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Sämtliche Werke 14

by Fyodor Dostoyevsky · German · Gutenberg #35339 · 765,448 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Sämtliche Werke 14
    
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Title: Sämtliche Werke 14
        Arme Leute; Der Doppelgänger : Zwei Romane

Author: Fyodor Dostoyevsky

Contributor: Dmitry Sergeyevich Merezhkovsky

Editor: Arthur Moeller van den Bruck

Translator: E. K. Rahsin


        
Release date: February 20, 2011 [eBook #35339]
                Most recently updated: March 9, 2025

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/35339

Credits: Jana Srna, Alexander Bauer, Jens Sadowski, and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net. This file was produced from images generously made available by The Internet Archive.


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMTLICHE WERKE 14 ***


                   F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke

           Unter Mitarbeiterschaft von Dmitri Mereschkowski,
                herausgegeben von Moeller van den Bruck

                      Übertragen von E. K. Rahsin


                   Zweite Abteilung: Vierzehnter Band


                           F. M. Dostojewski




                               Arme Leute
                            Der Doppelgänger


                              Zwei Romane

                     R. Piper & Co. Verlag, München


                  R. Piper & Co. Verlag, München, 1920
                      Sechstes bis zehntes Tausend


             Copyright 1920 by R. Piper & Co., G. m. b. H.
                           Verlag in München

            Buchdruckerei Otto Regel, G. m. b. H., Leipzig.




                                 Inhalt


                         Vorbemerkung        V
                         Arme Leute          1
                         Der Doppelgänger  237




                              Vorbemerkung


Der Band bringt die ersten Dichtungen Dostojewskis: den Briefroman der
„Armen Leute“ und die Petersburger Geschichte, wie Dostojewski sie
ausdrücklich nannte, vom „Doppelgänger“. Die eine ist in der Reihenfolge
der Werke Dostojewskis mit dem Jahre 1845, die andere mit dem Jahre 1846
verbunden.

Die „Armen Leute“ waren zu ihrer Zeit ein Ereignis: sie wirkten, trotz
Gogol, der vorhergegangen war, wie der Einbruch einer neuen
Literaturrichtung, der naturalistischen, die auf die romantische folgte,
und lenkten mit einem Male die Aufmerksamkeit von ganz Jung-Rußland auf
den neuen Dichter. Heute lesen wir das Werk nicht wegen seines
zeitlichen und literarischen Wertes, den wir in seiner Tragweite kaum
noch verstehen, sondern um des Ewigen und Lyrisch-Mächtigen willen, von
dem es in seiner rührenden Frische und scheuen Menschlichkeit voll ist.

Der „Doppelgänger“, mit den dunklen, unheimlichen und unberechenbaren
Mächten, die wie ein nächtiges Schattenspiel in dem Dichter lebten,
kündete den späteren Dostojewski an: nicht Dostojewski den Idylliker,
der nur selten mehr durchbrechen sollte, sondern Dostojewski den
Fatalisten und Tragiker. Schon in den „Armen Leuten“ war die ungemeine
Psychologie in der Menschenschilderung aufgefallen, aber es war eine
Psychologie der Nähe und Innigkeit gewesen. Jetzt, in dem
„Doppelgänger“, wurde eine Psychologie des Abgrundes und der
Erschütterung daraus, und man ahnte bereits, daß sie zu einer ganzen
Weltanschauung und russischen Menschenanschauung auswachsen konnte. –
Das Doppelgängerproblem selbst lag in der Zeit. Poe hatte ihm im William
Wilson den romantischen Helden gegeben, E. Th. A. Hoffmann in den
Elixieren des Teufels aus ihm eine romantische Aventüre gezogen.
Dostojewski dagegen – und eben dies kennzeichnete ihn so – brachte
dasselbe Problem mit der irren Phantastik zusammen, die das Wirkliche,
das Graue, der Alltag besitzen kann, und ließ es in Wahngebilden aus dem
kranken Hirn eines Menschen steigen, der äußerlich zunächst nicht anders
ist wie Tausende um ihn.

