehen, jetzt fühlte er selbst,
wie die glühende Aufreizung ihm den Atem stocken ließ und daß er im
Moment nichts anderes war als ein zitterndes Blatt an einem Strauch, den
der Wind zaust. Blätter, bewußtlos vom Sturm geschüttelte, raunende
Blätter wurden auch die übrigen. Die Brüste dehnten sich, die wilden
Augen richteten sich starr auf den einen, von dem eine unbegreifliche
Losung auszugehen schien, selbst der Jude vergaß die ihm nahe Gefahr,
denn taumelnd richtete er sich auf und ergriff seinen Ranzen.

»Wohin gehst du?« forschte Heino Wichmann unvermittelt wieder mit seiner
weichen Mädchenstimme.

»Ich wandere,« versetzte der Gefragte hartnäckig.

»Ja, wir wandern,« wiederholte nun auch der Mann mit der Axt, der bisher
wie im Traum gelauscht hatte. »Komm, Bruder.«

Allein ehe die beiden sich noch aus dem erstarrten Kreise lösen konnten,
stand der Kleine plötzlich zwischen ihnen, und leise und doch mit
unentrinnbarer Eindringlichkeit sagte er:

»Den einzigen, der dir die Flecken von der Axt fortwaschen kann, den
findest du jetzt nicht. Der ist weit.«

Der Bauer wich einen Schritt zurück, stammelnd fragte er: »Wer ist das?«

»Wer?« Heino streckte ihm die Rechte entgegen, in die der andere, wie
gezogen, einschlug. »Wer?« flüsterte der Kleine noch einmal. Und kaum
verständlich, hinter Schauern von Anbetung und Geheimnis verborgen,
hauchte er ihm ins Ohr:

  »Der Gödeke -- Gödeke Michael,
  Der führt auf dem Schwarzschiff allein den Befehl.«

Eine Woge mußte in das Haus der Sibba geschlagen sein, die alles, was
bis dahin aufrecht stand, unter sich begrub. Aus dem Strudel schlang es
sich herauf wie die Stimmen von Ertrinkenden. Ein allgemeines brausendes
Gebet, das brünstig durch das Dach gegen den Himmel stieg:

  »Seine Brust ist wohl eine Elle breit,
  Den Bedürftigen schenkt er Speise und Kleid!«

Noch heulte der Sturm, da geschah etwas Ungeahntes. Lallend, trunken von
der Gewißheit, in eine Gemeinschaft eingeschlossen zu sein, so hatte der
Hebräer die Axt an sich gerissen. Jetzt taumelte er auf den Holzblock,
schwang die Waffe fieberhaft über die vielen Köpfe und besessen von
einem starren, fanatischen Wahne kreischte er gellend:

  »Und tragt ihr Armen am Leben schwer,
  Das Recht und die Freiheit wohnt auf dem Meer.«

Und wieder erscholl es ihm zur Antwort, ernsthaft, schwer, feierlich,
wie das Responsorium in der Kirche:

  »Dort richtet die Reichen an Leib und Seel,
  Der Gödeke -- Gödeke Michael.«

Aber das letzte klang schon auf der Landstraße. Der Schwarm hatte sich,
einer inneren Macht folgend, ins Freie ergossen. Alles, was sich ihm
widersetzte, war fortgebrochen, nur die Becke und Claus befanden sich
allein unter dem niedrigen Dach; beide angewurzelt, die Trümmer eines
langsam sich fortspinnenden Traumes.

»Komm,« ermunterte endlich das Mädchen und streckte verstohlen die runde
Hand nach dem Versunkenen aus. Allein schon die Berührung machte es
lechzend und unsicher. Je länger sie mit dem schlanken, gänzlich
inneren Liedern lauschenden Burschen allein blieb, desto mehr
durchschlug sie das Bewußtsein, dieser große, stolze, widerwillige Junge
mit den brennend schwarzen Augen, er gehörte nicht in das Geschlecht der
sich am Boden wälzenden, viehischen Genüßlinge, die bis jetzt ihren Leib
geplündert und verhöhnt hatten. In diesem wohnte noch eine verzweifelte
Scham, eine gierige Andacht, die zugleich beten und doch das
Muttergottesbild zerschlagen wollte. Und das lockte die Dirne über die
gewohnten Grenzen hinaus, bis sie weich und nachgiebig wurde.

