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Trotzkopf's Brautzeit

by Else Wildhagen · German · Gutenberg #37241 · 473,391 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Trotzkopf's Brautzeit
    
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Title: Trotzkopf's Brautzeit

Author: Else Wildhagen

Illustrator: Willy Planck


        
Release date: August 28, 2011 [eBook #37241]
                Most recently updated: June 17, 2020

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/37241


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK TROTZKOPF'S BRAUTZEIT ***





                          [Illustration: Cover]





                              [Illustration]





                        [Illustration: Titelseite]

TROTZKOPF’s
BRAUTZEIT
               VON ELSE WILDHAGEN geb. FRIEDRICH-FRIEDRICH
ZWEITER BAND zum „TROTZKOPF“
VON EMMY v. RHODEN (EMMY FRIEDRICH-FRIEDRICH)
JLLUSTRIERT von WILLY PLANCK

Achtundfünfzigste Auflage
oder
Dreissigste Auflage der Wohlfeilen Ausgabe

STUTTGART
GUSTAV WEISE VERLAG





               Druck der Stuttgarter Vereins-Buchdruckerei.






                              [Illustration]

Ilse und Leo saßen lustig plaudernd auf der Veranda vor dem Macketschen
Hause. Der warme Mittagssonnenschein eines heiteren Oktobertages stahl
sich durch das dichte Blättergewirr des herbstlich gefärbten Weinlaubes zu
ihnen herein.

Leo Gontrau erzählte soeben von seinem Leben in der kleinen Stadt, in
welcher er als Assessor angestellt war, und nach der er Ilse im kommenden
Frühjahr als seine Frau heimführen wollte. Sie unterhielt sich köstlich
über seine ebenso drastischen wie komischen Erzählungen und sah im Geiste
die geschilderten Personen leibhaftig vor sich. Natürlich war sie schon
jetzt der Gegenstand des lebhaftesten Interesses in dem kleinen Ort und
Leo konnte nicht genug berichten, wie neugierig man sich nach ihr
erkundigte.

„Und mit all den langweiligen Tanten soll ich verkehren?“ rief sie
endlich, „mit ihnen Kaffee trinken, klatschen, womöglich grauwollene
Strümpfe dabei stricken?“ Sie warf sich in den Stuhl zurück und brach in
ein unbändiges Gelächter aus.

„Na – es wird so schlimm nicht werden, Kind, und mir zuliebe mußt du es
eben auch mal über das Herz bringen, mit alten Tanten Kaffee zu trinken.“

Das heitere Lächeln verschwand von ihrem Gesicht, und sie sah ihn erstaunt
an.

„Du meinst doch nicht im Ernst, Leo, daß ich mit allen diesen Damen
verkehren muß?“

„Ja, Schatz,“ gab er ihr zur Antwort, „das müssen wir, ich bin Beamter und
habe Rücksichten zu nehmen, das ist nun einmal nicht anders und da wird
sich denn meine kleine Frau auch fügen müssen.“

„Fügen,“ rief sie sich aufrichtend, „nein, Leo, fügen werde ich mich
nicht, besonders nicht, diese Besuche zu machen.“

„Wie kannst du dich nur so ereifern, Ilse,“ sagte er lächelnd und
schüttelte den Kopf.

„Übrigens findest du in B.... auch einige sehr nette junge Frauen, welche
dir gewiß gefallen werden.“

Sie unterbrach ihn spöttisch. „Du bist ja sehr entzückt von unsrem
künftigen Bekanntenkreis; ich muß gestehen, mich verlangt es nicht nach
Bekanntschaften, wenn wir erst verheiratet sind. Nur dir will ich leben,
weiter niemand; du aber zählst mir jetzt schon vor, mit wem ich verkehren
soll – dir liegt also nichts, gar nichts daran, mit mir allein zu sein.“

Sie sah hübsch aus in ihrer Erregung; Leo mochte sie gern so sehen, mit
funkelnden Augen und geröteten Wangen.

Zärtlich zog er sie zu sich heran und strich liebkosend über ihr Haar.

„Kleiner Brausekopf,“ sagte er, „kannst du denn nicht ruhig denken, nicht
ruhig mit mir über unsre Zukunft sprechen?“

Sein etwas überlegenes Lächeln bei diesen Worten brachte sie noch mehr aus
der Fassung.

„Ja, du natürlich fügst dich willig in alles, aber das kann und tue ich
nicht! Denke nicht, daß ich eine unterwürfige Frau werde, so eine ‚Magd‘,
wie sie Chamisso besingt.“

Trotzig warf sie die Lippen auf und zerzupfte mit solchem Eifer eine
schöne dunkle Rose, als wäre die unschuldige Blume die Urheberin ihres
Ärgers.

„Nein, nein,“ lachte er, „ich weiß, ich bekomme ein widerspenstiges
Käthchen, kein sanftes Gretchen zur Frau. Aber du weißt doch auch, Lieb,
wie Petruchio sein Käthchen bezwang, daß sie zuletzt ganz gefügig ward
und, wenn er es wünschte, die Sonne für den Mond ansah?“

Sie hörte nicht auf seine scherzenden Worte, ihre lebhafte Phantasie war
mit ihr weit fort geeilt. Sie sah sich im Geiste als junge Frau, brav und
ehrbar wie die andern Frauen, von denen ihr Leo erzählt hatte; da durfte
sie gewiß nicht scherzen, lachen und sagen, was sie wollte, mußte gute
Lehren anhören, wurde gefragt und ausgeforscht. Das würde sie aber nicht
ertragen, das ging nicht, und sie wollte sich von Leo das feste
Versprechen geben lassen, daß er sie nicht zwingen würde, diese
schrecklichen Besuche mit ihm zu machen.

Schweigend hatte der junge Mann seine Braut beobachtet und an ihrem
wechselnden Mienenspiel bemerkt, wie aufgeregt sie in ihrem Innern war.
Jetzt trat sie zu ihm heran und legte ihre Hand an seine Schulter.

„Leo, lieber Leo,“ sagte sie fast flehend, „versprich mir eins, wenn du
mich wahrhaft liebst! Laß uns, wenn wir erst verheiratet sind, ganz für
uns leben; niemand soll unser Heim sehen, niemand wollen wir besuchen, das
denke ich mir reizend; nicht wahr, Schatz, du versprichst mir das? Gib mir
die rechte Hand darauf.“

Unwillig wandte er sich ab.

„Nun kommst du wieder auf das alte Thema zurück; ich muß gestehen, du
stellst ein unvernünftiges Verlangen an mich, und ich kann dir deine Bitte
nicht erfüllen. Du mußt doch einsehen, daß es zu meiner Stellung nicht
paßt, wenn ich alle gesellschaftlichen Pflichten unbeachtet lasse! Ich
hoffe auch noch immer, du machst nur Scherz.“

„Scherz?“ brauste sie auf. „Du mußt nicht glauben, daß ich noch ein dummes
Kind bin, Leo. Ich weiß genau, was ich will, und ich sage dir vorher, ich
mache deine langweiligen Besuche nicht mit.“

Ihr alter leidenschaftlicher Trotz sprach bei diesen Worten aus ihren
Blicken, und gerade ihn, den sie so innig liebte, mußte sie damit kränken.

„Wenn du erst meine Frau bist, liebe Ilse, so wirst du dich auch nach
meinen Wünschen zu richten haben,“ gab er ihr bestimmt zur Antwort, und
sein ernster Blick richtete sich fest auf sie. Aber schon gereute ihn
seine Entschiedenheit wieder, denn er liebte seine Braut über alles, und
gerade ihr oft sprödes Wesen hatte ihn stets entzückt. Sie war ja noch ein
halbes Kind, bald wurde sie seine Frau und dann würde alles anders sein;
er kannte ja den lieben Trotzkopf.

Sie stand an die Brüstung der Veranda gelehnt und hielt die entblätterte
Rose noch immer in ihren Händen. Die braunen Locken waren ihr wirr in die
heiße Stirn gefallen, und die langen Wimpern lagen auf den tief geröteten
Wangen. Leo konnte den Blick nicht von ihr wenden, er sah nur das
liebreizende Bild vor sich, und aller Unmut war verraucht. Er sprang auf
und eilte zu ihr, seinen Arm zärtlich um ihren Nacken schlingend.

„Komm her, Lieb, setze dich wieder zu mir. Wollen wir uns um solche
Nichtigkeiten streiten, während uns eine selige, rosige Zukunft winkt?
Wenn du erst mein kleines Weib bist, dann sprechen wir wieder über diese
Sache und dann – ich weiß es – dann denkst du ganz anders darüber.“

Aus seinen schönen Augen sprach die innigste Liebe, aber Ilse war in
diesem Augenblick mit Blindheit geschlagen, sie empfand nur das Eine, – er
gab diesmal nicht nach.

Unwillig machte sie sich aus seinem Arm los und trat zurück.

„Das also ist deine Liebe,“ fuhr sie auf, „nicht den kleinsten Wunsch
erfüllst du mir. Aber ich wiederhole noch einmal, ich will mich nicht
fügen, jetzt nicht und wenn ich deine Frau bin, erst recht nicht. Nein –
ich will dich auch nicht heiraten, denn ich sehe ein, du liebst mich nicht
mehr.“ Hier brach sie in Tränen aus, in kindische, zornige Tränen. Wollte
sie ihn dadurch zwingen, ihr nachzugeben? Dieser Gedanke stieg plötzlich
in Leo auf; aber das durfte nicht, das sollte nicht sein. Mit der
wärmsten, zärtlichsten Liebe hatte er sie zu beruhigen gesucht, und immer
wieder war er auf Trotz und Widerstand gestoßen. Er war ärgerlich, sehr
ärgerlich, und sein Stolz bäumte sich in ihm auf.

„Schäme dich, Ilse,“ stieß er hervor, „du beträgst dich wie ein
ungezogenes Kind.“

In der Erregung klang seine Stimme vielleicht härter, als er
beabsichtigte, denn Ilse fuhr fast entsetzt zurück bei seinen Worten.
„Schämen!“ wiederholte sie und sah ihn ganz erstarrt an.

„Leo – Leo,“ rief sie mit zitternder Stimme, „nimm zurück, was du eben
sagtest.“

„Ich kann meine Worte nicht zurücknehmen, Ilse,“ gab er ruhig zur Antwort,
„denn du beträgst dich wirklich wie ein recht ungezogenes kleines
Mädchen.“

Das war zu viel! Ihr Atem flog, und sie war nicht fähig, ein Wort zu
erwidern. Ohne Leo noch eines Blickes zu würdigen, lief sie in das Haus
und stieß in der Türe fast mit ihrem Vater zusammen, der eben auf die
Veranda kommen wollte.

„Was hast du denn, Kind?“ fragte er, als sie so hastig an ihm
vorbeistürmte und er ihre verweinten Augen sah. Doch sie gab ihm keine
Antwort; wie ein gescheuchtes Reh lief sie die Treppen hinauf in ihr
Zimmer und riegelte die Türe fest hinter sich zu. Sie warf sich in einen
Stuhl und brach in leidenschaftliches Schluchzen aus, als wäre ihr das
größte Unglück geschehen.

„Schämen“ hatte er gesagt, und sie ein „ungezogenes Kind“ genannt. Wie
demütigend klangen diese Worte; glaubte er denn ein Schulkind vor sich zu
haben, das er nach Belieben ausschelten konnte? – Sie richtete sich auf
und preßte die Lippen fest aufeinander. Sie war kein Kind mehr, das wollte
sie ihm zeigen! Wie konnte er nur so zu ihr sprechen – fühlte er nicht,
wie furchtbar er sie kränkte? Ein neuer Tränenstrom brach aus ihren Augen,
sie legte die Hände vor das Gesicht und schluchzte bitterlich. Immerfort
tönten in ihrem Ohr die Worte: „Schäme dich, du beträgst dich wie ein
ungezogenes Kind,“ und „nein, nein, er liebt mich nicht mehr,“ antworteten
ihre Gedanken. Daß sie ihn durch fortwährenden Widerspruch erst zu dieser
Äußerung gereizt hatte, das kam ihr nicht in den Sinn, das gestand sie
sich nicht ein. Er hatte ihr großes Unrecht zugefügt, nur das empfand sie
in ihrer aufs höchste gesteigerten Aufregung. – Was sollte sie tun, was
beginnen? Wenn sie der Mama ihr Herz ausschüttete? Sie fühlte wohl, daß
diese ihr nicht recht geben würde. Wenn sie zum Papa ginge? Ja, der würde
seinen verzogenen Schützling gewiß in Schutz nehmen, aber lachend und
scherzend wie immer – und das ging nicht, dazu war die Sache zu ernst. –
Nein, es war auch am besten, wenn kein Mensch von dieser Kränkung erfuhr.
Niemand wollte sie ihr Leid klagen. Ja, wäre Nellie hier – ihr würde sie
alles anvertrauen, die würde sie verstehen. Aber die geliebte Freundin war
in weiter Ferne; ach, wie schmerzlich sehnte sie sich in diesem Augenblick
nach ihr. Sie stützte den brennenden Kopf in ihre Hand und blickte lange
sinnend vor sich hin. Nellies Bild stand lebhaft im Geiste vor ihr, sie
sah die treuen lieben Augen und hörte ihr kindlich frohes Lachen.

Könnte sie sich doch an ihre Brust lehnen, ihr alles erzählen, was sie so
schwer bedrückte! Sie kam sich verlassen und einsam vor. Niemand verstand
sie, und sie wollte auch niemand sehen mit dieser Schmach im Herzen. Leos
Bild, das vor ihr auf dem Schreibtisch stand, schien sie spöttisch
anzulächeln; sie stellte es fort, denn sie konnte diesen Blick nicht
ertragen. Die Luft in dem kleinen Zimmer kam ihr erdrückend vor, sie
konnte kaum Atem holen, und erst als sie beide Fensterflügel geöffnet
hatte und die frische Herbstluft hereindrang, wurde ihr leichter.

Die Sonne war hinter Wolken verschwunden, welche immer dunkler und
schneller herangezogen kamen und auch das letzte helle Blau am Himmel
bedeckten. Ein starker Wind hatte sich aufgemacht und rauschte in den
alten Bäumen, vor Ilses Augen tanzten wirbelnd welke Blätter durch die
Luft. Wie öde und unfreundlich kam ihr mit einem Male die Natur vor, und
doch hatte sie heute im sonnenhellen Lichte noch so freundlich gelächelt.
So trübselig wie draußen sah es jetzt auch in ihrem Innern aus, sie
glaubte nie wieder froh werden zu können.

Ob Leo nicht zu ihr kommen würde? Er mußte doch einsehen, welch schwere
Beleidigung er ihr zugefügt hatte. Aber wenn er jetzt käme, wenn er jetzt
an ihre Türe klopfte – nein – sie würde ihm nicht öffnen. Noch konnte sie
ihn nicht sehen und hören – noch stürmte es zu heftig in ihrer Brust, und
so leicht wollte sie ihm nicht verzeihen, er hatte es nicht verdient.

Unten im Garten knirschte der Kies unter festen Tritten, und laute Stimmen
wurden hörbar. Hatte der Papa Besuch bekommen? Sie bog sich hinaus und sah
ihn mit Leo daherschreiten, welcher lebhaft zu ihm sprach. Seine Stimme
klang ruhig ohne die mindeste Erregung, als wäre nichts vorgefallen. Jetzt
schien er sogar einen guten Witz zu erzählen, denn Herr Macket brach in
ein schallendes Gelächter aus, in welches Leo lustig mit einstimmte. Wie
ein Mißklang tönte dieses Lachen an ihr Ohr. Empört schlug sie das Fenster
zu, daß die beiden im Garten verwundert herauf sahen, – aber sie war
schnell zurückgetreten, und von neuem wurde sie von leidenschaftlichem
Zorn erfaßt. Das war zu viel! Also gleichgültig war ihm alles, er dachte
wohl gar nicht mehr daran, wie er sie gekränkt hatte. Er war zum Lachen
und Scherzen aufgelegt, während sie so schwer litt. Sie konnte das nicht
ertragen, sie wollte ihm beweisen, daß er kein Kind mehr vor sich hatte –
sie mußte ihm zeigen, daß sie sich eine solche Demütigung nicht gefallen
ließ. Ja – das wollte sie ihm zeigen! – Aber wie? Was konnte sie beginnen?
– Wie ein Blitz durchfuhr sie plötzlich ein Gedanke, an dem sie sich
zitternden Herzens festklammerte. Sie wollte fort, fliehen, dann würde er
ja wohl einsehen, daß er ihr bitteres Unrecht getan hatte. Sie sah in
ihrem törichten Sinn nicht weiter, sie dachte nicht an die Sorge, den
Kummer, den sie ihren Eltern und Leo durch einen solchen Schritt bereiten
würde. Der plötzlichen Eingebung folgte sie, ja sie kam sich in diesem
Augenblicke wie eine Heldin vor, ihr sonst so kindliches Gesicht nahm
einen entschlossenen Ausdruck an, und die Lippen waren trotzig aufeinander
gepreßt.

„Ich will fort und gleich – gleich jetzt!“ Sie sagte diese Worte laut vor
sich hin, als wollte sie sich dadurch selbst in dem Entschluß befestigen,
ihr abenteuerliches Vorhaben auszuführen. Hastig durchschritt sie das
Zimmer. Die kleine Uhr, welche auf dem Ofensims stand, fing eben an zu
schlagen; „drei – vier“ zählte Ilse. Um fünf Uhr ging ein Zug nach F., wo
Nellies Mann seit seiner Verheiratung Oberlehrer am Gymnasium war. Eine
Reise zu ihr war schon längst geplant, und Ilse hatte von den Eltern die
Erlaubnis erhalten, nach Weihnachten einige Wochen in F. zuzubringen. Der
stets sorgsame Papa hatte das Kursbuch schon genau studiert und für sie
den Zug nachmittags fünf Uhr als den besten bestimmt. Den Bahnhof
erreichte sie von Moosdorf bequem in einer halben Stunde – danach war es
aber die höchste Zeit zum Aufbruch. Die verweinten Augen wusch sie mit
frischem Wasser und ordnete ihr wirres Haar; sie setzte ihren Hut auf,
holte ihren Mantel und hing ihn über den Arm. So, nun war sie fertig; sie
dachte nicht daran, noch etwas andres mitzunehmen; sie tat alles mit einer
fliegenden Hast, als könnte es sie doch am Ende noch gereuen, den tollen
Streich beschlossen zu haben. Zum Glück fiel ihr im letzten Moment, als
sie schon die Türklinke in der Hand hielt, ein, daß sie auch Geld haben
müßte. Sie ging zurück und schloß ihren Schreibtisch wieder auf. Aus einem
Kästchen nahm sie 30 Mark, die ihr der Papa erst gestern schenkte, weil
sie irgend eine Dummheit begangen hatte, welche ihn entzückte und die er
unbedingt belohnen mußte. Sie steckte das Portemonnaie in die Tasche und
ging nun schnell zur Türe hinaus und die Treppe hinab. An der Haustür
blieb sie zögernd und tiefaufatmend stehen. Lucies Bild trat ihr plötzlich
deutlich vor Augen, mahnend schien es ihr zuzurufen: „Kehre um, kehre um!“
Fast war es, als würde sie schwankend in ihrem Entschlusse, denn auf ihrem
Antlitz spiegelten sich bange Zweifel, aber Leos Bild drängte sich
dazwischen, sie sah sein heiteres Antlitz, hörte sein ausgelassenes Lachen
– und „fort! fort!“ rief es nun in ihrem Innern. Lucie hatte keine Gewalt
mehr über sie, ihr ungestümer Sinn trieb sie zu einer Torheit, welche ihr
die bittersten Stunden ihres Lebens bereiten sollte. Hätte sie ihren
Bräutigam betrübt und niedergeschlagen gesehen, vielleicht würde sie
diesen folgenschweren Schritt nie gewagt haben; aber er lachte ja und war
vergnügt, – nichts hätte sie mehr darin bestärken können, ihr Vorhaben
auszuführen, als sein harmloses Lachen.

Sie horchte, – nichts regte sich im Hause, die Mama war bei dem Brüderchen
im Kinderzimmer; vor einer Begegnung mit ihr war sie also sicher. Durch
ein Fenster spähte sie in den Garten – er war leer, die beiden Herren
schienen weiter gegangen zu sein. Über den Hof konnte sie unbehindert
gehen; die Mägde und Knechte waren draußen beschäftigt, die übrige
Dienerschaft war in den Wirtschaftsräumen, welche auf der andern Seite des
Hauses lagen.

Sie wollte niemand begegnen; es war ihr, als könnte man es auf ihrer Stirn
lesen, was sie vorhatte. Deshalb lief sie schnell über den Hof durch das
Tor auf die Dorfstraße und schlug den Weg zum Bahnhof ein. Wie ein
gehetztes Wild floh sie dahin und wagte nicht, nach dem Hause
zurückzublicken; nur von Zeit zu Zeit sah sie ängstlich zur Seite, ob auch
keiner sie bemerkte. Es begegneten ihr einige Bauernfrauen, welche sie gut
kannte, und die sie schon von weitem grüßten, denn sie war im Dorfe bei
alt und jung beliebt. Heute dankte sie nur flüchtig für die freundlichen
Grüße und eilte scheu an den Leuten vorbei; sie fühlte, daß ihr eine
brennende Röte in die Wangen stieg, und sie kam sich wie eine ertappte
Sünderin vor. Der Gedanke an das erlittene Unrecht beflügelte ihre
Schritte, sie lief auf Koppelwegen durch die Felder, den aufgeweichten
Boden nicht achtend, der sich schwer an ihre Sohlen hing. Aus den Stoppeln
flog bei ihrem Nahen mit lautem Gekreisch eine Schar Krähen in die Höhe,
und ängstlich erschrocken zuckte sie zusammen. Endlich sah sie von weitem
das rote Bahnhofgebäude schimmern, und in kurzer Zeit hatte sie es atemlos
erreicht.

Mit unsicherer Stimme forderte sie am Schalter eine Fahrkarte nach F. und
setzte sich in das kleine, halbdunkle Damenwartezimmer an das Fenster. Der
Zug mußte in wenigen Minuten eintreffen; sie wollte aber den Perron nicht
eher betreten, bis er da war, aus Furcht, sie könnte noch Bekannte
treffen. Richtig, da kam auch schon jemand, den sie kannte. Es war der
dicke Oberförster, ein alter Freund ihres Vaters, der mit einem Herrn auf
und ab ging; wahrscheinlich hatte er denselben zur Bahn gebracht. Sie
drückte sich ganz in die Ecke, als die beiden am Fenster vorbeigingen.
Wenn sie nun nachher nicht unbemerkt an ihm vorübergehen konnte, dachte
sie ängstlich, und wenn er sie fragte, wohin sie reisen wolle, was sollte
sie ihm antworten? Dieser peinvollen Ratlosigkeit machte der langgezogene
Pfiff des erwarteten Zuges ein Ende; wenige Augenblicke darauf stand er
vor dem Bahnhofgebäude still. Zitternd erhob sich Ilse und ging hinaus.
Der dicke Oberförster unterhielt sich jetzt eingehend mit dem
Bahnhofinspektor und wandte ihr glücklicherweise den Rücken zu. Sie trat
schnell an den nächsten Schaffner heran und ließ sich von ihm ein
Damencoupé anweisen. Ihr Herz schlug rasch, und es wurde ihr beklommen zu
Mute, als sie einstieg; sie war froh, daß das Coupé leer war, denn sie
hätte jetzt keinem Menschen frei ins Gesicht sehen können. Die Türen
wurden zugeschlagen, noch ein Hin- und Herlaufen, dann läutete die Glocke
zur Abfahrt, ein schriller Pfiff ertönte und die Wagen setzten sich
langsam in Bewegung. Sie wagte es nicht, aus dem Fenster zu sehen, denn
die Stimme des Oberförsters war immer noch deutlich vernehmbar. Erst als
der Zug im schnellen gleichmäßigen Tempo dahinfuhr, stand sie auf und trat
an das offene Fenster; die frische Luft wehte ihr erquickend um die
Schläfen und kühlte ihr den fieberheißen Kopf. Mehr und mehr entschwand
die heimatliche Gegend ihren Blicken, sie kannte schon keins der Dörfer
mehr, an denen sie vorbeiflog. Wie es wohl jetzt daheim aussah, ob sie
ihre Flucht schon bemerkt hatten? Im Geiste sah sie die bestürzten
Gesichter ihrer Eltern – der Papa würde außer sich sein. In ihrer
Aufregung hatte sie daran noch nicht gedacht, aber mit einem Male stieg
dieser Gedanke qualvoll in ihr auf. War es nicht unrecht, die Eltern so zu
ängstigen? Sie nahm sich vor, sofort nach ihrer Ankunft bei Nellie einen
langen Brief an sie zu schreiben, sie um Verzeihung zu bitten und ihnen zu
sagen, daß sie nicht anders habe handeln können. Was würde aber Leo zu
ihrer Flucht sagen? Sie dachte mit einer gewissen Genugtuung daran, wie er
nun doch einsehen müßte, daß sie einen festen Willen besaß, und ausführte,
was sie wollte. Nun würde er wohl eine andre Meinung von ihr bekommen.

                              [Illustration]

Wie konnte er sie nur so tief kränken, wenn er sie wirklich liebte – sie
vermochte es nicht zu fassen. Er war doch sonst nie so hart gegen sie
gewesen, und sie hatten sich schon so oft gestritten. Bis jetzt fügte er
sich stets ihrem Willen, so oft sie ihn auch schon im tollen Übermut
herausgefordert hatte; warum erfüllte er ihr heute nicht den kleinen
Wunsch? Warum betonte er immer wieder, daß er als Beamter Rücksicht zu
nehmen habe? Das klang so unterwürfig, so demütig; sie wollte ihn stolz
haben, über alles Kleinliche erhaben.

Wie fing der dumme Streit denn nur eigentlich an? Sie waren ja so lustig
gewesen und hatten von der Zukunft geplaudert; in einem halben Jahre, im
Frühling sollte ja die Hochzeit sein. Leo war in dem nahen B. als Assessor
angestellt und arbeitete schon seit einigen Wochen am dortigen
Landgericht. Meistens besuchte er Sonntags seine Braut und scherzend
erzählte er ihr dann von seinen Erlebnissen, von den Bekanntschaften,
welche er gemacht hatte. Komisch und naturwahr schilderte er die Fehler
und Schwächen von allen, was Ilse den größten Scherz bereitete. Da war die
Frau Amtsrichter, welche alle jungen Ehepaare unter ihre Fittiche nahm und
die Ansicht hatte, daß sich die jungen Frauen entschieden dem Rate der
älteren „fügen“ müßten. Dann die Frau eines Arztes, die Neugierige, welche
nicht ruhte noch rastete, bis sie die täglichen Neuigkeiten glücklich
eingesammelt hatte. – Leo erzählte, wie er ihren Angriffen auf ihn stets
geschickt ausgewichen wäre und daß es ihr nicht gelungen sei, auf ihre
vielen Fragen über seine Braut, seine künftige Einrichtung und dergleichen
eine Antwort zu erhalten. Er ahmte dabei das vor nervöser Ungeduld
unruhige und bewegliche Mienenspiel der Dame so treffend nach, daß Ilse
gar nicht aus dem Lachen kam. Heute hatte er zum erstenmal erwähnt, daß
sie sich bald selbst von der Wahrheit seiner Schilderungen überzeugen
könnte, denn alle diese Familien würden sie besuchen, teilweise auch mit
ihnen verkehren.

Damit hatte der Streit angefangen. Er habe Rücksichten zu nehmen, hatte er
gesagt, und das wollte sie nicht gelten lassen, ihr künftiger Mann sollte
und brauchte das nicht. Die kleine Ilse hatte noch keine Ahnung von der
Welt, wie oft und wie viel der Mensch, welcher etwas erreichen will,
Rücksichten nehmen muß. Ihre Wege waren bisher stets geebnet gewesen, und
deshalb wollte es ihr durchaus nicht in den Sinn, warum sie und Leo
künftig nicht ganz nach ihrem Gefallen leben könnten.

Ob sich wohl Nellie in allem ihrem Manne fügte? Gewiß nicht, und Dr.
Althoff war kein Tyrann, das wußte sie. Die liebe einzige Nellie! – Ilse
konnte sich gar nicht vorstellen, wie sie als junge Frau sein würde. Wie
herzlich hatte sie sich auf ein Wiedersehen mit ihr gefreut, und
schrecklich war es, daß sie nun als eine Fliehende mit tief betrübtem
Herzen zu ihr kam. Sie war so glücklich gewesen – und jetzt? Wieder
füllten sich ihre Augen mit Tränen, welche langsam über ihre Wangen
rollten. Sie kam sich so bedauernswürdig vor, als wäre sie hinausgestoßen
in die weite Welt, und nicht als hätte sie nur ihre eigene unglückselige
Laune zu diesem Schritte getrieben.

Die Dämmerung brach jetzt mit aller Macht herein und breitete ihre dunklen
Schatten immer tiefer über die herbstliche Natur. Nur nebelhaft noch waren
die Gegenstände zu erkennen, die vor Ilsens Augen auftauchten, um schnell
wieder zu verschwinden. Einzelne Regentropfen schlugen trübselig gegen das
Fenster, und das einförmige Geräusch der Räder wirkte fast betäubend auf
sie. Ein unbehagliches Frösteln stellte sich ein, furchtsam blickten ihre
Augen in dem halbdunklen Coupé umher; das unheimliche Gefühl des
Alleinseins überfiel sie mit einem Male, und ihr Heldenmut sank immer
tiefer. Unbeweglich saß sie in ihre Ecke gedrückt, ihre Aufregung
steigerte sich von Minute zu Minute. Wie spät mochte es denn sein? Sie zog
ihre Uhr hervor und konnte nur mühsam entziffern, welche Zeit es war. –
Gott sei Dank, die Hälfte der Fahrt hatte sie hinter sich, schon zwei
Stunden war sie unterwegs. Sie waren ihr schnell vergangen, aber nun mußte
sie noch eine ebenso lange Zeit ausharren, bis sie in F. eintraf. Gegen
neun Uhr sollte der Zug dort sein – es wurde gewiß sehr spät, bis sie bei
Nellie war. Ob Althoffs wohl weit vom Bahnhof entfernt wohnten? – Wenn sie
dieselben nur zu Hause traf! Oder – ihr Herz pochte stürmisch bei diesem
Gedanken – wenn sie vielleicht noch verreist wären? Die Herbstferien waren
erst in diesen Tagen zu Ende. Nellie schuldete ihr seit einiger Zeit einen
Brief, und sie wußte deshalb nichts Näheres von ihr. O Gott, was sollte
sie dann beginnen, allein in der fremden Stadt? Sie konnte doch in kein
Gasthaus gehen und ein Zimmer fordern? Das ging nicht, das würde sie nie
tun! Aber wo sollte sie in der Nacht bleiben? Dieser Gedanke bereitete ihr
entsetzliche Qualen, und zum ersten Male gelangte sie zu dem vollen
Bewußtsein, wie abenteuerlich ihr Unternehmen war. Sie fing in ihrer
Herzensangst an zu weinen. Fast empfand sie Reue; wie behaglich und
sorgenlos könnte sie jetzt zu Hause sein, und mußte nun statt dessen in
die dunkle Nacht hinein fahren mit einem Herzen voll Angst und Bangen.

