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Das heilige Donnerwetter. Ein Blücherroman

by Adolf Paul · German · Gutenberg #39650 · 835,933 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Das heilige Donnerwetter. Ein Blücherroman
    
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Title: Das heilige Donnerwetter. Ein Blücherroman

Author: Adolf Paul


        
Release date: May 7, 2012 [eBook #39650]
                Most recently updated: June 17, 2020

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/39650


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS HEILIGE DONNERWETTER. EIN BLÜCHERROMAN ***





                        [Illustration: Titelseite]


_ADOLF PAUL_

*Das heilige*
*Donnerwetter*

Ein Blücherroman



_Berlin_
Deutsche Buch-Gemeinschaft
G.m.b.H.





                 Copyright 1918 by Albert Langen, Munich

                              Alle Rechte,
      insbesondere der Übersetzung und Dramatisierung, vorbehalten!

                           _Printed in Germany_





                                  INHALT


1. Im Adlernest
2. Erster Flugversuch
3. Der alte Adler
4. Im Schatten
5. Aus dem Nest heraus
6. Der Solofänger Nummer Eins
7. Vulkans Schmiede
8. „Prüske Dickköppe“
9. Jena
10. Zwei Welten
11. Zwischen den Schlachten
12. Das heilige Donnerwetter
13. Das Fell des Löwen
14. Der größte Sieg
Bemerkungen zur Textgestalt






                                    1
                               IM ADLERNEST


In schnellem Flug huschte dann und wann der schneeweiße Körper einer Möwe
vorüber und leuchtete grell gegen das von keinen Wolken bedeckte Blau des
Himmels auf. Aber keiner von den drei jungen Leuten, die nebeneinander auf
den zusammengerafften Segeln im Boote lagen, drehte auch nur den Kopf, um
die Kunststücke des gewandten Luftseglers zu beachten. Sie starrten
unentwegt nach dem kleinen dunklen Punkt, der, kaum noch wahrnehmbar, sich
hoch in den Lüften bewegte.

„Aufgepaßt!“ rief der eine halblaut, „seine Kreise werden enger! Er sieht
Beute!“

„Er zielt!“ rief der zweite.

„Er fällt!“

Der schwarze Punkt wurde schnell größer, breitete sich zur Fläche aus,
gliederte sich, wurde zum Körper, dessen Kopf, Rumpf, Flügel und Schwanz
sich scharf von der klaren Luft abzeichneten. Dann schoß er rasch tiefer,
hielt jäh an und stürzte pfeilschnell kopfüber in den See.

Mit einem Ruck schnellten die drei jungen Leute empor, standen da
kerzengerade im Boot und blickten dem goldbraunen Körper des Raubvogels
nach, der ins Wasser hineinschoß, daß der Schaum hoch aufspritzte. Bald
kam er wieder zum Vorschein, hob sich zum Flug und steuerte mit ruhigen,
kraftvollen Schlägen seiner mächtigen Schwingen in flacher Bahn der Küste
zu, einen großen, silberweißen Fisch in den Krallen mit sich führend.

„Der Adler von gestern!“ rief der längste von den dreien. „Ich kenne ihn
genau! Die gleiche Größe und Zeichnung! Nicht zu verkennen!“

„Er wird wohl hier in der Gegend nisten!“

„Sicherlich! Denn als er gestern drüben bei Hiddensee fischte, stieg er
mit seinem Raub jäh in die Höhe und flog nach Nordost, hierher. Jetzt
steuert er flach gegen das Land. Dort auf den Kreidefelsen wird es sein!“

„Schauen wir nach!“

Im Nu saßen zwei an den Riemen, der dritte am Steuer, und von kräftigen
Schlägen getrieben, glitt das Boot dem Ufer zu, wo hoch oben auf dem weiß
leuchtenden Kreidefelsen ein paar uralte Kiefern wie vorweltliche Riesen
ihre knorrigen Kronen aus der saftig grünen Masse des Laubwaldes
emporhoben.

Auf diese Bäume setzten sie Kurs. Und lange dauerte es nicht, bis das
braungeteerte Boot sich am Geröll des Ufers scheuerte.

Bald war es an Land gezogen, Segel und Ruder versteckt, und die drei
Freunde sprangen von Stein zu Stein auf das Gemengsel von Sand,
Schlemmkreide und Feuersteinen hinauf, aus dem der schmale Uferstreifen
gebildet war, der den Felsenrand vom Wasser trennte.

„In einer der alten Kiefern da oben wird er sein Nest haben!“

„Klettern wir hinauf!“

„Wozu klettern? Weiter nach links weiß ich einen Pfad, der bequem zu
steigen ist!“

„Der gerade Weg ist der beste!“ antwortete der, der zuerst geredet hatte –
ein lang aufgeschossener Jüngling mit Adlernase und dunklen, blauen Augen.
Und ohne sich um die anderen zu kümmern, nahm er entschlossen Anlauf,
packte mit kräftigem Griff den nächsten Busch, stemmte die Füße gegen die
Spalten und Vorsprünge des Felsens, nahm im ersten Ansturm die halbe Höhe
und blieb da auf einem breiteren Vorsprung stehen und blickte hinauf.

„Da ist er wieder!“ schrie er und zeigte auf den Adler, der in raschem
Flug wieder seewärts steuerte. „Was sagte ich? Sein Nest ist hier!“

„Vorwärts nur!“

Ein paar kräftige Klimmzüge, ein Keuchen und Fluchen, wenn der Fuß einmal
ausglitt und Steine und Sand prasselnd in die Tiefe schickte, dann waren
sie oben und fanden da den Dritten im Bunde lachend vor. Denn der
bequemere, wenn auch längere Pfad hatte ihn doch zuerst ans Ziel geführt.

„Lache nur!“ rief der Lange. „Hier wärest du nimmermehr heraufgelangt!“

„Wozu denn Wände hochsteigen, wenn es auch so geht?“ antwortete der
andere, ohne sich aus der guten Laune bringen zu lassen.

„Um auf dem geraden Weg zu bleiben! Umwege sind Abwege!“

Damit drang er den anderen voran durch den Laubwald nach der Anhöhe, wo in
einsamer Majestät eine alte Kiefer thronte. Das Adlernest hatte er bald
herausgefunden. Aber wie hinaufkommen? Der riesige, mannsdicke Baum, der
es trug, hob sich wie eine Säule zu mächtiger Höhe. Sein von Wind und
Wetter glattpolierter Stamm bot dem Kletternden fast gar keine
Stützpunkte.

„Wo du da einen bequemeren Umweg finden willst, möchte ich nur wissen!“
rief der Lange.

„Freund Diercks klettert auf die Bäume wie ein Affe, Bruder!“ antwortete
der zweite der beiden Bergsteiger. Und Diercks, der seine Kräfte vorhin
geschont hatte, spuckte in die Hände, packte den Baumstamm, umschlang ihn
mit Armen und Beinen und schob sich so langsam daran hoch, jede Muskel des
stämmigen Körpers auf das Äußerste anspannend. Endlos schien es den
Untenstehenden, bis sie ihn den Arm über den ersten Ast der Krone schieben
sahen, um mit Aufbietung der letzten Kraft den Körper hinaufzuziehen.

Einen Augenblick blieb er sitzen, um Atem zu schöpfen, dann ging es weiter
von Ast zu Ast, bis an das Adlernest heran. Ein Blick hinein, ein
Aufschrei!

„Gebhard! Siegfried! Ein ausgewachsener Adler!“

„Schon flügge?“

„Sicher! Aber er scheint noch keine Ahnung davon zu haben! Er liegt ganz
still!“

„Wirf ihn herunter!“

Einen Augenblick wurde es still da oben. Dann kam ein Aufschrei:
„Verflucht! Den Schnabel weiß er schon zu brauchen!“

Dann hörte man nichts mehr als das Geräusch eines zähen Kampfes. Trockenes
Reisig und Grasbüschel flogen aus dem Neste zu den Wartenden hinunter, und
zuletzt sauste, mit kräftigem Schwung geschleudert, ein fast
ausgewachsener junger Adler herab. Zunächst fiel er in schwindelnder
Fahrt, dann auf einmal breitete er mit gellendem Aufschrei die Flügel aus,
und zum ersten Male trugen sie den Körper in sanftem Flug hinunter und
landeten ihn unweit der unten Harrenden. Einen Augenblick blieb er betäubt
liegen, dann wurde er von vier kräftigen Fäusten gepackt und ihm eine
Kappe über den Kopf gezogen.

Sein Bezwinger war unterdessen heruntergerutscht und kam jetzt heran.

„Den Vogel nehme ich mit nach Hause!“ sagte er. „Da ich ihn fing, ist es
nur billig, daß ich ihn behalte!“

„Wo willst du ihn bei euch hintun?“

„In den Hühnerstall, bis ich ihm einen Käfig gebaut habe!“

„Einen Adler in den Hühnerstall tun?“ rief Gebhard, der längere von den
beiden Brüdern, entrüstet. „Das geschieht nie und nimmer!“

Und ehe die anderen es sich versehen konnten, riß er die Kappe vom Kopf
des Adlers fort und warf den Vogel in die Luft.

„Gebrauche deine Flügel, jetzt wo du weißt, wozu sie taugen!“ rief er.

Der Adler machte ein paar ungelenke Bewegungen mit den Schwingen und
setzte sich in einiger Entfernung wieder auf den Rasen, nahm aber dann,
von seiner Angst getrieben, noch einmal Anlauf. Zwei, drei Schläge nur mit
den Flügeln, und die Unsicherheit war verschwunden, er wagte den Flug und
schraubte sich in sanftem Bogen um den Baum herum, bis er ins Nest
hineinblicken konnte. Dann war er mit einer schnellen Bewegung darüber und
ließ sich rasch hineinsinken.

„So!“ sagte Gebhard und zog seine frei gewordene Kappe wieder über die
Locken. „Vor dem Hühnerstall wären wir bewahrt!“

„Du bist nur neidisch,“ murrte sein Freund, „weil du ihn nicht selbst
fangen konntest!“

„Dafür konnte ich ihm die Freiheit geben!“ sagte Gebhard, und es
wetterleuchtete vor trotzigem Stolz in seinen dunklen Augen. „Frei wie die
Luft, die er atmet, muß der König der Lüfte sein! Ich mußte ihm da helfen.
Und ich täte es nochmals, ob’s dir paßt oder nicht! Da“ – er zeigte
landwärts auf die Wiese unterhalb des Berges –, „da fliegen andere Vögel,
die nicht dem Himmel so nahe kommen. Fang’ dir die ein!“

„Die schwedischen Husaren!“ rief Diercks und vergaß über dem Anblick den
Adler und seinen Ärger über Gebhards eigenmächtigen Eingriff in seine
wohlerworbenen Rechte. Er jauchzte laut den blaugelben Reitersleuten zu,
die aus dem Wald heraufsprengten, um in wildem Galopp über die Ebene
hinwegzusausen.

„Den Flug machen wir mit!“ rief er. „Die holen wir noch ein! Rasch, fangen
wir ein paar von Vaters Pferden unten auf der Wiese ein und setzen wir
ihnen nach!“

Gesagt, getan! Die drei unternehmungslustigen jungen Leute hatten sich
bald je ein Pferd eingefangen und ritten, statt den Reitern auf dem großen
Fahrwege über Altenkirchen zu folgen, auf ihren ungesattelten Pferden
querfeldein nach der Wittower Fähre hin, wo sie gleichzeitig mit den
Husaren anlangten.

Diercks fand unter ihnen seinen Bruder vor, der bei den Schweden diente,
und viele Bekannte und Freunde außerdem. Über den Zweck des Streifzuges:
nach dem Gang der Aushebung auf Rügen zu sehen, wurde er gleich
aufgeklärt, und bald plauderten sie über die Aussichten Schwedens, seine
pommerschen Grenzen im Kriege gegen Preußen zu verbessern. Denn als
Schirmherr des Westfälischen Friedens hatte Schweden sich den Feinden
Friedrichs des Großen angeschlossen, die ihn an seinem kühnen Unternehmen
hindern wollten, die Landkarte für sich bequemer zu gestalten. Er hob also
auch in seinen deutschen Provinzen Kriegsvolk aus. Und da waren die drei
waghalsigen Reiter kein unwillkommener Zuzug zu der Schar, durften sich
also ohne weiteres anschließen, und trabten vergnügt mit auf dem Wege nach
Bergen, bis Venz in Sicht kam. Dort verabschiedeten sich die beiden Brüder
von den anderen und ritten nach dem Gutshof hinauf, wo sie bei ihrem
Schwager zu Gast waren. Ihr Freund dagegen folgte den Husaren, nicht ohne
den lebhaften Neid seiner beiden Gespielen zu erregen, die gern noch
weiter mitgeritten wären.

„Weiß Gott,“ sagte der jüngste, „mir ist’s, als gehörte ich zu dem
Kriegsvolk und müßte mit, gleichviel wohin! Wäre ich schon siebzehn, wie
du, ich ließe mich anwerben!“

„Ich besorg’s dir, Gebhard und mir auch!“

„Die Schulbank zu drücken habe ich satt! Wozu auch, wo’s Pferde gibt? Aber
nichts dem Schwager verraten!“

„Ich werde mich hüten! Der schickt mich dann gleich zurück nach der
Schweriner Pagenschule, auf daß ich bei den Mecklenburgern graue Haare
kriege, ehe ich ein Offizierspatent bekomme! Da möchte ich nicht dienen!“

„Ich auch nicht!“

„Bei den Preußen aber noch weniger! Ich danke für die Fuchtel Fritzens!“

„Ich auch!“

„Bei den Schweden reitet sich’s viel freier und lustiger!“

„Gehen wir zu den Schweden!“

Nachdem sie so im Fluge mit echt jugendlicher Sorglosigkeit diese nicht
ganz unwichtige Lebensfrage erledigt hatten, sprangen sie von den Pferden,
trieben sie wieder auf die Weide und gingen zum Gutshof hinauf, um den
Rest des Tages irgendwie totzuschlagen.

                                    *

In der darauffolgenden Nacht hatte Gebhard einen sonderbaren Traum.

Von scharfen Krallen an der Brust gepackt, wurde er plötzlich von der Erde
gehoben und hoch durch die Lüfte getragen. Schwindelnd schloß er die
Augen, sein Atem stockte, sein Herz schlug immer stärker und stärker.
Schließlich ging die Aufwärtsbewegung in ein langsames Sinken über, die
Krallen ließen ihn los; er fiel, stieß sanft auf den Boden auf, öffnete
die Augen und sah über sich den großen Adler kreisen, hörte dessen
gellende Schreie, die zu Worten wurden. Und die Worte wiederholten kurz,
schneidend, immer wieder seine beiden Vornamen: Gebhard Lebrecht, aber in
verkehrter Weise.

„Leb–hart! Geb–recht!

Leb–hart! Geb–recht!“ so kreischte es aus der Höhe. Und der Adler zog
immer weitere Kreise, stieg immer höher und verschwand schließlich im
tiefen klaren Blau des Himmels, das sich über ihm wölbte, von rotbraunen,
knorrigen Ästen und blaßgrünen Kiefernadelbüscheln umkränzt.

Er atmete befreit auf, streckte sich auf dem Lager aus und fand es ganz
wie es sein sollte, daß er da oben im Adlernest auf trocknem Gras und
Reisig ruhte, statt in seinem Bett.

Dann setzte er sich auf und blickte neugierig über den Rand des Nestes
hinaus, sah unter sich wogende Laubkronen, Felder und Wiesen, schneeweiße
Kreidefelsen und weit in der Ferne, mit dem Himmel zusammenfließend, das
endlose blaue Meer.

Und der Baum wuchs und schob seine Krone mit dem Adlernest immer höher in
die schimmernde, klare Luft hinauf. Immer weiter wurde der Rundblick, die
Insel ringsumher immer kleiner und kleiner. Frei und unbehindert sah
Gebhard über das jenseitige Land hinaus, sah Städte, Burgen, Häfen,
Wälder, Felder und Wiesen, Flüsse und Kanäle und weit in der Ferne
schneeige Gipfel in Sonnenlicht gebadet.

Sein Herz schwoll im starken Glücksgefühl, mit dieser ganzen Herrlichkeit
eins zu sein und fest in diesem Boden zu wurzeln. Wonnetrunken ließ er die
Blicke immer weiter schweifen, gen Morgen, über das Meer hinaus, wo
mächtige Knäuel leuchtenden Dunstes, zu einer gewaltigen Wolkenwand
zusammengeballt, in den Strahlen der sinkenden Sonne goldrot
aufleuchteten, während von Westen her ein stickiger, schwarzer Nebel
langsam herankroch und die ganze strahlende Herrlichkeit zu verdecken
begann. Immer mehr verschlang der Nebel von den gesegneten Gestaden, an
deren Anblick er sich soeben ergötzt hatte. Bald würde er den Baum
erreichen und sein Adlernest und ihn selbst mit einer undurchdringlichen
Nebelkappe überziehn.

Eine quälende Angst beschlich ihn. Er blickte hinauf, mit der letzten
Kraft seiner Augen das schwindende Licht trinkend. Da sah er den Adler
heransausen, hörte wieder sein gellendes Gekreisch:

„Geb–recht! Leb–hart!

Geb–recht! Leb–hart!“

Und der junge Adler, dem er die Freiheit wiedergegeben hatte, war auch
dabei. Er tummelte sich in den Lüften, in stolzem Bewußtsein, ganz wie der
Alte seine Schwingen gebrauchen zu können, und schrie vor Gier danach,
seinen Hunger zu stillen. Mit Windeseile schossen sie auf den im Neste
Liegenden herab und gruben ihre Schnäbel in seine Brust. An sein Herz
wollten sie heran! Ein mutiges Herz war die rechte Speise für den König
der Lüfte! Das Herz wehrte sich aber und flog wie ein gefangener Vogel
zwischen den Stäben seines Rippengehäuses hin und her, um sich dem Griff
des scharfen Adlerschnabels zu entziehen. Aber das Raubtier ließ nicht von
seiner Beute! Immer tiefer wühlte sich sein Schnabel zwischen die Rippen
hinein und versuchte das Herz aus seinem Käfig zu reißen. Das Herz aber
war tapfer, krampfte sich zusammen und zog den Kopf des jungen Adlers
immer tiefer hinein. So kämpfte sein Herz mit dem Raubtier, stählte sich
am Kampfe und wurde kräftiger und stärker, bis es ihm schließlich gelang,
mit einem gewaltigen Ruck den jungen Adler zwischen die Rippen
hineinzuziehen. Und da saß er nun im Brustkorb gefangen wie hinter dem
Gitter eines Käfigs, an Stelle des Herzens, das er mit letzter Anstrengung
verschlungen hatte. Das Herz pulsierte wohl noch voller Sehnsucht wie
vorhin. Aber seine Sehnsucht hatte jetzt die Schwingen des Adlers bekommen
und Kraft, ihn hoch über alle Erdenschwere hinauszutragen.

Er brauchte nur zu wollen. Und im nächsten Augenblick stand er drüben auf
der gewitterschwangeren Wolkenwand, die sich immer noch hoch über Land und
Meer und über allen quälenden Nebeln erhob. Mit Riesenkräften packte er
sie und preßte sie zusammen; Blitze zuckten, die Donner grollten, und vom
Feuer des Himmels verzehrt, löste sich der schwarze Nebel auf, der schon
die Herrlichkeit des ganzen Landes bedeckt hatte, und alles lag wieder im
stillen Glanz, befreit da, von der Abendröte umglutet. – –

Aber hoch über ihm, dem es im Traum gegeben wurde, die Blitze des Himmels
zu schleudern, kreiste der Aar, dessen Junges ihm ans Herz gewachsen und
zum zweiten Herzen geworden war. Und gellend wie die Kriegstrompete
schmetterte er sein Gekreisch in die Lüfte hinaus:

„Leb–hart! Geb–recht!

Leb–hart! Geb–recht!“

‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐

Er erwachte jäh und lag noch lange, ehe es ihm klar wurde, daß es nur ein
Traum gewesen war und daß er in seinem Bette lag in seiner Schwester Haus
zu Venz auf Rügen und nicht im Adlernest draußen auf den Felsen von
Stubbenkammer. Und er starrte seinen Bruder Siegfried fragend an, der
lange draußen seinen Namen gerufen hatte und jetzt mit Freund Diercks
hereinstürmte, um ihn aus dem Schlafe aufzurütteln.

„Auf!“ riefen sie, „heraus aus dem Nest! Heute fangen wir den jungen Adler
wieder ein!“

„Den Adler?“ fragte Gebhard und rieb sich die Augen und griff sich an die
Brust, wo er ihn hineingeträumt hatte. „Meine Mütze zieht ihr ihm aber
nicht mehr über den Kopf! Das gibt dann wieder Träume, wenn ich sie
aufsetze!“

Er sprang aus dem Bett, schlüpfte in die Kleider, gab sich kaum noch Zeit,
den bereitstehenden Morgentrunk zu schlürfen, sagte seiner Schwester rasch
guten Morgen und war eben im Begriff, den anderen auf neue Abenteuer zu
folgen, als sein Schwager, der Kammerjunker von Krackwitz, ihn aus dem
Fenster seines Arbeitszimmers rief.

„Ihr müßt euch heute ohne Gebhard behelfen“, sagte er, ohne ihren langen
Gesichtern Beachtung zu schenken. „Ich brauche ihn hier!“

Dagegen war nichts zu wollen. Gebhard mußte mit sehnsüchtigen Augen die
anderen abziehen sehen und ging dann zu seinem Schwager hinein.

Der Kammerjunker war ein solider, ehrenfester Mann, ohne jeglichen Hang zu
abenteuerlichen Träumereien, stand mit beiden Füßen fest auf dem Boden
realer Tatsachen und packte das Leben von der nützlichen Seite an, wie
sich’s für einen Mann von Grundsätzen gehört.

Nach gebührender Hervorhebung des Umstandes, daß er gewissermaßen an
Vaters Stelle stünde, nachdem er Gebhard in seinem Hause aufgenommen
hatte, führte er dem jungen Schwager zu Gemüt, er dürfe das Leben nicht zu
sehr auf die leichte Achsel nehmen. Er sei bereits sechzehn, also in einem
Alter, wo der Ernst des Lebens zu beginnen und das Spiel aufzuhören hätte!
Ob er sich schon Gedanken über die Zukunft gemacht habe? Und was er wohl
zu werden gedenke?

„Soldat wie der Vater und die Brüder!“

Das wäre ja alles gut und schön! Aber – wo er der Jüngste unter sieben
Brüdern sei, die alle dienten! Und bei dem beschränkten Einkommen seines
Vaters? Ohne Zuschuß vom Vater könne er nicht daran denken, auf der
Offizierslaufbahn vorwärts zu kommen!

„So hilf du mir!“

Dem wäre er wohl nicht abgeneigt! Aber gegen die militärische Laufbahn
hätte er seine Bedenken! Erstens gehöre Rügen zu Schweden. Er wäre also
Schwede und könnte ihn wohl durch seinen Einfluß in schwedischen Diensten
vorwärtsbringen! Aber – das hätte seine zwei Seiten! Mit der schwedischen
Macht ginge es abwärts. Lange würden die Schweden ihre deutschen
Besitzungen nicht mehr behaupten können! Eines Tages käme man unter andere
Herrschaft, und er hätte dann von vorne anzufangen. Denn lieber gar nicht!
Lieber Landwirt werden! Da könne er besser helfen! Er würde ihn in allen
Stücken unterrichten und ihm dann helfen, eine einträgliche Pachtung zu
bekommen, damit er auf eigene Beine käme im Leben! Das wäre doch die
Hauptsache! Und hätte er dann noch das Glück, eine Frau zu finden, die
auch nicht mit leeren Händen käme, dann wäre er sein eigener Herr. Und
dann – wenn’s nicht anders ginge, und wenn die Lust in ihm übermächtig
werden würde –, dann wäre es immer noch Zeit, zur Fahne zu gehen! –

Bei der Rede des Schwagers wurde es ihm zumute wie gestern, als er die
Gespielen davon sprechen hörte, den jungen Adler in den Hühnerstall zu
sperren. Alles in seinem Innern lehnte sich dagegen auf.

Die graue Alltäglichkeit eines unbemerkten Schicksals sagte ihm wenig zu.
Im Spiele mit den Rostocker Bürgerssöhnen war er stets der Führer gewesen,
der sie alle anfeuerte, allen voranstürmte und die Palmen des Sieges an
sich riß! Nur so und nicht anders konnte er sich das Leben denken! Aber
tagaus, tagein hinter dem Pfluge torkeln, das sagte ihm ganz und gar nicht
zu. Er antwortete nicht. Und der Schwager, der sah, wie schwer ihm die
Entscheidung wurde, drang nicht weiter in ihn, sondern machte ihm nur den
Vorschlag, vorläufig auf seinem Gute alles zu erlernen. Er setzte ihm
sogar ein Gehalt aus, sobald er sich eingearbeitet haben würde, und lud
ihn zu einem Ritt durch die Felder ein, um erst alles in Augenschein zu
nehmen.

Gebhard folgte ihm schweigend.

Kaum saß er aber im Sattel, so war die Mißstimmung verflogen. In der
Phantasie trabte er jetzt nicht aus, um die Erdarbeiter zu inspizieren,
sondern stürmte an der Spitze einer Schar Reiter auf den Feind los. Und
der Schwager hatte Mühe, ihm zu folgen.

Als sie nach einem erfrischenden Ritt zurückkehrten, strahlten Gebhards
Augen wieder in voller Lebenslust, seine Stirn war klar. Er tat sich
gütlich bei einem reichlichen Mittagsmahl und empfing so den von der
Adlerjagd zurückkehrenden Bruder. Der hatte geholfen, den jungen Adler
wieder einzufangen. Und Freund Diercks hatte den Wildvogel geradeswegs
nach Gagern gebracht, damit Gebhard ihm nicht wieder die Freiheit gäbe!

Abends aber, als sie zu Bett gingen, flüsterte ihm der Bruder etwas zu,
das sein Blut in Bewegung brachte.

„Morgen in aller Früh’, ehe der Schwager munter wird, geht’s nach Bergen!“

„Nach Bergen?“

„Ja, zu den Husaren! Ich lasse mich bei den Schweden einstellen! Du auch!“

„Ist es denn möglich?“

„Diercks hat es mit mir ausgemacht. Er will auch selbst Handgeld nehmen,
wie sein Bruder!“

„Was wird der Vater sagen?“

„Gar nichts! Und wenn schon –, sobald wir Handgeld genommen haben, nützt
es ihm nichts!“

„Aber der Schwager?“

„Der wird schon aufbegehren! Aber das geht uns nichts an! Mit dem werden
wir schon fertig!“

„Denkst du, daß man uns nimmt? Bin ich nicht zu jung?“

„Keinesfalls! Auf das Körpermaß kommt es an, und das hast du! Ich weiß
außerdem, daß man uns will!“

„Ganz gewiß?“

„Ganz bestimmt! Gestern, als wir uns von den Husaren trennten und nach dem
Gasthof galoppierten, da sagte der Hauptmann zu Diercks: ‚Die beiden
Jungen hole ich mir noch! Sie reiten ja wie die Deibel!‘ Und er mußte ihm
versprechen, uns morgen zu ihm nach Bergen zu bringen! Ich gehe auf alle
Fälle hin!“

Gebhard sagte nichts. Er ging anscheinend ruhig zu Bett. Aber er vermochte
kein Auge zuzutun. Er war jetzt am Scheideweg, wo es galt, entweder den
breiten gesicherten Weg zu wählen, den ihm der Schwager wies, oder den Weg
seiner Träume, deren Ziel er noch nicht sah, auf den es ihn aber mit aller
Macht hintrieb. Lange lag er da und sann. Plötzlich setzte er sich im Bett
auf. „Was ist aus dem Adler geworden?“ fragte er.

„Der Adler?“ antwortete der Bruder halb im Schlaf. „Den wollte Diercks mit
einer Kette an einem Pfahl im Garten anschließen, bis sein Käfig fertig
wird!“ Und damit schlief er ein.

Als Gebhard aber den Bruder fest schlafen hörte, stand er auf, zog sich
rasch an, schlich leise aus der Kammer hinaus, die Treppe hinunter, durch
den Garten und auf den Weg nach Gagern. Dort schwang er sich über den
Gartenzaun und fand schnell den Pfahl, an den der Adler gefesselt war. Mit
einer mitgeführten Kneifzange hatte er bald das Fußeisen durchschnitten,
ergriff den Vogel, warf ihn in die Luft und sah, wie er auf mächtigen
Schwingen durch die Nacht davonschwebte. Unbemerkt, wie er gekommen, ging
er dann wieder nach Hause, schlüpfte rasch ins Bett und schlief bald
ebenso fest wie der Bruder – jetzt aber ohne zu träumen.





                                    2
                            ERSTER FLUGVERSUCH


„Blitz und Donner!“ fluchte der Wachposten am Eingang zum Zeltlager, das
sich am Waldessaum breitete. „Hier kann einer tagaus, tagein sich mit dem
saudummen Postenstehen die Beine in den Leib treten! Himmeldonnerwetter!
Wer endlich einmal dreinhauen dürfte! Zu denken, was ich alles an Beute
gemacht hätte – von den Gefangenen nicht zu reden! Leutnant hätte ich
schon sein können – Rittmeister sogar – wer weiß, vielleicht bald General!
Man hat’s gesehen!“

„Sachte, sachte!“ mahnte ein alter Graubart, der am Schilderhaus lehnte,
nahm die Pfeife aus dem Mund und klopfte sie an der Stiefelsohle aus. „Als
ich dereinst ins Feld zog, da hatte ich wohl auch wie du den
Marschallsstab im Tornister, obwohl ich bloß ein Trommlerjunge war. Und so
muß es sein. Die wenigsten erwischen ihn aber! Mir gelang’s schon! Daß ich
aber auf meinen alten Tag nur Futtermarschall beim Regiment werden sollte
– darauf hätte ich damals nicht schwören mögen!“

Er schwieg plötzlich, hielt die Hand vors Auge und blickte über die Felder
hinaus, zwischen denen sich die Landstraße heranschlängelte. Ein
plötzliches Klappern von eilenden Hufen hatte seine Aufmerksamkeit
geweckt.

