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Geschwister Tanner

by Robert Walser · German · Gutenberg #36172 · 565,036 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Geschwister Tanner
    
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Title: Geschwister Tanner

Author: Robert Walser


        
Release date: May 21, 2011 [eBook #36172]

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/36172

Credits: Produced by Jana Srna and the Online Distributed
        Proofreading Team at http://www.pgdp.net


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHWISTER TANNER ***




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  Geschwister Tanner

  Roman
  von
  Robert Walser

  Zweite Auflage

  Verlag von Bruno Cassirer
  Berlin




Erstes Kapitel.


Eines Morgens trat ein junger, knabenhafter Mann bei einem Buchhändler
ein und bat, daß man ihn dem Prinzipal vorstellen möge. Man tat, was er
wünschte. Der Buchhändler, ein alter Mann von sehr ehrwürdigem Aussehen,
sah den etwas schüchtern vor ihm Stehenden scharf an und forderte ihn
auf, zu sprechen. »Ich will Buchhändler werden,« sagte der jugendliche
Anfänger, »ich habe Sehnsucht darnach und ich weiß nicht, was mich davon
abhalten könnte, mein Vorhaben ins Werk zu setzen. Unter dem Buchhandel
stellte ich mir von jeher etwas Entzückendes vor und ich verstehe nicht,
warum ich immer noch außerhalb dieses Lieblichen und Schönen schmachten
muß. Sehen Sie, mein Herr, ich komme mir, so wie ich jetzt vor Ihnen
dastehe, außerordentlich dazu geeignet vor, Bücher aus Ihrem Laden zu
verkaufen, so viele, als Sie nur wünschen können zu verkaufen. Ich bin
der geborene Verkäufer: galant, hurtig, höflich, schnell,
kurzangebunden, raschentschlossen, rechnerisch, aufmerksam, ehrlich und
doch nicht so dumm ehrlich, wie ich vielleicht aussehe. Ich kann Preise
herabsetzen, wenn ich einen armen Teufel von Studenten vor mir habe, und
kann Preise hochschrauben, um den reichen Leuten ein Wohlgefallen zu
erweisen, von denen ich annehmen muß, daß sie manches Mal nicht wissen,
was sie mit dem Geld anfangen sollen. Ich glaube, so jung ich noch bin,
einige Menschenkenntnis zu besitzen, außerdem liebe ich die Menschen, so
verschiedenartig sie auch sein mögen; ich werde also meine Kenntnis der
Menschen nie in den Dienst der Übervorteilung stellen, aber auch
ebensowenig daran denken, durch allzu übertriebene Rücksichtnahme auf
gewisse arme Teufel Ihr wertes Geschäft zu schädigen. Mit einem Wort:
meine Liebe zu den Menschen wird angenehm balancieren auf der Wage des
Verkaufens mit der Geschäftsvernunft, die ebenso gewichtig ist und mir
ebenso notwendig erscheint für das Leben wie eine Seele voll Liebe: Ich
werde schönes Maß halten, dessen seien Sie zum voraus versichert.« --
Der Buchhändler sah den jungen Mann aufmerksam und verwundert an. Er
schien im Zweifel darüber zu sein, ob sein _Vis-à-vis_, das so hübsch
sprach, einen guten Eindruck auf ihn mache, oder nicht. Er wußte es
nicht genau zu beurteilen, es verwirrte ihn einigermaßen und aus dieser
Befangenheit heraus frug er sanft: »Kann ich mich denn, mein junger
Mann, geeigneten Ortes über Sie erkundigen?« Der Angeredete erwiderte:
»Geeigneten Ortes? Ich weiß nicht, was Sie einen geeigneten Ort nennen!
Mir würde es passend erscheinen, wenn Sie sich gar nicht erkundigen
wollten. Bei wem sollte das sein, und was für einen Zweck könnte das
haben? Man würde Ihnen allerlei über mich hersagen, aber genügte denn
das auch, Sie meinetwegen zu beruhigen? Was wüßten Sie von mir, wenn man
Ihnen zum Beispiel auch sagte, ich sei aus einer sehr guten Familie
entsprossen, mein Vater sei ein achtbarer Mann, meine Brüder tüchtige,
hoffnungsvolle Menschen und ich selber sei ganz brauchbar, ein bißchen
flatterhaft, aber zu Hoffnungen nicht unberechtigt, ein bißchen dürfe
man mir schon vertrauen, und so weiter? Sie wüßten doch nichts von mir
und hätten absolut nicht die kleinste Ursache, mich nun mit mehr Ruhe in
Ihr Geschäft als Verkäufer anzunehmen. Nein, Herr, Erkundigungen taugen
in der Regel keinen Pfifferling, ich rate Ihnen, wenn ich mir Ihnen, dem
alten Herrn gegenüber einen Ratschlag herausnehmen darf, entschieden
davon ab, weil ich weiß, daß, wenn ich geeignet und beschaffen wäre, Sie
zu hintergehen und die Hoffnungen, die Sie, gestützt auf Informationen,
auf mich setzen, zu täuschen, ich dies in um so größerem Maße täte, je
besser besagte Erkundigungen lauten würden, die dann nur gelogen hätten,
weil sie Gutes von mir sagten. Nein, verehrter Herr, wenn Sie gedenken,
mich zu verwenden, so bitte ich Sie, etwas mehr Mut zu bezeigen als die
meisten andern Prinzipale, mit denen ich zu tun hatte, und mich einfach
auf den Eindruck hin anzustellen, den ich Ihnen hier mache. Außerdem
würden einzuziehende Erkundigungen über mich nur schlecht lauten, um
offen die Wahrheit zu sagen.«

»So? Warum denn? --«

»Ich bin noch überall, wo ich gewesen bin,« fuhr der junge Mensch fort,
»bald weitergegangen, weil es mir nicht behagt hat, meine jungen Kräfte
versauern zu lassen in der Enge und Dumpfheit von Schreibstuben, wenn es
auch, nach aller Leute Meinung, die vornehmsten Schreibstuben waren, zum
Beispiel gerade Bankanstalten. Gejagt hat man mich bis jetzt noch
nirgends, ich bin immer aus freier Lust am Austreten ausgetreten, aus
Stellungen und Ämtern heraus, die zwar Karriere und weiß der Teufel was
versprachen, die mich aber getötet hätten, wenn ich darin verblieben
wäre. Man hat, wo ich auch immer gewesen bin, regelmäßig meinen Austritt
bedauert und mein Tun beklagt, mir eine schlimme Zukunft versprochen,
aber doch den Anstand besessen, mir Glück auf meine fernere Laufbahn zu
wünschen. Bei Ihnen (und des jungen Mannes Stimme wurde auf einmal
treuherzig), Herr Buchhändler, werde ich es sicherlich jahrelang
aushalten können. Jedenfalls spricht vieles dafür, Sie zu veranlassen,
einmal einen Versuch mit mir zu machen.« Der Buchhändler sagte: »Ihre
Offenherzigkeit gefällt mir, ich will Sie probeweise acht Tage in meinem
Geschäft arbeiten lassen. Taugen Sie, und machen Sie dann Miene, weiter
bei mir zu bleiben, so wollen wir weiter miteinander reden.« Mit diesen
Worten, die zugleich des jungen Stellesuchers vorläufige Entlassung
bedeuteten, klingelte der alte Herr an der elektrischen Leitung, worauf,
wie von einem Strom herbeigeweht, ein kleiner, ältlicher, bebrillter
Mann erschien.

»Geben Sie diesem jungen Herrn eine Beschäftigung!«

Die Brille nickte. Damit war nun Simon Buchhandlungsgehilfe geworden.
Simon, ja so hieß er nämlich. --

                   *       *       *       *       *

Um diese Zeit herum machte sich einer der Brüder Simons, der in einer
Residenzstadt wohnhafte und dort namhaft bekannte Doktor Klaus, Sorgen
wegen seines jungen Bruders Betragen. Es war dies ein guter, stiller,
pflichttreuer Mensch, der gar zu gern gesehen hätte, wenn seine Brüder
so wie er, der Älteste, im Leben einen festen, achtunggebietenden Boden
unter die Füße bekommen hätten. Dies war aber so sehr nicht der Fall,
wenigstens bis jetzt, ja so sehr war das Gegenteil der Fall, daß Doktor
Klaus anfing, in seinem Herzen sich Selbstvorwürfe zu machen. Er sagte
sich zum Beispiel: »ich hätte derjenige sein sollen, der schon längst
allen Grund hätte haben müssen, diese Brüder auf die rechte Bahn zu
leiten. Ich habe es bis jetzt versäumt. Wie konnte ich nur diese Pflicht
versäumen und so weiter.« Doktor Klaus kannte tausende von kleinen und
großen Pflichten, und es mochte bisweilen den Anschein tragen, als sehne
er sich nach noch mehr Pflichten. Er war einer von den Menschen, die
sich, aus Pflichterfüllungsbedürfnis, in ein ganzes, beinahe
zusammenstürzendes Gebäude von lauter sauren Pflichten stürzen, aus
Angst, es möchte vorkommen, daß ihnen eine geheime, wenig bemerkbare
Pflicht davonliefe. Sie schaffen sich viele unruhige Stunden wegen
solcher unerfüllten Pflichten, denken nicht daran, daß eine Pflicht
immer eine neue auf den Übernehmer der ersten ladet und glauben, schon
etwas wie eine Pflicht erfüllt zu haben, wenn sie sich wegen deren
dunklen Vorhandenseins ängstigen und beunruhigt fühlen. Sie mengen sich
leicht in Vieles, was sie, wenn sie weniger sorgenvoll darüber
nachdächten, in Gottes Welt gar nichts angeht, und wollen auch gern
andere so sorgenbelastet sehen. Sie pflegen mit Neid auf Unbefangene und
Pflichtenfreie zu blicken und sie dann leichtfertige Menschenbrüder zu
schelten, weil sie so schön, mit so leicht erhobenem Kopf, durch das
Leben ziehen. Doktor Klaus zwang sich des öftern zu einer gewissen
kleinen, bescheidenen Sorglosigkeit, aber immer wieder kehrte er zu den
grauen, trüben Pflichten zurück, in deren Bann er wie in einem dunklen
Gefängnis schmachtete. Er hatte vielleicht einmal die Lust zum
Abbrechen, damals als er noch jung war, aber ihm fehlte die Kraft,
etwas, das wie eine mahnende Pflicht aussah, unerledigt hinter sich zu
lassen und darüber mit einem Lächeln der Wegwerfung hinwegzuschreiten.
Wegwerfung? O, er warf nie etwas weg! Es hätte ihn, so deuchte ihn, wenn
er es einmal versuchen wollte, von unten bis oben zerschnitten; er würde
immer des Weggeworfenen mit Schmerz gedacht haben. Er warf nie etwas weg
und er verlor sein junges Leben damit, zurechtzulegen und zu
untersuchen, was nie der Untersuchung, Prüfung, Liebe und Beachtung wert
war. So war er denn älter geworden, und weil er denn doch durchaus nicht
etwa ein empfindungs- und phantasieloser Mensch war, machte er sich oft
schwere Vorwürfe darüber, daß er die Pflicht versäumte, selbst ein
bißchen glücklich zu sein. Das war nun wieder ein neues
Pflichtversäumnis und bewies nur auf das Allertreffendste, daß es eben
Pflichtmenschen nie gelingt, alle ihre Pflichten zu erfüllen, ja, daß es
solchen am leichtesten vorkommen kann, über ihre Hauptpflichten
hinwegzusehen, um erst später, wenn es vielleicht schon zu spät geworden
ist, ihrer wieder zu gedenken. Doktor Klaus war mehr als einmal traurig
über sich, wenn er des lieblichen Glücks gedachte, das ihm entschwunden
war, des Glücks, sich mit einem jungen, lieben Mädchen verbunden zu
sehen, das natürlich ein Mädchen aus tadelloser Familie hätte sein
müssen. Um diese Zeit herum, als er mit Wehmut seiner selber gedachte,
schrieb er an seinen Bruder Simon, den er aufrichtig lieb hatte und
dessen Betragen in der Welt ihn beunruhigte, einen Brief, der ungefähr
folgendermaßen lautete:

Lieber Bruder. Du scheinst gar nichts über Dich schreiben zu wollen.
Vielleicht geht es Dir nicht gut und schreibst deshalb nicht. Du bist
wieder, wie nun schon so oftmals, ohne eine feste, fixierte Tätigkeit,
ich habe es zu meinem Leidwesen erfahren müssen, und zwar von fremden
Menschen. Von Dir darf ich, wie es scheint, keine aufrichtigen Berichte
mehr erwarten. Glaube nur, dies schmerzt mich. Es sind jetzt so viele
Dinge, die mich nur unangenehm berühren, mußt auch Du, von dem ich mir
immer vieles versprach, dazu beitragen, meine Stimmung, die aus vielen
Ursachen keine rosige ist, zu verdunkeln? Ich hoffe noch, aber laß mich,
wenn Du Deinen Bruder noch ein bißchen lieb hast, nicht allzulang
vergeblich auf Dich hoffen. Mache doch einmal etwas, das einen
berechtigen könnte, an Dich, sei es in dieser oder jener Hinsicht, noch
zu glauben. Du hast Talent und besitzest, wie ich mir gerne einbilde,
einen hellen Kopf, bist auch sonst klug, und in allen Deinen Äußerungen
spiegelte sich immer der gute Kern wieder, den ich in Deiner Seele von
jeher wußte. Warum nun aber, da Du doch die Einrichtungen dieser Welt
einmal kennst, immer wieder so wenig Ausdauer, so rasch wieder der
Sprung in etwas anderes? Ängstigt Dich Dein eigenes Betragen gar nicht?
Ich muß Kraft in Dir vermuten, daß Du diesen immerwährenden
Berufswechsel, der zu nichts in der Welt taugt, ertragen kannst. Ich an
Deiner Stelle würde längst an mir verzweifelt haben. Ich verstehe Dich
wirklich nicht in diesem Punkt, aber ich gebe gerade aus diesem Grunde
keineswegs die Hoffnung auf, Dich nun einmal energisch eine Laufbahn
ergreifen zu sehen, nachdem Du sattsam genug mußtest die Erfahrung
gemacht haben, daß ohne Geduld und guten Willen auf der Welt nichts zu
erreichen ist. Und Du willst doch sicher etwas erreichen. So ganz
unehrgeizig kenne ich Dich wenigstens nicht. Mein Rat ist nun der: Harre
aus, füge Dich drei oder vier kurze Jahre unter eine strenge Arbeit,
folge Deinen Vorgesetzten, zeige, daß Du etwas leisten kannst, aber
auch, daß Du Charakter besitzest, dann wird sich Dir eine Bahn eröffnen,
die Dich durch die ganze bekannte Welt führt, wenn Du Lust zum Reisen
hast. Welt und Menschen werden sich Dir in ganz anderer Weise zu
erkennen geben, wenn Du wirklich etwas bist, wenn Du der Welt etwas
bedeuten kannst. So, scheint es mir, wirst Du vielleicht weit mehr
Genugtuung am Leben finden, als selbst der Gelehrte, der, obschon er die
Fäden, an denen alles Leben und Wirken hängt, genau erkennt, doch an die
enge Welt seines Studierzimmers gefesselt bleibt, wo ihm, wie ich aus
eigener Erfahrung sagen darf, oft nicht behaglich zumute ist. Noch ist
es Zeit, daß Du ein ganz hervorragend tüchtiger Kaufmann werden kannst,
und Du weißt gar nicht, in welchem Maße gerade der Kaufmann Gelegenheit
hat, sein Leben zu einem von Grund aus lebensvollen Leben zu gestalten.
Wie Du jetzt bist, schleichst Du nur so um die Ecken und durch die
Spalten des Lebens: das soll aufhören. Vielleicht hätte ich da früher,
viel früher eingreifen, hätte Dir mehr mit Taten als mit bloßen,
ermahnenden Worten emporhelfen sollen, aber ich weiß nicht bei Deinem
stolzen Sinn, der darauf gerichtet ist, Dir immer und überall selber zu
helfen, hätte ich Dich vielleicht eher kränken als Dich wirklich
überzeugen können. Was tust Du jetzt mit Deinen Tagen? Erzähle mir doch
davon. Ich verdiene es vielleicht, um der Sorge willen, die ich mir
Deinetwegen mache, daß Du etwas gesprächiger und mitteilsamer mir
gegenüber wirst. Ich selber, was bin ich denn für einer, daß man sich
hüten sollte, mir unbefangen und vertraulich in die Nähe zu treten? Bin
ich Dir ein Gefürchteter? Was gibt es an mir zu meiden? Etwa den
Umstand, daß ich der »Ältere« bin und vielleicht etwas mehr weiß, als
Du? Nun denn, so wisse, daß ich froh wäre, noch einmal jung zu werden,
und unvernünftig und unwissend. Ich bin nicht ganz so froh, lieber
Bruder, wie es der Mensch sein sollte. Ich bin nicht glücklich.
Vielleicht ist es zu spät für mich, noch glücklich zu werden. Ich bin
jetzt in einem Alter, wo der Mann, der noch kein eigenes Heim hat, nicht
ohne die schmerzlichste Sehnsucht der Glücklichen gedenkt, die die Wonne
genießen, über der Leitung ihres Haushaltes eine junge Frau besorgt zu
sehen. Ein Mädchen zu lieben, das ist schön, Bruder. Und es ist mir
versagt. -- Nein, Du brauchst mich gar nicht zu fürchten, ich bin es,
der Dich wieder aufsucht, der Dir schreibt, der hofft, es werde ihm
freundlich und zutraulich geantwortet. Du stehst vielleicht reicher da,
als ich, hast mehr Hoffnungen und viel mehr Recht, solche zu hegen, hast
Pläne und Aussichten, von denen ich mir nicht einmal etwas träume, ich
kenne Dich eben nicht mehr ganz, und wie wäre das auch möglich nach
Jahren der Trennung. Laß mich Dich wieder kennen lernen und zwinge Dich,
mir zu schreiben. Vielleicht erlebe ich es noch, meine Brüder alle
glücklich zu sehen; Dich möchte ich jedenfalls froh wissen. Was macht
Kaspar? Schreibt Ihr Euch? Was macht seine Kunst? Ich möchte gerne auch
von ihm etwas erfahren. Lebe wohl, Bruder. Vielleicht sprechen wir bald
einmal miteinander. Dein Klaus.

Nach Ablauf von acht Tagen trat Simon, als es Abend wurde, zu seinem
Prinzipal ins Kabinett und hielt diesem folgende Ansprache: »Sie haben
mich enttäuscht, machen Sie nur nicht solch ein verwundertes Gesicht, es
läßt sich nicht ändern, ich trete heute aus Ihrem Geschäft wieder aus
und bitte Sie, mir meinen Lohn auszubezahlen. Bitte, lassen Sie mich
ausreden. Ich weiß nur zu genau, was ich will. In den acht Tagen ist mir
der ganze Buchhandel zum Greuel geworden, wenn er darin bestehen soll,
vom frühen Morgen bis am späten Abend, während draußen die sanfteste
Wintersonne scheint, an einem Pult zu stehen, den Buckel zu krümmen,
weil das Pult viel zu klein für meine Figur ist, zu schreiben wie der
verflucht-erst-beste Schreiber und eine Beschäftigung zu erfüllen, die
sich für meinen Geist nicht ziemt. Ich kann ganz anderes leisten, mein
Herr Buchhändler, als was man hier glaubt, für mich erübrigen zu können.
Ich glaubte, ich könne bei Ihnen Bücher verkaufen, elegante Menschen
bedienen, einen Bückling machen und adieu sagen zu Käufern, wenn sie im
Begriffe sind, den Laden zu verlassen. Auch dachte ich, ich bekäme
Gelegenheit, einen Blick in das geheimnisvolle Wesen des Buchhandels zu
werfen und die Züge der Welt im Gesichte und Gang des Geschäftes zu
erhaschen. Aber nichts von alledem. Glauben Sie, es stände so schlimm
mit meiner Jugend, daß ich nötig hätte, sie in einem nichtsnutzigen
Bücherladen zu verkrümmen und zu ersticken? Sie irren sich zum Beispiel
auch, wenn Sie der Meinung sind, der Buckel eines jungen Menschen sei
dazu da, um krumm zu werden. Warum haben Sie mir nicht ein gutes,
anständiges, mir angemessenes Sitz- oder Stehpult angewiesen? Gibt es
nicht prachtvolle Schreibpulte nach amerikanischem Schnitt? Wenn man
schon einen Angestellten will, so meine ich, muß man ihn auch
unterzubringen wissen. Das wußten Sie, wie es scheint, nicht. Weiß Gott,
es wird alles mögliche von einem jungen Anfänger verlangt: Fleiß, Treue,
Pünktlichkeit, Takt, Nüchternheit, Bescheidenheit, Maß und
Zielbewußtheit und wer weiß was noch alles. Wem aber fiele es je ein,
irgend welche Tugenden von einem Herrn Prinzipal zu verlangen. Soll ich
meine Kräfte, meine Lust, tätig zu sein, meine Freude an mir selber, und
das Talent, daß ich das so glänzend imstande bin, an ein altes, mageres,
enges Buchladenpult wegwerfen? Nein, ehe ich das täte, könnte es mir
vorher einfallen, unter die Soldaten zu gehen und meine Freiheit
vollends zu verkaufen, nur um sie überhaupt nicht mehr zu besitzen. Ich
bin nicht gern, gnädiger Herr, der Besitzer von etwas Halbem, lieber
will ich zu den ganz Besitzlosen gehören, dann gehört mir meine Seele
wenigstens noch an. Sie werden denken, es zieme sich wenig, so heftig zu
reden, und dies sei auch nicht der schickliche Ort zu einer Rede:
Wohlan, ich schweige, bezahlen Sie mich, wie es mir zukommt, und Sie
werden mich nie wieder zu Gesicht bekommen.«

Der alte Buchhändler war ganz erstaunt, den jungen, stillen,
schüchternen Menschen, der während der acht Tage so zuverlässig
gearbeitet hatte, nun in solcher Weise sprechen zu hören. Aus dem
anstoßenden Arbeitsraume sahen und horchten einige fünf
zusammengedrängte Köpfe von Beamten und Handlungsdienern der Szene zu.
Der alte Herr sprach: »Wenn ich das von Ihnen vermutet hätte, Herr
Simon, würde ich mich besonnen haben, Ihnen in meinem Geschäfte Arbeit
zu geben. Sie scheinen ja ganz merkwürdig wankelmütig zu sein. Weil
Ihnen ein Schreibpult nicht paßt, will Ihnen gleich das Ganze nicht
passen. Aus welcher Gegend der Welt kommen Sie denn her und gibt es dort
lauter junge Leute von Ihrem Schlag? Sehen Sie, wie Sie nun vor mir
altem Manne dastehen. Sie wissen wohl selbst nicht, was Sie in Ihrem
unreifen Kopf eigentlich wollen. Nun, ich halte Sie nicht davon ab, von
mir wegzugehen, hier ist Ihr Geld, aber offen gestanden, es hat mir
nicht Freude gemacht.« Der Buchhändler zahlte ihm sein Geld aus, Simon
strich es ein.

Als er nach Hause kam, sah er den Brief seines Bruders auf dem Tisch
liegen, er las ihn und dachte dann bei sich: »Er ist ein guter Mensch,
aber ich werde ihm nicht schreiben. Ich verstehe es nicht, meine Lage zu
schildern, sie ist auch gar nicht des Beschreibens wert. Zu Klagen habe
ich keinen Anlaß, zu Freudesprüngen ebensowenig, zu schweigen allen
Grund. Es ist wahr, was er schreibt, aber eben deshalb will ich es bei
der Wahrheit bewenden lassen. Daß er unglücklich ist, hat er mit sich
selbst abzumachen, aber ich glaube gar nicht, daß er so sehr unglücklich
ist. Das klingt in Briefen so. Man wird während des Schreibens einfach
fortgerissen zu unvorsichtigen Äußerungen. In den Briefen will die Seele
immer zu Wort kommen und sie blamiert sich in der Regel. Ich schreibe
also lieber nicht.« -- Damit war die Sache abgetan. Simon war voller
Gedanken, schöner Gedanken. Wenn er dachte, kam er ganz unwillkürlich
auf schöne Gedanken. Am nächsten Morgen, die Sonne blendete hell,
meldete er sich beim Stellenvermittlungsbureau. Der Mann, der dort saß
und schrieb, stand auf. Der Mann kannte Simon sehr gut und pflegte mit
ihm mit einer Art spöttischer, hübscher Vertrautheit zu verkehren. »Ah,
Herr Simon! Sind Sie wieder da! In welcher Angelegenheit kommen Sie
denn?«

»Ich suche eine Stelle.«

»Sie haben schon zu wiederholten Malen Stelle gesucht bei uns, man
möchte versucht sein, zu sagen: Sie suchen mit einer unheimlichen
Schnelligkeit Stellen.« Der Mann lachte, aber leise, denn eines groben
Lachens war er doch nicht fähig. »Wo waren Sie denn zuletzt beschäftigt,
wenn man Sie fragen darf?«

Simon erwiderte: »Ich war Krankenwärter, und es stellte sich heraus, daß
ich alle Eigenschaften besitze, um die Kranken pflegen zu können. Warum
staunen Sie so sehr bei dieser Eröffnung? Ist es so fürchterlich
seltsam, wenn ein Mann in meinem Alter verschiedenen Berufsarten
nachgeht, wenn er den Versuch macht, sich den verschiedenartigsten
Menschen nützlich zu erweisen? Ich finde das hübsch an mir, weil ich
dabei etwas tue, was einen gewissen Mut erfordert. Mein Stolz wird in
keiner Weise verletzt dadurch, im Gegenteil, ich bilde mir etwas darauf
ein, allerhand Lebensaufgaben lösen zu können und nicht vor
Schwierigkeiten zu zittern, vor denen die meisten Menschen
zurückschrecken. Man kann mich brauchen, diese Gewißheit genügt mir, um
meinen Stolz zu befriedigen. Ich will nützlich sein.«

»Warum sind Sie denn nicht bei dem Krankenwärterberuf geblieben?« fragte
der Mann.

»Ich habe keine Zeit, bei einem und demselben Beruf zu verbleiben,«
erwiderte Simon, »und es fiele mir niemals ein, wie so viele andere, auf
einer Berufsart ausruhen zu wollen wie auf einem Sprungfederbett. Nein,
das bringe ich, und wenn ich tausend Jahre alt werde, nicht fertig.
Lieber gehe ich unter die Soldaten.«

»Passen Sie auf, daß es nicht mit Ihnen noch so weit kommt.«

»Es gibt auch noch andere Auswege. Das mit den Soldaten ist eine
flüchtige Redensart von mir, die ich mir angewöhnt habe, um meine Reden
zu beschließen. Was hat ein junger Mann, wie ich, nicht für Auswege. Ich
kann, wenn es Sommer ist, zu einem Bauern gehen, ihm auf dem Felde
helfen, daß die Ernte beizeiten unter Dach kommt, er wird mich
willkommen heißen und meine Kraft schätzen. Er wird mir zu essen geben,
gutes Essen, denn man kocht gut auf dem Lande, er wird mir, wenn ich von
ihm wegziehe, etwas Bargeld in die Hand drücken, und seine junge
Tochter, ein frisches, bildschönes Mädchen, wird mir zum Abschied
zulächeln, in einer Weise, daß ich lange daran denken muß, während ich
weiter wandere. Was schadet es, zu wandern, auch wenn es regnet oder gar
schneit, wenn man seine gesunden Glieder hat und sich weiter keine
Sorgen macht. Sie, in Ihrer gedrückten Enge, stellen sich nicht vor, wie
köstlich das Laufen auf Landstraßen ist. Sind sie staubig, so sind sie
es eben, wer frägt da lange darnach. Nachher sucht man sich an einem
Waldrande ein kühles Plätzchen aus, wo der Blick, wenn man so daliegt,
die herrlichste Aussicht genießt, wo die Sinne auf eine natürliche Weise
ausruhen und die Gedanken nach Lust und Geschmack denken können. Sie
werden mir entgegenhalten, das könne ein anderer, zum Beispiel Sie
selber, auch haben, während Ihrer Ferien. Aber Ferien, was ist das!
Darüber kann ich nur lachen. Ich will mit Ferien nichts zu tun haben.
Ich hasse die Ferien geradezu. Verschaffen Sie mir nur nicht einen
Posten mit Ferien. Das hat nicht den geringsten Reiz für mich, ja ich
würde sterben, wenn ich Ferien bekäme. Ich will mit dem Leben kämpfen,
bis ich meinetwegen umsinke, will weder Freiheit noch Bequemlichkeit
kosten, ich hasse die Freiheit, wenn ich sie so hingeworfen bekomme, wie
man einem Hund einen Knochen hinwirft. Da haben Sie Ihre Ferien. Wenn
Sie etwa denken, Sie hätten in mir einen Menschen vor sich, den es nach
Ferien gelüstet, so irren Sie sich, aber ich habe leider alle Ursache,
zu vermuten, Sie denken so von mir.«

»Hier ist eine Aushilfsstelle bei einem Advokaten zu besetzen, für
ungefähr einen Monat. Paßt Ihnen das?«

»Gewiß, mein Herr.«

Damit war Simon beim Advokaten. Er verdiente dort ein ganz hübsches Geld
und war ganz glücklich. Nie erschien ihm die Welt schöner, als während
dieser Advokatenzeit. Er machte angenehme Bekanntschaften, schrieb
leicht und mühelos den Tag über, rechnete Rechnungen nach, schrieb nach
dem Diktat, was er außerordentlich gut verstand, betrug sich, zu seinem
Erstaunen ganz reizend, so daß sein Vorgesetzter sich lebhaft um ihn
bekümmerte, trank jeweilen nachmittags seine Tasse Tee, und träumte,
während er schrieb, zum luftigen, hellen Fenster hinaus. Träumen, und
doch seine Pflicht nicht hintenansetzen, das verstund er prächtig. »Ich
verdiene so viel Geld, dachte er bei sich, daß ich eine junge Frau damit
haben könnte.« Der Mond schien oft, wenn er arbeitete, zum Fenster
hinein, das entzückte ihn sehr.

