Trotzkopf als Grossmutter
by Suze La Chapelle-Roobol · German · Gutenberg #39619 · 367,071 chars · public domain (US)
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Title: Trotzkopf als Grossmutter
Author: Suze La Chapelle-Roobol
Illustrator: Willy Planck
Translator: Anna Herbst
Release date: May 5, 2012 [eBook #39619]
Language: German
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/39619
Credits: Produced by Norbert H. Langkau, Katrin and the Online
Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK TROTZKOPF ALS GROSSMUTTER ***
Produced by Norbert H. Langkau, Katrin and the Online
Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
[ Anmerkungen zur Transkription:
Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden
übernommen. Uneinheitliche Schreibweisen (zum Beispiel
ehrfurchtsvoll / erfurchtsvoll, hilflos / hülflos, nämlich /
nemlich, San Franzisko / San Francisko, Sofa / Sopha, um's
Himmels willen / ums Himmelswillen / Ums Himmels willen)
wurden beibehalten. Lediglich offensichtliche Druckfehler
wurden korrigiert. Eine Liste der vorgenommenen Änderungen
findet sich am Ende des Textes.
Die Illustrationen -- mit Ausnahme des Frontispiz -- wurden
an die inhaltlich passenden Textstellen verschoben.
Im Original gesperrt gedruckter Text wurde _so_ markiert.
Im Original in Antiqua gedruckter Text wurde =so= markiert.
]
[Illustration]
TROTZKOPF ALS
GROSSMUTTER
VON SUSE LA CHAPELLE-ROOBOL
AUTORISIERTE ÜBERSETZUNG
AUS DEM HOLLÄNDISCHEN VON
ANNA HERBST
MIT 8 TONBILDERN VON WILLY PLANCK
Siebenunddreissigstes bis zweiundvierzigstes Tausend
STUTTGART
GUSTAV WEISE VERLAG
A. g. XIII.
Druck von Carl Hammer (Inh. Wilhelm Herget), Stuttgart.
»Großmama, Onkel Heinz ist noch immer nicht da. Wir werden gewiß zu
spät an die Bahn kommen.«
»Nein, Irma, du hast Zeit genug, die Fahrt dauert kaum zehn Minuten.«
»Ich hab' solche Sehnsucht nach den Cousinen aus Amerika. Was für
einer herrlichen Zeit gehen wir entgegen, nicht wahr, Großmütterchen?«
Und in ausgelassener Fröhlichkeit flog das schlanke, siebzehnjährige
Mädchen mit dem schönen, blonden Kraushaar und den dunkelblauen Augen
der alten Dame um den Hals.
Mit innigster Liebe schaute die verwitwete Frau Ilse Gontrau ihre
Enkelin an. Ihr feines, schmales, von schneeweißem Haar umrahmtes
Antlitz trug einen wehmütigen Ausdruck, der jedoch durch ein
freundliches Lächeln verklärt wurde.
»Ja, Kind, auch ich bin sehr glücklich, daß Tante Marianne und Onkel
Fritz aus Amerika zurückkommen und hier Wohnung nehmen wollen; ich
sehne mich sehr danach, die Kinder kennen zu lernen.«
»Ist es nicht unbegreiflich, Großmama, daß Onkel Fritz die beiden
Mädchen und den kleinen Karl allein vorausschickt und die drei gar
noch in Paris gewesen sind? So 'ne große Reise und solch junge
Mädchen!«
»Das hat auch mich in Erstaunen versetzt, liebe Irma. Aber ich denke,
wir werden uns noch über vieles wundern. Amerikanische Mädchen sind so
ganz anders erzogen als deutsche.«
»Ah, da kommt Onkel Heinz,« rief Irma, die einen Wagen rollen hörte,
und eilig lief sie hinaus.
»Wir wollen gleich gehen, Onkel, es ist schon spät.«
»Nur ruhig,« versetzte die tiefe Stimme eines alten Mannes, »wir haben
noch eine halbe Stunde Zeit, Jungfer Ungeduld. Ich muß erst einen
Augenblick aussteigen, weil mein Fuß nicht so lange in derselben
Stellung aushalten kann.«
»Macht die Gicht dir wieder zu schaffen?«
»Ja, natürlich, meine alten Knochen benehmen sich wieder
schauderhaft.«
Brummend stieg der Professor aus dem Wagen, humpelte, auf einen Stock
gestützt, durch den Flur und trat in das von der Sonne hell
erleuchtete Zimmer.
Die Jahre waren nicht spurlos an ihm vorübergegangen, sie hatten seine
kraftvolle, breitschultrige Gestalt etwas gebeugt. Das faltige, von
schlohweißem Haar und Bart umrahmte Antlitz zeigte oft einen barschen
Ausdruck, denn es machte ihm Vergnügen, sich als launischen Brummbären
aufzuspielen, aber die von buschigen, schwarzen Brauen beschatteten
Augen konnten noch ebenso schalkhaft und humoristisch durch die
goldene Brille gucken wie in jungen Jahren.
Von der Gicht gezwungen, die ihn oft wochenlang an den Sessel
festbannte, hatte er sich vor längerer Zeit pensionieren lassen.
Obwohl er mit Vorliebe behauptete, ganz überflüssig in der Welt zu
sein und keinem Menschen etwas nützen zu können, so wußten seine
Freunde, wenn sie auch niemals eine derartige Anspielung wagen
durften, doch nur zu gut, daß er vielen unentbehrlich war und es in
der ganzen Stadt keinen so hilfsbereiten, wohltätigen Mann gab wie
den alten Professor Fuchs. --
»Guten Abend, Frau Ilse,« sagte er, während Irma sich den Hut
aufgesetzt hatte und vor Ungeduld zitternd neben ihm stand.
»Sie sind doch noch ausgestiegen? Warum machen Sie sich unnütz müde?«
»Papperlapapp, ich bin kein im Sterben liegendes Jungfräulein. Müde
machen! Es ist nicht mehr als recht und billig, daß einer, der den
ganzen Tag nichts tut, wenigstens seinen alten Beinen Bewegung macht.«
»Ja,« entgegnete Frau Ilse zustimmend, denn sie kannte seine kleine
Schwäche, bei dem unschuldigsten Widerspruch hitzig aufzufahren; »aber
müssen Sie nun nicht gehen?« fügte sie freundlich hinzu.
»Ach ja, Onkel,« schmeichelte Irma.
»Na, kleine Kröte, dann komm nur. 'Kröte', das sagte ich auch immer zu
deiner Mutter. Und nun wollen wir die Kinder meines andern Lieblings
abholen. Wir werden alt, Frau Ilse!«
»Wir sind alt, Onkel Heinz, das Leben hat beinahe mit uns
abgerechnet.«
»Unsinn, der Teufel ist alt! Vorwärts, Kind! Auf Wiedersehen, ich
komme nochmal mit zurück.«
»Natürlich,« stimmte Frau Ilse bei. Sie hörte ihn durch den Flur
stapfen, den Wagenschlag zuwerfen und die Droschke fortfahren. Nun
lehnte sie den Kopf an die Schlummerrolle des Lehnsessels, um wie
gewöhnlich um diese Stunde etwas zu ruhen. Jetzt, vor all der Unruhe,
die ihrer wartete, hatte sie das doppelt nötig. Aber trotzdem sie die
Augen geschlossen hielt und die tiefe Stille, nur unterbrochen von dem
regelmäßigen Ticken der schönen, altmodischen Standuhr, geradezu zum
Schlummern aufforderte, vermochte Frau Ilse doch nicht einzunicken.
Unwillkürlich schweiften ihre Gedanken in die Vergangenheit zurück,
und alle Ereignisse der letzten fünfundzwanzig Jahre zogen an ihrem
Geist vorüber. Am Anfang stiegen nur heitere, lichte Bilder vor ihrer
Seele auf: der stetig wachsende Erfolg Ruths, ihrer ältesten Tochter,
die als Sängerin immer mehr Lorbeeren erntete und sich in der von ihr
erwählten Laufbahn sehr glücklich fühlte. Dann kam die Verlobung
Mariannes, ihres sanften, lieben Blondköpfchens mit Fritz, dem Sohne
ihrer alten Freundin Rosi. Dies Glück war freilich mit Trauer
gemischt, da Marianne ihrem Gatten nach San Franzisko folgen mußte.
Aber in dem Bewußtsein, daß reiches Glück ihr Kind erwartete, hatten
Ilse und Leo sich darein ergeben und ihrem Liebling, unter Tränen
lächelnd, Lebewohl gesagt.
Auch als Ruth, die ihre Studien in Berlin und später in Paris
fortsetzte, nach einiger Zeit Herz und Hand einem berühmten
Geigenkünstler schenkte, hatten die Eltern freudig ihre Einwilligung
gegeben. Zwar klagte Frau Ilse, daß ihre Töchter so bald schon das
elterliche Nest verließen, doch ihr alter Freund, der Professor, so
schwer ihm selbst auch die Trennung von seinen beiden kleinen Kröten
fiel, bewies ihr lachend, daß nun die Zeit gekommen sei, ihre Memoiren
zu beginnen, und Leo, ihr Gatte, sagte ernsthaft, sie hätten kein
Recht, sich zu beklagen. Die Kinder folgten ihrer Bestimmung und täten
nichts anderes, als was ihre Eltern auch vor Zeiten getan, sie hätten
nur Ursache dankbar zu sein, daß beide den Mann geheiratet, den sie
liebten. Ilse, mit ihrem elastischen, lebhaften Charakter, stark in
der Liebe ihres Gatten und ihrer Freunde, lernte es, sich ins
Unabänderliche zu schicken, und klagte nicht, daß sie mit ihren
Kindern in Amerika nur brieflich verkehren und auf diese Weise
erfahren konnte, daß ihre Enkel solch liebe Schätzchen seien. Ruth und
ihr Mann weilten meist im Auslande oder in den großen Städten
Deutschlands, doch dann und wann verbrachten sie einige Wochen bei
ihren Eltern, und als sie erst einen Sohn und später ein Töchterchen
bekamen, konnte Großmutter Ilse wenigstens diesen Enkeln ihre Liebe
beweisen und die Freude genießen, sie von Zeit zu Zeit bei sich zu
haben.
Dann waren traurige Tage gekommen. Das Glück, das Ilse so lange treu
geblieben, schien sie zu verlassen, und auch sie mußte die Erfahrung
machen, daß in jedem Leben Tränen ebenso notwendig sind wie Freude, um
uns zu tüchtigen, gereiften Menschen zu machen. Die Freundschaft
zwischen den Althoffs und Gontraus verminderte sich mit den Jahren
nicht; im Gegenteil, als auch Nellies Pflegetochter Annie sich mit
einem Prediger vermählte und die Stadt verließ, hatten sich die beiden
Freundinnen noch inniger an einander geschlossen, und es verging kaum
ein Tag, an dem sie nicht zusammen kamen. Nun fing Nellie, die nie
kräftig gewesen war, an zu kränkeln, wollte das aber vor Fred
verbergen, der nach Annies Hochzeit wieder mehr denn je von der
sorgenden Liebe seiner Frau abhängig geworden war. So merkte er
nichts, und selbst vor Ilse verstand Nellie zu verheimlichen, wie
elend sie sich oft fühlte. Endlich, während eines ungewöhnlich
strengen Winters, fing sie an zu husten, anfangs wollte sie nichts
darauf geben, bis der Doktor ihr das Ausgehen entschieden verbot. Die
gute Nellie, die immer nur an andere und nie an sich gedacht hatte,
wurde ernstlich krank, und als der Frühling seinen Einzug hielt,
erlöste ein sanfter Tod sie von ihrem Leiden. Bis zum letzten
Augenblick sorgte sie nur um ihren Fred und beklagte schmerzlich, daß
er so einsam und traurig zurückbliebe. Hoffnungslos kniete der
Direktor an ihrem Sarge und konnte sich nicht vorstellen, wie er ohne
sein liebes, treues Frauchen leben solle; täglich ging er zu ihrem
Grabe, schmückte es mit frischen Blumen und fühlte sich namenlos
unglücklich. Am liebsten weilte er bei Gontraus, wo er mit Ilse
stundenlang über seine geliebte Nellie reden konnte. Auch Ilse war
untröstlich über den Verlust ihrer Freundin; sie hatte sie treu
gepflegt und doch machte sie sich jetzt Vorwürfe, daß sie nicht genug
für sie getan und dem sanften, aufopfernden Wesen die Liebe und
Hingebung nicht mehr gelohnt hatte. Auch sie fand Trost in Althoffs
Gesellschaft und wurde nicht müde ihn zu beklagen und mit ihm zu
leiden.
Doch die Zeit ist das beste Heilmittel für alle Wunden, und so geschah
es denn auch, daß der Direktor ab und zu seinen täglichen Spaziergang
nach dem Friedhof versäumte, auch wieder über andere Dinge redete und
nicht mehr so häufig zu Gontraus kam. Eines Abends, als Ilse mit Leo
und Onkel Heinz aus einem Konzert heimkehrte, fanden sie eine
gedruckte Anzeige vor, die ihr von der Verlobung =Dr.= Althoffs mit
Frau Gebel, der Witwe eines Regierungsrates, Mitteilung machte.
Ilses Enttäuschung kannte keine Grenzen. Heftig warf sie den Brief auf
die Erde und erklärte es für eine Schmach, daß Althoff Nellie, seine
engelhafte Frau so rasch vergessen habe. Sie wollte ihn nie
wiedersehen.
»Das ist doch übertrieben, liebste Ilse,« sagte Leo. »Bedenke doch,
wie Fred von seiner Frau gehegt, gepflegt und verwöhnt war und wie
einsam und unglücklich der arme Mann sich nun fühlen mußte. Wenn er
aufs neue häusliche Gemütlichkeit und Glück sucht, darfst du ihn
wirklich nicht beurteilen.«
»Verehrte Frau,« fügte der Professor in seinem gewohnten spöttischen
Ton hinzu, »nicht alle Männer sind schon in der Wiege zu alten
Junggesellen oder vertrockneten Bücherwürmern bestimmt!«
Ihre Worte gossen aber nur Oel ins Feuer. Der Trotzkopf der
Jugendzeit, der sich jetzt so selten zeigte, daß man seine Existenz
beinahe vergessen hatte, kam wieder einmal zum Vorschein.
»Unsinn,« rief sie heftig, »natürlich müßt ihr ihm die Stange halten;
die Männer sind sich alle gleich, herzlose Egoisten, welche die Liebe
einer Frau nicht verdienen und sie nur zu schnell vergessen.«
»Aber Ilse,« wandte Leo ein.
»Schweig still, du würdest es gerade so machen, wenn ich gestorben
wäre,« klagte sie weinend.
»Das weißt du wohl besser, Liebste,« nahm Gontrau ernst das Wort.
»Aber wir dürfen andere nicht gleich verurteilen, wenn sie unter
Umständen anders handeln, als wir an ihrer Stelle getan hätten. Wenn
auch nicht alle Männer imstande sind, nur einmal im Leben und für
immer zu lieben, so ist es doch sehr gut möglich, daß ihre Zuneigung
warm und echt ist.«
»Kein einziger Mann besitzt die Fähigkeit, nur einmal im Leben zu
lieben,« erklärte Ilse, noch immer zürnend, »ausgenommen der meinige,«
fügte sie plötzlich hinzu, den traurigen, vorwurfsvollen Blick
bemerkend, mit dem Leo sie anschaute, und sie schmiegte den Kopf an
seine Schulter.
Professor Fuchs sah die beiden an, und als Ilses Blick dem seinen
begegnete, meinte sie einen eigentümlichen Ausdruck darin zu lesen und
fragte:
»Na, Herr Professor, Sie sind natürlich wieder nicht meiner Meinung?«
Aber statt der streitsüchtigen Antwort, die sie zu hören erwartete und
auf die gewöhnlich ein hitziger Wortwechsel folgte, erwiderte Onkel
Heinz milde:
»Nein, Frau Gontrau, denn ich weiß, daß es Männer gibt, die ebenso
treu wie eine Frau zu lieben vermögen, ihr ganzes Leben lang, selbst
ohne Gegenliebe und ohne die Hoffnung, jemals glücklich zu werden.«
Gedankenvoll starrte er vor sich hin, und sein Antlitz zeigte
denselben Ausdruck, der Ilse jetzt nicht mehr -- wie vor vielen Jahren
-- in Bestürzung versetzte, der sie jetzt nur mit Mitleid erfüllte,
warum, wußte sie selbst nicht zu sagen.
Wenn Frau Ilse bei ruhigerer Überlegung auch zugeben mußte, daß
Direktor Althoffs Benehmen zu entschuldigen war, so empfing sie ihn
doch mit sehr kühler Höflichkeit, als er ihr seine Braut vorstellte.
Instinktiv fühlten beide, daß die alte Freundschaft aufgehört hatte,
und obwohl sie sich dann und wann sahen, war doch von dem früheren
herzlichen Verkehr keine Rede mehr. Ilse konnte es Fred nicht
verzeihen, daß er Nellies Platz von einer andern einnehmen ließ. Als
es sich nach einiger Zeit herausstellte, daß seine zweite Frau lange
nicht so liebevoll und sanft war wie die verstorbene, daß der Direktor
recht schön unter dem Pantoffel stand und von Verhätscheln und
Verwöhnen keine Rede war, empfand sie nicht das geringste Mitleid mit
ihm, sondern erklärte, daß er nur ernte, was er verdient hatte.
Wieder vergingen viele Jahre. Die Enkel in San Franzisko wurden groß
und schrieben nette deutsche Briefchen an Großpapa und Großmama
Gontrau. Ruths Sohn, der jetzt im vierzehnten Jahre stand, fing an,
eine so überraschende musikalische Begabung zu zeigen, daß seine
Eltern stark daran dachten, auch ihn die Künstlerlaufbahn einschlagen
zu lassen. Da geschah etwas Schreckliches und der schwerste Schlag,
der sie treffen konnte, beugte Ilse für eine Zeit völlig nieder.
Obwohl fast sechzig Jahre alt, stand Professor Gontrau doch noch in
voller Manneskraft und kam seinen vielen Amtsgeschäften mit Eifer und
Treue nach. Ihm und Ilse schwanden die Jahre fast unmerklich dahin,
und beide sahen für ihr Alter wunderbar jung und frisch aus. Das kam
von dem vielen Glück, das ihnen das Schicksal bescherte, und von der
großen Liebe, mit der sie sich gegenseitig umgaben. Da zog sich
Gontrau, der nie krank gewesen war, eine Erkältung zu, die er
anfänglich vernachlässigte. Sie hatte eine schwere Lungenentzündung
zur Folge, die ihn innerhalb einer Woche dahinraffte. So schnell und
heftig hatte die Krankheit zugenommen, daß Ruth und ihr Mann, die in
Paris weilten, kaum Zeit fanden, an das Sterbebett ihres Vaters zu
eilen, und erst ein paar Stunden vor seinem Hinscheiden eintrafen. Sie
waren tief betrübt; ihre Kinder, Gustav und die kleine Irma, weinten
heiße Tränen, weil der liebe Großpapa, an dem sie so zärtlich hingen,
von ihnen ging. Fritz und Marianne schrieben aus San Franzisko
trostlose Briefe.
Im Kreise der Rechtsgelehrten, zu dem Professor Gontrau gehörte,
herrschte große Betrübnis, aber kein Schmerz war mit der starren
Verzweiflung zu vergleichen, die sich Ilses bemächtigt hatte. Von
allen Seiten wurden ihr Zeichen der Teilnahme entgegengebracht. Ruth
und die Kinder blieben wochenlang bei ihr. Die Tochter bot allem auf,
um ihre Mutter zu trösten. Professor Fuchs zeigte in seiner
eigenartigen Weise, wie innig er mit der Witwe fühlte. Flora Werner
kam selbst vom Lande herein und war so herzlich, daß Onkel Heinz, der
sie immer noch überspannt gefunden und sich nie viel aus ihr gemacht
hatte, sich ganz mit ihr aussöhnte. Doch alles war vergebens, Ilse
wollte keinen Trost gelten lassen. Bis dahin noch eine hübsche,
stattliche Dame hatte sie sich im Laufe weniger Monate in eine alte
Frau mit schneeweißem Haar verwandelt; die früher so lebhaften Augen
starrten erloschen aus dem bleichen, hager gewordenen Antlitz, die
stets so beschäftigten Hände lagen tagelang müßig im Schoß!
Mit Tränen in den Augen hatte Ruth sie oft umarmt und angefleht, sich
um aller derer willen, die sie so innig liebten, doch ein wenig
aufzuraffen.
»Ich kann nicht, Kind,« lautete die traurige Antwort, »selbst wenn ich
wollte. Glaube mir, das beste für mich wäre, wenn ich deinem teuren
Vater bald folgen könnte.«
Mit zusammengezogenen Brauen und einem Gesicht, das sich je länger je
mehr verdüsterte, bemerkte Onkel Heinz, der fast täglich in dem
Gontrauschen Hause weilte, diese traurige Veränderung. Anfangs hatte
er das größte Verständnis für Ilse gehabt und nicht gewußt, wie zart
er mit ihr umgehen sollte. Allmählich aber sah er die Sachen mit
andern Augen an und beschloß einmal ein ernstes Wort zu reden.
»Wissen Sie, Frau Gontrau,« begann er, als er mit ihr allein war,
»woraus wir, meiner Ansicht nach, Trost schöpfen können, wenn wir
unsre Liebsten verloren haben?«
Ilse schlug die brennenden Augenlider auf und schaute ihn fragend, mit
einem Schimmer von Interesse an.
»Wenn wir in ihrem Geiste weiterleben,« fuhr der alte Mann fort, »wenn
wir genau dasselbe tun, womit wir sie glücklich machten, als sie noch
bei uns weilten.«
»Vielleicht,« versetzte Ilse mit bitterm Lächeln.
»Sie aber tun das nicht,« fuhr Onkel Heinz erbarmungslos fort. »Oder
glauben Sie, der gute Gontrau würde sich darüber freuen, wenn er
wüßte, daß Sie sich so gehen lassen, sich sogar gegen die Liebe Ihrer
Kinder gleichgültig zeigen und auf dem besten Wege sind, Ihre
Gesundheit zu zerstören und sich aufzureiben?«
»Zum Glück weiß er das nicht.«
»Sind Sie dessen ganz sicher? Und selbst wenn dem so wäre, der
Gedanke, in dem Geist und Sinn unserer lieben Verstorbenen weiter zu
leben, ist ein festes, köstliches Band, das uns mit ihnen verbindet.
Jedenfalls finde ich Sie in Ihrem Leid ganz besonders egoistisch und
undankbar.«
Ilse stand auf, ihre trüben Augen fingen an zu funkeln, etwas von
ihrer alten Natur wurde wach in ihr, und sie rief entrüstet: »Wie
dürfen Sie es wagen, so zu mir zu sprechen? Ich verlange nichts, als
daß man mich mit meinem Schmerz allein läßt! Egoistisch, undankbar!
Wie sollte ich Ursache haben, dankbar zu sein, ich, über die das
größte Leid gekommen ist, das eine Frau treffen kann!«
Onkel Heinz ließ sich jedoch nicht abschrecken; er war schon froh, daß
er sie aus ihrer Apathie aufgerüttelt hatte, und fuhr ruhig fort:
»Egoistisch, weil Sie nur an sich denken und ganz vergessen, daß es
Ihre Pflicht ist -- und nichts weiter als Ihre Pflicht und
Schuldigkeit -- für Ihre Kinder zu leben und ihnen durch doppelte
Liebe den Vater zu ersetzen. Undankbar, weil Sie all das Gute nicht
erkennen, was Ihnen noch geblieben ist. Wer sind Sie denn, Frau Ilse,
und auf welchen Standpunkt stellen Sie sich eigentlich, um so viel vom
Leben fordern zu dürfen?«
»Ich?« stammelte sie verständnislos.
»Ja, Sie,« wiederholte er heftig. »Alle Segnungen, die ein
Menschenleben glücklich gestalten können, sind Ihnen zu teil geworden.
Sie haben eine sorgenlose Jugend genossen, waren schön und gesund,
durften den Mann heiraten, den Sie unaussprechlich liebten. Ihre
Kinder haben Ihnen nie eine trübe Stunde bereitet; auch an irdischen
Glücksgütern fehlte es nicht. Mehr als dreißig Jahre waren Sie mit
Ihrem Manne vereint und haben die denkbar größte Seligkeit erfahren.«
»Ja, aber eben gerade deshalb ist es jetzt so fürchterlich,«
schluchzte Ilse. »Gerade weil ich meinen Mann so geliebt habe, so
glücklich mit ihm gewesen bin, kann ich ihn nicht entbehren, und es
ist so trostlos, ohne ihn leben zu müssen. Aber davon wissen Sie
nichts, das können Sie nicht verstehen.«
Onkel Heinz lächelte traurig.
»Nein, das kann ich natürlich nicht verstehen; aber wissen Sie, Frau
Gontrau, was ich außerdem auch nicht verstehe? Daß Sie sich niemals
die Frage vorgelegt haben, in welchen Beziehungen Sie denn so viel
besser, weiser und liebenswürdiger sind als andre, um so bevorzugt zu
werden. Denn ich sage Ihnen, tausende schmachten nach dem Glück, das
Ihnen mühelos in den Schoß gefallen ist. Tausende müssen im Leben sich
begnügen, die reichbesetzte Tafel anderer zu sehen, und lernen, sich
neidlos an fremdem Glück zu freuen, ohne daß ihnen von den
begehrenswerten Schätzen das Geringste zu teil wird.«
Seine Stimme klang seltsam bewegt, was ihr nicht entging; und als sie
durch ihre Tränen zu ihm aufschaute, sah sie, daß er ganz gerührt war.
Freundlich reichte sie ihm die Hand und flüsterte:
»Sie haben Recht, ich will mich zusammennehmen.«
Und sie hielt Wort. Zwar wurde sie nicht mehr die alte Ilse, die sie
früher gewesen war, aber sie lernte, sich in das Unabänderliche
schicken, zehrte vom Glück, das sie früher besessen hatte, und konnte
dankbar sein für das, was ihr geblieben war. Niemand, selbst Ruth
nicht, erfuhr, was der alte Professor mit ihr verhandelt hatte. Ihre
Kinder schrieben die günstige Veränderung der alles heilenden Zeit zu.
Einige Jahre später baten Ruth und ihr Gatte, Heinrich von Holten,
Großmama Ilse, ihr Töchterchen Irma auf unbestimmte Zeit in ihr Haus
zu nehmen. Durch ihren Beruf gezwungen, waren sie viel auf Reisen und
konnten nie lange an einem Ort verweilen. Dies unstäte Leben mußte die
Erziehung des heranwachsenden Mädchens ungünstig beeinflussen. Mit
Gustav war das etwas anderes; der Knabe spielte bereits so meisterhaft
Klavier, daß er seine Eltern nicht nur begleitete, sondern sich schon
selber öffentlich hören ließ. Irma aber war nicht künstlerisch
veranlagt, für sie paßte dies ruhelose Leben nicht. Mit welcher Freude
Frau Ilse die Bitte ihrer Tochter erfüllte, läßt sich denken. Sie
fühlte sich oft sehr einsam, und nun, wo die hübsche, lustige Irma ihr
Gesellschaft leistete, erwachte wieder viel von ihrer früheren
Lebenslust.
Alle diese Ereignisse zogen an Ilses Geist vorüber, während sie in
ihrem gemütlich eingerichteten Wohnzimmer saß. Sie erkannte, wie sie
es eigentlich Onkel Heinz verdankte, daß sie nun mit Freuden der
Ankunft ihrer unbekannten Großkinder entgegensah, und sich auf die
spätere Heimkehr von Fritz und Marianne aus dem fernen Lande freuen
konnte; und ein Gefühl der Dankbarkeit gegen ihren alten Freund
erfüllte sie. --
Unterdessen waren Professor Fuchs und Irma auf dem Bahnhof angelangt
und schritten ziemlich ungeduldig auf dem überdachten Bahnsteig hin
und her, um die Ankunft des Zuges zu erwarten.
»Glaubst du, daß wir sie schnell herausfinden, Onkel?« fragte Irma.
»Aber natürlich, sie werden Lärm genug machen.«
»Ich bin so schrecklich neugierig; wenn der Zug nur erst käme, es ist
nicht mehr auszuhalten!«
Ein schriller, langgezogener Pfiff in der Ferne, ein immer lauter
werdendes Getöse verriet, daß die Wartezeit ein Ende hatte.
»Ruhig!« mahnte Onkel Heinz, als Irma ihn mitten ins Menschengewühl
hineinziehen wollte. »Glaubst du, mir macht's Vergnügen, auf meinen
schmerzenden Fuß getreten zu werden? Wir bleiben hier stehen, dicht
neben dem Eingang, da müssen sie vorbeikommen, und wir können sie
nicht verfehlen.«
Irma wäre lieber weitergegangen, aber sie nahm sich zusammen, reckte
sich, so viel sie konnte, und bemühte sich, mit ihren scharfen Augen
die Erwarteten zu entdecken.
»Ach, ich fürchte, sie sind nicht da,« flüsterte sie enttäuscht.
»Ich glaube, du bist meine Cousine Irma von Holten,« sagte plötzlich
eine helle Stimme in reinstem Deutsch dicht neben ihr, und vor ihr
standen zwei junge Mädchen mit einem Knaben von etwa zehn Jahren.
»Maud! Agnes!« rief Irma erfreut, »seid ihr's wirklich? Ach wie schön,
daß wir euch gefunden haben.«
Sie war doch etwas verlegen und warf rasch einen Seitenblick auf die
Amerikaner. Die beiden Mädchen waren groß und schlank, trugen sehr
einfache Reisekostüme von dunklem Stoff, gut, aber ohne jede
Verzierung gearbeitet, um den Hals einen weißen Kragen mit einer
hübsch geschlungenen Krawatte. Irma fand, daß sie jungenhaft aussahen,
besonders Maud, deren dunkles Haar kurz geschnitten war. Beide trugen
Filzhüte mit einem breiten glatten Band und einer steif
aufrechtstehenden Hahnenfeder. Der Knabe sah allerliebst aus. Er war
klein für sein Alter, hatte aber ein kluges, verschmitztes Gesicht.
