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Zwischen neun und neun

by Leo Perutz · German · Gutenberg #36901 · 356,755 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Zwischen neun und neun
    
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Title: Zwischen neun und neun

Author: Leo Perutz


        
Release date: July 30, 2011 [eBook #36901]

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/36901

Credits: Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online
        Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ZWISCHEN NEUN UND NEUN ***




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Zwischen neun und neun




Ein Verzeichnis der Schriften von Leo Perutz findet sich am Schluß
dieses Buches




  Zwischen neun und neun

  Roman
  von
  Leo Perutz

  4. bis 6.
  Auflage

  Albert Langen, München


  Copyright 1918 by Albert Langen, Munich

  Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht,
  auch für Rußland, vorbehalten.

  Leo Perutz
  Albert Langen




1


Die Greislerin in der Wiesengasse, Frau Johanna Püchl, trat an diesem
Morgen gegen halb acht Uhr aus dem Laden auf die Straße. Es war kein
schöner Tag. Die Luft war feucht und kühl, der Himmel bewölkt. Das
richtige Wetter, um sich einen kleinen Schnaps zu vergönnen. Aber Frau
Püchls Slivovitzflasche, die im Kasten stand, war beinahe geleert und
die Greislerin beschloß, den kleinen Rest, der kaum ein »Stamperl« zu
füllen vermochte, für die »Zehnerjausen« aufzusparen. Vorsichtshalber
versperrte sie die Flasche in den Küchenschrank, denn ihr Ehegatte, der
im Lichthof den zerbrochenen Greislerkarren reparierte, stimmte mit ihr
in der Wertschätzung eines guten Schnapses völlig überein.

Vor acht Uhr kamen nur ein paar Stammkunden: Der Friseurgehilfe, dem sie
allmorgendlich sein Frühstück, ein Butterbrot mit Schnittlauch und ein
Büschel Radieschen, zurechtmachte. Zwei Schulkinder, die um zwölf Heller
»saure Zuckerln« kauften. Die Köchin der Frau Inspektor aus dem ersten
Stock des Elferhauses, die ein Häuptel Salat und zwei Kilo Erdäpfel
bekam, und der Herr aus dem Arbeitsministerium, der seit Jahren täglich
einen »feinen Aufschnitt« für sein zweites Frühstück im Geschäfte der
Frau Püchl erstand.

Lebhaft wurde das Geschäft erst nach acht Uhr und gegen halb neun hatte
Frau Püchl alle Hände voll zu tun. Kurz nach neun Uhr erschien die alte
Frau Schimek, der die Ecktrafik in der Karl-Denk-Gasse gehörte, zu einem
längeren Plausch. Das Gespräch drehte sich um das Mißgeschick, das der
Frau Püchl mit einer aus Ungarn bezogenen Sendung Brimsenkäs zugestoßen
war. Und in diesem Gespräch wurden sie durch das Erscheinen Stanislaus
Dembas unterbrochen, eben jenes Herrn Stanislaus Demba, dessen
merkwürdiges Verhalten den beiden Frauen noch wochenlang reichlichen
Gesprächsstoff bot.

Demba war dreimal an der Tür vorbeigegangen, ehe er sich entschloß,
einzutreten, und hatte jedesmal einen scheuen Blick in das Ladeninnere
geworfen. Es sah aus, als suche er jemanden. Auch die Art, wie er
eintrat, war auffallend: Er drückte die Klinke nicht mit der Hand,
sondern mit dem linken Ellbogen nieder, und bemühte sich sodann, mit dem
rechten Knie die Tür aufzustoßen, was ihm nach einigen Versuchen auch
gelang.

Dann schob er sich in den Laden. Er war ein großer, breitschultriger
Mensch mit einem kurzen, rötlichen Schnurrbart in einem sonst
glattrasierten Gesicht. Er trug seinen hellbraunen Überzieher zu einer
Art Wulst gewickelt, in welchem seine Hände staken, wie in einem Muff.
Er schien einen langen Weg hinter sich zu haben, seine Stiefel waren
schmutzig, seine Hosen bis zu den Knien hinauf mit Straßenkot bespritzt.

»Ein Butterbrot, bitte!« verlangte er.

Frau Püchl langte nach dem Messer, ließ sich aber vorerst in ihrem
Gespräch mit der Trafikantin nicht stören.

»Also schon das hat mir net g'fall'n: Wie das Kistl ankommt, wiegt's
vierasiebz'g Kilo, und i hab' doch von dem Brimsen fünfasiebz'g Kilo
b'stellt. Na, und wie i erst den Deckel aufmach', -- na also, i sag'
Ihna, der Brimsen hat ausg'schaut, daß ma'n hätt' glei auf a
Sommerfrisch'n schicken können zur Erholung. Alles wach, alles
zerlaufen. Was bekommt der Herr?«

Stanislaus Demba hatte in seiner Ungeduld mit dem Fuß mehrere Male
heftig gegen den Ladentisch gestoßen. »Ein Butterbrot, bitte, aber
rasch. Ich habe Eile.«

Die Greislerin ließ sich jedoch nicht ohne weiteres von dem wichtigen
Gesprächsthema abdrängen. »Entschuldigen, die Frau is vor Ihnen kommen,«
sagte sie zu Herrn Demba. »Muß ich sie auch z'erscht bedienen.« Das
»z'erscht bedienen« bestand vorerst lediglich darin, daß sie die
Fortsetzung der Brimsengeschichte ungekürzt zum besten gab.

»Also i hab' natürli glei reklamiert, und was glauben S' antwort't mir
der Mensch! Er hat« -- sie holte einen fettbefleckten, zerknitterten
Brief aus der Schürzentasche hervor und begann die Stelle zu suchen. --
»Aha, da seh'n S', da steht's: ... 'den Käse ordnungsgemäß verpackt, und
habe ich für den geringfügigen Gewichtsverlust, den die Ware während des
Transportes erleidet, nicht aufzukommen'. Für den 'geringfügigen
Gewichtsverlust'! I hab' glaubt, mi trifft der Schlag, wie i das les'.«

»Das ist halt so die gewöhnliche Redensart bei die Leut',« meinte die
Trafikantin.

»Ah, da hat er aber bei mir an die unrechte Tür g'läut't. Glaub'n S', i
lass' mir das g'fall'n? Da wär' i ja der Trottel umasunst!«

»Die Leut' haben halt ka Bildung net g'lernt!«

»Das kann ja nur a Verbrecher sein, der si so äußern tut!« rief Frau
Püchl im höchsten Zorn.

Hier wurde sie zum drittenmal von Herrn Stanislaus Demba unterbrochen,
der nicht gewillt schien, noch länger auf sein Butterbrot zu warten.

»Also vielleicht,« sagte er mit einer Mischung von Nervosität, Hohn und
mühsam unterdrückter Wut, »wenn sich Ihr gerechter Zorn ein bißchen
gelegt haben wird, vielleicht bekomm' ich dann doch endlich mein
Butterbrot.«

»Bin eh scho dabei,« sagte die Greislerin. »Nur a bisserl Geduld. Der
Herr hat's aber eilig!«

»Jawohl,« sagte Stanislaus Demba kurz.

»Bleiben S' net noch, Frau Schimek?« rief Frau Püchl der fortgehenden
Trafikantin nach.

»I muß hinüberschau'n in mein G'schäft, i komm' nachher eh wieder auf an
Sprung.«

»Der Herr ist wahrscheinlich wo fix ang'stellt; in einem Büro oder in
einer Kanzlei?« fragte die Greislerin ihren neuen Kunden. »I mein' nur,
weil's der Herr so eilig hat.«

»Jedenfalls hab' ich meine Zeit nicht gestohlen,« antwortete Demba grob.

»Bin eh scho fertig.« Frau Püchl schob ihm über den Ladentisch das
Butterbrot zu. »Vierundzwanzig Heller.«

Herr Demba machte eine hastige Bewegung nach dem Butterbrot. Aber er
nahm es nicht. Er fuhr sich mit der Zunge ein paarmal langsam über die
Lippen, runzelte die Stirn und sah aus, als seien ihm plötzlich ernste
Bedenken gegen den Genuß von Butterbrot aufgestiegen.

»Soll ich's vielleicht zerschneiden?« fragte die Greislerin.

»Ja, natürlich, zerschneiden Sie's. Selbstverständlich. Oder glauben
Sie, daß ich das Brot auf ein mal in den Mund stecken werde?«

Die Frau schnitt das Brot in schmale Stücke und legte es vor den Kunden
hin.

Demba ließ das Brot liegen. Er trommelte mit der Fußspitze gegen den
Boden und schnalzte mit der Zunge, wie jemand, der ungeduldig auf ein
Ereignis wartet, das sich nicht einstellen will. Seine Augen blickten
unter dem horngefaßten Zwicker wie hilfesuchend im Laden umher.

»Bekommt der Herr sonst noch was?« fragte Frau Püchl.

»Wie? Ja. Haben Sie vielleicht Krakauer?«

»Krakauer net. A Extrawurst wär' da, a Preßwurst, dürre Wurst, Salami.«

»Also Extrawurst.«

»Wieviel?«

»Acht Deka. Oder zehn Deka.«

»Zehn Deka. So bitte.« Die Frau schlug die Wurst in ein Papier und legte
das Päckchen neben das Butterbrot. »Macht vierundsechzig Heller, beides
zusammen.«

Demba nahm weder das eine, noch das andere. Er hatte plötzlich
außerordentlich viel Zeit und zeigte ein überraschendes Interesse für
die kleinen Besonderheiten der Inneneinrichtung eines Greislerladens. Er
suchte die Etikette einer Essigflasche zu entziffern und wandte sich
sodann dem Studium mehrerer Blechplakate zu, die an den Wänden und über
dem Ladentisch hingen. »Verkaufsstelle des beliebten Hasenmayerschen
Roggenbrots.« -- »Chwojkas Seifensand hält rein die Hand«, las er mit
großer Aufmerksamkeit, wobei sich seine Lippen lautlos mitbewegten.

»Das ist doch das beliebte Hasenmayersche Roggenbrot?« fragte er dann
und bückte sich prüfend über das Butterbrot, auf das sich inzwischen
zwei Fliegen niedergelassen hatten.

»Nein, das ist Brot aus den 'Heureka'-Werken.«

»So. Eigentlich habe ich Hasenmayersches Roggenbrot haben wollen.«

»Schmeckt eh eins wie's andere und billiger is a net,« gab die
Greislerin zur Antwort.

»Dann ist's gut.« Dembas Verhalten wurde immer rätselhafter. Jetzt
blickte er mit verzerrtem Gesicht zur Ladendecke hinauf und biß sich
wütend in die Lippen.

»Könnten Sie mir die Sachen da nicht nach Haus schicken?« fragte er
plötzlich, während ihm ein kleiner Schweißtropfen die Stirne
herunterlief. »Mein Name ist Stanislaus Demba.«

»Die Sachen nach Haus schicken? Welche Sachen?«

»Die Sachen da.« Herr Demba wies mit den Augen auf das Butterbrot und
das Wurstpäckchen.

»Die Extrawurst?« Die Greislerin starrte Herrn Demba verwundert an.
Solch ein Ansinnen hatte ihr noch niemand gestellt.

»Geht das nicht? Ich dachte nur, weil ich noch einige Wege habe, bevor
ich nach Hause gehe, und das Zeug nicht herumschleppen will. Man sollte
glauben, in einem so großen Betriebe -- Geht's nicht? Gut. Das macht
nichts.«

Er pfiff leise vor sich hin, sah ein paar Augenblicke den Fliegen zu,
die sich auf dem Butterbrot tummelten, und musterte dann mit prüfenden
Blicken ein Holzkistchen, das getrocknete Zwetschen enthielt.

»Wie wird denn heuer die Kirschenernte ausfallen?« fragte er dann.

»No, halt in der einen Gegend gut, in der andern wieder schlechter, wie
halt die Witterung war,« meinte Frau Püchl und griff nach ihrem
Strickstrumpf.

Demba rührte sich noch immer nicht fort.

»Werden sie billiger sein, als im vorigen Jahr?«

»I glaub' net.«

Das Gespräch geriet wieder ins Stocken. Die Greislerin strickte an ihrem
Strumpf, während Dembas Aufmerksamkeit von einer Büchse Ölsardinen
völlig in Anspruch genommen war.

Zwei neue Kunden kamen. Ein kleines Mäderl, das Salzgurken verlangte,
und ein Droschkenkutscher, der eine Knackwurst kaufte. Als die beiden
den Laden verlassen hatten, stand Demba noch immer da.

»Kann ich vielleicht ein Glas Milch bekommen?« fragte er jetzt.

»A Milli führ' i net.«

»Also einen Schnaps?«

»Schnaps führ' i net. Is dem Herrn leicht net wohl?«

Stanislaus Demba blickte auf. »Wie meinen Sie. Ja. Gewiß. Mir ist nicht
wohl. Ich habe Magenschmerzen, schon die ganze Zeit hindurch. Haben Sie
das nicht gleich gesehen?«

»A Lackerl Slivovitz hätt' i no drüben in meiner Wohnung. Vielleicht,
daß Ihna davon besser wird,« sagte die Greislerin.

Herrn Dembas Gesicht erhellte sich mit einem Male. »Ja, ich bitte Sie
darum. Liebe Frau, bringen Sie mir den Slivovitz! Das soll das Beste
sein, was es gegen Zahnschmerzen gibt.«

Die Katherl, Frau Püchls Älteste, spielte im Wohnzimmer mit ihrer
Springschnur. Sie war ein dickes, unbeholfenes Kind, und es gelang ihr
nur selten, den Vers, nach dessen Takt sie über die Schnur hüpfte,
fehlerlos zu Ende zu bringen. Eben hatte sie von neuem begonnen:

    »Herr von Bär
    schickt mich her,
    ob der Kaffee fertig wär' --«

»Kathi,« sagte die Greislerin, »geh eina, daß wer drin is im Laden.
Weißt vielleicht, wo i die Schlüsseln hin'tan hab'?«

»Liegen eh in der Lad',« sagte die Katherl und begann weiter zu
springen.

    »Morgen um acht
    wird er gemacht,
    morgen um neun
    schaust herein --«

Frau Püchl öffnete den Küchenschrank. Aber während sie das Schnapsglas
füllte, kam ihr plötzlich ein Gedanke, der sie mit Besorgnis erfüllte.
Der Mensch hatte sich so merkwürdig benommen. Zuerst hatte er solche
Eile gehabt, und dann war er nicht aus dem Laden herauszubringen
gewesen. Hatte herumstudiert und herumspioniert, wie nicht recht
gescheit, und am Ende hatte er es auf das Geldladl abgesehen. Vierzehn
Kronen waren drin und die Korallenkette, dann zwei Ringe mit Türkisen,
das Sparkassabüchl von der Katherl und zwei Heiligenbilder aus
Maria-Zell!

Mit dem Stamperl Slivovitz in der Hand stürzte Frau Püchl
schreckensbleich in den Laden.

Natürlich! Der Laden war leer! Der feine Herr hatte sich aus dem Staube
gemacht. Da haben wir's! Vierzehn Kronen! Das schöne Geld! Frau Püchl
ließ sich schweratmend in einen Stuhl fallen und riß wütend die Geldlade
auf.

Aber es war alles in schönster Ordnung! Da stand die Schale mit dem
Silbergeld, daneben lagen die beiden Ringe, die Korallenkette, das
Postsparkassabüchl und die beiden Heiligenbilder.

Gott sei Dank! da fehlte nichts. Nur mit dem Butterbrot und der Wurst
war er durchgebrannt. Dafür hatte sie andererseits den Slivovitz für
ihre »Zehnerjausen« gerettet. Diese Tatsache versetzte sie in eine
versöhnliche Stimmung. Der arme Teufel! Natürlich hatte er kein Geld
gehabt, das Brot und die Wurst zu bezahlen. Nun, sie hätte es ihm auch
geschenkt, wenn er sie darum gebeten hätte. Man ist ja schließlich doch
auch ein Mensch und hat ein Herz im Leib.

Frau Püchl trank nach dem ausgestandenen Schrecken eilig das
Slivovitzglas leer. Dann trat sie auf die Straße, um nach dem Flüchtling
Ausschau zu halten.

Aber Stanislaus Demba war nicht mehr zu sehen.

Erst als sie zurückkam, fiel ihr Blick auf ein paar Nickel- und
Kupfermünzen, die auf dem Ladentisch lagen. Drei Zwanzighellerstücke und
zwei Kreuzer. Vierundsechzig Heller.

Stanislaus Demba hatte das Geld gewissenhaft auf den Tisch gezählt und
sich dann mit dem Butterbrot davon geschlichen, als ob er es gestohlen
hätte.




2


Hofrat Klementi machte mit seinem Freunde, dem Professor Ritter von
Truxa, und seinem Hunde »Cyrus« den täglichen Morgenspaziergang in den
Liechtensteinpark. Hofrat Klementi, der Direktor der altorientalischen
Spezialsammlung des kunsthistorischen Museums, derzeit vorübergehend
auch mit der Oberleitung der ethnographisch-anthropologischen Abteilung
betraut, muß den Lesern wohl nicht erst vorgestellt werden. Mit seinem
grundlegenden, von der Akademie der Wissenschaften subventionierten
Werke über die »Bildung altassyrischer Eigennamen« hat er sich in der
Gelehrtenwelt eine angesehene Stellung gesichert, während seine
scharfsinnigen Untersuchungen über »indische Kachelmotive und ihren
Einfluß auf die persische Teppichornamentik« seinen Namen auch in
weitere Kreise der Künstler, Kunstfreunde und Sammler getragen haben.

Professor Ritter von Truxa, wirkliches Mitglied der Akademie der
Wissenschaften (philosophisch-historische Klasse) und Lehrer an der
Konsular-Akademie, ist weniger bekannt.

Von seinen zahlreichen sprachwissenschaftlichen Arbeiten ist sein
vorzügliches kalmückisch-deutsches Wörterbuch an erster Stelle zu
nennen. Andere Werke, so zum Beispiel seine Studie über die Häufung der
Halbvokale r und l in den kymrischen Dialekten und sein umfangreiches
Werk: »Zur Ethnographie und Sprache der Somalistämme« haben auch den Weg
ins Ausland und in der dortigen Fachwelt Anerkennung gefunden.

Die wissenschaftliche Tätigkeit dieser beiden Herren spielt jedoch in
dieser Erzählung keine bedeutende Rolle, und so sei nur noch rasch
angemerkt, daß Professor Ritter von Truxa erst vor kurzem von einer
mehrmonatlichen Studienreise aus dem nördlichen Haurangebiet
zurückgekehrt und derzeit damit beschäftigt war, die wissenschaftliche
Ausbeute dieser Reise, eine Anzahl mehr oder weniger gut erhaltener
chettischer und phönizischer Sprachdenkmäler, gemeinsam mit Hofrat
Klementi zu bearbeiten und zu veröffentlichen.

Was des Hofrats Hund Cyrus betrifft, so läßt sich seine Rasse mit
absoluter Zuverlässigkeit nicht feststellen. Man wird sich jedoch nicht
allzuweit von der Wahrheit entfernen, wenn man ihn als -- im großen und
ganzen -- zu der Familie der Spitze gehörig bezeichnet. Er konnte
apportieren, Pfotl geben und »bitten« und besaß ein weißes,
braungeflecktes Fell und ein verwegenes Temperament.

Hofrat Klementi ging langsam und hatte zudem die Gewohnheit, im
Gespräche öfters, am liebsten in besonders belebten Straßen, stehen zu
bleiben; er schien sich nur als Verkehrhindernis wirklich wohl und
behaglich zu fühlen. Selbst der durch heftiges An-der-Leine-Zerren zum
Ausdruck gebrachte Unmut seines Hundes Cyrus, der den alten Herrn sonst
grausam tyrannisierte und ihm in allem und jedem seinen Willen aufzwang,
konnte gegen diese Schwäche des Gelehrten nichts ausrichten, und
Professor Truxa hatte seine liebe Not, den Freund beim Überqueren der
Porzellangasse glücklich aus dem Gefahrenbereich der elektrischen
Tramway zu bringen.

Der Liechtensteinpark war um diese Zeit -- es mochte gegen halb zehn Uhr
vormittag sein -- bereits ziemlich stark besucht. Kleine Mäderln und
Buben liefen mit Reifen und Gummibällen über den Kiesweg,
Kinderfräuleins und Ammen schoben plaudernd ihre Wägen vor sich her,
Gymnasiasten sagten einander mit wichtigen Mienen ihre Lektionen vor.
Die beiden Gelehrten strebten einer abgelegenen Stelle des Parkes zu, an
der sie eine von alten Akazienbäumen beschattete und durch dichtes
Gebüsch den Blicken der übrigen Parkbesucher entzogene Bank erwartete.
Auf diesem Plätzchen pflegten sie allmorgendlich, unbeachtet und von dem
lärmenden Treiben ringsumher nur wenig gestört, ein oder zwei Stunden
der Durchsicht ihrer Manuskript- und Korrekturbögen zu widmen.

Vorerst waren die Herren jedoch in ein Gespräch über das
Verbreitungsgebiet des Haschischgenusses vertieft. Professor Truxa
vertrat die Ansicht, daß der Gebrauch dieses Berauschungsmittels immer
auf den Orient beschränkt geblieben sei, eine Behauptung, die den Hofrat
zu lebhaftem Widerspruch herausforderte.

»Sicher ist es Ihnen bekannt,« sagte er, »daß in den prähistorischen
Gräbern Südfrankreichs kleine Tonpfeifchen gefunden worden sind, welche
Reste der _Canabis sativa L._ enthielten. Unsere Vorfahren haben
zweifellos Hanf geraucht, und auch den alten Griechen war er bekannt.
Erinnern Sie sich doch der Stelle in der Odyssee, in der der Trank
Nepenthes erwähnt wird, der 'Kummer tilgt und das Gedächtnis jeglichen
Leides'. Und das '_Gelotophyllis_', das 'Kraut der Gelächter' der alten
Skythen, von dem Plinius spricht.«

»Ich möchte doch lieber auf gesichertem, wissenschaftlichem Boden
bleiben,« warf Professor Truxa ein. »Wirth in München geht ja noch viel
weiter als Sie, ohne übrigens auch nur den Schatten eines
ernstzunehmenden Beweises für seine Theorien zu erbringen. Nach seiner
Behauptung wären die großen Massenpsychosen der Vergangenheit, der
Flagellantismus ebenso wie die merkwürdigen Tanzepidemien, als Folgen
des übermäßigen Genusses des Haschischs oder eines Narkotikons von
ähnlicher Wirkung anzusehen.«

»Ich kann mich natürlich diesen Seitensprüngen Professor Wirths, der in
seinem eigenen Wissensgebiet übrigens Tüchtiges geleistet hat, nicht
anschließen. Ich habe ja nur behauptet, daß vereinzelte Fälle von
Haschischgenuß auch in Europa zu allen Zeiten einwandfrei beobachtet
worden sind und wahrscheinlich auch heute noch auftreten. Wohlgemerkt:
Vereinzelte Fälle! Ich erinnere mich beispielsweise eines
neapolitanischen Hafenarbeiters -- welche Symptome könnten Sie übrigens
feststellen, Professor?«

»Ich erkenne Haschischraucher sofort an ihren blitzartig wechselnden
Neigungen und Stimmungen und an ihrer aufs äußerste gesteigerten
Einbildungskraft. Ein Limonadenverkäufer in Aleppo, den ich im
Rauschzustande beobachten konnte, hielt sich für den Erzengel Gabriel.
Ein arabischer Briefträger in Waran gab sich für eine Heuschrecke aus
und machte solange Flugversuche von der Stadtmauer herab, bis er das
Bein brach. Manchmal treten ganz unerwartet brutale Roheitsakte bei
sonst sehr ruhigen und friedliebenden Temperamenten auf. Ich habe
gesehen, wie ein Nachtwächter in Damaskus einem harmlosen Spaziergänger
ohne jeden Anlaß einen solchen Tritt in den Magen versetzte, daß der
arme Teufel vom Fleck weg ins Spital gebracht werden mußte.«

»Die Rauschwirkung wird sich aber wahrscheinlich bei den einzelnen
Rassen doch auf verschiedene Art äußern, nicht wahr?« fragte der Hofrat.

»Ich möchte da sogar noch weitergehen. Wenn ich von einzelnen, unbedingt
sich immer wieder zeigenden Symptomen absehe, dürfte jedes einzelne
Individuum in besonderer Art auf den Haschischgenuß reagieren.«

Die Herren waren im Eifer der Debatte stehen geblieben. Es wäre aber
unrichtig, zu glauben, sie wären durch das Gesprächsthema so weit
absorbiert worden, daß sie den Blick für all das, was in dem
menschenerfüllten Park rings um sie vorging, verloren hätten. Das
Gegenteil ist richtig. Ein Gummiball, den ein kleiner Bub seinem
Kameraden aus der Hand geschlagen hatte, war knapp vor die Füße des
Hofrates gerollt. Der Gelehrte hob ihn auf, betrachtete ihn nachdenklich
und versuchte ihn sodann in seiner Rocktasche unterzubringen, offenbar
im Glauben, daß ihm selbst der Ball eben aus den Händen gefallen sei.
Professor Truxa lächelte nachsichtig und nahm dann behutsam seinem
Freunde das Spielzeug aus den Händen, sehr darauf bedacht, den Hofrat in
seinem Gedankengang nicht zu stören. Gleich darauf vergaß er jedoch
selbst, wie er in den Besitz des Balles gekommen war, hielt ihn ratlos
in den Händen und wußte nicht, was mit ihm beginnen. Der unglückliche
Eigentümer des Spielzeugs war bis auf einige Schritte herangekommen und
beobachtete mißtrauisch und stets fluchtbereit die weitere Entwicklung
der Dinge.

»Haben Sie die Wirkung des Haschischs auch am eigenen Leib erprobt?«
fragte der Hofrat.

»Ja. Aber nur einmal. Ich sah einige Arabesken sinnlicher Natur und
bekam Magenbeschwerden.« Professor Truxa war hinsichtlich des Gummiballs
zu einem Entschluß gelangt. Er säuberte ihn mit seinem Rockärmel sorgsam
von Lehm- und Sandspuren, blies einige Staubkörnchen weg und legte ihn
dann behutsam auf den Kiesweg zurück. Der kleine Junge stürzte sich
sofort auf sein Eigentum und machte sich mit einem Triumphgeheul aus dem
Staube.

Die beiden Gelehrten setzten ihren Weg fort. Sie waren jetzt in dem
weniger belebten Teil des Parkes angelangt. Der Kiesweg, durch dichtes
Buschwerk zu beiden Seiten in einen Fußweg verengt, führte sie zu ihrem
Lieblingsplätzchen, der hinter einer sandsteinernen Gruppe -- Kinder,
die mit einer Rehkitz spielten -- und Gesträuch verborgenen und von zwei
Akazien beschatteten Bank.

Auf der Bank saß Stanislaus Demba.

Er war beim Frühstück. Er saß vornüber gebeugt, den Kopf in die Hände
gestützt und kaute. Der Rest des Butterbrots und eine Anzahl
Wurstscheibchen lagen neben ihm auf der Bank. Sein hellbrauner
Überzieher schien ihm jetzt als eine Art Serviette zu dienen. Er hing
ihm vom Hals herunter, wie ein Theatervorhang, und verbarg Brust, Hände,
Arme und Beine hinter seinem Faltenfluß. Die langen, leeren Ärmel
flatterten im Wind.

Der Hofrat und der Professor trafen ihre Vorbereitungen. Die Bank war
feucht und nicht sehr sauber. Professor Truxa suchte in seinen Taschen
nach einer Unterlage und entschied sich, als er nicht gleich etwas
Passendes fand, mit der raschen Entschlossenheit, die diesen Gelehrten
in großen, wie in kleinen Dingen kennzeichnet, dafür, dieser Verwendung
die Korrektur- und Manuskriptbögen zuzuführen, zu deren Durchsicht der
heutige Vormittag bestimmt war. Nur der Geistesgegenwart des Hofrates,
der noch im letzten Augenblick die kostbaren Papiere dem Freunde entriß,
war es zu danken, wenn ein nicht wieder gutzumachender Schaden verhütet
wurde.

Cyrus wurde mit der Leine an die Banklehne gebunden und dafür vom
Maulkorb befreit. Dann nahmen die Herren Platz.

Stanislaus Demba schien die Ankunft der beiden Gelehrten als lästige
Störung zu betrachten. Er hörte zu essen auf, hob den Kopf und biß sich
verdrießlich in die Lippen. Er schien enttäuscht, als er sah, daß
Vorbereitungen zu längerem Aufenthalt getroffen wurden, stand auf und
wandte sich zum Gehen. Da fiel sein Auge auf das Butterbrot. Er zögerte,
blieb eine Weile unentschlossen stehen und ließ sich dann resigniert
wieder auf die Bank nieder.

Hofrat Klementi und Professor Truxa hatten ihre Manuskriptbögen geordnet
und zurechtgelegt, machten sich Notizen und tauschten halblaute
Bemerkungen. Ein paar Minuten vergingen, dann wurden sie in ihrer Arbeit
gestört.

»Würden Sie vielleicht die Güte haben, Ihren Hund zu sich zu rufen?«
sagte Demba mit einem unangenehmen Lächeln zum Professor, der ihm
zunächst saß.

Professor Truxa hob den Kopf. Cyrus verspeiste eben zwei Stücke von
Dembas Extrawurst.

»Er ist mir lästig. Ich kann Hunde nicht vertragen.« Dembas Stimme
zitterte vor Wut.

»Herr Hofrat, sehen Sie doch, was Ihr Hund angestellt hat!« rief der
Professor verlegen.

»Ich bitte tausendmal um Entschuldigung!« klagte der Hofrat, dem das
Benehmen seines Hundes sehr peinlich war. »Ich muß Sie wirklich um
Verzeihung bitten. Cyrus! Daher zu mir!«

Es ist nicht bekannt, in welcher Sprache Hofrat Klementi sich für
gewöhnlich mit seinem Hunde verständigte. Vielleicht hatte sich Cyrus in
langjährigem Zusammenleben mit seinem Herrn einige Kenntnisse im
Aramäischen oder Vulgärarabischen erworben. Deutsch schien er auf keinen
Fall zu verstehen. Er wiederholte seinen Angriff auf die Wurst, und der
Versuch des Hofrats, ihn an den Ohren zurückzuziehen, hatte nur die
Wirkung, daß Cyrus böse wurde, knurrte und nach seines Herrn Hand
schnappte.

Demba folgte mit ängstlicher Spannung jeder Bewegung des Hundes, rührte
jedoch keine Hand, um ihn zu verjagen oder seine Wurst zu schützen.

»Könnten Sie vielleicht Ihre Eßwaren auf die andere Seite der Bank
legen? Dorthin kommt der Hund gewiß nicht,« bat der Hofrat.

