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Die Deportirten

by Leopold Schefer · German · Gutenberg #40985 · 332,228 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Die Deportirten
    
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Title: Die Deportirten

Author: Leopold Schefer


        
Release date: October 8, 2012 [eBook #40985]
                Most recently updated: October 23, 2024

Language: German

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Credits: Produced by Jens Sadowski


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE DEPORTIRTEN ***

Leopold Schefer




Die Deportirten




Die Deportirten.


_Rectorei Rowlandhill_,
den 1. Januar 1822.

Lieben, lieben Freunde!

Da ich vielleicht Euch vielen Kummer gemacht habe, wie ich hoffe, hoffe ich
nun, da die Sache so gar einen glorreichen Ausgang genommen, Euch gewiß
viele Freude zu machen! Man kann Abends noch vor Schlafengehn auf dem
Stiefelknechte das Bein brechen; und Ich bin um die Welt gereiset, und mir
hat kein Zahn wehgethan, kein Haar ist mit gekrümmt worden! Die guten
Menschen die, welche alle da rund umherwohnen, lieben, leben und sterben,
Gott segne sie! Ich habe nur lauter gute Menschen gefunden! Nicht einmal
eine Nachtmütze hab' ich verloren -- ich hatte leider meine beste und
einzige zu Hause gelassen -- nur meine schwarzseidenen Strümpfe hat mir
eine Art von geistlichen Herren gestohlen. Ach nein, nein, nicht gestohlen!
ich habe sie ihm im Herzen viel zwanzigmal geschenkt, als ich sie an meiner
Wiederherstellung des Zwickels erkannte; der arme Mann bedurfte ihrer zu
seiner Amtskleidung, und sie mögen ihm seine magern Beine, die ihm der Herr
stärken wolle, warm halten, wo er geht und steht. Ich bin so freudenvoll,
daß ich es Euch gar nicht sagen kann! Ich habe ein Großes überstanden. Wenn
nur meine Mutter noch lebte, oder mein Vater, oder nur der Großvater! Gott
segne ihn! Wie würde es ihm die Seele laben, wenn er meine Geschichte unter
seinen Sixpence-Büchlein mit im Lande umher tragen könnte! Gewinn würde er
freilich wenig davon haben, er schenkte gewiß mir zur Liebe alle Exemplare
weg und sagte: leset nur Leute! das hat mein Sohn gethan! -- Er war einmal
so; wie manchem armen Kinde hat er ein schönes Lied, ein Paar Ohrringe
geschenkt, die es ansah, die Hände auf dem Rücken, mit sehnsüchtigen Augen,
und sich bescheidendem Lächeln, wie uns armen Leuten eigen ist. Wenn ich
nun auch von mir mit rede, sollte ich hier eigentlich das Imperfectum
setzen: eigen _war!_ Aber Gott erhalte mir die Bescheidenheit, sie steht
einem Reichen viel schöner, als einem Armen; denn das soll mir Niemand
sagen, daß dieselben Sachen immer dieselben sind. Es kommt gar viel darauf
an, wer Etwas hat: ob der Jude die Perle im Schubsacke trägt, oder die
Königin in der Krone; ob _Belisarius_ Bettelbrot ißt, oder ein geborner
Bettler, wollt' ich sagen: ein gebornes Bettlerkind, nein doch! und
kurzweg: ein Bettlerkind oder Bettler. Ich muß mich nämlich jetzt meiner
Würde nach, an richtiges Schreiben, oder besser: richtiges Denken gewöhnen,
und die Reise hat mir wirklich die Gedanken aufgeräumt. Freunde, wenn ich
Euch sagen soll, ich habe viele Gedanken gar nicht mehr; ich habe Bilder,
Wahrheiten dafür; ach, und nun thun mir oft wieder die vielen falschen,
aber so schönen alten Einbildungen leid! Ich kann gar nicht mehr so
sehnsüchtig in das Morgenroth schauen. Wenn die Schwalben kommen, wird mir
die Brust wärmer, als wenn sie fortziehn. Wenn sie sonst auf dem großen
Rasenplatze vor dem Schlosse meines Principals, oder nun -- mit Respect zu
sagen: meines Schwiegervaters, zur Reise sich übten, schlich ich immer fort
und dachte: Du bist ja nur ein Schulmeister, ein armer
Lancasterschulmeister, der Gott danken muß, wenn er sich nur Zeit Lebens so
fort plagen kann. -- Das war eigentlich wohl recht unchristlich, recht
undankbar gedacht! -- Wenn Sir Horazio eine wilde reisende Gans, oder einen
reisenden Gänserich mit der Kugel gleichsam aus der Luft zu unsern Füßen
herab gezaubert hatte -- mir konnt' es ordentlich leid thun! Schon die
armen Rothkehlchen, Drosseln, ja die rothkäppigen Gimpel, welchen die
Kinder um einige Penny die Reise so grausam unterbrochen, sie fröhlich aus
den Dohnen gelöst, einen Faden durch die Schnabellöcher gezogen, sie still
nach den Hütten der Menschen trugen. Ich habe auch nie etwas Reisendes
gegessen, wenn ich auf dem Schlosse zur Tafel war: kaum einen Häring; eher
träge Austern, eingewachsenes Wurzelwerk und höchstens auf und nieder
gewehte Früchte -- nur nicht Orangen! ich sah sie nur immer gern an, labte
mich an ihrem Dufte, und machte dabei die Augen zu. Lady Theano sagte: ich
hätte gar einmal dabei geweint. Jetzt kann ich ihr das schon vergeben! Ich
glaube, mein Großvater, Gott soll ihn auch dafür segnen, hat mir die
Reiselust als Kind auf seinen Knieen einerzählt. Und mußt' ich den Kindern
nicht die fernen Länder beschreiben, nicht mit dem Zeigefinger reisen über
Meere, Berge und Welttheile? Das war wohl ein Schweres! Wie oft hielt ich
inne, und seufzte recht innerlich, daß mir manchmal ein Westenknopf
aufplatzte; aber lange schweigen durft' ich nicht, sonst hätten die Kinder
bald gedacht, ich wisse nicht weiter! Und so mußt' ich schon den Finger
nachheben, der wie behext auf Rom stand, und wie Blei auf St. Helena lag!
Und in den Drei Jahren meiner Amtsführung kam der Finger schon _dreimal_
wieder auf denselben Fleck! und ich stand so jung und mit so gesunden
Reisebeinen immer auf dem alten Flecke. Das war wohl ein Jammer! Wenn ich
nun gar erst dachte: wie viele liebe Menschen reisen, aus Noth, wie unsere
Herren; um Wein, wie unsere Offiziere; um Brot, wie Virtuosen, Sängerinnen
und Komödianten; aus Höflichkeit, wie Gesandte, oder aus Zwang, wie
Couriere und Fouriere; ja um den Tod, wie Soldaten, denen Allen das Reisen
eine Plage und Klage ist; oder wie Kaufleute und Matrosen, die lieber ihr
Geld, das sie erwerben werden, gleich auf der Stelle ausgezahlt nähmen am
Ufer, ohne zu sehen, zu hören, zu bewundern, was sonst war, was heute ist,
und lange nach uns sein wird, hier und da und überall, denn das heißt wohl
reisen -- wenn ich dagegen mit Ohren hörte, wie unnütz andere Reisende ihr
schönes Geld verzettelt, um blind und stumm und dumm zu bleiben wie
Theekessel und Koffer -- o wie jammerte mich der edlen Guineen! der edlen
Zeit! Ich konnte das Posthorn gar nicht mehr hören, es machte mich zornig
und traurig; ich weinte unter der Bettdecke darüber. Aber jetzt lach' ich
dazu. Der Herr hat dem armen Lambton geholfen, wunderbar freilich genug!
Aber, er hat doch geholfen. Gloria in excelsis Deo!

So viel, lieben, lieben Freunde, mußt' ich Euch durchaus vorhersagen, damit
Ihr nicht gar zu traurig werdet, wenn Ihr unter dem Lesen immer denken
könnt: er wird doch glücklich! Gott segn' Euch gleichfalls! Was ich werde
an Euch thun können, das werde ich redlich thun. Was nun folgt, ist eine
bloße Abschrift meines Reisebuchs, das ich, weil es so zerlesen war, jetzt
habe drucken lassen. -- Das Kupfer bin ich, nach Clarke gestochen -- Es
bleibt aber dennoch ein bloßes Manuscript für meine Freunde. Das bedenkt!
und beurtheilt es daher ja nicht wie ein Pamphlet, oder Gott behüte, gar
wie ein Buch! Denn die werden jetzt oft ganz entsetzlich behandelt, wie ich
nun Zeit zu lesen habe. Aber ich denke, ein bloßes Manuscript geht frei
durch alle Welt, wenn auch nicht auf der Post. --

Und besucht mich Alle einmal; nicht nur _Einmal_ etwa; recht oft, alle
Jahre; alle Jahre recht oft! Ihr findet Euer prächtiges Bett, ich muß es
selber sagen, und die comfortabelste Tafel; und bleibt so lange Ihr wollt,
bis Ihr Euch Alle sammelt, und dann je länger je lieber. Der Herr hat mich
gesegnet. Ich lade Euch nicht aus Eitelkeit; aber freuen könnt' Ihr Euch
doch mit mir, auch über meine Freude! Und wenn Ihr von mir geht, soll Euch
das alte ehrwürdige Reisegeschenk nicht fehlen, sei es nun von mir, oder
meiner Frau. Aber nehmen müßt' Ihr es! Ich habe schon hin und her gedacht,
und angeschafft, was Jedem von Euch am liebsten ist. Nun kommt nur, kommt!

_Es. Lambton_,
Rector.

                   *       *       *       *       *

Am Bord der _Themis_, den 1. April 1819.

Ich muß alle meine Gedanken zusammen fassen, daß ich bei gutem Muthe
bleibe! Darum will ich schreiben; das hilft mehr, als sich abgrübeln. Sir
Horazio, mein Principal, sagte immer, wenn er von Rom erzählte, daß die
Bildhauer dort des Nachts im Finstern ein Stück Wachs in den Händen
kneteten, während sie über ihren Entwurf nachdächten; und wenn sie lange
und tief gedacht, hätten die Finger das Männchen oder Weibchen fertig, das
ihnen so viel Kopfzerbrechen gemacht, und daraus würde dann das Modell in
Thon und zuletzt die Marmorstatüe. Hab' ich meinen Kindern nicht immer so
die Geschichte verdeutlicht, daß ich sie auf den Punkt stellte, wo sie das
Factum nothwendig fanden, z. B. selbst den allerärgerlichsten Fall für sie,
warum Hannibal nach der Schlacht bei Cannä nicht rectâ sc. viâ, nach Rom
marschirt? Und ich habe immer gefunden, daß man sich in jeder Lage leidlich
wohlbefindet, wenn man sich deutlich den Weg nachdenkt, den man gekommen;
wenn man das unausbleiblich, nothwendig, ja ganz natürlich findet, was
Einen betroffen hat, und die Vergangenheit bis in den Augenblick fortführt,
in dem man lebt, und in dem man weiter leben soll, man weiß nicht wie. Und
ich weiß jetzt auch nicht wie. Darum geschrieben! Auch wer sich verirrt
hat, ist einen sonnenhellen grünen schönen Weg gegangen, nur ist er nicht
dahin gekommen, wohin er wollte. Aber bin ich denn nicht, wohin ich lange
gewollt: im Schiffe! zu Schiffe auf der herrlichsten Reise! Auf einer
Themis, deren schon Aeschylus gedenkt! O du mein Gott und Herr! -- Aber
Lambton, freue dich noch nicht, höre dich erst. Bin ich heut' im Schiffe,
so werd' ich es auch morgen sein. Also freue dich morgen! heute schreib'.
Ach, wie wollt ich mein Reisebuch anlegen -- und nun hab' ich nicht einmal
ein Buch! Ich schreibe auf einzelne Blätter, geschenktes Papier, mit
wäßriger Tinte, und mit welchem Stummel von Feder mit Zähnen! -- so eine
corrigirt' ich keinem Knaben mehr, so arm er war. Ach, so ein Fest so
unvorbereitet anzutreten und zu feiern! Die Freude kommt doch nie wo, und
wann man denkt! Aber du wirst das Alles natürlich finden, meine Seele, mein
lieber Lambton. Denke nur, wie du in's Schiff gekommen! -- Die Sache war
so: --

-- Doch Crabbe ruft mich; droben ist ein großes Linienschiff in vollen
Segeln zu sehen! --

                   *       *       *       *       *

_Ibidem_, den 6. April 1819.

Die Sache war so. Unsere liebe Marion, die arme Waise in Schloß
Rowlandhill, war auf einmal reich geworden, so reich, daß ich ordentlich
vor ihr erschrack. Sie hatte 100 Pfund geerbt! Aber in Brigthon! Sie bat
mich mit solchen schelmischen Blicken, solchen herzbewegenden Anspielungen,
daß Ich reisen möchte, das Geld für sie zu erheben, und sicher zu
überbringen. Sie nannte mich den ehrlichsten, hübschesten jungen Mann, den
sie kenne! Konnt' ich ihr es abschlagen? Auch Sir Horazio, der Baronet,
wünschte es. Er hatte das arme Kind in's Haus genommen, seit ihm sein
Töchterchen auf dem Christkindelmarkte in London geraubt worden war. Er und
Lady Theano hatten ihres Kindes Platz nicht leer am Tische sehen können,
und wenn ein Mädchen, angezogen wie sie, mit schwarzem Haar wie sie, im
Park umher lief, konnten sie doch von weitem denken, es sei ihre Tochter.
Sie riefen Sie auch deßwegen Elisa, und sie hörte auf den Namen. Nur wir
Andern, die wir von Elisa nichts wußten, nannten die nun Erwachsene nur
immer Marion. Die gute Herrschaft hatte so viel an ihr gethan; was _ich_
Ihr that, that ich den Pflegeeltern. Konnt' ich es ihnen abschlagen?
Kannten sie nicht meine Reiselust, und meinen leeren Geldbeutel? Ich
glaube, sie wollten mir Alle durch die Reise nur einen Gefallen thun, und
Lady Theano drängte mich ordentlich dazu. Aber warum verschweig' ich's? --
Dacht' ich nicht immer noch, das viele Geld auch mir zu holen in mein
kleines Haus? Ein Spiegel im Wohnzimmer hätte nicht geschadet; er hätte es
scheinbar noch einmal so groß gemacht; ein Schreibepult statt eines offenen
Tisches, wäre mir viel brauchbarer gewesen; die alten, von der Sonne
ausgezogenen Vorhänge wären mit Vortheil mit farbigen neuen vertauscht
worden; den Teppich vor dem Kamin hätte jeder Andre, als ich, schon längst
etwa zu einer Vogelscheuche im Gärtchen verwandt. Das Bett gedacht' ich
noch einmal so breit machen zu lassen, vielleicht wäre gar eine Wiege
nöthig geworden -- ach, aber das Alles, wenn statt meiner alten Magd, der
tauben Anna, die ich fast selbst anfangen mußte zu bedienen, wenn ich ein
Christ sein wollte, Marion mir die kleinen Sorgen der kleinen Wirthschaft
abgenommen, und mich zum Manne gemacht hätte! Und das Geld _machte_ mich
zum Manne. Aber, aber wenn ich so dachte, stand mir der rothe Riese, des
Pachters Sohn, der lange Daniel immer vor Augen! oder ritt mir vorüber auf
seinem National-Tiger, wie er ihn nennt, der so mager ist, daß man ein
Licht dahinter stellen kann, wie Anna sagte! als wenn man hinter das
dickeste Pferd kein Licht stellen könnte, nur daß man es dann nicht
durchleuchten sieht. Freilich, wer den Menschen hübsch nennt, thut ihm das
bitterste Unrecht. Er mißbraucht die Erlaubniß, garstig zu sein, wie Lady
Theano immer auf französisch sagte. Wenn er steht, ist er beinahe gleich
mit der großen Wanduhr in der Halle der Rectorei, und sein Gesicht so klein
wie das Zifferblatt. Aber wenn er sich setzt, ist er halb wie verschwunden
oder eingeschmolzen; er kann die Ellenbogen auf die Schenkel stützen, und
aufrecht sitzen bleiben, so lang sind seine Arme. Doch Gott behüte, daß ich
ihn verspotten sollte! er ist ja Gottes Ebenbild! Schäme dich, Lambton; die
Eifersucht spottet nur aus dir. Denn wie die Weiber sind! Zwei Jahr bemüht'
ich mich, so viel meine Schuljugend mir erlaubte, zugleich mit ihm um
Marion; aber sie war und blieb unentschieden, bis ihm eine Frau
Lieutenantin gerathen: sich eine Fähndrichsstelle zu kaufen, und in Uniform
und Säbel vor seiner Geliebten zu erscheinen. So kam er denn aufgezogen,
nur die Fahne fehlte noch. Wo blieb da Lambton, der schwarze Schulmeister
mit dem Buche unter dem Arm! Das war wohl ein Jammer! Ich hätte mir damals
aus Verlegenheit bald das Tabakschnupfen angewöhnt, wenn mein Gehalt die
Ausgabe getragen hätte; auch sagten die andern Mädchen in Rowlandhill, ich
sei noch zu jung zum Schnupftabak. Aber wie gesagt, das Wort der Lady, die
mir wohl will, war bisher mein Schirm und Schutz, sonst war ich bestimmt
verloren. Eine Gefälligkeit im rechten Augenblick entscheidet oft bei den
Weibern, das hatt' ich gehört; Brigthon, Portsmouth hätt' ich gern gesehen,
und wer Woolwich und Chatham nicht gesehen, der hat England nicht gesehen,
sagen selbst die Engländer; nach London kam ich sonst in meinem Leben nicht
-- so beschloß ich die Osterfeiertage zu reisen. Und so reist' ich denn in
Gottes Namen mit meiner Vollmacht. Wer schnell reist, reiset wohlfeil. Wie
viel Mahlzeiten hab' ich dadurch erspart! Was helfen die freundlichen
Wirthe, wenn man viel verzehrt; und die tiefen Bücklinge der Aufwärter für
das große Trinkgeld, wo man doch in seinem Leben nicht wieder hinkommt! Es
ist aber wohl nicht recht gedacht; ein Mensch sollte eigentlich keinem
Menschen Schande machen! Doch die Reise ging ja nicht aus meinem Beutel;
ich hatte freie Station, und dann muß ein ehrlicher Mann lieber darben, als
schwelgen, und ein saures Gesicht -- nicht ansehn. Es ist ein albernes
Wort: »der Weg ist zwar nicht breit, aber lang«; -- der Weg ist aber eben
so albern. Wie schön wäre ein meilenbreiter Weg, oder ein Mensch, der wie
eine Colonne in Fronte reisen könnte, wie bei einem Hasentreiben jede
Merkwürdigkeit aufstöbern die ganze Breite! Denn wie viel Städte blieben
zur Seite stehn, links und rechts! Und die Thurmspitzen winkten mir
gleichsam herüber »hie bin ich« -- »und hier bin _ich!_ -- hier ich! was
ziehst du denn dort?« -- So einen bloßen Strich durch die Welt zu machen,
das ist wohl auch ein Jammer. Kurz, ich kam recht verdrüßlich, unzufrieden,
und ganz durchnäßt auf dem Dache der Kutsche, wo ich selber in Nebel und
Regen aus Schaulust geblieben, in Brigthon an. Was hatt' ich mir unter
Reisen vorgestellt? Und was war es? Eine Sehnsucht, ein Aufruhr aller
Sinne, ein Flug, ein Traum, kurz: ein Jammer. Mir war so, als wenn mir
jemand aus einem kostbaren persischen Teppich einen Faden herausgezogen und
geschenkt hätte.

Die Schwierigkeiten waren bald beseitigt, das Geld -- eine einzige Banknote
-- bald eingestrichen oder leicht -- was man sagt: erhoben, und auf der
Brust wohl verwahrt. Nun war ich mein! Auf Reisen muß man unermüdlich sein,
keine Bequemlichkeit einreißen lassen. Was Einem, wenn man in der Nähe ist,
Einen Schilling zu sehen kostet, das gilt Einem, wenn man zu Hause ist, das
Geld für eine ganze Reise. Wer Frühaufstehn, Unruhe Tag und Nacht,
Unbequemlichkeit, Entbehrungen aller Art scheut, der bleibe zu Hause. Warum
ist er gereiset! und die Freude muß und wird die Mühe vergelten. Ich hatte
Menschen über ihr Phlegma in der Fremde zu spät klagen gehört, und mir auf
das Titelblatt meiner Reisebemerkungen den Vers eingetragen:

   Sage, warum du hieher vom Vaterlande gewandelt?

Von London war der Schenkel des Dreiecks meiner Reise selbst noch ein wenig
kürzer, als der von Brighton nach Hause; die Basis wollt' ich aus meinem
Beutel bestreiten. Meine Mutter hatte mir immer gerathen, einen
Ehrenthaler, einen Freudenthaler und einen Leidenthaler zu sparen; dazu
hatt' ich drei Beutelchen. Diese nun hatt' ich alle mit. Die Ehrenthaler
hatt' ich schon zugesetzt für Geschenke an meinen Stellvertreter, meine
alte taube Anna, und die besten Schüler. Die Freudenthaler wollt' ich in
Portsmuth und Woolwich darauf gehen lassen, einmal ein Stück in die See
hinaus zu stechen; und die Leidenthaler sollten mir die Freude bezahlen,
London zu sehen, und Marion Etwas zu kaufen.

Den chienesischen Pavillon in Brighton besah ich mir am füglichsten des
Abends im Mondenscheine. Ich war im Geiste in China. Die Chinesen, konnt'
ich denken, schliefen; ich konnte denken: der Kaiser denkt eben nach,
welche Götter, wie Minister, er das nächste Jahr will herrschen lassen. Ich
bildete mir ein, Er könne mich bei dem hellen Mondenscheine aus dem nahen
Fenster erblicken, und als einen _verbotenen_ Fremden, mit dem beliebten,
jedoch nicht Zucker-haltigen Bambus-Rohr von etwanigem Podagra befreien zu
lassen die Kaiserliche Gnade haben wollen -- ich spürte wirklich, ich weiß
nicht was, in den Fußsohlen -- das Herz fing mir an zu pochen, ich machte,
daß ich fortkam, und stieß auf eine Schildwache, die gerade abgelöst ward,
und sich auf Englisch anrief. Ist denn China Englisch? frug ich mich selbst
halblaut. »Noch nicht!« antwortete sie, und lachte. Ich schämte mich; der
Mann sieht mich Zeit Lebens nicht wieder -- aber ich schämte mich doch, und
beschloß, mich nicht mehr meiner Einbildung so völlig zu überlassen. Der
Mann konnte wohl gar etwas Anderes von mir denken!

Portsmouth aber war mein Unglück! Was mußt' ich eher sehn, als den Hafen,
die Schiffe, die, wie Aristophanes Vögel, das mittelweltische unbegrenzte
Reich selbst gegen die Götter beschützen. Ich hatte den ganzen Tag vor
Schaulust nichts gegessen. Gegen Abend trat ich in eine Taverne, worin
fröhliche Matrosen und Makler an Tischen umher saßen und standen. An den
Wänden hingen Anzeigen von Schiffsgelegenheiten nach Bengalen, Macao, Nord-
und Südamerika; nach Zanthe, Neapel, Alexandrien, Smyrna, kurz, grad'
überall hin, und für ein paar einfältige Pfund, wer sie hatte! Ich durfte
sie nur im Office auf den Tisch legen, in's Schiff gehn, die Reise war nur
wie ein Schritt! Denn das Meer ist hüben und drüben, der Wind rückt es
gleichsam zusammen, führt die Schiffe fort, trägt die Küste her, und
breitet das Meer dann wieder aus, wenn man hinüber ist.

»Drüben in Hamburg; drüben in Tanger; drüben in Boston!« unterbrachen und
erzählten sich die Matrosen. Mir war wie dem Juden in der Münze! Hundert
Pfund hatt' ich! Ueberall kam ich damit hin! Heim mußt' ich doch kommen! --
Aber das Geld war nicht mein! Ach, des Menschen Dichten und Trachten ist
böse von Jugend auf, warf ich mir vor; ich habe ja nicht reisen wollen!
Aber die Thränen waren mit näher; ich mußte mich setzen. Ich stemmte die
Arme auf den Tisch, und verdeckte mir die Augen vor der nach Westen
gesunkenen Sonne, die mich blendete. Denn sie schien prachtvoll aus der
goldenen Ferne zum Hafen herein, und beleuchtete zauberhaft: Mohren,
Chinesen, Amerikaner und Juden hier an einem Orte, daß mir die Welt ganz
wunderbar vorkam.

Nicht lange, so stieß mich Jemand gelind an, zuzurücken. Ich sahe ihn an,
er sahe mich an. Es war Crabbe. -- Crabbe! rief ich vor Freuden.

»Ei, Herr Lambton, grüßt' er mich, woher? und wohin? Was macht meine
Schwester zu Hause bei Euch in ihrem kleinen Krame? Wird sie so reich wie
dick? Ich bin immer noch Steuermann und kann eigentlich nicht höher
steigen.«

-- Wie so? fragt' ich auf alle die Fragen. --

Es giebt nämlich gewisse Leitern für jeden Stand, sagt' er, ich möchte
sagen: Stockwerkstreppen, über die Keiner hinaus kann; sie sind oben wie in
die Luft gelehnt. Ein Anderer, in einem höhern Stockwerk geboren, kriecht
gleich als Kind von da aus, wo Unsereiner alt, lahm und marode aufhört! und
wenn ein Hoher fällt, fällt er uns Niedern immer noch erst auf die Köpfe,
wie die Fische, die man in's Meer wirft, nicht auf den Grund fallen. Nun es
geht Euch auch nicht besser wie mir; ein größeres Schiff, eine größere
Schule, das können wir etwa erwarten, aber immer nur Schiff und Schule Zeit
Lebens. Nun setzt Euch, Herr Lambton, zu einem Glase echten; Ihr seid hier
in der Fremde.

Dabei -- also bei dem oft eingeschenkten Glase Echten -- trug ich ihm
meinen Wunsch vor, ein Stück auf der offenbaren See zu fahren, und ein
wohlgebautes Schiff zu sehn.

Nun da kommt Ihr mit in mein's, sprach Crabbe. Schöner ist noch keins
gebaut in Altengland! Es ist zwar ein Franklinischer
Klapperschlangenkasten, den wir nach van Diemensland, nach Hobarttown
bringen, aber schadet nichts, mein Schiff ist wie Eins, ja Keins! --

Ich stutzte wie billig. Er aber sprach lachend: Wir fahren nur Deportirte
über, weiter nichts; und unser Schiff hat keine Fallthür, wie sonst die
französischen, die das Exportiren der Exportanden ersparten!

Ich wollte wieder fragen, da unterbrach uns ein Kleinhändler, ein alter
Mann mit grauen Haaren, fast wie mein Großvater; sie nannten ihn Oldham. Er
handelte mit allerhand beinahe nur zum Schein, und nahm auch ein Geschenk,
das ihm Dieser und Jener gab. Da, Vater! sprach ich, und gab ihm einen
Leidenthaler. Ich bereute es aber sogleich, als wenn ich nur meines
Großvaters wegen einem Armen geben könnte; ich ließ mir den Thaler nicht
wiedergeben, nein, ich schenkte Ihm selber nun noch Einen. Aber das waren
in einer Minute Zwei -- und beide thaten mir leid um Woolwich und London!
Der Alte aber sagte: »Ihr wißt nicht, wie viel ihr mir heut Gutes thut!« So
doppelt gepreßt von Scham und Mitleid, gab ich ihm auch noch den dritten
und letzten Leidenthaler.

Nun kommt aber in's Boot, Lambton! sprach Crabbe, sonst schenkt Ihr Alles
weg. Es ist auch weg, erwiedert' ich; nur mein Heimreisegeld liegt im
Gasthof zum Fallstaff. Ihr braucht auch heut keins, sagt' er im Gehen zum
Boot; unsere Themis liegt ein halb Stündchen weit schon vor; aber das ist
Euch ja eben recht! Morgen kommt der Capitain, und da kommt auch gewiß der
Wind; das muß treffen; denn die Herren kommen eben erst immer, wann der
Wind kommt. Da sollen sich nun die Matrosen wundern, wie das zugeht! Ich
denke aber, wir werden im April immer noch einige Aequinoctien haben. --

Das heißt wohl bei Euch: Frühlingsstürme? fragt' ich.

Freilich! antwortete Crabbe; das geschieht so zu Zeiten, aber vorzüglich,
wenn die Sonne im Thierkreise steht, Manche sagen, in der Wage. Nun, wie
die Herren wollen! Ich bin nur Steuermann. --

Ich beschuldigte heimlich Crabben, er möchte nicht mehr vom Thierkreise
wissen, als die Bauern, die den Kreisthierarzt den Thierkreisarzt nennen.
Die vier Matrosen warteten auf ihren Meister Crabbe. Wir stiegen in's Boot
und setzten uns. Die Matrosen nahmen Abschied von den Umstehenden, und
sagten ihr Lebewohl, das »du guter Junge« (good boy) auch zu steinalten
Männern, und »guter Junge« auch zu den Mädchen. Sie schieden, wie man sich
zu Lande »gut' Nacht« sagt, und ruderten tapfer, jeder eine Beule im
Backen, wie von Zahnschmerzen, sie war aber von Tabak. Viele Boote
begegneten uns mit Vornehmen und Gemeinen, Herren und Damen, Weibern und
Mädchen und Kindern, die von den Ihrigen, den lieben Deportirten mit
Thränen Abschied genommen: denn sie weinten noch. Ich bedauerte, daß meine
Reise schon halb war, als wir die Leiter hinaufstiegen an Bord des
Schiffes.