                                                           M. v. d. B.




                               Arme Leute


                    „Nein, ich danke für diese Märchendichter! Anstatt
                    etwas Nützliches, Angenehmes, Erquickendes zu
                    schreiben, kratzen sie da die kleinsten
                    Kleinigkeiten aus der Erde hervor und schnüffeln
                    überall herum! ... Ich würde Ihnen einfach
                    verbieten, zu schreiben! Zum Beispiel, was soll
                    das: man liest ... unwillkürlich denkt man doch
                    nach, – aber ... aber ... es kommen einem nur alle
                    möglichen Ungereimtheiten in den Kopf. Nein,
                    wirklich, ich würde ihnen verbieten, zu schreiben,
                    ganz einfach und unter allen Umständen: schlankweg
                    verbieten!“

                                               Fürst W. F. Odojewskij.

                                                             8. April.

Meine unschätzbare Warwara Alexejewna!

Gestern war ich glücklich, über alle Maßen glücklich, wie man
glücklicher gar nicht sein kann! So haben Sie Eigensinnige doch
wenigstens einmal im Leben auf mich gehört! Als ich am Abend, so gegen
acht Uhr, erwachte (Sie wissen doch, meine Liebe, daß ich mich nach dem
Dienst ein bis zwei Stündchen etwas auszustrecken liebe), da holte ich
mir meine Kerze – und wie ich nun gerade mein Papier zurechtgelegt habe
und nur noch meine Feder spitze, schaue ich plötzlich ganz unversehens
auf – da: wirklich, mein Herz begann zu hüpfen! So haben Sie doch
erraten, was ich wollte! Ein Eckchen des Vorhanges an Ihrem Fenster war
zurückgeschlagen und an einem Blumentopf mit Balsaminen angesteckt,
genau so, wie ich es Ihnen damals anzudeuten versuchte. Dabei schien es
mir noch, daß auch Ihr liebes Gesichtchen am Fenster flüchtig
auftauchte, daß auch Sie aus Ihrem Zimmerchen nach mir ausschauten, daß
Sie gleichfalls an mich dachten! Und wie es mich verdroß, mein Täubchen,
daß ich Ihr liebes, reizendes Gesichtchen nicht deutlich sehen konnte!
Es hat einmal eine Zeit gegeben, wo auch wir mit klaren Augen sahen,
mein Kind. Das Alter ist keine Freude, meine Liebe. Auch jetzt ist es
wieder so, als flimmerte mir alles vor den Augen. Arbeitet man abends
noch ein bißchen, schreibt man noch etwas, so sind die Augen am nächsten
Morgen gleich rot und tränen so, daß man sich vor fremden Leuten fast
schämen muß. Aber doch sah ich im Geiste gleich Ihr Lächeln, mein Kind,
Ihr gutes, freundliches Lächeln, und in meinem Herzen hatte ich ganz
dieselbe Empfindung, wie damals, als ich Sie einmal küßte, Warinka –
erinnern Sie sich noch, Engelchen? Wissen Sie, mein Täubchen, es schien
mir sogar, als ob Sie mir mit dem Finger drohten. War es so, Sie Unart?
Das müssen Sie mir unbedingt ausführlich erzählen, wenn Sie mir wieder
einmal schreiben.

Nun, wie finden Sie denn unseren Einfall, ich meine, das mit Ihrem
Fenstervorhang, Warinka? Gar zu nett, nicht wahr? Sitze ich an der
Arbeit, oder lege ich mich schlafen, oder stehe ich auf – immer weiß ich
dann, daß auch Sie dort an mich denken, sich meiner erinnern, und auch
selbst gesund und heiter sind. Lassen Sie den Vorhang herab, so heißt
das: „Gute Nacht, Makar Alexejewitsch, es ist Zeit, schlafen zu gehen!“
Heben Sie ihn wieder auf, so heißt das: „Guten Morgen, Makar
Alexejewitsch, wie haben Sie geschlafen, und wie steht es mit Ihrer
Gesundheit, Makar Alexejewitsch? Ich selbst bin, Gott sei Dank, gesund
und wohlgemut!“

Sehen Sie nun, mein Seelchen, wie fein das ersonnen ist. So sind gar
keine Briefe nötig! Schlau, nicht wahr? Und diese kniffliche Erfindung
stammt von mir! Nun was – bin ich nicht erfinderisch, Warwara
Alexejewna?

