Der Deutsche Lausbub in Amerika: Erinnerungen und Eindrücke. Band 1 (von 3)
by Erwin Rosen · German · Gutenberg #39809 · 442,444 chars · public domain (US)
The Project Gutenberg eBook of Der Deutsche Lausbub in Amerika: Erinnerungen und Eindrücke. Band 1 (von 3)
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Title: Der Deutsche Lausbub in Amerika: Erinnerungen und Eindrücke. Band 1 (von 3)
Author: Erwin Rosen
Release date: May 26, 2012 [eBook #39809]
Language: German
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/39809
Credits: Produced by Norbert H. Langkau, Peter Simon, Juliet
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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER DEUTSCHE LAUSBUB IN AMERIKA: ERINNERUNGEN UND EINDRÜCKE. BAND 1 (VON 3) ***
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Memoiren
Bibliothek
_IV._ Serie
Erster Band
Der Deutsche Lausbub
in Amerika
1-ter Teil
von
Erwin Rosen
Der
Deutsche Lausbub
in Amerika
Erinnerungen
und Eindrücke
von Erwin Rosen
Erster Teil
Achtundvierzigste Auflage
Verlag - Robert Lutz - Stuttgart
Alle Rechte vorbehalten.
Druck von A. Bonz' Erben in Stuttgart.
Copyright 1911
by Robert Lutz, Stuttgart.
Inhalt.
Seite
=Vom Beginn des Beginnens.=
Der Lausbub und die Kuchen. -- Beim Ochsenwirt in Freising.
-- Gymnasialzeiten. -- Das erste Malheur. -- Die Attacke auf
den Glaspalast im Seminar. -- Bei Glockengießermeisters.
-- Erste Liebe und zweites Malheur. -- Die Familiengeduld
reißt. 5
=Im Zwischendeck der Lahn.=
Im Bremer Ratskeller. -- »So schmiede dir denn selbst dein
Glück!« -- An Bord. -- Der Steward, der Zahlmeister und das
Nebengeschäftchen. -- Vom Itzig Silberberg aus Wodcziliska.
-- _Atra cura_ ... -- Das Mädel mit den hungrigen Augen. --
Die beiden Däninnen. -- Im New Yorker Hafen. 19
=Ein Tag in New York.=
Wie ich mir einen Revolver kaufte. -- Der _policeman_ und der
Stiefelputzer. -- Wie man eingeseift und barbiert wird. -- Im
Geschwindigkeits-Restaurant. -- Die Bowery. --
Hallelujamädchen. -- Im Park. 35
=Das Pokerschiff.=
Zwischen New York und Texas. -- Vom amerikanischen
Nationallaster. -- »_Fine game_, dieses Poker!« -- Die
Weisheit des Bluffens. -- Key West und Johnny Young aus San
Antonio. -- Eine bissige Bemerkung über Millionäre. -- Im
Salon! -- _Good bye, Miss Daisy_ ... -- Dies ist Texas, mein
Sohn! 49
=Mein letzter Dollar.=
Den Weg zur Arbeit finden -- den Wegweiser ... -- Wär' ich nur
ein Schuster! -- Beim Herrn Kanzleichef im deutschen Konsulat.
-- Auf dem Telegraphenamt. -- Das letzte Silberstück. -- Der
gute Samariter. -- Nun fängt ein neues Leben an 69
=Im Reich des Königs Baumwolle.=
Das Städtchen aus Sand und Holz. -- Im Texasladen. -- Mr.
Muchow Senior. -- Der Kampf mit dem Schimmel. -- Ein Sommer
beim König Baumwolle. -- In Deutschland wär' die Farm ein
Rittergut gewesen ... -- Baumwollpflücken und Baumwollmühle.
-- Die Reklamereiter. -- Nigger Slim. -- Im deutschen Klub.
-- Wie aus dem Wald das Feld wurde. -- Der Neger. -- Die
amerikanische Krankheit des Wandertriebs. 80
=Da hinten in Texas.=
Der Lausbub wird Apothekerlehrling. -- Im Wunderland.
-- Grasgrüner Wissensdurst. -- Die Negerin und das
Liebespulver. -- Ein Nachtklingel-Erlebnis. -- Der Lausbub
langweilt sich. -- Das Gäßchen der winzigen Häuschen.
-- Klein-Daisy. -- Die Dame, das Parfüm und die Folgen.
-- Ex-Apotheker. -- Der frühere Leutnant aus dem heiligen
Köln und sein Rat. -- Der Mann mit den leuchtenden Augen.
-- Vorbereitungen zu einer geheimnisvollen Reise. 118
=Wie die Wanderung begann.=
An der Geleiseböschung. -- Der erste Sprung auf einen
fahrenden Zug. -- Die Fahrt. -- Im Märchenland aufregendes
Erlebens. -- Das Hotel zur Eisenbahn. -- Von der Königin
Nikotin und ihrem Göttergeschenk. -- Billy der Wanderer! --
Das Abenteurerblut regt sich. -- Ein psychischer Impuls. --
Wanderer Nr. 3. 142
=Unter den Romantikern des Schienenstrangs.=
Von Texas nordwärts. -- Ein wunderliches Leben. -- Der
betrogene Betrüger der guten Stadt Guthrie in Oklahoma.
-- Jargon des Schienenstrangs. -- Ein abenteuerliches Jahr und
seine Einflüsse. -- Die Entwicklungsgeschichte seiner Majestät
des Tramps. -- Die amerikanische Vagabundenarmee. -- Der
Arbeitslose. -- Der Tramp. -- Die Romantiker. --
Lebenssehnsucht und Wandertrieb. -- Präsident Roosevelts
Vagabundenfahrt auf der Lokomotive. -- Geheimnisvolle
Unterströmungen modernen Abenteurertums. -- Amerikaner in
exotischen Kriegen. -- In der Sommerfrische von Lucky Water,
Arizona. -- Von flammenden Farben und meiner Frau im Mond.
-- Arbeiten! 158
=Wie das Wandern endete.=
Die Eisenbahn hat uns! -- Sektion 423, Southern Pazific.
-- Als Streckenarbeiter in Arizona. -- Der »_boss_«. -- Von
Kindern Italiens. -- Wir haben wieder die Eisenbahn! -- Hände
in die Höhe! -- Seine Ehren, der Friedensrichter. -- Die
braven Spitzbuben von El Dorado. -- Dahinjagen und Arbeit.
-- Von den Schüttelfrösten der Malaria. -- Krank und einsam.
-- Nach St. Louis. -- Ein ganzer Mann. 192
=Die Armen und Elenden von St. Louis.=
Bei den guten Samaritern. -- Allein in der Riesenstadt. -- Am
Ufer des Mississippi. -- Vom Grauen und von der Scham. -- Eine
Orgie der Häßlichkeit. -- Der Menschenpferch. -- Auf
Arbeitssuche. -- Im Reich der kupfernen Töpfe. -- Die
Miniaturhölle des Palasthotels. -- Das Glöckchen der
Neugierigen. 209
=Im Zeichen der Zeitung.=
Witwe Dougherty. -- Das Reich der Bücher. --
Kipling-Begeisterung. -- Ein Wegweiser des Kismet. -- Mein
erstes literarisches Verbrechen. -- Der Beinbruch als
Glückszufall. -- Ich werde Depeschenübersetzer bei einer
großen deutschen Zeitung. -- Enthusiasmus und Neugierde. --
Aller Anfang ist leicht! -- Ein journalistisches Mädchen für
alles. -- Amerikanisches Deutschtum. -- Der Schwur gegen die
Potentaten. -- Vom Sehen und vom Lernen. -- Wieder draußen
in der kalten Welt. -- Reisefieber! 231
=Das Inselchen der Fische in San Franzisko-Bai.=
Wohin Zukunftssorgen gehören. -- Ein logisches Selbstgespräch.
-- Das Land der Sonne. -- Blühende Obstwälder. -- Ankunft in
San Franzisko. -- Mr. Frank Reddington, schwarzes Schaf und
verlorener Sohn. -- Die Geschichte vom strengen Gouverneur.
-- Der tragikomische Hundeschwanz. -- Wie der Millionärssohn
energisch wurde. -- Der Gott der Arbeit pfeift. -- Bei den
Kabeljaus. -- Eine Stockfischfabrik. -- Wer zuletzt lacht,
lacht am besten! 257
=Die Stadt des Goldenen Tors.=
Das Erbe der Goldgräber. -- Die lustige Königin des Westens.
-- Von vernünftigen schwarzen Schafen. -- Die Stadt der Sieben
Hügel übertrumpft! -- Kletternde Straßenbahnen. -- Im Park des
Goldenen Tors. -- Der dunkle Flecken der Sonnenstadt. -- Im
Chinesenviertel. -- Die Straße der lebenden Schaufenster.
-- Wie der Lausbub zum Professor wurde. -- Von Deutsch
lernenden Lehrerinnen. -- Die amerikanische Frau. -- Kluge
Mädchenerziehung und törichte Weiberherrschaft. -- Die
Amerikanerin in Kunst und Leben. -- Die Sehnsucht nach der
Zeitung. 274
=Der Lausbub findet die Lebenslinie.=
Von neuem Stolz. -- Der Lausbub will amerikanischer Journalist
werden. -- Auf der Redaktion. -- Jüngster Reporter.
H--allelujah! -- Das erste Interview. -- Die Lebenslinie. 293
Der Deutsche Lausbub
in Amerika
Das Amerika der Leichtsinnigen.
Wenn Bruder Leichtfuß gar zu arg gehaust hat, und geplagte
Familiengeduld reißt, so verfällt man in deutschen Landen häufig auf den
bewunderungswürdig energischen und einfachen Ausweg: das schwarze Schaf
der Familie nach Amerika zu schicken; nach den Vereinigten Staaten, in
denen es so schöne Gelegenheiten zu segensreicher Arbeit gibt, und die
so hübsch weit weg sind, daß eine respektable Entfernung die arme
Familie schützt. Jeder Hapagdampfer, jedes Lloydzwischendeck trägt
alljährlich Hunderte dieser Art von Menschenkindern über das große
Wasser, deren Sündenregister von fast monotoner Gleichförmigkeit ist:
Leichtsinnsstreiche und Schulden!
* * * * *
Das schwarze Schaf ist im Yankeeland. Und nun fängt der Humor an; ein
grimmiger Humor voll grotesken Lachens und bitteren Weinens; eine
moralische Komödie mit den schönsten tragischen Möglichkeiten. Das neue
Land nimmt Bruder Leichtfuß -- den verdorbenen Gymnasiasten, den
leichtsinnigen Studenten, den verschuldeten jungen Leutnant oder was er
sonst gewesen sein mag -- liebevoll in seine Arme, verschluckt mit
unbeschreiblicher Schnelligkeit die goldenen Pfennige der Heimat und
spielt dann Fangball mit ihm. Hop -- auf und nieder. Hop -- arbeiten
oder hungern. Hop -- ihm die Nase auf den Boden gedrückt, wie man's mit
einem Kätzchen macht. Hop -- ihn zu Boden geworfen, daß alle Knochen
krachen. Hop, hop, hop -- ihn geschüttelt und zerzaust und geschunden!
Da schnappt Bruder Leichtfuß nach Luft, ist furchtbar verwundert, fühlt
sich merkwürdig elend und erkennt langsam aber sicher die primitiven
Wahrheiten des Lebens von Geld und Hunger und Arbeit und Liebe, -- wenn
er nicht schon längst vorher elend zugrunde ging.
Manchmal aber ist unter diesem Amerikaheer von deutschen Leichtsinnigen
der richtige leichtsinnige Strick mit einem Stückchen Poesie im Leib,
der nach dem ersten Luftschnappen sich jubelnd in den Lebensstrom da
drüben stürzt, glückselig, in seinem Element, sehnsüchtig nach
Abenteuern über alle Maßen. Wundervoll frei fühlt er sich; allen Zwangs
entledigt. Eine Welt des Sehens und Erlebens liegt vor ihm, und Hunger
und Not erscheinen nur winzige Dinge in der immer neuen Begeisterung,
die jeder neue Tag bringt. Frei wie ein Vogel in der Luft ist Bruder
Leichtfuß und jedem Impuls darf er folgen in köstlicher Naivität. Er
tastet -- er sucht -- er trinkt in vollen Zügen die groteske Romantik
des ungeheuren Landes ein, das mit aller drastischen Wirklichkeit so
starke Reize abenteuerlicher Poesie vereint ...
So ist es mir ergangen. Um des brausenden Lebens willen ist dieses Buch
meiner amerikanischen Wanderjahre geschrieben, in lächelndem Erinnern an
jagende Jugend. Ein Buch des Leichtsinns.
Aber wenn ich heute auf die drei Jahre von 1894-1897 zurückblicke, die
dieser erste Teil meiner Erinnerungen aus der Amerikazeit schildert, so
will es mir scheinen, als sei der Leichtsinn gar ehrlich erkauft
gewesen! In ehrlicher Münze zahlte der Lausbub mit Hunger und Elend und
harter Arbeit für seinen jungfrischen Optimismus, denn grimmiger
Lebenshumor will es, daß sich mit zügellosem Leichtsinn starke Kraft
paaren muß, soll Freund Optimist im Leben bestehen. Und in dieser Kraft
stecken Möglichkeiten.
Den starken Leichtsinnigen sei dieses Buch des Leichtsinns gewidmet.
Bruder Leichtfuß im Yankeeland, der du erst in Jahren verstehen wirst,
weshalb dich das tätige Leben so hin und her schüttelt, sei gegrüßt!
Seist du im Osten oder im Westen, im Wolkenkratzer oder auf der Prärie,
sei gegrüßt von einem, der das erlebte, was du erlebst, und der mit dir
weinen und mit dir lachen kann. Fast möchte ich in lächelnder Wehmut
dich beneiden, Bruder Leichtfuß, denn mein Märchen der Jugend ist
ausgeträumt.
Hamburg, im Sommer 1911.
Erwin Rosen.
(Erwin Carlé).
Vom Beginn des Beginnens.
Der Lausbub und die Kuchen. -- Beim Ochsenwirt in Freising.
-- Gymnasialzeiten. -- Das erste Malheur. -- Die Attacke auf den
Glaspalast im Seminar. -- Bei Glockengießermeisters. -- Erste Liebe
und zweites Malheur. -- Die Familiengeduld reißt.
Das Übereinstimmen der beteiligten Kreise war erstaunlich.
»Oin Lausbube!« sagten die Professoren in München.
»A solchener Lausbub ...« erklärte der Pedell.
»Dieser lie--ii--derliche Bursche!« stöhnte der Ordinarius dreimal
täglich.
»Ja -- der Lausbub!« nickten die Tanten und die Verwandten.
»Ein furchtbarer Strick bist du gewesen!« pflegt meine Mutter zu
sagen. »Gräßliche Geschichten hast du gemacht!« Dann lacht sie und
fragt regelmäßig, ob ich mich denn auch an Frau Schrettle erinnere und
an die Kuchen ...
Ich war zwölf Jahre alt. Quartaner. Lateinschüler der Klasse 3a des
Königlich Bayrischen Maxgymnasiums in München. Meine Würde als
Lateinschüler schützte mich aber keineswegs davor, gelegentlich zu der
Frau Kolonialwarenhändlerin Schrettle an der Ecke geschickt zu werden,
um irgend etwas für den Haushalt zu holen.
»An Empfehlung an d' Frau Mama!« sagte jedesmal die dicke Frau
Schrettle, während ich ebenso regelmäßig vornehm nickte und dabei kein
Auge von den Kuchen auf dem Ladentisch verwandte. Von Frau Schrettles
berühmten Kuchen. Sie waren aus Blätterteig; sie waren mit Himbeeren
belegt; sie waren Wunderwerke -- und sie führten den Lateinschüler so
lange in Versuchung, bis er eines Nachmittags vor Klassenanfang Hals
über Kopf in den Laden stürzte.
»Einen Himbeerkuchen soll ich holen!«
»Bitt' sehr! A schöne Empfehlung!« dienerte Frau Schrettle und schrieb
der Mama einen Himbeerkuchen an.
Der Raub war gelungen, und der Lausbub wiederholte die Operation einen
ganzen Monat lang fast jeden Tag! Verzehrt wurden die Kuchen auf dem
Schulweg, in ehrlicher Teilung mit den Spezerln und Freunderln aus der
Quarta. Bis an einem Novembersonntag die Katastrophe kam -- Frau
Schrettle mit ihrer Rechnung. Mir fiel das Herz in die Hosen, als meine
Mutter fragend sagte:
»Himbeerkuchen?«
»Guat sans, nöt?« meinte Frau Schrettle stolz.
»Aber wir haben ja gar keine Himbeerkuchen gehabt!« rief meine Mutter
entrüstet.
Nun war die Reihe zum Erschrecken an Frau Schrettle.
»Der Herr Sohn hat's g'holt!« stotterte sie. »Jeden Tag!«
Kladderadatsch. Frau Schrettle erhielt ihr Geld und ich vorläufig eine
Ohrfeige mit der Aussicht auf mehr, wenn der Vater nach Hause kam. Meine
Mutter weinte und ich weinte und meine Mutter sagte, es sei ja
fürchterlich, und ich fand, es sei noch viel fürchterlicher! Zehn
Minuten später schlich ich mich heulend aus dem Haus und rannte in
dichtem Schneegestöber durch die Straßen, durch den englischen Garten,
der Isar zu. Bei der Bogenhausener Brücke begann die einsame Landstraße.
Es war bitter kalt. Die Schneeflocken peitschten mir ins Gesicht, und
ich kleiner Kerl mußte mich tüchtig gegen den scharfen Wind anstemmen.
»Ich geh' nicht nach Hause!« murmelte ich immer wieder vor mich hin.
»Nach Hause geh' ich ganz gewiß nicht ...«
Spät abends stolperte ein halb verhungerter und halb erfrorener
Lateinschüler in die Gaststube des Roten Ochsen im Städtchen Freising.
»Da schaugt's her,« rief der Ochsenwirt. »Ja was wär' denn dös! Was
willst denn du nacha im Wirtshaus?«
»Was zum essen möcht' i'.«
»Wo kimmst denn her?«
»Von München. A--an Ausflug hab' ich g'macht,« log ich, beinahe
weinend.
»Woas?« schrie der Wirt. »Den Sauweg von Minken bist herg'loffen in
dem Sauwetter? Lüag du und der Teifi. Dös wär' a sauberer Ausflug. Wia
heißt' denn und wo wohnst'?«
Wie ein Häuflein Elend stand ich schlotternd da, gab dem Riesen vor mir
Auskunft und sah mit Zittern und Bangen, wie er zu dem großen Gasttisch
in der Ecke schritt, wie er mit den Gästen zischelte, wie er mit Frau
Wirtin tuschelte, wie der Hausknecht gerufen und mit einem Zettel
fortgeschickt wurde.
»Hock di' hin an Tisch,« brummte der Wirt. »D' Frau bringt dir was
zum essen.«
Ich entsinne mich noch dunkel, daß ich gierig alles verschlang, was mir
vorgesetzt wurde, daß Frau Wirtin mich in die Wohnstube führte und auf
ein Sofa bettete. Und daß eben auf einmal mein Vater da war und ich mich
furchtbar vor ihm schämte und eine fürchterliche Angst vor ihm hatte.
Aber was der Ochsenwirt von Freising zu meinem Vater beim Abschied
sagte, das weiß ich noch ganz genau.
»Is nix zu danken, Herr,« sagte er. »Den 12 Uhr Zug nach Minken
werd'n S' grad no' derwischen. Ja, dö Buam! Früchteln san' halt
Früchteln. Is eh nix dabei. Aber an Hintern tät i' eahm halt do'
vollhau'n!«
Was am nächsten Tag ausgiebigst geschah!
* * * * *
Der Lausbub wurde älter, stieg mit Ach und Krach von Klasse zu Klasse,
und blieb ein Lausbub ... »Ein leichtsinniger Schüler,« hieß es in den
Zeugnissen. »Seine Leistungen stehen in bedauerlichem Mißverhältnis zu
seinen Fähigkeiten; sein Betragen ist nichts weniger als
zufriedenstellend«. Ich muß bei meinen Lehrern in einem erbärmlich
schlechten Ruf gestanden haben. Die Abneigung beruhte jedoch auf
Gegenseitigkeit. Heute noch ist mir das Gedenken an meine Gymnasialzeit
das Gedenken an eine harte Zuchtanstalt, an gedankenloses Eintrichtern
von Lehrbüchern, an schablonenmäßiges Auswendiglernen, an mangelnde
Liebe und mangelndes Verständnis, an bakelschwingende Schulmeisterei, an
groben Unteroffizierston, an fast komisches Nichtverstehen. Ich erinnere
mich an ein beständig schnupfendes Ungeheuer von einem Professor mit
rotem Taschentuch und fettigem Rockkragen, der über ein _ut_ mit dem
Indikativ in viertelstündige Raserei zu verfallen pflegte; ich erinnere
mich an donnernde Philippiken, wie unsittlich es sei, daß ein so fauler
Bursche wie ich sich ohne Arbeit nur durch sein bißchen Talent das
Aufsteigen in die nächsthöhere Klasse erschwindele; ich erinnere mich an
einen Ordinarius der Untersekunda, der mich mit dem geschmackvollen und
gut deutschen Ausdruck "Frechjö" belegte, weil ich, nachdem er mir die
Erlaubnis, das Schulzimmer zu verlassen, verweigert hatte, ihn aus einem
höchst natürlichen und dringenden Grund ein zweitesmal darum bat. Aber
ich kann mich nicht entsinnen, daß jemals mich ein Lehrer beiseite nahm
und in Güte mit mir sprach, um herauszubekommen, was in meinem Hirn
vorging; weshalb der dumme Junge so dumme Streiche machte -- und ein
Lausbub war.
* * * * *
»Düsser Bursche!« sagte der Herr Rektor wutschnaubend, als ich ihm
vorgeführt wurde. »Düsser unver--bösserliche Lümmel! Das Maß üst voll.
Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er brücht!«
Der Schulgewaltige hatte recht. Ich war ein infamer Bengel. Von meiner
Unverbesserlichkeit zeugte eine lange Reihe von Karzerstrafen, wegen
Rauchens auf der Straße, wegen Nichtablieferung von Schularbeiten, wegen
Betroffenwerden in dem Hinterzimmer einer Gastwirtschaft. Außerdem hatte
mich das Lehrerkollegium schon längst im Verdacht, der berüchtigten
Schülerverbindung des Maxgymnasiums anzugehören, die in versteckten
Vorstadtkneipen studentische Gebräuche nachäffte. Trotz aller
Anstrengungen des Pedells gelang es nie, die Sünder _in flagranti_ zu
erwischen. Stellten wir doch stets den jüngsten "Fuchs" als Wache auf
die Straße, und wenn der Pedell oder ein Professor sich blicken ließen,
wurden wir prompt gewarnt, kletterten aus Hinterfenstern, flüchteten
über Höfe, stiegen über Mauern. Aber man wußte im Maxgymnasium doch so
von ungefähr, welche Schüler die Schuldigen waren, und sah den
verdächtigen Subjekten scharf auf die Finger. Ich jedenfalls galt als
besonders verdächtig!
Nun war das Krüglein meiner Sünden übergelaufen:
Ich schwänzte drei Tage die Schule! Fürst Bismarck war nach München
gekommen und in Lenbachs Villa abgestiegen. Dorthin lief ich
schleunigst nach dem Mittagessen, ließ Nachmittagsunterricht eben
Nachmittagsunterricht sein und stand bis zum späten Abend auf der
Straße, aus Leibeskräften hurraschreiend. Weil die Freiheit gar so schön
war und der junge Sommer gar so sonnig, ging ich am nächsten Tag auch
nicht ins Gymnasium, und am dritten Tag erst recht nicht, sondern trieb
mich in den Isarauen herum und schwelgte in unzähligen Zigaretten und
machte erschrecklich schlechte Gedichte.
»Ein Schüler der 6. Klasse schwänzt! Das üst noch nücht vorgekommen!«
donnerte der Rektor. »Was haben Sü zu sagen?«
Stotternd versuchte ich zu erklären, daß ich es gar nicht so böse
gemeint hätte, daß --
»Oine gemeine Lüge! Gekneipt haben Sü!«
»Das ist nicht wahr. Das verbitt' ich mir,« brauste ich auf.
»Halten Sü das lose Maul! Sü sind ein Verlorener. Sü sind eine Gefahr
für die tugendhaften Schüler. Der Lehrerrat wird das weitere über Sü
beschließen.«
Binnen vierundzwanzig Stunden wurde ich aus dem Tempel des Humanismus
hinausgeworfen, dimittiert, und damit nicht nur vom Maxgymnasium,
sondern auch von jeder anderen höheren Lehranstalt in München
ausgeschlossen. Meine Reue war tief und ehrlich.
Das Königliche Seminar in Burghausen, einem kleinen bayrischen
Gymnasialstädtchen an der österreichischen Grenze, nahm den Entgleisten
auf. Das Seminar war ein Internat, eine Art Besserungsanstalt. Die
Zöglinge wurden morgens ins Gymnasium geführt und mittags wieder
abgeholt; nachmittags wieder hingeführt und abends wieder abgeholt. In
der Zwischenzeit aß man an langen Tischen im Speisesaal, arbeitete in
den Studiersälen, schlief des Nachts in gemeinsamen Schlafsälen -- jede
Minute unter Aufsicht, unter strengster Zucht. Sechs Monate lang ging
alles gut, und meine Zeugnisse schnellten zu verblüffender Güte empor.
Dann fing's wieder an.
Die Aufsicht in unserem Studiersaal führte ein Präfekt, den wir alle aus
tiefstem Herzensgrund haßten. Das kleine Männchen im bis an den Hals
zugeknöpften Priesterrock pflegte auf leisen Sohlen hinter unsere Bänke
zu schleichen und uns über die Schultern zu gucken. Wir Obersekundaner
empfanden sein Spionieren, wie wir es nannten, als eine ungeheuerliche
Beleidigung. Er war ein gestrenger Herr, der über nichts viele Worte
verlor, sondern bei Verstößen gegen das Hausregiment einfach in knappen,
kurz hervorgesprudelten Sätzen Strafarbeiten auferlegte. Strafarbeiten
erster Güte. Mit dem Auswendiglernen von hundert Versen der Odyssee
begann erst sein Repertoire. Auf den Spaziergängen verbot er uns das
laute Sprechen; nachts wandelte er stundenlang im Schlafsaal auf und ab.
Wir hatten natürlich keine Ahnung, daß diese nächtliche Vigil einen ganz
bestimmten Zweck hatte, und nicht das geringste Verständnis dafür, daß
er nur seine Pflicht tat! Wir sahen in ihm nur die Verkörperung einer
erbarmungslosen Autorität, die uns stets auf dem Nacken saß. Und haßten
ihn.
Nun war es Sitte im Seminar, daß einmal im Monat die höheren Klassen
unter Führung ihrer Präfekten einen Ausflug machten, bei dem in irgend
einem Dorfwirtshaus Bier getrunken und geraucht werden durfte; eine
Vergünstigung, die als Sicherheitsventil wirken sollte. Diesmal teilte
uns der Leiter des Seminars mit, daß auf Vorschlag unseres Präfekten der
Ausflug in diesem Monat unterbliebe. Wir seien einer solchen
Vergünstigung nicht würdig. Wir sollten gefälligst fleißiger sein und
uns nicht so viele Hausstrafen zuziehen!
Unsere Wut kannte keine Grenzen.
»Der Schleicher!«
»Der Spion!«
»A solchene Gemeinheit!«
Prompt wurde eine Verschwörung organisiert. Auf dem nachmittäglichen
Spaziergang stopften wir unsere Taschen voll kleiner Steinchen. Und
abends, als alles ruhig geworden war im Schlafsaal und wir alle in den
Betten lagen, klirrte mit scharfem Klang ein Steinchen gegen das
Glashaus des Präfekten. Glashaus? Jawohl! Der Gegenstand unseres Hasses
schlief in einem winzigen deckenlosen Gemach, dessen Wände aus
Rahmenwerk mit Glasfenstern bestanden; in einem richtigen Glashäuschen.
Die Wände verhüllten Vorhänge, durch die er uns aber beobachten konnte.
Was ja auch der Zweck des Glasgemachs war. Wir Münchener nannten es den
Glaspalast.
Ein zweites Steinchen prallte gegen den Glaspalast; ein drittes, ein
viertes. Der Präfekt, völlig angekleidet, kam hervorgeschossen.
»Ruhe!«
Dann verschwand er wieder. Und im nächsten Augenblick knatterte es wie
Gewehrfeuer gegen seine Wände. Diesmal kam er sofort und rief mit vor
Entrüstung bebender Stimme:
»Lausbuben!«
»Unverschämt!« schrie eine Stimme aus einem Winkel des Schlafsaals.
(Das war ich!)
»Lassen Sie die Kinderei!« befahl der Präfekt ruhiger werdend.
»Bestrafen werde ich Sie morgen.«
Aber wir waren viel zu aufgeregt, um Vernunft anzunehmen. Ohn' Unterlaß
klatschte der Hagelsturm von Kieselsteinen gegen die Glaswände. Der
Präfekt rannte zwischen den Bettreihen auf und ab und stürmte und
wütete. Unterdessen sorgten die Bettreihen, denen er jeweilig den Rücken
zukehrte, für Aufrechthaltung des Bombardements. Es war eine Orgie.
Schließlich lief er davon und holte den Rektor. Denn der Leiter des
Seminars war gleichzeitig Rektor des Gymnasiums -- ein Grobian, den wir
liebten.
»Wenn während des Restes der Nacht nicht völlige Ruhe in diesem
Schlafsaal herrscht,« erklärte der Rektor trocken, »so werde ich
höchstpersönlich erscheinen und Sie alle körperlich züchtigen. Ich werde
an dem einen Ende der Bettreihe anfangen. Und so weiter. _Ad infinitum._
Wenn Sekundaner sich wie Volksschüler betragen, so muß man sie prügeln
wie Volksschüler. Dies ist Logik. Guten Abend!«
Ich unverbesserlicher Sünder aber lachte die halbe Nacht hindurch, indem
ich mir vorstellte, wie grandios doch diese Prügelszene gewesen wäre!