Meister Crabbe übergab mich dem Stewart, mich überall herum zu führen, und
alles Erlaubte mich sehen zu lassen. Mit dem Boote, sagt' er, würd' ich
an's Land gehen, mit welchem der Capitain an Bord käme. Er empfahl ihm
diesen Punkt besonders, im Fall Er nicht daran denken könnte in dem Wirrwar
beim Absegeln. So war Alles besorgt. Ich überließ mich wohl zwei Stunden
lang meiner Andacht, bewunderte Alles im und am Schiff, wie es zu bewundern
war; ja ich getraute mich zu behaupten: daß selbst die Arche Noah's so
schön mit Mahagoni-Meubeln, Spiegeln und stählernem Kamin nicht kann
ausgeputzt gewesen sein; denn wann lebte Noah, und wann leben wir! Und ich
kann als geistliche Person ohne Blasphemie sagen -- da die Welt nicht mehr
durch Wasser umkommen soll -- daß eine Sündflut jetzt nur lächerlich wäre;
wenn man sie vorher wüßte, nota bene! Der Herr hat damals schon die
Engländer mit ihren Tausend Schiffen im Geiste gesehen, nota melius! darum
hat er für die Zukunft nur von Feuer gesprochen. Nota optima! -- Zuletzt
blieb ich in des Steuermanns Cabin sitzen, und las in dem, auf dem ganzen
Weltmeer berühmten »Schiffmeisters Assistenten,« von dem auf dem Lande
unbekannten David Steel. Der Stewart brachte Punsch, hieß mich trinken, und
ließ mich lesen.

Daß ich dabei eingeschlafen war, bemerkt' ich richtig beim Aufwachen! Ich
schlug das Buch zu, stellte es an seinen Ort, und stieg auf das Verdeck.
Auf der Treppe begegnete mir der Stewart, ganz anders, aber nicht besser,
angezogen, mit einer Schüssel kleiner Krebse, mit Eiern, großen Theetassen
und -- Frühstücksgeräth. -- Er ward ganz feuerroth, als er mich sah, und
drängte sich mit niedergeschlagenen Augen auf der Treppe an mir vorüber. Wo
ist Meister Crabbe? fragt' ich ihn. Er blieb mir die Antwort schuldig. Ich
schenkte sie ihm, und stieg aufs Verdeck. Hoho! sprach ich, die Sonne sitzt
ja noch hoch! Es hat gute Weile! Aber sie müssen das Schiff gewendet haben;
vorhin stand sie rechts, und jetzt links. Ich wendete mich um, nach der
Insel Wight zu sehn, die mir die hängenden Gärten der Semiramis aus ihrem
Staube hervorrief -- ich rieb mir die Augen -- ich war entweder von dem
Punsche ein Myops geworden, oder Wight war untergegangen! Aber lieber, als
so vieler Menschen Unglück, war mir doch meins! Doch -- die ganze Küste war
verschwunden! Es war doch Tag! es war kein Nebel -- ich sahe rund umher --
rund umher nichts wie Himmel und Wasser -- das war die offenbare See
offenbar! Aber wie war das möglich? Das Schiff stand ja und wankte nicht;
nur ein leises Plätschern und Glucken glaubt' ich zu vernehmen. Ich blickte
auf dem Verdeck umher -- da stand ein Mann mit einem Fernrohr am Hauptmast
und sah schweigend in die Ferne; auf dem Hintertheile am Steuerrade saß
Freund Crabbe, ernst und im Amtsgesicht, placidus ore, wie Neptunus, der
verschollene Gott. Ich starrte in die Segel! sie blühten voll und zogen,
wie Pferde; die Wimpel spielten im Winde -- es war richtig! Ich saß wie der
Bär, der nach Honig gestiegen, hinausgeschnellt auf der Wagschale,
hinausgeführt in die Welt, ja hinausdeportirt aus der Welt! Die Sinne
vergingen mir -- Crabbe! Crabbe! ruft' ich, und setzte mich in Ohnmacht.
Denn das sah' ich noch, wenn ich in Ohnmacht gefallen wäre, -- scilicet:
die enge steile Treppe hinab, -- konnt' ich mir Hals und Beine brechen! So
saß ich, halb vor Schreck, halb vor Freude, wie meine Lampe voll Wasser und
Oel; aber das Oel schwamm oben! -- --

Was soll Crabbe! fragte mich eine unwillige Stimme.

-- »Ach, jetzt soll er nichts, er kann ja nichts« -- -- brach ich ab.

»Er ist ein braver Steuermann,« hörte ich wieder; hinsehn mocht' ich nicht:
denn es war ganz eine Capitainsstimme; sie erscholl mir, wie das Echo
meiner eignen von der Mauer der Kirche, wenn ich Schule hielt und zur Zeit
der Lindenblüthen die Fenster hatte aufmachen lassen. Diese angenehme
Erinnerung erquickte mich in so weit, daß ich seufzen konnte.

»Ist Euch unwohl?« hört' ich wieder. --

Sehr, sehr, in der That! bekannt' ich; wie soll mir anders sein? Wenn Ihr
mich nur entschuldigt! --

Zu Schiffe ist's, wie auf der See, lacht' er -- geht und füttert Fische,
oder legt Euch platt auf den Bauch. Die schönen Damen dort trinken Kaffee,
die denken Alles mit Kaffee zu kuriren! Aber das Mal irren sie sich; ich
wette! ich habe schon gewonnen! -- geht nur auch. Ich stand auf; blaß
mocht' ich gerade genug aussehn, das Schwanken kam mir leicht an, so gesund
ich war, und so legt' ich mich im Schatten des Bordes auf den platten
Rücken nieder, faltete meine Hände über der Brust, wie ein Leichenstein, d.
h. der Pfarrer darauf, und sah in den reinen, blauen, unergründlichen
Himmel. Ach, er sah mir doch zu feierlich, ja weinerlich aus, als daß er
mit mir scherzen, mich in den April schicken wolle; oder lag das
Weinerliche nur in meinen, Augen, wie die Thränen?

Nach einiger Zeit hörte ich ein lautes Gelächter erschallen, Einige fragen,
und sie dann mit darein lachen, wie ein vervielfältigendes Echo, dem eine
Gesellschaft unaufhörlich zulacht. Es kam ein Halbkreis von Herren und
Damen um mich getreten, das hört' ich nur an den Tritten und Trittchen;
denn die Augen hatt' ich fest geschlossen; ich kam mir vor, wie ein Aal auf
dem Aalfange, oder ein Fuchs im Fuchseisen, den die Kinder necken. Crabbe,
der Steuermann, hatte mich ja schwanken sehn! Er hatte gewiß mit dem
Capitain von mir gesprochen! Denn dieser lachte mit den andern, ja er
lachte so herzhaft, daß er weinte. Darauf sprach er mit der Amtsstimme:
»Nun ist es genug!« und Alles schwieg augenblicklich und entfernte sich.
Das ist ein braver Schulmeister! dacht ich, der Himmel segne ihn. Er setzte
sich zwei Schritt von mir auf einen Hühnerkorb und sagte zu mir: Bleibt nur
liegen, Herr Lambton! so heißt ihr doch? -- Lambton Zeit Lebens! antwortete
ich. -- Crabbe kennt Euch, Lambton; er ist bitterböse auf den Stewart. Wenn
Euch der Zufall nicht leid thut, ist er mir lieb. Ihr habt keine Kisten und
Kasten bei Euch? --

Das weiß Gott! seufzt' ich. --

Wohl! so nehme ich Euch für einen halben Passagier an. --

Wenn Ihr nur mich nicht halbirt, so viertheilt mich meinetwegen! seufzt'
ich mit rückkehrender Ruhe. --

Ihr habt kein Geld? --

Ich? -- keinen falschen Schilling, Herr, antwortete ich mit Wahrheit; die
hundert Pfund waren ja nicht mein; die durft' ich nicht verrathen! --

Also in der That, Ihr habt kein Geld? Ihr! Ich meine Euch! sprach er und
sah mich auf gut Englisch an, und murmelte schlaulächelnd so etwas von
anzuordnender Aussuchung. --

Gott sei mir gnädig! rief ich. Das mußte er nun gewiß verstanden haben für:
So wahr mit Gott gnädig sei! oder sah er meine wahre
Ehrlichen-Mannes-Angst, denn er schien beruhigt und sprach: Wohl! dem
Könige kann ich nichts verschenken; daß Ihr aber bezahlt, wann Ihr könnt,
das müßte selbst Shylok zufrieden sein. Van Diemensland wird Euch gefallen,
Ihr macht eine schöne Reise! Nachher wollen wir schriftlich Richtigkeit
machen. --

Aber wann werde ich bezahlen? --

Wann Ihr könnt! Ihr seht, der Himmel hilft Euch in die Welt, er wird Euch
auch in der Welt helfen. --

Wenn nur nicht _aus_ der Welt! Herr Capitain; Seefahren ist gefährlich!
seufzt' ich nicht ohne Ahnung; denn mir fielen die Worte meiner sterbenden
Mutter ein, die zu mir sagte: »mein Sohn, wenn Du nur noch ein Jahr
überstanden hast, dann -- dann -- dann!« -- Dann starb sie! --

»Seefahren ist nie gefährlich,« entgegnete mir der Capitain, nur Landen
manchmal! Lambton -- doch still davon, das ist kein Schiffsgespräch, und
verboten: Geht essen, damit Ihr Muth bekommt, und seid munter und guter
Dinge! Denkt, Ihr habt Schulferien, oder Euere Schule ist abgebrannt. --

Behüte Gott die Schule! sprang ich auf. Ein Hahn hackte ihm aus dem Korbe
in die Waden, so ging er fort.

Ich bedankte mich, wie billig, hinter ihm drein, mit ihm -- natürlicher
Weise -- unsichtbaren Complimenten wenigstens für seine Güte; dann stand
ich noch lange in Himmelsangst, die sich nach und nach auswölkte, wie ich
mich, nicht ganz unkluger Weise, in mein Schicksal und in die Themis ergab.
Und so schlich ich -- doch etwas schnell -- in das Cabin des Steuermanns,
sah den gedeckten und besetzten Tisch und ließ mir das angerathene
Frühstück aus verzweifelter Verzweifelung schmecken. Darauf kam der
abgelöste Crabbe, der mir die Hand gab und sagte: Was ein Kind thun kann,
das noch nicht reden, noch keine Hand rühren kann! Wäre dem Capitain York
nicht noch gestern ein kleines Yörklein geboren worden; ich weiß nicht was
er mit Euch gemacht hätte! Vergebt dafür auch dem _Stewart_! Ich mußte an's
Steuer -- und _ihm_ trug der Capitain auf, als er richtig mit dem Winde
kam, gleich die Sachen aufzuheben, die er mit an Bord brachte. Der eine
Anker war bald aufgezogen, nun schwimmen wir! und kein Wind darf versäumt
werden, sonst fehlen die Postpferde, wann man ausspannt. Ihr versteht das
nicht, wie der Wind auf der ganzen Welt zusammenhängt, wie er aller Orts
Alles spedirt. Warum habt Ihr Euch auch nicht selbst gemeldet! Doch es ist
nun einmal so, und »So« ist gut.

Ich dachte aber: »So« ist freilich gut; doch anders wäre besser. Ich schlug
ihm vor, den Capitain zu bitten, mich wieder auszusetzen, in Brest, in
Boulogne, in Cadix doch wenigstens! aber es fiel mir selbst ein, daß das
für mich noch schlimmer wäre, als im Schiffe bleiben. Auch schlug es mir
Crabbe rund ab, und sagte: Ein Mensch gilt nichts zu Schiffe, todt oder
lebendig.

Das war genug gesagt! und hatt' ich Flügel, so hätt' ich sie hängen lassen.
Und doch wollt' es gar in mir singen und einen Jubel anstellen. Denn wie
viel Vorbereitungen hatte mir diese Ueberraschung, wie man ein wenig
Einheitzen nennt, erspart! Paß, Empfehlungsbrief, Geldsorge nota bene,
Einpackerei, einen Vicarius in meinem Amte, Reiseapotheke, Bücher,
Excerpte, Landcharten -- kurz allen den Tand, ohne den ich nicht glaubte
eine Reise nur antreten zu können, geschweige durchzusetzen und
auszuführen; ich hätte mich erst alt und blind studirt; und _jung_ muß man
reisen, und scharf sehen muß man können »Ich bin ich selbst allein« sagt
Richard, und ich sag' es getrost; denn die Welt ist reich genug, wenn man
auch noch so arm ist, nur Augen, Herz und Gedächtniß hat, oder eine alte
Feder. Aber ach, was mußte aus meiner schönen Lancaster-Schule werden!
Waren die Kinder nicht eine Heerde ohne Hirten? Mußte sich alles Gute, das
ich sie gelehrt, nicht im Leibe umkehren, nicht in Falsches verwandeln, da
der Mann ein Falscher gewesen, der es gelehrt? Denn was der Lehrer ist, das
bedeutet die Lehre. Von einem Bösen ist nicht gut lernen; und so mußt' ich
erscheinen! War ich in Marions Augen mit dem Gelde nicht durchgelaufen, in
alle Welt gegangen, weil sie den langen Daniel mir vorgezogen? Oder glaubte
sie -- wie die Weiber sind -- ich habe mir wohl gar ein Leides gethan? Die
Angst verdiente sie! Sie thut mit leid, aber ihretwegen, nicht meinetwegen.
Nun ich hin bin, ist sie mir hin; denn wenn man scheidet, dann erst soll
man ja wissen, wen man zu Hause lieb hat; und, die Kinder und die alte Anna
ausgenommen, kann ich mich auf Niemand besinnen! Aber der Baronet, der
keinem Menschen etwas Gutes zutraut, der allen noch so braven Handlungen
lauter Eigenliebe unterlegt, muß ich, ich ihm nicht seine frevelnde Ansicht
bestätigen? Aber der arme Mann soll von seinem einzigen Freunde schwer
betrogen worden sein; auch hat er keine Kinder, und solche Menschen wissen
niemals recht, was ihnen fehlt. Doch Lady Theano -- -- o Gott, was hilft es
mir nun Zeit meines kurzen Lebens ehrlich gewesen zu sein, wenn ich nun ein
Landläufer, ein Dieb geworden bin? Ja ja, ich verdiene nach Bontanybai
exportirt zu werden! Aber endlich komm' ich einmal wieder! und wenn auch
mein Amt schon besetzt ist, wenn Marion lange den langen Daniel geheirathet
hat, so will ich doch wieder meinen Ehrenplatz in den Herzen einnehmen, und
die Kinder sollen nicht länger als den ersten Tag mit Fingern auf mich
weisen! -- Ich verfaßte daher einen Aufsatz, Inhalts: daß ich nur »durch
ein Versehn« nach van Diemensland »gereiset« sei, und bat den Steuermann
Mstr. Crabbe, den Capitain York und den Stewart das Zeugniß zu
unterschreiben, was sie willig thaten.

Es war mir ordentlich ein Stein vom Herzen, als säh' ich ihn mir als eine
Ehrensäule aufrichten, als ich das Blatt zusammen faltete. Nur der Gedanke
peinigte mich noch, daß der Fähndrich Daniel nun Marion, ohne Geld, nicht
heirathen werde! Es soll sogar Menschen geben, die eine Frau bloß um ihres
Geldes willen nehmen, besonders Lieutenants. Aber die Weiber wissen, daß
sie mit dem Gelde Eine Person ausmachen, und sind guter Dinge, wenn sie nur
welches haben; und wo ihr Schatz ist, da ist auch ihr Herz. Vielleicht aber
ersetzt ihr Lady Theano die verlorene Ausstattung! Denn sie selber ist
unglücklich, und empfindet also Unglück. Sie ist so gut wie schön, und hat
ein weiches Herz. Hat sie doch 10,000 Pfund, sammt anlaufenden Interessen,
für den Wiederbringer ihres einzigen Kindes niedergelegt, und bringt
gleichsam die Bill alle Weihnachten vor das Publikum, wie Wilberforce die
seine in's Parlament -- Doch konnt' ich mich den ganzen Tag nicht freuen,
und auch die Nacht that ich kein Auge zu; ich schlief auf dem Fußboden, mit
Kaputzen zugedeckt: denn alle Betten waren besetzt.

Wie der Herr aber auch für einen Schulmeister sorgt, davon bekam ich am
andern Morgen einen Beweis; denn das Essen und Trinken auf Borg schmeckt
ehrlichen Leuten bitter. Capitain York hatte meine, nun ja, saubere
Handschrift in dem Zeugniß gesehn; er hat seinen jüngsten Bruder William
bei sich, und Stephan, den Sohn seiner Schwester, einer steinreichen
Plantagenbesitzerin. Diese sollt' ich unterrichten. Um richtig eingreifen
zu können, examinirte ich die Knaben in seiner Gegenwart. Ich fiel auf die
Zahlenlehre, und fragte William: Wie viel sind 3 Aepfel und 4 Birnen? --
Das ist schon summirt! sagte er. Ich freute mich. Dabei wollt' ich wissen,
ob er in der Pflanzenkunde einen Anfang gemacht, und fuhr fort: Ich dächte
nicht! ich glaube es sind doch Sieben -- aber was? -- Aepfel! sprach er;
die Birne ist eigentlich ein Apfel: malum-pyrum. -- Was ist sie denn aber
uneigentlich? fragte ich weiter, um ihn auf das nichts bedeutende Wort
»eigentlich« aufmerksam zu machen, und so mich in das Stilisticum zu
spielen. -- Uneigentlich? wiederholt' er -- je nun: eine Birne! -- Ich
freute mich reichlich, und gab ihm die Hand; der Capitain lobte mich ganz
unverschuldeter Maßen. Nun nahm ich meinen Stephan vor, größer zwar als
William, aber dick und stumpf und aufgeblasen. Mein Stephan! fragt' ich, in
welches Reich der Natur, als Mensch, gehörst denn Du? -- Ins Steinreich,
erwiedert' er stolz. Der Capitain lachte laut, und sprach: das kommt daher,
daß ihm seine Mutter immer gesagt hat: er sei steinreich! Aber es ist gut,
daß ich mich daran erinnere. Für die 6 Monat Unterricht auf der Reise soll
er Euch gut bezahlen, Herr Lambton, und zwar so viel, daß Ihr auch die
Rückreise an ihm verdient. Die Meister sind rar auf der See, und was rar
ist, ist theuer. -- Wer war froher als ich! »Ihr sollt vom Evangelium
leben« beruhigte meine Bedenklichkeit; nur dem Ochsen, der nicht drischt,
soll man das Maul verbinden; aber mein Gott, ich wollte ja dreschen! -- Nun
war mir geholfen! Wenn ich einmal wiederkomme, bin ich ein berühmter
Schulmeister, Victoria! Denn wer nur etwas Gescheidtes gesehn hat, den hält
man selbst für gescheidt.

Auch ein Bett bekam ich durch ein Paar lange Beine des einen Herrn; denn in
dem kaum zwei Ellen langen Kasten, der wie für ein Faulthier, einen
Siebenschläfer, höchstens für einen jungen Waschbär, eingerichtet war, --
in dem Bett, so zu sagen, waren dem Herrn die Füße ganz verstarrt und
eingeschlafen, daß er sie lange Zeit gar nicht wieder aufwecken konnte. Er
war ganz erbost, und wußte nicht mehr, oder wahrscheinlich vorher schon
nicht: _wo_ er zu lang sei, ob unten? wie ihm jetzt vorkam, oder oben? wie
ihm aus den Beulen schon vorgekommen, die er sich in den niedrigen Räumen
an Thürstöcken schon an die Stirn gestoßen. Wer kann seiner Länge eine Elle
_abnehmen!_ sagen _die Großen_, sprach er; und der Zwerg muß sagen: wer
kann _seiner Elle_ eine Länge zusetzen. --

»Ich habe meine Beine abgeschnallt!« rief ein invalider Offizier in die
Scene. --

Sie Glücklicher! rief der Leidende. Ich bot ihm aus Mitleid einen Tausch
an. Mit Freuden acceptirt. Er bettete sich also auf den Fußboden, und ich
an seiner Statt. So sorgt der Herr durch Alles aufs der Welt, es habe
Namen, wie es wolle. Ich aber pries in besagtem Kasten mein Schicksal, wenn
die Wellen kaum einer Hand breit vor meinem Ohre vorüber gluckten, wenn ich
an die armen Haifische und Hammer dachte, die in dem ewig-dunklen kalten
Meeresgrund ihr Haupt hinlegen müssen auf Felsen wie auf Amboße, die
nirgends hin und nirgends her fahren in ihrem Irrsal -- da ist doch ein
Schulmeister eine ganz andre Person! Das Schiff, das edle Thier, man möchte
es »Herr« nennen, wie ein Reitknecht sein Pferd, das Schiff war auch für
mich erfunden! Der Magnet, die Sternkunde, das Fleischeinsalzen, die edle
Leinwandweberei, kurz Alles, Alles, seit Thubalkain; und Cook kam mir nur
vor, wie der Rabe Noah's, der mir Land, van Diemensland gesucht! Tausend
Menschen _zusammen_ vollbringen fast tausend Mal mehr, als tausend
_Einzelne_. Ein Mensch hätte noch nicht den Thurm zu Babel fertig, und wenn
er 6000 Jahr vor Erschaffung der Welt angefangen hätte, Ziegel zu
streichen, trotz dem, daß keine Sprachverwirrung bei ihm möglich war! Wie
dumm wäre nur Ein Mensch, so groß und dick mit ungeheurem Kopfe, aus allem
dem Stoff aller Gebornen zusammen seit Eva's Zeit; wie dumm wär' er noch,
wie Stephan oder der Stephansthurm; doch einmal von weitem sehn, wie eine
Wasserhose groß, möcht' ich ihn wohl, oder wie den einen Mann im Monde. --
Und daß die Menschen sterben, das ist erst das Wahre! da erben die
Nachkommen immer Verstand, Kunst und Wissen, wenn es wahr ist; denn der Tod
macht Alles offenbar, das ist unbezweifelt. -- Das waren so meine Gedanken.
Ich wunderte mich ordentlich, wie sich mein Kopf aufthat; aber auf Reisen
muß man klug werden, man mag wollen oder nicht. Selbst Stephan, der nicht
will! Ich will ihn schon lancastern!

                   *       *       *       *       *

_Ibidem_, den 1. Mai 1819.

Mein Gott, wie ist doch Alles anders, wenn man es _sieht_, als wenn man es
sich _einbildet_. Mitten auf dem Meere ist man bloß, wie auf einem großen
blanken silbernen Teller, es kommt Einem kleiner vor, wie ein See. Und wie
abgesondert lebt man! Morgens keine Schule, keine Zeitungen aus London mit
Nachrichten aus der ganzen Welt; Sonntags keine Kirche; Abends kein Clubb!
Früh baut die Sonne ihren Silbersteg, Abends zieht sie ihn wieder ein, wie
eine Schiffbrücke, wie die Schnecke ihre Hörner. Und daß man die Sterne in
dem immerbewegten Meere sähe, kein Gedanke! Eine Wolke, ein fernes Schiff
mit den Augen verfolgen, das ist Alles. Und doch wie schön! wie innig und
heimlich! rein abgeschieden von allen Menschen, aller Kunde ihrer Sorgen
und Plagen zu reisen, und wie bequem! -- Man steht auf, und unter dem
Anziehn ist man zwei Meilen gereist; man frühstückt und -- reiset; man ißt
zu Mittag, geht spazieren, sitzt, ja man geht zu Bett und schläft, und
reiset und reiset! Und _wie_ besonders? der Weg ist nicht Eisenbahn noch
Eis, sondern Wasser; die Wegweiser brennen am Himmel; die Rosse sind
unsichtbar, und doch geht es sausend fort!

Mein Casus hat gemacht, daß ich nur lauter freundliche lächelnde Gesichter
sehe, wie Alles die Kinder anlacht. Früh und Abends gehn wir spazieren um
die Mastbäume, in geschlossenem Kreise, ohne Rang, wie an der Tafelrunde;
und doch ist ein großer Unterschied. Aber was doch die Deportirten für
hübsche Leute sind, ganz wie _andre_ Menschen anzusehn, wohl angezogen und
gesprächig! Wenn ich es nicht sähe, ich glaubte gar nicht, daß sie
ausgesetzt würden, aller Güter der Gesellschaft verlustig. Manche können
ihr Handwerk nur noch nicht gleich vergessen. Ich hörte eines Abends ein
Gespräch: »Man wollte uns nicht einsperren,« sagte der Eine; wir sollten
frei sein, aber man giebt uns eine schöne Probe! Das Schiff ist das
elendeste sicherste Gefängniß: keine Thür, kein eisernes Gitter, keine
Kette an Hand oder Fuß, es wehrt es Einem Niemand, sich hinaus zu bemühen,
und doch kann man nicht fort! Da lob' ich mir ein Stockhaus, das bleibt auf
einem Flecke -- man hat Freunde, man hat Gehülfen da draußen! Der Sturm
hole den Wind, der uns hinführt, wo wir nicht hin wollen! --

Ja, ich möchte auch lieber Zeit Lebens so herumschwimmen, als dort
arbeiten! so elend es zu Schiffe ist, das unendliche ewige Bowling-blew
ohne Bäume umher, sagte der Andre, von dem Steinkohlendampf noch, ganz
abgesehn, oder abgerochen. --

Sieh nur, wie dunkel es ist! sagte der Dritte; Schade um die rabenschwarze
Nacht! Hui, wer eine Meile von London jetzt auf dem Klepper säße und die
Post rasseln hörte -- Jammerschade! --

Andere spielen hier noch um Kreidestriche falsch, und betrügen einander um
Nasenstüber. Kurz es ist ein Seidenleben unter den Menschen, und ich sehe
deutlich, daß nur ein weites Exil vor Vertrath und Rache sichert. Vor Allem
gefällt mir der junge Maler. Er sieht aus, wie der Engel der Verkündigung,
und ich glaube, jede Jungfrau würde ihn gern verkündigen hören. Denn er
sieht aus, wie die leibhafte Liebe oder Schönheit, ja wie beide
verschmolzen. Wenn Alle laut sind, und Er kommt, werden sie still, die
Frauen blaß, die Männer roth; er schnürt ihnen gleichsam das Herz und
siegelt die Lippen zu. Schöne Menschen sollte man zu Lehrern und Priestern
wählen; ja sogar, was man sagt: _pressen_, und das aus allen Ständen ohne
Gnade, wenn der Vornehmste nur die zum Schulmeister erforderlichen
Kenntnisse und Tugenden besäße; schon bei den Persern mußte der König der
Schönste sein! -- Er lehrt still durch seine bloße Gegenwart, und da er
fast gar nicht spricht, bleibt er bei seinem Respect. Klug! -- Unter Tigern
ist der Wolf das Lamm, und das Lamm, so zu sagen, ein Engel! und doch ist
er ein gefallener Engel! Es ist mir ein Räthsel, was kann Er verbrochen
haben? er heißt Clarke.

                   *       *       *       *       *

_Capstadt_, den 30sten Juni 1819.

Capitain York hatte mir einen feinen warmen Oberrock und eine Bibermütze
mit Ohren geschenkt, muß Ich sagen, Er aber sagte nicht einmal, gegeben,
sondern ich fand beides nur eines Morgens für Reinschrift einiger Papiere.
Die Morgen und Abende, ja die Tage bis in die Gegend von Trafalgar waren
ziemlich kalt, und Rock und Mütze waren mir hier lieber, als in England 100
Schafe und 50 Biberfelle. Doch wie geschahe mir darin! Eine junge nette
Witwe war gar noch nicht zu uns an den Tisch gekommen, sondern hatte, aus
Unbehagen, in ihrem Zimmer, so zu sagen, gelebt, das 3 Ellen lang und 2
Ellen breit ist, und ihr wöchentlich 3 Guineen kostet; vielleicht wollte
sie doch ordentlich den theuren Miethzins absitzen. Ich weiß nicht, was ich
an mir habe, das ihr gefiel. Sie kam alle Tage in andrer, immer reizenderer
Kleidung. Einige Irländer hatten mich einem jungen Manne ihrer
Bekanntschaft zum Verwechseln ähnlich gefunden, und es kam nachher heraus,
daß er ein bildschöner junger Mann sei. Ich ward über und über roth und
bitterbös -- und die Mistriß, deren Tischnachbar ich war, trat mir sanft
auf den Fuß. Ich sahe die Dame groß an, welches wohl unhöflich und
unpassend sein mußte, denn sie erröthete ganz. Der feine Clarke aber, den
der Capitain seiner Vorzüge wegen mit an den Tisch genommen, lächelte sie
an, zog die Augenlieder leise über die Augen und erhob sie gleich wieder,
so etwa wie die Augen Ja! sagen müßten, wenn sie redeten. Ich fragte
nachher Freund Crabben, wer die Lady sei, und erzählte ihm, was geschehen.
--

Die Reise kann Euer Glück sein! Lambton, sprach er, mich betrachtend; sie
ist steinreich, aus Martinique, und die Martiniquerinnen sind leicht und
lustig, und heirathen so geschwind, wie bei uns eine Frau Thee kocht. --
Sie heißt Mistriß Distreß. -- Aber kennt sie Euch denn? --

Ich verstand Crabbe's Frage erst einige Tage später, als mich Einer »Herr
Schulmeister« nannte, grade als die Mistriß mir Etwas sagen wollte. Sie
behielt aber die Rede bei sich! nur erst nach einiger Zeit sprach sie in
Gedanken vor sich hin »Schade, Schade!« und drehte sich auf dem Absatz
herum. Ich hatte es gleich weg, und dachte: so geht es, wenn man auf
gewisse Art eine Respectsperson ist! Vielleicht hab' ich ihr auch zu
geistlich gesprochen. Einer Frau wegen ändere ich meine Rede nicht! Es ist
mit aber lieb so. »So« ist gut, spricht Crabbe. Denn, wenn ich nur Guineen
hätte, so könnte ich eben so gut »ein Zwanzig-Ender« werden, nicht ein
Hirsch, sondern ein Rector, der zwanzig Pfarreien zugleich hat und --
niemals predigt. Das getraue ich mich ohne Ruhmredigkeit.