Auf der nächsten Station fragte sie den Schaffner, welcher Licht in dem
Coupé anzündete, wie lange sie noch bis F. zu fahren hätte. „Noch vier
Haltestellen,“ brummte er unfreundlich, und Ilse wagte keine weiteren
Fragen. Die Helle im Coupé machte wenigstens ihrer Furcht ein Ende, sie
konnte nun deutlich erkennen, daß auf den Polstern neben ihr und gegenüber
niemand weiter saß, wie sie vorhin in ihrer Furchtsamkeit geglaubt hatte.
Sie freute sich, wenn wieder eine Station vorüber war, und alle
Augenblicke sah sie nach der Uhr, ob der Zeiger noch nicht weiter
vorgerückt war. – Jetzt hatte der Zug zum letztenmal gehalten, noch eine
kurze Zeit und sie war da. Ungeduldig ging sie auf und ab, krampfhaft den
Schirm in der Hand haltend, mit dem Mantel über dem Arm. Unaufhörlich
schlug jetzt der Regen gegen das Fenster, stockdunkel war es draußen, und
nur hier und da blitzten in der Ferne Lichter auf. Fast wünschte Ilse, es
wäre auf der letzten Strecke jemand eingestiegen, der ihr möglicherweise
Auskunft über die Althoffsche Wohnung hätte geben können. Und doch wieder
war sie ganz froh, allein geblieben zu sein, weil sie fühlte, daß sie ihre
Aufregung nicht verbergen könnte.

Endlich ertönte der lang anhaltende Pfiff der Lokomotive, und mit
zitternder Ungeduld sah sie ihrer Erlösung entgegen; der Zug war in die
Bahnhofhalle eingefahren und hielt jetzt still. Neugierig spähte Ilse
durch das Fenster auf den erleuchteten Perron, wo eine Menge Menschen
standen. Die Türe wurde geöffnet, und sie stieg aus. Ängstlich sah sie
sich um, die vielen lauten Stimmen, das Gedränge und Hinundherstoßen
machten sie ganz beklommen. Bunte Studentenmützen konnte man überall aus
dem Gewühl hervorleuchten sehen. Scheu wich sie denselben aus, denn sie
dachte noch mit Schrecken an ihre Studenten-Begegnung bei ihrer Abreise
aus der Pension.

Als sie einen Bahnbeamten nach einem Gepäckträger fragte, wies sie der
vielbeschäftigte Mann nach dem Ausgang der Halle, und sie drängte sich
glücklich bis dahin durch. Sie sah sich suchend um und war froh, als sie
ganz in der Nähe noch einen Mann mit blauem Kittel und einer
Gepäckträgermütze entdeckte. Sie trat auf ihn zu und fragte, ob er die
Wohnung von Dr. Althoff wüßte. Er rührte sich nicht aus seiner Stellung;
faul, beide Hände in den Hosentaschen, stand er an die Mauer gelehnt und
glotzte sie mit verglasten Augen an; ein widerwärtiger Branntwein-Geruch
stieg ihr unter die Nase. Sie mußte ihre Frage wiederholen, und diesmal
schien er sie wirklich verstanden zu haben, denn er setzte sich statt
aller Antwort langsam in Bewegung; ein Wink mit der Hand machte ihr klar,
daß sie ihm folgen solle.

Bedenklich schwankend ging ihr Führer voran, Ilse angstvoll hinterher. Der
Mann war ja total betrunken, er taumelte hin und her und konnte nur mühsam
das Gleichgewicht halten. Wenn er sie nur nicht den verkehrten Weg führte!
Sie wollte ihn aber nicht noch einmal nach der Wohnung fragen, denn sie
war sicher, doch keine verständliche Antwort zu bekommen. So waren sie
schon eine ganze Strecke zusammen gegangen durch enge, winklige, schlecht
erleuchtete und gepflasterte Straßen, in denen der strömende Regen große
Pfützen gebildet hatte. Den besten Weg schien der Betrunkene auch nicht
gewählt zu haben; unbekümmert um den gräßlichen Schmutz und die großen
Wasserlachen, in welche er mitten hinein patschte, so daß Ilse vor den
nach allen Seiten spritzenden Tropfen ausweichen mußte, trottete er
weiter. Ihre Unruhe wuchs immer mehr. Wohin führte er sie eigentlich? In
einer dieser schmalen, übelriechenden Gassen würden Althoffs doch
schwerlich wohnen. Sie faßte sich schließlich ein Herz und fragte ihren
stummen Begleiter, ob sie nicht bald da wären. Sein aufgedunsenes Gesicht
drehte sich zu ihr herum, und seine Augen sahen sie keineswegs
liebenswürdig an.

„Können Se nich die Zeit abwarten, dann loofen Se doch allene,“ – bellte
er mit unsicherer Stimme.

Erschreckt wich Ilse zurück; wenn das der Papa wüßte, daß dieser
betrunkene Mann jetzt ihr einziger Schutz war, er würde außer sich sein.
Wie sorgsam wurde sie stets behütet, und hier war sie ganz allein in einer
fremden Stadt.

Endlich erreichten sie eine besser beleuchtete breite Straße, und Ilse
fiel es wie ein Stein vom Herzen, als sie diese menschenleeren,
unheimlichen Gegenden verließen. Die Straße führte auf einen großen Platz,
den sie überschritten, worauf sie wieder in eine schmalere Straße
einbogen. Hier schienen sie in dem Villenviertel zu sein, denn die Häuser
zu beiden Seiten hatten Vorgärten, wie Ilse trotz der Dunkelheit erkennen
konnte. Neugierig sah sie in die hellen Fenster, an denen sie vorbeikamen,
denn in dieser Straße wohnte gewiß Nellie. Sie dachte sich das bestimmt,
wagte aber nicht danach zu fragen. Ihre Sehnsucht nach Nellie und ihre
Ungeduld wuchsen immer mehr, seufzend ging sie weiter, es kam ihr vor, als
nähme dieser Weg kein Ende. Endlich blieb der Mann vor einer eisernen
Gittertür stehen und wies auf ein Haus im Hintergrund – „da“, sagte er
lakonisch und streckte ihr zugleich die Hand verlangend entgegen. Ilse
griff in die Tasche und nahm ihr Portemonnaie hervor, das er mit
geldgierigen Blicken betrachtete. Sie gab ihm in ihrer Angst ein
blitzendes Fünfmarkstück, nur um ihn los zu werden. Der über Erwarten
reichliche Lohn stimmte ihn doch etwas freundlicher. Er öffnete ihr mit
großer Ungeschicklichkeit die Tür, und Ilse ging schnell hinein. Sie
bemerkte nicht mehr, welche verzweifelte Anstrengung er machte, sich von
ihr zu verabschieden, indem er seine Mütze abnehmen wollte. Einigemale
griff er vergebens danach, und als er sie glücklich gepackt hatte, entfiel
sie seiner Hand. – Fluchend bückte er sich nach ihr und ließ die Türe mit
lautem Krach ins Schloß fallen, daß Ilse heftig zusammenschrak.

Zögernden Fußes hatte sie den kleinen Vorgarten durchschritten, und blieb
vor der Haustür stehen – zitternd und zagend! Die Fenster in der
Parterrewohnung, welche Althoffs bewohnten, waren bis auf zwei
unbeleuchtet. Vergebens spähte Ilse durch die Vorhänge, ob sie nicht eine
Gestalt erblicken oder Stimmen hören könne. Aber nichts regte sich, alles
blieb still.

Das Herz klopfte ihr zum Zerspringen. Ach, wäre sie nur erst bei Nellie,
und wäre doch der Augenblick des Wiedersehens erst überstanden! Sie konnte
sich nicht entschließen, die Glocke zu ziehen, sondern blieb wartend, ob
nicht jemand käme, an der Türe stehen. Einförmig tönte das
Regengeplätscher fort; sie fühlte sich bis auf die Haut durchnäßt, denn in
ihrer Aufregung hatte sie nicht daran gedacht, sich den Mantel anzuziehen,
der nun schwer vom Regen über ihrem Arm hing. – Ihre Füße waren eiskalt,
dazu kam ein Gefühl der Nüchternheit, denn sie hatte seit Mittag nichts
genossen.

Länger konnte sie es so nicht mehr aushalten. Ach Gott, kam denn kein
Mensch, sie aus ihrer Pein zu erlösen? Erschöpft lehnte sie sich an die
Mauer. Endlich hörte sie im Hause Stimmen. Vorsichtig beugte sie sich vor
und sah durch das Fenster in der Haustüre, wie Nellie mit ihrem Mann aus
einem der Zimmer heraustrat. Sie holte erleichtert Atem, als sie das
treue, liebe Gesicht der Freundin wiedersah, und wäre am liebsten sofort
zu ihr geeilt, aber Dr. Althoffs Anwesenheit hielt sie zurück. Er schien
fortgehen zu wollen, wie sie zu ihrer größten Beruhigung bemerkte, denn er
hatte Hut und Schirm in der Hand. Arm in Arm ging das junge Ehepaar bis
zur Treppe, dann beugte sich Dr. Althoff zu Nellie herab und küßte sie.
Glückstrahlend sah sie zu ihm auf, und er streichelte zärtlich ihr
liebliches Gesicht.

„Adieu, Liebste,“ hörte ihn Ilse deutlich sagen, „ich gehe jetzt. Spät
werde ich nicht zurückkehren.“

Nellie nickte ihm herzlich zu.

„Ich schlafe gewiß schon, wenn du heimkommst,“ sagte sie, „ich bin sehr
schläfrig diesen Abend.“

Sie blieb an der Treppe stehen, bis er aus der Türe verschwunden war. –
Ilse war bei seinem Kommen schnell zurückgefahren und hatte sich hinter
ein dichtes Gebüsch geflüchtet. Jetzt ging er durch die Gartenpforte;
zugleich öffnete sich eines der erleuchteten Fenster und eine Gestalt ward
in demselben sichtbar. Es war Nellie, welche ihrem Manne noch zunickte und
ihm nachsah, bis er verschwunden war.

Ilse horchte atemlos, bis seine Schritte in der Ferne verhallt waren. Sie
war seelenfroh, Nellie allein zu treffen, denn Dr. Althoff ihre Flucht
einzugestehen –, es wurde ihr jetzt erst klar, wie beschämend das für sie
gewesen wäre. Nellie konnte sie nun in Ruhe alles erzählen, und diese
sollte ihr fest versprechen, ihrem Manne nichts davon zu sagen. Und nun
faßte sie sich ein Herz und zögerte nicht länger mehr, sich Nellie
bemerkbar zu machen. Aus ihrem Versteck hervortretend, rief sie schüchtern
deren Namen. Erschrocken zuckte die junge Frau zusammen und, als sie Ilse
erkannte, welche in dem matten Lichtschein, den das helle Fenster in den
Garten warf, leibhaftig vor ihr stand, schrie sie laut auf. Sie war
leichenblaß geworden, und ihre Augen blickten so starr, als sähe sie einen
Geist vor sich.

„Nellie,“ rief Ilse noch einmal leise, und nun kam jene, so schnell sie
ihre zitternden Füße trugen, zum Hause heraus gelaufen, vor welchem ihr
Ilse in die Arme stürzte.

„Um Gottes willen, Ilse, wo kommst du her?“ brachte sie atemlos hervor.

„Meine einzige Nellie,“ das war alles, was Ilse sagen konnte, während die
Aufregung und die körperliche Anstrengung der letzten Stunden sich in
einem krampfhaften Schluchzen auflösten.

Nellie führte sie in das Zimmer, selbst nicht fähig ein Wort zu sprechen.
Sie nahm der heftig Weinenden Hut und Mantel ab und führte sie zum Sofa.
Auf keine ihrer eindringlichen Fragen bekam sie eine Antwort, ratlos stand
sie neben der Freundin und betrachtete sie voll Entsetzen. Was war denn
nur geschehen, wie sah Ilse aus? Ihr nasses Kleid war über und über
beschmutzt und die vor Feuchtigkeit tropfenden Haare hingen ihr aufgelöst
in die Stirn. Nellie nahm ihr Taschentuch und trocknete damit das wirre
Haar, dann setzte sie sich still neben die Freundin und lehnte ihren Kopf
an deren Schulter.

So saßen sie eine Weile wortlos nebeneinander.

Endlich fragte Nellie leise: „Ilse, süßer _darling_, was ist mit dich
passiert, wie kommst du hierher?“

Die hellen Tränen schimmerten bei diesen Worten in ihren Augen, ihr
weiches Herz wurde von dem Jammer der Freundin so gerührt, daß ihre Stimme
bebte. Sie streichelte Ilses Hände und nannte sie mit den zärtlichsten
Schmeichelnamen. Alle Versuche sie zu beruhigen, zum Sprechen zu bringen,
halfen nichts. Sie wußte nicht mehr, was sie anfangen sollte, die kleine
Frau, und hilflos sah sie sich um. Ihr praktischer Sinn gab ihr
schließlich das Richtige ein; sie stand auf und schenkte am Büffet ein
Glas Wein ein, welches sie Ilse brachte.

„Trink, Kindchen,“ sagte sie, das Glas an Ilses Lippen setzend, „das wird
dich gut tun. O, nur ein kleiner Schluck, mehr will ich dich auch nicht
quälen,“ bat sie schmeichelnd, als Ilse das Glas zurückschob und ablehnend
mit dem Kopf schüttelte.

„Du mußt, _darling_,“ entschied sie endlich kurz, und jetzt widersetzte
sich Ilse auch nicht länger, nahm das dargebotene Glas und trank es in
hastigen Zügen leer. Nellie trug es auf das Büffet zurück.

„Fühlst du dich wohler?“ fragte sie teilnehmend und setzte sich wieder
neben Ilse, welche sich in die Sofaecke zurückgelehnt hatte und mit dem
Taschentuch ihr Gesicht bedeckt hielt. Auf Nellies Frage nickte sie mit
dem Kopf. Die junge Frau seufzte leise. Wenn sie doch endlich einmal ein
Wort spräche, dachte sie, denn Ilses Schweigen wurde nachgerade
unheimlich. Unruhig rückte Nellie hin und her; was mochte denn nur
vorgefallen sein, daß sich die Freundin gar nicht fassen konnte?

„Lieb Ilschen,“ sagte sie endlich und griff nach ihrer Hand, „sieh mich
doch einmal an, weißt ja noch garnicht, wie ich mir als würdiges Hausfrau
ausnehme.“ Sanft zog sie dabei Ilse die Hand vom Gesicht fort. „O sieh
doch her,“ bat sie und beugte sich vor, um ihr in die Augen zu sehen, „du
wirst in dies brave, ehrbare Gestalt deine Nellie nicht wieder erkennen.
Alles Dumme ist aus mein Sinn heraus, ich bin ein vernünftiges, kleines
Hausfrau geworden.“

Sie sagte das so drollig, und Ilse sah, als sie aufblickte, in so
schelmische Augen, daß sie nicht widerstehen konnte und durch Tränen
lachend die Arme um Nellies Hals schlang. Erleichtert atmete diese auf,
denn das wortlose Schluchzen war ihr zu schrecklich gewesen. Sie küßte die
Freundin innig und streichelte liebkosend ihre heißen Wangen.

„Armes _darling_, wie erhitzt hast du dir und wie elend siehst du aus. Ich
werde dir ein wenig Essen holen, sonst habe ich eine kranke Ilse. Bleib
hier nur sitzen, gleich bin ich wieder zurück,“ sagte sie und stand auf.

                              [Illustration]

„Bitte, bitte, Nellie, geh nicht fort,“ bat Ilse und hielt sie am Arm
fest, „ich bin ja garnicht hungrig, ich kann nicht essen, wirklich nicht.“

„Du wirst dich zwingen, nur einige Bissen mußt du essen.“ Mit diesen
Worten machte sie sich von Ilse los und ging hinaus, um sehr bald mit
einem Präsentierbrett zurückzukommen, auf welchem ein Teller mit
appetitlich belegten Brötchen stand. Sie rückte ein kleines Tischchen an
Ilses Seite, das sie flink und zierlich deckte.

„Wirklich, ich kann nichts essen,“ beteuerte Ilse wieder, als Nellie sie
zum Zugreifen einlud. Aber ihr Sträuben half ihr nichts, wohl oder übel
mußte sie essen; bald schmeckte es ihr auch vortrefflich, und sie speiste
mit großem Appetit. Befriedigt sah ihr Nellie zu und nötigte sie immer von
neuem.

„Du, nun kann ich aber nicht mehr,“ sagte Ilse endlich und schob den
Teller zurück, „ich bin furchtbar satt.“

Nellie stellte das Tischchen zur Seite und ließ sich auf einem kleinen
Schemel nieder, den sie dicht neben das Sofa schob. Ihre beiden Hände
legte sie in Ilses Schoß und sah fragend zu ihr empor. Ilse verstand die
stumme Frage in ihren Augen, es wurde ihr aber doch schwerer, als sie
gedacht hatte, Nellie eine Aufklärung über ihre Flucht zu geben. Seufzend
lehnte sie sich zurück und sah vor sich hin.

„Lieb Ilschen,“ sagte Nellie leise und fuhr bittend und zögernd fort:
„Willst du mir nicht erzählen, warum du in die dunkle Nacht zu uns kommst?
_Darling_, schütte dein armes Herz in mich aus.“

Da richtete sich Ilse heftig auf.

„Nellie, ach, wenn du wüßtest, wie unglücklich ich bin!“ rief sie
leidenschaftlich. „Leo liebt mich nicht mehr, er hat mich nie geliebt!
Seine Sklavin soll ich werden, keinen freien Willen haben, mich immer
fügen, und das kann ich nicht, das tue ich nicht, ich lasse mich von ihm
nicht wie ein Kind behandeln, ich bin erwachsen und – und –“ hier stockte
ihre Stimme unter hervorbrechenden Tränen, die Erinnerung an das erlittene
Unrecht brachte sie von neuem in Aufregung.

„O, bitte Kind, beruhige dir,“ bat Nellie, „kannst du mir jetzt deine
Geschichte noch nicht erzählen, so warte ich bis morgen. Weine nicht mehr,
armes _darling_.“

Doch unaufhaltsam flossen Ilses Tränen. Nellie war aufgestanden und nahm
einen Leuchter vom Tisch, den sie anzündete. Sie wußte jetzt genug und
drang deshalb nicht weiter in Ilse. Also ein Streit mit Leo war die
Ursache ihrer Flucht! Aber wie konnte sich Ilse zu solchem Streite
hinreißen lassen! Sie war aufs höchste erschrocken, bezwang sich aber,
möglichst ruhig zu erscheinen, so sehr sie auch über die kühne Tat ihrer
Freundin innerlich erregt war.

„Komm, Ilse,“ sagte sie, „ich führe dich in dein Zimmer und du legst dir
schlafen. Rieke macht dein Bett schon in Ordnung; ich habe ihr gesagt, du
hättest mich mit deiner Ankunft überrascht. Aber sie darf dich so mit
deinen Tränen nicht sehen, sonst glaubt sie mich meine Lüge nicht.“ Damit
zog sie Ilses Arm durch den ihrigen und führte sie in ein erleuchtetes
Zimmer, wo ein helles Feuer im Ofen knisterte.

„Ach, wie gemütlich ist es hier, Nellie,“ rief Ilse unwillkürlich aus und
sah sich neugierig in dem Raume um. Wie freundlich und einladend war hier
alles! Zu der hellgeblümten Tapete paßten die Gardinen, und der zierliche
Toilettentisch war so duftig und graziös aufgesteckt, daß Ilse sofort
erriet, nur Nellie könne dieses Werk geschaffen haben.

„Reizend ist es bei dir, Nellie, alles so blendend sauber und fein,“ sagte
sie wieder bewundernd und betrachtete die Fläschchen und Büchsen von
glänzendem Kristall, welche die Toilette zierten.

„Ich sagte dich ja schon, daß ich ein braves Hausfrau geworden bin,
sittsam und ordentlich wie unsre artige Rosi; du wirst große Wunder an mir
erleben,“ erwiderte Nellie, und der Schelm lachte aus dem Grübchen in
ihrer rosigen Wange.

„Du einzige Nellie, du bist doch noch ganz wie früher, wie furchtbar lieb
habe ich dich, am allerliebsten auf der ganzen Welt.“

„O nein, so darfst du nicht sprechen, Ilse; deinen Bräutigam mußt du am
liebsten auf die ganze Welt haben, dann deine lieben Eltern, und zuletzt
kommt erst Frau Elinor nebst Gemahl.“ Um Ilses Mund zuckte es spöttisch,
und eine bittre Antwort drängte sich auf ihre Lippen, aber sie bezwang
sich und schwieg. Nellie sollte nur wissen, wie sie ihr Bräutigam
behandelt hatte! Konnte er da noch ihr Liebstes auf der Welt sein?

Nellie hatte die Gardinen am Fenster zugezogen und trat nun wieder zu
Ilse.

„So, jetzt ist alles fix und fertig, nun schnell in deine Bett. Komm, ich
helfe dich.“

Als sich Ilse niedergelegt hatte und es ihr ersichtlich behaglicher zu
Mute wurde, ergriff sie Nellies Hand.

„Jetzt will ich dir auch beichten,“ sagte sie, und als Nellie meinte, sie
solle das am andern Tage tun, denn sie würde sich wieder zu sehr aufregen,
bat sie flehentlich, sie doch anzuhören.

„Ich kann nicht schlafen, Nellie, wenn du nicht alles weißt!“ rief sie und
erzählte ausführlich alle Einzelheiten des Streites mit Leo und ihrer
Flucht. Ihre Wangen glühten beim Sprechen vor Eifer und Zorn, und sie
wunderte sich nur, daß Nellie nicht fortwährend in lautes Bedauern über
ihr trauriges Schicksal ausbrach. Die Freundin sah schweigend vor sich
hin, denn sie war entsetzt über Ilses abenteuerlichen Streich und
durchschaute klar, daß dieselbe im Unrecht war. Wie hatte sie nur so
unüberlegt handeln können! Sie zitterte bei dem Gedanken an die vielen
unglücklichen Stunden, welche diese Tat der Freundin noch bereiten würde.

„Nicht wahr, Nellie, so durfte mich Leo nicht beleidigen, wenn er mich
wahrhaft lieb hat, – was sagst du dazu?“ fragte Ilse schließlich, als
Nellie sinnend dasaß, und sah ihr dabei forschend ins Gesicht.

„Ich sage garnichts diesen Abend, Kind,“ erwiderte sie ausweichend, denn
sie wußte, daß eine ehrliche Antwort Ilse in ihrer jetzigen Stimmung nur
kränken würde; gegen ihre Überzeugung aber wollte sie auch nicht sprechen.

Als sie in Ilses Zügen eine Enttäuschung bemerkte, streichelte sie
zärtlich ihre Stirn. „Du mußt jetzt schlafen, klein Ilschen, deine Augen
haben eine so müde Aussicht. Morgen früh sprechen wir über deine Sache,
nicht wahr? – Gute Nacht, _darling_.“ Mit diesen Worten erhob sie sich, um
jedes weitere Gespräch abzuschneiden.

„Ruhe dir schön aus, mache die Augen zu und nicht eher auf, bis morgen
früh; du brauchst dich nicht zu fürchten, in das andre Zimmer daneben
schlafen Fred und ich und hören, wenn du rufst. Ich muß jetzt gehen, denn
kommt der liebe Mann nach Hause und findet mich noch wachsam, so macht er
ein böses Gesicht.“

„Nellie!“

„Ja, Ilse, was soll ich?“

„Bitte, bitte, Nellie, versprich mir eins.“

„Was soll ich dir versprechen, _darling_?“

„Sage deinem Manne nicht, daß ich geflohen bin, ich müßte mich ja zu Tode
vor ihm schämen.“

„Nein, Ilschen, beruhige dich, er wird nichts wissen. Ich sage ihm, wie
ich Rieke erzählte, daß du mich eine kleine Überraschung bereitet hast.“

Im stillen lächelte sie über die naive Ilse, welche noch ohne Ahnung war,
daß Mann und Frau keine Geheimnisse vor einander haben. Natürlich würde
sie Fred alles erzählen, noch heute Nacht, und mit ihm beraten, was hier
zu tun ist. Sie nahm das Licht, nickte Ilse herzlich zu und ging hinaus.

In der großen Aufregung, in der sie sich befand, war sie nicht imstande,
sich zur Ruhe zu begeben. Vor ihrem Nähtisch, der im Eßzimmer am Fenster
stand, setzte sie sich nieder und sah in Gedanken vor sich hin. Das Bild
ihres Mannes stand im einfachen Stehrahmen vor ihr und sie betrachtete es
lange Zeit sinnend. Ein seliges Gefühl des Glückes durchzog sie bei diesem
Anblick, und in überwallender Zärtlichkeit küßte sie das Bild.

„Mein Fred,“ flüsterte sie leise mit strahlenden Augen. Sie nahm seine
Liebe mit der Dankbarkeit eines demütigen Weibes entgegen, denn er hatte
sie aus ihrem liebearmen Leben an seine Brust gezogen, an der sie nun für
immer warm und sicher ruhte. Jetzt hatte sie eine Heimat, ein treues
Menschenherz, das sie ihr eigen nennen durfte, dem sie sich ganz zu eigen
gab. Ihre Gedanken gingen in dem Geliebten auf, sie hatte nur Auge und
Sinn für seine Wünsche, sie lebte nur für ihn, und ihr Glück trübte kein
dunkler Schatten.

Dann aber schweiften ihre Gedanken wieder zu der, welche in ihrem
Fremdenstübchen in den weißen Kissen ruhte. Wäre diese doch auch erst, was
sie war, eine glückliche Frau! Aber – sie sah mit großer Betrübnis voraus,
daß die arme Ilse noch heiße Kämpfe bestehen müßte, bis sie ihren starren
Sinn gebeugt, bis sie die wahre, echte Liebe kennen gelernt haben würde.
Wenn Ilse Leo so liebte, wie sie ihren Mann, hätte sie dann so
unverantwortlich handeln können? Mit Schrecken dachte Nellie daran, was
Ilses Bräutigam wohl zu diesem Schritte sagen würde? O, mein Gott, wenn er
ihr den Ring zurückgab, wie Lucies Bräutigam es getan hatte! Nellie bebte
bei diesem Gedanken, und ihr treues Herz empfand bange Sorge um die
Zukunft ihrer Freundin.

Die Uhr über dem Sofa schlug jetzt 11, nun mußte Fred jeden Augenblick
kommen; mit Geduld und Sehnsucht erwartete sie ihn. Sie war ganz ratlos,
und es mußte doch etwas geschehen. Ilses Eltern, die gewiß in Todesängsten
waren, mußten auf alle Fälle Nachricht haben. Wie und auf welche Weise,
das mußte sie doch erst mit Fred besprechen.

Durch die Scheiben sah sie auf die dunkle Straße hinab, die öde und
verlassen dalag. Endlich glaubte sie in der Ferne Schritte zu hören.
Ungestüm riß sie das Fenster auf und bog sich weit hinaus. Die kühle
Nachtluft wehte ihr erfrischend um das Gesicht, der Regen hatte
nachgelassen, aus den zerrissenen dunklen Wolken, die eilend vorüberzogen,
sah der Mond hervor und beleuchtete mit bleichem Glanze Nellies Antlitz.
Sie horchte gespannt in die stille Nacht hinaus. Die fernen Schritte waren
verhallt, also war es ihr Mann doch nicht gewesen. Gerade heute blieb er
länger aus, als sonst. Ob sie Rieke weckte und mit dieser ihm entgegen
ging? Denn wie Feuer brannte es ihr auf der Seele, bis sie ihm alles
erzählt haben würde. Schon wollte sie das Fenster schließen, um ihren
Entschluß auszuführen, da hörte sie von neuem Schritte auf der Straße und
diesmal waren es die ihres Mannes. Eilig schloß sie das Fenster und ging
ins Zimmer zurück. Sie hörte, wie der Schlüssel in der Haustür umgedreht
wurde und schnelle Tritte die Treppe herauf kamen. Jetzt schloß er den
Vorplatz auf. Sie ging ihm bis an die Tür entgegen und nahm sich
krampfhaft zusammen, um ruhig zu erscheinen.

„Nanu, noch auf, wie kommt das?“ fragte er bei ihrem Anblick erstaunt. „Du
weißt doch, Kind, daß es mich unruhig macht, wenn ich denken muß, du
wartest auf mich und wirst müde und abgespannt.“ Sie legte ihm
schmeichelnd die Hand auf den Mund.

„Erst hören, lieber Fred, dann schelten. Glaubst du, ich sei wegen mein
Mann aufgeblieben? O nein, ich läge schon längst in das tiefste Schlummer,
hätte ich nicht eine große Erlebnis gehabt.“ Sie blickte ihn ernst dabei
an, und er bemerkte, daß sie blaß und erregt aussah.

„Was denn für ein Erlebnis?“ fragte er ängstlich. „Was ist denn passiert,
erzähle doch! ich ängstige mich, du siehst so bleich und aufgeregt aus,
hat dir Rieke Ärger bereitet?“

„O nein,“ fiel sie ihm lachend ins Wort, „Rieke war eine fromme Lamm wie
immer. Laß nur, du errätst es nicht, Schatz; komm, setze dich nieder,
damit du nicht in Ohnmacht fällst, wenn du’s hörst, was ich dir jetzt
sagen werde. Also höre: Ilse ist da!“

„Ilse!“ lachte Dr. Althoff, „das ist himmlisch! Ja, ich glaube wohl, du
möchtest sie wäre hier und vertriebe dir die Zeit, wenn dich dein böser
Mann allein läßt. Warte nur, Bösewicht,“ sagte er scherzend und hob ihr
Kinn in die Höhe, um ihr in die Augen sehen zu können. „Du willst mir wohl
etwas vorflunkern, weil ich ein bißchen später nach Hause komme, als es
meine gestrenge Gattin sonst von ihrem soliden Manne gewohnt ist? Ach ja,
es ist schrecklich, wenn man so unter dem Pantoffel steht,“ sagte er
seufzend.