Am nächsten Morgen kam alles ans Licht der Sonnen ...
»Haben Sie geworfen?«
»Jawohl, Herr Rektor.«
»So? Soo? Soo--o? Weshalb haben Sie das getan?«
»Wegen des Ausflugs.«
»So--oh! Ich stehe in _loco parentis_ und habe gute Lust, Sie zu
ohrfeigen.«
Im nächsten Augenblick: Klatsch links, klatsch rechts.
»Sie sind wirklich unverbesserlich. Im Seminar kann ich Sie nach dieser
Leistung nicht länger belassen. Aus dem Gymnasium werde ich Sie nicht
entfernen, weil Sie wenigstens nicht gelogen haben. Aber ich warne Sie!
Nur die geringste Kleinigkeit -- und Sie fliegen!«
Am gleichen Nachmittag noch wurden in feierlicher Zeremonie ich und ein
anderer Schüler für unwürdig des Seminars erklärt und vom Pedell ins
Städtchen geführt. Mich brachte er zu einer Frau Glockengießermeister
die mich in Kost und Verpflegung nahm.
* * * * *
Ich aber segnete den Präfekten und den Glaspalast und die Steinchen,
denn nun war ich ein freier Bursch, ein Stadtschüler! Auf dem Stübchen
bei Glockengießermeisters konnte man lange Pfeifen rauchen, soviel man
nur wollte, und am Abend holte Glockengießermeisters Töchterlein gern
eine Maß Bier. Das war wunderschön -- goldene Freiheit. Fast ein Jahr
lang ging alles gut, bis das Märchen kam; ein richtiges Märchen: Es war
einmal eine Königin, die neigte sich zu einem Pagen, und ein groß'
Gerede entstand im Königsschloß ...
In wundernder Rührung gedenke ich jener Zeiten erster Liebe. Die Königin
war eine junge Dame, vielumworben im Städtchen, älter als der
Unterprimaner, der ein Mann zu sein glaubte, es aber durchaus nicht war.
Ich weiß noch genau, wie ich mich geärgert hatte, als ein Brief meines
Vaters mich zwang, zum Besuch in jener Familie "anzutreten"; mit welchem
Widerstreben ich dann bei einer zufälligen Begegnung auf dem Eisplatz
meine Schulverbeugung vor Mutter und Tochter machte und wohl oder übel
die junge Dame zum Schlittschuhlaufen einladen mußte. Familiensimpelei
nannte ich dergleichen damals. Doch es dauerte nicht lange, und der
Unterprimaner wartete oft stundenlang in zitterndem Bangen auf dem
Eisplatz, ob ~sie~ kommen würde -- -- und war glückselig, wenn sie kam.
In schweigendem Glück zuerst. Und dann brach es wie ein Sturm über uns
Menschlein herein. Aus dem Alltagssprechen wurden gestammelte Worte von
tiefem Sinn, leises Geflüster, zaghaftes Gestehen, ein:
_»Je vous aime!«_
_»I love you so ...«_
Die großen Worte, die ein so wunderbares Geheimnis zu bergen schienen
und doch fast körperlich schmerzten im Gesprochenwerden, wären in
deutscher Sprache nie über unsere Lippen gekommen. Das war das Glück;
unvergeßliche Zeiten der Begeisterung, des Göttertums zweier junger
Menschen, die ein jeder im andern die Vollkommenheit sahen, den heimlich
geträumten Jugendtraum. Wir schwelgten in Goethe und Scheffel und Heine
und schrieben einander lavendelfarbene Briefchen und jubelten laut in
den Gängen der alten Herzogsburg droben auf dem Schloßberg. Wie
glückselige Kinder.
Da fing das Städtchen zu reden an. Die Perückenzöpfe braver Bürger
wackelten erschrecklich vor lauter entsetztem Kopfschütteln. Was mögen
ehrsame Honoratioren und entrüstete Gymnasiallehrer alles gesagt und
alles gedacht haben! Als ich zehn Jahre später wieder in das Städtchen
kam, schlug Frau Glockengießermeisterin die Hände über dem Kopf zusammen
und erzählte drei Stunden lang von den merkwürdigen Dingen, die damals
das Städtchen geredet hatte, nicht mit Engelszungen. Die Königin aber
von damals wohne weit drüben im Schwäbischen am Bodensee und sei eine
stattliche junge Regimentskommandeuse geworden, die dem Herrn Oberst
schon eine Schar von Kindern beschert habe --
Der Unterprimaner wurde schleunigst aus dem Gymnasium fortgejagt, unter
dem ein wenig fadenscheinigen Vorwand, am offenen Fenster eine lange
Pfeife geraucht und einen vorübergehenden Professor nicht gegrüßt zu
haben. Ich hatte ihn nicht gesehen. Aber der Lehrerrat faßte es als
Verhöhnung auf.
Der Rest ist eine häßliche Erinnerung. Durch die zweite Dimission war
dem Entgleisten jedes Gymnasium in Bayern verschlossen, und übrig blieb
nur eine Münchner Presse. Aber nun war Hopfen und Malz verloren; ich
hatte die Empfindung, man hätte mir schweres Unrecht getan und wurde
gleichgültiger denn je. Ich kneipte. Machte Schulden. Groteske Schulden.
Bis eines Tages langgeprüfte Familiengeduld riß und kurzerhand
beschlossen wurde, den Unverbesserlichen drüben über dem großen Wasser
für sich selbst sorgen zu lassen; ein Beschluß, der allzu energisch
gewesen sein mag. Denn schließlich hatte der Lausbub weder gestohlen
noch geraubt. Wenn ich mir aber den Lümmel von damals vorstelle, wie er
alltäglich die schönsten Ermahnungen mit gelangweiltem Gesicht anhörte,
um sich dann zu schütteln wie ein naßgewordener Hund und schleunigst
eine neue Dummheit auszuhecken (die der Familie gewöhnlich ein
Sündengeld kostete) -- so verstehe ich alles! Glaube mir, oh Leser: Der
Lausbub war ein infamer Lausbub!
Im Zwischendeck der Lahn.
Im Bremer Ratskeller. -- »So schmiede dir denn selbst dein
Glück!« -- An Bord. -- Der Steward, der Zahlmeister und das
Nebengeschäftchen. -- Vom Itzig Silberberg aus Wodcziliska.
-- _Atra cura_ ... -- Das Mädel mit den hungrigen Augen.
-- Die beiden Däninnen. -- Im New Yorker Hafen.
Den ganzen Tag waren wir in Bremen umhergerannt. Als wir bei der
ärztlichen Untersuchung uns einer langen Reihe von Auswanderern
anschließen und stundenlang warten mußten, sagte mein Vater auf einmal:
»Du solltest eigentlich doch die Überfahrt in der Kajüte machen und
nicht im Zwischendeck!«
Aber sofort besann er sich. »Nein! Es bleibt dabei. Es ist besser, wenn
du dich schon auf dem Schiff an neue Verhältnisse gewöhnst.«
Und dann kam der letzte Abend im deutschen Land.
Bis gegen Mitternacht saßen mein Vater und ich im Bremer Ratskeller, in
einem stillen Winkel, verborgen zwischen bauchigen Apostelfässern. Edler
Wein funkelte in den Gläsern. Von der großen Stube her klang
Stimmengewirr, lustiges Lachen fröhlicher Menschen. Mir war erbärmlich
zumute; ich starrte in den goldgelben Wein und kämpfte immer wieder mit
Tränen und dachte an den Abschied von meiner Mutter und wagte es nicht,
meinem Vater in das vergrämte Gesicht zu sehen.
Erst Jahre später habe ich das verstanden, was mir mein Vater an jenem
Abend sagte. Er sprach wie ein Mann zum andern, wie ein Freund zum
Freund; erklärte mir, daß es ihm bitter schwer würde, den einzigen Sohn
in die Welt hinauszuschicken. Er wisse aber keinen andern Rat. Das Leben
selbst mit all' seinen Härten müsse mich in die Kur nehmen ...
»Geh' zugrunde, wenn du zu schwach fürs Leben bist!«
Und ich lächelte unter Tränen, denn meine Art von Stolz hatte ich trotz
allen Gedrücktseins und trotz aller Reue. Das gefiel ihm.
»Du wirst nicht zugrunde gehen, glaube ich. So gefährlich auch das
Experiment ist, für so richtig halte ich es. Du mußt auf deine eigenen
Füße gestellt werden. Du mußt dich austoben! Auf der Universität würdest
du nichts als neue Streiche machen, dich vielleicht ins Unglück stürzen;
Soldat, wie du es werden möchtest, kann ich dich nicht werden lassen,
denn zum armen Offizier eignet sich kein Mensch so schlecht wie du --
ins kaufmännische Leben paßt du erst recht nicht. So schmiede dir denn
selber dein Glück ...«
Stundenlang sprach mein Vater mit mir. Meine Fahrkarte lautete nach
Galveston in Texas. Mein Aufenthalt in New York würde nur wenige Stunden
dauern; am nächsten Tag nach Ankunft der Lahn in New York sollte ich mit
einem Dampfer der Mallorylinie nach Texas weiterfahren. Da draußen im
jungen Land würde es mir weit leichter werden, mich durchzuschlagen, als
in einer Riesenstadt mit ihren Tausenden von Arbeitslosen.
»Such' dir dein Brot! Halte den Kopf hoch, mein Junge; laß dir nichts
schenken; gib Schlag um Schlag; hab' Respekt vor Frauen. Du wolltest ja
immer Soldat werden -- bist jetzt ein Glückssoldat.«
Und die Gläser klirrten zusammen.
Da bat ich schluchzend um Verzeihung -- -- -- Nie in meinem Leben werde
ich jenen Abend vergessen; denn als ich sieben Jahre später wiederkam,
da hatten sie meinen Vater begraben.
Am nächsten Morgen fuhren wir nach Bremerhaven zum Lloyddock. Dort lag
wie ein riesiges schwarzes Ungetüm der Schnelldampfer Lahn. Auf dem
kleinen Häuschen am Dock, das irgend ein Bureau enthalten mochte,
flatterte die deutsche Flagge. Am Kai drängten sich die Menschen, und an
der Schiffsreeling standen in dichten Reihen Kajütenpassagiere, die
Abschiedsgrüße zu ihren Freunden hinunterriefen und Taschentücher
flattern ließen. Wir stiegen die Gangplanke hinan. Ein Zahlmeister des
Norddeutschen Lloyd verlangte meine Zwischendeckkarte, und ein Polizist
prüfte meinen Paß. Auf dem Vorderschiff war ein unbeschreiblicher
Wirrwarr. Männer und Frauen und Kinder standen und saßen herum, zwischen
Köfferchen und Säcken und Bündeln. Irgend jemand spielte auf einer
Ziehharmonika, und ein Mädel sang dazu: »Et hat ja immer, immer jut
jejange' -- jut jejange' ...« Die unbehilflichen Menschen, die sich
gegenseitig im Wege standen, schnatterten und schimpften; die
Ziehharmonika johlte einen Gassenhauer nach dem andern, bis die
Walzerklänge der Schiffskapelle auf dem Promenadedeck sie übertönten.
Mein Vater und ich standen an der Reeling zwischen einem russischen
Juden in fettglänzendem Kaftan und einer Bauernfrau mit buntem Kopftuch.
Ich schluchzte vor mich hin. Die Menschen und die Dinge schwammen mir
vor den Augen; mir war, als müßte ich schreien in bitterer Reue. Mein
Vater sagte ein über das andere Mal:
»Mein lieber Junge -- mein lieber Junge!«
»Besucher von Bord!« riefen die Stewards. Die Glocke begann zu läuten.
Langsam setzte sich der Schiffskoloß in Bewegung. Und ich stand und
starrte mit brennenden Augen nach dem Kai. Hochaufgerichtet stand mein
Vater am äußersten Ende der Landungsbrücke, den Kopf in den Nacken
geworfen, wie das seine Art war, und winkte mir zu. Einmal. Zweimal.
Dann wandte er sich mit einem scharfen Ruck, und in wenigen Sekunden war
er im Menschengewühl verschwunden -- -- --
* * * * *
Ein Steward klopfte mir auf die Schulter. »Haben Sie schon 'ne Koje?«
»Nein.«
»Na, hören Sie 'mal -- dann ist's aber höchste Zeit. Machen Sie, daß
Sie 'runterkommen. Die Treppe dort.«
Ich nahm meinen Handkoffer und stieg hinunter, in einen Riesenraum mit
langen Reihen von Holzgestellen: nebeneinander und übereinander
geschichteten Kojen. Viele Hunderte von Schlafplätzen waren es. Jedes
Bett enthielt eine Strohmatraze, zwei hellbraune Wolldecken und ein
Kopfkissen. Auf jedem Kopfkissen waren ein Blechbecher, ein zinnerner
Teller, Messer, Gabel und Löffel hingelegt. Überall auf den
Holzgestellen kletterten Männer herum, und da und dort stritt man sich
um die Plätze. Ich muß recht hilflos dagestanden haben. Ein Steward sah
mich prüfend an, dann ging er auf mich zu:
»Das wird Ihnen man nich' gefallen hier unten mit die Polacken un' die
Jüden un' die ganze Gesellschaft -- das is nix nich' für junge Herren,
sag' ich. Kommen Sie mit.«
Natürlich ging ich mit. Mir war alles furchtbar gleichgültig. Durch
endlose Gänge und über unzählige Treppen führte er mich ins Bureau des
vierten Zahlmeisters.
»Können wir nich' 'ne Koje fixen für diesen jungen Herrn?« fragte mein
Begleiter den Zahlmeister.
Jawohl, es ging. Gegen eine Entschädigung von zwanzig Reichsmark wollte
der Herr Zahlmeister eine Koje für mich im Vorratsraum aufstellen
lassen. Ja, sie stand merkwürdigerweise schon fix und fertig da, in
einem Winkel, durch eine aufgespannte amerikanische Flagge schamhaft
verhüllt.
»Das is schandbar billig,« flüsterte mir der Steward zu. »Da haben
Sie Glück gehabt. Nu wollen wir aber einen trinken. So 'ne kleine
Flasche Hamburger Kümmel kost' nur 'ne Mark fufzig. Haben Sie zufällig
eine da, Herr Zahlmeister?«
Jawohl; es war eine da.
»Prost!« (Einundzwanzig Mark und fünfzig Pfennige wechselten ihre
Besitzer). Da starrte mich der Steward auf einmal entsetzt an. »'n
Strohhut? Nee, is' nich' möglich -- 'n Strohhut! Mensch, haben Sie keine
Mütze?«
Nein, ich hatte keine Mütze.
»Mensch! So 'n feiner Strohhut -- der geht über Bord, sag' ich Ihnen.
Bei dem Wind! Ich hab' zufällig 'ne Mütze. Kost 'n Taler! 'ne feine
Mütze!«
Natürlich kaufte ich die Mütze.
Dann komplimentierte mich der Zahlmeister höflich aber energisch hinaus.
Ich kennte ja jetzt meinen Schlafplatz. Von 7 Uhr morgens aber bis 9 Uhr
abends hätte ich in seinem Bureau nichts zu suchen.
Auch das war mir sehr gleichgültig -- wie alles und jedes an Bord der
Lahn an jenem ersten Tag. Ich aß fast nichts, interessierte mich für
nichts, lief stumpfsinnig an Deck auf und ab, stand stundenlang in einem
einsamen Winkel an der Reeling, schlich mich früh am Abend in des
Zahlmeisters Bureau, ging ins Bett und weinte unter der Decke wie ein
kleiner Junge ...
Fröhlicher Sonnenschein flutete durch die kleinen rundlichen
Kajütenfenster, als ich am nächsten Morgen erwachte und schläfrig um
mich blinzelte. Was war das für ein Tönen und Surren? Im ganzen Körper
fühlte ich das Vibrieren des vorwärtspeitschenden Riesenschiffes -- mir
war, als läge ich in einer Schaukel, auf und ab schwingend; als würde
ich der Decke zugeschleudert, bliebe dort einen Augenblick hängen und
versänke dann in unendliche Tiefen. Ein Stückchen von mir selbst schien
jedesmal zurückzubleiben; droben an der Decke und unten in der Tiefe.
Einmal hatte ich das entsetzliche Gefühl, als hätte sich mein Magen von
mir getrennt und schwebe irgendwo in der Kajüte. Ich sprang aus dem
Bett, und sofort hörte das Rumoren in meinem Innern auf. Im Handumdrehen
war ich angezogen, eilte an Deck und machte mich mit wahrem Heißhunger
über Kaffee und Brötchen her, die aus einem großen Kessel und einem
Ungetüm von Korb durch zwei Stewards verteilt wurden. Wenig Menschen
waren an Deck. Ich trat an die Reeling. Da draußen war majestätische
Ruhe. Wie die Unendlichkeit selbst sahen sie aus, die immerzu
vorwärtsrollenden Wasserberge, in ihrer gewölbten Mitte tief schwarz und
doch glänzend wie ein Spiegel grünblau aufsteigend, schaumig weiß an den
Rändern. Dann überholte der eine Wasserberg den andern,
zusammenstürzend, und eine neue Welle wurde aus ihnen geboren, zu kurzem
Spiel. Nimmer aufhörende Bewegung und doch verkörperte Ruhe. Ich trank
die salzige Luft ein, die einem die Augen aufleuchten ließ und das Blut
schneller durch die Adern jagte. Und schaute in den Sonnenhimmel. Frisch
und froh und leicht fühlte ich mich. »So schmiede dir denn selber dein
Glück --« Vergangen war vergangen und feige wäre es, die Ohren hängen
zu lassen. Hast du Schneid genug zu dummem Leichtsinn gehabt, so mußt du
auch Schneid genug haben, nicht in nutzloser Reue zu flennen.
Ich wurde unternehmungslustig und stieg ins Zwischendeck hinab. Es war
fürchterlich da unten. Armselige Häuflein menschlichen Elends lagen auf
den Kojen herum, mit grüngelben Gesichtern, jammernd in den Qualen der
Seekrankheit, zu energielos, um in frische Luft an Deck zu gehen. Eine
Unterwelt des Stöhnens und der Gerüche. Und die Konsequenzen der
Seekrankheit machten sich sehr bemerkbar, so daß ich allen Göttern für
mein Schlafplätzchen im Vorratsraum dankte.
»Se belieben nix ssu sein seekrank?« fragte mich ein alter Jude, der
knoblauchduftend auf einem Bündel neben seiner Koje saß.
»Nein.«
»Nu, das frait mich. Was ham Se genommen ein for de Magen?«
»Nichts. Ich blieb nur in der frischen Luft.«
»Püh, frische Luft. Wer' ich raufgehen ssu sitzen in der frischen Luft?
Wer' ich nich'! Bin ich gegangen rauf und hab mer gesetzt auf Stricke.
Is 'n Goj gekommen, wo hat ge--soogen an die Stricke un' bin ich
gefallen auf 'n Rücken.
»'s Tauwerk is nich' zum Sitzen da,« sagt er.
»Se ver--sseihen gütigst,« sag ich. Nu bin ich gegangen ssu sitzen auf
'e Bank ganz vorne.
»Paß man auf. Da is feucht!« sagt der Goj.
Nu, ich bin geblieben sitzen. De Bank is for alle da und er hat mer nix
nich' ssu sagen, denk' ich. Nu, ich sitz -- un' wie ich so sitz, kommt e
Welle un' macht mer himmelschreiend naß. Waih geschrien, sag ich, was is
das for e Gemeinheit?«
»Siehste,« sagte der Goj.
»Nu belieben Se gütigst ssu verstehen, daß ich nix will wern naß un'
nix will haben tun mit die Gojim vons Schiff. Püh! Was wern Se machen
drieben, wenn ich fragen derf?«
»Weiß ich noch nicht.«
»Nu? wie haißt? Sind Se e Millionär?«
»Nee! Leider nicht. Was wollen denn Sie in Amerika anfangen?«
»Nu, der Silberberg is gegangen nach e böse Pleite in Wodcziliska in
Galizien nach New York, un' is geworden e gemachter Mann. Bei de
Geschäfte is' ssu machen e Rebbach, schreibt er an de Verwandtschaft. Nu
-- wer ich handeln -- wie der Itzig Silberberg aus Wodcziliska.«
Als ich wieder oben war und dankbar die frische Luft einatmete, lachte
ich laut und lange über den handelstüchtigen Sohn Israels. Dann wurde
ich nachdenklich.
»Was wern Se machen drieben?...«
Zum Teufel auch, was würde ich eigentlich anfangen? Was werden wir
essen? Was werden wir trinken? Ich glaube, ich habe dieser wichtigen
Lebensfrage etwa zehn Minuten gewidmet. Zukunftssorgen waren bis jetzt
nicht meine Spezialität gewesen: In schleierhaften Erinnerungen an
allerlei Indianerbücher dachte ich an galoppierende Pferde und
schießende Cowboys, und ... damit war der Schatz meines Wissens
erschöpft. Hm, abwarten. Es war mir ja auch so unendlich gleichgültig.
Da drüben, irgendwo in der zusammenfließenden Masse von Himmel und
Wasser würde in so und so viel Tagen neues Land auftauchen, neue
Menschen, neue Dinge. Das würde zweifellos sehr interessant und sehr
lustig sein. Ich freute mich schon so auf dieses neue Land, als hätte
ich weiß Gott welche wichtigen Pläne. Nebenbei mußte man dann allerdings
Brot verdienen. Man mußte arbeiten oder dergleichen. Irgend etwas. Nun,
das würde sich schon finden.
»Hinter dem Reiter auf dem Pferde sitzt die schwarze Sorge ...«
Das war mir schon in Tertia komisch vorgekommen. Laß sie doch sitzen!
Und ich pfiff mir eins und entschied, die Sache sei vorläufig erledigt.
Es klang famos, ein Glückssoldat zu sein. Das Wesen eines Glückssoldaten
war mir zwar sehr schleierhaft, aber ich vermutete, die Hauptsache sei,
sich um nichts zu kümmern, was ich wunderschön fand, und wozu ich
unbestritten großes Talent hatte.
Alles war überhaupt wunderschön. Prachtvolles Gefühl, so sein eigener
Herr zu sein. Freilich -- ein dutzendmal jeden Tag sah ich an mir
hinunter, konstatierte, daß mein heller Sommeranzug ausgezeichnet saß
und wünschte mich sehnlichst zu den eleganten Herren und Damen auf das
Promenadedeck hinüber. Da gehörte ich doch hin! Von Rechts wegen!
Nach und nach waren all die Jammergestalten nach überstandener
Seekrankheit an Deck gekommen und verzehrten mit großer Regelmäßigkeit
unglaubliche Mengen der derben Schiffskost, als wollten sie Versäumtes
wieder einholen. Da waren oldenburgische Bauern, wortkarge Hünen, die
den ganzen Tag lang in besorgter Wacht auf ihren Habseligkeiten saßen
und niemals mit irgend jemand sprachen. Da waren galizische Juden,
ungarische Arbeiter, deutsche Handwerker.
Sie hockten gewöhnlich in Gruppen zusammen. Sie scherten sich den Teufel
um die Schönheiten des Meeres und die Fremdartigkeit des
Schiffskolosses, aßen und tranken und rauchten und wuschen Wäsche und
flickten Zeug und machten aus dem Zwischendeck ein Dorf mit alten
Gebräuchen und alten Sitten. Die Weiber säugten ihre Kinder und holten
ihren Männern das Essen und tanzten kreuzfidel, wenn der lustige
bayrische Bierbrauer seine Ziehharmonika herbeiholte, und die Männer
stritten sich und vertrugen sich wieder und erzählten ein wenig und
logen ein bißchen, und die Stewards spielten bald die Polizeigewaltigen,
weil sie Deutsche waren und ihnen das im Blut steckte; bald erinnerten
sie sich daran, daß sie Kellner waren, und ergatterten Nickel.
Die oldenburgischen Bauern hatten Geld im Sack und gingen nach Kansas,
um sich in einer deutschen Ansiedlung Land zu kaufen. Die Handwerker
berichteten Wunderdinge von amerikanischen Wunderlöhnen -- die
ungarischen Arbeiter schnatterten den ganzen Tag in ihrer aufgeregten
Art -- die Juden hockten auf Kisten und Koffern zusammen und
mauschelten.
Ich hatte wenig Verständnis für sie und ihre Art; das Zwischendeck der
Lahn ist mir eine verschwommene Erinnerung, aus der nur ein paar
Menschen auftauchen.
Da war ein schlankes Mädel mit hungrigen Augen. Sie reiste allein und
erzählte jedem, der es hören wollte, daß sie des Dienstmädchenspielens
und der gnädigen Frauen überdrüssig sei und -- ja, da drüben gab's Geld,
viel Geld und schöne Kleider, und sie sei ganz gewiß nicht dumm. Die
Frauen im Zwischendeck betrachteten sie mit tiefster Abneigung, und die
Männer verdrehten die Augen, wenn sie sich blicken ließ. Sie saß
stundenlang ganz vorne an der Spitze des Schiffes und starrte aufs Meer
hinaus. Einmal setzte ich mich neben sie.
»Einen Pfennig für Ihre Gedanken!«
»Hoh!« sagte das Mädel, und ihre Augen lachten, »meine Gedanken sind
viel mehr wert.«
»Wieviel denn?«
»Nicht zum sagen. Ich hab' daran gedacht, daß ich alles Schöne haben
will, was es nur gibt -- alles, alles!«
Sie drehte sich um und sah mich an. Ich war zu jung damals, um in den
hungrigen Augen zu lesen, und sie lachte und ging weg.
Und da waren meine beiden Däninnen. Schwestern, blutjunge Dinger in
blauen Matrosenanzügelchen und kleinen schwarzen Hütchen. Sie saßen
immer zusammen und kicherten, und wenn die Sonne schien, leuchteten die
goldblonden Haare. Ich sagte einmal irgend etwas zu ihnen, da
schüttelten sie lachend die Köpfe, denn sie sprachen nur dänisch und
verstanden keine andere Sprache. Am letzten Abend der Reise aber war ich
mit ihnen zusammen. Spät war's schon, und ich saß allein auf dem dunklen
Verdeck und starrte in die Sternenwelt hinaus. Da kamen die Schwestern,
kichernd und lachend, und eine setzte sich rechts von mir und eine
links. So blieben wir die ganze Nacht im Dunkeln und schauten aufs Meer
hinaus und schauten einander an, und betrachteten das Sternengeglitzer
und freuten uns, wenn die Wellen silberschäumend aufblitzten. Stunde auf
Stunde verrann, und wir rückten immer enger zusammen.
Ohne auch nur ein einziges Wort sprechen zu können.
Ich hab' die beiden armen Dinger nach Jahren wieder gesehen in
jämmerlichem Elend. Aber das ist eine andere Geschichte.
* * * * *
Wie ein feiner Dunstschleier lag's über dem Meer. Graue Gebilde tauchten
auf am Horizont, kaum sichtbar in verschwommenen Umrissen, aber von
erdrückender Masse, schwer, ungeheuer. Sie wuchsen, stiegen empor,
nahmen Form und Gestalt an, zergliederten sich in schattenhafte
Häusermassen, zerteilt, interpunktiert von himmelstrebenden,
riesengroßen Schatten, die grob und eckig wie Würfel aussahen und
gewaltig, als habe eine übermenschliche Hand sie hingestellt. Das Meer
wurde lebendig. Schiffe kamen in Sicht -- Dampfer, groß und klein,
Segler, Ozeanschlepper. Und langsam lösten sich aus den Schatten Farben
heraus, das Meer erdrückend, als wolle die Riesenstadt sagen: Hier
herrsche ich!
Getöse überall. Aus dem Wasser taucht ein Weib auf, fackelschwingend,
eine Strahlenkrone um das Haupt, die Statue der Freiheit. Nun fahren wir
mitten im Häusergewirr, das auf allen Seiten unabsehbare Linien von
Schiffen bunt umsäumen, in allen Farben, in allen Größen.
Zwei zierliche Schleppdampfer drängen unseren Schiffskoloß hübsch
langsam und vorsichtig an den Pier, von dem aus schwarzer Menschenmenge
weiße Tücher grüßend flattern. Die Gangplanken werden gelegt, die
Kajütspassagiere gehen an Land, die Dampfwinden fördern eilend ihre
Kofferlasten aus dem Schiffsbauch. Wir Zwischendeckler müssen lange
warten, bis auch wir das Schiff verlassen dürfen und uns in der
Landungshalle zur Zollrevision aufstellen können.
Die ging schnell genug vorüber; bei den armen Leuten vom Zwischendeck
war nicht viel zu holen für Onkel Sam. Dann marschierte man uns auf
einen kleinen Dampfer, der uns nach den Auswandererhallen hinübertrug.
Es war ein riesengroßer Raum, durch Holzwerk in lange, schmale Gänge
eingeteilt, mit kleinen Holzhäuschen für die Ärzte und die
Auswanderer-Kommissare. An denen mußten wir im Gänsemarsch
vorbeischreiten. Nach einer Stunde etwa kam auch ich an die Reihe. Der
Arzt sah mich flüchtig an und winkte nur mit der Hand, ich dürfe
weitergehen; der Kommissar fragte mich nach meinem Namen und sah auf
einer Liste nach, die er in der Hand hielt.
»Sie sind Deutscher?«
»Ja.«
»Was haben Sie in Deutschland gearbeitet?«
»Nichts!« platzte ich heraus, und der Beamte lachte.
»Was wollen Sie hier in Amerika?«
Ich muß wahrscheinlich auf diese Frage ein recht dummes Gesicht gemacht
haben, denn der Beamte wartete die Antwort gar nicht ab und fragte
lächelnd:
»Zeigen Sie mir die erforderlichen dreißig Dollars.«
Er warf einen flüchtigen Blick auf die Goldstücke in meinem
Geldtäschchen.