Der Wachposten hielt in seinem Hin- und Hertrotten inne und blickte auch
hin.

„Ein durchgegangenes Pferd!“

„Wenn der sich nicht das Genick bricht!“

„Himmelsakra! Hecke und Graben im Flug genommen! Ratsch über die Wiese!“

„Jetzt klabastert’s schon auf der Landstraße! Das weiß den Weg nach deiner
Futterkiste!“

„Dann wird’s auch wissen, wie leer sie ist! Heißa! Hussassah!“ schrie der
Alte und trat zur Seite. Denn jetzt sauste es heran mit rasender
Schnelligkeit. Dann: ein Ruck – alle viere in die Erde gestemmt – den
Reiter in elegantem Bogen abgeschleudert und – war’s Zufall, war’s
Instinkt – still stand es gerade vor dem Futtermarschall, zitternd,
schaumbedeckt und leise wiehernd, als ahne es dessen nahe Beziehung zum
Hafertrog.

Die beiden Husaren hielten sich die Seiten vor Lachen.

„Habt Ihr’s aber eilig, junger Herr!“ sagte der Alte.

„Ich habe nur Eure Fahne gegrüßt!“ sagte Gebhard, der schon wieder auf den
Beinen war, und zeigte auf das blaugelbe Tuch, das über ihren Häuptern
flatterte. Denn er und kein anderer war’s, der in dieser übereilten Weise
das schwedische Lager gestürmt hatte. „Die anderen sind aber gehörig
nachgeblieben!“ fügte er hinzu und blickte über den Weg hinaus. „Sie
haben’s nicht gemerkt, als ich ihnen ausgerückt bin. Der Adebar auf der
Wiese, der paßte aber auf, ließ dicht hinter mir ein Klappern steigen, und
mein Brauner legte gleich los wie gestochen!“

Er versetzte dem Pferd einen Klaps auf die Lende, ging dann herum, faßte
es beim Kopf und blies ihm beruhigend in die Nüstern.

„Ein Angsthuhn bist du“, gab er ihm kosend seinen Denkzettel und wandte
sich dann an den Alten mit einer Frage nach der Regimentsschreiberei.

„Ihr wollt Euch als Rekrut bei uns eintragen lassen?“

„Das stimmt! Zeige mir nur den Weg!“

„Kehrt lieber um! Oder, meinetwegen, geht zu den Preußen! Bei uns ist für
Euch kein Fortkommen! Das heißt, wenn Ihr vorwärts wollt! Rückwärts reiten
wir schon!“

„Halt’s Maul!“ rief der junge Husar ärgerlich. „Und paß auf, was du
redest! Wer wird sein eigenes Nest beschmutzen!“

„Ich nicht! Durch mich wurde es nicht beschmutzt! Durch dich auch nicht,
obwohl du auch weidlich schimpfst!“

„Ich?!“

„Eben du! Und solange ich dich kenne! Bist Husar, bist ein Reitersmann und
hast kein Pferd, wie so viele vom Regiment! Und du kriegst auch keins, wie
brav du auch schimpfst! Und – wie schaut’s mit der Montierung aus?“

„Kann ich dafür, daß die Offiziere das Geld für die Ausrüstung am
Spieltisch vertun?“

„Nein! Aber du kannst deinen Schnabel halten, statt von deinen
Vorgesetzten schlecht zu reden!“

„Wie redest denn du?!“

„Mein Reden ist eines Mannes Rede! Aber du, Lausbub, hast das Maul nicht
so weit aufzureißen! Erst etwas mitmachen und dann reden! Ich,“ – der Alte
richtete sich auf und schlug sich auf die Brust, „ich war mit bei Narwa,
bei Riga, bei Clissow und Holofzin – leider aber auch bei Pultawa! Als
Trommlerjunge zog ich aus mit König Karl dem Zwölften, Gott hab’ ihn
selig“ – er zog ehrfurchtsvoll den Hut bei Nennung des Königs. „Mit ihm
zog ich aus, um den Moskowiter zu verprügeln, und machte das ganze tolle
Abenteuer mit bis zum Kalabalik in Bender. Der große Krieg mit dem
Moskowiter und dann mit den Polacken, das war der Anfang vom Ende. Dir
wünsche ich, daß du den Schluß nicht sehen mußt. Denn er wird uns wenig
Ehre bringen!“

Der Wachtposten machte achselzuckend kehrt und fing wieder sein Hin- und
Herwandeln an.

„Kann ich dafür, daß die Offiziere das Geld für die Ausrüstung am
Spieltisch vertun?“

Gerhard stand da, das Pferd am Zügel, und fragte nochmals ungeduldig:

„Der Weg nach der Regimentsschreiberei?“

Der Alte beachtete die Frage kaum, setzte sich gemächlich auf einem
Feldstein zurecht, zog den Tabaksbeutel, stopfte die Pfeife, schlug Feuer,
setzte sie in Brand und zeigte auf die Fahne, deren tiefblaues Tuch sich
in wogenden Wellenlinien warf. Sie breitete sich aus, ließ ihr gelbes
Kreuz in der Sonne aufleuchten und sank dann in sanft weichenden Buchten
zurück, um wieder Wind zu fangen und von neuem das Spiel zu beginnen.

„Die Fahne,“ sagte der Futtermarschall, „die kann sich schon sehen lassen!
Auf die könnt Ihr stolz sein, aber nicht auf die Regierung, die heute ihre
Ehre so mäßig schirmt! Einst – so vor hundertundfünfzig Jahren war’s wohl
–, da flatterten die blauen Fahnen mit dem gelben Kreuz lustig übers Meer
hinaus. Nach allen Richtungen hin flogen sie, als wollten sie den
schäumenden Fluten Eystrasalts zurufen: ‚Fortan seid ihr schwedisch – die
ganze Ostsee ist von jetzt ab ein schwedischer Binnensee!‘ Als ich mit dem
hochseligen König Karl“ – er zog wieder den Hut – „in den Krieg zog, da
hielten wir noch das ganze Land um die Ostsee herum. Als wir aber nach
achtzehn Jahren wieder geschunden nach Hause zurückkehrten – da wagte die
blaugelbe Fahne sich kaum noch im Baltikum zu zeigen, die moskowitischen
Mordbrenner verheerten aber lustig die schwedischen Küsten, und rein aus
Gnaden ließ man uns beim faulen Friedensschluß das bißchen Pommern und die
Insel. Und die sollen wir jetzt auch noch verlieren! Zu dem Zweck ziehen
wir jetzt mit leeren Kriegskassen, auf lahmen Pferden hinaus in den Krieg!
Und das wollt Ihr, junger Herr, noch mitmachen?!“

„Den Weg nach der Regimentsschreiberei will ich wissen, weiter nichts!“
rief Gebhard nochmals ungeduldig und schlang die Zügel um das Handgelenk.

„Ich werde Euch schon den Weg zeigen! Aber wißt Ihr auch, warum Ihr ihn
gehen werdet?“

„Warum denn sonst! Um mich bei euch Schweden als Kämpfer anwerben zu
lassen!“

„Als Kämpfer wofür?“

„Für die Krone Schwedens –“

„Für die kämpfen wir Schweden längst schon nicht mehr! Wir führen nur noch
die Kriege der anderen Mächte – bald Englands, bald Rußlands, bald
Frankreichs, je nachdem – und tun es auch jetzt, nachdem jene Mächte
unseren Reichsrat gekauft haben, und ziehen gegen Preußen und gegen den
Schwager unseres Königs, weil – nun eben weil unser König eine Schlafmütze
ist!“

„Du sollst wider die Majestät unseres allergnädigsten Herrn nichts sagen!“
rief die Schildwache ärgerlich und blieb vor dem Futtermarschall stehen.
Der aber ließ sich nicht dreinreden.

„Ich pfeife auf solche Herrschaft“, rief er. „Das ganze Land lacht über
den dicken Holstein-Gottorper, dem die Zarin unsere Königskrone über die
Nachtmütze stülpte, weil er ihr Neffe war!“

„Halt’s Maul!“

„Den Weg nach der Regimentsschreiberei?“ rief Gebhard immer ungeduldiger.

„Wartet lieber ab, bis unsere Regimentsschreiberei in Preußen steht!“
murrte eigensinnig der Alte, „denn so wird’s bald kommen!“

„So wird’s _nicht_ kommen! Himmelkreuzdonnerwetter noch einmal!“ schrie
der junge Husar wütend. „Sorgt nur für gute Pferde, setzt uns Jungen in
den Sattel und gebt uns Leute an die Spitze, die reiten können, dann sollt
Ihr was erleben! Mordselement, Herr! Hört nicht auf den Unglücksraben!
Geht nur immer in die Regimentsschreiberei! Geradeaus geht der Weg, dann
links in die erste Gasse gebogen, und dann fragt Euch vor! Und Gott
befohlen!“

Gebhard hörte den Abschiedsgruß nicht mehr. Er saß schon im Sattel und
galoppierte ins Zeltlager hinein, gerade als sein Bruder und sein Freund
unten auf der Landstraße zum Vorschein kamen, ihren Pferden die Sporen
gaben und ihm in vollem Trab nachsetzten, ohne sich um den Anruf der
Torwache zu kümmern.

                                    *

War das eine Jagd! Über Felder und Wiesen flogen die Sturmvögel des Alten
Fritzen – seine schwarzen Husaren, mit dem Totenkopf an der Stirn – auf
die Landstraße zu, um die Schweden abzuschneiden, ehe sie zur Brücke
gelangten.

Eine kleine Patrouille der Blaugelben nur war es, aber gut beritten.

Wie die Teufel pfefferten sie los, daß die Satteltaschen flogen, allen
voran ein baumlanger, schlanker Kornett, der die Kameraden durch nie
ermüdendes Zurufen anfeuerte.

Vorwärts ging es über Stock und Stein. Aber die Schwarzen waren nicht
schlechter beritten. Dicht vor der Brücke gerieten die Gegner aneinander,
mit einer Wucht, daß alles sich zu einem unentwirrbaren Knäuel von wild um
sich schlagenden Pferdeleibern und dreinhauenden Reitersleuten
verwickelte.

Die Säbel blitzten, Kommandorufe schmetterten, Schimpfwörter flogen hin
und her.

„Warum trägst du deine Rippen draußen auf dem Rock, statt im Busen, wie
sich’s gehört?“ rief der Kornett und ritzte mit dem Säbel die gelbe
Verschnürung seines Gegners auf. „Und den Totenkopf trägst du auf dem
Tschako, statt im Schädel! Hast wohl nichts als Häcksel drinnen!? Wie?
Wollen mal nachschauen!“

Und er versetzte dem Gegner einen gewaltigen Hieb nach dem Kopf. Aber der
war nicht saumselig. Er parierte mit einer Doppelterz, daß Gebhard der
Säbel aus der Hand flog und seine Kopfbedeckung denselben Weg nahm.

„Die Mütze her!“ schrie Gebhard zornesrot, gab seinem Pferd die Sporen,
flog dem Frechen an die Gurgel, packte mit eisernem Griff sein Handgelenk,
als dieser zum tödlichen Streich ausholte, riß ihm den Säbel aus der Hand,
die Mütze vom Kopf, hieb ihn vom Pferd herunter, stülpte sich die Mütze
auf und – heißa, hussassa! – eine Gasse durch die sich balgende Rotte
gebahnt, über die Brücke gesprengt! Und dann frei wie ein Vogel
weitergesaust nach dem Quartier, um Meldung zu erstatten. Die anderen
folgten.

„Ich hätte gern die ganze Uniform zum Ansehen mitgebracht! Und den Kerl,
der drin steckte, auch!“ sagte Gebhard, als er vor dem Rittmeister stand
und ihm den eroberten Tschako zeigte. „Es ist eine ganz neue Sorte von
Gegnern, schwarz mit grünen Aufschlägen, grünem Kragen, gelber
Verschnürung und diesem Tschako! Ich sehe die Uniform zum ersten Male!“

„Ich nicht“, sagte der Rittmeister. „Aber als Gegner erst heute! Es sind
die Bellingschen Husaren! Der Preußenkönig hat Verstärkungen geschickt,
wie es scheint! Von seinen besten Reitern! Wir werden zu tun bekommen!“

„Gott geb’s!“ sagte Gebhard.

„Der Oberst Belling ist ein ganzer Kerl! Ich sah ihn einst bei Eurem
Schwager! Beim Krackwitzen auf Rügen, mit dem er verwandt sein soll. Er
wird uns zu schaffen machen!“

„Wir ihm auch!“ trotzte Gebhard. „Die Mütze möchte ich behalten! Bald hole
ich mir den Rest von der Uniform!“

„Das tut nur!“ lachte der Rittmeister und verabschiedete ihn.

Er tat’s auch binnen kurzem. Aber in anderer Weise, als er’s sich dachte.

                                    *

„Ihr reitet zu toll, junger Herr“, sagte der alte Futtermarschall und
streichelte das Pferd, als Gebhard sich einige Tage später in den Sattel
schwang. „Man braucht nicht gleich wie’n Gewitter dreinzusausen und das
Pferd zuschanden zu reiten. Die Feinde laufen auch so!“

„Wer ein Blitzpferd zwischen den Schenkeln hat –“, lachte Gebhard.

„Dem geht es früher oder später durch! Das hat man gesehen!“

„Jetzt bleibe ich im Sattel! Jetzt bin ich drin!“

„Das wart Ihr auch, als Ihr in unser Lager auf Rügen hineingaloppiertet!
Und wurdet doch abgeworfen!“

„Halt’s Maul!“ rief Gebhard ärgerlich, gab seinem Pferd die Sporen und
folgte den anderen, denen er bald weit voraus war.

Die Schweden waren dabei, einen Vorstoß in die Uckermark zu machen und
tasteten sich durch den Kavelpaß, an der pommerschen und mecklenburgischen
Grenze vorwärts, die Preußen vor sich hertreibend. Gebhard, der mit seinen
Leuten immer den anderen voran war, um aufzuklären, hatte Glück. Denn
durch das schneidige Vorgehen der Sparreschen Husaren wurden eben seine
grimmigsten Gegner, die schwarzen Bellingschen Husaren, abgeschnitten.
Aber sie schlugen sich durch. Und als die Schweden wieder zurückgingen, um
Quartiere zu suchen, waren jene gleich hinterher wie ein Schwarm Hornissen
und waren aus Verfolgten Verfolger geworden.

Gebhard, dem es mehr zusagte, den Feind zu suchen als vor ihm
zurückzugehen, blieb ihm mit der Nachhut fest an der Klinge.

„Bischt zurückbliewe, Bübele?“ rief ihm ein hünenhafter Kerl von den
Bellingschen zu, mit dem er oft Hieb und Schimpfwörter gewechselt hatte.
„Eil’ dich! Sonst fange dir die andere den Fisch aus der Ostsee vor der
Nas’ weg!“

„Erst schlachte ich mir ein paar von euch schwäbischen Krähen zum
Angelfraß!“ lachte Gebhard und zog vom Leder.

„I werd’ di scho’ schlachte, Bübele!“ rief der Lange und ritt auf ihn zu.
Gebhard warf aber sein Pferd herum und entging so mit knapper Not der
Gefahr, umgeritten zu werden.

„Hast wohl das Reiten auf der Schulbank gelernt?“ höhnte Gebhard.

„I bring di noch auf die Schulbank! I schaff’ dir noch Maniere!“ rief der
Lange, feuerte seine Pistole auf das Pferd Gebhards ab, daß es sich bäumte
und den Reiter abwarf, fing dann mit geschicktem Schwung den Fallenden
auf, zog ihn quer über seinen Sattel und sprengte davon.

Und Gebhard ließ es zu. Im Augenblick des Fallens ging mit ihm eine
sonderbare Veränderung vor. Er war aus der Wirklichkeit jäh wieder in
seinen Traum versetzt, fühlte sich wieder, von den Adlerkrallen gepackt,
im weiten Flug durch die Lüfte fortgetragen, schloß die Augen und
erwartete nun, im Adlernest zu landen. So lebhaft war die Vorstellung, daß
alles andere um ihn schwand und er wie gelähmt dalag und sich ohne
Widerstand fortführen ließ. Er sah nichts, hörte nichts und wußte nicht,
was mit ihm geschah.

Durch die ohnmachtähnliche Lähmung aller Sinne drangen ins Bewußtsein nur
die Worte des alten Futtermarschalls, die er ihm zurief, als er heute zu
Pferde stieg: „Wie’s anfängt, so hört’s auch auf.“

Das war also das Ende!

Der Oberst Belling, ein würdiger, freundlich dreinblickender Herr mit
gerötetem Gesicht und ergrautem Schnurrbart, ließ den gefangenen
schwedischen Kornett vorführen. Er betrachtete wohlgefällig die
jugendliche, schlanke Gestalt und das bartlose Gesicht, aus dem
Jugendfrische und trotziger Wagemut hervorleuchteten.

„Name?“

„Blücher!“

„Vorname?“

„Gebhard Leberecht!“

„Vater?“

„Christian von Blücher, Rittmeister in der hessischen Armee!“

„Geboren wo?“

„In Rostock, zweiundvierzig!“

„Also achtzehn Jahre! Er ist zu jung, um schon Kornett zu sein. Was hat
sich Sein Vater dabei gedacht?“

„Ich habe ihn gar nicht danach gefragt!“

„So ist Er hinter dessen Rücken zum Militär gegangen!“

„Ich und mein Bruder auch!“

„Hat es denn so gebrannt?“

„Das freie Leben wollt’ ich – wollte ein Pferd zwischen den Schenkeln,
hatte es satt, die Schulbank zu reiten! Mir brummt noch der Schädel von
all dem Latein!“

„Schon gut! Aber warum denn gleich in ausländischen Dienst? Warum zu den
Schweden? Gab’s für einen Mecklenburger nichts Näherliegendes – wenn’s
schon Ausland sein mußte? Preußen zum Beispiel?“

„Bei den Preußen dienen schon zwei meiner Brüder. Und was sie zu melden
wußten, verlockte mich nicht.“

„Bei uns Preußen gibt’s eben Disziplin!“

„Bei den Schweden auch, Herr Oberst!“ versetzte Gebhard, und seine Haltung
straffte sich. „Das schwedische Regiment lag übrigens gerade auf Rügen, wo
ich zu Besuch war!“

„Und da war das die nächste Gelegenheit, von der Schulbank fortzukommen“,
lachte der alte Herr. „Denn das war wohl dabei die Hauptsache! Wo war Er
denn auf Rügen?“

„Beim Kammerherrn von Krackwitz, der mein Schwager ist.“

„Da sind wir ja in Familie miteinander“, rief der Oberst. „Der ist auch
mein Verwandter! Dann bleibe Er nur bei mir! Da werde ich schon für Ihn
sorgen, damit Er ein rasches Fortkommen findet! Will Er in mein
Husarenregiment eintreten? Zunächst als Kornett?“

„Dem König von Schweden habe ich den Fahneneid geschworen!“

„Der schwedische König kann Ihn vom Eid entbinden, und wird es auch tun,
wenn Er darum nachsucht und gute Gründe gibt. Versteht Er: gute Gründe.“

Gebhard schüttelte den Kopf.

„So höre Er einmal und denke Er darüber nach! Was fesselt Ihn an die
Schweden? Doch nicht die Aussicht, nach jahrelanger Kriegsgefangenschaft
bei mir, als Kornett zu ihnen zurückzukehren? Tritt Er bei mir ein, ist Er
in kurzer Zeit Leutnant und, wer weiß, vielleicht bald Rittmeister! Das
kann bei den Schweden lange dauern! Ich dagegen werde demnächst ein
zweites Bataillon meines Regiments, im ganzen fünf Schwadronen, anwerben,
und lange dauert’s nicht, dann schaffe ich noch ein drittes Bataillon. Wer
bei mir Offizier ist, hat also schnelle Beförderung zu gewärtigen. Schlage
Er nur ein!“

„Ich bin an meinen Eid gebunden, Herr Oberst!“

„Ich will Ihn gewiß nicht dazu verführen, gegen Ehre und Gewissen zu
handeln. Ich will Ihm aber etwas sagen. Ich werde in aller Form bei den
Schweden um Abschied für Ihn einkommen. Ich werde erbötig sein, ihnen
einen gefangenen Offizier für Ihn freizugeben. Und außerdem schreibe ich
dem König von Preußen und schlage Ihn als Kornett bei meinen Husaren vor.
Dann sitzet Er wieder frei im Sattel und kann drauflosreiten, was Ihm wohl
doch die Hauptsache zu sein scheint. Sonst kann Er lange die Pritschen in
den Kasematten drücken, und die sind bei uns Preußen weit unbequemer als
die Rostocker Schulbänke! Für ein gutes Pferd will ich überdies Sorge
tragen! Laß Er mich nur machen, dann kommt alles auf die beste Art in
Ordnung, Sein Gewissen bleibt unberührt, und der König von Preußen hat
einen Offizier mehr nach seinem Sinn! Einverstanden?“

Er hielt seine Hand hin.

Gebhard schlug ein, und so kam er endlich auf den rechten Pfad im Leben.

Als er nach kurzer Verhandlung seinen Abschied aus dem schwedischen Dienst
hatte – als die Bestätigung des Alten Fritz als Kornett bei den
Bellingschen Husaren eingegangen war, und er, in seinem Quartier, vor dem
Spiegel stand, da trat ihm da ein baumlanger, spindeldürrer, bartloser
Husar entgegen, den er sich erst genau besehen mußte, um mit ihm auf
vertrauten Fuß zu kommen. Ein schwarzer Pelz mit grünen Aufschlägen, gelbe
Schnüre über der Brust, auf dem Kopf den Tschako mit dem Totenschädel –
das war ein ganz anderer Kerl als der blaugelbe, den er soeben ausgezogen
hatte.

„Allezeit bereit, soll das heißen! Das merke dir!“ nickte er seinem
Gegenüber zu und tippte leicht auf den Totenschädel! „Hast alles, was du
brauchst: die nötige Länge, den forschen Blick! Fehlt nichts, als daß dir
der Himmel einen Schnurrbart ins Gesicht pflanzt!“

Sein Spiegelbild machte ein Gesicht, als wollte es sagen: „Was soll ich
mit der Pflanzung?“

„Du nichts! Aber die holden Mägdelein, denen sie auf die Lippen fällt! Die
werden es schon wissen!“





                                    3
                              DER ALTE ADLER


Den dreieckigen Hut mit der zerrissenen Tresse verkehrt auf dem Kopf, den
blauen, verschlissenen Waffenrock mit den roten Aufschlägen halboffen um
den hageren Leib, Schnupftabak über der gelben Weste, Puder auf der
Schulter, die schwarzen Samthosen in den hohen Stiefeln verschwindend, die
Rechte schwer auf dem Krückstock ruhend, den schweren Kopf mit den
vorquellenden Augen vorgestreckt, so stand der Große König, einem alten
Raubvogel mit zerzaustem Gefieder nicht unähnlich, im Kreise seiner
vierbeinigen Lieblinge und hielt Musterung.

Durch die offene Tür zum Arbeitszimmer sah er seine Kabinettsräte mit
ihren Schreibtafeln warten, um die Fortsetzung seines Diktats aufzunehmen.

Der Kammerdiener meldete den General von Lölhöffel, Inspekteur der
Kavallerie, der zur Audienz befohlen war.

„Warte Er, Lölhöffel!“ rief der König hinaus, ohne zur Tür zu gehen. „Erst
muß ich bei meinen Hunden nach dem Rechten sehen. Dann kann Er mir von den
Kavalleriepferden mitsamt ihren Reitern referieren, so Er mir etwas
Erbauliches zu melden weiß.“

Die allerhöchsten Hunde waren eben dabei, höchstihro Mahlzeit einzunehmen,
von betreßten Lakaien mit Mundtüchern über den Arm alleruntertänigst
assistiert.

Nichts auf dieser Welt vermochte sonst den Gebieter Preußens von seiner
Arbeit abzulenken, außer der Sorge um das Wohlbefinden seiner vierbeinigen
Familienmitglieder. Für sie hatte er immer einige Minuten übrig. Auf die
Meldung hin, daß das Diner der hohen Vierfüßler aufgetragen sei, erhob er
sich denn auch mitten im Diktat eines Briefes und verfügte sich ins
Schlafzimmer, um die Haupt- und Staatsaktion der Abfütterung in
höchsteigener Person zu überwachen.

Er hatte befohlen, ihnen heute einen Extraleckerbissen von gebratenem und
gesottenem Hühnerfleisch zu geben, und paßte genau auf, daß jedes Vieh
sein ihm zugedachtes Teil ordnungsgemäß erhielt und daß keins übervorteilt
wurde.

Kosenamen für die Hunde, Scheltworte und gelegentlich auch Stockschläge
für die Lakaien halfen da aus.

Zwischendurch, wenn die Köter sich gelegentlich so ins Abnagen der Knochen
vertieften, daß sie Ruhe hielten, setzte der König durch die offene Tür
sein Diktat fort. Aber ohne die Hunde aus den Augen zu verlieren.

„Schreibe Er also weiter, wo wir aufhörten!“ rief er hinein. Und die
Kabinettsräte senkten die Griffel auf ihre Schreibtafeln. Der König
diktierte: „Die Einfuhr von Kaffee ist, wie befohlen, tunlichst zu
beschränken. – Hat Er das?“

„Zu Befehl!“

Der König nahm bedächtig eine Prise Schnupftabak aus der Dose, die er
nebst dem Krückstock in der Rechten hielt, pfropfte sich die Nase damit
voll und meditierte dabei halblaut vor sich hin:

„Jeder Lump will heutzutage Kaffee trinken! Der pure Übermut! Biersuppe
tut’s ebensogut! Die trank ich selbst, als ich jung war! Das ist weit
gesünder! Und das Geld geht nicht außer Landes! – – _Tu beau_, Alceste!“
rief er einem der Windspiele zu. „Gönne den anderen auch das Leben! – –
Weiterschreiben!“

Die Kabinettsräte gaben acht, und der König diktierte weiter.

„Den Beuchower Gemeindeältesten wird auf ihre Eingabe beschieden, der
Invalide Faber bleibet im Amte! Für die Volksschule dorten ist er gut
genug! Es genüget uns vollauf, wenn auf dem platten Lande die Kinder Lesen
und Schreiben lernen! Wissen sie zuviel, so laufen sie in die Städte und
wollen Sekretärs werden und so etwas. Das ist nichts! Der Invalide Faber
bleibet ihnen! Die sollten sich was schämen, Leute, die fürs Vaterland
alles geopfert, nicht versorgt wissen zu wollen! Wo er sich überdies
nützlich macht, den Leuten das Vieh hütet und auch den Nachtwächterdienst
versieht, so haben die Beuchower alles mögliche Gute von ihm und haben
nichts mehr zu wollen! – – Der Alkmene läßt du den Knochen! Ich komme dir
sonst!“

Wieder drohte er einem der Lieblinge mit seinem Krückstock und wandte sich
dann zur Tür.

„Macht also die Briefe zur Unterschrift fertig!“ verabschiedete er die
Kabinettsräte, die sich verneigten und gingen. „Laß Er jetzt hören,
Lölhöffel! Was bringt Er mir heute?“

Der General von Lölhöffel trat näher an die Tür heran und blickte in das
Schlafzimmer hinein.

„Melde gehorsamst, Majestät! Zunächst hätte ich das Abschiedsgesuch des
Rittmeisters von Blücher von den Bellinghusaren Allerhöchstdero
Entscheidung zu unterbreiten!“

„Der Rittmeister bleibet in Dienst!“

„Der Rittmeister besteht aber inständigst auf seine Entlassung!“

Der König blickte den General scharf an.

„Ist der Kerl noch nicht mürbe? Wie lange sitzet er schon?“

„Zu Befehl“, sagte Lölhöffel und salutierte. „Der Rittmeister hat bereits
mehr denn dreiviertel Jahr strengen Arrest gehabt!“

„Viel zu wenig für einen Offizier, der sich unterfängt, seinem König
despektierlich zu kommen! Die Offiziers sollen lernen sonder Räsonieren,
Ordres zu parieren! Sie haben sich nicht in meine Politik zu melieren!“

„Melde gehorsamst: von politischer Wühlerei steht in der Konduite des
Rittmeisters von Blücher nichts!“

„Dann schreibe Er das hinein!“

„Zu Befehl!“

Der König blickte seinen General an.

„Er muckst wohl mit mir? Wer mein General sein will, muß auf Subordination
halten!“

„Zu Befehl!“

„Nun, hatte ich meinen Truppen in Polen befohlen, die Polacken milde zu
behandeln, oder hatte ich es nicht befohlen? Antworte Er!“

„Zu Befehl! Es sollte alles vermieden werden, was die Krone Preußen bei
der polnischen Bevölkerung verhaßt machen könnte!“

„Sehe Er, so war das! Das hatten wir, die wir wissen, was wir wollen, bei
der Besetzung des polnischen Landes ausdrücklich befohlen! Und da muß mir
jener Sausewind mit dem Kopf durch die Wand wollen und setzet mir alles in
Feuer und Flammen! Er hat überdies noch die Keckheit, ob seines
Ungehorsams avancieren zu wollen! Und will noch meinen Rock ausziehen,
weil ihm das nicht gelang! Lassen wir ihn nur ruhig weiterbrummen, bis Er
ein Einsehen hat! Ihm schadet’s nicht, und der Dienst gewinnt!“

Lölhöffel räusperte sich, salutierte nochmals und wagte eine Entgegnung.

„Es ist meine Pflicht als Inspekteur der pommerschen Kavallerie, Eure
Majestät darauf aufmerksam zu machen, daß der Rittmeister von Blücher
immerdar ein eifriger und meritierter Offizier war!“

„Davon müßte ich doch wissen!“

„Er hatte im letzten Kriege nicht das Glück, unter den Augen Eurer
Majestät zu kämpfen!“

„Das hat mit meinem Wissen nichts zu schaffen! Wir pflegen uns auch so
nicht all die jungen Leutnants zu merken, die uns einmal an der Nase
vorbeilaufen! Und wissen doch in der Armee Bescheid! – – Halte Hektor
zurück, du dummer Esel!“ fuhr er plötzlich den hinter ihm stehenden
Lakaien an. „Er überfrißt sich sonst! – – Mußt dir mehr Zeit nehmen, du
gutes Tier!“

Er kraute den Liebling und streichelte ihn zärtlich. Seine Augen
leuchteten auf einmal freundlich, und er wandte sich bedeutend weniger
kratzbürstig dem General zu.