»Auf die andere Seite?« Demba sah keinen Anlaß, die Sachen auf die
andere Seite zu legen. Er wäre dazu nicht verpflichtet. Und überhaupt
dort sei Sonne und die Wurst würde zweifellos in der Sonne verderben,
das werde der Herr wohl einsehen.

Der Hofrat sah das natürlich ein, obwohl der Himmel bewölkt und keine
Spur von Sonne zu sehen war.

»Übrigens,« fuhr Demba fort, »ist die Wurst eigentlich schon jetzt nicht
mehr zu genießen. Sie ist nicht mehr frisch, man kann sie ruhig dem Hund
geben. Brot frißt er wahrscheinlich nicht? Auf das Brot habe ich nämlich
selbst Appetit. Es ist das beliebte Hasenmayersche Kornbrot und feinste
dänische Butter.«

»Wollen Sie es nicht doch von hier fortnehmen?« bat der Hofrat. Cyrus
war mit der Wurst fertig und fiel rücksichtslos über das Butterbrot her.
Stanislaus Demba schluckte ein paarmal, verschlang das Butterbrot gierig
mit den Augen, aber er tat nichts, um es in Sicherheit zu bringen.

»Na!« zischte er wütend. »Ihr Hund scheint ja geradezu ausgehungert zu
sein. Nicht ein Stückerl läßt er übrig, nicht das allerkleinste
Stückerl.«

»Ja, warum haben Sie es denn nicht fortgenommen?« fragte Professor
Truxa.

»Das Brot ist altbacken, wissen Sie, und vor Butter habe ich bei warmem
Wetter geradezu einen Ekel. Ich hätte es ohnedies nicht berührt.«

Die beiden Gelehrten wandten sich wieder ihrer Arbeit zu. Aber für Demba
schien die Angelegenheit noch nicht beendet zu sein. Ob es den Herren
etwa nicht recht sei, fragte er herausfordernd, daß er ihren Hund mit
seinem Butterbrot füttere. Es sei merkwürdig, daß manche Leute ihrem
Hunde sein bißchen Fressen mißgönnten, selbst wenn es sie nicht einen
Heller kostete.

Professor Truxa fragte seinen Freund, ob er es nicht für rätlich halte,
sich nach einer anderen Bank umzusehen. Der junge Mensch wolle einen
Streit vom Zaun brechen. -- Um von Demba nicht verstanden zu werden,
bediente Professor Truxa sich des Idioms der nördlichen Tuaregvölker,
und zwar -- der größeren Sicherheit halber -- des Dialekts eines bereits
seit längerer Zeit ausgestorbenen Stammes.

Stanislaus Demba schien es wirklich darauf abgesehen zu haben, die
Gelehrten an der Weiterarbeit zu verhindern. -- Ob der Herr vielleicht
etwas Besonderes daran finde, wenn es ihm einfiele, einem fremden Hund
sein Frühstück zu schenken, -- fuhr er in gereiztem Ton den Professor
an. Was denn weiter dabei sei? Bißchen Wurst und Brot. Um vierundsechzig
Heller in jedem Greislerladen zu haben. Oder ob der Herr etwa glaube,
daß man besondere Tricks oder Schliche oder Winkelzüge anwenden müsse,
um in den Besitz von Wurst und Brot zu gelangen.

»Nein. Natürlich nicht,« sagte der erstaunte Professor höflich. Und der
Herr sei augenscheinlich ein großer Tierfreund, -- setzte er hinzu.

»Aber du bist ja ein liebes Hunderl!« rief Stanislaus Demba in plötzlich
erwachter Begeisterung. »Du bist ein reizendes Hunderl.« Ob die Herren
den Hund vielleicht abgeben wollten. »Nicht? Schade!« -- Der Hund würde
es bei ihm gut haben. Stanislaus Demba, -- wenn er sich den Herren
vorstellen dürfe. Demba, _cand. phil._ ... Nach so einem Hund sei er
schon lange auf der Suche. »Und von wem hat denn der Hund das schöne,
rote Mascherl bekommen? Du bist aber ein herziger Hund! Na, so komm doch
her zu mir! Willst du Zucker haben?«

»Geh hin, Cyrus!« sagte der Hofrat. »Gib dem Herrn schön das Pratzerl.«

Cyrus ging arglos ganz nah an Stanislaus Demba heran und hob die
Vorderpfote.

Darauf schien der Student jedoch gewartet zu haben. Der unglückliche
Hund erhielt statt des Zuckers einen gewaltigen Fußtritt und fiel
heulend auf den Rücken.

Und nun sprang Stanislaus Demba auf und stürmte ohne Gruß davon. Das
untere Ende seines Mantels, den er über den Armen hängen hatte, geriet
ihm unter die Füße und brachte ihn zum Stolpern. Ein leises,
metallisches Klirren war plötzlich zu hören, ähnlich dem Rasseln eines
Schlüsselbundes. Aber Demba bewahrte sein Gleichgewicht, raffte den
Mantel zusammen und verschwand hinter der Biegung des Fußpfads.

Professor Truxa erholte sich nur langsam von seinem Entsetzen. »So ein
roher Mensch!« rief er entrüstet dem Hofrat zu.

Der Hofrat war merkwürdig ruhig geblieben. »Professor!« sagte er leise,
ohne sich um den jammernden Cyrus zu kümmern. »Haben Sie das gesehen?«

»Natürlich! So ein roher Mensch!«

»Ist Ihnen sonst nichts an dem Menschen aufgefallen?« flüsterte Hofrat
Klementi geheimnisvoll. »Ich habe ihn die ganze Zeit hindurch
beobachtet. Denken Sie doch: Dieser jähe Umschwung der Stimmungen!
Dieser anfängliche Heißhunger, der sich plötzlich in Ekel vor allem
Eßbaren verwandelte. Dieser Roheitsausbruch, diese Brutalität gegen ein
harmloses Tier, das er kurz vorher geradezu liebevoll gefüttert hat.
Professor! Merken Sie nichts?«

»Sie meinen --?« fragte Professor Truxa.

»Haschisch!« schrie der Hofrat. »Ein Haschischraucher hier bei uns! In
Europa!«

Professor Truxa erhob sich langsam und starrte dem Hofrat ins Gesicht.

»Sie könnten recht haben, Herr Hofrat,« sagte er. »Wie merkwürdig! Ein
Haschischtrunkener! Er wäre der erste, dem ich in Europa begegne!«

»Natürlich hab' ich recht!« frohlockte der Hofrat.

»Mir ist die Art, wie er seinen Mantel trug, aufgefallen,« meinte der
Professor nachdenklich. »Als ob er etwas Kostbares unter dem Überzieher
vor den Augen der Menge zu verbergen hätte. Sie wissen, der
Haschischraucher bildet sich immer ein, irgendeinen geheimnisvollen
Schatz bei sich zu tragen.«

»Kommen Sie, Professor!« rief der Hofrat, »rasch! Wir holen ihn noch
ein, wir dürfen ihn nicht aus den Augen lassen!«

Sie eilten dem Studenten in solcher Aufregung nach, daß sie den Hund
Cyrus ganz vergaßen, der, mit der Leine an die Bank gebunden, vergeblich
seinen Herrn durch Bellen und Winseln an seine Existenz zu erinnern
suchte.

Als die beiden Gelehrten atemlos den unteren Teil des Parkes erreichten,
war der Haschischtrunkene schon lange im Gewühle der spielenden Kinder
verschwunden.




3


Das »Fräulein« wußte genau, wie gut ihr ihre neue Voilebluse mit den
beiden sich kreuzenden roten Libertyspangen zu Gesicht stand. Wenn sie
im Park auf der Bank saß und in ihrem Buch las, während der kleine Bub
und das Mäderl, die sie spazieren zu führen hatte, mit ihrem
Miniaturspritzwagen spielten oder Sand in allerlei kleine Gefäße und
Formen füllten, so kam es nur selten vor, daß sie lange allein blieb.
Ein oder zwei junge Herren setzten sich bald neben sie (zwei waren ihr
gewöhnlich lieber, denn es war so lustig zuzusehen, wie dann einer dem
andern im Weg war), taten anfangs überaus gleichgültig, so als ob sie
sich aus reinem Zufall oder weil gerade der Platz so hübsch schattig war
für diese Bank entschieden hätten, bezeigten ein forciertes Interesse
für alles mögliche: für die Spatzen und Tauben, für die Leute, die
vorübergingen, oder für ihre eigenen Stiefelspitzen, -- bis sie
schließlich doch ein Gespräch anknüpften: »Fräulein lesen da sicher
etwas sehr Interessantes!« oder: »Zwei reizende Kinder, Ihre beiden
kleinen Zöglinge, wie heißt du denn, Mäderl?« Oder die Keckeren unter
ihnen: »Sie werden sich Ihre schönen blauen Augen verderben, Fräulein,
wenn Sie fortwährend lesen.«

Ernstere Bekanntschaften ergaben sich für das Fräulein aus solchen
Anfängen fast niemals, denn die jungen Herren kamen meist schon bei der
zweiten Zusammenkunft mit Vorschlägen, Wünschen und Anliegen, die weit
über das hinausgingen, worüber ein junges Mädchen aus gutem Hause, --
bitte, »Fräuleins« Vater war Oberoffizial bei der Post gewesen und ein
Onkel ihrer Mutter war noch heute Sektionsrat im Handelsministerium --,
worüber ein junges Mädchen aus gutem Hause also vielleicht nach längerer
Bekanntschaft, eventuell, unter Umständen mit sich reden lassen darf.
Bei manchen Herren mußte man überhaupt schon nach zwei Minuten das
Gespräch abbrechen, solche Reden führten sie, man mußte aufspringen:
»Willi! Gretl! Es ist Zeit, daß wir nach Hause gehen!«, und den
unverschämten Menschen einfach sitzen lassen. Das kam öfters vor, obwohl
das Fräulein durchaus nicht prüde war, sondern im Gegenteil ein gewisses
Vergnügen an vorsichtig-andeutenden Gesprächen über schlüpfrig-pikante
Themen hatte.

Am liebsten sah sie es, wenn solch eine zwecklose Bekanntschaft in einen
Ansichtskartenverkehr überging. Ansichtskarten ließ sich das Fräulein
für ihr Leben gern schicken. Die Post, die morgens kam, bedeutete für
sie den Höhepunkt des Tages. Oft, ja zumeist waren es Karten mit der
Unterschrift eines ihr völlig gleichgültig Gewordenen oder gar
Vergessenen, das letzte Echo einer nichtigen, verplauderten halben
Stunde. Aber es war so lustig, wenn die Gnädige ärgerlich ins Zimmer kam
und auf die Frage ihres Mannes, ob der Briefträger schon dagewesen sei,
verdrossen zur Antwort gab: »Ja, aber für uns war nichts, nur für das
Fräulein zwei Karten.«

Heute saß kein junger Mann neben dem Fräulein, sondern Frau Buresch,
eine ältere Dame, die mit ihren beiden Kindern Tag für Tag den Park
besuchte. Man kannte einander. Die Kinder spielten, alle vier zusammen;
Frau Buresch und das Fräulein tauschten Bemerkungen über das Wetter aus.

»Hat es sich doch aufgeheitert,« sagte das Fräulein.

»Mir ist lieber, es regnet, als man weiß nicht, wie man dran ist,«
meinte Frau Buresch pessimistisch und holte ihre Häkelarbeit hervor.

»Wie ich heut früh aus dem Fenster geschaut hab', hätt' ich geschworen
darauf, daß es den ganzen Tag regnen wird, so hat's ausgesehen. Jetzt
ist's doch wieder ganz schön geworden, merkwürdig.«

Das Wetterthema war erledigt. Das Fräulein blätterte in ihrem Buch. Frau
Buresch häkelte.

»Im Votivpark sollen dieses Jahr Sessel aufgestellt werden statt der
Bänke«, erzählte das Fräulein. »Vier Heller pro Person.«

»Alles wird täglich teurer. Ich sag' Ihnen, Fräulein, grau in grau ist
das Leben. Was, glauben Sie, kostet heuer ein Kilo ganz gewöhnliches,
ausgelassenes --«

Sie verschluckte das ganze Kilo ganz gewöhnlichen ausgelassenen
Schweinefetts, das sie auf der Zunge hatte, und verstummte. Ein junger
Mann hatte sich zwischen sie und das Fräulein gesetzt. Und wenn sich ein
junger Mann neben das Fräulein setzte, dann wollte Frau Buresch um
Gottes willen nicht stören. Dann schob sie sich rücksichtsvoll bis an
das äußerste Ende der Bank und vertiefte sich in ihre Häkelarbeit.

Stanislaus Demba trug seinen hellbraunen Havelock um die Schultern
geworfen und vorne flüchtig zugeknöpft. Die leeren Ärmel hingen schlaff
hinunter. Er hatte sich erschöpft auf die Bank niedergelassen, wie
einer, der einen weiten Weg hinter sich hat und froh ist, daß er ein
paar Minuten lang ausruhen kann.

Erst nach einer Weile schien er zu bemerken, daß seine Nachbarin ein
ausnehmend hübsches Mädchen war. Er setzte sich zurecht und schaute ihr
aufmerksam ins Gesicht. Er schien zufrieden.

Dann fiel sein Auge auf das Buch, das sie in der Hand hielt.

Dem Fräulein entging der Eindruck, den sie auf ihren Nachbar machte,
nicht. Verstohlen hatte auch sie ihn gemustert, ohne dabei von ihrem
Buche aufzublicken. Er mißfiel ihr nicht. Freilich, elegant konnte man
ihn beim besten Willen nicht nennen, und die gut angezogenen jungen
Leute waren ihr eigentlich lieber. Aber dieser junge Mann schien ihr von
andrer Art zu sein, als die Leute, mit denen sie sonst verkehrte.
Vielleicht gehörte er zur Boheme -- dachte sie. -- So sieht er aus. Er
hat lebhafte Augen und macht den Eindruck eines energischen und klugen
Menschen. Wenn man es recht überlegte, so konnte man sich diesen
schweren und ungefügen Körper gar nicht in einen feinen, gutgemachten
Anzug hineindenken. Er kleidete sich eben, wie es seiner Natur entsprach
-- stellte das Fräulein fest. Freilich, die Hosen, die über und über mit
Kot bespritzt waren, hätte er sich wohl abbürsten können, bevor er sich
neben sie setzte. Aber trotzdem! Das Fräulein fand, daß irgend etwas an
dem jungen Menschen sie anzog. Sie beschloß, sich seinen
Annäherungsversuchen gegenüber, die ja nicht ausbleiben würden, das
wußte sie genau, entgegenkommend zu verhalten.

Stanislaus Demba begann das Gespräch in nicht gerade origineller Weise,
indem er das Fräulein nach dem Gegenstand ihrer Lektüre fragte. »Das ist
ein Ibsen, nicht wahr?«

Das Fräulein war sehr geübt darin, zusammenzufahren, wenn sie
angesprochen wurde und dem Fragenden ein erschrockenes, verwirrtes und
ein wenig indigniertes Gesicht zuzukehren.

Stanislaus Demba wurde sofort verlegen. »Hab' ich Sie gestört?« fragte
er. »Ich wollte Sie nicht stören.«

»Ach nein,« sagte das Fräulein, senkte die Augen und tat, als ob sie
weiterlese.

»Ich wollte nur fragen, ob das Buch da nicht ein Ibsenstück ist.«

»Ja. Die Hedda Gabler.«

Stanislaus Demba nickte mit dem Kopf und wußte weiter nichts zu sagen.

Pause. Das Fräulein blickte in ihr Buch, ohne jedoch zu lesen. Sie
wartete. Aber Stanislaus Demba schwieg.

Ein bißchen schwerfällig ist er -- dachte das Fräulein. Sie kam ihm zu
Hilfe. »Sie kennen das Stück?« fragte sie. Jetzt ließ sie das Buch
sinken zum Zeichen, daß ihr nicht sonderlich viel am Weiterlesen gelegen
sei.

»Ja. Natürlich kenne ich's,« sagte Demba. -- Weiter nichts.

Dem Fräulein blieb nichts anderes übrig, als umzublättern und die
Lektüre fortzusetzen. War er so ungeschickt? Wußte er nichts weiter zu
sagen? Oder bedauerte er am Ende, sie angesprochen zu haben? Mißfielen
ihm etwa die beiden kleinen Pockennarben auf ihrer linken Wange? Kaum.
Alle Leute fanden gerade diesen kleinen Schönheitsfehler reizend und
apart. Nein. Es war nur Unbeholfenheit. Und das Fräulein entschloß sich,
ihm eine letzte Chance zu geben. Sie ließ ihren Regenschirm fallen.

Jeder junge Mann, auch der dümmste und ungeschickteste, wird in einem
solchen Fall blitzschnell nach dem Schirm greifen und ihn der Dame mit
einer eleganten Verbeugung und ein paar liebenswürdigen Redensarten
überreichen. Und die Dame bedankt sich vielmals, und ehe man's merkt,
ist das Gespräch im Gange.

Aber diesmal geschah etwas Unerhörtes. Etwas, was sich in der Geschichte
aller Parkanlagen der Welt niemals vorher ereignet hatte: Stanislaus
Demba ließ den Schirm liegen. Er sprang nicht auf, er haschte nicht nach
ihm. Nein. Er rührte sich nicht und ließ es zu, daß sich das Fräulein
selbst nach dem Schirm bückte.

Aber das Fräulein war seltsamerweise nicht beleidigt. Nein. Gerade das
imponierte ihr an Stanislaus Demba, daß er so anders als die anderen
vorging. Er verschmähte die abgebrauchten Mittel, mit denen
Dutzendmenschen auf Frauen Eindruck zu machen suchen. Er wollte nicht
galant erscheinen, er verachtete die hohle Geste billiger
Ritterlichkeit. Des Fräuleins Interesse an Demba wuchs. Und vielleicht
hätte jetzt sogar sie ihn angesprochen -- Frau Buresch häkelte und sah
nicht hin --, wenn nicht Demba selbst mit einem Male zu reden begonnen
hätte.

»Wenn ich Ihr Vater wäre, Fräulein,« sagte er, »würde ich Ihnen
verbieten, Ibsen zu lesen.«

»Wirklich? Aber warum denn? Paßt er denn nicht für junge Mädchen?«

»Weder für Erwachsene noch für junge Mädchen,« erklärte Demba. »Er gibt
Ihnen ein falsches Weltbild. Er ist die Marlitt des Nordens.«

»Aber das müssen Sie doch wohl begründen.« Das Fräulein kannte die Art
der jungen Leute, denen es nicht darauf ankam, ein paar Größen zu
stürzen, wenn sie durch kühne, literarische Behauptungen Interesse für
sich erwecken konnten.

»Es würde Sie langweilen. Mich langweilt es auch,« sagte Demba. »Ich
müßte Ihnen vor allem erklären, wie wenig und wie Gewöhnliches hinter
seinen Symbolen verborgen liegt. Wie alle seine Menschen sich am leeren
Klang ihrer Worte berauschen. -- Aber lassen wir das, mich langweilen
literarische Gespräche. Nur etwas noch: Haben Sie es noch nicht bemerkt?
Seine Menschen sind alle geschlechtlos.«

»So? Geschlechtlos?« -- Das Fräulein hatte nicht viel von Ibsen gelesen.
Mein Gott, man kommt so selten zu einer ruhigen Stunde und zu einem
guten Buch. Außer »Hedda Gabler« kannte sie nur noch »Gespenster«. Aber
sie verstand es, hauszuhalten mit ihrem Wissen und den Eindruck großer
Belesenheit und einer lückenlosen Kenntnis der neueren Literatur
hervorzurufen.

»Und der Oswald?« fragte sie. »Finden Sie den etwa auch geschlechtlos?«

»Oswald? Ein verkappter Kandidat der Theologie. Glauben Sie ihm doch den
Kuß im Nebenzimmer nicht!« -- Stanislaus Demba raffte sich zu einem Witz
auf. »Das ist ein Schwindel: Ein Theaterarbeiter ist es, der im
Nebenzimmer die Regina küßt, ein Kulissenschieber, der Inspizient
vielleicht, aber nicht der Oswald.«

Das Fräulein lachte.

»Übrigens,« fuhr Demba fort und rückte näher an das Fräulein heran, »ist
der Kuß ein Betrug an der Natur. Ein Ausweg, von Frauen ersonnen, um den
Mann um sein Recht zu prellen.«

»Sie sind aber unbescheiden. Sie gehen wohl gleich aufs Ganze, nicht?«
meinte das Fräulein.

»Küssen, Streicheln, Körper an Körper schmiegen,« predigte Stanislaus
Demba, »sind nur dazu da, um uns abzulenken von dem einen, das wir der
Natur schulden.«

Das Fräulein überlegte, ob es nicht besser sei, aufzustehen und die
Unterhaltung zu beenden, die ein wenig schwül zu werden drohte. Aber ihr
Nachbar sprach ja vorerst ganz akademisch, reine Theorie alles, und der
Gegenstand des Gesprächs behagte ihr im Grund genommen. Sie schielte
nach Frau Buresch: die saß und häkelte und hatte sicher kein Wort
verstanden, und die Kinder spielten in beruhigender Entfernung.

Aber Demba gab jetzt selbst dem Gespräch eine andere Wendung.

»Ich habe Hunger,« sagte er.

»Wirklich?«

»Ja. Denken Sie. Seit gestern mittag habe ich nichts gegessen.«

»So rufen Sie doch dort das Brezelweib und kaufen Sie sich ein Stück
Kuchen.«

»Das sagt sich sehr leicht, aber es ist nicht so einfach,« sagte Demba
nachdenklich. »Wieviel Uhr ist es eigentlich?«

»Halb zehn vorüber ist es auf meiner Uhr. Gleich dreiviertel,« sagte das
Fräulein.

»Herrgott, da muß ich ja gehen!« Demba sprang auf.

»Wirklich? Das ist schade. Es ist so langweilig, hier allein zu sitzen.«

»Ich habe mich verplaudert,« sagte Demba. »Ich habe viel zu tun. Ich
hätte mich eigentlich gar nicht setzen dürfen. Aber ich war todmüde und
die Füße schmerzten mich. Und außerdem« -- Demba schwang sich zur
höchsten Liebenswürdigkeit auf, deren er fähig war --, »ich konnte ja
gar nicht an Ihnen vorbeigehen. Ich mußte Sie kennen lernen.«

»Es ist eigentlich schade, daß wir nicht weiterplaudern können.« Das
Fräulein wippte leicht mit der Fußspitze und ließ einen zarten Knöchel
und den Ansatz eines schlanken, schöngeformten Beines sehen.

Stanislaus Demba starrte wehrlos auf ihren Fuß und blieb sitzen.

»Ich möchte Sie gerne wiedersehen,« sagte er.

»Ich gehe häufig um diese Zeit mit den Kindern spazieren. Freilich, in
diesem Park bin ich nicht immer.«

»Und wo sind Sie gewöhnlich?«

»Das ist verschieden. Es hängt von meiner Gnädigen ab. Ich bin
Erzieherin.«

»Dann werde ich wieder mal hierher schauen.«

»Wenn Sie es dem Zufall überlassen wollen -- aber Sie können mir ja
schreiben,« sagte das Fräulein.

»Gut. Dann werde ich Ihnen schreiben.«

»Also notieren Sie sich meine Adresse: Alice Leitner, bei Herrn
kaiserlichen Rat Adalbert Füchsel, neunter Bezirk, Maria-Theresien
Straße 18. -- Warum notieren Sie es nicht?«

»Das merke ich mir auch so.«

»Das ist unmöglich. So eine lange Adresse kann man sich nicht merken.
Wiederholen Sie sie doch einmal.«

Stanislaus Demba wußte nur noch Alice und kaiserlicher Rat Füchsel.
Alles andere hatte er vergessen.

»Also schreiben Sie sich's auf!« befahl das Fräulein.

»Ich habe weder Bleistift noch Papier,« sagte Demba und verzog ärgerlich
das Gesicht.

Das Fräulein holte einen Bleistift aus ihrer Handtasche und riß ein
Blatt Papier aus ihrem Notizbuch. »So. Notieren Sie sich's.«

»Ich kann nicht,« versicherte Stanislaus Demba.

»Sie können nicht?« fragte das Fräulein erstaunt.

»Nein. Ich bin leider Analphabet. Ich kann nicht schreiben.«

»Machen Sie doch keine Scherze!«

»Das ist kein Scherz. Es ist eine bekannte statistische Tatsache, daß
0,001 0/00 der Wiener Bevölkerung aus Analphabeten besteht. Dieses eine
Null Ganze, Null, Null eins pro Mille bin ich.«

»Das soll ich Ihnen glauben?«

»Gewiß, Fräulein! Sie haben heute die Ehre --«

Stanislaus Demba verstummte. Ein Windstoß hatte ihm den Hut vom Kopf
gerissen und über den Kiesweg auf den Rasen getrieben. Stanislaus Demba
sprang auf und machte einige Schritte hinter dem Hut her. Plötzlich
blieb er stehen, kehrte sich langsam um und ging auf seinen Platz
zurück.

»Dort liegt er,« murmelte er, »und ich kann ihn nicht holen.«

»Sind Sie komisch,« lachte das Fräulein. »Haben Sie vielleicht Angst vor
dem Parkwächter?«

»Wenn Sie mir nicht helfen, bleibt er dort liegen.«

»Ja, aber warum denn?«

Stanislaus Demba holte tief Atem.

»Weil ich ein Krüppel bin,« sagte er mit tonloser Stimme. »Es muß
heraus. Ich habe keine Arme.«

Das Fräulein sah ihn entsetzt an und brachte kein Wort aus der Kehle.

»Ja,« sagte Stanislaus Demba. »Ich habe beide Arme verloren.«

Das Fräulein ging wortlos in den Rasen und holte den Hut.

»Bitte, setzen Sie mir ihn auf. -- Ich bin leider auf fremde Hilfe
angewiesen. -- So, danke.«

»Ich war Ingenieur,« sagte Demba und ließ sich wieder auf die Bank
nieder. »Demba, Ingenieur in den Heurekawerken. Ich war so ungezogen,
mich nicht gleich vorzustellen. Kennen Sie die Heurekawerke? Nein!
Broterzeugung. Hasenmeyers beliebtes Kornbrot. Haben Sie nie davon
gehört?«

»Nein,« flüsterte das Fräulein und schloß die Augen. Jetzt verstand sie
manches an ihres Nachbars Benehmen. Sie begriff, warum er ihr vorhin den
Schirm nicht aufgehoben hatte, der Arme. Und warum er sich geweigert
hatte, ihre Adresse aufzuschreiben.

»In der Dampfmühle ist es mir geschehen. Ich geriet mit beiden Armen in
die Mahlmaschine. An einem -- nein, es war gar nicht einmal an einem
Freitag. An einem ganz gewöhnlichen Donnerstag war's; am zwölften
Oktober.«

Mit einem Male bekam das Fräulein eine rasende Angst, daß er auf den
Einfall kommen könnte, ihr seine verstümmelten Arme zu zeigen. Zwei
kurze, blutunterlaufene Stümpfe -- Nein! Sie konnte nicht daran denken.
Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken.

»Ich muß leider jetzt gehen,« sagte sie leise und schuldbewußt. »Willi!
Gretl! Es ist Zeit, daß wir nach Hause gehen.«

Sie warf einen scheuen Blick auf ihren Nachbar. Wie schauerlich die
leeren Ärmel herunterhingen. Und sein abgetragener Anzug. Dieser alte
Mantel aus billigem Stoff! Alles, was ihr vorher als stolz zur Schau
getragene Originalität, als die gewollte Uneleganz des Bohemiens
erschienen war, erkannte sie jetzt als das, was es wirklich war: Als
mühsam verborgenes Elend.

Und hatte er nicht selbst gestanden, daß er Hunger litt?

»Sind Sie noch in der Fabrik?« fragte sie.

»Wo? In der Fabrik? -- Ach so. In den Heurekawerken. -- Nein. Wer kann
denn einen Krüppel brauchen,« sagte Demba.

Ja. Es war so, wie sie vermutet hatte. Es ging ihm schlecht. -- Viel
Geld hatte das Fräulein nicht bei sich. Eine Krone fand sich in ihrem
Handtäschchen und ein Zehnhellerstück. Die legte sie heimlich neben
Stanislaus Demba auf die Bank.

Dann stand sie auf. -- Einen Augenblick lang zuckte es in ihr, dem
unglücklichen Menschen die Hand zu reichen. Rechtzeitig kam ihr die
ganze Absurdität dieses Vorhabens zum Bewußtsein.

Sie nickte Stanislaus Demba zu und verabschiedete sich von Frau Buresch.
Dann nahm sie das kleinere der Kinder an der Hand und ging.

Als sie beim Parkausgang stand, fiel ihr ein, daß der arme Mensch das
Geld ja gar nicht zu sich nehmen konnte. Aber sie dachte sich, daß ihm
irgend jemand schon helfen werde. Vielleicht ein Vorübergehender; oder
Frau Buresch.

                   *       *       *       *       *

Frau Buresch, der kein Wort des Gespräches entgangen war, obwohl sie
sich den Anschein gegeben hatte, als sei sie nur mit ihrer Häkelarbeit
beschäftigt, war Zeugin, wie Stanislaus Demba das Geld entdeckte. Sie
beobachtete, wie sein Gesicht sich in eine Grimasse der Bestürzung, des
Ekels und der Enttäuschung entstellte, und sie sah mit Staunen, wie aus
seinem Mantel zwei Fingerspitzen hervorkamen, die das Geld mit wütender
Gebärde auf den Boden warfen.




4


Im Bureau der Firma Oskar Klebinder, Modewestenstoffe en gros, herrschte
heute keineswegs rege Tätigkeit. Der Chef war zwar wie alle Tage am
Morgen hier gewesen, hatte ein bißchen mit dem Personal gebrummt, und
speziell den Kontoristen Neuhäusl, der sich um eine volle halbe Stunde
verspätet hatte, für den nächsten Ersten die Kündigung in Aussicht
gestellt. Hatte dann in seinem Privatkontor eine heftige
Auseinandersetzung mit dem Reisenden Zerkowitz gehabt -- »In Wien
spazieren gehen, dafür zahl' ich Sie nicht! Fällt mir nicht ein!« hatte
man ihn schreien gehört. -- Schließlich hatte er dem Fräulein Postelberg
unter fortwährendem Husten und Räuspern zwei Briefe diktiert, und
dazwischen über den Kohlenstaub in den Stadtbahnzügen geschimpft. Dann
aber war er mit der Bemerkung fortgegangen, daß er in einer Stunde
wahrscheinlich wieder da sein werde; aber die Drohung machte auf keinen
seiner Angestellten Eindruck. Man wußte, daß er mit dem Zehnuhrzug nach
Kottingbrunn fahren wollte, wo nachmittag das Rennen stattfand.