Mit seinem langen Beinkleid, seiner kurzen Jacke und hohem Hut glich
er einem Herrn =en miniature=. Alle drei schienen ihren Handkoffer mit
Vergnügen selbst zu tragen; in ihrer Kleidung wie in ihrem Äußern lag
etwas höchst Korrektes, und sie sahen durchaus nicht ermüdet und
abgespannt aus.
»Sie müssen Onkel Heinz sein,« sagte Maud, auf den Professor
zutretend, »Vater und Mutter haben uns so viel von Ihnen erzählt, daß
wir sie überall herausfinden würden.«
»Na, na, ihr Taugenichtse, eure Eltern haben mich seit zwanzig Jahren
nicht gesehen, was können sie da noch von mir behalten haben?« fragte
der Professor, dessen Antlitz vor Freude strahlte.
»O,« nahm der kleine Karl das Wort, »Sie sind gewiß nur ein bißchen
weißer geworden, aber den Spitzbart und das lustige Gesicht haben Sie
wohl immer gehabt.«
»Nu hör' mir einer so 'nen Junker Naseweis an, was sagst du zu so 'nem
Dandy, Irma?«
Die Amerikaner waren so zutraulich und liebenswürdig, daß es Irma nach
kaum fünf Minuten schien, als hätten sie sich schon seit Jahren
gekannt.
An der Treppe, die vom Bahnsteig hinunterführte, bot Agnes Onkel Heinz
den Arm, und der kleine Junge lief voraus, öffnete die Türen des
Wartesaales und sah sich sofort nach dem Wagen um. Dienstfertig riß er
den Schlag auf, half den jungen Damen und Onkel Heinz beim Einsteigen
und kletterte, da im Innern kein Platz mehr für ihn war, auf den Bock;
das alles tat er mit einer Gewandheit und Selbstverständlichkeit, als
ob er zwanzig und nicht zwölf Jahre alt wäre.
»Aber wir vergessen ja das Gepäck,« rief Irma, »wo sind eure Koffer?«
»Wir haben nichts weiter als unser Handgepäck,« entgegnete Maud.
»Nichts als diese kleinen Köfferchen, und damit habt ihr eine solche
Reise gemacht?«
»Nun, was brauchen wir mehr? Ein gutes, handfestes Reisekostüm, eine
seidene Bluse und ein heller Rock, das genügt. Wäsche kann man an
jedem Ort kaufen oder waschen lassen. Viel Gepäck auf der Reise ist
unpraktisch.«
Nach einer Viertelstunde hielt der Wagen vor dem Hause der Frau
Gontrau. Die Doppeltüre öffnete sich, noch ehe der Kutscher klingeln
konnte. Bebend vor Rührung stieg Irma zuerst aus und ging ins
Vorzimmer. Dort stand Großmutter Ilse und hieß ihre Enkelkinder mit
Tränen in den Augen willkommen.
»Liebste, beste Großmutter! Sehen wir dich endlich?« riefen die
Mädchen, und alle drei eilten zu gleicher Zeit auf sie zu.
Während einiger Minuten hörte man nichts als unterdrücktes Schluchzen,
Liebkosungen und einzelne Ausrufe. Endlich beruhigten sich die Gemüter
ein wenig und entzückt schaute Ilse die Kinder an.
»Sehen Sie mal, Onkel Heinz,« rief sie erregt, »ist Maud nicht ihrem
Vater wie aus den Augen geschnitten? Und Agnes, du gleichst auf ein
Haar deiner lieben Mutter, auch so blond und sanft. Wann kommen eure
Eltern, liebe Kinder?«
»In sechs Wochen etwa, Großmama. Wir müssen erst ein Haus mieten und
einrichten.«
»Wem seh ich ähnlich, Großmama?« fragte Karl.
»Das weiß ich noch nicht, mein lieber Junge.«
»Die Mutter sagt,« nahm Maud das Wort, »daß er viel vom Großvater
hat,« und sie schaute nach einem lebensgroßen Porträt Leos, das an der
Wand hing.
Das gab Ilse einen Stich ins Herz. Ach, wie oft hatte Leo sich auf das
Wiedersehen mit seinen Kindern und Enkeln gefreut; wie innig hatte er
gewünscht, daß sein Schwiegersohn Fritz einen Wirkungskreis in ihrer
Nähe finden und seinem Adoptivvaterlande Lebewohl sagen möchte. Nun,
wo sich sein Wunsch erfüllte, konnte er sich nicht mehr daran
erfreuen. Verräterisch bebten die Lippen der alten Frau, da bemerkte
sie, wie Onkel Heinz sie ernst und ermutigend anschaute. Der Gedanke,
daß er nur zu gut verstand, was in ihr vorging, gab ihr Kraft; tapfer
schluckte sie die Tränen hinunter und sagte heiter:
»Aber Kinder, ihr müßt ja totmüde sein. Irma, führe sie nach oben und
zeige ihnen ihre Zimmer, dann können sie sich vor dem Abendessen etwas
ruhen.«
»Nicht nötig, Großmama,« fiel Agnes lebhaft ein. »Wir haben heute
nacht im Zuge herrlich geschlafen und es uns ganz bequem gemacht. Das
Einzige, was uns nottut, ist etwas zu essen. Nicht wahr, Maud? Nicht,
Karl?«
»O, dann gehen wir gleich zu Tisch,« schlug Ilse vor. »Folgt mir nur
ins Eßzimmer, Kinder. Kommen Sie, Onkel Heinz!«
Lachend nahm sie den Arm des alten Herrn und schritt voraus, während
Irma sich im Stillen wunderte, wie man länger als zwanzig Stunden in
einer Tour reisen und dann erklären konnte, nicht müde zu sein.
Bald war die ganze Familie gemütlich um die Abendtafel versammelt. Der
Tisch war festlich gedeckt mit einem weißen Tuch, in das mit feiner,
blauer Baumwolle Figuren und Sprüche eingestickt waren, und zeigte
Überfluß an wertvollem, altdeutschem Porzellan, schön geschliffenem
Kristall, Blumen und Früchten. An dem altmodischen kupfernen
Kronleuchter waren alle Kerzen entzündet und auf dem Buffet von
Eichenholz standen sogar ein paar Flaschen Sekt in Eis.
Die amerikanischen Gäste taten dem Festmahl die größte Ehre an, und
alle schwatzten lustig und lebhaft durcheinander.
»Kinder,« fragte Ilse im Laufe des Gesprächs, »wie gefällt euch
Paris?«
»Herrlich, Großmama. Eine großartige, fröhliche Stadt. Entzückend mit
all den großen Plätzen und Parks, dem vielen Grün und der
Blumenpracht. Jetzt war es ganz besonders schön, denn Flieder und
Kastanien standen in vollster Blüte.«
»Herrscht nicht ein schrecklicher Trubel dort?«
»Nein, bei uns geht's lebhafter zu, da gibt's viel mehr Lärm und
Hasten, und die Menschen haben mehr zu tun, aber in Paris ist alles
eleganter, reicher.«
»War's euch nicht angst, so ganz allein in der großen fremden Stadt?«
fragte Irma neugierig.
»Ganz allein?« rief Karl lachend; »wir waren doch zu dritt.«
»Ja, aber ihr seid doch so jung und wart fremd und hattet keine
Bekannten, die euch herumführen und euch alles zeigen konnten.«
Maud lachte. »Wir kannten niemand; Tante Ruth hat, glaube ich, an
einige Familien geschrieben, sich unserer anzunehmen. Aber wir fanden
es so umständlich, erst Besuche zu machen, das nahm uns Zeit, und es
gab doch so viel zu sehen.«
»Das ist schade,« meinte Ilse. »Ohne Begleitung konntet ihr doch nicht
in die Theater gehen, und dadurch habt ihr viel verloren.«
»Ich verstehe dich nicht, Großmama, wir sind in verschiedenen Theatern
gewesen.«
»Allein?«
»Wir drei und manchmal wir beide, wenn es für Karl zu spät wurde.«
»Ihr beiden jungen Mädchen allein, des Abends, im Pariser Theater,«
sagte Ilse erstaunt, »wußten eure Eltern das?«
»Natürlich, Großmama. Wir gehen immer allein aus, überall hin. Alle
amerikanischen Mädchen tun das, und niemand findet etwas darin.«
»Ich würde das nicht wagen,« gestand Irma.
»Was bist du für ein Dummchen,« fuhr Maud fort. »Wie umständlich und
lästig ist es, immer von irgend jemand abhängig zu sein. Wir sind's
gewöhnt, alles allein und selbständig zu besorgen. Und das ist
wirklich das einzig Richtige.«
»Aber Kinder,« fragte Ilse, »habt ihr in Paris denn nie eine
unangenehme Begegnung gehabt?«
»Nicht ein einzigesmal, Großmama,« versicherte Agnes. »Niemand achtete
auf uns, ruhig und still, den Reiseführer in der Hand, gingen wir
unsres Weges. Hatten wir was zu fragen, wiesen die Leute uns stets
freundlich und höflich zurecht. Wir waren immer sehr einfach
gekleidet, und jeder sah gleich, daß wir Fremde waren.«
»Nun,« nahm die Großmutter wieder das Wort, »ich versichere euch, daß
in meiner Jugend niemand so was gewagt hätte. Und ich war noch ein
kecker Tollkopf, aber davor wäre mir doch bange gewesen. Was sagen Sie
dazu, Onkel Heinz?«
Der alte Herr hatte behaglich schmunzelnd zugehört.
»O!« meinte er, »mir gefällt das alles ausgezeichnet; Sie wissen ja,
daß ich auf die übertriebenen Formen und Komplimente nichts gebe. Ich
bin für die amerikanischen Mädchen. Und da nun gerade der Sekt
eingegossen wird, schlage ich vor, sie leben zu lassen.«
Fröhlich stimmte jeder in dies Lebehoch ein; aber nun war es spät
geworden, und man trennte sich. Die jungen Gäste wurden auf ihre
Zimmer geführt, und bald herrschte tiefste Stille im ganzen Hause.
* * * * *
Am nächsten Morgen sandte die strahlende Maisonne Lichtfunken durch
die Stäbe der heruntergelassenen Jalousien in Irmas Zimmer, und
endlich gelang es ihr, das junge Mädchen aufzuwecken. Irma richtete
sich auf und schaute umher in dem hübschen Gemach mit den hell
bezogenen Möbeln und den weißen, mit blauen Schleifen aufgenommenen
Gardinen. Sie rieb sich die Augen, nickte den Bildern ihrer Eltern und
ihres Bruders, die auf dem Schreibtisch standen, einen Morgengruß zu
und dann, ohne daß sie sich recht darauf besinnen konnte, fiel ihr
ein, daß gestern abend etwas sehr Nettes passiert war. Ach ja, die
Ankunft der amerikanischen Cousinen! Sie sah nach der Uhr und merkte
mit Schrecken, daß es schon sehr spät war und sie die Zeit verschlafen
hatte. Eilig sprang sie aus dem Bett und kleidete sich an.
Bei Großmama schadete das nichts, die machte kein böses Gesicht, wenn
sie ein bißchen spät herunterkam, aber was würden die amerikanischen
Cousinen denken? Irma war ein recht verwöhntes Kind, ein verzogenes
Püppchen; da sie aber so liebenswürdig, sanft und herzlich war, ließ
Großmutter Ilse ihr in ihren kleinen Liebhabereien und Neigungen, die
sie nur noch bezaubernder machten, ihren freien Willen. Sie war nicht
eitler als die meisten jungen Mädchen, obwohl sie wußte, daß sie ein
reizendes Gesichtchen hatte, mit blauen Vergißmeinnichtaugen und einer
Fülle krausen goldblonden Haares. Sie hielt sehr darauf, nett
angezogen zu sein, und brauchte viel Zeit zur Toilette, aber das
Resultat war dann auch stets ein so befriedigendes, daß die
Großmutter, selbst wenn sie zuweilen über solche Zeitvergeudung
schalt, sich heimlich gestehen mußte, daß das kleine Ding
unwiderstehlich reizend aussah.
Denselben Gedanken hatten auch die amerikanischen Cousinen, als Irma
nun endlich in einem blau und weiß gestreiften Morgenkleide sich zu
ihnen gesellte, und der kleine Karl, der sich bereits im Zimmer seiner
Schwestern befand, erklärte Irma für das schönste Mädchen, das er je
gesehen.
»Dummer Junge!« rief sie lachend, aber geschmeichelt fühlte sie sich
doch. »Was ist das mit euch?« fuhr sie fort, erstaunt erst die beiden
Mädchen ansehend und dann im Zimmer umherblickend.
Maud und Agnes waren, wie Karl, bereits zum Ausgehen gerüstet, bis auf
Hut und Handschuhe. Aber auch das Zimmer war schon völlig fertig, die
Betten gemacht, die Waschtische in Ordnung gebracht, überall Staub
gewischt, ja Agnes war beschäftigt, den Pflanzen, die auf dem Balkon
standen, Wasser zu geben.
»Warum habt ihr das alles selbst besorgt?« fragte Irma verwundert.
»Das sind wir so gewöhnt.«
»Aber dazu sind doch die Dienstmädchen da.«
»Gewiß,« versetzte Maud, »doch wir lieben es nicht, uns bedienen zu
lassen. Was wir selbst tun können, tun wir auch selber. Bei uns haben
wir keine Bedienten in dem Sinne, wie ihr das versteht. Zu gewissen
Arbeiten, die wir nicht verrichten können, kommen Leute stundenweise
jeden Tag; dann gehen sie wieder. Sie werden fast als unsres Gleichen
angesehen. Die Mutter erzählte uns, daß es hier ganz anders ist, aber
so rasch können wir uns daran nicht gewöhnen.«
Großmutter Ilse erwartete das junge Volk im Eßzimmer, dessen weit
offenstehende Glastüren in den Garten führten. Nach dem Frühstück
wurde ein Tagesprogramm entworfen. Die Mädchen wollten sich am
liebsten gleich nach einer passenden Wohnung umsehen. Sie ersuchten
Großmama und Irma nachzudenken, welches Stadtviertel das geeignetste
wäre, damit sie keine unnötigen Wege zu machen brauchten.
»Aber erst,« erklärte Maud, »muß ich zwei Briefe schreiben, oder
besser, du, Agnes, schreibst den an unsre Eltern, das erspart Zeit.
Den andern muß ich selbst erledigen.«
Sie wurde dabei rot, und Irma forschte lachend:
»Ist er so wichtig, daß du ihn nicht bis zum Nachmittag aufschieben
kannst?«
»Ja,« versetzte Maud, »denn dieser Brief ist für meinen Verlobten
bestimmt.«
Großmama und Irma machten erstaunte Gesichter.
»Du bist schon Braut, mein Kind?« fragte erstere. »Und davon erfuhr
ich nichts. Das ist doch nicht auf der Reise zustande gekommen?« fügte
sie hinzu, fürchtend, daß ihre Enkelin ohne Wissen der Eltern einen
unüberlegten Schritt getan haben möchte.
»Nein, Großmama,« erwiderte Maud ruhig. »John und ich, wir sind schon
fast ein Jahr verlobt. Er ist eine Waise, Vater und Mutter haben es
vom ersten Tage an gewußt. Der Vater hielt es für besser, nicht
darüber zu reden, denn es dauert noch ein Jahr, bis John fertig ist
und wir heiraten können. Daher haben wir nichts davon in unseren
Briefen erwähnt, aber ich wollte es dir natürlich gleich mitteilen.«
»Und was ist dein Bräutigam?«
»Im Augenblick Heizer auf einer Lokomotive.«
»Was!« riefen Ilse und Irma, im höchsten Grade erstaunt, wie aus einem
Munde.
»Heizer auf einer Lokomotive,« wiederholte das junge Mädchen mit
größter Gemütsruhe.
»Ist er denn ein Arbeitsmann?« fragte Irma kleinlaut.
Maud fing an zu lachen.
»Hab' nur keine Angst. Mein John ist Ingenieur und wird übers Jahr
zweiter Direktor einer großen Dampfmaschinenfabrik. Aber er muß auch
praktisch lernen und daher dient er eine Zeitlang als einfacher
Arbeiter.«
»Ein gewöhnlicher Heizer,« nahm Irma das Wort, und ihre blauen Augen
wurden immer größer vor Verwunderung, »mit 'nem Arbeitskittel und
schwarzem Gesicht und schmutzigen Händen?«
Maud ärgerte sich ein bißchen, Agnes aber brach in lustiges Gelächter
aus.
»Was bist du doch für ein dummes Gänschen, Irma; wenn er sich
gewaschen und umgezogen hat, sieht ihm niemand seine Beschäftigung an.
John geht nicht in seinem Arbeitsrock in Gesellschaft.«
»Überdies,« fiel Maud ein, »ist ein Arbeiter bei uns gerade so gut ein
Gentleman wie jeder andere, es kommt nur auf die Persönlichkeit an.
Uns ist gelehrt, daß keine Arbeit schändet.«
»Da hast du ganz recht,« meinte Ilse, »aber du mußt es meiner kleinen
Irma nicht übelnehmen, daß sie etwas erstaunt ist. Sind die Sitten und
Gebräuche in Amerika auch anders, im Grunde genommen haben wir doch
dieselben Ansichten. So willst du uns also bald wieder verlassen,
Maud?«
»In einem Jahr kommt John, um mich zu holen, Großmama.«
»Und du, Agnes.«
»O, du behältst mich zunächst bei dir, vielleicht für immer; ich habe
keinen Verlobten in Amerika.«
Die jungen Mädchen schrieben ihre Briefe, und dann gingen sie mit Irma
auf Wohnungssuche. Ilse wollte nach einem Wagen schicken, Maud aber
erklärte, sie fände es bequemer zu Fuß zu gehen, dann könnten sie sich
besser umschauen. Die Großmama mußte den Gedanken, sie zu begleiten,
aufgeben, denn sie fürchtete die Anstrengung, auch bedurften ihre
energischen Enkelinnen ihres Rates nicht, denn sie wußten genau, was
sie brauchten. So konnte sie ihnen die Sache getrost überlassen. Irma
ging zum Vergnügen mit. Sie gesellte sich zu Agnes, während Maud und
Karl vorauswanderten, und eifrig beratschlagten. Die deutsche Cousine
wunderte sich immer mehr und mehr über den Takt, die Ruhe und
Geschäftskenntnisse, welche die fremden jungen Mädchen an den Tag
legten. Sie erkundigten sich nach allem, sprachen mit Hauseigentümern
und Verwaltern, machten solche praktische Bemerkungen, daß sogar die
Männer sie erstaunt betrachteten, und endlich glückte es ihnen, dicht
vor der Stadt ein geräumiges, von einem hübschen Garten umgebenes Haus
zu mieten. Maud schlug vor, der Besitzer solle noch denselben Abend
mit dem Kontrakt zu Frau Gontrau kommen, da die Sache eile. Das Haus
konnten sie sofort beziehen, es sah sehr gut erhalten aus und bedurfte
nur geringer Reparaturen.
»Ich glaube, daß ich arg dumm bin,« sagte Irma seufzend, als sie,
munter plaudernd, den Heimweg antraten. »Erst fand ich es sehr
komisch, daß ihr allein herkamet und ein Haus für eure Eltern mieten
solltet. Meinen Eltern würde es nie einfallen, mir einen solchen
Auftrag zu geben. Ich würde es auch nicht können, denn noch nie in
meinem Leben bin ich handelnd aufgetreten.«
»Dann wird es hohe Zeit,« fand Maud. »Wie alt bist du eigentlich,
Irma?«
»Siebzehn.«
»Agnes ist achtzehn, und ich werde nächstens zwanzig.«
»O, du kommst mir wie dreißig vor,« rief Irma, »das heißt,« fuhr sie
erschrocken fort, »nicht in deinem Äußern, denn mit dem hübschen
kurzen Gelock siehst du wie sechzehn aus, aber in deinem Tun und
Lassen. Du bist so schrecklich verständig, ganz wie eine Frau.«
»Das will ich meinen,« sagte Maud ruhig.
»Mach nur nicht so ein erschrecktes Gesicht, Irmachen,« nahm Agnes
freundlich das Wort. »Du brauchst nicht handelnd aufzutreten; du bist
gerade so ein liebes, hübsches, kleines Ding, das sein Leben lang
verhätschelt und beschützt werden muß.«
»Das möchte ich auch. Mir ist so bange vor emanzipierten Frauen.«
Maud mußte lachen. »Wir sind nicht emanzipiert. Wir haben nur gelernt,
uns wenn nötig selbst zu helfen und unabhängig und frei aufzutreten,
wo es gerade angebracht ist.«
»Aber ich will nicht unabhängig auftreten,« beharrte Irma. »Wenn ich
mal heirate, will ich von meinem Manne ganz abhängig sein, ihn als mir
überlegen betrachten, als meinen Herrn und Gebieter; er aber muß mich
verwöhnen, verhätscheln und in mir das kostbarste und schönste Wesen
sehen, das ihm anvertraut ist. Er muß mich geradezu anbeten.«
»Das würde mir nicht genügen,« erwiderte Maud und ihre Mundwinkel
zuckten verächtlich. »Ich will meinem Manne Gefährtin und Helferin
sein, keine Puppe, kein Schmuckstück.«
Irma antwortete nichts, sie nahm den Arm ihrer jüngeren Cousine. Ohne
recht zu wissen weshalb, fühlte sie sich mehr zu Agnes hingezogen --
ob das kam, weil diese sie schon zweimal schön und unwiderstehlich
genannt hatte? Sie gestand sich das selbst nicht ein, fand Maud auch
sehr lieb, aber die war drei Jahre älter und -- Braut. Da war es wohl
natürlich, daß sie sich mit Agnes inniger befreundete.
Die Mädchen baten Großmutter Ilse, nach dem Mittagessen das Haus mit
ihnen zu besehen, ehe es endgültig gemietet wurde. Onkel Heinz, der
sich erkundigen wollte, ob die Reisenden gut geschlafen hätten, schloß
sich ihnen an. Beide waren höchst befriedigt, Ilse, weil das Haus nur
ein Viertelstündchen von ihrer Wohnung entfernt lag, und der
Professor, weil die Zimmer so geräumig, hoch und luftig waren. In
heiterer, fast ausgelassener Stimmung durchschritten und besichtigten
sie sämtliche Räume, und die Mädchen erzählten schon, wie sie alles
einrichten wollten, als Ilse plötzlich erschrocken ausrief:
»Aber Kinder, wann geht ihr denn zu eurer Tante Elisabeth?«
Der kleine Karl schnitt Irma ein Gesicht, daß sie losprustete, Agnes
sonniges Antlitz trübte sich und Maud sagte:
»Aber Großmama, dazu haben wir doch vor der Hand keine Zeit; es eilt
auch nicht.«
»Doch, liebes Kind; sie ist die einzige Schwester deines Vaters.«
»Papa konnte Tante Elisabeth nie leiden; er machte sich nichts aus
ihren Briefen,« ergänzte Karl.
»Und doch hat er sicher gesagt, daß ihr gleich nach eurer Ankunft sie
besuchen sollt,« beharrte Ilse. »Was meinen Sie, Onkel Heinz?«
»Ach, was sollen die Kinder bei so 'ner langweiligen alten Jungfer?«
»Siehst du wohl, Großmama! Onkel Heinz muß es doch wissen,« riefen die
Mädchen wie aus einem Munde.
»Nein, Onkel Heinz weiß es nicht,« erklärte Ilse bestimmt, dem
Professor einen unzufriedenen Blick zuwerfend. »Denken Sie doch, wie
einsam Tante Elisabeth ist! Seit dem Tode eurer Großmutter, der alten
Frau Rosi Müller, lebt sie ganz allein. Nun sind die Kinder ihres
einzigen Bruders aus Amerika gekommen, und es würde mehr als unartig
und herzlos sein, wenn ihr sie nicht aufsuchen wolltet.«
»Großmama hat recht,« pflichtete Maud bei, »morgen früh wollen wir zu
ihr gehen.«
»Ich geh' aber nicht mit,« rief Irma, »ich hab' keine Lust, getadelt
zu werden wie ein kleines Kind. Jedesmal, wenn ich zu Fräulein Müller
komme, muß ich anzügliche Bemerkungen hören, bald über meine Frisur,
dann über meine Toilette, ja, einmal hat sie sich sogar herausgenommen
mir zu sagen, daß du mich verziehst, Großmama.«
»Da hat sie aber vollkommen recht,« stimmte Ilse lachend zu. »Du wirst
mitgehen, Irma, schon um deinen Cousinen den Weg zu zeigen.«
»Ja,« flüsterte Agnes, »komm nur mit, nachher lachen wir zusammen über
die '=old maid='.«
Das Haus wurde gemietet, und während des ganzen übrigen Nachmittags
und Abends stellten die Mädchen lange Listen von allem auf, was sie
zur Einrichtung brauchten, denn sie wollten so bald wie möglich mit
ihren Einkäufen beginnen. --
Pastor Adolf Müller war ungefähr sechs Jahre, nachdem sein Sohn Fritz
sich mit Marianne Gontrau verheiratet hatte und nach San Franzisko
gezogen war, gestorben. Rosi und ihre einzige Tochter Elisabeth hatten
das freundliche Pfarrhaus verlassen müssen und waren nach einem andern
Stadtteil übergesiedelt. Dort hatten sie eine Wohnung ganz nach ihrem
Geschmack gefunden -- ein düsteres, ziemlich großes Haus mit zwei
Stockwerken, einem langen Korridor und einer Küche. Die dunkel
tapezierten Zimmer wurden mit schweren, massiven Mahagonimöbeln
ausgestattet. Rosi liebte helle Farben und neumodisches Mobiliar
nicht, und Elisabeth teilte ihren Geschmack. Die Schränke, Tische und
Stühle waren so glänzend poliert, daß ein Spiegel überflüssig schien,
obgleich einer in schwarzem Rahmen über dem Kamin hing. Nirgends war
ein Stäubchen zu entdecken, und alles stand fein säuberlich an der
Wand in Reih und Glied, denn Rosi ärgerte sich über die verrückte
Sitte, im Salon alles bunt durcheinander zu stellen. Die Kissen und
gepolsterten Sitze der Sessel und Sophas waren mit riesigen
gefältelten Schonern bedeckt, denn die beiden Damen, die wenig
ausgingen, sich außer in der Kirche nie an öffentlichen Orten zeigten
und selten Besuch bei sich sahen, beschäftigten sich vorzugsweise mit
Handarbeiten. Durch die Heirat der Kinder wurde der Umgang mit der
Familie Gontrau aufrecht erhalten, da aber auf beiden Seiten keine
große Sympathie herrschte, nahm der Verkehr auch im Laufe der Jahre
nicht zu. Rosi billigte es nicht, daß Ilses älteste Tochter Ruth einen
Künstler geheiratet hatte, daß sie selbst Konzerte gab und viel mit
Künstlern, ja sogar mit Schauspielern verkehrte. Leo und Ilse ertrugen
Rosis beschränkte Ansichten um der Kinder willen, hüteten sich aber
vor einem intimen Umgang.
Diese Umgebung war sicher nicht geeignet, um aus Elisabeth, die an
sich schon ein steifes, zurückhaltendes Wesen besaß, ein fröhliches,
liebenswürdiges Menschenkind zu machen. In ihrer Jugend hatte sie
unter dem Druck gelebt, der seit Fritzens Flucht aus dem Elternhause
jahrelang auf Rosi und Adolf lastete. Als später alles zum Guten
ausschlug und Fritz als ein tüchtiger, vermögender =self-made man= aus
der Fremde heimkehrte, galten alle Liebe, alle Aufmerksamkeiten ihm,
und die bescheidene Elisabeth, die sich stets bemüht hatte, ihrer
Mutter in strengster Pflichterfüllung nachzueifern, war ganz in den
Hintergrund getreten. Der Pastor sah das wohl ein, er hatte aber nie
viel zu sagen gehabt. Er bemühte sich, Rosi klar zu machen, daß sie
Elisabeth in die Gesellschaft einführen müßten, damit sie ihre Jugend
genießen könne. Rosi war nicht seiner Meinung; je stiller und
unbeachteter ein junges Mädchen seinen Weg ging, desto besser. Ein
ernster Mann wüßte es zu schätzen, wenn er ein Mädchen heiratete, das
unbekannt und unbesprochen durch die Welt ging und dessen Tugenden im
eignen Hause zur vollen Geltung kamen. Aber trotzdem erhielt Elisabeth
nie einen Heiratsantrag. Anfangs war sie darüber unglücklich und
beneidete ihre, in dieser Hinsicht bevorzugten Freundinnen.
Als die Jahre vergingen und die Aussichten immer mehr schwanden, wurde
sie verbittert. Nachdem der Vater gestorben und sie mit der Mutter die
düstere, kasernenartige Wohnung bezogen hatte, ergingen sich beide in
lieblosen Gedanken und scharfen Äußerungen. Die eine verurteilte die
Mütter, die alles daran setzten, ihren Töchtern einen Mann zu kapern,
und die andre brach den Stab über die Mädchen, die den jungen Leuten
nachliefen und dadurch ein Schandfleck ihres Geschlechtes wurden.
Solange die Mutter lebte, die mit ihr fühlte und für die sie sorgen
konnte, verknöcherte Elisabeth noch nicht ganz, aber als sie nach
ihrem Tode allein auf der Welt stand, wurde sie die unangenehme,
bissige alte Jungfer, die sich für nichts interessierte als
für die Sauberkeit und Ordnung in ihrem Haushalt, für einige
Wohltätigkeitsbestrebungen, die mit echter Menschenliebe und
Selbstverleugnung wenig zu schaffen hatten, für ihre Sammlung von
Häkelmustern und für die Gesundheit ihrer Katze, ihres Kanarienvogels
und ihres Hundes. Sie wurde geizig, mißtrauisch und klatschhaft; die
Leute mieden und verlachten sie. Nur wenige hatten Mitleid mit ihr und
sahen ein, daß sie wohl eine verrückte alte Jungfer, aber doch
eigentlich ein beklagenswertes Geschöpf war, verdorben durch Erziehung
und häusliche Verhältnisse. Ilse Gontrau, die selbst viel gelitten --
erst durch Nellies Tod und dann vor allem durch den Verlust ihres
geliebten Leo -- urteilte milder und konnte es nicht leiden, wenn
Elisabeth Müller von allen, besonders von den Männern und dem jungen
Volke verspottet und lächerlich gemacht wurde. Sie sah in ihr eine
arme Verlassene, an der das Glück mitleidslos vorübergegangen war.