Sie blieb aber ernst bei seinem Scherz.

„Nein, nein, ich mache keine Spaß, Fred; es ist wahr, da drüben,“ sie wies
mit der Hand nach der Tür, „liegt Ilse und schläft.“

Und als er sie noch immer ungläubig ansah, da holte sie Ilses Hut und
Mantel herbei.

„Sieh hier, gehört mich dies Hut, dieses Mantel, glaubst du mir nun?“

Ja, jetzt glaubte er ihr, das bewiesen seine erstaunten Augen, mit welchen
er die Sachen ansah. Fragend blickte er seine Frau an.

„Nellie, was ist das, wie kommt Ilse plötzlich her?“

„O, mit der Eisenbahn; gleich als du fort warst, kam sie und rief mich.
Wie bin ich erschrocken gewesen, ich glaubte ein Gespenst zu sehen, als
plötzlich Ilse so bleich vor mir stand. Wie zitterig war armes _darling_,
o, und wie hat sie geweint!“

„Geweint, warum hat sie denn geweint?“ fragte er, „sage doch nur, was ist
denn vorgefallen?“

Mit fliegenden Worten erzählte sie ihm nun alles.

„Und was sollen wir tun, Fred?“ fragte sie schließlich. „Ilse ist ein
unvernünftiges Kind; wir müssen für sie handeln.“

Er hatte bei ihrer Erzählung mehrmals unwillig den Kopf geschüttelt.

„Ja, was sollen wir tun?“ wiederholte er. „Ich hatte geglaubt, Ilses Trotz
wäre gebrochen, sie wäre ein vernünftiges Mädchen geworden, und jetzt
macht sie solche Streiche! Das beste ist, wir packen das ungezogene Kind
auf und schicken es morgen mit einem Entschuldigungszettel wieder nach
Hause.“

„O, so darfst du nicht sprechen,“ rief Nellie unwillig. „Jeder hat nicht
ein solch fügsames Natur, wie deine Frau. Ilse hat nun einmal ein
trotziges Sinn, aber sie ist gut, und ich habe ihr so herzhaft lieb. Du
darfst ihr auch nicht zeigen, daß du von ihre Flüchtigkeit weißt; sie hat
mich gebeten, dir nichts davon zu sagen. – In welche Angst werden ihre
Eltern und Leo um sie sein! Sollen wir sie nicht telegraphieren?“

„Ja natürlich, Schatz, das müssen wir tun und zwar gleich, sofort. Ich
will die Depesche selbst besorgen.“

„O ja, das ist gut von dir, aber nun mußt du armer Mann noch einmal in die
dunkle Nacht hinaus.“

„Ich brauche ja nicht weit zu gehen,“ meinte er und zog sich seinen
Überzieher an.

„Wo ist mein Hut? So, du hast ihn, – danke, Kind; gleich bin ich wieder
hier. Gehe nur inzwischen zu Bett, du mußt schlafen, du hast dich sehr
aufgeregt.“

„Ja, ich bin sehr schläfrig, ich fürchte aber, ich kann nicht schlafen,
denn alles tanzt wirr in mein Kopf. Ich will nochmal nach unsre Trotzkopf
sehen, ob sie schläft. Adieu so lange, Liebster.“

Leise ging sie in Ilses Zimmer und trat an ihr Bett. Diese schlief fest.
Noch sah man die Spuren vergossener Tränen auf ihren Wangen, aber sie
lächelte im Traume.

„O, sie hat eine gute Traum, denn sie lacht,“ sagte Nellie später zu ihrem
Mann. Nun erlosch auch das letzte Licht in der Wohnung Doktor Althoffs,
und das Haus lag in tiefem Dunkel da.

                                  * * *

In Moosdorf hatte Ilses Flucht großen Schrecken hervorgerufen. Als sie zur
gewohnten Kaffeestunde um 5 Uhr, zu welcher die Familie sich zu versammeln
pflegte, nicht erschien, suchte man sie im Garten und auf ihrem Zimmer,
doch war sie nirgends aufzufinden. „Sie wird zu Pastors gegangen sein,“
meinte Frau Anne; „wenn es dich beruhigt, lieber Richard, schicke ich
sogleich dorthin.“

„Tue das, liebes Kind,“ gab er zur Antwort, „es wird jetzt so früh dunkel,
der Weg ist so einsam, und Ilse könnte sich fürchten. – Wo steckt das Kind
nur?“ wandte er sich, nachdem seine Frau das Zimmer verlassen hatte, an
seinen Schwiegersohn, der am Fenster saß und anscheinend sehr vertieft in
die Lektüre eines Buches war. „Weißt du nicht, wo sie sein könnte, Leo?
Sie hat es dir doch sicher gesagt, wenn sie zu Pastors gehen wollte.“

Leo sah auf und schüttelte den Kopf.

„Nein, Papa, ich habe keine Ahnung, wo Ilse ist. Nach Tisch waren wir
zusammen auf der Veranda, seitdem habe ich sie nicht wieder gesehen.“

Herrn Macket fiel es bei diesen Worten plötzlich ein, daß sie ihm heute
mittag von dort mit sehr erregtem Gesicht entgegengekommen war. Die beiden
haben sich gewiß mal wieder gestritten, dachte er; denn Leo saß so
gleichgültig da und las so ruhig weiter, als handle es sich nicht um seine
Braut, die man suchte.

Bald kam Frau Anne mit dem Bescheid zurück, daß Ilse bei Pastors nicht
wäre und auch nicht dort gewesen sei. Jetzt wurde der besorgte Papa aber
unruhig.

„Ja, aber irgendwo muß sie doch sein,“ stieß er hervor und stand auf.

Seine Frau trat zu ihm. „Sie wird ins Dorf gegangen sein,“ versuchte sie
ihn zu beruhigen. „Wenn es dir recht ist, gehen wir ihr entgegen. Ich will
mich sofort anziehen und bin gleich wieder hier.“

Herr Macket war mit diesem Vorschlag einverstanden und verließ zugleich
mit seiner Frau das Zimmer, um bald darauf zum Ausgehen gerüstet, den
Stock und Hut in der Hand, wieder einzutreten. Leo saß noch immer lesend
am Fenster und sah kaum auf, als sein Schwiegervater zurückkehrte. Herrn
Macket ärgerte diese scheinbare Ruhe, er räusperte sich einigemale
vernehmlich und ging mit heftigen Schritten auf und ab. Es verdroß ihn,
daß sich Leo durch nichts in seiner Lektüre stören ließ.

„Mein Gott, Leo, hat dir denn Ilse kein Wort gesagt, daß sie überhaupt
fortgehen wollte?“ brach er endlich unwillig los.

Wieder antwortete Leo ruhig und gelassen:

„Nein, Papa, Ilse hat mir mit keinem Wort verraten, wohin sie gehen
wollte. Ich glaube auch, wie die Mama, es ist das beste, wir gehen ins
Dorf, dort wird sie sicher bei einem ihrer vielen Schützlinge zu treffen
sein.“ Er stand auf, klappte das Buch zu und legte es auf die Fensterbank.

„So, ich bin fertig,“ rief Frau Anne ins Zimmer herein, „wir können
gehen.“

Draußen nahm sie den Arm ihres Mannes, und nun schritten die drei die
einsame Dorfstraße hinunter, blieben bald hier, bald dort an den Türen
stehen, oder traten auch in die kleinen dumpfen Bauernstuben ein, aber
überall bekamen sie den Bescheid, daß Ilse von niemand gesehen sei.

„Unbegreiflich, unbegreiflich,“ murmelte Herr Macket vor sich hin. „Wo mag
das Mädchen nur stecken?“

Frau Anne mußte unwillkürlich über ihren Mann lächeln, denn in seinem
Eifer und seiner allzugroßen Besorgnis hatte er ihren Arm losgelassen und
eilte in beschleunigtem Tempo voraus.

„Wie ängstlich der Papa doch gleich ist,“ wandte sie sich an Leo, „was
soll denn Ilse zugestoßen sein, sie kennt hier jeden Weg und Steg.
Irgendwo wird sie sich festgeplaudert haben, meinst du nicht auch, Leo?“

Er nickte und ging schweigend neben seiner Schwiegermutter weiter.

Das kleine Dorf war bald durchschritten, niemand vermochte Auskunft über
Ilse zu geben, keiner hatte sie gesehen.

Herrn Mackets Unruhe steigerte sich immer mehr, man sah es ihm deutlich
an.

„Wir wollen jetzt noch bei der Kathrine vorgehen,“ – sagte er zu seiner
Frau, „vielleicht ist sie dort.“

Kathrine war das ehemalige Kindermädchen Ilses, an welchem sie noch mit
großer Liebe hing und welches sie öfter besuchte. Sie war unter den
Bauernfrauen gewesen, welche am Nachmittag vom Felde heimkehrend von Ilse
so scheu gegrüßt worden waren, und hatte ihr deshalb verwundert
nachgesehen. Sie hätte also dem unruhvollen Papa Auskunft geben können
über seinen Liebling. Doch ging es auch hier, wie so oft in ähnlichen
Fällen, daß noch im letzten Augenblick ein tückischer Zufall hindernd
dazwischen tritt, wenn man unbewußt schon dicht vor dem Ziele steht.

Frau Anne sehnte sich nach dem behaglichen Zimmer, denn ein heftiger Wind
hatte sich erhoben und trieb ihnen den Regen in großen Tropfen entgegen.
Sie zog den Mantel noch fester um ihre Schultern und den Schleier tiefer
über das Gesicht. Bei diesem Unwetter sollten sie noch so weit gehen! Denn
Kathrine wohnte außerhalb des Dorfes in einem kleinen Häuschen. Auch
glaubte Frau Macket, daß dieser Weg ohnedies ganz unnütz sein würde, denn
Kathrine war diesen Morgen erst bei ihr gewesen und hatte Ilse gesehen und
gesprochen. Sie sagte das ihrem Mann, und er kam schließlich zu der
Überzeugung, daß sie Ilse gewiß vergeblich dort suchten. Auch war der Weg
dahin einfach grundlos, es war völlige Dunkelheit unterdessen
hereingebrochen, so daß er seiner Frau recht gab, und umzukehren beschloß.
„Wir finden Ilse gewiß vor, wenn wir nach Hause kommen,“ sagte Frau Anne,
„es muß ja bald sieben Uhr sein; zum Abendessen ist sie sicher wieder da.“

Herrn Macket schienen die Worte seiner Frau zu beruhigen, auch er gab sich
der festen Hoffnung hin, daß Ilse wohl schon daheim sein würde. Im stillen
nahm er sich vor, ihr gehörig den Text darüber zu lesen, daß sie so mir
nichts dir nichts fortgeblieben war. Wieviel Lauferei und Schickerei
hatten sie dadurch schon gehabt! Sogar den Abendschoppen im Löwen hatte er
ihretwegen versäumt, und er fühlte jetzt plötzlich, als Folge der
Abweichung von dieser täglichen Gewohnheit, einen brennenden Durst. Teils
um diesen stillen zu können, teils um sich früher Gewißheit zu
verschaffen, ob Ilse daheim wäre, verdoppelte er seine Schritte, so daß
seine Frau Mühe hatte mitzukommen und einigemale bitten mußte, doch etwas
langsamer zu gehen. Leo schritt wortlos hinter ihnen her. Er schwankte in
seinem Innern, ob er nicht doch lieber umkehren und bei Kathrine
nachfragen sollte. Zögernd blieb er stehen und überlegte unschlüssig, was
zu tun sei. Aber der Streit mit Ilse hallte noch zu heftig in ihm nach;
wenn er sie jetzt bei der Frau antraf, hatte er wieder einmal verlorenes
Spiel. In den Augen seines trotzigen Schatzes würde ihr Triumph zu lesen
sein, daß er ihr doch wieder nachgelaufen sei; sie würde ihm gnädig
verzeihen, wenn er ihr, wie er bis jetzt stets getan, ein gutes Wort gab.
Aber diesmal wollte er standhaft bleiben; das Gefühl, daß er ihr schon zu
viel und zu oft nachgegeben habe, wollte sich heute nicht aus seiner Seele
verdrängen lassen, und deshalb, – nein, er wollte nicht umkehren! Wie
seine Schwiegereltern, tröstete auch er sich mit der Hoffnung, daß Ilse
jetzt wohl daheim sein würde, und schnell folgte er dem vorangegangenen
Ehepaare.

Als sie ins Haus traten, war Herrn Mackets erste Frage nach Ilse. Aber er
bekam die Antwort, daß sie nicht gekommen war und auch keine Nachricht
geschickt hatte.

Mit nervöser Unruhe zog er die Uhr aus der Tasche.

„Es ist sieben Uhr,“ sagte er zu seiner Frau.

„Da muß Ilse ja jeden Augenblick kommen,“ fiel sie ihm ins Wort, „zum
Abendessen ist sie, ohne Bescheid gegeben zu haben, noch nie
ausgeblieben.“

„Ist das Abendessen bereit?“ fragte sie das Hausmädchen, das ihr
diensteifrig den nassen Mantel abgenommen hatte.

„Ja, gnädige Frau, es ist alles fertig.“

Sie bat ihren Mann und Leo, im Eßzimmer auf sie zu warten, da sie nur noch
nach dem Kinde sehen wolle.

Eine behagliche Wärme strömte den beiden Männern entgegen, als sie das
Zimmer betraten. Das laut knisternde Holzfeuer in dem altertümlichen
Kachelofen, das helle Licht, welches die große Hängelampe ausstrahlte, und
der einladend gedeckte Tisch, die ganze stimmungsvolle Behaglichkeit,
welche in dem Raume herrschte, vermochte indessen heute nicht den
gewohnten Eindruck auf die beiden hervorzubringen. Herr Macket durchmaß
das große Zimmer fortwährend von einem Ende zum andern mit großen
Schritten, und sein Blick schweifte jedesmal, so oft er vorbeiging, zu der
alten Standuhr hinüber, die schon von seinen Urgroßeltern herstammte und
ein wertvolles Familienstück war. Gleichmäßig rückte der Zeiger vorwärts,
einförmig tickte der große Pendel. „Schon ½8 Uhr,“ murmelte der besorgte
Vater, als das Schlagwerk jetzt zu einem lauten Ton aushob, der melodisch
verhallte.

Leo hatte sich an das Fenster gesetzt und sah stumm hinaus. „Wo bleibt nur
Ilse,“ dachte auch er jetzt; es kam ihm seltsam vor, daß sie noch immer
nicht da war. Sie hatte ihn so aufgeregt verlassen diesen Mittag, so
zornig, wie er sie nie gesehen. Sollte sie in ihrer Leidenschaftlichkeit
fortgelaufen sein, des Wegs vielleicht nicht geachtet und sich deshalb
verirrt haben? Er kannte ihre Furchtsamkeit, wie würde sie sich ängstigen,
wenn sie wirklich den richtigen Weg verfehlt hatte! Dieser Gedanke
verscheuchte allen Groll in seinem Herzen, er dachte nur noch daran, daß
seine Braut jetzt vielleicht seines Schutzes, seiner Hilfe bedurfte,
konnte er sie da verlassen? Er sprang auf.

„Papa,“ wandte er sich an seinen Schwiegervater, „ich will noch einmal
fortgehen. Vielleicht hat sich Ilse verirrt, ich kenne ja ihre
Lieblingswege, sicher ist sie zu weit gegangen und kann nicht wieder
zurückfinden.“

Nichts war Herrn Macket erwünschter, und mit Freuden gab er seine
Zustimmung zu diesem Entschluß.

„Das ist recht, tue das,“ sagte er mehrmals hinter einander, „sie hat sich
gewiß verirrt, sie müßte ja sonst längst da sein. Soll ich mitgehen?“

„Nein, nein, Papa,“ fiel ihm Leo ins Wort, „bleibe nur hier.“

„Ja aber, Leo, – kennst du auch den nächsten Weg nach der Wassermühle? Es
fällt mir eben ein, daß Ilse gestern davon sprach, daß sie dorthin gehen
wolle, weil sie gehört habe, daß die kleine Liese krank sei; es kann also
sein, daß sie dort ist. Wenn du über die Friedenseiche gehst und dann der
Chaussee folgst –“

„Ja, lieber Papa,“ unterbrach ihn Leo lächelnd, „ich kenne den Weg ganz
genau.“

Herr Macket begleitete ihn in seinem Eifer bis an die Gartenpforte und gab
ihm noch gute Ratschläge, wie er diesen und jenen Weg am besten abkürzen
könne.

Als er ins Eßzimmer zurückkehrte, fand er dort seine Frau, die am Büffet
stand und den Tee bereitete. Er erzählte ihr sehr befriedigt, daß Leo
fortgegangen wäre, um Ilse zu suchen.

„Wir wollen aber trotzdem mit dem Essen anfangen,“ sagte Frau Anne, die
ihren Mann gern auf andre Gedanken bringen wollte und nötigte ihn zum
Sitzen. Dann stellte sie eine dampfende Tasse Tee vor ihn hin und reichte
ihm die Speisen. Er aß nur wenig, und sie las in seinem Mienen, daß er
gespannt auf jedes Geräusch horchte. Jedesmal, wenn die Haustüre ging,
stand er auf, sah hinaus und kehrte mit enttäuschtem Gesichte zurück.

„Iß doch nur, lieber Richard,“ bat Frau Anne dringend, „alles wird kalt,
und es gibt gerade dein Lieblingsessen heute abend.“

Er nickte und füllte sich den Teller in der Zerstreutheit bis an den Rand
voll, dann aß er einige Bissen, aber mit Hast und Überstürzung, nicht mit
der Behaglichkeit, die er sonst gerade beim Essen so sehr liebte. Die
beiden Ehegatten waren auffallend still diesen Abend; eine Zeitlang hörte
man nur das Klappern der Messer und Gabeln und das gleichmäßige Ticken der
Uhr, nach welcher Frau Anne öfter verstohlen hinblickte, denn Ilses
Ausbleiben wurde auch ihr jetzt auffallend. Sie sah, daß die Aufregung
ihres Mannes wuchs und daß er sich nur ihr gegenüber beherrschte. Er hatte
sich in den Stuhl zurückgelehnt und spielte in nervöser Unruhe mit dem
Messerbänkchen.

Frau Anne legte den Teelöffel, mit welchem sie eine ganze Weile mechanisch
in der Tasse herumgerührt hatte, auf das Unterschälchen.

„Richard,“ sagte sie und ein leiser Vorwurf klang aus ihren Worten, „heute
abend hast du zum erstenmal vergessen, unsrem Liebling gute Nacht zu
sagen. Er war so herzig, so drollig, der kleine Kerl, als ich ihn zu Bette
brachte.“

„Ja, wahrhaftig, das habe ich vergessen,“ rief er und sprang auf, „aber
ich gehe jetzt noch zu ihm; schläft er denn schon?“

„O, schon lange! Wecke mir das Kind nur nicht auf!“ rief sie ihm noch
nach, als er aus der Türe ging.

Frau Anne war es unerklärlich, warum Ilse nicht kam, warum sie gerade
heute, wo Leo da war, ausblieb. Und auch dieser kam nicht wieder! Jetzt
konnte er doch längst zurück sein. Gewiß hatte er Ilse nicht gefunden. Sie
war froh, als sie bald darauf die Haustüre gehen und gleich danach Leos
energischen Schritt die Treppe herauf kommen hörte. Rasch ging sie ihm
entgegen. Er stand gerade auf dem Vorplatz und hing seinen regentriefenden
Überzieher auf.

Auch Herr Macket hatte ihn kommen hören und war herbeigeeilt. „Hast du
Ilse nicht gefunden?“ fragte er bestürzt.

„Nein,“ gab Leo kurz zur Antwort, und seine Stimme klang unsicher und
erregt.

„Laßt uns ins Zimmer gehen,“ drängte Frau Anne, denn sie bemerkte, daß
oben auf der Treppe die Dienstboten neugierig die Köpfe zusammensteckten.
Sie gingen hinein, und Herr Macket überschüttete Leo, der sich erschöpft
in einen Stuhl fallen ließ, mit ungeduldigen Fragen.

„Überall bin ich gewesen, Papa, überall habe ich nach Ilse gefragt,
niemand hat sie gesehen.“

„Wo bist du gewesen?“ forschte der geängstigte Vater weiter.

„Beim Pastor, in der Mühle –“

„Warst du nicht bei Kathrine?“

„Nein, aber ihr kleiner Junge, den ich sah, sagte mir, daß Ilse nicht bei
seiner Mutter wäre.“

„Dann ist dem Kinde etwas zugestoßen,“ stieß Herr Macket hervor und sein
Gesicht wurde leichenblaß.

Frau Anne eilte zu ihm hin. „Aber ich bitte dich, Richard,“ suchte sie ihn
zu begütigen, „nimm doch nicht gleich das Schlimmste an, was soll ihr denn
zugestoßen sein?“

Ihre Worte übten jedoch keinen beruhigenden Einfluß mehr auf ihn aus, und
sie gestand sich selbst, daß sie wider ihre eigene Überzeugung sprach, in
der Absicht, ihm die Sorge, die sich jetzt auch ihrer bemächtigte, nicht
zu zeigen. Irgend etwas mußte vorgefallen sein. Es war jetzt halb zehn
Uhr; so lange war Ilse noch nie ausgeblieben, ohne vorher etwas gesagt
oder Bescheid geschickt zu haben. Und wo sollte sie denn überhaupt sein?
Sie hatten ja überall schon nachgefragt.

Leo war ans Fenster getreten und preßte sein Gesicht an die Scheiben,
gegen welche der Regen prasselnd aufschlug. Nun wurde es ihm klar: Ilse
hatte in ihrer Aufregung irgend einen Schritt getan, der sie alle in Angst
und Aufregung versetzte. Aber was, was für ein Schritt konnte dies sein?
Ein unheimlicher Verdacht stieg in ihm empor, aber er drängte ihn
schaudernd zurück. Um Gottes willen, nein, soweit würde sie sich nicht
hinreißen lassen, das war ja nicht möglich, das konnte nicht sein!

„Rufe die Knechte zusammen, Anne,“ unterbrach die Stimme seines
Schwiegervaters das beängstigende Schweigen, und als seine Frau ihn
fragend ansah, fügte er hinzu: „Sie sollen die Laternen und Fackeln
zurecht machen, wir wollen Ilse suchen.“

Er stieß die Worte kurz und abgerissen hervor, seine Stimme bebte in
verhaltener Aufregung, und vor innerer Angst fast gelähmt ließ er sich in
einen Stuhl sinken und vergrub sein Gesicht in beiden Händen.

Frau Anne tat es im Herzensgrunde leid, wie sie ihn so gebrochen dasitzen
sah, und sie schlang zärtlich ihren Arm um seinen Hals.

„Richard,“ bat sie innig, „ich bitte dich, gib dich doch nicht gleich den
schlimmsten Vermutungen hin; ich frage nochmals, was soll dem Kinde
zugestoßen sein, das jeden Weg auf das genaueste kennt? Soll ich die
Knechte wirklich zusammenrufen?“ Der Gedanke, daß die Leute mit Laternen
fortgehen sollten, um Ilse zu suchen, war ihr zu schrecklich.

„Laß nur, Anne,“ wehrte er jetzt ab, „ich will den Knechten selbst
Bescheid sagen.“ Mit diesen Worten erhob er sich und verließ das Zimmer.

„Leo,“ sagte Frau Anne, indem sie zu ihm trat, „ich ängstige mich sehr und
will nur dem Papa meine Angst nicht zeigen. Was kann Ilse zugestoßen sein?
Wenn ihr nur kein Unglück begegnet ist! Ich kann es nicht begreifen, daß
sie noch nicht da ist.“

Schweigend hörte Leo sie an, auch ihn hatte die Angst erfaßt, und in
seinem Innern bestand er jetzt einen harten Kampf; er fühlte wohl, daß es
seine Pflicht war, den Streit, welchen er mit Ilse gehabt, zu erwähnen,
und doch konnte er sich nicht dazu entschließen. Er hatte seine Braut
wiederholt gebeten, wenn sie in ihrer Offenheit und Heftigkeit die kleinen
Mißverständnisse, ohne die es zwischen ihnen nicht immer abging, den
Eltern ausgeplaudert hatte, dies künftig zu unterlassen, – und nun sollte
er selbst erzählen, daß sie sich gezankt hatten? Nein, das widerstrebte
ihm, das wollte er nicht!

Frau Anne beobachtete ihn stillschweigend, ihr scharfes Auge hatte in
seinen bewegten Mienen gelesen, und es war klar in ihr, daß zwischen den
Brautleuten etwas vorgefallen sein mußte. Aber sie fragte nicht und sagte
nichts, ihr feinfühlender Sinn verstand die peinliche Lage, in der sich
Leo jetzt befand.

Leise summte der kupferne Teekessel, der auf dem Büffet stand, sein
eintöniges Lied, als Frau Anne jetzt herantrat und ihn von der
Spiritusflamme herunter nahm.

„Willst du nicht etwas essen, Leo?“ fragte sie.

„Danke, Mama!“

„So trinke wenigstens eine Tasse Tee,“ bat sie und goß das kochende Wasser
in die Teekanne.

„Danke, Mama,“ erwiderte er ebenso kurz und schnell wie vorhin. Dann
starrte er wieder unbeweglich in die Dunkelheit hinaus, die so
undurchdringlich war wie das Dunkel, welches Ilses Verschwinden umgab.
Heulend tobte der Sturm um das Haus, man hörte das Ächzen der schwankenden
Bäume und den strömenden Regen, der klatschend niederschlug. Das Unwetter
trug dazu bei, Leos beklommenes Herz noch schwerer zu machen. Diese
Ungewißheit über das Ausbleiben seiner Braut ertrug er nicht länger, es
wurde ihm zu heiß, zu eng hier, und er sprang so heftig empor, daß der
Stuhl, auf dem er gesessen, mit lautem Gepolter zurückflog.

„Es ist erdrückend schwül hier, findest du nicht auch, Mama?“ und ungestüm
riß er das Fenster auf, daß ihm der Regen kalt in das erhitzte Gesicht
schlug.

Unten im Hofe hörte man jetzt Stimmen durcheinander tönen, und Lichter
flackerten hin und her. Leo beugte sich hinaus und sah die Gestalt seines
Schwiegervaters, welcher hastig auf und ab schritt, ohne Hut und Mantel,
des Regens und Sturmes nicht achtend.

„Das geht nicht,“ meinte er, indem er sich nach Frau Anne umdrehte. „Papa
soll in diesem Wetter nicht mit. Ich will ihm doch sagen, daß er zu Hause
bleibt, ich werde mit den Leuten gehen.“

Frau Anne stimmte ihm bei und folgte ihm in den Hof, um auch ihren Einfluß
geltend zu machen und ihren Mann zu bewegen, daß er daheim bleiben möge.
Aber er ließ sich weder von ihr noch von Leo bereden, um keinen Preis
würde er zurück bleiben, entschied er kurz. Sein joviales, immer heiteres
Gesicht war heute durch die Angst und Aufregung förmlich verzerrt, und er
schien um Jahre gealtert zu sein.

„Adieu, Anne,“ sagte er, seiner Frau die Hand reichend, und indem er sein
Gesicht fortwandte, fügte er hinzu: „Wir wollen nun unsre arme Ilse
suchen.“

„Nein, Richard,“ rief sie und hielt ihn fest, „so darfst du auf keinen
Fall fort, ohne Hut, ohne Überzieher, du würdest dich auf den Tod
erkälten.“ Sie flog ins Haus und holte ihm beides. Auch sie selbst hatte
sich ihren Mantel umgehängt und ein Tuch um den Kopf geschlungen.

„Laß mich mit dir gehen,“ bat sie ihren Mann.

„Nein, Kind,“ sagte er und schob sie sanft zurück, „du bleibst hier.
Kommt, Leute,“ befahl er dann und ging mit großen Schritten voran. An
seiner Seite schritt Leo. Die Enden seines weiten Mantels flatterten im
Winde. Den großkrämpigen Hut hatte er tief ins Gesicht gezogen und sein
Blick haftete fest auf dem Boden.

Frau Anne sah ihnen nach, bis der letzte den Hof verlassen hatte, dann
erst ging sie ins Haus zurück. Vom Fenster aus verfolgte sie den Zug der
Fackeln, mit denen der Sturm sein lustiges Spiel trieb. Wie unheimlich das
aussah! – O, mein Gott, wenn nur nichts passiert ist! Krampfhaft zog sich
bei diesem Gedanken ihr Herz zusammen, und angstvoll preßte sie die Hände
auf dasselbe. Ein nervöses Frösteln überlief sie, fester hüllte sie sich
in ihr Tuch, das sie um die Schultern geschlungen hatte, und sah vor sich
hin. Was mochte nur zwischen dem Brautpaare vorgefallen sein? Etwas
Ernstes gewiß, denn Leo hatte so bekümmert dagesessen, und schon den
ganzen Nachmittag war er ungewöhnlich ernst gewesen. Sie grübelte hin und
her, wo Ilse noch sein könnte, wie ihr Fortbleiben zu erklären wäre. Kein
Rat, kein Ausweg mehr! Sollte sie in ihrer Leidenschaftlichkeit eine
unglückselige Tat begangen haben? Frau Anne wies diesen entsetzlichen
Gedanken so schnell zurück, wie er ihr gekommen war, – nein, das war Ilse
nicht zuzutrauen, denn trotz aller Leidenschaftlichkeit war sie nicht im
geringsten krankhaft überspannt, sondern hatte eine kerngesunde Natur.

Langsam schlich die Zeit dahin. Tiefe Nacht herrschte jetzt überall im
Dorfe, alles war dunkel. Der Sturm hatte nachgelassen, und nur der Regen
klatschte noch an die Fenster. Unaufhörlich rieselten die kleinen Bäche in
schnellem Lauf über die glatten Scheiben, Tropfen auf Tropfen jagten
einander. Frau Anne sah mechanisch dem Spiele zu, dessen einförmiges
Geräusch die einzige Unterbrechung der nächtlichen Stille war. Und deshalb
zuckte sie auch jäh zusammen, als der Glockenschlag der zwölften Stunde
jetzt laut und langsam feierlich durch die Nacht hallte. Traulich und
heimisch berührten sie sonst diese Töne, aber schauerlich bang klangen sie
heute in ihrem Innern wieder. Nun waren sie schon über eine Stunde fort,
ihr Mann und Leo! Noch deutete nichts darauf hin, daß sie zurückkämen, und
vergeblich spähte sie in die Dunkelheit hinaus, ob nicht ferner
Lichtschein ihre Heimkehr verkündete.

