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Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Fünfter Band (der 11)

by Baron Thomas Babington Macaulay Macaulay · German · Gutenberg #36217 · 647,712 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Fünfter Band (der 11)
    
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Title: Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Fünfter Band (der 11)

Author: Baron Thomas Babington Macaulay Macaulay


        
Release date: May 25, 2011 [eBook #36217]

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/36217

Credits: E-text prepared by Louise Hope, Delphine Lettau, richyfourtytwo, and the Online Distributed Proofreading Team (http://www.pgdp.net)


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTE VON ENGLAND SEIT DER THRONBESTEIGUNG JAKOB'S DES ZWEITEN. FÜNFTER BAND (DER 11) ***


E-text prepared by Louise Hope, Delphine Lettau, richyfourtytwo, and the
Online Distributed Proofreading Team (http://www.pgdp.net)



[Zeichen _wie so_ bedeuten Gesperrt; +wie so+ bedeuten Antiqua
(nicht-Fraktur); =wie so= bedeuten Fettschrift.]





Thomas Babington Macaulay's

+Geschichte von England+

seit der

Thronbesteigung Jakob's des Zweiten.


Aus dem Englischen.


+Vollständige und wohlfeilste Stereotyp-Ausgabe.+


Fünfter Band.







=Leipzig, 1854.=
_G. H. Friedlein._


       *       *       *       *       *
           *       *       *       *


Neuntes Kapitel.

  _Jakob II._




=Inhalt.=

                                                               Seite
  Die Tories werden andrer Ansicht in Betreff der
      Rechtmäßigkeit des Widerstandes                              5
  Russell schlägt dem Prinzen von Oranien eine Landung in
      England vor                                                 11
  Heinrich Sidney                                                 11
  Devonshire                                                      12
  Shrewsbury. -- Halifax                                          12
  Danby und der Bischof Compton                                   13
  Nottingham                                                      14
  Lumley                                                          14
  Absendung der Einladung an Wilhelm                              14
  Mariens Verhalten                                               15
  Schwierigkeiten der Unternehmung Wilhelm's                      16
  Jakob's Benehmen nach dem Prozesse der Bischöfe                 19
  Entlassungen und Ernennungen                                    20
  Verfahren der Hohen Commission. Sprat tritt aus                 22
  Unzufriedenheit des Klerus. -- Vorgänge in Oxford               23
  Unzufriedenheit der Gentry                                      23
  Unzufriedenheit der Armee                                       24
  Es werden irische Truppen herübergezogen.
      -- Unwille des Volks                                        25
  Lillibullero                                                    39
  Politische Zustände in den Vereinigten Provinzen                30
  Fehler des Königs von Frankreich                                31
  Sein Streit mit dem Papste bezüglich der Vorrechte
      auswärtiger Gesandter                                       32
  Das Erzbisthum Köln                                             33
  Kluges Verfahren Wilhelm's                                      33
  Seine Rüstungen zu Lande und zur See                            34
  Er erhält zahlreiche Unterstützungszusagen aus England          35
  Sunderland                                                      36
  Wilhelm's Befürchtungen                                         39
  Jakob wird gewarnt                                              40
  Ludwig's Bemühungen, um Jakob zu retten                         41
  Jakob vereitelt dieselben                                       42
  Die französischen Armeen fallen in Deutschland ein              44
  Wilhelm erlangt die Genehmigung der Generalstaaten für
      seine Expedition                                            45
  Britische Abenteurer im Haag                                    46
  Wilhelm's Erklärung                                             47
  Jakob fängt an die Gefahr zu ahnen                              49
  Seine Seemacht                                                  49
  Seine militairischen Mittel                                     50
  Er versucht es, seine Unterthanen mit sich auszusöhnen          51
  Er bewilligt den Bischöfen eine Audienz                         51
  Seine Zugeständnisse werden übel aufgenommen                    53
  Dem Geheimen Rath werden Beweise für die legitime Geburt
      des Prinzen von Wales vorgelegt                             55
  Sunderland's Ungnade                                            56
  Wilhelm nimmt Abschied von den holländischen Generalstaaten     57
  Er schifft sich ein und segelt ab                               58
  Er wird durch einen Sturm zurückgeworfen                        58
  Seine Erklärung kommt in England an                             58
  Jakob befragt die Lords                                         58
  Wilhelm geht zum zweiten Male unter Segel                       60
  Er passirt die Meerenge                                         61
  Seine Landung bei Torbay                                        62
  Sein Einzug in Exeter                                           65
  Unterredung des Königs mit den Bischöfen                        69
  Ruhestörungen in London                                         71
  Angesehene Männer fangen an zu dem Prinzen überzugehen          72
  Lovelace                                                        72
  Colchester                                                      73
  Abingdon                                                        73
  Abfall Cornbury's                                               74
  Petition der Lords um Einberufung eines Parlaments              77
  Der König begiebt sich nach Salisbury                           79
  Seymour                                                         79
  Wilhelm's Hoflager in Exeter                                    79
  Aufstand im Norden                                              80
  Gefecht bei Wincanton                                           82
  Churchill's und Grafton's Abfall                                84
  Rückzug der königlichen Armee von Salisbury                     85
  Abfall des Prinzen Georg und Ormond's                           85
  Flucht der Prinzessin Anna                                      86
  Jakob hält eine Berathung mit den Lords                         88
  Er ernennt Commissare zur Unterhandlung mit Wilhelm             91
  Die Unterhandlung eine Finte                                    91
  Dartmouth weigert sich, den Prinzen von Wales nach Frankreich
      zu senden                                                   93
  Aufregung in London                                             94
  Falsche Proklamation                                            94
  Aufstände in verschiedenen Theilen des Landes                   95
  Clarendon schließt sich in Salisbury dem Prinzen an             97
  Spaltung im Lager des Prinzen                                   97
  Ankunft des Prinzen in Hungerford                               99
  Gefecht bei Reading                                            100
  Ankunft der königlichen Commissare in Hungerford               100
  Unterhandlung                                                  100
  Die Königin und der Prinz von Wales werden nach Frankreich
      geschickt                                                  104
  Lauzun                                                         104
  Anstalten des Königs zur Flucht                                107
  Seine Flucht                                                   108




Die Freisprechung der Bischöfe war nicht das einzige Ereigniß, das den
13. Juni 1688 zu einem wichtigen Datum unsrer Geschichte macht. An dem
nämlichen Tage, während auf hundert Kirchthürmen alle Glocken läuteten,
während von Hydepark bis Mile-End das Volk beschäftigt war, für die
Freudendemonstrationen in der Nacht Reisigbündel zusammenzutragen und
Päpste anzuputzen, wurde ein Actenstück, das für die Freiheiten Englands
kaum minder wichtig war, als die Magna Charta, von London nach dem Haag
gesandt.


[_Die Tories werden andrer Ansicht in Betreff der Rechtmäßigkeit des
Widerstandes._] Der Prozeß der Bischöfe und die Geburt des Prinzen von
Wales hatten in den Gesinnungen vieler Tories einen großen Umschwung
herbeigeführt. In dem Augenblicke, wo ihrer Kirche eine so empörende
Beleidigung und Verhöhnung widerfuhr, mußten sie die Hoffnung auf eine
friedliche Lösung aufgeben. Bisher hatten sie gehofft, daß die Prüfung,
welche ihre Loyalität zu ertragen hatte, wenn auch hart, doch nur
vorübergehend sein werde und daß ihre Leiden ohne Verletzung der
feststehenden Thronfolgeordnung bald gehoben werden würden. Jetzt aber
eröffnete sich ihnen eine ganz andre Aussicht. So weit sie vorwärts
blickten, sahen sie die verkehrte Regierung der letzten drei Jahre durch
ganze Menschenalter sich fortspinnen. Die Wiege des präsumtiven
Thronfolgers war von Jesuiten umgeben und es stand zu befürchten, daß
dem kindlichen Gemüth des Prinzen ein tödtlicher Haß gegen die Kirche,
deren Oberhaupt er dereinst werden sollte, eingeimpft, daß dieser Haß
das leitende Prinzip seines Lebens werden und auf seine Nachkommenschaft
übergehen würde. Und diese unheilvolle Aussicht hatte keine Grenze, sie
reichte über die Lebenszeit des jüngsten Menschen, bis über das
achtzehnte Jahrhundert hinaus. Niemand konnte sagen, wie viele
Generationen protestantischer Engländer noch ein Joch zu tragen haben
würden, das man selbst bei der Voraussicht einer kurzen Dauer schon für
unerträglich hielt. Gab es denn gar kein Heilmittel? Eines gab es noch,
ein rasches, heftiges und entscheidendes, ein Mittel, zu dem die Whigs
nur zu bereitwillig gegriffen hätten, das aber von den Tories jederzeit
und unter allen Umständen als verwerflich betrachtet worden war.

Die größten anglikanischen Gelehrten der damaligen Zeit hatten den Satz
aufgestellt, daß keine Übertretung eines Gesetzes oder eines Vertrags,
kein Übermaß von Härte, Raubsucht oder Willkür von Seiten eines
rechtmäßigen Königs sein Volk zum gewaltsamen Widerstande gegen ihn
berechtigen könne. Einige von ihnen hatten etwas darin gesucht, die
Lehre vom Nichtwiderstande in einer so überspannten Form darzustellen,
daß der gesunde Verstand und die Humanität sich dagegen empören mußten.
Sie bemerkten häufig und mit Nachdruck, daß Nero an der Spitze des
römischen Reiches gestanden habe, als Paulus die Pflicht des Gehorsams
gegen die Obrigkeit einschärfte. Daraus zogen sie den Schluß, daß, wenn
ein englischer König, ohne ein andres Gesetz als seinen Willen, seine
Unterthanen wegen Nichtanbetung von Götzenbildern verfolgte, sie den
Löwen im Tower vorwürfe, sie in getheerte Tücher hüllte und zur
Beleuchtung des St. Jamesparkes anzündete, und wenn er mit diesen
Grausamkeiten fortführe, bis ganze Städte und Grafschaften entvölkert
wären, die Überlebenden trotzdem noch immer verpflichtet sein würden,
sich willig zu unterwerfen und sich ohne Widerstand in Stücken zerreißen
oder lebendig braten zu lassen. Allerdings waren die Gründe, welche zu
Gunsten dieser Behauptung angeführt wurden, unhaltbar, aber der Mangel
vernünftiger Argumente wurde reichlich ersetzt durch die Alles
vermögende Sophistik des Eigennutzes und der Leidenschaft. Viele
Schriftsteller haben ihr Erstaunen darüber ausgedrückt, wie die stolzen
Kavaliere Englands sich für die knechtischeste Theorie, die die Welt je
gesehen hat, so begeistern konnten. Dies kommt daher, weil diese Theorie
dem Kavalier anfangs als der directe Gegensatz des Knechtischen
erschien, denn sie machte ihn nicht zum Sklaven, sondern zum freien
Herrn und Gebieter. Sie gefiel ihm, weil sie dem gefiel, den er als
seinen Beschützer, als seinen Freund, als das Oberhaupt seiner geliebten
Partei und seiner noch mehr geliebten Kirche betrachtete. Unter der
Herrschaft der Republikaner hatte der Royalist Unbilden und Kränkungen
ertragen müssen, welche er nach der Wiedereinsetzung der rechtmäßigen
Regierung hatte vergelten können. Rebellion war daher in seinem Sinne
gleichbedeutend mit Unterwerfung und Erniedrigung, monarchische
Autorität mit Freiheit und Übergewicht. Es war ihm nie eingefallen,
daß eine Zeit kommen könnte, wo ein König, ein Stuart die loyalsten
Geistlichen und Edelleute mit größerer Erbitterung verfolgen würde, als
einst der Rumpf oder der Protector. Eine solche Zeit war gekommen. Jetzt
mußte es sich zeigen, wie die Geduld, welche die Anhänger der
Landeskirche aus den Schriften des Paulus gelernt zu haben vermeinten,
die Probe einer Verfolgung bestehen würde, die noch keineswegs so
schlimm war, wie die eines Nero. Das Ergebniß war so, wie es Jedermann,
der die menschliche Natur nur einigermaßen kannte, vorausgesagt haben
würde. Der Despotismus bewirkte bald, was, der Philosophie und der
Beredtsamkeit nie gelungen wäre. Die Angriffe Locke's hatte Filmer's
System überleben können, aber von dem tödtlichen Schlage, den Jakob ihm
versetzte, erholte es sich nie wieder.

Die Gründe, welche für unwiderleglich erklärt wurden, so lange man damit
beweisen wollte, daß Presbyterianer und Independenten Haft und
Eigenthumsberaubung mit Sanftmuth und Geduld ertragen müßten, schienen
bedeutend an Haltbarkeit zu verlieren, als es sich fragte, ob
anglikanische Bischöfe eingesperrt und die Einkünfte anglikanischer
Collegien eingezogen werden dürften. Es war von den Kanzeln aller
Kathedralen des Landes herab oft wiederholt worden, daß das apostolische
Gebot, der bürgerlichen Obrigkeit zu gehorchen, unbedingt und allgemein
und daß es eine gottlose Anmaßung der Menschen sei, ein im Worte Gottes
ohne alle Beschränkung erlassenes Gebot beschränken zu wollen. Jetzt
aber entdeckten die Geistlichen, deren Scharfsinn durch die drohende
Gefahr, ihrer Ämter und Pfründen entsetzt zu werden, um Papisten Platz
zu machen, bedeutend erhöht wurde, einige Lücken in dem Raisonnement,
das ihnen früher so überzeugend vorgekommen war. Die ethischen
Stellen der heiligen Schrift, meinten sie, dürfe man nicht wie
Parlamentsverordnungen oder wie casuistische Abhandlungen der Gelehrten
deuten. Welcher Christ werde dem Grobian, der ihn auf die rechte Wange
geschlagen, wirklich auch die linke hinhalten? Welcher Christ werde dem
Diebe, der ihm den Rock genommen, auch noch den Mantel geben? Im Alten
wie im Neuen Testament seien durchgängig nur allgemeine Regeln
aufgestellt, ohne die Ausnahmen mit anzuführen. So stehe darin das
allgemeine Gebot, nicht zu tödten, aber ohne einen Vorbehalt zu Gunsten
des Kriegers, der zur Vertheidigung seines Königs und seines Vaterlandes
tödtet. So stehe ferner darin das allgemeine Gebot nicht zu schwören,
aber ohne Vorbehalt zu Gunsten des Zeugen, der vor dem Richter schwört,
daß er die Wahrheit sagen wolle. Die Rechtmäßigkeit des
Vertheidigungskrieges und des gerichtlichen Eides werde aber nur von
einigen obscuren Sectirern bestritten, und sei in den Artikeln der
anglikanischen Kirche ausdrücklich behauptet. Alle die Gründe, welche
bewiesen, daß die Weigerung des Quäkers, Waffen zu tragen oder das
Evangelium zu küssen, unvernünftig und verkehrt sei, könnten auch gegen
Diejenigen gewendet werden, welche den Unterthanen das Recht des
gewaltsamen Widerstandes gegen maßlose Tyrannei absprachen. Wenn man
behaupte, daß die Bibelstellen, welche das Tödten und das Schwören
verboten, trotz ihrer allgemeinen Fassung doch als Unterwerfung unter
das große Gebot ausgelegt werden müßten, welches jedem Menschen
befiehlt, die Wohlfahrt seines Nächsten zu fördern und daß sie bei
solcher Auslegung nicht auf Fälle angewendet werden könnten, in denen
das Tödten und Schwören zum Schutze der theuersten Interessen der
Gesellschaft durchaus nothwendig sei, dann werde man auch schwerlich
leugnen können, daß die Bibelstellen, welche den gewaltsamen Widerstand
gegen Vorgesetzte verbieten, ebenso gedeutet werden dürften. Wenn dem
alten Volke Gottes unter Umständen gestattet worden sei, Menschenleben
zu vernichten und sich durch Eide zu binden, so sei es ihnen unter
Umständen auch erlaubt gewesen, schlechten Fürsten Widerstand zu
leisten. Wenn die alten Väter der Kirche gelegentlich eine Sprache
geführt hätten, aus welcher hervorzugehen schiene, daß sie jeden
gewaltsamen Widerstand mißbilligten, so hätten sie gelegentlich auch
eine Sprache geführt, aus welcher hervorgehe, daß sie allen Krieg und
alle Eide verwarfen. In der That, die Lehre vom passiven Gehorsam, wie
sie unter der Regierung Karl's II. in Oxford gepredigt wurde, kann nur
durch eine einseitige Auslegung, die uns unvermeidlich zu den
Schlußfolgerungen Barclay's und Penn's führen wurde, aus der Bibel
hergeleitet werden.

Es waren jedoch nicht allein dem Wortlaute der heiligen Schrift
entlehnte Gründe, vermittelst deren die anglikanischen Theologen in den
unmittelbar auf die Restauration folgenden Jahren ihren Lieblingssatz zu
beweisen versuchten. Sie hatten sich auch bemüht darzuthun, daß selbst
wenn die Offenbarung darüber schweige, schon die Vernunft den Weisen von
der Thorheit und Verwerflichkeit jedes gewaltsamen Widerstandes gegen
die bestehende Regierung überzeugt haben würde. Es werde allgemein
zugegeben, daß solcher Widerstand, außer im höchsten Nothfalle, nicht zu
rechtfertigen sei. Aber wer könne die Grenze zwischen höchsten
Nothfällen und gewöhnlichen Fällen bestimmen? Gäbe es wohl eine
Regierung, unter der sich nicht Mißvergnügte und Aufwiegler finden
würden, welche sagten und vielleicht auch wirklich glaubten, daß ihre
Beschwerden einen höchsten Nothfall begründeten? Ja, wenn sich eine
klare und bestimmte Regel aufstellen ließe, welche den Menschen verböte,
sich gegen einen Trajan zu empören, ihnen aber erlaubte, sich gegen
einen Caligula aufzulehnen, so würde eine solche Regel allerdings höchst
wohlthätig sein. Aber eine derartige Regel sei nie aufgestellt worden
und könne auch nie aufgestellt werden. Wenn man sage, der Aufruhr sei
unter gewissen Umständen erlaubt, ohne diese Umstände genau zu
bezeichnen, so sei dies eben so gut als wenn man sage, Jedermann dürfe
sich empören, sobald es ihm passend erscheine; eine Gesellschaft aber,
in der sich Jedermann empören könne, wenn er es für zweckmäßig halte,
sei schlechter bestellt als eine unter der Herrschaft des grausamsten
und willkürlichsten Despoten stehende. Daher sei es nothwendig, das
große Prinzip des Nichtwiderstandes in seinem vollen Umfange aufrecht zu
erhalten. Allerdings könnten besondere Fälle eintreten, in denen der
Widerstand eine Wohlthat für die Gesellschaft sein würde; im Ganzen
genommen aber sei es immer besser, wenn das Volk geduldig eine schlechte
Regierung ertrage, als wenn es sich durch Verletzung eines Gesetzes zu
helfen suche, auf dem die Sicherheit jeder Regierung beruhe.

Eine solche Argumentation überzeugte wohl eine herrschende und
glückliche Partei sehr leicht, aber die Prüfung von Geistern, welche
durch königliche Ungerechtigkeit und Undankbarkeit heftig gereizt waren,
hielt sie nicht aus. Es ist allerdings unmöglich, eine strenge Grenze
zwischen rechtmäßigem und unrechtmäßigem Widerstande zu ziehen; aber
diese Unmöglichkeit liegt in dem ganzen Wesen von Recht und Unrecht und
findet sich in fast jedem Zweige der ethischen Wissenschaft. Eine gute
Handlung unterscheidet sich von einer schlechten nicht durch so
deutliche Kennzeichen, wie ein Sechseck von einem Quadrat. Es giebt eine
Grenze, wo Tugend und Laster in einander verschmelzen. Wer hat jemals
eine genaue Grenzlinie zwischen Muth und Unbesonnenheit, zwischen
Vorsicht und Feigheit, zwischen Sparsamkeit und Geiz, zwischen
Freigebigkeit und Verschwendung zu ziehen vermocht? Wer hat jemals sagen
können, wie weit die Nachsicht gegen Verbrecher gehen darf, wo sie
aufhört den Namen Nachsicht zu verdienen, um verderbliche Schwäche zu
werden? Welcher Casuist, welcher Gesetzgeber ist jemals im Stande
gewesen, die Grenzen des Selbstvertheidigungsrechts zu bestimmen? Alle
unsere Juristen sind der Ansicht, daß ein gewisses Maß von Gefahr für
Leben oder Glieder den Menschen berechtige, einen Angreifer
niederzuschießen oder zu erstechen, aber den Versuch, das Maß der Gefahr
in bestimmten Worten zu bezeichnen, haben sie längst als unausführbar
aufgegeben. Sie sagen nur, es dürfe keine unbedeutende, sondern eine
solche Gefahr sein, die einen muthigen Menschen ernstlich um sich
besorgt machen kann; aber wer wird es unternehmen zu sagen, welcher Grad
von Besorgniß wirklich ernst genannt zu werden verdient oder wie der
Geist eines Menschen beschaffen sein muß, um als muthig gelten zu
können? Man muß es allerdings beklagen, daß die Natur der Worte und die
Natur der Dinge eine genauere Gesetzgebung nicht gestattet, und es läßt
sich nicht leugnen, daß oft Jemandem Unrecht geschieht, wenn die
Menschen Richter in ihrer eignen Sache sind und ihr Urtheil
augenblicklich vollziehen. Aber wer könnte deshalb alle und jede
Nothwehr verbieten? Das Recht eines Volks, einer schlechten Regierung
Widerstand zu leisten, ist ganz analog dem Rechte, mit dem der Einzelne
in Ermangelung gesetzlichen Schutzes einen ihn Angreifenden erschlagen
darf. In beiden Fällen muß die Gefahr sehr ernst sein; in beiden Fällen
müssen alle gesetzlichen und friedlichen Vertheidigungsmittel erschöpft
sein, ehe die verletzte Partei zum Äußersten schreitet; in beiden Fällen
ladet man sich eine große Verantwortlichkeit auf; in beiden Fällen ruht
die Beweislast auf Demjenigen, der es gewagt hat, zu einem so
verzweifelten Auskunftsmittel zu greifen, und vermag er sich nicht zu
rechtfertigen, so verwirkt er mit Recht die schwersten Strafen. Aber in
keinem der beiden Fälle können wir das Vorhandensein alles Rechts
leugnen. Ein von Mördern überfallener Mensch ist nicht verpflichtet,
sich ohne von seinen Waffen Gebrauch zu machen, martern und abschlachten
zu lassen, weil noch Niemand im Stande gewesen ist, das Maß der Gefahr,
welches einen Todtschlag rechtfertigt, genau zu bestimmen. Ebenso wenig
ist eine Gesellschaft verpflichtet, Alles was die Tyrannei über sie
verhängen kann, mit passiver Geduld zu ertragen, weil noch Niemand das
Maß der Regierungssünden, das eine Empörung rechtfertigt, genau zu
bestimmen vermochte.

Aber konnte der Widerstand der Engländer gegen einen Fürsten wie Jakob
eigentlich Empörung genannt werden? Die ächten Schüler Filmer's
behaupteten allerdings, daß zwischen unsrem Regierungssystem und dem der
Türkei nicht der geringste Unterschied sei, und wenn der König sich
nicht den Inhalt aller Kaufmannskasten in Lombard Street zueigne und
Stumme mit der seidenen Schnur zu Sancroft und Halifax sende, so
geschehe dies nur, weil Seine Majestät zu mild und gnädig sei, als daß
er seine ganze, ihm vom Himmel ertheilte Macht ausüben sollte. Aber wenn
auch die Tories zuweilen in der Hitze des Wortstreits eine Sprache
führten, welche anzudeuten schien, daß sie diesen überspannten Lehren
Beifall zollten, so verabscheuten sie den Despotismus doch gründlich.
Die englische Regierungsform war nach ihren Begriffen eine beschränkt
monarchische. Aber wie kann eine Monarchie beschränkt genannt werden,
wenn niemals, selbst nicht im äußersten Nothfalle Gewalt angewendet
werden darf, um sie innerhalb der ihr vorgeschriebenen Schranken zu
halten? In Rußland, wo der Herrscher nach der Verfassung des Staats
unbeschränkt war, konnte man vielleicht mit einem Schein von Richtigkeit
behaupten, daß er, welche Übergriffe er sich auch erlaubte, noch immer
nach christlichen Grundsätzen von seinen Unterthanen Gehorsam verlangen
durfte. Bei uns aber stand der Fürst so gut unter dem Gesetze wie das
Volk. Es war daher Jakob, der das Wehe über sich brachte, welches Denen
angedroht ist, die der bestehenden Gewalt Hohn sprechen. Jakob war es,
der sich den Anordnungen Gottes widersetzte, der sich gegen die
rechtmäßige Autorität auflehnte, welcher er nicht allein aus Furcht vor
dem göttlichen Zorne, sondern schon nach eigenem Gewissen hätte
unterthan sein sollen, und der im wahren Sinne der Worte Jesu dem Kaiser
nicht gab was des Kaisers war.

In Folge derartiger Betrachtungen fingen die kundigsten und
aufgeklärtesten Tories an zuzugeben, daß sie in der Lehre vom passiven
Gehorsam doch zu weit gegangen waren. Der Streit zwischen diesen Männern
und den Whigs bezüglich der gegenseitigen Verpflichtungen der Könige und
Unterthanen war jetzt kein Prinzipstreit mehr. Es blieben allerdings
noch einige gerichtliche Streitpunkte zwischen der Partei, welche
jederzeit die Rechtmäßigkeit des gewaltsamen Widerstandes behauptet
hatten, und den Neubekehrten. Das Andenken des gesegneten Märtyrers
wurde von den alten Kavalieren, welche bereit waren, gegen seinen
entarteten Sohn die Waffen zu ergreifen, noch immer so hoch als je
verehrt. Sie sprachen noch immer mit Abscheu von dem langen Parlamente,
von dem Ryehousecomplot und von dem Aufstande im Westen. Aber wie sie
auch über die Vergangenheit denken mochten, ihre Ansicht von der
Gegenwart war entschieden whiggistisch, denn sie waren jetzt der
Meinung, daß äußerster Druck gewaltsamen Widerstand rechtfertigen könne
und daß der Druck, unter dem die Nation eben seufzte, den äußersten Grad
erreicht habe.[1]

Man darf jedoch nicht glauben, daß alle Tories selbst unter den
damaligen Umständen einem Prinzipe entsagten, daß sie von Kindheit auf
als einen wesentlichen Bestandtheil des Christenthums betrachten
gelernt, zu dem sie sich viele Jahre lang mit prahlender Heftigkeit
bekannt und das sie durch Verfolgung zu verbreiten gesucht hatten.
Manche hielten aus wirklicher Überzeugung, Andere aus Scham an dem alten
Glauben fest. Der größere Theil aber selbst von Denen, welche nach wie
vor jeden gewaltsamen Widerstand gegen den Landesherrn für unstatthaft
erklärten, war geneigt, im Falle eines Bürgerkriegs neutral zu bleiben.
Keine Herausforderung sollte sie zum Aufstande bewegen, wenn aber ein
solcher ausbräche, so glaubten sie sich nicht verpflichtet, für
Jakob II. zu kämpfen, wie sie für Karl I. gekämpft haben würden. Paulus
habe den Christen in Rom verboten, sich gegen die Herrschaft Nero's zu
empören; aber es sei kein Grund zu der Annahme vorhanden, daß, wenn der
Apostel noch gelebt hätte, als die Legionen und der Senat sich gegen den
ruchlosen Kaiser erhoben, er den Brüdern befohlen haben würde, zur
Unterstützung der Tyrannei zu den Waffen zu eilen. Die Pflicht der
verfolgten Kirche sei klar: sie müsse geduldig ausharren und ihre Sache
Gott anheim stellen. Wenn es aber Gott, dessen weise Fürsorge stets das
Böse zum Guten lenkt, gefallen sollte, wie es ihm oft gefallen habe,
sich zur Abstellung ihrer Leiden der Vermittelung solcher Menschen zu
bedienen, deren heftige Leidenschaften ihre Lehren nicht zu bezähmen
vermocht hätten, so könne sie dankbar von ihm eine Befreiung annehmen,
welche auf eigne Hand zu bewerkstelligen ihre Grundsätze ihr nicht
gestatteten. So waren die meisten von den Tories, welche noch immer
jeden Gedanken an einen Angriff auf die Regierung aufrichtig
zurückwiesen, doch keineswegs gemeint, sie zu vertheidigen, und freuten
sich vielleicht, während sie sich ihrer eigenen Gewissensscrupel
rühmten, im Stillen darüber, daß nicht Jedermann so bedenklich war als
sie.