Ich werde bitter, ich muß abbrechen; aber man bleibt ein Mensch, auch wenn
man ein Schulmeister ist. Die Weiber haben den Rang, nachher erst das
_Geld_ lieb. Wenn ich aber auch in allen andern menschlichen Dingen nichts
weiß, nichts habe, nichts gelte, so bin ich doch in meiner Schule zu Hause.
Ach, wenn ich nur zu Hause wäre! Meinen schwarzen Rock will ich aber als
Ehrenkleid tragen, die vornehmen Herren-Kleider machen mir nur Schande und
Aerger. Was giebt Respect? das Wissen! Was giebt Andern Ehrfurcht? die
Unwissenheit! Denn wenn ich einen Knaben frage: »Wer bringt den
Caravanenthee?« und er weiß es nicht, und Ich sehe ihn an wie allwissend,
und gehe ein Paar Mal schweigend auf und nieder -- dann hab' ich Respect!
Wenn die vornehmen Herren und Damen nur dürften gefragt werden, sie sollten
schon Respect bekommen! So tröstete ich mich; aber an die Mistriß Distreß
will ich denken, und nie einer vornehmen Frau trauen.

Nun hatt' ich ein langes Aergerniß, so lang wie die Küste von Afrika. Von
so einem Ungeheuer von Lande, das allen Schiffs-, Macht- und Geldinhabern
zum tausendjährigen Spectakel daliegt, soll man den Kindern immer so viel
erzählen, und Unsereiner selbst möchte und möchte gern. Aber wenn man sich
nicht in das alte Aegypten zu spielen weiß, das gar nicht einmal mehr in
Afrika liegt -- selbst Stephan fragte neulich ganz superklug, wo
Groß-Griechenland liege -- im tempore praesenti so Etwas zu fragen! -- so
ist man so bald damit fertig, wie mit dem Russischen Reiche, welches sich
so um die Erde schmiegt, daß die Sonne niemals drin aufgeht, oder wie Andre
lieber sagen, drin untergeht. Würde man nun die Lancastersche Methode auch
auf das Reisen anwenden, würde man scilicet ein Regiment Reisende
hinschicken, die sich schützten, ernährten, untersuchten, nur etwa den
Niger hinauf: so müßte das auch bei Uns zu Tage kommen, was dort am hellen
Tage liegt. Aber Lancaster wird jetzt noch nicht recht begriffen. Doch Gott
segne ihn, ich bin sein Schulmeister und bleib' es, auch _ohne_ Schule!
Gott wird mir helfen!

Ich hatte den Pico nicht gesehn, es war Nacht, als wir Teneriffa
vorbeisegelten; ich hatte St. Helena nicht gesehn, weil der General, der
Generale scilicet, dort bewacht wurde -- jetzt am Johannistage, wo wir im
Gasthause zum Cap der guten Hoffnung ankamen, regnete es die ganze Zeit für
uns frisches Wasser aus der ersten Hand, daß ich nicht einmal den Tafelberg
erkennen konnte. So reiset man! Nicht einen Hottentotten, nicht eine Kuh
hab' ich mit Augen gesehn, noch mit Ohren gehört. Schiffe lagen viele im
Hafen, aber alle segelten um diese Zeit nach Morgen. Eines, nach
Altengland, war gestern abgegangen, als ich mich erkundigte. So saumselig
ist man! An einem andern, das gleich im Eingange des Hafens lag, war ich im
Boote vorüber geeilt. Das Gute soll immer weit sein! Man fährt in eine
Stadt und glaubt, der Freund, den man sucht, wohne tief in den Gassen, am
Platz; man fährt hin, und dann wohnt er am Thore, wo man hereingekommen!
Zwar besucht' ich noch Eins; aber es war so beladen, und so besetzt, daß
der Capitain lachend sagte, wenn ich im _Mastkorbe_ beim Teufelsdreck mir
es gefallen lassen wollte, könn' ich von der Gelegenheit Gebrauch machen.
Ich hätte mich noch auf den Schnupftabak verlassen, und den Vortheil
erlangt, daß mir alles nachher Zeit Lebens wie Blauveilchen roch; aber das
Schiff ging noch zuvor nach den vereinigten Staaten, nach Neu-York. So
blieb ich denn in Gottes Namen bei meinem alten York.

                   *       *       *       *       *

_Hobarttown auf van Diemensland_,
Michaelis 1819.

Vom Cap aus ging die ewige Leier wieder an; und nach und nach erlaubten
sich die freien Passagiere für ihr Geld ungeduldig zu werden, welches ich
Freigut mich nicht unterstehen durfte. Endlich, endlich, brachte uns die
Verzweiflungsinsel fast zur Verzweiflung. Man kann den Schifffahrern nicht
verdenken, solche sonderbare Namen im Ocean auszustreun. Wenn man sie auf
der Charte bei den Inseln sieht, die alle schön grün, oder roth illuminirt
sind, glaubt man, die Leute haben ihnen nur so leichtsinnig Taufnamen
gegeben, wie der Bauer seinen Kühen und Ochsen; aber nur hinaus! da
versteht man die redenden Namen. Denn wer die Desolationsinsel benannt hat,
dem kann man zurufen: rem acu! Auch die Ankunft berechnen durften wir nur
im Stillen; denn wenn es Capitain York oder nur Crabbe hörte, daß wir
sagten: bleibt der Wind so stehn, bleibt er so frisch, so sind wir in 45
Tagen an der Bassestraße, so schalten sie gleich mit dem eignen
abergläubischen Gesicht: »rechnet nicht! macht uns den Wind nicht
rebellisch! Zu Schiffe heißt es: mit Einem Brot hundert Meilen, und mit
hundert Broten Eine Meile.« -- Wir rechneten aber heimlich den andern Tag
doch, 44! und so fort 43, 42, 41, 40! nun nur noch 10 nach Löwensland; in
20 Tagen erblicken wir den Möwenstein; in 6 Tagen Tasmannscap! Ich muß
sagen, der alten Römer Art, die Tage zu rechnen, hat viel Hoffnungsreiches.
Sie legten den Monat ganz und voll wie ein hausbackenes Brot auf den Tisch,
und schnitten alle Tage ein Stück herunter. Wir machen uns die Last alle
Tage schwerer, wie die Lebensjahre; 70! So! Kinderspott! Gnadegott! --
Indeß hatte man uns nicht ohne Ursache das Rechnen verboten. Die Kenner des
Wolkenhimmels und des Meeres hatten einen Sturm vorausgesehn, ja rascher
herbeigesehnt, um ihn gnädiger zu bekommen, der aber zu ihrem Erschrecken
lange auf sich warten ließ, und nur uns überraschte, die wir seine
Anzeichen nicht verstanden.

Der Himmel war eines Morgens dicht und schwer überzogen; die Wolken
schienen sich, gar nicht weit von uns auf das Meer zu senken, und an Gehalt
und Farbe sich ähnlich, konnte man Meer und Himmel am Horizont nicht
unterscheiden. Ein unwiderstehlicher Südwest-Sturm trieb uns links von
unserm Wege, an der Königsinsel im Fluge vorbei, auf die Huntersinseln los,
in die furchtbare Bassestraße! Der Wind mußte Nordost gestanden haben, denn
wir mußten hügelhohe Wellen, die uns noch entgegen strömten, quer
durchschneiden! Im Schiffe ward alles Bewegliche von den gewaltigen Stößen
durch einander geworfen; die Kanonen polterten wie Gespenster; wenn Zwei
mit einander sprechen wollten, mußten sie sich anfassen, mit den Armen
gegen einander stemmen und sich anschreien, wie zwei taube alte Weiber, die
sich etwas Wichtiges heimlich zu sagen haben. Dem Schiffe knackten die
Ribben im Leibe, die Masten knarrten und seufzeten ängstlich. Der Wind, der
bisher wie ein Racepferd im Stalle, nur für ein Lamm oder einen Esel
anzusehn gewesen, nur in Athem (in training) erhalten worden war, lief
jetzt gleichsam Wette; es war nicht mehr dasselbe Thier, nein, ein
geflügelter Drache, ein schrecklicher Dämon! Doch war ich, so zu sagen,
froh: ich hatte nun erst das Meer gesehn; wenn es nur so abging! Denn wenn
man Etwas dann sieht, wenn es Alles ist, was es sein kann, dann erst hat
man es wirklich gesehen, vom Blüthenbaum an bis zum empörten Volke. Sonst
täuscht man sich. Wie verächtlich hätt' ich zu Hause von Wind und Meer
gesprochen! -- Aber es ging nicht so ab. Ich sollte noch mehr sehn, was
Wasser und Wind Alles sein können, scilicet, nicht nur Fische und Wolken,
sondern sogar ein Himmelsthier mit einem Beine, wie es selbst St. Johannes
in seiner Offenbarung nicht vermerkt hat! Wir waren den Tag über, wenn er
diesen leuchtenden Namen verdiente, den Knoten nach über 100 Meilen gejagt.
Crabbe, der trotzig und still am Steuer saß, hatte das Schiff durch die
furchtbaren, oft thurmhohen Felsen gleichsam durchgelogen. Daß die Sonne
unterging, bemerkte man bloß an einem mattgelben Scheine, der durch den
Wolkendom drang, als wäre er, die See und Alles aus einem trüben
Rauchtopas, worin wir steckten, wie das Insect im Bernstein. Die Wolken
regneten, selbst in dem Winde, grade herunter, als wenn es ihr Letztes
wäre. Der Sturm hatte sich außer Athem geheult, und hielt inne. Nach
einiger Zeit kam die Wache aus dem Mastkorbe, und sagte dem Capitain einige
Worte in's Ohr. Sie mußte unten bleiben. Er stand eine Weile; dann erst
blickte er verstohlen unter dem Hute links und rechts nach der schroffen
unzugänglichen Küste, die ihm zu mißfallen schien; zuletzt sah er nur, wie
von ungefähr, zum oberen Himmel. Ich sah auch hinauf. Es war nichts zu
bemerken, als ein schwarzes Ding, wie ein werdendes Fröschchen, mit einem
Schweife, der nach unten hing, und sich dehnte, wie der schwarze Leib sich
aufblies, und nach unten züngelte und lechzete. Jetzt aber brachen die
Wolken gleichsam, wie ein Kirchengewölbe, ein, und der Sturmwind stürzte
von oben herab, wie ein Kind in sein Schüsselchen bläst. Er hielt uns fest
auf einer Stelle und drückte uns fast in den Grund. Der Capitain ging
Befehle ertheilen.

Ich fragte Crabben auf sein Gewissen, was vorgehe?

Ernst und wild murmelt' er zwischen den Zähnen: der Himmel macht Hosen! --

Was für Hosen? fragt ich. --

Wasserhosen! Hier ist die Wasserhosenfabrik! die Gewitterniederlage! das
Parlament der Winde, wo sie öfter die Sprache wechseln, als die Minister.
Still! still! fuhr er fort, wir können einem Schneider das Handwerk nicht
legen, der solche Pantalons macht; aber ein rechtschaffener Kerl muß das
Aeußerste versuchen, eh' er sich ergiebt. Darum, Lambton, geht, Ihr seid
eine fromme Seele; da habt Ihr meinen alten Hut, und nagelt ihn mit drei
Nägeln an den Hauptmast, im Namen #, #, #, -- Ihr wißt schon. Hilft das
nichts, so hilft nichts! --

Ich eilte und nagelte tüchtig den Hut an; ja ich glaube, ich hätte eine
Maus gegessen, wenn das hätte helfen sollen! Wer keinen Rath weiß, befolgt
jeden, und der Hut wenigstens war behütet.

Es war plötzlich Nacht geworden, und zwar so eine, wo Eule wider Eule
fliegt, sich anklammert und recht besehen muß, um die Frau Gevatter zu
erkennen. Bald darauf ließ sich von Weitem ein Lärm hören, als wenn sich
eine Heerde Elephanten badet, den Grund aufwühlt, mit dem Rüssel Wasser
einschlürft, und fröhlich und schrecklich toset. Die Wasserhose hatte also
die Meeresfläche erreicht und pumpte mit solcher Gewalt in die Wolken, daß
man das Kochen und Wirbeln der See, das Schnarchen der ungeheuren Nase
vernahm. Was doch in der Welt vorgeht! Was das für Dinge sind! ängstet' ich
mich, und erstaunte noch mehr. Da in solcher Nacht an keine Flucht zu
denken war, hatte der brave Capitain Krieg gegen diesen Polyphem
beschlossen, im Fall er das Schiff allein zu entern drohte. Er ließ in
Zwischenräumen mächtige Raketen steigen, die, plötzlich in die Höhe
wachsend und feurige Blätter verlierend, droben gleichsam aufblühten und
ihre Blume, die Leuchtkugel, an einem Fallschirm, langsam herabschweben
ließen, so daß sich der Dom des Himmels weit und breit erhellte wie beim
Vollmonde: Der Himmel sah während der Zeit aus, wie eine unermeßliche
gothische Kirche; denn umher ragten die thurmhohen, schlanken,
geschnörkelten Felsen scheinbar eben bis in die Wolken. Welche von den
Säulen, die ihn zu tragen schienen, aber der Himmelselephanten-Rüssel sei,
war nicht zu unterscheiden, obgleich die andern nicht weniger zu fürchten
waren; nur mit dem kleinen Unterschied, daß _sie_ nicht auf uns los kamen,
sondern _wir auf sie_. Nur das Getose verrieth das lebendige Ungethüm, das
nun auf uns zuwandelte. So glaubten wir denn, die andern Säulen würden sich
nun auch in Bewegung setzen, und uns befiel die einzige Furcht der Celten:
daß der Himmel einfalle! Eine neue Leuchtkugel entdeckte uns den Feind nahe
und riesengroß vor uns. Aber die Kanonenkugeln fuhren ihm durch den Leib,
ohne daß er zuckte, wie der Elephant, von Flintenkugeln gestochen, kaum mit
den dicken Füßen stampft. So bekam ich denn gleichsam noch ein Riesenbein
von dem Gotte Tangalon zu sehn, der einst über alle diese Inseln und
Gewässer geherrscht, und eigentlich noch hier unbekehrbar und unabschaffbar
herrschte, und so stark war, Eilande wie Eier aus der Tiefe zu angeln, so
wie jetzt sein Bein noch: Schiffe empor zu heben! -- Der Capitain
verordnete in dieser Krisis eine Salve aus allen Kanonen des Schiffes
zugleich, um durch den Hall wo möglich die Wolken zu erschüttern, oder das
Unthier zu erschrecken, daß es wie eine nach Raube vom Baume gestützte, und
noch oben hangende Boaschlange, wieder zurück in das Gezelt des Himmels
schlüpfe. -- Sein Mittel hatte angeschlagen, oder hatte das Podagra-Bein
des großen Christophs, wie die Matrosen diesen Pfeiler oder Absenker der
Wolken nannten, schon ausgetanzt. Denn der wie von Geistern erbaute
Leuchtthurm, den der Capitain aus zwei an einander gebundenen Raketen auf
einige Minuten in die Luft gezaubert, ließ nichts mehr davon sehn. Der
Donner war auch entsetzlich! Bis jetzt hatte ich ehrlich bei Crabben
ausgehalten, aber der nun nahende Wirbelwind, die Katarakte von Sand,
untermischten Steinen und sommerlauem Wasser vertrieb nun Alles von dem
Verdeck. Selbst der brave Crabbe befestigte schleunig Steuer und Rad, und
sich selber an das Sicherheits-Seil; ich gab ihm meine Mütze, und er sagte
mir nur: »Ihr habt gut genagelt, Lambton! der Hut hat geholfen!« Wir Andern
flüchteten in den Raum, und verriegelten die Fallthür über der Treppe.
Unten schrien und jammerten uns die Weiber entgegen, die vor Angst halb von
Sinnen und halb todt waren, wie die Weiber sind; und unser Trost »es ist
überstanden« schlug noch nicht bei ihnen an. Der Capitain entmüßigte sich,
ihnen zu sagen: Weiber sind nur zum Spazierenfahren! nicht zum Reisen; wenn
ihr nicht auf der Stelle aufhört zu heulen, so müssen wir noch vor Euch
in's Wasser springen! -- Sein William aber, der sich ihm an den Arm hing,
begütigte ihn; auch auf Stephan nahm er Rücksicht, der jetzt wirklich in's
Steinreich zu gehören schien. Denn die Dummen fürchten und glauben am
meisten. Ich setzte mich vor Ermattung; Clarke kniete vor mich hin und
legte sein in die Hände verborgenes Gesicht auf meine Kniee. Und weil ich
doch Mitleid zu haben schien, drückte sich auch die Martiniquerin an mich,
und hielt in der Angst meine Hände fest. Bin ich jetzt gut genug, Frau
Mistriß Distreß? dacht' ich. Alles war vor dem Capitain verstummt. Ich habe
nur einmal in meinem Leben ein solches Schweigen gehört, scilicet, wo die
ganze Kirche sich nicht getraute zu sprechen, nur zu seufzen und sich mit
den Augen zu fragen, was sie thun solle, nämlich, als einst der Rector in
Rowlandhill vom Schrecken am Morgen über die Einziehung seines Sohnes, auf
der Kanzel während der Predigt krank geworden, nicht herunter gehen wollte,
und sich auch nicht gleich erholen konnte. Wie wir so stumm im Kreise um
den Capitain saßen, der allein im Zimmer umher tragirte, kam mir die Scene
so vor, wie in dem kleinen Theater im Schlosse der alten verrückten
Herzogin von B. -- Ihr Theseus, ihr Mann, hatte sie verlassen, und sie
allein führte alle Sonnabend einen ganzen Sommer hindurch das Melodrama:
»Ariadne auf Naxos« bei verschlossenen Thüren auf. Die Einwohner im Dorfe
waren ihr natürlich zu schlecht, ihre unwürdigen Zuschauer zu sein;
deßwegen hatte sie ein schon abgesehenes Wachsfiguren-Cabinet theuer
erkauft, und die hohen Personen als Zuschauer in die sechs Logen vertheilt.
Da saß Suwarow Rimninsky im Hemde; Kaiser Paul, Marat, Charlotte Corday,
Ankarström, Ludwig der Sechszehnte, Sokrates, Papst Ganganelli, Mirabeau,
Voltaire, Friedrich der Große, und Kaiser Joseph, Gott segne ihn. Mein
Vater, der Kammerdiener bei der Herzogin war, hatte mir einen Platz in
einer Loge hinter dem Kopfzeuge der Königin Marie Antoinette verschafft, wo
ich als Kind unbemerkt statt des umgelegten Dauphins erstaunen konnte, wenn
die dicke, dicke Hottentottin Ariadne zuletzt immer vom Felsen plumpte,
ohne sich Hals und Beine zu brechen, selbst nicht in dem federbettenen oder
bettfedernen Meere. Mein Vater regnete, donnerte und blitzte dazu
furchtbar! Von dem Anblicke der Herzogin stammt mein Abscheu gegen den
Selbstmord, und es wäre gut, wenn solche Damen solche Vorstellungen publice
gäben zum allgemeinen Abscheu vor -- dem Selbstmord! Ich lachte beinahe,
indem ich das Alles durchdachte; und es that mir wohl, zu denken, daß es
jetzt auch mein _Vater_ sei, der so donnre und regne. Uns Allen aber ein
solches, weiches, trocknes Meer zu wünschen, wie die alte verlassene
Herzogin sich bereitet, vergaß ich durch einen entsetzlichen Stoß des
Schiffes, welcher so darin krachte, wie es im Kopfe kracht, wenn man sich
einen Zahn ausreißen läßt. Wenig Minuten darauf erscholl ein tosendes
Getümmel in den Untergemächern. Es entstand durch die Deportirten, welchen
es nicht zu verdenken war, daß sie nicht in der zu dem Leck
hereindringenden Flut ertrinken wollten. Man konnte sie nicht beschuldigen,
die Wachen überwältigt zu haben: denn diese wiesen ihnen selbst mit
Dreistufen-Schritten den Weg auf's Verdeck, ja einige Hasen krochen schon
in das Thauwerk. Wer ein allgemeines Unglück nicht abwehren kann, der muß
es sich auch gefallen lassen, daß alle Ordnung, aller Gehorsam aufhört. Man
hörte kaum den Capitain, als er Untersuchung und Ausbesserung des Schadens
befahl! Denn unterdessen schwoll das Wasser sichtbar von Zoll zu Zoll. Man
gehorchte ihm erst, als er die Boote auszusetzen befahl; denn damit befahl
er etwas, das Jeder selbst wünschte und verlangte, ja gefordert hätte. --
Da lernt' ich, was ein _Befehl_ ist. -- Auf dem Verdeck befand er das
Schiff unbrauchbar, die Segel zerrissen, verwickelt, selbst die Mastbäume
durch die Gewalt des Wirbelwindes verdreht. Das Verdeck lag voll Meersand,
wimmelte von Meerspinnen und Ungeziefer aller Art, tief aus dem untersten
Grunde des Meeres in die Wolken gezogen, und herniedergeschüttet. Ein
gewisser See-Elephant darunter war nicht weniger erschrocken, als wir. Die
Damen entsetzten sich und wußten nun nicht mehr, wohin. Das Cabinetsstück
aber schnaufte, erhob sich und suchte das Meer. Die nächste Angst waren wir
los! Darauf ward Alles, was besonders schwer war, was sich davon nur
erreichen ließ, über Bord geworfen. Nach einer Stunde hatte das Wasser im
Schiffe dennoch wieder denselben Stand. Die Pumpen hatten keinen Augenblick
still gestanden. Wir waren ihrer genug zum Ablösen; aber Alles fruchtete
nichts. Die finstre Nacht, die Nähe des Ufers, vielleicht irgend einer
Insel, der Zustand des Schiffes, und dazu noch das Bestürmen der Weiber,
die Liebe zu William und Stephan bewogen den Capitain, diesen Schiffsgott,
das sinkende Schiff zu verlassen, und das große Boot zu besteigen. Die
_wenigen_ Soldaten besetzten es zuerst; es ward mit den besten Sachen,
Geld, Papieren und Lebensmitteln in eiliger Verwirrung beladen, und da es
nicht die Hälfte der Mann- und Frauschaft aufnehmen konnte, mußten
natürlich die 100 Deportirten zurückbleiben. Es ward also der Unterschied
zwischen uns gemacht, den jener Zeitungschreiber -- beging, welcher das
Ertrinken von 6 Personen und 7 Bauern ankündigte. Einer der Deportirten,
ein Richter, äußerte laut, daß ein Gesetz den Römern verboten, sein Weib
oder Kind mit zu Schiffe zu nehmen, »Den Römern« entgegnete der Capitain.
»Ich rette, was zu retten ist, Krongut zuerst, dann Galgengut. Habt Geduld!
Weiß Einer noch ein Mittel, uns Alle zu retten, der schlag' es vor. Ich
erlaub' es ihm. Denn bis ich Seewasser trinke, bin Ich Capitain.« Alle
schwiegen ohne Rath. Mir stellte er frei, das Boot mit zu besteigen; aber
die hochgehenden Wellen, das Sausen der Nacht, das fast überladene Boot,
vor Allen aber das herzrührende Bitten Clarke's bestimmten mich, lieber im
Schiffe zu bleiben. Und der Capitain versprach ja das Boot am Tage
wiederzusenden, wenn es uns fände, um Alle, Alle zu retten. So ruderten sie
ab. Und während sie Leuchtkugeln von Zeit zu Zeit steigen ließen,
verschwanden sie mit dem Boot in der Nacht und der Ferne, und Crabbe's
adoptirter Hund heulte vergessen und bellte ihm nach, als wir es längst
nicht mehr sahen.

So waren wir uns denn allein überlassen! Von der Gefahr schien Allen nur
ungewisse Rettung, von der Angst aber den Meisten gewisse, durch Betäubung
vermittelst Porter, Ale, Wein, Rum und Arak, worüber sie herfielen! ja
sogar Punsch machten die Furchtsamsten, und preßten Citronen mit zitternden
Händen. Darauf entstand ein Lärmen, Jubeln und Singen, das über alles
Vermuthen war! Wer uns gehört hätte, mußte glauben: Wir hätten die von dem
erschrecklich verwogenen Capitain Parry sehnlichst gesuchte, aller Welt
unnütze Durchfahrt entdeckt! Den Vernünftigen blieb, wie überall in der
Welt, so auch hier in unserer Lage, die Sorge, Arbeit und Angst um die
Unvernünftigen. Darum giebt es auch jetzt überall so viele -- Sorge. Wir
erhielten die Pumpen im Gange, und steuerten, als in der Gefahr immer das
Vortheilhafteste, dem Winde nach, der sich auf einmal gewandt hatte, und
uns an der Küste nun südwärts trieb. Unter den übrigen Betrunkenen, die
ihre Flasche hielten, hielt ich auch meine Flasche, aber wohl verschlossen,
und darin die Banknote von 100 Pfund mit der eiligst aufgesetzten Adresse:

»An Miß Marion in Schloß Rowlandhill in Altengland,
von dem ertrunkenen Lambton.«

Postscript:

»Jeder _unehrliche_ Finder wird gebeten, diesen Fund von 100 Pfund ja
abzugeben! den ehrlichen braucht man nicht zu bitten.«

»ut in litteris.«

Wenn das Schiff scheiterte oder versank, warf ich sie in's Meer. Es kommen
ja so viele Flaschen an den rechten Mann, warum nicht auch einmal Eine an
die rechte Frau.

Als Tag und Nacht sich schieden, stieß unser Schiff wiederum so heftig auf,
daß Jeder, nachdem er wieder aufgestanden war (denn wer saß oder stand,
fiel um), nach dem Ersten dem Besten griff, um sich darauf aus dem Meere zu
retten. Dabei hatte Clarke den wollenen Waschbesen der Themis erwischt. Ich
wollte die Flasche schon werfen. Aber das Schiff ging seinen Weg! es war
nicht geborsten. Im Gegentheil mußte das Leck, uns unbegreiflicher Weise,
verstopft worden sein: denn die Pumpen wirkten von nun an sichtbar, und wir
gewannen nach und nach höheren Bord. Der Sturm hatte sich in einen frischen
Wind gemäßigt, die schöne grüne Küste zur Linken war nicht fern, und das
öde van Diemensland bot uns den Vortheil, uns nicht zu verirren! Denn der
erste Ort, den wir erreichten, mußte Hobarttown am Derwent sein! Wir
suchten so gut, als möglich, einige Segel wieder brauchbar zu machen, und
der Maler Clarke war der Erste, der nähte, und die andern Weiber dabei
anwies. Er war höchst dankbar, daß ich im Schiffe geblieben, und machte
mich jetzt mit seinem Vetter, Herrn Tydal, auch einem Maler, bekannt und
pries mich ihm als des Schiffs-Meisters Assistenten, den er immer neben dem
Steuermann Crabbe am Rade gesehen. Ich dachte zwar bescheiden an das »vom
ältern Ochsen lernt der jüngere ackern,« aber Ich und ein alter Seemann,
Herr Wardrop, zuletzt ein Juryst mit dem Ypsilon, waren doch die einzigen
Steuer- und Compaß-Kundigen. Nur des Nachts wollte der Geschworne seiner
Ruhe pflegen, und ließ Themis Themis sein; denn er sagte: ich bin so
grausam in der Welt behandelt worden, daß ich ihr nur Böses schuldig wäre,
wenn wir Rechnung machten, und mein Leben kümmert mich nicht, ich werde
erst froh, wo es aus ist --

Am fünften Abend erblickten wir die Mündung eines Flusses, und er mußte der
Derwent sein. Der Rauch stieg aus Hobarttown auf! Mit großem Ungeschick
warfen wir den schweren Anker aus; aber er wurzelte doch, und eben so gut,
als wenn ein lahmer Gärtner einen Ahorn setzt. Mich wunderte es ordentlich;
aber Alles in der Welt, und die Welt selber ist und wird schon so
eingerichtet, daß sie, wie das Sprichwort sagt: mit weniger Weisheit
regiert wird. Und erst als wir sicher waren, fiel mir die Heimreise wieder
auf's Herz, Rowlandhill, die Schule, und meine verlassene Taube, die Anna!
Ich glaube, ich weinte gar.

Bis spät in die Nacht hielten die Deportirten Rath, ob sie nicht eine
Colonie auf eigene Hand anlegen wollten. Mit leerer Hand? fragte Clarke's
Vetter, Herr Tydal. -- Oder mit Gemeinschaft aller Güter, wie die am
Wabash? setzte der Sprecher fort. Und Tydal widerlegte ihn wieder: Wo
Keiner nur etwas Gutes um und an sich hat, da ist auch keine Gemeinschaft
der Güter! Nichts läßt sich schwerlich theilen und gemein haben. -- Aber
wir sind doch frei! fügte ein Dritter; der Capitain hat uns mit sammt dem
Schiffe aufgeben müssen, und ob er gleich sich selbst und die Seinen uns
zum Frommen als Ballast auswarf, so hat uns doch nur ein Wunder erhalten.
-- Richtig! schnarrte einer mit heiserer Stimme, mein Hals steht noch
schief vom Hängen; aber ich ward wieder lebendig, und keine Seele,
geschweige der Henker durfte mir wieder an den Hals. Aber du bist doch
hier, Limmerik, warf ihm ein Bekannter ein. -- Leider! schnarrte Limmerik,
aber für etwas Anderes! Auf Halssachen ließ ich mich nicht mehr ein,
sondern speculirte nur auf solche, worüber ich mit drei oder vier Jahr
»auswärts« weg kam. Versuchen wollen wir doch, sprach Herr Tydal, Clarken
die Hand reichend, ehrliche Leute zu scheinen, und so Gott will, zu
bleiben! -- Darauf wird doch keine Strafe stehen! schnarrte Limmerik. Alle
lachten, und billigten den von Tydal vorgelegten Plan: sich für Colonisten
auszugeben, die nur das Unglück gehabt, Geld, Pässe und Capitain zu
verlieren. -- Wenn der nur auch wirklich verloren wär'! bemerkte Limmerik.
Das Bedenken aber wurde im Punsche vertrunken, über alle Lebensmittel das
Testament gemacht, und wir beerbten uns selbst bei lebendigem Leibe, und
zehrten Alles rein auf wie vor dem jüngsten Tage.