An solchen Tagen pflegten die Bureaustunden im Hause Oskar Klebinder,
Modewestenstoffe en gros, gemütlich und angenehm zu verlaufen. Denn der
Buchhalter Braun, der den abwesenden Chef zu vertreten hatte -- Mister
Brown wurde er von den drei Bureaufräuleins genannt, obwohl er nach
Mährisch-Trübau zuständig war und kein Wort Englisch verstand --, Mister
Brown war kein Spielverderber. Er selbst arbeitete zwar gewissenhaft an
seinem Stehpult weiter, addierte unverdrossen Ziffernkolonnen, schloß
Konti ab und eröffnete neue, aber was rings um ihn geschah,
interessierte ihn nicht. Seine Kollegen und Kolleginnen durften sich die
neunstündige Bureauzeit vertreiben, wie es ihnen beliebte. Nur wenn die
Unterhaltung zu laut wurde, schüttelte er mißbilligend den Kopf.

Laut war die Unterhaltung diesmal nicht. Eine einzige Schreibmaschine
klapperte. Das war Fräulein Hartmann, die morgen auf Urlaub ging und
ihren Rückstand aufarbeiten mußte. Fräulein Springer las aus dem
Tagblatt den Sportbericht vor. Fräulein Postelberg hatte zwei Spiegel
auf ihren Schreibtisch gestellt und legte die letzte Hand an ihre neue
Frisur. Herr Neuhäusl beschäftigte sich mit der Malträtierung seiner
Taschenuhr, der er die Schuld an seiner Verspätung beilegte. Der
Praktikant Josef malte traumverloren auf einen Bogen Kanzleipapier mit
blauem Bleistift seine Unterschrift, die so schwungvoll war, daß er
ohneweiters zum Gouverneur der österreichisch-ungarischen Bank hätte
ernannt werden können. Aus dem Lagerraum war die fettige Stimme des
Reisenden Zerkowitz zu vernehmen, der irgend jemandem Vorwürfe machte,
weil eine Musterkollektion noch immer nicht zusammengestellt war.

»Ethel, wie steht sie mir?« fragte jetzt Fräulein Postelberg, die eben
mit ihrer Frisur fertig geworden war.

»Laß dich anschauen! Wirklich großartig, Claire,« sagte Fräulein
Springer.

»Claire« und »Ethel« sind für Angestellte einer Manufakturfirma am
Franz-Josefs-Kai nicht gerade alltägliche Namen. Keine der beiden Damen
hätte ihr Recht auf den schönklingenden Rufnamen aus ihren Tauf-,
Geburts- oder sonstigen Dokumenten schwarz auf weiß nachweisen können.
Aber dem Fräulein Postelberg konnte man die Berechtigung, sich »Claire«
rufen zu lassen, nicht bestreiten. Obwohl sie ein widriges Geschick als
schlichte Klara Postelberg in Wien II hatte das Licht der Welt erblicken
lassen, so stand sie doch bei dem männlichen Personal aller Häuser, mit
denen die Firma Oskar Klebinder in Geschäftsverbindung stand, in dem
Ruf, etwas »Französisches«, etwas »echt Pariserisches«, oder, wie der
Reisende Zerkowitz, ein gewiegter Frauenkenner, es noch deutlicher
ausdrückte, »ein gewisses Etwas« an sich zu haben. Sie bezog den »_Chic
parisien_« im Subabonnement, pflegte auf dem Weg ins und aus dem Bureau
in französischen Romanen zu lesen, und hatte im Vorjahr durch den
Vortrag eines französischen Chansons bei einem Vereinsabend einen
außerordentlichen Erfolg erzielt. Fräulein Springer, die ungarische
Korrespondentin, hingegen gab sich, seit sie in einem Wettschwimmen im
Dianabad den zweiten Preis erzielt hatte, ganz als _sporting girl_. Sie
verbreitete Angst und Schrecken durch die robuste Art ihres Händedrucks,
mit dem sie ihre Freunde und Bekannten aufs äußerste zu mißhandeln
pflegte, und hatte es durch Terrorismus im Bureau durchgesetzt, daß ihr
Vorname Etelka in das klangvollere Ethel abgekürzt wurde. Sie führte mit
Vorliebe Gespräche über amerikanische Mädchenerziehung und über die
Stellung der Frau »drüben«, »jenseits des großen Wassers«, und wußte den
leichten ungarischen Akzent in ihrer Sprache durch gelegentlich
eingestreute »_All rights_« und »_Neverminds_« zu verbergen.

Sonja Hartmann hieß wirklich Sonja. Sie stand jetzt auf, stülpte den
Deckel über ihre Schreibmaschine und schloß sie ab.

»So. Fertig,« sagte sie. »Zwölf Tage lang rühr' ich jetzt keine Feder
an. Außer wenn ich euch Ansichtskarten aus Venedig schick'.«

Sonja Hartmanns bevorstehende Urlaubsreise stand seit zwei Tagen im
Mittelpunkt der Erörterungen. Das Ergebnis ihres gestrigen Bittgangs zum
Chef -- zwölf Tage hatte er bewilligt -- war mit Spannung erwartet und
eingehend besprochen worden. An der Zusammenstellung der Reiseroute
hatte das ganze Bureau mit Eifer und Hingebung mitgearbeitet, für die
notwendigen Einkäufe und sonstige Vorbereitungen hatte der welterfahrene
Herr Zerkowitz, der Reisende, seinen sachkundigen Rat geliehen. In kaum
vierundzwanzig Stunden ging der Zug ab, der Sonja Hartmann aus dem
Südbahnperron in märchenhafte Fernen entführen sollte. Und vor drei
Tagen hatte noch niemand auch nur die leiseste Ahnung gehabt von dem
Glück, das ihr bevorstand. Aber vorgestern hatte Georg Weiner, ihr
Freund, von seinem Vater ganz unerwartet dreihundert Kronen als
Belohnung für ein bestandenes Kolloquium bekommen. Neunzig Kronen hatte
sie selbst in der Sparkassa gehabt, die konnte sie zur gemeinsamen
Reisekasse beisteuern. Und für beinahe vierhundert Kronen ließ sich
schon ein ganz hübsches Stückchen Welt besehen. Freilich, das
Rundreisebillett zweiter Klasse, Wien-Triest-Venedig-Wien -- schon
gestern war es im Bureau von Hand zu Hand gegangen und gebührend
angestaunt worden -- war dünn genug und enthielt nicht imponierend viel
Blätter. Aber ebenso wie in den amtlichen Communiqués über
Monarchenzusammenkünfte oder Ministerbegegnungen die bedeutungsvollen
Ergebnisse nicht im Text, sondern zwischen Zeilen verborgen liegen, so
sollten die eigentlichen Genüsse der Reise nicht auf den perforierten
Blättern des Rundreiseheftes, sondern zwischen ihnen gefunden werden.
Schon am Semmering wollte man die Fahrt für einige Stunden unterbrechen
und eine Besteigung des Sonnwendsteines unternehmen. Für die
Besichtigung Laibachs -- Graz kannte Sonja Hartmann schon -- und für den
Besuch der Adelsberger Grotte war je ein halber Tag vorgesehen. Von
Triest aus sollten größere und kleinere Ausflüge nach Pirano, Capo
d'Istria und Grado unternommen und der mehrtägige Aufenthalt in Venedig
durch einen Abstecher nach Padua unterbrochen werden. Denn Padua --
hatte Georg Weiner erklärt --, war doch nicht solch ein
Allerweltsreiseziel wie Venedig, sondern lag abseits vom Strome der
Globetrotter, und schon eher im Herzen Italiens. Wer in Venedig war, der
kennt nur die Fransen Italiens, wer aber in Padua war, kennt auch das
Innere, -- hatte auch Herr Zerkowitz bestätigt. Padua stand also
gleichfalls auf dem Reiseplan, obwohl Sonja eigentlich einen längeren
Aufenthalt auf dem Lido vorgezogen hätte. Von Padua aus sollte dann
jenes Telegramm an Sonjas Chef, Herrn Klebinder abgehen, über dessen
Abfassung es gestern beinahe zu einem Streit zwischen Sonja und Georg
Weiner gekommen wäre. Sonja war unbedingt für einen draufgängerischen
Text gewesen, für eine Tonart, die den Gedanken an einen Widerspruch von
vornherein nicht aufkommen lassen sollte. Georg Weiner hatte einen
diplomatischen Entwurf in Vorschlag gebracht, und schließlich hatte man
sich auf die Stilisierung: »Durch Unwohlsein Rückfahrt verzögert,
ankomme Freitag« geeinigt. Freitag, das ergab zwei volle Tage
Urlaubsverlängerung, und die sollten, wenn das Geld langte, auf der
Heimreise zu einer Fußwanderung durch das romantische Ennstal verwendet
werden.

Sonja zündete sich eine Zigarette an und lehnte sich in ihren Stuhl
zurück, als säße sie schon im Eisenbahnwagen und ratterte an
Mürzzuschlag, St. Peter oder Opcina vorbei.

»Werdet ihr mir alle nach Venedig schreiben?« fragte sie und ließ eine
Rauchwolke zur Decke schweben. »Venetia, posta grande. Sie auch, Mister
Brown?«

»Was soll ich Ihnen denn schreiben?« fragte Mister Brown, ohne von
seinem Buch aufzublicken.

»Was es Neues gibt im Bureau.«

»Was wird es denn Neues geben?« meinte der Buchhalter und begrub den
Kopf zwischen zwei Kontoblätter: »Daß Koloman Steiner in Groß-Kikinda
sechs Prozent anbietet, wird Sie wahrscheinlich wenig interessieren.
Seien Sie froh, wenn Sie mal paar Tage nichts von uns hören.«

»Die Postelberg wird schon für Abwechslung sorgen,« mischte sich Herr
Neuhäusl in die Unterhaltung. »Diesen Monat trägt sie das Haar
kirschrot, nach dem Ersten soll Grasgrün darankommen, hab' ich aus
verläßlicher Quelle erfahren.«

»Sie werden es wahrscheinlich sowieso nicht bei uns erleben, Herr
Neuhäusl,« wehrte sich die Angegriffene mit unzarter Anspielung auf die
Drohung des Chefs. »Also kann es Ihnen ganz egal sein. Überhaupt heiß'
ich für Sie: Fräulein Postelberg, merken Sie sich das.«

»Kinder, nicht streitet euch fortwährend!« mahnte Etelka Springer. »Sag'
mir lieber, Sonja, was wird Stanie dazu sagen, wenn er hört, daß du mit
dem Georg davon bist?«

»Der?« -- Sonja zuckte geringschätzig die Achseln. »Der soll sagen, was
er will. Wir sind endgültig fertig miteinander.«

»Bei dir ist alles Egoismus und Berechnung,« sagte Fräulein Postelberg.

»Wie kannst du das sagen?« fuhr Sonja auf. »Bitte, misch' dich nicht
immer in meine Angelegenheiten ein.«

Sie holte die Photographie ihres Freundes aus ihrer Handtasche hervor
und hielt sie dem Buchhalter vors Gesicht.

»Das ist Georg Weiner. Ist er nicht schön, Mister Brown? Ist er nicht
schön?«

»Mister Brown« war gerade mitten im Addieren und hatte keine Zeit, von
seinem Buche aufzublicken. »Wie ein Angorakatzerl,« sagte er aber auf
jeden Fall. »Siebzehn -- sechsundzwanzig -- zweiunddreißig. Wie ein
Seidenschwanz.« Er hatte von seiner langjährigen Tätigkeit in der
Seidenbranche her eine unklare Vorstellung, daß ein Seidenschwanz ein
besonders farbenschillerndes Lebewesen sein müsse.

»Im Ernst, Mister Brown,« drängte Sonja. »Sagen Sie, ist er nicht
wirklich schön?«

»Einundfünfzig -- neunundfünfzig -- vierundsechzig. Wie ein
Karpathenhirsch.«

Sonja kehrte ihm gekränkt den Rücken zu und legte die Photographie auf
ihr Schreibpult.

»Mir tut der Stanie leid,« sagte Fräulein Postelberg. »Ich weiß nicht,
fort muß ich an den Menschen denken. Wenn du mir folgst, läßt du Venedig
Venedig sein und den Weiner Weiner, und fährst zu deiner Tante nach
Budweis wie voriges Jahr.«

Sonja verzog den Mund und hielt es nicht der Mühe wert, eine Antwort zu
geben.

»Wie ein Paradeisvogel,« ließ sich von seinem Schreibpult her Mister
Brown vernehmen, der während des Addierens mechanisch nach dem richtigen
Ausdruck für Georg Weiners männliche Schönheit weitersuchte.

»Du hast's bequem. Natürlich,« fuhr Klara Postelberg fort. »Du bist
morgen schon, wer weiß wo, wenn er heraufkommt und uns eine Szene macht.
Wir können uns dann seine Vorwürfe anhören. So wie vorige Woche, wie du
mit dem Weiner ins Theater gefahren bist. Ganz außer Rand und Band war
er, wie du nicht mehr da warst. Wie ein Wilder hat er sich aufgeführt,
schade, daß du nicht dabei warst, gebrüllt hat er mit uns wie --«

»Wie ein Bär in Sibärien,« ergänzte Mister Brown, der sich noch immer in
zoologischen Vorstellungen bewegte und nicht genau wußte, wovon im
Augenblick die Rede war.

»Er hat gar keine Ursache, sich aufzuregen,« sagte Sonja gelassen. »Ich
hab' es ihm schon wiederholt gesagt, daß es zwischen mir und ihm ein für
allemal aus ist. Übrigens könnt ihr ihm ja wirklich sagen, daß ich nach
Budweis zu meiner Tante gefahren bin.«

Herr Neuhäusl legte das Taschenmesser, mit dessen Hilfe er eine wichtige
Verbesserung an dem Räderwerk seiner Taschenuhr erzielt hatte, aus der
Hand.

»Wenn Sie sich vielleicht einbilden,« sagte er zu Sonja, »daß Ihr
Verflossener nicht ganz genau weiß, was Sie vorhaben --«

»So mag er's wissen,« sagte Sonja. »Um so besser. Ich habe keine
Ursache, vor ihm Verstecken zu spielen. Wo haben Sie ihn getroffen?«

»Gestern abend hat er sich im Café Sistiana zu mir gesetzt,« sagte Herr
Neuhäusl, ließ den Deckel seiner Uhr zuschnappen und steckte sie in die
Westentasche. »Ich hab' ruhig meine Zeitung lesen wollen, konnt' aber
nicht dazukommen. Bis neun Uhr hab' ich mir ununterbrochen seinen
Liebesgram anhören müssen und ab neun Uhr seine Rachepläne. Hat mich
=sehr= interessiert,« schloß Herr Neuhäusl ironisch.

»Wie war er? War er sehr aufgeregt?« fragte Fräulein Postelberg
neugierig.

»Anfangs war er sehr aufgeregt, zum Schluß ist ihm dann eine Idee
gekommen, da hat er sich beruhigt. Von sechshundert Kronen hat er etwas
gesagt, die er sich verschaffen will, und damit wird er mit dem Fräulein
Hartmann nach Paris fahren, hat er gesagt, oder an die Riviera.«

Auf Sonja Hartmann machte diese Eröffnung keinen Eindruck, Fräulein
Postelberg hingegen geriet durch die bloße Erwähnung von »Paris« in
Ekstase.

»Sonja!« rief sie verzückt, lehnte den Kopf zurück und blickte
schwärmerisch zur Decke empor. »Paris! Die Boulevards! Der Père
Lachaise! Der Montmartre!«

»Eau de Cologne,« äffte ihr Herr Neuhäusl mit einer Grimasse nach,
»_Chapeau claque! Voilà tout!_«

Dann stand er auf und begann im Flüsterton eifrig auf den Buchhalter
einzusprechen.

»Mister Brown« schien ihm nicht zuzuhören, schrieb und rechnete
unermüdlich weiter. Erst nach ein paar Minuten legte er die Feder hin,
warf einen Blick auf die Wanduhr und schlug sich mit der Hand vor die
Stirne.

»Dreiviertel zehn ist schon? Ist das möglich?« fragte er. »Wieviel Uhr
haben Sie, Herr Neuhäusl? Wirklich schon dreiviertel zehn? Dann hab' ich
den Prokuristen von Gebrüder Goldstein schon eine Viertelstunde lang auf
mich warten lassen. -- Eine geschäftliche Besprechung, Herr Neuhäusl,
Sie können mitgehen, damit Sie lernen, wie man mit der Kundschaft
umgeht. Wenn der Chef zufällig kommen sollte, so rufen Sie mich im Café
Sistiana an, Fräulein Springer, der Kellner dort kennt mich. 17836 ist
die Nummer.«

»_All right_, Mister Brown,« sagte Etelka Springer.

»Ist Ihnen vielleicht etwas nicht recht, Fräulein Postelberg?« stellte
»Mister Brown« die Kontoristin zur Rede, die mit dem Praktikanten Josef
stumme Blicke eines vergnügten Einverständnisses gewechselt hatte.

»Aber wo denken Sie hin?« verteidigte sich Klara Postelberg. »Ich weiß
doch: _Les affaires sont les affaires._«

»Ich möchte wetten,« sagte sie, als »Mister Brown« mit Herrn Neuhäusl
das Bureau verlassen hatte, »daß er jetzt mit dem Neuhäusl Karambol
spielen geht. Immer, wenn der Chef beim Rennen ist, hat er geschäftliche
Besprechungen im Café Sistiana und ausgerechnet den Neuhäusl nimmt er
jedesmal mit.«

»Recht hat er,« sagte Etelka Springer.

Klara Postelberg setzte sich zu Sonja.

»Was hast du denn gegen den Stanie?«

»Nichts,« sagte Sonja. »Gar nichts. Ich hab' ihn nur nicht mehr gern.«

»Warum eigentlich? Und seit wann?«

»Seit wann? -- Wirklich gern hab' ich ihn eigentlich nie gehabt. Oder
nur an dem einen Tag, an dem ich ihn kennen gelernt hab'. Später hab'
ich immer nur Furcht vor ihm gehabt; er ist wild und unberechenbar, wenn
ich mit ihm unter Leuten war, hab' ich immer davor zittern müssen, daß
er mit irgend jemandem Streit beginnt.«

»Aber er ist sehr gescheit,« sagte Klara Postelberg. »Und er versteht
einfach alles. In allem kennt er sich aus. Unlängst hat er mir erklärt,
warum die Obstweiber gerade am Bauernmarkt stehen, alle, und die
Blumenweiber in der verlängerten Kärntnerstraße. Ich hab' es wieder
vergessen, aber es war interessant. Außerdem ist er doch groß und ein
hübscher Mensch, nicht wie der Georg Weiner, der --«

Sie unterbrach sich. Das Telephon hatte geläutet. Sie sprang auf und
lief ins Zimmer des Chefs, auf dessen Pult der Telephonapparat seinen
Platz hatte. Nach ein paar Augenblicken kam sie zurück.

»Sonja, du wirst verlangt.«

»Georg --?«

»Ich glaube. Ja.«

Sonja ging zum Telephon. Klara Postelberg nahm die Zeitung. Sie begann
mit der letzten Seite und las die Annoncen. Zuerst die flatterhaften,
die 'jenes entzückende Fräulein' in Weiß, Rosa oder Blau mit stammelnden
Liebesrufen zu betören suchten, sodann die ehrbaren Vorschläge
gesetzterer Herren mit etwas, mit entsprechendem oder gar mit
ansehnlichem Vermögen. Der Praktikant Josef spielte mit Hilfe zweier
Kupferkreuzer ein aufregendes Hasardspiel eigener Erfindung. Etelka
Springer schrieb eine Ansichtskarte. Nur das Knistern der Zeitung und
das Ticken der Wanduhr unterbrach die Stille.

Plötzlich warf Klara Postelberg die Zeitung weg. »Ethel, horch einmal!
Ich glaube, der Chef ist zurückgekommen.«

Die Holztreppe, die aus dem Lagerraum in das Bureau führte, knarrte
unter schweren Schritten.

Zwei Schreibmaschinen begannen wütend zu klappern. Zwei Köpfe beugten
sich über die eingespannten Briefbogen. Die Nase des Praktikanten fuhr
unruhig zwischen den Seiten eines hastig aufgeschlagenen Kopierbuches
umher.

Aber es war nicht Herr Klebinder, der Chef, der die Treppe heraufkam,
sondern Stanislaus Demba.

In der Türöffnung blieb er stehen und suchte mit blinzelnden Augen das
Zimmer ab. Lose über die Schultern gehängt trug er seinen hellbraunen
Havelock. Vorn an der Brust hielt er ihn mit den Händen zusammen.

»Ist Sonja nicht hier?« fragte er. Er sah übernächtig aus und schien vom
raschen Gehen und vom Treppensteigen ermüdet zu sein.

»Sie sind's, Herr Demba? Grüß Sie Gott!« rief Klara Postelberg. »Sonja
ist drüben im Chefzimmer. Gleich wird sie da sein.« Sie verschwieg
vorsichtig, daß Sonja eben mit Georg Weiner ein Telephongespräch führte.

»Ich werde warten,« sagte Demba.

»Dann nehmen Sie aber, bitte, gefälligst den Hut ab, Stanie. Bei uns im
Zimmer nimmt man den Hut ab,« sagte Etelka Springer.

Stanislaus Demba stand mit dem Hut auf dem Kopf breit und schwerfällig
da und blickte unruhig auf Etelka Springer. Ein Schweißtropfen glitt ihm
von der Stirne. Er wischte ihn nicht ab, sondern zuckte nur nervös mit
den Gesichtsmuskeln, als ob er ein lästiges Insekt verscheuchen wollte.
Den Hut behielt er auf dem Kopf.

»Siehst du, Claire, so macht man das,« sagte Etelka Springer und nahm
ihm mit einem raschen Griff den Hut vom Kopf. Demba zuckte zusammen,
aber er ließ es geschehen. Etelka Springer schob ihm einen Sessel zu.
»So, jetzt dürfen Sie sich setzen. Sonja wird gleich kommen.«

Stanislaus Demba starrte haßerfüllt auf Etelka Springer und dann mit
einem Ausdruck völliger Ratlosigkeit auf seinen breitrandigen Hut, den
Etelka auf den Kleiderhaken an der Wand gehängt hatte. Schließlich
zuckte er die Achseln und ließ sich auf den Stuhl nieder.

»Mir können Sie aber doch die Hand geben. Ich hab' Ihnen doch nichts
getan?« sagte Klara Postelberg.

Demba schien erst jetzt die ihm entgegengestreckte Hand zu bemerken und
wurde mit einemmal gesprächig.

»Was für reizende, kleine Hände Sie haben, Fräulein Klara. Nie im Leben
hab' ich so aristokratisch-edle Hände gesehen. Was gäb' ich für einen
einzigen Kuß auf diese Hand!«

»Aber bitte!« ermutigte ihn Fräulein Postelberg und hielt ihm auch die
andere Hand hin.

»Leider haben Sie Tintenflecke auf den Fingern. Das nimmt einem alle
Illusionen,« sagte Demba.

»Sie sind unausstehlich heute, Herr Demba.« Klara Postelberg trat
tiefgekränkt an den Waschtisch, der zwischen dem Fenster und der
Kopierpresse stand, und begann ihre Finger mit Kleesalz zu reiben.

Demba blickte nachdenklich auf ihre Hände.

»Chwoykas Seifensand!« sagte er plötzlich. »Hält rein die Hand.«

»Sie sind wirklich unausstehlich heute.«

»Heute? Immer ist er unausstehlich,« erklärte Etelka Springer. »Nicht
wahr, Stanie. Deswegen können Sie aber einer alten Freundin doch die
Hand geben. Ich hab' keine Tintenflecke auf den Fingern.«

Etelka Springer und Stanislaus Demba waren alte Bekannte. Er hatte ihrem
jüngeren Bruder gegen freien Mittagstisch Nachhilfestunden gegeben und
ihn durch die vier Klassen des Untergymnasiums gebracht. Durch Etelka
Springer hatte er Sonja kennen gelernt. Aber trotzdem wurde Etelka
Springer der Ehre eines Händedruckes nicht für würdig erachtet.

»Ihnen?« sagte Demba und verzog die Lippen. »Sie renken den Leuten die
Arme aus.«

»Sie sind ein Flegel!« sagte Etelka Springer. »Sonja hat ganz recht,
wenn sie --«. Sie brach ab.

»Was ist's mit Sonja?«

»Nichts.«

»Was ist's mit Sonja?« schrie Stanislaus Demba. Er fuhr aus seinem
Sessel in die Höhe und war kreidebleich. »Was ist's mit Sonja?«

»Schreien Sie nicht so! Nichts,« sagte Etelka Springer.

»Ich will wissen, was Sie von Sonja sagen wollten!« brüllte Demba ganz
außer sich.

»Nichts hab' ich sagen wollen. Mich lassen Sie gefälligst aus dem
Spiel.« Etelka kehrte ihm den Rücken.

Krachend fielen Stanislaus Dembas Fäuste auf die Tischplatte nieder.
Irgend etwas klirrte, als sei eine große Spiegelscheibe in Trümmer
gegangen. Der Praktikant, der in einem Winkel eingenickt war, sprang auf
und rieb sich die Augen. Klara Postelberg und Etelka Springer drehten
sich um und sahen Demba schwer atmend an den Schreibtisch gelehnt
stehen. Er war offenbar selbst erschrocken über seinen plötzlichen
Ausbruch. Seine Hände waren wieder unter dem hellbraunen Havelock
verschwunden.

»Sind Sie verrückt, Stanie?« rief Etelka Springer. »Sie haben mein
Tintenfaß zerschlagen.«

Doch das Tintenfaß stand unbeschädigt auf dem Schreibtisch. Nur ein
wenig Tinte war verspritzt und bildete zwei kleine Inseln auf der
metallenen Schreibtischplatte.

»Aber Sie müssen doch etwas zerbrochen haben. Ein Glas oder so was. Ich
hab' es doch deutlich klirren gehört!« Etelka Springer suchte vergeblich
auf dem Boden nach Glassplittern.

»Was ist's mit Sonja?« fragte Stanislaus Demba jetzt sehr ruhig.

»Da ist sie. Fragen Sie sie selbst,« sagte Etelka Springer und wies auf
Sonja Hartmann, die durch den Lärm herbeigerufen, eben ins Zimmer trat.

Stanislaus Dembas Besuch kam Sonja nicht unerwartet. Da Demba nun einmal
von ihrer beabsichtigten Reise erfahren hatte -- weiß Gott, wer ihm
davon erzählt haben mochte -- so war mit Sicherheit zu erwarten gewesen,
daß er kommen und den Versuch machen werde, Sonja zurückzuhalten. Diese
Auseinandersetzung, die ihr jetzt bevorstand, war unausbleiblich
gewesen. Sie war eine von den kleinen Widerwärtigkeiten, die überwunden
werden mußten, bevor Sonja die Reise antrat. Sie gehörte zu dieser
Reise, genau so, wie das umständliche Packen der Koffer, wie der
peinliche Bittgang zum Chef, wie die Abwehr der zudringlichen Fragen
ihrer neugierigen Wirtsleute. Sonja wohnte bei fremden Leuten, die sich
das dürftig möblierte Zimmer und die mehr als bescheidenen Mahlzeiten
teuer genug bezahlen ließen und sich zudem noch für berechtigt hielten,
eine Art Aufsicht über das Tun und Lassen der Kontoristin auszuüben.

Alle diese Unannehmlichkeiten waren nun glücklich überstanden, und so
hieß es nun, auch diese letzte Unterredung mit Stanislaus Demba über
sich ergehen zu lassen.

Sonja war bereit.

»Du bist's?« fragte sie und zwang ihr Gesicht zu einem Ausdruck
ängstlicher Verlegenheit. »Ich hab' dich doch gebeten, mich nicht mehr
im Bureau zu besuchen. Du weißt, der Chef --«

Der ärgerliche Ton in ihrer Stimme tat seine Wirkung. Stanislaus Demba
wurde verwirrt und geriet schon zu Beginn der Auseinandersetzung in die
Stellung des sich Verteidigenden.

»Bitte verzeih, wenn ich dich hier störe,« sagte er. »Aber ich habe mit
dir zu sprechen.«

»Muß das unbedingt jetzt sein?« fragte sie mit der allergleichgültigsten
Miene, die sie zustande brachte.

»Ja.«

»Wenn es unbedingt sein muß, dann bitte, nimm Platz.«

Demba setzte sich.

»Nun? Laß hören,« sagte Sonja.

Demba schwieg eine Weile. -- »Vielleicht wird es doch besser sein, wenn
die Unterredung unter vier Augen --«

»Komm, Claire,« sagte Etelka Springer. »Wir wollen nicht stören.«

»Nein, nein! Bleibt nur. Ich bitt' euch, bleibt doch. Was Herr Demba und
ich miteinander zu sprechen haben, kann jeder hören,« sagte Sonja rasch.
Sie hatte sich darauf gefreut, ihre beiden Bureaukolleginnen Zeugen der
Niederlage Dembas werden zu lassen. Aber Etelka Springer wollte nicht
bleiben.

»Nein!« sagte sie. »Es ist besser, wir lassen euch allein. Komm,
Claire!«

»_Enfin seul_,« konnte sich Klara Postelberg zu bemerken nicht
enthalten, als sie hinter Etelka Springer das Zimmer verließ. Der
Praktikant blieb in seinem Winkel bei der Kopierpresse. Er verstand nur
wenige Worte Deutsch, -- erst vor drei Wochen war er aus seinem
böhmischen Nest nach Wien gekommen -- und so war eine Indiskretion von
seiner Seite nicht zu erwarten. Außerdem war er eingeschlafen.

»Nun?« sagte Sonja, als sie allein waren.

Demba stand auf. »Wo bist du heute nacht gewesen?«

»Was geht das dich an?« fuhr Sonja ihn zornig an. »Übrigens war ich bei
meiner Tante, die ist krank und wollte nicht die Nacht über allein
bleiben.«

»Wo wohnt deine Tante? In der Liechtensteinstraße vielleicht?«

Sonja errötete. -- »Nein. In Mariahilf. Wie kommst du auf die
Liechtensteinstraße?«

»Sie fiel mir zufällig ein. Übrigens, sehr schwer krank scheint deine
Tante nicht zu sein, sonst würdest du wohl kaum mit dem Weiner auf
Reisen gehen.«

»Weht der Wind daher?«

»Jawohl. Daher.«

»Bitte, entschuldige, daß ich vergessen habe, dich um Erlaubnis zu
fragen,« sagte Sonja spöttisch.

»Du wirst nicht fahren!« rief Demba.

»Doch. Morgen früh um neun.«

»Ich will es nicht!« schrie Demba wütend.

»Aber ich will es,« sagte Sonja immer gleich ruhig.