»Komm,« bat sie dringend, »du kannst nach deinem Willen tun.«

Es war eine heiße, betörte Menschenstimme, von der Claus aus seinen
himmlischen Gärten hinweggejagt wurde. Wild, schmerzlich fuhr er auf.

»Was willst du?« stammelte er entsetzt, angewidert, denn in den
brauenden Kiennebeln sah er, wie die entfesselte Brunst sich ihm
gewohnheitsmäßig näherte. Nein, das nicht. Alles, was von Demut gegen
seine Mutter in ihm lebte, alles, was er Feindliches in seinem eigenen
Geschlecht barg, es empörte sich, und mit einem wuchtigen Stoß
schleuderte er die Hingebungbereite vor sich nieder auf den Estrich.
Ihren dumpfen Fall hörte er noch, dann befand er sich im Freien.

Draußen Dunkelheit, feuchte, pfadlose Nacht.

Aus den Erlen und Pappeln der Landstraße schwirrte es, feiner Sprühregen
stäubte den abschüssigen Weg herauf, und vor den Füßen des Flüchtenden
seufzte der aufgeweichte Lehm der Landstraße.

Wohin führte der Pfad? Claus wußte es nicht. Entschlußlos blieb er
stehen, bot die Fieberstirn den kühlen Tropfen und lauschte. Von der
Höhe züngelte ihm noch ein Feuerstreif aus den Fenstern des Häuschens
nach, das er eben verlassen, und ganz weit, jenseits des Absturzes,
wirbelten zerstückte Fetzen des sich entfernenden Bauerngesanges. Ja,
das wollte er festhalten, daran wünschte er sich zu klammern. Aber
während der Einsame versuchte, die bekannten Strophen aus keuchender
Brust aufsteigen zu lassen, da verwirrte er sich. Vergessen, vergessen
waren die Worte und Bilder, die er bis jetzt aufgebaut und errichtet.
Dafür -- er blickte sich wie gehetzt in der Finsternis um -- dafür
leuchteten überall aus den Schatten heraus weiße Arme, die ihn
einfingen, und eine üppige Brust atmete, die ihn erdrückte. Er wollte
sich wehren, er schrie wie ein Unsinniger, allein das weiße Gewoge
erstickte ihn und kehrte ihn um. Vergebens, umsonst, getragen von
flatternden Fittichen schoß er zurück -- sprengte die Tür und sank
wortlos der jauchzenden Dirne in die Arme.

Über dem Hause der Sibba erlosch das Sternbild des Jupiter.




VI.


Ist erst das Eis gebrochen, dann spritzt der trübe Gischt des Meeres
gewaltsam hervor, und man meint, die wallende Flut schleppe überhaupt
nichts anderes mehr als Unrat.

Von dieser Zeit an kehrte Claus häufiger und häufiger in der Hütte der
Sibba ein. Mochte ihn auch am Tage, wenn die helle Sonne der Küste sein
Tun bestrahlte, der Ekel und der Abscheu vor dem wilden Zwang quälen,
der ihn an einem schneidenden Seil über die Berge zog, in der Nacht
schnürte ihm die schmerzhafte Umstrickung alle Glieder zusammen und riß
den Unbändigen von dannen. Willig wurde er von seinem hohnlächelnden
Lehrmeister mit einem Ring der goldenen Kette nach dem anderen
ausgestattet, und Heino Wichmann versäumte nicht während der Tagesarbeit
seinem verbissen vor sich hinschaffenden Zögling einzuprägen, wie es im
Altertum ganze Schulen der Weltweisheit gegeben, die im Genuß, in
Schwelgerei und besinnungslosem Auskosten die einzige Gewinnmöglichkeit
gegen den überall herumschnuppernden Tod gesehen.