Wenn sie auch zugeben mußte, daß der Gegenstand ihres Mitleids höchst
unsympathisch war; wenn sie auch für ihre guten Absichten stets
unangenehme Redensarten zu hören bekam, sie blieb fest in ihren
Bemühungen und gab sich daher auch jetzt erst zufrieden, als die
Mädchen mit Karl sich am nächsten Morgen auf den Weg zu Tante
Elisabeth machten.
»Brr!« sagte der kleine Junge, »was für 'ne Straße! Das ist ja rein
zum Gruseln.«
»Dort wohnt die Tante, in dem Haus mit den Spionen und den grünen
Rollläden,« belehrte Irma.
»Nicht verlockend,« meinte Maud. »Warum steht bei dem herrlichen
Wetter nirgends ein Fenster auf?«
»Damit kein Staub hineinkommt.«
»Glaubst du, Irma, daß sie uns was Leckeres anbieten wird?« fragte
Karl.
»Selbstverständlich. Aber wenn sie es tut, Kinder, nur nicht danken.
Sie wagt gewiß nicht, es zu unterlassen, in der stillen Hoffnung, daß
wir dankend ablehnen werden. Denn geizig ist sie!«
»So wird sie mir wohl keine Zigarre anbieten?«
»Kleiner Affe!« rief Irma lachend, »darf er denn rauchen, Agnes?«
»Nein, Papa hat's ihm streng verboten, trotzdem tut er es manchmal
doch.«
»Still, nicht klatschen,« flüsterte Karl mit einem besorgten Blick auf
Maud, die jedoch nicht acht gegeben hatte, sondern ihr ganzes
Interesse der großen, dunkel gestrichenen Haustüre und den mit
Rollläden und doppelten Vorhängen versehenen Fenstern widmete.
Sie zogen die Klingel und mußten lange warten. Endlich öffnete sich
die Tür und ein bejahrtes Dienstmädchen mit sauren Mienen, in einem
dunkelblauen Wollkleide mit kurzen Ärmeln und einer großen
Leinenschürze, erschien in derselben.
»Ist Fräulein Müller zu Hause?« fragte Irma.
»Ja, gnädiges Fräulein,« lautete die Antwort mit einem keineswegs
freundlichen Blick auf die kleine Gesellschaft.
»Nun, dann können wir wohl eintreten.«
»Nicht so rasch, bitte, ich weiß doch nicht, ob das Fräulein empfangen
will.«
»Dann fragen Sie, aber so lange brauchen wir doch nicht hier auf der
Matte zu stehen.«
»Wen soll ich melden?«
»Mich kennen Sie doch, Fräulein Irma von Holten? Und dann sagen Sie,
daß die Nichten und der Neffe aus Amerika da sind.«
»So,« erwiderte die Magd mit einem mißtrauischen Blick auf die
Fremdlinge. »Treten Sie unterdes nur ein, aber bitte die Füße gut
abzuputzen, draußen ist es schmutzig.«
»Ach, so was, die Straße ist knochentrocken,« murmelte Irma, während
sie den Cousinen und Karl voranging in den Salon.
»Was für ein freches Geschöpf,« sagte Agnes.
»Wart' nur, Kind, das ist erst das Vorspiel, die Herrin ist noch ganz
anders. Aber findet ihr es hier nicht außerordentlich gemütlich?«
Maud und Karl prusteten los, während Agnes sich neugierig umschaute.
Es war ein großes Gemach, aber es roch dumpfig und feucht, als ob es
lange nicht gelüftet worden wäre. Vor dem hohen, breiten Fenster, das
auf einen Hof hinausging, hingen schwere, dunkle Übergardinen. Dunkel
waren auch Tapeten und Möbel, die wie Soldaten in Reih und Glied an
den Wänden standen. Das goldene Sonnenlicht, die fröhlichen Farben der
ersten hellen Sommertage waren sorgfältig ausgesperrt; hier schien
alles düster, winterlich, feucht und bedrückend.
Maud, Karl und Irma hatten jedes auf der Kante eines Stuhles Platz
genommen, ohne den Mut zu finden, ihn auch nur ein wenig von der Wand
zu rücken.
Niemand kam.
»Brr,« machte Irma, »hier bekommt man fast Lust, etwas ganz Tolles zu
begehen, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet.«
»Weißt du, was hier das Hübscheste ist?« fragte Agnes, mit dem Fuß
über den Boden gleitend.
»Nun?«
»Der Boden, das schönste Parkett kann nicht besser sein.«
In der Tat war der Linoleumteppich so glatt gebohnt, daß man bei jedem
Schritt in Gefahr geriet, zu fallen.
»Herrlich zum Tanzen!« rief Irma, und plötzlich sprang sie auf, faßte
Agnes um die Taille und walzte mit ihr durch das Zimmer.
»Haltet ein, das dürft ihr nicht,« bat Maud erschrocken, die beiden
aber hörten nicht und Karl, von ihnen angesteckt, wurde nun auch
ausgelassen, fing an mit den Fäusten auf dem Tisch zu trommeln und mit
lauter Stimme zu singen:
»=Come boys, push along
And let us all be gay.=«
[Illustration]
»Mein Gott, was geht hier vor?« ertönte plötzlich eine angsterfüllte
Stimme. Die Türe wurde geöffnet und Tante Elisabeth, durch den Lärm in
ihrem sonst so stillen Hause zu Tode erschreckt, schaute hinein,
gefolgt von der nicht minder entsetzten Grete.
»Das sind keine Amerikaner, gnädiges Fräulein,« rief letztere, »das
sind Wilde. Der Junge wird das Haus noch einreißen.«
Die Mädchen ließen sich los, und lachend wandte Irma sich dem alten
Fräulein zu.
»Seien Sie nicht böse, Fräulein Müller. Wir machten ein Tänzchen, um
uns die Zeit zu vertreiben, da Sie sich gar nicht sehen ließen. Dies
sind Ihre Nichten Maud und Agnes, und der Bengel da ist Karl.«
»Vorgestern sind wir angekommen, liebe Tante,« sagte Maud freundlich,
»und hoffen, daß du froh bist, uns zu sehen.«
»Seid willkommen, ihr Mädchen,« entgegnete die Tante und gab jeder
einen Kuß. Karl reichte sie die Hand; vor dem Knaben mit seinem
Schelmengesicht und den übermütig blitzenden Augen hatte sie
buchstäblich Furcht. »Aber ich muß doch sagen, daß ihr eine sonderbare
Manier habt, Besuche zu machen. Ist das Mode in Amerika?«
»Nein, Tante,« erwiderte Agnes lachend. »Da ist nur dein gebohnter
Fußboden schuld. So köstlich glatt, das verlockt unwiderstehlich zu
einem Tänzchen. Wenn du das Zimmer ausräumst, kannst du im Winter hier
eine herrliche Tanzgesellschaft geben.«
»So, die geb' ich aber nicht,« klang es ziemlich gereizt zurück.
»Grete, sieh mal nach, ob keine zu argen Schrammen im Boden sind, und
reib' auch den Tisch ab, der Junge hat mit seinen warmen Händen
Flecken darauf gemacht.«
Eine unbehagliche Stille entstand. Maud fühlte sich durch diesen mehr
als unfreundlichen Empfang beleidigt. Irma und Agnes traten sich
unter dem Tisch auf die Füße und wechselten beredte Blicke. Karl aber,
dem es sofort klar wurde, daß er seine Tante nicht ausstehen könne,
sann auf einen neuen Streich, mit dem er sie ärgern wollte. Tante
Elisabeth betrachtete ihre Nichten neugierig und eingehend. Die
Mädchen mißfielen ihr dank ihrer höchst einfachen Kleidung nicht;
diese war ihr lieber wie Irmas Toilette, die immer höchst elegant und
nach der neuesten Mode war. Aber daß Maud ihr Haar kurz geschnitten
trug, fand sie lächerlich.
»Warum trägst du dein Haar wie ein Junge?« fragte sie.
»Weil ich es bequem und praktisch finde, Tante.«
»Aber doch auch, weil es dir gut steht?« meinte Irma.
»Jawohl, stünde es mir schlecht, so würde ich es nicht tun.«
»Ihr habt nette Kostüme an,« fuhr Tante Elisabeth fort. »Geht ihr
immer so dunkel und einfach gekleidet?«
Maud biß sich auf die Lippen; dies unhöfliche Ausfragen ärgerte sie,
Agnes versetzte aber lachend:
»O nein, das sind unsre Reisekleider, und es ist bequem, wenn die ganz
einfach sind. Aber bei feierlichen Gelegenheiten geben die
amerikanischen Frauen und Mädchen viel auf Toilette. Wenn wir wieder
kommen, wirst du uns in großer Gala sehen, Tante.«
»Das ist nicht nötig,« erwiderte Fräulein Müller steif. »Ich gebe
nichts darauf; ich halte nur auf Einfachheit und Tüchtigkeit. Doch nun
erzählt mir, wie es euren Eltern geht und wann sie hier eintreffen!«
Die Mädchen berichteten dies und das von ihrer Reise, ihrem Aufenthalt
in Paris und ihren Plänen, wie sie das Haus, welches sie hier gemietet
hatten, einrichten wollten. Das berührte Tante Elisabeth unangenehm.
Ihr kaltes Antlitz mit den regelmäßigen Zügen und dem tadellos
gescheitelten, noch dunklen Haar ward immer länger und länger. Es
mißfiel ihr im höchsten Grade, daß so junge Mädchen allein aus einem
andern Erdteile -- und gar noch über Frankreich -- nach Deutschland
reisten und das für das Natürlichste und Einfachste von der Welt
hielten. Sie selbst war in ihrem ganzen Leben nie über einige Meilen
im Umkreis ihres Geburtsortes herausgekommen, und sie verurteilte
jeden, der ihren engherzigen Ansichten nicht beipflichtete. Diese
Kinder hatten sicher die Abenteuerlust vom Vater, ihrem Bruder Fritz
geerbt, der auch mit fünfzehn Jahren aus dem Elternhause entlief, weil
er sich der heiligen Zucht und Ordnung nicht fügen wollte, die dort
dank dem strengem Regiment ihrer Mutter herrschten. Als sie im Lauf
der Unterhaltung merkte, daß die Mädchen von ihren Eltern
nicht mehr als Kinder, sondern als gleichberechtigte erwachsene
Menschen behandelt wurden, fing sie an, mit der Neugierde einer
unverbesserlichen alten Jungfer allerhand unbescheidene Fragen zu
stellen. Wieviel Miete sie für das Haus zahlten? Wie groß das
Einkommen ihres Vaters wäre? Wieviel Kleidergeld sie erhielten? Ob ihr
Vater hier auf demselben Fuße leben könnte wie in Amerika? &c. &c.
Irma amüsierte sich köstlich über die Art, wie Maud und Agnes, ohne
unhöflich zu sein, mit großem Takt auf all diese Fragen ausweichende
Antworten gaben; und Tante Elisabeth mußte zu ihrem Ärger erfahren,
daß sie keine kleinen Kinder, die sie nach Herzenslust ausforschen
konnte, vor sich hatte, sondern ein paar kluge, verständige Mädchen,
die nicht mehr sagten, als sie für richtig hielten.
»Tante,« ließ Karl sich plötzlich vernehmen, »darf das Fenster nicht
geöffnet werden?«
»Wozu, mein Junge?«
»Ich finde, daß es hier so abscheulich riecht.«
Die alte Dame wurde rot.
»Du kannst deine Bemerkungen für dich behalten, lieber Neffe,« sagte
sie giftig. »Das Fenster -- bleibt geschlossen. Ich habe keine Lust,
mich dir zu Liebe zu erkälten.«
Wieder setzte sie ihre Unterhaltung mit Maud fort. Karl sah nach Irma
hin, die ihm lächelnd zunickte.
»Tante,« fing er von neuem an.
»Was, kleiner Kerl?«
»Ich hab solchen Durst. Hast du nicht ein Glas Limonade oder Obst für
uns?«
»Ein gut erzogenes Kind fordert nicht, sondern wartet, bis ihm etwas
angeboten wird,« entgegnete die Tante streng. »Sind alle Kinder in
Amerika so ungesittet und schlecht erzogen wie dieser Junge, Nichte
Maud?«
Aber nun war's mit Mauds Selbstbeherrschung vorbei.
»Nein, Tante,« versetzte sie scharf. »Bei uns sind die Kinder, gerade
wie Karl, sehr gut und gesittet erzogen, und die Leute sind gastfrei
und freundlich, so daß sie sich wundern, wenn sie bei andern das
gerade Gegenteil sehen.«
Noch nie hatte Irma Maud so nett gefunden, wie in diesem Augenblick.
Agnes und Karl freuten sich diebisch. Tante Elisabeth wurde dunkelrot.
Am liebsten hätte sie den frechen Kindern die Tür gewiesen, aber bei
reiflicher Überlegung hielt sie es doch für besser, so zu tun, als
hätte sie den Stich nicht verstanden. Mit sauersüßer Miene sagte sie
daher zu ihrem Neffen:
»Du möchtest also ein Stück Kuchen haben, mein Jungchen?«
»Davon hab' ich doch nichts gesagt,« verteidigte sich Karl, doch auf
einen Wink von Maud schwieg er. Die Tante schloß ein Fach des schweren
Mahagonibuffets mit schwarzer Marmorplatte auf und holte eine
Blechbüchse heraus. Sie bot den Mädchen an, die dankend ablehnten,
und der kleine Junge zog ein Gesicht beim Anblick der altbackenen,
trocken gewordenen Stückchen Sandkuchen, aber probieren wollte er sie
doch.
»Willst du noch eins?« fragte die Tante, zuschauend, wie er mit langen
Zähnen daran kaute.
»Nein, danke, es ist eine Kunst das hinunterzuwürgen, ohne dabei zu
trinken.«
»Wir müssen gehen,« nahm Maud rasch das Wort, bevor Fräulein Müller zu
antworten vermochte. »Großmama wird nicht wissen, wo wir geblieben
sind.«
Ein steifer Abschied folgte. Im Korridor jagte Karl der Tante noch
einen Todesschreck ein, indem er die Miez, die um die Türe guckte,
beim Anblick der Fremden aber scheu zurückhuschte, anzischte. Doch
lief die Geschichte ohne weiteres Unglück ab.
»Was für ein Wesen!« rief Agnes entrüstet, als sie auf der Straße
waren. »Nie wieder geh' ich zu ihr.«
»Das werden wir doch wohl müssen,« seufzte Maud. »Sie ist Papas
einzige Schwester, aber glücklicherweise mag er sie auch nicht.«
»Du hast ihr's ordentlich gegeben,« sagte Irma, »und über den Karl
hätte ich mich beinahe totgelacht.«
»Na wart' man,« brummte Karl, »so 'nen Ekel gibt's nicht noch mal auf
der Welt! Aber wenn ich wieder komme, kann sie was erleben; entweder
steck' ich das Haus an oder tue sonst etwas, das die ganze Wohnung auf
den Kopf stellt.«
Ilse machte ein ärgerliches Gesicht, als die Mädchen ihr erregt ihre
Erlebnisse bei Tante Elisabeth schilderten. Sie versuchte zu
beschwichtigen und behauptete, daß die Kinder übertrieben, aber Onkel
Heinz, der auch bei Gontraus speiste, lachte laut und rief:
»Unsinn, die Kröten haben recht; die Müller ist eine unausstehliche
alte Jungfer. Ihr Mädchen, heiratet um's Himmels willen, denn nun seht
ihr, was aus einem Frauenzimmer wird, das keinen Mann kriegt.«
»Aber Herr Professor,« wandte Ilse ein. »Was setzen Sie da wieder den
Kindern für dummes Zeug in den Kopf? Als ob eine unverheiratete Frau
nicht auch ein nützliches Glied der Gesellschaft sein könnte. Die Ehe
erhöht nicht ihren Wert, das kann einzig und allein ihre
Persönlichkeit tun.«
»Unsinn,« brummte der alte Herr. »Eine alte Jungfer ist ein Unding --
sie entspricht nicht ihrer Bestimmung.«
»Und ein alter Junggeselle, Onkelchen?« fragte Agnes schalkhaft, beide
Hände um seinen Arm schlingend.
»Der ebensowenig, mein Kind, aber der verdient wenigstens dein ganzes
Mitleid.«
»O, was für 'ne Logik! Daß du nicht geheiratet hast, ist doch deine
eigene Schuld, während Tante Elisabeth wahrscheinlich nichts dafür
kann. Vielleicht hat nie jemand um sie geworben.«
»Doch, sie kann dafür,« behauptete Onkel Heinz, dem das Widersprechen
noch immer ein Bedürfnis war. »Solch unangenehme Geschöpfe wie sie,
kommen schon als alte Jungfer auf die Welt. Ich rat euch noch mal,
Kinder, hütet euch davor, macht, daß ihr heiratet, damit man euch
nicht in einen Topf werfen kann mit solchen Wesen, die, nur weil sie
Unterröcke tragen, sich für berechtigt halten, Frauen genannt zu
werden.«
»Ich will's nicht hören, daß Sie so zu meinen Enkelinnen reden,« rief
Ilse, ehrlich entrüstet. »Ich sage euch im Gegenteil, ihr Mädchen,
heiratet nicht, außer wenn ihr das Glück habt, _den_ Mann zu finden,
den ihr von ganzer Seele und mit ganzem Herzen zu lieben imstande
seid. Eine alte Jungfer braucht durchaus kein lächerliches Wesen zu
sein. Ich kenne viele, die gerade so hoch, ja noch höher stehen als
manche verheiratete Frau. Das müssen doch auch Sie zugeben, Professor,
wenn Sie gerecht sein wollen.«
»Ach was,« nahm Onkel Heinz das Wort, der als er sah, wie ernst seine
alte Freundin die Geschichte nahm, wieder einlenken wollte, »Sie haben
mich nur nicht verstanden, Frau Ilse.«
»Ich meine, Sie waren deutlich genug.«
»Es ist doch ein Unterschied zwischen einer _alten Jungfer_ und einer
_unverheirateten Dame_. Und jetzt wollen wir zu Tisch gehen. Von so
'ner unfruchtbaren Diskussion werd' ich hungrig.«
* * * * *
Nun folgte eine geschäftige Zeit. Jeden Tag hatten die Mädchen
Einkäufe zu machen. Tischler, Stukkateure, Tapezierer, Maler und
Zimmerleute schafften um die Wette. Es wurde gut und eifrig
gearbeitet, und ehe vier Wochen vergangen waren, sah das Haus, in dem
die Familie Müller aus Amerika wohnen sollte, schon recht hübsch und
einladend aus. Die Mädchen richteten alles nach eigenem Geschmack ein.
Die Eltern hatten nur im allgemeinen angegeben, wie jedes Zimmer
möbliert und ausgestattet werden sollte.
Anfangs fanden Großmutter Ilse und Irma es ziemlich ungemütlich. In
der Schlafstube standen eiserne Bettstellen ohne Vorhänge, auf dem
feingeflochtenen Eisendraht nur eine Matratze von Seegras. Keine
Mulldraperien um den Toilettentisch, und vor den hohen Fenstern nur
Binsenvorhänge. Die Tapeten ließen sich leicht mit Wasser reinigen.
Die Möbel waren zierlich, aber höchst einfach in Form und Stil, die
Stühle meist mit Sitzen von feinem Flechtwerk. Wenig Zierrat, alles
konnte bequem umgestellt und gesäubert werden. Nirgends Portieren oder
Übergardinen; das waren, wie die Mädchen behaupteten, nur Staubfänger.
In allen Zimmern und Gängen elektrische Klingeln und Beleuchtung. In
der Küche ein Lift, um das Essen nach oben zu befördern, und Hähne zu
kaltem und heißem Wasser in sämtlichen Schlafstuben. Kein Luxus, aber
viel Komfort. Tante Elisabeth, die auch einmal die Wohnung
besichtigte, mißbilligte alle diese Neuerungen auf's höchste und
jammerte über die Unsummen, welche die modernen Einrichtungen
verschlangen. Sie tadelte ihre Nichten, daß sie mit jugendlicher
Unbesonnenheit zu Werke gegangen wären, und meinte, ihr Bruder könnte
trotz seiner Vorliebe für amerikanische Verhältnisse solche Tollheiten
unmöglich gut heißen. Aber Maud brachte sie dadurch zum Schweigen, daß
sie ihr erwiderte, es wäre alles ganz genau nach den Wünschen und
Anordnungen ihrer Eltern eingerichtet.
Die Tante begnügte sich nun damit, mißbilligend den Kopf zu schütteln
und, heimgekehrt, der alten Grete ihr Leid zu klagen und auf die
neumodischen Leute zu sticheln, die in ihren Häusern alles durch
Maschinen verrichten ließen und sich durch alle möglichen
Bequemlichkeiten über die Maßen verwöhnten.
Als das Haus fertig war und auch der Garten mit seinen breiten
Kiespfaden und dem Tennisplatz im Hintergrunde sich in schönster
Ordnung befand, mußten Ilse und Irma doch gestehen, daß es sehr nett
aussah, wenn sie es zuerst auch ein wenig kalt und nüchtern gefunden
hatten. Sämtliche Zimmer waren geräumig und hell, während das gar zu
grelle Sonnenlicht durch Markisen gedämpft werden konnte. Von allen
Seiten drang frische Luft herein, wo es aber nötig war, gab es
Doppelfenster, die dem Zug den Eintritt wehrten. Nirgends etwas
überflüssiges, nirgends ein Mangel an dem Nötigen und Nützlichen;
überall herrschte auch eine harmonische Übereinstimmung der Farben,
die dem Auge wohl tat. Maud und Agnes legten mit ihrer Arbeit Ehre
ein, und auch Karl hatte tapfer mitgeholfen. Kein Wunder, daß sie der
Ankunft ihrer Eltern mit größter Ungeduld entgegensahen.
Herr und Frau Müller befanden sich schon seit einiger Zeit auf der
Heimreise und konnten in etwa acht Tagen eintreffen. Kurz zuvor kamen
auch Irmas Eltern mit Gustav aus Berlin, um die Verwandten aus Amerika
willkommen zu heißen. Maud und Agnes waren entzückt von ihrer Tante
Ruth und deren Mann. Am Tage nach ihrer Ankunft gaben sie im
Familienkreise ein Konzert, bei dem auch Onkel Heinz nicht fehlte. Er
war immer glückselig, wenn Ruth im Hause ihrer Mutter als Gast weilte,
seine Zuneigung zu ihr blieb sich stets gleich, und auch ihren Gatten
verehrte er als großen Künstler.
Ruth von Holten war eine stattliche, schöne Frau in der Vollkraft
ihres Lebens. Sie glich sehr ihrer Mutter, als diese jünger war und
ehe Schmerz und Kummer ihren Zügen einen sanften wehmütigen Ausdruck
verliehen hatten. Ihr Name als Sängerin war auch im Auslande
rühmlichst bekannt; überall erregte sie mit ihrer schönen, in
vorzüglicher Schule gebildeten Stimme und ihrem warmen Vortrage
Aufsehen. Ihr Gatte, ein großer Geigenkünstler, war ihr in den ersten
Jahren ihrer Ehe ein guter Lehrmeister gewesen. Wo das geniale Paar
sich zeigte, ward es mit Jubel empfangen. Auch Gustav fing an, sich
als Klavierspieler einen Namen zu machen. Er war ein stiller, junger
Mensch, mit den verträumten Augen seines Vaters. Er freute sich, die
Cousinen aus Amerika kennen zu lernen, aber die heitere, schalkhafte
Agnes setzte ihn oft in Verlegenheit. Er ging ihr wie auch Irma aus
dem Wege, die zwar große Stücke auf ihn hielt, ihn aber häufig mit
seinem linkischen Wesen und seiner Schüchternheit jungen Damen
gegenüber neckte. Er fühlte sich mehr zu Maud hingezogen, die ruhig
und ernst mit ihm sprach, ihn nach seinen Studien fragte und sich
nicht allein als Musikfreundin und Kennerin, sondern auch als selbst
musikalisch ausgebildet zeigte. Die Mädchen waren begeistert, wenn
Tante Ruth, Onkel Heinrich und Gustav im Familienkreise musizierten,
vielleicht mit noch mehr Liebe und Hingabe als vor einem großen
Publikum. Für die Künstlerfamilie war es eine Erquickung, ein wahres
Aufatmen, einmal einige Wochen im Elternhause zu weilen und
gleichzeitig die Mutter und den alten Freund der Familie, Onkel Heinz,
durch ihr Spiel und ihren Gesang glücklich zu machen. --
»Ich bin ganz verliebt in Tante Ruth,« erklärte Maud, als die drei
Mädchen im Schlafzimmer der Cousinen sich noch über den Abend
aussprachen.
Agnes schaute sie verwundert an, denn Maud war eine sehr ruhige Natur,
die nicht leicht in Entzückung geriet.
»Ja,« fuhr sie ungewöhnlich erregt fort, »nicht nur, weil sie eine so
schöne Stimme hat, sondern auch, weil sie durch und durch schlicht und
einfach ist. Und doch hat sie etwas so Vornehmes, gerade wie Großmama.
=Every inch a lady.=«
»Wenn dir das jetzt schon auffällt, dann sollst du Mama erst in
Konzerttoilette sehen,« meinte Irma; »früher trug sie immer weiß,
jetzt meist schwarzen oder dunklen Samt. Ich sage dir, sie sieht dann
aus wie eine Fürstin.«
»Du mußt eigentlich sehr stolz sein, Irma, als die Tochter von so
genialen Eltern. Dein Bruder ist auch sehr talentvoll,« sagte Maud.
»Hast du selbst nie Musikstunden gehabt?«
»Jawohl, als ich klein war, bekam ich Klavierstunden. Wie konnte es
anders sein in einer solchen Umgebung? Ich hatte gutes Gehör und würde
es wahrscheinlich zu etwas gebracht haben, wäre ich das Kind
gewöhnlicher Eltern gewesen; wirkliches Talent besaß ich nicht, und da
erklärten Papa und Mama es für besser, wenn ich aufhörte. Dilettanten
und Klimperer gäb's in der Musik gerade genug.«
»Hast du dich nie unglücklich gefühlt?« fragte Maud sanft, »daß du in
dieser Hinsicht eigentlich zu kurz gekommen bist? Ich wenigstens würde
mich von der Natur für stiefmütterlich behandelt halten, wenn ich
solche Eltern, solchen Bruder und selbst keine künstlerischen Anlagen
besäße.«
»Ich nicht,« versetzte Irma lachend und betrachtete ihre schöne,
schlanke Gestalt und ihr Engelsköpfchen, von einem Heiligenschein
goldblonder Locken umrahmt, mit Wohlgefallen in dem großen Spiegel.
»Du bist freilich sehr hübsch,« fuhr Maud, über diese Eitelkeit
geärgert, fort, »doch Talent zu besitzen ist viel mehr wert.«
»Vielleicht! Aber drei Talente in einer Familie, das ist wirklich
genug. Ich würde es als eine schwere Bürde ansehen, wenn ich noch ein
viertes vorstellen müßte.«
Agnes lachte. »Was für ein närrisches kleines Mädchen bist du, Irma!
Aber sie hat recht, Maud. Es braucht doch nicht jede Frau etwas
Besonderes zu sein.«
»Das habe ich auch nicht behauptet; Irma beachtet nur zu wenig, daß
jetzt von den Frauen etwas anderes verlangt wird, wie in früheren
Zeiten.«
»Ach was,« rief Irma. »Onkel Heinz würde sagen, die Hauptsache ist bei
einer Frau zu allen Zeiten, daß sie anmutig, sanft und lieb ist.«
»Das läßt sich alles vereinigen,« versetzte Maud so ruhig, als hätte
sie den Stich nicht verstanden; »eine geistig hochstehende Frau kann
schön, anmutig und lieb sein, das paßt sehr gut zusammen.«
»Na, dann gratulier' ich deinem John, der kriegt ein vollkommenes
Wesen,« fuhr Irma gereizt fort, denn oft konnte sie Mauds etwas
pedantische, überlegene Art zu sprechen, nicht ausstehen.
Die Amerikanerin zuckte die Achseln, und Agnes flüsterte Irma zu.
»Nun vergißt du ja Onkel Heinz' Behauptung, daß _Lieb_sein das
Anziehendste an einem jungen Mädchen ist.«
Schmollend verzog Irma ihr hübsches Mündchen, dann leuchtete es in
ihren Zügen auf, und sie trat zu Maud.
»Ich war unartig,« sagte sie, ihr die Hand reichend, »sei nur nicht
böse.«
Die großen Vergißmeinnichtaugen blickten unschuldig und kindlich in
das schmale, dunkle und doch hübsche Antlitz der andern. Maud begriff
nicht, warum ihr Tränen in die Augen traten; sie war doch sonst nicht
so weichherzig. Plötzlich schlang sie die Arme um Irmas Hals und küßte
sie.
»Ich reizte dich,« flüsterte sie. »Ich glaube, ich möchte dich gar
nicht anders haben als du bist.«
Endlich brach der große Tag an, der zu Fritz' und Mariannes Heimkehr
bestimmt war. Ilse konnte kaum daran glauben. Einundzwanzig Jahre
waren verflossen, seit die blonde Marianne ihrem Manne nach San
Franzisko gefolgt war. Ihre Mutter stellte sie sich noch immer vor als
das feine, zarte Mädchen, kaum dem Kindesalter entwachsen, und nun
kehrte sie heim als Frau und Mutter erwachsener Kinder, von denen die
Älteste übers Jahr auch schon in die Ehe treten sollte.