»Ich brauche dir wohl nicht erst zu sagen, daß es dann zwischen uns für
immer zu Ende ist.«

»Und ich brauche dir wohl nicht erst zu sagen, daß es für mich schon
seit einem Vierteljahr zu Ende ist.«

»So,« sagte Demba. »Gut. Dann sind wir also fertig. Nur das eine hab'
ich dir noch zu sagen, daß du mir geschworen hast, niemals einen andern
als mich zu lieben.«

Demba hatte sich von dieser Erinnerung viel versprochen. Aber Sonja
begann zu lachen.

»Wirklich?« fragte sie.

»Ja,« sagte Demba. »Vorigen Herbst. In der Rohrerhütte. Wir gingen nach
dem Nachtmahl in den Park und da --«

»Hab' ich dir nicht vielleicht auch geschworen, daß ich niemals mehr
Hunger bekommen werde? Das hätt' ich ebensogut tun können. Ich hab'
wirklich nicht geglaubt, daß du so kindisch bist, Stanie.«

»Willst du es vielleicht abstreiten?«

»Nein,« sagte Sonja. »Aber damals war ich ein halbes Kind, mit dem du
machen konntest, was du wolltest. Und heute bin ich ein denkender
Mensch. Das ist doch sehr einfach.« Sie zuckte die Achseln. »Jetzt ist
eben alles anders.«

Demba, der geglaubt hatte, in der Erwähnung jenes Abends in der
Rohrerhütte ein unfehlbares Mittel, Sonja umzustimmen, zu besitzen,
wurde verwirrt. Auf ihren Einwand, daß »jetzt eben alles anders sei«,
war er nicht vorbereitet. Er blickte voll Ärger auf die Uhr und stampfte
mit dem Fuß.

»Ich hab' gedacht, daß ich dich in ein paar Minuten werde zur Vernunft
bringen können. Wenn ich dir nur begreiflich machen könnte, wie kostbar
heute jede Viertelstunde für mich ist. Ich hab' so viel zu tun und muß
hier durch deine Halsstarrigkeit meine Zeit verlieren.«

»Ich find' auch, daß du hier ganz unnütz deine Zeit verlierst,« sagte
Sonja.

»Da hilft aber nichts,« sagte Demba entschlossen. »Ich gehe nicht fort,
ehe nicht die Sache zwischen uns ins reine gebracht ist. Und wenn es
mein Verderben ist. Und ich glaube« -- Demba warf nochmals einen Blick
auf die Uhr und stöhnte ganz leise -- »es wird mein Verderben sein.«

Sonja wurde aufmerksam. Hatten diese Worte etwas zu bedeuten? Wollte ihr
Demba Angst einjagen? Aber womit? Es fiel ihr auf, daß Demba irgend
etwas unter dem Mantel zu verstecken schien. Welchen letzten Trumpf
hatte er da in Vorbereitung?

»Du mußt nicht glauben,« sagte jetzt Demba, »daß ich dir die Reise
mißgönne. Du wirst eben mit mir fahren. Heut nachmittag verschaffe ich
mir das Geld und besorge alles Notwendige, und morgen früh können wir
abreisen.«

»Wirklich?« spottete Sonja. »Zu lieb von dir, zu freundlich.«

»Dem Weiner wirst du abschreiben. Ich werde dir den Brief diktieren,«
sagte Demba unbeirrt.

»Jetzt hör' aber endlich auf, Unsinn zu reden. Ich hab' es satt. Das
glaubst du doch selbst nicht, daß ich mir von dir Briefe an meine
Freunde diktieren lasse. Es wird für deinen Geisteszustand am besten
sein, wenn wir uns jetzt ein paar Wochen lang nicht sehen.«

Demba wurde es langsam klar, daß er gegen Sonjas kühle, überlegene Ruhe
nicht aufzukommen vermochte. Seit einer halben Stunde mühte er sich und
kam nicht von der Stelle. Er erkannte, wie hilflos er gegen Sonjas
festen Entschluß war, wußte kein Mittel mehr, auf sie einzuwirken und
sah das Spiel verloren. Und er verlor den Kopf dazu.

Die Photographie Georg Weiners, die noch immer auf dem Schreibtisch lag,
stach ihm ins Auge. Der Anblick des glücklichen Nebenbuhlers reizte ihn
zur Wut und er begann über Georg Weiner loszuziehen.

»Diese aufgeblasene Null! Dieser Ringstraßenaff! In so einen Hohlkopf
hast du dich vergaffen können!«

Sonja wurde zum erstenmal scharf.

»Wenn du anfängst, meine Freunde zu beleidigen, dann sind wir sofort
fertig. Dein Benehmen ist mir nur wieder ein Beweis dafür, daß wir beide
nicht zueinander passen.«

»Schön,« sagte Stanislaus Demba. Seine Sache bei Sonja war ohnehin
verloren. Aber an seinem Gegner gedachte er sich zu rächen, wenn er ihn
auch nur _in effigie_ vernichten konnte.

Er wählte einen sonderbaren Umweg, um sich in den Besitz des Bildes zu
setzen. Eine Fingerspitze kam zwischen den Säumen seines Mantels zum
Vorschein, näherte sich der Photographie, zielte und schleuderte sie vom
Tisch. In der Nähe des Ofens fiel sie zu Boden. Sofort war Demba hinter
ihr her und bückte sich. Aber Sonja, die Georg Weiners Bild vor
Mißhandlungen schützen wollte, war ebenso rasch, wie Demba. Beide
haschten nach der Photographie, und in diesem Augenblick geschah es, daß
Sonja Stanislaus Dembas Hand berührte.

Sie stieß einen leichten Schrei aus und fuhr zwei Schritte zurück.

Sie hatte etwas Eiskaltes, Hartes gefühlt und den Bruchteil einer
Sekunde lang einen Blick auf ein weißblinkendes, metallisch glitzerndes
Instrument erhascht.

Sie begriff sofort. In der ersten Sekunde schon war es ihr klar:
Stanislaus Demba hielt eine Waffe unter dem Mantel verborgen. Sie hatte
nicht Zeit genug gehabt, um unterscheiden zu können, ob es ein Revolver
war, oder ein Messer, oder ein Todschläger, sie wußte nur, daß sich ihr
Leben in höchster Gefahr befand.

Blitzschnell überlegte sie. An Flucht war nicht zu denken. Demba stand
zwischen ihr und der Tür. Von dem Praktikanten war keine Hilfe zu
erwarten. Schlug sie Lärm, so erreichte sie nur, daß Demba seinen
Mordplan sofort ausführte. Sie beschloß, sich zu stellen, als hätte sie
nichts gemerkt. Und alles zu tun, was der Wahnsinnige von ihr verlangte.
Alles zu unterlassen, was ihn reizen konnte. Nur so war Rettung möglich.

Sie hatte sich hinter einen der Schreibtische geflüchtet. Jetzt richtete
sich Stanislaus Demba auf. Die Photographie lag zerrissen auf dem Boden.
Er stieß sie mit dem Fuß in einen Winkel. Dann wendete er sich Sonja zu.
Die Hände mit der Waffe waren wieder unter dem hellbraunen Havelock
verborgen.

Er bemerkte nicht, daß Sonja am ganzen Körper zitterte, und daß sie sich
mit beiden Händen an dem Schreibtisch festhalten mußte, um nicht zu
Boden zu sinken.

»So,« sagte er. »Und jetzt frag' ich dich zum letztenmal: Bleibst du
dabei, morgen mit dem Weiner fortzufahren?«

Die Frage war rein rhetorisch gemeint, denn Stanislaus Demba erwartete
keine Antwort, er hatte die Hoffnung, Sonja umzustimmen, aufgegeben.

Aber Sonja sagte leise:

»Ich weiß es noch nicht.«

Demba blickte erstaunt auf. Das klang ganz ernst und gar nicht
spöttisch, wie alles, was Sonja zuvor zur Antwort gegeben hatte. Er nahm
sich nicht die Mühe, nach einer Erklärung für diese Wandlung zu suchen.

»Du bist noch nicht entschlossen?« fragte er.

»Ich muß es mir erst überlegen.« Durch Sonjas Kopf raste ein einziger
Gedanke: Zeit gewinnen! Nur Zeit gewinnen. Er hatte eine Waffe in den
Händen, er war jähzornig, er stand kaum sechs Schritte weit von ihr --

»Was gibt es denn da lang zu überlegen, Sonja. Du wirst ihm den Laufpaß
geben. Du wirst mit mir fahren. Sag': Ja!, Sonja.«

»Vielleicht,« hauchte Sonja geängstigt. »Wenn ...« Sie stockte. Was
sollte sie nur sagen, um ihn hinzuhalten und nicht zu reizen.

»Wenn ich mir das Geld verschaffe, das wir brauchen. Nicht wahr?« Er
trat näher heran. Sie wich erschrocken zurück, aber er bemerkte es
nicht. Er war sehr zufrieden mit dem Umschwung in Sonjas Stimmung.

»Bis zum Abend habe ich mir das Geld verschafft,« sagte er. »Ich erwarte
das Honorar für den Kolportageroman, den ich ins Polnische übersetzt
habe. Außerdem kann ich in ein paar Häusern, in denen ich unterrichte,
Vorschuß bekommen. Bis zum Abend hab' ich das Geld.«

Sie hörte nicht auf das, was er sagte. Sie sah ihn starr an und dachte
nur an die Mordwaffe unter seinem Mantel. Vor zwei Minuten noch hätte
sie sie nicht beschreiben können. Jetzt aber war sie überzeugt, den
Revolver genau gesehen zu haben, den ihr die Furcht vor Augen malte:
Einen Browning, der wie ein großer Haustorschlüssel geformt war und sie
aus einer dunklen Mündung mordlustig anglotzte.

»Bis zum Abend ist das Geld beisammen,« wiederholte Demba. Er warf einen
Blick auf die Uhr. »Halb elf ist's!« rief er. »Der Teufel noch einmal.
Ich hab' viel Zeit verloren. Ich werde mich beeilen müssen.«

Jetzt wird er gehen -- dachte Sonja. -- Wenn er doch nur schon endlich
fort wäre! --

»Jetzt versprich mir also, daß du mit mir fährst, morgen,« drängte
Demba.

»Ja,« hauchte Sonja. »Vorausgesetzt, daß --« Sie suchte nach irgendeinem
Vorbehalt.

»Vorausgesetzt, daß ich das Geld habe. Natürlich,« unterbrach sie Demba.
»Du sollst nicht um deine Reise kommen. Wenn ich dir am Abend das Geld
nicht auf den Tisch lege, dann, meinetwegen, fahr' mit dem Weiner.«

Er wandte sich zum Gehen, blieb aber nochmals stehen und nickte ihr zu:

»Ich wußte, daß wir uns bald einigen würden, wenn wir erst vernünftig
über die Sache zu sprechen begonnen haben würden. Ich komm' am Abend
nach dem Bureau zu dir. Und jetzt leb' wohl. Ich muß gehen. Ich hab'
keine Zeit zu verlieren.«

Er blickte im Zimmer umher, als suche er noch etwas. Er biß sich in die
Lippen, zuckte die Achseln und ging zur Tür. Auf dem Wege stieß er in
einem plötzlichen Zornanfall einen Sessel zur Seite, der ihm im Wege
stand. Gleich darauf polterte er die Treppe hinunter.

                   *       *       *       *       *

Als Klara Postelberg und Etelka Springer ins Zimmer kamen, fanden sie
Sonja schluchzend und das Gesicht in den Händen vergraben.

»Was ist geschehen?« rief Klara Postelberg.

»Er hat auf mich schießen wollen. Er hat aus einem Revolver auf mich
schießen wollen.«

Etelka Springer schüttelte den Kopf.

»Unsinn!« sagte sie. »Dazu kenn' ich den Stanie zu gut. Der Revolver war
sicher nicht geladen, und du hast dich ins Bockshorn jagen lassen.«

»Nein!« beteuerte Sonja. »Er hat ihn gar nicht gezeigt. Die ganze Zeit
über hat er ihn unter dem Mantel versteckt gehalten. Durch einen Zufall
hab' ich ihn zu sehen bekommen.« Sie begann von neuem zu schluchzen.
»Warum habt ihr mich allein mit ihm gelassen? Ich hab' euch doch
gebeten: Bleibt da! -- Nie im Leben bin ich in solcher Gefahr gewesen.«
-- Sie zitterte noch immer an allen Gliedern.

Etelka Springer wurde nachdenklich.

»Er ist ein gewalttätiger Mensch, das ist richtig,« sagte sie. »Und sehr
leicht erregbar. Aber --« Sie unterbrach sich. »Auf jeden Fall mußt du
den Weiner benachrichtigen.«

»Er kommt erst am Abend nach Wien. Er hat mir eben telephoniert, daß er
zu seinen Eltern nach Mödling fährt.«

»Den Revolver müssen wir dem Stanie abnehmen. Im Guten oder, wenn's
nicht anders geht, mit Gewalt,« sagte Etelka Springer. »Wo ist er denn
jetzt?«

»Ich weiß nicht. Er ist fortgegangen.«

»Aber nein. Dort hängt doch noch sein Hut.«

Wahrhaftig! Stanislaus Dembas breitkrempiger Filzhut hing noch immer am
Kleiderhaken.

Ohne Hut war Demba davongerannt auf seine wütende Jagd nach Geld.




5


Oskar Miksch dehnte sich, gähnte, rieb sich die Augen und richtete sich
halb in seinem Bette auf. Wieviel Uhr es sein mochte, wußte er nicht,
sicher aber war es noch nicht spät. Er konnte nicht lange geschlafen
haben. Er war nicht von selbst erwacht. Ein Geräusch, das wie das
Klirren aufeinander schlagender Teller, Messer und Gabeln klang, hatte
ihn geweckt.

Er erinnerte sich, daß die Überbleibsel seines Frühstücks, eine
halbgeleerte Teetasse und ein angebissenes Marmeladebrot, auf dem Tisch
liegengeblieben waren und begann innerlich, aber ziemlich intensiv auf
seine Hausfrau, Frau Pomeisl, zu schimpfen, die wieder einmal die
Frühstückstasse abräumte, während er noch schlief, und dazu noch
unnötigen Lärm machte.

Als sich seine Augen an das Halbdunkel des Zimmers gewöhnt hatten, -- er
pflegte, bevor er des Morgens zu Bett ging, die Fensterladen zu
schließen, um nicht durch das Tageslicht gestört zu werden, -- erkannte
er, daß er der ehrwürdigen Matrone schweres Unrecht zugefügt hatte.
Nicht sie war es, die Mikschs gestörten Schlummer auf dem Gewissen
hatte, sondern sein sonst so stiller Zimmergenosse Stanislaus Demba.

Demba stand über den Tisch gebeugt, und Miksch sah ihn undeutlich auf
komische und gravitätische Art das Marmeladebrot verspeisen -- er hob es
mit beiden Händen in die Höhe und zum Mund, es sah aus, als ob er
feierlich eine heilige Handlung zelebrierte. Und so oft er die Hände
sinken ließ, klirrte der Teller aus irgendeinem rätselhaften Grund, und
eben dieses Geräusch hatte Miksch geweckt.

Auf dem Sessel neben der Tür saß noch eine zweite Gestalt, die sich bei
schärferem Hinschauen als Dembas hellbrauner, durch seinen eigenen
Schatten vergrößerter Havelock erwies.

Miksch wunderte sich, Demba um diese Zeit zu sehen. Sie trafen einander
sonst tagelang nicht. Miksch war Eisenbahner und kam zumeist erst gegen
neun Uhr morgens vom Dienst nach Hause; um diese Zeit hatte Demba
gewöhnlich schon die Wohnung verlassen; den Tag über ließ er sich nur
selten blicken und auch abends war er meist noch nicht zu Hause, wenn
Miksch wieder in seinen Dienst ging. Sie bewohnten das Zimmer beinahe
ein halbes Jahr lang und hatten während dieser Zeit kaum ein dutzendmal
miteinander gesprochen. Dinge von Wichtigkeit pflegten sie einander auf
zurückgelassenen Zetteln mitzuteilen. Mit Dembas Verhältnissen war
Miksch ziemlich vertraut, er wußte es genau, wenn Demba in Geldnöten
war, in Prüfungssorgen steckte, Zahnschmerzen hatte, in Liebesabenteuer
verfangen war oder mit Garderobeschwierigkeiten kämpfte. Denn der
Student hatte die Gewohnheit, seine Briefe, Bücher und Notizhefte
herumliegen zu lassen, und Frau Pomeisls Neigung, dem einen vom andern
zu erzählen, tat das übrige. Hie und da wandten sie sich mittels
Zettelpost aneinander um Aushilfe, und entliehen etwa eine alte
Frackhose, einen frischen Hemdkragen oder einen Geldbetrag bis zur Höhe
von fünf Kronen voneinander.

»Guten Morgen! Wünsch' guten Appetit!« rief Oskar Miksch den Studenten
an.

Stanislaus Demba fuhr auf und starrte eine Sekunde lang auf das Bett. Er
merkte offenbar erst jetzt, daß Miksch erwacht war. Der Teller begann
wieder zu klirren und gleich darauf verschwand Demba hinter dem Tisch,
so plötzlich, als wäre er versunken.

»Was gibt's denn, Demba? Ist Ihnen etwas zu Boden gefallen? Was suchen
Sie? Warten Sie, ich mache Licht.«

Miksch sprang aus dem Bett und trat ans Fenster, um die Fensterladen zu
öffnen. Als ein schüchterner Sonnenstrahl ins Zimmer fiel, brüllte
Demba, vom Licht wie von einem Messerstich getroffen, plötzlich auf:

»Zum Kuckuck, was fällt Ihnen ein? Lassen Sie doch die Laden
geschlossen. Ich vertrage kein Licht, ich habe Augenschmerzen.«

»Augenschmerzen?« Miksch schloß augenblicklich die Fensterladen, und es
war jetzt stockdunkel im Zimmer.

»Rasende Augenschmerzen! Ich muß doch endlich zu einem Spezialisten
gehen.« Stanislaus Demba war wieder hinter dem Tisch emporgetaucht und
schien mit einem Messer auf ein Brotlaib loszustechen, das auf dem
Tische lag.

»Zum Teufel, es geht nicht!« fluchte er. »Schneiden Sie mir doch ein
Stück Brot ab, Miksch.«

»So wird's freilich nicht gehen,« sagte Miksch. »Man nimmt das Brot in
die eine und das Messer in die andere Hand.«

»Hol Sie der Teufel!« brüllte Demba in einem Anfall ganz unerklärlicher
Wut. »Geben Sie mir keine Lehren, und schneiden Sie mir lieber ein Stück
Brot ab.«

»Es ist nur Faulheit von Ihnen,« sagte Miksch gelassen und langte über
den Tisch nach dem Brotlaib und dem Messer. »Sie lassen sich ganz gern
ein bißchen bedienen, nicht? So, da haben Sie Ihr Brot. Streichen müssen
Sie es sich selbst.«

Demba aß, und wieder benützte er beide Hände, um das Brot zum Mund zu
führen -- in dem dunklen Zimmer sah das aus, als hebe ein Schwerathlet
mühsam mit beiden Händen ein Fünfzigkilogewicht.

Mit dem Schlafen war es aus. Miksch tastete im Dunklen nach seiner Hose
und seinen Hausschuhen und begann sich anzukleiden.

»Ich esse Ihnen da eigentlich Ihr Frühstück weg,« sagte Demba.

»Aber nein! Ich bin vollständig satt.«

»Ich habe Hunger. Ich war fast verzweifelt vor Hunger. Ich habe seit
gestern mittag nichts gegessen, und heute morgens hat mir ein Hund mein
Frühstück weggeschnappt.«

»Wer? Ein Hund?«

»Ja. Ein häßlicher, braungefleckter Pinsch. Und ich mußte ruhig
zusehen.«

»Warum mußten Sie das?«

»Ich hatte im Augenblicke zufällig die Hände nicht frei. Was kümmert Sie
das übrigens? Man kommt manchmal in Situationen, in denen man seine
Hände nicht gebrauchen kann. Ich bringe Sie übrigens um Ihren Schlaf?«

»Ich bin nicht müde. Ich kann nachmittags noch ein paar Stunden
schlafen. Wir sehen uns ohnehin so selten. -- Wie kommt es, daß Sie
heute zu Hause sind? Keine Vorlesungen? Keine Lektionen?«

»Ich bin hergekommen, um mir von der Frau Pomeisl einen Mantel
auszuleihen. Meiner ist zerrissen. Sie hat die Zivilkleider von ihrem
Sohn, der eingerückt ist, zu Hause.«

»Ihr Mantel ist zerrissen?«

»Ja. Er hat ein Loch. Der Hund, wissen Sie, hat nach ihm geschnappt.«

»Sie können meinen haben. Ich brauche ihn erst am Abend. Bis dahin hat
Frau Pomeisl ihren Mantel ausgebessert.«

»Nein. Danke. Ihrer ist mir viel zu kurz.«

»Aber wir haben ja die gleiche Größe.«

»Nein. Ich danke wirklich. Ich werde die Pelerine anziehen, die der Sohn
der Frau Pomeisl zurückgelassen hat.«

»Wie Sie wollen. Was gibt's sonst Neues?«

»Neues? Nichts. Die Sonja will mit dem Georg Weiner nach Venedig
fahren.«

»Georg Weiner? Wer ist das?«

»Ein Idiot. Ein Tennistrottel. Ein Mensch, der niemals von etwas anderem
spricht, als von irgendeinem neuen Gehrock, den er sich bestellt hat.«

»Geben Sie ihm Ihren Segen.«

»Reden Sie doch keinen Unsinn! Lassen Sie sich etwa bestehlen?« rief
Demba zornig.

»Wer bestiehlt Sie denn?«

»Ist das etwa kein Diebstahl, wenn mir einer die Sonja wegnimmt?«

»Nein. Sie ist frei. Nicht an Sie gebunden. Sie kann tun, was sie will.«

»So. Sie haben einen Posten bei der Bahn. Und einen Protektor im
Ministerium. Wenn nun irgendwer Sie bei dem Sektionsrat im Ministerium,
der doch auch 'frei' ist und tun kann, was er will, verdrängen und Ihnen
Ihren Posten wegnehmen würde -- ließen Sie sich das gefallen? Ich soll
zuschauen, wie mir ein anderer die Sonja wegnimmt? Wenn ein armer Teufel
ein Stück Brot stiehlt, wird er eingesperrt, und gegen diese
Buschklepper der Liebe gibt es kein Recht?«

»Wollten Sie denn das Mädel heiraten?«

»Nein.«

»Sehen Sie! In ein paar Wochen hätten Sie sie stehen gelassen. Der
Verlust ist also nicht so groß.«

»In ein paar Wochen. Vielleicht. Aber heut bin ich noch nicht zu Ende.«

»Was heißt das: Noch nicht zu Ende? Die paar Tage oder Wochen können
doch keine Rolle spielen.«

»Aber es ist eben noch nicht zu Ende, verstehen Sie das nicht? Wie soll
ich Ihnen das begreiflich machen? -- Hören Sie: Sie essen ein
Salzstangel. Oder eine Birne. Und Sie legen das letzte Stückchen aus der
Hand, irgendwohin, und Sie suchen es und finden es nicht mehr. Dann
werden Sie den ganzen Tag Hunger danach haben. Sie können andere Dinge
essen, soviel Sie wollen, hundertmal bessere Dinge: das kleine Stückchen
Birne wird Ihnen immer fehlen. Den ganzen Tag hindurch werden Sie
unbewußt ein Verlangen in Ihrem Gaumen und in Ihrer Zunge haben nach
jener Birne, nur weil Sie das letzte Stückchen nicht gegessen haben.«

»Nun. Und?«

»So geht es mir mit Sonja Hartmann. Vielleicht hätt' ich sie in ein paar
Wochen vergessen. Es sind andere da, die viel wertvollere Menschen sind,
als Sonja Hartmann. Aber da sie gestern mit mir gebrochen hat, kann ich
heute ohne sie nicht leben. Der letzte Bissen -- verstehen Sie das
nicht? -- Miksch, Sie müssen mir Geld verschaffen.«

»Sechs Kronen können Sie sofort haben.«

»Sechs Kronen? Ich brauche zweihundert.«

»Zweihundert Kronen? Du lieber Gott, die soll ich Ihnen verschaffen?«
Miksch begann aus vollem Halse zu lachen. »Wozu brauchen Sie das Geld,
Demba?«

»Ich will mit der Sonja nach Venedig fahren.«

»Ich dachte mir's. Glauben Sie, daß es mit dem Geld allein getan wär'?
Wenn das Mädel den andern nun einmal lieber hat!«

»Wenn ich das Geld habe, fährt sie mit mir.«

»Glauben Sie das im Ernst?«

»Ich glaube nichts. Ich weiß es,« sagte Demba. »Ich war vor einer halben
Stunde bei ihr, und sie hat es mir versprochen. Soweit hab' ich sie zur
Vernunft gebracht. Mit ein bißchen Diplomatie und Menschenkenntnis geht
alles. Sie hat seit jeher einen unbezähmbaren Drang, sich die Welt
anzusehen. Sie =muß= diese Reise machen, und wer ihr dazu verhilft, das
ist ihr nebensächlich. Wenn ich mir bis heute abend das Geld verschaffe,
ist der Weiner erledigt.«

»Mit Ihrer Menschenkenntnis war es nie weit her, lieber Demba,« sagte
Miksch skeptisch.

Stanislaus Demba hörte nicht auf ihn.

»Und heute morgen hätt' ich beinahe die zweihundert Kronen gehabt, die
ich brauche. Wenn ich nur im rechten Moment zugegriffen hätte! Aber ich
habe zu lang gewartet, und seither ist mir das Zugreifen erheblich
erschwert worden. Ich könnte mich ohrfeigen, wenn --«

»Wenn?«

»Wenn ich es könnte. Auch das geht nicht mehr so leicht.« Demba lachte
kurz auf. »Genug davon! Also Sie haben kein Geld für mich. Dann muß ich
schauen, daß ich mir's wo anders beschaffe. Leben Sie wohl. -- Ja,
richtig: Die Pelerine! -- Frau Pomeisl!«

Aus dem Nebenzimmer kamen schlurfende Schritte. Die Hauswirtin steckte
den Kopf zur Tür herein.

»Haben Sie gerufen, Herr Miksch? Jessas, haben Sie's aber heut dunkel.
Man sieht ja seine eigenen Händ' nicht.«

»Frau Pomeisl!« bat Demba. »Können Sie mir für heute die Pelerine
leihen, die ihr Sohn früher immer getragen hat? In meinen Mantel hab'
ich mir ein Loch gerissen.«

»Die Pelerine von meinem Anton wollen Sie? Aber warum denn nicht. Die
wird Ihnen nur zu schlecht sein, Herr Miksch, mein Anton hat in der
letzten Zeit, bevor er zum Militär gegangen ist, gar nicht mehr auf die
Gassen gehen wollen mit der Pelerine. Warten Sie, gleich such' ich sie
Ihnen heraus.«

Frau Pomeisl verschwand im Nebenzimmer, und kam nach ein paar
Augenblicken mit der Pelerine zurück.

»So. Da ist sie schon, Herr Miksch. Ein bissel nach Naphtalin stinkt sie
halt.«

»Das macht nichts. Geben Sie sie nur her,« sagte Demba. »Ein praktisches
Ding, so eine Pelerine. Man wirft sie einfach um und knöpft sie vorn zu
und muß sich nicht erst damit plagen, die Arme in diese scheußlichen
Futterale zu zwängen, die der Teufel erfunden hat --«

»In welche Futterale?« fragte Miksch.

»In die Ärmel. Ich vertrage Ärmel nicht. Machen Sie die Fensterladen
auf, Miksch.«

»Haben Sie keine Schmerzen mehr?«

»Schmerzen? Was für Schmerzen?«

»Augenschmerzen.«

»Nein, zum Kuckuck. Halten Sie mich nicht auf mit Ihren Fragen und
öffnen Sie die Fensterläden.«

Helles Tageslicht flutete in das Zimmer.

Demba trat vor den Spiegel, der die Tür des Kleiderkastens und das
Prunkstück des dürftig möblierten Zimmers bildete. Er besah sein
Spiegelbild und nickte mit dem Kopf. Die Pelerine schien seinen Beifall
zu finden.

»Jesses, Sie sind's, Herr Demba!« rief Frau Pomeisl, die ihn erst jetzt
erkannte. »Wenn ich gewußt hätt', daß Sie zu Hause sind. Ich hab'
geglaubt, Sie sind fort. Den Moment hat Sie der Geldbriefträger
gesucht.«

»Der Geldbriefträger? Ist er fort? Sie haben ihn doch nicht fortgehen
lassen?« schrie Demba.

»Nein. Er ist hinauf in den vierten Stock gegangen. Er muß gleich
herunterkommen. Er hat einen Geldbrief für Sie.«

»Das ist gut. Dann werd' ich hinausgehen und ihn abpassen.« Stanislaus
Demba wandte sich zu Miksch und lachte. »Der Herr Weiner wäre erledigt.
Es ist das Geld von dem Schundverleger, dem ich seinen Roman ins
Polnische übersetzt habe. Einen Kolportageroman für Dienstmädchen in
vierhundert Lieferungen _à_ zwanzig Heller, in jeder Lieferung ein
Raubmord oder eine Brandstiftung oder eine Hinrichtung oder eine
Kindesunterschiebung -- er bietet jedem Geschmack etwas. Ich sollte mich
eigentlich schämen, aber Sie wissen, Miksch: _Non olet._ Und er läßt
mich nicht mal lang auf mein Geld warten. Diese Wilden sind doch bessere
Menschen.«

»Und nun kommt das Geld gerade heute. Sie haben wahrhaftig Glück,
Demba!«

»Glück? -- Verdammtes, elendes Pech habe ich!« schrie Demba. »Warum
konnte das Geld nicht gestern kommen. Lieber Gott, wenn es gestern
gekommen wäre!«

»Nun, und worin läge der Unterschied?«

»Daß ich vielleicht einen ruhigeren Tag vor mir hätte, heute -- weiter
nichts,« sagte Demba und starrte zu Boden. Dann gab er sich einen Ruck:

»Jetzt muß ich hinaus, sonst läuft mir der Geldbriefträger fort.«

Nach ein paar Minuten kam Demba zurück. Er öffnete, ohne ein Wort zu
sprechen, den Kleiderkasten, und vergrub sich zwischen alten Hosen,
Röcken und Westen. Als er wieder hervorkam, hatte er einen hochbetagten,
speckig glänzenden, an den Rändern zerfransten Schlapphut auf dem Kopf,
einen monströsen Methusalem von Hut, den Miksch vor etlichen Jahren in
den wohlverdienten Ruhestand geschickt hatte.

»Um Gottes willen! Mit diesem Hut wollen Sie doch nicht unter Menschen
gehen?« rief Miksch.

