Lebensansichten des Katers Murr
by E. T. A. Hoffmann · German · Gutenberg #38780 · 903,465 chars · public domain (US)
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Title: Lebensansichten des Katers Murr
Author: E. T. A. Hoffmann
Release date: February 6, 2012 [eBook #38780]
Most recently updated: June 27, 2020
Language: German
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/38780
Credits: E-text prepared by Norbert H. Langkau, Carlos Valiente, and the Online Distributed Proofreading Team (http://www.pgdp.net)
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E. T. A. Hoffmann
LEBENSANSICHTEN DES KATERS MURR
Hamburgische Hausbibliothek
Herausgegeben
im Auftrage der Gesellschaft Hamburgischer
Kunstfreunde, der Patriotischen Gesellschaft
und der Lehrervereinigung für die
Pflege der künstlerischen
Bildung
[Illustration]
Hamburg 1912
Alfred Janssen
LEBENSANSICHTEN DES KATERS MURR
nebst
fragmentarischer Biographie des
Kapellmeisters Johannes Kreisler
in zufälligen Makulaturblättern
Herausgegeben von
E. T. A. Hoffmann
1. bis 5. Tausend
Hamburg 1912
Alfred Janssen
Druckerei-Gesellschaft Hartung & Co. m. b. H., Hamburg
Vorwort.
E. Th. Amadeus Hoffmann wurde am 21. Januar 1776 in Königsberg geboren.
Er wurde Jurist und kam als preußischer Beamter 1804 nach Warschau.
Durch die französische Besetzung verlor er 1807 sein Amt. Er fand
schließlich ein Unterkommen als Kapellmeister an dem Theater in Hamburg.
Als das Unternehmen einging, wurde er Mitarbeiter an der Allgemeinen
Musikzeitung in Leipzig. 1816 wurde er wieder als Kammergerichtsrat in
Berlin angestellt, wo er am 24. Juli 1822 starb.
Diese Daten enthalten alles, was den Lebensgang und die Eigenart des
Mannes kennzeichnet. Er war preußischer Beamter; der Untergang seines
Staates warf ihn in das unsichere Dasein eines fahrenden Musikers und
eines lohnschreibenden Journalisten. So wurde die Schriftstellerei sein
zweiter Beruf, den er fortführte, als er wieder ins Amt kam.
Er besaß in hohem Maße den scharfen Verstand und die unbedingte
Sachlichkeit, welche sein Amt verlangte. Aber in seinen Erzählungen,
auch wohl im Leben außer dem Dienste liebte seine Phantasie es, die
ordnungsliebende Vernunft am hellen Tage durch tolle Launen zu
erschrecken. Spiel ist ursprünglich sein Verhältnis zur Kunst. Drei
Künste, Malerei, Musik, Poesie hat er zunächst als Dilettant ausgeübt.
Er zeichnete Karikaturen, er dichtete und komponierte Singspiele und
kleine Opern. Von der Musik kam er zur Musikschriftstellerei; aus den
Rezensionen wurden Erzählungen. So entstand die Figur des Kapellmeisters
Kreisler. Malerei und Musik blieben Lieblingsgegenstände seiner
Erzählungen und Kreisler taucht wieder in dem Werke auf, welches zwar
nicht das letzte ist, aber als reifer Abschluß seiner Dichtung angesehen
werden darf.
In dieser Geschichte laufen zwei Erzählungen nebeneinander her. Die
Geschichte des Katers Murr zeigt die Entwicklung des Naturburschen, des
Autodidakten; seine Seele und sein Geist sind ein unbeschriebenes Blatt,
in welches Gott und Welt gern hineinschreiben und das sich daher bald
füllt.
Die parallel laufende Geschichte des Kapellmeisters Johannes Kreisler
zeigt dagegen lauter Kulturmenschen. Kreisler ist der edle, hochbegabte
stets mit den Widerwärtigkeiten des Lebens und der Trivialität der
Menschen ringende Künstler. In Julia ist ihm ein weibliches Ideal
gegenübergestellt. Meister Abraham, der väterliche Freund Kreislers, ist
der angesehene, wohlgesinnte, tüchtige Mann, der seinen Weg durchs Leben
gemacht hat. Er ist der männliche, die Rätin Benzon der weibliche Mentor
des mediatisierten Fürsten Irenäus, an dessen Miniaturhofe die
Geschichte spielt. Die Familie des Fürsten Irenäus zeigt deutlich die
Schwächen einer durch viele Generationen gepflegten Überkultur. Er
selbst zeigt Züge des Serenissimus, ja, man könnte sagen, er ist der
Prototyp desselben; der Dichter hat sich jedoch sorgfältig vor Karikatur
gehütet. Die Prinzessin Hedwiga, die Freundin Julias, ist die zwar in
ihrem Charakter an sich aufrechte, aber mit hysterischer Nervenschwäche
belastete Tochter eines alten Geschlechts. Ihr Bruder Prinz Ignaz ist
ein Trottel.
In der Episode der Chiara, der Geliebten des Meisters Abraham und in der
Geschichte des Mönches Cyprianus und der Angela kommt der Hang des
Dichters zum Übersinnlichen, Romantischen zu seinem Rechte. Es ist ein
eigentümlicher Zug Hoffmanns, daß trotz aller scheinbar ernsten
Versuche, die wunderbaren Ereignisse auf natürliche Weise zu erklären,
ihnen doch immer ein Zug ins Übersinnliche anhaften bleibt.
Dr. Ernst Hipp.
Vorwort des Herausgebers.
Keinem Buche ist ein Vorwort nötiger als gegenwärtigem, da es, wird
nicht erklärt, auf welche wunderliche Weise es sich zusammengefügt hat,
als ein zusammengewürfeltes Durcheinander erscheinen dürfte.
Daher bittet der Herausgeber den günstigen Leser, wirklich zu lesen,
nämlich dies Vorwort.
Besagter Herausgeber hat einen Freund, mit dem er ein Herz und eine
Seele ist, den er eben so gut kennt, als sich selbst. Dieser Freund
sprach eines Tages zu ihm ungefähr also. »Da Du, mein Guter, schon
manches Buch hast drucken lassen, und Dich auf Verleger verstehst, wird
es Dir ein leichtes sein, irgend einen von diesen wackern Herren
aufzufinden, der auf Deine Empfehlung etwas druckt, was ein junger Autor
von dem glänzendsten Talent, von den vortrefflichsten Gaben vorher
aufschrieb. Nimm Dich des Mannes an, er verdient es.«
Der Herausgeber versprach, sein Bestes zu tun für den
schriftstellerischen Kollegen. Etwas verwunderlich wollt' es ihm nun
wohl bedünken, als sein Freund ihm gestand, daß das Manuskript von einem
Kater, Murr geheißen, herrühre, und dessen Lebensansichten enthalte; das
Wort war jedoch gegeben, und da der Eingang der Historie ihm ziemlich
gut stilisiert schien, so lief er sofort, mit dem Manuskript in der
Tasche, zu dem Herrn Dümmler unter den Linden und proponierte ihm den
Verlag des Katerbuchs.
Herr Dümmler meinte, bis jetzt habe er zwar nicht unter seinen Autoren
einen Kater gehabt, wisse auch nicht, daß irgend einer seiner werten
Kollegen mit einem Mann des Schlages bis jetzt sich eingelassen,
indessen wolle er den Versuch wohl machen.
Der Druck begann, und dem Herausgeber kamen die ersten Aushängebogen zu
Gesicht. Wie erschrak er aber, als er gewahrte, daß Murrs Geschichte hin
und wieder abbricht, und dann fremde Einschiebsel vorkommen, die einem
andern Buch, die Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler
enthaltend, angehören.
Nach sorgfältiger Nachforschung und Erkundigung erfuhr der Herausgeber
endlich folgendes. Als der Kater Murr seine Lebensansichten schrieb,
zerriß er ohne Umstände ein gedrucktes Buch, das er bei seinem Herrn
vorfand, und verbrauchte die Blätter harmlos, teils zur Unterlage, teils
zum löschen. Diese Blätter blieben im Manuskript und -- wurden, als zu
demselben gehörig, aus Versehen mit abgedruckt!
De- und wehmütig muß nun der Herausgeber gestehen, daß das verworrene
Gemisch fremdartiger Stoffe durcheinander lediglich durch seinen
Leichtsinn veranlaßt, da er das Manuskript des Katers hätte genau
durchgehen sollen, ehe er es zum Druck beförderte, indessen ist noch
einiger Trost für ihn vorhanden.
Für's erste wird der geneigte Leser sich leicht aus der Sache finden
können, wenn er die eingeklammerten Bemerkungen: Mak. Bl.
(Makulatur-Blatt) und M. f. f. (Murr fährt fort) gütigst beachten will.
Dann ist aber das zerrissene Buch höchst wahrscheinlich gar nicht in den
Buchhandel gekommen, da niemand auch nur das Mindeste davon weiß. Den
Freunden des Kapellmeisters wenigstens wird es daher angenehm sein, daß
sie durch den literarischen Vandalismus des Katers zu einigen
Nachrichten über die sehr seltsamen Lebensumstände jenes in seiner Art
nicht unmerkwürdigen Mannes kommen.
Der Herausgeber hofft auf gütige Verzeihung.
Wahr ist es endlich, daß Autoren ihre kühnsten Gedanken, die
außerordentlichsten Wendungen, oft ihren gütigen Setzern verdanken, die
dem Aufschwunge der Ideen nachhelfen durch sogenannte Druckfehler. So
sprach z. B. der Herausgeber im zweiten Teile seiner Nachtstücke pag.
326 von geräumigen =Bosketts=, die in einem Garten befindlich. Das war dem
Setzer nicht genial genug, er setzte daher das Wörtlein =Bosketts= um in
das Wörtlein =Kasketts=. So läßt in der Erzählung, das Fräulein von
Scudery der Setzer pfiffigerweise besagtes Fräulein statt in einer
schwarzen =Robe=, in einer schwarzen =Farbe= von schwerem Seidenzeug
erscheinen u. s. w.
Jedem jedoch das Seine! Weder der Kater Murr, noch der unbekannte
Biograph des Kapellmeisters Kreisler soll sich mit fremden Federn
schmücken, und der Herausgeber bittet daher den günstigen Leser
dringend, bevor er das Werklein liest, nachfolgende Änderungen zu
veranstalten, damit er von beiden Autoren nicht besser oder schlechter
denke, als sie es verdienen.
Übrigens werden nur die Haupterrata bemerkt, geringere dagegen der
Diskretion des gütigen Lesers überlassen. (Die in der früheren Ausgabe
hier folgenden Druckfehler sind in dieser verbessert.)
Schließlich darf der Herausgeber versichern, daß er den Kater Murr
persönlich kennen gelernt und in ihm einen Mann von angenehmen milden
Sitten gefunden hat.
Berlin, im November 1819. E. T. A. Hoffmann.
Vorrede des Autors.
Schüchtern -- mit bebender Brust, übergebe ich der Welt einige Blätter
des Lebens, des Leidens, der Hoffnung, der Sehnsucht, die in süßen
Stunden der Muße, der dichterischen Begeisterung, meinem innersten Wesen
entströmten.
Werde, kann ich bestehen vor dem strengen Richterstuhl der Kritik? Doch
Ihr seid es, Ihr fühlenden Seelen, Ihr rein kindlichen Gemüter, Ihr mir
verwandten treuen Herzen ja Ihr seid es, für die ich schrieb, und eine
einzige schöne Träne in Eurem Auge wird mich trösten, wird die Wunde
heilen, die der kalte Tadel unempfindlicher Rezensenten mir schlug!
Murr,
Berlin, im Mai (18--). (_Étudiant en belles lettres_).
Vorwort, unterdrücktes des Autors.
Mit der Sicherheit und Ruhe, die dem wahren Genie angeboren, übergebe
ich der Welt meine Biographie, damit sie lerne, wie man sich zum großen
Kater bildet, meine Vortrefflichkeit im ganzen Umfange erkenne, mich
liebe, schätze, ehre, bewundere, und ein wenig anbete.
Sollte jemand verwegen genug sein, gegen den gediegenen Wert des
außerordentlichen Buchs einige Zweifel erheben zu wollen, so mag er
bedenken, daß er es mit einem Kater zu tun hat, der Geist, Verstand
besitzt, und scharfe Krallen.
Murr,
Berlin, im Mai (18--). (_homme de lettres très renommé_).
N.S. Das ist zu arg! -- Auch das Vorwort des Autors, welches unterdrückt
werden sollte, ist abgedruckt! -- Es bleibt nichts übrig, als den
günstigen Leser zu bitten, daß er dem schriftstellerischen Kater den
etwas stolzen Ton dieses Vorworts nicht zu hoch anrechnen, und bedenken
möge, daß, wenn manche wehmütige Vorrede irgendeines andern empfindsamen
Autors in die wahre Sprache der innigen Herzensmeinung übersetzt werden
sollte, es nicht viel anders herauskommen würde.
D. H.
Erster Teil.
Erster Abschnitt.
Gefühle des Daseins, die Monate der Jugend.
Es ist doch etwas Schönes, Herrliches, Erhabenes um das Leben! -- »O du
süße Gewohnheit des Daseins!« ruft jener niederländische Held in der
Tragödie aus. So auch ich, aber nicht wie der Held in dem schmerzlichen
Augenblick, als er sich davon trennen soll -- nein! -- in dem Moment, da
mich eben die volle Lust des Gedankens durchdringt, daß ich in jene süße
Gewohnheit nun ganz und gar hineingekommen und durchaus nicht Willens
bin, jemals wieder hinauszukommen. -- Ich meine nämlich, die geistige
Kraft, die unbekannte Macht, oder wie man sonst das über uns waltende
Prinzip nennen mag, welches mir besagte Gewohnheit ohne meine Zustimmung
gewissermaßen aufgedrungen hat, kann unmöglich schlechtere Gesinnungen
haben, als der freundliche Mann bei dem ich in Kondition gegangen, und
der mir das Gericht Fische, das er mir vorgesetzt, niemals vor der Nase
wegzieht, wenn es mir eben recht wohlschmeckt.
O Natur, heilige hehre Natur! wie durchströmt all' deine Wonne, all'
dein Entzücken meine bewegte Brust, wie umweht mich dein geheimnisvoll
säuselnder Atem! -- Die Nacht ist etwas frisch und ich wollte -- doch
jeder der dies lieset oder nicht lieset, begreift nicht meine hohe
Begeisterung, denn er kennt nicht den hohen Standpunkt, zu dem ich mich
hinaufgeschwungen! -- Hinaufgeklettert wäre richtiger, aber kein Dichter
spricht von seinen Füßen, hätte er auch deren viere so wie ich, sondern
nur von seinen Schwingen, sind sie ihm auch nicht angewachsen, sondern
nur Vorrichtung eines geschickten Mechanikers. Über mir wölbt sich der
weite Sternenhimmel, der Vollmond wirft seine funkelnden Strahlen herab,
und in feurigem Silberglanz stehen Dächer und Türme um mich her! Mehr
und mehr verbraust das lärmende Gewühl unter mir in den Straßen, stiller
und stiller wird die Nacht -- die Wolken ziehen -- eine einsame Taube
flattert in bangen Liebesklagen girrend um den Kirchturm! -- Wie! -- wenn
die liebe Kleine sich mir nähern wollte? -- Ich fühle wunderbar es sich
in mir regen, ein gewisser schwärmerischer Appetit reißt mich hin mit
unwiderstehlicher Gewalt! -- O käme sie die süße Huldin, an mein
liebeskrankes Herz wollt ich sie drücken, sie nimmer von mir lassen -- ha
dort flattert sie hinein in den Taubenschlag, die Falsche, und läßt mich
hoffnungslos sitzen auf dem Dache! -- Wie selten ist doch in dieser
dürftigen, verstockten, liebeleeren Zeit wahre Sympathie der Seelen! --
Ist denn das auf zwei Füßen aufrecht Einhergehen etwas so Großes, daß
das Geschlecht, welches sich Mensch nennt, sich die Herrschaft über uns
alle, die wir mit sichererem Gleichgewicht auf vieren daherwandeln,
anmaßen darf? Aber ich weiß es, sie bilden sich was Großes ein auf
etwas, was in ihrem Kopfe sitzen soll und das sie die Vernunft nennen.
Ich weiß mir keine rechte Vorstellung zu machen, was sie darunter
verstehen, aber so viel ist gewiß, daß wenn, wie ich es aus gewissen
Reden meines Herrn und Gönners schließen darf, Vernunft nichts anderes
heißt, als die Fähigkeit, mit Bewußtsein zu handeln und keine dummen
Streiche zu machen, ich mit keinem Menschen tausche. -- Ich glaube
überhaupt, daß man sich das Bewußtsein nur angewöhnt; durch das Leben
und zum Leben kommt man doch, man weiß selbst nicht wie. Wenigstens ist
es mir so gegangen, und wie ich vernehme, weiß auch kein einziger Mensch
auf Erden das Wie und Wo seiner Geburt aus eigner Erfahrung, sondern nur
durch Tradition, die noch dazu öfters sehr unsicher ist. Städte streiten
sich um die Geburt eines berühmten Mannes, und so wird es, da ich selbst
nichts Entscheidendes darüber weiß, immerdar ungewiß bleiben, ob ich in
dem Keller, auf dem Boden, oder in dem Holzstall das Licht der Welt
erblickte, oder vielmehr nicht erblickte, sondern nur in der Welt
erblickt wurde von der teueren Mama. Denn wie es unserm Geschlecht
eigen, waren meine Augen verschleiert. Ganz dunkel erinnere ich mich
gewisser knurrender, prustender Töne, die um mich her erklangen, und die
ich beinahe wider meinen Willen hervorbringe, wenn mich der Zorn
überwältigt. Deutlicher und beinahe mit vollem Bewußtsein finde ich mich
in einem sehr engen Behältnis mit weichen Wänden eingeschlossen, kaum
fähig, Atem zu schöpfen und in Not und Angst ein klägliches
Jammergeschrei erhebend. Ich fühle, daß etwas in das Behältnis
hinabgriff und mich sehr unsanft beim Leibe packte, und dies gab mir
Gelegenheit, die erste wunderbare Kraft, womit mich die Natur begabt, zu
fühlen und zu üben. Aus meinen reich überpelzten Vorderpfoten schnellte
ich spitze gelenkige Krallen hervor und grub sie ein in das Ding, das
mich gepackt und das, wie ich später gelernt, nichts anderes sein konnte
als eine menschliche Hand. Diese Hand zog mich aber heraus aus dem
Behältnis und warf mich hin, und gleich darauf fühlte ich zwei heftige
Schläge auf den beiden Seiten des Gesichts, über die jetzt ein, wie ich
wohl sagen mag, stattlicher Bart herüberragt. Die Hand teilte mir, wie
ich jetzt beurteilen kann, von jenem Muskelspiel der Pfoten verletzt,
ein paar Ohrfeigen zu; ich machte die erste Erfahrung von moralischer
Ursache und Wirkung, und eben ein moralischer Instinkt trieb mich an,
die Krallen ebenso schnell wieder einzuziehen, als ich sie
hervorgeschleudert. Später hat man dieses Einziehen der Krallen mit
Recht als einen Akt der höchsten Bonhommie und Liebenswürdigkeit
anerkannt und mit dem Namen »Samtpfötchen« bezeichnet.
Wie gesagt, die Hand warf mich wieder zur Erde. Bald darauf erfaßte sie
mich aber aufs neue beim Kopf und drückte ihn nieder, so daß ich mit dem
Mäulchen in eine Flüssigkeit geriet, die ich, selbst weiß ich nicht, wie
ich darauf verfiel, es mußte daher physischer Instinkt sein, aufzulecken
begann, welches mir eine seltsame innere Behaglichkeit erregte. Es war,
wie ich jetzt weiß, süße Milch, die ich genoß; mich hatte gehungert, und
ich wurde satt, indem ich trank. So trat, nachdem die moralische
begonnen, die physische Ausbildung ein.
Aufs neue, aber sanfter als vorher, faßten mich zwei Hände und legten
mich auf ein warmes weiches Lager. Immer besser und besser wurde mir zu
Mute, und ich begann mein inneres Wohlbehagen zu äußern, indem ich jene
seltsamen, meinem Geschlecht allein eigenen Töne von mir gab, die die
Menschen durch den nicht unebenen Ausdruck, spinnen, bezeichnen. So ging
ich mit Riesenschritten vorwärts in der Bildung für die Welt. Welch ein
Vorzug, welch ein köstliches Geschenk des Himmels, inneres physisches
Wohlbehagen ausdrücken zu können durch Ton und Gebärde! -- Erst knurrte
ich, dann kam mir jenes unnachahmliche Talent, den Schweif in den
zierlichsten Kreisen zu schlängeln, dann die wunderbare Gabe, durch das
einzige Wörtlein »Miau« Freude, Schmerz, Wonne und Entzücken, Angst und
Verzweiflung, kurz, alle Empfindungen und Leidenschaften in ihren
mannigfaltigsten Abstufungen auszudrücken. Was ist die Sprache der
Menschen gegen dieses einfachste aller einfachen Mittel, sich
verständlich zu machen! -- Doch weiter in der denkwürdigen, lehrreichen
Geschichte meiner ereignisreichen Jugend!
Ich erwachte aus tiefem Schlaf, ein blendender Glanz umfloß mich, vor
dem ich erschrak: fort waren die Schleier von meinen Augen, ich sah! --
Ehe ich mich an das Licht, vorzüglich aber an das buntscheckige
Allerlei, das sich meinen Augen darbot, gewöhnen konnte, mußte ich
mehrmals hintereinander entsetzlich niesen, bald ging es indessen mit
dem Sehen ganz vortrefflich, als habe ich es schon mehrere Zeit
hintereinander getrieben.
O das Sehen! es ist eine wunderbare, herrliche Gewohnheit, eine
Gewohnheit, ohne die es sehr schwer werden würde, überhaupt in der Welt
zu bestehen! -- Glücklich diejenigen Hochbegabten, denen es so leicht
wird als mir, sich das Sehen anzueignen.
Leugnen kann ich nicht, daß ich doch in einige Angst geriet und
dasselbe Jammergeschrei erhob, wie damals in dem engen Behältnis.
Sogleich erschien ein kleiner hagerer alter Mann, der mir unvergeßlich
bleiben wird, da ich meiner ausgebreiteten Bekanntschaft unerachtet
keine Gestalt, die ihm gleich oder auch nur ähnlich zu nennen, jemals
wieder erblickt habe. Es trifft sich häufig bei meinem Geschlecht, daß
dieser, jener Mann einen weiß und schwarz gefleckten Pelz trägt, selten
findet man aber wohl einen Menschen, der schneeweißes Haupthaar haben
sollte und dazu rabenschwarze Augenbraunen, dies war aber der Fall bei
meinem Erzieher. Der Mann trug im Hause einen kurzen hochgelben
Schlafrock, vor dem ich mich entsetzte und daher, so gut es bei meiner
damaligen Unbehülflichkeit gehen wollte, von dem weißen Kissen herab zur
Seite kroch. Der Mann bückte sich herab zu mir mit einer Gebärde, die
mir freundlich schien und mir Zutrauen einflößte. Er faßte mich, ich
hütete mich wohl vor dem Muskelspiel der Krallen, die Ideen kratzen und
Schläge verbanden sich von selbst, und in der Tat, der Mann meinte es
gut mit mir, denn er setzte mich nieder vor einer Schüssel süßer Milch,
die ich begierig auflutschte, worüber er sich nicht wenig zu freuen
schien. Er sprach vieles mit mir, welches ich aber nicht verstand, da
mir damals als einem jungen unerfahrnen Kiek in die Welt von Käterchen
das Verstehen der menschlichen Sprache noch nicht eigen. Überhaupt weiß
ich von meinem Gönner nur wenig zu sagen. So viel ist aber gewiß, daß er
in vielen Dingen geschickt -- in Wissenschaften und Künsten hocherfahren
sein mußte, denn alle, die zu ihm kamen (ich bemerkte Leute darunter,
die gerade da, wo mir die Natur einen gelblichen Fleck im Pelze beschert
hat, d. h. auf der Brust, einen Stern oder ein Kreuz trugen),
behandelten ihn ausnehmend artig, ja zuweilen mit einer gewissen scheuen
Ehrfurcht, wie ich späterhin den Pudel Skaramuz, und nannten ihn nicht
anders als mein hochverehrtester, mein teuerer, mein geschätztester
Meister Abraham! -- Nur zwei Personen nannten ihn schlechtweg »mein
Lieber!« Ein großer dürrer Mann in papageigrünen Hosen und weißseidenen
Strümpfen, und eine kleine sehr dicke Frau mit schwarzem Haar und einer
Menge Ringe an allen Fingern. Jener Herr soll aber ein Fürst, die Frau
hingegen eine jüdische Dame gewesen sein.
Dieser vornehmen Besucher unerachtet wohnte Meister Abraham doch in
einem kleinen hochgelegenen Stübchen, so daß ich meine ersten Promenaden
sehr bequem durchs Fenster aufs Dach und auf den Hausboden machen
konnte. --
Ja, es ist nicht anders, auf einem Boden muß ich geboren sein! -- Was
Keller, was Holzstall -- ich entscheide mich für den Boden! -- Klima,
Vaterland, Sitten, Gebräuche, wie unauslöschlich ist ihr Eindruck, ja,
wie sind sie es nur, die des Weltbürgers äußere und innere Gestaltung
bewirken! -- Woher kommt in mein Inneres dieser Höhesinn, dieser
unwiderstehliche Trieb zum Erhabenen? Woher diese wunderbar seltene
Fertigkeit im Klettern, diese beneidenswerte Kunst der gewagtesten
genialsten Sprünge? -- Ha! es erfüllt eine süße Wehmut meine Brust!
-- Die Sehnsucht nach dem heimatlichen Boden regt sich mächtig! -- Dir
weihe ich diese Zähren, o schönes Vaterland! dir dies wehmütig
jauchzende Miau! -- Dich ehren diese Sprünge, diese Sätze, es ist Tugend
darin und patriotischer Mut! -- Du, o Boden! spendest mir in freigebiger
Fülle manch Mäuslein, und nebenher kann man manche Wurst, manche
Speckseite aus dem Schornstein erwischen, ja wohl manchen Sperling
haschen, und sogar hin und wieder ein Täublein erlauern. »Gewaltig ist
die Liebe zu dir, o Vaterland!« --
Doch ich muß, rücksichts meiner --
=(Mak. Bl.)= -- -- und erinnern Sie sich, gnädigster Herr! denn nicht des
großen Sturms, der dem Advokaten, als er zur Nachtzeit über den Pontneuf
wandelte, den Hut vom Kopfe herunter in die Seine warf? -- Ähnliches
steht im Rabelais, doch war es eigentlich nicht der Sturm, der dem
Advokaten den Hut raubte, den er, indem er den Mantel dem Spiel der
Lüfte preisgab, mit der Hand fest auf den Kopf gedrückt hielt, sondern
ein Grenadier riß, mit dem lauten Ausruf: es weht ein großer Wind, mein
Herr, vorüberlaufend, schnell den feinen Kastor dem Advokaten unter der
Hand von der Perücke, und nicht dieser Kastor war es, der in die Wellen
der Seine hinabgeschleudert wurde, sondern des Soldaten eignen schnöden
Filz führte wirklich der Sturmwind in den feuchten Tod. Sie wissen nun,
gnädigster Herr, daß in dem Augenblick, als der Advokat ganz verblüfft
da stand, ein zweiter Soldat mit demselben Ausruf: Es weht ein großer
Wind, mein Herr! vorüberrennend, den Mantel des Advokaten beim Kragen
packte und ihn ihm herabriß von den Schultern, und daß gleich darauf ein
dritter Soldat, mit demselben Ausruf: Es weht ein großer Wind, mein
Herr! vorbeilaufend, ihm das spanische Rohr mit dem goldnen Knopf aus
den Händen wand. Der Advokat schrie aus allen Kräften, warf dem letzten
Spitzbuben die Perücke nach und ging dann barhäuptig ohne Mantel und
Stock hin, um das merkwürdigste aller Testamente aufzunehmen, um das
seltsamste aller Abenteuer zu erfahren. Sie wissen das alles, gnädigster
Herr!