Die Whigs sahen, daß ihre Zeit gekommen war. Ob sie das Schwert gegen
die Regierung ziehen sollten, war schon seit sechs oder sieben Jahren
bei ihnen nur noch eine Frage der Klugheit und jetzt gebot ihnen eben
die Klugheit, einen kühnen Weg einzuschlagen.

    [Anmerkung 1: Dieser Umschwung in den Ansichten eines Theiles der
    Torypartei ist in einem Schriftchen, welches zu Anfang des Jahres
    1689 unter dem Titel erschien: +»A Dialogue betwen Two friends,
    wherein the Church of England is vindicated in joining with the
    Prince of Orange«+ trefflich dargestellt.]


[_Russell schlägt dem Prinzen von Oranien eine Landung in England vor._]
Im Mai, vor der Geburt des Prinzen von Wales und während es noch ungewiß
war, ob die Indulgenzerklärung in den Kirchen verlesen werden würde oder
nicht, hatte sich Eduard Russell nach dem Haag begeben, hatte dem
Prinzen von Oranien den Zustand der Volksstimmung eindringlich
geschildert und Seiner Hoheit gerathen, an der Spitze einer starken
Truppenmacht in England zu erscheinen und das Volk zu den Waffen zu
rufen.

Wilhelm hatte die ganze Bedeutung der Krisis auf den ersten Blick
erkannt. »Jetzt oder nie!« sagte er auf Lateinisch zu Dykvelt.[2] Gegen
Russell sprach er sich vorsichtiger aus, gab zu, daß die Leiden des
Staats von der Art seien, daß sie ein außergewöhnliches Heilmittel
erheischten, sprach aber sehr ernstlich von dem möglichen Scheitern des
Unternehmens und von dem Unheil, welches dadurch über Großbritannien und
über ganz Europa gebracht werden konnte. Er wisse nur zu gut, daß Viele,
die sich jetzt in hochtönenden Worten bereit erklärten, Gut und Blut dem
Vaterlande zu opfern, wieder zaghaft werden würden, wenn ihnen die
Aussicht auf eine Wiederholung der Blutigen Assisen nahe vor Augen
träte, und er könne sich daher nicht mit unbestimmten Versicherungen von
Geneigtheit begnügen, sondern verlange bestimmte Einladungen und
schriftliche Unterstützungszusagen von einflußreichen und bedeutenden
Männern. Russell bemerkte ihm dagegen, daß es gefährlich sein werde,
eine größere Anzahl von Personen in den Plan einzuweihen. Wilhelm
stimmte ihm bei und sagte, daß einige wenige Unterschriften genügen
würden, wenn es die von Staatsmännern wären, welche große Parteien
repräsentirten.[3]

    [Anmerkung 2: +»Aut nunc, aut nunquam.«+ -- Witsen's
    Handschriften, citirt von Wagenaar, Buch 60.]

    [Anmerkung 3: +Burnet, I. 763.+]


[_Heinrich Sidney._] Mit dieser Antwort kehrte Russell nach London
zurück, wo er die Aufregung bedeutend gestiegen und noch täglich
zunehmend fand. Die Einsperrung der Bischöfe und die Entbindung der
Königin erleichterten ihm seine Aufgabe mehr als er es hätte erwarten
können. Er eilte die Stimmen der Oberhäupter der Opposition zu sammeln
und sein Hauptgehülfe bei diesem Geschäft war Heinrich Sidney, der
Bruder Algernon's. Es ist ein bemerkenswerther Umstand, daß Eduard
Russell sowohl als Heinrich Sidney dem Hofstaate Jakob's angehört
hatten, daß Beide theils aus politischen, theils aus Privatgründen seine
Feinde geworden waren und daß Beide das Blut naher Verwandter zu rächen
hatten, welche in einem und demselben Jahre als Opfer seiner
unerbittlichen Strenge gefallen waren. Hier endet jedoch die
Ähnlichkeit. Russel war, bei bedeutenden Fähigkeiten, stolz,
sarkastisch, ruhelos und heftig. Sidney schien bei sanftem Gemüth und
einnehmenden Manieren seine besonderen Fähigkeiten und Kenntnisse zu
besitzen und in Genußsucht und Indolenz versunken zu sein. Von Gesicht
und Gestalt war er auffallend hübsch. In seiner Jugend war er der
Schrecken der Ehemänner gewesen und selbst jetzt, dem fünfzigsten Jahre
nahe, war er noch der Liebling der Frauen und ein Gegenstand des Neides
für jüngere Männer. Er hatte sich früher in amtlicher Stellung im Haag
aufgehalten und es war ihm gelungen, sich Wilhelm's Vertrauen in hohem
Grade zu erwerben. Viele wunderten sich darüber, denn man hätte glauben
sollen, daß der ernsteste Staatsmann und der ausschweifendste
Müßiggänger nichts mit einander gemein haben könnten. Swift konnte viele
Jahre später nicht begreifen, daß ein Mann, den er nur als einen
wissenschaftlich ungebildeten und frivolen alten Wüstling gekannt hatte,
wirklich in einer großen Revolution eine große Rolle gespielt haben
sollte. Doch selbst ein minder scharfsichtiger Beobachter als Swift
hätte wissen können, daß es einen gewissen instinktartigen Takt giebt,
der oft großen Rednern und Philosophen fehlt, aber oft bei Personen
gefunden wird, die man für einfältige Menschen erklären würde, wenn man
sie nur nach ihren Reden und Schriften beurtheilte. In der That, wer
diesen Takt besitzt, für den ist es in gewissem Sinne ein Vortheil, wenn
ihm die glänzenderen Talente mangeln, die ihn zu einem Gegenstande der
Bewunderung, des Neides und der Furcht machen würden. Sidney war ein
sprechender Beleg für diese Wahrheit. So untüchtig, unwissend und
ausschweifend er zu sein schien, so erkannte er doch ober fühlte er
vielmehr, gegen wen er zurückhaltend sein mußte und gegen wen er ohne
Gefahr mittheilend sein durfte. In Folge dessen leistete er was Mordaunt
mit all' seiner Lebhaftigkeit und all' seinem Erfindungsgeiste oder
Burnet mit all' seinem vielseitigen Wissen und seiner fließenden
Beredtsamkeit nie hätten ausführen können.[4]

    [Anmerkung 4: +Sidney's Diary and Correspondence, edited by
    Blencowe+; +Mackay's Memoirs+ und Swift's Note; +Burnet, I. 763.+]


[_Devonshire._] Bei den alten Whigs konnte es keine Schwierigkeiten
haben. Ihrer Meinung nach hatte es seit vielen Jahren kaum einen
Augenblick gegeben, wo die öffentlichen Rechtsverletzungen nicht den
Widerstand gerechtfertigt hätten. Devonshire, der als ihr Oberhaupt
betrachtet werden konnte, hatte sowohl private als öffentliche Unbilden
zu rächen. Er ging mit ganzem Herzen auf den Plan ein und bürgte für
seine Partei.[5]

    [Anmerkung 5: +Burnet, I. 764+; Chiffrirter Brief an Wilhelm vom
    18. Juni 1688 in Dalrymple.]


[_Shrewsbury. -- Halifax._] Russell theilte den Plan Shrewsbury mit und
Sidney sondirte Halifax. Shrewsbury entschloß sich mit einem Muthe und
einer Entschiedenheit, welche späterhin seinem Character zu fehlen
schienen. Er erklärte sich sofort bereit, sein Vermögen, seine Ehre und
sein Leben aufs Spiel zu setzen. Halifax aber nahm die erste Andeutung
des Vorhabens in einer Weise auf, welche bewies, daß es nutzlos und
vielleicht sogar gefährlich gewesen wäre, sich deutlicher auszusprechen.
Er war in der That auch nicht der Mann zu einem solchen Unternehmen.
Sein Geist war unerschöpflich in subtilen Unterscheidungen und
Einwendungen, sein Temperament friedliebend und nicht waghalsig. Er war
bereit, dem Hofe im Hause der Lords und durch anonyme Schriften bis aufs
Äußerste zu opponiren; aber seine vornehme Ruhe mit dem unsicheren und
bewegten Leben eines Verschwörers zu vertauschen, sich in die Gewalt von
Mitverschwornen zu geben, in beständiger Angst vor Verhaftbefehlen und
Königsboten zu leben, ja vielleicht gar auf dem Schaffot zu enden, oder
in einer Hintergasse im Haag von Almosen zu existiren, dazu hatte er
wenig Lust. Er äußerte daher einige Worte, welche deutlich erkennen
ließen, daß er nicht wünschte, in die Pläne seiner verwegeneren und
ungestümeren Freunde eingeweiht zu werden. Sidney verstand ihn und sagte
nichts mehr.[6]

    [Anmerkung 6: +Ibid.+]


[_Danby und der Bischof Compton._] Hierauf wendete man sich nun zunächst
an Danby und mit weit besserem Erfolg. Für seinen kühnen und
thatkräftigen Geist hatten Gefahr und Aufregung, welche dem zarter
organisirten Gemüth Halifax' unerträglich waren, einen großen Reiz. Die
verschiedenen Charactere der beiden Staatsmänner waren schon in ihren
Gesichtszügen zu erkennen. Halifax' Stirn, Auge und Mund verriethen
einen ausgezeichneten Verstand und einen ungewöhnlichen Sinn für die
Satire; aber sein Gesichtsausdruck war der eines Skeptikers, eines
Sybariten, eines Mannes, der so leicht nicht Alles auf eine Karte setzt
oder für irgend eine Sache zum Märtyrer wird. Wer sein Gesicht kennt,
wird sich nicht wundern können, daß der Schriftsteller, der ihm am
meisten Vergnügen machte, Montaigne war.[7] Danby war ein Skelett; sein
hageres und faltenreiches, obgleich ansprechendes und edles Gesicht
verrieth sowohl seine ausgezeichneten Geistesgaben, als auch seinen
ruhelosen Ehrgeiz. Er hatte sich schon einmal aus der Dunkelheit auf den
Gipfel der Macht emporgeschwungen und war dann plötzlich von seiner Höhe
herabgestürzt. Sein Leben war in Gefahr gewesen und er hatte Jahre lang
im Gefängniß zugebracht. Jetzt war er frei, aber damit war er nicht
zufrieden, er wollte wieder groß werden. Als treuer Anhänger der
anglikanischen Kirche und Feind des französischen Übergewichts konnte er
nicht hoffen, an einem von Jesuiten wimmelnden und dem Hause Bourbon
ergebenen Hofe etwas Großes zu werden. Wenn er aber eine Hauptrolle in
einer Revolution übernahm, welche alle Pläne der Papisten vereiteln, der
langen Vasallenschaft Englands ein Ziel setzen und die königliche Macht
auf ein erlauchtes Paar übertragen sollte, dessen eheliches Band er
geknüpft hatte, so konnte er mit neuem Glanze aus seiner Dunkelheit
hervortreten. Die Whigs, deren Groll ihn neun Jahre früher aus dem Amte
gestoßen hatte, verbanden bei seinem glücklichen Wiedererscheinen gewiß
ihren Beifallsjubel mit dem seiner alten Freunde, der Kavaliere. Schon
hatte er sich mit einem der Ausgezeichnetsten von Denen, welche ihn
vormals angeklagt hatten, mit dem Earl von Devonshire, vollständig
wieder ausgesöhnt. Die beiden Kavaliere waren in einem Dorfe im Peak
zusammengekommen und hatten einander ihrer freundschaftlichen
Gesinnungen versichert. Devonshire hatte offen eingestanden, daß die
Whigs sich einer großen Ungerechtigkeit schuldig gemacht und hatte
erklärt, daß sie jetzt von ihrem Irrthum überzeugt wären. Auch Danby
hatte Mancherlei zurückzunehmen. Er hatte einst wirklich oder vorgeblich
der Lehre vom passiven Gehorsame im weitesten Sinne gehuldigt. Auf seine
Anregung oder mit seiner Genehmigung war ein Gesetz beantragt worden,
das, wenn es angenommen worden wäre, alle Diejenigen, die sich weigerten
eidlich zu erklären, daß sie gewaltsamen Widerstand unter allen
Umständen für unerlaubt hielten, vom Parlament ausgeschlossen haben
würde. Aber sein scharfer Verstand, durch die Sorge um das öffentliche
wie um sein persönliches Wohl vollständig erleuchtet, ließ sich jetzt
nicht mehr durch solche kindische Trugschlüsse täuschen, wenn dies
überhaupt jemals der Fall gewesen war. Er erklärte sofort seinen
Beitritt zu der Verschwörung, und bemühte sich dann, die Mitwirkung
Compton's, des suspendirten Bischofs von London zu gewinnen, was ihm
auch ohne Schwierigkeit gelang. Kein Prälat war von der Regierung so
rücksichtslos und ungerecht behandelt worden als Compton, auch hatte
kein Prälat soviel von einer Revolution zu erwarten als er, denn er war
der Erzieher der Prinzessin von Oranien gewesen und man glaubte
allgemein, daß er ihr Vertrauen in hohem Maße genoß. Er hatte wie seine
Collegen, so lange er noch nicht unterdrückt wurde, entschieden
behauptet, daß es ein Verbrechen sei, sich gegen den Druck aufzulehnen;
seitdem er aber vor der Hohen Commission gestanden, war ein neues Licht
in ihm aufgegangen.[8]

    [Anmerkung 7: In Betreff Montaigne's siehe Halifax' Brief an
    Cotton. Ich weiß nicht, ob Halifax' Kopf in der Westminsterabtei
    nicht ein richtigeres Bild von ihm giebt als alle gemalten oder
    gestochenen Portraits, die ich von ihm gesehen habe.]

    [Anmerkung 8: Siehe Danby's Einleitung zu den Actenstücken, die er
    1710 veröffentlichte, so wie auch +Burnet, I. 764.+]


[_Nottingham._] Danby und Compton wünschten Beide, sich der
Unterstützung Nottingham's zu versichern. Der ganze Plan wurde ihm
mitgetheilt und er billigte denselben. Aber schon nach wenigen Tagen
fing er an besorgt zu werden. Seine Seele war nicht stark genug, um sich
von anerzogenen Vorurtheilen loszureißen. Er ging von einem Geistlichen
zum andern, legte ihnen in allgemeinen Ausdrücken angenommene Fälle von
Tyrannei vor und fragte sie, ob in solchen Fällen der Widerstand erlaubt
sei. Die Antworten, die er erhielt, vermehrten seine Angst. Endlich
sagte er seinen Mitverschwornen, daß er nicht weiter mit ihnen gehen
könne. Wenn sie ihn für fähig hielten, sie zu verrathen, so sollten sie
ihn umbringen, und er werde sie schwerlich deshalb tadeln, denn indem er
zurücktrete, nachdem er so weit gegangen sei, gebe er ihnen eine Art von
Recht über sein Leben. Er versichere aber, daß sie von ihm nichts zu
fürchten hatten; er werde ihr Geheimniß streng bewahren und könne nicht
anders als ihnen den besten Erfolg wünschen, aber sein Gewissen gestatte
ihm nicht, thätigen Antheil an einem Aufstande zu nehmen. Sie vernahmen
sein Bekenntniß mit Argwohn und Verachtung. Sidney, der sehr unbestimmte
Begriffe von Gewissensscrupeln hatte, benachrichtigte den Prinzen, daß
Nottingham Angst bekommen habe. Man ist es jedoch Nottingham schuldig,
zu sagen, daß sein allgemeiner Lebenswandel uns zu dem Glauben
berechtigt, daß er bei dieser Gelegenheit durchaus rechtschaffen, wenn
auch höchst unklug und unentschlossen handelte.[9]

    [Anmerkung 9: +Burnet, I. 764+; Sidney an den Prinzen von Oranien,
    30. Juni 1688, in Dalrymple.]


[_Lumley._] Einen vollständigeren Erfolg hatten die Agenten des Prinzen
bei Lord Lumley, der wohl wußte, daß er trotz des hochwichtigen
Dienstes, den er zur Zeit des Aufstandes im Westen geleistet, in
Whitehall nicht blos als Ketzer, sondern als Renegat verhaßt war, und
der sich daher mehr als die meisten gebornen Protestanten danach sehnte,
zur Vertheidigung des Protestantismus die Waffen zu ergreifen.[10]

    [Anmerkung 10: +Burnet, I. 763+; Lumley an Wilhelm, 31. Mai 1688
    in Dalrymple.]


[_Absendung der Einladung an Wilhelm._] Im Monat Juni hatten die ins
Geheimniß Eingeweihten häufige Zusammenkünfte, und am Letzten dieses
Monats, dem Tage, an welchem die Bischöfe für nichtschuldig erklärt
wurden, geschah endlich der entscheidende Schritt. Es wurde eine von
Sidney geschriebene, aber von einer in der Abfassung derartiger Aufsätze
geübteren Person entworfene förmliche Einladung nach dem Haag
abgeschickt. In diesem Schreiben wurde Wilhelm versichert, daß neunzehn
Zwanzigstel des englischen Volks sich nach einer Änderung sehnten und
sich gern zur Herbeiführung einer solchen verbinden würden, wenn sie den
Beistand einer solchen auswärtigen Macht erlangen könnten, welche die
sich in Waffen Erhebenden vor der Gefahr sichere, zerstreut und
niedergehauen zu werden, ehe sie sich in irgend einer militairischen
Ordnung formiren könnten. Wenn Seine Hoheit an der Spitze eines
Truppencorps in England erschiene, würden viele Tausende zu seinen
Fahnen eilen, und er würde bald über eine der regulären Armee Englands
weit überlegene Streitmacht zu verfügen haben. Überdies könne sich die
Regierung selbst auf diese Armee nicht unbedingt verlassen. Die
Offiziere seien unzufrieden und die gemeinen Soldaten theilten den
Widerwillen gegen den Papismus, der in dem Stande, welchem sie
angehörten, allgemein sei. Bei der Seemacht sei die protestantische
Gesinnung noch allgemeiner. Es sei daher von Wichtigkeit, daß ein
entscheidender Schritt geschehe, so lange sich die Dinge in diesem
Zustande befänden. Das Unternehmen würde viel schwieriger sein, wenn es
verschoben würde, bis der König durch Umgestaltung der Wahlkörper und
der Regimenter sich ein Parlament und ein Heer gebildet habe, auf die er
sich verlassen könnte. Die Verschwornen baten demnach den Prinzen
dringend, so schleunig als möglich zu ihnen zu kommen. Sie gaben ihr
Ehrenwort darauf, daß sie sich ihm anschließen würden und machten sich
anheischig, die Mitwirkung einer so großen Anzahl Personen zu erlangen,
als man ohne Gefahr in ein so wichtiges und gefährliches Geheimniß
ziehen könne. Über einen Punkt hielten sie es für ihre Pflicht, Seiner
Hoheit eine Vorstellung zu machen. Er habe die Meinung der großen Masse
der Engländer über die kürzliche Geburt eines Prinzen nicht zu seinem
Vortheile benutzt, sondern im Gegentheil Glückwünsche nach Whitehall
gesandt, wodurch es scheinen müsse, als ob das Kind, welches den Namen
eines Prinzen von Wales bekommen habe, der rechtmäßige Erbe des Thrones
sei. Dies sei ein großer Fehler gewesen und habe den Eifer abgekühlt.
Nicht Einer unter Tausend zweifle daran, daß der Knabe untergeschoben
sei und der Prinz würde seinen Vortheil nicht richtig erkennen, wenn er
nicht die verdächtigen Umstände, welche die Niederkunft der Königin
begleitet hätten, unter den Gründen für seine bewaffnete Erhebung obenan
stelle.[11]

Dieses Schreiben war mit den Namenschiffern der sieben Oberhäupter der
Verschwörung, Shrewsbury, Devonshire, Danby, Lumley, Compton, Russell
und Sidney, unterzeichnet. Herbert übernahm das Amt des Überbringers.
Seine Sendung war mit nicht geringer Gefahr verknüpft. Er legte die
Tracht eines gemeinen Matrosen an und erreichte am Freitag nach dem
Prozesse der Bischöfe die niederländische Küste. Er eilte augenblicklich
zu dem Prinzen. Bentinck und Dyckvelt wurden gerufen und es vergingen
mehrere Tage unter Berathungen. Das erste Resultat dieser Berathungen
war, daß das Gebet für den Prinzen von Wales nicht mehr in der Kapelle
des Prinzen verlesen wurde.[12]

    [Anmerkung 11: Siehe die ausführliche Einladung bei Dalrymple.]

    [Anmerkung 12: Sidney's Brief an Wilhelm, 30. Juni 1688; Avaux,
    11.(21.), 12.(22.) Juli.]


[_Mariens Verhalten._] Von Seiten seiner Gemahlin hatte Wilhelm keine
Opposition zu fürchten. Er übte eine unbeschränkte Gewalt über ihren
Geist aus und, was noch merkwürdiger war, er hatte ihre ganze Zuneigung
gewonnen. Er ersetzte ihr die Eltern, die sie durch den Tod und durch
Entfremdung verloren hatte, die Kinder, die ihren Gebeten versagt
worden, und das Vaterland, aus dem sie verbannt war. Er theilte die
Herrschaft über ihr Herz nur mit ihrem Gott. An ihrem Vater hatte sie
wahrscheinlich nie mit Liebe gehangen, sie hatte ihn in früher Jugend
verlassen, seit vielen Jahren hatte sie ihn nicht gesehen und sein
Benehmen gegen sie seit ihrer Vermählung hatte weder Zärtlichkeit von
seiner Seite verrathen noch in ihr ein derartiges Gefühl erwecken
können. Er hatte alles Mögliche gethan, um ihr häusliches Glück zu
stören und unter ihrem Dache ein förmliches System von Spioniererei,
Aushorcherei und Angeberei eingeführt. Er bezog größere Einkünfte als
irgend einer seiner Vorgänger und bewilligte ihrer jüngeren Schwester
ein regelmäßiges Jahrgehalt von vierzigtausend Pfund;[13] die
muthmaßliche Erbin seines Thrones aber hatte nie die geringste
Geldunterstützung von ihm erhalten und war kaum im Stande, den ihrem
hohen Range unter den europäischen Fürstinnen zukommenden Aufwand zu
machen. Sie hatte es gewagt, sich für ihren alten Freund und Lehrer
Compton bei ihm zu verwenden, der von seinen bischöflichen Functionen
suspendirt worden war, weil er sich geweigert hatte, eine Handlung
empörender Ungerechtigkeit zu begehen, aber ihre Fürsprache war ungnädig
abgewiesen werden.[14] Von dem Tage an, wo es sich klar herausgestellt
hatte, daß sie und ihr Gemahl entschlossen waren, sich bei dem Umsturze
der englischen Verfassung nicht zu betheiligen, war es ein Hauptzweck
der Politik Jakob's gewesen, sie Beide zu kränken. Er hatte die
britischen Regimenter aus Holland zurückberufen, er hatte mit Tyrconnel
und mit Frankreich gegen Mariens Rechte conspirirt und Anstalten
getroffen, um sie wenigstens einer der drei Kronen zu berauben, auf
welche sie bei seinem Tode Anspruch gehabt haben würde. Jetzt glaubte
die große Masse seines Volks und viele Personen von hohem Range und
ausgezeichneten Fähigkeiten, daß er einen unächten Prinzen von Wales in
die königliche Familie eingeschmuggelt habe, um sie eines reichen
Erbtheils zu berauben, und man konnte nicht zweifeln, daß auch sie den
herrschenden Argwohn theilte. Einen solchen Vater konnte sie unmöglich
lieben. Ihre religiösen Grundsätze waren allerdings so streng, daß sie
sich wahrscheinlich bemüht haben würde, das was sie für ihre Pflicht
hielt, auch gegen einen nicht geliebten Vater zu erfüllen. In dem
vorliegenden Falle aber war sie der Meinung, daß Jakob's Anrecht auf
ihren Gehorsam einem geheiligteren Anrechte weichen müsse. In der That
stimmen alle Theologen und Publicisten darin überein, daß, wenn die
Tochter des Fürsten eines Landes mit dem Fürsten eines andren Landes
vermählt ist, sie ihr eignes Volk und ihr Vaterhaus vergessen und im
Falle eines Bruches zwischen ihrem Gemahl und ihren Eltern auf die Seite
des Ersteren treten muß. Dies ist die feststehende Regel, selbst wenn
der Gatte im Unrecht wäre; in Mariens Augen aber war das von Wilhelm
beabsichtigte Unternehmen nicht nur gerecht, sondern heilig.

    [Anmerkung 13: Bonrepaux, 18.(28.) Juli 1687.]

    [Anmerkung 14: Birch's Auszüge im Britischen Museum.]


[_Schwierigkeiten der Unternehmung Wilhelm's._] Obgleich sie es aber
sorgfältig vermied, irgend etwas zu thun oder zu sagen, was die ihm
entgegenstehenden Schwierigkeiten vermehren konnte, so waren diese
Schwierigkeiten doch sehr ernster Art. Sie wurden jedoch selbst von
Einigen von Denen, die ihn einluden hinüberzukommen, nur unvollkommen
begriffen, und sind auch von einigen Geschichtsschreibern der
Unternehmung nur unvollkommen geschildert worden.

Die Hindernisse, welche er auf englischem Boden zu erwarten hatte, waren
zwar die mindest furchtbaren, die der Ausführung seines Planes
entgegenstanden, waren aber doch auch sehr ernst. Er sah wohl ein, daß
es Wahnsinn gewesen wäre, nach dem Beispiele Monmouth's mit einigen
wenigen britischen Abenteurern über das Meer zu fahren und auf eine
allgemeine Erhebung der Bevölkerung zu rechnen. Es war nothwendig und
wurde von Allen, die ihn einluden, als nothwendig erkannt, daß er eine
Armee mitbrachte. Aber wer konnte für den Eindruck stehen, den das
Erscheinen einer solchen Armee machen würde? Die Regierung war
allerdings mit Recht verhaßt, aber ließ sich wohl erwarten, daß das an
die Einmischung festländischer Mächte in englische Streitigkeiten nicht
gewohnte englische Volk einen von fremden Soldaten umgebenen Befreier
mit wohlwollendem Auge betrachten würde? Wenn nur ein Theil der
königlichen Truppen dem Eindringenden entschlossenen Widerstand
entgegensetzte, würde dieser Theil nicht bald die vaterländischen
Sympathien von Millionen auf seiner Seite haben? Eine Niederlage würde
dem ganzen Unternehmen verderblich geworden sein. Ein blutiger Sieg der
Söldlinge der Generalstaaten über die Coldstreamgarden und die Buffs im
Herzen der Insel wäre fast ein eben so großes Unglück gewesen als eine
Niederlage. Ein solcher Sieg würde die schmerzlichste Wunde gewesen
sein, welche je dem Nationalstolze einer der stolzesten Nationen
geschlagen worden. Die so eroberte Krone hätte nie in Ruhe und Frieden
getragen werden können. Der Haß, mit dem man die Hohe Commission und die
Jesuiten betrachtete, wäre durch den viel stärkeren Haß gegen fremde
Eroberer verdrängt worden, und Viele, die seither auf Frankreichs Macht
mit Furcht und Abscheu geblickt hatten, würden gesagt haben, daß wenn
nun einmal ein fremdes Joch getragen werden müsse, das französische
weniger schimpflich sei als das holländische.