»Sieh, Bübchen,« pflegte dann der Kleine zu äußern, während die beiden
Genossen im Boot den brauenden Morgennebel durchschnitten, »der letzte
Tropfen im Weinkrug ist es, der letzte, den die lechzende Zunge auf sich
herablockt, gerade ihn begrüßen wir als den heißen Boten aus einer
überseligen, tanzenden Welt. Bei diesem letzten kämpft bereits die
Wehmut des Abschieds mit der Hoffnung auf neue Labe. Oder meinst du, das
Schwein habe einen anderen Grund, sich beim Scharren nach der letzten
im Erdreich versteckten Eichel den Rüssel blutig zu reißen?«

Solchen Einflüsterungen gegenüber, obwohl sie ihn mit der Schärfe eines
Rutenhiebes trafen, blieb der hochgewachsene Junge, dessen Wangen
schmäler und blasser wurden und dessen Brandaugen jetzt häufig voll
selbstquälerischer Verzweiflung glimmten, stumm und taub. Und der
strohblonde Magister begann zu wittern, daß sein Geschöpf die
aufreizende Absicht unter seinen Stachelreden zu merken anfing. Dazu
bäumten sich der Hochmut und das herrische Wesen des Fischersohnes immer
gebieterischer, und es kam jetzt oft in dem Katenhause der Beckeras zu
Streit und Widerreden. Der Sohn bat nicht mehr, er forderte. Auch
äußerte er zuweilen bei geringen Anlässen Gedanken und Meinungen, die
bewiesen, wie hoch die Gärung in seiner Brust bereits gestiegen war.

Eines Tages saß der Bruder Franziskus am Herde der Hütte. Er kam, wie er
bekundete, im Auftrage seines Klosters, um bei den Fischersleuten eine
wirtschaftliche Bestellung auszurichten. Im Grunde aber war er von
Mutter Hilda herbeigerufen, die die Sorge um ihren, wie sie meinte,
verirrten Einzigen nicht mehr ruhen ließ. Treibende Angst beschattete
sie jetzt fast stündlich, in ihrem Kinde seien die bösen Lüste seines
eigentlichen Erzeugers aufgewacht, seine Genuß- und Raubsucht, die wilde
Gier nach Unterdrückung Schwächerer und das kalte Verachten von Recht
und Sittsamkeit. Ihre Brust bebte, wenn sie daran dachte, daß sie selbst
ja nur gezwungen dieses fremde und doch geliebte Reis empfangen, und die
Schärfe des Mutterauges nahm auch wahr, wie in ihrem Sohn plötzlich die
Erkenntnis des werdenden Mannes aufgepeitscht war und wie sich Scham und
Verachtung vor jenem Wissen in ihm stritten.

