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Geschichten

by M. A. Kuzmin · German · Gutenberg #41305 · 360,708 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Geschichten
    
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Title: Geschichten

Author: M. A. Kuzmin

Translator: Edgar Mesching


        
Release date: November 6, 2012 [eBook #41305]
                Most recently updated: October 23, 2024

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/41305

Credits: Produced by Jens Sadowski


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTEN ***

GESCHICHTEN
VON
M. KUSMIN




MÜNCHEN BEI GEORG MÜLLER




Einzige vom Verfasser autorisierte
Übersetzung aus dem
Russischen von Edgar Mesching




Inhalt


Aimé Leboeufs Abenteuer / Aus den Briefen
der Claire Valmont / Florus und
der Räuber / Der Schatten der Phyllis
Tante Sonjas Chaiselongue / Flügel




Zweite Auflage
Copyright by Georg Müller München
1911




Diese
bescheidene
Arbeit überreicht
Gabriele Mesching
der Übersetzer
Berlin / am
31./18. Aug.
1911




Aimé Leboeuf's Abenteuer





Erster Teil


Erstes Kapitel

Madame de Tombel pflegte Mittwochs ihr Purgativ zu nehmen, an solchen Tagen
verliess sie erst abends das Haus, ich war deshalb sehr erstaunt, als ich
um zwei Uhr nachmittags an ihrem Hause vorüberging, sie nicht nur im Garten
lustwandeln, sondern auch schon in Toilette zu sehen.

Sie antwortete nicht auf meinen ehrerbietigen Gruss, was ich dem Gespräch
mit dem Gärtner zuschrieb, in dessen Begleitung sie den geraden Gartenweg
auf- und abging, wobei sie sich bald zu diesem, bald zu jenem Strauche
Herbstrosen neigte. Aber sowohl an den verwunderten Blicken des alten
Sulpice, als auch am erregten roten Gesicht der Dame sah man, dass die
Erklärungen des Gärtners ebenso zerstreut und nachlässig angehört wurden.
Obgleich ich mit einem Stück Spitzen zu den jungen Largillac gesandt worden
war, veranlasste mich das Unerhörte, das vor meinen Augen vor sich ging,
meinen Gruss mit erhobener Stimme zu wiederholen. Auf mein lautes:

»Guten Tag, teure Madame de Tombel!« wandte die Angerufene mir ihr volles,
von grauen Locken umrahmtes Gesicht zu, das jetzt gerötet war, und
antwortete, als bemerke sie mich erst eben:

»Ach, Sie sind es, Aimé? Guten Tag, guten Tag,« und als sie sah, dass ich
nicht weiterging, fügte sie hinzu: »Was haben Sie denn da in der Hand,
Proben?«

»Nein, gnädige Frau, das haben die jungen Largillac für Mademoiselle
Clémentine gekauft und gebeten es hinzuschicken.«

Es interessierte sie den Einkauf zu sehen und sie sagte etwas träumerisch
vor sich hin:

»Wahrscheinlich wird die Zahl Ihrer Kundinnen sich bald um eine
vergrössern, eine Verwandte kommt zu mir.«

»Wir sind erfreut sie willkommen zu heissen,« antwortete ich mit einer
Verbeugung. »Belieben Sie das Fräulein von weit her zu erwarten?«

»Aus Paris; aber es ist noch nicht bestimmt, so dass Sie, bitte, nichts
ausplaudern, Aimé, weder Papa Mathieu und vor allem nicht Mademoiselle
Blanche, . . .«

»Weshalb sollte ich wohl, gnädige Frau,« begann ich gerade, als Madame de
Tombel, welche die Strasse übersehen konnte, der ich den Rücken zukehrte,
das Gespräch abbrach und ins Haus stürzte, wobei sie dem zurückbleibenden
Gärtner zurief:

»Wie wird's nun mit unserem Bouquet zum Willkommen?«

Ich kehrte mich um und erblickte eine Dormeuse, die unbemerkt durch den
Schmutz herangefahren war. Bis zum Wagendach war sie mit Bündeln, Koffern
und Kissen vollgepackt. Die Diener und Mägde von Madame de Tombel drängten
sich zwischen dem Kutschenschlag und dem Haustor. Dann sah ich den Hut der
Angekommenen mit seinen im scharfen Winde flatternden Bändern couleur
»Adonis mourant«. Diane und Mameluk umsprangen sie bellend und von den
obersten Stufen der halbdunkeln Treppe kam die Stimme von Madame de Tombel:

»Louise, Louise, mein Kind!«


Zweites Kapitel

Als Augenzeuge erregte ich mit meiner Erzählung von der Ankunft der
Verwandten Madame de Tombel's zu Hause, bei Tische grosse Neugier. Als
Véronique, nachdem sie das Fleisch vor Papa Mathieu zum Zerschneiden
hingestellt hatte, sich an unseren Tisch setzte, beteiligte auch sie sich
an den allgemeinen Fragen, indem sie bemerkte: »Ist sie wenigstens
unverheiratet, diese Dame?« Aber ich wusste, ausser von den Bändern der
Angekommenen, von nichts zu erzählen, so dass der Prinzipal sich wieder
daran machte den Braten zu zerlegen und Mademoiselle Blanche mit einem
Lächeln meinte:

»Man kann nicht sagen, dass Aimé ein guter Beobachter wäre.«

»Er hat sofort gesehen, was er, als Kaufmann, braucht: die Farbe der
Bänder; was für Bänder waren es denn: aus Lyon oder St. Étienne?« meinte
Papa Mathieu.

Alle lachten und fingen an zu essen. Zwischen Braten und Käse sprach man
bereits nur von den jungen Largillac und von Geschäften. Aber mein Kopf war
ganz von der angereisten Dame in Anspruch genommen: was für Haare sie habe,
welch ein Gesicht, was für Kleider, ob sie reich sei, ob verheiratet oder
ledig und dergleichen mehr. Nach dem Abendbrot sass man, wie gewöhnlich,
vor der Tür, um den warmen Abend zu geniessen, und wie gewöhnlich, erhob
sich auch Papa Mathieu gähnend zuerst, um sich zur Ruhe zu begeben, denn er
sah das Aufstehen mit der Morgenröte voraus, ihm folgte die Hausfrau und
Véronique, und, wie gewöhnlich, blieb ich mit Mademoiselle Blanche allein
auf den Stufen der Treppe vor der Haustür sitzen. Wir unterhielten uns
leise darüber was morgen für ein Wetter sein werde, wie die Arbeit heute
gegangen, weshalb Mameluk wohl belle, ob es bald einen Feiertag gäbe, --
aber ich war zerstreut und hätte beinahe vergessen Mademoiselle Blanche zum
Abschied zu küssen, die sich in ihr grosses Tuch gehüllt hatte und böse zu
sein schien. Nachdem ich Néron von der Kette gelöst hatte, sah ich nach der
Pforte, verschloss die Gartentür, das Haustor, löschte das Licht aus, stieg
mit einer Kerze hinauf in mein Zimmer und legte mich schlafen, ohne an
Mademoiselle Blanche, als an meine wahrscheinliche Braut zu denken, die
mein Prinzipal und seine Gattin mir, ihrem Adoptivsohne, zugedacht hatten,
der von Kindesbeinen in der Familie aufgewachsen war und weder Eltern, noch
Heimat, noch die Kirche kannte, in der ich Jean, Aimé, Ulysse, Bartholomé
getauft worden war.


Drittes Kapitel

Aus der ziemlich dunkeln Werkstatt konnte man einen Teil des
gegenüberliegenden Hauses mit seinem Ziegeldache und dem langen Zaun sehen,
der der einzige gestrichene in unserer Stadt war. Dann sah man noch das
Strassenpflaster, das Schild der Bäckerei, den rotbraunen Hund, der vor der
Pforte lag, den blauen Himmel, in der Luft umherfliegende Spinneweben. Und
das alles erfasste mein Auge wahllos, nicht deshalb, weil mein Verstand von
einem Gedanken ausschliesslich beherrscht wurde, sondern, im Gegenteil,
infolge einer eigentümlichen Leere in meinem Kopfe. Ungeachtet der ersten
Septembertage war es sehr heiss und in der Erwartung von Honorés Rückkehr,
der zu ein paar Kunden geschickt war, schlummerte ich auf der Bank,
vergeblich bemüht mich zu erinnern, welche und wieviele Stücke gestern für
Madame Louise de Tombel geholt worden waren, als mich plötzlich eine Stimme
weckte, die sagte:

»Schlafen Sie, teurer Monsieur Aimé?«

Vor mir stand in der Tür, von der Sonne beschienen, ganz in Rosa, mit
Schönheitspflästerchen im lächelnden, runden Gesicht, einen Schäferhut von
der Seite an die hohe toupierte Frisur gesteckt, Madame Louise de Tombel in
eigener Person. Obgleich sie schon an die drei Wochen in der Stadt lebte,
hatte ich Madame Louise noch nicht in der Nähe zu Gesichte bekommen, weil
sie nicht nur die Kirche und die Promenade nicht besuchte, sondern
überhaupt sehr selten auf die Strasse hinausging. Wie es hiess, verbarg sie
sich ihrer Schulden wegen oder vor der Eifersucht ihres Gatten, den sie in
Bruxelles verlassen hatte. Sie war von mittlerem Wuchs, etwas üppig, hatte
ein rundes Gesicht mit lustigen braunen Augen, einem kleinen Munde und
einem geraden Stumpfnäschen. Ich war so verwirrt, dass ich kaum imstande
war ihre Fragen vernünftig zu beantworten, um so weniger, als das
Bologneser Hündchen, das mit ihr gekommen war, mich die ganze Zeit
anbellte. Ich war, die Käuferin begleitend, zur Tür hinausgetreten und
blieb dann auch auf der Strasse stehen, bis Honoré kam, den ich zu Bageot
geschickt hatte, um zu fragen was die Largillac geantwortet hätten! Honoré
weckte mich grinsend aus meinen Träumen, ich brauste auf und begann ihn zu
schelten, dass er so lange fortgewesen, dass der Laden voll Staub, die
Proben vermengt seien usw. Sein ganzes Leben an Waren, an Käufer denken
müssen, den ganzen Tag, und dazu noch an einem so heissen, im dunkeln Laden
sitzen, nichts sehen, nirgendwohin ausfahren, da wird man unwillkürlich
schlechter Laune und lässt sich ein grobes Wort entschlüpfen.

Honoré machte sich schweigend daran den Fussboden zu kehren und rückte
geräuschvoll die Sessel ab. Ich hatte ihm den Rücken zugekehrt und blieb
eine Zeitlang mit in den Hosentaschen vergrabenen Händen vor der Tür
stehen, schliesslich sagte ich, so freundlich, wie ich konnte:

»Hör' mal Honoré, Madame Louise de Tombel war persönlich hier, da müsste
man doch . . . .«

Honoré hörte, sich auf den Besen stützend zu, und der Staub, den er
aufgewirbelt hatte, tanzte in der Sonne.


Viertes Kapitel

Da die Demoiselles Bageot zu uns zu Besuch gekommen waren, so spielten wir
vor dem Abendessen auf der Wiese, die zum Teiche führt, Blindekuh:
Mademoiselle Blanche, die Demoiselles Bageot, Honoré und ich. Es dämmerte
bereits und das Abendrot verblasste hinter den Linden; über dem Teiche
leuchtete schon der Silberschein des Mondes, und die Gänse, die man noch
nicht nach Hause getrieben hatte, stimmten mit lautem Geschrei in unsere
Heiterkeit ein. Mademoiselle Blanche, die einzige ganz in Weiss,
schimmerte, wie Corrigane, hie und da durch die Büsche, die jungen Mädchen
liefen mit Geschrei dahin, und wenn ich die Tochter meines Prinzipals
gefangen hatte und ihr die Augen mit einem dünnen Tuche verband, kehrte sie
ihr Gesicht mit den Augen, die schon nicht mehr sehen konnten, und den
blonden Locken zu mir und sagte seufzend:

»Ach, Aimé, wie liebe ich Sie!«

Als Rose Bageot fangen musste, kam der Junge vom Bäcker aus den Gebüschen
hervor, rief mich durch ein Zeichen zu sich heran und drückte mir, bemüht
von den anderen nicht bemerkt zu werden, ein zusammengefaltetes Papier in
die Hand. Ich trat hinter einen dichten Busch, entfaltete das parfümierte
Blättchen, aber beim unsicheren Lichte des Mondes konnte ich die Worte der
nachlässig hingeworfenen feinen Zeilen nicht entziffern.

»Gefangen, Monsieur Aimé! Hier also habe ich Sie erwischt, und das ganz
zufällig, weil ich in diesen Graben fiel und ohne Sie zu bemerken auf die
andere Seite hinüberging!« schrie Rose, mich so schnell am Ärmel fassend,
dass ich kaum Zeit hatte den Brief in die Hosentasche zu stecken, da ich
beim Spiel kein Gilet anhatte. Die Gäste gingen, von Honoré begleitet, im
Mondschein fort und nahmen noch lange im Chor auf der Strasse Abschied. Ich
hatte Kopfschmerz vorgeschützt und eilte nach oben. Véronique ging lange
nicht fort und quälte mich mit ihren ärztlichen Ratschlägen; endlich war
ich allein, steckte eine Kerze an und las:

»Wenn Sie ein kühnes und empfindsames Herz besitzen, ohne das man der Liebe
einer Frau nicht würdig werden kann, wenn Sie nicht durch einen Schwur
gebunden sind -- werden Sie Mittwoch um halb acht Uhr bei der Kirche St.
Roche sein; aus der >Rue des Quarante Vièrges< wird eine Frau mit einem
Korbe am rechten Arme herauskommen, an Ihnen vorübergehend, wird sie Sie
mit dem Ellenbogen berühren, was die Aufforderung ihr zu folgen sein wird.
Gehen Sie auf der anderen Seite der Strasse, ohne Ihre Führerin aus dem
Auge zu lassen, und Sie werden sehen, welch ein Lohn des Mannes harrt, der
erfüllt, was sein anziehendes und ehrliches Gesicht verheisst. Als von
einem edlen Manne wird von Ihnen vollkommene Diskretion erwartet.«


Fünftes Kapitel

Die Frau war an den Seitenflügel des Hauses von Madame de Tombel
herangetreten, blieb stehen und winkte mich mit der Hand an ihre Seite. Ich
schlüpfte ihrem beim Schein der Sterne kaum sichtbaren Kleide nach durch
ein Pförtchen, das ich vorher nie vermutet hatte. Nach ein paar Schritten
über den Gartenweg, betraten wir das Haus durch eine bereits geöffnete Tür:
meine Begleiterin fasste mich bei der Hand und führte mich sicher, ohne
Kerze, durch eine Reihe von Zimmern, die matt, nur von den durchs Fenster
funkelnden Sternen erhellt wurden.

Ich stiess an einen Stuhl, wir blieben stehen; ich konnte das Klopfen
meines Herzens vernehmen und hörte Mäuse pfeifen; gedämpft, wie aus der
Ferne, kamen Klänge eines Clavecins herüber. Vor der Tür, hinter welcher
die Klänge laut wurden, machte meine Begleiterin halt und klopfte zweimal;
die Musik verstummte, die Tür ging auf und wir betraten ein kleines Zimmer
mit leichten Paravents im Hintergrunde, die Dochte der eben verlöschten
Kerzen auf dem Instrument glimmten noch rauchend, das Zimmer wurde von
einer Nachtlampe erleuchtet, die in einer durchsichtigen rosa Schale
brannte.

»Warten Sie,« sagte die Frau, die durch eine andere Tür das Zimmer
verliess. Nachdem ich eine Weile gestanden hatte, setzte ich mich und
begann das Zimmer zu betrachten. Ich war selbst über meine Ruhe erstaunt.
-- Irgendwo schlug es acht. Eine andere Uhr antwortete dumpf in der Ferne.
Auch die Bronzeschäferin vor dem Spiegel läutete fein achtmal. Mir scheint,
ich war eingeschlummert und erwachte, weil ich gleichzeitig das Licht einer
Kerze dicht vor meinen Augen spürte, einen Kuss und den Schmerz von einem
heissen, auf meine Hand geträufelten Wachstropfen fühlte. Vor mir stand in
reizendem Negligé Madame Louise de Tombel, die mich mit dem Arm umfing, in
dessen Hand sie einen himmelblauen Porzellanleuchter mit einer Kerze hielt.
Durch meine jähe Bewegung fiel die Kerze zu Boden und verlöschte. Madame de
Tombel flüsterte mir unter Lachen und Küssen zu:

»Er schlief, er schlief in der Erwartung! O Ausbund von Tugend!«

Sie war augenscheinlich zufrieden mit mir, denn sie hatte mir ein neues
Stelldichein nach vier Tagen gewährt und begleitete mich durch zwei Zimmer,
von wo mich dieselbe alte Marguerite hinausgeleitete. Es war schon hell,
ich eilte an einer grossen Pfütze vorbei, blieb aber doch stehen, um mich
zu spiegeln, wobei ich mich bemühte meine Züge zu betrachten, als seien es
die eines Fremden. Ich sah ein rundliches Gesicht mit hellgrauen Augen,
einer Stumpfnase, einem grossen Munde und vollen goldigen Brauen, die
Wangen waren pfirsichfarben und mit einem leichten Flaum bedeckt; kleine
Ohren, lange Beine und ein hoher Wuchs vervollständigten das Äussere des
glücklichen Sterblichen, welcher der Liebe von Madame Louise de Tombel
gewürdigt worden war.


Sechstes Kapitel

Als ich einmal zur gewohnten Stunde zu Louise kam, fand ich sie in Tränen
aufgelöst und verstimmt; sie teilte mir mit, dass gewisse Dinge sie nach
Paris riefen, und sie wisse nicht, wann und ob sie überhaupt zurückkehren
werde. Ich war wie vom Schlage gerührt und hörte die weiteren Einzelheiten
des nahenden Unheils nur schlecht.

»Ich gehe mit Ihnen,« erklärte ich, mich erhebend.

Louise sah mich durch Tränen erstaunt an.

»Meinen Sie?« sagte sie vor sich hin und schwieg.

»Ich kann nicht ohne Sie leben, das würde sein, wie der Tod!« und ich
sprach lange und heiss von meiner Liebe und Bereitschaft, meiner Geliebten,
wohin auch immer, zu folgen. Dabei ging ich im Zimmer vor Madame de Tombel
auf und ab, die schon aufgehört hatte zu weinen. Endlich, als ich schwieg,
sagte sie mit ernster, fast ärgerlicher Stimme:

»Das alles ist sehr schön, aber Sie denken nur an sich. Ich aber kann nicht
in Paris mit einem Liebhaber en titre erscheinen.« Und bemüht durch ein
Lächeln die Grausamkeit der ersten Worte zu mildern, fuhr sie fort: »Es
gäbe einen Ausweg, aber ich weiss nicht, ob Sie mit ihm einverstanden sein
werden.«

»Ich bin zu allem bereit, um bei Ihnen sein zu können.«

»Reisen Sie mit mir, aber als mein Diener.«

»Diener?!« rief ich unwillkürlich aus.

»Nur anderen Menschen gegenüber, die wir nicht brauchen, werden Sie Diener
heissen, für mich werden Sie, wirst du, mein Aimé, mein geliebter,
ersehnter Herr sein!« Und sie umschlang meinen Hals mit ihren Armen und
bedeckte mein Gesicht mit schnellen, kurzen Küssen, die schwindelig machen.
Wir verabredeten, dass ich einen Tag vor der Abreise Madame de Tombels
einen Vorwand finden sollte in Geschäften irgendwohin zu reiten, mich aber
in entgegengesetzter Richtung auf den Weg machen und auf der ersten
Poststation Louise erwarten würde. So kam auch alles. In regnerischer
Dämmerung ritt ich die von Kindheit auf bekannte schmutzige Strasse mit im
kalten Winde flatterndem Mantel entlang und dachte an das bleiche Gesicht
von Mademoiselle Blanche, die das Näschen an die Fensterscheibe gedrückt,
mir nachgesehen hatte, als ich fortritt, und dachte an ein anderes
rundliches Gesicht mit braunen lustigen Augen und einem geraden
Stumpfnäschen, das ich auf der kleinen Poststation, weit von meiner
Heimatstadt, die ich vielleicht für immer verliess, wiedersehen würde, --
und es war nicht nur der Regen, der mir ins Gesicht peitschte, wovon meine
Wangen nass wurden.




Zweiter Teil


Erstes Kapitel

O ihr birkenumrandeten Strassen, herbstlich klaren Fernen, neuen Gesichter,
Begegnungen, spät abends die Ankunft, die Weiterreise am hellen Morgen, des
Schwagers lustiges Horn, Dörfer, buschige bunte Haine, Klöster und den
ganzen Tag und den Abend und die Nacht die sehen und hören, die mir das
Teuerste war -- welch ein Glück hätte das sein können, welch eine Freude,
wenn ich nicht als ihr Diener mitgereist wäre, der die Pferde besorgte, in
der Küche sein Abendbrot ass, im Stalle schlief, und nicht wagen durfte
seine Louise zu küssen, zärtlich mit ihr zu plaudern. Ausserdem klagte sie
während der ganzen Reise über Kopfschmerz. In Paris erwartete uns am
Stadttor ein alter Mann mit Pferden und einer Karosse; er war
augenscheinlich schon vorher benachrichtigt worden, denn er fragte uns, ob
er die Ehre habe, Madame de Tombel gegenüberzustehen und stellte sich als
Abgesandter des Grafen vor. Er führte uns in ein kleines Hotel, das in
einem dichten Garten gelegen war. Mir wurde in der Mansarde ein Zimmer
angewiesen, aus dem eine geheime Treppe gerade ins Schlafzimmer von Madame
führte.

»Dieser Bauernjunge ist ganz dumm, ausserdem werde ich die Tür
verschliessen und den Schlüssel an mich nehmen,« warf Louise, den fragenden
Blick des alten Dieners beantwortend, hin. »Aimé war unterwegs
unersetzlich,« fügte sie hinzu, während sie die Kerzen vor dem hohen
Spiegel anzündete und uns ein Zeichen machte, hinauszugehen.

Wir fanden oft genug Gelegenheit mit Louise allein zu sein, aber ich war
sehr erstaunt, als am Ende des Monats der Alte mir Geld gab, wobei er
brummte:

»Der Graf sollte diesem Nichtsnutz, der den lieben langen Tag keinen Finger
rührt, nicht noch Lohn zahlen.«

Ich schwieg und nahm das Geld, aber bei der ersten Gelegenheit bat ich
Madame de Tombel mir dies alles zu erklären. Sie wurde etwas verlegen,
sagte aber:

»Wir haben doch selbst abgemacht, dass es für dich, mein Aimé, praktischer
ist, vor den Leuten als mein Diener zu gelten. Das hindert uns doch nicht,
uns zu treffen, nicht wahr? Geld aber schadet niemals. Was das Brummen des
Haushofmeisters anbetrifft, lohnt es sich darauf zu achten? Immerhin
solltest du, um die Aufmerksamkeit abzulenken, dich mit irgend etwas
beschäftigen.«

Zu fragen, wie der Graf dazu käme, mir Lohn zu zahlen, kam mir nicht in den
Sinn, und bald wurde ich fast zu einem wirklichen Lakai, der sich mit den
Dienern der Nachbarhäuser zankte, mit ihnen Karten spielte und in die
Kneipen lief, gegen den Haushofmeister grob wurde, ohne dass mich das alles
sonderlich bedrückt hätte.


Zweites Kapitel

Die wenig zahlreichen Gäste von Madame de Tombel bestanden aus älteren
vornehmen Herren, die zu dieser jungen Schönen kamen, um mit ihr zu Mittag
zu speisen, am Kamin zu plaudern oder eine Partie Karten zu spielen. Sie
brachen immer zeitig auf. Madame de Tombel selbst fuhr selten, nur um
Einkäufe zu machen, am Tage aus. Sehr selten, drei-, viermal im Monat,
besuchte sie die Oper. Häufiger als die übrigen war nur der Graf de
Chèvreville bei uns. Er war der einzige, der allein kam. Seine Besuche
machte er zu verschiedenen Tageszeiten und er durfte auch das Schlafzimmer
von Madame betreten. Ich bemerkte, dass Louise nach seinen Besuchen
besonders zärtlich zu mir war, aber ich teilte diese Beobachtung aus Furcht
vor ihrem Spott nicht mit ihr, wünschte nur im geheimen, dass die
gräflichen Besuche häufiger wären. Einmal wurde ich mit Briefen zum Grafen
und dem Herzog de Saucier gesandt, bei dem ich noch niemals gewesen war.
Louise lud die beiden, glaube ich, zum Mittagessen ein. Ein alter Diener
nahm meinen Brief und liess mich im grossen halbdunkeln Vorzimmer auf
Antwort warten. Ich setzte mich auf eine hölzerne Truhe. Neben mir sass, in
Gedanken versunken, ein blasser junger Mann in einem abgetragenen langen
Rock. Er war blond und hatte eine lange Nase. Nachdem er eine Zeitlang so
dagesessen hatte, wandte er sein Gesicht zu mir, als bemerke er mich erst
jetzt. Dabei fielen mir seine tiefroten Lippen und seine scharfen und
zerstreuten, durchdringenden und dabei doch nicht sehenden Augen auf. Er
schien mir betrunken oder nicht ganz bei Sinnen zu sein.

Nach dem er mich flüchtig und doch aufmerksam betrachtet hatte, fragte er:

»Sie müssen wahrscheinlich bei diesem Regenwetter noch Briefe austragen?«

»Ja, es ist so, ich muss zum Grafen de Chèvreville.«

»So? . . . nun, wie stehen Sie sich denn mit Ihrem Herrn?«

»Wie soll ich mich mit ihm stehen? Und weshalb nennen Sie den Grafen meinen
Herrn?«

»Natürlich macht Ihre Diskretion Ihnen Ehre, mein Lieber, aber unter guten
Bekannten sollte es keine Geheimnisse geben und wir wissen doch
ausgezeichnet, dass die bezaubernde Madame de Tombel sich, sozusagen, des
Schutzes dieses guten Grafen erfreut . . .«

Der Lakai kam mit der Antwort zurück und unterbrach unser Gespräch. Zu
Hause erfuhr ich von den Dienern, dass der junge Mann, der sich mit mir
unterhalten hatte, ein Sohn des Herzogs, François de Saucier gewesen, den
sein Vater für irgendwelche dummen Streiche und aus schmutzigem Geize mit
dem Gesinde zusammen hielt. Durch meine Entdeckung erregt, konnte ich drei
Nächte nicht Schlaf finden. Ich beschloss, ohne mich zu verraten, alles
selbst zu erfahren.


Drittes Kapitel

Am Morgen suchte ich mit dem ganzen Hause den Schlüssel, den ich in meine
eigene Tasche gesteckt hatte. Da am nächsten Tage der Schlosser gerufen
werden sollte, so musste ich meinen Entschluss noch am selben Abend
ausführen, was mir durch den Besuch des Grafen de Chèvreville erleichtert
wurde. Als er sich, wie gewöhnlich, mit Madame de Tombel in ihr
Schlafzimmer zurückgezogen hatte, wartete ich eine halbe Stunde und stieg
die Treppe aus meinem Zimmer vor die bekannte Geheimtür hinunter. Neugierig
sah ich durchs Schlüsselloch. Obgleich mein Herz zu springen drohte und es
in meinen Ohren sauste, als ich Louise mit dem Grafen in zärtlicher
Umarmung auf dem Sofa erblickte, obgleich ich ganz von Entrüstung und
Bitterkeit erfüllt war, die durch die Hässlichkeit und das Alter des Grafen
noch verschärft wurden, folgte ich dennoch schweigend den Bewegungen der
beiden, und erst, als mir der Augenblick günstig schien, drehte ich den ins
Schlüsselloch gesteckten und für verloren gehaltenen Schlüssel um.

»Treulose!« rief ich, ins Zimmer tretend. Louise hatte sich so schnell von
der Seite des Grafen entfernt und ihre Kleider in Ordnung gebracht, dass
nur die Gründlichkeit meiner Beobachtungen mir nicht gestattete mich als
Opfer eines Irrtums zu betrachten.

»Weder Schwüre, noch Versprechungen, noch Liebe!« . . . begann ich.

»Nicht übel,« unterbrach mich Louise, die bereits ihre Haltung
wiedergewonnen hatte. »Das ist, glaub ich, aus Rotrou? Sie verwenden Ihre
Mussestunden mit Nutzen, indem Sie Tiraden aus Tragödien auswendig lernen,
jetzt sollen Sie noch mehr freie Zeit dazu haben, da Sie schon morgen mein
Hôtel verlassen werden.«

»Sie sind in der Tat viel zu nachsichtig gegen alle diese Leute, teure
Madame de Tombel,« sagte der alte Graf.

»Ja, und Sie sehen, wie ich bestraft werde!« antwortete Louise lebhaft.
»Aber es ist das letztemal. Weshalb aber sind Sie hier?«

Jetzt wandte ich mich an de Chèvreville. Ich erzählte ihm von meinen
Beziehungen zu Louise in der Absicht ihn durch Eifersucht von diesem Weihe
abzustossen. Sie hörte stumm mit einem boshaften Lächeln zu. Und ihre
Augenbraue, über der ein Schönheitspflästerchen in Gestalt eines
Schmetterlings angeklebt war, zuckte.

»Sie täuschen sich, mein Lieber, wenn Sie glauben, dass ich für Ihre
Geschichten ein besonderes Interesse habe,« bemerkte der Graf.

»Kein Wort davon ist wahr,« flüsterte Louise.

»Als ob ich das nicht wüsste,« meinte der Graf, ihre Hand drückend.

Verzweifelt fiel ich mitten im Zimmer auf die Knie.

»Louise, Louise, und mein Schlaf, als ich Sie erwartete? Und das
wundervolle Erwachen? Und die alte Marguerite? Und die Reise nach Paris?
Und das Muttermal auf dem linken Bein?«

Der Graf lächelte. Madame de Tombel hatte sich erhoben und sagte.