Den ganzen Tag herrschte größte Geschäftigkeit. Schon früh morgens
hatte die ganze Familie sich nach dem neuen Hause begeben, wo Herr und
Frau Müller empfangen werden sollten. Ein großes Festmahl ward
hergerichtet. Maud gab mit gewohnter Ruhe und Sicherheit den neuen
Dienstboten ihre Befehle. Tante Ruth, die sich schon als junges
Mädchen nie mit dem Haushalt beschäftigt hatte und seit ihrer
Verheiratung die ganze Sorge dafür andern überlassen mußte, schaute
bewundernd zu, wie Maud in kurzer Zeit ohne Umstände allerlei Dinge
beschaffte, wozu sie selbst Stunden gebraucht hätte. Großmutter Ilse
war zu aufgeregt, um sich um irgend etwas zu kümmern. Sie, die jetzt
meist gleichmäßig ruhig blieb, wanderte rastlos hin und her. Sie lief
durch sämtliche Räume, fragte Maud und Agnes hundertmal, ob auch alles
in Ordnung sei, und zählte die Stunden, die halben Stunden, zuletzt
die Minuten, die noch verlaufen mußten, ehe die Erwarteten eintreffen
konnten. Im Garten waren Irma, Agnes und Karl beschäftigt, Lampions
und kleine Fähnchen zwischen den Bäumen anzubringen und die letzte
Hand an eine Ehrenpforte zu legen, die sie mit Hilfe von Gärtner und
Zimmermann errichtet hatten. Sogar der stets so stille und
zurückhaltende Gustav, der den Kopf voller Melodien, sich am
glücklichsten fühlte, wenn er allein am Flügel in Großmutters Salon
bleiben konnte, beteiligte sich an der allgemeinen Geschäftigkeit,
stand auf einer Leiter und befestigte zwischen dem dunklen Tannengrün
rote und weiße Rosen und bunte Gladiolen.
Ilse hatte an Tante Elisabeth geschrieben und sie gebeten, auch zu
kommen. Die Kinder erhoben Einsprache dagegen, und Onkel Heinz
behauptete, die alte Essigpflaume werde das ganze Fest und die Freude
des Wiedersehens stören, aber Frau Gontrau blieb fest. Die einzige
Schwester von Fritz und die rechte Tante der Kinder gehörte zu ihnen,
und es wäre nicht mehr als recht und billig, sie einzuladen. Ein
allgemeiner Jubelschrei brach los, als eine Absage von der alten Dame
kam. Sie schrieb ein sauersüßes Briefchen, in dem zwischen den Zeilen
zu lesen stand, daß der Hauptgrund ihr Ärger über die Mädchen war,
die, ohne sie um Rat zu fragen oder sich an ihre Bemerkungen zu
kehren, das Haus eingerichtet hatten und viel zu beschäftigt gewesen
waren, um den Besuch bei der Tante zu wiederholen. Sie wolle die
Freude des ersten Beisammenseins nicht stören. Sie begreife, daß man
da lieber ganz unter sich sein möchte, und zöge es vor, später zu
kommen, wenn man für sie mal einen Moment Zeit hätte &c. &c. Sogar
Ilse war nahe daran böse auf dies Geschöpf zu werden, das sich stets
zurückgesetzt fühlte und in seiner Unzufriedenheit und Böswilligkeit
die besten Absichten falsch auslegte. In ihrem Herzen war sie freilich
auch froh, daß Tante Elisabeth nicht kam, aber es tat ihr weh, daß die
Kinder sich darüber so außerordentlich freuten, und das einsame Wesen,
das sich sein Leben selbst verdarb, erregte ihr höchstes Mitleid.
Es war bestimmt, daß das junge Volk zur Bahn gehen sollte. Ilse wollte
Schwiegersohn und Tochter in Gesellschaft Ruths, ihres Mannes und
Onkel Heinz' im Hause erwarten. Letzteren rechnete man so ganz zur
Familie, daß er nicht fehlen durfte. Mit seiner gewohnten Heftigkeit
hatte er sich zuerst dagegen gewehrt. So 'n alter Knaster gehörte bei
solcher Gelegenheit nicht dazu; es ginge ihn nichts an, wenn Sohn und
Tochter nach so langer Abwesenheit zum ersten Male die Mutter
wiedersähen. Als die Kinder kamen, war es etwas andres, jetzt aber
müsse er sich schämen, wenn er auch wieder so unbescheiden wäre,
seine Nase mit hineinzustecken.
»Unsinn, Onkel Heinz,« erklärte Ilse, »Mariannes erste Frage würde
nach Ihnen sein. Und« fügte sie leise, nur ihm verständlich hinzu,
»nun mein Leo nicht mehr ist, müssen Sie an seiner Stelle sein Kind
bewillkommnen, das wissen Sie wohl.«
Da drückte der Professor seiner alten Freundin dankbar die Hand; die
Augen wurden ihm feucht, aber um das nicht merken zu lassen, schrie er
Karl an, daß die Transparentbuchstaben des »_Willkommen_«, die über
der Ehrenpforte prangten, schief ständen und daß doch nie etwas
ordentlich gemacht werde, wenn er sich nicht darum kümmere.
Endlich hielt Ilse ihre blonde Marianne in den Armen, und in ihre
Tränen mischte sich Freude über das Wiedersehen und Trauer im Gedanken
an den Heimgegangenen.
Onkel Fritz machte, nachdem die erste Rührung vorüber war, fröhlich
Bekanntschaft mit seinem Schwager von Holten, seinem Neffen Gustav und
seinem Nichtchen Irma und frischte sofort mit Onkel Heinz alte
Erinnerungen auf. Die ganze Gesellschaft schritt paarweise durch
sämtliche Räume des neuen Hauses, betrachtete und bewunderte alles und
vereinigte sich in fröhlichster Stimmung bei der Abendmahlzeit. Beim
Nachtisch stiegen die Raketen im Garten prasselnd in die Höhe, und
zwischen den dunklen Bäumen glänzten die Lampions. Das Knallen der
Champagnerpfropfen erregte lauten Jubel bei der Jugend, Professor
Fuchs brachte den schwungvollsten, wärmsten Toast aus, der je über
seine Lippen gekommen war, und an diesem Abend gab es in der ganzen
Stadt keine glücklicheren Menschen als Großmutter Ilse Gontrau mit
ihren Kindern und Enkeln.
Während der ersten Wochen, die auf die Heimkehr der amerikanischen
Familie folgten, herrschte in dem sonst so stillen Haushalt der Frau
Gontrau fröhliches Leben und Treiben. Sie bestand darauf, ihre Kinder
und Großkinder alle Tage zu sehen, und so wurden eine Menge kleiner
Familienfeste gefeiert. Zuweilen nahm auch Tante Elisabeth daran teil,
aber sie hatte viel zu tadeln und zu nörgeln. Sie stöhnte über Kälte,
wenn die andern es vor Hitze kaum aushalten konnten, und war rauhes
Wetter, so fand sie es drückend heiß. In spitzem Ton erklärte sie, daß
ihr nichts daran gelegen sei, Besuche zu machen oder zu empfangen.
Doch kamen die andern ohne sie zusammen, so fühlte sie sich verletzt
und beklagte sich bitter, wenn eine Woche verging, ohne daß jemand aus
der Familie sie besuchte. Es war schwer mit ihr umzugehen und ohne
Zureden der Großmutter, die Mitleid mit ihr hatte und stets bemüht
war, Tante Elisabeth freundlicher zu stimmen, würden sich die andern
wenig um sie bekümmert haben.
Ein herrlicher Sommertag folgte dem andern und Holtens fingen an, von
der Abreise zu reden. Die Zeit, die sie ihrer Familie widmen konnten,
nahte dem Ende, und sie mußten nach München, wo sie sich für
verschiedene Konzerte und Musikaufführungen verpflichtet hatten. Vor
ihrem Scheiden wollte Großmama Gontrau noch gern ein Abschiedsfest
geben, doch konnten sie sich nicht recht über die Art desselben
einigen. Irma schlug eine »=garden-party=« vor. Im Garten sollten
lange Tafeln aufgeschlagen und auf dem großen Rasenplatz vor dem Hause
gespeist werden. Das Eßzimmer ließe sich leicht ausräumen und in einen
Tanzsaal verwandeln. Der Garten müsse am Abend glänzend illuminiert
werden. Sie war sogar für ein Kostümfest; welch herrliche Wirkung
würde das im Grünen mit den Papierlaternen und tausend kleinen
Lämpchen machen.
Die andern aber lachten sie gründlich aus. Onkel Heinz fragte, wo die
Herren wohl herkommen sollten? Außer Gustav und dem kleinen Karl gab
es keine jungen Leute; er neckte sie so mit ihrem schönen Plan, daß
sie sich erst beschämt zur Großmama setzte und dann ganz bös erklärte,
Onkel Heinz solle etwas besseres vorschlagen.
»Ich schlage vor, daß wir gar nichts unternehmen. Wir haben in der
letzten Zeit nichts getan als Feste gefeiert und gut gegessen. Ich
meine, nun könnten wir wohl Schluß machen.«
Aber gegen diese Meinung erhob sich ein wahrer Sturm der Entrüstung
von seiten des jungen Volkes. Onkel Heinz wurde von den Mädchen so in
die Enge getrieben, daß er sich schließlich schuldig bekannte und
untertänig gelobte, an jeder Festlichkeit teilzunehmen, wie verrückt
sie auch sein möchte.
»Hört mal,« nahm Ilse das Wort, »ich habe einen Plan. Aber erst muß
ich euch erzählen, daß ich gestern einen Brief von meiner
Jugendfreundin Flora Werner erhielt. Ruth, Marianne, erinnert ihr euch
noch ihrer beiden Töchter Thusnelda und Hildegard?«
»Ja, Mama,« versetzte Marianne. »Mir ist, Thusnelda hätte sich
verlobt, als Fritz und ich nach San Franzisko abreisten.«
»Du hast ganz recht, sie war damals mit einem Kaufmann verlobt, ist
aber nun schon seit zehn Jahren Witwe. Auch der alte Herr Werner ist
gestorben, und Flora lebt bei ihrer Tochter.«
»Und Hildegard?«
»Die ist in Indien. Thusnelda hat drei Kinder, ihr ältester Sohn ist
Offizier, der zweite Ingenieur, bewirtschaftet aber gegenwärtig die
ausgedehnten Landgüter, die sein Großvater hinterließ; dann ist noch
eine Tochter da in deinem Alter, Agnes.«
»Aber was hat das alles mit unsrem Fest zu schaffen, Großmama?«
»Wartet nur. Flora Werner schrieb mir, daß ihre beiden Großsöhne mit
der Schwester einen Ausflug in unsere Gegend machen würden, und sie
fragt an, ob unser Haus ihnen für einige Tage offen stünde. Da dachte
ich, wenn ihr die beiden jungen Leute aufnehmen wolltet, Marianne, und
das Mädchen bei uns wohnte, dann würden sie unser Fest verherrlichen
können.«
»Das ist eine gute Idee, Mama,« meinte Marianne. Ihr Mann fing sofort
an, Irma und Agnes zu necken mit der wundervollen Aussicht, einen
Leutnant in ihrer Gesellschaft zu haben.
»Paßt nur auf,« spottete Onkel Heinz, »was geschieht, wenn er einer
von euch besonders den Hof macht! Dann kratzt ihr euch gegenseitig die
Augen aus.«
Natürlich hatten die beiden Herren für ihre Neckereien zu büßen und
mußten klein beigeben. Nachdem wieder Ruhe eingetreten war, fuhr
Großmutter Ilse fort:
»Ich würde es nun sehr nett finden, eine Landpartie zu unternehmen.
Wenn wir z. B. nach dem Wasserfall führen und dort im Wirtshaus
speisten. Wir könnten morgens früh abfahren, nach der Abtei gehen und
spät abend heimkehren. Ich bin seit Jahren nicht dort gewesen, und die
Aussicht, einen ganzen Tag in der wildromantischen Natur zu verleben,
lockt mich sehr.«
»Ja, ja, Frau Ilse, Sie haben solch abenteuerliche Touren immer
geliebt,« scherzte der Professor. »Ich erinnere mich noch, daß Sie uns
mal im Mondenschein auf den Schneekopf schleppten.«
»Das war in der guten alten Zeit,« entgegnete sie gedankenvoll, »es
war herrlich damals mit Leo und meiner lieben Nellie.«
Irma, Agnes und der kleine Karl waren in Jubel ausgebrochen über
diesen köstlichen Plan. Auch Gustav und Maud fanden die Idee sehr
hübsch, wenn sie auch ihren Beifall weniger lebhaft äußerten.
»Wir müssen in geschmückten Wagen fahren, Großmama,« schlug Irma vor,
»lauter Landauer zu vier Personen.«
»Nein, nein, ein paar große Kremser, das ist gemütlicher.«
»Wie viele sind wir denn?« zählte die Kleine. »Tante Marianne und
Onkel Fritz; ihr drei Kinder, Großmama, Papa, Mama, Gustav und ich,
Onkel Heinz, die drei Gäste, das macht vierzehn Personen.«
»Und Tante Elisabeth?«
»Nein, ach bitte, die nicht,« riefen die Kinder. »Wenn die mitkommt,
geht alles schief. Du wirst sehen, dann haben wir schlechtes Wetter
und es passiert ein Unglück.«
»Welcher Unsinn! Ihr braucht euch nicht um sie zu kümmern. Onkel Heinz
wird bei dieser Gelegenheit ihr Kavalier sein, nicht wahr?«
»Besten Dank,« seufzte der Professor erschreckt; »das Frauenzimmer hat
ein Gesicht, als ob sie beständig in eine Zitrone beißen würde; da
kommen einem ja die Tränen in die Augen.«
Alle lachten, Frau Gontrau erklärte aber in entschiedenem Tone:
»Ich gebe die Landpartie und habe daher das Recht einzuladen, wen ich
will. Tante Elisabeth kommt mit.«
Wenn Großmutter Ilse so energisch sprach, ließ sich kein Widerspruch
hören. Ruth und Marianne gaben den Kindern einen Wink zu schweigen. Es
wurde nicht mehr über Fräulein Müller gesprochen und alles, was auf
die Landpartie Bezug hatte, weiter beraten.
Einige Tage darauf kamen die jungen Gäste an. Flora Werners ältester
Großsohn, Ludwig Reicher, war ein schneidiger Offizier. Sein hübsches
Gesicht mit dem keck aufgedrehten Schnurrbart hatte einen angenehmen
Ausdruck. Es zeigte sich indessen bald, daß er nicht wenig von sich
eingenommen war, und noch hatte Onkel Heinz keine Stunde in seiner
Gesellschaft zugebracht, da nannte er ihn in Gegenwart der jungen
Mädchen schon einen Affen in Uniform; diese aber erwiderten, daß man
es dem alten Brummbären nie recht machen könne, und alle erklärten
einmütig den Leutnant für einen sehr netten Menschen mit feinen
Manieren, der sich höchst vorteilhaft einführte. Der zweite Bruder,
Hans, war ganz anders. Kurz und breit von Gestalt, stach er gewaltig
gegen den schlanken, zierlichen Leutnant ab. Sein Antlitz, mit der
gebräunten Farbe, den grauen Augen, dem großen Munde und der gebogenen
Nase war eher häßlich zu nennen; einem erfahreneren, scharfblickenden
Auge aber erschien es viel intelligenter als das Antlitz des schönen
Ludwig. Wenn dieser sprach, schwieg Hans meistens; er ließ sich von
seinem Bruder völlig in den Schatten stellen, und in gewisser Hinsicht
war ihm das sogar angenehm; denn er zeigte sich sehr verlegen und
wurde zum großen Gaudium, besonders der Amerikanerinnen, bis über die
Ohren rot, wenn jemand ihn unverhofft anredete. Vorzugsweise war das
der Fall, wenn Irma die großen blauen Augen zu ihm aufschlug; und da
das kleine, eitle Ding sofort merkte, daß es ihn in Verlegenheit
setzte, machte es ausgiebig Gebrauch davon, um hinterher mit Agnes
herzlich über »den Bauer« zu lachen. Die Jüngste, nach ihrer
Großmutter Flora getauft, war eine einfache, liebliche Erscheinung mit
blonden Zöpfen, auch wohl ein wenig schüchtern und verlegen, aber so
sanft und gretchenhaft in ihrem ganzen Wesen, daß jeder sich gleich zu
ihr hingezogen fühlte.
Das innige Zusammenleben von Frau Gontrau und ihren Kindern und Enkeln
dehnte sich auch auf die Gäste aus, die sich bald ganz wie zu Hause
fühlten. Als der Tag der Landpartie anbrach, ging der Leutnant Ludwig
mit den amerikanischen Mädchen schon ganz kameradschaftlich um und
flirtete lebhaft mit Agnes, was Irma ein klein wenig ärgerte. Hans
wagte ganz schüchtern der bezaubernden kleinen Holten einige
Komplimente zu machen, und Flora lauschte, Tränen in den Augen, dem
Klavierspiel Gustavs, zu dem sie mit großer Bewunderung und
Ehrerbietung emporschaute.
Karl hatte an dem wichtigen Tage keine Ruhe. Schon ganz früh tobte er
durch das Haus, lief von Zimmer zu Zimmer und klopfte an jede Tür, um
seinen Eltern, seinen Schwestern und den beiden Reichers zuzurufen,
daß das Wetter schön sei. Die Sonne strahlte hell und warm vom
wolkenlosen Himmel herab, und es war ein solcher Überfluß von Duft,
Licht und Farbenpracht in der Natur, daß jedes Herz freudig gestimmt
wurde.
Als Fritz und Marianne mit ihren Kindern und den beiden Gästen zu Frau
Gontrau kamen, fanden sie die ganze Familie schon im Garten
versammelt. Großmutter Ilse war, wie immer, schwarz gekleidet, aber
mit einem so hübschen Hut auf dem krausen, schlohweißen Haar, daß
Agnes, sie umarmend, erklärte, Großmama sei die schönste alte Dame,
die sie kenne. Onkel Heinz bemühte sich nach Kräften, ein recht
grimmiges Gesicht zu machen, schaute aber doch mit vor Lebenslust
funkelnden Augen unter seinem breitrandigen Schlapphut auf all die
fröhlichen Menschen. Tante Elisabeth, trotz der Hitze in einem
braunwollenen Kleide, einen großen Regenschirm in den Händen,
prophezeite, daß die Witterung sich ändern werde. Ruth und ihr Mann
mit ihrem eigenartig künstlerischen und eleganten Äußern, durch das
sie überall und jederzeit auffielen, verlachten ihre Befürchtungen.
Gustav, der sich mit Flora etwas abseits hielt, erzählte dieser, wie
schwer es ihm fiele, einen ganzen Tag auf sein Klavierspiel zu
verzichten. Irma sah so bezaubernd aus in einem weißen Mullkleidchen
mit hellblau verziert, daß Hans gar nichts zu sagen wußte, Ludwig sie
bewundernd anschaute und ihr eitles Herzchen vor Stolz hoch
aufschwoll.
Nun fuhren die Wagen vor; zwei bequeme, wenn auch altmodische
Fahrzeuge, die aber jetzt elegant und malerisch aussahen, so reich
hatte das junge Volk sie mit Blumengewinden und Tannenguirlanden
geschmückt.
Das war ein Leben! Großmutter Ilse und Tante Elisabeth wurden zuerst
hineingehoben; letztere erkundigte sich mehrmals, ob die Pferde auch
nicht wild seien, und versicherte, daß sie sich eigentlich gar nichts
aus Spazierfahrten mache. Mit einem wahren Märtyrergesicht wollte
Onkel Heinz zwischen den beiden Damen Platz nehmen, als Agnes und
Ludwig erklärten, daß er zu den jungen Leuten gehöre.
»Ich? Seid ihr denn ganz verrückt?« rief er scheinbar wütend aus; »was
wollt ihr mit so 'nem alten Querkopf anfangen?«
Irma aber warf ihm lachend einen in der Eile geflochtenen Kranz von
Eichenblättern über den Hut und sagte:
»Siehst du, Onkel, wenn wir nun noch einen Esel hätten, könntest du
gut als Silen gehen. Wir Mädchen sind die Nymphen, die jungen Leute
Faune, bis auf Hans, der hat die prächtigste Gestalt für Gott Bacchus
selbst.«
Alle lachten. Hans wurde rot, besiegte aber seine Verlegenheit und
rief:
»Wenn ich Bacchus vorstellen soll, hab' ich als Gott zu befehlen, und
dann will ich mit Ihnen allein auf der vordersten Bank sitzen, Irma.«
»Bravo,« jubelte Ludwig, und unter allgemeinem Scherzen erkletterten
die jungen Leute den vordersten Wagen. Professor Fuchs wurde in die
Mitte genommen. Ruth und Marianne mit ihren Männern kamen natürlich zu
Großmama und Tante Elisabeth. Auch Gustav zog es vor, bei den älteren
Leuten zu sitzen; die lebhafte jugendliche Schar war ihm zu lärmend,
und Floras Herz klopfte vor Freude, als er ihr erklärte, neben ihm sei
noch ein Plätzchen für sie frei.
So rasch wie möglich ging es zur Stadt hinaus, um Aufsehen zu
vermeiden. Dann mäßigte die Steigung der bergan führenden Chaussee die
Schnelligkeit der Fahrt. Wurde der Weg zu steil, so stiegen die
Kutscher ab und schritten, die Zügel in der Hand, neben den Wagen her.
Manchmal gingen auch die Herren ein Stück Wegs zu Fuß, und dann
blieben die Damen mit Onkel Heinz, dem das ewige Aus- und Einsteigen
zu mühsam war, sitzen. Zu beiden Seiten der Straße dehnten sich
dichte, endlose Wälder; als etwa die Hälfte des Weges zurückgelegt
war, ersuchte der Kutscher des vordersten Wagens, ein dicker
gemütlicher Schwätzer, die ganze Gesellschaft auszusteigen, um die
weit und breit berühmte Aussicht zu bewundern.
»Ich rühre mich nicht vom Fleck,« erklärte Fräulein Müller. Die
Übrigen folgten gern der Aufforderung und meinten, es täte nach dem
langen Sitzen gut, sich mal die Beine zu vertreten. »Was habt ihr denn
von so 'ner Aussicht; es ist doch immer dasselbe, und eine ist genau
so wie die andre,« murrte das alte Fräulein.
Selbst Großmutter Ilse zuckte ungeduldig die Achseln, als sie sich am
Arm ihres ältesten Schwiegersohnes auf den Felsvorsprung begab, um die
herrliche Aussicht zu bewundern.
Tief unten lag, wie ein ovaler Silberspiegel, ein kleiner See inmitten
eines fruchtbaren Tales. Ab und zu ertönten die Glocken der Herden wie
eine wohllautende, aus weiter Ferne herüberklingende Musik, und auf
den umliegenden Bergen grasten friedlich schwarz- und weißgefleckte
und rotscheckige Kühe. Soweit das Auge reichte, waren die Felsen mit
Schlingpflanzen und Farnen wie mit Mänteln überhangen, zwischen denen
schneeweiße und goldgelbe Blütendolden hervorschimmerten. Wunderbar
strahlte die Sonne vom wolkenlosen Himmel herab und tauchte die
reiche, üppige Landschaft in glühende Farben.
Die ausgelassene Heiterkeit verstummte, selbst laute Bewunderung hätte
störend gewirkt. Ärgerlich schaute Gustav Irma an, als sie Hans
scherzend fragte, ob er einen senkrecht steilen Felsen in ihrer Nähe
erklettern und ihr die blauen und weißen Blumen pflücken wolle, die
sich um die Spitze schlangen.
»Seien Sie praktisch und stellen Sie erst im voraus Ihre Bedingungen,
was Sie dafür haben wollen,« rief Maud lachend, während Hans mit
zweifelnder Miene hinaufschaute und dann eingestand, daß ihm seine
gesunden Gliedmaßen doch zu lieb seien, um sie bei einem solchen
Wagestück aufs Spiel zu setzen.
Dadurch war der Zauber gebrochen. Ruth von Holten wischte sich eine
Träne aus den Augen und tippte ihrem Manne auf die Schulter, der
träumerisch in die Ferne blickte und wie aus tiefem Sinnen auffuhr,
als er sah, daß die andern sich wieder nach den Wagen begaben.
Tante Elisabeth hatte sich unterdessen damit die Zeit vertrieben, daß
sie in dem unter dem Sitze stehenden Korbe herumschnüffelte, einen
Sack mit glasierten Früchten herausholte und sich daran labte. Als der
kleine Karl, der vorausgelaufen war, wie eine Katze über die Bänke des
Wagens sprang, schrie er laut:
»Schnell, Großmama, Tante Elisabeth nascht aus deinem Korbe!«
Fräulein Müller erschrak so heftig, daß sie den Sack fallen ließ; die
leckeren Früchte würden sicher auf den Boden gerollt sein, wenn Agnes
nicht herbeigeeilt wäre und das Unglück noch rechtzeitig verhütet
hätte.
Tantes dürre Finger krümmten sich, und da Karls Haupt sich gerade in
ihrem Bereich befand, griff sie in seine Locken und schüttelte ihn
tüchtig hin und her.
»Laß mich los,« rief der Junge, alle Höflichkeit vergessend. »Bist du
verrückt geworden, Tante? Ich hab' nicht genascht, sondern du!«
Die ganze Gesellschaft war jetzt herangekommen. Karl befreite sich mit
einem Ruck und wollte mit feuerrotem Gesicht und einem drohend nach
der alten Dame ausgestreckten Finger verkündigen, was sich zugetragen
hatte, als Großmutter Ilse ihm zuvorkam. Mit einem einzigen Blick
begriff sie alles und sagte ruhig:
»Das ist auch wahr. Tante Elisabeth erinnert mich daran, daß ich noch
eine kleine Erfrischung für unterwegs mitgenommen habe. Reiche sie
herum, Agnes.«
Alle schmunzelten verstohlen, schauten sich verständnisvoll an, wagten
aber keine Bemerkung zu machen. Agnes prustete los, als sie mit dem
Sack zur Tante kam und diese schroff und giftig dankte. Onkel Heinz
und Irma lachten laut auf. Böse und neidisch wie eine Spinne, zog sich
die alte Jungfer in ihr Eckchen zurück und machte ein Gesicht, als sei
ihr das größte Unrecht von der Welt geschehen.
Langsam ging die Fahrt nun wieder bergan, aber die jungen Leute wurden
jetzt ungeduldig. Das einförmige Schrittfahren langweilte sie; sie
sehnten sich, den Bestimmungsort zu erreichen. Endlich verengte sich
die Fahrstraße und einige große Holzgebäude wurden sichtbar. Das waren
die Stallungen der Wirtschaft, die ungefähr noch eine Viertelstunde
entfernt lag. Hier hatte das Fahren ein Ende, es wurde ausgespannt
und die Gesellschaft machte sich zu Fuß auf den Weg.
In der Ferne hörte man schon das Rauschen des Wasserfalls, der das
Wirtshaus und seine Lage berühmt gemacht hatte. Bald wurde der Pfad so
schmal, daß nur einer hinter dem andern hergehen konnte. Der Professor
erbot sich, den Zug anzuführen, er kannte den Weg und sagte, er sei
gefährlich. Nun wollte Tante Elisabeth zurückbleiben, sie sei zum
Vergnügen mitgekommen und hielte es für eine Sünde, sich Gefahren
auszusetzen.
»Unsinn,« erklärte Frau Gontrau, »Onkel Heinz will uns nur necken;
gehen Sie hinter mir her, Elisabeth, und seien Sie nicht bange, es ist
nicht schwierig.«
Ängstlich, mit kleinen, vorsichtigen Schrittchen folgte die Tante; sie
hielt sich zu Karls unaussprechlichem Gaudium an Ilses Kleid fest, was
der Junge gleich nachmachte, indem er die Tante bei den Röcken packte.
Dies Beispiel wirkte ansteckend; die jungen Leute faßten einander am
Rock oder Kleid, und so ging es im Gänsemarsch in Schlangenwindungen
vorwärts. Immer schmäler wurde der Pfad; er führte durch eine tiefe
Schlucht. Rechts und links erhoben sich hohe Felswände, von Tannen,
Fichten und Buchen gekrönt und mit Moos und Ginsterbüschen über und
über bedeckt.
»Wie unheimlich,« meinte Fräulein Müller. »Karl, laß mich los; du
zerreißt mir mein Kleid. So laß doch los.«
»Wenn wir fallen, liegst du zu unterst, Tante,« schrie ihr Plagegeist
mit lauter Stimme, um das Rauschen des Wasserfalls zu übertönen, das
immer gewaltiger klang und bald in ein ohrenbetäubendes Brausen
überging.
Plötzlich ward der Weg breiter, der Professor bog um eine Ecke und
blieb auf einem großen Felsblock stehen. Die lebende Guirlande
verteilte sich und drängte sich auf dem engen Raume zusammen. Die
jungen Leute lachten, die Mädchen kicherten, Fräulein Müller stand
Todesängste aus, daß sie herunterstürzen könnte, obschon der ganze
Aussichtspunkt mit einem Geländer von rohen Baumstämmen umgeben war.
Karl und Irma drängten sie immer mehr nach vorne; Elisabeths
entrüstete Ausrufe übertönte das donnerähnliche Brausen des
Wasserfalls.
Endlich hatte jeder einen bequemen Platz und Stützpunkt gefunden und
gab sich mit Andacht dem großartigen Naturschauspiel hin. In
gewaltigen Massen stürzte das Wasser in die Tiefe, zum Teil über einen
steilen Abhang strömend und sich bei jeder vorstehenden Felsspitze in
tausend Strahlen verteilend, die zusammen einen unsagbar schönen
Fächer von Silberschaum bildeten.
Atemlos standen alle und staunten und konnten sich von dem Anblick des
prächtigen Falles nicht trennen, bis Onkel Heinz endlich mit
Stentorstimme ein »Vorwärts!« kommandierte und vorsichtig eine in den
Felsen gehauene Treppe hinabstieg, die direkt zu dem freundlichen
Wirtshaus führte. Es lag mitten im Walde, von hohen Fichtenstämmen
umgeben, aus denen in geringer Entfernung die malerischen Türme der
alten Abtei hervorragten.
Im Garten des Wirtshauses herrschte reges Treiben. Es war noch in der
Ferienzeit; eine Menge Fremder sowie Bewohner der umliegenden
Ortschaften hatte gleichfalls das schöne Wetter herausgelockt, um dem
Wasserfall und der Abtei einen Besuch abzustatten. Viele Studenten mit
farbigen Mützen und weißen Beinkleidern bildeten fröhliche Gruppen.
Alle Stühle waren besetzt, und die Gäste, die weder an den Tischen
noch auf den Bänken Platz gefunden, wanderten unruhig auf und ab.