Seiner kleinen Freundin Rosa gegenüber äußerte sich Simon
folgendermaßen: »Mein Advokat hat eine lange, rote Nase und ist ein
Tyrann, aber ich komme sehr gut aus mit ihm. Ich empfinde sein
mürrisches, gebieterisches Wesen als Humor und wundere mich, wie gut ich
mich allen seinen, und oft ungerechten Geboten unterziehe. Ich liebe es,
wenn es ein wenig scharf zugeht, das paßt mir, das schwingt mich bis zu
einer gewissen warmen Höhe hinauf und reizt meine Arbeitslust. Er hat
eine schöne, schlanke Frau, die ich malen möchte, wenn ich ein Maler
wäre. Sie hat, glauben Sie es nur, wunderbar große Augen und herrliche
Arme. Oft macht sie sich etwas bei uns im Bureau zu schaffen; wie muß
sie da auf mich armen Schreibteufel herabsehen. Ich zittere, wenn ich
solche Frauen sehe und bin doch glücklich. Lachen Sie? Ihnen gegenüber
bin ich leider gewöhnt, ohne Schranken offen zu sein, und ich hoffe, Sie
sehen das gerne an mir.«

Rosa liebte es in der Tat, wenn man offen zu ihr war. Sie war ein
merkwürdiges Mädchen. Ihre Augen hatten einen wundervollen Glanz, und
ihre Lippen waren geradezu schön.

Simon fuhr fort: »Wenn ich morgens um acht Uhr zur Arbeit gehe, fühle
ich mich so schön verwandt mit allen denen, die ebenfalls morgens um
acht Uhr anzutreten haben. Welche große Kaserne, dieses moderne Leben!
Und doch wie schön und gedankenvoll ist gerade diese Einförmigkeit. Man
sehnt sich beständig nach etwas, das an einen herantreten sollte, das
einem begegnen müßte. Man hat ja so sehr nichts, ist so sehr armer
Teufel, kommt sich so verloren vor in all der Gebildetheit, Geordnetheit
und Exaktheit. Ich steige die vier Treppen hinauf und trete ein, sage
guten Tag und beginne mit meiner Arbeit. Du guter Gott, wie wenig muß
ich leisten, wie wenig Kenntnisse verlangt man doch von mir. Wie wenig
scheint man zu ahnen, daß ich noch ganz anderes fähig wäre. Aber mir
behagt jetzt diese reizende Anspruchslosigkeit seitens meiner
Arbeitgeber. Ich kann, während ich arbeite, denken, ich habe alle
Aussicht ein Denker zu werden. Ich denke oft an Sie!«

Rosa lachte: »Sie sind ein Schlingel! Aber fahren Sie fort, es
interessiert mich, was Sie da sagen.«

»Die Welt ist eigentlich herrlich,« sprach Simon weiter, »ich kann da
bei Ihnen sitzen, und es hindert mich niemand daran, stundenlang mit
Ihnen zu plaudern. Ich weiß, daß Sie mir gerne zuhören. Sie finden, daß
ich nicht ohne Anmut spreche, und ich muß jetzt innerlich furchtbar
lachen, weil ich das gesagt habe. Aber ich sage eben alles, was mir
gerade durch den Sinn schießt, wäre es auch zum Beispiel gerade ein
Eigenlob. Ich kann mich auch mit ebensolcher Leichtigkeit tadeln, und es
freut mich sogar, wenn ich dazu Gelegenheit habe. Sollte man denn nicht
alles aussprechen dürfen? Wie vieles geht verloren, wenn man es erst
langsam prüfen will. Ich mag nicht lange überlegen, bevor ich spreche,
und ob es sich schickt oder nicht, es muß eben heraus. Wenn ich eitel
bin, so muß eben meine Eitelkeit ans Licht treten, wäre ich geizig, der
Geiz spräche aus meinen Worten, bin ich anständig, so wird ohne Zweifel
die Honettheit aus meinem Munde tönen, und würde mich Gott zu einem
braven Menschen gemacht haben, so redete die Tüchtigkeit aus mir, was
ich auch immer spräche. Ich bin in dieser Beziehung ganz sorglos, weil
ich mich und uns ein wenig kenne und weil ich mich davor schäme, im
Gespräch Furcht zu bezeigen. Wenn ich beispielsweise mit Worten jemanden
beleidige, verletze, kränke oder ärgere, kann ich den üblen Eindruck
nicht mit den paar nächsten Worten wieder gutmachen? Ich denke über mein
Sprechen erst nach, wenn ich auf dem Gesicht meines Zuhörers unangenehme
Falten sehe, so wie jetzt auf Ihrem Gesicht, Rosa.«

»Das ist etwas anderes.« --

»Sind Sie müde?«

»Gehen Sie nach Hause, nicht wahr, Simon. Ich bin allerdings jetzt müde.
Sie sind hübsch, wenn Sie sprechen. Ich habe Sie sehr lieb.«

Rosa streckte ihrem jungen Freund ihre kleine Hand entgegen, dieser
küßte die Hand, sagte gute Nacht und ging fort. Als er weg war, weinte
die kleine Rosa lange still für sich. Sie weinte um ihren Geliebten,
einen jungen Mann mit Locken auf dem Kopf, elegantem Schritt,
edelgeschnittenem Mund, aber liederlicher Lebensart. »So liebt man die,
die es nicht wert sind,« sagte sie für sich, »und doch, liebt man etwas
deshalb, weil man einen Wert abschätzen möchte? Wie lächerlich. Was geht
mich das Wertvolle an, wo ich das Geliebte haben möchte.« Dann ging sie
zu Bett.




Zweites Kapitel.


Eines Tages klingelte Simon, es war in der Mittagsstunde, vor einem
eleganten, freigelegenen Hause, das einen Garten hatte, ziemlich
schüchtern an. Ihm war, als ob da ein Bettler geklingelt hätte, wie er
es läuten hörte. Wenn er jetzt drinnen im Hause zum Beispiel als
Hausinhaber gesessen hätte, vielleicht gerade beim Mittagstisch, würde
er, sich zu seiner Frau träge umwendend, gefragt haben: Wer klingelt
denn jetzt, gewiß ein Bettler! »Vornehme Leute,« dachte er, während er
wartete, »denkt man sich immer an der Tafel, oder in der Kutsche, oder
beim Anziehen, wo ihnen Diener und Dienerinnen behilflich sind, dagegen
Arme immer draußen in der Kälte, mit emporgezogenen Mantelkragen, wie
ich jetzt, vor einer Gartentür herzpochend wartend. Arme Leute haben in
der Regel schnelle, pochende, hitzige Herzen, Reiche kalte, weite,
geheizte, gepolsterte und vernagelte! Ach, wenn nur rasch jemand
herbeigesprungen käme, wie würde ich aufatmen. Dieses vor einer reichen
Türe Warten hat etwas Beengendes. Wie stehe ich doch, trotz meinem
bißchen Welterfahrung, auf schwachen Beinen.« -- In der Tat, er
zitterte, als ein Mädchen herbeisprang, um dem Draußenstehenden zu
öffnen. Simon mußte immer lächeln, wenn jemand ihm eine Tür öffnete und
ihn zum Eintreten ersuchte, auch jetzt ging es nicht ohne dieses Lächeln
ab, das wie eine leise Bitte im Gesicht aussah, und das vielleicht bei
vielen Menschen zu beobachten ist.

»Ich suche ein Zimmer.«

Simon nahm seinen Hut vor einer schönen Dame ab, die den Ankommenden
aufmerksam prüfte. Simon war es lieb, daß sie das tat; denn er fühlte,
daß sie ein Recht dazu hatte, und weil er sah, daß sie dabei ihre
Freundlichkeit nicht verlor.

»Wollen Sie kommen? Da! Die Treppe hinauf.«

Simon bat die Dame, voranzugehen. Er machte dabei zum ersten Male in
seinem Leben mit der Hand eine Handbewegung. Die Dame zeigte dem jungen
Mann das Zimmer, indem sie eine Tür öffnete.

»Welch ein schönes Zimmer,« rief Simon, der wirklich überrascht war,
»viel zu schön für mich, leider, viel zu fein für mich. Sie müssen
wissen, ich bin ein so wenig für ein so feines Zimmer geeigneter Mensch.
Und doch, ich würde sehr gerne darin wohnen, allzugerne, viel,
vielzugerne. Es ist eigentlich von Ihnen nicht gut getan gewesen, mir
dieses Gemach zu zeigen. Viel besser, Sie würden mich zu Ihrem Hause
hinausgewiesen haben. Wie komme ich dazu, meine Blicke in einen so
heiteren, schönen, wie als Wohnung für einen Gott geschaffenen Raum zu
werfen. Welch schöne Wohnungen bewohnen doch die Wohlhabenden, die, die
etwas besitzen. Ich habe nie etwas besessen, bin nie etwas gewesen, und
werde trotz den Hoffnungen meiner Eltern nie etwas sein. Welch schöne
Aussicht aus den Fenstern, und so hübsche, glänzende Möbel, und so
reizende Vorhänge, die dem Zimmer etwas Mädchenhaftes geben. Ich würde
hier vielleicht ein guter, zarter Mensch werden, wenn es wahr ist, wie
man sagen hört, daß Umgebungen den Menschen verändern können. Darf ich
es noch ein wenig anschauen, hier noch eine Minute stehen bleiben?«

»Gewiß dürfen Sie das.«

»Ich danke Ihnen.«

»Was sind Ihre Eltern, und, wenn ich fragen darf, inwiefern sind Sie
»nichts«, wie Sie sich vorhin ausdrückten?«

»Ich bin ohne Stelle!«

»Das würde mir ganz gleichgültig sein. Es kommt drauf an!«

»Nein, ich habe wenig Hoffnungen. Zwar, das darf ich, wenn ich ohne
Falsch sprechen soll, auch nicht sagen. Ich bin voll Hoffnung. Nie, nie
verläßt sie mich. -- Mein Vater ist ein armer, aber lebensfröhlicher
Mensch, dem es nicht einmal von ferne einfällt, seine jetzigen kargen
Tage mit den früheren glänzenden zu vergleichen. Er lebt wie ein Junger
von fünfundzwanzig Jahren und gibt sich in keiner Weise Gedanken über
seine Lage hin. Ich bewundere ihn und suche ihn nachzuahmen. Wenn er bei
seinem schneeweißen Alter noch munter sein kann, so muß es dreißig-, ja
hundertmal seines jungen Sohnes Pflicht sein, den Kopf hoch zu tragen
und die Menschen mit Augen wie der Blitz anzuschauen. Aber die Mutter
gab mir, und meinen Brüdern weit mehr als mir, Gedanken mit auf die
Welt. Die Mutter ist gestorben.«

Der Dame, die sehr lieb dastand, kam ein klagendes Ach aus dem Munde.

»Sie war eine herzlich gute Frau. Wir Kinder sprechen immer und immer
über sie, wann und wo wir auch immer zusammentreffen. Wir leben
zerstreut auf dieser runden, weiten Welt, und das ist sehr gut, denn wir
haben alle solche Köpfe, wissen Sie, die nicht lange zueinander taugen.
Wir haben alle eine etwas schwere Art, die hinderlich sein würde, wenn
wir verbunden unter den Menschen aufträten. Das tun wir gottlob nicht,
und jedes von uns weiß genau, warum wir es nicht tun wollen. Doch lieben
wir uns, wie es sich geziemt. Einer meiner Brüder ist ein nicht
unbekannter Gelehrter, ein anderer ist ein Spezialist im Börsenfach,
wieder ein anderer ist weiter nichts als mein Bruder, weil ich ihn mehr
als einen Bruder liebe, und es mir, wenn ich an ihn denke, nicht
einfiele, noch sonst etwas anderes hervorzuheben an ihm, als eben den
Umstand, daß er der meinige ist, der, der so aussieht, wie er, sonst
nichts. Mit diesem Bruder zusammen möchte ich hier bei Ihnen wohnen.
Groß genug wäre das Zimmer. Aber es geht wohl nicht gut. Wieviel kostet
es?«

»Was ist Ihr Bruder?«

»Landschaftsmaler! Wieviel würden Sie für das Zimmer verlangen? -- -- So
viel? Es ist sicherlich nicht zu viel für dieses Zimmer, aber für uns
ist es viel zu viel. Auch, wenn ich recht bedenke, und wenn ich Sie
eindringlich anschaue, sind wir zwei Menschen nicht dazu geeignet, in
diesem Hause aus- und einzugehen, als ob wir darin ansässig wären. Wir
sind noch so grob, wir würden Sie enttäuschen. Auch haben wir die
Gewohnheit, mit Bettbezügen, Möbelstücken, Wäschegegenständen,
Fenstervorhängen, Türklinken, Treppenabsätzen hart umzugehen, das würde
Sie erschrecken, Sie würden uns böse werden, oder Sie würden vielleicht
verzeihen, ein Auge bemühen zuzudrücken, was noch schmählicher wäre. Ich
möchte nicht veranlassen, daß Sie später mit uns Ärger hätten. Sicher,
sicher! Wehren Sie nur nicht ab. Ich sehe es zu deutlich. Wir haben, im
Grunde genommen, für alles feine Wesen auf die Länge wenig Hochachtung
übrig. Dergleichen Menschen, wie wir sind, müssen vor reichen
Gartengittern stehen, wo ihnen die Freiheit gelassen wird, über den
Glanz und die Sorgfalt spöttische Bemerkungen zu machen. Wir sind
Spötter! Adieu!«

Die Augen der schönen Frau hatten einen tiefen Glanz angenommen, und nun
sagte sie auf einmal: »Ich möchte doch Ihren Herrn Bruder und Sie
annehmen. Ich werde, was den Preis betrifft, mit Ihnen schon einig
werden.«

»Nein lieber nicht!«

Simon schritt schon die Treppe hinunter. Da rief ihm die Stimme der Dame
nach: »Bitte, bleiben Sie doch noch.« Und sie eilte ihm nach. Unten
holte sie ihn ein und veranlaßte ihn, stehen zu bleiben und auf sie zu
horchen: »Was fällt Ihnen ein, so schnell wegzugehen. Sehen Sie, ich
will, ich möchte Sie beide dabehalten. Und wenn Sie auch nicht bezahlen!
Was macht das? Gar nichts, gar nichts, kommen Sie doch, kommen Sie.
Treten Sie mit mir in dieses Zimmer. Marie! Wo bist du? Bringe doch
gleich den Kaffee hier ins Zimmer.«

Drinnen sagte sie zu Simon: »Ich habe den Wunsch, Sie und Ihren Bruder
näher kennen zu lernen. Wie konnten Sie nur davonrennen. Ich bin oft so
allein in diesem abgelegenen Hause, daß es mich ängstigt. Mein Mann ist
die ganze Zeit abwesend, auf weiten Reisen, er ist Forscher, segelt auf
allen Meeren, von deren bloßem Vorhandensein seine arme Frau keine
Ahnung hat. Bin ich nicht eine arme Frau? Wie heißen Sie? Wie heißt der
andere, Ihr Bruder? Ich heiße Klara. Nennen Sie mich einfach: Frau
Klara. Ich mag gern diesen einfachen Namen hören. Sind Sie nun etwas
zutraulicher geworden? Würde mich sehr, so sehr freuen. Glauben Sie
nicht, das wir miteinander leben und auskommen können? Gewiß, das wird
schon gehen. Ich halte Sie für einen zarten Menschen. Ich fürchte mich
nicht, Sie in meinem Hause zu haben. Sie haben ehrliche Augen. Ist Ihr
Bruder älter als Sie?«

»Ja, er ist älter und ein viel besserer Mensch, als ich.«

»Sie sind ein braver Mensch, daß Sie das sagen dürfen.«

»Ich heiße Simon und mein Bruder heißt Kaspar.«

»Mein Mann heißt Agappaia.«

Sie erbleichte, als sie das sagte, doch sammelte sie sich rasch und
lächelte.

Simon schrieb an seinen Bruder Kaspar: »Wir sind eigentlich seltsame
Käuze, wir zwei. Wir treiben uns auf diesem Erdboden umher, als ob nur
wir, und sonst keine anderen Menschen darauf lebten. Wir haben
eigentlich eine verrückte Freundschaft geschlossen, als ob es sonst
unter den Männern nichts ausfindig zu machen gäbe, was wert könnte
genannt werden, Freund zu heißen. Eigentlich sind wir gar keine Brüder,
sondern Freunde, wie zwei sich einmal auf der Welt zusammenfinden. Ich
bin wirklich nicht für die Freundschaft gemacht und begreife nicht, was
ich so Tolles an Dir nur finde, das mich zwingt, mich immer wieder an
Deine Seite, gleichsam an Deinen Rücken heranzudenken. Dein Kopf kommt
mir jetzt bald wie der meinige vor, so sehr bist Du schon in meinem
Kopf; ich werde vielleicht im Verlauf einiger Zeit, wenn es so weiter
geht, mit Deinen Händen greifen, mit Deinen Beinen laufen und mit Deinem
Mund essen. Unsere Freundschaft hat sicher etwas Geheimnisvolles, wenn
ich Dir sage, daß es gar nicht so unmöglich ist, daß im Grunde genommen
unsere Herzen voneinander wegstreben, daß sie nur nicht können. Ich bin
ja nun noch recht froh, daß Du noch immer nicht zu können scheinst, denn
Deine Briefe klingen sehr artig und ich wünsche vorläufig auch von mir,
daß ich im Banne dieses Geheimnisvollen sitzen bleibe. Für uns ist es ja
gut, aber, wie kann ich nur gar so trocken reden: ich finde es einfach,
um nicht zu lügen, entzückend. Warum sollten nicht einmal zwei Brüder
über das Maß hauen. Wir passen ganz gut zusammen, wir paßten auch schon
damals zusammen, als wir uns haßten und beinahe totprügelten. Weißt Du
noch? Es braucht nichts als diesen Aufruf, mit einer Portion gesunden
Lachens vermischt, um in Dir Bilder aufzurühren, zu leimen, zu malen, zu
heften, die wahrhaftig der Rückerinnerung mehr als wert sind. Wir waren,
ich weiß nicht mehr aus welcher Ursache heraus, Todfeinde geworden. O,
wir verstunden es, einander zu hassen. Unser Haß war entschieden
erfinderisch im Auffinden von Qualen und Demütigungen, die wir uns
gegenseitig bereiteten. Beim Eßtisch warfst Du mir einmal, um nur ein
einziges Beispiel dieses jammervollen und kindischen Zustandes
anzuführen, eine Platte mit Sauerkraut entgegen, weil Du mußtest, und
sagtest dazu: »Da, pack!« Ich muß Dir sagen, damals zitterte ich vor
Wut, schon deshalb, weil es für Dich eine schöne Gelegenheit war, mich
aufs grimmigste zu kränken, und ich dazu nichts sagen konnte. Ich packte
die Platte an, und war eben dumm genug, den Schmerz der Kränkung bis zur
Kehle hinauf voll auszukosten. Weißt Du noch, wie eines Mittags, es war
ein stiller, totenstiller, sommerheißer, vor Totenstille ganz toller
Sonntagnachmittag, dann einer zu Dir in die Küche herangezaudert kam und
Dich bat, mir wieder gut zu sein. Es war ein unglaubliches Werk der
Überwindung, kann ich Dir sagen, sich so durch das Gefühl der Beschämung
und des Trotzes hindurchzuwinden, bis zu Dir, der Gestalt des zur
ablehnenden Verachtung neigenden Feindes. Ich tat es, und ich bin mir
dankbar dafür. Ob Du auch mir, ist mir freudig und duftig egal. Das kann
nur ich abschätzen. Geh mir weg, da willst Du mir was dazwischenreden.
Einfach nicht möglich. Weg da! -- Wie viele köstliche Stunden habe ich
von da an mit Dir genossen. Ich fand dich auf einmal zart, liebend
rücksichtsvoll. Ich glaube, die Wonne der Freude brannte uns beiden auf
den Wangen. Wir streiften, Du als Maler, ich als Zuschauer und
Dreinreder, über die Matten auf den breiten Bergen, wateten im Duft des
Grases, in der Nässe des kühlen Morgens, in der Hitze des Mittags und im
feuchten, verliebten Untergehen der Sonne. Die Bäume sahen uns zu, was
wir da oben trieben und die Wolken ballten sich zusammen, gewiß aus
Zorn, daß sie keine Macht besaßen, unsere neugebackene Liebe zu brechen.
Abends kamen wir gräßlich zerbrochen, verstaubt, verhungert und vermüdet
nach Hause, und auf einmal gingst Du dann weg. Weiß der Teufel, ich half
Dir wegreisen, als ob ich dazu durch Handgeld verpflichtet gewesen wäre,
oder als hätte ich Eile gehabt, Dich verduften zu sehen. Gewiß war es
mir eine heilige Freude, Dich abreisen zu sehen, denn Du reistest der
großen Welt entgegen. Wie wenig groß ist die große Welt, Bruder.

Komm doch ja bald hierher. Ich kann Dich beherbergen, wie ich eine Braut
beherbergen würde, von der ich annehmen müßte, daß sie gewohnt sei, auf
Seide zu liegen und von Bedienten bedient zu werden. Ich habe zwar keine
Dienerschaft, aber doch ein Zimmer wie für einen gebornen Herrn. Ich und
Du, wir beide haben ein prachtvolles Chambre einfach geschenkt, vor die
Füße gelegt bekommen. Du kannst hier ebensogut Bilder malen, wie dort in
Deiner dicken, fernen Landschaft, Du hast ja Phantasie. Eigentlich
sollte es jetzt Sommer sein, daß ich Deinetwegen im Garten ein
Gartenfest mit chinesischen Lichtern und Bändern von lauter Blumen
veranstalten könnte, um Dich einigermaßen Deiner würdig zu empfangen.
Komm eben so, aber mach nur, daß dieses Kommen rasch vorwärtskommt,
sonst komme ich und hole Dich. Meine Herrin und Wirtin drückt Dir die
Hand. Sie ist davon überzeugt, daß sie Dich bereits aus meinen
Schilderungen von Dir kennt. Wenn sie Dich erst kennen wird, wird sie
weiter auf der Erde niemand mehr kennen lernen wollen. Hast Du einen
stattlichen Anzug? Schlottern Dir Deine Hosen nicht gar so sehr um die
Kniee herum und darf man Deine Kopfbedeckung noch Hut nennen? Sonst
darfst Du nicht vor mir erscheinen. Alles Spaß, alles Dummheiten. Laß
Dich von Deinem Simönchen umarmen. Leb wohl, Bruder. Hoffentlich kommst
Du bald.« --

                   *       *       *       *       *

Einige Wochen waren verflossen, es fing an, wieder Frühling zu werden,
die Luft war feuchter und weicher, es meldeten sich unbestimmte Düfte
und Klänge, die aus der Erde herauszukommen schienen. Die Erde war
weich, man schritt auf ihr wie auf dicken, biegsamen Teppichen. Man
glaubte, Vögel singen hören zu müssen. »Es will Frühling werden,« so
redeten sich die empfindungsvollen Menschen auf der Straße an. Selbst
die kahlen Häuser bekamen einen gewissen Duft, eine sattere Farbe. Es
ging ganz sonderbar zu, und war doch eine so alte, bekannte Erscheinung,
aber man empfand es als gänzlich neu, es regte zu einem seltsamen,
stürmischen Denken an, die Glieder, die Sinne, die Köpfe, die Gedanken,
alles regte sich, wie wenn es hätte von neuem wachsen mögen. Das Wasser
des Sees glänzte so warm und die Brücken, die sich über den Fluß
schlangen, schienen einen kühneren Bogen bekommen zu haben. Die Fahnen
flatterten im Winde, und es machte den Menschen Vergnügen, sie flattern
zu sehen. Die Sonne erst trieb die Leute in Reihen und Gruppen auf die
schöne, weiße, saubere Straße, wo sie stehen blieben und den Kuß der
Wärme begierig fühlten. Viele Mäntel von vielen Menschen wurden
abgelegt. Man konnte die Männer wieder freier sich bewegen sehen und die
Frauen machten so sonderbare Augen, als möchte ihnen etwas Seeliges zu
den Herzen herauskommen. In den Nächten hörte man wieder zum ersten Mal
den Klang der vagabondierenden Gitarren, und Männer und Frauen standen
im Gewühl der fröhlichen, spielenden Kinder. Die Lichter der Laterne
flackten wie Kerzen in stillen Stuben, und man empfand, wenn man über
nachtdunkle Wiesen hinschritt, das Blühen und Regen der Blumen. Das Gras
wird bald wieder wachsen, die Bäume werden ihr Grün bald wieder über die
niederen Hausdächer schütten und den Fenstern die Aussicht nehmen. Der
Wald wird prangen, üppig, schwer, o, der Wald. -- -- Simon arbeitete
wieder in einem großen Handelsinstitut.

Es war ein Bankhaus von weltbedeutendem Umfang, ein großes Gebäude von
palastähnlichem Aussehen, in welchem hunderte von jungen und alten,
männlichen und weiblichen Leuten beschäftigt waren. Diese Leute
schrieben alle mit emsigen Fingern, rechneten mit Rechnungsmaschinen,
auch wohl bisweilen mit ihren Gedächtnissen, dachten mit ihren Gedanken
und machten sich nützlich mit ihren Kenntnissen. Es gab da etliche
junge, elegante Korrespondenten, die vier bis sieben Sprachen schreiben
und sprechen konnten. Diese schieden sich durch ihr feineres,
ausländisches Wesen von dem übrigen Rechnervolk aus. Sie waren schon auf
Meerschiffen gefahren, kannten die Theater in Paris und New-York, hatten
in Jokohama die Teehäuser besucht und wußten, wie man sich in Kairo
vergnügte. Nun besorgten sie hier die Korrespondenz und warteten auf
Gehaltserhöhung, während sie spöttisch von der Heimat sprachen, die
ihnen ganz klein und lausig vorkam. Das Rechnervolk bestund zumeist aus
älteren Leuten, die sich an ihre Posten und Pöstlein wie an Balken und
Pflöcken festhielten. Sie hatten alle lange Nasen von dem vielen Rechnen
und gingen in zersessenen, zerschabten, zerglätteten, zerfalteten und
zerknickten Kleidern. Es gab aber etliche intelligente Leute unter
ihnen, die vielleicht im Geheimen seltsamen, kostbaren Liebhabereien
frönten und so ein wenn auch stilles und abgelegenes so doch immerhin
würdiges Leben führten. Viele von den jungen Angestellten waren dagegen
feinerer Zeitvertreibe nicht fähig, diese stammten meist von ländlichen
Grundbesitzern, Gastwirten, Bauern und Handwerkern ab, waren, da sie in
die Stadt kamen, sofort bemüht, städtisch-feines Wesen anzunehmen, was
ihnen jedoch schlecht gelang, und kamen über eine gewisse tölpische
Grobheit nicht hinaus. Indessen, es gab da auch stille Bürschchen von
zartem Betragen, die seltsam abstachen von den andern Flegeln. Der
Direktor der Bank war ein alter, stiller Mann, der überhaupt nie gesehen
wurde. In seinem Kopfe schienen die Fäden und Wurzeln des ganzen
ungeheuren Geschäftsganges ineinandergeworfen zu liegen. Wie der Maler
in Farben, der Musiker in Tönen, der Bildhauer in Stein, der Bäcker in
Mehl, der Dichter in Worten, der Bauer in Strichen Landes, so schien
dieser Mann in Geld zu denken. Ein guter Gedanke von ihm, zur guten Zeit
ausgedacht, brachte in einer halben Stunde dem Geschäft eine halbe
Million. Vielleicht! Vielleicht mehr, vielleicht weniger, vielleicht
nichts, und gewiß, manchmal verlor dieser Mann ganz im stillen, und alle
seine Untergebenen wußten nichts davon, gingen, wenn die Glocke zwölf
schlug, zum Essen, kamen um zwei Uhr wieder, arbeiteten vier Stunden,
gingen fort, schliefen, erwachten, standen zum Frühstück auf, gingen
wieder, wie am gestrigen Tag ins Gebäude, nahmen die Arbeit wieder auf
und keiner wußte, denn keiner hatte Zeit, etwas von diesem
Geheimnisvollen in Erfahrung zu bringen. Und der stille, alte, grämliche
Mann dachte im Direktionszimmer. Für die Angelegenheiten seiner
Angestellten hatte er nur ein mattes, halbes Lächeln. Es hatte etwas
Dichterisches, Erhabenes, Entwerfendes und Gesetzgeberisches. Simon
versuchte oft, sich in Gedanken an die Stelle des Direktors zu setzen.
Aber im allgemeinen verschwand ihm dieses Bild, und wenn er darüber
nachdachte, verschwand ihm überhaupt jeder Begriff: »Etwas Stolzes und
Erhabenes ist dabei, aber auch etwas Unbegreifliches und beinahe
Unmenschliches. Warum gehen nur alle diese Leute, Schreiber und Rechner,
ja sogar die Mädchen im zartesten Alter, zu demselben Tor in dasselbe
Gebäude hinein, um zu kritzeln, Federn anzuprobieren, zu rechnen und zu
fuchteln, zu büffeln und nasenschneuzen, zu bleistiftspitzen und Papier
in den Händen herumtragen. Tun sie das etwa gern, tun sie es
notgedrungen, tun sie es mit dem Bewußtsein, etwas Vernünftiges und
Fruchtbringendes zu verrichten? Sie kommen alle aus ganz verschiedenen
Richtungen, ja einige fahren sogar mit der Eisenbahn aus entfernten
Gegenden daher, sie spitzen die Ohren, ob es noch Zeit ist, vor Antritt
einen privaten Gang zu unternehmen, sie sind so geduldig dabei wie eine
Herde von Lämmern, verstreuen sich, wenn es Abend wird, wieder in ihre
speziellen Richtungen, und morgen, um dieselbe Zeit, finden sie sich
alle wieder ein. Sie sehen sich, erkennen sich am Gang, an der Stimme,
an der Manier, eine Türe zu öffnen, aber sie haben wenig miteinander zu
tun. Sie gleichen sich alle und sind sich doch alle fremd und wenn einer
unter ihnen stirbt oder eine Unterschlagung macht, so verwundern sie
sich einen Vormittag lang darüber, und dann geht es weiter. Es kommt
vor, daß einer einen Schlaganfall bekommt während des Schreibens. Was
hat er dann davon gehabt, daß er fünfzig Jahre lang im Geschäft
»arbeitete«. Er ist fünfzig Jahre lang jeden Tag zu derselben Türe ein
und ausgegangen, er hat tausend und tausendmal in seinen
Geschäftsbriefen dieselbe Redewendung geübt, hat etliche Anzüge
gewechselt und sich öfters darüber gewundert, wie wenig Stiefel er des
Jahres verbrauche. Und jetzt? Könnte man sagen, daß er gelebt hat? Und
leben nicht tausende von Menschen so? Sind vielleicht seine Kinder ihm
der Lebensinhalt, ist seine Frau die Lust seines Daseins gewesen? Ja,
das kann es sein. Ich will lieber über solche Dinge nicht klugreden,
denn mir will scheinen, als zieme es mir nicht, da ich noch jung bin.
Draußen ist jetzt Frühling und ich könnte zum Fenster hinausspringen, so
weh tut mir dieses lange, lange Glieder-Nicht-Bewegen-dürfen. Ein
Bankgebäude ist doch ein dummes Ding im Frühling. Wie nähme sich eine
Bankanstalt etwa auf einer grünen, üppigen Wiese aus? Vielleicht würde
meine Schreibfeder mir wie eine junge, eben aus der Erde gesprossene
Blume vorkommen. Ach, nein, spotten mag ich nicht. Vielleicht muß das
alles so sein, vielleicht hat alles einen Zweck. Ich erblicke nur nicht
den Zusammenhang, weil ich zu sehr den Anblick erblicke. Der Anblick ist
wenig entmutigend: vor den Fenstern dieser Himmel, im Gehör dieses süße
Singen. Die weißen Wolken gehen am Himmel und ich muß da schreiben.
Warum habe ich ein Auge für die Wolken. Wenn ich ein Schuhmacher wäre,
so machte ich doch wenigstens Schuhe für Kinder, Männer und Damen, diese
gingen im Frühlingstag in meinen Schuhen auf der Gasse spazieren. Ich
würde den Frühling empfinden, wenn ich meinen Schuh an dem fremden Fuß
erblickte. Hier kann ich den Frühling nicht empfinden, er stört mich.«

Simon ließ seinen Kopf hängen und war zornig über seine weichen Gefühle.