»Ich hab' keinen andern.«

»Wo haben Sie denn den Ihren?«

»Den hab' ich irgendwo liegen gelassen.«

»Wie kann man denn nur so zerstreut sein.«

»Ich war nicht zerstreut. Ich hab' ihn liegen lassen müssen.«

»Müssen? Ja, warum denn?«

Demba wurde ungeduldig.

»Fragen Sie nicht soviel. Sie können sich das nicht vorstellen? Sie
werden mich mit Ihrer verdammten Phantasiearmut noch ärgerlich machen.
Man muß Ihnen alles lang und breit erklären. Also: Es ist windig. Der
Hut fliegt mir auf das Stadtbahngeleise. Ich lauf' ihm nach und will
nach ihm greifen -- da kommt der Stadtbahnzug. -- Manchmal ist es
besser, die Hand nicht auszustrecken, wenn man nicht unter die Räder
geraten will, Miksch!«

»Sie müssen sich gleich einen neuen Hut kaufen, Demba. Jetzt haben Sie
ja Geld.«

»Nein,« sagte Demba, »ich habe kein Geld.«

»Ist der Briefträger nicht gekommen?«

»O ja,« sagte Demba.

»Oder war das Geld am Ende gar nicht für Sie bestimmt?«

»Doch. Es gehörte mir. Aber --«

Ein Wutanfall kam über Stanislaus Demba. Er stieß wie irrsinnig nach
Frau Pomeisls rotem Plüschfauteuil, und starrte dann im Zimmer umher
nach etwas, was er in Trümmer schlagen könnte. Frau Pomeisls
seidengestickter Ofenschirm, auf dem die Legende der heiligen Genoveva
dargestellt war, hatte das Unglück, Dembas Aufmerksamkeit auf sich zu
ziehen. Er erhielt einen Fußtritt, stürzte ächzend zu Boden und starb
den Märtyrertod. Das schien Herrn Demba soweit zu beruhigen, daß er in
seinem Berichte fortfahren konnte.

»Er hat mir das Geld nicht geben wollen!« tobte er. »Nur gegen
Unterschrift! Er hat mich zwingen wollen, seinen schmutzstarrenden
Tintenstift in die Hand zu nehmen, sein klebriges Buch anzufassen, und
meinen Namen auf eine schmierige Stelle darin zu setzen. Sonst könne er
mir das Geld nicht geben, hat er gesagt. Mein Geld, hören Sie, Miksch?
Mein Geld!«

»Nun, und?«

»Ich lasse mir nichts erpressen,« sagte Demba. »Ich habe nicht
unterschrieben.«




6


»Dreizehn vier sechsundfünfzig! -- Nein, Fräulein, dreizehn vier
sechsundfünfzig. Sechsundfünfzig, Fräulein! Sechsundfünfzig! Sieben mal
acht. -- Ja. -- Wer dort, bitte? Ja? -- Ich bitte, kann ich vielleicht
mit Fräulein Prokop sprechen? Prokop. Pro--kop. Steffi Prokop. Ja. Ich
werde warten.«

»Steffi? -- Ja? -- Endlich! Gott sei Dank! Eine Viertelstunde lang hab'
ich keine Verbindung bekommen. Hier Stanislaus Demba. -- Ja. -- Grüß
dich Gott. Steffi, hör' zu: Ich habe mit dir zu sprechen. Womöglich
gleich. Geht's nicht? Lieber Gott, erst mittag? Geht es nicht doch
jetzt, vielleicht läßt dich dein Chef -- nein? Herrgott, hat sich heut
alles gegen mich verschworen? Also mittag, in Gottesnamen. Sind wir dann
wenigstens allein? Ungestört? Gut. Ich werde kommen. -- Das kann ich dir
durchs Telephon nicht sagen. Ja, natürlich werd' ich dir's erzählen,
deswegen komme ich ja zu dir. Nein, durchs Telephon geht's wirklich
nicht. Es steht einer draußen und hört jedes Wort, und ist schon sehr
ungeduldig, weil er so lange warten muß. Ich läut' jetzt ab. Also um
zwölf Uhr. -- Nach zwölf. -- Gut. -- Gut. Grüß dich Gott, Steffi!«

Stanislaus Demba trat auf die Straße und ließ einen kleinen, dicken
Herrn, der ihn wütend anblickte und unverständliche Beleidigungen
murmelte, in die Telephonzelle. Als er ein paar Schritte gegangen war,
wurde er von der andern Seite der Straße angerufen.

»Grüß Sie Gott, Demba! Wohin des Wegs? Warten Sie, ich komme ein Stück
mit Ihnen.«

Demba wartete. Willy Eisner kam herüber.

Demba nickte ihm flüchtig zu.

»Was ist denn mit Ihnen? Sind Sie denn nicht mehr in Ihrer Bank, daß Sie
vormittags spazieren gehen können?« fragte er.

Willy Eisner machte einen Zug aus seiner Zigarette und blies den Rauch
von sich.

»Doch,« sagte er. »Glauben Sie, die Bank ließe mich gehen? Aber ich
komme eben von der Börse. Ich hatte dort zu tun.«

Willy Eisner flunkerte gern. Er war ein kleiner Beamter in der
Zentralbank und in der Revisionsabteilung beschäftigt. Mit dem
Börsengeschäft der Bank hatte er nichts zu tun. Er war vielmehr damit
betraut gewesen, einen Kassenboten, der einen größeren Geldbetrag bei
sich trug, auf seinem Gang zu begleiten, und hatte nach Erledigung
dieses Auftrages der Versuchung, ein bißchen über die Ringstraße zu
promenieren -- die Glacéhandschuhe in der rechten, das Stöckchen in der
linken Hand -- nicht widerstehen können. Willy Eisner fühlte sich in
seinem Bureau nicht an dem richtigen Platze. Er beneidete alle, die in
einem freien Beruf tätig und nicht an bestimmte Bureaustunden gebunden
waren. Advokaten, Künstler, Handelsagenten. Als sein Lebensideal
schwebte ihm das Dasein eines Menschen vor, der morgens gemächlich seine
Post durchsieht, dann ins Kaffeehaus geht und im bequemen Fauteuil
zurückgelehnt, die Zigarette im Mund, ein Gläschen Likör vor sich auf
dem Marmortisch, das Straßengetriebe betrachtet. Der mittags zur
Korsozeit auf dem Graben flaniert, gerade so lange, als es ihn freut,
Bekannte sieht und gesehen wird, zu Freunden mit gelangweilter Miene ein
paar Bemerkungen über die eleganten Damen macht, dann ohne Hast zu
Mittag speist und schließlich nachmittags an seinem Schreibtisch ein
paar wichtige Geschäfte erledigt. -- Willy Eisner jedoch war genötigt,
von acht bis halb eins und von zwei bis halb sechs in einem Raum, den er
mit acht Kollegen teilte, ununterbrochen Rechnungen und Ziffern zu
vergleichen und richtig befundene Posten mit einem kleinen
Bleistifthäkchen zu versehen.

Er sprach langsam und in gesuchten Wendungen, schaltete nach einzelnen
Worten eine kleine Pause ein, um sie zu voller Wirkung zu bringen und
war überzeugt, daß ihm alle Welt mit Aufmerksamkeit zuhörte, wenn er es
für gut fand, eine Äußerung zu machen.

»Ich habe meine Wohnung aufgeben müssen. Eine wirklich schöne Wohnung.
Aber sie war mir ein bißchen zu eng geworden -- ich brauchte einen Raum
für meine Bibliothek --«

»Entschuldigen Sie,« sagte Stanislaus Demba. »Sie müssen ein bißchen
schneller gehen, ich habe wenig Zeit.«

»Es tut mir leid um die Wohnung,« sagte Eisner und setzte sich in Trab.
»Ich habe angenehme Stunden in ihr verbracht. So viele nette Mädchen
haben mich dort besucht, wirklich nette Mädchen --«

»Ich gehe jetzt in die Kolingasse,« unterbrach ihn Stanislaus Demba.
»Das ist wohl nicht Ihr Weg?«

»In die Kolingasse? Da kann ich leider nur ein kleines Stückchen mit
Ihnen gehen. Ich habe zu viel zu tun in der Bank. Wirklich zu viel zu
tun. Sie müssen wissen, ich disponiere, ich repräsentiere, ich verkehre,
ich wickle Geschäfte ab -- alles.«

»So,« sagte Stanislaus Demba zerstreut.

»Gestern fragt mich der Baron Reifflingen -- kennen Sie den Reifflingen?
Ich speise manchmal mit ihm im Imperial -- gestern fragt er mich also:
Was halten Sie eigentlich von der Gleisbacher Union, haben Sie Meinung
für dieses Papier? Und ich sag' ihm, lieber Baron, Sie wissen:
Geschäftsgeheimnis! Ich habe da leider gebundene Hände, aber --«

Stanislaus Demba blieb stehen, runzelte die Stirne und blickte seinen
Begleiter an. »Was sagen Sie da? Gebundene Hände?«

»Ja. Weil nämlich --«

»So. Gebundene Hände haben Sie. Das muß unangenehm sein.«

»Wie meinen Sie das?«

»Es muß unangenehm sein,« sagte Demba mit einem hämischen Blick.
»Gebundene Hände! Ich stelle mir vor, daß die Fingerspitzen anschwellen
infolge der Blutstauung, daß man das Gefühl hat, als ob sie bersten
wollten. Dann ein Schmerz, der sich bis zur Schulter hinaufzieht --«

»Was reden Sie da?«

»Ich male mir aus, wie es Ihnen zumute sein muß, wenn Sie mit gebundenen
Händen herumlaufen.«

»Aber ich wollte nur sagen: Mit gebundenen Händen, insoferne ich nämlich
das Interesse der Bank ...«

»Genug!« schrie Demba. »Warum reden Sie von Dingen, von denen Sie nichts
wissen, bei denen Sie nichts denken und nichts fühlen. Die Worte, die
Sie sprechen, kommen tot zur Welt und stinken, kaum daß sie aus Ihrem
Mund sind, schon wie Aas.«

»Was fällt Ihnen ein, so einen Krawall zu machen! Mitten auf der Straße.
Ich hab' ihm ja schließlich die Auskunft gegeben. Ich hab' ihm gesagt:
Wissen Sie, Baron, ich will Ihnen ja nicht abraten, ich habe selbst
gekauft, aber es war eben ein Sprung ins Ungewisse. Wenn ich --«

»Was sagen Sie? Ein Sprung ins Ungewisse? Sehr gut! Ausgezeichnet.
Sicher sind Sie schon einmal gesprungen. Ins Ungewisse. Nicht?«
Stanislaus Demba suchte mit Anstrengung einen seiner Wutanfälle zu
unterdrücken und zwang sich, ganz ruhig zu sprechen. »Nicht wahr, man
blickt hinunter und hat anfangs gar keine Angst, man denkt sich: es muß
sein. Angst bekommt man erst -- furchtbare Angst! -- in der Sekunde, in
der man den Halt verliert und zu fallen beginnt. Erst dann, in dieser
Sekunde. Man sieht alles, was rings um einen vorgeht, doppelt deutlich.
Man spürt seine Schweißtropfen auf der Stirn. Und dann -- nun, was
geschieht dann? Nun?«

»Ich weiß nicht, was Sie von mir wollen,« sagte Willy Eisner verwundert.

»He?« schrie Stanislaus Demba. »Sie wissen nicht --? Wie können Sie sich
dann unterstehen zu sagen: Sprung ins Ungewisse. Ich, wenn ich das sage,
bekomme kalten Schweiß auf der Stirne und die Knie zittern mir. Aber
Sie, Sie sagen das sicher bei jeder Gelegenheit so leicht hin und fühlen
nichts dabei.«

»Jeder Mensch ist eben anders, lieber Demba,« sagte Willy Eisner. »Es
können nicht alle Ihre Phantasie haben. Ich wieder --«

»Sie haben gebundene Hände, ich weiß. Bei Ihnen verreckt alles, was
einem andern einmal blutiges Erlebnis war, zu einer blechernen
Redensart. Aber versuchen Sie doch einmal sich vorzustellen, wie das
ist: gebundene Hände. Mir hat einmal geträumt, daß ich einen
widerwärtigen Dummkopf mitten in seine glatte Visage hinein schlagen
müsse, und es ging nicht! Ich hatte gebundene Hände, wirklich gebundene
Hände, nicht durch ein Geschäftsgeheimnis gebunden, sondern mit Ketten
an den Knöcheln, eine Hand an die andere gebunden --«

»Haben Sie immer so lebhafte Träume?« fragte Eisner, dem unbehaglich
zumute wurde. »Ich muß mich jetzt verabschieden. Die Arbeit wartet. Grüß
Sie der Himmel.«

»Was ist das?« sagte Demba und beugte sich über Willy Eisners
ausgestreckte Hand.

»Ich wollte Ihnen die Hand geben, trotz Ihres, ich muß schon sagen,
eigentümlichen Benehmens, das Sie da mitten auf der Straße -- Aber es
scheint, daß Sie --« Er zuckte die Schultern und wandte sich zum Gehen.

»Sehr gut,« sagte Demba. »Sagen Sie mal, Verehrtester, wie kann man
jemandem die Hand geben, wenn man gebundene Hände hat! Möchten Sie mir
das nicht sagen?«




7


Zwischen halb zwölf und zwölf Uhr mittags, wenn die Essensstunde
heranrückte, war es meist sehr still im Café Hibernia gegenüber der
Börse. Das Heer der Handelsagenten, Firmenchefs und Börsenbesucher, die
in den Vormittagsstunden das Lokal mit lärmendem Treiben erfüllten, die
hier ihr Gabelfrühstück nahmen, ihre Geschäfte abwickelten, Konjunkturen
erörterten, ihre Korrespondenz erledigten, und dazwischen hindurch die
Zeitungen studierten, durchblätterten, oder wenigstens durch
Herausreißen des Kurszettels entmannten, hatte sich nach allen
Richtungen verlaufen. Das Nachmittagsgeschäft des Kaffeehauses, der
Aufmarsch der Domino-, Billard-, Tarock- und Schachspieler begann erst
nach ein Uhr. Der Kellner Franz, dem für diese Stunde auch das Ressort
des Zahlmarkörs übertragen war -- der »Ober« war beim Mittagessen --,
lehnte an einem Billardtisch, blinzelte schläfrig mit den Augen und
kiebitzte den beiden einzigen Gästen, zwei Geschäftsreisenden, die ihre
Strohmannpartie noch nicht beendet hatten. Das Fräulein an der Kasse
pickte die Brösel einer angeschnittenen Linzertorte vom Teller auf.

Stanislaus Demba trat ein. Er behielt den Hut auf dem Kopf, aber das
fiel in dem mitten im Geschäftsviertel gelegenen Kaffeehaus, in das die
Gäste oft nur auf ein paar Minuten eintraten, und in dem jeder Eile
hatte oder doch wenigstens merken lassen wollte, nicht weiter auf.

Demba blickte sich um, musterte das Gelände mit den Augen eines
Feldherrn, verwarf einen Tisch in der Nähe der Kasse als für seine
Zwecke ungeeignet, lehnte den Vorschlag des Kellners, der ihn mit
einladender Handbewegung pantomimisch auf eine Reihe vorzüglicher
Sitzgelegenheiten aufmerksam machte, wortlos ab, und entschied sich
schließlich für einen Tisch in einem Winkel des Lokals zwischen zwei
Kleiderständern.

Der Kellner kam mit einem Bückling heran.

»Befehlen der Herr?«

»Ich möchte etwas essen,« sagte Stanislaus Demba. »Was haben Sie?«

»Portion Salami vielleicht. Schönes, kaltes Rostbeaf wär' da!«

Stanislaus Demba schien zu überlegen.

»Ham and eggs, wenn etwas Warmes nehmen wollen,« empfahl Franz in der
höflichen Art Wiener Kellner, die sich lieber die Zunge abbeißen würden,
als daß sie es übers Herz brächten, den Gast wie irgendeinen
gewöhnlichen Sterblichen mit »Sie« anzusprechen.

»Ham and eggs, Portion Salami, Portion Rostbeaf, zwei Eier im Glas --,«
rekapitulierte er nochmals.

»Bringen Sie mir,« entschied sich Demba nach längerem Nachdenken,
»bringen Sie mir Lehmanns Wohnungsanzeiger.«

»Ersten, zweiten Band, bitte?« fragte der Kellner, der eine Bestellung
von größerem Nährwert erwartet hatte, verblüfft.

»Beide Bände.«

Der Kellner holte die dicken Bände aus dem Bücherkasten, legte sie auf
den Tisch und wartete auf den nächsten Auftrag.

Der ließ nicht lang auf sich warten.

»Haben Sie ein Lexikon?«

»Wie, bitte?«

»Ein Konversationslexikon.«

»Jawohl. Den kleinen Brockhaus.«

»Also bringen Sie mir den kleinen Brockhaus.«

»Welchen Band belieben?«

»A bis K,« befahl Demba.

Der Kellner brachte drei Bände.

»Eigentlich brauche ich auch die Buchstaben: N, R und V. Bringen Sie mir
die übrigen Bände auch,« sagte Demba.

Der Kellner schleppte die fünf Bände herbei, der ganze kleine Brockhaus
lag auf Dembas Tisch.

»Ist das das ganze? Fehlt kein Buchstabe?« fragte Demba.

»Nein. Nur noch ein Supplementband ist im Kasten.«

»Warum bringen Sie mir ihn nicht?« rief Demba ungeduldig. »Ich benötige
die Ergebnisse der neuesten wissenschaftlichen Forschung zu meinen
Untersuchungen.«

Der Kellner brachte den Supplementband und zog sich dann ehrfurchtsvoll
zurück. Er trat an den Tisch zu den beiden Kartenspielern, legte die
Hand an den Mund und flüsterte geheimnisvoll:

»Ein Herr von der Zeitung! Schreibt hier seinen Artikel.«

»Kellner!« rief in diesem Augenblick Stanislaus Demba.

»Befehlen der Herr?«

»Haben Sie vielleicht das Handbuch für Ingenieure?«

»Leider nicht dienen --«

»Dann bringen Sie mir den Armeeschematismus und das Jahrbuch für Heer
und Flotte und was Sie sonst von militärischen Handbüchern haben.«

Der eine der beiden Reisenden legte die Karten hin.

»Gegen die hohen Militärs geht's,« sagte er mit einem Blick auf Demba.
»Haben Sie gehört? Den Armeeschematismus! Ist schon recht, soll er's
ihnen nur geben! Wer spielt aus?«

»Wer sagt Ihnen, daß er =gegen= die Militärs ist? Genau so gut kann er
=für= die Militärs schreiben. Vielleicht haben wir dem Herrn Redakteur
zu wenig Dreadnoughts,« sagte der Spielpartner.

»Haben Sie auch den Gothaischen Almanach?« forschte inzwischen Demba den
Kellner aus.

»Jawohl.«

»Den bringen Sie mir auch.«

»Was der alles braucht zu seinem Artikel,« sagte der Reisende. »Und da
hört man immer: Die Journalisten sind nicht gründlich.«

»Den Gotha,« sagte der andere. »Der schreibt etwas gegen den Minister
des Äußeren. Der ist ja ein Graf von und zu.«

»Es kann auch sein, er zielt auf den Kriegsminister. Der ist auch ein
Freiherr von.«

Der Kellner legte den Gothaischen Hofkalender und das gräfliche
Taschenbuch auf Dembas Tisch.

»Das sind doch nicht alle Bände!« fuhr ihn Demba an. »Bringen Sie mir
die anderen Bände auch. Oder soll ich es vielleicht auswendig im Kopf
haben, ob der Reichsfreiherr Christoph Heribert Apollinaris von
Reifflingen aus der älteren Sebastianischen oder aus der jüngeren
Cyprianischen Linie stammt?«

Dem Kellner begann es im Kopf zu wirbeln. Er brachte das Taschenbuch der
freiherrlichen, der uradeligen und der briefadeligen Häuser und dazu ein
Jahrbuch des Vereins ehemaliger Börsebesucher, das ihm mit unter die
Hände gekommen war.

Alle Wissenschaft und Gelehrsamkeit der Welt hatte sich auf Stanislaus
Dembas Tisch zu einer hohen Bastei gehäuft, hinter der der Student
völlig verschwunden war. Nur sein speckig glänzender Hut allein war noch
sichtbar. Aber Herrn Demba schienen alle diese Behelfe noch immer nicht
zu genügen. Er ließ sich auch den Niederösterreichischen Landeskalender,
den Wiener Kommunalkalender und das Hof- und Staatshandbuch der
österreichisch-ungarischen Monarchie bringen, und von den beiden
erstgenannten Werken auch noch den vorletzten Jahrgang.

»Kellner,« rief er, als er das alles hatte. »Was steht dort für ein Buch
im Kasten. Dort, das große, schwarze?«

»Das Fremdwörterlexikon, bitte.«

»Bringen Sie mir das doch sofort! Das brauch' ich sehr notwendig. Ich
muß unbedingt nachschlagen, wie man Leptoprosopie am besten ins Deutsche
übersetzt. Leptoprosopie! Oder können Sie mir das vielleicht sagen?«

»Leider nicht mehr dienen,« stotterte der Kellner, dem ganz wirr im Kopf
geworden war.

Jetzt schien Demba endlich alle Bücher zu haben, die er zu seiner Arbeit
benötigte. Die beiden Reisenden begannen weiter zu spielen; der Kellner
trat an ihren Tisch und sah zu.

»Kellner!« brüllte Stanislaus Demba von neuem, so laut, daß das Fräulein
in der Kasse das Stück Linzertorte, das sie in der Hand hielt, fallen
ließ. »Kell--ner!«

»Sofort, bitte!« rief der Kellner und warf einen Blick in den
Bücherkasten; aber der war leer. Daher nahm er das befleckte gläserne
Tintenfaß und die Pappschachtel, in der das Schreibpapier verwahrt war,
vom Büfett, denn er glaubte den nächsten Wunsch des Gastes erraten zu
können.

»Kellner! Wo bleiben Sie!« rief Demba.

»Bin schon da. Befehlen Tinte, Feder und Papier?«

»Nein,« sagte Demba. »Bringen Sie mir eine Portion Salami, zwei Eier im
Glas, Brot und eine Flasche Bier.«

Der Kellner brachte das Verlangte, und eine Weile hindurch sah man von
Stanislaus Demba nichts weiter, als den Hut, der sich im Rhythmus des
Kauens auf und ab bewegte, und hinter dem Bücherwall bald sichtbar
wurde, bald verschwand.

Einer der Reisenden hatte Zahnschmerzen und befahl dem Kellner
nachzusehen, ob die Kaffeehausfenster alle geschlossen seien. Als Franz
diesen Auftrag ausgeführt hatte, hielt er es für seine Pflicht, Herrn
Demba beim Speisen ein wenig Gesellschaft zu leisten und ihn zu
unterhalten.

»Manche Herrschaften sind so heikel, vertragen kein Lüfterl,« begann er
das Gespräch und deutete auf den Reisenden.

Stanislaus Demba hatte sofort zu essen aufgehört, als der Kellner in
seine Nähe kam. Er ließ Messer und Gabel klirrend auf die Tischplatte
fallen, hob den Kopf und starrte den Kellner durch zwei Brillengläser
über den Lexikonband Löffelhuhn -- Nebenniere hinweg wütend an.

»Was wollen Sie?«

»Mußte leider die Fenster schließen, weil der Herr dort --«

Der Kellner kam nicht weiter.

»Machen Sie sie zu oder lassen Sie sie offen, was geht das mich an!«
brüllte Demba. »Aber stören Sie mich nicht beim Essen!«

Franz verschwand eiligst hinter dem Büfett und kam erst wieder hervor,
als Stanislaus Demba »Zahlen!« rief.

»Bitte sehr, was haben gehabt? Portion Salami, zwei Eier im Glas, eine
Flasche Bier, -- Brote? Zwei? Drei?«

Demba saß eigentümlich steif auf seinem Sessel.

»Drei Brote.«

»Eine Krone achtzig, zwei sechzig, drei sechsunddreißig, drei Kronen
zweiundvierzig, bitte --.«

Demba wies mit den Augen auf die Tischplatte. Dort lagen drei Kronen und
ein paar Nickelmünzen.

Dann erhob er sich und ging zur Tür. Ehe er auf die Straße trat, wandte
er den Kopf und sagte mit verdrießlicher Miene zum Kellner:

»Ich habe hier eigentlich meine große Dissertation über den Stand des
menschlichen Wissens am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts schreiben
wollen. Aber es war mir doch ein bißchen zu viel Lärm in dem Lokal.«




8


Als Steffi Prokop nach Hause kam, fand sie Stanislaus Demba schon im
Wohnzimmer ungeduldig wartend.

»Grüß dich Gott!« sagte sie. »Bist du schon lange hier?«

»Seit zwölf Uhr wart' ich,« sagte Demba.

»Ich kann nichts dafür, daß ich mich verspätet habe. Man läßt mich nicht
eine Minute vor zwölf Uhr aus dem Bureau. Und dann dauert es noch zehn
Minuten, ehe ich die Farbbandflecken von den Händen 'runter bekomm'.
Jetzt hab' ich aber Zeit bis fast drei Uhr.«

Sie legte eilig Hut und Jacke ab, auch den grauen Schleier, den sie
immer umnahm, wenn sie auf die Straße ging. Dann band sie sich die
Schürze vor und nahm Dembas Hut vom Tisch.

»Nun? Willst du nicht ablegen?« fragte sie. -- Demba hatte seine
Pelerine umbehalten.

Demba schüttelte den Kopf.

»Nein! Laß mir den Mantel! Mir ist kalt.«

»Kalt ist dir? Aber geh'. Heut ist doch nicht kalt. Heut kann man schon
wieder im Freien sitzen.«

»Mich friert,« sagte Demba. »Ich bin krank. Ich glaube, ich habe
Fieber.«

»Armer Stanie!« sagte Steffi in jenem mitleidig klagenden Ton, in dem
man Kinder bedauert und tröstet, die beim Spielen gefallen sind und sich
»weh getan« haben. »Armer Stanie. Ist krank, hat Fieber. Armer Stanie.«
Dann änderte sie den Ton und fragte: »Du ißt doch mit uns?«

Demba schüttelte den Kopf.

Sie öffnete die Tür und rief ins Nebenzimmer:

»Mutter, der Herr Demba ißt mit uns!«

»Nein!« rief Demba lebhaft und beinahe aufgeregt. »Was fällt dir denn
ein?«

»Dukatenbuchteln haben wir heut,« sagte Steffi Prokop aufmunternd.

»Nein, ich danke. Ich kann nicht,« sagte Demba.

»Also, du mußt wirklich krank sein, jetzt erst glaub' ich's, Stanie,«
sagte Steffi lachend. »Sonst bist du doch immer bei Appetit. Wart', ich
werd' gleich mal nachschauen.«

Sie griff unter die Pelerine nach Dembas Hand, um ihm den Puls zu
fühlen. Sie fand die Hand jedoch nicht gleich, und erhielt im nächsten
Augenblick einen Stoß, daß sie zwei Schritte zurücktaumelte und sich an
der Kommode festhalten mußte, um nicht zu fallen.

Demba war aufgesprungen und stand, weiß wie die Wand und ganz außer sich
vor ihr.

»Woher weißt du --?« zischte er mit einem feindseligen Blick auf Steffi.
»Wer hat dir verraten, daß --?«

»Was denn? Warum hast du mich gestoßen? Was ist dir denn, Stanie?«

Demba sah das Mädchen mit unsicherem Blick an, atmete schwer und sprach
kein Wort.

»Ich hab' deinen Puls fühlen wollen,« sagte Steffi Prokop kläglich.

»Was?«

»Deinen Puls hab' ich fühlen wollen. Und du stößt mich!«

»So, den Puls.« Stanislaus Demba setzte sich langsam. »Dann ist's gut.
Ich dachte --«

»Was denn? Was dachtest du?«

»Nichts. -- Du siehst ja, daß ich krank bin.« Demba starrte schweigend
auf die Tischplatte. Aus dem Nebenzimmern kam das Klirren von Tellern
und Löffeln. Steffis Mutter deckte den Tisch zum Mittagessen.

Steffi Prokop legte ihren schmalen Kinderarm leicht auf Dembas Schulter.

»Was fehlt dir, Stanie? Sag' mir's.«

»Nichts, Steffi. Nichts Ernstes, wenigstens. Morgen ist's vorüber -- so
oder so.«

»Sag' mir's. Mir kannst du's sagen.«

»Es ist nichts. Wirklich.«

»Aber du wolltest mir doch etwas erzählen. Etwas Wichtiges, das du mir
durchs Telephon nicht sagen konntest.«

»Das ist längst nicht mehr wichtig.«

»Was war es denn, Stanie?«

»Ach nichts. -- Daß ich morgen früh fortfahre.«

»So? Wohin denn?«

»Das weiß ich noch nicht. Wohin Sonja will. Ins Gebirge vielleicht oder
nach Venedig.«

»Mit der Sonja Hartmann fährst du?«

»Ja.«

»Auf lange?«

»Solange Sonja Zeit hat. Ich denke, auf zwei Wochen oder auf drei.«

»Seid ihr denn wieder gut? Ihr hattet euch ja gestritten?«

»Es ist alles wieder gut.«

»Drei Wochen. Da hast du sicher das Geld für den lustigen Roman
bekommen, den du ins Polnische übersetzt hast. Weißt du, den Roman, in
dem gestanden ist: 'Ihre Tochter, Frau Gräfin, hat höchstens noch sechs
Stunden zu leben, vielleicht sogar noch weniger.' Ich hab' damals so
lachen müssen. -- Hat man dir endlich das Geld geschickt? Nun? -- Gib
doch Antwort! An was hast du jetzt gedacht, Stanie?«

Demba blickte zerstreut auf.

»Wo warst du mit deinen Gedanken? Schon in Venedig?« fragte Steffi.

»Nein. Bei dir.«

»Geh, lüg' mich nicht so an. Ich weiß ganz gut, daß du dir nichts aus
mir machst. Ich bin dir zu jung und zu dumm und zu --« Steffi Prokop
warf einen Blick in den Spiegel. Ihre rechte Wange war eine einzige
tiefrote Feuernarbe. Vor Jahren, als sie noch ein Kind war, hatte ihre
Mutter einmal nach der Gewohnheit vieler Wiener Frauen Benzin auf die
Kohlen im Herd geschüttet, um das Feuer anzufachen. Das Kind hatte sie
hierbei auf dem Arm gehabt, und als das Feuer ihre Kleider ergriff,
hatte auch Steffi ihr Andenken fürs Leben davongetragen. Das Feuermal
entstellte sie, das wußte sie genau. Niemals ging sie ohne Schleier auf
die Gasse.