Etwas verstimmt schaute sich unsre Gesellschaft um; es war nicht
verlockend, bei diesem herrlichen Wetter drinnen im Saale zu speisen,
aber es schien nichts andres übrig zu bleiben. Mittlerweile hatten die
jungen Mädchen Aufmerksamkeit erregt; Irma und Agnes standen in der
Nähe einer Gruppe von Studenten, die sich mit den Augen zuwinkten und
einander anstießen. Plötzlich erhob sich einer von ihnen, nahm die
kleine Cerevismütze von dem pechschwarzen Kraushaar, näherte sich dem
Professor und fragte höflich:
»Ich habe doch die Ehre, Herrn Professor Fuchs zu sprechen?«
Der alte Herr schaute ihn durchdringend an.
»Ich glaube, ich kenne Sie, junger Mann, kann Sie aber nicht
unterbringen.«
»Von Hochstein,« stellte sich der Student vor, indem er dem ganzen
Kreise seine Verbeugung machte. »Ich gehöre noch zu Ihren ehemaligen
Schülern, Herr Professor. Darf ich Ihnen und Ihrer Gesellschaft unsern
Platz anbieten? Wir sind fertig, unsre Tafel kann schnell abgeräumt
werden.«
Mit einer höflichen Verbeugung auf die Dankesbezeugungen der
Gesellschaft antwortend, rief er einige Kellner und erteilte ihnen
seine Befehle. Sie waren so dienstbeflissen, als ob er eine bekannte
und einflußreiche Persönlichkeit wäre.
Dann winkte er einem in der Nähe sitzenden Blumenmädchen und kaufte
die schönsten Rosen aus ihrem Körbchen. Mit vollendeter Ritterlichkeit
näherte er sich Maud und Agnes und überreichte ihnen ein paar
Sträußchen, welche die amerikanischen Mädchen ohne die geringste
Verlegenheit freundlich dankend annahmen und in den Gürtel steckten.
Flora erhielt ein Sträußchen Vergißmeinnicht und Heliotrop, worüber
sie bis über die Ohren errötete; endlich trat er zu Irma und reichte
ihr zwei prachtvolle La France-Rosen.
»Sollten Sie die Blumen auch nachher fortwerfen, ich würde mich doch
für den glücklichsten der Sterblichen halten, wenn Ihre Hände sie nur
einmal berührten,« flüsterte er leise.
Irma fühlte, daß sie rot wurde, aber sie zwang sich aufzuschauen und
blickte in ein paar schwarze, schmelzende und doch kecke Augen. Das
schöne Gesicht mit seinen feinen, aristokratischen Zügen wäre ohne den
gewaltigen Schmiß auf der rechten Wange vielleicht etwas weibisch
erschienen. Sie schlug verwirrt die blauen Augen nieder und nahm die
Rosen mit ein paar gestammelten Dankesworten.
Er schwenkte sein Cerevis, als ob es ein Marschallshut mit wallendem
Federbusch wäre, verbeugte sich fast bis zur Erde und entfernte sich
mit seinen Kommilitonen.
»Wer war das, Onkel Heinz?« fragte Ruth.
»Jetzt erinnere ich mich, er war mein Schüler und benahm sich immer
ein bißchen verdreht. Er ist ein Baron von Hochstein, der zum ältesten
Adel des Landes gehört.«
»Er ist ein Geck,« brach Hans Reicher los, »und ihr,« fuhr er
entrüstet zu den Mädchen fort, »solltet euch schämen, Blumen von
jemand anzunehmen, der euch total unbekannt ist.«
Maud erwiderte ruhig, sie sehe kein Unrecht darin, eine Höflichkeit
anzunehmen, die im Beisein der Eltern und der ganzen Familie erwiesen
werde.
Irma schaute Hans lachend an, roch an ihren Rosen und befestigte sie
sorgfältig in ihrem Gürtel. Ruth näherte sich ihr und flüsterte
tadelnd:
»Du mußt nicht so kokett sein, Irma, mein Kind.«
»O, es ist doch nur Hans,« versetzte sie, während sie sich mit einem
strahlenden Lächeln auf dem reizenden Gesichtchen zu Agnes gesellte.
Ruth warf einen mitleidigen Blick auf den jungen Mann.
Die Gesellschaft nahm an den inzwischen gedeckten Tafeln Platz und tat
sich gütlich an den schmackhaft bereiteten Speisen und dem Rheinwein,
der in zierlichen, goldglänzenden Römern perlte.
Nach dem Essen gingen Ruth und ihr Mann noch einmal zu dem Wasserfall,
um das großartige Schauspiel in aller Stille zusammen zu genießen.
Fritz und Marianne wanderten mit Maud ein Stück in den Wald. Ilse
sehnte sich, nun die lebhafte Mittagsstunde vorüber und es im Garten
fast leer geworden war, still unter dem Laubwerk der hohen Bäume zu
ruhen und Onkel Heinz teilte ihren Wunsch. Tante Elisabeth suchte sich
im Hause ein bequemes Sofa, wo sie ihr Mittagsschläfchen halten
konnte. Das junge Volk beschloß, der Abtei einen Besuch abzustatten.
Ludwig und Agnes gingen voraus. Der Pfad durch den Wald war nicht sehr
eben, hier und da sogar recht ungebahnt. Es dauerte denn auch nicht
lange, so bot der junge Leutnant seiner Dame den Arm. An einer Stelle,
wo große, knorrige Wurzeln und ein ganzer Baumstamm den Weg sperrten,
legte er den Arm um die Taille des jungen Mädchens und half ihr über
die Hindernisse hinweg. Irma folgte mit Hans, behielt aber Karl an
ihrer Seite und nahm keine Notiz von ihrem Anbeter. Des Morgens im
Wagen war sie ganz freundlich zu ihm gewesen, hatte ihn zwar geneckt,
sich jedoch seine etwas ungeschickten, aber gut gemeinten Huldigungen
gern gefallen lassen. Nun würdigte sie ihn kaum einer Antwort,
beschäftigte sich nur mit Karl und sprang ausgelassen mit diesem über
die Baumwurzeln. Hans seufzte. Vom ersten Augenblick an, als er in
Irmas strahlende Augen geschaut, hatte das verwöhnte, von allen
verhätschelte Kind sein Herz im Sturm erobert. Er kämpfte dagegen,
sagte sich, daß es eine Torheit sei, sich so plötzlich zu verlieben,
aber trotz seiner ernsten Natur konnte er nicht anders. Er fühlte,
daß er Irma wahrhaft liebte und daß es keine Tändelei, sondern eine
ernste, tiefe Zuneigung war, die unzerstörbar in seinem Herzen lebte.
Daher tat es ihm weh, sie jetzt so launisch und flatterhaft zu sehen.
Ein bitteres Gefühl bemächtigte sich seiner bei dem Gedanken an den
glänzenden Studenten, der Irma erröten gemacht und den sie mit einem
Blick angesehen hatte, wie ihn, Hans, noch keiner getroffen, auch wohl
nie einer treffen würde. Trotz seiner Verliebtheit aber war er kein
Narr; er bewahrte seine Würde und ließ Irma ganz unbehelligt.
Er wollte sich Flora und Gustav anschließen, die den Nachtrab
bildeten. Doch auch ihnen schien seine Gesellschaft nicht erwünscht zu
sein. Der sonst so verträumte Gustav warf ihm einen unzufriedenen
Blick zu, und endlich bat ihn Flora, ob er nicht nach dem Wirtshause
gehen und ihren vergessenen Spitzenshawl holen möchte. Sie fände es
kalt und wolle ihn dort mit Gustav auf jener Bank erwarten. Gutmütig
erfüllte Hans ihren Wunsch, aber als er mit dem Shawl zurückkam, fand
er das junge Paar nicht mehr; er nahm auf dem aus unbehauenen Stämmen
errichteten Sitze Platz und verlor sich in Betrachtungen über die
Torheit verliebter Leute.
In der Zwischenzeit hatten die Übrigen die Ruine des ehemaligen
Klosters erreicht und schweiften zwischen den Mauerresten, Treppen,
Spitzbogen und Gewölben umher. Durch die Öffnungen und Spalten, durch
die klaffenden Risse blickten überall der wolkenlos blaue Himmel und
die dunklen Wälder herein. Die grauen, von der Zeit geschwärzten
Mauern waren ganz mit Efeu, Schlingpflanzen und wilden Blumen
bewachsen; hier und da erhoben sich zwischen den moosbedeckten Steinen
einige kleine Fichten- und Tannenbäumchen. Im Grase verstreut lagen
noch einzelne Grabsteine, deren Inschriften der Zahn der Zeit fast
verwischt hatte; einige freilich waren noch lesbar und trugen die
Namen längst verstorbener Mönche und Abte. Totenstille herrschte, und
die ganze Umgebung atmete die Romantik des Verfalls und zeugte von
vergangener Größe. Sogar Irma fühlte sich davon bewegt; ruhig setzte
sie sich in die Nische eines verwitterten Bogenfensters und schaute
träumerisch vor sich hin. Karl, zu lebhaft, um still zu sitzen, hatte
ein paar Eichhörnchen entdeckt, deren lustige, flinke Sprünge ihn
tiefer in den Wald lockten; die andern beiden Paare wählten sich auch
ein ihnen zusagendes Ruheplätzchen, und so war Irma allein. Sie bot
ein entzückendes Bild, von der Fensternische wie von einem breiten
Rahmen umgeben. Sie nahm die Rosen aus ihrem Gürtel und atmete ihren
süßen Duft ein, dann, einer plötzlichen Aufwallung nachgebend, drückte
sie ihre Lippen auf die feinen Blättchen. In demselben Augenblick
hörte sie einen raschen Schritt, fühlte sie, wie das Blut ihr in die
Wangen schoß und Baron von Hochstein stand vor ihr.
[Illustration]
Er tat, als habe er nichts gesehen, grüßte höchst ehrerbietig, schien
erst vorüberschreiten zu wollen und blieb dann plötzlich stehen.
»Hat die romantische Schönheit dieses Ortes Sie auch verlockt, hier
etwas zu ruhen, gnädiges Fräulein?« fragte er.
»Ja, mein Herr,« stammelte Irma verlegen; gleichzeitig erhob sie sich,
um weiter zu gehen.
»Ich bitte Sie,« rief er erschrocken, »lassen Sie sich durch mich doch
nicht stören. Ich würde es mir nie verzeihen, wenn ich die Ursache
wäre, daß Sie dies herrliche Fleckchen Erde verließen. Soll ich
gehen?«
Sie überwand ihre Schüchternheit und sah ihn an. Auf seinem Antlitz
las sie eine so unverhohlene Bewunderung, daß ihr der Mut wuchs.
»Dies Reich gehört mir nicht,« entgegnete sie lächelnd, »folglich habe
ich nichts zu befehlen.«
»Dann darf ich also einen Moment verweilen? Kommen Sie oft hierher?«
»Nein, im vorigen Jahr machten wir zuletzt die Fahrt. Es ist von F.
immer eine ganze Reise nach hier.«
»Sie wohnen in F.?«
»Ja, bei meiner Großmutter.«
»Welch ein Glück!«
»Warum?«
»Weil F. kaum zwanzig Minuten mit der Eisenbahn von unserer
Universität I. entfernt ist.«
Wieder wurde Irma rot. »Es wird Zeit, daß ich meine Gesellschaft
aufsuche,« sagte sie, sich erhebend, »Karl, wo bist du?« rief sie
laut.
»La, la, la, la,« ließ sich die lachende Jungenstimme aus der Ferne
vernehmen. Mit einer Verbeugung verabschiedete sie sich und schritt
dem Knaben entgegen, bevor er merkte, daß sie nicht allein gewesen
war.
Ludwig und Agnes ließen nicht lange auf sich warten. Als letztere Irma
sah, flog sie ihr ausgelassen entgegen.
»Wo hast du gesessen?« fragte sie. »Wir haben dich überall gesucht.«
»Wer's glaubt!« lautete die scherzende Antwort. »Ihr überlaßt mich
ruhig meinem Schicksal.«
»Ich glaubte, Hans sei bei Ihnen,« entschuldigte sich Ludwig.
»Hans!« Irma lachte laut auf. »Nein, der hat mich auch im Stich
gelassen.«
»Sicher nicht freiwillig,« meinte Agnes. »Armer Hans.« Sie schob ihren
Arm durch den ihrer Cousine und flüsterte:
»Liebling, ich bin so unendlich glücklich.«
Irma wußte selbst nicht, warum ihr eignes Herzchen so heftig klopfte,
warum ihr so leicht, so selig zu Mute war. Doch nur um Agnes willen,
dachte sie.
»Hat .... hat Ludwig sich erklärt?« fragte sie leise.
»O Irma, ich glaube wirklich, er liebt mich,« versetzte Agnes, und ihr
heiteres Gesichtchen war eitel Sonnenschein.
Zu weiteren vertraulichen Mitteilungen blieb keine Zeit, denn Gustav
und Flora tauchten eben auf. Der jugendliche Künstler sah sehr ernst
aus; er ging Hand in Hand mit Flora und schien es nicht zu bemerken,
daß die andern sich vielsagend anschauten.
Gemeinsam kehrten sie nach dem Wirtshause zurück. Im Stillen wunderte
sich Irma, daß Agnes so heiter war und tat, als sei nichts
vorgefallen. Und doch war ihr etwas ganz Besonderes widerfahren.
Ludwig hatte ihr seine Liebe erklärt. Irma blickte den Leutnant von
der Seite an. Wie hatte sie ihn nur jemals hübsch finden können! Nein,
er war gar nicht hübsch, wenn sie ihn mit dem Baron von Hochstein
verglich.
Im Garten fanden sie die ganze Gesellschaft beisammen. Onkel Heinz und
Hans waren an einem abgesonderten Tisch mit der Bereitung einer
Riesenbowle beschäftigt. Verschiedene Flaschen Rheinwein, ein paar
Flaschen Champagner, Teller mit Erdbeeren, Pfirsichen und andern
Früchten, standen vor ihnen. Die Damen umringten den Professor und
wollten ihm einige Anweisungen geben, er aber erklärte, er sei stets
wegen seiner Bowlen berühmt gewesen und könne ohne Hilfe fertig
werden. Trinken dürften sie davon, um die Zubereitung brauchten sie
sich aber nicht zu kümmern. Tante Elisabeth sagte mit saurer Miene,
daß sie es ganz unpassend fände, wenn junge Leute so viel tränken,
worauf ihr Bruder Fritz lachend erwiderte, sie habe ihre Rechnung
ohne den Wirt gemacht, wenn sie annähme, daß sie allein etwas davon
bekäme.
Am andern Ende des Gartens saßen die Studenten. Irma konnte nicht
anders; sie mußte dann und wann verstohlen hinsehen, und ihr Herz
begann ungestümer zu schlagen, als sie Hochstein aufstehen und von
einigen seiner Kommilitonen gefolgt auf sie zutreten sah.
Er näherte sich Frau Gontrau, verbeugte sich ehrfurchtsvoll und
begann:
»Haben Sie etwas dagegen, gnädige Frau, wenn wir die jungen Damen und
Herren Ihrer Gesellschaft einladen, an einem improvisierten Balle
teilzunehmen?«
Aus dem Speisesaal des Hauses erklangen heitere Tanzweisen, und beim
Schein der mittlerweile angezündeten Lampen drehten sich verschiedene
Paare fröhlich im Kreise.
»Habt ihr Lust, Kinder?« fragte Ilse freundlich.
»Ach ja, Großmama!« rief daß junge Volk entzückt. Selbst Floras Augen
glänzten, aber sie schlug sie nieder und fragte Gustav sittsam, ob er
gern tanze.
Nachdem die gegenseitigen Vorstellungen stattgefunden, bot Baron
Hochstein Irma den Arm, und die junge, fröhliche Schar wollte sich
entfernen, als der Professor rief:
»Das ist alles gut und schön, aber nach dem Tanze kommen Sie her,
meiner Bowle Ehre zu erweisen, ich lade die Herren Studenten zu einem
altmodischen Rundgesang ein, an dem wir alle teilnehmen wollen.«
Ein ohrzerreißendes »Vivat«, dann stürmten die jungen Leute in den
Saal.
Fritz Müller, der mit seiner Frau dem Tanz zusehen wollte, blieb vor
Tante Elisabeth stehen und sagte, ihr lachend den Arm bietend:
»Komm, Schwesterlein mein, wollen wir mal probieren, ob wir das Walzen
noch nicht verlernt haben?«
»Du tätest besser, dich nicht so verdreht anzustellen,« versetzte die
alte Jungfer giftig. »Sieh lieber, was deine Töchter treiben; ich für
mein Teil finde es mehr als unpassend, die jungen Mädchen mit
unbekannten Studenten tanzen zu lassen und noch dazu Maud, die Braut
sein will.«
Fritz wurde dunkelrot; die sanfte Marianne schaute ihre Schwägerin
vorwurfsvoll an, Großmutter Ilse aber kam beiden zuvor:
»Sie sollten sich schämen, Elisabeth,« rief sie heftig. »Daß Sie
selbst sich nicht amüsieren können und alles verurteilen, was
einfache, schlichte Menschen nett finden und gern mögen, ist Ihre
Sache, aber ich verbitte mir ernstlich, daß Sie gegen einen meiner
Gäste gehässige Bemerkungen machen. Ich hab' es gut geheißen, daß die
jungen Mädchen tanzen -- nehmen Sie daran Anstoß, so behalten Sie Ihre
Bedenken für sich, wir werden uns jedenfalls nicht daran kehren.«
Erschrocken schwieg Elisabeth. Sie fürchtete sich ein bißchen vor Frau
Gontrau, die ihr noch immer am höflichsten und freundlichsten
entgegenkam. Die Augen der alten Dame blitzten vor Zorn und für einen
Moment lebte die alte, aufbrausende Ilse wieder auf.
»Ich darf doch wohl sagen, was ich für unpassend finde,« stammelte
Elisabeth, in ihrem Innern noch viel zu entrüstet, um nachzugeben.
»Nicht, wenn keiner danach fragt,« entgegnete Ilse. »Sie haben schon
mehr als zuviel Kritik geübt. Geh nur mit Marianne, Fritz. Ruth und
Heinrich haben auch die Absicht, sich in den Saal zu begeben. Wer
weiß, wenn die Bowle ganz fertig ist, kommen Onkel Heinz und ich
vielleicht auch auf ein Weilchen und gucken zu. Was meinen Sie, Herr
Professor?«
»Vortrefflich, Frau Ilse! Wenn mein dummes Bein mir nicht so
aufspielte, würde ich Ihnen allen einen Hornpipe[1] vortanzen, daß Sie
Ihr blaues Wunder erleben sollten.«
[1] Alter englischer Tanz.
Heiter gingen die andern ins Haus. Ilse widmete ihre Aufmerksamkeit
einen Augenblick der Bowle und schaute dann nach Fräulein Müller.
Steif und kerzengerade saß diese auf ihrem Stuhl. Frau Gontrau, die
ebenso rasch versöhnt war, wie sie heftig werden konnte, fürchtete,
die alte Jungfer doch zu hart angefahren zu haben, und hatte schon
wieder Mitleid mit dem einsamen Wesen, das so unglücklich in seiner
Ecke saß, während alle andern sich gut unterhielten. Der Professor
schüttelte den Kopf, als sie sich zu ihr wendete und freundlich sagte:
»Sie müssen nicht böse sein, Elisabeth, weil ich zornig war. Sie sind
mein Gast, und es würde mir leid tun, wenn ich Sie gekränkt hätte.«
Fräulein Müllers Mienen wurden nicht sanfter, als sie in sauersüßem
Tone erwiderte:
»Ach, Frau Gontrau, mir gegenüber brauchen Sie sich wirklich nicht zu
entschuldigen. Auf mich kommt's nicht an. Jeder darf mich ungestraft
beleidigen. Wenn die Mädchen mich auslachen und Karl frech zu mir ist
und mich zum Gespött macht, haben alle ihre Freude dran. Um mich
kümmert sich niemand, und Sie brauchen es auch nicht zu tun.«
Der Groll und der gekränkte Stolz, die aus diesen Worten sprachen,
taten Ilse weh und sie näherte sich Elisabeth.
»Wollen Sie nicht ein wenig mit mir im Garten spazieren gehen?« fragte
sie. »Ich habe schon so lange gesessen. Der Professor ist noch mit
seiner Bowle beschäftigt.«
Wider Willen geschmeichelt, daß Frau Gontrau sich so um sie bemühte,
stand Fräulein Müller auf. Ilse nahm ihren Arm.
Der Abend war hereingebrochen. Die Kellner zündeten die Laternen im
Garten an; überall leuchteten bunte Lampions zwischen dem Grün auf.
Aus dem Tanzsaal erschallte Musik und heiteres Stimmengesumme. Mit
Absicht schlug Frau Gontrau einen Seitenpfad ein und begann milde:
»Liebe Elisabeth, ich war eine Freundin Ihrer Mutter und habe Sie und
Fritz von Geburt an gekannt. Da darf ich mir doch wohl herausnehmen,
Ihnen einen Rat zu geben.«
Elisabeth warf den Kopf in den Nacken:
»Natürlich, Frau Gontrau.«
»Sie beklagen sich, daß die Menschen nicht lieb zu Ihnen sind; daß die
jungen Mädchen Sie unfreundlich behandeln und gerne necken. Vielleicht
haben Sie recht, aber denken Sie einmal nach, und sagen mir ehrlich
und aufrichtig, ob Sie daran wirklich ganz unschuldig sind.«
»Ich weiß nicht, was Sie wollen,« entgegnete Tante Müller steif. Ilse
aber ließ sich nicht abschrecken.
»Wenn Sie sich bemühten, es den Leuten in Ihrem Hause etwas
behaglicher zu machen,« fuhr sie herzlich fort, »würden Sie selbst
viel glücklicher sein. Was haben Sie von all den Zimmern, die niemals
eines Menschen Fuß betritt, in denen nie ein Fenster geöffnet wird,
aus Furcht vor Staub, wo stets alles gleich tadellos und dadurch so
kalt und ungemütlich ist? Wenn es regnet und jemand kommt zu Ihnen,
lautet Ihre erste Frage, ob er sich auch gut die Füße abgewischt hat,
und ich glaube, Sie würden sich totunglücklich fühlen, wenn etwas
Schmutz und Nässe die Fliesen Ihres Flurs befleckte. Das ermutigt die
Leute nicht; sie fühlen, daß sie nicht willkommen sind und bleiben
lieber fort.«
»Mich besucht doch niemand,« versetzte Elisabeth, die ganz böse werden
wollte, aber in Frau Gontraus warmem, teilnehmendem Ton lag etwas
Besänftigendes. »Übrigens begreife ich eigentlich nicht, was Sie das
angeht.«
»Machen Sie doch einmal den Versuch,« fuhr Ilse, die letzten Worte
nicht beachtend, fort. »Machen Sie Ihr Haus etwas heller und
fröhlicher. Laden Sie das junge Volk einmal ein, bewirten Sie es
einfach, aber gastlich und herzlich. Ärgern Sie sich nicht, wenn es
lustig und ausgelassen zugeht, und vor allem, legen Sie nicht so
großes Gewicht auf nichtige, kleinliche Dinge. Sorgen Sie, daß in
Ihrem einsamen Herzen kein Platz für düstere Stimmung und Mißgunst
bleibt. Ich halte viel von Ihnen, Elisabeth, habe Sie gern, und wenn
Sie sich so benehmen, daß andere das auch tun, dann würden Sie viel
glücklicher sein als bisher. Liebe ist das einzige, wahrhaft Nötige
auf der Welt.«
»Sie haben gut reden,« sagte die alte Jungfer, die sich am meisten
über sich selbst wunderte, daß sie nicht böse wurde. »Sie sind ihr
ganzes Leben lang von allen angebetet und verwöhnt worden, während
ich ....«
»Ich weiß,« fiel Großmutter Ilse ihr ins Wort, »Sie haben vieles
entbehren müssen, aber das kann noch gut gemacht werden. Der Anfang
ist freilich nicht leicht, doch glauben Sie mir, der einzige Weg,
Liebe zu ernten, ist Liebe zu säen.«
»Ja, für unglückliche, zu kurz gekommene Wesen wie ich vielleicht,
aber nicht für die Glücklichen, die vom Schicksal Bevorzugten.«
»Wenn andre wirklich bevorzugt sind, ist es weise, sich darüber nicht
zu ärgern, sondern sich zu bemühen, durch eigene Verdienste das zu
erwerben, was jenen mühelos in den Schoß fällt.«
»Frau Ilse, wo bleiben Sie?« ließ sich plötzlich die Stimme des
Professors vernehmen. »Meine Bowle ist fertig. Ich habe dem Kellner
den Auftrag gegeben, alles in Ordnung zu bringen. Nun wollen wir einen
Blick in den Tanzsaal werfen.«
»Gern, Onkel Heinz. Kommen Sie, Elisabeth.«
Fräulein Müller wußte nicht, ob sie ja oder nein sagen sollte, und
Professor Fuchs machte ein verdutztes Gesicht, als Ilse seinen Arm
nahm und ihm einen Wink gab, Elisabeth den andern zu bieten.
Er brummte etwas, aber ebenso wie Elisabeth konnte er doch nicht gut
anders, als der Großmutter gehorchen. Fritz, Ruth und Marianne zeigten
nicht wenig erstaunte Mienen, als sie die drei eintreten sahen. Fritz,
der den boshaften Ausfall seiner Schwester noch nicht vergessen hatte,
kam gerade mit spöttischem Gesicht auf sie zu, als Ilse ihm winkte,
ihm etwas ins Ohr flüsterte, und schnell unterdrückte er eine
unfreundliche Bemerkung.
Im Ballsaal herrschte die fröhlichste Stimmung, und über eine Stunde
schauten die älteren Leute dem lustigen Treiben zu. Tante Elisabeth
wollte etwas Gehässiges sagen, als ihr Bruder und seine Frau sich erst
an einer Quadrille und dann an einer Polka, ja sogar an einem Walzer
beteiligten, aber sie preßte die Lippen zusammen und schwieg. Sie
äußerte auch keine Mißbilligung, als sie den ernsten Heinrich von
Holten mit Ruth und dann auch mit Maud tanzen sah. Kerzengerade saß
sie neben Ilse und bemühte sich redlich, sich über das Courmachen und
das eitle Getue der jungen Mädchen zu ärgern.
»Wie sich Irma amüsiert,« sagte Ilse froh zu Ruth, »und wie wunderbar
lieblich sie aussieht.«
Ruth beugte sich zu ihrer Mutter und entgegnete leise:
»Ich finde, daß sie zu viel mit dem Baron tanzt, Mama. Das ist nun
schon das viertemal, und sie ist so aufgeregt.«
»Ach was, das hat doch nichts zu sagen! Nach dem heutigen Abend sieht
sie ihn vielleicht nie wieder. Überdies sind Ludwig und Agnes auch
fast unzertrennlich.«
»Das ist etwas andres. Jetzt sehe ich sie überhaupt nicht mehr. Ob sie
hinausgegangen sind?«
»Vielleicht für einen Moment. Es ist arg heiß im Saal. Das machen die
vielen Menschen. Laß Irma nur nicht merken, daß du unruhig bist, Ruth;
wirklich, das wäre nicht richtig. Da sind sie schon wieder.«
In der Tat kehrten Irma und ihr Kavalier in den Saal zurück. Der Ball
näherte sich seinem Ende. In einer Ecke, hinter einer Gruppe
hochstämmiger grüner Blattpflanzen und Rosen konnten sie ungestört
plaudern.
»Dies ist der seligste Abend meines Lebens,« begann Hochstein. »Es ist
beinahe zu schön für einen gewöhnlichen Sterblichen: mir ist, als
weilte ich unter den Göttern des Olymps.«
Irma lachte. »Wie mag Ihnen da wohl zu Mute sein?«
»Ich möchte die ganze Welt ans Herz drücken, mir ist, als ob das Leben
all seine Schönheit und Herrlichkeit über mich ausschüttete, als ob
alles, was ich je geträumt, Wirklichkeit würde, so daß ich mein Glück
kaum fassen kann!«
Die Musik, die eine Pause gemacht, begann aufs neue. Irma stand auf.
»Das ist der letzte Walzer,« erklärte sie, »den hab' ich versprochen.«
Schon legte der Baron ihren Arm in den seinen.
»Mir?« bat er flehend.
»Nein, nein, Hans Reicher,« stammelte sie.
Er fing an zu lachen.
»O, das ist wohl der Herr mit dem wütenden Gesicht, der uns, so oft
wir vorbeitanzten, ansah, als wollte er uns fressen?«
Irma lächelte; sie konnte sich Hans schwer mit einem wütenden Gesicht
vorstellen. Leise aber sagte sie:
»Ich hab's ihm versprochen.«
»Nun gut, er kann mich fordern, wenn er will. Ein Duell um Ihretwillen
wird ihm wie mir etwas Göttliches sein!«
Irma schaute entsetzt auf. Hochsteins samtschwarze Augen strahlten,
unwillkürlich senkte sie die ihren.
Da schlang er den Arm um sie; sie fühlte sich emporgehoben, ihr war,
als schwebte sie. Schneller und immer schneller ward das Tempo. So
hatte sie noch nie getanzt. Sie vergaß alles: Hans, der sie, die
Lippen zusammengepreßt, mit einem tieftraurigen Ausdruck in seinen
treuen Augen ansah; ihre Herzensangst, als der Baron vom Duellieren
sprach -- sie fühlte nur, wie schön das Leben war, entzückend. Mit
geschlossenen Augen und halb geöffneten Lippen gab sie sich dem Zauber
dieser Stunde hin und fühlte sich von seligem Traum umfangen.
»Irma, mein Kind, es ist genug, du machst dich zu müde.«
Es war die Stimme ihrer Mutter, die sie zur Besinnung brachte. Noch
ganz schwindlig schaute sie sich um, während Hochstein sie zu einem
Stuhl führte.
»Gnädige Frau, dies war der letzte Tanz. Die Musik geht schon fort.«
»Um so besser,« versetzte Ruth, »komm Irma!«
»Auf Wiedersehen, meine Damen.«
Der Baron entfernte sich mit einer tiefen Verbeugung.
»Es ist mir gar nicht lieb, daß Onkel Heinz die jungen Leute zur Bowle
eingeladen hat,« sagte Ruth.