                   *       *       *       *       *

Eines Abends, als er nach Hause ging, fiel Simon auf der abendlich
beleuchteten Brücke ein Mensch, der vor ihm mit langen Schritten
daherging, auf. Die Gestalt in ihrer bemäntelten Schlankheit flößte ihm
einen süßen Schrecken ein. Er glaubte diesen Gang, dieses Paar Hosen,
diesen sonderbaren Kessel von Hut, die flatternden Haare erkennen zu
sollen. Der fremde Mann trug eine leichte Malmappe unter dem Arm. Simon
ging mit etwas rascheren Schritten, von zitternden Ahnungen befallen,
und plötzlich, mit dem Schrei »Bruder«, stürzte er dem Gehenden an den
Hals. Kaspar umarmte seinen Bruder. Sie gingen laut miteinander
plaudernd nach Hause, das heißt, sie hatten einen ziemlich steilen Weg
den Berg hinauf zu machen, über dessen Abhang sich die Stadt mit Gärten
und Villen hinzog. Ganz oben am Berge schauten ihnen die kleinen,
verfallenen Vorstadthäuschen entgegen. Die untergehende Sonne flammte in
den Fenstern und machte sie zu strahlenden Augen, die starr und schön in
die Ferne blickten. Unten lag die Stadt, weit und wohllüstig über die
Ebene gebreitet, wie ein flimmernder, glitzernder Teppich, die
Abendglocken, die immer anders sind als Morgenglocken, tönten herauf,
der See lag schwach gezeichnet, in seiner zarten unaussprechlichen Form
zu Füßen der Stadt, des Berges und der vielen Gärten. Noch blitzten
viele Lichter nicht, aber die, die leuchteten, brannten mit einer
herrlichen, fremdartigen Schärfe. Die Menschen gingen und liefen jetzt
da unten in all den krummen, versteckten Straßen, man sah sie nicht,
aber man wußte es. »In der eleganten Bahnhofstraße würde es jetzt
herrlich zu gehen sein,« dachte Simon. Kaspar ging schweigend. Er war
ein prachtvoller Kerl geworden. »Wie er daherschreitet,« dachte Simon.
Endlich kamen sie vor ihrem Hause an. »Wie? Am Waldesrande wohnst du?«
lachte Kaspar. Sie traten beide ins Haus.

Als Klara Agappaia den neuen Ankömmling erblickte, ging in ihren großen
müden Augen ein seltsames Flammen auf. Sie schloß ihre Augen und bog
ihren schönen Kopf auf die Seite. Es schien nicht, daß sie sehr große
Freude empfunden hätte, diesen jungen Mann zu sehen, es erschien wie
etwas ganz anderes. Sie versuchte unbefangen zu sein, zu lächeln, wie
man zu lächeln pflegt, wenn man jemanden willkommen heißt. Aber sie
vermochte es nicht. »Geht hinauf,« sagte sie, »heute bin ich so müde.
Wie sonderbar. Ich weiß wirklich nicht, was ich habe.« Die beiden
suchten ihr Zimmer auf: Der Mond beleuchtete es. »Wir zünden gar kein
Licht an,« sagte Simon, »laß uns so zu Bette gehen.« -- Da klopfte
jemand an die Türe, es war Klara, sie sagte, draußen stehend: »Habt ihr
auch alles Notwendige, fehlt euch nun nichts?« -- »Nein, wir liegen
schon im Bett, was könnte uns fehlen.« -- »Gute Nacht, Freunde,« sagte
sie, und öffnete ein wenig die Türe, schloß sie wieder und ging. »Sie
scheint eine seltsame Frau zu sein,« meinte Kaspar. Dann schliefen sie
beide.




Drittes Kapitel.


Am andern Morgen packte der Maler seine Landschaften aus der Mappe und
es fiel zuerst ein ganzer Herbst heraus, dann ein Winter, alle
Stimmungen der Natur wurden wieder lebendig. »Wie wenig das ist von
allem dem, was ich gesehen habe. So schnell das Auge eines Malers ist,
so langsam, so träge ist seine Hand. Was muß ich noch alles schaffen!
Ich meine oft, ich müßte verrückt werden.« Alle drei, Klara, Simon und
der Maler, umstanden die Bilder. Es wurde wenig, aber nur in Ausrufen
des Entzückens gesprochen. Plötzlich sprang Simon zu seinem Hut, der auf
dem Boden des Zimmers lag, setzte ihn wild und zornig auf den Kopf,
stürzte zur Türe hinaus, mit dem Ausruf: »Ich habe mich verspätet.«

»Eine Stunde zu spät! Das sollte bei einem jungen Manne nicht
vorkommen!« wurde ihm auf der Bank gesagt.

»Wenn es aber doch vorkommt?« fragte der Gescholtene trotzig.

»Wie, Sie wollen noch aufbegehren? Meinetwegen! Machen Sie, was Sie
wollen!«

Das Betragen Simons wurde dem Direktor gemeldet. Dieser beschloß, den
jungen Mann zu entlassen, er rief ihn zu sich und sagte es ihm mit ganz
leiser, sogar gütiger Stimme. Simon sprach:

»Ich bin recht froh, daß es ein Ende hat. Glaubt man vielleicht, daß man
mir damit einen Schlag versetzt, daß man meinen Mut knickt, mich
vernichtet, oder dergleichen? Im Gegenteil, man erhebt mich, man
schmeichelt mir damit, man flößt mir wieder, nach so langer Zeit, einen
Tropfen Hoffnung ein. Ich bin nicht dazu geschaffen, eine Schreib- und
Rechenmaschine zu sein. Ich schreibe ganz gern, rechne ganz gern,
betrage mich mit Vorliebe unter meinen Mitmenschen mit Anstand, bin gern
fleißig und gehorche, wo es mein Herz nicht verletzt, mit Leidenschaft.
Ich würde mich auch bestimmten Gesetzen zu unterwerfen wissen, wenn es
darauf ankäme, aber es kommt mir hier seit einiger Zeit nicht mehr
darauf an. Als ich mich heute morgen verspätete, wurde ich nur zornig
und ärgerlich, war mit gar keiner ehrlichen, gewissenhaften Besorgnis
erfüllt, machte mir keine Vorwürfe, oder höchstens den Vorwurf, daß ich
noch immer der dumme, feige Kerl sei, der, wenn es acht Uhr schlägt,
springt, in Bewegung kommt, wie eine Uhr, die man aufzieht und die eben
läuft, wenn sie aufgezogen wird. Ich danke Ihnen, daß Sie die Energie
besitzen, mich zu entlassen, und bitte Sie, von mir zu denken, was Ihnen
beliebt. Sie sind gewiß ein schätzenswerter, verdienstvoller, großer
Mann, aber, sehen Sie, ich möchte auch so einer sein, und deshalb ist es
gut, daß Sie mich fortschicken, deshalb war es eine segensreiche Tat,
daß ich mich heute, wie man sich ausdrückt, unstatthaft benommen habe.
In Ihren Bureaus, von denen man solches Aufheben macht, in denen so gern
jeder beschäftigt sein möchte, ist von einer Entwicklung eines jungen
Mannes nicht zu reden. Ich pfeife darauf, den Vorzug zu genießen, der
mit der Auszahlung eines festen monatlichen Gehaltes verbunden ist. Ich
verkomme, verdumme, verfeige, verknöchere dabei. Sie werden es
überraschend finden, mich solcher Ausdrücke bedienen zu hören, aber Sie
werden es zugeben, daß ich die völlige Wahrheit spreche. Hier kann nur
einer ein Mann sein: Sie! -- Kommt Ihnen nie der Gedanke, es möchten
sich unter Ihren armen Untergebenen Leute befinden, die den Drang haben,
auch Männer zu sein, wirkende, schaffende, achtunggebietende Männer. Ich
kann es unmöglich hübsch finden, so ganz in der Welt auf der Seite zu
stehen, nur um nicht in den Ruf zu gelangen, ein unzufriedener und wenig
anstellbarer Mensch zu sein. Wie groß ist hier die Versuchung zur Furcht
und wie klein die Verlockung, sich aus dieser jämmerlichen Furcht
loszureißen. Daß ich es heute herbeigeführt habe, dieses beinahe
Unmögliche, das schätze ich an mir, mag man dazu sagen, was man nur
immer will. Sie, Herr Direktor, verschanzen sich hier, Sie sind nie
sichtbar, man weiß nicht, wessen Befehlen man gehorcht, man gehorcht gar
nicht, sondern stumpft nur seinen eigenen schwachen Angewöhnungen nach,
die das richtige treffen. Welch eine Falle für junge, zur Bequemlichkeit
und Trägheit neigende junge Leute. Hier wird nichts verlangt von all den
Kräften, die möglicherweise den jungen Mannesgeist beseelen, nichts
erforderlich gemacht, was einen Mann und Menschen auszeichnen könnte.
Weder Mut noch Geist, weder Treue noch Fleiß, weder Schaffenslust noch
Begierde nach Anstrengungen können einem hier helfen, sich
vorwärtszubringen: ja, es ist sogar verpönt, Kraft und Fülle zu zeigen.
Natürlich, es muß ja verpönt sein, bei diesem langsamen, trägen,
trocknen, erbärmlichen Arbeitssystem. Leben Sie wohl, mein Herr, ich
gehe, um mich gesund zu arbeiten, wäre es auch, um Erde zu schaufeln
oder etliche Säcke Kohlen auf meinem Rücken zu schleppen. Ich liebe
jedwelche Arbeit, nur solche nicht, bei deren Ausübung nicht sämtliche
verfügbare Kräfte angespannt werden.«

»Soll ich Ihnen, trotzdem Sie es eigentlich nicht verdient haben, ein
Zeugnis ausstellen?«

»Ein Zeugnis? Nein, stellen Sie mir keines aus. Wenn ich kein Zeugnis,
als höchstens ein schlechtes verdient habe, will ich gar keines. Ich
selbst stelle mir von jetzt an meine Zeugnisse aus. Ich will mich von
nun an nur noch auf mich selbst berufen, wenn jemand nach meinen
Zeugnissen fragt, das wird bei vernünftigen, klarblickenden Menschen den
allerbesten Eindruck hervorrufen. Ich freue mich, zeugnislos von Ihnen
wegzugehen, denn ein Zeugnis von Ihnen würde mich nur an meine eigene
Feigheit und Furcht erinnern, an einen Zustand der Trägheit und
Kraftentäußerung, an die Zeit der nutzlos dahingelebten Tage, an die
Nachmittage voll wütender Befreiungsversuche, an die Abende der schönen,
aber zwecklosen Sehnsucht. Ich danke Ihnen, daß Sie die Absicht hatten,
mich in freundlicher Weise zu entlassen, das zeigt mir, daß ich einem
Manne gegenübergestanden bin, der vielleicht einiges von dem, was ich
sprach, begriffen hat.«

»Junger Mann, Sie sind viel zu heftig,« sprach der Direktor, »Sie
untergraben sich Ihre Zukunft!«

»Ich will keine Zukunft, ich will eine Gegenwart haben. Das erscheint
mir wertvoller. Eine Zukunft hat man nur, wenn man keine Gegenwart hat,
und hat man eine Gegenwart, so vergißt man, an eine Zukunft überhaupt
nur zu denken.«

»Leben Sie wohl. Ich fürchte, Sie werden etwas Schlimmes erleben. Sie
interessierten mich, deshalb habe ich Ihre Worte angehört. Sonst würde
ich mit Ihnen nicht so viel Zeit verloren haben. Vielleicht haben Sie
Ihren Beruf verfehlt, vielleicht wird etwas aus Ihnen. Lassen Sie es
sich immerhin gut gehen.«

Mit einer Neigung des Kopfes war Simon entlassen, und er befand sich
bald draußen auf der Straße. Vor einer Konditorei erblickte er einen
Mann auf- und abgehen, wahrscheinlich in Erwartung von irgend jemandem,
vielleicht einer Frau, was konnte er wissen. Aber der Mann erweckte sein
Interesse. Es war, auf den ersten Blick, ein abschreckend häßlicher
Mensch, mit einem ganz ungewöhnlich großen und gebogenen Schädel, einem
Vollbart im Gesicht und etwas müdem, ja tierischem Ausdruck in den
Augen. Sein Gang war geziert, aber edel, seine Kleidung fein und
geschmackvoll. In der Hand trug er einen gelben Spazierstock; er schien
ein Gelehrter zu sein, aber ein noch junger Gelehrter. Der ganze Mann,
wie er sich bewegte, hatte etwas Sanftes, Herzenbewegendes. Es schien,
daß man es wagen durfte, diesen Herrn ohne weiteres anzusprechen, und
Simon tat es.

»Verzeihen Sie, mein Herr, Sie so ohne weiteres anzureden. Ich habe eine
Vorliebe für Sie gewonnen, sowie ich Sie nur anblickte. Ich wünsche ihre
Bekanntschaft zu machen. Sollte dieser lebhafte Wunsch nicht genügender
Anlaß sein, um einen Menschen, wie Sie sind, auf offener Straße
anzusprechen? Sie sehen so aus, als ob Sie jemand suchten, als ob Sie
irgend jemanden vermuteten, der auf diesem Platze Sie erwartete. Es ist
ein solches Gewimmel von Menschen hier, daß es schwer sein wird für Sie
allein, die betreffende Person zu entdecken. Ich will Ihnen suchen
helfen, wenn Sie das Vertrauen haben, mir mit einigen Merkmalen den
Menschen zu schildern, zu dem es Sie hinzieht. Ist es eine Dame?«

»Es ist allerdings eine Dame,« erwiderte der Herr lächelnd.

»Wie sieht sie aus?«

»Schwarzgekleidet vom Kopf bis zu den Füßen. Große, schlanke
Erscheinung. Große Augen, die, wenn Sie sie erblicken, Ihnen noch
nachsehen, lange, lange, wenn es auch gar nicht der Fall ist. Um den
Hals trägt sie eine Kette von großen, weißen Perlen, an den Ohren lange,
herabhängende Ohrringe. Ihre Knöchel sind von goldenen, einfachen Reifen
umschlossen. Ich meine die Knöchel der Hände; das Gesicht hat etwas
Volles, Ovales, Üppiges. Sie werden es schon sehen. Um ihren Mund,
obgleich man sich darin täuscht, spielt etwas Verschlossenes und
Listiges, es ist ein etwas zugekniffener Mund. Übrigens trägt sie gern
einen breiten Hut mit herabhängenden Federn. Der Hut scheint dem Kopf
und dem Haar nur so angeflogen. Genügt Ihnen diese Beschreibung noch
nicht, so mache ich Sie darauf aufmerksam, daß sie ein Windspiel bei
sich an einer dünnen, schwarzen Leine führt. Sie geht nie aus ohne den
Hund. Ich werde auf diesen Posten bleiben und Sie zurückerwarten. Ich
bin Ihnen dankbar für Ihr Anerbieten, ganz abgesehen davon, daß Sie mich
schon Ihrer Anrede halber lebhaft interessieren. Das Gewirr von Menschen
wird wirklich immer größer. Es scheint hier ein Fest zu sein.«

»Ja, ich glaube, es ist so etwas. Ich pflege mich um Feste wenig zu
bekümmern.«

»Warum denn?«

»Man geht so seine eigenen Wege! Auf Wiedersehen!« Damit ging Simon
durch die dichten Menschenmassen so schnell als möglich hindurch. Von
allen Seiten wurde er gedrängt und geschoben, beinahe gehoben. Aber auch
er drängte und er fand es höchst belustigend, so das Gewühl von Leibern
und Gesichtern langsam zu durchqueren. Endlich gelangte er auf eine Art
Insel, das heißt, auf einen kleinen, leeren Platz, und wie er sich
umsah, erblickte er plötzlich Frau Klara. Sie hatte wirklich einen Hund
bei sich. Seit er bei ihr wohnte, hatte er sich nie um die Frau näher
gekümmert, wußte also auch nicht, daß sie die Gewohnheit hatte, mit
ihrem Hund auszugehen.

»Es sucht Sie ein Herr,« sagte er als sie ihn bemerkte.

»Mein Mann wahrscheinlich,« erwiderte sie, »kommen Sie, wir gehen
zusammen. Er ist von der Reise plötzlich zurückgekehrt, ohne mir nur ein
Wort zu schreiben. So macht er es immer. Wie haben Sie seine
Bekanntschaft gemacht? Wie kommen Sie dazu, in seinem Auftrag Damen zu
suchen? Sie sind doch ein sonderbarer Mensch, Simon. Was? Ihre Stellung
haben Sie aufgegeben? Nun, was wollen Sie jetzt unternehmen? Kommen Sie!
Hier durch! Hier ist besser durchkommen. Ich werde Sie meinem Mann
vorstellen.«

                   *       *       *       *       *

Man beschloß, den Abend im Theater zu verbringen. Kaspar wurde davon
benachrichtigt und er fand sich zur bestimmten Stunde vor dem Theater,
das sich als ein weißes, herrliches Gebäude am Ufer des Sees erhob, ein.
Als der Vorhang aufging, sah man nur in einen grauen, leeren Raum hin.
Doch der Raum belebte sich alsobald, denn es erschien eine Tänzerin mit
nackten Beinen und Armen, die zu einer leisen Musik tanzte. Ihr Leib war
von einem durchschimmernden, flatternden, fließenden Gewand umhüllt,
das, so schien es, die Linien des Tanzes noch einmal für sich, in der
schwebenden Luft, nachzeichnete. Man empfand die völlige Unschuld und
Grazie dieses Tanzes und es würde niemandem eingefallen sein, in der
Nacktheit des Mädchens etwas Unkeusches und unrein-Beabsichtigtes zu
finden. Ihr Tanz löste sich oft in ein bloßes Schreiten auf, doch auch
dieses blieb Tanz, und ein anderes Mal wieder schien die Tanzende von
ihren eigenen Wellen in die Höhe erhoben zu werden. Wenn sie zum
Beispiel ein Bein erhob und den schönen Fuß krümmte, so geschah das in
einer so neuen, unbefangenen Weise, daß jedermann dachte: wo habe ich
das einmal gesehen, wo? Oder habe ich das nur irgend einmal geträumt?
Der Tanz dieses Mädchens hatte etwas Schweres und Naturgemäßes. Gewiß,
ihre Kunst war vielleicht, streng nach Ballettregeln genommen, nicht
allzugroß, ihr Können mochte weit zurückbleiben hinter dem Können und
Leisten anderer Tänzerinnen. Aber sie besaß die Kunst, mit ihrer bloßen,
mädchenscheuen Anmut zu entzücken. Wenn sie niederflog, so geschah es so
süß-schwer, und das Emporfliegen zu höherem Schwung berauschte alle
Seelen durch die Wildheit und Unschuld dieser Bewegung. Wenn sie sich
bewegte, war sie auch erregt von dieser ihrer flüchtigen Bewegung, und
ihre Erregung erfand zu den Tönen immer neue Schwingungen. Ihre Hände
glichen zwei schönen weißen, flatternden Tauben. Das Mädchen lächelte,
wenn es tanzte, es mußte glücklich dabei sein. Ihre Kunstlosigkeit wurde
als höchste Kunst empfunden. Einmal flog sie in großen weichen Sprüngen,
wie ein gejagter Hirsch, von einem Takt in den andern. Sie schien wie
ein Wellengesprudel zu tanzen, daß sich an einem niedern Ufer zerschlägt
und verspritzt, bald floß sie wie eine breite, sonnige, machtvolle Welle
dahin, wie eine Welle mitten im See, bald war es wieder wie ein Geriesel
von Flocken und Steinchen, immer war es anders, und immer so seelenvoll.
Die Empfindungen aller Zuschauer tanzten mit Lust und mit Schmerzen mit.
Einigen preßte der Tanz Tränen in die Augen, reine Tränen des
Mit-Entzückens, Mit-Tanzens. Wie schön war es, zu sehen, daß, da das
Mädchen seinen Tanz beendete, bejahrte, ehrfurchtgebietende Frauen sich
stürmisch erhoben, dem Mädchen mit Tüchern zuwinkten und ihr Blumen in
den Bühnen-Abgrund hinabwarfen. »Sei unsere Schwester,« schien aller
Lächeln zu bitten. »Welche Freude, dich meine Tochter, wenn du's
wolltest, zu nennen,« schienen die Damen zu jubeln. Das hundertköpfige
Zuschauerpublikum sah die Kleine auf der einsamen Bühne und vergaß die
Grenze, überhaupt alle Scheidewand. Viele Arme bogen sich, wie wenn sie
hätten liebkosen mögen, in die Luft; die Hände, die zuwinkten, bebten.
Man rief Worte hinab, die die bloße Freude erfand. Selbst die kalten,
goldenen Figuren der Dekoration schienen lebendig werden zu wollen und
den Lorbeer, den sie in den Händen trugen, einmal auf ein Haupt fallen
zu lassen. So schön hatte Simon das Theater noch nie gesehen. Klara war
sehr entzückt, wer hätte es an diesem Abend nicht sein können. Nur Herr
Agappaia blieb still und sagte kein Wort. Kaspar sagte: »Ich will eine
solche Ovation malen, das müßte ein herrliches Bild werden.« »Aber
schwer zu malen,« sagte Simon, »dieser Duft und Glanz der Freude, dieses
Schimmern des Entzückens, das Kalte und Warme, das Bestimmte und
Verschwommene, Farben und Formen in diesem Duft, das Gold und das
schwere Rot, so untergehend in allen Farben, und die Bühne, der kleine
Brennpunkt und das kleine, selige Mädchen darauf, die Kleider der Damen,
die Gesichter der Männer, die Logen und alles andere, wirklich, Kaspar,
es würde sehr schwer sein.«

Klara sagte: »Wenn man jetzt an eine stille Landschaft denkt, da draußen
liegen sie, die Wälder und Hügel und die weiten Wiesen, und man sitzt
hier in einem glitzernden Theater. Wie sonderbar. Vielleicht ist aber
alles Natur. Nicht nur das Große und Stille da draußen, sondern auch das
Bewegliche und Kleine, was die Menschen erschaffen. Ein Theater ist auch
Natur. Was die Natur uns heißt zu bauen, kann auch nur Natur, etwas
freilich wie Abart der Natur sein. Mag die Kultur so fein werden wie sie
will, sie bleibt doch Natur, denn sie ist doch nur die langsame
Erfindung durch Zeiten, und zwar von Wesen, die an der Natur immer
hangen werden. Wenn Sie ein Bild malen, Kaspar, so wird es Natur, denn
Sie malen mit Ihren Sinnen und Fingern und diese haben Sie doch von der
Natur bekommen. Nein, wir tun gut daran, sie zu lieben, immer ihrer
recht zu gedenken, sie, wenn ich so sagen darf, anzubeten, denn irgendwo
müssen die Menschen gebetet haben, sonst werden sie schlecht. Wenn wir
nun lieben, was uns am nächsten ist, so ist das ein Vorteil, der unsere
Jahrhunderte stürmischer vorwärts treibt, der uns mit der Erde
gedankenvoll rollen läßt, ein Vorteil, der uns das Leben schneller und
seliger empfinden macht, den wir also packen und ergreifen müssen,
tausendmal, in tausend Momenten, was weiß ich!« -- -- --

Sie war ganz feurig geworden im Sprechen. »Habe ich auch etwas
Vernünftiges gesprochen?« fragte sie Kaspar.

Kaspar antwortete nicht. Sie waren längst aus dem Theater heraus und
befanden sich auf dem Nachhauseweg.

Simon war mit Herrn Agappaia ein Stück vorausgegangen.

»Erzählen Sie mir etwas,« bat Klara ihren Begleiter.