„Immerhin lese Er mir des Rittmeisters von Blücher Konduite vor!“

Lölhöffel suchte unter den Papieren in seinem Portefeuille ein Dokument
heraus, hielt es militärisch steif vor sich hin und las mit lauter Stimme
vor:

„Trat mit achtzehn Jahren von den Schweden über, erhielt die königliche
Bestallung als Kornett im Husarenregiment von Belling, wurde am 4. Januar
1761 Sekondeleutnant, am 11. Juli 61 Premierleutnant, focht 62 in der
Armee des Prinzen Heinrich, Königliche Hoheit, Korps Seydlitz, als die
Bellingschen die Reichsarmee bis Hof in Bayern zurücktrieben, machte da,
bei Auerbach, 500 Gefangene, wurde mit nur 60 Mann bei Libkowitz von 200
Österreichern angegriffen, machte 60 Gefangene, wurde in der Schlacht bei
Freiberg verwundet –“

„Ein braver Offizier,“ sagte der König, „ich erinnere das alles jetzt ganz
gut! Soll aber ein gar wüster Spieler und Duellant sein und auch hinter
den Weiberschürzen her – wie alle von den Bellingschen! Ein
Zigeunerregiment ist das immer gewesen und keine Husaren!“

Er stieß mit dem Krückstock hart auf dem Boden auf.

„Gib doch dem Hund zu trinken,“ schrie er dem Lakaien zu, „du siehst ja,
daß er erstickt!“

Dem Hund wurde Wasser gegeben, seine Schnauze und Pfoten mit Servietten
abgewischt. Schweifwedelnd schlich er an den König heran und leckte ihm
die Hände.

„Ein wüster Duellant – ein Raufbruder!“ wiederholte der König. „Er sieht,
ich kenne meine Leute!“

„Zu Befehl! Der Säbel saß ihm stets locker in der Scheide“, sagte
Lölhöffel trocken und blickte in sein Dokument. „Hier steht noch
angeführet, daß der Regimentsadjutant Blücher wegen Herausforderung seines
Chefs, des Obristen Belling, strafversetzt werden mußte!“

„Was sagte ich!“ knurrte der König gallig. „Ein aufrührerischer Krabat! An
seinen Chef wollte er heran! Und nun möchte er gar an uns selbst sein
Mütchen kühlen! Ich werde ihn schon Mores lehren!“

Er erhob den Stock und schlug auf den Tisch. „Keinen Pardon vor ihm!
Keinen Pardon! Und den Abschied auch nicht!“

„Wollen Majestät gnädigst verstatten? Hier steht noch von einer
öffentlichen Belobigung des gedachten Rittmeisters aus Allerhöchstdero
eigenem Munde!“

Lölhöffel zeigte auf sein Dokument.

„Wo hatte ich? Wann hätte ich?“

„Bei einer Revue in Stargard Anno siebenzig!“

„In Stargard? Laß Er sehen!“ Der König blieb stehen und dachte nach.
„Recht hat Er – der von Blücher war’s! Der hatte mit einer Handvoll Leute
dreihundert konföderierte Polacken angegriffen, vier Rittmeisters und
achtzig Mann gefangengenommen! Und Er selbst, Lölhöffel, mußte ihn, auf
meinen Befehl, vor der Front loben! So war’s! Sehe Er, unser Gedächtnis
pariert Ordres noch besser, als unsere Offiziere es manchmal tun! – Ein
braver Mann! Ein tapferer Mann! Können solche Leute immer gut gebrauchen!
Der Rittmeister bekommt seinen Abschied nicht!“

„Sein Chef, der General von Lossow, befürwortet die Entlassung!“

„Der von Lossow ist ein Besserwisser und ein Streber. Der soll mir nichts
weismachen wollen. Weswegen mag er den Rittmeister nicht leiden?“

Lölhöffel las in seinem Papier nach und blickte dann den König an.

„Zu Befehl! Eben wegen der Verfehlung, die Majestät soeben Höchstselbst an
ihm zu rügen geruhte! Weil er entgegen des Allerhöchsten Verbots die
Polacken durch sein allzu forsches Zugreifen aufreizte, als er eine seiner
Postierungen ermordet vorfand!“

„Mir sind die Einzelheiten der Geschichte entfallen!“ sagte der König.
„Wir haben so viel und weit Schlimmeres im Leben erfahren! Erzähle er mir!
Wo hatte der Blücher zugegriffen? Wen hatte er –?“

„Einen polnischen Landgeistlichen in der Gegend von Kalisch, den er als
Anstifter in Verdacht hatte. – Er ließ ihn aufheben und, da er nicht
bekennen wollte, _sans façon_ vor eine frisch aufgeworfene Grube stellen,
die Augen verbinden und eine Salve über seinen Kopf abfeuern!“

„Das wird dem hübsch in die Glieder gefahren sein!“

„Vor Schreck ist er fast ums Leben gekommen!“

„Groß wäre der Schaden nicht gewesen! Unrecht ist ihm sicherlich auch
nicht geschehen!“

„Zu Befehl! Seine Schuld war mit großer Wahrscheinlichkeit anzunehmen! Nur
nachweisen ließ sich nichts!“

„Der Rittmeister tat gegen Befehl, dafür gebührte ihm Strafe. Er handelte
aber ansonsten brav! Das wollen wir ihm lohnen! Sage Er einmal, Lölhöffel,
wieso kommt jener Brausekopf dazu, mir einen despektierlichen Brief zu
schreiben?“

„Er fand sich unverdienterweise übergangen! Er glaubte als ältester
Stabsrittmeister ein Anrecht auf die erledigte Schwadron des abgehenden
Majors von Zülow zu haben, die einem anderen gegeben wurde!“

„Was heißt Anrecht? Die Schwadrons vergebe ich! Ein Anrecht außer Unserer
Entschließung gibt’s nicht! Und wider Unsere Entschließung hat niemand
aufzubegehren. Der Rittmeister war ungehorsam – dafür wurde er im
Avancement mit Recht übergangen! Er schrieb uns einen despektierlichen
Brief, dafür sitzet er in Arrest! So er sich aber demütiget, wollen wir
ihn begnadigen und ihn befördern. Schreibe Er: der Rittmeister von Blücher
wird zum Major befördert! – – – Nein, noch nicht! Erst soll er abbitten!
Sonst denkt er, er hätte es uns abgetrotzt!“

Lölhöffel räusperte sich, blickte den König unsicher an und wagte dann
doch noch der Gnaden des Königs anheimzustellen, dem Rittmeister, der
trotz seines Eigensinnes und seines jähzornig aufbrausenden Temperaments
ein verdienter, tapferer Soldat sei, die ersehnte und erflehte Beförderung
zum Major zuteil werden zu lassen. Um so eher, da gedachter von Blücher im
Begriff sei, zu heiraten und einen Hausstand zu begründen – –

Damit kam er an den Unrechten.

„Heiraten will er?“ schrie der König außer sich und stieß mit seinem Stock
mehrfach auf den Boden auf. – „Was erzählt Er mir da für
Räubergeschichten, Lölhöffel? Weiß Er nicht, daß es sich vor die Husaren
nicht schickt, wenn sie Weibers nehmen? Daß sie dann keinen Schuß Pulvers
mehr wert sind?! Weiß Er nicht, daß ich vor alle derartigen Mariagen einen
greulichen Abscheu habe? Wie kann Er indizieren, daß wir einen Menschen
von solcher Fermete noch befördern? Er ist wohl des Teufels?!“

Der König redete sich immer mehr in die Wut hinein und schrie, daß die
Hunde ängstlich wurden, ihm winselnd um die Beine liefen und den General
gar auch noch anknurrten, weil er den Zorn ihres Herrn geweckt und ihre
Ruhe gestört hatte!

„Ruhe, ihr Biester! Oder wollt ihr etwa auch _mariage_ tun?“ schrie der
König und schlug nach seinen Lieblingen, zum maßlosen Staunen der Lakaien.
„Ruhe, Mene! _Tu beau_ Alceste! Wo hat Er das Gesuch des Rittmeisters,
Lölhöffel? Geb Er den Wisch her!“

Und er riß dem General das Papier aus der Hand, humpelte, so gut es ging,
auf seinen alten gichtischen Beinen an ihm vorbei ins Arbeitszimmer
hinein, warf das Papier auf die schräge Tischplatte, ergriff einen
Federkiel, stieß ihn mit Wucht in die Tinte, daß sie weit herumspritzte,
kratzte dann mit zitteriger Hand eiligst ein paar Worte unter das Gesuch
und sprach sie, wie immer, beim Schreiben laut vor sich hin.

„Der Rittmeister von Blücher kann sich zum Teufel scheren!“

Er warf den Federkiel fort.

„Mag er sich in des Teufels Namen kopulieren lassen, soviel er will! Aber
unter meine Husaren führet er keine Schürzenwirtschaft ein! Basta!“

Dann ließ er den General stehen, eilte mit gehobenem Stock wieder ins
Schlafzimmer hinein, wo die Hunde nur mit Mühe von den Lakaien gebändigt
werden konnten, und hieb – nicht die Hunde – aber die Diener durch, die so
schlecht aufpaßten, daß ihm heute keine Ruhe zum Regieren blieb!

Und Lölhöffel zog mit langem Gesicht ab. Es war ein schnöder Abschied für
einen langgedienten, braven Offizier wie Blücher. Aber mit der
Despektierlichkeit durfte man dem Alten Fritz nur vorsichtig nahen! Und
mit der _mariage_ nimmermehr!





                                    4
                               IM SCHATTEN


„Hätte ich noch den schwarzen Dolman angehabt,“ sagte der Rittmeister
Blücher und hieb Treff-As auf den Tisch, daß er zitterte, „weiß der
Deibel, ich hätte mir vielleicht doch noch die Sache überlegt! Denn den
hatte ich mir sozusagen mit der Waffe in der Hand erobert und in Ehren
getragen! Im roten Dolman hatte ich immer das Gefühl: den ziehst du bald
wieder aus! Gemütlich war’s ja nicht, drin zu stecken, nachdem der Alte
Fritz die von Gersdorffschen aufgelöst hatte und uns kommandierte, in ihre
entehrte Pelle zu schlüpfen! Trotzdem ziehe ich sie mit Wonne wieder an,
wenn’s endlich so weit gediehen ist mit der königlichen Gnade! Kinder!“
rief er, schob seinen Stuhl zurück und füllte die Gläser, während der
Postmeister die Karten mischte und der Apotheker Gewinn und Verlust der
letzten Runde getreulich buchte. „Mit keinem König möchte ich tauschen, so
vergnügt bin ich heute!“

„Nun ja,“ schmunzelte der Postmeister, „du hast auch alle Ursache! Reiten,
jagen, das Mädchen geküßt, die Karte in fröhlicher Runde gebogen, was
willst du mehr?“

„Gewinnen!“ antwortete für ihn der Apotheker, der jetzt mit seiner
Rechnung im reinen war. „Gewinnen will er!“

„Gewinnen, verlieren, gleichviel!“ lachte Blücher. „Nur nicht sein Leben
lang hinter dem Ofen hocken, oder die Nase über die Schmöker hängen und
Kriegsgeschichte oder so ’n Zeug pauken! Kriegsgeschichte, pfui Deibel!
Als Soldat mache ich Kriegsgeschichte und schreibe sie in Blut oder
beschreibe sie beim Rotspon! Die Tinte lasse ich die Federfuchser saufen!“

„Nun, die Kriegsgeschichte wird dir wohl nicht allzu lästig, seitdem du
des Königs Rock auszogst!“ versetzte der Apotheker.

„Wenn ich auch den Rock auszog, mit Leib und Seele blieb ich doch Soldat!
Sollst sehen, bald reite ich wieder an der Spitze meiner Schwadron, die
mir von Rechts wegen zukommt!“

„Sei froh, solange du’s nicht nötig hast! Genieße dein Leben! Hast ja
alles, was der Mensch sich wünschen kann: eine brave, liebe Gattin,
prächtige Kinder, giltst als einer unserer besten Landwirte hier in
Pommern – was willst du mehr?“

„Red’ keinen Schwefel!“

„Na, höre einmal!“ sagte der Apotheker, „um nichts gab dir wohl der König
neuntausendfünfhundertfünfzig Taler Meliorationsgelder für dein Gut?“

„Neuntausendfünfhundertfünfzig, ja! Das war so recht der Alte Fritz!
Zehntausend voll hätte er mir ruhig geben können. Aber nein, er mußte noch
etwas davon abstreichen, um seinen Sparsinn zu befriedigen! Sonst hätte
ihm die ganze Sache keinen Spaß gemacht! Und nun muß ich mich hier am
Spieltisch mit euch abrackern, um die Summe wieder abzurunden!“

„Das tust du auch redlich!“ lachte der Apotheker. „Aber nach unten hin
scheint’s mir!“

„Verliere ich, so gewinne ich auch – das Geld wie das Majorspatent, und
sitze im Sattel, ehe ihr’s ahnt!“ rief Blücher übermütig. „Dieser Haufen
Taler auf Pik-Dame gesetzt, daß es so kommt!“

Er nahm eine Handvoll Talerstücke aus einem auf einem Stuhl neben ihm
stehenden, mit Geld gefüllten Suppenteller, setzte auf die Karte und
verlor.

„Verflucht! Die Dirne ging mir durch die Lappen mit dem Geld! Die
Schwarzen waren mir niemals hold! Eine Blonde her! Coeur-Dame gewinnt!
Coeur-Dame war mir stets gewogen! Siehst du, was sagte ich? Hab’ Dank,
holde Schöne! Her mit dem Geld! Kinder, ich könnte die ganze Welt in
Trümmer schlagen, so vergnügt bin ich! Eine Kraft ist in mir!
Himmeldonnerwetter! – Ein Schwert in der Faust, einen Gaul unter mir,
Feinde genug zum Dreinhauen, was brauche ich mehr?!“

„Glück im Spiel!“

„In der Liebe, du Giftmischer! Ich pfeife auf alles andere!“

„Nun“, sagte der Apotheker und strich wieder den Einsatz ein. „Das hättest
du erreicht!“

„Noch einmal zur Attacke auf Fortuna, das Luderchen!“ rief der
Rittmeister, „Karten her! Und hier der Rest!“

Er leerte seinen Suppenteller auf den Tisch, nahm neue Karten und verlor
noch einmal.

„Blasen wir die Reserve heran!“ sagte er, ohne darum seine gute Laune zu
verlieren. „Ich hole Sukkurs!“

Er stand auf, ging ins Nebenzimmer, öffnete die Ofentür, steckte die Hand
hinein, zog sie aber gleich wieder leer heraus und machte ein langes
Gesicht. Kniete dann nieder und blickte in den Ofen.

„Da soll mir der Donner dreinschlagen!“ fluchte er. „Drei Suppenteller
voll Geld stellte ich drinnen parat, zwei nahm ich heraus, wo zum Kuckuck
blieb der dritte?“

„Haben Panje Rittmeister etwas verloren?“ flötete hinter ihm plötzlich die
Stimme seiner alten polnischen Wirtschafterin.

Er schnellte empor.

„Hast du etwas gefunden, Sonja?“

„Kann sein!“ schmunzelte die Alte.

„Etwa einen Teller –?“

„Einen Suppenteller – –“

„Mit –?“

„Mit etwas drauf, was hier im Hause nicht lange darauf zu bleiben pflegt!
Etwas, was Panje Rittmeister und seine bürgerlichen Freunde meistens zum
Spaß zum Fenster hinaus zu werfen pflegen!“

„Zum Spaß?! I, du dummes Luder, das geschieht gewiß nicht zum Spaß! Das
werfen wir zum Fenster hinaus, damit es zum Schornstein wieder
hereinkommt! Verstehst du?“

„Ach so! Dazu stellen Panje Rittmeister die Suppenteller in den Ofen?“

„Ja! Ging dir jetzt ein Licht auf? Damit das Geld doppelt und dreifach
wieder hereinfliegt – dazu schmeißen wir’s zum Fenster hinaus! Denn
unterwegs jungt es – verstehst du wohl? Und den Teller stellen wir in den
Ofen, damit es nicht in die Asche fällt! Und nun sage mir, mein Täubchen,
wo du den Teller mit dem Gelde hingetan hast.“

„Oben ins Schlafzimmer, auf der gnädigen Frau ihr Bett! Nachher, wenn
Panje Rittmeister schlafen geht, wird er sich freuen, noch so viel Geld im
Hause zu haben!“

„Sofort holst du es wieder herunter!“

„Die gnädige Frau Rittmeister schlafen doch! Sie schliefen schon, als ich
das Geld hintat!“

„Hol es rasch her! Und daß du sie mir nicht dabei weckst!“

„Lassen wir das Geld ruhig auf der gnädigen Frau ihrem Bett! Am Ende
jungt’s da noch besser!“

„Nee!“ lachte Blücher, „da jungt ganz was anderes!“

„Die heilige Jungfer bewahre!“ rief die Alte erschreckt. „Es ist längst
mehr als genug! Die kleine und zarte Person, und schon sechs Kinder! Sechs
habe ich schon auf meinen Armen getragen! Panje Rittmeister, nichts für
ungut! Die Liebe ist eine schöne Sache! Aber, was zuviel ist, ist zuviel!
Und so viel Liebe hetzt den Menschen ins frühe Grab! Sechs Kinder,
bedenket doch, Panje, was das für eine Frau heißt! Und dreie deckt schon
der grüne Rasen! Da liegen die kleinen Engelchen und rufen nach der
Mutter! Und die Mutter will zu ihnen und wird mit jedem Tag immer
blasser!“

„Red’ nicht!“ sagte Blücher kurz und drehte seinen Schnurrbart. Es kam
etwas Feuchtes in seine Augen.

„Immer blasser wird sie! Und wie sollte sie auch nicht, bei dem tollen
Leben hier, wo der Postmeister und der Apotheker ihr Unwesen treiben, und
das Spiel und das Pokulieren nimmermehr aufhört! Ich hab’s auch nicht
leicht, wenn ich den Kindern Rede und Antwort stehen muß. Sie fragen mich
alles mögliche über den Papa – wo er seine Soldaten hat und wieso er
keinen bunten Rock wie die andern Offiziere trägt –“

„Himmelkreuzelement! Halt’s Maul!“

„Ja, das ist immer das Ende vom Lied: halt’s Maul! Ich hätte man das Maul
halten sollen, vor zehn Jahren, als meine kleine Herrin mir von dem tollen
preußischen Offizier vorschwärmte, der ihr den Hof machte! Ich hätte das
Maul halten sollen, vor vier Jahren, als Panje Rittmeister das schöne
Polen verließ und hierher nach Pommern zog! Ich hätte sagen sollen: nein,
ich gehe nicht mit. Dann hätte ich nicht sehen müssen, wie meine kleine
Herrin vor Gram elend umkommen muß! Sie, die Enkelin eines großen Herrn,
des Starosten von Gnesen, des erlauchten Herrn von Bojanovsky selbst! Das
edelste polnische Blut! Einen Grafen hätte sie haben können! Einen Fürsten
sogar! Sie hatte es nicht nötig, einen kassierten Offizier zu nehmen, der
sich mit niedrigen Bürgersleuten gemein macht!“

Mit dem kassierten Offizier wagte sie sich aber erst dann heraus, als
Blücher längst nicht mehr im Zimmer war. Er hatte sie einfach
stehenlassen, als sie anfing, ihm ihre gewohnte Litanei vorzuleiern, war
die Treppe nach dem oberen Stock hinaufgeeilt, öffnete leise die Tür des
Schlafzimmers und schlich auf den Fußspitzen hinein.

Seine Frau schlief. Zu ihren Füßen, auf dem Federbett, stand der Teller
mit dem Gelde.

Einen Augenblick stand er noch da und lauschte auf ihren Atem.

„Daß du das Geld bei dir hast, bringt Glück!“ sagte er, nahm den Teller,
ohne sie zu wecken, und ging leise, wie er gekommen war, zu seinen Gästen
hinunter, setzte den Teller auf die Karte, die soeben ausgeschlagen wurde,
und rief:

„Das Ganze! Das Ganze gewagt!“

Und er gewann.

„Noch einmal!“ rief er, schob den Teller nochmals hin und gewann abermals.

„So!“ sagte er. „Nun ist’s genug. Jetzt habe ich die Summe des Alten
Fritzen wohl genügend abgerundet! Ich hatte also Glück mit dem Gelde! Das
Glück in der Liebe brachte mir auch Glück im Spiel! Das hat wohl denn auch
gute Vorbedeutung für mein Gnadengesuch an den König.“

„Du hast wieder –“

„Ich habe dem König für das mir geliehene Geld gedankt und die Gelegenheit
benutzt, um Wiedereinstellung als Major zu bitten, und zwar mit
Anciennität vom Tage meines Abschieds ab! Einmal hat er’s mir
abgeschlagen. Das war vor vier Jahren! Jetzt wird er wohl ein Einsehen
haben!“

„Alle Wetter!“ sagte der Postmeister. „Gut, daß du von der Sache sprichst.
Vorhin kam eben ein amtliches Schreiben an den Herrn Deputierten des
Pommerschen Landschaftsrates von Blücher an. Vom Königlichen Kabinett,
scheint’s mir! Ich nahm das Ding mit. Ihr machtet aber gleich einen Lärm,
daß ich nicht zu Worte kommen konnte, und dann hab ich’s verschwitzt, als
es mit dem Spiel losging! Nun, aufgeschoben ist nicht aufgehoben! Da
nimm!“

Er reichte Blücher einen Brief mit dem königlichen Siegel.

Blücher nahm ihn, machte ihn schnell auf, flog den Inhalt durch, wurde
plötzlich ernst und nahm sein Glas.

„Auf das Wohl Seiner Königlichen Majestät!“ sagte er kurz. „Er soll leben!
Und wir auch – wofern wir nicht für ihn sterben dürfen!“

„Abgelehnt?“ fragte der Postmeister zögernd.

„Abgelehnt!“ sagte Blücher kurz. „Abgelehnt zum zweiten Male! Das bedeutet
weiter nichts, als daß ich nochmals bei Seiner Majestät mit meinem
Gnadengesuch vorstellig werde, und dann nochmals und dann nochmals, bis
ich damit durchdringe und er mich wieder einstellt. Ich lasse nicht
locker! Ist er eigensinnig – bin ich es noch zehnmal mehr! Jetzt kommt
aber; es wird schwül hier drinnen! Draußen im Garten atmet sich’s
leichter! Ich lasse eine Bowle ansetzen, die euch munden wird wie den
Kindern Israels das Manna in der Wüste!“

Er setzte den Hut auf, faßte den Postmeister unter den Arm und ging
hinaus, von den beiden anderen gefolgt.





                                    5
                           AUS DEM NEST HERAUS


„Enten waren da, die Masse“, sagte der Rittmeister und zwirbelte seinen
Schnurrbart. „Aber sie hatten Glück! Der Nebel wollte nicht weichen, die
Sonne machte sich’s bequem! Und der Hund taugte auch nichts! Weiß der
Teufel, was ihm in die Nase gefahren war! Der Nebel hatte ihm wohl den
Riecher genommen! Denn er stieß direkt mit der Nase auf den Vogel, ehe er
ihn gewahr wurde! Der schoß dann wie ein Pfeil davon, und der dumme Köter
stand da und glotzte in sein Kielwasser, wie es lustig durch das Schilf
rieselte, bis es zu spät wurde und der Vogel untergetaucht war. Keinen
einzigen Aufflug brachte er zustande! Keine Möglichkeit, zum Schuß zu
kommen!

Da mußte ich selbst den Hund machen! Beim nächsten Vogel, den wir
aufstöberten, sprang ich ins Wasser und machte ein alles andere denn
weidmannsgerechtes Hallo, um ihn zum Aufflug zu bringen!

Das gelang nun schon nach Wunsch! Aber alles, was ich vom Vogel bekam, war
weiter nichts als sein höhnisches Schnattern und das Rauschen seiner
Flügel und, wo er aufflog, eine sonderbare Bewegung im Nebel, die im
Dämmerlicht der aufgehenden Sonne Gestalt annahm und zu etwas
Menschenähnlichem wurde!“

„Etwas Menschenähnlichem?!“ wiederholte die Frau Rittmeisterin und blickte
von ihrer Handarbeit auf.

„Ja, eine menschenähnliche Gestalt, eine Nixe, die mich hold anlächelte
und die Arme gegen mich ausstreckte. Deine Züge hatte sie!“

„Geh!“

„Auf Ehre! Sie hatte es! Und ich, nicht faul, gleich hinterher, ohne an
den morastigen Boden zu denken! Und plötzlich, ehe ich’s mich versah, gab
der Grund unter meinen Füßen nach, und im Nu stand ich bis zum Hals im
Sumpf!“

„Das geschah dir recht! Warum jagst du Nixen nach!“

„Deine Züge hatte sie!“

„Wer’s glaubt. Dann hättest du’s sicher nicht so eilig gehabt!“

„So eilig sogar, daß es mir fast das Leben kostete!“

„Dein Leben achtetest du stets gering!“

„In dem Augenblick nicht! Ich gab gehörig Hals! Und zum Glück war der
Förster nicht weit!“

„Der Hasse?“

„Ja! Im letzten Augenblick kam er hinzu, reichte mir seinen Flintenlauf,
und daran konnte ich mich dann so allmählich aus dem Schlamm herausholen!
Es hätte aber schief gehen können!“

„Ja, da siehst du, wohin der Übereifer dich führt! Immer mußt du Leben und
Gesundheit aufs Spiel setzen, und sei’s nur um eine Wildente – oder,
meinetwegen, um eine Nixe zu erwischen!“

„So ist’s! Immer aufs Ganze! Nur so erreicht man etwas!“

„Wenn man nicht das Genick dabei bricht!“

„Darum brauchst du nicht zu bangen! Ich komme nicht um! Ich bin fest
überzeugt, daß mir gegeben wurde, im Leben etwas Besonderes zu leisten!
Das macht fest gegen Schuß und Hieb! Wenn ich auch manchmal etwas
abgekriegt habe –, das Leben hat’s noch nicht gekostet! Zum Krüppel wurde
ich auch nicht! Und heute, wo ich bis zum Hals versank und mich kaum noch
bewegen konnte, auch heute verließ mich die Zuversicht nicht, sondern ich
dachte: ‚Habe ich etwas im Leben zu tun, so bleibe ich wohl am Leben!‘ Und
ich blieb! Die rettende Hand war gleich zur Stelle! Das gibt mir
Zuversicht. Denn so wie auf der heutigen Jagd, so war mein ganzes
bisheriges Leben, seitdem ich den Dienst quittierte. Bis zum Hals im
Schlamm versunken, ohne Möglichkeit, mich zu bewegen, wenn nicht bald die
Hilfe kommt, mich aus dem Sumpf herausbringt, mich wieder als Soldat
einstellt und mich mittun und mitleben läßt! Denn so wie jetzt geht’s
nicht weiter! So komme ich um! So versumpfe ich ganz und gar!“

„Warst du denn so unglücklich mit mir?“

„Wie kannst du nur fragen? Saumäßig wohl war’s mir die ganze Zeit! Ein
stolzes Gefühl, als freier Herr auf eigenem Grund und Boden zu schalten
und zu walten und zu sehen, wie wir vorwärtskamen und uns wohl dabei
standen! Ich trug schon die Nase gehörig hoch bei all der Anerkennung, die
mir von allen Seiten zuteil wurde! Das leugne ich gewiß nicht! Aber das
ist gewesen, und das soll mich von nichts mehr abhalten dürfen! Alles hat
seine Zeit! Das mußte auch erlebt sein, und das habe ich erlebt! Das
genügt aber nicht! Das erfüllt mein Leben nicht! So schlafe ich ein,
geistig wie leiblich. Und das darf nicht sein! Ich habe den Trieb, mich
weit darüber hinaus zu betätigen, und wenn’s mir das Leben kosten sollte!
Vorwärtsstürmen aufs Unmögliche los, um es möglich zu machen und auch
andere dazu treiben! Das habe ich! Das kann ich! Ob’s der Abenteurer ist,
der mir im Blute liegt – ob’s weiter nichts ist als purer Leichtsinn –,
jener Trieb muß befriedigt werden, oder ich krepiere!“

Die Frau Rittmeisterin blickte auf.