Ich weiß, erwiderte der Fürst, als ich dies gesprochen, ich weiß gar
nichts, und begreife überhaupt nicht, wie Ihr, Meister Abraham, mir
solches wirres Zeug vorschwatzen könnt? Den Pontneuf kenne ich
allerdings, er befindet sich zu Paris, und bin ich zwar niemals darüber
zu Fuße gegangen, wohl aber oft darüber gefahren, wie es meinem Stande
geziemt. Den Advokaten Rabelais habe ich niemals gesehen und um
Soldatenstreiche in meinem ganzen Leben mich nicht bekümmert. Als ich in
jüngeren Jahren noch meine Armee kommandierte, ließ ich wöchentlich
einmal sämtliche Junker durchfuchteln für die Dummheiten, die sie
begangen oder künftig noch begehen möchten, das Prügeln der gemeinen
Leute war aber die Sache der Lieutenants, die damit, meinem Beispiel
gemäß, auch allwöchentlich verfuhren, und zwar Sonnabends so, daß
Sonntags es keinen Junker, keinen gemeinen Kerl in der ganzen Armee gab,
der nicht seine gehörige Tracht Schläge erhalten, wodurch die Truppen,
nächst der eingeprügelten Moralität, auch ans Geschlagenwerden überhaupt
gewöhnt wurden, ohne jemals vor dem Feinde gewesen zu sein, und in
diesem Fall nichts anders tun konnten als Schlagen. Das leuchtet Euch
ein, Meister Abraham, und nun sagt mir um tausend Gotteswillen, was
wollt Ihr mit Euerm Sturm, mit Euerm auf dem Pontneuf beraubten
Advokaten Rabelais, wo bleibt Eure Entschuldigung, daß das Fest sich
auflöste in wilder Verwirrung, daß mir eine Leuchtkugel ins Toupet fuhr,
daß mein teuerer Sohn in das Bassin geriet und von verräterischen
Delphinen bespritzt wurde über und über, daß die Prinzessin entschleiert
mit aufgeschürztem Rock wie Atalanta durch den Park fliehen mußte, daß
-- daß -- wer zählt die Unglücksfälle der verhängnisvollen Nacht? -- Nun,
Meister Abraham, was sagt Ihr?«
Gnädigster Herr, erwiderte ich, mich demutsvoll verbeugend, was war an
allem Unheil schuld als der Sturm -- das gräßliche Unwetter, welches
einbrach, als alles im schönsten Gange war. Kann ich den Elementen
gebieten? -- Hab' ich denn nicht selbst dabei schlimmes Malheur
erlitten, habe ich nicht wie jener Advokat, den ich untertänigst nicht
mit dem berühmten französischen Schriftsteller Rabelais zu verwechseln
bitte, Hut, Rock und Mantel verloren? Habe ich nicht --
Höre, unterbrach hier den Meister Abraham Johannes Kreisler, höre,
Freund, noch jetzt, unerachtet es schon ziemlich lange her ist, spricht
man von dem Geburtstage der Fürstin, dessen Feier du angeordnet hast,
wie von einem dunkeln Geheimnis, und gewiß hast du nach deiner
gewöhnlichen Art und Weise viel Abenteuerliches begonnen. Hielt das Volk
dich schon immer für eine Art von Hexenmeister, so scheint dieser Glaube
durch jenes Fest noch um vieles stärker geworden zu sein. Sage mir nur
geradezu, wie sich alles begeben! Du weißt, ich war damals nicht hier --
Eben das, fiel Meister Abraham dem Freunde ins Wort, daß du nicht hier,
daß du, der Himmel weiß von welchen Furien der Hölle getrieben,
fortgerannt warst wie ein Wahnsinniger, eben das machte mich toll und
wild, eben deshalb beschwor ich die Elemente herauf, ein Fest zu stören,
das meine Brust zerschnitt, da du, der eigentliche Held des Stücks,
fehltest, ein Fest, das nur erst dürftig und mühsam daher schlich, dann
aber über geliebte Personen nichts brachte als die Qual beängstigender
Träume -- Schmerz -- Entsetzen! -- Erfahre es jetzt, Johannes, ich habe
tief in dein Inneres geschaut und das gefährliche, bedrohliche Geheimnis
erkannt, das darin ruht, -- ein gärender Vulkan, in jedem Augenblick
vermögend loszubrechen in verderblichen Flammen, rücksichtslos alles um
sich her verzehrend. Es gibt Dinge in unserm Innern, die sich so
gestalten, daß die vertrautesten Freunde darüber nicht reden dürfen.
Darum verhehlte ich dir sorglich, was ich in dir erschaut, aber mit
jenem Fest, dessen tieferer Sinn nicht die Fürstin, sondern eine andere
geliebte Person und dich selbst traf, wollte ich dein ganzes Ich
gewaltsam erfassen. Die verborgensten Qualen sollten lebendig werden in
dir, und wie aus dem Schlaf erwachte Furien mit verdoppelter Kraft deine
Brust zerfleischen. Wie einem zum Tode Siechen sollte Arznei, dem Orkus
selbst entnommen, die im stärksten Paroxysmus kein weiser Arzt scheuen
darf, dir den Tod bereiten oder Genesung! -- Wisse, Johannes, daß der
Fürstin Namenstag zusammentrifft mit dem Namenstage Julia's, die auch
wie sie Maria geheißen.
Ha! rief Kreisler, indem er, zehrendes Feuer im Blick, aufsprang, ha!
-- Meister! ist dir die Macht gegeben, mit mir freches, höhnendes Spiel
zu treiben? -- Bist du das Verhängnis selbst, daß du mein Inneres
erfassen magst?
Wilder, unbesonnener Mensch, erwiderte Meister Abraham ruhig, wann wird
endlich der verwüstende Brand in deiner Brust zur reinen Naphthaflamme
werden, genährt von dem tiefsten Sinn für die Kunst, für alles Herrliche
und Schöne, der in dir wohnt! -- Du verlangtest von mir die Beschreibung
jenes verhängnisvollen Festes; so höre mich denn ruhig an, oder ist
deine Kraft gebrochen ganz und gar, daß du das nicht vermagst, so will
ich dich verlassen. --
Erzähle, sprach Kreisler mit halb erstickter Stimme, indem er, beide
Hände vors Gesicht, sich wieder hinsetzte. Ich will, sprach Meister
Abraham, plötzlich einen heiteren Ton annehmend, dich, lieber Johannes,
gar nicht ermüden mit der Beschreibung aller der sinnreichen
Anordnungen, die größtenteils dem erfindungsreichen Geiste des Fürsten
selbst ihren Ursprung verdankten. Da das Fest am späten Abend begann, so
versteht es sich von selbst, daß der ganze schöne Park, der das
Lustschloß umgibt, erleuchtet war. Ich hatte mich bemüht, in dieser
Erleuchtung ungewöhnliche Effekte hervorzubringen, das gelang aber nur
zum Teil, da auf des Fürsten ausdrücklichen Befehl in allen Gängen,
mittels auf großen schwarzen Tafeln angebrachter, buntfarbiger Lampen,
der Namenszug der Fürstin brennen mußte, nebst der fürstlichen Krone
darüber. Da die Tafeln auf hohen Pfählen angenagelt, so glichen sie
beinahe illuminierten Warnungsanzeigen, daß man nicht Tabak rauchen oder
die Maut nicht umfahren solle. Der Hauptpunkt des Festes war das durch
Gebüsch und künstliche Ruinen gebildete Theater in der Mitte des Parks,
welches du kennst. Auf diesem Theater sollten die Schauspieler aus der
Stadt etwas Allegorisches agieren, welches läppisch genug war, um ganz
außerordentlich zu gefallen, hätte es auch nicht der Fürst selbst
verfaßt und wäre es daher auch nicht, um mich des geistreichen Ausdrucks
jenes Schauspieldirektors, der ein fürstliches Stück aufführte, zu
bedienen, aus einer durchlauchtigen Feder geflossen. Der Weg vom Schloß
bis zum Theater war ziemlich weit. Nach der poetischen Idee des Fürsten
sollte der wandelnden Familie ein in Lüften schwebender Genius mit zwei
Fackeln vorleuchten, sonst aber kein Licht brennen, sondern erst,
nachdem die Familie und das Gefolge Platz genommen, das Theater
plötzlich erleuchtet werden. Deshalb blieb besagter Weg finster.
Vergebens stellte ich die Schwierigkeit dieser Maschinerie vor, welche
die Länge des Wegs herbeiführte; der Fürst hatte in den >_Fêtes de
Versailles_< etwas Ähnliches gelesen, und da er hinterher den poetischen
Gedanken selbst gefunden, bestand er auf dessen Ausführung. Um jedem
unverdienten Vorwurf zu entgehen, überließ ich den Genius samt den
Fackeln dem Theatermaschinisten aus der Stadt. -- So wie nun das
fürstliche Paar, hinter ihm das Gefolge, aus der Türe des Salons trat,
wurde ein kleines pausbackiges Männlein, in die Hausfarben des Fürsten
gekleidet, mit zwei brennenden Fackeln in den Händchen, vom Dache des
Lustschlosses herabgezogen. Die Puppe war aber zu schwer, und es begab
sich, daß kaum zwanzig Schritte davon die Maschine stockte, so daß der
leuchtende Schutzgeist des fürstlichen Hauses hängen blieb, und da die
Arbeiter stärker anzogen, sich überkugelte. Nun schleuderten die
brennenden abwärts gekehrten Wachskerzen glühende Tropfen zur Erde. Der
erste dieser Tropfen traf den Fürsten selbst, der indessen mit stoischem
Gleichmut den Schmerz verbiß, wiewohl er in der Gravität des Schrittes
nachließ und schneller vorwärts eilte. Der Genius schwebte jetzt fort
über der Gruppe, die der Hofmarschall mit den Kammerjunkern nebst andern
Hofchargen bildete, Füße oben, Kopf unten, so daß der Glutregen aus den
Fackeln bald diesen, bald jenen auf den Kopf und auf die Nase traf. Den
Schmerz zu äußern und so das frohe Fest zu stören, hätte den Respekt
verletzt; es war daher hübsch anzusehen, wie die Unglücklichen, eine
ganze Kohorte stoischer Scävolas, mit gräßlich verzerrten Gesichtern und
doch mit Gewalt die Qual niederkämpfend, ja wohl gar ein Lächeln
erzwingend, das dem Orkus anzugehören schien, daherschritten, lautlos,
kaum bangen Seufzern Raum gebend. Dazu wirbelten die Pauken,
schmetterten die Trompeten, riefen hundert Stimmen: Vivat, vivat die
gnädigste Frau Fürstin! Vivat der gnädigste Herr Fürst! so daß das durch
den wunderlichen Kontrast jener Laokoontischen Gesichter mit dem
lustigen Jubel erzeugte tragische Pathos der ganzen Szene eine Majestät
gab, wie kaum zu denken.
Der alte dicke Hofmarschall konnte es endlich nicht mehr ertragen; als
ihn ein glühender Tropfen gerade auf die Backe traf, sprang er in
grimmer Wut der Verzweiflung seitwärts, verwickelte sich aber in die
Stricke, die zur Flugmaschine gehörend gerade an der Seite hart über dem
Boden fortliefen, und stürzte mit dem lauten Ausruf: Alle Teufel! nieder
zur Erde. In demselben Moment hatte auch der luftige Page seine Rolle
ausgespielt. Der gewichtige Hofmarschall zog ihn mit Zentnerschwere
nieder, er stürzte herab mitten unter das Gefolge, das laut aufschreiend
auseinander prallte. Die Fackeln verlöschten; man befand sich in der
dicksten Finsternis. Dies alles geschah dicht vor dem Theater. Ich
hütete mich wohl den Zünder anzustecken, der alle Lampen, alle
Feuerbecken des Platzes auf einmal in Brand setzen mußte, sondern
wartete damit ein paar Minuten, um der Gesellschaft Zeit zu lassen, sich
in Baum und Gebüsch gehörig zu verwirren. »Licht -- Licht!« rief der
Fürst wie der König im Hamlet, -- »Licht -- Licht!« eine Menge heisere
Stimmen durcheinander. Als der Platz erleuchtet, glich der auseinander
gesprengte Haufe einem geschlagenen Heer, das sich mühsam zusammen
findet. Der Oberkammerherr bewies sich als ein Mann von Gegenwart des
Geistes, als der geschickteste Taktiker seiner Zeit; denn in wenigen
Minuten war vermöge seiner Bemühungen die Ordnung wiederhergestellt. Der
Fürst trat mit der nächsten Umgebung auf eine Art von erhöhten
Blumenthron, der in der Mitte des Zuschauer-Platzes errichtet. Sowie das
fürstliche Paar sich niederließ, fielen vermöge einer sehr pfiffigen
Vorrichtung jenes Maschinisten eine Menge Blumen auf dasselbe herab. Nun
wollte es aber das dunkle Verhängnis, daß eine große Feuerlilie dem
Fürsten gerade auf die Nase fiel und sein ganzes Gesicht glutrot
überstäubte, wodurch er ein ungemein majestätisches, der Feierlichkeit
des Festes würdiges, Ansehen gewann.
Das ist zu arg -- das ist zu arg, rief Kreisler, indem er eine rasende
Lache aufschlug, daß die Wände dröhnten.
Lache nicht so konvulsivisch, sprach Meister Abraham, auch ich
lachte in jener Nacht unmäßiger als jemals, ich fühlte mich eben zu
allerlei tollem Mutwillen aufgelegt und hätte wie der Spukgeist Droll
selbst gern alles noch mehr durcheinander jagen, noch mehr verwirren
mögen; aber desto tiefer drangen dann die Pfeile, die ich gegen andere
gerichtet, ein in meine eigene Brust. -- Nun! -- ich will es nur sagen!
Den Moment des läppischen Blumenbewerfens hatte ich gewählt, um den
unsichtbaren Faden festzuknüpfen, der sich nun durch das ganze Fest
ziehen und, wie ein elektrischer Leiter, das Innerste der Personen
durchbeben sollte, die ich mit meinem geheimnisvollen geistigen Apparat,
in den sich der Faden verlor, mir in Rapport gesetzt denken mußte.
-- Unterbrich mich nicht Johannes -- höre mich ruhig an. -- Julia saß mit
der Prinzessin hinter der Fürstin seitwärts, ich hatte beide im Auge.
Sowie Pauken und Trompeten schwiegen, fiel Julien eine unter duftenden
Nachtviolen versteckte aufbrechende Rosenknospe in den Schoß, und wie
strömender Hauch des Nachtwindes schwammen die Töne deines tief ins Herz
dringenden Liedes herüber: _mi lagnerò tacendo della mia sorte amara._
-- Julie war erschrocken, als aber das Lied, das ich, ich sag' es, damit
du über die Art des Vortrags etwa nicht in bange Zweifel gerätst, von
unsern vier vortrefflichen Bassetthornisten ganz in der Ferne spielen
ließ -- begann, entfloh ein leichtes Ach ihren Lippen, sie drückte den
Strauß an die Brust, und ich hörte deutlich, daß sie zur Prinzessin
sprach: Er ist gewiß wieder da! -- Die Prinzessin umarmte Julien mit
Heftigkeit und rief so laut: Nein, nein -- ach, niemals! daß der Fürst
sein feuriges Antlitz umdrehte und ihr ein zorniges _Silence!_ zuwarf. Der
Herr mochte auch wohl eben nicht gerade auf das liebe Kind sehr böse
sein, aber ich will es hier bemerken, daß die wunderbare Schminke, ein
_tiranno ingrato_ in der Oper hätte sich nicht zweckmäßiger anmalen
können, ihm wirklich das Ansehen eines fortwährenden unvertilgbaren
Zornes gab, so daß die rührendsten Reden, die zartesten Situationen,
welche häusliches Glück auf dem Throne allegorisch darstellten, rein
verloren schienen; Schauspieler und Zuschauer gerieten darüber in nicht
geringe Verlegenheit. Ja selbst wenn der Fürst bei den Stellen, die er
sich zu dem Behuf in dem Exemplar, das er in der Hand hielt, rot
angestrichen, der Fürstin die Hand küßte und mit dem Tuch eine Träne von
dem Auge wegdrückte, schien es in verbissenem Ingrimm zu geschehen, so
daß die Kammerherren, die diensttuend ihm zur Seite standen, sich
zuflüsterten: O Jesus, was ist unserm gnädigsten Herrn! -- Ich will dir
nur sagen, Johannes, daß, während die Schauspieler das alberne Zeug
vorne auf dem Theater hertragierten, ich mittels magischer Spiegel und
anderer Vorrichtungen hinterwärts in den Lüften ein Geisterschauspiel
darstellte zur Verherrlichung des Himmelskindes, der holden Julia, daß
eine Melodie nach der andern, die du in hoher Begeisterung geschaffen,
ertönte, ja, daß oft ferner, oft näher, wie banger ahnungsvoller
Geisterruf, der Name: Julia, erklang. -- Aber du fehltest -- du
fehltest, mein Johannes! Und wenn ich auch, nachdem das Schauspiel
geendet, meinen Ariel rühmen, wie Shakespeares Prospero den seinigen,
wenn ich auch sagen müßte, daß er alles trefflich vollführt, so fand ich
doch das, was ich mit tiefem Sinn angeordnet zu haben glaubte, schal und
matt. -- Die Julia hatte alles mit feinem Takt verstanden. Doch schien
sie nur angeregt wie von einem lieblichen Traum, dem man übrigens keine
sonderliche Einwirkung ins wache Leben verstattet. Die Prinzessin war
dagegen tief in sich gekehrt. Arm in Arm lustwandelte sie mit Julien in
den erleuchteten Gängen des Parks, während der Hof in einem Pavillon
Erfrischungen zu sich nahm. -- Ich hatte den Hauptschlag in diesem
Moment vorbereitet, aber du fehltest -- du fehltest, mein Johannes.
-- Voller Unmut und Zorn rannte ich umher, ich sah zu, ob alle Anstalten
zu dem großen Feuerwerk, womit das Fest schließen sollte, gehörig
geordnet. Da gewahrte ich, aufschauend zum Himmel, über dem fernen
Geierstein, im Schimmer der Nacht die kleine rötliche Wolke, die
jedesmal ein Wetter bedeutet, das still heraufzieht und dann hier über
uns mit einer fürchterlichen Explosion losbricht. Zu welcher Zeit diese
Explosion geschehen muß, berechne ich, wie du weißt, nach dem Stand der
Wolke auf die Sekunde. Keine Stunde konnte es mehr dauern, ich beschloß
daher, mit dem Feuerwerk zu eilen. In dem Augenblick vernahm ich, daß
mein Ariel mit jener Phantasmagorie begonnen, die alles, alles
entscheiden sollte, denn ich hörte am Ende des Parks in der kleinen
Marienkapelle den Chor dein _Ave maris stella_ singen. Ich eilte schnell
hin. Julia und die Prinzessin knieten in dem Betstuhl, der vor der
Kapelle im Freien angebracht. Kaum war ich an Ort und Stelle, als --
aber du fehltest -- du fehltest, mein Johannes! -- Laß mich darüber
schweigen, was sich jetzt begab. -- Ach! -- wirkungslos blieb das, was
ich für ein Meisterstück meiner Kunst gehalten, und ich erfuhr, was ich
blöder Tor nicht geahnt. --
Heraus mit der Sprache! rief Kreisler; alles, alles sage, Meister wie es
sich begeben.
Mit nichten, erwiderte Meister Abraham; es nützt dir nichts, Johannes,
und mir zerschneidet es die Brust, wenn ich noch sagen soll, wie meine
eignen Geister mir Graus einjagten und Entsetzen! -- Die Wolke!
-- glücklicher Gedanke! So soll, rief ich wild aus, denn alles in toller
Verwirrung enden! und rannte fort nach dem Platze des Feuerwerks. Der
Fürst ließ mir sagen, wenn alles fertig sei, sollte ich das Zeichen
geben. Das Auge nicht abwendend von der Wolke, die vom Geierstein weg
höher und höher heraufzog, ließ ich, als sie mir hoch genug schien, die
Böller lösen. Bald war der Hof, die ganze Gesellschaft, an Ort und
Stelle. Nach dem gewöhnlichen Spiel mit Feuerrädern, Raketen,
Leuchtkugeln und anderm gemeinen Zeuge ging endlich der Namenszug der
Fürstin in Chinesischem Brillantfeuer auf, doch hoch über ihm in den
Lüften schwamm und verschwamm in milchweißem Licht der Name Julia. -- Nun
war es Zeit. -- Ich zündete die Girandole an, und wie zischend und
prasselnd die Raketen in die Höhe fuhren, brach das Wetter los mit
glutroten Blitzen, mit krachenden Donnern, von denen Wald und Gebirge
erdröhnten. Und der Orkan brauste hinein in den Park und störte auf den
tausendstimmig heulenden Jammer im tiefsten Gebüsch. Ich riß einem
fliehenden Trompeter das Instrument aus der Hand und blies lustig
jauchzend darin, während die Artilleriesalven der Feuertöpfe, der
Kanonenschläge, der Böller, wacker dem rollenden Donner
entgegenknallten.
Während Meister Abraham also erzählte, sprang Kreisler auf, schritt
heftig im Zimmer auf und ab, focht mit den Armen um sich und rief
endlich ganz begeistert: Das ist schön, das ist herrlich, daran erkenne
ich meinen Meister Abraham, mit dem ich ein Herz bin und eine Seele!
O, sprach Meister Abraham, ich weiß es ja, das Wildeste,
Schauerlichste, ist dir eben recht, und doch habe ich das vergessen, was
dich ganz und gar den unheimlichen Mächten der Geisterwelt preisgegeben
hätte. -- Ich hatte die Wetterharfe, die, wie du weißt, sich über das
große Bassin hinzieht, anspannen lassen, auf der der Sturm als ein
tüchtiger Harmoniker gar wacker spielte. In dem Geheul, in dem Gebraus
des Orkans, in dem Krachen des Donners, erklangen furchtbar die Akkorde
der Riesenorgel. Schneller und schneller schlugen die gewaltigen Töne
los, und man mochte wohl ein Furienballett vernehmen, dessen Stil
ungemein groß zu nennen, wie man es beinahe zwischen den leinwandnen
Wänden des Theaters nicht zu hören bekommt. -- Nun! -- in einer halben
Stunde war alles vorüber. Der Mond trat hinter den Wolken hervor. Der
Nachtwind säuselte tröstend durch den erschrockenen Wald und trocknete
die Tränen weg von den dunklen Büschen. Dazwischen ertönte noch dann und
wann die Wetterharfe wie dumpfes, fernes Glockengeläute. -- Mir war
wunderlich zu Mute. Du, mein Johannes, erfülltest mein Inneres so ganz
und gar, daß ich glaubte, du würdest gleich vor mir aufsteigen aus dem
Grabhügel verlorner Hoffnungen, unerfüllter Träume, und an meine Brust
sinken. Nun in der Stille der Nacht kam der Gedanke, was für ein Spiel
ich unternommen, wie ich gewaltsam den Knoten, den das dunkle Verhängnis
geschlungen, zerreißen wollen, aus meinem Innern herausgetreten,
fremdartig, in anderer Gestaltung, auf mich los, und indem mich kalte
Schauer durchbebten, war ich es selbst, vor dem ich mich entsetzen
mußte. -- Eine Menge Irrlichter tanzten und hüpften im ganzen Park
umher, aber es waren die Bedienten mit Laternen, welche die auf der
schnellen Flucht verlornen Hüte, Perücken, Haarbeutel, Degen, Schuhe und
Shawls zusammensuchten. Ich machte mich davon. Mitten auf der großen
Brücke vor unserer Stadt blieb ich stehen und schaute noch einmal zurück
nach dem Park, der vom magischen Schimmer des Mondes umflossen da stand
wie ein Zaubergarten, in dem das lustige Spiel flinker Elfen begonnen.
Da fiel mir ein feines Piepen in die Ohren, ein Quäken, das beinahe dem
eines neugebornen Kindes glich. Ich vermutete eine Untat, bückte mich
tief über das Geländer und entdeckte im hellen Mondschein ein Kätzchen,
daß sich mühsam an den Pfosten angeklammert, um dem Tode zu entgehen.
Wahrscheinlich hatte man eine Katzenbrut ersäufen wollen, und das
Tierchen war wieder hinaufgekrochen. Nun, dacht' ich, ist's auch kein
Kind, so ist es doch ein armes Tier, das dich um Rettung anquäkt und das
du retten mußt.
O du empfindsamer Just, rief Kreisler lachend, sage, wo ist dein
Tellheim?
Erlaube, fuhr Meister Abraham fort, mein Johannes, mit dem Just magst
du mich kaum vergleichen. Ich habe den Just überjustet. Er rettete einen
Pudel, ein Tier, das jeder gern um sich duldet, von dem sogar angenehme
Dienstleistungen zu erwarten, mittels Apportieren, Handschuhe,
Tabaksbeutel und Pfeife nachtragen usw., aber ich rettete einen Kater,
ein Tier, vor dem sich viele entsetzen, das allgemein als perfid, keiner
sanften, wohlwollenden Gesinnung, keiner offenherzigen Freundschaft
fähig, ausgeschrieen wird, das niemals ganz und gar die feindliche
Stellung gegen den Menschen aufgibt, ja, einen Kater rettete ich aus
purer uneigennütziger Menschenliebe. -- Ich kletterte über das Geländer,
griff, nicht ohne Gefahr, herab, faßte das wimmernde Kätzchen, zog es
hinauf und steckte es in die Tasche. Nach Hause gekommen, zog ich mich
schnell aus und warf mich ermüdet und erschöpft, wie ich war, aufs Bett.
Kaum war ich aber eingeschlafen, als mich ein klägliches Piepen und
Winseln weckte, das aus meinem Kleiderschrank herzukommen schien. -- Ich
hatte das Kätzchen vergessen und es in der Rocktasche gelassen. Ich
befreite das Tier aus dem Gefängnis, wofür es mich dermaßen kratzte, daß
mir alle fünf Finger bluteten. Schon war ich im Begriff, den Kater
durchs Fenster zu werfen, ich besann mich aber und schämte mich meiner
kleinlichen Torheit, meiner Rachsucht, die nicht einmal bei Menschen
angebracht ist, viel weniger bei der unvernünftigen Kreatur. -- Genug,
ich zog mit aller Mühe und Sorgfalt den Kater groß. Es ist das
gescheuteste, artigste, ja witzigste Tier der Art, das man sehen kann,
dem es nur noch an der höhern Bildung fehlt, die du, mein lieber
Johannes, ihm mit leichter Mühe beibringen wirst, weshalb ich denn
gesonnen bin, dir den Kater Murr, so habe ich ihn benannt, fernerhin zu
überlassen. Obschon Murr zur Zeit, wie die Juristen sich ausdrücken,
noch kein homo sui juris ist, so habe ich ihn doch um seine Einwilligung
gefragt, ob er in deine Dienste treten wolle. Er ist durchaus damit
zufrieden.«
Du faselst, sprach Kreisler, Meister Abraham! Du weißt, daß ich Katzen
nicht sonderlich leiden mag, daß ich dem Geschlecht der Hunde bei weitem
den Vorzug gebe. --
Ich bitte dich, erwiderte Meister Abraham, lieber Johannes, recht von
Herzen, nimm meinen hoffnungsvollen Kater Murr wenigstens so lange zu
dir, bis ich heimkehre von meiner Reise! Ich habe ihn schon deshalb
mitgebracht, er ist draußen und wartet auf gütigen Bescheid. Sieh ihn
wenigstens an.
Damit öffnete Meister Abraham die Türe, und auf der Strohmatte
zusammengekrümmt, schlafend, lag ein Kater, der wirklich in seiner Art
ein Wunder von Schönheit zu nennen. Die grauen und schwarzen Streifen
des Rückens liefen zusammen auf dem Scheitel zwischen den Ohren und
bildeten auf der Stirne die zierlichste Hieroglyphenschrift. Ebenso
gestreift und von ganz ungewöhnlicher Länge und Stärke war der
stattliche Schweif. Dabei glänzte des Katers buntes Kleid und schimmerte
von der Sonne beleuchtet, so daß man zwischen dem Schwarz und Grau noch
schmale goldgelbe Streifen wahrnahm. Murr! Murr! rief Meister Abraham,
krrr -- krrr, erwiderte der Kater sehr vernehmlich, dehnte -- erhob
sich, machte den außerordentlichsten Katzenbuckel und öffnete ein paar
grasgrüne Augen, aus denen Geist und Verstand in funkelndem Feuer
hervorblitzten. Das behauptete wenigstens Meister Abraham, und auch
Kreisler mußte so viel einräumen, daß der Kater etwas Besonderes,
Ungewöhnliches im Antlitz trage, daß sein Kopf hinlänglich dick, um die
Wissenschaften zu fassen, sein Bart aber schon jetzt in der Jugend weiß
und lang genug sei, um dem Kater gelegentlich die Autorität eines
griechischen Weltweisen zu verschaffen.
Wie kann man aber auch überall gleich schlafen, sprach Meister Abraham
zum Kater, du verlierst alle Heiterkeit darüber und wirst vor der Zeit
ein grämliches Tier. Putz dich fein, Murr!
Sogleich setzte der Kater sich auf die Hinterfüße, fuhr mit den
Samtpfötchen sich zierlich über Stirn und Wangen und stieß dann ein
klares freudiges Miau aus.
Dies ist, fuhr Meister Abraham fort, der Herr Kapellmeister Johannes
Kreisler, bei dem du in Dienste treten wirst. Der Kater glotzte den
Kapellmeister mit seinen großen funkelnden Augen an, begann zu knurren,
sprang auf den Tisch, der neben Kreislern stand, und von da ohne
weiteres auf seine Schulter, als wolle er ihm etwas ins Ohr sagen. Dann
setzte er wieder herab zur Erde und umkreiste schwänzelnd und knurrend
den neuen Herrn, als wolle er recht Bekanntschaft mit ihm machen.
Gott verzeih mir, rief Kreisler, ich glaube gar, der kleine graue Kerl
hat Verstand und stammt aus der illustren Familie des gestiefelten
Katers her.
So viel ist gewiß, erwiderte Meister Abraham, daß der Kater Murr das
possierlichste Tier von der Welt ist, ein wahrer Pulcinell und dabei
artig und sittsam, nicht zudringlich und unbescheiden, wie zuweilen
Hunde, die uns mit ungeschickten Liebkosungen beschwerlich fallen.