»Sie tun mir leid, Aimé, aber wirklich, Sie sind nicht bei Troste.«

»Beruhigen Sie sich, teure Madame de Tombel,« sagte der alte Graf und
küsste ihre Hand.

»Kanaille!« stiess ich, aufspringend, hervor, »heute noch verlasse ich dein
widerliches Haus!«

»Um so besser. Apropos, vergessen Sie nur nicht den gestohlenen Schlüssel
abzugeben,« warf Louise hin.


Viertes Kapitel

Ich weiss nicht, wie ich auf die Brücke gelangte; es war augenscheinlich
schon spät, denn die Lichter in den Buden am Kai waren verlöscht und
niemand kam vorüber. Müde vom Umherirren durch unbekannte Strassen, von
Liebe, Eifersucht und Wut zerrissen, ohne mir sagen zu können wohin ich
meine Schritte lenken solle, lehnte ich mich ans Brückengeländer und begann
in den schwarzen Fluss hinunterzustarren, auf dessen vom Winde gekräuseltem
Wasser der Widerschein einiger weniger Sterne zitterte. Der Gedanke an
Selbstmord lockte und schreckte mich zugleich. Die Hauptsache war, dass man
dann nicht an die Zukunft zu denken brauchte. Aber das Wasser ist so
dunkel, wahrscheinlich sehr kalt; beim Ertrinken steht so viel
unwillkürlicher Kampf mit dem Tode bevor, es ist dann schon besser sich zu
erhängen, das kann man auch am Tage tun, wenn alles viel heiterer ist.
Unter solchen Gedanken hatte ich nicht bemerkt, dass ein Häuflein Menschen
mit einer Laterne die Brücke betreten hatte; alle waren der Kälte wegen in
ihre Mäntel eingewickelt, den Stimmen nach konnte man annehmen, dass die
Gesellschaft aus zwei Frauen und vier Männern bestand. Als die Leute an
mich herangekommen waren, leuchtete der Laternenträger mir ins Gesicht und
sagte mit grober Stimme:

»Was ist das für ein Kerl? Ein Selbstmordkandidat?«

»Ha! ein bekanntes Gesicht,« kam es aus der Gruppe, »ist das nicht gar das
Küken von Madame de Tombel, der bezaubernden Louise?«

»Ein Aas -- diese Dame,« sagte eine heisere Frauenstimme.

»Aber was macht dieser kleine Adonis hier? Warum steckt er nicht im Bette
seiner Herrin, sondern steht auf der Seinebrücke herum?« fragte ein Mann
von niederem Wuchse mit seiner Fistelstimme.

»In der Tat, wohin gehen Sie allein, ohne Mantel, zu dieser Stunde? Das ist
durchaus nicht so ungefährlich!« meinte, mich beiseite nehmend, François de
Saucier (ich erkannte ihn jetzt an Augen und Nase). Ich erzählte ihm kurz,
aber ziemlich verwirrt, meine Geschichte. Er lächelte und sagte ernst:

»Wunderschön, aber ich sehe bloss, dass Sie sehr naiv sind, und dass Sie
kein Obdach haben. Diese Nacht verbringen Sie am besten mit uns. Wir
überlegen dann was weiter zu tun sein wird. Über Nacht kommt Rat, nicht
wahr?« Dann schloss er sich wieder der Gesellschaft an und erklärte laut:

»Freunde, Mademoiselle Colette, für heute vergrössert sich unsere
Gesellschaft um diesen reizenden Jüngling, er heisst Aimé, wer hat etwas
dagegen? Als Herrin des Hauses hast du das erste Wort, Colette.«

»Er ist der Siebente und läuft Gefahr ohne Anschluss zu bleiben,« sagte ein
hochgewachsenes Frauenzimmer, das Colette angeredet wurde.

»Oder noch schlimmer, er raubt jemand von uns seinen Anschluss.«

»Zum Teufel, so rührt euch doch, auf der Brücke bläst ein Höllenwind und
das Licht in der Laterne geht zu Ende! Zu Hause werden wir uns schon
verteilen,« rief der Laternenträger.


Fünftes Kapitel

   »Colette, Colette,
   So kommt es, ich wett':
   Keinen Gruss mehr,
   Keinen Kuss mehr,
   Vergessen die Eide.
   In dürftigem Kleide
   Naht das Alter auf Krücken,
   Um dich niederzudrücken
   Ins letzte schmale Bett,
   Colette, Colette!«

So sang ein Mann in langem rotem Gilet, ein Bein über das andere
geschlagen, die Gitarre aufs Knie gestützt, den Kopf mit dem roten dicken
Gesicht zurückgeworfen. Colette spielte mit dem Marquis Karten, wobei sie
den Sänger wütend von der Seite ansah. Die kleine Ninon tanzte, ganz bei
der Sache, ein Menuett ohne Kavalier, der Schauspieler deklamierte mit
seinem hohen Tenor:

   »O Herrscher, wenn deine Wünsche sich
   Mit des Volkes Vorteil deckten,
   Wenn auch der letzte Bauer noch
   Vermöchte Schutz beim Thron zu finden!«

Mir gegenüber sass, sich zu de Saucier haltend, ein junger Mann, den alle
»Durchlaucht« anredeten. Er trug einen bescheidenen Anzug, hatte aber
äusserst kostbare Ringe von seltener Schönheit an den Fingern. Seine Augen
hatten etwas, was sie den Augen des Marquis eigenartig ähnlich machten.
Später begriff ich, dass es die Verbindung von Aufmerksamkeit und
Zerstreutheit, von Schärfe und Blindheit war, was sie gemeinsam hatten. Der
Hund unter dem Tische kratzte sich, mit der Pfote klopfend, die Flöhe aus
dem Fell; wenn Colette ihm einen Fusstritt gab, heulte er auf.

»Das ist unter Freunden unehrenhaft: Du hast eine Volte geschlagen.«

»Liebe Colette, Sie haben sich versehen!«

»Was? Glaubst du vielleicht, dass ich blind bin?«

»Nein, es scheint, dass Mademoiselle unrecht hat,« bemerkte leise der Mann
mit den Ringen.

»Es ist kein Wunder, dass Sie für François Partei ergreifen.«

   »Um dich niederzudrücken
   Ins letzte schmale Bett,
   Colette, Colette . . .«

»Mich macht dieses Gesinge wild! Jacques, hör' auf!«

»Wie werde ich dann mein Menuett tanzen?«

   »Und himmelwärts erhöbe sich das Stimmenmeer
   Von dir, befreiter, freier Bürger . . .«

Colette trank mit einem Zuge ihren Wein aus. Mir war es, als träumte ich.
Der Streit wurde immer hitziger. François beugte sich zu Colette und sagte:

»Nun, küssen Sie mich, meine liebe Colette, mein Engel, meine Seele.«

»Würde mir grad noch fehlen jeden Schmutzfinken, jeden Herumtreiber zu
küssen! Was, weiss ich etwa nicht woher du dein Geld hast? Vom herzoglichen
Papa natürlich? Was genierst du dich? Wir sind hier unter uns und ich speie
dir ins Gesicht, wenn du noch zu mir kriechst. Du weisst selbst, was du
weisst!«

»Ihre Worte beleidigen auch mich, Madame,« sagte, sich erhebend, der junge
Mann mit den eigenartigen Augen.

»Ach, fühle sich beleidigt, wer mag. Ihr seid mir alle bis zum Halse! Und
was schleppt ihr euch hierher, wenn ihr uns nicht braucht?«

»Wer beleidigt? Wer wagt Frauen zu beleidigen?« brüllte der im roten Gilet
und warf seine Gitarre fort.

   »So kommt es, ich wett',
   Colette, Colette . . .«

sang die kleine Ninon, ihr Menuett tanzend, weiter.

François hatte seinen Degen gezogen und drang auf den parierenden
Schauspieler ein. Colette kreischte:

»Geoffroi! Geoffroi! . . . .«

Der Hund hellte.

»Ich bin verwundet,« rief der Schauspieler und sank auf einen Stuhl.

»Gehen wir!« rief François' Freund mir zu und zog ihn, der auch etwas
schrie, am Rockärmel mit auf die Strasse hinaus. Draussen war es schon fast
hell.


Sechstes Kapitel

Der Dienst beim Herzog de Saucier war natürlich schwerer, als das Leben bei
Madame de Tombel. Für die Besorgung des ganzen, wenn auch zur Hälfte
vernagelten, aber immerhin grossen Hauses gab es ausser mir nur noch den
verschlafenen, gefrässigen, faulen Maturin, der geradewegs vom Dorfe kam,
und obgleich der alte Herzog nicht besonders auf Sauberkeit erpicht war,
und der junge Hausherr uns half, gab es übergenug zu tun. Zu essen gab's
knapp, die Kleider, die wir bekamen, waren alt und von anderen Leuten
abgetragen. Wir schliefen von elf Uhr abends bis Sonnenaufgang. Ich war
jung, mir fiel das nicht besonders schwer, um so weniger, als auch der
Marquis, mit dem ich mich, trotzdem sein Vater knurrte, immer mehr
befreundete, unser Leben in jeder Hinsicht teilte. Und wir gingen oft
zusammen aus, um uns in ihm bekannten Spelunken herumzutreiben, wo wir
spielend und zechend so lange zu sitzen pflegten, bis es Zeit war, nach
Hause zu gehen, um die Zimmer aufzuräumen. Er war mit mir aufrichtig,
besonders, wenn er betrunken war, aber ich verstand nicht alles von seinen
Bekenntnissen, obgleich sie mich mit Furcht und Neugier erfüllten. Aber
François ausführlich ausfragen, um mir Klarheit zu verschaffen, wollte ich
nicht aus Feigheit und Angst, ich könnte aufhören ihn zu lieben. Wir waren
wiederholt auch bei Mademoiselle Colette, die François des Streites wegen
nicht mehr grollte, und an anderen Orten, fast immer in Begleitung des
jungen Mannes, dessen Namen ich nicht kannte, und den alle »Durchlaucht«
anredeten. Ich wusste, dass François häufig von ihm Geld nahm, und einmal,
als wir die Treppen zu Ninon hinaufstiegen, hörte ich diese zu Colette
sagen:

»Dieser dumme Geliebte des kleinen Marquis ist heute gründlich
hereingefallen!« . . . .

Mir schien, dass sie François und dessen Freund meinte. Ich sagte ihm
nichts wieder, aber diese Worte gruben sich tief in mein Gedächtnis. Einmal
-- wir hatten den Fürsten lange nicht gesehen -- kam François spät nach
Hause, er war wütend, betrunken, verstimmt.

»Was ist Ihnen, François?« fragte ich, ohne von meinem Rock aufzusehen, den
ich bei einer Kerze flickte.

Ohne zu antworten, seufzte François noch tiefer auf und legte sich, mit dem
Gesicht zur Wand, aufs Bett.

Mir schien es, dass er weine.

»Was ist mit Ihnen, François? Sagen Sie es mir. Sie wissen es doch, dass
ausser dem Fürsten, niemand Sie so liebt, wie ich. Nun, sprechen wir von
Ihrem Freunde, wollen Sie?« fügte ich hinzu, als François keine Antwort
gab.

François wandte mir sein Gesicht mit den verweinten Augen zu:

»Wenn Sie verstehen würden, Aimé! . . . Aber Sie sind ja ein unwissender
Knabe, wenn Sie mich vielleicht auch liebhaben.«

»Nun, sprechen wir dann von Ihrem Freunde.«

»Warum quälen Sie mich? Wir werden ihn niemals mehr wiedersehen, er ist
nicht mehr.«

»Ist er ermordet, gestorben?« rief ich aus.

»Nein, er lebt -- er hat vorgestern geheiratet,« sagte François, der, ohne
sich zu bewegen, die Oberlage anstarrte.

Ich schwieg, obgleich ich nicht begriff, weshalb die Heirat des Fürsten ihn
uns raube.

Aus den Augen François', die offen und gerade vor sich hinstarrten, flossen
Tränen, ohne dass sich sein Gesicht verzog, das fast zu lächeln schien.
Nachdem ich das Licht geputzt hatte, setzte ich mich wieder aufs Bett.

»Sie sind darüber sehr traurig?«

François nickte schweigend mit dem Kopfe.

»Alles geht vorüber, alles vergisst man, man findet Neues; ich hatte Louise
und habe sie verloren, ich weine nicht, und doch fesselt die Liebe fester
aneinander, als die Freundschaft.«

»Du verstehst nichts,« presste der Marquis hervor, und kehrte sich wieder
zur Wand.

Die Uhr schlug zwölf. Ich musste irgend etwas tun. Ich fasste die Hand de
Sauciers, der noch immer zur Wand gekehrt dalag, und begann sie zu küssen,
während mir selbst die Tränen aus den Augen flossen.

»Lösch die Kerze aus, der Alte wird schimpfen. Und ich tu dir wirklich
leid?« flüsterte François und umarmte mich in der Dunkelheit.


Siebentes Kapitel

François war verstimmt, er hatte aufgehört zu trinken, wurde noch frömmer,
als er es schon immer gewesen, lag oft im Bett, und unsere
freundschaftlichen Gespräche, vor denen ich die Angst verloren hatte,
während die Neugier immer lebhafter wurde, schienen ihn nur wenig zu
zerstreuen. Mit zärtlicher Sorge suchte ich sein Leid zu mildern. Einmal
stieg ich, um etwas zu holen, in das obere Stockwerk und fand François auf
dem Treppenfenster sitzen. Die Kleiderbürste lag neben ihm, er war in
Gedanken versunken und schien die Landschaft nicht zu sehen, auf die seine
Augen gerichtet waren. Aus dem Fenster konnte man die roten Dächer der
niedrigeren Gebäude überschauen, ein Stückchen der Seine schimmerte in der
Ferne, über ihr blaues Wasser schossen Boote mit vom starken Winde
geschwellten Segeln vorüber, am anderen grünen Ufer stand eine Reihe grauer
Häuser, Vogelschwärme zogen unter dem wolkenlosen Himmel dahin. Ich rief
François an.

»Bist du müde?« fragte ich, in sein blasses Gesicht blickend.

»Ja, ich kann nicht mehr länger so leben! . . . Und ich wollte dir das
schon längst sagen, Aimé, der du jetzt mein einziger Freund und Genosse
bist: weisst du woran ich die ganze Zeit denke, was mich beunruhigt und
mich immer bleicher werden lässt?«

»Vielleicht bist du jetzt erregt und sagst es mir lieber hernach?«

»Nein, es ist einerlei, ich habe beinahe schon meinen Entschluss gefasst.
Siehst du,« der Marquis machte eine Pause und fuhr schneller und im
Flüsterton fort. »Ich bin der einzige und legitime Sohn des Herzogs -- er
ist reich, aber du siehst wie er mich behandelt, schlechter, als einen
Lakai. Später wird das Geld, sowieso, mir gehören, wenn ich es vielleicht
nicht brauchen werde. Das Leben meines Vaters wird sich in nichts ändern,
wenn er nicht mehr dieses mir bestimmte Geld bewachen wird. Und so habe ich
denn beschlossen es selbst schon jetzt zu nehmen.«

»Du willst deinen Vater bestehlen?« rief ich aus.

»Wenn du willst -- ja!« und er begann wieder darüber zu reden und bat mich,
ihm behilflich zu sein.

»Dann werden wir fliehen müssen?«

»Wir müssen fliehen; wie ich dir dankbar bin für dieses >wir<!« sagte er
lebhaft und wurde rot.

Erregt liess ich mich auf den Stufen der Treppe nieder und hörte seinen
Plänen von einer Flucht nach Italien zu.

»Aber zuerst muss man zu Suzanne Bache, das kann morgen am Abend oder am
Tage, nach der Messe, geschehen. Ich werde dem heiligen Christophore eine
Kerze stiften, damit alles glatt ausgeht.«

»Wird es Ihnen nicht leid tun, Ihren Vater zu verlassen?« fragte ich,
aufstehend, um nach unten zu gehen.

»Leid tun? Nein, mir ist jetzt alles gleichgültig, so kann ich nicht leben;
ausserdem werden Sie ja mit mir sein?«

»Gewiss!« sagte ich und stieg die Treppe hinunter.


Achtes Kapitel

Als wir das zweite Stockwerk des kleinen Hauses betraten, sahen wir eine
Frau, die, über einen Trog gebeugt, Wäsche wusch. Das Zimmer war mit warmem
Dampf gefüllt, man hörte nur das Plätschern des Wassers und das Klatschen
der Leinwand. Wir blieben auf der Schwelle stehen und die Frau fragte uns:

»Wen suchen Sie?«

»Madame Suzanne Bache,« antwortete François.

»Ich glaube, sie ist zu Hause und allein -- treten Sie näher,« sagte die
Frau, ohne ihre Arbeit zu unterbrechen.

»Sind Sie es, de Saucier? Treten Sie ein,« ertönte eine Stimme aus dem
Nebenzimmer. In einer kleinen Kammer, in der eine Menge Kleider herumlag,
stand am Fenster auf einer Erhöhung ein Tisch und ein Stuhl; dort sass,
einen Haufen von Lumpen durchsuchend, eine etwa dreissigjährige Frau mit
nichtssagendem blassem Gesicht. Sie trug ein dunkles Kleid. Nachdem sie uns
begrüsst hatte, fragte sie nach einigem Schweigen:

»Womit kann ich dienen, teurer Marquis?«

»Sie wissen selbst, was wir brauchen, Suzanne.«

»Ist das Ihr Freund? Weiss er?« wies sie mit dem Kopf auf mich.

»Ja, wir brauchen beide deine Prophezeiung vor einem wichtigen, sehr
wichtigen Schritt,« sagte François und liess sich auf eine Truhe nieder,
nachdem er die darauf liegenden Bündel auseinander geschoben hatte.

»Vor einem wichtigen, sehr wichtigen Schritt,« wiederholte die Bache
nachdenklich, nahm die Karten, breitete sie auf dem Tisch auseinander,
mischte sie darauf, legte sie wieder auf den Tisch und begann, nachdem sie
sie ungemischt zum drittenmal auseinander gelegt hatte, mit tonloser
Stimme:

»Was ihr zu tun vorhabt, das tut. Es wird Geld geben. Eine Reise. Weiter
gehen die Schicksale auseinander. Dir, François de Saucier, droht Krankheit
und vielleicht der Tod. Dein Freund wird noch lange den gefahrvollen Weg
des Reichtums weiter gehen und ich sehe nicht das Ende dieses Weges. Nimm
dich vor Karossen, rothaarigen Weibern und Menschen in acht, deren Namen
mit >G< beginnt. Dir droht Gefahr von Wasser, aber du wirst sie überstehen.
Der Ältere geht früher in den Tod, als der Jüngere, viel, viel früher.«

Sie schwieg in Gedanken versunken, als sei sie eingeschlafen.

»Ist das alles?« fragte de Saucier, sich erhebend, leise.

»Alles,« antwortete Suzanne tonlos, wie vorher.

»Ich danke Ihnen, Sie haben uns einen guten Dienst geleistet,« sagte
François, legte Geld auf den Tisch vor die noch immer regungslos dasitzende
Frau und trat mit mir auf die Strasse hinaus.


Neuntes Kapitel

Ich wollte unten, in François' Zimmer, warten, um aufzupassen, ob nicht
jemand komme, und nach oben laufen, wenn meine Hilfe nötig werden sollte.

Als de Saucier fortging, steckte er ein Messer in die Tasche, küsste mich
und sagte:

»Genossen auf Leben und Tod?«

»Auf Leben und Tod,« antwortete ich, vor Kälte zitternd. Seine Schritte
waren verklungen; eine unter den Tisch gestellte Kerze beleuchtete nur
spärlich das Zimmer, den Tisch, eine Flasche und zwei halbgeleerte Gläser
mit Montrachet. Die Zeit verstrich unglaublich langsam; ich fürchtete mich,
im Zimmer auf und ab zu gehen, um nicht den schlafenden Maturin zu wecken,
deshalb sass ich am Tisch und betrachtete, den Kopf auf die Hand gestützt,
mechanisch die Bank, das Bett des Marquis, den Sack, den wir für die Flucht
vorbereitet hatten, das Gebetbuch und den Rosenkranz, den de Saucier nach
der Kirche fortzuräumen vergessen hatte. Jemand kam die Treppe herunter,
ich horchte auf: de Saucier trat bleich, mit einer Schatulle in der Hand,
ins Zimmer. Das Messer fiel aus seiner Hosentasche. Er stellte die
Schatulle auf den Tisch, füllte das Weinglas und schlürfte gierig den im
Lichte der wieder hervorgeholten Kerze goldig schimmernden Wein.

»Schlief er?« fragte ich. François nickte mit dem Kopfe.

»Alles?« fragte ich wieder, auf die Schatulle deutend. Er nickte wieder
stumm und streckte sich plötzlich mit unter dem Kopfe verschränkten Armen
aufs Bett aus.

»Was ist dir? Wir müssen doch fliehen! Der Herzog kann jeden Augenblick
erwachen, er kann es bemerken. Haben wir nicht ausgemacht bei Jacques zu
übernachten, um morgen abzureisen?«

»Lass; ich bin müde,« antwortete François und schlief ein. Ich steckte die
Schatulle in den Sack, wartete eine Zeitlang und begann wieder François zu
wecken. Ich sah das Messer am Boden liegen, hob es auf, und besah ob es
nicht blutig sei, aber es war rein. Die Kerze war zu Ende gebrannt und
begann knisternd zu verlöschen. François sprang plötzlich auf, drängte mich
zu Eile und begann in der Dunkelheit nach dem Haustürschlüssel zu suchen.
Wir sprachen flüsternd und traten geräuschlos auf. Endlich gingen wir durch
den Korridor zur kleinen Haustür, die auf eine Nebenstrasse führte, auf die
wir glücklich, ohne von einem der Hausbewohner bemerkt worden zu sein,
hinausgelangten. Den Sack schleppte ich. Der Mond schien noch, obgleich es
schon hell wurde, und ich atmete erleichtert die kalte Luft ein. So
verliessen wir Paris, um unser Glück im fernen und gesegneten Italien zu
suchen. Ich war damals achtzehn Jahre alt.




Dritter Teil


Erstes Kapitel

Schon in Paris stellte es sich heraus, dass François, statt der Schatulle
aus Palisanderholz, in der der Herzog einen grossen Teil seines Geldes
aufbewahrte, eine ähnliche aus dunkelm Eichenholz mitgenommen hatte, in
welcher, ausser Rechnungen und Schlüsseln, sich nur eine Summe von
Louisdors befand, die gerade ausreichte ohne Sorgen nach Italien zu
gelangen, keinesfalls aber uns der Mühe enthob unser Glück weiter zu
suchen. Die Schlüssel warfen wir fort, die Rechnungen wurden verbrannt.
Nachdem wir weidlich auf unser Schicksal geschimpft hatten, beschlossen
wir, da das Geld für ein sorgenloses Leben, sowieso, nicht reichte, es
auszugeben, ohne zu geizen. Dieser leichten und angenehmen Beschäftigung
gaben wir uns mit einem solchen Eifer hin, dass wir, als wir in Prato
angelangt waren, bemerkten, das Geld reiche kaum noch, um nach Florenz zu
gelangen und uns dort einzurichten. Dafür aber hatten wir neue Hüte,
modische geblümte Kamisols und gefütterte Mäntel, denn der Winter nahte.
François' Mantel war schokoladenfarben, meiner, weil ich blondes Haar
hatte, himmelblau. Im Gasthofe am Domplatz bewohnten wir ein Zimmer im
zweiten Stock. Neben uns lebten zwei Frauen, anscheinend Italienerinnen.
Ich hatte Gelegenheit sie im Korridor zu sehen, als sie zur Messe gingen.
Die ältere war klein von Wuchs, hatte eine lange Nase, war ganz in Schwanz
gekleidet und schien mir buckelig zu sein, die jüngere, eine etwas magere
Blondine, sah mit ihrem bleichen, ein wenig verlebten und schmachtenden
Gesichtchen, in einem bescheidenen rosa Fähnchen ganz anziehend aus.

»Habe nichts Besseres zu tun, als jeder Herumtreiberin meine Aufmerksamkeit
zu schenken,« antwortete mir François, als ich ihm meine Beobachtungen
mitteilte. Abends ging er mit einem Florentiner, dessen Bekanntschaft er
schon unterwegs gemacht hatte, und die er sehr schätzte, weil er glaubte,
später aus ihr Vorteil ziehen zu können, in die nächste Taverne. Ich ging
nicht mit. Zu Hause horchte ich auf das Geräusch bei unseren Nachbarinnen.

Durch die dünne Bretterwand konnte man hören, dass die Frauen sich
anschickten, zu Bette zu gehen. Die Alte brummte laut und schimpfte auf
italienisch, die Junge trällerte vor sich hin, während sie, augenscheinlich
beim Auskleiden, auf und ab ging, denn von Zeit zu Zeit hörte man, wie
Kleidungsstücke aus einer Ecke des Zimmers in die andere geworfen wurden.
Ich hustete, der Gesang verstummte, man begann leiser zu sprechen, lachte
über irgend etwas, dann wurde an die Wand geklopft, ich tat dasselbe.
Darauf wartete ich eine Weile. Als ich hörte, dass im Nebenzimmer alles
still geworden war, entkleidete ich mich, und legte mich, ohne die Rückkehr
des Marquis abzuwarten, zu Bett. Ich wurde von einem entsetzlichen Lärm
geweckt; aus dem Korridor drang Weibergeschrei zu mir herüber, dazwischen
die Stimme François'. Im Gang war Licht. Ich steckte, ohne mich
anzukleiden, meine Nase durch die geöffnete Tür.

Die Alte aus dem Nebenzimmer drang in einem Deshabillé, das sie durchaus
nicht schöner machte, auf François ein, der ohne Gilet und Schuhe, in
grösster Unordnung des übrigen Anzuges sich gegen unsere Tür zurückzog;
einige Frauen im Häubchen und Männer in Nachtmützen standen mit Kerzen in
den Händen im Korridor, aus dem Nebenzimmer klang Schluchzen herüber. Die
Alte schrie:

»Es gibt ein Gesetz! Es gibt eine Ehre! Wir sind Edeldamen. Wann hat man
gehört, dass sich einer in ein fremdes Zimmer einschleicht sich entkleidet
und macht, als sei er in einem öffentlichen Hause?«

François meinte, er habe sich in der Zimmertür geirrt und geglaubt, im
Bette schlafe sein Freund.

»Geht man mit seinem Freunde so um, wie mit einer Frau, die man . . . die
man . . .« Hier wurde ihr Geschrei durch ein noch lauteres aus dem
Nebenzimmer übertönt.

»Die Ärmste, die Ärmste! Gut, dass ich mich diese Nacht an die Aussenseite
des Bettes legte und kitzelig bin. Wasser! Haben Sie nicht Wasser?«

Sie schob mich aus unserem Zimmer heraus auf den Korridor, betrat unsere
Nummer, aus der sie gleich wieder mit einem Glase Wasser herauskam. Nachdem
das Geschrei noch lange Zeit gewährt hatte, gingen die Leute schliesslich
auseinander. Die Alte rief uns noch zum Schlusse nach:

»Ich werde es dabei nicht bleiben lassen! Es gibt ein Gesetz!«

François hatte seine Kleider zurückbekommen, machte jedoch die Entdeckung,
dass sein Geldbeutel aus seinem Kamisol verschwunden war. Auch meiner war
nicht mehr auf dem Tische, auf den ich ihn gelegt hatte. Infolgedessen
hatten wir nicht einmal Geld, um nach Florenz zu gelangen.


Zweites Kapitel

Die Sonne schien grell in das Zimmer, das fast genau so aussah, wie das
unsrige. Die Buckelige wickelte, während der Auseinandersetzung mit uns,
Garn ab, Signorina Pasqua sass mit gefalteten Händen am Fenster und schien
nicht das geringste Interesse an unserem Gespräch zu haben. François
bemühte sich vergeblich die alte Dame zu einem Geständnis und zur
Wiedergabe des gestohlenen Geldes zu bewegen, sie stellte sich taub und
einfältig und machte, als begreife sie nichts, von Zeit zu Zeit brachte sie
den gestrigen Vorfall wieder in Erinnerung und sprach davon, dass es ein
Gesetz gäbe. Um nicht der Versuchung zu erliegen die schlaue Buckelige zu
verprügeln, trat ich, als ich vom Streit gerade genug hatte, ans Fenster,
wo Signorina Pasqua im Hauskleide mit gefalteten Händen dasass. Sie
lächelte ein wenig und sah mich von unten nach oben mit etwas schielenden
Augen an.

»Ihnen ist diese Geschichte vom verschwundenen Gelde auch langweilig
geworden?«

»Ja, um so mehr, als bei der Sache nichts Vernünftiges herauskommen will.«

»Da kann auch nichts Vernünftiges herauskommen: wer hat denn jemals gehört,
dass man verlorenes Geld zurückerhalten hätte? Ihr Freund bemüht sich
vergebens.«

»Es bleibt ihm halt nichts anderes übrig, als sich so eifrig zu bemühen,
denn wir sitzen ohne einen Groschen und können nicht einmal bis nach
Florenz.«

»So? . . .« fragte sie, als interessiere sie sich jetzt mehr für unsere
Angelegenheit, dabei glitt ihr, dünner Finger dem Fensterrahmen entlang, wo
eine verspätete Fliege summte. Nachdem sie eine Weile geschwiegen hatte,
wandte sie sich plötzlich den Streitenden zu und sagte mit etwas scharfer,
aber klangvoller, reiner Stimme:

»Höret, meine Lieben! Wir sind euch mit Signor Aimé gar nicht für euren
Disput dankbar, um so weniger, als er ganz aussichtslos ist. Sie müssen
sich damit zufrieden geben, dass das Geld spurlos verschwunden ist, aber
wir können darüber beraten, wie Sie unter so traurigen Umständen zu handeln
haben. Und mir scheint,« fuhr sie, die Augen zusammenkneifend, fort: »mir
scheint, dass wir vorzüglich zu einem Übereinkommen gelangen können und es
ist sogar sehr wahrscheinlich, dass wir dasselbe Ziel im Auge haben, meine
Freunde . . .«

Und sie begann ihren Plan zu entwickeln.


