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Wartalun: Der Niedergang eines Geschlechts

by Waldemar Bonsels · German · Gutenberg #38650 · 367,425 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Wartalun: Der Niedergang eines Geschlechts
    
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Title: Wartalun: Der Niedergang eines Geschlechts

Author: Waldemar Bonsels


        
Release date: January 23, 2012 [eBook #38650]

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/38650

Credits: Produced by Norbert H. Langkau, Peter Simon and the Online
        Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK WARTALUN: DER NIEDERGANG EINES GESCHLECHTS ***




Produced by Norbert H. Langkau, Peter Simon and the Online
Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net






  [ Anmerkungen zur Transkription:

    Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen;
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                                Wartalun

                    Der Niedergang eines Geschlechts

                                  Roman
                                   von
                            Waldemar Bonsels


                       Im Verlag Ullstein · Berlin


          Umschlagbild: Leila Hyams. Fot. Metro-Goldwyn-Mayer.
   Alle Rechte sind streng vorbehalten, besonders das der Übersetzung
             Copyright 1917 by Schuster & Loeffler, Berlin




Erstes Kapitel


Afra lag in der Mittagssonne im Korn. Über ihr bewegte sich im
tiefblauen Himmel eine große rote Mohnblüte, nur ein klein wenig und so
feierlich, wie es zu der Ruhe stimmte, die weit umher herrschte. Hin und
wieder schaukelte ein Schmetterling vorüber, trunken von der Wärme und
vom Licht, und sein Schatten huschte über das helle Kleid des jungen
Mädchens. Neben ihr lag ein breitrandiger gelber Sommerhut mit blauen
hängenden Bändern auf den Ähren, drückte sie sacht ein wenig nieder und
spendete der ruhenden Stirn und den grauen Augen unter sich Schatten.

Afra verscheuchte die Träume, die mit dem warmen Licht und der
willkommenen Müdigkeit des Sommermittags kamen, sie dachte in bitterer
Betrübnis daran, daß der Schloßherr von Wartalun gestorben und mit ihm
eine Zeit gesicherter Lebensarbeit und geordneter Verhältnisse für sie
und für ihren Vater vergangen war. Es war alles ungewiß geworden. Es
machte mißmutig, nicht zu wissen, was sich tun ließ, nicht zu wissen,
welche Vorteile für ihren Vater und für sie aus den Veränderungen
erwachsen würden, und die neue Herrschaft nicht zu kennen, die erwartet
wurde.

Sie betrachtete die rote Mohnblüte, die im warmen Sommerwind
schaukelte, hob langsam ihre braune Hand zu ihr empor, knickte
gedankenlos den grünen Stiel mit seinen winzigen hellen Härchen und
entblätterte über ihren ernsten Augen die Blume. Es sank mit lichten
Purpurflügeln auf ihr Kleid und blieb wie Blut und Feuer in der zornigen
Sonne liegen.

Eine Lerche stieg auf. Afra wandte den Blick, um den Vogel am Himmel zu
finden, da sah sie zwischen den Ähren fern die grauen Schloßtürme von
Wartalun aus den Eichen ragen, der eine trug einen Hahn, der andere das
seltsam verschnörkelte Doppelkreuz, das auch im Wappen des Geschlechts
zu finden war.

War Wartalun nicht ihr Eigentum gewesen, solange sie zurückdenken
konnte? Nun erst, wo vieles sich ändern sollte, lernte sie erkennen, daß
sie alles allein der Güte des Verstorbenen verdankt hatte und daß dieser
Reichtum ihrer Kindheit sein tägliches Geschenk gewesen war. Der Gedanke
quälte sie tief, das Bewußtsein, daß es Mächte gab, die ihr diese
Schätze rauben konnten, ohne sie zu fragen, ohne sie zu beachten, als
wäre nicht mehr, was sie wünschte und was ihr gefiel, auch ihr Eigentum.

Sie trug Verlangen danach, den neuen Herrn zu sehen, jetzt gleich, in
diesem Augenblick, in dem sie litt. Daß sein Kommen erst mit dem Abend
erwartet wurde, ließ sie ihn beinahe hassen, ihn, der sich ihr nicht
zeigen wollte, mit dem sie abzurechnen hatte. Der Gedanke, daß der
Verstorbene ihr einen Teil seines Besitzes hätte hinterlassen können,
war ihr zuwider. Vielleicht das Forsthaus mit dem Buchenhain oder
Wendalen mit seinen Moorgräben ... ihr Vater hatte ihr bestätigt: er
hat niemand so geliebt wie dich.

Sie dachte ohne Trauer an die letzten Monate. An den scheidenden Winter
und den kommenden Frühling mit seinen Stürmen, seinem zögernden Einzug
in das ebene Land, das er über Feldern, Gärten und Rasenplätzen wie mit
den schimmernden Wogen eines leuchtenden Meeres überzogen hatte. Das war
die letzte Schönheit gewesen, die der alte Mann von der Terrasse des
Schlosses aus gesehen hatte, wo sie, an seinen Tragstuhl gelehnt, über
seinen Schlaf wachte, ohne zu wissen, daß es sein letzter war. Der Wind
vom Garten war warm und feucht gewesen und von Blütenduft schwer. Aber
eindringlicher als diese Stunde waren ihr die Winterabende im Gedächtnis
geblieben, an denen sie ihm zur eintönigen Melodie des Kaminfeuers hatte
vorlesen müssen. Dann hob er zuweilen die Hand als Zeichen, daß sie
warten sollte, sah ihr in die Augen und fragte sie:

»Hast du verstanden, was du eben ausgesprochen hast?«

Sie nickte nachdenklich, weil sie fühlte, daß er dies wünschte.

Einmal, während sie las, hörte sie, daß er schluchzte, und hielt inne.
Ihre erstaunten Blicke schienen ihn zu enttäuschen. Seine Bewegung
quälte sie, und vorsichtig senkte sie den Blick, um zu erfahren, was er
von ihr erwartete. Da begann er ihr von den mattgoldenen Tauben zu
erzählen, die in den großen Wandteppich gewoben waren, gegen einen
verblaßten blauen Himmel, in den die Zinnen einer alten Stadt ragten,
aus deren Toren Reiter auszogen. Die Decken ihrer Pferde waren aus
erloschenem Silber, und ihre Rüstungen glänzten nicht mehr. Wollte er,
daß sie die Tränen vergaß, die sie bei ihm gesehen hatte? Sie vermutete
es und fragte ihn, weshalb er geweint hätte. Da antwortete er ihr in
einem Tonfall, den sie noch kaum bei ihm kannte:

»Weil ich deine Stimme gehört habe, als du last, und weil ich die
Bewegungen deiner Lippen sah und den Schein des Feuers in deinem hellen
Haar. Und weil ich die holde Mühe deiner Hand sah, als du die Seite des
Buchs umwendetest. Ich sah auch deine Schultern, deine Knie und die Füße
am Saum deines Kleides. Du hast mir schon als ganz kleines Mädchen, kaum
daß du gehen konntest, am Morgen frische Blumen aus dem Garten gebracht,
die dein Vater dir für mich gab ... jeden Tag bin ich dir begegnet wie
dem Licht der Sonne, dem niemand entgeht, der atmet, aber ich bin
niemals deinem Herzen begegnet. Meine Tränen, nach deren Sinn du mich
gefragt hast, wirst du spät verstehen lernen, aber jede Liebe, die dir
in deinem Leben begegnet, wird sie aufheben und bewahren und zu Gott
bringen, zu dem ich gehe.«

Sie hatte sich damals eine Weile besonnen, was er meinen könnte, und
sich gefragt, ob sie ihm Anlaß gegeben habe, mit ihr unzufrieden zu
sein. Aber im Grunde fühlte sie deutlich, daß ihr etwas zugute gekommen
war und daß der unerfüllte Wunsch, den er ausgesprochen hatte, nicht zu
jenen gehörte, die sie erfüllen konnte. --

Auf dem Feldweg knatterte ein Leiterwagen heran, und sie hörte ein Pferd
schnauben. Das rief sie aus ihren Erinnerungen in den hellen Tag zurück.
Sie nahm ihren Hut vom Korn und drückte ihn neben sich in die Halme,
damit der Fuhrmann sie nicht erspähen sollte, aber er saß zu hoch auf
seinem Heufuder, reckte den Hals nach ihr, lachte, als er sie erkannte,
und hielt die Pferde an.

Es war Martin. Er wußte, wie alle Dienstboten, daß Afra nicht hochmütig
war.

»Du hast es gut«, sagte er, als er vor ihr stand und die Kornähren mit
der Hand zur Seite bog. »Ist es erlaubt, einzutreten?«

Sie nickte, sah ihn an und blieb liegen.

Er ließ sich dicht neben ihr nieder, nahm den Strohhut von der heißen
Stirn und lächelte.

»Einen Gruß könntest du schon sagen ...«

»Gott ...« machte sie lässig, und dann fügte sie mit forschenden Augen
hinzu:

»Heute abend ...?«

»Das ist wahr«, sagte er mit einer Miene, als empfinge er eine
betrübliche Nachricht, »heute abend kommen sie.«

Alle auf dem Gut dachten daran. Afra hörte mit an, wie Martin sich den
neuen Herrn vorstellte.

Plötzlich unterbrach sie ihn:

»Du bist ein Narr«, rief sie. »Ihr seid alle Narren.«

»Weißt du es besser?«

»Ihr alle seht den neuen Herrn in euren Gedanken so, wie ihr ihn euch zu
eurem Vorteil wünscht. Der Vater meint, daß er eine Vorliebe für neue
Treibhäuser habe und Spalierobst bevorzugen würde, der Verwalter faselt
von großem Geschick, einen Kornjuden zu überlisten, und der Förster
weiß, daß er Schmetterlinge im Flug mit der Kugel treffen kann.«

»Wie du sprichst ...« sagte der Bursche. »Man könnte glauben, daß es so
im Katechismus steht.«

»Man sagt immer zu viel«, meinte Afra nachdenklich, »aber wenn man sich
langweilt ... man sollte sich nie langweilen.«

Martin zog Kirschen aus der Rocktasche und bot ihr die roten Kugeln dar,
die an dünnen Stielen zwischen seinen Fingern hingen, aber sie kehrte
seine Hand um, öffnete sie und suchte langsam drei Früchte heraus. Dann
schob sie seine Hand zurück.

»Ich will ihn sehen«, sagte sie langsam, »das ist es, was ich von ihm
weiß. Und noch eins: er wird mich sehen.« Sie ließ langsam die Blicke
über den jungen Burschen gleiten, beinahe ohne den Kopf zu wenden,
lächelte einsam und verschwieg, was sie noch hatte sagen wollen. Man
durfte nicht sprechen. Es war gut, für sich zu behalten, was man wußte.
Irgend etwas im Schatten seiner Augen und um seinen unbewachten Mund
verlockte sie, sich in seiner unwissenden Anteilnahme gehen zu lassen.
Aber dann dachte sie: er tut auch ohnehin, was ich will.

Martin empfand an Afras Seite etwas wie Wohlbehagen und Mißstimmung
zugleich. Es mochte daher kommen, daß er zu Lebzeiten des Grafen gewohnt
gewesen war, in Afra seine Herrin zu sehen, und daß sie nun zu
seinesgleichen herabgesunken war. Wenigstens für einige Zeit, für diese
Tage der Ungewißheit und des bangen Harrens. Auch ihm ging es wie den
meisten der anderen, er war begierig, zu erfahren, was nun aus Afra
werden würde. Er umkleidete sie in seinen Gedanken mit dem märchenhaften
Zauberglanz von Macht und Reichtum, den die Liebe des alten Mannes um
sie gewoben hatte. Es konnte wohl sein, daß alles, was seine Augen
sahen, das Schloß, die Wälder, der Ackergrund, auf dem er lag, und sein
eigenes Geschick in die Hände gegeben waren, die er neben sich sah, wie
sie das blaue Band des Huts durch die Finger zogen. Und er wußte auch,
daß er diese Hand dort dicht neben der seinen ergreifen konnte, ohne daß
Afra ihn daran hindern würde. War es denn wirklich so? Es glühte in ihm
empor, sein Entschluß, es zu tun, quälte ihn eigensinnig, sein Wunsch,
dies Einfache zu tun, dies Unmögliche ...

Da tat er es, beinahe nur, um sich aus seiner unverstandenen Qual zu
befreien. Was würde geschehen?

»Nicht einmal mein Pferd ist sicher mein eigen«, sagte Afra, »ich habe
genommen, welches ich wollte. Würdest du um eines bitten, wenn alle dir
erreichbar wären?«

»Es ist wahr«, sagte er und zog seine Hand von der ihren, »du konntest
tun, was du wolltest. Der neue Herr ...«

»Sprich nicht von ihm«, warf Afra ein. Sie erhob sich, so daß sie im
Korn saß, ordnete an ihrem Haar, das im Sonnenschein heller leuchtete
als die goldenen Ähren. Martin stand mit verdrossenem Gesicht auf.

»Fährst du mit?« fragte er.

Sie stieg aufs Rad des Wagens und dann auf seine Schulter, mit raschem
weichem Fuß, dessen Druck er erst zu verspüren glaubte, als sie bereits
hoch im Heu saß und nur ein Zipfel ihres weißen Kleids zu ihm
hinunterlachte.

»Geh du nebenher!« klang es aus dem Blau über ihm, und so schritt er
neben dem Wagen dahin und rief den Pferden laute Worte zu.

Afra lag hoch und so, daß niemand sie sah. Sie stützte das Kinn in beide
Hände, so daß ihre Ellbogen sich ins Heu gruben, und blinzelte in den
Sonnenschein hinaus. Der ferne Wald zur Linken unter der Sonne lag in
einem feinen blauen Schleier, der sich von den Wiesen her zu ihm zu
heben schien. Sie schaute zu ihm hinüber, als sei er ihr Ziel, während
der Wagen sie langsam, eingehüllt in den Duft welken Grases und
vergangener Blumen, auf Wartalun zuschaukelte.




Zweites Kapitel


Nachts hörte Afra Pferdegetrappel im Hof, Hundebellen, Stimmen und das
Knarren eines Wagens. Der Lichtschein der Laternen drang vom Hof her
durch die kleinen Fenster ihres Stübchens ein, wanderte an der
Zimmerdecke und huschte rasch und ängstlich über die Gegenstände des
Raums. Sie erhob sich hastig und voll ruhloser Gedanken. Seit dem Tode
des alten Herrn hatte sie ein Stübchen im Hause ihres Vaters bezogen,
der als Gärtner des Gutes im Wirtschaftsgebäude eine Wohnung innehatte.
Sie hatte nicht gewagt, ihre Zimmer im Schloß, der fremden Herrschaft
gegenüber als ihr Eigentum zu behaupten; verdrossen und beinahe
rachsüchtig wollte sie abwarten, ob man sich unterfangen würde, ihr ihre
alten Rechte streitig zu machen, aber niemals hätte sie ertragen können,
aus dem Hause gewiesen zu werden.

Leise öffnete sie einen Flügel des Fensters, der Lindenduft zog süß und
schwül zu ihr herein. Die tiefhängenden Äste des uralten Baumes, der
fast den ganzen Schloßhof beschattete, verhüllten ihr den Ausblick. Sie
erkannte nur die alte Staatskarosse des Hauses, hörte eine etwas
weinerliche, zarte Frauenstimme und Martins wenig ergebene Antworten auf
ihre unverständlichen Fragen oder Befehle. Dann wurden im Schloß die
Fenster hell, erst im Speisesaal, dann unten in den Wohnräumen, so daß
sie die weißen Säulen der Terrasse schimmern sah, endlich im Zimmer des
alten Herrn und zuletzt sogar im Ahnensaal, dessen knarrende Torflügel
mit ihren geschnitzten Figuren sie zu sehen glaubte, als sie es hörte.

Dann wurde es langsam Fenster für Fenster wieder dunkel, nur im
Treppenhaus glommen noch Lichter, und die Hunde kamen nicht zur Ruhe.
Sie sah noch Melchior, den alten Diener, mit gesenktem Haupt die Treppe
niedersteigen, offenbar besann er sich, als er die Hunde hörte, ob er
sie beruhigen müsse; aber er ließ es und verschwand in der Dunkelheit
mit dem letzten Licht. Afra dachte an die beunruhigten Hunde, die alle
an den Ketten lagen, die sonst die vertraute Nacht bevölkert und sie oft
auf einsamen Wegen begleitet hatten. Es war gewiß nicht dieser Gedanke,
der sie so tief bewegte, aber plötzlich warf sie den Kopf hart auf die
Bank des offenen Fensters mit einem wilden, eigensinnigen Schluchzen.
Ihr war, als seien Räuber in das Schloß eingedrungen. Schliefen denn
umher alle diese Geduldigen, war keiner da, der ihrer gedachte, keiner,
der vor den rechtlosen Eindringling hintrat und gebieterisch auf Afra
wies, ihm bedeutend, daß es gelte, mit ihr zu teilen. Zu teilen? Ein
kalter Zorn ließ sie auffahren. Niemals würde sie teilen, nie! Ihr war,
als müsse sie aufspringen und hinauseilen durch den schlafenden
Schloßgarten, weit hinaus bis an die dunkle Fichtenstraße, die zur
Begräbnisstatt des toten Herrn führte. Sie sah den eisernen Sarg mit
seinem einen Kranz aus Rosen, der längst verwelkt war, den sie ihm hatte
winden müssen, denn nur sie sollte um ihn trauern, nur sie sollte ihn
für seine letzte Fahrt mit Blumen schmücken. Sie sah sich an dem kalten
schweren Eisen rütteln: Wach auf, du, mit deiner Liebe zu mir, sie
stehlen dein Schloß, deine Macht, deine Liebe zu mir treten sie mit
Füßen der Verachtung, und sie verhöhnen mich, dein Glück.

Es regnete sacht in die blühende Linde, draußen in der Nacht, in der
auch der Tote schlief. Je mehr Afra sich vergegenwärtigte, was dieser
Todesschlaf bedeutete, um so heißer stieg in ihr, wie eine brennende
junge Seligkeit, das Bewußtsein dafür auf, daß sie selbst lebte und daß
sie stark und jung und schön war. Ihr war, als sei ihr Verhältnis zu dem
Toten, das er einst in bebender Ehrfurcht gerühmt hatte, nun um vieles
deutlicher und gezeichneter erstanden. War er nicht um vieles
benachteiligter als sie?

Im Einschlafen durchdachte sie ruhiger noch einmal die letzten Wochen,
die sie mit ihm durchlebt hatte, auf alle seine Aussagen hin, forschte
eifrig nach dem Sinn seiner traurigen Worte, die sie damals kaum
beachtet hatte, und prüfte jedes daraufhin, wie weit es eine Verheißung
für ihre Zukunft enthalten könnte. Sie sah seinen weißen Bart dicht vor
sich, fühlte seine Greisenhände auf ihrem Scheitel: »Du arme Reiche«,
sagte er. Und als sie schwieg: »Wie hat meine Liebe zu dir mich reich
gemacht. Sag, was hast du denn von mir empfangen können?«

Hieß das nicht, daß er bereit sei, noch viel zu geben?

Nun befahl sie Martin, ihr das Pferd zu satteln, das war schon im Traum.
Sie saß in ihrem Kleid aus hellem Tuch auf einem schwarzen Pferd, umritt
das Schloß, lockte die Hunde und stürmte über die Felder, die ihr
gehörten. In Wendalen erwarteten die Tagelöhner sie in ihrem
Sonntagsstaat, verneigten sich, und die Kinder streuten Blumen. So hatte
sie es einst gesehen, als sie den Grafen an seinem letzten Namenstag
hinausbegleitet hatte. Nun lag er im Sarg, aber er schaute sie an und
lächelte zu all ihrem Tun. Damals, auf dem Heimweg, hatte er lange in
ihr Gesicht geschaut, das stolz, heiß erhoben vom Glück des Tags und
übermütig beseligt gelächelt hatte. --

Als es Morgen wurde, hörte es auf zu regnen. Der junge Tag erhob in
kühlem Wehen sein lichtes, blaues Leben, in dem alles in tiefer Stille
auf die aufgehende Sonne wartete. Die Haustiere und die Vögel im Garten
waren noch nicht erwacht, als Afra sich erhob und in einer ganz neuen,
zitternden Seligkeit an ihrem jungen Dasein langsam begann, sich an den
weit offenen Fenstern anzukleiden, die den Blütenduft der Linde und alle
Hoffnung der erneuten Erde zu ihr einließen. Dies war die liebste Stunde
ihres Tags, in der niemand ihren erwachten Sinnen etwas streitig machte,
in der ihr alles zu eigen war, was sie sah, erdachte oder ersehnte. Sie
schaute vorgebeugt hinaus in den verschwiegenen Hof, auf dem noch nichts
sich regte, nur vor den Starenkästen am Lindenstamm saßen schon die
Alten, zum ersten Ausflug gerüstet, und sie meinte die feinen Stimmchen
der Jungen zu hören, deren zarte Laute sich in das kaum vernehmbare
Flüstern der Blätter mischten. Die Tore des Hofes waren noch
geschlossen. Die breiten Laubgänge des Efeus sahen wie dunkle
Verkleidungen am Mauerwerk aus, wie schwere, grüne, zerfetzte Teppiche,
die das Alter des dicken Gemäuers verhüllten. Er war beinahe ein wenig
eng, dieser Hof, aber seine hohe Eingeschlossenheit und seine Schatten
von den Wänden des Hauses gegen Westen verliehen ihm eine traumhafte
Versunkenheit, die durch die Farben der Zeit und durch die Zinnen der
Mauern in dieser Stille in das Bereich alter Märchen gerückt wurde.

Afras blondes Haar war so schwer und weich wie alte Seide. In der
Ahnengalerie des Herrenhauses, dicht unter der getäfelten Decke hing das
Bildnis einer jungen Frau, deren Haare den ihren glichen. Auch sie
hatten diesen seltsamen gedämpften Glanz von Kupfer und Asche, der sich,
ins Licht getaucht, in ein beinahe farbloses Gold verwandeln konnte und
der aus Stirn und Schläfen hervorbrach, fast ohne daß man erkannte, wo
der Wuchs der Haare begann. Aber den hochherzig versunkenen Blick der
längst Verstorbenen haßte Afra, wie auch ihren kleinen lieblichen Mund,
dessen Trotz ihr töricht erschien, weil er nichts verbarg. Ihr eigener
Mund war breit und fast ein wenig zu groß, und da niemand ihr noch
gesagt hatte, welch betörender Zauber voll Lebenssüßigkeit und
Daseinswonnen sich in seiner ruhenden Schönheit offenbarte, achtete sie
ihn beinahe gering, diesen großen Mund.

Die Sperlinge wurden im Efeu wach, als Afra über den Hof ging, ihr
Schritt hallte von den Steinwänden wider. Sie klopfte an Martins
Kammerfenster neben dem Pferdestall, sein Gähnen erweckte ihr Mitleid.
Er solle nur öffnen, das Weitere würde sie schon selbst besorgen; aber
er kam doch hervor, um ihr zu helfen, das Pferd zu satteln, und murmelte
schlaftrunken allerhand von seinen Aussichten, sich noch einmal
niederlegen zu können. Afra verschmähte es, ihn nach der neuen
Herrschaft zu fragen.

»Wohin reitest du denn?« fragte er. Er glaubte ihr diese Teilnahme
schuldig zu sein.

»Heb den Baum am Tor«, sagte sie.

Sie zog den Sattelgurt fester. »Du schläfst ja noch«, tadelte sie
nachlässig. Martin fand ihre Bemerkung zutreffend und am Platze. Sie
wollte noch, daß er die Wolfshunde freimachen sollte, Aja und Fenn,
deren Ketten sie hörte.

Dann sah er ihr nach, und über dem Anblick, wie sie die Landstraße
entlang steil und fest zu Pferde, vom Bellen der Hunde wie von ergebenem
Beifall geleitet, dahinritt, vergaß er seine Müdigkeit. Eine seltsame
heiße Erwartung hielt ihn gefangen. Wartalun gehört Afra, war das
Resultat seines einfältigen Grübelns. Drüben in den angebauten
Wirtschaftsgebäuden hinter den Birken der Landstraße sah er die ersten
Tagelöhner, eine Pumpe klang, ein Hahnenruf. Ihm schien ein
ereignisreicher Tag zu beginnen, und er war zu wichtig, um ihn zu
verschlafen, man mußte nachdenken, um sich über alles klar zu werden.

Die Morgensonnenstrahlen fielen, immer noch kühl und ohne Kraft, über
die Dächer der Kornschuppen von Wendalen, als Afra dort anlangte. Sie
hatte sich auf den schmalen Pfaden durchs Moorgelände Zeit gelassen,
hatte in der Heide das Pferd eine Weile durch die kaum erblühten
Sträucher geführt und tief in Gedanken zugesehen, wie ihr suchender Fuß
Schritt für Schritt die silbernen Perlen des Taus am Boden zum Fallen
brachte. Je länger der Tag wurde, um so eindringlicher wachten alle
Gedanken mit ihm auf, und ihr war, als zerstörten sie ihr ganz langsam
ihre Kraft. Denn Afra war sich ihrer Kräfte noch nicht bewußt, wenn sie
sie nicht in ihrer Wirkung erprobte; erst die Gelegenheit, sich bewähren
zu müssen, fand sie stark.

Das schöne Pferd hielt den kleinen Kopf gesenkt wie seine Herrin, die
immer um einen Schritt voraus war und die Zügel nachhängen ließ. So
schritten sie gegen den großen Horizont des ebenen Landes über den roten
Teppich der Heide dahin. Die Wölfe eilten ruhelos, die schwarzen
Schnauzen am Boden, in weitem Bogen voraus, scheuchten Wildenten aus den
Moortümpeln auf und einmal, in einem kleinen Birkenwäldchen, schon nahe
am Vorwerk, ein junges Reh. Aber auf Afras leisen Pfiff wandten sie, wie
von unsichtbaren Fäusten zurückgerissen, die Köpfe und kehrten um. Sie
hingen in seltsamer Treue an Afra, niemand nahm sich ihrer mit mehr Zeit
und Geduld an, niemand schlug sie grausamer.

Erst als sie in den Hof einritt und die Knechte sie grüßten, besann sie
sich darauf, was sie als Grund für ihr Kommen angeben sollte. Man würde
sie nach der neuen Gutsherrschaft fragen, vielleicht war der Verwalter
schon unterwegs nach Wartalun. --

Sie saß wieder zu Pferde, als er kam, und in einer uneingestandenen
Furcht vor einem Verrat der Ängste ihrer Seele begrüßte sie ihn
hochmütig und ohne den Kopf zu senken. Harmlos fragte er dies und das,
aber sie wußte, worauf er wartete. Seine Einladung, im Zimmer ein
Frühstück einzunehmen, lehnte sie ab. Die Tücke und Unterwürfigkeit
dieses arbeitsamen und wohlgeschickten Mannes, die sie bislang mit kaum
amüsierter Herablassung festgestellt hatte, erschien ihr heute
hassenswert. Anfangs erkühlte er sichtlich unter ihrem veränderten
Wesen, dann begann er langsam ihre Zurückhaltung mit großer Höflichkeit
zu beantworten, die schnell zur Ergebenheit wurde, je mehr das Mädchen
sie gelassen einstrich. Oh, er würde vermuten, daß die Würfel gefallen
seien und daß, was die einen hofften, die anderen fürchteten, Wahrheit
geworden sei, daß sie nach dem Willen des Verstorbenen Herrin von
Wartalun geworden war.

Die heimliche Freude, die ihre unbeabsichtigte Täuschung ihr eintrug,
wurde rasch zu unbezähmbarer Sucht, diese Rolle zu spielen. Mit kühlem
und geheimnisvollem Lächeln sah sie auf den Neugierigen herab, der ihr
zu gefallen und zu dienen trachtete. Doch plötzlich verachtete sie sich
in dieser Lage, aber ohne ihre Haltung zu ändern, nickte sie kühl und
hastig, nahm umständlich das Pferd herum und pfiff den Hunden.

»Bis morgen!« rief sie, so ernst, daß es beinahe traurig wirkte. Draußen
empfing die frohe Sonne sie, wogende Felder und bald wieder die
Melancholie und Verlassenheit ihrer Heide. Es erfüllte sie mit bitterer
Genugtuung, daß sie jemanden zurückließ, dem ihre Hoffnung Gewißheit
geworden war, als hätte sie ihrem zögernden Schicksal Gewalt angetan.

»Du bist der erste, der das Schloß verläßt, wenn es mein ist«, rief sie
laut. Dann war ihr, als müßte sie weinen, und ihre aufsteigende Qual
beantwortete sie mit einem harten Lachen, das seltsam böse aus diesen
weichen, unerwachten Lippen drang und in herbem Widerspruch zur Anmut
ihrer freien Haltung stand.

Im Moorgrund waren Arbeiter am Werke. Hohe Torfmauern spiegelten sich
schwarz in den stillen Gräben, alles versprach einen heißen Tag. Den
Gruß eines Landmannes, den sie kannte, erwiderte sie mit einem kecken
Scherz. Der Alte blieb stehen, schützte die Augen und sein breites,
wohlgefälliges Lächeln mit der schweren braunen Hand und sah ihr nach.
Nah am Kreuzweg, als schon Moor und Heide zurückblieben und die Türme
des Schlosses aus den Eichen schauten, traf sie einen Fremden, der sie
grüßte, sehr höflich und auf eine Art zögernd, als habe er eine Frage zu
stellen. Sie sah zurück und hielt das Pferd an. Beide schwiegen eine
Weile, die Wölfe sahen abwartend zu ihr empor. Sie rief sie barsch an,
mehr um den Gehorsam der Hunde zu zeigen, als weil eine Befürchtung
nahelag. Sie sah in das Gesicht des jungen Mannes, der hinzutrat. Ein
schmales und sehr blasses Angesicht hob sich zu ihr empor, unsicher im
Wesen und Blick durch eine goldene Brille, deren Gläser blinkten. Er war
schwarz gekleidet, trug ein seltsam mitgenommenes Hütchen aus Filz und
erschien ihr zart von Figur, beinahe ein wenig gebrechlich. Seine
schmale Hand, mit der er befangen sein Kinn hielt, fiel ihr auf; solche
Hände wünschte sie sich ...