Indem ich, sprach Kreisler, diesen klugen Kater betrachte, fällt es mir
wieder schwer aufs Herz, in welchen engen Kreis unsere Erkenntnis
gebannt ist. -- Wer kann es sagen, wer nur ahnen, wie weit das
Geistesvermögen der Tiere geht! -- Wenn uns etwas, oder vielmehr alles,
in der Natur unerforschlich bleibt, so sind wir gleich mit Namen bei der
Hand, und brüsten uns mit unserer albernen Schulweisheit, die eben nicht
viel weiter reicht als unsere Nase. So haben wir denn auch das ganze
geistige Vermögen der Tiere, das sich oft auf die wunderbarste Art
äußert, mit der Bezeichnung Instinkt abgefertigt. Ich möchte aber nur
die einzige Frage beantwortet haben, ob mit der Idee des Instinkts, des
blinden willkürlosen Triebes, die Fähigkeit zu träumen vereinbar sei.
Daß aber z. B. Hunde mit der größten Lebhaftigkeit träumen, weiß jeder,
der einen schlafenden Jagdhund beobachtet hat, dem im Traum die ganze
Jagd aufgegangen. Er sucht, er schnuppert, er bewegt die Füße, als sei
er im vollen Rennen, er keucht, er schwitzt. -- Von träumenden Katern
weiß ich zur Zeit nichts. --
Der Kater Murr, unterbrach Meister Abraham den Freund, träumt nicht
allein sehr lebendig, sondern er gerät auch, wie deutlich zu bemerken,
häufig in jene sanften Reverien, in das träumerische Hinbrüten, in das
somnambule Delirieren, kurz, in jenen seltsamen Zustand zwischen
Schlafen und Wachen, der poetischen Gemütern für die Zeit des
eigentlichen Empfanges genialer Gedanken gilt. In diesem Zustande stöhnt
und ächzt er seit kurzer Zeit ganz ungemein, so daß ich glauben muß, daß
er entweder in Liebe ist, oder an einer Tragödie arbeitet.
Kreisler lachte hell auf, indem er rief: Nun so komm denn, du kluger,
artiger, witziger, poetischer Kater Murr, laß uns --
=(M. f. f.)= -- ersten Erziehung, meiner Jugendmonate überhaupt noch
vieles anführen.
Es ist nämlich wohl höchst merkwürdig und lehrreich, wenn ein großer
Geist in einer Autobiographie über alles, was sich mit ihm in seiner
Jugend begab, sollte es auch noch so unbedeutend scheinen, sich recht
umständlich ausläßt. Kann aber auch wohl einem hohen Genius jemals
Unbedeutendes begegnen? Alles, was er in seiner Knabenzeit unternahm
oder nicht unternahm, ist von der höchsten Wichtigkeit, und verbreitet
helles Licht über den tiefern Sinn, über die eigentliche Tendenz seiner
unsterblichen Werke. Herrlicher Mut geht auf in der Brust des strebenden
Jünglings, den bange Zweifel quälen, ob die innere Kraft auch wohl
genüge, wenn er lieset, daß der große Mann als Knabe auch Soldat
spielte, sich in Naschwerk übernahm und zuweilen was weniges Schläge
erhielt, weil er faul war ungezogen und tölpisch. »Gerade wie ich,
gerade wie ich«, ruft der Jüngling begeistert aus und zweifelt nicht
länger, daß auch er ein hoher Genius ist trotz seinem angebeteten Idol.
Mancher las den Plutarch oder auch wohl nur den Cornelius Nepos und
wurde ein großer Held, mancher die Tragödien-Dichter der Alten in der
Übersetzung, und nebenher den Calderon und Shakespeare, den Goethe und
Schiller und wurde, wo nicht ein großer Dichter, doch ein kleiner
allerliebster Versmacher, wie ihn die Leute eben so gern haben. So
werden meine Werke auch gewiß in der Brust manches jungen geist- und
gemütreichen Katers das höhere Leben der Poesie entzünden, und nimmt
dann der edle Katerjüngling meine biographischen Belustigungen auf dem
Dache vor, geht er ganz ein in die hohen Ideen des Buches, das ich
soeben unter den Klauen habe, dann wird er im Entzücken der Begeisterung
ausrufen: Murr, göttlicher Murr, größter deines Geschlechts, dir, dir
allein verdanke ich alles, nur dein Beispiel macht mich groß. --
Es ist zu rühmen, daß Meister Abraham bei meiner Erziehung sich weder
an den vergessenen Basedow hielt, noch die Pestalozzische Methode
befolgte, sondern mir unbeschränkte Freiheit ließ, mich selbst zu
erziehen, insofern ich mich nur in gewisse Normalprinzipien fügte, die
Meister Abraham sich als unbedingt notwendig für die Gesellschaft, die
die herrschende Macht auf dieser Erde versammelt, dachte, da sonst alles
blind und toll durcheinander rennen und es überall vertrackte
Rippenstöße und garstige Beulen setzen, eine Gesellschaft überhaupt
nicht denkbar sein würde. Den Inbegriff dieser Prinzipien nannte der
Meister die natürliche Artigkeit im Gegensatz der konventionellen, der
gemäß man sprechen muß: ich bitte ganz gehorsamst um gütige Verzeihung,
wenn man von einem Lümmel angerannt, oder auf den Fuß getreten worden.
Mag es sein, daß jene Artigkeit den Menschen nötig ist, so kann ich doch
nicht begreifen, wie sich ihr auch mein freigebornes Geschlecht fügen
soll, und war nun das Hauptregens, mittels dessen der Meister mir jene
Normalprinzipien beibrachte, ein gewisses sehr fatales Birkenreis, so
kann ich mich wohl mit Recht über Härte meines Erziehers beklagen.
Davongelaufen wäre ich, hätte mich nicht der mir angeborene Hang zur
höhern Kultur an den Meister festgebunden. -- Je mehr Kultur, desto
weniger Freiheit, das ist ein wahres Wort. Mit der Kultur steigen die
Bedürfnisse, mit den Bedürfnissen -- Nun; eben die augenblickliche
Befriedigung mancher natürlichen Bedürfnisse ohne Rücksicht auf Ort und
Zeit, das war das erste was mir der Meister mittels des verhängnisvollen
Birkenreises total abgewöhnte. Dann kam es an die Gelüste, die, wie ich
mich später überzeugt habe, lediglich aus einer gewissen abnormen
Stimmung des Gemüts entstehen. Eben diese seltsame Stimmung, die
vielleicht von meinem psychischen Organismus selbst erzeugt wurde, trieb
mich an, die Milch, ja selbst den Braten, den der Meister für mich
hingestellt, stehen zu lassen, auf den Tisch zu springen, und das
wegzunaschen, was er selbst genießen wollte. Ich empfand die Kraft des
Birkenreises, und ließ es bleiben. -- Ich sehe es ein, daß der Meister
recht hatte, meinen Sinn von dergleichen abzulenken, da ich weiß, daß
mehrere meiner guten Mitbrüder, weniger kultiviert, weniger gut erzogen
als ich, dadurch in die abscheulichsten Verdrießlichkeiten, ja in die
traurigste Lage, auf ihre Lebenszeit geraten sind. Ist es mir doch
bekannt worden, daß ein hoffnungsvoller Katerjüngling den Mangel an
innerer geistiger Kraft, seinem Gelüst zu widerstehen einen Topf Milch
auszunaschen, mit dem Verlust seines Schweifs büßen, und verhöhnt,
verspottet, sich in die Einsamkeit zurückziehen mußte. Also der Meister
hatte recht, mir dergleichen abzugewöhnen; daß er aber meinem Drange
nach den Wissenschaften und Künsten Widerstand leistete, das kann ich
ihm nicht verzeihen. --
Nichts zog mich in des Meisters Zimmer mehr an als der mit Büchern,
Schriften und allerlei seltsamen Instrumenten bepackte Schreibtisch. Ich
kann sagen, daß dieser Tisch ein Zauberkreis war, in den ich mich
gebannt fühlte, und doch empfand ich eine gewisse heilige Scheu, die
mich abhielt, meinem Triebe ganz mich hinzugeben. Endlich eines Tages,
als eben der Meister abwesend war, überwand ich meine Furcht und sprang
hinauf auf den Tisch. Welche Wollust, als ich nun mitten unter den
Schriften und Büchern saß, und darin wühlte. Nicht Mutwille, nein nur
Begier, wissenschaftlicher Heißhunger war es, daß ich mit den Pfoten ein
Manuskript erfaßte, und so lange hin und her zauste, bis es in kleine
Stücke zerrissen vor mir lag. Der Meister trat herein, sah was
geschehen, stürzte mit dem kränkenden Ausruf: Bestie, vermaledeite! auf
mich los, und prügelte mich mit dem Birkenreis so derb ab, daß ich mich
winselnd vor Schmerz unter den Ofen verkroch, und den ganzen Tag über
durch kein freundliches Wort wieder hervorzulocken war. Wen hätte dies
Ereignis nicht abgeschreckt auf immer, selbst die Bahn zu verfolgen, die
ihm die Natur vorgezeichnet! Aber kaum hatte ich mich ganz erholt von
meinen Schmerzen, als ich, meinem unwiderstehlichen Drange folgend,
wieder auf den Schreibtisch sprang. Freilich war ein einziger Ruf meines
Meisters, ein abgebrochener Satz wie z. B. »Will er!« -- hinlänglich,
mich wieder herab zu jagen, so daß es nicht zum Studieren kam; indessen
wartete ich ruhig auf einen günstigen Moment, meine Studien anzufangen,
und dieser trat denn auch bald ein. Der Meister rüstete sich eines Tages
zum Ausgehen, alsbald versteckte ich mich so gut im Zimmer, daß er mich
nicht fand, als er, eingedenk des zerrissenen Manuskripts, mich
hinausjagen wollte. Kaum war der Meister fort, so sprang ich mit einem
Satz auf den Schreibtisch und legte mich mitten hinein in die Schriften,
welches mir ein unbeschreibliches Wohlgefallen verursachte. Geschickt
schlug ich mit der Pfote ein ziemlich dickes Buch auf, welches vor mir
lag, und versuchte, ob es mir nicht möglich sein würde, die
Schriftzeichen darin zu verstehen. Das gelang mir zwar anfangs ganz und
gar nicht, ich ließ aber gar nicht ab, sondern starrte hinein in das
Buch, erwartend, daß ein ganz besonderer Geist über mich kommen und mir
das Lesen lehren werde. So vertieft überraschte mich der Meister. Mit
einem lauten: Seht die verfluchte Bestie, sprang er auf mich zu. Es war
zu spät mich zu retten, ich kniff die Ohren an, ich duckte mich nieder,
so gut es gehen wollte, ich fühlte schon die Rute auf meinem Rücken.
Aber die Hand schon aufgehoben hielt der Meister plötzlich inne, schlug
eine helle Lache auf und rief: Kater -- Kater du liesest? ja, das kann,
das will ich dir nicht verwehren. Nun sieh -- sieh! -- was für ein
Bildungstrieb dir inwohnt. -- Er zog mir das Buch unter den Pfoten weg,
schaute hinein, und lachte noch unmäßiger als vorher. Das muß ich sagen,
sprach er dann, ich glaube gar, du hast dir eine kleine Handbibliothek
angeschafft, denn ich wüßte sonst gar nicht, wie das Buch auf meinen
Schreibtisch kommen sollte? -- Nun lies nur -- studiere fleißig mein
Kater, allenfalls magst du auch die wichtigsten Stellen im Buche durch
sanfte Einrisse bezeichnen, ich stelle dir das frei! -- Damit schob er
mir das Buch aufgeschlagen wieder hin. Es war, wie ich später erfuhr,
Knigge über den Umgang mit Menschen, und ich habe aus diesem herrlichen
Buch viel Lebensweisheit geschöpft. Es ist so recht aus meiner Seele
geschrieben, und paßt überhaupt für Kater, die in der menschlichen
Gesellschaft etwas gelten wollen, ganz ungemein. Diese Tendenz des Buchs
ist, soviel ich weiß, bisher übersehen, und daher zuweilen das falsche
Urteil gefällt worden, daß der Mensch, der sich ganz genau an die im
Buch aufgestellten Regeln halten wolle, notwendig überall als ein
steifer herzloser Pedant auftreten müsse.
Seit dieser Zeit litt mich der Meister nicht allein auf dem
Schreibtisch, sondern er sah es sogar gern, wenn ich, arbeitete er
selbst, heraufsprang, und mich vor ihm unter die Schriften hinlagerte.
Meister Abraham hatte die Gewohnheit oftmals viel hintereinander laut
zu lesen. Ich unterließ dann nicht, mich so zu postieren, daß ich ihm
ins Buch sehen konnte, welches bei den scharfblickenden Augen, die mir
die Natur verliehen, möglich war, ohne ihm beschwerlich zu fallen.
Dadurch, daß ich die Schriftzeichen mit den Worten verglich, die er
aussprach, lernte ich in kurzer Zeit lesen, und wem dies etwa
unglaublich vorkommen möchte, hat keinen Begriff von dem ganz besonderen
Ingenium womit mich die Natur ausgestattet. Genies die mich verstehen
und mich würdigen, werden keinen Zweifel hegen. Rücksichts einer Art
Ausbildung, die vielleicht der ihrigen gleich ist. Dabei darf ich auch
nicht unterlassen, die merkwürdige Beobachtung mitzuteilen, die ich
rücksichts des vollkommenen Verstehens der menschlichen Sprache gemacht.
Ich habe nämlich mit vollem Bewußtsein beobachtet, daß ich gar nicht
weiß wie ich zu diesem Verstehen gekommen bin. Bei den Menschen soll
dies auch der Fall sein. Das nimmt mich aber gar nicht wunder, da dies
Geschlecht in den Jahren der Kindheit beträchtlich dümmer und
unbeholfener ist als wir. Als ein ganz kleines Käterchen ist es mir
niemals geschehen, daß ich mir selbst in die Augen gegriffen, ins Feuer
oder ins Licht gefaßt oder Stiefelwichse statt Kirschmus gefressen, wie
dies wohl bei kleinen Kindern zu geschehen pflegt.
Wie ich nun fertig las, und ich mich täglich mehr mit fremden Gedanken
vollstopfte, fühlte ich den unwiderstehlichsten Drang, auch meine eignen
Gedanken, wie sie der mir innewohnende Genius gebar, der Vergessenheit
zu entreißen, und dazu gehörte nun allerdings die freilich sehr schwere
Kunst des Schreibens. So aufmerksam ich auch meines Meisters Hand, wenn
er schrieb, beobachten mochte, durchaus wollte es mir doch nicht
gelingen, ihm die eigentliche Mechanik abzulauern. Ich studierte den
alten Hilmar Curas, das einzige Schreibevorschriftsbuch, welches mein
Meister besaß, und wäre beinahe auf den Gedanken geraten, daß die
rätselhafte Schwierigkeit des Schreibens nur durch die große Manschette
gehoben werden könne, welche die darin abgebildete schreibende Hand
trägt, und daß es nur besonders erlangte Fertigkeit sei, wenn mein
Meister ohne Manschette schriebe, so wie der geübte Seiltänzer zuletzt
nicht mehr der Balancierstange bedarf. Ich trachtete begierig nach
Manschetten, und war im Begriff, die Dormeuse der alten Haushälterin für
meine rechte Pfote zuzureißen und zu adaptieren, als mir plötzlich in
einem Moment der Begeisterung, wie es bei Genies zu geschehen pflegt,
der geniale Gedanke einkam, der alles löste. Ich vermutete nämlich, daß
die Unmöglichkeit, die Feder, den Stift, so zu halten wie mein Meister,
wohl in dem verschiedenen Bau unserer Hände liegen könne, und diese
Vermutung traf ein. Ich mußte eine andere dem Bau meines rechten
Pfötchens angemessene Schreibart erfinden und erfand sie wirklich, wie
man wohl denken mag. -- So entstehen aus der besonderen Organisation des
Individuums neue Systeme. --
Eine zweite böse Schwierigkeit fand ich in dem Eintunken der Feder in
das Tintenfaß. Nicht glücken wollt' es mir nämlich, bei dem Eintunken
das Pfötchen zu schonen, immer kam es mit hinein in die Tinte, und so
konnte es nicht fehlen, daß die ersten Schriftzüge, mehr mit der Pfote
als mit der Feder gezeichnet, etwas groß und breit gerieten.
Unverständige mochten daher meine ersten Manuskripte beinahe nur für mit
Tinte beflecktes Papier ansehen. Genies werden den genialen Kater in
seinen ersten Werken leicht erraten und über die Tiefe, über die Fülle
des Geistes, wie er zuerst aus unversiegbarer Quelle aussprudelte,
erstaunen, ja ganz außer sich geraten. Damit die Welt sich dereinst
nicht zanke über die Zeitfolge meiner unsterblichen Werke, will ich hier
sagen, daß ich zuerst den philosophisch-sentimental-didaktischen Roman
schrieb: »Gedanke und Ahnung, oder Kater und Hund.« Schon dieses Werk
hätte ungeheures Aufsehen machen können. Dann, in allen Sätteln gerecht,
schrieb ich ein politisches Werk, unter dem Titel: Ȇber Mausefallen und
deren Einfluß auf Gesinnung und Tatkraft der Katzheit;« hierauf fühlt'
ich mich begeistert zu der Tragödie: »Rattenkönig Kawdallor.« Auch diese
Tragödie hätte auf allen nur erdenklichen Theatern unzähligemal mit dem
lärmendsten Beifall gegeben werden können. Den Reihen meiner sämtlichen
Werke sollen diese Erzeugnisse meines hoch emporstrebenden Geistes
eröffnen; über den Anlaß, sie zu schreiben, werde ich mich gehörigen
Orts auslassen können.
Als ich die Feder besser zu halten gelernt, als das Pfötchen rein blieb
von Tinte, wurde auch freilich mein Stil anmutiger, lieblicher, heller;
ich legte mich ganz vorzüglich auf Musenalmanache, schrieb verschiedene
freundliche Schriften und wurde übrigens sehr bald der liebenswürdige
gemütliche Mann, der ich noch heute bin. Beinahe hätte ich schon damals
ein Heldengedicht gemacht, in vier und zwanzig Gesängen, doch als ich
fertig, war es etwas anderes worden, wofür Tasso und Ariost noch im
Grabe dem Himmel danken können. Sprang wirklich ein Heldengedicht unter
meinen Klauen hervor, beide hätte kein Mensch mehr gelesen.
Ich komme jetzt auf die --
=(Mak. Bl.)= -- zum bessern Verständnis doch nötig sein, dir, geneigter
Leser, das ganze Verhältnis der Dinge klar und deutlich auseinander zu
setzen.
Jeder, der nur ein einzigesmal im Gasthofe des anmutigen
Landstädtchens Sieghartsweiler abgestiegen ist, hat sogleich von dem
Fürsten Irenäus reden gehört. Bestellte er nämlich bei dem Wirt nur ein
Gericht Forellen, die in der Gegend vorzüglich, so erwiderte derselbe
gewiß: Sie haben recht, mein Herr, unser gnädigster Fürst essen auch
dergleichen ungemein gern, und ich vermag die angenehmen Fische gerade
so zuzubereiten, wie es bei Hofe üblich. Aus den neuesten Geographien,
Landkarten, statistischen Nachrichten wußte der unterrichtete Reisende
aber nichts anderes, als daß das Städtchen Sieghartsweiler samt dem
Geierstein und der ganzen Umgebung längst dem Großherzogtum, das er
soeben durchreiset, einverleibet worden; nicht wenig mußte es ihn daher
verwundern, hier einen gnädigsten Herrn Fürsten und einen Hof zu finden.
Die Sache hatte aber folgenden Zusammenhang. Fürst Irenäus regierte
sonst wirklich ein artiges Ländchen nicht fern von Sieghartsweiler, und
da er mittels eines guten Dollonds von dem Belvedere seines Schlosses im
Residenzmarktflecken seine sämtlichen Staaten zu übersehen vermochte, so
konnt' es nicht fehlen, daß er das Wohl und Weh seines Landes, das Glück
der geliebten Untertanen, stets im Auge behielt. Er konnte in jeder
Minute wissen, wie Peters Weizen in dem entferntesten Bereich des Landes
stand, und ebensogut beobachten, ob Hans und Kunz ihre Weinberge gut und
fleißig besorgten. Man sagt, Fürst Irenäus habe sein Ländchen auf einem
Spaziergange über die Grenze aus der Tasche verloren, so viel ist aber
gewiß, daß in einer neuen mit mehrern Zusätzen versehenen Ausgabe jenes
Großherzogtums, das Ländchen des Fürsten Irenäus einfoliiert und
einregistriert war. Man überhob ihn der Mühe des Regierens, indem man
ihm aus den Revenüen des Landes, das er besessen, eine ziemlich reiche
Apanage aussetzte, die er eben in dem anmutigen Sieghartsweiler
verzehren sollte.
Außer jenem Ländchen besaß Fürst Irenäus noch ein ansehnliches bares
Vermögen, das ihm unverkürzt blieb, und so sah er sich aus dem Stande
eines kleinen Regenten plötzlich versetzt in den Stand eines
ansehnlichen Privatmannes, der zwanglos nach freier Willkür sich das
Leben gestalten konnte wie er wollte.
Fürst Irenäus hatte den Ruf eines feingebildeten Herrn, der empfänglich
für Wissenschaft und Kunst. Kam nun noch hinzu, daß er oft die lästige
Bürde der Regentschaft schmerzlich gefühlt, ja, ging auch schon einmal
von ihm die Rede, daß er den romanhaften Wunsch, in einem kleinen Hause,
an einem murmelnden Bach, mit einigem Hausvieh ein einsames idyllisches
Leben procul negotiis zu führen, in anmutige Verse gebracht, so hätte
man denken sollen, daß er nun, den regierenden Herrn vergessend, sich
einrichten werde mit dem gemütlichen Hausbedarf, wie es in der Macht
steht des reichen, unabhängigen Privatmannes. Dem war aber ganz und gar
nicht so!
Es mag wohl sein, daß die Liebe der großen Herren zur Kunst und
Wissenschaft nur als ein integrierender Teil des eigentlichen Hoflebens
anzusehen ist. Der Anstand erfordert es Gemälde zu besitzen und Musik zu
hören, und übel würde es sein, wenn der Hofbuchbinder feiern und nicht
die neueste Literatur fortwährend in Gold und Leder kleiden sollte. Ist
aber jene Liebe ein integrierender Teil des Hoflebens selbst, so muß sie
mit diesem zugleich untergehen und kann nicht als etwas für sich fort
Bestehendes Trost gewähren für den verlornen Thron oder das kleine
Regentenstühlchen, auf dem man zu sitzen gewohnt.
Fürst Irenäus erhielt sich beides, das Hofleben und die Liebe für die
Künste und Wissenschaften, indem er einen süßen Traum ins Leben treten
ließ, in dem er selbst mit seiner Umgebung, so wie ganz Sieghartsweiler,
figurierte.
Er tat nämlich so, als sei er regierender Herr, behielt die ganze
Hofhaltung, seinen Kanzler des Reichs, sein Finanzkollegium &c. bei,
erteilte seinen Hausorden, gab Cour, Hofbälle, die meistenteils aus
zwölf bis funfzehn Personen bestanden, da auf die eigentliche
Courfähigkeit strenger geachtet wurde, als an den größten Höfen, und die
Stadt war gutmütig genug, den falschen Glanz dieses träumerischen Hofes
für etwas zu halten, das ihr Ehre und Ansehen bringe. So nannten die
guten Sieghartsweiler den Fürsten Irenäus ihren gnädigsten Herrn,
illuminierten die Stadt an seinem Namensfeste und an den Namenstagen
seines Hauses, und opferten sich überhaupt gern auf für das Vergnügen
des Hofes, wie die atheniensischen Bürgersleute in Shakespeares
Sommernachtstraum.
Es war nicht zu leugnen, daß der Fürst seine Rolle mit dem
wirkungsvollsten Pathos durchführte, und dieses Pathos seiner ganzen
Umgebung mitzuteilen wußte. -- So erscheint ein fürstlicher Finanzrat in
dem Klub zu Sieghartsweiler finster, in sich gekehrt, wortkarg. -- Wolken
ruhen auf seiner Stirn, er versinkt oft in tiefes Nachdenken, fährt dann
auf, wie plötzlich erwachend. -- Kaum wagt man es laut zu sprechen, hart
aufzutreten in seiner Nähe. Es schlägt neun Uhr, da springt er auf,
nimmt seinen Hut, vergebens sind alle Bemühungen, ihn festzuhalten, er
versichert mit stolzem tiefbedeutendem Lächeln, daß ihn Aktenstöße
erwarten, daß er die Nacht würde opfern müssen, um sich zu der
morgenden, höchst wichtigen, letzten Quartalsitzung des Kollegiums
vorzubereiten, eilt hinweg und hinterläßt die Gesellschaft in
ehrfurchtsvoller Erstarrung über die enorme Wichtigkeit und
Schwierigkeit seines Amtes. -- Und der wichtige Vortrag, auf den sich
der geplagte Mann die Nacht über vorbereiten muß? -- Je nun, die
Waschzettel aus sämtlichen Departements, der Küche, der Tafel, der
Garderobe usw. fürs verflossene Vierteljahr sind eingegangen, und er ist
es, der in allen Waschangelegenheiten den Vortrag hat. -- So bemitleidet
die Stadt den armen fürstlichen Wagenmeister, spricht jedoch, von dem
sublimen Pathos des fürstlichen Kollegiums ergriffen, strenge aber
gerecht! -- Der Mann hat nämlich, erhaltener Instruktion gemäß, einen
Halbwagen, der unbrauchbar geworden, verkauft, das Finanzkollegium ihm
aber bei Strafe augenblicklicher Kassation aufgegeben, binnen drei Tagen
nachzuweisen, wo er die andere Hälfte gelassen, die vielleicht noch
brauchbar gewesen. --
Ein besonderer Stern, der am Hofe des Fürsten Irenäus leuchtete, war die
Rätin Benzon, Witwe in der Mitte der dreißiger Jahre, sonst eine
gebietende Schönheit, noch jetzt nicht ohne Liebreiz, die einzige, deren
Adel zweifelhaft und die der Fürst dennoch ein für allemal als courfähig
angenommen. Der Rätin heller, durchdringender Verstand, ihr lebhafter
Geist, ihre Weltklugheit, vorzüglich aber eine gewisse Kälte des
Charakters, die dem Talent zu herrschen unerläßlich, übten ihre Macht in
voller Stärke, so daß sie es eigentlich war, die die Fäden des
Puppenspiels an diesem Miniaturhofe zog. Ihre Tochter, Julia geheißen,
war mit der Prinzessin Hedwiga aufgewachsen, und auch auf die
Geistesbildung dieser hatte die Rätin so gewirkt, daß sie in dem Kreise
der fürstlichen Familie wie eine Fremde erschien und sonderbar abstach
gegen den Bruder. Prinz Ignaz war nämlich zu ewiger Kindheit verdammt,
beinahe blödsinnig zu nennen.
Der Benzon gegenüber, ebenso einflußreich, ebenso eingreifend in die
engsten Verhältnisse des fürstlichen Hauses, wiewohl auf ganz andere
Weise als sie, stand der seltsame Mann, den du, geneigter Leser, bereits
kennst als Maître de plaisir des Irenäusschen Hofes und ironischen
Schwarzkünstler.
Merkwürdig genug ist es, wie Meister Abraham in die fürstliche Familie
geriet.
Des Fürsten Irenäus hochseliger Herr Papa war ein Mann von einfachen,
milden Sitten. Er sah es ein, daß irgend eine Kraftäußerung das kleine
schwache Räderwerk der Staatsmaschine zerbrechen müsse, statt ihm einen
bessern Schwung zu geben. Er ließ es daher in seinem Ländlein fortgehen,
wie es zuvor gegangen, und fehlt' es ihm dabei an Gelegenheit, einen
glänzenden Verstand oder andere besondere Gaben des Himmels zu zeigen,
so begnügte er sich damit, daß in seinem Fürstentum jedermann sich wohl
befand, und daß, rücksichts des Auslandes, es ihm so ging wie den
Weibern, die dann am tadelfreisten sind, wenn man gar nicht von ihnen
spricht. War des Fürsten kleiner Hof steif, zeremoniös, altfränkisch,
konnte der Fürst gar nicht eingehen in manche loyale Ideen, wie sie die
neuere Zeit erzeugt, so lag das an der Unwandelbarkeit des hölzernen
Gestelles, das Oberhofmeister, Hofmarschälle, Kammerherren in seinem
Innern mühsam zusammengerichtet. In diesem Gestelle arbeitete aber ein
Triebrad, das kein Hofmeister, kein Marschall jemals hätte zum
Stillstehen bringen können. Dies war nämlich ein dem Fürsten angeborner
Hang zum Abenteuerlichen, Seltsamen, Geheimnisvollen. -- Er pflegte
zuweilen, nach dem Beispiel des würdigen Kalifen Harun al Raschid
verkleidet Stadt und Land zu durchstreichen, um jenen Hang, der mit
seiner übrigen Lebenstendenz in dem sonderbarsten Widerspiel stand, zu
befriedigen, oder wenigstens Nahrung dafür zu suchen. Dann setzte er
einen runden Hut auf und zog einen grauen Oberrock an, so daß jedermann
auf den ersten Blick wußte, daß der Fürst nun nicht zu erkennen.