Ich muß Ihnen doch noch berichten, mein Kind, daß ich diese Nacht recht
gut geschlafen habe, eigentlich gegen alle Erwartung gut, womit ich denn
auch sehr zufrieden bin; zumal man in einer neuen Wohnung, schon aus
Ungewohntheit, sonst niemals gut zu schlafen pflegt; es ist eben doch
immer nicht alles so, wie es sein muß. Als ich heute aufstand, war es
mir ganz wie – wie – nun, wie so einem lichten Falken ums Herz – froh
und sorgenfrei! Was ist das doch heute für ein schöner Morgen, mein
Kind! Unser Fenster wurde aufgemacht: die Sonne scheint herein, die
Vögel zwitschern, die Luft ist erfüllt von Frühlingsdüften und die ganze
Natur lebt auf, – nun, und auch alles andere war genau so, wie es sich
gehört, genau wie es sein muß, wenn es Frühling wird. Ich versank sogar
ein Weilchen in Träumerei und dabei dachte ich nur an Sie, Warinka. Ich
verglich Sie in Gedanken mit einem Himmelsvögelchen, das so recht zur
Freude der Menschen und zur Verschönerung der Natur erschaffen ist.
Dabei dachte ich auch, daß wir, Warinka, wir Menschen, die wir in Sorgen
und Ängsten leben, die kleinen Himmelsvöglein um ihr sorgenloses und
unschuldiges Glück beneiden könnten, – nun und Ähnliches mehr, alles von
der Art, dachte ich. Das heißt, ich machte nur so entfernte Vergleiche
... Ich habe da ein Büchelchen, Warinka, in dem ist von solchen Dingen
die Rede, und alles ist ganz ausführlich beschrieben. Ich schreibe das
deshalb, weil ich nur sagen will, daß es doch sonst immer verschiedene
Auffassungen gibt, nicht wahr, meine Liebe? Jetzt aber ist es Frühling,
und da kommen einem gleich so angenehme Gedanken, so geistreiche und
erfinderische obendrein, und sogar zärtliche Träumereien kommen einem.
Die ganze Welt erscheint einem in rosigem Licht. Deshalb habe ich auch
dies alles geschrieben. Übrigens habe ich es meist dem Büchelchen
entnommen. Dort äußert der Verfasser ganz denselben Wunsch, nur in
Versen:

   „Ein Vogel, ein Raubvogel möchte ich sein!“

Und so weiter. Dort kommen auch noch verschiedene andere Gedanken vor,
aber – nun, Gott mit Ihnen! Doch sagen Sie, wohin gingen Sie denn heute
morgen, Warwara Alexejewna? Ich hatte mich noch nicht zum Dienst
aufgemacht, da gingen Sie bereits fröhlich über den Hof, hatten schon
wie ein Frühlingsvöglein Ihr Zimmerchen verlassen. Und wie mein Herz
sich freute, als ich Sie sah! Ach, Warinka, Warinka! Grämen Sie sich
doch nicht! Mit Tränen hilft man keinem Kummer, glauben Sie mir, ich
weiß es, weiß es aus eigener Erfahrung. Jetzt leben Sie doch so ruhig
und sorgenlos, und auch mit Ihrer Gesundheit geht es besser. – Nun, was
macht Ihre Fedora? Ach, was ist das für ein guter Mensch! Sie müssen mir
alles ganz genau beschreiben, Warinka, wie Sie mit ihr leben und ob Sie
auch mit allem zufrieden sind? Fedora ist mitunter etwas brummig, aber
Sie müssen das nicht weiter beachten, Warinka. Gott mit ihr! Sie ist
doch eine gute Seele.