»Verzeihen Sie mir, mein gnädiges Fräulein«, sagte er zögernd, aber
nicht unsicher, »wie lange würde ich von hier aus brauchen, um bis
Wandelen zu gelangen?«

»Wollen Sie denn zu Fuß gehen? Übrigens heißt das Vorwerk Wendalen.«

»Wendalen, gewiß ... ich irrte.«

Sie stemmte die Rechte leicht in die schlanke Hüfte, schaute über Land,
als erwöge sie ernstlich die Antwort, um sie treffend geben zu können.
Ihre Art der Herablassung war voll Anmut, von einer holden Sicherheit
überlegenen Geistes und frohen Herrentums. Er vergaß, was er wissen
wollte, und sah sie bewundernd an.

»Ich habe von dort bis hier fast eine Stunde mit dem Pferde gebraucht,
aber Sie sehen, es ist naß. Sie würden zwei Stunden brauchen an einem
Tage wie heute. Und der Weg ... kennen Sie den Weg denn?«

»Nein«, sagte er, »ich bin hier fremd, auch muß ich bei solcher
Entfernung meinen Plan aufgeben, ich habe nicht gewußt, wie weit es ist,
es hätte mich sehr interessiert, da ich diese Frühmorgenstunde nicht
besser zuzubringen wußte. Im Schlosse schliefen sie noch alle.«

Afra lächelte. Er sah ihr Lächeln mit Bestürzung. Es wirkte auf ihn wie
Sonnenschein im Frühling und wie der traurige Gedanke an einen frühen
Tod.

»Es ist nicht ganz richtig, daß alle schliefen. Aber jetzt? Kehren Sie
denn jetzt um?«

»Ja«, sagte er, hilflos und so befangen, daß eine heiße Freude am
Triumph ihrer Überlegenheit ihr Blut klopfen ließ; sie sprang vom
Pferde, und in der überwindenden Unbefangenheit, die ihr Wesen
auszeichnete, sagte sie:

»So gehen wir miteinander. Es tut Joni gut, ein wenig ledig
dahinzutraben.« Mit der Gerte wies sie auf das Pferd und sagte: »Das ist
Joni.«

»Sie stellen mir Ihr Pferd vor, mein gnädiges Fräulein, gewiß, um mich
daran zu erinnern, daß ich Ihre große Liebenswürdigkeit angenommen habe,
ohne Ihnen meinen Namen zu nennen. Verzeihen Sie mir.«

Und er nannte undeutlich und rasch einen Namen, den sie kaum zu
verstehen für nötig hielt, und verbeugte sich dabei, nicht ganz in der
üblichen Richtung und auf eine Art, die ihm im Schreiten mißlang.

»Und darf ich auch Sie bitten«, fuhr er fort, »mir die Ehre zu erweisen,
zu sagen, wer Sie sind?«

Afra sah hinüber zu den Türmen von Wartalun, wartete, bis er ihren Blick
sah, und meinte:

»Tut es etwas zur Sache?«

Er glaubte ihr die Gelegenheit nehmen zu müssen, darüber nachzudenken,
daß dies wenig höflich sei, und sagte rasch:

»Oh, gewiß nicht, gewiß nicht. Meine Bitte war sicherlich recht töricht.
Der Vorzug Ihrer freundlichen Begleitung sollte mir genug sein, und er
ist es, sicherlich, mein gnädiges Fräulein.«

Sie strich ohne Bedenken sein Entgegenkommen ein wie ihr Recht, obgleich
sie ihn beneidete.

»Wie kommen Sie nur so früh hierher?« fragte sie, und was an ihrer Frage
hätte Neugierde sein können, wirkte im Tonfall ihrer Stimme einzig wie
eine kindliche Bitte.

»Ich habe dort im Schloß geschlafen«, sagte er, »und eigentlich
schlecht; ich bin ohne meinen Willen und beinahe zufällig gekommen; es
ergeht mir oft so, daß mir eine fremde Umgebung anfangs keine Ruhe
schenkt.«

»So, im Schloß?« meinte Afra und legte in ihr Lächeln eine neckische
Bewunderung. »Das klingt ja fast, als wollten Sie mir sagen, daß Sie den
Schloßherrn von Wartalun persönlich kennten.«

»Ich vermute, daß ich es _bin_«, antwortete er bescheiden.

Und ohne zu beachten, daß die Zügel in ihrer Hand bebten, daß ihr
Schritt wankte und ihr Angesicht sich langsam in jäher Erstarrung mit
tödlicher Blässe überzog, fuhr er fort:

»Es sind unerwartete Umstände, die mich herführen, und seltsame
Verhältnisse, die ich vorfinde. Ich finde mich schwer in ihnen zurecht.
Der verstorbene Graf von Wartalun, den Sie zweifellos gekannt haben,
mein gnädiges Fräulein, war nur sehr fern mit mir verwandt, und die
Erbschaft seiner Güter hatte niemand von uns erwartet. Die Familien
waren zu Zeiten meines Vaters entzweit, wir hörten nie mehr voneinander,
da kein Zwischenglied hätte vermitteln können, auch trug die große
äußere Entfernung zur Entfremdung bei. Die letzte Nachricht, die zu uns
drang, waren vereinzelte unsichere Annahmen über eine spät noch geplante
Verheiratung des alten Herrn.«

Sie achtete, auch als er nun weitersprach, kaum auf seine Worte. Als sie
mit großer Mühe ihre Fassung zurückerrungen hatte und ihre Gedanken
ordnen konnte, empfand sie zunächst nur eins, daß die Art, wie er von
sich als vom künftigen Schloßherrn gesprochen hatte, nicht völlige
Gewißheit darüber kundgab, ob er es in der Tat sei. So waren die Würfel
noch nicht gefallen. Das hielt ihr Mut und Sinne in zitternder Spannung
wach und ließ sie vergessen, daß sie eben noch eine arge Niederlage
erlitten hatte, von der er noch nichts wußte. Mochte er, wenn er nun
erfuhr, wer sie war, denken was er wollte. Sie fühlte, daß keiner der
Gedanken, die er sich darüber machen würde, sich jemals in Zorn oder
Verachtung gegen sie kehren könnte. Seine angstvolle, vorsichtige und
höfliche Art weckte Vertrauen und zugleich Neid und Geringschätzung in
ihr. Es kam in ihrem Herzen etwas hinzu, das beinahe wie
Hilfsbereitschaft war und sie tief beruhigte. Sie wußte plötzlich, daß
das Bild, das sie vom neuen Herrn im Sinne getragen hatte, dem des
Verstorbenen geglichen hatte, sie sah mit einem raschen Lächeln über die
Gestalt ihres Begleiters. Das herrische Angesicht des Toten, sein
schwerer, breitschultriger Körper erschienen ihr, und sie glaubte seine
dunkle Stimme zu hören und den unnahbaren und grollenden Eigensinn
darin, oder die herbeilassende Güte seiner Züge, wenn er wohlgesinnt und
froh Abrechnung hielt über Pflichttreue und Verdienst seiner
Untergebenen. Und nun sollte dieser zierliche schwarze Herr in den
verlassenen Sattel steigen, diese schmächtige Hand sollte am Zügel
ruhen, den die Faust des Toten gehalten hatte? Afra reckte sich auf in
den Sonnenschein und lächelte.

Ihre jähe Bewegung ließ ihn innehalten.

»Verzeihung, vielleicht langweilt Sie dies alles«, sagte er leise. »Mich
beschäftigt es, bitte verstehen Sie, und man ist sicherlich allgemein
geneigt, vor einer so selbstverständlichen Liebenswürdigkeit, wie die
Ihre es ist, ohne Bedenken über das zu sprechen, was einen bewegt.«

Afra wurde rot vor Freude und schwieg. In ihrem Glück über die völlig
ungewohnte Art der Anerkennung, die ihr zuteil wurde, vergaß sie, daß
eine Antwort notwendig sei. Er legte ihr Schweigen wie eine
selbstbewußte Bestätigung seiner Befürchtung aus.

Aber nun besann sie sich und machte es gut. Ihr lag am Triumph, den der
Augenblick zuließ, und sie vermied es unbewußt, ihre Worte anders zu
setzen, als es ihr in diesen kurzen Augenblicken einer fremden Rolle
nützlich erschien.

»Mir liegt alles am Herzen, was die Schicksale Wartaluns betrifft«,
sagte sie eifrig und vorsichtig. »Ich habe den Grafen gekannt und
geliebt und einen Teil seiner Sorgen und Angelegenheiten geteilt. Ihre
Offenheit ist eine Freude für mich.«

Sie glühte vor Stolz darüber, daß diese Worte, von denen sie fühlte, daß
sie ihr wohlgelungen waren, ihn bewegten. Einen Augenblick zögerte er
mit der Antwort, es schien, als wollte er aufs neue nach ihrem Namen
fragen. Irgend etwas machte ihn unsicher. Gewiß war es jene eigen
unüberwindliche Sicherheit der jungen Dame an seiner Seite, eine
Sicherheit, die sich so wunderbar mit dem Zauber einer kindlichen Freude
daran verband. Ihm schien, als verberge sie ihm etwas, dann wieder, als
machte sie sich heimlich ein wenig über ihn lustig.

Er dankte ihr warm. Als er in ihre Augen sah, erschrak er. Gott, dachte
er, gibt es so viel Kraft, so viel Jugend, so viel Allmacht des
Frühlings in einem Menschengesicht? Das Leuchten ihres Haars verzauberte
seine Gedanken in Träume, so gewalttätig, daß er selbstvergessen und
fast ergebungsvoll diesen Wandel in seinem Empfinden wie ein heißes
Emporschweben in eine ganz neue Welt hinnahm.

»Sie, die Sie augenscheinlich aus diesem Lande und aus dieser Gegend
sind, gnädiges Fräulein«, sagte er stockend, und dann schwieg er
plötzlich, weil er sah, daß ihn diese Worte zu etwas führten, das er
nicht hatte sagen wollen.

»Wartalun ist wunderschön«, sagte Afra, und erst daran, daß er nach
diesen Worten unbefangen zu sprechen begann, wußte sie, daß sie ihm
damit aus seiner Verwirrung geholfen hatte. Und während er erzählte,
mußte sie wieder und wieder denken: Nun erst wird das Leben schön. Ich
habe wie ein Kind gespielt und geschlafen. Ihr war, als liebte sie
diesen Mann neben sich, weil er der erste war, der ihr Gelegenheit gab,
neue Kräfte ihres Wesens in heißem Daseinsglück zu verspüren und zu
erproben.

Sie warf die Stirn zurück und gab der Sonne ihr Haar. Ihre Lippen
bekamen etwas von jenem irdischen Daseinslicht, das zuweilen die Lippen
junger Frauen umglüht, die sich zum erstenmal über schwerem Wein
schließen, so daß das tiefe Blut der Erde im Lebensblut ihres Leibes in
die Lippen emporsteigt, als blühten wieder die Reben ...

Nun verstand sie ihn wieder, konnte, zurückkehrend aus sich, seinen
freundlichen Worten folgen:

»Als dann die Nachricht zu mir kam, dies alles sollte mir zufallen«,
sagte er, »traf sie mich ohne rechte Kraft, mich ihrer zu freuen. Ich
war ganz mit meinen Studien ausgefüllt und hatte kein anderes Ziel im
Auge, als ihre Vollendung. Jeder Besitz, der über die Ansprüche meines
Daseins hinausgeht, hat mich fast immer noch beunruhigt. Ich trage
schwer am Gefühl der Verantwortlichkeit, nehme es auch vielleicht mit
der eigenen Innenwelt und mit den Aufgaben, die sie mir stellt, ein
wenig zu schwer ...«

Er lächelte traurig vor sich hin und schien ganz zu vergessen, vor wem
er sprach. Ihm war, als spräche er vor sich hin, wie er gewohnt war, es
oft auf einsamen Spaziergängen zu tun.

»Meine Frau«, fuhr er fort, »wollte dann, daß ich unser neues Eigentum
selbst verwalten sollte. Ihr war es seit langem ein lieber Wunsch, die
Stadt zu verlassen, die sie niemals recht geliebt hat. Und schließlich
hat sie wohl recht damit, wenn sie meint, auch hier ließe sich für mich
Zeit erübrigen, meinen Studien zu leben. Aber je mehr ich beginne,
langsam die ganze Größe dieses Besitzes zu ermessen, alle Pflichten
einzusehen, die sich mir aufbürden werden, um so mehr beunruhigt mich
mein Entschluß. Es ist auch alles noch ungewiß.«

»Wieso?« fragte Afra.

Er schien eine andere Antwort erwartet zu haben, ging aber gleich auf
ihre Frage ein.

»Mein Verwandter teilte seine letzten Lebensjahre mit einem jungen Ding,
zu dem er eine große Vorliebe gefaßt zu haben schien. Ich kenne nur
ihren Vornamen, mir wurde von ihr nur als von einer gewissen Afra
berichtet und daß sie die Tochter des Gärtners sei. Ein seltsam
unverständlicher und außerordentlich altväterisch verfaßter Brief ist
vor dem Testament in meine Hände gelangt. Er wirkt eher wie eine
philosophische Lebensbetrachtung als wie das rechtsgültige Dokument
einer letzten Verfügung. Das Testament selbst hat noch nicht eröffnet
werden können, da ich noch Papiere beizubringen habe. Aber das ist nur
noch eine Frage von Tagen.«

»Ist Ihnen so gleichgültig, was darin steht?« sagte Afra.

»Eigentlich nicht mehr. Gewiß, es ist mir wichtig.«

»Und der Brief?«

Er sah sie an.

»Interessiert Sie der Inhalt des Briefs?«

»Ja«, sagte Afra.

»Der Alte war sicherlich ein Sonderling, aber zweifellos ein Mann von
hochherzigem Charakter und voller vergrübelter und verschlossener Werte.
Über die Art des jungen Mädchens geht aus dem Briefe nicht viel hervor,
da wohl kaum alles das tatsächlich stimmen wird, was er von ihr hielt,
was der Alternde in sie hineinlegte. Aber vielleicht werden Sie mich in
Einzelheiten unterrichten können? Das Kind wird Ihnen doch sicherlich zu
Gesicht gekommen sein. Was mir die Bedienten sagen, war ebenso
unverständlich wie mysteriös. Sie scheinen sie nicht gerade zu lieben.«

Er lächelte vor sich hin.

»Haben Sie das Gesinde nach Afra ausgefragt?«

Er erschrak über den Klang ihrer Stimme und sah sie erstaunt an. Ihre
Augen glänzten hart und einsam und wiesen ihn ab.

»Verzeihen Sie, daß ich dies Thema vor Ihnen berühre, aber seien Sie
versichert, die Beziehungen des alten Herrn zu diesem Kind waren derart,
daß sie vor jedem Angesicht gerühmt werden dürfen. Bitte, verstehen Sie
nicht falsch, was Sie zweifellos nur aus dem Klatsch Urteilsloser oder
Neidischer gehört haben.«

Sie antwortete kalt:

»Solch ein Klatsch würde mich niemals erreicht haben.« Und hingerissen
von einer plötzlichen Erbitterung, die sie alles vergessen ließ, fuhr
sie fort: »Sprechen Sie nicht von seiner Liebe zu Afra, zu diesem
>jungen Ding<, wie Sie sagen. Sprechen Sie auch nicht von seinem Wert,
ich will es nicht! Lassen Sie sich an seinen äußeren Gütern genügen ...«

Ein wildes Aufschluchzen beschloß ihre heißen Worte. Sie suchte nach
einem Halt. Es bot sich ihr nichts als der Hals ihres Pferdes, so warf
sie stürmisch den Arm um den Nacken des Tieres und schluchzte, am ganzen
Körper bebend und von Scham, Wut und Bewegung geschüttelt, ohne Halt und
so friedlos und aufgelöst fort, daß ihm in heißer Bedrängnis zumute war,
als sei durch kein Heil von Menschenkraft je wieder etwas an diesem
Unverständlichen gutzumachen, das sein ahnungsloses Herz an diesem
Sommermorgen angerichtet hatte.

Und während er sich in großer Hilflosigkeit darum bemühte, das junge
Mädchen zu beruhigen und den Grund ihres Leids zu erfahren, während er
eine ungeordnete Fülle liebevoller und wirkungsloser Worte stammelte und
sogar wagte, ihre Schulter mit seiner Hand zu berühren, dachte Afra
mitten im Sturm ihrer aufgewühlten Gefühle plötzlich klar und bestimmt:

War es klug so, wie ich gehandelt habe? Ja, es war klug, und für ihn und
für meine Stellung zu ihm war es zweifellos so richtig. Sie wußte nicht
weshalb, wußte nicht, daß sie ein tiefes Gefühl von Schuld in das Herz
dieses Mannes gesenkt hatte, den unermüdlichen Wunsch, die Schmach vor
ihr abzudienen, in die er sie gestoßen hatte. Sie schluchzte leise fort,
rührte sich nicht und lauschte. Über seine Worte mußte sie plötzlich
lächeln, und sie schluchzte fort in der Bewegtheit des neuen Gefühls,
von dem er nichts ahnte. Einmal, als das Pferd den Kopf senkte und hob,
stieß ihre Schulter härter, als er es gewollt hatte, mit seiner Hand
zusammen, die gar so gern ein wenig Beruhigung gebracht hätte.

Sie hob den Kopf und sah ihn an. Er trat sofort zurück.

»Ich bitte Sie, ich beschwöre Sie -- verzeihen Sie mir«, sagte er. »Ich
weiß nicht, ich weiß in der Tat nicht, was ich verfehlt habe und wie ich
es gutmachen kann.«

»Ich bin Afra«, sagte sie und fuhr fort, ihn anzuschauen. Sie senkte den
Blick nicht, als sei ihr alles unendlich wichtig, was sie ihm mit ihren
Worten zu erkennen gegeben hatte und wie diese Offenbarung auf ihn
wirkte. Und während er sie anstarrte, dachte sie: Ich kann mich jetzt
unmöglich so gelassen zeigen, wie mir zumute ist, es würde die Hälfte
dessen zerstören, was ich erreicht habe, er muß denken, ich wäre sehr
verzweifelt. Denn Afra fühlte nach ihrer kurzen Erfahrung nun gut und
für immer, daß dieser Mann sich nur schwer und mühsam mit den äußeren
Erscheinungen des Lebens abzufinden wußte und mit den Frauen noch um
vieles schwerer. Es schadet gewiß nicht, noch eine Weile recht traurig
zu sein, dachte sie, und während er nun zu ihr sprach, gefaßter, ernst
und sehr würdevoll, mußte sie hinter ihren Händen, die sie vor ihr
Gesicht geschlagen hatte, lächeln. Sie genoß den Reiz der Erinnerung an
ihre harten Worte ohne Falsch, denn von allem, was geschehen war, hatte
sie nichts berechnet. Wenn er jetzt sähe, wie ich empfinde, so würde er
mich verachten, dachte sie. Und dann wußte sie plötzlich, daß sie ihn
ein wenig geringschätzte, weil er sich täuschen ließ, weil er nicht
empfand, wie es um sie stand, und weil er es nie verstehen würde.

Es ist gut, allein zu sein, dachte sie, es macht stark.




Drittes Kapitel


Als Afra und der junge Gutsherr das Schloß nahezu erreicht hatten,
erschien es dem Mädchen, als sei es nicht gut, sich nun schon zu
trennen, denn alles, was noch an Worten gefallen war, befriedigte sie
nicht und ließ eine Leere in ihr zurück, wie es oft kommt, daß die
Nachwehen eines etwas gewaltsam eingetretenen Erlebnisses enttäuschten.
Irgend etwas mußte bestimmter geworden sein, ehe sie ihn entließ, ihr
war, als müßte er greifbare Zugeständnisse gemacht und mehr gegeben
haben als diese nachgiebige Höflichkeit, der sie mißtraute, weil sie ihr
neu war. Gewiß, sie war ungeduldig, aber es lag in ihrer Art, sich eher
mit einer geringen Sicherheit zu begnügen als mit einer ungewissen
Aussicht.

Ihm war bei alledem so seltsam zumut wie nicht oft in seinem Leben. Aber
viel mehr als die Geschehnisse und ihre Verwirrungen wirkte Afra selbst
auf ihn. Er wagte kaum noch den Kopf nach ihr zu wenden, weil er
fürchtete, sie möchte längst schon gemerkt haben, wie über alles
gewöhnliche Maß hinaus sie ihn erregte und fesselte. Wenn er versuchte,
sie sich vorzustellen, so war sein Eindruck zuerst der einer ganz
eigenartig klar geschiedenen farbigen Härte. Der Hut, das goldene Haar,
die Farbe des Angesichts, die des Tuchs ihres Kleides ... alles erschien
ihm in seiner Vorstellung von jener bedeutungsvollen und eindringlichen
Gesondertheit wie die Farben auf den Bildern alter Meister. Jener
Meister, die den Farbenwert nicht in unendlich viel ergänzenden Nuancen
suchten, sondern die den Mittelton fanden und gaben, klar und wie in
unfehlbarer Gewißheit, daß er alles Leben und alle Vielgestalt des
Lichts dennoch voll enthielte und ausstrahlte. Diese entschiedene und
geschlossene Gestalt neben ihm offenbarte ihm im Grunde ihr Wesen doch
allein durch das Leben ihrer schönen und unschuldigen Augen. Diese Augen
erschienen ihm so ungebrochen, so unberührt und selig in sich selbst, in
ihrer Wirkung und Gewalt, wie nur die Dinge der Natur auf einen Menschen
wirken können. Diese Kühnheit, die ohne einen Schein von Frechheit doch
so herausfordernd und überlegen wirkte, so selbstherrlich machtvoll und
voll reiner Unerfahrenheit und Klugheit zugleich. Er kannte diesen Blick
bei Kindern, deren Gedanken vielleicht bei den Spielen im Garten sind,
während sie ernst und ohne Aufmerksamkeit den Worten der Alten lauschen,
die sie noch nicht verstehen können. Kinder, deren Menschentum in seiner
seligen Beschränkung der gewichtigen Erfahrung der Großen oft so weit
überlegen ist. Solche Augen schienen ihm beides in einem Herzen zu
wecken: Heimweh und Schuldbewußtsein.

Sie hatten eine Weile geschwiegen. Afra betrachtete den Mann an ihrer
Seite, der mit gesenktem Haupt neben ihr dahinschritt und dem sie
deutlich anmerkte, daß seine Gedanken bei ganz anderen Dingen weilten
als die ihren. Er wußte nicht einmal, was sie beschäftigte. Erst als er,
beinahe wie aufgeschreckt durch ihr leises Lachen, rasch den Kopf hob,
besann er sich darauf, daß die Interessen der jungen Dame an seiner
Seite wohl kaum bei seinen Träumereien weilten. Er überdachte ihre Lage
und empfand sich als lieblos und selbstsüchtig.

»Warum lachen Sie denn?« fragte er.

»Woran dachten Sie denn?« gab sie zurück.

Nun lächelte er.

»Ach, wenn ich's der Wahrheit nach sagen soll, so dachte ich mehr an
Ihre Person als an Ihre Lage, und letztere sollte mir doch eigentlich
aus vielen Gründen am Herzen liegen; aber meine Bitte wird mir nicht
ganz leicht. Sie wird mir um so schwerer, als ich noch vor kurzem eine
Kränkung ausgesprochen habe statt des Danks, den ich Ihnen schulde. So
viel weiß ich wohl aus den Mitteilungen anderer, denen ich meine
Erfahrung von heute morgen zugeselle, daß die Verwaltung des Schlosses
und aller Güter bisher beinahe ganz in Ihren Händen gelegen hat. Sie
waren die Vertraute des alten Herrn und sind sicher in alle
Notwendigkeiten und in alle Verwaltungspflichten viel besser eingeweiht,
als ich es jemals sein werde. Sehen Sie, und meine Bitte geht nun darauf
hin, ob Sie uns die Liebe erweisen wollen, es in Ihrer Stellung zu allem
und zu uns beim alten zu lassen? Ich erbitte vielleicht mehr, als Sie
leichten Herzens gewähren können, denn ich zweifle keinen Augenblick
daran, daß einzig die Neigung des Herrn Grafen zu Ihnen und die Ihre zu
ihm Sie hier gehalten hat ...«

Er stockte und sah sie besorgt und liebevoll an. Mochte es sein, weil
dem Namen Erwähnung getan war, Afra mußte an den Toten denken, der sie
geliebt hatte, und an seine stolze und vornehme Art, in der er alle
seine Gaben dargebracht hatte, als sei er der Empfangende. Es quälte und
beglückte sie zugleich. Sie schritt mit gesenktem Haupt dahin, das
Angebot erschien ihr als das Vorteilhafteste, was ihr vorläufig
geschehen konnte, aber sie nickte nur nachdenklich und zögernd. Mochte
er denken, sie sei undankbar, es war immer noch besser, als daß sie sich
ihm durch Dankesworte für verpflichtet erklärte.

Die Rosenhecke des Schloßparks begann. Jasmin und Holundersträucher
drängten über die blühenden Rosen hin, nur Vögel fanden den Weg durch
dieses verworrene Dickicht, drang einmal der Blick hindurch, so blinkte
hinter dem Grün die schwermütige Farbe des toten Grabenwassers, das an
drei Seiten die Schloßmauern umzog und tief im Park einen ruhigen See
bildete. Hart am Zaun, am Weg, stand eine alte Holzbank im Schatten
eines verwilderten Apfelbaums. Afra blieb stehen. Er verstand sie und
lud ein, ein wenig zu rasten. Sie warf die Zügel des Pferdes lose in ein
Büschel Zweige.

»Es bleibt schon«, sagte sie. Die Hunde ließen sich ihr zu Füßen nieder,
hängten die hellroten Zungen aus den schwarzen Wolfsmäulern und sahen zu
ihr auf.

»So bitte ich Sie auch herzlich«, begann er nach einer kleinen Weile
wieder, »Ihre Zimmer im Schloß wieder zu beziehen. Gewiß nicht allein
aus Gründen der Autorität vor den Bediensteten, sondern auch aus Pietät
gegen den Willen des Toten. Wenn Sie mir die Freude machen wollen, heute
mittag unser Gast zu sein, so daß ich Ihnen meine Frau vorstellen kann,
möchte ich Ihnen auch gern den Brief des alten Herrn zeigen, in dem ich
nun vieles besser verstehe.«

»Ich muß so kommen, wie ich bin«, sagte Afra, ohne zu danken, »ich habe
wenig Kleider.«

»Bitte«, sagte er einfach.

Obgleich Afra nicht groß war, empfand er sich als klein und schwächlich
neben ihr. Er sah zu, wie sie ihre Reitgerte zwischen den Fußspitzen
pendeln ließ, sah ihre harte, schöne Hand, den klaren, geneigten Umriß
ihrer Schultern, fast ohne Wehmut, und doch von großer Lieblichkeit. In
allen Einzelheiten, die zwischen ihnen besprochen waren, hatte er seine
heimliche Überlegenheit in Dingen einer bewußten Gemütskraft empfunden,
aber ohne Genugtuung und im Tiefsten befangen. Ihm war, während er so
dasaß und die Schweigende verstohlen betrachtete, als käme es im
eigentlichen, wahrhaftigen Daseinskampf auf ganz andere Kräfte an als
auf die, welche er zu besitzen glaubte. Eine ganz feine, bohrende
Besorgnis wuchs in seiner Seele empor. Er strich sich über die Stirn,
als verscheuchte er eine dunkle Ahnung. Wollte sie denn noch lange hier
sitzenbleiben? Oder lag es nicht eigentlich an ihm, aufzubrechen? Nun,
es kam ja auf ein halbes Stündchen gewiß nicht an. So geschah es denn,
daß Afra ihn nach einer Weile entließ, beinahe ein wenig gnädig, wie man
jemand fortschickt, dem man schließlich zugeben muß, daß er getan hat,
was in seinen Kräften steht.

                    *       *       *       *       *

In der Nachmittagssonne durchschritten sie nebeneinander die Räume des
Schlosses. Afra erschien dem jungen Schloßherrn auf ganz neue Art, nun
sie in der intimeren Kleidung des Hauses bei ihm war. Aus Bildern und
Wandteppichen schaute die Vergangenheit auf sie nieder, die Freude und
die Trauer des Verflossenen.

»Diese hohen Fenster sind neu«, sagte Afra, »die alten waren eng und
klein, wie sie jetzt noch drüben gegen den Park zu sind.«

Er nickte und betrachtete nur sie, wie sie mitten in der Sonne stand. Er
dachte mit leisem Grauen an die vergangene Stunde, in der Afra und seine
junge Frau sich zum ersten Male begegnet waren. Aber das mußte doch
anders werden, es war einzig der verwirrende Geist des Neuen, der auf
sie beide eindrang, auf sein Weib und ihn; alles war fremd und
geheimnisvoll, schien sie zu ängstigen und abzuweisen, aber es würde
weichen, würde sich verlieren ... Er besann sich. Was denn nur? Er
kannte sich nicht wieder, so verwirrt und benommen wie er war.

»Fräulein Afra«, sagte er plötzlich, »es gibt Geister.«

»Was für Geister?« fragte sie und sah ihn groß und erwartungsvoll an.