Drittes Kapitel

In der Nähe des Ponte Vecchio hatten wir uns eine anständige Wohnung
gemietet, gaben uns für zugereiste Venezianer aus und legten uns den Namen
der Grafen Gozzi bei. Die alte Buckelige trug den angeblichen Grafentitel
mit Würde und wir bemühten uns die liebenswürdigen Cousins der falschen
Cousine zu spielen. Signorina Pasqua zeigte sich täglich auf der Promenade,
kleidete sich schlicht und befand sich immer in meiner oder François'
Begleitung. Sie machte mit wohlhabend scheinenden Leuten Bekanntschaften,
erzählte von ihren Unglücksfällen, von der zeitweilig bedrängten Lage der
uralten Familie Gozzi, lud ihre Bekannten zu sich ein, wo sie höflich und
bescheiden empfangen wurden. Signorina Pasqua spielte Clavecin und sang
Arien und französische Lieder, wir schlugen zur Zerstreuung ein Spielchen
vor. François gewann, aber nicht viel, denn er fürchtete, man könnte
darüber sprechen und wartete auf eine günstigere Gelegenheit für einen
entscheidenden Coup. Wenn einmal neue Bekannte, nicht so sehr durch die
Reize, als durch das Mienenspiel und das Getue der gebeugten Jungfrau
hingerissen, etwas wagten, so erhob die Buckelige ein Geschrei und wir
traten als Beschützer der Unschuld auf, indem wir den Streit durch Waffen
zu entscheiden oder den Skandal für Geld niederzuschlagen in Vorschlag
brachten, wobei wir mit unseren Verbindungen in Venedig drohten. So lebten
wir etwa einen Monat lang. Der Verdienst wurde brüderlich geteilt,
Ersparnisse machten wir nicht, aber wir konnten sorglos, ohne uns
Vergnügungen zu versagen, leben. Schliesslich verliebte sich in Signorina
Pasqua der junge Spaladetti, der Sohn eines jüdischen Goldschmiedes und
Wucherers. Seine Schönheit war etwas süsslich, ungeachtet seiner Herkunft,
war er freigebig, treu und leidenschaftlich, ausserdem war er, glaub ich,
noch unschuldig und hoch von Wuchs. Er begann, der Signorina nach allen
Regeln der Kunst mit Blumensträussen, Serenaden, Soupers, Spazierfahrten,
Sonetten, Geschenken und Fensterpromenaden den Hof zu machen. Das wusste
denn bald auch die ganze Stadt zum grössten Leidwesen des alten Spaladetti
und zur Freude unserer lieben Cousine.


Viertes Kapitel

Einmal, als ich mit Pasqua vor den Stadtmauern spazierenging, trafen wir
den jungen Giuseppe Spaladetti hoch zu Ross in einem lila Sammetgewande.
Als er uns bemerkte, stieg er vom Pferde, übergab dieses seinem berittenen
Diener, der ihm folgte, denn der Sohn des Wucherers war bestrebt, ein
vornehmes Leben zu führen und für einen Stutzer aus hohem Hause gehalten zu
werden, und bat um die Erlaubnis, uns begleiten zu dürfen. Mit
übertriebener Ehrerbietung und etwas orientalisch schnörkelhaft, so dass
die Schönheit der Bilder den Mangel an Geschmack ausgleichen musste, sagte
er leidenschaftlich und schüchtern der Signorina Artigkeiten, während ich
nebenher ging und die Miene eines Menschen aufsetzte, der die Natur
geniesst. Als wir auf dem Rückwege am Hause Tornabuoni vorüberkamen, sahen
wir den alten Ieronymo Spaladetti im Gespräche mit dem Herrn des Hauses
unter einem eisernen Fackelhalter sitzen. Als wir an ihn herangekommen
waren, rief er seinem Sohne zu:

»Giuseppe, hierher!«

Wir blieben stehen, die Signorina gab den Arm des jungen Spaladetti frei,
der seinem Vater antwortete:

»Wenn ich die Gräfin Pasqua nach Hause begleitet haben werde, kehre ich
sofort zu Euch zurück, Signor.«

»Was gibt es da allerhand Abenteuerinnen zu begleiten!« schrie der Alte,
seinen pelzverbrämten Rock zusammenraffend, während ich, zu einer Rauferei
bereit, die Hand an den Griff meines Degens legte.

»Ich bitte Euch, mein Vater, daran zu denken, was Ihr saget.«

»Still geschwiegen! Ich, dein Vater, der dich erzeuget hat, befehle dir:
lass ab von ihr!«

Pasqua schmiegte sich an mich, Giuseppe entgegnete erbleichend:

»Ich flehe Euch an, Vater, keine Befehle zu erteilen, die ich, wie Ihr im
voraus wisset, nicht erfüllen werde.«

»Wie?« rief der Alte aus, und eine Flut von Schimpfworten ging auf seinen
Sohn nieder. Die jüdischen Flüche, der genuesische Akzent, die
Schnelligkeit und Leidenschaftlichkeit der Rede, das halborientalische
Gewand und der hohe Wuchs des alten Goldschmiedes und wir, verlegen dem
Alten gegenüberstehend, das alles zog die Aufmerksamkeit der
Vorübergehenden an. Pasqua, die in Ohnmacht zu fallen drohte, flüsterte
Giuseppe zu:

»Gebt nach, verlasset uns. Später . . . morgen . . . ich bin die Eure
. . . für immer.« Spaladetti flammte auf und sagte laut:

»Ich werde das nicht vergessen, Gräfin!« Hierauf trat er an den Alten
heran, fasste ihn am Ärmel und murmelte:

»Gehen wir, Vater, ich bin bereit.«

»Gräfin, Gräfin . . . dass dich der Teufel hole! Aber ich kriege dich
noch!« knurrte der Jude, während ich meine angebliche Cousine zum Arno
hinunterzog. Als wir nach Hause gekommen waren, sang Pasqua Kanzonen von
Scarlatti und setzte sich dann schweigend, ohne auf unsere Scherze
einzugehen, ans Fenster und blieb dort lange bei verlöschten Kerzen sitzen,
bis der Mond schon längst verschwunden war. Sie hatte die Hände auf den
Schoss herabsinken lassen und schien über etwas ernst nachzudenken.


Fünftes Kapitel

Giuseppe hatte sich aufs Clavecin gestützt, an dem unsere Cousine gesungen
hatte, und flüsterte leidenschaftlich, auf ihre mageren, rosig glänzenden
Finger herabschauend:

»Ich bete Eure Hände an, Pasqua, niemand hat so wunderbare Hände, ich werde
Euch ein Schmuckkästchen mit Ringen aus dem Laden meines Vaters schenken,
es sind prächtige Amethysten darunter und Topase, rosenrot, wie Eure Haut.«
Pasqua sang, die Augen halbgeschlossen, mit dünner feiner Stimme:

   »Wie der Schwan, noch sterbend will ich singen,
   Sterbend noch sing ich voll Liebeslust,
   Liebend dich nur pocht in meiner Brust
   Heiss mein Herz und will vor Liebe springen . . .«

Die Buckelige spielte aus Langerweile mit François Karten um Schokolade,
ich sah zum Fenster hinaus, im Hause drüben konnte man eine Küche sehen, in
der Köche das Abendessen bereiteten. Plötzlich klopfte es an die Tür. Wir
fuhren alle auf. François liess den alten Spaladetti herein, dem Sbirren
und noch andere Leute folgten.

»Vater, Ihr hier? Wozu?« schrie Giuseppe, der aufgesprungen war und
Signorina Pasqua mit seinem Körper deckte.

»Sind das die Leute, die wir suchen?« fragte der Sergeant, sich an Ieronymo
wendend. Dieser nickte mit dem Kopfe. »Die ihr euch für die Grafen
Francesco und Aimé Gozzi, die Gräfinnen Giulia und Pasqua ausgebet, im
Namen des Gesetzes werdet ihr befragt, mit welchem Recht ihr euch diesen
Titel und diesen alten Namen angeeignet habet? Erkennet Ihr, geehrter Graf,
diese Leute, die Ihr in Venedig gesehen haben müsstet?« wandte er sich an
einen Greis mit einer runden Brille und in grauem Kamisol, der mitgekommen
war. Dieser sah uns der Reihe nach lange an, schüttelte den Kopf und sagte:

»Nein, nein, ich habe sie niemals gesehen.«

»Ist er auch selbst ein Graf? Verrückt ist er oder betrunken! Hinaus aus
unserem Hause!« schrie François. Giuseppe zankte mit seinem Vater, das
Zimmer mit Gurgellauten erfüllend. Signorina Pasqua weinte in den Armen von
Signora Giulia, die mit Würde irgendeine Erklärung abgab. Der Lärm wurde
immer grösser. Klirrend kreuzten sich die Degen. Die Sergeanten riefen
durch das Fenster nach Hilfe. Die Frauen fielen in Ohnmacht. François sank,
vom alten Juden verwundet, zu Boden und riss, im Fallen auf die Tasten des
Clavecins schlagend, die Kerzen vom Instrument mit. Im Halbdunkel stürzte
ich mich in diese Richtung und bohrte mein Messer in den mageren Rücken von
Ieronymo, der, sich krümmend, aufheulte. Ich lief durch das Zimmer,
plötzlich wurde ich am Bein gepackt und fiel auf die Buckelige.

»Nimm im Vorzimmer eine von unseren Roben, rette dich,« flüsterte sie mir
zu. Eine kleine Abteilung der Wache nahte dem Hause: ich wartete hinter der
Haustür bis sie an mir vorbei war, zog mir das unterwegs mitgenommene
Frauenkleid an, warf mir ein Tuch über den Kopf und lief durch die leere
schallende Strasse immer weiter vom Lärm fort.


Sechstes Kapitel

Als ich mich genügend weit vom Hause entfernt hatte, um vor einer
Verfolgung sicher zu sein, blieb ich stehen. Vor Erregung, vom Laufen und
den doppelten Kleidern floss mir der Schweiss in Strömen den Körper herab.
Ich trat in eine dunkle Mauernische, warf mein Kamisol und die Hosen ab und
behielt der Sicherheit wegen nur das Frauenkleid an. Darauf band ich mir
das Tuch sorgfältiger um den Kopf. Nachdem ich die mir unbekannte Strasse
ein Stück entlanggegangen war, bemerkte ich, dass mir ein Mensch folge, der
seinem Gang und Äusseren nach, dem geistlichen Stande anzugehören schien.
Als er an der Strassenecke stand, pfiff er. Kaum war ich in die
Nebenstrasse eingebogen, als ich mich von etwa sechs Männern, mit Larven
vor den Gesichtern und ohne Laterne, umringt sah. Sie warfen mir etwas über
den Kopf, was mich am Schreien hinderte, hoben mich auf und trugen mich auf
ihren Armen davon, trotzdem ich mit meinen Füssen ihre Bäuche bearbeitete.
Bald sah ich ein, dass ich mich vergeblich widersetze und hörte, in mein
Schicksal ergeben, auf, mich zu wehren. Wir gingen ziemlich lange durch die
Strassen, dann, nach dem dumpfen Schall der Schritte zu urteilen, durch
lange Korridore, schliesslich stellte man mich auf die Beine und nahm mir
die Binde ab. Ich war, wie mir schien, allein in einem stockfinsteren Raum.
Ich tastete mich bis zu einem Stuhl, der an der Mauer stand. An der Wand
tastete ich mich zu einem Bette, auf dessen Rand ich mich niederliess, ohne
zu wissen, was weiter folgen werde. Bald jedoch stellte es sich heraus,
dass ich im Zimmer nicht allein sei. Feiste, weiche Hände betasteten mich
behutsam, als wollten sie mein Kleid aufnesteln und ich hörte flüstern:

»Fürchtet Euch nicht, holde Jungfrau, fürchtet Euch nicht, Ihr befindet
Euch in Sicherheit, Ihr werdet nur Liebe und Ehrerbietung finden.«

Ich wurde fast nackt ausgekleidet; ich war müde und wollte schlafen,
deshalb streckte ich mich ohne Umstände auf das Bett an der Wandseite aus.
Das Flüstern, unterbrochen von Küssen, hörte nicht auf:

»Wie glücklich bin ich, dass Ihr mein Flehen erhört habet und mit diesem
bescheidenen Lager fürliebnehmen wollet.« Die Hände glitten über meine
Schultern, den Rücken, die Lenden . . . Plötzlich schnellte mein Nachbar,
wie von der Tarantel gestochen, vom krachenden Bette empor:

»Heilige Jungfrau! Sohn Gottes! Bewahre mich vor Versuchung!« Da ich mich
nicht regte und schwieg, so begab sich mein gottesfürchtiger Partner noch
einmal auf Rekognoszierung, die nicht weniger trostlos verlief.
Schliesslich unterbrach ich das Schweigen:

»Signor, Ihr täuschet Euch nicht und seid auch nicht in Versuchung geführt
worden, ich bin tatsächlich weit davon entfernt eine Jungfrau zu sein. Bin
ich nun aber schon einmal hier, so werde ich auch bis zum Morgen dableiben,
um nicht Euch und mich selbst einer Gefahr auszusetzen; wenn alle zur
Frühmesse gehen werden,« meinte ich (denn ich hatte bereits begriffen, wo
ich mich befand), »werde ich mich unbemerkt entfernen.« Fassungslos sagte
der Bruder, nachdem er einige Zeit geschwiegen hatte:

»Ihr habet recht, mein Sohn, und der Herr, der Wasser in Wein verwandelt
hat, er möge Euch morgen helfen hinauszukommen. Jetzt bleibet auf diesem,
wenn auch schmalen Lager liegen. Die an Euch geübte Gastfreundschaft wird
mir helfen mein Missgeschick zu vergessen.«

»Amen,« antwortete ich, und kehrte mich zur Wand.


Siebentes Kapitel

Der Herr, der Wasser in Wein verwandelt hat, half mir nicht unbemerkt
hinauszukommen, denn noch vor Sonnenaufgang weckte uns ein Klosterdiener
und befahl uns im Namen des Abtes ins Refektorium zu kommen, wo die gesamte
Bruderschaft bereits versammelt war. Der Abt antwortete kaum auf unseren
Gruss, als man uns ins Refektorium hineinführte. Wir wurden abseits von der
Brüderschaft aufgestellt. Mir war das Gesicht mit einem Tuche verhüllt
worden. Nachdem der Abt auf die Bedeutung und die Wichtigkeit der
Mönchsgelübde hingewiesen hatte, fuhr er mit einer Handbewegung in die
Richtung, wo wir standen, fort:

»Aber siehe, in unserer so musterhaften Herde, in unserem vom Geruche der
Frömmigkeit erfüllten Kloster, hat sich ein Schaf finden lassen, das die
Herde verdirbt, hat sich ein Bruder finden lassen, der das Gelübde der
Keuschheit, das Gebot des Gehorsams vergessend, im geheimen vor uns ein
Weib in seine Zelle führt, die Nacht mit diesem Weihe zubringt, in unsere
Umfriedung Sünde, Tod und Fluch trägt.« Mein Mönch weinte, sich die feiste
Brust schlagend, wobei er immerfort murmelte: »Mea culpa, mea culpa.« Die
übrigen Mönche schwiegen vorwurfsvoll. Als ich die Wendung der Dinge sah,
die mir nichts Gutes verhiess, trat ich vor und sagte bescheiden, aber
deutlich:

»Heiliger Vater, ehrwürdige Brüder, ihr beschuldiget ohne Grund diesen
guten Bruder. Die Augenscheinlichkeit seines Vergehens wird sofort in ein
Nichts zusammensinken, wenn ihr erfahret, dass ich kein Weib, sondern ein
Mann bin, der vor Mördern Rettung suchend, glücklich war unter dem Dache
dieses Klosters Zuflucht zu finden. Gott ist mein Zeuge, ausserdem beweist
die Natur selbst die Wahrhaftigkeit meiner Worte.« Hier hob ich meine Robe
auf, und solange die Brüderschaft, überrascht durch das, was man an einem
Manne sehen kann, der keine Hosen anhat und seinen Rock bis zum Gürtel
schürzt, wie versteinert dastand, ging ich schnell durch eine Seitentür
hinaus in den Garten, von wo aus ich ohne Mühe auf die Strasse gelangte.


Achtes Kapitel

Ich hatte mich davon überzeugt, wie wenig ein Frauenkleid vor Zufällen
schützt, deshalb war ich zuallererst darauf bedacht das meinige
loszuwerden. Nachdem ich es sorgsam im Gebüsch an der Heerstrasse versteckt
hatte, begann ich, als wäre ich bis aufs Hemd ausgeraubt worden, laut um
Hilfe zu rufen, bis ein vorüberfahrender Bauer mich zu sich nach Hause
mitnahm und mir ein Paar alte Hosen und ein ahgetragenes Kamisol schenkte.
Beim Bauern traf ich einen Kaufmann aus Venedig, der gerührt von meiner
Lage und, glaub ich, auch von meinem Äusseren, mir vorschlug ihn nach
Venedig zu begleiten, um Verkäufer in seinem Laden zu werden. Obgleich ich
nicht die Absicht hatte mich lange mit diesem Gewerbe zu befassen, ging ich
doch auf seinen Vorschlag ein, in welchem ich eine Möglichkeit erblickte
nach Venedig zu kommen, wohin es mich zog, wie einen echten Grafen Gozzi.
Die Reise bot ausser den unbekannten Städten nichts Interessantes, denn
Vivarini reiste bescheiden, ja geizig, und liess mich zudem keinen Schritt
weit von sich. Das alles machte den Entschluss in mir reifen ihn bei der
ersten Gelegenheit zu verlassen. In Venedig kam noch das Gezänk einer alten
Haushälterin, schlechtes Abendessen und das tagelange Herumstehen vor den
Ladentischen des halbdunkelen Warenlagers dazu. Schliesslich erklärte ich
dem Signor, dass ich ihn verlasse, er murmelte etwas von Undankbarkeit der
heutigen Jugend, aber eigentlich war mein Abgang ihm ziemlich gleichgültig.
Ich hatte schon vorher mit dem Gondoliere Rudolfino verabredet, dass ich,
als sein Gehilfe, zu ihm in Dienst treten werde. Ich vertauschte das
ruhige, aber langweilige Leben bei Vivarini gegen das armselige eines
Ruderknechtes, das jedoch mehr Möglichkeiten zu unerwarteten Begegnungen
bot. Und in der Tat verhüllte so manches Mal die dunkele Nacht oder der
Vorhang des »Felze« das Glück des jungen Gondoliere und der Dame, die sich
von ihm rudern liess, aber es gab nicht einen einzigen Fall, der
irgendwelche ernstere Folgen nach sich gezogen hätte.


Neuntes Kapitel

Es war ein Fest, man riss sich förmlich um Gondeln. Meine, die ich
sorgfältig gesäubert und mit gewaschenen Teppichen geschmückt hatte, nahm
ein Abbate mit seiner Dame. Ich interessierte mich nicht besonders für die
Zärtlichkeiten meiner Fahrgäste und beobachtete mehr die vorübergleitenden
Gondeln, besonders eine, die sich die ganze Zeit neben uns hielt. In ihr
sassen zwei ganz gleich gekleidete Damen, beide mit Perlen geschmückt, jede
mit einer gelben Rose im Haar. Sie waren ohne Begleiter, blickten einander
in die Augen und lächelten. Die Sonne versank in eine Wolke. Über den
ganzen Hafen glitten Gondeln mit Musik. Einige hatten schon ihre Laternen
angezündet. Die schwüle Windstille schien ein Gewitter anzukünden. Die
Vergnügungen hatten ihren Höhepunkt erreicht, als das Gewitter losbrach.
Der Himmel hatte sich ganz plötzlich verdunkelt, es donnerte, ein
Platzregen goss herunter, die Musik verstummte, ohne Ordnung eilten die
Gondeln dem Kanal zu. Das alles sah der Lust, die eben hier geherrscht
hatte, so unähnlich, dass ein Philosoph sich darüber durchaus lehrreiche
Gedanken hätte machen können. Aber ich musste vor allem daran denken meine
Gondel in Sicherheit zu bringen. In der fürchterlichen Enge hörte ich mit
Entsetzen, wie unser Boot krachend an etwas anrannte; ich warf auf alle
Fälle meinen einfachen Anzug ab. Und Scham und Nächstenliebe vergessend,
war ich bereit mich ins Wasser zu stürzen und meine Passagiere im Boote,
das sich bereits mit Wasser zu füllen begann, der Willkür des Sturmes zu
überlassen. Da trieb der Sturm wieder die umherirrenden Gondeln zusammen,
ich hörte ein neues, noch drohenderes Krachen und sprang -- nicht ins
Wasser, sondern in die nächste vorbeieilende Gondel, wozu ich natürlich
nicht so nackt zu sein gebraucht hätte. Die Damen im Perlenschmuck und mit
den gelben Rosen hatten sich aneinandergeschmiegt und waren bleich.

»Entschuldiget, Signorine!« rief ich aus, als die Gondel sich unter meinem
Sprunge auf die Seite neigte. Sie schrien gleichzeitig leise auf, es war,
als hätte sie mein unerwartetes Erscheinen und der Anblick, den ich bot,
erschreckt. Dann drängten sie ihren Gondoliere zur Eile.


Zehntes Kapitel

Nackt, wie ich war, wurde ich durch eine Reihe von, dem Anschein nach,
nicht geheizten Gemächern mit vernagelten Fenstern in ein kleines Zimmer
geführt, in dem ein Kamin knisterte, dessen flackerndes rötliches Feuer die
dunkeln Mauern beleuchtete. Die Damen im Perlenschmuck und mit den gelben
Rosen sassen stumm auf einem Sofa an der Wand und sahen einander lächelnd
an. Ich schämte mich meiner Nacktheit und fror, deshalb wandte ich mich an
die Damen:

»Vielleicht hat einer eurer Diener, meine guten Signorine, ein
überflüssiges Gewand, denn ich habe es kalt und bin nicht gewohnt nackt vor
Damen zu erscheinen, ohne dass es mir peinlich wäre.«

Sie fuhren fort zu schweigen und, als ich meine Bitte wiederholte, kehrten
sie mir gleichzeitig ihre Gesichter zu und blickten mich unverwandt und
starr an, so dass es schien, als belebe nur das flackernde Kaminfeuer ihre
Züge. Ihr Schweigen machte meine Lage noch sonderbarer und peinlicher. Ich
beschloss nicht zu staunen und mir weiter keinen Zwang anzutun, nahm den
Mantel, den jemand auf einen Stuhl geworfen hatte, und setzte mich ans
Feuer. Eine der Damen sagte leise:

»Den Mantel, lasset den Mantel!«

Aus einem Schrank, der sich als Geheimtür erwies, trat eine alte Frau mit
einer Kerze und einer Kanne Wein, sie stellte schweigend beides auf den
Tisch, auf dem ein Abendessen gedeckt war, zündete an verschiedenen Stellen
des Zimmers Kerzen an und schlug die schweren gelben Vorhänge auseinander,
welche ein Bett verhüllt hatten. Ich begann unruhig zu werden.

»Ist Ambrosio zu Hause?« fragte die eine der Damen.

»Wo sollte er denn sonst sein?« entgegnete die Alte.

»Schläft Ambrosio?« fragte die andere der Damen.

»Was sollte er sonst tun?« entgegnete wieder die alte Dienerin.

»Heute musst du mehr essen, Bianca, morgen bist du an der Reihe,« sagte die
eine Dame.

»Ja, morgen bin ich an der Reihe,« bestätigte die andere Dame.

»Wozu diesen Mantel?« fragten dann beide laut zu gleicher Zeit.

Ich hielt es nicht mehr aus, stand auf, warf den Mantel ab, denn ich hatte
mich schon erwärmt, und sagte laut:

»Machet das Mass eurer Güte voll, rettet mich, gebet mir ein Glas Wein, ein
Stück Brot, um meine geschwächten Kräfte zu stärken.«

Die Uhr schlug zehn, beide Damen gähnten gleichzeitig, begannen, wie nach
dem Schlaf, ihre Augen zu reiben und sahen mich erstaunt an, als versuchten
sie, sich an etwas zu erinnern, schliesslich sagte die Ältere, die Bianca
angeredet wurde, mit tönender Stimme, die ganz anders klang, als ihre
frühere:

»Jetzt entsinne ich mich . . . Der schöne gerettete Jüngling vom Meere?
Gewiss, Abendessen, Wein, aber nicht den Mantel, nicht den Mantel! Die
Frist ist vorüber, wir sind frei! Schwester, welch ein Körper, o welche
Vollkommenheit!«

Der Wein funkelte rot in den breiten Gläsern, die kalten, aber würzigen
Speisen, die reichlich aufgetragen waren, reizten den Hunger, im
Hintergrunde schimmerte weiss das Bett. Die Damen waren lebhaft geworden,
mit glänzenden Augen und geröteten Wangen betrachteten sie mich, wie
Kinder, und machten naive entzückte Bemerkungen, die mich staunen liessen.
Schliesslich gab die Jüngere, Catharina, ihr Haar auflösend, das Zeichen
zum Schlaf. Ohne die Kerzen zu verlöschen, brachten wir vor dem riesigen
Spiegel im Hintergrunde des Himmelbettes, fast schlaflos, diese lange, für
Verliebte allzu kurze Nacht zu.


Elftes Kapitel

Laute Stimmen weckten mich; vor mir auf dem Bette, hinter den
herabgelassenen Vorhängen, lag ein bescheidener, aber derber und sauberer
Männeranzug. Ein Mann sagte mit rauher Stimme geärgert:

»'s ist noch gut, dass es euch gelungen ist, statt des Giovanni, diesen
Narren herzubringen. Aber welche Unvorsichtigkeit! Welche Unvorsichtigkeit!
Haben meine Damen das bedacht? An einem Festtag, vor allen Leuten sich in
der Gondel hinauszuwagen und dazu noch zu einer solchen Stunde, zu einer
solchen Stunde! Rechtfertigt euch nicht! Genügen euch die leeren Zimmer
vielleicht nicht zu Spaziergängen? Die alte Ursula ist nicht schuld daran,
die dreht, seit dieser Taugenichts davongelaufen ist, die Maschine allein.
Ich wiederhole, es ist gut, dass ihr diesen Kerl hergelockt habet, aber
dass das in Zukunft nicht wieder vorkommt!«

Ich blickte durch den Spalt zwischen den Vorhängen: im Zimmer ging ein
riesiger pockennarbiger Mann von etwa fünfundvierzig Jahren auf und ab. Er
trug keine Perücke, sondern hatte um seinen Kopf ein seidenes Tuch
gewunden. Die bleichen Damen sassen mit müden, angegriffenen Gesichtern und
matten Augen auf dem Sofa nebeneinander und versuchten von Zeit zu Zeit
schüchtern sich zu rechtfertigen. Die Sonne liess ihr Licht auf ihre
Gesichter fallen und machte diese den gestrigen ebenso unähnlich, wie es
das Zimmer war, das ein Werktagsaussehen hatte, nicht aufgeräumt war. Die
gelben Rosen lagen, nicht ausgekehrt, auf dem Boden, die Perlen, neben
dampfenden Tassen mit Schokolade auf dem Tische. Nachdem er hinter meinen
Vorhängen Geräusch gehört hatte, trat der Mann, den Damen mit dem Finger
drohend, in den Schrank, durch den gestern die Alte erschienen war, und
verschwand. Ich bekam meine Schokolade, später ein Mittag-, dann ein
Abendessen. Zwischen den Mahlzeiten spielten die Damen Gitarre und sangen
leise zweistimmig Lieder. Gegen acht Uhr, als das Abendessen schon fertig
war, und wir mit Signorina Bianca an der geöffneten Schranktür plauderten,
erblasste die Dame plötzlich, schloss halb die Augen und wurde eigentümlich
sich selbst wieder ähnlich, wie ich sie gestern gesehen hatte. Sie sprach
leise und mit Unterbrechungen, während auch hinter der Tür verschwommene
Stimmen hörbar wurden.

»Alcide da Buonovente . . . ja . . . Ihr werdet es nach neun Nächten finden
. . . es wird nichts geschehen . . . der Tod, der Tod . . . zehntausend
Louisdors . . . . der Rest im linken Schiebfach des Sekretärs . . . .«

Ich stürzte erschreckt zu Signorina Catharina, die den Finger an den Mund
hielt, um mir Schweigen zu gebieten, und mich ans Fenster zog, während die
bleiche Bianca fortfuhr, unverständliche, abgebrochene Sätze zu murmeln,
als beantworte sie ihr allein vernehmliche Fragen.