Diese Betrachtungen hätten Wilhelm wohl bedenklich machen können, selbst
wenn ihm alle militairischen Hülfsmittel der Vereinigten Provinzen zur
unumschränkten Verfügung gestanden hätten. In Wirklichkeit aber schien
es sehr zweifelhaft, ob er die Unterstützung eines einzigen Bataillons
würde erlangen können. Von allen Schwierigkeiten, mit denen er zu
kämpfen hatte, war die größte, obgleich von den englischen
Geschichtsschreibern wenig beachtete, die, welche in der Verfassung der
batavischen Republik selbst lag. Noch nie hatte ein großer Staat unter
einer so unzweckmäßigen Verfassung eine lange Reihe von Jahren existirt.
Die Generalstaaten konnten ohne die Zustimmung der Staaten jeder
einzelnen Provinz weder Krieg noch Frieden beschließen, weder ein
Bündniß eingehen, noch eine Steuer erheben. Und die Provinzialstaaten
konnten wieder ihre Zustimmung nicht ohne die Zustimmung derjenigen
Municipalitäten geben, welche einen Antheil an der Vertretung hatten.
Jede Municipalität war gleichsam ein souverainer Staat und beanspruchte
als solcher das Recht, mit den fremden Gesandten direct zu verkehren und
mit ihnen die Mittel zur Vereitelung von Plänen zu verabreden, welche
andere Municipalitäten beabchsichtigten. In einigen Stadträthen hatte
die Partei, welche mehrere Generationen hindurch den Einfluß der
Stadthalter mit eifersüchtigem Auge ansah, ein große Masse. An der
Spitze dieser Partei standen die Behörden der stolzen Stadt Amsterdam,
welche damals in ihrer höchsten Blüthe war. Sie hatten seit dem Frieden
von Nymwegen mit Ludwig durch die Vermittelung seines geschickten und
thätigen Gesandten, des Grafen von Avaux, stets einen freundschaftlichen
Verkehr unterhalten. Vorschläge, die der Statthalter als zum Wohle der
Republik unumgänglich nöthig beantragt, die von allen Provinzen außer
Holland und von siebzehn unter den achtzehn holländischen Stadträthen
genehmigt worden, waren schon mehr als einmal durch die einzige Stimme
Amsterdam's verworfen worden. Das einzige verfassungsgemäße Hülfsmittel
in solchen Fällen bestand darin, daß Deputationen von den zustimmenden
Städten der andersmeinenden Stadt einen Besuch machten, um sie womöglich
zu überreden. Die Anzahl der Deputirten war unbeschränkt, sie konnten
ihre Vorstellungen so lange fortsetzen, als es ihnen gutdünkte, und
währenddem mußte die starrsinnige Commun, die sich ihren Gründen nicht
fügen wollte, für ihren Unterhalt sorgen. Dieses abgeschmackte
Zwangsmittel war einmal mit Erfolg gegen die kleine Stadt Gorkum
angewendet worden, machte aber voraussichtlich keinen großen Eindruck
auf das mächtige und reiche Amsterdam, das durch seinen von zahllosen
Masten strotzenden Hafen, durch seine von stattlichen Gebäuden
eingefaßten Kanäle, durch seine prächtige Stadthalle mit Wänden, Decken
und Fußböden von polirtem Marmor, durch seine mit den kostbarsten
Producten Ceylon's und Surinam's gefüllten Waarenmagazine und seine
Börse, in der das endlose Summen aller Sprachen der civilisirten Völker
ertönte, in der ganzen Welt berühmt war.[15]

Die Streitigkeiten zwischen der Majorität, welche den Statthalter
unterstützte, und der Minorität, zu deren Spitze der Magistrat von
Amsterdam stand, waren schon mehrmals so heftig geworden, daß
Blutvergießen unvermeidlich zu sein schien. Einmal hatte der Prinz den
Versuch gemacht, die widerspenstigen Deputirten als Verräther bestrafen
zu lassen. Ein andermal waren ihm die Thore von Amsterdam versperrt und
Truppen zur Vertheidigung der Privilegien des Municipalraths ausgehoben
worden. Es war nicht zu erwarten, daß die obrigkeitliche Behörde dieser
großen Stadt je in eine Expedition willigen würde, welche für Ludwig,
dem sie den Hof machte, im höchsten Grade beleidigend war und
voraussichtlich das ihr verhaßte Haus Oranien zu größerer Macht erhob.
Und doch konnte eine solche Expedition ohne ihre Einwilligung gesetzlich
nicht unternommen werden. Ihren Widerstand durch Waffengewalt zu
brechen, war ein Mittel, daß der entschlossene und kühne Statthalter
unter anderen Umständen nicht gescheut haben würde. In vorliegendem
Falle aber war es von höchster Wichtigkeit, daß er sorgfältig jeden
Schritt vermied, der als tyrannisch dargestellt werden konnte. Er durfte
es nicht wagen, in demselben Augenblicke, wo er gegen seinen
Schwiegervater das Schwert zog, weil dieser die Grundgesetze Englands
verletzt hatte, die Grundgesetze Holland's zu verletzen. Der gewaltsame
Umsturz einer freien Verfassung würde ein sonderbares Vorspiel zur
gewaltsamen Aufrichtung einer andren gewesen sein.[16]

Außerdem gab es noch eine andre Schwierigkeit, welche von den englischen
Geschichtschreibern zu wenig beachtet worden ist, die aber Wilhelm nicht
einen Augenblick aus dem Gesicht verlor. Er konnte das beabsichtigte
Unternehmen nur dann glücklich durchführen, wenn er an das
protestantische Gefühl Englands appellirte und dieses Gefühl so kräftig
anspornte, daß es eine Zeit lang das vorherrschende und fast
ausschließliche Gefühl der Nation würde. Dies würde in der That eine
sehr einfaches Verfahren gewesen sein, hätte seine Politik einzig und
allein dahin gezielt, auf unsrer Insel eine Revolution hervorzurufen und
daselbst zu regieren. Aber er hatte ein andres Endziel vor Augen, das er
nur mit Beihülfe von Fürsten, welche der römischen Kirche aufrichtig
ergeben waren, erreichen konnte. Er wollte das deutsche Reich, den
katholischen König und den heiligen Stuhl mit England und Holland zu
einem Bündnisse gegen das Übergewicht Frankreichs vereinigen, daher war
es nöthig, daß er, während er den gewaltigsten Schlag führte, der je zur
Vertheidigung des Protestantismus geführt worden war, sich das
Wohlwollen von Regierungen zu erhalten suchte, welche den
Protestantismus als eine gefährliche Ketzerei betrachteten.

Dies waren die verwickelten Schwierigkeiten dieses großen Unternehmens.
Staatsmänner des Continents erkannten einen Theil dieser
Schwierigkeiten, britische Staatsmänner einen andren. Nur ein
scharfblickender und gewaltiger Geist übersah sie mit einem einzigen
Blicke und beschloß sie alle zu überwinden. Es war kein leichtes Ding,
die englische Regierung vermittelst einer fremden Heeresmacht zu
stürzen, ohne den Nationalstolz der Engländer zu verwunden. Es war kein
leichtes Ding, von der batavischen Faction, welche Frankreich mit
Vorliebe und das Haus Oranien mit Widerwillen betrachtete, eine
Entscheidung zu Gunsten einer Expedition zu erlangen, die alle Pläne
Frankreichs über den Haufen warf und das Haus Oranien auf den Gipfel der
Größe erheben mußte. Es war kein leichtes Ding, begeisterte Protestanten
zu einem Kreuzzuge gegen den Papismus zu führen, und sich trotzdem die
Freundschaft fast aller papistischen Regierungen und des Papstes selbst
zu erhalten. Doch alles dies führte Wilhelm aus. Er erreichte alle seine
Zwecke, selbst die, welche sich am wenigsten mit einander zu vertragen
schienen, vollständig und zu gleicher Zeit. Die ganze Geschichte der
alten wie der neuen Zeit berichtet keinen zweiten ähnlichen Triumph der
Staatskunst.

Die Aufgabe würde allerdings selbst für einen solchen Staatsmann wie der
Prinz von Oranien zu schwierig gewesen sein, wären nicht seine
Hauptgegner damals in einer Bethörung befangen gewesen, welche von
vielen gerade nicht abergläubischen Leuten als eine besondere göttliche
Strafe betrachtet wurde. Nicht nur der König von England war wie immer
verblendet und verkehrt, sondern selbst die Räthe des klugen Königs von
England waren thöricht geworden. Was Weisheit und Energie irgend
vermögen, das that Wilhelm. Die Hindernisse aber, welche keine Weisheit
oder Energie hätte überwinden können, räumten seine Feinde selbst
geflissentlich aus dem Wege.

    [Anmerkung 15: +Avaux Neg., Oct. 29. (Nov. 8.) 1683+.]

    [Anmerkung 16: In Betreff des Verhältnisses, in welchem der
    Statthalter und die Stadt Amsterdam zu einander standen, siehe
    Avaux an mehreren Stellen.]


[_Jakob's Benehmen nach dem Prozesse der Bischöfe._] An dem wichtigen
Tage, an welchem die Bischöfe freigesprochen und die Einladung nach dem
Haag abgesandt wurde, kehrte Jakob in verdrüßlicher und gereizter
Stimmung von Hounslow nach Westminster zurück. Er bemühte sich diesen
Nachmittag heiter zu scheinen;[17] aber die Freudenfeuer, die Raketen
und vor Allem die wächsernen Päpste, welche in allen Stadttheilen
Londons leuchteten, waren eben nicht geeignet, ihn zu erheitern. Wer ihn
am andren Morgen sah, konnte in seinen Zügen und in seiner Haltung ohne
Mühe die heftigen Gemüthsbewegungen erkennen, die in seiner Brust
tobten.[18] Einige Tage lang schien er sehr ungern von dem Prozeß zu
sprechen, so daß selbst Barillon es nicht wagen durfte, die Sache zur
Sprache zu bringen.[19]

Bald begann es sich klar zu zeigen, daß die Niederlage und Demüthigung
das Herz des Königs nur noch mehr verhärtet hatte. Die ersten Worte, die
über seine Lippen kamen, als er erfuhr, daß die Gegenstände seiner Rache
ihm entschlüpft, waren: »Sie sollen es bereuen!« Schon nach wenigen
Tagen wurde der Sinn dieser Worte, die er seiner Gewohnheit nach sehr
häufig wiederholte, vollkommen klar. Er machte sich Vorwürfe, nicht
darüber, daß er die Bischöfe gerichtlich verfolgt, sondern daß er sie
vor ein Tribunal gestellt hatte, wo die factischen Fragen durch
Geschworne entschieden wurden und die feststehenden Rechtsgrundsätze
auch von den servilsten Richtern nicht gänzlich aus den Augen gelassen
werden konnten. Diesen Fehler beschloß er wieder gut zu machen. Nicht
nur die sieben Prälaten, welche die Petition unterzeichnet hatten,
sondern die gesammte anglikanische Geistlichkeit sollte Ursache haben,
den Tag zu verwünschen, an welchem sie einen Sieg über ihren Landesherrn
davon getragen. Etwa vierzehn Tage nach dem Prozeß wurde eine
Kabinetsordre erlassen, welche allen Diöcesankanzlern und Archidiakonen
anbefahl, in ihren betreffenden Sprengeln eine strenge Untersuchung
vorzunehmen und binnen fünf Wochen der Hohen Commission die Namen aller
derjenigen Pfarrer, Vikare und Curaten aufzugeben, welche die
Indulgenzerklärung nicht verlesen hatten.[20] Der König weidete sich
schon im voraus an dem Entsetzen, mit dem die Ungehorsamen vernehmen
würden, daß sie vor ein Tribunal gestellt werden sollten, von dem sie
keine Gnade zu erwarten hatten.[21] Die Anzahl der Schuldigen betrug
wenig unter, wenn nicht volle zehntausend und nach dem, was im
Magdalenen-Collegium geschehen war, konnte jeder von ihnen mit gutem
Grunde darauf gefaßt sein, daß ihm die Ausübung aller seiner geistlichen
Functionen untersagt, daß er aus seiner Pfründe vertrieben, zur
Bekleidung irgend eines andren Amtes für unfähig erklärt und in die
Kosten des Prozesses verurtheilt würde, der ihn zum Bettler gemacht.

    [Anmerkung 17: Adda, 6.(16.) Juli 1688.]

    [Anmerkung 18: +Reresby's Memoirs+.]

    [Anmerkung 19: Barillon, 2.(12.) Juli 1688.]

    [Anmerkung 20: +London Gazette, July 16. 1688+. Die Kabinetsordre
    ist vom 12. Juli datirt.]

    [Anmerkung 21: Barillon's eigene Worte 6.(16.) Juli 1688.]


[_Entlassungen und Ernennungen._] Dies war die Verfolgung, durch welche
Jakob im Ärger über seine große Niederlage in Westminsterhall die
Geistlichkeit zu züchtigen beschloß. Vor der Hand bemühte er sich, den
Männern des Gesetzes durch rasche und ausgedehnte Vertheilung von
Belohnungen und Strafen zu zeigen, daß consequente und schamlose
Servilität, wenn sie auch nicht zum Ziele führte, ein sicheres Anrecht
auf seine Gunst verleihe und daß Jeder, der nach jahrelanger
Unterwürfigkeit nur einen Augenblick auf den Pfad des Muthes und der
Rechtschaffenheit überzuspringen wagte, sich eines unverzeihlichen
Verbrechens schuldig mache. Die Heftigkeit und Frechheit, welche der
Renegat Williams während des ganzen Prozesses der Bischöfe an den Tag
gelegt, hatte ihn der ganzen Nation verhaßt gemacht.[22] Er wurde mit
dem Baronettitel belohnt. Holloway und Powell hatten ihren Ruf durch die
Erklärung gehoben, daß die Petition ihrer Ansicht nach kein Libell sei.
Sie wurden ihrer Stellen entsetzt.[23] Wright's Schicksal scheint einige
Zeit zweifelhaft gewesen zu sein. Er hatte zwar gegen die Bischöfe
resumirt, hatte es aber geduldet, daß ihr Rechtsbeistand die
Dispensationsgewalt bestritt; er hatte die Petition ein Libell genannt,
es aber sorgfältig vermieden, die Indulgenzerklärung gesetzlich zu
nennen, und während der ganzen Verhandlung hatte er in dem Tone eines
Mannes gesprochen, welcher wußte, daß ein Tag der Rechenschaft kommen
konnte. Allerdings hatte er auch gegründete Ansprüche auf Nachsicht,
denn es war wohl kaum zu erwarten, daß irgend eines Menschen Frechheit
in einer solchen Aufgabe, angesichts einer solchen Barre und eines
solchen Auditoriums von Anfang bis zu Ende hätte aushalten können, ohne
zu erschlaffen. Die Mitglieder der jesuitischen Cabale tadelten ihn
jedoch wegen seines Mangels an Muth; der Kanzler nannte ihn einen Esel
und man glaubte allgemein, daß ein neuer Oberrichter ernannt werden
würde.[24] Aber es fand keine derartige Veränderung statt. Es würde auch
nicht leicht gewesen sein, Wright's Stelle wieder zu besetzen. Die
vielen Juristen, welche in Talenten und Kenntnissen hoch über ihm
standen, waren fast ohne Ausnahme den Plänen der Regierung feindlich
gesinnt; und die sehr wenigen, die ihn in Gewissenlosigkeit und
Frechheit übertrafen, waren fast ohne Ausnahme nur in den untersten
Schichten ihres Standes zu finden und würden unfähig gewesen sein, nur
die gewöhnlichen Geschäfte des Kingsbenchgerichts zu leiten. Williams
vereinigte allerdings alle Eigenschaften in sich, welche Jakob von einem
hohen Gerichtsbeamten verlangte, aber seiner Dienste bedurfte man bei
der Staatsanwaltschaft und wäre er von derselben entfernt worden, so
würde der Krone nicht der Beistand eines Advokaten dritten Ranges
geblieben sein.

Nichts hatte den König mehr in Erstaunen gesetzt und gekränkt, als die
Begeisterung, welche die Dissenters für die Sache der Bischöfe an den
Tag legten. Penn, der, obgleich er selbst seinen Gewissensscrupeln
Reichthum und Ehrenstellen aufgeopfert hatte, zu glauben schien, daß
außer ihm Niemand ein Gewissen habe, schrieb die Unzufriedenheit der
Puritaner dem Neide und dem unbefriedigten Ehrgeize zu. Er meinte, sie
hätten keinen Antheil an den durch die Indulgenzerklärung verheißenen
Wohlthaten gehabt, keiner von ihnen sei zu einem hohen und ehrenvollen
Posten berufen worden, und es sei daher kein Wunder, daß sie auf die
Katholiken eifersüchtig wären. In Folge dessen wurde acht Tage nach dem
hochwichtigen Verdict der Geschwornen in Westminsterhall, Silas Titus,
ein angesehener Presbyterianer, ein heftiger Exclusionist und einer der
Hauptankläger Stafford's, eingeladen, einen Sitz im Geheimen Rathe
einzunehmen. Er gehörte zu Denen, auf welche die Opposition am
sichersten gerechnet hatte. Aber die ihm jetzt angetragene Ehre und die
Aussicht eine bedeutende Summe zu erhalten, die ihm die Krone schuldete,
gewannen die Oberhand über seine Tugend und er wurde zum großen Ärgerniß
aller Klassen von Protestanten vereidigt.[25]

Die Rachepläne des Königs gegen die Kirche gingen nicht in Erfüllung.
Fast sämmtliche Archidiakonen und Diöcesankanzler verweigerten die
verlangten Angaben. Der Tag, an welchem die ganze Masse der Geistlichen
vorgeladen werden sollte, um sich wegen ihres Ungehorsams zu
verantworten, kam heran.

    [Anmerkung 22: In einer der zahlreichen Balladen jener Zeit kommen
    folgende Zeilen vor:

      »Unsere beiden Briten sind Thoren,
      Die sich gegen das Gesetz verschworen,
      Aber das nächste Parlament wird sie kriegen bei den Ohren.«

    Die beiden Briten sind Jeffrey's und Williams, beide aus Wales
    gebürtig.]

    [Anmerkung 23: +London Gazette, July 9. 1688+.]

    [Anmerkung 24: Ellis' Correspondenz, 10. Juli 1688; +Clarendon's
    Diary, Aug. 3. 1688+.]

    [Anmerkung 25: +London Gazette, July 9. 1688+; Adda, 13 (23.)
    Juli; +Evelyn's Diary, July 12+; Johnstone, 8.(18.) Dec. 1687,
    6.(16.) Febr. 1688.]


[_Verfahren der Hohen Commission. Sprat tritt aus._] Die Hohe Commission
trat zusammen. Es zeigte sich, daß kaum ein kirchlicher Beamter eine
Liste eingeschickt hatte. Zu gleicher Zeit wurde der Commission eine
Schrift von der höchsten Bedeutung vorgelegt. Es war ein Schreiben von
Sprat, dem Bischof von Rochester. Zwei Jahre lang hatte er in der
Hoffnung auf ein Erzbisthum den Vorwurf ertragen, daß er die Kirche
verfolge, deren Vertheidigung eine Gewissens- und Ehrenpflicht für ihn
war. Aber seine Hoffnung war getäuscht worden. Er sah, daß er keine
Aussicht hatte, auf den Metropolitenthron von York zu gelangen, wenn er
nicht seinem Glauben entsagte. Er war zu gutherzig, als daß er an der
Tyrannei hätte Gefallen finden können und zu scharfblickend, um nicht
die Anzeichen der kommenden Vergeltung zu erkennen. Daher beschloß er,
seine gehässigen Functionen niederzulegen, und er theilte diesen
Entschluß seinen Collegen in einem Schreiben mit, das gleich allen
Erzeugnissen seiner Prosa in einem sehr eleganten und würdevollen Style
abgefaßt war. Er sagte, es sei ihm nicht möglich, noch länger Mitglied
der Commission zu bleiben. Er habe zwar selbst aus Gehorsam gegen den
königlichen Befehl die Erklärung verlesen, aber er könne es nicht auf
sich nehmen, Tausende von frommen und loyalen Geistlichen, die eine
andre Ansicht von ihrer Pflicht hätten, dazu zu verurtheilen, und da man
beschlossen habe, sie dafür zu bestrafen, daß sie ihrer Überzeugung
gemäß gehandelt, müsse er erklären, daß er lieber mit ihnen leiden, als
zu ihren Leiden beitragen wolle.

Die Commissare lasen das Schreiben mit nicht geringem Erstaunen. Gerade
die Fehler ihres Collegen, die bekannte Lockerheit seiner Grundsätze und
seine bekannte Zaghaftigkeit machten seinen Abfall ganz besonders
beunruhigend. Wenn Männer wie Sprat in der Sprache eines Hampden zu
einer Regierung redeten, so mußte diese Regierung in der That sehr
gefährdet sein. Das vor kurzem noch so übermüthige Tribunal wurde mit
einem Male merkwürdig zahm. Die kirchlichen Beamten, welche seiner
Autorität getrotzt, erhielten nicht einmal einen Verweis. Man hielt es
nicht für rathsam, nur den Verdacht zu äußern, daß ihr Ungehorsam
absichtlich gewesen sei. Es wurde ihnen nur bedeutet, daß ihre Berichte
in vier Monaten fertig sein müßten. Dann ging die Commission bestürzt
auseinander. Sie hatte den Todesstoß empfangen.[26]

    [Anmerkung 26: Sprat's Briefe an den Earl von Dorset; +London
    Gazette, Aug. 23. 1688+.]


[_Unzufriedenheit des Klerus. -- Vorgänge in Oxford._] Während die Hohe
Commission sich vor einem Conflict mit der Kirche scheute, reizte diese
im Bewußtsein ihrer Stärke und von neuer Begeisterung beseelt, die Hohe
Commission durch eine Reihe von Herausforderungen zum Angriff. Bald nach
der Freisprechung der Bischöfe erlag der ehrwürdige Ormond, der
vornehmste Kavalier aus dem großen Bürgerkriege, den Gebrechlichkeiten
seines hohen Alters. Sein Tod wurde sogleich nach Oxford berichtet und
die Universität, deren Kanzler er seit vielen Jahren gewesen war,
versammelte sich augenblicklich, um einen Nachfolger für ihn zu wählen.
Ein Theil war für den beredtsamen und gebildeten Halifax, ein andrer für
den ernsten und orthodoxen Nottingham. Einige erwähnten auch den Earl
von Abingdon, der in ihrer Nähe wohnte und unlängst seiner Stelle als
Statthalter der Grafschaft entsetzt worden war, weil er sich geweigert
hatte, den König in seinen Maßregeln gegen die Landeskirche zu
unterstützen. Die Mehrheit aber, aus hundertachtzig Graduirten
bestehend, stimmte für den jungen Herzog von Ormond, den Enkel ihres
verstorbenen Oberhauptes und Sohn des tapferen Ossory. Die Eil, mit der
sie zu diesem Beschlusse kamen, hatte ihren Grund in der Besorgniß, daß,
wenn sie nur einen Tag zögerten, der König es versuchen möchte, ihnen
einen Kanzler aufzudringen, der ihre Rechte nicht wahren würde. Diese
Besorgniß war auch gegründet, denn kaum zwei Stunden nachdem sie
auseinander gegangen waren, kam ein Befehl von Whitehall, der ihnen
vorschrieb Jeffreys zu wählen. Zum Glück war die Wahl des jungen Ormond
bereits vollendet und nicht mehr rückgängig zu machen.[27] Einige Wochen
darauf wurde der ehrlose Timotheus Hall, der sich durch Verlesung der
Indulgenzerklärung unter der londoner Geistlichkeit ausgezeichnet hatte,
mit dem Bisthum Oxford belohnt, welches seit dem Tode des nicht minder
ehrlosen Parker unbesetzt war. Hall kam nach Oxford, um seinen
Bischofssitz einzunehmen, aber die Canonici seiner Kathedrale weigerten
sich seiner Einsetzung beizuwohnen, die Universität wollte ihn nicht zum
Doctor creiren, nicht ein einziges Mitglied der akademischen Jugend
wendete sich an ihn behufs der Ordination, kein Hut wurde vor ihm
abgenommen und er war in seinem Palaste beständig allein.[28]

Bald darauf kam eine Pfründe zur Erledigung, welche das
Magdalenen-Collegium von Oxford zu vergeben hatte. Hough und seine
vertriebenen Collegen versammelten sich und schlugen einen Candidaten
vor, den der Bischof von Gloucester, in dessen Diöcese die Pfründe lag,
auch ohne Besinnen einsetzte.[29]

    [Anmerkung 27: +London Gazette, July 26. 1688+; Adda, 27. Juli
    (6. Aug.); Neuigkeitsbrief vom 23. Juli in der Mackintosh-Sammlung;
    Ellis Correspondenz, 28., 31. Juli. +Wood's Fasti Oxonienses+.]

    [Anmerkung 28: +Wood's Athenae Oxonienses+; +Luttrell's Diary,
    Aug. 23. 1688.+]

    [Anmerkung 29: Ronquillo, 17.(27.) Sept. 1688; +Luttrell's Diary,
    Sept. 6.+]


[_Unzufriedenheit der Gentry._] Die Gentry war nicht minder
widerspenstig, als der Klerus. Die Assisen dieses Sommers gewährten im
ganzen Lande einen noch nie dagewesenen Anblick. Die Richter waren vor
dem Antritt ihrer Rundreise zum Könige beschieden worden und hatten von
ihm die Weisung erhalten, daß sie den Mitgliedern der großen Jury's und
den Magistratsbeamten im ganzen Reiche die Pflicht einschärfen sollten,
nur solche Mitglieder ins Parlament zu wählen, die seine Politik
unterstützen würden. Sie gehorchten seinem Befehle, ließen sich heftig
über die Geistlichkeit aus, schmähten die sieben Bischöfe, nannten die
denkwürdige Petition ein aufrührerisches Libell, kritisirten Sancroft's
Styl mit großer Schärfe und sagten, Seine Gnaden sollten für ihr
schlechtes Englisch vom Doctor Busby ausgepeitscht werden. Diese
unschicklichen Reden hatten jedoch keine andre Wirkung, als daß sie die
öffentliche Unzufriedenheit noch vermehrten. Alle öffentlichen
Achtungsbezeigungen, welche sonst dem richterlichen Amte und der
königlichen Vollmacht erwiesen worden waren, wurden unterlassen. Die
alte Sitte verlangte eigentlich, daß angesehene und vermögende Männer im
Gefolge des Sheriffs ritten, wenn er die Richter nach der Hauptstadt der
Grafschaft begleitete; jetzt aber hielt es schwer, in irgend einem
Theile des Landes einen solchen Zug zusammen zu bringen. Besonders die
Nachfolger Powell's und Holloway's wurden mit auffallender
Geringschätzung behandelt. Ihnen waren die Assisen von Oxford zugefallen
und sie hatten erwartet, daß sie in jeder Grafschaft von einer Cavalcade
der loyalen Gentry begrüßt werden würden. Als sie sich aber Wallingford
näherten, wo sie ihre Sitzungen für Berkshire eröffnen sollten, kam nur
der Sheriff ihnen entgegen. Auch vor Oxford, der höchst loyalen
Hauptstadt einer höchst loyalen Provinz, wurden sie abermals von dem
Sheriff allein bewillkommnet.[30]

    [Anmerkung 30: Ellis' Correspondenz, 4. 7. Aug. 1688; Bischof
    Sprat's Bericht über die Conferenz vom 6. Nov. 1688.]


[_Unzufriedenheit der Armee._] Die Armee war kaum weniger mißvergnügt,
als die Geistlichkeit und die Gentry. Die Besatzung des Tower hatte auf
das Wohl der gefangenen Bischöfe getrunken. Die in Lambeth stehenden
Fußgarden hatten den Primas bei seiner Rückkehr in seinen Palast mit
allen Zeichen der Ehrerbietung bewillkommnet. Nirgends war die Nachricht
von der Freisprechung mit lauterem Jubel aufgenommen worden, als im
Lager von Hounslow. Die große Truppenmacht, welche der König
zusammengezogen hatte, um seine meuterische Hauptstadt im Schach zu
halten, war in der That meuterischer geworden, als die Hauptstadt
selbst, und wurde vom Hofe mehr gefürchtet, als von den Bürgern. Anfangs
August wurde daher das Lager aufgehoben und die Truppen in verschiedenen
Theilen des Landes einquartirt.[31]

Jakob schmeichelte sich mit der Hoffnung, daß einzelne Bataillone
leichter im Zaume zu halten sein würden, als viele tausend auf einem
kleinen Raume zusammengedrängte Soldaten. Das erste Experiment wurde mit
Lord Lichfield's Infanterieregiment, dem gegenwärtigen zwölften
Linienregiment gemacht. Man hatte dieses Regiment wahrscheinlich deshalb
gewählt, weil es zur Zeit des Aufstandes im Westen in Staffordshire
ausgehoben worden war, einer Provinz, die verhältnißmäßig mehr
Katholiken zählte, als irgend ein andrer Theil Englands. Die
Mannschaften wurden vor dem Könige aufgestellt und ihr Major setzte sie
in Kenntniß, daß Seine Majestät wünschte, sie sollten eine Verpflichtung
unterschreiben, durch die sie sich verbindlich machten, ihn bei der
Ausführung seiner Absichten bezüglich des Testes zu unterstützen, und
daß alle Diejenigen, die sich nicht dazu verstehen wollten, auf der
Stelle den Militairdienst verlassen müßten. Zum großen Erstaunen des
Königs legten ganze Reihen augenblicklich ihre Piken und Musketen
nieder. Nur zwei Offiziere und einige Gemeine, sämmtlich Katholiken,
gehorchten seinem Befehle. Er schwieg eine Weile, dann befahl er den
Leuten, daß sie ihre Waffen wieder aufnehmen sollten, und sagte mit
einem finstren Blicke zu ihnen: »Ein andermal werde ich Euch nicht die
Ehre erzeigen, Euch erst zu fragen.«[32]

Es war klar, daß er die Armee vollständig reorganisiren mußte, wenn er
auf seinen Plänen beharren wollte. Die dazu geeigneten Elemente aber
konnte er auf unsrer Insel nicht finden. Die Mitglieder seiner Kirche
bildeten selbst in den Districten, wo sie am zahlreichsten waren, nur
den bei weitem kleineren Theil der Bevölkerung. Der Haß gegen den
Papismus hatte sich durch alle Klassen seiner protestantischen
Unterthanen verbreitet und war das vorherrschende Gefühl selbst der
Landleute und Handwerker geworden. Aber es gab einen andren Theil seines
Reichs, wo die Hauptmasse der Bevölkerung von einem ganz andren Geiste
beseelt war. Die Zahl der römisch-katholischen Soldaten, welche durch
den guten Sold und die guten Quartiere Englands von jenseit des St.
Georgskanals herübergelockt werden würden, hatte keine Grenze. Tyrconnel
hatte sich seit einiger Zeit bemüht, aus dem Landvolke seiner Heimath
eine Heeresmacht zu bilden, auf die sein Gebieter sich verlassen konnte.
Fast die ganze irische Armee bestand schon aus Papisten von celtischer
Abkunft und Sprache. Barillon hatte dem Könige schon öfters ernstlich
gerathen, diese Armee herüberkommen zu lassen, um der englischen Respekt
einzuflößen.[33]

    [Anmerkung 31: +Luttrell's Diary, Aug. 8, 1688.+]

    [Anmerkung 32: Dies wird uns von drei Schriftstellern erzählt, die
    sich jener Zeit wohl erinnern konnten: von Kennet, Eachard und
    Oldmixon. Siehe auch das +Caveat against the Whigs+.]