Wir erwachten Alle erst, als die Sonne schon lange unsichtbar arbeitend am
Himmel stand, und Stimmen von Außen uns zuriefen, aus einem Boot, das gewiß
schon dreimal um unser Wrack gerudert war. Ich hatte die Schläge mit den
Ruderschaufeln daran zuerst vernommen, und als ich mich ankleiden wollte,
vor ehrlichen Leuten sehen lassen sollte, bemerkt' ich den Zustand meiner
Kleider, die durch Arbeit, Regen und Gewalt der Anstrengung verdorben,
geplatzt, zerrissen, kurz recht jämmerlich waren. Clarke hatte ein
wohlverwahrtes Pack mit einer neuen vollständigen Canonier-Offiziersuniform
gefunden, mir längst schon hingelegt, und ich konnte nicht lange Bedenken
tragen, sie anzuziehen. So nobel-militairisch gekleidet stieg ich auf das
Verdeck. -- Es war die Hafenwache von Hobarttown, die angeklopft. Nach und
nach füllte es sich mit Deportirten. Nach einigen Begrüßungen und
Verhandlungen, nahm sie so viele in's Boot, als es faßte und fuhr ab, mit
dem Versprechen mehrere Boote zu schicken. Ich stieg indeß in den Mastkorb,
der wie ein Storchnest auf dem Hauptmast stehen geblieben war. Der Maler
Clarke war mit seinem Vetter Herrn Tydal schon droben, sie sahen sich um
und in das herrliche Land hinein. Mir klopfte das Herz! Wohin sollt' ich
die Blicke wenden, was zuerst begrüßen, nachher bewundern, worauf
verweilen? Ich sahe nichts vor lauter Entzücken, ich fühlte nur die blaue
Blendung des Himmels in den Augen, Frühlingswärme um mich her! Ich hörte
ein Rauschen von den Bergen, ein Wehen in den Wäldern, ein Schwirren und
Girren um die Felsen. Oben flatterten eilende Wölkchen, und auch drunten im
Wasserspiegel; und der Fluß kam so ruhig mitten hindurch und störte das
stille Gemälde nicht. Jetzt war Herbst in Altengland! Die Bäume hatten ihre
Früchte getragen, das Feld seine Aehren; dort hing nun Reif um die Berge,
Nebel in den Gründen; Spinnen hatten ihr unabsehliches Gewebe über die
Fluten und Anger gesponnen, und Thau hing daran und flimmerte, und was
kommen sollte, war -- der Schnee auf den weißlichen Wolken, und die langen
Abende und der kürzeste Tag! Hier kam ich gleichsam in eines andern
Meisters Werkstatt, der eben Frühling machte, und doch war es derselbe
Meister! Die Theemyrte grünte, die Sprossentanne blühte, junger Mais,
selbst junger Lein, war schon so hoch, daß die Lüfte ihn bewegen konnten.
Mit leichter Täuschung wähnt' ich, hier sei es ewiger Frühling, unter den
Cocospalmen, den Brotfruchtbäumen das Paradies! Und wie friedlich ruhten
die Hütten der Menschen! Wie wuchsen die Kohlbäume, Papierbäume, Cedern und
Pisang, da, wo der Mensch sie gepflanzt! Wie bewegte der Wind die
Windmühlflügel, wo der Mensch sie ihm, wie einem himmlischen Kinde, zum
Spiel hingestellt; wie führt' er den Rauch von den Hütten, wie Kreisel
treibend hinauf in den ewigen Himmel, wo der Rauch zum Wölkchen ward, und
fortschiffte mit Wölkchen, still wie ein Lamm, das neu gekauft zu der
Heerde läuft. Die Sonne bleichte Leinwand, wo sie die Mädchen hingebreitet
und eben begossen, und der Hauch der Luft wehte mir ein Wort, eine Strophe
aus ihren Gesängen zu, die mir vorkamen, wie das Athmen der Erde selbst,
voll Wohlklang! Weiter hinaus aber weideten Heerden, und die Lämmer fraßen
sich satt an Blumen, die Ziegen an Blüthengesträuch, und die Rinder
wandelten langsam nach und verloren sich in den Thälern. Dort zogen
Schützen in die waldbewachsenen Berge, und über diesen erhoben fernere
Gebirge ihre beschneiten Scheitel, wie Greise über junges Volk hinwegragen.
Glückseliges Land! rief ich aus. Ja wohl, glückseliges Land! sprach Herr
Tydal; hier sind die Kinder Israel nicht in der Wüste umhergerannt, und
doch wird Moses und David unter Euch wandeln! Hier haben die Juden Jesum
nicht gekreuzigt, und doch wird sein Evangelium zu Euch kommen! Hier ist
Cäsar nicht ermordet worden, und doch werdet Ihr frei sein! Hier hat kein
Mönch einen Kreuzzug gepredigt, und doch werdet Ihr Bäume, Künste und
Gelehrsamkeit des Morgenlandes haben! So alles Frevels, aller Verbrechen,
alles Blutvergießens überhoben, werdet Ihr die Ernte von Europa gesammelt,
gedroschen, geworfelt und rein genießen! -- Glückseliges Land, rief ich
darein, sei gesegnet, wenn ein Schulmeister auch segnen, oder Segen
erbitten kann. -- Und ernster fuhr Herr Tydal fort: ich habe dich gesehen,
Ulimaroa, das Land, wohin Alles sich hinüber retten wird, was bei uns
gedrängt fliehen wird; wo auskeimen wird, was bei uns verweset. Nun ist mir
schon wohl, und freudig kehr' ich einst wieder selbst zu der vorher
ausschweifenden, nun dafür zu Tode curirten alten Betschwester Europa, und
sterbe noch im Vaterlande, und bleibe dort in die Erde gesenkt bei den
Meinen! --

Clarke schwieg und hatte nur seine Freude an dem schönen begeisterten Mann,
den er seinen lieben Vetter nannte, umarmte und zärtlich küßte. Auch ich
war so begeistert, daß ich glaube, ich hätte hier müssen mein erstes
Gedicht machen. Mir war in meinem Leben zuvor nie so leicht, so frei, so
wonnig zu Muthe, und auch nicht so schwer, so beklommen; die Gedanken
drängten sich mir gewaltsam auf, und nahmen mich ein -- aber sie
überwältigten mich. So ist der Mensch! Heut hab' ich Mühe, sie nur
nachzudenken; und wenn ich auch einige wiedererhascht, so fehlt mir schon
das Gefühl, das sie begleitete; doch bin ich noch davon gestärkt. So wächst
ein Baum von dem zurückgelassenen eingedrungenen Wasser aus sanften
befruchtenden Gewitterwolken, die mit ihren Schauern, ihren Rosenblitzen
längst entwandelt.

Nun kam das Boot, auch _uns_ abzuholen. Wir wunderten uns nicht wenig, daß
keine neugierige, müßige, lumpige Menge am Ufer stand, uns zu betrachten;
nicht ein Kind! Ganz Hobarttown war still, wie eine Kirche. Auch das mußte
mir gefallen. Als ich ausstieg, präsentirte eine Wache an einem schönen
öffentlichen Gebäude vor mir das Gewehr, und ich legte die Hand verkehrt an
den Hut -- in meinem Leben mein erster Betrug! Ich war gewiß roth geworden,
das Gesicht war mir warm. Meine Gefährten fand ich in einer Art
Börsenhalle, umhergehend, und nicht recht wissend, was sie thun oder reden
sollten. Ich hatte ihren Steuermann vorgestellt, und Ein Dienst, oder Ein
Amt macht ja Collegen! Indeß die meisten einige Erfrischungen, ohne Zweifel
auf Credit, zu sich nahmen, trat ein Herr aus Hobarttown unter uns, den ich
nur von den Füßen aufwärts bis an die Herzgrube anzusehen wagte; aber auch
so schon vermuthet' ich, daß er ein heitrer rothbackiger Mann sein mußte,
denn auf einem dicken Bauch steht ein fröhliches Haupt. Er hatte sich an
einige Frauen gewendet und erfahren, daß wir mit dem Schiff Themis,
Capitain York, gekommen wären. Er nahm einige Prisen Tabak hinter einander,
während er einen bekümmerten Blick umher that, und sagte: Ja, den erwarten
wir! Clarke klagte ihm mehr unser Unglück, als er es erzählte. Also der
Capitain und die Mannschaft fehlen! wiegte der dicke Herr mit dem Kopfe --
und die Deportirten! setzte ein sonst ehrwürdiger Herr hinzu, der uns Alle
für rechtschaffene Auswanderer gehalten wissen wollte, indem er der Frage
nach jenen, welche dem dicken Herrn auf der Zunge schwebte, vorzubauen
gedachte. -- Capitain York ist zwar ein höchst braver Mann, und verbirgt
seine Menschenliebe gern unter seinem barschen Wesen; aber daß er die
Deportirten eher geborgen, als Sie, verehrte Herren, scheint mir zu
unhöflich von ihm, sagte er lächelnd; darf ich um ihre Pässe bitten? --
Unsere Pässe! schnarrte Limmerik. -- »Die meine ich, ja!« --

Wir sind Ausgewanderte! sprach Herr Tydal. Die Lasten und Laster sind in
Europa zu groß; Kinder kann man nur mit Zagen der Zukunft überlassen;
zuletzt will man auch noch England die Schlinge über den Kopf werfen; die
Nebelkappe tragen wir schon. Kein Pächter besteht mehr; die Dampfmaschinen
richten die Armen, die nur Arme haben, zu Grunde -- so wollen wir frei von
all' dem Unsinn, der sich wieder emporhebt, wie der alte Löwe, den der Esel
doch noch nicht recht getroffen hatte, unbekümmert um Alles, was dort noch
geschehen kann, wenn Gott nicht Gott ist, hier eine Colonie gründen. --

Ihre Klagen sind allgemein, sprach unser ungebetener Gast; jedes Schiff
bringt neue mit; aber hier verhallen sie, und sprechen nicht an. Freilich
scheinen die Dampfmaschinen nur wohlthätig in einem Staate, der mit ihnen
groß wächst, wo Land genug ist, wie in Amerika und hier. Jedoch sind wir in
Hobarttown schon so weit in Cultur und Sitten, daß unter die vormaligen
Verbrecher sogar nicht einmal Auswanderer aufgenommen werden, die nicht
treffliche Zeugnisse ihrer vortrefflichen Aufführung im
allervortrefflichsten England aufzuweisen haben. Haben Sie also wenigstens
Pässe, so weisen Sie mir nur diese gefälligst auf -- ich bin nicht
zudringlich, noch unverschämt -- ich bin hier Polizeidirector. --

Polizeidirector! schnarrte Limmerik -- wenn ich Dich nicht gleich erkennte,
Roßborn, Dich, den -- Du weißt schon -- Du wirst es gleich wissen, wer Du
bist, wenn ich Dir sage, Roßborn, ich bin Limmerik mit dem schiefen Halse;
Du weißt schon, wovon er schief ist! Ein Glaube ist des andern werth! Soll
ich Dir allein glauben, Du seist Polizeidirector, so sei so gütig, uns
Allen zu glauben: Wir sind Ausgewanderte! --

Der Polizeidirector, der nur ein wenig röther geworden, und werden konnte,
als er war, sagte jetzt unbeleidigt und lächelnd: Wenn Du hier bist,
Limmerik, weiß ich, wer die Herren und Damen alle sind! Auch seh ich keine
Kinder, und die sind oft das Einzige, was Colonisten bringen; der Capitain
wird schon die Rechten geborgen haben! Doch seid Alle willkommen, Ihr
Linken, wer Ihr auch seid, auch Du Limmerik! War ich wie Du, so werde nun
wie Ich; der steife Hals und die heisere Sprache werden sich unter unserem
reinen Himmel schon verlieren! --

Nimmermehr! schnarrte Limmerik. O bald! widersprach ihm Herr Roßborn, recht
tröstlich und freundlich; zuerst vergißt man England, ist frei von aller
Verleitung durch Umstände und Menschen, in die man dort wie gebannt ist;
dann wird man ruhig, darauf umsichtig, geschäftig, dadurch reich, wenn man
will, und zuletzt dick, wenn man muß. --

Limmerik schüttelte sonderbar mit dem schiefen Halse den Kopf. Sprich,
Limmerik, fuhr Herr Roßborn fort, warum bekehren sich in Altengland die
alten Sünder, selbst die jungen, wenn sie -- sterben? Weil sie glauben, in
den Himmel zu wandeln, wo Alles ehrliche Leute sind, wo Lug und Trug
durchschaut wird, wo man zuerst Jedem das Beste zutraut, und Er sich selbst
dann alles Gute. Hier ist so eine Art Himmel! Limmerik, hier nutzt es
nichts, böse zu sein, und was das Vortrefflichste ist, man hat es nicht
nöthig! Wer nur genug zu essen und trinken, alles Nöthige zum Leben hat,
der sündigt nicht grob. Jesus _heilte_ zuerst die Lahmen und
Gichtbrüchigen, machte die Kranken gesund, und speisete die Hungrigen,
_dann_ -- lehrt' Er sie. Das ist der Gang der Besserung.

Herr Roßborn sprach mit Willen so laut, daß wir Alle seine Worte hören
konnten und sollten. Aber was führt Dich hieher? fragt' er Limmerik näher.
-- Die Angst, die ich im Grabe ausgestanden, erwiederte dieser, als sie --
nämlich die Ochsen unter den Menschen -- mich als einen _armen_ gehangenen
Teufel ohne genauere Untersuchung und große Umstände, lebendig beerdigt
hatten, weil kein Hahn nach mir krähen würde; und als doch auf meinem Grabe
Einer nach mir krähte -- die Höllenangst verpflichtete mich (die 15 Guineen
für Mann oder Frau nicht gerechnet), ein Auferstehungs-Engel zu werden! und
da Zwei von meinen Erlösten wieder lebendig geworden, und mir eine Pension
gaben, da schon Morde durch meine Erlösungen von den Todten zu Tage
gekommen, bin ich belohnt genug! Ich werde auch wieder damit fortfahren,
wenn ich nach Altengland gekehrt bin! Ich weiß die Patentsärge schon patent
zu machen! Sage nun, Herr Roßborn, ob ich nicht unschuldig hieher gesandt
worden bin, wo wahrscheinlich bessere Todtenschau ist, als bei den Juden.
--

Du sollst hier dabei angestellt werden, versicherte ihn Roßborn.

Nun? wandt' er sich gegen die Andern. Einige dreiste Männer behaupteten
noch keck gegen den Polizei-Director, daß der Capitain, wie es gewöhnlich
sei, alle ihre Legitimationen zu sich genommen habe und habe sie da, wo Er
sei. So schafft den Capitain, entgegnet' er ernst! wenn ich nicht schlimmer
von Euch denken soll. -- Er schnupfte dazwischen. -- Doch _danach_ sehen
Sie mir nicht aus, meine Herren, sprach er gelassen, ja verbindlich; die
Herren Deportirten kommen immer besser; immer gebildetere, geschicktere
Leute! Auch den Damen mache ich mein Compliment! Die Fäulniß, das Miasma
muß dort sehr groß sein, daß man schon Kernobst auslesen muß, welches noch
so frisch und schön aussieht! Mancher von Ihnen, hat kaum einen angelegenen
_Fleck_, meine Herrn Deportirten. --

Desto weniger wollten sich nun Einige gefallen lassen, Deportirte zu
heißen, und protestirten feierlichst. Da trat mein lebenssatter Gehülfe am
Steuerrade, Herr Wardrop der Geschworne, hervor und sprach: Ja, wir sind
Alle Deportirte! Schonen Sie uns nicht, milder Herr Roßborn! Muß ich denn
überall Gnade finden! -- Er hielt jammernd inne; ich war erschrocken, daß
er mich mit vermengte! Dann fuhr er fort: Fragen Sie die Uebrigen nach den
Ursachen ihrer -- Reise; die meiner Verweisung ist, daß ich Geschworener
war, und über 10 Menschen nur mein noch fehlendes »Schuldig!« nach einem
Gesetz ausgesprochen hatte, welches den Tag nach ihrer Hinrichtung
abgeschafft ward! Seit der Zeit hatte ich ein billiges Mißtrauen in mein
Amt, in meine Befugniß, die so wandelbar war, und wünschte mir den _Tod_.
Aber das Gesetz hatte keine Ursache wider mich, bis ich denn Jemanden
tödtete -- um gerichtet zu werden. Aber das Gesetz läßt, und ließ mir in
diesem Falle diese Wohlthat nicht angedeihen, ob ich mir gleich einen
vornehmen reichen, aber verderblichen Mann ausersehen, um mir und dem Volke
zugleich einen Dienst zu erweisen. So bin ich leider nun hier! Aber ich
habe auch hier schon einen Kirchhof mit Gräbern gesehen, und diese lassen
mich mit Grunde hoffen, daß die Menschen auch hier nicht unsterblich sind!
--

Armer Alter! bedauerte ihn Herr Roßborn; und in die Vorstellung des
Geschworenen eingehend, sprach er zu seiner Beruhigung: Freilich sind viele
Gesetze nur versteinerte Meinungen alter, vorlängst versteinerter oder
gleich steinharter Menschen; und nach Meinungen sollte man nicht verdammen,
und auch Meinungen nicht; denn sie ändern sich. Kein einziges Verbrechen in
der Welt, seit sie steht, ist zweimal begangen worden; jedes war anders:
denn die Menschen waren immer Andre, die sie begingen; also die Gesinnung,
und was den Hauptunterschied macht: die Veranlassungen, die Umstände! Es
sind also noch nicht Gesetze genug; jeder Fall verlangt also ein neues --
oder Alle verlangen: geschworene Richter! Sie haben also einer ehrwürdigen
Anstalt gedient -- dabei nahm er seinen Hut etwas ab. -- Aber, warf der
arme Mann ein: der Richter ist vergebens weise, mild, menschlich, und ein
Christ, wenn er nach alten, nach grausamen Gesetzen richten muß! -- Dafür
ist die Gnade des Königs, das einzige wahre Gesetz, das Gesetz der Liebe --
sprach Herr Roßborn, und hier um uns sind hundert lebendige Beweise davon!
-- Dabei nahm er wieder seinen Hut einen Augenblick ab, und da er Zeit
gewinnen zu wollen schien, und sich manchmal wie nach der Wache umsah,
fragt' er einen Blinden, warum er denn hieher gekommen? --

Fragt meinen Vater, Herr! antwortete er. --

Der bin Ich! sagte ein untersetzter starker Mann; ich, Meister Cornbull,
der Fleischhauer. Mein John wollte sich das Stehlen nicht abgewöhnen
lassen, so oft ich ihn auch nur durch schweres Geld gerettet. Und da ich
Thor glaubte, die Augen verführten nur zum Bösen und fehlten nur, so macht'
ich -- den Fehler gut! Dafür bin Ich nun hier! Bin ich nicht unschuldig?
half ich nicht zur Ordnung? hatt ich nicht noch fünf Kinder, die mein Geld
besser brauchten? Aber mein durch mich blinder John _hörte_ noch den Klang
des Geldes, und fühlte das Gewicht, und stahl wieder, das Rabenkind! und
darum ist Er hier. Aber hätt ich ihm auch die Ohren abgeschnitten, und die
Hände salvirt, so hätt' er noch Pech an die leeren Aermel gestrichen, die
Zunge zum Diebe gemacht, oder einen Hund abgerichtet, wie wir einen mit
haben, als Deportirten, indeß sein Herr Diebsmeister zu Hause sich gütlich
thut und uns auslacht! Kurz, er ist mein Sohn nicht mehr! und ich hoffe,
daß auch Sie ihn nicht bessern, sonst sollten mir seine pfiffigen Augen
erst leid thun! --

Zwei andere verwogene, noch rüstige Männer traten indeß Herrn Roßborn an,
und forderten gute Behandlung. Ich heiße Hogg, und mein Camerad Woost,
sprach Hogg. Wir im Alter erst geizigen, armen Schelme hatten uns wegen
Theilung unserer Beute bei einem Fange auf der Straße vor Gericht verklagt,
und der Richter ließ uns Beide gefangen setzen! Ist das erhört? Waren wir
verklagt wegen Diebstahls? Hatte man Zeugen? Darf man in Altengland nicht
mehr treiben, was man will? Ueber meine Person und Thaten bin Ich Herr.
Thue ich gegen das Gesetz, das kann nur heißen: sehen mich die Augen des
Gesetzes die 24,000, der 12,000 Auflaurer in London; ergreifen mich seine
Arme, die Häscher; verdammt mich seine Zunge, der Richter: dann verfall'
ich seinem Arm, dem Henker. Aber kein lebender Mensch hat Macht über mich;
nur der Buchstabe, der todte Buchstabe, sag ich! Himmelschreiend ist's, daß
wir verwiesen sind, so gut, wie das halbe Dutzend, welches der Sheriff
angewiesen hatte, mitzustehlen, um eine Bande zu ertappen; aber da es mit
ertappt wurde, war der Sheriff todt, und nur aus Gnaden ist es lebendig; da
steht's! --

Herr Roßborn schnupfte wieder, und fragte dann die Beiden: Auf wie lange
seid Ihr verwiesen? Woost antwortete: auf 40 Jahr zusammen; einzeln Ich 20,
und 20 Hogg. Wie alt seid Ihr? fragte Roßborn weiter? -- 130 Jahr zusammen,
antwortete Woost, einzeln 67 Hogg, und 63 ich Woost. Also ungefähr 10 Jahr
nach Eurem Tode können erst Eure Verwandten Eure freien Gebeine sich holen,
versetzte Herr Roßborn; hütet Euch vor Ketten; denn wer in Ketten nur eine
Prise Tabak stiehlt, wird gehangen. Dabei ließ er sie gefällig aus seiner
Dose schnupfen. So werdet ihr alles Andere bekommen, was ein Mensch bedarf,
sagt' er.

Indeß waren einige sehr wohlgekleidete Herren hereingetreten, welche
Roßborn höflichst begrüßte. -- Nun? fragte der Eine, werden Sie dieß Mal
Bedacht auf uns nehmen können? --

Zu dienen! antwortet' er, sehen Sie sich um! Wessen Sie sich annehmen, für
den mögen wir nur bei Zeiten ein Stück des schönsten Landes abmessen! --

Nach einem Gange durch die Halle kam der ernste, hagere Herr wieder in
unsere Nähe, und indem er die Blicke auf mich und Clarke mit Wohlgefallen
heftete, wobei er jedoch, wie falsche Menschen thun müssen, mit den Augen
blinzelte, schien er Roßborn nach uns zu fragen. Clarke's Vetter, Tydal,
der es bemerkt, und bisher geschwiegen, trat zu Roßborn, und sagte
bescheiden: ich empfehle Ihnen diesen jungen Mann zu guter Behandlung, er
heißt Clarke und ist ein Maler. Seine Armuth und seine Kunstliebe und ein
in Strandstreet ausgehangener illuminirter Kupferstich von dem reizenden
Hobarttown, haben ihn zu der Habhaftwerdung von so wenig Farben und
Malergeräth hingerissen, als ihm besonders dazu nothwendig waren, seine
Deportation hierher zur Folge zu haben; sonst ist er unschuldig!

Clarke erröthete hoch. Und Sie, redete Roßborn mich lächelnd an, Sie haben
gewiß auch nichts begangen? --

Ich? in der That aber gewiß nichts! erwiedert' ich verlegen. --

Also wieder ein unschuldiges Kind! wie heißt es denn? --

Lambton! stammelt' ich kleinlaut, meinen Namen unter so drückendem Verdacht
zu nennen. Ich erzählte ihm darauf meine Geschichte, und Clarke wollte sie
bestätigen. --

In der Ukraine, wie ich glaube, bemerkte ihm Roßborn, bedarf es Sieben
Bauern, um gegen oder für einen Edelmann zu zeugen; hier ist noch mehr wie
Ukraine! -- Darauf wollt' ich mein entscheidendes Zeugniß, vom Capitain,
Steuermann und Stewart unterschrieben, hervorlangen, und suchte es
dringlich, aber -- vergebens! Das war wohl ein Jammer, und machte mich noch
verlegener und verdächtiger! Der Capitain muß es haben, er wollte es noch
untersiegeln! -- entschuldigt ich mich ängstlich.

So warten wir auf den Capitain! morgen geht eine Golette ihn aufzusuchen;
sprach Roßborn geduldig und ohne Bitterkeit. Wenn Sie
Lancaster-Schulmeister sind, und nicht Canonieroffizier, Herr Lambton,
kommen Sie uns wie vocirt! Wir wollen nicht hinter Georgtown, uns nördlich
gegenüber, zurückbleiben, das schon seine Lancaster-, ja seine
Sonntagsschule hat. Und wie noch keiner aus dem gefahrlosen Völkchen der
Schneider hieher verwiesen worden ist, so fand ich auch noch nie einen
einzigen Lancasterschüler, und deren Zahl muß doch Legion sein! Selbst
nicht einmal vor Gericht erschienen ist noch je auch nur Einer. Sie sind
also willkommen, Herr Lambton, und gehen indeß mit Herrn Clarke in das Haus
des eben so angesehenen, als reichen Herrn Samuel. -- Während er uns in
seine Schreibtafel aufzeichnete, fragt' er noch, wie alt ich sei. Ich sagt'
ihm: Sie erlauben, daß ich eigentlich erst 5 Jahr alt bin. -- Das hieße
richtiger 5 Jahr jung! Aber wie versteh' ich das? sind Sie ein Riesenkind?
-- Das nicht, erwiedert' ich; aber ich bin an dem raren 29sten Februar
geboren, und Anno 1800 ist der Schalttag ausgefallen, so hab' ich am
letzten 29sten Februar 1816 erst meinen fünften Geburtstag gefeiert. -- Sie
sind also gegen 24 gemeine Jahr alt, nach gemeiner Menschen Rechnung! Ich
wünsche Ihnen auch die Zahl der Lebensjahre gemeiner Menschen! Sie sind
gewiß ein Glückskind! lächelte Roßborn. Alles Andere wird Ihnen Herr Samuel
sagen und erklären, Arbeit und Gehorsam!

Er empfahl sich diesem, und wandte sich nun zur Versorgung der Andern.
Tydal nahm mit Umarmung und Thränen von seinem Vetter Clarke Abschied. »Auf
Wiedersehn alle Sonntage!« versprachen sie sich. Darauf übernahm Herr
Samuel mich und Clarke.

Da wir uns Beide, indem wir ihm folgten, noch oft mit bekümmerten Blicken
nach den Zurückgebliebenen umsahn, was aus ihnen werden würde, tröstete uns
Herr Samuel von selbst darüber und sprach: Seid ruhig, lieben jungen
Freunde! Wer hier nicht in tadellose Familien als Hausgenosse und Arbeiter
gegen einen mäßigen Lohn untergebracht werden kann, bekommt sogleich
Mittel, das Geschäft, welches er versteht, anzufangen, bis er es auf eigene
Rechnung vermag, und sein eigenes Hauswesen gründet. Arbeiten lernen,
Menschen werden -- ist ihre Strafe; durch Beleidigung Anderer sich nichts
Böses thun, ihr Pensum. Wer so klug ist, das zu lernen, wozu doch wenig
Kopf und Herz gehört, wird mit Ländereien belohnt, die er sich anbaut. Um
ihm dabei an die Hand zu gehn, bekommt er Neuverwiesene zur Hülfe, die sich
wieder bei ihm Haus, Ländereien und Gehülfen erwerben. Und das so fort. Die
Uebrigen arbeiten für die Colonie. Aber man sollte aufhören, Uns immerfort
neue -- Colonisten zu schicken. Man schicke sie _dem Lande_. Jeder bessert
sich selbst am besten. Die neuen Brauseköpfe stören uns nur zu oft. Wir
sind friedliche glückliche Bürger, unsere Herzen sind ausgeheilt und fest,
ja wir deportiren schon selbst in die Inseln, und allemal steigt uns die
Röthe in's Gesicht, wenn wir ein neues Kronenschiff beilegen sehn. Aber das
gehört noch mit zu unserer Strafe! Denn damit Ihr Euren neuen Hausherrn
kennt, sag' ich Euch unverhalten, daß Ich auch ein Deportirter war. _War_,
wohlgemerkt! Einer von denen, die zuerst hier ankamen, und das Alles erst
mit einrichten halfen, was ihr fertig seht. Ihr werdet es unvergleichlich
besser haben!

Fast am Ende der Stadt gewahrt' ich einen schönen Brunnen am Wege, und sah
hinein, indeß Herr Samuel vorausging. Was erblickt' ich! Tief und geräumig
ausgemauert und reinlich, enthielt er eine niedrige Pumpe in seinem Grunde;
aus dem vorüberfließenden Bache fiel ein abgeleiteter Strahl in denselben
hinab. In dem davon unten gesammelten Wasser stand ein junger Mann schon
bis an die Lenden umspült; es schwoll allmälig höher und höher, und ich
sahe vor Augen, er mußte zuletzt ertrinken, wenn er nicht pumpte! Er stand
mit übergeschlagenen Armen. Besorgt um ihn, rief ich ihm zu. Er sah empor,
und ich traute meinen Augen kaum, als ich unsers alten ehrwürdigen Rectors
Sohn, den falschen Spieler auf Jamesstreet in London, an dem Gesicht
erkannte, das von der hinabfallenden Helle des Himmels erleuchtet erschien.
Verlegen begrüßt' ich ihn ehrerbietigst, und machte einen Diener nach dem
andern hinab, und entschuldigte mich, ihn hier drinnen gesehen zu haben. Er
aber griff zum Schwengel der Pumpe, und pumpte gelassen und träg, wie ein
vornehmer Herr arbeitet, nur aus Noth, nicht zu ertrinken, mit den Händen,
die vorhin nur Karten gehalten. Herr Samuel, der mich vermißt hatte, kam
zurück, und da er mich neugierig sah, sagt' er: Das ist der Appelmannsborn!
Herr Lambton, worin die vornehmen Sünder an Arbeit gewöhnt werden. Und nach
einigen Monden Uebung werden die Hände gangbar und geschmeidig; jede andere
Arbeit wird ihnen auf diese leicht, und darum werden sie dann auch willig
dazu, und ihr Lebensglück ist gegründet! -- Im Gehen erklärt' er uns
weiter: Ich verschrieb gleich im ersten Jahre Sämereien aus Holland, und
statt des Samens ist der Zettel aufgegangen, in welchem sich jener befand,
und trägt nun gute Früchte! Das Blatt war Seite 302 und 3 aus Philipps _von
Zesen_ Beschreibung der Stadt Amsterdam, wo 1595 unter den vier
Bürgermeistern Reinier Kant, Balzar Appelmann, Bartel Krumhaut und Jakob
Buhlensen das Clarissenkloster in ein Arbeitshaus verwandelt, und Isebrand
Benne, Isebrand Harmann, und Heinrich Bauch zu Zuchtmeistern bestellt
wurden, die alle verstellte Besessene, Taube, Blinde und Lahme von der
Straße durch den segensreichen Appelmannsborn zur Arbeit brachten. Da war
auch »das Zimmer der Unsichtbaren,« als ungerathener Kinder und böser
Weiber, welche der Mann zum Schein in das Bad schickte, die aber
unterdessen hier gebessert wurden, ohne Schande davon zu haben. Ein solches
Zimmer der Unsichtbaren ist nun zwar ganz van Diemensland, aber den
Appelmannsborn können wir nicht entbehren, und mit gutem Gewissen ihn
recommandiren!