Ein kalter Novemberabend fröstelte über der Hütte. Am Buchenfeuer saß
der Mönch, und neben ihm, in Decken eingehüllt, hing der Hausherr, halb
liegend in seinem Armstuhl, und röchelte unter einem pfeifenden Geräusch
die warme Feuerluft ein, die seine wunde Brust doch immer wieder zu
einem langen Husten reizte. In einer beschatteten Ecke, in die er
absichtlich gerückt war, wetzte Claus mit einem Stein den Aalspeer,
während Hilda vor ihrem Gaste stand, die Hände demütig über der Brust
gekreuzt, als wäre sie bereit, jedes Wort ihres geistlichen Führers
gleich einer Predigt von der Kanzel herab auf sich wirken zu lassen.
Draußen umarmte Nordsturm die Hütte und keuchte begehrlich um das
geschüttelte Dach. Dadurch wurde es aber nur noch heimlicher in dem
Raum. Und in dem Wohlgefühl über den warmen Platz vergaß der Pater
sogar, daß weit hinter seinem Rücken der kleine strohblonde Zwerg auf
einem Brett unter dem Rauchfang hockte, sichtlich bemüht, in der
rötlichen Schwärze der Höhlung so weit wie möglich zu verschwinden. Der
Magister war auch der einzige, der mit spöttischem Grinsen bemerkte, wie
den jungen Claus bei seiner Arbeit mehr und mehr eine fliegende Unruhe
stachelte, und er wußte auch, was seinen Zögling an brennenden Seilen
von hier fortzog. Darüber freute er sich. Inzwischen lief das Gespräch
ehrbar hin und wider. Es wickelte sich meistens so ab, daß die alten
Fischersleute ihrem Beichtiger diese und jene wichtige Frage des Alltags
unterbreiteten, um sich dann seinen Aussprüchen und Entscheidungen mit
unbedingter Zustimmung zu unterwerfen. So hüstelte der Kranke seinem
Gast auch dasjenige vor, was in den letzten Tagen dem schon in
Gleichgültigkeit sich verlierenden Geist des Leidenden jählings ein
sengendes Mal aufgedrückt hatte. Man denke nur, der Vogt hatte im
Auftrage des Grafen den Wehrpfennig gegen die Freibeuter einziehen
wollen, da er jedoch bei den Beckeras nicht genügend Münzgeld gefunden,
so habe er den Ziegenstall geöffnet und eines der Tiere, die beste
Milchgeberin, gepfändet und fortgetrieben.

Als der hinfällige Riese sich an diesen Raub erinnerte, da wurde der
ehemals so mächtige Körper von einer Wut geschüttelt, daß der Armstuhl
unter ihm zitterte. Der Schweiß tropfte dem Aufgeregten in den grauroten
Bart, während er halb lallend fortfuhr:

»Schmach -- da lag ich -- da lag ich -- und konnt' ich mich wohl rühren?
Nein, ich schrie nur immer, immer nach Gott und den Heiligen. Auch die
Ziege schrie -- aber was nützt ein Bresthafter, dem das Wasser zudem in
den Knien gurgelt -- denn so hoch steht es bei mir schon« -- Der Alte
warf sich herum und nickte in die Ecke hinein, wo sein Sohn heftiger an
seinem Spieß rieb, dann keuchte er dankbar: »Nachmittags aber kam Claus,
der Junge kam von der See, und da wurd's anders. Der lief dem Vogt nach
und brachte unsere Ziege zurück. -- Wir haben sie wieder, Geweihter,«
schloß er erleichtert und hauchte sich in die erstarrten Hände.

»Wie geschah das?« fragte der Pater nachdrücklich.

»Hab' sie ausgelöst,« erwiderte Claus leichthin.

»Mit wessen Gelde?«

»Hab' es mir geliehen.«

»Von wem?«

»Von einem Freunde,« vollendete der Bursche trotzig, konnte es aber doch
nicht hindern, daß sein Blick wie im Einverständnis zu dem Strohblonden
auf dem Herd hinüberflog. Der rückte sich noch tiefer gegen die Wand des
Rauchfangs.

Der Mönch schüttelte sinnend das Haupt. Dann sagte er mit seiner gütigen
Stimme, die empfängliche Gemüter wie dasjenige Hildas sanft stimmte,
gleich einem lindernden Fiebermittel:

»Ihr guten Leute, hadert nicht. Es gilt allerwegen Opfer bringen, ein
jeder nach seiner Kraft, wenn wir in der göttlichen Wage das Recht
sinken sehen gegen das Unrecht und die Ordnung gegen die Zuchtlosigkeit.
Darum steht auch geschrieben, 'Gebt dem Kaiser, was des Kaisers, und
Gott, was Gottes ist'.«

Eingehüllt in den roten Feuerschein wie in den Mantel des Elia und
selbst innig von seiner Lehre überzeugt, so urteilte der Mönch, und die
alten Fischersleute sahen sein Wort in ihrer Hütte aufwachsen wie eine
Wunderblume, deren fremden Glanz sie nicht begriffen. Da -- entsetzlich
-- die Häusler fuhren zusammen, sie trauten ihren Ohren nicht -- da
lachte etwas wider alle Ehrfurcht laut und zuchtlos mitten in die
frommen Sätze hinein, und in der Ecke stieß der junge Nikolaus seinen
Speer aufrecht in den Estrich, so daß das Eisen zitterte und summte.