„Man soll das Leben nur für etwas einsetzen, was des Lebens wert ist!“

„Wer nicht bereit ist, es stets und immerdar für seine Sache einzusetzen,
wie gering sie auch anderen scheinen mag, der ist nicht wert, zu leben!“

„Du wirfst es aber hin, wie wenn du Geld auf eine Karte setzest.“

„Und gewinne es zehnfach wieder!“

„Wenn du nicht Pech hast, wie meistens – Pech beim Spiel, Pech auf der
Jagd, Pech in der Liebe –“

„Wie kannst du das sagen?“

„Wieso nicht?! Wo du mit einer Frau leben mußtest, die dir weiter keine
Empfindungen eingeben konnte als das Gefühl, an ihrer Seite im Sumpf zu
versinken!“

„Verdrehe meine Worte nicht! Versteh mich recht: ich fühle mich
zurückgesetzt, ausgestoßen, zu nichts nutz! Bloß als Brotverdiener auf der
Welt und weiter nichts! Mein Leben geht dahin, und ich leiste nichts! Die
Zeit schwindet, und ich stapfe noch immer auf demselben Fleck! Wenn ich
sehe, wie weit es meine ehemaligen Kameraden inzwischen gebracht
haben – –“

„Da solltest du dem Himmel danken, daß du des Königs Rock beizeiten
auszogst! Denn das machte dich zum freien Mann und erhielt deinen Sinn
unabhängig! Gott behüte, daß du heute da stehen solltest, wo deine
Kameraden jetzt sind. Keinen Schritt könntest du machen ohne Befehl –,
keine Bewegung außer der reglementierten! Das kannst du aber jetzt –“

„Das kann ich jetzt erst recht nicht, wo ich die Rücksicht auf die Familie
und auf unser täglich Brot über alles andere stellen muß. Ich ziehe
jedenfalls das soldatische Reglement dem der Ehe vor! Verzeihe mir, aber
es mußte einmal klar und deutlich ausgesprochen werden.“

„Ich glaube,“ sagte die Frau Rittmeisterin, ohne die geringste Bewegung zu
verraten, „ich glaube, daß unsere Ehe dir genug Bewegungsfreiheit für
deine persönlichen Neigungen ließ. Jedenfalls nahmst du sie dir mehr als
reichlich!“

„Das tat ich! Und das hätte ich auch als Offizier getan. Ich war dumm, als
ich den Dienst quittierte!“

„Du warst weder dumm noch klug, du warst ein aufrechter Mann. Und niemals
habe ich dich mehr geliebt als in dem Augenblick, wo du Manns genug warst,
deine Würde zu wahren. Denn Unrecht geschah dir, als ein Fürstensprößling
dir vorgezogen wurde, der dir sowohl an Meriten wie an Dienstjahren
nachstand. Und du tatest recht, als du dem König daraufhin deinen Degen
vor die Füße warfst! Jetzt aber, wo du jahraus, jahrein dem König
schreibst und ihn um Wiedereinstellung als Offizier anbettelst, jetzt
schäme ich mich deiner! An die zehnmal schriebst du ihm! An die zehnmal
gab er dir den Fußtritt, der dir ob solchen kläglichen Gewinsels
gebührte!“

„Hör auf!“

„Hörtest du wohl auf mit deinen Bettelbriefen? Schriebst du nicht unter
jeden Brief: ‚in allertiefster Devotion ersterbend, Eurer Königlichen
Majestät alleruntertänigst gehorsamer Knecht‘? –“

„Phrasen, weiter nichts!“

„Habe ich einen Phrasendrescher zum Mann genommen? Habe ich einem
alleruntertänigst gehorsamen Knecht die Hand gegeben, der ‚in
allertiefster Devotion erstirbt‘? Oder war’s ein Mann, der aus Ehrgefühl
zum Rebellen werden konnte?“

Er nahm sie in seine Arme und küßte sie herzlich.

„Halte dich nicht über Äußerlichkeiten auf. Der althergebrachten, von der
Gewohnheit, oder sagen wir: vom Zeremoniell geheiligten Form muß ein jeder
genügen, hoch oder niedrig, der sich dem Träger der Krone naht! Das ist
weiter nichts als eine Redensart!“

„Mag sein! Aber eine Redensart, die entwürdigt. Ich würde mich schämen,
sie zu gebrauchen!“

„Und ich –, ich schreibe sie ihm nochmals und nochmals, bis er nachgibt
und mir meinen Willen tut. Wenn ich bloß ans Ziel komme, wenn ich
erreiche, tätig sein zu können, was kümmert’s mich, wie ich dazu komme?
Jeder Weg ist mir da recht! Und wäre er noch so holperig, ich gehe ihn
doch ohne Zögern! Das ist nichts als einfache Pflicht, der Macht
gegenüber, die mir anheimgab, eine Aufgabe über das Alltägliche zu suchen!
Und daran hindert mich nichts – deine Verachtung nicht, und erst recht
nicht dein Schelten! In einem gebe ich dir aber jetzt recht: das Schreiben
von Bittgesuchen war dumm! Das werde ich künftig lassen. Es gibt andere
und bessere Wege! Wo ich Deputierter der Landschaft bin, kann ich auch so
an den König heran. Das nächste Mal, wenn er hier Revue abhält, sorge ich
dafür, daß ich die Landschaft vertrete. Da bedarf es keines
Audienzgesuches! Und das Weitere wird sich ergeben. Aber von meinem
Vorhaben lasse ich nicht ab. Soldat bin ich mit Leib und Seele, und Soldat
bleibe ich! Du sollst es schon sehen: eher als du denkst, wirst du als
Frau Majorin aufwachen!“

„Gott verhüte es! Dann müßte ich unser schönes Groß-Raddow verlassen und
in der Garnisonsstadt leben!“

„Das schon!“

„Das wäre mein Tod! Das kann ich nicht! Ich würde ersticken. Ich würde
ohne Licht und Luft zugrunde gehen! Bin ich dir denn kein Opfer wert? Ist
dir der Traum, dem du nachjagst, mehr als eine ruhige, gesicherte
Wirklichkeit an meiner Seite? Wozu jetzt noch einmal dein altes Leben von
vorne anfangen? Vierzehn Jahre warst du schon außer Dienst, und du bist
nicht mehr der Jüngste, hast nicht mehr das Ungestüm der Jugend, das
vorwärts über alle Hemmnisse hinwegtreibt. Du wirst nur Enttäuschung über
Enttäuschung erleben und bitter bereuen, unser Glück um ein Hirngespinst
geopfert zu haben. Du hast ja ohnehin Tätigkeit übergenug! Hast ja die
Güter – unser schönes Groß-Raddow und Sassenhagen, das du eben angekauft
hast! Ein ganzes Leben brauchst du, um die hochzubringen. Wie kannst du
nur daran denken, daneben noch als Offizier zu dienen? Entweder die Güter
werden vernachlässigt, oder der Dienst wird es!“

„Dann lieber die Güter“, dachte der Rittmeister. „Die kann man ja
verkaufen, wenn sie im Wege sein sollten!“

Aber er sagte es nicht laut. Er sah, wie sie mit ganzer Seele daran hing,
ihr Leben in der bisherigen Weise weiterleben zu können, dachte an ihre
zunehmende Kränklichkeit, fühlte ein menschliches Rühren, wurde großmütig,
opferbereit und schwang sich sogar auf, den Verzicht auszusprechen. Das
beruhigte sie.

Aber er selbst fühlte, als hätte er seiner ureigensten Natur Gewalt
angetan und das Heiligste verleugnet. Ein brennendes, fieberndes Verlangen
nach dem großen Abenteuer seines Lebens, das er haben mußte, wenn er nicht
elendiglich verkümmern sollte, bemächtigte sich seiner ungestümer denn je
und ließ ihm keine Ruhe mehr.

                                    *

In Sanssouci endete zu gleicher Zeit ein einsamer Mann, von Arbeit
ermüdet, von Krankheit zerrüttet und von aller Welt verlassen.

Ein Leben erlosch, das Kampf gewesen war, Kampf und Sieg gegen eine ganze
Welt – ein Leben voll treuester Pflichterfüllung und Strenge gegen sich
selbst und alle anderen. Der alte Adler starb und schloß seine Augen für
immer.

Ein Aufatmen –, ein Gefühl der Erleichterung ging durch das ganze Volk.
Die wenigsten gedachten bei der Todesbotschaft der großen Lebensleistung,
deren Zeugen sie gewesen waren. Die erlittene Bedrückung zitterte noch bei
allen nach.

Auch nach Pommern drang rasch die Kunde des großen Ereignisses. Hier wie
dort im ersten Augenblick ein Aufjauchzen, das die Größe dessen, der zu
Grabe getragen wurde, total verwischte.

Auch Blücher ging es nicht anders. Aber zugleich fühlte er etwas wie ein
Rauschen großer Flügel um sein Haupt und wurde von einer seltsamen
Empfindung beschlichen, als sei ihm ein Erbe überkommen.

„Jetzt ist’s vorbei mit dem schmählichen Beiseitestehenmüssen! Jetzt ist
meine Zeit da!“

So jauchzte er auf bei der Trauerkunde. Und seine Frau schwieg. Sie sah es
ein, daß er nicht mehr zu halten sein würde. Der stille Verbündete, den
sie in dem alten König gegen ihn gehabt hatte, war nicht mehr! Keine Macht
gab’s mehr auf Erden, die seinen Tatendrang, der stets ihr Eheglück
sprengen wollte, eindämmen konnte! Sie mußte es über sich ergehen lassen,
wie es auch kommen würde!

Und Tränen der Wehmut, nicht des Stolzes, waren in ihren Augen, als sie
beim darauffolgenden Durchzug des neuen Königs durch Stargard ihren Mann,
hoch zu Roß, in der kleidsamen Uniform der pommerschen Landschaft, dem
königlichen Wagen voraussprengen sah. Und auch als er siegestrunken
zurückkehrte und ihr vom Gelingen seines Unternehmens und von der Audienz
beim Könige erzählte, sowie von dessen gnädiger Zusage, ihn bei
Gelegenheit mit voller Anciennität als Major in sein altes Regiment
wiedereinstellen zu wollen – auch dann vermochte sie nur mit Mühe die
qualvollen Seufzer niederzuhalten, die sich ihrer Brust entringen wollten.

                                    *

Einige Jahre später stand er vor ihr in ihrer kleinen Wohnung im
pommerschen Städtchen Rummelsburg, hatte den Feldzug in Holland hinter
sich, hatte den Verdienstorden um den Hals und war im Begriff, sich wieder
von ihr zu verabschieden, um in den Krieg gegen Österreich zu ziehen.

Er sah ihre bleichen Wangen, ihr abgezehrtes Gesicht, ihren müden Blick,
sah mutlose Resignation in ihrer ganzen Art, sich zu geben, und sein Herz
schnürte sich zusammen. Seinem Beruf zuliebe hatte sie auf das Landleben
verzichtet. Ihre Güter, an denen sie hing, die aber aus der Entfernung
nicht bewirtschaftet werden konnten, waren verkauft. – Groß war das Opfer,
das er von ihr verlangt hatte – er sah es ein. Aber er hatte nicht anders
handeln können. Und jetzt galt es wieder Abschied nehmen.

„Diesmal wohl für immer“, sagte sie wehmütig lächelnd. „Ich dachte es
schon damals, als du in den holländischen Feldzug gingst. Und einmal muß
es ja sein! Es ist ja auch besser so. Ich sehe es ein – ich bin dir im
Wege und muß fort. Ich beklage mich nicht. Du warst immer gut, immer lieb
zu mir. Du kannst wohl aber nicht aus deiner Haut heraus. Dein Beruf muß
dir ja über alles gehen, und mir kommt es zu, ihn nach Kräften zu fördern.
Ich gehe also hinüber zu den Kindern! Es muß auch nach ihnen geschaut
werden! Sie rufen mich schon oft, viel lauter als die Lebendigen. Bleib du
denen ein guter Vater. Und hab’ Dank für alles. Es war schön mit dir. Und
wenn ich nochmals mein Leben anfangen könnte, ich würde dich wieder
nehmen!“

Er schloß sie in seine Arme und küßte sie. Seine Tränen mischten sich mit
den ihren.

Dann riß er sich los, eilte hinaus, stieg in den Sattel und zog an der
Spitze seines Regiments sang- und klanglos zur Stadt hinaus.

„Wenn i kumm, wenn i kumm, wenn i wiederum kumm – –“ summte er dabei leise
das alte Lied.

Als er aber wiederum kam – da war die Hochzeit gewesen. Ein anderer
Freier, der nirgends ungehört anzuklopfen pflegt, hatte ihr das Brautbett
gerüstet und sein Liebstes in kühler Erde zur letzten Ruhe gebettet.

Die Kinder kamen zu den Großeltern, und nichts war mehr da, was ihn
fesselte.

Der junge Adler war aus dem Nest heraus und hob seine Schwingen zum Flug.





                                    6
                        DER SOLOFÄNGER NUMMER EINS


Der Sachse Häberlein von der Schwadron des Majors von Planitzer nahm im
ganzen Regiment der roten Husaren so etwas wie die Stellung eines Orakels
ein.

Er konnte lesen wie ein Schriftgelehrter, er schrieb und rechnete wie der
geriebenste Kriegskommissar und gehörte auch nicht zu jenen Zaghaften, die
ihr Licht unter den Scheffel stellen!

Der Strom seiner Rede war wie ein brausender Wasserfall, seine Gier nach
Neuigkeiten hörte nimmer auf – mit allem, was sich auf Erden zutrug oder
zutragen konnte, wußte er besser Bescheid als ein Bataillon von
Klatschbasen. Wo das Regiment auch biwakierte, spürte er sofort das
Platzorakel oder wenigstens eine Zeitung auf und war sofort über die
politische Konstellation des Tages unterrichtet. Hätte er die Fäden der
hohen Diplomatie in Händen gehabt, Europa hätte anders ausgesehen, und das
Königreich Sachsen erst recht.

Nun hatte er leider Gottes nur die Gesamtdiplomatie seiner Schwadron zu
führen, und er tat es mit einer Geduld und einem Opfersinn, der nur von
seiner unersättlichen Neugier übertroffen werden konnte. Zu dieser
Geheimdiplomatie gehörte vor allem die heikle Aufgabe, den des Schreibens
Unkundigen – und sie waren in der Mehrzahl – die Briefschaften ihrer
Familienangehörigen zu entziffern und sie, gegen ein geringes Entgelt für
Tinte und Papier, nach den Wünschen der von solchem Ereignis Betroffenen
zu beantworten.

Insbesondere profitierte von diesen seinen unschätzbaren Eigenschaften
sein Nebenmann rechts, der Wasserpole Gajewsky, der in jedem Nest, wo die
Schwadron durchkam, eine Braut sitzen hatte, die auf das hehre Eheglück
polnisches mit ihm wartete und entsprechend vertröstet werden mußte. Ohne
Dolmetscher war aber auch er außerstande, diesen Trost zu spenden. Denn er
war aus edelstem Schlachtschitzenblut, hatte Ahnen bis ins Blaue hinein
und entstammte einem uralten polnischen Hause, das einst, in den Tagen des
Glanzes, über Tausende von Seelen geherrscht hatte, jetzt aber kaum noch
der eigenen Seele Herr war. Denn dessen Mitglieder, über sotane Künste
erhaben, ließen sich nimmermehr herab, sich mit Lesen oder Schreiben oder
irgendeiner Art von Buchgelehrsamkeit abzugeben – was ja in besseren
Häusern stets zu den dienstlichen Obliegenheiten eines Beichtvaters zu
gehören pflegte.

Als Edelmann hatte er ja alle Hände voll zu tun, die Herzen zu brechen; am
Spieltische wurde nicht gerechnet; war die Tasche leer – und sie war es
meistens –, so hatte er die glänzendsten Revenuen aus den im Monde
gelegenen Stammgütern zu erwarten, pumpte darauflos, solange sich gläubige
Seelen fanden, leerte den Becher, solange der Wein floß, ließ die Würfel
rasseln, küßte die schönen polnischen Weiber und was ihm da noch von
anderen Rassen mit unterlief, und balgte sich nach Herzenslust mit den
Nebenbuhlern herum.

Heute zwirbelte er melancholisch seinen blonden Schnurrbart und hörte kaum
auf das, was der brave Sachse ihm vorschwefelte. Man hatte ihn gewaltsam
aus den Armen der Liebe gerissen, die im letzten Kantonnement besonders
weich und wohlig gewesen waren – hatte ihn in Marsch gesetzt, mit der
gesamten Schwadron hierher in den Hinterhalt gelegt, wo sie in aller
Herrgottsfrühe aufmarschieren und immer noch auf Befehl zur Attacke warten
mußten.

Noch brannte der letzte Kuß auf seinen Lippen, die nicht einmal Zeit
gehabt hatten, mit dem üblichen Schwur ewiger Treue im Augenblick der
Trennung zu quittieren.

„Is sich nichts als purer Niddertracht, Panje Blücherr seiniges“, knurrte
er verdrießlich. „Ruft sich aus Quarrthier der Hund, ech sich hat der Hahn
gegackert!“

„Is ä Sauerei, der kanze Griech!“ pflichtete der Sachse bei.

„Denk ich: Mordio, will sich gebben Monsieur Ohnehos Rendezvous zeitiges
cheute! Werrd ich lerrnen ihm fallen Husar polnisches unter Küsse seinige!
Hat sich gerufen: pascholl! In die Sattel! Tatarata! Und dann Nitschewo!
Ahles nix! Nix Feind! Nix dreinhauen! Nix Küsse! Betrug hundsgemeines!“

„Eja, freilich!“ krähte der Sachse. „Nichts als ä unnütze Lauferei, der
kanze Griech! Mir siechen und siechen und siechen! Mir nähmen dem
Franzosen Ganohnen, Kefangene, Pakasche, – alles! Mir hauen ihm in die
Pfanne! Gaum aber looft er, da loofen mir egal ooch! Aber nich hinterher,
nee, zurücke loofen mir und gucken in den Rhein, wie sein Wasser ooch
davonlooft, und freien uns dann gechenseitig, – der Vater Rhein und mir!
Wie mir aber mit der Medode nach Baris gommen dhun, wees der Gugguk!“

„Bischt ebens a Subalterner!“ fiel ihm sein Nebenmann, der wortkarge
Schlesier Landeck, in die Rede. „Host nischts zu wissen! Maul holten,
dreinhauen, ist oalles, woas du nötig host!“

„Dreinhauen, jawohl! Aber ’s Maul halten, nee, nu äben nich! Und morgen
ooch nich! Duht’s unser Pliecher etwa? Hält der ’s Maul? Reißt er’s nicht
uff wie ’n Nilpferd, verdonnert die schockschwerenotverdammten
Österreicher, die uns egal immer unsere Fikdorien versauen, daß es eine
Schande ist?! Pakasche! Schweinebande, hundsmiserable! Egal räumen sie
irgendwo eine Lienje, und mir müssen mit! Gaum hamm mir uns irgendwo recht
scheene einkerichtet, da müssen mir wieder raus!“

Der Schlesier tat wieder sein Maul auf.

„Host auf die Österreicher nich zu schimpfe! Bischt aus Sachsen; schimpf
auf die Preußen, bei dena du dienscht!“

„Die Preußen, eja, freilich! Die gennen mir ooch was! Da hätten mir ooch
die Nase dicke voll von!“

„Is sich blasiert derr Preuß!“ warf der Pole ein und zwirbelte seinen
Schnurbart hoch. „Frißt sich zu vill – liebbt sich zu wennig! Wird sich
faul und dumm!“

„Und pequem!“ eifert der Sachse. „Guck ä mal bloß die meerschten von den
Offiziers an! Ih, du Kieticher, ist das een Fuhrwerken, eh so ’n oller
dicker Major in den Sattel gommt! Und sitzt er endlich mal drinne, dann
schreits: ‚Mei Güchenwaachen!‘ und das ist nun allemal das erschte. ‚Wo
ist mein Güchenwaachen, Ginner? Wo steckt er bloß? Gönnt ihr ihn nicht
sähn?‘ Da muß unserm Pliecher so ’ne Arche Noah von einem Güchenwaachen
bloß in die Quere gommen! Der versteht’s! ‚Ausspannen! In den Graben
werfen! Pferde vor die Ganohnen!‘ Der schafft’s! Mordselement!“

„Ja, der hot’s! Aso a Teiwelskerl is dos!“ stimmte der Schlesier bei.

„Heut fiel er wieder vom Färd!“ flüsterte der Sachse. „Baßt ä mal uff,
Ginner, des giebt wieder eene Sache! Wenn der vom Färd fällt und wieder
hochgommt, da setzt’s allemal Schläge für den Feind und Fikdoria für uns!
So ist’s immer kewäsen, da gönnt ihr Kift druff nähmen, und des stimmt,
als wie zwee mal zwee is finfe!“

Der Pole machte runde Augen.

„Fill sich vom Ferrd, der Panje Blüchherr, saggst du?“

„Kopfieper runterkesaust!“

„Habb ich nicht gesehhen!“

„Siehst äben bloß, wo die Weibsbilder fallen!“

Der Pole lächelte martialisch.

„Hatt sich gebrochen Genick seiniges, der Panje Blüchherr?“ fragte er.

„Wo wird er wohl?!“

„Nu, wo werrd ich denn sehhen? Weiß ich doch: hat sich ein Schweineglück,
der Panje Obberst!“

„Ein Schweineglück“, wiederholte der Sachse. „Hättest ihn sähn sollen, wie
sein Färd rücklings in den Kraben trat! Wie ’ne Stahlfeder schnellte er
aus dem Sattel auf den Weech rauf! Wie ’ne Gerze stand er vor der Front
ohne eene eenzige Schramme – wo er doch von Rechts wegen mit gaputte
Gnochen unterm Färd liegen mußte!“

„Er is gefeit“, sagte der Schlesier kurz und bündig. „Oof ihn beeßt kee
Stich, kee Hieb. Die Kugeln biegen vor ihm aus. Und wenn a fällt, fällt a
imma hinoof. Fällt a as Oberscht, kommt a as General hoch! Fällt a as
General, kommt a as Feldmarschall wieder in den Sattel!“

„Nu äben!“ lachte Häberlein. „Warum nicht ooch? Wenn der Schläsier sein
Maul uffdhut, da nimmt er’s allemal dicke voll!“

Der Schlesier sagte nichts. Er saß nur da, wieder wie eine Statue, ohne
eine Miene zu verziehen, und blickte geradeaus.

„Unheimliches Kerl!“ dachte der Pole fröstelnd. Denn es war noch früh im
Mai und das Gruseln leicht.

Bum, schossen drüben die Franzosen. Bum, Bum!

Ihr Feuer lag links auf Neustadt zu, wo die Hauptmasse der Blücherschen
Truppen jetzt herauskam und auch zu kanonieren anfing. Aber eine Kugel
fand auch den Weg nach rechts, über den Wald, wo die Planitzer lagen, warf
Steine und Sand über die Reiter und dem Sachsen ins Maul, da er’s eben
auftat. Er aber geschwind die Bescherung ausgespuckt. Und hinterher
brauste seiner Rede Strom mit doppelter Gewalt.

„Nu saacht ä mal bloß: Was hat wohl der Alte mit uns vor? Mir stampfen
hier egal uff eenem Fleck und lassen uns mit Dreck schmeißen! Warum nähmen
mir nich dem Kroppzeug drüben die Ganohnen wech? Die schiessen ja wie die
Schweine! Am Ende treffen die ooch noch! Und dann ade reiten! Een, zwee!“
fing er an, die Schüsse zu zählen. „Des reene Salutschießen! Akrat wie in
Billnitz, wo wir mit den Rekruten durchkamen und die Maschestäden ooch da
waren! Eja, des war scheen! Der Geenich von Sachsen, der Geenich von
Preißen und der Gaiser Leopold ooch noch, Gott hab ihn sälig! Und hinter
ihnen her der ganze Schwanz von hohen Herren und Gonfusionsräden! Die
machten nu fix een Gollech um den grünen Disch rum, zogen die Schlafmützen
feste ieper die Ohren runter und taten damit dicke, wie sie den lieben
Gott wieder in Frankreich einsetzen wollten und den Geenich Lurwich ooch!
– Und des war nu nichts als wie ’n Schpadziergang, und des hamm sie nun
verbrieft und besiegelt und begossen und waren noch lange nicht mit der
Beschärung fertig – da hat der Franzos die Frechheit und erklärt uns den
Griech und haut seinem Lurwig den Döskopp ab und ist ieper die Krenze, ehe
die Gonfusionsräde wach wurden! Nich ä mal ä Griechserklärung hamm sie
fertig gebracht – nicht mal im Traum! _Die_ gennen nu die Franzosen wieder
alleen rausschmeißen – die Gonfusionsräde! Mir dhuns nimmer mehr, wenn mir
so weiter siechen!“

„Is sich ein Schweinewirtschaft hundsmiserables!“ stimmte der Pole bei.

„Mir Roten sind schon parat – daran fehlt’s nicht! Da ist schon unser
Oberst hinterher wie der Deibel! Bei den Hufschmieden, in den Gammern, auf
den Futterböden – ieperall hat er hineingerochen! Mundierung und
Sattelzeug, Pulver und Blei – nach allem hat er gesähn, und daß die
Glingen scharf geschliffen sind, war ihm allemal die Hauptsache! Mir sind
parat! Aber die anderen! Die Räde und – nun, ich will nichts gesagt haben
– _der Geenich ist ja een kuter Mann_ – een seelenkuter Herr! Wo er aber
zu schpät Geenich wurde – nachher steht ooch alles andere im Lande zu
schpät auf! Beim Gaiser Leopold ooch! Na, nu ist er ja tot, und dakechen
ist nichts zu sagen! Aber sein Läben lang dachte der nicht daran, Gaiser
zu werden – der steckte dicke drinne im fetten toskanschen
Getreidegeschäft und war een kuter Mann! Da stirbt der Bruder, und er muß
auf den Thron! Na, nu ist er das Älend ooch los, und sein Sohn kann seine
Leute mit Mehlspeis und Backhändl füttern, bis ihnen die Bäuche platzen!
Hättest drüben bei den Österreichern bleiben sollen, Schläsier, wo du
schon warst!“

„Mei Atzung find’ ich ieberall!“ entgegnete der Schlesier.

„Nun wenn schon – warum suchst du sie denn gerade hier bei den Preißen,
bei den Hungerleidern?“

„Was suchen die Sachsen und die Polen dahier? Am Ende wollte ich nur
sehen, wie mir der rote Dolman sitzt, wo ich doch dahier im selbichen
Rechiment schonn den schwarzen trug!“

„Nun schlag einer lang hin! Wo _mir_ schwarz waren, bist du ooch mit
kewäsen?“

Der Schlesier saß da wieder wie in Erz gegossen und antwortete nicht!

Bum! schossen die Franzosen vor Kirrweiler. Bum! sekundierte eine andere
Kolonne, die mehr rechts, durch Edenkoben herauszukommen begann. Die
Kugeln kamen jetzt von rechts und von links. Die Leute wurden unruhig, die
Pferde tanzten hin und her.

„Is sich ein verdammtes Schissen!“ knurrte der Pole. „Wär’ ich Obberst,
hätt’ ich gebben längst Siggnall!“

„Ihr Polen habt’s immer eilig mit dem Überlaufen!“ sagte der Sachse
anzüglich. „Ihr liebt den Franzmann! Wenn ihr mit ihm Hiebe tauscht, denkt
man, es sind Gomplimente!“

Der Pole wollte antworten. Da bliesen endlich die Trompeten zur Attacke,
die Roten sausten aus ihrem Hinterhalt heraus und begriffen jetzt, warum
ihr Oberst sie so lange hatte warten lassen.

In die Flanke der Kolonne, die über Kirrweiler vorgedrungen war, ging es
mit schwindelnder Fahrt. Hier riß eine Kanonenkugel eine breite Bahn durch
die vorstürmende Masse – dort sank mancher Reiter, von einer wohlgezielten
Flintenkugel getroffen, aus dem Sattel. Aber die Lücken klafften nur einen
Augenblick, dann schlossen sich die Glieder, vorwärts fliegend, und die
Roten waren drüben und droschen mit ihren Säbeln auf die Köpfe der
„Ohnehosen“, daß es nur so eine Art hatte.

Der Schlesier, der Sachse und der Pole wetteiferten mit den anderen im
blutigen Handwerk und hieben und stachen und bekamen manche Schramme ab.
Es war ein Gewühl, ein Gedränge, ein Stampfen, ein Wiehern, ein Röcheln
der Sterbenden, ein Fluchen und Schreien, ein Schmettern der Trompeten.
Lange währte es nicht, da war der Widerstand gebrochen, die Kanonen
genommen, die Franzosen in voller Flucht und die Roten hinterher – wie die
Apokalyptischen Reiter, Tod und Verderben in die Reihen der Fliehenden
säend.

Durch das Dorf Kirrweiler ging es auf Frischlingen zu, wohin alles in
voller Auflösung floh. Die wilde Jagd folgte – allen voran Blücher selbst,
alles anfeuernd und vorwärts drängend. Mit ihm noch mehrere Züge brauner
Husaren, die jetzt ihren roten Kameraden halfen, den Sieg zu vollenden.
Dann sauste Blücher mit ein paar Schwadronen noch rasch nach rechts gegen
Edenkoben hin, um der darüber hinaus vorgestoßenen französischen Kolonne
in die Flanke zu fallen und auch ihr die Kanonen abzunehmen. Es gelang
nach heftigem Kampf mit der feindlichen Infanterie. Die Franzosen wurden
auch da in das Dorf zurückgeworfen und in den engen Gassen, wo sich alles
staute, kurz und klein gehauen. Das Schlachtfeld war weit und breit mit
gefallenen und verwundeten Feinden besät.

Blücher triumphierte.

Am Morgen, als ihm das Anrücken der Franzosen gemeldet worden war und jene
ihre Tirailleursketten ausschwärmen ließen und mit der Kanonade anfingen,
da war sein General und Prinz Hohenlohe zu ihm geritten, hatte ihm
geraten, sich lieber vor der Übermacht auf Neustadt zurückzuziehen, ihm
aber freie Hand gegeben. Blücher, dem der rechte Flankenschutz der
preußischen Armee oblag, dachte nicht einen Augenblick daran, zu
retirieren, sondern nahm den Kampf mit der Übermacht auf. Und das Glück
war ihm hold. Mit Kavallerie allein gewann er einen glänzenden Sieg über
ein ganzes Armeekorps, schlug es entscheidend, nahm ihm Kanonen, Munition,
Gefangene und Pferde ab, und verbesserte so nicht nur seine eigene
Stellung, sondern auch die der ganzen preußischen Armee.

Die Belohnung blieb nicht aus. Nach kurzer Zeit traf seine Beförderung zum
Generalmajor ein. Und zugleich wurde er Chef des Roten Husarenregiments,
des früheren Bellingschen, in dessen Reihen sein ganzer Aufstieg erfolgt
war, und das von nun an nach ihm benannt werden sollte.

Als frischgebackener General nahm er dann seinem Regiment die Parade ab.

In langer Front standen seine Braven, Schwadron an Schwadron – die Pferde
mit den Köpfen wie nach der Schnur aneinandergereiht, in steter Bewegung
und ungeduldig auf die Trensen beißend, daß der schneeweiße Schaum im
Winde flog.

Prächtig leuchteten die roten Dolmans gegen das helle Vorsommergrün. Und
als auf Kommando die Säbel aus den Scheiden flogen, um den Chef zu
salutieren, züngelte ein tausendfacher Blitz über das Feld. Es war ein
prächtiger Anblick, und wohl dazu angetan, das Herz eines rechten Soldaten
zu erfreuen.