»Ich habe einen Kollegen, Erwin mit Namen,« erzählte Kaspar, indem er
neben der Frau herging, »er ist wenig talentvoll, oder vielleicht war er
in seiner frühesten Jugend einmal talentvoll. Dagegen ist er noch immer,
trotzdem ihm das Malen nicht den geringsten Erfolg verspricht, wie ein
Satan in seine Kunst verliebt. Alle seine Bilder nennt er schlecht, und
sie sind es auch, aber er arbeitet jahrelang an ihnen. Er kratzt immer
wieder ab und malt von neuem. So die Natur zu lieben, wie er, muß eine
Qual sein und ist eine Schande; denn ein Mann von Vernunft läßt sich
nicht lange von einem Gegenstand, und sei es auch die Natur selber,
foppen und narren und peinigen. Natürlich ist nicht die Kunst seine
Peinigerin, sondern er selber ist sein Quäler mit seiner armseligen
Auffassung von Kunst und Welt. Dieser Erwin liebt mich. Ich malte, als
wir beide Anfänger waren, zusammen mit ihm. Wir tummelten uns auf den
Wiesen herum, unter den Bäumen, die ich immer nur in vollster
prangendster Blütenpracht vor mir sehe, wenn ich an jene »gottvolle«
Zeit denke. Dieses Wort »gottvoll« ist eines, das Erwin in seiner
blinden Überschwenglichkeit geprägt hat, wenn er vor Landschaften stand,
deren Schönheit seine Fassungskraft überstieg. »Kaspar, sieh einmal
diese gottvolle Landschaft,« das hat er, ich weiß nicht wie viel
hundertmal, zu mir gesagt. Schon damals, obgleich er ganz hübsche Bilder
zustande brachte, die mit Talent gemacht waren, kritisierte er sich
bissig und schonungslos. Er vernichtete seine gelungenen Bilder und hob
nur die mißlungenen auf, weil er nur diese als wertvoll empfand. Sein
Talent litt furchtbar unter diesem beständigen Mißtrauen, bis es
schließlich unter solcher schlechter Behandlung eintrocknete und
versiegte wie ein Quell, der von der Sonne verbrannt und ausgesogen
wird. Ich riet ihm öfters, fertige Bilder zu einem bescheidenen Preis zu
verkaufen, aber er hätte mir für diese Zumutung beinahe die Freundschaft
aufgekündet. Über mich verwunderte er sich täglich mehr, wie ich nur so
leicht und ziemlich frivol vor mich hinmalen konnte, aber er achtete
mein Talent, das er zugeben mußte. Er wünschte, ich möchte meine Kunst
mit mehr Ernst betreiben, ich antwortete, daß es bei der Kunstausübung
nur des Fleißes, des fröhlichen Eifers und der Naturbeobachtung bedürfe,
um zu etwas zu kommen, und machte ihn auf den Schaden aufmerksam, den
der übertriebene, heilige Ernst um eine Sache der Sache antun könne und
müsse. Er glaubte mir wirklich, war aber zu schwach, um sich von seinem
verbohrten Ernst, in den er festgebissen war, loszureißen. Dann reiste
ich weg, und bekam die sehnsüchtigsten Briefe von ihm, die voll Trauer
über meine Abreise klangen. Ich sei noch derjenige gewesen, der ihn noch
ein wenig munter erhalten hätte. Ich möchte doch zurückkehren, oder wenn
nicht, so bäte er mich, daß ich ihm erlaube, mir nachzureisen. Er tat es
auch. Er war immer hinter mir wie mein leibeigener Schatten, so oft ich
ihn auch kalt, spöttisch und von oben herab behandelte. Er vermied die
Frauen, ja er haßte sie, denn er befürchtete, von ihnen von der
Heiligkeit seiner Lebensaufgabe abgelenkt zu werden. Infolgedessen
lachte ich ihn aus und es kann sein, daß ich ihn ziemlich verächtlich
behandelt habe. Er malte immer schwerfälliger und war immer versessener
in die Studien. Ich riet ihm, nicht so sehr zu studieren und mehr die
Hand an den Pinsel zu gewöhnen. Er versuchte es und weinte beim Anblick
meines sorglosen In-den-Tag-hinein-Schaffens. Da unternahmen wir
zusammen eine Reise nach meiner Heimat, Sie wissen! Über die breiten
hohen Berge geht es da, in tiefe Täler steil hinunter und sogleich
wieder hinauf. Mir war es ein Spaß zum Handausstrecken, ein Genießen,
ein etwas schnelleres Atmen, eine größere Inanspruchnahme der Beine,
weiter nichts. Erwin kam kaum vorwärts: wirklich, seine Kräfte waren
bereits zerrüttet von der Ausschweifung seines Kunstsehnens. Eines Tages
erblickten wir, es war gegen Abend, auf einer hohen Bergweide stehend,
vor uns, durch Tannengeäst hindurch die drei Seen meiner Heimat. Erwin
schrie bei diesem Schauspiel auf. Es war in der Tat unvergeßlich schön.
Unten klang das Gelärm der Eisenbahnen, und Glocken tönten herauf. Die
Stadt konnte man noch nicht sehen, aber ich wies Erwin mit der
ausgestreckten Hand auf die Stelle, wo sie liegen mußte. Wie die
Gewänder von Fürstinnen lagen blitzend und sanft leuchtend die Seen
ausgebreitet, von edlen Berglinien umschlossen, mit entzückend
zierlichen Uferbildungen, und so weit in der Ferne, und doch so nah.
Noch an diesem Abend rückten wir, verstaubt und ausgehungert, zu Hause
an. Meine Schwester freute sich über den stillen Gast, den ich brachte.
Es mag jetzt etwa drei Jahre her sein. Sie schloß sich mit der Zeit an
ihn an, und ich darf glauben, daß eine stille Liebe zu Erwin in ihr
brannte. Es schmerzte sie, zu sehen, in welcher Weise ich mit ihrem
Schutzbefohlenen umging. Sie bat mich, freundlicher und achtungsvoller
von ihm zu reden, wenn ich von ihm in etwas lustigem Tone sprach. Lange
hielt es der arme Kerl auch nicht aus. Eines Tages nahm er Abschied.
Meiner Schwester hat er einen Spruch ins Tagebuch schreiben müssen. Wie
komisch das alles ist und doch wie tief. Vielleicht hatte er, da er ihr
ins Buch schrieb, die Hand gedankenvoll gestützt, und sich eine Zukunft
mit meiner Schwester ausgedacht. Was versprach ihm die Kunst? Ich hatte
einige Sorge, meine Schwester würde etwas wie eine Szene machen. Aber
sie schaute ihn bloß innig und gütig an beim Abschiednehmen. Er durfte
sie nicht anschauen, er wagte es nicht. Kam er sich vor wie ein
Erbärmlicher? Leicht möglich. Vielleicht glaubte er überhaupt nicht, daß
Mädchen ihn lieben und zum Mann begehren könnten, denn er hatte ein
Muttermal quer über das ganze Gesicht. Aber in meinen Augen hat ihn das
immer veredelt. Ich sah ihn sehr gerne an. Wir reisten, und dann frug er
mich einmal, ob er meiner Schwester schreiben dürfe. »Was geht das mich
an,« rief ich aus. »Schreibe, wenn du Lust hast!« Er ging wieder nach
Hause, in die ganz tote, düstere Umgebung seiner Akademieprofessoren.
Ich bemitleidete ihn, aber trennte mich kalt von ihm, wenigstens zeigte
ich ihm die Kälte, denn es war mir unangenehm, einem Bemitleidenswerten
gegenüber warm zu werden. Er schrieb einige Briefe, die ich nicht
beantwortete, und er schreibt auch jetzt, und auch jetzt antworte ich
nicht. Er hängt zum Verzweifeln an mir. Ist es da nötig, noch zu
antworten? Er ist verloren, er macht absolut keinen Fortschritt. Seine
gegenwärtigen Bilder sind schrecklich. Und doch hat kein Mensch ein so
inniges Bündnis mit mir gehabt wie er, und wenn ich an jene Tage denke,
wo wir zusammen an der Natur hingen! Was geht alles in der Welt vorüber.
Man muß schaffen, schaffen und nochmals schaffen, dazu ist man da, nicht
zum Bemitleiden.«

»Der arme Mensch,« sagte Klara, »ich habe Mitleid mit ihm. Ich möchte,
daß er hier wäre, und wenn er krank wäre, wie gerne möchte ich ihn
pflegen. Ein unglücklicher Künstler ist wie ein unglücklicher König. Wie
tief in der Seele muß es ihn schmerzen, sich so talentlos zu wissen. Ich
kann es mir so gut denken. Armer Kerl. Ich möchte ihm Freundin sein, da
Sie keine Zeit haben, Mitleid mit ihm zu empfinden. Ich hätte Zeit. Was
für arme Menschen gibt es doch auf der Welt!«

Kaspar sagte leise zu ihr und ergriff zum ersten Mal ihre Hand: »Wie gut
Sie sind!« --

Der Wald war tiefschwarz, alles war dunkel, das Haus war ein dunkler
Fleck im Dunkel. Simon und Agappaia warteten auf die beiden andern an
der Haustür.

»Sie kommen nicht. Kommen Sie, wir wollen hineingehen.«

»Ich möchte mich gleich schlafen legen,« sagte Simon.

Als er bereits im Bett lag und die Augen zuschließen wollte hörte er
plötzlich einen Schuß fallen. Erschreckt bis zum äußersten sprang er
auf, riß das Fenster auf und schaute hinaus. »Was ist das,« rief er
hinunter. Aber nur seine eigene Stimme widerhallte vom Walde her. Der
Wald war in eine schauerliche Totenstille gehüllt. Plötzlich vernahm er,
wie unten eine Männerstimme sprach: »Es ist nichts, schlafen Sie.
Verzeihen Sie, daß ich Sie erschreckt habe. Ich pflege des Nachts öfters
im Walde zu schießen, es macht mir Vergnügen, so den Schuß knallen und
widerhallen zu hören. Der eine pfeift gern eine Melodie, um sich, wenn
alles so still um ihn ist, zu zerstreuen. Ich schieße. Tragen Sie
Sorgfalt, daß Sie sich nicht erkälten so am offenen Fenster. Die Nächte
sind jetzt noch kühl. Gleich werden Sie wieder schießen hören und dann
werden Sie sich wohl nicht mehr ängstigen. Ich erwarte noch meine Frau.
Gute Nacht. Schlafen Sie wohl.« Simon legte sich wieder nieder. Dennoch
fand er keinen Schlaf. Die Stimme des Mannes hatte ihm so merkwürdig
geklungen, so ruhig, und das eben war das Eigentümliche. So eisig,
eigentlich ganz gewöhnlich freundlich, aber eben darin lag das Eisige.
Es mußte etwas dahinter stecken. Aber vielleicht kannte er nur dieses
Mannes Gewohnheiten nicht. »Es gibt,« dachte er für sich, »heutzutage ja
sonderbare Käuze genug. Das Leben ist ja so langweilig, das fördert das
Anwachsen der Käuze. Man wird, ehe man es recht weiß, zum seltsamen
Kauz. So mag auch dieser Agappaia gar nichts Wunderliches mehr in seinen
Wunderlichkeiten sehen. Man nennt es einfach Sport und schlägt alle
fremden Gedanken damit nieder. Immerhin, ich will jetzt versuchen, zu
schlafen.« -- aber es kamen andere Gedanken, die alle mit Nächten zu tun
hatten. Er dachte an kleine Kinder, die nicht in dunkle Zimmer zu gehen
wagen, die nicht einschlafen können im Dunkel. Die Eltern prägen den
Kindern die fürchterliche Angst vor dem Dunkel ein und schicken dann zur
Strafe die Unartigen in stille, schwarze Kammern. Da greift nun das Kind
im Dunkel, im dicken Dunkel und stößt nur auf Dunkel. Des Kindes Angst
und das Dunkel kommen ganz gut miteinander aus, aber nicht das Kind mit
der Angst. Das Kind hat soviel Talent, Angst zu haben, daß die Angst
immer größer wird. Sie bemächtigt sich des kleinen Kindes, denn sie ist
etwas so Großes, Dickes, Schweratmendes; das Kind würde zum Beispiel
gern schreien wollen, aber es wagt es nicht. Dieses Nicht-Wagen
vergrößert noch seine Angst; denn etwas Furchtbares muß da sein, wenn
man nicht einmal vor Angst Angstschreie ausstoßen darf. Das Kind glaubt,
jemand horche im Dunkel. Wie schwermütig einen das macht, sich solch ein
armes Kind vorzustellen. Wie die armen Öhrchen sich anstrengen, ein
Geräusch zu erhorchen: nur den tausendsten Teil eines Geräuschleins.
Nichts hören ist viel angstvoller als etwas hören, wenn man schon einmal
im Dunkel steht und hinhorcht. Überhaupt schon: hinhorchen und beinahe
das eigene Horchen hören. Das Kind hört nicht auf, zu hören. Manchmal
horcht es, und manchmal hört es nur, denn das Kind weiß zu unterscheiden
in seiner namenlosen Angst. Wenn man sagt: hören, so wird eigentlich
etwas gehört, aber wenn man sagt: horchen, so horcht man vergeblich, man
hört nichts, man möchte hören. Horchen ist Sache des Kindes, das in eine
dunkle Kammer eingesperrt wird, zur Strafe für Unarten. Denke man sich
jetzt, daß jemand herankäme, leise, fürchterlich leise. Nein, das lieber
nicht denken. Lieber das nicht denken. Derjenige, der das denkt, stirbt
mit dem Kinde vor Schreck. So zarte Seelen haben Kinder, und solchen
Seelen solche Schrecknisse zudenken! Eltern, Eltern, stecket nie eure
unartigen Kinder in dunkle Kammern, wenn ihr sie vorher gelehrt habt,
Angst vor dem sonst so lieben, lieben Dunkel zu empfinden. -- --

Jetzt hatte Simon keine Angst mehr, es möchte noch in dieser Nacht etwas
vorkommen. Er schlief ein, und als er am Morgen erwachte, sah er seinen
Bruder ruhig neben sich im Bett schlafen. Er hätte ihn küssen mögen. Er
zog sich, um den Schlafenden nicht zu wecken, so behutsam wie möglich
an, öffnete leise die Türe und ging die Treppe hinunter. Auf der Treppe
begegnete er Klara. Sie schien schon eine ganze Weile da gewartet zu
haben. Simon hatte jedoch kaum guten Morgen gesagt, als ihn auch schon
die Frau, die heftig bewegt schien, um den Hals faßte und an sich zog
und voll Liebe küßte. »Ich will dich auch küssen, du bist ja sein
Bruder,« sagte sie mit leiser, gepreßter, glückseliger Stimme.

»Er schläft noch,« sagte Simon. Es war seine Gewohnheit, Zärtlichkeiten,
die nicht ihm galten, sanft abzuweisen. Diese Ruhe brachte ihre Seele
erst recht in Bewegung. Sie ließ ihn nicht weitergehen, sondern schloß
ihn fester an sich, indem sie seinen Kopf in ihre beiden Hände nahm und
Küsse auf seine Stirne und auf seine Wangen drückte. »Ich habe dich so
lieb wie einen Bruder. Du bist jetzt mein Bruder. Ich habe so wenig und
so viel, siehst du! Ich habe gar nichts, ich habe alles gegeben. Wirst
du mich meiden? Nein, nicht wahr, nein! Ich besitze dein Herz, ich weiß
es. Ich bin reich mit einem solchen Vertrauten. Du liebst deinen Bruder,
wie keiner ihn liebt. Mit so viel Stärke und Willen. Erzähle mir von
dir. Wie schön kommst du mir vor. Du bist ganz anders, als er. Man kann
dich nicht beschreiben. Er sagte es auch, man könne dich kaum fassen.
Und doch, wie vertrauensvoll wirft man sich dir entgegen. Küsse mich.
Ich bin dein, in dem Sinne, wie dein Herz es will. Dein Herz ist das
Schöne an dir. Sage nur nichts. Ich verstehe, daß man dich nicht
versteht. Du verstehst alles. Du bist gut zu mir, sage, sage ja. Nein,
sage nicht ja. Es ist nicht nötig, ist gar, gar nicht nötig. Deine Augen
haben schon ja gesagt. Ich wußte es schon lange. Ich wußte schon lange,
daß es solche Menschen gäbe, zwinge dich nur nicht zur Kälte. Schläft
er? O nein, gehe noch nicht. Ich muß mich noch ein wenig zanken mit dir.
Ich bin eine dumme, dumme, dumme Frau, nicht wahr.«

In diesem Tone würde sie fortgeredet haben, aber Simon wehrte ihr ab,
ganz sanft, wie es seine Art war. Er sagte, er wolle einen Spaziergang
machen. Sie sah ihm nach, wie er davonging, aber er bekümmerte sich
nicht im geringsten um ihren Blick. »Ich diene ihr, wenn sie mich zu
einem Dienst braucht; selbstverständlich!« sagte er zu sich. »Ich würde
wahrscheinlich mein Leben hinwerfen für sie, wenn es ihr diente zu ihrem
Wohlsein, es zu fordern; sehr wahrscheinlich! Ja, es ist ziemlich
sicher, daß ich das täte, gerade für so eine. Sie hat so etwas
Derartiges. Mit einem Wort: sie beherrscht mich natürlich, aber was ist
da weiter zu grübeln. Ich habe an andere Sachen zu denken. Zum Beispiel
heute morgen bin ich glücklich, ich spüre meine Glieder wie feine,
geschmeidige Drähte. Wenn ich meine Glieder spüre, bin ich glücklich,
und da denke ich an keinen Menschen auf der Welt, weder an ein Weib,
noch an einen Mann, einfach an nichts. Ach, ist das schön hier im Wald
so am sonnigen Morgen. Ist das schön, frei zu sein. Mag jetzt eine Seele
an mich denken, mag sie, oder mag sie nicht, jedenfalls denkt die
meinige an gar nichts. Ein solcher Morgen weckt immer eine gewisse
Brutalität in mir, aber das schadet nichts, im Gegenteil, ist die
Grundlage zum selbstlosen Naturgenuß. Herrlich, herrlich. Wie das Gras
in der Sonne blitzt. Wie der weiße Himmel um die Erde brennt. Es kann ja
auch heute noch kommen, dieses Weichwerden. Wenn ich an jemand denke,
dann tu ich es heftig. Aber köstlicher ist es, so wie ich jetzt bin.
Lieblicher Morgen. Soll ich dir ein Lied singen. Ja, du bist selber ein
Lied. Viel lieber möchte ich schreien und laufen wie der Teufel, oder
Schüsse abknallen wie der dumme Teufel Agappaia.« --

Er warf sich auf die Matte nieder und träumte.




Viertes Kapitel.


An diesem Morgen fuhren Kaspar und Klara in einem kleinen, farbigen Boot
auf dem See. Der See war ganz ruhig wie ein glänzender, stiller Spiegel.
Ab und zu kreuzten sie einen kleinen Dampfer, dann gab es für eine kurze
Zeit breite, sanfte Wellen, und sie durchschnitten diese Wellen. Klara
war in ein ganz schneeweißes Kleid gehüllt, die weiten Ärmel hingen an
den schönen Armen und Händen träge herunter. Den Hut hatte sie
abgenommen: die Haare hatte sie aufgelöst, ganz unabsichtlich, mit einer
schönen Bewegung der Hand. Ihr Mund lächelte zu dem Munde des jungen
Mannes hinüber. Sie wußte nichts zu sagen, sie mochte nichts sagen. »Wie
schön das Wasser ist, es ist wie ein Himmel,« sagte sie. Ihre Stirne war
heiter wie die Umgebung von See, Ufer und wolkenlosem Himmel. Das Blau
des Himmels war von einem duftenden und schimmernden Weiß durchzogen.
Das Weiß trübte ein wenig das Blau, verfeinerte es, machte es
sehnsüchtiger und schwankender und milder. Die Sonne schien halb durch,
wie Sonne in Träumen. Es lag eine Zaghaftigkeit in allem, die Luft
fächelte ihnen um das Haar und das Gesicht, Kaspars Gesicht war ernst,
doch ohne Sorgen. Er ruderte eine Weile stark, dann jedoch ließ er die
Ruder fahren, das Schiff schaukelte ohne Führung weiter. Er bog sich
nach der versinkenden Stadt um, sah die Türme und Dächer in der halben
Sonne leicht glitzern, sah, wie die emsigen Menschen über die Brücken
liefen. Die Karren und Wagen kamen nach, die elektrische Trambahn sprang
mit ihrem eigenartigen Geräusch vorüber. Die Drähte sausten, die
Peitschen knallten, Pfeifen hörte man und große schallende Klänge von
irgend woher. Auf einmal tönten die Elfuhr-Glocken in all die Stille und
in all das ferne, zitternde Geräusch hinein. Sie empfanden beide eine
unaussprechliche Freude am Tag, am Morgen, an den Tönen und Farben. Es
wurde alles zu einem Erfassen, zu einem Ton! Liebende, wie sie waren,
hörten sie alles in einen einzigen Ton überschlagen. Ein Strauß von
einfachen Blumen lag in Klaras Schoße. Kaspar hatte seinen Rock
ausgezogen und ruderte wieder weiter. Da schlug es Mittag, und alle
diese Arbeits- und Berufsmenschen liefen wie ein Haufen von Ameisen nach
allen Straßenrichtungen auseinander. Es wimmelte auf der weißen Brücke
von schwarzen, beweglichen Punkten. Und wenn man daran dachte, daß jeder
dieser schwarzen Punkte einen Mund hatte, mit dem er jetzt das
Mittagessen essen wollte, so mußte man unwillkürlich lachen. Wie so ein
Bild des Lebens einzig sei, empfanden sie, und lachten dabei. Auch sie
kehrten jetzt um, denn schließlich waren sie auch Menschen, die Hunger
bekamen; und je näher sie dem Ufer kamen, desto größer wurden wieder die
Ameisen; und dann stiegen sie aus und waren ebenfalls Punkte, wie die
andern. Aber sie spazierten selig unter den hellgrünen Bäumen auf und
ab. Viele Neugierige schauten sich nach dem seltsamen Paare um: der Frau
in dem langen, nachschleppenden, weißen Gewande und dem Flegel von
Burschen, der nicht mal eine ordentliche Hose trug, der so seltsam frech
abstach von der Dame, die er begleitete. So pflegen sich die Menschen zu
empören und zu irren in ihren Mitmenschen. Auf einmal kam jemand auf
Kaspar lebhaft zugeschritten. Es war in der Tat einer, der Grund hatte,
ihn auf diese Weise zu begrüßen, nämlich Klaus, der seinen Bruder schon
seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Hinter ihm kam die Schwester und
ein anderer Herr, und nun begrüßte sich alles gegenseitig. Der fremde
Herr hieß Sebastian.

                   *       *       *       *       *

Simon saß unterdessen, kaum tausend Schritte weit entfernt, in einer
Speisehalle, einem kleinen Raum, vollgepfropft mit essenden Menschen.
Hier pflegte allerhand Volk zu essen, das billig und schnell essen
mußte. Simon liebte gerade diesen Ort, wo doch jede Bequemlichkeit und
Eleganz durchaus fehlte. Auch hatte er ja mit dem Gelde zu rechnen. Das
Speisehaus war von einer Gruppe von Frauen gegründet, die sich, alle
zusammen gerechnet, Verein für Mäßigkeit und Volkswohl nannten. In der
Tat, wer da hineinging, der mußte mit einem mäßigen und dünnen Essen
zufrieden sein. Meistens waren auch alle zufrieden, wenn man die
kleinen, bornierten Unzufriedenheiten abrechnet. Allen, die hier
verkehrten, schien das Essen zu behagen, das aus einem Teller Suppe,
einem Stück Brot, einer Portion Fleisch, dito Gemüse und einem winzigen
und zierlichen Dessert bestand. Die Bedienung ließ nichts zu wünschen
übrig, als ein wenig mehr Behendigkeit, aber im Grunde genommen war sie
schnell genug in Anbetracht der zahlreichen hungrigen Esser. Jeder bekam
sein Essen frühzeitig genug, auch wenn jeder eine kleine Ungeduld nach
noch frühzeitigerem Verabreichen verspürte. Es war ein immerwährendes
Essen-Austeilen, Essen-In-Empfangnehmen und Essen-Verschlingen. Mancher,
der verschlungen hatte, mochte den Wunsch empfinden, noch nicht soweit
zu sein, und sah neidisch auf solche, die zu erwarten hatten, was doch
eigentlich ganz nett war hinunterzuschlingen. Warum aßen sie so schnell.
Eine absurde Gewohnheit, so schnell sein Essen zu essen. Die Bedienung
bestand aus ganz lieblichen Mädchen aus der ländlichen Umgebung der
Stadt. Eine kurze Zeit waren diese Geschöpfe ziemlich unbeholfen, aber
sie lernten es, abzuwehren und mit dem Ablehnen Zeit zu gewinnen, ganz
dringende, brennende Wünsche zu befriedigen. Wo so viele Wünsche waren,
mußte unter den Wünschen fein unterschieden und gewählt werden. Ab und
zu kam eine der Erfinderinnen dieses Geschäftes, eine der
Wohltäterinnen, und sah sich das Volk an, wie es aß. Eine solche Dame
setzte ihre Lorgnette ans Auge und musterte das Essen und diejenigen,
die es verzehrten.

Simon empfand eine Vorliebe für diese Damen und freute sich immer, wenn
sie kamen, denn es kam ihm so vor, als besuchten diese lieben, gütigen
Frauen einen Saal voll kleiner, armer Kinder, um zu sehen, wie diese
sich an einem Festmahl ergötzten. »Ist denn das Volk nicht ein großes,
armes, kleines Kind das bevormundet und überwacht werden muß?« rief es
in ihm, »und ist es nicht besser, es wird überwacht von Frauen, die doch
vornehme Damen sind und gütige Herzen haben, als von Tyrannen im alten,
freilich heroischeren Sinn?« -- Was aß nicht alles in der Eßstube, zu
einer friedlichen Familie vereint! Studentinnen in erster Linie. Hatten
Studentinnen Zeit und Geld, um im Hotel Continental zu essen? Und dann
Dienstmänner in blauen, leichten Kitteln mit Stiefeln an den Beinen,
großen, borstigen Schnurrbärten und ziemlich eckigen Mäulern im Gesicht.
Was konnten sie dafür, daß sie eckige Mäuler hatten? Mancher im Hotel
Royal hatte gewiß auch ein eckiges Gebaren rund um den Schnurrbart
herum. Freilich war dort das Eckige übertüncht mit einer Rundung, aber
was hatte das wohl zu heißen? Auch Dienstmädchen ohne Stellung waren da,
arme Schreiber, überhaupt Weggejagte, Brotlose, Heimatlose und auch
solche, die nicht einmal eine Adresse besaßen. Ebenso verkehrten hier
Frauen von schlechtem Lebenswandel, Weiber mit seltsamen Frisuren und
blauen Gesichtern, dicken Händen und frechen aber verschämten Blicken.
Alle diese Leute, allen voran natürlich die heiligen Betbrüder, die
ebenfalls zu sehen waren, benahmen sich in der Regel schüchtern und
zuvorkommend. Alle schauten allen ins Gesicht während des Essens; kein
Wort wurde gesprochen, nur hin und wieder ein leises und höfliches. Das
war der sichtbare Segen des Volkswohles und der Mäßigkeit. Etwas
Drolliges, etwas Einfaches, etwas Gedrücktes und wiederum etwas
Befreites lag auf den armseligen Menschen, in ihren Manieren, die bunt
waren wie die Farben eines Sommervogels. Wie mancher benahm sich hier
feiner als der Feinste sonst in vornehmen Häusern. Wer konnte wissen,
wer er war, was er gewesen, vordem, ehe er ins Volksspeisezimmer
gelangte. Würfelte denn nicht das Leben die Schicksale der Menschen
heftig durcheinander wie mit einem Würfelbecher? Simon saß in einer
kleinen Ecke, einer Art Erker, und aß Butter mit Honig, auf ein Stück
Brot zusammengestrichen, und trank eine Tasse Kaffee dazu: »Was brauche
ich mehr zu essen an einem so schönen Tage. Blickt nicht der blaue
Frühsommerhimmel holdselig durch das Fenster auf mein goldnes Essen
herab. Freilich ist mein Essen ein goldenes. Man erblicke nur den Honig:
hat er nicht ein hellgelbes, süßgoldenes Aussehen? Dieses Gold fließt so
angenehm auf dem kleinen, weißen Tellerchen herum, und wenn ich mit dem
spitzen Messer davon absteche, so komme ich mir vor wie ein Goldgräber,
der einen Schatz entdeckt hat. Das Weiß der Butter liegt entzückend
daneben, dann folgt die braune Farbe des wohlschmeckenden Brotes, und
über alles schön ist das Dunkelbraun des Kaffees in der zierlichen,
sauberen Tasse. Gibt es ein Essen auf der Welt, das schöner und
appetitlicher aussehen könnte? Und ich stille meinen Hunger damit ganz
vortrefflich, und was brauche ich mehr, als meinen Hunger zu stillen, um
sagen zu können: ich habe gegessen? Es soll Menschen geben, die sich aus
dem Essen eine Kultur, eine Kunst machen; nun, kann ich das etwa nicht
auch von mir sagen? Freilich! Nur ist meine Kunst eine bescheidene und
meine Kultur eine delikatere, denn ich genieße das Wenige stürmischer
und üppiger als jene das Viele und Nicht-Aufhören-Wollende. Ich ziehe
außerdem nicht gern Mahlzeiten so sehr in die Länge, ich könnte sonst
leicht den Appetit darnach verlieren. Mir liegt daran, immer und immer
wieder Lust zum Essen zu verspüren, deshalb esse ich spärlich und fein.
Außerdem habe ich noch etwas: eine pikante Unterhaltung mit immer neuen
Menschen.«

Kaum hatte Simon dieses gemurmelt oder gedacht, als ein alter Mann in
weißen Haaren sich auf den freien Platz zu ihm hinsetzte. Des alten
Mannes Gesicht war von einer grauen, abgemagerten Blässe, die Nase
tropfte, oder vielmehr, es hing ein großer Tropfen an seiner Nase, der
nicht fallen konnte, der aber doch schwer zum Fallen war. Beständig
glaubte man ihn herunterfallen sehen zu sollen. Aber der Tropfen hing
immer noch. Der Mann bestellte sich einen Teller mit gesottenen
Kartoffeln, sonst weiter nichts, und aß dieselben, indem er mit der
Messerspitze sorgfältig Salz darauf streute, mit umständlichem Behagen.
Aber vorher hatte er die Hände zusammengefaltet, um ein Gebet an seinen
Herrgott zu verrichten. Simon erlaubte sich folgenden kleinen Spaß: er
bestellte heimlich ein Stück Braten bei dem aufwartenden Mädchen und als
das Bratenstück herankam, mußte er über des Mannes Staunen, als es ihm
und keinem andern hingereicht wurde, herzlich lachen.

»Warum beten Sie, bevor sie essen,« fragte Simon einfach.

»Ich bete, weil ich dessen bedarf,« erwiderte der alte Mann.