Er schämte sich plötzlich. Diese Augen, die ihm so gefahrvoll
erschienen, wenn er ihrer gedachte, ernüchterten ihn nun in ihrer
unschuldigen Härte. Aber nun mußte er sprechen:

»Ich meine, die Toten leben noch lange fort. Nicht in weißen Tüchern als
Gespenster, die nachts umherirren, sondern um vieles vergeistigter und
machtvoller. Die Sage von Gespenstern erfand nur das ungeklärte
Bewußtsein des Volks, das leicht für unverstandene Gefühle faßbare
Unverständlichkeiten einsetzt. Nein, ich meine, daß die Spuren der Toten
zurückbleiben und daß in ihnen ihr Geist fortlebt, ihre Güte, ihre
Bosheit, ihre Vorsicht oder ihre Schuld.«

Afra ließ sich in einen geschnitzten Sessel nieder, dessen schmale hohe
Lehne ihr blondes Haupt überragte. Er sah über ihren Haaren den bäurisch
derben und gediegenen Zierat des Schnitzwerks und folgte mit den Augen
den Ornamenten, als zeichnete er sie nach.

»Sie sehen ja über mich weg«, sagte sie. »Bitte sprechen Sie doch
weiter. Sie legen in alle Dinge viel mehr hinein, als darin ist, das tat
auch Ihr Oheim, aber er tat es ... wie soll ich es nennen ... weniger
vorsichtig und sehr bestimmt. Ihm hätte man nicht widersprechen können,
dafür glaubte man ihm aber auch nicht immer.«

Tief überrascht sah er auf.

»Es ist erstaunlich, Afra, es ist unendlich wunderbar ...«

Sie wußte nicht, daß er sie und ihre Entgegnung bewunderte, so blieb sie
unbefangen und bei der begonnenen Unterhaltung. Noch vor Stunden hatte
er geglaubt, daß sie ihm die Lage verdankte, in der sie sich ihm und dem
Schloßgut gegenüber befand, er hatte gehofft, einen Schein von
Erkenntlichkeit in ihrem Wesen zu finden, nie hätte er für möglich
gehalten, daß sie so selbstverständlich annahm, was er bot. Es muß ihr
Recht vor Gott und allen Menschen sein, dachte er, und seine
Erschütterung bewegte ihn plötzlich bis zur Trauer.

Ihre Blicke zwangen ihn, gleichmütig lächelnd, zur Unterhaltung zurück.

»So finde ich auch in Ihrer Art und in Ihrem Wesen den Geist des Toten
wieder«, sagte er. »Es gibt Gespenster von Fleisch und Blut, die die
Sonne mehr lieben als die Nacht, die sich nicht auf die zwölfte Stunde
beschränken, sondern die Tag und Nacht umgehen, voller Grauen nur durch
die überwindende Lieblichkeit, in der sie das Vergangene uns
Vergänglichen als bestehenden Wert darbieten.«

»Es ist wahr«, sagte Afra einfach, »ich verdanke dem Grafen, was ich
geworden bin. Ich hätte die Dorfschule in Wartaheim besuchen müssen.
Zwei Stunden lang hätte ich durch die Sonne oder durch den Schnee
laufen müssen und wäre heute nicht viel mehr als die Mädchen, die
draußen das Heu wenden. Das wollten Sie doch sagen, nicht wahr?«

»Nein«, sagte er, ohne einen Trotz in seine Entgegnung zu legen. »Sie
wären immer geworden, was Sie heute sind. Zufällig ist an allem nur die
äußere Lage und ein Teil der Erscheinungen, nicht aber das Wesentliche.
Unseren Drang nach Bildung gibt uns niemand, wir empfangen ihn mit
unserem Blut nach dem Maß unserer Werte. Und was Sie reich und stark
macht, hat Ihnen niemand gegeben. Bildung hat so wenig mit Wissen
gemein«, fügte er hinzu, »wer ganz geworden ist, was er seinen Anlagen
nach hat werden müssen, der ist gebildet.«

Sie unterbrach ihn ungeduldig.

»Sagten Sie, ich sei reich?«

»Ja, Afra.«

»Ihr Oheim sagte das Gegenteil.«

»So verstehe ich meinen Oheim nicht, oder er meinte es in einem anderen
Sinn und Zusammenhang.«

Sie schwieg. So wußte er nicht, um was sie ihn, wie einst den alten
Mann, oft heimlich beneidet hatte. Es war gewiß nicht einzig der äußere
Besitz. Sie empfand, beide hatten ihr irgend etwas voraus, das durch
keine Verluste im Leben zu verlieren war. Sie fühlte sich plötzlich
verstimmt und stand auf. Diesen schmerzhaften Gedanken jetzt haßte sie
tief in ihrer Seele, dieses Empfinden des Zurückgesetzten, der stets
empfangen muß, das einst ihr väterlicher Freund mit so viel glückhafter
Herablassung in ihr geweckt hatte. Nie war sein Gesicht schöner gewesen,
als wenn er gab ... Sie waren von gleicher Art, diese beiden, nur
erschien es ihr, als sei jener ein Mann gewesen und als sei dieser ein
Jüngling.

Sie schritten durch den Saal, in dem die Bilder der Toten des
Geschlechts hingen. Afra zog mit hartem Ruck die schweren Vorhänge von
einem der Fenster zurück, eine feine Staubwolke drängte sich träge in
die Sonnenstrahlen, ein tiefer goldener Atemzug der erwachenden
Vergangenheit.

»Wie einfach, wie schön«, sagte er bewundernd im Umschauen. Langsam
schritt er an den Bildern entlang. Sie folgte ihm neugierig mit den
Blicken und lehnte sich an das Fenstersims.

»Welch einen Sinn für Maß haben die Männer gehabt, die hier geherrscht
und gebildet haben«, sagte er. »Nichts ist hier in Prunksucht und Gier
nach fremden Gütern herbeigeschafft worden, alles ist im Lande geboren,
mit ihm hat es sein Angesicht erhalten, sein Gepräge, seine Schönheit.
Die Bildrahmen sind aus den Eichen von Wartalun, die Möbel und
Verkleidungen der Wände tragen die Farben der Äcker, ihr Wert scheint
einzig in ihrer Nutzbarkeit zu liegen, und alles ist ernst und groß wie
das geduldige Land. So sind auch diese Angesichter. Diese verstanden zu
herrschen, weil sie zu arbeiten verstanden. Die Züge erheischen
Gehorsam, aber keine Unterwürfigkeit ... wir sind anders ...«

Sie hörte ihm kaum zu. Erst als ein erstaunter Schreckensruf sie traf,
trat sie hinzu. Es war dämmrig im Winkel des Saals, in dem er stand, die
Schatten schienen von dem ungeheuren Kamin zu sinken, dessen grüne
Kacheln ergraut waren unter der feinen Staubschicht, die sie trugen.

»Wer hat das getan?« fragte er und wies auf einen farbigen Wandteppich
von großer Schönheit, aus dem von ungefüger und hilfloser Hand kleine
Stückchen herausgeschnitten waren.

»Vögel«, sagte Afra, »Tauben waren darin. Damals wollte ich sie.«

»Sie haben diese Gobelins zerstört?«

»Ich war fast noch ein Kind und bat um die bunten Vögel aus irgendeiner
Laune. Er erlaubte mir, sie herauszuschneiden.«

»Afra ... das ist unmöglich.«

»Es ist schade«, meinte sie. »Der Graf legte keinen großen Wert auf
diese Dinge, wenigstens zuweilen nicht. Ich muß in einer ungünstigen
Stunde gebeten haben. Später kamen ihm Tränen in die Augen, als er es
sah.«

Erschauernd trat er zurück, und den flimmernden Blick am Boden, ging ihm
zum erstenmal eine Ahnung von der ganzen Gewalt und Tiefe des
Märtyrertums dieses sterbenden Liebenden auf. Er empfand seine eigene
Schwäche bis zum Zittern. In einer grellen und zugleich traurigen Vision
sah er die ermüdete Herrlichkeit einer alten Zeit dem jubelnden Ansturm
und dem bedachtlosen Frohsinn einer neuen weichen. Er stützte die
blasse Stirn. Rosen entblätterten sich vor seinen inneren Augen,
tieffarbig und langsam, dunkel in die Farben eines sinkenden Tages
gestreut. Die Vögel sangen nirgends, es wurde still, und die Toten
schliefen in einer Nacht ohne Morgen. Er dachte an sein junges Weib, das
ihn vor kaum einer Stunde mit flehenden Blicken gebeten hatte, Afra
fortzuschicken ... Über allem wurde ihm haltlos wehmütig zu Sinn, eine
beinahe heldenhafte Traurigkeit wehte hinüber und hüllte sein Herz in
tränenfeuchte Schleier.

»Afra, Sie sollten ... fort -- -- große Städte und viele Menschen sehen,
andere Menschen. Es müßten sich Ihnen Gelegenheiten bieten, Ihre Kräfte
und Gaben vor ganz neuen Aufgaben zu bewähren ...«

»Später«, sagte sie kühl. »Es geht jetzt nicht. Was würde aus Wartalun?«

»Das ist wahr«, sagte er. Irgend etwas stimmte ihn froh an ihrer klaren
Entschiedenheit. Er fühlte sich erleichtert und verstand, nun da er ihr
argloses, sinnendes Lächeln sah, seine Besorgnis nicht mehr recht.

»Wie eigen mich hier alles berührt«, meinte er, »wie es beginnt, mich zu
verändern.«

Sie gingen weiter. Unten im Herrenzimmer, dem Arbeitsraum des Toten,
ward ihm wieder eigen beklommen zumut im Dämmerlicht der dickwandigen
Erker. Über dem Schreibtisch hing ein verhülltes Bild Afras. Das Mädchen
nahm den Schleier ab. Es raschelte darunter von verwelkten Blumen, und
die Blätter sanken flüsternd auf die Gerätschaften des großen Tisches,
zwischen die grünlichen Bronzeleuchter, deren Kerzen halb
heruntergebrannt waren.

»In einem Sommer zog ein junger Mann durchs Land, dessen Beruf es war,
Bilder zu malen«, erklärte Afra wichtig. »Er war unser Gast und mußte
dies Bild machen. Er sagte mir, daß es nicht ganz vollendet sei, aber
dem Herrn Grafen gefiel es wohl. Eines Morgens war er fort.«

»Weshalb?«

»Oh -- er wollte sich mit mir verheiraten. Wo er stand, sprach er
davon.«

»Und Sie wollten nicht?«

Afra drehte eine verdorrte Nelke in der Hand, ganz rasch, daß sie
schwirrte.

»Ich?« fragte sie und begann zu lachen.

Er nahm ein Kuvert aus einem Schubfach und zog einen Brief heraus. Ehe
er davon sprach, meinte Afra über seine Schulter hin:

»Das ist seine Schrift.«

»Ja. Es ist jener Brief, von dem ich heute morgen gesprochen habe.
Wollen Sie ihn anhören? Dieser erste Teil bezieht sich auf
Angelegenheiten der Verwaltung, vielleicht darf ich ihn später mit Ihnen
betrachten, dieser Teil handelt von Ihnen. Er ist so stolz, so
zurückhaltend und einsam. Was ich heute morgen darüber gesagt habe, war
Torheit ...«, er stockte. »War das denn dieser Tag, ist das heute morgen
gewesen?«

»Wann denn sonst?«

»Es erscheint mir, als läge viel mehr Zeit dazwischen. Sie müssen
bedenken, Fräulein Afra, daß mein Leben ohne große äußere Ereignisse
dahinlief, und die Erlebnisse der Innenwelt sind seltsam zeitlos; sie
haben so gar nichts mit den äußeren Lebensverhältnissen zu schaffen, und
auf die Dauer rauben sie einem den Sinn für die Zeitmaße der Umwelt.«

»Was schreibt er denn?«

»Versuchen Sie mich zu verstehen ...«, bat er.

»Gewiß ...«

Beide schwiegen.

Ich darf ihr den Brief nicht vorlesen, empfand er. Es ist nicht ihr
Teil, irgend etwas in ihrem Wesen beleidigt noch die Andacht, die Liebe,
den Wert dieser Worte, sie ist zu jung. Und doch schien es ihm wieder
eher ihr Recht als das seine. Hatte der Verstorbene jemals mit den Gaben
seiner Liebe zurückgehalten? So mag es denn geschehen, beschloß er, mit
der Bitterkeit eines, der mit bösem Gewissen Gutes tut.

In seltsam altväterischen Zügen, die lange Schleifen nach oben und unten
zogen, aber im Verlauf der Schrift selbst wie eine einzige feine Linie
wirkten, liefen die langen Zeilen dahin. Er las mühsam und gequält,
ernüchterte alles Innige der Worte zu kühler Sachlichkeit und verdarb
manchem sein Gewicht durch den gleichgültigen Tonfall seiner Stimme,
deren Beben er zu verbergen trachtete. Es entging ihm der Sinn mancher
seltsamen Wendung, weil er oft an nichts anderes denken konnte als
daran, wie Afra das Gelesene aufgenommen hatte. Aber einzelne Sätze
prägten sich ihm tief ein, einmal hielt er inne, suchte den Beginn und
las einen Satz noch einmal:

»... so bleibt Wartalun in den Händen meines Geschlechts, das es
begründet, erbaut und gemehrt hat, aber es sei denen gesagt, die es zu
eigen haben sollen, daß es keinen ererbten Besitz in der Welt gibt, der
vor Gott Gültigkeit hat, und Gott erkenne ich in der Kraft des
Lebendigen.«

Er sah Afra an.

»Ja, ja«, sagte sie. Das hieß: »Lesen Sie weiter.«

Er schrieb in der Folge von seiner Liebe zu Afra, der ergriffene Mann
las sehr leise, als scheute er sich, Dinge auszusprechen, die der Tote
im Grund seines Herzens getragen hatte.

»Wenn ihr Herz so beschaffen ist, wie ich Irrender oft vermeint habe zu
erkennen, so wollte Gott, daß meine Liebe wie seine Gabe zu ihr kam,
denn das Wesen der Liebe ist ausgleichender Natur. Ich habe gesehen, daß
die Liebe dem verschwiegenen Trotz die Demut entgegenschickte und der
Bosheit die Sanftmut. Sie offenbart sich in einem ewigen Krieg der
Geschlechter, nur die Kämpfenden erdulden ihr Wesen ganz.«

Zum Schluß lautete es wieder allgemein in Worten, die an die Erben
gerichtet waren:

»Es hieße Unrecht tun, eure alten Rechte, die in dieser Zeit nicht mehr
gelten, sichern zu wollen. Ihr sollt eure besten Güter wahren, denn die
zeitlichen könnt ihr nicht halten. Euer Kampf um sie wird euch
herabwürdigen, denn das Beste unseres Wesens hat mit dem Wirken der
neuen Zeit nichts gemein, und ihr sollt ihre Waffen nicht führen.«

Der Brief brach hier ab.

»Wie wahr«, sagte der junge Gutsherr, aber dann erschien es, als
erinnere er sich plötzlich der Gegenwart Afras, und er fügte schnell
hinzu:

»Es ist nicht alles klar gesagt in diesem Schreiben.«

Aber Afra schüttelte nachdenklich den Kopf und meinte:

»Ich verstehe es gut, weil er über diese Dinge oft mit mir gesprochen
hat. Dort am Kamin, der Sessel steht noch an seinem Platz. Ich saß ihm
zu Füßen und bin oft, die Stirn auf seinen Knien, eingeschlafen. Er
weckte mich aber nie, sondern sprach erst weiter, wenn ich aufgewacht
war. Er hat viel vom Leben und von Gott gesprochen, von den Armen und
Reichen und vom großen, ewigen Krieg in der Welt. Da sagte er auch
einmal: >Die Reichen sind oft mißgeschickte Krieger in diesem Kampf.<
Aber wenn er vom Reichtum sprach, meinte er nie den Besitz der Menschen
an Geld oder Land, sondern er meinte etwas anderes ...«

Sie schwiegen beide, und es war, als dächten sie an dieses Andere, das
keiner von ihnen nannte.




Viertes Kapitel


Nun war es Nacht, und über Wartalun stieg langsam der große Mond herauf.
Die vielgestaltigen Dächer der Erker und Mauern lagen hier weißlich und
scharf in seinem Schein, als seien sie mit Schnee bedeckt, dort ruhten
sie ungewiß in blauer Dunkelheit. Durch die Eichen, die den Parksee auf
freien Rasenplätzen umstanden, fiel das Licht in das ruhige Wasser, das
Schilf rührte sich nicht, und die Schwäne schliefen. Sah man über die
Steinmauern ins Land hinaus, so erblickte man hinter den Äckern, fern
über dem lichten Teppich des Korns, die grauen flachen Seen des Nebels
über dem Moor. Von dort aus mochte das alte Schloß in dieser Ebene
beinahe wie ein ungefüges steinernes Ungetüm wirken, das am Rand des
Eichwalds im Schlummer lag. Gewalttätig und gebieterisch lag es da und
duldete nicht Haus noch Baum in der Nähe seiner Höhe. Das Licht der
Nacht, das alles Belanglose des eifrigen Tags zu zeitlosen Gebilden der
Welt emporzauberte, führte die Gedanken des Beschauenden in vergangene
Jahrhunderte zurück. Alle Interessen des Alltags wurden unter diesem
Anblick armselig und wesenlos, als käme es in der kurzen Zeitspanne
irdischen Daseins auf ganz andere Dinge an ...

Wie hoch und warm wirkte dies große Zimmer im Mond. Der junge Gutsherr
lag ohne Schlaf auf seinem Lager, lang ausgestreckt auf dem Rücken,
ruhelos und müde, und betrachtete die Schnitzereien und Bildwerke der
getäfelten Decke, die ihm im gedämpften Licht unwirklich und ungreifbar
erschienen, als sähe er sie nicht, sondern als lausche er einer
altmodischen Erzählung. Auf einer Eichentruhe, nahe am Fenster, lag ein
breiter Streifen Licht wie ein leinenes Tuch, der alte Schrank im
Schatten und die hochlehnigen Stühle bekamen in dieser Stunde ein eigen
persönliches Ansehen. Ihm war zumute, als sei alles hier ihm feindlich
gesinnt, er empfand sich als heimatlos, als Eindringling und rechtlos.

Neben sich vernahm er die Atemzüge seiner jungen Frau. Wenn er
hinüberschaute, sah er im Dämmerlicht nur ihr dunkles Haar in den hellen
Kissen. Er wußte nicht, ob sie schlief. Ihr Schweigen hatte ihn den
Abend hindurch gequält, er wußte wohl, wie er es hätte brechen können,
aber der Name war nicht gefallen, an den beide dachten. In einem
eigensinnigen Schmerz, in einem unerklärbaren Schuldbewußtsein, die ihn
peinigten, hatte er endlich ihren Namen genannt, aber er sprach dann nur
von gleichgültigen Dingen.

Nun hörte er, wie sie den Kopf wandte.

»Auch du schläfst nicht, Elsbeth? Wie das Neue hier alles in einem zu
verändern trachtet. Ich fürchte sehr, daß ich hier lange Zeit nicht zur
Arbeit kommen werde. Die Verwaltung erfordert viel ernstliche Mühe, bis
ich ein wenig übersehen gelernt habe, wo ich notwendig bin. Aber es
erscheint mir so, als herrschte allenthalben große Ordnung, die
Erträglichkeit der Güter ist ungewöhnlich. Wir sind sehr reich geworden,
Elsbeth.«

Sie schwieg.

»Hast du gesehen, wie wunderschön der Schloßhof und der Park im
Mondlicht liegen? Hörst du den Brunnen? Ich glaube, wir werden hier
lernen, glücklich zu leben, und dein Kindlein erwacht in einem
sonnigen, freien Paradies zum Dasein. Denke an den Weg, den wir durch
den Wald und über die Felder gemacht haben. Alles, was du hast sehen
können, wird einmal sein Eigentum sein.«

Da hörte er, daß sie weinte. Er sprang empor und setzte sich an ihr
Bett, die Hände um ihre Schläfen, beugte sich tief über sie und
flüsterte innig und liebevoll.

»Begegnet man so einem großen Glück?« versuchte er sie endlich zu
trösten. »Gestern warst du noch guten Muts, als wir ankamen. Diese
Einsamkeit ist gewißlich ein herber Gegensatz zu dem Leben und Treiben,
aus dem wir uns losgerissen haben, aber es ist dein Wille gewesen, und
du wirst bald empfinden, daß es recht war, ihn auszuführen.«

Sie legte den Arm um seinen Hals und ließ traurig den Kopf zur Seite
sinken, die Augen gegen das weiße Licht geöffnet, das ins Zimmer sank.
Und so sprach sie auch, von ihm abgewandt und als wüßte sie kaum, daß er
ihr zuhörte:

»Ich fürchte mich. Ich meine, daß ich das Leben nie verstanden habe. Ich
habe gehofft, daß ich hier, von allen Menschen entfernt, meiner selbst
viel sicherer würde, daß die Ruhe und die Natur mir helfen könnten,
vieles leichter und freier zu begreifen als früher, aber hier bedrückt
mich alles. Sieh diese Wände an, es würde kein Ruf, kein Geschrei durch
sie hindurch zu den Menschen dringen, niemand würde uns hier jemals
suchen, man ist wie verabschiedet von allen Lebendigen, und das Moor
sieht aus wie ein einziges endloses Totenfeld. Zu diesen Menschen werde
ich niemals lernen eine Beziehung zu unterhalten, und ich werde nie ihr
Herz finden. Ich verstehe sie in ihrer Sprechweise nicht, und ihre
Angesichter erschrecken mich, und ...«

Er wartete. Dann, als sie schwieg, warf er schüchtern ein:

»Du bist ungeduldig.«

»Ja, vielleicht«, sagte sie müde, »aber ich glaube an die Wahrheit der
ersten Eindrücke, und sich gewaltsam gegen die innere Stimme zu wehren,
hat bei mir niemals zum Guten geführt.«

»Mich trifft hart, was du sagst«, antwortete er ihr, »als wäre ich dir
nichts, als könnte ich dir nichts erleichtern und nichts vertraut
machen.«

Wie eifrig hatte sie sonst solchen Zweifeln und Anklagen seines Herzens
widersprochen. Jetzt nahm sie sie hin, als habe er eine bittere Wahrheit
ausgesprochen.

Und obgleich sie nicht abließ zu weinen, er sah in ihren großen ruhigen
Augen die Tränen langsam kommen und fallen, fuhr er um manches weniger
herzlich fort:

»Vielleicht ist dein Zustand an vielem schuld ...«

Er stockte. Wir schweigen beide beharrlich über das, was uns in Wahrheit
bedrückt, wußte er plötzlich, mit einer heißen Welle von Blut, die ihm
in die Schläfen drang und stürmisch pochte. Er sammelte Mut, den Namen
zu nennen, über dessen Klang hin sie einzig sich auf alte Art des
Vertrauens finden konnten, aber sein Stolz hinderte ihn, da er dem Recht
seiner Liebe zu seinem Weibe nicht Gewalt antun wollte. Er hätte sich
als klein empfunden, wenn er sie über Dinge beruhigt hätte, die ihr
keine Befürchtung bringen durften. Mochte _sie_ sprechen, wenn es not tat.
Dabei betrachtete er ihre Tränen, die das Tuch ihres Bettes näßten, und
schwieg, eigenwillig und traurig und mit seinem ganzen Wesen plötzlich
dorthin versetzt, wohin er seine Gedanken nicht schicken wollte.

»Ich kann nicht«, sagte sie mit Zittern, als hätte sie alle seine
Gedanken und Besorgnisse erlauscht, »sprich doch! Wie hätte ich vorhaben
können, dich zu betrüben. Sprich doch von ... ihr. Sie ist den ganzen
Tag kaum von deiner Seite gewichen, warum sprichst du nicht von ihr? Was
hindert dich daran? Konnte dich kränken, daß ich heute darum bat, du
möchtest sie fortschicken?«

»Nein«, sagte er, »ich habe nicht absichtlich von ihr geschwiegen, ich
glaubte nur, bei deiner Abneigung gegen die junge Dame sei es besser,
die Sache vorläufig ruhen zu lassen.«

Sie fuhr empor und drängte ihn zurück.

»Das ist nicht wahr, das ist nicht alles! Oh, nun erst bin ich traurig.
Ich habe gesehen, wie du in ihr Gesicht geschaut hast, ich habe mit
jedem Wort, das dich von ihr traf und das du ihr entgegnetest,
empfunden, wie sie auf dich wirkt. Eine Abneigung, sagst du, hätte ich
gegen sie? Oh, es ist viel mehr, ich habe ein Grauen vor diesem schönen
kalten Wesen, ich friere und zittere, wenn sie spricht, ihr Lachen nimmt
mir den Atem. Alles an ihr ist lieblos und herzlos, sie sinnt einzig auf
ihren Vorteil und auf ihren Genuß, und jedes Mittel ist ihr recht, ihn
zu erreichen.«

»Nicht, nicht doch«, bat er erschrocken, »nicht heute, nicht jetzt,
denke daran, daß alle Erregung nicht allein dir schaden könnte. Sie soll
fort, ich will es dir versprechen, aber noch kann es nicht sein. Ich
bedarf ihrer. Ich habe erfahren, daß sie als Vertraute des Oheims ...«

»Das ist nicht wahr. Du bedarfst ihrer nicht. Eben noch hast du mir
gesagt, daß wir reich seien, wie kann dir da an einem geringen Opfer
liegen, wenn es meine Ruhe gilt, um die du dich besorgt zeigst?«

»Du denkst falsch von Afra«, sagte er ruhig. »Sie ist ein Kind. Ich kann
ihr nicht morgen verweigern, was ich ihr heute zugesagt habe.«

»So hat sie dir schon Versprechungen entlockt?! Oh, wie ich dies Mädchen
kenne.«

»Sie hat mir nichts entlockt, es ist anders. Ihre Stellung zum Herzen
des Verstorbenen legt mir Pflichten auf. Er macht mich auf eine Art für
ihr Ergehen verantwortlich, die ich achten muß, wenn ich mich seines
Erbteils als würdig erweisen soll. Ich will dir morgen seine Worte
zeigen. Ich fühle tief innerlich, daß ich zu den Dingen stehen muß, wie
er zu ihnen gestanden hat, daß diese Pflicht einen Teil meines
Lebensschicksals in sich einschließt und daß ich nichts daran ändern
kann, ohne die Treue gegen mich selbst zu verletzen.«

Er sprach ernst und so überzeugt, daß es beinahe drohend klang.

Sie richtete sich steil und angstvoll auf und sah ihn groß und entsetzt
an, ihr dunkles Haar hing nächtlich schwer und wie in Trauer um die
blassen Züge ihres Gesichts.

»Helmut ...«

Sie sank in die Kissen und weinte bitterlich und wollte sich nicht mehr
trösten lassen. --

Endlich wurde es ruhig im Zimmer, und es schien, als habe der Schlaf die
junge Frau aus ihren Ängsten in sein Vergessen hinübergetragen, aber der
Gutsherr von Wartalun lag noch lange wach und sah den Mondschein das
Zimmer durchwandern, bis er am Mauerwerk des Erkers endlich ganz
verschwand und nur noch sein Widerschein ein ganz spärliches Licht zu
ihm in den Schlafraum sandte. -- Aus seinem Schmerz rettete ihn ein
bitterer Trotz, der zur Einsamkeit hinüberdrängte, jener Trotz der immer
neuen Erwartung, den nur die Jugend hat, der über die Werte der
Gegenwart zu täuschen weiß und der das aufrichtigste Herz zu betrügen
vermag. Eine fremde, süße und eifrige Freude, von der es ihm erschien,
als ließe sie flackernde bunte Tüchlein der Daseinslust vor seinen
sehenden Augen tanzen, lag im Kampf mit einem bohrenden Bewußtsein von
Schuld. Bis seine Müdigkeit ihm alles verwischte, und in der Wohltat
dieses lauen, gnädigen Versinkens traf ihn geheimnisvoll das Wort des
Toten: »Die Reichen sind oft mißgeschickt zum Kampf.«

                    *       *       *       *       *

Als der alte Diener Melchior am frühen Morgen die Tür zum Hof öffnete,
flatterten die blauen Tauben von der Schwelle auf und schlugen sich in
den roten Streifen der Morgensonne am Dachfirst empor. Er sah
nachdenklich zu ihnen hinauf, wie sie sich in der Kühle drehten, und
strich mit der Hand über die ergraute Schläfe.

Am Tor klang Martins aufgeregte Stimme, Melchior hörte den Namen fallen,
an den er dachte, das gedämpfte Kreischen irgendeiner Mädchenstimme
erscholl, und ein Küchenfenster wurde aufgestoßen. Er schritt in jener
stetig leidenden Besorgtheit hinüber, die oft die welken, bartlosen
Gesichter alternder Hausgeister überzieht, um nach dem Grund des frühen
Lärms zu forschen. Da kamen sie ihm schon entgegen und trugen eine grobe
Holzkiste mit einer kleinen Gittertür. Fräulein Afra sollte man rufen.

Es war ein Marder in die Falle gegangen. Der Alte ließ die Kiste
niederstellen, drehte sie gegen das Licht und schaute hinein. Tief
hinten, in die Ecke gekauert, erblickte er das kleine braune Tier,
abwartend und tückisch kauerte es dort, nur die harten hellen Steinaugen
lebten in kalter Bereitschaft zum Kampf oder zum Tode. Es flößte viel
mehr Angst ein, als es verriet. Wie leicht würde es allen diesen zu
entgehen wissen, wenn es nicht ihrer List erlegen wäre. Voll Verachtung
und Trauer verharrte es in seiner schmachvollen Lage.

Die Köchin riet, den ganzen Käfig ins Wasser zu tauchen, das sei
gefahrlos und sicher; aber Martin sah sie zornig an:

»Fräulein Afra muß zuerst den Marder sehen.«

»Warum?« fragte Melchior. »Warum muß sie ihn zuerst sehen?«

Martin starrte ihn an, er verstand nicht, wie man daran zweifeln konnte.

»Ein Marder ist keine Maus«, sagte er dann, »deine Stubenmäuse braucht
niemand anzuschauen.«

Er gab einem Knecht die Falle in Gewahrsam und eilte fort zu den
Wirtschaftsgebäuden.

»Da findest du das Fräulein nicht«, sagte Melchior in unnahbarer
Überlegenheit und seines Wissens froh.

»Im Schloß?« fragte Martin hastig.