Dann kam der neue Chef heran in vollem Galopp, schlank wie ein Jüngling,
stolz wie ein Sieger. Spielend leicht lenkte er sein Pferd mit gewaltigem
Sprung über die das Feld umschließende Hecke und hielt jäh an, gerade vor
der Schwadron des Majors von Planitzer, wo auch der gute Sachse Häberlein
seinen Kopf noch aufrecht hielt, aber von unzähligen Binden zu einem
dicken weißen Knäuel verunstaltet, durch den sein sonst so rühriges
Mundwerk zur Untätigkeit verdammt wurde.

Die dunkelblauen Augen Blüchers blitzten vor Freude, als sie die Reihen
seiner kriegserprobten Kämpfer überflogen.

„Guten Morgen, Husaren!“ rief er mit weithin schallendem Baß.

„Guten Morgen, Exzellenz!“ kam es aus den Reihen zurück, daß es nur so
donnerte.

„Ich freue mich, euch zu sehen!“ setzte er die Rede fort. „Ihr habt euch
immer brav gehalten! Ich habe mich auch gefreut, Seiner Majestät melden zu
können, daß ihr unter meiner Leitung schon elf Kanonen, sieben
Munitionswagen und fünf Fahnen erobert und einen Generalleutnant,
hundertsiebenunddreißig Offiziere, dreitausenddreihundertsiebenundzwanzig
Mann, elfhundertvierunddreißig Pferde gefangen habt, sowie, daß kein
Offizier des Regiments in Gefangenschaft geriet und kein Unteroffizier
gefallen ist. Seine Majestät haben daraufhin geruht, mir selber zu
schreiben, haben mir den Roten Adler verliehen, mich zum Generalmajor und
zum Inhaber des Regiments gemacht, außerdem mich beauftragt, euch seine
Allerhöchste Zufriedenheit auszusprechen. Eurer Tapferkeit und eurem
unwiderstehlichen Mut verdanke ich diese Ehrungen, die euch allen in
meiner Person zuteil werden.

Kinder, ihr habt euch einen guten Namen gemacht! In der ganzen Armee
achtet man die Roten Husaren, und der Feind fürchtet sie! Ich bin stolz
auf euch und freue mich, daß das Regiment von jetzt ab meinen Namen führen
soll! Das eine merkt euch aber: ein Blücherscher Husar _stirbt_, aber er
_kapituliert nicht_! Seine Parole ist: _immer vorwärts_ und _nimmer
zurück_! Sein höchster Stolz: Blut und Leben für König und Vaterland
opfern zu dürfen! So wollen wir’s halten, und das geloben wir, indem wir
rufen: Seine Majestät, unser allergnädigster König und Herr, er lebe
hoch!“

Donnernd brausten die Hochrufe über das Feld, die Fahnen senkten sich, die
Tambours schlugen den Generalmarsch. Der rangälteste Offizier schickte
sich eben an, im Namen des Regiments zu danken und Glück zu wünschen. – Da
löste sich aus dem ersten Gliede der Schwadron von Planitzer eine Gestalt
und kam langsam und feierlich auf den General zugeritten. Er scherte sich
nicht das geringste um das Entsetzen der Offiziere und Mannschaften,
schreckte auch nicht vor dem zornigen Blick zurück, der ihm aus den Augen
Blüchers entgegenblitzte, er zuckte mit keiner Miene, ritt bis dicht vor
den General heran, salutierte mit dem Säbel und sprach ohne das geringste
Zittern in seiner Stimme: „Holten zu Gnaden, Exzellenz, wenn ich vorwitzig
bin und mich vor Dero Antlitz dervorwage! Wo aber Dero Exzellenz heut eene
geworden sind, und ich an de Sache nich aso ganz unschuldich bin, mecht
ich alleruntertänichst melden, daß ich ooch meine ganz besondere Freide an
Dero Erhebung habe!“

„Wieso, mein Sohn? Was meinst du damit? Sprich aus, was du auf dem Herzen
hast!“ antwortete Blücher, dessen Augen anfingen, schelmisch zu leuchten.
Sonst von unerbittlicher Strenge beim geringsten Verstoß gegen die
Disziplin, war er heute gern gesonnen, ein Auge zuzudrücken, wenn keine
Böswilligkeit vorläge. Und der Bursche, der einen ernsten, soliden
Eindruck machte, hatte wohl einen besonderen Grund zu seiner Dreistigkeit.

„Wieso meinst du, daß du an der Sache nicht unschuldig bist?“ fragte der
General nochmals.

„Weil Dero Exzellenz ohne mei Derzwischenkumma nich General geworden
wären!“

„Sieh nur! Sieh nur! Du hast denn wohl beim Könige eine Fürbitte für mich
getan?“

„Zu Befehl nein, Exzellenz! Ich hob den Keenig aber daderzu derholfen, aus
dem Oberschten Blücher oanen General zu mache!“

„Da soll der Donner dreimal dreinschlagen! Du bist dreist, Bursche!“

„Ich sage nur die Wahrheet: Und die Wahrheet is, daß der Keenig, ohne den
Oberschten Blücher zu hoben, ooch nicht hätte aus ihm a General mache
kenna!“

„Da hast du recht, mein Sohn! Nun hatte er mich aber –“

„Nun ja, das hatte er! Und das hat er ebens mir zu danke!“

Blücher blickte ihn groß an. Er fing an, zu begreifen.

„Erinnern Dero Exzellenz noch das Gefecht am Kavelpaß? Exzellenz waren
dazemal a schwedischer Junker, und ich wie itzt Reiter im Regiment. Den
Junker _fing ich_! Ich hoab’s getan! Und aso bekam der Keenig von Preußen
den Mann, den er heute zum General machte und wohl noch heeher steigen
lassen wird, so Gott will!“

„So Gott will – das war ein gutes Wort!“ sagte Blücher. „Denn daran
liegt’s, und so war’s auch am Kavelpaß, denk’ ich! Er wird’s gewollt haben
und nicht du!“ Er rieb sich die Nase. „Dein Name?“ fragte er.

„Landeck!“

„Landsmann?“

„Aus Esterreisch’-Schlasien!“

Blücher betrachtete ihn forschend.

„An dein Gesicht kann ich mich nicht erinnern! Es ist ja auch lange her.
Und bei der bewußten Gelegenheit wird mir wohl der Schädel von den vielen
Hieben gehörig gebrummt haben! Aber das weiß ich, und darauf kann ich
schwören: ein Husar war’s sicher, der mich fing! Und wo du ein Husar bist
und wo du behauptest, derjenige zu sein, so bist du’s wohl auch gewesen,
dem ich mein Glück zu verdanken habe! Nun erkläre mir aber eins, mein Sohn
– denn ein wenig dämmert’s mir doch noch von der Begebenheit –, spricht
man noch heute – in Schlesien – _so gut Schwäbisch_ wie damals?“

Der Husar blickte ihn an, ohne zu begreifen.

„Der, der mich fing, mein Sohn, der schwäbelte nämlich ganz gehörig, das
habe ich mir gemerkt! Nicht nur sein Säbel, auch sein Schwäbisch schlug
mir bös um die Ohren!“

Landeck kratzte sich hinter dem Ohr.

„Exzellenz,“ sagte er dann keck, „ob ich dazemal schwabbelte, ich weeß es
nicht mehr! Das aber weeß ich: ooch in Schlasien gab’s dazemal Schwabben
die Masse – nich bloßich in Preußen. Und es gibbt se halt noch, und aso
leechte wird se halt nich los, wer se hoat!“

Blücher lachte.

„Gut geantwortet, mein Sohn“, sagte er. „Sei’s drum! Du bist mir der
Richtige! Du wirst heute mittag einen Löffel Suppe bei mir essen! Und
nachher wollen wir miteinander auf den schwedischen Junker anstoßen, den
du leben ließest! Den preußischen General können wir dann auch leben
lassen! Und nun, mein Herr Solofänger, marsch auf deinen Platz! Und daß du
mir nicht noch einmal ohne Befehl aus der Reihe heraus reitest! Sonst
brummst du bei Wasser und Brot, und wenn du mich zehnmal gefangen
hättest!“

Gesagt – – der Schlesier warf sein Pferd herum und saß im nächsten
Augenblick wieder wie vorhin, unbeweglich wie eine Statue und salutierte
mit den anderen, daß die Sonnenblitze von den Säbeln nur so übers Feld
züngelten, als der neue Chef und Inhaber des Regiments, von seiner Suite
gefolgt, die Front abritt.





                                    7
                             VULKANS SCHMIEDE


Es war in Emmerich am Rhein.

Der General Blücher hatte, wie gewöhnlich, seinen Abendspaziergang
gemacht, um bei seinem vertrauten Freunde, dem Obersten von Pletz, eine
Pfeife zu rauchen.

Sie saßen unter der Linde am Pfarrhofe, wo der Oberst in Quartier war,
schmauchten ihren Knaster in aller Ruhe und Gemütlichkeit, labten sich
dann und wann aus den großen Römern mit Rheinwein, lauschten bisweilen auf
das Jauchzen der spielenden Dorfjugend und spannen dabei gemächlich ihre
Unterhaltung weiter.

„Dein Glück war’s“, sagte der Oberst schmunzelnd. „Du fingst schon an alt
zu werden.“

„Da schlage der Donner drein!“

„Na, nun bist du ja wieder jung – nun sieht man dir wieder die siebzehn
Jahre an, trotz der grauen Schläfen. Aber fast wär’s schief gegangen!
Warst schon dicht dran, in die verkehrte Tonne zu springen!“

„Ins verkehrte Ehebett, sag’s nur gerade heraus!“

„Nun ja! Viel hat nicht gefehlt, da wäre es so verrückt gekommen! Weißt du
noch, wie du brummtest und fluchtest, als du den Korb von deiner reichen
Witwe heimtrugst?“

„Halt’s Maul!“

„Nun – der bist du ja glücklich entgangen! Aber geflucht hast du! Und
gescheit hast du gesprochen – zum Kotzen gescheit – rein niederträchtig
brav – von deinen armen Kindern, denen mit Gewalt eine Mutter besorgt
werden müßte, obwohl sie schon erwachsen waren! ‚Opfern‘ wolltest du dich
–“

Der Oberst schlug auf den Tisch; er ereiferte sich immer mehr zum Ergötzen
Blüchers.

„Man heiratet doch nicht wegen der Kinder, die man schon _hat_,“ schrie
er, „sondern wegen denen, die man erst kriegen will! Man nimmt eine Frau,
um selbst von ihr gepäppelt und verhätschelt zu werden, nicht aber damit
sie anderer Frauen Kinder bemuttern soll! Man fragt nicht nach dem
Geschäft, zum Donnerwetter! Man heiratet entweder gar nicht, oder man
heiratet eine, in die man so verliebt ist, daß man es _doch_ tut!“

„Hab’ ich das etwa nicht getan?“ lachte Blücher.

„Das ist es eben!“ rief Pletz zum großen Gaudium seines Gegenübers. „Das
ist es gerade! Du hättest verdient, die alte Witwe heimzuführen, und jetzt
hast du – ganz unverdienterweise hast du das große Los gezogen!“

„Trink, alter Brummbär! Nörgler du, hundsgemeiner! Auf die Frauen!“
Blücher erhob sein Glas.

„Auf deine Frau!“ antwortete der Oberst, trank aus und machte die
Nagelprobe. „Auf dein unverdientes Glück!“

„Glück wird eben nicht verdient!“ sagte Blücher und stellte sein Glas
fort. „Man hat’s oder hat’s nicht, je nachdem ob man es zu packen
versteht!“

„Nun ja – das konntest du meistens. Aber sonderbar ist es doch, daß du
gerade _sie_ – –“

„Nun ja, es _ist_ sonderbar. Und ich kann auch heute noch nicht begreifen,
wie so’n junges Ding, das meine Tochter sein könnte – wie sie mich so in
ihre Gewalt bekam, wie sie mich im Handumdrehen umkrempeln und zum
ordentlichen Menschen machen konnte!“

„Das wollen wir nicht hoffen! Das liegt dir nun gar nicht. Du bist und
bleibst schon derselbe Windhund, als den ich dich immer kannte, und daran
hat auch sie nichts ändern können. Aber sie gab ihre Jugend her, und das
verjüngt. Das ist der einzige wahre Jugendbrunnen für uns alte Leute. Ich
verstehe bloß nicht, wie du dazu kamst!“

„Ich auch nicht. Ich war eben zum Mittagessen in ihrem Vaterhause geladen.
Und sie saß mir gegenüber am Tisch. Das war alles! Anfangs sah ich sie
nicht und blickte kaum hin. Man hatte vorzügliche Speisen und Weine
aufgetragen – ich hatte einen Mordshunger und hieb auf die Schüsseln ein,
wie sich’s für einen rechten Husaren gehört. Eben war ich dabei, den
Flügel eines Kapauns abzunagen, und genoß es so recht von Herzen, da
blickte ich so aus Zufall auf und sah gerade in ein Paar große lachende
Augen. Ich sah ein Paar Lippen von feinsten geschwungenen Korallen, um die
es schelmisch zuckte, die aber verteufelt ernst wurden, als sie sich von
meinen Blicken berührt fühlten. Mir wurde es auf einmal, als wäre ich in
der Kirche, als wölbe sich ein himmelhoher gotischer Dom hoch über meinem
Haupte – als blicke vom Altar die heilige Mutter Gottes liebreich auf mich
Sünder nieder. Ich wurde auf einmal so klein, alles, was mich bisher
erfüllt hatte, so nichtig! – Wie ein Verbrecher kam ich mir vor, der, von
gieriger Lust getrieben, eben im Begriff war, ihren Altar zu berauben! –
Vor bösem Gewissen vergingen mir Hunger und Durst – ich dachte an nichts
als nur daran: wie ich alles wieder gutmachen sollte! – Ich betete sie an
– nein, ich schwärmte, hol’ mich der Teufel, ich glaube, ich hab’s ihr
sogar gleich ins Gesicht gesagt und ihr auf der Stelle einen Antrag
gemacht! Was ich gesagt habe – wie ich’s sagte, das wußte ich im nächsten
Augenblick nicht mehr, und heute noch weniger. Ich sah nur, wie man ihrer
Verlegenheit zu Hilfe zu kommen suchte und sie scherzhaft sofort meine
Braut nannte. Aber – wer aus dem Scherz schnell Ernst machte – das war
ich. Denn ich war verliebt wie des Küsters Kater. Keine vier Wochen
dauerte es, dann war sie mein und die Hochzeit gefeiert!“

„So war’s recht! Gleich die Festung stürmen! Nur keine lange Belagerung!“

„Ja, so hab’ ich’s immer gehalten: Immer gleich losschlagen, und nicht
erst lange kalkulieren! Wo würden wir hinkommen, wenn wir immer erst auf
Befehle warten sollten von Leuten, die sich’s erst zehnmal überlegen und
dann noch nichts wagen! Wo alles auf dem Spiel steht – wo’s das Leben
gilt, wo’s darauf ankommt, die Sekunde auszunützen, da – hol’ mich der
Deibel – wenn ich da nicht zuschlage! Wenn ich aber die zaghaften Kerls
sehe, die den Entschluß für das Ganze zu fassen haben, wie die sich erst
ängstlich nach allen Seiten nach Sicherung umgucken und darüber das feste
Ziel aus dem Auge verlieren, da wird mir bange um den nächsten Krieg. Die,
die vierundneunzig alles so brav vertrödelten, sie sind seitdem nicht
jünger geworden! – Und was an Jugend heranwuchs, kam meistens nicht auf
den rechten Platz. Auch nicht da ganz oben! Unser junger Herr –“

„Der wird noch gehörig Lehrgeld zahlen müssen!“

„Und wir mit ihm. Es war ein Jammer, daß der zweite Friedrich Wilhelm so
früh sterben mußte!“

„Na, du hast ihm ja vieles zu verdanken. Aber der war auch kein
Draufgänger –“

„Sage man, was man will, unter ihm wurde Preußen immerhin verdoppelt. Wir
könnten es auch jetzt gut haben, aber dazu gehört vor allem da oben mehr
Wagemut, mehr jugendlicher Leichtsinn! Geradeheraus: dazu gehört ein ganz
anderer Kerl!“

„Prinz Louis Ferdinand zum Beispiel?“

„Ja, das ist ein Kerl, der hat das rechte Zeug! Ein Held wie wenige, und
Glück hat er auch! Wer so wie er die Kugeln verachtet, vor dem biegen sie
auch aus. Wenn der nur auf den rechten Platz käme!“

„Das würde dann schon zu spät sein. Leute wie er verludern leicht, wenn
sie daneben geraten und sich immer nur ducken müssen!“

„Sage einmal,“ sagte der Oberst und klopfte seine Pfeife am Stiefelabsatz
aus, „ist das nicht deine Frau, die dort unten den Weg heraufkommt und dem
jungen Offizier an ihrer Seite so schöne Augen macht?“

Blücher fuhr auf und blickte hin.

„Ja, das ist sie, und – alle Wetter!“ – Er schnallte rasch den Säbelgurt
um und stülpte die Mütze auf. „Wenn man den Teufel nennt, kommt er schon
gerennt. Auf Wiedersehen, Pletz, ich muß eilen! Wir haben hohen Besuch!“

Damit eilte er den Weg hinunter und den Kommenden entgegen.

Ein schöneres Paar als die mädchenhafte, liebreizende junge Frau und den
stattlichen, schlanken, übermütigen jungen Offizier an ihrer Seite konnte
man kaum sehen. Lachend und scherzend gingen die zwei ihres Weges und
waren in ihre Unterhaltung so vertieft, daß sie Blücher erst bemerkten,
als er vor ihnen stand.

„Königliche Hoheit hier in Emmerich?“ fragte Blücher salutierend.

„Wie Sie sehen“, antwortete Prinz Louis Ferdinand, denn er war es. „Ich
benutze meine freie Zeit, um den Rhein hinunterzureisen, und habe nicht
die gute Gelegenheit versäumen wollen, der Generalin Blücher meine
Verehrung zu Füßen zu legen. So habe ich auch das Vergnügen, Sie zu sehen,
lieber General!“

„Das Vergnügen ist ganz auf meiner Seite!“ antwortete Blücher, gab seiner
Frau den Arm und wandte sich wieder zum Prinzen.

„Hoheit reisen doch nicht mutterseelenallein?“

„Leider nicht! Für ein paar Stunden bin ich aber frei. Mein Adjutant ist
voraus, um Quartier zu bereiten und für morgen ein Schiff zu besorgen. Er
wird mich abends bei Ihnen abholen, solange müssen Sie mich schon
behalten.“

„Wenn Hoheit nur vorliebnehmen wollen mit dem, was mein Haus –“

„Machen wir keine Redensarten! Es wird alles gut sein! Übrigens, wenn
Sie’s wissen wollen – nur zum Vergnügen reise ich nicht den Rhein entlang.
Seitdem wir den dummen Lunéviller Frieden haben und der Kaiser es so schön
eingerichtet hat, daß alles drüben, auf der linken Rheinseite, nun
Frankreich sein soll, sehe ich mir überall am Fluß die Grenze daraufhin
an, wo wir’s am besten anpacken können, wenn wir darangehen, sie wieder
nach Westen hin zu verrücken. Denn das kommt früher oder später!“

„Sicher!“ sagte Blücher. „Und hoffentlich recht bald. Denn wir brennen
alle darauf.“

„Die drüben im Rheinland auch, nach allem, was ich gesehen habe. Unsere
ehemaligen Landsleute sind nicht zufrieden. Sie sind aber zu beneiden.“

„Wieso denn?“

„Statt hundert Herren haben sie jetzt _eine_ Regierung – statt hundert
Landesgesetzen _eins_! Leibeigenschaft, Feudallasten, Kirchenzehnten,
Zunft- und Bannrechte sind sie los, Handel, Verkehr und Gewerbe sind frei,
die Gedanken auch! Kurz: die ganze neue Zeit, der wir uns so ängstlich
verschließen, ist ihnen zuteil geworden.“

„Dafür müssen sie die Republik nach Belieben Rekruten ausheben lassen, und
zahlen Steuern bis über den Kirchturm. Dafür müssen sie französisch denken
und fühlen und sich ihre deutsche Seele verwelschen lassen!“

„Das ist eben gut!“

„Der Teufel auch!“

„Denn je mehr sie leiden müssen, je mehr Haß sie gegen die Gewalthaber
aufbringen, die ihnen die neue Ordnung aufzwingen, um so eher haben wir
sie wieder. Und die neue Ordnung auch. Die haben wir bitter nötig. – Aber
leider können wir sie nur von draußen bekommen. Von selbst bringen wir
nicht die Entschlußkraft auf, das Alte und Überlebte abzustreifen. Sehen
Sie bloß auf die Armee hier und drüben. Was hat aus den lumpigen
‚Ohnehosen‘ im Handumdrehen eine Armee gemacht, von deren Ruhm die ganze
Welt widerhallt? Was gab ihnen die Kraft? Sind sie etwa besser als wir?
Haben _sie_ die größere Ausdauer, die besseren Knochen oder mehr Mut und
Tapferkeit und Todesverachtung?“

„Nein, zum Kuckuck!“ rief Blücher. „Den möchte ich sehen, der das zu
behaupten wagt!“

„Ich auch“, sagte der Prinz. „Und doch sind sie uns voran. Weil sie das
Söldnertum abgestreift und die allgemeine Wehrpflicht eingeführt haben.
Wie sieht’s dagegen bei uns aus? Mannschaften, zum großen Teil aus der
Hefe aller Welt aufgelesen, Gauner und lose Leute, die nur mit Gewalt und
entehrenden Strafen zusammengehalten werden, immer dem Volk fremd bleiben
und ihm feindlich gegenüberstehen müssen! Offiziere, die mehr Unternehmer
als Diener des Staates sind – die aus ihren Bataillonen und Regimentern
große Einnahmen herauswirtschaften wollen und das nur können, wenn ihre
Leute beurlaubt sind und sie ihre Löhnung in die eigene Tasche stecken
können. Die brauchen den Frieden wie das liebe Brot! Solchen Kriegern ist
der Krieg das größte Unglück. Wir können heilfroh sein, wenn wir keinen
ernsthaften Kampf zu bestehen haben werden, ehe diese Zustände mit Stumpf
und Stiel ausgerottet sind. Und dazu können wir, Sie und ich, nichts tun,
als immer wieder die Stimme erheben – um _nicht_ gehört zu werden. Die
Widerstände sind zu groß. Wir haben, wenn nicht die Revolution, so doch
zum mindesten ein großes Unglück nötig, um diese Leute und Zustände, die
nicht mehr taugen, fortzufegen!“

„Nee, nee!“ rief Blücher eifrig. „Wir brauchen keine Revolution, die alles
kaputt macht. Das Gute, was sich bewährt hat, muß bleiben – und viel Gutes
steckt in unserer Armee! Das Schlechte muß zum Teufel! Dazu haben wir bloß
ein paar richtige Kerls an richtiger Stelle nötig. – Ein paar Donnerkerls
am Kommando, mit klaren Augen und derben Fäusten, die zupacken können. Und
dann bloß ein bißchen mehr Entschlußkraft da oben! Das Weitere besorgt
schon die preußische Armee. Die nimmt’s noch mit jedem auf. Noch hat sie
ihren alten Ruhm. Der wiegt mehr, als mancher hier zu Hause denkt – weit
mehr als der ganze welsche Kram. Sorgen Hoheit nur dafür, daß wir nicht
immer mit Ketten am Fußgelenk marschieren müssen, dann ist auch kein
weiterer Grund zur Schwarzseherei. Außer für den Franzmann!“

„Hätte ich die Entscheidung,“ sagte der Prinz, und es blitzte in seinen
blauen Augen auf, „dann könnte es schon morgen losgehen. Darüber hatte ich
mich übrigens schon mit Frau Gemahlin geeinigt“, fügte er hinzu, sie
galant ins Gespräch hineinziehend.

„Du willst doch nicht auch –?“ drohte ihr Blücher scherzhaft.

„Die Frau Generalin ist ganz für die Kriegspartei gewonnen, lieber
Blücher. Da hilft Ihnen kein Sträuben!“

„Aber Malchen! Da haben wir am Ende schon den häuslichen Krieg?“

„Hoffentlich!“ lachte der Prinz. „In mir werden Frau Generalin jedenfalls
dabei einen stets kampfbereiten Bundesgenossen haben.“

„Sieh nur, sieh nur! Der Bund wäre denn wohl bereits geschlossen?“ fragte
ihr Mann.

„Ja, sieh dich nur vor!“ drohte sie. „Alle Tage schneien einem die
Märchenprinzen nicht ins Haus!“

„Nun – ich nehme immer den Kampf auf!“ lachte Blücher. „Fahre du auf, was
du in Küche und Keller an Munition hast – ein paar Batterien vom besten
Rheinwein lassen wir spielen –, wollen sehen, Königliche Hoheit, wer von
uns zuerst ins Gras beißt!“

„Topp!“ sagte der Prinz.

Er küßte leicht ihre Hand und empfing als Gegengabe einen dankbaren Blick.

Blücher lächelte. Aber ein schlauer, hinterlistiger Zug zuckte irgendwo
hinter dem Schnauzbart, und seine Augen leuchteten hart auf wie beim
Jäger, wenn er das Wild gestellt hat und das Gewehr anlegt.

„Hoheit haben sich wohl bei der Rheinfahrt auch die Entschädigungen
angesehen, die wir diesseits des Flusses für Preußen herausholen werden,
für das, was uns der faule Friede drüben geraubt hat?“ fragte Blücher dann
im Weitergehen.

„Das war mit ein Hauptziel meiner Reise“, antwortete der Prinz. „Und nur
um das zu verdecken, mache ich noch einen Abstecher ins Holländische
hinein. Ich spiele ja am Hofe die Rolle des ungebetenen Mahners, den man
nicht gern in der Nähe wissen möchte, wo große Entschlüsse zu fassen sind!
Man hat mich gern ziehen sehen! Ich komme aber wieder. Und nachher sitze
ich den königlichen Kabinettsräten, wie immer, feste im Nacken! Und mein
Vetter, der König, wird auch keine Ruhe vor mir haben! Es steht aber auch
viel auf dem Spiel – es gilt, rasch zuzugreifen!“

„Das meine ich auch! Das Bistum Münster ist wohl das wenigste, was wir
verlangen können, und dann –“

„Hannover“, sagte der Prinz und senkte die Stimme. „Die Frucht ist längst
reif. Wenn ich nur zu befehlen hätte! Aber es sieht wieder aus, als würde
die gute Gelegenheit verpaßt werden, wie schon sooft bei uns.“

„Ein Wort nur,“ rief Blücher, „und ich nehm’s! Ich laure ja nur darauf!
Hannover müssen wir haben. Die Engländer können’s nicht halten, und nehmen
wir’s nicht, so nehmen’s die Franzosen. Und die können wir nicht ein paar
Tagemärsche von Berlin gebrauchen!“

„Nein, das können wir nicht!“ rief der Prinz. „Wenn Sie und ich und noch
ein paar solche Leute, die das und vieles andere einsehen, auch freie Hand
hätten, dann wäre es im Handumdrehen besorgt! Aber bei uns geht alles nach
der Schablone! Was alt und verknöchert ist, sitzt oben und gebietet, nur
weil es von alters her Tradition war. Und Jugend und Wagemut müssen die
Zähne zusammenbeißen und tatenlos beiseitestehen. Herrgottsakrament!“
platzte er mit einem Soldateneid heraus, ohne an die Anwesenheit der
jungen Frau zu denken. „Ich liebe die Franzosen nicht. Aber auf die Kerls
bin ich doch neidisch! Es war ja scheußlich, wie sie in den acht Jahren
der Revolution das Oberste zu unterst kehrten, wieviel Wertvolles und
Unersetzliches sie in Trümmer schlugen und im Sumpf und Blut erstickten.
Aber das hat manche tüchtige Kraft zum Wohl der Gesamtheit auf den rechten
Platz im Staate gestellt! Denken Sie nur an den Advokatensohn von Korsika,
der heute als Erster Konsul gebietet. Was hat er nicht in den paar Jahren
geleistet, seit wir zum erstenmal den Namen Bonaparte hörten! Glauben Sie
aber nicht, _wir_, Blücher, Sie und ich, hätten das Zeug zu gleich Großem,
hätten wir nur die Gelegenheit?“

„Die Gelegenheit ist da, zum Greifen nahe! Sie war immer da! Nur wagt man
nicht, sie auszunützen! Man verwehrt uns das Losschlagen! Hier stehe ich
schon, Gott weiß wie lange, auf demselben Fleck in Emmerich auf Vorposten
und fluche und schmöke meinen Knaster und blicke über den Rhein, ob nicht
der Franzmann mir bald den Gefallen tun wird, in Schußweite zu kommen!
Statt übers Wasser zu setzen, in Frankreich hineinzumarschieren, den
Parisern _bon jour_ zu sagen und dem Herrn Bonaparte zu zeigen, daß
Preußen noch auf der Welt ist! Der hätte dann anderes zu tun gehabt, als
über die Alpen zu kraxeln und sich bei Marengo billige österreichische
Lorbeeren zu kaufen! Dafür hätte ich gesorgt! Das kommt aber noch, und das
ist meine feste Überzeugung!“

Der Prinz antwortete nicht. Sie waren jetzt vor dem in einem Garten
gelegenen Wohnhause des Generals angekommen.

Der hohe Gast wurde durchs Haus geführt, alle Räume wurden ihm gezeigt –
auch die Wohnräume der jungen Frau. Denn in einer Zeit, wo das schöne
Geschlecht noch im Bett zu empfangen pflegte, weil es die Sitte so gebot,
war ihr Allerheiligstes ein Raum, auf den jeder Gast, der nicht
unwillkommen erscheinen wollte, ein Anrecht hatte. Und der Prinz ließ es
sich auch nicht nehmen, ihrem wohlverhängten Bett seine Huldigung
darzubringen.

Die junge Frau am Arm, wanderte er so, von dem vorangehenden Hausherrn
geleitet, leicht plaudernd, von Raum zu Raum. Im Zimmer des Generals
bewunderte er mit Kennerblicken dessen reichhaltige Waffensammlung, ließ
es zu, daß Blücher, bei Vorzeigung seiner Schätze, seine unvermeidliche
kurze Pfeife ansteckte, scherzte nur über den Qualm, den er produzierte,
und meinte, es käme ihm vor, als ob er in Vulkans Schmiede zu Gast wäre,
um im Rauch und Qualm der unterirdischen Gewölbe Waffen, Rüstungen und
andere kostbare Erzeugnisse seiner kunstfertigen Hand zu bewundern!