Zwölftes Kapitel

Eines Morgens befahl mir Signor Ambrosio mich anzukleiden und ihm in die
nächste Kirche zu folgen. Er sagte mir:

»Aimé, ich werde Euch ein grosses Geheimnis enthüllen, welches das Glück
Eures Lebens werden kann; vorher jedoch muss ich Gewissheit haben, dass Ihr
dieses Geheimnis niemand verraten werdet, deshalb werdet Ihr mir vor dem
Altar ein Schriftstück vorlesen, das ich bei mir in der Tasche trage.«

Die gewisse Feierlichkeit, mit der diese einleitenden Worte vorgetragen
wurden, die halbdunkele Kirche mit ihren wenigen Betern, der erste Ausgang
nach ziemlich langer Zimmerhaft, das alles hatte mich selbst in gehobene
Stimmung versetzt. In der Kirche, beim Altar, wo die ewige Lampe vor den
geweihten Gaben des heiligen Abendmahles brannte, las ich das Folgende:

»Ich, Jean, Aimé, Ulysse, Bartholomé schwöre vor unserem Herrn Jesus
Christus, seiner heiligen Mutter, der heiligen Jungfrau Maria und allen
Heiligen, ewiges Schweigen darüber zu bewahren, was ich vom ehrenwerten
Signor Ambrosio, Pietro, Ieronymo Scalzarocca erfahren werde, und niemand,
weder Bruder, noch Vater, noch Sohn, noch Mutter, noch Schwester, noch
Tochter, noch Onkel, noch Neffen, noch sonst einem Verwandten oder einer
Verwandten, keinem Freunde, keinem Manne und keiner Frau dasselbe eröffnen,
noch mit mir selber, weder mündlich noch schriftlich darüber sprechen, auch
nicht sagen werde: »ich könnte etwas erzählen, wenn ich nicht durch ein
Versprechen gebunden wäre«, oder: »ich weiss etwas«, oder andere
Andeutungen machen werde. Möge Gottes Strafe mich, als einen Eidbrüchigen,
treffen, möge ich der Seligkeit des Paradieses verlustig gehen, wenn ich
diesen Schwur nicht halte, den ich vor den geweihten Gaben des heiligen
Abendmahles, dem unbefleckten Leibe des Herrn, leiste, am Tage der
Märtyrer, der Päpste Clytus und Marcellinus, im Monat Aprilis, am
sechsundzwanzigsten Tage, zu Venedig. Amen. Das zu halten gelobe ich, Jean,
Aimé, Ulysse, Bartholomé. Und alles das ist wahr, wie die ewige Seligkeit
der gerechten Seelen und die ewigen Martern der reuelosen Sünder wahr sind.
Amen, amen, amen.«

Wir gingen schweigend nach Hause. Nachdem Signor Ambrosio mich in ein
kleines dunkeles Zimmer, eine Art Ablegeraum, geführt hatte, zündete er
eine Laterne an. Ich erblickte eine ganze Kette von Rädern, Hebeln, Achsen,
die allem Anschein nach auf irgendeine geheime Art mit dem Nebenzimmer in
Zusammenhang gebracht waren. Die alte Ursula setzte diese Räder mit grosser
Anstrengung mittels eines Griffes in Bewegung, wobei ihr der Schweiss in
Strömen von der Stirn floss. Ambrosio begann wieder mit einer gewissen
Wichtigkeit auf dem pockennarbigen Gesichte:

»Höre, Aimé, ich teile mein grösstes Geheimnis mit dir. Siehst du, diese
ganze Anlage ist ein Schritt zum grossen Perpetuum mobile; jedoch der
letzte Schritt ist noch nicht getan. Noch fehlt dem grössten Werke des
menschlichen Genius die Krone. Den Leuten aber, deren Spott kleinmütig
macht, will ich das Werk bereits in der äusseren Gestalt seiner künftigen
Vollkommenheit zeigen. Einstweilen ersetzen deshalb meine eigenen Hände,
die schwachen Arme dieser alten, mir ergebenen Frau, und von jetzt ab auch
die deinen, mein Sohn, den ewigen Stoss der Bewegung.« Er umarmte mich
begeistert, während die schweisstriefende Ursula leise stöhnte.

Bald hatte ich alles erfahren: die Signorine, Bianca und Catharina, waren
Hellseherinnen, die täglich von Signor Scalzarocca in magischen Schlaf
versenkt wurden, der bekanntlich die menschlichen Fähigkeiten so
wundersamer Weise schärft. Diese ihre Fähigkeit benutzte Scalzarocca zu
Wahrsagungen und zur Beantwortung von allen möglichen Fragen. Ausser dieser
Beschäftigung und der mit dem Perpetuum mobile, trieb er noch Alchemie, zu
welchem Zwecke er sich täglich für zwei, drei Stunden ganz allein, selbst
ohne mich, den er doch in die Elemente der Magie und der Stellung des
Horoskopes einzuführen begonnen hatte, in ein entlegenes Zimmer zurückzog.
Ich kam selten aus dem Hause. Bald musste ich das Perpetuum mobile drehen,
bald sass ich bei den Damen oder las im Albertus Magnus.


Dreizehntes Kapitel

Eines Morgens, während unserer Beschäftigungen, sagte mir Ambrosio ernst
und aufrichtig, dass er uns bald verlassen werde und mich mitnehmen könne,
dass die beiden Damen jedoch mit der alten Ursula nach Ferrara ziehen
sollten. Er, Scalzarocca, selbst werde von einem deutschen Herzog, als
astrologischer Rat und Maitre de plaisir an dessen Hof geladen und in den
nächsten Tagen träfen die Abgesandten des Herzogs ein, um ihn abzuholen.
Hierauf entfernte er sich ins Laboratorium. Da Ursula die Maschine drehte,
so benutzte ich die freie Zeit, um einem Duett der Damen, die auf dem Sofa
sassen, zuzuhören. Meine Träume von der bevorstehenden Reise, von
Elixieren, Horoskopen, von Geld, von in der Ferne winkender Grösse wurden
durch einen fürchterlichen Knall unterbrochen, der das ganze Haus
erschütterte.

»Was ist das?!« riefen beide Damen, vom Sofa aufspringend, aus.

»Das war oben!« entgegnete ich, erbleichend.

»Zu Hilfe! Der Herr, der Herr!« schrie Ursula, die in der Tür zum
Ablegeraum erschien. Ich befahl ihr zu schweigen und eilte die Treppe
hinauf an die verschlossene Tür:

»Signor, Signor! Was ist mit Euch geschehen?« rief ich und trommelte mit
den Fäusten an die Tür, hinter der nur ein atemraubender Geruch
hervorquoll. Ausserstande, die eisenbeschlagene Tür aufzubrechen, stieg ich
auf einen Stuhl und sah durch das Fenster im Rauche, der das ganze Zimmer
erfüllte, Signor Ambrosio am Boden ausgestreckt daliegen. Das Fenster
einschlagen, durch das ätzender Qualm herausdrang, und ins Zimmer springen,
war das Werk eines Augenblicks. Scalzarocca lag mit verbranntem Gesicht,
ganz in Rauch gehüllt, neben einer gesprungenen Retorte, er war ohne
Zweifel tot. Es wurde an die Tür geklopft und als ich von innen mit dem
Schlüssel öffnete und hinaustrat, flüsterte Ursula entsetzt:

»Die Abgesandten des Herzogs!«

Ich war nahe daran, in Ohnmacht zu fallen, aber plötzlich erfüllte
Entschlossenheit meinen Verstand mit kalter Ruhe. Ich verschloss die Tür,
befahl Ursula zu schweigen und stieg wichtig und langsam die Treppen zu den
rosigen jungen Deutschen hinunter.

»Ihr seid vom Herzog Ernst Johann nach mir gesandt?« fragte ich ruhig. Die
Deutschen verbeugten sich und begannen gleichzeitig:

»Wir haben die Ehre mit . . .?«

»Ja, Ihr sprechet mit dem berühmten Ambrosius, Petrus, Hieronymus
Scalzarocca.«

»Aber, ehrenwerter Herr, man sagte uns . . . machte uns auf Eure Jahre
aufmerksam . . . .«

»Am Tage der heiligen Jungfrau Praxedis, den einundzwanzigsten Juli, werde
ich fünfundvierzig Jahre alt werden,« sagte ich würdevoll und lächelte
träumerisch vor mich hin. Als ich den zweifelnden Blick der Deutschen
gewahrte, fügte ich, auf die an der Tür herumstehende Ursula weisend,
hinzu: »Diese Frau wird Euch meine Worte bestätigen. Dem Weisen
erschliessen sich alle Geheimnisse der Natur, und selbst die Jahre haben,
wie Gift und Verleumdung, keine Macht über ihn.«

Die Deutschen hörten mit halboffenem rosigem Munde ehrfurchtsvoll zu,
während der ätzende Rauch aus Scalzaroccas Laboratorium in einem feinen
Streifen sich an der Oberlage hinzog.




Vierter Teil


Erstes Kapitel

»Und Ihr glaubet, dass dieses Elixier den Flug der Zeit in unseren Zügen
unsichtbar machen kann, dass mit vierzig Jahren unsre Augen glänzen, unsre
Zähne schimmern, unsre Wangen blühen werden, unser Haar so üppig, unsere
Stimme klangvoll sein wird, wie mit zwanzig Jahren?« So sprach die kleine
Prinzessin Amalia, während sie sich mit mir im Schlossparke unter den
beschorenen Bäumen erging. Ich sah in ihr rundes, rötlich glänzendes
kleines Gesichtchen, mit den runden hervorquellenden Augen, die so
erschreckt-naiv in die Welt blickten, während das winzige Persönchen in
einem grünlichen Kleide, das mit grell-rosa Buketts übersät war, hüpfenden
Ganges über den Weg trippelte und den kleinen chinesischen Fächer bald auf-
und bald zuklappte. Dann sagte ich:

»Glaubet mir, Prinzessin, dieser Wundertrank kann nicht bloss den Lauf der
Zeit aufhalten, er kann die Zeit wiederbringen, dass die Rosen, die schon
zu verschwinden begonnen, wieder auf den Wangen erblühen und das Feuer der
Augen, das als schwacher Funke glimmte, wieder in fröhlichen Flammen zu
spielen beginnt. Ihr sehet in mir selbst das anschauliche Beispiel dafür.«

Da wir durch eine abgelegene Allee zum See, auf dem Schwäne hinglitten,
hinuntergingen, lehnte sich die Prinzessin zärtlich auf meinen Arm und
flüsterte noch zärtlicher:

»So dass auch mir, die sich schon bereit macht, auf alles zu verzichten,
noch Hoffnung lächeln kann?«

»Prinzessin!« rief ich aus, »jeder wird bestätigen, dass das Elixier, zu
dem Ihr ohne Ursache zu greifen Euch herabliesset, bereits begonnen hat,
seine Wirkung auszuüben.«

»Ach, Ambrosius, teurer Meister, sprechet zu mir, als mein Freund und
nicht, wie ein Hofmann meines Bruders . . .« Und die Prinzessin begann sich
darüber zu beklagen, dass die Herzogin sie, die unglückliche Amalia, auf
alle Art in den Hintergrund dränge, sie verfolge und sie mit ihrem Bruder,
dem Herzog, zu veruneinigen trachte, weil sie selbst unter dem Einflusse
des alten Rates von Hohenschwitz stehe, der ein schlauer und heimtückischer
Höfling sei. Dieser Bericht war mir nicht neu, ebensowenig, wie die
leidenschaftlichen Blicke, die Amalia mir schenkte. Ich küsste ehrerbietig
ihre Hand, versprach alles aufzubieten, was in meinen Kräften stehen würde,
um die Eintracht in der herzoglichen Familie wiederherzustellen, und ohne
den Kopf nach dem zweiten Handkusse zu erheben, sagte ich kaum hörbar:

»Wann werden wir uns wiedersehen, göttliche Gönnerin?«

»Mittwoch abend, im kleinen Pavillon,« antwortete die Prinzessin erfreut
und tänzelte, wie eine hinter die Kulissen abgehende Ballerina, in eine
Seitenallee. In Gedanken versunken war ich fast bis ans Gitter des Parkes
weiter gegangen, als ich weibliche Stimmen vernahm. Mir schien, dass über
die herzogliche Familie gesprochen werde, deshalb blieb ich stehen, denn
ich wollte mir die Unterhaltung zunutze machen.

». . . . nein, nein, das weiss man schon, die Mutter der seligen Herzogin,
Therese Pauline und deren Mutter, Pauline Therese, und auch ihre Mutter,
Ernestine Viktoria, bei allen, allen ist es, wie man sagt, so gewesen: das
erste Kind ein Sohn, dann sechs Töchter. Und -- denk an mein Wort! auch
unsere Herzogin -- Gott geb' ihr eine leichte Geburt -- wird als erstes
Kind den Thronerben gebären.«

»Gäb's Gott!«

»Und alle rothaarig, wie die Füchse . . .«

»Nun, dieser kann auch schwarze Haare bekommen.«

»Was willst du damit sagen, Barbara?«

»Hast du das Jugendbildnis des Rates gesehen, das in seinem Speisesaal
hängt?«

»Dummheiten! Das geht uns nichts an! Ich glaub's nimmer!«

»Gewiss, ich sag's ja auch: meine Sache ist, dass die Kühe gefüttert
werden, dass sie rein sind und gemelkt werden, ja, das ist meine Sache,
aber was die herrschaftlichen Angelegenheiten anbetrifft, so bewahre mich
der Herr davor, nicht wahr?«

Hier trat ich aus der Allee heraus, beantwortete den ehrerbietigen Gruss
der beiden Viehmägde und ging langsam meinem Schlossflügel zu, an den
Pfützen vom gestrigen Regen herum, in denen der grellrote Widerschein der
vom Sonnenuntergang geröteten Wolken glühte.


Zweites Kapitel

Ich trat dem Diener nach eilig in das grosse rote Zimmer, in dem ich den
Herzog Ernst Johann am offenen Fenster im Gespräch mit seinem jungen
Bruder, Philipp Ludwig, antraf. Durch das Fenster sah man auf eine gerade,
bereits gelb gewordene Weissbuchenallee. Mit weiten Schritten, irgendeinen
König, den er sich zum Muster gemacht, nachahmend, kam der Herzog mir
entgegen und drückte fest meine Hand. Dann fragte er mich nach dem Ergebnis
meiner Beobachtungen und Berechnungen. Herzog Ernst Johann war hager,
mittelgross von Wuchs, hatte eine lange Nase, ein skrophulöses Gesicht und
schmale Schultern. Er ähnelte seinem Bruder Philipp Ludwig, der ein wenig
frischer aussah mit dem etwas fieberhaften Rot auf den Backenknochen und
den glänzenden hervortretenden Augen. Indem ich hier und da aufgegriffene
Gerüchte in Einklang brachte, mich der Unterweisungen meines Lehrers, der
aus magischen Büchern geschöpften Formeln und Verordnungen entsann, konnte
ich, mehr oder weniger erfolgreich, die Zweifel meines Herrn lösen,
Ratschläge in laufenden Angelegenheiten erteilen und Voraussetzungen über
künftige Ereignisse machen. Der junge Herzog stand an den Fensterrahmen
gelehnt und schien erleichtert die durch den Regen erfrischte Luft
einzuatmen.

»Ew. Liebden werden einen Thronerben haben,« sagte ich langsam, um dem
Inhalt meiner Rede mehr Bedeutung zu geben: »Ew. Liebden werden einen Sohn
haben, aber Eure Freude wird durch das Blut verstorbener Vorfahren und
einen Knoten getrübt werden, der aus verschiedenen Fäden geknüpft,
demjenigen Unheil droht, der ihn löst.« Der Herzog hörte mir gespannt und
errötend zu, drückte mir wieder die Hand und murmelte im Fortgehen:

»Ein Sohn, das ist das Erste, das andere wollen wir später in Erwägung
ziehen.«

Ich hatte mich ehrerbietig verneigt und begleitete ihn zur Tür. Dann kehrte
ich zu Philipp Ludwig zurück, dessen dunkle Gestalt sich noch immer scharf
vom bereits erblassten Abendhimmel abhob.

»Also, mein junger Freund!«

Er wandte sich hastig zu mir und rief mit gerührter und begeisterter
Stimme:

»Meister, Meister, ich neige mich vor Eurem Wissen, Eurer Wissenschaft,
Eurer Person, ich verehre Euch, nehmet mich, lehret mich, leitet mich,
sehet -- ich bin ganz der Eure!« Er warf sich an meine Brust und barg
seinen Kopf an meiner Schulter.


Drittes Kapitel

Die Herzogin Elisabeth Beatrix sass, im Hinblick auf ihre sich dem Ende
nähernde Schwangerschaft, in weitem Gewande, in einen tiefen Sessel
zurückgelehnt, da und blickte mit verschämtem Stolz auf ihren hinter den
Armen des Sessels hervorragenden dicken Leib. Herzog Philipp Ludwig, der
Rat und ich standen vor ihr und lauschten auf ihre leise, absichtlich noch
leidender verstellte Stimme:

»Teurer Meister Ambrosius, Ihr handelt vielleicht nicht ganz überlegt, wenn
Ihr Euch in unserem betrüblichen, freilich bloss leichten Familienzwist so
offen gegen mich, gegen unseren ehrenwerten Freund, den verdienstvollen
Rat, auf die Seite der Prinzessin Amalia stellet. Die krankhafte
Einbildungskraft der armen Prinzessin und Eure Vertrauensseligkeit tragen
allein die Schuld an alledem, teuerer Meister.«

»Ich bin überzeugt, dass der Meister sich, wie immer, nur von den edelsten
Gefühlen hat leiten lassen,« mischte sich Philipp Ludwig mit
Leidenschaftlichkeit ein, indem er einen Schritt vortrat. Elisabeth Beatrix
schlug ihre Augen zu dem Sprecher auf und senkte sie dann wieder auf ihre
mageren Hände, die sie über dem Magen gefaltet hatte, worauf sie bemerkte:

»Ich habe auch gar nichts anderes gedacht, lieber Schwager!«

»Ew. Liebden, ich bin weit davon entfernt den Kreis meiner Befugnisse zu
überschreiten und ich kann überhaupt nur ganz bescheiden zu handeln
beginnen, wenn der gnädige Herzog sich selbst an mich um meinen
ohnmächtigen Rat wenden sollte . . .«

Der Rat lächelte und bemerkte:

»Und deshalb, ehrenwerter Scalzarocca, wäre es uns erwünscht Euch mehr vom
Wohle der Untertanen und der Förderung des Ansehens unseres guten Herzogs,
als von den krankhaften Illusionen der unglücklichen Prinzessin geleitet zu
sehen.«

»Ich bin überzeugt, dass der Meister immer von Gefühlen der Menschlichkeit
und Gerechtigkeit geleitet wird,« erhob der junge Herzog wieder seine
Stimme.

»Ich habe die gleiche Überzeugung, aber häufig überwiegt die Empfindsamkeit
des Augenblickes die Erwägungen des klaren Verstandes zum Schaden der
Gerechtigkeit,« bemerkte Hohenschwitz.

»Aber der Meister wird jetzt auch unserer unbedeutenden Persönlichkeiten
bei den Beratungen gedenken, nicht wahr?« fragte die Herzogin, die den
Versuch machte ihr eingefallenes Gesicht zu einem freundlichen Lächeln zu
verziehen.

Ich hielt die Audienz für beendet, verneigte mich schweigend und ging in
die Antichambre hinaus, wo ein Livreediener vor einer träufelnden Kerze
schlummerte. Es schlug dumpf elf Uhr, als ich eine Tür zufallen und die
hohen Stiefelabsätze des herzoglichen Bruders klopfen hörte, der mir mit
jugendlichem Schritte nachlief. Ich blieb, den Griff der Ausgangstür in der
Hand, stehen.


Viertes Kapitel

Als Lieschen vor dem kleinen Pavillon stand, legte sie den Finger an den
Mund und öffnete die Tür, aus der das Licht in langen Streifen auf den
Gartenweg, das Beet und den Rasen fiel, um in den Berberizensträuchern zu
verschwinden. Die Prinzessin sass in schmachtender Stellung auf dem Sofa
und liess träge die Finger über die Saiten einer Laute an grünem Bande
gleiten. Wenn das kurze Ritornell schloss, fing sie es von vorne an, ohne
mit dem Gesang einzusetzen. Ich war eingetreten und blieb an der Tür
stehen; Die Prinzessin tat, als errate sie an den im Zugwinde flackernden
Kerzen, dass jemand hereingekommen sei und flüsterte:

»Bist du es, Lieschen?«

»Prinzessin,« sagte ich leise.

»Ambrosius!« rief Amalia aus, mir schnell ihr, im Kerzenschimmer noch mehr,
als sonst, glänzendes rundes Gesicht zukehrend, wobei sie die Laute aus den
Händen gleiten liess, dass sie dumpf auf den dicken Teppich unter dem
Tische aufschlug.

»Prinzessin . . .« sagte ich noch leiser.

»Ambrosius!« rief Amalia schmachtend und liess sich wieder aufs Sofa
gleiten.

»Prinzessin,« flüsterte ich fast, liess mich vor ihr aufs Knie sinken und
bedeckte ihre Hand mit Küssen.

»Ambrosius,« seufzte Amalia zwischen meinen Küssen. Beim Aufstehen stiess
ich mit dem Fuss an die Laute, die einen schwachen Ton von sich gab. Durch
das Fenster sah man grosse Sterne. Die Prinzessin sass verwirrt, mit
gerötetem Gesicht in Erwartung meiner Rückkehr da. Plötzlich wurde laut an
die Tür geklopft. Ich ordnete meine Perücke und öffnete dem erregten
Lieschen die Tür.

»Der Herzog . . . verlangt . . . die Herzogin ist von einem Sohne entbunden
worden,« murmelte das Mädchen.

»Von einem Sohne?« fragte ich zerstreut.

»Ambrosius!« rief mir die Prinzessin zu, die sich mit süssem Lächeln etwas
vom Sofa erhoben hatte.

»Prinzessin,« antwortete ich und winkte der zurückbleibenden Dame einen
Abschiedsgruss zu.

Die Sterne flimmerten grell über den Sträuchern beim Boskett. Ein im
allgemeinen Trubel vergessener Springbrunnen plätscherte leise. Im Korridor
traf ich den Bruder des Herzogs, der mich beim Mantel ergriff und mich
abgebrochen und erregt ansprach:

»Meister, Meister, sehet, Eure Voraussagung ist eingetroffen, Euer Stern
steigt, Euer Weg ist hell und strahlend: wie ich Euch liebe!«

Im Gehen ihn mit einem Arm umfassend, sagte ich:

»Ja, mein Freund, mit der Geburt dieses Kindes beginnt etwas Neues.«

Von der Treppe oben kam ein Diener mit einer Kerze geeilt:

»Meister, der Herzog bittet Euch unverzüglich ins Eckzimmer.«

Ich betrat einen dunklen Gang, aus dessen Tiefe, hinter verschlossenen
Türen hervor, Kindergeschrei ertönte.


Fünftes Kapitel

Ein glückliches Lächeln hinter affektierter Wichtigkeit verbergend,
unterhielt sich Herzog Ernst Johann mit mir über Regierungsgeschäfte,
während der Rat dastand und über unsere Vertraulichkeit lächelte, die
seinen Einfluss zu verringern drohte. Die Paare gingen im Schritte der
Polonaise an der seit kurzem wiederhergestellten Herzogin vorüber, die in
einem Lehnstuhl unter einem hohen an der Marmorsäule angebrachten
Kandelaber sass; sie war magerer und etwas hübscher geworden, und zum Takte
der lauten Musik, die von den Galerien erschallte, machten die Tanzenden
ihre Verbeugungen vor ihr. Diener reichten Früchte umher und Philipp Ludwig
stand in roter Uniform, hohen Kanonenstiefeln und weissen hirschledernen
Hosen, einem Porträt Moritz' von Sachsen etwas ähnlich, an der
gegenüberliegenden Tür und sah, die Arme über der Brust gekreuzt, mit
leuchtenden Augen zu uns herüber. Trompetenstösse kündeten im Garten den
Beginn des Feuerwerkes an. Die erste Rakete war schon aufgestiegen und
zerstäubte in buntfarbigem Regen, als wir mit Philipp Ludwig, nachdem ich
das Gespräch mit dem Herzog beendet hatte, den glänzend illuminierten Park
betraten. Als wir die Grotte mit dem »Raube der Sabinerinnen« erreicht
hatten, liessen wir uns auf einer Steinbank nieder. Das grüne Licht der
Laternen, die man auf die Terrassen des künstlichen Wasserfalles gestellt
hatte, beleuchtete uns phantastisch. Eine Zeitlang sassen wir schweigend da
und sahen einander bedeutungsvoll an.

»Nun,« unterbrach Philipp Ludwig das Schweigen, »wir können zufrieden sein,
mein teurer Lehrer: wir stehen am Tore zu Grösse, Reichtum, Einfluss!«

In der Stimme des jungen Mannes schienen mir feindselige Noten
mitzuklingen, weshalb ich mich beeilte ihn so zu unterbrechen:

»Mein lieber und teurer Freund, Ihr täuschet Euch, wenn Ihr glaubet, dass
Einfluss, Reichtum und Ansehen mich so unwiderstehlich anziehen. Nur die
Möglichkeit mehr Gutes zu tun freut mich bei der Erhöhung meiner Stellung.
Und glaubet mir, ich lege mehr Wert auf Eure Zuneigung zu mir als auf das
Aufsteigen meiner Ehrenämter.«

Wie man beim Schein der Laternen hinter dem Wasser sehen konnte, war das
Gesicht Philipp Ludwigs traurig. Ich wollte ihn trösten, denn der arme
Jüngling tat mir wirklich leid, obgleich ich den Grund seiner Trauer bloss
vermutete, ohne ihn genau zu kennen, deshalb begann ich von seinen
bevorstehenden wissenschaftlichen Beschäftigungen zu sprechen, aber das
Gesicht des herzoglichen Bruders klärte sich kaum auf und nur ein fast
nicht bemerkbares Lächeln spielte um seine Lippen. Nachdem er meine Worte
angehört hatte, sagte er unerwartet:

»Meister, Ihr seid ein reiner Mensch, Ihr kennet die Liebe nicht, das Weib
ist Euch fremd, deshalb liegt die Zukunft offen vor Eurem Blick und Ihr
fürchtet Euch nicht Geheimnissen auf den Grund zu sehen. Und darum liebe
ich Euch!

Und bevor ich noch Zeit gefunden mich zu besinnen, hatte er sich gebeugt
und schnell meine Hand geküsst. Verlegen rief ich aus: »Was ist Euch,
Prinz?!« Und ich küsste seine Stirn.

»Nichts, ich bitte Euch, achtet nicht darauf,« erwiderte tonlos Philipp
Ludwig.

»Und dann könnet Ihr Euch in bezug auf meine Person irren; und wenn Ihr
mich dann so erblicken werdet, wie ich wirklich bin, so wird Eure
Unzufriedenheit mit mir wegen der Euch bereiteten Enttäuschung eine nur um
so grössere sein.«

»Nein, Meister, nein, mein Teurer, redet nicht schlecht von Euch, ich kenne
Euch besser, als Ihr selbst,« sagte der Prinz zärtlich und lehnte, wie in
Sehnsucht, seinen Kopf an meine Schulter.


Sechstes Kapitel

Es war zum erstenmal, dass die Prinzessin es wagte zu einem Stelldichein zu
mir auf mein Zimmer zu kommen. Wenn es auch gefährlicher war mich
aufzusuchen, als mich in ihren Gemächern zu erwarten, so wurde das Wagnis
doch durch die vollkommene Ungestörtheit während des Beisammenseins selbst
reichlich belohnt. Ich hatte einen Geschäftsbrief beendigt und sass vor
meinem Pult, auf dem eine Kerze brannte, in einen Stuhl zurückgelehnt. Ich
bemühte mich nicht an die nahe Stunde des Stelldicheins zu denken. Ich war
weit davon entfemt die Prinzessin zu lieben oder sie zu begehren, durch
meine Stellung und eine gewisse am herzoglichen Hofe herrschende Strenge
war ich genötigt mich mehr zu zügeln, als ich es gewohnt war, und ich hatte
eine gewisse Sehnsucht nach dem freien Leben in Italien und unwillkürlich
kehrte ich in Gedanken immer wieder zum Bruder des Herzogs zurück, dessen
zärtliche, fast verliebte Ergebenheit mich aufrichtig rührte. Nachdem ich
meinen Brief versiegelt hatte, versank ich, den Kopf auf die Hand gestützt,
in die bewegungslose Flamme der Kerze starrend, in Nachdenken. Von einem
leisen Klopfen an die Tür geweckt, liess ich eine kleine Gestalt in einem
dunkellila Mantel, der vom Regen fast schwarz geworden war, ins Zimmer. Es
war Prinzessin Amalia. Ich beeilte mich sie an das brennende Kaminfeuer zu
setzen und goss ihr ein Glas Wein ein. Glücklich lächelnd, reichte die
Prinzessin mir, ohne ein Wort zu sprechen, die Hand, welche ich ehrerbietig
an meine Lippen zog. Dann legte ich meinen Arm auf die Lehne des Stuhles,
in dem Amalia sass. Sie schmiegte sich an mich und blickte zärtlich und
glücklich zu mir auf. Der Wind rüttelte an den Fensterrahmen, über den Mond
jagten Wolken, der Regen schien aufgehört zu haben. Es klopfte wieder an
die Tür, dieses Mal schnell und fest; Amalia sprang erbleichend auf.

»Was ist das?« flüsterte sie.

»Seid ruhig, fürchtet Euch nicht,« flüsterte ich, sie wieder in den Stuhl
drückend, den ich mit seiner hohen Lehne zur Tür kehrte, nachdem ich über
die Prinzessin einen grossen orientalischen Schal geworfen hatte. Man fuhr
fort, immer stärker an die Tür zu klopfen und die Stimme Philipp Ludwigs
wurde laut:

»Meister, Meister, ich bin's, Prinz Philipp, machet auf!«

Die leuchtenden Augen des Jünglings, sein erregtes, ungleich gerötetes
Gesicht, seine bebenden Hände, zeugten davon, dass sein Zustand ein
aussergewöhnlicher sei.

»Was ist mit Euch, mein Freund?« sagte ich, ein wenig zurücktretend.

»Ich habe mich entschlossen . . . ich bin entschlossen . . . und hier bin
ich, um es Euch zu sagen . . .« stiess der Prinz, der in seiner Erregung
fast schön war, mit Unterbrechungen hervor.

»Beruhiget Euch, vielleicht wird es Euch gelegener sein, mir später das
mitzuteilen, was Ihr auf dem Herzen habet?«

»Nein, nein! Jetzt! Gleich, o Meister! Höret, ich habe mich entschlossen.
Ich schütte mein Herz vor Euch aus . . .« rief der Prinz, und noch ehe ich
die Möglichkeit hatte, irgend etwas zu tun, warf er sich in den Lehnstuhl,
auf dem die versteckte Amalia sass.

Ein zwiefacher Schrei gellte durch das Zimmer: der Prinz hatte den Schal
von Amalia, die, in eine Ecke des Stuhles gedrückt, ihre Augen
zusammenkniff, heruntergerissen und starrte sie an wie einen Basilisk.

»Meister, ich hasse Euch . . .!« zischte er, als er mir sein in Tränen
gebadetes Gesicht zukehrte, und lief, die Tür hinter sich zuschlagend, aus
dem Zimmer.