Da, – es war ihr, als hörte sie plötzlich Schritte, gespannt horchte sie
hinaus, und richtig, sie hatte sich nicht getäuscht. Die einsamen Schritte
näherten sich dem Hause, und Frau Anne hörte, daß die Gartenpforte
aufgemacht wurde. Eilig riß sie das Fenster auf und sah, wie eine Gestalt
über den Hof auf das Haus zukam. Gleich darauf wurde heftig an der Glocke
gezogen.

„Wer ist da,“ rief sie von oben hinunter.

„Eine Depesche,“ antwortete eine Stimme von unten.

Frau Anne schlug das Fenster zu und flog die Treppe hinab. Wie ihr das
Herz klopfte! – Die Mägde, welche sich auf dem Hausflur befanden, hatten
die Türe noch nicht aufgemacht; sie standen dicht zusammengedrängt, mit so
angstvollen Gesichtern, als wenn der leibhaftige Satanas vor der Türe wäre
und Einlaß begehrte.

„Warum macht ihr denn nicht auf?“ fragte Frau Macket und wollte den
Schlüssel im Schloß umdrehen, als die alte Köchin sie am Arm zurückhielt
und flehentlich mit weinerlicher Stimme bat, doch ja nicht zu öffnen, denn
man könne ja nicht wissen, wer draußen stände.

„Ach, liebe, gnädige Frau, machen Sie doch nicht auf,“ jammerte sie, als
Frau Anne den Schlüssel nun doch entschlossen umdrehte und der Drücker von
draußen niederging. Laut kreischend flogen die Mägde auseinander, und mit
bebender Hand nahm Frau Anne dem Boten die Depesche ab und öffnete sie.
Sie wurde ganz blaß, als sie den Inhalt las, und wollte ihren Augen nicht
trauen.

                              [Illustration]

„Es ist nicht möglich,“ sagte sie laut; dann nahm sie das Blatt, hielt es
dicht unter die Flurlampe und las es noch einmal. Nein, sie hatte sich
nicht geirrt, da stand es deutlich und klar:

„Ilse ist hier wohlbehalten und gesund eingetroffen, Brief folgt.

Doktor Althoff.“

Sie faltete das Blatt zusammen und ging zurück ins Zimmer. Um Gottes
willen, was hatte Ilse getan! Geflohen war das tolle Kind, – dachte sie
denn gar nicht daran, wieviel Angst sie durch diesen wahnsinnigen Streich
ihren Angehörigen bereitete? Frau Annes Empörung war groß, und doch
drängte sich der Gedanke: „es ist ihr nichts passiert“ beruhigend und
versöhnend hervor. Wenn die Männer nur erst heimkehrten; sie konnte die
Zeit nicht abwarten, bis sie ihrem armen, auf das höchste geängstigten
Mann die Nachricht mitzuteilen vermöchte. Ihre Ungeduld, ihre Unruhe
ließen sie nicht lange mehr im Zimmer verweilen; sie beschloß Herrn Macket
entgegenzugehen. Als sie über den Flur ging, standen dort noch immer die
Mägde, flüsternd mit weit aufgerissenen Augen und Mäulern. Die eine
erzählte gerade eine schaurige Geschichte und die andern hörten ihr mit
grausigem Wohlbehagen zu. Auch sie waren über das Fortbleiben von Fräulein
Ilschen in nicht geringe Aufregung versetzt worden und malten sich nach
Art ungebildeter Leute in der schrecklichsten Weise aus, wie und auf
welche Weise das arme, liebe Fräulein wohl umgekommen sein könnte. Während
Frau Macket eilig an ihnen vorbei der Türe zu schritt, flogen sie mit den
Köpfen auseinander und stießen sich gegenseitig an. Immer unheimlicher
wurde die Lage, nun ging auch noch die Frau fort, allein in die finstere
Nacht hinaus. Was hatte das zu bedeuten? Fragend sahen sie sich an; da
konnte sich die alte Köchin nicht länger beherrschen.

„Ach, du mein Gott, ach, du mein Gott,“ wimmerte sie, „was ist das für ein
Unglück!“ und sie nahm ihre Schürze vor das Gesicht, hinter welcher sie
jämmerlich schluchzte. Im Chore stimmten die übrigen mit ein.

„Wie gut ist das Fräulein immer gewesen,“ sagte die eine.

„So freundlich gegen jedermann,“ rief das Hausmädchen, und nun ergingen
sie sich derart in Lobeserhebungen über Ilse, als wenn sie über eine
bereits Abgeschiedene sprächen.

„Das Unglück, das Unglück,“ krächzte die Köchin von Zeit zu Zeit wie ein
Unheil verkündender Unglücksrabe dazwischen.

„Wer hätte das gedacht! Ja, ich sage ja – ich habe es immer gesagt, ich
habe es kommen sehen. Ach,“ – sie unterbrach ihre tiefsinnigen
Betrachtungen mit einem erneuten Schluchzen. Die andern nickten
zustimmend.

„So jung und so reich,“ rief das Stubenmädchen schwärmerisch aus, „ach, es
ist schrecklich!“

Das kleine Kindermädchen, als die mutigste von allen, hatte sich bis zum
Flurfenster gewagt und schrie plötzlich:

„Jetzt kommen sie, jetzt bringen sie das Fräulein!“

Im Nu waren die andern am Fenster, – richtig, da kamen sie. Die Fackeln
tanzten im Winde und kamen immer näher. Voran gingen Herr und Frau Macket
und der Herr Assessor, hinterher folgten die Männer mit den Laternen und
Fackeln. Jetzt bogen sie in das Hoftor ein.

„Legt euch zu Bett nun,“ hörten die Mädchen Herrn Mackets Stimme den
Knechten befehlen, und dann schritt er dem Hause zu. Sie zogen sich
schnell in eine dunkle Ecke zurück, als gleich darauf die Haustüre ging,
und von dort folgten ihre Blicke neugierig der Herrschaft und dem jungen
Herrn, die wortlos an ihnen vorüberschritten, Herr Macket sehr bleich mit
finster zusammengezogenen Brauen.

Das kleine Kindermädchen, das ebenso schlau war, als es sich vorhin mutig
gezeigt hatte, schlich sich durch die Hintertür zu den heimgekehrten
Knechten und ließ sich von allem haarklein berichten. In der Küche
erzählte es dann später alles, was es erfahren hatte, und kam sich
ungeheuer wichtig vor, als die andern es im Kreise umstanden und seinen
Worten andächtig lauschten.

Herr Macket war mit Frau und Schwiegersohn in das Eßzimmer gegangen, wo er
sich auf das Sofa warf. Er sprach kein Wort, aber seine breite Brust hob
und senkte sich in schnellen Atemzügen. Leo lehnte am Tisch und drehte die
zierlichen Enden seines Schnurrbärtchens mit nervösem Eifer zwischen den
Fingern. Ein schmerzlicher Zug lagerte um seinen Mund, aber die Falte auf
seiner Stirn, die sich zwischen den starken Brauen vertiefte, und die
zitternden Nasenflügel gaben zugleich Zeugnis von einer inneren Empörung
und Erbitterung. Unverwandt starrte er vor sich nieder.

Frau Anne blickte besorgt von einem zum andern, und sah selbst tief
bekümmert aus. Nun setzte sie sich neben ihren Gatten und legte ihre Hand
auf seine Schulter.

„Richard,“ bat sie sanft, als sie sah, daß er die zerknitterte Depesche
mit der Hand glatt strich und wieder las, „laß uns über diese Sache nicht
so streng richten, Ilse ist noch ein Kind.“

Er warf das Papier fort und sprang auf.

„Ja, ein Kind, ein törichtes, ungezogenes Kind,“ rief er, und seine Augen
blitzten zornig auf. „Was fällt ihr ein, was soll es bedeuten, daß sie
fortläuft? Wie kann sie so etwas wagen! Aber sie soll zurück, sofort, –
ich will es!“

Seine Stimme klang so laut und hart, daß Frau Anne wieder erschreckt an
seine Seite eilte. Sie kannte ihn heute abend nicht wieder, so erzürnt auf
seinen Liebling hatte sie ihn noch nie gesehen.

„Ja, und warum, warum hat sie uns das getan, was ist denn geschehen?“ rief
er wieder, und diesmal klang ein schmerzlicher Ton aus seinen Worten.

Er hatte dabei Leo von der Seite angesehen, denn eine Ahnung dämmerte in
ihm auf, daß dieser den Grund zu Ilses Flucht wohl wissen mochte; daß ihre
Aufregung, in der er sie diesen Mittag getroffen hatte, damit im
Zusammenhang stehen mußte. Leo verstand seinen fragenden Blick, und er
fühlte, daß er jetzt nicht mehr schweigen durfte.

„Papa,“ sagte er plötzlich und trat auf ihn zu, „ich bin dir und Mama eine
Erklärung schuldig. Ilse und ich hatten diesen Mittag einen Streit
zusammen, der damit endete, daß Ilse mich in höchster Erregung verließ.
Ich habe sie danach nicht wieder gesehen und“ – er stockte – „bin nun auf
das tiefste betrübt, daß sie sich zu einer solchen Tat hat hinreißen
lassen.“

Er sagte nichts weiter als diese wenigen Worte, die er mühsam Atem holend
hervorbrachte. Herr Macket hatte ihn schweigend, mit den Händen auf dem
Rücken, angehört und setzte nun seine Wanderung im Zimmer auf und ab
wieder fort. Frau Anne sah voll Mitleid auf den jungen Mann, der durch
Ilses Leichtsinn tief getroffen war.

„Ilse hat unverzeihlich gehandelt, so weit durfte sie in ihrer
Leidenschaft nicht gehen,“ sagte sie ärgerlich.

Ihre besänftigenden Worte von vorhin hatten bei ihrem Manne die
entgegengesetzte Wirkung hervorgerufen, jetzt aber, wo ihre gerechte
Empörung deutlich aus ihren Worten sprach und auch Leo Ilse nicht in
Schutz nahm, löste sich die Erbitterung von seinem Herzen und verwandelte
sich in zärtliche Sorge für den fernen Liebling. Er malte sich in Gedanken
Ilses Reise aus und die mancherlei Unannehmlichkeiten, welche sie gewiß
betroffen hatten.

„Was mag das arme Kind für eine Angst ausgestanden haben auf der Reise!“
Mit diesen Worten machte er schließlich seinen Gefühlen Luft. „Und in der
fremden Stadt, wo sie niemand kennt. In der Dunkelheit ist sie dort
angekommen, – sie hat sich gewiß sehr gefürchtet.“

Frau Anne dachte, diese Furcht und Angst wäre am Ende nur die gerechte
Strafe für ihre Tollkühnheit gewesen.

„Wenn sie nur keine nassen Füße bekommen und sich erkältet hat,“ fuhr Herr
Macket fort. „Nellie wird doch wohl dafür gesorgt haben, daß sie gleich
ins Bett kam.“

Seine Stimme klang mit jedem Worte sanfter und weicher. Der erste Unmut
über Ilses Flucht war erloschen und hatte einer zärtlichen Besorgnis Platz
gemacht. Gedankenvoll blieb er eine Weile stehen.

„Leo,“ redete er diesen plötzlich an, „morgen früh um 8½ Uhr geht der
erste Zug nach F.; mit diesem reisen wir, nicht wahr?“

Verblüfft sah ihn Leo an und fragte dann: „Willst du Ilse holen, Papa?
Dann werde ich dich morgen früh sehr gerne zum Bahnhof begleiten.“

Jetzt drückten Herrn Mackets Züge eine förmliche Erstarrung aus. „Ja, du
reisest doch mit?“ fragte er erstaunt.

„Nein, Papa,“ erwiderte Leo freundlich aber bestimmt, „ich reise nicht
mit. Erlaß es mir auch, dir die näheren Einzelheiten unsres Streites zu
erzählen, und sei überzeugt, daß es mir sehr, sehr schwer geworden ist,
diesen überhaupt berühren zu müssen, doch das ging nun einmal nicht
anders. Ich muß nur noch das eine hervorheben, so schmerzlich es mir ist:
ich kann und darf nicht mit zu Ilse reisen, so gern ich ihr, wie schon so
oft, ja ich darf wohl sagen, nur zu oft geschehen, wieder zuerst die Hand
zur Versöhnung bieten würde.“

Sein Atem ging schnell und heftig bei diesen Worten, so ruhig er sie auch
aussprach.

Herr Macket hatte ihn mit keiner Silbe unterbrochen, auch jetzt sagte er
nichts. Aber seine gerunzelten Augenbrauen, die festen Schritte, mit
welchen er zur Türe schritt und sie hart ins Schloß fallen ließ,
verrieten, daß er Leos Entschluß durchaus nicht billigte.

Frau Anne sah ihren Schwiegersohn fragend an.

„Es tut mir leid, daß Papa ärgerlich auf mich ist, aber ich kann nicht
anders handeln,“ sagte er.

Frau Anne zuckte die Achseln, als begreife sie ihren Mann nicht, denn sie
selbst teilte Leos Ansicht und billigte es vollkommen, wie er in dieser
ernsten, für seine und Ilses Zukunft entscheidenden Sache zu handeln
gedachte. Ilse jetzt nachzureisen, wäre geradezu Torheit gewesen und würde
sicher nicht dazu beigetragen haben, das leidenschaftliche Kind zu ändern.

„Ich will doch mit dem Papa sprechen, daß er nichts in Übereilung tut,“
sagte sie zu Leo. „Wenn er erst ruhiger geworden ist, wird er dich auch
begreifen; du kennst ja seine blinde Liebe zu Ilse.“

Als Leo allein war, sank er auf einen Stuhl und vergrub seine Hände in
sein dichtes Haar. Wie wehe, wie grenzenlos wehe hatte ihm Ilse getan! Er
konnte nicht begreifen, wie sie ihm diesen Schmerz und zugleich diesen
Schimpf zufügen konnte; er hatte geglaubt, sein Lieb so genau zu kennen,
das aber, das hätte er ihr nie zugetraut. – Sie war keine sanfte, keine
hingebende Braut, seine Ilse, und er mußte immer von neuem um sie ringen
und kämpfen, was sie ihm aber doppelt anziehend machte. Hatte er seither
wohl den richtigen Weg eingeschlagen, sich seine kleine Widerspenstige zu
zähmen? Ihr Widerspruch reizte ihn, sie gefiel ihm in ihrem Trotz; war sie
erst seine Frau, dann sollte alles anders werden. So hatte er bis jetzt
gedacht, nun fiel es ihm mit einem Male wie Schuppen vor den Augen, daß er
ihren Charakter falsch beurteilte, daß es verkehrt war, ihr stets
nachzugeben, denn das stachelte sie immer von neuem zum Trotz und
Widerspruch auf. Diese Erkenntnis war bitter für ihn. –

In seinen Gedanken versunken hatte er nicht bemerkt, daß die Türe geöffnet
worden und Frau Anne wieder eingetreten war; erst als sie ihre Hand auf
seine Schulter legte, blickte er auf.

„Ach, du bist es, Mama,“ sagte er und erhob sich. Sie drückte ihn sanft
auf seinen Platz zurück und setzte sich ihm gegenüber.

„Ich habe mit dem Papa gesprochen, Leo, er ist jetzt entschlossen, mit
seiner Reise nach F. zu warten, bis ein erklärender Brief von Ilse
eingetroffen ist.“

„So – das ist mir lieb,“ gab er zur Antwort und sah dann wieder schweigend
in die Finsternis hinaus.

Auch Frau Macket schaute nachdenklich vor sich hin, als kämpfte sie mit
einem Entschluß. Mehrmals öffnete sie die Lippen zum Sprechen, ohne jedoch
etwas zu sagen. Nach einer Weile fing sie endlich an:

„Leo, ich will mich nicht in deine und Ilses Angelegenheiten drängen; darf
ich dich nur das eine fragen, glaubst du dich wirklich völlig schuldlos an
Ilses Flucht?“

Fast schüchtern klang diese Frage und zögernd brachte sie dieselbe hervor.

„Es ist das erstemal, daß ich ihr nicht nachgab!“ stieß er erregt heraus.
„Darf sie deshalb einen so abenteuerlichen Streich ausführen, alle
Rücksichten beiseite werfen und fliehen?“

„Nein, das durfte sie gewiß nicht,“ stimmte ihm Frau Anne bei, „und doch,“
fuhr sie fort, „ich habe es kommen sehen, daß sie eines Tages etwas tun
würde, das uns allen großen Kummer zu bereiten imstande wäre. Ich liebe
meine kleine Tochter innig, und auch sie ist mir von Herzen zugetan. Aber
blind bin ich deshalb gegen ihre Schwächen und Fehler nicht, wie der Papa
und – verzeihe mir – begreiflicherweise auch du. Ilse ist schon einmal
gezähmt worden durch die Pension und das reizende Leben daselbst; ihre
prächtigen Freundinnen hatten sie ganz und gar umgewandelt. Halb Kind
noch, wurde sie Braut, sie liebt dich gewiß aufrichtig, aber die tiefe
ernste Liebe des Weibes ist ihrem Kinderherzen noch fremd. Hast du wohl
den richtigen Weg eingeschlagen, dir ihre Nachgiebigkeit, ihre Fügsamkeit
zu erringen? Ich habe mich bemüht, in ihrem jungen Herzen zu lesen, und
bin überzeugt, es wäre ihr lieber gewesen, wenn du ihr öfter entschieden
entgegengetreten wärst, statt ihre Einfälle, ihre Launen reizend zu
finden; denn sie ist eine stolze und doch zugleich hingebende Natur, die
nur nicht zeigen will, daß sie sich auch unterzuordnen vermag, aber
ebensowenig vertragen kann, daß man ihr in allem den Willen läßt. Nun, da
du ihr zum erstenmal nicht nachgibst, empfindet sie das doppelt schroff
und wird es als eine große Demütigung ansehen. Aber jetzt, da sie weiß,
daß ihr Wille nicht immer durchgeht, wird ihre Liebe zu dir, ohne daß sie
es eingesteht, gewiß erstarken. Ich hoffe, sie wird nach und nach zur
Besinnung kommen, daß sie unrecht hatte, und wenn sie diese Krisis
überstanden hat, für immer geheilt sein.“

Frau Anne hatte mit warmem herzlichen Eifer gesprochen und reichte nun
ihrem Schwiegersohne die Hand, welcher diese innig umschloß. „Ich weiß,“
fuhr sie fort, „du wirst das, was ich dir eben sagte, nicht falsch
verstehen. Ich hätte dir meine Ansicht nicht unaufgefordert mitgeteilt,
wäre nicht alles so gekommen. Wie lieb ich euch beide habe und wie
vertrauensvoll ich trotz dieses Vorfalls in eure Zukunft blicke, das
brauche ich dir nicht erst zu sagen, nicht wahr? – Gute Nacht, Leo,“
schloß sie und erhob sich von ihrem Sitz. „Schlafe wohl, morgen wirst du
die Sache schon in einem andern Lichte ansehen.“

„Gute Nacht, Mama, ich danke dir.“

Die Nachtruhe war für alle dahin, zu sehr hatte die Bestürzung die Gemüter
aufgeregt. – Leo blieb noch auf demselben Fleck sitzen, es wäre ihm
unmöglich gewesen, jetzt schon zu schlafen. Noch pochte sein Herz zu
unruhig, noch stürmten die Gedanken zu lebhaft auf ihn ein. Frau Annes
Worte hallten in ihm nach, sie hatten einen Anklang in seinem Innern
gefunden, denn sie hatte wahr gesprochen. Warum mußte es so weit kommen?
Hätte er die Tragweite seiner Worte geahnt, er würde sie vielleicht nicht
ausgesprochen haben. Nochmals ließ er die Szene vom Mittag an seinem Geist
vorüberziehen. Er war zuletzt auch heftig geworden – gewiß –, aber er
hatte sich in dem Augenblick wirklich über Ilse geärgert, zum erstenmal
hatte ihn ihr unfügsames Wesen unangenehm berührt.

Was sollte nun werden? Der Gedanke an die Zukunft legte sich ihm drückend
und beängstigend wie ein Bann aufs Herz, daß ihm fast der Atem stockte.
Erst als er das Fenster geöffnet hatte und die kühle Nachtluft
hereindrang, wurde ihm wohler. Lange blickte er in die zerrissenen Wolken,
die eilend vorüberjagten. Ob sie jetzt auch an ihn dachte? Er sah im
Geiste ihr liebes holdes Antlitz. Er hörte ihr fröhliches Lachen und ihre
dunklen Augen blitzten ihn neckisch an, – da schwanden die bangen
Gedanken. Heiße Liebe und Sehnsucht erfüllten ihn, und er zweifelte keinen
Augenblick mehr, daß sie zu ihm zurückkehren würde. Aber unerschütterlich
befestigte sich in diesem Augenblick die Überzeugung in ihm, daß er ihr
diesmal nicht zuerst die Hand zur Versöhnung reichen dürfe.

Die große Lampe in dem stillen Zimmer, die schon seit einiger Zeit am
Ausgehen war und deren Licht immer schwächer und kleiner wurde, erlosch
jetzt nach einem letzten Aufflackern. Leo erhob sich und ging in sein
Zimmer.

                                  * * *

Ilse wachte am andern Morgen erst auf, als die Sonne das kleine Zimmer
schon längst erhellte. Sie fühlte sich durch den guten Schlaf erquickt und
erfrischt und war im ersten Augenblick des Erwachens noch so
traumbefangen, daß sie sich erst besinnen mußte, wo sie sich eigentlich
befand. Nach und nach kam ihr das Geschehene wieder deutlich zum
Bewußtsein, klarer als am Tage zuvor. Ihre gestrige Aufregung war einer
unangenehmen Empfindung gewichen. Reue und Beschämung beschlichen sie, und
der Gedanke, was ihre Eltern zu der Flucht gesagt haben mochten,
beunruhigte sie aufs höchste. Auch an Leo dachte sie, aber nicht etwa, ob
er wohl betrübt sein würde, sondern voll heimlichen Triumphgefühls. Sie
erschien sich ihm gegenüber als siegreiche Heldin, denn sie hatte eine Tat
ausgeführt, die er ihr gewiß nicht zugetraut hatte. Womöglich langte schon
heute ein um Verzeihung flehender Brief von ihm an, und gewiß würde er
selbst mit dem Papa kommen, um sie zurückzuholen. So blind gefangen war
unsre Ilse, so fest glaubte sie Leo durch ihre Heldentat einen gewaltigen
Respekt eingeflößt zu haben! Die Erwartung auf eine Nachricht von Hause
trieb sie aus dem Bette. Sie zog die hellgeblümten Gardinen zurück und
öffnete das Fenster. Man merkte heute nichts mehr von dem gestrigen
Unwetter, kein Wölkchen trübte den Himmel, der Ilse tiefblau
entgegenlachte. Goldener Sonnenschein breitete sich über die kahlen Gärten
und lag blendend auf den hellen Häuserwänden. Überall hatten die Leute
Türen und Fenster geöffnet, daß die frische Herbstluft in vollen Strömen
hereindringen konnte. So hatte Ilse gestern früh daheim auch am Fenster
gestanden und sich über den klaren Herbstmorgen gefreut. Wenn sie da
geahnt hätte, welches Ungemach ihr der Tag noch bringen würde! Was hatte
sie durchmachen müssen! Es war zu schrecklich.

                              [Illustration]

Sie fuhr sich mit der Hand über die Augen, die wieder feucht wurden, aber
die hervorquellenden Tränen wurden tapfer zurückgedrängt. Nellie und ihr
Mann sollten nicht sehen, daß sie geweint hatte, sie würden sonst wohl
denken, daß sie Reue fühlte, was ja so viel bedeutete, als ihr Unrecht
eingestehen. Vor Doktor Althoffs prüfenden und ironischen Blicken hatte
sie Furcht, sie kannte diese noch zu gut von der Schule her. Er konnte so
freundlich lächeln mit spottlustigen Augen; kein Tadel, nicht die
schärfste Rüge traf so sicher, als ein solcher Blick von ihm.

Durch ein Pochen an der Tür wurde sie in ihren Betrachtungen gestört,
gleich darauf wurde dieselbe leise geöffnet, und Nellies Gesicht kam zum
Vorschein.

„Schon wach, lieb Ilschen?“ rief sie freundlich und begrüßte die Freundin
mit einem herzlichen Morgenkuß. „Wie hast du geschlafen, _darling_? Ich
hoffe, du hast eine gute Nacht gehabt.“

„Herrlich habe ich geschlafen, liebste Nellie; was ich aber geträumt habe,
weiß ich wirklich nicht mehr.“

„Kann ich dich bei dein Ankleiden helfen, Kindchen?“ fragte Nellie, als
sie sah, daß Ilse sich jetzt beeilte, in ihre Kleider zu kommen. Die
Toilette war bald beendet, und von den beiden hatte keine das Thema
berührt, das doch am nächsten lag und sie so lebhaft beschäftigte. Erst
als Ilse Arm in Arm mit Nellie vor dem Eßzimmer stand, fragte sie zögernd:
„Nellie, ist dein Mann da?“

„Gewiß, Ilschen, und er freut sich riesig, sein früheres furchtbar
niedliches Schülerin wieder zu sehen.“

„Hast du ihm meine Flucht eingestanden, Nellie?“ fragte Ilse ängstlich.

Die junge Frau zögerte mit der Antwort. Sie hatte gestern abend allerdings
versprochen, Fred nichts davon zu sagen, aber nur um Ilse nicht weiter
aufzuregen; doch jetzt wollte sie die Wahrheit nicht verschweigen – so
leid es ihr tat!

„Lieb Ilschen,“ sagte sie innig, „ich konnte nicht anders, ich wollte mein
Fred nichts vorlügen. Bist du mir böse?“

„Nein, nein,“ versicherte Ilse, „aber ach, Nellie, was wird dein Mann von
mir denken?“

„O, Ilschen, er denkt nur Gutes von dich – aber nun komm –“

Und um Ilse über die peinliche Lage hinwegzuhelfen, öffnete sie schnell
die Türe und schob die sich Sträubende hinein. Doktor Althoff kam ihr
entgegen.

„Guten Morgen, Fräulein Ilse, wie freue ich mich, Sie zu sehen,“ rief er
freundlich und reichte ihr die Hand zum Gruße.

Mit niedergeschlagenen Augen gab sie ihm ihre Rechte, aber kein Wort kam
über ihre Lippen, und vor Verlegenheit wagte sie nicht aufzublicken.
Nellie war auch hier der rettende Engel. Sie führte Ilse an den gedeckten
Kaffeetisch und schob ihr einen Stuhl hin; dann schenkte sie Kaffee ein
und reichte ihrem Mann und Ilse die Tassen. Ihr tat die Freundin leid,
welche wortlos dasaß und krampfhaft auf das Muster der Kaffeeserviette
sah, als hätte sie sich tief in das Studium der Schnörkel und Arabesken in
derselben versenkt. Die Röte der Beschämung brannte noch auf ihren Wangen,
und vergeblich hatte Nellie sie verschiedenemale angeredet. Jetzt warf
diese ihrem Manne verständnisvolle Blicke zu, die ihm bedeuteten, er solle
dieser ungemütlichen Stimmung ein Ende machen. Aber Männer sind nicht so
leicht jeder Lage gewachsen, wie eine kluge Frau, und das dachte auch
Nellie, als ihr Mann sie gar nicht verstand. Ja, er hatte sie sogar mit
den Fragen: „Was soll ich, Kind?“ und als sie ihn mit dem Fuße anstieß:
„warum stößest du mich denn?“ recht in Verlegenheit gesetzt. Sie versuchte
deshalb von neuem das Schweigen zu brechen, was ihr bisher nicht gelungen
war. Zum zweitenmale füllte sie jetzt Ilses Tasse und reichte ihr Zucker
und Sahne. Sie wollte dabei ein Gespräch anfangen, aber ihre Scherze
blieben unbeachtet und auf ihre freundlichen Fragen bekam sie einsilbige
Antworten. Ilse vermochte die Furcht vor Doktor Althoffs ironischen Augen,
die sie wie zwei Brennpunkte auf sich gerichtet wähnte, nicht zu
überwinden. Sie konnte ja nicht wissen, daß sie sich täuschte, daß seine
gefürchteten Blicke diesmal nicht spöttischer Art waren. Ernst und voller
Mitleid sah er auf seine ehemalige Schülerin, – kannte er sie doch so
genau, alle ihre Vorzüge, alle ihre Schwächen. Viel, viel muß die Kleine
noch lernen, so dachte er in diesem Augenblick, und bittere Stunden wird
sie das noch kosten. Nicht jeder wurde schon so frühzeitig durch eine
harte Schule geläutert, wie seine Nellie sie hatte durchmachen müssen.
Diese hatte ja das Leben schon als Kind unter fremde Menschen gebracht;
dadurch war ihre Erfahrung gereift worden, und sie hatte gelernt,
Rücksichten zu nehmen. Zärtlich blickte er zu ihr hinüber und beobachtete
mit strahlenden Augen, mit welcher Anmut sie sich bewegte und wie sie
verstand, einen Hauch der Behaglichkeit überall zu verbreiten. So saßen
die drei wieder eine Weile schweigend am Kaffeetisch, jeder lebhaft mit
seinen Gedanken beschäftigt.

„Ilschen,“ fing Nellie endlich an, „weißt du auch wohl, daß du hier eine
alte Bekannte triffst, die seit weniges Monate mit ihrem Mann hierher
versetzt ist? Ich hatte ganz vergessen, in meinem letzten Brief davon zu
sprechen. Rate einmal, _darling_!“

Die Frage wirkte erlösend auf Ilses Schweigsamkeit, sie hob den Kopf und
sah Nellie fragend an.

„Rate, Ilschen,“ wiederholte diese.

„Wer denn, Nellie? Etwa Rosi Müller? Die artige Pastorin ist ja aber schon
seit dem Sommer hier in der Nähe verheiratet, die kannst du doch wohl
nicht meinen.“

Nellie schüttelte lachend den Kopf; sie war froh, ein Thema berührt zu
haben, das Ilse interessierte.