»Dann freut es mich, Sie beten gesehen zu haben. Ich interessierte mich
bloß, welches Gefühl Sie dazu könnte veranlaßt haben.«

»Man hat viele Gefühle dabei, mein junger Herr! Sie zum Beispiel beten
gewiß nicht. Dazu haben junge Leute von heute keine Zeit und auch kein
Verlangen mehr. Ich kann es begreifen. Wenn ich bete, so fahre ich bloß
in meiner Gewohnheit fort, denn ich habe mir das angewöhnt und es hat
mir Trost gespendet.«

»Waren Sie immer ein armer Mann?«

»Immer.« --

Indem der alte Mann das sagte, erschien in dem dumpfigen, wenngleich
sauberen, so doch armseligen Speiselokal die schöne Gestalt der Frau
Klara. Sämtliche Hände, die eine Gabel, einen Löffel oder ein Messer,
oder den Henkel einer Tasse festhielten, zögerten einen Augenblick, in
ihrem Geschäft fortzufahren. Alle Mäuler sperrten sich auf, alle Augen
hefteten sich fest auf eine Erscheinung, die so wenig geeignet schien,
etwas in diesem Raume zu suchen zu haben. Sie war eine vollendete Dame
und war es in diesem Moment noch viel mehr. Es war gerade, auch für
Simons Augen und Sinne, als wenn sich aus einem offenen, flatternden
Himmel ein Engel loslöse und nun zur Erde niederschwebe und dort irgend
ein dunkles Loch aufsuche, um die Menschen, die dort wohnen, mit seinem
bloßen seligen Anblick zu beglücken. So dachte sich Simon immer eine
Wohltäterin, die hingeht, zu den Elenden und Armen, die nichts besitzen,
als den zweideutigen Vorzug, von Moment zu Moment mit Sorgen wie mit
Ruten gepeitscht zu werden. Klara benahm sich in dem Volkshause, ganz
wie wenn es sich von selber ergäbe, als ein höheres, fernes,
zugeflogenes Wesen aus anderen Grenzen, aus einer andern Schicht und
Welt. Das war ja das Herrliche, Strahlende, das alle diese schüchternen
Menschen veranlaßte, die Augen aufzureißen, mit dem Atem zu kämpfen und
die Hände zu halten mit der andern Hand, daß das Messer nicht herausfiel
vor heftigem Erbeben. Klaras Schönheit gab den Menschen urplötzlich mit
Schmerz etwas zu denken. Es kam ihnen plötzlich allen in den Sinn, was
es noch, außer rauher Arbeit und Kummer um das tägliche Brot, auf der
Welt gäbe. Von dieser Art Gesundheit und völligen, üppigen, lächelnden
Reizes hatten sie alle beinahe keine Vorstellung mehr, so sehr zerfloß
ihnen das Leben in schwarzen, unsauberen Alltäglichkeiten, zerrieb sich
in Sorgen, klammerte sich um Niedrigkeiten. Das alles fiel ihnen jetzt,
wenn vielleicht nicht jedem so deutlich, mit Qualen ein; denn eine Qual
ist es, eine Schönheit zu erblicken, an deren bloßem Duft man sich zu
berauschen meint, die einen tötet, wenn der Gedanke sich dazu versteigt,
mit ihrem Lächeln mitzulächeln. Deshalb machten sie unwillkürlich auch
alle Grimassen, verzerrten ihre Gesichter zu der Frau hinauf, die sie
alle überragte, da alle auf niederen Stühlen, an engen Plätzen
festgeklemmt saßen, während sie, die Hohe, hoch aufrecht stand. Sie
schien jemand zu suchen. Simon hielt sich still in seiner Ecke und
lächelte die Umherblickende unverwandt an. Sie bemerkte ihn lange nicht,
obschon der Raum verhältnismäßig klein war; denn es mochte sie
anstrengen, ihre Augen an das zerwürfelte dunkle, vermischte Bild zu
gewöhnen und Gestalten zu fixieren, die ihre Augen gewohnt waren, sonst
überhaupt nicht zu beachten. Schon wollte sie sich, etwas unwillig
geworden, wieder entfernen, als sie Simon mit einem Blick streifte und
erkannte. »Also hier sitzen Sie, und noch dazu in solch eine Ecke
gedrückt?« sagte sie, und setzte sich mit der größten Freude neben ihn
nieder, auf den Platz zwischen ihrem jungen Freunde und dem alten Mann,
dessen Nase immer noch den großen glitzernden Tropfen trug. Der Greis
schlief. Es war nicht gestattet, in solchen Lokalen zu schlafen, aber es
war ein alltägliches Vorkommnis, daß alte Leute hier, nachdem sie
gegessen hatten, einschliefen, aus einfacher, nicht mehr zu bezähmender
Müdigkeit. Dieser Greis hatte vielleicht eine lange nutzlose
Fußwanderung durch alle Straßen der Stadt hinter sich. Er mochte
vielleicht um Arbeit nachgefragt haben, überall, wo ihn seine Gedanken
nur leise hinweisen konnten. Immer müder geworden, hatte er es
vielleicht trotzdem versucht, etwas an diesem Tag zu erreichen, hatte
seine äußersten Kräfte angespannt, um einen Berg zu erklimmen, denn die
Stadt liegt den Berg hinan, und war dort oben eben so schnell abgewiesen
worden, als hier unten; zog wieder abwärts, den Tod im Herzen, mit
zerbrochenen Kräften, bis hierher. Daß sich der Greis überhaupt
vielleicht, wie man vermuten durfte, noch um Arbeit umgeschaut hatte,
daß er noch den Willen hegte, zu arbeiten, er, der Greis, das nur zu
denken hatte etwas Klägliches und Erschreckendes. Aber man konnte auf
diesen Gedanken sehr wohl kommen. Dieser Greis hatte nirgends eine
Heimat, als hier in diesem Lokal, aber auch hier nur auf Stunden, denn
dann wurde das Lokal geschlossen. Deshalb vielleicht betete er, um dem
furchtbaren Ernst seiner Lage eine leise, besänftigende Melodie zu
verschaffen. Deshalb sagte er: »Ich bedarf des Gebetes.« Also nichts
weniger als Hang zur Frömmelei war es, sondern das überaus traurige
Bedürfnis, eine Hand zu spüren, die ihn liebkosen möchte, eine Kinder-
oder Tochterhand zu fühlen, die leise und trostvoll über seine arme,
zerfaltete Stirne hinstrich. Vielleicht hatte der alte Mann Töchter
gezeugt, -- und nun er selber? Mit solchen Gedanken konnte sich leicht
einer abgeben, der neben dem Alten saß und ihn so schlafen sah, den Kopf
seltsam unbeweglich, die Hände den Kopf stützend. Klara sagte: »Ihr
Bruder ist gekommen, Simon, in der Offiziersuniform, auch Ihre Schwester
und dann noch ein Herr, mit Namen Sebastian.« Darauf bezahlte Simon, was
er schuldig war, und sie gingen zusammen fort. Als sie fortgegangen
waren, bemerkte eines der bedienenden Mädchen den schlafenden Mann, sie
rüttelte und schüttelte ihn und sagte mit komischer Strenge: »Nicht
schlafen da! Sie! Hören Sie nicht? Hier dürfen Sie nicht schlafen!« Da
erwachte der alte Mann.

                   *       *       *       *       *

Es gab einen herrlichen Abend nach diesem Tag. Alle Welt lustwandelte am
schönen Seeufer entlang, unter den breiten, großblättrigen Bäumen. Wenn
man hier, unter so vielen aufgeräumten, leise plaudernden Menschen,
spazierte, fühlte man sich in ein Märchen versetzt. Die Stadt loderte im
Feuer der untergehenden Sonne und später brannte sie, schwarz und
dunkel, in der Glut und Nachglut der Untergegangenen. Die Sonne im
Sommer hat etwas Wundervolles und Hinreißendes. Der See glitzerte im
Dunkel, und die vielen Lichter schimmerten in der Tiefe des stillen
Wassers. Herrlich sahen die Brücken aus; und wenn man über die Brücken
ging, so sah man unten im Wasser die kleinen, dunklen Boote
vorbeischießen; Mädchen in hellen Kleidern saßen in den Nachen, oft auch
erklang aus einem größeren, langsam und feierlich dahinschwebenden,
flachen Boote der warme, zur Nacht stimmende Ton einer Handharfe. Der
Ton verlor sich in Schwarz und tauchte wieder tönend heraus, hell und
warm, dunkel und herzenergreifend. Wie weit klang das einfache
Instrument, von irgend einem Schiffsmann gespielt! Die Nacht schien noch
größer und tiefer dadurch zu werden. Aus der weiten Uferferne
schimmerten die Lichter der ländlichen Ansiedelungen herüber, als wären
sie blitzende, rötliche Steine im dunklen, schweren Gewand von
Königinnen. Die ganze Erde schien zu duften und still zu liegen wie ein
schlafendes Mädchen. Das große, dunkle Rund des nächtlichen Himmels
breitete sich über alle Augen aus, über die Berge und die Lichter. Der
See hatte etwas Raumloses bekommen und der Himmel etwas den See
Umspannendes, Einschließendes und Überwölbendes. Ganze Gruppen von
Menschen bildeten sich. Junge Leute schienen zu schwärmen, und auf allen
Bänken saßen dichtgedrängt ruhende, stille Menschen. Auch an
flatterhaften, stolz kokettierenden Frauen fehlte es nicht und auch
nicht an Männern, die nur diese Frauen im Auge behielten, die hinter
ihnen hergingen, immer etwas zögernd und dann wieder vorstürmend, bis
sie schließlich den Mut oder das Wort fanden, ihre Damen anzusprechen.
Manch einem wurde an diesem Abend der Kopf gewaschen, wie man sich
auszudrücken pflegt.

Simon ging neben Klaus und war glücklich, seinem Bruder, der beständig
fragte und fragte, durch treffende und einfache Antworten die
Überzeugung beizubringen, daß er ein noch durchaus nicht verlorner
Mensch sei. Er sprach mit einem gewissen Stolz und zugleich mit einem
Tone der Demut vor dem reiferen Bruder, der nach manchen Dingen doch wie
ein ungeschultes Kind fragte, aber eine liebevolle Besorgnis an den Tag
legte. Sie sprachen in schönen, langen, gewundenen Sätzen, ganz wie von
selber, und Klaus freute sich über seines Bruders Einsicht in so
manches, wo er zuerst angenommen hatte, daß Simon, seinen Verhältnissen
gemäß, darüber spotten und lachen würde. »Ich habe dich lange nicht für
so ernst gehalten, als wie du dich zeigst!« Simon antwortete: »Es ist
nicht meine Gewohnheit, zu zeigen, daß ich Ehrfurcht vor vielen Dingen
besitze. So etwas pflege ich für mich zu behalten, denn ich denke, was
nützt es, eine ernste Miene aufzusetzen, wenn man vom Schicksal dazu
bestimmt, ich meine, vielleicht dazu erwählt ist, den Narren zu spielen.
Es gibt viele, viele Schicksale, und vor ihnen will ich in allererster
Linie meinen Nacken beugen. Es bleibt nicht anderes zu tun übrig. Im
übrigen soll mir einer kommen mit der Zumutung, verdutzt und mutlos den
Kopf hängen zu lassen. Ich habe es schon Verschiedenen gesagt, wie es in
dieser Beziehung mit meinem Inneren steht.« -- Wenn Simon so sprach,
redete er in fließenden Sätzen und mit richtiger Betonung, aber völlig
ruhig und freundlich, so daß Klaus diese Aussprüche nicht als Weltgroll
empfand, sondern als ein gewisses Suchen in seines jungen Bruders Seele
nach Klarlegung seines eigenen Zustandes in Beziehung zur Welt. Er
überzeugte sich davon, daß Simon tüchtige Eigenschaften besaß, aber er
fürchtete ein bißchen, daß diese Eigenschaften nur oberflächlich,
scheinbar nur spielend und lockend und tanzend ihn umgaben, während er
wünschte, sie möchten in ihm stecken. Im Feuer der Rede redete sich
solch eine Seele ja so leicht in eine Welt der Bravheit und schönen
Tüchtigkeit hinein, um sich daran selber für Stunden zu berauschen,
namentlich in Augenblicken des Wiedersehens seit langer Zeit. Dennoch
hatte Klaus Freude an seinem Bruder und sprach mit sichtlichem Vergnügen
allerhand Schönes und Tröstendes zu ihm. Hinter ihnen, in einiger
Entfernung, gingen, eng aneinander gedrängt, Klara und Kaspar. Der Maler
war berauscht von der Schönheit und von der Musik der Nacht. Er
phantasierte von Pferden, die durch nächtliche Gärten galoppierten,
schöne, schlanke Reiterinnen tragend, deren Röcke am Boden mit den Hufen
der Pferde spielten. Dann lachte er über alles mit einem frechen,
unbändigen Lachen, über die Menschen, über die Landschaft, einfach über
alles, was ihm vor das Auge kam. Klara versuchte gar nicht, ihn zu
besänftigen, im Gegenteil, sie hatte Freude an dieser Ungebundenheit
eines schönen Geistes. Wie liebte sie das Jugendliche, das Freche, ja
sogar das Sich-Überhebende in dieser Knabennatur, die sich
hinüberarbeitete zur Mannesnatur. Er mochte das Tollste schwatzen, das
ihr wahrscheinlich aus dem Munde eines anderen würde lächerlich und
blöde geklungen haben, aber an ihm liebte sie es. Was hatte dieser
Mensch, daß sie ihn so ohne Bedingung schön finden mußte, in allen
Lagen, in jeder Gebärde, im Benehmen, Tun, Lassen, Reden und
Stillschweigen? Er schien ihr allen übrigen Menschen gewachsen, allen
andern Männern überlegen zu sein, und er war kaum ein Mann. Sein
Schritt, wie sollte sie sagen, hatte für sie etwas Läppisches und
zugleich Gebietendes. Der ganze junge Mensch nicht die Spur des
Aufgeregtseins und doch etwas Schüchternes, Dummes, Tief-Kindliches. So
gelassen und so schnell in Flammen! Sie sah, wie seine Haare im Dunkel
hell hervorleuchteten, jugendlich und wellenhaft. Dazu sein Schritt und
das Tragen des Kopfes mit solchem bescheidenen, fragenden, sinnenden
Stolz. Wie dieser Jüngling träumen mußte, wenn er an jemand dachte.
Kaspar war stiller geworden. Sie sah ihn immer an, immer! Hier, in
dieser Nacht voll umherwandelnder Menschen war es schön, zum vergehen
schön, ihn anzuschauen. Ihn anzuschauen, das fand sie schöner, als ihn
küssen. Seinen Mund sah sie schmerzvoll geöffnet; gewiß dachte er weiter
nichts, nein, gar keine Rede; es war eben nur die Stellung der Lippen,
die den Eindruck des Schmerzlichen hervorrief. Seine Augen waren kalt
und ruhig in die Ferne gerichtet, als wüßten sie dort Besseres zu sehen.
Sie schienen zu sprechen: »Wir, wir sehen Schönes; quält euch doch
nicht, ihr andern Menschenaugen, ihr werdet es ja doch nie sehen, was
wir sehen!« Seine Augenbrauen bogen sich entzückend leicht und wie
besorgt, als wenn sie Engel gewesen wären, über ihre Kinder, die Augen,
die so aussahen und in die Welt blickten, als könnten sie jeden
Augenblick verletzt werden. »Gewiß, eines jeden Menschen Auge ist leicht
verletzbar, aber wenn ich seine betrachte, so tut es mir auf einmal so
weh, so, als sähe ich sie schon von Splittern verletzt. Sie sind so
groß, treten so weit hervor, scheinen sich um nichts zu kümmern, sind so
achtlos und immer so groß geöffnet; wie leicht können sie verletzt
werden!« jammerte sie. Sie wußte nicht einmal, ob er sie liebte, aber
was machte das aus, sie, sie liebte ihn ja, das genügte, ja, das mußte
so sein, sie war dem Weinen nahe. Da kamen Simon und Klaus
zurückgegangen, um die andern aufzusuchen. Klara beherrschte sich, so
gut sie konnte, nahm Simon beim Arm und ging mit ihm voraus. »Laß mich
in deine Augen sehen, du hast so schöne Augen, Simon, Augen, in deren
Anblick man liegt wie im Bett, wenn alles beruhigt ist und man betet,«
sprach sie zu ihm.

Klaus und Kaspar gingen schweigend. Sie wollten einander nicht mehr
verstehen, seit vor ein paar Jahren ein kleiner Zwist zwischen ihnen
ausgebrochen war, und seither hatten sie sich nie mehr gesehen und auch
nie geschrieben. Klaus nahm sich das sehr zu Herzen, während Kaspar es
einfach als eine Art Notwendigkeit hingehen ließ. Er sagte sich, daß es
ganz in der Ordnung der Dinge liege, einmal auch von einem Bruder nicht
begriffen zu werden. Er mochte nicht den Kopf zurückwenden nach
vergangenen Angelegenheiten, die er übrigens, eben weil sie vorüber
waren, als für weiterer Gedanken nicht wert hielt. Seine Art war,
geradeaus zu marschieren; er hielt das Zurückblicken auf alte
Beziehungen für schädlich. Nun fing, da ihm das Schweigen Kaspar
gegenüber unerträglich wurde, Klaus an, von der Kunst des Bruders zu
sprechen und ermunterte ihn, doch einmal nach Italien zu gehen, um da
die gehörige Reife als Künstler zu erlangen.

Kaspar rief aus: »Lieber will ich gleich vom Teufel geholt werden! Nach
Italien! Warum nach Italien? Bin ich krank, und soll ich etwa gesund
werden in dem Lande der Orangen und Pinien? Was brauche ich denn nach
Italien zu gehen, wenn ich hier sein kann und es mir hier ganz gut
gefällt? Könnte ich in Italien vielleicht Besseres tun, als malen, und
kann ich etwa hier nicht malen? Du meinst, weil es so schön in Italien
ist, müsse ich dahin gehen. Ist es denn etwa hier nicht schön genug?
Kann es dort schöner sein, als hier, da, wo ich bin, wo ich schaffe, wo
ich tausend Schönheiten sehe, die fortleben, wenn ich längst vermodert
bin? Ist es möglich, nach Italien zu gehen, wenn man schaffen will? Sind
in Italien die Schönheiten schöner als hier? Sie sind vielleicht nur
anspruchsvoller, und eben deshalb will ich sie lieber gar nicht sehen.
Wenn ich in sechzig Jahren so weit bin, eine Welle oder eine Wolke,
einen Baum oder ein Feld malen zu können, so wollen wir sehen, ob es
klug getan war, nicht in Italien gewesen zu sein. Kann mir etwas
entgehen, diese Tempelsäulen, diese Allerweltsrathäuser, diese Brunnen
und Bogen, diese Pinien und Lorbeerbäume, diese italienischen Trachten
und Prachtbauten nicht gesehen zu haben? Muß man mit den Augen denn
alles auffressen wollen? Ich könnte jedesmal außer mir geraten, wenn man
mir zumutet, die Absicht zu haben, in Italien ein besserer Künstler zu
werden. Italien, das ist unsere Falle, in die wir hineinpatschen, wenn
wir turmhoch dumm sind. Kommen die Italiener zu uns, wenn sie malen oder
dichten wollen? Was nützt es mir, wenn ich mich an vergangenen Kulturen
berausche? Habe ich damit meinen Geist, wenn ich ehrlich mit mir
abrechnen will, bereichert? Nein, ich habe ihn bloß verpfuscht und feige
gemacht. Mag eine alte, untergegangene Kultur noch so herrlich gewesen
sein, mag sie immerhin die unsrige an Stärke und Pracht überragen, so
schnüffle ich deshalb noch lange nicht wie ein Maulwurf darin herum,
sondern betrachte sie eben, wenn es angeht und es mir Spaß macht, aus
Büchern, die mir zu jeder Zeit zu Diensten sind. So sehr schätzenswert
ist übrigens das Verlorene und Vergangene niemals; denn ich erblicke
rund um mich, in unserer oft als so unschön und unhold verschrieenen
Gegenwart Bilder die Menge, die mich entzücken, und Schönheiten, beide
Augen zum Überfließen voll. Ich könnte zornig werden und aus der Haut
fahren bei dieser Italienraserei, die etwas seltsam Beschämendes für uns
ist. Es kann sein, daß ich mich irre, aber keine zwanzig borstigen
Teufel, und wenn sie die Luft neben mir verpesteten und ihre
scheußlichen Gabeln schwenkten, brächten mich nach Italien.«

Klaus wurde betroffen und traurig über Kaspars Heftigkeit, die Dinge zu
messen. So war er immer gewesen, und auf diese Art konnte es nicht
vorauszusehen sein, wie man in eine ersprießliche Verbindung mit ihm
treten könnte. Er schwieg und reichte ihm die Hand; denn man war vor der
Wohnung Klausens angekommen.

In seinem einförmigen Zimmer angekommen, sagte er sich: »So habe ich ihn
nun zum zweiten Male verloren, durch eine ganz unschuldige, gutgemeinte,
aber in der Tat etwas unvorsichtige Äußerung. Ich kenne ihn zu wenig,
das ist alles, und ich werde ihn vielleicht nie kennen lernen. Unsere
Lebensläufe sind zu verschieden. Aber vielleicht führt uns ein anderes
Mal die Zukunft, die man ja nie ergründet, zusammen. Man muß warten und
es ertragen, langsam ein reiferer, besserer Mensch zu werden.« Er kam
sich so einsam vor und beschloß, bald wieder abzureisen, an seinen
Wirkungsort zurück.




Fünftes Kapitel.


Sebastian war ein junger Poet, der seine Verse von einer kleinen Bühne
herab dem Publikum vortrug. Er pflegte sich dabei durch sein Ungestüm
immer ein wenig lächerlich zu machen. Er war in jungen Jahren seinen
Eltern durchgebrannt, hatte mit sechzehn Jahren in Paris gelebt und war
mit zwanzig zurückgekommen. Sein Vater war Musikdirektor in der kleinen
Stadt, wo auch Hedwig, die Schwester der drei Brüder, zu Hause war. Dort
trieb Sebastian ein merkwürdig tagediebisches Wesen, saß oder lag
tagelang in einer hochgelegenen, verstaubten Kammer, ausgestreckt auf
einem schmalen Bett, in dem er des Nachts schlief, ohne sich die Mühe zu
nehmen, es für den Schlaf in Ordnung zu bringen. Seine Eltern hielten
ihn für verloren und ließen ihn tun, was er wollte. Geld gaben sie ihm
nicht, denn sie hielten es für unangebracht, mit Geldspenden den
Ausschweifungen ihres Sohnes entgegenzukommen, denen sie ihn ausgesetzt
wußten. Zu einem ernsthaften Studium war Sebastian nicht mehr zu
bewegen; er trieb sich, irgend ein Buch unter dem Arm oder in der
Tasche, auf den Bergen, in den Wäldern umher, kam oft mehrere Tage lang
nicht nach Hause, übernachtete, wenn das Wetter nur einigermaßen es
gestattete, in verfallenen, von keinem Menschen, nicht einmal von wilden
und rauhen Hirten benutzten Hütten, auf Weiden, die dem Himmel näher
lagen als irgend einer menschlichen Zivilisation. Er trug immer
denselben zerschossenen Anzug aus hellgelbem Tuch, ließ sich den Bart
wachsen, legte aber sonst sehr viel Wert darauf, angenehm und sauber zu
erscheinen. Seine Fingernägel pflegte er mehr als seinen Verstand, den
er einfach verwildern ließ. Er war schön, und da es bekannt war, daß er
dichtete, so verbreitete sich um seine Person ein halb lächerlicher,
halb wehmütiger Zauberschein, und es gab viele vernünftige Menschen in
der Stadt, die den jungen Mann aufrichtig bemitleideten und sich seiner,
wo sie nur konnten, aufs herzlichste annahmen. Man lud ihn, da er ein
vortrefflicher Gesellschafter war, öfters zu Abendgeselligkeiten ein,
und entschädigte ihn solchermaßen ein wenig dafür, daß ihm die Welt
weiter keine Aufgaben stellte, die seinen Drang nach Betätigung hätten
befriedigen können. Sebastian besaß in hohem Grade diesen Drang, aber er
war zu sehr aus dem Geleise des allgemein gültigen und vorgeschriebenen
Strebens hinausgekommen. Er strebte vielleicht zu wild, und nun, da er
einsah, daß sein Streben ihm nichts half, mochte er gar nicht mehr
streben. Er spielte seine eigenen Lieder, die er gedichtet hatte, auch
auf der Laute und sang mit angenehmer, weicher Stimme dazu. Das einzige
Unrecht, allerdings ein großes, das man ihm angetan hatte, bestand
darin, daß man ihn, schon als Schulknaben, verhätschelte und ihm half,
sich einzubilden, daß er so etwas wie ein genialer Bursche sei. Wie
bohrte sich solch eine stolze Einbildung in das empfängliche Knabenherz
hinein! Erwachsene Frauen bevorzugten den Umgang mit dem frühreifen,
allesverstehenden Knaben, der ihnen einen unvergleichlichen Reiz
einflößte, auf Kosten seiner eigenen menschlichen Entwicklung. Sebastian
pflegte oft zu sagen: »Meine Glanzzeit liegt längst hinter mir.« Es war
schrecklich, einen so jungen Mann so sprechen zu hören. In der Tat, was
er auch machte, bezweckte, einleitete und tat, er tat es mit müdem,
kaltem, halbem Herzen, und so tat er eben nichts, er spielte bloß noch
mit sich. Hedwig sagte einmal zu ihm: »Sebastian, hören Sie, ich glaube,
Sie weinen oft über sich selber.« Er nickte mit dem Kopf und bestätigte
es. Hedwig bemitleidete ihn und steckte ihm manchmal etwas an Geld oder
dergleichen zu, um ihm das Leben etwas freundlicher zu machen. So nahm
sie ihn auch diesmal auf die kleine Reise mit, zu ihren Brüdern. An dem
Abend, an dem Klara so selig war, Klaus traurig und einsam, Simon
glücklich, Kaspar aufgebracht und übermütig, wandelten die beiden,
Hedwig und ihr Poet, langsam und stillschweigend, ebenfalls am Ufer
entlang. Was konnte man sprechen; so schwieg man eben. Kaspar kam ihnen
entgegen:

»Wie ich höre, arbeiten Sie an einem Gedicht, das den Inhalt Ihres
Lebens widerspiegeln soll. Wie können Sie ein Leben wiedergeben wollen,
wo Sie doch kaum eines erlebt haben. Sehen Sie sich einmal an: wie stark
und jung Sie sind, und das will sich hinter den Schreibtisch verkriechen
und in Versen sein Leben besingen. Machen Sie das, wenn Sie fünfzig alt
sind. Ich finde es übrigens beschämend für einen jungen Mann, Verse zu
verfertigen. Das ist keine Arbeit, sondern nur ein Schlupfwinkel für
Müßiggänger. Ich wollte nichts sagen, wenn Ihr Leben fertig und
abgeschlossen wäre durch irgend ein großes besänftigendes Erlebnis, das
den Menschen berechtigt, Rückschau zu halten auf Fehler, Tugenden und
Verirrungen. Sie aber scheinen noch nie gefehlt zu haben und scheinen
auch noch nie eine gute Tat begangen zu haben. Dichten Sie erst, wenn
Sie als Sünder oder als Engel dastehen. Dichten Sie lieber überhaupt gar
nicht.« --

Kaspar hatte keine gute Meinung von Sebastian; deshalb machte er sich
auch über ihn lustig. Für tragische Menschen fehlte ihm überhaupt jedes
Verständnis, oder vielmehr, weil er sie zu leicht und zu gut verstand,
achtete er sie nicht. Überdies befand er sich heute abend in einer
diabolischen Laune.

Hedwig ergriff für den armen Beleidigten, der sich nicht wehren konnte,
das Wort: »Das war nichts weniger als schön gesprochen von dir, Kaspar,«
rief sie ihrem Bruder mit der Wärme, die ihr die Lust an der
Verteidigung gab, zu, »und nichts weniger als klug. Es macht dir Freude,
einen Menschen zu verletzen, den alle Menschen um seines Unglücks willen
schonen und achten sollten. Lache, so viel du willst. Du bereust doch,
was du gesagt hast. Kennte ich dich nicht so genau, so müßte ich dich
für einen rohen Burschen halten, für einen Quäler. So gut man einen
armen Menschen, einen Wehrlosen, peinigen kann, so gut kann man auch ein
armes Tier quälen. Wehrlose reizen nur zu leicht in den Starken die Lust
am Schmerzzufügen. Sei doch froh, wenn du dich stark fühlen kannst und
laß Schwächere in Frieden. Es wirft einen schlechten Schein auf deine
Stärke, wenn du sie mißbrauchst, um Schwache zu plagen. Warum genügt es
dir nicht, auf festen Füßen zu stehen, mußt du deinen Fuß noch auf den
Nacken von Schwankenden und Suchenden setzen, daß sie noch mehr irr an
sich werden und hinab, ganz hinab taumeln in die Wellen des
An-Sich-Selbst-Verzweifelns? Müssen denn Selbstvertrauen, Mut, Stärke
und Zielbewußtheit immer die Sünde begehen, roh und mitleidlos und so
taktlos gegen die andern zu verfahren, die ihnen doch gar nicht im Wege
sind, die dastehen und begierig auf die Töne des Ruhmes, der Achtung und
des Erfolges horchen, die andern gelten? Ist es edel und gut, eine sich
sehnende Seele zu beleidigen? Dichter sind so leicht verletzbar; o man
verletze nie die Dichter. Übrigens spreche ich jetzt gar nicht von dir,
Kasparchen; denn was bist du denn schon so Großes in der Welt? Auch du
bist vielleicht noch nichts und hast keine Ursache, Menschen zu
verhöhnen, die ebenfalls noch nichts sind. Wenn du mit dem Schicksal
ringst, so laß doch andere, so wie sie's eben verstehen, auch ringen.
Ihr seid beide Ringende und bekämpft euch? Das ist sehr töricht und
unklug. Es gibt für euch beide, durch allerhand Tücken und Verirrungen
und Verheißungen und Mißerfolge in eurer Kunst Schmerzen genug, müßt ihr
es da darauf abgesehen haben, euch noch mehr Schmerz zuzufügen? Ich
würde in Wahrheit Bruder zu einem Dichter sein, wenn ich ein Maler wäre.
Man blicke auch nie zu früh verächtlich auf einen Fehlenden oder
scheinbar Trägen und Tatlosen hernieder. Wie schnell kann sich aus
langen, dumpfen Träumen seine Sonne, seine Dichtung erheben! Nun dann:
wie stehen dann die voreiligen Verächter da? Sebastian ringt ehrlich mit
dem Leben, schon das sollte ein Grund zur Achtung und Liebe sein. Wie
kann man sich über sein weiches Herz lustig machen? Schäm' dich nur,
Kaspar, und gib mir nie wieder Anlaß, wenn du eine Spur von Liebe für
deine Schwester hegst, mich so über dich zu ereifern. Ich tu es nicht
gern. Ich schätze Sebastian, weil ich weiß, daß er den Mut hat, seine
vielen Fehler einzugestehen. Übrigens, das ist alles geschwatzt und
wieder geschwatzt, du kannst ja gehen, wenn es dir nicht paßt, mit uns
zu gehen. Was machst du nun für ein Gesicht, Kaspar! Weil dir ein
Mädchen, das den Vorzug genießt, deine Schwester sein zu dürfen, einen
Vortrag hält, willst du böse sein? Nein, sei es nicht. Bitte. Und du
darfst dich ja gewiß auch über den Dichter lustig machen. Warum nicht.
Ich nahm es zu ernst vorhin. Vergib mir.« --

Ein feines, schüchternes, aber zärtliches Lächeln spielte im Dunkeln um
Sebastians Lippen. Hedwig machte sich mit dem Bruder solange
schmeichelnd zu schaffen, bis er wieder heiter wurde. Er gab dann eine
komische Nachahmung ihrer schwungvollen Rede zum besten, daß alle drei
in ein schallendes Gelächter ausbrachen. Sebastian namentlich krümmte
sich vor Lachen. Allmählich war unter den Bäumen alles still und leer
geworden; die Menschen waren in ihre Häuser zurückgegangen, die Lichter
träumten, aber es waren viele Lichter gelöscht worden, die Ferne
glitzerte nicht mehr. Dort, auf dem ländlichen Boden, schien man die
Lichter früher zu löschen; die fernen Berge lagen jetzt wie tote,
schwarze Körper, aber noch gab es einzelne Menschenpaare, die nicht heim
gingen, sondern die Absicht zu haben schienen, die ganze Nacht unter dem
Himmel plaudernd und wachend zu verbringen.