„Um so eher,“ sagte er, galant der jungen Frau die Hand küssend, „da es
mir wie dem Kriegsgotte Mars ergeht, als er in der gleichen Lage war.“

„Wie denn?“ fragte die Generalin lächelnd.

„Ihm schwanden auf einmal die soeben angestaunten Schätze. Das Gold verlor
seinen Glanz, die Edelsteine erloschen, die Blitze der blanken Waffen
trafen nicht mehr, sondern verpufften ihre Funken umsonst!– Alles
verblaßte, denn aus dem innersten Gewölbe trat ihm Vulkans hehrster Schatz
entgegen: die Göttin Venus selbst, lebendigen Leibes – und er war
geblendet.“

„Aber – wie’s scheint – doch nicht stumm!“ lachte Blücher und ließ sich’s
gefallen, daß sein Malchen, ihre Verlegenheit durch einen plötzlichen
Hustenanfall verbergend, ihm die Pfeife aus dem Munde riß.

„Pfui, du verqualmst uns ja das ganze Haus! Kommen Sie, Hoheit – gehen wir
aus diesem Raum hinaus, wo er allein zu gebieten hat! – Ich führe Sie in
_mein_ Reich!“

Und sie zog ihn mit. Blücher folgte. Und der Prinz, jetzt schon wie zu
Hause, forderte sie, draußen im Salon, auf, gleich den Tanzboden mit ihm
zu probieren.

Freudig willigte sie ein und ließ sich von ihm die neueste Tour der
Gavotte zeigen, die man jetzt am Hofe der Königin Luise so gern zu tanzen
pflegte, damit sie nicht unwissend sei, wenn sie einmal zu Hofe käme!

Die Tour wurde durchgenommen – der Prinz sang die Melodie dazu. Und
Blücher, der auch ein gewaltiger Tänzer war, wurde gleich Feuer und
Flamme, revanchierte sich sofort mit einem polnischen Tanz, den er beim
letzten Feldzug in Polen gelernt hatte, komplimentierte den Prinzen ans
Spinett, trällerte ihm selbst die Melodie vor, bis er sie spielen konnte,
und tanzte ihm dann mit seiner Frau einen feurigen Krakowiak vor, daß die
Dielen dröhnten und die junge Frau nur so durch die Luft schwirrte. Im
Tanzen stand er noch seinen Mann.

Als der Prinz aber in voller Begeisterung ein wahres Feuerwerk von
Komplimenten über die junge Frau losließ, machte Blücher dem rasch ein
Ende, schickte sie fort, um nach den Anordnungen für die Mahlzeit zu
sehen, und führte seinen Gast solange durch den Garten.

„Zur Abkühlung!“ wie er nicht ohne einen Nebengeschmack von Ironie sagte.

Statt der schönen Frau mußte der gute Prinz also die Pferde des Generals
bewundern, die aber auch erstklassig waren und es gleichfalls verdienten,
vor einer Königlichen Hoheit Gnade zu finden. Blücher versäumte es nicht,
dabei in den Sattel zu steigen, um ihre Vorzüge recht anschaulich zu
machen, aber auch um zu zeigen, wie gut sie, trotz ihrer Wildheit, ihm
doch parierten, wenn auch sie, wie er nicht ohne Ironie beifügte,
bisweilen mannstolle Sprünge versuchten.

Dann ging’s durch den Garten, an den Fernblick über den Rhein, und zuletzt
um das Haus herum, wobei der Prinz sich genau nach allem erkundigte und
besonders von dem Efeu entzückt schien, dessen armdicke Stämme sich an der
Wand emporschlängelten, um mit dunklem Grün die Fenster zu umrahmen. Er
zeigte hinauf nach dem Fenster der jungen Frau – denn wo das war, hatte er
gleich heraus – und fragte leicht, den Efeu mit der Hand prüfend
umfassend: „Daran klettern Sie wohl manchmal hinauf, Blücher, wenn Sie’s
eilig haben?“

„Das wohl nicht, Hoheit“, lachte der General. „Denn ich pflege nicht den
Schlüssel zu vergessen, wenn ich abends aus bin. Aber – zu machen wäre es
wohl!“

Und gewandt wie ein Jüngling, packte der hohe Fünfziger den Stamm des
Efeus und kletterte halbwegs hinauf.

Da kam die junge Frau eben auf die Treppe heraus, um zu sagen, daß alles
zum Essen bereit sei, sah die lange Gestalt ihres Herrn und Gebieters
zwischen Himmel und Erde schweben und schrie leicht auf.

„Hat keine Gefahr, Malchen,“ rief Blücher herunter, „mach’ man ja kein
Geschrei!“

„Ihr Herr Gemahl ist ein liebenswürdiger Hausherr!“ lachte der Prinz. „Er
zeigt seinen Gästen den nächsten Weg ins Allerheiligste!“

„Ich zeige höchstens – wie sie herunterkommen, wenn sie den Kletterversuch
unternehmen!“ bekam er zur Antwort, und Blücher sauste herunter und zeigte
dann lachend seinem Gast den Weg in den Speisesaal.

Man nahm um den runden Tisch am offenen Fenster Platz, durch das man über
den Rhein hinausblicken konnte, ließ sich die Gerichte der Frau Gemahlin
gut schmecken, begoß sie mit goldigem Rebensaft aus den Kellern des
Generals und war bald froh und guter Dinge.

Der General trank seinem hohen Gast zu und vergaß auch nicht, ihm einen
Trinkspruch zu widmen, da er ja gern und ausgiebig zu reden pflegte und
man das also wohl von ihm erwarten mochte.

„Hoheit gestatten?“ sagte er, seinen Römer ergreifend.

„Ich erhebe mein Glas auf den alten, guten, preußischen Offensivgeist,
dessen glanzvollster jugendlicher Vertreter uns die Ehre antut, heute
unser Gast zu sein. Selten habe ich jenen Geist des Drauflosgehens mit
solcher Lust walten sehen, wie eines schönen Julitages vor sechs Jahren –
bei Edesheim war es –, Hoheit wissen noch! Und selten wurde ich trotzdem
so enttäuscht wie nach jenem Vorfall!

Meine braven Leute hatten sich den ganzen Tag wacker geschlagen und in den
Weinbergen einem an Menschen und Artillerie vielfach überlegenen Feind
standgehalten. Sie fingen schon an, müde und marode zu werden, und ich
mußte schon zweifeln, ob sie bis zur Dunkelheit noch aushalten würden. Da
kam _soutien_! Ein paar frische Bataillone Infanterie, an ihrer Spitze ein
junger Offizier, mit dem ich sofort einig wurde, dem Feind gleich auf die
Pelle zu rücken. Entschluß und Tat waren bei ihm eins. Kaum gesprochen,
war er sofort vom Pferd herunter und stürmte allein voran auf den Feind
los, der sich schon Sieger glaubte. Es war eine Augenweide zu sehen. Und
meine Roten säumten auch nicht, einzugreifen, den Erfolg auszunützen und
alles zusammenzuhauen, was da kreuchte und fleuchte.

Da – kaum daß wir gesiegt hatten – kam der Befehl, zurückzugehen, alles
war umsonst gewesen! Denn anderswo lief nicht derselbe Feuergeist an der
Spitze! Da hatten sich die Österreicher abdrängen lassen, und da half uns
kein Fluchen. Heute aber, wo jener junge Held mein Gast ist, heute möchte
ich mit ihm mein Glas darauf leeren, daß der Offensivgeist und die
Entschlußfreudigkeit, die uns beide damals beseelten, immer mehr maßgebend
werden und nimmermehr in so schmachvolle Abhängigkeit kommen mögen!“

Sie stießen an und tranken. Der Prinz dankte, schlug aber ab, für seine
Person irgendeine Ehrung zu empfangen. Die gebühre der Vertreterin des
schönen Geschlechts. Er brachte dann auch _a tempo_ einen Trinkspruch auf
sie aus, so glutvoll und stürmisch, daß ihr das Blut in die Schläfen trat,
und ihr Mann, um abzulenken, wieder das Wort nahm.

„Es ist ja zu verstehen,“ sagte er, ruhig lächelnd, „daß ein junger Mann
in seiner Huldigung der holden Weiblichkeit sich in Lobsprüchen ihrer
körperlichen und geistigen Vorzüge ergehen und den ganzen Wortschatz der
Galanterie aufbieten muß, um ihres Liebreizes Herr zu werden. Es gibt aber
Augenblicke, wo die Huldigung vor einer Frau _keine_ Worte findet – wo sie
uns, durch ihr bloßes Dasein, derartig in den Staub vor ihrer Hoheit
zwingt, daß wir verstummen müssen. Wer einmal sein eigenes Kind an der
Brust der Mutter sah – wer erblicken durfte, wie es gesättigt, still
daliegt, ihre Brust mit seiner kleinen Hand sanft streichelt und sie
dankbar anlächelt, mit einem Blick voll tiefster Verehrung –, wer einmal
diese Weihe empfinden durfte –“

„Der scheint doch auch Worte dafür zu finden“, sagte der Prinz rasch, dem
General ins Wort fallend. Denn er wußte, daß dessen jetzige Ehe kinderlos
war, und sah einen Schatten über das Gesicht der jungen Frau huschen.

Ein dankbarer Blick aus ihren Augen lohnte es ihm.

Der General sah es und verstand wohl, wie sehr er sich in Nachteil gesetzt
hatte. Er ließ sich aber nichts merken, schenkte die Gläser voll, trank
seinem Gast zu, und so allmählich fing man wieder an, alles rosenrot zu
sehen, vergaß alle wirklichen und eingebildeten Sorgen, lachte, scherzte
und freute sich wie ein Kind über jede Kleinigkeit. Und als die Sonne
schon im Westen sank und man sich anschickte, auf die Terrasse zu gehen,
um sie hinter den Hügeln drüben verschwinden zu sehen, da war’s dem
Prinzen so gegangen, wie seinem Gastgeber selbst bei dem denkwürdigen
Essen im Hause seiner nachmaligen Schwiegereltern – er hatte zu tief in
die großen Augen der jungen Frau geblickt. Ihr Lächeln hatte es auch ihm
schon angetan. Und – als die letzten Strahlen der Sonne die leichten
Abendwolken zu vergolden anfingen und den Himmel in Brand setzten, da
loderte sein leicht entzündbares Herz schon lichterloh. Er wurde blind und
taub, sah nicht die finsteren Blicke seines Gastgebers, hörte nicht den
verhaltenen Unmut, der, trotz allen schuldigen Respekts, in seiner Stimme
zitterte.

Er flüsterte ihr zärtliche Worte zu, verliebte Blicke flogen hin und her.
– Denn die Märchenprinzen waren nicht allzu häufige Gäste, und die gute
Erziehung gebietet Höflichkeit! Komplimente aus hohem Munde werden also
selten anders als mit dankbarer Rührung empfangen.

Kurz, der Prinz war auf dem besten Wege, seine kurz vorher so beredt
dargelegte Absicht auch praktisch zu bestätigen, daß er’s schon verstehen
würde eine Gelegenheit auszunützen – sobald er sie hätte!

Schließlich merkte die junge Frau an den Blicken ihres Mannes, daß sie das
Spiel zu weit hatte gehen lassen.

Schnell suchte sie der Unterhaltung eine andere Richtung zu geben und
erbat sich vom Prinzen die Gnade, sich an seiner weit und breit gerühmten
Fertigkeit im Klavierspiel ergötzen zu dürfen.

Der Prinz, dem die Lebenslust schon weit erlesenere Freuden vorgaukelte,
sagte leicht seufzend zu, und man ging in den Salon. Er setzte sich ans
Spinett und ließ sein Ungestüm über die Saiten dahinbrausen.

Die Spannung legte sich. Die fiebernde Unruhe wich aus den Gemütern.
Langsam sanken die Menschenkinder aus den rosenroten Wolken, in denen sie
soeben hoch über allem Erdgebundenen geweilt hatten, zurück zur
Alltagserde.

Der Prinz merkte es. Die Gelegenheit war nahe daran, ihm aus den Händen zu
schlüpfen. Das durfte nicht sein. Er schloß mitten im Stück, sprang auf
und setzte sich der Generalin zu Füßen.

„Hier ist der einzige Platz, von dem aus man Ihnen Ritterdienste widmen
darf!“ sagte er feurig. „Ihnen zu Füßen, Ihnen zu Ehren, Ihnen zuliebe
singen und dichten, um aus Ihrer Hand den Sängerpreis zu empfangen.“

„Hoheit bringen mich in Verlegenheit!“

„Sie waren ebenso grausam, _mich_ in die größte Verlegenheit zu bringen!
Denn so befangen war ich noch nie. Meine Hände spielten – mein Herz nicht!
– Mein Herz lag hier vor Ihnen im Staube – und hat mir meinen Platz
gezeigt! Hier habe ich wieder die Macht über mich gewonnen – hier singt
wieder alles in mir. Und wenn Sie befehlen, flechte ich aus meinen
Gefühlen für Sie einen Kranz, ziere ihn mit Reimen und biete ihn Ihnen auf
den Knien als eine Gabe der Hochachtung dar. Genehmigen Sie’s gnädigst?“

„Sag’ du ruhig ja, Malchen, geniere dich nicht und danke für die Gnade“,
fiel ihm Blücher in die Rede. „Dichtung ist Dichtung und hat mit der
Wirklichkeit nichts zu tun!“

„Sagen Sie das nicht, General“, antwortete der Prinz. „Die Dichtung führt
manchmal die Wirklichkeit herbei – auch wenn sie ihr noch nicht entnommen
werden könnte! Seien Sie nur nicht sicher!“

Er lächelte übermütig und trommelte dabei wie suchend einen Rhythmus auf
der Erde vor sich hin. „Hören Sie erst, und dann entscheiden Sie! Darf ich
anfangen?“ wandte er sich an die junge Frau.

„Ich bitte darum, Hoheit!“

Der Prinz blickte verstohlen lächelnd zu Blücher hin, wandte sich dann an
sie.

„Hier in Vulkans Schmiede kann man ja nur von Mars und Venus singen“,
sagte er und fing an:

  „Mars, von Siegen übersättigt,
  kehrt in Venus’ Liebesgarten
  ein, der Göttin aufzuwarten.
  Auf die Frage: Was berechtigt
  Ihn, hier einzudringen? gibt
  er die Antwort: weil er liebt
  – nach dem blutigen Entsetzen
  andrer Kämpfe – das Ergötzen!

  Liebt zu sehn, wie kleine Füße
  kunstvoll sich im Tanze winden,
  Netze knüpfend, die ihn binden, –
  Fessel, die mit ganzer Süße
  den Gefangenen bedrückt,
  wonneschauernd ihn beglückt,
  läßt in Liebesbanden schmachten
  ihn, den großen Herrn der Schlachten!

  Amorinen, schnell geschäftig,
  mühn sich um des Gottes Waffen,
  salben seine Glieder, schaffen
  Labung, deren er bedürftig,
  schnell herbei mit vielem Fleiß,
  bringen ihm den Siegespreis,
  winden um sein Haupt die Myrten,
  helfen alles loser gürten.

  So gerüstet tritt der Heros
  an der Göttin Lager, – findet
  sie in Tränen. Klagend windet
  sich der zarte Leib, und Eros,
  sonst ihr Helfer, abseits steht,
  blind und taub, wie sie auch fleht,
  ihre Fessel schnell zu brechen,
  eilt nicht, ihre Schmach zu rächen.

  Mars, behende, packt mit schnellen
  Griffen zu, die Fesseln fallen,
  sausen durch die weiten Hallen,
  an den Felsen sie zerschellen.

  Ihrem Retter sittig dankt,
  sich erhebend, Venus, wankt
  auf ihn zu, reicht, lieblich flötend,
  ihm die Hände, sanft errötend.

  Eros rasch nach seinen Pfeilen
  greift. Er zielt, und hinterrücklings
  trifft den Helden er – – –“

„Um Vergebung, Hoheit, wenn ich unterbreche“, fiel ihm Blücher hier
plötzlich in die Rede.

„Bitte!“ sagte der Prinz etwas nervös und hörte jäh mit der Improvisation
auf. Auch die junge Frau schien nicht besonders erbaut von der Störung zu
sein.

Blücher aber fuhr unentwegt fort:

„Ich würde mich schon sehr dafür interessieren, zu hören, welchen
wunderbaren Reim Hoheit auf das häßliche Wort ‚hinterrücklings‘ finden
würden –“, sagte er.

„Warum häßlich?“ warf der Prinz gestochen ein.

„Weil mir alles zuwider ist, was nicht offener Kampf Auge in Auge ist!
Aber davon wollte ich nicht reden! Ich wollte nur, ehe wir – im Gedicht –
so weit wie bis zur Untreue kommen, mir erlauben, an einen Umstand zu
erinnern –“

„Welchen?“

„Die holde Dame, Venus, hatte doch bekanntlich einen Gatten.“

„Gewiß!“

„Daß er seinen Liebesgarten so schlecht bewachen würde, daß ihm der erste
beste Buschklepper ins Gehege fallen konnte, erscheint mir doch sonderbar!
Wo mag er wohl bei der Gelegenheit geweilt haben?“

„Was weiß ich? Nehmen wir an, er war damit beschäftigt, dem Kriegsgott
Waffen zu schmieden!“

„Sehr wohl. Als alter Schmied seines Glückes hatte er aber sicher gelernt,
sich nicht vom Lärm der Schmiede sein Gehör so betäuben zu lassen, daß er
nicht merkte, wenn fremde Vögel in seinem Neste Liebeslieder sangen.“

„Ich denke auch nicht. Die Fabel belehrt uns ja darüber. Vulkan wartete,
bis er die beiden Verliebten _in flagranti_ ertappen konnte, fesselte sie
dann in einem kunstvoll geknüpften Netz und zeigte sie so aller Welt. Ob
auf ihre oder seine Kosten gelacht wurde, meldet die Fabel nicht. Ich
nehme aber das letztere an.“

„Wenn er es so weit gehen ließ, daß er überhaupt nötig hatte, seine
Geschicklichkeit im Knüpfen von Netzen zu zeigen, so verdiente er
allenfalls, ausgelacht zu werden“, sagte Blücher ruhig. „Ich hätte diesen
Ehrgeiz nicht!“

„Von dir ist doch nicht die Rede“, fiel die junge Frau ein, der es bei dem
Rededuell sonderbar zumute wurde.

„Hoffentlich nicht!“ antwortete ihr Mann. „Von mir würde _in dem Sinne_
nicht die Rede sein können. Denn ich ziehe es für gewöhnlich vor,
vorzubeugen – _ohne_ mit meiner Geschicklichkeit darin zu prahlen. Ich
habe nur den Ehrgeiz, in der Sache selbst obzusiegen und lade nicht ein,
darüber zu lachen oder zu schwatzen.“

„Sie sind eben sehr rücksichtsvoll, lieber Blücher“, sagte der Prinz und
sprang von seinem Platz zu ihren Füßen auf. „Mir scheint aber, mein Wagen
fährt jetzt vor. Es wird Zeit, an den Aufbruch zu denken!“

Die beiden Gatten erhoben sich. Die Tür öffnete sich für den Adjutanten
des Prinzen, der sich zur Stelle meldete. Der Prinz küßte galant die Hand
der Frau Generalin, nahm Säbel und Mütze von seinem Adjutanten entgegen
und wandte sich seinem Gastgeber zu.

„Fahren Sie ein Stück mit, General, so plaudern wir noch ein wenig und
stechen bei mir eine Flasche aus?“

„Vielen Dank, Hoheit. Der Dienst ruft. Ich muß noch heute abend die Posten
inspizieren!“

„Nun denn, auf Wiedersehen!“

Noch ein Gruß der gnädigen Frau, und er ging, von Blücher bis an den Wagen
geleitet.

„Ich bringe Ihrer Frau noch eine Rose für das unterbrochene Gedicht!“
sagte er, indem er sich in den Wagen setzte. „Das wird meine Rache Ihnen
gegenüber sein, General! Es muß alles seine Ordnung und seinen gehörigen
Abschluß haben!“

Lachend und gnädigst grüßend fuhr er ab.

An einer Biegung des Weges, als sie schon außer Sicht vom Hause des
Generals waren, ließ der Prinz halten, sprang aus dem Wagen, befahl dem
Adjutanten, weiterzufahren und erklärte, allein durch die Felder nach
Hause gehen zu wollen.

Der Wagen fuhr weiter, der Prinz streckte sich hinter einem dichten
Gebüsch aus und blickte hinaus in die blaue Sommernacht.

Vom Wege tönte lauter Gesang einer Männerstimme zu ihm herauf und das
Geräusch von sich nähernden Schritten.

  „Wir haben ihn aufs Haupt geschlagen
  und täten ihn aus dem Felde jagen,
  der Schimpf, der wird sich ma–achen.
  Mit Gottes Hilf’ und unserm Schwert
  ihm teuer gemacht sein La–achen,
        ja Lachen.“

Der Sänger war jetzt gerade vor ihm. Der Prinz erhob vorsichtig sein Haupt
und blickte auf den Weg hinunter.

Es war Blücher.

Die kurze Pfeife im Mundwinkel blieb er, den Rücken zugekehrt, einen
Augenblick stehen und blickte über den Fluß hinaus. Nahm dann die Pfeife
in die Hand und setzte den Weg fort, weitersingend.

  „Es gab ein blutig Retirad,
  dabei auch noch gar mancher hat
  sein jung frisch Leben verloren,
  den nun sein Mütterlein beweint,
  die ihn mit Schmerzen geboren,
        ja geboren.“

„Inspiziere du ruhig deine Posten“, sagte der Prinz halblaut. „Inzwischen
bringe ich mein unterbrochenes Gedicht zu Ende!“

Mit einem Sprung war er auf dem Weg, eilte schnell wie der Wind zurück
nach dem im Halbdunkel liegenden Hause des Generals, riß eine der
schönsten Rosen an sich und schlich um das Haus herum nach der Seite, wo
er das Fenster der jungen Frau wußte.

Das Fenster stand offen.

Schnell entschlossen packte er den Stamm des Efeus und enterte hoch, die
Rose im Mund.

Eine Manneslänge trennte ihn noch vom Fenster, da hörte er unter sich ein
Fluchen und Wettern.

„Da schlage doch der Donner drein! Wer klettert mir da an der Wand.
Schockschwerenot, herunter oder –“

Es war Blücher, der, von seltsamer Unruhe ergriffen, seine Inspektion
hatte fahren lassen und umgekehrt war.

Der Prinz fand sich sofort in die Situation, hielt sich mit einer Hand in
seiner schwebenden Lage fest, nahm mit der anderen die Rose aus dem Mund
und winkte.

„Seien Sie still, Blücher, wecken Sie Ihre Frau nicht – ich will ihr nur
die versprochene Rose durchs Fenster werfen! Gnädige Frau!“ sagte er
entschuldigend zur Generalin, die jetzt am Fenster erschien. „Genehmigen
Sie huldvollst diesen duftenden Gruß als angemessenen Abschluß unseres
unterbrochenen Gedichtes!“

Noch ein paar Klimmzüge, und er war so weit oben, daß er die Rose
überreichen konnte. Die junge Frau nahm sie.

„Hierher die Rose!“ kam es scharf von unten. Die Blume flog gehorsamst
Blücher zu Füßen. Fast ebenso schnell war auch der Prinz unten, stand
aufrecht vor ihm und blickte ihn herausfordernd an.

„So schnell geht’s abwärts, wenn ich dabei mitwirke!“ sagte Blücher, jetzt
vollkommen ruhig. „Darf ich bitten, die Rose!“ Er reichte dem Prinzen die
Blume. „Sie hat sich als Wegweiser vortrefflich bewährt!“

Der Prinz machte eine abwehrende Handbewegung.

„Machen wir uns nicht lächerlich!“

„Ich sorge nur für mich“, sagte Blücher und steckte sich in aller
Seelenruhe die Rose ins Knopfloch.

„Guten Abend, General!“ sagte der Prinz kurz, machte kehrt und verschwand
mit raschen Schritten in dem immer mehr zunehmenden Dunkel des Abends.

Blücher wandte sich zu seiner Frau, die jetzt herauskam und ihre Hand auf
seinen Arm legte.

„Hier hast du die prinzliche Rose, Malchen“, sagte er launig und steckte
sie ihr an den Busen. „Behalt’ sie nur. Ich nehm’s dir nicht krumm, wenn
dir ihr Duft ein wenig zu Kopfe steigt. So muß es ja sein: alles muß dir
zu Füßen liegen, alles in dich verrückt sein. Fürsten und Könige müssen um
deine Gunst buhlen und ihre Knochen riskieren um einen Blick deiner Augen.
Nimm du’s ruhig an. Daß sie dir nicht zu nahe kommen – _dafür sorge ich
schon_, wie du siehst! In _dem_ Kriegshandwerk nehme ich’s auch mit jedem
auf. Ich war selbst kein Kostverächter, als ich jung war!“

Sie schlang ihre Arme um seinen Hals und blickte zu ihm auf.

„Du hättest das von dem Kinde nicht vor ihm sagen müssen“, sagte sie leise
vorwurfsvoll.

„Werd’ nur nicht sentimental, Malchen“, sagte er und gab ihr einen
herzhaften Kuß. „Das steht dir nicht, und ich mag’s nicht leiden. Meine
Tochter nehme ich jetzt ins Haus, da bist du nicht allein. Viel jünger wie
du ist sie nicht, ihr werdet euch gut anfreunden, denke ich! Und so kriege
ich sie von ihren Großeltern fort. Die verziehen sie mir nur. Und ich kann
für meinen Tod nicht all diese welsche Erziehung der jungen Weiber leiden,
wie sie nur Französisch parlieren und sich mythologisch vorschwärmen
lassen können.

Die Rike mußt _du_ in Behandlung nehmen, Malchen, wenn sie kommt, und ihr
das Welsche gehörig wieder austreiben! Versprich mir das! Und wenn sie
auch französisch frisiert sein sollte, wofür sie der Deibel holen soll, so
kämm’s ihr nur schleunigst aus! Kämm’s aus, Malchen, sonst lasse ich mich
von dir scheiden!“

Damit nahm er sie unter den Arm und ging mit ihr ins Haus hinein.





                                    8
                            „PRÜSKE DICKKÖPPE“


Franz Joseph Gall, Anatom und Phrenolog, war auf seiner Rundreise durch
die größeren Städte Deutschlands auch nach Münster gekommen, wo Blücher,
nach der Besetzung des Münsterlandes, als preußischer Gouverneur
residierte.

Er las dort Gläubigen und Ungläubigen ein Kolleg über Dickschädel,
Hohlschädel und andere kraniologische Kuriosa vor. An der Hand eines
menschlichen Kraniums entwickelte er seine ebenso neue wie
aufsehenerregende Lehre, in der er es unternahm, nach der Gestaltung der
Schädeldecke auf das Geistesvermögen eines Menschen zu schließen.

Das war im „Staate der Heiligen“, wie Blücher sie nannte, nichts denn ein
tollkühnes Beginnen und ein Greuel vor dem Herrn! Zum Entsetzen aller
Strenggläubigen unternahm der Herr Physikus ja nichts mehr und nichts
weniger als die Seele – die bis jetzt alleinige Domäne der heiligen Kirche
– zum Objekt einer profanen Wissenschaft erniedrigen zu wollen!

Man hatte sich wohl, durch die vor kurzem begonnenen Säkularisationen, an
vieles gewöhnen müssen! Man hatte gesehen, wie der Kirche Ländereien und
Viehherden entzogen worden waren! Man staunte über nichts mehr!

Aber eine Lehre, die die Decke eines ehrsamen Bürgerschädels und bisherige
bevorzugte Abladestelle kirchlichen Segens auf die Geheimnisse des
darunter gehorsamst schlafenden Seelenlebens untersuchen wollte – die
dessen Hügel und Talmulden zum Forschungsgebiet einer ganz gemeinen
Neugier erniedrigte und den Geist sozusagen mit den Fingern betasten
wollte, die ginge doch, und nicht nur figürlich, über die Hutschnur!

Für Blücher war die Phrenologie ein gefundenes Fressen und eine
Belustigung besonderer Art.

Als alter Husar hatte er wohl stets seinen Kopf für sich gehabt und sich
wenig darum gekümmert, ob oder inwiefern er ins System der anderen
hineinpaßte.

Als Gouverneur mußte er ihn aber von Amts wegen täglich mit so vielen
andersgearteten Querköpfen karambolieren lassen, daß er freudig jeden
Versuch begrüßte, eine Art Topographie des menschlichen Schädelgeländes zu
schaffen.

Es brachte immerhin ein bißchen Ordnung in die Sache hinein und würde am
Ende doch noch dazu beitragen, den amtlichen Geschäftsgang zu
vereinfachen! Wenn der Herr Gouverneur sich auch nicht verhehlen konnte,
daß amtliche Konfusionen mit überflüssigen „Rückfragen“ und anderem
verfänglichen Geschreibsel, als Ausfluß höchster Beschränktheit, durch
nichts mehr zu beschränken seien! –

Immerhin verdiente der Versuch behördliche Beachtung!

Der Herr Gouverneur zählte also zu den eifrigsten und aufmerksamsten
Besuchern der Gallschen Vorlesungen, was in der guten Stiftsstadt sehr
bemerkt wurde und zu allerlei Vermutungen und Auslegungen Anlaß gab.

Mit ehrfürchtigem Staunen blickten die guten Münsterianer scheu zu seiner
hohen Gestalt hinüber, die, in der ersten Stuhlreihe sitzend, alle
überragte, und mindestens ebensosehr die Aufmerksamkeit auf sich zog wie
die ketzerischen Ausführungen des gelahrten Herrn Physikus.

Weder das noch die wortlose Entrüstung eines ehrsamen Auditoriums
entgingen seiner Aufmerksamkeit.

Mit liebkosender Schärfe musterten seine Blicke die Sammlung erlesener
Schädel, die sich hier ein Stelldichein gegeben hatten, wie um als
unfreiwillige Demonstrationsobjekte zu dienen. Seine Augen leuchteten vor
diebischer Freude auf, und es zuckte spitzbübisch schlau um die Mundwinkel
hinter dem herabhängenden Schnauzbart, wenn er einen besonders leckeren
„Ball“ entdeckte.

