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Die Achatnen Kugeln: Roman

by Kasimir Edschmid · German · Gutenberg #39277 · 436,755 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Die Achatnen Kugeln: Roman
    
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Title: Die Achatnen Kugeln: Roman

Author: Kasimir Edschmid


        
Release date: March 27, 2012 [eBook #39277]

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/39277

Credits: Produced by Jens Sadowski


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ACHATNEN KUGELN: ROMAN ***




Produced by Jens Sadowski




Die
Achatnen Kugeln

Roman
von
Kasimir Edschmid



Verlegt bei Paul Cassirer in Berlin 1920



Alle Rechte vorbehalten
Copyright 1920 by Paul Cassirer, Berlin




Geschrieben Neunzehnhundertvierzehn bis Neunzehnhundertachtzehn


Gruß
an
René Schickele








Vorspiel


Nun stiegen sie schon die zweite Stufenreihe hinunter. Immer sahen sie auf
der anderen Seite die schwarzen Schatten, die sich wie sie selbst bewegten.

Die Wasser rauschten langsam. Als sie die dritte Terrasse erreichten,
kehrten sie um nach der anderen Seite, die schwarzen Schatten schwenkten
und traten auf sie zu. Da kam aus dem See unten ein silberner Strahl, er
glühte auf, Licht strömte die Neigung der Rasenterrasse herauf.

Das Schloß über ihnen schlug eine Mondflamme in den Himmel.

Zwei Herren traten zur Seite, die anderen bogen Halbkreise um die Gegner,
die die Mäntel abwarfen und in weißen Samthosen, die Brust offen unter dem
Hemd, sich gegenüberstanden. Ein flüsterndes Signal überklirrte das Metall.
Aus dem dunklen Laubgang stöhnte ein Vogel. Ein Mann fiel um, den Säbel in
der Gurgel, die Augen nach oben gebrochen.

Der andere warf sich aufs Knie. Schob mit dem Daumen die Lider des
Liegenden probend herunter, sie schnellten wieder über die gläserne Pupille
zurück und hefteten sich auf den Knauf des Degens, der ihn durch die Kehle
auf das Rasenbeet kreuzigte. Da stand der andere auf, schüttelte die Haare.
Das war vorbei.

Er sah sich um, empfand atmend die helle Nacht, die mächtig gewölbt war.

»Mein Herr . . .« sagte der Sekundant des Gegners. Er deutete mit lockerem
Handgelenk auf den Toten.

Der Marquis neigte den Kopf nach ihm. Was ihn erfüllte, verschwand. Die
steife Gebärde des Todes löschte die Wut des Abenteuers. Er sah auf, die
Seele nicht mehr zusammengezogen. Wie schien der Mond feurig und entflammte
purpurrot die Zweige.

»Zaudern Sie nicht« -- flüsterte der Sekundant, »sofort zu begreifen, daß
Sie im königlichen Garten sind. Jetzt noch zu leben, heißt nur bedingt und
halb ein Lebender zu sein.«

Vaudreuil trat mit einer Verbeugung zurück. Ein spöttisches Lächeln kniff
in seinen abwesenden Mund. Dann kam der Laubengang. Das Dunkel der Nacht
saß darin, unaufgescheucht vom Licht. Die weißen Hermen glommen aus der
blauen Dämmerung. Nun paradierte ihn die Wache.

Die Rondells mit den Fontänen waren beinahe rot, und die Tritone schäumten
vor sich hin. Auf den Seiten verschwammen die Alleen flaumiger Dämmerung.
Eine quecksilberne Säule stand das Schloß aufgerichtet neben ihm. Zwischen
dem Schwung von zwei Koniferenästen zog sich der ganze Garten noch einmal
zusammen. Dicht über dem tiefen Wasserspiegel am Ende der gesenkten
Terrassen hing riesenhaft der Mond.

Im runden Ausschnitt der Tanne hing eine Spiegelung, wie aus Silber eine
metallene Platte.

Nächte voll Schwärmerei und Lichtern hoben sich über dem Park, zogen rasch
vorüber. Zuckende Frauenleiber sträubten sich vor ihm auf. Ein großer Ritt,
der ihn mit Ruhm behängte, glitt durch die Luft, sein Bein hing blutend in
der Bügelung. Ehrgeizige Spiele, sehr erleuchtete gläserne Säle . . . Teile
des Gartens dampften, brachen auf, Nischen entlaubten sich, Gänge warden
ohne Dunkel. Gab es nicht eine Frau?

Eine Frau, ohne Geheimnis am Körper, verlogenen reizlosen Hirnes, ohne
Leidenschaft der Erfindung, gut für Lakaien. Dennoch schlug er sich heut um
ihre roten Haare. Dies ist das Dasein. Er lächelte, als ob er die weiße
Zofe in den Flieder herunterpfiff oder die Pikardin berührte, die bleich
durch eine Laube in der Parkecke auf ihn wartete.

Das Bild brach ab.

Aus allen Bosketts flossen Blumenrüche. Eine Nachtigall jagte einen süßen
wilden Schrei schlaftrunken ins Gebüsch.

Er sah ohne den Schleier der Spiegelung in den Park. Die Grimasse des
Totengesichts, von seinem stählernen Witzwort in der Gurgel gefaßt, stak am
Boden, bläkte ihn an. Das Schicksal riß durch sein Herz. Waren diese
Terrassen nicht verbraucht bis zum Irrsinn, entblättert die Lauben beim
dritten Knie schon, das er darin geöffnet. Blieb ohne die Erregung des
eigenen Blutes, das sein Feuer zu fremden Abenteuern sich schuf, nichts
übrig wie nackte Enttäuschung, schon oft Gelebtes, sinnlos Wiederholtes. Er
zog den Degen an sich, fror am Eisen. Da sah der Marquis hinuntergleiten in
den See, was ihn ausgefüllt hatte die Jahre. Die Herren, mit denen er soff
und spielte und sich schlug, Damen daneben und Hunde, die an ihren Knieen
wehmütig zitterten und leicht mit dem Kopf nickend ihn verließen. Dann trat
das alles schon nicht mehr ihm zugehörig von der Neigung der letzten
Rasenfälle in Berührung mit dem Wasser. Der Mond nahm es auf und bog es aus
dem Park. Der Marquis sah zu, raffte sich auf, ohne Zorn, ohne Reue.

Als er sich aber umbog, überfiel ihn alles, und er krümmte sich vor Schmerz
über den Abschied, so sehr hing sein Herz an der Erde, auch wenn sie
verbraucht war.

Angst kam auf ihn, wenn er bleibe, daß er, eingekerkert in steinerne
Mauern, keine Sonne mehr sehe. Wie liebte er die Freiheit.

Er machte zwei große Schritte, reckte sich steif, hoch, das Gesicht in
Ruhe, ging überlegen und sicher . . . . wankte und zog den Mantel über den
Kopf und weinte. »Nicht weinen Vaudreuil,« rief er sein Herz an, stieß den
Degen fluchend auf den Boden, biß in den Mantel, zerrte an dem Tuch, »was
weinst du, Affe . . .« Allein er konnte seinen Schmerz nicht kränken und
schluchzte, als er, den Seitenflügel umschreitend, den großen Empfangshof
betrat, der unter seinen Schritten leise aufscholl. Er blieb da stehen.
Kein Garten stand mehr vor ihm. Das große Gebäude verdeckte ihm den Mond.
Er hatte noch nie Abschied genommen.

In der Kehle ein Zittern riß ihm den Schmerz bis zu den Zehen. Dies
flimmernde Weiß an den Rändern des Schlosses, die Pflastersteine, die der
Mond blau schlug . . . er wollte sich daran halten, sein Herz klammerte
sich an das Licht, an die Luft. Sie hielt nicht.

Lautlos, taumelnd ging er zum Tor. In weißen Samthosen, die Brust frei
unter dem zerrauften Hemd. Die Wache trat vor, grüßte und grinste. Ein
Soldat sprang in seinen Schatten und bog den Bauch in Verrenkungen hin und
her. Sie hielten ihn für betrunken.

In der Dämmerung rannten die Pferde nach der Küste. Das zweite trug den
Diener, das dritte Gepäck, Geldrollen, Hemden, Waffen.

Die Stirnen der Gäule wandten sich im Kreis, zuerst gegen Havre zur
Täuschung, dann ganz herum gedreht nach Dieppe. Paris fiel zurück
unberührt. Dann warfen sie die Gäule nach Westen, schoben eine südliche
große Linie nach Rochelle. Als sie bogen, flammte die Sonne über
Versailles. Tief im Süden sahen sie, rastend in einem Dorf, fern das
Sommerschloß des Marquis. Er ritt davon weg. Dann von eigenwilligen Dämonen
getrieben, ging die Fahrt im Zickzack. Eine Erhebung hinauf, schräg
herunter . . . nach einer schweren Stunde waren sie wieder auf dem Hügel
von der anderen Richtung her. Baptiste sagte kein Wort und folgte. Gegen
Mittag fluchte der Marquis, sie jagten um einen See. Durch Schilf, über
Wiesen mit Rehböcken, die spielten, ging es stundenlang. Baptiste zog die
Riemen der Ledertaschen auf und zu. Am Mittag brachen sie aus
Weidenunterholz und waren wieder an dem See. Der Marquis ließ die Gäule
saufen, ritt rechts in ein Tal, sprang plötzlich wild über einen Gießbach
und jagte zurück, an dem See vorbei in die Landschaft der Küste. Gegen
Abend lahmte das Pferd. Baptiste stieg ab, massierte das Bein. Der Marquis
stieg auf. Er ritt zweimal im Kreis, dann jagte er in den eigenen Spuren
zurück. Gegen Abend kamen sie an den Hügel, später durch das Dorf. Die
Sonne ging unter. Links lag das Sommerschloß. Sie ritten direkt darauf zu.
Sanft stiegen über die Mauern die hellen Bogen der Springbrunnen. Aus der
einstöckigen Front schimmerten die vielen bis zum Boden gesenkten Fenster.
Die Kieswege, angelegt für die Zärtlichkeit von Frauenschenkeln, lagen
träumerisch im Schein des südlichen Abends. Der Marquis ließ Baptiste
vorreiten. Er ritt in den Bügeln stehend, die Mauer war hoch. Sie hielten
nicht an, sprengten am Ende die Mauer wieder zurück, dann hatte der Marquis
ein Messer verloren. Sie fanden es nicht. Sie ritten hinunter, dann in die
Nacht, die anfing. Die Pferde liefen wie die Teufel.

Das Meer kam, vom Wind geschlagen. Nebel klatschten graue Wellen über die
Küste. Der Segler lag weit draußen und löste die Anker. Matrosen warfen die
Mantelsäcke in die Barke, griffen zu den Rudern. Vaudreuil sprang hinein.
Der Steuermann stieß das eine Bein gegen den Pflock, sah auf. Oben stand
Baptiste. Der Marquis erbleichte. Der Diener stand schlaff. Dann trat er
einen Schritt zurück.

»Zwölf Jahre waren Sie bei mir . . . hielt ich Sie nicht wie einen Pagen
. . .?«

Der Marquis stand aufgerichtet im Boot, das schwankte unter krachenden
Wellen. Aber der Diener ballte die Faust, wies auf das Meer, das sich
dunkel donnernd zusammenballte! »Bin ich ein Hund, daß Sie mich mitreißen
auch da hinaus . . . zwölf Jahre habe ich Bügel gehalten, vor Frauenhäusern
gelauert . . .«, er röchelte und verzerrte sein Gesicht vor Haß.

Da stieg dem Marquis das Grauenvolle des Abschieds bitter in die Kehle wie
kein Schmerz. Einen Augenblick hob er wie bittend die Hand. Als er von
diesem letzten schlechten Stück sich riß, versagte sein Herz, daß er es
demütigte. Er bat eine Sekunde. Dann warf der Wind ihm die Haare über das
Gesicht.

»Bleiben Sie ruhig,« sagte er, »behalten Sie die Pferde. Gehen Sie zurück
nach Versailles.« Er schrie, denn die Flut machte die Luft voll unruhigem
Geräusch. Das Boot schoß los, sauste eine grüne Welle hinunter. Der Marquis
nickte vom Rücken der nächsten dem Diener zu.

Der Segler rollte auf hohen Wellen. Der Marquis sah zurück. Auf dem
erhöhten Hügel der Mole lag Baptiste, das Gesicht stumm gegen den Herrn
gerichtet, der ihn verließ. Nebel kamen, verwirrten. Lösten sich und immer
brach sein Bild, auf den Knieen, die Arme verkreuzt, durch den Wasserstaub.

»Wie feig er ist«, sagte der Marquis, »und doch wie groß seine Sehnsucht.«
Da begann Baptiste zu schreien, als die Barke an den Segler rollte, die
Arme in die Luft zu stoßen, sein Haß und das Schmierige stritten mit dem
guten Gefühl. Vaudreuil litt mit dem Niederen. Aber er empfand seine Stärke
mehr zu leiden mit schmerzlichster Beschwingung. Die Tiefe der
Erschütterung gab ihm ungeahnte Kraft.

Taue klatschten aufs Wasser. Dreimal schoß eine breite Woge zwischen die
Fregatte und sie, teilte sie. Dann faßte Vaudreuil die Schlinge. Wie ein
Affe erkletterte er das Verdeck. Matrosenhände erfaßten seine nasse Taille,
schoben ihn herein. Das Schiff hatte sich weiß beflaggt, bog sich und
rauschte. Er sah die Küste nicht mehr. Möven lagen auf den Wellenspitzen.
Dann kamen Tage, wo die Sonne nur da war, der Himmel sich seidig
zusammenzog. Er sog den Geruch des Meeres ein, schaute auf das Spielen von
Welle mit Welle, der letzte Strich des Horizontes gab seinem Gefühl die
ruhig sich schaukelnde Sicherheit der Ruhe und des Glückes.

Am fünften Tag wurden die Segel gerefft, ein Sturm legte die Fregatte auf
die andere Seite, stieß ein Leck in den Speicher. Seekrank lag Vaudreuil
auf einem Haufen Taue in seiner Kabine. Sein Magen spie über Bett und
Tisch. Sein Geist litt unter der Beschmutzung seiner Kleider. Sein
kraftloser Körper, den nur einmal in Barbizon nach einer ausschweifenden
Woche mit Lilotte, der Tänzerin des Dauphin, ein Purgier mit Schweiß
befreite, litt unter der Ohnmacht und stemmte sich mit Wut dagegen. Aber
die Dauer des Zustandes führte ihn in die Überwindung. Ohne Zorn fand er
sich darein, daß seine Kabine stank wie ein Stall, daß er tagelang kotzte.
Als er geduldig ward, befreiten ihn helle Tage. Die Angel lag auf dem
spiegeligen Wasser. Matrosen saßen in den Takelungen. Mit weiß knatternden
Spitzen schlug das Meer gegen den blau aufbrechenden Horizont. Er fing
Germanen, köpfte sie, warf die Körper den Kabeljaus zum Fressen hinunter,
briet die Köpfe. Nie aß er früher so weißes Fleisch. Erfinderisch geworden
in der Ruhe, erfand er neue Speisen. Er röstete Flossen, briet Herzen. Der
Tag ward ihm phantastisch, spielend überwand er die Melancholie der Abende.

Das Schiff wendete. Die Segel klatschten, standen dick voll Wind. Matrosen
liefen mit Haken und Büchsen nach Backbord. Da stand am Horizont ein Schiff
in der Form saletanischer Piraten, das braune Segelzeug schoß scharf
drachenhoch vor dem Gelb. Der Kapitän schrie. Aus den Verstauräumen kamen
Kanonen angeschleppt, die sonst das Gleichgewicht des Schiffs gegen den
Wind stärkten. Da brauste es aus dem Sprachrohr des Drachenschiffs: »Vila«.

Da begannen die Matrosen zu grinsen, einer sang. Sie zogen die Hemden aus
und winkten in ihren bronzenen Brüsten hell zwischen den Leinen und dem
blühenden Himmel. Denn das Schiff war gascognisch. Vaudreuil blies die
Backen auf und ging hin und her den Abend.

Zwischen zwei Felsen fuhren sie in den St. Lorenz. Die Wände standen wie
Pyramiden. Schwärme langgehalster Vögel hoben sich, zogen endlose Spiralen
immer höher und schrieen. Morgens booteten sie aus nach Quibek. Vaudreuil
ging sofort zum Fort. Die Straße war kotig. Mit schmutzigen Schuhen und
Strümpfen kam er, nach Tang riechend, an die Palisaden und nannte seinen
Namen.

Abends erschien der Kommandant zum Bankett. Er hatte den ganzen Mittag die
Finger seiner Hände hin und zurück gezählt, um nicht sofort hinzulaufen.
Jedoch der Drang seiner Würde war größer als seine Neugier. Auf Vaudreuils
anderer Seite saß der Bischof in violettblauer Sutane. Ihre Fragen
umzingelten ihn, faßten ihn von immer neuen Seiten. Sie schlürften jedes
Wort. Der Geruch Europas war noch an ihm. Sie hielten sich gerade, aßen mit
Bewegungen, die ihren Namen entsprachen, wenn auch ihre Stoffe derb waren,
ihre Schuhe aus Rindsleder, das roch. Er gab, was er wußte, vom Hof, den
Städten, den Frauen, teilnahmslos, halb Gelöschtes aus seinem Gedächtnis.
Der Bischof riß einen Fisch mit beiden Händen am Schwanz auseinander und
frug: »Was planen Sie hier?« Aber Vaudreuil zuckte die Schultern. Sie
wurden verlegen. Der Kommandant trank rasch. Der Bischof leckte an seinen
fetten Fingern. Sie schwiegen eine Zeitlang.

Beim Dessert verloren sie ihre Haltung. Vaudreuil kam beim Pharao in
Verlust. Als sie zwei Rollen Louis gewonnen hatten, wurden sie höflicher
vor seinen Mitteln. Um vier begannen sie, gebranntes Wasser zu saufen. Boys
brachten Kübel. Um fünf saßen sie hinter den Karten. Vaudreuil hielt Bank,
gewann zurück. Ein Fähnrich kam in Verlust, man verweigerte seine Bons. Er
hockte sich in die Ecke, schrie: Germaine . . . sah nur Waden, beschrieb
sie mit dem Finger, leckte das Maul. Ein Offizier fiel um wie vom Schlag
gerührt. Der Kommandant zuckte die Achseln: »Er liebt, seinen Gewinst
festzuhalten.« Seine Hand schrieb eine Anweisung, die er rotglühenden Auges
Vaudreuil hinüberreichte. Sie machten eine Pause, aßen kleine scharfe
Fische.

Der Bischof hob den Arm. Schwenkte den andern auf, hob sie und senkte sie
heftig, bis der Apparat rauschte, seine blecherne Stimme anfing zu singen.
»Fettes Schwein«, sagte der Kommandant und schlug im Takt die Fäuste auf
den Tisch. Ein Hauptmann taufte einen Eingeborenen. Das Zimmer dick vor
Rauch.

Sie kehrten zurück zu den Karten. Die Sonne stand draußen. Der Bischof
setzte die Sutane. Verlor. Der zweite Fähnrich begann ihn sofort zu
entkleiden, wollte ihn als Adam durch den Morgen führen. Der Bischof
quietschte mit Faseltönen, flatterte mit den Händen, umwirbelt von Dampf.
Er stank aus jeder Pore. Dann weinte er und psalmodierte eine Beichte. Der
Kommandant bog sich von seinem Stuhl, fiel krachend zurück in die Lehne,
beugte sich wieder, krampfte die Arme über den Bauch und bekam das Maul
nicht zu vor Geheul. Vaudreuil ging hinaus.

An der Palisade erreichten ihn Schreie. Die Fähnriche brachten die Sutane
geschleift. Am Fenster hing der Mondbauch des nackten Bischofs. Eine Hand
hob sich über ihm, klatschte auf feine fette Schulter. Des Bischofs Arme
zeterten herunter, er wand sich. Seine Schinken hingen zum Fenster heraus.
»Also doch . . .« Vaudreuil bot Ohrfeigen mit, der flachen Hand. Sie zogen.
»Germaine«, brüllte der eine und fuchtelte in der Luft. Vaudreuil schonte
ihn, wandt sich zum anderen, der stieß ihm, schmalnasig und hager, im
selben Augenblick leicht in die Achsel, warf seinen Degen weg, salutierte
mit der Hand. »Es hätte auch die Kehle sein können.« Vaudreuil packte die
Sutane mit den Fingerspitzen, trug sie hinaus. In der Mitte des Zimmers lag
ein Haufen Fett, das den Himmel vertrat, vor dessen Umarmung jede trübe
Zofe flöhe. Er legte den blauen Rock auf den Haufen.

Den Rückweg verlegte der Kommandant an den Palisaden. »Den Degen.« Der
Fähnrich, zwölf Soldaten hinter ihm. Vaudreuil lachte, denn seine Stimme
lallte und überschlug sich vor Besäufung. Er richtete die Spitze des Degens
nach hinten, ging so auf die Wache zu. Sein Lachen steckte an. Zuerst
prustete ein Soldat. Dann lachten sie alle, schlugen sich auf die
Schultern, auf den Bauch, ohrfeigten sich, begannen eine Prügelei. Der
Fähnrich zog ein Lächeln um den dünnen Mund und salutierte. Der Kommandant,
Sergeant an Wuchs, donnerte wütend, die Soldaten johlten weiter. Der
Kommandant torkelte einem an den Hals, umarmte ihn, fiel um, ward
aufgehoben, schlug sich den Bauch vor Lachen. Er kommandierte die Wache zum
Salutieren, es geschah unter Schwanken. Arm in Arm mit Vaudreuil verließ er
das Fort.

An der Ecke blieb er stehen, stampfte auf, um fest zu stehen. »Ich muß Sie
verhaften, ohne Zweifel.« Er stemmte sich mit dem Rücken gegen ein Haus,
rülpste Gelächter. »Ich warte bis zum Abend.« Sie zogen durch die Kneipen.
In der dritten entlieh er eine Rolle Louis. Vaudreuil schlug sie ab. Es gab
einen Skandal. Mitten in der Szene vergaß er es wieder, versprach Vaudreuil
Weiber, frug nach Paris, schlief schnarchend ein. Die Nase fiel auf den
Tisch, begann zu bluten. Eine Rinne lief ganz langsam über die Platte,
schwenkte nach rechts, lief nach links. Vaudreuil blieb sitzen, bis es ihn
erreichte. Dann stand er auf.

Am Bootshaus lag sein Gepäck. Vor der Mole schaukelte ein großes Segelboot.
Wohin? Nach Montreal. Er erklomm das Schiff an der Seite, wo Männer
loteten; setzte sich unter ein Sonnensegel, zog ein Buch aus der
Manteltasche, begann zu lesen. Die Eingeborenen sangen vor sich hin, indem
sie die Segel besorgten. In der Stille verengte sich der Fluß, das Meer
blieb stürmisch mit schlagenden Wellen zurück.

Plötzlich stand ein Mann vor ihm, sprach ihn an, verdrehte die Augen,
schnitt Fratzen und bog die Nase nach oben. Zuckte mit den Achseln und
zwitscherte wie ein Vogel. Öffnete die Hand, schloß die Hand, verkrümmte
sich und blinzelte. Wandt sich von Vaudreuil, der weiter las, nach der
anderen Seite der Bank, verneigte sich, schwang die Arme nach hinten. Da
saß ein Offizier mit einem Orden, winkte mit der Hand, das Individuum
verschwand unter den Fäusten der Matrosen. Vaudreuil sah auf, beugte sich
etwas gegen den Offizier. Der erhob sich: »Courbisson«, der Gouverneur.
Vaudreuil blinzelte, schob den Mund schief, begann weiterzulesen. Die
Adlernase kam im Bogen, hing vor ihm, schnitt die Luft:

»Sie brachen heute mein Gesetz.«

»Es waren Schweine. Soll dieser Irrtum . . .«

»Haben Sie zu verlieren?«

»Das Leben.«

»Sie wissen es einzusetzen.«

»Der Ehre halber.«

»Das genügt nicht. Bei diesen Menschen bedarf es mehr.«

»Ich bin am Ende. Sah den Arsch des Bischofs die erste Nacht.«

Der Gouverneur griff an seinen Hut, grüßte, die Matrosen begannen zu
schreien. Baumstämme kamen angeschwommen, sie halsten, bogen aus, im
Schwung umschwebte sie eine betäubende Insel. Der Gouverneur strich den
Knauf, aus dem ein Löwe in die Luft biß.

»Ich bitte um zwei Fragen . . . haben Sie Mittel?«

»Die Diskretion der ersten läßt mich auf die zweite verzichten.«

»Ich rede in einer dringlichen Sache meines Herzens geschäftlich,« der
Gouverneur verneigte sich. Ein Haar breit.

»Ich habe keine Geschäfte.«

Da stieß der Gouverneur einen Fluch in die schmalen Lippen. Vaudreuil
machte eine unwillkürliche Bewegung. »Nein«, sagte der Gouverneur, lächelte
zerstreut, gewinnend, Unruhe wölkte seine Stirn. Da legte Vaudreuil sein
Buch hin, kam ihm entgegen: »Verhandeln wir.«

Courbisson errötete gegen die grauen Schläfen, begann sofort mit Charme zu
reden. Vaudreuil sah ihn aus aufgerissenen Augen an. Beim zweiten Satze des
Gouverneurs schlief er ein.

Als er erwachte, war es hoch im Mittag. Er war allein. Die Ketten
rasselten, die Segel hingen eingerefft, gebunden, der Anker hielt. Eine
Landschaft kam mit Wiesen heruntergespielt zum Fluß. Er sah große Fasane,
stieg aus zur Jagd. Die Nacht brach er durch Büsche auf dem Rückwege, fand
ein Blockhaus. Auf Heu schlief er. Morgens lockten die Stimmen der Tiere
sein Blut, er bestieg das Schiff nicht, blieb acht Tage, streifte, jagte,
brach in das Dickicht, das ihn schluckte, einsog.

Am neunten Tage trieb er ein Boot auf, fuhr langsam hinunter nach Montreal,
kaufte fischenden Matrosen ihre Kleider für die Jagd, trat in ein
Blockhaus, spreizte die Beine, warf den Kopf zurück und zeigte eine
Landkarte, fixierte ein Stück mit dem Blei am Ufer. Hinter dem Tisch der
breite Mann zog den Spitzbart. Vaudreuil sah in die Luft. »Das Stück ist
zehn Klafter breit,« sagte der Verkäufer. Vaudreuil zuckte die Achseln. Der
andere zog die Lippen nach vorn, schrieb, Vaudreuil zahlte eine halbe
Goldrolle, drehte um. An der Tür zögerte er kurz, ging hinaus, kehrte nach
zehn Schritten um, zirkelte zu dem Flußgebiet, das er gekauft hatte, das
ganze Hinterland dazu, sah fragend auf. Der Verkäufer grinste und schrieb
ihm den Urwald noch dazu.

Er mietete ein Rudel Gesindel, fuhr mit ihnen hinauf, ließ Hütten bauen.
Bald kamen Eingeborene. Mit Negern, die er kaufte, gründete er den Kral.
Dann warf er das Geld gegen den Urwald. Ein wütender Kampf bellte auf. Der
Wald wucherte mit Sumpf und Pflanzen gegen ihn auf. Tag um Tag fraß seine
Horde sich in den Wald. Er wirbelte die Äxte hinein, schnitt mit Feuer
Lücken, brach Boden auf Boden ab. Er umzingelte mit einer Gasse, die die
Kerle schlugen, die dicksten Plätze, hungerte sie aus, verwüstete sie, ging
zurück, brach vor. Die Sklaven starben an Fiebern. Er schaffte neue
Scharen, trieb sie gegen den Wald. Ordnete kleine Gruppen, fiel von den
Seiten, vom Rücken gegen das nie angegriffene Urstück. Tiere jagten nachts
heraus. Ein Löwe sprang durch das Dach seines Hauses. Er gab nicht nach.
Fauchend mit den Stimmen seiner Tiere wich der Wald zurück. Nun sogen
Weiden das Wasser aus den modrigen Ufern. Pflüge rissen in das Herz des
Landes. Ochsenwagen zogen nach dem Strom, warfen das Holz in die Boote,
nahmen Saat zurück. Meer von Weizen schlug in schönen Wellen gegen den
Wald. Herden suchten morgens, Boden schlagend, den Strom. Das erste Boot
fuhr nach Quibeck. Zehn folgten. Seine Wolle fuhr über das Meer. Schon war
der Wald eine ferne Linie am Horizont. In Tonnen und Schuppen stapelten die
großen Fischzüge. Er legte einen Gürtel Ablagerungshäuser an. Eines Nachts
flog ein Vogel vom anderen Ufer herüber, seine Flügel hatten eine grüne
Färbung. Als er am Giebel saß, begann das Dach zu brennen. Es war der
dreizehnte Schuppen. Vaudreuil ritt zum Inspizieren. Er fand nichts. Nach
drei Tagen ritt er denselben Weg, ließ es wieder aufbauen. Nach einem
halben Jahr kam er an einen Zug, der Tonnen Fische hinunterschleifte. Er
sprach mit dem Führer, sie bogen um eine Waldecke, da nahte ein Zug, es kam
eine Prozession. Vaudreuil stieg ein wenig in den Bügeln, kniff die Augen.
Dann führte er seine Leute zurück, in einem Hohlweg mit steilen Wänden ließ
er eine Tonne leeren, ritt weiter ein Stück, dann wieder zurück. Sie
erreichten den Weg, als die Läufer der Prozession auf den Fischen
ausglitten. Sie fielen auf Rücken und Bauch, streckten die Beine hoch, die
Zungen heraus, rauften sich an den Haaren. Die dicken Priester fielen auf
den Hintern und rutschten auf den Fischbäuchen die glatte Bahn herunter.
Geschoß kam auf Geschoß. Den Bischof warf sein Esel ab, er flutschte
vorüber, schlug mit den Armen wie ein Häher. Vaudreuil zog weiter. Zwei
Wochen darauf klopfte es nachts an sein Haus.

»Woher?«

»Quibeck«.

Sie machten dem Fremden ein Lager im Flur und lauerten im Halbschlaf mit
schrägen Augen, daß er nichts unternehme. Am Morgen ging Vaudreuil über die
Diele. Da stand der Fremde auf, griff in die Mantelbrust und reichte ihm
ein Papier. »Ich will es quittieren«, sagte Vaudreuil, kramte in Papieren,
sandte dem Bischof für die Exkommunizierung eine Verschreibung von seiner
eigenen Hand. Sie ging auf eine violettblaue Sutane. War vor sechs Jahren
ausgestellt.