Der Alte nickte melancholisch, und Martin änderte bewegt und erfreut den
Kurs. So gehörte es sich. Das Leben schien ihm wieder leichter. Was wäre
es auch gewesen, wenn jener dünne Herr, der eingedrungen war, Afra etwas
vorenthalten hätte.

Sie kam lachend und mit raschen Schritten die Terrasse herunter und lief
quer über den Rasenplatz, ohne Hut, die Jagdbüchse in der Hand.

»Jetzt werden ihm die Hühner heimgezahlt«, rief sie. Melchiors adelige
Verbeugung voll Zurückhaltung fand keine Beachtung, Martin bekam einen
gelinden Stoß, da sein etwas ruppiger Knabenkopf ihr den Blick in den
Käfig verwehrte. Sie sah hinein, und ihre Züge spannten sich, gefesselt
zu großem Ernst.

»Schön«, sagte sie, »wunderschön ist er.«

Sie wurde einen Augenblick nachdenklich.

»Jetzt paßt auf«, rief sie hell und richtete sich auf, »wir tragen ihn
in den Park auf den großen Rasenplatz, und ich stehe hinter der Falle.
Bei drei macht ihr auf. Er verdient es, in der Freiheit zu sterben. Die
Falle ist gemein. Los, Martin, faß an.«

Melchior beteiligte sich aus der Entfernung, die Knechte und Mägde aber
liefen mit, und Afra ließ es zu.

»Vor dem See«, ordnete sie an, dann kann er nur nach rechts oder nach
links ausbrechen. Ihr müßt viel mehr zurücktreten.«

»Er wird ins Wasser gehen«, befürchtete Martin, aber Afra war es
gleichgültig, wo er getroffen wurde.

»Hast du eine Kugel im Lauf?« fragte Martin.

»Eine Kugel? Du bist verrückt. Tritt zur Seite.«

Sie stellte sich hinter die Kiste in Anschlag, warf das Haar zurück und
kommandierte. Die Tür flog auf, aber das verängstete Tier wagte den
Sprung in die Freiheit nicht ohne Besinnen. Afra stieß die Kiste mit der
Fußspitze an, daß sie wohl einen Meter weit über den Rasen rutschte, da
huschte es heraus, windschnell, ein Schatten, kaum daß das Auge ihm
folgen konnte, grad auf den See zu. Als es den Winkel am Ufer machte, um
seitlich zu entkommen, krachte der Schuß unter den kühlen Augen, die
dieser letzten Flucht mit Sicherheit folgten. Das Tier schnellte
kerzengerade empor, reckte im Todeskampf alle vier Füße starr von sich
ab und kreiste im Niederfallen blitzschnell und sinnlos am Boden, wie
ein zerstörtes Uhrwerk im Ablaufen.

Afra trat mit ein paar schnellen Schritten dicht heran und schaute zu,
wie Tod und Leben in dem kleinen zähen Körper rangen. »Er hat genug«,
sagte sie zu Martin, der zu einem zweiten Schuß riet, und wies ihn mit
einer sachten Bewegung der Hand beiseite, als wünschte sie keine
Gemeinschaft in ihrer Betrachtung. Ihre Augen, voll Grauen und Andacht,
folgten jeder Bewegung des sterbenden Tierchens, das zuckend einen
letzten Kreis auf dem Rasen beschrieb. Die blanken Augen waren noch
ungebrochen, sie glühten lebensgierig und voll böser Unschuld. Aber dann
öffnete sich das beinahe süße, unendlich feine Raubtiermaul, öffnete und
schloß sich und war voll Blut, der Kopf hob sich in die Morgenluft, zu
den Gräsern, die über ihm schaukelten, und sank dann nieder, ohne einen
Schatten von Leid oder Verzerrung, wieder stark und geduldig, wie bei
Lebzeiten, und voll natürlicher Würde.

Oben im Schloß bewegte sich im Schlafzimmer eine Gardine. Die
Herrschaften waren durch diesen Schuß aus dem Schlaf erwacht. Melchior
trat hinzu und meldete es Afra voll ermahnender Nachsicht.

Sie sah ihn an.

»O Guter«, sagte sie still, »deine Sorge wäre auch vor der Schandtat zu
spät gekommen. Übrigens ist es Zeit, aufzustehen.«




Fünftes Kapitel


Einige Wochen darauf erhob sich der junge Gutsherr eines Tages mit dem
Morgengrauen, und, den Sinn voll erregter und trüber Gedanken, wanderte
er planlos die Landstraße entlang, die auf das Dorf Wartaheim zuführte.
Die auf dem Schlosse verbrachte Zeit hatte seiner inneren Bedrängtheit
und dem Gefühl von Fremdheit, das ihn quälte, keinen Abbruch getan. Als
die gewohnten Möbel und Hausgerätschaften angelangt waren, hatten sie
sich nirgends einpassen wollen, und der größte Teil war auf die
Dachböden gestellt worden. Ihm schien, als sollte auch äußerlich alles
anders für ihn werden, wie sein Inneres begann, sich, wie von
unerbittlicher Notwendigkeit gedrängt, auf neue Werte einzustellen. Der
Druck, der auf seiner Seele lastete, wurde ihm um vieles schmerzhafter
unter der geduldigen Art, in der seine Frau das unvermeidlich gewordene
Schicksal ertrug. Sie hatten niemals mehr über die Dinge gesprochen, die
in einer Nacht so gewichtig zwischen ihnen gestanden hatten, aber die
Schatten jener Sorge blieben. Ihr stilles Gesicht, in dem unter der
blassen Stirn die Augen klagten, die ihm einst so froh und
vertrauensvoll begegnet waren und deren Blicke ihm nun auswichen, wenn
andere als alltägliche Angelegenheiten erwähnt werden sollten, verfolgte
ihn überall, anklägerisch ohne Zorn.

Sein Herz war schmerzvoll geteilt. Er ließ sich kraftlos dahintreiben,
auf irgendein Ereignis vertrauend, das alles ändern sollte, das er bald
ersehnte, bald fürchtete. Anfangs hatte er sich bemüht, die
Gutsangelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen, aber seine freie und
kluge Natur sträubte sich rasch dagegen, etwas gewaltsam in sein
Wirkungsgebiet zu bringen, das in Afras Händen besser verwaltet wurde.
Seine Anerkennung verwandelte sich rasch in Bewunderung, und die
Aufrichtigkeit, in der er bewundern konnte, was sie gelassen und
einsichtsvoll tat, beruhigte ihn. Er nahm sie wie eine Wohltat hin, in
der er sich zugleich in seiner Stellung entschuldigt fühlte. Er war voll
lauten Lobes ihrer Fähigkeiten, ihrer Uneigennützigkeit und ihrer
fachlichen Geschicklichkeit und empfand doch, daß sie gerade durch diese
Eigenschaften mehr und mehr Macht über ihn gewann. Sein Trost war, daß
er es gerecht nannte, jedem das Teil an Lebensarbeit zuzuschieben, für
dessen Verwaltung er geschaffen schien. So hatte er es ruhig hingehen
lassen, als er einmal von Martin erfuhr, daß er die bestellten
Kutschpferde nicht bekommen könnte, da Fräulein Afra ihrer bedürfe. Als
der Landrat vor Tagen seinen Besuch machte, hatte Afra dem Beamten
bestellen lassen, der gnädige Herr sei verhindert, ihn zu empfangen, er
möge gelegentlich wiederkommen. Als er dies erfuhr, ließ er Afra zu sich
bitten, da er glaubte, Rechenschaft über diesen selbständigen und
scheinbar unbegründeten Schritt fordern zu müssen.

Sie brachte den Sonnenschein und den Geruch des Gartens mit in sein
dämmeriges Zimmer und lachte, als er von seiner Sorge sprach, der Herr
möchte gekränkt sein. »Sehen Sie«, sagte er unsicher, »der Freiherr tut
mir eine Ehre mit der Aufmerksamkeit an ...«

Sie strich mit der Hand in der Luft seine Worte aus:

»Sie würden alles tun, was Ihr Ansehen herabsetzte«, sagte sie bedacht
und eifrig. »Er hat sich etwas vergeben, indem er kam, ohne Ihren
Besuch abzuwarten. Das ist nicht höflich, sondern unterwürfig. Er kommt
auch nicht zu Ihnen, sondern zu Ihrem Reichtum und weil er hofft,
endlich die Beachtung zu finden, die ihm Ihr Oheim nicht schenkte. Er
würde Ihnen dafür die besten Rehböcke jenseits der Grenze fortschießen.«

Helmut mußte lächeln, aber sie blieb ernst.

»Nun weiß er seine Stellung«, fuhr sie fort, »und Sie können unbesorgt
sein, er wird wiederkommen.«

»So?« fragte er und sah auf. »Wohl nicht einzig meinetwegen?«

Nun war sie es, die lachte. Es gibt nichts Sorgloseres in der Welt als
ihr Lachen, dachte er. Sie sagte leichthin:

»Er langweilt sich.«

Es waren vielerlei derartige Vorfälle gewesen, die ihm bewiesen hatten,
daß er gut daran tat, Afra die Zügel dieser ländlichen Herrschaft zu
lassen, denn sie hatte einen guten Lehrmeister gehabt, dessen Handlungen
sie nicht nur gesehen, sondern auch verstanden hatte. Ihren natürlichen
Sinn für das Zweckmäßige, der weit über die Bedürfnisse des Alltags
hinausging, bewunderte er um so mehr, als er selbst ihn nicht hatte.
Denn er fühlte und wußte wohl, daß seine Geistigkeit und alles, was ihn
innerlich beschäftigte am Fehlen dieses gesunden Sinns litt, den keine
Arbeitskraft entbehren kann, auf welchem Gebiet immer sie sich regt.

Solchen Erinnerungen und Gedanken hing er bewegt nach, als er an diesem
kühlen Sommermorgen durch die Felder seines Guts ging. Ein rechtes
Gefühl für die Bedeutung der Tatsache, daß dies alles in Wahrheit sein
Eigentum war, hatte er noch immer nicht. Oft sagte er es sich mit leisem
Staunen vor: »Diese Bäume sind mein, diese Häuser, dies Land, so weit
ich es sehe, und dieser See.« Fehlte ihm denn der Sinn für das
Erfreuliche dieser Wahrheit und wurden alle Vorzüge seines neuen Lebens
ihm nur deshalb nicht zur Gewißheit, weil sein Inneres durch ganz andere
Erkenntnisse und Zwiespalte ausgefüllt war?

»Arme Elsbeth«, sagte er plötzlich laut.

Er erschrak bitter. Ihm war, als habe er sich selbst, wie einem
grausamen Richter, sein erstes Geständnis abgelegt.

Die Landstraße wurde über eine breite, schwerfällige Brücke geführt, die
über die Anner geschlagen war. Er wußte, der kleine Fluß begrenzte gegen
Norden sein Gut. Das rasche stille Wasser kam aus dem Moorland,
durchfloß die Birkenhaine von Annerwehr, einer kleinen Kornmühle, die es
trieb und die ihm gehörte. Ohne rechten Entschluß bog er in die Wiesen
ein und schritt den schmalen Schilfweg dahin, der hart am Ufer entlang
nach der Mühle führte.

In den ruhigen Schilfhalmen erwachten die ersten Libellen, der Morgen
leuchtete silbern im Wasser, und am Ufer blinkte der Tau. Die Flut eilte
still und schnell dahin, nahm die Rinnsale der Wiesen auf und
verbreitete einen süßen, wärmlichen Duft von sommerlicher Feuchtigkeit.
In den Birken lag der erste Frühsonnenschein.

Wie glücklich es sich hier leben ließe, dachte der Dahinschreitende,
eine große Welt umgibt mich, die mein Eigentum ist. Aber wir besitzen im
Grunde nicht mehr als die Schätze in der eigenen Brust; nur so viel
unsere eigene Natur enthält, wird aus der Umwelt unser Eigentum.

Durch die Bäume klang das ferne Rauschen des kleinen Wasserfalls von
Annerwehr. Als er die letzten Uferbüsche durchschritten hatte, die den
Weg beengten, sah er das Anwesen vor sich liegen, das rote Dach
leuchtete in der Sonne, und das schmale, hohe Mühlrad glitzerte vom
rinnenden Wasser.

Auf einer bemoosten Holzbank am Wasserfall saß Afra. Er blieb stehen und
schaute zu ihr hinüber. Es wunderte ihn nicht, sie so plötzlich vor sich
zu sehen, beinahe erschien es ihm natürlich, da seine Gedanken bei ihr
geweilt hatten. Hinter ihr bewegte ihr Pferd sich grasend auf dem
Wiesengrund. Als er hinzutrat, sah er, daß sie fischte. Sie wandte sich
nach ihm um und lächelte ihn an, ihm war, als habe sie ihn schon längst
gesehen, so ohne Überraschung begrüßte sie ihn.

»So früh schon?« sagte er herzlich im Aufwallen eines Gefühls von
inniger Freude.

»O bitte, treten Sie ein wenig zurück«, bat sie, »Ihr Schatten darf
nicht aufs Wasser fallen.« Sie wies neben sich. Im Gras, ihr zur Seite,
lagen zwei prächtige Forellen. Sie gab ihm die Hand, ohne sich voll nach
ihm umzuwenden, dann rückte sie auf der Bank ein wenig beiseit, um ihm
Platz zu machen.

»Auch dies verstehen Sie«, sagte er, »wie wohl es Ihnen ansteht, Afra.
Und Ihr Erfolg macht es nützlich.«

»Wie weise«, lachte sie, »Ihr Oheim hat es mich gelehrt.« Er sah ihr zu,
wie sie langsam und sorgfältig einen neuen Wurm auf den Haken zog. »Wenn
er sich noch bewegt, so ist es am besten«, erklärte sie ihm, »die
Forellen erkennen in den Wirbeln ihre Nahrung nicht deutlich, sie
schießen auf die Bewegung hin zu.« Sie schnellte die Angel in das
Gefälle, so daß sie durch die Strudel in die Mitte des Kessels trieb,
den der Fall bildete.

Ihm war, während er in das kreisende Wasser starrte, als wäre irgend
etwas Wichtiges zu sagen. Der Frohsinn seiner Stimmung war dahin. Auf
den Wiesen, jenseits des Wassers, wurde Gras gemäht, und in den
Niederungen schritten Störche durch die flachen Tümpel. Sie schwiegen
beide. Afras klares Gesicht war voll heller Wunder einer unbedachten
Seligkeit an Jugend und Leben. Nach einer Weile trat der Müller zu
ihnen, grüßte zurückhaltend und betrachtete den jungen Gutsherrn
aufmerksam.

Helmut richtete ein paar Fragen an ihn, die Afra überflüssig fand. »Es
wird mir schwer, mit den Leuten in rechte Beziehung zu treten«, sagte er
später dem Mädchen; sie lächelte unter den sinnend gesenkten Augen und
antwortete nicht. »Ich habe keine rechte Ruhe mehr zum Fischen«, meinte
sie bald darauf und zog die Angel ein. Sie empfahl das Pferd der Sorge
des Müllers, und bald darauf schritten sie miteinander quer über die
Wiesen auf Wartalun zu, und er trug ihre Beute.

Er wußte nicht recht, wie ihm der Gedanke gerade nun kam, aber plötzlich
empfand er: sie ist herzlos. Wie sie vor ihm dahinschritt, berauschte
ihn die liebliche Vollkommenheit ihres jungen Körpers, seine Frische und
Kraft. Alles an ihr schien seiner selbst in unzerstörbarer Seligkeit
gewiß, die kleinen kräftigen Hände, die unberührten Augen und die
rötlichen Feuer ihres Haars an den Schläfen. Zögernd sagte er:

»Ich denke viel mehr an Sie, Afra, als an meine Pflichten.«

Sie antwortete ihm frei und ernst, so sei es ihr lieb, denn es sei am
besten, sie übernähme diese Pflichten an seiner Stelle. Dann fragte sie
ihn ganz unvermittelt und ein klein wenig unsicher:

»Ich habe gesehen, wie viele Bücher Sie mitgebracht haben, und mich
verlangt oft sehr danach, zu lesen. Sind welche darunter, die ich
verstehen kann?«

»Viele«, sagte er eifrig, »ich will Ihnen welche auswählen, und wenn es
an Verständnis fehlen sollte, so will ich gern nachhelfen. Es ist
hübsch, ein Buch miteinander zu lesen.«

Sie nickte zögernd, dann sagte sie: »Die Bücher, welche der Pfarrer von
Wartaheim aufhebt, erfreuen mich nicht. Ich glaube, sie sind nur dazu
da, damit er sie jährlich einmal vom Staub reinigen kann. In den Büchern
der Schloßbibliothek finde ich mich nicht zurecht. Es sind alles große
schwere Bände und so dick, daß man den Mut verliert, bevor man sie
geöffnet hat.«

»Ich habe immer nur mit meinen Büchern gelebt«, fuhr er fort, ohne auf
sie einzugehen. »Schon als Kind. Sie waren in aller Bedrängnis meines
Lebens meine Gefährten und meine Tröster. Sie schauen mich zweifelnd an,
gewiß glauben Sie nicht recht, daß es für mich oft schwere Stunden gab.
Äußerlich war es auch nicht so, aber ich war meine Jugend hindurch fast
immer allein. Ich bin ohne Geschwister aufgewachsen und habe von den
Freuden meiner Jugendgenossen nur die wenigsten teilen können. Ich
fühlte mich dem Leben gegenüber zurückgesetzt, weil ich niemals die
glückliche Unbefangenheit gehabt habe, seine Güter bedachtlos als mein
Recht für mich zu beanspruchen. Es ging mir den Gütern des Daseins
gegenüber ähnlich, wie es Ihnen angesichts der Bücher unserer Bibliothek
ergangen ist. Ehe ich sie mir zu eigen machte, entmutigte mich ihre
Größe. Ich war im Leben etwa das Gegenteil von Ihnen ...«

»Denken Sie nicht gut von mir?«

»Aber Afra, nicht doch, oh, gewiß nicht. Sie müssen verstehen, wie ich
Sie sehe. Sie sind für mich wie eine Offenbarung dessen, was Gott mit
uns Menschen vorgehabt hat. Sie gehen dahin wie die vollkommene
Verwirklichung eines glühenden Traums. So stark, so unschuldig ist
alles, was Sie sind und tun. Keine Gedanken trüben Ihren reichen,
glücklichen Tag, Sie sehen das Leben vor sich liegen in fröhlicher
Erwartung des Besten, was kommen kann, Sie sind schön, Gott weiß es, Sie
sind wunderschön!«

»Oh«, sagte sie leise und hob ihr erglühtes Angesicht zu ihm empor,
senkte schnell wieder das blonde Haupt und stammelte:

»Warum sprechen Sie so gut von mir?«

»Ich kann nie Worte finden, um Ihnen zu sagen, wie von Herzen lieb Sie
mir sind«, sagte er rasch und bebend und blieb stehen und preßte die
Hände ineinander. Sein Gesicht war so traurig bei diesen Worten, als
wünsche er sich nichts, als sterben zu dürfen.

»Aber nein ...« sagte sie, und dann begann sie plötzlich zu lachen, trat
auf ihn zu und suchte seine Hand zu ergreifen. Aber sie konnte seine
Hände nicht auseinanderlösen, da sank auch die ihre nieder, und sie
starrte ihn mit großen verwunderten Augen an, wie er dastand in der
Sonne, mit seinem von Schmerz ganz entstellten Gesicht, und ihr war
zumut, als sei er unerreichbar fern und ganz allein in der grünenden
Erdenweite, die sie umgab.

»Du lachst«, sagte er, krank vor Bitterkeit.

»Was soll ich denn sonst tun?« rief sie trotzig.

Der gekränkte Ton ihrer Stimme rief ihn zu sich.

»Kind«, sagte er, »ach Kind. Vergib ... vergeben Sie, Afra. Versuchen
Sie, mich zu verstehen. Es muß Ihnen schwer sein -- glauben Sie mir, daß
ich anders als andere Menschen bin, haltloser, wertloser ...«

»Ja, so erscheint es«, sagte sie, hart auch gegen sich selbst.

»So erscheint es Ihnen!« Er sah sie einsam an. »Nur dies erkennen Sie,
nur dies geben Sie mir zu. Wer in der Welt weiß mehr, wer spricht mich
noch frei? Ach, nun wohl niemand mehr, weil ich nur deine Stimme noch
hören will, diese schöne, herzlose, klare Menschenstimme. Afra, so klang
es mir schon meine ganze Jugend hindurch aus der Welt entgegen. Wenn ich
mich herabsetzte, um anderen recht zu geben, die geringer als ich waren,
so ist immer dieselbe Antwort zurückgekommen, die Sie mir gegeben
haben.«

»Warum sind Sie traurig?« fragte Afra.

»Oh Unschuld, süße, harte Unschuld du. Kind du! Ich bin es nicht, da es
doch dich in der Welt gibt. Denke von mir, wie du willst, ich denke an
dich in all der Frömmigkeit, zu der mein Herz verurteilt ist.«

»Wie soll ich Sie denn recht verstehen?« fragte sie betrübt. »Es macht
mir Angst, wie Sie sprechen. Ich habe ja nicht gelacht, um Sie zu
verletzen, ich habe überhaupt nicht über Sie oder über Ihre Worte
gelacht. Ich habe gelacht, weil es mich schüttelte. Sie verstehen
wahrscheinlich nicht, wie man zu so etwas kommen kann. Dann trug gewiß
auch noch dazu bei«, fuhr sie zögernd und mit einem schüchternen Lächeln
fort, »daß Ihre Brillengläser in der Sonne so zornig blitzen, daß ich
denken mußte, es wären Ihre Augen, die ich nicht sehen konnte. Denken
Sie, solche Augen macht doch niemand, der so trübsinnig redet.«

Er schwieg eine Weile, indem er nachdenklich nickte.

»Dir gegenüber«, sagte er dann zögernd, »werden alle anderen zuletzt
unrecht haben.«

»Wieso?« fragte sie.

Er antwortete ihr nicht, sondern schritt, wie im Bann ganz neuer
Gedanken, still neben ihr hin, ein verwindendes Lächeln in den früh
gealterten Zügen seines Gesichts. Da warf Afra mit leichtsinniger Anmut
ihr Haupt zurück in den Sonnenschein. -- Es blieb von diesem Tage ab
heimlich zwischen ihnen bei diesem »Du«, das ein Augenblick der Erregung
mit sich gebracht hatte.




Sechstes Kapitel


Afra zog in dieser klaren Nacht die hellen Vorhänge von den Fenstern
ihres Wohnraumes fort, der Mond war aufgegangen, aber sie sah ihn nicht,
als sie sich nun in die kühle Nacht hinausbeugte, die einen Geruch von
Heu und Jasmin zu ihr hereintrug. Im stillen Hof hörte sie feine hohe
Stimmchen im Dunkeln, drüben auf dem Giebel des Gesindehauses saß eine
Eule starr und bewegungslos, als sei sie aus Stein gehauen. Die Schatten
der Türme, zwei schwere Teppiche, die sich an der Mauer emporhoben,
lagen im Hof.

Afra bewohnte nun wieder die schönen Räume des Schlosses, die ihr der
alte Graf seit ihren frühesten Mädchentagen eingeräumt hatte, aber sie
waren seit kurzem verändert, und nur wenig erinnerte noch an den
Aufenthalt eines jungen Mädchens von noch nicht zwanzig Jahren. Der
zierliche Schreibtisch aus alter Zeit, mit seinen geschwungenen goldenen
Beinen und seinen winzigen Fächerchen, hatte einem breiten Arbeitstisch
Platz gemacht, auf dem die ganze bleiche Nüchternheit des geschäftigen
Alltags ausgebreitet lag. Geschäftsbücher und Rechnungen, die
Arbeitshefte des Gesindes und Kornproben neben Jagdpatronen. Die
geflochtene Reitpeitsche diente als Briefbeschwerer, und ihr feines Ende
lag wie ein gewundener Schlangenleib über einer Planzeichnung der neuen
Grabenanlagen von Wendalen. Auf alles sah hoch von der Wand, aus einem
Kranz von Efeublättern, das stolze und melancholische Lächeln des
letzten Grafen von Wartalun hernieder.

Afra kam aus dem Park. Nun nahm sie den breiten Sonnenhut mit raschem
Griff von den hellen Haaren, warf ihn in weitem Schwung auf das Ruhebett
in die Zimmerecke, daß die blauen Bänder im Drehen flatterten, und ließ
sich auf dem lieblosen Holzstuhl nieder. Das Kinn in den Händen, sah sie
in das Angesicht des Toten empor, der in ihrem Herzen lebte.

Schaute man vom nüchternen Ernst und der Sachlichkeit der vielerlei
Tischgeräte in ihr Angesicht, so erschien das Mädchen wie ein großes
verirrtes Kind. In der Nacht, in der vieles beredt wird, was am Tage
schweigt, begannen die armen Dinge des Alltags ihre verschwiegene
Zwiesprache mit ihrer jugendlichen Herrin. Ein erstauntes Raunen stand
auf, schwirrte durch den Raum wie Insekten der Nacht, alles sprach leise
durcheinander und blieb unverständlich und fremdartig. Es sang und
summte um die Augen und um die Lippen des Mädchens, als käme von ihnen
ein verwirrendes Licht. Aus Zahlen und Buchstaben brausten leise fernher
die wogenden Kornfelder im Sommerwind, die Pferde schnoben, und ihr
Atem dampfte im Frühnebel, die gefällten Baumstämme ächzten im Sinken,
und das Wasser plätscherte über das bemooste Mühlrad. Stimmen riefen,
heiße Gesichter tauchten auf, von Arbeit gefurcht, und Lachen und Weinen
erklang. Nun brach es stürmisch durchs grüne Unterholz des Waldes,
schnellte verzweiflungsvoll empor, und über dem feuchten Moos brachen
die großen, friedsamen Augen. Die wilden Tauben stellten ihr
inbrünstiges Rufen nicht ein, und aus dem sanften Talgrund klang der
Kuckuck. Die Abendsonne schlich rot über die Hänge und verwandelte die
Kornfelder in ein goldenes Meer ... Nun sang eine Mundharmonika in den
Mond hinüber, sie kam aus dem Schatten, in dem noch eben eine Stalltür
angeschlagen hatte ...

Afra sah auf. Das war Wirklichkeit, die liebe weinerliche Weise lebte
draußen in der Kühle. Sie sah hinaus mit einem traurigen Blick, der eben
noch wie um Antwort bittend in den Zügen des alten Mannes gesucht hatte.
Worauf hatte sie eine Antwort gewollt? Hatte sie nicht im Grunde zu ihm
gesprochen, während alles umher zu ihr sprach? Sie besann sich wie auf
einen Traum, und nun wußte sie es wieder: »Du bist allein gewesen. Du
bist hart gewesen. Ich habe deine Liebe geliebt, ohne zu würdigen, daß
sie mir galt, ich habe sie niemals annehmen können. Laß mir deine Liebe,
in ihr bin ich jung und noch immer ein Kind. Unter diesen anderen bin
ich früh verdammt, älter zu sein als sie, härter als sie und als ich
möchte.« -- Sie hatte sicher diese Worte nicht gesagt, aber sie mögen
etwas von dem enthalten, was ihr Gesicht ausdrückte.

Da heulte Aja draußen auf, und Fenn fiel ein. Langgezogen und erbost und
angstvoll. Ein böses, andauerndes Bellen folgte und kam eilig näher.
Afra trat ans Fenster und pfiff ihren hohen, kurzen Pfiff, aber die
Hunde gaben nicht Ruhe, eher schlugen sie eifriger an, und doch sicherer
und weniger angstvoll, als wüßten sie nun, daß man ihre Warnungen
beachtete. Da rief Afra mit ihrer klaren Stimme die Namen der Tiere, und
sie kamen heran, unter ihr Fenster, blieben dort stehen, die schwarzen
gesenkten Köpfe boshaft gegen den Park gerichtet und widerwillig
gebannt. Und wenn auch bebend und mit funkelnden Augen, so gehorchten
sie doch auch nun, als langsam aus dem Dunkel eines Parkwegs, auf die
Holzpforte zu, eine weiße Gestalt nahte. Afra starrte hinüber und fühlte
ihr Herz stillstehen ... Es lag daran, daß sie eben noch an ihn gedacht
hatte, der draußen im Grund des Parkes schlief. Aber dann fuhr sie mit
kurzem Auflachen über ihre Stirn, besann sich und schwang sich über das
niedrige Fensterbrett in den Hof hinab, um der fremden Erscheinung
entgegenzugehen. Die Hunde folgten ihr knurrend, ein unüberwindbarer
Schutz, eines Winks gewärtig, um vorzustürmen, aber dann begann Aja
zögernd zu wedeln ... Afra erkannte die junge Gräfin von Wartalun, die
Gattin des Mannes, der heute morgen mit ihr über die Wiesen geschritten
war.

Sie öffnete die Holzpforte.

»Der Garten ist feucht«, sagte sie ruhig, als sie das dünne Tuch über
den Schultern der jungen Frau erkannte.

»Ja, es ist spät geworden«, kam zögernd die Antwort. »Ich danke Ihnen,
daß Sie die Hunde beruhigt haben. Sie kennen mich immer noch nicht.«

Es klang wie eine Anklage.

Afra sagte:

»Doch, aber Ihre Erscheinung war ihnen im Nachtlicht fremd. Sie kümmern
sich auch nicht um die Tiere.« Sie wollte in ihrer Aufklärung darüber,
wie man die Hunde an sich gewöhnen könnte, fortfahren, aber sie ließ es.
Aja und Fenn gehören mir, dachte sie. Auch lag ihr nicht daran, der
jungen Frau gegenüber, die sich in all der Zeit kaum um sie gekümmert
hatte, mehr Worte als nötig zu machen.

»Darf ich für eine Weile zu Ihnen eintreten?« fragte Frau Elsbeth mit
einem vernehmlichen Beben in der Stimme.

Afra nickte.