Es begab sich, daß der Fürst also verkleidet und unerkennbar die Allee
durchschritt, die von dem Schloß aus nach einer entfernten Gegend
führte, in der einzeln ein kleines Häuschen stand, von der Witwe eines
fürstlichen Mundkochs bewohnt. Gerade vor diesem Häuschen angekommen,
gewahrte der Fürst zwei in Mäntel gehüllte Männer, die zur Haustüre
hinausschlichen. Er trat zur Seite, und der Historiograph des
Irenäusschen Hauses, dem ich dies nachschreibe, behauptet, der Fürst sei
selbst dann nicht bemerkt und erkannt worden, wenn er, statt des grauen
Oberrocks, das glänzendste Staatskleid angehabt, mit dem funkelnden
Ordensstern darauf, aus dem Grunde, weil es stockfinsterer Abend
gewesen. Als die beiden verhüllten Männer dicht vor dem Fürsten langsam
vorübergingen, vernahm dieser ganz deutlich folgendes Gespräch. Der
eine: Bruder Exzellenz, ich bitte dich, nimm dich zusammen, sei nur
diesesmal kein Esel! -- Der Mensch muß fort, ehe der Fürst etwas von ihm
erfährt, denn sonst behalten wir den verfluchten Hexenmeister auf dem
Halse, der uns mit seinen Satanskünsten alle ins Verderben stürzt. Der
andere: _Mon cher frère,_ ereifere dich doch nur nicht so, du kennst meine
Sagazität, mein _savoir faire._ Morgen werf' ich dem gefährlichen Menschen
ein paar Karolin an den Hals, und da mag er seine Kunststückchen den
Leuten vormachen, wo er will; hier darf er nicht bleiben. Der Fürst ist
übrigens ein --.«
Die Stimmen verhallten, der Fürst erfuhr daher nicht, wofür ihn sein
Hofmarschall hielt, denn kein anderer als dieser und sein Bruder, der
Oberjägermeister, waren die Personen, welche aus dem Hause schlichen und
das verfängliche Gespräch führten. Der Fürst hatte beide sehr genau an
der Sprache erkannt.
Man kann denken, daß der Fürst nichts Angelegentlicheres zu tun hatte,
als jenen Menschen, jenen gefährlichen Hexenmeister aufzusuchen, dessen
Bekanntschaft ihm entzogen werden sollte. Er klopfte an das Häuschen,
die Witwe trat mit einem Licht in der Hand heraus und fragte, da sie den
runden Hut und den grauen Oberrock des Fürsten gewahrte, mit kalter
Höflichkeit: Was steht zu Ihren Diensten, Monsieur? Monsieur wurde
nämlich der Fürst angeredet, wenn er verkleidet war und unkenntlich. Der
Fürst erkundigte sich nach dem Fremden, der bei der Witwe eingekehrt
sein sollte, und erfuhr, daß der Fremde kein anderer sei, als ein sehr
geschickter, berühmter, mit vielen Attestaten, Konzessionen und
Privilegien versehener Taschenspieler, der hier seine Künste zu
produzieren gedenke. Soeben, erzählte die Witwe, wären zwei Herrn vom
Hofe bei ihm gewesen, die er, vermöge der ganz unerklärlichen Sachen,
welche er ihnen vorgemacht, dermaßen in Erstaunen gesetzt, daß sie ganz
blaß, verstört, ja ganz außer sich, das Haus verlassen hätten.
Ohne weiteres ließ sich der Fürst hinauf führen. Meister Abraham
(niemand anders war der berühmte Taschenspieler) empfing ihn wie einen,
den er längst erwartet, und verschloß die Türe.
Niemand weiß, was nun Meister Abraham begonnen, gewiß ist es aber, daß
der Fürst die ganze Nacht über bei ihm blieb, und daß am andern Morgen
Zimmer eingerichtet wurden auf dem Schlosse, die Meister Abraham bezog,
und zu denen der Fürst aus seinem Studierzimmer mittels eines geheimen
Ganges unbemerkt gelangen konnte. Gewiß ist es ferner, daß der Fürst den
Hofmarschall nicht mehr mon cher ami nannte, und sich von dem
Oberjägermeister niemals mehr die wunderbare Jagdgeschichte von dem
weißen gehörnten Hasen, den er (der Oberjägermeister) bei seinem ersten
jägerischen Ausflug in den Wald nicht schießen können, erzählen ließ,
welches die Gebrüder in Gram und Verzweiflung stürzte, so, daß beide
sehr bald den Hof verließen. Gewiß endlich, daß Meister Abraham nicht
allein durch seine Phantasmagorieen, sondern auch durch das Ansehen, das
er sich immer mehr und mehr bei dem Fürsten zu erwerben wußte, Hof,
Stadt und Land in Erstaunen setzte.
Von den Kunststücken, die Meister Abraham vollführte, erzählt oben
bemeldeter Historiograph des Irenäusschen Hauses so viel ganz
Unglaubliches, daß man es nicht nachschreiben kann, ohne alles Zutrauen
des geneigten Lesers aufs Spiel zu setzen. Dasjenige Kunststück, welches
aber der Historiograph für das wunderbarste von allen hält, ja von dem
er behauptet, daß es hinlänglich beweise, wie Meister Abraham offenbar
mit fremden unheimlichen Mächten in bedrohlichem Bunde stehe, ist indes
nichts anders, als jenes akustische Zauberspiel, das später unter der
Benennung des unsichtbaren Mädchens so viel Aufsehen gemacht, und das
Meister Abraham schon damals sinnreicher, phantastischer, das Gemüt
ergreifender, aufzustellen wußte, als es nachher jemals geschehen.
Nebenher wollte man auch wissen, daß der Fürst selbst mit dem Meister
Abraham gewisse magische Operationen unternehme, über deren Zweck unter
den Hofdamen, Kammerherrn und andern Leuten vom Hofe ein angenehmer
Wettstreit alberner, sinnloser Vermutungen entstand. Darin waren alle
einig, daß Meister Abraham dem Fürsten das Goldmachen beibringe, wie aus
dem Rauch, der aus dem Laboratorio bisweilen dringe, zu schließen, und
daß er ihn eingeführt in allerlei nützliche Geister-Konferenzen. Alle
waren ferner davon überzeugt, daß der Fürst das Patent für den neuen
Bürgermeister im Marktflecken nicht vollziehe, ja, dem fürstlichen
Ofenheizer keine Zulage bewillige, ohne den »Agathodämon«, den _Spiritum
familiarem_, oder die Gestirne zu befragen.
Als der alte Fürst starb und Irenäus ihm in der Regierung folgte,
verließ Meister Abraham das Land. Der junge Fürst, der von des Vaters
Neigung zum Abenteuerlichen, Wunderbaren durchaus nichts vererbt, ließ
ihn zwar ziehen, fand aber bald, daß Meister Abrahams magische Kraft
vorzüglich sich darin bewähre, einen gewissen bösen Geist zu beschwören,
der sich an kleinen Höfen nur gar zu gern einnistet, nämlich den
Höllengeist der Langenweile. Dann hatte auch das Ansehen, in dem Meister
Abraham bei dem Vater stand, tiefe Wurzel gefaßt in dem Gemüt des jungen
Fürsten. Es gab Augenblicke, in denen dem Fürsten Irenäus zu Mute wurde,
als sei Meister Abraham ein überirdisches Wesen, über alles was
menschlich erhaben, stehe es auch noch so hoch. Man sagt, daß diese ganz
besondere Empfindung von einem kritischen unvergeßlichen Moment in der
Jugendgeschichte des Fürsten herrühre. Als Knabe war er einst mit
kindischer, überlästiger Neugier in Meister Abrahams Zimmer eingedrungen
und hatte läppisch eine kleine Maschine, die der Meister eben mit vieler
Mühe und Kunst vollendet, zerbrochen, der Meister aber im vollen Zorn
über das verderbliche Ungeschick dem kleinen fürstlichen Bengel eine
fühlbare Ohrfeige zugeteilt, und ihn dann mit einiger nicht ganz sanfter
Schnelligkeit hinausgeführt aus der Stube auf den Korridor. Unter
hervorquellenden Tränen konnte der junge Herr nur mit Mühe die Worte
hervorstammeln: _Abraham -- soufflet_ -- so daß der bestürzte
Oberhofmeister es für ein gefahrvolles Wagnis hielt, tiefer einzudringen
in das fürchterliche Geheimnis, das zu ahnen er sich unterstehen mußte.
Der Fürst fühlte lebhaft das Bedürfnis, den Meister Abraham als das
belebende Prinzip der Hofmaschine bei sich zu behalten; vergebens waren
aber alle seine Bemühungen, ihn zurückzubringen. Erst nach jenem
verhängnisvollen Spaziergange, als Fürst Irenäus sein Ländchen verloren,
als er die chimärische Hofhaltung zu Sieghartsweiler eingerichtet, fand
sich auch Meister Abraham wieder ein, und in der Tat, zu gelegenerer
Zeit hätte er gar nicht kommen können. Denn außerdem daß --
=(M. f. f.)= -- merkwürdige Begebenheit, die, um mich des gewöhnlichen
Ausdrucks geistreicher Biographen zu bedienen, einen Abschnitt in meinem
Leben machte.
-- Leser! -- Jünglinge, Männer, Frauen, unter deren Pelz ein fühlend
Herz schlägt, die ihr Sinn habt für Tugend -- die ihr die süßen Bande
erkennet, womit uns die Natur umschlingt, ihr werdet mich verstehen und
-- mich lieben!
Der Tag war heiß gewesen, ich hatte ihn unter dem Ofen verschlafen. Nun
brach die Abenddämmerung ein, und kühle Winde sausten durch meines
Meisters geöffnetes Fenster. Ich erwachte aus dem Schlaf, meine Brust
erweiterte sich, durchströmt von dem unnennbaren Gefühl, das, Schmerz
und Lust zugleich, die süßesten Ahnungen entzündet. Von diesen Ahnungen
überwältigt, erhob ich mich hoch in jener ausdrucksvollen Bewegung, die
der kalte Mensch Katzenbuckel benennet. -- Hinaus -- hinaus trieb es
mich in die freie Natur, ich begab mich daher aufs Dach und lustwandelte
in den Strahlen der sinkenden Sonne. Da vernahm ich Töne von dem Boden
aufsteigen, so sanft, so heimlich, so bekannt, so anlockend, ein
unbekanntes Etwas zog mich hinab mit unwiderstehlicher Gewalt. Ich
verließ die schöne Natur und kroch durch eine kleine Dachluke hinein in
den Hausboden. -- Hinabgesprungen gewahrte ich alsbald eine große,
schöne, weiß und schwarz gefleckte Katze, die, auf den Hinterfüßen
sitzend in bequemer Stellung, eben jene anlockenden Töne von sich gab
und mich nun mit forschenden Blicken durchblitzte. Augenblicklich setzte
ich mich ihr gegenüber und versuchte, dem innern Trieb nachgebend, in
das Lied einzustimmen, das die weiß und schwarz Gefleckte angestimmt.
Das gelang mir, ich muß es selbst sagen, über die Maßen wohl, und von
diesem Augenblick an datiert sich, wie ich für die Psychologen, die mich
und mein Leben studieren, hier bemerke, mein Glaube an mein inneres
musikalisches Talent, und, wie zu erachten, mit diesem Glauben auch das
Talent selbst. Die Gefleckte blickte mich schärfer und emsiger an,
schwieg plötzlich, sprang mit einem gewaltigen Satz auf mich los. Ich,
nichts Gutes erwartend, zeigte meine Krallen, doch in dem Augenblick
schrie die Gefleckte, indem ihr die hellen Tränen aus den Augen
stürzten: Sohn -- o Sohn! komm! eile in meine Pfoten! -- Und dann, mich
umhalsend, mich mit Inbrunst an die Brust drückend: Ja, du bist es, du
bist mein Sohn, mein guter Sohn, den ich ohne sonderliche Schmerzen
geboren! --
Ich fühlte mich tief im Innersten bewegt, und schon dies Gefühl mußte
mich überzeugen, daß die Gefleckte wirklich meine Mutter war, dem
unerachtet fragte ich doch, ob sie auch dessen ganz gewiß sei.
Ha, diese Ähnlichkeit, sprach die Gefleckte, diese Augen, diese
Gesichtszüge, dieser Bart, dieser Pelz, alles erinnert mich nur zu
lebhaft an den Treulosen, Undankbaren, der mich verließ. -- Du bist ganz
das getreue Ebenbild deines Vaters, lieber Murr (denn so wirst du ja
geheißen), ich hoffe jedoch, daß du mit der Schönheit des Vaters
zugleich die sanftere Denkungsart, die milden Sitten deiner Mutter Mina
erworben haben wirst. -- Dein Vater hatte einen sehr vornehmen Anstand,
auf seiner Stirne lag eine imponierende Würde, voller Verstand funkelten
die grünen Augen, und um Bart und Wangen spielte oft ein anmutiges
Lächeln. Diese körperlichen Vorzüge, so wie sein aufgeweckter Geist und
eine gewisse liebenswürdige Leichtigkeit, mit der er Mäuse fing, ließen
ihn mein Herz gewinnen. -- Aber bald zeigte sich ein hartes,
tyrannisches Gemüt, daß er so lange geschickt zu verbergen gewußt. -- Mit
Entsetzen sag' ich es! -- Kaum warst du geboren, als dein Vater den
unseligen Appetit bekam, dich nebst deinen Geschwistern zu verspeisen.
Beste Mutter, fiel ich der Gefleckten ins Wort, verdammen Sie nicht ganz
jene Neigung. Das gebildetste Volk der Erde legte den sonderbaren
Appetit des Kinderfressens dem Geschlecht der Götter bei, aber gerettet
wurde ein Jupiter und so auch ich! --
Ich verstehe dich nicht, mein Sohn, erwiderte Mina, aber es kommt mir
vor, als sprächest du albernes Zeug, oder als wolltest du gar deinen
Vater verteidigen. Sei nicht undankbar, du wärest ganz gewiß erwürgt und
gefressen worden von dem blutdürstigen Tyrannen, hätte ich dich nicht so
tapfer verteidigt mit diesen scharfen Krallen, hätte ich nicht, bald
hier, bald dort hinfliehend in Keller, Boden, Ställe, dich den
Verfolgungen des unnatürlichen Barbaren entzogen. -- Er verließ mich
endlich! nie habe ich ihn wiedergesehen! Und doch schlägt noch mein Herz
für ihn! -- Es war ein schöner Kater! -- Viele hielten ihn seines
Anstandes, seiner feinen Sitten wegen, für einen reisenden Grafen. -- Ich
glaubte nun, im kleinen häuslichen Zirkel meine Mutterpflichten übend,
ein stilles, ruhiges Leben führen zu können, doch der entsetzlichste
Schlag sollte mich noch treffen. -- Als ich von einem kleinen
Spaziergange einst heimkehrte, weg warst du samt deinem Geschwister! --
Ein altes Weib hatte mich Tages zuvor in meinem Schlupfwinkel entdeckt,
und allerlei verfängliche Worte von ins Wasser werfen und dergleichen
gesprochen. -- Nun! ein Glück, daß du, mein Sohn, gerettet, komm
nochmals an meine Brust, Geliebter! --
Die gefleckte Mama liebkoste mich mit aller Herzlichkeit, und fragte
mich dann nach den nähern Umständen meines Lebens. Ich erzählte ihr
alles, und vergaß nicht, meiner hohen Ausbildung zu erwähnen, und wie
ich dazu gekommen.
Mina schien weniger gerührt von den seltenen Vorzügen des Sohnes, als
man hätte denken sollen. Ja, sie gab mir nicht undeutlich zu verstehen,
daß ich mitsamt meinem außerordentlichen Geiste, mit meiner tiefen
Wissenschaft auf Abwege geraten, die mir verderblich werden könnten.
Vorzüglich warnte sie mich aber, dem Meister Abraham ja nicht meine
erworbenen Kenntnisse zu entdecken, da dieser sie nur nützen würde, mich
in der drückendsten Knechtschaft zu erhalten.
»Ich kann mich, sprach Mina, zwar gar nicht deiner Ausbildung rühmen,
indessen fehlt es mir doch durchaus nicht an natürlichen Fähigkeiten und
angenehmen, mir von der Natur eingeimpften Talenten. Darunter rechne ich
z. B. die Macht, knisternde Funken aus meinem Pelz hervorstrahlen zu
lassen, wenn man mich streichelt. Und was für Unannehmlichkeiten hat mir
nicht schon dieses einzige Talent bereitet! Kinder und Erwachsene haben
unaufhörlich auf meinem Rücken herumhantiert, jenes Feuerwerks halber,
mir zur Qual, und wenn ich unmutig wegsprang oder die Krallen zeigte,
mußte ich mich ein scheues wildes Tier schelten, ja wohl gar prügeln
lassen. -- Sowie Meister Abraham erfährt, daß du schreiben kannst, lieber
Murr, macht er dich zu seinem Kopisten, und als Schuldigkeit wird von
dir gefordert, was du jetzt nur aus eigenem Antriebe zu deiner Lust
tust.« --
Mina sprach noch mehreres über mein Verhältnis zum Meister Abraham und
über meine Bildung. Erst später habe ich eingesehen, daß das, was ich
für Abscheu gegen die Wissenschaften hielt, wirkliche Lebensweisheit
war, die die Gefleckte in sich trug.
Ich erfuhr, daß Mina bei der alten Nachbarsfrau in ziemlich dürftigen
Umständen lebe, und daß es ihr oft schwer falle ihren Hunger zu stillen.
Dies rührte mich tief, die kindliche Liebe erwachte in voller Stärke in
meinem Busen, ich besann mich auf den schönen Heringskopf, den ich vom
gestrigen Mahle erübrigt, ich beschloß, ihn darzubringen der guten
Mutter, die ich so unerwartet wiedergefunden.
Wer ermißt die Wandelbarkeit der Herzen derer, die da wandeln unter dem
Mondschein! -- Warum verschloß das Schicksal nicht unsere Brust dem
wilden Spiel unseliger Leidenschaften! -- Warum müssen wir, ein dünnes
schwankendes Rohr, uns beugen vor dem Sturm des Lebens? -- Feindliches
Verhängnis! -- O Appetit, dein Name ist Kater! -- Den Heringskopf im
Maule kletterte ich, ein pius Aeneas aufs Dach -- ich wollte hinein ins
Bodenfenster. Da geriet ich in einen Zustand, der auf seltsame Weise
mein Ich meinem Ich entfremdend, doch mein eigentliches Ich schien.
-- Ich glaube mich verständlich und scharf ausgedrückt zu haben, so daß
in dieser Schilderung meines seltsamen Zustandes jeder den die geistige
Tiefe durchschauenden Psychologen erkennen wird. -- Ich fahre fort! --
Das sonderbare Gefühl, gewebt aus Lust und Unlust, betäubte meine Sinne
-- überwältigte mich -- kein Widerstand möglich, -- ich fraß den
Heringskopf! --
Ängstlich hörte ich Mina miauen, ängstlich sie meinen Namen rufen -- Ich
fühlte mich von Reue, von Scham durchdrungen, ich sprang zurück in
meines Meisters Zimmer, ich verkroch mich unter den Ofen. Da quälten
mich die ängstlichsten Vorstellungen. Ich sah Mina, die wiedergefundene
gefleckte Mutter, trostlos, verlassen, lechzend nach der Speise, die ich
ihr versprochen, der Ohnmacht nahe -- Ha! -- der durch den Rauchfang
sausende Wind rief den Namen Mina -- Mina -- Mina! rauschte es in den
Papieren meines Meisters, knarrte es in den gebrechlichen Rohrstühlen,
Mina -- Mina -- lamentierte die Ofentüre. -- O! es war ein bitteres
herzzerschneidendes Gefühl, das mich durchbohrte! -- Ich beschloß, die
Arme womöglich einzuladen zur Frühstücksmilch. Wie kühlender,
wohltuender Schatten kam bei diesem Gedanken ein seliger Frieden über
mich! -- Ich kniff die Ohren an und schlief ein! --
Ihr fühlenden Seelen, die ihr mich ganz versteht, ihr werdet es, seid
ihr sonst keine Esel, sondern wahrhaftige honette Kater, ihr werdet es,
sage ich, einsehen, daß dieser Sturm in meiner Brust meinen Jugendhimmel
aufheitern mußte, wie ein wohltätiger Orkan, der die finstern Wolken
zerstäubt und die reinste Aussicht schafft. O! so schwer anfangs der
Heringskopf auf meiner Seele lastete, doch lernte ich einsehen, was
Appetit heißt, und daß es Frevel ist, der Mutter Natur zu widerstreben.
Jeder suche sich seine Heringsköpfe und greife nicht vor der Sagazität
der andern, die, vom richtigen Appetit geleitet, schon die ihrigen
finden werden.
So schließe ich diese Episode meines Lebens die --
=(Mak. Bl.)= -- -- nichts verdrießlicher für einen Historiographen oder
Biographen, als wenn er, wie auf einem wilden Füllen reitend, hin und
her sprengen muß, über Stock und Stein, über Äcker und Wiesen, immer
nach gebahnten Wegen trachtend, niemals sie erreichend. So geht es dem,
der es unternommen, für dich, geliebter Leser, das aufzuschreiben, was
er von dem wunderlichen Leben des Kapellmeisters Johannes Kreisler
erfahren. Gern hätte er angefangen: In dem kleinen Städtchen N. oder B.
oder K., und zwar am Pfingstmontage oder zu Ostern des und des Jahres
erblickte Johannes Kreisler das Licht der Welt! -- Aber solche schöne
chronologische Ordnung kann gar nicht aufkommen, da dem unglücklichen
Erzähler nur mündlich, brockenweis mitgeteilte Nachrichten zu Gebote
stehen, die er, um nicht das Ganze aus dem Gedächtnisse zu verlieren,
sogleich verarbeiten muß. Wie es eigentlich mit der Mitteilung dieser
Nachrichten herging, sollst du, sehr lieber Leser! noch vor dem Schlusse
des Buchs erfahren, und dann wirst du vielleicht das rhapsodische Wesen
des Ganzen entschuldigen, vielleicht aber auch meinen, daß, trotz des
Anscheins der Abgerissenheit, doch ein fester durchlaufender Faden alle
Teile zusammenhalte.
Eben in diesem Augenblick ist nichts anders zu erzählen, als daß nicht
lange nachher, als Fürst Irenäus in Sieghartsweiler sich niedergelassen,
an einem schönen Sommerabend Prinzessin Hedwiga und Julia in dem
anmutigen Park Sieghartshof lustwandelten. Wie ein goldner Schleier lag
der Schein der sinkenden Sonne ausgebreitet über dem Walde. Kein
Blättlein rührte sich. In ahnungsvollem Schweigen harrten Baum und
Gebüsch, daß der Abendwind komme und mit ihnen kose. Nur das Getöse des
Waldbachs, der über weiße Kiesel fortbrauste, unterbrach die tiefe
Stille. Arm in Arm verschlungen, schweigend, wandelten die Mädchen fort
durch die schmalen Blumengänge, über die Brücken, die über die
verschiedenen Schlingungen des Bachs führten, bis sie an das Ende des
Parks, an den großen See kamen, in dem sich der ferne Geierstein mit
seinen malerischen Ruinen abspiegelte.
»Es ist doch schön!« rief Julia recht aus voller Seele. Laß uns, sprach
Hedwiga, in die Fischerhütte treten. Die Abendsonne brennt entsetzlich
und drinnen ist die Aussicht nach dem Geierstein aus dem mittlern
Fenster noch schöner als hier, da die Gegend dort nicht Panorama,
sondern in gruppierter Ansicht, wahrhaftes Bild erscheint.
Julia folgte der Prinzessin, die, kaum hineingetreten und zum Fenster
hinausschauend, sich nach Crayon und Papier sehnte, um die Aussicht in
der Beleuchtung zu zeichnen, welche sie ungemein pikant nannte.
Ich möchte, sprach Julia, ich möchte dich beinahe um deine
Kunstfertigkeit beneiden, Bäume und Gebüsche, Berge, Seen, so ganz nach
der Natur zeichnen zu können. Aber ich weiß es schon, könnte ich auch so
hübsch zeichnen als du, doch würd' es mir niemals gelingen, eine
Landschaft nach der Natur aufzunehmen, und zwar um desto weniger, je
herrlicher der Anblick. Vor lauter Freude und Entzücken des Schauens
würd' ich gar nicht zur Arbeit kommen. -- Der Prinzessin Antlitz
überflog bei diesen Worten Julia's ein gewisses Lächeln, das bei einem
sechzehnjährigen Mädchen bedenklich genannt werden dürfte. Meister
Abraham, der im Ausdruck zuweilen etwas seltsam, meinte, solch
Muskelspiel im Gesicht sei dem Wirbel zu vergleichen auf der Oberfläche
des Wassers, wenn sich in der Tiefe etwas Bedrohliches rührt. -- Genug,
Prinzessin Hedwiga lächelte; indem sie aber die Rosenlippen öffnete, um
der sanften unkünstlerischen Julia etwas zu entgegnen, ließen sich ganz
in der Nähe Akkorde hören, die so stark und wild angeschlagen wurden,
daß das Instrument kaum eine gewöhnliche Guitarre zu sein schien.
Die Prinzessin verstummte, und beide, sie und Julia, eilten vor das
Fischerhaus.
Nun vernahmen sie eine Weise nach der andern, verbunden durch die
seltsamsten Übergänge, durch die fremdartigste Akkordenfolge. Dazwischen
ließ sich eine sonore männliche Stimme hören, die bald alle Süßigkeit
des italienischen Gesanges erschöpfte, bald, plötzlich abbrechend, in
ernste düstere Melodien fiel, bald rezitativisch, bald mit starken
kräftig akzentierten Worten dreinsprach. --
Die Guitarre wurde gestimmt -- dann wieder Akkorde -- dann wieder
abgebrochen und gestimmt -- dann heftige, wie im Zorn ausgesprochene
Worte -- dann Melodien -- dann aufs neue gestimmt. --
Neugierig auf den seltsamen Virtuosen, schlichen Hedwiga und Julia näher
heran, bis sie einen Mann in schwarzer Kleidung gewahrten, der, den
Rücken ihnen zugewendet, auf einem Felsstück dicht an dem See saß, und
das wunderliche Spiel trieb, mit Singen und Sprechen.
Eben hatte er die Guitarre ganz und gar umgestimmt, auf ungewöhnliche
Weise, und versuchte nun einige Akkorde, dazwischen rufend: Wieder
verfehlt -- keine Reinheit -- bald ein Komma zu tief, bald ein Komma zu
hoch! --
Dann faßte er das Instrument, das er von dem blauen Bande, an dem es
ihm um die Schultern hing, losgenestelt, mit beiden Händen, hielt es vor
sich hin und begann: Sage mir, du kleines eigensinniges Ding, wo ruht
eigentlich dein Wohllaut, in welchem Winkel deines Innersten hat sich
die reine Skala verkrochen? -- Oder willst du dich vielleicht auflehnen
gegen deinen Meister und behaupten, sein Ohr sei totgehämmert worden in
der Schmiede der gleichschwebenden Temperatur, und seine Enharmonik nur
ein kindisches Vexierspiel? Du verhöhnst mich, glaub' ich, unerachtet
ich den Bart viel besser geschoren trage, als Meister Stefano Pacini,
_detto il Venetiano_, der die Gabe des Wohllauts in dein Innerstes legte,
die mir ein unerschließbares Geheimnis bleibt. Und, liebes Ding, daß du
es nur weißt, willst du den unisonierenden Dualismus von Gis und As oder
Cis und Des -- oder vielmehr sämtlicher Töne durchaus nicht verstatten,
so schicke ich dir neue tüchtige deutsche Meister auf den Hals, die
sollen dich ausschelten, dich kirre machen mit unharmonischen Worten.
-- Und du magst dich nicht deinem Stefano Pacini in die Arme werfen, du
magst nicht wie ein keifendes Weib das letzte Wort behalten wollen.
-- Oder bist du vielleicht gar dreist und stolz genug, zu meinen, daß
alle schmucken Geister, die in dir wohnen, nur dem gewaltigen Zauber der
Magier folgen, die längst von der Erde gegangen, und daß in den Händen
eines Hasenfußes --
Bei dem letzten Worte hielt der Mann plötzlich inne, sprang auf und
schaute wie in tiefen Gedanken versunken, in den See hinein. -- Die
Mädchen, gespannt durch des Mannes seltsames Beginnen, standen wie
eingewurzelt hinter dem Gebüsch; sie wagten kaum zu atmen.
Die Guitarre, brach der Mann endlich los, ist doch das miserabelste,
unvollkommenste Instrument von allen Instrumenten, nur wert, von
girrenden liebeskranken Schäfern in die Hand genommen zu werden, die das
Emboucheur zur Schalmei verloren haben, da sie sonst es vorziehen
würden, erklecklich zu blasen, das Echo zu wecken mit den Kuhreigen der
süßesten Sehnsucht, und klägliche Melodien entgegenzusenden den
Emmelinen in den weiten Bergen, die das liebe Vieh zusammentreiben mit
dem lustigen Geknalle empfindsamer Hetzpeitschen. -- O Gott! -- Schäfer,
die »wie ein Ofen seufzen mit Jammerlied auf ihrer Liebsten Brau'n«
-- lehrt ihnen, daß der Dreiklang aus nichts anderm bestehe, als aus drei
Klängen, und niedergestoßen werde durch den Dolchstich der Septime, und
gebt ihnen die Guitarre in die Hände! -- Aber ernsten Männern von
leidlicher Bildung, von vorzüglicher Erudition, die sich abgegeben mit
griechischer Weltweisheit und wohl wissen, wie es am Hofe zu Peking oder
Nanking zugeht, aber den Teufel was verstehen von Schäferei und
Schafzucht, was soll denen das Ächzen und Klimpern? -- Hasenfuß, was
beginnst du? Denke an den seligen Hippel, welcher versichert, daß, säh'
er einen Mann Unterricht erteilen im Klavierschlagen, es ihm zu Mute
werde als sötte besagter Lehrherr weiche Eier -- und nun Guitarre
klimpern -- Hasenfuß! -- Pfui Teufel! -- Damit schleuderte der Mann das
Instrument weit von sich ins Gebüsch und entfernte sich raschen
Schrittes, ohne die Mädchen zu bemerken.