Vaudreuil badete, salbte sich ein Stück, zog Strohsandalen unter die
Schuhe, es war Abend. Ging langsam zum Fluß, nahm ein Paddelboot, fuhr ab,
legte, als der Flußwinkel überfahren war, an im Gebüsch, kehrte zurück,
trat hinter einem Baum heraus mit einer Peitsche und verhieb Neger, die im
Garten tanzten und seine Hüte trugen, entließ den Aufseher, der in der
Küche sich Pasteten buk. Dann ging er über die Äcker zwei Stunden, bis er
Wald erreichte. Eine halbe Stunde lang suchte er, die Nase wie ein Hund
geneigt. Er fand einen Pfad, folgte ihm bis gegen Morgen. Dann schlief er
ein wenig, lief den ganzen Tag weiter ins Innere. Es wurde Nacht, er roch
Feuer, schlich sich heran, wartete eine Stunde, schnitt mit dem Messer
Gestrüpp, verknotete Schlingpflanzen durch, machte einen Bogen, schaffte
bis Mitternacht. Dann kam er an den Rücken eines Schattens, hob ein Tuch,
war in einem Zelt, zündete ein Schwefelholz an, hielt es mitten in den
Raum. Zehn Frauen saßen auf Fellen und schliefen. Eine stand auf, schlanker
als die anderen, blies das Licht aus. Er nahm sie auf den Arm, trug sie
durch das Lager in den Wald, das Kupfer ihrer Haut glänzte unter der
Dunkelheit der Zweige. Sie kamen an sein Boot zum Fluß. »Naimi«, flüsterte
sie. Ihre Augen der zahmen Antilope stellten sich in Rausch schräg gegen
die Wipfel, die über den Mondwellen hingen. Das Rindenboot glitt unter
Ästen mit singenden Vögeln. Ihre Haut roch nach ihren Speisen, nach
Wildbret und Beeren. Er strich ihre junge Brust hoch. »Perlen«, sie lachte
gegen die Hand, band sie in die blauschwarzen Haare. »Wie lange?« Er zuckte
die Achseln. Ihr aus den flimmernden Schatten des Waldes heraus geformter
goldbraun geschwungener Leib zitterte. Sie hob das Gesicht über den Rand.
Da sah sie in den Mondwellen die Perlen, warf sich nach vorn in die Knie,
herüber zu ihm, den Kopf auf seine Hände, die Zunge fuhr über seine Brauen,
die sich im Dreieck zur Stirne spannten. Er weckte sie aus dem Schlaf:
»Naimi«. Sie forschte erschreckt in seinen Augen; als sie Liebe sah, begann
ihre Haut sich zu färben. Sie banden das Boot an. Die Sonne ging über sie.
Manchmal erhob sie sich, sah scheu nach ihm hinüber. Am Abend fuhren sie
weiter. Das Rindenboot schlürfte am Ufer hin im leisen Takt des Stroms. Der
Mond brach weich aus allen Ästen. Ihre Brust war fruchtreif und klein, sie
flüsterte, erschreckt. Er sah sie an. Sie schlief ein. Sie näherten sich
seiner Ansiedlung gegen Morgen. Als sie erwachte, ihn erblickte, war ihr
noch munter. Später hieb er ihr gegen die Schenkel. Sie sah seine Stirn,
erbleichte, knackte zusammen. Beim Aussteigen drehte sie sich einmal noch
um, ihr schmales Gesicht sah ohne Ausdruck nach ihm. Dann sprang sie in den
Wald. Er trieb allein gegen sein Haus.

Er kam in seine Faktorei, kontrollierte das Schreiben der Aufladung. Da
trat ein Herr herein, grau an den Schläfen. Er ging ein wenig gebückt. »Ich
treffe Sie doch in Geschäften«, lächelte dünn. Vaudreuil verbeugte sich
wortlos: »Courbisson«. Der Gouverneur nahm Vaudreuils Arm, sie gingen durch
den Garten, das Haus, die Anlagen, ritten den Strom herauf, vorbei an den
Ausladehäusern. Sie gingen um die Schuppen, Courbisson prüfte mit der
schmalen Hand die Maiskolben, den Weizen. Er hob die Hand, beschattete das
Auge, blickte ins Innere. Er beugte sich noch tiefer: »Sie wissen nicht,
daß ich das, was hier geleistet, von Ihnen wollte, als wir das erstemal uns
trafen. Dies alles war meine Absicht.« Er fuhr mit der Hand im Kreis herum.
Dann nahm er wieder Vaudreuils Hand, er blieb bis zum Abend. Nach Tisch
schlief er. Sie tranken Kaffee und spielten. Gegen die Dämmerung redeten
sie monoton, einfach. Als es dunkel war, brachte Vaudreuil ihn zu seinem
Schiff. Sie waren noch im Garten, und eine Kröte sprang schwerfällig über
den Schuh des Gouverneurs. Er stand steifer: »Der Krach mit dem Bischof
stellt alles in den Einsatz.« »Ich weiß«, sagte Vaudreuil. Der Gouverneur
ging weiter. Von einem Baum knallte eine Frucht. Das Kinn des Gouverneurs
berührte einen Augenblick die Brust. Dann hoben sich seine Achseln, er
atmete tief. Am Schiff gab er ihm die Hand: »Besuchen sie mich.« Vaudreuils
Brust hob sich hoch, senkte sich.

Am Morgen torkelten über die Felder eine Schar Weiber, kamen in die
Umzäunung. Unter dem Schmutz erschien ihre weiße Haut. Sie kamen
halbverhungert aus den Wäldern, wo sie breitschenkligen Huronen
nachgelaufen waren, verlangten nach Essen. Sie waren derb und saftig, ihre
Kleider von Dornen zerfetzt, manche fast nackt. Die meisten waren
betrunken, schimpften vor sich hin. Er ließ sie hinaustreiben: Ein Neger
erschien mit einem Seil, das ein anderer faßte. Eine nahm ein Federmesser
und stach es ihm nach der Hüfte. Vaudreuil kam selbst heraus, langsam die
Treppe herunter. Ließ die Sau auf einen Stuhl schnallen, schlagen. Die
Neger rissen die Röcke hoch, schlugen ihr die Haut zu Striemen. Sie brüllte
eine Weile. Dann ward sie still, verkroch sich in ihren Körper wie in eine
fremde Hülle. Als sie losgebunden ging, öffnete sie den Mund, sang. Ihre
Stimme war angenehm, nicht mehr rauh. Das Lied war von den Vorstädten von
Paris. Vaudreuil ging die Treppe hinauf, er hatte sie im Rücken. Sie riß
das Palais Royal vor ihm auf. Er biß die Lippen, aber er drehte nicht um.
Sie hatte einen roten Strumpf. Dies verließ ihn nicht.

Im Sommer kamen die Meerwölfe ans Ufer, schlichen hinauf und schliefen. Sie
fuhren mit ein paar Schiffen hinunter, kamen in der Dämmerung an,
beschlichen die Plätze in der Frühe, hoben Gruben aus, versteckten sich,
warteten. Als die Sonne heiß ward, pfiffen sie, sprangen heraus, liefen
nach dem Strand und schnitten den Tieren den Rückweg ab. Dann schlugen sie
sie mit Knüppeln tot. Die Tiere gaben kleine Pfiffe, wehrten sich in
schnappigen Sprüngen mit dem Maul über die Luft rasierend. Müde von der
Jagd ritt Vaudreuil in die Stadt, suchte ein schlichtes Haus, trat hinein
zu Courbisson und aß mit ihm. Als er Abschied nahm, sah er, daß der
Gouverneur sehr grau ward: Er lächelte. In der Hauptstraße standen vor
kleinen Häusern europäische Weiber, hoben die Röcke, wiegten mit den
Schenkeln und pfiffen. Er ging weiter, der Geruch gepflegten Fleisches war
noch nicht aus ihm gewichen, und er, der die süße Frische der dunklen
Weiber kannte, war der talentlosen Liebe, mit denen Frankreich
überschwemmte, taub.

Der Mond kam aus den steifen, hohen Bäumen, er ging hinunter, das Pferd am
Zügel, sah die Strecke an, kam bis an das Ufer, ritt es hinunter, wo der
Lorenzo umbog. Da sah er zum erstenmal seit Jahren das Meer. Der Mond
stürzte aus den Palmenwipfeln heraus, sank gegen das Wasser. Da brach aus
ihm heraus, was er sieben Jahre bezwungen, was aber in der Reibung mit
seinem Herzen wie ein Wolf gewachsen . . . er drückte sein Gesicht in den
Bauch der Stute, zuckte mit den Achseln. Das Pferd hielt starr und
hingebend, obwohl er den Hals mit den Armen ihm verschnürte.

Er sprang auf das Pferd, mit träumerischen Zügen trieb es langsam ins
Wasser. Wo der Mondstrahl auffiel, spiegelte das Wasser wie Glas, das sich
drehte: Das Schloß . . . mit buntem Kies, gebaut für die Zärtlichkeit der
Frauen. Tiefe Fenster wühlten in der wollüstigen Blumendämmerung. Der Park
stand voll vom Duft der Rosen und Jasminen. Schreibend früh morgens mit
vier Sekretären, noch feucht von der Haut der Geliebten. Da schoß er Tiere.
Warf den Körper in das Bassin, das ihn kristallen umschäumte. Dumpfe Nächte
beim Kartenspiel durchschlug er mit schweißigem Haar. Ein großer Ritt, der
ihn mit Ruhm behängt . . . eine Intrige, die in London sich kraus
entfaltete . . . mit großen Orden, den Degen am Fuß empfing er eine
Fürstin, die Hand am Schlag und sie warf ihm Blicke zu durch das Glas, das
er geschmeichelt nahm. Dann nichts tun einen Sommer, als den Himmel ansehn
durch den Regenbogen der Tritone . . . er trieb das Pferd mit Schlägen; das
seichte Wasser schäumte. Er hob es am Zaum hoch und zwang es tiefer in die
Flut. Indem begann der Mund sich zu öffnen, zuerst leise im Rhythmus, dann
schreiend sang er, was von der Hure in ihm war. Das armselige Lied
befriedigte seine Sehnsucht tief. Als der Gaul versank, schwamm er weiter,
der Mond lag auf weißen Wellen. Er sang nicht mehr, das Wasser schlug an
seiner Kehle und erstickte seinen Ton. Sein Herz war so irrsinnig, daß, als
der Mund die Flamme nicht ausspeien konnte der Sehnsucht, es pochte dumpf
den Namen der Frau, das Übelste an Erinnerung, die er verachtet, um die er
sich geschlagen und die er jedem Lakaien gegeben. Das hatte noch sehr
Gewalt in ihm.

Als die Kraft ihn verließ und er unterging, kam Wehmut über ihn, er
arbeitete sich hoch, kam mit dem Kopf gegen die Küste, den Mond im Rücken.
Da, als er das Land sah, verließ ihn alles, er wußte nichts als Leben und
das Gefühl des Atmens durchstieß ihn so, daß er weinte vor Gier,
dazubleiben, die Arme zu strecken, nicht zu sterben. Er mühte sich dreimal
verzweifelt, die Welle schlug ihn zurück. Keuchend erreichte er Grund, kam
an die Küste. Fand sein Pferd, das mit dem Schweif schlug und wieherte.
Sein Atem schlug wie eine Säule über den Sand. Er stöhnte, machte drei
Schritte, erreichte den Gaul nicht, sondern fiel mit dem Gesicht auf die
Erde, breitete die Arme aus, schlief an ihr wie an einer Frau.

Spät am Morgen wachte er auf, drehte sich, nahm das Pferd am Halfter und
ging nach der Stadt. Er drehte sich nicht nach dem Meer um, sah es nie
wieder. Am Eingang zu den Häusern stieg er auf, glättete seine Kleider und
ritt durch. Am anderen Ende kam ein Reiter ihm entgegen, stellte seinen
Gaul etwas schräg, daß Vaudreuil halten mußte. Courbisson reichte ihm die
Hand. Einen Augenblick verweilte des Gouverneurs Auge auf Vaudreuils Stirn.
Er sah, daß er grau geworden war an der einen Schläfe. Er, täglicher Kämpfe
hart im Inneren bewußt, lächelte, sagte nichts. In der Nacht in seinem Haus
wartete Vaudreuil am Fenster. Der Mond flog zärtlich aus der Waldnacht im
Osten. Er sah ihm nach.

Wochen ließ er sein Geschäft laufen. Er sah nach, aber ohne die Schärfe des
Blicks. Eines Tags widersetzte sich ihm ein Arbeiter ins Gesicht. Er nahm
ihn mit sich in sein Büro. Sie sprachen zwei Stunden. Der Arbeiter kam
heraus mit verändertem Gesicht. Nach drei Tagen übernahm er die Leitung
einer Abteilung. Vaudreuil rüstete sich aus, schaffte zwei Wochen
geheimnisvoll. Als er frühmorgens mit seinem Pferd den Garten verließ,
stand der Arbeiter an dem Pfosten: »Nehmen Sie mich mit?« Vaudreuil ward
zornig. Dann beherrschte er sich, sein Gesicht ward versteckt, starrte über
die Bäume nach Norden. Er schüttelte abwesend den Kopf: »Ich muß hier einen
Vertreter haben«, er gab dem Jungen, dessen Augen hell und ärgerlich über
die Abweisung waren, die Hand. Mit ein paar Eingeborenen schlug er sich
durch.

Als die Flüsse auf Rindenbooten durchfahren waren, kamen Steppen. Eines
Morgens glänzte Weiß. Es war der Churchilriver, den noch kein Europäer sah.
Er überschritt ihn. Zehn Tage weiter entdeckte er Pelztiere, durchforschte
die Gegend, legte einen Schuppen, eine Kette Niederlassungen zur Küste an,
brach weiter auf. Er kam zu einer Erdspalte, überstieg sie. Wie von Öl
überglänzt, war die Ebene reich gegliedert von großen Seen. Wieder kamen
Steppen. Am Rand blieben die Eingeborenen stehen und frugen achselzuckend,
wohin er wolle. Er hieß sie schweigen und deutete nach Norden. Sie sahen
ihn scheu an, folgten. Sie hatten drei Tage nichts zu trinken. Ein Indianer
floh. Die anderen fingen ihn wieder. Er ließ ihn laufen mit so viel
Verachtung, daß der sich hinwarf und flehte, er solle ihn nicht verstoßen.
Aber er nahm ihn nicht weiter mit. Der Wilde folgte im Abstand, schlief,
lagerte, aß mit ihnen. Am dritten Tag wurden die Stimmen heiser. Morgens
tauchten drei blaue Punkte auf. Wilde nahten: hinter den Eisbergen sei das,
was Menschen tilge . . . Er ward ungeduldig und schrie sie an. Sie senkten
die Köpfe: er würde ein Greis, bis er die nördliche Küste erreiche. Sie
wiesen Renntierhörnerkeule: es gäbe keine Tiere mehr zum Jagen, nur
gefrorene Flüsse . . . Er zog die Brauen zusammen, daß sie im Dreieck
standen. Es trieb ihn, er hatte keine Macht darüber.

Vier Tage zog er die Eingeborenen mit sich Sie froren die Zehen ab im
Schnee. Sie wollten zurück. Er schalt: »Hunde.« Sie zeigten ihre Füße. Er
riß die Brust auf. Sie neigten den Hals. Er entließ sie. Im Abstand nur
folgte ihm der eine, den er verjagt. Eines Morgens fehlte auch dieser. An
diesem Tage traf er Eskimos. Er machte ihnen Zeichen. Noch eh er zu trinken
bat, grub er das Zeichen des Meeres in den Schnee. Sie schüttelten den
Kopf. Er würde den Punkt nicht erreichen, wo die Unendlichkeit der Ebenen
und die Einsamkeit seines Herzens Europa am nächsten seien. Er würde nicht
den magischen Pol seiner Sehnsucht erreichen, den sein Herz unruhig suchte,
ohne daß er wußte, zu welchem Ziel, in welchem Sinn -- -- -- er sah einmal
den Kreis langsam herum, dann fiel er ab. Sie schleppten ihn mit sich
südwärts. Als sie Lagerfeuer sahen, plünderten sie ihn aus, eh er ihnen
schenken konnte, was sie nahmen, ließen ihn liegen. Halbverhungert wälzte
er sich weiter, schrie und verlor die Besinnung. Am Morgen sah er, wie die
Indianer aufbrachen, er erhob sich und winkte. Sie sahen ihn nicht. Als
aber sein Leben dahinschwand mit den verschwimmenden Konturen der Zelte und
Haarbüsche, kam die Kraft über ihn, daß er lief wie ein Ochse, sie
erreichte, dort zusammenbrach. Sie pflegten ihn durch, zwei Monate lang. Es
waren Iroquois. Als er gesund war, hob er nachts ein Zelttuch, sprang
hinein, entzündete den Schwefelspan, hielt ihn in die Ecke. Eine Frau stand
auf, der schlanke Brüste wie Zitronen saßen, die den Shawl mit einer
gleitenden Leichtigkeit raffte. Sie hob den Kopf, blähte die Nüstern der
bourbonischen Nase, als röche sie ihn, der Blick der wildsamtenen
Antilopenaugen verdunkelte. Sie blies mit einer raschen, schönen Bewegung
das Licht aus. Ihr Körper war glatt wie ein Fisch, golddunkel. Sie frug,
wie lange, am Morgen. Er schüttelte den Kopf und nahm sie mit. Sie kam als
erste in sein Haus. Der Arbeiter gab ihm die Übersicht der Bücher und trat
ein wenig zurück. »Ich danke.« Vaudreuil gab ihm die Hand. Der Arbeiter
errötete, aber, da Vaudreuil nicht weiter sprach, wies er nochmals auf das
Neue, seine zehn Pfade am oberen Lorenzo, den Hafen am Ontario. Vaudreuil
nickte.

»Ist es nicht genug?«

Da sah Vaudreuil wieder über ihn hinaus wie am Morgen, als er aufbrach.
Seine Sehnsucht hatte das Tätige nicht gestört. Er stapelte auf die
Verträge von den großen Seen, die Abmachungen, die die Jagd am Sklavensee,
am Makenziriver in seine Hand gaben. Nun flossen die Felle des Inneren
nicht mehr zur Hudsonbay, nun durch ein neues Bett strömte das Innere zu
ihm. Nun liefen die Pelze übers östliche Meer, nach Europa. Seine Besitzung
am Lorenzo ein Strudel, der das Innere des Landes einsog und herriß. Was
war das Bisherige gegen diese Leistung, diesen Horizont?

Er sah dem Arbeiter ins Auge: »Organisieren Sie es.« Der zog den Mund
zusammen, bückte sich einen Augenblick, hielt dann erstarrt mit geöffnetem
Mund. Dann ging er hart. Nach einem Monat brachte er das Geschaffene. Er
sah auf: Wegweiser, Faktoren, Dolmetscher zogen ins Eis. Die faule Jugend
war diszipliniert, stieg in siebenjähriger Probezeit zu höherer Stellung,
zu Beteiligung, zu Prämien für besondere Leistung. Für Ausdauer stand Lohn,
für Ehrgeiz Befriedigung. Er machte Kräfte frei in gerechtem Wettstreit
. . . »Gut,« sagte Vaudreuil. Da nahm der Arbeiter seine Hand, sagte:
»Verzeihen Sie.« Er wollte kein Lob mehr. Kein Trotz war mehr in ihm. Er
diente.

Als die Frau ihm einen Sohn ins Bett warf, schreiend, daß die Mägde im Haus
den ganzen Tag zitterten, schenkte er ihr eine Kette mit gewundenem alten
Dukatengold.

Daran hingen drei achatne Kugeln.

Courbisson hielt ihn zur Taufe über das Wasser, obwohl die Mutter braun
war, denn seine Schätzung für den Menschen war noch geringer als die für
das Beispiel, mit dem Vaudreuil für das Volk schuf. Am Mittag kam ein Bote,
der die Nachricht hatte, daß ihm die Heimkehr frei sei, daß unter anderem
Gesetz die Stadt stände. Er ging zurück in den Schatten, wohin die Kerzen
nicht langten. Er würde Ruhm haben, Vermögen, Macht, Frauen. Er sah durch
das Fenster, wo die schwere Silhouette des Waldes noch sichtbar in der
Ferne schwang. Es ging über sein Gesicht von oben nach unten, von den
Wangen über den Mund. Der Gouverneur zitterte an der Hand, die den Hut
hielt. Vaudreuil äußerte sich nicht.

Im Frühjahr verschwand er einige Zeit. Rastete an Feuern, an Seen, Flüssen,
den großen Hauch des Daseins spürend, ging mit Zeit, mit Woche und Jahr.
Der Erde und ihrem Rücken verschwistert, die ihn mit Blut und Saft bis ins
Hirn durchspülte, gingen die Nächte über ihn, die Schwingen des
Sternkreises, der Monde. Er sprang in dieses Zelt, er zündete Hölzer an, er
verließ es. Er hob das Tuch im Wald, auf der Steppe. Nahm jene, dieses,
schwankte, ließ liegen, holte zurück unter Lachen. Schichtete um sich in
Zellen brausend Gelebtes, reich Durchgegangenes, hielt nicht an dieser,
jener Frau, glich sich aus in der Bewegung.

Am zwölften Geburtstag seines Sohnes kam er von einer Kontrollfahrt. Er
ging sofort in das Zimmer, wo von einem Hausmeister und Lehrer er das Kind
erziehen ließ. Von dort durch die Diele, kam er ins Boudoir seiner Frau. Er
sah sie vom Rücken, sie stand vor einem Spiegel und kämmte ihr Haar. Ihre
Lippen leuchteten voll und rot, der Nacken fiel mit der Glätte der Schlange
und als sie sich ihm zudrehte, standen ihre Brüste klein und gegen ihn
gereckt. Da sah er eine Flechte an ihrem Scheitel weiß, trat zurück,
erbleichte. Ging vor bis dicht an den Spiegel, sah über den straffen
dunklen Zügen sein Haar hell durchblitzt, stürzte hinaus. Drei Tage trieb
er wie irrsinnig durch das Haus, durch den Park.

Des Nachts brach er auf. Am Pfosten der Tür versuchte er seinen Muskel. Er
warf ihn auf. Sein Gesicht ward sicherer. Am Abend schmerzte ihn sein Fuß.
Er wurde kleinmütig, ging gesenkten Kopfes, setzte sich auf einen Stein.
Als er die Stelle untersuchte, war es eine Quetschung. Sein Auge hellte
auf, als er die Ursache sah. Er kam an den Elkfluß. Zog nördlicher. Kam an
den Athalaskasee. Schuf die Riesenfaktorei am Winnipegsee, nun würden
Tauschwaren in alle Eisbezirke laufen. Der Norden war aufgesprengt. Keine
Aufgabe weiter . . . Am Morgen erhob er sich, drang weiter vor. Unsinnige
Angst, daß das Alter nahe, daß er nicht mehr folgen könne, wenn sein Herz
ihn hineinstieß in das Sehnsüchtige, Dunkle. Er übertrieb seine Kraft, sich
selbst davon zu überzeugen. Er lag zwei Monate krank in einem Hüttenlager.
Gekräftigt, sofort trieb es ihn hoch hinauf. Er kreuzte durch verschneite
Prärieen am Hudson. Eingeborene wiesen ihn östlich, wo große Herden der
Pelztiere seien, Ebenen mit hohem Gras, Ochsen mit gestreifter Haut und
säulenhohen Hörnern sprängen. Aber sein Herz schlug: Nach Norden . . . Er
werde sterben. Es kümmerte ihn nicht. Sein Blut klopfte dumpf gegen das
Dunkle vor ihm, sein Herz kannte nur in ungeheurem Zittern einen Pol.

Er kam an einen Fluß. Aus der Entfernung einer Meile kam sanftes Geräusch.
Er schlich sich an. Ein Graben deckte ihn.

Wie Affen standen Tiere um einen Baum. Sie stützten sich auf breite
Schwänze, hatten die Vorderbeine an die Rinde gelegt. Mit weißen Zähnen
sägten sie nach gleichem Takt den Baum durch zwischen den Spalten ihrer
Gänsefüße. An der Ecke saßen zwei andere, machten Gesten, schrieen; womit
sie andere warnten, über die Linie zu treten, in deren Radius der Baum wohl
fiel. Nach dem Ufer zu zog sich eine geordnete Kolonne, die Äste trugen.
Der Fluß war eine unmeßbare Wabe, aus der die Kegelhütten hervorstachen mit
den Spitzen. Dazwischen ein Gewimmel von Tieren, die am Damm bauten, so
weit er sah.

Auf dem Fluß schaukelten Rosaschatten, der Abend fiel langsam. Die
Dämmerung hüllte das friedhafte Summen der beständigen Arbeit in stumme
Seligkeit. Der Mond schwang darüber, es nahm kein Ende. Der Mond bewegte
sich in der Elegie des tätigen Konzertes, der Baum fiel, aber er stürzte,
als der brausende Rhythmus der Tiere auf der Spitze der Empfindung schwoll.
In langen Kantilenen zernagten sie die Äste, bauten, schufen, langsam klang
die Nacht mit allem Geräusch in die beruhigende Kraft des Tieres.

Er machte eine Skizze, hielt den großen Biberplatz in der Hand, schlich
zurück, kroch in seinen Schlafsack, warf sich zwei Stunden herum. Dann
stand er auf. Zerriß den Plan. Hatte genug Vermögen. Langsam begann er zu
weinen. Etwas stieg auf, erhob ihn und durchdrang den Überschwang an
Dunklem, das seine Seele mit großen Trieben hinriß da und dort, aber immer
in einer Richtung, die sinnlos war vor unbewußter Sehnsucht. Das Gefühl
erfüllte ihn ganz bis in die Kammern des Herzens, bis in die Poren der
Haut, den Wuchs des Haares und gab ihm eine Schwingung, die er nie gepackt.
Hingerissen, zwischen den Schwüngen des rastlos Stoßenden, das ihn wegblies
wie gegen den Mond und zurückstieß gegen den Boden, den er baute . . ., in
einem unirdischen Ruhepunkt erlebte er die glücklichste Stunde seines
Lebens. Er rührte kurz an die selige Beruhigung, die als Achse zwischen den
Wagen seines Herzens stand. Auch dies verließ ihn nie.

Mit hölzernen Schlittschuhen trieb er das Eis der Flüsse südlich. Schon kam
Grün, Frühjahr wucherte aus verhaltenen Ästen. Vögel begannen
unwiderstehlich zu kommen aus den monderhellten Dunkelheiten des Waldes.

Von einem Hügel sah er zum Strom. Tausende Habitants, Sklaven, die die
Maisfelder dunkel machten. Riesenbogen der Landschaft gegen den Wald
gespannt. Eine Kette wie von ausgelaufenem Öl . . . die Schuppen, die den
Fluß gürteten. Schiffe schwankend zum Meer und zurück, Herden, die brüllend
aus den Weiden zum Wasser stampften . . . ein großes Tagewerk. Langsam
schritt er hinunter. Was blieb noch?

Er ließ die Äxte Jahre gegen den Urwald trommeln. Feuer qualmte am
Horizont. Menschen eroberten sich Erde, Acker. Es geschah mit Ruhe. Er
verließ sein Haus nur zur Jagd. Sein Auge verschleierte sich langsam. Er
lehrte den Sohn, den Wolf auf die glühenden Augen schießen. Eine Erkältung
schlich ihm von den Beinen gegen die Brust. Er stemmte sich etwas dagegen.
Dann lag er ruhig, als er sah, daß es nutzlos war. Er ließ das Bett
herumstellen. Sein Scheitel stand zum Fluß. Sein Auge sah in die
Landschaft. Bis an die Grenze der Wolken getürmt alles sein Werk. Er hob
die Hand über die Brauen. Die Silhouette des Urwalds war zurückgewichen. Er
sah sie nicht mehr. Dies wurzelte. Was blieb? Der Tod.

Er wartete acht Tage. Die Wolken staffelten Terrassen und flogen blitzend.
Sein Herz begann zu schmerzen. Aber mit den Schmerzen löste sich der Bann
und die ungeheure Treibkraft brach auf, und besinnungslos überfiel es ihn
vor Angst des Todes. Das Quellende, Heiße, das was flatterte und sich
bäumte, hob sich innen gegen dies kalt werdende Fleisch. Niemand kam zu
ihm. Allein lag er stöhnend, wünschend. Dazwischen fluchte er, kämpfte mit
aller Kraft. Er nahm ein Tuch und band es sich um das Kinn und den Kopf,
daß er keinen Laut gebe. Aber seine Lippen sprengten sich auf und stöhnten:
»Jardins . . . du . . . palais . . . royal. -- -- --« Es war das Lied der
Hure.

Aber auf der Spitze des Schmerzes fiel das Weh in sich selbst zusammen. Er
ließ den Sohn rufen. Sein Gesicht war klar. Er lebte noch einen Tag. Als
der letzte große Griff gegen das Herz ging, flüsterte er: »Der Biberplatz«.

»Ich verstehe dich nicht«, sagte der Sohn.




Der erste Abschnitt


Der schlief mit einer Dänin mit gelbem Fjordhaar. Er lebte ruhig, stiller
als Männer, die seinen Stand hatten. Er kannte keine anderen Frauen. War
rundherum sicher, wußte, was er tat. Als der Bogen beendet, starb er mit
gleicher Ruhe, wie er dagewesen. Sein Sohn glich ihm genau. Er hinkte mit
dem linken Fuß, hatte blaue Augen zu dunklem Haar. Der Besitz wuchs, indem
er ihn erhielt. Er hatte drei Söhne, einen erschlug der Blitz, der andere
schoß sich vor den Kopf. Der Letzte blieb. Er spielte am Strand, war
träumerisch und ernst. Sie lebten nach innen in der ganzen Linie. Nichts
stieß sie aus dem Kreis heraus, den Landschaft, Erdgeruch, Besitztum um sie
schlug. In der Pause erholte sich die Generation, schöpfte Atem, schluckte
nach innen, in sich hinein.

Als Daisy die Mutter verließ, flaggten die Schuppen bis Quibec, pfiffen die
Dampfer Schleifen und Spitzen bis zu den Großen Seen. Die Sonne schlug
durch den Zenith. Am Abend starb die Mutter.

Der Vater trat ins Zimmer, duckte den Nacken etwas, schwieg. Schalen
flammten in kurzer Nacht, umglänzten Daisys ersten Tag. Der vierte
Vaudreuil nahm die Hand des Bischofs, es sprühte in besinnungsloser Trauer
ihm das Gefühl der Ehre. Chorknaben durchsangen die Räume, schwenkten das
Rauchfaß. Abordnungen des Hudson neigten das Kinn gegen die Brust. Im
Fensterglas spiegelte ein Segler, der mit halbgehißter Fahne vom Ontario
kreuzte. Nach dem Essen legte Vaudreuil die feine hart gebogene Hand auf
die des Bischofs: »Sie irren, Eminenz, ich setze sie im Garten bei.«

Er stand am Fenster, sah, ungerührt, bewegungslos den Bischof hinabgehn,
die Turbine des Motors schäumte weg von ihm, warf ihm Blasen, Wellen
zurück. Abends kam für Daisy eine eingeborene Nurse. In der Nacht
verbrannte er seine Frau im Garten. Die Nurse senkte die Gardinen. In der
Dämmerung erst ging Vaudreuil zurück ins Haus. Abends trat er in ihr
Zimmer. Als er die leere Bettfülle sah, den faden Geruch spürte, begriff er
erst.