    [Anmerkung 33: Barillon, 23. Aug. (2. Sept.), 3.(13.), 6.(16.) u.
    8.(18.) Sept. 1688.]


[_Es werden irische Truppen herübergezogen. -- Unwille des Volks._]
Jakob schwankte. Er wollte gern von Truppen umgeben sein, auf die er
sich verlassen konnte; aber er fürchtete den Ausbruch des
Nationalunwillens, den das Erscheinen einer bedeutenden irischen
Militairmacht auf englischem Boden hervorrufen mußte. Wie es gewöhnlich
zu geschehen pflegt, wenn ein schwacher Mann einander entgegengesetzte
Nachtheile vermeiden will, schlug er endlich einen Weg ein, der sie alle
in sich vereinigte. Er zog so viele Irländer herüber, als in der That
nicht hingereicht haben würden, um nur die Hauptstadt oder die
Grafschaft York im Zaume zu halten, die aber doch genügten, um die
Besorgniß und den Unwillen des ganzen Königreiches von Northumberland
bis Cornwall zu erregen. Ein Bataillon nach dem andren, von Tyrconnel
ausgehoben und eingeübt, landete an der Westküste und marschirte nach
der Hauptstadt, und irische Rekruten wurden in bedeutender Anzahl
herübergezogen, um die Lücken in den englischen Regimentern
auszufüllen.[34]

Dies war einer der verderblichsten von den vielen Fehlern, welche Jakob
beging. Er hatte sich schon die Herzen seiner Nation durch Verletzung
ihrer Gesetze, durch Einziehung ihrer Güter und durch Verfolgung ihrer
Religion entfremdet. Von Denen, welche einst die eifrigsten Anhänger der
Monarchie gewesen waren, hatte er schon viele dahin gebracht, daß sie im
Herzen Rebellen waren. Indessen hätte er noch immer mit einiger Aussicht
auf Erfolg den patriotischen Sinn seiner Unterthanen gegen einen
eindringenden Feind aufrufen können. Denn sie waren der Gesinnung wie
der geographischen Lage nach ein Inselvolk, und ganz besonders damals
waren ihre nationalen Antipathien über alle Maßen heftig und lieblos.
Noch nie waren die Engländer an die Gewalt oder Einmischung eines
Fremden gewöhnt gewesen; das Erscheinen einer ausländischen Armee auf
ihrem Boden hätte sie bestimmen können, sich selbst um einen solchen
König zu schaaren, den sie zu lieben keine Ursache hatten. Wilhelm wäre
vielleicht nicht im Stande gewesen, diese Schwierigkeit zu überwinden;
aber Jakob räumte sie selbst aus dem Wege. Selbst die Ankunft einer
Brigade von Ludwig's Musketieren würde keine solche Entrüstung und
Beschämung hervorgerufen haben, als sie unsere Vorfahren beim Anblick
der aus Dublin ankommenden papistischen Colonnen empfanden, die sich mit
militairischem Gepränge auf den Landstraßen fortbewegten. Kein geborener
Engländer betrachtete damals die Ureinwohner Irlands als seine
Landsleute. Sie gehörten nicht zu unsrem Zweige der großen menschlichen
Familie, sie unterschieden sich von uns durch mehr als eine moralische
und intellectuelle Eigenthümlichkeit, welche der Unterschied der Lage
und der Erziehung, so groß derselbe auch sein mochte, nicht genügend
erklärte. Sie hatten ein andres Aussehen und eine andre Muttersprache.
Wenn sie englisch sprachen, war ihre Aussprache fehlerhaft; ihre
Phraseologie war holprig, wie immer bei Denen, welche in einer Sprache
denken und ihre Gedanken in einer andren ausdrücken. Sie waren daher
Ausländer und zwar die am meisten verhaßten und verachteten von allen
Ausländern; am meisten verhaßt deshalb, weil sie seit fünf Jahrhunderten
stets unsere Feinde gewesen waren, und am meisten verachtet, weil wir
sie besiegt, unterjocht und ausgeplündert hatten. Der Engländer verglich
mit Stolz seine Felder mit den öden Sümpfen, aus denen irische Räuber
hervorstürzten, um zu plündern und zu morden, und seine Wohnung mit den
elenden Hütten, in denen die Landleute und die Schweine vom Shannon sich
zusammen im Kothe wälzten. Der Engländer gehörte einer Gesellschaft an,
welche in Reichthum und Civilisation allerdings noch weit unter der
stand, in welcher wir jetzt leben, die aber doch eine der reichsten und
civilisirtesten der damaligen Zeit war; der Irländer dagegen war fast so
roh wie die Wilden von Labrador. Er war ein freier Mann, die Iren waren
die erblichen Leibeigenen seines Stammes. Er verehrte Gott nach einem
reinen und vernünftigen Brauche der Irländer und war in Götzendienerei
und Aberglauben versunken. Er wußte, daß mehr als einmal große Massen
von Iren vor einer kleinen englischen Streitmacht geflohen waren und daß
eine kleine englische Colonie die ganze irische Bevölkerung
niedergehalten hatte, und daraus zog er den selbstgefälligen Schluß, daß
er von Natur ein höher stehendes Wesen sei als der Irländer, denn so
erklärt ein herrschender Stamm immer sein Übergewicht und entschuldigt
damit seine Tyrannei. Jetzt werden die Irländer allgemein als ein Volk
anerkannt, das in Bezug auf Lebhaftigkeit, Mutterwitz und Beredtsamkeit
einen hohen Rang unter den Nationen der Erde einnimmt, und daß sie bei
guter Leitung vortreffliche Soldaten sind, haben sie auf hundert
Schlachtfeldern bewiesen. Gleichwohl ist es gewiß, daß sie vor
anderthalb Jahrhunderten auf unsrer Insel allgemein als ein dummes und
zugleich feiges Volk verachtet wurden. Und ein solches Volk sollte mit
bewaffneter Hand England im Schach halten, während des Letzteren
bürgerliche und kirchliche Verfassung vernichtet wurde. Das Blut der
ganzen Nation kochte bei diesem Gedanken. Von Franzosen oder Spaniern
besiegt zu werden, würde im Vergleich damit noch als ein erträgliches
Loos erschienen sein, denn die Franzosen und Spanier waren wir gewohnt
als unsrer ebenbürtig zu betrachten. Wir hatten zuweilen ihr Glück
beneidet, zuweilen ihre Macht gefürchtet, zuweilen uns zu ihrer
Freundschaft gratulirt. Bei all unsrem schroffen Stolze gaben wir zu,
daß sie große Nationen waren und daß sie sich in den Künsten des Kriegs
und des Friedens ausgezeichneter Männer rühmen konnten. Aber von einer
tief unter uns stehenden Kaste dominirt zu werden, war eine Schmach,
gegen die jede andre Schmach nichts war. Die Engländer fühlten dasselbe,
was die weißen Bewohner von Charleston oder Neworleans fühlen würden,
wenn diese Städte Negergarnisonen erhalten sollten. Die wirklichen
Thatsachen würden schon hingereicht haben, um Besorgniß und Unwillen zu
erregen; die wirklichen Thatsachen aber verschwanden in einer Masse
verworrener Gerüchte, welche unaufhörlich von einem Kaffeehause zum
andren, von einer Bierschenke zur andren flogen und auf jeder Station
ihrer Wanderung immer wunderbarer und erschreckender wurden. Die Zahl
der irischen Truppen, welche an unseren Küsten gelandet waren, konnte
allerdings ernste Besorgnisse wegen der daraus ersichtlichen Zwecke des
Königs erregen, aber sie wurde durch den Schrecken des Publikums um das
Zehnfache vergrößert. Es war wohl kaum anders zu erwarten, als daß der
rohe Kerne von Connaught, mit bewaffneter Hand unter ein fremdes Volk
gestellt, das er haßte und von dem er wieder gehaßt wurde, einige
Excesse beging; aber diese Excesse wurden durch das Gerücht übertrieben
und als Zugabe zu den Gewaltthätigkeiten, die sich der Fremde wirklich
erlaubt hatte, wurden auch die, welche seine englischen Kameraden
begangen, mit auf seine Rechnungen gesetzt. Aus allen Winkeln des
Reiches erscholl ein allgemeiner Schrei gegen die fremden Barbaren, die
sich in Privathäuser eindrängten, Pferde und Wagen wegnähmen, Geld
erpreßten und die Frauen insultirten. Diese Menschen, sagte man, seien
die Söhne Derer, welche vor siebenundvierzig Jahren die Protestanten zu
Tausenden hingeschlachtet hätten. Die Geschichte des Aufstandes von
1641, eine Geschichte, die selbst bei nüchterner Betrachtung wohl
Mitleid und Entsetzen erregen konnte und welche durch nationale und
religiöse Antipathien schrecklich entstellt worden war, bildete jetzt
das Lieblingsthema der Unterhaltung. Grauenvolle Geschichten von
Häusern, welche sammt allen ihren Bewohnern niedergebrannt worden, von
kaltblütig abgeschlachteten Frauen und Kindern, von nahen Verwandten,
welche durch die Folter gezwungen wurden, einander gegenseitig zu
morden, von geschändeten und verstümmelten Leichen, wurden in vollem
Ernste erzählt und mit vollem Glauben und gespannter Aufmerksamkeit
angehört. Dann setzte man hinzu, daß die feigen Wilden, welche
heimtückischerweise alle diese Grausamkeiten an einer nichts Arges
vermuthenden und wehrlosen Colonie verübt hätten, sobald Oliver zu
seinem großen Rachewerk unter ihnen erschienen sei, in panischem
Schrecken die Waffen weggeworfen hätten, und ohne das Glück einer
einzigen Schlacht zu versuchen, in die ihnen gebührende Sklaverei
versunken seien. Viele Anzeichen deuteten darauf hin, daß der
Lordstatthalter eine zweite große Beraubung und Niedermetzelung der
sächsischen Ansiedler beabsichtige. Tausende protestantischer
Colonisten, die sich vor der Ungerechtigkeit und frechen Willkür
Tyrconnel's geflüchtet, hatten durch Schilderung der überstandenen und
der nur zu wahrscheinlich in Aussicht stehenden ferneren Leiden den
Unwillen des Mutterlandes erregt. Wie heftig das Publikum durch die
Klagen dieser Flüchtlinge erbittert wurde, hatte sich noch ganz kürzlich
in unverkennbarer Weise gezeigt. Tyrconnel hatte der königlichen
Genehmigung die Hauptpunkte einer Bill unterbreitet, die das Gesetz
aufhob, auf welchem das Besitzrecht der Hälfte des ganzen irländischen
Grund und Bodens beruhte, und hatte als Bevollmächtigte zwei seiner
katholischen Landsleute, die erst unlängst zu hohen richterlichen Ämtern
befördert worden waren, nach Westminster gesandt: Nugent, Oberrichter
der irischen Kings Bench, eine Verkörperung aller Laster und Schwächen,
welche die Engländer damals für characteristische Eigenschaften der
papistischen Celten hielten, und Rice, ein Baron der irischen
Schatzkammer, der in Talent und Wissen vielleicht der Ausgezeichnetste
seines Stammes und seines Glaubens war. Der Zweck dieser Sendung war
wohl bekannt, und die beiden Richter durften es daher nicht wagen, sich
auf der Straße sehen zu lassen, denn wo sie erkannt wurden, rief
sogleich der Pöbel: »Platz für die irischen Gesandten!« und ihr Wagen
wurde mit höhnischer Feierlichkeit von einem Zuge Ceremonienmeister und
Läufer begleitet, welche Stöcke mit daran gespießten Kartoffeln
trugen.[35]

Die Abneigung der Engländer gegen die Irländer war damals in der That so
groß und so allgemein, daß selbst die ausgezeichnetsten Katholiken sie
theilten. Powis und Bellasyse sprachen sogar im Geheimen Rathe in den
rücksichtslosesten und schärfsten Worten ihren Widerwillen gegen die
Fremdlinge aus.[36] Unter den englischen Protestanten war diese Aversion
noch stärker und vielleicht am stärksten war sie in der Armee. Weder
Offiziere noch Soldaten waren geneigt, den Vorzug, den ihr Gebieter
einem fremden und unterjochten Stamme gab, sich ruhig gefallen zu
lassen. Der Herzog von Berwick, welcher Oberst des damals in Portsmouth
stehenden achten Linieninfanterieregiments war, gab Befehl, daß dreißig
Mann, welche soeben von Irland angekommen waren, eingereiht werden
sollten. Die englischen Soldaten erklärten, daß sie mit diesen
Eindringlingen nicht dienen wollten. Der Oberstlieutenant Johann
Beaumont protestirte für sich und im Namen von fünf Hauptleuten dem
Herzoge ins Gesicht gegen diese Beschimpfung der englischen Armee und
Nation. »Wir haben,« sagte er, »das Regiment auf unsere eigenen Kosten
errichtet, um die Krone Seiner Majestät in Zeiten der Gefahr zu
vertheidigen. Es wurde uns damals nicht schwer, Hunderte von englischen
Rekruten zu finden, und wir können leicht jede Compagnie vollzählig
erhalten, ohne Irländer aufzunehmen. Wir halten es daher für unvereinbar
mit unsrer Ehre, und diese Fremdlinge aufdringen zu lassen, und bitten,
daß es uns gestattet werde, entweder Leute unsrer eignen Nation zu
befehligen, oder unsren Abschied zu nehmen.« Berwick schickte nach
Windsor, um sich Verhaltungsbefehle zu erbitten. Der König war höchlich
entrüstet und sandte sofort eine Abtheilung Reiterei nach Portsmouth mit
dem Befehl, die sechs widerspenstigen Offiziere vor ihn zu bringen. Sie
wurden vor ein Kriegsgericht gestellt, und da sie sich durchaus nicht
fügen wollten, wurden sie zur Ausstoßung aus der Armee verurtheilt, der
höchsten Strafe, welche damals ein Kriegsgericht zuerkennen konnte. Die
ganze Nation zollte den entlassenen Offizieren ihren Beifall und die
herrschende Stimmung wurde durch das ungegründete Gerücht, daß sie
während ihrer Haft mit Härte behandelt worden seien, noch mehr
aufgereizt.[37]

    [Anmerkung 34: +Luttrell's Diary, Aug. 27. 1688+.]

    [Anmerkung 35: +King's State of the Protestants of Ireland+;
    +Secret Consults of the Romish Party in Ireland.+]

    [Anmerkung 36: +Secret Consults of the Romish Party in Ireland.+]

    [Anmerkung 37: +History of the Desertion, 1689+; vergleiche die 1.
    und 2. Ausg. Barillon 8.(18.) Sept. 1688; Citters von demselben
    Datum; +Clarke's Life of James the Second, II, 168+. Der
    Compilator des letztgenannten Werks sagt, Churchill habe das
    Gericht aufgefordert, die sechs Offiziere zum Tode zu
    verurtheilen. Diese Geschichte scheint nicht den Papieren des
    Königs entnommen zu sein und ich halte sie daher für eine der
    zahlreichen Erdichtungen, welche in St. Germain erfunden wurden,
    um einen ohnehin schon hinreichend schwarzen Character noch
    schwärzer darzustellen. Daß Churchill bei dieser Gelegenheit
    großen Unwillen affectirte, um den im Sinne habenden Verrath zu
    verbergen, ist sehr wahrscheinlich. Aber man kann unmöglich
    glauben, daß ein so verständiger Mann die Mitglieder eines
    Kriegsgerichts aufgefordert haben sollte, eine Strafe zu
    verhängen, welche anerkanntermaßen außer dem Bereiche ihrer
    Competenz lag.]


[_Lillibullero._] Die öffentliche Stimmung äußerte sich damals noch
nicht durch die Zeichen, welche jetzt bei uns gebräuchlich sind, durch
große Volksversammlungen und heftige Reden. Dessenungeachtet fand sie
ein Organ. Thomas Wharton, der beim letzten Parlament die Grafschaft
Buckingham vertreten und der sich schon als Freigeist und als Whig
ausgezeichnet, hatte eine satyrische Ballade auf Tyrconnel geschrieben.
In diesem kleinen Gedicht gratulirt ein Irländer einem Landsmanne in
barbarischem Jargon zu dem nahe bevorstehenden Triumphe des Papismus und
des milesischen Stammes. Der protestantische Erbe würde enterbt werden;
die protestantischen Offiziere würden verabschiedet werden; die Magna
Charta und die Maulhelden, welche darauf pochten, würden gehängt werden;
der gute Talbot würde seine Landsleute mit Stellen und Ämtern
überschütten und den Engländern die Kehle abschneiden. Diese Verse, die
sich in keiner Hinsicht über das gewöhnliche Niveau der
Gassenhauerpoesie erhoben, hatten zum Refrain ein Kauderwelsch, das
angeblich im Jahre 1641 das Feldgeschrei der Insurgenten von Ulster
gewesen sein sollte. Die Verse und die Melodie entsprachen ganz der
Stimmung der Nation und die hohlen Reime wurden daher von einem Ende des
Landes zum andren von allen Klassen beständig gesungen. Ganz besonderen
Anklang fanden sie bei der englischen Armee. Mehr als siebzig Jahre nach
der Revolution schilderte ein Schriftsteller mit außerordentlicher Treue
einen Veteranen, der am Boyne und bei Namur gefochten,[38] und ein
characteristischer Zug dieses wackeren alten Kriegers ist seine
Gewohnheit, den Lillibullero zu pfeifen.[39]

Wharton rühmte sich später, daß er einen König aus drei Königreichen
hinausgesungen habe. In Wahrheit aber war der Erfolg des Lillibullero
nicht die Ursache, sondern die Wirkung des aufgeregten Zustandes der
Volksstimmung, der die Revolution erzeugte.

Während Jakob so alle die Nationalgefühle gegen sich aufstachelte, die
seinen Thron hätten retten können, wenn er nicht so verblendet gewesen
wäre, bemühte sich Ludwig auf andre Weise nicht minder wirksam, dem
Prinzen Wilhelm die Ausführung seines Unternehmens zu erleichtern.

    [Anmerkung 38: Der Onkel Tobias in Sterne's Tristram Shandy. Der
    Übers.]

    [Anmerkung 39: Das Lillibullerolied findet sich in den +State
    Poems+. In Percy's +Relics+ findet man den ersten Theil, aber
    nicht den zweiten, der erst nach Wilhelm's Landung hinzugefügt
    wurde. Im +Examiner+ und in verschiedenen Flugschriften aus dem
    Jahre 1712 wird Wharton als Verfasser genannt.]


[_Politische Zustände in den Vereinigten Provinzen._] Die Partei in
Holland, welche Frankreich geneigt war, war eine Minorität, die aber der
Verfassung des Batavischen Staatenbundes gemäß stark genug war, um den
Statthalter an jedem großen Schlage zu verhindern. Diese Minorität sich
zu erhalten, würde für den Hof von Versailles, wenn er klug gewesen
wäre, eine Aufgabe gewesen sein, der unter den damaligen Verhältnissen
alles Andre hätte nachstehen müssen. Ludwig aber hatte sich seit einiger
Zeit wie absichtlich bemüht, sich seine holländischen Freunde zu
entfremden, und es gelang ihm endlich, obwohl nicht ohne Schwierigkeit,
sie zu zwingen, daß sie gerade in dem Augenblicke, wo ihr Beistand von
unschätzbarem Werthe für ihn gewesen sein würde, seine Feinde wurden.

Zwei Dinge waren es, in Bezug auf welche die Bevölkerung der Vereinigten
Provinzen besonders empfindlich war; die Religion und der Handel, und
der französische König griff sie sowohl in ihrer Religion als in ihrem
Handel an. Die Verfolgung der Hugenotten und die Widerrufung des Edicts
von Nantes hatte überall den Schmerz und die Entrüstung der Protestanten
erregt. In Holland aber waren tiefe Gefühle stärker als in irgend einem
andren Lande, denn viele geborne Holländer hatten sich im Vertrauen auf
die wiederholten feierlichen Versicherungen Ludwig's, daß die von seinem
Großvater gewährte Duldung aufrecht erhalten werden sollte, zu
Handelszwecken in Frankreich niedergelassen und ein großer Theil der
Übergesiedelten war daselbst naturalisirt worden. Jetzt brachte jede
Post die Nachricht nach Holland, daß diese Leute ihres Glaubens wegen
mit außerordentlicher Strenge behandelt würden. Dem Einen waren Dragoner
ins Quartier gelegt worden, ein Andrer war nackt an ein Feuer gehalten
worden, bis er halb gebraten war; und Allen war bei strengster Strafe
verboten, ihre gottesdienstlichen Gebräuche auszuüben, oder das Land zu
verlassen, in das sie unter falschen Vorspiegelungen gelockt worden
waren. Die Anhänger des Hauses Oranien äußerten laut ihren Unwillen über
die Grausamkeit und Treulosigkeit des Tyrannen. Die Opposition war
beschämt und entmuthigt. Selbst der Stadtrath von Amsterdam, so sehr
derselbe dem französischen Interesse und der arminianischen Theologie
zugethan, und so wenig er geneigt war, Ludwig zu tadeln oder mit den von
ihm verfolgten Calvinisten zu sympathisiren, durfte es nicht wagen, sich
gegen die allgemeine Stimmung aufzulehnen, denn es gab in dieser großen
Stadt kaum einen einzigen reichen Kaufmann, der nicht einen Verwandten
oder einen Freund unter den Verfolgten hatte. Es wurden den
Bürgermeistern Petitionen mit zahlreichen und sehr angesehenen
Unterschriften überreicht, in denen sie dringend gebeten wurden, dem
Grafen Avaux energische Vorstellungen zu machen. Verschiedene
Bittsteller begaben sich sogar persönlich in das Rathhaus, fielen auf
die Knie, schilderten unter Thränen und Schluchzen die traurige Lage
ihrer Lieben und flehten den Magistrat um seine Verwendung an. Auf allen
Kanzeln ertönten Schmähungen und Klagen, und die Presse ergoß sich in
herzzerreißenden Schilderungen und aufregenden Mahnungen. Avaux erkannte
die ganze Größe der Gefahr. Er berichtete seinem Hofe, daß selbst die
Gutgesinnten -- denn so pflegte er die Feinde des Hauses Oranien zu
nennen -- die allgemeine Stimmung entweder theilten oder durch dieselbe
eingeschüchtert würden, und er rieth ernstlich dazu, auf ihre Wünsche
einige Rücksicht zu nehmen. Er erhielt jedoch kalte und geringschätzende
Antworten von Versailles. Es wurde zwar einigen holländischen Familien,
welche nicht in Frankreich naturalisirt waren, die Rückkehr in ihr
Vaterland gestattet, den naturalisirten Holländern aber verweigerte
Ludwig jedes Zugeständniß. Keine Macht der Erde, sagte er, habe ein
Recht, zwischen ihn und seine Unterthanen zu treten; diese Leute wären
aus eigenem Antriebe seine Unterthanen geworden, und wie er sie
behandle, das gehe keinen Nachbarstaat etwas an. Der Magistrat von
Amsterdam fühlte sich durch den hochmüthigen Undank des Potentaten, den
er gegen die allgemeine Stimmung ihrer eigenen Landsleute kräftig und
rücksichtslos unterstützt hatte, natürlich sehr unangenehm berührt. Bald
folgte eine andre Herausforderung, die sie noch schmerzlicher empfanden.
Ludwig begann ihren Handel anzugreifen. Er erließ zuerst eine
Verordnung, welche die Heringseinfuhr in seine Staaten verbot. Avaux
beeilte sich seinem Hofe zu melden, daß dieser Schritt großen Unwillen
erregt habe, daß in den Vereinigten Provinzen sechzigtausend Menschen
vom Heringsfang lebten und daß die Generalstaaten wahrscheinlich strenge
Repressalien beschließen würden. Der König antwortete, daß er nicht nur
auf dem Verbot beharre, sondern auch die Einfuhrzölle auf viele Waaren,
mit denen Holland einen einträglichen Handel mit Frankreich trieb, zu
erhöhen beabsichtige. Die Folge dieser Mißgriffe, welche trotz
wiederholter Warnungen, wie es scheint aus bloßem übermüthigen Eigensinn
begangen wurden, war, daß sich jetzt, wo die Stimme eines einzelnen
mächtigen Mitgliedes der Batavischen Föderation ein der ganzen Politik
Ludwig's Verderben drohendes Ereigniß hätte abwenden können, eine solche
Stimme nicht erhob. Der Gesandte bemühte sich mit all' seiner
diplomatischen Gewandtheit vergebens, die Partei, mit deren Hülfe er
seit mehreren Jahren den Statthalter in Schach gehalten hatte, zu
ralliiren. Die Arroganz und der Starrsinn seines Gebieters vereitelten
alle seine Anstrengungen.


[_Fehler des Königs von Frankreich._] Endlich sah Avaux sich genöthigt,
die beunruhigende Nachricht nach Versailles zu senden, daß man sich auf
die der französischen Sache so lange ergeben gewesene Stadt Amsterdam
nicht mehr verlassen könne, daß ein Theil der Gutgesinnten um ihre
Religion besorgt sei und daß die Wenigen, deren Gesinnungen unverändert
geblieben wären, es nicht wagen dürften, ihre Gedanken zu äußern. Die
feurige Beredtsamkeit der Prediger, welche gegen die Greuel der
französischen Verfolgung eiferten und die Wehklagen der bankerottirten
Kaufleute, die ihren Untergang den französischen Maßregeln zuschrieben,
hatten das Volk in eine so gereizte Stimmung versetzt, daß kein Bürger
es mehr wagen durfte, sich offen für Frankreich zu erklären, wenn er
sich nicht der Gefahr aussetzen wollte, in den nächsten Kanal geworfen
zu werden. Man erinnerte daran, daß vor nicht mehr als fünfzehn Jahren
das vornehmste Oberhaupt der dem Hause Oranien feindlich gesinnten
Partei im Bereiche des Palastes der Generalstaaten von dem wüthenden
Pöbel in Stücke zerrissen worden war. Ein gleiches Schicksal könnte
nicht unwahrscheinlich auch Diejenigen treffen, welche beschuldigt
werden sollten, daß sie in diesem kritischen Augenblicke den Absichten
Frankreichs gegen ihr Vaterland und gegen den reformirten Glauben
dienten.[40]

    [Anmerkung 40: Siehe die Depeschen des Grafen Avaux. Es würde mir
    kaum möglich sein, alle die Stellen anzuführen, welche mir
    Material zu diesem Theile meiner Geschichte lieferten. Die
    wichtigsten finden sich unter folgenden Daten: 20. Sept., 24.
    Sept., 5. Oct. u. 20. Dec. 1685; 3. Jan. u. 22. Nov. 1686; 2.
    Oct., 6. Nov. u. 19. Nov. 1687; 29. Juli u. 20. Aug. 1688. Lord
    Lonsdale sagt in seinen Memoiren sehr richtig, daß ohne Ludwig's
    thörichtes Verfahren die Stadt Amsterdam die Revolution verhindert
    haben würde.]


[_Sein Streit mit dem Papste bezüglich der Vorrechte auswärtiger
Gesandter._] Während Ludwig auf diese Weise seine Freunde zwang, seine
wirklichen oder vorgeblichen Feinde zu werden, arbeitete er mit nicht
geringerem Erfolge darauf hin, alle Bedenken zu zerstreuen, welche die
römisch-katholischen Fürsten vielleicht noch hätten abhalten können, die
Pläne Wilhelm's zu unterstützen. Es hatte sich zwischen dem Hofe von
Versailles und dem Vatikan ein neuer Streit erhoben, ein Streit, in
welchem sich die Unbilligkeit und der Übermuth des Königs von Frankreich
vielleicht in beleidigenderer Weise zeigte, als bei irgend einem andren
Schritte seiner Regierung.