»Und jetzt will ich wissen, was dir fehlt. Starr nicht so in die Luft.«

»Nichts fehlt mir, Kind. Und jetzt muß ich wieder gehen. Ich wollt nur
schauen, wie es dir geht.«

»Geh! Geh! Geh!« sagte Steffi Prokop ärgerlich. »Schau'n, wie mir's
geht! wie wenn dich das interessieren würde! Und überhaupt, sag' mir
nicht immer: 'Kind'. Ich bin sechzehn Jahre alt. Mir kannst du alles
erzählen. Ich weiß, dich drückt etwas. O, ich kenn' dich, Stanie, kein
Mensch kennt dich so gut, wie ich. Wenn's dir schlecht geht, kommst du
zu mir und starrst in die Luft. Wenn dir elend zumut ist, wenn du wütend
bist, wenn du Ärger gehabt hast, kommst du immer zu mir. Wie dir die
Sonja den Brief geschrieben hat, bist du zu mir gekommen. Früher, wie du
noch bei uns gewohnt hast, bist du auch zu mir gekommen, wenn dir in
deinem Kabinett zu kalt war. Hieher in das Zimmer hier, da war immer
geheizt. Und bist auf und ab gegangen und hast studiert oder aus den
alten Griechen deklamiert, _Integer vitae ..._ -- wie geht's weiter?«

»_Integer vitae scelerisque purus --_«, sagte Demba halb in Gedanken.

»Ja -- _lerisque purus_. So heißt's. Und ich bin im Winkel gesessen und
hab' meine Schulaufgaben gemacht, Buchhaltung, Rechnen, Warenkunde --
Wovon träumst du, Stanie? Du hörst mir gar nicht zu. Warum starrst du so
auf den Tisch? Wovon träumst du, sag?'«

»Ja. Vielleicht träume ich,« sagte Demba leise. »Sicher ist alles nur
ein Traum. Ich liege zerschlagen und zerfetzt irgendwo in einem
Spitalbett, und du und deine Stimme und das Zimmer da, ihr seid nur ein
Fiebertraum der letzten Minuten.«

»Stanie! Was ist das? Was redest du da?«

»Vielleicht trägt mich in diesem Augenblick ein Rettungswagen durch die
Straßen oder vielleicht lieg' ich noch immer in dem Garten unter dem
Nußbaum auf der Erde und hab' das Rückgrat gebrochen und kann nicht
aufstehen und hab' die letzten Gesichte und Visionen --«

»Stanie, um Gotteswillen, willst du mir Angst machen? Was ist
geschehen?«

»_Integer vitae scelerisque purus --_«, sagte Demba leise.

»Ich hab' Angst!« klagte Steffi. »Was ist geschehen? Jetzt mußt du mir's
sagen!«

»Sei still! Es kommt jemand,« sagte Demba rasch.

Frau Prokop steckte den Kopf durch die Türspalte.

»Stör' ich?« fragte sie scherzend. Wie geht's, Herr Demba? Gut immer,
nicht? Steffi, ich wollt' dir nur sagen, die Suppe wird kalt. Herr
Demba, essen Sie nicht einen Löffel mit uns?

»Ich danke, gnädige Frau, ich bin schon nach dem Essen.«

»Mutter!« sagte Steffi. »Geh, heb' mir das Essen auf. Ich komm' dann
hinein. Herr Demba und ich haben noch etwas zu besprechen.«

»Und jetzt sprich!« sagte Steffi, als Frau Prokop draußen und die Tür
verschlossen war. »Ich hab' nicht mehr viel Zeit. In einer Stunde muß
ich wieder ins Bureau.«

Demba lachte verlegen auf.

»Ich weiß nicht, was da vorhin über mich gekommen ist. Heute vormittag
war ich zwar auch nicht in bester Stimmung, aber ich habe doch nicht
einen Augenblick lang den Kopf hängen lassen und den Mut verloren,
obwohl mir so ziemlich alles fehlgeschlagen ist, was ich angepackt hab'.
'Angepackt' ist übrigens sehr gut.« -- Demba stieß ein kurzes, heiseres
Lachen hervor. -- »Manchmal ist die Sprache geradezu witzig. 'Angepackt'
ist nämlich wirklich nicht ganz das richtige Wort. Also sagen wir:
Angerührt --, nein, in die Hand genommen -- auch nicht! Zum Kuckuck,
alles was ich unternommen habe -- so ist's richtig! Also alles, was ich
unternommen habe, ist mir durch die Finger geglitten -- hätt' ich jetzt
wieder beinahe gesagt! Meine eigene Zunge hält mich zum Narren. Alles,
was ich angepackt habe, ist mir durch die Finger geglitten.
Ausgezeichnet. Wirklich, ausgezeichnet! Galgenhumor der Sprache. Aber es
war doch nicht so, sondern ich wollte sagen: Alles, was ich unternommen
habe, heut vormittag, ist mir mißglückt.«

»Ich verstehe dich nicht, Stanie.«

»Das ist doch sehr einfach. Alles ist mir heut fehlgeschlagen. Aber ich
hab' doch nicht den Mut verloren, das wollt' ich nur sagen. Nur vorhin
ist's über mich gekommen. Ich war beinahe sentimental. Nicht wahr? Ich
will dir gestehen: Ich bin nahe daran gewesen, den Kopf in deinen Schoß
zu legen und zu weinen. So elend war mir zumut. Und eigentlich ohne
Grund. Wirklich. So tragisch ist nämlich die ganze Sache nicht.«

Er sah dem Mädchen unsicher ins Gesicht, hustete ein paarmal verlegen
und fuhr dann fort:

»Du bist der einzige Mensch, Steffi, zu dem ich Vertrauen hab'. Du bist
klug und mutig und verschwiegen. Du wirst mir helfen. Vorhin war ich ein
bißchen merkwürdig, nicht wahr? Aber das war nur ein Schwächeanfall, und
jetzt ist's vorüber. Du darfst nicht glauben, daß ich mir auch nur
soviel aus der ganzen Sache mache.«

»Also sag' doch endlich, was geschehen ist, Stanie,« bat das geängstigte
Mädchen.

Demba atmete schwer auf.

»Ich bin nämlich --. Also kurz und gut: Die Polizei ist hinter mir her.«

»Die Polizei!« -- Steffi Prokop sprang auf.

»Schrei doch nicht! Du alarmierst das ganze Haus,« mahnte Demba.

Sie beherrschte sich und zwang ihre Stimme in ein leises, gehauchtes
Flüstern.

»Was hast du getan?«

»Ein Verbrechen, Kind,« sagte Stanislaus Demba in gleichgültigem Ton.
»Das kann ich nicht leugnen. Aber ich bring's nicht fertig, mich zu
schämen. Ich kann ganz ruhig davon sprechen. Mein Verstand und meine
Logik billigen es. Nur die Polizei ist halt dagegen.«

»Ein Verbrechen.«

»Ja, mein Kind. Ich habe drei Bücher aus der Universitätsbibliothek
einem Antiquitätenhändler verkauft. Das heißt, verkauft hab' ich nur
zwei. Das dritte hab' ich heute morgen umsonst hergegeben. Schau mich
doch nicht so entgeistert an. Jetzt verachtest du mich natürlich. Da hat
es keinen Sinn, wenn ich weiter erzähle.«

»Warum hast du das getan, Stanie!«

»Lieber Gott! Warum! Ich habe eine Studie über die Idyllen des
Calpurnius Siculus und seine _Hapax legomena_ geschrieben. Eine Arbeit
über ein paar agrarische Fachausdrücke, die dieser Calpurnius Siculus
verwendet, deren Bedeutung strittig ist und die in der übrigen römischen
Literatur nicht vorkommen. Dazu hab' ich gewisse Quellenwerke gebraucht.
Ich bekam einiges aus der Universitätsbibliothek. Aber drei alte,
wertvolle Drucke wollte mir der Kustos nicht nach Hause geben. Ich
brauchte sie aber, und so trug ich sie einfach unter dem Mantel fort.«

»Und jetzt ist die Polizei --«

»Deswegen? Ach Gott, nein. Das ist jetzt über ein Jahr her. Und kein
Hahn hat in der Universitätsbibliothek nach den Büchern gekräht.
Vielleicht, wenn sie wieder jemand verlangen würde, dann vielleicht
würde man ihr Fehlen bemerken. Aber ich war seit einem Jahrzehnt der
erste, der sie gebraucht hat, das hat mir damals ein Bibliotheksbeamter
gesagt. Also diese drei Bücher habe ich fortgetragen. Meine Arbeit ist
nach drei Monaten fertig geworden. Ich hab' sie in einer großen
Fachzeitschrift veröffentlicht. Sie hat ziemlich viel Beachtung
gefunden. Eine große Diskussion hat sich über ein Wort, für das ich eine
neue Deutung gegeben habe, entsponnen. Ich bin gelobt und bin
angegriffen worden. Ich habe viel Zuschriften bekommen. Professor Haase
in Erlangen und Professor Mayer in Graz haben meine Auffassung
verteidigt und der berühmte Riemenschmidt in Göttingen hat meine
Untersuchung scharfsinnig genannt. Um ehrlich zu sein: Es war nicht
eigentlich Scharfsinn, der mich das Richtige finden ließ. Es hat sich um
Ausdrücke aus der antiken Bauernsprache gehandelt. Aber meine Eltern und
Ureltern sind eben Bauern gewesen und ich bin hellsichtig in solchen
Dingen.

»Bezahlt wurde mir die Arbeit so, daß Kosten für Tinte, Feder und Papier
gedeckt waren, und vielleicht ein paar von den Zigaretten, die ich
während des Schreibens geraucht habe. Der Dienstbotenroman, den ich
übersetzt habe, trägt mir genau das Zwölffache. Dafür hab' ich die
Bücher behalten. Wem hab' ich sie weggenommen? Sie wären nutzlos und
verstaubt in einem dunklen Winkel der Universitätsbibliothek gelegen und
nur der Katalog hätte von ihnen gewußt.«

»Aber die Polizei, Stanie! Die Polizei!« klagte Steffi Prokop
verzweifelt.

»Ach Gott, die Polizei! Wenn's nichts anderes wäre, die macht mir keine
Sorge, derentwegen wär' ich nicht zu dir gekommen. Nein. Das ist es
nicht. So einfach liegen die Dinge nicht. Ich will dir alles erzählen.
Jetzt geht's viel leichter. Hör' zu.«

Aber er sprach nicht weiter, sondern trat ans Fenster, blickte hinaus
und pfiff leise vor sich hin.

»Nun?« fragte Steffi Prokop.

Er drehte sich um.

»Ja. Also wo war ich stehen geblieben. Die drei Bücher, richtig. Die
beiden ersten hab' ich vor einem halben Jahr verkauft. Ich hatte
Schulden. Ich trug sie in die Antiquitätenläden in der Johannesgasse und
in der Weihburggasse. Aber dort wollte man mir nichts dafür geben. Die
Leute verstehen nichts. In alten Drucken legen sie ungern ihr Geld an.
Einer von ihnen wollte sie nach dem Gewicht kaufen.

Ich erfuhr durch Zufall den Namen eines Bücherliebhabers in
Heiligenstadt, eines Sonderlings, der halb Trödler, halb Sammler ist.
Ich ging hin. Er verstand wirklich etwas von Büchern. Für das eine
zahlte er mir fünfzig Kronen; einen Monat später, als ich wieder Geld
brauchte, bekam ich für das zweite fünfundvierzig. Die Bücher waren mehr
wert, besonders das zweite, aber immerhin, die Preise waren annehmbar.

Das dritte Buch wollte ich nicht verkaufen. Es war ein prachtvoller
Druck, siebzehntes Jahrhundert, eine Ausgabe des Calpurnius Siculis aus
der Offizin Enschede & Söhne in Amsterdam mit Interpolationen, Glossen
und Marginalien und einem Titelblattkupfer, den Aart van Geldern
gezeichnet hat. Der Einband war mit vier Halbedelsteinen und einer
Elfenbeinschnitzerei verziert, die einen ziemlichen Wert besaßen.

Das Buch wollte ich behalten. Ich hab' es auch nicht hergegeben, die
ganze Zeit über und wenn ich noch so sehr in Geldnot war. Und in
Geldverlegenheit war ich fast immer. Einmal im Jänner ist es mir so
schlecht gegangen, daß ich in der strengsten Kälte meinen Winterrock ins
Leihhaus tragen mußte. Aber das Buch hab' ich doch nicht hergegeben.

Bis ich gestern das von der Sonja hörte. Das muß ich dir auch erst
wieder erzählen. Ich erzähle dir alles. Ich bin so müde, Steffi, und es
tut mir wohl, alles zu erzählen. Daß wir uns in der letzten Zeit öfters
gestritten haben, die Sonja und ich, das weißt du. Es war nicht mehr
ganz so wie früher. Aber ich legte dem keine Bedeutung bei, ich wußte,
daß Sonja manchmal ihre Launen hatte. Auch mit dem Weiner ließ ich sie
ruhig verkehren. Bei mir ist das eine Art Hochmut. Kann mir dieser
Weiner irgend etwas wegnehmen? -- dachte ich. Dieser Weiner mir? Er ist
ein aufgeblasener Hohlkopf. Ich habe noch nie ein Wort oder einen
Gedanken aus seinem Mund gehört, auf den einzugehen es sich verlohnt
hätte. Dabei ist er feig und hinterhältig und selbstsüchtig. Ich dachte
mir: sie mag selbst darauf kommen, wieviel der Kerl wert ist.

Nun, und gestern kam ich abends in ihre Wohnung. Sie war nicht zu Hause.
Aber auf dem Tisch stehen zwei gepackte Reisetaschen. Ich frage die
Quartierfrau. 'Ja, das Fräulein verreist.' 'So,' sag' ich. 'Wohin denn?'
Ja, das wisse sie nicht. Ich war ganz erstaunt. 'Für den Urlaub ist's ja
noch viel zu früh,' denk' ich mir. Und außerdem hätt' sie mir doch was
davon gesagt. Und wie ich mich im Zimmer umschau, seh' ich ein
Schreibtischfach offen und drin liegt ein großes Kuvert ganz obenauf von
der Firma Cook & Son.

Ich nehm' es und mach' es auf. Da sind die beiden Fahrscheinhefte drin.
Eines auf ihren Namen und eines auf: Georg Weiner, _stud. jur._

Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Ich glaub', so ist einem zumute,
wenn man überfahren wird oder einen Nervenchock bekommt. Wie ich aus der
Wohnung hinausgekommen bin und die Treppe hinunter, weiß ich nicht. Eine
halbe Stunde lang bin ich in den Gassen, die um Sonjas Wohnung liegen,
herumgeirrt, wie ein Fremder und konnte mich nicht zurechtfinden, obwohl
ich in diesem Stadtteil wie zu Hause bin.

Dann bin ich wieder ein bißchen ruhiger geworden und hab' die Sonja
gesucht. Zuerst im Kaffeehaus. Die Sonja geht fast täglich ins
Kaffeehaus, das ist etwas, was mir nie an ihr gefallen hat. Ich hab' ihr
das oft gesagt: eine Frau soll nicht ins Kaffeehaus gehen. Zu einer Frau
soll man vier Treppen hoch steigen müssen, mit klopfendem Herzen muß man
an ihrer Tür läuten. Und dann soll man sie erst nicht zu Hause antreffen
und umsonst gekommen sein. Wenn man dann enttäuscht die Treppe
hinuntergeht, dann fühlt man erst, daß man sie liebt. Aber eine Frau,
die man, so oft man Lust hat, sie zu sehen, in seinem Kaffeehaus
vorfindet, so sicher, wie den 'Simplizissimus' oder das 'Tagblatt', die
verliert an Wert und wird Alltag.

Die Sonja also hat vier Kaffeehäuser, in denen sie verkehrt. Zwischen
neun und zehn ist sie meist im Café Kobra, dort verkehrt sie mit ein
paar Malern und Architekten. Doch gestern war sie in keinem der vier
Lokale. Aber ich traf einen ihrer Bureaukollegen, der wußte auch schon
von ihrer Reise. Der hat mir bestätigt, daß sie mit dem Weiner nach
Venedig fahren will.

Um zehn Uhr war ich nochmals bei ihr in ihrer Wohnung, aber sie war noch
immer nicht zu Hause. Bis ein Uhr bin ich vor ihrem Haus auf und ab
gegangen. Sie kam nicht, und als es eins wurde und sie noch immer nicht
da war, sah ich ein, daß es keinen Zweck hatte, länger zu stehen. Der
Weiner hat ein Absteigquartier in der Liechtensteinstraße, dort hätte
ich warten müssen.

Ich hatte inzwischen Zeit genug gehabt, über die Sache ruhig
nachzudenken. Über Sonjas Beweggründe. An dem Georg Weiner selbst konnte
sie nichts finden, das war klar. Gar nichts. Er ist eine niedere
Menschenform. Daß er manchmal Poker spielt, ist die einzige geistige
Regung, die ich hie und da an ihm beobachtet habe, und auch da verliert
er zumeist. Du kennst ihn nicht, aber ich hab' immer, so oft ich ihm
begegnet bin, schon vorher, lang eh' ich gewußt hab', wer das ist, immer
hab' ich ganz unwillkürlich den Gedanken gehabt: 'Dieser Mandrill hat
doch eigentlich einen ganz menschenähnlichen Gang'. Weißt du, nicht aus
Gehässigkeit, sondern ich war wirklich erstaunt, daß er so gut aufrecht
gehen konnte, und dachte mir, das muß ihm doch große Mühe machen, warum
plagt er sich so und geht nicht einfach auf allen vieren? Also der
Mandrill will mir jetzt die Sonja wegnehmen. Es ist eigentlich zum
Lachen. Und doch geht sie mit ihm. Das kann nur die Aussicht auf die
Reise sein. Reisen machen, das ist Sonjas große Leidenschaft. Sie möchte
die Welt sehen, wie und mit wem, das ist ihr gleichgültig, sie ginge als
Stewardeß auf ein Schiff, wenn man sie nähme, sie ginge als
Lokomotivführer oder als Handgepäck, wenn es nicht anders zu machen ist.
Ganz kindisch ist sie in diesen Dingen. Sie hat mich früher oft gebeten,
mit ihr zu fahren, aber ich habe niemals die paar hundert Kronen gehabt,
die eine Reise gekostet hätt'. Der Georg Weiner hat das Geld. Sein Vater
ist ein Lederhändler in der Leopoldstadt. Und das war mir klar: wenn ich
heute dreihundert Kronen aufbringe, so läßt sie den Weiner sofort stehen
und fährt mit mir.«

»Stanie!« sagte Steffi Prokop. »Ist das dein Ernst?«

»Natürlich.«

»Wie kannst du nur so von ihr denken? Wie kannst du glauben, daß es sich
ihr nur um Geld oder um eine Reise oder um sonst etwas handelt. Sie hat
ihn gern. Sie will mit ihm allein sein.«

Stanislaus Demba lachte.

»Mit ihm? Mit dem Georg Weiner? Man sieht, daß du ihn nie gesehen hast.«

»Stanie, du bist so klug und doch denkst du wie ein Kind. Frauen sind
anders, als ihr Männer. Euch stößt es ab, wenn eine häßlich ist. Aber
eine Frau kann einen Mann liebhaben, auch wenn er bucklig ist oder
entstellt oder dumm. Gerade, weil er so dumm ist, kann eine Frau einen
Mann liebhaben. Das verstehst du nicht. Nie wird die Sonja mit dir
fahren, und wenn du die Brieftasche voll Tausendguldennoten hast.«

»So,« sagte Demba. »Du weißt es natürlich besser. Und ich sag' dir, sie
wird mit mir fahren. Ich war bei ihr und hab' mit ihr gesprochen.« --
Demba lehnte sich in seinen Sessel zurück und genoß seinen Triumph.

»Wirklich? Hat sie dir das gesagt?« fragte Steffi.

»Jawohl.«

»Dann tut sie mir leid,« sagte Steffi Prokop leise und verzagt. »Erzähl'
weiter.«

»Ja. -- Also wie ich drüber nachdenk', woher ich das Geld nehmen soll,
da ist mir das Buch eingefallen. Das Buch ist viel Geld wert. Vielleicht
sechshundert oder achthundert Kronen.

Ich bin nach Hause gegangen, hab' mich aber nicht zu Bett gelegt. Ich
bin die ganze Nacht aufgeblieben und hab' in dem Buch gelesen. Von jedem
kleinen Holzschnitt hab' ich Abschied genommen. Mein Herz hing an dem
Buch. Und heute, zeitlich morgens, hab' ich's nach Heiligenstadt
getragen.

Der Händler wohnt in der Klettengasse 6. Man fährt durch die
Heiligenstädter Straße, steigt bei der dritten Haltestelle aus, biegt in
die erste Seitengasse links ein und hat dann noch etwa vier bis fünf
Minuten zu gehen. Er wohnt in einem kleinen, zweistöckigen Vorstadthaus
mit einer ganz schmalen Zwei-Fenster-Front. Obwohl ich schon vorher dort
gewesen war, fand ich es lange nicht, erst, als ich zum drittenmal
vorüberging. Es muß irgendwo in der Nähe eine Brauerei sein, denn die
ganze Gasse ist erfüllt von dem unangenehmen, dumpfen Malzgeruch, den
ich nicht vertragen kann. Er macht mich wütend.

Dann ging ich in den ersten Stock hinauf und hielt mir mit der Hand die
Nase zu, denn der Malzgeruch verfolgte mich auch ins Haus hinein und bis
auf die Treppe.

Ich läutete, mußte eine Weile warten, läutete noch einmal, und dann
hörte ich Schritte und eine Stimme: 'Ja, ja. Ich komme schon.' Dann
machte der Alte selbst die Türe ein klein wenig auf und schaute durch
den Spalt. Er erkannte mich und nahm die Vorlegkette ab. Ich trat ein
und er führte mich in sein Arbeitszimmer.

Dieses Arbeitszimmer ist der merkwürdigste Raum, den ich je gesehen
habe. Schlafzimmer, Kontor, Museum, Magazin zu gleicher Zeit und
scheinbar auch Atelier -- der Kerl restauriert auch Bilder. Das edelste
Kunstmobiliar und der erbärmlichste Trödel stehen wüst durcheinander.
Zum Beispiel, da ist ein Schrank aus Nußholz, vielleicht Frühbarock, mit
wundervollen, dunkeln Stabeinlagen, aber seine Kleider hat der Alte
nicht in diesem Schrank, sondern in einem halbzerbrochenen, deckellosen
Wäschekorb. Ein schönes, geschnitztes Bett mit Blattwerk und einem
adeligen Wappen, das früher einmal vergoldet gewesen sein muß, steht im
Zimmer, aber sein Besitzer schläft auf einer schmutzigen, roten
Matratze, die in einem Winkel auf dem bloßen Erdboden liegt. Ein
französischer Eichenschreibtisch mit Rosenholzbelag ist da, aber der
Alte arbeitet an einem wackligen Tisch, auf dem ein schlechtes,
gläsernes Tintenfaß steht. Dort liegt auch seine Lupe und ein Haufen
Papier und sein Geschäftsbuch, in das er die Ein- und Verkäufe einträgt.
Und überall im Zimmer liegen und stehen Silberleuchter herum und alte
Drucke und Kristallgläser und Porzellanfiguren. Auch ein 'Heiliges Grab'
aus Ebenholz und Perlmutter steht in der Ecke. Das muß er billig gekauft
haben und er möchte es wahrscheinlich rasch wieder verkaufen, denn er
ist ein galizischer Jud und hat an dem 'Heiligen Grab' sicher keine
rechte Freude.

So sieht's in seinem Arbeitszimmer aus. Man bekommt das Gefühl der
Nichtigkeit und Wertlosigkeit alles Sammelns. Es sind die schönsten,
wertvollsten Stücke da, und doch sieht das Zimmer trostlos aus, und das
Loch einer siebenköpfigen Taglöhnerfamilie mit zwei Bettgehern ist
stilvoller.

In das Zimmer also führt er mich, fragt nicht viel und nimmt mir das
Buch gleich aus der Hand. Er blättert darin herum, nickt mit dem Kopf,
sieht's durch die Lupe an und fragt: 'Woher haben Sie das?' Ich sage:
'Aus einer Auktion.' Er nickt wieder, setzt sich und fängt an, in dem
Buch zu studieren. Dann fragt er: 'Warum verkaufen Sie das Buch? Nur
weil Sie brochen Geld?' Er fragt das mit so einem galizischen Akzent,
ich kann aber den Ton nicht nachahmen. Du kennst ja die Leute. Ich
überlegte rasch, daß er mir mehr bieten werde, wenn ich nicht als armer
Teufel vor ihm dastehe und sag' deshalb: 'Nein. Mich freuen alte Drucke
nicht mehr. Ich hab' mich jetzt ganz auf die Keramik geworfen. Kacheln,
wissen Sie?'

Ich weiß nicht, warum mir gerade Kacheln einfielen. Ich hätte ebensogut
sagen können: Limousiner Email oder Satsumavasen oder andere Dinge, die
ich nur aus den Museen und Ausstellungen kenne.

Er nickt mit dem Kopf, geht zu dem Wäschekorb und wühlt eine Weile in
den alten Kleidern herum. Dann bringt er eine alte persische
Fayancefliese zum Vorschein: Einen Jäger auf einem Schimmel mit einem
großen, blauen Turban auf dem Kopf und einem Falken auf der Faust. Er
reitet über ein Tulpenbeet und der Schimmel hebt die Beine so steif, als
wüßte er ganz genau, daß er keine von den Tulpen zertreten dürfte.

'Was wollen Sie dafür?' frag' ich ihn. Aber er macht nur eine abwehrende
Bewegung mit der Hand, und legt die Kachel wieder zurück in den
Wäschekorb. Er hat sich von mir nicht täuschen lassen. Er hat sofort
erkannt, daß ich ein armer Teufel bin, der Geld 'brocht'.

Dann blättert er wieder in dem Buch und fragt: 'Was wollen Sie dafür?'

'Sie müssen wissen, was es wert ist,' sag' ich.

Er wackelte mit dem Kopf, kniff die Augen zu und begann wieder in dem
Buch zu blättern. Er trug einen weißen Spitzbart, aber man sah trotzdem,
daß er kein Kinn hatte. Das weißt du doch: manchen Menschen fehlt das
Kinn. Das Gesicht geht unter dem Mund gleich in den Hals über. Sie sehen
aus wie Hühner. Auch der Weiner gehört zu diesen Menschen. Sie tragen
entweder einen Vollbart, dann sieht man es weniger, oder, wenn sie glatt
rasiert sind, dann sehen sie stupid aus. Ich glaube, das ist ein
Atavismus. Zwischen der zweiten und dritten Eiszeit sollen die Menschen
so ausgesehen haben. -- Nein, das ist kein Witz, ich hab' das wirklich
einmal in einem Aufsatz über den prähistorischen Menschen gelesen. Mir
sind Leute ohne Kinn sehr zuwider. Und wie ich den Alten anschau', kommt
mir der verrückte Gedanke, daß vielleicht ein Geheimbund aller dieser
Kinnlosen besteht gegen die übrige Welt, daß sie zusammenstehen, und daß
vielleicht der alte Trödler mit dem Georg Weiner im Einverständnis ist
und mir nur eine Bagatell für das Buch zahlen wird, damit ich nicht mit
der Sonja nach Italien fahren kann.

Du hältst mich jetzt für verrückt, weil ich dir das sage. Ich wußte
natürlich sehr gut, daß das Unsinn war, es war eben nur so ein Gedanke.
Übrigens wurde ich sofort sehr angenehm enttäuscht. Er bot mir
zweihundertunddreißig Kronen für das Buch und wir einigten uns auf
zweihundertvierzig. Das war mehr, als ich erwartet hatte. Denn du mußt
wissen, alte Drucke werden elend bezahlt, weil sich die Sammler weit
weniger für sie interessieren, als für andere Antiquitäten.
Zweihundertundvierzig Kronen sind ein ganz annehmbarer Preis und ich war
zufrieden.

Er ging in das andre Zimmer, um das Geld zu holen, kam aber gleich
wieder zurück und fing an, nervös herumzusuchen. Er rückte die Stühle
von ihrem Platz, kramte in der Tischlade und wühlte im Wäschekorb. Dann
sagte er, er fände den Schlüssel zu der Kassette nicht, in der er sein
Geld verwahrt hielte. Es bliebe nichts anderes übrig, als einen
Schlosser kommen zu lassen. Ich möge ein bißchen warten oder ich könne
auch fortgehen und in einer halben Stunde wiederkommen. Ich sagte, ich
zöge vor, zu warten, aber er solle sich beeilen.

Er ging nochmals ins Nebenzimmer und ich hörte ihn mit jemandem sprechen
und gleich darauf kam er mit seinem Neffen zurück, einem mageren
Burschen mit Korkzieherlocken, der ging angeblich um den Schlosser. Ich
war ein Narr, daß ich darauf einging. Wenn ich gesagt hätte, ich könne
nicht warten und darauf bestanden hätte, das Geld sofort zu bekommen,
wäre die Sache wahrscheinlich anders ausgegangen.

Aber ich blieb und der Alte zeigte mir inzwischen ein paar seiner
Sachen: Einen Senftiegel aus Kupferemail, eine buntbemalte Holzfigur,
eine Delfter Vase mit Landschaften und ein schönes, altes
Damennecessaire aus Karneol, das Scheren, Stichel und allerlei
kosmetische Instrumente enthielt, auch einen Zirkel merkwürdigerweise,
ich erinnere mich, daß ich mir lange den Kopf zerbrach, zu welchem Zweck
eine kleine Modepuppe aus dem achzehnten Jahrhundert einen Zirkel mit
sich geführt haben mochte. Ich mußte ziemlich lange warten, aber ich
wurde nicht mißtrauisch. Das hängt damit zusammen, daß ich niemals auch
nur eine Stunde lang das Empfinden hatte, ein Verbrechen zu begehen. Was
ich tat, ist so ganz unmerklich, so nach und nach ein Verbrechen
geworden. Ich hab' das Buch aus der Universitätsbibliothek nach Hause
genommen. Aber das war mir nie wie ein Diebstahl vorgekommen, eher wie
ein Schabernack, den ich dem dummen Kustos spielte, ich hatte es ja mit
dem Vorsatz getan, das Buch zurückzubringen, sobald ich es nicht mehr
brauchte. Dann hatte ich es lange Zeit bei mir liegen gehabt, aber
entliehene Bücher gibt man doch selten zurück; Bücher sind gleichsam
vogelfrei. Man läßt den Besitzer ein halbes Dutzendmal mahnen und
schließlich gibt er's auf, weil es ihm zu dumm wird, oder weil er's
vergißt. Leute, die sonst sehr rechtlich und ehrlich sind, legen sich
auf die Art eine Bibliothek an. Und mich hat niemand gemahnt, das Buch
lag immer in meinem Zimmer, täglich hatte ich's in der Hand, und auf
einmal war es ganz unmerklich mein Eigentum geworden. Mit dem besten
Gewissen der Welt trug ich es zum Händler. Den Bibliotheksstempel hatte
ich längst ausgemerzt; auch nicht in einer betrügerischen Absicht,
sondern eher so, wie man das Exlibris irgendeines früheren Besitzers
entfernt, einfach weil es einem nicht gefällt. Der alte Trödler muß aber
doch Spuren des Bibliothekstempels mit der Lupe gefunden haben. Es kann
auch sein, daß er schon bei dem Buch, das ich ihm ein paar Monate zuvor
verkauft hatte, Lunte gerochen hat. Kurz und gut, es läutete, der Alte
ging öffnen und kam mit zwei Männern ins Zimmer zurück. Er sagte: 'Das
ist er' und deutete auf mich, und einer von den beiden legte mir die
Hand auf die Schulter und sagte: 'Im Namen des Gesetzes.'