Blieb die Nacht wieder draußen, baute mit vier Gärtnern eine Hütte über der
Asche. Jeder Windstoß erregte ihn. Morgens ging Brise. Die Angst wuchs, die
Asche werde verweht. Sie war das Letzte. Von Montreal brachte der Bote den
Wagen mittags. Brown, anglikanischer Pastor, sprach Gebete. Früher wagte
Vaudreuil nicht, die Asche zu sammeln, so schmerzlich seinem Herz, das ohne
schlagende Dränge nur Liebe kannte zu Respekt und Hergebrachtem, der
Priester anderer Konfession war. Er trug die Vase selbst ins Zimmer, mit
straffen Beinen. Dort fiel er zusammen, schlug die Arme auf den Tisch.
Langsam, fest wuchs er in Stunden zurück, bis er senkrecht saß. Er würde
weiter leben. Auferlegtes Werk weiter verwalten, dies Schicksal tragen,
dieses und jenes, wie alles, das er, Erbe, trug. Doch ohne diese Frau,
. . . er schloß die Augen.

Brown zog in die Familie ein. Vaudreuil band ihn an Haus, Besitz und
Tätigkeit. Hätte ihn um sich gehalten, stänke er wie Aas, vergaß ihm das
Gebet nicht. Nichts hätte dies zwischen ihnen herausgejagt. Doch Brown
gewann nicht ganz Boden. Der Lebensschlag verwirrte ihn hier. Liebe aber
wischte ihm das andere immer hinweg. Er sprach eckig, unfrei, seine
Handgelenke, unter flatternden, fliehenden Manschetten, waren gerötet.
Einmal erleichterte er sein Gewissen, schlug den Übertritt vor zu seiner
Konfession, dies eine Mal gab Vaudreuil keine Antwort. Nichts war gesagt
worden. Brown war es los.

Vaudreuil rief den Vorstand der achten Abteilung, zog aus den Akten ein
Bündel, legte ein Papier auf: »Sie irrten.« »Ich würde bedauern.« Der junge
Bursche trug den Fehler selbstbewußt.

»Sie haben zum zweitenmal geirrt.«

»Zu Ihrem Vorteil.«

»Das spielt keine Rolle. Das dritte Mal entlasse ich Sie, so sehr Ihr Eifer
anerkannt wird.« Er drehte sich um. Der Vorstand trat vor, bleich, einen
Zahn in der Lippe. Vaudreuil nickte über die Schulter, der ging, errötete
vor Freude. Die Ledertür fiel. Vaudreuil senkte sein Gesicht. Das Gehaltene
verließ ihn, die Augen sahen durch die Papiere, Holz, Wand. Er ging in den
Garten. Jeden Tag ward die Frist größer, die er blieb, die Intensität
erschreckender, mit der er die Arbeit zusammendrängte, durchfuhr. Brown
sprang ein, wagte es (was allein er konnte), legte die Hand auf seine
Schulter, schlug einen Wechsel vor, des Wohnorts, der Luft. Vaudreuil
schüttelte es ab. Generationen hatten hier gelebt. Er blieb. Brown deutete
den Kiesweg runter, wo die Nurse das Kind heraufschob. »Es handelt sich
nicht um Sie.« Vaudreuil erblaßte etwas, er erkannte. Schwankte, ohne zu
zeigen, was vorging, einige Tage. Dann entschloß er, ging aufs Ganze.
Teilte; arrangierte die Übersiedlung zu den Ottava-Mühlen. Nachts schlief
er am Lorenz, war sein Plan. Morgens fuhr er im Auto zum anderen Stromhaus,
abends wieder zurück. Er hielt auseinander. Da starb die Frau. Dort lag
sein Werk. So hielt er Gleichgewicht, indem er nicht mischte.

Brown nickte in der Sitzung: »Sie bleiben auf eignem Boden.« Der Vorsteher
der Büros zog zwei Kreise, die sich durchbohrten: »Der Schwerpunkt der
Affären fällt nach Westen«. Nickte. War Franzose, der Plan war sein alter
Plan. »Es geht um die Gesundheit, Fidley. Zaudern Sie nicht, das zu
begreifen,« sagte Vaudreuil.

Mittags fuhren sie im Auto den Lorenz hinauf, folgten ihm in Launen,
Schlägen, Schnellen. Der Wald war dicht voll Saft, Sonne spielte in fetter
Luft. Vögel schrieen. Schlugen hämmernd hinaus in Weizenebenen. Kühe
tollten unter Bäumen, grad gesetzt, trächtig von Frucht. Blauer Himmel
stieg vom Waldblock herauf, überflog sich taumelnd. Die Nurse saß neben
Daisy. Der Wagen schwenkte nach Norden, fuhr an neuem Strom. Hinauf,
hinauf. Ein Gartenhaus stand unter Blumen. Ottavagemurmel nickte, schwamm
um jeden Kelch. Der Wagen hielt. Die Nurse packte Daisy. Sie stiegen aus.
Daisy schrie hell und scharf, verstummte, wachte auf. Lange dunkle Wimpern
brachen auf. Grau und stählern nahm der Blick die Landschaft, saugte sie
ein, als besäße er sie.

                                * * *

Kam sie am Arm der Nurse schlenkernd herauf vom Fluß, rollten die weißen
Sonnen der Sägen über ihr im Himmel. Gegen die Dämmerung heulten die
Dampfhähne, Feuersignale schossen aus Schloten herauf, herab. Um sie
wimmelten Menschen, grinsten mit gefletschten Zähnen, verbeugten sich,
trugen Hüte in der Hand an ihr vorbei, Weiber drängten um sie Koseworte
herum. Die Rollketten der Wegbahnen knatterten sich in endlosen Ellipsen um
den Horizont herum. Am Garten begann Duft sie zu überfallen. Aus Kronen
seltsam geformter Bäume schüttelten sich Schatten herunter, trieben im
Geruch. Nachts schlief sie auf dem Geschaukel des Ottavageräuschs. Es
füllte langsam, wachsend ihr Ohr.

Im Garten suchte sie Syg, Tochter der Nurse, hob die Goldregenzweige,
suchte üppige Grasrosenstände durch, zirpte in Schneeballendickicht,
Salmweiden: Syg. Sie schritten mit langen dünnen Beinen über den schiefrig
blauen Kies; setzten sich auf die Bank in die Sonne, sahen nach dem Haus.
Verschwand der Kopf der Nurse, streckten sie Zungen heraus. Erschien er,
scharrten sie träumerisch mit den Füßen, preßten die Ellenbogen aneinander,
verklucksten sich im Gegen-den-Boden-Lachen lautlos. Plötzlich drückte
Daisys Hand die Sygs hart. Die Zweige hinter ihnen wogten und schluckten,
fuhren rückwärts. Nach der leeren Bank flog der Nurse Geschrei.

Zuerst liefen sie durch Dickicht, Primelbeete, sodann kam das Hundeloch im
Zaun. Hundert Meter dahinter flimmerte Prärie. Unten tief in der zitternden
blauen Dunstwolke, die die Erdscheibe abbog, kam im Halbbogen das Atmen der
Gräser in endlos wellender Flut sanft herauf. Unsichtbare Vögel sangen
gedämpft aus dem Tau der Halme. Das Licht floß auf der Stille, wiegte,
glitt. Sie schlichen bis zu drei Termitenhaufen. Unordnung kam in die
brausende Stille, vom Zaun kamen Rufe. Sie lagen eine Stunde still im
Zittergras, trauten der eingebrochenen Ruhe nicht, die über sie spielte,
fürchteten das Spähauge, die schlaue Lauer der Nurse. Dann zog Syg die
Mittelfinger aus den Ohren. Sie hatten nichts gehört. Daisy hob die Nase.
Sprangen auf. Draußen kam ihnen Wind immer stärker, und wie sie liefen,
knatternd sturmhaft um die Schläfen.

Sie banden vom Leib sich Tücher ab, ließen sie hinter sich schwenken. An
der Erhöhung blieben sie stehen, drehten sie um sich langsam im Bogen. Die
Sonne fing an, danach sich zu richten, lief mit ihnen im Kreis, sprang aus
einem Tuch in das andere, mitten stand ein roter Knopf in das Viereck
hineingerollt.

Hinter der Schanze kam der Nurse Hand, faßte Daisys Gelenk, Sygs Ohr. Auf
Sygs Gequietsch legte Daisy die Hand auf der Nurse Leib, stampfte mit dem
Fuß auf, das Weiß des Auges bekam einen kristallischen Kern. »Do . . . do
. . . Daisy«, lockte die Nurse, knotete den Schürzzipfel, tuschelte damit
zu dem Kind, schnalzte mit der Zunge, hob wie der Kordelhanswurst die Arme.
Die Kinder lachten, hingen an ihren dicken Schenkeln.

Mit acht Jahren war das Tor frei, das Loch verachtet. Sie trugen
gleicherweise dünne Seide, dieselben Röcke bis zu den Knieen, Shawls über
den Schultern. Draußen zogen sie die Schuhe aus. Daisy bog sich in den
Lenden vor, ging steif auf den Zehen, die Hand mit gerundetem Daumen nach
unten. Sie schoß nach unten, hob eine Echse, genau am Hals gefaßt, ohne den
Schwanz zu beschädigen, hoch. Der grüne Leib zuckte, der Kopf fuhr unruhig
züngelnd herum. Riß einen roten großen Klapprachen auf. Ihn hielt Daisy an
Sygs Hand. Die schrie und machte die Faust. Daisy hielt ihre Linke darüber,
den Zeigefinger hinein. Wurde bleich, aber machte nichts, als es klappte.
Es tat kaum weh.

Syg lag am Bachrain ohne Mucks. Kroch auf den Vieren weiter, blieb wieder
Beine, Arme weggestreckt. Eine Grille schrie, Sygs Hand machte einen Bogen.
Der Schatten des Armes aber lief eilender, das Tier verschwand. Auf den
Knieen kreist sie herum, hing über dem Mausloch in Parade gegen die Sonne
zu. Dann Ruck auf Ruck kam das Tier. Sie fing es wie eine Mücke ab, fegte
es in die Faust. Stieß mißmutiges Geplärr aus, das Ungeduld bewies.
Schlenkerte zu Daisy, blieb neben ihr, setzte von hinten das Tier ihr in
die Brust. Daisy lief aufschreiend, beide Arme im Busen suchend, ein
schmaler Hund lief mit, bellte leis auf, fraß die Grille, die unten aus dem
Rock fiel. Sie tanzten zu dritt im Kreis, schlugen die Arme jedes quer über
den Bauch vor Entzücken, traten das Gras, das unter ihren Beinen elastisch
wieder sich erhob.

Tiefer in der Prärie bückte sich Daisy. Syg sprang ihr auf den Rücken, sah
sich um.

Dann zogen sie die Hemden aus, schlichen, die dünnen schlanken Rücken neben
den Gräsern, zitternd auf hohen Beinen nackt bis zum Baum. Sie legten die
Hemden auf den Termitenberg, warfen zwei Steine hinein, sahen Tausende
darüber wimmeln, Saft darauf spritzen. Erkletterte ein Outsider eine Wade,
hupften sie rehhaft herum, schürten aus Rache neuerdings in dem Haufen.
Dann griffen sie die Hemden heraus, liefen damit weit weg, schälten das
letzte Tier heraus, schnauften, legten die Gesichter in das Leinen und
sogen bis zum Rausch an dem Saftparfum. Als Pferde erklangen, lagen sie
tief im Gras. Fidley ritt aus dem Hochgras. »Sie sehen sich ähnlich.« Sie
sahen sich an. »Syg ist dunkler,« sagte Vaudreuil nach einer Weile.

Im neunten Jahr brachte Brown die Gouvernante ins Büro. Vaudreuil nickte
hinter dem Schreibtisch. Die harte Figur der Frau schob sich zu einem
Knotengeflecht zusammen. Dann wandte sie sich breit zu den Kindern. Daisy
gab abwesend ihr die Hand. Vor Syg harrte die Frau einen Augenblick im
Zweifel. Was in Daisys Blick an Zögerndem, Zweifelndem schwebte, ward fest.
Sie nahm Sygs Hand, legte sie in die der weißen Frau. Dann trat sie zurück,
lauernd, legte den Arm um die Taille der Nurse.

Nun lockte die Gouvernante den Widerstand aus Daisy heraus. Überraschte sie
mit neuen Dingen, Sachen, Sprüchen, Bildern. Sie bezog alles, was sie gab,
auf sich, als schenke _sie_ den Eifelturm, _sie_ den Tegernsee. Sie machte
Geschenke, nichtswertendes Zeug, das aber überraschte, einen Haarring, ein
Ericri. Sie sah die anknospenden kleinen Brüste, wo die Warzen schon unter
sanftem Rotsaft standen. Lobte die Glieder, den Hüftschwung zum Becken, die
Länge der Taille, die untadelige Wölbung, mit der der Schenkel abbog, mit
der das Knie in die Wade absank. »Du, du. Welche Größe habt ihr an Land. Da
werden Schiffe anfahren von drüben, Prinzen kommen, Daisy zu sehen, und
diese und diese Fahne wird aufgehißt.« Aber der Reflex war von Daisy ein
stummes Fragen. Anders sah sie das Weib nie an.

Da machte diese den ersten Umweg und verwöhnte Syg. Sie behandelte sie
gleich einer Dame. Da von Dienstboten Sygs Stellung gleich der Daisys
gehalten ward, solange sie Kind schien, aber nicht gefestigt war für
weiterhin, verwöhnte sie sie damit. »Du fährst dann in Autos. Durch Städte
drüben, sitzest in Konzerten. Du hast Perlen, Syg.« Syg lachte. Ihr
imponierte mehr Kölnisches Wasser, das sie auf die Haut strich, das
bitzelte und kühlte und roch. Ihre einfache Dankbarkeit kam der Frau
entgegen. An Daisy aber glitt Sygs Lobgesang vorbei.

Nun schlug sie die zweite Umwegstour und machte sich an die Nurse, nannte
sie Miß und schenkte ihr Tücher. Gab ihr einen Spiegel. Schwabbelnd hing
die Nurse an ihren Röcken, sprach nur noch von ihr. Die Kinder lachten. Da
machte das Weib die umgekehrte Taktik, versuchte die Nurse auszutreiben,
weil hier der Liebespol der Kinder lag, den sie umleiten wollte. Sie nannte
die Nurse Diebin, machte aus dem Spiegel eine verdrehte Geschichte. Aber
mit Feuer traten die Kinder vor die Nurse. Das Bild der prallen Brüste, aus
denen sie erstes Blut gesogen, lag ihrem Hirn so eingebrannt, daß kein
Verdacht, selbst keine Tat es hinausgewischt hätte. Dies gab einen vollen
Riß. Über ihn hinüber lauerten die Beiden. Da versuchte die Gouvernante das
letzte, doch es war hirnlos. Sie rückte sich dem Gestirn zu, aus dem
Schatten nach Vaudreuil, suchte ihm aufzufallen, an ihm sich zu halten. Er
sah sie nicht.

Nachts kratzte es an Daisys Tür. Sie öffnete. Syg gab das Zeichen. Daisy
zog die vom Weib verbotenen alten Seidenkleider an, sie verließen auf
bloßen Zehen die Zimmer, zwischen denen das der Gouvernante lag. Mondlos.
Dünne schwarze Schatten liefen sie unter dem Himmel. Zwischen Sternen
schossen unaufhörlich Wolken. Sie hatten nasse Füße vom Grastau. »Syg
. . . sieh.« Sie hob die Hand über die Augen, die Nasenflügel bebten.
Feuergeruch schwebte mit kleinen Rauchsäulen hintereinander deutlich
herauf. »Weißt du es, Syg?« Syg nickte.

»Weither?« Syg starrte, sagte leis: »Viele Tage.« Daisy legte die
Handflächen auf den Mund. Aus dem Dunkel kamen breite große Flächen. Um die
Ränder band sich weißer Rauch, sodaß es schien, sie flögen, dazu wellte der
Fluß Nebel in zuckenden Linien um sie hoch. Die offenen Feuer schlugen in
den Dampf hinein; brachten ihn zum Feuerexplodieren, Fächerstrahlen,
Prismenschleudern. Gestalten huschten herum, sprangen schwarz von einem
Ende zum andern. Ein riesenhaftes Ruder ward erfaßt von der
Flammenspiegelung, bis an den Horizont aufgeschwungen. Lautlos glitten die
Flöße so herunter.

Syg legte sich auf den Bauch. Die Stille summte von den Weiden herab.
»Los«, stampfte Daisy ungeduldig. Syg legte die Wange gegen die Erde,
stellte die Zunge gegen den Backen, ließ sie dann herausfahren. Zwei
wimmernde Töne stiegen steil durch die Luft! »Pha . . . lux.«

Auf dem Fluß erfror die Stille. Eine Sekunde setzte der Flußlauf aus, gebar
sich Leere, atemlos. Dann flog der gleiche Ton auf, langsam, weich und
gedehnt am Anfang, zitterte auf, sank ab. Das zweite Floß fing ihn auf,
ließ ihn nicht verhallen, setzte in der leisesten Verhallattitüde ein,
schwang ihn hinauf, warf ihn hinter sich. Das dritte bog ihn, ferner schon
und daher wehmütiger. Er schnellte den Fluß hinauf in Springkurven, fiel
irgendwie in den Horizont, dessen Mondaufganglicht ihn hochsog.

Sie gingen Hände ineinander zurück, Syg mit Tanzzucken, das sie
unterschlug, im Knie. Im Korridor stellte Daisy ihren Fuß genau so, daß sie
mit dem anderen ihn schnitt. Stolperte, schlug mit den Händen gegen die
Wand, stieß einen Säbel herunter. Syg hickelte erschreckt. Halbangekleidet
stand die Gouvernante im Gang, mit strohigen Zöpfen, ein dünnes Nachtlicht
in der Hand: »Woher?«

»Vom Garten.«

»Was war im Garten?« Nichts war im Garten. Lauerndes Schweigen. »Syg,«
sagte die Gouvernante, die Stimme überschnappte sich. »Wir waren beide im
Garten,« sagte Daisy schnell. »Syg,« ihr Licht schwankte, sie keifte.
»Hier,« Daisy warf Syg zurück, wiederholte Sygs dunklere Stimme, drang ins
Dunkel vor, empfing zweimal die knochige kalte Hand ins Gesicht. Am Morgen
saß sie auf der Terrassentreppe. Am Auto küßte sie sich mit Vaudreuil,
gingen die Treppe hinauf. Als Vaudreuil sie vorgehen ließ durch die Tür,
sah sie schräg zurück: »Was sagten Sie, wenn die Dame Syg schlüge?«
Eiskalt, neugierig ihr Blick. »Es würde an Syg liegen.« Sie war
stehengeblieben, etwas drängte ihn zurück, das hartnäckig tiefer herkam als
die gleichgültige Frage. »Wenn es nicht an Syg läge . . .« »Es würde wohl
an Syg liegen . . .« Da entfaltete sich ihre Stirn, hochmütig, sie gab es
preis: »Sie irren Papa . . . aber -- wenn sie Daisy schlüge und es läge
nicht an Daisy . . . oder: es läge selbst daran.« Die Frage schwebte
zwischen ihnen, erhielt langsam Spannung. Vaudreuil sah die Wange, die ihm
sich entgegenreckte. Sah kurz zu Boden. »Ich ordne es.« Sie glitt zur
Seite. Er ging hinein. Gegen Mittag fuhr das Auto vor. Die Gouvernante
darin, Brown stieg zu, winkte an der Ecke. Die geröteten Handgelenke
stiegen hoch, die Manschetten waren auf der Flucht.

Syg lief ein Stück nach, schwenkte eine Pfeifenstrauchrute. »Ich wollte
noch sagen, es ist das gleiche: ich und Syg.« Daisy sah auf ihre Nägel.
Vaudreuil fuhr mit der Hand hoch, als ob er gähne: »Es ist nicht das
gleiche. Aber du kannst es dafür halten.« Sie sah nicht auf. Nach drei
Tagen, als das Auto einfuhr, brachte Brown ein blondes Geschöpf, zitternd
vor Angst, voller Hingebung, dünn an Organ und Haltung. Sie erschrak heftig
vor Daisy, verehrte das Kind, war hilflos, gefällig. Diese Güte belästigte
Daisy. Sie verachtete dieses Wesen ein wenig und bemitleidete es dunkel.
Ein junger Mann tauchte später auf, lehrte alles, wußte alles, trug ein
Pincenez auf kleiner Nase, zog einen steifen Kordon um sich, den seine
korrekte Tätigkeit umschloß. In allem übrigen blieb er entfernt.

Die Mähder gingen im Blau des Damms wie im Himmel entlang. Kühe dampften
vor den Wagen. Als der Stier brüllte, rasselte der Horizont es rundherum
wie ein fliegendes Gong. Tausend kleine Blitze schossen im Gras die quer.
Sie gingen über die Biberwiesen. »Syg, waren es Chipeways . . . sag.«
»Chipeways.« Sie starrte in das Summen der Hitze. »Fahren sie lange auf den
Flößen?« Syg dachte an die Nurse: »Zwei Monate,« sagte sie unsicher. Daisy
zog einen Halm durch den Mund, kaute, schwieg.

Die Arme auf dem Rücken schlenderte sie vor die Nurse: »Du . . . du . . .
ei, habe ich Chipewaysblut ein wenig von früher?« »O . . . o . . . do
. . . Daisy . . . das sind Hurons.«

»Aber sind diese größer?« Kopfschütteln. Sie ging.

Ging sofort in das Büro, stellte sich neben die Ledertür an die Wand,
lautlos. Der Sekretär raffte zusammen, knickte ein, ging. Ein Vorstand kam,
referierte, ging rückwärts hinaus. An zwei Stenotypistinnen erging ein
niederprasselndes Diktat. Eine Kommission trat ein. Da sah sie Vaudreuil.
Sie ging sofort bis an den Tisch, legte die Hand darauf, sprach. Vaudreuil
kniff die Mundwinkel ein, um kein Zucken zu verraten, nur die Lider
blinzelten. »Du hast es von beiden, durch Mütter und Väter.« Sie blieb
stehen: »Syg hat auch von Chipeways.«

»Aber du hast edleres.«

Da errötete sie, ging eilig, sicher hinaus. Sagte Syg nicht, daß sie
edleres habe. Liebte Syg über jedes Schweigen hinaus, wie nichts.

Zum vierzehnten Geburtstag schenkte Vaudreuil ihr ein eigenes Pferd. Abends
ward sie ohnmächtig. Das Blut verließ zum erstenmal die Muttergrube,
sprudelte aus ihrem Leib. Drei Tage lag sie. Als sie herauskam, war sie
Frau. Auf der Haut saß ein glatter Reiz, um den Gang floß ungewisser
Zauber, wiegte hinter ihr her noch wie Zurückgebliebenes. Nur die Augen
wurden heller, besaßen mehr Kraft und Wissen zu durchdringen. Sonst zog
sich alles von oben zur Brusthügelung, unten von Fuß und Knie und Hüfte zum
Mittelpunkt des Leibes hin zusammen, sodaß das Weibliche, Auffangende und
im Wechsel Hingegebene deutlich ward.

Das Fräulein spielte große Kantilenen. Die Wochen wurden lang dadurch und
hingezogen. Es war, es käme Erlösendes, Rufendes von fern. Erlosch wieder.
Die Jahreszeiten änderten sich, öffneten wie Kapseln ihr Gehäus, gebaren,
stäubten ab, doch das Geheimnis, das ihnen innelag, äußerte sich nicht. Das
Haus ward eng unter vieler Musik. Sie schlug den Blick zum Plafond, haßte
Klavier und blonde Haare, aber sagte es nicht aus Bedauern. Auch der Garten
war schon Grenze und selbst das Hinundherreiten, das ins Wunderbare ging
und endete, hatte schon das Bekannte, hatte Meilensteine, Hürden, an denen
es zerschellte und vor denen das Weite erst brüllend vor Verhaltenheit lag.

Noch ritten sie um das Rondell, sattelten selbst. Schon lag der Zauber halb
verblättert, reckte darüber her anderer sich schon bitter, lockender und
schwerer im Blut aus der Unbekanntheit her auf, ohne daß man wüßte,
welcher, woher. In einer Lichtung bekamen sie Durst. Syg fand einen Ahorn,
schälte ihn an, bohrte ein Loch hinein. Aus einem dicken Halm sogen sie den
gelblichen Zucker. Als sie, satt, nach den Gäulen sah, umdrehte, starrte
Sygs Kopf glasig und eingefallen. Die Kupferhaut war molkig. Über ihrem
Kopf saß unregbar mit vorgeschossenem Kopf, noch schwebend, die Schlange.
Daisy sprang vor. Nun war ihr, sie fliege. Nun kam, erhob sich
Unbegreifliches, streifte sie mit Seligkeit. Ein ganz leiser Schrei verließ
den Mund, die Augenbrauen standen im Dreieck. Grau und kühl, flimmernd,
neigte ihr Blick sich gegen den des Tieres. Der Baum raschelte, es pfiff
und klapperte im Geäst. Auch Syg drehte sich nun ihr zu, weinte in ihre
Hand. Aber sie fieberte noch auf dem Pferd, hatte Aufruhr in den Knien,
wogte mit der Brust. Unglücklich verging die Nacht. Es war aufgestanden in
ihr etwas, hatte sie gestreift, sie wußte nicht, wie, wo, welche Sache. Es
hatte gebäumt und sich geduckt. Sie fror.

Die Siebzehnjährigen bestiegen einen Dampfer, den Brown gechartert hatte,
weiß wie Porzellan. Sie reisten ins Innere. Das Fräulein, der Lehrer
bezogen Kabinen. In hellen Kleidern lehnten die Mädchen am Reeling.
Vaudreuil winkte herauf vom Land. Browns Arme schlugen Rudertakt. Daisy
schmollte den Mund schief. Noch einmal: »Komm«. Vaudreuil lachte,
schüttelte den. Kopf. Man fuhr los. »Pa kommt nicht mit«, sagte Syg. In
Daisys Stirn fiel eine Locke: »Du solltest dich nicht weiß anziehen. Du
bist zu dunkel. Nimm blau.«

Vier Tage fuhren sie den Lorenz hinauf, die Hitze um sich, weiß. Abends
ankerten sie spät, um solang als möglich Fahrtwind zu haben. Dann kam die
Nachthitze traumhaft. Die schwüle Ruhe lastete mit sprengender
Unausgesprochenheit. Spät kam ein Dachs ans Ufer, hob die Ohren, legte den
Kopf fast auf die Luft, so weich, soff dann. Als nichts zu sehen mehr,
erhob sich das Schlürfen anderer Tiere. Mit jähem Luftdruck schwebte ein
Fregattenvogel von den Wellen glatt übers Deck. Aus dem blauen Dunkel
formte sich Figur, Geschehen. In weiten aufschwellenden Kreisen vollzog
sich Manches, nicht gesehen, aber gewußt und geahnt. Das Ufer, das versackt
drüben lag, spannte sich herüber, kam hergeschwebt, riß zurück. Das Gebrumm
der Mücken über dem Schlafnetz steigerte sich, bis, mit allem verwoben, es
eine Höhe erreichte, die sich selbst nicht mehr ertrug. Da schlugen aus der
Spannung von Masten, Geländerspitzen, kleine blaue Flammen auf.

Das Erregte ward nun lauschend, erwartungsvoll. Mit großen Augen
überwanderte sie den Dunkelheitsbogen. Ihr Herz machte sich heran an jeden
Laut, mit jedem Geräusch ging es hoch und tief. Schlug mit dem Gesäusel des
abfahrenden Wassers an Backbord, mit jedem Astwedel, der schauerte. Doch
kam es auch zurück. Sie fühlte in sich, als geschähe es in ihr, das
träumerische Aufschnellen der Fische und das jagende Husch, wenn ein
Nachtvogel die Seile durchschwamm. Irgendeinmal in solchen Nächten schlief
man dann ein.

Nun kamen Inseln. Smaragdgrün und gelb war der Strom getupft. Sie loteten
den Tag durch. Gemischtes aus unbekannten Blumen und Wasserfäule lag als
Barriere davor, erstickte sie fast, als sie eindrangen. Betäubendes
Labyrinth von Kanälen umgab sie. Die Inseln wurden kleiner. Ach diese, ach
jene, deuteten sie, und schon war alles verwirrt, erkannten sie die erste
nicht mehr. Sie sahen keinen Boden. Es wucherte nur. Nachts hingen
Schlingpflanzen herunter, im Licht, wie Drähte gespannt, die wogten, durch
die von Astlilien Kopfweh heruntersank und ein grausames Süßes, das sich
kaum über dem Wasser trug, einsank, in die Wellen mischte, so schwer war
es.

Morgens tat eine Bai sich auf. Silbern trat die Sonne aus dem Wasser am
Horizont, der ruhig, endlos lag. Sie atmeten tief in das nun Geweitete,
befreit. Am Mittag schwammen neue Inseln entgegen. Aus gewaltigen
Grasbüschen wuchsen Bäume mit kalt geformten Blumen. Schlugen Brücken
miteinander. Die Sonne war weg, der Himmel zu. Unten liefen
Regenbogenfische. Oben schwirrten bunte Vögel, ohne Rast in Bewegung und
Getön. Dazwischen wogte blauer heißer Dunst.

Abends kamen sie ins Freie. Sie liefen wehend zum Vorderschiff, winkten
hinaus. Schrieen: »Das Meer!« Doch im Untergang brach sich die Sonne in
einem gespaltenen Rubinfächer hinter neuen Inselherden. Sie griffen sich
auf, sammelten sich, umtrieben sie mit Kanälen und Buchten, in denen sie
irrten. Syg holte Daisy in der Nacht, sie schlichen im Schatten der Pflöcke
bis hinter die Taurolle. Am Reeling stand neben dem Fräulein der Lehrer,
sie sagten nichts, berührten sich nicht. Er wies immer mit dem Kneifer
gegen das Wasser. Da unten schwamm aber auch nichts. Jedoch sprang später
aus einem Baum eine Katze auf Verdeck, fraß neben der Küche zwei Hühner,
die Matrosen machten Jagd, und das Tier sprang durch die Glasscheibe in
Browns Kajüte. Die nackten Beine sehr verhaart, sonst nur im schwarzen
Predigtrock fuhr er entsetzt mit verschlafenen Haaren auf dem Deck herum,
bis man ihn beruhigte. In der Nacht fuhr das Schiff weiter, es gab ziemlich
Licht von oben.

Morgens erst schlugen Himmel und Wasser entfernt fest zusammen und machten
einen Kreis. Erst da ward es endlos. »Das Meer«, sagte Daisy.

»Es ist auf der anderen Seite.«

»Ich weiß Syg.« Sie machte einen Bogen, am Geländer saß Well, der Wolf des
Steuermanns. Er legte den Kopf, als sie sich kauerte, auf ihr Knie.