»Wir müssen durch den Hof über die Terrasse«, sagte sie.

Sie schritten nebeneinander dahin, nicht ohne daß die junge Frau sich
zuvor durch einen schnellen Blick davon überzeugt hatte, daß die Lichter
im Saal erloschen waren.

Als sie ins Haus eintraten, griff Afra hinter die Vorhänge des Fensters,
zog eine Kerze hervor und zündete sie an. »Auf den Treppen ist es
dunkel«, warf sie ein und löschte das Zündholz sorgfältig. Die Hunde
waren draußen geblieben. Im hohen Flur des Schlosses verlor sich der
Lichtschein, die Treppengeländer tauchten aus dem Dämmerlicht empor wie
Luftbrücken, und während Afra, die voranschritt, langsam Stufe für Stufe
nahm, wobei sie das Licht hochhielt, damit die Nachfolgende es leichter
haben möchte, ihr zu folgen, dachte sie darüber nach, was der Grund
dieses späten Besuchs sein könnte. Darüber kam ihr in den Sinn, was
Martin ihr vor kurzem von Gräfin Elsbeth erzählt hatte. Sie war in das
Haus eines kleinen Bauern nahe bei Wartaheim gegangen, um ihm eine
Geldsumme zu erlassen, die er dem Schloß schuldig war. Sie hatte das
Kind der armen Leute aus seiner dürftigen Wiege gehoben und es an ihr
Herz gedrückt. Alle sprachen von diesem ungewöhnlichen Vorfall.

»Gehe ich zu rasch?« fragte Afra zurück.

Es kam keine Antwort.

Afra empfand diese Handlung als gut und schön, aber irgend etwas daran
beschämte sie, und sie empfand, daß dies Gefühl von Scham nicht allein
demütigend für sie selbst war. Es erschien ihr nicht alles rechtlich an
dieser Handlung. Sie hatte den Gruß des Bauern am nächsten Tag
unerwidert gelassen. Unter dieser neuen Herrschaft werden alle den
Respekt verlieren, dachte sie; diese Wohltaten stiften Unordnung, weil
sie den Einfachen ihre einzige Würde rauben. Vielleicht kam ihr dieses
Urteil daher, weil sie solche Handlungen einer eilfertigen Güte niemals
bei ihrem väterlichen Freund gefunden hatte, an dessen großem Herzen sie
trotzdem nicht gezweifelt hatte. Auch er war freigebig gewesen, aber
ohne sich herbeizulassen und ohne zu demütigen.

An den Wänden tauchten in matten Farben erloschene Angesichter auf. Nun
mußten sie die Treppe zum Flügel des Schlosses wieder hinunter. Die Tür
schrie grell in ihren Angeln. Die junge Frau zuckte zusammen wie unter
einem Aufschrei. Afras ruhige Augen ließen alles gelassen geschehen. Als
sie endlich im Stübchen des jungen Mädchens angelangt waren, ließ Gräfin
Elsbeth sich schwer auf einen Sessel sinken, der nah am Kamin stand, und
sprach wie zu sich selbst leise Worte vor sich hin.

Afra lehnte sich an ihren Schreibtisch. Als nun die junge Frau das
Gesicht gegen sie hob, erschrak sie furchtbar. Alles, was jetzt kam,
entwickelte sich so unverständlich hastig, so leidenschaftlich schnell
und überraschend, daß Afra erst viel später deutlich empfinden lernte,
um was es sich gehandelt haben mochte. Sie hörte einen langen weinenden
Aufschrei, so klagend, wie sie niemals die Stimme eines Menschen gehört
hatte, und verstand von den blassen, zuckenden Lippen der Frau zu ihren
Füßen nur abgerissene Worte, aus denen immer wieder die flehentliche
Bitte klang:

»Geh fort, geh fort aus diesem Haus!«

Afra konnte sich lange nicht fassen, denn sie empfand unbewußt, daß alle
Mittel, deren Macht sie erprobt hatte, diesem Schmerz gegenüber ohne
Wirkung bleiben würden.

»Der Tod kommt mit dir zu uns«, hörte sie, »ich flehe dich an, geh
fort, ich und das unwissende Kind, das mir an meinem Herzen vertraut. --

Du hast alles zerstört, Afra! Daran bist du vielleicht unschuldig, das
weiß allein der barmherzige Gott, der dies Unglück zugelassen hat, aber
was kommt, ist gräßlich. Du kannst es hindern, wenn du gehst. Das Kind,
um derentwillen ich bitte, soll seine Hände gegen das Herz seines Vaters
erheben, und er wird sich dann zu seinem Glück zurückfinden lernen, das
du gemordet hast. Bedenke, wie wird er es lieben, wenn es erst
einherläuft. Aber morde nicht mein Kind, ermorde mein kleines Kind
nicht, das sich nicht wehren kann. -- Ich hätte meine Heimat nicht
verlassen dürfen, dies Haus ist voll böser Geister, die alles verderben.
Nimm von uns, was du willst, ich bin reich -- aber geh noch in dieser
Nacht.«

»Stehen Sie auf!« rief Afra.

»Gehen Sie fort!« flehte es zu ihren Knien. »Er darf Sie niemals
wiedersehen. Er greift im Schlaf nach Ihnen und stammelt von seinem
Verlangen, indem ich das Leben seines Kindes pochen fühle. Ich habe
nicht gewußt, daß solche Marter auf der Erde möglich ist, als ich von
meiner Mutter fortging! Oh, glauben Sie etwa, ich könnte nicht sterben?
Leicht, leicht! Ich habe verlernt zu leben, der Tod ist süßer als jeder
Schlaf für mein zertretenes Wesen. Aber das Kind --«

Afra ergriff ein Zorn, wie sie ihn nie gekannt hatte. Sie bebte am
ganzen Körper, und alles in ihr drängte sie übermächtig dazu, diesen
Mund mit Gewalt zu schließen, der so unerhörte Dinge in ihr Leben
hineinstöhnte. Sie hatte nur den einen Wunsch, diese furchtbare
Demütigung, die geschah, möchte ein Ende finden.

»Ich bin ein Mensch wie du«, rief sie, ohne zu verstehen weshalb, und
versuchte die schwere Frau zu ihren Füßen aufzurichten, deren Haar sich
gelöst hatte und deren Augen mit dem beinahe tierischen Ausdruck eines
sinnlosen Schmerzes zu ihr aufstarrten.

»Oh, laß deinen Stolz«, schrie die Verzweifelte auf, »dein Stolz wird
eines Tages gebrochen werden wie der meine. Du wirst bitten und knien
lernen wie ich, wenn sich in deinem Leben erfüllt hat, wozu es gut ist.
Was soll ich tun, damit dein kalter Sinn mich begreift? Du bist noch du
selbst, du hast noch keinen Schritt ins Leben gemacht. Das sind
Torheiten, glaub mir, in denen wir leben, bevor wir zu sterben beginnen.
Aber du bist ein Weib, höre mich: Er hat mich mit seiner Gier gepeinigt,
die dich meinte. Er ist nicht schlecht ...«, und ohne daß Afra
geantwortet hatte, schrie sie ihr ins Gesicht: »Schweig, er ist gut! Er
leidet. Du weißt nicht, was das heißt. Leiden kenne ich nun! Die
Finsternis ist ein einziger wütender Schmerz, und das Leben nichts als
ein Abgrund von solcher Finsternis. Ich versinke!« schrie sie gellend.
»Rette mich, halte mich!«

Da sprang Afra auf und zurück, die Farbe des Todes in ihrem Gesicht, das
wie unter einem furchtbaren Traum zerrissen erschien. In einem Grauen,
das sie beinahe betäubte, ergriff sie den Klingelzug an der Tür und riß
ihn wieder und wieder nieder, so daß die Glocke durch das stille Haus
gellte wie eine Kinderstimme, die sich in Todesfurcht überschreit. Dann
stieß sie die Tür auf, um der Errettung, die sie gerufen hatte, den Weg
zu bereiten, und lauschte mit weißem Gesicht in die Finsternis der
ruhigen Halle hinaus. Es war ganz still geworden. Sie stand wie eine
Bildsäule am Ausgang des Zimmers, immer noch den Glockenzug in der
gekrampften Hand, und schaute starr auf die junge Frau nieder, die am
Boden lag, ohne noch ein Lebenszeichen von sich zu geben. Ihr Angesicht
ruhte auf dem willenlosen Arm, und über den Fußboden flutete ihr dunkles
Haar. Das verlieh der Haltung etwas grausam Gewaltsames, als wäre sie
von rohen Fäusten niedergerissen worden ...

Da endlich klang oben im Haus eine rufende Stimme, es war Melchior. Im
Flügel des Herrn konnte man den Klang der Glocke kaum vernommen haben.
Aber ehe der Alte noch die Treppe niedergestolpert war, hörte sie
Martins Fäuste an die Läden des Fensters schlagen, die sie bei ihrem
Eintritt geschlossen hatte.

»Afra«, brüllte er draußen, »ist der Teufel los?! Soll ich die Läden
einschlagen?«

Sie wollte antworten, aber sie brachte keinen Laut hervor.

»Allbarmherziger Gott ...« hörte sie neben sich. Da stand Melchior im
Rahmen der Tür.

»Teufel auch«, klang es draußen wieder keuchend, und dann krachte der
Laden unter Martins Fäusten. Unter diesem Beweis einer natürlichen Kraft
kehrte Afras Besinnung zurück. Ihre Bewegung erlöste sich in einem
maßlosen Zorn, den sie nicht verstand.

»Rasch«, schrie sie Melchior an, »die Kammerzofe der gnädigen Frau,
Iduna, soll kommen.«

»Hier ist ein Mord geschehen«, heulte Melchior.

»Esel! Schweig! Komm erst her und hilf mir die Kranke auf das Bett
legen. Worauf wartest du?!«

»Ich werde den Herrn Grafen ... o Afra, Afra, was hast du getan!«

»Gehorche! Hund du, tu, was ich sage!« Afra sprang zum Tisch und riß die
Peitsche von den Blättern.

»Gehorchst du?«

»Dir? Nie. Nie mehr! Der Graf soll kommen ...«

Ehe ein zweites Unheil geschah, wurde Afra durch das Klirren der
Fensterscheibe aus ihrem Rausch von Zorn und Todesangst gerissen. Martin
öffnete sich in bäuerischer Gelassenheit und in unbekümmertem Vertrauen
auf das erwiesene Übergewicht seiner Fäuste das Fenster nun selbst und
stand plötzlich neben Afra, oder vielmehr zwischen Melchior und ihr,
denn er erkannte, daß sich der Zorn seiner jungen Herrin zunächst gegen
den Alten richtete. Und so war auch Afra in diesem Augenblick nichts
wichtiger als die Niederlage dieses eigensinnigen Widersachers.

»Wirf ihn hinaus!« rief sie. »Sofort!«

Melchior erhob sich drohend, ganz verstört im Eigensinn einer
vermeintlichen Treue, aber Martin hatte Afras bleiches Gesicht gesehen,
und ihn bewegte nur ein einziger Gedanke. Es mochte ein alter Grimm
gegen Melchior hinzukommen, jedenfalls sagte er mit einer Bewegung, die
nicht falsch zu verstehen war:

»Du hast gehört ... also geh lieber selbst.«

»Du junger Bursche wagst ...«

Da war er draußen, und die Tür war zugeschlossen, und die Finsternis
verschlang die Versicherungen von Würde, die der Alte draußen keuchte.

Afra lachte krampfhaft auf.

»Verflucht«, sagte Martin, »das ist ja wahrhaftig die neue Gnädige. Ich
habe mir gleich gedacht, daß es nicht gut geht.«

»Komm, hilf«, sagte Afra, die sich endlich gefaßt hatte. Sie trugen die
ohnmächtige Frau schwer und langsam ins Nebenzimmer und legten sie auf
das Bett des jungen Mädchens.

»Tot ist sie nicht«, sagte Martin.

»Schweig doch!« rief Afra heftig, aber in dem beinahe vertraulichen Ton,
in den sie Martin gegenüber stets verfiel. Von frühester Kindheit an war
eine bewährte Kameradschaft zwischen ihnen gewesen, die auch mit sich
brachte, daß Martin sich mehr als alle anderen vor Afra erlauben durfte.

»Junge, Junge«, sagte er ratlos, »das passiert nicht alle Tage. Was soll
ich denn jetzt tun?«

Afra stand vor dem Spiegel und ordnete ihr Haar.

»Mach drüben die Lichter an.«

Er gehorchte. Dann kam er zurück.

»Du wirst jedenfalls zum Arzt müssen, Martin, geh, schirr >Husar< an,
oder willst du reiten?«

»Da ist mir schon der Wagen lieber.«

»Natürlich. Also tu, was du willst, nur eil dich.«

»Was ist denn hier nur geschehen?« fragte der Bursche. Afra wandte sich
um, da sie hörte, daß er an seiner Hand saugte.

»Blutest du?«

»Das ist das wenigste«, sagte er, »aber dir geht es schlecht. Du siehst
wie Kreide aus.«

»Komm her«, sagte Afra, zog ihn am Ärmel zum Tisch, goß Wasser über
seine blutenden Finger und zerriß ein Taschentuch zu zwei Streifen.

»Deine Hände zittern«, sagte er.

»Halt still«, gab sie zurück.

Sie half ihm mit ihrem ernsten Gesicht, das einen Ausdruck von
kindlicher Geschäftigkeit bekam. Dann gab sie ihm einen gelinden Stoß,
und als die Tür sich nun öffnete, stand sie wieder vor dem Spiegel und
steckte ihr Haar, das im Kerzenschein in seltsam bösen und unschuldigen
Lichtern flimmerte. Sie sah im Glas, daß Melchior mit einer Miene von
eiserner Dummheit halb im Rahmen der Tür stand und die Klinke hielt.

»Ah, Melchior«, sagte sie leise, ohne den Kopf zu wenden, »morgen gehst
du, hast du verstanden? Mittags bist du über alle Berge und läßt dich
nie mehr in Wartalun sehen.«

Er antwortete nicht. Als sie sich umdrehte, stand Graf Helmut hinter
ihr.

»Was bedeutet dies alles?« sagte er mit erhobener Stimme, die jedoch
merklich zitterte. »Wo ist meine Frau?«

Da stolperte Melchior vor ihn hin.

»Herr ... ich bin im Dienst in diesem Haus ergraut. Lassen Sie nicht zu,
daß mir Unrecht geschieht.«

Afra wandte sich langsam völlig um und sah Helmut abwartend an, mit fest
geschlossenen Lippen und kalten Augen, in einem eigenen Trotz der
Erwartung, der doch im Grunde Sicherheit war.

»Gehen Sie hinaus«, sagte der junge Herr zu Melchior.

Afra schob Martin hinter dem Alten her, der fassungslos gehorchte. Ehe
sie die Tür ganz geschlossen hatte, fuhr es Graf Helmut unbeherrscht und
in großer Erregtheit heraus:

»Afra, das geht zu weit. Ich bestimme in diesem Haus. Laß mich mein
Vertrauen nicht bereuen. Hüte dich, leg mir nicht als Schwäche aus, was
Gerechtigkeit war, zwing mich nicht zu Handlungen, die mich schänden.«

»Zwinge du niemand dazu!« rief sie hell und beinahe völlig am Ende ihres
Halts. Oh, wäre nur jemand hier gewesen, dessen Arme stark gewesen
wären, sie hätte sich mit wildem Aufweinen hineingestürzt. Er hatte sie
niemals so gesehen. Mit der ihm eigenen Fähigkeit, den Zustand anderer
zu erkennen, sah er, daß etwas ganz Ungewöhnliches geschehen sein mußte,
denn er wußte, daß Afras gelassene Natur nicht durch kleinliche Dinge in
Aufruhr zu bringen war, und er empfand diesen Aufruhr ihrer Seele wie
einen hellen heißen Wind. Dabei war er in aller Not seiner Zweifel
gezwungen, zu sehen, wie wunderschön sie war in der heimlichen Glut
dieser leidenschaftlichen Flammen, die sie erhoben. Ihr Anblick bannte
ihn auch dann noch, als sie herzlos und böse fortfuhr:

»Wenn du in diesem Hause bestimmst, und mit der Gerechtigkeit, die du
vorgibst, so bewahre mich, dich und deine Frau vor solchen Auftritten,
wie hier eben einer stattgefunden hat ... ich bitte dich«, fügte sie
hinzu, da sein Schreck sie bestürzt machte.

Er starrte sie an.

»Was ist denn geschehen? Aus Melchiors Gestammel bin ich nicht klug
geworden. Afra, sag rasch!«

Sie wies auf die geöffnete Tür zum Nebenzimmer.

»Dort liegt deine Frau ...«

Er machte ein paar haltlose Schritte auf die Tür zu, ergriff aber dann
schwankend die Lehne eines Stuhls, und die Hand an der Stirn, blieb er
mit einem tiefen Seufzer stehen, der alles wie mit Traurigkeit erfüllte.
Er ahnte, was geschehen sein mußte, ihn verlangte plötzlich nicht mehr
danach, Einzelheiten zu wissen. Am Abend hatte Elsbeth ihm
leidenschaftliche und schwermütige Andeutungen von ihrem Vorhaben
gemacht, die er nun verstand. Er schämte sich heiß vor Afra, ihm war,
als müßte er ihr etwas abbitten und nicht jener Frau, die dicht neben
ihnen in ein Vorgefühl ihres ewigen Vergessens versunken war.

Er fragte Afra, nur indem er mit dem Kopfe eine Bewegung auf die Tür zu
machte, wobei er sie ansah.

»Sie ist ohnmächtig«, sagte Afra, »und liegt auf meinem Bett.« Ihr war
plötzlich frei und leicht zumut. »Martin ist zum Arzt gefahren, ich
glaube aber nicht, daß deine Frau anders krank ist als hier.« Sie wies
auf ihr Herz und lächelte traurig, als wollte sie irgend etwas
hinzufügen, was ihrem Fühlen nah, aber ihrem Erkennen fern lag.

Betone nur dein eigenes Herz nicht, dachte er bitter, und wußte doch,
daß er ihr Unrecht tat. Wie deutlich empfand er plötzlich, daß ein
junges und starkes Herz der Härte bedurfte, um sein Gutes für große und
eigene Stunden zu bewahren. Wie konnte Afra dies alles in Wahrheit
nahegehen? Er sah sie an, und etwas von der Beruhigung, die die
unbewußte Natur für empfindsame Gemüter haben kann, ging von ihr auf ihn
über, das füllte sein Herz mit Dankbarkeit und stimmte ihn milde.

»Willst du nicht hineingehen?« fragte Afra. Und da er sich nicht rührte,
fügte sie hinzu:

»Es war schrecklich. Deine Frau leidet sehr.«

»Sprich doch nicht ...«

»Soll ich nicht sprechen? Ich fühl mich schuldig ...«

»Nein«, sagte er, »das ist nicht wahr, du fühlst dich nicht schuldig.
Das kannst du nicht. Das kann niemand, der nicht wahrhaft Liebe erlitten
hat.«




Siebentes Kapitel


Am anderen Morgen lief Melchior, der alte Diener, im Hause umher,
verstört und von Angst und Trauer ganz von Sinnen. Es galt, seine
Habseligkeiten zusammenzupacken und die Reise in die Fremde anzutreten,
fort von den bösen Geistern, die seine Heimat zu beherrschen begannen.
Ihm war zumute, als sei eine Rotte böser Hunde, die die Kraft des toten
Schloßherrn einst zu friedlichen Haustieren gebändigt hatte,
losgelassen, um Unrast, Verwüstung und Verfall über das wohlbestellte
reiche Erbgut zu bringen. Wie er nun, von Schmerzen verwirrt, im Hause
umhertappte, merkte er, daß er viel mehr mit fortnehmen mußte, als
Menschen von der Stelle schaffen können, wenn er sein Eigentum bergen
wollte, wenn er retten wollte, woran sein Herz hing. Er wollte gar nicht
an das denken, was seine bewegliche Habe darstellte, was er bergen und
mitnehmen konnte, er hatte nur immer im Sinn, zu retten, woran sein Herz
hing. Es waren vielerlei Dinge in Haus und Hof und Ställen verstreut,
die ihm zu eigen waren: die Geweihe im Gartenhaus, ein altes Bild des
Herrn, das in der Gesindekammer hing, die Pfeifen, die ihm geschenkt
worden waren, von denen noch kürzlich Martin eine entliehen hatte,
vielerlei Gartengeräte und ein alter Hund. Allerlei unnütze kleine Dinge
kamen ihm wider Willen in den Sinn. Er blieb ratlos auf der Treppe
stehen, starrte nieder in den Hof und tastete mit bebenden Händen die
schweren Steinmauern ab. Die Starenkästen im Lindenbaum gehörten ihm, er
hatte sie gezimmert und die kleinen schrägen Dächer geteert -- -- Da
schlug er die Hände vor sein gealtertes Gesicht.

»Afra«, rief er, »Afra ... was tust du?! Was bist du geworden, du
ungeratenes Kind, du böser Kobold, du Kleine, die ich auf den Knien
gehabt habe? Du tust Sünde, du ladest schwere Schuld auf dich! Solche
Rechte hat kein Mensch. Das hat Gott gesehen, was du tust --«

Er sah mit trüben Augen hinaus. Von hier oben hatte man über die
Hofmauern einen weiten Blick ins Land, in der Ferne lagen die Wälder in
der Sonne.

Unten ging eine Tür auf, heftig und kurz. Dann blieb es still, als
lauschte jemand zu ihm empor und auf seine klagende Stimme. Er glaubte
ein tiefes Seufzen zu hören, und ganz leise ging die Klinke nieder und
die Tür wieder ins Schloß.

Ihm schien, als seufzte es im Hause seit Wochen von allen Wänden und aus
allen Winkeln. Warum war Wartalun mit seinen Türmen und Mauern nicht
dahingesunken mit seinem Herrn?

»Gibt es noch Menschen in meiner Nähe, die ein Herz haben?« stöhnte er
heiser und lehnte sich an die Wand. Nein, er wußte, es gab niemand,
außer Afra selbst, der Macht gehabt hätte, ihm zu helfen. Es ward ihm
unbewußt klar, daß er sich an niemand wenden würde, er brachte es nicht
noch einmal über sich, bei jemand Recht zu suchen, dem er nicht gedient
hatte. Auch war ihm deutlich im Gedächtnis, wie gleichgültig und hilflos
ihn der junge Herr an Afra verwiesen hatte, wann immer er schüchtern
versucht hatte, von ihm Befehle zu erhalten, die über etwas Wichtiges
entschieden. Der plötzliche Gedanke an Martin ließ ihn erzittern, ja er
bebte am ganzen Körper vor Wut und Beschämung und ballte die Fäuste.

Er hatte die schlimmste Nacht hinter sich, derer er sich erinnerte; der
Gedanke an das, was er in seinem kurzen Schlaf geträumt hatte, stimmte
ihn milder, obgleich es trostlos düster gewesen war. Er sah Afra vor
sich stehen, sie sah ihn mit ihren farblosen Augen an und stand mitten
in Wartalun, sie war riesengroß, das Gut lag wie ein Teppich unter ihr.
Dann hob sie den Arm und wies ihn fort, und er erkannte, daß alles, was
nicht zu Wartalun gehörte, Abgrund war. --

Es gingen zwei junge Frauen über den Hof, Arbeiterinnen, die einen
schweren Korb mit Torf und Holz trugen, die eine von ihnen lachte
heimlich und verbarg das Gesicht mit der erhobenen freien Hand hinter
der blauen Schürze. Da dachte der alte Melchior:

»Ach -- das Leben.«

So einfältig sein schlichter Gedanke sein mochte, so war ihm doch, als
habe er lange Zeit nicht mehr so tief über das Leben nachgedacht. Sehr
früh war es ihm so ergangen, als noch alle Ereignisse seines Lebens im
goldenen Schein der Jugend gelegen hatten. Er sah hinaus, über die Bäume
des Parks hin, und es war ihm, als habe in der langen Zeit seines Lebens
sich hier nichts verändert. Ihm erschien es, als seien die Bäume nicht
größer geworden; war nicht auch der Efeu immer schon bis an den
Dachfirst herangewachsen, hatte er nicht immer schon die Zinnen
umschlungen und seine Ranken durch die goldenen Speerspitzen des hohen
Seitentores geflochten, das nie geöffnet wurde? --

Da erklang unten im Hause Afras Stimme, sie schien Martin etwas
zuzurufen, und er hörte gegen Ende ihrer kurzen Sätze, daß ein Scherz
folgte. Da faßte eine wehmütige Gewalt von so großer Kraft sein Herz,
daß er alle Beherrschung verlor. Er eilte wankend die Treppe hinunter,
er schaukelte mit vorgestreckten Händen durch den Flur, riß Afras
Zimmertür auf, wobei er alle Vorsicht und Ehrfurcht vergaß, die man ihn
gelehrt hatte, und so stand er nun vor ihr, die ihn ruhig anschaute.

»Laß mich hier bleiben ... hier leben ... bis ... Afra, sei barmherzig
gegen mich! Ich bin ein alter Mann in diesem Hause geworden.«

Das junge Mädchen war zurückgetreten. Nun sah sie ohne Zeichen großer
Erregung auf den Bittenden hin, der ihr seine Hände entgegenreckte und
auf dessen weißem Haar die Morgensonne lag.

»Natürlich«, sagte sie freundlich, »bleib doch, Melchior. Ich wollte
dich schon darum bitten. Aber vergiß nicht, daß im Hause Ordnung sein
muß.«

Sie entzog ihm ihre Hand.

»Willst du nicht Martin sagen, daß wir die Pferde brauchen? Ich will
nach Wendalen und werde wohl einige Tage dort bleiben. Seit der Herr tot
ist, gelt Melchior, geht nicht alles seinen Gang? Dem Nissen muß ich
einmal in die Bücher schauen.«

Der alte Diener suchte nach einer Antwort. Über sein Gesicht liefen
Tränen, und seine Lippen zuckten.

»Ich soll bleiben«, sagte er endlich und schlug die Hände zusammen. Afra
ordnete Papiere am Schreibtisch. Sei es nun, daß er ihren Befehl
unbewußt als das empfunden hatte, was er gewesen war, als einen Versuch
Afras, ihm über den schweren Augenblick seiner Demütigung
hinwegzuhelfen, sei es, daß er ihn im Sturm seiner Erregung und Freude
vergaß, jedenfalls führte er ihn nicht aus, sondern lief in den Garten
und suchte nach Blumen, die er in Afras Zimmer trug, als sie das Haus
verlassen hatte.

                    *       *       *       *       *

Kurz nach diesem Vorfall ritt Afra mit Graf Helmut aus dem Schloß, den
fahrbaren Feldweg auf Wendalen zu. Sie sprachen miteinander über
gleichgültige Dinge, die die Verwaltung angingen. Afra fragte nicht nach
Frau Elsbeth, sie nickte nur nachdenklich, als sie erfuhr, der Arzt habe
keine Besorgnisse geäußert, und es ginge besser mit der Kranken. Wohl
drängte es ihn, den Versuch zu machen, Afra auf seine Art über die
Vorfälle aufzuklären, die in dieser Nacht geschehen waren, aber er
fürchtete sich vor Worten, die ihm um seiner eigenen Stellung willen
schwer wurden. Es kam hinzu, daß er Afras Verständnis ungewöhnlich viel
zutraute, und vielleicht fürchtete er sich davor, von ihr andere
Meinungen darüber zu hören, als er sie bei ihr vermutete oder erhoffte.
Sie hatte ihm am Morgen erklärt, sie würde für einige Tage nach Wendalen
gehen, er war ihr dankbar und fand keine bessere Lösung.

In der Runde krähten die Hähne, es war ein warmer Morgen voll
Sonnenschein und tiefer, fruchtbarer Stille. Das Korn stand hoch. Aus
der goldenen Fülle leuchteten Mohnblumen, und an lichteren Stellen
erkannte man den von der anhaltenden Hitze brüchigen Erdboden.

Nun ritten sie miteinander auf die Moorgründe zu, zwischen Weidengebüsch
und Pappeln dahin, ein Bach rieselte am Wegrand über dunklen Grund, und
im Gezweig der Büsche zirpten Goldammern. Afra, die an die kommende Jagd
dachte, sagte: »Der Förster hat die ersten Feldhühner gebracht.«

»Ich kenne ihn noch gar nicht.«

»Schlimm genug«, sagte das Mädchen lächelnd, »für ihn und für Sie. Er
ist ein alter Fuchs, der nicht mehr aus seiner Höhle kriecht, man muß
ihn schon aufsuchen. Er will nichts von Ihnen wissen.«

Dann sprachen sie von der Jagd, vom Fischen und vom nahenden Herbst.

Helmut hatte seit einiger Zeit unterlassen, ihr die Lobsprüche über ihr
Wesen zu sagen, zu denen sie sein empfängliches Herz Stunde für Stunde
herausforderte. Er nahm die glückhafte Gelassenheit ihres schönen und
starken Wesens wie eine Wohltat hin; still geworden in der bitteren
Erkenntnis, wie teuer ihm dieser neue Reichtum seines Daseins geworden
war. Er verglich nicht mehr. Sein schmerzvolles Angesicht hatte einen
Zug jenes einsamen Gehorsams bekommen, der willenlose und ehrfürchtige
Naturen auszeichnet, die bestimmt scheinen, niemandes Schicksal zu
werden.

»Wie ist es mit Melchior?« fragte er.

»Er wird bleiben«, gab sie einfach zurück; diese Auskunft schien ihm zu
genügen.

»War dies das Pferd meines Oheims?« fragte er nach einer Weile und
klopfte den blanken Hals des Tiers, das er ritt.

Afra schüttelte den Kopf.

»Dies ist >Prinz<«, teilte sie mit, »es taugt nicht viel. Er nahm es in
seiner letzten Zeit zuweilen für kurze Ritte, wenn er sich mehr mit
seinen Gedanken beschäftigen wollte als eben mit dem Reiten. Nein, sein
eigenes Pferd war ein prachtvolles Tier von großem Wert, ich habe es
kürzlich verkauft.«

»Warum das?« fragte er ohne Unwillen.