»Schön. Sie können passieren. Und viel Glück!«
Da stand ich nun in der kleineren Seitenhalle mit ihren Kofferbergen und
mir fiel ein, daß auf dem Fahrschein der Dampferlinie, die mich nach
Texas bringen sollte, umständlich auseinandergesetzt war, man müsse bei
der Ankunft in New York die Fahrkarte auf den Hut stecken. Das tat ich.
Sofort schoß ein bewegliches kleines Kerlchen auf mich zu:
»Hello, _mister_. Sie fahren mit der Mallory-Linie. Ich bin der Agent.
Alles in Ordnung. Geben Sie mir Ihren Gepäckschein her. So! Bleiben Sie
hier stehen. Rühren Sie sich ja nicht vom Platz. Sie haben gar nichts
zu tun. Wird alles besorgt. Ist alles bezahlt.«
Und weg war er. Bald sah ich ihn hier, bald dort im Menschengedränge
auftauchen, und immer hatte er neue Schutzbefohlene am Wickel, die er
schleunigst zu mir in die Ecke führte. Endlich waren wir vollzählig.
»Eins, zwei, drei -- sieben!« zählte er. »_Allright._ Alles in
Ordnung. Gepäck wird gebracht. Gehen wir. Immer hinter mir drein!«
So betrat ich die Straßen New Yorks.
Ein Tag in New York.
Wie ich mir einen Revolver kaufte. -- Der _policeman_ und der
Stiefelputzer. -- Wie man eingeseift und barbiert wird. -- Im
Geschwindigkeits-Restaurant. -- Die Bowery. -- Hallelujamädchen.
-- Im Park.
»Bleiben Sie lieber im Heim,« meinte das kleine Männchen. »Es ist
gescheiter und billiger!«
»Fällt mir nicht im Traum ein,« sagte ich.
»_Well_, ich habe Sie gewarnt. Dies ist eine große Stadt, eine feine
Stadt, aber eine merkwürdige Stadt. Wenn Sie morgen in Ihr leeres
Portemonnaie gucken und weinen, dann ist's Ihr eigenes Begräbnis! Also
der Dampfer geht morgen früh um acht Uhr ab!«
Und er trippelte aus dem Bureau.
Ich sah ihm lachend nach. Hier im Auswandererheim in der _State Street_
wehte Zwischendeckluft, und Zwischendeckluft hatte ich gründlich satt.
Da waren große Räume mit lauter Schlafplätzen dreifach übereinander;
Kojen, richtige Kojen -- da war ein Eßraum mit riesig langen Tischen und
Bänken. An denen saßen Auswanderergestalten, denn es war gerade
Essenszeit. Und Bündel lagen umher, und dumpfe Luft war in dem Raum, und
ich machte, daß ich hinauskam.
»Wohin?« fragte der Mann mit der Mütze, der an der Türe stand.
»'raus!«
»Lieber nicht. Viel zu heiß zum Spazierengehen.«
»Mir egal. Ich will 'raus.«
»Hm. Fahren Sie weiter?«
»Ja. Mit dem Mallory-Dampfer morgen früh.«
»Texas? Was Sie nicht sagen! Haben Sie schon 'n Revolver?«
»Mann!« sagte der mit der Mütze erstaunt und mitleidig, als ich den
Kopf verneinend schüttelte. »Da unten muß man unbedingt 'n Schießeisen
haben!«
Daß ich aber auch daran nicht gedacht hatte! Ich machte mir schwere
Vorwürfe über meinen unverzeihlichen Leichtsinn und war von tiefer
Dankbarkeit erfüllt, als der Mann mit der Mütze sich erbot, mir einen
Laden zu zeigen. Er führte mich in ein Geschäft am Broadway, flüsterte
mit dem Verkäufer, bekam irgend etwas in die Hand gedrückt, und ging
wieder. Er dürfe nicht lange fortbleiben -- der _gentleman_ dort würde
mich schon _fixen_.
»_I -- I desire to buy a revolver!_« stotterte ich.
»_Certainly_,« antwortete der Verkäufer. »_Talk German._ Bitte,
sprechen Sie nur deutsch. Sie wünschen einen Revolver?«
Ich bejahte.
»Sie müssen natürlich das beste haben, was es nur gibt, besonders da
Sie nach Texas reisen, wie mir der Mann vom Heim sagte. Dort kann das
Leben eines Mannes leicht genug von der Güte seiner Waffe abhängen!«
(Texas muß ja fa--mos sein! Dachte ich mir, freudig überrascht).
»Ich möchte Ihnen diesen Smith und Wesson Revolver bestens empfehlen.
Feinster Nickelstahl. Selbsttätiger Patronenauswurf. Selbstwirkende
Sperrvorrichtung. Treffsicherheit auf dreihundert Meter garantiert.
Kolossal bequem in der Hüftentasche zu tragen!«
»Ich weiß doch nicht ...« sagte ich, die kleine Maschine möglichst
sachverständig betrachtend. »Gerade mit diesem System bin ich nicht
vertraut.« (Ich verstand überhaupt nichts von Revolversystemen.)
»Ich erkläre Ihnen den Mechanismus genau. Außerdem können Sie die Waffe
auf unserem Schießstand probieren. Diese Tür dort!«
Ich zitterte vor Freude. Das war ja wunderbar. Kaum konnte ich meine
Ungeduld meistern, als wir in die Schießbahn kamen, und er mir zuerst
den Mechanismus, das Laden, das Patronenauswerfen zeigte. Endlich gab er
mir den Revolver in die Hand, und schleunigst knallte ich auf die von
Glühlampen hellbeleuchtete kleine Scheibe los.
»Ausgezeichnet!« rief der Waffenhändler.
»Hab' ich getroffen?« fragte ich erratend.
»Ob Sie getroffen haben?« meinte er. (Als ob das gar nicht anders
möglich sei.) »Selbstverständlich. Ins Zentrum haben Sie getroffen!«
Beinahe hätte ich Hurrah geschrien. Ich freute mich wie ein kleiner
Junge. Nach dem zwölften Schuß ging der Waffenhändler zur Scheibe und
brachte mir das Stückchen Pappe. Sämtliche Schüsse saßen in den beiden
inneren Kreisen. Wie stolz ich war! So stolz, daß ich ohne weiteres den
sehr teuren Revolver kaufte. Hätte ich damals schon gewußt, daß es ein
alter Trick amerikanischer Waffenhändler ist, auf den Schießständen
sauber zurechtgeschossene Scheiben in Bereitschaft zu haben, die den
Kunden für ihre eigenen unterschoben werden, so würde ich wohl bedeutend
weniger eingebildet gewesen sein!
Die sollten mir nur kommen in Texas! Meine texanische Zukunft schien mir
gesichert! Ich besaß einen Revolver!
* * * * *
... Ich muß versucht haben, den Fahrweg des Broadway zu überschreiten.
Eine elektrische Straßenbahn wenigstens gab sich die erdenklichste Mühe,
mich zu rädern -- die Pferde eines Lastwagens versuchten mit zynischem
Gleichmut, mir die Füße wegzutreten -- ein Radfahrer kollidierte zuerst
mit meinen Rippen und hielt sich dann vertrauensvoll an meinem Halse
fest -- und siebenundzwanzig Kutscher brüllten zu gleicher Zeit auf mich
ein.
»Hilfe!« schrie ich.
Da tauchte ein Hüne von Polizist mit grauem Helm, blauem Rock und einem
niedlichen kleinen Knüppel in der Hand neben mir auf, sah mich
mißbilligend an und hob den kleinen Finger der rechten Hand ein bißchen
in die Höhe. Wie durch Zauberschlag standen all' die Wagen still,
schwiegen all' die Kutscher, hörten all' die Elektrischen mit ihrer
dröhnenden Klingelei auf. Und der Hüne faßte mich behutsam am Arm und
bugsierte mich auf die andere Seite der Straße.
»Donnerwetter!« rief ich.
»Oh -- aha!« sagte der _policeman_ in deutscher Sprache. »Frisch von
drüben? Lassen Sie sich in eine Unfallversicherung aufnehmen!«
Sprach's und schritt majestätisch weiter. Ich aber guckte betrübt an mir
hinab und konstatierte, daß mein Rock bestaubt, meine Stiefel mit
Schmutz bespritzt und meine Manschetten zerknüllt waren.
Da sah ich an der Straßenecke einen pompösen, mit Messingblech
verzierten Lehnstuhl stehen, vor dem ein Negerjunge hockte, und ich
begriff, daß das ein Etablissement zum Stiefelputzen war.
Wie hießen doch Stiefel auf englisch? Richtig -- _boots_. Aber wie
drückte man sich auf englisch aus, wenn man etwas geputzt haben wollte?
Keine Ahnung! Damals begann ich zum erstenmal, speziell den Lehrern der
englischen Sprache zweier bayrischer Gymnasien allerlei Übles an den
Hals zu wünschen. In Zukunft tat ich das noch häufig. Wie der schöne und
wahre Satz: »Die Tugend ist das höchste Gut« auf englisch hieß, das
hatte man uns gelehrt; die spartanischen Jünglinge und die verschiedenen
Enormitäten ihrer Erziehung -- das war ein sehr beliebtes
Übersetzungsthema gewesen. Aber wie man sich auf englisch die Stiefel
putzen ließ -- das war den Herren Humanisten wahrscheinlich zu
gewöhnlich gewesen. Und auf dem Broadway von New York dankte ich den
Göttern, daß ich als Primaner in Burghausen so viele englische
Schundromane gelesen und so viele englische Liebesbriefe geschrieben
hatte. Sonst wär' ich dagesessen mit meinem humanistischen Englisch!
Nein, das Wort für reinigen fiel mir nicht ein. Ich kletterte daher
wortlos auf den Lehnstuhl. Der Neger fiel auch sofort über meine Stiefel
her, bürstete, ölte, frottierte mit sieben verschiedenen Tüchern und
erzielte eine glänzende Herrlichkeit, die ich mit Staunen betrachtete,
während ich meinen Schädel damit quälte, wie ich elegant fragen könnte,
was die Geschichte kostete.
»_What does that cost?_« meinte ich schließlich.
»_A nickel_ -- fünf Cents,« grinste der Neger. »Deutsches, heh? Nix
englisch, heh?«
Und tief beschämt gab ich ihm meinen Nickel.
Es war so heiß, daß man kaum atmen konnte; es war, als strömten Fluten
glühender Luft aus dem Asphalt der Straße. Ich beneidete die westenlosen
Herren mit ihren dünnen Jäckchen und die Damen, die Fächer trugen und
sich unablässig Kühlung zufächelten; ich wunderte mich, daß trotz der
Hitze alle Leute so rannten; war erstaunt, als ich durch eine
Spiegelscheibe in ein Bankgeschäft hineinguckte und lange Reihen von
Angestellten in Hemdärmeln sitzen sah; in eleganten Hemdärmeln, an den
Ellenbogen von breiten bunten Seidenbändern zusammengehalten. Aber
immerhin in Hemdärmeln. Ich guckte in alle Läden hinein, starrte
verblüfft an himmelragenden Wolkenkratzern empor, ließ mich vorwärts
schieben im Straßengewühl. Ein Barbierladen brachte mich auf die Idee,
mich weiterhin verschönern zu lassen.
Eine Viertelstunde lang saß ich in der Reihe der Wartenden, bis eine der
emsig arbeitenden Gestalten in fleckenlosem weißen Linnen mich ansah und
rief:
»_Next!_«
Der Nächste! Ich war an der Reihe.
Der Barbier war ein Künstler. Leise wie ein Hauch glitt er mir über das
Gesicht. Auf einmal spürte ich etwas an meinen Füßen, merkte, daß ein
Neger sich heimtückischerweise herbeigeschlichen hatte und mir die
Stiefel putzte! Herrgott, sie waren doch schon geputzt worden! Ich
wollte protestieren. Es ging aber nicht, weil der Künstler gerade an
meinen Mundwinkeln operierte. Lieber die Stiefel zweimal geputzt als
einmal geschnitten, dachte ich mir.
Da! Jemand ergriff meine rechte Hand. Diesmal wäre ich fast
zusammengezuckt. Mühsam aus den Augenwinkeln schielend, stellte ich
fest, daß ein anderer Neger mit Scheerchen und Feilen und Bürstchen
meine Nägel bearbeitete! Na, meinetwegen.
Dreimal wurde ich eingeseift, dreimal rasiert. Dann legte sich auf
einmal ein weißes Tuch über mein Gesicht --
Ich brüllte! Das Tuch war kochend heiß.
»_Nice, aint it?_« fragte der Barbier.
_Nice_ -- das hieß hübsch. Die New Yorker Barbiere schienen mir einen
grotesken Geschmack zu haben. Aber wirklich, nach dem ersten Schrecken
fühlte man sich erfrischt, wohlig. Von Zeit zu Zeit fragte mich der
Barbier irgend etwas, und ich nickte nur mit dem Kopf, weil ich seinen
Geschäftsjargon nicht verstand.
So übergoß er meine Wangen mit höllischem Feuer und salbte mich mit
kühlenden Wohlgerüchen -- zerschlug ein Ei auf meinem armen Schädel und
brühte mir die Haare, um gleich darauf durch einen eiskalten Guß einen
brillanten Kontrast zu erzielen -- schnitt mir die Haare -- rasierte mir
den Nacken -- frottierte, rieb, schund mich. Aber es war sehr schön!!
»_Thank you!_« sagte der Künstler.
Und die junge Dame an der Kasse präsentierte mir mit bezauberndem
Lächeln eine Rechnung von fünf Dollars und packte mir eine Haarbürste,
eine Zahnbürste und eine Dose mit Pomade fein säuberlich ein. Ich fiel
beinahe in Ohnmacht. All' das Zeug hatte ich nickenderweise in aller
Unschuld gekauft! Ich wollte protestieren, ich wollte -- -- da sah mich
die junge Dame mit einem süßen Blick an, mit einem Blick, der
einen Eisblock hätte schmelzen können. Da tat auf einmal die
Fünf-Dollarrechnung gar nicht mehr weh. Ich bezahlte nicht nur, sondern
ich bezahlte mit Vergnügen.
Stundenlang wanderte ich ziellos umher, beschauend, staunend. Mir kam's
vor, als sehe eine Straße wie die andere aus, als herrsche überall das
gleiche verwirrende Getöse, das gleiche Getümmel. Ein Eindruck
verwischte den andern. Ich fing an müde und vor allem hungrig zu werden.
Da sah ich ein Schild mit grellen roten Buchstaben: Restaurant.
Schleunigst trat ich ein.
An kleinen Tischen saßen Männer, in angestrengter Arbeit vornüber
gebeugt. Sie aßen krampfhaft darauf los, als sei dies ein Preisessen,
mit einem tüchtigen Preis für den, der zuerst fertig würde. Speisekarten
gab's nicht. Dafür hingen überall an den Wänden Plakate mit Namen von
Gerichten, und riesengroße Schilder besagten, daß hier ein Einheitspreis
herrsche. Was man auch aß, alles kostete fünfundzwanzig Cents.
»Was ist's Ihrige?« brüllte der Kellner im Vorbeijagen.
»_Beefsteak!_« schrie ich ihm nach.
»_Medium?_« brüllte er zurück.
»_Yes!_« schrie ich auf gut Glück, denn ich hatte keine Ahnung, was
"medium" bedeuten sollte. (Das Wort ist ein echt amerikanischer
Spezialausdruck, Restaurantjargon, und heißt "mittel", halb
durchgebraten.)
»Tee, Kaffee, Milch?« erkundigte sich der Ganymed, vom anderen Ende
des Lokals herüberschreiend.
»Bier!« rief ich entrüstet.
»Nix Bier!« johlte er zurück. »Tee, Kaffee, Milch ...«
»Milch!« schrie ich. Ich war empört. Nicht einmal ein Glas Bier konnte
man also bekommen! Wäre ich meinem Englisch nicht so mißtrauisch
gegenübergestanden, so hätte ich dem Kellner gründlich meine Meinung
über seine unkommentmäßigen Getränke gesagt!
Nach wenigen Sekunden schon stürzte er auf meinen Tisch los. Ich starrte
ihn in jähem Erstaunen an. Der Mensch mußte im Nebenberuf Jongleur sein,
denn er balanzierte auf ausgestrecktem linkem Arm eine Pyramide von
hochaufgetürmten Schüsseln und Schüsselchen mit allerlei Gerichten, mit
einer Selbstverständlichkeit, als sei für ihn das Gesetz der Schwerkraft
aufgehoben. Von den dutzend Schüsseln, die da auf seinem Arm schwebten,
nahm er die oberste und warf sie mir hin. Jawohl -- warf sie mir hin.
Die Platte glitt über das Tischtuch und rutschte niedlich in Position
vor meinen Platz. Der reine Zaubertrick. In gleicher Art kam ein
Schüsselchen mit gebratenen Kartoffeln gerutscht und ein Glas Milch.
Dann warf er mir ein rosa Pappstück hin mit dem gestempelten Aufdruck:
25 Cents. Das war die Rechnung. Man bezahlte an einer kleinen Kasse.
Ich glaube, ich habe sehr rasch gegessen. Erstens war ich hungrig und
das Beefsteak ausgezeichnet, und zweitens steckte die Schnellesserei an.
Man konnte in der nervösen Hast dieser Futterstelle mit Dampfbetrieb so
etwas wie beschauliche Gemütlichkeit nicht bewahren.
Wieder stand ich in dem Straßenlärm. Über das hohe eiserne Gerüst in
der Straßenmitte donnerten alle Augenblicke Eisenbahnzüge. Es fing an
dunkel zu werden. Lichter flammten auf, das Meer von Reklameschildern
und Plakaten hell beleuchtend. Denn ein Laden reihte sich hier an den
andern. Die Straßenfront war eine ununterbrochene Folge von
Schaufenstern, von Trödelläden, Kneipen, Kleidergeschäften, Bazaren,
Theatern. Und ein jeder versuchte seinen Nachbarn durch grelle
Anpreisung zu übertrumpfen; hier glitzerten hunderte von Glühlämpchen in
einem Schaufenster, dort lenkte ein schwingendes Feuerrad die
Aufmerksamkeit auf billigen Schmuck, da sollte ein lichtumrahmter
Farbenklecks einer Tänzerin mit flatternden Jupons und rosabestrumpften
Beinen in ein Varieté locken. _Cheap_, billig, war das Motto der
Straße. Billig, billig -- stand überall in Rot und Grün und Gelb
angeschrieben -- billig, schrien an jedem zweiten Fenster Buchstaben aus
Glühlampen geformt. Billig, billig ...
Die Straße war die Bowery, das Viertel der Armut, des Lasters, des
billigen Vergnügens. Das wußte ich freilich damals nicht. Ich sah nur,
wie erbärmlich der lichtumflutete Tand in den Fenstern war -- wie das
Geschäft der Straße hinter dem Pfennig herhetzte -- wie die Menschen
sich drängten und starrten und gafften. Energische jüdische Herren
versuchten, mich in ihre Kleidergeschäfte hineinzuziehen, eine junge
Dame rempelte mich an, ein Mann, der aus einer Bar hinausgeworfen wurde,
sauste an mir vorbei und hätte mich beinahe mitgerissen. Matrosen
johlten. Neben Herren, die trotz ihrer Seidenhüte und trotz der
Brillantbusennadeln merkwürdig gewöhnlich aussahen, drängten sich
Gestalten in halbzerrissenen Kleidern, Neger, Dirnen, barfüßige Kinder.
An den Ecken lungerten Männer und Frauen, riesige Polizisten schritten
langsam auf und ab. Man war wie eingekeilt. Denn auch der Straßenrand
bildete eine einzige Linie von Licht und Verkaufsbuden, von rollenden
Läden. An jedem der kleinen Wagen steckte eine Petroleumfackel, und der
rote Schein stach sonderbar von den weißen Lichtfluten der Bogenlampen
ab. Da waren Obstverkäufer und Blumenhändler und Limonadekarren. Ein
behäbig aussehender Mann in weißer Schürze hatte einen riesigen Kessel
um sein Bäuchlein geschnallt, einen tragbaren Ofen. Man sah die
glühenden Kohlen auf dem Rost. Er wanderte hin und her am Straßenrand,
aus Leibeskräften schreiend: Wiener Wurst -- Wiener Wurst, _gentlemen_
-- _hot Wiener Wurst_. Da kam ein wanderndes Restaurant, ein kleines
Häuschen auf Rädern von einem Esel gezogen, das _sandwiches_ und
_beefsteaks_ anpries. Daneben stand das Tischchen eines Händlers, der
Spielkarten verkaufte. Die Straße war eine Hölle von Lärm und Getümmel
und Gerüchen -- ich wurde gestoßen und gedrängt, bis ich mir so hilflos
vorkam wie ein biederer Bauer aus Feldmoching auf dem Münchener
Oktoberfest ...
Da ertönte ein Trompetenstoß und helle Frauenstimmen sangen, das
Gedröhne übertönend:
_Hallelujah --
Hallelujah, this is the day of the Lord.
Hallelujah -- Hallelujah!_
Vier Mädchen in den häßlichen Hüten und den blauen Jacken der Heilsarmee
standen an der Straßenecke, eine amerikanische Flagge ausgespannt in den
Händen. Die Straßenbummler scharten sich um sie, und dann und wann warf
jemand ein Geldstück in die Flagge. Da -- jetzt sangen die schönen
Mädchenstimmen in deutscher Sprache:
»Flieh' doch die Versuchung,
Die Leidenschaft brich!
Glaub' immer an Jesum,
Er rettet auch dich.«
Salbungsvoll, marktschreierisch, unangenehm. Und doch -- wie das klang
... In dieser Straße. Unter diesen Menschen!
* * * * *
Das Auswandererhaus lag grau und nüchtern da. In der drückenden
Abendschwüle hatte der Gedanke an die vielen Menschen in den kahlen
Räumen, an die Bettreihen der Brettergestelle, etwas Abstoßendes. So
wanderte ich noch umher trotz aller Müdigkeit. Ganz in der Nähe fand ich
einen kleinen Park, Anlagen mit duftendem Jasmingebüsch und breiten
Bänken, ein grünes Fleckchen, eingekapselt zwischen den Schiffsreihen
des Hafens und den Häusermassen der Wolkenkratzer. In einem Winkel war
noch ein Plätzchen auf einer Bank, neben einem Liebespärchen, lachenden,
schwatzenden jungen Menschen.
Der Park lag in weichem Halbdunkel. Draußen auf allen Seiten flutete es
von Licht, von den Tausenden von Lichtpünktchen im Hafen bis zu dem
grellen Bogenlampenschein der Citystraßen. Rot und gelb und weiß blitzte
es auf -- Feuerräder, die irgend eine Reklame umrahmten hoch droben in
der Luft auf Wolkenkratzern; Dampfer im Hafen, die mit ihren vielen
Fenstern und Hunderten von Glühlampen aussahen wie schwimmende
Lichtmassen; ein Meer von Licht überall. Und, wie aus weiter Ferne
kommend, ein dumpfes Getöse, der vibrierende Ton des nächtlichen New
York, die Nachtsprache der Riesenstadt, die sich aus Millionen, aus
Milliarden von Einzelgeräuschen zusammensetzt, ein unbeschreiblicher
Ton, bald wie leises Flüstern, bald anschwellend zu dröhnendem
Tumult ...
Da kam aus Müdigkeit und Verlassensein das Heimweh über mich. Auf der
Bank im Hafenpark unter einer Laterne schrieb ich den ersten Brief an
meine Mutter. Einen lustigen Brief. Über den Barbier und das Restaurant
und die Bowery.
Das Pokerschiff.
Zwischen New York und Texas. -- Vom amerikanischen Nationallaster.
-- »_Fine game_, dieses Poker!« -- Die Weisheit des Bluffens.
-- Key West und Johnny Young aus San Antonio. -- Eine bissige
Bemerkung über Millionäre. -- Im Salon! -- _Good bye, Miss
Daisy ..._ -- Dies ist Texas, mein Sohn!
»_There you are! Good bye!_« sagte der zappelige kleine Agent der
Mallorylinie, auf die Gangplanken des Texasdampfers deutend, nickte mir
zu und verschwand im Gewühl.
Ein Höllenlärm herrschte auf dem Pier trotz der frühen Morgenstunde.
Scharen von Arbeitern rannten vom Pier zum Dampfer und vom Dampfer zum
Pier. Säcke, Kisten, Fässer schienen in der Luft umherzufliegen;
Dampfwinden kreischten. Eine dröhnende Stimme von der Kommandobrücke
trieb fluchend zur Eile an. Rußig und ungewaschen sah der schwarze
Dampfer mit den grellroten Schornsteinbändern aus. Zwischen
dahinstürmenden Menschen und daherpolternden Kaufmannsgütern kletterte
ich an Deck, ohne daß eine Menschenseele sich um mich kümmerte. Hier
gab's keine väterliche Fürsorge wie beim Norddeutschen Lloyd -- keine
Polizisten, keine eleganten Schiffsoffiziere, keine uniformierten
Stewards, die einem Plätze anwiesen ... Ein Mann in Hemdärmeln (dafür
trug er aber elegante Beinkleider, Lackstiefel und eine goldberänderte
Offiziersmütze) sah mich verwundert an, als ich ihm meine
Zwischendeckskarte zeigte, und deutete einfach mit dem Daumen nach der
Vorderdeckstreppe. Ich stieg hinab. In einem mäßig großen
Zwischendecksraum standen eine Menge Kojen. Aber jede war mit irgend
einem Gepäckstück belegt. Da kam ein Mann in weißer Jacke die Treppe
herunter.
»Wo ist mein Platz?« fragte ich ihn.
»Hier!« sagte er und deutete auf die Kojen.
»Aber da liegen doch überall Sachen!«
»Dann ist kein Platz mehr da!« meinte der Steward seelenruhig.
»Aber ich habe doch bezahlt!«
»_Well_, das macht nichts aus,« erklärte der Steward. »Für Ihr Geld
kommen Sie nach Galveston. Schlafen können Sie, wo's Ihnen beliebt. In
den Kojen oder auf dem Boden oder auf dem Verdeck!«
Und pfeifend stieg er die Treppe empor.
Ich sah um mich. Kein Mensch war im Zwischendeck, trotzdem überall
Koffer und Bündel lagen. Am andern Ende der Kojenreihen entdeckte ich
aber eine Tür und trat in einen großen, halbdunklen, durch einige
Glühbirnen schlecht erleuchteten Raum, in dem ein paar dutzend Leute vor
einem hohen Bartisch standen.
»Da ist noch einer,« sagte der Mann hinter der Bar. »Was ist Ihre
Spezialität, Herr?«
Ich sah ihn fragend an.
»Was wollen Sie trinken, mein' ich,« erklärte der Mann. »Sie sin'
wohl 'n Fremder?«
»Jawohl,« sagte ich. »Sehr.«
»_Well_, das macht nichts. Der Herr hier traktiert. Was ist das
Ihrige?«
»Ein Glas Bier.«
»Schluck's hinunter, _sonny_!« sagte einer der Trinkenden. »Jawohl --
ich traktiere. Und es wird nicht das letztemal sein, daß dieser gute
alte Junge hier« (er schlug sich auf die Brust) »auf diesem gesegneten
Schiff eine Runde bezahlt. Soll sich der Mensch vielleicht nicht freuen,
wenn er aus New York herauskommt? Im Winter ist es so kalt, daß man
Millionär sein muß, um die Kohlenrechnung zu bezahlen; im Sommer ist es
so heiß, daß man dreimal im Tag den Sonnenstich bekommt und nachts im
Eiskasten schlafen muß. Mit den Löhnen ist's Essig, weil das
italienische Pack von drüben zu billig arbeitet, und ein solides kleines
Geschäftchen kann man auch nicht machen, weil alles schon gemacht ist,
was es in der Geschäftslinie nur gibt. New York ist ungemütlich.
Verdamm' New York, sag' ich. Hat einer von den Herren 'was dagegen?«
»Ich nicht,« meinte der Mann hinter der Bar. »New York kann für sich
selber aufpassen. Groß genug ist es.«
»Das ist wahr. Ein großer, unappetitlicher, rauchiger Haufen von einer
Stadt ist es. Von Wolkenkratzern und elektrischem Licht kann ich nicht
leben, sag' ich. Texas für mich, meine Herren, wo ich der Schlauere
bin, und nicht New York, wo die anderen alle die Schlaueren sind. Texas
für mich, sag' ich.«
Da freute ich mich diebisch, weil ich jedes Wort mühelos verstand, und
trank vergnügt das winzig kleine Glas Bier aus.
»New York hin, New York her,« sagte ein Mann neben mir, ein
prachtvolles Menschenexemplar, riesengroß, mit breiten Schultern und
einem merkwürdig weichen Gesichtsausdruck. »Ich rutsche jetzt zum
drittenmal auf dieser verdrehten Mallorylinie nach Texas hinunter. Wenn
ich dort bin, kalkulier' ich mir zusammen, daß ich wieder in New York
sein möchte, und wenn ich glücklich wieder in New York bin, läßt es mir
keine Ruhe, bis ich mein Fahrgeld nach Galveston wieder bezahlt habe.
Wenn ich in Texas auf einem Gaul sitze, möcht' ich in einem New Yorker
Varieté sein, und wenn ich in New York sechs Monate lang richtige
Mahlzeiten gegessen habe, werd' ich ganz verrückt nach Texasmaisbrot und
Texasspeck. Ich hab' noch nicht die richtige Ruhe, denk' ich mir.«
Die Männer lachten schallend auf.
»So geht's uns allen,« rief einer. »Ich pfeif' auf die richtige Ruhe.