Seit langer Zeit hatte in Rom die Regel gegolten, daß kein Justiz- oder
Finanzbeamter das Haus eines Gesandten betreten durfte, der einen
katholischen Staat repräsentirte. Im Laufe der Zeit war dieses Vorrecht
so weit ausgedehnt worden, daß nicht nur die Wohnung, sondern auch ein
beträchtlicher Umkreis um dieselbe als unverletzbar betrachtet wurde.
Jeder Gesandte suchte eine Ehre darin, die Grenzen des unter seinem
Schutze stehenden Raumgebiets möglichst zu erweitern, so daß endlich die
halbe Stadt aus privilegirten Bezirken bestand, in denen die päpstliche
Regierung nicht mehr Gewalt hatte als im Louvre oder im Escurial. Jedes
Asyl wimmelte von Schleichhändlern, betrügerischen Bankerotteurs, Dieben
und Mördern; in jedem Asyle waren Massen von gestohlenen oder
eingeschmuggelten Waaren aufgehäuft; aus jedem Asyle zogen des Nachts
Banditen aus, um zu rauben und zu morden. In keiner Stadt der
Christenheit war daher das Gesetz so ohnmächtig und das Verbrechen so
dreist als in der alten Hauptstadt der Religion und Civilisation.
Innocenz dachte darüber, wie es einem Priester und Fürsten geziemte. Er
erklärte, daß er keinen Gesandten mehr aufnehmen werde, der auf diesem
alle Ordnung und Sittlichkeit untergrabenden Rechte bestände. Anfangs
wurde laut darüber gemurrt, aber die Gerechtigkeit seines Entschlusses
war so in die Augen springend, daß alle Regierungen, mit Ausnahme einer
einzigen, ihm nach und nach beipflichteten. Der Kaiser, der unter den
christlichen Monarchen die erste Stelle einnahm, der spanische Hof, der
sich unter allen Höfen durch seine Empfindlichkeit und Zähigkeit in
Sachen der Etikette auszeichnete, entsagten dem verderblichen
Privilegium. Nur Ludwig blieb unbeugsam. Was andere Fürsten thäten,
sagte er, gehe ihn nichts an. Er schickte daher eine Gesandtschaft nach
Rom, die von einer starken Abtheilung Reiterei und Fußvolk begleitet
war. Der Gesandte zog im Triumph nach seinem Palaste, wie ein
siegreicher General durch eine eroberte Stadt marschirt. Der Palast
wurde stark bewacht und Patrouillen machten Tag und Nacht die Runde um
den geschützten Bezirk, wie auf den Wällen einer Festung. Der Papst ließ
sich dadurch nicht einschüchtern. »Sie vertrauen auf Wagen und Rosse,«
sagte er, »wir aber denken an den Namen des Herrn unsres Gottes.« Er
griff energisch zu seinen geistlichen Waffen und belegte das von den
Franzosen besetzte Gebiet mit einem Interdict.[41]

Als dieser Streit den Höhepunkt erreicht hatte, brach noch ein andrer
aus, bei welchem Deutschland eben so stark betheiligt war als der Papst.

    [Anmerkung 41: Prof. Ranke's Römische Päpste, Buch 8; +Burnet I.
    789+.]


[_Das Erzbisthum Köln._] Köln und das umliegende Gebiet wurde von einem
Erzbischof regiert, der zugleich ein Kurfürst des deutschen Reiches war.
Das Recht der Erwählung dieses mächtigen Prälaten stand unter gewissen
Beschränkungen dem Domkapitel zu. Der Erzbischof war zu gleicher Zeit
auch Bischof von Lüttich, von Münster und von Hildesheim, seine
Besitzungen waren bedeutend und enthielten mehrere starke Festungen,
welche im Falle eines Feldzugs am Rhein von höchster Wichtigkeit waren.
In Kriegszeiten konnte er zwanzigtausend Mann ins Feld stellen. Ludwig
hatte keine Mühe gespart, um einen so werthvollen Bundesgenossen zu
gewinnen, und dies war ihm so gut gelungen, daß Köln fast von
Deutschland losgetrennt und ein Außenwerk Frankreichs geworden war.
Viele dem Hofe von Versailles ergebene Priester waren in das Kapitel
gebracht und der Cardinal Fürstenberg, eine notorische Creatur des
Hofes, war zum Coadjutor ernannt worden.

Im Sommer des Jahres 1688 kam das Erzbisthum zur Erledigung. Fürstenberg
war der Candidat des Hauses Bourbon; die Feinde dieses Hauses schlugen
den jungen Prinzen Clemens von Baiern vor. Fürstenberg war bereits
Bischof und konnte daher nur vermittelst einer Dispensation vom Papste,
oder einer Postulation, der sich zwei Drittheile des kölner Domkapitels
anschließen mußten, in eine andre Diöcese versetzt werden. Der Papst
wollte einer Creatur Frankreichs keine Dispensation bewilligen, und der
Kaiser bewog mehr als ein Drittheil des Kapitels, für den bairischen
Prinzen zu stimmen. Inzwischen war auch in den Kapiteln von Lüttich,
Münster und Hildesheim die Majorität gegen Frankreich. Ludwig sah mit
Unwillen und Besorgniß, daß eine ausgedehnte Provinz, die er schon
angefangen hatte als ein Besitzthum seiner Krone zu betrachten, nahe
daran war, nicht allein unabhängig von ihm, sondern sogar ihm feindlich
gesinnt zu werden. In einem mit großer Bitterkeit abgefaßten Schreiben
beklagte er sich über die Ungerechtigkeit, mit der Frankreich bei jeder
Gelegenheit vom heiligen Stuhle behandelt werde, während derselbe doch
der ganzen Christenheit seinen väterlichen Schutz angedeihen lassen
sollte. Viele Anzeichen verriethen, daß er fest entschlossen war, die
Ansprüche seines Candidaten mit bewaffneter Hand gegen den Papst und
dessen Verbündete zu unterstützen.[42]

    [Anmerkung 42: +Burnet I. 758+; Ludwig's Schreiben ist vom 27.
    Aug. (6. Sept.) 1688 datirt. Es findet sich im +Recueil des
    Traités, vol. IV. No. 219+.]


[_Kluges Verfahren Wilhelm's._] So stachelte Ludwig durch zwei einander
entgegengesetzte Fehler den Zorn der beiden Religionsparteien, die sich
in das westliche Europa theilten, zu gleicher Zeit gegen sich auf.
Nachdem er sich die eine große Abtheilung der Christenheit durch
Verfolgung der Hugenotten entfremdet hatte, entfremdete er sich auch die
andre durch Beleidigung des römischen Stuhles. Und diese Mißgriffe that
er in einem Augenblicke, wo kein Fehler ungestraft begangen werden
konnte, und vor den Augen eines Gegners, der keinem Staatsmanne, dessen
Andenken die Geschichte aufbewahrt hat, an Wachsamkeit, Scharfblick und
Energie nachstand. Wilhelm sah mit heimlicher Freude, wie seine Gegner
sich bemühten, ein Hinderniß nach dem andren aus seinem Wege zu
entfernen. Während sie sich die Feindschaft aller Parteien zuzogen,
arbeitete er darauf hin, sie alle zu gewinnen. Mit seltener Klugheit
stellte er den im Sinne habenden Plan den verschiedenen Regierungen in
verschiedenem Lichte dar, und man muß hinzusetzen, daß keine seiner
Darlegungen trotz ihrer Verschiedenheit falsch war. Er forderte die
norddeutschen Fürsten auf, sich zur Vertheidigung der gemeinsamen Sache
aller reformirten Kirchen um ihn zu schaaren, und den beiden
Oberhäuptern des Hauses Österreich stellte er die Gefahr vor, die ihnen
von Seiten des französischen Ehrgeizes drohte, sowie die Nothwendigkeit,
England aus seiner Abhängigkeit zu befreien und es in den europäischen
Staatenbund aufzunehmen.[43] Er verwahrte sich, und zwar aufrichtig,
gegen jede Bigotterie. Der wahre Feind der britischen Katholiken, sagte
er, sei der kurzsichtige und halsstarrige König, der ihnen leicht hätte
gesetzliche Duldung verschaffen können, anstatt dessen aber Gesetz,
Freiheit und Eigenthum mit Füßen getreten hätte, um ihnen ein gehässiges
und unsicheres Übergewicht zu geben. Wenn man Jakob seine schlechte
Regierung ungehindert fortsetzen lasse, müsse dieselbe in nicht zu
ferner Zeit einen allgemeinen Volksaufstand herbeiführen, der eine
grausame Verfolgung der Papisten nach sich ziehen könne. Der Prinz
erklärte es als einen seiner Hauptzwecke, den Greueln einer solchen
Verfolgung vorzubeugen. Wenn sein Plan gelinge, würde er die Macht, die
er dann als Oberhaupt der protestantischen Interessen besitzen müsse,
zum Schutze der Mitglieder der römischen Kirche anwenden. Zwar könnten
die durch Jakob's Tyrannei entzündeten Leidenschaften es ihm vielleicht
unmöglich machen, die Strafgesetze aus dem Gesetzbuche zu streichen;
aber diese Strafgesetze sollten dann wenigstens durch gelinde Ausübung
gemildert werden. Keine Klasse werde aus dem beabsichtigten Unternehmen
mehr Gewinn ziehen, als die friedliebenden und anspruchsloseren
Katholiken, welche nur den Wunsch hegten, ungestört ihrem Berufe
nachgehen und ihren Schöpfer verehren zu dürfen. Die einzigen, welche
dabei verlieren würden, seien die Tyrconnel, die Dover, die Albeville
und anderen politischen Abenteurer, welche zum Dank für Schmeichelei und
schlimmen Rath von ihrem leichtgläubigen Gebieter Statthalterposten,
Regimenter und Gesandtschaften erhalten hätten.

    [Anmerkung 43: Wegen der außerordentlichen Geschicklichkeit, mit
    der er zwei verschiedenen Parteien seine Politik in verschiedenem
    Lichte darstellte, wurde er später vom Hofe von St. Germains
    bitter geschmäht. +»Licet foederatis publicus ille praedo haud
    aliud aperte proponat nisi ut Gallici imperii exuberans amputetur
    potestas; veruntamen sibi, et suis ex haeretica faece complicibus,
    ut pro comperto habemus, longe aliud promittit, nempe ut, exciso
    vel enervato Francorum regno, ubi Catholicarum partium summum jam
    robur situm est, haeretica ipsorum pravitas per orbem Christianum
    universum praevaleat.«+ -- Brief von Jakob an den Papst,
    unzweifelhaft 1689 geschrieben.]


[_Seine Rüstungen zu Lande und zur See._] Während Wilhelm sich bemühte,
die Sympathien der Protestanten sowohl als der Katholiken zu gewinnen,
sorgte er mit nicht geringerer Energie und Klugheit für Anschaffung der
zu seinem Unternehmen erforderlichen militairischen Hülfsmittel. Er
konnte eine Landung in England nicht ohne Genehmigung der Vereinigten
Provinzen bewerkstelligen. Hielt er um diese Genehmigung an bevor sein
Plan zur Ausführung reif war, so konnten seine Absichten durch eine
seinem Hause feindlich gesinnte Partei möglicherweise vereitelt werden
und jedenfalls mußte die ganze Welt Kenntniß davon erhalten. Er beschloß
daher, seine Voranstalten mit größter Eil zu betreiben und nach
Vollendung derselben einen günstigen Augenblick abzuwarten, wo er den
Bund um seine Zustimmung ersuchen konnte. Die Agenten Frankreichs
bemerkten, daß sie ihn noch nie so geschäftig gesehen hatten. Es verging
kein Tag, wo man ihn nicht von seiner Villa nach dem Haag sprengen sah,
und beständig hielt er geheime Berathungen mit seinen ausgezeichnetsten
Anhängern. Vierundzwanzig Schiffe wurden zur Verstärkung der
gewöhnlichen Seemacht der Republik vollständig ausgerüstet. Für diese
Vermehrung der Flotte bot sich zufällig ein vortrefflicher Vorwand dar,
denn es hatten sich kürzlich einige algierische Corsaren in der Nordsee
zu zeigen gewagt. Bei Nymwegen wurde ein Lager gebildet und viele
tausend Mann daselbst zusammengezogen. Um diese Armee zu verstärken,
wurden die Besatzungen aus den Festungen von Holländisch Brabant
genommen; selbst die berühmte Festung Bergopzoom wurde fast ganz
entblößt. Feldgeschütze, Bomben und Munitionswagen wurden aus allen
Arsenalen der Vereinigten Provinzen nach den Hauptquartieren geschafft.
Sämmtliche Bäcker von Rotterdam bucken Tag und Nacht Schiffszwieback;
alle Gewehrfabrikanten von Utrecht reichten nicht hin, um die
Bestellungen auf Pistolen und Flinten auszuführen; alle Sattler von
Amsterdam arbeiteten mit der größten Anstrengung an Kürassen und
Holftern. Die Schiffsmannschaft wurde um sechstausend Matrosen vermehrt
und siebentausend neue Soldaten ausgehoben. Diese konnten allerdings
nicht ohne Genehmigung des Bundes förmlich eingereiht werden; aber sie
wurden inzwischen immer eingeübt und in solcher Kriegszucht gehalten,
daß sie binnen vierundzwanzig Stunden nach erlangter Genehmigung ohne
Schwierigkeit unter die verschiedenen Regimenter vertheilt werden
konnten. Diese Rüstungen erforderten zwar viel baares Geld; aber Wilhelm
hatte auch durch weise Sparsamkeit für den Fall unvorhergesehener großer
Bedürfnisse einen Reserveschatz zurückgelegt, der sich auf ungefähr
zweihundertfünfzigtausend Pfund Sterling belief. Das noch Fehlende wurde
von seinen Anhängern bereitwilligst zugeschossen. Außerdem erhielt er
auch aus England große Massen Gold, man sprach von nicht weniger als
hunderttausend Guineen. Die Hugenotten, welche bedeutende Quantitäten
des edlen Metalls ins Exil mitgenommen hatten, liehen ihm gern Alles,
was sie besaßen, denn sie lebten der frohen Hoffnung, daß sie, wenn sein
Unternehmen gelang, in ihr Vaterland würden zurückkehren dürfen, und
fürchteten, daß sie im Falle des Mißlingens in ihrer Adoptivheimath kaum
noch sicher sein würden.[44]

    [Anmerkung 44: +Avaux Neg., Aug. 2.(12.), 10.(20.), 11.(21.),
    14.(24.), 16.(26.), 17.(27.), Aug. 23. (Sept. 2.) 1688+.]


[_Er erhält zahlreiche Unterstützungszusagen aus England._] Während der
letzten Hälfte des Juli und im Laufe des ganzen August nahmen die
Rüstungen einen raschen, dem ungestümen Wilhelm aber noch immer zu
langsamen Fortgang. Mittlerweile wurde zwischen England und Holland ein
lebhafter Verkehr unterhalten. Da man die gewöhnlichen Mittel zur
Beförderung von Nachrichten und Passagieren nicht mehr für sicher hielt,
fuhr ein leichtes Boot von wunderbarer Schnelligkeit beständig zwischen
Scheveningen und der Ostküste unsrer Insel hin und her.[45] Durch dieses
Fahrzeug erhielt Wilhelm von hochstehenden Männern der Kirche, der
Politik und des Heeres eine Reihe von Zuschriften. Von den sieben
Prälaten, welche die denkwürdige Petition unterzeichnet, hatten zwei,
Lloyd, Bischof von St. Asaph, und Trelawney, Bischof von Bristol,
während ihres Aufenthalts im Tower die Lehre vom Nichtwiderstande noch
einmal in Erwägung gezogen und waren bereit, einen bewaffneten Befreier
willkommen zu heißen. Ein Bruder des Bischofs von Bristol, der Oberst
Karl Trelawney, der eines der tangerschen Regimenter commandirte,
welches jetzt als das vierte Linienregiment bekannt ist, erklärte sich
bereit, für den protestantischen Glauben sein Schwert zu ziehen.
Ähnliche Versicherungen kamen auch von dem rohen Kirke. Churchill
erklärte in einem Briefe, der in ziemlich pathetischem Tone, dem
sicheren Zeichen, daß er einen Schurkenstreich im Sinne hatte,
geschrieben war, er sei entschlossen, seine Pflicht gegen den Himmel und
gegen sein Vaterland zu erfüllen, und lege seine Ehre ganz in die Hände
des Prinzen von Oranien. Wilhelm las dieses Schreiben gewiß mit jenem
bittern und cynischen Lächeln, das seinen Zügen den mindest angenehmen
Ausdruck gab. Er hielt sich nicht für bemüßigt, die Ehre Anderer in
seine Obhut zu nehmen; auch hatten es die strengsten Casuisten nicht für
unrecht erklärt, wenn ein General die Dienste von Überläufern, die er
nur verachten konnte, erbat, benutzte und belohnte.[46]

Churchill's Brief wurde von Sidney überbracht, dessen Stellung in
England gefährlich geworden war und der, nachdem er die Spur seines
Weges durch zahlreiche Vorsichtsmaßregeln verborgen hatte, Mitte August
nach Holland kam.[47] Um die nämliche Zeit schifften Shrewsbury und
Eduard Russell in einem Boote, das sie in aller Stille gemiethet hatten,
durch die Nordsee und erschienen im Haag. Shrewsbury brachte
zwölftausend Pfund Sterling mit, die er auf seine Güter aufgenommen
hatte und bei der Bank von Amsterdam deponirte. Devonshire, Danby und
Lumley blieben in England, wo sie sich, sobald der Prinz den Fuß auf die
Insel setzte, bewaffnet erheben wollten.

    [Anmerkung 45: +Avaux Neg., Sept. 4.(14.) 1688.+]

    [Anmerkung 46: +Burnet I. 765+; Churchill's Brief ist vom 4.
    August 1688 datirt.]

    [Anmerkung 47: +Memoirs of the Duke of Shrewsbury, 1718.+]


[_Sunderland._] Man hat Grund zu glauben, daß Wilhelm um diese Zeit auch
die ersten Beitrittsversicherungen von einer ganz andren Seite erhielt.
Die Geschichte der Intriguen Sunderland's ist in ein Dunkel gehüllt, das
schwerlich je ein Forscher wird aufzuklären vermögen; wenn es aber auch
nicht möglich ist, die ganze Wahrheit zu entdecken, so kann man doch
leicht einige handgreifliche Erdichtungen nachweisen. Die Jakobiten
behaupteten aus naheliegenden Gründen, die Revolution von 1688 sei die
Frucht eines schon vor langer Zeit angezettelten Complots gewesen, und
Sunderland bezeichneten sie als das Haupt der Verschwörung. Sie
behaupteten, er habe in der Verfolgung seines großen Planes seinen nur
zu vetrauensvollen Gebieter angereizt, von Gesetzen zu dispensiren, ein
ungesetzliches Tribunal zu errichten, freies Eigenthum zu confisciren
und die Väter der Landeskirche ins Gefängniß zu werfen. Dieser Roman
stützt sich auf keinen Beweis, und obgleich er bis auf unsre Zeit
nacherzählt worden ist, verdient er doch kaum eine Widerlegung. Nichts
ist gewisser, als daß Sunderland sich einigen der unklügsten Schritte
Jakob's widersetzte, insbesondere der Verfolgung der Bischöfe, welche
eigentlich die entscheidende Krisis herbeiführte. Aber wenn auch diese
Thatsache nicht feststände, so würde noch ein andres Argument den Streit
entscheiden. Welchen denkbaren Grund konnte Sunderland haben, eine
Revolution herbeizuwünschen? Unter dem herrschenden Systeme stand er auf
dem Gipfel des Ansehens und des Glücks. Als Präsident des Geheimen Raths
hatte er den Vorrang vor allen weltlichen Peers, und als erster
Staatssekretär war er das thätigste und mächtigste Mitglied des
Kabinets. Er durfte den Herzogstitel erwarten. Er hatte den
Hosenbandorden erhalten, den noch unlängst der glänzende und
leichtfertige Buckingham getragen, der nach Vergeudung seines
fürstlichen Vermögens und seines reichbegabten Geistes verlassen,
verachtet und mit gebrochenem Herzen ins Grab gesunken war.[48] Geld,
auf das Sunderland mehr Werth legte als auf Gunst- und Ehrenbezeigungen,
strömte ihm in solcher Fülle zu, daß er bei einigermaßen geregelter
Verwaltung seiner Einkünfte hoffen konnte, binnen wenigen Jahren einer
der reichsten Unterthanen in Europa zu werden. Die directen Einkünfte
seiner Stellen waren, obwohl sehr bedeutend, doch nur ein kleiner Theil
seiner Revenüen. Von Frankreich allein bezog er ein regelmäßiges
Jahrgeld von nahe an sechstausend Pfund, abgesehen von bedeutenden
Gelegenheitsgratifikationen. Mit Tyrconnel war er, wie wir wissen, auf
fünftausend Pfund jährlich, oder fünfzigtausend ein für allemal, einig
geworden. Welche Summen er außerdem durch den Handel mit Stellen, Titeln
und Begnadigungen verdiente, kann nur gemuthmaßt werden, aber sie müssen
enorm gewesen sein. Es schien Jakob Vergnügen zu machen, einen Mann, den
er als durch sich bekehrt betrachtete, mit Reichthümern förmlich zu
überschütten. Alle Geldbußen, alles verfallende Eigenthum erhielt
Sunderland. Von jeder Verleihung bekam Sunderland Gebühren. Wenn irgend
ein Bittsteller es wagte, sich direct an den König zu wenden, so erhielt
er von diesem die Antwort: »Haben Sie mit meinem Lordpräsidenten
gesprochen?« Ein beherzter Mann erlaubte sich einmal die Äußerung, der
Lordpräsident verschlinge das ganze Geld des Hofes. »Ja,« erwiederte
Seine Majestät, »aber er verdient es auch.«[49] Wir werden das
Gesammteinkommen des Ministers nicht zu hoch anschlagen, wenn wir es auf
dreißigtausend Pfund jährlich schätzen, und man darf nicht vergessen,
daß ein solches Einkommen damals seltener war als gegenwärtig ein
Einkommen von hunderttausend Pfund. Es ist sehr wahrscheinlich, daß es
damals nicht einen einzigen Peer gab, dessen Privateinkünfte den
Amtseinkünften Sunderlands gleichgekommen waren.

Hatte nun ein in ungesetzliche und unpopuläre Regierungsmaßregeln so
tief verwickelter Mann, ein Mitglied der Hohen Commission, ein Renegat,
den die Menge auf öffentlichen Plätzen mit dem Geschrei: »Papistischer
Hund!« verfolgte, wohl Aussicht, unter einer neuen Ordnung der Dinge
noch größer und reicher zu werden? Hatte er wohl nur Aussicht, der
verdienten Strafe zu entgehen?

Er hatte gewiß schon seit langer Zeit die Möglichkeit im Auge, daß
Wilhelm und Maria nach dem natürlichen Laufe der Natur und des Gesetzes
einst an die Spitze der englischen Regierung kommen könnten, und
wahrscheinlich hatte er es auch schon versucht, sich durch
Versprechungen und Dienstleistungen, die, wenn sie entdeckt worden
wären, seinen Credit in Whitehall gerade nicht erhöht haben würden, ihre
Gunst zu erwerben. Aber man darf mit Gewißheit behaupten, daß es nicht
sein Wunsch war, sie durch eine Revolution auf den Thron erhoben zu
sehen, und daß er eine solche Revolution nicht im entferntesten
vermuthete, als er gegen Ende Juni 1688 feierlich in den Schooß der
römischen Kirche übertrat.

Kaum jedoch hatte er sich durch dieses unverzeihliche Verbrechen den Haß
und die Verachtung der ganzen Nation zugezogen, so erfuhr er, daß die
bürgerliche und kirchliche Verfassung Englands demnächst durch fremde
und einheimische Waffen vertheidigt werden sollte. Von diesem
Augenblicke an scheinen alle seine Pläne eine Umgestaltung erfahren zu
haben. Angst und Furcht drückten ihn gänzlich darnieder und sprachen so
deutlich aus seinen Gesichtszügen, daß Jedermann sie auf den ersten
Blick darin lesen konnte.[50] Es unterlag kaum einem Zweifel, daß im
Falle einer Revolution die den Thron umgebenden bösen Rathgeber zu
strenger Rechenschaft gezogen werden würden, und er stand unter diesen
bösen Rathgebern obenan. Der Verlust seiner Stellen, seiner Gehalte und
seiner Pensionen war das Geringste, was er zu fürchten hatte. Sein
Stammschloß Althorpe mit seinen großen Waldungen konnte confiscirt
werden. Er konnte viele Jahre im Gefängniß schmachten oder sein Leben in
fremdem Lande als Pensionair der Freigebigkeit Frankreichs beschließen
müssen. Und selbst dies war noch nicht das Schlimmste. Der unglückliche
Staatsmann begann von schrecklichen Visionen verfolgt zu werden; er sah
im Geiste Towerhill mit einer zahllosen Menschenmenge bedeckt, die beim
Anblicke des Apostaten in ein wildes Jubelgeschrei ausbrach, er sah ein
schwarz behangenes Schaffot, er sah Burnet, der das Sterbegebet für ihn
las, und Ketch, auf das Beil gestützt, mit welchem Russell und Monmouth
in so grauenvoller Weise abgeschlachtet worden waren. Wohl gab es noch
einen Ausweg, durch den er sich retten konnte, aber dieser Weg würde
einem edlen Character noch viel schrecklicher gewesen sein, als ein
Kerker oder das Schaffot. Er konnte sich durch einen rechtzeitigen und
nützlichen Verrath von den Feinden der Regierung Verzeihung erwirken. Es
stand in seiner Macht, ihnen in jenem Augenblicke unschätzbare Dienste
zu leisten, denn der König befolgte stets seinen Rath, er hatte großen
Einfluß auf die jesuitische Cabale, und der französische Gesandte
schenkte ihm blindes Vertrauen. An einer des Zweckes, dem sie dienen
sollte, würdigen Vermittlerin fehlte es ihm nicht. Die Gräfin von
Sunderland war ein schlaues Weib, die unter einem Schein von
Frömmigkeit, durch welchen sich viele erfahrene Männer täuschen ließen,
mit großer Thätigkeit verliebte und politische Intriguen betrieb.[51]
Der schöne und leichtfertige Heinrich Sidney war seit geraumer Zeit ihr
begünstigter Anbeter, und ihrem Gatten war es ganz angenehm, sie auf
diese Weise mit dem Hofe im Haag verbunden zu sehen. Wenn er eine
geheime Botschaft nach Holland befördern wollte, sprach er mit seiner
Gattin darüber, diese schrieb an Sidney, und Sidney theilte ihren Brief
dem Prinzen Wilhelm mit. Ein derartiges Schreiben wurde aufgefangen und
Jakob hinterbracht. Sie behauptete keck, es sei gefälscht, und ihr Gatte
vertheidigte sich mit der ihm eigenen Geschicklichkeit, indem er dem
Könige vorstellte, es sei unmöglich, daß irgend ein Mensch so schlecht
sein könne, das zu thun, was er gleichwohl fortwährend that. »Selbst
wenn dies wirklich Lady Sunderland's Hand wäre,« sagte er, »so würde ich
doch nichts damit zu thun haben. Eure Majestät kennt mein häusliches
Mißgeschick. Es ist nur zu bekannt, auf welchem Fuße meine Frau mit
Sidney steht. Wer könnte glauben, daß ich einen Mann zu meinem
Vertrauten machen werde, der meine Ehre an der empfindlichsten Seite
gekränkt hat, den Mann, den ich von Allen am meisten hassen muß?«[52]
Diese Vertheidigung wurde für genügend erachtet und nach wie vor gingen
geheime Nachrichten von dem wissentlich betrogenen Gatten an die
Ehebrecherin, von der Ehebrecherin an den Galan und von dem Galan an die
Feinde Jakob's.