Gegen Mittag ward der Ontario tiefblau, spannte sich in gebogenem Spiegel
hinauf und in seidiger Biegung abebbend hinab. Im glänzenden Himmel
begannen Striche zu wachsen. Hoch über dem Horizont, fast wolkennah
schwebten drei große Schiffe. Der Mittag ward voller, ging auf wie ein
Gestirn, kam aus sich selbst und zerrann. Toste von Farben. Der Horizont
ward dunkel von Glut. Es ballte sich die Weite, durchdrang sich und lud die
Atmosphäre mit einem gepreßten ausschwingenden Atem. Segler nahten da und
dort, hingen Fahnen heraus, bogen über das glashafte Seidene des Sees
herab. Von eigenen Masten flaggten Fahnen, das Deck zog festlich, schmal
dahin. Unter der Brise legte das Schiff sich seitlich. Well sprang auf,
knurrte, schnappte nach ihrer Hand, sie zog ihn an der Gurgel wieder
herunter. Schaumdünn zog Land in einer reinen weißen Wölbung heran. Hinter
ihnen sammelte sich das Geweitete, schwang ab in Klarheit mit dem
berstenden Geknäul. In der dünnen singenden Luft begann das Segel über ihr
sich plötzlich zu drehen. Geräusch von Ruder und geschaufeltem Wasser fiel
aus ihr heraus. Mit dem davonschwingenden riesigen Segel flog es in ihr
hoch. Es bäumte sich wieder, überrannte sie, stieg aus ihr und gab sich
hinaus, erschauernd, tastend, eine Sekunde. Als ihre Haut zu zittern anfing
darunter, sprang das Knattern und Schäumen wieder in sie. Vorbei. Sie
bebte. Wandte sich um. Das Gewesene nahm plötzlich Platz in ihr wie vorher.
Aus einem Hafen kamen Drähte, Stangen, Schorne, schoben auf sie zu,
fesselten sie mit ihrer Gegenwart an. Sie fuhren ein in Toronto.

Brown brachte ein Tuch. Es ging auf. An der Mole flaggte es viermal. Sogar
eine Rakete schoß hoch und knallte. Darauf kamen Wagen hergerollt aus einer
schrägfallenden Straße. »Sie kommen«, sagte Brown, rieb sich die Hände,
schmunzelte verschmitzt, es ward eine harte Grimasse. Sechs Wagen standen
nebeneinander. Junge Leute sprangen herum, hatten schiefe Helme auf den
Köpfen, sammelten sich, stampften, stellten im Kreis sich um einen starken
Burschen und schrien Hurras. Der junge Mann sprang im Satz an Bord. Brown
fing ihn auf, umarmte ihn, zog ihn beiseite, wisperte, sprach, kicherte.
Hinter seinen Gesten sah der Bursch herüber, schnitt Fratzen vor Ungeduld,
trippelte, hob den Nacken, grinste ins Blaue. Brown brach ab, schnickte den
Kopf, nahm ihn am Arm, führte ihn sorglich hinüber, stellte ihn vor. Sein
Neffe.

Drei Stunden Zeit. Sie erkletterten Wagen, die Peitschen stäupten auf.
Fuhren den Strand entlang, sahen die Muscheln angeschwemmt in Wällen, einen
Fisch, den Dampfer Skania verkracht, die Kessel gespießt von Klippen. Sahen
grünseidene geschnittene Rasen abgleiten, Blumenschlangen, geordnete Beete.
Sahen von Basalt umstellt eine wütende Quelle, die trommelte, schlug,
aufstieß, im Schweigen noch bebte. Machten einen Korso. Stiegen ab,
empfanden, es war gut, war schön. Sahen sich in die Augen, sahen die Hände,
die Hälse, lachten. Tranken Wein, Schokolade. Lächelten, als Browns Neffe
den Lapin setzte, Brown abschob, bei ihnen landete, das Trittbrett abhieb
im Schwung. Sahen seine Achseln, das Braun des Gesichts, die Hände. Sahen
das weißhelle Blau um die Pupille. Fuhren durch Spaliere, hohe Drähte mit
Gärten, die schwebten. Durch eine Palmenallee, Bosketts mit Hyazinthen,
Springbrunnen, durch Berge Duft. Fuhren durch Straßen mit Riesenfelsen, die
selbst Dynamit nicht zerknackte, unbeugsam blieben. Fuhren unter
Hebelwerken, sausenden Oberbahnen. Fahren durch ein Dickicht, ahnten
Lichtes, spürten Bewegung, sahen dünn wie Lippen Gesträuch sich spalten.
Sagten: »Ontario«. Sahen den See.

Sygs Tuch fiel.

Die Augen streiften, erzitterten. Drei junge Männer sahen nach einem alten
Herrn, der ein Ei aufschlug, blieben daran, erröteten, drehten die Hälse
zurück, schwiegen, wandten sich immer mehr um die Achse, verrenkten sich,
sahen zuletzt in die Luft.

Daisy bückte sich, hob das Tuch selbst, ließ die Lider gesenkt, die
Mundwinkel etwas erschlafft. Lehnte sich ins Polster. Sah Pferdeköpfe,
Pferdehälse, Browns Manschetten kommen, näher, sich vorschieben, bog sich
hinüber: »Zum Hafen«.

Ging rasch, behend, teilte Handdrücke aus, suchte den Kapitän, ersuchte,
den Abend noch zu fahren, sah nicht zurück, pfiff dem Hund. Der Ontario lag
wie Stahl. Zwei gelbe Segel flauschten groß im Mondschein vorüber. Das
Wasser wellte, spielte um das Licht in riesigem Blaukreis. Sie schloß die
Augen halb, zog den Kopf des Hundes in den Schoß, einen Zug Leids von der
Braue nach der Stirn. Nicht um sich. Sie stand auf. Sie fuhren die Nacht
durch, den Tag. Fuhren an Dörfern vorüber, wendeten, sahen sie das zweite
Mal vorübergleiten. Kamen an eine Bucht, Gelächter erscholl beim Baden. Die
Linie aber wich nicht von der Stirn, die sich zum erstenmal verbog,
belastete, überschnitt. Sie fuhren nach Hamilton. Nach Oswego. Legten an
bei Port Hope, stellten den Dampfer ins Dock, fuhren nach dem Huron. Zwei
Stunden in der Bahn, erbleichte Daisy an den Schläfen, wimmerte hinter
verbissenen Lippen, fiel in Ohnmacht, erwachte die Nacht, fiebrige Augen im
Dunkel. Sie brachten Essen, Trinken. Sie starb fast unter dem Drängen.
Gegen Morgen frug Brown: »Was willst du?« »Zurück«.

Sie hielt dort an sich drei Tage, saß still bei der Mahlzeit im Garten,
fixierte manchmal das Auto, das kam, fuhr. Knüpfte nach dem Lunch eine
Hängematte auf die Veranda, stieß den Laden zum Privatbüro zurück,
schaukelte; als Vaudreuils Kopf über ihr war, sprang sie auf, eilte über
die Diele, trat in das Büro, bat, daß er Syg adoptiere, stand mit
ausgebreiteten Armen gegen die Wand.

Der Marquis blieb am Fenster, legte ein Messer auf den Papierstoß,
schnickte das Kinn hoch, zweimal, sah auf das aufgeschlossene Gesicht der
Tochter, aus der die Bitte troff, ein Leid sich weit erhob, starrte,
nickte, aber sein Blut, das ohne Dünkel war, sträubte sich gegen das andere
Blut, auf das sein Name, sein Blut sich legen sollte. Sagte: »Sie muß sich
gewöhnen, noch mehr Schmerz aus ihrem Blut zu haben.« Tonlos, ohne Bewegung
schlug Daisy die Lippe auf: »Sie würde es leichter tragen.« Ein Spalt warf
das Lächeln des Vaters über sie, überlegen, kühl: »Das ist kein Vorteil.«
Aber von ihrer Haltung ging es über ihn und was er vorbrachte hinaus: »Sie
wird es stolzer überwinden.« Da beugte der Marquis den angezogenen Nacken,
machte eine Bewegung mit der Hand, unwillkürlich, schwach, aber mit einer
Bedeutung, die sie ehrte und grüßte. Sie wurde rot, das Straffe, das sie
geführt zum Erfolg, zur Sicherheit, ließ ab, entfaltete sich in eine
rührende Bewegung. Sie ging hinaus.

                                * * *

An der Tür sah sie ihn gebückt, er schob eine Kassette auf, vernahm ihren
Namen, weich eingehüllt von ihm. Er zog die Nickelschlüssel, gebogene,
drahtschlanke, barocke, wählte klirrend, schob auf, kam auf sie zu, sie
ging entgegen. Er sprach beiläufig, ruhig, gewohnt: »Die Frauen trugen sie
zur Hochzeit. Dann ihr Leben. Ich gebe sie dir früher.« Sie trug eine Kette
aus gelbem geflochtenem Dukatengold, daran drei achatne Kugeln.

                                * * *

Lief stracks zum Schiff, winkte, kam näher, sprang auf das Brett, rief nach
dem Steuermann. Sah seine Hand, die die Luke aufstieß, zerlegenes Haar, die
Hemdsärmel, die Riemen, geblendete Iris. »Was willst du für Well,« sie
deutete mit dem Fuß auf den Wolfhund. Er fuhr mit dem Unterarm über die
Stirn, rieb den Handrücken über die Augen, zeigte rasch die Zähne,
schüttelte wirbelnd die Hand. Nein. Sie kam in der Dämmerung wieder, hob
die Luke, stieg zur Kajüte, stellte sich in die Tür, ließ sie offen.
Fragte. »Nein«. Sie lachte, kokettierte, betastete sein Messer, das grüne
Glas, den Wandkork, verzog die schelmisch gestreiften Wangen, sagte zweimal
plötzlich: »Ich lasse Sie entlassen,« ging mit hängenden Armen. In der
Nacht bellte es im Garten, ein Hund bellte wie auf der Jagd. Sie öffnete
die Balkontüre. Well im Garten stand naß, triefend, außer sich. Sie öffnete
unten die Haustür, ließ ihn herein, er legte den Kopf auf ihr Knie. Wie auf
dem Schiff. Sie vergaß es nicht.

Ging früh zum Dampfer, trat aufs Brett, zog es ab, fuhr zurück, rief in die
Luke, sah unten den Kopf des Steuermannes. »Ich bringe Well zurück.« Ging
mit langen Beinen rasch hinauf. »Do . . . do . . . Daisy . . .,«
schnatterte die Nurse, faßte ihr Kleid, küßte es, den Arm, schloß sie an
den Busen an, schmatzte, schlug die flache Hand auf den Mund, tremolierte.
Hatte von Vaudreuil ein kleines Haus, zwei Kühe, eine Magd. Klatschte in
die Hände, summte still vor sich hin, trat mit dem rechten Fuß dazu auf. Im
Gang tollte Well. Sie ließ ihn zurücktreiben. Saß allein in ihrem Zimmer,
schob das Hemd ab, sah im Spiegel über dem bronzenen Körper die Kette mit
den Kugeln, als liefe ihr Blut hinein, ihr Alleinsein, ihr noch
Unbekanntes, Umschwebendes, ungeheuer Verhülltes, glänzender und kühler als
ihre Haut, aber ihr zugehörig. Wie ihr Bein, ihre Warze, ihr Schmerz.

Der Steuermann am Morgen stand auf der Diele, zerknitterte den Hut, nickte
mit dem Nacken, breitete das Maul aus, fletschte, hatte einen Sohn im Büro,
spritzte Kautabak, fuhr Pelze seit Jahren, Schiffe, Städte, Stapel . . .
kaute seine Frau heraus, gab ihr Reiz, Alter, ein schiefes Ohr,
Zufriedenheit . . . riß den Hut hoch, die Tür auf. Well stob herein. Er war
unbrauchbar. Sie hatte ihn verdorben. Er blieb nicht mehr. Er brachte ihn
fluchend, Zwinkern in einem Auge. Sie suchte nach einer Note. Er nahm sie
nicht, hätte ihn nie verkauft. Er wollte ihn nicht mehr. Gab ihn ab. Ging.
»Gib ihm ein besseres Schiff,« sagte Daisy Vaudreuil, »ich will nicht, daß
er mir schenkt.«

Den zehnten Dezember fuhren sie nach Montreal, hoben Syg aus dem Auto,
hoben sie adoptiert hinein, kauften den Tag über, machten Kommissionen,
besahen, beschauten den Mittag, stopften ihn voll, eilend, häufend, bis er
abbrach, die Dämmerung kam mit Laternen. In einer Schwebebahn glitten sie
aus ihnen heraus. Weiß eingenietet brach die Landschaft gegen den Himmel.
Das Nachtlicht flog eisern über Kanäle. »Halt«.

Daisy stieg aus, sie suchten ihren Schleier, fanden ihn, stiegen ein. Am
Trittbrett wandte sie sich langsam herum: »Nehmen Sie vor uns Platz,
Fräulein.« Sie übersah den Lehrer, zog die Achseln ein wenig an, schüttelte
sich, legte den Arm auf Sygs Schoß, die ihre Grausamkeit nicht begriff. Vor
dem Schlafengehen gaben sie sich die Hand. »Du bist froh Syg?« »Ja.«

Der Winter nahm Kurve auf Karneval, steigerte mit jedem Tag, den er
vortrieb, das Gedrängte, Erhitzte. Männerstimmen jauchzten aus Schlitten
zu, die die Gegend überkreuzten. Aus Pelzen hoben, winkend, beringte
Frauenhände Tücher. Schellen überflirrten die Nacht. Auf Stahlringen der
Flüsse kerbten Kufe. Damen fuhren mit Meuten, die vorrasten, sich
überschlugen, Haken bogen, von Lachen aufgereizt, verärgert wurden, bis sie
sich verbellten am Schlag wie ein Wespenschwarm. Pistolen funkelten in
Wintersonne, schossen Salut am Portal. Illuminiert, aus jedem Loch Licht
stoßend, hingen die Häuser der Seigneurs am Horizont. Kostüme kamen,
bliesen Tuben.

Vier Fackelträger stiepten die Glut durch die beißende Luft. Alf fuhr sie
in einer Kurve vors Portal, die Pferde stampften in einer Wolke, spritzten
Schaum. Syg trug blaue Kleider. Diener stürzten auf die Treppe, zwischen
Kerzen über Treppen. Der alte Fribaurt führte Daisy. Syg hatte sein Sohn,
dessen weibische Lippen lächelten, ihre Knabenhände nachbebten, als sie
eine Orange ihm schnitt. Im hohen Fensterbogen sah Daisy sie
vorbeischwimmen, ihre Zähne leuchteten, den Körper eingespannt in den
Schwung des Partners, ihr Gesicht glatt wie Frucht. Sah Syg hineingleiten
in Unbekanntes, ohne Widerstand, ohne Bewußtsein, aufklingen in der
Saalluft, Fremdenlust, Manngetanz. Sie zog die leise aufschwebende Linie
zwischen Auge und Schläfe mit dem Finger aus. Im vierten Gang der
Familienquadrille blieb ihr Blick im Fenster, ihr Fächer fiel, ein kleiner
Schrei, die Paare verwirrten sich, das Arrangement schoß zum Teufel, die
Augen suchten an ihr. Sie deutete auf den Fächer, der alte Fribaurt küßte
ihr, zornkochend, ehrfurchtsvoll die Hand. Sie aber suchte sich noch einmal
hineinzubegeben in das Umfassende, das sie nicht faßte. Sie spannte sich
ihm entgegen mit aller Kraft und suchte es zu erreichen. Nahm den Arm des
spanischen Vetters, gab sich seinen Pas hin, der Eleganz seiner
ungewöhnlichen Kurven, schaukelte, am Platz drehend, durch alle Voluten der
Geschmeidigkeit, trieb mit ihm in die Entfesselung der letzten Äußerung
ihrer Körper. Zog zugleich die Kraft an und den Willen, tastete, drang vor,
erreichte nichts, erreichte Fremdes, glitt ab mit der Seele. Sein Knie
schob sich zwischen ihre Schenkel. Sie ließ die Arme los, die Nasenlinie
ward schärfer. An der Ballustrade erwartete sie Syg.

Alf auf dem Rücksitz kreuzte die Arme im Muff, Daisy führte, das Eis
schimmerte rosa. An der Ecke der Bucht knirschte das Eis, flimmerte im
Frühlicht, wurde tief, herb, hielt drei Meter, brach. »Pha . . . lux.«

Sie blieben sitzen. Alf kniete auf dem Eis, haschte die Schlinge, zog sie
an. Riß dem Gaul die Adern am Hals zusammen, zog sacht, langsam den Hals
des strampelnden Tieres hoch. Der Bauch schwappte, die Beine traten immer
mehr Eis hinein. Alf machte eine gewaltige Bewegung, das Tier ward
ohnmächtig, ruhig, ging unter. Nun zog ers herauf, schleifte es aufs feste
Eis, schlug die Schlinge ab. Massierte die Schlagadern am Halsstrang. Das
Tier röchelte, schnappte tief Atem, sprang plötzlich auf die vier Beine,
fing sich in der Kandare. Sie fuhren weiter. Syg klatschte mit den Nägeln
auf den Daumenballen. Da brach das Eis zum zweitenmal. Alf würgte das Tier,
um es zu retten, zog es herauf, frottierte es ins japsende Leben zurück.
Als sie auf das Haus zu hielten, zog Vaudreuils Auto, vom Lorenz her, die
Schleife am Fluß. Sie stiegen zugleich aus.

»Zweimal mußten wir das Tier erdrosseln,« Syg küßte ihn. »Zweimal«, lachte
Vaudreuil, schlitzte die Augen eng zur Seite. Daisy war bleicher, aber
schöner, gespannter als Syg.

Der Winter kulminierte, schwang auf der Kurve noch, floß herunter. Ging vor
den Fenstern irgendwie, irgendwo zu Ende, krepierte in den Mulden südlich,
fraß sich satt noch hinter dem Waldgurt zum Hudson. Irgendwelches geschah,
rauschte, färbte sich mit Männern und Frauen und Pferden hinter dem Glas,
das ihrem Atem sich zuwölbte. Manchmal gings in der Nacht über den Horizont
hin, wälzte sich, glühte sich breit aus, manchmal surrte es in der
Saublutsonne, manchmal war es unter sackendem Schnee, brüllte um den
Himmel, jagte an den Bäumen. Sie hob die Achseln, ging zum Stall. Das Eis
sprang bis hoch in den Norden. Alf wartete mit Gäulen. Abends kamen sie von
der oberen Mühle. Der Boden war fester. Blitzende Wolken flirrten zag und
dünn herbei. Hirsche scharrten um eine verdeckte Quelle. Sie umschlich, kam
heran, schoß nicht. Schoß einen Dachs, trug ihn ins Speisezimmer. Vaudreuil
erlaubte den Ausflug mit Alf zu den ersten Faktoreien. Ihre Schenkel waren
stark, sehnig, gereckt vor Grazie und Grausamem, die Hüften in beispiellos
abfallender Glätte. Zwei Tage sattelten sie. Alf pfiff die Hunde heran,
zurück. Ordneten, stapelten. Telephonierten, packten die Säcke für die
Tiere, Teppiche, Pelze. Am vorletzten Tag kam ein Segler den Ottava herauf.

Unter den Hurras wimmelte es an Helmen am Anlegeplatz. Brown schwebte auf
der Veranda, breitete die Arme, rief, was keiner verstand. Die Torontoner
Studenten kamen in einem überlieferten Zug, vorn ein Dudelsack, dann zwei
mit am Rücken gekreuzten Armen, hinten ein Trommler, ein Schaf, ein Kind,
unterm Arm einen grün bemalten Hahn. Ans Tor kam der Marquis, empfing,
lächelte ein wenig. Es waren Engländer.

Acht Tage fingen sie Fische. Lagen halbnackt auf den Balkonen. Schlachteten
Ziegen, Schweine, Stiere. Tranken in einer Mondnacht eine Bowle, steckten
eine Hütte an, fuhren mit Lampionruderern aufs Wasser, warfen um. Lungerten
die Weiber um die Pavillons, schrien nachts, quietschten, machten Vaudreuil
sein Schlafzimmer wechseln, kein Wort sagen. Spielten Dudelsack morgens,
abends, boxten, schrien alle durcheinander, hieben aufeinander ein,
entknäulten sich, zogen blitzschnell in Zweireihen singend ins Wasser.
Spritzten, badeten, rauchten.

Mittags ritt Daisy mit Alf und Browns Neffen über einer Fuchsspur, folgten
sie über einen Acker, trieben um einen Wald, durch einen Bach. Als der Mann
ihn im Schuß hatte, wich er, als bocke der Gaul, zur Seite. Daisy kam ins
Schußfeld, rümpfte die Nase über die Achsel, schoß nicht.

Alf wagte nicht zu schießen. Ritten stumm nach Haus. Ostwind hatte sich an
den Pappeln hochgewirbelt, war über den Wald aufgebrochen, losgesaust,
wellig, weiß, fließend ohne Pause stürzte er herunter. Sie fuhren ihm in
Jollen schnäbelnd mit der Pinne entgegen, flogen wie Weberschiffe herauf,
herab. Er faßte herüber nach ihrer Hand, da ließ sie den Fock los, der
Großbaum knallte ihm über den Kopf, er wandte, warf sich herum. Faßte
wieder ihre Hand, ihren Namen, ihren Namen vernahm sie, spürte sie, es
wickelte sie ein, das Segel flatterte um sie wie Vögel. Sie hielt sich
fest. Sie hörte immer ihren Namen flüstern, bis das Segel gegen den Wind
stillstand, er am Anlegeplatz stand, ihr die Hand hinhielt. Sie nahm sie
nicht. Sah durch seine ametystblauen Augen. Er hatte Syg übersehen, als sie
farbig war. Der Tochter Vaudreuils nun, adoptierter, geschätzter, machte er
Reverenz, Verbeugung. Er war feig. Sie wandte sich um, drängte dem
entgegen, was seine Augen an ihre band, ihre zu seinen hintrieb. Fühlte
seine Hand rückwärts an der Schulter, seinen Atem, die Lippen. Die Augen
standen im Dreieck. Ein grauer Schein stieß ihn zurück, verlegen,
stotternd, rot. Armselig und zornig stampfte er auf. Sie ging schon
hochmütig, entfernt. Langsam wich der Raum zwischen ihm, zwischen ihr. Die
Ecke bog am Bootshaus. Sie eilte, sprang hinter den Büschen, eilte auf der
Treppe. Sagte das Essen ab, krümmte die Schultern verzogen zusammen,
wimmerte im Sofa. Gab es eine Pause, kam das Bild zurück. Sie verzog das
Kinn, den Mund wie unter sauren Kirschen, Galläpfeln, die Haut schüttelte
sich. Zog die Bluse herunter, das Mieder ab, streifte das Hemd über den
Rock, wusch Wasser über die Brust und den Nacken. Zog sich aus. Sah zum
Fenster hinaus, legte die Hände mit den Flächen fest ins Gesicht. Sah den
bronzenen, gebogenen Körper aus dem Spiegel entgegenkommen. Da nahm sie die
Kette ab mit den Kugeln, raffte sie zusammen, schob sie in die Schublade.
Schloß ab.

                                * * *

Vom Hügel trieb der Fluß weit und schräg hinunter. Die weiße Fahne Torontos
leckte darauf, Segel schossen in die Tiefe hinab. Der Mond schlug noch über
die Felder. Die weißen Räder standen still im Himmel. Nach zwei Stunden
ließ sie Alf halten, ritt in ein Waldstück, kniete, wusch die Brust, den
Nacken in einem Quell. Sie horchte. Er flüsterte weiter, silberte,
verschwand im Laub. Blumenprärien kamen, ein Orchideenpark. Der Horizont
war manchmal gelb, fast seifig, eine Sonne wuchs daran sich hoch, sanften
Rots, später nahm der Wind ihren Glanz an, stimmte sich wie ein
weichkupfernes Abendinstrument, Oboe und Flöte. Mittags wurde er kalt. An
dem Bahnhof verluden sie die Tiere. Zwei Tage darauf kamen sie an die erste
Lager-Station. Ein Pavillon war reserviert, es gab viel Jagd. Alf packte
aus, Teppiche, Säcke, Gepäck. Am Morgen mußte er einpacken, sie ritten den
Tag, kamen in ein Dorf, übernachteten, kamen an die zweite Station. Alf
ging ein paarmal im Viereck um den Raum herum, schwang die Arme, sah unter
sich. Sie ließ nicht auspacken. Als er lange genug gewartet, ging er
hinaus, stieg in seinen Schlafsack, mummelte sich, fluchte, kämmte am
Morgen den Bart nicht. Vor dem Stall knöpfte er sich verdammend seine
langen Gamaschen. Ritt den Morgen hinter ihr her, blieb immer hinten, kam
nie an die Seite ihres Gauls. Sie hob die Hand, äugte nach einem Reh.
Fluchs hielt er seinen an, starrte ebenso. Sie hörte ihn in den Bart reden.
Sie rief ihn heran. Kurz blieb er auf gleicher Höhe, dann sockelte er
zurück, fiel ab, blieb hinten. Mittags trafen sie einen Jäger. Er gab ihnen
Brot, zeichnete mit dem Daumen, da ihm der Zeigefinger fehlte, einen
Halbkreis in die Luft. Sie näherten sich den Ringen.

Angezogen in ausgebuchteten riesenschweren Halbkreisen spannten sich die
Faktoreien, gleich Wellen anschäumend, gegen das innere Gebiet. Sie lagen
voreinander, Herden gleich, sprangen vor, bestürmten sich, wurden wilder,
angerissener, warfen mit dem letzten Halbring sich vor die starre
Endlosigkeit, nieteten sich gegen Eis, Horizont, blaue Klippen. Sie kamen
gegen den ersten. Sie mußten langsamer reiten, Alf kam nicht nach. Sein
Schimmel ging, als lahme er. Sie hörte, er glitt aus Fluchen ins Gejammer:
au . . you . . . wai! Spuckte und flennte. Sie ritt zurück, stellte ihn
gegen ihr Gesicht. »Ich werde entlassen.«

»Troll dich.«

Sie ritt weiter. Alf geknickt hinter ihr. Er durfte nur bis zur zweiten
Faktorei, nicht zu den Bögen. Die Junge vor ihm ritt, als sei er nicht da.
Es machte ihm Kummer, er zog den Nacken ein, wurde flau im Magen. Folgte.
Der erste Schuppen kam der dritten Linie, der zweite kam. Am vierten traten
sie von rückwärts ein. Alf schlich ins Nebenzimmer, sie nach. Ein
Angestellter hängte den Hörer des Telephons rasch ein, begann vor sich
hinzusingen. Ein bärtiger Riese trat ein, begann zu lachen, aufs Bein zu
schlagen, hatte lang keine Frau gesehen. Ein anderer flüsterte ihm Namen
ins Ohr. Es war deutlich: Sein Erstaunen war frisiert.

Sofort bot er Jagdplätze aus, erstand sich ihre Beachtung durch
Hartnäckigkeit, trat sein Zimmer ab. Es war schon geheizt. Sie sah sich mit
Alf an. Offenkundig Komödie. Sie waren erwartet, ohne gemeldet zu sein. Sie
blieb drei Tage, fing eine große Forelle, mit der sie eine Stunde kämpfte.
Sah sich nicht sonderlich um. Sie ritten weiter. Wurden an der fünften
Station schon erwartet. An der sechsten stellte man sich unwissend,
ungläubig, die Falte des Vorstehers bebte, gefiel ihr nicht. Am Morgen
machten sie einen Haken, kehrten zur fünften zurück. Sie war fast leer nun.
»Was sind das für Pelze?« frug sie. Schwarze Arbeiter deuteten: für die
Bay. Sie zog die Brauen hoch. Kein Wort. Alf bekam dunkelrote Schläfen und
brummte vor sich hin vor Zorn. So liefen sie das Seil der Schuppen weiter,
bis sie gegen die obere aufgespitzte Sichel kamen. Im Sand sahen sie immer
eine Spur vor sich.

Sie schnitten ab, liefen nicht bis oben hin, sondern zogen eine Sehne in
die Serpentine, kamen auf den neu geschwungenen Bogen, trafen Mittags die
Spur wieder, frischer Abwurf zeigte: sie waren nah. Bald sahen sie einen
Mann auf einem Esel, der zu entkommen suchte. Sie holten ihn ein.

Eine halbe Stunde ging es hin und her. Der junge Mann errötete tief, wilde
Augen brachen sich um, staunten. Von selbst nahm er ein Papier, gab es
ihnen. Sah noch einmal um, sie wiederholte ihm Wort für Wort, er prägte
sich es ein, ritt auf seiner Spur zurück, murmelnd, daß er es nicht
vergäße, jedes Wort im Mund haltend, wendend, beleckend, als sei es
wertvoll, Gold, ein Stein.

Abends kamen sie zu Colonel Bol. Er hatte, ein alter Offizier, zwei
Serpentinen unter sich, rollte die R, strich den parfümierten weißen
Spitzbart, küßte ihr die Hand. Sie hatte ein Zimmer, verblüffend. Morgens
früh strich sie mit Alf ins Gebüsch, es pfiff, durch die Lücke trat der
Bursche mit dem Esel. Sie nickte. Er nickte wieder. Empfing ein Billet.
Ritt nach Süden, zurück, immer rascher.

Bol genoß. Seine Spirituosen waren etikettiert, er ließ die Wahl. Fuhr sie
am Weiher, stand er am Ufer, klatschte Applaus. Einen weißen Hirsch gab er
zum Abschuß ihr, den er von Woche zu Woche als Dessert sich aufhob. Lieh
ihr seine Gummiwanne. Das Blockhaus roch nach Seife, Talkpuder, Wassern der
Walstreet. Unter Glas wuchsen Blumen, die Wasserpfeife stand im Brennpunkt
des Kreises Seidenkissen. In seinen Pelzschuhen, praktischer und wärmer,
kaum größer als ihre, hielt sie auf dem Anstand. Auf den Teppichen tanzte
Adimokuh, mit Säbelbeinen und Hängebauch, ein Negerzwerg. Er schleifte das
Traurigste der Welt auf seinen Knien. Tränen besternten vor Lachen die
Gesichter der Zuschauer. Bol lächelte. In seinem schmalen Kopf saßen Augen
des Elefanten. Spielte Whist abends mit Daisy, brachte sie bis an ihr
Vorzimmer, ging hinaus. Im Vorzimmer schlief Alf.

Donnerstags galoppierten sechs Gäule am umgerodeten Lagerplatz. Fidley, der
junge, zog den Hut. Die Jäger des Lorenz schossen vor Freude Flinten ab.
Der Bursche, der südlich geritten, drängte sich heraus, war brauner,
stärker geworden. Ritten zur Station. Aßen Lunch, eine Stunde, zwei.
Tranken die etikettierten Liköre, Wein und wieder etikettierte. Aßen
Geflügel, Braten, Gepökeltes, Rauchfisch, Muscheln, Schinken. Tranken
Kaffee. Danach stand Fidley auf, hob das Glas, trank es. Sah Colonel Bol
an: »Du bist entlassen.«

Kreidehell, mit zitternden Armen warf der sich im Stuhl zurück. Fidley
legte ein Papier auf den Tisch, hob die Faust: »Lump. Hund.« Langsam,
vornehm richtete Bol sich hoch. Frug hochfahrend, mokanter Lippe, zur Seite
geneigt, was den Irrtum ausmache. Fidley schlug auf den Tisch. »Die dritte
Sektion betrügt. Die achte hat siebzig Prozent. Tosson liefert zur Bay.« In
der Tür stand der junge Mann, der die Südlichen geholt.