„Ein wenig muß ich dir noch foltern,“ neckte sie lustig, „aber du rätst ja
leicht, denn nur wenige von unsre Freundinnen sind verheiratet.“

„Ach, nun weiß ich,“ rief Ilse, „natürlich Flora ist es! Ich dachte im
Augenblick wirklich nicht an sie. Richtig, die ist ja auch schon eine
ehrbare Ehefrau!“

„O, nix da, Ilse – ein ehrbares Frau ist unsre Dichterin nicht geworden.“

„Wie kommt sie denn eigentlich hierher?“ unterbrach Ilse, „ihr Mann lebte
doch auch in B., wo Floras Eltern wohnen.“

„Laß dich erzählen, _darling_. Du weißt, daß Floras Mann ein Arzt ist, er
ist nun als Direktor an das Spital hier berufen – eine sehr gute Stelle,
mit gute Einnahmen. Er soll ein tüchtiger Mann sein, wir mögen ihn gern,
er ist so nett. Nicht wahr, Fred? Und, oh, er hat ein so herzig Baby von 4
Jahr – denn Flora ist seine zweite Frau.“

„Ja,“ warf Althoff ein, „Doktor Gerber ist ein liebenswürdiger, gescheiter
Mann, sein einziger Fehler ist seine Frau. Für diese poetische Seele ist
er viel zu prosaisch, zu materiell! Die arme Flora ist noch ebenso
überspannt wie früher, sie dichtet leider immer noch.“

Ilse wagte bei diesen Worten Nellies Mann zum ersten Male mit einem
scheuen Seitenblick zu streifen, bis dahin hatte sie es noch immer
vermieden, ihn anzusehen. Nun fand sie, daß der Gefürchtete garnicht so
aussah, wie ihr böses Gewissen sich ihn ausmalte. Seine Augen hatten nicht
den von ihr vermuteten spottlustigen Ausdruck, und das freundliche
Lächeln, mit welchem er sie anblickte, als wenn nichts vorgefallen wäre,
verscheuchte bald jede Befangenheit, so daß sie nun in die Scherze des
jungen Ehepaares mit einstimmte, und mit Nellie immer neue Erinnerungen
über Flora auskramte.

Lächelnd hörte ihnen Doktor Althoff zu und warf nur dann und wann eine
treffende Bemerkung dazwischen. Die beiden waren unerschöpflich in ihren
Witzen über Flora, und die eine wußte immer noch mehr als die andre.

„O, und die viele zerbrochene Herzen, die in ihre Romane stets vorkamen,
_darling_, weißt du noch?“ fragte Nellie. „Und wie wir sie immer mit ihre
Gedichte ärgerten?“

„Ach ja, das war himmlisch!“ beteuerte Ilse unter Lachen, „und wie böse
sie dann wurde und schalt, daß wir für ihre Poesien kein Verständnis
hätten.“

„Ihr seid ein böses Volk,“ sagte Doktor Althoff, „wie könnt ihr euch nur
so über eure Freundin lustig machen?“

„O, du scheinheiliges Mann,“ drohte ihm Nellie mit dem Finger, „hast doch
die größte Spaß an unsre Scherze. Weißt du, Ilschen, bald gehen wir zu der
Dichterin, das gibt ein famose Jux! Sie muß uns aus ihre neuesten Werke
vorlesen.“

„Das wird sie gern tun,“ sagte er, „denn ihrem Mann darf sie gewiß mit
solchem Unsinn nicht kommen. Er ist viel zu vernünftig, und ich hoffe ja
immer noch, daß er Flora ändern wird.“

„Das große Gegenteil von unsre Dichterin ist Rosi, das würdige
Pastorenfrau,“ sagte Nellie mit feierlicher Stimme. „O, Ilse, einmal haben
wir ihr besucht, o, sie ist so brav und züchtig, noch ganz die ‚Artige‘
aus die Pension. Und der Mann ist so still und sanft, er trägt eine lange
Rock, bis über den Knie, und eine hohe Kragen, dazu eine große Brille und
hat eine glatte Scheitel von blondes Haar, ganz zu die brave Rosi passend,
– sie sind ein würdige Ehepaar.“

Ilse brach über die Beschreibung in lautes Lachen aus, und Nellie stimmte
mit ein. Auch Doktor Althoff freute sich über seine drollige Frau.

„Du bist eine kleine Boshafte,“ sagte er zu ihr. „Überhaupt, Kinder, ihr
seid mir zu mokant, das kann ich nicht vertragen, deshalb gehe ich fort.
Adieu!“

Er legte die Serviette neben die Tasse und erhob sich mit scheinbar
ernster Miene, sodaß Ilse ganz erschrocken zu ihm aufblickte. Waren sie
wirklich zu weit gegangen?

Als sie aber seine lustig zwinkernden Augen sah und Nellie mit fröhlichem
Lachen ihn umschlang, da wußte sie, daß er nur Spaß machte.

Als er fortgegangen war und die beiden allein gelassen hatte, da war Ilses
erste hastige Frage:

„Nellie, ist denn nichts für mich angekommen, kein Brief, keine Depesche?“

„Ja, Ilschen, hier ist eine Depesche von deine Eltern, sie ist eben
angekommen.“

Ilse riß sie ihr aus der Hand und öffnete sie, dann las sie laut:

„Ilse soll Brief abwarten.            Papa.“

Das waren nur wenige Worte, die ihre Ungeduld nicht stillen konnten. Ja,
sie brachten sie nur noch mehr in Aufregung, denn alles mögliche las sie
aus der kurzen Zeile heraus. Wie ernste strenge Richter standen die
einzelnen Buchstaben vor ihren Augen. Hart klang der Befehl, den sie
enthielten; daraus schloß sie, wie böse ihre Eltern auf sie sein mußten.

„Nellie,“ seufzte sie ängstlich, „was werden die Eltern von mir denken?
Sie sind gewiß furchtbar böse.“

„Du mußt ihnen gleich schreiben,“ sagte Nellie.

„Erst will ich ihren Brief abwarten; ach, wenn er doch erst da wäre!“

Nellie nickte beistimmend und meinte, so wäre es auch wohl am besten.

„Komm, wir wollen in meine Stube gehen, _darling_,“ sagte sie und öffnete
die Türe, die in ihr Allerheiligstes führte, das zwischen dem Eßzimmer und
ihres Mannes Zimmer an der Eckwand des Hauses lag. Ein kleiner nach außen
vorspringender Erker verlieh dem Raum eine anheimelnde Gemütlichkeit.
Nellie hatte ihn dicht mit Blattpflanzen besetzt, davor zwei kleine Sessel
aus Bambusrohr nebst einem ebensolchen winzigen runden Tischchen gestellt
und dadurch ein lauschiges, reizendes Plaudereckchen hergerichtet. Hierhin
nötigte sie jetzt Ilse, die sich rings im Zimmer umsah.

„Es ist entzückend bei dir,“ versicherte sie wieder, und trotzdem Nellie
bescheiden abwehrte, freute sie sich doch über das ihr gespendete Lob.

„Fred macht es so viel Freude, wenn die Wohnung hübsch ist, da macht es
mich auch Spaß,“ und dabei fuhr sie liebkosend über die spiegelblanke
Platte ihres zierlichen Schreibtisches und rückte an den Figürchen und
Nippes, die darauf standen.

„Die vielen reizenden Sachen, die du hast, Nellie!“

„Die schenkt mich alle mein Fred. Er ist so gut zu mir, unbeschreiblich
lieb; o Ilschen, was bin ich für ein glückliches Frau. Ich denke nur immer
daran, ob er mit mir auch so glücklich ist.“

Eine so dankbare uneigennützige Liebe leuchtete aus ihren Augen, daß Ilse
beschämt die ihrigen zu Boden senkte; so wie die Freundin eben sprach,
hatte sie noch nie gefühlt, solche Gedanken waren noch nicht in ihr
aufgestiegen. Dies machte sie doch stutzig. Hatte sie eigentlich jemals
eine Regung des Dankes für alle Liebe und Zärtlichkeit Leos gehabt? Nein,
das war ihr nie eingefallen! Und hatte sie sich jemals geprüft, ob auch
sie alles tue, ihn glücklich zu machen? Nein! gestand sie sich wieder.
Jetzt tauchten zum ersten Male diese Fragen in ihr auf und regten sie zu
ernstlichem Nachdenken an. „Aber Nellie ist eine schwärmerische,
hingebende Natur, und das bin ich nicht und will ich auch nicht sein,“
sagte sie sich schließlich, und bei diesem Gedanken beruhigte sie sich.
Und doch konnte sie die Augen der Freundin nicht vergessen und beneidete
sie fast im stillen.

„Nellie,“ fragte sie plötzlich, „wann kommt denn der nächste Zug von
Moosdorf hier an?“

„Warum, Ilschen? Glaubst du, deine Eltern kommen dich zu holen? Oder
erwartest du deinen Bräutigam?“

„Nein, nein, das denke ich nicht, – ich fragte überhaupt nur so,“ sagte
Ilse errötend.

Und doch hatte Nellie ihre Gedanken richtig erraten, denn sie erwartete,
ja hoffte mit banger Sehnsucht, daß Leo den Tag nicht vergehen lassen
würde, ohne zu ihr zu eilen. Gewiß hatte er jetzt eingesehen, wie unrecht
er ihr tat. Aber wenn er kam, dann wollte sie ihm verzeihen, sie wollte
nicht länger widerspenstig, sondern nachgiebiger sein als sonst. Das alles
malte sie sich im Geiste aus und konnte doch eine Sorge, eine unbestimmte
Ahnung, daß es vielleicht nicht so kommen würde, wie sie sehnlich
wünschte, nicht unterdrücken.

Die folgenden Stunden waren nicht die behaglichsten für Ilse. Sie war in
steter Erwartung, bei jedem Klingeln schreckte sie zusammen. Der
Mittagszug war längst da. Sie hatte während dieser Zeit wie zufällig am
Fenster gesessen und auf die Straße gesehen. So oft eine Gestalt in der
Ferne auftauchte, schlug ihr das Herz, und immer von neuem wurde sie
enttäuscht. Dann ballten sich ihre Hände fest zusammen, und sie mußte sich
beherrschen, um nicht in lautes Weinen auszubrechen. Nellie und ihr Mann
überließen sie sich selbst und ihrer Stimmung. Die beiden, feinfühlenden
Menschen ahnten, was in ihr vorging und sie bewegte.

Ilse wurde von den selbstquälerischsten Gedanken geplagt; sie war heute so
viel milder gestimmt als gestern, sie dachte an den geliebten Vater,
welche Angst er wohl um sie ausgestanden, an die Mama, wie sie sich um ihr
Ausbleiben beunruhigt haben mochte; an aller Sorge der lieben Eltern war
sie schuld. Dies innere Geständnis machte sie sehr weich, wie die Tränen
verrieten, die in hellen Tropfen auf ihre verschlungenen Hände fielen.

Der Herbsttag neigte sich bereits seinem Ende zu, die Dämmerung war
hereingebrochen – und wieder saß Ilse am Fenster. Ihre Hoffnung, daß Leo
noch kommen würde, war gesunken, und nur mechanisch sah sie noch auf die
Straße hinunter. Die Gestalten, die jetzt schattenhaft vorüber huschten,
verfolgte sie nicht mehr mit ungeduldig klopfendem Herzen, sie war mutlos
geworden! Vor ihrer geängstigten Seele stand Lucies Bild, und wie es sie
gestern zur Umkehr bewegen wollte, blickte es sie jetzt mit schmerzlichen
Augen an und schien ihr zu sagen: „Er kommt nicht! Du wirst umsonst auf
ihn warten.“ Ihre aufgeregten Nerven ließen ihr diese Worte fortwährend in
den Ohren klingen. Auf einmal empfand sie die Schwere des unglückseligen
Schrittes, den sie gewagt hatte, und die Angst legte sich gleich einem Alp
auf ihr Herz. Wie eine Erlösung wirkte es daher jetzt auf sie, als zwei
Arme sie zärtlich umschlangen und Nellies Köpfchen sich an ihre heiße
Wange legte. Es war ihr, als würde sie aus einem häßlichen Traum
aufgeweckt, und erleichtert holte sie Atem.

„_Darling_,“ sagte Nellie, „ich habe eine Nachricht von deine liebe Mama.“

Ilse fuhr in die Höhe.

„Wo hast du den Brief, bitte, gib ihn mir,“ flehte sie förmlich und sah
suchend nach Nellies Händen.

„Warte nur, Kindchen, ich gebe ihn dir schon; aber erst muß ich mit dir
sprechen; deine gute Mama schreibt so reizend. Sehr aufgeregt waren deine
Eltern über deine Flucht, aber sie haben dir verziehen, und du darfst nun
für einige Zeit bei mich bleiben; o, wie freue ich mir!“

Ilse horchte gespannt.

„Was steht sonst noch im Briefe?“ fragte sie hastig. „Was hat Papa
gesagt?“

„Dein Papa wird dir schreiben, wenn ein Brief von dich angekommen ist. O,
dein Vater ist ein so lieber Herr, er zürnt nicht mehr mit dir,“
versicherte Nellie treuherzig. „Hier lies ihn selbst, das Brief, was sonst
noch darin steht,“ sagte sie und reichte ihn Ilse hin, die ihn mit
zitternden Händen aus dem Kuvert nahm. Hastig faltete sie die
engbeschriebenen Blätter auseinander, suchend überflogen ihre Augen Zeile
auf Zeile, und eine schmerzliche Enttäuschung malte sich in ihren Zügen,
als sie fertig gelesen hatte. Schweigend legte sie den Brief wieder
zusammen und gab ihn Nellie zurück.

„Nun, Kindchen,“ sagte die junge Frau, „freust du dich nicht über den
lieben Brief von deine Mama? Wie müssen dir deine Eltern lieb haben! Wie
schön, daß du bei uns bist! Bleibst du auch gern hier?“

Ilse nickte. „Sehr gern, Nellie, und ich weiß auch,“ fuhr sie mit erregter
Stimme fort, „daß mich meine Eltern lieben, sehr lieben, mehr wie irgend
jemand auf der Welt. Ich will deshalb auch immer bei ihnen bleiben und sie
nie verlassen!“

„O, Kind –,“ sagte Nellie vorwurfsvoll; aber Ilse unterbrach sie. „Ja das
will ich, das will ich bestimmt, denn er ist ja doch nur froh, wenn er
mich los ist!“ rief sie laut und warf mit bitterem Lachen den Kopf zurück.

Nellie sah die Freundin erschrocken an, und zurechtweisende Worte drängten
sich auf ihre Lippen. Aber sie sagte nichts, ihr mitleidiges Herz hielt
sie zurück, als sie sah, wie aufgeregt Ilse war, und daß sie nur mit Mühe
einen leidenschaftlichen Ausbruch zurückhielt.

„O, _darling_, ich kenne dich nicht wieder,“ sagte sie leise und sah ihr
traurig in die Augen. Da löste sich die Spannung von Ilses Gemüt, sie
legte beide Hände vor das Gesicht und brach in heftiges Weinen aus.

„Was hast du, Herz? Sprich doch,“ bat Nellie, „vertraue mich, ich bin doch
deine geliebte Freundin und verrate dich nicht. Sprich dir aus, Ilschen,
mach dein kleine Herz leichter! Oder darf ich dir sagen, warum du so
weinst? Ist es, weil dein Bräutigam nicht schrieb oder nicht kam, seine
Schatz wieder zu holen? Ist es nicht dies Kummer, was deine Seele drückt?
Gestehe es mich doch.“

Zärtlich und einschmeichelnd klang ihre Bitte, und Ilse wurde dadurch
bezwungen. Sie nickte und lehnte sich an Nellies Schulter, indem sie leise
fortweinte.

„Siehst du, ich dachte es mich wohl, _darling_, aber nun höre mich an. Ich
bin dein vernünftige alte Freundin und muß dir ein paar ernste Worte
einreden. Du kennst noch nicht die Männer, du lernst sie erst verstehen,
wenn du deines Leo kleine Frau bist. Er ist viel zu nachgebend gegen dich;
aber wenn ihr verheiratet seid, wird er nicht immer tun, was lieb Ilschen
will. Das wird im Anfang viel Streitigkeit geben, denn die Männer wollen
haben, daß wir uns in sie fügen, weil sie die Herren der Schöpfung sind. O
du, du wirst lernen, wie schön das ist; denn haben wir uns einiges Mal
gefügt, so können wir das liebe Mann um den kleinen Finger wickeln, und er
merkt es nicht! Darum lieb’ Schatz, sei nicht hartnäckig. Du mußt dein Leo
schreiben und ihn bitten, daß er dich verzeiht.“

Bis dahin hatte Ilse ruhig zugehört; nun brauste sie auf, und ihre Augen
funkelten, als sie hochaufgerichtet vor Nellie stand.

„Um Verzeihung bitten?“ rief sie spöttisch. „Nellie, du kennst mich
schlecht! Ihn um Verzeihung bitten, nein, dazu bin ich zu stolz. Nellie,
so weit erniedrige ich mich nicht, nie und nimmer!“ Sie betonte die
letzten Worte nachdrücklich und fuhr leidenschaftlich mit dem Taschentuch
über ihre Augen, die noch von den eben vergossenen Tränen feucht glänzten,
als wolle sie damit ausdrücken: „er ist es nicht wert, daß ich seinetwegen
Tränen vergieße.“

Nellie sah sie angstvoll an, sie begriff die Freundin nicht.

„O Ilse,“ sagte sie, „wie kannst du so sprechen? Es ist große Unrecht von
dich. Wie hast du mich selbst so oft geschrieben, wie treu und gut dein
Leo ist, wie lieb –“

„Ich bitte dich,“ fiel ihr Ilse ins Wort und erhob flehend ihre Hände;
„laß uns über diese Geschichte schweigen. Ich sehe ja, du bist auch auf
seiner Seite. Ich natürlich, nur ich habe schuld! Ich soll mir alles
gefallen lassen von ihm, so denkst auch du, Nellie; aber deshalb demütige
ich mich doch nicht vor ihm!“

Nellie schwieg. Sie merkte, daß jetzt keines ihrer gutgemeinten Worte
etwas fruchten, ja, daß ihr Zureden Ilses Trotz nur verschlimmern könnte.
Aber sie wünschte in diesem Augenblick sehnsüchtig, daß bald die Zeit
kommen möchte, die Ilse bekehren und ändern würde.

Das schrieb sie auch an Frau Anne und versprach ihr, allen Einfluß
aufzubieten, der ihr zu Gebote stände; vorläufig aber müsse man den
geliebten Trotzkopf ganz in Ruhe lassen.

Am andern Morgen saß Ilse eifrig schreibend in ihrem Stübchen, als Nellie
hereintrat.

„Ich schreibe an die Eltern,“ sagte sie errötend und kam mit diesen Worten
einer Frage Nellies zuvor. Dann sprang sie auf und ergriff Nellies Hände.

„Wollt ihr mich denn auch wirklich für einige Zeit behalten, bin ich euch
nicht zur Last, und ist es auch deinem Manne recht und hast du mich auch
noch ebenso lieb wie früher, Nellie?“

So ließ sie in ihrer lebhaften Weise die Fragen durcheinanderschwirren.
Die junge Frau zog sie an sich.

„O, _darling_, wie kannst du so fragen? Wenn es dich verwöhnte Schoßkind
nur bei uns einfache Leute gefällt, so werden wir froh sein. Wie freue ich
mir auf dein Aufenthalt! Wir wollen eine vergnügte Zeit durchleben,“ rief
sie jubelnd. In diesen Jubel stimmte Ilse nicht mit ein, sondern blickte
gedankenvoll vor sich hin. Sie wollte Leo zeigen, daß sie fest bleiben
könne; dieser Entschluß vollzog sich jetzt in ihrem Innern und verlieh
ihren Zügen einen trotzigen Ernst.

Der Brief an die Eltern war abgeschickt, und Ilse war sicher, daß er sie
wieder ganz versöhnen würde. Sie hatte dieselben herzlich um Verzeihung
gebeten, aber zugleich die inständige Bitte ausgesprochen, nicht nach dem
Grunde ihrer Flucht zu forschen.

In den nächsten Tagen traf ein großer Koffer mit Sachen für sie ein, worin
ein langer zärtlicher Brief von ihrem Papa lag. Kein Tadel, kein Vorwurf
enthielt derselbe; die sorgende Liebe, die aus jeder Zeile sprach,
beschämte sie tief. Hatte sie dieselbe wohl verdient?

Am Schlusse des Briefes schrieb der Papa:

„Amüsiere dich nur recht gut bei deiner Nellie, liebes Kind, sei heiter
und vergnügt, aber bleibe nicht zu lange fort und vergiß nicht deinen
alten Vater!“

Diese Worte rührten sie sehr.

Nein, gewiß! Vergessen würde sie ihren einzigen guten Herzenspapa nicht.
Leo wurde von ihm mit keiner Silbe erwähnt, und auch als ihr der andre Tag
einen Brief von Frau Anne brachte, war sie enttäuscht, denn derselbe
bewahrte ebenfalls tiefes Stillschweigen über ihn. Von allem erzählten die
Eltern ausführlich, aber über Leo schwiegen sie beharrlich. Sie wußten
gewiß, was zwischen ihnen vorgefallen war, und glaubten wohl, es würde ihr
peinlich sein, wenn sie diesen Punkt berührten. Viel lieber wäre es ihr
gewesen, von ihnen darüber zu hören, denn sie hätte gern gewußt, wie Leo
die Entdeckung ihrer Flucht aufgenommen hatte; aber dennoch wollte sie um
keinen Preis die Eltern danach fragen. Sie nahm sich fest vor, nicht mehr
daran zu denken, ob ihr Leo schreiben würde oder selbst käme, um sie zu
holen. In ihrem Herzen freilich lebte die sehnsüchtige Hoffnung nach einem
Lebenszeichen von ihm fort und ließ sich durch alle ihre Vorsätze nicht
zurückdrängen. Ohne daß sie es sich gestand, wuchs ihre Ungeduld von Tag
zu Tag, und sie war schließlich in einer fieberhaften Aufregung. So oft
der Briefträger kam, zitterte sie vor banger Erwartung, jedes Klingeln an
der Türe ließ sie zusammenschrecken. Den Eltern schrieb sie eifrig, fast
täglich, und erhielt ebenso regelmäßige Antworten. Wenn ein Brief von
daheim ankam, ging sie schnell auf ihr Zimmer, riegelte die Tür zu und
erbrach ihn mit zitternden Fingern. Sie durchflog die Seiten und wurde
immer von neuem enttäuscht. Dann stürzten ihr oft heiße Tränen aus den
Augen, und sie knitterte zornig das unschuldige Papier zusammen.

So schwanden ihr die Tage unter Zweifel und Ungewißheit dahin, und sie
litt schwer darunter. Nellie war ihr eine treue Freundin voll zarter
Aufmerksamkeit. Aber auch sie berührte nicht mehr das peinliche Thema. „Es
ist besser, du schweigst,“ hatte ihr Mann gesagt, als sie wieder einmal
versuchen wollte, ob sie Ilse bewegen könne, an ihren Bräutigam zu
schreiben. Sie wußte von Ilses Mutter, daß Leo, empört und zugleich
betrübt über die Tat seiner Braut, ihr auf keinen Fall schreiben oder gar
selbst kommen würde. Aber sie brachte es nicht übers Herz, Ilse das zu
sagen. Sie fürchtete einen neuen leidenschaftlichen Ausbruch und glaubte
Ilses Widerstand dadurch nur noch größer zu machen. „Armes _darling_, wie
tust du mich leid,“ sagte sie oft leise, wenn sie in dem blassen Gesichte
der Freundin deren heimliche Kämpfe las, und sie fühlte mit ihr, wie sie
litt.

Zwei Wochen waren für Ilse in Hangen und Bangen verstrichen. Sie hatte
sich bei ihren liebenswürdigen Freunden vollständig eingelebt, und Nellie
hatte es verstanden, sie bisweilen etwas aufzuheitern. Aber dann konnte
sie auch wieder lange schweigend vor sich hinstarren, und die trotzig
aufgeworfene Oberlippe ließ erraten, woran sie dachte.

„Ich muß ihr etwas zerstreuen,“ sagte Nellie zu ihrem Mann. „Sie ist so
blaß und hat schwarze Ringels unter den Augen; sie darf nicht mehr so viel
an der Sache denken. Sie ist eine kleine Widerspenstige, und ihr künftiger
Mann muß ihr sehr heilen, bis sie eine so sanfte Weibchen wird, wie ich es
bin,“ fügte sie mit einem schalkhaften Blick hinzu.

„Ja,“ lachte Althoff, „wenn man einen so guten Mann hat, wie ich es bin,
der zu allem ‚Ja‘ und ‚Amen‘ sagt, dann ist es leicht, sanft zu sein.“

„O, du,“ drohte Nellie scherzend mit dem Finger, aber er schloß ihr den
Mund mit einem Kusse.

„Heute müssen wir einige Visiten machen,“ sagte Nellie eines Tages zu
Ilse. „Die Leute betrachten dir schon wie eine verwunschene Prinzessin,
weil ich dich nirgends zeige. Und Florchen, wie wird sie grimmig sein,
wenn sie hört, daß du bist schon lange bei mich und hast ihr noch nicht
ins ‚eigene Heim‘ besucht. Das ist nämlich ihr Lieblingsausdruck.“

Ilse zeigte wenig Lust für diese Besuche, ließ sich endlich aber doch dazu
bewegen.

Seit dem Abend ihrer Ankunft war sie nur einige Male in der Dämmerung mit
Althoffs spazieren gegangen, heute sah sie die kleine Stadt zum ersten
Male im hellen Tageslicht. Mancher neugierige Blick folgte den beiden.
Frau Doktor Althoff hatte Besuch, und davon wußte man nichts? Das war doch
unerhört! Wer mochte denn die junge Dame sein? Frau Doktor Althoff hatte
ja gar nicht erwähnt, daß sie Besuch bekäme, warum hatte sie das
verschwiegen? So zerbrachen sich Nellies Bekannte, die ihnen begegneten,
den Kopf. In der breiten Hauptstraße vor einem hübschen Hause machte
Nellie Halt.

„Hier wohnt die Dichterin Frau Doktor Flora Gerber, in dies Haus, eine
Treppe hoch,“ sagte sie und öffnete die Haustüre.

Als sie oben angekommen waren, flüsterte sie Ilse zu: „Ilschen, wenn dir
das neugierige Flora nach alles fragt, nach dein Hiersein, dein Verlobten,
laß mir nur machen, ich geb’ ihr Antwort.“

Wie ein Stein fiel es Ilse bei diesen Worten vom Herzen, denn heimlich
hatte sie schon überlegt, ob sie Floras Fragen ausweichen oder sie
beantworten sollte. Sie drückte Nellie mit einem dankbaren Blicke die
Hand.

Auf Nellies zweimaliges Schellen wurde die Türe von einem wenig sauberen
Mädchen geöffnet.

„Sind die Herrschaften zu sprechen?“ fragte Nellie.

„Der Herr Doktor sind nicht zu Hause,“ stotterte das Mädchen verlegen,
„aber ich will mal nachsehen –“

Ohne den Satz zu beenden, verschwand sie eiligst hinter der Türe. Nach
einem Weilchen erschien sie wieder, riß die gegenüberliegende Stubentüre
weit auf und meldete lakonisch:

„Da sollen Se rein gehen.“

Flora war nicht im Zimmer, und Ilse hatte Muße, sich gründlich darin
umzusehen. Sie bedurfte übrigens nur weniger Blicke, um einen deutlichen
Eindruck zu gewinnen. Wie viel vermißte hier ihr stark ausgeprägter
Schönheitssinn! Traulich, harmonisch, geschmackvoll war es bei Nellie,
ungemütlich, geschmacklos, ein wirres Durcheinander bei Flora! Die Möbel,
gut und neu, entbehrten jeder Pflege, das sah man ihnen nur zu deutlich
an, denn eine graue Staubdecke lag darauf. Die Bilder an den Wänden hingen
schief, die Pflanzen am Fenster und im Blumentisch ließen durstig die
Köpfe hängen, und die gelben vertrockneten Blätter an den Stengeln gaben
ihnen ein traurig verkommenes Aussehen. Ilse, die eine große
Blumenfreundin war, betrachtete sich die Ärmsten mitleidig und sah sich
unwillkürlich nach einer Gießkanne um, ohne jedoch eine solche entdecken
zu können. Auf dem Tisch vor dem Sofa, über den eine blaue Samtdecke
gebreitet war, welche schief herabhing, lagen eine Menge Bücher, zum Teil
aufgeschlagen, mit Flecken und umgebogenen Ecken, dazwischen
Visitenkarten, Briefe, lose Blätter in einem wahren Chaos zusammen.

„Nellie, sieh nur,“ rief Ilse halblaut und zeigte mit der Hand auf diesen
Wirrwar, „das nennt Flora gewiß ‚malerisch‘.“

„O, störe mir nicht in mein heiliges Andacht,“ gab Nellie zur Antwort, und
als sich Ilse bei diesen mit Pathos gesprochenen Worten umwandte, sah sie
Nellie mit gefalteten Händen vor einem Schreibtisch stehen, der seinen
Platz am Fenster hatte.

„Hier schafft unser große Dichterin, Ilschen. An was für ein herrliches
Mordgeschicht’ mag sie wieder dichten,“ fuhr sie in demselben feierlichen
Tone fort.

Ilse hielt sich die Hand vor den Mund, um nicht laut aufzulachen, denn
Nellie war zu komisch.

„Eben hat Florchen dieses Platz verlassen, wir haben ihr gewiß aus ihre
schönste Gedanken gescheucht,“ fing Nellie wieder an.

Sie schien mit ihrer Vermutung recht zu haben, denn die Feder glänzte noch
feucht von Tinte, der Stuhl stand jäh zur Seite geschoben, und einige
Blätter, die an der Erde lagen, waren wohl beim eiligen Aufstehen auf den
Boden geflogen. Mit beschriebenen und unbeschriebenen Blättern war der
ganze Schreibtisch bedeckt, kaum daß die Stelle freigeblieben war, wo ein
über und über bespritztes Tintenfaß thronte, das nicht aussah wie für
einen Damenschreibtisch bestimmt.

„Sieh hier, _darling_,“ sagte Nellie leise und zog die noch immer sich
verwundert umsehende Freundin mit sich fort, „das ist Florchens Mann.“

Sie zeigte auf ein Bild, das über dem Schreibtisch hing. Ilse trat näher
heran und sah sich den nicht gerade hübschen aber interessanten Männerkopf
mit dem kurz geschorenen Haar und Bart voll Interesse an. Sie war noch in
der Betrachtung des Bildes versunken, als sich die Türe ungestüm öffnete
und Flora auf der Schwelle erschien. Dieselbe fuhr erstaunt zurück, als
sie Ilse gewahrte, deren Besuch sie gar nicht vermutet hatte.