Um die zu haben, müßte ich entweder Millionär sein oder tot und
begraben. Dies ist ein großes Land, und meiner Mutter Sohn will dort
sein, wo etwas los ist. Gefällt's mir nicht in der einen Stadt, geh' ich
in eine andere, und sind im Osten die Zeiten schlecht, so ist damit noch
lange nicht gesagt, daß sie auch im Westen schlecht sein müssen. Das
Glück läuft einem nicht nach. Immer hinter drein! Entfernung spielt bei
mir keine Rolle. Immer hinter drein, meine Herren, und der Teufel holt
den, der zuletzt kommt.«
* * * * *
»Deutscher sind Sie? Und erst vierundzwanzig Stunden im Land? Dann
lassen Sie die Finger davon!« grinste der Riese.
Er war mit mir an Deck gegangen. Während der Sam Houston (so hieß der
Texasdampfer) sich durch das Hafengewirr schlängelte, nannte er mir die
gewaltigen Wolkenkratzer bei Namen und pries in begeisterten Reden die
Vortrefflichkeit der New Yorker Varietés und lobte die Appetitbrötchen
der New Yorker Bars. Als aber die Wolkenkratzer untertauchten in einer
einzigen gewaltigen Steinmasse, als die hin- und herhuschenden Dampfer
seltener wurden und die Millionenstadt langsam am Horizont verschwand,
wurde er ungeduldig.
»Gehen wir 'runter!« hatte er gesagt und mir erklärt, daß sich auf dem
alten Kasten die Zeit natürlich nur durch Pokerspielen totschlagen
lasse.
»Aber spielen Sie ja nicht mit!«
Ich fühlte mich beleidigt. Wenn man die Bänke der Obersekunda neben dem
Sohn eines amerikanischen Konsuls gedrückt hat, so ist man in die
Anfangsgründe des amerikanischen Nationallasters eingeweiht! Die
Geheimnisse der Paare und der vier Asse und des Flush und des Bluffens
waren mir längst keine Geheimnisse mehr. Selbstverständlich würde ich
pokern!!
Überall auf dem Boden des Barraumes waren wollene Decken ausgebreitet,
und auf den Decken saßen und kauerten die Männer von vorhin, in kleinen
Gruppen von vier und fünf, mit Karten in den Händen, mit ernsten
Gesichtern. Vor jedem lagen kleine Häuflein Silbergeld und zerknüllte
Dollarscheine. Biergläser und Whiskyflaschen standen umher.
»Na, nun will ich aber meinen Hut aufessen, wenn das nicht unanständige
Eile ist!« schmunzelte der Riese. »Das gesegnete Schiff ist noch gar
nicht richtig unterwegs, und da fangen die schon mit dem Pokern an.
Sechs Partien! Hoh!! Und ich will meinen Hut noch einmal aufessen, wenn
das nicht eine sehr vergnügte Reise wird! 's ist doch ein wahrer Segen,
daß diesmal keine Frauen und Kinder im Zwischendeck sind.«
Fünf Minuten später war ich mit Jack (so hieß der Riese), Tommy (so hieß
der Barmann) und zwei anderen schon mitten im eifrigsten Pokerspielen,
und in weiteren zehn Minuten hatte ich unter dem schallenden Gelächter
der Runde meinen ersten Bluff verloren ... Jack hatte nämlich vier Asse!
»Gegen vier Asse anzubluffen ist Pech!« sagte Jack trocken. »Tun
Sie's nicht wieder.«
Es war ganz still im Barraum; kein lautes Wort wurde gesprochen. Nur die
Silberstücke klirrten. Die Männer hockten regungslos da, mit halb
verschleierten Augen. Kalt wie Eis. Die Karten glitten über die weiche
Decke, die Dollars sammelten sich zu einem Häuflein an, Banknoten wurden
in den _pot_ geworfen -- bis die Hand des Gewinners das Geldhäuflein an
sich raffte; hin und her wanderten das Silber und die grünen Noten.
»Fünf Dollars mehr ...«
»Das -- und noch fünf!«
»Halte ich -- und fünf mehr!«
So wurde geflüstert; in gleichgültigem Ton, gelassen, ruhig. Und doch
wußte sogar meine unerfahrene Jugend, daß unter der Maske äußerlicher
Ruhe die Spielleidenschaft zittern mußte -- aber wie diese Männer sich
beherrschten! Wie sie mir imponierten! Wie ich sie beneidete um ihre
kühle Ruhe und ihren eisernen Willen!
Nichts war natürlicher, als zu versuchen, es ihnen gleichzutun. Und ich
gab mir große Mühe, recht unbefangen auszusehen. Meine Karten
betrachtete ich nur so nebenbei, als interessierten mich ihre Werte
eigentlich gar nicht, und mein Geld rollte so leichthin auf die Decke,
als könne ich es nicht rasch genug loswerden. Es verflüchtigte sich auch
wirklich mit erstaunlicher Schnelligkeit. Aber das war mir nicht etwa
eine Mahnung, vernünftig zu sein und aufzuhören, sondern ich spielte nur
um so toller darauf los.
Um ein Uhr nachmittags kam der Steward und brachte das Essen. Kein
Mensch ließ sich dadurch stören. Die Blechteller mit den Beefsteaks und
den gebratenen Kartoffeln, die Blechtöpfe mit starkem schwarzem Kaffee
wurden auf die Decken gestellt, als sei das selbstverständlich, und mit
gleicher Selbstverständlichkeit holte sich der Steward von jeder Decke
einen Vierteldollar aus dem Topf für seine Mühe, ohne ein Wort zu
sagen. Man aß so nebenbei und spielte, spielte, spielte. Röcke wurden
ausgezogen, Westen geöffnet, Kragen abgebunden. Berußte Heizer kamen aus
dem Maschinenraum gestiegen und pokerten mit, Matrosen mischten sich
unter die Spielergruppen. Der Barraum war eine Spielhölle. Ich verlor
und gewann, gewann und verlor, rauchte unzählige Zigaretten, dachte an
nichts als Karten und Geld. Um keinen Preis hätte ich meinen Platz auf
der Wolldecke aufgegeben --
»Drei Dollars mehr ...«
»Wer gibt?«
»_Full house, my money --_«
Als die schmutzige Heizerhand den Geldhaufen einstrich, in dem
mein letztes Silberstück lag, kam der Schiffsingenieur die
Zwischendeckstreppe herunter.
»_Gentlemen!_« rief er. »Dieses gesegnete Pokerschiff verschluckt
nebenbei auch Kohlen und braucht Leute, die es mit Kohlen füttern. Ich
möchte also die Herren Heizer der dritten Wache ersuchen, sich
gefälligst dahin bemühen zu wollen, wohin sie gehören und zwar verdammt
schnell. Runter mit euch, ihr Söhne von Spielkarten!«
»Pokerschiff ist gut,« sagte Jack. »Drolliger Junge, dieser
Ingenieur. Wer gibt?«
Ich war am Geben. Und ich wechselte meinen letzten Zehndollarschein. Laß
dich nicht verblüffen, sagte ich mir, nur ja nichts anmerken lassen! Was
die anderen können, kannst du auch!
* * * * *
Spät nachts kletterten Jack und ich an Deck, denn im Kojenraum war es
viel zu heiß zum Schlafen. Zwischen Fässern und Tauwerk vorne am Bug
machten wir uns aus den Pokerdecken ein Lager zurecht.
»_Good night!_« sagte Jack.
Ich lag da und starrte in den Mond, und unklar stieg in mir die Ahnung
auf, daß ich ein furchtbarer Esel gewesen sei. Reingefallen, mein Junge
... Die Silberstücke und die Dollarnoten, mit denen am Morgen noch mein
Geldtäschchen vollgepfropft gewesen war, trieben sich jetzt in den
Taschen anderer Leute herum -- mir waren nur ein paar Dollars
übriggeblieben. Zu dumm -- --
»_Fine game_, dieses Poker,« meinte der Riese neben mir, »famoses
Spiel!«
Da lachte ich hell auf.
»Haben Sie gewonnen?«
»_No._«
»_Well_, morgen ist auch noch ein Tag und übermorgen desgleichen usw.
Holen Sie sich's wieder. Bluffen Sie!«
Und im flimmernden Mondenschein, unter Wellengemurmel und
Maschinengetöse, wurde mir zum ersten Male amerikanische Weisheit
gepredigt, von einem einfachen Arbeiter. Poker war weiter nichts als ein
Abklatsch des Lebens. Bluffen mußte man im Leben wie beim Pokern, nicht
verblüffen lassen durfte man sich. Wenn man fünfzehn Cents in der Tasche
hatte und nicht wußte, wo man seine nächste Mahlzeit herkriegen sollte,
-- mußte man aussehen und auftreten, als hätte man ungezählte
Dollarnoten in der Tasche und einen offenen Kredit bei der nächsten
Nationalbank. Dabei stellte man sich besser, als wenn man jedem
Menschenkind entgegenschrie: Bemitleide mich, ich Ärmster habe nur noch
fünfzehn Cents! Schneid mußte man haben. Beim Pokern mußte man durch
eiserne Ruhe den Anschein erwecken, als hätte man ausgezeichnete Karten
-- im Leben mußte man sich arbeitskräftiger und klüger und besser
stellen als man war. Nur nicht unterkriegen lassen! Glaub' an dich
selbst, und die anderen werden an dich glauben. Sag' den Leuten, du
seist stark, und man wird nicht gerne mit dir anbinden. Hilf dir selber,
und alle Welt wird dir helfen. Bete nicht: Lieber Gott, hilf mir, ich
bin ja so schwach -- sondern bete: Lieber Gott, ich bin ja so stark, laß
mich so bleiben! Und man mußte stets daran denken, daß das nächste Spiel
das Glück bringen konnte, beim Pokern wie im Leben ... Da schlief ich
seelenvergnügt ein.
Wieder wurden die Decken ausgebreitet, und wieder rollten die Dollars,
und wieder kamen die Heizer und die Matrosen in jeder dienstfreien
Minute. Ich stand im Banne des Pokerschiffs wie jeder andere. Aus meinen
wenigen Dollars wurde ein Silberhäuflein -- dann schmolz es zusammen --
dann wuchs es im ewigen Hin und Her. Der Tag verging mir wie im Flug.
Drei Tage. Am dritten Tage kamen wir in Key West an. Als ein
Schiffsoffizier in den Barraum hinunterrief, wer wolle, könne auf etwa
zwei Stunden an Land gehen, sprang ich auf und eilte die Treppe empor.
Die anderen aber blieben sitzen und pokerten weiter.
* * * * *
Der amerikanische Prediger Talmage nannte einst in einer jener
Sensationspredigten, die eine halbe Stunde nach Schluß des sonntäglichen
Gottesdienstes in seiner berühmten Washingtoner Kirche an alle Zeitungen
Amerikas telegraphiert wurden (von ihm selbst -- gegen Honorar!), das
Pokern die Nationalsünde der Vereinigten Staaten. Unzweifelhaft spiegle
das Teufelsspiel um das goldene Kalb die besonderen Charaktersünden des
Amerikaners getreulich wieder! Alle Glücksspiele zwar seien frevelhaft,
doch dem Pokerspiel fehle sogar das versöhnende Moment des Leichtsinns.
Das sei kein Glücksspiel mehr -- sondern raffiniertes wohlberechnetes
Sündigen! Mit bewußter Gier setze sich der Amerikaner an den Pokertisch
und locke mit ehrbarem kaltem Lächeln dem armen Nebenmenschen (den man
doch als Christ lieben müsse!) einen Dollar nach dem andern ab. Die
Männer, die vier Asse in der Hand hielten und dabei ein betrübtes
Gesicht machten, als hätten sie nicht einmal zwei Könige, um den armen
Nächsten durch diese optische Vorspiegelung falscher Tatsachen saftig
hineinzulegen -- diese Männer seien schlimmere Sünder denn die Zöllner
von dereinst! Ein moderner Tanz um das Goldene Kalb! Es illustriere im
Kleinen die großen amerikanischen Sünden -- die Goldgier; die Anmaßung,
sich klüger zu dünken als der Nachbar; die Sucht, sich durch unehrliche
Mittel zu bereichern, und vor allem einen frevelhaften Mangel an
christlicher Nächstenliebe. Der Mann, der mit selbstzufriedenem Lächeln
die sündigen Resultate eines niederträchtigen Bluffs einstreiche, sei
der alte Pharisäer in moderner amerikanischer Auflage. Nur noch viel
schlimmer! »Pokert nicht mehr, oh Amerikaner, und ihr werdet bessere
Menschen werden!« -- also predigte Ehrwürden Talmage -- und ein
vergnügtes Schmunzeln ging über das ganze Land. Denn jener Kampf im
Pokerspiel von Selbstbeherrschung gegen Selbstbeherrschung, von
Unverschämtheit gegen Unverschämtheit, von Geldwert gegen Geldwert und
von Bluff gegen Bluff ist wahrlich typisch für die Art der Männer des
Yankeelands, und Prediger Talmage hätte wissen können, daß seine
Mitbürger gerade auf das stolz sind, was er ihre Nationalsünden nannte!
Man lachte furchtbar über die Predigt. Und sie löste in jedem braven
Amerikaner den frommen Wunsch aus, doch recht häufig als moderner
Pharisäer mit frommem Augenaufschlag saftige Bluffresultate einstreichen
zu können ... Das ist eben die Nationalsünde!
* * * * *
Auf der Gangplanke des Sam Houston stieß ich mit einem Herrn in weißen
Leinenkleidern und riesigem grauem Schlapphut zusammen.
»_Pardon me_,« sagte er.
»_I beg your pardon_,« antwortete ich.
»_My fault!_«
»Aha -- Sie sind ein Deutscher! _Well_, ich bin Johnny Young aus San
Antonio und meine Freunde behaupten, ich sei unerträglich neugierig.
Also Sie sind Deutscher? Ferner glaube ich sagen zu können, daß Sie noch
nicht lange im Lande sind?«
»N--nein!«
»Aha! Wußte doch, daß kein amerikanischer Schneider diesen Anzug
gemacht hat. Es ist so einfach, ein Prophet zu sein, wenn man die Augen
ein wenig offen hält und nur ein bißchen nachdenkt. _Well, well._ Sie
haben gepokert und verloren?«
Ich sah ihn erstaunt an.
»Ja? Stimmt's? Nein, ich bin kein Zauberer. Alles pokerte. Und
natürlich pokerten Sie mit. Und natürlich verloren Sie!«
Wir schritten in weichem feinem Sand dahin, auf einem breiten Weg,
eingesäumt von Palmen in endloser Reihe. Die dunkelgrünen Fächerwipfel
stachen scharf ab von dem gelben Sand und dem tiefblauen wolkenlosen
Himmel. Die Luft war feucht und schwül. Holzhütten tauchten auf. Im
Hintergrunde schimmerten weißgetünchte Häuser. Es war wie ein Märchen
-- die Palmen ringsum, die schwere Luftschwüle, das grelle Tropenlicht;
der merkwürdige Mann neben mir mit den weißen Haaren und dem frischen
Gesicht, der vom ersten Augenblick an einen unbeschreiblichen Eindruck
auf mich machte. Ich glaube, ich wäre ihm blindlings gefolgt,
irgendwohin. Er war als junger Mensch in Key West gewesen. Während wir
unter den Palmen dahinschritten erzählte er von den Milliarden und
Abermilliarden Zigarren, die alljährlich in dem Hüttengewirr des
Inselstädtchens von den geschickten Fingern kleiner Creolinnen
verfertigt werden; von den Schmugglern Key Wests, von den Wreckern, von
den Flibustiern, von Kämpfen mit Zollkuttern, vom Menschenriffraff der
Florida Keys -- von den Spielen Key Wests hinter verschlossenen Türen,
bei denen Berge von Gold sich auf den Tischen häufen und jeder Spieler
den Revolver schußgerecht vor sich auf dem Tisch liegen habe. Die
Flibustier Floridas segeln Waffentransporte nach einsamen
Landungsplätzen an der kubanischen Küste, wo Leute warten, die sehr arm
sind, aber trotzdem für Waffen sündhaft viel Geld übrig haben.
Revolutionäre. Die gibt's immer da drüben. Oft genug jagt ein
Kriegsschiff solch einem Segler ein halbes Dutzend Granaten in den Leib.
Aber die Waffen werden mit Gold aufgewogen -- und solange Key West
steht, wird es seine Flibustier haben, ebenso wie es stets das
Hauptquartier der Wrecker sein wird. Das sind desperate Schiffskapitäne
mit kleinen Segelbooten und einer Mannschaft von Inselnegern, die mit
Taucheranzügen umgehen können. Sie kreuzen still und unauffällig an der
Küste. Wenn ein Schiff an den gefährlichen Bänken strandet, so ist bald
ein Wrecker da und schickt seine Taucher hinab, die alles nach oben
befördern, was des Nehmens wert ist, ohne sich lang darum zu scheren,
wem die Ladung gehört. Der Wrecker betrachtet alles als gute Beute. Er
wird ein reicher Mann, wenn es ihm gelingt, Onkel Sam's Kanonenbooten zu
entwischen.
Ich hörte in atemloser Spannung zu. Johnny Young lachte, als er endete,
und sah mich vergnügt an.
»Ja, ja -- ich hab' was übrig für rapides Leben trotz meiner sechzig
Jahre. Herrgott, wär' ich noch jung! Könnt' ich noch einmal mittollen!
Sehen Sie, ein anderer würde Ihnen sagen, Sie seien verflucht
leichtsinnig gewesen, Ihre junge Nase in Pokerkarten zu stecken und Ihr
bißchen Geld zu verlieren, anstatt die Centstücke zusammenzuhalten für
die Not der ersten Zeiten in einem neuen Land. Ich sage: Das Geld, das
ein junger Mensch wie Sie mitbringt, ist so wertlos für ihn wie altes
Papier! Es hindert ihn nur im Lebenskampf. Denn je schneller er vor das
Problem gestellt wird, entweder zu hungern oder Geld zu verdienen, desto
rascher lernt er Land und Leute und Art kennen. Das mag bittere Medizin
sein, aber es ist gute Medizin. Ich kann unsere Millionäre nicht leiden,
die einem in salbungsvollen Memoiren vorlügen, wie fleißig sie in die
Kirche zur Sonntagsschule gingen, wie sie Pfennig für Pfennig sich
zusammensparten, wie sie mit ihrem so erworbenen Erstlingskapital von
hundert Dollars sich weitere hundert Dollars hinzuerarbeiteten, wie sie
in harter Plage und getreuer Pflichterfüllung steinreiche Leute wurden.
Das ist verdammter Schwindel. Mit dem Bravsein und dem Pfennigfuchsen
hat noch kein großer Kaufmann Menschenkenntnis und Wagemut gelernt. Geh'
hinaus ins Land, würde ich zu einem jungen Mann sagen. Laß dir das
Leben um die Ohren pfeifen und lerne das Menschenpack kennen, so wie es
ist und nicht wie's in frommen Bilderbüchern steht. Ist einer stark,
dann kann er starke Medizin vertragen, und ist einer schwach, dann ist's
nicht schade um ihn.«
Meine Augen müssen vor Begeisterung geleuchtet haben. Wie wunderbar
mußte es sein, mitten im Leben zu stehen und zu sehen und zu lernen und
stark zu sein. Mir war's, als springe Kraft und Selbstvertrauen von dem
alten Mann auf mich über. Da schrillten vom Deck die mahnenden
Pfeifensignale des Dampfers.
»Ich wollte Ihnen ja noch einen Rat geben,« sagte Herr Johnny Young
aus San Antonio. »Beinahe hätte ich's vergessen. Gehen Sie zum
Zahlmeister und lösen Sie sich eine Karte für einen Kajütenplatz nach.
Der Unterschied für die Strecke Key West -- Galveston wird nicht
besonders groß sein. Es ist gescheiter, bequem untergebracht zu sein,
statt auf hartem Boden zu schlafen und das Geld beim Pokern zu
verlieren. So. In einer halben Stunde geht der Dampfer. Ich habe noch
dringende Privatgeschäfte.«
Und mit einem verabschiedenden Kopfnicken tauchte er in das
Hüttengewirr.
Ich aber rannte glückselig zum Dampfer und sprang an Deck. Im Bureau
zeigte ich dem _Purser_ meine Anweisung auf die Schiffskasse. (Mein
Vater hatte, durch Vermittlung des Norddeutschen Lloyd, arrangiert, daß
mir bei der Ankunft in Galveston fünfhundert Mark ausbezahlt werden
sollten.) Zuerst machte er Schwierigkeiten, weil das Geld erst in
Galveston fällig war, als ich ihm aber erklärte, daß ich von Key West ab
im Salon zu fahren wünsche, wurde er sehr liebenswürdig. Verdiente doch
der Dampfer dabei Geld.
* * * * *
Meine Koffer ließ ich aus dem Schiffsraum holen, zwei Anzüge ließ ich
mir aufbügeln von der Stewardeß, ich fiel über die Waschschüssel in der
eleganten kleinen Kajüte her, ich probierte ein halbes Dutzend
Kravatten, ich machte Toilette wie ein Backfisch vor seinem ersten Ball.
Während ich den kunstvollen Knoten der Halsbinde schlang, dachte ich an
den schmutzigen Barraum und die pokernden Menschen in Hemdärmeln. Wie
war's denn nur möglich gewesen! Die Stewardeß bekam ein Trinkgeld, das
sie einen Knix machen ließ. Im verlassenen Rauchsalon drehte und wand
ich mich in eitler Selbstgefälligkeit vor dem Spiegel -- bewunderte im
Eßzimmer die überladene Einrichtung in Weiß und Gold, das strotzende
Silber auf dem Bufett -- promenierte auf dem segeltuchüberspannten
Kajütendeck unter eleganten Damen und Herren -- ließ mir vom Steward
einen bequemen Deckstuhl bringen und schlürfte aus spitzem
Champagnerkelch Sherry mit Eis und Sodawasser. Da schritt schwerfällig
Jack der Riese unten übers Deck. Er sah mich sitzen, betrachtete mich,
betrachtete mich noch einmal, schüttelte den Kopf und sagte laut und
vernehmlich:
»Jetzt will ich aber verdammt sein!«
Beim _supper_ stellte mich Mr. Johnny Young als seinen jungen Freund
vor, frisch vom Vaterland. Ich machte Verbeugungen nach rechts und nach
links und erzählte von deutschen Gymnasien und deutschen Offizieren. Und
bediente ritterlich die Dame zu meiner Rechten, Miß Daisy Benett, aus
Dallas, Texas.
»Wie tapfer von Ihnen, daß Sie dieses gräßliche Zwischendeck
studierten!« sagte Miß Daisy.
»Es war sehr interessant,« murmelte ich.
Wie der verlorene Sohn kam ich mir vor, der endlich von den Träbern
wieder zu menschenwürdigem Leben übergeht. Jedes _breakfast_, jedes
_dinner_, jedes _supper_ war mir ein Freudenfest, das ich mit tausend
Wonnen auskostete, nicht um der vielen Gänge und der mancherlei
Delikatessen willen, sondern weil ich mir so vornehm schien. So gut
angezogen. So tadelloses Benehmen. So ganz gute Kinderstube. Hans im
Glück war ich sieben Tage lang. Miß Daisy geruhte, mein Englisch drollig
zu finden und konstatierte, ich sei ein guter Junge. Aber artig sein!
Ich schleppte ihr Stühle und Decken und Bücher auf Deck und versorgte
sie für ein halbes Jahr mit Schokolade und Bonbons. Droben auf dem
Promenadedeck verplauderten wir die sommerschwülen Nächte und starrten
zusammen ins Meer. Und in der allerletzten Nacht rauchten wir Zigaretten
und tranken eisgekühlte Erdbeerbowle und --
»_It's good bye, my boy ..._«
»Und _good bye, Miß Daisy_ --«
»Wie jung Sie sind, _my boy_, und -- ja, wie neugierig ich doch bin!
Wie's Ihnen wohl ergehen wird?«
Da lachte ich, lustig und leichtsinnig, als sei's ein Scherz, und
sprudelte hervor, wie wenig Geld ich hätte, und wie ich so gar nicht
wüßte, was beginnen.
»_Fight your way, my boy_,« sagte Daisy. »Schlag' dich durch!«
Gelbe Sandbänke tauchten am Morgen auf, immer klarer hervortretend in
langgezogenen Streifen; das tiefe Blau des Golfmeeres wurde heller,
grünlicher. Gegen Mittag waren wir mitten im Hafenlärm. Scharf umrissen
lagen im grellen Sonnenlicht die Häusermassen Galvestons da.
Dutzende von Negern sprangen an Deck, als der Sam Houston am Pier
anlegte, priesen Hotels an und bemächtigten sich der Gepäckstücke der
Passagiere. Während der Menschenstrom die Gangplanken hinabflutete,
guckte ich noch einmal in den Zwischendecksraum. Da waren die Decken, da
rollte das Geld, da waren die Männer und lachten einen Schiffsoffizier
aus, der, purpurrot im Gesicht, mit der Hafenpolizei drohte, wenn sie
nicht sofort mit dem verdammten Pokern aufhören und sich zum Kuckuck
scheren würden.
»Zehn Dollars mehr!« hörte ich eine tiefe Baßstimme sagen --
Dann ging ich von Bord. Unten am Pier riß mir ein baumlanger Neger den
Koffer aus der Hand.
»City of Galveston, Herr? Feinstes Hotel!«
Ich schlenderte hinter ihm drein, an Mr. Johnny Young aus San Antonio
vorbei, der eben in einen Wagen stieg. Abschiednehmend lüftete ich den
Hut. Johnny Young nickte mir lächelnd zu und deutete mit weitausholender
Armbewegung auf das Getriebe.
»Dies ist Texas, _my son_!«
Mein letzter Dollar.
Den Weg zur Arbeit finden -- den Wegweiser ... -- Wär' ich nur ein
Schuster! -- Beim Herrn Kanzleichef im deutschen Konsulat. -- Auf
dem Telegraphenamt. -- Das letzte Silberstück. -- Der gute
Samariter. -- Nun fängt ein neues Leben an ...
In der Situation lag Humor:
~Wie~ machte man es eigentlich, sich das Leben um die Ohren pfeifen zu
lassen? ~Was~ taten Glückssoldaten denn, wenn ihnen das Geld ausging?
~Wo~ stand nun der Wegweiser, der zu Arbeit und tätigem Leben wies?
Bruder Leichtfuß fand den Wegweiser nicht --
Tag für Tag war ich in der backofenheißen Inselstadt umhergewandert, im
Hafengetriebe, in menschenwimmelnden Hauptstraßen, staunend, starrend,
und wurde mit jedem Tag verwirrter, hilfloser. Frau Logika dozierte mit
sonnenklarer Deutlichkeit, daß etwas geschehen müsse, irgend etwas, denn
selbst Bruder Leichtfuß (der seelenruhig im besten und teuersten Hotel
Galvestons wohnen blieb) erkannte die große Wahrheit, daß das Leben Geld
kostet. Und das Geld schwand dahin und bald würd' mir's ergehen wie dem
armen Mann im schwarzen Walfisch zu Askalon.
Den Wegweiser finden -- den Wegweiser ...
Stundenlang jeden Tag stöberte ich im Hotelvestibül den Anzeigenteil der
Zeitungen durch. Da wurden Schneider verlangt, und nach Schustern war
rege Nachfrage, und um Bäckergesellen schien man sich zu reißen; aber
irgend eine Stellung, die ~ich~ hätte ausfüllen können, stand niemals in
der Zeitung. Mehr als einmal dachte ich: Wärst du nur ein Schuster oder
doch wenigstens ein Schneider! Keinen Pfennig schienen mein Latein und
mein Griechisch und die ganze humanistische Bildung in dieser Texasstadt
wert zu sein. Herrgott, man konnte doch nicht wildfremde Menschen
fragen, ob sie vielleicht etwas für einen zu tun hätten! Wie machte man
es? Stundenlang quälte ich mich mit der Abfassung eines Stellengesuches.
Gebildeter junger Deutscher sucht -- -- Ja, was denn eigentlich? Was
konnte ich denn leisten?
Da kam die große Idee. Das deutsche Reich unterhielt in den großen
Städten des Auslandes deutsche Konsuln, um deutschen Reichsangehörigen
mit Rat und Tat beizustehen. Natürlich! Dorthin mußte ich gehen und dort
würde mir geholfen werden! Ich ließ mir im Hotel die Adresse geben und
rannte spornstreichs nach dem Konsulat, drückte ganz aufgeregt vor
Freude auf die Türklinke und --
»Können Se nich' anklopfen?« schrie mir eine Stimme entgegen.
In einem kahlen Raum mit zwei gelbangestrichenen Stehpulten, den Bildern
des Kaisers und der Kaiserin und einer riesigen Holzbarriere saß auf
hohem Drehstuhl ein Mann, der mich wutentbrannt über seine Brille
hinweg anfunkelte. Hinter seinen beiden Ohren steckten Federhalter.
»Was wollen Se?«
»Ich wünsche, den deutschen Konsul zu sprechen.«
»Is' nich' da. Un' überhaupt -- sagen Se nur, was Se wollen. Ich bin
der Kanzleichef.«
Da genierte ich mich gewaltig und wußte nicht recht, wie ich's anstellen
sollte.
»Ich bin soeben erst aus Deutschland angekommen und --«
»Nu ja und was wollen Se hier?«
Die Frage verblüffte mich. »Ich weiß eben nicht ... ich möchte Rat
erbitten --«
Der Kanzleichef kletterte von seinem hohen Sitz herab und stellte sich
vor mich hin.
»So? So--oh? Haben Se Papiere?«
Mein deutscher Reichspaß machte den Gestrengen um eine Nuance
freundlicher.