Herr Samuel führte uns am linken Ufer des Flusses hinauf, während er uns
die schönen Meiereien zeigte und ihre Besitzer nannte. Als wir unter
Bewunderung der reizenden Lage bis dahin gekommen, wo der Derwent eine
Wendung nach Morgen macht, wodurch gegenüber ein malerisches Vorgebirge
entsteht, von den frischesten höchsten Platanen bewachsen, wendeten wir uns
links in ein mäßig breites Thal, welches sich sanft nach Abend erhob, wie
ein rückwärts hingelehntes Gemälde. Hier lag seine Meierei in einem großen
Park. Ein klarer Kieselbach rauschte in mehrern kleinen Wasserfällen, die
in der Sonne blitzten, uns entgegen, als wir den sanften Weg hinanstiegen.
Unter blühenden Apfelbäumen standen kleine niedliche Tischchen, Bänkchen
und Stühlchen, um welche viele kleine Mädchen und Knaben versammelt waren,
eine kleine Schule voll, die unmöglich alle Herrn Samuel gehören konnten,
und also Kinder aus der Stadt sein mußten, die hier spielten. Gleichwohl
hatten sie sich allerhand herrliche Blumen und prachtvolle Blüthen
abpflücken dürfen! Die Mädchen putzten sich mit den Granatblüthen, ließen
einander -- diese von ihrer Winterfeige, die andre von ihrer Orange essen.
Die Knaben verfolgten sich mit blühenden Nectarinenzweigen; die größern
liefen fliegenden Eichhörnchen nach; die kleinern kollerten abgefallene
Cocosnüsse den Abhang hinunter, oder hämmerten daran. Jetzt kamen sie um
Herrn Samuel und langten an ihm herauf, und hingen sich an ihn. Das ließ er
zu ihrer Gnüge geschehen. Durch blühende Sträucher und üppige Baumgruppen,
mit unzähligen Singvögeln und Papageien besetzt, kamen wir an eine Brücke,
wo sich das Thal in zwei schmälere Gründe theilte, welche sich in der
Entfernung immer weiter aus einander zogen. Aus jedem derselben rauschte
ein Bach her, welcher sich hier mit dem andern in seiner Natursprache
murmelnd begrüßte und, wenigstens doch vor seines klaren Laufes Ende mit
ihm vereinigt, eilte, die Wasserfälle zu bilden, die uns geblinkt hatten.
Jetzt betraten wir den mit einem sogenannten unsichtbaren Zaune umgebenen
Ziergarten des Parks. Er nahm den Abhang der zwischen beiden Bächen hoch in
der Mitte liegenden breiten Ebene ein, auf deren vorderem Raume ein einfach
geschmücktes geräumiges Wohnhaus uns entgegen schimmerte. Als wir droben
auf dem kostbaren Rasenstück vor demselben angelangt waren, wendeten wir
uns erst, um die Aussicht zu bewundern. Denn wirklich war sie wundervoll.
Uns gegenüber das Vorgebirge mit seinen Platanen; rechts und links zu
unseren Seiten das fruchtbarste, sorgsamst bestellte Feld; vor uns im Thale
der majestätische Fluß, in demselben hie und da kühn und hoch
emporsteigende Felsen, wie Pfeiler einer uralten Riesenbrücke, oben mit
überhangendem Gebüsch gekrönt, von girrenden Tauben bewohnt, und weißen
Wasservögeln umschwärmt. Rechts weiter hinaus der Meerbusen von sanften
Hügeln umlagert, voll immergrünender Bäume; in seinem Schooße die sicher
ruhenden Schiffe von schwarzen Schwänen und Enten umsteuert; uns zu Füßen
die wohlgebauete Stadt, jedes freundliche Haus in seinem Garten, in seinen
Blumen! Und nun erst die röthlichen Ufer des Derwent hinauf; hier
Cocospalmen, weiter hin einzelne Mahagonibäume, die, wie neugierige Kinder,
sich bis an die steilen Abhänge gewagt, sich mit ihren Wurzeln
anklammerten, um hinunter zu sehen; andere, die auf blumigen Hügeln, wie
Wanderer vor Verwunderung, stehen geblieben zu sein, oder dem Fluße immer
weiter entgegen zu gehen schienen, bis wo er in Nordwest aus Marmorfelsen
hervorglänzt.

Und doch bot sich die schönste Aussicht uns erst _hinter_ dem Hause dar. In
bequemer Nähe lag der reinliche geräumige Meierhof in Frucht- und
Küchengärten; noch weiter hinaus die Schäferei, und hinter derselben die
fette grüne unabsehliche Trift in immer blasserem Schimmer bis hin an die
sonnigen Berge, von Thälern und Schluchten durchbrochen, durch deren Lücken
die fernern Gebirge hereinsahen nach der nie gesehenen, reizenden
Pflanzstadt. --

So sieht ein englisches Kind von 15 Jahren aus! bemerkte Herr Samuel, immer
noch mit Vaterlandesstolz, als wir in die schöne Rundansicht versenkt
schwiegen. Hier kann ein Engländer England vergessen! rief ich aus. Wenn er
muß, und dann noch nicht, erwiederte Herr Samuel mit leisem Tone. --
Wenigstens Rowlandhill mitten im Lande, schränkt' ich ein. -- Rowlandhill!
wiederholt' er. Ihr seid von Rowlandhill? Lambton! frug er mit einem
düsteren Blicke, der keine Antwort begehrte. Er setzte sich auf eine
Marmorbank und zeichnete mit dem Stocke ein T in den Sand, machte ein
Ausrufungszeichen dahinter, und verzog Alles wieder. Wen er aber mit dem H
gemeint, welches er aus Punkten in die Erde gestochen, den schien er
gleichsam durch tiefes Einbohren mit der Spitze des Stockes erstechen zu
wollen. Als er darauf in sich versunken lange sitzen blieb, gingen wir,
schüchtern gemacht, indeß auf das Haus zu. Aus der Thür trat uns eine
reinliche, braungekleidete Alte entgegen, welche mit scharfen Blicken ohne
Gruß an uns vorüber eilte, da eben Herr Samuel rief: »Frau Russel!« Dieß
war also ihr Name, der mehr sagt, als wenn ich sie beschreiben wollte, und
sagen, sie war eine halbe Kalmuckin, rauh, ja roth, hatte dunkelrothe
Backen u. s. w. Nachdem sie mit Herrn Samuel einige Zeit vor ihm stehend
gesprochen hatte, kam sie wieder zu uns und hieß uns willkommen, indem sie
einen Schlüssel aus dem ihr anhangenden Bunde suchte. Wir freuten uns
erstaunend, sie zu sehen, scilicet mit Worten; aber im Herzen war die
Freude noch zu ertragen. Doch muß ich ihr nachrühmen, daß sie so viel
Sittsamkeit besaß, die etwas steile Treppe nicht vor uns hinaufzusteigen;
sondern sie commandirte uns im Rücken wie ein braver Offizier: vorwärts! --
links! -- über den Saal! -- rechts in das kleine Giebelstübchen mit einem
Bett, -- welches sie mir und Clarken anwies. Clarke wollte einige
Einwendungen gegen das Schlafen in Einem Stübchen und in Einem breiten
Himmelbett machen mit bevorstehenden heißen Nächten, Enge des Bettes; aber
sie entschied: Miß Lisanna könne erst in 14 Tagen mit den neuen Betten
fertig werden, welche sie nähe und stopfe, da ihr die Sorge für den Garten
obliege; und sie selbst habe Haus, Küche und Rauchkammer zu versehen!

Clarke war roth und verdrüßlich, worauf sie keine Rücksicht nahm. Sie sagte
uns kurz und deutlich, wozu wir im Hauswesen bestimmt seien, nämlich zur
Landwirthschaft! Clarke solle die einjährigen Lämmer hüten, ich aber,
Lambton der Schulmeister, die Rinder! -- Das edle Wort bubulcus, der
Hirtenname Mopsus, das »Tityrus -- sub tegmine fagi« und das »o Corydon,
Corydon!« dienten mir jetzt gleichsam als eine trockene Magenstärkung oder
als Geist gegen den Schwindel; ja ich sahe die geliebte Gestalt »des
göttlichen Sauhirten Eumäus« zu der offenen Thür hereintreten, und mir die
braune magere Hand reichen.

Clarke war nun zufriedener; er wischte den Spiegel ab, stellte sein
Malergeräth auf dem Tische darunter auf, besichtigte dann das Kamin und
prüfte die blanken Zangen. Ich aber trat, während Frau Russel die Decke vom
Bette nahm, manches Nöthige herbeitrug, manches Unnöthige aus dem Stübchen
hinauspracticirte, an das geöffnete Fenster, und sah in den freundlichen
blauen Himmel, und meine Seele sprach eine in ihrer Kindheit auswendig
gelernte Stelle, wahrscheinlich im Vorbewußtsein, daß sie derselben einst
bedürfen werde:

   Geduld, die seligste der Tugenden,
   Ist nicht umsonst! Du kaufst sie nur durch _Dulden_;
   Auch nicht auf _einmal_ wie ein andres Gut;
   Allmälig wird sie Dein durch Stillesein
   Und Tragen, Lieben, Hoffen und Verzeihen.
   Der gute Mensch nur kann geduldig sein,
   Geduldig werdend, wird er gut zugleich.
   Drum, willst Du das, so lern' ein wenig tragen
   Und lieben, hoffen und verzeihn; dann immer
   Und immer mehr, und immer lieber, bis
   Du dieß am liebsten, dieß allein nur thust;
   Und also gut geworden, Dir zugleich
   Geduld, die seligste der Tugenden,
   Erworben: tausend Schätz' um Einen Schatz.

In der Ferne erblickt' ich eine große Heerde Schweine, und die waren mein
Augen- und Seelentrost! Denn wenn ich bedachte, daß mich Herr Samuel sogar
zum Sauhirten hätte ordiniren können, so dankt' ich billig Gott, welche
unanständige Erinnerung er mir erspart hatte, wenn da droben auf unsern
Anstand auf Erden gesehn wird, wie zu bezweifeln steht. Denn derselbe
Dichter sagt ja schon die Worte, welche mir wieder einfielen:

   Dem Menschen sei ein jegliches Geschäft
   So leicht als gleich! Denn jedes gönnet ihm
   Ein Mensch zu sein! Das ist die Sache. Wer
   Gelebt hat, der hat viel gethan, der war viel,
   Viel in der Halle dieser schönen Welt!
   Drum denket würdig von dem Menschenleben,
   Und würdig denkt von Euch, ihr Lebenden!
   Ein heil'ges Wesen ist, wer diesen Aether
   Einathmet! Unter diesen goldnen Sternen
   Ist Niemand groß noch klein, nur göttlich Alles!
   Und Niemand ist gering, wer dieß erkennt;
   Der Erde ew'gen Schätzen gegenüber
   Ist Niemand reich; dem Himmel gegenüber
   Ist Niemand arm! und Keiner ist verachtet,
   Den selbst Allvater für sein Kind erkennt,
   Wer ihn darf Vater nennen, und das hört er
   Von Allen gern.

Ich hatte heut mein Morgengebet nicht verrichtet, und ich bat den Himmel,
jetzt diese apokryphen Worte dafür anzunehmen, nachträglich. So bedurfte
ich nun kaum des Trostes, den mir die alte Russel einsprach: ich würde
nicht so viel Noth mit dem wohlgewöhnten verständigen Viehe haben, als
vielleicht mit mancher lieben Schuljugend! Es sei das schönste Vieh van
Diemenslandes, und die Häute davon gingen bis Port Jakson, Ostindien, auf
das Cap, ja bis Altengland. Selbst Se. Majestät könne vielleicht Stiefel
davon tragen! vielleicht auch nicht! --

Alles das konnte mir so einerlei sein, wie den Häuten selber. -- Sie eilte
darauf, Clarke mit seinen Lämmern, und mich mit meinen gehörnten Zöglingen
bekannt zu machen, die ihren neuen Präceptor anbrummten und berochen. --
Das rothe Tuch Eurer Uniform macht sie nur scheu, belehrte mich Frau
Russel; morgen sollt' ihr einen ihnen bekannten Anzug, die Namensliste und
Stammbäume des nobeln Viehes erhalten, damit Ihr Euch schätzen lernt. --
Ich erwartete das. Clarken gefielen seine Lämmer, die sie durch die Beine
herausließ und ihm vorzählte. Wir freuten uns auf die schönen Tage, die
heitern Berge, und die stille Zeit des Hirtenlebens.

Ueber all' dem Umsehn und Einrichten war die Mahlzeit herangekommen. In dem
Unterzimmer war ein großer Tisch für Alle im Hause gerüstet, woran gewiß
Herr Samuel präsidirte, für welchen der mit rothem Sammet und goldenen
Zwecken beschlagene Sessel hingestellt ward. Aber er selbst erschien diesen
Abend nicht. Dagegen begrüßten uns neugierig und schalkhaft ein Paar andere
von dem Hausgesinde, wovon Einer, der Kleine, eine wahre Diamond-Edition
von Spitzbuben schien! Noch trat Jemand zum Gebet mit an den Tisch, den
Frau Russel unter dem Anruf »Herr Doctor Toland« einlud, heut Abend den
Wirth zu machen. Sie beteten darauf das in Altengland gebräuchliche Gebet:
von den jungen Raben, denen der Herr ihre Speise giebt zu seiner Zeit; und
der kleine Dieb betete bei den abwechselnd einfallenden Stimmen, diese
Worte grade allein. Mehrere schlanke, kernige, schöne Mädchen, sichtlich
von dem schönen Malayischen Menschenstamme -- »Race« getrau' ich mich von
den lieblichen, edlen Geschöpfen nicht zu sagen -- kamen noch während des
Gebetes herzu, und trockneten sich die Hände. Zuletzt aber kam die
wiederholt gerufene Miß Lisanna, leise wie eine Erscheinung, und darum uns
so plötzlich, so überraschend! Hocherröthet, nach schüchterner Verbeugung
setzte sie sich auch an den Tisch, mir und Clarken gegenüber -- an ihre
Stelle. Wie die Weiber sind, hätte sie uns gern angesehen, welches aber
Clarke's offenes lächelndes Gesicht ihr unmöglich machte, so oft sie es
unternehmen wollte. Meine Augen fanden an Clarke den einzigen Haft und
Trost. Als ich jedoch am Ende der Mahlzeit von dem Herrn Doctor Toland
eingeladen ward, auf Sir -- ich hörte recht -- Sir Samuels! Gesundheit zu
trinken, getraut' ich mich Miß Lisanna anzusehen, die von meinen Blicken,
wie ergriffen auf einem Verbrechen, überrascht zusammenschauderte, und eine
Minute lang mit vergehenden Augen da saß, still und blaß wie ein schönes
Marmorbild aus Sir Horazio's Bibliothek. Clarke trat mir auf den Fuß -- wie
Mistriß Distreß im Schiffe, und trank mir zu. Dabei fiel mir der
Schulmeister schwer auf das Herz! Ich hörte wieder das »Schade, Schade!«
Dennoch segnet' ich meine glänzende Interims-Uniform, die mir doch
wenigstens einen seligen Augenblick, die aufkeimende Neigung, das Sprengen
der Knospe ihres Herzens, bei einem so schönen jungen Mädchen zu schauen
vergönnt, wie Miß Lisanna! Denn aus Ovidius wußte ich, daß eine gewisse
allmächtige Leidenschaft mit Erschrecken und Zittern, mit Furcht und Beben
beginnt. Auch aß sie keinen Mundbissen. Auch ich war satt, und wußte doch
nicht von was. Ich vergab daher endlich auch ganz und gar der Marion, die
selbst den rothen Daniel dem schwarzen Lambton vorgezogen, und wünschte ihr
fröhliche Sechswochen. Nur die 100 Pfund! die 100 Pfund brannten mir auf
dem Herzen! Besonders seit Roßborn meine Vollmacht, sie zu heben, kannte,
und Ich die 100 Pfund redlich gezeigt, aber grade zum Schaden meiner
Redlichkeit! -- Miß Lisanna ging zeitig vom Tische, sagte leise gute Nacht,
und sah sich selbst in der Thür nicht einmal um, so sehnsüchtig ich nach
ihrem Blicke war! Denn -- ach, sie ging! sie sahe nicht auf, mich nicht an!
sie wird mich nie wieder ansehen! Heut ist mein letzter Ehrentag -- morgen
trag' ich den Tityrus-Rock! stöhnt' ich, und ballte die Faust in der
Tasche. Wehmüthig ging ich mit Clarke zu Bett, der mich frug, was ich so
verzweifelt aussehe! Er legte nur Rock und Stiefel ab, schlüpfte in das
Bett, legte sich hart an die Wand und schlief seufzend ein. Vielleicht
seufzt' er gar auch nach Lisanna! Ein Maler versteht sich auf Schönheit,
und schön ist er selber. Darum fühlt' ich die schrecklichste Eifersucht und
Todesangst im Voraus, als er im Schlafe näher und nahe an mich rückte,
seinen Arm um meinen Nacken schlang, und mich, noch lange gedankenvoll
Wachenden, drückte; ja er wollte mit seinem Lockenkopfe auf meiner Brust
ruhen! Jetzt ward ich ernstlich böse -- aber die Hand ließ ich doch dem
armen Schelm in seiner. Er liebt ja Lisanna! -- Also Lisanna! das arme
Kind! du armer Lambton! unterbrach ich unwillkürlich mehrere Male mein
Nachtgebet, bis Sir Horazio's Marmorbilder, Lisanna, Theano, die alte
Russel, die Wasserhose, der Gott Tangalon, Roßborn, Sir Samuel, Lämmer und
Rinder mich in holder Verwirrung umgaukelten, und in den Schlaf brummten,
blökten, blickten, erschreckten, und entzückten -- jedes nach seiner Art.
--

                   *       *       *       *       *

Sonnabend Abend.

Man soll nicht aus der Schule schwatzen, denn wie die Weiber sind; aber aus
der Schule, die ich von dem andern Morgen an, den ganzen Tag über alle Tage
mit dem lieben Viehe hielt, will ich gern kein Wort verrathen. Doch ging es
im Ganzen besser, leichter und lustiger, als ich mir vorgestellt, und die
bekannte Methode, mir Ordner, auch unter den Ochsen zu wählen, bewährte
sich auch hier. Wenn nur die vermaledeiten Bremsen nicht waren! Denn es war
zum Verzweifeln, wenn die Ordner an der Spitze, und dann die ganze Schule
stückweise davon galopirte, durch allerhand Sorten Getreide, wie Hannibals
Ochsen. Ich wartete es geduldig ab, ohne mich mehr, wie das erste Mal, in
Galop zu setzen, wo ich gleichsam mitbieselte, mit aufgehobenem Stocke.
Denn der deportirte Pudel, Herr Phylax, nahm sich darauf meiner an, wie ich
mich seiner durch Crabben verlassenen Person angenommen, und sammelte
wieder die keuchenden Schüler. Wenn nun die gewaltigen Thiere, wie so viel
Joves, auf solche Ermüdung lange nicht fraßen, sondern sich hinlegten, so
waren die Bremsen meine Götter, die mir diese Ruhe »machten.« Doctor Toland
gab mir endlich ein Kraut, es den Thieren anzuhängen. Er ist ein
Menschenfreund!

Clarke sahe meine Angst jedes Mal von weitem, mitten unter seinen
geduldigen Lämmern, und ich verstand an seiner Bewegung recht gut, daß er
sich todt lachen wollte. Ich bedauerte ihn, und dachte; Schafe hüten ist
keine Kunst, aber Rindvieh. -- Lisanna brachte uns das Mittagsessen in's
Feld, und sie tröstete mich freundlich, ob sie gleich nur mit Mühe das
Lachen verbiß; die Thränen aber standen ihr in den Augen. Betrübt und
ernst, wie ich wohl Ursache hatte zu sein, sah ich vor mich nieder und
hätte auch lieber geweint. Dann wußte sie es zu machen, daß sie beim
Hinreichen des Korbes meine Hand berührte, oder ich die ihre mit faßte --
darauf enteilte sie. Sie ist ein Engel, der Engel Tobiä! sprach ich zu mir,
während ich mich in die Blumen zum Essen setzte und ihr nachsah, und sah --
wie sie neben Clarke sich setzte! und lange mit ihm sprach! Das war auch
ein Jammer. Doch wenn ich unterdeß im Grunde des Körbchens noch Orangen,
Feigen und frühe Nectarinen fand, die sie mir versteckt: so wußte ich
nicht, was ich denken sollte. So lieb mir sonst Clarke war, so verhaßt und
täglich verhaßter ward er mir nun. Traf uns Lisanna zuweilen beisammen,
setzte sie sich zu uns, so sprach sie mit Ihm, sahe Ihn an, während der
Wind ihr das schwarze Haar über die Wange wehte, oder ein Wolkenschatten
über uns hinflog, und sie wieder hervorglänzte, als verkläre sie sich und
schwebe. Das Alles mußt' ich mit ansehn! Und sie bemerkte, ohne
herzublicken, daß ich sie ansah; und doch sahe sie mich nicht an, und
sprach nur desto holdseliger mit ihm, und lächelte so hold, so lieb! Wenn
Clarke nicht dabei gewesen, wäre ich ihr vielleicht um den Hals gefallen --
vielleicht auch nicht, wie die Russel sagt. Und doch verdroß es mich von
Ihm, wenn er so unbescheiden war, ihre Hand im Gespräch zu ergreifen, ja
ihr die Locken aufzurollen, wenn sie zwischen uns saß, aber immer näher an
seiner Seite. Erbittert stand ich dann auf, und schlug nun erst das Rind,
das zu Schaden fraß, wozu ich vorher nicht Zeit gehabt; so pflichtvergessen
konnt' ich sein! Dann aber blieb auch Lisanna nicht bei Clarke, und das war
mein ganzer Trost. Kurz an meiner Eifersucht merkt' ich, daß ich -- daß ich
-- armer Lambton! Ich hätte das nie gedacht, ach -- weil ich es nie
gefühlt, ja nicht geträumt -- das Wort, das umgekehrt Roma heißt! Mehr kann
ich nicht sagen, ich schäme mich vor mir selber. Auch sucht' ich mir nichts
merken zu lassen. Aber Clarke hatte zu schlaue Augen, und lachte mich aus,
wenn wir allein waren. Er versicherte mich, von Ihm hab' ich nichts zu
fürchten, und dabei sah' er so ehrlich aus, daß ich ihm gern geglaubt
hätte, wenn es ihm nur nicht wiederum auch lieb geschienen, daß ich
eifersüchtig auf ihn war. Warum? war mir undeutlich. Er ist einmal ein
eigner Mensch. Grade so wie er aussieht, liegt ein schöner marmorner
Jüngling auf einem gesteppten Pfühl in Sir Horazio's Bibliothek. Ich
dächte, er nannt' ihn einen Aphroditenhermes. So war's doch; und so ist
Clarke. Und hatte sich ihm Lisanna nicht halb vertraut? Denn er wußte und
sagte mir: daß sie nicht Sir Samuels Tochter sei, daß sie der Frau Russel
als ihrer Pflegemutter am nächsten angehe. Denn weder Findelhaus, noch
Waisenhaus gebe es in Hobarttown. Was bedürfe aber eine Waise dringender,
als Eltern, oder doch einer Mutter, so arm sie sei, und Pflege, Lehre und
Liebe, so gering sie sei. So gäbe man Waisen an gute kinderlose Eltern, um
Zweien so gut, wie möglich, zu helfen. Und mit schwerer Hand freilich, aber
doch thu' ihr Frau Russel alles Gute. Dagegen bleibe Sir Samuel so launisch
gegen sie, daß sie ihn durch die größte Stille, den emsigsten Fleiß bis
tief in die Nacht, doch nimmer zufrieden stelle. Es sei ihr drückend, daß
er ihr Alles wie nur aus Erbarmen gewähre, ja zuwerfe -- doch hasse er sie
nicht! Er beweise ihr wiederum so viele, viele Güte, Zärtlichkeit, ja etwas
Wehmüthigeres, als Liebe, ach, nur nicht lange! Er halte ihr Lehrer -- und
schicke sie wieder fort! Er lasse sie sticken und zeichnen -- und verderbe
ihre Zeichnungen und Stickereien! Oft schenk' er ihr schöne Kleider, und
sehe sie gern darin; dann müsse sie sich einfach, ja schlechter tragen als
die malayischen Mädchen Talo und Ofa, und sehe sich bloß in die Küche
verwiesen, und dürfe selbst nicht am Tische erscheinen, woran doch sogar
der kleine arge Hobday esse, und Talo und Ofa, und nun Herr Clarke -- und
Herr Lambton! -- -- Das Alles that mir zu hören noch mehr wohl, wie weh!
Denn wie sich zur Liebe für dieß schöne gute Wesen noch Mitleid gesellte,
dann schmolz mich gleichsam ein wehmüthiges Gefühl; und hatte ich sie
bisher schon geliebt, jetzt hätte ich sie fast angebetet. Aber Sir Horazio
sagte, wenn er von den schönen Madonnenbildern in Italien sprach: »Ein Weib
werde mehr, wenn sie nur ein Bild erscheine! Denn das Vollkommene sei sich
allein immer gleich, und darum auch in vollkommener Ruhe. Darum erlangten
die Todten auch schon etwas Heiliges und Göttliches über uns, die wir mit
zitterndem Herzen vor ihnen stünden, sie beweinen -- und ahnen: daß
vollkommene Ruhe vollkommene Seligkeit sei. Und der Todte sei ein
göttliches Bild, und ein Bild ein göttliches Todtes. Wenn nun ein Weib uns
anders nahe, als in der Gestalt, in welcher wir sie zuerst geliebt; wenn
sie nun auch gehe, esse, schlummere, rede, nur ein anderes Kleid anlege,
dann werde sie gleichsam so vielmal verdoppelt, als wir sie anders in
anderen Tagen gesehen, und es fehle ihr die eine, die selige Gestalt;
Deßwegen bete man jene Bilder wohl an, weil sie nur Bilder sind.« -- Sonst
glaubt' ich Ihm das fast; jetzt -- jeden Tag weniger, da ich an Lisanna
sehe, oder an meiner Seele, daß die Liebe ein immer Neues, Schaffendes,
Belebendes ist -- und die Liebe ist ja das Vollkommene! und doch ist mir --
mir Lisanna's erstes Bild das liebste von allen, welche ich von ihr in
meiner Seele, wie in meiner wahren ruhigen Wohnung aufstelle, oder wie in
einem Rahmen an den Orten wieder erblicke, wo sie mir in andrer Gestalt
erschienen. Und so habe ich schon eine Madonna mit dem Sympathievogel, eine
mit dem Schnabelthier, eine mit dem Lamme, und eine mit Lambton; also vier
Gemälde, so gut wie Sir Horazio, die ich mit seinen nicht vertausche; und
vielleicht kommen noch mehrere hinzu -- vielleicht auch nicht!

                   *       *       *       *       *

Sonntag Abend.

Unsere Englischen Geistlichen haben den Vers verkehrt verstanden: unser
Herr Gott arbeitete sechs Tage an der Welt und ruhte Einen; sie arbeiten
_Einen_ und ruhen _sechs_. Nur den armen Schulmeistern hat man den Text
richtig ausgelegt. Immer freut' ich mich daher auf den _Sonntag_; und wenn
ich ihn wieder herangelehrt und gekämpft, und noch müde vom Joche ihn früh
für einen gewöhnlichen Tag hielt, bis ich den Küster hereintreten sah, den
kind-hohen Kirchenschlüssel auf den Arm gehangen -- dann ward mir gleich so
wohl, so feierlich zu Muth! Himmel und Erde sahen mir auf einmal so
geistlich, so geschmückt aus, und wenn es auch draußen neblig war, daß ich
die Lindenstämme vor meinen Fenstern nicht sah. Heut' ist mir wieder so
wohl! Es ist Sonntag in der ganzen Welt, auch für Clarke und Lambton, und
jeden geplagten Schulmeister, wie für die Ochsen und Schafe; und der Mensch
läßt seinen frommen Sinn auch der Natur angedeihen, selbst dem fühllosen
Pflug' und dem bräunlichen Acker. So ist denn das Christenthum wahrlich
auch denen gegeben, die es nicht verstehn! nur genießen -- der ganzen Welt.
Also Sonntag!

Neue Verlegenheit! In meinem Bubulcus-Gewande konnt' ich doch heute nicht
hinunter zu Sir Samuel gehen, und in meiner Uniform -- schämt' ich mich. So
saß ich allein auf dem Bett in allerhand Gedanken; denn Clarke war schon,
dacht' ich, bei Lisanna -- als Frau Russel herauf kam, mich zu holen. Denn
es sei Pflicht, daß jeder Deportirte zur Kirche der Deportirten gehe, Herrn
Patrik zu hören; übrigens sei der Sonntag unser. So erschien ich denn in
Galla. Alle saßen bereit in Sonntagskleidern. Lisanna stand auf und holte
das Frühstück. Wie ihr das Leibband nachflatterte! wie lieblich ihr der
englische Hut stand! wie freundlich Sir Samuel war, als er sagte: Sonntag
mag Euer Rock passiren, Herr Lambton, dann hab' ich Respect vor Euch;
wochentags verlang' ich ihn vor _mir_. Das schien auszudrücken, daß, wie
die heidnischen Römer bloß an den Saturnalien schon ihre Diener bedienten,
Er als ein Christ alle Sonntage mich so gut hielt, wie sich, als wenn alle
Menschen gleich wären! Gott segne ihn! Nur ob Lisanna nach meinem oder
Clarke's Bilde im Spiegel sah, das möcht' ich wissen! Aber sie lehrte mich
dadurch, sie unbemerkt anzusehen. Dann gingen wir Alle zur Stadt, und die
malayischen Mädchen bewahrten das Haus. Denn sie beten noch den Donner an,
aber Ofa nur dann, wenn es einschlägt; daher sagt Sir Samuel: sie haben
keine Religion! Ich soll eine Sonntags-Schule anlegen, und Talo
unterrichten, auch Lisanna soll zuhören! Wie wird Sie meine Seele erheben!
--

Im Vorübergehn zeigte uns Frau Russel die Kirche, in die Ich und Clarke zu
gehen hätten! Lisanna seufzte schwer -- vielleicht über mich -- wendete
sich ab, und sah zu den Wolken. Doch mir ist diese gute List zu wohl
bekannt: hinauf zu sehn, wenn man weinen möchte und nicht darf, und die
Thränen Einem in's Auge treten! sie verziehn sich dann, oder man kann sie
der Blendung zuschreiben, oder niesen. Ach, wenn sie nur wüßte, nur
glaubte, daß ich _unschuldig_ bin! Brächte nur die Golette den Capitain
York! das wünscht' ich sehnlich.