                   *       *       *       *       *

Simon und Klara saßen, in stille, lange Gespräche versunken, auf einer
Bank. Sie hatten sich so viel zu sagen, hätten eigentlich endlos
plaudern mögen. Klara würde immer über Kaspar gesprochen haben und Simon
immer über die, die neben ihm saß. Er hatte eine seltsame, freie, offene
Manier, über Menschen zu reden, die gerade seine Gefährten waren, die
neben ihm saßen oder standen und ihm zuhorchten. Es kam von selber, er
fühlte immer für die am stärksten, die ihn zum Sprechen veranlaßten, und
sprach infolgedessen über sie und nicht über Abwesende. Klara dachte nur
an den Abwesenden. »Quält es dich nicht,« fragte sie, »daß wir nur über
ihn sprechen?« »Nein,« erwiderte Simon, »seine Liebe ist die meine. Ich
habe mich immer gefragt, wird nie einer von uns lieben? Ich betrachtete
es immer als etwas Wundervolles, für das wir beide zu schlecht wären.
Ich las viel in Büchern über Liebe, ich liebte immer die Liebenden.
Schon als Schulknabe lag ich über solchen Büchern stundenlang gebeugt
und bebte und zitterte und erschrak mit meinen Liebenden. Da war fast
immer eine stolze Frau und ein noch unbeugsamerer Charakter von Mann,
ein Arbeiter in der Bluse oder ein simpler Soldat. Die Frau war immer
eine vornehme Dame. Für ein Liebespaar von einfachen Leuten hätte ich
damals keinen Sinn gehabt. Meine Sinne wuchsen mit diesen Büchern auf
und gingen darin unter, wenn ich das Buch schloß. Dann kam ich ins Leben
und vergaß das alles. Ich biß mich in Freiheitsgedanken fest, aber ich
träumte davon, eine Liebe zu erleben. Was nützt es mir, böse zu sein,
daß die Liebe nun da ist und nicht mir gilt? Wie kindisch. Beinahe bin
ich sogar froh, daß sie nicht mich will, sondern einen andern, ich
möchte sie zuerst gesehen haben und sie erst dann erleben. Doch ich
erlebe sie nie. Ich glaube, das Leben will anderes von mir, hat anderes
mit mir vor. Es läßt mich alles lieben, was es nur an Erscheinungen mir
zuwirft. Ich darf dich doch lieben, Klara, auf andere, vielleicht
dümmere Weise. Ist es nicht dumm, daß ich so genau weiß, daß ich, wenn
du es willst, sterben könnte für dich, sterben wollte? Kann ich nicht
sterben für dich? Ich würde es ganz selbstverständlich finden. Ich lege
keinen Wert auf mein Leben, nur Wert auf anderer ihr Leben, und trotzdem
liebe ich das Leben, aber ich liebe es deshalb, weil ich hoffe, daß es
mir Gelegenheit verschafft, es anständigerweise wegzuwerfen. Nicht wahr,
das ist töricht gesprochen? Laß mich deine beiden Hände küssen, damit du
die Empfindung hast, daß ich dir angehöre. Natürlich bin ich nicht dein
und du wirst nie etwas von mir verlangen wollen, denn was könnte dir
einfallen, von mir zu verlangen. Aber ich liebe Frauen von deinem
Schlag, und einer Frau, die man liebt, macht man gerne ein Geschenk, und
so schenke ich dir mich, weil ich kein besseres Geschenk weiß. Ich kann
dir vielleicht nützlich sein, ich kann springen für dich mit diesen
meinen Beinen, ich kann den Mund halten, wo du wünschen solltest, daß
einer für dich schweigen möchte, ich kann lügen, wenn du in den Fall
kommst, dich eines schamlosen Lügners bedienen zu müssen. Es gibt edle
Fälle dieser Art. Ich kann dich tragen in meinen Armen, wenn du umfallen
solltest, und ich kann dich über Pfützen heben, damit du deinen Fuß
nicht beschmutzest. Sieh einmal meine Arme an. Kommen sie dir nicht vor,
als höben, als trügen sie dich schon? Was würdest du lächeln, wenn ich
dich trüge, und ich würde ebenfalls lächeln, denn ein Lächeln, wenn es
kein unzartes ist, zwingt immer das andere hervor. Dieses Geschenk, das
ich dir mache, ist ein bewegliches und ewiges; denn der Mensch, auch der
simpelste, ist ewig. Ich werde dir noch angehören, wenn du längst nichts
mehr bist, nicht einmal ein Stäubchen; denn das Geschenk überdauert
immer den Beschenkten, damit es trauern kann, das es seinen Besitzer
verloren hat. Ich bin zum Geschenk geboren, ich gehörte immer jemandem
an, es verdroß mich, wenn ich einen Tag lang umherirrte und niemanden
fand, dem ich mich anbieten konnte. Nun gehöre ich dir an, obgleich ich
weiß, daß du dir wenig machst aus mir. Du bist gezwungen, dir wenig aus
mir zu machen. Geschenke pflegt man bisweilen zu verachten. Ich zum
Beispiel, wie verächtlich denke ich in meiner Seele von Geschenken. Ich
hasse förmlich das Beschenktwerden. Deshalb will es auch das Schicksal,
daß mich niemand liebt; denn gut und allsehend ist das Schicksal. Ich
würde Liebe nicht ertragen können, denn ich kann Lieblosigkeit ertragen.
Den darf man nicht lieben, der lieben will, sonst würde man ihn nur
stören in seiner Andacht. Ich möchte nicht, daß du mich liebtest. Und
sieh, daß du den andern liebst, macht mich so glücklich; denn nun,
versteh mich, gibst du mir die Bahn frei, dich lieben zu dürfen. Ich
liebe Gesichter, die sich von mir ab, einem andern Gegenstand zu wenden.
Die Seele, die eine Malerin ist, liebt diesen Reiz. Ein Lächeln ist so
schön, wenn es über eine Lippe geht, die man ahnt, nicht sieht. So wirst
du mir gefallen. Glaubst du, daß du nicht nötig hättest, mir zu
gefallen? Doch jetzt fällt es mir ein: Du brauchst mir nicht zu
gefallen, du hast es wirklich nicht nötig; denn ich bin dir gegenüber
keines Urteils fähig, höchstens einer Bitte; doch ich weiß nicht mehr,
was ich rede.«

Klara weinte über seine Erklärung. Sie hatte ihn längst nahe zu sich
herangezogen und befühlte mit ihren schönen Händen, die von der
Nachtluft kühl geworden waren, seine brennenden Wangen. »Was du mir da
sagtest, hättest du gar nicht zu sagen brauchen, ich wußte es ja doch,
wußte es ja doch, wußte -- es -- ja -- doch.« -- Ihre Stimme nahm
diejenige Zärtlichkeit an, die man anwendet, wenn man Tieren, denen man
ein bißchen weh getan hat, wieder Liebe und Zutraulichkeit einflößen
will. Sie war glücklich, und ihre Stimme lispelte in den langgezogenen
und hohen Tönen der Freudigkeit. Ihr ganzer Körper schien mitzusprechen,
als sie sagte: »Du tust so gut daran, mich zu lieben, jetzt, da ich
lieben muß. Ich werde jetzt noch einmal so freudig lieben. Vielleicht
werde ich einmal unglücklich sein, aber mit welcher Wonne werde ich
unglücklich sein. Es macht uns Frauen nur einmal im Leben Freude,
unglücklich zu sein, aber wir verstehen es, das Unglück auszukosten.
Aber wie kann ich von Schmerzen zu dir sprechen. Sieh, es empört mich
bereits, davon nur gesprochen zu haben. Wie kann ich es wagen, dich bei
mir zu haben und nicht an mein Glück zu glauben? Du machst einen
glauben, du machst, daß man glauben darf. Bleibe immer mein Freund. Du
bist mein süßer Knabe. Deine Haare gleiten durch meine Hände, und dein
Kopf voll so unergründlicher Gedanken der Freundschaft liegt mir im
Schoße. Ich komme mir schön vor so; du machst mich das empfinden. Du
mußt mich küssen. Auf meinen Mund mußt du mich küssen. Ich will eure
Küsse vergleichen, Kaspars und deine. Ich will denken, daß er mich küßt,
wenn du mich küssest. Ein Kuß ist doch etwas Wundervolles. Wenn du mich
jetzt küssest, küßt mich eine Seele, kein Mund. Hat dir Kaspar gesagt,
wie ich ihn geküßt habe und wie ich ihn bat, daß er mich küssen solle?
Er muß anders küssen, er soll küssen lernen wie du, doch nein, warum
sollte er küssen wie du? Er küßt so, daß ich ihn gleich wieder küssen
muß, du küssest so, daß man sich noch einmal von dir küssen läßt, so,
wie du es jetzt tust. Behalte mich lieb, sei immer so lieb, und küsse
mich noch einmal, daß ich, wie du vorhin gesagt hast, die Empfindung
habe, daß du mir angehörst. Ein Kuß macht das so verständlich. Wir
Frauen wollen so belehrt werden. Du verstehst Frauen eigentlich sehr
gut, Simon. Man sollte es dir nicht anmerken. Komm nun, wir wollen
gehen!«

Sie erhoben sich, und als sie eine Weile gegangen waren, trafen sie auf
die drei andern. Hedwig nahm Abschied von ihren Brüdern und Frau Klara.
Sebastian begleitete das Mädchen. Als die beiden sich entfernt hatten,
fragte Klara Kaspar leise: »Darfst du deine Schwester der Begleitung
dieses Herrn anvertrauen?« Kaspar antwortete: »Würde ich es tun lassen,
wenn ich es nicht ruhig dürfte?«

Als sie nach Hause kamen, hörten sie im Wald einen Schuß fallen. »Er
schießt wieder,« sagte leise Klara. »Was will er mit seinem Schießen?«
fragte Kaspar, und Simon kam lachend mit der raschen Antwort zuvor: »Er
schießt, weil es ihm noch sonderbar vorkommt. Es liegt noch bis jetzt
eine Art Idee dahinter. Wann es aufgehört hat, interessant zu sein, wird
er es schon bleiben lassen.« Schon hörte man wieder einen Schuß. Klara
runzelte die Stirn und seufzte, und versuchte dann, die Ahnungen, die
sie hatte, in einem Lachen zu ersticken. Aber es war ein grelles Lachen,
und die Brüder erbebten auf einen Augenblick.

»Du benimmst dich seltsam,« sagte Agappaia, der plötzlich unter der
Haustüre erschien, eben, als sie eintreten wollten, zu seiner Frau.
Diese schwieg, als hätte sie nichts gehört. Dann legten sie sich alle
schlafen.

Noch in derselben Nacht schrieb Klara, die keinen Schlaf fand, an
Hedwig:

»Sie, liebes Mädchen, Schwester meines Kaspars, ich muß Ihnen schreiben.
Ich kann nicht schlafen, finde keine Ruhe. Ich sitze hier, halb
ausgezogen, vor meinem Schreibtisch, und bin gezwungen, so hin und her
zu träumen. Es deucht mich, daß ich an alle Menschen Briefe schreiben
könnte, an jeden beliebigen Unbekannten, an jedes Herz; denn alle
Menschenherzen zittern für mich vor Wärme. Heute, als Sie mir die Hand
reichten, sahen Sie mich so lange an, fragend, und mit einer gewissen
Strenge, als wüßten Sie bereits, wie es mit mir steht, als fänden Sie,
daß es schlimm mit mir stehe. Sollte es in Ihren Augen schlimm mit mir
stehen? Nein, ich glaube nicht, daß Sie mich verdammen, wenn Sie alles
wissen werden. Sie sind so ein Mädchen, vor dem man keine Geheimnisse
haben mag, dem man alles sagen will, und ich will Ihnen alles sagen,
damit Sie alles wissen, damit Sie mich lieben können; denn Sie werden
mich lieb haben, wenn Sie mich kennen, und ich begehre darnach, von
Ihnen geliebt zu werden. Ich träume davon, alle schönen und klugen
Mädchen um mich geschart zu sehen, als Freundinnen und Beraterinnen und
auch als meine Schülerinnen. Sie wollen, hat mir Kaspar gesagt, Lehrerin
werden und sich der Erziehung der kleinen Kinder opfern. Ich möchte auch
Lehrerin werden, denn Frauen sind zu Erzieherinnen wie geboren. Sie
wollen etwas werden, wollen etwas sein: das paßt zu Ihnen, das
entspricht dem Bilde, das ich mir von Ihnen mache. Er entspricht auch
der Zeit, in der wir leben, und der Welt, die ein Kind dieser Zeit ist.
Das ist schön von Ihnen, und wenn ich ein Kind hätte, würde ich es zu
Ihnen in die Schule schicken, würde es ganz Ihnen überlassen, so daß es
sich daran gewöhnen müßte, Sie als eine Mutter zu verehren und zu
lieben. Wie werden die Kinder zu Ihnen emporblicken, um zu sehen, an
Ihren Augen, ob Sie strenge blicken oder gütig. Wie werden sie jammern
in ihren kleinen, blühenden Herzen, wenn sie Sie mit Sorgen im Gesicht
in die Stunde kommen sehen; denn Kindern ist Ihre Seele verständlich.
Sie werden nicht lange mit unartigen Kindern zu tun haben; denn ich
denke mir, selbst die unartigsten und verzogensten unter ihnen werden
sich in kurzer Zeit ihrer Unarten vor Ihnen schämen und es bereuen,
Ihnen Schmerz eingeflößt zu haben. Ihnen gehorchen, Hedwig, wie muß das
süß sein. Ich möchte Ihnen gehorchen, möchte ein Kind werden und die
Lust empfinden, Ihnen folgsam sein zu dürfen. Sie wollen in ein kleines,
stilles Dorf ziehen! Um so schöner. Dann werden Sie Dorfkinder zu
unterrichten haben, die noch besser zu erziehen sind als die Kinder der
Städte. Aber Sie würden auch in der Stadt Erfolge erzielen. Sie sehnen
sich nach dem Lande, nach den niederen Häusern, nach den Gärtchen vor
den Häusern, nach den Menschengesichtern, die man dort sieht, nach dem
Fluß, der vorbeirauscht, nach dem einsamen, entzückenden Seeufer, nach
den Pflanzen, die man im stillen Walde sucht und findet, nach den Tieren
auf dem Lande, nach der Welt auf dem Lande. Sie werden alles finden;
denn Sie passen dahin. Man paßt dahin, wohin man sich sehnt. Gewiß
finden Sie dort eines Tages die Antwort auf die Frage, wie man es zu
machen habe, daß man glücklich sei. Sie sind jetzt schon glücklich, und
ich fühle wohl, wie gern ich Ihre Munterkeit besitzen möchte. Wenn man
Sie sieht, möchte man glauben, daß man Sie schon längst gekannt hätte
und daß man auch wüßte, wie Ihre Mutter aussieht. Andere Mädchen findet
man hübsch, ja schön, aber von Ihnen möchte man gekannt und geliebt
sein, sowie man Sie nur ansieht. Sie haben etwas Lockendes, beinahe
Großmütterliches in Ihrem jungen, hellen Gesicht; vielleicht ist das das
Ländliche, was Sie an sich haben. Ihre Mutter war Bäuerin? Sie muß eine
schöne, liebe Bäuerin gewesen sein. Sie hat viel gelitten in der Stadt,
sagte mir einmal Kaspar; das glaube ich; denn ich meine sie vor mir
sehen zu sollen, diese Ihre Mutter. Sie soll sich stolz betragen haben
und darunter gelitten haben. Freilich; denn in der Stadt darf sich ein
Mensch nicht so stolz betragen wie auf dem Lande, wo sich eine Frau
leicht als freie Herrin vorkommt. Ich möchte Ihnen ein bißchen damit
gefallen daß ich von Ihrer Mutter spreche, die Sie, als die Arme
gebrochen und krank war, gepflegt und besorgt haben. Ich habe auch ein
Bild Ihrer Mutter gesehen und verehre und liebe sie, wenn Sie mir
erlauben, das zu tun. Mit Ihrer Erlaubnis würde ich es dann noch viel
inniger tun. Könnte ich sie sehen, könnte ich ihr zu Füßen fallen und
ihre Hand nehmen und meine Lippen darauf pressen. Wie wohl würde mir das
tun. Es gliche einem einstweiligen, teilweisen, armen Schuldenbezahlen;
denn ich bin ihre Schuldnerin und auch Ihre, Hedwig. Ihr Bruder Kaspar
wird oft lieblos und rauh zu Ihnen gewesen sein; denn junge Männer
müssen oft hart zu denen sein, von denen sie am meisten geliebt werden,
um sich eine Bahn in die offene Welt zu brechen. Ich begreife, daß ein
Künstler oft Liebe als etwas ihn Hemmendes abschütteln muß. Sie haben
ihn als ganz jung gesehen, als einen Schulknaben, der zur Schule
gegangen ist, haben ihm seine Unarten vorgehalten, haben sich mit ihm
gestritten, haben ihn bemitleidet und beneidet, beschützt und gewarnt,
ausgescholten und gelobt, haben mit ihm seine ersten, erwachenden
Empfindungen geteilt und ihm gesagt, daß es schön sei, Empfindungen zu
hegen; haben sich von ihm zurückgezogen, als Sie merkten, daß er
anderes, als Sie, im Sinne trug; haben ihn gehen und machen lassen und
gehofft, daß er gedeihen möchte und nicht fallen möchte. Sie sehnten
sich, als er fort war, nach ihm und flogen ihm an den Hals, als er eines
Tages zurückkehrte, und fingen auch schon wieder an, ihn in Ihre Obhut
zu nehmen; denn er ist solch ein Mensch, daß er der Obhut zu bedürfen,
beständig zu bedürfen scheint. Ich danke Ihnen. Ich habe nicht Atem
genug, nicht Herz genug und kein Wort, um Ihnen zu danken. Und ich weiß
nicht, ob ich Ihnen danken darf. Vielleicht wollen Sie nichts von mir
wissen. Ich bin eine Sünderin, aber vielleicht verdienen Sünderinnen,
daß man ihnen gestattet, zu lernen, was man zu tun hat, um demütig zu
erscheinen. Ich bin demütig, nicht geknickt, nicht etwa gebrochen, aber
voll flammender, bittender, flehender Demut. Ich will mit Demut gut
machen, was ich mit Liebe verbrochen habe. Wenn Sie Wert darauf legen,
eine Schwester zu haben, die froh ist, Ihre Schwester zu sein, so
gehorche ich Ihnen. Wissen Sie, was Ihr Bruder Simon mir gegeben hat?
Sich selbst hat er mir geschenkt, er hat sich weggeworfen an mich, und
ich möchte mich wegwerfen an Sie. Aber, Hedwig, wegwerfen kann man sich
an Sie nicht. Das hieße ja: Ihnen wenig geben zu wollen. Doch ich bin
viel, seit ich Kaspar umarmt habe. Ich fange an, mich zu brüsten und
stolz reden, das will ich nicht. Ich will jetzt versuchen, ob ich
schlafen kann. Der Wald schläft ja auch, warum müssen Menschen nicht
schlafen können. Doch ich weiß, daß ich jetzt schlafen kann!« -- Während
die Frau den Brief schrieb, saßen Simon und Kaspar bei der Lampe, die
sie angezündet hatten. Sie hatten noch keine Lust, sich zu Bett zu legen
und sprachen noch miteinander. Kaspar sagte: »Seit den letzten Tagen
male ich überhaupt nicht mehr, und ich werde, wenn das so weiter geht,
meine ganze Kunst an den Nagel hängen und Bauer werden. Warum nicht? Muß
es denn gerade die Kunst sein? Könnte man denn nicht anders leben?
Vielleicht ist es nur eine Angewohnheit, daß man sich einbildet, um
alles willen künstlerisch zu arbeiten. Ja, vielleicht nach zehn Jahren
wieder damit beginnen! Man würde alles anders ansehen, viel einfacher,
viel weniger phantastisch, und das könnte nicht schaden. Man müßte den
Mut und das Vertrauen besitzen. Das Leben ist kurz, wenn man mißtraut,
aber lang, wenn man vertraut. Was kann einem entgehen? Ich fühle, daß
ich von Tag zu Tag träger werde. Sollte ich mich da aufraffen und wie
ein Schulbub mich zwingen, meine Pflicht zu erfüllen? Habe ich der Kunst
gegenüber irgend eine Pflicht zu erfüllen? Das ließe sich so oder so
umwenden, man könnte es drehen, wie es einem gerade behagte. Bilder
malen! Das kommt mir jetzt so stupide vor, ist mir so gleichgültig. Man
muß sich gehen lassen. Ob ich hundert Landschaften male oder zwei, ist
das nicht ganz gleichgültig? Es kann einer immer malen und bleibt doch
ein Stümper, dem es nie einfällt, seinen Bildern einen Hauch von seinen
Erfahrungen einzugeben, weil er keine Erfahrungen gemacht hat, so lange
er lebte. Wenn ich erfahrener sein werde, werde ich auch den Pinsel
geistvoller und gedankenvoller führen, und dieses ist mir nicht
gleichgültig. Was kommt's auf die Anzahl an. Und trotzdem: irgend ein
Gefühl sagt mir, daß es nicht gut ist, auch nur einen Tag lang außer
Übung zu bleiben. Das ist die Faulheit, die verdammte Faulheit!« -- -- --

Er sprach nicht weiter; denn in diesem Augenblick tönte durch die Wände
ein langer, furchtbarer Schrei. Simon ergriff die Lampe und beide
stürzten die Treppe hinunter, in das Gemach, wo sie wußten, daß sie
schlief. Den Schrei hatte Klara ausgestoßen. Agappaia war auch
herbeigesprungen, und sie fanden die Frau ausgestreckt am Boden liegen.
Sie hatte sich, wie es schien, ausziehen wollen, um zu Bett zu gehen,
und war, von einem heftigen Anfall gepackt, umgefallen. Ihre Haare waren
aufgelöst und die herrlichen Arme zuckten fieberisch am Boden. Ihre
Brust hob und senkte sich stürmisch, während ein verwirrtes Lächeln um
ihren Mund flog, der weit geöffnet war. Alle drei Männer bogen sich zu
ihr nieder, hielten ihre Arme fest, bis die Zuckungen allmählich sich
verloren. Weh hatte sie sich beim Umfallen nicht getan, was leicht hätte
geschehen können. Man hob die Bewußtlose auf und legte sie, halb
angekleidet, wie sie war, auf ihr Bett, das säuberlich abgedeckt war.
Sie wurde ruhiger, als man ihr das Korsett öffnete. Sie atmete
erleichtert auf und schien jetzt zu schlafen. Und immer schöner lächelte
sie und fing an zu schwärmen in Lispeltönen, die wie Glocken aus weiter
Ferne daherklangen, scharf, und doch kaum vernehmbar. Man horchte
gespannt und beratschlagte, ob es einen Zweck hätte, aus der Stadt einen
Arzt heraufzuholen. »Bleiben Sie doch noch,« sagte Agappaia ruhig zu
Simon, der sogleich sich auf den Weg machen wollte, »es wird
vorübergehen. Es ist nicht das erste Mal.« Sie saßen und horchten weiter
und sahen einander bedeutend an. Aus Klaras Munde war nicht viel zu
verstehen, als etwa kurze, abgerissene, halb gesungene, halb gesprochene
Sätze: »Im Wasser, nein, sieh doch, tief, tief. Das hat lange gebraucht,
lange, lange. Und du weinst nicht. Wenn du wüßtest. Es ist so schwarz
und so schlammig um mich herum. Aber sieh doch. Ein Veilchen wächst mir
zum Munde heraus. Es singt. Hörst du? Hörst du's? Man sollte meinen ich
wäre ertrunken. So schön, so schön. Gibt es nicht ein Liedlein darauf?
Die Klara! Wo ist sie nun? Such sie, such sie doch. Aber du müßtest ins
Wasser gehen. Hu, schauert dich, nicht wahr? Schauert mich gar nicht
mehr. Ein Veilchen. Ich sehe die Fische schwimmen. Ich bin ganz still,
ich mache gar nichts mehr. Sei doch lieb, sei gut. Du blickst böse. Die
Klara liegt da, da. Siehst du, siehst du? Ich hätte dir noch etwas sagen
wollen, aber ich bin froh. Was hätte ich dir sagen wollen? Weißt es
nicht mehr. Hörst du mich klingen? Mein Veilchen ist es, das klingelt.
Ein Glöckchen. Das habe ich immer gewußt. Sage es nur nicht. Ich höre ja
nichts mehr. Bitte, bitte« -- --

»Gehen Sie nur zu Bett. Wenn es schlimmer wird, werde ich Sie wecken,«
sagte Agappaia.

Es wurde nicht schlimm. Am andern Morgen war Klara wieder munter und
wußte nichts davon, was mit ihr geschehen war. Sie hatte etwas
Kopfschmerzen, das war alles.

                   *       *       *       *       *

Klara fühlte sich himmlisch. Sie saß in einem dunkelblauen Morgengewand,
das in edlen Falten frei an ihrem Leibe herunterfloß, auf dem Balkon,
der eine Aussicht auf Tannen gewährte, die an diesem Morgen, wo ein
leiser Windzug daherwehte, sich sanft in ihren Spitzen hin und herbogen.
Der Wald ist doch herrlich, dachte sie und beugte sich, über das
zierlich gearbeitete Geländer gelehnt, mehr nach ihm zu, um seinen Duft
näher zu haben. »Wie er daliegt, der Wald, als schlummerte er schon
jetzt der Nacht entgegen. Am Tag, mitten im Sonnenschein, geht man in
einen Wald, wie in einen Abend hinein, wo die Geräusche schärfer und
leiser sind und die Düfte feuchter und empfindsamer, wo man ruhen kann
und beten. Im Wald betet man unwillkürlich, und es ist auch der einzige
Ort in der Welt, wo Gott nahe ist; Gott scheint die Wälder erschaffen zu
haben, daß man wie in heiligen Tempeln darin bete; der eine betet nun
so, der andere so, aber alle beten. Wenn man unter einer Tanne liegt und
ein Buch liest, so betet man da, wenn Beten dasselbe ist wie das
Verlorensein in Gedanken. Mag Gott immer sein, wo er sein mag, im Wald
ahnt man ihn und gibt ihm das bißchen Glauben mit stillem Entzücken hin.
Gott will nicht, daß man so sehr an ihn glaubt, er will, daß man ihn
vergißt, es freut ihn sogar, wenn er geschmäht wird; denn er ist über
alle Begriffe gütig und groß; Gott ist das Nachgiebigste was es im
Weltraum gibt. Er besteht auf nichts, will nichts, bedarf nichts. Etwas
wollen, das mag für uns Menschen sein, aber für ihn ist das nichts. Für
ihn ist nichts. Er ist froh, wenn man ihn anbetet. O dieser Gott ist
entzückt und weiß sich vor Seligkeit nicht zu fassen, wenn ich jetzt
hingehe und ihm danke, nur ein bißchen, wenn auch ganz oberflächlich,
danke. Gott ist so dankbar. Ich möchte wissen, wer dankbarer wäre. Er
hat uns alles gegeben, der Unvorsichtige, Gütige, und nun ist er so, daß
er froh sein muß, wenn seine Geschöpfe seiner ein wenig gedenken. Das
ist das Einzige an unserem Gott, daß er nur dann Gott sein will, wenn es
uns gefällt, ihn als unseren Gott zu erhöhen. Wer lehrt mehr
Bescheidenheit als Er? Wer ist ahnungsvoller und stiller? Vielleicht hat
Gott auch nur Ahnungen über uns, so wie wir über ihn, und ich spreche
zum Beispiel hier bloß meine Ahnungen aus über ihn. Ahnt er auch, daß
ich jetzt hier auf dem Balkon sitze und seinen Wald wundervoll finde?
Wüßte er doch, wie schön sein Wald ist. Aber ich glaube, Gott hat seine
Schöpfung vergessen, nicht etwa aus Gram, denn wie könnte er des Grames
fähig sein, nein, er hat einfach vergessen, oder es scheint wenigstens,
daß er uns vergessen hat. Man kann alles empfinden über Gott; denn er
läßt alle Gedanken zu. Aber man verliert ihn leicht, wenn man über ihn
denkt, deshalb betet man zu ihm. Großer Gott, führe uns nicht in
Versuchung. So habe ich als Kind gebetet, wenn ich im Bettchen lag, und
ich habe mich immer über mich gefreut, wenn ich gebetet habe. Wie bin
ich heute glücklich und froh; alles an mir ist ein Lächeln, ein seliges
Lächeln. Das ganze Herz lächelt, die Luft ist so frisch, ich glaube, es
ist Sonntag heute, da werden die Leute aus der Stadt kommen und im Wald
spazieren, und ich werde mir irgend ein Kind aussuchen, es mir von
seinen Eltern auf eine kleine Weile erbitten, und mit ihm spielen. Wie
ich so dasitzen kann und Freude empfinden kann um mein bloßes Dasein,
Dasitzen, Mich-über-das-Geländer-lehnen! Wie ich mir schön vorkomme so.
Fast könnte ich Kaspar vergessen, alles vergessen. Ich begreife jetzt
nicht, wie ich jemals über etwas weinen, wie mich jemals etwas
erschüttern konnte. Wie unerschütterlich ist der Wald und doch so
biegsam, warm, lebendig und süß. Welch ein Atmen aus den Tannen, welch
ein Rauschen! Das Rauschen der Bäume macht jede Musik überflüssig.
Überhaupt, nur in der Nacht möchte ich Musik hören, aber am Morgen nie,
denn der Morgen ist mir zu heilig dafür. Wie merkwürdig frisch ich mich
fühle. Wie geheimnisvoll das ist, sich schlafen legen, nein, zuerst müde
sein, dann sich schlafen legen, und dann erwachen und sich wie
neugeboren fühlen. Jeder Tag ist ein Geburtstag für uns. Wie wenn man in
ein Bad stiege, so steigt man aus den Schleiern der Nacht in die Wellen
des blauen Tages. Nun wird bald die Glut des Mittags kommen, bis wieder
die Sonne sehnsüchtig versinkt. Welche Sehnsucht, welches Wunder vom
Abend zum Morgen, vom Mittag zu Abend, von der Nacht zum Morgen. Alles
würde man wundervoll finden, wenn man alles empfände, denn es kann ja
nicht eines wundervoll sein und das andere nicht. Ich glaube, ich muß
gestern krank gewesen sein, und man sagt es mir nur nicht. Wie schön und
unschuldig noch immer meine Hände aussehen. Wenn sie Augen hätten, so
würde ich ihnen einen Spiegel entgegenhalten, damit sie sähen, wie schön
sie sind. Der kann glücklich sein, den ich liebkose mit meinen Händen.
Was für seltsame Gedanken ich doch habe. Wenn Kaspar jetzt käme, müßte
ich weinen, mich so sehen zu lassen. Ich habe nicht an ihn gedacht, und
er würde es fühlen, daß ich nicht an ihn gedacht habe. Wie elend mich
das auf einmal macht, zu denken, daß ich ihn vernachlässigt habe. Bin
ich denn seine Sklavin? Was geht er mich an?«

Sie weinte. Da kam Kaspar: »Was fehlt dir, Klara?«

»Nichts! Was sollte mir fehlen? Du bist ja da. Du hattest mir gefehlt.
Ich bin glücklich, aber ich leide es nicht, daß ich allein glücklich
bin, ohne dich. Deshalb weinte ich. Komm, komm,« und sie preßte ihn fest
an sich.