                              [Illustration]

„Mein Gott, Ilse, bist du es wirklich, oder ist es dein Geist?“ rief sie
theatralisch mit weit vorgestreckten Händen.

„Beruhige dich, Flora,“ antwortete Nellie, „komme zu dich, es ist nicht
ihre Geist, es ist die liebe Ilse in wahre Leibhaftigkeit. Sie kam uns auf
recht lange Zeit zu besuchen.“

„Das Mädchen sagte mir, es wäre noch eine Dame dabei, aber ich hatte
natürlich keine Ahnung, daß diese Dame Ilse war. Ich dachte, es wäre
vielleicht Rosi.“

„Wir wollten dir überraschen, Flora,“ erklärte Nellie.

„Aber nun willkommen, herzlich willkommen im eigenen Heim!“ rief Flora und
ging mit geöffneten Armen Ilse entgegen, die kaum das Lachen verbergen
konnte, weil Nellie sie bei dem ‚eigenen Heim‘ mit dem Ellbogen angestoßen
hatte.

„Und nun setzt euch, Kinder,“ sagte Flora, als die Begrüßung vorüber war
und sie sich von dem Erstaunen über Ilses plötzliches Erscheinen etwas
erholt hatte. Sie führte die beiden zum Sofa und ließ sich ihnen gegenüber
in einen der blauen Plüschsessel fallen, die um den Tisch standen. „Seid
nur nicht böse, daß ich noch im tiefsten Negligee erscheine,“
entschuldigte sie sich und wies auf ihren allerdings recht primitiven
Morgenrock. Mit einem schwärmerischen Ausblick fuhr sie fort:

„Doch, wenn ich einmal im Schaffensdrang bin, verläßt mich der Gedanke an
die Wirklichkeit vollständig. Was liegt auch an dem elenden Putz und Tand!
Am liebsten hülle ich mich in eine einfache Kutte, nur um die Zeit zu
sparen und mich noch mehr meinen Arbeiten widmen zu können.“

Sie seufzte leise bei diesen Worten. Ilse und Nellie erwiesen ihr nicht
den Gefallen, auf ihre Phrase vom Schaffensdrang näher einzugehen. Nellie
schnitt das Thema kurz ab mit der Frage: „Wo ist dein Mann, Flora? Und die
kleine Baby?“

„Ernst macht Krankenbesuche und kommt erst zu Mittag nach Hause,“ gab
Flora gedehnt zur Antwort, die letzte Frage scheinbar überhörend.

„Ach Kinder,“ fuhr sie fort, „ihr glaubt nicht, wie entsetzlich schwer es
ist, die Frau eines Arztes zu sein. An was muß man sich da nicht alles
gewöhnen! Der Beruf ist furchtbar prosaisch, entbehrt jeder Poesie. Schon
allein die Karbol- und Jodoformgerüche, in welche sich der Arzt hüllen
muß, – puh, unausstehlich!“

Sie schnitt bei dem Gedanken an diese verpönten Gerüche ein wegwerfendes
Gesicht und hielt sich unwillkürlich ihr stark parfümiertes Taschentuch
unter die Nase.

„O, ich finde sie ein sehr schönes Parfüm, nix rieche ich lieber als
Jodoform und Karbol,“ sagte Nellie ganz ernsthaft.

Entsetzt sah Flora sie an.

„Pfui, Nellie! das kann dein Ernst nicht sein,“ rief sie. „Aber freilich,
du warst von jeher eine trockene, nüchterne Natur, du hättest eigentlich
gut zu Ernst gepaßt.“

„O ja,“ erwiderte Nellie lächelnd, und aus ihren Grübchen sah der Schelm
hervor, „und ich glaube, du gut zu mein Alfred, weil er hat ein so fein
Verständnis für deine Poesien.“

Ilse freute sich im geheimen über Nellies Schlagfertigkeit, aber über
Floras Gesicht ergoß sich eine brennende Röte. Sie fühlte den Stich aus
Nellies Worten deutlich heraus, denn noch heute konnte sie Doktor Althoffs
Kritik über ihre Werke nicht verschmerzen. Zugleich hatte Nellie unbewußt
auf eine kleine Schwäche angespielt, die sie noch immer für ihren früheren
Lehrer besaß. Sie antwortete nicht, sondern verbarg ihren Unmut und wandte
sich an Ilse.

„Wie geht es deinem Bräutigam, du glückliches Menschenkind?“

Jetzt war an Ilse die Reihe zum Erröten, und die Verlegenheit trieb ihr
das Blut heiß in die Wangen. Zum Glück deutete Flora ihr Erröten ganz
anders; sie fand es entzückend, reizend, es sollte ihr den Stoff zu einem
Gedicht geben, dessen Titel unbedingt heißen mußte: „Das schämige
Bräutchen.“ Sie fand diese Idee wundervoll, einzig in ihrer Art, und war
so begeistert davon, daß sie laut ausrief:

„Nun sieh mir nur einer das schämige Bräutchen an.“ Und träumerisch vor
sich hinblickend, fuhr sie fort: „Ja, Ilse, die Brautzeit ist die
poesievollste des ganzen Lebens. In süßem Tändeln verfließen die Tage, die
angeborene Rauheit des Mannes liegt da noch gebändigt in den Rosenfesseln
der Liebe, in duftigen Zauber gehüllt vergeht die Zeit, nur der Körper
berührt noch mit flüchtigem Fuß die profane Erde. Der Geist, das Herz, sie
entflohen in himmlische Gefilde und träumen dort den ewigen Traum der
Liebe, fern vom lauten Getümmel der Welt, der Prosa des Lebens!“

Nellie und Ilse hatten sich bei diesem poetischen Erguß schon einige Male
verständnisinnig angeblickt; aber als Nellie die letzten Worte Floras mit
einem urkomischen Gesicht begleitete, die Augen schwärmerisch
aufgeschlagen und gen Himmel gerichtet, konnte Ilse ihre Heiterkeit nicht
mehr verbergen und fing zu lachen an. Natürlich stimmte Nellie mit ein.
Flora war empört über den verkehrten Eindruck ihrer Worte und wütend sah
sie die beiden an.

„Ihr scheint noch ebenso albern und verständnislos zu sein wie in der
Pension,“ sagte sie erregt. „Ich glaubte wirklich, Nellie, du wärst als
Frau vernünftiger geworden und du, liebe Ilse, scheinst mir ja eine recht
prosaische Braut zu sein. Mein Gedankenflug war eben zu hoch für euch, wie
ich merke.“ Die letzten Worte betonte sie besonders und sah dabei die
beiden herablassend an.

Ilse ärgerte sich über Flora, sie war ganz ernst geworden und hatte eine
Erwiderung auf den Lippen. Aber Nellie kam ihr zuvor.

„Da haben wir unsere Teil,“ sagte sie mit der liebenswürdigsten Miene,
ohne durch Floras Abfertigung im mindesten aus der Fassung gebracht zu
sein. „Florchen, ich werde mich bessern, damit ich mit dich fliegen kann
in deine hohe schöne Land.“

Diese spöttischen Worte erregten Floras Zorn noch mehr.

„Nimm mir nicht übel, Nellie,“ rief sie, „aber in dir lebt auch nicht ein
Funke von Poesie, du ziehst alles in den Staub und Schmutz herab.“

Ilse war außer sich über diese Schmähung ihrer geliebten Freundin.

„Nun ist es aber genug, Flora!“ rief sie heftig, doch weiter kam sie auch
diesmal nicht, denn die Türe wurde geöffnet, die intelligente Dienstmagd
erschien und meldete, Herr Referendar Lüders wünsche Frau Doktor zu
sprechen.

Flora schnellte wie elektrisiert empor.

„Wie furchtbar fatal, – Herr Lüders und ich noch in Morgentoilette. Aber,
er ist ja unser Hausfreund. Ich könnte mich schon so vor ihm zeigen.“

Sie trat vor den Spiegel und besah sich musternd, aber nicht ohne
Wohlgefallen.

„Was meint ihr?“ fragte sie, „kann ich ihn so empfangen?“

„Ich meine nicht,“ antwortete Ilse in ihrer gewöhnlichen Offenheit. „Es
ist doch schon Mittag jetzt, und dann, denke ich, darf man im Morgenrock
überhaupt keine Herren empfangen.“

„So denkt man wohl bei euch auf dem Lande,“ entgegnete Flora gereizt,
indem sie Ilse über ihre Schultern hinweg einen mitleidigen Blick zuwarf.
„Ich muß gestehen, das nenne ich enge Ansichten. Hätte ich nur meine
hochelegante Matinee an, dann natürlich würde ich Herrn Lüders sofort
empfangen. Sage Herrn Referendar, ich ließe ihn bitten einzutreten, ich
würde sofort erscheinen,“ wandte sie sich zu dem Mädchen, das stumpfsinnig
und bewegungslos an der Türe stand, der Dinge harrend, die da kommen
sollten.

„Adieu, Flora, wir müssen gehen,“ sagte Nellie und erhob sich.

                              [Illustration]

„Nein, auf keinen Fall! Bitte, bleibt nur noch so lange, bis ich
zurückkomme, bitte,“ bat Flora dringend und verschwand eiligst, weil die
Türe weit aufging und Herr Lüders erschien. Nellie wollte mit einem
höflichen Gruße an ihm vorbei gehen, er kam aber schnell auf sie zu und
machte ihr eine tiefe Verbeugung.

„Gnädige Frau,“ sagte er, „ich bin beglückt, Sie hier zu treffen; darf ich
mich nach Ihrem Befinden erkundigen.“

Nellie antwortete kühl.

„O, ich danke, ich befinde mich sehr wohl. Ilse,“ wandte sie sich zu
dieser, „darf ich dir Herrn Referendar Lüders vorstellen, – Fräulein
Macket.“

„Eine große Ehre,“ sagte er verbindlich mit einer neuen eleganten
Bewegung.

„Wir wollen uns noch einen Augenblick setzen, bis Flora kommt,“ sagte
Nellie.

Ilse bemerkte, daß sie gegen diesen Herrn merkwürdig zurückhaltend war,
ganz gegen ihre gewöhnliche liebenswürdige Art. Er gefiel auch ihr nicht;
sie konnte ihn jetzt, während er sich mit Nellie unterhielt, prüfend
betrachten. Das glatte Gesicht war nicht unschön, aber ausdruckslos, die
hellen blauen Augen erschienen ihr geradezu unangenehm. Er hatte blonde
Haare, blonde Augenbrauen, blonde Wimpern und vom hellsten Blond war auch
das kleine Schnurrbärtchen, das in zwei steif abstehende und kunstvoll
gedrehte Spitzen auslief. Die Gesichtsfarbe war mädchenhaft zart und
rosig. Ohne daß sie es wollte, drängte sich Ilse der Vergleich auf
zwischen ihm und ihrem Bräutigam. Wie kraftvoll und energisch war dessen
Gestalt gegen die des zierlichen Herrchens, das keine Spur von
Männlichkeit und Ernst zeigte. Jetzt wandte er sich zu ihr und rückte an
seinem Kneifer, der auf der kleinen, etwas aufgestülpten Nase keinen
rechten Platz finden konnte.

„Wie lange weilen gnädiges Fräulein schon in unsern Mauern?“ fragte er und
sah ihr dabei keck ins Gesicht, daß sie unwillkürlich den Kopf zurückwarf
und ihn von oben herab unnahbar anblickte. Sie fand ihn in diesem
Augenblick unausstehlich, so daß sie sich Mühe geben mußte, seine Fragen
artig zu beantworten, und froh war, als Floras Eintreten der Unterhaltung
ein Ende machte.

„Mein lieber Herr Lüders, verzeihen Sie nur, bitte, bitte, daß ich Sie
warten ließ,“ rief sie ihm entgegen mit kindlich gefalteten Händen und
demütigem Augenaufschlag.

„Wie könnte ich Ihnen böse sein,“ sagte er mit Nachdruck und führte ihre
Hand an seine Lippen.

Flora hatte in großer Eile Toilette gemacht, das sah man, und ebenso
geschmacklos wie vorher, auch das fiel sofort auf. Die Haare trug sie
jetzt hoch aufgetürmt, was ihren ohnedies großen Kopf noch größer
erscheinen ließ.

Das schwarze Kleid, das sie trug, war überreich mit Perlen besetzt, von
denen schon viele die Flucht ergriffen und kahle Stellen zurückgelassen
hatten. Aber für solche Kleinigkeiten hatte die geniale Flora keinen Blick
und jetzt besonders nicht, denn ihre Aufmerksamkeit nahm der Referendar in
Anspruch. Er hatte aus seiner Tasche ein Heft gezogen und überreichte ihr
dasselbe.

„Ich habe mich an den Kindern Ihrer Muse wahrhaft ergötzt,“ sagte er,
„seit lange habe ich nichts von so tiefem Inhalt, so poetischem Wert
gelesen. Ich bewundre Ihre Phantasie, Ihren Geist, gnädige Frau.“

Flora schwamm in einem Meer von Seligkeit, ihr Gesicht strahlte, und
triumphierend sahen ihre Augen zu den Freundinnen hinüber.

„Seht, es gibt doch noch Menschen, die mich und meine Werke verstehen,“
schienen sie zu sagen.

„Wie freue ich mich, daß Ihnen die kleinen Blümchen, die ich in dem
Gärtchen meiner Poesie pflückte, gefallen,“ sagte sie bescheiden. „Macht
es Ihnen Spaß, so gebe ich Ihnen ein größeres Opus zum Lesen mit, ich bin
gerade damit fertig geworden.“

Sie stand auf, es zu holen, und diese Gelegenheit benützte Nellie und Ilse
sich auch zu erheben, um sich zu verabschieden. Flora hielt sie jetzt auch
nicht länger mehr zurück; es war ihr offenbar ganz erwünscht, daß sie
gingen. Sie küßte beide mit überwallender Zärtlichkeit, trug Nellie
tausend Grüße für den strengen Gebieter und Ilse ebensoviel an ihren
Bräutigam. Als sie von der Türe zurück ins Zimmer trat, fing sie noch
gerade den bewundernden Blick auf, den Herr Lüders Ilse nachsandte. Das
stimmte ihre gehobene Laune etwas herab.

Als Ilse und Nellie schon auf der Treppe waren, fiel es ersterer ein, daß
sie ja einen Schirm mitgebracht hatte. Sie gingen deshalb zurück, fanden
ihn aber nicht mehr auf dem Platz, wo sie ihn hingestellt hatten.

„O, wahrscheinlich hat ihn das saubere Dienstbot weggestellt, ich werde
ihr fragen,“ sagte Nellie und ging in die Küche, die am Ende des Korridors
lag. Gleich darauf rief sie:

„Komm, Ilschen, sieh dir mal die kleine Stiefkind von Flora an, – o, ist
es nicht eine süße Baby?“

Sie hatte das kleine Wesen schon auf dem Arme, als Ilse hereintrat, welche
als Kinderfreundin, die sie war, das Kind nun ebenfalls liebkoste und
streichelte. Es war ein reizendes kleines Mädchen von vier Jahren, mit
dunklen Augen und dunklem lockigen Haar. Ängstlich und schüchtern sah es
die beiden an und bog sich bei ihren Liebkosungen abwehrend zurück, indem
sie die Händchen fest gegen Nellies Brust stemmte.

„Bitte, Nellie, gib mir die Kleine nur ein einziges Mal,“ quälte Ilse,
„ich mag Kinder so schrecklich gern. Meinen kleinen Bruder schleppe ich so
viel herum, daß Mama oft schilt, denn sie will nicht, daß er so viel
getragen wird. Der süße kleine Kerl, ob er sich wohl nach mir sehnt, oder
mich schon vergessen hat?“

Sie seufzte bei diesen Worten, und in dem sehnsüchtigen Gedanken an das
Brüderchen nahm sie Nellie das Kind so heftig aus dem Arm und preßte es so
stürmisch an sich, daß es jämmerlich zu schreien anfing und mit Händen und
Füßen die größten Anstrengungen machte, von Ilses Arm zu kommen.
Erschrocken ließ diese es auf den Boden gleiten, Nellie aber kniete neben
ihm nieder und fragte es:

„Wie heißt du denn, _darling_?“

Die Kleine antwortete nicht, weder auf diese noch auf ihre weiteren
Fragen. Sie zog sich in eine Ecke zwischen dem Tisch und Küchenschrank
zurück, und sah sich die beiden mit trotzig verschlossenen Blicken an. Dem
armen kleinen Wesen fehlte die liebende, sorgende Hand der Mutter. Das
fleckige Kleidchen aus dunklem schwerem Stoff, die schmutzige Schürze aus
grellbuntem Kattun bewiesen, daß ihr Anzug ohne Lust und Liebe gewählt
war.

„Arme Baby,“ sagte Nellie leise und sah mitleidig auf das Kind.

„Findest du nicht,“ fragte Ilse, „daß sie Ähnlichkeit mit unserer süßen
Lilli hat? Ihre Augen haben denselben schwermütigen Ausdruck. Ist Flora
denn nicht sehr glücklich über dieses reizende Kind?“

„O, ich glaube nicht,“ meinte Nellie, „es ist nie die Rede von die kleine
Käthe, sie besorgt sich wenig um ihr. – Nun aber, Ilschen, es ist die
höchste Zeit, daß wir fortgehen, sonst kommt Fred nach Hause und findet
mich abwesend.“

Nellie beugte sich zu dem Kinde nieder und griff nach ihren Händchen,
Käthe entzog sie ihr aber schnell und versteckte sie auf dem Rücken.

Als sie über den Vorplatz gingen, hörten sie Floras laute, etwas
weinerliche Stimme; sie schien in lebhafter Unterhaltung mit Herrn Lüders
begriffen zu sein. Auf der Straße hing sich Nellie an Ilses Arm und lachte
mit dem ganzen Gesicht.

„Ein schöner Besuch, nicht wahr, Ilschen?“ fragte sie heiter. „Wie gefällt
dich Flora als Frau und Mutter? Ist sie nicht noch eine ebenso
verschraubte Person wie früher?“

„Noch schlimmer ist sie geworden,“ stimmte Ilse bei. „Ich finde sie zu
lächerlich! Hast du wohl bemerkt, wie holdselig sie den Referendar
anlächelte, als er ihre Werke lobte? Und hast du sein spöttisches Gesicht
gesehen?“

„O, ich habe alles gesehen, _darling_, ich habe auch eine scharfe Blick.
Dieser Lüders, ich mag ihn gar nicht, er ist keine Gentleman, er ist nicht
richtig.“

„Er ist nicht richtig?“ fragte Ilse erschrocken, „hat er denn schon mal im
Irrenhaus gesessen?“

„O nein,“ lachte Nellie, „du verstehst mich nicht.“

„Ja, aber du sagst doch, er wäre nicht richtig, und das heißt so viel als:
er hat seinen vollen Verstand nicht.“

„_Darling_, ich meine ja ganz anders, ich denke, er ist nicht richtig,
weil er nicht die Wahrheit sagt.“

„Ach so,“ rief Ilse, „nun geht mir ein Licht auf; du meinst, er ist nicht
aufrichtig?“

„Ja, ja,“ bestätigte die junge Frau, „so heißt das Wort, der ich nicht
finden konnte.“

Dieses Mißverständnis belustigte beide aufs höchste, sie kamen immer
wieder darauf zurück und mußten immer von neuem darüber lachen. In
heiterster Laune langten sie zu Hause an.

„Herr Doktor ist schon lange da,“ empfing sie das Mädchen.

„O weh,“ flüsterte Nellie, „da haben wir die Zeit verfehlt. Wie viel ist
denn die Uhr, ich habe kein Begriff.“

„Gleich zwei Uhr,“ berichtete das Mädchen. „Der Herr Doktor hat schon oft
nach den Damen gefragt.“

Auf dem Vorplatz kam ihnen Nellies Mann entgegen, und man sah es ihm an,
daß ihn die Ungeduld unwillig gemacht hatte.

„Wo bleibst du denn so lange?“ fragte er verstimmt, „ich warte nun schon
seit ein Uhr auf dich. Du weißt doch, liebes Kind, daß ich die
Pünktlichkeit liebe und es vor allen Dingen nicht in der Ordnung finde,
wenn die Frau ihren Mann warten läßt.“

Er hatte Ilse nicht bemerkt, die sich bei seinen Worten ängstlich hinter
einem Kleiderschrank versteckt hielt, und glaubte wohl, daß sie schon in
ihr Zimmer gegangen wäre. Sie blieb in ihrem Versteck, bis das Ehepaar
fortgegangen war, und huschte dann in ihr Stübchen.

„Das war aber stark,“ sagte sie vor sich hin, „das hätte mir mein Mann
nicht bieten dürfen; ich hätte mir das nicht so ruhig gefallen lassen. Es
war doch recht dumm von Nellie, daß sie ihm keine Antwort gab.“

Das Mädchen unterbrach sie in ihrem Selbstgespräch und rief sie zum
Mittagessen.

„Das wird ein heiterer Mittag werden,“ dachte Ilse, „Doktor Althoff ist
schlechter Laune und Nellie doch sicherlich auch nach diesem Empfang.“

Zögernd trat sie ins Eßzimmer. Doktor Althoff stand am Fenster und
trommelte gegen die Scheiben. Er drehte sich bei ihrem Gruße nur flüchtig
um und nickte ihr zu. Nellie stand schon am Tisch und füllte die Suppe
auf.

„Kommt, Ilschen und Fred, wir wollen essen,“ rief sie freundlich und
setzte ihnen die dampfenden Teller hin. Doktor Althoff war, wie Ilse
richtig vermutet hatte, in übler Laune. Er aß schweigend, und für Nellies
Fragen hatte er nur einsilbige Antworten. Erstaunt sah Ilse, daß Nellie
sich durch sein Benehmen nicht stören ließ und gleichmäßig freundlich
blieb. Sie verstand die Freundin nicht. Sie würde im gleichen Falle
einfach vom Tisch aufgesprungen und hinausgegangen sein. Aber auch noch
ein freundliches Gesicht machen, wie Nellie es tat, das würde sie auf
keinen Fall vermocht haben.

Das Mittagsmahl verlief wenig gemütlich für die drei.

Ilse, durch Althoffs Schweigsamkeit eingeschüchtert, wagte kaum ein Wort
zu sagen, nur Nellie war wie sonst, man sah ihr auch nicht den leisesten
Unmut an.

Als der Tisch abgeräumt war, sollte wie gewöhnlich der Kaffee in Doktor
Althoffs behaglichem Arbeitszimmer getrunken werden.

„Lieber Fred, der Kaffee ist fertig,“ sagte Nellie, „wollen wir nicht
trinken?“

Er zog seine Uhr heraus.

„Nein, es ist schon viel zu spät,“ entgegnete er kurz. „Ich kann keinen
Kaffee mehr trinken; es ist höchste Zeit, daß ich gehe. Adieu.“

Ohne Ilse die Hand zu reichen und Nellie den üblichen Abschiedskuß zu
geben, ging er fort. Ilse sah, wie der jungen Frau eine heiße Blutwelle
ins Gesicht stieg und ihre Augen sich mit Tränen füllten. Sie näherte sich
ihr voller Mitleid und umschlang sie. Aber Nellie schob sie sanft zurück
und eilte ihrem Gatten nach. Sie macht sich rein zu seiner Sklavin, dachte
Ilse erbittert. Nun bittet sie ihn wohl gar noch um Verzeihung; ich
begreife sie einfach nicht.

Nach kurzer Zeit kam Nellie zurück, und in ihrem vergnügten Gesicht sah
man keine Spur von Erregtheit mehr. Sie nahm Ilse gegenüber Platz, welche
am Fenster saß.

„Arme Ilse,“ sagte sie schelmisch, „du hast dir heute mittag gewiß recht
gemopst mit uns langweilige Menschen; sei nicht böse.“

„Wie sollte ich böse sein, Nellie? Ich fasse nur nicht –“ hier stockte sie
und sprach nicht weiter.

„Was fassest du nicht?“ fragte Nellie.

„Nun, ich fasse nicht,“ sagte Ilse, „wie du dir so viel gefallen lassen
kannst von deinem Manne. Das ist mir rein unbegreiflich.“

„Du bist noch eine kleine unverständliche Person,“ gab Nellie zur Antwort.
„Du wirst auch noch lernen zu schweigen, wenn dein Mann mal bös ist.“

„Das werde ich nie, niemals!“ beteuerte Ilse lebhaft.

„Du wirst,“ fiel ihr Nellie entschieden ins Wort. „Fred hat oft viel Ärger
mit die Jungens in der Schule und wenn er nach Hause kommt, darf ihn sein
kleine Frau nicht auch ärgern. Heute hat er so große Verdruß gehabt, das
arme Mann. Du bist noch so jung, Kindchen, du verstehst noch nix von die
Ehe, von das Benehmen der Frau gegen ihre Mann.“

Ilse lachte! „Das ist himmlisch! Du bist gerade zwei Jahre älter als ich
und tust immer, als wenn du meine Großmutter wärst.“

„O, ich habe Erfahrung,“ rief Nellie, „und kenne die Welt mit die Menschen
besser als du, Baby.“

„Ja, du bist meine einzige kluge Nellie,“ sagte Ilse, sie umschlingend.
„Aber wenn dein Mann mal wieder böse gegen dich ist, bekommt er es mit mir
zu tun.“

Nellie hatte sie durch ihre Worte zwar nicht bekehrt, und sie gab ihr
nicht recht, denn sie wollte nicht die Sklavin ihres Mannes werden, aber
im Grunde ihres Herzens bewunderte sie doch die Freundin und ihre
Selbstbeherrschung.

                                  * * *

Seit dem Besuche bei Flora war wieder eine Woche verstrichen. Das
Doktorpaar hatte schon nach einigen Tagen einen Gegenbesuch gemacht, und
Floras Mann hatte Ilse außerordentlich gut gefallen. Er war klug und
liebenswürdig und hatte ein ruhiges, sicheres Benehmen. Bei Floras
überschwenglichem Unsinn schwieg er meistens, und es erschien dann in
seinem Gesicht ein Ausdruck, als ergebe er sich in das Unvermeidliche, das
zu ändern er aufgegeben hatte.

„Wie kam nur der nette Mann dazu, sich in Flora zu verlieben, Nellie?“
fragte Ilse. „Ich begreife das nicht.“

„O,“ meinte diese, „Florchen wird sein Herz mit ihre schöne Liebesgedichte
gefangen haben. Wir müssen ihr gelegentlich über ihre Verlobung
ausforschen. Mich tut der arme Mann leid und die kleine Baby; Flora macht
ihnen kein Glück, weil sie nichts wie dummes Zeug im Kopf hat.“ –

An einem Sonntagmorgen saß das junge Althoffsche Ehepaar mit Ilse
gemütlich am Kaffeetisch, als das Mädchen einen Brief für Nellie
hereinbrachte.

„Eine große Neuigkeit!“ rief sie, als sie ihn gelesen hatte. „Ratet, ich
sage nix,“ und geheimnisvoll sah sie zu Ilse hinüber, deren Blicke
ängstlich fragend auf ihr ruhten. Was mochte der Brief für eine Nachricht
enthalten, von wem mochte er sein? Ihr Herz pochte in heftigen Schlägen,
und wieder tauchte die Hoffnung in ihr auf: es ist vielleicht eine
Nachricht von ihm, und er meldet sein Kommen an. Die erwartungsvolle
Aufregung, in der sie die erste Zeit hier verbracht hatte, war nach und
nach einer bitteren Ruhe gewichen. Sie zerfloß nicht mehr in
leidenschaftlichen Tränen, wenn Briefe von den Eltern eintrafen, die
nichts von Leo enthielten, und sie schreckte auch nicht mehr bei jedem
Klingeln zusammen. Nur abends, wenn sie im Bette lag, scheuchten noch
häufig angstvolle Gedanken den Schlaf von ihren müden Lidern, und sie
wälzte sich dann manchmal ruhelos auf ihrem Lager umher. Schwarz wie die
Nacht erschien ihr dann die Zukunft, sie kam sich einsam und verlassen vor
und schlief unter Tränen ein. –

Ilse wagte nicht, Nellie, welche sich mit ihrem Manne herumneckte, nach
dem Inhalt der Karte zu fragen.

Doktor Althoff, der nach langem Hin- und Herraten, das ihm jedesmal ein
lakonisches „Falsch“ von seiner Frau eingetragen hatte, ungeduldig
geworden war, nahm schließlich Nellie den Brief aus der Hand.

„O, was seid ihr Männer neugierig,“ sagte sie lachend. Er las den Brief
und warf ihn dann auf den Tisch.

„Wenn es weiter nichts ist,“ sagte er mit enttäuschter Miene, „ich dachte
Wunder, was der Brief enthielte! Also Pastors wollen uns heute besuchen,
das ist die ganze interessante Neuigkeit. Na, das wird einen heiteren
Sonntag geben,“ setzte er mit sauersüßer Miene hinzu.

Ilse hatte gespannt auf jedes seiner Worte gelauscht, sie war von neuem
enttäuscht, und doch löste es sich wie ein Alp von ihrer Brust.

„Ilschen,“ wandte sich Nellie jetzt zu ihr, „die artige Rosi mit ihre
Pfarrersmann wird uns heute besuchen. Freust du dich nicht?“ Sie nahm den
Brief wieder an sich und las ihn nochmals. „Durch Flora hat Rosi von dein
Hiersein gehört und freut sich riesig dich wiederzusehen,“ teilte sie Ilse
mit. „Sie fahren mit der Kutsche, schreibt mich Rosi, um acht Uhr von den
Dorf weg; wann sind sie also hier, Fred?“

Sie mußte ihre Frage wiederholen, denn er las in der Zeitung und hatte
nicht zugehört.