»Was gibt's?« murmelte der Vater, dem vor Schreck die Sprache verging,
während er sich mühselig aufzurichten suchte. »Warum lachst du?«

Der Sohn schüttelte kräftig an dem schlanken Schaft, und durchaus nicht
eingeschüchtert, warf er blitzenden Auges zu dem Pater hinüber:

»Von wem stammen die törichten Sätze?«

»Töricht?« Vor dem Bruder Franziskus wurde es dunkel. Das Grauenvolle
dieser Unbotmäßigkeit gegen den Himmel zertrümmerte ihm mit einem
Keulenhieb das kluge Verständnis, das der Geistliche sonst seiner Umwelt
und besonders der Jugend entgegenbrachte. Unmöglich schien es ihm, daß
solch ein Frevel in einem menschlichen Hirn großgeworden sein sollte,
unfaßlich, daß es gerade jener ihm lieb gewordene Bube war, der ihn
äußerte. Gelähmt, seiner selbst nicht mächtig, antwortete er, um dabei
doch zu empfinden, daß seine Worte ihm von selbst entliefen, ohne
Hemmung, wie der Faden eines Knäuels, mit dem eine Katze spielt.

»Nikolaus,« verwahrte er sich voll Trauer und so leise, als ob er zu
sich selbst spräche, »der Allmächtige nehme die Anfechtung von dir. Es
ist unser Herr und Heiland selber, mein Kind, der diese Botschaft
verkündete.«

Jetzt wandte sich auch die Mutter um. Ihre vorwurfsvollen Augen sowie
die entsetzt vorgestreckten Hände bewiesen, sie erwarte, ihr Sohn würde
von dieser Belehrung gefällt in die Knie sinken. Allein, was entdeckte
sie? Um die Lippen des Jungen flog nur ein überheblich grausamer Schein,
und nachdem er sich noch durch einen schnellen Blick des Beifalls seines
zierlichen Meisters versichert hatte, holte er zu einem neuen, noch
respektloseren Hieb aus.

»Hat der Heiland das selbst geschrieben?« forschte er ungläubig.

Ehrlich schüttelte der Bruder das feine Haupt. An den ergrauten
Schläfenhaaren perlte ihm der Schweiß.

»Der Heiland schrieb nicht,« bekannte er, und wieder entfuhr ihm die
Antwort gegen seinen Willen, wie ein Hund, der von einem Mächtigeren
gelockt wird. »Seine Lehre ging durch viele Hände.«

»Dann taugt sie auch nicht mehr für eine späte Zeit,« bestimmte der
Junge nun fest und mit furchtbarer Überzeugung, »abgestandenes Wasser
macht krank.«

»Nikolaus,« jammerte die Mutter, und in ihrem überwältigenden Grauen
meinte sie, in der Ecke hocke ein höllischer Dämon, der mit seinem
schwarzen Spieß gegen ihr Herz und das innerste Gefüge der Welt ziele.
Und doch, der Dämon war noch immer schön und herrlich. Auch der Vater
stieß jetzt ein wundes, banges Röcheln aus. Und nur der Mönch lehnte
schweigend und starr auf seinem Stuhl, denn der Fels seines Glaubens
wuchs unter ihm, so daß die wilden Strudel ihn nicht erreichten.

»Sündige weiter, Korah,« sprach er fest.