Bol sah ihn nicht.

Wandte sich herum im Kreis, zu Daisy. Sie sagte: »Bei Versva verfaulen zehn
Ballen. Im ersten Bogen fehlt ein Schuppen. Die Staffel Bol ist halb, wird
ganz bezahlt.«

Da sah Bol den jungen Mann.

Stand auf, gefaßt, die Haltung gereckt, schön im Spitzbart, küßte Daisy die
Hand, ging hinaus, schoß sich zweimal durch den Bauch.

Vaudreuils Brief, aus Fidleys Tasche, hatte Gemischtes, Anerkennung,
Staunen, Lob, das verwischt und gedämpft kam, zuletzt Befehl: zurück. Sie
wog den Brief. Ritt allein los, ihn in der Hand. Alf folgte. Sie putschte
ihn zurück wie einen Hund. Er widerstand nicht. Wollte nicht bremsen. Nur
bei ihr sein. Weiter hatte er keinen Wunsch, tiefer ging das Hirn nicht.
Zum erstenmal gab sie ihm die Hand. Aufheulend nahm er sie. Sie kam an den
Rand des Hochplateaus.

Unter ihr brach es ab, zackte, wirbelte ein Stück hinunter, ward dann
eingeschlungen in das endlose Getöse, das in den Norden sich einfraß.
Sterne tummelten darüber auf wie Sand, der hochgeblasen kreist. Serpentinen
jagten zuerst noch in Schlingen voran, blieben dann hängen, schwach, dünn,
nichts. Aus dem grauen blitzenden Gewell kam etwas gegen sie, dem sich
etwas in ihr entgegenspannte in einer entscheidenden Bestimmtheit. Etwas
trat aus ihr, machte sie leicht, entstammt, entgegenschwingend. Sie hielt
den juckernden Gaul mit den Schenkeln. In ihrer Hand der Brief band sie.
Wog schwerer, hemmte das Überfließende. Staute es zurück, hart und
schmerzlich. Zog sie zurück. Das Herz, der Mann, der sie gezeugt, Geruch
des Stroms, der Gartenerde band sich an sie, riß sie zurück. Der junge
Fidley übernahm den ganzen Bezirk. Ihre Abreise feierten die Boys, salbten
sich mit Bols Parfüms, drehten die Haare, die Bärte, pomadisiert, in die
Höhe. Der junge Bursche trat herein, protestierte bös. Hatte Bol gehaßt,
gehetzt, erledigt. Verbot ihn zu schänden, wo er futsch war, im Weiher
eingescharrt. Fidley gab Daisy Bols Pferd, das so feste Hufe hatte, daß
mans nicht beschlug.

Als nach halber Tagestour die Eskorde zurückgeritten, glitt ihr Gaul aus an
einem Bach, sie fiel herunter, verstauchte sich die Sehne. Alf wollte auf
seinem sie reiten lassen, der Schmerz machte sie ohnmächtig. Er ritt
zurück. Aber obwohl sie in Decken gut und weich gewickelt lag, kam die
Nacht Fieber über sie, durch die Zunge sausten Stiche immerfort.
Eingeborenenweiber, von Fidley geholt, zogen sie aus, warteten sie,
pflegten. Wuschen, suchten Pretiosen im Achselhaar, fanden ein Zeichen am
Arm, Fisch und Pfeil darin, quatschten die Nacht darüber, speichelten,
summten, suckelten darum hin und her. Sie gaben ihr Milch mit Wurzelzeug,
hineingekocht. Die Nacht gab ihr warmen Schweiß. In wochenlanger Pflege
malten sie ihr mit dünner Nadel eine Sonne um den Nabel mit Strahlen und
Mondzeichen des Tages, an dem sie sie fanden. Kuriere kamen dreimal die
Woche die Kette der Faktoreien herauf, holten Nachricht, ritten zum Lorenz
wieder runter. Später lag sie in der Sonne vor dem Haus.

Dabei spielte sie mit Getier, Hunden, Vögeln. Einmal umschlich ein Fuchs
das Küchenfenster, wo Hühner hingen. Sie lächelte, gluckste, entsetzt
sprang er zurück. Da rief sie, heller bestimmender, er hielt. Sie lockte,
er kam. Nicht ganz, aber er stand im Kreise ihrer Stimme, die wie ein Lazo
ihn umschlug. Sie erbleichte, rückte zurück, lauschte dem Ton ihrer Stimme,
der nachklang. Versuchte sie wieder, versuchte sie neu. Als ströme aus ihr
hinaus, Gesichertes, Bezähmtes in ein Gefäß der Worte, das sie berauschte
und erregte bis in das Dunkel ihrer innersten Grenzen. Es sang und schwang
das Belastende herauf, machte es leicht, wirbelnd, später sanft und gelöst.
Sie entspannte sich in dem Rausch, hatte eine Macht und eine Befreiung.
Wundersame Ruhe machte ihre Tage lang, klar, gut.

Sie spielte mit den Weibern, Kindern durch die Stimme. Lernte das Organ
anzupassen, zu biegen in jede Leidenschaft, alle Bewegung. Spürte ihr Herz
klopfen, dann den stillen Mollton des Bluts. Lernte von den Weibern den
Dialekt. Als sie zum erstenmal ausging, trieben die Kleinen hinter ihr her.
Sie scheuchte sie, zog sie zu sich »Go« war: springen. »Fu«: erfroren fast
halten. Mit Vögeln gab es andere Signale. Ein Hase hielt bezaubert von
dünnem glasklarem Wimmern. Ein wenig blieb sie nachdenklich, ward traurig
bei ihm, denn ihr kam in den Sinn Well. Sie kam schon bis zum
Koniferenbaum. Dann bis zum Plateau. Das nördliche Flimmern tobte irgendwo
unter ihr. Sie ging davon, ungerührt. Ging allein, verschmähte die Flinte,
hatte Unlust zur Jagd. Allein im Gehen, Liegen, erfand sie Ton und Laut,
der wie ihr Blut spritzte, säuselte und bebte. Gab sich hinein in Klang und
Fülle der Vokale, als sei es ihr Anfang, ihr Teil, sich darin zu verbinden.
So kam auch die Gegend ihr näher, wenn sie sie ansprach, du Strauch sagte,
Silberlilie, lieber Dorn, mein Freund. Das wandte sich ihr zu dann, ward
mit ihr gefüllt, lehnte sich hinüber zu ihr, empfing ihren Atem.

Es kamen Schwäne und Musketen, hinter ihnen mit einem Wagen von der Bay her
Syg. Sie brach in das Verweilen ein, die Windstille des Daseins brachte
Unruhe, Ahnung irgendwie von Glück. Trieb Altes, den Lorenzfall herüber in
das Spiegeln des Weihers, blieb aber entfernter als sonst. Wagte nicht das
zu sagen, nicht jenes, denn sie befremdete Ungekanntes an Daisy, das
Nicht-Miterlebte, der Schauer der Krankheit und der ihr entquollenen großen
Säfte und Ideen. Das lag ein wenig dazwischen.

Fidley schloß den Wagen. Weiber heulten. Die kleinen Affen liefen eine Zeit
noch neben dem Schlag. Dann fiel es zurück. Ein Stück Land schob sich vor
sie, glitt auch zurück. Ein Staffel Matrosen erreichte sie. Dann faßte sie
fest in die Mähne des Gauls, schrie fast und erbleichte nach innen in einem
Schreck, des sie nicht bewußt ward.

Unten, unter Dampf lag ein Schiff.

Dahinter das Meer.

Der Bogen der Sehnsucht schoß ab, die Sehne brauste. Es trat aus ihr
hinaus, kein Brief, der es hemmte, kein Gedanke, nichts. Irgendwo in der
vor Blau zitternden Unbegrenztheit des Horizontes traf sich das Innerste
ihres Blutes mit etwas, dem sie sich hineingab, in das sie verströmte, die
Lider naß. Alles andere war Spiel, vergessen, lieb, aber ohne Gewicht. Als
das Dunkle in ihr hinrann in das Ausschweifendste und Hellste, an dessen
äußerstem Rand dünn die Erscheinung hing der Städte, Inseln, irgendeines
ungeheuren Daseins, schlug die Schiffuhr. Es war fünf Uhr am Abend. Die
Sonne hatte größte Kraft. Sie ritt bis an den Strand. Dort stieg sie ab.

Das andere ging fast traumhaft. Zu sehr war sie eingehüllt schon in ein
fernres Geschehen, vor dem der jetzige Augenblick nur als Pause stand. Sie
kamen in den Lorenz. Ein Auto wartete. Well sprang hoch. Der Steg. Palmen
hingen herunter. Kanonen lösten sich. Mövenschwärme in Spiralen. Wagen
wühlten hinter ihr ein Geschiebe. Männer kreischten Namen, Gepäcke. Sie
fühlte des Hundes Druck am Knie. Sie bewegte schmerzlich eine Sekunde die
Hände im Fell des Tieres. Dann kam der Ottava. Rauschte dunkel schon
entgegen auf Kilometer. Das Rauschen lag in der Luft wie ein Schneefeld,
sprang in Lawinen ihr leis entgegen. Die Mühlen rochen. Die Schreie der
Nurse blieben hinter Bäumen stecken. Das Gittertor kam, vertraut mit seinem
kalten Eisen. Glitt zurück.

Des Vaters Hand faßte die ihre. Die Treppe. Sein Mund im Kuß. Er hielt sie
stürmisch mit steifen Armen weg, sie ganz zu beschauen, spürte aus allen
Poren ihres Leibes ihre Richtung, das Hingewandtsein ihrer Seele. Er
erbleichte, senkte den Kopf. Glitt über ihren Leib mit dem Auge, die Brust,
den Hals, das zärtliche und hochmütige Kinn. In ihrem Auge saß, schlagend
und aufgedonnert das Meer. Das Aufgesparte und Vorbereitete in seinem nach
innen gekehrten Leben verstand den Ausbruch. Lächelte. Gab ihr den Arm. Sie
gingen hinein.

                                * * *

Das Lächeln hatte gewährt, Unausgesprochenem sich geneigt, bejaht. Es
erlosch. Nichts gab Erinnerung daran. Es fiel in seine Augen wie in einen
Schlund. Die Woche rollte zurück, wie gewohnt. Vaudreuil hütete sein
Gesicht. Schenkte ihr ein neues Pferd, bestellte ein Reitkleid aus Leder.
Griff vor, erwähnte Zukünftiges, das sich band an Ort und Zusammensein.
Berief einen Unterrichter für ungewohnte Kreise, baute ihr Zimmer an,
Tapeten kamen weiß geädert mit Gold. Besprach eine Überraschung für Sygs
Geburtstag in vier Monaten. Malte den Stand der Rosenbosketts aus auf
Papier, eine Pergola im Bogen vor den Terrassen, Fontänen, Vögel,
glitzernde Fische, sprach vom folgenden Sommer, dem Herumgehen, dem Abend.
Breitete die Zeit aus vor ihr, vor sich, uferlos, vorübergleitend über den
augenblicklichen Zustand. Ohne Pause, ohne Intervall. Sah sie wenig,
zwischen Mußestunden, bei der Mahlzeit, ging ohne Zögern von ihr. Ihre
Erwartung allein spürte, wie tödlich er an den Sekunden hing. Sonntag
bestellte er die Yacht nach dem Ontario. Sie bereiteten sich vor.

Montag früh berief er sie in das Büro, brach alles ab. Durch die Maske des
gleichgültig gehaltenen Gesichts stieg von unten tief das Lächeln herauf.
Gab Daisy von sich. Entfernte sie aus eigenem Entschluß. Löste sacht die
Ventile von ihr, gab dem nach, was herausbrach, trieb Mauer und Wand zurück
und bog sie hinter das draußen Strömende und Lockende zu einer tiefen
Wölbung, in die er schmiegte, was aus ihr drang. Diktierte nicht. Folgte
nur. Aber die Führung der Hand hatte die wissende Lindheit, die,
nachgebend, bestimmt. So, als sei sein Plan, sein Wille, was er nur abbog,
behütete. Widerlegte Widersprüche, die sie nicht erhob. Bewies Notwendiges,
das sie nicht bezweifelte. Baute eine Verbindung, die nichts mehr löste
zwischen ihm und ihr, indem er verstand und folgte, und das Kindliche, als
es abtrieb, selber abhieb und damit unverlierbar sich gewann.

Als der Tisch beim Speisen ihr zur schrägen Scheibe ward, durch den Raum
rotierte, Fidleys Pensionen, Schecks, Tips sie umflackerten, das Silber
flimmernd wellte, wogte, Sygs Auge schmerzlich, neidlos, neugierig aufging,
blieb ihr die Stimme Vaudreuils. Ruhig, gelassen wie im Nebel. Einen
Augenblick ertrug sie nicht mehr den trostlosen Schmerz aus der Gefaßtheit
des Tons, sie stand auf, wollte sagen, sie bleibe, nickte, schwieg, ging
hinaus.

Sie lief um das Zimmer, betastete die Wand, den Kopf des Betts, die
Girlande des Balkons. Der Garten. Wasserdunst lag, hob und senkte sich,
ausgeatmet ihr entgegen von der Prärie. Hindurch, das Auto blinkte vor der
Halle, stieß sich heraus, die gesiebte, durchlöcherte Brust fauchend,
zermalmend die Luft. Sie beugte sich über den Fluß. Murmeln koste ihr
entgegen, entzog sich ihr, floß tiefer, entfernter, uneinholbar. Drüben
schleuderten am Rand des Vorstellbaren Schiffe, Städte, Bahnen sich vor ihr
hin, rissen sie nach. Das Tiefe, Bleibende der Erde zog sie herunter, zu
sich. Es ging nicht. Aber es riß zu Schmerz mit einer Stille, die
verzehrte.

Sie legte sich auf den Bauch, senkte den Kopf zum Wasser. Über ihrem Nacken
stand schwingend, kreiselnd in der Luft, aufziehend, Glück, Ahnung, in die
sie hineinschwamm, sich hineinbegab, voll, ganz. Unter ihrem Gesicht
brachen Tränen. Zwischen beidem lag sie, faßte die Binsen in die Hand. Sie
wuchsen an ihrer Haut. Sie fühlte, erschüttert, wie sie sich vertauschte
der Landschaft. Ihr Leib wuchs fest mit Geruch und Duft der Erde. Sie faßte
das Gras, riß daran, es hielt. Sie tauchte die Arme ins Wasser, es war
eins. Legte das Gesicht mit der Wange gegen den Weidenstrauch, den
schlanken Baum, da blieb nichts übrig, was trennte, alles floß, verband
sich, gehörte zueinander. Was trennte, riß entzwei.

Sie spürte plötzlich, das war das Glück. Schon hinter ihr. Nun, wo erkannt,
verdorben, verloren für immer. Je mehr sie sich trennte, um so schärfer
schnitt sie der Schmerz, um so hemmungsloser brach dies Gefühl vor ihr auf.
Dies war ihre Heimat, durchspülte sie mit Erdsaft, machte sicher, frei,
groß. Was kommen sollte, versackte in Staub, bekam feindlichen Atem. Städte
lockten nicht, Menschen fielen schal ab wie von Drähten, Dampferschrauben
wühlten durch ihr Fleisch. Der Tag schien wie Tod, wenn sie sich löse.
Kraft und Sicherheit gingen aus den Adern. Es brach auseinander in ihr.
Teilte sich. Unaufhörlich ging es von ihr: Geruch der Bäume aus den Adern,
mit singenden Vögeln, lieben Namen von Booten, Wolken, Formen der Wellen.
Spaltete sich ab von ihr. Sie hob das Gesicht aus dem Gras.

Frühstückte. Das Nickel des Wagens saß in der Sonne gleich einem
schwingenden Insekt. Der Horizont ward heller. Sie ging zurück ins Zimmer.
Schloß die Schublade auf, wühlte aus der Ecke eine Kette aus gelbem
Dukatengold mit drei Steinen. Zog sie um mit einer langsamen Bewegung. Im
Spiegel schien es zurück. Das Rot des Achats leuchtete glatt und kühl. Ihre
Jugend stand darin, das Entfernte. Was hinter ihr lag. Die Stille, die
sehnende Ruhe des Blutes. Der Umkreis des so Erlebten spiegelte von den
Rundungen herab, das Land, die Wiese, das Gras. Sie warf den Hals im Ruck
herum. Trat hinaus. Biß die Zähne zusammen. Das Auto schlug an. Es ging
nicht anders. Sie folgte.

Fuhren Schleifen, den Fluß durch. Hielten am Lorenz. Hinter Zypressen ihr
Geburtshaus. Vaudreuil gab ihr den Arm. Das Tor zum Park. Elastisch gab
Vaudreuil Platz frei, ging dann rasch vor ihr. Als sie seinen Rücken sah,
begriff sie plötzlich, wie sehr er diese Frau geliebt. Fühlte, was sie
versäumt, stand ohne wissendes Blut des Verlustes, ertrug, was sie nie an
Mütterlichem besessen, ganz hell, in einer Sekunde. Die Überlast erhärtete
ihr Herz. Feindlich ging sie durch den Garten. Zedern reckten um die
Bleivase sich in das frühe Rot, Tau perlte in Ketten herab. Die Tür fiel
zu. Zurück, Wind strich über die Mauer, senkte sich brausend einen Moment
herein. Dicker Regen platschte aus einer Fichte. Der Wagen zog an. Bei
Montreal verabschiedete sich Vaudreuil. Plötzlich, daß sie erblaßte.
Zusammengepreßt: »Willst du mich immer lieben?«

»Ja, Liebling.« Sie gab ihm die kalte Hand. Tränen blieben hinter ihren
Lidern. Fuhr weiter. »Nicht traurig«, spürte Sygs Hand herüberkommen,
zuckte unter dem Schleier, zog ihn hoch. Zu dem blonden Fräulein: »Gehen
Sie gleich aufs Schiff.« Die Koffer stapelten sich. Das Meer schäumte
leicht. Von der Barkasse läutete die Glocke. Neigte sich, küßte Syg. Spürte
an ihrem Leib den Geruch wieder des Waldblocks, des Spiels im Garten, der
Betten, die nebeneinandergestanden. Sie atmete heißer, blieb eine Sekunde.
Dann stieg sie ins Boot. Syg winkte. Es war neblig geworden. Pendelnd,
unsicher schlug Sygs Kopf aus. Bald rückwärts, bald zur Barkasse, die
vorwärts stieß. Winkte noch einmal. Drehte um. Über dem Wagen, den
schiebenden Gäulen stand Abglanz von Blau, Berge, See. Ging ihnen zu.

Das Ende.

Es schien ihr, es müsse geschehen etwas, irgendwie. Sie empfand jede Wolke.
Jede Linie der Küste legte sich hart um ihr Herz. Die Pause ging. Nebel
häufte sich dünn vor das Land, Die Barkasse drang weiter in Flut, entfernte
sich, heulte, stieß vor. Nichts geschah. Da überwältigte sie der traurige
Gedanke mit solcher Gewalt, daß sie den Messingknauf des Geländers zwischen
die Hände preßte, die Stirn zusammenbog mit aller Durchdringung, in der
Schmerzlichkeit der Flucht noch die übersinnliche Kraft des Glaubens: nun
reiße die Küste ab, komme herüber, hielte sie. Da schwand das Land. Der
Schrei blieb in der Kehle, erstarrte. Die Faust ballte sich ihr in Haß.
Wandte sich zornig ab vom Boden, den sie liebte. Haßte jede neue
Luftschicht, jede Fahne, Gaffel, Signale um sich. Trank Gift mit dem Atem,
der ihr von der anderen Seite entgegenströmte. Wandte sich aber mit
tieferer Ablehnung weg von dem, was hinter ihr lag. Vorbei. Das Letzte. Die
Augen brannten hell, grau. In rotem Nebel begannen Maschinen zu stampfen,
pufften den Boden auf unterm Fuß mit kleinen rhythmischen Schlägen. Sie
wandte sich um. Die Achseln zuckten. Das Meer vor ihr aufgewölbt von Glut.

                                * * *

Zwei Tage Nebel vermiesten, das Pack johlte, die Feinen wurden nervös. Ein
Matrose griff fehl, stürzte aufs Deck. Ein Gaul brach aus, sprang ins
Schwimmbad, brach den Hals. Abends im Zwischendeck schlug sich ein Dutzend
um eine braune Hure. Einer hatte einen Bruch, einer schlug hin auf den
Bauch, heulte und schrie »maman«. Ein Weib lief mit halbem Ohr und sammelnd
durch die Klassen. Rotteten sich zusammen, spießten einen Alten auf die
Arme: »Vieux Ga . . ga.« Eine dunkle Kugel schob aus dem Wasser, über ihr
ein singender Tag.

Am abgesperrten Zipfel des Promenadendecks lagen drei Malariakranke. Zwei
unterhielten sich den Vormittag, mittags wurden sie gereizt. Trommelten mit
den Daumen, rauchten. Abends machte der eine Vorwürfe, gereizt, heftig, der
andere pfiff leis. Der dritte schwieg.

Sah durch ein Glasfenster auf den Korso, langweilte sich am Geschauten,
spiegelte sich allein in dem Glas: zerrissenes Gesicht, geschmeidigen
Körper, rote Haare. Ein Mischling kam, schöner als ein Weib, flüsterte,
verbeugte sich, kam mit Whisky. Der Mann deutete heftig aufs Glas, der
Diener öffnete den Riegel, folgte dem Zeigefinger, sah eine Frau, einen
hünenhaften Mann, nickte, verschwand. Kam in einer Viertelstunde zurück.
Das Paar passierte von Norden her. Lackaugen vom Mann her wanderten
herüber, blieben. Die Frau gähnte. Zwei Tage ging der Korso, zogen fern
langsam Dampfer vorüber. Das Fieber sank, Temperatur ließ nach. Der Rote
erhob sich. Ging am Arm des Dieners hin und her auf der Promenade, anderen
Tags allein am Stock. Fiel auf, elegant, zerrissen, glatt, Augen voll
Geist. Verschenkte Blumen, grüßte, ließ einen Windhund springen. Trug
keinen Hut, die Haare glühend über dem pockennarbigen Gesicht gescheitelt.
Eine Quintrone neben ihm, Chinchilla über der Schulter, schmalen blauen
Auges, auf hohen Beinen.

Warf plötzlich die Quintrone ab. Benutzte einen Moment: Ging vor, ans
Geländer, fuhr mit dem Tuch an die Stirn, knickte ohnmächtig gegen das
Eisen, der Riese stieß einen kleinen Laut aus. In seinem Arm machte er die
Augen auf, streckte sich lässig. Der Riese zog eine grüne Riechflasche,
hielt den Arm rund, weich, damenhaft, den Kopf schräg. Er atmete rasch. Der
Mischling Moki kam zu seinem Herrn, stützte den Roten. Der deutete aufs
Meer, das violett erzitterte, drehte sich um: »Le Beau.« Lächelte.

»Fribaurt«, sagte der Riese, sah nur den Diener. Le Beau lud den Riesen
ein, zeigte ihm eine Sammlung Säbel. Ging mit ihm durch den Lesesaal, die
Billardbälle. Gingen durch den Maschinensaal. Standen vor der schmiegsamen
Wucht fressenden Metalls. Hörten die Pfiffe, schritten weiter. Ging mit ihm
durch Regen übers Verdeck, sahen den Mond einschlucksen in grauen Brei, der
innerlich geschwängert Blasen aufstieb, Ballone ins Meer setzte. Le Beau
wickelte ihn ein, führte ihn im Kreis, in einer Spirale, streifte Moki,
trieb ihn enger dem Willenspunkt zu, stieß ihn hinein.

Verlor Fribaurt, polierte er die Nägel. Gewann er in Bakkarat, Poker,
Sieben, erschien Moki, servierte Zigaretten, Schnaps, Tee. Fribaurt juckte
die Haut, der Blick schweifte rechts, schweifte links, hatte keine
Konzentration, leckte über des Dieners Schenkel. Das Spiel blätterte
auseinander, die beste Karte schlug gegen ihn zurück. Verlor. Spielte
Paroli. Blähte die Nüstern, sog die Luft ein, die ihn verwirrte. Verlor.
Rannte in Paroli. Verlor. Moki verschwand lautlos. Die Summe addiert.
Fribaurt erbleichte. Schrieb einen Wechsel, legte ihn herüber. Le Beau
rührte ihn nicht an. Polierte die Nägel, sah Fribaurt starr in die Pupille,
führte ihn bis an den Rand der Spirale, in die er ihn schlug. Stellte ihn
neben das Zentrum, stieß ihn endlich hinein. Sagte leis drei Sätze,
abgehackt, deutlich, akzentuiert wie ein Ausländer. Fribaurt erblaßte ein
wenig unter der Hypnose des Klangs. Erhob sich.

Nahm Daisy am Arm auf Deck wie eine Kusine. Die Namen fielen. Sie sah
zwischen Pockennarben einen Blick, der elastisch in ihrem sich bog, ihn
durchstieß, unter ihrem gestählten Zorn nicht brach. Von der harten,
dunklen Stimme fielen Vokale mit glattem dunklem Wohllaut. Überrumpelt,
gereizt sprang sie zum Englischen. Er folgte mit gleicher Gewandtheit, wie
sein Körper, ihren führend, neben ihr ging, gebogen, nachgebend, hart,
fordernd. Er stützte sich ein wenig auf den Stock. Ihr Schritt ward
rascher, wogte auf und herab mit dem Schiffschaukeln. Er hielt. Über die
Achsel sah sie zurück. Er beugte sich, hob ihr Tuch. »Holen Sie kalten
Tee«. Es war heiß geworden. Er drehte um. Sie ging zur Kabine. Le Beau gab
das Tablett dem Steward, warf sich in den Liegestuhl, wartete. In der Kühle
kam sie herauf. Übersah ihn. Die Ablehnung traf ihn, verzog seinen Mund,
lächelnd. Am Geländer spürte Daisy die Richtung eines Fächers, zog den
Blick vom Rosafisch, der sprang, sah in die weiße Iris der Quintrone,
während die Zähne hell sich öffneten. Sahen beide in das Aufzucken der
Lichter, schlossen die Augen, sahen, wie das Schiff festlich, erhöht, auf
eine Masse Lichter zufuhr, die höher wuchsen und stiegen und an ihnen
vorbeiglitten. Die Dampfer tuteten, Lichtschnüre trennten sich, verblaßten.
Fribaurt und Le Beau gingen vorbei. Die Kreolin neigte den Leib, sprach mit
der ganzen Haut. Das Murmeln kam näher, spanische Missionsweiber
psalmodierten, sahen in die Dämmerung, die fiel. Der Quibekaner flüsterte
einer Frau zu, daß sie Regen beschwörten. Sie schrie auf. Er griff in der
Dunkelheit fest in ihr volles Bein, damit die Bewegung ihn nicht verrate.
Der Schrei deckte das Manöver. Am Schornstein applaudierten die Kanadier,
sie gingen langsam hinüber.

Da sah sie: im Kreuzschein der großen Signallaternen bewegten sich Fribaurt
und Le Beau wie Ratten, mit Brustschild und Maske, florettierend
gegeneinander. Le Beau lag wundervoll in der Hüfte, bewegte sich in der
Lendenwage nach oben gedreht mit fesselloser Kraft. Stieß vor, im Angriff,
schien plötzlich müde. Übersah die Quintrone, die mit aller Haut atmend in
seinen Blickkreis kam. Warf nur einen Blick seitwärts, der dirigierte Moki
hinter seinen Rücken ins vollste Licht. Seine hitzig kalte, fast brausende
Geschmeidigkeit verwirrte sich immer mehr in dem weichen unberechenbar
eleganten Schlag, den Fribaurt in zu seiner Größe und Breite erstaunlichen
fast mit dem Handgelenk gefächerten Etüden heraufwarf. Plötzlich machte Le
Beau eine stumme eindringliche Geste. Mokis Körper schälte sich
bronzeschmal aus der Dämmerung. Beau entblöste die Brust, fing Fribaurts
unsicher schwankende Spitze in letzter Sekunde auf, pfiff von unten die
Gegenlage, schleuderte aufspritzend das Florett des Gegners in die surrende
Dunkelheit. Legte Brustschild, Maske ab, sagte Fribaurt kalt
Schmeichelhaftes. Drehte Wasser an, wusch die Hände. Hob plötzlich den
Kopf.

Sammelte das Gesicht zum erstenmal ganz, legte es in den Blick. Warf ihn
mit einem wehenden Ruck herum, mitten in Daisys Gesicht. Entjungferte ihr
Auge. Traf es mit einer Gewalt und Absicht in einer eindeutigen Sicherheit,
daß sie wankte. Schmerz spürte, als durchstäche er sie. Ihr Blut aufflammen
fühlte, zurückstürzen. In den Adern eine bäumende, auflösende Kraft. Sie
gab den Blick nicht zurück, schloß über dem Vorgang die Lider herunter,
ging mit dem Gefüllten rasch hinab, unsicher, überwältigt wie ein im Schlaf
begattetes Tier, in der Haltung zart und süß, den Kopf mondhaft, nicht
weinend, zur Seite gebogen.

                                * * *

Sie schnitt ihn. Er übersah es. Sie brüskierte ihn. Er sah es nicht. Sie
reizte ihn, brachte ihn zu keiner Äußerung. Sie traf ihn auf Vorderdeck,
drehte um. Am Lunchsaal strich sie ihn fast, sprach abgewendet zum Steward.
Fuhr in seinen Satz, sprengte die Gruppe, in der er stand. Zeigte ihm ein
Maß der Ablehnung, das sie derart steigerte, daß er ein Lächeln einmal
abends darauf gab. Sie setzte die Kiefer fest aufeinander, behandelte ihn
gleichgültig, suchte seine Nähe, die sie gemieden. Frug ihn nach der Zeit,
lachend nach dem Barometer, scherzend, als glaube sie, es sei von der Jagd,
nach den Narben seines Gesichts. Er nahm es gleichmütig, erinnerte in
nichts an etwas, das traumhaft hinter ihrem Leben nun stand, sie trennte
von allem. Sie aufhob und ungestüm machte nach einer Entfaltung. Ihr Drang
nach Geben und Zurückströmen des Gefüllten war so groß, daß selbst die
nichtssagende Bewegung ihres Ganges, die Haltung ihrer Zigarette eine
Zugehörigkeit und Verbindung mit ihm annahm. Ihr nebensächlichstes Wort
hatte eine Umkleidung, das ihn stach. Ihr Gespräch mit anderen nahm
Richtung auf ihn. Er blieb gleich, unberührbar in seiner Glätte.