Ich konnte mir in diesem Moment furchtbaren Erschreckens gar nicht
zurechtlegen, was mir da geschah. Ich hatte nur ganz dunkel die
Empfindung, daß der alte Jude mich übertölpelt hatte. Sein kinnloses
Gesicht machte mich plötzlich toll vor Wut, und ich fuhr ihm mit beiden
Händen in den Bart. Die beiden Polizisten warfen sich augenblicklich auf
mich und rissen mich zurück, und der eine von ihnen sagte: --

Um Gotteswillen, sieh doch nicht so verstört drein, Steffi! Wenn ich
ruhig bin, so kannst du auch ruhig bleiben. Schließlich ist die Sache
doch mir passiert und nicht dir. -- Willst du, daß ich nicht weiter
erzähl'? -- Also.

Wo war ich stehen geblieben? Ja. -- Der eine der beiden Polizisten
sagte: 'Sie, exzedieren Sie nicht und kommen Sie ruhig mit.' Und der
andere sagte: 'Mir scheint, er will Handschellen.' -- Da ließ ich mich
abführen.

Als wir durch die Glastür ins Vorzimmer gingen, blickte ich zurück und
sah den Trödler, der seelenruhig an seinem Tisch saß und weiterschrieb.
Was mit mir geschah, kümmerte ihn nicht weiter. Diese Gleichgültigkeit
brachte mich aufs neue in Raserei. Ich wollte mich auf ihn stürzen, aber
die beiden Polizisten hielten mich fest. Es kam zu einer Balgerei, zwei
Sessel fielen um und die Glastür ging in Splitter. Aber sie waren zu
zweit stärker als ich und wurden schließlich mit mir fertig.

Sie gaben mir meinen Mantel zu tragen und führten mich die Treppe
hinunter. Einer ging vor, einer hinter mir. Die Treppe war schmal und
gewunden, und man mußte vorsichtig von Stufe zu Stufe gehen, da es in
dem alten Haus ziemlich finster war. Plötzlich glitt der Mann, der
hinter mir ging, aus und fiel zu Boden. Und im nächsten Augenblick gab
ich dem andern mit beiden Händen einen Stoß in den Rücken, daß er sieben
oder acht Stufen hinunterstolperte. Dann rannte ich die Treppe hinauf.
Ich weiß nicht, wie es kam, aber ich hatte sofort einen Vorsprung von
einem ganzen Stockwerk. Ich rannte weiter in den zweiten Stock und auf
den Dachboden. Ich hatte durchaus keinen wirklichen Fluchtplan, keine
eigentliche Absicht, keinen bestimmten Vorsatz. Es war alles Instinkt.
Ich wollte bloß frei sein, die beiden Männer los sein, einen anderen
Gedanken hatte ich nicht.

Die Tür zur Dachkammer stand halb offen. Ich trat ein, zog den Schlüssel
ab und sperrte von innen zu.

Es war ein enger Raum mit zwei Türen, deren jede in eine ebenso enge
Kammer führte. Alle drei Räume waren mit Gerümpel angefüllt. Zerbrochene
Möbel, Bretter, Strohsäcke lagen herum. Ich suchte nach einem Versteck.
Es gab ihrer mehrere, aber, wo immer ich mich verborgen hätte, in ein
paar Minuten hätte man mich gefunden. Ich sah keine Möglichkeit von hier
zu entkommen und die beiden Polizisten arbeiteten schon an der Türe.

Und jetzt kam plötzlich die Verzweiflung über mich. Bis jetzt war ich
unfähig gewesen, zu denken. Und nun kam es mir zum Bewußtsein, was mir
bevorstand. Ich sah mich in eine Zelle gesperrt. Ich bin vom Land, weißt
du. Schon in der Stadt ist's mir zu eng. In einer Zelle könnt' ich gar
nicht atmen. Und nun: ich werde behorcht und belauert werden. Werde
aufstehen müssen, wenn man mich aufstehen heißt. Mitgehen müssen, wenn
man mir befiehlt, mitzugehen. Werde Rede stehen und Antwort geben
müssen, wenn man mich fragt. Muß essen und schlafen und arbeiten, wenn
es andern beliebt, mich essen, schlafen, oder arbeiten zu lassen. Das
ist nicht zu ertragen! Und gestern war ich noch frei, konnte machen, was
mir beliebte, konnte hunderterlei Dinge unternehmen. Pläne schossen mir
in diesem Augenblick durch den Kopf, die ich jahrelang mit mir
herumgeschleppt und niemals ausgeführt hab'. Zwecklose und unwichtige
Dinge: daß ich noch niemals ein Glas Bier durch einen Strohhalm
ausgetrunken hab', fiel mir wie eine brennende Sünde ein; es heißt, daß
man davon betrunken wird, und ich hab' es noch niemals ausprobiert.
Dann, was ich schon lange vorgehabt habe, irgendeinem fremden Menschen
auf Schritt und Tritt nachzugehen, um zu sehen, was er treibt, wie er
sein Brot verdient und wie sein Tag verläuft. Daß ich mich hätte heute
auf eine Bank im Stadtpark setzen und auf Abenteuer warten und irgendein
Mädchen mit einer tollen, erfundenen Geschichte erschrecken können, daß
ich schon immer einmal den Bauernfängern beim Bukispielen hatte
zuschauen wollen, -- alles das schoß mir durch den Kopf, alles das hätte
ich noch gestern tun können, unwichtige Dinge, gewiß, lächerliche Dinge,
aber es war die Freiheit. Und ich sah, wie reich ich gewesen war bei all
meiner Armut, daß ich Souverän meiner Zeit gewesen war, es wurde mir
deutlich, wie nie zuvor, was das zu bedeuten hat: Freiheit. Und jetzt
war ich gefangen, war ein Sträfling, die Schritte, die ich in der engen
Dachkammer zwischen dem Gerümpel machte, waren meine letzten freien
Schritte. Mir schwindelte, es gellte mir in den Ohren: Freiheit!
Freiheit! Freiheit! Das Herz wollte mir bersten vor dem einen Wunsch:
Freiheit! Nur noch einen Tag Freiheit, nur noch zwölf Stunden Freiheit!
Zwölf Stunden! -- und dabei hörte ich die Polizisten am Türschloß
arbeiten, gleich waren sie da, es gab keine Rettung, und da beschloß
ich, mich nicht fangen zu lassen und lieber zu sterben -- Sei ruhig,
Steffi, Vorwürfe haben doch jetzt gar keinen Sinn.

Ich trat ans Fenster. Unten lag ein Garten. Ein bißchen Rasen, blühende
Fliederbüsche, ein paar Rondellen mit Blumen, Fuchsien vielleicht oder
Stiefmütterchen oder Nelken. Und dazwischen ein Baum. Aus einem offenen
Fenster tönte die Musik eines Grammophons: Prinz Eugenius, der edle
Ritter.

Und das Lied machte mir Mut. Ich faßte den Entschluß bei den Worten:
Stadt und Festung Belgerad, bei 'Belgerad' wollte ich -- wollte ich
hinunter. Ich schloß die Augen, und dann kam 'Belgerad' viel zu bald,
und ich verschob es bis: 'Brucken', 'er ließ schlagen eine Brucken.' Und
im nächsten Augenblick schob ich es nochmals hinaus bis: 'Hinüber
rucken', 'hinüber', ja dabei blieb es, das war das richtige Stichwort,
wie ein Kommando. Ich beugte mich weit hinaus, die Sonne schien mir auf
den Kopf, und ich schlürfte die letzten Sekunden mit Wollust, und dann
kam's: Hinüber. Ich gab mir einen Ruck, verlor den Halt, ich hörte noch,
wie die Glocke vom Kirchturm her neun Uhr zu schlagen begann, und
dann --«

»Und dann?« schrie Steffi Prokop. Sie hatte Demba an der Schulter
gepackt und starrte ihn mit aufgerissenen Augen an.

»Nichts,« sagte Demba. »Ich verlor das Bewußtsein.«

»Gleich verlorst du das Bewußtsein?« hauchte das Mädchen, bleich vor
Entsetzen.

»Nein. Gleich nicht. Ich glitt das Schieferdach hinunter, das weiß ich
noch. Und dann schossen zwei Schwalben aus ihrem Nest neben der
Dachluke. Es war mir auch, als ob ich einen Schrei hörte, und ich hatte
im gleichen Augenblick einen seltsamen, seit Jahrzehnten nicht mehr
gefühlten Groll wegen meiner Mutter. Einmal nämlich, vor vielen Jahren,
als ich ein kleines Kind war, hat mich meine Mutter auf die Erde fallen
lassen. Und damals hatte ich ein Gefühl, halb Angst, daß ich mir etwas
tun würde, halb kindischen Zorn, weil meine Mutter so schrie. Und das
gleiche Gefühl hatte ich jetzt wieder. Aber gleich darauf verlor ich das
Bewußtsein. Wahrscheinlich bin ich im Fallen mit dem Kopf irgendwo
angeschlagen, an der Mauer des Hauses vielleicht, oder an der Dachrinne.

Als ich wieder zu mir kam, wußte ich nicht, was geschehen war. Ich
bemühte mich, zu denken. Es ging nicht. Ich konnte keinen Gedanken
fassen. Es war qualvoll. Aber dann plötzlich ging's wieder. 'Wer bin ich
eigentlich?' fragte es in meinem Kopf. Nicht so deutlich, nicht so in
Worten, wie ich es dir jetzt sage, sondern solch quälendes Haschen und
Tasten war es nach irgendeinem festen Punkt in der wüsten Leere. Dann
wußte ich wieder, wer ich war, und fragte mich nur: 'Wo bin ich denn?'
Und es kamen Antworten: 'Zu Hause in meinem Bett, der Miksch -- das ist
mein Zimmerkollege -- wird gleich kommen, aufstehen!' Und dann wieder:
Im Klassenzimmer der Quinta auf meinem Platz in der vorletzten Bank.
Nein, wie kann einem das nur passieren, daß man bei hellichtem Tag im
Kaffeehaus einschläft! Mit einemmal aber konnte ich alles ringsum mich
her erkennen, das Buschwerk, den Baum, die Häuser drehten sich im Kreis,
ich erinnerte mich an den alten Trödler, an den Senftiegel aus
Kupferemail und an die beiden Polizisten, und ich wußte plötzlich genau,
was geschehen war und wo ich mich befand.

Das Grammophon aber spielte noch immer, und noch immer hielt es bei:
Hinüber rucken. Vom Kirchturm her hallten die Glockenschläge, neun Uhr.
Das Ganze: der Sturz, die Ohnmacht und das Haschen nach Bewußtsein hatte
zusammen nicht länger als zwei Sekunden gedauert.

Der Kopf tat mir entsetzlich weh. Ich versuchte trotzdem aufzustehen. Es
ging. Neben mir lagen zwei zerbrochene Zweige. Ich war durch das Astwerk
des Nußbaums gefallen, und das hatte die Wucht des Sturzes gemildert.
Ich versuchte zu gehen. Auch in den Beinen spürte ich jetzt einen
leichten Schmerz. Wahrscheinlich habe ich ein paar Hautabschürfungen
davongetragen.

Ich blickte mich um. Kein Mensch war sichtbar. Niemand hatte mich
gesehen. Nur eine Katz rannte in hastiger Flucht quer durch den Garten.
Die beiden Polizisten plagten sich wahrscheinlich noch immer mit dem
Türschloß der Dachkammer.

Die Kopfschmerzen vergingen. Mein Mantel und mein Hut lagen neben mir
auf der Erde. Ich raffte beide auf. Auch meine Brille, die
merkwürdigerweise nicht zerbrochen war. Ich bemerkte, daß ich auf einen
Sandhaufen gefallen war, und bürstete mir den Rock und die Hosen ab, so
gut ich konnte. Dann ging ich durch den Gang und das offene Haustor
hinaus, ohne einem Menschen zu begegnen, bog in die Gasse ein und war
frei!«

Stanislaus Demba erhob sich und ließ sich langsam wieder nieder. Er
blickte auf den Boden und dachte nach. Dann sagte er:

»Bis auf die Handschellen.«




9


»Ja,« sagte Demba. »Bis auf die Handschellen. Das hab' ich dir doch
gesagt, daß sie mir Handschellen angelegt haben, als ich zum zweitenmal
auf den Alten losgehen wollte. Oben in seinem Zimmer an der Glastüre.
Wie ich nun unten im Garten stand, beachtete ich sie anfänglich gar
nicht. Es kam mir wirklich nicht zum Bewußtsein, daß ich gefesselt war,
auch nicht, als ich mir den Rock abbürstete. Ich war frei. Ich konnte
gehen, so rasch, als ich wollte und wohin ich wollte. Ich konnte
verschwinden. Das war alles, was ich fühlte.

Die Klettengasse war menschenleer. Ich dachte gar nicht daran, die Hände
zu verstecken, so unvorsichtig war ich, so leichtsinnig. So gering
wertete ich das Mißgeschick, das mich betroffen hatte und die Gefahr,
die in den Handschellen auf mich lauerte.

Ich spürte wieder den ekelhaften Malzgeruch und hielt mir die Nase mit
den Händen zu. Ich ging an einem Fenster zur ebenen Erde vorbei und ein
altes Weib schaute durch die geschlossenen Scheiben auf die Gasse. Mit
einemmal bekam ihr Gesicht einen grauenvoll, entsetzten Ausdruck, sie
erstarrte vor Schreck. Sie hielt den Mund geöffnet und starrte mich an,
sie vermochte nicht zu rufen und nicht zu schreien. Da erschrak ich
selber über dieses entsetzte Gesicht und über mich selbst und versteckte
die Hände unter dem Mantel, den ich über den Arm gelegt trug. Dann bog
ich um die Ecke.

Ich ging durch ein Gewirr von engen Gassen, wechselte häufig die
Richtung und war bald sicher, daß mich die beiden Polizeiagenten nicht
mehr auffinden konnten, wenn ihnen nicht ein Zufall zu Hilfe kam. Ich
trachtete nun rasch aus dem Heiligenstädter Bezirk fortzukommen. Als ich
an einem bettelnden alten Mann vorbeikam, blieb ich stehen und wollte
ihm ein paar Kreuzer schenken. Fünfzig Heller, dachte ich mir, als Dank
an die Vorsehung, weil ich wieder frei war. Aber im letzten Augenblick
fiel mir ein: 'Das geht ja nicht. Ich verrate mich ja, wenn ich mit
meinen Händen in die Tasche fahre.' Ich ließ ihn stehen. Er hatte schon
Dankworte und Segenswünsche hergeleiert, und war wahrscheinlich
enttäuscht. Aber ich konnte ihm nicht helfen und blieb für ein paar im
voraus erhaltene 'Vergelt's Gott tausendmal, junger Herr' in seiner
Schuld. Und jetzt erst, im Weitergehen, fühlte ich zum erstenmal, daß
die Handschellen mehr waren, als ein kleines, ärgerliches Mißgeschick,
wenn ich auch noch nicht ahnte, was sie in Wirklichkeit bedeuteten: eine
furchtbare, atemberaubende Last, die mich erbarmungslos zu Boden ziehen
würde, wie in Tausendundeiner Nacht jener Alte, der sich an Sindbad des
Seefahrers Rücken hing.

Ich hörte das Läuten einer Elektrischen, ging rascher und kam auf einen
Platz mit einer kleinen Parkanlage. Bei der Haltestelle stand ein
Tramwaywagen. Ich stieg ein. Aber kaum war ich oben, so kam mir auch
schon der Gedanke: 'Lieber Gott, ich kann doch unmöglich zahlen mit
meinen gefesselten Händen.' Zum Glück war der Wagen voll Menschen und
der Schaffner stand noch ziemlich weit vor mir. Ich fuhr ein Stück Wegs
mit, und als dann der Schaffner in meine Nähe kam, stieg ich aus, als
hätte ich mein Fahrziel erreicht und ging zu Fuß bis zur nächsten
Haltestelle. Das machte ich drei- oder viermal. Die Methode war gut, ich
kam bald in eine ganz andere Gegend und war in Sicherheit.«

»Und sie können dich gewiß nicht finden, Stanie?« fragte Steffi Prokop
ängstlich.

»Darüber brauchst du dir keine Sorgen zu machen, Kind. Wien ist groß.
Und wenn ich den beiden Polizisten durch einen bösartigen Zufall doch in
den Weg laufen sollte, so erkennen sie mich gewiß nicht. Sie haben mich
nur ganz kurze Zeit und nur im Halbdunkel eines alten Hauses gesehen.
Außerdem trage ich jetzt einen anderen Hut und Mantel; die Pelerine ist,
glaub' ich, eigens für Leute, die ihre Hände verstecken wollen,
erfunden. -- Und schließlich hab' ich mir heute den Schnurrbart englisch
stutzen lassen. Ich sehe doch jetzt ganz anders aus als sonst, nicht
wahr?«

»Ja. Ein bißchen verändert.«

»Nun also. Siehst du,« sagte Demba befriedigt. »Es war übrigens nicht
gar so einfach, das sich rasieren lassen. Es ging gut aus, aber ich
hätte leicht in die allergrößte Verlegenheit kommen können. Ich war
nämlich vorsichtig gewesen und hatte, bevor ich in den Laden ging, in
einem Haustor das Geld aus der Tasche genommen. Während ich rasiert
wurde, hielt ich die ganze Zeit über die fünfzig Heller in der Hand. Als
ich fertig war, stand ich auf und ließ, während mich der Gehilfe
abbürstete, das Geld scheinbar aus Ungeschicklichkeit auf die Erde
fallen. Der Gehilfe hebt es auf, und ich freue mich schon über meine
gute Idee und will gehen, da sagt er:

'Noch zehn Heller, bitte.'

'Wieso denn?' frag' ich.

'Vierzig Heller macht's,' sagt der Gehilfe.

'Nun. Und mir sind fünfzig Heller auf die Erde gefallen.'

'Nein. Es waren dreißig,' sagt er und zeigt mir die offene Hand, da
waren wirklich nur dreißig Heller darin. Ein Zwanzighellerstück hatte
sich auf dem Erdboden verlaufen. Ich sage: 'Zwanzig Heller müssen noch
irgendwo auf der Erde liegen.' Er bückte sich, und während er suchte und
nicht auf mich acht gab, wollte ich zwanzig Heller aus der Tasche nehmen
und auf den Tisch legen. Aber zum Unglück geht gerade in diesem
Augenblick die Tür auf und ein Herr kommt herein -- ich konnte gerade
noch rechtzeitig die Hände verschwinden lassen. Inzwischen hat der
Friseurgehilfe das Suchen satt bekommen und sagt: 'Es liegt nichts da,
der Herr muß sich irren.'

'Es muß aber da sein. Ich weiß es bestimmt, suchen Sie nur,' so antwort'
ich ihm.

Aber er wollte nicht länger suchen. 'Dreißig Heller sind dem Herrn
gefallen. Ich hab's ja gesehen.'

Ich war ganz verzweifelt. 'Es waren bestimmt fünfzig Heller,' wiederhole
ich. 'Suchen Sie nur, es muß sich finden.' -- Und jetzt mischt sich noch
der Herr ein und brummt, wie er dazukäm', meines schäbigen Sechserls
wegen warten zu müssen. Daß er Eile habe. Ich wußte nicht, was anfangen,
und in meiner Verlegenheit, um Zeit zu gewinnen, sag' ich: 'Haben Sie
schon unter dem Kasten nachgeschaut? Dorthin ist es gerollt.' Der
Friseur sieht nach, und wirklich, stell' dir den Zufall vor: das Geld
liegt tatsächlich dort. -- Ich bin dann rasch fortgegangen, aber mir war
zumut, wie einem, den beinahe ein Auto überfahren hätt'. -- Ich habe nie
vorher gewußt, daß man so oft im Tag seine Hände braucht. Viel öfter als
das Gehirn, das kannst du mir glauben, Steffi.«

»Und was wirst du jetzt tun?«

»Ja,« sagte Demba. »Ich habe jetzt eine doppelte Aufgabe. Erstens muß
ich mir zweihundert Kronen verschaffen. Dazu brauch' ich dich nicht,
Steffi, das kann ich allein. Aber die Handschellen muß ich los werden,
und das ist's, wobei du mir helfen sollst.«

Steffi Prokop schwieg und dachte nach.

»Ich hab' dir alles gesagt, Steffi. Dir allein hab' ich alles gesagt. Du
magst entscheiden, ob ich schuldig bin oder nicht schuldig. Ich hab' dir
alles erzählt. Die Beweggründe, alles. Sprichst du mich frei?«

Steffi Prokop schüttelte den Kopf.

»Nein.«

Demba biß sich in die Lippen.

»Du willst mir also nicht helfen?«

»O ja. Helfen will ich dir. Laß mich die Handschellen sehen!«

»Nein,« sagte Demba. »Wenn du findest, daß ich unrecht habe, dann
brauch' ich deine Hilfe nicht. Warum willst du mir helfen, wenn du mich
verurteilst?«

»Ich hab' dir vorhin gesagt, Stanie,« sagte Steffi leise und bittend.
»Eine Frau kann einen Mann liebhaben, wenn er häßlich ist und wenn er
dumm ist. Und auch, wenn er schlecht ist, Stanie. Laß mich die
Handschellen sehen.«

»Nein,« sagte Demba und rückte mit dem Sessel von Steffi fort. »Wozu?«

»Aber ich muß sie doch vorher sehen, Stanie, wenn ich dir helfen soll.«

Stanislaus Demba spähte unruhig nach der Tür.

»Es wird jemand kommen.«

»Nein. Jetzt essen sie noch,« sagte Steffi Prokop. »Erst wenn sie mit
dem Essen fertig sind, kommt der Vater herein und legt sich aufs Sofa.
Laß doch sehen.«

Stanislaus Demba brachte langsam und zögernd die Hände unter der
Pelerine hervor.

»Im Grunde ist's mir gleichgültig, ob du mich für einen Verbrecher
hältst oder nicht. Ich erkenne nur mich selbst als Richter über mich
an,« sagte er und sah Steffi Prokop mit einem ängstlichen Blick an, der
seine selbstsicheren Worte Lügen strafte.

»So sehen Handschellen aus!« sagte Steffi Prokop leise.

»Hast du dir sie anders vorgestellt?« fragte Demba und verbarg die Hände
eilig wieder unter dem Mantel. »Zwei Stahlspangen und eine dünne Kette.
Handschellen! Das klingt ganz anders, als es aussieht. So harmlos. Ich
habe immer, wenn ich das Wort hörte, an eine Schlittenfahrt im Winter
gedacht oder an das Kleid eines Hofnarren. Es klingt hübsch:
Handschellen. Und ist doch ärger, als wenn ich den Aussatz des Feldherrn
Abner an den Händen hätt'.«

»Es ist eine ganz dünne Kette,« stellte Steffi Prokop fest. »Es kann
doch nicht schwer sein, die durchzufeilen.« Sie stand auf. »Vater hat
einen Werkzeugkorb. Wart' ein bißchen, ich geh eine Feile holen.«

Sie kam mit zwei Feilen zurück, einer größeren und einer kleineren.
»Jetzt mußt du die Kette so straff halten, als du kannst. So ist's gut.
Jetzt, rasch.« Sie begann, die Stahlkette mit der Feile zu bearbeiten.

»Und was würde dir geschehen, Stanie, wenn sie dich fänden,« fragte sie.
»Du mußt die Hände ruhig halten, sonst geht es nicht.«

»Zwei Jahre Kerker,« gab Demba zur Antwort.

»Zwei Jahre?« Steffi Prokop blickte erschrocken von der Arbeit auf.

»Ja. Soviel ungefähr. Zwei Jahre Kerker.«

Steffi Prokop sagte nichts mehr, sondern mühte sich mit wilder Energie,
die Kette durchzufeilen; arbeitete, ruhte nicht aus und wurde nicht
müde.

»Ja,« sagte Demba. »Das ist das Entsetzliche an der Sache. Dieses
Mißverhältnis von Schuld und Strafe. Zwei Jahre Folter! Zwei Jahre
ununterbrochene Tortur.«

»Still!« mahnte Steffi Prokop. »Nicht so laut. Sie hören drinnen im
Zimmer jedes Wort.«

»Zwei Jahre Folter!« sagte Demba leise. »Man muß die Sache bei ihrem
Namen nennen. Gefängnis, das ist der letzte Rest der Tortur und ihr
ärgster. Die kleinen Martern: das Aufziehen und die Daumenschrauben sind
abgeschafft, aber die schlimmste aller Folterstrafen, den Kerker, haben
wir behalten. Tag und Nacht in einer engen Zelle versperrt gehalten
werden, wie ein Tier im Käfig -- ist das nicht Folter?«

»Du mußt stillhalten, Stanie. Sonst kann ich nicht arbeiten.«

»Ja, und die Menschen wissen das und gehen dennoch spazieren und ins
Theater und essen und schlafen. Und keinem nimmt es den Appetit und
keinem das Behagen und keinem den gesunden Schlaf, daß zur selben Zeit
tausend andere die Tortur des Kerkers erleiden! Wenn die Menschen es
zustande brächten dieses Wort 'Zwei Jahre Kerker' bis auf den Grund
nachzufühlen, bis ans Ende durchzudenken, so müßten sie aufbrüllen vor
Grauen und Entsetzen. Aber sie haben stumpfe Sinne und die Bastille ist
nur einmal gestürmt worden.«

»Aber es muß doch Strafe geben.«

»Wirklich? Natürlich. Es muß Strafe geben. Hör' zu, Steffi, ich will dir
ein Geheimnis anvertrauen, aber erschrick nicht: Es muß keine Strafe
geben.«

Demba holte tief Atem. Rot vor Erregung, stammelnd, heiser und fanatisch
fuhr er fort:

»Es muß keine Strafe geben. Strafe ist Wahnwitz. Strafe ist der
Notausgang, der gestürmt wird, wenn in der Menschheit Panik ausbricht.
Die Strafe ist's, die Schuld trägt an jedem Verbrechen, das geschieht
und geschehen wird.«

»Das versteh ich nicht, Stanie.«

»Daß die Menschheit die Macht hat, zu strafen, das ist die Ursache jeder
geistigen Rückständigkeit. Gäb' es keine Strafen, so hätte man längst
Mittel gefunden, jedes Verbrechen unmöglich, überflüssig und
aussichtslos zu machen. Wie weit wären wir in allem, wenn wir Galgen und
Kerker nicht hätten. Wir hätten Häuser, die nicht Feuer fangen und es
gäbe keine Brandstifter. Wir hätten längst keine Waffen mehr und es gäbe
keine Meuchelmörder. Jeder hätte, was er braucht und was er sich
ersehnt, und es gäbe keine Diebe. Manchmal kommt mir der Gedanke: Wie
gut es ist, daß Krankheit kein Verbrechen ist. Sonst hätten wir keine
Ärzte, nur Richter.«

»Halt doch still, Stanie! Es geht sonst nicht.«

»Immer muß ich an das kleine Mäderl der Frau denken, mit der ich Tür an
Tür wohne. Das Kind hatte auch einmal eine Begegnung mit der strafenden
Themis. Seine Mutter ist mit ihm von der Elektrischen abgesprungen und
gestürzt. Das Kind ist unter die Schutzvorrichtung des nächsten Wagens
geraten, ein Bein ist ihm zermalmt worden und mußte ihm abgenommen
werden. Beide sind jetzt wohl elend und unglücklich genug, Mutter und
Kind, sollte man glauben. Aber nein! Noch nicht genug. Jetzt kommt erst
die Gerechtigkeit und die will strafen. Die Mutter wird wegen
Fahrlässigkeit angeklagt. Und wird verurteilt. Zu tausend Kronen
Geldstrafe. Sie ist eine Postbeamtenwitwe. Aber tausend Kronen hat sie.
Die hatte sie für ihr Kind zurückgelegt. Und das Kind, das ein Krüppel
ist, muß jetzt auch noch bettelarm werden, so will es die Gerechtigkeit.
Das Kind muß hungern. Siehst du, so geht's, wenn irdische Richter
strafen! Und diesen Richtern mit ihrem niederträchtigen Irrwahn 'Strafe'
hätte ich mich in die Hände geben sollen? -- Bist du jetzt endlich
fertig, Steffi?«

»Nein! Es geht nicht! Die Kette ist zu fest. Es geht nicht, Stanie!«
schluchzte Steffi und blickte hoffnungslos und verzweifelt auf
Stanislaus Dembas unglückselige Hände.




10


»Was gibt's denn, Afferl! Mir scheint gar, du weinst! Was ist dir denn
geschehen?«

Herr Stephan Prokop war so plötzlich ins Zimmer getreten, daß Demba
nicht Zeit gefunden hatte, die Hände unter den Mantel zurückzuziehen.
Der Student blieb steif auf seinem Sessel sitzen und fand für den
Augenblick unter der Tischplatte ein Notasyl für seine Hände.

»Hat's was gegeben zwischen euch?« erkundigte sich Herr Prokop bei
Demba.

»Nichts hat's gegeben,« sagte Demba hastig. »Steffi weint, weil mein
kleiner Hund überfahren worden ist; das hat sie so aufgeregt.« Er sah
mit großem Unbehagen, daß Herr Prokop sich dem Sofa näherte, von dem aus
man unter die Tischplatte sehen konnte.

»Überfahren?« fragte Prokop.

»Ja. Von einem Fleischerwagen.« -- Dembas Hände suchten Deckung hinter
einer Stuhllehne zu gewinnen, mußten sich jedoch, da Herr Prokop seinen
Rundgang durchs Zimmer plötzlich unterbrach, und er vor ihm stehen
blieb, eilig wieder unter die Tischplatte zurückziehen.

»Das hab' ich gar nicht gewußt, daß Sie einen Hund haben, Herr Demba.
Wie Sie noch bei uns gewohnt haben, ich erinnere mich noch ganz genau,
da haben Sie doch Hunde auf den Tod nicht ausstehen können?« -- Herr
Prokop legte sich auf das Sofa.