Siebentes Kapitel

Zum kleinen Souper waren, ausser mir, noch der Rat von Hohenschwitz und die
lustige Kammerfrau, Bertha von Liebkosenfeld, geladen; Prinz Philipp war
nicht erschienen, er hatte sich krank gemeldet, Prinzessin Amalia und die
Herzogin Elisabeth Beatrix, beide in Kleidern mit chinesischem Muster,
sassen zu beiden Seiten des Herzogs, den Rat und mich zu Tischnachbarn,
während die Liebkosenfeld Ernst Johann gegenübersass und mit ihrer vollen
rosigen Gestalt unseren Kreis abschloss. Das Orchester spielte aus
»Dardanus«, die Diener (der grösseren Intimität wegen waren ihrer nur zwei
befohlen) schenkten Wein ein, und der Herzog unterhielt sich, um die
Etikette aufzuheben, über den Tisch laut mit der lustigen Bertha, die ihm
mit einem Lachen antwortete, das zwei Reihen blendendweisser Zähne sehen
liess.

»Ew. Liebden haben recht mit der Annahme, dass das Herz, so unter meinem
linken Auge angeklebet, kein Zufall sei. Ich bin bis zum Wahnsinn verliebt,
allein der Gegenstand meiner Verehrung ist allzu hoch und unerreichbar,«
sagte Bertha, ihre grossen blauen Kuhaugen senkend. Hohenschwitz hustete
laut, nahm eine Prise, nieste und putzte seine Nase mit einem grünseidenen
Tuche.

»Ohne jemand kränken zu wollen, frei von Parteilichkeit, einzig um das Wohl
des Landes besorgt, ernennen wir Euch, lieber Scalzarocca, zu unserem Rat
und ersten Minister. Der Bitte Gehör schenkend, welche der unserem
gerechten Herzen nicht weniger nahestehende von Hohenschwitz kürzlich
äusserte, gewähren wir ihm die Möglichkeit, in Ruhe und Frieden die ihm in
so reichem Masse verliehenen philosophischen Fähigkeiten zu entwickeln.«

Die Herzogin war etwas blass geworden, gab dem Diener das Zeichen, die
bereits vorher gefüllten Schaumweinkelche zu reichen. Sie wählte selbst den
Kelch, den sie dem Herzog gab, dann reichte sie zum Zeichen besonderer Huld
jedem von uns den seinen mit eigener Hand. Von Hohenschwitz hustete
angestrengt.

Bertha von Liebkosenfeld lachte laut auf, als der Herzog über eine kleine
Unpässlichkeit klagte und sich in seine Gemächer zurückzog.


Achtes Kapitel

Vor mir stand ein junger Mann, fast noch ein Knabe, ohne Perücke, in
bescheidenem schwarzem Kamisol, blass, mit glänzenden Augen und spitzem
Kinn und entwickelte mir utopistische Ideen von Gleichheit, Freiheit,
Brüderlichkeit, sprach von grossen Ereignissen, welche angeblich
herannahten, von Welterschütterung und neuer Sintflut. Ich fragte ihn:

»Ihr seid Engländer?«

»Nein, ich bin Franzose und habe mich an Euch, als an meinen Landsmann, um
Förderung gewandt.«

»Ja, ich kenne Eure Angelegenheit, sie wird geordnet werden, aber Eure
Worte interessieren mich auf das lebhafteste; Ihr saget, dass diese
Schwärmereien eine ganze Masse von Leuten beseelen, welche nicht nur um der
eigenen Befreiung willen zu handeln bereit sind?«

»Wir werden die Welt befreien!«

»Befreien? Wovon befreien? Von mir zum Beispiel?«

»Von den Tyrannen!« rief der Knabe, dessen Gesicht rot geworden war.

»Aber Vorurteile, Sitten, unsere Gefühle schliesslich, sind grausamere
Tyrannen, als die gekrönten Häupter. Es heisst doch ganz mit Recht:

   »Tyrannin ist die Liebe, herrscht über königliche Macht,
   Den stolzen Simson selbst hat sie zu Fall gebracht . . .«

Ein Diener überreichte mir einen Zettel, auf dem mit Bleistift geschrieben
stand:

»Freund, rettet Euch, der Herzog ist nach dem gestrigen Souper an den
Blattern gestorben. Eure wütendsten Feinde haben die Macht in Händen. Im
besten Falle droht Euch die Verbannung. Nützet die Zeit. Euer Freund.«

Ich sah den Jüngling an, der bereit war seine Rede fortzusetzen, und sagte:

»Euer Anliegen wird, meinen Worten entsprechend, erledigt werden,« und
beantwortete mit einem wohlwollenden Lächeln seine ehrerbietige, wenn auch
würdige Verbeugung. Als ich allein geblieben war, sah ich durch das Fenster
lange in den feinen Regen hinaus, der in eine Pfütze tröpfelte, dann
klingelte ich nach meinen Kleidern.


Neuntes Kapitel

Im Saal, in dem schon die Kandelaber angesteckt waren, befand sich nur
Bertha von Liebkosenfeld. Sie stand mitten im Zimmer und las einen Zettel.
Ihr rosiger feuchter Mund lächelte. Als sie mich bemerkte, winkte sie mich
zu sich heran, legte ihre Hand auf meine Schulter und sagte:

»Meister, nur im Unglück erkennet man seine wahren Freunde. Glaubet mir,
dass ich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .




Aus Briefen der Jungfer Claire Valmont an Rosalie Tütel Mayer


27. Juli 172*.

Entschuldigt, teure Tante, dass ich Euch so lange nicht geschrieben habe,
aber über diesem Umzuge haben wir alle den Kopf verloren; jetzt kommt alles
nach und nach in Ordnung, und gestern wurde schon das Schild aufgehängt;
Papa macht alles selbst, ärgert sich und schilt uns und gestern kam es mit
ihm so weit, dass er sein Gilet mit dem Hinterteil nach vorne angezogen
hatte. Mama lässt Euch vielmals grüssen; ich habe ein eigenes Zimmer, aber
neben dem ihrigen und die Tür lasse ich zur Nacht offen stehen, weil ich
immer noch derselbe Hasenfuss geblieben bin. Papa hat, ausser Jean und
Pierre, nur noch einen Lehrling und dann noch Jacques Mobert, der unlängst
zu uns in Dienst getreten und, wie ich glaube, von hier gebürtig ist. So
ein sonderbarer Kauz! Er kam, sich zu verdingen, in später Nacht, als wir
uns schon schlafen legen wollten; Papa hätte ihn beinahe, ohne weiter zu
reden, davongejagt, aber schliesslich ging alles gut aus. Arbeit gibt es,
gottlob! viel, so dass Papa sich ordentlich müde arbeitet; aber was ist
dabei zu machen, man muss doch auf irgendeine Art leben. Was soll ich Euch
über Lachaise-Dieu sagen? Es ist das ein ganz kleines Städtchen mit einem
alten Kloster, das wie eine Festung aussieht, in der Ferne kann man Berge
sehen. Ich weiss nicht, ob wir es hier nicht sehr langweilig haben werden,
obgleich wir schon einige Bekanntschaften gemacht haben. Einstweilen kommt
man noch, wegen der Einrichtung, zu nichts. Lebet wohl, liebe Tante,
entschuldigt, dass ich wenig schreibe -- ich habe furchtbar wenig Zeit und
dann ist es auch so heiss, dass mein Hals ganz nass ist. Ich küsse Euch
usw.

Eure Euch liebende Nichte
Claire Valmont.

                   *       *       *       *       *

15. September 172*.

Ich danke Euch, liebes Tantchen, für das Wintermäntelchen, das Ihr mir
gesandt habt. Wirklich, Ihr seid zu vorsorglich, da Ihr mir Euer liebes
Geschenk jetzt geschickt habet, wo wir noch in Kleidern auf die Strasse
gehen. Ich erkenne das liebe Tantchen Rosalie sowohl in dieser
Aufmerksamkeit, als auch in der Wahl des Zeuges! Wo habt Ihr bloss einen
solch prächtigen Stoff gefunden? Hauptsächlich einen mit solchem Dessin?
Diese so grellen Rosen mit den grünen Blättern auf goldig-gelbem Grunde
sind der Gegenstand der Bewunderung aller unserer Bekannten, die uns
besonders besuchen, um Euer Geschenk zu sehen, und ich warte mit Ungeduld
auf die Kälte, um diese Pracht einzuweihen. Wir sind alle gesund, wenn wir
auch bescheiden leben und uns nirgendwo zeigen. Zu Hause macht uns Jacques
viel Spass; das ist ein sehr lustiger, lieber junger Mann, talentvoll und
arbeitsam, so dass Papa nicht genug Lob finden kann. Mütterchen gefällt es
nicht, dass er nicht zur Kirche geht und nicht fromme Gespräche liebt.
Natürlich ist das nicht gut, aber man kann diesen Fehler mit seiner Jugend
entschuldigen, um so mehr, als Jacques ein sehr bescheidener Jüngling ist:
er treibt sich nicht herum, spielt nicht und trinkt nicht. Noch einmal
danke ich Euch, liebe Tante, für den Wintermantel und bleibe

Eure Euch liebende Nichte
Claire Valmont.

                   *       *       *       *       *

2. Oktober 172*

Teures Tantchen, ich wünsche Euch von ganzem Herzen Glück zu Eurem
Geburtstage (es ist doch schon das neunundsechzigste Lebensjahr, in das Ihr
tretet!) und wünsche Euch ihn mit weniger dunkeln, weniger gemischten
Gefühlen zu begehen, als ich sie eben habe. Ach, Tante, Tante. Ich bin so
gewöhnt Euch alles zu schreiben, dass es mir viel leichter fällt Euch ein
Geständnis abzulegen, als Père Vital, unserem Beichtvater, den ich doch
bloss einige Monate kenne. Wie soll ich beginnen? Und womit? Ich zittere,
wie ein kleines Mädchen, und nur die Erinnerung an Euer liebes, gutes
Gesicht, das Bewusstsein, dass ich für Tante Rosalie immer noch dieselbe
kleine Claire bin, verleiht mir Mut. Entsinnet Ihr Euch, dass ich Euch von
Jacques Mobert schrieb, nun also, Tante, ich liebe ihn. Erinnert Euch an
Eure Jugendzeit, an Regensburg, an den jungen Heinrich von Monschein und
geht nicht zu streng ins Gericht mit Eurer armen Claire, die dem Zauber der
Liebe nicht widerstanden hat . . . . Er hat versprochen Vater alles zu
sagen und mich nach Weihnachten zu heiraten, aber zu Hause argwöhnt niemand
etwas und bitte verratet mich nicht. Wie mir leichter geworden ist, seit
ich Euch gestanden habe. Ich liebe besonders seine Augen, die so gross
sind, wenn er küsst, und dann pflegt er sich mit den Augenbrauen an meine
Wangen zu reiben, was bezaubernd angenehm ist.

Verzeihet mir, liebe Tante, und seid nicht bös auf Eure arme

Claire Valmont.

Ich wollte bloss noch sagen, dass Jacques gar kein Hiesiger ist und in
Lachaise-Dieu kennt niemand ihn, wir haben es uns ganz ohne Grund
eingebildet. Aber ist das eigentlich nicht ganz gleichgültig? Nicht wahr?
. . .

                   *       *       *       *       *

6. Dezember 172*.

Es ist wahr, dass ein Unglück niemals allein kommt! Mama bemerkte gestern
meine Taille und fing an mich auszufragen und ich gestand alles. Ihr könnt
Euch Mamas Kummer, Papas Zorn vorstellen. Er schlug mich ins Gesicht und
sagte: »Ich habe nie geglaubt, eine Dirne zur Tochter zu bekommen«, dann
ging er fort und warf die Tür zu. Mama tröstete sich unter Tränen selbst,
so gut sie konnte. Wie Ihr mir fehlet, liebe Tante, Eure Liebkosungen, Euer
Rat. Jetzt gehe ich nirgendwohin aus und ich werde keine Gelegenheit haben
Euern Mantel einzuweihen. Aber schrecklicher, als alles, ist, dass Jacques
unsverlassen hat. Ich bin überzeugt, dass er sich in seine Stadt aufgemacht
hat, um den Segen seiner Eltern zu erbitten; wie dem aber auch sein möge,
er ist nicht da, und meine Langeweile und Niedergeschlagenheit wird durch
seine Abwesenheit nur noch grösser. Mir scheint, dass alle von meiner
Schande wissen, und ich fürchte mich ans Fenster zu treten; ich nähe ohne
zu rasten, obgleich es mir jetzt schon schwerfällt lange gebückt zu sitzen.
Ja, eine schwere Zeit ist für mich gekommen. Wie das Lied singt:

   »Plaisir d'amour dure qu'un moment,
   Chagrin d'amour dure toute la vie.«

Lebet wohl usw.

Eure Euch liebende
Claire.

2. Juni 172*.

Ihr habet wohl geglaubt, liebe Tante, dass ich schon tot sei, als Ihr so
viele Monde keinen Brief von mir erhieltet. Zum Unglück bin ich noch am
Leben. Ich will ruhig alles erzählen, was vorgefallen ist. Jacques ist
nicht da, möge Gott ihm seine Bosheit vergeben, wie er uns von den Ränken
Satans erlöst hat. Am 22. Mai kam ich mit einem Kinde, einem Knaben,
nieder. Aber, allgütiger Gott, was war das für ein Kind: ganz behaart war
es, ohne Augen, mit deutlich sichtbaren Hörnern auf dem Kopfe. Man
fürchtete für mein Leben, als ich mein Kind zu sehen bekam. Mein Kind, wie
schrecklich! Desungeachtet wurde beschlossen, es nach dem Ritus der
heiligen katholischen Kirche zu taufen. Während des heiligen Sakramentes
fing das für die Taufe vorbereitete Wasser zu dampfen an, es erhob sich ein
fürchterlicher Gestank, und als die Anwesenden, nachdem der ätzende Dampf
sich verzogen hatte, die Augen wieder öffnen konnten, erblickten sie im
Taufbecken, statt des Kindes, einen grossen schwarzen Rettich. Mögen wir
vor den Ränken Satans verschont bleiben. Könnet Ihr Euch den ganzen Kummer,
das ganze Entsetzen und die Freude darüber vorstellen, dass wir nicht
völlig ins Verderben gestürzt worden sind. Als man mir alles erzählte, was
in der Kirche vorgefallen, war ich wie wahnsinnig. Bei uns wurde eine Messe
gelesen und jeden Tag wird mit geweihtem Wasser gesprengt. Für mich werden
Gebete um Austreibung böser Geister gelesen. Père Vital riet meinen
Organismus vom bösen Samen zu reinigen . . . . . . . . . . . . . . . . . .
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ihr würdet mich
nicht wiedererkennen, liebe Tante, so habe ich mich in dieser Zeit
verändert. Nicht jeden trifft ein solches Unglück. Aber Gott erhalte alle,
die ihre Zuversicht auf ihn setzen. Lebet wohl usw.

Eure Euch liebende
Claire Valmont.

                   *       *       *       *       *

15. Juni 172*.

Ich schreibe Euch wieder, liebe Tante, weil ich glaube, dass Ihr Euch
unserer Angelegenheiten wegen beunruhiget. Nach meiner Reinigung begannen
die Einwohner auch bei sich die Überbleibsel der Spuren des bösen Geistes
auszurotten. Man erinnerte sich an alle Arbeiten, die Jacques Mobert
(obgleich es besser wäre ihn Teufel Beelzebub zu nennen) gemacht hatte:
Stiefel, Halbstiefel, Schuhe und Kanonenstiefel, und nachdem sie alles auf
dem Platze vor der Abtei zu einem Haufen geschichtet hatten, wurde es
verbrannt. Nur der alte Uhrmacher Limosius weigerte sich seine Stiefel
herzugeben, weil ihm, wie er sagte, dauerhafte Stiefel wichtiger seien, als
ein alberner Aberglaube. Aber er ist natürlich ein Jude und Gottloser, der
nicht um die Errettung der unsterblichen Seele besorgt ist. Lebet wohl,
liebe Tante, usw.

Ich verbleibe Eure Euch liebende
Claire Valmont.




Florus und der Räuber



I.

Jedesmal, wenn Ämilius Florus die gegenüberliegende, aus demselben
rotglänzenden Stein gebaute Mauer erreichte, kehrte er ungestüm sein bleich
gewordenes Gesicht um, und seine schallenden Schritte, die der gewöhnlichen
Leichtigkeit seines Ganges so unähnlich waren, machten den greisen Sklaven
und den stummen Knaben, die auf der Erde sassen, zusammenfahren, und sie
blickten erschreckt auf, wenn die Ränder des blauen Gewandes ihres Herrn
sie bei seinen hastigen Wendungen streiften.

Als wäre er vom Hin- und Herlaufen ermüdet, schickte er den Alten hinaus,
mit geschlossenen Augen den Kopf schüttelnd, um zu zeigen, dass er die
Wirtschaftsberichte nicht zu hören wünsche. Der Knabe, der zu dem jetzt
sitzenden Florus herangekrochen war, küsste ihm die Knie und versuchte,
einen Blick von ihm aufzufangen. Florus pfiff dem grossen zottigen Hunde
und sie traten alle drei in den Garten hinaus, wo sie wieder hintereinander
auf und ab zu gehen begannen. Zuerst ging schweigend und mit grossen
Schritten der Herr, dicht hinter ihm trippelte der stumme Knabe, den
grossen Kopf schüttelnd, schritt der Hund als Letzter in der Reihe. Durch
den zweiten Spaziergang beruhigt, betrat Florus das Haus und schrieb den
bereits angefangenen Brief weiter:

». . . Dir wird es eine Kinderei scheinen, was ich mich anschicke Dir zu
sagen, aber diese Kleinigkeit raubt mir die Ruhe und das Gleichgewicht
meiner Seele, deren jeder bedarf, dem die Würde des Menschen etwas gilt.
Dieser Tage traf ich einen Mann aus dem Volke, den ich vorher niemals
gesehen hatte, aber von so bekanntem Aussehen, das ich -- teilte ich die
Lehre der Brahmanen von der Seelenwanderung -- geglaubt haben würde, wir
seien einander schon in einem früheren Leben begegnet. Und noch sonderbarer
ist es, dass der Gedanke an diese Begegnung, der in meinem Kopfe stark
geworden ist, wie Bohnen aufquellen, wenn man sie zur Nacht in Wasser legt,
mir keine Ruhe lässt, und ich bin bereit hinzugehen und selbst diesen
Menschen zu suchen, weil ich mich nicht entschliessen kann, mich jemand
anzuvertrauen und mich selbst meiner Schwäche schäme. Vielleicht hängt das
alles vom ungenügenden Zustande meiner Gesundheit ab: häufige
Schwindelanfälle, Schlaflosigkeit, Niedergeschlagenheit und grundlose
Angstgefühle gestatten nicht, sie befriedigend zu nennen. Der Mann, den ich
traf, hatte ungewöhnlich helle graue Augen, gebräunte Hautfarbe und dunkles
Haar; an Wuchs und Körperbau gleicht er mir. Calpurnia meinen Gruss, küsse
die Kinder; die Amphoren habe ich schon längst in Dein Stadthaus geschickt.
Nochmals vale.«


II.

Der Arzt schwieg eine Weile und fragte:

»Mit welch einem Zustande hat der deinige am meisten Ähnlichkeit, Herr?«

»Ich kenne den Zustand eines Menschen nicht, der ins Gefängnis geworfen
worden ist, aber ich glaube, dass der meinige diesem am nächsten kommt.
Seit einiger Zeit fühle ich mich in meinen Bewegungen behindert, die
Willensfreiheit selbst scheint beschränkt; ich will gehen und kann nicht,
will atmen und ersticke, mich beherrscht eine dunkle Unruhe und unbestimmte
Angst.«

Florus schwieg, als sei er ermüdet, und erbleichend, begann er wieder:

»Vielleicht wirkt auf meine Vorstellung vom Gefängnis ein Traum, den ich
vor Ausbruch meiner Krankheit hatte.«

»Du hattest einen Traum?«

»Ja, einen so deutlichen, handgreiflichen! Und sonderbar: es ist, als hätte
er bis jetzt nicht aufgehört, und wenn ich wünschte (davon bin ich
überzeugt), könnte ich ihn ununterbrochen weiter träumen und dich, mein
Freund, für ein Gespenst halten.«

»Wird es dich aufregen, wenn du ihn mir erzählst?«

»Nein, nein!« wiederholte Ämilius hastig, die Schweisstropfen fortwischend,
die an seiner Stirn hervorgetreten waren. Und er begann, als mache es ihm
Mühe, sich zu erinnern, abgerissen zu sprechen, und bald hob sich seine
Stimme zu lautem Schreien, bald sank sie zu raunendem Flüstern herab:

»Sage es niemand, was du hören wirst . . . schwöre es . . . . vielleicht
ist es gerade die Wahrheit. Ich weiss nicht . . . . ich habe gemordet --
denke nichts . . . es war -- dort, im Traume. Ich floh, lange irrte ich
umher, ich nährte mich von Früchten (ich entsinne mich, es waren wilde
Kirschen), stahl Brot, Milch geradewegs aus den Eutern der Kühe auf dem
Felde. Ach, die Sonne brannte und betäubend war der Dunst der Sümpfe! Als
ich durch das Hafentor ging, wurde ich, unter dem Verdacht ein Messer
gestohlen zu haben, ergriffen. Ein hochgewachsener rothaariger Händler,
(ja, »Titus« nannten sie ihn), hielt mich fest: ich fühlte mich schwach und
war fassungslos; ein rothaariges Frauenzimmer lachte laut, ein rotgelber
Hund winselte zu meinen Füssen, auf dem Pflaster lag eine Nelke, gepanzerte
Soldaten gingen vorüber . . . man schlug mich . . . die Sonne sengte. Dann
Finsternis und stickige Kühle. O Kühle der Gärten, der klaren Quellen, des
Bergwindes, wo bist du?« . . .

Und Florus schwieg entkräftet und liess sein Haupt sinken. Der Arzt sagte:
»Schlafe ein«, und ging hinaus zum Schaffner über den Kranken zu sprechen.
Der stumme Knabe lauschte mit gierig geöffneten Augen und offenstehendem
Munde. Gegen Abend rief Florus die alte Amme. Vor ihm kauernd sprach die
Alte, die ihre Märchen und Kindheitserinnerungen erschöpft hatte, ohne
Zusammenhang von dem, was ihre alten Augen gesehen und ihre taub werdenden
Ohren gehört hatten. Sich in ihren Mantel wickelnd, zischelte sie mit
zahnlosem Munde:

»Söhnchen, vor ein paar Tagen sah ich am Hafentor einen Mörder: er hielt
das Messer in der Hand, aber sein Anblick war nicht fürchterlich; hell,
ach, so hell waren seine Augen, dunkles Haar, wie ein Knabe sah er aus.
Mein Schwager, der Händler Titus, hat ihn festgehalten . . .«

Florus schrie auf und packte sie am Arm:

»Hör auf! Hör auf! Geh! Titus? sagst du Titus, Hexe?«

Der Knabe stürzte, vom Geschrei erschreckt, ins Gemach.


III.

Viele Tage dauerte noch dieser Kampf, und der Kranke wiederholte, mehr als
einmal: »Ich kann nicht mehr: es geht über meine Kraft!« und das heimlich
an ihm nagende Leiden hatte sein früher blasses Gesicht erdfahl gemacht.
Dunkle Schatten umrandeten seine Augen und die Stimme kam wie aus
ausgedörrter Kehle. Er schlief keine Nacht und quälte den stummen Knaben
mit seiner Angst.

Eines Morgens erhob er sich vor Sonnenaufgang und verlangte Hut und Mantel,
als mache er sich auf den Weg. Der Alte unterdrückte jede Frage, und bloss
seinen Blick beantwortend, befahl Florus:

»Du wirst mir folgen!«

Der Gang des Herrn war wieder frei und leicht; auf den eingefallenen Wangen
röteten sich wieder Rosen. Sie entfernten sich durch Strassen und über
Plätze weit von Hause, ohne dass der Sklave den Zweck des Ganges zu erraten
vermochte. Schliesslich, wie sie haltmachten, als hätten sie das Ziel
erreicht, entschloss er sich zu fragen:

»Du wirst hier eintreten, Herr?«

»Ja.«

Die Stimme des Florus klang sorglos. Sie betraten das Gefängnis. Da man
Florus als reichen und vornehmen Mann kannte, so gestattete man ihm, ohne
Schwierigkeiten, wenn auch gegen Entgelt, sich zu überzeugen, ob unter den
Eingekerkerten sich nicht sein, angeblich vor kurzem entlaufener Sklave
befände. Schnell und aufmerksam durcheilte er das Gefängnis bis hinab zum
letzten Kellerverlies. Er suchte mit einem Blicke, als hätten seine Augen
das alles schon früher gesehen. Atemlos fragte er:

»Sind alle Sträflinge hier? Es gibt keine mehr?«

»Mehr sind keine da, Herr. Gestern ist einer entflohen . . .«

»Entflohen? Sein Name?«

»Malchus.«

»Malchus?« wiederholte er, aufhorchend. »Helle Augen, gebräunte Haut,
schwarzhaarig?« fragte Florus erfreut.

»Ja, du hast recht, Herr,« nickte der Gefängniswärter mit dem Kopfe.

Als Ämilius Florus aus dem Gefängnis trat, war er heiter, wie nie zuvor, er
plapperte wie ein Kind, seine Augen, die die dunklen Schatten nicht
verloren hatten, glänzten.

»Mein alter Mummus, sieh nur: war jemals der Himmel so sanft, so lieblich
die Bäume und Blumen?! Wir wollen zu Fuss auf mein Landgut gehen: wilde
Kirschen werd ich essen und Milch trinken geradewegs aus den Eutern der
Kühe. Sanft werden die Tage verrinnen! Du wirst mir ein Mädchen
verschaffen, das nach Gras, Ziegen und etwas auch nach Lauch riecht, den
stummen Lukas nehmen wir nicht mit aufs Land. Ach, alter Mummus, bin ich
nicht gesund, wie jemals? Die Wolken -- als sei es Frühling, als sei es
Frühling!«


IV.

Morgens machte Florus sich freudig auf den Weg, das heimliche Haus seines
Landgutes verlassend, um auf schmalen und breiten Wegen ausgedehnte
Spaziergänge zu machen. Gorgo, die der Alte seinem Herrn zugeführt hatte,
war still, schweigsam, gehorsam und schlicht, wie ein Kälbchen; ihren
gebräunten Körper gab sie leicht und in Reinheit hin; wenn sie zu Hause
wartete, sang sie alte Lieder.

Lukas, der Stumme, der selbst aufs Gut hergelaufen war, begleitete seinen
Herrn überallhin, Freude in den traurigen Augen und im müden Knabengesicht.
Schweigend folgte er, Florus keinen Augenblick in seiner plötzlich
wiedergekehrten Heiterkeit verlassend. Immer nur über Bergpfade schweifen,
im blumenbunten Grase ruhen, auf dem Rücken liegend, ohne Aufhören zur
blauen Feste hinaufstarren, einfache ländliche Lieder singen und den
Stummen die Doppelflöte dazu blasen lassen! Die weissen, grellweissen,
blendend weissen Wolken standen still über Hain und Fluss; sie warteten.
Milchspuren auf den Lippen, unrasiert, mit rotem Munde küsste Florus Gorgo,
das städtische Schmachten vergessend, auf den Lauchgeruch nicht achtend.
Der stumme Lukas weinte im Winkel. Tag reihte sich an Tag, wie im Kranze
sich eine Blume an die andere flicht.

Eines Abends war es, als werde Florus mitten im sorglosen Spiel von tiefer
Niedergeschlagenheit befallen oder von einem unsichtbaren Feinde ergriffen.
Mit plötzlich heiser gewordener Stimme sagte er: »Was ist das? Woher kommt
diese Finsternis? Dieser Kerker?« Und er legte sich auf das niedrige Lager,
kehrte sich zur Wand und seufzte schweigend. Leise kam Gorgo herein und
umarmte ihn, der sie nicht ansah. Florus wehrte ihr und sagte:

»Wer bist du? Ich kenne dich nicht! Nicht jetzt. Gib acht, das knarrende
Schloss wird den schlafenden Wächter wecken.«

Schweigend trat Gorgo zurück und der Stumme schlich sich, wie ein Hund,
wieder herein und küsste die herabhängende Hand des Florus.


V.

Es war eine schwüle Nacht für die Diener, die vor dem Schlafzimmer des
Florus schlummerten. Nur Lukas war, stumm und ergeben, bei seinem Herrn
geblieben. Lange konnte man nur die Schritte des auf und ab gehenden
Ämilius hören. Gegen Morgen umfing die Diener der leise Schlaf vor
Sonnenaufgang. Plötzlich wurde die Luft von einem Schrei zerschnitten, der
Menschenstimme nicht ähnlich war. Es war, als hätte ein Unirdisches, das
Echo weckend, gerufen: »Der Tod!«

Die zögernden Diener, die an die Tür gepocht hatten, wurden vom stummen
Knaben ins Gemach hineingelassen, dessen Gesicht vom Schreck bis zur
Unkenntlichkeit entstellt war. »Der Tod! Der Tod!« wiederholte er mit
wilder, Worte auszusprechen nicht gewohnter Stimme. Die Diener stürzten
sich, ohne über die Laute des Stummen zu staunen, zum Lager, auf dem der
Herr mit zurückgefallenem Kopfe und schwarz gewordenem Gesicht bewegungslos
dalag. Lukas kehrte zum Lager zurück, als habe er eben erst diesen Platz
verlassen, und brach lautlos zusammen.

Mit der Schreckensbotschaft eilte man schnell zum Arzt und zum Schaffner.

Der Stumme hörte nicht auf zu wiederholen: »Der Tod! Der Tod!« als habe er
die Sprache nur für diese Worte allein wiedererhalten.