Sie wandte sich Fribaurt entgegen, holte den Klatsch herauf, trat ihn breit
mit ihm, vermengte, versträhnte ihn, daß Le Beau schweigend hörte. Sie
gähnte nicht mehr in des Riesen weibisches Gesicht. Holte neues heraus,
Unerfindliches, Entferntes und breitete es hin. »Sie haben durch den Fächer
bei der Quadrille einen Feind in meiner Familie. Mein Vater haßt Sie, daß
er Sie fast liebt.« Sie lachte ein Lachen, das kein Lachen war. Das
Schweigen neben ihr blieb. Sie lockte es nicht heraus. Sie übernahm sich im
Grauen davor, schob Fribaurt in Dialoge, denen er kaum folgte, erreichte
die Spitze des Erreichbaren: das Gespräch brach ab. Eine Pause fiel.

Da machte Le Beau eine Bewegung. Moki begann auf der anderen Seite
herumzulungern, glitt auf eine Bank. Fribaurt stotterte, zog den Hut,
verschwand Ihr Alleinsein machte sie wortlos, verlegen, fühlte sich
verloren. Was sie in ihn überleiten, ihm zurückgeben wollte, den Zwang
. . . es bog sich herum, ward Leere und Fassungsloses in ihr. Sie wartete,
daß er ihre Hilflosigkeit erkenne, benutze. Allein er schmiegte sich nicht
hinein, ließ den Augenblick verklingen. Es kam eine Ruhe über sie. Ihre
Hände ballten sich ein wenig zusammen. Er änderte seine Stimme nicht. In
der Nacht hörte sie sie im Schlaf, sie stieg mit ihr herauf ins Erwachen.
Sie bog die Beine herauf, legte das Gesicht darauf in schmerzhafter
Umarmung. Da schlug ihr die Stimme heiß ins Gesicht aus jedem Knie.

In ihre Augen, Schalen, legte er, was er wollte. Es war Schmiegsames,
Zartes, das sich mischte mit Stahl. Auf ihr Gesicht schrieb er Vorgänge,
ohne sie anzusehen. In sie hinein sprach er, ohne Widerstand. Nichts stieß
ihm entgegen. Gewölbt stand ihm offen das Ganze. Er schmiegte sich hinein.
Warf sein Leben hinaus ans Meer, es prallte zurück, umgab sie. Dämpfte das
Gute, hob das Schwanken. Baute sich aus in ihr, langsam, gespannt, weich
mit einer eindringlichen Unerbittlichkeit. Die Sonne ging in weißem Bogen.
Lauschend bog sie sich über den Tisch. Langsam sammelte es sich bei ihm.
Kam diesmal ohne Wucht, aber mit bis ans Schreien unterdrückter Süßigkeit.
Er flüsterte zwei Worte. Sie gab den Blick langsam, schwer zurück. Nickte.

Sie stand nachts auf. Es schlug zwei. Die Tür der Kreolin schloß sich, bei
Fribaurt glitt es heraus, dunkel und braun, verschwand. Sie ging die Treppe
hinauf, sagte die Nummer der Kabine mit weißen Lippen vor sich hin, suchte
mit den Augen, den Händen in der Dämmerung des Korridors. Ihr Arm blieb
stehen. Ihr Bein, magisch gezogen, ging unter ihr weiter. Ihre Haut glühte
mit einem Ruck. Da hörte sie neben sich in der Nische ein Geräusch. Sie
bückte sich, durch die Luke kam Nickellicht vom Wasser. Hinter Gittern
kamen die roten Augen kleiner Hasen an sie heran. Ihr Finger berührte die
bewegte Schnauze. »Go . . .« Die Tiere hoben sich, neigten sich herauf.
Begannen sich zu bewegen im Ruf, der sie traf. Ihre Stimme aber kam auf sie
zu, umfaßte sie selbst wie von anderen gesprochen, breitete sich in ihr aus
und verließ sie wieder in Seligkeit und Erfüllung. Was vorging, was sich
sammelte aus ihr heraus im Ton, der sie umschwamm, brachte Ruhe in sie.
Trieb sie in eine Klarheit. Stellte irgendwo etwas auf, dem plötzlich alles
in ihr wie an Fahnen hingeweht sich zubewegte. Ihr Blut spannte sich dem
entgegen. Es ging über alles hinaus. Trieb darauf zu mit der Kraft und der
Inbrunst des Ziels. Sie lächelte. Kehrte zurück, fiel in Schlaf wie Traum.

Abgelenkt, vorbeigeführt innen an ihm, gab sie ihm die Hand. Keine Miene
zeigt, daß ihn etwas enttäuschte, Unter den Sätzen warb seine Stimme um
sie, um jeden, er blieb gleich. Sein katzenhaft gestraffter großer Körper
blieb neben ihr. Hörner heulten aus dem gegen die Wellen trommelnden Abend.
Blinkfeuer stachen kreuzend ins Licht. Aus Landduft quollen roh,
verquatscht, Hupen. Die Räder gingen langsam, fielen zurück, die Mole hing
voll Menschen gedrängt, wimmelnd, sich verlierend auf der tiefen Fläche.
Unter den rücklaufenden Wogen schellten die Bojen los. Das Schiff stand. Da
sprang plötzlich ihr Herz.

Die Barkasse legte an. Zwischen gestapelten Koffern irrten Passagiere,
auseinandergespritzt. Hände durchglitten ihre. Das Fräulein stieg auf der
Treppe hinunter zum Wasser. Sie sah scharf nach dem Ufer. Es kam auf sie
zu.

Sie gab Le Beau die Hand. »Wohin?« Sie wußte es. Er sagte: Paris. Lächelte
plötzlich: »Wohin fährt ein Franzose . . .« Sie lachte über die Schulter
dem Reeling zu. Sie sah zurück: Versäumtes, Verfehltes lag auf seinem
Gesicht plötzlich gesammelt, Schmerzhaftes zog es tief in ihn hinein. Es
blieb. Verließ sie nicht. »Leben Sie wohl.« Wind bewegte sein rotes Haar.
Den Hut unterm Arm. Von unten sah sie ihn am Geländer verschwimmen.
Zwischen den weißen Hosen der Kapelle brach der flackernde Untergang auf.
Die Musik spielte über der Sonne. Die Barkasse legte sich fest an Land.




Der zweite Abschnitt


Da war Berlin, sie erkrankte an Grippe, ihre Umgebung fürchtete den
schlechten Ausgang. Sie genas. In Zackstrahlen von diesem runden
Verharrungspunkt ausgeschleudert, durchschwebte sie die neuen Schichtungen.
Das Fräulein führte die Liste der Stunden. Die Tabellen verengten sich,
gingen bis in die Nacht. Man holte sie. Sie schob sich selbst in das
Drängen. Bald stand ein Defilé vor dem Haus. Mit Holl ging sie in Lewinskys
Generalproben. Vom Bazartee kam sie mit Rosen, die Zofe brachte das
Abendkleid ins Bad. Das Fräulein reichte die Tabelle. Sie runzelte die
Braue etwas hinauf. Verreiste. Böhmer, Below traf sie bei der Holmberg,
überging sie. Erlebte den Skandal, als Männer auf der Nizzapromenade sich
um deren weißbemaltes Fleisch schlugen. Drei davon starben. Andere hätten
sich gewälzt vor Wonne. Fuhr weiter. Drang von Schicht zu Zelle, lächelte.
Es gab keine Grenze, Geld, Wille machten vor ihr alles frei, sie folgte
traumhaft. Bei Utö kam von der Regatta Symes herauf, schlenkerte im Sweater
auf sie zu. Sie sah zuerst vorbei, traf plötzlich seine Gestalt, spürte in
den Knien, im Auge den Schlag, erblaßte. Lief am Strand auf und ab abends,
allein. Reiste zurück nach Nizza die Nacht.

Bezauberte drei Tage von neuem die Holmberg, deren Hand schmeichelnd kam,
fuhr mit ihr den Korso, dessen Blumenwoge symphonisch in den Himmelrand
schlug. Ihr Blick hing fest irgendwo über ihr, zog etwas daraus fest in
sich Die Gräfin fragte. Sie ward scheu, umschwebte mit dem Blick ihren
Kopf, wich der Hand aus, verschwand. Sah in dem Parkfest eines dekadenten
Mitteldeutschen Fürsten die Megrée auf gemeißelten Beinen kommen, auf einem
Wallach, zwei Messer im Mund, abspringen, den Norweger Stefan umarmen,
nicht tanzen, lachend abreiten. Der mit den eisernen Backenmuskeln wandte
sich ruhig um, sah, überstürzte den Blick nach Daisy. Seit dem Tag war
Stefan hinter ihr her, reiste Station auf Station nach, vermochte nicht zu
bitten, versuchte einen Einbruch, setzte sich selbst herab, mußte sie unter
Menschen ihn hören. Seine athletische Brust zuckte zurück vor ihrem grau
geworfenen Auge. Sie sah ihn kaum. Sie gab sich hin, ließ sich aufnehmen
wie willenlos, von diesem bald, von jenem Hauch. Kam es vom Meer, war es
gut. Kam es vom Land war es gut. Ihr Gesicht selbst war verschleiert. Es
war unsichtbar, was sich vollzog. Nur war das Obere deutlich nicht das
Letzte. Etwas saß darunter, fest zusammengedrängt. Nur, je mehr sie sich
dem Umstrahlenden anschloß, genoß, sog und hintertrieb, bedenkenlos die
Stationen nahm, die sie umwölkten, war etwas in ihrer Hingebung, das sie
dem so heftig Genahten tief entzog.

Es schwankte herauf und herab in dem Treiben, bald obere, bald untere Welt,
Fahnen und Wagen, auch Meer. Sah Heringsdorf, Menschen bogen sich,
verkrampften den Blick, sahen in die Sonne, neigten die Hälse, flüsterten,
trieben Neugier aufs Gesicht. Durch solch gewölbte Gasse kamen Heroen:
Lyonel, Böhmer, Brandt, Below. Umzischelt, vertuscht, aufgerissen. Vorbei.
Sie lenkte den Blick kühl darüber, er trieb nicht ab, blieb nicht haften,
kein Drang schlug dort hinaus. Sicher fast, in die Höhe gehoben, blieb er
dort. Haftete. Sie spielte einen Preis im Single heraus. Das Lächeln, das
sie zerstreut dem Preisrichter gab, lief durch Revuen, machte ihr Gesicht
bekannt. Darauf, in Zopott, trat im Doppel Stefan gegen sie. Machte ihr
Fehler hin, sie nutzte nicht aus. Schlug erstaunliche Drifs, sie bewunderte
nicht. Schlug einen Ball gegen ihren Schenkel, mit einem Wehlaut sank sie
zusammen. Seine Entschuldigung lenkte den Blick an ihm vorbei. Gewalt
gegenüber war sie eisig verschlossen. In München schwärmte sie unter herber
südlicher Sonne einen Festabend. Unter der Dielentür sah sie Caspare Symes,
er sah sie nicht. Da schwankte ihr Gesicht, an den Molen des Innern brach
sich es, schäumte herum. Sie stieg hinauf. Nahm den Spiegel. Ungewisses,
Zögerndes stand vor ihr, schlug dort hinaus, woher sie kam. Sie bog ihr
Gesicht auf, lernte eine Bewegung, die es zurückschlug, was tastend offen
stand, hinein fuhr in die Tiefe. Das Harte, Gespannte, sammelte sich
dichter unter dem Schleier, ward reifer, fiel fast als Frucht schon heraus.

Sie saß im Zirkus, wo Sägemehl und Pferdeschaum schwirrte. Mit Steinen um
den verhaltenen Mund neben dem französischen Botschafter. Fuhr im Auto
durch Eifel und Rhön, über Matten, zu den stählern gereckten
Chausseebändern des Bennetrennen. Kinder, Frauen, hinter ihr her, hinter
nie Gesehnem. Offiziere ritten neben ihr im Herbst. Im Lunapark verlor sie
einen Ring, lachte. »Masseldoff«, flüsterte Holl. Sie sah zurück. Die Zeit
staffelte sich darunter. Es ward klar. Was war das all? Nichts. Die Männer,
es beschäftigte sie nicht. Hochmut sprang um den Mund, als sie aufsah. Was
blieb, kannte sie.

Noch blieb sie in der Schwebe, blieb sich gleich, hingegeben noch wie stets
dem, was bereits vorbei war. Unbestimmbar so auf Straße, Wagen, Park.
Verdichtet aber im Innern. Sie hörte Stimmen, vernahm Dinge, hörte Stefan,
Holls Regie. Wohlig streckte sie sich darin, es ging sie nichts mehr an. In
Christiansand an einer weißen Mauer entschloß sie sich plötzlich, bestimmte
die Rückkehr. An der Reede, von einem Schiff steigend, das kam, traf sie
Symes. Er grüßte. Ihr Gesicht blieb kalt, wie sie es sich gelehrt. Aber
Ohnmacht überfiel sie, so straff hielt sie unnatürlich die Maske. Es schlug
sie den Fahrtmittag nieder, erweichte ihr Gesicht, das mit den heißen
Wellen ging und kam. Gegen Abend warf sie den Aufruhr in sich nieder.
Erreichte den Punkt wieder, wo ihr Blut hinhielt. Hielt die Richtung ein,
verschärfte sie sogar aus Trotz über die Abschwenkung. Warf alles zurück
auf das Zentrum. Der Schleier fiel ab. Das Gesicht fiel reifer heraus,
suchend, ruhig, bestimmt.

In der Nacht kam sie an. Im Bett früh telephonierte sie nach Lewinsky. Er
war nicht im Theater, nicht in der Wohnung. Sie hörte vom Diener, wo. Fuhr
zu Guildendaal aufs Morgenfest im Park. Suchte die Wiese ab. Sah
Perlhuhnhunde, des Einladers breite Glatze über Favorits, sah eine
Polonaise am Teich. Darin am Ende Lewinsky. Da setzte sie sich beruhigt.
Doch unterbrach ein Skandal. Es kam ein Anruf: die Megrée hatte sich
erschossen. Man rottete sich zusammen. Holl eiferte gegen Stefan, hetzte
fanatisch, jetzt noch in ihre tierhafte Anmut verliebt. Kam Stefan vorbei,
schwiegen sie. Man hatte den Mut nicht, es ihm zu sagen. Fribaurt kniete
neben ihr, erzählte den Fall das drittemal. Sie sah in den blauen
Himmelausschnitt zwischen den Rotbuchen: wie feig sie waren. Sie sah
deutlicher nach Stefan. Eine Stunde blieb sie, überflog die Versammelten,
hielt Zusammenhang immer mit einem Kopf. Plötzlich ging Lewinsky, sie sah
den Hut in seiner Hand. Da stand sie mit einemmal leicht auf. Sie legte,
schon halb herumgewandt, die Hand mit unnachahmlicher Lässigkeit auf
Stefans Schulter: »Die Megrée ist tot.« Ihr Gesicht war anders wie das, was
sie sagte. Fern nach anderen Dingen gewandt, erhielt die helle Schärfe
eines Vogels. Am Wagen blieb ihr Kleid etwas gerefft hängen. Man sah ihr
Knie. Sie fuhr die Allee hinaus.

Sie fuhr ein paarmal, um Zeit zu gewinnen, um das Viereck, nachdem Lewinsky
vor ihr ausgestiegen. Ließ halten vor ihrer Villa, ging unter Flieder auf
das gelb leuchtende Haus. Im Boudoir zog sie sich um, saß noch einige
Minuten am Fenster. Über dem Kiesweg pflückte sie einen Zweig, schwang ihn
hin und her. Der Gaul wieherte, als sie wieder losfuhr. Sie ließ sich nicht
anmelden und wurde daraufhin abgelehnt. Da gab sie die Karte ab, die Türen
gingen auf, im Arbeitszimmer stand Lewinsky, an ihr vorbei, ihn verlassend,
ging Stefan. Sie stand an der Portiere und brachte Lewinsky aus der
Fassung. Sie hatte ihn den Morgen getroffen, sich nicht annonciert, war
plötzlich da. Sein Blick strich die Wände hinauf, da hingen große Männer
seiner Zeit. Seine Haare waren in der Stirn geschnitten, er stieß mit der
Zunge an, schlug die Arme über die herausfordernde Brust, um sicher zu
scheinen. Er fragte, was sie will. Sie antwortet nicht, macht nur eine
Bewegung, die sie ihm ganz öffnet. Erhebt ihre Stimme. Kein Mensch hat sie
gehört. Sie fühlt sie schweben. Sie spricht eine halbe Stunde vor dem
Gesicht, das an Höflichkeit aufrafft, was es kann. Sie fühlt die Vokale
steigen, glänzen, singen. Es entspannt sich in ihr, vieles geht hinaus. Das
Beste bleibt, ist gehemmt. Als sie eine halbe Stunde gesprochen hat, hebt
sie das Auge auf zu ihm, erschrickt. »Es genügt nicht?« Er spaltet den Mund
nach den Seiten, schaut herauf ihre Figur, herab. Kämpft einen Augenblick
mit den Kinnmuskeln. Dann schüttelt er den Kopf.

                                * * *

Viele Tage verließ sie das Haus nicht. Ihr Mut war so stark, daß der
Mißerfolg sie nicht schlug, sie begriff ihn kaum. Er brachte sie nur
deutlich zu sich, entfernte sie von dem Hin- und Herbewegen und legte sie
fest. Sie sah durch das Straßenfenster, da ging gedämpft der städtische
Verkehr der Grunewaldstraße, rasch, verwirrend, elegant. Sie ging zum
andern, da war rauschender Park. Baumwipfel bogen sich im Wind ihr zu. Sie
hob den Kopf entgegen dem Geräusch, hob ihm die Stimme entgegen. Es klang
zusammen. Belebte sie, gab ihr Resonanz, sie kettete sich daran und bekam
die Leichtigkeit, die sie selbst bezauberte und hinriß. Da war sie ganz
enthalten in den Lauten, wenn sie allein sich preisgab dem Gefühl, das
ausfloß. Da konnte sie Sätze biegen, Wonnen rauschen lassen in blanken
Diphthongen, spielen mit Worten und ungefähren Dingen, die als Sternnebel
um sie waren. Beglückt trat sie zurück.

Am vierzehnten Tag fuhr sie zur Florath. Die wollte sie ablehnen, sah das
gute Kupee unten stehen, ward neugierig, winkte, sie hereinzuführen. Sie
lag mit gelockerten Beinen auf dem Diwan, musterte Daisy mit den runden
Wolfsaugen, leckte die Lippen und führte beide Arme verführerisch nach den
hell gemalten Haaren. Daisy begann, ohne sich zu setzen, sprach, nicht
lang, aber eindringlich. Beim ersten Laut spürte sie, es fehle, es stoße
neben hinaus, was sie wollte. Als sie ins Gesicht der Schauspielerin sah,
stürzten ihr Tränen in die Augen. Alles verließ sie. Kein Mut, keine
Sicherheit. Mit kindisch unsicherer Haltung raffte sie ein Taschentuch auf,
das ihr gefallen, und als sie wieder stand, sagte sie nach unten hin: »Ich
hatte mich nicht in der Gewalt.« Wieder suchte sie jenen Ton, den sie
seither immer besaß, der ihr eigentümlich war wie ihre Hand. Sie glaubte,
sie träfe ihn, begann von ihm aus sich aufzuschwingen. Als sie unsicher
ward, half ihr der Trotz zu einer intensiven Kraft. Einmal stockte sie, sah
die große Frau auf dem Diwan zusammengerollt, sie nickte ihr zu. Sie fuhr
fort, schleifte es weiter und brach ab. Die Florath reckte die langen
Beine, erhob sich, zog die Knie an, sagte mit ihrer schwärmerischen Stimme:
»Gibt es denn nichts, was Sie sonst befriedigt . . .«, kam mit langen
Schritten auf sie zu. Sie sah auf, wollte, was sich sprengte in ihr, sagen.
Es kamen nur Tränen, sie stampfte ein wenig auf. Als sie den Arm der
Florath im Nacken fühlte, wußte sie, daß jene sie mißverstand. Sie schwieg,
verschloß in sich das Geheimnisvolle, das sie sofort wieder sicher machte.
Demütigung, Verzweiflung bisher, nichts war umsonst gelebt, sie fühlte, es
ward klar. Noch machte an der Tür die Florath eine Bewegung mit dem Kinn,
das rätselhaft herabkam: »Die Welt ist voll Möglichkeiten, reizvollen, wenn
Sie die Ihren suchen . . .«, die runden Wolfsaugen überglitten sie
lächelnd, die Hand glitt über ihre Brust. Sie verneigte sich. Auf der
Treppe ward sie wieder zäh wie vorher. Gelang dies auch nicht, sie spürte
unbedingt, unauslöschlich die Stimme in sich An der Straßenecke stand Moki.
Aus dem Laden trat Fribaurt, bedrängte, behing sie mit Geschwätz. Sie log
ihm Krankheit vor, erklärte ihre Unsichtbarkeit damit, frug ihn, als er
nicht wich, nach dem Diener. Er schmollte mit den Lippen, verschwand. Zu
Haus fand sie einen Brief. Er riet ihr, zu Löw zu gehen. Rivale Lewinskys.
Sie wußte nicht, von wem. Der Goldfischteich glänzte aus der hellen
Dämmerung. Sie biß die Lippen zusammen über den Eingriff, der in ihr Leben
kam, der Garten stand geweitet wie ein Flußtal, Fischflossen glänzten
manchmal weich und rasch.

Der Papagei schrie lang und heiser. Sie kraute die gesträubten
Haubenfedern. Der Schnabel kreuzte sich, orangen und grün flimmerte es aus
der Ecke: »Dogo . . . Dogo.« Sie wandte sich von ihm um. Nahm ein gepreßtes
Buch, schlug es auf. Neben Lewinskys gesalbter Glattheit stand das
wohlwollende menschliche Gesicht Löws. Es zog sie an. Sie sah auf den
Boden. Im Garten, sangen Nachtvögel herauf, schwebten ihr mit Wind Flüstern
entgegen und nassem Buschzeug aus dem Blau. Sie spürte, daß der Brief sie
gut leiten wollte, zog den Finger aus den Blättern, empfand im Schließen,
wie es sich in ihr spannte, und daß vor diesem Kreuzweg Ja und Nein des
Lebens stand. Dann hatte sie etwas plötzlich, was alles vertrieb.

Sie fuhr zu Lewinsky. Er hatte sie einmal besiegt. Zeigte, wie schön sie
sei. Hinter der Höflichkeit reckte sich seine Macht. Er gab ihr ein anderes
Buch. Sie wollte es zwingen. »Der Text ist nicht gut.« Ein anderes Spiel.
Sie wechselte. Sie bäumte sich auf, klar und weitschweifend zu sein. Schon
kämpfte sie gegen das Unfaßbare, da ging eine Tür hinter ihr, über den
Spiegel huschte ein Schatten, eine dünne Bewegung. Es löste seine
Oberfläche auf, er stand in Wellen, wurde tief und voll Horizont. Ein
Springbrunn kam hereingeplätschert, ihr Mund spürte Blau und Goldregen und
Baumbewegung. Es kam Geräusch der Ströme. Auf dem Ontario wogten Segel,
hißten Fahnen, grüßten. Rührung und Hingabe legte sich in die Stimme, ward
goldhell, posaunengroß, nun erlebte sich alles. Flog an den Drähten hinauf,
sank zurück ins Blattgepischper. Trug eine Kraft, die schwoll und wuchs.
Sprach zu den Tieren: Ihr Lieben. Zu den Weibern: ei welche Sonne da. Hatte
den Ottawa im Traum, den Erddunst in den Nüstern der Vokale. Hatte ihr
Herz. War voll. War da.

Ihr Auge frug nicht, ihr Mund hatte kein: Genügts? Lewinskys Kopf war
entblättert. Macht, Höflichkeit, jede Maske war weg. Um die Lippen stand
eine grausame, bebende Linie. Angst, daß ihm dies entgehe. Er versprach,
was sie wolle: Erfolg, Geld, Ruhm. Der Spiegelschatten kam aus dem Polster,
Stefan brachte sie an die Tür, hatte Ersticktes in der Stimme: »Erhielten
Sie meinen Brief?« Sie zögerte, sah Gesenktes an ihm, der Brief war gut.
Dann hob sie schmal das Kinn: »Nein«. Er lachte heiser durch die Zähne. Ihr
Blick blieb verwundert.

Dies war der Durchbruch. Die Arbeit begann. Lewinsky zeigte klug, was ihr
fehle, wie, was sie in sich trug, nur die Flamme war, die das Gerüst
entzündete und in die obersten Logen der Erfolge trug. Das Gerüst war zu
lernen. Sie sah ein, sie konnte noch nichts. Nun gab es nur dies. Von allem
schnitt es sie ab. Keine Segelfahrten lockten, an keinem Zirkus entzündete
sich die Lust nach dem Dampf der pochenden Pferdebäuche. Fort gingen die
Bahnen, die Wagen. Sie blieb.

Die Brauen bogen sich vor Spannung. Das I schärfte, jagte sie in den
Plafond gegen Dogo, daß er flatterte und es zurückschrie. Das A baute sie
zu Brücken, weiten Wölbungen, die funkelten vor Kuppelschwung und Material.
Aus dem O kamen schwingende Trommeln, ferne Gewitterstürze, die erregten.
Die Leidenschaften der Wälder, das Sichsagen der Leiber brannte aus dem U.
Die Diphtonge glitten dazwischen. Sie trat ans Fenster, die Hände, die
Brüste am Gitter.

Ein Lehrer kam, der den ausländischen Akzent abschliff. Nach acht Tagen
sagte die Zofe ihm, es sei genug. Lewinsky sandte andere. Sie verbrauchte
viel und rasch. Fand sie, wo sie einhaken konnte, blieb sie zäh dabei. Das
Regulieren von Zunge und Zähnen, das Siebenmaldurchsprechen der Rolle, bis
die Figur sich entschälte, das Hartnäckige und Sichere, das war ihr Fall,
dem blieb sie treu. Ein Lehrer wies ihr die Bewegung im Raum, teilte ihn
geometrisch, wies ihr die Plätze dekorativ. Stellte ihr die Gebärden, zog
eine Kurve. Sie sah vorbei. Er stülpte den Ärmel hoch, den Arm auf zur
Ekstase. Sie machte es nach mit der Linken, die Rechte gähnte. »Wozu?«,
frug sie Lewinsky mit ermüdeter Schmerzlichkeit. Da brachte er Statisten,
belebte mit Fleisch, mit Blut das Zimmer, suchte durch Lebendes ihre
Verwöhnung zu überwinden. Er machte ein Kabinettstück, bezauberte mit
seiner eigenen Regie, hetzte das Zimmer, die Luft zu Drama. Sie lächelte.
Sie nahm drei Stühle. Sowie sie aus sich selbst sich bewegte, kam Leben in
das Holz, ward Aufruhr und Ergebung. Sie entflammte es. Er zog beleidigt
die Unterlippe ein, grinste impertinent, als sie den Rücken kehrte. Ließ
sie aber tun, was sie wollte. Überzeugt selbst über seine Eitelkeit hinaus.

Einmal gönnte sie sich Erholung, als Dogo schrie, sie ihn im Hemd mit
Tintenfischen fütterte auf der Veranda und die Morgenkühle ihr unter dem
Leinen den Körper hinauf tastend lockte. Sie ritt mit Guildendaal und
Rotbefrackten eine Allee hinauf. Die Hunde rannten Hasen nach im Gras. Von
einer Pappelreihe her hob sich ein Staubkreisel, flackte über die Äcker und
Weiden herbei. Als er die Allee berührte, fingen zwei Drosseln an zu
schlagen, unaufhörlich. Da wandte sie um, trabte ohne Abschied herum, wie
im Spiel, kam nach Haus, empfing von rückwärts in die Einsamkeit das
Durchflogene, gab sich hin an das Wehen der Gräser, das Summen, Vorbereiten
und dann dem Ansprung des jungen Winds, entfachte sie. Mit glücklichen
großen Augen und einer ganz beschäftigten Stirn versank sie in die Arbeit.

Besuche nahm sie nicht an. Selbst machte sie keine. Holl, da er Regie
hatte, traf sie manchmal, doch wünschte sie Tips. Ging sie aus, war es mit
Freude und Spannung schon auf die Rückkehr, wo die Distanz zur Arbeit sie
frischer machte, angriffslustiger, heiterer im Spiel. Moki suchte ihr etwas
zu überreichen, sie nahm es nicht. In einer Gartenstraße schlich ein Mann
und riß an ihrem Beutel. Das kleine Messer aus dem Gürtel in der Hand,
begann sie den Widerstand. Doch ließ sie fast im gleichen Augenblick den
Beutel fahren, steckte das Messer ein. Sie hatte wichtigeres vor, um dies
zu riskieren. Der Dieb lief. Sie kleidete sich um. Fuhr den Abend ins
Theater der Florath. Die war nicht da in der ersten Szene. Im Hintergrund
der Loge bereitete eine Frau sie vor, schilderte ihr Bein, ihren Busen.
Ihre Laster. Da kam sie wie ein Tier, das Kleid schaukelte erregt um sie,
als sei ein Abstand zwischen Haut und Kleid. Selbst im Unsichtbaren war ihr
Körper entblößt. Es war, als säße ihre Seele in den Hüften. Alles strömte
zusammen da, erhielt dort den Ausdruck der Verhaltenheit, der erregte bis
zur Stummheit. Sie lächelte einen Mann zu Tod. Er verschwand mit seinem
blonden Bart. Später dirigierte sie sich gegen einen Slawen mit
Bauernschultern, an seiner Stumpfheit blieb sie hängen. Schwebte eine
Herzspanne in der Luft, das Verhüllte knisterte um sie. Sie sog die Sprache
in sich hinein, hinter dem Marmor leckte schon tosend die Glut. Die
aalglatte Hüfte stand fast ruhig, sie spielte mit einer Dose. Ließ sie
fallen. Bäumte, brüllte wie ein Tiger.

Entsetzt, mitten in der Szene ging Daisy. Sie sah, was fehlte. Wie
unheimlich jene mehr konnte wie sie. Lächelnd stumm in sich hinein, weil
ihre Inbrunst größer war als die Routine der andern. Sie zog den Schluß:
arbeitete heftiger, tief in die Nacht, schon gierig auf den Morgen.