Am häufigsten schielte er zum Nachbar links hin, dessen kurze stämmige
Gestalt den geraden Gegensatz zu ihm selbst ausmachte. Wie Raubvögel
umkreisten seine Adlerblicke den gewaltigen Kopf, aus dessen Gesicht,
unter buschigen Brauen, eine mächtige Hakennase gebietend hervorsprang.

Schmunzelnd wie ein Gourmet, dem sein Leibgericht aufgetragen wird, saß er
mausestill da, stellte aus nächster Nähe seine Untersuchungen an und
schien zu ganz merkwürdigen Schlüssen zu kommen. Indessen sein Opfer, in
Gedanken versunken, den Vorlesungen kaum zuzuhören schien und noch weniger
die Aufmerksamkeit beachtete, deren Gegenstand es war.

Endlich war der Anatomus mit seinen Ausführungen zu Ende, nahm sein
Kranium unter den Arm, rollte sein Manuskript zusammen, verneigte sich
würdevoll, ging und ließ sein kopfschüttelndes Auditorium sitzen.

Blücher stand auf, und sein Nachbar ebenso, den er jetzt, im Stehen, um
Haupteslänge überragte.

„Wissen Sie was, Baron?“ fragte er lächelnd und strich seinen langen
Schnurrbart hoch. „Als der Physikus soeben den Totenschädel aufhob, da
dachte ich: ‚Nun geht das Kegelschieben los! Nun schmeißt er ihn nach den
anderen Köpfen!‘ Die wackelten auch schon bedenklich! Die wären
durcheinandergekollert, daß es eine Lust wäre! An seiner Stelle hätte ich
den Wurf getan! So ’ne Sammlung Dösköppe war noch nicht da! Sehen Sie sie
nur an!“ flüsterte er. „Ausschaun tun sie wie ein Haufen ‚Marterln‘ von
allen möglichen Stoppelfeldern hierherverpflanzt! Und statt der gewohnten
Krähen und Dohlen schwirren ihnen lauter funkelnagelneue Gedanken um die
Köpfe, daß sie nicht mehr wissen, woran sie sind, und der Herr Physikus
noch weniger.

Keine Ahnung hat er – keine Ahnung! Was er da schwefelt, mag vor die
Franzosen gut genug sein, ihnen die Würmer aus der Nase und das Geld aus
den Taschen zu ziehen – was ich übrigens den Geizhälsen gönne! Aber so’n
richtiger preußischer Dickkopp, wie ich einer bin, und Sie erst recht,
Baron, der wird nimmermehr zugeben, daß man den Schädel erst befühlen muß,
um zu wissen, ob einer lange Finger hat oder nicht. Der wird nicht sein
‚Bekämpfungsvermögen‘, wie die Ochsen, mit dem Schädel dartun, sondern mit
blanken Hieben und derben Maulschellen, wenn’s not tut. Und was das
‚Eigentumsvermögen‘ betrifft, das er auch vom Schädel ablesen will – –“

„Da“, lachte der Baron, „setzen Sie sich an den Spieltisch und verlieren
Sie und weisen es so – negativ nach!“

„Ich gewinne auch, mein Verehrtester, und nicht zu knapp! Und das liegt
bei den Karten und hat mit dem Schädel nichts zu tun!“

„Soweit ich ihn verstanden habe,“ sagte der Baron, „gingen seine
Ausführungen auch nicht so weit auf das Gebiet des praktischen Lebens ein.
Er wollte, meines Erachtens, nur rein theoretisch dartun, wie eine
geistige Fähigkeit mit den Hirnpartien, in denen sie ihren Sitz hat, ab-
oder zunimmt, und nachher durch die dadurch entstehenden Unebenheiten des
Schädels nachzuweisen ist.“

„Das ist eben falsch“, sagte Blücher bestimmt. „Die Erhöhungen des
Schädels besagen gar nichts – bei den meisten Menschen jedenfalls nicht
mehr als: ‚Hier ist beim gewöhnlichen Rindvieh der Platz für die Hörner!‘
– Da können Sie sich auf _mich_, als alten Landwirt, verlassen! Sehen Sie
sich nur in den Spiegel, Baron!“

Der Baron blickte ihn an.

„Ich möchte doch sehr bitten!“ sagte er scharf.

„Sehen Sie sich nur in den Spiegel!“ lachte Blücher. „Nach den Theorien
Galls müßten Sie ein gutmütiger, braver Spießer sein – sanft, fromm und
nachgiebig – das Muster eines Familienvaters! Nach _meinen_ dagegen – und
ich verstehe etwas von Köppen – ich habe mein Lebtag so ville eingeseift –
nach _meinen_ Theorien also, und wenn ich nicht wüßte, daß Sie der
Reichsfreiherr vom Stein sind und Oberpräsident der Westfälischen
Domänenkammer – da würde ich sagen: das ist ein Raufbold schlimmster
Sorte!“

„Um Gottes willen!“

„Oder zum mindesten ein geheimer Raubmörder!“

„Das auch noch!“

„Gestehen Sie’s nur, Sie haben so etwas auf dem Kerbholz!“

„Nicht einmal im Traum!“

„Sie werden doch unter Ihren reichsritterlichen Ahnen wenigstens einen von
der Sorte haben?“

„Kann schon sein!“

„Nun, sehen Sie! Da werden Sie von ihm ebensoviel geerbt haben, wie ich
von dem meinigen, und mit mir eines Sinnes sein und eine Schädellehre
haben, und die ist nun die nämliche: wenn all die Dickköppe und Strohköppe
und Hohlköppe und Dösköppe und Schafsköppe und Quasselköppe, von denen der
Schädelgelehrte da nichts wußte, obwohl wir hier im Lande einen Überfluß
daran haben – wenn _die_ alle im Staate mitreden sollten, wie Sie es
wollen, oder sich gar zu einem Parlament zusammentun dürften, um Geschrei
und allerlei Konfusion zu machen – wie drüben in Paris –, das wäre weit
schlimmer als eine allgemeine Kopflosigkeit! Da hilft nur _ein_ Mittel
dagegen, und das ist nun das nämliche, was die Jakobiner so gut zu
handhaben wußten, nämlich: die Guillotine! Aber auf die richtige Art
angewandt – an den Jakobinern selbst. Runter mit dem Salat, das hilft!
Nachher wird kein unnütz Stroh gedroschen!“

„Der Meinung bin ich nun nicht!“ antwortete der Baron energisch. „Es
schadet nicht, daß die Leute ihr Stroh dreschen, wenn sie nur mittun und
mitempfinden lernen. Nur wenn sie sich auch verantwortlich fühlen, nur
dann wird das eingeschlafene Gefühl der Zusammengehörigkeit mit dem
Vaterland wieder wachgerüttelt. Und kein Fremder darf dann wagen, an
deutsche Gaue Hand legen zu wollen, wie er es jetzt wieder versucht!“

Sie waren inzwischen aus der Akademie herausgekommen und gingen langsam
durch die Straßen der alten Stadt nach Hause.

Auf dem Domhof kam ihnen eine goldstrotzende Prozession entgegen mit
wehenden Fahnen, Blumen und Weihrauch und der gesamten Geistlichkeit in
prachtvollen Gewändern.

„Was nützt uns das Wachrütteln,“ sagte Blücher, „wenn die da die Macht
haben, die Geister wieder einzuschläfern?“

Der Freiherr zog seinen Hut, und Blücher salutierte, bis die Prozession
vorbei war.

„Haben Sie gesehen, wie bös die Kerle mich anschielten?“ fragte er dann
den Baron. „Die giften sich gewaltig, weil ich hier die Freimaurerloge
wieder aufgemacht habe. Een ‚prüsken Windbüdel‘ – een ‚lutherschen
Dickkopp‘ haben sie mich genannt. Der Windbüdel setzt ihnen aber noch ganz
was anderes als die Loge auf die Nase!“

„Da drüben hält eine andere Prozession“, sagte der Freiherr und zeigte auf
drei Soldaten, die einen gefangenen Deserteur transportierten und
ebenfalls von der Prozession aufgehalten worden waren. Sie blieben noch
stehen, um den General zu salutieren.

„Antreten! Melden!“ rief Blücher sogleich, als er sie sah. Und die Leute
kamen über die Straße, grüßten ihn nochmals und gaben ihren Rapport ab.

Blücher blickte den Gefangenen unwillig an. Er war ein junger, kräftiger
Bursche. Die Hände waren ihm auf dem Rücken gefesselt.

„Schämst du dich nicht, Bursche?“ rief Blücher ihm zu. „Siehst, wie der
Franzos überall in der Welt haust und wie er seine langen Finger nach
immer mehr deutscher Erde ausstreckt – hast zwei kräftige Arme zum
Dreschen und willst dich drücken, willst nicht helfen, deine Heimat von
den Schuften zu säubern?! Abführen!“ rief er, und die Leute salutierten
und zogen mit ihrem Gefangenen ab.

„Vaterlandsloser Gesell!“ kam es noch verdrießlich aus dem Gehege seiner
Zähne hervor.

„Das ist er wohl. Aber nicht durch eigene Schuld!“ sagte Stein energisch.
„Und das dürfen Sie ihm darum auch nicht vorwerfen!“

„Das wäre wohl auch!“

„Der, wie die meisten seinesgleichen, hat kein Vaterland! Der hat nur
einen Herrn, der von ihm möglichst viel Steuern herauspreßt und ihn
womöglich noch zum Kriegsdienst aushebt. Und hat er nicht den einen Herrn,
so hat er den andern. _Wer_’s ist, ist ihm gleich – ob Preuße, ob
Franzose, was schert das ihn, wenn er ihn nur möglichst wenig bedrückt!
Das vaterländische Gefühl ist eben überall bei uns im Aussterben. Ich
sagte es ja schon, und auch, wie es zu bessern wäre, wenn nicht zu spät
damit angefangen wird!“

„Ein Glück, daß die Fahnenflüchtigen unter _meine_ Gerichtsbarkeit fallen!
Denn wenn Sie, Herr Präsident, ihn abzuurteilen hätten –“

„Ich würde in dem Falle versucht sein, Milde walten zu lassen – ich
gestehe es! Übrigens werde ich bald hier nichts mehr zu richten haben!“

„Sie sind schon amtsmüde? Nach kaum zwei Jahren?“

„Das nicht! Man hat mich nach Berlin in die Regierung berufen. Ich soll
Minister werden.“

„Und Sie? Haben Sie angenommen?“

„Ich habe – _bedingt_ angenommen. Ich möchte mir wohl die Gelegenheit
nicht entgehen lassen, zum Besten meines Vaterlandes tätig zu sein. Aber –
ich möchte sie auch gehörig ausnutzen können!“

„Das traue ich Ihnen schon zu. Der König liebt es aber nicht, wenn man ihm
Bedingungen stellt!“

„Ist mir gleich!“

„Was hat er denn geantwortet?“

„Er hat – _bedingt_ zugestimmt!“

„Das ist bei ihm schon viel! Mehr erreichen Sie sicher nicht!“

„Das genügt mir aber nicht. Entweder ich bekomme die Befugnisse, die ich
brauche, um etwas leisten zu können, oder ich gebe mich mit dem ganzen
Kram nicht ab!“

„Was haben Sie denn verlangt?“

Der Freiherr blieb stehen, faßte Blücher an einem Rockknopf und zwang ihn
so, auch stehenzubleiben. Ohne sich um die Blicke der Vorübergehenden zu
kümmern, fing er dann an, seine Pläne zu entwickeln, durch die er dem
alten Schlendrian den Garaus zu machen gedachte und das alte Preußen von
Grund aus umgestalten wollte.

Erst den Beamtenkörper neuordnen, die ganze Verwaltung vereinfachen, die
eigene Jurisdiktion und Finanzverwaltung der Provinzen aufheben und
einschlägige Fachminister für das ganze Land einsetzen, so dem Reich den
fast föderativen Charakter nehmen und seine Teile zu einem Ganzen
verschmelzen – die Regierung vereinfachen; statt Generaldirektion und
Justizministerium und dem allein mit der Person des Königs verkehrenden
„Kabinettsministerium“ ein Konseil einführen, dessen Mitglieder sämtlich
direkt mit dem König verkehren könnten – dann durch Städte- und
Landgemeindeordnungen Rechte und Pflichten der Bürger und der
Landbevölkerung festlegen, ihnen Selbstverwaltung geben, das Gewerbe frei
machen, den Besitz ebenso, die Fessel des Handels beseitigen, die Armee
neuordnen auf Grund der allgemeinen Wehrpflicht, so daß das Werbesystem
abgeschafft würde und ein jeder es als eine Ehre statt als einen Zwang
empfände, das Vaterland zu verteidigen. Zuletzt eine Volksvertretung
einsetzen, mit gesetzgebender Gewalt, die die Haushaltung des ganzen
Staates zu regeln haben würde – –“

„Das ist schlau von Ihnen, Baron, die Volksvertretung zuletzt zu nennen“,
sagte Blücher. „Ich hatte schon Angst, Sie würden damit den Anfang machen
wollen! Die Jakobiner und ihr Gequassel hätten wir sowieso früh genug!
Wenn die bei Ihren Reformplänen mitreden sollten – Sie würden sich
wundern, was dabei alles herauskäme! – Sie würden Ihr eigenes Kind nicht
mehr wiedererkennen und all Ihre schönen Pläne ins Wasser fallen sehen! Am
besten lassen Sie die Redebude ganz fahren. Die vertrödelt bloß die Zeit,
weiter nichts! Wozu denn! Machen Sie’s lieber ganz allein! Machen Sie’s
mit der königlichen Verordnung – die schafft’s, wenn der richtige Mann sie
handhabt. Das sah man beim Alten Fritzen! Beschließen – befehlen, und die
Sache ist da! Und ist sie gut und ist sie richtig gemacht, _dann erst_
lassen Sie die Leute reden, wenn’s durchaus sein muß! Da ändert an einer
rechten Sache auch ein ganzes Parlament von Hohlköpfen nichts!“

„Das Volk muß,“ sagte der Freiherr energisch, „und das ist das
allerwichtigste und davon gehe ich nicht ab – das Volk muß wissen, daß es
in seinen eigenen Lebensangelegenheiten mitzureden hat! – Es muß fühlen,
daß es nicht nur dazu da ist, um ausgebeutet zu werden. So wie jetzt, ist
es ganz teilnahmlos. Wenn heute alles zugrunde ginge – es würde sich nicht
im geringsten dafür interessieren. Denn der Staat ist sein Feind – oder er
ist ihm zum mindesten gleichgültig! Das Volk empfindet nicht, daß es
selbst der Staat ist! Gelingt es nicht, ihm das zum Bewußtsein zu Dingen,
so sind wir als Staat verloren und als Volk erst recht.“

„Verehrter Freund,“ antwortete Blücher, „es kann sein, daß Sie recht
haben! Wir haben aber keine Zeit, kostspielige Versuche zu machen. Die
Welt brennt jetzt an allen Ecken und Enden – sollen wir da Kinder und
unerfahrene Leute mit dem Feuer spielen und unser eigenes Dach in Brand
setzen lassen? Was sagte ich vorhin – den reinen Verbrecherkopf, den
reinen Verbrecherkopf haben Sie!“

Stein lachte. Aber Blücher faßte ihn beim Arm und zeigte auf den Turm der
Lambertikirche.

„Sehen Sie da hinauf“, sagte er. „Da oben baumelten vor etlichen
Jahrhunderten – wie viele ist mir Wurst – zwischen Himmel und Erde, in den
drei eisernen Käfigen, je ein solcher Neuerer wie Sie! Sie wissen: der
Schneidermeister und König vom ‚Neuen Zion‘, Johann von Leiden,
Knipperdolling, sein Kanzler und Henker, und Krechting – denn so hieß wohl
der Dritte im Bunde! Die hingen da, bis die Vögel des Himmels ihnen das
Fleisch von den Knochen gerissen hatten. Und das waren Leute, die auch –
in ihrer Weise – das Volk ‚frei‘ machten, das Alte, Bewährte in Trümmer
schlugen, mit Feuer und Schwert vertilgten und ‚das Neue Reich‘ auf dem
Schutthaufen aufrichteten. Vergessen Sie nicht: wir stehen hier auf dem
klassischen Boden solcher Revolutionen, mitten im ehemaligen Reiche der
Wiedertäufer.“

„Für blutige Revolutionen,“ sagte der Baron ruhig, „wie damals die der
Wiedertäufer und heute die Französische, ist hier bei uns kein dauernder
Boden. Die Methode führt bei uns zu weiter nichts, als zu stärkster
Gegenwirkung. _Wir_ müssen das anders machen, wenn wir uns verbessern
wollen – und das möchte ich eben versuchen.“

„Das tun Sie nur, Baron. Gehen Sie nach Berlin! Ich behielte Sie wohl am
liebsten hier, aber da sind Sie uns viel nötiger! Gehen Sie nach Berlin –
– seien Sie frech –!“

„Frech nicht, aber entschieden!“ lächelte der Baron.

„Das ist bei mir ein und dieselbe Chose!“ sagte Blücher, nahm ihn beim Arm
und zog ihn weiter mit.

„Eins bitte ich nur aber aus“, sagte er dann im Gehen. „Wenn Sie dabei
sind, alles neu zu machen – von der Armee lassen Sie die Finger! Die
besorgen wir vom Bau besser!“

„Ihr vom Bau hängt zu sehr am Althergebrachten, um Neuerungen die rechte
Unbefangenheit entgegenzubringen!“

„Man muß wohl, wie Sie, unabhängiger Reichsritter gewesen sein, keine
Armee zu kommandieren und kein Land zu regieren gehabt haben, um beides
besser zu verstehen – nicht wahr?“ lachte Blücher.

„Ganz gewiß. Da behält man eben den Kopf frei, hat keine Scheuklappen vor
den Augen und ist an nichts gebunden als an sein gesundes, natürliches
Urteil!“

„Sehen Sie – das gefällt mir bei Ihnen, Baron! Aber trotzdem mag ich
nicht, daß die Zivilisten an der preußischen Armee herummäkeln! Es ist ja
viel daran zu bessern, das stimmt. Aber es steckt ein guter Kern darin,
der erhalten zu werden verdient –“

„Eben weil der Kern in der preußischen Volkskraft ruht“, sagte der
Freiherr. „Aber nur _wir_ Eingeweihte empfinden das. Das Volk müßte sich
dessen auch bewußt werden, damit es an unserer Wehr mitschafft und so
seine Kraft verdoppelt!“

„Wer würde das nicht wünschen? Sie wollen aber alles wegwerfen und von
Grund aus neu aufbauen.“

„Auf _altem_ Grund neu – –“

„Das geht zu weit. Was gut und wertvoll ist vom alten Gemäuer, das müssen
wir mit hinübernehmen – wie unsere Vorfahren bei ihren Kirchenbauten. Die
fingen oft romanisch an – sehen Sie nur die alten Kirchen im Lande an –
und bauten ruhig gotisch weiter, sobald die Zeit es verlangte, und
schlugen so in _einem_ Bau Brücken von Zeitalter zu Zeitalter. So eine
Brücke ist unsere Armee. Werft sie ab – und drüben bleibt der Geist der
Ordnung, der Tapferkeit und des unbeugsamen Mutes, der sie immer
auszeichnete, und kann nicht zu uns herüber.“

„Der braucht nicht herüberzukommen, denn er ist da, wie er immer in
unserem Volke da war. Er wird uns täglich neu geboren!“

„Aber auch täglich wieder totgeschlagen“, erwiderte Blücher ernst. „Und
das eben möchte ich vermieden wissen! Solch einen Totschlag am Geist der
Ordnung und Tapferkeit wollt ihr Herren vom Zivil eben begehen, wenn ihr
die Hände nach dem preußischen Heere ausstreckt! Ihr sollt mir aber die
preußische Armee nicht kaputt machen wollen. Ich habe mit in ihren Reihen
gekämpft im Siebenjährigen Kriege – ich war mit ihr in Polen, in den
Niederlanden, am Rhein Anno dreiundneunzig und vierundneunzig –, ich habe
gesehen, was der preußische Soldat kann, wenn die Führung taugt. Ich
verstehe etwas von der Sache und weiß, solch eine Waffe wirft man nicht
ohne weiteres fort! Schwerenot! Wenn ich einen guten, scharfgeschliffenen
Säbel habe, der mir gut in der Hand liegt und mir vertraut ist, den werf’
ich nicht zum alten Eisen und hole mir einen neuen, der mir am Ende
weniger zusagt, sondern ich hau’ feste zu! Aufs Dreinhauen kommt’s heute
noch an wie immer! Der richtige Kerl muß nur da sein, der die Waffe der
Väter zu führen versteht, dann taugt sie auch!“

„Das weiß ich ebensogut wie Sie!“ versetzte der Freiherr ein wenig
gereizt.

„Nun, was wollen Sie denn!“ rief Blücher nicht weniger heftig. „Wenn Sie
das wissen, da müßten Sie sich auch sagen, daß unsere Waffe nicht
verrosten kann! Da müßten Sie doch sehen, daß heute, wie immer, Leute
genug dabei sind, sie frisch zu polieren, den Geist und die Bildung beim
Offizier zu heben, das Untaugliche hinauszuwerfen und mit dem Schlendrian
reinen Tisch zu machen! Und auch, daß uns nichts fehlt als der Befehl zu
rascher Tat!“

„Das alles sehe ich wohl!“ sagte der Baron. „Aber auch das viele
Überlebte, das leider Gottes die Macht hat, jede Entwicklung zum Besten
aufzuhalten. Da hilft nicht allein der Mann, der befehlen kann – denn was
nützen mir Befehle, wo der Gehorsam fehlt?! Der Geist, der sich
bereitwillig dem Ganzen unterordnet, der fehlt oben wie unten! Erst muß da
Wandel geschaffen – erst muß von Grund aus alles neu geordnet werden. Und
der Grund kann nur die allgemeine Wehrpflicht sein, die jedem Staatsbürger
das Recht, aber auch die Ehrenpflicht gibt, das Land zu verteidigen, und
jede Anwerbung von ausländischem Gesindel ausschließt! _Da_ müßten die
Leute den Hebel ansetzen, die, wie Sie sagen, auch in der Armee dabei
sind, mit dem alten Schlendrian aufzuräumen –“

„Am Ende haben sie’s längst getan!“ rief Blücher und blickte den Freiherrn
schalkhaft an. „Passen Sie nur auf, Baron! Sie werden noch von denen
überholt!“

„Das würde mich der Sache wegen freuen“, antwortete Stein ruhig. „Nach
allem, was ich bis jetzt gesehen habe und nach dem, was ich zu meinem
Erstaunen soeben auch von Ihnen hören mußte, glaube ich aber nicht recht
daran.“

Blücher lächelte.

„Sehen Sie sich nur die jungen Leute an, wenn Sie nach Berlin kommen! Da
werden Sie gleich am Hofe einen finden, der nach Ihrem Sinne ist – ein
junger Kerl, der beim Prinzen August Adjutant ist –, Clausewitz heißt er –
kein Windhund, leider, aber sonst ganz mein Fall! Ein Gesicht hat er, das
nach sehr gutem Rotspon aussieht – geht nicht aus sich heraus, außer
wenn’s eine Sache gilt, dann aber auch gehörig! Den nehmen Sie sich vor!
Sagen Sie ihm weiter nichts als das eine Wort: ‚Scharnhorst‘, da sollen
Sie sehen, wie er wie eine Pulvermine auffliegt und gleich Feuer und
Flamme ist. Auf den Scharnhorst schwören sie, all die jungen Leute, die er
bei der Kriegsschule ausgebildet hat. Und recht haben sie. Denn er taugt
was, er kann was, und er weiß, was er will. Aber ehe es so weit ist, daß
man allerhöchsten Ortes auf ihn hört, da wird er wohl auch steinalt sein
und nichts mehr wollen können! Es ist leider Gottes nicht allen gegeben,
ihr Leben lang siebzehn Jahre alt zu bleiben.“

„Deshalb sollen die, denen es gegeben wird,“ sagte der Baron mit Betonung,
„sich nicht dagegen sträuben, vorzugehen, wo es not tut!“

„Sträube ich mich etwa?“ rief Blücher lebhaft. „Wissen Sie, ob ich nicht
schon eine Denkschrift in der Sache fertig habe?“

„Bei Ihrer Aversion gegen alles Geschreibsel?“ lächelte der Baron.

„Nun – wenn die Armee so heruntergekommen ist, wie Sie sagen, warum
sollten die Generäle dann nicht auch zur Feder greifen und Tinte
verspritzen statt Blut? Taugen wir weiter nichts – dazu taugen wir sicher!
Da stehen wir auch unseren Mann, besser als die meisten von den Herren
Diplomatikern!“

Und ohne die Entgegnung des Barons abzuwarten, zeigte er auf das Rathaus,
an dem sie jetzt vorbeigingen, und fragte plötzlich:

„Waren Sie drin?“

„Wiederholt!“

„Haben Sie den Friedenssaal gesehen, wo der Westfälische Friede gemacht
wurde?“

„Ich war drin!“

„Haben Sie sich die Bilder von all den Gesandten genau angesehen, die
jenen sauberen Frieden gemacht haben, deren Namen längst vergessen sind?
Die hängen da mit Recht zur ewigen Schande der Zunft. Weil sie unser
armes, verwüstetes, entvölkertes und ausgeplündertes Deutschland beim
Friedensschluß noch mehr zerstückelten und dem Fremden verschacherten,
damit er es auf Jahrhunderte hinaus als Tummelplatz für seine Kriegsvölker
gebrauchen konnte. Haben Sie sie gesehen?“

„Man zeigte sie mir!“

„Nun – haben Sie jemals so ’ne Sammlung Schafsköpfe beisammen gesehen?
Diplomatiker, wie nur wir sie noch heute haben – Schlauberger ihrer
eigenen Meinung nach, die so gut wissen, wie alles verkehrt gemacht werden
muß, nachdem die Welt sich verblutet hat! Und nachher müssen wir wiederum
bluten – weil die so überschlau waren, so saudumm zu sein! Sehen Sie sich
die noch einmal an! Und nachher gehen Sie nach Berlin, und lassen Sie sich
zum Minister machen! – Räumen Sie mit dem Gesindel auf, rotten Sie’s mit
Stumpf und Stiel aus! Da rennen Sie mit Ihrem harten Verbrecherschädel das
ein, was zuerst herunter soll! Da haben Sie morsches Gemäuer genug für
Ihren Bedarf! Kreuzelement, was die Leute bloß alles anrichten! Was die an
guten Gelegenheiten vorübergehen lassen – wie die uns allmählich von allen
Freunden trennen und die ganze Welt gegen uns aufbringen! – Weil das
Schlappschwänze sind, müssen wir auch dafür gelten! Ihretwegen wagt man
sich an uns heran! Da müßte schleunigst einer an die Spitze – ein ganzer
Kerl, der nichts versteht als nur das eine: die Wut loszulassen, die in
uns allen kocht, daß wir endlich einmal wie das heilige Donnerwetter
dreinsausen können und reinen Tisch machen! Wie würden wir dann in der
Welt dastehen! Ich müßte da vierundzwanzig Stunden zu befehlen haben!
Vierundzwanzig Stunden nur!“

„Ja, wenn Sie nur nicht zu jung wären“, sagte der Baron, über den Eifer
Blüchers schmunzelnd.

„Zu jung?! Sechzig durch!“

„Werden Sie erst siebzig – toben Sie sich erst aus! Sonst werden Sie uns
mit Ihrem jugendlichen Ungestüm alles kaputt machen, wenn Sie das Heft in
die Hand bekommen!“

„Davor brauchen Sie keine Angst zu haben. Man ist allerhöchsten Ortes
nicht so schlau, mich als Berater zu nehmen! Sonst würden wir nicht alle
Tage Sachen erleben, bei denen einem Dutzende von Läusen über die Leber
kriechen! Schwerenot, wenn ich bloß an das Letzte denke, wie wir nun
glücklich nach vielem Hin und Her die Franzosen doch in Hannover stehen
haben – alles, weil unsere klugen Herren da oben wieder so schlau waren
und so gerne möchten und doch nicht zuzugreifen wagten!
Himmeldonnerwetter, wie war’s mir, als ich davon Wind bekam! Ich bin
kopfüber nach Berlin gereist, ich habe gefleht, ich habe geflucht – nichts
hat geholfen! ‚Gehen Sie nach Münster, General‘, war alles, was man mir
antwortete. ‚Dort haben Sie Ihr Kommando!‘ Und ich ging – und – an der
hannoverschen Grenze in Diepholz, da empfingen mich schon französische
Gendarmen und scharwenzelten und parlierten und machten die Honneurs, als
wären sie dort zu Hause! Und Herr Mortier troff von Freundlichkeit und
falschem gallischen Gemüt über! Hol’ ihn der Teufel! Wenn ich den nur
wieder herausschmeißen darf! Jetzt sieht’s der König schon ein! Jetzt
möchte er auch gern die Parlezvous wieder heraus haben! Aber statt mir den
Befehl zu geben, sie zum Teufel zu jagen, betraut er seine Diplomatiker
damit, und da wird’s noch gute Weile haben. Die Leute müßte man dem
Physikus Gall in Behandlung geben. Der müßte ihnen die Schädel ordentlich
befingern!“

„Ich möchte gern,“ sagte Stein und lachte in sich hinein, „ich möchte gern
wissen, was Sie sagen würden, wenn Sie, als ganz Unbeteiligter, Ihren
eigenen Kopf in die Finger bekämen, um ihn auf seine Fähigkeiten zu
untersuchen! Ob Sie wohl wie ich denken würden?“

„Wie denn?“

„Lauter Gegensätze! Schlau und gerissen – und ein Dickkopf erster Güte!
Feuer und Flamme für alles lebensfähige Neue – und doch zäh am
Althergebrachten festhaltend! Allen voranstürmend, wenn es eine Sache
gilt, aber mit einem Ungestüm, das Sie oft aus dem Sattel wirft! Pech im
Kleinen, Glück im Großen – nicht wahr, so würde die Rechnung lauten?“

„Wie sie lauten würde, weiß ich nicht. Das weiß ich aber: ich gäbe gern
meinen Kopf darum, daß da oben, auf der entscheidenden Stelle, der
richtige Kopf zwischen den richtigen Schultern säße!“

Der Baron schwieg. Er blickte zum Residenzschloß auf, vor dem sie jetzt
standen und in dessen einem Flügel er residierte, in dem anderen Blücher.