Es ist sehr wahrscheinlich, daß Wilhelm um die Mitte des August die
ersten bestimmten Versicherungen von Sunderland's Unterstützung mündlich
durch Sidney erhielt. Gewiß ist soviel, daß von dieser Zeit an bis zu
dem Augenblicke, wo die Expedition zum Absegeln bereit war, eine
lebhafte Correspondenz zwischen der Gräfin und ihrem Geliebten
unterhalten wurde. Einige von ihren Briefen, welche zum Theil in
Chiffersprache geschrieben waren, sind noch vorhanden. Sie enthalten
Versicherungen von Geneigtheit und Dienstversprechungen nebst dringenden
Bitten um Schutz. Die Schreiberin giebt zu verstehen, daß ihr Gatte
Alles thun werde, was seine Freunde im Haag nur wünschen könnten; sie
hält es für nöthig, daß er auf einige Zeit ins Exil geht, aber sie
hofft, daß seine Verbannung nicht ewig dauern und daß ihm sein Erbgut
erhalten bleiben werde und bittet angelegentlich um Bezeichnung eines
passenden Ortes, wohin er sich zurückziehen könne, bis die erste Wuth
des Sturmes sich gelegt haben würde.[53]

    [Anmerkung 48: +London Gazette, April 25. 28. 1687+.]

    [Anmerkung 49: +Secret Consults of the Romish Party in Ireland+.
    Diese Mittheilung wird durch eine Stelle in einem Schreiben von
    Bonrepaux an Seignelay vom 12.(22.) Sept. 1687 bestätigt. +»Il
    (Sunderland) amassera beaucoup d'argent, le roi son maître lui
    donnant la plus grande partie de celui qui provient des
    confiscations ou des accommodemens que ceux qui ont encourû des
    peines font pour obtenir leur grace.«+]

    [Anmerkung 50: Adda sagt in einer Depesche vom 26. Oct. (5. Nov.)
    1688, daß man Sunderland seine Angst angesehen habe.]

    [Anmerkung 51: Vergleiche Evelyn's Mittheilungen über sie mit dem,
    was die Prinzessin von Dänemark von ihr nach dem Haag schrieb, und
    mit ihren eigenen Briefen an Heinrich Sidney.]

    [Anmerkung 52: Bonrepaux an Seignelay, 11.(21.) Juli 1688.]

    [Anmerkung 53: Siehe ihre Briefe in Sidney's unlängst erschienenem
    Tagebuche und Correspondenz. Fox bezeichnet in seiner Ausgabe der
    Depeschen von Barillon den 30. August n. St. 1688 als den
    Zeitpunkt, von welchem an Sunderland ganz bestimmt ein falsches
    Spiel spielte.]


[_Wilhelm's Befürchtungen._] Der Beistand Sunderland's war höchst
willkommen. Denn je näher der für den großen Schlag bestimmte Zeitpunkt
heranrückte, um so mehr nahm Wilhelm's ängstliche Besorgniß zu. Vor
gewöhnlichen Blicken verbarg er seine Gefühle hinter der eiskalten Ruhe
seines Benehmens; Bentinck aber öffnete er sein ganzes Herz. Die
Vorbereitungen waren noch nicht ganz vollendet, der Plan wurde schon
geahnet und konnte nicht länger verborgen werden. Der König von
Frankreich oder die Stadt Amsterdam konnten noch immer das ganze
Unternehmen vereiteln. Wenn Ludwig eine bedeutende Truppenmacht nach
Brabant schickte, wenn die Partei, welche den Statthalter haßte, das
Haupt erhob, so war Alles vorbei. »Meine Angst und meine Besorgniß,«
schrieb der Prinz, »sind furchtbar. Ich weiß kaum mehr was ich thue.
Noch nie in meinem Leben fühlte ich so stark das Bedürfniß der
göttlichen Leitung.«[54] Bentinck's Gemahlin war um diese Zeit
gefährlich krank, und beide Freunde ängstigten sich sehr um sie. »Gott
halte Sie aufrecht,« schrieb Wilhelm, »und gebe Ihnen die Kraft, Ihren
Theil bei einem Werke zu verrichten, von welchem, soweit Menschen es
beurtheilen können, das Wohl seiner Kirche abhängt.«[55]

    [Anmerkung 54: 19.(29.) August 1688.]

    [Anmerkung 55: 4.(14.) Sept. 1688.]


[_Jakob wird gewarnt._] Es war in der That unmöglich, daß ein so
umfassender Plan, wie der gegen den König von England entworfene war,
viele Wochen lang geheim bleiben konnte. Keine Vorsicht konnte es
verhindern, daß scharfblickende Leute Wilhelm's großartige
Kriegsrüstungen zu Lande und zur See bemerkten und den Zweck dieser
Rüstungen ahneten. Schon Anfang August raunte man einander in London zu,
daß ein großes Ereigniß im Anzuge sei. Der schwache und bestochene
Albeville, der sich damals zu Besuch in England befand, war überzeugt
oder stellte sich wenigstens so, daß die holländische Regierung keine
feindlichen Absichten gegen England hege. Aber während Albeville's
Abwesenheit versah Avaux mit ausgezeichneter Umsicht die Geschäfte eines
französischen und englischen Gesandten zugleich bei den Generalstaaten
und lieferte sowohl Barillon als auch Ludwig ausführliche Nachrichten.
Avaux war fest überzeugt, daß eine Landung in England beabsichtigt
wurde, und es gelang ihm, seinem Gebieter die Richtigkeit dieser
Vermuthung vollkommen einleuchtend zu machen. Jeder Courier, der
entweder vom Haag oder von Versailles nach Westminster kam, brachte
ernste Warnungen mit.[56] Jakob aber war in einer Täuschung befangen,
in der er allem Anscheine nach von Sunderland geschickt erhalten wurde.
Der Prinz von Oranien, sagte der schlaue Minister, werde es nie
wagen, eine überseeische Expedition zu unternehmen und Holland von
Vertheidigungsmitteln zu entblößen. Die Generalstaaten würden sich in
Erinnerung dessen, was sie während des furchtbaren Kampfes von 1672
gelitten und zu fürchten gehabt hätten, gewiß nicht der Gefahr
aussetzen, wieder ein feindliches Heer auf der Ebene zwischen Utrecht
und Amsterdam lagern zu sehen. Es herrsche allerdings große
Unzufriedenheit in England, aber zwischen Unzufriedenheit und Rebellion
liege noch eine große Kluft. Männer von Rang und Vermögen seien nicht so
leicht zu bewegen, ihre Stellung, ihr Eigenthum und ihr Leben auf's
Spiel zu setzen. Wie viele hochstehende Whigs hätten zu der Zeit, als
Monmouth in den Niederlanden war, eine übermüthige Sprache geführt! Und
welcher hochstehende Whig habe sich ihm angeschlossen, als er sein
Banner aufgepflanzt? Es sei leicht erklärlich, warum Ludwig sich
stellte, als ob er diesen leeren Gerüchten Glauben schenke. Er hoffte
ohne Zweifel, den König von England durch Ängstigung zu bestimmen, daß
er in dem kölner Streite auf die Seite Frankreichs trat. Durch solche
Argumente ließ Jakob sich leicht in eine stupide Sicherheit wiegen.[57]
Ludwig's Angst und Unwille nahm dagegen mit jedem Tage zu und der Ton
seiner Briefe wurde immer schärfer und heftiger.[58] Er sagte, er könne
diese Gleichgültigkeit am Vorabende einer großen Krisis nicht begreifen.
Sei denn der König behext? Seien seine Minister blind? Sei es möglich,
daß Niemand in Whitehall merkte, was in England und auf dem Continent
vorging? Eine so thörichte Sicherheit könne doch kaum die Wirkung bloßer
Unvorsichtigkeit sein, dahinter müsse absichtliche Täuschung stecken,
Jakob müsse offenbar in treulosen Händen sein. Barillon wurde dringend
ermahnt, den englischen Ministern nicht vollkommen zu trauen; aber alle
Ermahnungen waren umsonst. Ihn sowohl als Jakob hatte Sunderland mit
einem Zauber umsponnen, den keine Ermahnungen zerstören konnten.

    [Anmerkung 56: Avaux 19.(29.) Juni; 31. Juli (10. Aug,), 11.(21.)
    Aug. 1688; Ludwig an Barillon, 2.(12.), 16.(26.) Aug.]

    [Anmerkung 57: Barillon 20.(30.) Aug., 23. Aug. (2. Sept.) 1688;
    Adda, 24. Aug. (3. Sept.); +Clarke's Life of James the Second, II.
    177. Orig. Mem.+]

    [Anmerkung 58: Ludwig an Barillon, 3.(13.), 8.(18.), 11.(21.)
    Sept. 1688.]


[_Ludwig's Bemühungen, um Jakob zu retten._] Ludwig regte sich
nachdrücklich. Bonrepaux, welcher Barillon an Schlauheit weit überlegen
war und der Sunderland stets mit feindseligem und argwöhnischem Blicke
betrachtet hatte, wurde mit dem Anerbieten einer Unterstützung durch
Schiffe nach London gesandt. Zu gleicher Zeit erhielt Avaux Auftrag, den
Generalstaaten zu erklären, daß Frankreich den König Jakob unter seinen
Schutz genommen habe. Ein starkes Truppencorps wurde zum Aufbruch nach
der holländischen Grenze bereit gehalten. Dieser kühne Versuch, den
verblendeten Tyrannen wider seinen Willen zu retten, wurde im vollen
Einverständniß mit Skelton gemacht, der jetzt Gesandter England's am
Hofe von Versailles war.

Avaux verlangte seinen Instructionen gemäß eine Audienz bei den
Generalstaaten, die ihm bereitwillig zugestanden wurde. Die Versammlung
war ungewöhnlich zahlreich. Man glaubte allgemein, daß er eine Eröffnung
in Bezug auf den Handel machen werde, und der Präsident hatte sich mit
einer in dieser Voraussetzung entworfenen Antwort versehen. Sobald aber
Avaux sich seines Auftrags zu entledigen begann, äußerten sich
unverkennbare Zeichen von Mißbehagen. Diejenigen, von denen man glaubte,
daß sie das Vertrauen des Prinzen von Oranien genossen, schlugen die
Augen nieder. Die Aufregung nahm zu, als der Gesandte ankündigte, daß
sein Gebieter durch die engsten Bande der Freundschaft und Allianz mit
Seiner Großbritannischen Majestät verbunden sei und daß jeder Angriff
auf England als eine Kriegserklärung gegen Frankreich betrachtet werden
würde. Der völlig unvorbereitete Präsident stammelte einige ausweichende
Phrasen hervor und die Conferenz war zu Ende. Zu gleicher Zeit war den
Staaten angekündigt worden, daß Ludwig den Cardinal Fürstenberg und das
kölner Domkapitel unter seinen Schutz genommen habe.[59]

Die Deputirten waren in der größten Bestürzung. Einige empfahlen
Vorsicht und Aufschub. Andere athmeten nichts als Krieg. Fagel sprach
mit Heftigkeit von der französischen Anmaßung und bat seine Collegen
dringend, sich durch Drohungen nicht einschüchtern zu lassen. Er sagte,
die passende Antwort auf eine solche Mittheilung sei die Verstärkung des
Heeres und die Ausrüstung neuer Schiffe. Es wurde augenblicklich ein
Courier abgesandt, um Wilhelm von Minden zu holen, wo er eine wichtige
Besprechung mit dem Kurfürsten von Brandenburg hatte.

    [Anmerkung 59: Avaux, 23. August (2. Sept.), 30. Aug. (9. Sept.)
    1688.]


[_Jakob vereitelt dieselben._] Doch man brauchte nicht ängstlich zu
sein. Jakob schien es darauf anzulegen, sich ins Verderben zu stürzen
und jeder Versuch ihn zurückzuhalten hatte keinen andren Erfolg, als daß
er dem Abgrunde nur noch rascher zueilte. Als sein Thron befestigt, als
sein Volk gehorsam war, als das dienstwilligste aller Parlamente sich
befleißigte, allen seinen billigen Wünschen entgegenzukommen, als
auswärtige Königreiche und Republiken mit einander wetteiferten, ihm zu
huldigen und zu schmeicheln, als es nur von ihm abhing, der
Schiedsrichter der Christenheit zu sein, hatte er sich zum Sklaven und
Söldlinge Frankreichs erniedrigt. Und jetzt, wo es ihm durch eine Reihe
von Verbrechen und Thorheiten gelungen war, sich seine Nachbarn, seine
Unterthanen, seine Soldaten, seine Seeleute und seine Kinder zu
entfremden, und wo ihm kein andrer Ausweg mehr blieb, als der
französische Schutz, bekam er plötzlich einen Anfall von Stolz und
beschloß seine Unabhängigkeit zu behaupten. Die Hülfe, die er zu einer
Zeit, wo er ihrer nicht bedurfte, mit schimpflichen Dankesthränen
angenommen hatte, wies er jetzt, wo er sie nicht entbehren konnte, mit
Verachtung zurück. Nachdem er sich zu einer Zeit, wo er viel eher mit
ängstlicher Sorgfalt auf die Wahrung seiner Würde hätte halten können,
erniedrigt hatte, wurde er undankbar hochmüthig in einem Augenblicke, wo
der Hochmuth ihm zu gleicher Zeit Hohn und Verderben zuziehen mußte. Er
fühlte sich beleidigt durch die freundschaftliche Hülfe, die ihn hätte
retten können. War je ein König so behandelt worden? War er ein Kind
oder ein Schwachkopf, daß Andere für ihn denken mußten? War er ein
Winkelfürst, ein Cardinal Fürstenberg, der fallen mußte, wenn nicht ein
mächtiger Beschützer ihn hielt? Sollte er sich durch einen prahlerischen
Schutz, um den er nie gebeten, sich in den Augen von ganz Europa
herabsetzen lassen? Skelton wurde zurückgerufen, um über sein Verfahren
Rechenschaft zu geben, und wurde sogleich nach seiner Ankunft in den
Tower gesperrt. Citters dagegen wurde in Whitehall gut aufgenommen und
er hatte eine lange Audienz. Er konnte mit mehr Wahrheit, als die
Diplomaten in solchen Fällen überhaupt für nöthig hielten, jede
feindselige Absicht auf Seiten der Generalstaaten leugnen. Denn die
Generalstaaten hatten bis jetzt noch keine öffentliche Kenntniß von
Wilhelm's Plane, und es war keineswegs unmöglich, daß sie selbst jetzt
noch demselben ihre Genehmigung vorenthielten. Jakob erklärte, daß er
den Gerüchten von einer holländischen Invasion nicht den geringsten
Glauben schenke und daß das Benehmen der französischen Regierung ihn
überrascht und verdrossen habe. Middleton erhielt die Weisung, allen
auswärtigen Gesandten zu versichern, daß kein solches Bündniß zwischen
Frankreich und England bestehe, wie der Hof von Versailles zu seinen
Zwecken vorgebe; dem Nuntius sagte der König, Ludwig's Absichten seien
mit Händen zu greifen, sollten aber vereitelt werden. Diese zudringliche
Protection sei zu gleicher Zeit eine Beleidigung und eine Schlinge.
»Mein guter Bruder,« sagte Jakob, »hat vortreffliche Eigenschaften; aber
Schmeichelei und Eitelkeit haben ihm den Kopf verrückt.«[60] Adda, dem
an Cöln mehr gelegen war, als an England, nährte diese sonderbare
Täuschung. Albeville, der jetzt wieder auf seinen Posten zurückgekehrt
war, erhielt Befehl, den Generalstaaten freundschaftliche Versicherungen
zu geben und einige hochtrabende Redensarten hinzuzusetzen, die sich in
dem Munde einer Elisabeth oder eines Oliver nicht übel ausgenommen haben
würden. »Mein Gebieter,« sagte er, »steht durch seine Macht und seinen
Muth hoch über der Stufe, die ihm Frankreich gern anweisen möchte. Es
ist ein kleiner Unterschied zwischen einem König von England und einem
Erzbischof von Cöln.« Bonrepaux wurde in Whitehall sehr kühl
aufgenommen. Die von ihm offerirte Unterstützung an Schiffen wurde zwar
nicht geradezu abgelehnt, aber er mußte wieder abreisen, ohne etwas
festgesetzt zu haben, und die Gesandten der Vereinigten Provinzen wie
des Hauses Österreich wurden benachrichtigt, daß seine Sendung dem
Könige unangenehm gewesen sei und zu keinem Resultate geführt habe. Nach
der Revolution rühmte sich Sunderland, und wahrscheinlich mit Recht, daß
er seinen Gebieter dazu bestimmt habe, die angebotene Unterstützung
Frankreichs zurückzuweisen.[61]

Die unvernünftige Thorheit Jakob's erregte natürlich den Unwillen seines
mächtigen Nachbars. Ludwig beklagte sich, daß die englische Regierung
ihn zum Dank für den größten Dienst, den er ihr hätte leisten können,
angesichts der ganzen Christenheit Lügen gestraft habe. Er bemerkte ganz
richtig, was Avaux in Betreff des Bündnisses zwischen Frankreich und
Großbritannien gesagt habe, sei wenn auch nicht dem Buchstaben nach,
doch im allgemeinen Sinne wahr. Es bestehe allerdings kein in
Paragraphen eingetheilter, unterschriebener, besiegelter und
ratificirter Vertrag, aber Zusicherungen, welche in den Augen von
Ehrenmännern für eben so heilig gälten als Verträge, wären seit mehreren
Jahren zwischen den beiden Höfen gewechselt worden. Ludwig setzte noch
hinzu, daß er, eine so hohe Stellung er auch in Europa einnehme, doch
nie so lächerlich eifersüchtig auf seine Würde sein werde, um in einer
durch die Freundschaft eingegebenen Handlung eine Beleidigung zu
erblicken. Jakob aber sei in einer ganz andren Lage und werde bald den
Werth des so unfreundlich zurückgewiesenen Beistandes schätzen
lernen.[62]

Trotz Jakob's Verblendung und Undankbarkeit würde Ludwig aber doch klug
gethan haben, wenn er auf dem den Generalstaaten angekündigten
Entschlusse beharrt hätte. Avaux, der in Folge seines Scharfblicks und
seines richtigen Urtheils ein Wilhelm's würdiger Gegner war, erkannte
das vollkommen. Das Bestreben der französischen Regierung -- so dachte
der kluge Gesandte -- müsse vor Allem dahin gehen, die beabsichtigte
Landung in England zu verhindern. Um diesen Zweck zu erreichen, müsse
man in die spanischen Niederlande einrücken und die batavischen Grenzen
bedrohen. Der Prinz von Oranien sei allerdings für seinen Lieblingsplan
so sehr eingenommen, daß er denselben ausführen werde, selbst wenn die
weiße Fahne schon auf den Wällen von Brüssel wehte, denn er hatte
wirklich gesagt, wenn die Spanier Ostende, Mons und Namur nur bis zum
nächsten Frühjahr halten könnten, so würde er dann mit einer Streitmacht
von England zurückkehren, welche alles Verlorne bald wieder erobern
werde. Allein dies sei wohl die Meinung des Prinzen, nicht aber die der
Generalstaaten. Diese würden es gewiß nicht so leicht zugeben, daß ihr
Oberbefehlshaber mit der Elite der Armee über die Nordsee fahre, während
ein gewaltiges Heer ihr eignes Gebiet bedrohte.[63]

    [Anmerkung 60: +»Che l'adulazione e la vanità gli avevano tornato
    il capo.«+ -- Adda, 31. Aug. (10. Sept.) 1688.]

    [Anmerkung 61: Citters, 11.(21.) Sept. 1688; Avaux, 17.(27.)
    Sept., 27. Sept. (7. Oct.); Barillon, 23. Sept. (3. Oct.);
    Wagenaar, Buch 60; +Sunderland's Apology+. Es ist oft behauptet
    worden, Jakob habe die Unterstützung eines französischen
    Armeecorps abgelehnt. In Wirklichkeit aber wurde ihm eine solche
    Unterstützung gar nicht angeboten. Die französischen Truppen
    würden auch in der That Jakob viel mehr genützt haben, wenn sie
    die holländischen Grenzen bedroht hätten, als wenn sie über den
    Kanal gekommen wären.]

    [Anmerkung 62: Ludwig an Barillon, 20.(30.) Sept. 1688.]

    [Anmerkung 63: Avaux, 27. Sept. (7. Oct.), 4.(14.) Oct. 1688.]


[_Die französischen Armeen fallen in Deutschland ein._] Ludwig gab die
Haltbarkeit dieser Gründe zu, aber er hatte sich schon zu einem andren
Verfahren entschieden. Vielleicht hatte ihn die Unhöflichkeit und
Verkehrtheit der englischen Regierung gereizt und er ließ sich zu seinem
Nachtheile von seiner aufgebrachten Stimmung leiten. Vielleicht war er
auch durch die Rathschläge seines Kriegsministers Louvois irregeführt,
der großen Einfluß hatte und Avaux nicht mit freundlichem Auge
betrachtete. Kurz, es wurde beschlossen, auf einer von Holland
entfernten Seite einen großen und unerwarteten Schlag zu führen. Ludwig
zog plötzlich seine Truppen aus Flandern und warf sie nach Deutschland.
Ein Armeecorps unter dem nominellen Commando des Dauphins, in Wahrheit
aber geleitet vom Herzoge von Duras und von Vauban, dem Vater der
Befestigungskunst, belagerte Philippsburg. Ein andres unter den Befehlen
des Marquis von Bouffiers nahm Worms, Mainz und Trier. Ein drittes unter
dem Marquis von Humieres, besetzte Bonn. Den ganzen Rhein hinunter, von
Karlsruhe bis Cöln waren die französischen Waffen siegreich. Die
Nachricht von der Einnahme von Philippsburg traf am Allerheiligentage in
Versailles ein, während der Hof gerade in der Kapelle den Gottesdienst
hörte. Der König winkte dem Prediger inne zu halten, kündigte der
Versammlung die frohe Botschaft an und kniete dann nieder, um Gott für
diesen großen Sieg zu danken. Die Anwesenden weinten vor Freude.[64] Die
Nachricht wurde von dem sanguinischen und leicht entzündlichen
französischen Volke mit Jubel begrüßt. Dichter besangen die Triumphe
ihres freigebigen Schutzherrn; Redner priesen auf der Kanzel die
Weisheit und Großmuth des ältesten Sohnes der Kirche. Das Tedeum wurde
mit ungewohntem Pomp gesungen und die feierlichen Töne der Orgel
vermischten sich mit dem Schalle der Cymbeln und dem Geschmetter der
Trompeten. Es war indessen wenig Ursache zur Freude vorhanden. Der große
Staatsmann, der an der Spitze der europäischen Coalition stand, lächelte
im Stillen über die nutzlose Kraftvergeudung seines Feindes. Ludwig
hatte zwar durch sein rasches Handeln einige Vortheile in Deutschland
errungen, aber diese Vortheile konnten ihm nur wenig nützen, wenn
England, nachdem es unter vier aufeinanderfolgenden Königen unthätig und
ruhmlos gewesen, plötzlich wieder seinen früheren Rang in Europa
einnahm. Wenige Wochen genügten zur Ausführung des Unternehmens, von dem
das Schicksal der ganzen Welt abhing, und für einige Wochen waren die
Vereinigten Provinzen noch in Sicherheit.

    [Anmerkung 64: Frau von Sévigné, 24. Oct. (3. Nov.) 1688.]


[_Wilhelm erlangt die Genehmigung der Generalstaaten für seine
Expedition._] Wilhelm betrieb nun seine Rüstungen mit unermüdlicher
Thätigkeit und nicht mehr so heimlich, als er es bisher für nöthig
gehalten hatte. Täglich gingen Unterstützungszusagen von auswärtigen
Höfen ein. Im Haag war die Opposition zum Schweigen gebracht. Umsonst
bot Avaux noch in diesem letzten Augenblicke seine ganze Gewandtheit
auf, um die Partei, welche gegen drei Generationen des Hauses Oranien
gekämpft hatte, zu ermuthigen. Die Häupter dieser Partei sahen zwar den
Statthalter noch immer nicht mit günstigem Auge an, denn sie hatten
Grund zu der Besorgniß, daß er, wenn sein Unternehmen gegen England
gelang, er auch unumschränkter Beherrscher von Holland werden möchte.
Aber die Fehler des Hofes von Versailles und die Geschicklichkeit, mit
der er dieselben benutzt hatte, machten es unmöglich, ferner noch gegen
ihn zu kämpfen. Er sah ein, daß es jetzt Zeit war, um die Genehmigung
der Generalstaaten nachzusuchen. Amsterdam war das Hauptquartier der
seinem Hause, seinem Amte und seiner Person feindlich gesinnten Partei,
und selbst von Amsterdam hatte er diesen Augenblick nichts zu
befürchten. Mit mehreren der vornehmsten Beamten dieser Stadt hatte er
schon zu wiederholten Malen in Anwesenheit Dykvelt's und Bentinck's
geheime Unterredungen gehabt und hatte sie zu dem Versprechen
bewogen, daß sie das große Unternehmen fördern, oder sich demselben
wenigstens nicht widersetzen wollten. Andere waren über Ludwig's
Handelsverordnungen erbittert, noch Andere waren besorgt um ihre von den
französischen Dragonern tyrannisirten Verwandten und Freunde; wieder
Andere fürchteten die Verantwortlichkeit, eine Spaltung herbeizuführen,
welche dem batavischen Bunde verderblich werden konnte, und Einige
endlich fürchteten das gemeine Volk, welches, durch die Ermahnungen
eifriger Prediger aufgestachelt, bereit war, an jedem Verräther des
Protestantismus eine summarische Justiz auszuüben. Daher erklärte sich
die Majorität dieses Stadtraths, der so lange Zeit Frankreich ergeben
gewesen war, zu Gunsten der Unternehmung Wilhelm's. Von diesem
Augenblicke an war jede Besorgniß wegen einer Opposition in irgend einem
Theile der Vereinigten Provinzen gehoben und die Föderation ertheilte
ihm in geheimer Sitzung die volle Genehmigung zu seiner Expedition.[65]

Der Prinz hatte sich bereits für einen zum Unterbefehlshaber trefflich
geeigneten General entschieden. Dies war in der That kein unwichtiger
Gegenstand. Ein zufälliger Schuß oder der Dolch eines Meuchelmörders
konnte in einem Augenblicke die Expedition ihres Anführers berauben, und
für diesen Fall mußte im Voraus ein Nachfolger bestimmt werden, der die
Lücke sofort ausfüllte. Einen Engländer konnte man jedoch dazu nicht
wählen, ohne entweder den Whigs oder den Tories zu nahe zu treten; auch
hatte noch kein damals lebender Engländer bewiesen, daß er das zur
Leitung eines Feldzugs nöthige militairische Geschick besaß. Auf der
andren Seite war es nicht leicht, einem Ausländer den Vorzug zu geben,
ohne das Nationalgefühl der stolzen Insulaner zu verwunden. Einen Mann
gab es in Europa, aber auch nur diesen einen, gegen den sich nichts
einwenden ließ; Friedrich, Graf von Schomberg, ein Deutscher aus einem
edlen Hause der Pfalz. Er galt allgemein für den größten damals lebenden
Meister der Kriegskunst. Seine oftmals durch starke Versuchungen
geprüfte, aber nie erschütterte Rechtschaffenheit und Frömmigkeit hatten
ihm allgemeine Achtung und Vertrauen erworben. Obgleich Protestant,
hatte er mehrere Jahre im Dienste Ludwig's gestanden und durch eine
Reihe glänzender Waffenthaten seinem Gebieter trotz aller Ränke der
Jesuiten den französischen Marschallsstab abgenöthigt. Als die
Verfolgung zu wüthen begann, weigerte sich der tapfere Veteran
standhaft, die königliche Gunst durch Abtrünnigkeit zu erkaufen, legte
ohne Murren alle seine Ehrenstellen und Commando's nieder, verließ sein
zweites Vaterland für immer und zog sich an den berliner Hof zurück. Er
war bereits über siebzig Jahre alt, aber geistig und körperlich noch
sehr rüstig. Er war in England gewesen und dort außerordentlich geliebt
und geehrt worden. Allerdings hatte er eine Empfehlung, der sich damals
wenige Ausländer rühmen konnten: er sprach unsre Sprache, und zwar nicht
nur verständlich, sondern elegant und rein. Er wurde mit Bewilligung des
Kurfürsten von Brandenburg und zur aufrichtigen Freude der Oberhäupter
aller englischen Parteien zu Wilhelm's Stellvertreter ernannt.[66]

    [Anmerkung 65: Witson's MS., angeführt von Wagenaar; Lord
    Lonsdale's Memoiren; Avaux, 4.(14.), 5.(15.) Oct. 1688. Die
    förmliche Erklärung der Generalstaaten, datirt vom 18.(28.) Oct.,
    findet man im IV. Bande des +Recueil des Traités, No. 225+.]

    [Anmerkung 66: +Abrégé de la Vie de Frédéric Duc de Schomberg,
    1690+; Sidney an Wilhelm, 30. Juni 1688; +Burnet I. 677+.]


[_Britische Abenteurer im Haag._] Inzwischen wimmelte es im Haag von
Abenteurern aller der verschiedenen Factionen, welche Jakob's Tyrannei
zu einer sonderbaren Coalition verbunden hatte: alte Royalisten, die ihr
Blut für den Thron vergossen hatten, alte Agitatoren von der
Parlamentsarmee, Tories, welche in den Tagen der Ausschließungsbill
verfolgt worden waren, und Whigs, die wegen ihrer Theilnahme am
Ryehousecomplot sich auf den Continent geflüchtet hatten.