»Na, und?«
In meiner Verlegenheit tappte ich sofort in _medias res_ hinein. »Ja,
ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir einen Rat geben könnten. Ich
habe nämlich nur noch sehr wenig Geld und --«
Da gab sich der Kanzleichef einen förmlichen Ruck. In strenger
Mißbilligung glotzten mich die brillenbewehrten Äuglein an, und
schnarrend, schnell, als ob er Auswendiggelerntes herunterleiere, sagte
er:
»Der Deutsche, der nach Amerika kommt, hätte erstens lieber in
Deutschland bleiben sollen. Zweitens kann das deutsche Konsulat ihm
keine Arbeit verschaffen, denn es hat keinen Einfluß auf
den Arbeitsmarkt und muß als Behörde es ablehnen, sich mit
Arbeitsvermittlung zu beschäftigen!«
»Aber --«
»Drittens verfügt das Konsulat über keinerlei Mittel zu
Unterstützungszwecken. Tja -- wenn Sie kein Geld mehr haben, können Se
wiederkommen und 'ne Karte an den deutschen Verein haben. Dort kriegen
Se 'n Vierteldollar und 'n Mahlzeitticket.«
»Herr -- seh' ich so aus?« sagte ich wütend. Mir war, als müßte ich in
den Boden sinken. Dieser Mann war ein Barbar, ein Prolet, ein -- --
»Tja -- das kann man nich' wissen!«
Er grinste mich an und ich starrte ihn an.
»Wollen Se sonst noch was wissen?«
»Herr, ich bin humanistisch gebildet!« schrie ich, knallte die Tür zu
und stolperte die Treppenstufen hinunter. Ein Hohngelächter gellte mir
nach. Mit zornrotem Kopf lief ich die Straße entlang. Dem Konsul würde
ich schreiben und ihm gründlich meine Meinung über das Betragen seines
Kanzleichefs sagen! Meinem Vater würde ich schreiben und ihn bitten,
sich beim bayerischen Ministerium zu beschweren und --
Herrgott, was anfangen!
Heute war Wochenende, und nach Bezahlung der Wochenrechnung im Hotel
würde mir wahrscheinlich kein Geld mehr übrig bleiben. Was tun -- was
tun? Ich nahm mir vor, aus dem Adreßbuch deutschklingende Namen von
Kaufleuten herauszuschreiben und die um Rat zu bitten, so schwer's auch
sein würde. Irgend etwas mußte sich doch finden ... Wenn sich aber
nichts fand! Wenn ich da stand ohne Geld? Bittere Gedanken stiegen in
mir auf und formten sich zu bitteren Vorwürfen. Trotz allem und trotz
allem -- war es recht gewesen, daß man mich aufs Geratewohl
hinausgeschickt hatte in die weite Welt? Und auf einmal kam mir in
meiner Verzweiflung der Gedanke, daß das Geld in meiner Tasche das
einzige Bindeglied zwischen mir und der Hilfe in der Heimat war. Heute
konnte ich noch telegraphieren, morgen würde ich das Geld für das
Kabeltelegramm nicht mehr haben ...
Ich ging aufs Telegraphenamt. Auf einer Fensterbank in einem stillen
Winkel beschrieb ich ein Formular nach dem andern, nur um eines nach dem
anderen zu zerreißen. »Sofort Kabelgeld.« Nein, so war's nicht
richtig; einen Grund wenigstens mußte man angeben, kurz und klar, denn
natürlich kostete jedes Wort viel Geld. »Hilflos, erbitte Kabelgeld.«
Dieses Formular zerriß ich schnell, kaum geschrieben, so schämte ich
mich vor mir selber. Hilflos. Wie das klang. Nein: »Bitte hundert
Dollars Hotel City Galveston, da Arbeitssuche noch erfolglos.« Wieder
zögerte ich. Ich stellte mir vor, wie das Dienstmädchen das Telegramm
ins Wohnzimmer bringen würde -- Ich bildete mir ein, mein Vater würde
die Achseln zucken und irgend etwas Scharfes, Häßliches sagen, und meine
Mutter würde bitten ... Wenn ich meiner Mutter kabelte? »Noch erfolglos
schlimm daran schnell hundert Dollars Hotel City Galveston.« Hundert
Dollars waren freilich sehr viel Geld und --
»Nein!« sagte ich auf einmal, so laut, daß vorbeigehende Herren mich
neugierig anstarrten.
Nein!
Mochte es gehen wie es wollte. Ganz recht hatten sie da drüben im
geliebten alten München -- hatten Kummer und Sorgen genug gehabt mit
mir. War weiter nichts als verdammte Anstandspflicht, sie mit meinen
Affären nicht mehr zu behelligen.
* * * * *
Die Wochenrechnung war fällig. Die Wochenrechnung, die mein letztes Geld
verschlang. Der Mann im Hotelbureau strich gleichgültig Banknoten und
Silber ein und fragte mich ebenso gleichgültig, ob ich irgend welche
besonderen Wünsche hätte und ob ich noch längere Zeit zu bleiben
gedächte.
»Weiß noch nicht,« sagte ich.
Ich setzte mich auf einen der Rohrstühle im Rauchzimmer, paffte eine
Zigarette und befühlte verstohlen den harten Silberdollar in meiner
Westentasche. Das war mir übrig geblieben -- ~ein~ Dollar. Ein einziges
Silberstück stand zwischen mir und dem Nichts. Ich biß die Zähne
zusammen und versuchte, nachzudenken. Es war etwa drei Uhr nachmittags.
Zuerst mußt du deine Uhr und ein paar Anzüge versetzen oder verkaufen,
sagte ich mir. In Amerika wird's wohl auch Leihhäuser geben. Aus dem
Hotel mußte ich noch heute fort, natürlich; irgendwo mußte man doch
billiger wohnen können. Ich beschloß, einen Polizisten darüber zu
befragen. Und dann mußte ich Arbeit suchen, mußte Arbeit finden, sonst
-- Daran zu denken, an das andere, an das, was geschah, wenn ich keine
Arbeit fand, wagte ich nicht. Ich kam mir so verlassen vor, so hilflos,
so -- --
Da sprach mich ein Herr an, der neben mir saß, weit zurückgelehnt im
Schaukelstuhl mit übergeschlagenen Beinen. Den schneeweißen Filzhut mit
riesiger Krämpe hatte er weit in den Nacken geschoben, und die schlanke
Gestalt umschlotterte ein bequemer Anzug aus dünner Rohseide.
Scharfgeschnittenes Gesicht. Lustig blinzelnde Augen. Es sei furchtbar
heiß heute. Ob ich die Hitze nicht vertragen könne? Ich sähe miserabel
aus. Ob ich mich nicht wohl fühlte?
»Nein. Ja. Doch!« stotterte ich verwirrt.
»_Well_, sollten einen Whisky nehmen! Feine Sache, so 'n kleiner
Whisky, wenn man nicht ganz _allright_ ist. Kommen Sie mit mir zur Bar!
-- So! Mann, vorhin sahen Sie ja kreideweiß aus. Besser jetzt?«
»Ja, danke,« murmelte ich.
»_And that's allright_,« lächelte der Texaner, sich bequem gegen die
Bar lehnend. »Sie sind frisch von drüben? Ja? Kam mir nämlich so vor.
Mein Vater ist auch von Deutschland nach Texas gekommen. Hm ja, ich
spreche aber lieber englisch. Was wollen Sie hier beginnen?«
»Das weiß ich eben nicht!« platzte ich heraus.
»Kann ich mir denken!« meinte er. Er sah mich nachdenklich an und
kaute an seiner Zigarre. »_Well_, lassen Sie uns wieder ins Rauchzimmer
gehen, wenn's Ihnen recht ist. Bißchen plaudern. Ja?«
Wir setzten uns in die weichen Rohrstühle, ich und der erste Mensch in
dieser Texasstadt, der sich um mich kümmerte.
»_Well_ -- und wie gefällt's Ihnen im guten alten Texas?«
»Gar nicht!« stöhnte ich.
Da lachte er auf und schlug sich aufs Knie. »Mann, erzählen Sie 'mal,
wenn Sie wollen. Will mich ja nicht aufdrängen. Würd' Ihnen aber gerne
einen Rat geben.«
Bruder Leichtfuß ließ sich nicht lange nötigen in seinem Jammer und
sprudelte hervor, wie schlecht es ihm ginge und wie erbärmlich er daran
sei.
»Ist nichts dabei. Gar nicht schlimm!« sagte der Texaner gleichmütig,
als ich geendet hatte. Und dann brach er auf einmal in schallendes
Gelächter aus.
»Hoh -- Sie haben also wirklich kein Geld mehr?«
»N--nein!«
»Und dann wohnen Sie im besten Hotel!« Er lachte Tränen.
»Ich will heute noch ausziehen.«
»Wohin denn? Ohne Geld?«
»Ich muß eben Sachen versetzen.«
»Ach so!« Er lachte und lachte.
»Was soll ich denn sonst anfangen?«
Der Texaner zündete sich umständlich eine neue Zigarre an. »Unsinn!«
sagte er. »Bessere Männer als Sie sind schon ohne Geld dagesessen. Is'
nix dabei. Müssen eben arbeiten. Das bißchen Geld zum Leben verdienen
kann jedes Kind. Was können Sie denn eigentlich?«
Da sprudelte ich mein ganzes bißchen Lebenslauf hervor.
»Schwierig!« sagte er. »Sehr schwierig. Aber auch für den dicksten
Baum ist eine Axt gewachsen. Ich glaub' nicht, daß Galveston etwas für
Sie ist. Hier drängt sich alles zusammen. Hm ja, Sie sind also grasgrün
im Land, sind Ihr Leben lang auf Schulbänken gesessen, und haben noch
nie 'was gearbeitet. Wollen Sie denn arbeiten -- irgend etwas?«
»Natürlich!«
»Sicher? Irgendwelche Arbeit?«
»Alles!«
»Na, dann kommen Sie mit auf unsere Farm!«
Ich ließ mich in den Stuhl zurückfallen und schnappte förmlich nach
Luft. Siedendheiß lief es mir über den Körper. Ich konnte kaum sprechen.
»Auf Ihre Farm?« stotterte ich. »Sprechen Sie -- sprechen Sie im
Ernst?«
»Selbstverständlich.«
»Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken -- --«
»Unsinn, Mann. Ist ein ganz einfaches Geschäft. Sie sind jung und Sie
sind stark und Sie können ganz zweifellos arbeiten, wenn Sie wollen. Der
"alte Mann" und ich haben alle Hände voll Arbeit auf der Farm. Weiße
Männer sind selten und teuer in der Erntezeit, und die Neger hier unten
sind die faulsten Stricke auf der ganzen Gotteswelt. Abgemacht? _And
that's allright!_« Und er streckte mir die Rechte zum Handschlag
hin.
Stundenlang konnte ich nicht einschlafen in dieser Nacht. Ich sah mich
auf galoppierendem Pferd dahinjagen -- sah mich arbeiten draußen in
frischer Luft -- sah mich als freien Mann, der durch seiner Hände Arbeit
sein Brot verdiente ... Der Texaner hieß Charles Muchow. Die Farm seines
Vaters lag hundert Meilen nördlich von Galveston, bei dem Städtchen
Brenham, und morgen schon wollte er die Rückreise antreten, ich mit ihm.
Er hatte einen neuen Farmwagen und einen Rotationspflug in Galveston
gekauft. Wie's mir wohl ergangen wäre, wenn nicht der Zufall mich mit
ihm zusammengeführt hätte? Jetzt hatten die Sorgen ein Ende und das neue
Leben begann. Vom ersten Augenblick an hatte mir der junge Texaner mit
seinem merkwürdigen Selbstbewußtsein und der unerschütterlichen Ruhe
gefallen, und während der langen Abendstunden im Rauchzimmer waren wir
beinahe Freunde geworden. Er nannte mich Ed, ich nannte ihn Charley.
»Das Mistern ist nicht Mode in Texas,« hatte er gesagt, »und Ihr
gesegneter Name ist zu vertrackt. Sagen wir Ed. Kurz und klar -- einfach
Ed!«
Früh am nächsten Morgen weckte er mich, und nach dem Frühstück ging's
zum Bahnhof der Santa Fé Eisenbahn. Die Wagen unseres Zuges
trugen in goldenen Lettern die Inschrift: _Lone Star Express_
-- Einsamer-Stern-Expreß. Wir stiegen ein. Ein weicher Teppich bedeckte
den Boden, und statt Bänken oder Polstersitzen standen in langen
Reihen, je zwei und zwei nebeneinander, bequeme Lehnstühle mit weichen
Ledersitzen, die sich in alle möglichen Lagen zurechtschrauben ließen.
Auf den Rücken der Stühle vor uns waren kleine Flaggen mit einem Stern
in der Ecke eingepreßt, und darunter stand wieder in Goldbuchstaben
»_Lone Star Express_«; kleine blaue Sterne auf rotem Grund bildeten
den Deckenschmuck des Wagens; überall, an den Wänden, an den Türen
prangte die Flagge mit dem einsamen Stern -- das Wahrzeichen des Staates
Texas.
Der Expreß jagte dahin. Zwischen weiten, weißglänzenden Flächen. Aus
tiefblauem Himmel brannte die Sonne, drückend heiß schon, trotz des
frühen Morgens. Unübersehbar, bis an den Horizont reichend, dehnten sich
die ungeheuren Massen von tiefem Grün; Gebüsch, Sträucher, in
schnurgeraden endlosen Reihen, dazwischen in feinen Strichen die
schwarze Erde. Über dem massigen Grün lag es wie frisch gefallener
Schnee, hingestreut in riesigen Flocken, in silberleuchtenden
Schneebällen. Wie Silberfäden und Spinngewebe breitete sich die weiße
Schönheit über das ganze Land.
Wir fuhren durch das Reich des Königs Baumwolle.
Im Reich des Königs Baumwolle.
Das Städtchen aus Sand und Holz. -- Im Texasladen. -- Mr. Muchow
Senior. -- Der Kampf mit dem Schimmel. -- Ein Sommer beim König
Baumwolle. -- In Deutschland wär' die Farm ein Rittergut gewesen
... -- Baumwollpflücken und Baumwollmühle. -- Die Reklamereiter.
-- Nigger Slim. -- Im deutschen Klub. -- Wie aus dem Wald das Feld
wurde. -- Der Neger. -- Die amerikanische Krankheit des
Wandertriebs.
»Brenham!« riefen die Kondukteure.
Wir schritten durch tiefen weichen Sand. Da und dort standen Schuppen,
bald aus rohen Brettern, bald aus grauem Rollblech; dazwischen
Lagerplätze, angefüllt mit Bretterhaufen und Kohlen und langen Reihen
von Fässern. Vor uns zeichnete ein rotes Gebäude aus nackten
Ziegelsteinen sich scharf gegen den blauen Himmel ab, inmitten eines
weiten Straßenvierecks von Häusern aus Holz, die von Farben flammten. An
allen Wänden waren Inschriften in Rot und Gelb und Grün und Weiß,
Reklame in Worten, in Bildern; von den Dächern flatterten Fahnen mit den
Namen von Firmen neben Sternenbannern. Bunt, schreiend, grell war das
Bild. Reiter auf galoppierenden Pferden jagten über den Sandboden vor
den Häusern, Männer in farbigen Hemden, rote und blaue Tücher um den
Hals geschlungen, den Sombrero im Nacken. Zwischen ihnen fuhren in
scharfem Trab leichte zweirädrige Wägelchen. Pferde überall. Über dem
hölzernen Fußweg die Häuserreihen entlang lief, Haus mit Haus
verbindend, eine auf Holzpfosten erbaute Überdachung, eine Art Loggia,
ein Wandelgang. An den Pfosten waren Hunderte von Pferden angebunden,
fertig gesattelt. Aus Sand und Holz und Farben und Pferden bestand das
Städtchen. Die sausenden Reiter, die Neger, die da herumstanden, die
grellen Farben, das Hasten und Jagen -- mir war, als stünde ich vor dem
Tor einer Wunderwelt.
»Müssen zuerst nach Robert Brothers,« sagte Charley. »Dort wird der
alte Mann sein.«
Die Herren Gebrüder Robert hausten in einem Laden im Wandelgang. Auf
schmutzigem rohem Bretterboden und an verwahrlosten Wänden standen und
hingen Tausende der verschiedensten Dinge; Haufen von Pflügen, Sätteln,
Wolldecken, Schaufeln, Kleidern, Pyramiden von Hüten. Silberverziertes
Zaumzeug bedeckte den Boden. Fässer mit Mehl, Kisten mit Tabak, Säcke
mit Zucker und Salz standen überall herum. Auf dem Handgriff eines
Pfluges balanzierte mit verlockender Grandezza ein Seidenhut, und
zwischen allerlei Lederzeug waren Revolver und Gewehre achtlos
hingeworfen; auf einem Whiskyfaß prangte ein pompös befederter Damenhut,
und in einer Schachtel teilten sich Patronen den Raum mit friedlichen
Biskuits. Und überall, wo nur ein Plätzchen frei war, hockten auf
Fässern und Kisten Männer mit Pfeifen zwischen den Zähnen und Gläsern
mit Bier in den Fäusten.
»Hello!« sagte Charley. »Da ist er ja!« Er schritt auf einen Winkel
zu.
»Guten Tag, Vater!«
»Guten Tag, Charley,« sagte eine Gestalt in derbem blauem Leinen.
»Deinen alten Vater haben sie beim Würfeln so hereingelegt, daß er für
die ganze Gesellschaft die _drinks_ bezahlen mußte. Kein Narr ist so
schlimm wie ein alter Narr, mein Junge!«
»Wie du meinst, Vater. Dies ist ein junger Deutscher. Heißt Ed. Freund
von mir.«
»Verdammt angenehm!« sagte der Alte.
»Er kommt mit uns auf die Farm.«
»Wie du meinst, Charley,« antwortete der Alte. »Frisch von drüben,
nicht? _Well -- well ..._ Kauf' ihm, was er braucht, Charley. Was ich
noch sagen wollte, die Mexikaner mit den Ponys sind da, und ich hab' um
einen Schimmel gehandelt. Wollen nachher hinfahren.«
Der alte Mann mit dem struppigen grauen Bart blinzelte mir vergnügt zu.
Ich stand da, schüchtern wie ein kleiner Junge, und sagte kein Wort. Und
ließ mich von einem Warenhaufen zum andern zerren, ließ mir einen
breitrandigen grauen Sombrero mit silberbeschlagenem ledernem Hutband
kaufen, blaue baumwollene Arbeitskleider, derbe Stiefel und lederne
Reitgamaschen, eine Pfeife und einige Päckchen Tabak.
Dann half ich, unsere Koffer auf den grünen Farmwagen packen und
kletterte ungeschickt auf den Wagensitz neben den alten Muchow. Die
beiden Maultiere spitzten die langen Ohren, streckten die
glattgeschorenen Schwänze mit den komischen Haarbüscheln an den Enden
kerzengerade in die Höhe, und los ging es. Wir sausten die Häuserreihen
entlang, bogen um eine Ecke und hielten mit einem Ruck vor einem
winzigen hölzernen Kirchlein. Hunderte von Pferden tummelten sich auf
dem großen freien Sandplatz neben der Kirche, in drängender Masse, in
buntfarbigem Knäuel, fortwährend umkreist von Reitern in gestrickten
Jacken und spitzigen zuckerhutförmigen Hüten, die mit gellenden Zurufen
und knallenden Peitschenhieben die Tiere zusammengedrängt hielten.
Keines der Pferde stand ruhig; sie galoppierten durcheinander, wieherten
und bissen sich.
»Die weiße Stute dort in der Ecke!« sagte der alte Muchow. »Dreißig
Dollars!«
Ein Mexikaner, der zu uns herangeritten war, nickte, gab seinem Gaul die
Sporen und sauste in den Pferdeknäuel hinein. Rechts und links stoben
die Tiere auseinander. Nun hatte er den Schimmel erreicht, der den Kopf
hochwarf, mit einem gewaltigen Satz durch die Reihen der Pferde brach
und in sausendem Galopp auf uns zujagte. Charley saß ruhig auf seinem
Fuchs und schwang in immer größer werdenden Kreisen den Lasso. Die
Schlinge zischte durch die Luft, fiel über den Hals des Pferdes, spannte
sich. Ein scharfer Ruck, und wie vom Blitz getroffen, brach der Schimmel
zusammen. Im Nu waren Charley und der Mexikaner über ihn her, legten ihm
einen dicken Strick in kunstvollen Schlingen über Hals und Maul, banden
das andere Ende des Strickes an den Wagen und --
»Fahr zu, Vater!« schrie Charley. »So schnell du kannst. Wir haben
ihn!«
Die Peitsche klatschte auf die Maultiere, der Schimmel wurde
emporgerissen, und in tollem Jagen ging es vorwärts. Das verängstigte
Tier stürmte gegen den Wagen an, aber da war Charley schon neben ihm,
und in schweren Schlägen sauste die Peitsche auf den Schimmel nieder. Er
schreckte zusammen, machte einen jähen Satz zur Seite, wurde wieder
fortgerissen durch den Strick, der ihm das Maul zusammenschnürte. Immer
wieder wehrte er sich und immer wieder siegte der winzige Knoten über
die riesige Kraft des Tieres.
Brenham lag hinter uns. Da und dort tauchten noch vereinzelte Holzhütten
auf, auf einsamen sandigen Strecken. Dann kam Wald, dann kamen grüne
Felderstrecken, dann wieder Sand, dann ging's durch einen Bach, daß das
Wasser hoch aufspritzte. Der alte Mann stand hochaufgerichtet vorne im
Wagen, die Pfeife zwischen den Zähnen, und peitschte auf die Maultiere
ein; Charley galoppierte neben dem Schimmel her und drängte ihn
vorwärts, wenn er sich sträuben wollte; ich war nach hinten geklettert
und scheuchte mit fuchtelnden Armen und geschwungenem Hut das Pferd
zurück, wenn es in seiner Angst auf den Wagen einstürmte. Ich war toll
vor Aufregung, sah nichts, hörte nichts, hatte nur Augen für den Kampf
mit der wilden Kreatur, die immer wieder zerrte und sich aufbäumte und
fortgerissen wurde und mit weißem Schaum bedeckt war. Mir war, als
seien nur Minuten vergangen, als wir vor einem Drahtzaun so jäh
anhielten, daß ich gegen die Wand geschleudert wurde. Als ich
heruntersprang, hatte Charley schon den langen Strick vom Wagen gelöst
und um einen Baum geschlungen. Das weiße Pferd stand zitternd still und
starrte uns aus erschreckten Augen an.
»Und das ist _allright_!« sagte Charley. »Ed, Sie haben geschrieen,
als ob Sie am Spieße stäken!«
Inmitten des Drahtzauns waren Gebäude aus Holz; ein Wohnhaus mit einer
breiten Veranda, Ställe, an einer Seite offen, in denen Pferde und
Maultiere standen, ein paar Hütten. Ein Neger eilte herbei, öffnete ein
Tor aus Rahmenwerk und Stacheldraht und führte den Wagen hinein. Eine
alte Frau und zwei Mädchen kamen. Wir gingen ins Haus, setzten uns an
einen Tisch in einem Zimmer, an dessen Wänden Gewehre und Lederzeug
hingen, und aßen. Gekochten Speck gab es und Maisbrot und gebackene
Süßkartoffeln, deren gelbes Fleisch genau so schmeckte wie Kastanien.
Beim Essen wurde ausgemacht, daß ich alles frei haben sollte und
fünfzehn Dollars im Monat.
Wir gingen in den Hof. Charley betrachtete nachdenklich den Schimmel,
der an seinem Strick zerrte.
»Ich reit' ihn doch!« brummte er. »Eigentlich sollte er über Nacht an
dem Baum angebunden bleiben und nichts zu fressen und nichts zu saufen
bekommen. Dann wär' er morgen mürbe. Aber das ist eine Schinderei. Ich
will ihn schon kriegen. Sie können mitreiten, wenn Sie wollen.«
Ob ich wollte!
Jim der Neger sattelte mir ein Pferd. Während ich aufsaß, warfen er und
der alte Muchow dem Schimmel Leinen um die Füße und hielten sie straff
gespannt. Das Tier konnte sich nicht rühren. Charley trat vorsichtig
heran, legte ihm Decke und Sattel auf und schnürte die Gurte mit aller
Kraft zusammen. Dann sprang er selbst auf. Die Leinen wurden losgelassen
und der Strick um den Hals des Pferdes durch einen raschen Schnitt
gelöst. Zitternd stand es da. Mit einem Male machte es einen gewaltigen
Satz, drehte sich im Kreise, bockte, schüttelte sich. Aber der Reiter
auf seinem Rücken saß fest. Ein schallender Peitschenhieb. Und das Tier
brüllte auf und jagte davon -- mein Pferd im Galopp hinterdrein.
Beim ersten Sprung wäre ich fast aus dem Sattel geschleudert worden, und
ich hatte instinktiv mit beiden Fäusten in die Mähne gegriffen, ums
liebe Leben zupackend. Bald aber fühlte ich, daß ich breit und sicher
saß, merkte, daß das Pferd unter mir in ruhiger Stetigkeit galoppierte:
spürte in meinen Beinmuskeln, wie es sich dehnte und streckte. Langsam
beugte ich mich vor und drückte die Schenkel an. Da schoß Molly
vorwärts, dem weißen Flecken mit dem schwarzen Punkt da vorne nach.
Holtergepolter ging's über den Sandboden, in Grasland hinein, über grüne
Stauden hinweg, hinter dem weißen Flecken her, der größer und deutlicher
wurde und jetzt wieder erkennbar war als Mann und Pferd.
Das Grün der Felder flog vorbei, Grasboden kam wieder, dann Sand. Da sah
ich, daß der Mann vor mir sich mit aller Kraft in die Zügel legte, bis
der Schimmel herumflog und verzweifelt aufbäumte, sich im Kreis drehend.
Aber das harte Eisen in seinem Maul blieb erbarmungslos und -- neue
Schmach! -- Sporen wurden ihm in die Seiten gestoßen, und Peitschenhiebe
hagelten auf ihn nieder, Schlag auf Schlag ...
Noch wehrte sich der Schimmel. Während ihn das Eisen im Maul und die
Peitsche in großen Kreisen über den Sand trieb, duckte er mitten im
Jagen zur Seite, ballte sich zusammen wie eine Katze und sprang in die
Höhe. Der Sattelgurt hielt, der Mann blieb sitzen. Mehr Peitsche! Mehr
Sporen! Immer enger wurden die Kreise, die Schleifen. Dreimal, viermal
ging die tolle Jagd an mir vorbei. Mir schien es, als verlangsame sich
das sinnlose Dahinschießen, als gebe sich das Pferd geschlagen. Aber das
duldete der Mann auf seinem Rücken nicht. Unaufhörlich arbeitete seine
Peitsche.
Da brach mit einemmal das Pferd mitten im Lauf zusammen. Der Reiter
glitt leicht aus dem Sattel. Ich galoppierte hin. Da stand Charley zu
dem Schimmel hinabgebückt, und das Tier wieherte leise und rieb die
rosige Schnauze an seinem Ärmel und beschnupperte seine Hand. Mann und
Pferd waren schweißbedeckt und schmutzüberzogen; dem Pferd zitterten die
weißen Schaumflocken auf dem Leib -- auf des Mannes Gesicht lag der
Staub in dicker Kruste.
»Der Schimmel ist mein,« sagte Charley. »_Texas Girl_ soll die Stute
heißen, Texasmädel. Du bist ein gutes Pferd, Texasmädel, und ich denke,
wir beide brauchen die Peitsche nicht mehr.«
Er stand auf, und der Schimmel folgte ihm wie ein Hündchen.
Langsam gingen wir zurück. Es war Spätnachmittag, und die Sonne brannte
nicht mehr so heiß wie mittags in Brenham. Aber noch lag es wie
zitterndes Geflimmer in der drückenden Luft. Wir schritten auf weiter
Grasfläche. Vor uns streckten sich grüne Massen von Laubgebüsch mit
Millionen von weißen Flecken, die Baumwollenfelder. Das Land gehörte zum
größten Teil den Muchows. Fünf Zehntel waren mit Baumwolle bepflanzt,
ein Zehntel mit Mais, ein Zehntel mit Zuckerrohr. Der Rest war Gras und
Wald.
In Deutschland wär' die Farm ein Rittergut gewesen, der alte Mann mit
den komisch schlotternden Hosen ein staatsstützender Agrarier, und
Charley ein Gardeleutnant!
Hier unten in Texas wohnte der Besitzer von fast zwei Quadratmeilen Land
in einem Holzhäuschen, das so aussah, als sei es in einem Tag
zusammengenagelt worden, und aß in Hemdärmeln Speck und Kartoffeln zum
Abendbrot.
In dem großen Zimmer, das als Wohnraum und Eßraum diente, stand auf
rohem Bretterboden ein kostbares Piano, und über dem Piano hingen
Tabakblätter zum Trocknen von der Decke herab -- vor einem
Schaukelstuhl aus Mahagoni lag ein Holzklotz als Fußschemel -- eine
zerbrochene Fensterscheibe war mit Papier zugeklebt; überall war die
gleiche merkwürdige Mischung von teuren Dingen und primitivstem
Behelfen. Das Haus hatte kein Fundament. Es war auf vier
Ziegelsteinpfeilern errichtet, einen Meter hoch vom Erdboden, und in der
Wohnstube konnte man hören, wie die Schweine unter dem Fußboden wühlten.
Draußen auf dem Hof standen, achtlos in einer Ecke zusammengeschoben,
landwirtschaftliche Maschinen, die Tausende wert sein mußten, ohne Dach
und Fach, ohne jeden Schutz vor der Witterung. Vierzehn Pferde hausten
in einem Schuppen, der an einer Seite offen war und vier Maultiere waren
einfach an einen Zaun angebunden. Und am gleichen Zaun hing Sattelzeug,
das von Silber strotzte ...