Nun, rief Julia nach einer Weile lachend, Hedwiga, was sagst Du zu
dieser verwunderlichen Erscheinung? Wo mag der seltsame Mann her sein,
der erst so hübsch mit seinem Instrument zu sprechen weiß und es dann
verächtlich von sich wirft, wie eine zerbrochene Schachtel?
Es ist unrecht, sprach Hedwiga wie im plötzlich aufwallenden Zorn, indem
ihre verbleichten Wangen sich blutrot färbten, daß der Park nicht
verschlossen ist, daß jeder Fremde hinein kann.
Wie, erwiderte Julia, der Fürst sollte, meinst Du, engherzig, den
Sieghartsweilern -- nein, nicht diesen allein, jedem, der des Weges
wandelt, gerade den anmutigsten Fleck der ganzen Gegend verschließen?
Das ist unmöglich Deine ernste Meinung! -- Du bedenkst, fuhr die
Prinzessin noch bewegter fort, die Gefahr nicht, die für uns daraus
entsteht. Wie oft wandeln wir so wie heute allein, entfernt von aller
Dienerschaft, in den entlegensten Gängen des Waldes umher! -- Wie, wenn
einmal irgendein Bösewicht --
Ei, unterbrach Julia die Prinzessin, ich glaube gar, Du fürchtest, aus
diesem, jenem Gebüsch könnte irgendein ungeschlachter, märchenhafter
Riese, oder ein fabelhafter Raubritter hervorspringen und uns entführen
auf seine Burg! -- Nun, das wolle der Himmel verhüten! -- Aber sonst muß
ich Dir gestehen, daß mir irgendein kleines Abenteuer hier in dem
einsamen romantischen Walde recht hübsch, recht anmutig bedünken möchte.
-- Ich denke eben an Shakespeares »Wie es Euch gefällt«, das uns die
Mutter so lange nicht in die Hände geben wollte, und das uns endlich
Lothario vorgelesen. Was gilt es, Du würdest auch gern ein bißchen Celia
spielen, und ich wollte Deine treue Rosalinde sein. -- Was machen wir
aus unserm unbekannten Virtuosen?
O, erwiderte die Prinzessin, eben dieser unbekannte Mensch -- Glaubst
du wohl, Julia, daß mir seine Gestalt, seine wunderlichen Reden ein
inneres Grauen erregten, das mir unerklärlich ist? -- Noch jetzt
durchbeben mich Schauer, ich erliege beinahe einem Gefühl, das, seltsam
und entsetzlich zugleich, alle meine Sinne gefangen nimmt. In dem
tiefsten, dunkelsten Gemüt regt sich eine Erinnerung auf und ringt
vergebens sich deutlich zu gestalten. -- Ich sah diesen Menschen schon
in irgendeine fürchterliche Begebenheit verflochten, die mein Herz
zerfleischte -- vielleicht war es nur ein spukhafter Traum, dessen
Andenken mir geblieben -- Genug -- der Mensch mit seinem seltsamen
Beginnen, mit seinen wirren Reden, deuchte mir ein bedrohliches,
gespenstisches Wesen, das uns vielleicht verlocken wollte in
verderbliche Zauberkreise.
Welche Einbildungen, rief Julia, ich für mein Teil verwandle das
schwarze Gespenst mit der Guitarre in den Monsieur Jacques, oder gar in
den ehrlichen Probstein, dessen Philosophie beinahe so lautet, wie die
wunderlichen Reden des Fremden. -- Doch hauptsächlich ist es nun nötig,
die arme Kleine zu retten, die der Barbar so feindselig in das Gebüsch
geschleudert hat. --
Julia -- was beginnst Du -- um des Himmels willen! rief die Prinzessin;
doch ohne auf sie zu achten, schlüpfte Julia hinein in das Dickicht und
kam nach wenigen Augenblicken triumphierend, die Guitarre, die der
Fremde weggeworfen, in der Hand, zurück.
Die Prinzessin überwand ihre Scheu und betrachtete sehr aufmerksam das
Instrument, dessen seltsame Form schon von hohem Alter zeugte, hätte das
auch nicht die Jahreszahl und der Name des Meisters bestätigt, den man
durch die Schallöffnung auf dem Boden deutlich wahrnahm. Schwarz
eingeätzt waren nämlich die Worte: _Stefano Pacini fec. Venet. 1532._
Julia konnte es nicht unterlassen, sie schlug einen Akkord auf dem
zierlichen Instrument an, und erschrak beinahe über den mächtigen,
vollen Klang, der aus dem kleinen Dinge heraustönte. O herrlich
-- herrlich! rief sie aus und spielte weiter. Da sie aber gewohnt, nur
ihren Gesang mit der Guitarre zu begleiten, so konnte es nicht fehlen,
daß sie bald unwillkürlich zu singen begann, indem sie weiter
fortwandelte. Die Prinzessin folgte ihr schweigend. Julia hielt inne; da
sprach Hedwiga: Singe, spiele auf dem zauberischen Instrumente,
vielleicht gelingt es Dir, die bösen, feindlichen Geister, die Macht
haben wollten über mich, hinabzubeschwören in den Orkus.
Was willst Du, erwiderte Julia, mit Deinen bösen Geistern, die sollen
uns beiden fremd sein und bleiben, aber singen will ich und spielen;
denn ich wüßte nicht, daß jemals mir ein Instrument so zur Hand gewesen,
mir überhaupt so zugesagt hätte, als eben dieses. Mir scheint auch, als
wenn meine Stimme viel besser dazu laute als sonst. -- Sie begann eine
bekannte italienische Canzonetta und verlor sich in allerlei zierliche
Melismen, gewagte Läufe und Capriccios, Raum gebend dem vollen Reichtum
der Töne, der in ihrer Brust ruhte.
War die Prinzessin erschrocken über den Anblick des Unbekannten, so
erstarrte Julia zur Bildsäule, als er, da sie eben in einen andern Gang
einbiegen wollte, plötzlich vor ihr stand.
Der Fremde, wohl an dreißig Jahre alt, war nach dem Zuschnitt der
letzten Mode schwarz gekleidet. In seinem ganzen Anzuge fand sich
durchaus nichts Sonderbares, Ungewöhnliches, und doch hatte sein Ansehen
etwas Seltsames, Fremdartiges. Trotz der Sauberkeit seiner Kleidung war
eine gewisse Nachlässigkeit sichtbar, die weniger von Mangel an
Sorgfalt, als davon herzurühren schien, daß der Fremde gezwungen worden,
einen Weg zu machen, auf den er nicht gerechnet, und zu dem sein Anzug
nicht paßte. Mit aufgerissener Weste, das Halstuch nur leicht
umschlungen, die Schuhe dick bestäubt, auf denen die goldnen Schnällchen
kaum sichtbar, stand er da, und närrisch genug sah es aus, daß er an dem
kleinen dreieckigen Hütchen, das nur bestimmt, unter den Armen getragen
zu werden, die hintere Krempe herabgeschlagen hatte, um sich gegen die
Sonne zu schützen. Er hatte sich durchgedrängt durch das tiefste
Dickicht des Parks, denn sein wirres schwarzes Haar hing voller
Tannadeln. Flüchtig schaute er die Prinzessin an und ließ dann den
seelenvollen leuchtenden Blick seiner großen dunkeln Augen auf Julia
ruhen, deren Verlegenheit noch dadurch erhöht wurde, so daß ihr, wie es
in dergleichen Fällen ihr zu geschehen pflegte, die Tränen in die Augen
traten.
»Und diese Himmelstöne,« begann der Fremde endlich mit weicher, sanfter
Stimme, »schweigen vor meinem Anblick und zerfließen in Tränen?«
Die Prinzessin, den ersten Eindruck, den der Fremde auf sie gemacht, mit
Gewalt niederkämpfend, blickte ihn stolz an und sprach dann mit beinahe
schneidendem Ton: Allerdings überrascht uns Ihre plötzliche Erscheinung,
mein Herr! man erwartet um diese Zeit keine Fremden mehr im fürstlichen
Park. -- Ich bin die Prinzessin Hedwiga. --
Der Fremde hatte sich, sowie die Prinzessin zu sprechen begann, rasch zu
ihr gewendet und schaute ihr jetzt in die Augen, aber sein ganzes
Antlitz schien ein anderes worden. -- Vertilgt war der Ausdruck
schwermütiger Sehnsucht, vertilgt jede Spur des tief im Innersten
aufgeregten Gemüts, ein toll verzerrtes Lächeln steigerte den Ausdruck
bitterer Ironie bis zum Possierlichen, bis zum Skurrilen. -- Die
Prinzessin blieb, als träfe sie ein elektrischer Schlag, mitten in der
Rede stecken und schlug, blutrot im ganzen Gesicht, die Augen nieder.
Es schien, als wollte der Fremde etwas sagen, in dem Augenblick begann
indessen Julia: Bin ich nicht ein dummes, törichtes Ding, daß ich
erschrecke, daß ich weine wie ein kindisches Kind, das man ertappt über
dem Naschen? -- Ja, mein Herr, ich habe genascht, hier die trefflichsten
Töne weggenascht von Ihrer Guitarre -- die Guitarre ist an allem schuld
und unsere Neugier! -- Wir haben Sie belauscht, wie Sie mit dem kleinen
Dinge so hübsch zu sprechen wußten, und wie Sie dann im Zorn die Arme
wegschleuderten in das Gebüsch, daß sie im lauten Klageton aufseufzte,
auch das haben wir gesehen. Und das ging mir so recht tief ins Herz, ich
mußte hinein in das Dickicht und das schöne, liebliche Instrument
aufheben. -- Nun, Sie wissen wohl, wie Mädchen sind, ich klimpere etwas
auf der Guitarre und da fuhr es mir in die Finger -- ich konnt' es nicht
lassen. -- Verzeihen Sie mir, mein Herr, und empfangen Sie Ihr Instrument
zurück.
Julia reichte die Guitarre dem Fremden hin.
Es ist, sprach der Fremde, ein sehr seltnes klangvolles Instrument, noch
aus alter, guter Zeit her, das nur in meinen ungeschickten Händen -- doch
was Hände -- was Hände! -- Der wunderbare Geist des Wohllauts, der
diesem kleinen seltsamen Dinge befreundet, wohnt auch in meiner Brust,
aber eingepuppt, keiner freien Bewegung mächtig; doch aus Ihrem Innern,
mein Fräulein, schwingt er sich auf zu den lichten Himmelsräumen, in
tausend schimmernden Farben, wie das glänzende Pfauenauge. -- Ha! mein
Fräulein, als Sie sangen, aller sehnsüchtige Schmerz der Liebe, alles
Entzücken süßer Träume, die Hoffnung, das Verlangen, wogte durch den
Wald und fiel nieder wie erquickender Tau in die duftenden Blumenkelche,
in die Brust horchender Nachtigallen! -- Behalten Sie das Instrument,
nur Sie gebieten über den Zauber, der in ihm verschlossen!
Sie warfen das Instrument fort, erwiderte Julia hoch errötend.
Es ist wahr, sprach der Fremde, indem er mit Heftigkeit die Guitarre
ergriff und an seine Brust drückte, ich warf es fort und empfange es
geheiligt zurück; nie kommt es mehr aus meinen Händen. --
Plötzlich verwandelte sich nun das Antlitz des Fremden wieder in jene
skurrile Larve, und er sprach mit hohem, schneidenden Ton: Eigentlich
hat mir das Schicksal oder mein Kakodämon einen sehr bösen Streich
gespielt, daß ich hier so ganz _ex abrupto_, wie die Lateiner und noch
andere ehrliche Leute sagen, vor Ihnen erscheinen muß, meine
hochverehrtesten Damen! -- O Gott, gnädigste Prinzessin, riskieren Sie
es, mich anzuschauen von Kopf bis zu Fuß. Sie werden dann aus meinem
Ajustement zu entnehmen geruhen, daß ich mich auf einer großen
Visitenfahrt befinde. -- Ha! ich gedachte eben bei Sieghartsweiler
vorzufahren und der guten Stadt, wo nicht meine Person, doch wenigstens
eine Visitenkarte abzugeben. -- O Gott! fehlt es mir denn an
Konnexionen, meine gnädigste Prinzessin? -- War nicht sonst der
Hofmarschall Dero Herrn Vaters mein Intimus? -- Ich weiß es, sah er mich
hier, so drückte er mich an seine Atlasbrust und sagte gerührt, indem er
mir eine Prise darbot: Hier sind wir unter uns, mein Lieber, hier kann
ich meinem Herzen und den angenehmsten Gesinnungen freien Lauf lassen.
-- Audienz hätte ich erhalten bei dem gnädigsten Herrn Fürsten Irenäus,
und wäre auch Ihnen vorgestellt worden, o Prinzessin! Vorgestellt worden
auf eine Weise, daß ich mein bestes Gespann von Septime-Akkorden gegen
eine Ohrfeige setze, ich hätte Ihre Huld erworben! -- Aber nun! -- hier
im Garten am unschicklichsten Orte, zwischen Ententeich und
Froschgraben, muß ich mich selbst präsentieren, mir zum ewigen Malheur!
-- O Gott, könnt' ich nur was weniges hexen, könnt' ich nur _subito_
diese edle Zahnstocherbüchse (er zog eine aus der Westentasche hervor)
verwandeln in den schmuckesten Kammerherrn des Irenäusschen Hofes,
welcher mich beim Fittich nähme und spräche: Gnädigste Prinzessin, hier
ist der und der! -- Aber nun! -- _che far', che dir'!_ -- Gnade -- Gnade,
o Prinzessin! o Damen! -- -- o Herren!
Damit warf sich der Fremde vor der Prinzessin nieder und sang mit
kreischender Stimme: _Ah pietà, pietà Signora!_
Die Prinzessin faßte Julien und rannte mit ihr unter dem lauten Ausruf:
Es ist ein Wahnsinniger, ein Wahnsinniger, der dem Tollhause
entsprungen! so schnell von dannen, als sie es nur vermochte.
Dicht vor dem Lustschlosse kam die Rätin Benzon den Mädchen entgegen,
die atemlos ihr beinahe zu Füßen sanken. »Was ist geschehen, um des
Himmels willen, was ist Euch geschehen, was bedeutet die übereilte
Flucht?« So fragte sie. Die Prinzessin vermochte, außer sich, verstört,
wie sie war, nur in abgebrochenen Reden etwas von einem Wahnsinnigen
herzustammeln, der sie überfallen. Julia erzählte ruhig und besonnen,
wie sich alles begeben, und schloß damit, daß sie den Fremden durchaus
nicht für wahnsinnig, sondern nur für einen ironischen Schalk, wirklich
für eine Art von Monsieur Jacques halte, der zur Komödie im Ardenner
Walde passe.
Die Rätin Benzon ließ sich alles nochmals wiederholen, sie fragte nach
dem kleinsten Umstande, sie ließ sich den Fremden beschreiben in Gang,
Stellung, Gebärde, Ton der Sprache usw. Ja, rief sie dann, es ist nur zu
gewiß, er ist es, er ist es selbst, kein anderer kann -- darf es sein!
Wer -- wer ist es? fragte die Prinzessin ungeduldig.
Ruhig, liebe Hedwiga, erwiderte die Benzon, Sie haben Ihren Atem umsonst
verkeucht; kein Wahnsinniger ist dieser Fremde, der Ihnen so bedrohlich
erschien. Welchen bittern, unziemlichen Scherz er sich auch seiner
barocken Manier gemäß erlaubte, so glaube ich doch, daß Sie sich mit ihm
aussöhnen werden.
Nimmermehr, rief die Prinzessin, sehe ich ihn wieder, den -- unbequemen
Narren.
Ei Hedwiga, sprach die Benzon lachend, welcher Geist gab Ihnen das Wort,
unbequem, ein, das nach dem, was vorgegangen, viel besser paßt, als Sie
vielleicht selbst glauben und ahnen mögen.
Ich weiß auch gar nicht, begann Julia, wie Du auf den Fremden so zürnen
magst, liebe Hedwiga? -- Selbst in seinem närrischen Tun, in seinen
wirren Reden, lag etwas, das auf seltsame und gar nicht unangenehme
Weise mein Innerstes anregte. Wohl Dir, erwiderte die Prinzessin, indem
ihr die Tränen in die Augen traten, daß Du so ruhig sein kannst und
unbefangen, aber mir zerschneidet der Hohn des entsetzlichen Menschen
das Herz! -- Benzon, wer ist es, wer ist der Wahnsinnige? »Mit zwei
Worten,« sprach die Benzon, »erkläre ich alles. Als ich mich vor fünf
Jahren in ...«
=(M. f. f.)= -- mich überzeugte, daß in einem echten, tiefen Dichtergemüt
auch kindliche Tugend wohnt und Mitleid mit dem Bedrängnis der Genossen.
Eine gewisse Schwermut, wie sie oft junge Romantiker befällt, wenn sie
den Entwicklungskampf der großen erhabenen Gedanken in ihrem Innern
bestehen, trieb mich in die Einsamkeit. Unbesucht blieben mehrere Zeit
hindurch Dach, Keller und Boden. Ich empfand mit jenem Dichter die süßen
idyllischen Freuden im kleinen Häuschen am Ufer eines murmelnden Bachs,
umschattet von düster belaubten Hängebirken und Trauerweiden, und blieb,
mich meinen Träumen hingebend, unter dem Ofen. So kam es aber, daß ich
Mina, die süße, schöngefleckte Mutter, nicht wiedersah. -- In den
Wissenschaften fand ich Trost und Beruhigung. O, es ist etwas Herrliches
um die Wissenschaften! -- Dank, glühender Dank dem edlen Mann, der sie
erfunden! -- Wie viel herrlicher, wie viel nützlicher ist diese
Erfindung, als jene des entsetzlichen Mönchs, der zuerst es unternahm,
Pulver zu fabrizieren, ein Ding, das mir, seiner Natur und Wirkung nach,
in den Tod zuwider. Die richtende Nachwelt hat auch den Barbaren, den
höllischen Barthold, gestraft mit höhnender Verachtung, indem man noch
heutigen Tages, um einen scharfsinnigen Gelehrten, einen umschauenden
Statistiker, kurz, jeden Mann von exquisiter Bildung, recht hoch zu
stellen, sprichwörtlich sagt: Er hat das Pulver nicht erfunden!
Zur Belehrung der hoffnungsvollen Katerjugend, kann ich nicht unbemerkt
lassen, daß ich, wollte ich studieren, mit zugedrückten Augen in die
Bibliothek meines Meisters sprang, und dann das Buch, was ich
angekrallt, herauszupfte und durchlas, mochte es einen Inhalt haben wie
es wollte. Durch diese Art zu studieren gewann mein Geist diejenige
Biegsamkeit und Mannigfaltigkeit, mein Wissen den bunten glänzenden
Reichtum, den die Nachwelt an mir bewundern wird. Der Bücher, die ich in
dieser Periode des dichterischen Schwermuts hintereinander las, will ich
hier nicht erwähnen, teils, weil sich dazu eine schicklichere Stelle
vielleicht finden wird, teils, weil ich auch die Titel davon vergessen,
und dies wieder gewissermaßen darum, weil ich die Titel meistenteils
nicht gelesen, und also nie gewußt habe. -- Jedermann wird mit dieser
Erklärung zufrieden sein, und mich nicht biographischen Leichtsinnes
anklagen.
Mir standen neue Erfahrungen bevor.
Eines Tages, als mein Meister eben in einen großen Folianten vertieft
war, den er vor sich aufgeschlagen, und ich dicht bei ihm unter dem
Schreibtisch, auf einem Bogen des schönsten Royalpapiers liegend, mich
in griechischer Schrift versuchte, die mir vorzüglich in der Pfote zu
liegen schien, trat rasch ein junger Mann hinein, den ich schon mehrmals
bei dem Meister gesehen, und der mich mit freundlicher Hochachtung, ja
mit der wohltuenden Verehrung behandelte, die dem ausgezeichneten
Talent, dem entschiedenen Genie gebührt. Denn nicht allein, daß er
jedesmal, nachdem er den Meister begrüßt, zu mir sprach: Guten Morgen
Kater! so kraute er mir auch jedesmal mit leichter Hand hinter den
Ohren, und streichelte mir sanft den Rücken, so daß ich in diesem
Betragen wahre Aufmunterung fand, meine innern Gaben leuchten zu lassen
vor der Welt.
Heute sollte sich alles anders gestalten!
Wie sonst niemals sprang nämlich heute dem jungen Mann ein schwarzes
zottiges Ungeheuer mit glühenden Augen nach zur Türe hinein, und als es
mich erblickte, gerade auf mich zu. Mich überfiel eine unbeschreibliche
Angst, mit einem Satz war ich auf dem Schreibtisch meines Meisters, und
stieß Töne des Entsetzens und der Verzweiflung aus, als das Ungeheuer
hoch hinaufsprang nach dem Tisch, und dazu einen mörderlichen Lärm
machte. Mein guter Meister, dem um mich bange, nahm mich auf den Arm,
und steckte mich unter den Schlafrock. Doch der junge Mann sprach: »Seid
doch nur ganz unbesorgt, lieber Meister Abraham! Mein Pudel tut keiner
Katze was, er will nur spielen. Setzt den Kater nur hin, sollt Euch
freuen wie die Leutchen miteinander Bekanntschaft machen werden, mein
Pudel und Euer Kater.
Mein Meister wollte mich wirklich niedersetzen, ich klammerte mich aber
fest an, und begann kläglich zu lamentieren, wodurch ich es denn
wenigstens dahin brachte, daß der Meister mich, als er sich niederließ,
dicht neben sich auf dem Stuhle litt.
Ermutigt durch meines Meisters Schutz, nahm ich, auf den Hinterpfoten
sitzend, den Schweif umschlungen, eine Stellung an, deren Würde, deren
edler Stolz meinem vermeintlichen schwarzen Gegner imponieren mußte. Der
Pudel setzte sich vor mir hin auf die Erde, schaute mir unverwandt ins
Auge, und sprach zu mir in abgebrochnen Worten, die mir freilich
unverständlich blieben. Meine Angst verlor sich nach und nach ganz und
gar, und ruhig geworden im Gemüt, vermochte ich zu bemerken, daß in dem
Blick des Pudels nichts zu entdecken, als Gutmütigkeit und biederer
Sinn. Unwillkürlich fing ich an, meine zum Vertrauen geneigte
Seelenstimmung durch sanftes Hin- und Herbewegen des Schweifes an den
Tag zu legen, und sogleich begann auch der Pudel mit dem kurzen
Schweiflein zu wedeln auf die anmutigste Weise.
O! mein Inneres hatte ihn angesprochen, nicht zu zweifeln war an dem
Anklang unserer Gemüter! -- Wie, sprach ich zu mir selbst, wie konnte
dich das ungewohnte Betragen dieses Fremden so in Furcht und Schrecken
setzen? -- Was bewies dieses Springen, dieses Klaffen, dieses Toben,
dieses Rennen, dieses Heulen anders als den in Liebe und Lust, in der
freudigen Freiheit des Lebens heftig und mächtig bewegten Jüngling? -- O
es wohnt Tugend, edle Pudeltümlichkeit in jener schwarz bepelzten Brust!
-- Durch diese Gedanken erkräftigt, beschloß ich, den ersten Schritt zu
tun zu näherer engerer Einigung unserer Seelen, und herabzusteigen von
dem Stuhl des Meisters.
Sowie ich mich erhob und dehnte, sprang der Pudel auf und in der Stube
umher, mit lautem Klaffen! -- Äußerungen eines herrlichen
lebenskräftigen Gemüts! -- Es war nichts mehr zu befürchten, ich stieg
sogleich herab, und näherte mich behutsam leisen Schrittes dem neuen
Freunde. Wir begannen jenen Akt, der in bedeutender Symbolik die nähere
Erkenntnis verwandter Seelen, den Abschluß des aus dem inneren Gemüt
heraus bedingten Bündnisses ausdrückt, und den der kurzsichtige
frevelige Mensch mit dem gemeinen unedlen Ausdruck »Beschnüffeln«,
bezeichnet. Mein schwarzer Freund bezeigte Lust, etwas von den
Hühnerknochen zu genießen, die in meiner Speiseschüssel lagen. So gut
ich es vermochte, gab ich ihm zu verstehen, daß es der Weltbildung, der
Höflichkeit gemäß sei, ihn als meinen Gast zu bewirten. Er fraß mit
erstaunlichem Appetit, während ich von weitem zusah. -- Gut war es doch,
daß ich den Bratfisch beiseite gebracht und einmagaziniert unter mein
Lager. -- Nach der Tafel begannen wir die anmutigsten Spiele, bis wir
uns zuletzt, ganz ein Herz und eine Seele, umhalsten, und fest
aneinander geklammert, uns einmal über das andere überkugelnd, uns
innige Treue und Freundschaft zuschworen.
Ich weiß nicht, was dieses Zusammentreffen schöner Seelen, dieses
Einandererkennen herziger Jünglingsgemüter, Lächerliches in sich tragen
konnte; so viel ist aber gewiß, daß beide, mein Meister und der fremde
junge Mann, unaufhörlich aus vollem Halse lachten, zu meinem nicht
geringen Verdruß.
Auf mich hatte die neue Bekanntschaft einen tiefen Eindruck gemacht, so
daß ich in der Sonne und im Schatten, auf dem Dach und unter dem Ofen,
nichts dachte, nichts sann, nichts träumte, nichts empfand als, Pudel
-- Pudel -- Pudel! Dadurch ging mir das innerste Wesen des Pudeltums
mächtig auf, mit glänzenden Farben, und durch diese Erkenntnis wurde das
tiefsinnige Werk geboren, dessen ich schon erst erwähnte, nämlich:
Gedanke und Ahnung, oder Kater und Hund. Sitten, Gebräuche, Sprache
beider Geschlechter, entwickelte ich als tief bedingt durch ihr
eigentümlichstes Wesen und bewies, wie beide nur diverse Strahlen, aus
einem Prisma geworfen. Vorzüglich faßte ich den Charakter der Sprache
auf, und bewies, daß da Sprache überhaupt nur symbolische Darstellung
des Naturprinzips in der Gestaltung des Lauts sei, mithin es nur =eine=
Sprache geben könne, auch das Kätzische und Hündische in der besondern
Formung des Pudelischen, Zweige eines Baumes wären, von höherem Geist
inspirierte Kater und Pudel sich daher verstünden. Um meinen Satz ganz
ins klare zu stellen, führte ich mehrere Beispiele aus beiden Sprachen
an und machte auf die gleichen Stammwurzeln aufmerksam, von: Bau -- Bau
-- Mau -- Miau -- Blaf blaf -- Anvau -- Korr -- Kurr -- Ptsi -- Pschrzi
usw.
Nachdem das Buch vollendet, fühlte ich die unwiderstehlichste Lust, das
Pudelische wirklich zu erlernen, welches mir, vermöge meines neu
erworbenen Freundes, des Pudels Ponto, wiewohl nicht ohne Mühe, gelang,
da das Pudelische für uns Kater wirklich eine schwere Sprache. Genies
finden sich indes in alles, und eben diese Genialität ist es, die ein
berühmter menschlicher Schriftsteller verkennt, wenn er behauptet, daß,
um eine fremde Sprache, mit allen Eigentümlichkeiten des Volks, dem
Volke nachzusprechen, man durchaus was weniges ein Narr sein müsse. Mein
Meister hatte freilich dieselbe Meinung, und mochte eigentlich nur die
gelehrte Kenntnis der fremden Sprache statuieren, welche Kenntnis er dem
Parlieren entgegensetzte, worunter er die Fertigkeit verstand, in einer
fremden Sprache über nichts und um nichts reden zu können. Er ging so
weit, daß er das Französisch sprechen unserer Herren und Damen vom Hofe
für eine Art von Krankheit hielt, die, wie kataleptische Zufälle, mit
schrecklichen Symptomen eintrete, und hörte ich ihn diese absurde
Behauptung gegen den Hofmarschall des Fürsten selbst ausführen.
»Erzeigen Sie,« sprach Meister Abraham, »mir die Güte, beste Exzellenz,
und beobachten Sie sich selbst! Hat Ihnen der Himmel nicht ein schönes
volltönendes Stimmorgan verliehen, und wenn Ihnen das Französische
ankommt, da beginnen Sie plötzlich zu zischen, zu lispeln, zu schnarren,
und dabei verzerren sich Dero angenehme Gesichtszüge ganz erschrecklich,
und selbst der hübsche, feste, ernste Anstand, dessen Dieselben sonst
mächtig, wird verstört durch allerlei seltsame Konvulsionen. Was kann
dies alles anders bedeuten, als empörtes Treiben irgendeines fatalen
Krankheitskobolds im Innern! -- Der Hofmarschall lachte sehr, und zum
Lachen war auch wirklich Meister Abrahams Hypothese von der Krankheit
fremder Sprachen.
Ein sinnreicher Gelehrter gibt in irgendeinem Buche den Rat, daß man
sich bemühen möge in der fremden Sprache, die man rasch erlernen will,
zu =denken=. Der Rat ist vortrefflich, seine Ausführung aber nicht ohne
Gefahr. Es gelang mir nämlich sehr bald, pudelisch zu denken, ich
vertiefte mich aber in diese pudelischen Gedanken so sehr, daß meine
eigentliche Sprachfertigkeit zurückblieb, und ich selbst nicht verstand
was ich dachte. Diese nicht verstandenen Gedanken brachte ich
meistenteils zu Papier, und ich erstaune über die Tiefe dieser Sprache,
die ich unter dem Titel »Akanthusblätter« gesammelt, und die ich noch
nicht verstehe.