Sechstes Kapitel.


Simon fing an, das träge, schlenderische Leben, das er führte, als etwas
Unerträgliches zu empfinden. Er fühlte, daß er bald wieder schaffen und
tagewerken mußte: »Es hat doch etwas für sich, zu leben wie die Meisten.
Es beginnt mich zu ärgern, so müßig und absonderlich zu sein. Das Essen
schmeckt mir nicht mehr, die Spaziergänge ermüden mich, und was ist denn
Großes und Erhebendes daran, sich auf heißen Landstraßen von Fliegen und
Bremsen zerstechen zu lassen, durch Dörfer zu laufen, steile Wände
hinunter zu springen, auf erratischen Felsblöcken zu hocken, den Kopf zu
stützen, ein Buch anzufangen zu lesen und es nicht bis zu Ende lesen zu
können, dann in einem, wenn auch schönen, so doch abgelegenen See zu
baden, sich wieder anzuziehen und auf den Heimweg zu machen und dann zu
Hause den Kaspar zu finden, der ebenfalls vor Trägheit nicht mehr weiß,
auf welchem Bein er stehen und mit welcher Nase er denken soll, oder
welchen Finger er an eine seiner Nasen legen soll. Man bekommt bei
diesem Leben leicht eine Menge Nasen und möchte den ganzen Tag seine
zehn Finger an seine zehn Nasen legen und denken. Dabei lachen einen die
eigenen Nasen nur aus und machen die lange Nase. Nun, was ist das etwa
Göttliches, wenn man sieht, wie einem zehn Nasen oder mehr die lange
Nase machen. Ich illustrierte damit nur die Tatsache, daß man bei diesem
Herumlungerleben dumm wird. Nein, ich fange an, mir wieder so etwas wie
ein Gewissen zu machen, und zu denken, daß es wiederum bei dem
Gewissenmachen nicht bleiben darf, sondern daß man irgend etwas tun muß.
In der Sonne herumlaufen, kann auf die Dauer kein Tun sein, und Bücher
liest nur ein Tropf; denn das ist man, wenn man sonst weiter nichts tut.
Das Schaffen unter Menschen ist doch schließlich das allein und einzig
Bildende. Was nun tun? Vielleicht Gedichte schreiben? Wenn ich das tun
möchte bei dieser Sommerhitze, müßte ich zuerst Sebastian heißen, dann
täte ich's vielleicht. Der tut es, das bin ich überzeugt. Das ist ein
Mensch, der erst einen Ausflug macht, See, Wald, Berge, Bäche, Pfützen
und Sonnenschein genau studiert, eventuell Notizen macht, dann heimgeht
und einen Aufsatz darüber schreibt, den dann die Zeitungen drucken, die
die Welt bedeuten. Kann das ein Tun für mich sein? Wohl, wenn ich es
verstünde, aber ich bin Stümper in diesen Sachen. Also hingehen und
wieder Buchstaben kratzen, Rechnungen ausradieren und Tinte verbrauchen.
Ja, ich glaube, daß ich das tun muß, obwohl es keine Ehre für mich ist,
wieder von vorne anzufangen, was ich einst verlassen habe. Aber es muß
sein. In diesem Falle denkt man nicht an die Ehre, sondern an das
Notwendige und Unabänderliche. Ich bin jetzt zwanzig Jahre alt. Wie
komme ich dazu, schon zwanzig Jahre alt zu sein? Welche Entmutigung
müßte für einen anderen darin liegen, zwanzig Jahre alt zu sein und nun
von vorne anzufangen, da, wo man bei der Entlassung aus der Schule
stand. Aber ich will es so lustig wie nur möglich nehmen, da es doch
einmal sein muß. Ich will ja auch gar nicht vorwärtskommen im Leben, ich
will nur leben, daß es ein bißchen eine Art und Weise hat. Weiter gar
nichts. Eigentlich will ich nur leben, bis es wieder Winter wird, und
dann, wenn es schneit und Winter ist, werde ich weiter zu leben wissen,
wird es mir zum Bewußtsein kommen, wie ich am besten weiter zu leben
habe. Es macht mir viel Vergnügen, so das Leben in kleine, einfache,
leicht zu lösende Rechnungen einzuteilen, die kein Kopfzerbrechen
machen, die sich von selber lösen. Im Winter bin ich übrigens immer
klüger und unternehmender als im Sommer. Bei der Wärme, bei all dem
Blühen und Duften ist nichts anzufangen, während die Kälte und der Frost
schon von selber vorwärtstreiben. Also bis im Winter etwas Geld
zusammenscharren, und im schönen Winter dann das Geld zu irgend etwas
Nützlichem verbrauchen. Es käme mir nicht drauf an, im Winter Sprachen
zu studieren, tagelang, in ungeheizten Zimmern, bis mir die Finger
abgefrören, aber der Sommer ist für diejenigen, die Ferien erhalten, für
solche, die sich in Sommerfrischen gütlich tun, die ein Vergnügen darin
finden, barfuß, ja nackt auf heißen Wiesen herumzuspringen, höchstens
einen ledernen Schurz um die Lenden, wie Johannes der Täufer, der
außerdem Heuschrecken soll gegessen haben. So will ich mich jetzt auf
das Bett der täglichen Arbeit in Schlaf legen und erst wieder erwachen,
wenn der Schnee über die Erde fliegt und die Berge weiß werden und die
Nordstürme dahersausen, daß einem die Ohren erfrieren und in Flammen des
Frostes und Eises zergehen. Die Kälte ist mir eine Glut,
unbeschreiblich, nicht auszudrücken! So wird's gemacht, oder ich müßte
nicht Simon heißen. Klara wird im Winter eingehüllt sein in dicke,
weiche Pelze, ich werde sie durch die Straßen begleiten, es wird auf uns
herabschneien, so leise, so heimlich, so lautlos und so warm. O,
Einkäufe zu machen, wenn es schneit in den schwarzen Straßen und die
Magazine mit Lichtern erhellt sind. In einen Laden hineinzutreten mit
Klara oder hinter Klaras Gestalt her und zu sagen: die Dame wünscht dies
und das zu kaufen. Klara duftet in ihren Pelzen und ihr Gesicht, wie
wird das schön sein, wenn wir dann wieder auf die Straße hinausgehen.
Vielleicht wird sie im Winter dann irgendwo in einem feinen Geschäft
arbeiten, wie ich, und ich werde sie jede Nacht abholen können, außer
sie beföhle mir einmal, sie lieber nicht abzuholen. Agappaia jagt seine
Frau vielleicht fort, und sie wird dann gezwungen sein, irgendwo eine
Anstellung anzunehmen, was ihr leicht sein wird, da sie eine vornehme
Erscheinung ist. Weiter denke ich nicht. Weiter als so denkt vielleicht
Herr Spielhagen von der Aktiengesellschaft für elektrische Leuchtkörper,
aber ich nicht; denn ich bin nicht so gestellt und häufe mir nicht so
viele Verpflichtungen in der Welt an, daß ich gezwungen wäre, weiter als
so zu denken. Ach, der Winter! Wenn er nur bald kommt.« --

Schon am nächsten Tag arbeitete er in einer großen Maschinenfabrik, die
zur Inventuraufnahme eine ganze Anzahl von jungen Leuten brauchte. Den
Abend verbrachte er dann lesend an einem Fenster, oder er verlängerte
seinen Heimweg von der Fabrik nach Klaras Hause, indem er einen weiten
Bogen um den ganzen Berg herummachte, in dem dunklen Grün der vielen
Waldschluchten, welche den breiten Berg durchschnitten. An einer Quelle,
bei der er stets vorbeikam, löschte er jedesmal seinen großen Durst und
lag dann auf einer einsam gelegenen Waldwiese, bis ihn die Nacht daran
erinnerte, endlich nach Hause zu gehen. Er liebte das Übergehen des
Sommerabends in die Sommernacht, dieses langsame, rötliche Sinken der
Farben des Waldes in das Dunkel der gänzlichen Nacht. Er pflegte dann
ohne Worte und Gedanken zu träumen, sich keinen Vorwurf mehr zu machen
und sich der schönen Müdigkeit zu überlassen. Oft schien es ihm, als
zische neben ihm, in den dunklen Büschen, eine feurig-rote große Kugel
aus der schlafenden Erde empor, und wenn er dahin blickte, war es der
Mond, der schwebend und schwer aus dem Welt-Hintergrund hervortanzte.
Wie hing dann sein Auge an der bleichen, leichten Gestalt dieses schönen
Gestirnes. Es war ihm so sonderbar, daß diese ferne Welt gleich hinter
dem Gebüsch versteckt zu sein schien, zum befühlen und daran fassen
nahe. Alles schien ihm nahe zu sein. Was war denn dieser Begriff der
Ferne gegen solche Fernen und Nähen. Das Unendliche schien ihm plötzlich
das Nächste. Wenn er nach Hause kam, durch all das schwere, singende,
duftende Grün der Nacht hindurch, empfand er es als etwas
Geheimnisvolles und Liebes, wenn ihm Klara, was sie jeden Abend tat,
entgegentrat, um ihn zu empfangen. Ihre Augen schienen immer geweint zu
haben, wenn sie so kam oder auf diese Weise wartete. Dann saßen sie
zusammen, bis tief in die Nacht hinein, auf dem kleinen Balkon, der in
eine Art Sommerhäuschen in schwebender Höhe verwandelt war und spielten
mit winzigen Karten ein Spiel, oder die Frau sang irgend eine Melodie,
oder sie ließ sich von ihm etwas vorerzählen. Wenn sie ihm zu guter
Letzt Gute Nacht sagte, so schlief er so wohl, als wenn es ein
Zauberwort gewesen wäre, dieses ›Gute Nacht‹ von ihr, mit dem sie die
Macht besessen hätte, ihn an einen besonders tiefen und schönen Schlaf
zu fesseln. Am Morgen glitzerte der silberne Tau an den Gesträuchen, an
den Gräsern und Blättern, wenn er in sein Geschäft lief, um zu schreiben
und das Inventar der Maschinenfabrik aufnehmen zu helfen. Einmal, an
einem Sonntag, da er von einem Spaziergang zurückkehrte, fand er Klara
schlafend auf dem Diwan in seinem Zimmer. Von draußen tönte eine
Handharfe aus einem der armseligen Berg-Vorstadthäuschen, in denen arme
Arbeiter wohnten. Die Fensterläden waren zugezogen, und ein grünes,
heißes Licht befand sich im Zimmer. Er setzte sich neben die Schlafende
ans Fußende und sie berührte ihn leise mit ihren Füßen. Dieser Druck tat
ihm so wohl, und er sah unverwandt das Gesicht der Schlummernden an. Wie
schön war sie, wenn sie schlief. Sie gehörte zu den Frauen, die am
schönsten sind, wenn ihre Gesichtszüge unbeweglich ruhen. Klara atmete
in ruhigen Wellen; ihre Brust, die halb entblößt war, bewegte sich sanft
auf und ab; ihren herabhängenden Händen war ein Buch entfallen. In Simon
stieg der Gedanke auf, hinzuknieen und diese schönen Hände still zu
küssen, aber er tat es nicht. Er würde es vielleicht getan haben, wenn
sie wach dagelegen wäre, aber schlafend? Nein! Geheime, verstohlene,
erschelmte Zärtlichkeiten sind nicht meine Sachen, dachte er. Ihr Mund
lächelte, als schliefe sie nur so und wüßte, daß sie schliefe. Dieses
Lächeln der Schlafenden verbot jeden unzarten Gedanken, aber es zwang,
hinzusehen auf diesen Mund, auf dieses Gesicht, auf dieses Haar und auf
diese länglichen Wangen. Im Schlaf preßte Klara plötzlich ihre Füße
stärker an Simon, dann erwachte sie und schaute sich fragend um und
blieb lange an Simons Augen hängen, als verstände sie irgend etwas
nicht. Dann sagte sie: »Du, Simon! Höre einmal.«

»Was denn?«

»Wir werden nicht mehr lange in diesem Hause wohnen. Agappaia hat alles
verspielt und verloren. Er ist in die Hände von Schwindlern geraten. Das
Haus ist bereits verkauft und zwar an deinen Frauenverein für Volkswohl
und Mäßigkeit. Die Damen gründen hier ein Waldkurhaus für das arbeitende
Volk. Agappaia hat sich einer Gesellschaft von Asienforschern
angeschlossen und wird bald wegreisen, um dort irgendwo in Indien eine
versunkene griechische Stadt zu entdecken. An mich denkt er schon gar
nicht mehr. Wie seltsam, es kränkt mich gar nicht einmal. Mein Mann war
überhaupt nie fähig, mich zu kränken. Genug! Ich werde in einem
einfachen Zimmer wohnen, in der Stadt unten, und Kaspar und du, ihr
werdet mich besuchen. Ich werde eine Stelle bekleiden, irgend eine
Stelle, so wie du. Im Herbst ziehen wir aus, dann soll auch sogleich
dieses Haus umgebaut werden. Was sagst du dazu?«

»Mir ist das sehr lieb. Ich dachte auch schon daran, mich zu
›verändern‹. Jetzt kommt es ja von selbst. Ich freue mich sehr darauf,
dich in deinem zukünftigen Heim besuchen zu können.«

Und beide malten sich die Zukunft aus und lachten dabei.

                   *       *       *       *       *

Kaspar befand sich in einem kleinen Landstädtchen, wo er den Auftrag zu
erledigen hatte, einen Tanzsaal zu dekorieren, das heißt, dessen Wände
von oben bis unten zu bemalen. Es war inzwischen Herbst geworden und
eines Tages machte sich Simon, es war ein Sonnabend, nach Feierabend auf
den Weg, um die Nacht durch die Strecke zu Fuß zu gehen, die ihn von
Kaspar trennte. Warum sollte er nicht eine ganze Nacht lang wandern
können. Er hatte eine Landkarte zur Hand genommen und darauf mit dem
Zirkel die Zahl der Stunden, die er brauchte, um nach dem Städtchen zu
gelangen, scharf abgemessen und hatte wahrgenommen, daß er gerade in
einer Nacht, wenn er die Zeit ausnutzte, hingelangen konnte. Der Weg
führte ihn zuerst durch die Vorstadt, wo Rosa, seine alte Freundin,
wohnte, und er verschmähte nicht, ihr im Vorbeilaufen einen kurzen
Besuch abzustatten. Sie war sehr erfreut, ihn nach so langer Zeit wieder
einmal zu sehen, nannte ihn einen bösen, treulosen Menschen, daß er sie
so habe im Stich lassen können, sagte das aber mehr in einem
schmollenden als in einem gereizten Ton und ließ es sich nicht nehmen,
Simon ein Glas Rotwein zu trinken zu geben, das, wie sie sagte, ihn für
seine Nachtwanderung stärken solle. Auch briet sie ihm auf ihrem
Gasherde schnell eine Wurst, stichelte den Dastehenden, während sie
kochte, mit nicht unartigen, aber wohlgesetzten Worten, sagte, er müsse
ja sehr gut mit Frauen versehen sein und machte ihn lachend darauf
aufmerksam, daß er eigentlich die Wurst nicht verdiene, sie nun aber
doch haben solle, wenn er künftig fleißiger zu ihr käme. Das versprach,
während er sich das Essen schmecken ließ, Simon und trat bald darauf
seine Wanderung mit einigem Bangen vor der Anstrengung, die ihm
bevorstand, an. Aber jetzt noch feige zurückkehren und die Eisenbahn
benutzen, das mochte er doch nicht. So lief er denn vorwärts und fragte
immer wieder nach dem richtigen Weg, um ja sicher zu gehen. Bei den
Wegweisern zündete er ein Streichhölzchen an, hielt es in die nötige
Höhe, um zu sehen, wo der Weg weiter hinliefe. Er ging mit einer ganz
rasenden Schnelligkeit, als fürchtete er, der Weg möchte ihm unter
seinen Füßen entgehen und davonlaufen. Der Rotwein Rosas hatte ihn
befeuert und er wünschte nur, daß bald die Berge kämen, die zu
überwinden ihm eine Lust und Leichtigkeit gewesen wäre. So kam er in das
erste Dorf und hatte Mühe, sich auf den verschiedenen Dorfwegen, die
alle kreuz und quer liefen, zurechtzufinden. Er rief deshalb einen
Schmied an, der noch hämmerte, und von diesem erfuhr er, daß er richtig
ging. Nun kam eine Landschaft, die ganz verschwommen war, weil sie aus
lauter Gebüschen bestand; es ging bergaufwärts; dann kam eine Art
Hochebene, die etwas Schauerliches an sich hatte. Es war tiefdunkel,
kein Stern am ganzen Himmel, hin und wieder kam der Mond hervor, aber
die Wolken verdeckten sein Licht wieder. Nun lief Simon durch einen
finsteren Tannenwald, er fing an zu keuchen und paßte besser auf seine
Schritte auf; denn er stieß immer wieder an Steine, die im Wege lagen,
und das langweilte ihn doch ein wenig. Der Tannenwald hörte auf, Simon
atmete freier; denn in dunklen Wäldern zu gehen, so allein, ist nicht
immer ungefährlich. Ein großes Bauernhaus stand plötzlich vor ihm wie
aus der Erde emporgewachsen und engte seinen Blick ein, ein großer Hund
schoß hervor, sprang auf den Wanderer los, aber biß nicht. Simon blieb
ganz still und ruhig stehen, starrte den Hund nur an, und so wagte der
Hund nicht zu beißen. Weiter ging es! Brücken kamen, die donnerten in
der Stille unter den raschen Schritten, denn sie waren von Holz, es
waren alte Holzbrücken mit Dächern und Heiligenbildern am Ein- und
Ausgange. Simon fing an, gezierte Schritte zu machen, um sich
Unterhaltung zu verschaffen. Plötzlich, auf ganz offenem, aber düsterem
Feld stand ein starker Mann vor ihm, der ihn anschrie und ihn dabei
fürchterlich anstarrte. »Was wollen Sie?« schrie Simon seinerseits, aber
er machte eine Schwenkung rund um den Mann herum und lief fort, ohne
hören zu wollen, was der Mann wollte. Sein Herz klopfte, es war die
Plötzlichkeit der Erscheinung, nicht der Mann selber, die ihn erschreckt
hatte. Dann marschierte er durch ein schlafendes, endlos langes Dorf.
Ein weißes, langes Kloster sah ihm entgegen und verschwand wieder. Es
ging wieder bergauf. Simon dachte an gar nichts mehr, die zunehmende
Anstrengung lähmte seine Gedanken; stille Brunnen wechselten mit
einsamen Baumgruppen, Wälder mit Wolken, Steine mit Quellen, es schien
alles mit ihm zu gehen und hinter ihm zu versinken. Die Nacht war
feucht, finster und kalt, seine Wangen aber brannten und seine Haare
wurden naß vom Schweiß. Auf einmal erblickte er zu seinen Füßen etwas
gestreckt Liegendes, Weites, Schimmerndes und Glänzendes: es war ein
See; Simon blieb stehen. Von da an ging es abwärts auf einem
fürchterlich schlechten Weg. Zum ersten Mal taten ihm seine Füße weh,
aber er achtete nicht darauf, sondern ging weiter. Äpfel hörte er dumpf
auf die Wiesen fallen. Wie geheimnisvoll schön die Wiesen waren:
undurchsichtbar und dunkel. Das Dorf, das nun folgte, erweckte sein
Interesse durch die vornehmen Häuser, die es zur Schau trug. Aber hier
wußte Simon nicht mehr weiter. So sehr er suchte, den rechten Weg fand
er nicht. Da es ihn erbitterte, wählte er, ohne sich lange zu besinnen,
die Hauptstraße. Eine Stunde mochte er gegangen sein, als ihm ein
deutliches Gefühl sagte, daß er eine falsche Richtung eingeschlagen
hatte, er kehrte wieder um, weinte beinahe vor Zorn und schlug seine
Füße gegen die Straße, als hätten sie die Schuld getragen. Er kam wieder
ins Dorf zurück: zwei Stunden versäumt: welche Schmach! Er fand auch
sogleich den rechten Weg, nun, da er die Augen besser auftat, lief fort,
unter Bäumen, die ihr Laub fallen ließen, auf einem schmalen Seitenwege,
der ganz mit raschelnden Blättern bedeckt war. Er gelangte in einen
Wald, es war ein Bergwald, der schroff in die Höhe strebte, und da Simon
keinen Weg mehr vor sich sah, ging er einfach gerade aus, suchte sich,
immer höher steigend, durch das dichteste Tannengeäst seine Bahn,
zerkratzte sich sein Gesicht, zerrieb seine Hände, aber es ging
wenigstens hinauf, bis endlich der Wald aufhörte, durch den er sich
stöhnend und fluchend hindurchgerungen, und eine freie Weide vor seinen
Augen lag. Er ruhte einen Moment: »Herrgott, wenn ich zu spät komme:
welche Blamage!« Weiter! Er ging nicht mehr, er sprang, indem er
rücksichtslos seine Beine in die weiche Ackererde stampfte. Ein
bleiches, schüchternes Morgenlicht streifte von irgendwoher seine Augen.
Er sprang über Hecken, die ihn zu höhnen schienen. Auf einen Weg achtete
er schon längst nicht mehr. Eine anständige, breite Straße, das blieb in
seiner Phantasie als etwas Köstliches hängen, nach dem er sich von
Herzen sehnte. Es ging wieder bergabwärts, in schmale, kleine
Schluchten, wo die Häuser an den Halden wie Spielzeuge klebten. Er roch
die Nußbäume, unter denen er lief; unten im Tal schien so etwas wie eine
Stadt zu sein, aber das war nur eine gierige Ahnung. Endlich fand er die
Straße. Seine Beine selbst schienen mitzujubeln über den Fund und er
ging ruhiger, bis er einen Brunnen fand, zu dessen Röhre er sich wie ein
Wahnsinniger hinstürzte. Unten gelangte er in eine kleine Stadt, kam bei
einem weißglänzenden, zierlichen, anscheinend geistlichen Palais vorbei,
dessen Verfallenheit ihn tief rührte, und wieder ging es ins offene Land
hinaus. Hier fing der Tag an zu grauen. Die Nacht schien zu erbleichen;
die lange, stille Nacht machte ein Zeichen der Bewegung. Simon stürmte
jetzt den Weg nur so beiseite. Wie bequem erschien ihm das Gehen auf
einer solchen glatten Straße, die in großen Windungen zuerst aufwärts,
dann prachtvoll gedehnt bergab führte. Nebel sanken auf die Wiesen
nieder und gewisse Tagesgeräusche meldeten sich dem Ohr. Wie lang doch
eine Nacht war. Durch diese Nacht, die er auf der Erde durchgelaufen,
saß vielleicht ein Gelehrter, vielleicht gar sein Bruder Klaus, bei der
Lampe am Schreibtisch, und wachte ebenso sauer und mühsam. Ebenso
wundervoll mußte einem solchen Stillesitzenden der erwachende Tag
vorkommen, wie jetzt ihm, dem Landstraßenläufer. Schon zündete man in
kleinen Häusern die Frühmorgenlichter an. Eine zweite, größere Stadt
erschien, zuerst mit Vorhäusern, dann mit Gassen, dann mit Toren und
einer breiten Hauptstraße, in der Simon ein herrliches Haus mit Statuen
von Sandstein auffiel. Es war eine alte Stadtburg, die jetzt als
Postgebäude diente. Schon gingen Menschen auf der Straße, die er fragen
konnte nach dem Weg, wie am Abend zuvor. Es ging wieder ins flache,
freie Land hinaus. Der Nebel zerstob, Farben zeigten sich, entzückte
Farben, entzückende Farben, Morgenfarben! Es schien ein herrlicher,
blauer Herbstsonntag werden zu wollen. Nun begegnete Simon Leuten,
namentlich Frauen, sonntäglich geputzten, die vielleicht schon von weit
herkamen, um in die Stadt zur Kirche zu gehen. Immer bunter wurde der
Tag. Jetzt sah man die roten, glühenden Früchte neben der Straße in der
Wiese liegen, auch fielen beständig reife Früchte von den Bäumen. Es war
das reine Obstland, durch das Simon nun weiterschritt. Handwerksburschen
begegneten ihm, ganz bequemlich; die nahmen das Gehen nicht so ernst wie
er. Eine ganze Gesellschaft dieser Burschen lag ausgestreckt an einem
Wiesenrand in den ersten Strahlen der Sonne: welches Bild der
Behaglichkeit! Eine Kuh wurde vorbeigeführt, und die Frauen sagten so
schön ›guten Tag‹. Simon aß Äpfel auf dem Weg, auch er wanderte jetzt
ruhig durch das fremde, schöne, reiche Land. Die Häuser an der Straße
waren so einladend, aber noch schöner und zierlicher waren die Häuser,
die mitten unter den Bäumen, tiefer im Land, mitten im Grün steckten.
Die Hügel gingen anmutig und sanft in die Höhe, die Höhen lockten, alles
war blau, von einem herrlichen, feurigen Blau durchzogen, auf Wagen
fuhren ganze Gesellschaften von Leuten daher und endlich sah Simon ein
kleines Häuschen am Weg, dahinter eine Stadt, und sein Bruder steckte
den Kopf durch das Fenster des Hauses. Er war zur rechten Zeit
angekommen, kaum eine Viertelstunde nach der vereinbarten Zeit. Und er
ging mit Frohlocken in das Haus hinein.