Florus lag mit zurückgefallenem, schwarz gewordenem Gesicht da, eine Hand
hing leblos herunter. Der Arzt hatte den Körper untersucht, den
unzweifelhaften Tod festgestellt und wies staunend den Schaffner auf einen
schmalen, schwarzen, blutunterlaufenen Striemen, der am Halse des
Verstorbenen aufgequollen war und sich durch nichts erklären liess. Der
einzige Zeuge von Ämilius Florus' Tode, der stumme Lukas, sprach, das
göttliche Stammeln des wunderbaren Schreckes überwindend, der ihm die Gabe
der Rede zurückgegeben:

»Der Tod! Der Tod! Wieder in Banden . . . er geht, geht: wirft sich, wie
ermüdet, aufs Lager . . . kein Wort sprach er zu mir; gegen Morgen begann
er unruhig zu röcheln; ich stürzte zu ihm, er schlug, röchelnd, die Augen
zu mir auf. O Götter! Der Morgen leuchtete rot durchs Fenster. Florus lag,
schwarz geworden, regungslos da . . .«

Man hatte Lukas über Trauer und Besorgungen für die Leichenfeier vergessen.

Kaum begann es am nächsten Morgen hell zu werden, so erschien ein
barfüssiger, zerlumpter, von niemand gekannter Greis, und bat, Florus zu
sehen. Der Schaffner, der glaubte, irgendeine Aufklärung über den Tod
seines Herrn zu erhalten, trat zu ihm hinaus. Der Ankömmling schien
hartnäckig und schlicht. Ringsum heulten sich scharende Hunde.

»Du wusstest nicht, dass mein Herr, Ämilius Florus, gestorben ist?«

»Nein. Es ist gleichgültig. Ich erfüllte, was man mir befohlen.«

»Wer befahl dir?«

»Malchus.«

»Wer ist es?«

»Jetzt ein Hingegangener.«

»Er ist gestorben?«

»Gestern morgen wurde er gehängt.«

»Kannte er meinen Herrn?«

»Nein. Er entbietet ihm, dem Unbekannten, Gruss und sendet ihm die
Todesbotschaft. Bei euch werden Stumme reden.«

»Sie reden schon,« sagte Lukas, der herangekommen war und die schmutzige
Hand des Greises küsste.

»Willst du nicht den Verstorbenen sehen?«

»Wozu? Er hat sich im Gesicht sehr verändert?«

»Sehr.«

»Jenen hat die Schlinge auch verändert. Er hat ein grosses Zeichen am Halse
. . .«

»Hast du viel zu sagen?«

»Nein, ich gehe fort.«

»Ich gehe mit dir!« sagte Lukas freundlich zum Unbekannten.

Die Sonne hatte den Hof schon rosig gefärbt und die gemieteten Klageweiber
liessen, ihre abgemagerten Brüste entblössend, durchdringendes Wehgeschrei
zum Himmel aufsteigen.




Der Schatten der Phyllis



I.

Als der alte Nektanebes, von einem scharfen und einsam durch die Abendkühle
gellenden Schrei getroffen, die Augen von den ausgeworfenen Netzen erhob,
sah er einen kleinen Nachen in der Lichtsäule der beim Untergehen sich im
Wasser widerspiegelnden Sonne und einen Menschen, der vergebliche
Anstrengungen machte ans Land zu schwimmen. Die Netze fahren lassen, zu
jener Stelle hinüberrudern, wo der Ertrinkende zu sehen war, sich ins
Wasser werfen und mit dem Geretteten auf den Armen wieder in sein Boot
steigen -- war das Werk weniger Minuten. Das Mädchen hatte das Bewusstsein
verloren. Die natürliche Röte war von ihren Wangen gewichen und um so
deutlicher sah man die Schminke in ihrem mageren länglichen Gesicht. Erst
als der Alte sie behutsam auf die Bastmatten in seiner Hütte niedergelegt
hatte -- denn er war nichts mehr, als ein armer Fischer -- schlug die
Gerettete die Augen auf und seufzte, als erwachte sie aus tiefem Schlafe,
wobei mit den ersten Lebenszeichen auch ihr Kummer wiederkehrte, denn
reichliche Tränen entströmten unaufhaltsam ihren hellbraunen Augen und sie
begann, wie in hitzigem Fieber, sich hin und her zu werfen und beklagte
laut und bitter ihr Los. Aus ihren unzusammenhängenden Worten und Ausrufen
erfuhr Nektanebes, dass sie eine reiche Erbin und Waise sei, die ein
herzloser Jüngling verschmäht habe, und dass sie dann in einem Anfall von
Verzweiflung den Versuch gemacht, ihr Leid in den Wassern des Flusses zu
versenken. So erfuhr er auch, dass sie Phyllis hiess. Übrigens hätte er das
auch ohne ihre Worte erraten können, denn das Haus ihrer Eltern, die jetzt
schon tot waren, lag nicht weit vom Ufer des Flusses, wo Kähne zu
Lustfahrten und anderem Gebrauch ihrer Besitzer angepflockt waren. Beim
Sprechen weinte sie und umschlang mit ihren Armen den Hals des alten
Fischers, sich an ihn schmiegend, wie ein Säugling sich an seine Amme
schmiegt, er aber streichelte ihr Haar und tröstete sie, so gut er konnte.


II.

Der Morgen und ein tiefer Schlaf brachten die Beruhigung, welche die
Trostworte nicht gebracht hatten. Im Köpfchen der zärtlichen Phyllis
tauchten heiterere Gedanken und Pläne auf. Sie erklärte Nektanebes genau,
wie er zum Hause des grausamen Pankratius gehen und die täuschende
Nachricht erfinden solle, dass ihr Tod bereits eingetreten sei; dabei
sollte er beobachten, um es ihr mitzuteilen, wie dessen schönes Gesicht mit
dem unwandelbaren Hauche von Langeweile sich verändern werde, wenn er ihm
zur Bestätigung seines Berichtes den angeblich in den Falten der Gewänder
der Ertrunkenen gefundenen Zettel und den gestreiften Schleier übergeben
werde. Sie klatschte in die Hände, als sie den Abschiedsbrief beendet
hatte, und drängte voll Erregung und Freude den Alten zu Eile. Der Bote
musste nicht wenig Strassen durchwandern, ehe er das kleine, aber
wohleingerichtete Landhaus des Pankratius erreichte. Als man den alten
Fischer zu ihm hineinführte, war der junge Herr des Hauses damit
beschäftigt mit einem hochgewachsenen Knaben in himmelblauem leichtem
Gewande Ball zu spielen. Als er hörte, dass der Brief von Phyllis komme,
deren Garten sich zum Flusse hinabzieht, fragte er, ohne das Siegel zu
erbrechen und seine dunklen eingelegten Locken ordnend: »Hat dich die
Herrin selbst gesandt?«

»Nein, aber es war ihr Wunsch diesen Brief in deinen Händen zu sehen.«

»Es ist ohne Zweifel ihre Handschrift, lasset sehen, was dieses liebe
Schreiben uns bringt.«

Ein Lächeln umspielte noch die Lippen des Jünglings, als er den letzten
Brief des Mädchens zu lesen begann, aber allmählich verfinsterte sich seine
Stirn, die Brauen hoben sich, die Lippen pressten sich zusammen und seine
Stimme klang erregt und rauh, als er, den Brief in sein Gewand bergend,
fragte: »Ist es Wahrheit was in diesem Briefe steht?«

»Ich weiss nicht, was die arme Herrin geschrieben hat, aber dieses, das
habe ich mit eigenen Augen gesehen« -- und er liess jetzt den geschickt
erfundenen, übrigens zur Hälfte der Wahrheit entsprechenden Bericht vom
angeblichen Tode der Phyllis folgen. Der Schleier, von dem Pankratius
bestimmt wusste, dass er dem Mädchen gehöre, überzeugte ihn vollends von
der Wahrheit der traurigen Erfindung, und nachdem er den Fischer, reich
belohnt, entlassen hatte, kehrte er zerstreut zum Ballspiel mit dem
hochgewachsenen Knaben zurück, das ihn täglich zwischen Bad und Mahl zu
beschäftigen pflegte.

Phyllis hatte sich hinter der niederen Tür versteckt und wartete lange auf
die Rückkehr ihres Wirtes, während sie den Arbeiten in den Gemüsegärten
zusah, bis die Sonne schon begann unterzugehen und die Schwalben schreiend
ganz niedrig dahinschossen, dass sie mit den Flügeln fast das stille Wasser
streiften. Endlich hörte sie das Geräusch der Kiesel, die unter den Füssen
des bergansteigenden Alten hinunterrollten.


III.

Sieben- oder achtmal liess die verschmähte Phyllis sich die Einzelheiten
der Begegnung mit Pankratius wiedererzählen. Sie wollte wissen, was er
zuerst gesagt und was er darauf gesagt habe, und wie er gekleidet gewesen
und wie er ausgesehen habe: ob er traurig oder gleichgültig, blass oder
blühend gewesen, -- und Nektanebes strengte vergeblich sein altes
Gedächtnis an, um die hastigen und abgebrochenen Fragen des Mädchens zu
beantworten.

Am nächsten Morgen sagte er: »Wie denkst du, Herrin? Du musst in dein Haus
zurückkehren, da du doch unter den Lebenden weilst.«

»Nach Hause? Um nichts in der Welt! Dann erfahren ja alle, dass ich noch
lebe; du vergissest, dass ich eine Tote bin!«

Und Phyllis lachte laut auf. Ihre lebensprühenden Augen und Wangen machten
den Scherz ihrer Erfindung noch lustiger.

»Ich bleibe bei dir: am Tage, wenn du in die Stadt gehst, lege ich mich
zwischen die Beete, und unter den reifen Melonen wird mich niemand
gewahren, und am Abend wirst du mir erzählen, was du am Tage gesehen hast.«

Schliesslich bewog der Fischer die junge Herrin, ihrer alten Amme, die auf
einem Landgute in der Nähe von Alexandria lebte, im geheimen ein Zeichen zu
geben, ihr aufrichtig alles zu erzählen und dort abzuwarten, was Zeit und
Schicksal bringen würden. Er selbst versprach, jeden Tag alles über
Pankratius zu berichten, was mit Phyllis irgendwie in Zusammenhang stehen
sollte.

»Wann soll ich denn dorthin fahren?«

»Ich setze dich selbst im Boote über.«

»Durch die ganze Stadt? Als lebendige Leiche?«

»Nein, du wirst am Boden liegen unter einem Gewebe.«

»Die Wächter werden dich für einen Dieb halten und dich verhaften.«

»Ich werde dich mit Bastmatten bedecken.«

Phyllis war Waise und konnte daher ihr Verschwinden leicht verhehlen und
friedlich bei der alten Manto auf dem Landgute leben. Vom Morgen bis zum
Abend konnte sie die Blumen befragen, ob der ferne Jüngling sie lieben
werde. Bald zupfte sie die Blumenblätter einzeln aus den Kelchen, bald
schlug sie mit den Blättern um sich, über eine ungünstige Antwort geärgert
und freute sich kindlich über eine günstige. Da die Aufregungen der Liebe
ihr die Esslust nicht geraubt hatten und das bescheidene Mahl des Landgutes
ihrem vom Nichtstun launischen Geschmack nicht genügte, so wurde bald das
Geheimnis ihres Lebens auch der Schaffnerin ihres Stadthauses bekannt, die
ihr täglich mit dem alten Fischer bald süsses Ingwergebäck, bald lecker
gebratenes Wild, bald Pasteten mit Hahnenkämmen, bald eine in zartem Honig
abgekochte Melone sandte.


IV.

Die alten Füsse des Nektanebes konnten kaum den schnellen und jungen
Schritten des Pankratius und seines Begleiters folgen. Es war schon Abend,
vom Meere drang der Geruch von Salz und Tang herüber, in den Herbergen
wurden grosse Laternen angezündet und man hörte Musik, Matrosen gingen, zu
vieren und mehr einander unter die Arme gefasst, über die Strasse und
unsere Wanderer kamen immer weiter in dunkle leer gewordene Stadtteile.
Endlich betraten sie, den Vorhang aus geflochtenem Rohr zurückschlagend,
ein Haus, das wie ein Lupanar oder eine Schenke für den Hafenpöbel aussah.
Nektanebes folgte ihnen nicht gleich, um nicht ihre Aufmerksamkeit zu
erregen, und wartete auf andere Gäste, um unbemerkt hineinzukommen.
Schliesslich gewahrte er fünf Matrosen, von denen der jüngste sagte: ». . .
und sie legte ihm einen Schwamm an Stelle des Herzens in den Leib; am
Morgen fing er an zu trinken, der Schwamm fiel heraus und da starb er.«

Der Fischer, der mit ihnen zugleich hineingegangen war, konnte sich zuerst,
durch seine Armut und sein Alter vom Besuche solcher Orte entwöhnt, nicht
zurechtfinden. Lärm, Rufe, das Klirren der Lehmkannen, Gesang und das
Klappern einer Handtrommel erschütterten die stickige, dicke Luft.
Sängerinnen sassen, sich mit den Händen den Schweiss und die
herunterfliessende Schminke aus dem Gesichte wischend, vor dem Vorhang. Auf
dem Tische tanzte zwischen Weinkrügen ein nacktes, zehnjähriges
Nubiermädchen, in geschickten Schlangenwindungen ihren Kopf zur Ferse
herabbeugend. Ein dressierter Hund, der mit Hilfe von grob aus Holz
geschnittenen Zahlen die Summe des Geldes in den Beuteln der Gäste erriet,
erregte lauten Beifall. Pankratius sass, seine Caracalla noch tiefer ins
Gesicht gezogen, was seine Augen fremd und glänzend machte, mit seinem
Begleiter am Ausgang. Er hielt den Alten an und sagte: »Hör mal, bist du
es, der mir die Nachricht vom Tode der unglücklichen Phyllis gebracht hat?
Ich habe dich gesucht, ich, der Redner Pankratius, aber still . . . . Komme
morgen nach dem Mittag zu mir; ich habe dir etwas zu sagen: die Verstorbene
raubt mir meine Ruhe.« Er sprach flüsternd, war blass und seine Augen sahen
unter der Kapuze fremd aus und sie glänzten.


V.

Phyllis sass auf der Schwelle des Hauses und las die Papyrusrollen, die
Nektanebes eben gebracht hatte, und auf denen von der Hand des Schreibers
aufgezeichnet stand: »Elegie der Phyllis, der unglücklichen Tochter des
Palemon«. Sie sass gebeugt da und hörte nicht, wie die Sklaven mit Zubern
voll frischgemolkener Milch vorübergingen, wie der Gärtner die Blumen
beschnitt, wie das Hündchen, einen hüpfenden Frosch verfolgend, bellte, und
wie in der Ferne die Schnitterinnen ein wehmütiges Lied sangen. Die Zeilen
zogen an ihrem Auge vorüber und die Erinnerung an ihre vergangenen Qualen
legte sich wiederum, wie Nebel, auf ihre sorglosen Augen.

   Eltern, liebe Eltern,
   Vater und Mutter mein,
   viel habt ihr mir hinterlassen:
   bunte Gewänder,
   weisse Pferde,
   gewundene Spangen, --
   aber lieber, als alles,
   hab ich den grellroten Schleier
   mit den singenden Phönixen.

   Eltern, liebe Eltern,
   Vater und Mutter mein,
   viel habt ihr mir hinterlassen:
   Land und Vieh:
   starkfüssige Ziegen,
   starkstirnige Schafe,
   steilhörnige Kühe,
   Mäuler und Stiere,
   aber lieber, als alle,
   ist mir mein weisser Tauber
   mit dem schwarzbraunen Fleck:
   ich nannt' ihn »Katamitos«.

   Eltern, liebe Eltern,
   Vater und Mutter mein,
   viel habt ihr mir hinterlassen:
   treue Diener:
   Gemüse- und Blumengärtner,
   Weber und Spinner,
   Metbrauer und Bäcker,
   Narren und Flötenspieler,
   aber lieber, als alle,
   hab ich die Alte,
   meine liebe Amme.

      Lieb hab ich die Amme,
      lieb ist der Tauber mir,
      lieb auch mein Schleier,
      aber mehr noch lieb ich den Garten.

   Er zieht sich, er zieht sich
   zum Fluss hinab, unser Garten,
   flussaufwärts, flussaufwärts,
   da wohnt hoch am Ufer mein Freund.
   Ich kann ihm nicht senden, kann ihm nicht senden
   ein Blümlein von mir,
   es bringen meinen Gruss ihm, meinen Gruss ihm
   die Fergen hinauf.

Und weiter stand geschrieben:

   Am Morgen sprach die Amme zu mir:
   -- was willst du's der Alten verhehlen --
   den ganzen Tag zerpflückst du fragend die Blumen,
   Quitten unterscheidest du von Äpfeln nicht mehr,
   Du nähst nicht, du stickst nicht,
   küssest zärtlich den bunten Tauber
   und nachts hör ich dich flüstern: »Pankratius«.

Und weiter stand geschrieben:

   Was soll ich erwählen, liebe Gespielinnen:
   soll ich dem grausamen Freunde noch einmal mein Lieben gestehen,
   oder soll ich in den schnellfliessenden Bach mich stürzen?
   Gleich schwer ist jeder der Wege,
   aber schwerer ist der erste --
   wie werd' ich erröten müssen und stammeln.

Und weiter stand geschrieben:

   Am Morgen steht die Purpursonne auf
   und du gehst an dein Tagwerk,
   wer dich daherkommen sieht,
   der denkt sich: »stolzer Pankratius« --
   und die bleiche Phyllis ist nicht mehr!

   In den Baumgängen wirst du lustwandeln,
   mit den Freunden wirst du im Philo lesen,
   Diskus werfen wirst du und Wettlaufen --
   alle sagen: »schöner Pankratius« --
   und die bleiche Phyllis ist nicht mehr!

   Du kehrst zurück in dein kühles Haus,
   badest dich in duftigen Wassern,
   mit dem Knaben spielst du dann Ball,
   und schläfst ruhig ein bis zum Morgen
   und denkst: »glücklicher Pankratius« --
   und die bleiche Phyllis ist nicht mehr!

Und es stand noch viel geschrieben, so dass das Mädchen, seufzend und über
seine eigenen Worte Tränen vergiessend, bis zum späten Abend las.


VI.

Jetzt spielte Pankratius nicht mehr mit dem Knaben Ball, er las nicht mehr
und hatte keine Lust zu essen, sondern ging im inneren kleinen Garten an
den Levkoien auf und ab und sah aus, wie ein von Unruhe gequälter Mensch.
Gleich nach der Begrüssung begann er: »Das gestorbene Mädchen raubt mir
meine Ruhe: ich sehe sie im Traume und sie mich; sie lockt mich
irgendwohin, ein Lächeln im bleichen Antlitz.«

Der Alte, der Phyllis unter den Lebenden wusste, meinte:

»Es gibt trügerische Träume, o Herr, mögen sie dich nicht beunruhigen.«

»Sie können nicht anders, als mich beunruhigen, vielleicht bin ich dennoch
die unschuldige Ursache ihres Unterganges.«

»Halte sie für lebend, wenn dir das deine Ruhe wiedergibt.«

»Aber sie ist doch gestorben?«

»Tot ist das, was wir für tot halten, und das, was wir für lebend halten --
lebt.«

»Du willst, scheint es, darauf hinaus, wovon ich mit dir reden wollte.
Gelobe mir, das Geheimnis zu bewahren.«

»Du hast mein Versprechen.«

»Kennst du nicht einen Magier, der mir den Schatten der Phyllis beschwören
könnte?«

»Wie das, den Schatten der Phyllis?«

»Nun ja, den Schatten der verstorbenen Phyllis. Scheint dir das so
sonderbar?«

Nektanebes antwortete, nachdem er die Beherrschung wiedergewonnen hatte:

»Nein, das scheint mir nicht sonderbar und ich kenne sogar einen Magier,
wie du ihn brauchst, aber glaubst du auch selbst an die Kraft der Magie?«

»Weshalb hätte ich dich wohl sonst gefragt? Und was hat das mit meinem
Glauben zu tun?«

»Er wohnt nicht weit von mir und ich kann mit ihm verabreden, wann das
Wiedersehen stattfinden soll.«

»Ich bitte dich darum. Du hast mir viel geholfen mit deinen Worten: tot ist
das, was wir für tot halten, und umgekehrt.«

»Lass es gut sein, o Herr, das sind leere Worte, die ein ungebildeter alter
Fischer, wie ich, ohne zu denken hat fallen lassen.«

»Du selbst begreifst nicht die ganze Bedeutung dieser Worte. Es ist mir,
als sei Phyllis am Leben. Richte schneller aus, was du weisst!«

Der Jüngling gab dem Fischer Geld und der Alte war auf dem weiten Wege zum
Landgute mit vielen und verschiedenartigen Gedanken beschäftigt, die zu
einem klareren, freudigen Gedanken führten, so dass Phyllis, die nicht
schlief und ihm selbst die Gartenpforte öffnete, ihn lächeln sah, als
bringe er glückliche Nachrichten.


VII.

Das Mädchen hörte Nektanebes' Plan mit erstaunten Ausrufen.

»Du glaubst? Ist das denn möglich? Wird das nicht Gotteslästerung sein?
Bedenke doch: die magischen Beschwörungen haben die Kraft, die Seelen
Verstorbener heraufzurufen, -- wie werde ich, die Lebende, den täuschen,
den ich liebe? Und wird die hundsköpfige Göttin mich nicht strafen?«

»Wir entweihen den Ritus nicht, du bist keine Tote und bist niemals eine
solche gewesen, wir werden uns nur die äussere Form der Beschwörungen
zunutze machen, um den gequälten Geist des Pankratius zu beruhigen.«

»Er liebt mich jetzt und will mich sehen?«

»Ja.«

»Die Tote, die Tote!«

»Aber du wirst lebendig sein.«

»Man wird mir Totengewänder anlegen, den Totenkranz der verstorbenen
Frauen! Ich werde durch Schwefeldämpfe reden, die mein Gesicht totenähnlich
machen werden!«

»Ich weiss nicht in welcher Gestalt du den Geist darzustellen haben wirst.
Wenn du es nicht wünschest, so lässt es sich vermeiden.«

»Wodurch?«

»Durch Verzicht auf die Beschwörung.«

»Ihn nicht sehen? Nein, nein!«

»Man könnte sagen, dass der Magier das Mondviertel für ungünstig halte.«

»Und dann?«

»Dann wird Pankratius sich selbst beruhigen und er wird vergessen.«

»Er wird sich beruhigen, sagst du? Wann kommt Parrhasius, um die
Verabredung zu treffen und mich zu lehren was ich zu tun habe?«

»Wann du willst: morgen, übermorgen.«

»Heute noch. Einverstanden?«

Als Phyllis allein geblieben war, sass sie lange regungslos da, dann
zerpflückte sie eine Blume und wollte lächeln, als sie auf ihre ständige
Frage ein »Ja« zur Antwort erhielt, aber sie erbleichte gleich wieder und
flüsterte: »Nicht als Lebende hast du das Glück der Liebe gewonnen, arme
Phyllis!« Aber die Morgensonne und das Zirpen der Grillen im Tau, und der
stille Fluss, und die Erinnerung an die wenigen verlebten Jahre, und die
Träume von Pankratius, der sie jetzt liebte, riefen bald wieder das Lächeln
auf die roten Lippen der lustigen und treuen Phyllis zurück.


VIII.

Als die Harfe, die magischen Formeln beantwortend, erklang und ein
undeutlicher Schatten auf dem Vorhang erschien, erkannte Pankratius Phyllis
nicht; ihre Augen waren geschlossen, die Wangen blass, die Lippen
zusammengepresst, die über der Brust gekreuzten mit Bändern umwundenen Arme
steigerten die Ähnlichkeit mit einer Toten. Als sie die Augen aufschlagend,
die lose zusammengebundenen Arme erhoben, stehenblieb, wandte sich
Pankratius, nachdem er den Magier um Erlaubnis gefragt hatte, auf die Knie
sinkend, mit folgenden Worten an sie:

»Bist du der Schatten der Phyllis?«

»Ich bin Phyllis selbst,« war die Antwort.

»Vergibst du mir?«

»Wir werden alle vom Schicksal geleitet; du konntest nicht anders handeln,
als du gehandelt hast.«

»Bist du gern auf die Erde zurückgekehrt?«

»Ich konnte nicht anders, als den Beschwörungen gehorchen.«

»Liebst du mich?«

»Ich liebte dich.«

»Du siehst jetzt meine Liebe, ich habe mich zu fürchterlicher, vielleicht
verbrecherischer Tat entschlossen, als ich dich heraufbeschwor. Glaubst du
mir, dass ich dich liebe?«

»Die Tote?«

»Ja. Kannst du dich mir nähern? Mir deine Hand reichen? Meine Küsse
erwidern? Ich will dich erwärmen und dein Herz wieder schlagen machen!«

»Ich kann mich dir nähern, dir die Hand reichen, deine Küsse erwidern. Ich
bin dazu zu dir gekommen.«

Sie trat ihm, der auf sie zugestürzt war, einen Schritt entgegen; er merkte
nicht, dass ihre Hände wärmer waren, als seine eigenen, wie ihr Herz an
seinem fast erstarrten Herzen schlug, wie ihre Augen glänzten, als sein
trübe gewordener Blick sie traf. Phyllis wehrte ihm und sagte:

»Ich bin eifersüchtig.«

»Auf wen?« flüsterte er, vergehend:

»Auf die lebende Phyllis. Sie liebtest, mich duldest du.«

»Ach, ich weiss nicht, frage nicht, nur du, du allein, dich liebe ich!«

Phyllis sagte nichts mehr, sie erwiderte seine Küsse nicht und zog sich
zurück; schliesslich, als er in Verzweiflung sich zu Boden warf und wie ein
Knabe weinend, rief: »Du liebst mich nicht!« kam es langsam von ihren
Lippen:

»Du weisst selbst noch nicht was ich getan habe,« und an ihn herantretend,
umarmte sie ihn fest und begann jetzt selbst leidenschaftlich und süss
seine Lippen zu küssen. Pankratius war immer zärtlicher geworden und hatte
nicht bemerkt, wie das Mädchen immer schwächer wurde, und plötzlich liess
er sie mit dem Schreckensruf: »Phyllis, was ist dir?« aus seinen Armen
gleiten und lautlos sank sie ihm zu Füssen. Er staunte nicht, dass ihre
Hände kalt waren, dass ihr Herz nicht schlug, aber das Schweigen, das
plötzlich den Raum beherrschte, erfüllte ihn mit unerklärlichem Grauen. Er
schrie auf, und die eintretenden Sklaven und der Magier erblickten beim
Schein der Fackeln das Mädchen in den verwirrten Leichengewändern tot
daliegen, die Bänder und der Totenkranz aus dünnen Goldblättchen lagen
fortgeworfen auf dem Boden. Pankratius schrie noch einmal laut auf, als er
die leblos vor sich sah, die eben noch seine Liebkosungen erwidert hatte,
und zur Tür zurückweichend, flüsterte er entsetzt:

»Sehet: die Spuren von drei Wochen Verwesung in ihrem Antlitz! Oh! Oh!«

Der hinzugetretene Magier sagte:

»Die der Magie gewährte Frist ist verflossen und der Tod hat wieder von der
zeitweilig dem Leben Zurückgegebenen Besitz ergriffen,« und er gab den
Sklaven das Zeichen den Leichnam der bleichen Phyllis, der Tochter des
Palemon, hinauszutragen.




Tante Sonja's Chaiselongue


Ich habe so lange im Ablegeraum unter altem Gerümpel gestanden, dass ich
fast die Erinnerung an meine Jugend verloren habe, als der auf meine
Rückenlehne gestickte Türke mit seiner Pfeife und der Hirtenknabe mit
seinem Hunde, der mit erhobenem Hinterbeine sich flöht, -- noch in grellem
Gelb, Rosa und Himmelblau leuchteten und noch nicht verstaubt und
verblichen waren; aber eben beschäftigen mich die Ereignisse mehr, deren
Zeugin ich gewesen, bevor ich wieder dem jetzt wohl hoffnungslosen
Vergessen anheimfalle. Man hat mich mit neuem hanffarbenem Seidenstoff
bezogen und ins kleine Empfangszimmer gestellt und über meine Armlehne
einen Schal mit grellen Rosen geworfen, als hätte ihn eine Schöne aus
meiner Jugendzeit, plötzlich bei einem zärtlichen Stelldichein
aufgeschreckt, liegen lassen. Übrigens änderte der Schal seine Lage
niemals, denn wenn der General oder seine Schwester, Tante Paula, ihn
zufällig verschoben, gab Kostja, der das kleine Gastzimmer nach seinem
Geschmack eingerichtet hatte, diesem zarten bunten Gewebe wieder sein
früheres, raffiniert nachlässiges, starres Aussehen. Tante Paula
protestierte dagegen, dass ich aus der Rumpelkammer hervorgeholt wurde: auf
mir sei die arme Sonja gestorben, ich sei die Ursache gewesen, dass eine
Heirat nicht zustande gekommen, ich brächte der Familie Unglück sagte sie,
aber für mich trat nicht nur Kostja, seine Kommilitonen und andere junge
Leute ein, sondern auch der alte General selbst sagte:

»Das alles sind Vorurteile, Paula Petrowna! Wenn in diesem Ungetüm auch
irgendein Zauber gesteckt hat, so hat er sich im Laufe der sechzig Jahre in
der Rumpelkammer verflüchtigt; und dann steht es an einer Stelle, wo man
immer vorbeigeht, so dass niemand es aufsuchen wird, um auf ihm zu sterben
oder einen Antrag zu machen!«

Obgleich mir die Bezeichnung »Ungetüm« nicht sonderlich schmeichelte und
der General sich als kurzsichtig erwiesen hat, blieb ich im kleinen
Empfangszimmer mit den grünlichen Tapeten. Ein Porzellanschränkchen stand
mir gegenüber, über ihm hing ein alter runder Spiegel, der undeutlich meine
seltenen Besucher zurückwarf. Bei General Gambakow lebte, ausser seiner
Schwester Paula und seinem Sohne Kostja, noch seine Tochter Nastja, die
ihre Schulbildung in einem Fräuleinstift erhielt.