»Weshalb, Mama?«
»Weil ich finde, daß du dich zu viel mit jenem jungen Manne
unterhältst. Das fällt auf.«
»Aber Mama, wir haben ein paarmal zusammen getanzt. Was tut denn das?«
»Nichts, doch du hättest auch mit andern tanzen können, mit Hans zum
Beispiel.«
Irma schwieg und schwebte auf den Professor zu, der mit einigen
Studenten plauderte.
»Onkel, nun kommt deine Einladung an die Reihe.«
»Ja, kleiner Schelm,« und er kniff ihr in die glühenden Wangen. »Heute
ist unser Kind in seinem Element, was?«
Irma wurde rot, weil der alte Herr sie in Gegenwart der jungen Leute
so behandelte, aber sie war doch zu glücklich, um etwas anderes zu
tun, als lächelnd zu nicken.
Professor Fuchs zog ihren Arm in den seinen.
»Darf ich die Damen und Herren bitten!« rief er und eröffnete den Zug;
paarweise folgten die übrigen. Die Kellner hatten im Garten eine lange
Tafel hergerichtet. Auf der blau und rot karrierten Tischdecke prangte
die Riesenbowle, umgeben von den goldschimmernden Gläsern, rechts und
links flankiert von zwei großen Blumensträußen.
Wie es zuging, wußte sie selbst nicht, aber wieder fand Irma ihren
Platz neben Hochstein. Bald schallte fröhlicher Gesang und Gelächter
durch den Garten. Unter ohrbetäubendem Jubel stimmte Professor Fuchs
das alte Studentenlied an:
Hochgesang und Rebensaft
Lieben wir ja alle!
Darum trinken wir mit Kraft
Schäumende Pokale!
Und da Ilse neben ihm saß, stieß er mit ihr an und fragte:
»Schwester, Dein Geliebter heißt?« worauf sie lachend versetzte:
»Heinrich« und alle im Chor:
Heinrich, er soll leben!
Soll leben, soll leben!
Heinrich, er soll leben!
Er lebe hoch!!
Das »Hoch« wurde lange ausgehalten, und nun ging's weiter die ganze
Tafelrunde durch, unter Necken und Scherzen. Die jungen Leute trieben
es fast zu toll. Ludwig und Agnes flüsterten miteinander, und dann
nannten beide einen fremden Namen, den niemand je gehört. Gustav und
Flora gaben sich einfacher, aber das junge Mädchen wurde verlegen und
stammelte so schüchtern: »Gustav,« daß sie den Namen noch zweimal
wiederholen mußte. Die größte Heiterkeit erregte Tante Elisabeth, die
erst erklärte, sich mit solchen Narrenspossen nicht abzugeben und auf
dem Punkt stand böse zu werden, als ihr Bruder Fritz ausrief:
»Unsinn, Elisabeth, in deinem zehnten Jahr warst du sterblich verliebt
in den Küster unserer Kirche; er schielte und hieß Georg.«
Alle jubelten und lachten. »Georg, er soll leben!« schallte es hell
durch die Abendluft. Vielleicht war es der Einfluß der Bowle, aber so
viel steht fest, daß die alte Jungfer ihren Ärger vergaß und
mitlachte.
Baron von Hochstein sah Irma tief in die Augen und rief dann: »Maria!«
Einen Augenblick vorher hatte er sie gefragt, wie sie hieße, und sie
hatte geantwortet:
»Irma Maria.«
Während des nun folgenden Gesangs löste er, ohne daß es in der
dämmerigen Beleuchtung außer ihr jemand bemerkt hätte, gewandt eine
der hellblauen Schleifen, mit denen ihr Kleid verziert war, drückte
einen Kuß darauf und ließ sie in der Tasche verschwinden.
»Das ist nicht erlaubt,« flüsterte sie; aber sie fühlte mehr als sie
sah, wie flehend er sie anschaute, und schwieg.
Endlich mußte doch an die Rückfahrt gedacht werden. Es war höchste
Zeit. Als die älteren Damen hörten, wie spät es schon war, erschraken
sie. Der Befehl zum Anspannen wurde gegeben. Das ganz aus Rand und
Band geratene junge Volk schlug vor, wieder den Weg zu Fuß über den
Wasserfall zu machen und erst an den Stallungen einzusteigen; das
würde eine entzückende Mondscheinpromenade sein.
Verschiedene Ausrufe wie: »Ach ja! Das wollen wir! Himmlisch! Bitte,
Großmama!« ließen sich hören; Fritz aber erklärte kurz und bündig:
»Daraus wird nichts; wir fahren den andern Weg, der ist um eine gute
Stunde kürzer!«
Hochstein half Irma in den Wagen und flüsterte ihr zu, wie scheußlich
er es fände, daß er und seine Freunde nicht mitfahren könnten.
»Adieu, adieu! Herzlichen Dank, Herr Professor!« klang es von allen
Seiten, dann setzten die Fuhrwerke sich in Bewegung. Das letzte, was
Irma zu unterscheiden vermochte, war die schlanke Gestalt ihres
Anbeters, der sein Cerevis schwenkte und sie, sie allein, grüßte.
Der Wagen bog um die Ecke, und plötzlich schien es ihr, als sei alles
dunkel und trübe geworden. Jetzt bemerkte sie erst, daß sie neben Hans
Reicher saß. Sie fühlte sich so glücklich, daß es ihr leid tat, den
armen Jungen unfreundlich behandelt zu haben.
»Sind Sie mir böse?« fragte sie sanft.
»Weshalb?«
»Weil, nun weil ich den letzten Walzer nicht mit Ihnen tanzte, wie ich
versprochen hatte.«
Er tat, als müsse er sich erst besinnen. »Ach ja, richtig, den letzten
Walzer? Nein, durchaus nicht. Ich war froh über Ihr Vergessen, weil
ich eine andere junge Dame engagiert hatte.«
Hans log. Er war still hinausgegangen, um seine Enttäuschung und
seinen Ärger niederzukämpfen, doch sein Stolz verbot ihm, Irma zu
zeigen, wie tief sie ihn verletzt hatte.
Im vordersten Wagen schlief Tante Elisabeth und ärgerte den Professor,
weil sie schnarchte; schnarchende Frauen konnte er nicht ausstehen.
Großmutter Ilse war müde und lehnte sich schweigend, mit geschlossenen
Augen, zurück. Ruth und Marianne unterhielten sich leise und schauten
dazwischen nach Flora und Gustav, die auf der vordersten Bank Hand in
Hand saßen, aber kein Wort sprachen. Onkel Heinz blickte auf die
prachtvolle, mondbeglänzte Landschaft und verkürzte sich die Zeit mit
Rauchen. Im zweiten Wagen saß Maud neben ihrem Vater. Ludwig und Agnes
waren so in ihr Geflüster vertieft, daß sie nicht einmal hörten, wenn
jemand sie anredete. Irma drehte Hans den Rücken. Was bildete der
Bauer sich ein? Sie wollte ihm freundlich entgegenkommen, und er wagte
es, ihr solche Antwort zu geben! Ihr eitles Herzchen schwoll vor
Entrüstung. Nun wollte sie sich nie mehr um ihn kümmern; sie hatte an
Angenehmeres zu denken.
* * * * *
Onkel Heinz war schlecht gelaunt. Mit grimmigem Gesicht ging er umher
und erklärte, sich in den nächsten Tagen weder bei Müllers, noch bei
Ilse Gontrau blicken zu lassen. Das ewige Einerlei und die endlosen
Beratungen fingen an ihn zu langweilen. Immer bekam er dasselbe zu
hören, von Verliebtsein, Verlobungen und Ratschlägen der Eltern. Es
herrschte allseitig große Rührung, und der Professor, der bei seinen
vielen guten Eigenschaften doch nicht frei von Egoismus war, konnte es
nicht leiden, daß die Jugend jetzt ganz in den Vordergrund trat und
ihm und seinen Interessen weniger Beachtung geschenkt wurde.
Am Morgen nach der Landpartie war Ludwig Reicher zu Fritz Müller und
seiner Frau gekommen, hatte ihnen gesagt, daß er ihre Tochter Agnes
unaussprechlich liebe und um ihre Hand bitte.
Sehr erstaunt waren die Eltern nicht, denn sie hatten es kommen sehen.
Agnes wurde hereingerufen und die Sache ruhig und praktisch
besprochen. Ohne Tränen oder Sentimentalität erklärte das junge
Mädchen, daß es Ludwig liebe; sie wären freilich beide noch ein
bißchen jung, aber in dieser Hinsicht glaubten sie doch alt genug zu
sein, um zu wissen, was sie wollten. Bevor Ludwigs Mutter ihre
Einwilligung gegeben, könne natürlich von einer öffentlichen Verlobung
keine Rede sein. Fritz Müller betonte, daß seine Tochter kein Vermögen
habe, wenigstens nicht, solange ihre Eltern lebten. Er sei der
Ansicht, daß ein junger Mann, wenn er sich um ein Mädchen bewerbe,
unabhängig sein müsse und für seine Familie sorgen könne. Ludwig
teilte diese Ansicht, aber da er in einigen Monaten mündig wurde und
dann sein väterliches Erbteil zu freier Verfügung bekam, bildete der
Geldpunkt in seinen Augen kein Hindernis. Trotzdem machte Vater
Müller, der jeden Pfennig, den er besaß, durch die Arbeit seines
Kopfes und seiner Hände erworben hatte, noch immer ein bedenkliches
Gesicht. Ein Erbteil, na ja, das war schon gut, aber ein Mann mußte
von dem leben können, was er selbst verdiente. Auf die eigne Kraft
könne man vertrauen; ein Vermögen, das in Gütern und Papieren
bestände, sei nie sicher. Ludwig äußerte etwas von amerikanischer
Auffassung, Agnes aber fand, daß ihr Papa recht habe. Sie könnten noch
ein wenig Geduld haben, in zwei Jahren wurde der junge Offizier
Oberleutnant, so lange wollten sie mit der Hochzeit warten. Nach
dieser Entscheidung des Familienrates verließen Agnes und Ludwig mit
strahlenden Mienen das Zimmer der Eltern, um die Glückwünsche von
Maud, Hans und Karl in Empfang zu nehmen.
Aber als Fritz und Marianne zu ihrer Mutter gingen, um ihr als erster
diese wichtige Neuigkeit mitzuteilen, waren sie nicht wenig erstaunt,
dort die Familie in ähnlichen Beratungen anzutreffen.
Gustav war noch nie verliebt gewesen, sondern stets allen Mädchen aus
dem Wege gegangen, und oft hatte Irma ihn mit seiner Schüchternheit
geneckt. In Floras Gegenwart hatte er sich sofort frei und unbefangen
gefühlt. Das war eine Frau, wie er sie sich erträumte, sanft, still
und fügsam, voll Bewunderung für ihn und die Seinen. Auch Ruth und
Heinrich von Holten fühlten sich zu dem bescheidenen Mädchen
hingezogen, wenn erstere für ihren Sohn auch eine glänzendere Partie
gewünscht hätte. Solche Bedenken, wie Fritz Müller geäußert, wurden
daher hier nicht erhoben. Das Künstlerpaar lachte darüber; es würde
schon alles recht werden, um Geldangelegenheiten machten sie sich
keine Sorge. Wenn die jungen Leute sich liebten, so war das die
Hauptsache. Frau Reicher mußte natürlich in Kenntnis gesetzt werden,
dann war alles in Ordnung. Sie schrieb denn auch, daß sie mit ihrer
Mutter, Frau Flora Werner, kommen wolle, um die Bekanntschaft der
Familie zu machen, und es wurde beschlossen, daß Holtens ihre Abreise
aus diesem Grunde noch um einige Tage verschieben sollten.
»Sei nicht so brummig, Onkel Heinz,« sagte Irma, sich unter dem großen
Lindenbaum im Garten neben ihm niederlassend, »es ist wirklich kein
Grund dazu vorhanden.«
»Kein Grund! Die Leute hier sind alle mit einander verrückt. Verliebte
sind nie recht bei Trost, das ist nun mal so. Ich hatte Agnes für
verständiger gehalten und auf ihre amerikanische Nüchternheit
gerechnet, aber sie ist genau so wie alle andern.«
Irma schaute den alten Herrn spottend an, er aber fuhr, dadurch in
Harnisch gebracht, fort:
»Du brauchst nicht zu lachen. Da hast Du nun Gustav und Flora! Die tun
nichts als sich anschauen, so schmachtend und sentimental, daß einem
gewöhnlichen Menschen davon übel werden kann. Das Ärgerlichste aber
ist, daß die Eltern, dein Onkel und deine Tante, ja deine Großmutter
dem noch Vorschub leisten. Sie reden über nichts als über die Kinder,
ihr Glück, ihre schöne junge Liebe, die ihnen ihre eigene Jugend
wieder in Erinnerung bringe. Bah, nichts als Unsinn, Gefühlsduselei,
Überspanntheit.«
»Pfui, Onkel Heinz, du solltest dich schämen!«
»_Du_ solltest dich schämen, kleine, freche Hexe. Willst du etwa
diesem schönen Beispiel folgen? Vielleicht gar mit Hans? Na ja, warum
auch nicht, dann ist das Spiel komplett.«
»Hans,« rief Irma, verächtlich die Achseln zuckend.
»Na,« fuhr der Professor fort, plötzlich wieder ins andere Extrem
umschlagend, »er wäre der Schlechteste nicht; in jedem Fall viel
besser als der Gigerl von Offizier. Du brauchst seinetwegen nicht so
die Nase zu rümpfen. Glaubst du denn, daß noch ein Prinz für dich
kommen wird?«
Der alte Herr schaute sie unter seinen buschigen Augenbrauen
durchdringend an, und Irma errötete unter diesem scharfen Blick.
»Wie kommst du mir heut nur vor, Onkel Heinz?« fragte sie. »Erst bist
du bös, weil die Andern sich verliebt haben und sich verloben, und nun
ich sage, daß ich an so etwas nicht denke, ist's auch nicht recht.«
»Bös, das ist nicht wahr. Es bringt mich nur um meine Laune, weil sie
sich so verdreht anstellen und weil ich von nichts anderem mehr höre;
aber sie haben recht, wenn sie heiraten. Menschen, die unverheiratet
bleiben, na -- du siehst ja, was daraus entsteht. Ein alter, brummiger
Neidhammel wie ich, oder so ein Exemplar wie Tante Elisabeth. Darum,
kleines Jungfräulein, wenn ein braver, ehrlicher Mann dir zeigt, daß
er dich lieb hat, denk lieber zweimal nach, bevor du ihm 'nen Korb
gibst, um irgend einem goldbeschwingten Schmetterling nachzujagen, den
du doch nicht fängst.«
Bei diesen Worten stand Professor Fuchs auf und humpelte davon. Er
hatte zur Zeit viel von der Gicht zu leiden und stampfte nun
ungewöhnlich laut mit seinem Stock auf.
Glühend vor Entrüstung sah Irma ihm nach. Zum erstenmal in ihrem Leben
war sie ernstlich böse auf Onkel Heinz. Was bedeutete das? Um was
kümmerte er sich? Was mochte er beobachtet haben? Sie begriff nur zu
gut, daß er auf Baron von Hochstein anspielte. Was ging ihn das an?
Sie hätte nie gedacht, daß er, Onkel Heinz, solche Dinge überhaupt
bemerke! Er brauchte sie wahrlich nicht zu warnen, sie sollte ihre
Erwartungen nicht zu hoch spannen. O, wenn er wüßte!
Irma schaute sich im Garten um, ob auch niemand in der Nähe sei; nein,
das Terrain war sicher. Nun zog sie aus ihrem Kleide ein zierliches
Briefchen hervor und las es, wohl schon zum hundertstenmale. Sie
wußte es Wort für Wort auswendig, aber es war ihr ein Genuß, sich
immer wieder von seinem Inhalt zu überzeugen.
Mein gnädiges Fräulein!
Vor zwei Tagen kannte ich Sie noch nicht; ahnte ich nicht, daß es
etwas so unbeschreiblich Schönes auf der Welt gäbe. Erst seit zwei
Tagen lebe ich, fühle ich wenigstens, daß das Leben wert ist, gelebt
zu werden. Irma, ich liebe Sie und ich muß Ihnen das sagen, auf die
Gefahr hin, daß Sie mich für meine Kühnheit strafen. Denn es ist ein
Vorzug, etwas so Vollkommenes, so wunderbar Schönes anzubeten. Haben
Sie ein wenig Mitleid mit mir? Ich bitte nicht um Erwiderung meiner
Gefühle. Das wäre zu anmaßend. Möchte die Darbietung meiner
erfurchtsvollen, meiner unermeßlichen, meiner ewigen Liebe Ihnen nur
nicht zuwider sein. Das ist alles, um was ich Sie anzuflehen wage.
Dienstag Nachmittag zwischen vier und fünf Uhr werde ich an Ihrem
Hause vorübergehen. Wenn ich Sie dann an einem der Fenster oder im
Garten sehe und Sie tragen eine rote Rose im Gürtel, machen Sie mich
zum glücklichsten der Sterblichen, wenn nicht -- ich wage es nicht
auszusprechen, welcher Verzweiflung ich dann anheimfallen würde.
Ich ersuche Sie um strengste Geheimhaltung; mir ist, als würde meine
Liebe entweiht, wenn jemand auch nur eine Ahnung davon hätte.
Ihr ewig getreuer
Otto von Hochstein.
Arme kleine Irma, sie verstand nicht das Geschraubte und zugleich
Triviale dieses Briefes. Sie war buchstäblich begeistert, und ihr
eitles Herzchen klopfte vor freudigem Stolz.
»Irma, Baronin von Hochstein,« sprach sie immer wieder leise vor sich
hin. Natürlich fiel es ihr gar nicht ein, jemand Mitteilung von ihrem
köstlichen Geheimnis zu machen, aber es kostete sie doch einen Kampf,
Agnes gegenüber ganz zu schweigen. Das Mädchen war strahlend glücklich
und sprach mit wahrer Begeisterung von Ludwig. Irma schaute sie fast
mitleidig an; was war der junge Leutnant im Vergleich zu Otto? Es
schien ihr, als ob die Beiden gar nicht in einem Atemzug genannt
werden könnten; Agnes war zudem so von ihrem Verlobten erfüllt, daß
sie keine Augen für Irma hatte und gewiß nicht mit dem richtigen
Interesse ihrer wichtigen Mitteilung Gehör schenken würde.
Und so verhielt es sich mit allen. Die zwei großen Ereignisse im
Familienkreise nahmen die Gedanken so in Anspruch, daß keiner auf Irma
acht gab. Selbst Großmutter Ilse und Ruth, die sich sonst so viel mit
ihrem Liebling beschäftigten, sahen nicht, wie erregt und
geheimnisvoll sich das junge Mädchen benahm, wie sie ohne jede
Veranlassung die Farbe wechselte, die Einsamkeit suchte und oft ganz
gegen ihre Gewohnheit in sich versunken, dann wieder ausgelassen
lustig sein konnte. Sie widmete ihrem Äußern noch mehr Sorgfalt als
früher. Ihre Züge zeigten einen Ausdruck, der sie vielleicht noch
schöner machte, aber doch von der kindlichen Unschuld, mit der sie
früher die Vergißmeinnichtaugen aufschlug, himmelweit verschieden war.
Onkel Heinz, der vielmehr beobachtete, als man vermutete, und der das
Kind aufs zärtlichste liebte, kam zu der Ansicht, daß etwas im Werk
sei, und machte sich seine Gedanken darüber. Da er aber nichts
Gewisses wußte, hütete er sich wohl, seine Nase in Dinge zu stecken,
die einen alten Junggesellen nichts angingen. Er begnügte sich, der
Kleinen anzudeuten, daß er ein wachsames Auge auf sie habe.
Der zweite, der etwas merkte, aber nichts sagen durfte, war Hans
Reicher. Seit der schöne Student mit den bestechenden Manieren auf der
Bildfläche erschienen war und Irmas liebliches aber eitles Köpfchen
mit seinen Schmeicheleien erfüllte, wußte Hans, daß er nichts mehr zu
hoffen hatte. Obgleich ihm das bitter wehtat, würde er sich doch
darein ergeben haben, weil seine Liebe großmütig und frei von
Selbstsucht war. Irmas Glück stellte er weit über das seine, und er
fürchtete, daß der Baron von Hochstein nicht die Persönlichkeit sei,
der ein junges Mädchen vertrauensvoll seine Liebe schenken könne. Sein
Auftreten war zu übermütig, zu dreist. Etwas Bestimmtes wußte Hans
jedoch nicht, auch hatte er kein Recht, sich nach Hochstein zu
erkundigen; so blieb ihm denn nichts anderes übrig, als mit Angst und
Trauer im Herzen abzuwarten, was aus der Sache werden würde.
Flora Werner und ihre Tochter, Thusnelda Reicher, trafen ein, und nun
wurde die Doppelverlobung durch ein großes Familienfest gefeiert.
Flora war eine alte Frau geworden, aber ihr fehlte die vornehme Würde,
die Ilse auszeichnete. Selbst jetzt hatte sie ihrer Sucht sich zu
putzen nicht widerstehen können. Sie trug sich jugendlicher und
auffallender als ihre Tochter und sah mit ihrem nach der neuesten Mode
frisierten Haar geradezu lächerlich aus. Heinrich von Holten und Fritz
Müller nannten sie eine alte Kokette und verspürten Lust, sie ein
bißchen zum Narren zu haben, aber sie überlegten, daß dies nicht
angebracht sei bei der Jugendfreundin ihrer Schwiegermutter und der
künftigen Mutter ihrer eigenen Kinder. Frau Reicher, früher ein leicht
errötendes, aber kerngesundes, kräftiges junges Mädchen war nun ein
kleines, rundliches Frauchen, sehr verlegen, besonders in Ruths
Gesellschaft, deren fürstliche Grazie ihr riesig imponierte. Sie war
ganz glücklich über die Wahl ihrer Kinder und gleich vertraut mit
Agnes; zu Gustav aber wagte sie kaum ein Wort zu reden. Die alte Flora
fühlte sich im siebenten Himmel. Die Verlobung ihres Großsohnes mit
Agnes ließ sie ziemlich gleichgültig; sie fand sie ganz passend, aber
es war nichts außergewöhnliches dabei; daß aber ihre Enkelin einen
Künstler heiraten sollte, den Sohn des berühmten Ehepaares von Holten,
darüber war sie ganz aus dem Häuschen.
»Siehst du, liebste Ilse,« sagte sie zu ihrer alten Freundin, »das
versöhnt mich mit dem Leben. Du weißt, welch dichterisches Talent ich
besaß; wie ich sozusagen zu großen und schönen Dingen vorherbestimmt
war und wie meine Seele durch die Prosa meines Lebens gelitten hat.
Ich habe mich gefügt; als ich meine Schwingen nicht so entfalten
durfte, wie ich ersehnte, habe ich sie kampfesmüde eingezogen. Meinem
guten, prosaischen Manne war ich eine treue Gefährtin. Ich erfüllte
meine Pflicht, und nun werde ich belohnt. Mein Liebling, das Kind, das
meinen Namen trägt, in dessen jugendlicher Seele meine Dichternatur
wieder aufblüht, wird sich mit einem Künstler verbinden, einem nach
hohen Idealen strebenden, schöpferischen Genie. Nun kann ich ruhig
sterben -- ich habe nicht umsonst gelebt!«
Ilse hielt es nicht für nötig, auf diesen Wortschwall viel zu erwidern
noch Flora daran zu erinnern, daß Gustav bis jetzt noch kein
schöpferisches Genie genannt werden konnte. Sie lachte nur bei dem
Gedanken, wie wenig ihre alte Pensionsfreundin sich im Grunde doch
verändert hatte, trotzdem das grausame Leben sie gezwungen hatte, auf
alle Dummheiten zu verzichten und einfach mit der Wirklichkeit zu
rechnen. Letzteres hatte sie aber auch so gut getan, daß man ihre
übertriebenen Ausdrücke und poetischen Sentimentalitäten ihr verzeihen
konnte.
Thusnelda klagte Ilse, daß die kleine Flora noch so viel zu lernen
habe, da sei es gut, wenn die jungen Leute noch nicht gleich
heirateten, denn die Kleine sei, besonders in allem, was den Haushalt
beträfe, noch sehr unwissend. Aber Ilse, die selbst nie mit besonderer
Lust und Liebe gewirtschaftet hatte, fand diese Sorge unwichtig.
»Die Führung des Haushaltes lernt sich von selbst,« sagte sie, »und
wozu sind denn die Dienstboten da?«
Bescheiden schwieg Thusnelda. Sie wagte nicht, Frau Gontrau zu
widersprechen, aber in ihrem Herzen dachte sie, daß Ilse neben einer
gut gefüllten Börse immer Glück mit ihren Dienstboten gehabt haben
müsse, -- dann konnte sie wohl so reden.
Die Familie Reicher und Flora Werner reisten zuerst ab. Agnes und
Ludwig benahmen sich tadellos bei der Trennung. Der Ort, wo der junge
Leutnant in Garnison stand, war nicht weit von F. entfernt, so daß er
sicher jeden Monat einmal herüberkommen konnte. Die kleine Flora
dagegen zerfloß in Tränen, so daß Onkel Heinz ihr spottend vorschlug,
sich bei der städtischen Wasserversorgung anstellen zu lassen.
Hundertmal fragte sie Gustav, ob er sie auch nicht vergessen werde;
und als sie sich endlich aus seinen Armen lösen mußte und die
Coupétüre geschlossen wurde, fiel sie schluchzend Großmutter Werner um
den Hals. Diese allein verstand sie und bemühte sich, sie mit leise
gemurmelten Worten zu trösten. Der einzige, der sich freute, wieder an
seine Arbeit gehen zu können, war Hans. Er besaß keine sentimentale
Natur, und wenn er auch wußte, daß es ihm nie gelingen würde, Irma zu
vergessen, da er doch nun einmal nicht anders konnte, als das kleine,
kokette Ding lieben, so war es doch nicht seine Sache, sich feige und
weich seinem Kummer hinzugeben. Er sehnte sich nach dem einzigen
Mittel, seine Enttäuschung zu überwinden, nach ernster, rastloser
Arbeit.
Mit heitern Mienen hatte er von allen Abschied genommen. Als die Reihe
an Irma kam, drückte er ihr Händchen so kräftig in seiner großen
Faust, daß er ihr weh tat, und sagte mit eigentümlich bebender Stimme:
»Sie wissen, Irma, was ich gehofft habe. Es hat nicht sollen sein, und
ich muß trachten, mich darein zu ergeben. Aber um eins will ich Sie
bitten. Denken Sie ab und zu daran, daß Ihnen ein treuer Freund lebt,
der alles opfern würde, um Sie glücklich zu machen.«
Sie waren einen Augenblick allein. Schnell, bevor sie es hindern
konnte, legte er den Arm um sie und drückte einen Kuß auf ihre Stirn.
Dann ließ er sie los und begab sich zu den andern. Irma wollte
entrüstet auffahren, vermochte es aber nicht; zu ihrem großen Ärger
fühlte sie ein Weh in ihrem Herzen, und das unbestimmte Gefühl, als
habe sie etwas sehr Kostbares verspielt, bemächtigte sich ihrer.
Freilich nur einen Augenblick, dann tastete sie mit der Hand in ihr
Kleid, wo zwischen weichen Spitzen ein rosa Briefchen verborgen lag,
und mit stolz erhobenem Haupte und leuchtenden Augen schaute sie Hans
nach.
Am nächsten Tage reisten auch Holtens ab, und nun fing für Ilse und
Irma wieder das alte ruhige Leben an, das sie vor der Ankunft der
amerikanischen Familie geführt hatten.
* * * * *
Es war Oktober geworden. In Ilses kleinem, an den großen Eßsaal
grenzenden Wohnzimmer brannte schon ab und zu ein lustiges Feuerchen,
denn die Nachmittage wurden kalt. Die alte Dame saß gern mit ihrem
Buch am Kamin und wenn sie aufgehört hatte zu lesen, starrte sie in
die züngelnden Flammen und ließ die Bilder der Vergangenheit an ihrem
Geiste vorüberziehen.
An solch einem traulichen Nachmittagsstündchen trat Irma ein, um der
Großmama adieu zu sagen. Sie sah bildschön aus in dem dunkelblauen
Tuchkostüm, das ihre Elfengestalt knapp umschloß, und dem hübschen, an
einer Seite umgeschlagenen Hut mit der weißen Feder auf dem
goldblonden Haar.
»Gehst du aus, Kind?«
»Ja, Großmama, wenn du's erlaubst.«
»Wohin?«
»Ach, ich weiß nicht, ein bißchen spazieren.«
Die Großmutter schaute sie an. »Und dafür hast du dich so schön
gemacht?«
Das junge Mädchen wurde rot. »Ach, bei diesem köstlichen Herbstwetter
wollte ich mein neues Kostüm doch mal an die Luft bringen.«
Ilse drohte mit dem Finger »Jungfer Eitelkeit,« neckte sie. »Na, lauf'
du nur. Aber es ist doch besser, du holst Agnes oder Maud zum
Spazierengehen ab. Allein finde ich's nicht ganz passend.«
»Ich weiß nicht, ob sie zu Hause sein werden,« murmelte Irma und lief
dann, um weiteren Einwendungen zuvorzukommen, mit einem hastigen: »Auf
Wiedersehen, Großmama,« rasch zur Türe hinaus.
Auf der Straße tat sie einen tiefen Atemzug, schlug aber nicht den Weg
nach dem Hause Onkel Müllers ein. So rasch sie konnte, ging sie, sich
ab und zu scheu umsehend, durch einige Gassen, bis sie die Stadt im
Rücken und die große Landstraße vor sich hatte. Hier war es still. Nur
das Sausen des Oktoberwindes in den hohen Bäumen ließ sich hören und
das Gerassel des dürren Laubes. Von dem schnellen Gehen ermüdet,
verlangsamte Irma ihren Schritt. Ängstlich spähte sie umher. Was sie
tat, war nicht recht, das wußte sie, aber ihr blieb keine Zeit darüber
nachzudenken, denn dort, aus einem Gebüsch am Wege, sah sie die
schlanke, biegsame Gestalt Hochsteins hervortreten und eilig näher
kommen.
[Illustration]
In der ersten Verwirrung wollte sie fortlaufen; aber als ob er ihre
Gedanken erriete, war er mit ein paar raschen Sprüngen neben ihr und
ergriff ihre Hand. Mit glühenden Wangen und niedergeschlagenen Augen
stand sie vor ihm.