Ich habe Ihnen schon früher von unserer Theresa geschrieben – sie ist
gleichfalls eine gute und treue Person. Was hab’ ich mir doch um unsere
Briefe für Sorgen gemacht! Wie sollte man sie befördern? Da kam uns denn
zu unserem Glück diese Theresa, kam wie von Gott gesandt. Sie ist eine
gute, bescheidene, stille Person. Aber unsere Wirtin ist wahrhaft
erbarmungslos, so versteht sie es, sie auszunutzen. Die Arme wird mit
Arbeit ganz überhäuft.

Doch in was für eine Wildnis bin ich hier geraten, Warwara Alexejewna!
Das ist mir mal eine Wohnung, das muß ich sagen! Früher lebte ich doch
in einer solchen Einsamkeit, Sie wissen ja: friedlich, still, wenn
einmal eine Fliege flog, hörte man es. Hier aber – Lärm, Geschrei,
Gezeter! Aber Sie wissen ja noch gar nicht, wie das hier eigentlich
alles ist. Denken Sie sich ungefähr einen langen Korridor, einen ganz
dunklen und unsauberen. Rechts ist die Brandmauer, ohne Fenster, ohne
Türen; links aber ist Tür an Tür, ganz wie in einem Hotel, so eine lange
Reihe Türen. Und hinter jeder Tür ist nur ein Zimmer, Nummer
Soundsoviel, und in jeder dieser Nummern wohnen zwei bis drei zusammen,
je nachdem, und die zahlen gemeinsam die Miete. Ordnung dürfen Sie nicht
verlangen – das ist hier wie in der Arche Noah! Doch sind es, glaube
ich, trotzdem gute Menschen, alle sind sie so gebildet, sogar gelehrt.
Unter anderen wohnt hier ein Beamter – ein sehr belesener Mann: er
spricht von Homer, und noch von verschiedenen anderen Schriftstellern,
von allem spricht er, – ein kluger Mensch! Dann wohnen hier noch zwei
ehemalige Offiziere, die immer nur Karten spielen. Dann ein Seemann, der
englische Stunden gibt. – Warten Sie mal, ich werde Sie einmal zum
Lachen bringen, mein Kind: ich werde in meinem nächsten Brief alle die
Leute satirisch beschreiben, das heißt, wie sie hier hausen, und zwar
ganz ausführlich!

Unsere Wirtin ist ein sehr kleines und unsauberes altes Weib, geht den
ganzen Tag in Pantoffeln und in einem Schlafrock umher und schimpft
ununterbrochen die Theresa. Ich wohne in der Küche, oder richtiger
gesagt – Sie müssen sich das so denken: hier neben der Küche ist noch
ein Zimmer (unsere Küche ist, muß ich Ihnen sagen, rein und hell und
sehr anständig), ein ganz kleines Zimmerchen, so ein bescheidenes
Winkelchen eigentlich nur ... oder noch richtiger wird es so sein: die
Küche ist groß und hat drei Fenster, und bei mir ist nun parallel der
Querwand eine Scheidewand angebracht, so daß es sozusagen noch ein
Zimmerchen gibt, eine Nummer „über den Etat“, wie man sagt. Alles ist
geräumig und bequem, und sogar ein Fenster habe ich und überhaupt alles,
– mit einem Wort nochmals, es ist alles gut und bequem. Das ist also
mein Winkelchen. Aber nun müssen Sie nicht etwa denken, Kind, daß irgend
etwas dabei sei und ich einen Hintergedanken habe: weil das immerhin nur
eine Küche ist! Das heißt, genau genommen lebe ich ja in demselben Raum,
nur hinter einer Scheidewand, aber das hat nichts zu sagen! Ich lebe
hier ganz heimlich und mäuschenstill, ganz bescheiden und ruhig. Habe
hier mein Bett aufgestellt, einen Tisch, eine Kommode, zwei Stühle,
jawohl, genau ein Paar, und habe das Heiligenbild aufgehängt. Es gibt
gewiß bessere Wohnungen, sogar viel bessere, aber die Hauptsache ist
doch die Bequemlichkeit; ich wohne ja hier nur deshalb, weil ich es so
am bequemsten habe – Sie brauchen nicht zu denken, daß ich es aus
irgendeinem anderen Grunde tue. Ihr Fensterchen liegt mir gerade
gegenüber, über den Hof, und der Hof ist auch nur so ein kleines
Höfchen, da sieht man Sie denn ganz deutlich hin und wieder im
Vorübergehen, – das ist doch immer etwas geselliger für mich Armen, und
auch billiger.