Drinnen im Zimmer, beim Bruder, betrachtete er alles mit großen Augen,
obschon gar nicht viel zu betrachten war. In einer Ecke stand das Bett,
aber es war ein interessantes Bett; denn Kaspar schlief darin, und das
Fenster war ein wunderbares Fenster; obgleich es nur aus einfachem Holz
war und simple Vorhänge hatte, schaute doch eben erst Kaspar durch
dieses Fenster hinaus. Am Boden, auf dem Tisch, auf der Bettdecke, auf
Stühlen herum lagen Zeichnungen und Bilder. Jedes einzelne Blatt glitt
durch des Besuchers Finger, alles war schön und so vollendet. Es war
Simon beinahe unbegreiflich, was für ein Arbeiter der Maler war, es lag
so viel vor seinen Augen, er konnte kaum mit Ansehen fertig werden. »Wie
das die Natur selber ist, was du malst!« rief er aus: »Es wird mir immer
halb traurig zumute, wenn ich neue Bilder von dir betrachte. Jedes ist
so schön, glänzt von Empfindung und trifft die Natur wie in ihr Herz,
und du malst immer Neues, willst immer Besseres, vernichtest womöglich
Vieles, das in deinen Augen schlecht geworden ist. Ich kann keines von
deinen Bildern schlecht finden, alle rühren mich und bezaubern meine
Seele. Nur ein Strich von dir oder eine Farbe geben mir von deinem
schlechthin wundervollen Talent eine feste und unerschütterliche
Überzeugung. Und wenn ich deine Landschaften, die so breit und warm mit
dem Pinsel gemalt sind, ansehe, sehe ich immer dich, und ich fühle eine
Art Weh mit dir, das mir sagt, daß es nie ein Ende gibt in der Kunst.
Ich verstehe die Kunst so gut und das Drängen der Menschen, das sie
ihretwegen empfinden, und die Sehnsucht, so um die Liebe und Gnade der
Natur zu werben. Was wollen wir, wenn wir es entzückend finden, eine
Landschaft abgebildet zu sehen? Ist es nur ein Genuß? Nein, wir wollen
damit etwas erklärt finden, aber etwas, das gewiß immer unerklärlich
bleiben wird. Es schneidet so tief in uns hinein, wenn wir, an einem
Fenster liegend, träumend eine untergehende Sonne betrachten, aber das
ist noch gar nichts gegen eine Straße, in der es regnet, wo die Frauen
ihre Röcke zierlich hochheben, oder gegen den Anblick eines Gartens oder
Sees unter dem leichten Morgenhimmel oder gegen eine einfache Tanne im
Winter oder gegen eine Gondelfahrt bei Nacht oder gegen eine
Alpenansicht. Nebel und Schnee entzücken uns nicht minder als Sonne und
Farben; denn der Nebel verfeinert wieder die Farben, und der Schnee ist
doch, zum Beispiel unter dem Blau des erwärmenden Vorfrühlingshimmels,
eine tiefe, wundervolle, beinahe unverständliche Sache. Wie schön ich
das von dir finde, Kaspar, daß du malst und so schön malst. Ich möchte
ein Stück Natur sein und mich lieben lassen, so wie du jedes Stück Natur
liebst. Der Maler muß doch wohl die Natur am heftigsten und am
schmerzlichsten lieben, viel stürmischer und zitternder und aufrichtiger
als selbst der Dichter, als zum Beispiel so ein Sebastian, von dem ich
doch hörte, daß er sich eine Hütte auf den Weiden zum Wohnen
eingerichtet hat, damit er ungestört, wie ein Einsiedler in Japan, die
Natur anbeten kann. Die Dichter hangen sicher weniger treu an der Natur,
als ihr Maler; denn sie treten in der Regel mit verbildeten und
verstopften Köpfen an sie heran. Doch vielleicht irre ich mich, und ich
würde mich in diesem Fall gerne geirrt haben. Wie mußt du gearbeitet
haben, Kaspar. Du hast doch gewiß keine Ursache, dir selber Vorwürfe zu
machen. Das würde ich nicht tun. Nicht einmal ich tue es, und
wahrhaftig, ich hätte es sicher nötig. Aber ich tu es deshalb nicht,
weil es einen unruhig macht und weil die Unruhe ein häßlicher, des
Menschen unwürdiger Zustand ist.« --

»Da hast du recht,« sprach Kaspar.

Sie gingen dann beide durch die kleine Stadt, sahen alles an, was bald,
und wiederum bei der Innigkeit, womit sie es taten, doch nicht bald
geschehen war, begegneten dem Briefträger, der Kaspar einen Brief
einhändigte und eine Grimasse dazu schnitt. Der Brief war von Klara. Die
Kirche wurde bewundert und die Majestät der Stadttürme, die trotzigen
Stadtmauern, welche oft durchbrochen worden waren, die Rebhäuser und
Lusthäuser am Berge, in denen das Leben ausstarb seit so langer Zeit.
Die Tannen schauten ernst auf das alte Städtchen herab, dazu war der
Himmel so süß und die Häuser schienen zu trotzen und verdrießlich zu
sein in ihrer Dicke und Breite. Die Wiesen schimmerten, und die Hügel
mit den goldenen Buchenwäldern lockten in die Höhe und Ferne hinein. Am
Nachmittag gingen die jungen Männer in den Wald. Viel sagten sie nicht
mehr. Kaspar war still geworden, sein Bruder fühlte, an was er dachte
und wollte ihn nicht aufwecken; denn ihm schien es wichtiger, daß
gedacht werde, als wenn geredet worden wäre. Sie setzten sich auf eine
Bank. »Sie will nicht von mir lassen,« sagte Kaspar, »sie ist
unglücklich.« Simon sagte nichts, aber er empfand eine gewisse Freude
für seinen Bruder, daß die Frau unglücklich um ihn war. Er dachte: »Ich
finde es schön, daß sie unglücklich ist.« Diese Liebe entzückte ihn.
Bald wurde jedoch Abschied genommen; denn Simon mußte, und diesmal mit
der Bahn, zurückreisen.




Siebentes Kapitel.


Es wurde Winter. Simon, der sich selber überlassen war, saß in einem
kleinen Zimmer, mit einem Mantel bekleidet, am Tische und schrieb. Er
wußte nicht, was er mit der Zeit beginnen sollte, und weil er von seinem
Beruf her zu schreiben gewöhnt war, so schrieb er jetzt ganz wie
absichtslos von selber und zwar auf kleine Papierstreifen, die er sich
mit der Schere zurechtgeschnitten hatte. Draußen war nasses Wetter, und
der Mantel, mit dem Simon umhüllt war, diente dazu, einen Ofen zu
ersetzen. Ihm behagte dieses In-der-Stube-sitzen, während draußen
heftige Winde wehten, die Schnee versprachen. Es war ihm behaglich
zumute, so zu sitzen und etwas zu machen und sich der Einbildung zu
überlassen, ein vergessener Mensch zu sein. Er dachte zurück an seine
Kindheit, die noch gar nicht so weit rückwärts entfernt war, und die
doch so fern lag wie ein Traum, und schrieb:

»Ich will mich an die Kindheit zurückerinnern, da dies, in meinem
jetzigen Falle, eine spannende und belehrende Aufgabe ist. Ich war ein
Knabe, der sich gern an warme Öfen mit dem Rücken lehnte. Ich kam mir
dabei wichtig und traurig vor und machte ein zufriedenes und zugleich
wehmütiges Gesicht. Auch zog ich, wenn ich nur immer konnte, weiche
Filzschuhe für die Stube an, das heißt, das Wechseln der Schuhe, das
Tauschen der nassen mit den warmen, machte mir die größte Freude. Eine
warme Stube hatte etwas Zauberhaftes für mich. Ich war nie krank und
beneidete immer die, die krank sein konnten, die man pflegte, für die
man etwas feinere Worte hatte, wenn man zu ihnen sprach. Deshalb dachte
ich mich öfters krank und war gerührt, wenn ich in meiner Einbildung
vernahm, wie meine Eltern zärtlich zu mir redeten. Ich hatte ein
Bedürfnis darnach, zärtlich behandelt zu werden, und es geschah nie. Vor
meiner Mutter fürchtete ich mich, weil sie so selten zärtlich sprach.
Ich hatte das Renommee eines Spitzbuben, und ich glaube, nicht mit
Unrecht, aber es war doch manchmal verletzend für mich, immer daran
erinnert zu werden. Ich hätte gern verzärtelt werden mögen; als ich aber
einsah, daß es unmöglich war, daß man mir diese Aufmerksamkeit schenke,
wurde ich ein Flegel und verlegte mich darauf, diejenigen zu ärgern,
welche den Vorzug genossen, brave, geliebte Kinder zu sein. Das war
meine Schwester Hedwig und mein Bruder Klaus. Nichts machte mir größeres
Vergnügen, als Ohrfeigen von ihnen zu bekommen; denn daran sah ich, daß
ich das Geschick dazu hatte, sie zornig auf mich zu machen. Von der
Schule habe ich keine große Erinnerung mehr, aber ich weiß, daß sie mir
eine Art Entgeltung wurde für die kleine Zurücksetzung, die ich im
elterlichen Hause erfuhr: ich konnte mich auszeichnen. Es war mir eine
Genugtuung, gute Zeugnisse nach Hause zu tragen. Ich fürchtete die
Schule und verhielt mich infolgedessen dort brav; ich blieb in der
Schule überhaupt immer zurückhaltend und zaghaft. Die Schwächen der
Lehrer blieben mir indessen nicht lange verhüllt, doch kamen sie mir
mehr schrecklich als lächerlich vor. Einer der Lehrer, ein plumper,
ungeheurer Mensch, hatte ein wahres Säufergesicht; trotzdem fiel es mir
nie ein, daß er ein Säufer hätte sein können, dagegen von einem andern
ging ein rätselhaftes Gerücht in der Schulwelt umher, daß er am Trunk
untergegangen wäre. Dieses Mannes Leidensgesicht vergesse ich nie. Die
Juden hielt ich für vornehmere Menschen als die Christen; denn es gab
etliche entzückend schöne Judenfrauen, vor denen ich, wenn ich ihnen auf
der Gasse begegnete, erbebte. Öfters mußte ich, im Auftrage meines
Vaters, in eines der eleganten Judenhäuser gehen, und es roch immer wie
nach Milch in diesem Hause, und die Dame, die mir dort die Tür
aufzuschließen pflegte, hatte weiße, weite Kleider an und brachte einen
warmen, gewürzigen Duft mit sich heraus, vor dem ich anfangs einen
Abscheu hatte, den ich aber nachher lieben lernte. Ich glaube, ich trug
nicht gerade hübsche Kleider als Knabe, jedenfalls sah ich mit boshafter
Bewunderung einige andere Knaben an, die hohe schöne Schuhe trugen,
glatte Strümpfe und gutsitzende Anzüge. Ein Knabe besonders machte mir
tiefen Eindruck wegen seiner Zartheit an Gesicht und Händen, wegen der
Weichheit seiner Bewegungen und der Stimme aus seinem Munde. Er glich
völlig einem Mädchen, war immer in weiche Stoffe gekleidet und genoß bei
den Lehrern eine Achtung, die mich stutzig machte. Ich sehnte mich
krankhaft danach, von ihm eines Wortes gewürdigt zu werden und war
glücklich, als er mich eines Tages vor dem Schaufenster einer
Papierhandlung unvermittelt ansprach. Er schmeichelte mir, weil ich so
schön schrieb, und sprach das Verlangen danach aus, eine ebenso schöne
Schrift wie ich zu besitzen. Wie freute mich das, diesem jungen Gott von
Knaben in einem Stück wenigstens überlegen zu sein, und ich wehrte seine
Schmeicheleien errötend und selig von mir ab. Dieses Lächeln! Ich
erinnere mich noch, wie er lächelte. Seine Mutter war lange Zeit mein
Traum. Ich überschätzte sie zu Ungunsten meiner eigenen Mutter. Welches
Unrecht! Diesen Knaben griffen einige Spottvögel in unserer Klasse an,
indem sie die Köpfe zusammensteckten und sagten, er sei ein Mädchen und
zwar ein wirkliches, nur verkleidet in den Kleidern eines Knaben.
Natürlich war es nur Unsinn, aber mich traf das wie ein Donnerschlag und
ich glaubte lange Zeit, in diesem Knaben ein verkleidetes Mädchen
verehren zu sollen. Seine überweiche Figur gab mir allen Anlaß zu
überspannten romantischen Empfindungen. Natürlich war ich zu schüchtern
und stolz, ihm meine Vorliebe für ihn zu erklären, und so hielt er mich
für einen seiner Feinde. Wie vornehm wußte er sich abzusondern. Wie
merkwürdig, jetzt das zu denken! -- Im Religionsunterricht entzückte ich
einmal meinen Lehrer, weil ich für eine bestimmte Empfindung ein
bestimmtes treffendes Wort fand; auch das ist mir unvergeßlich
geblieben. In verschiedenen Fächern war ich überhaupt sehr gut, aber es
war immer beschämend für mich, als Muster dazustehen, und ich bemühte
mich oft förmlich, schlechte Resultate zu erzielen. Mein Instinkt sagte
mir, daß mich die Überflügelten hassen könnten, und ich war gerne
beliebt. Ich fürchtete mich davor, von den Kameraden gehaßt zu werden,
weil ich das für ein Unglück hielt. Es war in unserer Klasse Mode
geworden, die Streber zu verachten, deshalb kam es öfters vor, daß sich
intelligente und kluge Schüler aus Vorsicht einfach dumm stellten.
Dieses Verhalten, wenn es bekannt wurde, galt als musterhaftes Betragen
unter uns, und in der Tat, es hatte wohl einen Anstrich von Heroismus,
wenn auch in mißverstandenem Sinne. Von Lehrern ausgezeichnet zu werden,
war also mit der Gefahr der Mißachtung verbunden. Welch eine seltsame
Welt: die Schule. In einer der frühesten Schulklassen hatte ich einen
Schulkameraden, einen kleinen Knirps mit Flecken im spitzigen Gesicht,
dessen Vater ein herumsaufender Korbflechter war, den alle Leute
kannten. Da mußte nun der kleine Kerl immer vor der ganzen höhnenden
Klasse das Wort Schnaps aussprechen, was er nicht konnte, da er immer
Snaps statt Schnaps sagte, infolge eines armseligen Zungenfehlers. Wie
gab uns das zu lachen. Und wenn ich jetzt daran denke: wie roh war doch
das. Ein anderer, ein gewisser Bill, ein drolliger kleiner Bursche, kam
immer zu spät in die Schulstunde, weil seine Eltern ein Haus in einer
einsamen, wilden, weit von der Stadt entfernten Berggegend bewohnten.
Dieser Spätling mußte jedes Mal für sein Zuspätkommen die Hand
ausstrecken, um einen bissigen, scharf schmerzenden Schlag mit dem
Meerrohr darauf zu empfangen. Der Schmerz preßte dem Kleinen jedes Mal
Tränen zu den Augen heraus. Welche Spannung rief in uns diese Abstrafung
hervor. Ich hebe übrigens hervor, daß ich hier nicht irgend jemand,
vielleicht den betreffenden Lehrer, wie man leicht glauben könnte,
anklagen will, sondern einfach mitteile, was ich noch weiß aus jenen
Zeiten. -- Auf dem Berge, im Wald, oberhalb der Stadt, pflegte sich,
damals mehr als heutzutage, wie ich annehme, allerhand arbeitsloses,
wildes, verkommenes Volk anzusammeln, um aus Schnapsflaschen im Dickicht
zu trinken, Karten zu spielen, oder um mit den Weibern zu buhlen, denen
das Elend und der Jammer zum Gesicht herausglotzten, und die aus den
Fetzen von Kleidern, die sie trugen, erkenntlich waren. Man nannte diese
Menschen Vaganten. Eines Sonntag Abends gingen wir, Hedwig, Kaspar und
ich mit einem Mädchen, das wir Anna nannten, und das unserem Hause treu
war, auf einem schmalen Weg über diesen Berg und sahen, als wir in eine
Waldlichtung voll Felsstücken hinaustraten, wie ein Mann eben eines
dieser Felsstücke mit seiner Faust ergriff und es einem andern Mann,
seinem Gegner, ins Gesicht schleuderte, daß es einen Krach gab und das
Blut des Getroffenen, der alsobald zu Boden stürzte, herausspritzte. Der
Streit, dessen Ende, da wir sogleich flohen, wir nicht sahen, schien aus
Anlaß eines Weibes entstanden zu sein, wenigstens ist mir eine düstere,
große Weibsfigur noch immer deutlich vor Augen, die damals gelassen
dagestanden ist und dem Streit mit böser Haltung zusah. Ich trug ein
tiefes Weh und einen Schauder nach Hause, der mich am Essen verhinderte
und noch lange Zeit jene Waldstelle meiden ließ. Es lag etwas
Furchtbares, Uranfängliches in diesem Männerkampf. --

Kaspar und ich hatten einen gemeinschaftlichen Freund, Sohn eines
Großrates und angesehenen Kaufmanns, den wir wegen seiner
Bereitwilligkeit und Unterwürfigkeit gegen unsere Pläne sehr liebten. Zu
diesem gingen wir oft in das elterliche, großrätliche Haus, wo uns eine
zierliche Dame, seine Mutter, jedes Mal freundlich willkommen hieß. Wir
spielten mit unseres Freundes Baukasten und Bleisoldaten stundenlang und
unterhielten uns vortrefflich. Kaspar zeichnete sich im Bauen von
Festungen und Palästen und im Entwerfen von Schlachtenplänen aus. Unser
Freund hing sehr an uns; an Kaspar, wie es mir schien, noch mehr als an
mir; und er besuchte auch uns öfters in unserem Hause, wo es freilich
nicht ganz so fein war. Hedwig hatte ihn sehr lieb. Seine Mutter war von
der unsrigen ganz verschieden, die Zimmer waren glänzender als bei uns,
der Ton war ein anderer, ich meine: der Ton der Umgangssprache; aber bei
uns war es in allem lebhafter. Damals lebte in unserer Stadt eine reiche
Dame für sich allein in einem herrlichen Garten, natürlich in einem
Haus, aber das Haus sah man nicht vor lauter Efeu und Bäumen und
Springbrunnen, die es verdeckten. Diese Dame hatte drei Töchter, schöne,
blasse Mädchen, von denen es hieß, daß sie alle zwei Wochen ein neues
Kleid anzögen. Die Kleider behielten sie nicht im Schrank, sondern
ließen sie durch besondere Botenläufer unter den Leuten der Stadt
verkaufen. Hedwig besaß einmal ein Seidenkleid und ein paar Schuhe von
einem dieser Mädchen, und diese schon getragenen Sachen flößten mir, als
ich sie betrachtete und anrührte, einen geheimen Abscheu ein, vermischt
mit dem höchsten Interesse und einer Teilnahme, wegen der ich oft
ausgelacht wurde. Die Dame saß immer in ihrem Hause oder höchstens
einmal im Theater, wo sie erschreckend weiß aussah in ihrer dunkelroten
Loge. Das mittlere von den drei Mädchen war wohl das schönste. Ich sah
sie in meiner Phantasie immer zu Pferde; sie hatte so ein Gesicht, das
dazu geschaffen war, vom Rücken eines tanzenden Pferdes auf eine
gaffende Volksmenge herabzublicken und alle die Augen niederschlagen zu
machen. Alle drei Mädchen sind jetzt wohl längst verheiratet. -- Einmal
hatten wir eine Feuersbrunst, und zwar nicht in der Stadt selber,
sondern in einem Nachbardorfe. Der ganze Himmel in der Runde war gerötet
von den Flammen, es war eine eisige Winternacht. Die Menschen liefen auf
dem gefrorenen, knirschenden Schnee, auch ich und Kaspar; denn unsere
Mutter schickte uns weg, um zu erfahren, wo es brenne. Wir kamen zu den
Flammen, aber es langweilte uns, so lang in das brennende Gebälk zu
schauen, auch froren wir, und so liefen wir bald wieder nach Hause, wo
uns Mutter mit all der Strenge einer Geängstigten empfing. Meine Mutter
war damals schon krank. Kaspar trat ein wenig später aus der Schule aus,
in der er keinen Erfolg mehr hatte. Ich hatte noch ein Jahr vor mir,
aber eine gewisse Melancholie ergriff mich und hieß mich auf die Dinge
der Schule mit Bitterkeit herabsehen. Ich sah das nahe Ende kommen und
den nahen Anfang von etwas Neuem. Was es sein sollte, darüber konnte ich
mir nur allerhand unkluge Gedanken machen. Ich sah meinen Bruder öfters,
mit Paketen beladen, in seinem Geschäftsleben, und dachte darüber nach,
warum er so niedergeschlagen dabei aussah und sein Gesicht zur Erde
niederhing. Es mußte nicht schön sein, dieses Neue, wenn man dabei die
Augen nicht aufschlagen durfte. Aber Kaspar hatte damals sich auf seinen
Beruf zu besinnen angefangen, er schien immer zu träumen und war von
einer sonderbaren Gelassenheit, was dem Vater nichts weniger als gefiel.
Wir bewohnten jetzt ein geringeres Vorstadthaus, dessen Anblick ein
erkältender war. Die Wohnung war Mutter nicht recht. Sie hatte überhaupt
eine eigentümliche Krankheit, sich von ihrer jeweiligen Umgebung
verletzt zu fühlen. Sie mochte von vornehmen kleinen Häusern in Gärten
schwärmen. Was kann ich wissen. Sie war eine sehr unglückliche Frau.
Wenn wir zum Beispiel alle beim Essen saßen, ziemlich schweigsam, wie
wir es gewohnt waren, erfaßte sie plötzlich eine Gabel oder ein Messer
und warf es von sich weg, über den Tisch hinaus, so daß alle mit den
Köpfen zur Seite bogen; wenn man sie dann beruhigen wollte, kränkte es
sie, und wenn man ihr Vorwürfe machte, noch viel mehr. Vater hatte einen
schweren Stand mit der Kranken. Wir Kinder erinnerten uns mit Wehmut und
Schmerz der Zeiten, wo sie eine Frau war, der alles mit einem Gemisch
von Hochachtung und Zärtlichkeit begegnete, wo, wenn sie die helle
Stimme ansetzte und einen rief, man sich beglückt fühlte zu ihr
hinzueilen. Alle Damen der Stadt erwiesen ihr Artigkeiten, die sie mit
Grazie und Bescheidenheit abzulehnen wußte; diese entschwundene Zeit
erschien mir schon damals wie ein zaubervolles Märchen voll entzückender
Düfte und Bilder. Ich lernte also schon früh, mich schönen Erinnerungen
mit Leidenschaft hinzugeben. Ich sah wieder das hohe Haus, wo die Eltern
ein reizendes Galanteriewarengeschäft hatten, wo viele Menschen zu uns
hineinkamen, um zu kaufen, wo wir Kinder eine helle, große Kinderstube
besaßen, in welche die Sonne mit einer Art Vorliebe hineinzuscheinen
schien. Dicht neben unserem hohen Hause kauerte ein kleines, schräges,
zerdrücktes, uraltes Haus mit einem spitzigen Giebeldach, darin wohnte
eine Witwe. Sie hatte einen Hutladen, einen Sohn und eine Verwandte und,
ich glaube, noch einen Hund, wenn ich mich recht erinnere. Wenn man zu
ihr in den Laden trat, begrüßte sie einen so freundlich, daß man das
bloße dieser Dame Gegenüberstehen als einen Wohlgenuß empfand. Sie
preßte einem dann verschiedene Hüte auf den Kopf, führte einen vor den
Spiegel und lächelte dazu. Ihre Hüte rochen alle so wunderbar, daß man
wie gebannt dastehen mußte. Sie war eine gute Freundin meiner Mutter.
Dicht daneben, das heißt, dicht neben dem Hutladen glitzerte und lockte
eine schneeweiße Konditorei, eine Zuckerbäckerei. Die Zuckerbäckersfrau
schien uns ein Engel zu sein, nicht eine Frau. Sie hatte das zarteste,
ovalste Gesicht, das man sich denken kann; die Güte und die Reinheit
schienen diesem Gesicht die Formen gegeben zu haben. Ein Lächeln, das
einen zum frommen Kinde machte, wenn es einen traf, bezauberte und
versüßte noch ihre süßen Züge. Die ganze Frau schien wie geschaffen
dazu, Süßigkeiten zu verkaufen, Sachen und Sächelchen, die man nur mit
Nadelspitzenfingern anrühren durfte, wenn man ihnen den köstlichen
Geschmack nicht rauben wollte. Das war auch eine Freundin meiner Mutter.
Sie hatte viele Freundinnen.« --

Simon hörte auf zu schreiben. Er ging zu einer Photographie seiner
Mutter, die an der schmutzigen Wand seines Zimmers hing, und preßte,
indem er sich auf die Fußspitzen erhob, einen Kuß darauf. Dann zerriß er
das Geschriebene, weder mit Unmut noch mit vielem Besinnen, einfach
deshalb, weil es keinen Wert mehr für ihn besaß. Dann ging er zu Rosa,
in die Vorstadt hinaus und sagte zu ihr: »Ich werde nun vielleicht bald
eine Anstellung in einer kleinen Landstadt bekommen, was für mich jetzt
das Schönste wäre, was es geben könnte. Eine kleine Stadt ist doch etwas
Entzückendes. Man hat da sein altes, behagliches Zimmer, das man für
merkwürdig wenig Geld bekommt. Vom Geschäft ins Zimmer zu gelangen, wäre
mit ein paar Schritten leicht abgetan. Alle Leute grüßen einen in der
Gasse und denken sich, wer der junge Herr wohl sein könne. Diejenigen
Weiber, die Töchter haben, geben einem schon im Geiste eine ihrer
Töchter zur Frau. Das wird die jüngste Tochter sein mit den Ringellocken
und den herabhängenden, schweren Ohrringen an den kleinen Ohren. Im
Geschäft würde man sich langsam unentbehrlich machen, und der Chef wäre
glücklich, eine solche Erwerbung wie mich gemacht zu haben. Abends nach
Hause gekommen, säße man im geheizten Zimmer, und die Bilder an den
Wänden würden angesehen, von denen eines vielleicht die schöne Kaiserin
Eugenie darstellen dürfte und ein anderes eine Revolution. Die Tochter
des Hauses käme vielleicht herein und brächte mir Blumen, warum nicht?
Ist dies alles in einer Kleinstadt nicht möglich, wo die Menschen
einander so zärtlich begegnen? Eines Tages aber, in der warmen, hellen
Mittagspause, würde dasselbe Mädchen schüchtern an meiner Tür anklopfen,
einer Tür, nebenbei gesagt, die aus der Rokokozeit herstammte, würde sie
aufmachen und zu mir in das Zimmer treten und zu mir, unter einer
unendlich feinen Seitenbeugung des schönen Kopfes, sagen: »Wie sind Sie
immer so still, Simon. Sie sind so bescheiden und machen gar keine
Ansprüche. Sie sagen nicht: mir fehlt dieses oder jenes. Sie lassen
alles so gehen. Ich fürchte, Sie sind unzufrieden.« Ich würde lachen und
sie beruhigen. Dann plötzlich, wie von seltsamen Gefühlen ergriffen,
könnte es ihr einfallen zu sagen: »Wie still und schön die Blumen sind,
da auf dem Tische. Sie sehen aus, als ob sie Augen hätten und es ist
mir, als ob sie lächelten.« Ich würde überrascht sein, so etwas aus dem
Munde einer Kleinstädterin zu hören. Dann würde ich es plötzlich
natürlich finden, in langsamen Schritten zu der Dastehenden und
Zaudernden hinzugehen, meinen Arm um ihre Figur zu legen und das Mädchen
zu küssen. Sie würde es geschehen lassen, aber nicht so, daß man
versucht wäre, auf unschöne Gedanken zu verfallen. Sie würde die Augen
tief niederschlagen und ich hörte das Pochen ihres Herzens, das Wogen
ihren schönen, runden Brust. Ich würde sie bitten, mir ihre Augen zu
zeigen, und daraufhin würde sie sie aufmachen und ich würde in den
Himmel ihrer geöffneten, fragenden Augen hineinschauen. Das würde ein
langes Bitten und Schauen sein. Erst wäre es ein flehender Blick von
ihr, dann würde es mich reizen, sie ebenso anzusehen, dann würde ich
natürlich lachen müssen und sie würde mir trotzdem vertrauen. Wie
wunderbar könnte das sein, und das kann sein in einer kleinen Stadt, wo
die Menschen mit Blicken so viel sagen. Ich würde sie wieder küssen auf
ihren seltsam gebogenen und geschweiften Mund und ihr schmeicheln, so,
daß sie meinen Schmeicheleien glauben müßte und es also dann wieder
keine bloßen Schmeicheleien wären, und ihr sagen, daß ich sie als mein
Weib betrachtete, worauf sie, wieder den Kopf so wundervoll zur Seite
biegend, ja sagen würde. Denn was könnte sie mir entgegnen, wenn ich ihr
den Mund zudrückte, wie einem Kind, wenn ich sie nun mit Küssen
bedeckte, die Herrliche, die ein Lächeln des Übermutes und des
Siegesgefühles nicht zu unterdrücken vermöchte? Freilich, Siegerin wäre
sie und ich ihr Besiegter, das würde sich ja bald zeigen, denn ich würde
ihr Mann werden und ihr damit mein ganzes Leben, meine Freiheit und alle
Gelüste, die Welt zu sehen, opfern und schenken. Nun würde ich sie immer
betrachten und sie immer schöner finden. Bis zu unserer Vermählung würde
ich wie ein Schelm hinter ihren Reizen, die sie hinter sich fallen
ließe, her sein. Ich würde ihr zusehen, wenn sie auf den Zimmerboden
hinkniete, abends, um im Ofen Feuer anzufachen. Ich würde viel lachen,
wie ein Blödsinniger, nur um nicht immer allzu feine Worte des
Zärtlichseins zu gebrauchen, und vielleicht würde ich sie öfters auch
roh behandeln, um die Züge des Schmerzes aus ihrem Gesicht abzufangen.
Nach solcher Handlungsweise käme es mir nicht darauf an, heimlich, wenn
sie es nicht sähe, vor ihrem Bette hinzuknieen und die Abwesende mit
heißem Herzen anzubeten. Ich würde mich vielleicht sogar dazu
versteigen, ihren Schuh, der doch mit Wichse bedeckt wäre, an meinen
Mund zu pressen; denn der Gegenstand, in den sie ihre kleinen weißen
Füße steckte, würde für das Gefühl der Anbetung vollkommen genügen, zum
Beten braucht es ja nicht viel. Ich stiege öfters auf die nahen, hohen
Felsenberge hinauf, sorglos mich hinaufziehend an kleinen Baumstämmchen,
über Abgründe hinauf, und würde mich oben über einen Felssturz auf die
gelbliche Weide hinlegen und mich darauf besinnen, wo ich denn
eigentlich wäre, und mich fragen, ob mir ein solches Leben in der Enge
mit einer allerdings geliebten, aber doch alles heischenden Frau wohl
genügen würde. Ich schüttelte auf solche Fragen nur mit dem Kopf und
träumte mit herrlich gesunden Sinnen in die Ebene hinab, wo die kleine
Stadt ausgebreitet läge. Vielleicht würde ich eine halbe Stunde lang
weinen, warum nicht, um meine Sehnsucht zu versöhnen und würde wieder
ruhig und glücklich daliegen, bis die Sonne untersänke, dann
hinuntergehen und meinem Mädchen die Hand reichen. Es wäre alles
beschlossen und hinter mir zugeriegelt, aber ich wäre von Herzen froh
über die feste, gebietende Abgeschlossenheit. Alsdann würde ich Hochzeit
feiern und so meinem Leben ein neues Leben geben. Das alte w

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