Otto von Hochstein betrachtete sie, und ein Gefühl des Stolzes
erfüllte ihn, daß dieses wunderschöne junge Geschöpfchen endlich
eingewilligt hatte, ihm heimlich hier draußen an diesem einsamen Ort
ein Stelldichein zu gewähren.
»Meine teuerste Irma,« flüsterte er, »wie soll ich dir danken, daß du
gekommen bist!«
»Ich tue es nie wieder,« stöhnte sie. »Ich hab' Großmama belügen
müssen, und das ist schändlich.«
»Aber du tatest es doch um meinetwillen? ... Du hast mich doch ein
ganz klein wenig lieb, nicht wahr?«
Er schaute sie mit seinen samtschwarzen Augen so flehend an, daß sie
nicht anders konnte als leise stammeln:
»Ja, sehr lieb.«
Aber als er den Arm um sie schlingen und sie entzückt ans Herz ziehen
wollte, entwand sie sich ihm.
»Warum darf ich dir denn nicht einmal einen Kuß geben, Irma, wenn du
mich doch liebst und meine Braut bist?«
»Nicht eher, als bis wir wirklich verlobt sind und jeder es weiß,«
erwiderte sie. »Warum kann ich denn nicht, wie Agnes und Flora es
taten, der Großmama und meinen Eltern alles erzählen?«
»Mein Liebling, hast du mir nicht selbst geschrieben, daß du gerade
dies süße Geheimnis, um das nur wir zwei beide wissen, so herrlich
fändest?«
»Ja, aber nun finde ich es nicht mehr herrlich,« schmollte Irma. »Es
ist nicht recht, das fühle ich. Ich weiß, Großmama würde es nicht
billigen, und ich will nicht mehr in dieser heimlichen Weise mit dir
zusammenkommen.«
Ottos dunkle Augen funkelten unheilverkündend, und er biß sich auf die
Lippen, um seinen Ärger zu verbergen. Aber er verstand es meisterhaft,
sich zu beherrschen, und erwiderte niedergeschlagen:
»Dann machst du mich tief unglücklich.«
»Laß mich der Großmama alles sagen. Du kennst sie nicht, sie ist nicht
streng, und ich kann von ihr erlangen, was ich will.«
Er schüttelte den Kopf; dann schob er seinen Arm durch den ihren und
zwang sie so, mit ihm auf und ab zu gehen.
»Hör' mal zu, Liebste,« begann er. »Du zwingst mich, Dinge zu sagen,
die mir peinlich sind. Frau Gontrau würde niemals ihre Einwilligung zu
einer heimlichen Verlobung zwischen uns geben.«
»Wenn ich sie darum bitte, tut sie es doch.«
»Aber sie würde darauf bestehen, daß ich meinen Eltern Mitteilung
davon mache.«
»Natürlich, warum willst du das denn nicht?«
»Das ist es ja gerade, Irma. Sie würden ihre Zustimmung nicht geben
und sich auf jede mögliche Weise bemühen, uns zu trennen.«
Stolz hob Irma ihr reizendes Köpfchen und schaute ihn herausfordernd
an.
»Aus welchem Grunde? Bin ich ihnen nicht gut genug?«
»Irma!« rief er leidenschaftlich. »Du bist das schönste, das
entzückendste Wesen von der Welt. Und für mich wirst du das ewig
bleiben. Aber ich wünschte, ich wäre an Stelle des Barons von
Hochstein ein armer Teufel, zu dem du dich herablassen müßtest.«
Sie schaute ihn fragend und tief errötend an.
»Meine Eltern sind sehr stolz,« fuhr er fort. »Unser Stammbaum reicht
zurück bis in die Zeit vor den Kreuzzügen. Die Glieder meiner Familie
haben sich immer nur mit dem allerältesten Adel verbunden; der Schlag
würde meine Eltern vor Schreck rühren, wenn sie erführen, daß ich mich
mit einem Mädchen verloben will, das nicht zum Hochadel gehört. Sie
haben mir bereits eine steinreiche Erbtochter aus einem Geschlechte
bestimmt, das eben so vornehm ist wie das unsere.«
»Und du?« fragte Irma atemlos.
»O, ich geb' auf das alles nichts und werde das häßliche Freifräulein
von Staufenberg nie heiraten, das verspreche ich dir.«
»Aber dann wird aus unsrer Verlobung nichts!« seufzte Irma, »deine
Eltern werden nie ihre Einwilligung geben.«
Er nahm ihre kleinen Hände in die seinen und streichelte sie.
»Das werden sie sicher nicht, geliebte Irma, wenn wir sie ohne
weiteres mit dem =fait accompli= überfallen und erschrecken. Ich muß
sie ganz allmählich darauf vorbereiten, und dann werden sie ohne
Zweifel nachgeben. Wir müssen warten, das ist alles, um was ich dich
bitte. Hast du mich nicht so lieb, um etwas Geduld zu haben?«
»Aber meine Eltern und Großmama,« stammelte Irma.
»Glaube mir, Liebling. Durch zu frühes Reden würden wir alles
verderben. Wenn du mich liebst, so gelobe mir zu schweigen.«
Irma war sich innerlich bewußt, daß sie nicht recht tat, aber sie
vermochte nicht, seinem heißen Drängen zu widerstehen; sie war von den
äußeren blendenden Eigenschaften des jungen Barons so betört, daß sie
ihm schließlich alles versprach, sogar ein Stelldichein in der
nächsten Woche.
Solange sie bei ihm war, vergaß sie ihre Bedenken und gab sich dem
Glück des Augenblicks hin, aber als sie allein nach der Stadt
zurückkehrte, konnte sie sich eines Gefühls der Furcht und
Beklommenheit nicht erwehren. Zum erstenmal in ihrem Leben tat sie
etwas Heimliches, Unaufrichtiges, etwas, was die Ihrigen niemals
gutheißen würden.
Heftig erschrak sie, als in der Nähe ihrer Wohnung Agnes plötzlich auf
sie zutrat.
»Wo kommst du her, Irma? Ich war bei Großmama, die sagte mir, du
hättest mich zu einem Spaziergang abholen wollen. Wie ein Hase lief
ich nach Hause, dort hatte dich aber niemand gesehen.«
»Ich bin spazieren gegangen,« murmelte Irma.
Sie wurde furchtbar rot, und Agnes schaute sie verwundert und
forschend an.
»Allein?« fragte sie. »Und du sagst Großmama, daß du mich abholen
wolltest.«
»Ich ... ich bekam plötzlich Lust, allein zu gehen.«
»Wie komisch du bist! Was hast du? Was bedeutet das? Ich verstehe dich
nicht.«
»Mach doch nicht so 'nen Sums daraus,« rief Irma, in ihrer
Verlegenheit plötzlich sehr reizbar werdend und nicht mehr wissend,
wie sie sich herausziehen sollte. »Geht's dich was an, wenn ich mal
allein spazieren gehen will? Dir hab' ich doch keine Rechenschaft
abzulegen.«
»Aber Irma!« sagte Agnes, im höchsten Grade erstaunt und gekränkt.
Schweigend schritten sie nebeneinander her. Agnes war zu entrüstet, um
zu sprechen, aber als sie eine Weile später verstohlen nach ihrer
Cousine schaute, sah sie, daß diese bebte und ihr die Augen voll
Tränen standen. Sofort fühlte sie ihren Zorn schwinden.
»Irmachen,« begann sie freundlich. »Sag mir doch, warum du so betrübt
bist. Ich bin deine Freundin, mir kannst du vertrauen.«
Zum Glück befanden sie sich in einer stillen Straße, denn Irma konnte
ihre Tränen nicht mehr zurückhalten.
»Ich kann nicht, Agnes,« stammelte sie fast schluchzend, »frag mich
nicht.«
Die Andere forschte nicht weiter. »Komm mit zu mir,« bat sie. »Die
Eltern und Maud sind ausgegangen. Auf unsrem Zimmer kannst du dich
erholen.«
Irma folgte willig. Als sie in dem gemütlichen, hellen Mädchenstübchen
saßen, küßte Agnes ihre Cousine und fragte noch einmal teilnehmend:
»Kannst du mir wirklich nicht sagen, was dir fehlt, Liebling?«
»Ich kann nicht, ich darf nicht.«
Agnes schwieg.
»Gelobst du mir bei allem, was dir heilig ist, keinem Menschen ein
Sterbenswörtchen zu sagen?« flüsterte Irma.
»Das versteht sich wohl von selbst, ich bin doch deine Freundin.«
»Auch Ludwig nicht?«
Agnes zögerte. »Ist's etwas, was mich gar nichts angeht, Irma?«
»O gewiß, es geht einzig und allein mich an.«
»Nun, dann werde ich auch Ludwig nichts sagen.«
Irma legte ihr Köpfchen an Agnes' Schulter und begann flüsternd ihre
Erzählung, wie sie schon bei der Landpartie gemerkt habe, daß Baron
von Hochstein sie sehr reizend finde, wie er einige Tage später an
sie geschrieben und ihr seine Liebe bekannt, und wie sie nach
Verabredung eine rote Rose im Gürtel, am Fenster stehend, ihm ihre
Gegenliebe verraten habe. Auf sein wiederholtes Schreiben und
dringendes Bitten habe sie nach schwerem Gewissenskampf in ein
Stelldichein gewilligt und ihn heute nachmittag auf der Chaussee im
Walde getroffen.
Agnes' Gesicht verdüsterte sich immer mehr, aber sie sagte nichts.
Erst als sie hörte, was die Liebenden heute beschlossen hatten, rief
sie entrüstet:
»Aber Irma, wie konntest du das tun?«
»O, ich weiß, daß es schlecht war,« schluchzte das arme, kleine Ding.
»Aber ich hab' Otto so lieb. Du liebst Ludwig doch auch und mußt daher
mit mir fühlen können. Hättest du denn nicht ebenso gehandelt?«
»Ich!« rief Agnes. »Wahrscheinlich hätte ich ihm eine Ohrfeige
gegeben, ganz gewiß aber ihm den Rücken gekehrt. Was bildet er sich
ein? Wie darf er's wagen, dir geradezu zu sagen, daß du ihm nicht
ebenbürtig bist!«
»Aber bedenke doch, die Barone von Hochstein! So ein altadliges
Geschlecht! Noch nie ist in seiner Familie eine Mesalliance
vorgekommen. Er steht weit über mir!«
»Welch ein Unsinn!« entgegnete Agnes heftig. »Laß ihn mit seinem
altadeligen Geschlecht nach dem Monde gehen. Welcher verständige
Mensch legt in unsern Tagen Wert auf so etwas? Damit sollte er uns in
Amerika kommen! Er über dir stehen! Du bist im Gegenteil unendlich
erhaben über ihn, du, das Kind so genialer Eltern. Was haben seine
Eltern wohl je geleistet?«
»Er denkt gewiß ebenso. Wirklich, Otto ist nicht vorurteilsvoll, aber
seine Eltern sind doch nun einmal so furchtbar stolz.«
»Sprich mir nicht von Stolz! An deiner Stelle wäre ich viel zu stolz,
mich in eine Familie einzudrängen, die es wagte, auf mich
herabzusehen!«
Irma seufzte; sie hatte gehofft, Agnes würde die Sache ganz anders
auffassen, mehr mit ihr übereinstimmen und sich wohl gar geschmeichelt
fühlen, daß ein Baron ihrer Cousine seine Liebe gestanden hatte. Die
nüchterne, praktische Art, mit der die Amerikanerin diesen für Irma
doch so hochinteressanten Fall behandelte, enttäuschte sie sehr.
Nirgends sah sie Hilfe, nirgends einen Ausweg, und sie fing wieder an
bitterlich zu weinen.
Tränen waren etwas so Ungewohntes bei der sonnigen, lustigen kleinen
Irma, die immer lachte und von jedem auf den Händen getragen wurde,
daß Agnes plötzlich ein großes Mitleid mit dem armen Kinde fühlte.
»Weine nicht, Liebling,« sagte sie zärtlich. »Ich sehe ein, daß es
hart für dich ist, aber so kann die Sache nicht weitergehen. Du mußt
ihm schreiben, daß du keine heimlichen Zusammenkünfte mehr mit ihm
haben willst. Es ist unverzeihlich, daß du es schon einmal getan hast,
aber geschehene Dinge sind nicht mehr ungeschehen zu machen. Es ist
seine Pflicht gegen dich, sofort deinen wie seinen Eltern ein offenes
Geständnis abzulegen. Will er das nicht, so muß zwischen euch alles
aus und zu Ende sein.«
»Nein, um nichts in der Welt,« schluchzte Irma. »Ich liebe ihn, und er
liebt mich.«
»Seine Forderung beweist das Gegenteil,« versetzte Agnes entrüstet.
»Ich bitte dich, du wirst ihm doch kein Stelldichein mehr geben!
Versprich mir das.«
Irma schwieg.
»Du darfst es nicht. Und tust du es doch, so sag' ich's der Großmama.«
»Das wäre garstig von dir; du hast mir versprochen, es keiner
Menschenseele zu verraten.«
»Ja, das ist wahr, na, ich werd's auch nicht tun, du kannst mir
vertrauen, aber Irma, du handelst sehr unbesonnen.«
»Es wird schon alles recht werden,« sagte das junge Mädchen, in dem
Wunsche, ihren Otto und sich zu verteidigen. »Er sagt, die
Heimlichkeit würde nicht lange dauern, und er ist so edel, so
feinfühlig. Du mußt doch zugeben, Agnes, daß ich mein Wort nicht
brechen kann, ich hab's doch versprochen.«
Agnes war durchaus nicht einverstanden, merkte aber, daß Irma nicht zu
überzeugen war. Auch überlegte sie, daß, wenn sie ihrer Empörung über
Otto von Hochsteins Verhalten zu sehr Luft machte, Irma ihr das
Vertrauen entziehen würde. Und es war doch besser, daß jemand um die
unvorsichtigen Handlungen des kleinen Lieblings wußte, um ihn warnen
und überwachen zu können. Daher tröstete sie ihr Bäschen so gut es
ging, und gelobte aufs neue, das Geheimnis treu zu bewahren. Etwas
erleichtert und beruhigt ging Irma nach Hause, wo sie in ihrem
Leichtsinn sich einredete, keine Unwahrheit zu sprechen, als sie auf
Ilses Frage, ob sie bei Müllers gewesen sei, um Agnes abzuholen, mit
einem »ja, Großmama,« antwortete.
Einige Tage später kam Nachricht von Holtens aus München. Gustav,
dessen Name immer bekannter wurde, hatte sich um den Posten eines
Lehrers am Konservatorium in I. beworben und die Stelle erhalten. Das
war für einen jungen Mann von dreiundzwanzig Jahren ein großes Glück.
In sechs Wochen mußte er das Lehramt bereits antreten, und seine
Hochzeit sollte so bald wie möglich stattfinden, denn er wollte nicht
ohne Flora das neue Leben beginnen.
Großmutter Ilse schüttelte den Kopf.
»Sie sind ja beide noch Kinder. Die sollen schon heiraten? So
unerfahren, wie sie sind!«
»Aber du warst doch auch sehr jung, als du heiratetest, Großmama,«
wandte Irma ein.
»Ja, mein Kind, aber dein Großvater war ein anderer Mann als Gustav,
der ganz in seiner Kunst aufgeht und vom praktischen Leben keinen
Schimmer hat. Und Flora?«
»Es wird schon gehen,« meinte Irma, die über die Nachricht sehr
glücklich war. Die Aussicht, daß ihr Bruder in I. wohnen und sie
dadurch Gelegenheit haben würde, oft nach der Universitätsstadt zu
fahren, war himmlisch. Auf diese Weise würde es viel leichter sein,
Otto öfter zu sehen. Als sie Agnes ganz aufgeregt von diesem
Glücksfall Mitteilung machte, schüttelte das praktische, kluge Mädchen
sein weises Köpfchen.
»Es ist und bleibt verkehrt, und überdies, wenn Gustav in I. wohnt,
wird er bald etwas merken.«
»Gustav! der merkt nichts. Du weißt doch, wie verträumt er immer ist.
Glaubst du, daß er überhaupt noch an etwas anderes denken kann, als an
seine Musik und an Flora?« --
Die junge Braut kam nun wieder mit ihrer Mutter zu Gontraus auf
Besuch, um alles für ihre Aussteuer zu besorgen. Irma ging oft mit
nach I., und fand dann ab und zu Gelegenheit, Hochstein zu sehen. So
geschah es, daß die Kleine, -- bisher die Ehrlichkeit und
Aufrichtigkeit selbst -- Schritt für Schritt weiter in den Irrgarten
der Lüge und des Betrugs hinein geriet. -- Es kostete ihr keine große
Mühe mehr, ihre aufsteigenden Zweifel und Gewissensbisse zu
beschwichtigen und mit sich selbst Frieden zu schließen. Auch gab Otto
ihr immer von neuem die Versicherung, daß sie durchaus nichts
Unrechtes tue, indem sie vor ihrer Großmutter und ihren Eltern etwas
verbarg. Er verstand es, sehr besorgt und schön über Frau Gontrau zu
reden, die doch schon alt sei und sich ganz unnütze Sorgen machen
würde, wenn sie wüßte, daß der Baron und die Baronin von Hochstein
noch nicht ihre Einwilligung zur Verlobung gegeben hätten. Und Irmas
Eltern, die so fern von ihr weilten, würden sich auch nur unnötig
aufregen. Es war doch viel besser zu schweigen, bis die Geschichte
ganz in Ordnung käme, und daß dies bald geschähe, daran brauchte Irma
doch nicht zu zweifeln. So beruhigte sie sich immer wieder und fuhr
fort, wissentlich Unrecht zu tun, wobei sie sich trotzdem glückselig
fühlte. --
Flora und Gustav sollten kurz vor Weihnachten heiraten. Die ganze
Familie begab sich zu dem Feste nach dem Landgut, auf dem Flora Werner
wohnte.
Ilse war wehmütig bewegt, als sie das Haus wieder betrat, wo sie vor
vielen Jahren als junge Frau mit Nellie zu Gaste gewesen war. Wie
anders sah jetzt alles aus als damals! Die Besitzung hatte sich in den
letzten Jahren unter der Oberleitung von Hans ganz außerordentlich
gehoben und verschönt, und Flora, wenn sie auch nicht mehr so tätig
war wie früher, stand auch jetzt noch, wo sie konnte, den
Dorfbewohnern mit Rat und Tat bei. Ab und zu schrieb sie auch noch
Verse, und am Hochzeitsmorgen überraschte sie die junge Braut mit
einem langen Gedicht, das sie in der Nacht verfaßt hatte.
Es kam darin viel vor von Liebe und Kunst und herrlichem Beruf, von
Lorbeeren, die der Künstler ernte, und die er seinem angebeteten Weibe
zu Füßen lege. Die kleine Flora verstand zwar nicht viel davon, fand
es aber doch sehr schön.
In vollstem Glanze stieg die Wintersonne an dem Hochzeitstag des
jungen Paares empor. Die enge Dorfstraße, die der Festzug passieren
mußte, wimmelte von Menschen. Fast aus jedem Hause wehte eine Fahne,
und hier und da waren Ehrenpforten errichtet aus Tannengewinden, mit
bunten Papierrosen verziert. Bäume, Felder und Wiesen hatten sich in
ein fleckenloses Brautgewand gehüllt; die goldenen Sonnenstrahlen
spielten auf dem Schnee und streuten glitzernde Diamanten darüber aus.
An den funkelnden Farben, die sich über die blendend weiße Welt
ergossen, konnte das Auge sich nicht satt sehen. Das Innere der
kleinen Dorfkirche im Lichterglanz und Blumenschmuck war wie ein
Feenmärchen. Fast noch die reinen Kinder standen Gustav und Flora vor
dem Altar. Die junge Braut in einem einfachen weißen Kleide, die grüne
Myrtenkrone auf den goldschimmernden Flechten, und der schlanke
Bräutigam mit dem verzückten Blick und dem träumerischen, ernsten
Antlitz.
Die Freunde und Verwandten erschienen als gute Feen und Beschützer --
alle beseelt von dem innigsten Wunsch, das junge, eben verbundene Paar
möge so glücklich werden, wie es zwei Menschen, die sich lieben, hier
auf Erden nur sein können.
Auch Irma befand sich als Brautjungfer mit im Zuge. Ihr Brautführer
war ein junger Rechtsgelehrter, ein Freund der beiden Reichers.
Eigentlich hätte Hans sie führen müssen, aber seit Irmas Ankunft hatte
er nicht den geringsten Versuch gemacht, sich ihr zu nähern. Er war
sehr heiter, was sie mit Staunen wahrnahm, während sie in ihrer
unbewußten Eitelkeit geglaubt hatte, den armen Hans bedauern zu
müssen, weil er hoffnungslos in sie verliebt wäre. Er behandelte sie
höflich und freundlich, aber von der Verehrung, die er ihr noch vor
kurzer Zeit bewiesen, konnte sie nichts mehr entdecken. Sie behauptete
zwar, daß ihr das ganz gleichgültig sei, aber im Grunde fühlte sie
sich doch verletzt und ärgerte sich. Die Kleine, von allen verwöhnt
und bewundert, wußte, daß sie auffallend hübsch war -- ihre Umgebung
hatte ihr das nur zu oft gezeigt -- aber bis jetzt hatte das noch
keinen schlechten Einfluß auf ihren Charakter gehabt. Ihre Koketterie
war unschuldiger Art, seit jedoch Baron Hochstein ihr eitles Köpfchen
mit seinen Redensarten und Schmeicheleien verdrehte, bildete sie sich
ein, etwas ganz Besonderes zu sein, und fand es daher nicht mehr wie
recht und billig, daß Hans Reicher ihr Sklave und Anbeter bliebe,
vielleicht gar an seiner unglücklichen Liebe zu Grunde ginge. Wäre er
ihr mit einer Liebeserklärung lästig gefallen, würde sie ihn
jedenfalls ausgelacht haben, aber geschmeichelt hätte sie sich dadurch
doch gefühlt. Nun er ihr zeigte, daß er ohne sie leben konnte, grollte
sie ihm.
Hans war in seinen Gefühlen kein anderer geworden; er begriff jedoch,
daß die einzige Möglichkeit, auf ein Wesen wie Irma Eindruck zu
machen, darin bestand, ihr zu imponieren. Von Herzen gern wäre er zu
ihr gegangen und hätte sie beschworen, ihm gut zu sein, aber als er
ihr reizendes Gesichtchen erblickte, aus dem die kindliche,
unbefangene Lieblichkeit verschwunden war, kam ihm sein Stolz zu
Hilfe, er erwiderte ihre Spöttereien mit kühler Höflichkeit und
wendete sich zu Maud, in deren Gesellschaft er sich jetzt am
glücklichsten fühlte. --
»Hans ist einer der tüchtigsten jungen Leute, die ich je gesehen
habe,« sagte Maud, als sie alle wieder in F. waren. »Er ist ein ganzer
Mann, klug und bedächtig, einer, der weiß, was er will, wie mein John
auch. Damals im Sommer glaubte ich, er sei ernstlich in dich verliebt,
Irma. Wenn du ihn durch deine Koketterie abgeschreckt haben solltest,
würdest du mir leid tun, denn nicht jedes Mädchen findet einen solchen
Mann.«
Doch vor Irmas Seele tauchte in diesem Augenblick eine hohe,
aristokratische Gestalt auf, vornehm und elegant, mit der verglichen
Hans ihr wie ein Bauer erschien. Sie zuckte nur geringschätzig die
Achseln, als ob sie sagen wollte:
»Ich kann doch wohl noch etwas Besseres bekommen.«
»Kennst du das Märchen vom Schweinehirten, Irma?« fragte Onkel Heinz.
»Nein,« versetzte die Kleine, und da sie auf dem Antlitz des
Professors einen spöttischen Ausdruck sah, vor dem ihr unwillkürlich
bange ward, fügte sie hinzu:
»Und ich will es auch nicht kennen.«
»Aber ich,« fiel Agnes ein, »ich liebe Märchen über alles; als wir
Kinder waren, wollte Vater jedoch nicht, daß wir Märchen lesen oder
hören sollten; »das ist nur unpraktisches Zeug,« meinte er, »das euch
einen ganz falschen Begriff vom Leben gibt. Märchen, Balladen,
Legenden -- in Deutschland mögen sie am Platze sein, für Amerika
passen sie nicht.«
»Komm her, Irma,« nahm Onkel Heinz von neuem das Wort, »und hör' zu.«
Er ergriff ihr widerstrebendes Händchen und zog sie näher zu sich
heran. Die andern lachten über ihr böses Gesicht. Das kleine Fräulein
war in letzter Zeit oft so reizbar; aber hier gab es doch wirklich
keinen Grund, zornig zu werden.
»Es war einmal,« begann Onkel Heinz.
»Wie abgeschmackt,« schmollte Irma.
»Es war einmal ein armer Prinz[2], er besaß ein Königreich, welches
ganz klein war, aber doch groß genug, um sich darauf zu verheiraten,
und verheiraten wollte er sich.
[2] Aus Andersens Märchen: Der Schweinehirt.
Freilich schien es etwas keck von ihm, daß er zur Tochter des Kaisers
sagte: 'Willst du mich haben?' Aber er wagte es doch, denn sein Name
war weit und breit berühmt; es gab hundert Prinzessinnen, die gern ja
gesagt hätten, -- ob sie es tat?
Auf dem Grabe seines Vaters wuchs ein Rosenstrauch, der blühte nur
jedes fünfte Jahr und trug dann auch nur eine einzige Blume, aber
diese eine Rose duftete so süß, daß jeder, der daran roch, allen
Kummer und alle Sorge vergaß. Der Prinz hatte auch eine Nachtigall,
die konnte singen, als ob alle schönen Melodien in ihrer Kehle säßen.
Diese Rose und diese Nachtigall sollte die Prinzessin haben, und
deshalb wurden sie beide in große silberne Behälter gesetzt und ihr
zugesandt.
Der Kaiser und der ganze Hof waren bei der Ankunft der Geschenke
zugegen; aber die Prinzessin war dumm, sie glaubte, es seien eine
künstliche Rose und Nachtigall, und als sie sah, daß es natürliche
waren, fand sie nichts Besonderes daran; sie zertrat die Rose und ließ
die Nachtigall fliegen und wollte nicht gestatten, daß der Prinz käme.
Dieser ließ sich jedoch nicht einschüchtern. Er bemalte sich das
Antlitz schwärzlich, zog die Mütze tief über die Augen, klopfte an die
Türe des kaiserlichen Palastes und fragte, ob er nicht auf dem
Schlosse einen Dienst bekommen könne.
Jawohl, er konnte die Schweine hüten. Er bekam eine jämmerlich kleine
Kammer, und da saß er nun den ganzen Tag und arbeitete, und als es
Abend war, hatte er einen niedlichen kleinen Topf gemacht; rings um
denselben waren Schellen, und sobald der Topf kochte, klingelten sie
schön und spielten die alte Melodie:
Ach, du lieber Augustin,
Alles ist weg, weg, weg!
»Das Stück kann ich auch spielen,« sagte die Prinzessin, die des
Abends mit ihren Hofdamen spazieren ging. »Fragt mal den
Schweinehirten, wieviel der Topf kostet.«
»Ich will zehn Küsse von der Prinzessin haben, für weniger tu ich's
nicht.«
Das war ein Schreck, es wurde gehandelt und gebettelt, aber der
Schweinehirt bestand auf seiner Forderung.
»In Gottes Namen,« sagte die Prinzessin zu ihren Begleiterinnen, »aber
ihr müßt dicht um mich herumstehen, damit mich wenigstens niemand
sieht.«
Die Hofdamen umringten sie, breiteten ihre Kleider aus, der
Schweinehirt bekam zehn Küsse, und sie erhielt den Topf.
Nun machte der geschickte Jüngling eine Spieldose, wenn die aufgezogen
wurde, spielte sie alle Walzer und Polkas, die auf der Welt
existieren.
»Das ist ja =superbe=,« rief die Prinzessin, »fragt ihn, was er dafür
haben will, aber küssen tu ich ihn nicht wieder.«
Der Schweinehirt verlangte hundert Küsse; da ging die Kaisertochter
böse fort.
Aber die Spieldose war doch zu wundervoll, und als die Prinzessin
einsah, daß der Schweinehirt sie nicht anders hergab, mußten die
Hofdamen wieder einen Kreis schließen, und sie ließ sich küssen.
»Was mag das wohl für ein Auflauf beim Schweinestall sein?« dachte der
Kaiser, der verwundert sah, wie alle Hofdamen auf einem Klümpchen
beisammen standen, und trotzdem er noch in Pantoffeln war, lief er
eilig hinunter, um zu sehen, was es gäbe.
Sobald er den Hof betrat, ging er ganz leise, und die Hofdamen hatten
so viel zu tun, die Küsse zu zählen, daß sie seine Anwesenheit nicht
bemerkten. Er erhob sich auf den Zehen und wurde so wütend, als er
sah, wie sich seine Tochter von dem Schweinehirten küssen ließ, daß er
beiden die Pantoffeln um die Ohren schlug und sie vom Hof
herunterjagte.
Da standen sie nun in Regen und Kälte, die Prinzessin weinte, und der
Schweinehirt fluchte.
»Ach, ich unglückliches Geschöpf,« schluchzte sie, »hätte ich doch den
Prinzen genommen und die Rose und die Nachtigall nicht fortgeworfen;
wie dumm bin ich gewesen!«
Der Schweinehirt ging hinter einen Baum, wischte sich das Schwarze aus
dem Gesicht, warf die schlechten Kleider von sich und trat nun im
fürstlichen Gewande hervor, so schön, daß die Kaisertochter sich
verneigen mußte.
»Ich will nichts mit dir zu schaffen haben,« sagte er. »Du wolltest
keinen ehrlichen Prinzen heiraten; die Rose und Nachtigall hast du
verachtet, aber den Schweinehirten konntest du um einer Spielerei
küssen. Das hast du nun davon!«
Dann ging er in sein kleines Königreich und schlug ihr die Türe vor
der Nase zu. Da konnte sie draußen stehen und singen:
»Ach, du lieber Augustin,
Alles ist weg, weg, weg!«
»Das war sehr hübsch,« meinte Irma mit erzwungenem Lächeln, »ich sehe
nur nicht ein, was dies Märchen mit mir oder Hans Reicher zu schaffen
hat.«
»Dann bist du gerade so dumm wie die Prinzessin,« versetzte der alte
Herr trocken, sie von sich weg schiebend.