„Um acht Uhr fahren sie fort,“ berechnete er, – „vielmehr sind sie
fortgefahren, da werden sie gegen elf Uhr hier sein.“

„O, dann haben wir noch viele Zeit,“ meinte Nellie, „dann können wir in
Ruhe Vorbereitungen zu Ehrwürdens Empfang machen. Hilfst du mir, Ilschen?“

„Natürlich, Nellie! Ich bin riesig gespannt, Rosi wiederzusehen. Sie ist
gewiß eine unterwürfige Frau, eine demütige Magd, wie sie im Buche steht,
geworden.“

Die Kaffeestunde wurde heute abgekürzt, denn Nellie mußte für das
Frühstück und Mittagsmahl sorgen. Geschäftig eilte sie mit dem
Schlüsselkörbchen klappernd hin und her, bald war sie in der Küche, bald
im Zimmer. Jetzt kam sie mit einem Pack Tischzeug herein, legte dasselbe
auf den Eßtisch und fing an zu decken. Ilse stand mit verschränkten Armen
daneben und sah ihr zu.

„Nellie, weißt du noch, wie ungeschickt ich mich in der Pension benahm,
als ich zum ersten Male den Tisch decken sollte? Jetzt mache ich solche
‚Dienstbotenarbeiten‘ ganz gern; so geschickt wie du bin ich natürlich
noch nicht und werde es auch nie sein.“

„O, _darling_,“ erwiderte Nellie, „wenn du erst ein kleines Hausfrau bist,
wirst du alles schön machen, viel schöner als ich es –“

Ilse ließ sie den Satz nicht beenden. Das Wort Hausfrau hatte sie peinlich
berührt und machte sie verlegen. „Nein,“ rief sie schnell, „nie, nie! Ich
bin ein ungeschicktes, plumpes Bauernmädchen gegen dich.“

„O, o,“ sagte Nellie, indem sie bei diesen übertriebenen Worten erstaunt
aufblickte, „wie kannst du dich unterstehen, eine liebe Freundin von mir
so schlecht zu machen, das verbitte ich mich. Komm, hier hast du eine
Obstschale und hier den Obst von dem Büffet. Da sind auch einige
Weinblätter noch, du mußt ihr malerisch zwischen die Früchte gruppieren.“

„Ich will versuchen, ob ich die Blätter malerisch gruppieren kann,“ lachte
Ilse.

„O du kannst,“ entschied Nellie, „du hast ein groß malerisch Sinn.“

Der Frühstückstisch war fertig, und die Obstschale prangte in der Mitte.
Nellie überschaute alles noch einmal mit prüfendem Blicke.

„Wir haben unser Sach gut gemacht,“ sagte sie befriedigt zu Ilse, „wir
dürfen uns dieser Lob spenden. Vor artig brave Rosi dürfen wir uns aber
auch keine Bloßheit geben.“

„Das ist klassisch: Bloßheit geben. Blöße meinst du wohl, Nellie?“
verbesserte Ilse heiter. „Du hast oft Ausdrücke zum Totlachen, aber sie
klingen in deinem Munde furchtbar niedlich und süß!“

„O, du furchtbar niedliches Ilsekind,“ neckte Nellie, „du mußt nicht über
mich lachen, wenn ich falsch spreche, du mußt mir ausbessern.“

Es war eine kleine Koketterie von der jungen Frau, daß sie sich oft nicht
die Mühe gab, die richtigen Worte zu finden, weil sie genau wußte, wie
drollig und komisch es klang, wenn sie so gebrochen deutsch sprach.

Nellie verschwand jetzt eiligst, um ihren hellblauen Morgenrock mit einem
Hauskleide zu vertauschen.

„Du mußt mir rufen, wenn du den Wagen kommen hörst,“ rief sie Ilse noch
zu, die sich ans Fenster gesetzt hatte und nun nachdenklich auf die Straße
hinabschaute.

Mit gemischten Empfindungen sah sie Rosis Ankunft entgegen. Sie freute
sich, die Pensionsfreundin wiederzusehen, aber der Gedanke, daß sie wieder
peinliche Fragen nach ihrem Verlobten über sich ergehen lassen müsse, wie
bei Flora, beunruhigte sie schon im voraus. Sie kam sich wie eine
Schuldige vor, die ihre Schuld vor der Welt verbergen mußte, und dieses
Gefühl war ihr schrecklich. Gegen elf Uhr hörte sie fernes Wagenrollen und
schnell rief sie nun die Freundin herbei.

                              [Illustration]

„Das Landpastorkutsch erregt große Aufsicht,“ sagte Nellie und wies auf
die Fenster der Nachbarhäuser, die mit Neugierigen besetzt waren, welche
das herannahende Wagengebäude in Augenschein nehmen wollten. Langsam
bewegte sich dasselbe vorwärts und unterbrach jäh die sonntägliche Stille
durch das Gerassel, welches es auf dem holperigen Straßenpflaster
verursachte. Zwei schwerfällige dicke Gäule wurden von dem Kutscher durch
Zureden und Peitschenhiebe angetrieben, ohne daß es ihm gelungen wäre, sie
aus ihrem Phlegma aufzurütteln. In unregelmäßigen Schwankungen bewegte
sich der große, über und über mit Schmutz bedeckte Wagen, dessen
ehrwürdiges Alter nicht zu verkennen war, vorwärts; die einstmals
wahrscheinlich blauen, jetzt bis zur Unkenntlichkeit verschossenen
Gardinen waren zugezogen, und umsonst reckten sich die Hälse der
Neugierigen krampfhaft aus, in dem Bemühen die Insassen zu sehen.
Diejenigen, welche dem Althoffschen Hause gegenüber und dicht daneben
wohnten, harten es bequemer; denn als der Wagen hielt, konnten sie ohne
Genickverrenkung erkennen, wer ihm entstieg.

Also Althoffs bekommen Besuch, das war ja höchst interessant! Leider
konnte man seine Neugierde nicht genügend befriedigen, denn die zwei
Personen, welche den Wagen verließen, wurden nicht, wie man erwartet
hatte, draußen an der Pforte in Empfang genommen, sondern verschwanden
sogleich hinter der Haustüre. Man hätte sich die beiden so gern erst
genauer betrachtet, gerne gewußt, welches Kleid die Dame unter ihrem
Mantel trug, und den Schnitt desselben geprüft. Auch konnte man unter dem
dichten Schleier, den sie vor das Gesicht gezogen hatte, nicht erkennen,
ob sie jung oder alt, hübsch oder häßlich war. Kurz und gut, man war
enttäuscht, wie die verwitwete Frau Sekretär, welche Althoffs gegenüber
wohnte, durch das ärgerliche Zuschlagen ihres Fensters deutlich bewies.

„Komische Moden führt die junge Frau da drüben ein,“ sagte sie zu ihrer
verblühten Tochter. „Bisher war es Sitte, daß man seinen Gästen
entgegenging; wie unpassend, ihnen nicht mal beim Aussteigen behilflich zu
sein! Na, wie ich das finde!“ Sie begleitete ihre Worte mit einem
mißbilligenden Kopfschütteln und setzte sich wieder an ihren Nähtisch.

„Ja, das kommt mir auch merkwürdig vor,“ pflichtete das älteste Mädchen
bei. „Übrigens kann es uns ja ganz egal sein, was die da drüben machen und
tun.“

Und doch war es ihr nicht gleichgültig, was „die da drüben“ taten, denn
sie war eine scharfe Beobachterin ihres Gegenüber. Das glückliche junge
Ehepaar weckte so oft ein geheimes Sehnen in ihrem Herzen, mancher Seufzer
entstieg dann ihrer Brust und voll Bitterkeit dachte sie, daß ihr, der
alten Jungfer, niemals ein solches Glück erblühen würde. –

Drüben war die Begrüßung vorüber, und Althoffs saßen mit ihren Gästen
bereits am Frühstückstisch. Die beiden Ehepaare waren im lebhaften
Gespräch, und Ilse hatte daher Muße, sich ihre Schulfreundin und deren
Mann gründlich zu betrachten. „Genau, wie sie Nellie geschildert hat,“
dachte sie in ihrem Innern. Rosi hatte sich wenig verändert, nur strenger
waren ihre Züge geworden, und die Haare glänzten vielleicht noch heller
als früher in ihrer Glätte. Tadellos wie immer war ihre Haltung und von
fast klösterlicher Einfachheit ihr Anzug. Das schwarze Kleid sah doch
recht trist und altmodisch aus, und wie steif war der weiße Strich am
Kragen, den die goldene Brosche zusammenhielt, welche schon in der Pension
aller Entsetzen gewesen war. Auch der Herr Pastor im langen, schwarzen,
tabakduftenden Rock wurde von Ilse einer eingehenden Prüfung unterworfen,
ihrem scharfen Blick entging nichts. In dem gutmütigen Gesicht berührte
ein liebenswürdiger Zug äußerst angenehm, aber über den schüchternen
Ausdruck in seinen blauen Augen mußte Ilse unwillkürlich lächeln. Und wie
unbeholfen waren seine Bewegungen, als er sich jetzt mit der Hand über
seine dünnen blonden Haare strich und dann die goldene Brille zurecht
rückte.

Rosi riß Ilse endlich aus ihren Betrachtungen.

„Liebe Ilse,“ sagte sie freundlich, „ich freue mich, dir nun mündlich noch
zu deiner Verlobung gratulieren zu können. Ich nehme den wärmsten Anteil
an deinem Glück. Wann heiratet ihr denn?“

„O, noch lange nicht,“ stieß Ilse hervor und wurde blutrot, denn sie
bemerkte, daß der Pastor bei diesem Gespräch zu ihr herüber blickte,
wahrscheinlich wollte auch er seinen Glückwunsch hinzufügen. O, diese
Wünsche für ihr Glück erschienen ihr wie der bitterste Hohn, und die
Heuchelei, die Verstellung, mit der sie dieselben hinnehmen mußte,
widerstanden ihrer ehrlichen Natur.

„Ach, ich dachte, ihr würdet schon bald heiraten! Nellie, sagtest du mir
nicht, die Hochzeit sollte im Frühjahr oder Sommer sein?“ fing Rosi das
peinliche Verhör wieder an.

Ilse saß wie auf Kohlen, verstohlen blickte sie zu Nellie hinüber, welche
diesen flehenden Wink auch verstand und ihr zu Hilfe kam. Rosis Frage
scheinbar überhörend, nahm sie eifrig einen Teller mit Aufschnitt vom
Tisch und reichte ihr denselben hin.

„Bitte, iß noch, Rosi,“ nötigte sie lebhaft, „denn wenn wir nachher in der
Stadt umherlaufen und Besorgungen machen wollen, mußt du dir erst tüchtig
satt essen.“

„Ja, liebe Frau,“ wandte sich der Pastor jetzt an sie, „was meinst du, ich
denke, du machst deine Besorgungen mit Frau Doktor und Fräulein Ilse, und
wir treffen uns nachher im Ratskeller, wo wir beiden Herren einen
Frühschoppen trinken wollen.“

Rosi sah ihren Mann mit so erstaunten Augen an, daß er ganz verlegen
wurde, sich einige Male räusperte, wobei er die Fingerspitzen auf den Mund
legte und schließlich nach einer kleinen Pause die Worte hervorstotterte:

„Doktor Althoff machte mir nämlich den Vorschlag.“

„Frau Pastorin,“ fiel dieser ihm in die Rede, „Sie haben wirklich einen
ganz durchtriebenen Gatten. Jetzt schiebt er alle Schuld auf mich, während
er es war, der mich zum Frühschoppen verleiten wollte.“

Rosi verzog bei diesem Scherz keine Miene.

„Ich denke, wir bleiben besser zusammen,“ sagte sie entschieden zu ihrem
Mann, „und dann, du weißt doch, in Wirtshäuser gehe ich grundsätzlich
nicht.“

Ilse sah verwundert zu ihr hin. War das denn die sanfte, fügsame Rosi von
früher?

„O,“ rief Nellie, „du armes Rosi, wie bedaure ich dir, denn in der Kneip
ist es zu schön. Oft gehe ich mit Fred und einige gute Freunde ins
Wirtshaus, und dann trinken wir Bier zusammen. O, das ist fein! Und das
Comment hat mir Fred auch gelehrt, ich kann es gut – paß auf!“

Sie sah Rosi mit schelmischer Herausforderung an, erhob ihr Glas und hielt
es dem Pastor entgegen.

„Herr Pastor, trinken Sie auf mein Wohl, dann werde ich mir _a tempo_
löffeln,“ rief sie lustig.

Er wurde über und über rot wie ein junges Mädchen, aber dem lieblichen
Gesicht der jungen Frau konnte er nicht widerstehen. Er nahm sein Glas und
stieß mit ihr an. Er wollte auch etwas sagen, aber das Wort blieb ihm in
der Kehle stecken, als er einen verstohlenen Blick auf seine Frau warf.

Sie stimmte nicht mit ein in das fröhliche Lachen Althoffs und Ilses,
sondern richtete sich noch steifer auf, und ihre Züge blieben unbeweglich.
In ihrem Innern dachte sie mit Unwillen: „Nellie ist doch recht
burschikos.“

„Ich denke, wir brechen jetzt auf, lieber Adolf,“ sagte sie sanft aber
bestimmt und stand auf. „Wir haben eine Menge Besorgungen; es möchte sonst
zu spät werden.“

Die andern erhoben sich pflichtschuldigst.

„Kommen Sie mit in mein Zimmer, Herr Pastor,“ sagte Althoff. „Bis die
Damen fertig sind, wollen wir eine Zigarre rauchen.“ Der Pastor begrüßte
diese Aufforderung mit großer Freude, denn er fürchtete jetzt ein
Alleinsein mit seiner Frau.

Nellie war in die Küche gegangen, um für das Mittagessen noch einige
Anordnungen zu treffen. Ilse hatte Rosis Sachen vom Vorplatz hereingeholt
und belustigte sich nun über die Umständlichkeit, mit der die Frau
Pastorin ihren Hut vor dem Spiegel aufsetzte.

Sie war doch noch ganz die pedantische Rosi aus der Pension! Die Bänder
des Kapothutes wurden zu einer streng symmetrischen Schleife zusammen
gebunden, dann feuchtete sie die Fingerspitzen mit der Zunge an und strich
mit denselben über den Scheitel, damit jedes sich vorwitzig
hervordrängende Härchen in seine Schranken zurückgewiesen wurde. Eine
innere Unruhe ergriff Ilse bei diesen Anstalten. Wie konnte man nur beim
Anziehen so langweilig sein. Wenn sie sich ihren Hut aufsetzte, blickte
sie nur flüchtig in den Spiegel, um zu wissen, ob er schief oder gerade
saß, und damit Punktum! Endlich war Rosi fertig, und die Reise konnte nun
losgehen.

Als alle zum Ausgehen gerüstet auf dem Vorplatz standen, nahm Rosi eine
Tasche vom Kleiderständer herunter und hing sie sich über den Arm.

„O, dieses entsetzliche Tasch nimmt sie mit,“ flüsterte Nellie Ilse zu und
betrachtete das Ding mit mißtrauischen Augen.

Schön war die Tasche nicht, das konnte man nicht behaupten, aber desto
größer, von grober grauer Leinwand, worauf mit lila Wolle in Kettenstich
die Worte gestickt waren: „_Bon voyage_“.

„Willst du den Sack mitnehmen, Rosi!“ machte Nellie ihren Gefühlen Luft.
„Du brauchst nicht,“ fügte sie freundlich hinzu, „die Kaufleute schicken
gern alle Ware ins Haus.“

„Einen Sack brauchst du diese Tasche nun nicht gerade zu nennen, Nellie,
wenn du sie auch nicht schön findest,“ erwiderte Rosi gereizt und zog die
Geschmähte noch fester über ihren Arm.

„O, sei nicht böse, ich kenne in der deutsche Sprach noch oft nicht die
richtige Worte“, entschuldigte sich die junge Frau, und der Schalk lachte
aus ihren Augen.

„Das scheint so,“ meinte Rosi kühl und ging voran.

Verschiedene Einkäufe waren schon besorgt und die Pakete in die verpönte
Tasche gewandert, die sich behaglich in die Weite und Breite dehnte.

„Hier möchte ich noch eine Arbeit für meinen Mann zu Weihnachten kaufen,“
sagte Rosi leise zu den beiden Freundinnen und blieb vor einem
Stickereiladen stehen.

„Lieber Adolf,“ wandte sie sich zu ihrem Manne, „du bleibst wohl hier so
lange vor dem Laden stehen; ich möchte etwas kaufen, was du nicht sehen
sollst. Sei auch so gut und halte die Tasche so lange.“

Sie wollte ihm damit die lila ‚_bon voyage_‘ in die Hände geben, aber Ilse
riß sie ihm fast fort. Sie fand Rosis Zumutung ihrem Manne gegenüber
empörend.

„Bitte, Herr Pastor, lassen Sie mir die Tasche,“ bat sie, als er sie ihr
fortnehmen wollte, „es würde doch zu lächerlich aussehen, wenn Sie das
Ding hielten.“

„Sie sind zu gütig,“ stammelte der Pastor, „aber Rosi möchte doch gern,
daß ich die Tasche hielte; bitte, geben Sie.“

Ilse war jedoch schon hinter der Ladentüre verschwunden und gesellte sich
zu Nellie und Rosi, welche bereits eifrig mit dem Ladenfräulein
verhandelten.

Hilflos sah ihr der Pastor nach.

„Ob es Rosi wohl recht ist, daß ich die Tasche hergab?“ sagte er halblaut,
und sein ängstlich fragendes Gesicht war so komisch, daß sich Doktor
Althoff abwenden mußte, um nicht laut aufzulachen.

„Wollen wir nicht ein wenig auf und ab gehen,“ sagte Althoff, als sie eine
Weile gewartet hatten, „die Damen scheinen lange zu wählen; ich kenne das
schon von meiner Frau her.“

„Wenn Sie meinen, Herr Doktor,“ entgegnete der Pastor zaghaft. „Nun ja,
wie Sie wollen. Ich hoffe jedoch, die Damen werden bald fertig sein.“

Er trat an die Ladentüre heran und sah durch das Fenster. Die drei Damen
schienen noch nicht ans Fortgehen zu denken. Auf dem Ladentische vor ihnen
lag eine unendliche Menge Sachen ausgebreitet, unter denen die Wahl recht
schwierig sein mochte, denn sie wanderten von Hand zu Hand und wurden
eingehend besichtigt, worauf die drei Köpfe zu einer eifrigen Beratung
dicht zusammenrückten. Der Pastor überzeugte sich, daß die Damen wohl noch
lange nicht fertig sein würden, und ging deshalb auf Althoffs Vorschlag
ein. Langsam spazierten die beiden Herren auf und ab und jedesmal, wenn
sie an dem Laden vorbei kamen, warf der Pastor forschende Blicke in das
Innere desselben.

„Es dauert recht lange, bis die Damen fertig sind,“ meinte er.

„Ja,“ lachte Althoff, „das kenne ich schon, wenn Frauen einkaufen, muß man
Geduld haben. Übrigens da fällt mir ein, ich möchte Ihnen gern das Rathaus
zeigen, dessen Renovierung jetzt sehr fortgeschritten ist. Es wird
wirklich hübsch, kommen Sie.“

Er faßte den Pastor unter den Arm und zog den halb Widerstrebenden mit
sich fort.

„Ja, ich sähe es gern, aber Verehrtester, wenn wir dann unsre Frauen nur
nicht verfehlen.“

„Aber ich bitte Sie, in diesem kleinen Nest kann man sich ja gar nicht
verfehlen.“

Nach einigem Zögern willigte der Pastor ein.

Das alte Rathaus im neuen Schmuck gefiel ihm und mit Interesse betrachtete
er alle Giebel und Türmchen des gotischen Baues.

„Und innen müssen Sie es auch besichtigen,“ sagte der Doktor, „die
Vorhalle ist sehenswert. Jetzt sind die Fresken an den Wänden auch bis auf
einen kleinen Teil fertig.“

Sie stiegen die Steintreppe empor, betraten den mit Fliesen ausgelegten
Fußboden der großen Vorhalle, unterwarfen die neuen Gemälde einer
eingehenden Kritik und schritten dann weiter. Die ausgebauten Erker mit
den Butzenscheiben und den Holzbänken ringsherum waren nicht verändert und
die bis zur Hälfte der Höhe mit Eichenholz getäfelten Wände hatte der
Pastor auch schon früher bewundert. Nur auf den Gesimsen, die mit alten
Krügen und Gläsern besetzt waren, entdeckte er manches noch nicht gesehene
Stück und blieb davor stehen. Althoff kam es vor, als betrachte er die
schweren Humpen nicht einzig und allein mit dem Interesse des
Kunstkenners, und da er sich dabei auf seinen eigenen durstigen Gedanken
ertappte, fragte er scherzend:

„Was meinen Sie, Herr Pastor, wollen wir nicht einen solchen Humpen auf
das Wohl unserer Frauen leeren?“

Erschrocken sah sich der Angeredete um.

                              [Illustration]

„Wir haben es hier nämlich sehr bequem,“ fuhr Doktor Althoff fort, „wir
brauchen nur diese kleine Treppe hinunterzugehen und können uns unten an
einem herrlichen Frühschoppen laben.“

Der Pastor stand noch immer unschlüssig da.

„Ja, aber meine Frau,“ warf er ein, „sie weiß dann nicht, wo ich geblieben
bin, und darum möchte ich es lieber nicht tun.“

„Ich schicke einen Kellner mit einem Zettel nach dem Laden, wo die Damen
sicher noch sind,“ beschwichtigte ihn Althoff, „kommen Sie nur. Es gibt
hier ein famoses Spatenbräu.“

„So?“ sagte der Pastor und zeigte sich bei dieser verlockenden Aussicht
schon geneigter, mitzugehen; „ach ja, gutes Bier habe ich lange nicht
getrunken. Wir trinken abends stets Tee.“

Dabei fiel ihm seine Frau wieder ein, und er war wieder voll Zweifel, ob
er mitgehen sollte.

„Wenn es meiner Frau nur recht ist,“ sagte er unentschlossen.

„Ihre Frau Gemahlin wird sich freuen, daß ich Sie zu einem Glas Bier
überredet habe.“

„Nun ja denn, vielleicht freut sie sich,“ sagte er schließlich, obgleich
er innerlich vom Gegenteil überzeugt war. Aber der Wunsch, mal wieder eine
gemütliche Kneipstunde zu verleben, kam seiner Phantasie zu Hilfe, und er
sagte nochmals, um seine Zweifel zu verscheuchen: „Vielleicht freut sie
sich.“ Und doch folgte er dem Doktor die schmale Treppe mit dem Gefühl
hinunter, als ob er auf verbotenen Wegen wandle. –

Rosi hatte nach langem Wählen ihren Einkauf beendet und war sehr vergnügt
darüber, denn sie hatte gefunden, was sie suchte, nämlich ein Paar
angefangene Morgenschuhe und einen geschnitzten Pfeifenständer, der noch
mit einer gestickten Borte verziert werden sollte. Sie fand die
Morgenschuhe besonders schön und konnte nicht begreifen, daß Nellie und
Ilse ihr rieten, doch ein andres Muster zu wählen. Ihr gefielen diese
roten Rosen, welche sie mit schwarzer Wolle ausfüllen wollte, ganz
besonders gut. Als sie aus dem Laden auf die Straße traten, sah sich Rosi
suchend um.

„Wo sind denn die Herren geblieben? Ich sehe sie ja garnicht.“

„Vielleicht ist dein Mann auch in eine Laden und kauft schöne
Weihnachtsdinge für dir,“ meinte Nellie, „wir wollen die Straße
hinuntergehen und in die Ladens schauen.“

Sie gingen weiter; aber die beiden Herren waren nirgends zu entdecken.

„Ich begreife das nicht,“ sagte Rosi kopfschüttelnd, „Adolf wollte doch
bestimmt auf mich warten.“

„Dein Mann wird sich ja auch schon finden,“ meinte Ilse, welche sich über
Rosi ärgerte, da diese ihre gute Laune durch den kleinen Zwischenfall
schon wieder ganz eingebüßt hatte.

Rosi überhörte diese Worte, denn ihre Aufmerksamkeit wurde durch etwas
andres in Anspruch genommen. Sie sah erwartungsvoll auf Nellie, der soeben
von einem Jungen ein Zettel übergeben worden war, welchen sie eifrig las.

„O, das ist fein,“ rief sie und reichte Rosi den Zettel. „Unsre Männer
sind im Rathauskeller und Alfred schreibt, wir möchten sie dort abholen.“

„Was,“ brauste Rosi auf und knitterte den Zettel zusammen, „Adolf sitzt im
Wirtshaus, heute am Sonntagmorgen!“

Weiter sagte sie nichts, wurde aber blutrot und ging mit schnellen
Schritten vorwärts. Nellie und Ilse wechselten einige verständnisvolle
Blicke, und aus Nellies Schelmenaugen leuchtete etwas wie heimliche
Schadenfreude über die angeführte Rosi.

„Hast du noch etwas zu besorgen, Rosi?“ fragte sie die aufgeregte
Pastorin, „sonst können wir gleich nach das Rathaus gehen.“

„Ich begreife dich nicht, Nellie,“ gab Rosi unwillig zur Antwort. „Wir
sind doch keine Studenten, daß wir in die Kneipe gehen können. Willst du
deinen Mann abholen, dann tue es; bitte, entschuldige aber, wenn ich nach
Hause gehe.“

„O, wir lassen dir nicht allein gehen, Rosi, natürlich gehen wir mit,“
entgegnete Nellie.

Eine rechte Unterhaltung kam zwischen den dreien nicht wieder zustande.
Nellie und Ilse machten einige schwache Versuche, mit Rosi ein Gespräch
anzufangen, aber sie antwortete kurz und einsilbig.

„Ich kenne unsre ‚artige Rosi‘ ja gar nicht wieder,“ flüsterte Ilse der
Freundin zu.

„O, ich erstaune mich auch über ihr,“ gab diese ebenso leise zur Antwort,
„was hat sie, daß sie ihr Mann nicht in der Kneip läßt? Sie ist eine
Tyrann!“

Auf dem Nachhauseweg verbarg Rosi ihre Verstimmtheit hinter einer
ungemütlichen Schweigsamkeit, aber man sah ihr an, wie es in ihr kochte
und wie sie sich nur mühsam bezwang, ruhig zu erscheinen.

Desto gemütlicher war die Stimmung in dem Ratskeller, wo die beiden Herren
in dichte Rauchwolken gehüllt in einer behaglichen Ecke saßen. Dem Pastor
mundete das Bier nach langer Entbehrung herrlich, er war in eine redselige
Laune gekommen und plauderte von alten Zeiten, als er noch ein fröhlicher
Studiosus war.

„_Tempi passati!_“ sagte er mit einem leisen Seufzer. „Aber hier ist es
auch gemütlich,“ fuhr er dann fort, indem er sich noch fester in seine
Sofaecke zurücklehnte und in Erinnerungen versunken dem blauen Dampf
seiner Zigarre zusah, wie dieser in die Höhe stieg und langsam zerrann.

„Nicht wahr, das Bier schmeckt Ihnen?“ fragte Althoff.

„O, das ist famos! Seit meiner Studienzeit habe ich es nicht so gut
getrunken.“

Und er liebäugelte mit dem frisch gefüllten Glase, das vor ihm stand, und
aus dem er dann einen tiefen Trunk tat. –

Der Doktor hatte öfter nach der Türe gesehen, da er noch immer hoffte,
Nellie würde die Pastorin überredet haben, sie abzuholen.

„Ich dachte, Ihre Frau würde sich noch haben bewegen lassen,
hierherzukommen,“ sagte er zum Pastor und fügte erklärend hinzu, als er
dessen erstaunt fragende Augen auf sich gerichtet sah: „Ich hatte meiner
Frau nämlich geschrieben, daß wir die Damen hier erwarteten.“

„So, so, das hatten Sie geschrieben? Werter Herr Doktor, meine Frau geht
in kein Wirtshaus, sie sagte es ja noch heute morgen.“

„Das war doch nur Scherz,“ fiel Althoff ein.

„Nein, ach nein, in solchen Dingen scherzt meine Frau nicht.“

Ein bedauernder Zug glitt bei diesen Worten über die Züge des Pastors, von
denen jetzt die ruhige Behaglichkeit verschwunden war. Der Gedanke an
seine Frau machte ihn unruhig, er sah nach der Uhr und meinte, es wäre die
höchste Zeit, daß sie gingen; energisch trieb er jetzt zum Aufbruch, an
den er noch eben zuvor nicht gedacht hatte.

„Ich möchte doch meine Frau nicht warten lassen,“ sagte er, indem er sich
seinen Überzieher anzog. Unterwegs schwärmte er noch immer von dem schönen
Frühschoppen und erklärte scherzend, daß er bald mal wieder kommen würde,
allein schon des guten Bieres wegen.

Als sie am Althoffschen Hause angelangt waren, überlegte er im stillen,
wie er Rosi am besten beschwichtigen könnte und was er zu ihren Vorwürfen
sagen wollte. Er stieg zögernd die Treppe hinauf und dachte: „Wie wird sie
mich wohl empfangen?“ Aber Rosi empfing ihn besser, als er erwartete.
Nellie und Ilse hatten es fertig gebracht, sie zu besänftigen, ihnen
verdankte es der Pastor, daß er von seiner Frau zwar förmlich und
gemessen, aber wenigstens ohne die erwartete Gardinenpredigt begrüßt
wurde. Mit keinem Worte erwähnte sie, wo er gewesen war, und als Nellies
Mann lebhaft bedauerte, daß die Damen nicht nachgekommen wären, schwieg
sie auch. Der Pastor atmete erleichtert auf und setzte sich in bester
Stimmung mit den übrigen zu Tische. Es schien, als erwarteten ihn heute
lauter Genüsse. Doktor Althoff hatte einen feinen alten Wein aus dem
Keller geholt und forderte lebhaft zum Trinken auf.

„Frau Pastor,“ sagte er zu Rosi, „Sie müssen aber besser trinken. Sie sind
ja wahrhaftig noch beim ersten Glase. Nehmen Sie sich ein Beispiel an
Ihrem Gatten, dessen Trunkfestigkeit ich heute morgen bewundert habe. Und
zu spaßhaft ist es, daß er noch obendrein behauptet, er könne jetzt nichts
mehr vertragen, als Student hätte er – nun, ich gebrauche die Worte Ihres
Gatten – einen ganz anderen Stiefel vertragen können.“

Der Pastor rückte unruhig auf seinem Stuhle hin und her und sah seine
Frau, die nicht von ihrem Teller aufblickte und kein Wort erwiderte, scheu
von der Seite an. Warum schwieg sie heute nur so beharrlich? Es wurde ihm
nachgerade unheimlich, da es doch sonst ihre Art nicht war. Wenn nur der
Doktor auf ein andres Thema kommen wollte, aber immer wieder fing er an,
alle möglichen Studentenfahrten zu erzählen, die der Pastor ihm diesen
Morgen in fröhlicher Kneiplaune zum besten gegeben hatte. Die
bedeutungsvollen Blicke, die er ihm zuwarf, schien er nicht zu verstehen,
ja als er ihn mit dem Fuße anstieß, zog er den seinigen schnell fort, als
wäre er aus Versehen dagegen gestoßen. Nellie und Ilse unterhielten sich
köstlich und hörten aufmerksam zu, aber seine Frau verzog keine Miene.