Ich glaube, daß diese kurzen Andeutungen über die Geschichte meiner
Jugendmonate hinreichen dürften, dem Leser ein deutliches Bild davon zu
geben was ich bin und wie ich es wurde.
Unmöglich kann ich mich aber von der Blütezeit meines merkwürdigen
ereignisreichen Lebens trennen, ohne noch eines Vorfalls zu erwähnen,
der gewissermaßen meinen Übertritt in die Jahre der reifern Bildung
bezeichnet. Die Katerjugend wird daraus lernen, daß keine Rose ohne
Dornen ist, und daß dem mächtig emporstrebenden Geiste manches Hindernis
gelegt, mancher Stein des Anstoßes in den Weg geworfen wird, an dem er
sich die Pfoten wund stoßen muß. -- Und der Schmerz solcher Wunden ist
empfindlich, sehr empfindlich! --
Gewiß, hast du mich, geliebter Leser, beinahe beneidet um meine
glückliche Jugendzeit, um den günstigen Stern der über mich wachte! -- In
Dürftigkeit von vornehmen aber armen Eltern geboren, dem schmachvollen
Tode nahe, komme ich plötzlich in den Schoß des Überflusses, in den
Peruschacht der Literatur! -- Nichts stört meine Bildung, nichts
widerstrebt meinen Neigungen, mit Riesenschritten gehe ich der
Vollkommenheit entgegen, die mich hoch erhebt über meine Zeit. Da hält
mich plötzlich ein Zollverwalter an und fordert den Tribut, dem alles
hienieden unterworfen!
Wer hätte denken sollen, daß unter den Banden der süßesten, innigsten
Freundschaft die Dornen verborgen, die mich ritzen, verwunden, blutig
verwunden mußten!
Jeder, der ein gefühlvolles Herz im Busen trägt, wie ich, wird aus dem,
was ich über mein Verhältnis mit dem Pudel Ponto gesagt, sehr leicht
entnehmen können, was der Teure mir war, und doch mußte =er= es sein, der
den ersten Anlaß gab zu der Katastrophe, die mich gänzlich verderben
konnte, hätte der Geist meines großen Ahnherrn nicht über mich gewacht.
-- Ja mein Leser! -- ich hatte einen Ahnherrn, einen Ahnherrn, ohne den
ich gewissermaßen gar nicht existieren würde -- einen großen
vortrefflichen Ahnherrn, einen Mann von Stande, Ansehen, Vermögen,
ausgebreiteter Wissenschaft, mit einer ganz vortrefflichen Sorte Tugend,
mit der feinsten Menschenliebe begabt, einen Mann von Eleganz und
Geschmack, nach dem neuesten Geschmack -- einen Mann der -- doch dies
alles jetzt nur beiläufig gesagt, künftig mehr von dem Würdigen, der
niemand anders war, als der berühmte Premierminister Hinz von
Hinzenfeldt, der der Welt so teuer, so über alles wert worden unter dem
Namen des gestiefelten Katers. --
Wie gesagt, künftig mehr von dem edelsten der Kater! --
Konnt' es anders sein; mußt' ich, als ich mich im Pudelischen leicht und
zierlich auszudrücken vermochte, mit meinem Freunde Ponto nicht davon
reden, was mir das Höchste im Leben war, nämlich von mir selbst und von
meinen Werken? So kam es, daß er mit meinen besondern Geistesgaben, mit
meiner Genialität, mit meinem Talent bekannt wurde, und hier entdeckte
ich zu meinem nicht geringen Leid, daß ein unüberwindlicher Leichtsinn,
ja ein gewisser Übermut es dem jungen Ponto unmöglich machte, in den
Künsten und Wissenschaften etwas zu tun. Statt in Erstaunen zu geraten
über meine Kenntnis, versicherte er, daß es gar nicht zu begreifen, wie
ich darauf fallen könnte, mich mit derlei Dingen abzugeben, und daß er
seinerseits, was Künste betreffe, sich lediglich darauf beschränke, über
den Stock zu springen, und seines Herrn Mütze aus dem Wasser zu
apportieren, die Wissenschaften anlangend er aber der Meinung sei, daß
Leute, wie ich und er, sich nur den Magen dabei verdürben und allen
Appetit gänzlich verlören.
Bei einem solchen Gespräch, in dem ich mich mühte, meinen jungen
leichtsinnigen Freund eines Bessern zu belehren, geschah das
Entsetzliche. Denn ehe ich mir's versah, sprang...
=(Mak. Bl.)= -- Und immer werden Sie, erwiderte die Benzon, mit dieser
phantastischen Überspanntheit, mit dieser herzzerschneidenden Ironie
nichts anstiften als Unruhe -- Verwirrung -- völlige Dissonanz aller
konventionellen Verhältnisse, wie sie nun einmal bestehen.
O wundervoller Kapellmeister, rief Johannes Kreisler lachend, der
solcher Dissonanzen mächtig!
Seien Sie ernst, fuhr die Rätin fort, Sie entkommen mir nicht durch
bittern Scherz! Ich halte Sie fest, lieber Johannes! -- Ja, so will ich
Sie nennen, mit dem sanften Namen Johannes, damit ich wenigstens hoffen
darf, daß hinter der Satyrmaske am Ende ein sanftes, weiches Gemüt
verborgen. Und dann! -- nimmermehr werde ich mich davon überzeugen, daß
der bizarre Name: Kreisler, nicht eingeschwärzt, nicht einem ganz andern
Familien-Namen untergeschoben sein sollte!
Rätin, sprach Kreisler, indem sein ganzes Gesicht in einem seltsamen
Muskelspiel an tausend Falten und Furchen vibrierte, teuerste Rätin, was
haben Sie gegen meinen ehrlichen Namen? -- Vielleicht führte ich sonst
einen andern, aber das ist lange her, und mir geht es so wie dem
Ratgeber in Tiecks Blaubart, der da sagt: Ich hatte sonst einmal einen
ganz vortrefflichen Namen, durch die Länge der Zeit hab' ich ihn fast
vergessen, ich kann mich nur noch dunkel daran erinnern.
Besinnen Sie sich, Johannes, rief die Rätin, ihn mit leuchtenden Blicken
durchbohrend, der halbvergessene Name kommt Ihnen gewiß wieder in die
Gedanken!
Durchaus nicht, Teuerste, erwiderte Kreisler, es ist unmöglich, und ich
vermute beinahe, daß die dunkle Erinnerung, wie ich sonst, was eben
meine äußere Gestalt rücksichts des Namens als Lebenspasseport
betrifft, anders gestaltet, aus der angenehmen Zeit herrührt, da ich
eigentlich noch gar nicht geboren. -- Erzeigen Sie mir die Güte,
Verehrungswürdigste, betrachten Sie meinen schlichten Namen im gehörigen
Licht, und Sie werden ihn, was Zeichnung, Kolorit und Physiognomie
betrifft, allerliebst finden! Noch mehr! stülpen Sie ihn um, sezieren
Sie ihn mit dem grammatischen Anatomiermesser, immer herrlicher wird
sich sein innerer Gehalt zeigen. Es ist ganz unmöglich, Vortreffliche!
daß Sie meines Namens Abstammung in dem Worte =Kraus= finden, und mich,
nach der Analogie des Wortes =Haarkräusler,= für einen Tonkräusler, oder
gar für einen Kräusler überhaupt halten können, da ich mich alsdann eben
=Kräusler= schreiben müßte. Sie können nicht wegkommen von dem Worte
=Kreis,= und der Himmel gebe, daß Sie dann gleich an die wunderbaren
Kreise denken mögen, in denen sich unser ganzes Sein bewegt, und aus
denen wir nicht herauskommen können, wir mögen es anstellen wie wir
wollen. In diesen Kreisen kreiselt sich der Kreisler, und wohl mag es
sein, daß er oft, ermüdet von den Sprüngen des St. Veits-Tanzes, zu dem
er gezwungen, rechtend mit der dunklen unerforschlichen Macht, die jene
Kreise umschrieb, sich mehr als es einem Magen, der ohnedies nur
schwächlicher Konstitution, zusagt, hinaussehnt ins Freie. Und der tiefe
Schmerz dieser Sehnsucht mag nun wieder eben jene Ironie sein, die Sie,
Verehrte! so bitter tadeln, nicht beachtend, daß die kräftige Mutter
einen Sohn gebar, der in das Leben eintritt wie ein gebietender König.
Ich meine den Humor, der nichts gemein hat mit seinem ungeratenen
Stiefbruder, dem Spott! -- Ja, sprach die Rätin, eben dieser Humor,
dieser Wechselbalg einer ausschweifenden, grillenhaften Phantasie ohne
Gestalt, ohne Farbe, von dem ihr harten Männerseelen selbst nicht wißt,
für wen ihr ihn ausgeben sollt nach Stand und Würden, eben dieser ist
es, den ihr uns gern als etwas Großes, Herrliches unterschieben möchtet,
wenn ihr alles, was uns lieb und wert, in bitterm Hohne zu vernichten
trachtet. Wissen Sie wohl, Kreisler, daß Prinzessin Hedwiga noch jetzt
ganz außer sich ist über Ihre Erscheinung, über Ihr Betragen im Park?
Reizbar, wie sie ist, verwundet sie jeder Scherz, in dem sie nur die
leiseste Verspottung ihrer Persönlichkeit findet, überdies aber
beliebten Sie, lieber Johannes, sich ihr als ein vollkommen Wahnsinniger
darzustellen, und ihr so ein Entsetzen zu erregen, das sie hätte auf das
Krankenlager werfen können. Ist das zu entschuldigen?
Ebensowenig, erwiderte Kreisler, als wenn ein Prinzeßlein es unternimmt,
in dem offnen Park ihres Herrn Papas einem Fremden von honettem Ansehen,
der ihr zufällig begegnet, durch ihre kleine Person imponieren zu
wollen.
Dem sei wie ihm wolle, fuhr die Rätin fort, genug, Ihre abenteuerliche
Erscheinung in unserm Park hätte böse Folgen haben können. Daß diese
abgewandt, daß die Prinzessin wenigstens sich an den Gedanken gewöhnt
Sie wiederzusehen, alles das haben wir meiner Julia zu verdanken. Sie
allein nimmt Sie in Schutz, indem sie in allem, was Sie begonnen, was
Sie gesprochen, nur den Erguß einer überspannten Laune findet, wie sie
oft einem tief verletzten oder zu reizbaren Gemüt eigen. Mit einem Wort,
Julia, die erst vor kurzer Zeit Shakespeares: »Wie es euch gefällt,«
kennen gelernt, hat Sie gerade mit dem melancholischen Monsieur Jacques
verglichen.
O du ahnendes Himmelskind! rief Kreisler, indem ihm die Tränen in die
Augen traten.
Überdies, sprach die Benzon weiter, hat meine Julia in Ihnen, als Sie
auf der Guitarre phantasierten und, wie sie erzählt, dazwischen sangen
und sprachen, den sublimen Musiker und Komponisten erkannt. Sie meint,
in dem Augenblick sei ihr ein ganz besonderer Geist der Musik
aufgegangen, sie habe, wie von unsichtbarer Macht dazu gezwungen, singen
und spielen müssen, und das sei ihr gar anders geglückt, als sonst
jemals. -- Erfahren Sie nur, Julia konnte sich gar nicht darin finden,
daß sie den seltsamen Mann nicht wiedersehen, daß er ihr nur wie ein
anmutig wunderlicher, musikalischer Spuk erschienen sein solle; wogegen
die Prinzessin mit aller ihr eignen Heftigkeit behauptete, daß ein
zweiter Besuch des gespenstischen Wahnsinnigen ihr den Tod geben würde.
Da die Mädchen sonst ein Herz und eine Seele sind, und niemals eine
Entzweiung unter ihnen stattgefunden, so konnt' ich mit vollem Recht
behaupten, daß sich jene Szene aus früher Kindheit umgekehrt wiederhole,
als Julia einen etwas bizarren Skaramuz, der ihr einbeschert worden,
durchaus in den Kamin werfen wollte, die Prinzessin hingegen ihn in
Schutz nahm und für ihren Liebling erklärte.
Ich lasse mich, fiel Kreisler der Benzon laut lachend in die Rede, ein
zweiter Skaramuz, von der Prinzessin in den Kamin werfen, und vertraue
der süßen Huld der holden Julia. -- Sie müssen, fuhr die Benzon fort,
die Erinnerung an den Skaramuz für einen humoristischen Einfall halten,
und diesen können Sie, Ihrer eigenen Theorie gemäß, nicht übel deuten.
Übrigens mögen Sie es sich wohl vorstellen, daß ich in der Schilderung,
die die Mädchen mir von Ihrer Erscheinung, von dem ganzen Vorfall im
Park machten, Sie augenblicklich wiedererkannte, und daß es Juliens
Sehnsucht Sie wiederzusehen, gar nicht bedurfte; ohnedies hätte ich in
dem nächsten Augenblick alle Leute, die mir zu Gebote standen, in
Bewegung gesetzt, den ganzen Park, ganz Sieghartsweiler durchsuchen
lassen, um Sie, der mir bei kurzer Bekanntschaft so wert geworden,
wiederzufinden. Alle Nachforschungen blieben vergebens, ich glaubte Sie
verloren, um so mehr mußte ich erstaunen, als Sie heute morgen bei mir
eintraten. Julia ist bei der Prinzessin, welch ein Zwiespalt der
verschiedensten Empfindungen würde sich erheben, wenn die Mädchen in
diesem Augenblick Ihre Ankunft erführen. -- Was Sie, den ich als
wohlbestallten Kapellmeister an dem Hofe des Großherzogs glaubte, so
plötzlich herbringt, darüber verlange ich nur dann Aufschluß, wenn es
Ihnen recht und gemütlich sein wird, mir darüber etwas zu sagen.
Kreisler war, als die Rätin dies alles sprach, in tiefes Nachdenken
versunken. Er starrte zur Erde nieder und fingerte an der Stirn wie
einer, der sich auf etwas Vergessenes zu besinnen trachtet.
Ach, begann er, als die Rätin schwieg, das ist eine sehr alberne
Geschichte, kaum des Erzählens wert. Doch so viel ist gewiß, daß das,
was die kleine Prinzessin für die wirren Reden eines Wahnwitzigen zu
halten geruht hat, in der Wahrheit begründet ist. In der Tat befand ich
mich damals, als ich das Unglück hatte, die kleine Reizbare im Park zu
erschrecken, auf einer Visitenfahrt, denn ich kam eben von einer Visite,
die ich niemanden anders abstattete, als dem Durchlauchtigsten
Großherzoge selbst, und hier in Sieghartsweiler wollte ich nun ja eben
mit den außerordentlichsten, angenehmsten Visiten kontinuieren.
O Kreisler, rief die Rätin, ein wenig lächelnd, niemals lachte sie stark
und laut, das ist gewiß wieder irgendein bizarrer Einfall, dem Sie
freien Lauf gestattet. Irre ich nicht, so liegt die Residenz wenigstens
dreißig Stunden entfernt von Sieghartsweiler.
So ist es, erwiderte Kreisler, aber man wandelt in einem Garten, der
mir in solch großem Stil angelegt scheint, daß selbst ein Le Notre
darüber erstaunen müßte. Statuieren Sie nun, Verehrte, nicht meine
Visitenfahrt, so mögen Sie bedenken, daß ein empfindsamer Kapellmeister,
Stimme in Kehle und Brust, Guitarre in der Hand, lustwandelnd durch
duftende Wälder, über frisch grünende Wiesen, über wildgetürmtes
Steingeklüft, über schmale Stege, unter denen die Waldbäche schäumend
fortbrausen, ja, daß ein solcher Kapellmeister als Solosänger
einstimmend in die Chöre, die überall ihn umtönen, sehr leicht
hineingeraten kann in einzelne Partien des Gartens, absichtslos, ohne es
zu wollen. So mag ich hineingeraten sein in den fürstlichen Park zu
Sieghartshof, der nichts ist als eine etwas kleinliche Partie in dem
großen Park, den die Natur anlegte. -- Doch nein, es ist dem nicht so!
-- Als Sie vorhin davon sprachen, wie ein ganzes lustiges Jägervolk
aufgeboten worden, mich einzufangen als jagdbares Wild, das sich
verlaufen, gewann ich erst die innere feste Überzeugung von der
Notwendigkeit meines Hierseins -- eine Notwendigkeit, die mich, hätte ich
auch meinen irren Lauf fortsetzen wollen, ins Garn treiben mußte. -- Sie
erwähnten gütigst, daß meine Bekanntschaft Ihnen wert geworden, mußten
mir dabei nicht jene verhängnisvollen Tage der Verwirrung, der
allgemeinen Not einfallen, in denen uns das Schicksal zusammenführte?
Sie fanden mich damals hin und her schwankend, unfähig, einen Entschluß
zu fassen, zerrissen im innersten Gemüt. Sie nahmen mich auf mit
freundlicher Gesinnung, und indem Sie, mir den klaren, wolkenlosen
Himmel einer ruhigen, in sich abgeschlossenen Weiblichkeit auftuend,
mich zu trösten gedachten, tadelten und verziehen Sie zugleich die tolle
Ausgelassenheit meines Treibens, welches Sie einer durch den Drang der
Umstände herbeigeführten trostlosen Verzweiflung zuschrieben. Sie
entzogen mich einer Umgebung, die ich selbst für zweideutig anerkennen
mußte; Ihr Haus wurde das friedliche, freundliche Asyl, in dem ich,
Ihren stillen Schmerz ehrend, den meinigen vergaß. Ihre Gespräche voll
Heiterkeit und Milde wirkten als wohltuende Arznei, ohne daß Sie meine
Krankheit kannten. Nicht die bedrohlichen Ereignisse, die meine Stellung
im Leben vernichten konnten, waren es, die so feindlich auf mich
wirkten. Längst hatte ich gewünscht, Verhältnisse aufzugeben, die mich
drückten und ängstigten, und nicht zürnen konnte ich auf das Schicksal,
welches das bewirkte, was auszuführen ich selbst so lange nicht Mut und
Kraft genug gehabt hatte. Nein! -- Als ich mich frei fühlte, da erfaßte
mich jene unbeschreibliche Unruhe, die, seit meinen frühen Jugendjahren,
so oft mich mit mir selbst entzweit hat. Nicht die Sehnsucht ist es,
die, wie jener tiefe Dichter so herrlich sagt, aus dem höheren Leben
entsprungen, ewig währt, weil sie ewig nicht erfüllt wird, weder
getäuscht noch hintergangen, sondern nur nicht erfüllt, damit sie nicht
sterbe; nein -- ein wüstes, wahnsinniges Verlangen bricht oft hervor
nach einem Etwas, das ich in rastlosem Treiben außer mir selbst suche,
da es doch in meinem eigenen Innern verborgen, ein dunkles Geheimnis,
ein wirrer, rätselhafter Traum von einem Paradies der höchsten
Befriedigung, das selbst der Traum nicht zu nennen, nur zu ahnen vermag,
und diese Ahnung ängstigt mich mit den Qualen des Tantalus. Dies Gefühl
bemeisterte sich schon, als ich noch ein Kind, meiner oft so plötzlich,
daß ich mitten aus dem frohsten Spiel mit meinen Kameraden davonlief in
den Wald, auf den Berg, dort mich niederwarf auf die Erde und trostlos
weinte und schluchzte, unerachtet ich eben der Tollste, Ausgelassenste
von allen gewesen. Später lernte ich mich selbst mehr bekämpfen, aber
nicht auszusprechen vermag ich die Marter meines Zustandes, wenn in der
heitersten Umgebung gemütlicher, wohlwollender Freunde, bei irgendeinem
Kunstgenuß, ja selbst in den Momenten, wenn meine Eitelkeit in Anspruch
genommen wurde auf diese, jene Weise, ja! wenn mir dann plötzlich alles
elend, nichtig, farblos, tot erschien und ich mich versetzt fühlte in
eine trostlose Einöde. Nur einen Engel des Lichts gibt es, der Macht hat
über den bösen Dämon. Es ist der Geist der Tonkunst, der oft aus mir
selbst sich siegreich erhebt, und vor dessen mächtiger Stimme alle
Schmerzen irdischer Bedrängnis verstummen. --
Immer, nahm die Rätin das Wort, habe ich geglaubt, daß die Musik auf
Sie zu stark, mithin verderblich wirke; denn indem bei der Aufführung
irgendeines vortrefflichen Werks Ihr ganzes Wesen durchdrungen schien,
veränderten sich alle Züge Ihres Gesichts. Sie erblaßten, Sie waren
keines Wortes mächtig, Sie hatten nur Seufzer und Tränen, und fielen
dann her mit dem bittersten Spott, mit tief verletzendem Hohn, über
jeden, der auch nur ein Wort über das Werk des Meisters sagen wollte.
-- Ja, wenn --
O beste Rätin, fiel Kreisler der Benzon ins Wort, indem er, so ernst und
tiefbewegt er zuvor gesprochen, plötzlich den besondern Ton der Ironie
wieder aufnahm, der ihm eigen, das ist nun alles anders geworden. Sie
glauben gar nicht, Verehrte, was ich an dem großherzoglichen Hofe artig
und gescheut geworden bin. Ich kann mit der größten Seelenruhe und
Gemütlichkeit zum Don Juan und zur Armida den Takt schlagen, ich kann
der ersten Sängerin freundlich zuwinken, wenn sie in der merkwürdigsten
Kadenz auf den Sprossen der Tonleiter herumhopst, ich kann, wenn der
Hofmarschall nach Haydn's Jahreszeiten mir zuflüstert: _C'etoit bien
ennuyant, mon cher maître de chapelle,_ lächelnd mit dem Kopfe nicken und
eine bedeutungsvolle Prise nehmen, ja ich kann es geduldig anhören, wenn
der kunstverständige Kammer- und Spektakelherr mir weitläuftig
demonstriert, daß Mozart und Beethoven den Teufel was von Gesang
verstünden, und daß Rossini, Pucitta und wie die Männerchen alle heißen
mögen, sich _à la hauteur_ aller Opernmusik geschwungen. -- Ja, Verehrte,
Sie glauben nicht, was ich während meiner Kapellmeisterschaft
profitiert, vorzüglich aber die schöne Überzeugung, wie gut es ist, wenn
Künstler förmlich in Dienst treten; der Teufel und seine Großmutter
könnte es sonst mit dem stolzen, übermütigen Volke aushalten! Laßt den
braven Komponisten Kapellmeister oder Musikdirektor werden, den Dichter
Hofpoet, den Maler Hofporträtisten, den Bildhauer Hofporträtmeißler, und
Ihr habt bald keine unnützen Phantasten mehr im Lande, vielmehr lauter
nützliche Bürger von guter Erziehung und milden Sitten! --
Still, still, rief die Rätin unmutig, halten Sie ein, Kreisler, Ihr
Steckenpferd fängt wieder an, sich zu bäumen, nach gewöhnlicher Art und
Weise. Übrigens merke ich Unrat, und wünsche jetzt in der Tat recht
sehnlich zu wissen, welch ein schlimmes Ereignis Sie zur schnellen,
übereilten Flucht aus der Residenz nötigte. Denn auf eine solche Flucht
deuten alle Umstände Ihrer Erscheinung im Park.
Und ich, sprach Kreisler ruhig, indem er seinen Blick fest auf die Rätin
heftete, ich kann versichern, daß das schlimme Ereignis, welches mich
forttrieb aus der Residenz, unabhängig von allen äußern Dingen, nur in
mir selbst lag.
Eben jene Unruhe, von der ich vorhin vielleicht mehr und ernster
sprach, als gerade nötig, überfiel mich mit stärkerer Macht als jemals,
es war meines Bleibens nicht länger. -- Sie wissen, wie ich mich auf
meine Kapellmeisterschaft bei dem Großherzog freute. Törichterweise
glaubte ich, daß, in der Kunst lebend, meine Stellung eben mich ganz
beschwichtigen, daß der Dämon in meinem Innern besiegt werden würde. Aus
dem wenigen, was ich erst über meine Bildung am großherzoglichen Hofe
angebracht, werden Sie, Verehrte, aber entnehmen, wie sehr ich mich
täuschte. Erlassen Sie mir die Schilderung, wie ich durch fade Spielerei
mit der heiligen Kunst, zu der ich notgedrungen die Hand bieten mußte,
durch die Albernheiten seelenloser Kunstpfuscher, abgeschmackter
Dilettanten, durch das ganze tolle Treiben einer Welt voll
Kunstgliederpuppen, immer mehr und mehr dahin gebracht wurde, die
erbärmliche Nichtswürdigkeit meiner Existenz einzusehen. An einem Morgen
mußt' ich zum Großherzog, um meine Einwirkung bei den Festlichkeiten,
die in den nächsten Tagen stattfinden sollten, zu erfahren. Der
Spektakelherr war, wie natürlich, zugegen und stürmte auf mich ein mit
allerlei sinn- und geschmacklosen Anordnungen, denen ich mich fügen
sollte. Vorzüglich war es ein von ihm selbst verfaßter Prolog, den er,
als höchste Spitze der Theaterfeste, von mir komponiert verlangte. Da
diesmal, so sprach er zum Fürsten, einen stechenden Seitenblick auf mich
werfend, nicht von gelehrter deutscher Musik, sondern von
geschmackvollem italienischen Gesange die Rede sein, so habe er selbst
einige zarte Melodien aufgesetzt, die ich gehörig anzubringen hätte. Der
Großherzog genehmigte nicht nur alles, sondern nahm auch Gelegenheit,
mir überhaupt anzudeuten, daß er meine fernere Ausbildung durch eifriges
Studium der neueren Italiener hoffe und erwarte. -- Wie ich so
erbärmlich da stand! -- ich verachtete mich selbst tief -- alle
Demütigungen erschienen mir gerechte Strafe für meinen kindischen,
aberwitzigen Langmut! -- Ich verließ das Schloß, um nie wieder
zurückzukehren. Noch denselben Abend wollte ich meine Entlassung
fordern, aber selbst dieser Entschluß konnte mich nicht über mich selbst
beruhigen, da ich mich schon durch einen geheimen Ostrazismus verbannt
sah. Die Guitarre, die ich zu anderm Beruf mitgenommen, nahm ich aus dem
Wagen, den ich, vors Tor gekommen, fortschickte, und lief hinaus ins
Freie, unaufhaltsam fort, immer weiter fort! -- Schon sank die Sonne,
immer breiter und schwärzer wurden die Schatten der Berge, des Waldes.
Unerträglich, ja vernichtend war mir der Gedanke, zurückzukehren nach
der Residenz. -- Welche Macht zwingt mich zum Rückweg! so rief ich laut.
Ich wußte, daß ich mich auf dem Wege nach Sieghartsweiler befand; ich
gedachte meines alten Meisters Abraham, von dem ich Tages zuvor einen
Brief erhalten, worin er, meine Lage in der Residenz ahnend, mich
wegwünschte von dort, mich zu sich einlud. --
Wie, unterbrach die Rätin den Kapellmeister, Sie kennen den wunderlichen
Alten?
Meister Abraham, fuhr Kreisler fort, war der innigste Freund meines
Vaters, mein Lehrer, zum Teil mein Erzieher! -- Nun, Verehrte, wissen
Sie ausführlich, wie ich in den Park des wackern Fürsten Irenäus kam,
und werden nicht mehr daran zweifeln, daß ich, kommt es darauf an, im
Stande bin, ruhig, mit erforderlicher historischer Genauigkeit und so
angenehm zu erzählen, daß mir selbst davor graut. Überhaupt kommt mir
die ganze Geschichte meiner Flucht aus der Residenz, wie gesagt, so
albern vor, und von solcher allen Geist zerstörender Nüchternheit, daß
man selbst nicht davon sprechen kann, ohne in erkleckliche Schwachheit
zu verfallen. -- Möchten Sie, Teure, aber die seichte Begebenheit als
krampfstillendes Wasser der erschrockenen Prinzessin beibringen, damit
sie sich beruhige, und daran denken, daß ein ehrlicher deutscher
Musikus, den, als er gerade seidene Strümpfe angezogen, und sich in
einem saubern Kutschkasten vornehm geberdete, Rossini und Pucitta, und
Pavesi und Fioravanti, und Gott weiß welche andere inis und ittas, in
die Flucht schlugen, sich unmöglich sehr gescheut betragen kann.
Verzeihung ist zu hoffen, will ich hoffen! -- Als poetischen Nachklang
des langweiligen Abenteuers vernehmen Sie aber, beste Rätin, daß in dem
Augenblick, da ich, gepeitscht von meinem Dämon, fortrennen wollte, mich
der süßeste Zauber festbannte. Schadenfroh trachtete der Dämon eben das
tiefste Geheimnis meiner Brust zu Schanden zu machen, da rührte der
mächtige Geist der Tonkunst die Schwingen, und vor dem melodischen
Rauschen erwachte der Trost, die Hoffnung, ja selbst die Sehnsucht, die
die unvergängliche Lieb selbst ist und das Entzücken ewiger Jugend.
-- Julia sang! --
Kreisler schwieg. Die Benzon horchte auf, gespannt auf das, was nun
nachfolgen würde. Da der Kapellmeister sich in stumme Gedanken zu
verlieren schien, fragte sie mit kalter Freundlichkeit: Sie finden den
Gesang meiner Tochter in der Tat angenehm, lieber Johannes?