»Er ist mir zugelaufen,« sagte Demba. Der Raum unter der Tischplatte
erwies sich als ein Zufluchtsort von zweifelhaftem Wert.

»Wie hat er denn ausgesehen?« wollte Herr Prokop wissen.

»Ein kleiner, braungefleckter Pinscher. Erinnern Sie sich denn nicht,
ich hab' ihn doch mal hergebracht,« erzählte Demba und versuchte, die
breite Lehne eines Stuhles zwischen sich und Herrn Prokop zu bringen.

»Mir scheint, ja. Ich erinnere mich.« Herr Prokop blies aus seiner
Pfeife eine Rauchwolke in die Luft. »Wie hat er denn nur g'schwind
geheißen?«

»Cyrus,« sagte Demba, dem im Augenblick kein anderer Name als der seines
Feindes von heute morgen einfiel. Herr Prokop klopfte eben seine Pfeife
aus, und dieser Moment mußte rasch ausgenützt werden.

»Cyrus. Richtig,« sagte Herr Prokop. »Komischer Name für einen Hund.
Also selig im Herrn entschlafen? Na, mein Beileid. Aff, jetzt hör' auf,
zu heulen. Geh' hinein, dein Essen ist kalt geworden.« Er gähnte. Nach
Tisch wurde er immer schläfrig. »Überhaupt. Hast du denn kein Bureau
heut nachmittag?«

Steffi stand auf, glättete ihre Schürze und warf einen verstohlenen
Blick auf Dembas Hände, die gerade wie Füchse in ihren Bau unter die
Pelerine zu verschwinden im Begriffe waren. Dann ging sie ins andere
Zimmer. Die Tür blieb offen, und Geruch von gekochtem Rindfleisch und
zerlassener Butter drang herein.

Jetzt stand Demba auf und betrachtete allerlei Nippes, die auf der
Kommode standen. Den Gnomen mit dem weißen Patriarchenbart, der einen
roten Fliegenpilz als Regenschirm benützte, die Katzenfamilie aus
Porzellan und das Araberzelt mit dem Dattelbaum, ein Kunstwerk, das
Steffis Vater aus Korkstöpseln hergestellt hatte. Der alte Prokop liebte
Arbeiten dieser Art. Ein Nähzeugschränkchen, das ganz aus alten
Zündhölzchenschachteln angefertigt war, befand sich auch im Zimmer und
an der Wand hing ein Kaiserbild aus gebrauchten Briefmarken.

»Aff, geh, bring' mir mein Bier herein!« befahl jetzt Herr Prokop. »Ich
hab's auf dem Tisch stehen lassen.«

Steffi brachte das Bier. Er trank das Glas leer und legte die Pfeife
fort. Dann drehte er sich mit dem Gesicht der Wand zu. Ein paar Minuten
später war er eingeschlafen.

Jetzt schlich sich Steffi auf den Fußspitzen zu Stanislaus Demba.

»Stanie! Was machen wir jetzt! Um Gottes willen, was machen wir jetzt!«

»Ich hab' mich doch gut herausgelogen. Meine sechsundneunzigste Lüge
seit heute morgen,« meinte Demba.

Steffi Prokop begann von neuem zu schluchzen.

»So ein Unglück! So ein Unglück!«

»Aber wein' doch nicht!« sagte Demba unwirsch. »Das hat gar keinen Sinn.
Wir müssen es nochmals versuchen.«

»Es geht nicht. Es wird nicht gehen. Ich hab' gefeilt und gerieben, bis
ich nicht mehr hab' können, und die Kette ist genau so geblieben, wie
sie war. Sie läßt sich nicht durchfeilen. Sie muß aus einem besonderen
Stahl sein. Was machen wir jetzt, Stanie?«

»Wein' doch nicht! Hör' auf zu weinen. Du wirst deinen Vater aufwecken.«
Stanislaus Demba versuchte ungeschickt, mit den Händen streichelnd über
Steffis Haar zu fahren. Es sah kläglich aus und komisch zugleich: Diese
beiden Hände, die wie zwei Lastpferde, wie zwei Maulesel
aneinandergespannt waren. Wie ein stummer, langweiliger Begleiter, der
starrsinnig mitgeht und sich nicht abschütteln läßt -- so war Stanislaus
Dembas linke Hand.

Demba ließ die Arme sinken, Steffi hörte zu weinen auf und sagte
plötzlich:

»Aber das Ding hat ja Schlüssellöcher. Es muß ja aufzusperren gehen.«

»Natürlich.«

»Wir haben eine Menge so kleiner Schlüssel zu Hause. Im Vorzimmer an der
Wand hängt ein Kasten, da sind zwanzig oder dreißig solcher Schlüssel
drin. Einer wird doch passen! Wir müssen sie durchprobieren.«

Sie brachte eine Handvoll kleiner Schlüssel und legte sie geräuschlos
einen neben den andern aufs Fensterbrett.

Sie versuchte es mit dem ersten.

»Das ist der Schlüssel vom Uhrkasten drüben im Speisezimmer. Der taugt
nicht. Der ist zu groß.«

Sie griff nach dem zweiten.

»Das ist mein Violinkastenschlüssel. Der ist auch zu groß. Der geht
überhaupt nicht ins Schlüsselloch hinein. Wart' einmal, der vielleicht.
Das ist der Schlüssel zur Kassette, in der die Mutter ihre Ohrringe
eingesperrt hat und ihre beiden Lose. -- Auch nicht.«

Sie versuchte es der Reihe nach mit allen Schlüsseln. Keiner paßte. Ein
einziger ließ sich im Schlüsselloch umdrehen, aber das Schloß wollte
trotzdem nicht aufspringen.

Sie dachte einen Augenblick lang nach, griff zögernd in die
Schürzentasche und brachte noch einen kleinen Schlüssel zum Vorschein.

»Das ist der Schlüssel zu meinem Tagebuch. Weißt du, mein Tagebuch hat
Schließen und läßt sich absperren. Ich glaub', der wird bestimmt
passen.«

»Laß es doch. Er paßt sicher auch nicht.«

»Doch! Doch! Laß mich nur erst mal versuchen. Siehst du -- nein! Der
paßt auch nicht. Er ist zu klein.«

Sie blickte Stanislaus Demba hilfesuchend an.

»Stanie! Er ist zu klein! Was machen wir?«

»Wir müssen einen Schlüssel anfertigen lassen,« sagte Demba. »Vom
Schlosser. Wir nehmen einen Wachsabdruck ab -- wo bekommt man Wachs?«

»Wachs hab' ich zu Hause.«

»Wieso denn?«

»Ich male doch. Du weißt ja: Blumen und Vögel und Ornamente auf
Seidenbänder und Schleifen. Da gibt es eine eigene Technik, zu der
braucht man Wachs. Auf gewisse Stellen, die mit der Farbe nicht in
Berührung kommen sollen, kommt flüssiges Wachs. Ich hab' noch ein großes
Stück zu Hause. Wart', ich bring's gleich.«

Sie kam mit einem Stück Wachs zurück und machte Abdrücke beider
Schlösser.

»Das mußt du zu einem Schlosser tragen,« sagte Demba. »Aber du mußt
vorsichtig sein und dir gut überlegen, was du sagst, damit er nicht
Verdacht schöpft.«

»Nein. Ich geh' zu keinem Schlosser. Gegenüber von uns wohnt eine
Familie, und der älteste Sohn ist Lehrling in einer großen Werkstätte.
Der ist sehr geschickt. Er hat uns schon öfter Schlösser repariert.
Jetzt mittag ist er sicher zu Hause. Ich werd' ihm sagen, daß ich den
Schlüssel zu meinem Tagebuch verloren habe. Das Tagebuch selbst kann ich
ihm nicht bringen, werd' ich ihm sagen, weil Sachen drin stehen, die er
nicht lesen darf. Deswegen hab' ich einen Wachsabdruck gemacht, -- werd'
ich sagen. Da kann er gar keinen Verdacht schöpfen. -- Also wart', ich
geh' gleich hinüber.«

Es währte fünf Minuten, ehe sie zurückkam. Aber sie war rot im Gesicht
vor Freude und ganz aufgeregt.

»Es ist alles famos gegangen. Zuerst hat er das Tagebuch haben wollen,
er brauche es unbedingt, hat er gesagt. Weißt du, er macht mir heftig
den Hof, und möcht' gern wissen, ob etwas über ihn im Tagebuch steht.
Darum wollt' er's haben. Aber ich hab' es ihm ausgeredet. Um acht Uhr,
wenn er von der Arbeit kommt, gibt er mir den Schlüssel.«

»Erst um acht Uhr?«

»Ja. Um acht Uhr. Früher geht es nicht. So lange mußt du warten. Aber
weißt du, was? Du bleibst zu Hause, sperrst dich ein und läßt keinen
Menschen in dein Zimmer. Und um acht Uhr komm' ich dann zu dir und
bring' dir den Schlüssel. Du mußt mir selbst aufmachen, wenn ich läut'.
Wird mich jemand sehen?«

»Nein.«

»Wirst du allein sein? Du wohnst ja mit noch einem Herrn zusammen.«

»Der Miksch? Der ist abends schon wieder im Dienst.«

»Ich bin neugierig, wie dein Zimmer aussieht. Ich war noch nie in deiner
Wohnung. Sicher hast du ein großes Durcheinander. Ich werd' Ordnung
machen. Früher, wie du bei uns gewohnt hast, hab' ich dir oft genug
Ordnung gemacht auf deinem Schreibtisch. Du wirst jetzt nach Hause gehen
und warten, bis ich komme. Du darfst nicht ausgehen, Stanie! Sonst
verrätst du dich. Versprich mir's, Stanie.«

Aber Stanislaus Dembas Hirn war ganz beherrscht von dem Gedanken, mit
Geld den Rivalen aus dem Feld zu schlagen. Er vergaß darüber alle
Klugheit und alle Vorsicht.

»Das geht nicht,« sagte er. »Nach Hause kann ich jetzt nicht. Jetzt ist
der Miksch noch zu Hause. Erst am Abend geht er fort. Ich hab' auch
inzwischen zu tun, das hab' ich dir ja gesagt. Ich muß mir das Geld
beschaffen.«

»Für die Sonja. Ich weiß,« sagte Steffi und nickte mit dem Kopf.

Demba setzte sich auf umständliche Art den Hut auf den Kopf, mit einer
grotesk gleichmäßigen Bewegung beider Hände, die an die Darstellung auf
Wandgemälden ägyptischer Königsgräber erinnerte. Dann stand er auf.

»Stanie!« sagte Steffi Prokop. »Stanie, du solltest dich doch irgendwo
einsperren und niemandem zeigen. Folg' mir doch. Du bist in solcher
Gefahr, wenn jemand entdeckt --«

Sie unterbrach sich. Drüben auf dem Sofa hatte der alte Prokop eine
Bewegung gemacht. Beide horchten nach dem Sofa hin.

»Hat er etwas gehört?« flüsterte Demba.

»Nein,« gab Steffi leise zurück. »Er ist gar nicht aufgewacht. Stanie,
folg' mir! Wenn jemand sieht, daß du --«

»Kind! Gerade das ist's, was mich reizt,« sagte Demba mit gedämpfter
Stimme. »Siehst du, mit diesen Handschellen bin ich abseits der Welt.
Ganz allein steh' ich gegen die Millionen anderer Menschen. Wer nur
einen Blick auf meine gefesselten Hände erhascht, der ist von dieser
Sekunde an mein Feind und ich der seine, und wenn er vorher der
friedlichste Mensch war. Er fragt nicht, wer ich bin, er fragt nicht,
was ich getan habe, er macht Jagd auf mich, und wenn ein Keiler
plötzlich über die Straße liefe, oder ein Fuchs oder ein Rehbock, könnte
die Jagd nicht so unbarmherzig und nicht so wild sein, als wenn mein
Mantel zu Boden fiele und meine Hände sichtbar würden.«

»Siehst du!« sagte Steffi. »Das wollt' ich ja sagen.«

»Aber das lockt, Steffi. Das zieht mich. Ich gehe ruhig und sicher
zwischen Millionen Feinden hindurch, die mich nicht erkennen und spotte
sie aus. Heute morgens hätte ich mich vielleicht noch verraten können.
Da war ich ein Anfänger. Aber jetzt -- du glaubst nicht, was für eine
Routine ich schon darin habe, die Hände nicht zu zeigen. Es tut mir
beinahe leid, daß der Tanz nur bis heut abend dauert. Heut abend um
acht, nicht wahr? Und jetzt leb' wohl.«

Steffi begleitete ihn bis vor die Tür der Wohnung.

»Und wohin gehst du jetzt?« fragte sie.

»An die Arbeit!« sagte Demba und schritt die Treppe hinunter.




11


Frau Dr. Hirsch, die Gattin des Hof- und Gerichtsadvokaten in der
Eßlinggasse, kam ein wenig außer Atem in das Privatkontor ihres Mannes.
Sie ließ sich sogleich in den ledernen Klubfauteuil fallen, der, für
Klienten bestimmt, neben dem Schreibtisch des Rechtsanwalts stand, stieß
einen asthmatischen Seufzer aus und hielt ihrem Mann ein paar Banknoten
hin.

»Sag' mir, Robert, was soll ich mit diesen achtzig Kronen machen.«

»Ich hab' da grad die Akten über die Zwangsfeilbietung der Villa
'Elfriede' in Neuwaldegg. Zwölf Wohnräume, Dienerzimmer, Garage,
herrlicher Park, zwei Minuten von der Elektrischen -- geh' hin und biet'
mit!«

»Nein. Spaß beiseite. Ich bin in Verlegenheit. Ich weiß nicht, ob ich
das Geld behalten soll oder nicht. Es ist der Monatsgehalt für Georgs
und Erichs Hauslehrer, für den Herrn Demba. Und der Demba, denk' dir,
will ihn nicht nehmen.«

»Monatsgehalt? Ist denn heute der Erste?«

»Nein. Aber er hat schon heute um seinen Monatsgehalt gebeten.«

»Und will ihn nicht nehmen?« Der Advokat streifte die Asche von seiner
Zigarre ab.

»Nein. Ich will dir erzählen, was vorgefallen ist. Also hör' zu. Vor
einer Viertelstunde läutet's und die Anna kommt herein: Gnädige Frau,
der Herr Demba ist da. Ich wundere mich und denk' mir: was kann er denn
jetzt nach zwei Uhr wollen, die Buben sind ja bis vier in der Schule,
das weiß er ja. Ich habe gerade mit der Köchin verrechnet und so hab'
ich ihm sagen lassen: er soll im Salon ein paar Minuten auf mich warten,
ich komme gleich, er möcht' indessen Platz nehmen. Und wie ich mit der
Köchin fertig war, bin ich hineingegangen.«

Frau Dr. Hirsch machte eine kleine Atempause und stieß einen ihrer
leichten Seufzer aus, der andeuten sollte, wie schwer geplagt sie durch
die vielfachen Anforderungen des täglichen Lebens sei. Dann fuhr sie
fort:

»Also, wie ich hineinkomm', springt er auf und sieht genau so aus, wie
das Stubenmädchen, wenn ich sie über der Zuckerbüchse ertappe. Du weißt,
sie ist sonst ganz brav, die Anna, aber Zuckernaschen, davon kann sie
nicht lassen. Also der Demba sieht auch aus, wie wenn er etwas
Verbotenes getan hätt', ganz verlegen ist er. Ich sage ihm: Bleiben Sie
nur sitzen, Herr Demba! Und denk' mir noch: warum ist der Mensch so
verlegen? Nicht im Traum hab' ich an die Zigarre gedacht.«

»An welche Zigarre?« fragte der Advokat.

»Warte. Du wirst gleich hören. Er setzt sich also und ich frag' ihn:
'Nun, Herr Demba? Was bringen Sie Neues?' Er sagt: 'Gnädige Frau, ich
wollte Ihnen nur mitteilen, daß ich auf vierzehn Tage verreisen muß.' --
'Das ist aber sehr unangenehm,' sag' ich. 'Mitten im Schuljahr. Und vor
der Konferenz. Wird Sie der Georg nicht brauchen? Was ist es denn so
Dringendes?' -- 'Wichtige Familienangelegenheiten,' sagt er. 'Und der
Georg wird in den beiden nächsten Wochen keine Nachhilfe benötigen und
der Erich erst recht nicht. Sie stehen beide in allen Gegenständen gut,
und in der Mathematik, in der Georg ein bissel schwach ist, kommt die
nächste Schularbeit ohnehin erst in vier Wochen.'

'Also bitte,' sag' ich. 'Wenn Sie glauben, daß die Buben Sie nicht
brauchen -- eventuell können Sie mir ja einen Kollegen schicken, der Sie
vertritt.'

'Das wird nicht nötig sein,' gibt er zur Antwort, 'Aber ich möcht' die
gnädige Frau bitten --' also kurz und gut, ob ich ihm nicht schon heute
das Geld für den ganzen Monat zahlen könnt'. Also, weißt du, ich führ'
mir das nicht gern ein, Vorschuß an den Hauslehrer, aber ich hab' doch
gesagt: 'Bitte, sehr gerne', weil er doch das Geld für die Reise
braucht. Und ich greif nach dem Geldtascherl und nehm' die achzig Kronen
heraus. Eigentlich macht es ja weniger aus, denn die Stunden für die
Zeit, wo er verreist ist, muß ich ihm selbstredend nicht zahlen. Aber
ich hab' mir gedacht: Er hat den Georg in Mathematik durchgebracht, wir
haben keinen einzigen Tadelzettel mehr ins Haus bekommen, seit der Demba
den Buben Stunden gibt und der Mensch rechnet mit jedem Heller, wozu
soll ich ihm also die paar Gulden abziehen, es steht gar nicht dafür.
Hab' ich recht?«

»Natürlich, mein Kind,« sagte der Advokat.

»Also, ich nehm' die achzig Kronen aus dem Geldtascherl und, wie ich es
wieder einsteck', -- auf einmal spür' ich so einen merkwürdigen,
brenzlichen Geruch, und ich seh' mich um und frag' den Demba: 'Herr
Demba, riechen Sie nichts?' Und er zieht auch die Luft durch die Nase
ein und sagt:

'Nein, gnädige Frau, ich rieche nichts.'

'Aber es muß irgendwo im Zimmer brennen,' sag' ich, und in dem Moment
seh' ich schon den Rauch und das Loch, das ihm die Zigarre in den Mantel
gebrannt hat. Er hat sich eine Zigarre angezündet gehabt, während er auf
mich gewartet hat, und die hat er rasch unter den Mantel versteckt, wie
er mich kommen gehört hat, warum, das weiß ich nicht. Anfänglich dacht'
ich, er hätte sich einen von deinen Virginiern aus dem Zigarrenkastel
genommen, -- du läßt es immer wieder offen im Zimmer stehen, Robert, ich
hab' dir hundertmal gesagt, laß das Kastl nicht offen herumstehen, die
Anna hat einen Feuerwerker, da läßt sie doch sicher jeden Abend, wenn
sie mit ihm ausgeht, zwei oder drei Stück mitgehen, aber du läßt dir ja
nichts sagen! Hab' ich recht?«

»Ja, mein Kind,« sagte der Advokat.

»Also ich denk' mir, wahrscheinlich hat er sich eine von deinen
Virginiern genommen und sie unter dem Mantel verstecken wollen, und
darum war er so verlegen, als ich ins Zimmer kam. Ich ruf' also: 'Herr
Demba, Sie haben sich ein Loch in ihren Mantel gebrannt.' Der Demba
springt auf und läßt die Zigarre auf die Erde fallen. Es war aber gar
keine Virginier, es war eine kleine, dicke, solche rauchst du doch gar
nicht, die muß er sich selbst mitgebracht haben. Aber warum hat er sie
dann versteckt? Das versteh' ich nicht. Also kurz und gut, mit einem
Wort, er läßt die Zigarre fallen und sie liegt auf dem Teppich und
qualmt, auf dem kleinen Teppich, weißt du, den wir von der Tante Regine
bekommen haben aus Revanche dafür, daß du ihr vor zwei Jahren den
Ehrenbeleidigungsprozeß gegen ihren Hausherrn geführt hast. Also auf den
Teppich fällt die brennende Zigarre. Ich bin furchtbar erschrocken, aber
der Demba steht seelenruhig dabei, als ob ihn das nichts anginge und
sieht zu, wie sie mir ein Loch in den Teppich brennt und macht keine
Miene, sie aufzuheben.

Ich ruf: 'Herr Demba, wollen Sie nicht Ihre Zigarre aufheben? Sie sehen
doch, daß sie mir den Teppich ruiniert!' Der Demba wird feuerrot im
Gesicht und furchtbar verlegen und hustet und stottert und bringt kein
Wort heraus und endlich sagt er: 'Entschuldigen Sie, gnädige Frau, ich
darf mich nicht bücken, der Arzt hat's verboten, ich bekomm' sofort
Blutsturz, wenn ich mich bücke, hat der Arzt gesagt.' -- Hast du schon
so etwas gehört? Was sagst du dazu?« --

Der Advokat sagte »hm« dazu.

»Also, was bleibt mir übrig, ich hab' halt selbst die Zigarre
aufgehoben, wenn sich der Herr Demba nicht bücken kann,« sagte Frau Dr.
Hirsch mit bitterer Ironie und seufzte leicht auf. Es war der
kurzatmigen, starkgeschnürten, korpulenten Dame anzusehen, daß das
Aufheben der Zigarre für sie ein mit erheblichen Schwierigkeiten
verbundenes Turnkunststück ersten Ranges dargestellt hatte.

»Der Teppich war aber schon ganz versengt,« fuhr sie nach einer Weile
fort, »und hatte einen großen, schwarzgebrannten Fleck. Ich war
natürlich nicht mehr in der Stimmung, mich mit dem Herrn Demba weiter zu
unterhalten, das begreifst du ja. Ich zähl' ihm also das Geld auf den
Tisch. Und jetzt kommt das Interessante. Was glaubst du, daß geschieht:
Der Herr Demba nimmt das Geld nicht. Er läßt es liegen. Ich sage: 'Also
bitte, hier sind die achzig Kronen!' Er schüttelt den Kopf und macht ein
so verzweifeltes und unglückliches Gesicht, daß er mir beinahe wieder
leid getan hat. 'Aber, Herr Demba!' sag' ich. 'Sie werden mir doch nicht
den Teppich bezahlen wollen, wir sind ja gegen Brandschaden versichert.'
Er starrt das Geld an und nimmt es nicht. 'Also, das ist doch
lächerlich, so nehmen Sie doch das Geld,' sag' ich. -- 'Nein. Ich kann
das Geld leider nicht nehmen', gibt er zur Antwort und ist wieder
blutrot im Gesicht. Nun, denk' ich mir, wenn er das Geld absolut nicht
nehmen will, weißt du, streiten werd' ich mich mit ihm nicht. Aufdrängen
werd' ich ihm doch die achzig Kronen nicht, hab' ich recht? Ich sag'
also: 'Herr Demba, wenn Sie mir durchaus den Schaden ersetzen wollen, es
ist zwar ein Unsinn von Ihnen, aber schließlich --' und will das Geld
wieder einstecken. Und wie ich es in die Hand nehm', da schaut er mich
so böse und wütend an, wie wenn er mich mit den Zähnen zerreißen wollt'.
Ich bin direkt erschrocken, so hat er mich angeschaut, und hab' das Geld
liegen lassen. Und ich denk' mir: Was will der Mensch eigentlich? Will
er das Geld oder will er es nicht? Auf einmal sagt er: 'Gnädige Frau!
Wozu zerbrechen wir uns eigentlich den Kopf? Sie haben doch einen
Rechtsgelehrten im Haus. Bitte, lassen Sie das Geld hier liegen, gehen
Sie zu Ihrem Herrn Gemahl hinein und tragen Sie ihm den verwickelten
Rechtsfall vor. Wenn er finden sollte, daß ich nicht verpflichtet bin,
Schadenersatz für den Teppich zu leisten, so werde ich das Geld ohne
weiteres nehmen.'

'Gut,' sag' ich, nehm' das Geld zusammen und steck' es ein. Weißt du,
ich werde es doch nicht auf dem Tisch liegen lassen, die Dienstboten
gehen fortwährend durchs Zimmer, was braucht denn die Anna zu wissen,
wieviel der Demba Gehalt bekommt? Hab' ich recht?«

»Gewiß, mein Kind,« sagte der Advokat.

»Also, was meinst du dazu? Soll ich mir wirklich von dem Demba die
achzig Kronen zahlen lassen?«

»Natürlich ist es die Assekuranz, die verpflichtet ist, uns den Schaden
zu ersetzen, nicht der Hauslehrer,« sagte der Advokat und strich sich
den Bart. »Aber dieser Herr Demba beginnt mich zu interessieren. Es ist
merkwürdig, was für ein starkes Rechtsempfinden mitunter gerade bei
Nichtjuristen zu finden ist. Ich werde mal selbst mit ihm sprechen.«

Als der Advokat in den Salon kam, traf er Herrn Demba, dem die
Unterredung zu lange gedauert zu haben schien, nicht mehr an. Das Zimmer
war leer.

Der Advokat besah sich den beschädigten Teppich.

»Weißt du,« sagte er, »eigentlich ist der Sachschaden nicht so groß, mit
achtzig Kronen ist er weitaus überzahlt. Der Teppich ist nämlich ganz
billige Fabrikware. Kannst du dir vorstellen, daß deine Tante Regina
mehr als dreißig Kronen für ein Geschenk ausgibt?«

»Robert! Was ist das?« schrie Frau Dr. Hirsch plötzlich auf und zeigte
entgeistert auf einen Haufen zerbrochenen Porzellans, der unter dem
Kaminsims auf dem Fußboden lag.

Es war die Nippesfigur eines Briefträgers, an der Demba, erbittert
darüber, daß es ihm nicht gelungen war, mit seinem Geld allein im Zimmer
zu bleiben, seinen Unmut ausgelassen hatte. Und sie hatte nichts anderes
verbrochen, als daß sie dem Betrachter mit einladendem Lächeln einen
großen Geldbrief aus Porzellan entgegenstreckte.




12


»Herr von Gegenbauer!« rief die Haushälterin. »Herr von Gegenbauer, so
wachen's doch auf! Draußen ist ein Herr, der Sie sprechen möcht.«

Fritz Gegenbauer erhob sich schlaftrunken vom Sofa, wurde aber sofort
munter, als er von dem Herrn hörte, der ihn sprechen wollte. Er hatte in
der Nacht ein Renkontre mit einem Statthaltereibeamten gehabt und
erwartete nun das Erscheinen der bekannten beiden Herrn mit den
scharfgebügelten Hosenfalten.

»Ein Herr oder zwei?«

»Einer,« sagte die Wirtschafterin.

»In Uniform oder in Zivil?«

»In Zivil.«

»Wie sieht er aus? Ist er elegant?«

»Na,« sagte die Haushälterin im Tone ehrlichster Überzeugung.

Fritz Gegenbauer trat an den Waschtisch und steckte den Kopf ins Wasser.
Dann trocknete er sich eilig ab und bürstete sich mit wilder Energie
seinen Scheitel zurecht.

»So. Jetzt können Sie den Herrn eintreten lassen.«

Er lehnte sich in lässiger Haltung an das Rauchtischchen, stützte eine
Hand auf die Tischplatte und verschaffte sich durch einen Blick in den
Spiegel die Gewißheit, daß er wie ein Mann aussah, der mit Überlegenheit
und kühlem Gleichmut die Dinge an sich herantreten läßt.

Aber alle diese kriegerischen Vorbereitungen verpufften in die Luft. Nur
Stanislaus Demba war es, dem die Haushälterin die Zimmertür öffnete.

»Sie sind's, Demba?« rief Fritz Gegenbauer. »Ich war auf anderen Besuch
gefaßt, auf einen weit weniger angenehmen.«

»Stör' ich vielleicht?« fragte Demba.

»Gar keine Idee. Ich freue mich, Sie zu sehen. Setzen Sie sich doch,
alter Freund.«

Demba setzte sich.

»Nun? Haben Sie sich endlich getröstet über unser Pech?« fragte
Gegenbauer.

»Unser Pech« hatte darin bestanden, daß Gegenbauer vor einem Vierteljahr
bei seinem Rigorosum durchgefallen war. Ihn hatte dieses Ergebnis
freilich nicht überrascht, er hatte es immer geahnt, und er gab viel auf
Ahnungen, die ihn jedoch in der Stunde des Rigorosums kläglich im Stich
gelassen hatten, denn da hatte er keine Ahnung gehabt, was man
eigentlich von ihm wissen wollte. Aber Demba, der ihn zur Prüfung
vorbereitet hatte, mochte sich den größten Teil der Schuld beigemessen
haben und war Gegenbauer einige Monate hindurch beharrlich ausgewichen.

»Nehmen Sie eine Zigarette, Demba,« ermunterte Gegenbauer den Kollegen.
»Eine ganz neue Sorte hab' ich da: 'Phädra'. Kosten Sie einmal, von der
algerischen Tabakregie. Meine Cousine Bessy hat sie mir aus Biskra
mitgebracht. Mit Lebensgefahr hat sie sie über die Grenze geschmuggelt.
Kosten Sie!« --

»Nein. Danke,« sagte Demba.

»Nein. Kosten Sie nur. Mich interessiert, was Sie von der Marke halten.
Sie sind Kenner.«

»Danke, ich rauche nicht.«

»Was? Seit wann denn? Sie haben doch immer vierzig Stück im Tag
verqualmt?«

»Ich bin verkühlt,« sagte Demba und bekam sogleich einen grausamen
Hustenanfall, an dem er unfehlbar erstickt wäre, wenn nicht das Läuten
der Türglocke seine virtuose Darstellung der letzten Stunde eines
Schwindsüchtigen unterbrochen hätte.

»Jetzt sind sie da,« sagte Gegenbauer.

»Wer denn?« fragte Demba.

»Zwei Herren, die ausnahmsweise nicht zu einer Tarockpartie zu mir
kommen.«

»So!« sagte Demba. »Was haben Sie denn wieder angestellt, heut nachts?«

»Ich kann mir nicht helfen. Im Frühjahr werd' ich immer stössig. Das
könnten die Leut' schon wissen und sich ein bißchen in acht nehmen.«

Es waren aber wieder nicht die beiden feierlichen Herrn, sondern nur der
Postbote, der einen Brief und eine Karte brachte.

»Sie entschuldigen,« sagte Gegenbauer und begann zu lesen.

Demba hatte, ehe er an Gegenbauers Türglocke läutete, einen Feldzugsplan
entworfen. Sich einfach von Gegenbauer Geld leihen, das wollte er nicht.
Nie im Leben hätte er eine Bitte dieser Art über die Lippen gebracht.
Nein. Das Geld mußte ihm von Gegenbauer angeboten und aufgedrängt
werden. Er hatte ihm vor e

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