»In den letzten Monaten«, erzählte ihm Afra, »ließ er es sich Tag für
Tag nur noch vorreiten. Für gewöhnlich mußte Martin es tun, der etwas
von Pferden versteht, denn er selbst hatte nicht mehr die Kraft, das
unruhige Tier zu beherrschen. Aber selbst unter dieser Pflege ließ es
nach, es schien beinahe, als würde es traurig. -- Wer sollte es denn
jetzt reiten?«

Sie sah mit einem raschen Blick über ihn hin. Er raffte sich zusammen.

»Ja«, sagte er, »ich selbst gewiß nicht. Seit meiner Studentenzeit habe
ich auf keinem Pferd mehr gesessen. Für eine wirklich edlere Rasse hätte
ich wohl auch kaum den rechten praktischen Sinn.«

Sie schien das zuzugeben.

»Und Sie selbst«, fuhr er fort, »warum haben Sie es nicht genommen?«

»Ich?« fragte sie nicht ohne Erstaunen. Dieser Gedanke schien ihr ganz
neu zu sein. »Wie sollte ich ... auch habe ich >Joni< von ihm selbst
bekommen und will kein anderes Pferd als dies, das er für mich bestimmt
hat. Er hat es mir zugeritten, die Narben dort in den Flanken stammen
von seinen Sporen.«

Sie schaute hinab und suchte, halb von unten her, nach seinem Blick, ob
er ihren Augen folgte. Er sah ihr klares Profil im goldenen Schatten des
breitrandigen Strohhuts, die kindhafte Wichtigkeit in seinem Ausdruck
und das reine Licht auf ihren Augenlidern. Eine glühende Traurigkeit
überfiel ihn jählings wie ein Sturm aus den einsamen Landschaften seiner
Träume. Mit schwermütigem Ausdruck hob er sein Angesicht empor, und mit
bitterem Lächeln, das Haupt ein wenig zurückgelegt, sagte er in der
planlosen Ergebenheit seiner Schwäche:

»Ich möchte keinen Tag mehr leben ohne dich, Afra.«

Man hörte die Hufe der Pferde auf dem weichen Boden und die heimlichen
Laute des Lederzeugs der Sättel. Ein Häher flog mit grellen Warnrufen
dicht vor ihnen quer über den Weg, und die Spitzen der Weiden
schaukelten im sanften Wind.

Nach einer kleinen Weile fuhr Afra zu sprechen fort, vorsichtig, beinahe
schüchtern, als empfände sie, wie hart es ihm sein müßte, daß sie nach
diesem Ruf seines verwundeten Herzens nun nichts anderes tun konnte als
das Gespräch von vorhin wieder aufnehmen:

»Nathanael hat das Pferd gekauft. Er hat eine sehr große Summe bezahlt,
ich glaube, er hat seit langem einen Käufer, denn er selbst versteht nur
etwas von Ackergäulen und wie man ihre Fehler in Abrede stellen kann.«

Sie hoffte, er würde nach der Kaufsumme fragen, aber er tat es nicht.

Wie konnte er ahnen, daß dies sie verstimmte? So suchte er den
heimlichen Verdruß, der nun aus ihrer Stimme klang, durch eine Schuld
bei sich zu deuten, denn sie sagte unvermittelt und beinahe lieblos:

»Sie quälen das Pferd. Sie müssen den Zügel locker fassen.«

»O ja ... gewiß ...« antwortete er eifrig und sprach schnell von etwas
anderem, wie in Sorge, es möchte ihr nachträglich in den Sinn kommen,
daß es sein eigenes Pferd war, das er ritt.

Irgendwie beruhigte es Afra, daß er sich niemals um einen Gewinn
bekümmerte, der in Zahlen auszudrücken war, aber doch quälte es sie, und
sie dachte: Ihn beglückt kein äußerer Besitz und kein äußerer Reichtum,
und doch glaubt er innerlich arm zu sein, er hat es mir selbst gesagt.
Vielleicht ist er zu schwach, sann sie, vielleicht würde es ihn
bedrücken. Es wäre ihr lieb gewesen, wenn er mit ihr darüber gesprochen
hätte, aber er, der oft und leicht über sich und seine Beziehungen zur
Umwelt sprach, schwieg stets, wenn es sich um solche Dinge handelte. Aus
seiner Verschlossenheit fühlte sie ein heimliches Mißtrauen. Sie nahm
sich in einem quälenden Zorn vor, in dem kein Schatten von Habgier war,
seine Gleichgültigkeit auf eine harte Probe zu stellen. Wenn sie ihn nun
darum bäte, ihr das Vorwerk Wendalen zu schenken ... Ich will es nicht
haben, dachte sie, aber sie wollte, daß er es schmerzlich vermissen
sollte.

Aber als sie sprechen wollte, zögerte sie doch. Es ist noch zu früh,
dachte sie und ertappte sich darüber bei der Befürchtung, er möchte ihr
ihre Bitte abschlagen. So war ihr Wunsch doch nicht einzig, ihn zu
demütigen? Mit einem Aufwallen übermütigen Trotzes gestand sie sich ein,
daß nach ihrer Empfindung dies Gut durch eine unverständliche Fügung des
Schicksals in falsche Hände gegeben worden war.

Sie pfiff den Hunden, die sich im Moor umhertrieben, und schaute
plötzlich mit hellem Lachen in Helmuts Gesicht.

»Gib mir Wendalen zum Eigentum«, rief sie, wie einem scherzhaften
Einfall gehorchend, »dann bleib' ich künftig fort von Wartalun.«

»Das wäre ein Grund, dir Wendalen nie zu geben«, sagte er lächelnd.
»Aber alles, was mir gehört, gehört auch dir.«

Sie fühlte sich beschämt und sagte rasch und ohne Überlegung:

»Das glaubt mir niemand.«

Gepeinigt sah er auf.

»O Afra, wie könnte etwas in dieser armen schönen Welt mir wertvoller
sein als deine Freude? Wie schlecht kennst du mich, wie wenig wirst du
jemals von mir wissen. O du, aller Liebe so nah, der Liebe so fern, wie
du bist. Was wollte Gott mit uns, als er dein armes, reiches Herz
erschuf. Oft erscheint es mir, als sei der alte Mann, der im Licht
deiner herrlichen Jugend seine Augen geschlossen hat, mir lieb geworden
wie ein vertrauter Freund. Entbietest du Liebe in unseren Herzen, um
sie durch deine Härte um so inbrünstiger in uns zu gestalten? Ich weiß
es nicht, aber ich werde gehorsam sein dem Besten in mir und ihm, dessen
Erbteil ich habe antreten müssen. Ich habe nicht gewußt, was ich mit
seinen Gütern, zu denen auch du gehörst, auf meine Schultern geladen
habe. Schau mich nicht an, als ob ich klagte, Afra. Ich weiß auch, daß
mein Schicksal und das Schicksal der Frau, deren Leid du gesehen hast,
das Himmelreich deiner harten Unschuld nicht verfinstern darf. Ich
fordere nichts von dir, was du nicht geben kannst, aber meinen Wunsch,
du möchtest mich lieben, wirst du niemals aus meiner Seele löschen
können.«

»Ich habe dich nicht traurig machen wollen«, sagte Afra.

Ihm war, als sagte sie zum ersten Male du zu ihm.

»Traurig?« rief er mit schmerzvollem Lächeln. »Ach nein. Aber wie willst
du verstehen können, daß uns die Liebe beseligt und bedrängt zugleich.«

»Oh, das verstehe ich wohl.«

»Auf deine Art, Afra. Es wird wohl ein jeder sagen, er verstünde es. Mit
verzehrendem Grauen warte ich auf die Stunde, in der du weißt, was die
Hingabe an einen Menschen bedeutet. Diese Furcht ist ganz ohne Hoffnung,
Afra, denn diese Stunde wirst du ohne mich erleben, diese Stunde, die
dich grenzenlos reich machen wird. Sieh, so lieb habe ich dich gewonnen,
daß ich niemals daran zweifeln werde, daß sie für dich kommt, daß dein
Herz, das im Schlaf seiner kaum erwachten Hoffnungen schlägt, dieser
einzigen Gewalt und Kraft fähig ist, die uns reich macht.«

Da stellte Afra die Frage:

»Wie muß ich denn sein, damit mir das geschieht?«

Da schossen ihm Tränen in die Augen, und er wandte sich ab in das
besonnte Land und sagte mit zitternder Stimme:

»Wie du bist --«

Sie trennten sich bei der nächsten Wegbiegung, ohne daß noch ein Wort
gefallen war. Er gab ihr die Hand und sagte einfach:

»Erinnere dich meiner zuweilen, ich begleite dich immer.«

Sie nickte nur, warf dann den blonden Kopf zurück und nahm »Joni« kurz
herum, die auf den Heimweg gehofft hatte. Die Hunde zögerten, dann
schlossen sie sich Afra an. Er sah ihr nach. Sie ritt im Sonnenschein,
im Rahmen der grünen Wiesen unter dem blauen Himmel dahin, saß gerade im
Sattel, das Pferd ging im Schritt, und die Bänder ihres Hutes hoben sich
matt im lauen Wind. Er konnte den Blick nicht wenden und prägte das
helle Bild inbrünstig in sein Herz ein.




Achtes Kapitel


Es war in diesen Sommertagen, als in Wartalun ein Brief von Friedel
Gentler eintraf, einem Studienfreund und Reisegefährten des jungen
Grafen. Er meldete sich ziemlich ohne Anfrage im Schlosse an und
begründete seinen Überfall in unumwundenem Freimut mit seiner bösen
Lebenslage. Es bestand seit Jahren eine Art Freundschaft zwischen den
beiden Männern, die vielleicht ihre tieferen Gründe weniger in einer
Verwandtschaft ihrer Eigenart oder ihrer Interessengebiete hatte als
vielmehr in einer starken Neigung, die der andere zu Helmut gefaßt
hatte. Der haltlose Charakter und die leichtfertige Lebensart des jungen
Architekten hatten in dem verschlossenen Wert Helmuts und im Ernst
seiner Lebensführung eine Art uneingestandener Stütze gefunden, und der
junge Gutsherr erwiderte diese Neigung, wenn auch nicht im gleichen
Maße, so doch mit jener Dankbarkeit, die innerlich viel beschäftigte
Menschen zuweilen an Kameraden bindet, deren freimütiger Frohsinn ihnen
in tatenlosen Stunden Aufmunterung oder Erholung gewährt.

Helmut war durch den Brief anfänglich eher überrascht als erfreut. Er
las die burschikosen Worte des Freundes wie Klänge aus einer versunkenen
Welt, die ihm längst fremd geworden war, und empfand darüber mit
heimlichem Schreck, wie sehr die letzte Zeit seines Lebens ihn auf
andere Werte und neue Hoffnungen gestellt hatte. Da ihm in den Sinn kam,
mit welch argloser Freude Elsbeth die Gegenwart des lustigen Freundes
früher stets empfunden hatte, und da er erwartete, ihr Ablenkungen zu
verschaffen, vielleicht auch in einer leisen Hoffnung, dem eigenen
Zustand ein wenig äußerliche Besserung zu bringen, duldete er das
Herannahen dieses Besuchs ohne Einspruch. Gegen seine Gewohnheit teilte
er die Neuigkeit erst nach seiner Entschließung seiner Frau mit.

Sie winkte ihm anfänglich nur müde, in jener etwas verstörten
Traurigkeit ab, die er ihr seit den letzten Geschehnissen anmerkte.

»Jetzt?« fragte sie zögernd und sah auf ihre Hände nieder. Aber je mehr
die Person Gentlers ihr wieder gegenwärtig wurde, um so eifriger trat
sie plötzlich für sein Kommen ein.

»Doch«, sagte sie, »es ist eine Abwechslung, es wird auch dich
zerstreuen, und ich kann mich ja zurückziehen, soviel ich will; denn
Sorgen um das Gutswesen brauch' ich mir ja wahrhaftig nicht zu machen.«

Plötzlich verstand er sie. Ihre ablehnende Stellung war gar zu rasch in
Bereitwilligkeit umgeschlagen, als daß nicht eine Hoffnung hinzugekommen
sein mußte. Er lächelte bitter. Wie sie Afra unterschätzt, dachte er.
Nein, Afra wird einzig über ihn lachen.

So blieb es bei diesem Entschluß, und er ließ im Hause Vorbereitungen
treffen, den Gast zu empfangen. Es gab Raum die Fülle, und Helmut
ordnete an, daß zwei große Parterrezimmer, die zum Park hinausführten,
für den Freund hergerichtet werden sollten. Es kam doch ein kleiner,
heimlicher Stolz in ihm auf und die aufrichtige Freude, freigebig
bewirten zu können.

Afra weilte immer noch in Wendalen. Wollte sie denn gar nicht
zurückkehren? Er hatte erst in diesen Tagen ganz empfinden gelernt, in
welche Gefangenschaft und Freiheit er alle tiefere Freude seines Daseins
gegeben hatte. Seit Afra fort war, war ihm im Blick auf alle
Herrlichkeit, die ihn hier verschwenderisch umgab, zumute, wie einem
sein mag, der eine Landschaft im Nebel wiedersieht, die er aus Tagen
voll Sonnenschein in seiner Erinnerung trägt. Seine geistige Arbeit
ruhte völlig, schon seit jenem ersten Tag, an dem er an Afras Seite die
Räume des Schlosses durchwandert hatte.

Der Nachmittag des Tages war ihm bei allerhand Erwägungen damit
herumgegangen, daß er eine Urkunde verfaßt hatte, die Afra zur
Eigentümerin des Vorwerks Wendalen einsetzte. Darüber hatte er zum
erstenmal in Erfahrung gebracht, wie groß Wendalen war, welch weite
Gebiete von Wald und Wiesen dazugehörten und daß allein die Viehbestände
ein kleines Vermögen darstellten. Die ausgedehnten Wiesen, die in linden
Abhängen zum Kornland hinaufführten, boten seit Jahren ganzen
Generationen von Rinderherden ausgiebige und billige Ernährung, so daß
die Unkosten der Zucht in außerordentlich günstigem Verhältnis zu ihren
hohen Einkünften standen. Das Herrenhaus, die Beigebäude für das Gesinde
und die Tagelöhner, die Ställe und Heuschuppen waren mit einer Summe
versichert, deren Höhe ihn einen Augenblick zögern ließ. Nicht aus
Habgier oder aus Zweifel an seinem Entschluß, sondern einzig deshalb,
weil er sich für kurz bemühte, sich diese Summe, die er in Zahlen las,
vorzustellen, gemessen an den Lebensverhältnissen, die er kannte.
»Liebe kleine Herrin von Wendalen«, sagte er vor sich hin, und sein Herz
zitterte vor Erhobenheit und Freude.

Stolz und traurig setzte er zuletzt seinen Namen unter das Schriftstück,
diesen Namen, der nun so viel Gewicht bekommen hatte, wo es galt, über
irdisches Gut zu verfügen. Er hatte früher seinen hohen Titel eigentlich
so gut wie abgelegt, da er in der bürgerlichen Gesellschaft, in der er
Verkehr gepflogen hatte, ohne große Mittel nur geringes Ansehen gehabt
hätte, eher beinahe einen kleinen Anflug von Lächerlichkeit. Es kam
hinzu, daß seine Frau nicht aus seinem Stande war, sondern eine
Lehrerstochter aus der Provinz. Ihre geduldige Liebe hatte seine einsame
Jünglingszeit reich gemacht. Er mußte lächeln, konnte aber nicht umhin,
sich zuzugestehen, daß seine neue Lebenslage kaum merklich begann, seine
Anschauungen zu verändern. Gewiß nur im Unwesentlichen, aber er lernte
doch vielerlei verstehen, was er früher bei seinen hochmütigen
Standesgenossen verachtet hatte. Aber die innere Unruhe, in die ihn
seine großen Besitztümer versetzten, war oft so stark, daß er es neben
anderem beinahe wie eine Erleichterung empfand, daß Wendalen nun
Eigentum Afras geworden war. Er beschloß, am nächsten Tage in aller
Frühe aufs Landratsamt von Cismaren zu fahren, um die Urkunde
beglaubigen zu lassen.

Am späten Nachmittag durchschritt er den Garten, er begegnete in den
dichtbewachsenen Niederungen seiner Frau, die er im Gespräch mit Afras
Vater fand. Helmut hatte diesem einfachen Mann gegenüber stets gegen
eine große Befangenheit zu kämpfen, aber heute gelang es ihm über
Erwarten, eine Stellung zu dem Alten zu finden. Er sah heimlich zuweilen
in dies derbe, gutmütige Bauerngesicht, während gemächlich über die
Obsternte, über Weganlagen und Neuanpflanzungen verhandelt wurde. Kam
auf Afra die Rede, deren Anweisungen dem Manne einzig als gerechtfertigt
und klug galten, lächelte er einfältig und stolz, als ob er sagen
wollte: Nicht wahr, das ist einmal ein Prachtmädel. »Ohne Afra«, sagte
er einmal und stellte die Gießkanne auf den Kiesweg, »ginge es hier wohl
nicht mehr lange gut, Herr Graf. Der Tote hat gewußt, was er an ihr
hatte.«

Helmut nickte. Er empfand die Ungehörigkeit solcher Worte vor ihm und
mußte an Afras Tadel denken, die ihm vorgeworfen hatte, seine
Freundlichkeit gegen die Leute verwischte den Abstand. Auch ihr Vater
gehörte zu den »Leuten«, wie unfaßbar ihm das erscheinen konnte. Aber
war sie selbst nicht oft von betörendem Liebreiz der Herablassung? Aber
dann dachte er an Melchior und jene bösen Augenblicke, in denen ihn der
Alte, wie um sein Leben, um Barmherzigkeit angefleht hatte. Den
Untergebenen liegt nicht an einer Freundlichkeit, die nicht einzig dazu
da zu sein scheint, ihnen Härte verständlich zu machen. Er fühlte, daß
er allen gleichgültig war und daß Afra von ihnen geliebt wurde.
Herrschen kann niemand lernen, Vertrauen niemand erzwingen, dachte er.
Irgend etwas stimmte ihn traurig, er entließ den Alten gleichgültig und
empfand, wie er ihn dadurch kränkte.

Vielleicht hatte ihn nur der Gedanke verstimmt, daß jeder nächste
Augenblick ihn mit Elsbeth allein finden könnte. Seit jener
verhängnisvollen Nacht vermied er jede Zusammenkunft, die zu einer
Aussprache hätte führen können, und schlief allein. Er bemühte sich, in
ihrer voreiligen Handlung einen Vertrauensbruch zu sehen, und redete
sich gewaltsam in die Berechtigung seiner Härte hinein. Die
Ungerechtigkeit dieser Stellung wurde ihm durch einen tiefen notwendigen
Zwang seines ganzen Wesens erträglich. Eigentlich dachte er wenig
darüber nach, er floh vor sich selbst, sobald das stille Leidensbild
seiner jungen Frau vor ihm auftauchte. Mochte sie für sich einstehen;
litt denn er selbst weniger? Alles zurückliegende Glück füllte sein Herz
mit Wärme und Dankbarkeit einer schönen Erinnerung, nun aber mußte es zu
Ende sein. Die grausame Unerbittlichkeit seiner neuen Liebe machte ihn
hart und blind; in seiner Hingabe an diese Liebe und in ihrer
ausschließenden Macht fand er seinen Freispruch und seine Kraft zur
Härte. Es kam ein unbestimmtes Empfinden hinzu, daß diese Wochen einer
vorgerückten mütterlichen Erwartung nicht die Zeit seien, auf eine
Klärung der neuen Art der Beziehung zu dringen, er verschob alles auf
spätere Tage, ohne Hoffnung und ohne Glauben, aber doch in der vagen
Erkenntnis, daß die Zeit die Entscheidung von selbst bringen mußte.

Und doch war er sich dunkel eines tiefen Irrtums bewußt, eines
heimlichen Frevels am gerechten Gang des Weltwesens, aber er tröstete
sich mit jenem Glauben an die Unzulänglichkeit alles Irdischen, der
schwachen Naturen und denen, die nicht an das Recht ihrer Liebe zu
glauben vermögen, ihr armes Gleichgewicht verleihen kann.

                    *       *       *       *       *

Wie weit und einsam die Sonne an diesen Sommertagen ihren großen
Himmelsbogen zog. Langsam wechselte mit den ruhigen Stunden ihr Schein
in den hohen Räumen des Schlosses, nun leuchtete der Saal, und im Hof
lag noch die abwartende Kühle, die der Garten hinübersandte, nun sanken
die hellgoldenen Flecke durch die Lindenzweige auf den Brunnenrand, die
Dächer des Flügels strahlten die Mittagshitze aus, und alles schien in
Schlaf zu versinken. Nur von den Scheunen herüber, die außerhalb der
starken Ringmauer lagen, klangen zuweilen die Rufe von Männern oder
Frauen, das Knattern der Leiterwagen und die wohltuenden Stimmen der
Haustiere. Mit der herabsinkenden Dämmerung erwachten die
melancholischen Töne, die mit der kommenden Nacht der ländlichen
Einsamkeit zu entstehen scheinen: ein rasch unterbrochener trauriger
Gesang, der sich wie eine Klage erhob und am dunklen Herzen der Erde zur
Ruhe ging, von irgendwoher die sanftmütige Heiterkeit einer
Ziehharmonika, gedämpft von den Blättern der Linde und auch in ihrer
fröhlichsten Weise noch von eigenartiger Traurigkeit, von einer
Traurigkeit, die dem Seufzen der ermüdeten Kreaturen zu entstammen
schien und die sich in keine Gewißheit von Licht oder Freude zu erheben
vermochte. Fern aus dem Moor herüber antworteten zuweilen fremdartige
Vogelrufe oder der Chor der Frösche, die ihre Gefährten in den
Schloßgräben riefen. Es gab auch viele Eulen in Wartalun, die zu
späterer Stunde der Dämmerung aufbrachen und oft in ihrem lautlosen Flug
aus den Obstgärten auftauchten, um im Mondschein auf den schwarzen
Zinnen der Ringmauer zu sitzen oder auf dem Giebel der Scheunen. Einen
herrlichen Anblick bot der Vollmond, wenn er rot und groß aus dem Dunst
des Moors emportauchte. Diese rötliche Stunde am Himmel, die den Wald
noch in blauen Schleiern fand, brachte das Wesen einer Herrschaft in die
Welt, der keine Gewalt zu vergleichen war, und die Erde gab eine
schwermütige Antwort voll tiefer Ergebenheit. Das waren die girrenden
und lockenden Wohlklänge, deren Wesen kein irdischer Name nennt, die aus
dem warmen Schatten emporstiegen, nicht Klage und nicht Jubel, nicht als
Blätterflüstern erkennbar und nicht als Mädchenseufzen -- und doch hätten
sie beides sein können.

Friedel Gentler war gekommen. Sein unbesorgtes Lachen füllte die
feierliche Stille der Schloßräume und des Parks. Er wollte anfangs alles
auf einmal, reiten, fischen, jagen, und dabei das ganze Anwesen auf
einen besseren Stand der Verwaltung bringen. »Du verstehst ja nichts«,
sagte er zu Helmut, »und darüber vernachlässigst du noch deine Frau.«
Helmut ließ den Sturm von Plänen, Hoffnungen und Ermahnungen ziemlich
gelassen über sich ergehen, weil er den Freund zu gut kannte, um nicht
zu wissen, daß es dabei blieb. Weit besorgter machte ihn die innere und
äußere Verfassung, in der der junge Mann sich befand und die er
vergeblich zu verbergen suchte. Es war bald zu einer Aussprache
gekommen, und Helmut hatte ausgeholfen, mit Geldmitteln, die quälende
Verpflichtungen aus der Welt brachten, mit Aufmunterung und Trost und
sogar mit Wäsche. Nun war Friedel obenauf, glaubte einmal wieder das
bösartige Leben überwältigt zu haben und verspottete seinen Wohltäter.
Er hatte eine liebenswürdige und harmlose Art, sein Selbstbewußtsein zu
behaupten, und schon die äußere Stellung, die er bei seinen Reden
einzunehmen pflegte, duldete keinen Widerspruch. Wenn er, die Hände so
tief in den Taschen, daß die Hose zwei hohe Gebirge bildete, die Brust
eingesunken und den Kopf vorgestreckt, von unten herauf und doch
gewissermaßen von oben herunter, auf Helmut einredete, so schien sein
Übergewicht auf allen Gebieten erwiesen. Es war auch gewiß nicht zu
bestreiten, daß er bei einer etwas saloppen Sprachgewandtheit manch
guten Einfall hatte, nur fehlte ihm jedwede Kraft, seine Einsichten
durch Handlungen nützlich zu machen. Einmal war es, bei aller Langmut
des jungen Schloßherrn, zu einer kleinen Differenz gekommen, die zwar
nicht von tieferer Nachwirkung gewesen war, wohl aber die Stellung des
voreiligen Beurteilers, Helmut gegenüber, endgültig verschob. Es hatte
sich um Elsbeth gehandelt, deren Lage den gutmütigen Friedel empörte:

»Du verstehst das Leben nicht«, sagte er überlegen, »sieh mich an, ich
nehme das Leben, wie es ist, ohne viel zu grübeln.«

Helmut errötete tief, nach einer Weile sagte er ruhig:

»Ob du das Leben nimmst, wie es ist, weiß ich nicht. Jedenfalls nimmst
du an, was man dir zum Leben gibt.«

Friedel sah ganz bestürzt auf:

»Was willst du damit sagen?«

»Ich will damit sagen, daß ich deine Achtung vor Angelegenheiten meines
Lebens fordere, wenn du es teilst. Die Dinge sind nicht dort zu Ende, wo
du aufhörst, sie zu erkennen. Blamiere dich, soviel du willst, versuche
aber nicht, mir klarzumachen, daß deine Purzelbäume im Land der
Erkenntnis Offenbarungen sind, die die Menschheit erretten.«

»Donnerwetter«, sagte Friedel ganz verdutzt, »du bist wahrhaftig noch
der alte. -- Du solltest aber nicht vergessen, daß ich das im Grunde
weiß. Ist es nicht richtig, daß ich mit allem Innerlichen, sozusagen mit
meinen Herzensangelegenheiten, immer zu dir gekommen bin? Sag
selbst ...«

Helmut mußte wider Willen lächeln.

»Ja«, sagte er, »es soll auch künftig kein Gebot ergehen, daß die
Ablagerung von Schutt bei mir untersagt ist, aber tritt dabei nicht auf
die Beete.«

Friedel lachte.

»Weißt du, wenn ich solche Scherze machen könnte wie du, täte ich es
häufiger.« Aber dann wurde er plötzlich traurig und sein Gesicht, dies
unstreitig hübsche Gesicht eines gealterten Knaben, verzog sich voll
trotziger Bekümmernis.

»Es ist wahr«, meinte er, »ich bin ein Lump, einfach ein Lump. Aus mir
wird nichts mehr. Die Zeit ist verpaßt. Ich bin jetzt dreißig Jahre alt
und habe es zu nichts gebracht, bei all meinen Anlagen. Ich habe keine
Hände zum Zugreifen, bin gewissermaßen ein Mensch ohne Schubladen,
nichts bleibt bei mir, ich kann nichts bewahren.«

»So bewahre dir dein gutes Herz«, sagte Helmut, und es kam etwas von
jener tiefen, leidenden Güte in seine Augen, die den Freund überwunden
hatte, so oft sie ihm begegnet war und so lange er zurückdenken konnte. --

Als am anderen Tage Helmut, Elsbeth und ihr Gast auf der Terrasse, die
zum Garten hinunterführte, vereint beim Nachmittagskaffee saßen, sagte
Friedel:

»Ihr lebt hier in einem merkwürdigen Halbschlummer der Erwartung, man
hat stets das Gefühl, als käme noch irgend etwas.«

Das Schweigen, das eintrat, bedrückte ihn weiter nicht, und er fuhr
fort, große Pläne zum Ausbau und zur Erweiterung der Vorteile zu
entwerfen, die man aus einem Landgut dieser Art ziehen könnte.
Eigentlich war Helmut seinen Fragen über den Wert Wartaluns und über die
Art seiner Betätigung ausgewichen. Wohl hatten sie weite Ritte
miteinander gemacht, und der junge Gutsherr hatte, keineswegs ohne ein
wenig Stolz und mit sichtlichem Wohlbehagen, über dies und jenes
geplaudert, aber da Afras Name nur beiläufig gefallen war, konnte sich
der Freund immer noch keine rechte Vorstellung von Helmuts Art der
Verwaltung seines Guts machen.

»Man kann sich doch nicht so ohne weiteres auf die Leute verlassen«,
hatte er einmal gesagt. »Du tust dich nicht genügend um.«

Heute war eine eigene Belebtheit im Schlosse ihm aufgefallen. Er wußte
nicht recht, wie sie entstanden war und was sie bedeutete. Aus dem alten
Melchior, der sich durchaus nicht auf seine jovialen Späße verstand, war
nichts herauszubringen, und Elsbeths kleiner Iduna hatte er die
Harmlosigkeit gleich anfangs durch einen zu großen Ernst geraubt, mit
dem er seine Eroberungen einzuleiten pflegte. Nun sah sie in jeder
arglosen Frage einen erneuten Versuch heroischer Würdigung ihrer
Vorzüge, was ihr ungewohnt war, und so weit war Friedel noch nicht
vorgedrungen, daß sich alles in der Vertrauensseligkeit der erhofften
Liebelei auflöste.

Elsbeth flößte ihm eine fremde Ehrfurcht ein, wie arglose Männer des
geistigen Mittelstandes sie oft vor einem geheimen Schmerz fühlen,
dessen Art und Ursprung sie nicht kennen. Er führte es auf ihren Zustand
zurück und verletzte häufig durch sein bemerkbares Zartgefühl. Trotz
allem war er gerne gesehen, selbst Helmut suchte seine Gesellschaft,
freilich nicht einzig aus Gründen einer persönlichen Sympathie.