Kreisler fuhr heftig auf, das, was er sagen wollte, erstickte aber ein
Seufzer aus der tiefsten Brust.
Nun, fuhr die Rätin fort, das ist mir recht lieb. Julia kann von Ihnen,
lieber Kreisler, was den wahren Gesang betrifft, recht viel lernen, denn
daß Sie hier bleiben, sehe ich nun als eine ausgemachte Sache an.
Verehrteste, begann Kreisler, aber in dem Augenblicke öffnete sich die
Türe und Julia trat herein.
Als sie den Kapellmeister gewahrte, verklärte ihr holdes Antlitz ein
süßes Lächeln, und ein leises: Ach! hauchte von ihren Lippen.
Die Benzon stand auf, nahm den Kapellmeister bei der Hand und führte ihn
Julien entgegen, indem sie sprach: Nun, mein Kind, da ist der
seltsame -- --
=(M. f. f.)= -- der junge Ponto los auf mein neuestes Manuskript, das
neben mir lag, faßte es, ehe ich's verhindern konnte, zwischen die Zähne
und rannte damit spornstreichs auf und davon. Er stieß dabei ein
schadenfrohes Gelächter aus, und schon dies hätte mich vermuten lassen
sollen, daß nicht bloßer jugendlicher Mutwille ihn zur bösen Tat
spornte, sondern daß noch etwas mehr im Spiele war. Bald wurde ich
darüber aufgeklärt.
Nach ein paar Tagen trat der Mann, bei dem der junge Ponto in Diensten,
hinein zu meinem Meister. Es war, wie ich nachher erfahren, Herr
Lothario, Professor der Ästhetik am Gymnasio zu Sieghartsweiler. -- Nach
gewöhnlicher Begrüßung schaute der Professor im Zimmer umher und sprach,
als er mich erblickte: Wolltet Ihr nicht, lieber Meister, den Kleinen
dort aus der Stube entfernen? Warum? fragte der Meister. -- Ihr konntet
doch sonst die Katzen leiden, Professor, und vorzüglich meinen Liebling,
den zierlichen, gescheuten Kater Murr! -- Ja, sprach der Professor,
indem er höhnisch lachte, zierlich und gescheut, das ist wahr! -- Aber
tut mir den Gefallen, Meister, und entfernt Euern Liebling, denn ich
habe Dinge mit Euch zu reden, die er durchaus nicht hören darf. Wer?
rief Meister Abraham, indem er den Professor anstarrte. Nun, fuhr dieser
fort, Euer Kater. Ich bitte Euch, fragt nicht weiter, sondern tut, warum
ich Euch bitte! -- Das ist doch seltsam, sprach der Meister, indem er
die Türe des Kabinetts öffnete und mich hineinrief. Ich folgte seinem
Ruf, ohne daß er es gewahrte, schlüpfte ich aber wieder hinein und
verbarg mich im untersten Fach des Bücherschranks, so daß ich unbemerkt
das Zimmer übersehen und jedes Wort, das gesprochen wurde, vernehmen
konnte.
Nun möchte ich, sprach Meister Abraham, indem er sich dem Professor
gegenüber in seinen Lehnstuhl setzte, doch in aller Welt wissen, welch
ein Geheimnis Ihr mir zu entdecken habt, das meinem ehrlichen Kater Murr
verschwiegen bleiben soll.
Sagt mir, begann der Professor sehr ernst und nachdenklich, zuvörderst,
lieber Meister, was haltet Ihr von dem Grundsatz, daß, nur körperliche
Gesundheit vorausgesetzt, sonst ohne Rücksicht auf angeborne geistige
Fähigkeit, auf Talent, auf Genie, vermöge einer besonders geregelten
Erziehung aus jedem Kinde in kurzer Zeit, mithin noch in den
Knabenjahren, ein Heros in Wissenschaft und Kunst geschaffen werden
kann?
Es erwiderte der Meister: Was kann ich von diesem Grundsatz anders
halten, als daß er albern und abgeschmackt ist. Möglich, ja sogar leicht
mag es sein, daß man einem Kinde, das die Auffassungsgabe, wie sie
ungefähr bei den Affen anzutreffen, und ein gutes Gedächtnis besitzt,
eine Menge Dinge systematisch eintrichtern kann, die es dann vor den
Leuten auskramt; nur muß es diesem Kinde durchaus an allem natürlichen
Ingenium fehlen, da sonst der innere bessere Geist der heillosen
Prozedur widerstrebt. Wer wird aber jemals solch einen einfältigen, mit
allerlei verschluckbaren Brocken des Wissens dick gemästeten Jungen
einen Gelehrten im echten Sinne des Wortes nennen?
Die Welt, rief der Professor heftig, die ganze Welt! -- O es ist
entsetzlich! Aller Glaube an die innere, höhere, angeborene
Geisteskraft, die allein nur den Gelehrten, den Künstler schafft, geht
ja über jenen heillosen, tollen Grundsatz zum Teufel!
Ereifert Euch nicht, sprach der Meister lächelnd, soviel wie ich weiß,
ist bis jetzt in unserm guten Deutschland nur ein einziges Produkt jener
Erziehungsmethode aufgestellt worden, von dem die Welt eine Zeit lang
sprach, und zu sprechen aufhörte, als sie einsah, daß das Produkt eben
nicht sonderlich geraten. Zudem fiel die Blütezeit jenes Präparats in
die Periode, als gerade die Wunderkinder in die Mode gekommen, die, wie
sonst mühsam abgerichtete Hunde und Affen, gegen ein billiges Entree
ihre Künste zeigten.
So sprecht Ihr nun, nahm der Professor das Wort, Meister Abraham, und
man würde Euch glauben, kennte man nicht den verborgenen Schalk in Euch,
wüßte man nicht, daß Euer ganzes Leben eine Reihe der wunderlichsten
Experimente darbietet. Gesteht es nur Meister Abraham, gesteht es nur,
Ihr habt ganz im Stillen, im geheimsten Geheim, experimentiert nach
jenem Grundsatz, aber überbieten wolltet Ihr den Mann, den Verfertiger
jenes Präparats von dem wir sprachen. -- Ihr wolltet, wart Ihr ganz
fertig, hervortreten mit Eurem Zögling, und alle Professoren in der
ganzen Welt in Erstaunen versetzen und Verzweiflung, Ihr wolltet den
schönen Grundsatz, _non ex quovis ligno fit Mercurius_ ganz und gar zu
Schanden machen! -- Nun kurz, der _quovis_ ist da, aber kein _Mercurius_,
sondern ein Kater! -- Was sagt Ihr, rief der Meister, indem er laut
auflachte, was sagt Ihr, ein Kater?
Leugnet es nur nicht, fuhr der Professor fort, an dem Kleinen dort in
der Kammer habt Ihr jene abstrakte Erziehungsmethode versucht, Ihr habt
ihn lesen, schreiben gelehrt, Ihr habt ihm die Wissenschaft beigebracht,
so daß er sich schon jetzt unterfängt den Autor zu spielen, ja sogar
Verse zu machen.
Nun sprach der Meister, das ist doch in der Tat das Tollste was mir
jemals vorgekommen! -- Ich meinen Kater erziehen, ich ihm die
Wissenschaften beibringen! -- Sagt, was für Träume rumoren in Eurem
Sinn, Professor? -- Ich versichere Euch, daß ich von meines Katers
Bildung nicht das mindeste weiß, dieselbe auch für ganz unmöglich halte.
So! fragte der Professor mit gedehntem Ton, zog ein Heft aus der Tasche,
das ich augenblicklich für das mir von dem jungen Ponto geraubte
Manuskript erkannte, und las:
=Sehnsucht nach dem Höheren.=
Ha, welch Gefühl, das meine Brust beweget!
Was sagt dies unruh -- ahnungsvolle Beben,
Will sich zum kühnen Sprung der Geist erheben,
Vom Sporn des mächt'gen Genius erreget?
Was ist es, was der Sinn im Sinne träget,
Was will dem Liebesdrang -erfüllten Leben
Dies rastlos brennend feurig süße Streben,
Was ist es, das im bangen Herzen schläget?
Entrückt werd ich nach fernen Zauberlanden,
Kein Wort, kein Laut, die Zunge ist gebunden,
Ein sehnlich Hoffen weht mit Frühlingsfrische,
Befreit mich bald von drückend schweren Banden.
Erträumt, erspürt, im grünsten Laub gefunden!
Hinauf mein Herz! beim Fittich =ihn= erwische!
Ich hoffe, daß jeder meiner gütigen Leser die Musterhaftigkeit dieses
herrlichen Sonetts, das aus der tiefsten Tiefe meines Gemüts hervorfloß,
einsehen, und mich um so mehr bewundern wird, wenn ich versichere, daß
es zu den ersten gehört, die ich überhaupt verfertigt habe. Der
Professor las es aber, in seiner Bosheit, so ohne allen Nachdruck, so
abscheulich vor, daß ich mich kaum selbst erkannte, und daß ich von
plötzlichem Jähzorn, wie er jungen Dichtern wohl eigen, übermannt, im
Begriff war, aus meinem Schlupfwinkel hervor, dem Professor ins Gesicht
zu springen, und ihn die Schärfe meiner Krallen fühlen zu lassen. Der
kluge Gedanke, daß ich doch, wenn beide, der Meister und der Professor,
sich über mich her machten, notwendig den Kürzern ziehen müsse, ließ
mich meinen Zorn mit Gewalt niederkämpfen, jedoch entfuhr mir
unwillkürlich ein knurrendes Miau, das mich unfehlbar verraten haben
würde, hätte der Meister nicht, da der Professor mit dem Sonett fertig,
aufs neue eine dröhnende Lache aufgeschlagen, die mich beinahe noch mehr
kränkte als des Professors Ungeschick.
Hoho, rief der Meister, wahrhaftig, das Sonett ist eines Katers
vollkommen würdig; aber noch immer verstehe ich nicht Euern Spaß,
Professor, sagt mir nur lieber gerade zu, wo Ihr hinauswollt.
Der Professor, ohne dem Meister zu antworten, blätterte im Manuskript,
und las weiter:
=Glosse.=
Liebe schwärmt auf allen Wegen,
Freundschaft bleibt für sich allein,
Liebe kommt uns rasch entgegen,
Aufgesucht will Freundschaft sein.
* * * * *
Schmachtend wehe, bange Klagen,
Hör ich überall ertönen,
Ob den Sinn zum Schmerz gewöhnen,
Ob zur Lust, ich kann's nicht sagen,
Möchte oft mich selber fragen,
Ob ich träume, ob ich wache.
Diesem Fühlen, diesem Regen,
Leih' ihm Herz die rechte Sprache;
Ja im Keller, auf dem Dache,
Liebe schwärmt auf allen Wegen!
Doch, es heilen alle Wunden,
Die der Liebesschmerz geschlagen,
Und in einsam stillen Tagen
Mag, von aller Qual entbunden,
Geist und Herz wohl bald gesunden;
Art'ger Kätzchen los Gehudel
Darf es auf die Dauer sein?
Nein! -- fort aus dem bösen Strudel,
Unterm Ofen mit dem Pudel,
Freundschaft bleibt für sich allein!
Wohl ich weiß es --
Nein, unterbrach hier der Meister den lesenden Professor, mein Freund,
Ihr macht mich in der Tat ungeduldig, Ihr oder ein anderer Schalk hat
sich den Spaß gemacht, im Geist eines Katers, der nun gerade mein guter
Murr sein soll, Verse zu machen, und nun foppt Ihr mich den ganzen
Morgen damit herum. Der Spaß ist übrigens nicht übel, und wird
vorzüglich dem Kreisler sehr wohl gefallen, der wohl nicht unterlassen
dürfte, damit eine kleine Parforcejagd anzustellen, in der Ihr am Ende
selbst ein gehetztes Wild sein könntet. Aber nun laßt Eure sinnreiche
Einkleidung fahren und sagt mir ganz ehrlich und trocken, was es mit
Eurem seltsamen Spaß eigentlich für eine Bewandnis hat.
Der Professor schlug das Manuskript zusammen, sah dem Meister ernst ins
Auge, und sprach dann: diese Blätter brachte mir vor einigen Tagen mein
Pudel Ponto, der, wie Euch bekannt sein wird, mit Eurem Kater Murr in
freundschaftlichen Verhältnissen lebt. Zwar trug er das Manuskript
zwischen den Zähnen, wie er nun einmal alles zu tragen gewohnt ist,
indessen legte er es mir doch ganz unversehrt in den Schoß, und gab mir
dabei deutlich zu verstehen, daß er es von keinem andern habe, als von
seinem Freunde Murr. Als ich nun einen Blick hineinwarf, fiel mir gleich
die ganz besondere, eigentümliche Handschrift auf, als ich aber einiges
gelesen, stieg in mir, selbst weiß ich nicht auf welche unbegreifliche
Art, der seltsame Gedanke auf, Murr könne das alles selbst gemacht
haben. So sehr mir die Vernunft, ja eine gewisse Lebenserfahrung, der
wir alle nicht entgehen können, und die am Ende nun wieder weiter nichts
ist, als die Vernunft, so sehr mir also eben diese Vernunft sagt: daß
jener Gedanke unsinnig, da Kater weder zu schreiben noch Verse zu machen
im Stande, so konnte ich ihn doch durchaus nicht los werden. Ich
beschloß Euern Kater zu beobachten, und stieg, da ich von meinem Ponto
wußte, daß Murr viel auf Eurem Boden hausiere, auf meinen Boden, nahm
einige Dachziegel herab, so daß ich mir die freie Aussicht in Eure
Dachluken verschaffte. Was gewahrte ich! -- Hört es und erstaunt! -- In
dem einsamsten Winkel des Bodens sitzt Euer Kater! -- sitzt aufgerichtet
vor einem kleinen Tisch, auf dem Schreibzeug und Papier befindlich,
sitzt und reibt sich bald mit der Pfote Stirn und Nacken, fährt sich
über's Gesicht, tunkt bald die Feder ein, schreibt, hört wieder auf,
schreibt von neuem, überliest das Geschriebene, knurrt (ich konnte es
hören) knurrt und spinnt vor lauter Wohlbehagen. -- Um ihn her liegen
verschiedene Bücher, die, nach ihrem Einband, aus Eurer Bibliothek
entnommen. --
Das wäre ja der Teufel, rief der Meister, nun so will ich denn gleich
nachsehen, ob mir Bücher fehlen.
Damit stand er auf, und trat an den Bücherschrank. Sowie er mich
erblickte, prallte er drei Schritte zurück, und blickte mich an voll
Erstaunen. Aber der Professor rief: seht Ihr wohl, Meister? Ihr denkt,
der Kleine sitzt harmlos in der Kammer, in die Ihr ihn eingesperrt, und
er hat sich hinein geschlichen in den Bücherschrank, um zu studieren,
oder noch wahrscheinlicher, um uns zu belauschen. Nun hat er alles
gehört was wir gesprochen, und kann seine Maßregeln darnach nehmen.
»Kater, begann der Meister, indem er fortwährend den Blick voll
Erstaunen auf mir ruhen ließ, »Kater, wenn ich wüßte daß du, deine
ehrliche, natürliche Natur ganz und gar verleugnend, dich wirklich
darauf verlegtest, solche vertrakte Verse zu machen, wie sie der
Professor vorgelesen, wenn ich glauben könnte, daß du wirklich den
Wissenschaften nachstelltest, statt den Mäusen, ich glaube, ich könnte
dir die Ohren wund zwicken, oder gar --«
Mich überfiel eine schreckliche Angst, ich kniff die Augen zu, und tat,
als schliefe ich fest.
Aber nein, nein, fuhr der Meister fort, schaut nur einmal her,
Professor, wie mein ehrlicher Kater so sorglos schläft, und sagt selbst,
ob er in seinem gutmütigen Antlitz etwas trägt, das auf solche geheime
wunderbare Schelmereien, wie Ihr sie ihm Schuld gebt, gedeutet werden
könnte -- Murr! -- Murr! --
So rief der Meister mich an, und ich unterließ nicht wie gewöhnlich mit
meinem Krr -- Krr -- zu antworten, die Augen aufzuschlagen, mich zu
erheben und einen hohen, sehr anmutigen Katzenbuckel zu machen.
Der Professor warf mir, voller Zorn, mein Manuskript an den Kopf, ich
tat aber, (die mir angeborne Schlauheit gab es mir ein,) als wollte er
mit mir spielen, und zerrte springend und tänzelnd die Papiere hin und
her, so daß die Stücke umherflogen.
Nun, sprach der Meister, ist es ausgemacht, daß Ihr ganz unrecht habt,
Professor, und daß Euch Ponto etwas vorlog. Seht nur hin, wie Murr die
Gedichte bearbeitet, welcher Dichter würde sein Manuskript handhaben auf
diese Weise?
Ich habe Euch gewarnt, Meister, tut nun was Ihr wollt, erwiderte der
Professor, und verließ das Zimmer.
Nun glaubte ich, der Sturm sei vorüber; wie sehr war ich im Irrtum!
-- Meister Abraham hatte sich, mir zum großen Verdruß, gegen meine
wissenschaftliche Bildung erklärt, und demunerachtet er es so getan, als
glaube er den Worten des Professors gar nicht, so wurde ich doch bald
gewahr, daß er mir auf allen Gängen nachspürte, mir den Gebrauch seiner
Bibliothek dadurch abschnitt, daß er den Schrank sorgfältig verschloß,
und es durchaus nicht mehr leiden wollte, daß ich mich, wie sonst, auf
seinen Schreibtisch unter die Papiere legte.
So kam Leid und Kümmernis über meine keimende Jugend! Was kann einem
Genie mehr Schmerz verursachen, als sich verkannt, ja verspottet zu
sehen, was kann einen großen Geist mehr erbittern, als da auf
Hindernisse zu stoßen, wo er nur allen möglichen Vorschub erwartete!
-- Doch, je stärker der Druck, desto gewaltiger die Kraft der Entlastung,
je straffer der Bogen gespannt, desto schärfer der Schuß! -- War mir die
Lektüre versperrt, so arbeitete desto freier mein eigner Geist, und
schuf aus sich selbst.
Unmutig wie ich war, brachte ich in dieser Periode manche Nächte, manche
Tage, in den Kellern des Hauses zu, wo mehrere Mäusefallen aufgestellt
waren, und sich überdem viele Kater verschiedenen Alters und Standes
versammelten.
Einem tapfern philosophischen Kopf entgehen überall nicht die
geheimsten Beziehungen des Lebens im Leben, und er erkennt, wie sich
eben aus denselben das Leben gestaltet in Gesinnung und Tat. So gingen
mir auch in den Kellern die Verhältnisse der Mäusefallen und der Katzen
in ihrer Wechselwirkung auf. Es wurde mir, als einem Kater von edlem
echten Sinn, warm um's Herz, wenn ich gewahren mußte, wie jene tote
Maschinen, in ihrem pünktlichen Treiben, eine große Schlaffheit in den
Katerjünglingen hervorbrachten. Ich ergriff die Feder und schrieb das
unsterbliche Werk, dessen ich schon vorhin gedachte, nämlich: »Über
Mäusefallen, und deren Einfluß auf Gesinnung und Tatkraft der Katzheit.«
In diesem Büchlein hielt ich den verweichlichten Katerjünglingen einen
Spiegel vor die Augen, in dem sie sich selbst erblicken mußten, aller
eignen Kraft entsagend, indolent, träge, ruhig es ertragend, daß die
schnöden Mäuse nach dem Speck liefen! -- Ich rüttelte sie aus dem
Schlafe mit donnernden Worten. -- Nächst dem Nutzen, den das Werklein
schaffen mußte, hatte das Schreiben desselben auch noch den Vorteil für
mich, daß ich selbst indessen keine Mäuse fangen durfte, und auch
nachher, da ich so kräftig gesprochen, es wohl keinem einfallen konnte,
von mir zu verlangen, daß ich selbst ein Beispiel des von mir
ausgesprochenen Heroismus im Handeln geben solle.
Damit könnte ich nun meine erste Lebensperiode schließen, und zu meinen
eigentlichen Jünglingsmonaten, die an das männliche Alter streifen,
übergehen; unmöglich kann ich aber den günstigen Lesern die beiden
letzten Strophen der herrlichen Glosse vorenthalten, die mein Meister
nicht hören wollte. Hier sind sie:
Wohl, ich weiß es, widerstehen
Mag man nicht dem süßen Kosen,
Wenn aus Büschen duft'ger Rosen
Süße Liebeslaute wehen.
Will das trunkne Aug' dann sehen,
Wie die Holde kommt gesprungen,
Die da lauscht' an Blumenwegen,
Kaum ist Sehnsuchts Ruf erklungen,
Hat sich schnell hinangeschwungen.
Liebe kommt uns rasch entgegen.
Dieses Sehnen, dieses Schmachten
Kann wohl oft den Sinn berücken;
Doch wie lange kann's beglücken,
Dieses Springen, Rennen, Trachten!
Holder Freundschaft Trieb' erwachten,
Strahlten auf bei Hesper's Scheine,
Und den Edlen brav und rein,
Ihn zu finden den ich meine,
Klettr' ich über Mau'r und Zäune,
Aufgesucht will Freundschaft sein.
=(Mak.-Bl.)= -- -- gerade den Abend in solch' heitrer, gemütlicher
Stimmung, wie man sie an ihm nicht verspürt hatte seit gar geraumer
Zeit. Und diese Stimmung war es, die das Unerhörte geschehen ließ. Denn
ohne wild aufzufahren, und davon zu rennen, wie er sonst in gleichem
Fall wohl zu tun pflegte, hörte er ruhig und sogar mit gutmütigem
Lächeln den langen und noch langweiligern ersten Akt eines entsetzlichen
Trauerspiels an, den ein junger hoffnungsvoller Lieutenant mit roten
Wangen und wohlgekräuseltem Haupthaar verfaßt hatte und mit aller
Prätension des glücklichsten Dichters vortrug. Ja als besagter
Lieutenant, da er geendet, ihn heftig fragte, was er von der Dichtung
halte, begnügte er sich, mit dem mildesten Ausdruck des inneren
Ergötzens im ganzen Gesicht, dem jungen Kriegs- und Vershelden zu
versichern, daß der Aushängeakt, das gierigen ästhetischen Leckermäulern
dargebotene Koststück, in der Tat herrliche Gedanken enthalte, für deren
originelle Genialität schon der Umstand spräche, daß auch anerkannt
große Dichter wie z. B. Calderon, Shakespeare und der moderne Schiller
darauf gefallen. Der Lieutenant umarmte ihn sehr, und verriet mit
geheimnisvoller Miene, daß er gedenke, noch denselben Abend eine ganze
Gesellschaft der auserlesensten Fräuleins, unter denen sogar eine Gräfin
befindlich, die spanisch lese, und in Öl male, mit dem vortrefflichsten
aller ersten Akte zu beglücken. Auf die Versicherung, daß er daran
ungemein wohl tun werde, lief er voller Enthusiasmus von dannen.
Ich begreife Dich, sprach jetzt der kleine Geheimrat, heute gar nicht,
lieber Johannes, mit Deiner unbeschreiblichen Sanftmut! -- Wie war es
Dir möglich, das durchaus abgeschmackte Zeug so ruhig, so aufmerksam
anzuhören! -- Angst und bange wurde mir, als der Lieutenant uns, die wir
unbewacht keine Gefahr ahnten, überfiel, und uns rettungslos eingarnte
in die tausendfältigen Schlingen seiner endlosen Verse! -- Ich dachte,
jeden Augenblick würdest Du dazwischen fahren, wie Du es sonst wohl tust
bei geringerem Anlaß; aber Du bleibst ruhig, ja, Dein Blick spricht
Wohlgefallen aus, und am Ende, nachdem ich für meine Person ganz schwach
und elend worden, fertigst Du den Unglückseligen ab mit einer Ironie,
die er nicht einmal zu fassen im Stande, und sagst ihm wenigstens nicht
zur Warnung für künftige Fälle, daß das Ding viel zu lang sei, und
merklich amputiert werden müsse.
Ach, erwiderte Kreisler, was hätte ich denn ausgerichtet mit diesem
kläglichen Rat! -- Kann denn ein prägnanter Dichter wie unser lieber
Lieutenant, wohl mit Nutzen irgendeine Amputation an seinen Versen
vornehmen, wachsen sie ihm nicht nach, unter der Hand? -- Und weißt Du
denn nicht, daß überhaupt die Verse unserer jungen Dichter die
Reproduktionskraft der Eidechsen besitzen, denen die Schwänze munter
wiederum hervor schießen, hat man sie auch an der Wurzel weggeschnitten!
-- Wenn Du aber meinst, daß ich des Lieutenants Leserei ruhig angehört,
so bist Du in großem Irrtum! -- Der Sturm war vorüber, alle Gräser und
Blumen im kleinen Garten erhoben ihre gebeugten Häupter, und schlürften
begierig den Himmelsnektar ein, der aus den Wolkenschleiern in einzelnen
Tropfen hinabfiel. Ich stellte mich unter den großen blühenden
Apfelbaum, und horchte auf die verhallende Stimme des Donners in den
fernen Bergen, die wie eine Weissagung von unaussprechlichen Dingen in
meiner Seele wider klang, und schaute auf zu dem Blau des Himmels, das
wie mit leuchtenden Augen dort und dort durch die fliehenden Wolken
blickte! -- Aber dazwischen rief der Onkel: ich solle fein ins Zimmer und
mir den neuen geblümten Schlafrock nicht verderben durch ungeziemliche
Nässe, und mir nicht den Schnupfen holen im feuchten Grase. Und dann war
es wieder nicht der Onkel, welcher sprach, sondern irgendein Filou von
Papagei oder Starmatz hinterm Busch oder im Busch, oder Gott weiß wo
sonst, machte sich den unnützen Spaß, mich damit zu necken, daß er mir
allerlei köstliche Gedanken aus dem Shakespeare zurief nach seiner
Manier. Und das war nun wieder der Lieutenant und sein Trauerspiel!
-- Geheimer Rat, gib Dir die Mühe zu merken, daß es eine Erinnerung an
meine Knabenzeit war, die mich Dir und dem Lieutenant entführte! Ich
stand wirklich, ein Junge von höchstens zwölf Jahren, in des Onkels
kleinem Garten, und hatte den schönsten Zitz als Schlafrock an, den
jemals eine Kattundruckerseele ersonnen, und vergebens hast Du, o
Geheimerat! heute Dein Königsräucherpulver verschwendet, denn ich habe
nichts verspürt, als das Aroma meines blühenden Apfelbaums, nicht einmal
das Haaröl des Versifikanten, der sein Haupt salbt, ohne es jemals
schützen zu können gegen Wind und Wetter durch eine Krone, vielmehr
nichts aufstülpen darf, als Filz und Leder, durch das Reglement
ausgeprägt zu einem Tschako! -- Genug Bester! Du warst von uns dreien
das einzige Opferlamm, das sich dem infernalischen Trauerspielmesser des
dichterischen Helden darbot. Denn, während ich mich, alle Extremitäten
sorglich einziehend, in das kleine Schlafröckchen eingeputzt hatte, und
mit zwölfjähriger, zwölfflötiger Leichtigkeit hinein gesprungen war in
mehrbesagten Garten, verbrauchte Meister Abraham, wie Du siehst, drei
bis vier Bogen des schönsten Notenpapiers, um allerlei ergötzliche
Phantasmata zuzuschneiden. Auch er ist also dem Lieutenant entwischt! --
Kreisler hatte recht; Meister Abraham verstand sich darauf,
Kartonblätter so zuzuschneiden, daß, fand man auch aus dem Gewirre
durchschnittner Flecke nicht das mindeste deutlich heraus, doch, hielt
man ein Licht hinter das Blatt, in dem auf die Wand geworfenen Schatten,
sich die seltsamsten Gestalten in allerlei Gruppen bildeten. Hatte nun
Meister Abraham schon an und für sich selbst einen natürlichen Abscheu
gegen alles Vorlesen, war ihm noch besonders des Lieutenants Verselei im
Grunde des Herzens zuwider, so konnt' es nicht fehlen, daß er, kaum
hatte der Lieutenant begonnen, begierig nach dem steifen Notenpapier
griff, das zufällig auf dem Tische des Geheimerats lag, eine kleine
Schere aus der Tasche langte, und eine Beschäftigung begann, die ihn dem
Attentat des Lieutenants gänzlich entzog.
Höre Kreisler, begann nun der Geheimerat, -- also eine Erinnerung an
Deine Knabenzeit war es, die in Deine Seele kam, und dieser Erinnerung
mag ich es wohl zuschreiben, daß Du heute so mild bist, so gemütlich,
-- höre, mein innigstgeliebter Freund! es wurmt mich wie alle, die Dich
ehren und lieben, daß ich von Deinem frühern Leben so ganz und gar
nichts weiß, daß Du der leisesten Frage darüber so unfreundlich
ausweichst, ja, daß Du absichtlich Schleier über die Vergangenheit
wirfst, die doch zuweilen zu durchsichtig sind, um nicht durch allerlei
in seltsamer Verzerrung durchschimmernde Bilder die Neugierde zu reizen.