„Wenn sie nur einmal ein Wort sagte,“ dachte er, ihre Ruhe kam ihm zu
unnatürlich vor. Bis jetzt wußte sie noch nichts von allen seinen lustigen
Streichen. Er hatte sie ihr wohlweislich verschwiegen, denn ihr
pedantischer Sinn würde dieselben doch nicht begriffen haben. Und doch,
wie schön war seine lustige Studentenzeit gewesen, wie übermütig hatte er
damals sein können. Aber das war schon lange, lange her!

Zum zweitenmal heute wurden diese Erinnerungen lebhaft in ihm wachgerufen.
Von seinen Jugendlieben hatte er dem Doktor leichtsinnigerweise auch
erzählt; wenn er wenigstens davon schwieg, aber in demselben Augenblick
schlug auch schon das Wort „Flammen“ an sein Ohr, und mit ahnungsloser
Breite erzählte Althoff, wieviel reizenden Mädchen jener nachgelaufen
wäre. Der Pastor senkte bei diesen Erzählungen die Augen wie ein junges
Mädchen, denn er fühlte, daß jetzt Rosis Blick strafend auf ihm ruhte.
Verlegen griff er immer wieder zu seinem Weinglas und stürzte einige
Gläser voller Hast hinunter. Er suchte nach einem Ausweg, dem Gespräch
eine andre Wendung zu geben. Ängstlich sann er darüber nach, stand dann
plötzlich auf und schlug mit dem Messer an sein Glas. Als Rosi ihres
Mannes gerötete Wangen und glänzende Augen sah, sprang sie auf und ging zu
ihm.

„Bitte, lieber Adolf, setze dich wieder,“ sagte sie anscheinend sanft und
legte die Hand auf seine Schulter. Da drehte er sich herum und wollte den
Arm um sie schlingen, aber unwillig wich sie zurück.

„Ich wollte mich nur bei unsern liebenswürdigen Wirten für die freundliche
Aufnahme bedanken, Röschen,“ sagte er lächelnd. „Für die wirklich reizende
Aufnahme, die wir hier gefunden haben.“ Ohne sich von Rosis strengem
Gesicht beirren zu lassen, fuhr er zu dem jungen Ehepaar gewendet fort:
„Sie müssen uns auch recht bald besuchen, und dann kommen wir auch wieder
zu Ihnen, denn es ist zu schön hier. Der Wein ist köstlich, das Essen
schmeckt so gut und Sie, lieber werter Herr Doktor, sind ein so prächtiger
Mann,“ hier erhob er seine Stimme, „und die Frau Doktor ist eine kleine
famose Frau. Ach, so etwas haben wir nicht auf unsrem einsamen Lande. –
Röschen, laß mich doch,“ wehrte er seine Frau ab, die sich ihm wieder
genähert hatte und ihn zum Schweigen bringen wollte, „ich muß doch den
guten braven Leuten danken! Komm Schatz, gib mir einen Kuß.“

Er breitete die Arme aus und wollte sie küssen, aber nun riß Rosis Geduld,
sie stieß ihn unsanft zurück und lief zum Zimmer hinaus.

Der Pastor bemerkte kaum den Unwillen seiner Frau.

„Herr Doktor, die lustige Studienzeit soll leben!“ rief er, indem er
Althoff sein Glas entgegenhielt, und in seliger Stimmung begann er das
alte Burschenlied zu singen:

„_Gaudeamus igitur, Juvenes dum sumus._“

„O, wie dumm von sie,“ sagte Nellie halblaut, stand auf und ging Rosi
nach. Sie fand sie im andern Zimmer, aufgelöst in Tränen.

„Was hast du?“ fragte Nellie, „warum weinst du?“

„Du fragst auch noch,“ schluchzte die Pastorin, „und weißt recht gut,
warum ich weinen muß? Meinst du, es ist mir angenehm, daß sich mein Mann
so beträgt?“

„O,“ gab ihr Nellie entschieden zur Antwort, „dein Mann hat ein gut
Betragen. Was macht es, er hat ein klein Schwips und ist lustig, das
schadet doch nix?“

„Wenn seine Amtsbrüder das sähen, er müßte sich ja zu Tode schämen!“

„Laß doch die dumme Amtsbrüder, sie wissen ja nichts davon. Komm Rosi, geh
wieder hinein und tue, als wäre nichts geschehen. Es ist gewiß das
klügste, was du tun kannst.“

Sie faßte die Weinende unter den Arm und wollte sie fortziehen, aber Rosi
entwand sich ihr schnell und sagte beleidigt:

„Du denkst über solche Sachen eben anders, als ich, liebe Nellie; ich kann
mich aber nicht so leicht darüber hinwegsetzen. Ich gehe nicht mit! Bitte,
schicke das Mädchen nach unsrem Wagen, daß er sofort kommt; ich will nach
Hause fahren.“

„O nein, du mußt noch bleiben,“ rief Nellie.

„Nein, auf keinen Fall,“ entschied Rosi kategorisch und achselzuckend
schwieg Nellie. Sie ärgerte sich über Rosis Halsstarrigkeit und merkte,
daß ihre Bitten nichts ausrichten würden. Im stillen glaubte sie auch, daß
nach diesem Auftritt keine rechte Stimmung wieder aufkommen würde, und
deshalb gab sie dem Mädchen den Auftrag, den Wagen zu bestellen, ohne Rosi
noch weiter zum Bleiben zu nötigen.

„Es tut mir leid, daß du fort willst,“ sagte sie zu ihr, die mit dem
Taschentuche ihre geröteten Augen trocknete.

„Ja, mir auch, Nellie, aber glaube mir, es ist das beste, wenn wir fahren;
habe vielen Dank für deinen freundlichen Empfang. Und nun komm, ich will
meinem Mann sagen, daß der Wagen gleich da sein wird.“

Den Pastor schien das Verschwinden seiner Frau nicht tief berührt zu
haben. Er unterhielt sich lebhaft mit Althoff und hatte mit Ilse
wiederholt auf das Wohl ihres Bräutigams angestoßen, was ihr jedesmal eine
tiefe Röte in die Wangen trieb.

Rosi beherrschte sich und zeigte ein anscheinend ruhiges Gesicht, als sie
ins Zimmer trat. Sie trug ihren Hut in der Hand und ihren Mantel über dem
Arm und legte beides auf einen Stuhl.

„Lieber Adolf,“ sagte sie, zu ihrem Manne tretend, „willst du dich zurecht
machen, ich habe den Wagen bestellt und er wird sogleich vorfahren.“

„Was, Röschen, geliebtes Weibchen, du willst schon fort?“ fragte er.

„Ich bitte dich, Adolf, komm, es ist die höchste Zeit, daß wir uns auf den
Weg machen.“

Krampfhaft nahm sie sich zusammen, und unheimlich sanft klang ihre Stimme.

Aber Adolf hatte noch keine Lust zum Gehen. So heiter und fidel war er
seit Jahren nicht gewesen. Lustig sang er:

  „Nach Hause gehn wir nicht,
  Nach Hause gehn wir nicht,
  Nach Hause gehn wir lange nicht – –“

„Aber Adolf, Adolf, ich begreife dich nicht,“ unterbrach ihn Rosi, „so
komm doch nur, ich will fort!“

„Bleiben Sie doch noch, Frau Pastorin,“ bat Althoff jetzt, aber ein
verständnisvoller Blick seiner Frau bedeutete ihn, daß er seine Bitte
nicht wiederholen solle. Rosi antwortete auch gar nicht darauf; voller
Verzweiflung zupfte sie ihren Mann verstohlen am Ärmel und trieb
fortwährend zum Aufbruch.

Aber alle Versuche, ihn zum Aufstehen zu bewegen, prallten an ihm ab.

„Nein, ich bleibe hier, du kannst allein fahren,“ erklärte er mit einer
geradezu hartnäckigen Entschiedenheit und blieb sitzen. Rosi war außer
sich und kämpfte von neuem mit den Tränen.

Der gutherzigen Nellie tat sie nun doch leid, sie schlang ihren Arm um sie
und führte sie fort.

„Zieh dich deine Sachen an, dein Mann kommt dann schon,“ sagte sie und gab
ihr den Mantel.

„Das kommt von dem Wirtshausgehen,“ fuhr die empörte Pastorin heraus, mit
einer Miene, als hätte sie in dieser Beziehung schon die trübsten
Erfahrungen in ihrer jungen Ehe gemacht.

Nellie lächelte, aber sagte nichts. Rosi war zu aufgeregt, in ihren
Ansichten zu erhaben und halsstarrig, als daß sie ihr eine andre Meinung
hätte beibringen können.

Ilse meldete jetzt, daß der Wagen vorgefahren sei. Von neuem ging Rosi zu
ihrem Manne.

„So, ich bin fertig, willst du nun kommen?“

Er rührte sich nicht vom Platze.

„Aber Adolf,“ drängte sie wieder mit weinerlicher Stimme.

Lachend sah er sie an. Als er aber ihre heißen roten Wangen und ihre
zornig funkelnden Augen bemerkte, erhob er sich endlich.

„Ich bliebe so gern noch bei den guten Leuten, es ist so reizend hier;
warum müssen wir denn schon fort, Röschen? Was hast du denn für Eile?“

Unter solchen Beteuerungen und Fragen, die er fortwährend wiederholte,
machte er sich zum Aufbruch bereit. Rosi verfolgte seine Bewegungen mit
angstvollem Gesicht, es kam ihr vor, als ginge er unsicher die Treppe
hinunter, als wäre sein Gang schwankend! Es war zu schrecklich, wie konnte
er sich so weit vergessen! Sie war froh, daß es schon fast dunkel draußen
war, da sah ihn wenigstens niemand.

„Röschen,“ sagte der Pastor unten zu ihr, „sage dem Kutscher, daß der
Wagen aufgemacht wird, ich möchte beim Fahren in die Sterne sehen.“

Sie gab keine Antwort und riß die Wagentüre auf.

„Sage dem Kutscher, daß er den Wagen aufmacht, Kind,“ wiederholte er.

„Ich glaube, Herr Pastor,“ warf Althoff ein, „zum Fahren im offenen Wagen
ist es heute abend zu kühl, Sie könnten sich erkälten.“

„Ich begreife überhaupt nicht, wie du auf diese Idee kommst, lieber
Adolf,“ sagte Rosi unliebenswürdig, „wir sind doch nie im offenen Wagen
gefahren. Aber bitte, nun beeile dich und steige ein, damit ich dir die
Sachen zureichen kann.“ Sie drängte ihn zur Wagentüre. Er stieg aber nicht
ein, sondern erklärte mit Bestimmtheit: „Der Wagen soll offen sein, sonst
fahre ich nicht mit!“

„Herr Pastor, Ihre Frau hat recht,“ legte sich nun Nellie ins Mittel, die
bei seinem Widerstand in Rosis Gesicht ein Ungewitter aufziehen sah, „es
ist keine schöne Luft diese Abend, ein ander Mal können Sie der Sterne
besehen.“

Sie sprach das erlösende Wort, denn der Pastor bestand nicht länger auf
seinem Willen. Er ging auf Nellie zu und drückte ihr die Hand.

„Frau Doktor, vielen Dank, es war zu schön, zu schön,“ versicherte er voll
Begeisterung. Und dann umarmte er Althoff, als nähme er Abschied,
mindestens um nach Amerika zu gehen; dann übermannte ihn die Rührung, er
konnte nicht mehr sprechen und stieg in den Wagen. Rosi sprang hinter ihm
her, machte schnell die Türe zu, als hätte sie Angst, daß er wieder
entschlüpfen könnte, und trieb den Kutscher zur Eile an. Sie sah noch
flüchtig aus dem Fenster und nickte den draußen Stehenden zu, dann zog sie
die verblichenen Gardinen dicht zusammen. Die schwerfälligen Gäule, durch
einige Peitschenhiebe angetrieben, zogen langsam an, und die große Kutsche
rumpelte von dannen.

Als die drei wieder im Zimmer waren, warfen sich Nellie und Ilse ungestüm
ins Sofa und brachen in ein unbändiges Gelächter aus.

„Ihr seid doch noch recht alberne Kinder,“ sagte Althoff kopfschüttelnd.
Aber Nellie sprang auf, hing sich an seinen Hals und drehte ihn im Kreise
herum.

„Kein strenge Wort, Fred,“ rief sie lustig, „ich muß mir erst auslachen
über den Pastoren-Ehepaar.“

„Ich finde, daß es hier nichts zu lachen gibt, Nellie,“ sagte er ernst.
„Diese Szene zwischen den beiden war sehr peinlich, und ich habe mich über
Rosi geärgert. Ich kenne sie nicht wieder; aus dem fügsamen sanften
Mädchen ist eine herrische, anspruchsvolle Frau geworden, die mit ihren
pedantischen, verkehrten Ansichten ihrem Manne das Leben schwer zu machen
scheint.“

„Ich bin auch erstaunt, wie sehr sich Rosi verändert hat,“ sagte Ilse.
„Sie hat ihren Mann vollständig unter dem Pantoffel.“

„O, wie wird es das arme Mann jetzt in die Gardinenkutsch’ schlecht
ergehen,“ rief Nellie. „Ich möcht nicht in seine Fell sitzen, wie viel
artige Redens wird ihn Rosi halten. O, und er war so lustig, er tut mich
leid!“

„Rosi hat nicht nur töricht, sondern auch unrecht gehandelt; sie hätte mit
Scherz über die Sache weggehen sollen, statt durch ihr Fortlaufen solche
Ungemütlichkeit hervorzurufen. Nur durch ihr albernes Benehmen ist es so
weit gekommen. Sie hat sich lächerlich gemacht. Es ist durchaus unwürdig
von einer Frau, wenn sie stets ihren Willen durchsetzen will.“

Ilse war bei diesen Worten ihres früheren Lehrers nachdenklich geworden.
Hatte sie bis jetzt auch stets ihren Willen durchsetzen wollen und dachte
sie nicht, daß es in der Zukunft auch so sein müßte? Ja, Doktor Althoff
hatte recht, es machte einen lächerlichen, unwürdigen Eindruck, wenn die
Frau herrschte und der Mann sich fügte. Heute hatte sie sich davon
überzeugen können. Ein Pantoffelheld, wie gräßlich, nein, den möchte sie
nicht zum Manne haben. Und doch, wenn sich Leo jetzt und künftig immer
ihrem Willen fügen sollte, würde er etwas anderes sein? Hätte sie nicht so
gedacht, wäre es so weit gekommen? Wäre es nicht besser gewesen, sie hätte
nachgegeben? Vergab sie sich dadurch etwas? Fiel es ihr unangenehm auf,
wenn sich Nellie den Wünschen ihres Mannes in bereitwilligster Weise fügte
und war sie deshalb eine untergeordnete Natur ohne selbständigen Willen?
Nein, durchaus nicht, Nellie war nur klug, sie verstand es, fügsam zu
sein, und erreichte durch ihr Nachgeben mehr, als durch eigensinnigen
Widerstand; das hatte Ilse schon oft bemerkt. – Ein Gefühl der Reue wallte
plötzlich heiß in ihr auf, und sie gestand sich, daß alles anders wäre,
wenn sie nur das eine Mal nachgegeben hätte.

„Du bist ja so still geworden,“ sagte Nellie, „an was denkst du?“

„Ach, an gar nichts,“ gab sie ausweichend zur Antwort.

„Nellie,“ fragte sie dann nach einer Weile plötzlich, „nicht wahr, du
magst es doch auch nicht leiden, wenn der Mann unter dem Pantoffel steht?“

„O, eine Pantoffelmann ist mich zum Totlachen, ich verachte ihn,“ rief die
junge Frau. –

Ilse ertappte ihre Gedanken an diesem Abend noch oft bei Leo, und die
ganze Nacht träumte sie von ihm. Sie war mit ihm zusammen, er sah aber
ganz anders aus, als sonst, seine hohe Gestalt hatte etwas von der
Unterwürfigkeit des Pastors, und zu allem, was sie sprach, sagte er: „Ja,
ganz wie du wünschest, mein Kind.“ Das fand sie schrecklich und wurde
schließlich ärgerlich, bis er ihr sagte: „Du willst ja, daß ich mich dir
in allem fügen soll. Nur weil ich es nicht tat, hast du mich doch
verlassen.“ Sein blasses, demütiges Gesicht brachte sie zur Verzweiflung,
und sie flehte ihn auf den Knien an, daß er doch wieder anders werden
möchte, so wie er früher war; sie wollte sich auch ändern und sie könnten
dann wieder so glücklich sein wie früher. Als sie hierauf sehnsüchtig die
Arme nach ihm ausstreckte, um ihn an ihr Herz zu drücken, griff sie in die
leere Luft, – das Traumbild war verschwunden. Da quälte sie die Reue und
entlockte ihr heiße Tränen, und als sie endlich aufwachte, fühlte sie, daß
sie wirklich geweint hatte, und der Traum zog noch einmal beängstigend an
ihrem Geist vorüber. Sie fragte sich, ob sie, wenn er jetzt käme, ihn wohl
mit offenen Armen empfangen würde? Ja, ach wie gern, antwortete ihr Herz.
– „Aber er kommt ja nicht,“ dachte sie traurig, „denn er liebt mich nicht
mehr. Und doch wollte ich anders werden, käme er mich zu holen, aber mich
so weit erniedrigen und ihn um Verzeihung bitten, nein, das kann ich
nicht, das darf er nicht von mir verlangen.“ –

                                  * * *

Leo litt unsagbar unter der Trennung von seiner Braut.

Wie Ilse hoffte, daß er ihr schreiben oder zu ihr kommen würde, so
begrüßte auch er jeden neuen Tag in der Hoffnung, ein Lebenszeichen von
ihr zu erhalten und jeden Abend ging er enttäuscht zur Ruhe. Eine rastlose
Unruhe ergriff ihn schließlich, er versuchte sich durch eine angestrengte
Tätigkeit zu betäuben, aber es fehlte ihm die Lust am Arbeiten. Er suchte
Zerstreuungen, aber er hatte kein Vergnügen daran. Nichts half ihm, sein
jetziges Leben erträglicher zu machen, die peinvollen Zweifel zu
verscheuchen, die in ihm auftauchten. Sollte er sich in Ilse geirrt haben?
Diese Frage quälte ihn unzählige Male, und doch, – nein, nein, das war ja
nicht möglich, so zuversichtlich kann man nicht auf einen Menschen bauen,
um dann getäuscht zu werden. Aber warum schwieg sie? Glaubte sie wirklich,
daß er nach diesem Fall eine Versöhnung zwischen ihnen herbeiführen
könnte? Er hatte fest darauf gerechnet, daß sie einsehen würde, wie
unrecht sie ihm getan habe, und daß sie umkehren würde auf dem
gefährlichen Wege, den sie beschritten hatte. Sie unterwarf seine Liebe
einer harten Prüfung. War sie derselben so sicher, oder war sie ihr
gleichgültig?

Sein verschlossenes, verändertes Wesen fiel seinen Eltern auf, doch ohne
Arg, den wahren Grund nicht ahnend, schoben sie es auf sein angestrengtes
Arbeiten, das er auf ihre besorgten Fragen vorschützte. Sie wären tief
betrübt gewesen, hätten sie gewußt, was zwischen dem Brautpaar vorgefallen
war. Leo hatte ihnen gelegentlich kurz erzählt, daß Ilse einige Zeit bei
ihrer Freundin zubrachte und bei seinen seltenen Besuchen im Elternhause
wußte er das Gespräch immer von seiner Braut abzulenken. Eines Tages
erklärte er seinen Eltern, daß er sich einige Zeit Urlaub genommen habe,
da er fühle, wie er der Erholung, der Auffrischung bedürfe. Deshalb habe
er vor, für einige Wochen mit einem Freunde nach Paris zu gehen, der dort
seine Studien fortsetzen wolle.

Herr und Frau Gontrau waren über den plötzlichen Entschluß wohl etwas
verwundert, aber Herr Gontrau billigte ihn vollständig und fand es sehr
lobenswert, daß er Ilsens Abwesenheit zu dieser Reise benützte. Frau Annes
kluge und diplomatisch abgefaßte Briefe an Gontraus ließen keinen Argwohn
in ihnen aufkommen. Sie bestellte ihnen Grüße von Ilse, entschuldigte ihr
Schweigen auf die beste, glaubhafteste Art und vertröstete sie immer von
neuem auf einen baldigen Brief, dessen Ausbleiben sie dann wieder durch
alle möglichen Ausflüchte erklären mußte; Ilse hatte nämlich auf ihre
Anfrage, ob sie Leos Eltern, die so viel und oft nach ihr fragten, nicht
einmal schreiben wolle, geantwortet, daß ihr dies unmöglich sei. Und Frau
Anne dachte, es wäre am Ende auch besser, wenn sie nicht schriebe, denn
das Gezwungene, was ein Brief unter diesen Verhältnissen haben würde,
mußte die Eltern Leos, denen sie stets eine kindliche Liebe entgegen
gebracht hatte, und die mit so großer Zärtlichkeit an der Schwiegertochter
hingen, doch befremden.

Leo reiste fort, nachdem er sich zuvor noch von seinen Schwiegereltern
verabschiedet hatte. Seit jenem Abend war er nur selten bei ihnen gewesen.
Zwischen seinem Schwiegervater und ihm war eine Spannung entstanden, denn
Herr Macket konnte es ihm nicht verzeihen, daß er seinem Liebling nicht
nachgereist war und ihn wiedergeholt hatte. Frau Anne war es zwar
gelungen, ihren Mann davon zu überzeugen, daß Leo über Ilsens kühnen
Streich nicht mit Leichtigkeit hinweg gehen könnte, aber die Sehnsucht
nach seinem Kinde packte ihn oft zu heftig und dann konnte er einen
heimlichen Groll gegen Leo nicht ganz unterdrücken, wenn er schließlich
auch einsah, daß derselbe ungerecht war.

Leo hatte seit jener Nacht nicht wieder mit seiner Schwiegermutter über
Ilse gesprochen, und auch sie erwähnte sie nicht. Frau Anne teilte Nellie
mit, daß Leo nach Paris gereist wäre. „Was wird Ilse dazu sagen?“ schrieb
sie. „Ich fürchte, sie wird mit dieser Reise wenig einverstanden sein. Ich
aber halte eine Zerstreuung, eine Ausspannung für Leo notwendig, denn er
ist blaß und ernst geworden, und ich lese in seinem Herzen, wie schwer der
Kummer auf ihm lastet. Wann wird dieser Zustand ein Ende nehmen? Ich hege
die besten Hoffnungen für Ilses Bekehrung, aber manchmal zage ich doch,
und dann denke ich voll Angst und Zweifel, wenn sie nun ihren Trotz nicht
bricht, was wird dann? Leo gibt diesmal nicht nach, das weiß ich, denn an
einem einmal gefaßten Entschluß hält er mit eiserner Beharrlichkeit fest.
Sollen die beiden jungen Menschen eines unglückseligen Mißverständnisses
wegen für ihr ganzes Leben unglücklich werden? Es wäre schrecklich, und
diese Strafe zu hart für Ilsens Unbeugsamkeit. Auf Sie, liebe Frau Doktor,
baue ich am meisten und ich glaube, daß es Ihnen am besten gelingen wird,
unser Kind auf den richtigen Weg zurückzuführen. Sie haben einen großen
Einfluß auf Ilse, welche Sie schwärmerisch liebt, und darum hoffe ich
innig, daß Sie es vermögen, ihren Trotz zu brechen. Ich leide sehr unter
den jetzigen Verhältnissen und mag das meinem Manne nicht zeigen, dem die
Trennung von Ilse ohnedies so schmerzlich ist. Darum komme ich zu ihnen,
kleine Frau, und schütte mein Herz aus und hole mir Trost bei Ihnen! Der
Himmel gebe, daß sich noch alles zum Besten wende!

                                                Ihre mütterliche Freundin
                                                    Anne Macket.“

Und Nellie verstand es, Trost zu spenden. Sie schrieb Frau Anne umgehend
wieder, und in ihrer drolligen gemütvollen Weise schilderte sie ihr die
Beobachtungen, welche sie bei Ilse anstellte.

„Es geht schon besser mit sie,“ hieß es in dem Briefe, „sie versinkt in
eine tiefe Nachdenken und tut Fragen an mir, bei denen ich in ihr Inneres
schaue. O, zagen Sie nicht, Ilschen liebt ihren Bräutigam noch, und wenn
man sie in Ruhe läßt, wird sie eines Tages eine Einsicht haben und seine
Verzeihung erbitten. Von der Reise nach Paris sage ich ihr nix, denn ich
glaube auch nicht, daß sie dieser Reise gern sieht!“ – –

                                  * * *

Bei Flora war große Gesellschaft! Die Gäste waren schon zum Teil
versammelt, als Althoffs mit Ilse eintraten. Sie wurden von Flora
stürmisch begrüßt, und dann stellte sie Ilse vor, deren neue Erscheinung
mit Neugierde gemustert wurde. Eine Dame in mittleren Jahren in steifem
hartblauem Seidenkleid und grellrosa Rosen im Haar und vor der Brust, die
ihre nicht mehr jugendliche Gesichtsfarbe unvorteilhaft hervorhoben,
näherte sich Ilse sofort und überhäufte sie mit einer Menge Fragen, so daß
das junge Mädchen kaum zu Atem kommen konnte und nicht imstande war, sie
alle zu beantworten. Sie hatte auch gar keine Lust dazu, denn die
Neugierde dieser Dame war ihr zu unangenehm, und sie wunderte sich, daß
Nellie, welche daneben stand, oft statt ihrer in der liebenswürdigsten
Weise die gewünschte Auskunft gab, und als sie von der Dame für einen der
nächsten Nachmittage zum Kaffee eingeladen wurde, bereitwilligst zusagte.

„Da gehe ich aber nicht mit,“ dachte Ilse. Zu Nellie sagte sie später
leise: „Wer ist denn eigentlich diese schreckliche Frau, die alles wissen
muß? Ich hätte ihr an deiner Stelle keine ihrer neugierigen Fragen
beantwortet.“

„O, wär ich ein dummes Ding,“ entgegnete Nellie mit schlauem Lächeln,
„denn diese Dame ist die Frau vom Direktor, hat viel Einfluß auf ihr Mann,
und wenn ich unfreundlich bin gegen ihr, muß arme Fred büßen. Ich mag ihr
auch nicht, aber ich bin klug.“

„In ihren Kaffee brauchen wir aber doch nicht zu gehen, nicht wahr?“

„Natürlich, _darling_, da müssen mir hin und uns fein brav benehmen,“
neckte Nellie die Freundin.

Ein junger Mann trat in diesem Augenblick zu den beiden und reichte Ilse
den Arm, um sie zu Tisch zu führen. Es war der Assistent von Floras Mann,
Doktor Andres, dessen liebenswürdiges Benehmen und kluges, vornehmes
Gesicht Ilse schon vorhin bei der Vorstellung aufgefallen war.

Im altdeutschen Eßzimmer stand die lange gedeckte Tafel, die Ilse
schnellen Blickes überflog. Zwei Lampen, deren schwaches Licht durch rosa
Lampenschirme noch mehr gedämpft wurde, standen zu beiden Enden des
Tisches. In der Mitte prangte ein phantastisch aufgeputzter Tafelaufsatz,
mit Blumen und Früchten in wirrem Durcheinander gefüllt, der sein Haupt
bedenklich nach der einen Seite neigte. Das war Florchens Werk, man sah es
auf den ersten Blick. Jeder fand auf seinem Platz einen von Flora
verfaßten Vers, in einem Blumensträußchen versteckt. Mit strahlenden Augen
erntete sie jedes Lob ein, das ihr über ihre dichterische Begabung
gespendet wurde; freilich die spöttischen Mienen dabei bemerkte sie nicht.
Ilses Verschen besang in überschwenglicher Weise die junge Braut. Sie las
den Zettel und legte ihn dann errötend neben sich hin. Ihr gegenüber saß
Flora mit dem jungen Referendar, den sie damals getroffen hatte, als sie
ihren ersten Besuch bei Flora machte. Er hatte eben das zusammengefaltete
Papier aus seinem Blumenversteck hervorgezogen und las mit lächelnder
Miene den für ihn bestimmten Vers. Erwartungsvoll sah ihn Flora an und
ließ sich dann mit vielem Behagen seine süßlichen Schmeicheleien gefallen.
Das war ein Scherzen und Lachen, Flora schien während der ganzen Zeit bei
Tische nur Auge und Ohr für ihren Nachbar zu haben. Wie unvorteilhaft sah
die junge Frau heute wieder aus! Überladen mit Spitzen und Blumen war ihr
Anzug. Unwillkürlich mußte Ilse an Floras griechische Haarfrisur denken,
damals als sie in der Pension die erste Tanzstunde mit Herren hatten. Es
war doch zu komisch gewesen, wie sie da alle vor der Tür standen und die
mutwillige Grete dem klassisch frisierten Haupt einen Stoß gab, daß es
gegen die Türe flog. Ein vergnügtes Lächeln huschte bei dieser Erinnerung
über Ilsens Gesicht.

„Sie scheinen an etwas sehr Angenehmes zu denken,“ unterbrach die Stimme
des jungen Arztes ihre Gedanken, während er die jugendlich frische
Mädchengestalt im einfachen weißen Kleide mit Wohlgefallen betrachtete.

„Natürlich, Herr Doktor,“ rief Flora über den Tisch herüber, „Fräulein
Ilse denkt an etwas sehr Schönes, an ihren Bräutigam nämlich.“ Und der
Referendar hob sein Glas in die Höhe und hielt es ihr entgegen.

„Der Glückliche soll leben,“ sagte er. Eine heiße Röte stieg in Ilses
Wangen, zögernd nahm sie ihr Glas und stieß mit ihm an. Der helle Ton der
beiden Gläser tönte wie ein schriller Mißklang in ihrem Ohre, und der
Blick, den ihr der junge Mann dabei zugeworfen hatte, war so
durchdringend, als suchte er in ihrer Seele zu lesen, was sie in diesem
Augenblick bewegte. Verlegen schlug sie die Augen nieder,

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