»Ach, Gräfin«, seufzte Friedel, und schob den Strohhut gegen die
schrägen Sonnenstrahlen, »jetzt hast du es gut, nur bleibe ich bei der
Behauptung, daß du fröhlicher sein könntest. Ich werde der Pate des
Thronfolgers, das mußt du mir versprechen. Es sichert meine Existenz.«

Melchior servierte mit weißen Handschuhen und veralteten Gewohnheiten
den Kaffee. Auf dem Geländer der Terrasse saß ein weißer Kater in der
Sonne und säuberte seine weiche Pfote in umständlicher Anmut. Im Efeu
hörte man die Sperlinge, ein Duft von Heu und trockenen Sommerblumen kam
im lauen Windzug von den Wiesen herüber. Da seufzte Friedel schwer auf,
und es brach ihm aus der entlegensten Tiefe seines Herzens das
Bekenntnis:

»Es ist doch eigentlich was ganz Feines, so ein Schloß.«

Helmuts Lachen verdutzte ihn.

»Was denn ...« meinte er, »etwa nicht?«

Da riß ein beherzter Hufschlag von der Landstraße her die Drei aus ihrem
gemächlichen Einerlei. Jetzt klang er auf den Steinen des Hofs, und mit
einem derben Niedersprung wurde ein so gewaltiger Fluch ausgestoßen, als
gälte es, Wartalun dem Erdboden gleichzumachen. Helmut, der erbleicht
war, ließ sich mit einem Lächeln der Erleichterung in den Korbsessel
sinken, als er diese Stimme hörte, und gleich darauf tauchte Martins
stürmischer Gassenbubenkopf am Gitterzaun auf. Er sah flott und kräftig
aus, wie er über den Gartenweg auf die Terrasse zuschritt, im
wohlgepflegten Reitanzug, mit helledernen Stiefeln und dunklem Hut.

Es war nur ihr Diener, ihr Bote, und doch schlug dem jungen Gutsherrn
das Herz zum Zerspringen, er rang mit ganzer Kraft um seine
Gelassenheit, es wurde ihm um so schwerer, als Elsbeth ihre Bestürzung
nicht verbarg.

Martin riß den Hut herunter, viel zu munter, als daß es sonderlich
respektvoll erschien, und sagte froh:

»Heute abend kommt Fräulein Afra zurück. Ich soll bestens grüßen.«

Dann sah er Friedel Gentler und verbeugte sich noch einmal, ohne sein
Erstaunen zu verbergen.

Der Graf entließ ihn so herzlich, wie Friedel ihn nie vor einem
Angestellten gesehen hatte. Erstaunt sah er umher. Der weiße Kater hatte
sich mit Martins Ansturm eilig davongemacht, überhaupt schien alles
verändert.

»Das ist deine Verwalterin, von der du mir erzählt hast, nicht wahr?«
fragte er Helmut. »Ist denn das so ein Ereignis, wenn die kommt?«

»Ein Ereignis? -- Ich muß es wissen.«

»Na, dann weißt du's ja jetzt«, gab Friedel etwas unsicher zurück, denn
die Antwort hatte kühl und abweisend geklungen.

Elsbeth schickte ohne ein Wort zur Sache Melchior nach Iduna, an deren
Arm sie nach einem leidenden Gruß die Herren verließ. Helmut kämpfte
seinen Zorn nieder. Beinahe boshaft gesinnt, dachte er: Als hätte ich
jahrelang nicht gesehen, wer du bist, wie erbärmlich, wie würdelos macht
dich dein Schmerz.

»Die mußt du mir aber mal vorstellen«, sagte Friedel, als sie allein
waren, durch Unbestimmtes angeregt, das in der Luft lag.

»Das kommt ja von selbst«, gab Helmut zurück, »heute abend wird es sich
nicht mehr machen.«

Er ging kurz darauf, examinierte Martin und befahl sein Pferd, um Afra
entgegenzureiten.




Neuntes Kapitel


Afra erwachte in der kommenden Nacht in ihrem Zimmer in Wartalun. In
unfaßbarem Entzücken einer ganz neuen Offenbarung richtete sie sich in
ihrem Bett empor und lauschte in die helle, singende Nacht hinaus. Ihre
Fenster waren weit geöffnet, und draußen schien der Mond. Sie wußte
nicht, wie ihr geschah, denn die ganze Welt draußen im Licht klang wie
ein einziger himmlischer Gesang vom Frieden. Es zog in einem
beglückenden Reigen durch das Licht zum Himmel und nahm ihre Seele mit
sich empor. Afra wagte nicht, sich zu rühren, sie glaubte, daß ein
wunderreicher Traum sie gefangenhielte, und fürchtete zu erwachen; ihr
war, als hörte ihr Herz zu schlagen auf, als stockte ihr Atem, als würde
ihr ganzes Wesen zu einem hingebenden Lauschen an die singende Nacht.
Das Mondlicht ruhte und klang; in seligen Silberströmen zog es
unsichtbar empor in den Himmel der Sterne Gottes, und es sank aus dem
kühlen Blau mit betäubend süßer Wohltat in ihr ergebenes Herz zurück.
Nun verlor sich dieser Lobgesang der Erde in einem hochschwingenden
silberhellen Aufstieg von verzücktem Jubel, hoch ins Unfaßbare
emporwirbelnd, hell und so betörend lieblich, daß Afra glaubte, die
dunkle Decke ihres Zimmers müßte zerbersten und ihren Augen den Aufblick
in eine Heimat ewigen Lichts eröffnen. Aber als nun der magische Gesang
für eine kurze Weile schwieg und dann eine Reihe dunkler, langer und
schmerzbebender Töne folgte, wie im Rhythmus eines stolzen und wilden
Schluchzens, hob das Mädchen ihre Hände empor, warf stürmisch ihr
Angesicht hinein und weinte lautlos und am ganzen Körper bebend die
Tränen ihrer ersten Hingabe. --

Eine tiefere Wirkung hat der arme Friedel Gentler in seinem kurzen Leben
wohl niemals auf ein Menschenherz ausgeübt als in dieser Nacht, in der
er an den offenen Fenstern seines Zimmers seine Geige spielte.

Afra hatte, als das Spiel verstummt war, nun wohl gewußt, um was es sich
handeln mußte, auch dachte sie sich, daß es eine Geige war, der sie
gelauscht hatte, aber sie hatte auf diesem Instrument vorher noch
niemand spielen hören. Sie vergaß diese Eindrücke in ihrem Leben
niemals, und die beinahe scheue Achtung, die sie zu Anfang ihrer
Bekanntschaft Friedel Gentler entgegenbrachte und die ihm so
verhängnisvoll werden sollte, war nur auf das Erlebnis dieser Nacht
zurückzuführen. Denn die Persönlichkeit des jungen Mannes berührte Afra
wenig, kaum daß sie andere Lebensregungen bei ihm suchte als sein in der
Tat nicht unbedeutendes Talent für die Geige. Sehr viel anders war
dagegen Afras Wirkung auf diesen gutherzigen und im Grunde haltlosen und
vernachlässigten Menschen. Am Abend des Tages, an dem er Afra zum
erstenmal gesehen und gesprochen hatte, nachdem er ihren betörenden
Liebreiz und den unwiderstehlichen Frohsinn ihrer Kraft empfunden hatte,
sagte er abends zu Helmut und sah ihn mit großen, starren Augen lange
an:

»Jetzt weiß ich erst, daß ich verkommen bin.«

Aber so gering die Einwirkungen Friedel Gentlers immer gewesen sein
mögen, er führte doch zwei mächtige Geister in die Mauern des alten
Schlosses ein, zwei Geister, deren Gewalt durch die Jahrtausende Qual
und Lust, Erniedrigung und Würde, Auferstehung und Verfall der
Menschenkinder in ihr berauschendes Wesen verwoben haben: den Geist der
Musik und den Geist des Weins.

                    *       *       *       *       *

Friedel begann bald Einblick in die Verhältnisse zu gewinnen, er
erkannte, daß die Frauen einander mieden, er empfand das tiefe
Zerwürfnis zwischen Helmut und Elsbeth. So nahm er sich in
uneingestandenem Mitgefühl Frau Elsbeths auf etwas derbe, aber
liebevolle Art an; ihre Beziehungen reichten weit zurück, und über
arglose Neckereien hinweg hatte immer ein Verhältnis guter Kameradschaft
zwischen ihnen bestanden. Im Grunde floh Friedel vor Afra. Es war sonst
gewiß nicht seine Art, ein Gefühl zu unterdrücken, zumal ihm zur
beständigen Durchführung einer Absicht die Beherrschung fehlte, aber
hier war zu allem Schwanken seines Gefühls zum erstenmal etwas wie
Todesfurcht hinzugekommen. Menschen einseitig entwickelter Anlagen und
unkluger Intelligenzen haben oft einen an Feigheit grenzenden, sehr
sicheren Instinkt für alle Mächte, die ihren Untergang beschleunigen,
und meiden sie gewöhnlich dann mit Beharrlichkeit, wenn sich ihre
Hingabe anfänglich nicht mit Genüssen, sondern mit Demütigungen oder
Opfern verbindet. Trotzdem war diese Entsagung rein äußerlicher Art, im
Grunde hing Friedels ganzes Wesen schon nach wenigen Tagen mit
schrankenloser Hingebung an Afra. So mochte es vielleicht auch etwas wie
Trotz oder Herausforderung gegen sie sein, daß er sich zu Elsbeth hielt,
die ihn in ihrer melancholischen Schwerfälligkeit eigentlich langweilte.
So kam es denn von selbst, daß aus dieser Selbsttäuschung die grausame
Angewohnheit wurde, daß er auf einsamen Spaziergängen zu Elsbeth über
Afra sprach.

Sie hatten sich den Weg, der am Ende des Parks in den Wald überging und
der nach der Försterei führte, als gemeinsamen Spaziergang erwählt. Der
Förster sah ihre regelmäßigen Besuche gern, und seine alte Haushälterin
servierte ihnen den Nachmittagskaffee unter den Buchen der Kuckucksburg
auf dem moosbewachsenen Waldgrund. Die Jagdhunde kannten sie bald,
besonders ein betagter Teckel, den viele ehrenvolle Narben schmückten,
hatte sich an Friedels Kindergemüt gewöhnt und ließ es sich gefallen,
daß er in seinen späten Tagen noch einen Gefährten seiner altmodischen
Interessen bekam.

Friedel ließ es sich anfangs aufrichtig angelegen sein, Elsbeth zu
zerstreuen, aber nachdem er einmal gemerkt hatte, daß sie im Grunde
nicht fähig war, auf ihn einzugehen, erlahmte seine gute Absicht und
wich mehr und mehr seinem Drang, bei ihr Trost und Verständnis zu
finden. Er sprach oft und auf bislang nicht gekannte Art von seinem
eigenen Leben, er erzählte ihr viel und malte seine Jugend
hoffnungsreich und glanzvoll aus, wie es junge Männer oft tun, die ihre
besten Aussichten früh verscherzt haben. Zögernd begann auch die junge
Frau von sich zu sprechen, und je mehr sie glaubte Teilnahme zu finden,
um so mehr ließ sie sich willenlos gehen, und so wurde Afra bald die
heimliche Begleiterin der beiden Betrübten. Einmal war es spät geworden,
da die junge Frau von Tag zu Tag mit größerer Mühe und immer
schwerfälliger dahinschritt, als sie dicht am Park auf jener Bank
rasteten, die einst Helmut und Afra bei ihrer ersten Begegnung
beherbergt hatte.

»Friedel«, sagte sie da plötzlich mit veränderter Stimme, »könntest du
eine Möglichkeit ersinnen, Afra von Wartalun zu entfernen?«

Friedel erschrak. Seine Gedanken waren bei Afra gewesen, die ihm am
Morgen zu Pferd begegnet war. Er sagte:

»Darüber müßte ich nachdenken.«

»Helmut ist so eigensinnig. Ich weiß ja, Friedel, im Grunde liebt er sie
nicht. Wie ich es bei ihm kenne, daß er sich voreilig in eine Idee
verrennt, aus deren Irrtum er stets zurückgekehrt ist.«

»Hat er denn sonst mit Frauen jemals etwas erlebt?«

»Mit Frauen eigentlich nicht, aber mit so mancherlei anderen Dingen ist
es ihm so ergangen.«

»Eine Frau ist kein Ding«, meinte Friedel weise, »da liegt es hier wohl
doch anders. Von Afra habe ich den Eindruck, daß sie nicht über sich
verfügen läßt.«

»Welche Rechte hat sie denn?«

»Ja, das ist so eine Sache. Helmut sprach mit mir über diese Frage des
Rechts. Er hat eine sehr verwickelte und eigentümlich unpraktische Idee
davon, aber wie es bei ihm oft ist, er hat im Grunde recht. Sieh mal,
Elsbeth, mir fällt ja eigentlich wenig Gescheites ein, und das ist mein
Verhängnis dabei, daß ich trotzdem für die Wahrheit einen verflucht
entwickelten Sinn habe. Wenn ich mich belügen könnte, wie ich andere
belüge, wäre ich voraussichtlich ein sehr glücklicher Mensch. Helmut ist
ein Mann von großer Gerechtigkeit.«

»Das ist nicht wahr ...«

»Doch. Hör mal zu: Wahrhaftige Gerechtigkeit gerät mit den praktischen
Lebensnotwendigkeiten oft in Konflikt. Die höhere Gerechtigkeit ist
sozusagen mit äußeren Daseinsinteressen kaum zu vereinen. Er meint, daß
Natur und Anlage den Menschen ihre Rechte vorschreiben und nicht das
Gesetz. Er hält es für ungerecht, jemand durch eine zufällige
Verfügungsmöglichkeit Befugnisse zu entziehen, die ihm von Natur
zustehen. Er meint, es mache sich über kurz oder lang bestraft, und den
großen, notwendigen Gesetzen, nach denen alles Lebendige herrscht oder
unterliegt, entginge man doch nur vorübergehend und mit schlechtem
Gewissen. Er hat diese Weisheit aus Briefen oder Papieren des alten
Grafen, wenigstens scheint mir, als habe er sie sich nach dessen letzten
Verfügungen zur Pflicht gemacht.«

»Immer Graf Konstantin«, sagte Elsbeth und wehrte mit der Hand etwas ab,
das auf sie einzudringen schien. »Sein Vermächtnis ist verhängnisvoll.
Er zerstört uns alle aus seinem Grab heraus.«

Friedel sah ganz erschrocken auf:

»Aber Elsbeth! Siehst du am hellen Tage Gespenster?« Es hatte mehr im
Ton ihrer Stimme gelegen als in ihren Worten, was ihn so erschreckte.
Nun sah er in ihr bleiches Gesicht, aus dem die umschatteten Augen
leblos ins Weite starrten. Er nahm rasch das Gespräch wieder auf:

»Das ist es jedenfalls bei Helmut: es geht ihm gegen das Gewissen, Afra
etwas vorzuenthalten, was er glaubt ihr zugestehen zu müssen.«

»Weil er in sie verliebt ist.«

»Mag sein. Aber dagegen läßt sich einwenden, daß vielleicht in der Welt
nur das wahrhaft gerecht ist, was im Geist der Liebe geschieht oder
unterbleibt.«

»Und mein Kind ... sein Sohn -- ach, Friedel, wie kannst du solcherlei
Irrtümer gutheißen?«

»Er würde dir jedenfalls antworten, daß der Junge selbst für sich zu
sorgen hätte und einst sein eigenes Teil und Recht finden würde.«

»Und das nennst du gerecht?«

»Ich weiß nicht. Es kann ja niemand einem andern helfen ...«

Das sah Frau Elsbeth wohl in diesem Augenblick auch schmerzvoll ein,
denn sie antwortete traurig:

»Er versündigt sich an seinem Kind. Diese Gerechtigkeitsgefühle ins
Blaue hinein sind Entschuldigungen. Die Gerechtigkeit eines Menschen
bewährt sich doch wohl in den Grenzen der Pflichten, die sein Leben ihm
auferlegt. Weist nicht die Natur ein Kind für lange Jahre auf den Vater
an?«

Das ging Friedel zu weit. Er schob sein Herz in den Vordergrund, da
seine Gedanken ihn im Stich ließen, und sagte etwas armselig, indem er
den Kopf stützte:

»Ich verstehe dich ja ...«

Aber ihn versteh' ich auch, dachte er und empfand, daß das Leben wohl
unzulänglich sein müsse und daß nichts vollkommen sein könnte, solange
der Kampf um Genuß und Glück die Sinne betäubte.

»Übrigens«, warf er ein und nahm einen Einwand der jungen Frau wieder
auf, »von Ehebruch kann nicht die Rede sein.«

»Das hoffst du selbst«, wurde ihm schroff zur Antwort.

Da schwieg er und empfand, daß sie einander künftig nichts mehr zu sagen
hatten und daß sie schuldig geworden waren an dem, was sie einander als
Vertrauen gezeigt hatten. Es mußte ein ähnliches Bewußtsein die Frau an
seiner Seite bewegen, etwas wie eine Erkenntnis ihrer völligen
Vereinsamung, denn Friedel sah nach einer kleinen Weile, daß Tränen auf
ihre gefalteten Hände fielen. Es wallte heiß in ihm empor, ein
aufglühendes Bedürfnis nach einer großen, freien Tat der Liebe erhob
sein Herz, aber seltsam, aus diesen raschen Feuern tauchte Afras Bild
empor, er sah ihr unschuldiges Angesicht unter den blonden Haaren, in
denen der Glanz des Morgensonnenscheins leuchtete. Martin hielt ihr das
Pferd, Helmut stand neben ihr und lächelte sein trauriges Lächeln voll
Hingabe und vergrämten Stolzes; die grünen Büsche rührten sich im
Wind ... Was hatte er denn tun wollen?

»Übrigens«, sagte er plötzlich rasch und wußte nicht, weshalb er gegen
seinen Willen nun gerade dies sagen mußte, »du fragtest nach Afras
Rechten, sie ist doch Besitzerin von Wendalen; Wendalen gehört doch
ihr ...«

Da traf ihn ein Blick voller Schmach und Seelenqual, den er nie in
seinem Leben hat vergessen können. Er begriff auch später nie, was ihn
veranlaßt hatte, gerade in diesem Augenblick ein Geheimnis preiszugeben,
das ihm anvertraut worden war. Immer, wenn er wieder daran denken mußte,
war ihm zumute, als sei dies seine schlechteste Tat gewesen, und doch
wußte er seit diesem Augenblick aus tiefster Seele, daß er Afra liebte.

Er erhob sich und reichte der jungen Frau seinen Arm. Am Rande des Wegs
saß hinter einer schräg gestellten Strohwand ein alter Mann und klopfte
Steine. Er sang zum eintönigen Takt seines Hammers einen
melancholischen Singsang in den Sonnenschein der Welt hinein. Er zog
die Kappe, als die beiden vorüberschritten, und sah ihnen nach.

                    *       *       *       *       *

Am späten Nachmittag suchte Graf Helmut in seinem Arbeitszimmer nach dem
Brief des Toten. Er warf Schubfächer auf und zu, durchwühlte verstaubte
Packen alter Schriftstücke und Dokumente, und in Gedanken verloren
suchte er endlich in seinen Rocktaschen, ganz mechanisch und mit
leblosen Blicken. Als er sich besann, empfand er zum ersten Male mit
leisem Schreck die Unordnung, die seit einiger Zeit überall in seinen
Sachen herrschte. Es handelte sich gewiß nur um Kleinigkeiten, aber er
wußte, daß mancher Verfall mit geringfügigen Erscheinungen einsetzen
konnte. Ihn packte plötzlich eine sinnlose Angst, und er begann hastig
und beinahe verstört Ordnung zu schaffen. Er war von frühester Kindheit
an gewohnt, im Haushalt seiner persönlichen Angelegenheiten eine an
Pedanterie streifende Ordnung zu wahren, es herrschte bei ihm eine
Geregeltheit, die sich bis auf den Inhalt seiner Taschen erstreckte.
Aber je mehr er nun begann, all den kleinen Gerätschaften ihren Platz zu
geben, je mehr er sich bemühte, die Geschäftspapiere, die Bankdokumente
und die Briefschaften, die er einzusehen hatte, zweckmäßig und praktisch
zu verteilen, um so mutloser wurde sein Herz, und er sah endlich ein,
daß nur Verantwortlichkeit, eine aufrichtige Beteiligtheit und zwingende
Notwendigkeiten solche Arbeit erträglich machen. Er kam sich in seiner
sinnlosen Mühe wie ein Kind vor, das einen ernstlich beschäftigten Mann
zu spielen versucht.

»Ich habe keine Freude daran, ich nütze niemand damit«, sagte er tonlos
und ließ die Hände sinken. Seine Augen suchten draußen die Bäume des
Parks, neben ihnen den Ausblick in das weite, geduldige Land, das in
diesen Wochen den Menschen seine Früchte überließ. Am Brunnen hörte er
die Mägde lachen und Melchiors väterliche Stimme mit ihrem ewigen dummen
Ernst.

Er sprang auf und klingelte. Unten wurde es still am Brunnen, als die
Glocke im hohen Flur schrillte, er hörte Melchiors geschäftigen Schritt.
Gleich darauf stand der Alte neben ihm.

Afra sollte kommen. -- Melchior berichtete, sie sei in Annerwehr, am
Deich müßte gebaut werden, aber sie würde bereits seit einer Stunde
zurückerwartet.

Er befahl, sie hinaufzubitten, sobald sie gekommen sei. Die Tür schloß
sich aufrührerisch vorsichtig, und er war wieder allein.

Irgendwie erinnerte ihn der Vorfall an den Brief, den er suchte, und er
begann von neuem die Papiere zu durchwühlen. Überall begegnete ihm der
Tote. War nicht auch Melchiors Art, zu kommen und zu gehen, sich zu
verneigen und die Tür zu schließen, noch von jenem Geist beseelt? Er
konnte diesen Schatten nicht anders bannen, als indem er den Geist
selbst heraufbeschwor. Die letzten Worte des Verstorbenen waren ihm ein
gefährlicher Trost geworden, eine zerstörerische Bestätigung seiner
tatlosen Ergebenheit.

Endlich fand er ihn. Er lag abseits von allem Durchsuchten unter dem
bronzenen Leuchter, der eine gewundene Schlange darstellte, die sich
zornig erhob und auf ihrem geneigten Hals eine zackige Krone trug, in
die die Kerze eingelassen wurde. Er besann sich nun, daß er das
Schreiben in der letzten Nacht dort geborgen hatte.

»Es hieße Sünde tun, eure alten Rechte, die in dieser Zeit nicht mehr
gelten, sichern zu wollen. Ihr sollt eure besten Güter wahren, denn die
zeitlichen könnt ihr nicht halten. Euer Kampf um sie wird euch
herabwürdigen, denn das Beste unseres Wesens hat mit dem Wirken der Zeit
nichts gemein, und ihr könnt ihre Waffen nicht führen.«

Er ließ den Brief sinken. Hatte er nicht bei seiner ersten Begegnung mit
Afra ihr diese Worte und alle anderen als die vergrübelte Weisheit eines
Sonderlings hingestellt? War es denn etwas anderes? Waren seine
Gefühlsgewißheiten damals noch frei gewesen, ohne diesen düsteren Bann,
in den Wartalun zu schlagen schien? Oder machte seine Liebe zu Afra ihn
zu einem Narren, der aus diesen greisenhaften Bekenntnissen
Entschuldigungen für seine Frevel an seinem Weibe und an seinem Kinde
zog?

Er las aufs neue und kam an jene Stelle, die ihn Tag für Tag
beschäftigte:

»So bleibt Wartalun in den Händen meines Geschlechts, aber es sei denen
gesagt, die es zu eigen haben sollen, daß es keinen ererbten Besitz in
der Welt gibt, der vor Gott Gültigkeit hat, und Gott erkenne ich in der
Kraft des Lebendigen.«

Im Grunde war dieses Schreiben nichts anderes als ein geheimes
Vermächtnis des Schlosses an Afra. Die Liebe des Grafen Konstantin zu
Afra, die er auch in der Stunde seines letzten Abschieds noch verbarg,
durchglühte diese Worte mit einem bösen, heimlichen Willen. Beinahe
flammte ein zorniger Hohn hindurch und etwas wie ein Haß gegen die Linie
seines Hauses, der Wartalun zufallen sollte. Überall zwischen den Zeilen
brannten Verheißungen und dunkle Prophezeiungen und Afras Name -- --

Er erschrak furchtbar, als plötzlich das junge Mädchen neben ihm stand.
Sie lachte über seinen Schreck:

»Aber das habe ich nicht gewollt, wirklich nicht! Wie düster ist es
hier. Erlaubst du, daß ich die Vorhänge zurückziehe? Du hast Angst vor
dem Licht.«

Sie trat ans Fenster, und er sah sie im Abendlicht in ihrer ganzen
blühenden Kraft vor sich stehen. Sie lehnte sich ans Fenstersims,
streichelte die bronzene Schlange erwartungsvoll mit der tanzenden
Spitze ihrer Reitpeitsche und schaute lächelnd auf ihn nieder. Ein
sinnlos betörender Duft kam von ihr zu ihm, etwas wie das Heimweh des
Sommers nach dem Frühling, die liebliche Fülle ihrer warmen
Mädchenschaft atmete gebieterisch in einer unschuldigen Sorglosigkeit
den süßen Hauch lebendigen Daseins, als spräche Gottes Freude am
Erschaffenen ihr unsterbliches Wort des Wohlgefallens an der erstandenen
Erde.

Haltlos tastete Helmut auf dem Schreibtisch umher, ergriff zitternd
einen beschriebenen Bogen, der die Siegel des Amts von Cismaren trug,
und in einer leidenschaftlichen Gebärde der Hingabe, die etwas von dem
Krampf eines berauschten Gehorsams gegen die heiße Wirkung des Mädchens
hatte, schlug er ihr das Papier entgegen, daß es hörbar in der Luft
flatterte.

Sie nahm es bestürzt mit großen, wachsamen Augen, die ihn beinahe
warnend musterten, und ohne zu sprechen.

»Lies«, rief er bebend.

Sie sah ihn immer noch an, änderte plötzlich ihre Haltung, so daß sie
weniger leichtfertig war, zog ihren Fuß zurück und glättete mit einer
unbewußten Bewegung der Hand ihr Kleid über dem Knie. Dann lehnte sie
sich etwas ins Licht zurück und begann langsam zu lesen.

Helmuts Herz pochte schmerzhaft. Er empfand, daß diese Art der
Darbietung wie ein Raubanfall an eine Gegenleistung scheinen mußte. Er
schämte sich tief, aber irgendein leidender Zorn hinderte ihn an jeder
gütigen Gelassenheit. Man stirbt nicht liebenswürdig, dachte er. Glaubst
du, ich schenkte dir irdische Güter, meinst du, die Äcker bekümmern
mich, oder die Herden?! Was mich bekümmert, ist der Tod ...

»Hallo!« Afra war aufgesprungen und stand kerzengerade vor ihm. Ihre
Augen leuchteten wildherzig und froh:

»Also Wendalen ist jetzt mein Eigentum?!«

»Ja«, sagte er schwankend und ohne Fassung, »es bedarf allerdings ...
noch einer Formalität ... Du mußt mit mir nach Cismaren ...«

»Das macht ja nichts. Also ... vielen Dank!«

»Bitte«, sagte er.

Es ist wahr, dachte er und sah bleich vor sich nieder, das Sterben ist
keine Heldentat, niemand erkennt es an. Und dann würgte ihn etwas an der
Kehle, die eiskalten Hände eines widerwärtigen Gespenstes, das mit dem
Erdrosseln beharrlich eine herzlose Pflicht ausführte: Ich bin allein!
Oh, wenn er hätte sprechen können, von sich, wie es um ihn stand, wie
sein Herz beschaffen war und wo sein tiefstes Leid brannte.

»Wenn ich es nehme, so tue ich es, weil ich dich liebhabe und weil ich
nun frei vor dir dastehe und du nicht mehr darunter leidest, daß ich
nicht auch äußerlich deinesgleichen bin.«

Nicht einen Augenblick hoffte er, sie möchte die Liebe meinen, die er
ersehnte, aber doch erlösten ihn ihre Worte, sie machten ihm das
Schwerste leichter, da sie ihm seine Bitterkeit nahmen. Er wollte etwas
sagen, aber er konnte nicht sprechen. Sie ließ ihn ruhig gewähren, wie
man einem Kranken Zeit läßt, bis er endlich sagen konnte:

»Mein Leben ist in deine Hand gegeben, Afra.«

Darauf antwortete Afra ihm nicht, so daß es ihm klar wurde, daß er in
seinem Wort wohl zu weit gegangen sein mußte, denn er konnte sich nicht
denken, daß eine Schuld bei Afra lag. Sie senkte den Blick nicht, es
schien ihr wohl Mühe zu kosten, aber sie gab nicht einen Schein von
Beschämung zu. Die unerbittliche Sicherheit, mit der sie den Platz
einnahm, den er ihr einräumen mußte, tröstete ihn und gab ihm Halt. Erst
viel später wußte er, daß er zusammengebrochen wäre, wenn Afra auch nur
im kleinsten eingestanden hätte, daß er mehr als seine Pflicht getan
hatte.

Aber er hatte sich niemals so allein gefühlt wie nun, da Afra die Tür
hinter sich schloß. Ein grenzenloses Heimweh überfiel ihn jählings, als
müßte er sich aufmachen und davoneilen, um die einfache und arme
Lebensweise aufs neue zu beginnen, die er verlassen hatte. Er dachte an
Elsbeth und an sein Kind, alles drängte ihn zu einer Rückkehr, ihm war,
als läge alle Heimat, die es für ihn noch geben könnte, in einer Umkehr.