Unter dieser großen Menge zeichnete sich Karl Gerard, Earl von
Macclesfield aus, ein alter Kavalier, der für Karl I. gekämpft und
Karl's II. Exil getheilt hatte; ferner Archibald Campbell, der älteste
Sohn des unglücklichen Argyle, der aber von seinem Vater nichts geerbt
hatte als einen erlauchten Namen und die unwandelbare Liebe eines
zahlreichen Clan; Karl Paulet, Earl von Wiltshire, unzweifelhafter Erbe
des Marquisats von Winchester, und Peregrine Osborne, Lord Dumblane,
unzweifelhafter Erbe des Earlthums Danby. Mordaunt, der vor Begierde
nach Abenteuern brannte, die für sein feuriges Temperament einen
unwiderstehlichen Reiz hatten, war einer der Ersten unter den
Freiwilligen. Fletcher von Saltoun hatte, während er die Grenzen der
Christenheit gegen die Ungläubigen beschützte, erfahren, daß sein
Vaterland wieder einmal Hoffnung auf Befreiung hatte, und er hatte sich
beeilt, sein Schwert anzubieten. Sir Patrick Hume, der seit seiner
Flucht aus Schottland sehr bescheiden und eingezogen lebte, trat jetzt
wieder aus seinem Dunkel hervor; zum Glück aber konnte seine
Redseligkeit diesmal wenig Schaden anrichten, denn der Prinz von Oranien
war durchaus nicht geneigt, der abhängige General einer debattirenden
Gesellschaft zu sein wie die, welche Argyle's Unternehmen zum Verderben
gereicht hatte. Der verschmitzte und ruhelose Wildman, der vor kurzem
die Überzeugung gewonnen, daß England ein unsicherer Aufenthalt für ihn
war und der sich deshalb nach Deutschland begeben hatte, erschien
ebenfalls an Wilhelm's Hofe. Eben so auch Carstairs, ein
presbyterianischer Priester aus Schottland, der an Schlauheit und Muth
keinem Politiker seiner Zeit nachstand. Fagel hatte ihm einige Jahre
vorher wichtige Geheimnisse anvertraut und er hatte sie trotz der
fürchterlichsten Qualen, die ihm der spanische Stiefel und die
Daumschraube bereitet, treu bewahrt. Seine seltene Standhaftigkeit hatte
ihm das Vertrauen und die Achtung des Prinzen in eben so hohem Grade
erworben, als irgend ein Andrer, außer Bentinck, sich derselben
erfreute.[67] Ferguson konnte nicht ruhig bleiben, wenn eine Revolution
im Werke war. Er sicherte sich einen Platz zur Überfahrt auf der Flotte
und entfaltete eine große Thätigkeit unter seinen Mitemigranten; aber er
fand überall Mißtrauen und Verachtung. Unter der Schaar von unwissenden
und heißblütigen Verbannten, welche den schwachen Monmouth ins Verderben
geführt, war er ein großer Mann gewesen; unter den ernsten Staatsmännern
und Generälen aber, welche die Sorgen des entschlossenen und umsichtigen
Wilhelm theilten, war kein Platz für einen niedrigdenkenden, halb
wahnsinnigen und halb schurkischen Agitator.

    [Anmerkung 67: +Burnet I. 584+; +Mackay's Memoirs.+]


[_Wilhelm's Erklärung._] Der Unterschied zwischen der Expedition von
1685 und der von 1688 zeigte sich schon deutlich genug in der
Verschiedenheit der Manifeste, welche die Führer der beiden
Unternehmungen erließen. Für Monmouth hatte Ferguson ein abgeschmacktes
und gemeines Libell über den Brand von London, die Ermordung Godfrey's
und Essex' und die Vergiftung Karl's geschmiert. Wilhelm's Erklärung war
von dem Großpensionär Fagel verfaßt, der als ausgezeichneter Publicist
bekannt war. Obgleich gehaltvoll und wohldurchdacht, war sie doch in
ihrer ursprünglichen Form zu weitschweifig; aber sie wurde von Burnet,
der populär zu schreiben verstand, abgekürzt und ins Englische
übersetzt. Sie begann mit einer feierlichen Einleitung, in welcher
gesagt war, daß in jedem Staate die strenge Beobachtung des Gesetzes für
das Wohl der Nationen wie für die Sicherheit der Regierung gleich
nothwendig sei. Der Prinz von Oranien habe daher mit tiefer Betrübniß
gesehen, daß die Grundgesetze eines Reiches, mit dem er durch Bande des
Bluts und durch Verheirathung so eng verbunden sei, durch den Rath
schlimmer Rathgeber gröblich und systematisch verletzt worden seien. Das
Recht von Parlamentsacten zu dispensiren, sei bis zu einem solchen
Punkte ausgedehnt worden, daß die ganze legislative Gewalt auf die Krone
übertragen worden sei. Von den Gerichten habe man dem Geiste der
Verfassung widerstreitende Erkenntnisse erlangt, indem man einen Richter
nach dem andren abgesetzt, bis die Bank nur aus Männern bestanden habe,
welche bereit gewesen seien, den Befehlen der Regierung blindlings zu
gehorchen. Trotz der wiederholten Versicherungen des Königs, daß er die
Staatsreligion aufrechterhalten werde, seien anerkannten Feinden dieser
Religion nicht nur bürgerliche Ämter, sondern auch geistliche Pfründen
verliehen worden. Trotz ausdrücklicher Gesetze sei das Kirchenregiment
einem Collegium übertragen worden, das eine neue Hohe Commission sei und
in diesem Collegium sitze ein erklärter Papist. Gute Unterthanen seien
deshalb, weil sie sich weigerten, ihre Pflicht und ihre Eide zu
verletzen, der Magna Charta der englischen Freiheiten zum Hohn aus ihrem
Eigenthum vertrieben worden. Dagegen seien Leute, welche dem Gesetze
nach die Insel gar nicht betreten dürften, zur Verderbniß der Jugend an
die Spitze von Seminarien gestellt worden. Grafschaftsstatthalter,
stellvertretende Statthalter und Friedensrichter seien massenhaft
abgesetzt worden, weil sie sich geweigert hätten eine verderbliche und
verfassungswidrige Politik zu unterstützen. Die Freiheiten fast jedes
Boroughs im Lande seien verletzt worden. Die Gerichtshöfe seien in einem
Zustande, daß ihre Erkenntnisse selbst in Civilklagen kein Vertrauen
mehr einflößten und daß ihre Servilität in Criminalsachen das Königthum
mit unschuldigem Blute befleckt habe. Alle diese Mißbräuche, deren das
englische Volk müde sei, sollten nun, wie es scheine, durch ein Heer
irischer Papisten vertheidigt werden. Und dies sei noch nicht Alles. Die
willkürlichsten Fürsten hätten es einem Unterthanen nie als ein
Verbrechen angerechnet, wenn er bescheiden und friedlich seine
Beschwerden angebracht und um Abhülfe gebeten habe. Aber das
Petitioniren werde jetzt in England als ein schweres Vergehen
betrachtet. Die Väter der Kirche seien wegen keines andren Verbrechens,
als weil sie dem Landesherrn eine in den ehrerbietigsten Ausdrücken
abgefaßte Petition überreicht, ins Gefängniß geworfen und ihnen der
Prozeß gemacht worden, und jeden Richter, der sich zu ihren Gunsten
ausgesprochen, habe man ohne weiteres abgesetzt. Die Einberufung eines
freien und gesetzlichen Parlaments könne allerdings diesen Übeln wirksam
abhelfen, aber die Nation dürfe nicht hoffen ein solches Parlament zu
erhalten, wenn nicht der ganze Geist der Verwaltung ein andrer werde. Es
sei offenbar die Absicht des Hofes durch neu organisirte Wahlkörper und
papistische Wahlbeamte eine Versammlung zusammenzubringen, welche nur
dem Namen nach ein Haus der Gemeinen sein werde. Endlich erregten
gewisse Umstände den dringenden Verdacht, daß das Kind, welches den
Namen eines Prinzen von Wales erhalten habe, nicht wirklich von der
Königin geboren sei. Aus diesen Gründen habe der Prinz, eingedenk seiner
nahen Verwandtschaft mit dem königlichen Hause und dankbar für die
Zuneigung, die das englische Volk seiner geliebten Gemahlin und ihm
selbst stets bewiesen habe, sich entschlossen, der Aufforderung vieler
geistlichen und weltlichen Lords und vieler anderer Personen aus allen
Ständen Folge zu leisten und an der Spitze einer zur Begegnung
gewaltsamen Widerstandes hinreichenden Streitmacht nach England
hinüberzugehen. Jeden Gedanken an Eroberung wies er entschieden zurück.
Er erklärte, daß seine Truppen während ihres Aufenthalts auf der Insel
unter strengster Kriegszucht gehalten und daß sie sobald die Nation von
der Tyrannei befreit sei, wieder zurückgeschickt werden sollten. Sein
einziger Zweck sei die Versammlung eines freien und gesetzlichen
Parlaments, und er verpflichtete sich feierlich, alle öffentlichen und
privaten Fragen der Entscheidung eines solchen Parlaments zu überlassen.

Sobald Exemplare von dieser Erklärung im Haag ausgegeben waren, begannen
auch schon Zeichen von Meinungsverschiedenheit sichtbar zu werden. Der
im Unheilstiften unermüdliche Wildman bewog einige seiner Landsleute,
unter Anderen den starrsinnigen und leichtfertigen Mordaunt, zu der
Erklärung, daß sie auf solche Gründe hin die Waffen nicht ergreifen
würden. Das Manifest sei nur darauf berechnet, den Kavalieren und den
Geistlichen zu gefallen. Die Gewaltthätigkeiten gegen die Kirche und der
Prozeß der Bischöfe seien zu sehr in den Vordergrund gestellt und es sei
gar nichts von der Tyrannei gesagt, mit der die Tories vor ihrem Bruche
mit dem Hofe die Whigs behandelt hätten. Wildman legte hierauf einen von
ihm selbst verfaßten Gegenentwurf vor, der, wenn er angenommen worden
wäre, der ganzen anglikanischen Geistlichkeit und vier Fünftheilen des
grundbesitzenden Adels mißfallen haben würde. Die Whighäupter opponirten
ihm energisch. Russell insbesondere erklärte, daß, wenn ein so
verkehrter Weg eingeschlagen würde, es mit der Coalition, von welcher
allein die Nation Befreiung erwarten könne, vorbei sei. Der Streit wurde
endlich durch einen Machtspruch Wilhelm's geschlichtet, der mit
gewohntem richtigen Takt entschied, daß das Manifest im Wesentlichen so
wie Fagel und Burnet es entworfen hatten, beibehalten werden solle.[68]

    [Anmerkung 68: +Burnet I., 775, 780+.]


[_Jakob fängt an die Gefahr zu ahnen._] Während dies in Holland geschah,
hatte Jakob endlich die ihm drohende Gefahr erkannt. Von verschiedenen
Seiten kamen Nachrichten, die man nicht unbeachtet lassen konnte, bis
endlich eine Depesche von Albeville jedem Zweifel ein Ende machte. Als
der König sie gelesen hatte, sollen seine Wangen sich entfärbt haben und
er soll eine Weile sprachlos geblieben sein.[69] Er hatte in der That
auch Ursache zu erschrecken. Der erste Ostwind sollte eine feindliche
Flotte an die Küsten seines Reiches bringen. Ganz Europa, mit Ausnahme
einer einzigen Macht, erwartete ungeduldig die Nachricht von seinem
Sturze, und den Beistand dieser einzigen Macht hatte er thörichterweise
abgelehnt. Ja, er hatte sogar die freundschaftliche Intervention, die
ihn hätte retten können, mit Beleidigungen vergolten. Die französischen
Armeen, welche zur Einschüchterung der Generalstaaten hätten verwendet
werden können, wenn er nicht so verblendet gewesen wäre, belagerten
Philippsburg und hielten Mainz besetzt. In wenigen Tagen mußte er
vielleicht auf englischem Boden für seine Krone und für das Geburtsrecht
seines Sohnes kämpfen.

    [Anmerkung 69: +Eachard's History of the Revolution, II. 2+.]


[_Seine Seemacht._] Anscheinend standen ihm allerdings große Mittel zu
Gebote. Die Flotte war in einem viel besseren Zustande als zur Zeit
seiner Thronbesteigung, und diese Verbesserung muß zum Theil seinen
eigenen Anstrengungen zugeschrieben werden. Er hatte keinen
Lordgroßadmiral oder Admiralitätsrath ernannt, sondern die Hauptleitung
der Marineangelegenheiten in seiner eignen Hand behalten und Pepys hatte
ihn dabei kräftig unterstützt. Ein Sprichwort sagt, daß der Blick eines
Meisters sicherer ist, als der eines Stellvertreters, und in einer Zeit
der Bestechung und der Unterschleife kann man annehmen, daß ein
Verwaltungszweig, dem der Souverain selbst, sei er auch von noch so
beschränkten Gaben, genaue persönliche Aufmerksamkeit zuwendet, von
Mißbräuchen verhältnißmäßig ziemlich frei bleiben wird. Ein
geschickterer Marineminister als Jakob würde nicht schwer zu finden
gewesen sein; schwerlich aber würde man unter den damaligen
Staatsmännern einen Marineminister gefunden haben, der nicht Vorräthe
nutzlos vergeudet, von Lieferanten Bestechungen angenommen und der Krone
Kosten für Reparaturen aufgebürdet haben würde, welche nie gemacht
worden waren. Der König war in der That fast der Einzige, von dem man
überzeugt sein konnte, daß er den König nicht bestehlen würde. Daher
waren denn auch während der letzten drei Jahre auf den Schiffswerften
viel weniger Veruntreuungen und Diebereien vorgekommen als früher. Es
waren wirklich seetüchtige Schiffe gebaut worden und durch eine
zweckmäßige Verordnung waren die Gehalte der Kapitaine erhöht, zu
gleicher Zeit aber auch ihnen streng verboten worden, ohne besondere
königliche Erlaubniß Waaren von einem Hafen zum andren zu führen. Die
Wirkung dieser Reformen machte sich schon bemerkbar, und es wurde Jakob
nicht schwer, in kurzer Zeit eine ansehnliche Flotte auszurüsten.
Dreißig Linienschiffe dritten und vierten Ranges wurden unter dem
Commando Lord Dartmouth's in der Themse versammelt. Dartmouth's
Loyalität war über jeden Zweifel erhaben, und er galt für eben so
geschickt und kenntnißreich in seinem Fache als irgend einer der
patrizischen Seeleute, die sich damals ohne ordentliche seemännische
Erziehung und Ausbildung zu den höchsten Schiffscommando's
emporschwangen und welche zu gleicher Zeit Flaggenoffiziere zur See und
Infanterieobersten im Landheere waren.[70]

    [Anmerkung 70: +Pepys's Memoirs relating to the Royal Navy, 1690+;
    +Clarke's Life of James the Second, II. 186. Orig. Mem.+; Adda,
    24. Sept. (4. Oct.); Citters, 21. Sept. (1. Oct.)]


[_Seine militairischen Mittel._] Die reguläre Armee war die stärkste,
die je ein König von England zu seiner Verfügung gehabt hatte, und sie
wurde rasch noch verstärkt. Alle vorhandenen Regimenter wurden um neue
Compagnien vermehrt und neue Regimenter ausgehoben. Die Stärke des
englischen Heeres wurde dadurch um viertausend Mann erhöht; dreitausend
Mann wurden eiligst aus Irland gesendet und eine gleiche Anzahl erhielt
Befehl, aus Schottland nach dem Süden zu marschiren. Jakob schätzte die
Streitmacht, die er den Einfallenden entgegenstellen konnte, auf
vierzigtausend Mann, ungerechnet die Miliz.[71]

Flotte und Landheer waren sonach mehr als ausreichend, um eine
holländische Invasion zurückzuschlagen. Konnte man sich aber auf die
Flotte und auf die Armee verlassen? Mußte man nicht befürchten, daß die
Milizen zu Tausenden zu der Fahne ihres Befreiers übergehen würden? Die
Partei, welche vor einigen Jahren für Monmouth das Schwert gezogen,
konnte es gewiß kaum erwarten, den Prinzen von Oranien willkommen zu
heißen. Und was war aus der Partei geworden, welche siebenundvierzig
Jahre lang das Bollwerk der Monarchie gewesen? Wo waren jetzt die
tapferen Gentlemen, welche stets bereit gewesen waren, ihr Blut für die
Krone zu vergießen? Mißhandelt und verhöhnt, von der Richterbank
vertrieben und aller militairischen Commando's beraubt, sahen sie die
Gefahr ihres undankbaren Gebieters mit unverhohlener Schadenfreude. Wo
waren die Priester und Prälaten, welche auf zehntausend Kanzeln die
Pflicht des Gehorsams gegen den gesalbten Stellvertreter Gottes
gepredigt hatten? Einige waren eingekerkert. Andere ausgeplündert. Alle
waren unter das eiserne Regiment der Hohen Commission gestellt worden
und hatten beständig gefürchtet, daß eine neue Laune der Tyrannei sie
ihrer Pfründen berauben und ohne ein Stück Brot lassen würde. Daß die
Männer der Staatskirche den Grundsatz, auf den sie immer das größte
Gewicht gelegt hatten, so vollständig vergessen würden, um sich dem
thätigen Widerstande anzuschließen, schien auch jetzt noch unglaublich.
Aber konnte ihr Unterdrücker erwarten, daß er bei ihnen noch den Geist
finden werde, der unter der vorhergehenden Generation die Armeen Essex'
und Waller's besiegt, und sich nur nach einer verzweifelten Gegenwehr
dem Genie und der Kraft Cromwell's unterworfen hatte?

    [Anmerkung 71: +Clarke's Life of James the Second. II. 186. Orig.
    Mem.+; Adda, 24. Sept. (4. Oct.); Citters, 21. Sept. (1. Oct.)]


[_Er versucht es, seine Unterthanen mit sich auszusöhnen._] Der Tyrann
wurde von der Angst überwältigt. Er sagte nicht mehr, daß Nachgiebigkeit
die Fürsten jederzeit ins Verderben gestürzt habe, und gab gezwungen zu,
daß er sich herablassen müsse, den Tories noch einmal zu
schmeicheln.[72] Man hat Grund zu der Annahme, daß um diese Zeit Halifax
eingeladen wurde, wieder ein Ministerium zu übernehmen und daß er auch
nicht abgeneigt dazu war. Die Rolle eines Vermittlers zwischen den
Throne und der Nation war diejenige, zu der er sich am besten eignete
und nach der er am eifrigsten strebte. Warum die betreffende
Unterhandlung mit ihm abgebrochen wurde, ist nicht bekannt, aber es ist
nicht unwahrscheinlich, daß die Dispensationsfrage das unübersteigliche
Hinderniß war. Sein Widerwille gegen diese Befugniß war vor drei Jahren
die Veranlassung zu seiner Ungnade gewesen, und es war seitdem nichts
geschehen, was geeignet gewesen wäre ihn andren Sinnes zu machen. Jakob
seinerseits hatte sich fest vorgenommen, in diesem Punkte kein
Zugeständniß zu machen.[73] In anderen Dingen war er minder starrsinnig.
Er erließ eine Proklamation, in der er feierlich versprach, die
anglikanische Kirche zu schützen und die Uniformitätsacte aufrecht zu
erhalten. Er erklärte sich bereit, um der Eintracht willen große Opfer
zu bringen. Er wolle nicht mehr darauf beharren, daß Katholiken ins
Unterhaus zugelassen würden und er hege das gute Vertrauen zu seinem
Volke, daß es einen solchen Beweis von seinem aufrichtigen Willen, ihren
Wünschen zu entsprechen, gebührend anerkennen werde. Drei Tage später
kündigte er an, daß es seine Absicht sei, alle Magistratsbeamten und
stellvertretenden Lieutenants, welche entlassen worden waren, weil sie
seine Politik nicht hatten unterstützen wollen, wieder anzustellen. Den
Tag nach dem Erscheinen dieser Ankündigung wurde Compton's Suspension
wieder aufgehoben.[74]

    [Anmerkung 72: Adda, 28. Sept. (8. Oct.) 1688. In dieser Depesche
    ist Jakob's Angst vor einem allgemeinen Abfalle seiner Unterthanen
    kräftig geschildert.]

    [Anmerkung 73: Die spärlichen Aufschlüsse, welche wir über diese
    Unterhandlung haben, verdanken wir Reresby. Seine Quelle war eine
    Dame, die er nicht nennt und der man gewiß nicht unbedingt glauben
    durfte.]

    [Anmerkung 74: +London Gazette, Sept. 24., 27., Oct. 1. 1688+.]


[_Er bewilligt den Bischöfen eine Audienz._] Zu gleicher Zeit gab der
König allen damals in London anwesenden Bischöfen eine Audienz. Sie
hatten um eine solche nachgesucht, um ihm in seiner kritischen Lage
ihren Rath anzubieten. Der Primas führte das Wort. Er bat ehrerbietig
darum, daß die Verwaltung den Händen gehörig qualificirter Personen
übergeben, daß alle unter dem Vorwande des Dispensationsrechts
vorgenommenen Acte widerrufen, daß die kirchliche Commission
abgeschafft, daß die dem Magdalenen-Collegium zugefügte Unbill wieder
gutgemacht und daß die alten Privilegien der Municipalkörperschaften
wiederhergestellt werden möchten. Er gab sehr deutlich zu verstehen, daß
es ein wünschenswerthes Mittel gebe, durch welches der Thron vollkommen
gesichert und das erschütterte Reich wieder beruhigt werden könne. Wenn
Seine Majestät die zwischen der römischen und anglikanischen Kirche
obschwebenden Streitpunkte nochmals in Erwägung ziehen wolle, so würde
er durch die Gründe, welche sie ihm vorzutragen wünschten, unter Gottes
Beistande vielleicht zu der Überzeugung gebracht werden, daß es seine
Pflicht sei, zu dem Glauben seines Vaters und seines Großvaters
zurückzukehren. Bis hierher, fuhr Sancroft fort, habe er die Ansicht
seiner Collegen ausgesprochen. Aber es sei noch ein Punkt, über den er
sich nicht mit ihnen berathen habe, auf den er jedoch den König
aufmerksam machen zu müssen glaube. Allerdings sei er auch das einzige
Mitglied seines Standes, welches diesen Gegenstand berühren dürfe, ohne
sich dem Verdachte eines eigennützigen Beweggrundes auszusetzen. Der
erzbischöfliche Stuhl von York war seit drei Jahren erledigt. Der
Erzbischof bat den König dringend, er möge denselben schleunigst mit
einem frommen und gelehrten Geistlichen besetzen, und fügte hinzu, es
werde sich unter den eben Anwesenden leicht, ein solcher Mann finden.
Der König verstand es sich hinreichend zu beherrschen, um für diesen
bitteren Rath zu danken und zu versprechen, daß er denselben in Erwägung
ziehen wolle.[75] Von dem Dispensationsrecht aber wollte er durchaus
nichts nachlassen. Keine gesetzlich unqualificirte Person wurde von
irgend einem bürgerlichen oder militairischen Amte entfernt. Aber einige
von Sancroft's Vorschlägen wurden befolgt. Binnen zweimal vierundzwanzig
Stunden war der Gerichtshof der Hohen Commission abgeschafft.[76] Es
ward beschlossen, der Hauptstadt ihren vor sechs Jahren entzogenen
Freibrief zurückzugeben und der Kanzler selbst mußte das ehrwürdige
Pergament feierlich nach der Guildhall tragen.[77] Acht Tage später
erfuhr das Publikum, daß der Bischof von Winchester, der vermöge seiner
amtlichen Stellung Visitator des Magdalenen-Collegiums war, vom Könige
beauftragt sei, alle Mißstände in diesem Collegium abzustellen. Zu
dieser letzten Demüthigung hatte sich der König nicht ohne langen
inneren Kampf und bitteren Schmerz entschlossen. Er verstand sich in der
That erst dazu, nachdem der apostolische Vikar Leyburn, der sich bei
jeder Gelegenheit als einsichtsvoller und rechtschaffener Mann benommen
zu haben scheint, erklärt hatte, daß seiner Ansicht nach den
vertriebenen Collegiaten und ihrem Präsidenten Unrecht gethan worden sei
und daß ihre Wiedereinsetzung aus religiösen wie aus politischen Gründen
erfolgen müsse.[78] Nach wenigen Tagen erschien eine Proklamation,
welche die entzogenen Privilegien aller Municipalkörperschaften
wiederherstellte.[79]

    [Anmerkung 75: +Tanner MSS+; +Burnet I. 784+. Burnet hat, wie ich
    glaube, diese Audienz mit einer andren verwechselt, welche einige
    Wochen später stattfand.]

    [Anmerkung 76: +London Gazette, Oct. 8. 1688.+]

    [Anmerkung 77: +Ibid.+]

    [Anmerkung 78: +Ibid. Oct. 15, 1688+; Adda, 12.(22.) Oct. Obgleich
    der Nuntius im Allgemeinen Gewaltmaßregeln abgeneigt war, so
    scheint er doch gegen die Wiedereinsetzung Hough's opponirt zu
    haben, wahrscheinlich aus Rücksicht auf die Interessen Giffard's
    und der anderen Katholiken, welche Mitglieder des
    Magdalenen-Collegiums waren. Leyburn erklärte selbst: +»Nel
    sentimento che fosse stato uno spoglio, e che il possesso in cui
    si trovano ora li Cattolici fosse violento ed illegale, onde non
    era privar questi di un dritto acquisto, ma rendere agli altri
    quello era stato levalo con violenza.«+]

    [Anmerkung 79: +London Gazette, Oct. 18. 1688+.]