Von den Feuern des Kamins jedoch tönte ein spöttisches Kichern, und
dadurch gereizt, brach es aus dem Abtrünnigen ohne jede Rücksicht
hervor, die Leidenschaft zu herrschen und andere nach seiner Überzeugung
zu formen, schlug Flammen:

»Ist Gott reich oder arm?«

»Reich,« entgegnete der Geistliche schwach.

»Ist der Kaiser reich oder arm?«

»Gott helfe dir -- reich,« flüsterte der Priester gezwungen.

Da riß Claus seinen Spieß aus dem Estrich, streckte das Eisen dem Mönch
starr entgegen, und während sein vorgeschobenes Haupt von der Glut des
Herdes erreicht wurde, rief er mit düsterem Grimm und funkelnden Auges:

»So soll Gott endlich ablassen, zu fordern und zu plagen; und der reiche
Kaiser möge den Armen geben, was der Armen ist.«

Eine Weile regte sich nichts nach dieser haßerfüllten Empörung. Die
alten Beckeras schlossen nur aus dem aufwühlenden, zerfleischenden Ton,
daß ihr Sohn, ihr einziges, liebes Kind, bei dem Versuch an den Ketten
zu rütteln, an denen die Erde vom Himmel herabhing, in die kalte,
finstere Tiefe der Verdammten gestürzt sein müsse. Auch das erfaßten sie
nicht genau, und doch zog es die armen Leute mit zwingender Gewalt, dem
Verlorenen die machtlosen Hände in den Höllenspalt nachzustrecken. Noch
blickten sie sich ratlos an, suchten Trost in ihren von keinem
Verständnis erleuchteten Werktagsgesichtern, da erhob sich Bruder
Franziskus in schwerer Fassung von seinem Sitz, und während er sich eng
und abschließend in seine Kutte hüllte, schritt er gebückt und vor sich
hinstarrend bis zur Schwelle. Hier aber minderte er seinen Schritt, und
in das Holz der Bohlentür hinein sprach das zarte Männchen nach hartem
Kampfe:

»Rufe mich, Claus, wenn die Not des Verlassenen dich zwingt. Der Erlöser
wohnt auch in denen, die ihn verlästern. Du wirst es merken.«

Dann war er wie ein grauer Schatten entwichen. Und in der Hütte bangte
das Schweigen.

       *       *       *       *       *

Aber die frommen Augen des Zisterziensers hatten klar genug in die
zuckende Seele dieses ringenden Menschenkindes geschaut, denn etwas von
der heilsüchtigen Allbarmherzigkeit des Christenheitsstifters pochte
wirklich schmerzhaft in jedem Pulsschlag des Knaben. Und das, was den
Mönch abstieß, war einzig in jener lodernden Verranntheit zu suchen, die
da begehrte, der Ausgleich und die Verherrlichung der Geplagten und
Gepeinigten auf dieser Erde sollte sogleich, ja im nächsten Augenblick,
womöglich durch wilde, durch niederbrechende Gewalt bewirkt werden. In
den Fieberträumen des Gärenden hob sich immer mahnender eine gepanzerte,
goldglänzende Faust -- die seine -- die das Jammerdasein zurechtrückte,
und seine Nächte wurden beständig durch die Qual gestört, ob er, der
Schmutzbefleckte, Sinnenlustverzehrte, auch wirklich das Flammenschwert
in die besudelten Hände nehmen dürfe. In solcher funkelnden Finsternis,
wenn vor seinen weitgeöffneten Augen der alte Claus Beckera, die Mutter,
sowie Anna Knuth in goldverschnürten Purpurgewändern stolzierten, da
weckte er häufig den neben ihn gelagerten Magister, um in nicht mehr
erträglichen Zweifeln zu flüstern:

»Muß es denn ein Reiner sein, der die Herrlichkeit auf die Erde
bringt?«

Allein den genießerischen Zwerg empörte derartig ernsthafter Zwiespalt,
weil sein flatterhaftes Gemüt nie aufrichtig an eine Selbstprüfung
gedacht hatte, und deshalb schlug er schlaftrunken nach der Hand des
Freundes, ärgerlich dazu raunend:

»Laß mich in Frieden, du Gebetschemel! Wer den leeren Bäuchen etwas zu
fressen bringt, braucht die Schüssel nicht erst zu putzen. Und nun
schnarche und träume von dem Busen der Becke.«

Doch Claus träumte nicht mehr von dem Leib, der ihn, oder den er sich
unterjocht hatte, er beutete ihn nur raubgierig aus, wie der Goldgräber,
der irrsinnig in der Grube nach dem letzten Gefunkel fahndet, und der
Magister ahnte nicht, daß sein Zögling durch Ekel und Überdruß bereits
in jenes vergitterte Herrenbewußtsein gejagt sei, das auch hinter dem
weißen Kleid der schamhaftesten Frau die Dirne wittert.

Ja, der Irregeführte wagte bald nicht mehr, seine Mutter und die zur
Jungfrau erblühte Anna Knuth gutgläubig zu betrachten, so wenig wußte
er, was er hinter ihnen vermuten sollte.

Dunkel und dämmriger wälzten sich Winternebel herauf, und an ihre graue
Wand schrieb bereits eine Gespensterfaust unverständliche Zeichen des
Kommenden.

Schicksalsstunde brach an.

Es war an einem naßkalten Novembernachmittag. Aus dem Dunst gräupelte es
in schrägen Linien herab, davon wurde der Rauch des Schornsteins qualmig
um die Hütte herumgedrückt, und das Meer zischte glasige Eisstückchen
gegen die Strandsteine. Um diese Stunde bedeckte sich Claus, während der
Vater schlief und die Mutter geräuschvoll mit den Töpfen des Herdes
lärmte, wie in zorniger Verbitterung mit seiner Lederkappe, hüllte sich
hastig in sein Seehundswams und schlüpfte unbemerkt aus der Kate
hinaus. Als er den weichen Hagelschlag um sich spürte, atmete er gierig
und doch verstohlen die feuchte Luft ein, gleich einem Dieb, der sich
auf schlimmer Bahn befindet. Wußte doch der Bursche, daß der zehnfach
verabscheute Weg wieder sein Maul gegen ihn öffnete, um den Wanderer
mitleidslos zu verschlingen. Seit einer Woche führte er den heißesten
Kampf gegen seinen Hunger, gegen die abscheuliche Wonne, ein anderes
Geschöpf zu entwürdigen und dadurch doch in beglückter Dienstbarkeit zu
halten, aber jetzt, jetzt waren alle Widerstände in ihm mit einem Mal
erschöpft und gebrochen. In langen Sprüngen hetzte er von den Dünen zum
Strand herab -- und richtig -- dort unten schob Heino Wichmann das Boot
gerade zwischen den Steinen hervor. Dumpf, in abgehackten, mürrischen
Worten begehrte der Bursche von seinem Lehrer, er möge heute das
Netzelegen allein besorgen, weil er selbst -- weil -- kurz, gegen Morgen
würde er wieder daheim sein. Und seltsam -- ganz ohne das gewohnte
spöttische Grinsen, nickte diesmal der Kleine rasch und einverstanden,
ja, es schien beinahe, als käme es ihm nicht ungelegen, allein und
unbeobachtet die Meerfahrt unternehmen zu können. Eilfertig trug er dem
Aufbrechenden Grüße auf, pries ihn glücklich, mitten im Winter runde
Äpfelchen vom Baume schütteln zu dürfen -- alles gleichgültig und ohne
Anteilnahme -- und wendete sich dann wieder doppelt emsig seinem Kahn
zu. Aber Claus zögerte noch eine Weile. Denn für eine kurze Frist
befreite sich der scharfe Verstand des Jungen von den üppigen Bildern,
die ihn blind machten, und ahnungsvoll durchfuhr ihn die Erkenntnis, wie
sehr sich in den letzten Tagen das Wesen des Kleinen verändert habe.
Merkwürdig, über Heino Wichmann hatte eine treibende Unruhe Kraft
gewonnen; Claus erinnerte sich, daß sein Freund jetzt nächtelang
herumstreife, namentlich auf den Höhen der Insel, ja, der Fischersohn
rief sich zurück, wie er den Magister an einem der verwichenen Abende
heimlich auf einem ins Meer vorspringenden Steinhaufen beobachtet hatte,
wo der Strohblonde ein unbegreifliches Feuerspiel getrieben. Er hatte
dort ein Reisigbündel entzündet, und zur Verwunderung des Zuschauers
wurden die brennenden Äste einer nach dem anderen von dem Einsamen in
die Abendluft geschleudert. Was bedeutete das? Sollte hier irgend
jemandem ein Zeichen gegeben werden?