Sei offen gegen die, denen Du doch schon Dein Vertrauen schenktest. --
Kreisler blickte den Geheimerat an mit großen Augen voll Verwunderung,
wie einer, der aus dem tiefen Schlafe erwachend, eine fremde unbekannte
Gestalt vor sich erblickt, und fing dann sehr ernsthaft an:
»Am Tage Johannis Chrysostomi, das heißt am vier und zwanzigsten Januar
des Jahres Ein tausend siebenhundert und etzliche dazu, um die
Mittagsstunde, wurde einer geboren, der hatte ein Gesicht und Hände und
Füße. Der Vater aß eben Erbsensuppe, und goß sich vor Freuden einen
ganzen Löffel voll über den Bart, worüber die Wöchnerin, unerachtet sie
es nicht gesehen, dermaßen lachte, daß von der Erschütterung dem
Lautenisten, der dem Säugling seinen neuesten Murki vorspielte, alle
Saiten sprangen, und er bei der atlasnen Nachthaube seiner Großmutter
schwur, was Musik betreffe, würde der kleine Hans Haase ein elender
Stümper bleiben ewiglich und immerdar. Darauf wischte sich aber der
Vater das Kinn rein und sprach pathetisch: Johannes soll er zwar heißen,
jedoch kein Hase sein. Der Lautenist --«
Ich bitte Dich, Kreisler, unterbrach der kleine Geheimrat den
Kapellmeister, verfalle nicht in die verdammte Sorte von Humor, die mir,
ich mags wohl sagen, den Atem versetzt! Verlange ich denn, daß Du mir
eine pragmatische Selbstbiographie geben, will ich denn mehr, als daß Du
mir vergönnen sollst, einige Blicke in Dein früheres Leben zu tun, ehe
ich Dich kannte? -- In der Tat magst du mir eine Neugierde nicht
verargen, die keine andere Quelle hat, als die innigste Zuneigung recht
aus dem tiefsten Herzen. Und nebenher mußt Du es Dir, da Du nun einmal
seltsam genug auftrittst, gefallen lassen, daß jeder glaubt, nur das
bunteste Leben, eine Reihe der fabelhaftesten Ereignisse könne die
psychische Form so auskneten und bilden, wie es bei Dir geschehen. -- »O
des groben Irrtums, sprach Kreisler, indem er tief seufzte, meine
Jugendzeit gleicht einer dürren Heide ohne Blüten und Blumen, Geist und
Gemüt erschlaffend im trostlosen Einerlei! --«
Nein nein, rief der Geheimerat, dem ist nicht so, denn ich weiß
wenigstens, daß in der Heide ein hübscher kleiner Garten steht, mit
einem blühenden Apfelbaum, der mein feinstes Königspulver überduftet.
Nun! ich meine, Johannes, Du rückst hervor mit der Erinnerung aus Deiner
frühern Jugendzeit, die heute, wie Du erst sagtest, Deine ganze Seele
befängt.
Ich dächte, sprach Meister Abraham, indem er dem eben fertig gewordenen
Kapuziner die Tonsur einschnitt, ich dächte auch, Kreisler, daß Ihr in
Eurer heutigen passablen Stimmung nichts Besseres tun könntet, als Euer
Herz oder Euer Gemüt, oder wie Ihr sonst gerade Euer inneres
Schatzkästlein nennen möget, aufschließen, und dies, jenes daraus
hervorlangen. Das heißt, da Ihr nun einmal verraten, daß Ihr
wider den Willen des besorgten Oheims im Regen hinausliefet und
abergläubischerweise auf die Weissagungen des sterbenden Donners
horchtet, so möget Ihr immer noch mehr erzählen, wie sich damals alles
begab. Aber lügt nicht, Johannes, denn Ihr wißt, daß Ihr, was wenigstens
die Zeit betrifft, als Ihr die ersten Hosen truget, und dann der erste
Haarzopf Euch eingeflochten wurde, unter meiner Kontrolle stehet.
Kreisler wollte etwas erwidern, aber Meister Abraham wandte sich
schnell zum kleinen Geheimenrat und sprach: »Sie glauben gar nicht,
Vortrefflichster, wie unser Johannes sich dem bösen Geist des Lügens
ganz und gar hingibt, wenn er, wie es jedoch gar selten geschieht, von
seiner frühesten Jugendzeit erzählt. Gerade wenn die Kinder noch sagen:
Pä pä und Mä mä und mit den Fingern ins Licht fahren, gerade zu der Zeit
will er schon alles beachtet, und tiefe Blicke getan haben ins
menschliche Herz.
Ihr tut mir unrecht, sprach Kreisler, mild lächelnd, mit sanfter Stimme,
Ihr tut mir großes Unrecht, Meister! Sollt' es mir denn möglich sein,
Euch was weismachen zu wollen von frühreifem Geistesvermögen, wie es
wohl eitle Gecken tun? -- Und ich frage Dich, Geheimerrat, ob es Dir
auch nicht widerfährt, daß oft Momente lichtvoll vor Deine Seele treten
aus einer Zeit, die manche erstaunlich kluge Leute ein bloßes Vegetieren
nennen und nichts statuieren wollen, als bloßen Instinkt, dessen höhere
Vortrefflichkeit wir den Tieren einräumen müssen! -- Ich meine, daß es
damit eine eigene Bewandnis hat! -- Ewig unerforschlich bleibt uns das
erste Erwachen zum klaren Bewußtsein! -- Wäre es möglich, daß dies mit
einem Ruck geschehen könnte, ich glaube, der Schreck darüber müßte uns
töten. -- Wer hat nicht schon die Angst der ersten Momente im Erwachen
aus tiefem Traum, bewußtlosen Schlaf empfunden, wenn er sich selbst
fühlend, sich auf sich selbst besinnen mußte! -- Doch, um mich nicht zu
weit zu verlieren, ich meine, jeder starke psychische Eindruck in jener
Entwicklungszeit läßt wohl ein Samenkorn zurück, das eben mit dem
Emporsprossen des geistigen Vermögens fortgedeiht, und so lebt aller
Schmerz, alle Lust jener Stunden der Morgendämmerung in uns fort, und es
sind wirklich die süßen wehmutsvollen Stimmen der Lieben, die wir, als
sie uns aus dem Schlafe weckten, nur im Traum zu hören glaubten, und die
noch in uns forthallen! -- Ich weiß aber, worauf der Meister anspielt.
Auf nichts anders, als auf die Geschichte von der verstorbenen Tante,
die er mir wegstreiten will, und die ich, um ihn erklecklich zu ärgern,
nun gerade Dir, Geheimerat erzählen werde, wenn Du mir versprichst, mir
was weniges empfindelnde Kinderei zu Gute zu halten. -- Was ich Dir von
der Erbssuppe und dem Lautenisten -- O, unterbrach der Geheimerat den
Kapellmeister, still still, nun merk' ich wohl, Du willst mich foppen,
und das ist denn doch wider alle Sitte und Ordnung.
Keinesweges, fuhr Kreisler fort, mein Herz! Aber von dem Lautenisten
muß ich anfangen; denn er bildet den natürlichsten Übergang zur Laute,
deren Himmelstöne das Kind in süße Träume wiegten. Die jüngere Schwester
meiner Mutter war Virtuosin auf diesem, zur Zeit in die musikalische
Polterkammer verwiesenen Instrument. Gesetzte Männer, die schreiben und
rechnen können und wohl noch mehr als das, haben in meiner Gegenwart
Tränen vergossen, wenn sie bloß dachten an das Lautenspiel der seligen
Mamsell Sophie, mir ist es deshalb gar nicht zu verdenken, wenn ich ein
durstig Kind, meiner selbst nicht mächtig, noch ohne in Wort und Rede
aufgekeimtes Bewußtsein, alle Wehmut des wunderbaren Tonzaubers, den die
Lautenistin aus ihrem Innersten strömen ließ, in begierigen Zügen
einschlürfte. -- Jener Lautenist an der Wiege war aber der Lehrer der
Verstorbenen, klein von Person, mit hinlänglich krummen Beinen, hieß
Monsieur Turtel, und trug eine sehr saubere weiße Perücke mit einem
breiten Haarbeutel, sowie einen roten Mantel. -- Ich sage das nur, um zu
beweisen, wie deutlich mir die Gestalten aus jener Zeit aufgehen, und
daß weder Meister Abraham, noch sonst jemand, daran zweifeln darf, wenn
ich behaupte, daß ich, ein Kind von noch nicht drei Jahren, mich finde
auf dem Schoß eines Mädchens, deren mild blickende Augen mir recht in
die Seele leuchteten, daß ich noch die süße Stimme höre, die zu mir
sprach, zu mir sang, daß ich es noch recht gut weiß, wie ich der
anmutigen Person all' meine Liebe, all' meine Zärtlichkeit zuwandte.
Dies war aber eben Tante Sophie, die in seltsamer Verkürzung »Füßchen«
gerufen wurde. Eines Tages lamentierte ich sehr, weil ich Tante Füßchen
nicht gesehen hatte. Die Wärterin brachte mich in ein Zimmer, wo Tante
Füßchen im Bette lag, aber ein alter Mann, der neben ihr gesessen,
sprang schnell auf, und führte, heftig scheltend, die Wärterin, die mich
auf dem Arm hatte, heraus. Bald darauf kleidete man mich an, hüllte mich
ein in dicke Tücher, brachte mich ganz und gar in ein anderes Haus zu
andern Personen, die sämtlich Onkel und Tanten von mir sein wollten, und
versicherten, daß Tante Füßchen sehr krank sei, und ich, wäre ich bei
ihr geblieben, ebenso krank geworden sein würde. Nach einigen Wochen
brachte man mich zurück nach meinem vorigen Aufenthalt. Ich weinte, ich
schrie, ich wollte zu Tante Füßchen. Sowie ich in jenes Zimmer gekommen,
trippelte ich hin an das Bette, in dem Tante Füßchen gelegen, und zog
die Gardinen auseinander. Das Bette war leer, und eine Person, die nun
wieder eine Tante von mir war, sprach, indem ihr die Tränen aus den
Augen stürzten: Du findest sie nicht mehr, Johannes, sie ist gestorben,
und liegt unter der Erde. --
Ich weiß wohl, daß ich den Sinn dieser Worte nicht verstehen konnte,
aber noch jetzt, jenes Augenblicks gedenkend, erbebe ich in dem
namenlosen Gefühl, das mich damals erfaßte. Der Tod selbst preßte mich
hinein in seinen Eispanzer, seine Schauer drangen in mein Innerstes und
vor ihnen erstarrte alle Lust der ersten Knabenjahre. -- Was ich begann,
weiß ich nicht mehr, wüßte es vielleicht niemals, aber erzählt hat man
mir oft genug, daß ich langsam die Gardinen fahren ließ, ganz ernst und
still einige Augenblicke stehen blieb, dann aber, wie tief in mich
gekehrt und darüber nachsinnend, was man mir eben gesagt, mich auf ein
kleines Rohrstühlchen setzte, das mir eben nahe stand. Man fügte hinzu,
daß diese stille Trauer des sonst zu den lebhaftesten Ausbrüchen
geneigten Kindes etwas unbeschreiblich Rührendes gehabt, und daß man
selbst einen nachteiligen psychischen Einfluß gefürchtet, da ich mehrere
Wochen in demselben Zustande geblieben, nicht weinend, nicht lachend, zu
keinem Spiel aufgelegt, kein freundlich Wort erwidernd, nichts um mich
her beachtend. --
In diesem Augenblick nahm Meister Abraham ein in Kreuz- und Querzügen
wunderlich durchschnittenes Blatt zur Hand, hielt es vor die brennenden
Kerzen, und auf der Wand reflektierte sich ein ganzes Chor von Nonnen,
die auf seltsamen Instrumenten spielten.
Hoho! rief Kreisler, indem er die ganz artig geordnete Gruppe der
Schwestern erblickte, hoho Meister, ich weiß wohl, woran Ihr mich
erinnern wollt! -- Und noch jetzt behaupte ich keck, daß Ihr unrecht
tatet mich auszuschelten, mich einen störrigen, unverständigen Burschen
zu nennen, der durch die dissonierende Stimme seiner Torheit einen
ganzen singenden und spielenden Konvent aus Ton und Takt bringen könne.
Hatte ich nicht zu der Zeit, als Ihr mich, zwanzig oder dreißig Meilen
weit von meiner Vaterstadt, in das Klarissen-Kloster führtet, um die
erste wahrhaft katholische Kirchenmusik zu hören; hatte ich, sag' ich,
damals nicht den gerechtesten Anspruch auf die brillanteste
Lümmelhaftigkeit, da ich gerade mitten in den Lümmeljahren stand? War es
nicht desto schöner, daß dem unerachtet der längst verwundene Schmerz
des dreijährigen Knaben erwachte mit neuer Kraft, und einen Wahn gebar,
der meine Brust mit allem tötenden Entzücken der herzzerschneidendsten
Wehmut erfüllte? -- Mußte ich nicht behaupten, und alles Einredens
unerachtet dabei bleiben, daß niemand anders das wunderliche Instrument,
die Trompette marine geheißen, spiele, als Tante Füßchen, unerachtet sie
längst verstorben? -- Warum hieltet Ihr mich ab, einzudringen in den
Chor, wo ich sie wiedergefunden hatte in ihrem grünen Kleide mit
ros'farbnen Schleifen! --
Nun starrte Kreisler hin nach der Wand, und sprach mit bewegter,
zitternder Stimme: Wahrhaftig! -- Tante Füßchen ragt hervor unter den
Nonnen! -- Sie ist auf eine Fußbank getreten um das schwierige
Instrument besser handhaben zu können. Doch der Geheimerat trat vor ihn
hin, so daß er ihm den Anblick des Schattenbildes entzog, faßte ihn bei
beiden Schultern und begann: In der Tat, Johannes! es wäre gescheuter,
Du überließest Dich nicht Deinen seltsamen Träumereien und sprächest
nicht von Instrumenten die gar nicht existieren, denn in meinem Leben
habe ich nichts gehört von einer Trompette marine! --
O, rief Meister Abraham lachend, indem er, das Blatt unter den Tisch
werfend, den ganzen Nonnenkonvent samt der chimärischen Tante Füßchen
mit ihrer Trompette marine schnell verschwinden ließ, o mein würdigster
Geheimerat, der Herr Kapellmeister ist auch jetzt wie immer, ein
vernünftiger, ruhiger Mann, und kein Phantast oder Haselant, wofür ihn
gern viele ausgeben möchten. Ist es nicht möglich, daß die Lautenistin,
nachdem sie Todes verblichen, sich mit Effekt auf das wunderbare
Instrument verlegte, welches sie vielleicht noch jetzt hin und wider in
Nonnenklöstern wahrnehmen und darüber in Erstaunen geraten können?
-- Wie! -- Die Trompette marine soll nicht existieren? -- Schlagen Sie
doch nur diesen Artikel gefälligst in Kochs musikalischem Lexikon nach,
das Sie ja selbst besitzen.
Der Geheimerat tat es auf der Stelle, und las laut:
»Dieses alte ganz einfache Bogeninstrument besteht aus drei dünnen,
sieben Schuh langen Brettern, die unten, wo das Instrument auf dem
Fußboden aufstehet, sechs bis sieben Zoll, oben aber kaum zwei Zoll
breit und in der Form eines Triangels zusammengeleimt sind, so daß das
Korpus, welches oben eine Art von Wirbelkasten hat, von unten bis oben
verjüngt zuläuft. Eins von diesen drei Brettern macht den Sangboden aus,
der mit einigen Schallöchern versehen, und mit einer einzigen, etwas
starken Darmsaite bezogen ist. Bei dem Spielen stellt man das Instrument
schief vor sich hin, und stemmt den obern Teil desselben gegen die
Brust. Mit dem Daumen der linken Hand berührt der Spieler die Saite da,
wo die zu greifenden Töne liegen, ganz gelinde und ungefähr ebenso wie
bei dem Flautino oder Flageolett auf der Geige, während mit der rechten
Hand die Saite mit dem Bogen angestrichen wird. Der eigentümliche Ton
dieses Instruments, der dem Tone einer gedämpften Trompete gleicht, wird
durch den besondern Steg hervorgebracht, auf welchem die Saite unten auf
dem Resonanzboden ruhet. Dieser Steg hat beinahe die Gestalt eines
kleinen Schuhes, der vorn ganz niedrig und dünne, hinten hingegen höher
und stärker ist. Auf dem hintern Teile desselben liegt die Saite auf,
und verursacht, wenn sie angestrichen wird, durch ihre Schwingungen, daß
sich der vordere und leichte Teil des Steges auf dem Sangboden auf und
nieder bewegt, wodurch der schnarrende, und der gedämpften Trompete
ähnliche Ton, hervorgebracht wird!« --
Baut mir ein solches Instrument, rief der Geheimerat mit glänzenden
Augen, Meister Abraham, ich werfe meine Nagelgeige in den Winkel,
berühre nicht mehr den Euphon, sondern setze Hof und Stadt in Erstaunen,
auf der Trompette marine die wunderbarsten Lieder spielend! --
Ich tue das, erwiderte Meister Abraham, und möge, bester Geheimerat, der
Geist von Tante Füßchen im grüntaftnen Kleide über Sie kommen, und Sie
eben als Geist begeistern! --
Der Geheimerat umarmte entzückt den Meister, aber Kreisler trat
zwischen beide, indem er beinahe ärgerlich sprach. Ei, seid Ihr nicht
ärgere Haselanten, als ich jemals einer gewesen bin, und dabei
unbarmherzig gegen den, den Ihr zu lieben vorgebt! -- Begnügt Euch doch
damit, daß Ihr mit jener Beschreibung eines Instruments, dessen Ton mein
Innerstes durchbebte, mir Eiswasser über die heiße Stirn gegossen, und
schweigt von der Lautenistin! -- Nun, Du wolltest ja Geheimerat, ich
sollte von meiner Jugend sprechen, und schnitt der Meister dazu
Schattenbilder, die zu Momenten aus jener Zeit paßten, so konntest Du
mit der schönen, mit Kupferstichen verzierten, Ausgabe meiner
biographischen Skizzen zufrieden sein. Als Du aber den Artikel aus dem
Koch lasest, fiel mir sein lexikalischer Kollege Gerber ein, und ich
erblickte mich, einen Leichnam, ausgestreckt auf der Tafel liegend,
bereit zur biographischen Sektion. -- Der Prospekt könnte sagen: es ist
gar nicht zu verwundern, daß in dem Innern dieses jungen Mannes durch
tausend Adern und Äderchen lauter musikalisches Blut läuft, denn das war
der Fall bei vielen seiner Blutsverwandten, deren Blutsverwandter er
eben deshalb ist. -- Ich will nämlich sagen, daß die mehrsten von meinen
Tanten und Onkels, deren es, wie der Meister weiß, und Du eben erst
erfahren hast, eine nicht geringe Anzahl gab, Musik trieben, und noch
dazu meistenteils Instrumente spielten, die schon damals sehr selten
waren, jetzt aber zum Teil verschwunden sind, so, daß ich nur noch im
Traum die ganz wunderbar klingenden Konzerte vernehme, die ich ungefähr
bis zu meinem zehnten, eilften Jahr hörte. -- Mag es sein, daß deshalb
mein musikalisches Talent schon im ersten Aufkeimen die Richtung
genommen hat, die in meiner Art zu instrumentieren sich kund tun soll,
und die man als zu phantastisch verwirft. -- Kannst Du Dich, Geheimerat,
der Tränen enthalten, wenn Du recht schön auf dem uralten Instrument,
auf der Viola d'Amore, spielen hörst, so danke dem Schöpfer für Deine
robuste Konstitution; ich für mein Teil flennte beträchtlich, als der
Ritter Eßer sich darauf hören ließ, früher aber noch mehr, wenn ein
großer ansehnlicher Mann, dem die geistliche Kleidung ungemein gut
stand, und der nun wieder mein Onkel war, mir darauf vorspielte. So war
denn auch eines andern Verwandten Spiel auf der Viola di Gamba gar
angenehm und verlockend, wiewohl derjenige Onkel, der mich erzog, oder
vielmehr nicht erzog, und der das Spinett mit barbarischer Virtuosität
zu hantieren wußte, ihm mit Recht Mangel an Takt vorwarf. Der Arme
geriet auch bei der ganzen Familie in nicht geringe Verachtung, als man
erfahren, daß er in aller Fröhlichkeit nach der Musik einer Sarabande
eine Menuett à la Pompadour getanzt. Ich könnte Euch überhaupt viel
erzählen von den musikalischen Belustigungen meiner Familie, die oft
einzig in ihrer Art sein mochten, aber es würde manches Groteske mit
unter laufen, worüber Ihr lachen müßtet; und meine werten Verwandten
Eurem Gelächter preiszugeben, das verbietet mir der Respectus
Parentelis.
Johannes, begann der Geheimerat, Du wirst es mir in Deiner Gemütlichkeit
nicht verargen, wenn ich eine Saite in Deinem Innern anschlage, deren
Berührung Dich vielleicht schmerzt. -- Immer sprichst Du von Onkeln, von
Tanten, nicht gedenkst Du Deines Vaters, Deiner Mutter! --
O mein Freund, erwiderte Kreisler mit dem Ausdruck der tiefsten
Bewegung, eben heute gedachte ich, -- doch nein, nichts mehr von
Erinnerungen, von Träumen, nichts von dem Augenblick, der heute alles
nur gefühlte, nicht verstandene Weh meiner frühen Knabenzeit weckte,
aber eine Ruhe kam dann in mein Gemüt, die der ahnungsvollen Stille des
Waldes gleicht, wenn der Gewittersturm vorüber! Ja Meister, Ihr habt
recht, ich stand unter dem Apfelbaum, und horchte auf die weissagende
Stimme des hinsterbenden Donners! -- Du kannst Dir deutlicher die dumpfe
Betäubung denken, in der ich wohl ein paar Jahre fortleben mochte, als
ich Tante Füßchen verloren, wenn ich Dir sage, daß der Tod meiner
Mutter, der in diese Zeit fällt, keinen sonderlichen Eindruck auf mich
machte. Weshalb aber mein Vater mich ganz dem Bruder meiner Mutter
überließ, oder überlassen mußte, darf ich Dir nicht sagen, da Du
Ähnliches in manchem verbrauchten Familienroman, oder in irgendeiner
Ifflandschen Hauskreuzkomödie nachlesen kannst. Es genügt, Dir zu sagen,
daß, wenn ich meine Knaben-, ja einen guten Teil meiner Jünglingsjahre,
im trostlosen Einerlei verlebte, dies wohl eben dem Umstande
zuzuschreiben, daß ich elternlos war. Der schlechte Vater ist noch immer
viel besser, als jeder gute Erzieher, mein' ich, und mir schauert die
Haut, wenn Eltern in lieblosem Unverstande ihre Kinder von sich lassen
und verweisen in diese, jene Erziehungsanstalt, wo die Armen ohne
Rücksicht auf ihre Individualität, die ja niemanden anders als eben den
Eltern recht klar aufgehen kann, nach bestimmter Norm zugeschnitten und
appretiert werden. -- Was nun eben die Erziehung betrifft, so darf sich
kein Mensch auf Erden darüber verwundern, daß ich ungezogen bin, denn
der Oheim zog oder erzog mich ganz und gar nicht, sondern überließ mich
der Willkür der Lehrer, die ins Haus kamen, da ich keine Schule
besuchen, und auch durch irgendeine Bekanntschaft mit einem Knaben
meines Alters die Einsamkeit des Hauses, das der unverheiratete Oheim
mit einem alten trübsinnigen Bedienten allein bewohnte, nicht stören
durfte. -- Ich besinne mich nur auf drei verschiedene Fälle, in denen
der beinahe bis zum Stumpfsinn gleichgültige, ruhige Oheim einen kurzen
Akt der Erziehung vornahm, indem er mir eine Ohrfeige zuteilte, so, daß
ich wirklich während meiner Knabenzeit drei Ohrfeigen empfangen. Ich
könnte Dir, mein Geheimerat, da ich eben zum Schwatzen so aufgelegt, die
Geschichte von den drei Ohrfeigen als ein romantisches Kleeblatt
auftischen, doch hebe ich nur die mittelste heraus, da ich weiß, daß Du
auf nichts so erpicht bist, als auf meine musikalischen Studien, und es
Dir nicht gleichgültig sein kann, zu erfahren, wie ich zum erstenmal
komponierte. -- Der Oheim hatte eine ziemlich starke Bibliothek, in der
ich nach Gefallen stöbern und lesen durfte was ich wollte; mir fielen
Rousseau's Bekenntnisse in der deutschen Übersetzung in die Hände. Ich
verschlang das Buch, das eben nicht für einen zwölfjährigen Knaben
geschrieben, und das den Samen manches Unheils in mein Inneres hätte
streuen können. Aber nur ein einziger Moment aus allen, zum Teil sehr
verfänglichen, Begebenheiten erfüllte mein Gemüt so ganz und gar, daß
ich alles übrige darüber vergaß. Gleich elektrischen Schlägen traf mich
nämlich die Erzählung, wie der Knabe Rousseau von dem mächtigen Geist
seiner innern Musik getrieben, sonst aber ohne alle Kenntnis der
Harmonik, des Kontrapunkts, aller praktischen Hilfsmittel, sich
entschließt, eine Oper zu komponieren, wie er die Vorhänge des Zimmers
herabläßt, wie er sich aufs Bette wirft, um sich ganz der Inspiration
seiner Einbildungskraft hinzugeben, wie ihm nun sein Werk aufgeht,
gleich einem herrlichen Traum! -- Tag und Nacht verließ mich nicht der
Gedanke an diesen Moment, mit dem mir die höchste Seligkeit über den
Knaben Rousseau gekommen zu sein schien! -- Oft war es mir, als sei ich
auch schon dieser Seligkeit teilhaftig geworden, und dann, nur von
meinem festen Entschlusse hänge es ab, mich auch in dies Paradies
hinaufzuschwingen, da der Geist der Musik in mir ebenso mächtig
beschwingt sei. Genug, ich kam dahin, es meinem Vorbilde nachmachen zu
wollen. Als nämlich an einem stürmischen Herbstabend, der Oheim wider
seine Gewohnheit das Haus verlassen, ließ ich sofort die Vorhänge herab,
und warf mich auf des Oheims Bett, um, wie Rousseau, eine Oper im Geiste
zu empfangen. So vortrefflich aber die Anstalten waren, so sehr ich mich
abmühte, den dichterischen Geist heranzulocken, doch blieb er im
störrischen Eigensinn davon. Durchaus summte mir, statt aller herrlichen
Gedanken, die mir aufgehen sollten, ein altes erbärmliches Lied vor den
Ohren, dessen weinerlicher Text begann: »Ich liebte nur Ismenen, Ismene
liebt' nur mich«, und ließ, so sehr ich mich dagegen sträubte, nicht
nach. Jetzt kommt der erhabene Priesterchor: »Hoch von Olympos Höh'n«,
rief ich mir zu, aber: »Ich liebte nur Ismenen«, summte die Melodie fort
und unaufhörlich fort, bis ich zuletzt fast einschlief. Mich weckten
laute Stimmen, indem ein unerträglicher Geruch mir in die Nase fuhr und
den Atem versetzte. Das ganze Zimmer war von dickem Rauch erfüllt, und
in dem Gewölk stand der Oheim, und trat die Reste der flammenden
Gardine, die den Kleiderschrank verbarg, nieder und rief: Wasser her
-- Wasser her! bis der alte Diener Wasser in reichlicher Fülle
herbeibrachte, über den Boden ausgoß, und so das Feuer löschte. Der
Rauch zog langsam durch die Fenster. »Wo ist nur der Unglücksvogel,«
fragte der Oheim, indem er im Zimmer umherleuchtete. Ich wußte wohl,
welchen Vogel er meinte, und blieb mäuschenstill im Bette, bis der Oheim
hinantrat und mir mit einem zornigen: »Will Er wohl gleich heraus!« auf
die Beine half. »Steckt mir der Bösewicht das Haus über dem Kopfe an,«
fuhr der Onkel fort! Ich versicherte, auf weiteres Befragen, ganz ruhig,
daß ich auf dieselbe Weise wie der Knabe Rousseau nach dem Inhalt seiner
Bekenntnisse es getan, eine _Opera seria_ im Bett komponiert hätte, und
daß ich durchaus gar nicht wisse, wie der Brand entstanden. -- »Rousseau?
komponiert? _Opera seria?_ -- Pinsel!« -- So stotterte der Oheim vor Zorn,
und teilte mir die kräftige Ohrfeige zu, die ich als die zweite empfing,
so daß ich, vor Schreck erstarrt, sprachlos stehen blieb, und in dem
Augenblick hörte ich wie einen Nachklang des Schlages ganz deutlich:
»Ich liebte nur Ismenen« usw. usw. Sowohl gegen dieses Lied, als gegen
die Begeisterung des Komponierens überhaupt, empfand ich von diesem
Augenblick an einen lebhaften Widerwillen.
Aber wie war nur das Feuer entstanden? fragte der Geheimerat.
Noch in diesem Augenblick, erwiderte Kreisler, ist es mir
unbegreiflich, durch welchen Zufall die Gardine in Brand geriet, und
einen schönen Schlafrock des Oheims, sowie drei oder vier schön
frisierte Toupets, die der Oheim als partielle Perücken-Studien aus
einer Gesamtfrisur aufzusetzen pflegte, mit in ihr Verderben riß. Mir
ist es auch immer so vorgekommen, als habe ich nicht des unverschuldeten
Feuers, sondern nur der unternommenen Komposition halber, die Ohrfeige
erhalten. -- Seltsam genug war es die Musik allein, die zu treiben mich
der Oheim mit Strenge anhielt, unerachtet der Lehrer, getäuscht von dem
nur momentanen Widerwillen, den ich dagegen äußerte, mich für ein
durchaus unmusikalisches Prinzip hielt. Was ich übrigens lernen oder
nicht lernen mochte, das war dem Oheim
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