[_Seine Zugeständnisse werden übel aufgenommen._] Jakob schmeichelte
sich mit der Hoffnung, daß die ausgedehnten Zugeständnisse, die er im
Laufe eines Monats gemacht, ihm die Herzen seines Volks wieder gewinnen
würden. Es unterliegt auch keinem Zweifel, daß diese Zugeständnisse,
wenn sie gemacht worden wären, als noch kein Grund zu der Befürchtung
eines Einfalls von Seiten Hollands vorhanden war, viel zur Versöhnung
der Tories beigetragen haben würden. Aber Fürsten, welche der Angst
zugestehen, was sie der Gerechtigkeit verweigert haben, dürfen keinen
Dank erwarten. Seit drei Jahren war der König gegen alle Vorstellungen
und Bitten taub gewesen. Jeder Minister, der sich erlaubt hatte, seine
Stimme zu Gunsten der bürgerlichen und kirchlichen Verfassung des Reichs
zu erheben, war in Ungnade gefallen. Ein ausgezeichnet loyales Parlament
hatte es gewagt, bescheiden und ehrerbietig gegen eine Verletzung der
Grundgesetze Englands zu protestiren; es hatte dafür einen strengen
Verweis erhalten und war prorogirt und aufgelöst worden. Ein Richter
nach dem andren war des Hermelins beraubt worden, weil er sich geweigert
hatte, Erkenntnisse abzugeben, welche dem gemeinen Rechte und dem
Gesetzbuche zuwiderliefen. Die achtungswerthesten Kavaliere waren von
jeder Theilnahme an der Verwaltung der Grafschaften ausgeschlossen
worden, weil sie sich geweigert hatten, die öffentlichen Freiheiten zu
verrathen. Geistliche waren zu Dutzenden abgesetzt worden, weil sie ihre
Eide nicht brechen wollten. Prälaten, deren unerschütterlicher Treue der
König seine Krone verdankte, hatten ihn auf den Knien gebeten, daß er
ihnen nicht befehlen möchte, die Gesetze Gottes und des Landes zu
verletzen. Ihre bescheidene Bittschrift war als ein aufrührerisches
Libell betrachtet worden. Sie waren hart angelassen, bedroht, ins
Gefängniß geworfen, gerichtlich verfolgt worden und waren mit genauer
Noth dem gänzlichen Verderben entronnen. Jetzt endlich begann die
Nation, da sie sah, daß das Recht durch die Macht mit Füßen getreten und
selbst Bitten als ein Verbrechen betrachtet wurden, auf den Gedanken zu
kommen, das Kriegsglück zu versuchen. Der Tyrann erfuhr, daß ein
bewaffneter Befreier zur Hand sei, der von Whigs und Tories, von
Dissenters und Anglikanern freudig begrüßt werden würde. Da wurde mit
einem Male Alles anders. Die nämliche Regierung, welche treue und
eifrige Dienste mit Beraubung und Verfolgung vergolten, die Regierung,
welche auf gewichtige Gründe und rührende Bitten nur mit Beleidigungen
und Schmähungen geantwortet hatte, wurde in einem Augenblicke merkwürdig
freundlich. Jede Nummer der Gazette brachte die Abstellung einer neuen
Beschwerde. Man sah es also deutlich, daß man sich auf die Billigkeit,
die Humanität und das verpfändete Wort des Königs nicht verlassen konnte
und daß er nur so lange gut regieren würde, als er gewaltsamen
Widerstand fürchtete. Seine Unterthanen waren daher durchaus nicht
geneigt, ihm ein Vertrauen wieder zu schenken, das er sich völlig
verscherzt hatte, oder den Druck zu lindern, der ihm die einzigen guten
Maßregeln seiner ganzen Regierung abgepreßt hatte. Die allgemeine
Ungeduld, mit der man die Ankunft der Holländer erwartete, nahm mit
jedem Tage zu. Das Volk verwünschte den Wind, der um diese Zeit
beharrlich aus dem Westen kam, die Flotte des Prinzen am Auslaufen
hinderte und zugleich immer neue Regimenter von Dublin nach Chester
brachte. Man sagte, es sei papistisches Wetter. In Cheapside standen
fortwährend Massen von Menschen, welche nach der Wetterfahne auf der
Spitze des schlanken Thurmes der Bowkirche blickten und den Himmel um
protestantischen Wind baten.[80]

Die allgemeine Stimmung wurde noch mehr erbittert durch einen Vorfall,
der zwar rein zufällig war, aber leicht erklärlicherweise der Perfidie
des Königs zugeschrieben wurde. Der Bischof von Winchester kündigte an,
daß er auf königlichen Befehl die vertriebenen Mitglieder des
Magdalenen-Collegiums wieder einzusetzen gedenke. Er bestimmte zu der
Feierlichkeit den 21. October und traf am 20. in Oxford ein. Die ganze
Universität war in erwartungsvoller Spannung. Die vertriebenen
Collegiaten waren aus allen Theilen des Landes herbeigekommen, um ihre
geliebte Heimath wieder in Besitz zu nehmen. Dreihundert berittene
Gentlemen geleiteten den Visitator nach seiner Wohnung. Während seines
Zuges durch die Stadt, gingen alle Glocken und High Street war mit einer
jubelnden Zuschauermenge gefüllt. Er begab sich zur Ruhe. Am andren
Morgen versammelte sich eine freudig bewegte Menge an den Eingängen des
Magdalenen-Collegiums; aber der Bischof erschien nicht. Bald erfuhr man,
daß er durch einen königlichen Boten aus dem Schlafe geweckt und
aufgefordert worden war, unverzüglich nach Whitehall zu kommen. Diese
rücksichtslose Täuschung erregte große Verwunderung und Angst; in
einigen Stunden aber trafen Nachrichten ein, welche Gemüthern, die nicht
ohne Grund das Schlimmste zu glauben geneigt waren, die Sinnesänderung
des Königs genügend zu erklären schienen. Die holländische Flotte war
ausgelaufen, aber durch einen Sturm zurückgetrieben worden. Das Gerücht
vergrößerte den Unfall. Eine Menge Schiffe sollten zu Grunde gegangen
und tausende von Pferden umgekommen sein. Jeder Gedanke an ein
Unternehmen gegen England müsse, wenigstens für dieses Jahr aufgegeben
werden. Hier mache die Nation wieder eine schöne Erfahrung. So lange
Jakob einen nahe bevorstehenden Einfall und Aufstand erwartet, habe er
Befehl zur Wiedereinsetzung Derer gegeben, die er gesetzwidrig beraubt;
sobald er sich aber wieder für sicher gehalten habe, sei dieser Befehl
widerrufen worden. Obgleich diese Beschuldigung damals allgemein
geglaubt und später von Schriftstellern wiederholt wurde, welche hätten
gut unterrichtet sein können, war sie doch völlig ungegründet. Es ist
erwiesen, daß die Nachricht von dem Mißgeschick der holländischen Flotte
auf keinem Wege früher nach Westminster gelangen konnte, als einige
Stunden nachdem der Bischof von Winchester den Befehl erhalten hatte,
der ihn von Oxford zurückrief. Der König hatte jedoch wenig Recht, sich
über den Argwohn seines Volkes zu beschweren. Es war lediglich seine
Schuld, wenn es zuweilen ohne genaue Untersuchung der Beweise etwas
seiner unehrlichen Politik zuschrieb, was in Wirklichkeit nur Folge
eines Zufalls oder eines Versehens war. Daß Leute, welche
gewohnheitsmäßig ihr Wort brechen, auch dann keinen Glauben finden, wenn
sie es einmal wirklich zu halten gedenken, ist ein Theil ihrer gerechten
und natürlichen Strafe.[81]

Es ist bemerkenswerth, daß Jakob sich bei dieser Gelegenheit eine
unverdiente Beschuldigung lediglich durch das eifrige Bestreben zuzog,
sich von einer andren eben so unverdienten zu reinigen. Der Bischof war
so eilig von Oxford zurückberufen worden, um einer außerordentlichen
Staatsrathssitzung, oder vielmehr einer nach Whitehall berufenen
Versammlung von Notablen beizuwohnen. Außer den wirklichen Mitgliedern
des Geheimen Raths nahmen an dieser feierlichen Sitzung alle geistlichen
und weltlichen Lords Theil, welche zufällig in der Hauptstadt oder doch
in der Nähe derselben waren, außerdem die Richter, die Kronanwälte, der
Lordmayor und die Aldermen von London. Petre hatte den Wink bekommen, er
werde wohl daran thun, wenn er wegbliebe. Es würden auch in der That
wenige Peers Lust gehabt haben, neben ihm zu sitzen. In der Nähe des
obersten Sitzes war ein Staatssessel für die Königin Wittwe bereit
gestellt. Auch die Prinzessin Anna war zur Theilnahme an der Sitzung
eingeladen worden, hatte sich aber mit Unwohlsein entschuldigt.

    [Anmerkung 80: +»Vento Papista«+, sagt Adda unterm 24. Oct. (3.
    Nov.) 1688. Der Ausdruck »protestantischer Wind« scheint zuerst
    auf den Wind angewendet worden zu sein, welcher Tyrconnel eine
    Zeitlang verhinderte, seine Statthalterschaft in Irland
    anzutreten. Siehe den ersten Theil des »Lillibullero.«]

    [Anmerkung 81: Alle hierauf bezüglichen Beweise sind in Howell's
    Ausgabe der Staatsprozesse zusammengestellt.]


[_Dem Geheimen Rath werden Beweise für die legitime Geburt des Prinzen
von Wales vorgelegt._] Jakob sagte dieser zahlreichen Versammlung, daß
er es für nöthig halte, Beweise für die Geburt seines Sohnes
beizubringen. Die Einflüsterungen böser Menschen hätten die öffentliche
Meinung in einer solchen Ausdehnung vergiftet, daß Viele den Prinzen von
Wales für ein untergeschobenes Kind hielten. Die Vorsehung aber habe es
mit weiser Hand gefügt, daß kaum je ein andrer Prinz in Anwesenheit so
vieler Augenzeugen zur Welt gekommen sei. Diese Zeugen traten nun auf
und gaben ihre Aussagen ab. Nachdem sie sämmtlich zu Protokoll genommen
waren, erklärte Jakob mit großer Feierlichkeit, daß die ihm zur Last
gelegte Beschuldigung durchaus falsch sei und daß er lieber einen
tausendfachen Tod sterben als einem seiner Kinder Unrecht thun würde.

Alle Anwesenden schienen befriedigt zu sein. Die Zeugenaussagen wurden
sogleich veröffentlicht und einsichtsvolle und unparteiische Personen
erkannten die Glaubwürdigkeit derselben an.[82] Aber die Verständigen
bilden immer eine Minorität, und unparteiisch war damals kaum irgend
Jemand. Die ganze Nation war überzeugt, daß jeder aufrichtige Papist es
für seine Pflicht hielt, einen falschen Eid zu schwören, wenn er dadurch
dem Interesse seiner Kirche diente, und Leute, welche ursprünglich
Protestanten, um des Gewinnes willen aber scheinbar zum Papismus
übergetreten waren, verdienten womöglich noch weniger Glauben als
aufrichtige Papisten. Die Aussagen aller Derjenigen, welche diesen
beiden Klassen angehörten, wurden daher von vornherein als null und
nichtig betrachtet, und dadurch wurde das Gewicht des Beweises, von dem
sich Jakob viel versprochen hatte, bedeutend verringert. Was übrig blieb
wurde boshaft bekrittelt. Gegen jeden der protestantischen Zeugen,
welche etwas Wesentliches ausgesagt, hatte man etwas einzuwenden. Der
Eine war notorisch ein habgieriger Schmarotzer; der Andre hatte zwar
seinen Glauben nicht abgeschworen, war aber nahe verwandt mit einem
Apostaten. Die Leute fragten, wie sie von Anfang an gefragt hatten,
warum, wenn Alles mit rechten Dingen zugegangen sei, der König nicht
dafür gesorgt habe, daß die Geburt genügender bewiesen werden könne, da
er doch gewußt habe, daß Viele an der wirklichen Schwangerschaft der
Königin zweifelten? Lag etwa nichts Verdächtiges in der falschen
Berechnung der Zeit, sowie in der Abwesenheit der Prinzessin Anna und
des Erzbischofs von Canterbury? Warum war kein Prälat der Landeskirche
anwesend? Warum war der holländische Gesandte nicht zugezogen worden?
Warum vor Allem hatten die Hyde, diese loyalen Diener der Krone, diese
treuen Söhne der Kirche und natürlichen Wächter der Interessen ihrer
Nichten, sich nicht unter den Schwarm von Papisten mischen dürfen,
welcher in und neben dem Schlafgemache der Königin versammelt war? Warum
mit einem Worte befand sich in der langen Liste der Anwesenden nicht ein
einziger Name, der das Vertrauen und die Achtung des Publikums genoß?
Die wahre Antwort auf diese Fragen war, daß der König einen beschränkten
Verstand und einen despotischen Character besaß und daß er mit Freuden
eine Gelegenheit ergriffen hatte, um seine Geringschätzung der Meinung
seiner Unterthanen an den Tag zu legen. Der große Haufe aber, dem diese
Erklärung nicht genügte, schrieb das, was lediglich die Wirkung von
Thorheit und Verkehrtheit war, einer vorsätzlichen bösen Absicht zu. Und
diese Meinung beschränkte sich nicht allein auf den großen Haufen. Lady
Anna sprach am Morgen nach der Staatsrathssitzung bei ihrer Toilette so
höhnisch von den Zeugenaussagen, daß selbst die Kammerfrauen, welche sie
ankleideten, sich Scherze darüber erlaubten. Einige von den Lords,
welche in der Sitzung zugegen gewesen waren und befriedigt zu sein
schienen, waren in der That keineswegs überzeugt. Lloyd, Bischof von St.
Asaph, dessen Frömmigkeit und Gelehrsamkeit allgemeine Achtung gebot,
glaubte bis ans Ende seines Lebens, daß ein Betrug gespielt worden sei.

    [Anmerkung 82: Sie finden sich mit ausführlichen Erläuterungen in
    Howell's Ausgabe der Staatsprozesse.]


[_Sunderland's Ungnade._] Die vor dem Geheimen Rathe abgegebenen
Zeugenaussagen waren erst wenige Stunden in den Händen des Publikums,
als sich das Gerücht verbreitete, daß Sunderland aller seiner Stellen
entsetzt worden sei. Die Nachricht von seiner Ungnade scheint die
Kaffeehauspolitiker überrascht zu haben, kam aber Denen, welche die
Vorgänge im Palaste beobachtet hatten, nicht unerwartet. Verrath hatte
man weder durch rechtlichen noch durch greifbaren Beweis auf ihn bringen
können; Diejenigen aber, die ihn scharf im Auge hielten, hatten ihn
stark in dem Verdachte, daß er auf diesem oder jenem Wege mit den
Feinden der Regierung, bei der er eine so hohe Stellung einnahm,
Verbindungen unterhielt. Mit frecher Stirn wünschte er alles zeitliche
und ewige Verderben auf sich herab, wenn er schuldig sei. Er betheuerte,
sein einziger Fehler bestehe darin, daß er der Krone zu eifrig gedient
habe. Habe er der königlichen Sache nicht Bürgschaften gegeben? Habe er
nicht jede Brücke abgebrochen, über die er im Fall eines Unglücks seinen
Rückzug hätte bewerkstelligen können? Habe er nicht fortwährend das
Dispensationsrecht aufs äußerste vertheidigt, in der Hohen Commission
gesessen, den Verhaftsbefehl gegen die Bischöfe unterzeichnet und sei er
nicht mit eigner Lebensgefahr unter dem Gezisch und den Verwünschungen
der Tausende, welche damals Westminsterhall füllten, als Zeuge gegen sie
aufgetreten? Habe er nicht den glänzendsten Beweis von seiner Treue
gegeben, indem er seinem Glauben entsagt und öffentlich zu einer der
Nation verhaßten Kirche übergetreten sei? Was habe er von einer
Veränderung zu hoffen? Habe er nicht Alles zu fürchten? So plausible
diese Gründe waren und obgleich sie mit der schlauesten Gewandtheit
hervorgehoben wurden, sie vermochten den Eindruck, der von hundert
verschiedenen Seiten gleichzeitig aufgetauchten Einflüsterungen und
Gerüchte nicht zu verwischen. Der König wurde von Tag zu Tag kälter.
Sunderland versuchte es nun, sich an die Königin anzulehnen, erlangte
auch eine Audienz bei Ihrer Majestät und befand sich gerade in ihrem
Zimmer, als Middleton eintrat und ihm auf Befehl des Königs die Siegel
abverlangte. An diesem Abend hatte der gefallene Minister die letzte
Privatunterredung mit dem Fürsten, dem er geschmeichelt und den er
hintergangen hatte. Die Unterredung war höchst merkwürdig. Sunderland
spielte den verleumdeten Tugendhelden mit seltener Vollendung. Er sagte,
er bedaure den Verlust des Staatssekretariats und der Präsidentschaft im
Geheimen Rathe nicht, wenn ihm nur die Achtung seines Herrn und
Gebieters bliebe. »Machen Sie mich nicht zum unglücklichsten Unterthan
Ihres Reichs, Sire, indem Sie mir die Erklärung verweigern, daß Sie mich
von Illoyalität freisprechen.« Der König wußte nicht was er denken
sollte. Ein bestimmter Schuldbeweis lag nicht vor und die Energie und
der Pathos, womit Sunderland log, hätte einen schärferen Verstand als
der war, mit dem er es zu thun hatte, täuschen können. Bei der
französischen Gesandtschaft fanden seine Versicherungen noch immer
Glauben. Dort erklärte er, daß er noch einige Tage in London bleiben und
sich am Hofe zeigen werde; dann wolle er sich auf seinen Landsitz in
Althorpe zurückziehen und seinen zerrütteten Finanzen durch Sparsamkeit
wieder aufzuhelfen suchen. Sollte eine Revolution ausbrechen, so müsse
er nach Frankreich flüchten; seine schlecht vergoltene Loyalität lasse
ihm keine andre Zufluchtsstätte übrig.[83]

Die Sunderland abgenommenen Staatssiegel wurden Preston übergeben.
Dieselbe Nummer der Gazette, welche diesen Ministerwechsel ankündigte,
enthielt auch die officielle Nachricht von dem Unfalle, der die
holländische Flotte betroffen.[84] Dieser Unfall war zwar ernster Art,
aber doch bei weitem nicht so schlimm, als der König und seine wenigen
durch ihre Wünsche irregeleiteten Anhänger zu glauben geneigt waren.

    [Anmerkung 83: Barillon, 8.(18.), 15.(25.), 18.(28.) Oct., 25.
    Oct. (4. Nov.), 27. Oct. (6. Nov.), 29. Oct. (8. Nov.) 1688; Adda,
    26. Oct. (5. Nov.).]

    [Anmerkung 84: +London Gazette, Oct. 29. 1688+.]


[_Wilhelm nimmt Abschied von den holländischen Generalstaaten._] Am 16.
October nach englischer Zeitrechnung wurde eine feierliche Sitzung der
Staaten von Holland gehalten. Der Prinz erschien, um von ihnen Abschied
zu nehmen. Er dankte ihnen für die freundliche Fürsorge, mit der sie
über ihn gewacht, als er eine verlassene Waise gewesen, für das
Vertrauen, das sie ihm während seiner Verwaltung geschenkt und für den
Beistand, den sie ihm in dieser wichtigen Krisis gewährt hätten. Er bat
sie überzeugt zu sein, daß er das Wohl seines Vaterlandes stets im Auge
gehabt und es zu fördern gesucht habe. Er verlasse sie jetzt vielleicht
auf immer. Wenn er im Kampfe für den reformirten Glauben und für die
Unabhängigkeit Europa's fallen sollte, so empfehle er sein geliebtes
Weib ihrer Fürsorge. Der Großpensionair antwortete mit gebrochener
Stimme und kein Mitglied des ernsten Senates konnte sich der Thränen
enthalten. Aber Wilhelm's eiserner Stoicismus verleugnete sich nie; er
stand ruhig und ernst unter seinen weinenden Freunden, als ob er sie nur
zu einem kurzen Ausfluge nach seinen Jagdgründen bei Loo hätte verlassen
wollen.[85]

Die Deputirten der vornehmsten Städte begleiteten ihn bis zu seiner
Yacht. Selbst die Vertreter von Amsterdam, das so lange der Hauptsitz
der Opposition gegen seine Verwaltung gewesen war, schlossen sich dieser
Höflichkeitsbezeigung an. In allen Kirchen des Haags wurden an diesem
Tage öffentliche Gebete für ihn gehalten.

    [Anmerkung 85: Protokolle der Staaten von Holland und
    Westfriesland; +Burnet, I. 782+.]


[_Er schifft sich ein und segelt ab._] Am Abend kam er in Helvoetsluys
an und begab sich an Bord einer Fregatte, die »Brill« genannt.
Unmittelbar darauf wurde seine Flagge aufgehißt. Sie zeigte das Wappen
des Hauses Nassau, verbunden mit dem englischen. Die in drei Fuß hohen
Buchstaben eingestickte Devise war glücklich gewählt. Das Haus Oranien
führte seit langer Zeit die elliptische Devise: »Ich werde
aufrechterhalten« (+Je maintiendrai+); der fehlende Nachsatz wurde jetzt
durch die Worte ergänzt: »Die Freiheiten Englands und die
protestantische Religion.«


[_Er wird durch einen Sturm zurückgeworfen._] Der Prinz befand sich kaum
einige Stunden an Bord, so wurde der Wind günstig. Am neunzehnten stach
die Flotte in See und legte vor einer steifen Brise ungefähr den halben
Weg zwischen den Küsten Hollands und Englands zurück. Plötzlich aber
sprang der Wind um, blies stark aus Westen und schwoll zu einem heftigen
Sturme an. Die zerstreuten Schiffe erreichten mit genauer Noth die
holländische Küste wieder. Die »Brill« langte am einundzwanzigsten vor
Helvoetsluys an. Die Schiffsgenossen des Prinzen hatten mit Bewunderung
bemerkt, daß weder Gefahr noch Mißgeschick nur einen Augenblick seine
ernste Ruhe gestört hatten. Obgleich er seekrank war, weigerte er sich
doch ans Land zu gehen, denn er sah ein, daß sein Bleiben an Bord Europa
am deutlichsten zeigen werde, daß der ihn betroffene Unfall die
Ausführung seines Vorhabens nur um kurze Zeit verzögern könne. In
einigen Tagen war die Flotte wieder beisammen. Ein einziges Schiff war
gescheitert, aber nicht ein Soldat oder Matrose wurde vermißt. Nur
einige Pferde waren umgekommen, aber diesen Verlust ersetzte der Prinz
auf der Stelle wieder und noch ehe die London Gazette die Nachricht von
seinem Unfalle verbreitet hatte, war er schon wieder segelfertig.[86]

    [Anmerkung 86: +London Gazette, Oct. 29. 1688+; +Burnet, I. 782+;
    Bentinck an seine Gattin, 21.(31.) Oct., 22. Oct.(1. Nov.), 24.
    Oct. (3. Nov.), 27. Oct. (6. Nov.) 1688.]


[_Seine Erklärung kommt in England an._] Seine Erklärung gelangte nur
einige Stunden vor seiner Ankunft nach England. Am 1. November begannen
die londoner Politiker heimlich davon zu flüstern, sie ging von Hand zu
Hand und wurde in die Briefkästen des Postamts geworfen. Einer der
Agenten wurde verhaftet und die Packete, die er zu besorgen hatte, nach
Whitehall gebracht. Der König las die Proklamation und sie machte einen
erschütternden Eindruck auf ihn. Sein erster Gedanke war, das Papier vor
jedem menschlichen Blicke zu verbergen. Er ließ daher sämmtliche ihm
überbrachte Exemplare bis auf eines verbrennen, und dieses eine wagte er
kaum aus den Händen zu geben.[87]

    [Anmerkung 87: Citters, 2.(12.) Nov. 1688; Adda, 2.(12.) Nov.]


[_Jakob befragt die Lords._] Der Paragraph des Manifestes, der ihn am
meisten beunruhigte, war der, in welchem gesagt war, daß einige von den
geistlichen und weltlichen Peers den Prinzen von Oranien zu einem
Einfall in England aufgefordert hätten. Halifax, Clarendon und
Nottingham, welche gerade in London waren, wurden sogleich in den Palast
beschieden und über diesen Punkt befragt. Halifax weigerte sich anfangs,
eine Antwort zu geben, obgleich er sich seiner Unschuld bewußt war.
»Eure Majestät fragt mich, ob ich einen Hochverrath begangen habe,«
sagte er. »Wenn ich eines solchen verdächtig bin, so lassen Sie mich vor
den Gerichtshof meiner Peers stellen. Kann Eure Majestät der Antwort
eines Angeklagten, dessen Leben auf dem Spiele steht, Glauben schenken?
Selbst wenn ich Seine Hoheit ersucht hätte herüberzukommen, würde ich
mich ohne Bedenken für nichtschuldig erklären.« Der König erwiederte
ihm, daß er ihn durchaus nicht als einen Angeklagten betrachte, sondern
ihn nur gefragt habe, wie ein Gentleman einen Andren, der verleumdet
worden sei, frage, ob die Verleumdung irgend eine Begründung habe. »In
diesem Falle,« sagte Halifax, »nehme ich als Gentleman, der mit einem
Gentleman spricht, keinen Anstand, bei meiner Ehre, die mir eben so
heilig ist als ein Eid, zu versichern, daß ich den Prinzen von Oranien
nicht veranlaßt habe herüberzukommen.«[88] Clarendon und Nottingham
sagten das Nämliche. Noch mehr wünschte der König, die Gesinnung der
Prälaten zu ergründen. Wenn diese ihm feindlich gesinnt waren, dann war
sein Thron wirklich in Gefahr. Aber das konnte nicht sein. Daß ein
Bischof der anglikanischen Kirche sich gegen seinen Souverain empören
sollte, war etwas Unerhörtes. Compton wurde ins königliche Kabinet
gerufen und gefragt, ob der Prinz den geringsten Grund zu seiner
Behauptung habe. Der Bischof war in Verlegenheit, denn er gehörte zu den
Sieben, welche die Einladung unterzeichnet hatten, und sein nicht sehr
weites Gewissen wollte ihm wahrscheinlich nicht gestatten, eine positive
Unwahrheit zu sagen. »Sire,« antwortete er, »ich bin fest überzeugt, daß
es unter meinen Amtsbrüdern keinen giebt, der in dieser Angelegenheit
nicht eben so schuldlos wäre, als ich selbst.« Die Zweideutigkeit war
gut ersonnen; ob aber der Unterschied zwischen der Sünde einer solchen
Zweideutigkeit und der Sünde einer Lüge irgend eines Aufwandes von
Erfindungsgeist werth war, mag vielleicht bezweifelt werden. Der König
war zufriedengestellt. »Ich spreche Sie Alle vollkommen frei,« sagte er;
»aber ich halte es für nöthig, daß Sie öffentlich die ehrenrührige
Beschuldigung zurückweisen, die Ihnen in der Erklärung des Prinzen zur
Last gelegt wird.« Der Bischof bat natürlich darum, das Papier lesen zu
dürfen, dem er widersprechen sollte; der König aber wollte ihn keinen
Blick darauf werfen lassen.

Am folgenden Tage erschien eine Proklamation, in der einem Jeden, der es
wagen sollte, Wilhelm's Manifest zu verbreiten, oder es auch nur zu
lesen, die härtesten Strafen angedroht wurden.[89] Der Primas und die
wenigen in London anwesenden geistlichen Peers waren vor den König
beschieden worden. Preston war, mit der Erklärung des Prinzen in der
Hand, bei der Audienz zugegen. »Mylords,« sagte der König, »hören Sie
folgende Stelle. Dieselbe geht Sie an.« Preston las nun den Paragraph
vor, in welchem die geistlichen Peers erwähnt waren. »Ich glaube kein
Wort von dem Allen,« fuhr der König fort; »ich bin von Ihrer Unschuld
überzeugt; aber ich halte es für nöthig Ihnen mitzutheilen, wessen Sie
beschuldigt sind.«

Der Primas erklärte dem Könige mit vielen Versicherungen der
Ehrerbietung, daß Seine Majestät ihm nur Gerechtigkeit widerfahren
lasse. »Ich bin als treuer Unterthan Eurer Majestät geboren,« sagte er,
»und ich habe meine Unterthanentreue zu wiederholten Malen eidlich
bekräftigt. Ich kann nur einen König auf einmal haben. Ich habe den
Prinzen nicht eingeladen herüberzukommen, und ich glaube nicht, daß ein
einziger von meinen Amtsbrüdern es gethan hat.« -- »Ich weiß gewiß, daß
ich es nicht gethan habe,« sagte Crewe von Durham. »Ich auch,« setzte
Cartwright von Chester hinzu. Crewe und Cartwright konnte man wohl
glauben, denn sie hatten Beide in der Hohen Commission gesessen. Als
Compton an die Reihe kam, umging er die Frage mit einer Gewandtheit, um
die ihn ein Jesuit hätte beneiden können. »Ich gab schon gestern Eurer
Majestät meine Antwort.«

Jakob wiederholte ihnen immer und immer wieder, daß er sie alle
vollkommen freispreche. Trotzdem dürfte es aber doch für ihn nützlich
und zu ihrer Ehrenrettung nöthig sein, daß sie sich öffentlich
rechtfertigten. Er verlangte daher von ihnen die schriftliche Erklärung,
daß sie den Plan des Prinzen verabscheuten. Sie schwiegen, ihr
Stillschweigen wurde als Zustimmung betrachtet und sie durften sich
entfernen.[90]

    [Anmerkung 88: Ronquillo, 12.(22.) Nov. 1688. +»Estas
    respuestas,«+ sagt Ronquillo, +»son ciertas, aunque mas las
    encubrian en la corte.«+]

    [Anmerkung 89: +London Gazette, Nov. 5. 1688.+ Die Proklamation
    ist vom 2. Nov. datirt.]

    [Anmerkung 90: +Tanner MSS.+]


[_Wilhelm geht zum zweiten Male unter Segel._] Unterdessen schwamm
Wilhelm's Flotte auf der Nordsee. Am Abend des Donnerstag, den 2.
November, ging er wieder unter Segel. Der Wind blies frisch aus Osten.
Zwölf Stunden lang steuerte die Flotte in nordwestlicher Richtung. Die
von dem englischen Admiral auf Recognoscirung ausgesandten leichten
Fahrzeuge brachten Nachrichten, welche die vorherrschende Ansicht, daß
der Feind in Yorkshire zu landen versuchen werde, bestätigten. Plötzlich
aber machte die ganze Flotte auf ein vom Schiffe des Prinzen gegebenes
Signal eine Wendung und steuerte nach dem britischen Kanal. Der nämliche
Wind, der die Reise der Angreifer begünstigte, verhinderte Dartmouth,
aus der Themse auszulaufen. Seine Schiffe mußten Raaen und Stengen
einziehen, und zwei von seinen Fregatten, welche die hohe See gewonnen
hatten, wurden von dem heftigen Sturme arg zugerichtet und in den Fluß
zurückgetrieben.

Inzwischen segelte die holländische Flotte rasch vor dem Winde und
erreichte die Meerenge am Samstag den 3. November ungefähr um zehn Uhr
Morgens. Wilhelm selbst fuhr mit der »Brill« voraus, und mehr als
sechshundert Fahrzeuge folgten ihm mit vollen Segeln. Die
Transportschiffe befanden sich in der Mitte, und die Kriegsschiffe, über
fünfzig an Zahl, bildeten den ä

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