Doch war die Nacht auf ihr heißes Decolleté gefallen, die Grippe in der
Nacht zurückgerollt. Weinend, fiebrig, schleppte sie sich zum Diwan. Da
stand die Aufgabe. Sie konnte nicht. Die Zofe schellte den Arzt herbei. Er
frug nach Schmerzen, hielt an langen gepflegten Nägeln das Hörrohr ihr an
die Brust. Sie delirierte: »Sie kann die Übergänge . . .« Der Arzt neigte
sich herunter: »Nehmen Sie alle zwei Stunden ein Pulver.« Abends zur Zofe
sagte sie: »Nehmen Sie drei.«

Achtundvierzig Stunden wimmerte sie, die Zofe verstand nichts. Am dritten
Abend schlug sie die Augen auf, besann sich, bekam ein opaliges Licht
hinein, wies auf ein Buch. Als sie es in der Hand hatte, fiel es ihr vor
Schwäche heraus. Sie sagte: »Nehmen Sie vier.«

»Es ist zu viel.«

»Ich habe Eile«

Am fünften Tag war Sonne. Am achten kam sie in den Garten. In Zweigen und
Flüstern bewegten sich sanft und weich die Sätze. Die Melancholie der
Boskette träumte gold umrahmt vom Mondlicht. Ihr Entzücken entlud sich
unaufhörlich quellend, gleitend auf einer wundervollen Bahn, der die
Nachtigallen sich anschlossen, die aus dem abgeschüttelten Schlaf sich mit
aller Inbrunst entfalteten in ihrer Elegie.

Fand im Garten, wo der Kies lehmig war, Spuren. Folgte mit dem Fräulein.
Sie liefen durch den Busch zum Eisengitter. Sie zog an den goldgespitzten
Lanzen. Drei gaben nach, machten ein Loch. Die Lanzetten waren
angeschraubt. Nachts nun, wenn sie nicht schlief, ging auf der Straße der
Schritt eines Passanten ruhelos auf und ab. Der Schritt gab Regen und
Wolkenwind den Rhythmus, hallte, lief ohne Pause. Wo es schwarz war und
undurchsichtig hinter dem Gebüsch, erschien ihr ein kreideweißes starrendes
Gesicht manchmal, doch es war in ihr, sie sah es nicht nur draußen. Bei
einer Pfütze blieb sie stehen, der Regenbogen darüber entführte sie, mit
geröteten Wangen wickelte sich ihr auf ein Strom von Bildern, die zogen.
Sie kehrte sich scheu ab. Holl warf das Mädchen an die Wand, stürzte
herein, in jeder Hand Orchideen, verzweifelt, weil man ihn abwies. Sie
öffnete die Fenster hinter ihm, das Szenenhafte nahm der Luft die Ruhe.
Vaudreuil schrieb: Schlug Wechsel ihr vor, baute Pläne auf, was sie sehen,
nehmen solle. Syg reiste nach Ägypten, kam an den Hafenstädten vorüber. Sie
konnte mit. Es hob sich schmeichelnd vor ihr, die Schwester und der Bogen,
der die Ferne einfügte in den Punkt, wo die Sehnsucht in ihr sich staute.
Sie schluchzte eine Nacht. Dann war es vorbei. Sie ließ einen Hund in den
Garten setzen, streichelte ihn und führte ihn am Gitter entlang. Die Spur
ihrer Hände an ihm war noch nicht warm, da war er schon verschwunden. Sie
empfing Lewinsky nach ihrer Krankheit erstmals, sprach nicht von dem
Nächsten, der Arbeit, der Hoffnung mit ihm, sondern erzählte ihm, was all
wünsche, sie zu entführen. Sein Augapfel ward grün, das Gesicht schwammig.
Sie zeigte ihm die Gartenspuren. Er zuckte die Achseln: junge Leute
schwärmten für sie. Er erzählte diese Geschichte, jene Geschichte. Erwärmte
sich Sie sah ihm fest, forschend unter die Stirn. Dann schwamm es weiter,
dies und alles. Sie warf sich der Arbeit hin.

Holte kleine Kinder, die an Konditoreien die Nase platt drückten, erfragte
sie, erfüllte sie, nahm die Laute auf. Nahm von der Straße einen Bettler
herauf, setzte ihn an ihren Speisetisch, wühlte in ihm. »Warum haben Sie
Furcht?«, frug sie erstaunt. Erregt mit sich selbst redend, machte der sich
pulde. Sie eilte ihm verständnislos nach, er war schon fern, sprang und
lief.

Um zwölf Uhr schlief sie ein. Sie hatte Begeisterung auf der Zunge. Um Fünf
erwachte sie. Alles war blöd und idiotisch. Schlaff sank sie zurück. Um
Acht erhob sie sich, holte Frische und Lust aus dem Muster des Teppichs,
dem Ton der Tapete. Im Schwanken erfuhr sie die Grenzen, erfuhr sie den
Arbeitssinn. Stellte fest, wie weit sie vorkam, wie stark manches sie
zurückwarf. Sie bemühte sich und erkannte, je näher sie kam einem Ziel, wie
größere dahinter standen. Ihre Kindheit kam manchmal, rührte sie zu weichen
Klängen. Manchmal fehlte sie, der Ton ging leer, verpuffte. Hatte sie etwas
sicher, war es schon nicht mehr von Bedeutung, denn ein anderes hemmte. Sie
lernte aus jedem Erfolg erst die rastlose Verantwortung, die Verpflichtung
der Erfolge, das ungeheure kreisende Räderspiel der Kräfte, die sich
bedingten und steigerten in einer nicht meßbaren Form. Sie sah, daß Ziel
kein Punkt war und kein Ende, sondern nur Etappe, nur Weg, nur ein Stück
der endlosen Bemühung, daß die Aufgabe wachse mit der Potenz der Kraft. Am
Versagen spürte sie, was es bedeute genau wie beim Erreichen: heißer,
heftiger zu streben. Aber manchmal, wenn nichts den Ausdruck ihr brachte,
geschah das Wunderbare und Unerklärliche. Von dem Wind, von dem Grastau kam
es. Von dem Teich stieg es auf die Veranda, vom Himmelabschnitt über der
Ulme sank es blau und bebend. Da war es. Unverlangt und unerbeten. Es war
da. Es umflockte sie hell, blau, klar und alles berührend, was sich danach
in ihr streckte und sehnte. Das war das Äußerste und rauschte sie auf wie
einen Baum.

Die Leistung atmete sich fort, ohne Gespräch, ohne Leitung. Das Geschaffene
drang durch die Poren des Raums, durch die Straßen, die Stadt. Die Leistung
erhielt die Ausbreitung, die Durchschlagkraft jeder Tat. Die Florath lud
sie ein. Sie ging nicht. Lewinsky bat sie, sie kam. Bei Tisch warf Stefan
Böhmer, der neben ihr saß, ein Billett zu. Nach drei Tagen erschoß er ihn.
Das Lächeln, mit dem Böhmer das Papier geöffnet, begleitete sie einige
Tage. Doch kam sie darüber, leicht, als sie sich bemühte, hinein in den
Strom, der sie führte und weiterspielte. Erklomm solche Ausdehnung und
Tiefe in ihm, daß Lewinsky den Schlußstrich zog. Er bereitete das erste
Auftreten, legte Listen der Geladenen vor. Sie war glücklich den Tag, weich
durch das Erreichte, spielte mit seinen Gästen, saß mit Holl bei Pharao,
und, als sich vor Neid ihm die gebrannten Locken lösten, mit Fribaurt bei
Quarante-et-un. Am Bassin traf sie auf Stefan. Er war versunken. Er hatte
bis zum dreißigsten Jahr gekämpft, gelebt, zugeschlagen. Hatte die
Kinnbacken angezogen, war damit über alles getreten, hatte alles sich, jede
Laune, das Verbrecherische, Wüste zugebilligt. War wie ein Eber nach ihrem
Leben gesprungen. Doch dieser Zug ging in die Luft. Er traf nichts. Stand
erschüttert, verzaubert vor dem Widerstand. Sein Leben fiel von der Achse,
formte sich darunter um, erhielt eine neue Einstellung. Es ging ums Ganze.
Sein Auge drehte sich, besann sich. Hier war die Entscheidung. Er wollte
sie erzwingen. Umlagerte sie von allen Seiten, spielte jede Note, die er
beherrschte, zum Erfolg. Sie sah es nicht. Sie ging an ihm vorüber am
Bassin. Er holte sie ein. »Ich war der Bettler.« Zerriß ihren Weg. Es war
spielerisch, was sie unternahm. Sie gab nicht dem Elenden, half nicht dem
Gestank. Sie durchforschte ihn nur und das war ihm widerlich. Sie trat
zurück, wütend. Da sah sie an seiner Haltung: es war gut, was er wollte.
Hinter ihm trat hervor, was er geleistet: er war das Gesicht in den
Büschen, die Spur im Garten. An seinem Knie rieb sich der verschwundene
Hund. Sie spürte die Kraft, die auf ihr Ziel eindrang, es formen wollte,
abreißen, hinüberzwingen zu sich Es kam mit Beherrschung, gezähmt zu Güte
fast, es machte sie aufsehn, bedenken, es rührte sie, sie reichte ihm zum
Ausgleich etwas zurück, eine Lüge, einen Trotz: »Ich danke für Ihren
Brief.« Langsam, leis. Es beeindruckte sie tief, wie er es nahm. Aber im
gleichen Augenblick war nie der Widerstand stärker gegen das, was männlich
sie hemmte, den Weg kreuzte. Sie hob sich, fast wild, übersprang es, schlug
es zurück. Es blieb im Boskett, als sie darüber war. Kühle, Befreiung kam.
Wie klar die Luft. Weich hingegeben, vom Erfolg und Sicherheit empfänglich
und aufnehmend gemacht, sog sie Hyazinthen ein, die toll aufdufteten. Da
sah sie zwischen Lampions einen Mann. Caspare Symes. Der Garten stürzte
hell mit einer Flut Apfelbäume in die Nacht.

Aus ihrer Brust riß alles mit. Die Knie standen eng aneinander. Alles war
Bewegung aus ihr hinaus. Nur sein dunkler Kopf kam. Sie nahm ihn auf, in
die Hände, öffnete die hochmütigen Lippen. Sein Mund war schmal, weich. Sie
gingen, es gab keine Leidenschaft, keinen Zorn. »Caspare«. Der Garten
glättete sich in der Lichtwelle. Besinnungslos hing die Minute um sie, kam
auf sie zu. Alles bot sich an, voll Glück. Die Büsche stiegen in
dunkelrotem Ring bis zum Goldbogen auf. Die Äste flammten mit einem Netz
von seidenen Strahlen an den Lauben. Die Schläfen lagen fest aneinander. Es
kam die Obstflut. Da fielen Blüten ins Gras ohne Pause. Es war der Fall
seines Bluts, das von der Ader seiner Schläfe herübersprang. Ihr Blut hörte
auf und setzte in seinen Takt ein. In diesen Bogen spannte sich alles ein,
das Ende sah sie nicht, aber sie spürte, daß es gegen den Rand ihres Lebens
hinunter sich neigte. Aber von der anderen Seite kam zum erstenmal wieder
die Jugend herauf. Unbefangen, ganz das Ohr erfüllt, kam von fern die
Lawine des Ottava und die Flöße. Der Ontario schliff sich blau mit
wiegenden Segeln. Dazwischen stand die Sekunde, in der sie atmete, als sei
sie dem Vergangenen zugehörig. Da fielen die Rosaenden der Blüten sanft
herab, die Erde wogte mit Wurzeln innen entgegen. Und die Bäume bewegten
sich nach dem Tempo ihres Atems. So war durch das Blut, das zusammen floß,
diese Zeit und die andere vereinigt. Das unbefangene Glück der Kindheit zog
an diesem Glück, zog es hinüber, als sei es abgeklärt, schön geworden und
still. Sie schloß die Augen, ein Arm faßte fest um ihre Brust.

Sie wimmerte, stieß den Fuß auf, beugte den Leib nach vorn, zog ihn zurück,
drückte den Nacken ein paar mal zum Rücken. Dann riß sie sich los, öffnete
die Lider, lief den Kiesweg hinauf, das Tor. Sie sprang in den Wagen, der
zuerst stand. Ein lahmer Klepper. Sie weinte, brüllte in das Tuch des
Kleids. Der Horizont war angefüllt von einem Donner: Caspare . . . es würde
klingen bis in die letzte Süßigkeit alles, was noch kommen konnte. Sie
hielt nicht an, fuhr weiter. Ihr Garten kam. Ihr Zimmer. Die Onyxschale mit
den drei Kugeln, es stach stumm wie von Augen nach ihr. Der Park grollte
den Wipfelwurf ihr zu: den Namen. Die Spiegel fauchten ihn ihr zu. Sie
zuckte die Schenkel, legte die Stirn ans Glas. Verloren. Bis in die
Todesstunde nicht einzuholen. Sie lächelte: es war nicht gewesen, war
drüben vor sich gegangen, wo alles lag, was schön war, sie befreite, die
Jugend. Bis in das Ende des Haares, bis in die Höhle der Achseln empfand
sie: dies war das Höchste, ihr Glück. Träumte sie es zurück, lag
tausendfach Geschichtetes dazwischen. Noch unerreichbar, Arbeit und
Erlösung und Bemühung lagen vor die Möglichkeit allein geschichtet.
Irgendwo wie ein Lichtkegel öffnete diese Sekunde die Ruhe, das Später,
oder vielmehr das Zurück, den einzigen Glückszustand, als die Ströme das
Kind umrauschten. Es war so weit, daß sie die Sekunde kaum noch mit dem
Bewußtsein erreichte.

Sie stellte drei Stühle auf. Gab jedem einen Partner. Erhob sich daran,
aber mußte sich bald unterbrechen, denn die Tränen kamen mit einer wilden
Wucht, die sie umwarf. Sie lag nur und weinte. Erst nach Stunden, gegen
Morgen, gewann sie die grausame Ruhe, die nötig war zu solchem Gespräch.

                                * * *

Das gab Öl in die Sätze, Mark in das Wort, die große Kraft in die Bewegung.
Das machte einen Boden, aus dem das Spiel der letzten Tage reif und sehr
süchtig schoß. Sie probte den Tag vorher, in einer saftigen Linie lag der
Akt. Sie war gefüllt mit Zufriedenheit, ohne Triumph. Am Abend kamen ihr
die Köpfe des Parketts wie ein Strudel entgegen. Sie ging vor ein Bild, vor
einen Boudoirtisch, nahm die Puderquaste, ihr Körper rauschte sehnig und
voll gedrängtem Saft. Als sie zu sprechen begann, verließ sie etwas.

Sie starrte in den Raum, faßte sich, sprach weiter. Sie ließ den
Silberstift, das Spiel ging nun in Tragödie. Sie machte den Aufschwung.
Aber unter dem, was geschah, hörte sie dumpf, daß ihr entflog, was sie
suchte. Der dunkle Ton, der Erguß, das selige Gefühl des Hingegebenhabens
in die Worte . . . es fehlte. Sie suchte. Fand es nicht. Die Stimme flog
voll Schmerz, aber das Blut spielte nicht mit.

Sie wartete, verzweifelt. Sie zwang es. Ging auf und ab, ganz neu und
unerwartet. Warf Worte ein, die der Text nicht hatte. Die Taille verjüngte
sich zu einer Wildheit, die die schmächtige Szene anriß und dehnte. Die
Souffleuse hustetete, verwirrt. Ihr Bein stand federnd, abgezeichnet im
Kleid, ins bleiche Gesicht des Partners drang sie vor, zerstörte es. Brach
mit Leidenschaft ein in das schwankende Schicksal, die die Gefühlshöhe
erweiterte, ihren Ausbruch und die Dichtung abhob. Grenzenloser wurde unter
ihr das Leere.

Dabei spürte sie, ihr Spiel war gut. Augen hefteten sich gefesselt daran.
Atmosphäre der Erregung band sie an das Parkett. Es genügte nicht. Eine
Traurigkeit, die ihr Bewußtsein nicht traf, da es spielte, das es ahnte
aber, wölkte wie unter ihren Füßen herauf. Sie brachte es fertig, nebenher
zu denken, zu wünschen und herzurufen, was die Inbrunst wecken konnte. Was
ihr Schönes seither gegeben, Zärtlichkeit, Pa und Syg und Brown und das
Porzellanschiff. Es blieb entfernt. Ihr Gehör verdoppelte sich, sie vernahm
sich selbst. Ihr Auge schärfte sich, sie sah sich spielen. Das Bewußtsein
spaltete sich, war nur zur Hälfte beteiligt. Da spielte sie. Dort sah sie
Köpfe, beschaute es müßig: Die Florath, vorgebeugt, der Kopf eine schamlose
Entblößung. Fribaurt mit weibischem Lächeln gebannt an ihr Bein.
Guildendaal, über den Favorits Froschaugen, Holls nervöse spielerische
Stirn. Sie sah, sie hatte sie im Bann. Doch sie selbst, sie selbst . . . Es
sank ab vor ihr, verschwand in der Tiefe. Ein Riß ging durch sie, doch sie
verstand. Sie spielte die Szene zu Ende, sie steigerte sich, schmiß die
Effekte, sah den Erfolg in der Pupille der Florath. Aber in einer
Traurigkeit, die ihr Herz erreichte, wußte sie, es genügte nicht. Der große
Ruf versagte. Es war vorbei.

Was war ihr Beifall? Erfolg? Nichts drängte sich dazu. Sie wollte, daß ihr
Spiel ihr inneres Wesen erfülle. Daß sich darin restlos und ohne
Sehnsuchtsrest ergieße, was sich aus ihr hob und senkte, was sie gegen das
Meer getrieben und darüber geführt. Sie suchte, daß es in ihr klar werde.
Nicht daß sie nach außen Wirkungen leiste, deren Sinn sie nicht faßte. Dies
war ohne Bedeutung. Es zählte nicht. Und nun begriff sie, daß nicht zu
zwingen sei, was vor den Menschen sich versagte. Es war das Wunderbare, das
aus der Mondnacht, am Fluß und aus den Büschen manchmal schwankte und sie
erhob bis an die Spitze der Sehnsucht. So umflog es sie. Aber sie hatte
keinen Teil. Was in rollenden Kreisen sehnsüchtig, lockend und treibend vor
ihr sich schwemmte, das war noch nicht gefüllt. Doch dies da war nicht der
Weg. Umsonst. Vorbei.

Es stürzte ab mit jähem Ruck. Wehmütig kam es, für was sie sich bemüht. Das
Erwachen am Morgen, die Seligkeit des Schaffens, die Befriedigung und der
Stolz. Es war noch nicht am Ende. Irgendwo lag es, noch unfaßbar. Blieb ein
Zwiegespräch zwischen ihr und der Ulme. Weiter nichts. Kein Ziel, keine
Erfüllung. Ein Irrtum der Weg. Verworfen. Was erfolgreich daran war, hatte
für sie keinen Sinn.

So entzog sie sich dem Beifall, entriß sich den Menschen, sah Lewinskys
gerötetes Gesicht, kam durch den Seiteneingang ins Vestibül, auf die
Straße. Ging weiter. Menschen quollen aus Toren, Gehsteigen, Häusern.
Hindurch. Sie hielt nicht. Es röchelte neben ihr. Ein Pferd. Sie strich ihm
über die Stirn. Ein Licht schien grell heraus. Im Spalt saß ein Paar, sie
weinte, er senkte den Nacken. Die Steife blieb um ihren Mund. Dennoch
empfand sie, daß sie mit nichts tiefer verbunden als diesen beiden. Ein
Strom faßte sich an von ihr zu ihnen. Und zurück. Eine Sekunde empfand sie
den Anschluß, das Mitleid, es löste sie fast aus. Doch es währte nur kurz.
War noch nicht so weit. Eiskalt vor Schmerz ging sie weiter, bis an den
Rand gefüllt mit sich selbst, verschlossen wieder. Sie hatte einundzwanzig
Jahre, die Brust war herrlich, der Körper braun, schlank, schön. Sie begann
zu laufen. Alles fiel von ihr ab. Nur der Geruch ihrer Möbel, die Wände
ihres Zimmers lockten, waren da, waren ein Punkt, der stützte, wohltat,
barg. Im Vestibül saß das Fräulein und stickte. Sie hielt kurz an bei der
Pforte. Dann ging sie langsam auf das blonde Geschöpf zu, fiel hin, tat den
Kopf in ihre Knie. Die Schultern zuckten.

Das Fräulein saß da, die Beine auseinandergerissen. Das Gesicht von nichts
tief gezeichnet, blöd und sinnig, an dünner Sehnsucht erstickt. Sie war
übersehen im Leben, zu einem Bündel gemacht, das Mitleid umspülte,
Verachtung, kleiner Lohn. Kompost für Überfluß, häßlicher armer Lappen.
Badete nicht täglich, war schlecht gekleidet, roch nach Korsett. In ihrem
Gesicht entbrannte ein Staunen: »Auch sie muß weinen.« Dumm sah sie in die
Luft, stierte, faßte es nicht. Doch vom Elend einer Kreatur gereizt,
gerührt, beginnt der ganze Erdball aufzuzucken, mitzuleiden. Sie heulte
nicht. Es ging in die Hände. Die strichen sehr zart über den Kopf zwischen
ihren spitzen Knien. Falteten die Strähnen auseinander, legten alles von
ihr selbst Vernachlässigte, Versäumte in die Bewegung, flochten Zöpfe,
berührten das Haar als seis ein Kind. So kam die Liebe über sie. Die Zunge
machte einen Ruck, machte den Zug der Nurse, schnalzte, wiegte die Hüften,
summte: »Do . . . do . . . do . . . Daisy.« Pfiffs auf den Zähnen. Eine
Sehnsucht gebar sich riesengroß. Wollte gern ihren Backen an Daisys Wange
legen. Aber rührte sich nicht, obwohls nie heißer in ihr gezündet. Wagte es
nicht. Tat es nicht. Sie brachte das Mädchen hinüber, machte Licht, zog es
aus, legte es ins Bett. Löschte das Licht. Morgens fuhr Daisy ans Meer.

                                * * *

Windstille war. An den zweitausend Metern Grundschnur fuhren Kähne raus,
man zog die Angeln an, warf die Kabeljaus ins Boot. Zwei große Ewer hielten
die Schleppnetze ein, ließen Bramsegel vor den Wind fallen, kamen gegen
Land, hochgeschwebt. Seeschwalben überjagten Steingebröckel, zuckten am
Wasser, hakten mit gebogenen Schnäbeln: griä. Jüns hielt eine geschwollene
Aalmutter in der Faust, drückte den Bauch, spritzte durch den Eiergang
junge Zentimeterfische, eins nach dem andern. Sie waren durchsichtig und
quallig, ein Darm ging durch und Aderfäden. Sie lachte mit ihm. Wind ging
den Abend los, pfiff leis, klatschte an, strudelte schon hundert Meter hohe
Pfeifen und Rollen. Krebse schoben über Miesmuschelkolonien, rolzten,
ballten sich, schossen hinunter. Regenpfeifer sausten über den Sand.
Hahnenfuß und Binsenkraut verschlangen sich Die feigen Sturmvögel
klatschten sich an Häuser und Raine. Strandnelken und Butterloch knallten
gegen Dünengras, die Weidenstümpfe. Die Wimmermöve schlägt an, der
korallenrote Schnabel fliegt vor dem samtdunklen Kopf, ehs dunkelt hört
sich nur noch ihr Schrein: gräik . . . gra . . . ik. Das Meer steht toll
verliebt die Nacht vorm Gedün, dehnt sich und schlägt hinten am Horizont
sich fest, beißt dann ans Land, türmt sich haushoch davor. Die Bäume im
Binnenland liegen platt am Boden, die Amseln haben sich verkrochen in
Mauslöcher und Ritzen. Die Keller stecken voll Fledermäuse. Das faulende
Leberzeug der Maischollen duftet weg. Die Fenster sind geschlossen,
Kugelblitze laufen über die Dünung, die weißkochend vor dem zerwühlten
Meerbauch hängt. Daisy legt sich. Die Nacht spielt das Getös geil mit ihrem
Bein, ihrem Ohr, treibt in ihr Blut. Die Kiesel knirschen draus ineinander.

Von einer hellen Flamme ist der Tag aufgerissen. Es ist der Wind, der blau,
böig, bleibt. Es gibt Lärm, Stimmrufen. Ein Schellfischkahn, der getrieben,
will beilegen. Es gelingt nicht. Sie stehen mit hochgekrämpten Hosen bis an
die Hoden im Wasser, schreien und hantieren und es wird nichts draus. Sie
kämpft sich durch den Wind gegen das Meer runter. Sie kommt durchs Getümpel
noch geschützt, muß aber Schuhe, Strümpfe zurücklassen. An den Erlen hängt
das Wassermerk fest, Berle und Hahnenfuß liegt klatschnaß. Im flachen Sand
faßt der Wind sie, reißt unter die Röcke, nimmt sie vor, gattet sich an
sie, schont den Busen nicht. Sie läuft gerötet durch die Tümpel. Taufrösche
verschwinden schweigend, murren, grunzen hinterher. Feuerkröten wie aus
einer Glasglocke donnern: ku . . . uh, lassen die angewachsene kreisrunde
Zunge auf dem Paukenfell schlagen. Wasserläufer gleiten wie auf der Eisbahn
über die Pfützen, in denen Flohkrebse, Steinsack, Laich liegt. Sie steigt,
hält sich an Gras, versinkt im Sand, hält sich an Hahnenkamm, gelber
Stranddistel. Wie sie den Kopf über den Damm hebt, kocht das Meer, rast
drauf besinnungslos unter ganz blauem Himmel. Sie steigt gänzlich hinauf,
bekommt einen Windschlag, springt hoch, lacht, fällt um, rollt zurück.
Triebsand rutscht nach, verschüttet Knoblauchkröten unten, die wie Katzen
jammern, sehr bunt waren. Eine Möve ist vom Sturm erschlagen worden. Zwölf
Federn am Schwanz, die Brust pelzig im Gefieder. Der Wind hält durch, kommt
jetzt vom Land, stößt das brüllende Wasser zurück.

Jüns wirft eine Muschel hin. Sie haben in dem Fischhaufen, Makrelen,
Goldbutten, Affheringen, Schollen Aufruhr bemerkt, einen Seewolf mit
grünlichen Jungen im Tang entdeckt. Voll rasender Wut wirft er sich, mit
dem Schwanz hauend, herüber, beißt knackend die Muschel auf. Die
Fischhaufen laufen schwammig aus, kriechen zum Strand und blenden mit den
Schollenflecken. Die Milcher strotzen von Samen, die Weiber haben den Bauch
voll Eier. Das Schellfischfleisch ist heller und weißer als das Fettbraun
der Dorsche. Frauen heben den aufgestülpten Arm aus den Bütten. Kinder
schmeißen die Körper in Kästen, hängen die Eingeweide an Angeln, fangen
unter Wasser andere damit. Der Wind läßt nicht nach. Die Seeschwalben
taumeln in Rudeln hoch. Der Strand ist freigeblasen.

Die Männer stechen draus Butten, Jungens hüpfen von Tümpel zu Tümpel und
sammeln auf. Im Sand ist in der Ebbe viel geblieben. Froschkraut tastet
wieder nach Grund, zuckt die Wurzeln zum Boden. Sattelmuscheln liegen fest,
Wandermuscheln und wie Eier Steinbohrer. Das Wasser hat sich so gesenkt,
daß die Pfahlgruppen von Ellern mit unsichtbaren Gärten auftauchen, von
Miesmuscheln im Gezweig bedeckt. Schon fahren Kähne, die die Bäume
aufzuziehen. Ein Taschenkrebs hängt an einem Rogen, schmaust, die Asseln
zappeln da und dort. Das Riedohr stellt sich. Dahinter brummen die Kühe,
die Körbe voll Kabeljauköpfen aufgeschüttet riechen, kauen und fressen.
Schon stehen Segel drauf, Leberblumen fachen sich an, werden hell, trocken
und sinken zurück. Sie geht nun durch Tang, Linsen. Seegras dörrt
losgerissen unter der weiß und hoch stehenden Sonne. Sie kommt um die Düne.
Nun hat sie weißen Sand unterm Fuß, der braunrosa sich eindrückt. Moosenten
fallen hinter ihr ab. Auf den Granitklippen stehen blau und rot Gerüste. An
Schwänzen hängen Fische in Bündeln daran, klinkern singend im Wind. Sie
kommt an die Nehrung, muß steigen, fällt. Der kleine Schmerz macht sie
irgendwie verrückt. Sie macht die Arme weit auf, preßt sie an die Seiten.
Lachmöwen gauzen los. Eine Sturzentenschnur, blaugrün und weiß rauscht auf,
zischt noch fern: rädzsch -- -- -- räb . . . wek. Da steht alles voll
Tümpeln. Im Schlick lauern eingebuddelte Klieschen auf die Flut. Die
flachen Bäuche wackeln im Flugsand. Die nach oben verschmitzt stehenden
Augen zucken mit der Stikhaut, verschleiert. Sie kniet, schaut hinein: sie
sind grau. Ihr Auge fällt in sie zurück. Sie hält das Tuch darüber: sie
sind weiß. Die Uhr: sie sind gold. Hinter ihr gehen Raben herunter, hacken
sie auf. Landkrabben nehmen Deckung, graben sich im Sand vor, greifen mit
den Klauen die Sandhupfer. Sie lacht. Ein Faß steht da und Jüns mit
Merlans, weißblitzenden Bäuchen. Hinter der Bucht liegen Raubschwalben, wie
nachts, betäubt vom Wind mit ausgebreiteten Flügeln im erwärmten Sand. Nun
stoßen sie hoch. Alles schwebt nachher, auch das Wasser schwebt in der
Sonne, die es wie von unten her hochschaukelt und hält. Es wird groß und
unermeßlich am Knick. Wie sie es so sieht, zum erstenmal wieder, ist sie
klar und frisch. Gleichgewicht durchbricht ihren Aderngang, die
Enttäuschung ist weg, der Wind war an ihr, hat in den Saft gegriffen. Die
Warzen tun ihr weh. Sie neigt plötzlich sich zurück. Was an Hals zum
Vorschein kommt, ist heller wie all andere Haut an ihr. Sie faßt hinter
sich einen Baum. Der Rücken lehnt daran. Schon tritt der Saft, der nach
oben rauscht, in ihr Blut. Die Hüften fangen an, eine Bewegung zu bekommen,
werden entdeckt, glühen etwas. An der Schlankheit des Baums wie an einem
Tierrücken gleitet sie ab in den Sand, die Knie geöffnet. Die Sonne schlägt
ihr in den Leib. Die Schenkel biegen sich lang und schön, als schliefe sie.
Sie zittert, etwas ist freier geworden, entschwebt, durchbrochen am
Horizont. Himmel und Meer haben sich vereinigt, wölben sich herüber. Sie
springt auf und lacht, die Haut ist glatter geworden, das Auge von innen
her feucht.