»_Well_, Sie müssen sich verdammt komisch vorkommen!« sagte der alte
Muchow, der Tränen gelacht hatte über Charleys Bericht von unserem
Zusammentreffen in Galveston. »Schadet aber nichts. Wird sich schon
machen. Arbeit schändet nicht, sag' ich. Wenn Sie erst 'mal ein bißchen
Amerikaner geworden sind, können Sie vielleicht 'was Gescheiteres tun,
als auf einer Farm zu arbeiten. Aber bei uns sind Sie willkommen. Sie
arbeiten mit Charley das, was Charley arbeitet und -- _well_, werden
schon auskommen.«
Ich schlief oben im Dachraum zusammen mit dem jungen Muchow, denn Raum
war knapp in dem Häuschen. Was ich alles träumte! Von Baumwollkönigen
und _Texas Girls_ und Sträuchern, auf denen weißes Silber wuchs, und
genialen jungen Deutschen, die wunderbar schnell reich wurden. Da störte
mich eine polternde Stimme in meinem Reichwerden.
»_Hello, boys!_«
* * * * *
Wir gingen in die Morgendämmerung hinaus, Säcke mit breiten Tragbändern
über den Schultern, wassergefüllte Tonkrüge in den Händen. Ein Stückchen
glühendroter Sonne war schon am Horizont zu sehen, und der feine weiße
Nebel über dem Meer von Grün zog sich langsam in die Höhe. In wenigen
Minuten hatten wir das Baumwollenfeld erreicht, das gepflückt werden
sollte. Der alte Farmer und die beiden Mädchen tauchten sofort in die
Buschreihen hinein.
»Du hängst dir den Sack um, so, daß du ihn neben dir herschleifst,«
erklärte Charley, »und dann pflückst du mit beiden Händen die Früchte
aus den Kapseln und steckst sie in den Sack. Und in zwei Stunden wird
dir der Rücken so weh tun, daß du meinst, mit deinem Rückgrat sei irgend
ein Malheur passiert. Aber das ist nur die Baumwollkrankheit und sie
hört auf, wenn du dich erst einmal an das Bücken gewöhnt hast.«
Er fing an einer Sträucherreihe zu pflücken an, ich an der nächsten.
Seine Arme arbeiteten wie Windmühlenflügel und seine Hände wühlten in
den Baumwollbüschen, zupfend, greifend, pflückend ... Wie feines,
schneeweißes Haar sahen die Silberknollen aus. Sie steckten in vier
zusammengewachsenen rundlichen Kapseln und ließen sich mit einem leisen
Griff herauszupfen, so, wie reife Eicheln leicht aus ihren Bechern
fallen. Dort, wo die Früchte aus den Kapseln herauswuchsen, waren sie
fest und hart; die von den Fäden ganz umsponnenen Samenkügelchen konnte
man deutlich fühlen. Aus dem festen Kern heraus aber quoll es
seidenweich, faustgroß, in runden Bällen, von denen zwischen breitem
Grün Dutzende und Aberdutzende an jedem der Sträucher saßen. Ich zupfte
und zupfte, doch Charley war schon weit voraus. Da kam der Eifer des
Wettbewerbs über mich. Mit flinken Fingern ging's in die weiße Pracht
hinein, die Bälle einheimsend, so schnell es nur gehen wollte. Ich hatte
nur Augen für meine Hände, die hastend vom Busch zum Sack und vom Sack
zum Busch flogen. Bald fing mein Rücken zu schmerzen an, denn die
Sträucher reichten einem nur bis zu den Schultern und man mußte
fortwährend in gebückter Stellung stehen.
»Ausleeren!« rief Charley.
Sein Vater und seine Schwestern waren herbeigekommen. Der Alte zog eine
primitive Federwage aus der Tasche und begann mit dem Wiegen.
»Charley, 25 Pfund.«
»Ich armer alter Mann: 23 Pfund.«
»Mary, 24 Pfund.«
»Lizzie, 22 Pfund.«
»Ed, 18 Pfund. Verdammt gut für einen Grünen.«
Ein Schluck Wasser aus den Tonkrügen, und dann ging's wieder in die
Buschreihen hinein. Die Stunden flogen dahin; Reihe auf Reihe wurde
abgepflückt, Sack auf Sack gewogen und ausgeschüttet, bis am Ende des
Feldes es sich auftürmte wie Hügel frischgefallenen Schnees. Immer
heißer wurde es. Der schwere Hut drückte auf meinen Schädel, das
Tragband schnitt in die Schultern ein, die Kleider schienen mir am Leibe
zu kleben; aber ich war so vergnügt wie schon lange nicht mehr, froh wie
ein Kind, das ein neues Spielzeug bekommen hat. Beim Mittagessen aß ich
mehr, als ich je in meinem Leben gegessen hatte und am Abend war ich so
müde, daß mich die ganze Familie auslachte! Und am Abend des dritten
Tages schrieb ich einen begeisterten Brief an meine Eltern. Ich sei
Texasfarmer. Mir ginge es ausgezeichnet. Es sei wunderbar -- einfach
wunderbar ...
Die Neger kamen. Sie halfen pflücken und luden ihre Baumwolle auf dem
Farmhof ab. Denn ein großer Teil der Muchowschen Farm war an Neger
verpachtet, die Land und Werkzeug geliefert bekamen und dafür die Hälfte
der Ernte abliefern mußten. Sechs Familien waren es, Männer in
zerfetzten Hosen, Weiber in roten und blauen Röcken und grellkarierten
Kopftüchern, splitternackte Kinder, die alle zusammen schwatzend und
schreiend in die Baumwollenfelder zogen und gefüllte Säcke
herbeischleppten, bis sich weiße Berge auf dem Farmhof türmten.
* * * * *
Am Ende der Woche ging's mit vier hochbeladenen Wagen nach der
Baumwollenmühle. Einen Wagen fuhr ich und kam mir sehr wichtig vor auf
meinem hohen Sitz und hielt die Zügel krampfhaft in den Händen, als ob
die alten Maultiere nicht auch ohne mich hinter den Wagen dreingelaufen
wären! Nach einer halben Stunde Fahrt hielten wir mitten im Wald vor
einem wackelig aussehenden hölzernen Gebäude, aus dessen hohem eisernem
Schornstein schwarzer Rauch quoll.
Drinnen begannen Maschinen zu stampfen. Ein Wagen nach dem andern wurde
dicht an das Gebäude herangefahren und sein weißer Inhalt mit großen
Holzschaufeln in eine breite Öffnung hineingeschaufelt. Von dort
brachte ein endloser Aufzug, ein breites Lederband mit Holzkästchen, die
Baumwolle nach oben. Wir gingen in die _Cottongin_, die Baumwollenmühle,
hinein, an einem Dampfkessel vorbei, den ein halbnackter Neger mit
Holzklötzen fütterte, und stiegen auf einer Leiter zu dem
Maschinenstockwerk empor. Aus dem Aufzug flutete ein weißer Strom von
Baumwolle in ein Sägewerk, dessen mit ungeheurer Geschwindigkeit sich
hin und her bewegende kleine Sägen die Silberfrüchte zerrissen und
zerfetzten. Die federleichten weißen Fäden wurden von der Maschine
weitergeschoben in einen breiten Holzkasten hinein, der senkrecht bis
hinab auf den Erdboden reichte, während die schweren Samenkörner durch
eine Öffnung in den unteren Raum fielen. War der Holzkasten mit
Baumwollfasern angefüllt, so senkte sich eine hydraulische Presse
herab, die genau in seine Öffnung paßte, und preßte die leichte weiße
Masse in einen schweren Ballen zusammen, den mechanische Vorrichtungen
mit Sackleinwand und Eisenbändern umspannten.
Der alte Muchow pinselte mit schwarzer Farbe auf jeden Ballen ein
gewaltiges M.
»So,« sagte er, »nun wollen wir den Samen in einen Wagen schaufeln
und die acht Baumwollballen auf einen zweiten Wagen laden. Ihr beide
könnt dann nach Brenham hineinfahren. Euch Jungens macht es doch mehr
Spaß, wenn ihr in die Stadt fahren könnt, als mir. Ich denke, wir
spannen die vier Gäule vor deinen Wagen, Charley, und geben Ed die
Maultiere. Mit denen kann er zurecht kommen.«
»Selbstverständlich!« behauptete ich.
Wenn man mich damals gefragt hätte, ob ich eine Dampfmaschine zu erbauen
verstünde, würde ich wahrscheinlich auch ja gesagt haben! Das
Vierspännigfahren ging gut, eine Tatsache, die für den gesunden
Pferdeverstand der Muchowschen Maultiere zeugte. Die Straße war zwar
miserabel und hatte allerlei gefährliche Löcher und Rinnen, aber die
Tiere wichen ganz von selber aus. Als wir uns Brenham näherten und der
Weg breit und eben wurde, rief mir Charley zu, ich solle neben ihm
fahren.
»Die Reklamereiter werden gleich kommen!« schrie er herüber.
»Die was?«
»Die Reklamereiter, mein Sohn. Jungens, die eine volle Whiskyflasche in
der Satteltasche stecken haben und sich ein besonderes Vergnügen daraus
machen werden, einem gewissen Charley und einem gewissen Ed einen
ordentlichen Schluck von der richtigen Sorte anzubieten! Die Sache ist
nämlich so: für Baumwollsamen bekommst du bei jedem Agenten genau das
gleiche Geld, die Tagesnotierung selbstverständlich. Die Samenagenten
können also ihre Konkurrenten nicht durch höhere Preise überbieten,
sondern nur durch größeren Umsatz. Deshalb schicken sie Reklamereiter
auf die Landstraßen hinaus, gerissene Jungens, die jeden Farmer im
Umkreis von fünfzig Meilen kennen. Oft lauern auf einer einzigen
Zufuhrstraße ein halbes Dutzend solcher Reklamereiter. Sobald eine
Wagenladung in Sicht kommt, reiten sie auf den Farmer zu und sind so
liebenswürdig zu ihm, als ob er der Präsident der Vereinigten Staaten
wäre; bieten ihm Whisky an, erzählen ihm die neuesten Brenhamerwitze,
reiten neben seinem Wagen her, so lange, bis einer von ihnen die Ladung
gekriegt hat. Heidi, da sind sie schon!«
Zwei Reiter kamen herangejagt, was die Pferde nur laufen wollten, hart
nebeneinander, weit vornübergebeugt auf ihre Gäule, und parierten mit
scharfem Ruck vor unseren Wagen.
»_Hello, Muchow, old boy!_«
»Guten Tag, Jungens! Warum habt ihr's denn so eilig? Ist der Sheriff
hinter euch drein?«
»Nee, Muchow. Der Sheriff sitzt zu Hause und rechnet sich aus, wer fürs
Gehängtwerden reif ist. Er schwankt noch zwischen dir und einem
übelberüchtigten Neger aus Palavera County.«
»Donnerwetter, Kinder, da habt ihr aber Glück,« sagte Charley
todernst. »Der Sheriff von Brenham wird immer nachlässiger. Er weiß
wohl gar nicht, daß ihr beide wieder im Land seid?«
Da hielten die beiden Reiter lachend die Hände in die Höhe:
»_Allright, Charley._ Wir geben's auf. Dagegen können wir nicht an. Wer
soll denn nun deinen Baumwollkram haben, Muchow? Ich reite für Smith &
Donahan und John hier für Faraday & Co. Wer soll's sein?«
»Kommt darauf an,« lachte Charley. »Trockene Gegend hier, nicht?«
Eine Whiskyflasche kam prompt zum Vorschein, und Charley beguckte sich
lange und andächtig den Himmel durch den Flaschenhals.
Der andere Reiter reichte mir eine Flasche herüber. »Neu in der Gegend
hier?«
»Danke. Ja. Ich bin erst kurze Zeit im Land.«
»Aber Ed! Das mußt du nicht jedem hergelaufenen Pferdedieb gleich auf
die Nase binden!«
»Doch, doch!« meinte der Reklamereiter. »Ihr noch unschuldiger Ruf
könnte sonst leiden. Denn nur einem ganz grasgrünen Grünhorn
(entschuldigen Sie den Ausdruck!) kann man es verzeihen, wenn er sich zu
einer halbtoten Mumie, wie diesem Muchow hier, auf 'ne gottverlassene
Farm hinhockt.«
»Jawohl!« grinste Charley. »Allerlei Leben würd' er mit euch sehen --
die innere Ausstattung des Countygefängnisses aber auch! Dicky, du
kriegst die Ladung; dein Whisky ist so schlecht, daß du unbedingt Geld
verdienen mußt, um besseren kaufen zu können. Du kommst das nächstemal
dran, John. So! Reitet, Jungens! _Go to the devil!_«
»Sollen wir 'was ausrichten?« schrien lachend die Reiter, schon im
Davonjagen ...
»Siehst du, Ed, das sind nette, manierliche Jungens, mit denen man
wenigstens ein vernünftiges Wort sprechen kann, ohne daß man einen
Seidenhut auf dem Schädel haben und bei jedem dritten Wort eine
Verbeugung machen muß. So laß ich's mir gefallen. Gute alte Texasmode,
Sohn!«
»Grasgrünes Grünhorn hat er gesagt!« meinte ich. »Nette
Höflichkeit!«
»_Well_ -- wenn Euer Kaiser nach Texas käme, wäre er auch ein Grünhorn.
Is nix dabei!«
* * * * *
In Brenham waren wir unsere Ladung in einer halben Stunde los; den Samen
bei Smith & Donahan, die Ballen im Schuppen von Roberts Brothers. Die
Pferde und die Maultiere banden wir vor dem gleichen Laden wie neulich
an. Wir wollten gerade hineingehen, da kam einer der umherlungernden
Neger auf uns zu, ein schlanker schwarzer Bursche. Sein Hut strahlte in
sieben verschiedenen Farben und hatte mindestens doppelt so viele
Löcher; seine Hosen hielt er mit beiden Fäusten krampfhaft fest, weil
sie viel zu weit waren und stetig herabzurutschen drohten; sein Hemd
mochte in unschuldiger Jugend einmal weiß gewesen sein.
»Mistah Muchow -- dies schwarze Kind hier is' sehr angenehm froh, daß
Mistah Muchow in Stadt sin'!«
»So, du Sohn eines faulen Vaters? Und was machst du denn in Brenham?
Und wie steht's mit dem Pflücken? Heh, Slim?«
»Macht Melusina Maryanne, Mistah Muchow. Dieser Nigger hat kein'
Kaffee, kein' Zucker, kein' Tabak, kein' gar nix. Kleines Zettelchen für
fünf Dollars, Mistah Muchow!«
»Der alte Mann hat dir erst vorige Woche einen Kreditschein gegeben!«
»Huh -- is' alles weg.«
»Ja, dann kriegst du aber schließlich nicht mehr viel Geld, wenn wir
deine Baumwolle verkaufen, Slim.«
»Is nix dabei. Un -- klein' bißchen weißes Geld möcht' Slim, Mistah
Muchow, ein Dollar oder zwei!«
»Wozu denn?«
»Diesem Nigger juckt die rechte Hand, Mistah Muchow, un' das ist ein
feines Zeichen, bringt jedesmal Glück. Slim will 'n bißchen _crap_
schießen un' die schwarze Gesellschaft 's ganze Geld abnehmen!«
»Hier hast du 'n Dollar, Slim. Jetzt lauf weg, Slim. Wenn du morgen
nicht beim Baumwollpflücken bist, frißt dich der alte Mann mit Haut und
Haaren auf, das kann ich dir sagen!«
Grinsend trollte sich der Neger.
»Das ist einer von unseren Pächtern,« sagte Charley, »und der
lustigste Nigger, den ich im Leben gesehen hab'. Nun wollen wir 'mal
zugucken, wie er seinen Dollar los wird.«
Wir bogen um die Ecke, und richtig, da in dem Nebengäßchen, hockte Neger
Slim mit einem halben Dutzend schwarzer Spießgesellen im Sand, und auf
einer alten Jacke rollten Würfel hin und her.
»Komm, kleine Sieben!« rief Neger Slim beschwörend. »Willst du wohl
'rauskommen, du miserabel langweilige Sieben. Schnell -- und kauf'
Frauchen ein Paar Schuhe. Liebe süße Sieben ...«
Sieben! Slims schwarze Tatze schoß hervor und strich die Silbermünzen
ein, die auf der Jacke lagen.
Ein neues Spiel begann.
Die anderen Neger rollten die Augen und ärgerten sich.
»Oha, dicke Elf! Komm liebe dicke Elf!«
Wieder gewann Neger Slim. Achtmal hintereinander gewann er, und beim
neunten Spiel konnte er keinen Gegeneinsatz bekommen, denn er hatte
seine schwarzen Brüder bis auf den letzten Cent ausgeplündert!
»Nix weiß' Geld mehr?« sagte er enttäuscht. »Dann is' dies nette
kleine Spielchen alle, _gentlemen_. Wenn ihr Geld habt, könnt ihr
wiederkommen.«
Und würdevoll schlenderte er die Straße hinab, mit den Vierteldollars in
seiner Hosentasche klimpernd.
Charley und ich gingen in Gus Meyers Salon an der Ecke der Wandelhalle.
Der kleine Raum war peinlich sauber, der Boden mit weißem Sand bedeckt.
An der Decke schnurrten elektrische Fächer, deren scharfer Luftzug
Kühlung brachte. Männer, die an der Bar schnell ein Glas Bier
hinunterstürzten, gingen und kamen fortwährend. An einem großen runden
Tisch saß um eine gewaltige Platte von Kaviarbrötchen eine lustige
Gesellschaft.
»Der deutsche Klub,« flüsterte Charley mir zu. »Guten Morgen,
_gentlemen_! Es würde mich eine _pleasure_ sein, die nächsten Biers zu
trihten ...«
»Lieber Muchow, Ihr Deutsch ist 'was Gräßliches,« schmunzelte ein
dicker Herr. »Es würde Ihnen also ein Vergnügen sein, die nächste
Auflage Bier zu stiften? Bewilligt!«
»_Yes, that's it_,« sagte Charley. »Und dies hier ist ein junger
Deutscher, der -- -- «
»Wissen wir,« lächelte der dicke Herr mit vergnügten Äuglein. »Sie
unterschätzen das alte Brenham und seine Neugierde, lieber Muchow.
Meinen Sie wirklich, daß jemand brühwarm aus Deutschland nach dieser
feinen Metropolis kommen kann, ohne daß darüber gesprochen wird?
Prosit!« (Zu mir): »Wie gefällt's Ihnen? Gut? Ja? Das ist merkwürdig,
denn zwischen Gymnasium und Farmarbeit ist doch ein wesentlicher
Unterschied. _Well_ -- manchmal wundere ich mich, was sich eigentlich
deutsche Eltern dabei denken, wenn sie -- -- na ja, dies ist 'ne
verrückte Welt. Sehr verrückt. Aber man darf nur keine Müdigkeit
vorschützen. Es wird Ihnen noch gut gehen -- und es wird Ihnen noch
schlecht gehen -- aber schützen Sie nur ja niemals Müdigkeit vor!«
Er sah sicherlich nicht müde aus. Weder er noch die anderen. Sie
sprühten von Kraft und Selbstvertrauen. Der Herr mit den vergnügten
Äuglein war der Eigentümer des Brenham Herald, der Zeitung der Stadt,
die in einer täglichen englischen und in einer wöchentlichen deutschen
Ausgabe erschien. Da war der Agent einer Großbrauerei und ein
Sattlermeister, der Besitzer einer Sodawasserfabrik und der Vertreter
eines Nähmaschinengeschäfts. Das Gespräch drehte sich nur um Arbeit und
Geld und neue Unternehmungen. In Brenham war Erntezeit in mehr als einem
Sinn. König Baumwolle herrschte, _King Cotton_, wie der amerikanische
Süden seine weiße Silberfrucht nennt -- King Cotton ritt über das Land
und verwandelte sein Reich von feinen weißen Fäden in schweres
gleißendes Gold. Das Geld rollte. Der allmächtige Dollar strömte aus
Dutzenden von Zufuhrstraßen nach dem Texasstädtchen. Der Farmer bezahlte
den Kredit, den er das Jahr über bei den Geschäftsleuten der Stadt in
Anspruch genommen hatte, er kaufte Maschinen und gab Geld für Vergnügen
aus. Und männiglich mühte sich offenbar aus Leibeskräften, möglichst
viel von dem Goldsegen zu erhaschen. Diese deutschen Männer, die deutsch
und englisch wirr durcheinander sprachen, begnügten sich nicht etwa mit
einem einzigen Beruf, mit einem einzigen Geschäft, sondern dehnten ihre
Interessen nach allen möglichen Richtungen aus. Der Redakteur und
Verleger, so hörte ich mit Staunen, betrieb nicht nur nebenbei die
einzige Buchhandlung Brenhams, sondern er besaß auch eine Farm und hatte
außerdem Geld in allen möglichen Unternehmungen stecken. Augenblicklich
war er eifrig damit beschäftigt, bei Kaviarbrötchen und schäumendem
Lagerbier eine Eisfabrik zu gründen. In zehn Minuten setzte er seinen
Freunden auseinander, daß Eis als Stapelbedarf des Südens ein
ausgezeichneter Fabrikationsartikel sei und daß er gar nicht einsehe,
weshalb Brenham sein Eis von auswärts beziehen müsse. Die anderen
nickten zustimmend -- der Sattlermeister, der nebenbei noch eine
Sägemühle besaß; der Bieragent, der Direktor von zwei Brenhamer
Gesellschaften war; der Nähmaschinenmann, der aus Mexiko Mustangs
importierte ...
»_How much?_« fragte der Sattlermeister.
»Zehntausend, oder sagen wir fünfzehntausend,« meinte der dicke Herr.
In weiteren zwanzig Minuten hatte sich die Gesellschaft einverstanden
erklärt. Die _Brenham Ice Company Limited_ war so gut wie gegründet! Und
im nächsten Augenblick wurde fast gleichzeitig darüber gesprochen, wer
als geschäftsführender Direktor der neuen Eisfabrik bestellt werden
sollte, und wo man heute abend pokern wollte.
»_Hustle!_« sagte der Eigentümer des Brenham Herald, mich über die
Brille hinweg anblinzelnd. »Kennen Sie das Wort? Drängen heißt es, sich
rühren, sich mit beiden Ellbogen vorwärts schieben. _Hustle!_«
* * * * *
Die Zeit schwand dahin. Längst war die weiße Pracht der Felder
hinausgewandert nach den Baumwollzentren der Welt; die weiten Strecken
lagen öde, gedörrt vom Sonnenbrand da. Der Indianersommer kam, der
wundervolle Texasherbst mit seinen leuchtenden roten und braunen Farben,
mit seiner goldenen Sonne. In aller Herrgottsfrühe, in der
Morgendämmerung, begann immer die Arbeit der Farm. Zuerst war es
Baumwollpflücken gewesen von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, dann kam
das Einernten der Maiskolben, dann das Schneiden des texanischen
Zuckerrohres, des Winterfutters für Pferde und Vieh. Als die Ernte
eingeheimst war, ging es an Kleinarbeit. Die Stacheldrahtzäune wurden
ausgebessert, wir legten Bewässerungsgräben für die Felder an, wir
flickten unser Sattelzeug, wir bauten einen neuen Stall, wir besserten
die Farmwagen aus und strichen sie schön grün an, oder rumorten zwischen
den Pflügen und Farmgeräten. Die Arbeit der Texasfarm schien mir keine
Bürde.
»Ich kann mir kein rechtes Bild von deinem Leben machen,« schrieb mir
einmal mein Vater. »Du berichtest über Reiten und Schießen und Jagen,
du schreibst uns lustige Negergeschichten. Ist das Bauernarbeit in
Texas?«
Doch die Arbeit war da und sie war schwer. Die ganze Art des Landes
jedoch gab ihr einen romantischen Zug, und dieser romantische Zug
vergrößerte sich ins Ungeheure für einen jungen Menschen wie mich. So
wie es in der Stadt keine kleinere Münze als fünf Cents gab, weil kein
Mensch sich mit Kupfergeld abgeben wollte, so fehlte auch auf der
Texasfarm jede Kleinlichkeit. Wie sonniger Leichtsinn lag es über dem
fast jungfräulichen Land, das ohne künstliche Hilfe reiche Ernte hergab.
Dumpf dahin zu arbeiten, fiel hier keinem Menschen ein. Wir lebten auf
der Farm in freier Natur ein freies Leben, das selbst schwerer Arbeit
einen merkwürdigen Reiz verlieh. Und manchmal war die Arbeit wie ein
Fest ...
»_Well_, Jungens,« sagte der alte Muchow eines Abends, »ich denke,
wir machen uns jetzt an den Wald drüben bei der Slimpachtung und hauen
uns ein neues Stück Feld heraus.«
Am nächsten Morgen ritten Charley und ich zu den Negerpächtern der
Umgegend und trieben Arbeiter auf, und am nächsten Tag schon begann die
Arbeit. Im Morgengrauen zogen wir hinaus. Voraus ritten der alte Mann,
Charley und ich, hinter drein fuhr Jim der Neger mit vier Maultieren und
einem Farmwagen, bepackt mit zwei riesigen Kesseln und Säcken mit
Proviant. Über Ackerfurchen und knisternde Maisstengel ging's hinweg.
Am Waldrande prasselte ein Feuer aus dürrem Holz, an dem zwei schwarze
Gestalten kauerten und sich die Hände an den Flammen wärmten. Es war
Neger Slim und seine Ehefrau Melusina Maryanne.
»Schön' guten Morgen, Mistah Muchow, schön' guten Morgen, Mistah
Charley, Mistah Ed. Feine Sache, so 'n kleines Feuerchen. Nix niemand
noch nich' da von die faulen Niggers.«
»Wie viele kommen denn, Slim?«
»Sechzig Stück, Mistah Muchow -- jeder gesegnete Farmnigger in dieser
Gegend, so wahr dieses Kind einmal in' Himmel kommen will. Nur der
Washington Columbus von Mistah Davis sein' Farm nich' un' das ist
schade, weil das ein Nigger is', der mit die Axt fein Bescheid weiß.«
»Warum kommt er denn nicht?«
»Kann nicht. Is krank. Kann nicht sitzen, nicht liegen, nicht stehen,
kann kein gar nix.«
»Wieso denn?«
»Oh -- das is' sehr einfach. Ein anderer farbiger Gentleman hat ihm
ein' ganze Ladung Schrot in die rückwärtige Gegend hineingeschossen!«
Wir brachen in schallendes Gelächter aus.
»Wegen ein' kleine Meinungsverschiedenheit beim Würfeln,« fiel
Melusina Maryanne, die junge Negerfrau, mit schriller Stimme ein.
»_Lord_ -- was is' das Würfelspielen für ein' schlechte Gewohnheit! So
was tut mein Slim nicht! Ich würd's ihm auch mit mein' Besen
austreiben!«
»Tut Slim niemals nich',« log der Neger darauf los und schielte
vergnügt zu Charley und mir herüber.
Als das Rot des herbstlichen Sonnenaufgangs durch die Baumreihen zu
schimmern begann, kamen sie von allen Seiten herangeritten, schwarze
Gestalten mit Äxten über den Schultern, auf struppigen Pferden, auf
altersschwachen Maultieren. Im Nu häufte sich ein Berg von alten Sätteln
und Decken am Waldrand. Die Ponys und "_mules_" begannen draußen auf
dem Feld zu grasen. Die Reiter aber drängten sich um das Feuer und
ließen sich von Melusina Maryanne heißen schwarzen Kaffee in ihre
blechernen Becher einschenken, fischten Speckstücke aus der brodelnden
Pfanne und frisches Maisbrot aus dem Kessel. Weiße Zähne zermalmten und
dicke Lippen schmatzten.
»So, Jungens!« rief der Herr der Farm von seinem Gaul herab, »nun
wollen wir dem alten Wald zu Leibe gehen. Charley, Ed, zählt euch
dreißig Mann ab und fangt hier zu arbeiten an. Die anderen kommen mit
mir. Los, Kinder. Wollen 'mal sehen, auf welcher Seite mehr gearbeitet
wird!«
Hemden wurden heruntergerissen, nackte schwarze Oberkörper glänzten im
Sonnenlicht, und donnernd erdröhnten die Axtschläge. In langer Linie
arbeiteten unsere dreißig Neger, Baum an Baum. Mit rhythmischer
Regelmäßigkeit fielen die hoch über die Köpfe geschwungenen Äxte.
Zuerst ein Hieb von oben, der tief in den Stamm hineinbiß, dann ein
ergänzender waagrechter Schlag, der das angehauene Holzstückchen
herausschleuderte. So entstand eine winzig kleine Kerbe in der Form
eines liegenden _V_, flach wie ein Teller unten, schräg in den Baumstamm
hineinfressend von oben. Mit jedem Hieb wurde die Kerbe größer, bis der
verwundete Stamm sein eigenes Gewicht nicht mehr tragen konnte, die
Holzfasern rissen und der Baum krachend zur Erde fiel. Dann sprangen
drei, vier Mann auf ihn und hieben ihm die Äste ab, und der alte Jim
schlang eine Kette um den Stamm und schleppte ihn mit seinen Maultieren
an den Waldrand hinaus. Die Äste blieben liegen. Da waren Fichten,
deren rotes Holz so weich und wässerig ist, daß es nur zum Verbrennen
taugt; Buchen, Eichen und Hickorybäume, deren Stämme auf einen
besonderen Haufen gelegt wurden, denn sie waren so wertvoll, daß sie in
Brenham verkauft werden sollten. Ihr Holz ist hart wie Eisen. Die zähen
Ranken, die sich von Baum zu Baum schlangen, der Efeu der alten Eichen
und wucherndes Gestrüpp mit scharfen Dornen fielen unter den Axthieben.
Schritt für Schritt drangen die Neger in den Wald ein. Ich hielt es
nicht lange aus beim Zusehen, sondern sprang vom Pferd, holte mir eine
Axt und schlug darauf los, daß die weißen Holzsplitter flogen.
Da gerieten Slim und ein anderer Neger in Streit. Sie hatten ihre Äxte
verwechselt.
»Is meine Axt!«
»Nein, meine!«
»Das is' ein' dicke Lüge, du schwarzer Gauner!«
»Is' kein' Lüge!«
»Is' es doch!«
»Is' es nich' --«
Wütend funkelten sich die beiden Neger aus rollenden Augen an. Charley
aber zog gelassen den Revolver hervor und spannte den Hahn.