Bei uns hier kostet selbst das kleinste Zimmer mit der Beköstigung
zusammen fünfunddreißig Rubel monatlich. Das ist nichts für meinen
Beutel! Mein Winkelchen aber kostet nur sieben Rubel, und für die
Beköstigung zahle ich fünf, während ich früher für alles in allem runde
dreißig Rubel zahlte, dafür aber auf vieles verzichten mußte: so konnte
ich nicht immer Tee trinken, jetzt dagegen, oh, da bleibt mir noch genug
für Tee und Zucker. Es ist, wissen Sie, doch so – tatsächlich: man
schämt sich irgendwie, wenn man keinen Tee trinken kann, Warinka. Hier
wohnen nur Leute, die ihr Auskommen haben, und da geniert man sich eben.
Und eigentlich: nur wegen der anderen trinkt man ihn, den Tee, Warinka,
nur des Ansehens wegen, weil es hier zum guten Ton gehört. Mir wäre es
ja sonst ganz gleich, ich bin nicht einer, der viel auf Genüsse gibt.

Und dann, was man so noch als Taschengeld braucht – denn irgend etwas
hat man doch immer nötig – nun, sei es ein Paar Stiefel, ein
Kleidungsstück – wieviel bleibt denn da übrig? So geht denn mein ganzes
Gehalt auf. Ich klage ja nicht, ich bin ganz zufrieden. Für mich genügt
es. Hat es doch schon viele Jahre genügt! Hin und wieder gibt es auch
noch Gratifikationen.

Nun, leben Sie wohl, mein Engelchen. Ich habe da ein paar Blumen
gekauft, zwei Töpfchen, eines mit Balsaminen und eines mit Geranium –
nicht teuer. Vielleicht lieben Sie auch Reseda? Auch Reseda ist zu
haben, schreiben Sie nur. Aber alles recht ausführlich, ja? Übrigens
müssen Sie da nicht irgendwie etwas argwöhnen, Kind, ich meine – was
mich betrifft, und daß ich jetzt so ein Zimmer gemietet habe. Nein, nur
die Bequemlichkeit veranlaßte mich dazu, nur, daß es in allem so bequem
war, das verleitete mich. – Ich habe doch, das muß ich Ihnen noch sagen,
Kind, ich habe doch Geld gespart, ich habe etwas beiseite gelegt: oh ja:
ich besitze schon etwas! Achten Sie nicht darauf, daß ich so still und
zaghaft bin, daß es aussieht, als könne mich eine Fliege mit den Flügeln
umstoßen. Nein, mein Kind, ich bin gar nicht so schwach und habe gerade
den Charakter, den ein Mensch mit ruhigem Gewissen und in der
Festigkeit, die uns unsere Anständigkeit gibt, haben muß. Leben Sie
wohl, mein Engelchen. Da habe ich schon ganze zwei Bogen vollgeschrieben
und es ist bereits höchste Zeit zum Dienst. Ich küsse Ihre Fingerchen,
Warinka, und verbleibe

                           Ihr ergebenster Diener und treuester Freund
                                                    Makar Djewuschkin.