Sie fährt zurück, findet den Wagen nicht, nimmt die Tram, steigt aus, um
den Rest zu Fuß zu gehen. Auf diesem Stück Trottoir sieht sie von einer
Menschenmenge vorbeigespült, in ihr langsam wandelnd, Caspare Symes. Sie
bleibt angedonnert, wiegt den Kopf hin und her, als sei sie alt geworden.
Dann reckt sie sich, fährt um, ihm nach. Sucht ihn zu erreichen. Sie bohrt
sich durch, hört Schelte, Wut, sieht den Schirm, den eine Frau nach ihr
sticht. Sie kommt näher, kann seine Schulter fassen. Alles an ihr ist
durchblutet, entfacht. Da läßt sie die Hand sinken. Es fehlt ihr die Kraft
mit einemmal, ihre Bewegung wird armselig, er aber wächst und steigt
maßlos, daß sie erblaßt. Sie findet den Mut nicht, jetzt das zu fordern,
was sie überging, als sie noch erstrebte, was sie nun abgeworfen. Es geht
süß durch sie hin, während sie stehen bleibt. Sie tut eine große Tat, indem
sie sich nicht rührt, fühlt sie im Blut; was sie opfert, erhebt sie. Sie
nimmt etwas auf sich, während ihr Auge dunkel wird. Sie bleibt immer
stehen, sieht ihn zum letztenmal für immer, weiß daß dies das Höchste ist.
Er biegt um einen Wagen, betrachtet einen Erker, geht über die Straße, ist
verdeckt. Taucht auf zwischen hellen Mützen, dann dreht er ab. Mit einer
unnachahmlichen Bewegung des Halses zieht sie die Linie nach, als er um die
Ecke geht. Dann ist es vorbei.

                                * * *

Sie stellte den Fuß in die Schnur des Vogelbauer und hörte zu. Zuckte die
Achseln. Sie wollte nicht. Als Lewinsky sie bedrängte, drehte sie um, ihre
Ringe klirrten. Die Karte der Florath wies sie ab. Sollte sie am Neid der
Wolfsaugen sehen, wie sehr diese sie fürchtete? Vom Tisch entfernten sich
Bücher und Rollen. Mit diesem Tag verschwand das all. Einen Augenblick
kreuzten sich ihre Blicke mit denen des Fräulein. Ein rascher Blick suchte
in ihren Wärme, klatschte ab. Daisys Augen wurden schmaler, visierten die
Schleife ihres Schuhs. Dann frug sie, das Fräulein stammelte. Ging hinaus,
kam wieder, legte ein Blatt auf den Tisch. Es war Dienstag. Daisy schrieb
einen Brief. Dann legte sie das Blatt der Gouvernante beiseite, hob es
wieder, als röche sie daran. Ging hinaus in den Garten. Donnerstag früh kam
Le Beau. Am Abend besuchte er sie wieder. Als er ging, löste sich ein
Schatten im Garten, er pfiff. Der Schatten bewegte sich hinter ihm. Freitag
brachte er sie aus dem Theater, half beim Aussteigen, steckte den Schlüssel
ins Gartentor. Als sie sich umdrehte im weißen bauschigen Mantel, küßte er
sie mitten in die Brust. Er machte dabei einen kleinen Schrei, sein langer,
katzenhaft geschnellter Körper riß ihren mit allen Muskeln in seinen
hinein. Der Nebel dampfte um sie, abenteuerlich durchschwammen Gebüsche den
Laternenschein des Wagens. Langsam und wild wogte ihr Leib gegen seinen,
sie seufzte, schrie ein wenig, aber heiser. Auf dem Parkweg lag Dunkel.
»Ich bekam heute deinen Brief«, flüsterte Le Beau. Sie verstand ihn nicht.
Er war durch Zufall gekommen . . . Er wies auf den Schatten, Moki. Er hatte
ihn hergegeben, selbst Fribaurt, sich schüttelnd zwar, aber er war so nie
ohne Tip von ihr. Sie schloß die Lider, sah doppelt, schwankte, warf sich
über ihn, zog mit den zarten Schultern den Kopf herunter, fand seinen Mund,
öffnete ihn.

Nachts sah sie, im Traum, einen Mann. Der kam aus einer engelhaften
Beleuchtung. Trat heraus, machte eine Bewegung, die ihr wehtat, aus dem
Herz was herausriß. Es ward leer in ihr, Traurigkeit schwemmte sich hoch.
Sie fing im Schlaf an zu weinen. Er sah sie zornig an, sie ertrug diesen
Blick nicht. Er sah aus gleich einem Skandinaven, gescheitelt, blond, mit
einer jungen gefurchten Stirn. Es fehlte nicht viel, er ähnelte Symes. Das
machte ihr sofort Ruhe, sie schlief weiter, wachte aber über Tränen auf. Le
Beau lag neben ihr. Ihre Hand an seinem Mund. Er streichelte ihr Knie, den
Muskel des Schenkels, der sich straffte, als sie das Bein aufstellte. Er
küßte ihre lange braune Hand. Küßte jeden Zwischenraum der Finger, hing an
jeder Hautphase, sog sie an, als stürbe er mit ihr, löste sich kaum von der
Pore hier, der Pore da. Küßte Kreise um die Gelenke, legte den Knöchel
wunderbar damit frei, umflutete ihn mit den Lippen, empfing ihn dann im
Mund köstlich und rasend erregt. Wo sie Flaum hatte, blieb er, es strich
seine Haut, er atmete schwer, flocht ihn um den Finger. Über den Leib glitt
die Hand hoch, machte die Schwebung mit, die unerklärlich schön hinauflief,
blieb an den zärtlichen Hügeln. Berührte wirbelnd mit dem kleinen Finger
die Warze, sie spürte die Zunge. Das Zittern nahm ihr den Atem, sie stieß
die Luft fest aus, und nun kam ihr Leib an seinen, entgegengeflogen, die
aufgelösten Gelenke suchten Schutz an seinen. Ihr Blick brach, sie sah nur
noch sein Bild unter dem Lid. »Sprich«, flüsterte sie. Es war zuviel. Er
schwieg. Die Lippen trafen sich, bleich, wortlos. Sein Körper, ohne viel
Fleisch und groß hingelegt, wie ein Römer, spielte auch in der Ekstase
achtungsvoll mit, ward lasterhaft und verehrte zugleich. Die Küsse reizten
sie langsam, wie er sie setzte. Sie verlor die Besinnung, blieb länger
unter dem Bewußtsein, als er wollte, er küßte sie wieder heraus, preßte den
Zahn in die Weiche, sog und fuhr mit der Hand die Rückenwirbel herab. Sie
stürzte höher ins Unerträgliche: »Mehr«. Sein Kopf glühte zwischen ihren
Knien. Seine Hände suchten ihren Rücken herunter, hielten das schmale
Becken hoch. Ihre Haut ward nicht feucht, glättete sich unter den
Umarmungen, dehnte sich so, daß er daran glitt wie an einer Frucht. Sie
wimmerte nur noch, die Lenden zuckten. Da nahm er die Sehnsucht von ihr.
Sie lag dann still, nur manchmal erschüttert von Schauern, die abflogen.
Das Silber der Bürsten, der Draht der Ampel kamen in die Glückseligkeit.
Die Vögel der Tapete musizierten paradiesisch durch die Seide, sie
lächelte, drehte seinen Kopf dahin und streckte Wange an Wange, die Hände
danach aus. Er flocht seine Kragenspange in ihren Flaum. Langsam begann er
entzückte Dinge. Sagte über ihre Brust Vergleiche. Die schwarze kleine
Warze der braunen Brust entflammte ihn wieder. Sie lauschte atemlos. Er
erbebte unter seinen Worten, seine Hände entzündeten sich daran. So nahm er
ihr Kinn, ihr Knie und genoß es mit den Augen, mit den Fingern. Durch die
Dämmerung griff er aus der Schale eine der drei Kugeln, rollte sie über die
Wade, die Bucht an der Lende, zwischen der Brust bis an das Ohr. Von da
führte er es an den Mund, sie schluckte die Kugel. Er grub sie mit der
Zunge heraus, küßte sie, steckte sie in die Tasche seines Pyjama. Der Wind
warf die Gardine ein wenig auf, der Wind kam herein, malte dunkle rote
Schatten auf die Bronzehaut. Sie erzitterte. Die Frauen ihres Geschlechts
hatten die Steine alle vor ihr getragen, es gab eine Lücke im Hirn. Da kam
seine Hand, suchte, liebkoste. Sie fiel zurück, stöhnend. Die Hand gewöhnte
sich an eine Stelle des Fußes, strich weiter, blieb in der Mitte des
Körpers. Die schlanken Hüften erbebten, hoben sich ein wenig. Ihm entgegen.
Die Welle ging über sie.

Ein einzelner Baum stand wie Glas im Sternlicht, dann aber schwellte eine
helle Flut heran. Sie zog den Kimono um den Hals fest. Die Terrasse bog
sich mit den Stufen entgegen, krampfte sich unter dem Licht, was
herauftrieb. Nun fiel das Tor zu. Sie schwenkte die Ampel noch einmal. Ging
zurück, warf ihm eine Klavierwelle nach.

Die Sonne ging höher. Die Untergrundbahn rollte durch schmale Korridore.
Sie empfand Le Beau durch die Körper, die sich zwischen sie keilten. Die
Schienen gleißten stahlweiß, verschwanden. Die Türen knallten. Die Körper
standen reglos aneinander gebäumt. Da sah sie in Stefans Gesicht. Er grüßte
mit den Augen. Sie hörte seine rauhe Stimme gedämpft reden, aber es war zu
weit, sie verstand sie nicht. Rückte gequält den Kopf zur Seite. Wie ein
Vogel. Magnetisch wie eine Viper holte er ihn herum. Er hatte einen Koffer,
einen Mantel, die Stirn flackerte. Er machte Zeichen. Sie verstand sie
nicht. Die Station kam. Nun wuchs sein Kinn, strebte auf sie zu. Es gab
keine Hemmung, der Gartenabend hatte ihr Leben irgendwie gebunden,
aneinandergelegt. »Geben Sie . . . Geld.« Sie nestelte an der Tasche,
drängte sie gegen ihn, er faßte sie. Der Wagen hielt an, Er brach sich die
Schulter frei, der Ruck warf ihn brutal herüber. Nahm es mit allem auf. Ein
Mann stand noch zwischen ihnen. Rasch: »Leben Sie wohl!« Sie ward verwirrt
über ihre Kühnheit. Im Vorübergehen hörte sie seine Stimme, aber entfernt:
»Es geht eben schlecht. Ich sehe Sie wieder.« Als der Zug anfuhr, sah sie
durch die Scheibe, daß er, draus auf dem Perron vorwärts strebend, bleich
war. Er sauste ab. Hinunter. Le Beau riß es hoch zu ihr. Sie zuckte ein
wenig die Achseln. Ihr Ohr vergaß aber nicht, was der andere gesagt, ihr
Auge nicht, wie entfärbt er war. Dann drehte sie sich herum, glitt auf
Claudius zu, es war leer geworden.

Er brachte ihr Katzen, sie behielt eine. Sie spielte mit ihr im Garten. Zog
einen Strich, rief, sie sprangen beide über das Hyazinthenbeet. Drüben, im
Sprung, fing sie das Tier wieder auf. Es legte sich an ihre linke Brust,
hielt sich mit den Pfoten am Schlüsselbein und reckte sich in die Kurve der
Weiche. »Anjá«, rief sie, fuhr mit der Hand blitzschnell gegen den Strich
durch das elektrisch aufschäumende Fell. Das Tier bäumte den Rücken, daß
Vorder- und Hinterfüße nebeneinander standen, sah in die Luft, mit
gerecktem Schweif. Laue Schatten lagen um die rostbraun fallende Sonne,
Raben standen zwischen unruhvoll blauen Wolken.

Anjá sprang auf die Schulter, von dort in einen Baum. Gegen jeden außer
Daisy ward sie feindlich. Sie tauchte auf, sprang, man sah sie nicht.
Steckte den Kopf in den Lichtschein um ihr Haar, legte die Schnauze auf den
Brustansatz. Aus dem Horizont kamen schwarze Punkte, ruderten herauf,
begannen rauh zu schreien. Daisy gähnte, hielt Anjá nieder, daß sie nicht
fauche, die auf ihrer Hüfte sonnte. Le Beau stand vor ihnen. Ein Hauch
schoß in ihre Haut. Sie sprang auf, gab ihm rasch die Katze hinüber, gab
ihm das Warme, das das Tier von ihrer Lende noch an sich trug. Die Nüstern
schwebten nach außen. Anjá sprang zurück. Sie sah sie bös an, warf sie
zurück an Le Beaus Brust. Das laue faule Treiben der Natur um sie, das
scholl und geschah und sie umkreiste, schwang ab. In den Kreis war Blut
getreten, ihre Schulter hing untrennbar an der Le Beaus.

Mittags querte sie einen Platz, kein Mensch ging durch die Glut, dünne
Bäume wagten keinen Schatten, ausgedörrt, elend, daß Hunde nicht einmal sie
näßten. Der Kies und Sand flimmerte trocken und müd. Plötzlich sah sie eine
Figur, ein Gesicht. Es schien auf sie zuzugehen, ja fast in sie hinein. Sie
wich aus. Sah sich um, in der Mitte des Platzes ging eine Frau, sonst
niemand, da kam der Mann wieder auf sie zu aus der anderen Richtung, ging
an ihr vorbei. Sie sah ihm nach. Langsam, den Kopf gesenkt, schritt er auf
die Bäume zu, er hatte sie nicht gesehen. Es war das Gesicht des Traums.
Ihre Augen drückten sie, als seien sie von Blut überfüllt. Sie stieß den
dünnen Stock in den Sand und sah rasch auf. Der Mann war echt. Ihr Schreck
hatte ihr eine Vision gegeben. Sie zuckte die Achseln, spürte die
Müdigkeit, die voll und groß abschwemmt, von der Nacht her. Schlief ein den
Abend, aber im Augenblick, wo der Schlaf den Halbtraum abtrennt und
hinunterreißt, standen die Augen des Skandinaven über ihr, quälten sie.

In der Dämmerung wachte sie auf. Die Vorhänge bogen sich auseinander. Le
Beaus Kopf, sein Knie standen in der Morgenleuchte, er lachte, sprang
herein. Er näherte sich ihrem Bett. Sie zitterte unter der frischen Luft.
Er kam geschmeidig über den Teppich. Sie zog die Beine herauf bis unter die
Brust. Aus seinem Mund kam so viel Frische und um die Raubtierzähne lag das
Rosa des Fleisches so fruchtreif, duftend und voll schönem Saft, daß sie
daran alles vergaß. Er hob sie mit den Kissen auf, schwebte sie schaukelnd
hin und her, setzte sie auf den Diwan: »Sie werden auf die Zofe verzichten
müssen.« Er schloß das Strumpfband an ihr Korsett.

»Was ist?«, frug Daisy, in Strümpfen und einem Beinkleid, das großfaltig
mit dünnen zahlreichen Plissees ihre schmalen Hüften umzischte. Sie
bürstete das Haar zurück, die Muskeln liefen aus dem Arm in den Rücken mit
einer Kraft und Grazie wie Meer. Er hob den Mund in die freie Achselhöhle.

»Auch auf das Bad.« Er lächelte und stieß den Löffel in den Schuh. Er pfiff
leise vor sich hin, suchte im Boudoir den kleinen Koffer, wählte in ihren
Strümpfen, Dessous, warf zwei Necessaires hinein. Der Geruch der
aufgewühlten Sachen erfüllte das Zimmer. »Wohin?«, frug sie ratlos, von
innen lachend. Er schob Schubladen zu mit dem Knie, besah sich im Spiegel,
riß sie an sich: »Du wirst es jede halbe Stunde dem Chauffeur sagen.« Alles
gepackt. Er gab den Koffer durchs Fenster. Eine Hand faßte ihn draußen,
während Daisy die Nägel einrieb. Vögel schlugen herein, immer lauter, zogen
sich an Rufen höher, immer andere fielen ein, kreisten auf. Büsche dufteten
herüber, herein mit einer Gewalt und Hingabe, daß sie stehen blieb,
ergriffen, gehalten. Sie sah um auf der Terrasse, das Gitter, die Päonien.
Sie faßte den Schaukelstuhl. Verweilte auf dem Tisch, dem Springbrunn, der
Flosse eines Goldfischs. Le Beaus Arme faßten unter ihre Kniekehlen, der
Schwung in die Luft riß sie los. Nun fing er an zu laufen, schrie wieder
etwas, mit großen Sätzen, sprang in den Wagen. Unter den tutenden
Raubvogelrufen der Hupe brach wie ein gläsernes Gebäude die Stille, das
Haus, der Park mit einem Ruck entzwei.

                                * * *

Sie schwankte, schmiegte sich in die Atmosphäre, reckte sich, faßte Fuß.
Wirkung ging von ihr aus. Ihre Wünsche erfüllten sich, eh sie sie dachte.
Die Inbrunst einer Blutwelle hüllte sie ein, verließ sie nie. So stieß sie
an alles, durch die Wolke verhüllt. Die Lippen hochrot, die Finger voll
Gestein, fuhr sie auf der Rue de Rivoli. Sie hatte den Hauterfolg. Trotz
dunkler Tönung war sie durchsichtiger als die französische, schimmerte weiß
auf Silber. Zwischen alten Tapeten, in Musik, bei den gepflegtesten Frauen
fiel ihre Bewegung, selbst wenn sie den Finger nur hob, den Fuß umrückte,
wild heraus, schlug ein, machte sie zur Mitte, lenkte das andere ab, schob
alles gegen sie. Es verwirrte am Anfang sie etwas. Doch schloß die Welle
sie ab. Sie hatte nur Klang und Richtung nach Einem. Es genügte. Gab der
große Schneider, während Ballen vor ihr sich häuften . . . Manekins
paradierten, um ihren ermüdeten Blick zu erfrischen, durchs Fenster im
Parkschatten das Bild eines tanzenden Balletts, erstaunte sie nichts mehr,
es glitt ab. Vorüber strich es, neigten sich Akteure bedeutenden Namens,
Dichter ihr, selbst d'Annunzios Nelke. Es ging durch sie, wenn Frauen heiße
Blicke warfen. Es blieb nur Kälte und Hochmut, lehnten die Herren an der
Brüstung, sagten Eitelkeiten in die Loge, hatten aber hinter dem Blick,
flüsterten innen kaum verhehlt: bichette, loulou, ma crotte en or. Le Beau
umspannte ihren Horizont mit hartnäckiger Leidenschaft, erfüllte das
Erdenkbarste für ihren Körper, jede Möglichkeit ihrem Geist. Zofen im
Korridor, Wagen, Diener standen dressiert auf ihren Blick, ihre Hand, ihre
Haut. Seine Nerven lauerten auf die Ahnung eines Wechsels, heut stürzte er
in die bunte Pfauflamme der Folies Bergères, morgen sah sie steifstes
klassisches Theater, am Abend fuhren sie vorn auf dem Seinedampfer in
Geruch von Bäumen und Wassernacht. Stieß etwas aus ihr gegen die Welt,
stieß es auf Le Beau. Es gab keine unvereinigte Sekunde. Im Musée Cluny
begeisterte sie sich an alten Spitzen. Sie besaß sie am folgenden Morgen.

Sie kleidete sich an im Boudoir: »Es reizt mich nicht, wenn Sie Ihr
Vermögen verschwenden . . . noch weniger aber, wenn Sie sich exponieren.
Polizei ist mir widerlich.« Er erbleichte ein wenig. »Es geschieht nicht
Ihretwegen«, sagte er höflich. »Es ist eine Leidenschaft.«

Er griff in die Tasche, sein großer Körper funkelte in drei Spiegeln, das
rote Haar war ein wenig in die Stirn gestrichen. Er gab ihr Briefe an sie,
die auf verdächtige Weise kamen. Sie legte sie ihm vor, zurück, errötet vor
Zorn, der seidene Unterrock umglockte sie, als sie sich bog. Er lachte. Das
Haus ward Mitte von Versuchung. Sie gaben sich Handikap darum. Wo Daisy
auftauchte, geschah ein Start. Breschen wurden versucht, leichte Minen
gelegt. Le Beau suchte man zu übersehen. Er lächelte. Sie spürte es kaum.
Ward es aufdringlich, schürzte sie den Mund ein wenig, ging darüber. Ihre
Wirkung ward aufreizend; tauchte sie auf, war sie Zentrum, schloß um den
Kreis, sich angliedernd, immer weiteres Herströmen. Vor der Oper fuhr mit
rascher Biegung vor ihren Wagen ein fremder. Hände streckten sich ihr
entgegen. Le Beau riß sie zurück. Nun trug er eine Falte, spürte Gefahr,
streckte sich in eine wunderbare Abwehr. Es begeisterte sie, wie er
Witterung nahm, ohne daß sie begriff, was vorging. Sie ruhte nur nach ihm
hin. Als er bei ihr war, nachts, rief er etwas, sprang hoch und schoß durch
das Fenster. Am Nachmittag, als er den Korridor querte, fing ein Diener an
zu zittern, verbarg etwas, sank gegen die Wand. Er untersuchte nichts,
hatte genug. Wartete nicht mehr.

Er löschte alle Lichter, ließ die Bedienung für den Abend ausgehn,
veränderte sich, gab Daisy die Kleider einer kleinen Mimi, sich selbst die
abgelegte Eleganz eines Alphonse. Durch den Garten aus dem Haus, im
Boulevard tauchten sie unter. Wagen rollten, sie sprangen heraus, nahmen
andere. Straßen schäumten auf, fielen donnernd zurück, Schatten bog sie in
Parkviertel, Schleifen von Laternenstraßen schwangen vor ihnen stumm hinaus
gegen das Ende. Sie griff nach seiner Hand, begriff plötzlich, wie es um
sie herum sich sammelte. Nichts Freund war, nur Jagd. Aus der Weite, dem
rotumhängten Horizont sammelte sich alles in sie zurück, verweilte eine
Minute und schenkte sich ihm ganz hinein, wie nie. Als Reisende aus Tiflis
bewohnten sie den Mont Martre, als kleine Juden zogen sie zur Concorde. Ein
chilenischer Politiker führte im lateinischen Viertel sein Knie unterm
Tisch an ihren Schenkel, zog es rasch zurück, winkte mit den Brauen,
flüsterte mit seinem Nachbar. Um ihn lag eine Sinnlichkeit aufgespart, wie
nur Weiber sie dicht an die Haut, an den Atem gebunden tragen. Erstaunt,
abgelenkt einen Augenblick streifte sie ihn. Da öffnete sich der Mund,
bebte mit den Lippen: »Zwei Uhr.« Das Blut wallte in ihren Hals, in ihren
Kopf.

Nachts klirrte die Klinke, Le Beau ging dem Geräusch nach, auf nackten
Sohlen entflog ein Umriß. Sie lockte ihn zurück. Aber er folgte, hatte
endlich eine Spur, setzte auf diese Nummer, lief einer Figur nach im
spitzen Hut, die am Boulevard bald hochschwamm, bald untertauchte. Daisy
wachte. Schon drang das Licht vom Haus ab, ergriff in einer weichen Spirale
Notre Dame. Die silberne Brust schwankte, die Rippen starr gebläht wie von
Glas trieb die Kathedrale in die Mondwelle, glänzte mit Porzellan aus allen
Fenstern und schwebte. Bald auch waren die Türme eingelullt. Das Licht
stieg weiter, ergriff die Seine, das breite Flußband schwang am Horizont
hinauf und Kähne liefen gegen die Sternbilder hin. Dann fiel das Licht in
einen Park und hatte es mit den Bäumen, fiel kurz darauf gegen das Haus. Es
ward fast weiß. Die Gurte der Balkone herunter von einem entfernten Haus
her, wo die Linien der Eisenschnüre schon fast zusammentrafen in einem
spitzen Winkel, kam ein weißer Ballen, geschnellt, gesprungen. Es schlug
zwei Uhr. Er tauchte in Mauerschatten, schwang ins Licht, überkletterte
Barrikaden, klammerte sich an die Hausfront. Das Licht hob ihn, spülte ihn
herüber, er war am dritten Haus. Von unten stieg es herauf, der Schritt Le
Beaus hielt vor der Tür. Er kam, die Stirn mit der Hand umklammert. Ein
Sandsack hatte ihn in einer Torflucht, in die er folgte,
zusammengeschlagen. Nach der Ohnmacht kehrte er sofort zurück, sie hatte
nur zwei Sekunden gedauert, denn im Augenblick des Schlags wußte er, er
müsse zurück. »Du mußtest zurück,« flüsterte sie mit geschlossenen Augen,
die Angst um ihn stieß sie gegen ihn hin. Sie umschloß seinen Nacken, trat
mit ihm auf den Balkon, flüsterte seinen Namen in die Nacht, besinnungslos:
»Chéri . . . doudou . . .«, umwärmte ihn mit ihrem Körper, liebkoste sein
Ohr, seinen Mund.

Ein weißer Ballen bäumte zurück am Nachbarbalkon. Durch die halboffenen
Lider sah sie gehetzt vom Teufel eine Figur im Nachtweiß zurückfliehen.
Zerrissen in der Balkonecke lag ein Tuch, von Speichel feucht. Sie trug es
hinein.

Sie konzentrierte alles auf Flucht. Er widerstand, schon halb in neuer
Ohnmacht. Die Zähne entblösten sich gierig, er war im Kampf, blieb auf dem
Posten. Sie streichelte ihn: er stand nicht auf. Sie frug, was er mehr
liebe, seine Eitelkeit gegen Gefahr oder sie, Daisy. Schmollte mit dem Mund
und lächelte, und lauschte, während sie überredete, auf jedes Geräusch.
Sein Blick fiel in den Spiegel, blieb am Bild seiner Kopfkompresse,
schüttelte fiebrig den Kopf. Sie bat. Sie befahl. Unter dem Ton zuckte er
zusammen, durchschaute den Klang, wehrte ab: »Kein Mitleid«. Je tapfrer er
sich wehrte, wuchs in ihr das feste Ziel: ihn in Sicherheit zu wissen, das
andere all war Abgrund. Sie drehte den Plan um, kam mit List, während er
fasziniert vor sich hinsah. Sie lockte ihn weg von seiner Fechterei. Sprach
von seinem Haus, dem Park, den Zimmern. Sprach, wie alles zerfließe, die
Jagd ihr Ruhe nehme und Freude, wie sie in Sehnsucht ihr Leben sich anders
gedacht. Wo sie froh gewesen, ihm entgegengereist, sei dort gewesen. Sie
sah in ihren Schoß. Er nickte langsam, schwer überzeugt.

Sie wartete eine Stunde, verriet ihre Erfolgfreude nicht. In seinem Haus
war wenigstens ein Wechsel des Orts, parierte Gefahr. Sie fuhren dann Place
St. Michel, nahmen den Métro, erreichten Mont Parnasse, fuhren umsteigend
zur Etoile, nahmen einen antrabenden Fiaker, stiegen irgendwo aus in einer
Gasse, deren Dunkel sie selbst unbekannt umschwirrte, liefen, an den Händen
gefaßt, in den Schattenbogen, drangen in ihn ein so tief, daß hinter ihnen
nichts blieb, alles zurückfiel, nicht die Idee einer Verfolgung in der Luft
hing. Vor einer Taverne standen Wagen. Bis dorthin hielt Le Beau sich. Vorm
Einsteigen schwankte er wieder. Sie legte, während die Gassen, Straßen
zurückblieben, in das Schwindelgewoge um ihn den Körper, die Hand in sein
Gesicht, ihren Mund an sein Ohr: »Ich bin bei dir.« Voll, scharf umrissen
kam sein Gesicht ihrem entgegen.

Über die Dienertreppe stieg sie zum zweitenmal ins Haus des, der sie zuerst
aufgebrochen. Ihr Blut suchte ihn sofort. Hier lebten sie nun. Niemand
wußte es, es drang nicht nach außen. Ein alter Arzt behandelte ihn von der
Erschütterung. Sie wartete, bis dies vorüber war, dann lockte sie jeder
Platz, selbst der fernste, denn dort war Sicherheit. Aber als selbst der
Siebzigjährige beim Untersuchen eine Schmeichelei hatte für ihren Arm,
brach sie in Weinen aus, verließ das Zimmer, warf sich auf ihren Diwan,
schloß ab, öffnete nicht vorm Abend. Maß sich die Schuld zu, ihrer Haut,
dem Wuchs, dem Duft ihres Haares, daß Le Beau leide. Denn um ihretwillen
zog er sich Feinde, erlitt er Angriff. Sie spürte, so lange sie da sei,
schiebe sich dies und dies zwischen ihn und sie und bohre ihn weg, weil sie
auffiel, weil sie reizte. Er aber trat ein, faßte das überall an, sagte:
»Liebe ich das nicht, warum verletzt du es?«

Sie traten in die Parklauben, der Sommerduft strich darin herum, sie blieb
stehen, an der Stirn getroffen, machte die Augen zu, küßte ihn
besinnungslos. Gewärtig eines Überfalls hielt sie den Kuß an bis zum
Ersticken, sah lauschende Köpfe aus dem Rosenbeet kommen, Leitern nachts
gegen die Wand sich stellen. Von der Silberkugel zwischen den Staketen,
wogte aus der Metalltiefe Zwielichtiges, Schatten, gedämpftes Ungeheures
heran, gegen sie. Dies drängte ihr Leben zusammen, zielte es in einer
unbekannten Verdichtung gegen ihn allein. Bleich vor Erregung strömte sie
ihre Seele mit der Zunge in seinen Mund. Dachte nicht, selbst nie im
Halbtraum, der fremde, sehnsüchtige Glieder formt, an andere Männer, ja
haßte sie, wurden sie aufdringlich deutlich in der Phantasie. Die
geschmeidige Stoßkraft seines Körpers gab ihr jede Seligkeit, die ihr
Körper verlangte. Er trieb sie höher noch, als sie vermochte, schleifte sie
in die letzte Wollust, schon besinnungslos. Oft lag sie über seinem Gesicht
nachts, bog die Haare ihm aus der Stirn, lauschte, ob sie sein Traum sei.
Legte die Hand auf sein Herz und zog mit dem Finger ihren Namen auf die
Haut der Grube. Ging er von ihr, nur in das nächste Zimmer, war ihr, es sei
für immer. An ihrer Angst wuchs ihre Liebe höher, weiter, als sie von ihm
empfand. Er gesundete, war gefährdeter, je mehr er sich bewegte. Mit jedem
Tag ward ihr Auge größer, erwartender, eingestellter auf Unheil. Er aber
blieb gleich, umschürfte ihr Fleisch mit Witterung, griff an, quälte sie,
liebte sie ohne Änderung, ein Marder, ein edles Tier, voll Geist, der nie
die Beherrschung verlor, nie mit ihr sich traf in einer Höhe, die nur die
übersinnliche wahnsinnige Angst ihrer Seele erreichte. Da blieb das
Männliche zurück, sank zurück, wenn er sich ihr ergossen, flog nicht zu dem
erlösenden Wort, das ihr Mut gab jenseits der Umschlingung der Körper.
Während sie sich noch auftat, ihm entgegenatmete, durch seine Umarmung das
Hemmungslose durchbrach und aufgeschleudert flog in eine leiblose
Ergriffenheit, spürte sie unter wütenden Küssen das Zurückgleitende, Fremde
an ihm, das, was sich nicht gab: _den Mann_. Sie schlug verschleiert die
schräg gebrochenen Augen auf: »Du mußt mich mehr lieben.« Schmeichelnd
umwand sein Körper sie wieder, sein Geist begleitete seine Hände, gab ihnen
Linde und glatte Bewegung, sagte ihr Worte der Lie

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