Ȁxte weg, Jungens! Wer von euch beiden eine Axt oder ein Messer
anrührt, den schieße ich über den Haufen. Gebraucht eure Fäuste
meinetwegen, ihr Dickschädel!«
»Komm her, Affensohn!« brüllte der Neger.
»Komm du her!« schrie Slim.
Da auf einmal krümmten sich die beiden zusammen -- senkten die Köpfe --
rannten aufeinander los. Genau wie kämpfende Böcke. Die Schädel prallten
in dumpfem Krach zusammen. Wieder rannten sie, wieder stießen die
schwarzen Köpfe hart aufeinander; zwei-, drei-, fünfmal. Beim fünftenmal
kratzte Slim's Widersacher sich die krause Wolle auf seinem Schädel und
schlich davon.
»Is' das nicht ein fein' kleines Köpfchen, das dies Kind hier auf die
Schultern sitzen hat!« jubelte Neger Slim.
Wir aber lachten, daß wir beinahe von den Pferden fielen.
»Dafür soll dieser Sohn eines Ziegelsteins ein Pfund Tabak haben,«
sagte Charley. »Das ist das erstemal, daß ich ein richtiges Niggerboxen
gesehen habe. Ein Neger ist doch ein merkwürdiges Individuum. Sein
Schädel ist so hart, daß wahrhaftig etwas daran ist an dem alten Witz
von dem Schwarzen, der im siebzehnten Stockwerk eines Wolkenkratzers aus
dem Fenster fiel und in der Luft inbrünstig gebetet haben soll: _Dear
Lord_, laß mich auf meinen Kopf fallen, _if you please_, und ich armer
Nigger bin gerettet! Eines Negers Schienbeine aber sind so weich und so
empfindlich, daß ihn der leiseste Stoß schmerzt. Wenn du einmal mit
einem Neger Unannehmlichkeiten hast, Ed, so gib ihm einen kräftigen
Fußtritt gegen das Schienbein, und er wird heulend davonlaufen! _Well_
-- nun hör' mal! Vorhin wollte ich es dir nicht sagen, aber du mußt
nicht mitarbeiten beim Baumfällen! Mit Negern arbeitet man nicht
zusammen!«
Ich schämte mich fast, daß ich das nicht selbst empfunden hatte. Denn so
naiv ich den Neger betrachtete, so fühlte ich mich doch in natürlichem
Instinkt dem Mann der schwarzen Rasse gegenüber genau so als Herr und
Höherstehender, wie der alte Muchow oder sein Sohn; empfand eine
Abneigung, deren erster Grund der penetrante Geruch der Ausdünstung des
Negers sein mochte. Für den Neger soll der Weiße übrigens genau den
gleichen unangenehmen Geruch haben. Man plauderte mit dem Neger. Man
amüsierte sich über seinen grotesken Humor, über sein komisches
Englisch. Man brauchte ihn notwendig. Wie alle anderen Riesenfarmen in
dem spärlich besiedelten Land basierte der Muchowsche Besitz auf
Negerarbeit im Pachtsystem. Die Negerfamilien bekamen Land und Werkzeuge
und mußten dafür das Land bestellen und die Hälfte des Ertrags
abliefern. Sie waren vollkommen abhängig von dem Herrn der Farm, weil
sie fast niemals bares Geld in die Hände bekamen und immer in der Schuld
des Farmers standen, denn sie waren faul und verschwenderisch. Bekamen
sie nach der Ernte wirklich Geld, so verpufften sie es in wenigen
Wochen; die Männer in Trinkgelagen, die Weiber in komischem Putz, und
waren dann wieder auf den Farmer angewiesen, der ihnen für die
einfachsten Lebensmittel ungeheure Preise anrechnete. Eine
Wirtschaftsteilung, bei der der Neger als der wirtschaftlich Schwächere
und Untüchtigere unbedingt den Kürzeren ziehen mußte. So wurde das Land
nach uralten primitiven Methoden bestellt, und was der Farmer durch
nachlässige Bewirtschaftung verlor, glaubte er durch den Umfang seines
Besitzes und den billigen Grundwert wieder hereinzubringen. Um straffe
moderne Organisation, um wissenschaftliche Bodenausnutzung mühte sich
niemand, weil der Neger nur in dem althergebrachten System zum Arbeiten
zu bringen war, weil er als Tagelöhner zum Beispiel unter ständiger
Aufsicht hätte sein müssen. Mir erschienen die Neger von einer fast
kindlichen Harmlosigkeit. Als Kinder wurden sie auch behandelt, und als
Kinder fühlten sie sich. Sie kamen mit den kleinsten Anliegen zu uns,
sie konnten nicht einmal die einfache Baumwollarbeit, in der sie doch
aufgewachsen waren, selbständig verrichten. Man behandelte sie
freundlich, aber man hielt sie sich energisch vom Leibe. Kein Neger
durfte den Farmhof betreten, ohne vorher angerufen und sich Erlaubnis
erbeten zu haben; jeder Schwarze mußte ausweichen, wenn wir auf der
Straße ritten oder fuhren; er durfte in Brenham kein Restaurant betreten
oder sich in öffentlichen Räumen gleichzeitig mit Weißen aufhalten. Er
war ein untergeordnetes Wesen und sollte es bleiben.
Stück für Stück und Tag um Tag verschwand der Wald. Die Stämme türmten
sich draußen auf dem Feld auf. Nach drei Wochen stand kein Baum mehr,
und eine halbe englische Meile weit sah man nichts als Haufen von Geäst
und nackte, weißschimmernde Baumstümpfe. Nun begann die eigentliche
Rodearbeit; die Stümpfe wurden herausgesprengt. Den Negern machte das
ein Heidenvergnügen, und uns drei Weiße hielt es in ständiger Aufregung,
weil die Schwarzen kaum wegzutreiben waren bei den Sprengungen. Das
grobe Sprengpulver spaltete die Stümpfe nur und lockerte sie aus dem
Erdreich. Feuer mußte die Arbeit vollenden. Der alte Mann selbst warf
den Brand in das Gestrüpp, und langsam fraßen die roten Flämmchen in das
Kleinholz, bis ein Windstoß kam und die kleinen Feuerzüngelchen zum
rasenden Feuermeer aufpeitschte, das eine glühendrote Rauchwolke weithin
über das Land trieb. Den ganzen Tag und die ganze Nacht umritten wir den
Flammenherd und löschten Dutzende und Aberdutzende von Bränden, die
durch glühende Funken in den benachbarten Feldern im Baumwollengesträuch
und unter den Maisstengeln entstanden waren. Unsere Löschmanier war
höchst einfach. Zwei Reiter hielten eine nasse Decke zwischen sich
gespannt und schleiften sie im Galopp über den brennenden Boden. Mehrere
Tage lang brannte das neugewonnene Land. Dann aber hätte man auf der
weiten Fläche kein Stückchen Holz mehr finden können; die Stümpfe, die
herausgesprengten Wurzeln, die Äste, das Gestrüpp, das dürre Laub von
vielen Jahren, der uralte Laubmoder -- das alles war eine
schwarzverkohlte Masse mit Tausenden von weißen Aschenhäufchen. So wurde
aus dem Wald das Feld ...
* * * * *
»Charley und Ed, die beiden Spitzbuben,« sagte der alte Muchow öfter
als einmal, »sind gar nicht mehr auseinanderzubringen. Immer stecken
sie beisammen. Die Pferde reiten sie mir zu schanden, ihre ewige
Schießerei hat mich schon halb verrückt gemacht, bei den Negern
strolchen sie herum, -- aber arbeiten tun sie, das muß man ihnen lassen.
In einer Manier freilich, als täten sie's nur, weil's ihnen Vergnügen
macht!«
Monate tollen Erlebens. Ich lernte Vertrauen in meine Fäuste und in
meine Kraft; lernte auch den wildesten Gaul reiten; lernte das weiche
Englisch des amerikanischen Südens; lernte den merkwürdigen
Texasmischmasch von Selbstvertrauen und Schlenderjahn. Die Muchows
fühlten sich unabhängig wie große Herren auf ihrem riesigen Grundbesitz,
aber sie so wenig wie die Nachbarn hatten den Ehrgeiz, das alte
Schlendersystem der Farmer zu verbessern. Es war, als seien die weißen
Männer auf dem flachen Land angesteckt von der Sorglosigkeit und
Gleichgültigkeit des Negers. Sie lebten ein Herrenleben in ihrer Art,
aber sie aßen Maisbrot und Speck das Jahr über und wohnten in rohen
Holzhäusern; sie trugen derbes Leinen und betrachteten eine Zigarre als
Sonntagsluxus. Dutzende von Pferden standen auf jeder Farm, und kein
Mensch wäre hundert Meter zu Fuß gegangen, aber die Tiere wurden niemals
beschuht und fast niemals geputzt. Die Farmen sahen schmutzig und
verkommen aus, die Straßen nach der Stadt waren in einem so erbärmlichen
Zustand, daß sie bei der Regenzeit unpassierbar wurden. In der
Erntezeit warfen die Farmer mit Goldstücken um sich, und die Hälfte des
Jahres mußten sie bei den Geschäftsleuten der Stadt Kredit in Anspruch
nehmen. Man arbeitete aus Leibeskräften -- ließ aber auf einmal alles
liegen und stehen, wenn ein Neger mit der Nachricht gelaufen kam, Mister
So und So von der nächsten Farm wolle zum Fischen nach dem Brazos
reiten. Oder zum Kaninchenjagen. Oder auf die Waschbärenjagd. Dann
sattelte man schleunigst die Gäule und ritt mit.
Es war ein merkwürdiges Leben auf der Texasfarm, das mir unbeschreiblich
verlockend schien. Texasfarmer wollte ich werden! Es war sehr leicht,
wenn man erst als halbwegs tüchtig bekannt war, Kredit zu erhalten und
durch langsames Aufsteigen vom Pächter zum Farmer selbständig zu werden.
Jeder Farmer verpachtete lieber an einen weißen Mann als an einen Neger,
weil der Weiße von selbst arbeitete und der Schwarze nur, wenn er dazu
getrieben wurde. Das Haus bauten einem die Nachbarn, die Geräte lieferte
der Farmer, das Geld, das man bis zur Ernte brauchte, streckte er einem
vor. Wenn die Baumwollenpreise nur einigermaßen gut waren, konnte man
bald genug eigenes Land besitzen.
Wie oft hatte mir der alte Muchow das auseinandergesetzt! Aber für den
Gang meines Lebens bestimmend war sein Sohn. Hätte nicht die
amerikanische Krankheit unstillbaren Wandertriebes ihn erfaßt, so
pflanzte ich heute aller Wahrscheinlichkeit nach Baumwolle irgendwo in
der Nähe der Muchowschen Farm, ein Texasmädel wäre meine Frau,
Texasgrund und Boden wäre mein eigen ...
Denn im Spätherbst kam eine sonderbare Ruhelosigkeit über den jungen
Muchow. Es gab fast nichts zu tun auf der Farm. Das Land sah öde aus;
alles war verdorrt, der Boden, die Büsche und das Laub, das Gras. Man
sah nichts als einförmiges Braun. Wir ritten täglich meilenweit übers
Land, und auf einem solchen Ritt hielt Charley auf einmal seinen Gaul an
und ließ die Zügel fallen. Lange Zeit sah er sich im Kreise um. Dann
richtete er sich auf, wie jemand, der mit sich selber eins geworden ist.
»Ich geh' fort,« sagte er.
»Was?«
»Fort geh' ich. Zu verdammt langweilig!«
»Wohin denn?«
»Weiß noch nicht. Ich reit' jedes Jahr los. Neu-Mexiko war es letzten
Winter, Indian-Territory das Jahr vorher. Für Cowboys gekocht, drüben
bei San Antonio (und die Jungens haben oft genug geschimpft über meine
Kocherei!) -- mitgeholfen beim Branden der Rinder -- dann nach
Nordwesten hinauf -- das verdiente Geld in einem Wagen und Provisionen
angelegt und nach Gold gesucht -- den Teufel 'was gefunden -- halb
verhungert in Albuquerque angekommen, Wagen und Gaul verkauft und nach
Hause gefahren. Das waren famose fünf Monate, _sonny_! Diesmal ist es El
Paso! Bei El Paso wird eine neue Eisenbahn gebaut. Gus sprach davon. Da
strömen die lustigsten Kerle aus dem ganzen Süden zusammen. Jawohl --
es ist 'ne feine Idee! Ich reite nach El Paso! Glory Hallelujah!«
Wie eine ansteckende Krankheit sprang sein Wandertrieb auf mich über.
»Nimm mich mit!« sagte ich.
»_No, sir._«
»Warum denn nicht?«
»Geht nicht. Du kennst das Land noch nicht. Schließlich schlagen sie
dir den Schädel ein und ich bin daran schuld. Nein. Bleib' beim alten
Mann.«
Als wir nach Hause kamen, platzte er mit seinem Projekt heraus:
»Vater -- hm -- Mutter -- hm, ich denke, ich reite morgen ...«
»Ach du meine Güte!« sagte Mutter Muchow leise.
»Wie du meinst!« brummte der Alte. »Eine verfluchte Wirtschaft! Du
wirst schon noch in irgend 'n Malheur 'reintreten. _Well_ -- _well_
-- -- bin auch mal jung gewesen, aber die neue Generation könnte doch
'was zugelernt haben. Hab' mir's schon gedacht, daß die Vagabundiererei
wieder anfängt. Dann reite in drei Kuckucksnamen! Laß dich nicht über
die Ohren hauen! Wo willst du hin?«
»Nach El Paso, Vater. Zum Eisenbahnbau.«
»_Well_, wie du meinst.«
Ich saß da und wäre beinahe geplatzt vor Neid. Und auf einmal kam's über
mich wie fiebernde Unruhe.
»Wenn Charley fortgeht ...« begann ich.
»Hoh!« sagte der alte Muchow. »Da ist noch einer! Zu tun ist ja
freilich nichts auf der Farm, aber du hättest doch wahrhaftig gerne
hierbleiben können!«
Und ich beschloß, mein Glück im Texasstädtchen zu versuchen.
* * * * *
Kurz vor Brenham durchschnitt die Staatsstraße nach Osten, nach San
Antonio und El Paso, unseren Weg. Dort, an der Kreuzung, hielten wir.
Braun, dürr, öde, sandig lag die Gegend da. Auf dem untersten Ast eines
Baumes am Straßenrande saßen träge vier Aasgeier.
»_Good bye_, Vater,« sagte Charley.
»Na, dann reite, mein Junge. Nimm dich in acht mit dem Mexikanerpack da
drüben!«
»_Allright_, Vater. _Good bye_, Ed. Besser, du bleibst beim alten Mann.
Überleg' dir's noch.«
Und im vollen Galopp jagte Texasgirl auf der Straße nach Osten vorwärts,
mit einem Reiter, der lustig den Hut schwenkte und die sechs Schüsse
seines Revolvers in die Luft knallte zum Abschiedsgruß --
»Eine verfluchte Wirtschaft!« brummte der alte Mann. »Wenn ich nicht
selber einer von der Sorte gewesen wäre, könnt' ich dem Bengel
wahrhaftig böse sein. Na, er kann für sich sorgen; wer mit dem anbindet,
hat alle Hände voll. Was willst du denn in Brenham anfangen?«
»Keine Ahnung, _sir_.«
»Eine verfluchte Wirtschaft! Ehem! Ich lasse jeden das aufessen, was er
sich einbrocken will. Wenn einer Dummheiten machen will, dann soll er
sie eben machen. Man muß einen Mann mit seinem Mädel allein lassen und
einen Narren mit seiner Narrheit. _Good bye_, mein Junge!«
Da hinten in Texas.
Der Lausbub wird Apothekerlehrling. -- Im Wunderland. -- Grasgrüner
Wissensdurst. -- Die Negerin und das Liebespulver. -- Ein
Nachtklingel-Erlebnis. -- Der Lausbub langweilt sich. -- Das
Gäßchen der winzigen Häuschen. -- Klein-Daisy. -- Die Dame, das
Parfüm und die Folgen. -- Ex-Apotheker. -- Der frühere Leutnant aus
dem heiligen Köln und sein Rat. -- Der Mann mit den leuchtenden
Augen. -- Vorbereitungen zu einer geheimnisvollen Reise.
An einem der runden Tischchen in Gus Meyers Salon saß, emsig schreibend,
der Redakteur und Verleger des Brenhamer Herald. Neben ihm stand ein
kleiner Junge in Arbeitskleidern, mit Druckerschwärze beschmiert.
»Hello!« rief mir der Redakteur entgegen. »In dreieinhalb Sekunden
hab' ich den Gouverneur von Texas vollends abgemurkst.« (Er schrieb
weiter.) »So. Hier, mein Söhnchen! Lauf! Korrektur und letzte Depeschen
bringst du mir hierher. Gus, noch 'n Bier! Und wie steht's mit Bruder
Leichtfuß aus dem deutschen Vaterland?«
Er schüttelte sich vor Lachen, als ich ihm erzählte, weshalb ich in
Brenham sei.
»Und was wollen Sie anfangen?«
»Ich hab' keine Ahnung ...«
»Selbstverständlich haben Sie keine Ahnung!« schrie er lachend, als
ob das der beste Witz der Welt wäre. »Ich hätte auch keine an Ihrer
Stelle. Es wäre auch wirklich zuviel verlangt von Bruder Leichtfuß, er
solle sich -- hokuspokus, hast du nicht gesehen? -- in einen
geldverdienenden Praktiker umzaubern, sobald er nur auf amerikanischen
Boden plumpst!«
»Könnten Sie mir nicht einen Rat geben, Herr Doktor?«
»Hoh! So ist's recht. Wenn man selbst nichts weiß, so weiß vielleicht
ein anderer etwas!«
Er lachte, und unter Lachen und Biertrinken pumpte er mit unglaublicher
Schnelligkeit alles aus mir heraus, was er wissen wollte. Was mein Vater
sei? Weshalb ich eigentlich Deutschland verlassen hätte? Meine Familie?
Meine Verwandten? Welche Schulen?
»Stimmt alles!« schmunzelte er endlich. »Sie wären auch viel zu jung,
um konsequent und überzeugend zu lügen. Das ist nämlich eine große
Kunst! Hm -- und nun wollen wir sehen, was sich in dieser feinen
aufblühenden Texasstadt alles mit Ihnen aufstellen läßt. Aha -- oho ...
guten Morgen, Mr. Mindus!«
»Tag, Doktor!« sagte ein Herr, der soeben eingetreten war, ein Riese
von respektabler Größe und noch weit respektablerer Breite, ein Riese in
Hemdsärmeln, doch in Hemdsärmeln aus schillernder Seide; in blitzenden
Lackstiefeln, auf dem Kopf einen Panama.
»Interessanter Fall, Herr Mindus!« sagte der Doktor. »Wir haben hier
den jungen Deutschen, der bei den Muchows auf der Farm -- ich erzählte
Ihnen doch davon?«
Der Mann in den seidenen Hemdsärmeln nickte.
»Nun, er hat gemerkt, daß er in der stillen Farmzeit ziemlich
überflüssig war und ist gegangen. Frage: Was fängt er an?«
»Geld?« fragte Mr. Mindus lakonisch.
»Ih wo!«
»_Well_ -- dann muß er arbeiten!«
»Aber, bester aller Apotheker, -- Herr Mindus ist Besitzer der großen
Apotheke da drüben, mein Junge, -- das wissen wir auch! Aber wie und wo?
Ich denke mir, wenn ein verwöhnter junger Mensch frisch von der
Schulbank fünf Monate Farmarbeit aushält, dann muß er zu gebrauchen
sein.«
»Das werden wir ja sehen,« sagte der Apotheker und wandte sich
mir zu. »Wenn Sie wollen, so können Sie bei mir in der Apotheke
arbeiten -- --«
Ich saß da, so erstaunt und so überrascht, daß ich kaum ein Wort
hervorbringen konnte, und hörte, wie mir der Apotheker erklärte, er
"taxiere", ich sei vorläufig fünfzehn Dollars im Monat und Verpflegung
für ihn wert, und in einer Viertelstunde solle ich nach der Apotheke
kommen. Dann schüttelte Mr. Mindus dem Doktor die Hand, nickte mir zu
und ging fort. Der Verleger des Brenham Herald sah mich lachend an.
»Eine verrückte Welt! Nun sind Sie Apothekerlehrling hier hinten in
Texas!«
Eine halbe Stunde später hielt ich einen Mörser zwischen den Knieen und
stampfte arbeitsam auf Kreidekügelchen los. Die zerstampfte Kreide
füllte ich in kleine Schachteln. In jede Schachtel kamen drei Tropfen
Veilchenextrakt. So fabrizierte man hier hinten in Texas Puder.
* * * * *
Gewaltige Glaskugeln mit giftig grün, zart rosa und schreiend gelb
anilingefärbtem Wasser gefüllt, schillerten im Schaufenster als
Wahrzeichen der Apotheke. Auf riesigen Regalen standen die Flaschen und
die Fläschchen mit den Rohstoffen der pharmazeutischen Kunst; endlose
Reihen von Patentmedizinen; von Pillen und Mixturen, Sarsaparillen und
Blutbelebern. In Schaukästen waren alle möglichen Waren aufgestapelt;
Bürsten, Kämme, Toilettenartikel, wundertätige Fleckseifen und
Pokerkarten, Proben von wunderbar wachsenden Sämereien und
garantiert-echte Monte Carlo Rouletten; Vasen, Spielmarken, Puppen. Der
Herrenwelt brachte die Apotheke liebevolles Verständnis durch ein halbes
Dutzend dickbauchiger Whiskyfässer entgegen, denn wer hier Wert auf
guten Whisky legte, kaufte seinen Bourbon oder seinen Rye in der
Apotheke. Für die Damenwelt sorgte die Sodawasser-Fontäne, die Jimmy
Hawkins bediente.
Sie war ein Wunderwerk. In einem pompösen Nickelgehäuse, das den halben
Laden ausfüllte, verbargen sich Eisbehälter, Kohlensäureapparate und
Dutzende von kleinen Fäßchen mit allerlei Fruchtsäften und
Ingredienzien. Auf dieser Maschine spielte Jimmy Hawkins wie auf einem
Klavier; er schlug die Tasten geheimnisvoller Hähne an und komponierte
merkwürdige Getränke. Die Basis war immer ein Glas Sodawasser zu drei
Vierteln gefüllt, dazu kamen Fruchtsäfte oder flüssige Schokolade, und
das ganze krönte jedesmal ein Löffel Icecream, Gefrorenes. Es war der
_punch romain_ europäischer Cafés, verflüssigt, ins Amerikanische
übersetzt und verbilligt, -- der _soda drink_ zu fünf Cents. Die hohen
Stühle vor der Soda Fountain wurden niemals leer. Hunderte von Damen
schlürften alltäglich die eiskalten Herrlichkeiten. Dieser vordere Teil
des Ladens war das Sanktum der holden Weiblichkeit des Texasstädtchens.
Weiter hinten drängten sich die Männer von den einsamen Farmen;
rauchend, schwatzend, plaudernd, denn sie wollten nicht nur kaufen,
sondern auch unterhalten sein, etwas hören vom Getriebe des Städtchens
und den Dingen der großen Welt. Noch weiter hinten an den Ladentischen
-- die Apotheke war riesig groß -- versammelten sich die kaufenden
Negerherrschaften. Und das Ganze war ein unbeschreiblicher Wirrwarr!
Bruder Leichtfuß schien es, als sei er im Wunderland.
Freilich mußte man kehren und fegen und spülen in diesem Wunderland, und
Kisten schleppen und langweilige Salben in langweiligen Mörsern ewig
lange zerreiben. Aber da waren Kasten und Schränke und Fläschchen und
Dosen, die man so wunderschön durchstöbern konnte, und geheimnisvolle
Gifte und geheimnisvollere Apparate und das fortwährende Kommen und
Gehen von vielen Menschen. Ich entwickelte einen gierigen Lerneifer,
gegen den kein Mensch etwas einzuwenden hatte; verbrannte mir die Finger
gehörig an Schwefelsäure und kurierte mir Zahnschmerzen mit so viel
kristallisiertem Cocain, daß ich beinahe sehr krank geworden wäre. Mr.
Mindus und den Prokuristen und Jimmy Hawkins bombardierte ich
fortwährend mit Fragen, die mit einem gemütlichen Grinsen über meinen
grasgrünen Wissensdurst beantwortet wurden. So wurde aus dem
wunderlichen Wirrwarr nach und nach ein vertrautes Hantieren mit
vertrauten Dingen. Es dauerte gar nicht lange, so verkaufte der Lausbub
Chinin (das war ein Stapelartikel) und Patentmittelchen -- und nach
wenigen Wochen schon durfte er neben dem Prokuristen am Rezepttisch
stehen, wenn's viel zu tun gab, und beim Bereiten von Mixturen helfen!
Einem deutschen Apotheker würden die Haare zu Berge gestanden sein über
diesen Leichtsinn, aber man nahm es nicht so genau da hinten in Texas.
Es war auch gar nicht so schwer. Die drei Ärzte des Texasstädtchens
schrieben ihre Rezepte hübsch deutlich und leserlich, wie es Sitte ist
in Amerika, und mein Latein und mein ewiges Herumschnüffeln und Fragen
kamen mir bald zu statten. Ich rezeptierte darauf los ...
Man stelle sich meinen Stolz vor!
Dummheiten machte ich natürlich auch, und ich vergesse nie, wie der
pompöse Mr. Mindus aus dem Häuschen geriet, als ich dem berüchtigtsten
Gauner von Brenham in aller Harmlosigkeit fünf Flaschen Whisky auf
Kredit verkaufte! Und einmal kam eine junge Negerin und verlangte
verschämt:
»_Love powder, please!_«
Liebespulver? Was beim Kuckuck war Liebespulver?
»Wie meinen Sie?« fragte ich verlegen. (Ich hatte damals eine ewige
Angst, einen Kunden mißzuverstehen und mich zu blamieren.)
»'n Liebespulverchen -- ein ganz kleines Liebespulverchen, Herr, aber
nur allerbeste Qualität.« Sie lächelte genierlich. »So 'n recht gutes
Liebespulver; ich brauch's für eine Freundin.«
»Aber ...«
Mr. Mindus trat hinzu.
»Liebespulver? Jawohl! Ich lasse es sofort bereiten -- wir werden unser
Bestes für Sie tun!«
Und mir flüsterte er zu: »Stellen Sie sich doch nicht so ungeschickt an!
Geben Sie ihr eine ganz kleine Dosis Saccharin! Wickeln Sie's in ein
rosa Pulverpapier hübsch ein und berechnen Sie anderthalb Dollars --
nein, zwei Dollars!«
Als die Negerin seelenvergnügt gezahlt hatte und strahlend fortgegangen
war, sagte mir der Apotheker seine Meinung: »Wir haben alles und führen
alles. Das merken Sie sich gefälligst! Fragen Sie mich, wenn Sie selbst
nicht Bescheid wissen. Die schwarze Gans ist natürlich in irgend einen
Nigger verliebt und will Gegenliebe dadurch fabrizieren, daß sie ihm ein
Liebespülverchen beibringt. Die Bande ist nun einmal so abergläubisch.
Sage ich ihr, so etwas gebe es nicht, so erzählt sie sämtlichen
Niggerfrauenzimmerchen in Brenham, meine Apotheke sei nichts wert, und
mein Geschäft leidet. Ergo bekommt der Nigger sein Saccharin und
wahrscheinlich wird's auch helfen. Liebe erzeugt Gegenliebe, mit oder
ohne Saccharin, aber das verstehen Sie noch nicht. Geschäft ist
Geschäft. Das merken Sie sich, bitte. Sie müssen noch viel
amerikanischer werden, mein Lieber!«
Und wahrhaftig -- nach einigen Tagen kam eine junge Negerdame in die
Apotheke, die auch verschämt tat und auch verlegen lächelte.
»-- kleines Liebespülverchen ...« bat sie. »So, wie mein' Freundin
Matilda gekauft hat!«
Es mußte also geholfen haben! Jedenfalls nahm man es entschieden gar
nicht genau hier hinten in Texas. Einmal in der ersten Zeit war ich in
heller Verzweiflung. Ich schlief in einem Kabinett hinten im Laden,
zusammen mit Jimmy Hawkins, dem Gehilfen, einem wortkargen Gesellen, der
mir von allem Anfang an kurz und bündig erklärt hatte:
»Abends hab' ich gewöhnlich dringende Geschäfte in der Stadt, mein
lieber Junge. Unter uns gesagt. Offiziell bin ich hier. Sollte dieser
fette alte Mindus einmal kommen, so bin ich soeben ein bißchen an die
frische Luft gegangen, weil ich Kopfschmerzen hatte. _Sabé?_ Kommt
irgend ein Narr mit einem Rezept, so soll er warten, bis ich wieder da
bin. Seien Sie nett zu mir und ich bin nett zu Ihnen! _Sabé._«
Und prompt um acht Uhr verschwand Mr. Jimmy Hawkins regelmäßig, um
gegen Mitternacht zurückzukehren und wortlos ins Bett zu gehen.
Da machte einmal -- es war schon spät Nacht -- die Klingel einen
Heidenlärm. Als ich hinauseilte, stand ein Farmwagen vor der Türe. Ein
Mann, der an allen Gliedern zitterte und kaum sprechen konnte vor
Aufregung, hielt mir ein kleines Kind hin. Ich schlug die Tücher zurück,
in die das leise stöhnende, fast bewußtlose Kind gewickelt war, und sah
mit unbeschreiblichem Entsetzen, daß von den kleinen Füßchen Hautfetzen
herabhingen. Rohe Brandwunden! Ich hätte am liebsten geheult vor
Ratlosigkeit, aber irgend etwas mußte geschehen. So tränkte ich in
fliegender Eile Verbandwatte in Öl und wickelte die armen kleinen
Füßchen darein, mehr um den Vater zu beruhigen als dem Kind zu helfen,
dem ich doch nicht helfen konnte. Rasch noch ein paar Tropfen
kalifornischen Tokaiers eingeflößt -- dann sprang ich auf den Wagen und
fuhr in sausendem Galopp zum Arzt. Der schien ganz zufrieden mit dem
harmlosen Mittelchen, das mir eingefallen war ...