Als Claus ihn angerufen, war der Kleine erschrocken. »Was treibst du
da?« hatte der Junge gerufen. Allein statt einer Antwort hatte der
Aufgestörte den glimmenden Bund ins Wasser gestoßen, die Achseln gezuckt
und verärgert zurückgegeben:

»Meinst du, daß ich es hier noch lange vor Langeweile aushalte? So störe
mich wenigstens nicht, wenn ich die dummen Fische anmutig ergötze.«

Damit war er von den Steinen herabgesprungen und hatte sich wortlos in
die Hütte getrollt. In seinem Zögling aber nistete seitdem der Verdacht,
Heino Wichmann, dieses ihm unentbehrliche Gefäß krausesten Wissens,
dieser Galgenstrick, in dem die gemeinsten und liebenswürdigsten
Eigenschaften bunt durcheinander wirbelten, ach, dieser unstete
Wandervogel spanne gewiß bereits die Schwingen zum Flug ins Unbegrenzte.
Und darüber verzehrte sich das Herz des anhänglichen Jungen, das
neidisch nichts zu opfern vermochte, wovon es erst einmal Besitz
ergriffen. Sollte er nun vielleicht allein zurückbleiben, um abermals
zwischen den alten Leuten in Dumpfheit und Knechtschaft zu versinken?

Stunden waren bereits seit dem Zusammentreffen verflossen, nach zügellos
verbraustem Verschwenden hing Claus ernüchtert und voll Selbstverachtung
auf dem elenden Bettgestell in der Kammer der Becke, und das Gefühl des
Ausgestoßenen, des ohne Zweck noch Richtung zum Gemeinen Verurteilten
belud ihn mit solchen Gewissensängsten, daß er den Kopf in beide Hände
stützte und vergraben vor sich hinstarrte. Was sollte nun folgen?

Wenn Heino Wichmann wirklich eines Morgens verschwunden war, würde
dieses elende Weib dann nicht die einzige sein, die ihn über die
aussichtslos, ewig gleichbleibende Fron eines Unfreien hinwegtäuschte?
Also nur der Ekel oder die grelle Verwüstung blieben ihm übrig, wenn er
die Qual eines an seine Scholle gefesselten Knechtes vergessen wollte!
Fort? Flucht? Ja, wenn nur ein Sasse nicht zu jeder Bewegung der
Zustimmung seines Herrn bedurft hätte. Warum war er hierzu verdammt?
Gerade er? Und gab es hier nicht noch unzählige andere, die diesem Fluch
verfallen waren? Mit einem heftigen Ruck fuhr er in die Höhe, und so
düster und drohend funkelten seine Augen, daß die Becke, die trällernd
und hochmütig vor ihm auf und ab tänzelte, befremdet innehielt. Sobald
ihr die Selbstbesinnung wiederkehrte, lächelte sie eigentlich über den
unreifen Wildling, ja, sein gärendes Wesen sowie das bunte Gefieder
seines Geistes reizte die Denkfaule 

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