Da hörte er Afras Lachen im Hof, und sein Herz verwandelte sich. Er sah
sie unten mit Friedel stehen, der sich kokett beim Reden drehte; und
Afras Gesicht, voll komischer Weisheit und neckisch überlegen, spiegelte
seine Scherze wider.

Da warf er sich in den Sessel, atmete mühsam und sagte sich:

Schließlich ist es kaum der vierte Teil meines Vermögens, den ich
verschenkt habe.




Zehntes Kapitel


Es folgte eine Nacht, die neuartig für Wartalun begann und die böse
endigte. Friedel hatte vorher mit Helmut im Schlosse umhergestöbert, und
sie waren auf ihrer Irrfahrt auch in die Kellerräume gedrungen, die
Melchior mißtrauisch bewachte und widerwillig erschloß. Durch die dicken
Mauern fielen spärliche Streifen von Licht aus niedrigen vergitterten
Fensterchen in die steinernen Tiefen. Hier entdeckte Friedel zu seinem
jubelnden Entzücken ganze Wände voller Weinflaschen, die sorgfältig
gereiht, ganz eingehüllt in Staub, nur hier und da im Licht der Laterne
aufblinkten. Melchior stand wie eine beleidigte Bildsäule und leuchtete,
während Friedel sich wie unsinnig gebärdete, sich ausgelassen auf die
Schenkel schlug und eine dithyrambische Ansprache an die Überfülle
verkapselter Daseinsfreude hielt, die hier schlummerte.

Helmut zog gleichmütig eine Flasche hervor:

»Das hab' ich ja gar nicht gewußt.«

»Barbar!« schrie Friedel. »Was machst du denn mit der Flasche? Du bist
von Grund aus ohne Religiosität. Bildest du dir ein, so was ließe sich
ungestraft auf den Kopf stellen?«

Helmut gab die Flasche gutmütig an Friedel zurück, der sie behutsam in
ihre alte Lage bettete.

»Gibt es nicht was zu feiern?« fragte er.

Da sagte Helmut rasch, in leidendem Leichtsinn:

»Heute ist die Übergabe Wendalens an Afra erfolgt.«

Da fiel die Laterne aus Melchiors Hand klirrend auf den Boden und
erlosch. Langsam schlich sich das Tageslicht spärlich durch den langen
Felsgang herab. Alle schwiegen. Der Alte suchte mit bebenden Händen
unter den Scherben nach dem Kerzenstümpfchen.

»Verbrenn dir die Finger nicht«, sagte Helmut in einem Tonfall, der
seinen Worten eine Bedeutung, über die Augenblickssorge hinaus, verlieh.

Er atmete auf, als sie nach einer kleinen Weile im Abendsonnenschein auf
der Terrasse standen. Friedel griff den Gedanken einer nächtlichen Feier
mit Begeisterung auf, und Helmut ließ sich bereitwillig mitreißen. Es
war ihm ein beglückender Gedanke, für Stunden einmal wieder Vergessen zu
finden und den verschollenen Klang seiner ersten Jugend
heraufzubeschwören. Daß er nicht eher darauf gekommen war!

»Melchiors Verschwiegenheit ist schon beinahe Diebstahl«, meinte er.

Friedel lachte.

»Wenn man den Kerl sieht, hat man das Gefühl, als wandele das böse
Gewissen als Gespenst über die Erdkruste. Halb Beichtvater, halb
Erbtante, schlumpt er umher und ist auf Moral aus. Dabei strömt er einen
Modergeruch aus, daß alles verschimmelt, was er anglotzt. Läßt sich
sowas nicht pensionieren?« Friedel geriet in heiligen Eifer, gleich
darauf verlangte er von Melchior eine Weinkarte.

Der Alte wandte sich an Helmut:

»Es ist ein Verzeichnis da, Herr Graf.«

Diese Aufstellung entzückte Friedel bis zu Tränen.

»Weißt du, Helmut, dein Graf Konstantin, dein Onkel, oder war es nicht
dein Onkel, jedenfalls war er ein Heros auf dem Schlachtfeld edelster
Genüsse.«

»Fängst du auch an ...« sagte Helmut unbeherrscht.

»Womit? Wieso?... Darf ich für heute abend auswählen?«

»Ja, wähle. Wir trinken im großen Saal. Ich werde Afra unterrichten.«

Er schlenderte fort über den Hof auf die Wirtschaftsgebäude zu, und
Friedel schloß Freundschaft mit Melchior, den er für seine festlichen
Vorbereitungen brauchte.

                    *       *       *       *       *

Als das letzte Sonnengold auf den Turmspitzen des Schlosses erloschen
war, hoch, wo der goldene Hahn sich gegen den Wind wandte und das alte
Wappenkreuz funkelte, als der braune Mond schwermütig über die schwarzen
Moorgräben sah, die unter Schleiern lagen, ertönte ein lang
verschollener Silberklang aus den hohen, weit geöffneten Saalfenstern in
den stillen Hof nieder: das Klingen der alten Weingläser von Wartalun.
In ihren goldenen Kelchen blinkten die Wahrzeichen des Geschlechts in
funkelnden Farben und reinem Gold. -- O Afra, dein Mädchenlachen! Der
Wein, dessen Duft aus diesen Kelchen blüht, überströmte das alternde
Herz und die junge Seele deines ritterlichen Herrn, der begraben liegt.
Im Geist dieses Weins lohte der schwermütige Liebeszorn des
Beschlossenen über das blühende Frühlingsland deines jungen Leibes, der
in der Kraft seines starken Geistes aufwuchs. Was sinnst du nieder in
das schaukelnde Gold deines Glases? -- Er gibt dich nicht frei.

Friedel, Lump! Auf! Hol deine Geige. Schaff den Geistern der
Versunkenen ein himmlisches Reich, in das sie fliehen können, und den
Geistern der Lebendigen eine Zuflucht für ihre Träume und ihre Trauer.
Hinauf mit dir, Lump, auf den flüchtigen Thron deiner einzigen
Herrschaft. Unser Begehr ist, die Menschenfinsternis unserer armen Tage
zu vergessen, dein Spiel nimmt unseren Herzen den Alltag hinweg, dein
Spiel macht die Welt zeitlos. Schau Afra an, wenn deine Hände zittern.
Spiel, daß die bronzene Krone ihres Haupthaars wie Abendschein über ihre
Schultern rinnt und die Blumen von ihren Schläfen im Wein sterben, der
längst vor ihnen geblüht hat. Spiel weiter, der Wein wird dir Mut geben,
hochzeitlichen Mut der unsterblichen Sehnsucht deiner vergeudeten
Jugend, daß Afra dein wird, solange die beseligte Himmelfahrt deiner
Töne dir ewige Reiche eröffnet. Und dann stirb! Du mußt dahin! Die
qualvolle Allgewalt der dunklen Lebensmächte, denen auch du gehorchen
wirst, zwingt dein Haupt in ihren umnachteten Schoß. Es ist im ewigen
Buch verzeichnet: Dir wird auch das genommen, was du hast. --

Seht ihr nicht, wie die Angesichter der Verblichenen, die von den Wänden
niederschauen, ihr Leben zurückgewinnen, wenn die Wohltaten der Geige
erglühen? Laßt euch von ihren Klängen in das Reich der Dahingeschiedenen
emportragen. Sie steigen zu einem seligen Reigen in eure
Erdengemeinschaft nieder und erleuchten mit ihrer im Tode erkauften
Unschuld den dämmerigen Saal. Der Falke hebt sich von der weißen Hand
der lächelnden Reiterin im schimmernden Wandteppich, und mit hellem
singendem Schrei schwingt er sich in die dunkle Wälder zurück, die
draußen im Mond schlafen ...

Der arme Friedel ließ bleich und zitternd seine Geige sinken. Er stürzte
seinen Wein hinab, als suchte er nach einem neuen Weg, um seinem Herzen
die Feierstunde zu bewahren. Afra sah mit heißen, leuchtenden Augen auf
ihn hin, und die Stirn des jungen Grafen Helmut ruhte auf der Kante des
schweren Eichtisches.

Da riß ein kurzes Aufschluchzen die Befangenen aus ihrem Bann, und ein
helles Lachen Friedels erlöste sie. In der Saalecke rang Martin
fassungslos mit seinem Herzen, seinem Wein und seiner Müdigkeit. Afra
rief ihn herbei, sie verwies Friedel sein Lachen und reichte Martin die
volle Flasche. Melchior war zur Ruhe gegangen und träumte davon, die
Mauern des Schlosses stürzten mit donnerndem Krachen nieder und begrüben
die Frevler am Gut des Toten.

»Ist noch Wein oben?« fragte Afra.

Martin nickte schwermütig.

»Geh zu Bett, Junge, geh ... Ich werde schon für das übrige sorgen.«

»Martin hat's gut bei Ihnen«, sagte Friedel.

»Sie können ja auch zu Bett gehen, wenn Sie wollen.«

»Nein«, sagte Friedel, »ich bleibe inständig lebendig, solange Sie
diesen Saal erhellen, Fräulein Afra.«

Hell war er nun freilich nicht, der große, hohe Saal, denn die Kerzen,
die zwischen Rosen auf dem langen Tisch brannten, erhellten die fernen
Ecken nur ungewiß, und der heraufsteigende Mond an den Fenstern gewann
langsam an Kraft und machte den Lichtern die Herrschaft streitig. In
diesem magischen Dämmerschein, unter der hohen, dunklen Decke, nahmen
sich die Gestalten der Menschen seltsam klein aus, wie Verirrte, die
sich um die Kerzen zusammengedrängt hatten. Aber niemand schien daran zu
denken, diese ungewohnte Nacht zu beenden. Die Allmacht des Weins fand
bei Helmut und Friedel haltlose Gemüter, und Afras Sinne glühten
hochgemut und in freudigem Triumph ihrer neuen Würde und ihrer jungen
Herrschaft. Sie sprach wenig, und die Wirkung des Weins war nicht bei
ihr zu spüren, sie wahrte sich eine freie Gelassenheit, und die
wildherzigen Träume ihrer erhobenen Seele stürmten weit über die Wünsche
der beiden Friedlosen fort, die um ihretwillen versanken. Aber
allmählich wurde der Geist des Weins in ihrem Blut mächtiger, aber mit
ihm auch ihr Verlangen nach fernen Zielen und großem Tun, denn das
Erreichbare erschien ihr gering. Wie sollten diese hier ihr Gewähr
leisten, daß ihr Bestes gewürdigt wurde? Plötzlich stand sie auf,
schüttelte langsam mit einer aufwiegelnden Beharrlichkeit tiefinnerster
Hingabe ihr kindliches Haupt, bis die goldenen Haare niederbrachen,
ergriff die Blumen, die den Tisch schmückten, mit einer trotzigen Hast
zu einem verwegenen Strauß in ihrer Hand, hob mit der anderen ihr Glas
und rief:

»Es lebe Graf Konstantin!«

»Er sei verflucht!« heulte Helmut auf und zerwarf sein Glas, daß es an
der Steinwand mit einem hellen Knall zerstäubte und kaum ein Klirren am
Boden folgte.

Friedel sprang auf, daß sein Sessel tanzte, und starrte die beiden an,
als sähe er Gespenster. In der Stille, die entstand, erhob sich von
außen her etwas Unfaßbares, etwas, das niemand verstand und das doch
alle nahen fühlten. Jetzt wußten sie es, es mußte draußen eine letzte
Tür aufgestoßen worden sein, es war ein helles, wildes Geschrei um
Hilfe. Nun war die Saaltür erreicht, nun knallte sie auf, und Iduna
stürzte herein, die Hände hoch erhoben, die Haare wild um den Kopf, im
flatternden Kleid:

»Helft! Zu Hilfe! Die Gnädige stirbt ... Das Kind ... sie dreht sich am
Boden!«

Afra sprang auf. Mit einer einzigen Geste schien sie die Herrschaft über
die Nacht an sich zu reißen:

»Laß dein Geschrei!« Sie war mit wenigen Schritten bei dem Mädchen, und
obgleich sie es hart anfuhr, richtete sie die Zitternde freundlich auf,
die vor Erregung und Angst in die Knie gebrochen war. Dann ergriff sie
Helmuts Arm:

»Wo willst du hin? Du kannst dort nicht helfen. Komm hinab, hilf mir!«

Die Ernüchterung aller war wie mit einem Schlag eingetreten. Iduna wurde
zurückgeschickt, und sie ging gehorsam, die entsetzten Blicke bis
zuletzt in Afras Gesicht, deren Wille sie gehorsamer machte als jemals
ein anderer. Unten im Hof war es in wenig Minuten lebendig. Afras
beherrschte, beinahe frohe Hast ergriff das erwachte Haus. Martin mag im
Leben kein Aufstehen schwerer geworden sein als dies, aber der Eifer
seiner Herrin belebte ihn, daß er Wein und Müdigkeit vergaß.

»Rasch! Du mußt nach Wartaheim! In einer halben Stunde bist du da, hast
du verstanden! Nimm >Husar< und >Prinz< und schlag drauf, was dein Arm
aushält. In einer halben Stunde, verstehst du?! Nicht eine Minute weniger
brauchst du!«

Sie sattelte Joni selbst. Zwei Knechte halfen ihr. Das edle Tier wurde
von der Unruhe ergriffen und war schwer zu halten.

Martin zog den leichten gelben Landwagen aus der Remise. Dann überließ
er alles den anderen und half Afra. Der Mond leuchtete.

»Willst du reiten? Wohin willst du reiten?«

»Zum Arzt, die Frau Gräfin ... bekommt ihr Kind. Zieh an! Fester.«

»Nein«, sagte Martin, »so fest darfst du den Gurt nicht ziehen.«

Afra trat zurück und ließ den Burschen machen.

»Wir warten auf dem Kirchplatz!« sagte sie. »Der Arzt und die Amme
müssen in unseren Wagen. Fahr wie der Teufel. Ich verlaß mich auf dich.
Marsch, sorg für den Wagen! Ich sorge in Wartaheim dafür, daß alles zur
Stelle ist.«

Joni stieg empört. Afra gewann den Sattel mit Mühe, und Martin mußte ihr
noch einmal zu Hilfe eilen.

»Ich danke dir, Afra ...« Helmut versuchte ihre Hand zu ergreifen, es
gelang ihm nicht. Er sah nur Afra, er dachte nur an sie. »Hüte dich ...
reit nicht zu wild ...«

Es antwortete ihm ein heller Ruf. War's ein Zuruf an das Pferd, ein
Abschiedswort ... er wußte es nicht. Er sah nur Joni anspringen mit
einem langen Satz, so daß die Reiterin weit nach hinten flog, aber sie
gewann wieder Sitz, und der hohe Rachen des Tors verschlang diesen
hellen Triumph von Hast und Willen.

Taumelnd stürzte Helmut, von Friedel gefolgt, vor das Tor. Ein
klirrender Sturmwind riß draußen in einem schaukelnden Flug Pferd und
Reiterin auf dem hellen Band der Straße in die mondflimmernde Nacht
hinaus. Auch Martin vergaß in diesem Augenblick alles andere, er stand
im Tor und starrte Afra nach, vorgebeugt, beide Hände an den Schläfen:

»Jetzt«, keuchte er, »jetzt ... jetzt ...«

»Was denn?« stieß Helmut wie im Fieber hervor.

Aber da schien es geschehen: Martin stürzte mit einem wütenden Aufschrei
vor, der zugleich etwas von einem todesbangenden Jauchzen der
Begeisterung hatte. Draußen klang die Nacht nicht mehr. Die Straße war
leer.

»Teufel, o Teufel!« schrie Martin und bearbeitete die Luft mit den
Fäusten. »Sie reitet durchs Moor!«

                    *       *       *       *       *

Gleich darauf rollte der Landwagen mit Martin in schnellster Fahrt die
Landstraße dahin auf Wartaheim zu. Martin schonte die Pferde nicht, aber
obgleich ihn fieberte, bändigte er seinen Mutwillen. Afras Tollkühnheit
hatte ihn eigen ernüchtert; wie schon stets als Kind er es gewesen war,
der ihr wildes Herz in seine bedächtige Bauernweisheit einfing. Hier war
ihm die Gespielin seiner Jugend wohl auf Leben und Tod entgangen, aber
es sollte nicht an ihm liegen, dies drohende Unheil nicht nach Kräften
zu beschwichtigen. Vielleicht brauchte Afra Wagen und Pferde noch diese
Nacht für sich selbst. --

Der Lump torkelte durch den Schloßhof, der halb im Mondschein lag.

»Das ist es, das ist es ...« stotterte er, »das Lebendige, das Leben!
Gleichgültig für was. O Helmut, Bruder im Verfall, deine gräfliche
Scheune beherbergt das wildeste Herz der Welt. Ich bin es, der dort
draußen reitet, verstehst du? In allem, was sie tut, bin ich! So wie
Gott mich vorhatte, wie meine Mutter mich erhoffte, solange sie noch
nicht der peinliche Vorfall einer näheren Bekanntschaft mit mir
überrumpelte ...« Er besann sich: »Helmut, armer Junge, ich weiß ja: da
oben! Aber wenn ich in der Welt zu nichts mehr nütze bin, so laß dir
doch mein Verständnis ein Trost sein. Wer Afra nicht ... nun, du
weißt ... es wäre die Sünde gegen den Heiligen Geist ... Ach, Bruder ...«

Helmut raffte sich auf:

»Du bist betrunken. Komm zu dir. Es wird das beste sein, du gehst zu
Bett.«

»Ja«, sagte der Lump traurig, »schlafen ... Aber höre, du mußt mir eine
deiner blanken Jungfern mit unter die Laken geben, eine von denen, die
ihre Jugend unten in den Katakomben deiner Baracke vertrauern. Sonst
komme ich nicht über diese Nacht.«

»Nimm, was du willst«, sagte Helmut, »im Saal findest du noch Flaschen
genug.« --

Die letzten Rosen an dem hohen Staket des Eingangs glühten im späten
Mondlicht. Vom Garten her wehte es feucht, er lag dunkel im Schlaf in
seiner sommerlichen Schwermut. Aus der Gesindestube klang eifriges
Flüstern, überall war Licht im Schloß, die Pferde stampften unruhig in
den Ställen, und zuweilen rasselte eine Kette. Friedel hatte sich auf
den Weg gemacht, und Helmut schritt langsam durch das Portal, den
matterhellten Flur hindurch und erstieg müde und fröstelnd die Treppe.
Er sah durch das Fenster zum Flügel hinüber ... Dort oben! Ihn
schauderte. Er hörte, gedämpft, wie aus der Erde herauf, lang hin
hallende Schreie. Eine Stiege höher sah er Melchior am Treppenfenster
stehen. Er schien ihn nicht zu hören. Als er näher kam, vernahm er die
gebrechliche Stimme des Alten, und nun erkannte er auch, daß er mit
heißgerungenen Händen, die gefaltet waren und sich beschwörend hoben und
senkten, hinausstarrte in das nächtliche Land, nach Wartaheim hinüber.
Und nun verstand er die dumpfen Worte:

»Herr Christ, hilf Afra. Hilf ihr! Behüte sie, behüte sie!« --

»Du wirst es bis an deine letzte Stunde gut haben in meinem Hause«,
flüsterte Helmut, und sein Herz strömte über. Er schlich leise vorüber
und preßte die Zähne auf die Lippe. --

Die Nacht und den langen kommenden Tag hindurch bis in den späten Abend
lag Wartalun mit seinen Menschen im düsteren Bann einer qualvollen
Erwartung. Schon am Nachmittag unterrichtete der Arzt den jungen Grafen,
daß er sich auf das Leben seines Kindes keine Hoffnungen machen dürfe,
es müßte alles geschehen, was in Menschenkräften stände, das Leben der
Mutter zu erhalten. Er mußte noch einmal nach Wartaheim und befahl
Martin, der ihn fuhr, die Pferde zu mißhandeln. Trotzdem kam er mit
seinen letzten Mitteln zu spät, und am Abend atmete das Schloß in tiefer
Trauer auf.

Helmut war durch Bangen, Hoffnung und Selbstmarter nicht mehr fähig, die
Kunde voll zu erfassen, die ihn betraf. Der Arzt fand ihn in seinem
Zimmer vor dem Schreibtisch, und auf die Nachricht hin sank das gequälte
Haupt des jungen Vaters auf die Arme nieder, die auf dem Tisch lagen.

»Die Mutter lebt, Herr Graf.«

Ein Kopfschütteln ...

Erst als der Arzt sich nach vielen Bemühungen zurückziehen wollte,
richtete sich Helmut auf und fragte:

»War es ...« Er stockte.

Der Arzt war wieder an seiner Seite.

»Wonach fragten Sie?«

»Ein Sohn?«

Der Arzt nickte und verließ stumm den Raum.

Der Abend bekränzte das herrliche Schloß mit himmlischen Rosen. Unten im
Weinlaub des Gartenhauses spielte der Lump seine Geige in der kühlen
Luft. Helmut schellte nach Afra. Sie trat kurz darauf mit ernstem
Gesicht vor ihn hin.

Er versuchte zu sprechen. Dann überwältigte ihn sein Schmerz zum
erstenmal, als er Afras Augen voll heißen Mitleids auf sich ruhen
fühlte. Er umschlang sie hilflos wie ein Kind und ließ sein Haupt an
ihre Brust sinken.

»Afra, liebe Afra, sei barmherzig. Oh, bedenke, daß ich nichts bin als
ein Mensch, nichts mehr habe als das was du mit deinen Armen stützt.«

Afra trat von ihm zurück. Da schrie er:

»Erbarme dich meiner! Erbarme dich meiner!«

Das Mädchen wurde bleich bis in die Lippen, und mit der Gebärde einer
sich neigenden Bildsäule, steif und hart und hilflos, gab sie ihm ihren
Mund für seine Küsse.

»Bin ich durch meinen Schmerz meiner Heimat ein einziges Mal nahe?
Wieviel muß ich leiden, um erlöst werden zu können? Afra, mein Kind ist
tot. Mein Sohn ist tot. Mein Weib wird nicht leben, bevor du ihr nicht
zurückgibst, was ich dir geben muß.«

»Was soll ich tun?« fragte Afra.

Er flammte auf, als habe ihre Frage das bohrende Feuer seiner Hoffnung
zum Lodern entfacht, aber als er ihr Gesicht sah, sank er auf die Knie.

»Geh! Du kannst nicht ... Du darfst nicht. Herrliche, wer bin ich, daß
ich hoffe, du möchtest mich lieben. Göttlich-Lebendige du, du ewige
Jugend meines zertretenen Daseins, du Geliebte Gottes ...«

Afra trat scheu und mit großen Augen von ihm zurück. Ging durch ihr Herz
der erste Glaube daran, daß die Liebeskraft dieses Mannes vielleicht
doch hinüberführte in das Heimatland ihrer traumdunklen
Weibessehnsucht, die noch unter den blühenden Härten ihres Mädchentums
schlief? Ein verzehrend süßes Gefühl von überströmendem Mitleid brannte
in ihrem Blut empor, aus ihm mochte die holde Frage stammen, die sie
andächtig und wild hervorstieß:

»Was willst du? Ich weiß es nicht. So tu, was du mußt ... ich möchte gut
sein ...«

Aber er schien plötzlich wie erloschen, mit einem Ausdruck von Schwäche
und Verstörtheit stammelte er:

»Du hast nicht gehört, ob Elsbeth nach mir gefragt hat?«

Mühsam raffte er sich auf und stützte sich am Tisch. Und da geschah das
Unerhörte. Afra schnellte steil empor, ihre Augen flackerten plötzlich
wie verdunkelt und voll Haß, voll eines Hasses, der nicht ihn meinte,
sondern eine Gewalt, die sie in ihm zu erfühlen geglaubt hatte und von
der sie sich auf unverständliche Art um ihren Glauben betrogen sah. Wie
hätte sie sonst wohl jemals die Herzenshärte aufbringen können, einen
gebrochenen Menschen zu schlagen? Ihre Hand traf sein Gesicht, daß er
taumelte, und sie sagte in einer beinahe dämonischen Sicherheit:

»Du Erbärmlicher.«

Unten im Weinlaub des Gartenhauses spielte der Lump immer noch die
Geige, sich zum Vergessen, anderen zum Trost. Als Afra die Treppe
niederschritt, rannen ihr über die Wangen große Tränen nieder, deren
Ursache sie nicht verstand. Sie dachte nicht an die junge Frau, die
oben im Schloß die letzte Hoffnung ihres Lebens im Grund ihres matt
pochenden Herzens begrub, und nicht an den Mann, der sie gedemütigt
hatte. Was ihr Sinn ahnte, lag fern von allem, was ihr geschehen war, im
hellblühenden Nebelland der Zukunft, dem sie entgegenschritt, im Großen,
im Vollkommenen, am Herzen Gottes.




Elftes Kapitel


Die wilde Spätsommersonne fand durch die halb geöffneten Läden in das
Leidenszimmer der jungen Frau, die ihre schwersten Lebensstunden ohne
die Liebe eines Menschen durchlitten hatte. Als man den kleinen Leichnam
forttragen wollte, warf sich die Mutter, alles vergessend, über das
Lager des Kindes, klammerte sich mit ihren blutleeren Händen an der
Wiege fest und wollte ihr Kind nicht davontragen lassen. Ihre
niederbrechenden Haare bedeckten es, und sie preßte ihre elende Wange
auf sein erloschenes Augenpaar. Niemand konnte sie mit dem Gedanken
vertraut machen, daß der kleine Tote von dannen mußte, um in der Erde zu
ruhen. Sie stieß mit ihrer geschwächten Stimme ein Geschrei aus, dem
kein anderes Geschrei auf der Erde zu vergleichen ist, und ihre
klammernden Hände konnten erst gelöst werden, als ihre Sinne in eine
lindernde Ohnmacht versanken.

Sie erholte sich nur langsam, Woche um Woche, und gewann ihre Kräfte
niemals wieder ganz zurück. Ihr Herz und ihre Augen wandten sich dem
irdischen Treiben nicht wieder zu.

Die Beisetzung des Kindes geschah in großer Stille im Schloßpark in der
Begräbnisstätte des Geschlechts, unter den braunschattigen Tannen, an
der Seite des Grafen Konstantin. Das Kindlein lag weiß verhüllt und
schlummerte in seiner dunklen, engen Wiege, die seine einzige irdische
Lagerstätte bleiben und die es mit keinem anderen Lager vertauschen
sollte. Der Pfarrer von Wartaheim sprach über dem kleinen Sarg, bevor er
in die Nacht der geöffneten Erde versenkt wurde. Er breitete seine Hand
segnend über das kleine Menschenwesen aus, das die Erdenfinsternis nur
für ganz kurze Zeit berührt hatte, um sie für immer zu verlassen. Er
betete darum, daß diese Reise ins Licht führen möchte und daß das Kind
den Vater im Himmel finden möge.

Als Afra Blumen auf die Grabtafel legte, brachen Helmut die ersten
Tränen um seinen Sohn aus den Augen. Afra sah es und reichte ihm ihre
Hand. Als sie nebeneinander den Tannenweg zurückschritten, sagte sie:

»Ich möchte, du könntest die arge Stunde auf deinem Zimmer vergessen.
Ich bemühe mich darum. Ich habe nichts Böses tun wollen.«

»Ach, Afra«, antwortete er, »meinst du, dieser Schlag, der mein Gesicht
getroffen hat, wäre den Schlägen zu vergleichen, die ich durch mein
Geschick erdulde? Ich weiß besser als du, warum du so gehandelt hast.
Wie sollte mich das Leben in seiner herrlichsten Vollendung anders
treffen als in seinem täglichen Walten? Ihr, hoch oben, wißt nichts von
uns, und ich glaube, ihr sollt es nicht wissen. Versuche mich zu
verstehen, wenn ich heute weiß, daß das Mitleid, das ich von dir
gefordert habe, eine Herabwürdigung deines Werts bedeutet hätte. Ich
lerne langsam begreifen, daß unser Trost nicht in einer Verschmelzung
der Schönheit und des Reichtums anderer mit unserer Dürftigkeit liegen
kann, sondern nur darin, daß wir unterscheiden lernen und im
Unerbittlichen Gottes Willen am deutlichsten fühlen. Aber wer kann es?
Wenn ich die Kraft finde, soll mein Lebensdank darin beschlossen sein,
dich so unvergleichlich herrlich und lieblich auf derselben Erde, in der
gleichen Natur zu wissen, die auch mich zu Vollkommenem im Sinne hat.«

Afra sah bewegt vor sich hin. Sie antwortete ihm zögernd:

»Ich verstehe dich nicht ganz, aber ich kann fühlen, daß deine Worte von
Herzen gemeint sind.«

Da verließ er sie und schritt rasch auf einem Seitenweg in den Wald
hinein. --

                    *       *       *       *       *

Die letzten Wochen hatten Afras Wesen verändert. Mit der Fülle von
Lebenseindrücken und Geschehnissen, die über sie hereingebrochen waren
und vor deren wechselndem Übergewicht ihre starke Natur sie bewahrte,
war eine seltsam frühe Reife ihres Wesens überraschend schnell und
sicher herbeigeführt worden. Eine bevorzugte Menschennatur unterscheidet
sich dadurch von einer benachteiligten, daß sie in ihrer Jugend auch den
stärksten Eindrücken nur vorübergehend erliegt und von allen Gaben der
Umwelt nur die bewahrt und nur soviel von ihnen, als ihr zu ihrer
gesunden Entwicklung notwendig ist. Ihre häufige Begleiterscheinung ist
in früher Jugend eine an Bewußtlosigkeit grenzende Benommenheit der
Sinne, die etwas vom herben Schlaf der Wälder und Wiesen an sonnigen
Märztagen hat. Denn die Natur hütet ihre erwählten Kinder, damit ihre
Kräfte nicht unnütz und voreilig verblühen, weil sie in ihnen um ihre
höchste Offenbarung und um ihren letzten Triumph ringt.

Das junge Mädchen führte keine wesentlichen Veränderungen in der
Verwaltung von Wartalun und Wendalen ein. In ihrem Tun und Verhalten
verriet nich

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