                   *       *       *       *       *

Aus dem nach Westen gelegenen Nebenzimmer fielen die langen Strahlen der
Abendsonne in meinen Salon und trafen gerade den Schal mit den Rosen, der
noch prächtiger leuchtete und seine Farben spielen liess. Jetzt legten sich
diese Strahlen auf das Gesicht und das Kleid von Nastja, die auf mir sass
und so durchsichtig aussah, dass es sonderbar schien, die Strahlen nicht
durch ihren Körper auf den Herrn, der vor ihr stand, fallen zu sehen, als
genügte ihre Gestalt, das rötliche Licht aufzuhalten. Sie unterhielt sich
mit ihrem Bruder über eine für die Weihnachtsfeiertage geplante
Vorstellung, bei der ein Akt aus »Esther« aufgeführt werden sollte, aber
die Gedanken des jungen Mädchens schienen vom Gegenstande der Unterhaltung
weit entfernt. Kostja bemerkte:

»Ich meine, Sergej könnte uns auch eine Rolle abnehmen: er deklamiert doch
ganz gut.«

»Soll Sergej Pawlowitsch eine meiner Dienerinnen, eine junge Israelitin
spielen?«

»Weshalb, ich kann das Travesti nicht ausstehen, obgleich ihn weibliche
Gewänder kleiden würden.«

»Wen soll er denn sonst spielen?«

Ich verstand, dass von Sergej Pawlowitsch Pawilikin, dem Kommilitonen des
jungen Gambakow, die Rede war. Ich hatte ihn immer für einen unbedeutenden,
wenn auch sehr hübschen jungen Mann gehalten. Das kurzgeschorene dunkle
Haar liess sein rundes blasses Gesicht voller scheinen; er hatte einen
hübschen Mund und grosse hellgraue Augen. Der hohe Wuchs milderte seine
Neigung zu Körperfülle, aber er war sehr schwer, rekelte sich immer auf mir
herum und verstreute die Asche seiner Zigaretten mit den sehr langen
Mundstücken, die er immerfort rauchte, auf mir, und seine Unterhaltung war
leeres Geschwätz. Zur Unzufriedenheit von Tante Paula, die ihn nicht
mochte, war er täglich bei uns zu Gaste.

Das Fräulein unterbrach etwas unsicher das Schweigen:

»Kennst du eigentlich Pawilikin gut, Kostja?«

»Auch eine Frage! Er ist doch mein bester Freund!«

»So . . .? Ist es denn schon so lange her, dass ihr Freunde seid?«

»Seit diesem Jahre, als ich die Universität bezog. Aber hat das denn etwas
zu bedeuten?«

»Nein, ich fragte bloss so, ich wollte nur wissen . . . .«

»Weshalb interessiert dich denn unsere Freundschaft?«

»Ich mochte wissen ob man ihm vertrauen kann . . . ich möchte . . .«

Kostja unterbrach sie lachend:

»Das hängt davon ab! In Geldangelegenheiten würde ich nicht raten! Übrigens
ist er ein guter Kamerad und nicht geizig, wenn er Geld in der Tasche hat,
aber er ist arm . . .«

Nastja schwieg eine Weile und sagte dann:

»Nein, ich fragte nicht danach, sondern was Gefühle, Anhänglichkeit
anbetrifft . . .«

»Was für ein Unsinn! Lernt ihr das in euren Stiften? Was weiss ich! . . .
Hast du dich vielleicht in Sergej verliebt?«

Das Fräulein antwortete nicht und fuhr fort:

»Ich habe eine Bitte an dich, wirst du sie erfüllen?«

»Betrifft sie Sergej Pawlowitsch?«

»Vielleicht.«

»Gut, aber vergiss nicht, dass er nicht besonders liebt, sich mit euch
Weibern abzugeben.«

»Nein, Kostja, versprich mir!«

»Na, schön, ich hab's doch schon versprochen! Also!«

»Ich sage dir's heute abend,« erwiderte Nastja, ihrem Bruder in die
unruhigen Augen blickend, die wie ihre eigenen, braun und gesprenkelt
waren.

»Na, schön, also heute abend,« meinte der Student sorglos, erhob sich und
ordnete wieder den Schal, den das ebenfalls aufgestandene junge Mädchen
freigelassen hatte.

Aber die Strahlen der Abendsonne trafen die zarten Rosen nicht mehr, denn
Nastja, die ins Nebenzimmer gegangen war, trat ans Fenster und sah für das
rötliche Licht undurchdringlich, wie vorher, auf die schneebedeckte Strasse
hinaus, bis das elektrische Licht aufgedreht wurde.

                   *       *       *       *       *

Heute kann man den ganzen Tag keine Ruhe finden, so wird durch mein Zimmer
hin- und hergelaufen! Und ich begreife nicht wozu man bloss solche
Vorstellungen veranstaltet! Ein ganzer Schwarm von jungen Mädchen und
Männern; das war eine Unruhe, ein Schreien, Laufen, man rief nach
Arbeitern, die irgendetwas absägen sollten; Möbel, Kissen, Stoffe wurden
herangetragen; es ist nur gut, dass sie aus meinem Zimmer nichts genommen
und meinen Schal nicht fortgeschleppt haben! Endlich wurde alles still und
in der Ferne begann man Klavier zu spielen. Der General und Paula Petrowna
kamen leise herein und setzten sich nebeneinander auf mich; die alte
Jungfer fuhr fort:

»Es würde ein Familienunglück sein, wenn sie ihn lieben sollte. Denk bloss:
ein Knabe ist er noch, und was für einer ausserdem: ohne Namen, ohne
Vermögen, ohne Talent . . .«

»Ich glaube, du übertreibst stark, ich habe nichts bemerkt . . .«

»Bemerken denn Männer solche Dinge? Ich aber werde jedenfalls immer dagegen
sein!«

»Ich glaube, es wird auch gar nicht so weit kommen, dass man dafür oder
dagegen zu sein brauchen wird.«

»Er ist ein ganz sittenloser Mensch: Du weisst was man von ihm spricht? Ich
bin überzeugt, dass er es auch ist, der Kostja verdirbt. Nastja ist ein
Kind, sie versteht noch nichts . . .« regte sich die alte Dame auf.

»Nun, meine Beste, über wen wird nicht gesprochen? Höre doch bloss was über
Kostja geklatscht wird! Und ich weiss nicht, vielleicht ist auch etwas wahr
an diesen Geschichten. Das geht mich nichts an. Vor Klatsch bewahrt einen
höchstens das Alter, wie deins und meins! . . .«

Paula Petrowna wurde dunkelrot im Gesicht und bemerkte kurz:

»Mach was du willst. Ich habe dich gewarnt und ich selbst werde schon
aufpassen! Nastja ist auch mir keine Fremde!«

Da trat Nastja selbst ins Zimmer; sie war schon in ihrem himmelblauen,
gelbgestreiften Kostüm und trug einen gelben Turban auf dem Kopfe.

»Papa,« wandte sie sich hastig an den General, »warum sehet Ihr Euch nicht
die Probe an?« und fuhr, ohne die Antwort abzuwarten, fort: »Gib doch
unserm König deinen Ring, er hat so einen riesigen Smaragd!«

»Diesen?« fragte der General und wies auf einen alten Fingerring von selten
schöner Arbeit und mit einem dunklen Smaragd, der die Grösse einer
Stachelbeere hatte.

»Nun ja!« antwortete sorglos das junge Mädchen.

»Nastja, du weisst nicht worum du bittest!« mischte sich die Tante hinein,
»den Familienring, von dem Maxim sich niemals trennt, für das Drunter und
Drüber eurer Spielerei hergeben, damit ihr ihn im Handumdrehen verliert! Du
weisst doch, dass dein Vater den Ring niemals vom Finger nimmt!«

»Für ein, zwei Mal; wie sollte er denn aus dem Zimmer verschwinden, selbst
wenn er vom Finger fiele?«

»Nein, Maxim, ich erlaube dir auf keinen Fall den Ring vom Finger zu
ziehen!«

»Du siehst, Tante Paula erlaubt mir's nicht!« sagte der General mit
verlegenem Lachen.

Nastja ging unzufrieden ohne den Ring aus dem Zimmer und Paula Petrowna
begann ihren Bruder zu trösten, dem seine betrübte Tochter leid tat.

Der Lärm und das Gelaufe gingen wieder an; man legte die Kostüme ab, dann
begann das Abschiednehmen.

Herr Pawilikin blieb lange bei uns. Als er mit Kostja in mein Zimmer kam,
war es schon gegen vier Uhr morgens. Sie blieben stehen und küssten sich
zum Abschiede. Sergej Pawlowitsch sagte verlegen:

»Du kannst dir keine Vorstellung machen, Kostja, wie froh ich bin! Aber es
ist mir so unangenehm, das es gerade heute dazu kam, nachdem du mir dieses
Geld gegeben hast! Du kannst dir, weiss der Teufel, was für eine Gemeinheit
denken . . .«

Der blasse und glückliche Kostja mit verwühltem Haar küsste ihn wieder und
sagte:

»Nichts werde ich mir denken, sonderbarer Kauz! Das ist einfach ein
Zusammentreffen, ein Zufall, der jedem zustossen kann.«

»Ja, aber es ist so peinlich, so peinlich . . .«

»Lass das, bitte, im Frühling gibst du mir's wieder . . .«

»Ich brauchte diese sechshundert Rubel auf jeden Fall . . .«

Kostja schwieg, dann sagte er:

»Nun, auf Wiedersehen. Morgen treffen wir uns also zu >Manon<?«

»Ja, ja . . .«

»Und nicht mit Petja Klimow?«

»Oh, tempi passati! Auf Wiedersehen.«

»Mache die Tür leise zu und lärm nicht, wenn du an Tante Paulas
Schlafzimmer vorübergehst: sie hat dich nicht zurückkommen sehen und sie
liebt dich nicht sonderlich. Auf Wiedersehen!«

Die jungen Leute nahmen noch einmal Abschied; es war, wie ich schon gesagt
habe, gegen vier Uhr morgens.

                   *       *       *       *       *

Nastja kam von der Spazierfahrt, und ohne ihren Pelzhut mit der Rose vom
Kopfe zu nehmen, setzte sie sich auf den Rand eines Stuhles, während ihr
Begleiter mit von der Kälte geröteten Wangen fortfuhr im Zimmer auf und ab
zu gehen. Das junge Mädchen sprach ungezwungen und heiter, aber hinter
diesem Geplapper hörte man eine gewisse Unruhe hervor.

»Wir haben eine schöne Spazierfahrt gemacht! So angenehm: Frost und Sonne!
Ich schwärme für den Palaiskai! . . .«

»Ja.«

»Ich liebe schrecklich zu fahren und besonders zu reiten; im Sommer
verschwinde ich tagelang auf solchen Ausflügen. Sie sind noch nicht bei uns
in >Swjataja Krutscha< gewesen?«

»Nein. Ich ziehe ein Automobil vor.«

»Sie haben einen schlechten Geschmack Sie wissen doch, >Swjataja Krutscha<,
und >Alexejewskoje<, und >Ljgowka<, das ist alles mein persönliches
Eigentum; ich bin eine sehr reiche Braut. Dann macht noch Tantchen Paula
mich zu ihrer Universalerbin. Sehen Sie -- ich rate Ihnen, überlegen Sie
sich's.«

»Für uns Schuster heisst es: bleib bei deinem Leisten! . . .«

»Was für vulgäre Vergleiche Sie lieben!«

Sergej zuckte mit den Achseln und fuhr fort, ohne stehenzubleiben, auf und
ab zu gehen. Das junge Mädchen machte noch ein paarmal den Versuch zu
plaudern, aber immer kürzer wurden diese Versuche und schliesslich schwieg
sie ganz, wie ein verdorbenes Spielzeug, und als ihre Stimme wieder
erklang, war sie leise und traurig. Ohne den Hut abzunehmen, setzte sie
sich tiefer ins dunkel gewordene Zimmer hinein und sagte, als klage sie
sich selbst ihr Leid:

»Wie lange ist es schon seit unserer Aufführung her! Entsinnen Sie sich?
Ihr Auftreten . . . Wie vieles hat sich seither geändert! Sie sind nicht
mehr derselbe, ich auch nicht, alle nicht . . . Ich kannte Sie damals noch
so wenig. Sie können sich nicht vorstellen wie gut ich Sie verstehe, viel
besser, als Kostja! Sie glauben nicht? Weshalb stellen Sie sich an, als
merkten Sie nichts? Würde es Ihnen Vergnügen machen, wenn ich Ihnen das
sagen würde, was zuerst zu sagen für eine Frau als erniedrigend gilt? Sie
quälen mich, Sergej Pawlowitsch!«

»Sie übertreiben alles furchtbar, Nastasja Maximowna: mein
Nicht-verstehen-wollen, wie meine Eigenliebe und vielleicht auch Ihre
Gefühle für mich . . .«

Sie stand auf und sagte klanglos:

»So? Es kann sein . . .«

»Sie gehen?« wurde er unruhig.

»Ja, ich muss mich zum Mittagessen umkleiden. Sie speisen nicht mit uns?«

»Ja, ich habe eine Einladung zu Bekannten.«

»Mit Kostja zusammen?«

»Nein. Weshalb?«

Sie ging nicht und blieb am Tisch mit den Zeitschriften stehen.

»Sie werden noch zu ihm auf sein Zimmer gehen?«

»Nein, ich fahre gleich.«

»So? Nun, auf Wiedersehen! Und ich liebe Sie -- das ist's!« setzte sie
plötzlich hinzu, und wandte sich ab. Als er in der Dunkelheit, in der man
seine Züge nicht unterscheiden konnte, schwieg, sagte sie schnell, wie mit
lachender Stimme: »Nun, sind Sie zufrieden?«

»Finden Sie, dass das der passende Ausdruck ist?« sagte er und beugte sich
über ihre Hand.

»Auf Wiedersehen . . . Gehen Sie jetzt,« murmelte sie, das Zimmer
verlassend.

Sergej machte Licht und ging, lustig etwas vor sich hinpfeifend, in Kostjas
Zimmer.

                   *       *       *       *       *

Der General kam in grosser Aufregung herein, er hielt eine Zeitung in der
Hand; Tante Paula folgte ihm auf dem Fusse, mit ihrem schwarzen
Seidenkleide rauschend.

»Beruhige dich, Maxim, jetzt kommt das so häufig vor, man gewöhnt sich fast
daran. Natürlich ist es fürchterlich, aber was ist dabei zu machen? Niemand
vermag seinem Schicksal zu entrinnen.«

»Nein, Paula, ich kann mich nicht beruhigen: nur die Mütze ist
übriggeblieben und ein blutiger Brei von Gehirn an der Mauer. Armer Lew
Iwanowitsch!«

»Denk nicht daran, Bruder! Morgen lassen wir in der Kirche des
Apanagendepartements eine Seelenmesse lesen. Denk nicht daran, schone dich:
Du hast selbst einen Sohn und eine Tochter.«

Der General war ganz rot im Gesicht, er liess sich auf mir nieder. Die
Zeitung entglitt seinen Händen, die alte Dame hob sie schnell auf, legte
sie recht weit von ihrem Bruder fort, und begann hastig von etwas anderem
zu sprechen:

»Nun, hast du den Ring gefunden?«

Der General wurde wieder unruhig:

»Nein, nein! Das beunruhigt mich auch noch fürchterlich.«

»Entsinnst du dich, wann du ihn zum letztenmal gesehen hast?«

»Ich zeigte ihn heute morgen, hier, auf dieser selben Chaiselongue, Sergej
Pawlowitsch: er interessierte sich so für den Ring . . . Dann schlummerte
ich ein; und ich erinnere mich, dass der Ring schon nicht mehr da war, als
ich aufwachte . . .«

»Hast du ihn vom Finger gezogen?«

»Ja . . .«

»Das war nicht vernünftig von dir! Ausser seinem realen besitzt der Ring
doch einen unschätzbaren Wert als Familienstück.«

»Das ist geradezu das Vorzeichen eines Unglückes.«

»Wollen wir hoffen, dass der Tod von Lew Iwanowitsch eine genügend
unglückliche Botschaft ist, um das ganze Unheil zu erschöpfen.«

Der General begann wieder zu seufzen. Paula Petrowna konnte sich nicht
enthalten zu sagen:

»Wenn dieser Pawilikin nur nicht den Ring mitgenommen hat? Er ist fähig so
etwas zu tun!«

»Wozu? Um ihn sich anzusehen? Ja, aber er hat ihn auch so schon betrachtet
und fragte mich wieviel die Antiquitätenhändler dafür geboten haben usw.«

»Er kann ihn ja auch einfach so genommen haben.«

»Das heisst, du meinst er hat ihn gestohlen?«

Paula Petrowna hatte keine Zeit zu antworten, da Nastja, die hastig und
erregt ins Zimmer getreten war, ins Gespräch fiel.

»Papa!« sagte sie laut: »Sergej Pawlowitsch hält um meine Hand an. Ich
hoffe, du bist nicht dagegen?«

»Nicht jetzt, nicht jetzt!« wehrte er ihr mit den Händen ab.

»Weshalb? Was sind das für Ausflüchte? Du kennst ihn gut genug,« sagte
Nastja und wurde rot.

Paula Petrowna warf, aufstehend, dazwischen:

»Ich habe auch eine Stimme und protestiere überhaupt gegen eine solche
Verbindung, und fordere in jedem Falle, dass die Frage aufgeschoben wird
bis sich Maxims Ring wiedergefunden hat.«

»Was für eine Beziehung hat Papas Ring zu meinem Bräutigam?« fragte das
junge Mädchen hochmütig.

»Wir glauben, dass Sergej Pawlowitsch den Ring hat.«

»Sie glauben, dass er einen Diebstahl verübt hat?«

»Ja, so etwas in der Art.«

Nastja wandte sich an den General, ohne der Tante zu antworten, und fragte:

»Du glaubst also auch an dieses Märchen?«

Der Vater schwieg. Sein Gesicht rötete sich noch mehr.

Das junge Mädchen wandte sich wieder an Paula:

»Weshalb treten Sie zwischen uns? Sie hassen Sergej . . . . Sergej
Pawlowitsch und denken sich allerhand Unsinn aus! Sie säen Zwietracht
zwischen Kostja und Papa. Was wollen Sie von uns?«

»Nastja, werde nicht frech, unterstehe dich nicht!« rief der Vater, nach
Luft ringend.

Nastja hörte nicht auf ihn.

»Weshalb regst du dich so auf? Weshalb kannst du dich nicht gedulden, bis
diese Geschichte sich aufgeklärt hat? Es ist das ganz prinzipiell,
begreifst du?«

»Ich begreife, dass mein Bräutigam einer ähnlichen Handlung überhaupt nicht
verdächtigt werden darf!« schrie Nastja, der General sass stumm da, die
Röte in seinem Gesichte wurde immer tiefer.

»Du fürchtest dich vor der Wahrheit?«

»Es kann nur eine Wahrheit geben und ich kenne sie. Und ich rate Ihnen sich
unserer Ehe nicht zu widersetzen: das wird für Sie selbst nur schlimmer
sein!«

»Du meinst?«

»Ich weiss es!«

Paula sah sie durchdringend an.

»Ist denn Eile geboten?«

»Welch eine Gemeinheit! Kostja!« stürzte das junge Mädchen zum eintretenden
Studenten. »Lieber Kostja, sei du Richter! Sergej Pawlowitsch hält um meine
Hand an, und Vater, der ganz unter dem Einflusse von Tante Paula steht,
gibt nicht seine Einwilligung, bevor sich die Frage aufgeklärt hat, wo sein
Ring hingekommen ist.«

»Zum Teufel auch! Ihr beschuldigt doch nicht gar Pawilikin des Diebstahls?«

»Ja,« versetzte die alte Dame boshaft. »Du trittst natürlich für ihn ein,
du wirst den Ring auslösen. Ich weiss auch einiges von dir! Ich kann in
meinem Zimmer hören, wie die Tür knarrt, wenn du deinen Freund hinauslässt
und was dabei gesprochen wird. Sei dankbar, dass ich schweige!«

In meinem ganzen Leben habe ich keinen solchen Skandal, keine solche
Schimpferei gehört. Kostja schlug mit der Faust auf den Tisch und brüllte,
Paula verlangte Achtung vor dem Alter; Nastja sprach hysterisch . . . Aber
plötzlich verstummten alle, weil Stimmen, Schrei und Lärm von einem
unartikulierten Laut übertönt wurden, welchen der General ausgestossen
hatte, der, nachdem er die ganze Zeit geschwiegen, eben aufgestanden war.
Dann sank er schwer zurück, wurde blaurot im Gesicht und begann zu röcheln.
Paula stürzte zu ihm.

»Was ist mit dir, Maxim, Maxim?«

Der General röchelte nur, die weissen Augäpfel verdrehend, und war schon
ganz blau.

»Wasser! Wasser! Er stirbt! Ein Schlag!« flüsterte die Tante, aber Nastja
schob sie beiseite und sagte:

»Lassen Sie, ich werde ihm selbst den Kragen aufknöpfen,« und liess sich
vor mir auf die Knie nieder.

                   *       *       *       *       *

Sogar in mein Zimmer drang der Geruch von Weihrauch und der Kirchengesang
von der Seelenmesse des alten Generals herüber. Mitunter schien es mir, als
werde mir selbst das Sterbelied gesungen. O wie nah war ich der Wahrheit!

Als die jungen Leute ins Zimmer traten, sagte Pawilikin, die unterbrochene
Unterhaltung fortsetzend:

»Und heute, da erhalte ich von Paula Petrowna folgende Zuschrift,« und er
begann den aus der Tasche gezogenen Brief vorzulesen:

»Sehr geehrter Herr, Sergej Pawlowitsch! Aus Gründen, die -- scheint mir --
Ihnen zu erklären weiter nicht nötig ist, halte ich Ihre Besuche in diesen,
für unsere Familie so schweren Tagen für unangebracht, und ich hoffe, Sie
werden nicht verfehlen Ihre Führung mit unserem gemeinschaftlichen Wunsche
in Einklang zubringen. Die Zukunft selbst wird zeigen, wie weit die
früheren Beziehungen möglich sein werden, aber ich kann Sie versichern,
dass meine Nichte, Anastasia Maximowna, im gegebenen Falle mit mir ganz
solidarisch ist. Genehmigen Sie usw.«

Er sah Kostja fragend an und der bemerkte:

»Weisst du, von ihrem Standpunkte hat Tante recht, und ich weiss überhaupt
nicht, wie meine Schwester dir antworten wird.«

»Aber du gibst doch zu, solche nichtige Gründe! . . .«

»Das heisst, der Tod meines Vaters?«

»Ja, aber ich trage doch keine Schuld daran!«

»Selbstredend . . . Ich las da neulich das Märchen aus >Tausendundeiner
Nacht<, wo ein Mensch mit Dattelkernen warf, -- eine durchaus harmlose
Beschäftigung -- er traf aber den Sohn eines Geistes ins Auge und lud eine
Reihe von Missgeschicken auf sich. Wer kann die Folgen von Kleinigkeiten
vorausbestimmen?«

»Wir aber werden doch miteinander verkehren?«

»Oh, zweifelsohne! Ich werde jetzt nicht mehr mit meiner Familie
zusammenleben und du wirst mir immer willkommen sein. Das ist dauerhafter,
als die Verliebtheit eines Mädchens aus dem Fräuleinstift.«

»Und wird auch durch Dattelkerne nicht gefährdet?«

»Das ist's.«

Sergej umarmte den jungen Gambakow und sie verliessen zusammen das Zimmer.
Ich habe Pawilikin nicht wiedergesehen, wie ich überhaupt nur wenige Leute
sah, die uns in meinen letzten Ehrentagen aufsuchten.

                   *       *       *       *       *

Frühmorgens kamen Männer in hohen Stiefeln und hoben mich auf, nachdem sie
Paula Petrowna gefragt hatten: »Diese hier?« Der Älteste von ihnen fragte
immer wieder ob es nicht noch etwas zu verkaufen gäbe, als seine Frage
verneint wurde, folgte er den anderen Männern.

Wie sie mich auf die Seite kehrten, um mich durch die Tür zu tragen, rollte
etwas auf den Fussboden, von dem -- der Sommer war schon nahe -- die
Teppiche bereits entfernt worden waren. Einer von den Männern, die mich
trugen, hob den heruntergefallenen Gegenstand auf und reichte ihn der alten
Dame mit den Worten:

»Ein Ringchen! Haben es mal aufs Couchettchen fallen lassen und da ist es
denn hinter den Bezug geglitten.«

»Es ist gut. Danke!« sagte Tante Paula, erbleichend, und ging aus dem
Zimmer, nachdem sie hastig den Ring mit dem stachelbeergrossen Smaragd in
ihr Ricule gesteckt hatte.




Flügel





Erster Teil


Im Waggon, der gegen Morgen etwas leerer geworden war, wurde es immer
heller; durch die beschlagenen Fenster sah man auf Wiesen hinaus, deren
Gras fast giftgrün war, trotzdem der August sich schon zu Ende neigte,
aufgeweichte Wege schlängelten sich ins Land, Milchfrauen mit ihren Wagen
warteten vor einem herabgelassenen Schlagbaum, Bahnwärterhäuschen und die
bunten Sonnenschirme spazierengehender Sommerfrischlerinnen huschten
vorüber. Auf den häufigen und einförmigen Haltestellen begannen neue
Vorortspassagiere mit Ledermappen unter dem Arm den Wagen zu füllen, und
man sah, dass der Waggon, die Fahrt, für sie keine Epoche, nicht einmal
eine Episode des Lebens bedeuteten, sondern der gewohnte Teil eines
täglichen Programmes waren, und die Bank, auf der Nikolai Iwanowitsch
Smurow mit Wanja sass, schien die wichtigste und bedeutungsvollste des
ganzen Wagens. Die festverschnürten Handkoffer, die Porteplaids mit den
Kissen, der gegenübersitzende alte Herr mit dem langen Haar und der
unmodernen Reisetasche über der Schulter, das alles sprach von einer
weiteren Fahrt, von einer weniger gewöhnlichen, mehr epochemachenden Reise.

Wanja sah auf den rötlichen Sonnenstrahl, der sich unruhig durch die
Rauchwolken der Lokomotive brach und hin und wieder über das dummerhaft
scheinende Gesicht des schlafenden Nikolai Iwanowitsch glitt, ihm fiel
dabei die knarrende Stimme dieses selben Vetters ein, der ihm dort, weit,
»zu Hause«, gesagt hatte: »Geld hat Mama dir keins hinterlassen; du weisst,
wir sind selbst nicht reich, aber, als dein Vetter bin ich bereit, dir zu
helfen; du hast noch lange zu lernen, zu mir kann ich dich nicht nehmen,
ich werde dich zu Alexej Wassiljewitsch in Pension geben und dich besuchen;
dort geht es lustig her und man kann dort viele nützliche Leute treffen.
Gib dir Mühe; wir wären mit Natascha gern bereit dich zu uns zu nehmen,
aber es geht unmöglich; und du selbst wirst es bei Kasanskis heiterer
haben: dort gibt es immer junges Volk. Ich werde für dich zahlen; wenn wir
die Erbschaft teilen werden, ziehe ich meine Auslagen ab.« Wanja sass im
Vorzimmer auf dem Fensterbrett und hörte zu, dabei betrachtete er die
Sonne, die eine Ecke des Koffers, die grau und lila gestreiften Hosen
Nikolai Iwanowitschs und die gestrichene Diele beleuchtete. Er gab sich
keine Mühe den Sinn der Worte zu verstehen und dachte wie seine Mutter
gestorben war, wie plötzlich das ganze Haus sich mit Weibern gefüllt hatte,
die früher ganz fremd gewesen und jetzt ungewöhnlich nahe zu stehen
schienen, er erinnerte sich an alle die Besorgungen, die zu machen waren,
die Seelenmessen, die Beerdigung, und ihm fiel ein, wie es plötzlich,
nachdem alles vorüber gewesen, leer und öde geworden und ohne Nikolai
Iwanowitsch anzusehen, wiederholte er nur mechanisch: »Ja, Onkel Kolja,«
obgleich Nikolai Iwanowitsch gar nicht sein Onkel, sondern nur ein Vetter
von ihm war.

Und jetzt schien es ihm sonderbar mit diesem trotz alledem ganz fremden
Menschen zusammen zu reisen, sich so lange in seiner Nähe aufzuhalten, sich
mit ihm über seine Angelegenheiten zu unterhalten, Pläne zu machen. Und er
war etwas enttäuscht, obgleich er es schon früher gewusst hatte, dass man
bei der Ankunft in Petersburg nicht gleich ins Zentrum der Paläste und
grossen Bauten, unter Volksandrang, bei Militärmusik, durch ein hohes Tor
einzieht, sondern dass der Weg an langen durch graue Lattenzäune sichtbaren
Gemüsegärten, an Kirchhöfen, die aus der Ferne wie romantische Haine
aussahen, an sechsstöckigen unter verfallenen Holzhäuschen aufragenden
muffeligen Arbeiterkasernen vorbeiführt, dass man durch Russ und Rauch
hindurch muss. Also das ist Petersburg! dachte Wanja enttäuscht und
interessiert, wie er in die unfreundlichen Gesichter der Gepäckträger
blickte.

                   *       *       *       *       *

»Hast du sie durchgelesen, Kostja? Kann ich?« fragte Anna Nikolajewna, vom
Tische aufstehend und griff mit ihren langen schon um diese frühe
Morgenstunde mit billigen Ringen bedeckten Fingern nach einem Stoss
Zeitungen, in denen Konstantin Wassiljewitsch gelesen hatte.

»Ja, es steht nichts Interessantes drin.«

»Was kann es in unseren Zeitungen Interessantes geben? Ich begreife -- im
Auslande. Da kann man alles schreiben und verantwortet nötigenfalls, was
man geschrieben hat, vor Gericht. Aber bei uns ist es abscheulich, man
weiss nicht woran man glauben soll. Die Berichte und Mitteilungen der
Regierung sind unrichtig oder belanglos, ein Leben im Innern gibt es bis
auf Unterschlagungen und Gerüchte von Spezialkorrespondenten überhaupt
nicht.«

»Aber im Auslande gibt es ja auch bloss sensationelle Gerüchte, wobei man
für Verbreitung erlogener Nachrichten nicht zu gerichtlicher Verantwortung
gezogen wird.«

Koka und Boba löffelten träge in ihren Teegläsern und assen Brot mit
schlechter Butter.