Agnes blickte Irma vielsagend an, aber an diesem Abend fand sie keine
Gelegenheit, ihre Cousine allein zu sprechen.
Wußte Onkel Heinz am Ende gar, daß sie mit Otto von Hochstein im
geheimen Briefe wechselte, ihn auch mitunter an einem vorher
verabredeten Platze traf? Irma erbebte bei diesem Gedanken; sie fragte
Agnes, was sie davon dächte, aber diese meinte, Onkel Heinz ahne
nichts; denn wäre das der Fall, so würde er sicher mit der Großmama
darüber gesprochen haben; er sei doch nicht der Mann, so etwas zu
verschweigen. Nein, er zog nur seine Schlüsse aus Irmas Benehmen gegen
Hans und aus dem, was er bei der bewußten Landpartie beobachtet
hatte.
Trotzdem riet Agnes ihr, vorsichtig zu sein, und nahm gleichzeitig
nochmals die Gelegenheit wahr, ihr das Unrecht vorzuhalten. Sie
bemühte sich, Irma zu überzeugen, daß Otto es unmöglich gut mit ihr
meinen könne, wenn er fortfuhr zu verlangen, daß sie ihre nächsten
Angehörigen so hintergehen solle. Anfangs hatte er doch nur von
einigen Wochen gesprochen, bis es so weit sein werde, daß sie ihrer
Großmutter alles erzählen könne; nun waren bereits Monate ins Land
gezogen, und noch immer gebot er ihr Schweigen.
Unter Tränen und Seufzen mußte Irma zugeben, daß die Cousine recht
hätte; aber sie liebte Otto zu sehr, sie könnte nicht von ihm lassen,
sie würde sterben, wenn alles aus sein müßte.
»Unsinn,« wandte Agnes ein, »daß du großen Kummer haben würdest, will
ich glauben, aber an so etwas stirbt man nicht.«
»Wie kannst du so reden? Versetz' dich doch an meine Stelle. Würdest
du nicht sterben, wenn du Ludwig entsagen müßtest?«
»Nein. Ich würde sehr unglücklich sein; aber ich würde mich bemühen,
daran zu denken, daß es noch so viele gibt, die mich lieben: Eltern,
Geschwister, Freunde, und daß ich daher nicht das Recht hätte, mich so
ganz und gar meinem Schmerz hinzugeben.«
»Ach du,« nahm die Kleine wieder das Wort, »du bist verlobt und bist
doch so kalt, so scheußlich praktisch -- du weißt ja gar nicht, was
Liebe ist.«
»Möglich,« versetzte Agnes, »eins aber weiß ich wohl. Wenn Ludwig mich
überreden wollte, etwas Unredliches und Schlechtes zu tun, dann würde
ich ihn laufen lassen, und wissen, daß er nicht _der_ ist, für den ich
ihn hielt. Die Versicherung gebe ich dir -- und meinen Kummer würde
ich überwinden.«
Irma schwieg. Die widersprechendsten Gedanken stritten sich in ihrem
Köpfchen. Sie besaß genug gesunden Verstand, um sich bei ruhiger
Überlegung zu sagen, daß Agnes recht habe. Aber Otto war so schön, so
unwiderstehlich, er hatte ihr Herz ganz mit Beschlag belegt, und sie,
sie glaubte ihn wahrhaft zu lieben. Wie sehr sie auch an Großmama, den
Eltern und den andern hing, wenn sie Otto aufgeben müßte, würde deren
Liebe sie nicht zu trösten vermögen, und dann ... der Gedanke, Baronin
von Hochstein zu werden, war ihr in letzter Zeit immer lieber und
vertrauter geworden. Manchmal stellte sie sich bereits vor, wie es
sein würde, wenn sie als Ottos Frau ihren Platz in den glänzenden
Sälen des Schlosses seiner Ahnen, von dem er ihr solche Wunder
erzählte, einnehmen würde. Sie sah sich als Braut in der
Familienkapelle vor dem Altar, nicht in einfachem, weißem Nesseltuch
wie Flora, sondern in einem Kleide von Silberbrokat, mit funkelnden
Diamanten bestreut, und in ihrer Nähe, außer den eigenen Verwandten,
einen weiten Kranz hochadliger Damen und Herren, vornehme Offiziere
und Minister, die Brust mit Orden bedeckt. Ja, wer weiß, vielleicht
ließ sich der Kaiser gar durch einen seiner Adjutanten vertreten, denn
am Hof würde sie dann natürlich schon vorgestellt sein.
Es war hart, all diesen schönen Aussichten Lebewohl zu sagen, noch
härter aber, ihren glänzenden Studenten aufzugeben. Und doch, wenn sie
sich aus ihren Träumen in die Wirklichkeit zurück versetzte, vernahm
sie eine Stimme in ihrem Innern, die ihr zurief, daß ihr nichts andres
übrig bleiben werde. Sie seufzte tief und brach aufs neue in Tränen
aus.
»Aber was willst du denn? Was soll ich tun?« fragte sie endlich, als
Agnes sie in ihre Arme zog und sich bemühte, sie zu trösten.
»Ihn zum letzten Male fragen, ob du alles erzählen darfst, und wenn
er es nicht zugeben will, unwiderruflich und für immer Abschied von
ihm nehmen.«
»Ich kann nicht,« stöhnte Irma, »er wird mir böse werden und mir
vorwerfen, daß ich mein Versprechen nicht halte.«
»Wann hast du wieder eine Zusammenkunft mit ihm?«
»Morgen nachmittag.«
»Soll ich an deiner Stelle gehen und ihm sagen, wie der Hase läuft?«
fragte Agnes, mit einem streitlustigen Gesicht.
»Nein, ums Himmelswillen nicht! Er weiß nicht, daß du meine Vertraute
bist. Er würde mir das nie verzeihen.«
Agnes zuckte ungeduldig die Achseln. Noch eine Weile weinte Irma, dann
stand sie auf.
»Ich will es tun,« sagte sie, »du hast recht, es ist furchtbar, so
etwas vor Großmama geheim zu halten, aber verliere ich Otto, so sterbe
ich ganz gewiß.«
»Es stirbt sich nicht so leicht,« dachte Agnes, aber sie war klug
genug, das nicht zu sagen. »Hör' mal,« sagte sie laut, »ich will
morgen mit dir kommen; hab' keine Angst, dein Baron soll mich nicht
sehen, erst wenn eure Begegnung vorüber ist, wollen wir uns auf einem
vorher verabredeten Platze treffen und zusammen nach Hause gehen.«
Am folgenden Tage goß es in Strömen, die Straßen waren naß und
schmutzig, alles sah trostlos grau und düster aus. Eilig schritten die
beiden Mädchen nebeneinander her, bis sie die Chaussee erreichten.
Irma hatte fast kein Wort gesprochen und auf alles, was die Freundin
sagte, nur einsilbig geantwortet. Besorgt schaute letztere ihre
Cousine an. Selbst jetzt, in einem grauen Regenmantel gehüllt, ein
einfaches Filzhütchen auf dem Goldhaar, war die Kleine bildhübsch. Um
sie etwas aufzumuntern, scherzte Agnes:
»In meinem Regenmantel seh' ich aus, als ob ich in einem Sack
steckte; deiner steht dir famos, wie alles, was du anziehst.«
Selbst diese Schmeichelei, für die sie sonst nicht unempfindlich
gewesen wäre, lockte kein Lächeln auf Irmas Lippen. Ihre Mundwinkel
bebten und sie kämpfte sichtlich mit den Tränen.
»Nur Mut, nicht verzagt!« tröstete Agnes, »vielleicht läuft die Sache
gut ab. Wenn du ihm gehörig ins Gewissen redest, sieht er
wahrscheinlich selber ein, daß er nicht recht tut. Wer weiß, ob er dir
nicht erlaubt, noch heute deinen Eltern zu schreiben und der Großmama
alles zu sagen, dann wird in den nächsten Tagen deine Verlobung
angezeigt, und du gehst mit deinem schönen Baron Arm in Arm einher!«
Irma antwortete nichts, der Ton, in dem Agnes über Otto sprach,
ärgerte sie, aber sie fühlte sich zu unglücklich, um sich in ein
Wortgefecht einzulassen.
Sie hatten schon ein gutes Stück Weges zurückgelegt. Kein Mensch ließ
sich auf der Chaussee blicken; die kahlen Bäume tropften vor Nässe,
der Boden war durchweicht und schlüpfrig. Agnes schaute umher und
mußte leise lächeln. »Kein poetisches Wetter für ein Stelldichein,«
dachte sie, und hatte Lust, einige spöttische Bemerkungen zu machen,
bezwang sich aber, blieb stehen und sagte nur:
»Ich kehre um, Irma, denn Baron von Hochstein kann jeden Augenblick
erscheinen. Bei diesem Wetter hab' ich keine Lust, hier draußen auf
dich zu warten. Ich geh' in die Konditorei von Bauer. Komm mir dahin
nach, sobald du kannst.«
»Ja.«
»Wirst du's kurz machen?«
»Ja.«
»Und tapfer sein?«
»Ja.«
Agnes seufzte, gab ihrer Cousine einen Kuß und entfernte sich rasch,
denn sie glaubte in der Ferne die hohe Gestalt Hochsteins zu erkennen.
Nach einigen Minuten schaute sie sich um. Ein Gartenzaun entzog sie
den Blicken der beiden, sie selbst aber konnte deutlich sehen, wie
Irma und der Student unter einem Regenschirm zusammen weitergingen,
bis sie im nahen Wäldchen verschwanden.
Bedrückten Gemüts begab Agnes sich in die Konditorei. Zum Glück waren
keine Gäste dort. Sie setzte sich ans Fenster und bestellte Schokolade
und Kuchen. Irma würde gewiß verfroren und betrübt ankommen und ein
warmes Getränk ihr gut tun. Wenn sie jetzt nur tapfer war und fest
blieb, dann nahm diese ganze elende Geschichte ein Ende. Agnes fühlte
sich so zu sagen mitschuldig an dem Betrug, weil sie Schweigen gelobt
hatte, und doch sah sie ein, daß sie ihr Wort nicht brechen durfte.
Während sie bei sich das für und wider überlegte, verging die Zeit.
Sie sah nach der Uhr, eine halbe Stunde war schon verstrichen. Die
Schokolade wurde kalt, sie wollte frische bestellen, wenn Irma kam.
Himmel, wie lange dauerte das! Ob sie Abschied nahmen? Agnes fing an
unruhig zu werden und stand im Begriff, sich nach dem Ort des
Stelldicheins zu begeben. Da knarrte die Ladentür. Gott sei Dank, Irma
trat ein mit strahlendem Gesicht, glühenden Wangen und glänzenden
Augen. Agnes flog ihr entgegen.
»Ich brauche nicht zu fragen,« rief sie, »alles ist gut?«
Irma nickte, setzte sich an den Tisch und nahm sofort von dem Kuchen.
Agnes freute sich aufrichtig, Otto stieg in ihrer Achtung, und sie
bereute, daß sie ihm oft in ihren Gedanken unrecht getan hatte.
»Du mußt vergessen, daß ich an Otto zweifelte und sagte, er meine es
nicht gut mit dir. Ich sehe, daß ich mich geirrt habe,« sagte sie.
»Er ist ein Engel,« versetzte Irma, »wenn du ihn später kennen lernst,
wirst du das selber finden.«
»Na, das ist ja nicht gerade nötig, aber nun erzähle wie es war. Fand
er's gleich in der Ordnung, daß die Heimlichkeit aufhören soll? Hat er
wohl gar schon mit seinen Eltern gesprochen? Wann wird eure Verlobung
veröffentlicht?«
Irma hatte den dritten Kuchen verzehrt, schob nun den Teller zurück
und rührte nachdenklich in der Schokolade.
»Otto sieht sehr wohl ein, daß dieser Zustand auf die Dauer unhaltbar
ist,« begann sie, »daher begreift er auch, daß ein Ende damit gemacht
werden muß.«
»Recht so. Ich fürchte nur, Irma, Großmama wird doch ein bißchen böse
auf dich sein, aber du bist ihr Liebling, da wird sie's schon
verzeihen. Du sagst es ihr doch natürlich noch heute?«
»Nein, heute nicht.«
»Was?« Agnes fiel wie aus den Wolken.
»Nein,« fuhr Irma etwas nervös und gereizt fort. »Du brauchst dich
nicht gleich zu ereifern. So rasch geht das nicht. Otto muß erst eine
günstige Gelegenheit abwarten, seine Eltern vorzubereiten.«
»Himmel, Irma, was hat er dir denn wieder vorgeflunkert? Das ist ja
immer die alte Leier.«
»Die alte Leier. Hör' mal, du hast selbst gesagt, daß du Otto unrecht
getan hast; nun fängst du schon wieder an.«
»Ich höre,« versetzte Agnes, mit einem Gesicht, auf dem Ungeduld und
Entrüstung deutlich zu lesen standen.
»In drei, höchstens vier Monaten macht Otto sein Examen. Daß er
durchkommt, ist sicher, er ist ja so klug. Seine Eltern werden riesig
erfreut sein, denn in den ersten Semestern hat er viel gekneipt und
gebummelt, aber wenig studiert. Wenn er durchkommt, kann er von seinen
Eltern verlangen, was er will -- dann will er ihnen alles sagen, und
es unterliegt keinem Zweifel, daß sie ihre Einwilligung geben.«
»Und in der Zwischenzeit?«
»Bleibt alles natürlich, wie es ist. Was bedeuten drei bis vier
Monate? Nun wir wissen, daß es nur noch so kurze Zeit dauert, wäre es
doch mehr als dumm, alles durch zu frühe Veröffentlichung aufs Spiel
zu setzen.«
Agnes sagte nichts. Sie stand auf und bezahlte, was sie verzehrt
hatten. Dann setzte sie sich noch einmal, schwieg aber.
»Warum sagst du nichts?« fragte Irma endlich mit bedrückter Miene.
»Ach, du lieber Augustin, alles ist weg, weg, weg,« sang die andere.
»Agnes,« rief Irma zornig, »du bist unausstehlich!«
»Bin ich? So? Na, dann wollen wir nur nach Hause gehen, mein armes,
dummes Prinzeßchen.«
Die Kleine war sehr böse. Mit stolz erhobenem Haupte schritt sie neben
ihrer Cousine her und sagte ihr sehr kühl Lebewohl, als sie an ihrer
Wohnung angelangt waren.
Einige Tage später erhielt Frau Gontrau einen Brief von ihrem Großsohn
Gustav von Holten, mit der Bitte, ihm Irma doch einige Wochen nach I.
auf Besuch zu schicken. Er selbst wäre durch seine rege
Berufstätigkeit viel von Hause fort und sein noch so wenig an das
Stadtleben und die neue Umgebung gewöhntes Frauchen fühle sich ein
bißchen einsam. Es wäre daher herrlich, wenn sie für eine Zeitlang
Gesellschaft bekäme.
Das Blut stieg Irma in die Wangen, und ihre Augen glänzten vor Freude.
Wie entzückend in I. auf Besuch zu sein und dort vielleicht Otto
häufig zu begegnen!
»Möchtest du gerne hin, Kindchen?« fragte Ilse.
»Ach, wie gern, Großmama! Aber dann bist du so allein!«
»O, das tut nichts, ich kann mich schon beschäftigen, und seit Müllers
hier wohnen, habe ich ja immer Gesellschaft.«
»Das ist wahr. Agnes und Maud können dich alle Tage besuchen.«
»Gewiß, mein Liebling, und dann ist noch Onkel Heinz da, so wird mir's
an Unterhaltung nicht fehlen. Ich glaube, daß es auch für dich heilsam
ist, einmal in andre Umgebung zu kommen, Irma, denn du siehst in der
letzten Zeit nicht gut aus; auch hast du dich überhaupt sehr
verändert.«
»Aber Großmama,« sagte die Kleine mit erzwungenem Lächeln und
klopfendem Herzen.
Ilse streichelte das blonde Gelock ihrer Enkelin und küßte sie. »Du
hast doch nichts, was dich bekümmert?«
»Gewiß nicht, Großmama; wie kommst du nur darauf?«
»Ich beobachte dich, mein Liebling, und finde, daß du oft so sonderbar
bist. Weißt du, was ich mir einbildete?«
»Nein, wie sollte ich das wissen?«
»Daß der schöne Student, der auf unsrer Landpartie so aufmerksam gegen
dich war, tieferen Eindruck auf dich gemacht hat, und daß du dich
unglücklich fühlst, weil er seitdem nichts mehr von sich hören ließ.«
Im Zimmer herrschte Dämmerung, und Irmas Köpfchen lag an Ilses
Schulter. So konnte die Großmama die Schamröte nicht sehen, welche die
Wangen der Enkelin bedeckte, als diese zögernd erwiderte:
»Aber Großmama, wie hast du dir nur so was in deinen lieben, alten
Kopf setzen können?«
»Nicht wahr, Kindchen? Sie haben mir bange gemacht, Onkel Heinz und
deine Mama, die in jedem Brief fragte, ob ich nichts von jenem Baron
gesehen habe; und dann, wie ich schon erwähnte, warst du mitunter so
sonderbar; aber ich glaubte, wenn etwas derartiges wäre, würde mein
Kind mir's doch sagen, denn nicht wahr, Irma, du hast Vertrauen zu mir
und läßt mich an deiner Freude, wie an deinem Kummer teilnehmen?«
»Natürlich, Großmama.«
»Also war's nur eine Aufwallung, eine vorübergehende Verliebtheit! In
Wirklichkeit hast du dir nie etwas aus dem Baron gemacht?«
»Nein.«
»Ich bin so froh darüber und fühle mich nun ganz beruhigt. Daraus
hätte doch nie etwas werden können. Die Barone von Hochstein halten
sich ja für ganz besonders vornehm. Ich bin dankbar, mein Liebling,
daß dieser Kummer dir erspart geblieben ist.«
Irma begab sich in ihr Zimmer, warf sich auf ihr Bett und schluchzte,
als sollte ihr das Herz brechen. Sie kam sich so schlecht vor, so
heuchlerisch und doppelsinnig, daß sie einen Ekel vor sich selber
empfand und im Begriff stand, wieder hinunterzugehen und ihre Schuld
zu gestehen. Aber dann fiel ihr ein, wie Otto gesagt hatte, daß dies
unwiderruflich alles verderben würde. So beschwichtigte sie ihr
Gewissen, indem sie sich vorhielt, es werde ja nur noch ein paar
Monate dauern. Dann durfte sie alles beichten und um Verzeihung
bitten, daß sie die Großmama in dieser Weise hatte hintergehen müssen.
* * * * *
Als Irma in I. aus dem Coupé stieg, schaute sie sich überall nach
Gustav und Flora um, aber niemand war zu erblicken. Etwas enttäuscht
nahm sie sich eine Droschke und ließ sich nach der kleinen, dicht vor
der Stadt gelegenen Villa fahren, welche ihr Bruder bewohnte.
Es war ein schöner Tag zu Ende Februar; wie holde Frühlingsahnung zog
es durch die Luft. Hier und da fingen einige geschützt stehende Büsche
an zu knospen, und in dem Gärtchen vor dem Hause blühten gelbe und
lila Krokus. Die Villa sah allerliebst aus; von dem hell gestrichenen
Giebel hob sich der Fenster und Türen umrankende Efeu malerisch ab.
Irma klingelte, mußte aber lange warten; erst als sie zum zweiten Male
die Glocke zog, wurde geöffnet, und eine mürrische Stimme brummte:
»Es wird doch wohl nich so 'ne Eile haben, ich komm schon.«
Eine dicke Dienstmagd in den fünfziger Jahren, mit aufgedunsenem,
frechem Gesicht, pechschwarzem Haar und einem Anflug von Schnurrbart
auf der Oberlippe ward sichtbar. Sie trug ein dunkles Wollkleid, aus
dessen kurzen Puffärmeln die drallen, feuerroten Arme wie fest
gestopfte Würste zum Vorschein kamen. Der Boden dröhnte unter ihren
Schritten, und sie hatte ganz und gar das Aussehen eines verkleideten
Dragoners.
»Ist die gnädige Frau zu Hause?« fragte Irma erschreckt und kleinlaut
beim Anblick dieser martialischen Erscheinung.
»Jawohl.«
»Sagen Sie ihr, daß ich angekommen bin, Fräulein von Holten, die
Schwester des Herrn.«
»Nicht nötig,« damit deutete sie auf eine Tür am Ende des Korridors.
Diesem gebieterischen Winke gehorchend, beeilte Irma sich an die
bezeichnete Türe zu klopfen. Kein »Herein« ertönte; sie schaute sich
hilflos um, aber das Mannweib war verschwunden. Irma öffnete, prallte
indes sofort zurück, denn das ganze Zimmer war mit Rauch erfüllt, der
Qualm trieb ihr Tränen in die Augen und reizte sie zum Husten. Als sie
nach einigen Augenblicken zögernd eintrat, konnte sie ein geräumiges
Gemach unterscheiden, mit eleganten, ganz modernen Möbeln. Sie sah
Vorhänge und Wandbekleidungen von hellgrüner Seide, mit stilisierten
Blumen durchwirkt, überall in künstlerischer Unordnung durch den
ganzen Raum verstreut Büsten, Bilder und Kunstwerke jeder Art. Was
Irma aber am meisten in Erstaunen setzte, war Flora selbst, die in
einem lose hängenden, weißen Gewande vor dem Ofen kniete und
augenscheinlich die verzweifeltsten Anstrengungen machte, das Feuer
anzuzünden; es wollte nicht brennen, dicke blaue Rauchwolken stiegen
aus den Steinkohlen in die Höhe und hüllten die junge Frau vollständig
ein.
»Mein Himmel, Flora, was treibst du da?« rief Irma.
Die Angerufene kehrte sich um, ganz entsetzt beim Anblick ihrer
Schwägerin.
»Ach Gott, ist's schon so spät? Ich wollte dich von der Bahn abholen
und habe gar nicht auf die Zeit geachtet. Was soll ich nun machen? Das
eklige Feuer will und will nicht brennen.«
»Eine nette Begrüßung,« meinte Irma lachend. »Komm aber wenigstens mal
her und gib mir einen Kuß, und dann wollen wir das Fenster aufreißen,
denn in diesem Rauch ersticken wir ja.«
»Wenn ein Luftzug hereinkommt, werden die Kohlen erst recht nicht
anbrennen.« Und sofort kehrte Flora zum Ofen zurück.
»Aber Kind, warum rufst du nicht das Mädchen?«
»Ach, Irma, ich getraue mich nicht. Vor ein paar Stunden brannte das
Feuer ganz gut; ich habe vergessen danach zu sehen, und nun wage ich
nicht, sie noch einmal zu bemühen. Sie würde böse werden, und ich hab'
solche Angst vor ihr.«
»Wenn es das Wesen ist, das mir aufmachte, dann glaube ich dir's. Die
sah ja aus wie ein Mann. Wie konntest du nur so ein Mädchen nehmen,
Flora?«
»Ach, sprich nicht davon; wir sind zwei Monate verheiratet, und dies
ist schon die Fünfte.«
»So? Wie kommt denn das?«
»Ich weiß es nicht,« klagte Flora, immer noch das Feuer anblasend.
»Ich glaube, ich verstehe nicht mit ihnen umzugehen. Die erste, die
wir hatten, radelte leidenschaftlich und wollte nicht kochen; dann kam
eine, die stahl wie ein Rabe, in zwei Tagen war das Wirtschaftsgeld
alle, ohne daß ich es ausgegeben hätte; die dritte ging in einem
meiner Kleider und mit meinem Hut spazieren; die vierte hatte eines
Tages ihren Schatz und noch fünf oder sechs Soldaten in der Küche. Von
dieser glaube ich, daß sie trinkt, denn sie flucht entsetzlich, und
ich habe schreckliche Furcht vor ihr.«
»Und Gustav?« fragte Irma, die trotz allem lachen mußte.
»Ach, du siehst doch wohl ein, daß ich ihm mit dieser häuslichen
Misere nicht lästig fallen kann. Er findet es so wie so schon
merkwürdig, alle Augenblicke ein andres Gesicht zu sehen. Der Haushalt
und das Mädchen gehören doch zu meinem Wirkungskreis.«
Das offenstehende Fenster schien dem Feuer bekömmlich zu sein; der
Rauch verzog sich, und die Kohlen fingen an zu brennen. Mit einem
Seufzer der Erleichterung stand Flora auf.
»Gott sei Dank,« sagte sie. »Es ist ja sehr schönes Wetter, aber ohne
Feuer geht es doch noch nicht.«
»Warum hast du keine Füll- oder Gasöfen?« fragte Irma, »dann
brauchtest du dich gar nicht darum zu kümmern.«
»Ach, die mag Gustav nicht. Er sagt, das sind häßliche,
unkünstlerische Dinger; er will das Feuer und die Flammen sehen, das
bringt ihn auf gute Gedanken und regt ihn an.«
»So! Aber sag' mal, Flora, du siehst eigentlich sonderbar aus. Gehst
du immer in solch einem weißen Kleide?«
Floras Toilette war in der Tat höchst eigenartig. Ihr langes,
schleppendes, weißes Gewand, am Halse ein wenig ausgeschnitten, mit
weiten, hängenden Ärmeln, und ihr blondes, aufgelöstes Haar, das nur
von einem schmalen, goldnen Bande zusammengehalten wurde, erinnerten
sehr an Theater oder Maskenball.
»Findest du es nicht schön?« fragte sie, indem sie sich um sich selbst
drehte, damit Irma sie von allen Seiten bewundern könne.
»Ja, es steht dir sehr gut, aber es ist doch ein bißchen komisch, sich
so zu kleiden; ich finde es geziert und auffallend.«
»Gustav hat's gern, wenn ich mich so kleide und das Haar aufgelöst
trage; dann bin ich in seinen Augen Elsa.«
»Wird er nun bald als Schwanenritter erscheinen?« fragte Irma
spottend.
»Nein, das geht natürlich nicht, aber Gustav sagt, die Menschen, die
alles, was ein bißchen vom Althergebrachten abweiche, geziert fänden,
seien eben ganz und gar nicht künstlerisch veranlagt.«
Irma schaute ihre junge Schwägerin erstaunt an; aber sie sah sofort
ein, daß Flora nicht beabsichtigt hatte, ihr etwas Anzügliches zu
sagen. Sie wiederholte nur die Worte ihres Gatten wie eine auswendig
gelernte Aufgabe.
Sie gingen jetzt zusammen nach oben, und Irma mußte das ganze Haus
bewundern. Die Einrichtung war wirklich höchst geschmackvoll, aber
sämtliche Zimmer und Schränke zeigten die Spuren weitgehendster
Unordnung. Die mit hellen Seidenstoffen bezogenen Sessel und Sofas
waren voll Flecken, und die unglaublichsten Dinge lagen überall umher.
Im Schlafzimmer waren Notenbücher über den Boden verstreut, und auf
dem ungemachten Bett mit herunterhängender Spitzendecke lagen
Schreibmaterialien neben einem halb beschriebenen Notenblatt. Gustav
hatte beim Ankleiden eine Eingebung gehabt und sofort seine Gedanken
zu Papier gebracht, dann aber keine Zeit gefunden, die Arbeit
durchzusehen. Nun durfte niemand daran rühren, ehe er heimkehrte. Irma
war gewiß keine vollendete Haushälterin, aber bei Großmama Gontrau
herrschte eine so tadellose Ordnung und anheimelnde Gemütlichkeit, daß
sie sich unwillkürlich über dies tolle Durcheinander ärgerte.
»Wie kommt es, Flora, daß deine schönen Stühle schon so arg schmutzig
sind?« fragte sie, als sie wieder unten waren.
»O, das haben die abscheulichen Mägde getan,« versetzte Flora. »Sag
mal, Irma,« fuhr sie, ihre Schwägerin mit großen, erschrockenen Augen
ansehend, fort, »findest du es hier nicht nett?«
»Na, um der Wahrheit die Ehre zu geben, wenn ich erst so kurze Zeit
verheiratet wäre und so viele schöne Sachen hätte, würde ich sie doch
mehr in acht nehmen.«
»Ich tue, was ich kann,« sagte Flora ernst, »aber es ist so schwer.
Gustav meint, es käme darauf nicht an. Er selbst ist so zerstreut, er
denkt nur an seine Musik, ist nie bei der Sache. Gestern z. B. goß er
den Wein auf die Teller statt in die Gläser; er nimmt allerhand Dinge
mit nach oben, die nicht in die Schlafstube gehören, und vergißt sie
an ihren Platz zurückzustellen; ich will gern alles in Ordnung
halten, aber ich bin so nervös, mache häufig Flecken, und zerbreche
viel.«
»Das ist sehr schade,« meinte Irma.
»Das ärgste aber von allem sind die Dienstmädchen. Ich glaube, diese
Lisa ist die fürchterlichste, die ich noch gehabt habe. Stelle dir
vor, morgens tritt sie bei mir an und fragt mich allerlei, was ich
nicht weiß. Ich habe doch keine blasse Ahnung, wieviel Fleisch oder
Fisch oder Gemüse oder Butter ich brauche, und die Preise kenne ich
erst recht nicht. Verstehst du das alles?«
»Alles nicht, aber so 'ne schwache Idee habe ich doch davon.«
»Ich nicht. Großmama Flora sagte immer, der Haushalt ginge von selbst,
den brauchte man nicht zu lernen. Mama hat zwar in letzter Zeit
versucht, mir einiges zu zeigen, aber ich war so von meiner Liebe zu
Gustav erfüllt, daß ich nicht aufpaßte. Nun tut mir das leid. Jetzt,
wo du hier bist, kannst du mich belehren, ja?«
»Viel wird das nicht sein; aber so gut ich kann, will ich dir gern
helfen.«
»Wirst du dich auch vor Lisa fürchten?«
»Nein, sie ist doch nur die Magd.«
In diesem Augenblick trat die, von der sie soeben gesprochen, ins
Zimmer.
»Es ist Zeit, den Tisch zu decken,« sagte sie barsch, und dann fu
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