In der Kirche fanden wir alle unsere Gefährten, die uns heimlich und
freundlich grüßten. Ihre Gesichter schienen verwandelt, diese heitrer, jene
ernster, aber alle gefaßter, ruhiger -- sonntäglicher! Auch ihre sauberen
Kleider erfreuten mich. Ich konnte mir gar nicht mehr einbilden, daß ich
der einzige Unschuldige unter ihnen sei! Der englische Geistliche betete
uns dann die Collecten, Psalmen, Bibelabschnitte, die Litaneien, die
mosaischen Gebote und das Vaterunser mit Ausdruck zwar, doch mit
unerhobener Stimme vor; denn er schien alle seine Kraft für die Predigt zu
sparen, und dazu braucht' er sie wirklich.

Denn diese »Verdammten-Predigt« -- (condemned Sermon) -- die Uns zum Leben
und nicht zum Tode bereitete, die ich mir darauf von Herrn Patrik in der
Handschrift ausbat, und jetzt mir hier, hoffentlich zum Andenken, in mein
Reisebuch einschreibe, lautete mit allen, von der Vernunft gezogenen
himmlischen Glocken also:

»Meine Herren Deportirten! und Brüder in Christo! Vielleicht Handwerker,
Pächter, Gentlemen, Esquires und was weiß ich . . . . . . aber gewiß:
Spitzbuben, Mörder, Auferstehungs-Engel oder Teufel, falsche Spieler,
Banknoten-Pfuscher, Brandstifter und Kinderräuber -- -- -- -- Ihr wundert
Euch, daß ich Euch bei Eueren Namen nenne? Doch Ihr seid nur hier, weil Ihr
Euch früher nicht selbst so genannt, noch ein Anderer! Darum muß ich Euch
nun mit schwerem Herzen so nennen! Hier ist das Land, wo man die Menschen
kennt, und Jeder sich selbst. Denn die Liste seiner Sünden kommt als seine
Ahnentafel, sein offener Pathenbrief mit ihm in diese neue Welt. O daß er
Euch so bei Eurer Geburt in die alte Welt wäre mitgegeben worden, Jedem so
mitgegeben würde, dann könnten Eltern und Erzieher sich danach richten,
dann kamet Ihr nicht hierher vor meine Kanzel! O Gott! o traurige Wallfahrt
der Menschheit aus dem Paradies in das Himmelreich!

Nun laßt mich offen zu Euch reden! Und Ihr, höret mich offen an!

_Erstens_, verschreibe ich Euch das allervortrefflichste Mittel gegen das
Heimweh. Es wächset im Walde und heißt -- der Galgen, der Euch in der
Heimath erwartet, wenn Ihr vor der Euch bestimmten Zeit zurück -- flieht.
Ihr könnt auch hier in die Berge fliehn zu den Wilden, wenn Ihr, die Ihr so
lange gegessen habt, auch einmal wissen wollt, wie dem ist, der gegessen
wird. Also bleibt in der Lehre und Zucht! entlauft nicht von der Bleiche,
als halbe Mohren, als Seelen-Mulatten! --

_Zweitens_, erinn're ich Euch und frage: haben Euch Euere Todfeinde je so
viel Herzeleid und Schmach angethan, als Euere Laster? diese falschen
Freunde und süßen Schmeichler des Bösen, die für Eine angstvolle Lust nicht
unter Ein Hundert Schmerzen bereiten. _Sie_ setzten Euch gefangen, sie
brachten Euch Verwünschung und Verachtung, Enterbung und Verweisung; Sie
machten, daß Ihr zum Weinen jämmerlich hier vor mit dasteht! Erkennt sie
nun, und jagt sie aus Herzen und Haus! --

_Drittens_, vergleiche ich Euch mit jener Palme in Japan, die keine Nässe
verträgt, sondern davon verdorrt. Nichts Anderes hilft sie herzustellen,
als sie auszureißen, sie dürren zu lassen, und dann in eine im Sande
bereitete Grube zu setzen. Da, im Trockenen grünen ihre Zweige wieder
saftig, und kräftig trägt sie auf's neue die süße Frucht. Wieder vergleiche
ich Euch mit dem Trauerbaum in Indien, der nur blüht, wenn die Sonne
untergegangen, und vor dem Tage die Blüthen abwirft. Ich vergleiche Euch
mit den Giftpflanzen, die meistens in sumpfigen Gegenden wachsen. Wenn man
sie in reinen guten Boden versetzt und anbaut, verlieren sie ihr Gift. Der
weise König Salomo sagt: sie schlafen nicht, sie haben denn Böses gethan;
sie ruhen nicht, sie haben denn Schaden gethan -- so sage ich Euch denn,
die Ihr Beides: Uebels und Schaden gethan: so schlaft denn! so ruht denn!
--

_Viertens_, dinge ich Euch, Ihr Tyburn entfloh'nes Gesindel, _gewesene_
Räuber! _gewesene_ Mörder! Für Euch ist kein froheres, kein trostreicheres
Wort, als das sonst so furchtbare, die ganze Natur zerstörende Wort:
_gewesen!_ Nach Allem was der Mensch gethan, gelitten, geliebt und gehaßt
hat, bleibt er ein Mensch! Und was könnt Ihr mehr sein wollen, als:
Menschen? Aber wollt auch Menschen sein! Nicht was Ihr _bis hieher_
gewesen: Füchse, Luchse, Marder, Maulwürfe, Schlangen und Ottern. Streift
alle die Häute ab, und verwandelt Euch in Menschen! Bildet Euch etwa nicht
ein, daß es _lebenslängliche_ Mörder, Ehebrecher und Diebe giebt, wie es
Thiere giebt, die zeitlebens Hyänen, Böcke und Raben bleiben bis auf den
letzten Pelz und die letzte Mauser. Bilder Euch also nicht ein, daß Ihr
bleiben müßt, was Ihr vielleicht nur Eine Stunde waret! Denn welcher Mensch
weiß am Morgen, was ihm des Tages über begegnen wird? Was er denken,
empfinden, beschließen, welcher Mensch, welche Lust ihn reizen, welche
Leidenschaft seine Seele empören wird! Ach, -- ich hoffe, ich wünsche es --
Alle haben die Nacht zuvor in Frieden geschlafen, ihr Morgengebet
verrichtet und auch die Worte gesprochen: Führe uns nicht in Versuchung!
Aber die Leidenschaft ist wie der Wind, von dem Niemand weiß, woher er
kommt und wohin er fährt, und Jeder hört doch sein Brausen. Doch sein
Vorüberziehn richtet oft Grauses an, wirft um, was nicht mehr aufgebaut
wird, wie ein Todter nicht wieder erweckt wird. Und so ist auch der böse
Mensch _kein Fehler_ -- er fehlt nur! ein Mensch fehlt! ein Mensch hat
gefehlt. Die Menschen sind Raqueten, die gefüllt und trocken ruhig an dem
Gerüst des Lebens hängen, bis ein Funke sie entzündet. Die Menschen sind
Kanonen, die nur donnern und morden, wenn sie losgebrannt werden; sonst
stehen alle umher und schlafen wie die Menschen -- ach, und wer es sich
nicht eingebildet, von wem man es nie gedacht hat, den führt man am Abend
in Ketten herein, als leichten oder groben Verbrecher. -- Ihr seid
losgebrannt -- entladen! Ihr seid hereingeführt. Wer wird nicht aufgeweckt
aus seinem schläfrigen Lebensgange, wenn er einen Fehltritt that? etwa
einen tiefen -- von der Höhe der Menschheit plötzlich herab? Wem schlägt
das Herz nicht, der geraubt und gemordet hat, wenn er auch nie mehr von dem
schlafenden Engel in uns, von dem Gewissen gewußt hätte als seinen Namen!
Wem droht dann nicht sichtbar ein Finger vom Himmel? Wer hört den Vater
nicht, wenn er sich an dem Kinde vergriff? Wer erkennet den Gott nicht,
wenn er des Teufels war? Glaubt mir, meine Brüder in Christo, immer noch
von der Gesellschaft Jesu, Spitzbuben, Räuber und Mörder, Ihr habt hinfort
mehr Anspruch und Hoffnung auf ein ruhiges, ja seliges Leben, als alle die
Millionen _Schlafwandler_, die noch gut heißen, weil sie schlafen. Ja, sie
sind darum vielleicht werther und bedürftiger als Ihr, meine Predigt zu
hören. Denn ich verbürge nicht hier mit meiner Sanduhr, daß in 8 Tagen auf
der ganzen Erde nicht Hundert -- eingeführt sind, die heut, jetzt noch sehr
liebe Männer scheinen, und vielleicht sind. Ihr stahlet -- dieweil Ihr
schliefet! Ihr habt aber das ewige heilige Gesetz, Ihr habt den Gott in
Euch erfahren, Ihr fühlt ihn noch und immer, der da heißt: Licht, Rath,
Kraft, ewig Vater, Friedefürst! Das Herz des Menschen ist voll Irrthümer.
Der Tag, wo Ihr keinen einseht, ist ein verlorner. Denn wenn Christus
selber sagte: »was nennst Du mich gut? Gott allein ist gut,« so kann unser
Bestreben nur sein: _besser_ zu werden, aber immer besser, ohne Ende, ohne
Ermüdung, ohne müßige Zufriedenheit mit uns selbst; und in diese verfielen
wir, wenn wir leidige Menschen je glaubten _gut_ zu sein. Und wie sehr, wie
rasch könnt Ihr Euch bessern! und wie viel Irrthümer habt Ihr abzulegen!
Ich wünsche Euch Glück dazu! Der Wille besser zu werden, der ja ein guter
Wille ist, wenn nicht mehr, vertilgt durch sich selbst alle Sünde, und Eine
gute That aus vollester Seele ist allen guten Werken gleich. Denn _das
Gute_ umher in aller Welt schafft Gott. So ding' ich Euch denn und geht Ihr
spät zur Arbeit in den Weinberg -- Ihr sollt auch noch eueren Groschen
bekommen.

_Fünftens_, tröste ich Euch: Was Ihr auch gethan habt -- Gott hat es
ausgeglichen! Wenn den Menschen die Leidenschaft -- der Teufel -- ergreift,
dann ergreift ihn ihrerseits der Gottheit Hand, damit er Andere und sich
nicht ganz verderbe, im Gegentheil ihnen nütze. Der Mensch ist und wird so
lange unmündig, als er seiner Vernunft nicht mächtig ist; und der
Ober-Vormund Aller wird, bis sie wieder hell ihn erleuchtet, auch der
seine. Die durch Euch Verarmten hat er wieder reich gemacht, wenn sie nicht
besser arm blieben! Denen Ihr die Tochter oder den Sohn geraubt, die hat er
wieder mit Kindern gesegnet, wenn Ihr jene nicht raubtet _zu ihrer Strafe_,
um Eltern und Kindern so auf besonderem Wege das ihnen von Gott zugedachte
Gute zu thun. Die Ihr getödtet, sie schlummern ruhig in seiner Erde, und
ihre Geister leben in seinem Geist. Und doch hat Er Euch dadurch
aufgeweckt. Eine _Seele_ auferwecken ist ein größeres Wunder, als einen
todten Leib erwecken -- sagt Augustinus recht sonderbar nun hier, nun heute
durch mich und aus mir. Gebt in den Sarg der vergangenen Tage alle eure
Werke mit! Seien sie todt und begraben. Ihr aber _erwacht! erwacht!
erwacht!_ und wandelt in einem neuen Leben!

_Sechstens_, frage ich Euch, arme Sünder, wo ist ein Mann dem Gesetze
verfallen, der eine Million Pfunde oder Menschen commandirt? Wann ist eine
Prinzessin an den Pranger gestellt worden? Wo ist ein Königssohn gehangen
worden? -- außer in China. Ihr seht also, welche durchgängig tadellosen,
welche vortrefflichen Leute die reichen Leute sind! wie leicht ihnen der
_Anstand_ wird; wie keck der Arme ist, weil er Nichts hat. Vor dem
_Gesetze_ sind Alle gleich, das ist die große Lüge in den Welt-Menschen,
die die Welt-Menschen schon allein verdirbt. Geben die Georgen, unsere
Könige, einem zudringlichen Bettler eine Maulschelle, das ist nur Rang- und
Machtvollkommenheit; aber giebt ein beleidigter armer Schuster dem Bischof
Eine dergleichen -- welcher Gottesschänder! Aber ich sage Euch: Der
Mächtige und Wohlerzogene, der Unrecht thut, ist doppelte Streiche werth;
werth, doch bei dem Werthe verbleibt es. Der gemeine Mann, der arme Mann
sollte, um pari zu wiegen, wenigstens tausendmal besser sein als der
Reiche. Denn Netto und Sporco-Gewicht ist erstaunend verschieden. O Brutto!
O Tara! Ihr Netto-gewogenen, Ihr seid darum alle wahrscheinlich arm, und
dumm, weil Ihr bös, und bös weil Ihr dumm war't: Drei Fehler, wovon schon
Einer den Menschen in der Gesellschaft zu Grunde richtet, aber alle Drei
ihn gewiß aus Altengland nach Vandiemensland bringen. Darum werdet reich!
Ich sage reich: an Verstand, klug im Sinn, gut von Gemüth -- um keines
Gesetzes, also auch keines Richters mehr zu bedürfen, als dessen -- der im
Verborgenen richtet; und Ihr -- werdet die Wahrheit erkennen; und _die
Wahrheit_ wird Euch frei machen. Also sonst Nichts, aber sie gewiß!

_Siebentens_, fordere ich nicht von Euch, daß Ihr Einen Fehler ablegen
sollt. Denn die ganze Welt konnte es bis heute noch nicht. Und welche
Veränderungen auf der Erde würd' es hervorbringen, wenn alle Menschen nur
Einen Fehler ganz ablegen wollten! zum Beispiel: nur den groben Mord, das
Tödten! -- Aus wäre Krieg und Streit, das Himmelreich begönne auf Erden,
als da, wo es eben bloß nöthig ist, und nicht im Himmel. Was halfen bis
jetzt alle spätere Propheten seit Moses, was selbst allein und für sich
ohne _Thäter_ des Wortes, die göttlichste Lehre. -- Das Menschengeschlecht
steht noch, Auge um Auge, Zahn um Zahn fordernd, am Berge Sinai, es ist in
der Hauptsache: in der Menschen-_Liebe_ kaum einen Schritt aus seiner alten
Wüste geschritten, trotz der unendlichen Mühe von hundert Orden (etwa von
Malta) und tausend Klöstern, trotz redlicher Päpste und löblicher Clerisey,
trotz Wiklef, Knox und Warden bis heute auf mich herab, der ich im
Kehrwinkel der Welt hier stehe vor Mördern predigend! Untersteht Euch zu
leugnen, was ich sage! Seid nur ruhig! Denn darum verlange ich nicht, daß
auch Ihr Einen Fehler ganz ableget -- sie werden _alle zugleich_ nur
seltener, nur schwächer -- legt Alle nur erst _ein wenig_ ab -- ich meine:
bezwingt sie, dämpft sie, leitet sie ab! Laßt den Mord -- eine Ohrfeige
werden -- dann die Ohrfeige wieder ein sanftes Streicheln der Wange; den
Ehebruch: ein Anlächeln, dann das Anlächeln ein Auslachen; den Raub: ein
bloßes Handausstrecken, dann das Handausstrecken -- ein Handeinstecken; den
Verrath ein Lallen mit der Zunge, dann das Lallen: ein Schweigen. (Und das
Alles als das halbe Werk, bis die Zunge _Gutes_ spricht, die Hand _giebt_,
der Fuß zur Rettung eilt.) So wie Oben gesagt, so thut die Welt, so thun
die Bessern selbst und heißen die Guten, bis sie _besser_ werden. Denn ohne
Sünde ist Keiner! und auch nicht Einer!

_Achtens_, warne ich Euch: seid nicht so anmaßend zu glauben: Ihr leidet um
Eurer eigenen Fehler willen! Dazu seid Ihr die Leute nicht! Ihre eigenen
Fehler büßen nur die größten Männer aller Zeiten, und genießen ihres
eigenen Guten. Das Menschengeschlecht ist so verwickelt, so in einander
verwachsen, aus tausend Absätzen zu einem einzigen Rohre hinaufgeschosset,
daß Eines für des Andern Verschulden leidet, das lebende Geschlecht für das
vergangene, ja die vergangenen alle; die Kinder leiden für die Mängel und
Versehen der Eltern, das Volk um -- das Land, der König für das Volk. Ihr
seid die verkörperten schlechten Seelen Euerer Eltern, die Spiel- und
Weinsucht des Vaters, der Putz und die fette Küche der Mutter; Ihr seid die
Dummheit Euerer Lehrer, die ferne und kalte Schule; Ihr seid die
Saumseligkeit, die Hartherzigkeit, die Lieblosigkeit Euerer Nebenmenschen.
Ihr seid der Beweis noch vielfach-irrenden mangelhaften Geschlechtes, die
Opfer eiserner und _doch nicht_ bindender Gesetze. Ihr seid der
Fensterladen eines Zahnarztes in England, den er mit allerhand bösen Zähnen
geschmückt, zum Beweise: was für ein braver Ausreißer er sei, was er für
Schmerzen gestillt und erregt. Ihr könntet euch freuen und stolz sein, wenn
Ihr die Opfer für das Glück eueres Volkes wär't, wenn um so viel schlechter
Ihr seid, alle jene Zurückgebliebenen nun besser wären, so wie der Wein,
der seine Hefen ausgestoßen. Aber -- aber! ich höre von Schiffen die noch
kommen sollen! Ich hörte Viele sich glücklich preisen, die -- meine Rede
hörten! Und wieder auch, daß sie kommen, ist der schönste Beweis für das
freieste Land! den besten König! Darum segnet Ihn, und segnet Altengland,
denn --

_Neuntens_, lehre ich Euch: Es hat Jemand ein Wort gesagt, das dem Jemand
Ehre und Schande macht, so einfach und albern, so schlecht und gerecht, so
erhaben ist es; der Jemand, der mit dem ersten Buchstaben -- Robespierre
heißt, sagte, als das seinem -- Menschenköpfe liebenden Gemüth mit
Himmelsgewalt abgepreßte Wort: »Das erste Recht des Menschen ist das Recht
zu existiren.« Und nur der Gegenhändler der Schöpfung, Satan, kann das
bestreiten -- wollen. Da aber _der_, welcher nun gütigst existiren darf,
ein von Gott mit Geist begabtes, nie ruhendes rastlos vor und
fortschreitendes Wesen ist, so ist ihm Glück, Bildung, Tugend und
Himmelreich mit der bloßen Existenz zugleich gütigst zugestanden. Mit
Glück, Bildung, Tugend und Himmelreich -- das bekanntlich und
lautausgesprochenermaßen nur in uns liegt, also in uns lebenden Menschen,
also nicht künftig erst wo da draußen in der Luft voll Goldstaub, der
Sterne heißt -- mit Glück, Bildung, Tugend und Himmelreich, ist dem
Menschen, also allen Menschen, allem Volke auf dem Lande, in den Städten
und Pallästen, summarisch: allem Pallast-, Stadt und Landvolke, der Weg und
jedes Mittel zu Glück, Bildung, Tugend und Himmelreich zugestanden! Und da
schon das bloße Himmelreich aus Friede, Freiheit und Gerechtigkeit besteht,
so ist Allen alle Weisheit, alle Lehre, alle Kenntniß zugestanden -- nicht
bloß schändlicher Weise: dreißig Tropfen davon auf Zucker, mit dem alten
Worte: Gott wird helfen! Und zu aller Weisheit und aller Lehre gehören
allem Volke mit dem bloßen göttlichen Rechte der bloßen Existenz: alle
Lehrer frei, alle Rede frei, alles Lernen frei, alle Schrift frei, in dem
Hause Gottes, wie ja in jedem Hause der Menschen. Nun hört mich: Wer nun
Einen oder Mehrere -- Menschen -- an der Existenz gefährdet, verliert der
den Anspruch auf _Bildung_, oder bekommt er Einen _mehr?_ Hat er sich
derselben als unbedürftig und unfähig gezeigt, oder hat er die unerläßliche
Nothwendigkeit: ihrer theilhaft gemacht zu werden, grade durch seine
schlechte That laut schreiend und unzweifelhaft an den Tag gelegt? Von der
Masse des Volks, die so fort faselt, faselt man: sie sei auf dem Wege zum
Guten, oder zum Bessern. Er, hat seine Unbildung, sein Herz, seinen Sinn
verrathen! Seine Tyrannei! Er, er sei wer er sei -- -- Er muß also gebildet
werden, fähig das Leben zu leben, und Andern zu helfen, diesen Schatz zu
heben. Dazu nun darf der Mensch der menschlichen Gesellschaft, die ihn
allein nur bilden kann, nie beraubt werden, am wenigsten aber -- seines
Kopfes, als welchen er eben am nöthigsten braucht. Christus hat zwar den
Teufeln erlaubt: Säue in's Meer zu stürzen, aber den Menschen nicht:
Menschen vielleicht in _die Hölle_ (und -- »Viel besser ist nun ein Mensch
denn ein Schaf;« Matth. XII 12.), denn es wäre ein ganz unverzeihliches
»dahero retour!« _dem Himmel_ in Armesünder-Kleidern Kandidaten zu schicken
-- die der Erde zu schlecht sind, weil man glaubt: Gott _müsse_ verzeihen,
die sündigen Menschen brauchen es nicht; ja es wäre ein Mißbrauch der
Unsterblichkeit, weil sie nur ewiges Leben ist, zu welcher auch _dieses
Leben_ gehört. Denn Lucä II. 35. steht ein gar bedenkliches Wort von denen:
»Welche aber _würdig_ sein werden, jene Welt zu erlangen, und die
Auferstehung von den Todten!« Demnach kann und wird es also Viele geben --
die da nicht würdig sein werden. Und man kennt sie schon hier. Der
_Abgethane_ aber, wie man so bequem die so bequem gemachte Sache ausdrückt,
ist verloren für seinen Zweck auf der Erde, für sich und die Menschheit.
Wie der Baum fällt, bleibt er liegen. Wenn _man_ nun des _Beispiels_ wegen
abthut, unbetrachtet: daß _man_ Niemandem die Nase abschneiden soll, um den
Andern eine Maske zu machen -- und jede Verstümmelung wird, -- außer das
Kopfabschneiden -- mit dem Tode bestraft -- ist _das_ nicht im Gegentheil
grade das _beste_ Beispiel, welches man dem Volke geben kann: daß
verwiesene Verbrecher gute Menschen werden, die ihren göttlichen Zweck noch
erreichen! Was bedarf ein Gefallener eher als des Aufhebens, des Tröstens,
nicht des in die Erde-Tretens! Was bedarf ein Böser mehr, als guter
Menschen, daß er bei ihnen bleibe, bleibe wie sie, und nicht wieder falle.
Man _zähmt_ das Thier, und _lehrt_ den Menschen! -- dann wehrt er dem Bösen
selber. So wird edel und wahrhaft auch für _die Sicherheit_ gesorgt -- denn
eben nicht die, welche Böses verübet, sind am meisten zu fürchten, sondern
die Freiwandelnden, noch Unerkannten; und so gäbe es keine äußere gnügende
Sicherheit, selbst wenn um jedes Haus eine wolkenhohe Mauer gezogen würde,
und jeder Mann und selbst die Wiegenkinder schußfeste Harnische als
Kleidung trügen. Aber -- ein gutes Herz bewacht sich selbst, den Nächsten
und ein ganzes Reich, ein guter Gott die ganze Welt. Also den Störer der
Menschheit bilden, ihn seinen Zweck erkennen lehren, Gut und Böse
unterscheiden, den Trieb zum Guten zur Blüthe bringen und dazu ihn der
gewohnten Gesellschaft die nöthige Zeit lang entziehen, ihm mit den
Mitteln, deren sein verstocktes, verworrenes, verdunkeltes und reuiges Herz
fähig und bedürftig ist, ernst und stetig beistehen als Einem an dem Herzen
oder dem Geiste _Kranken_ -- und der Lasterhafte ist der leidendste Kranke
-- ihm Arzt und Pfleger verordnen; wenn er geneset, wenn er schwach noch
schwankt, einen Führer zu geben, _das_ hielt der Königliche Stifter von
Bontanybay, von Georgtown und Hobarttown für seine königliche Pflicht. Denn
wenn ein furchtsamer Hase trommeln lernt, der Canarienvogel eine Kanone
abfeuern und ein Floh eine Kutsche ziehn -- wenn ein Mensch sich _die_ Mühe
giebt, die Geschicklichkeit das zu lehren und die dazu erforderliche Geduld
hat, dann soll ein Volk sich schämen, das mit seiner Männer Weisheit es
nicht dahin bringt, daß ein Mordbrenner über die Brandstätte mit
Kindergebeinen _weint_, und weint das Haus wieder aufzubauen, und weint,
»daß diese Gebeine wieder lebendig werden!« Aber freilich ist kein Ruhm und
kein Verdienst dabei, als -- eine Seele zu erretten. Und bessern schwere
Ketten und dumpfe Mauern, schlechte Kost und harte Schläge, Zuchtmeister
und Spießgesellen und Ränkemeister? oder -- die Lehre und das Beispiel, der
Umgang mit festen guten Menschen mit einem Worte: das Leben? Und so lernt
Ihr hier leben! Euer Leben ordnen Männer, die gleichsam die
_Seelenverwandlung_ deutlich machen, die selbst wie aus Bären in Menschen
gefahren sind, und die nun weder mehr zerreißen, rauben noch tödten wollen,
sondern mit der Glut der Erkentniß warnen, bewahren, lehren und bessern.
Niemand ist zuverlässiger als ein gebesserter Mensch. Er hat gelernt, ja
erfahren, und er wird es nie vergessen: daß das Böse bös ist, und das Gute
gut, was jedes Kind begreifen sollte, und was einzusehen den Meisten doch
so viel Leiden und Reue kostet. Darum ist Euer Kerker: das Wohnhaus des
Gerechtwordenen, Euere Spießgesellen sind: gute Kinder und ein frommes Weib
-- Eure Ketten: Bande der Liebe! Euer Zucht- und Arbeitshaus: die schöne
Natur, die Euch zuflüstert Worte des Vaters, und Nachts das Kreuz aus
Sternen über Eueren Häuptern glänzen läßt, und Euch umfängt, trägt, segnet
als ihre liebsten Kinder! Wenn Ihr das empfindet, ach, dann vergeht nicht
in Reue -- sie will Euch selbst mit ihrer Liebe nicht tödten, nein,
erwärmen, beleben, wieder an's Herz des Vaters ziehen.