»Wohin musst du heute, Nata? Hast du viel zu tun?« fragte Anna Nikolajewna
affektiert.

Nata, ein rothaariges Mädchen mit sommersprossenbesätem Gesicht und vulgär
gedrungenem Munde, antwortete etwas, mit beiden Backen an einer Semmel
kauend. Onkel Kostja, früher Kassierer eines dunklen Spielklubs, hatte
lange Finger gemacht und lebte jetzt, nach verbüsster Haft, ohne Stellung
und Beschäftigung, bei seinem Bruder. Eben entrüstete er sich über einen
Unterschlagungsprozess.

»Jetzt, wo alles erwacht, erstehen neue Kräfte, alles wird lebendig,«
erhitzte sich Alexej Wassiljewitsch.

»Ich bindurchaus nicht für jedes Erwachen; Tante Sonin, z. B., ziehe ich
vor, wenn sie schläft.«

Es kamen und gingen allerhand Studenten und einfache junge Leute in
Jacketts, tauschten ihre aus den Zeitungen geschöpften Eindrücke über das
gestrige Rennen aus; Onkel Kostja verlangte Schnaps; Anna Nikolajewna
sprach, den Hut auf dem Kopfe, von einer Ausstellung und sah, sich die
Handschuhe anziehend, unzufrieden zu Onkel Kostja hinüber, der mit etwas
zittriger Hand die Gläser füllte. Mit seinen gutmütigen geröteten Augen
umherblickend, sagte er: »Ein Ausstand, meine Freunde, wisst ihr, das,
wisst ihr, ist . . .«

»Larion Dmitrijewitsch!« meldete die Köchin, die in die Küche zurückeilte
und unterwegs das Teebrett mit den Gläsern und das schmutzige,
zusammengeballte Tischtuch mitnahm.

Wanja wandte sich vom Fenster ab, an dem er gestanden hatte, und erblickte
im Türrahmen die wohlbekannte Gestalt Larion Dmitrijewitsch Stroops in
seinem sackartig breiten Anzuge.

                   *       *       *       *       *

Wanja hatte angefangen sich sorgfältiger zu kämmen und schenkte auch seinem
Anzug seit einiger Zeit mehr Aufmerksamkeit. Sein Ebenbild in einem kleinen
Wandspiegel betrachtend, sah er gleichgültig ein etwas unbedeutendes rundes
Gesicht mit roten Wangen, grossen grauen Augen, einem hübschen Mund mit
kindlich dicken Lippen und blondem Haar vor sich, das nicht ganz kurz
geschnitten, sich ein wenig lockte. Weder gefiel ihm, noch missfiel ihm
dieser hohe und schlanke Knabe mit den feinen Augenbrauen, der in einer
schwarzen Bluse vor dem Spiegel stand. Durch das Fenster sah man einen Hof
mit nassen Fliesen, die Fenster des gegenüber liegenden Hausflügels,
Streichholzhändler. Es war Feiertag und alle schliefen noch. Wanja war, wie
gewöhnlich, früh aufgestanden, hatte sich ans Fenster gesetzt und wartete
auf den Tee, während er dem Glockengeläut einer nahen Kirche und dem
Geräusch zuhörte, das die im Nebenzimmer aufräumende Bedienung machte. Er
erinnerte sich an die Feiertagsmorgen dort, »zu Hause«, in der alten
Kreisstadt, an die sauberen Stuben mit den Tüllgardinen und Lämpchen vor
den Heiligenbildern, an die Messe in der Kirche, die Piroggen zum Mittag,
alles einfach, hell und lieb, und das Regenwetter draussen, die Drehorgeln
auf dem Hofe, die Zeitungen beim Morgentee, das sinnlose und ungemütliche
Leben, die dunkeln Zimmer, das alles wurde ihm langweilig.

Konstantin Wassiljewitsch, der Wanja mitunter aufsuchte, blickte zur Tür
herein.

»Bist du allein, Wanja?«

»Ja, Onkel Kostja. Guten Tag! Was gibt's?«

»Nichts. Wartest du auf den Tee?«

»Ja. Ist Tante noch nicht aufgestanden?«

»Auf ist sie schon, sie kommt bloss nicht heraus. Sie ärgert sich.
Wahrscheinlich ist kein Geld da. Das ist das erste Anzeichen: wenn sie zwei
Stunden im Schlafzimmer sitzt, so bedeutet das, dass kein Geld da ist. Und
wozu nur? Sie wird doch sowieso herauskriechen müssen.«

»Wissen Sie nicht, verdient Onkel Alexej Wassiljewitsch viel?«

»Wie's so kommt. Und was heisst viel? Für den Menschen gibt es niemals viel
Geld.«

Konstantin Wassiljewitsch seufzte auf und schwieg. Wanja schwieg auch und
sah zum Fenster hinaus.

»Was ich dich fragen wollte, lieber Wanja,« begann Konstantin
Wassiljewitsch wieder, »hast du nicht vielleicht bis Mittwoch etwas Geld
überflüssig? Ich gebe es dir Mittwoch gleich wieder ab.«

»Woher sollte ich denn Geld haben? Natürlich habe ich keins.«

»Woher du Geld haben sollst? . . . Na, es kann dir doch jemand welches
geben . . .«

»Was sagen Sie da, Onkel! Wer sollte mir denn Geld geben?«

»Also du hast keins?«

»Nein.«

»Das ist schlimm.«

»Wieviel möchten Sie denn haben?«

»So fünf Rubel, nicht viel, gar nicht viel.« Und Konstantin Wassiljewitsch
wurde wieder lebhaft. »Vielleicht hast du sie doch, wie? Nur bis
Mittwoch?!«

»Ich habe keine fünf Rubel.«

Konstantin Wassiljewitsch sah Wanja enttäuscht und schlau an und schwieg.
Wanja wurde es noch trübseliger zumute.

»Was soll man dann machen? Es regnet noch immer . . . . Weisst du was,
lieber Wanja, bitte du Larion Dmitrijewitsch um Geld für mich.«

»Stroop?«

»Ja, bitte ihn, mein Lieber!«

»Weshalb bitten Sie ihn denn nicht selbst?«

»Mir wird er keins geben.«

»Weshalb wird er Ihnen keins geben und mir wohl?«

»Er wird schon geben, glaube mir; aber bitte, mein Lieber, sag ihm nur
nicht, dass es für mich ist; als brauchtest du für dich selbst zwanzig
Rubel.«

»Sie brauchten doch nur fünf?«

»Ist es nicht einerlei wieviel du bittest? Sei so gut, Wanja!«

»Nun schön. Aber wenn er fragt, wozu ich das Geld brauche?«

»Er wird nicht fragen -- der ist nicht auf den Kopf gefallen.«

»Aber sehen Sie zu, dass Sie das Geld selbst abgeben.«

»Aber gewiss, gewiss.«

»Weshalb aber glauben Sie, Onkel, dass Stroop mir das Geld geben wird?«

»Na, ich denk' mir halt so!« Und lächelnd schlich sich Konstantin
Wassiljewitsch, verlegen und zufrieden, auf den Fussspitzen aus dem Zimmer.
Wanja stand lange am Fenster, ohne sich umzusehen und ohne den nassen Hof
zu beachten. Als er zum Tee gerufen wurde, blickte er, bevor er ins
Speisezimmer ging, noch einmal in den Spiegel auf sein rot gewordenes
Gesicht mit den grauen Augen und den feinen Brauen.

                   *       *       *       *       *

In der griechischen Stunde störten Nikolajew und Spilewski auf der
Vorderbank Wanja die ganze Zeit mit ihrer Balgerei und ihrem Kichern. Vor
Beginn der Ferien wurde es mit dem Unterricht nicht so genau genommen, der
kleine ältliche Lehrer erzählte, auf einem Beine sitzend, aus dem Leben der
Griechen, ohne die Aufgaben abzufragen; die Fenster standen offen und man
sah grünende Baumwipfel und ein grosses rotes Gebäude. Wanja zog es immer
mehr fort aus Petersburg in die Luft, irgendwohin weit in die Ferne. Die
blankgeputzten Griffe an Türen und Fenstern, die Speibecken, die Landkarten
an den Wänden, die Schultafel, der gelbe Papierkasten, die geschorenen oder
lockigen Köpfe der Kameraden schienen ihm unerträglich.

»Die Sykophanten -- Denunzianten, Spione, wörtlich Feigenangeber; als der
Export dieser Früchte aus Attika noch bei Strafe verboten war, zeigten
diese Leute, oder wie wir sagen würden, diese Chantagisten, dem
Verdächtigen unter ihrem Mantel eine Feige als Drohung, dass im Falle er
sich von ihnen nicht loskaufen sollte . . .« Und Daniil Iwanowitsch machte,
ohne das Katheder zu verlassen, mit Gesten und Mimik die Angeber und
Verleumdeten, den Mantel und die Feige nach; dann sprang er von seinem
Platze auf und ging im Klassenzimmer hin und her, wobei er mit sorgenvollem
Gesicht irgend etwas wiederholte, wie etwa: »Die Sykophanten, . . . . ja,
die Sykophanten . . . . ja, meine Lieben, die Sykophanten,« dabei gab er
dem Worte verschiedene, aber in jedem Falle ganz unerwartete Nuancen.

»Heute werde ich versuchen, Stroop um Geld zu fragen,« dachte Wanja, durchs
Fenster blickend.

Spilewski erhob sich, jetzt schon ganz rot geworden, von der Bank.

»Was will dieser Nikolajew eigentlich von mir haben? Er gibt mir keine Ruh
mit seinen Zudringlichkeiten.«

»Nikolajew, weshalb werden Sie gegen Spilewski zudringlich?«

»Ich werd' gar nicht zudringlich.«

»Was machen Sie ihm denn?«

»Ich kitzle ihn.«

»Setzen Sie sich. Ihnen aber, Spilewski empfehle ich grössere Genauigkeit
beim Gebrauche eines Ausdruckes. Im Hinblick darauf, dass Sie kein
Frauenzimmer sind, kann Nikolajew, ein ziemlich bejahrter Jüngling, und
dazu noch einer mit recht beschränkten Begriffen, Ihnen gegenüber nicht
zudringlich werden.«

                   *       *       *       *       *

»Ich stelle die Frage so: willst du arbeiten -- so arbeite, willst du nicht
arbeiten, so arbeite nicht!« sagte Anna Nikolajewna mit einer Miene, als
sei das Interesse der ganzen Welt darauf gerichtet, wie sie die Frage
stelle. Im Gastzimmer, das ganz mit stilvollen Möbeln in Gestalt von
Sitzbädern, Badestühlen und Papierkästen vollgestellt war, lärmten die
Stimmen von Anna Nikolajewna, Nata und den beiden Schwestern, den
Künstlerinnen Speier.

»Diesen Schrank liebe ich sehr, aber die Bank reizt mich nicht. Ich würde
einen Schrank immer vorziehen.«

»Auch dann, wenn Sie ein Sitzmöbel brauchen würden?«

»Die Dienstboten klagen über Arbeitsüberlastung: sie gehen mehr aus, als
wir! Ich komme mitunter tagelang nicht aus dem Hause und unsere Annuschka
hat täglich so oft Gelegenheit in die Bude zu laufen, bald hat sie Brot zu
besorgen, ein anderes Mal Stiefel zu holen. Und dabei hat sie soviel
Möglichkeiten mit Menschen zusammenzukommen. Ich finde die Klagen aller
dieser Unzufriedenen stark übertrieben.«

»Können Sie sich vorstellen, er posiert mit einer solchen Stimmung, dass
die Malschülerinnen sich fürchten, in seiner Nähe zu sitzen. Dabei ist er
eine äusserst interessante Persönlichkeit: ein russischer Zigeuner aus
München; er hat ein Gymnasium besucht, war im Corps de ballet, ist Modell
gewesen; von Stuck erzählt er riesig interessante Einzelheiten.«

»Auf rosa Foulard wird es zu grell sein, ich würde blassgrünen vorziehen.«

»Danach muss man Stroop fragen.«

»Aber er ist ja eben erst verreist, der Stroop, ihr Unglücklichen!« rief
die ältere Speier.

»Wie, Stroop ist fort? Wohin? Wozu?«

»Ja, das kann ich Ihnen leider nicht sagen. Wie immer ein Geheimnis.«

»Von wem haben Sie es gehört?«

»Von ihm selbst hab' ich's gehört: er meinte so auf drei Wochen.«

»Nun, das ist nicht so schlimm!«

»Und Wanja Smurow fragte erst heute, wann Stroop bei uns sein werde.«

»Wozu braucht er ihn?«

»Ich weiss nicht. Er hat irgend etwas mit ihm zu tun . . .«

»Wanja mit Stroop? Das ist aber originell!«

»Nun, Nata, wir müssen gehen,« zwitscherte Anna Nikolajewna und beide Damen
verliessen, mit den Röcken rauschend, das Zimmer, überzeugt, dass sie den
Mondainen aus den Romanen von Prevost und Ohnet, die sie in Übersetzungen
lasen, sehr ähnlich sähen.

                   *       *       *       *       *

Im April wurde die Frage von der Sommerfrische angeschnitten. Alexej
Wassiljewitsch musste häufig, fast jeden Tag, in der Stadt sein; Koka und
Boba auch, so dass der von Anna Nikolajewna und Nata geplante Aufenthalt an
der Wolga wenig Aussicht auf Verwirklichung hatte. Man schwankte zwischen
den Bädern Terijoki und Sestrorezk in der Nähe von Petersburg, aber
unabhängig von der Frage der Sommerfrische dachten alle an Sommertoiletten.
Durch die offenen Fenster drangen Staubwolken, der Wagenlärm und das
Geklingel der Trams.

Wenn Wanja lesen oder seine Aufgaben machen wollte, ging er hin und wieder
in den Sommergarten. Er sass im Gang vor dem Marsfelde, ein Teubnerbändchen
lag, mit dem gelbrosa Umschlage nach oben, neben ihm, seither war er noch
ein wenig gewachsen; von der Frühlingssonne eingebrannt, schien er
bleicher; er sah sich die Spaziergänger im Garten und jenseits des
Lebjashi-Kanals an. Vom Krylow-Platz klang das Lachen spielender Kinder
herüber, und Wanja hörte nicht, wie der Sand unter Stroops Füssen
knirschte, als dieser auf ihn zutrat.

»Sie arbeiten?« fragte Stroop, sich neben Wanja setzend, der sich auf einen
Gruss hatte beschränken wollen.

»Ich arbeite; aber wenn Sie wüssten, wie langweilig mir das alles geworden
ist! . . .«

»Was haben Sie da? Homer?«

»Ja, Homer. Besonders dies Griechisch.«

»Sie lieben nicht Griechisch?«

»Wer liebt es denn?« lächelte Wanja.

»Das ist sehr schade!«

»Was ist schade?«

»Dass Sie nicht Sprachen lieben.«

»Die neuen gehen ja an, ich liebe sie, man kann später 'mal etwas lesen,
aber Griechisch, wer wird Griechisch lesen, so einen alten Kram.«

»Was für ein Kind Sie sind, Wanja. Eine ganze Welt, ganze Welten sind Ihnen
verschlossen; und das -- Welten der Schönheit, die nicht nur zu kennen,
sondern zu lieben die Grundlage jeder Bildung ist.«

»Man kann Übersetzungen lesen; und wieviel Zeit verliert man mit der
Grammatik?!«

Stroop blickte mit unendlichem Bedauern auf Wanja.

»Statt eines Menschen aus Fleisch und Blut, der lacht und traurig ist, den
man lieben, küssen, hassen kann, an dem man sieht, wie das Blut durch die
Adern fliesst, dessen natürliche Grazie des nackten Körpers uns bezaubert,
eine seelenlose Puppe besitzen, die dazu noch häufig aus der Werkstatt
eines Handwerkers hervorgegangen ist, das heisst Übersetzungen lesen. Und
für die grammatikalischen Vorbereitungsarbeiten braucht man so wenig Zeit.
Man muss nur lesen, lesen und lesen. Lesen und jedes Wort im Wörterbuch
nachschlagen, wie durch ein Dickicht im Walde sich Weg bahnen, oh, Sie
würden einen ungeahnten Genuss kennen lernen. Und mir scheint, Wanja, dass
Sie Anlagen haben, ein wahrer neuer Mensch zu werden.«

Wanja schwieg unzufrieden.

»Sie haben eine schlechte Umgebung, aber das kann zu Ihrem Besten dienen,
indem es Sie vor Vorurteilen bewahrt, die jedem traditionellen Leben
anhaften. Und Sie könnten, wenn Sie wollten, ein durchaus moderner Mensch
werden,« fügte Stroop nach einigem Schweigen hinzu.

»Ich weiss nicht, ich möchte irgendwohin fortfahren, fort von allem: vom
Gymnasium, vom Homer, von Anna Nikolajewna, -- das ist es.«

»In die Natur?«

»Ja, in die Natur.«

»Aber, mein lieber Freund, wenn in der Natur leben, mehr essen, Milch
trinken, sich baden und nichts tun heisst, ja, dann freilich ist es sehr
einfach, aber die Natur geniessen ist vielleicht schwerer als die
griechische Grammatik und ermüdet, wie jeder Genuss. Und ich glaube auch
einem Menschen nicht, der in der Stadt gleichgültig den besten Teil der
Natur -- Himmel und Wasser -- sieht, und die Natur auf den Montblanc suchen
geht, ich glaube einem solchen Menschen nicht, dass er die Natur liebt.«

                   *       *       *       *       *

Onkel Kostja machte Wanja den Vorschlag, ihn in seiner Droschke bis zum
Gymnasium mitzunehmen.

Der heisse Morgen liess schon die Nähe des Sommers spüren, und ganze Seiten
des Fahrdammes wurden umgepflastert und waren gesperrt. Onkel Kostja, der
dreiviertel der Droschke einnahm, hatte sich bequem mit ausgespreizten
Beinen zurechtgesetzt.

»Onkel Kostja, warten Sie ein wenig, ich frage nur, ob der Priester
gekommen ist, und wenn er fehlt, fahre ich lieber mit Ihnen mit und komme
zu Fuss zurück, als im Gymnasium zu hocken. Einverstanden?«

»Weshalb sollte der Priester nicht zur Stunde gekommen sein?«

»Er ist schon die ganze Woche krank.«

»Einverstanden. Frage nur.«

Einen Augenblick später kam Wanja wieder heraus, ging um die Droschke herum
und stieg von der anderen Seite neben Konstantin Wassiljewitsch ein.

»Und Larion Dmitrijewitsch, mein Lieber, ist, als hätte er geahnt, was wir
gegen ihn im Schilde führen, auf und davon und kommt nicht mehr zurück.«

»Vielleicht ist er schon zurück.«

»Dann wäre er bei Anna Nikolajewna gewesen.«

»Was ist er eigentlich, Onkel Kostja?«

»Wer? Nach wem fragst du?«

»Nach Larion Dmitrijewitsch.«

»Stroop -- nichts weiter. Ein halber Engländer und reicher Mann, ist
nirgendwo angestellt, lebt gut, ja, sogar vorzüglich, ist in höchstem Grade
gebildet und belesen, so dass ich gar nicht begreife, weshalb er mit
Kasanskis verkehrt.«

»Er ist doch nicht verheiratet, Onkel?«

»Ja, sogar ganz im Gegenteil, und wenn Nata glaubt, dass sie es ihm angetan
habe, so täuscht sie sich grausam; überhaupt, ich begreife absolut nicht,
was er bei Kasanskis zu suchen hat. Gestern, einfach zum Totlachen,
lieferte Anna Nikolajewna Alexej eine Generalschlacht.«

Sie fuhren über die Fontankabrücke. Fischhändler von den schwimmenden
Fischhandlungen zogen Fische aus den Bassins, kleine Dampfer schossen
rauchend vorbei, an der steinernen Balustrade lehnte eine müssige Menge.
Ein Eishändler schob seinen rasselnden blauen Wagen über das Pflaster.

»Du hast vielleicht von jemand gehört, dass Stroop zurückgekommen ist oder
hast ihn selbst gesehen?« fragte Onkel Kostja beim Abschied.

»Nein, wo sollte ich wohl, wenn er, wie Sie sagen, nicht zurück ist,«
meinte Wanja errötend.

»Siehst du, du sagst, es sei nicht heiss und schau nur mal, wie rot du
geworden bist,« und die untersetzte Gestalt Konstantin Wassiljewitschs
verschwand in der Haustür.

»Weshalb habe ich meine Begegnung mit Stroop verheimlicht?« dachte Wanja
und freute sich, dass er ein Geheimnis habe.

                   *       *       *       *       *

Im Lehrerzimmer war es vollgeraucht und die Gläser mit dem schwachen Tee
schimmerten im Halbdunkel des Erdgeschosses bernsteingelb. Die Eintretenden
bekamen den Eindruck, als bewegten sich die Gestalten in einem Aquarium.
Dieser Eindruck wurde noch durch den Regen erhöht, der hinter den
Milchglasscheiben herabfloss. Das Gewirr der Stimmen, das Klappern der
Teelöffel mischte sich mit dem dumpfen Lärm der grossen Zwischenstunde, der
aus der Aula und bisweilen ganz nahe aus den Korridoren herüberdrang.

»Die Sekundaner machen Orlow schon wieder die Hölle heiss; er versteht sich
aber auch wirklich keine Stellung zu schaffen.«

»Nun gut, nehmen wir an, Sie stellen ihm eine ungenügende Jahresnote, er
bleibt sitzen, -- glauben Sie denn, ihn dadurch zu bessern?«

»Ich verfolge keineswegs korrektionelle Zwecke, ich bemühe mich bloss den
Stand der Kenntnisse gerecht abzuschätzen.«

»Unsere Gymnasiasten würden sich entsetzen, wenn sie die Programme der
französischen Collèges zu sehen bekämen, von den Seminaren schon gar nicht
zu reden.«

»Iwan Petrowitsch dürfte damit kaum zufrieden sein.«

»Unvergleichlich, sage ich Ihnen, unvergleichlich, gestern war er, wie
selten, bei Stimme.«

»Sie sind auch gelungen, sagen ein kleines Spiel an und haben den König,
den Buben und zwei Trümpfe in der Hand.«

»Spilewski ist ein liederlicher Bengel, und ich begreife nicht, weshalb Sie
sich für ihn so ins Zeug legen.«

Alle Stimmen wurden vom scharfen Tenor des Inspektors, eines Tschechen, mit
grauem Knebelbart und Kneifer, übertönt:

»Dann möchte ich Sie bitten, meine Herren, auf die Fenster zu achten:
niemals über 14 Grad, Zug und Ventilation.«

Allmählich ging man auseinander und im leergewordenen Konferenzzimmer war
nur der leise Bass des russischen Lehrers zu hören, der sich mit dem
Griechen unterhielt.

»Sonderbare Typen findet man dort mitunter. Für den Sommer hatten sie
Klassiker zu lesen aufbekommen, ziemlich viel, und da referiert einer zum
Beispiel über den Lermontowschen >Dämon< ex abrupto: >Der Teufel flog über
der Erde und erblickte ein Mädchen.< -- Wie hiess denn dieses Mädchen? --
>Lisa.< -- Na, es hiess zwar Tamara. -- >Zu Befehl, Tamara.< Nun, und
weiter? -- >Er wollte das Mädchen heiraten, aber der Bräutigam kam
dazwischen; dann schlugen die Tataren den Bräutigam tot.< -- Nun, heiratete
der Dämon darauf Tamara? -- >Nein, gar nicht; der Engel kam dazwischen und
vertrat ihm den Weg: so blieb der Dämon denn ein Junggeselle und begann
alles zu hassen<.«

»Ich finde das grossartig . . .«

»Oder eine Kritik über Turgenjews Rudin: >Er war ein schlechter Mensch, er
sprach immerfort und tat nichts; später geriet er in Gesellschaft von
leeren Menschen, und da wurde er auch getötet.< -- Weshalb, frage ich,
halten Sie Arbeiter und überhaupt alle Teilnehmer einer Volksbewegung, in
der Rudin ums Leben kam, für leere Leute? -- >Zu Befehl, er ist für die
gute Sache gefallen<.«

»Es war ganz unnütz, dass Sie die persönliche Meinung dieses jungen Mannes
über seine Lektüre zu erfahren suchten. Das macht ja den Militärdienst, wie
das Kloster, wie fast jede ausgearbeitete Glaubenslehre, so anziehend, dass
sie ein fertiges und bestimmtes Verhältnis zu allen möglichen Erscheinungen
und Begriffen geben. Für schwache Naturen ist das eine feste Stütze und das
Leben wird unglaublich leicht, wenn die Notwendigkeit, ethisch schaffen zu
müssen, in Fortfall kommt.«

Im Korridor wartete Wanja auf Daniil Iwanowitsch.

»Was wünschen Sie, Smurow?«

»Ich möchte mit Ihnen privatim sprechen, Daniil Iwanowitsch.«

»Worüber?«

»Über das Griechische.«

»Hapert's denn bei Ihnen?«

»Ich habe eine genügende Note.«

»Was brauchen Sie also?«

»Nein, ich möchte mit Ihnen überhaupt über Griechenland sprechen, bitte,
Daniil Iwanowitsch, erlauben Sie mir zu Ihnen zu kommen.«

»Ja, bitte, bitte. Meine Adresse kennen Sie? Obgleich das mehr als
sonderbar ist: ein Mensch, der eine genügende Note hat und mich privatim
über Griechenland zu sprechen wünscht. Ich bitte, kommen Sie. Ich wohne
allein, von sieben bis elf Uhr stehe ich zu Ihrer Verfügung.«

Daniil Iwanowitsch war schon im Begriff, die mit einem Läufer belegte
Treppe hinaufzusteigen, blieb aber stehen und rief Wanja zu:

»Sie, Smurow, denken Sie sich nur nicht irgend etwas: nach elf bin ich auch
zu Hause, aber ich gehe schlafen und bin dann höchstens der
allerprivatesten Erklärungen fähig, deren Sie wahrscheinlich nicht
benötigen.«

                   *       *       *       *       *

Wanja hatte mehr als einmal Stroop im Sommergarten getroffen. Und ohne es
selbst zu merken, erwartete er ihn, setzte sich immer in dieselbe Allee,
und wenn er fortging ohne Stroops leichten, wenn auch absichtlich zögernden
Gang gehört zu haben, so betrachtete er aufmerksam alle männlichen
Gestalten, die an Stroop erinnerten. Einmal, als er ohne Stroop erwartet zu
haben, durch einen Teil des Gartens schlenderte, den er sonst nicht
aufzusuchen pflegte, traf er Koka, der mit aufgeknöpftem Mantel daherkam.

»Hier trifft man dich also, Iwan! Was, gehst du spazieren?«

»Ja, ich bin ziemlich häufig hier, aber worum handelt es sich?«

»Weshalb sehe ich dich denn nie? Sitzest du vielleicht auf der anderen
Seite?«

»Wie sich's macht.«

»Stroop, den treffe ich täglich hier und habe sogar den Verdacht, dass wir
beide zu gleichem Zwecke her kommen.«

»Ist denn Stroop wieder zurück?«

»Schon seit einiger Zeit. Nata und alle wissen es, und was für eine Gans
Nata auch sein möge, es bleibt dennoch eine Schweinerei, dass er nicht zu
uns kommt, als seien wir eine Saubande.«

»Was hat Nata damit zu schaffen?«

»Sie versucht Stroop einzufangen und das ganz vergeblich: er wird überhaupt
nicht heiraten, und gar noch Nata; ich glaube, dass er auch mit dieser Ida
Holberg bloss ästhetische Gespräche führt und ich rege mich ganz unnütz
auf.«

»Regst du dich denn auf?«

»Selbstverständlich, wenn ich nun schon 'nmal in sie verliebt bin!« und
vergessend, dass er mit Wanja sprach, der von seinen Angelegenheiten keine
Ahnung hatte, wurde Koka lebhaft: »Ein wunderbares Mädchen, gebildet,
musikalisch, eine Schönheit und reich . . . reich! Sie hinkt nur. Und ich
komme jeden Tag hierher, um sie zu sehen. Sie geht hier zwischen drei und
vier spazieren und ich fürchte, Stroop kommt aus demselben Grunde hierher,
wie ich.«

»Ist denn Stroop auch in sie verliebt?«

»Stroop! Nu nee, mein Lieber, der ist nicht von dieser Sorte. Er hält bloss
Vorträge und sie betet ihn förmlich an. Die Verliebtheit Stroops das ist
ein anderes, ganz anderes Gebiet.«

»Du bist bloss geärgert, Koka!« . . .

»Unsinn!«

Sie waren gerade an einem Beete mit roten Geranien vorbeigegangen, als Koka
ausrief: »Da sind sie ja!« Wanja sah ein hochgewachsenes Mädchen mit
blassem rundlichem Gesicht, ganz hellem Haar, aphrodisischem Schnitt der
grauen Augen, die jetzt in der Erregung blau geworden waren und einem
Munde, wie auf Botticellis Bildern. Sie trug ein dunkles Kleid und ging
hinkend, auf den Arm einer ältlichen Dame gestützt, während Stroop an ihrer
anderen Seite sagte:

». . . und die Menschen sahen, dass jede Schönheit, jede Liebe von den
Göttern kommt, und wurden frei und kühn, und ihnen wuchsen Flügel.«

                   *       *       *       *       *

Schliesslich hatten Koka und Boba eine Loge zu »Samson und Dalila«
aufgetrieben. Aber die erste Aufführung wurde durch »Carmen« ersetzt und
Nata, auf deren Betreiben dieser ganze Theaterbesuch veranstaltet worden
war, weil sie hoffte, Stroop auf neutralem Boden zu treffen, wurde
fuchsteufelswild, wusste sie doch, dass Stroop diese allgemein bekannte
Oper nicht ohne besondere Veranlassung besuchen werde. Sie trat ihren Platz
in der Loge Wanja ab, jedoch nur unter der Bedingung, dass er nach Hause
fahren sollte, wenn sie während der Vorstellung doch noch ins Theater kä

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