„Hier trennen sich unsere Wege, General“, sagte er. „Sie sind die militäre
Macht – ich die zivile. Wir wollen voneinander nichts wissen – wir wohnen
jeder in seinem eigenen Flügel des gemeinsamen Baues. In der Mitte sind
die Räume der Krone!“

„Und da,“ sagte Blücher gallig, „da drin können Sie vor leeren Wänden
reden! Denn da wohnt für gewöhnlich – niemand! Statt einem, der einigend
über uns beiden steht und uns manchmal zu gemeinsamer Beratung zu sich
einlädt – ein leerer Raum, der uns trennt!“

„Das stimmt“, sagte der Baron. „Dafür einigen wir uns aber – im
Küchengarten! Den haben wir gemeinsam, trotz der getrennten Magen!“

„Die Jagd habe ich allein“, nickte Blücher.

„Und geben mir doch manchen Braten ab!“

„Nun, in der Magenfrage begegnen sich eben verständige Leute!“

Stein antwortete nicht. Er bückte sich nur, nahm ein paar Falläpfel auf
und reichte Blücher einen.

„Da – beißen Sie in den sauren Apfel, General!“

„Det ist von Ihren Appelbäumen, Baron! Drüben stehen meine – dort gibt’s
saure Äpfel genug.“

„Ich seh’s! Ich werde mich auch nicht von Ihnen nötigen lassen – wenn wir
drüben bei Ihnen sind. Sie aber machen ein Gesicht, als wäre ich die
Schlange im Paradiese!“

„Die stelle ich mir, aufrichtig gesagt, anders vor! Zum Sündenfall gehört
übrigens auch eine Eva. Ohne sie hat die Schlange im Paradiese keine
Bedeutung. Immerhin – geben Sie den Appel her! Ich bin keen
Kostverächter!“

„Essen Sie ruhig – wenn er auch sauer sein sollte. Der Baum ist gut!“
sagte der Baron und biß selbst gierig in seinen Apfel hinein.

Den Mund voll, nickten sie einander zu und gingen so ein jeder in seinen
Flügel des gemeinsamen Baues hinein – Blücher lang, schlank und rüstig
ausschreitend –, Stein vierschrötig, breit und behäbig segelnd wie ein
weitbauchiger, vollbeladener Koff, dem keine Sturzwelle das Gleichgewicht
nehmen kann, der nicht stampft und schlingert oder zickzack kreuzt,
sondern, ohne auch nur einen Zoll auszubiegen, gerade auf das Ziel
zusteuert und wenn er darum auf Grund setzen müßte.

„Ein verfluchter Querkopf“, brummte Blücher, an dem freiherrlichen Apfel
kauend. „Ein kreuzverdammter, eigensinniger Dickschädel! Hol’ ihn der
Teufel! Aber ein ganzer Kerl! Der täte uns bitter not, da oben, in der
Konfusionsbude! Aber von der Armee soll er mir die Finger gefälligst
lassen! Ja, _wenn der Kerl nur nicht recht hätte_! Aber so! Und so’n
Zivilist! Das geht nicht! Das geht im Leben nicht! Da müssen wir sehen,
ihm beizeiten das Wasser abzugraben!“

Und schmunzelnd, als plante er wieder einen rechten Husarenstreich, riß er
die Tür seines Dienstzimmers auf und stürmte hinein.

„Schumann!“ rief er sein Faktotum mit Donnerstimme. „Schumann, alte
Schreiberseele, bring’ mir Tinte und Papier! Heute sollst du deine Freude
an mir haben! Heute sollst du etwas erleben! Nee – keene Briefbogen –
Kanzleipapier! Jawoll! Oogen machste?! Schneid’ mir den Gänsekiel zurecht
und glotz’ nicht! Weh, wenn er kratzt oder gar spritzt! So! Her mit dem
Mordinstrument! Kehrt! Marsch! Himmeldonnerwetter, Kerl! Feixt der auch
noch?! Raus!“

Und der alte Wachtmeister Schumann, der sonst die ganze verpönte
Schreibarbeit allein besorgen mußte, eilte still in sich hineinlachend
hinaus, nachdem er dem General alles Verlangte zurechtgelegt hatte.
Blücher nahm den Federkiel, kratzte sich bedächtig damit hinters Ohr,
stieß ihn ins Tintenfaß, rückte einen Bogen Papier zurecht, setzte an und
ritzte in seiner scharfen, eckigen Handschrift Zeile um Zeile nieder.

Zuerst, wie sich’s gebührt, den Titel:

„Gedanken über Formulierung einer deutschen Nationalarmee.“

„_Die_ Gedanken habe ich zu haben und die anderen Offiziers auch!“ brummte
er im Schreiben. „Aber so’n Quasselkopp von einem Diplomatiker! So’n
Satanskerl! Wie kann er nur auf den rebellischen Gedanken kommen, da
mitplärren zu wollen? So’n Kerl, der nicht einmal in sein eigenes System
hineinpaßt! – So’n Reichsfreiherr, der keinem untertan war und keinen
Herrn hatte! Der und Rebellion! Und gar eine unblutige! Ich werde ihm
schon zeigen, wie das gemacht wird!“

In kurzen, knappen Sätzen und in der merkwürdigsten Orthographie von der
Welt legte er dann seine Anschauung nieder, wie er sich die allgemeine
Wehrpflicht dachte, verlangte eine kürzere Dienstzeit, größere Löhnung,
bessere Behandlung der Soldaten – –

„Mir wird ganz fade im Hals von all dem ekelhaften Geschleime!“ brummte er
dabei, als er bei der „besseren Behandlung“ anlangte, rauchte dabei wie
ein Schornstein, spuckte, fluchte, kratzte sich den Kopf und stampfte auf
den Boden.

„Wie ’ne Fastnachtspredigt schaut’s aus! Verdamm’ mich, sobald einer mit
Tinte schreibt, statt mit Blut, wie’s sein soll – da ist’s aus – da – hol’
mich der Teufel – ich glaube, da wächst mir schon der Heiligenschein zum
Kopfe ’raus!“

Er flog auf und packte seinen Kopf mit beiden Händen.

„Ich reiße dich noch los und fange mit dir das Kegelschieben an! Ich werfe
noch ‚alle neune‘ mit dir, schmeiße dich dem König mitten in die Visage,
daß er umfällt und det ganze Bataillon mit – det ganze Bataillon! Aber
Schreiben – dazu bringst du mich nicht nochmals, oller Döskopp!“

Er lachte laut auf – rief schleunigst seinen getreuen Wachtmeister
Schumann wieder herbei, drückte ihn auf den Stuhl und steckte ihm den
Gänsekiel in die Hand.

„So,“ sagte er, „mach’ du das Gekritzel fertig, mein Sohn! Aber aufgepaßt,
daß du mir kein X für ein U machst! Det besorge ick alleene! Vorwärts!“

Und mit großen Schritten ging er auf und ab und diktierte, und Schumann
bemühte sich nach Kräften, gleichen Schritt mit ihm zu halten beim Sturm
auf den alten Schlendrian.





                                    9
                                   JENA


Es war bei der Aufführung von Wallensteins Lager im Königlichen Theater zu
Berlin.

Auf der Bühne stimmte der Kürassier sein Lied an:

  „Wohlauf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd!
  Ins Feld, in die Freiheit gezogen!
  Im Felde, da ist der Mann noch was wert,
  da wird das Herz noch gewogen!
  Da tritt kein anderer für ihn ein!
  Auf sich selber steht er da ganz allein!“

So sang er, und die umstehenden Kameraden stimmten mit vorschriftsmäßiger
Begeisterung ein! Gegen Sitte und Brauch ließen sich aber auch aus dem
hintersten Parkett etliche rüstige Männerstimmen hören, die mit Nachdruck
und Überzeugung den Kehrreim über die Köpfe der ahnungslosen Zuschauer
herausbrüllten.

Es waren Leute vom Unterbefehl des Kürassierregiments Gensd’armes, dessen
Offiziere heute außergewöhnlich zahlreich anwesend waren und Logen und
Ränge füllten.

Sie wurden Feuer und Flamme bei den frischen Soldatenszenen des beliebten
Schillerschen Stückes, beneideten die Musketiere, Jäger und Kürassiere auf
der Bühne und lebten in Gedanken das lustige Lagerleben mit, das so grell
vom heutigen Kasernengetriebe abstach. Sie sangen mit und machten ihrem
Herzen Luft. Das Publikum horchte auf. Kein Ton des Mißfallens wurde laut,
und das gab den noch Zaghaften unter den Marssöhnen Mut. Beim nächsten
Vers stimmte schon das ganze hintere Parkett in den Kehrreim ein:

  „Der dem Tod ins Angesicht schauen kann,
  der Soldat allein ist der freie Mann!“

So sangen sie mit, daß es im Hause dröhnte. Und die eleganten Damen in den
Logen und Rängen blickten zu den jungen Offizieren hinüber, ihre Augen
glühten, ihr Atem ging schneller; hin und her wogte es warm von Sinn zu
Sinn! Und als der dritte Vers stieg, da schlossen sie die Augen und sogen
begierig durch halboffene Lippen den Odem ein, der heiß über sie
hinbrauste, als überall im Theater die jungen Krieger einstimmten und das
Lied laut in den Saal hinausschmetterten:

  „Der Reiter und sein geschwindes Roß,
  sie sind gefürchtete Gäste.
  Es flimmern die Lampen im Hochzeitsschloß,
  ungeladen kommt er zum Feste.
  Er wirbt nicht lange, er zeigt nicht Gold,
  im Sturm erringt er den Minnesold!“

Als aber auf der Bühne die Soldaten sich die Hände gaben, einen großen
Kreis bildeten und gemeinsam die Schlußstrophe anstimmten, in die das Lied
wie in einem großen erhebenden Aufschrei ausklingt, da hielt nichts mehr
das angefeuerte Publikum zurück.

Die Aufregung, in der man gelebt hatte, seit der letzte Übergriff der
Franzosen bekannt geworden war – die Entrüstung über sein freches
Unterfangen, preußische Gebiete zu besetzen und seine eigenen, vertraglich
festgelegten Zugeständnisse an Preußen zu ignorieren –, der ganze
beleidigte Nationalstolz, der auf einmal erwacht war, mußte Luft haben,
mußte sich ausschreien und austoben, irgendwo und irgendwie! Und da war
das Schillersche Soldatenstück mit seinem frisch pulsierenden Blut und
seinem heißen, vorwärtsstürmenden Atem wie geschaffen dazu, die Kinder des
kühlen Nordens in rauschende Begeisterung zu versetzen. Im Taumel der
Gefühle erhob sich das ganze Haus von den Plätzen, die jungen Offiziere
eilten an die Brüstung, zückten die Schwerter, ließen die Klingen im Takt
mit dem Gesang aufeinanderschlagen und sangen mit, von dem übrigen
Publikum durch Zurufe und Winke mit den Tüchern angefeuert.

  „Drum frisch, Kameraden, den Rappen gezäunt,
  die Brust im Gefechte gelüftet!
  Die Jugend brauset, das Leben schäumt!
  Frisch auf! Eh der Geist noch verdüftet.
  Und setzt ihr nicht das Leben ein,
  nie wird euch das Leben gewonnen sein!“

  „Und setzt ihr nicht das Leben ein,
  nie wird euch das Leben gewonnen sein!“

So sang das ganze Haus mit, und der Vorhang fiel und erhob sich immer
wieder vor nie enden wollenden Beifallsstürmen. Das Tücherschwenken und
Winken galt aber den Soldaten draußen im Theater noch mehr, als denen auf
der Bühne. Und als ein junger Offizier an die Brüstung trat und den König
hochleben ließ, da stimmte alles begeistert ein, und es dauerte geraume
Zeit, ehe sich das Haus leerte.

Vor dem Theater aber staute sich die Masse der draußen Wartenden mit dem
durch die vielen Ausgänge herausströmenden Publikum zu einem
undurchdringlichen Knäuel, in dessen Mitte sich allmählich die Offiziere
als fester Kern zusammenfanden.

Ein junger Brausekopf sprang auf die Freitreppe hinauf und hielt eine
feurige Rede, in der er in derber Soldatenweise dartat, wie sehr es an der
Zeit wäre, daß die Jugend jetzt das Heft in die Hand nähme und gutmachte,
was das Alter aus Bequemlichkeit und Zaghaftigkeit gesündigt hätte!
Endlich wollte man den Franzosen zeigen, daß Preußen noch da sei und in
der Welt mitzureden habe! Mit dem feigen Zurückweichen vor welscher
Anmaßung habe es jetzt sein Bewenden! Das Schwert müsse jetzt gutmachen,
was die Feder unfähiger Staatsmänner gesündigt! Die Tage der Schmach
hätten jetzt ein Ende, und ein Hundsfott wäre, wer sich da noch feige um
die Pflicht herumdrücke, Leben und Blut für die beleidigte Nationalehre
einzusetzen, oder wer gar noch daran dächte, den Franzosen die Hand zur
Versöhnung zu bieten! –

„Nieder mit den Franzosen!“ schrien sie alle. „Nach der Botschaft! Nach
der französischen Botschaft!“

Wie von einem Gedanken getrieben, stürzten sie vorwärts, lehnten sich mit
unwiderstehlicher Gewalt eine Gasse durch die angesammelte Menschenmenge
und eilten, die gezückten Waffen über den Köpfen schwingend, auf das Haus
der französischen Botschaft zu. Und hinter ihnen her wälzte sich eine
tausendköpfige Masse, schreiend, tobend, jauchzend, johlend und alles was
lebte und ihr in den Weg kam, vor sich herfegend.

Das Haus der Botschaft lag in tiefem Dunkel. Als die schreiende Menge, die
jungen Offiziere mit den blitzenden Waffen voran, auf das Haus zustürmte
und den ganzen Platz davor füllte – da huschten rasch ein paar Schatten
auf den Balkon hinaus und bogen sich über das Geländer, blickten herab und
zogen sich dann schnell zurück.

Kein Schlag gegen das Haustor dröhnte, kein Zeichen von Gewalt war zu
bemerken. Einzig ein schneidendes, kreischendes Geräusch, wie wenn
Hunderte von Schleifsteinen gleichzeitig gegen harten Stahl gestrichen
werden, war alles, was die oben atemlos Lauschenden von unten vernahmen,
und dann die Stille, in die das wüste Lärmen allmählich überging.

Wieder huschten sie vor und blickten hinunter.

Da an der Treppe knieten die jungen Offiziere Mann an Mann und wetzten
ihre Säbel an den steinernen Stufen vom Hause Frankreichs.

Als sie fertig waren, sprangen sie auf, schwangen wieder einmal drohend
ihre Waffen gegen die französische Fahne da oben am Mast und riefen wie
aus einem Munde:

„Hie Preußen allewege! Tod den Franzosen!“

Und jubelnd stimmte die tausendköpfige Menge in den Ruf ein:

„Tod den Franzosen!“

Niemand antwortete von den oben Harrenden! Aber die dreifarbige Fahne
flatterte stolz und breitete und blähte sich im Winde.

                                    *

König Friedrich Wilhelm III., lang, robust und soldatisch steif, ging mit
ungelenken Bewegungen in seinem Arbeitszimmer auf und ab. Er schien
ärgerlich über irgendeine Begebenheit, von der er überrascht worden war,
und die ihn jäh vor die Notwendigkeit stellte, einen Entschluß zu fassen.
Am liebsten überließ er das seinen Ministern, weniger aus Bequemlichkeit,
als aus übergroßer Bescheidenheit und einer jugendlichen Befangenheit, die
ihn, trotz seiner siebenunddreißig Jahre, noch beherrschte.

Jetzt aber galt es, durch einen persönlichen Akt die Würde seiner Stellung
zu wahren und mit einer Kundgebung seines Willens dem Geist der
Beunruhigung entgegenzutreten, den die jungen Offiziere durch ihre
disziplinwidrige Kundgebung entfesselt hatten!

Die Revolte gegen die königliche Autorität – denn nur so faßte sie der
König auf – mußte schnell im Keime erstickt werden, ehe sie von Berlin auf
das übrige Land übergreifen konnte!

Den Kopf steifnackig in den hohen, goldgestickten Kragen zurückgedrückt –
das reiche blonde Haar aus der Stirn nach der Seite gestrichen – die
vollen Lippen vom kurzen Schnurrbart mäßig beschattet – die Wangen vom
Backenbart eng umrahmt – die Augen trüb melancholisch blickend, so schritt
er bedächtig einmal durchs Zimmer und dann noch einmal – blieb vor dem
Arbeitstisch stehen und blickte zum Kabinettsrat Beyme hinüber, der mit
devoter Haltung, in gemessener Entfernung vom allerhöchsten Schreibtisch,
das Resultat der königlichen Erwägungen abwartete.

Ein Zucken durchfuhr die kleine dicke Gestalt, als er die Augen des Königs
auf sich gerichtet fand. Beflissen streckte er den Kopf vor, nahm die
Hacken zusammen, daß seine krummen Beine ein erstauntes O bildeten; seine
kohlschwarzen Augen quollen achtunggebend aus ihren Höhlen hervor, bereit,
dem gnädigen Herrn und Gebieter jeden Wunsch vom Gesichte abzulesen und
ihn so der Mühe zu überheben, ihm Worte zu verleihen.

Der König sah es, ließ die Finger seiner Rechten einen zaghaften Appell
auf der Tischdecke trommeln, blickte dann steif vor sich hin, ohne Beyme
anzusehen, und sagte mit sichtbarer Mühe:

„Junge Offiziers maßregeln! Beispiel statuieren! Widersetzlichkeit
ausrotten! Haben Befehle gegeben! Er, Beyme, hat für strikte Durchführung
und für Beruhigung der Stadt zu sorgen!“

Der Kabinettsrat verbeugte sich schweigend.

Der König wartete, um irgendein Wort der Entgegnung von seinem Getreuen zu
hören, nahm dann ein bereitliegendes Dokument vom Tisch und reichte es
ihm, sichtlich dadurch belästigt, allein reden zu müssen.

„Lesen!“ befahl er.

Schnell wie ein Wiesel eilte der Kabinettsrat auf seinen krummen Beinen
vor, nahm mit tiefer Verbeugung das Papier entgegen, hielt es dicht ans
Gesicht und rollte mit seinen Blicken geschwind die Tintenspuren bis zu
den Unterschriften ab.

Dort blieben sie hängen, unter emporgezogenen Brauen, während die Lippen
sich mühten, den erstaunten Kreis der Beine nachzubilden.

„Nun?“ fragte der König ungeduldig, endlich eine andere Stimme zu hören.

Beyme ließ das Dokument bis zur Höhe seines Bauches sinken, zuckte fast
unmerklich mit den Schultern, wiegte den Kopf einmal nach rechts, dann
einmal nach links, tat die Lippen auf – schloß sie aber wieder, senkte die
Blicke und blieb stumm stehen, mit der Miene der verkannten Unschuld.

„Man verlangt von Uns seine Entlassung, Beyme!“ sagte der König
ungeduldig, da er immer noch keine Antwort bekam.

Beyme blickte auf mit einem rührenden Augenaufschlag, seufzte aus der
Tiefe eines gekränkten Herzens und senkte die Blicke wieder, so
alleruntertänigst andeutend, daß er sich in das Unabwendbare finden würde,
wenn’s sein müßte. Aber er erwiderte keine Silbe.

„Den Kabinettsrat Lombard sollen Wir auch fortschicken – Unseren Minister
Haugwitz auch! Sage Er doch seine Meinung!“

„Majestät!“ sagte der Angeredete mit einem gequälten Seufzer. „Dero
alleruntertänigstem Knecht würde es wenig ziemen, irgendeine Meinung über
ein Dokument zu verlautbaren, unter dem die erlauchten Namen fünfer
Prinzen des königlichen Hauses stehen – der beiden Prinzen Brüder, des
Prinzen Oranien Hoheit sowie der Prinzen Louis Ferdinand und August!“

„Da stehen auch andere Namen!“

„Namen von Männern, die sich des allerhöchsten Vertrauens erfreuen dürfen,
als welche die Generäle Rüchel und Pfuhl wohl zu bezeichnen sind, und auch
seine Exzellenz der Finanzminister Freiherr vom Stein –“

„Seine Unterschrift ist Uns allein hier maßgebend“, sagte der König
langsam. „Die Prinzen und die Generäle sind nichts als Mitläufer. So meint
Er doch auch?“

Beyme hob das Dokument wieder zur Höhe seiner Augen und rollte es noch
einmal rasch mit den Blicken ab.

„Wenn ich meine Ansicht alleruntertänigst vorbringen darf, so zeigt das
Schriftstück allerdings den Minister von Stein als Urheber an. Ganz seine
Art, gerade und ohne Umschweife auf die Sache loszusteuern, ganz seine
Verachtung einer jeglichen höfischen Form! – Auch Seine Königliche Hoheit,
der Prinz Louis Ferdinand, würde wohl nicht ermangeln, seine
Geringschätzung für das Althergebrachte darzutun – jedoch mit mehr Eleganz
und nicht ganz so unverhohlen und schroff.“

„Daß der Freiherr vom Stein das Schriftstück abgefaßt hat, daran zweifeln
Wir nicht und halten es auch für sehr wahrscheinlich, daß er es geradezu
veranlaßt hat“, sagte der König langsam. „Das ist aber nichts denn
Meuterei!“ rief er dann plötzlich mit erhobener Stimme und schlug so
heftig auf den Tisch, daß der kleine Kabinettsrat zitternd zurückwich.

In gemessener Ferne blieb er stehen und starrte erschreckt, aber mit
unverhohlener Neugier, seinen Herrn und Gebieter an, der unbeweglich vor
dem Schreibtisch stand und wieder trübe ins Leere blickte.

„Haben den Baron hierherbefohlen, um Uns Rede zu stehen!“ sagte der König
schließlich und zeigte auf die Tür.

Der Kabinettsrat eilte zur Tür und winkte hinaus.

Ein Adjutant erschien und machte die Meldung. Seine Exzellenz, der
Minister Freiherr vom Stein wäre zur befohlenen Audienz erschienen.

„Vorlassen!“ beschied ihn der König und wandte sich zum Kabinettsrat, der
inzwischen das Dokument auf den Schreibtisch zurückgelegt hatte.

„In der Nähe bleiben!“ befahl er diesem kurz und reichte ihm einen Brief.
„Brief des Generalleutnants von Blücher! Lesen! Antwort entwerfen!“

Beyme nahm den Brief, verbeugte sich ehrerbietigst und zog sich mit seinem
Portefeuille in ein Nebenzimmer zurück. Der König ging langsam durchs
Zimmer, stellte sich mit dem Rücken gegen den Kamin, blieb dort in
soldatischer Haltung stehen, die Hände gerade an den Seiten hängend, den
Blick auf die Tür des Audienzzimmers gerichtet.

Die Tür öffnete sich und die breite, gedrungene Gestalt Steins erschien
auf der Schwelle.

Mit einer kaum merkbaren Bewegung des Kopfes beantwortete der König den
ehrerbietigen Gruß des Freiherrn. Eine kurze Handbewegung deutete auf das
auf dem Schreibtisch liegende Dokument.

„Haben gelesen!“ sagte er mürrisch. „Er hat sich Freiheiten genommen. Er
ist Unser Minister für Zoll-, Manufaktur- und Kommerzwesen, Unser
Präzeptor aber nicht. Wer Uns zu dienen hat, entscheiden Wir. Unsere
Brüder und Vettern haben da nicht mitzureden. Unsere Minister und Generäle
noch weniger! Es sei denn, daß Wir sie um ihre Ansicht gebeten haben!“

„Majestät wollen gnädigst gestatten –“, fing der Freiherr an.

„Aufrührerische Gesinnung und meuterisches Gebaren dulden Wir nicht. Er
ist an der ganzen Sache schuld. Er hat das geschrieben! – Er hat die
Prinzen und Generäle veranlaßt, ihre Namen darunterzusetzen. Gestehe Er!“

„Das Memorandum habe ich nicht geschrieben. Ich komme aber für jedes Wort
darin auf, als hätte ich es getan!“ sagte Stein bestimmt. „Es enthält
nichts, was nicht durch vorherige Besprechung mit den Unterzeichnern
vereinbart wurde. Die darin zum Ausdruck gelangten Ansichten geben nur die
Befürchtungen wieder, die jeden vaterländisch gesinnten Mann heute
bewegen: daß die Politik der Kabinettsräte und vor allem des Grafen
Haugwitz uns an den Rand des Abgrunds bringt, wenn nicht schleunigst
Abstand davon genommen wird.“

„Die Kabinettsräte führen nur Unseren Willen aus! Haugwitz hat große
Verdienste um die Krone und hat überdies viele Geschicklichkeit bewiesen.
Daß er Neider hat, wissen Wir. Es wird denen nicht gelingen, Unser
Vertrauen zu ihm wankend zu machen. Was hat Er gegen den Grafen? Sage Er
offen seine Meinung!“

„In der Tat“, sagte Stein und richtete sich auf, so weit es seine kurze
Gestalt erlaubte. „Ich würde schlecht mein Amt als Berater der Krone
versehen, wenn ich die Frage nicht offen beantwortete! Der Graf Haugwitz
verdient in keinem Falle das große in ihn gesetzte allerhöchste Vertrauen.
Er treibt hinter dem Rücken Eurer Majestät seine eigene Politik, für die
die Krone nachher die Verantwortung tragen muß. Eurer Majestät bestimmten
Befehl an ihn, sofort dem Kaiser der Franzosen Allerhöchstdero
Kriegserklärung zu überbringen, führte er nicht aus, zögerte erst drei
Wochen, ehe er ins französische Hauptquartier fuhr, und brachte uns dann
statt des Krieges den Bündnisvertrag mit Napoleon zurück!“

„Zwischen seine Ausreise und seine Heimreise fiel die Niederlage unserer
Verbündeten bei Austerlitz!“

„Österreich und Rußland hatten sich wohl eben nichts Ersprießliches vom
Bündnis mit uns erwarten können. Sonst hätten sie lieber auf uns gewartet,
als zu früh loszuschlagen und sich die Niederlage zu holen! Haugwitzens
feige, unentschlossene Neutralitätspolitik hat die Krone Preußens so
allmählich um alles Ansehen bei den anderen Mächten gebracht und hat das
Land nach allen Seiten isoliert. Man traut uns nicht, weder Freund noch
Feind. Und so müssen wir jetzt, wo wir um unserer Ehre willen das Schwert
ziehen, allein und ohne Freunde und Bundesgenossen dastehen. Wir werden
einer sicheren Niederlage entgegengehen, wenn nicht Eure Majestät
schleunigst Leute wie Haugwitz, deren Saumseligkeit und Ungeschicklichkeit
alles Unheil verschuldet hat, von der Leitung entfernen.“

„Meine Armee wird ihm die gebührende Antwort darauf geben!“

„Ich befürchte nein. Denn wie sind wir für den Kampf gerüstet? Ohne Geld,
mit veralteten Gewehren und mit Waffenfabriken, die nicht den zehnten Teil
vom Bedarf leisten. Wir haben es versäumt, uns beizeiten aus England und
Österreich neue Gewehre zu kaufen. Unser Heer mit allen seinen Vorzügen
besteht zum größten Teil aus Veteranen, die durch lange Beurlaubung dem
Kriegsdienst entfremdet wurden. Es wird von Greisen geführt, die bei aller
Rüstigkeit doch nicht über die Erfordernisse des Paradeplatzes hinaus
etwas verstehen. Wie wir damit den kriegsgewohnten Truppen Frankreichs
standhalten wollen, ist unerfindlich. Was geschehen muß, muß also schnell
geschehen. Deshalb haben wir uns entschlossen, Eure Majestät um eine
Entscheidung zu bitten, die Allerhöchstdieselbe doch früher oder später
treffen müssen. Wir bitten also um Entlassung des Grafen Haugwitz, wir
verlangen die Entfernung der Kabinettsräte Lombard und Beyme, die sich
zwischen die Krone und ihre Berater gedrängt haben und die nur verhindern,
daß Eure Majestät von der wahren Sachlage der Geschäfte gebührend
unterrichtet werden!“

„Wenn Er, mein Herr Minister, die Unentbehrlichkeit der Kabinettsräte
dartun wollte, Er hätte es nicht besser tun können als durch das, was Er
soeben vorbrachte. Fürwahr, es wird Uns schwer, ein ruhiges Urteil zu
gewinnen, wenn Uns in solch ungebührlicher Weise, wie jetzt von Ihm,
Wünsche, Bitten und Vorschläge vorgebracht werden. Allein zu dem Zweck tut
es not, treue Diener zu haben, die es verstehen, Uns in geziemender Weise
zu nahen. So müssen Wir es ablehnen, Ihm irgendwie auf seine Vorstellungen
etwas zu erwidern. Wir verweisen Ihn auf seinen Platz, Wir verbitten Uns
jede unaufgeforderte Einmischung seinerseits in die Rechte der Krone, die
Wir allein wahrzunehmen haben und auch wahrnehmen werden, ob es unseren
Untertanen in den Kram paßt oder nicht. Er hat sich zu fügen und Uns zu
vertrauen. Weder Unsere Minister noch Unsere Offiziere haben sich um
Unsere Entschließungen zu kümmern. Und wagen sie’s, offen dagegen zu
revoltieren und gar, wie es zu Unserer Betrübnis vorgekommen ist, auf
offener Straße dagegen zu demonstrieren, so werden Wir es verstehen,
Unsere Autorität zu wahren!“

„Wollen Eure Majestät in Gnaden verstatten? Das, was die jungen Offiziere
sich erlaubt haben, das mag ungewöhnlich sein, eine Revolte ist es aber
nie und nimmer gewesen, auch in keiner Weise ein Versuch, gegen des Königs
Majestät irgendwie aufzubegehren. Dem Feind allein galt jene Kundgebung.
Sie erfolgte spontan und aus dem unwiderstehlichen B

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