Aber ich hab' Euch kein Wort von Euerer _Strafe_ gesagt? Unsere Strafe
sollte bis heut noch _Rache_ heißen, denn Strafe als _Strafe_ ist Rache;
wahre Strafe ist aus der mildesten Liebe fließende Warnung, Führung zum
Rechten und Guten, wenn auch auf rauhen Wegen, durch bittere Mittel. So
strafet selber die Gottheit, und der Gestrafte wird bei ihm der Gesegnete
vorzugsweise. Drüben auf den Sandwich-Inseln opfern sie ihren Götzen
Menschen. Wir: alten fratzenhaften Gesetzen. Sind die Worte: »Beispiel,
Strafe, Sicherheit,« etwas Anderes als Götzen, mexikanische, unchristliche
Götzen! Gestehen wir nur, es ist selbst in Altengland noch ein gut Theil
jüdischer Rache, aus den Zeiten der Wüste, darin erscholl: Auge um Auge!
Zahn um Zahn! Keine Vergebung! Keine Menschlichkeit, keine Göttlichkeit!
Und wie Mühl-Rosse konnten die Rechtsgelehrten aus _ihrer_ Mühle: dem
_Rechte_ keinen Ausgang finden, weil barbarische Römer, Republik-Männer
ohne Herz und christliche Liebe -- die sie noch nicht haben konnten bis
Christus erschienen, auf _ihnen schädliche_ Verbrechen den Tod gesetzt;
weil Jemand schlecht geboren: ihn zu hängen, weil er schlecht erzogen: ihn
zu rädern, weil er verführt, verwöhnt, verloren: ihn zu köpfen. Da erschien
fortan und auf immer die Quelle _aller_ menschlichen Gesetze. Wen hat, oder
wen hätte Christus kreuzigen lassen, wenn Er am Palmensonntage König der
Juden geworden? Selbst keinen Juden! Keinen Pharisäer -- er _lehrte_ sie,
denn Er war Christus und _ist noch Christus, der Herr aller Herren auf
Erden_. Und Wer sich zu Ihm bekennt -- _ein Jeglicher_ soll _gesinnt_ sein,
wie Jesus Christus auch war! Also doch wohl vor allen andern: Papst und
Jesuiten, Könige und Räthe, _Gesetzgeber_ und _Richter_. Unfehlbar!
unerläßlich! Furchtbar, wenn nicht unfehlbar! Unerläßlich, wenn nicht
unerläßlich! Wann wird Petrus aufhören, Christum zu verleugnen? oder wer
statt _Petrus_ es thut! Wann werden Christen anfangen: Christi Gesetze zu
Gesetzen zu machen, da doch das schauderhafte Parlament in Frankreich durch
einen eigenen Beschluß Gott erlaubte: Gott zu sein! und dieser Gott sprach:
Dieser ist mein lieber Sohn, Den sollt Ihr hören! und dieser sein Sohn
sprach: Was heißet Ihr mich aber Herr! Herr! und _thut nicht_ was Ich Euch
sage? -- Jetzt aber kniet Alle nieder, und betet ein inbrünstiges
Vaterunser für Alle, welche -- sie wußten nicht was sie thaten -- Menschen
hängen, köpfen, rädern, spießen, mit glühenden Zangen zwicken, mit Pferden
zerreißen _ließen_, oder selber zerrissen, es war nun zur Ehre Gottes, oder
zur Rache für Menschen. Kniet und betet! ich bete still mit Euch! -- -- --
-- Und nun hört das Göttlichste, was auch Christus gesagt hat, als das
Furchtbarste in dieser Welt; hört, was Er sprach: »Wenn aber des
Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit, und alle heilige Engel mit
ihm; dann wird Er sitzen auf dem Stuhl seiner Herrlichkeit. Und werden vor
ihm alle Völker versammelt werden -- (auch Jene, welche die armen sündigen
Menschen enthaupten, verbrennen und mit Pferden zerreißen ließen). Und Er
wird sie von einander scheiden, gleich als ein Hirt die Schafe von den
Böcken scheidet. Und Er wird die Schafe zu seiner Rechten stellen, und die
Böcke zur Linken. Da wird denn der _König_ sagen zu denen zu seiner
Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbet das Reich, das
Euch bereitet ist von Anbeginn der Welt. _Denn ich bin hungrig gewesen_,
und _Ihr_ habt _mich_ gespeiset. _Ich_ bin durstig gewesen, und _Ihr_ habt
_mich_ getränket. _Ich_ bin ein Gast gewesen, und _Ihr_ habt _mich_
beherbergt. _Ich_ bin nacket gewesen, und _Ihr_ habt _mich_ bekleidet.
_Ich_ bin krank gewesen, und _Ihr_ habt _mich_ besuchet. _Ich bin gefangen
gewesen, und Ihr seid zu mir kommen_. Dann werden ihm die _Gerechten_ (oder
_Gerichten_) antworten, und sagen: Herr, wann haben wir _Dich_ hungrig
gesehen, und haben _Dich_ gespeiset? Oder durstig, und haben _Dich_
getränket? Wann haben wir _Dich_ einen Gast gesehen und beherberget? oder
nacket, und haben _Dich_ bekleidet? _Wann haben wir Dich krank oder
gefangen gesehen, und sind zu Dir kommen?_ Und der König wird antworten und
sagen zu ihnen: Wahrlich, ich sage Euch: _Was Ihr gethan habt Einem unter
diesen meinen geringsten Brüdern, das habt Ihr Mir gethan._ -- Und nun
seht, auch Jene, die geköpft oder köpfen lassen, verbrennen, rädern, mit
glühenden Zangen zwicken, mit Pferden zerreißen. -- -- Wem, ich frage, und
Gott sagt es: Wem haben Sie _das_ gethan? mir schaudert die Wahrheit zu
legen! aber mit Schaudern sag' ich die Wahrheit: sie haben es Gott gethan,
denn _Mir_ habt Ihr es gethan, spricht Christus. Ihr aber verstummt vor
Entsetzen, und betet noch ein inbrünstiges Vaterunser! -- -- -- -- Und nun
steht auf von Eueren Knieen! denn --

_Zehntens_, begrüße ich Euch: So seid denn aufgenommen durch die Gnade des
Königs in diese große, freie Lancaster-Schule! Er läßt seine christliche
Gnade über das alte heidnische Gesetz walten, an denen, die _das Gesetz_
nicht, sondern die Menschheit beleidigt haben; in ihrem Namen hat Er Euch
vergeben, und ließ Euch nicht an einem -- wohlfeilen -- Stricke in eine
andere Welt fahren, nein, im Schiffe in das neue Leben, wohl versehen, wohl
bewirthet, wohl empfangen und eingerichtet, in ein schönes Land wie
Elysium, einen einsam gelegenen blühenden Genesungsgarten. Daß er Millionen
kostet, bedauert Er nicht, da _das kranke Kind_ dem guten Vater Ersparniß
zum Verbrechen macht, da Ihr die _Verwundeten_ im Kriege des Lebens seid,
in dem das Menschengeschlecht wie ein unermeßliches Heer in ewigen Kämpfen
dahin zieht, die eben so viele unsterbliche Siege sind. Daran erfreuet Euch
hier, einsam genesend und lernend, aus der Ferne. Die Erde ist das echte
Vorbild auch _dieser_ Lancaster-Schule, wo ja Einer den Andern erzieht,
lehret, pfleget, warnet, heilet, ernähren hilft, und wieder von ihnen
beschützt, genährt und geliebt wird. -- Die Erfindung lag so nahe! Aber sie
war zu einfach und groß, und das Nächste ist oft das Fernste, weil reine
helle Augen dazu gehören, es zu schauen, und eine vorurtheilsfreie Seele,
von keiner Gewohnheit, von keiner Furcht, nur von Liebe eingenommen.
Benutzt diese Schule wohl! Duldet, ehret, warnet, lehret, liebet einander.
Gleicht nicht dem übrigen Menschenvolke, wo Einer den Andern vor einer ihm
oder den Nebenmenschen schädlichen That _nicht_ warnt, ihm zu einer guten
_nicht_ hilft, ihn durch Handel und Wandel, durch Streit und Rache in
Krankheit, Armuth und Elend, in Haß und Verachtung rennen läßt, wenn er ihm
vielleicht nicht die Grube selber gräbt! Welche aber das wissentlich thun
oder auch nur geschehen lassen, denn die Sünde der _Gleichgültigkeit gegen
Böses_ und _Gutes_, und die daraus quillende Unterlassungssünde ist die
unverzeihliche Sünde gegen den heiligen Geist -- _die_ wird der
Gewissensrichter dereinst aus dem Himmel in die Hölle exportiren lassen,
wie Diejenigen von Euch _Deportirten_, die unverbesserlich sich stellen
oder _scheinen_ -- das sag' ich der Menschheit und Gott ihrem Künstler zu
Ehren -- _Exportirte_ werden, Verlassene, Ausgesetzte ohne Weib und Kind,
ohne Rath und That, auf wüstem Eiland! Aber weil _Gott_ will, daß Allen
Sündern geholfen werde, darum --

_Eilftens_, stelle ich Euch Euer Ziel: Sittlich, und bürgerlich frei und
selbstständig sollt Ihr werden -- statt furchtbar: fruchtbar, statt ehrlos:
ehrbar, statt nichtswürdig: vielwerth! Mein Gott! Ihr sollt ja Nichts, als
Euch den Hudeleien der Menschen entziehen durch gehaltenes Leben; den
Plackereien der Richter, Constablen und selbst der Gesetze, durch
Schuldlosigkeit; den bösen Gläubigern und unbarmherzigen Mahnern durch
Schuldlosigkeit; allen Zwischenhändlern zwischen Menschen und Satan, die
das Himmelreich aufhalten sich niederzusenken, wie die glühende Wüste die
fruchtbare Wolke über sich weg jagt, durch stillen Wandel nach menschlichem
Ziel. Und verlangt keinen Lohn dafür: daß Ihr gut seid; der Strebende wäre
unvernünftig und vorlaut, der richtig Wandelnde unbescheiden, ja frech,
nicht klar über sein Glück im Herzen und durch sein Herz! O Himmel! der
Himmel hört es und sieht es: Der schönste Lohn des Lebens ist das Leben,
das reine menschliche Leben, und ferner sich liebend und glücklich zu
fühlen. Das macht die Menschen geringe, wie _man_ sie vielleicht haben
will, legt sie an irdische Ketten, und prägt ihre unsterbliche Seele mit
dem Bilde des Kaisers, nicht Gottes, daß sie wegen ihrer Pflicht gelobt und
belohnet -- abgelohnet -- werden, und mit Dingen, die kein Lohn, sondern
oft nur Fröhnung der Eitelkeit und Verführung des Sinnes vom Leben sind, zu
stolzer Erhebung über den Bauer im Kittel, der statt des Ordens darauf, ein
redliches Herz darunter trägt und mit herzlicher Gnüge arm und ungeachtet
ist. Aber -- ein Feld es zu bauen, ein Haus zum wohnen, ist nur der Ort und
das Mittel zu leben und zu wirken, und das gönnet Se. Majestät Jedem von
Euch, der es aus reinem Drange zu echtem Leben, bedürftig, der mündig ist,
und frei vom Gesetz. Die es aber noch nicht fähig sind, diese leben bei
Andern, welche sie getreu zu leben lehren. Das ist eine _Strafe_, die den
Menschen besser macht, das ist ein Lohn, der dem Menschengeschlecht
ertheilt wird in Euch. Denn was _schaden_ denn eigentlich alle Vergehen und
Verbrechen, warum sind sie so nachtheilig, daß man glaubte, sie sogar mit
dem Tode, dem ganz außer Thätigkeit Setzen des Fehlenden bestrafen zu
müssen? (denn dem zu schwer Bereuenden _die Last des Lebens_ abzunehmen,
ihm aus Liebe, aus Hülfe für seine zerrüttete Seele den Tod und den Himmel
zu geben, ist wohl in keines Henkers Herz gekommen;) -- Das schaden
Vergehen: der Verbrecher raubt _sich_ und Andern _die Zeit_ und die Mittel
zum wahren Leben, zum arbeiten, froh und gut zu sein. Denn die Zeit ist das
unschätzbareste Material dessen wir bedürfen, und nichts anderes als Zeit,
wenn wir es recht verstehen, bedarf die ganze Welt! und auch Ihr nur: Euch
zu bessern, ich: Euch zu lehren. Wenn aber Andere meiner Amtsgenossen ein
halbes Stündchen am Sonntag lehren, und die übrige Woche die Menschen wenig
erbauen, und wie unsichtbar sind, so will ich alle Werkeltage über von
Morgen bis Abend bei Euch sein, daß Christi Wort Euer täglich Brot wird,
und am Sonntage wollen wir unser Herz und unsern Sinn _erbauen_, als den
Tempel Gottes und der seid Ihr!

_Zwölftens_ bete ich: Der Herr segne Euch und behüte Euch! Er sei Euch
gnädig, und gebe Euch Frieden!« --

                   *       *       *       *       *

Das war eine Casualpredigt, ganz ad homines! Zu Anfang einschneidend,
wühlend wie nach der Kugel in der Wunde, nach dem Pfahl im Fleisch; dann
schmerzlindernd, tröstend, erhebend, zuletzt Balsam aus Mekka, Wein aus
Bethlehem. Es war große Bewegung unter den Deportirten! Der Geschworne,
Herr Wardrop, gab Zeichen großer Herzensangst von sich. Der
Fleischhauermeister Cornbull griff mit der Hand in die Tasche; sein blinder
John rollte die Augensterne, und wollte gern den Prediger sehen! Limmerik
nannte ihn einen Mammuths-Pfarrherrn! Herr Tydal blickte gerührt auf meinen
Hund Phylax, der auch nicht fehlen wollen. Alle waren bewegt, nur die
Weiber waren -- geputzt; wie die Weiber sind.

In der Kirche hatte Clarke seinen Vetter, den Maler Tydal herausgefunden,
und sie gingen dann beide Hand in Hand hinaus in die Gefilde, um die
schönsten Aussichten für ihre Landschaften aufzusuchen. Sie wollten sich
nach acht langen Tagen wieder genießen, und ihre Leiden klagen, sagte Herr
Tydal mir lächelnd, worüber Clarke die Augen niederschlug. Ich konnte
dawider nichts haben, und blieb allein mir selbst überlassen; aber es that
mir weh. O, was ist ein Freund in der Fremde für ein Schatz! Mittheilung
des Neuen, Erinnerung des Alten, Vergleichung der Heimath und der Fremde,
und jeder Genuß wird durch ihn erst recht lebendig. Einen Freund in der
Ferne neben uns -- und wir sind nicht entfernt, nur wie entzaubert auf
einen Tag! Und wieder in der Heimath haben wir an ihm die Fremde! Er hat
ihren Duft eingesogen, wie die Veilchensteine auf den Gebirgen; er glänzt
von ihrer Sonne, wie der Bononische Stein. Er hat gesehen, was wir gesehen;
und wenn wir ihn daheim betrachten, können wir wähnen, er sehe das Alles
noch, und wir stünden nur abgewendet, mit dem Rücken gegen die sonnige
Landschaft. Aber mit einer Geliebten reisen, dächt' ich, müßte dasselbe,
und noch ganz etwas Seligeres sein, vorzüglich, wenn sie dann in der
Heimath unser Weib ist. -- Armer Lambton! es giebt so viel reine Seligkeit
in der Welt zu genießen, die so heimlich, und doch so gewiß vorhanden ist
-- wem sie gewährt wird. Aber die Gesegneten beschreiben sie nicht einmal
uns andern armen Menschen -- sie genießen sie nur. Ich denke immer: noch
kein Glücklicher hat ein _Buch_ geschrieben, höchstens einen Brief. Darum
machen die Bücher auch nicht glücklich, sie zerstreuen bloß die
Gleichgültigen oder Unglücklichen; nur das _Leben_ beseligt. Wer nur recht
leben könnte! Oder wem nur das beste Glück des Lebens gewährt würde -- wenn
Ich es nennen sollte, ich nennt' es nach meiner Art: Lisanna! Hätt' ich
dann nicht Alles, was Ich mir wünsche? und ich weiß ja die Stelle
auswendig:

   Der, wer des Lebens beste Güter hat,
   Begehre nicht die kleinen auch zugleich!
   Im Großen und im Ganzen segnet' ihn
   Ein Gott; und macht die Sonn' ihm hellen Tag,
   Was soll ihm all' der kleinen Kerzen Schein!

Des Armen bestes Gut ist Wünschen und Hoffen. Hab' ich doch nun mein eignes
Bett: von Lisanna berührt, und kann unbemerkt und ungestört träumen und
weinen -- wenn Clarke die Nacht seufzt, ja stöhnt. So lange Er seufzt, bin
Ich glücklich! Wenn er nur auch weinen wollte! dann könnt' ich lachen --
aber ich würde nicht!

                   *       *       *       *       *

Weihnachts heiliger Abend 1820.

In Altengland ist heut' Christbescherung, und die Christkinder -- -- wer
sie wohl eigentlich sein sollen! wohl gar -- -- oder doch Engel -- sie
schweben mit ihren großen goldenen Flügeln und Kronen in dem sternehellen,
blinkenden Winterabend, wie von den Sternen hernieder, um die Hütten der
Menschen, und treten mit ihrem himmlischen Gruß hinein zu den Kindern, mit
ihrem Körbchen mit Geschenken voll eigenen Duftes; und die Kinder weinen
vor heiliger Scheu, und verstecken sich hinter der Mutter. Auch die arme
Lady Theano wird vor dem Christbaum sitzen und weinen und Marion wird ihr
Alles bescheren -- nur ihr Kind nicht, das arme schöne Kind! Daniel ließ
sich niemals nehmen, den Knecht Ruprecht zu machen, so gern ich es neben
Marion gewesen -- gewesen! Nun hat er freien Platz. Nun freut Euch nur in
Rowlandhill mit Schneebällen -- hier _blühen_ die Schneebälle, hier stehen
die Gefilde in voller Pracht; ja, das Jahr schickt sich gemach zur Ernte.
Auch diese Vergleichung mit Sommer und Winter, dieß süße Wissen, daß beide
zugleich sind, dieß Hinüberempfinden und Herziehen im Geist, ist eine von
den so heimlichen, und doch so gewiß vorhandenen Freuden in der Welt. Ich
muß mich auch an solche halten. Andere habe ich keine erlebt. Doch stille
Wunder giebt es hier viel. Wenn ich hier wieder durch Blumen und blühende
Pflanzen ziehe, die mir bis an den Gürtel reichen, wähn' ich wieder: ich
bin ein Kind, wie einst, als sie mir um die Brust leuchteten! Aber sie
waren mir nur so groß, weil Ich so klein war. Denn, wenn ich neben meiner
Mutter einzigen Ziege stand, war sie höher als ich; selbst die Lilie war
größer als ich, ich mußte sie beugen, um in den Kelch zu sehen, und zu
riechen. Es ist ganz richtig, daß jeder glaubt, eine Welt verloren zu
haben, wenn er kein Kind mehr ist; ich glaubt' es auch, und konnte sie nie
vergessen. Das zog mich auch so zu den Kindern, daß ich lieber nicht mochte
Vicar werden. Und einen Schulmeisterposten sollte man im Grunde theurer
verkaufen, als eine Stelle im Parlamente; denn sie erhält uns das Paradies
um uns. -- Hier nun mitten in den hohen Blumen auf den unabsehlichen Wiesen
fand ich, Kinderloser, jene erste, liebliche Welt nun wieder; ich bin
wieder im Jugendlande, im Paradiese. Froh in ihm wandelnd, habe ich ein
Herbarium vivum angelegt, und nicht aus dem Grunde, aus welchem mir Doctor
Toland freundlich dazu gerathen, scilicet in England ein groß Stück Geld
dafür zu lösen! Ich lege die Blumen und Pflanzen nur sauber in die Bogen,
schreibe die Zeit dazu: wann, und die Gegend, wo sie blühen, ob hoch oder
niedrig, feucht oder trocken, und sammele ihren Samen unter Nummer einer
jeden. Den Namen weiß ich kaum von Einer; ich glaube, sie haben auch
keinen, wie Findelkinder; wer sie findet, _benennt_ sie. Aber das
untersteh' ich mich nicht, weil ich es nicht verstehe. Es muß aber nicht
gut sein, die Namen schöner Blumen zu wissen; denn wenn ich welche bringe,
und Dr. Toland Eine oder die Andere sieht, sagt er nur: Aha, das ist diese
oder jene -- -- perennis, diese oder jene palustris; dann hat er Alles
gesagt, und läßt die Blume Blume sein! Mir aber stehen noch die Augen auf
ihr fest, und gehen mir über. Behüte doch Gott jede Blume vor einem Namen!
Ich glaube, es wäre auch besser, wenn die Menschen keine hätten, besonders
keine Titel, z. B. Schulmeister. Die Leute sprechen dann nur wie Doctor
Toland: Ah, das ist der und der -- und kehren Einem den Rücken, wie Mistriß
Distreß, ohne zu denken, daß man ein Mensch ist, _zuerst_ und _zuletzt!_
Und die Rücken gefallen mir einmal nicht, weder an Frau noch Mann; sie
sehen alle aus, wie Bracteaten auf einer Seite geprägt.

Clarke hat Sir Samuel gemalt, und so getroffen! Die hohe gefurchte Stirn,
die zusammengezogenen Augenbraunen, das düstere und doch feurige Auge, den
Mund so bitter lächelnd. Das Bild ist darum fast ganz Sir Samuel, weil es
auch nicht spricht. Ich dächte, man könnte nur einen Todten im Bilde ganz
ähnlich finden, weil er uns in der Erinnerung lebt, und das Bild auch nur
Eine Miene, Einen Augenblick darstellt. Das ist das Elend der Bilder! Man
sollte tausend von jeder Landschaft, von jedem Menschen haben, nur ein Jahr
betrachtet, wenn sie noch hinreichten! Auch die alte Russel hat er
verdoppelt, und nennt sie einen schönen Kopf! Wenn man sie lieber könnte
ein gutes _Herz_ nennen, wär' es für uns Alle besser; und doch versteht
sich die alte Hexe auch auf Malerei, und giebt ihm Rath; und als ich mich
mußte malen lassen, gab sie mir die Stellung, und ich mußte sie beständig
ansehen, während sie strickte. Ich konnte den schönen Kopf nicht an ihr,
oder auf ihr finden, besonders da Lisanna hinter ihr stand, wie die Rose
auf dem Dornstrauch. Doctor Toland hat die Bilder in der Stadt gezeigt, und
Clarke's Glück ist gemacht. Alles will sich malen lassen, und den Seinigen
nach England senden. Die Hoffnung bezahlt der Mensch am theuersten, und so
verdient er viel. Sir Samuel hat ihn auch von den Lämmern genommen, und ich
weide allein meine Unverbesserlichen. Clarke hat Lisanna's Bild, das er
noch vollenden zu müssen vorgiebt, auf unser Zimmer genommen. Es hängt über
seinem Bett! Dadurch seh' Ich es freilich besser -- ach, und seh' auch, daß
es sein ist, und Sie vielleicht bald dazu. Denn Sir Samuel befördert nicht
ihr Beisammensein, das sei ferne -- er kümmert sich so gut wie gar nicht um
das Glück oder Unglück des armen Kindes; und die Russel -- verkaufte sie
sogar, wenn van Diemensland von französischen Schiffen besucht würde! Am
Ende muß ich Lisanna's Schicksal segnen, wenn sie nur noch Clarke's _Weib_
wird! O Himmel, Lambton! Letzthin besah' ich Clarke's Blätter in seiner
Mappe während seiner Abwesenheit, und fand zwei Gedichte hineingeschoben.
Wer malen kann, kann am Ende auch dichten, oder vielleicht gar schon vor
dem Malen. Ich trau' es ihm zu: denn welche schöne Hand schreibt er, so
gleich und leicht, als wenn er nie einen Apfel aufgehoben hätte. Ich
schrieb sie mir ab. Das Erste »Gemeinsamer Stoff« überschrieben, lautet --
ja wirklich, es lautet mir immer in den Ohren:

   Wenn ich die Rosen seh' im Mondenschein
   So dämmernd blühn wie Er, und ihr Gedüft
   Mich würzig anhaucht, so wie seines -- wenn
   Die Stillgeliebte mir so sanft daherkommt,
   So Licht-beglänzt, wie Nachtgewölk am Himmel,
   Mir ihre Stimme bang und reizend klagt,
   Wie Nachtigallen im Gebüsch; wenn Ihr
   Im schwarzen Haare nun Johanniswürmchen,
   Die Ich Ihr in die Locken eingestreut,
   So golden schimmern, wie die goldnen Sterne,
   Wenn Ihr die Thränen auf den Wangen schimmern,
   Die sie um mich geweint, wie Thau auf Lilien --
   Dann scheinet mit Entzücktem Alles, Alles,
   Die Rosen und der Mond, die Nachtigallen,
   Die Feuerwürmchen und die Sterne, ja
   Die schlummernde Geliebte, und ich selbst
   Mir nur aus Einem Stoff gewebt, und Alles
   Scheint mir so selig, wie ich selber bin!
   Ich küsse dann die Rosenknospen, statt
   Der Lippen meiner hold Entschlummerten!
   Küß' Ihre sanftgeschloßnen Augenlieder,
   Wie das Gewölk, das leicht den Mond bedeckt!
   Und wenn Sie mich an ihren Busen drückt,
   Geschieht mir, als umarmte mich Beglückten
   Die heil'ge Nacht! die schöne Frühlingserde!

Es trifft Alles zu: Lisanna's schwarze Locken, die großen
Blumenglocken-artigen Augenglieder, die Lippen wie Rosenknospen, und auch
die Johanniswürmchen fliegen jetzt! Aber das folgende Gedicht zeigt schon
von früherer Vertraulichkeit: denn der Nordschein blühte ja gleich die
ersten Wochen, als wir hergekommen. Ach, wehe Dir, Lisanna, wenn es nur
nicht auch von genauerer, vielleicht sogar verbotener zeugte. Aber, daß
sich die Verliebten solche Gedichte geben! Ich schämte mir die Augen aus.
Aber Clarke malt auch Manches als von hier, was ich doch nirgends _hier_
gesehen habe. Doch ach, Lisanna spinnt ja, sie hat ein kleines Stübchen!
Der feine Flachs, der Berg, die alten Weiden -- o es trifft Alles! Ich will
es mir zum Jammer herschreiben, das Gedicht, wenn es eins ist, --
vielleicht auch nicht!

   Wir mochten endlich eingeschlummert sein --
   Doch Traum und Schlaf sind göttlicher Natur,
   Und kennen selig nicht das Maß der Zeit! --
   Da stieß mich leise die Geliebte an,
   Und zeigte mir der Morgenröthe Glanz,
   Die wallend in das freundliche Gemach
   Wie eine Rosenflut vom Himmel floß;
   Und blinkend schien das reinliche Gefäß
   Vom Simms der Wand und schattete sich ab;
   Und glimmend, und doch nicht entlodernd, schwamm
   Im kühlen Feuerglanz der feine Flachs
   Geröthet, und die Spindel eingetaucht,
   Womit die Liebliche des Abends spann,
   Und jedes Eckchen glomm von Licht erfüllt,
   Daß selbst die Spinne an zu weben fing,
   Ihr Tagewerk beginnend, und der Hahn
   Erregte laut die ganze Nachbarschaft
   Und alle krähten rings den Morgen an.
   Da trieb Sie mich mit bangen Küssen fort,
   Und ich, der ich nicht bleiben konnte, ging,
   Noch oft zurückgewandt zum kleinen Haus.
   Der Sonne wartend, steh ich auf dem Berg'
   Nun einsam hier, und sehe ganz erstaunt
   Das Morgenroth erbleichen und gemach
   Und allgemach erlöschen, aber nicht
   Und immer nicht die Sonne mit dem Blitz'
   Erscheinen! ja dagegen treten leis'
   Die größeren Gestirne wieder vor,
   Und selbst der kleinen Silberflimmer blinkt
   Aus lichter Bläue; rauschend flammt der Wald,
   Denn feurig geht der Vollmond gar nun auf!
   Die Lerche, die schon an zu singen fing,
   Steigt wieder stumm, getäuscht und wie beschämt
   Vom Himmel nieder in die junge Saat!
   Bang ächzend schwirrt die Eule wieder um,
   Die alte Weide leuchtet wie ein Geist,
   Und nach der Sterne Stand ist's Mitternacht!

   Ist's nicht genug, daß Menschen Liebende
   So oft beleidigen? -- Nun fängst du selbst,
   O Himmel, sie zu täuschen an, und schickst
   Als Irrlicht gar das schöne Nordlicht mir?

Das war ein Schweres! Ja »Nordlicht« ist es auch überschrieben. Aber ich
stehe mit meinem Kopfe für Lisanna, daß sie ein Engel ist, an Reinheit und
Liebe. Ach, ich hab' es da selbst gesagt: an Liebe! Auch die Engel lieben,
und sollen ja lieben! Wenn man nur nicht auch die Engel lieben müßte! --
Doch dabei will ich ein redlicher Schulmeister bleiben, und ihr in der
Sonntagsschule das sechste Gebot so treulich erklären, als wenn sie mein
Weib werden sollte. Und wenn mir Gott Kinder und Halberwachsene genug
zuschickt, nimmt mir Sir Samuel auch das liebe Vieh und die Kälber ab, wie
Clarken die Lämmer, was wohl darum geschah, weil er sie immer nur
hingejagt, wo schöne Aussicht war, bis auf die höchsten Berge, wo Tydal
saß. Aber auch auf Clarke möcht' ich trauen! Ich seh' und hör' ihn selber
so gern! Er ist lange in London gewesen, und weiß tausend Dinge Lisannen
und den malayischen Mädchen zu erzählen, und ich nicht einmal viel von
Rowlandhill, wo ich nur erst zwei Jahre Schulmeister war. Was erfährt _der_
in der Schule? Die Kinder wollen von _ihm_ erfahren, und das Wenige, was
ich von Lady Theano und Sir Horazio etwa weiß, hatte mir die Russel in
einigen Abenden schon abgefragt. Ja Clarke gefällt auch den Männern durch
sein feines Aussehn, welches sie ihm doch nicht beneiden! Er ist so
gewandt, so angenehm, und mischt, mit ungewöhnlicher Höflichkeit von Mann
gegen Mann, oft sogar kleine Schmeicheleien für sie mit ein. Freundlich
gegen den Geringsten, hülfreich selbst den Weibern in der Küche, und Miß
Lisannen beim Sticken einer Geburstagsweste für Sir Samuel, wozu er ihr
Blumen gezeichnet, ist er der Liebling im Hause. So rohe Scherze wir
anfangs von den Hausgenossen, vor allen aber von dem frechen kleinen
buckligen Hobday über die Mädchen, und selber Lisannen, anhören mußten, und
so sehr ich mich bestrebte, in ihrer unvermeidlichen Gesellschaft nichts
aufkommen zu lassen, was mich als Schulmeister oft zwang, brummend
fortzugehen: so muß ich doch Clarke die Ehre geben, daß Er durch seine
glückliche Unterhaltungsgabe, durch die Gegenstände seines Gesprächs, durch
Abbrechen desselben und Hinwerfen eines neuen, endlich -- wenn auch nicht
das schöne Gefühl der Schamhaftigkeit in Hobday und Consorten erweckt, doch
eine gewisse Scheu in seiner Gegenwart ihnen aufgelegt hat, deren
Gewohnheit sie bändigt, auch wenn er nicht da ist. Das freut mich um
Lisanna's willen, die ganz unglücklich wäre, wenn Sir Samuel und Frau
Russel nicht beständig wegen ihr uneins wäre, so daß Eines von ihnen sie
immer niederdrückt, wenn das Andre sie aufrichtet. Was ich mich nicht
getraue, aus falscher Schamhaftigkeit, thut Clarke: er tritt auf ihre
Seite! Dafür segnet ihn der Herr sichtbar. Er ist ordentlich dick und fett
geworden, als sollt' er hier Mayor werden. Ich würde es dem gesunden Klima
zuschreiben, wenn Ich nicht hagerer und blässer würde! Aber auch Er sieht
dabei blässer und bekümmerter aus. Auf einem dicken Bauch steht also _nicht
immer_ ein fröhliches Haupt. Er läßt sich auch verlauten, er wolle sich in
der Stadt wo einrichten. Frau Russel, der er gefällt -- und wer der Mutter
gefällt, den soll gewöhnlich die Tochter heirathen -- hat ihm, horribile
dictu, Lisannen angetragen! Und er macht Ausflüchte! Sie ist ihm
wahrscheinlich zu arm. Mir sollte sie das versuchen! Ach, und doch wie
unglücklich würd' es mich machen, wenn mich Lisanna liebte -- dann ginge
erst meine Noth an. -- Sprachbemerkung: »Anna« darf in Compositis niemals
voran stehen, denn wie schön klingt Marianna! und wie häßlich Annamarie!
wie hübsch, wenn Rose vorn steht, und Anna hinten: Rosanna! und wie garstig
Annarose! Wie lieblich Lisanna, und wie abscheulich . . . . . ! und so ruft
doch die Russel Lisannen, wenn sie ihre Laune gegen sie hat, und sie ist
doch immer so schön, so geduldig, mit Einem Wort: Lisanna!