Jimmy Hawkins aber hatte die nächsten acht Tage lang keine dringenden
Geschäfte mehr in Brenham zur Nachtzeit!
Wochen und Monate vergingen. Der Herr Apothekermeister Mindus hatte mir
mit salbungsvollen Ermahnungen ein pharmazeutisches Werk gegeben, in das
ich dreimal hineinguckte, um es dann vorsichtig mit den Fingerspitzen
anzufassen und im fernsten Winkelchen meines Zimmerleins zu verstecken.
Das Ding war noch viel langweiliger als die griechische Grammatik!
Dafür las ich Nächte lang in amerikanischen Zeitungen (ich glaube heute
noch, daß das viel gescheiter war) und durchschmökerte bei
selbstgedrehten Bull-Durham-Zigaretten und raffiniert gebrauten
Limonaden Hunderte amerikanischer Romane, von den drei Ärzten des
Städtchens zusammengeborgt. Dann wieder durchschnüffelte ich Kasten und
Schubladen. Und war sehr zufrieden mit mir selbst und schrieb
begeisterte Briefe nach Hause. Aber gar bald wurden die Apotheke und
dann die Menschen und das Städtchen zu tagesgewohnten Dingen, und Bruder
Leichtfuß fing an, sich sehr zu langweilen.
Die Texasstadt war ja die Einfachheit selbst. Auf dem riesigen Platz vor
der Apotheke, in vier Straßenreihen, spielte sich die Jagd nach dem
Dollar ab. Im tiefen Sand dieser Straßen drängten sich die Menschen und
galoppierten die Pferde den ganzen Tag. An das Geschäftsviertel schloß
sich eine hölzerne Stadt an, kleine Häuschen mit breiten Veranden und
grünen Gärtchen. Dort wohnten die kleinen Leute, die Angestellten und
die Handwerker. Ein freier Platz, der die Stadt aus Holz durchschnitt,
trennte das Viertel der Weißen von der Budenstadt der Neger, die
unerbittliche Sitte zwang, im gleichen Stadtquartier zusammen zu hausen.
Auf der anderen Seite erstreckten sich Villenstraßen weit hinein ins
flache Land; die Gartenstadt der erfolgreichen Brenhams. Unten beim
Bahnhof lagen die Warenschuppen und die wenigen Fabrikgebäude. So sah
das Städtchen aus, in das aus dem Farmhinterland der allmächtige Dollar
floß und gehörig beschnitten in Warenform zurückwanderte -- das
Städtchen war das Hirn, das aus den Früchten eines gesegneten Bodens
eine gewaltige Warenzirkulation schuf und über den ganzen Distrikt
souverän herrschte. Ein fortwährendes Hasten und Jagen im Städtchen, und
dennoch eigentlich primitivste Einfachheit des Lebens und der Menschen
und der Methoden -- wie es dem Lausbub schien, der für feine
Unterschiede noch so gar kein Verständnis hatte.
Er langweilte sich sehr und zwang Mr. Jimmy Hawkins energisch, sich in
die Abendstunden mit ihm zu teilen. Einen Tag du, einen Tag ich! Und
natürlich fand der Lausbub auf seinen Entdeckungsreisen gerade das, was
er nicht hätte finden sollen.
Der Frühling war ins Land gekommen nach dem Texaswinter fürchterlicher
Regengüsse, frohen Sonnenscheins, eiskalter Nordstürme, und wie
jungfrischer Duft breitete es sich über das Städtchen. Die vier Straßen
lagen einsam im Abenddunkel da. Ein Reiter galoppierte dicht an mir
vorbei -- ein alter Neger schlürfte mit schweren Schritten vor mir dahin
-- ein Buggy mit weißgekleideten Damen knirschte im Sand ... Von droben
glitzerte aus tief dunklem Blau die Sternenpracht nieder. Träumend
schlenderte ich dahin durch die Stadt aus Holz, durch den matten
Lichtschein aus den Fenstern, den das Sternenmeer erdrückte, und malte
mir aus, wie's jetzt wohl aussehen würde droben auf der alten
Herzogsburg oder in meinem braungetäfelten Zimmerchen im guten alten
München. An Negerbuden kam ich vorbei. Überall war es still. Dann
überschritt ich das Eisenbahngeleise und fand mich in einem Gäßchen der
winzigsten Häuschen, die man sich nur denken kann, mitten hingestellt in
den Sand, in den man knöcheltief einsank. Ein halbes Dutzend Häuschen --
eng zusammengedrückt, fein und zierlich. Aus winzigen Fensterchen drang
durch festgeschlossene rote Vorhänge warmes rotes Licht. Von irgendwoher
klang ganz leise ein Liedchen --
_Said the devil: I will be good, boys
Most assuredly I'll be!
But I'd rather not begin just yet, boys --
Therefore, deary little darling, come to me!_
Ganz leise klang es, gesungen von irgendeinem Mädel, und ich lachte
schallend auf über den lustigen Teufel. Ein leises Kichern antwortete.
»_Boy -- boy o' mine!_« flüsterte eine Stimme.
In der Türe eines der kleinen Häuschen schimmerte etwas Weißes, und aus
dem Weißen tauchte ein schmales Gesichtchen mit lustigen Augen auf und
ein Händchen zupfte mich am Ärmel.
»Was willst denn du hier, _my boy_?«
»Ich? Gar nichts!«
»Das ist aber wenig! Oh -- ich kenn' dich aber doch? Freilich, du bist
ja der kleine _Dutchy_ von der Apotheke! Und ist es denn hübsch zwischen
deinen Salben und Fläschchen? Ach, ich möchte einmal einen ganzen Tag
lang bei euch sein und nach Herzenslust von all den schönen, süßen,
kalten Sachen trinken. Ich glaub', ich beneide dich ein bißchen, mein
Junge!«
»Ich mag die Limonaden gar nicht mehr,« antwortete ich sehr verlegen.
»Was sind das nur für komische kleine Häuschen! Und was tust du denn
hier?«
»Ich? Ich heiß' Daisy, mein Junge!«
Da tauchte der Dampfer vor mir auf und Miß Daisy Benett und die
wundervollen durchplauderten Sommernächte im warmen Golf.
»Ist es nicht ein hübscher Name?«
»Sehr hübsch -- Daisy!«
Und das Händchen packte den Lausbub am Ohr und ein kicherndes Geflüster
sagte ihm, er dürfe hineinkommen, wenn er recht artig sein wolle.
»Im Ernst?«
»Freilich!«
Eine schmale Treppe ging's hinauf, an einer Türe vorbei, aus der Lachen
und Stimmengewirr drang, und dann huschte sie, mich mit sich ziehend, in
ein winziges Stübchen. Da war es blütenweiß und blitzsauber und alles so
sonderbar klein und zierlich. Daisy setzte sich hin und plauderte
unaufhörlich, über alle und jeden im Städtchen. Vor vielen Jahren sei
Mr. Mindus nach dem damals viel kleineren Brenham gekommen und in jener
Straße, in der jetzt die Apotheke liege, habe er mit Hustenmitteln und
Chinin hausiert; an der Ecke stehend, einen kleinen Kasten an Riemen
über die Schultern geschlungen. Der reiche Mr. Mindus! Und wen ich denn
noch kenne? Den Doktor von der Zeitung? Ach, das sei ein guter Mensch,
aber ein furchtbar leichtsinniges Menschenkind, das nie auf einen
grünen Zweig kommen würde.
»Woher weißt du denn das?« fragte ich erstaunt.
»Ja -- wir wissen alles!«
Und die Männer seien schlecht und fade und das Leben ein häßlich Ding.
So schwatzte sie stundenlang und lachte lustig, wenn ich etwas so recht
Unbehilfliches sagte, um dann auf einmal fast traurig vor sich
hinzustarren. Und ich sei ein guter kleiner Junge, und es sei so nett,
wieder einmal zu plaudern. Mir aber schien es, als wohne in ihren Augen
der wärmste Sonnenschein, den man sich nur denken konnte, und es kam mir
vor, als sei das Leben auf einmal viel schöner geworden. Wie hübsch es
doch ist, an törichte Jugend zurückzudenken, an eigene Jugend, da man
harte Dinge noch durch feinzart verbergende Rosenschleier sah. Arme
kleine Daisy ...
Ein schüchterner Kuß im Dunkeln bei der Türe zum Abschied. So lernte der
Lausbub das Mädel kennen und holte sich aus dem Sternengeflimmer beim
Heimweg jauchzende Träume vom Himmel herunter, einen schöner als den
andern; Träume, in denen es durcheinander wirbelte von Sonnenscheinaugen
und leisem Gekicher, als ob das etwas ganz Großes und völlig Unfaßbares
wäre. In den hellen Tag hinein spannen sich die Träume.
Dann und wann kam Daisy in die Apotheke, von den Herrlichkeiten der
Fontäne zu naschen, vergnügt zu mir herüberblinzelnd; dann und wann
gab's Lachen und Plaudern im winzigen Häuschen -- immer nach schweren
Kämpfen mit Mr. Jimmy Hawkins, dem es höchlichst mißfiel, daß auch er
die Schönheit stiller häuslicher Abendstunden einmal auskosten sollte.
Und dann -- --
Spät abends war es, als leise, ganz leise die Nachtklingel anschlug. Mit
großem Gepolter fuhr ich erschrocken aus meinem Zimmerchen hervor und
rannte zur Türe. Da stand eine gewisse kleine Daisy!
»Ach, Mr. Apotheker,« sagte sie mit vor Lachen halb erstickter Stimme,
»ich möcht' gerne ein Schlafpulver haben!«
»Du -- du!«
Der Mond, der zwischen den grünen und roten Glaskugeln ein bißchen
hineinblinzelte durchs Schaufenster, sah einem tollen Treiben zu in der
ehrsamen Apotheke. Zwei richtige Kindsköpfe waren zusammen, zwei sehr
ungezogene Kinder, die zwischen den Ladentischen einhertanzten und
unbezahlte Limonaden tranken. Der eine Kindskopf war furchtbar
neugierig, und der andere eitel und aufgeblasen wie ein Pfau, denn mir
kam's vor, als zeigte ich dem Mädel meine eigenen Schätze und sei eine
Stunde lang wirklicher Alleinherrscher im Wunderland der Apotheke.
Klein-Daisy trank sechs Limonaden mit Gefrorenem, glaub' ich, beguckte
erschrocken die Glasdose mit klebrigzäher brauner Opiummasse, von der
ich ihr erzählte, daß man mit ihr das halbe Texasstädtchen vergiften
könnte, und steckte ihr Näschen in alle Schubladen. Ein Gekicher und ein
Geflüster! War's ein Zufall oder war es nun ein besonders boshaftes
kleines Teufelchen, das mir den Gedanken an Wohlgerüche eingab -- ich
nahm eine Parfümflasche vom Gestell und bespritzte das lachende Mädel
mit einem Schauer Veilchendufts --
»Süß -- einfach süß, du guter Junge!« jubelte Daisy. »Gib' doch
her!« Und im gleichen Augenblick hatte sie mir auch schon das golden
etikettierte Flakon entrissen, drehte es hin und her in den Händchen,
probierte und probierte.
Da -- ein scharfes metallisches Knipsen -- ein jähes Aufflammen
elektrischen Lichts -- und rot und imponierend, elegant wie immer stand
der Herr Apotheker Mr. Mindus in der Türe. Er schüttelte den gewaltigen
Kopf langsam von einer Seite zur andern und betrachtete sich mit
Kenneraugen die Bescherung.
»Is' ja reizend! Guten Abend!!« sprudelte er endlich hervor.
»Guten Abend!« sagte Daisy höflich. Ich aber stand da, erstarrt wie
weiland Frau Lot.
»Wollten Sie sich so spät noch Parfüm kaufen, mein Fräulein?« fragte
Mr. Mindus eisig.
»Ach nein, ich hab' nur ein bißchen gerochen,« lächelte sie.
»Und mein bestes französisches Violet auch noch! Es ist doch
unerhört ...«
Mich hätte man totschlagen können, aber kein einziges Wörtchen hätte ich
hervorgebracht. Mir grauste einfach. Auch in Daisy schien eine Ahnung
aufzudämmern, daß die Situation aller Gemütlichkeit entbehre.
»Ich glaub', ich könnte jetzt eigentlich gehen,« sagte sie.
»Meinen Sie wirklich, mein Fräulein?« brummte der Apotheker. »Nun,
wie Sie meinen. Allerdings möchte ich mich gerne mit meinem Angestellten
privatim unterhalten!«
»Guten Abend!« sagte Klein-Daisy, guckte mich bedauernd an und hüpfte
hinaus. In der Türe drehte sie sich noch einmal um:
»Es war ja alles nur Scherz!«
»Ganz richtig, mein Fräulein,« war Mr. Mindus' eisigkühle Antwort.
»Und nun,« zu mir gewandt, »wollen wir uns ernsthaft unterhalten,
wenn es Ihnen gefällig ist. Dieser Laden ist eine Apotheke, wenn Sie es
noch nicht wissen sollten. Meine Geduld ist _finished_, -- aus, zu Ende:
Sie sind entlassen!«
Ich sah ihn verständnislos an.
»Auf der Stelle entlassen! Sie sind ein Luftibus. Was wissen Sie von
dem Mädel, heh? Wenn sie nun irgend ein Gift gestohlen und das größte
Unglück damit angerichtet hätte, heh? Von der moralischen Seite der
Sache will ich ganz absehen, obgleich -- Sie sind neunzehn Jahre alt,
nicht wahr? Es ist doch unglaublich!«
»Aber --«
»Sie sind ein Luftibus. Ich habe Sie schon längst beobachtet. Well, Sie
waren fleißig und mehr als willig, aber Sie haben gar keinen Begriff,
was ein Angestellter eigentlich ist. Sie verkaufen drauf los, ohne zu
fragen -- und ich wette, hundertmal, nein, tausendmal haben Sie Sachen
zu billig verkauft, weil Sie nicht erst lange fragen wollten. Wenn Sie
sich jetzt auch noch Mädels in den Kopf setzen, hab' ich keinen ruhigen
Moment mehr. So, nun gehen Sie ins Bett. Morgen werden wir weiter sehen.
Es -- ist -- doch -- unglaublich!«
* * * * *
Mr. Jimmy Hawkins kam nach Hause.
»Hello! Mr. Mindus war soeben da.«
»Der Alte!« schrie Mr. Jimmy entsetzt. »Großer Cäsar -- haben Sie ihm
gesagt, daß ich furchtbare Kopfschmerzen gehabt hätte und nur ein
bißchen -- --«
Da erzählte ich ihm die Tragödie, und der gefühllose Mensch lachte sich
beinahe tot. Mir war gar nicht lächerlich zumute.
»Und nun hören Sie einmal!« sagte ich. »Mein Gehalt hab' ich erst
gestern bekommen und entlassen bin ich auch. Ich hab' nicht die
geringste Lust, morgen früh auszuwandern, wenn der Laden gesteckt voll
ist, und mich auslachen zu lassen. Wollen Sie mir helfen, meinen Koffer
zu Gus Meyer hinüberzutragen? Mit dem Packen bin ich in einer halben
Stunde fertig.«
Jawohl, das wollte er.
Bei Gus Meyer im Hinterstübchen regierte, halb Wirt, halb Kellner, mein
Freund Starkenbach, bei dem ich hie und da in den späten Abendstunden
ein Glas Bier getrunken und nebenbei sehr viel über amerikanische Dinge
gelernt hatte. Im heiligen Köln war er Leutnant gewesen und hatte um
eines Mädels willen den bunten Rock ausgezogen. Die Frau
Schwiegermutter, eine verwitwete Hopfenfirma, machte ein scheel Gesicht
und dressierte den Exleutnant und Ehemann zum Hopfenreisenden; sie
schickte ihn nach Holland, da und dort hin, und jammerte ohn' Unterlaß
über seine schauderhaften Spesenrechnungen. Ein groß Gezänk herrschte,
bis eines schönen Tages das leichtsinnige junge Ehepaar nach Amerika
durchbrannte. Starkenbach kannte jeden Staat und jede größere Stadt der
Vereinigten Staaten. Es war ihm bitterhart gegangen, aber er war lustig
geblieben, er und sein Frauchen, die mich zu meinem Entsetzen immer Bubi
nannte. Im Texasstädtchen sparte er sich als rechte Hand Gus Meyers
langsam aber sicher ein Vermögen zusammen.
Er machte ein verdutztes Gesicht, als ich den Koffer hineinschleppte.
Und ich erzählte vom Mädel und vom Apotheker, und er holte seine Frau
aus der Küche, und beide zusammen lachten wie nicht gescheit.
Dann wurde Starkenbach ernst:
»Aber nun wollen wir doch einmal überlegen. Sehr viele Leute in Brenham
würden Ihnen wahrscheinlich Arbeit geben, aber nur deshalb, weil Sie
eine spottbillige Arbeitskraft sind, und nur unter der Voraussetzung,
daß Sie sich mit ein paar Dollars im Monat begnügen. Das ist nichts für
Sie. Sie könnten noch zwei Jahre hierbleiben und um keinen Schritt
weiterkommen. Nein, ich würde Ihnen raten, in eine große Stadt zu gehen
und einmal gründlich auf eigenen Beinen zu stehen. Sie sind fast neun
Monate hier, wissen etwas vom amerikanischen Leben -- ein wenig! -- und
sprechen gut Englisch. Sie haben arbeiten gelernt. Das wenigstens haben
Sie profitiert. Sie sind also nicht mehr so hilflos wie zuerst. Ich
würde entschieden nicht in Brenham bleiben an Ihrer Stelle. Um
Gotteswillen nicht in einem kleinen Nest sitzen bleiben in diesem Land!
In großen Städten pulsiert das Leben --«
»In großen Städten wohnt der Hunger!« lächelte seine Frau traurig.
»Der Hunger wohnt überall. Hier müssen Sie mit den Händen arbeiten;
dort -- in einer großen Stadt -- können Sie vielleicht mit dem Kopf
arbeiten. Sie sehen, Sie lernen, Sie haben Gelegenheiten. Jawohl, ich
rate Ihnen, sich schleunigst aus Brenham fortzumachen!«
»Und wohin?« fragte ich, schon halb und halb überzeugt, nein, beinahe
schon begeistert.
»Irgendwohin. Chicago, Kansas City, St. Louis -- sagen wir St. Louis.
Es ist am nächsten, keine tausend Meilen weit weg. Die rührigste Stadt
des Mittelwestens, nach Chicago. Und wenn Sie dort sind, dann reden Sie
einfach! Rennen Sie einen Wolkenkratzer nach dem andern ab, verlangen
Sie in jedem Bureau den Geschäftsinhaber selbst zu sprechen, erzählen
Sie den Leuten, was Sie sind und was Sie können. Reden Sie! Sie können
die Menschen interessieren, wenn Sie nur wollen, denn Sie haben etwas
gelernt und gute Manieren. Reden Sie! Man wird Ihnen Ratschläge geben,
wenn auch nur, um Sie loszuwerden; man wird Sie hierhin und dorthin
schicken. Es wird sich etwas finden!«
»Ich tu's!« rief ich. Eine Vision von einer ungeheuren Stadt stieg vor
mir empor -- eilende Menschen -- hastendes Leben -- Tausende von
Möglichkeiten ...
»Sie haben recht! Was kostet die Fahrt?«
»Wieviel Geld haben Sie?«
»Zwanzig Dollars.«
»Viel zu wenig,« murmelte Starkenbach. »Hm, man kann das aber so
machen, und man kann es auch anders machen. Billy!«
Der einsame Gast stand langsam auf und trat zu uns an die Bar. Aus
seinem scharfgeschnittenen Amerikanergesicht leuchteten durchdringende
graublaue Augen; so klar, so abgrundtief, daß man unwillkürlich immer
wieder in diese Augen schauen mußte. Er trug einen dunkelblauen Anzug,
weiches blaues Flanellhemd, weit in den Nacken zurückgeschobene Mütze.
Starkenbach sprach nun englisch. »_Well_, Billy, wie kommt man am
billigsten nach St. Louis?«
Die grauen Augen lächelten: »Das wissen Sie so gut wie ich!«
»Ja, wenn ich es wäre, der nach St. Louis wollte, wäre es einfach
genug!«
»Oh, ich habe gehört, um was es sich handelt; so viel Deutsch verstehe
ich. Die Fahrt ist ja ganz einfach für Ihren deutschen Freund -- durch
Texas via Dallas, Oklahoma Territory, Arkansas, Missouri über die
Frisco Linien. Santa Fé und Frisco Linien. Schnurgerade fast nach
Norden.«
Und das nannte dieser Mann einfach!
»Sie gehen nach Norden, Billy?« fragte Starkenbach.
»Bis Dallas. Mit dem 2 Uhr Nacht-Expreß, also in zwei Stunden. Wie
langweilig Sie doch sind, Starkenbach, und wie Sie auf dem Busch
herumklopfen! Weshalb sagen Sie es nicht gleich, daß ich Ihrem deutschen
Freund helfen soll? Er sieht aus, als ob er Schneid hätte, und wenn Sie
es wünschen, will ich ihn gerne ein Stück mitnehmen. Natürlich hat er
hier keine Aussichten.« Er wandte sich zu mir. »Ich will Ihnen den Weg
nach St. Louis zeigen. Es ist eine Eigentümlichkeit von mir, viel zu
reisen und niemals mein Geld an Fahrkarten und dergleichen zu
verschwenden. Meine Art des Reisens ist sehr interessant, verstößt aber
einigermaßen gegen die allgemein üblichen Anschauungen, vielleicht auch
gegen gewisse Gesetze.«
»Wie reisen Sie denn?« fragte ich neugierig.
»Das werden Sie schon sehen!« brummte Starkenbach.
»Schön,« lächelten die grauen Augen. »Wir haben noch anderthalb
Stunden Zeit. Ihr Gepäck müssen Sie hier lassen; Starkenbach kann es
Ihnen ja nachschicken. Der dunkelgraue Anzug, den Sie anhaben, geht sehr
gut. Setzen Sie eine Mütze auf dazu. Die weiße Wäsche geht nicht. Ziehen
Sie ein Flanellhemd an. Nehmen Sie mehrere Taschentücher mit, ein paar
Strümpfe (die können Sie in der Rücktasche unterbringen), Taschenkamm,
Taschenbürste, Rasiermesser, Taschenmesser, Seife (Starkenbach wird
Ihnen ein Stückchen Ölpapier geben), starke Lederhandschuhe, wenn Sie
welche haben, Uhr, aber ohne Kette, Pfeife und Tabak natürlich,
Zündhölzer. Haben Sie ein warmes seidenes Halstuch? Nehmen Sie's mit.
Haben Sie einen Revolver? Ja? Den lassen Sie, bitte, hier. Ist nur
gefährlich. Hm, und feste Stiefel. Das wäre alles!«
Dann fing er an mit der jungen Frau zu plaudern, als sei die
Angelegenheit erledigt. Starkenbach zog mich in ein Nebenzimmerchen, in
dem er allerlei Krimskrams aufbewahrte.
»So, hier können Sie sich umziehen!« sagte er.
Ich war wie vor den Kopf geschlagen ... Fast empfand ich so etwas wie
Angst, zum mindesten ein Unbehagen. Stärker aber als alles in mir war
bodenlose Neugierde.
»Mann -- wer ist dieser Billy? Wie reist er? Wie soll ich denn nach St.
Louis kommen? Und mein Koffer?«
»Bleibt hier, bis Sie mir schreiben. Billy ist ein Gentleman bis in die
Knochen. Anständiger Mensch. Interessanter Mensch. Ich kenn' ihn seit
vielen Jahren und bin Tausende von Meilen mit ihm gefahren. Ho, Sie
werden sich wundern! Ich kann Ihnen in der Geschwindigkeit das alles
nicht so genau erklären, aber es gibt Mittel und Wege in diesem Land,
einen Eisenbahnzug zu benützen, ohne dafür zu bezahlen. Billy fährt
jahraus, jahrein von Staat zu Staat, von Stadt zu Stadt. Wie er heißt,
weiß ich selbst nicht -- er will nur Billy genannt werden. Spricht
glänzendes Englisch, wie man's hierzulande selten findet und ist
hochgebildet. Was sein eigentlicher Beruf ist, weiß ich auch nicht. Als
wir kein Geld hatten, in Denver war es, schrieb er einige Artikel für
eine dortige Zeitung und wurde glänzend bezahlt dafür. Ich hab' ihn als
Feinmechaniker arbeiten sehen und als Elektriker. Seine Krankheit ist
der Wandertrieb und manchmal wünsche ich -- -- na ja. Herrgott, was
waren das für Zeiten damals! Vorhin erzählte er mir, er wolle nur rasch
ein bißchen nach Arizona -- einige Tausende von Meilen! -- weil dort im
Frühsommer der Kontrast zwischen kakteenbedecktem Sand und grauem
Felsenhintergrund so farbenreich und reizvoll sei. So ist Billy! Nun,
Sie werden sich wundern! Nach St. Louis kommen Sie aber bestimmt durch
ihn!«
Wie im Traum packte ich ein und aus und zog mich um; wie im Traum ließ
ich mir Butterbrot in die Taschen stecken ...
»Es ist Zeit!« sagte der Mann mit den leuchtenden Augen kurz. »Möchte
den Zug nicht versäumen. _Bye -- bye_, Starkenbach!«
»Ich wünsche -- ich möchte mir manchmal wünschen ...« seufzte dieser.
»Wünschen Sie sich keinen Unsinn!« sagte Billy scharf. »Danken Sie
den Sieben Himmeln für Ihre Seßhaftigkeit!«
Und dann ging's hinaus in die Dunkelheit.
Wie die Wanderung begann.
An der Geleiseböschung. -- Der erste Sprung auf einen fahrenden
Zug. -- Die Fahrt. -- Im Märchenland aufregenden Erlebens. -- Das
Hotel zur Eisenbahn. -- Von der Königin Nikotin und ihrem
Göttergeschenk. -- Billy der Wanderer! -- Das Abenteurerblut regt
sich. -- Ein psychischer Impuls. -- Wanderer Nr. 3.
In der Apotheke funkelte noch ein Licht, und trübe schimmerte es rot und
grün von den farbigen Glaskugeln im Schaufenster. Bald waren wir am
Bahnhof. Das Bahnhofsgebäude mit seinen Lichtern ließ der schweigsame
Mann neben mir links liegen und betrat zwischen langen Reihen von
Frachtwagen die Geleise. Es war dunkel hier. Nur das Weiß und Rot der
kleinen Signallämpchen an den Weichen blitzte da und dort auf und
erleuchtete den blanken Stahl des Hauptgeleises. Wie ein
grellschimmernder Fleck auf schwarzem Grund lag weit hinten der Bahnhof
da. Vorsichtig schritt Billy zwischen den Frachtwagen dahin, dem weißen
Fleck wieder entgegen. Ich folgte ihm lautlos. Dann ging es die Böschung
hinab, an Haufen von aufgestapelten Schwellen entlang. Dreißig Meter vom
Bahnhof blieb Billy stehen, kauerte sich nieder und winkte mir, das
gleiche zu tun. Unsere Köpfe ragten nur ein wenig über die Böschung
empor.
»Noch zehn Minuten,« sagte Billy, auf die Uhr sehend.
»Und -- -- --?«
»Pst! Nicht sprechen!«
Ein leises Zittern, ein kaum merkbares Sichregen in den Stahlschienen
vor unseren Köpfen. Es wurde stärker, lauter. Ein feuriges Riesenauge
blitzte auf. Und nun ein Gerassel, ein schallendes Dröhnen. Ein greller
Pfiff. Der Expreß brauste heran, und mit einemmal war alles Leben und
Lärm. Kondukteure sprangen herab, Reisende stiegen aus und ein;
Schwatzen, Lachen, Rufe und Kommandos tönten herüber.
Billy rührte sich nicht. Das Riesenauge der Lokomotive warf weithin
blendenden Schein über das Geleise. Wir, an der Böschungsseite, blieben
im Dunkel. Aus einer gewaltigen Röhre ergoß sich Wasser in den Tank des
Tenders. Der Lokomotivführer, eine Petroleumfackel in der Linken, eine
langstielige Kanne in der Rechten, schritt von Ölkapsel zu Ölkapsel
seiner Maschine, ölte und untersuchte.
»Hören Sie!« flüsterte Billy. »Wenn der Zug sich in Bewegung setzt,
springen Sie auf den ersten Wagen nach dem Tender. Direkt nach dem
Tender. Ja nicht vergessen! Das ist der Postwagen und die einzige
Möglichkeit. Links und rechts vom Trittbrett sind Messingstangen.
Klammern Sie sich an und schwingen Sie sich hinauf. Geht es nicht, so
lassen Sie sich nach rückwärts fallen. Kümmern Sie sich nicht um mich;
ich werde nach Ihnen springen. Warten Sie aber ja, bis die Lokomotive
ganz nahe hier ist, sonst werden wir vom Bahnhof aus gesehen. So
-- jetzt!«
Der Expreß hatte sich in Bewegung gesetzt. Mir schien es eine Ewigkeit
zu dauern, bis die Lokomotive herankam. Endlich. Mit einem Satz sprang
ich auf, geblendet einen Augenblick lang durch die Laterne, verspürte
etwas wie Luftdruck, ließ die schwarze Masse des Tenders vorbeidröhnen
und sah Stufen, einen Messinggriff. Blindlings griff ich zu. Und wurde
förmlich hinaufgerissen. Im gleichen Augenblick schob mich etwas
vorwärts und neben mir stand lachend Billy.
»Ausgezeic
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