                   *       *       *       *       *

Osterfeiertage 1820.

Was ich heut' einzutragen habe, das geht zu weit! und kann doch noch weiter
gehen! Es waren Handelsschiffe angekommen, um Producte von van Diemensland
zu laden. Da hatten wir denn viele Tage Schlachtvieh und Schafe
herbeizutreiben und zu schätzen, Wolle zu wiegen, Häute zu zählen, Schinken
und geräucherte Zungen aus der großen Rauchkammer zu holen und einzupacken,
und Mehl zu messen. Darauf war Sir Samuel, der sich immer Geschäfte macht,
um nur nicht an sich zu denken, auf den Seekalbfang in die Bassestraße
geschifft; auch Tydal war mit seinem Schutzherrn fort, und Doctor Toland
regierte das Haus. Clarke hatte eine bestellte Landschaft: die Gegend um
einen Meierhof, und ich begleitete ihn Sonntags nach Mittage dahin, als
grade wieder solche Beleuchtung war, wie er brauchte. Das Haus stand noch
unbewohnt, rings umher war mit leichter Mühe und ohne Kosten der fruchtbare
Boden urbar gemacht, indem man nur das wuchernde Gras und die köstlichen
Blumen abgebrannt! Das macht mir den Ort schon verdrüßlich. Er malte auf
einem großen, aber eben nicht hohen bemoosten Steine. Ich sah in die
Gegend. Ganz von weitem erblickt' ich Lisanna und Doctor Toland, welche
kamen -- Herrn Clarke zu besuchen. Ich hatte nun freilich keine Augen für
sein fertig werdendes Bild.

Nach ziemlich langem, verdrüßlichem Schweigen sprach er zu mir: »Freilich,
wenn man die beste, gelungenste Landschaft, die der Geist der Erde, wie
Tydal sagt, durch die Maler gleichsam ein zarteres kleineres Mal
nachgeschaffen hat, mit diesen natürlichen Landschaften hier vergleicht, so
kann man nur unsern Herrgott für einen Meister halten! Menschliches Wesen
ist Schülerwerk; und doch versteht man nur diese schöne Welt als ein großes
Kunstwerk, vollendet ausgeführt bis auf die feinste Ader im kleinsten
Blatte, und das schimmernde Sandkorn, wenn man versucht, durch Kunst das so
nachzumachen. Die Kunst schließt den Künstlern den Geist auf, und die
Natur; Kunstwerke aber dann wieder den Menschen. Damit muß ein Vernünftiger
zufrieden sein, wenn auch keins seiner Werke nur die entfernteste
Aehnlichkeit mit den lebendigen leuchtenden Werken der Natur hat -- in
denen man spazieren gehen kann -- keins seiner Marmorbilder dem
Meisterstück der Natur, dem schönen Menschen, gleicht -- das mit uns reden,
uns lieben kann -- nicht das wärmste frischeste Gemälde seinem Urbilde.
Dazu sind sie auch nicht; sie stellen nur _vor_, was man in sich tragen
muß, um sie nur zu erkennen. Denn auf dem Bekannten beruhen sie, gleichsam
in den Himmel aus einem Prisma hinausgestellt, wie der Regenbogen beruht
auf Wolken und Sonne.« --

Dabei that er etwas stolz. Ich fragte ihn nur in aller Unschuld: Hat denn
nur der die Gabe, die Natur zu verstehn, der sie wieder darstellen kann,
der Künstler? Sind nur die Künstler die Glücklichen? Aber ich kunstloser
Mensch verstehe doch Gedichte, auch zur Noth ein Gemälde, und wer
Kunstwerke versteht, sollte doch die Natur weit leichter verstehen, Clarke!
-- Das kommt mir vor, sprach er, wie einen Goldfasan mit Federn eher essen
zu können, als einen gebratenen, Lambton! --

In der Rede sieht man kein Komma, und sie klang mir gar zu besonders! Doch
sagt' ich ihm nun, wie ich denke: Ich halte den Menschen für unglücklich,
der keinen Sinn, keine Fähigkeit hat, Gottes Werke selbst aufzufassen, und
so arm ist, ihren Anblick, ihre Fassung zu betteln beim Künstler. Liebe als
das Mittelbare ist mir das Unmittelbare, das allen Menschen unendlich
schöner, reicher, neuer und umsonst Gegebene, nur um den Gang, nur um ein
Weilchen Harren! Und erst die stillen Wunder der Pflanzenwelt, nur die
Staubfäden, den Staub, den Schimmer und Glanz! Wie Wenige sehen, was Allen
da ist! Von Felsen stürzen, schäumen, oder hoch ragen, ja Feuer speien muß,
was sie locken und rühren soll. Eine einzige Blume ist ein Weltwunder --
aber sie ist vielmal, ist immer wieder da, sie kostet kein Geld, der Mensch
hat sie nicht gemacht, sie ist nicht -- gemalt! --

Man will also doch auch gemalte Natur, spitzte mich Clarke, und von diesem
Wahne leben wir Maler! Es muß etwas dahinter sein, sonst verhungerten wir!
--

Aber ich hoffe von den Menschen, versetzt' ich ihm, wenn Jederman:
Hausflur, Saal und alle Zimmer bis auf den Boden wird voll Gemälde haben,
daß er sich dann wieder hinaus in's Freie begeben wird, um das ihm selten
Gewordene zu sehen. Ich -- ich bleibe gleich lieber draußen! --

»Freilich, wer mit der Natur selbst verkehrt, wer ihre Morgenröthen, ihre
Abendscheine, die Frühlingserde, die bunte Herbstlandschaft oft bestaunt,
als Gotteswerk, wie Ihr, guter Gottesmann Lambton, und dabei ein armer
Schelm ist, für den mal' ich keine Gemälde.« --

Ihrentwegen, sprach ich über die Anspielung auf meinen Beutel ärgerlich,
miß' Ich wenigstens niemals den Sonnenaufgang, oder das unheimliche
Helldunkel der Sonnenfinsterniß, die selige Ahnung bei Mondverschattung --
oder das feurige »_Nordlicht!_« Ich verließe gern die kleine Hütte des
Nachts um -- -- -- »Das Nordlicht!« wiederholte Clarke, und erröthete, als
wenn es ihn eben anglüh; ach, das Nordlicht! seufzt' er, und senkte sein
Kinn auf die Brust. --

Getroffen! dacht' ich, und fuhr fort: Nicht um alle gemalten St. Johannes-
und Christus-Kinder, wollte ich missen, Ein lebendes kleines schönes Kind
zu betrachten, besonders, wenn es mein eigenes wäre. --

Mein eigenes! wiederholte Clarke unruhig, und hörte auf zu malen.

Nun mußt' ich das Schreckliche wagen und sagen: Nicht um alle Magdalenen,
Marien, Annen und Lisen wollt' ich nicht mehr _Lisanna_ sehen! --

-- »Auch Sie hab' ich getäuscht, was wird Sie sagen? und erst Sir Samuel,
Roßborn und -- Patrik!« sprach Clarke, nur eben noch verständlich vor sich
hin. --

Das war die bitterste Stunde meines Lebens! Es gab mir einen Stich in's
Herz, und der helle blaue Himmel ward mir dunkel und schwarz. Unfähig, mich
sitzend zu erhalten, sank ich mit dem Gesicht in das grüne Moos auf dem
Felsen und athmete kaum.

Das war wohl ein Jammer! -- Nach einiger Zeit hörte ich eine Stimme rufen:
Clarke! Herr Clarke! -- und nach einer Pause erst wieder: Lambton! Herr
Lambton! o lieber Lambton! Es war Lisanna unten am Steine. Ich regte mich
nicht, und nun erst brachen die Thränen mir aus, daß ich schluchzte.
Endlich kam sie herauf und stand vor mir und klagte: Mein Gott, bester,
einziger Lambton, was ist geschehen? Wie seht Ihr aus, blaß und außer Euch.
Ihr weint!

Sie kniete zu mir, und beugte sich über, daß ihre Locken meine Stirn
berührten. O! seufzt' ich, und wollte sie wegdrängen von mir -- aber sie
hing mit ihrem Engelsgesicht über meinem, ihre großgeöffneten Augen
schwammen in Thränen, ihr Gesicht war lilienblaß, und ihre Züge sprühten
doch gleichsam Angst, Hast und Zärtlichkeit, indeß ihre Lippen bebten! Und
so voll unendlichen Mitleids mit ihr, sagt' ich nur leise: »Gehe zu
Clarke!« --

Von dem komm' ich ja! erwiederte sie -- der liegt unten am Felsen und regt
sich nicht. Ermuntere Dich -- ! -- lieber Lambton, komm', hilf ihm, o
komme, wenn Du -- -- mich lieb hast -- ! --

So eilte sie vor mir hinunter. Als ich ihr nachkam, kniete sie schon bei
Clarke, und hielt seine rechte Hand in ihren; seine linke hielt noch den
Malerstock. Gewiß war er, von Gefühlen überwältigt, rücklings übergesunken,
und an dem langen grünen Grase hinunter geglitten. Mich jammerte sein und
Lisanna's! Es that ihm ja leid! --

Wo ist Doctor Toland? fragt' ich sie, mich besinnend. --

Er ist nach Hanse gegangen. --

Hol' ihn! mein Mädchen! --

Sie eilte fort, wie mit Flügeln.

So blieb ich allein mit Clarke, und wußte nicht, was ich anfangen sollte,
ihm Hülfe zu leisten. Aus Mitleid und Angst umarmt' ich ihn, drückte ihn,
und küßte ihn auf die Stirn, auf die Lippen; mit ward so eigen! Ich band
ihm das Halstuch ab -- er schlug die Augen auf, und wollte mich abwehren.
Ich schöpfte nun Trost und riß ihm die Weste auf, ihm Luft zu schaffen. Da
fiel er wieder in Ohnmacht. Aber _Er_ nicht -- so viel sah' ich -- o Gott!
ich schäme mich noch, und halte mir die Augen zu -- _Sie_ fiel in Ohnmacht,
Sie, Miß Clarke -- Clarke war ein _Weib!_ Das Blut schoß mir in's Gesicht
vor Erstaunen. Dann stand ich auf, rieb mir die Hände wie thöricht -- ich
wusch sie mir gleichsam, um so zu sagen, in Unschuld, und vor
unaussprechlicher Freude fing mein Lambton an -- was er, in seinem Leben
nicht gethan hat -- zu tanzen. »Ho! ho! ho! Jetzt ist mit geholfen!« rief
er aus, jetzt bin ich glücklich! Gestern war das Jahr um, von dem meine
Mutter sagte »wenn Du das überstanden hast -- dann -- dann -- dann!« --
Nun! nun! nun! rief er aus, ist es überstanden. Victoria! --

Dann aber schämte er sich, Clarken so zu vergessen -- ach, und das Erste,
das Unerläßlichste war -- er mußte ihm die Weste wieder zuknöpfen. Sie
konnte erwachen und sehen, daß sie verrathen sei! ach Gott, daß er knöpfte!
Lisanna konnte jeden Augenblick kommen, und sehen, was er, und daß er
gesehen habe! Jeder, der jemals in eine so unglückliche Lage gerathen ist,
wird seine Angst begreifen. -- Aber -- und so ein Aber giebt es nicht mehr
in der Welt -- aber wollte er Sie nicht beschämen, nicht auf immer vor
Clarke beschämt stehen, mußt' er sich entschließen. Er nannte sich zu
täuschen, zu betäubst, zu beruhigen, sie seinen _Clarke! Clarke!_ Er band
sich _Clarke's_ Halstuch breit über die Augen, und wie er die Soldaten
gesehen hatte ihre Knöpfe auf dem Knopfholz putzen, schob er Clarke's
Malerstock in die Weste, und knöpfte sie hochgehoben eilend und mit
zitternden Händen zu. Das Sprichwort »was man selbst thut, ist gleich
gethan,« traf nicht bei Lambton ein. Denn er hörte schon Stimmen und Tritte
sich nahen. Das war das schwerste Werk in seinem Leben, die sauerste Weste,
die er zugeknöpft.

Da kam der Doctor Toland, Lisanna voraus, ihm die Stelle zeigend, und
hinter ihnen, von Neugier gelockt, die malayischen Mädchen und Hobday.
Lambton sagte nur eilig noch Toland, daß sie -- -- daß Clarke die Augen
aufgeschlagen; -- und als sie sich um Sie bemühten, lief er in die Felder,
froh wie der König von Ulimaroa!

-- Ich habe dieß Alles in tertiâ personnâ von Lambton erzählt -- ganz
natürlich ist mir das eingekommen, da ich es von mir per Ich! Ich! Ich! aus
bitterer Scham doch unmöglich konnte, unmöglich Mich zu dem närrischen
Menschen bekennen, der ich, oder er, da war; denn ich bin's ja nicht
_mehr_, und war es vorher nicht! »Ich« wird siebenzig Jahr alt -- der
Mensch sollte alle Tage anders heißen, oder kurz weg: Anders! Immeranders!
-- Und doch war das der Wendepunkt meines Lebens.

Aber die Verlegenheit war damit nicht aus! Die Verwirrung ging nun erst
recht an! Daß ich erst spät, spät nach Hause kam, war natürlich. Daß ich
bloß an unserm Stübchen horchte, war natürlich. Daß Hobday mich anlachte
und sagte: »Der Maler Clarke ist in die Wochen gekommen, und hat den
Schulmeister Lambton um die Kinderruthe und die Schule gebracht« --
natürlich! so entsetzlich ehrenrührig es auch war -- das heißt, Gott sei
Dank nur für mich armen Schulmeister sein sollte. Aber meine Unschuld war
-- natürlich; Kindergeschrei -- natürlich. Daß Lisanna die Hände rang, sich
einschloß und schluchzte, daß ich es unter ihrem Fenster hören konnte --
gleichfalls natürlich -- wenn sie mich liebte! scilicet. Und daß die alte
Russel alle Hände vollauf zu thun, und nicht Beine genug zu laufen hatte,
war Alles natürlich! Aber unnatürlich, daß sie mir nachschrie »Ein schöner
Schulmeister! ein schöner Maler! Es ist nur noch ein tausendes Glück, daß
wir dahinter gekommen sind, ehe unsre Lisanna den Clarke geheirathet hat!
Was daraus Alles hätte entstehen können! Nun Gott sei ewig gedankt! Man
denkt, man ist in van Diemensland, in Hobarttown, wo altes Elend bloß
abgebüßt wird! Aber, du lieber Himmel, es ist hier wie in Rowlandhill, in
London, in England, in Europa, in der ganzen Welt!«

Ich ließ sie hausen, lief in die Nacht und in das Freie hinaus und dachte:
Iliacos muros intra peccatur et extra! Aber Wer gesündigt hatte, und
vielleicht extra, sc. muros schon -- das wird schon zur Welt kommen, wie
das unschuldige, liebe Neugeborne. Und doch that ich die ganze Nacht kein
Auge zu, bloß um Lisanna, die Ich erst so ungerechter Weise mit Clarke
beeifersüchtigt hatte, -- besonders zuletzt auf dem elenden Steine -- so
gewiß es an sich möglich war! -- -- Aber o Gott, wenn sie nur auch wirklich
über mich weinte! seufzt' ich -- Dann ist mir geholfen, und Ihr zu helfen.
Ueber was weint sie denn aber sonst, und worüber kann sie weinen? Ueber --
die Ausnahme von der Regel, die heut zu Tage bald die Regel ist? Ueber ein
neugebornes Kind? Mein Gott, das weint ja selber genug! Aber, aber wenn Sie
so schlecht ist, von mir, von Lambton, so schlecht zu denken -- ach, wie
ich doch schlecht genug gewesen war, von Ihr zu denken, einen Augenblick
einen bösen, den elendesten Augenblick meines Lebens -- wie sollte ich ihr
da am Morgen vor die Augen treten? Wie sollt' Ich ein Wort herausbringen,
mich zu entschuldigen, wenn es nicht Clarke that -- oder vielleicht der --
Vetter Tydal! Da ging mir ein Licht auf, grade mit der Sonne, und so froh,
wie sie, daß ich endlich einschlief, wie die Menschen in England, bei denen
sie jetzt unterging. Man wird ganz confus in diesem Lande! Dort gehen sie
schlafen, hier wachen sie auf! Ich möchte wohl wissen, wer eigentlich Recht
hat?

Nun in dem kummervollen Schlafe in der Morgenkälte hatte ich wunderliche
Träume auf meinem Steine; aber ich war auch wieder in England, in
Rowlandhill! Ich sahe einmal die alte Anna, und die Schulkinder, und freute
mich, daß mir die Glieder zitterten, und die Zähne klappten. Sir Horazio
besuchte mich in der Schule, und ich machte ihm lauter gehorsame Diener.
Das mußte mir wohl von dem öfteren Nicken und plötzlichen Vorfallen des
Kopfes im Schlafe, im Traum einkommen! denn mich erweckte mit einem
tüchtigen Stoße vor die Stirn unser großer Ziegenbock, der an mich gewöhnt,
jetzt früh zu mir gekommen, mich nicken gesehen, und geglaubt hatte, sein
Präceptor wolle sich heute einmal zu ihm herablassen, und sich mit ihm
stoßen; und auf meine wiederholten Aufforderungen: »Butz! Butz!« hatte er
es gewiß erst mit schwerem Herzen gewagt und gestoßen! und ganz freimüthig,
also tüchtig und derb-gehorsam als tüchtiger Ziegenbock. Er hatte mich auch
überwunden, und stand über mir wie ein vierbeiniger Triumphbogen, mit
seinem Bart, und leckte mir nun mitleidig das Gesicht, und funkelte mich
mit den Augen an. Ich war ganz naß vom Nachtthau und zitterte noch vom
Morgenfrost, und hatte Ohrenklingen, wie das Bild Memnonis beim Aufgang der
Sonne. Daß ich meine Linden, meine Kinder, meine Anna wiedergesehen, hatte
mich heiter gestimmt; daß mein untergebener Bock mich so subordinations-
und respect-widrig behandelt hatte, brachte mich zum Lachen! und wer in
irgend einer Lage lacht, der lacht; und der lacht, er mag wollen oder
nicht, versteckt zugleich über seine ganze Lage; denn der ganze Mensch
lacht, und auch weinen kann man nicht mit Einem Auge. Ich lachte und
ärgerte mich dann wirklich weit weniger. Dennoch ließ ich mich nicht sehen.
Denn man konnte ja -- da man mich einmal schuldig glaubte, mich nun noch
gar für schamlos und frech halten, wenn ich kam! und ach, auch wiederum für
hartherzig, daß ich nicht nach Mutter und Kind sahe; wie es bloß die
vornehmen Herren können, wenn sie ein armes Mädchen unglücklich gemacht
haben. Darum wäre ich bald hingegangen! Aber Lisanna, Lisanna! Ich war so
böse auf sie, daß ich sie auch bald Anneli -- -- gescholten hätte. Mich für
so schlau, so versteckt und so verstellt zu halten, daß ich unter dem
Deckmantel der Liebe zu ihr -- -- Aber war der Schein nicht wider mich, und
Clarke's Schönheit? Und in dem Liebes-Rechtshandel trat ein vierbeiniger
hölzerner Zeuge, der für zwei lebendige Zweibeinige gelten konnte -- das
frühere Eine Bett -- gegen mich auf; das Zusammensein, das Schwatzen mit
Clarke bis tief in die Nacht. Doch that er mir leid -- wie mußte ihm zu
Muthe sein! Und nur das Vertraun auf Doctor Toland den _Menschen_freund,
und auch _meinen_, beruhigte mich über seine Behandlung, wenn etwa das
Mädchen oder Weib -- ja ja _Weib_, das ist mir eine Herzstärkung von ihm zu
vermuthen -- nun büßen sollte, was Clarke der Maler durch seine Kleidung
verschuldet. Vielleicht auch nicht.

Nur die schöne Talo war mir ein lächerlicher Trost. Hatte sie sich nicht in
Clarke verliebt? und hatte Clarke das sinnige arme Kind nicht manchmal
mitleidig sogar umfaßt und geküßt, um sie mit geistigem Zuckerbrot zu
nähren wie einen Canarienvogel mit dem wahren leiblichen vom Zuckerbäcker.
Das gefällt mir jetzt allerdings von ihm. Doch verrieth ich es auch damals
nicht, so sehr ich zürnte über allen Scherz in der Liebe, und warnte bloß
die kindgute Talo in Lisanna's Gegenwart, vielleicht etwas zu
schulmeisterhaft; zu sehr überzeugt, daß der Scherz in der Liebe der
bittersüßeste Ernst sei; denn alle großen Leidenschaften spielen mit dem
Leben, und Scherz, Herz und Schmerz reimt jedes Kind zu leicht! Denn Talo,
die treue Seele, fing -- damals -- an zu weinen! und auch Lisanna -- als
wenn ich Sie auch mit ihm verdächte. Und ich will mich von dem Doppelsinn
meiner Warnung nicht frei sprechen! Ich hätte Talo vielleicht --
schändlicher Weise -- gar nicht oder doch nicht so gewarnt, wenn ich nicht
Lisannen warnen wollte! Ach, die Liebe ist wohl der Grund von allen guten
und bösen Gedanken und Werken in der Welt! Aber das Böse ist nur der
Schatten der Liebe! man _haßt_ den Einen nicht, man _liebt_ nur den Andern;
wie der arme Vater Brot _nimmt_, und seinen hungrigen Kindern _bringt!_ Mir
kommt es immer so vor, als wenn er es nur _brächte_; nur _bringen_, nicht
nehmen wolle. Ich kann auf keinen Menschen böse sein, höchstens thut mir
einer leid, recht leid, noch ohne daß er einmal ein Vetter von mir ist! Was
muß also nicht erst der fühlen, der ihr Vater ist? Wenn Er immer die Liebe
ist: Liebe! Ich getraue mich hierin Recht haben zu wollen. Mir thut es
bitterlich weh, daß ich mich auf dem Steine so abscheulich mit Clarke
gezankt hatte, oder, daß ich ihn doch hatte so angreifen _wollen_, und er
es sich so zu Gemüthe gezogen, daß er sich sogar entpuppt hatte; was
freilich wohl Alles auch ohne mich, vielleicht zu selbiger Stunde,
geschehen wäre. Ich hatte das Heimweh so arg, wie eine Krankheit; ich
durfte es haben, denn das Patrik'sche Patent-Mittel dagegen, wuchs ja für
mich in Altengland nicht -- vielleicht auch ja!

Ich sahe in meiner Angst schon am Morgen von der Höhe im Felde in das Meer
hinaus, sahe Schiffe kommen, und erkannte zuletzt das meines Herrn Samuel!
Mir klopfte das Herz; ich trieb in den dunkelsten Wald. Spät nach Mittage
hört' ich Talo's Stimme mich rufen. Ich war in keiner geringen
Verlegenheit, als ich vor Sir Samuel erscheinen sollte! Aber zur
Abendmahlzeit! Was sollte das bedeuten? Talo sagte mir weiter kein Wort,
denn sie schämte sich vor mir, wie ich mich vor ihr, und eilte mir voraus.
Ich trieb meine Schüler nach der Hürde, langsam und zögernd. Dann schlich
ich nach dem Wohnhaus. In der Hofthür begegnete mir Lisanna. Wir standen
beide, stumm uns ansehend, vor einander; die Füße versagten mir den Dienst.
Ich lehnte mich mit dem Gesicht an die Wand und hielt mich fest mit flachen
Händen; sie schlich nur an mir vorüber. Als ich mich umsah, war sie
verschwunden. Ich bedauerte herzlich, und mit gefalteten Händen, daß man
die Unschuld, die Gedanken, die Liebe nicht sehen kann! Das wäre doch viel
besser, und ersparte tausend, ja alle Mißverständnisse, Spione, Foltern,
Inquisition und Justizmorde. Auch die Gesandten hätten es leichter. In
Summa: dadurch würde eine neue Welt, eine neue Sprache, ein neues
Menschengeschlecht, ja ich behaupte: Engelsgeschlecht! Dem Herrn, der so
viel Wunderbares eingerichtet, der das Johanniswürmchen erleuchtet, den
Diamant durchsichtig geschaffen, war die Kleinigkeit auch noch eine
Kleinigkeit! Wie gute Wege den Verkehr verkürzen, so würde, wenn jede Brust
ein illuminirter Telegraph wäre, jedes Geschäft viel kürzer, das Leben also
viel länger sein. Auch viel süßer und sicherer! denn Jeder kennete seinen
Mann, und seine Frau, Notabene. Und wie keine Frau, ja kein Mann mit
Flecken im Kleide gehen will, so müßten dann Alle mit reiner Seele
erscheinen. Das wäre wohl Manchem und Mancher ein Schweres, es gäbe dann
wohl so viele arme Seelen -- wie jetzt arme Schelme in Lumpen. Und wenn der
Mensch einmal durchsichtig wäre, dann sähe man auch, was jeder im Magen
hätte; und welcher Schulmeister ließe gern alle Tage dreimal seine
richtigen Kartoffeln darin bedauern? Ich schon nicht! »Das allzuschwere
Fleisch,« wie Hamlet sagt, ist also recht weise den armen Seelen zum Kleide
gegeben, wie die Kleider eine Wohlthat für die Häßlichen und Alten sind.
Man sieht doch ein Halstuch mit Spitzen; einen seidenen Rücken, feine
Casimirhosen und blanke Schuhe, statt magerer Beine &c.; wie man nun feine
gefällige Rede hört, statt List und Trug. -- »So« ist gut! sagt ja Crabbe.
--

Ich hatte kaum seiner gedacht, als mich der leibhafte Crabbe, wie der Wolf
in der Fabel, umarmte! Ich traute meinen Augen kaum.

Ja, ja, sagt' er lachend, Wir sind die Seekälber, die Herr Samuel das Mal
mitgebracht hat! Das war ein wüstes Leben in der Wüste, wo wir mit dem Boot
in der Wasserhosennacht gestrandet! --

Phylax, der mir nachgekommen, sprang an Crabbe in die Höhe, und grüßte ihn
mit Gebell. Nun herein! rief Crabbe, hinein! Dabei drängt' er mich so in
das Zimmer, daß ich sehr uns schicklich und plötzlich vor der Gesellschaft
darinnen erschien, und der freundliche Stoß sie um meinen gehorsamen Diener
brachte. Capitain York bewillkommnete mich schon von weitem, Stephan und
William hingen an meinem Halse, und selbst Mistriß Distreß freute sich, daß
sie mich wieder sahe. Das konnt' ich ihr glauben. Wer sich freut, daß er
einen Andern wiedersieht, der lebt ja selber! Mich aber freut' es am
meisten, auch um meinetwillen, den Vetter Tydal zu sehen! Auch der gute
dicke Roßborn fiel leicht in die Augen, und die Stimme des braven Predigers
Patrik war nicht zu verhören. Heut, hier, lernte ich mir ihn nun ordentlich
auswendig: Ein sehr schöner, hoher, hagerer Mann mit schwarzem kurzem Haar,
schwarzen glühenden Augen und länglichem edlen feinen Napoleonfarbigem
Gesicht; ein Napoleon an Freimuth und Kraft und durchdringendem Verstand,
mein unvergeßlicher Patrik, redlich und offen, furchtlos und kindgut, wie
kaum ein Mensch jemals wo und mehr in der Welt. Jeder König hätte Muth
bedurft ihn zu hören, ja jeder Geistliche; den allergrößten Muth aber hätte
der Papst zu einem öffentlichen Colloquio mit ihm bedurft. Denn Er,
nämlich, versteht sich Patrik, leuchtete ganz vom Geiste der Wahrheit und
brannte freileuchtend, wie ein großes stilles Gestirn -- am nächtlichen
Himmel. Und mir war er -- Freund. Es ging gleich zu Tische. Auch Lisanna
war dabei; und jedes Wort, das Capitain York sprach, mich zu legitimiren,
war mir in Ihrer Gegenwart eine Guinee werth. Doch als man zuletzt Herrn
Tydal eine Gesundheit »auf die Bevölkerung von van Diemensland« zutrank,
als der Vetter zum Vater ward, da ertrug es das gute Kind nicht länger, und
ging vom Tische. Sie sprang auf Talo zu, schien ihr etwas zu sagen und
hielt sie dabei umarmt. Sir Samuel schien noch etwas ungehalten, aber er
hielt sich doch, und Frau Russel war am meisten _darüber_ unwillig, daß sie
sich mit all' ihrer Klugheit doch getäuscht hatte!

Doctor Toland besänftigte Beide und sprach: Die Deportirten kommen ja nicht
ohne Fehler hierher, sondern grade sie _abzulegen_; und der kleine
lebendige Fehler der Miß _Clara_ ist so munter und holdselig, daß wir ihrer
Schamhaftigkeit schon vergeben müssen, wenn sie lieber länger das Ansehen
eines lobenswerthen Jünglings, als eines tadelnswerthen Mädchens haben
wollte! --

Auch ist sie ja Herrn Tydal nur aus Liebe hieher gefolgt, nahm Herr Roßborn
das Wort; und um das Glück ihrer Verbannung mit ihm zu erlangen, täuschte
sie nur mit schwerem Herzen! und langte nur mit ihren sehr niedlichen
Fingern in Strandstreet im Laden nach dem -- freilich nicht ihr gehörigen
-- unbedeutenden Malergeräth, das ihr aber ganz Hobarttown werth war! Auch
ist sie selbst so darüber erschrocken, und wie versteinert stehen
geblieben, daß die schwerste That -- sich selbst zu verrathen, ihr leicht
gemacht ward von ihrem reinen Gefühl. Her

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