P. S. Um eines bitte ich Sie noch: antworten Sie mir recht ausführlich,
mein Engelchen. Ich sende Ihnen hier eine Düte Konfekt, Warinka;
verschmausen Sie es mit Behagen und machen Sie sich um Gottes willen
keine Sorgen um mich und nehmen Sie mir nur nicht irgend etwas übel. Und
nun leben Sie wohl, mein Kind.


                                                             8. April.

Sehr geehrter Makar Alexejewitsch!

Wissen Sie, daß man Ihnen endlich einmal die Freundschaft wird kündigen
müssen? Ich schwöre Ihnen, guter Makar Alexejewitsch, es fällt mir
furchtbar schwer, Ihre Geschenke anzunehmen. Ich weiß doch, wieviel sie
kosten und was das für Ihren Beutel ausmacht, zu wieviel Entbehrungen
Sie sich deshalb zwingen, wie Sie sich das Notwendigste selbst
verweigern. Wie oft habe ich Ihnen schon gesagt, daß ich nichts nötig
habe, ganz und gar nichts, daß es nicht in meinen Kräften steht, die
Wohltaten, mit denen Sie mich überschütten, zu erwidern. Und wozu diese
Blumen? Die Balsaminen, nun, das ginge noch an, aber wozu nun noch
Geranium? Es braucht einem nur ein unbedachtes Wort zu entschlüpfen, wie
zum Beispiel meine Bemerkung über Geranium, da müssen Sie auch schon
sofort Geranium kaufen. So etwas ist doch bestimmt teuer? Wie wundervoll
die Blüten sind! So leuchtend rot, und Stern steht an Stern. Wo haben
Sie nur ein so schönes Exemplar aufgetrieben? Ich habe den Blumentopf
auf das Fensterbrett gestellt, an die sichtbarste Stelle. Auf das
Bänkchen vor dem Fenster werde ich noch andere Blumen stellen, lassen
Sie mich nur erst reich werden! Fedora kann sich nicht genug freuen –
unser Zimmer ist jetzt ein richtiges Paradies, so sauber und hell und
freundlich. Aber wozu war denn das Konfekt nötig? Übrigens: ich erriet
es sogleich aus Ihrem Brief, daß irgend etwas nicht richtig ist:
Frühling und Wohlgerüche und Vogelgezwitscher – nein, dachte ich, sollte
nicht gar noch ein Gedicht folgen? Denn wirklich, es fehlen nur noch
Verse in Ihrem Brief, Makar Alexejewitsch. Und die Gefühle sind zärtlich
und die Gedanken rosafarben – alles, wie es sich gehört! An den Vorhang
habe ich überhaupt nicht gedacht. Der Zipfel muß an einem Zweige hängen
geblieben sein, als ich die Blumentöpfe umstellte. Da haben Sie es!

Ach, Makar Alexejewitsch, was reden Sie da und rechnen mir Ihre
Einnahmen und Ausgaben vor, um mich zu beruhigen und glauben zu machen,
daß Sie alles nur für sich allein ausgeben! Mich können Sie damit doch
nicht betrügen. Ich weiß doch, daß Sie sich des Notwendigsten um
meinetwillen berauben. Was ist Ihnen denn eingefallen, daß Sie sich ein
solches Zimmer gemietet haben, sagen Sie doch, bitte! Man beunruhigt Sie
doch, man belästigt Sie dort, das Zimmer wird gewiß eng und unbequem und
ungemütlich sein. Sie lieben Stille und Einsamkeit, hier aber – was wird
denn das für ein Leben sein? Und bei Ihrem Gehalt könnten Sie doch viel
besser wohnen. Fedora sagt, daß Sie früher unvergleichlich besser gelebt
hätten als jetzt. Haben Sie wirklich Ihr ganzes Leben so verbracht,
immer einsam, immer mit Entbehrungen, ohne Freude, ohne ein gutes,
liebes Wort zu hören, immer in einem bei fremden Menschen gemieteten
Winkel? Ach Sie, mein guter Freund, wie Sie mir leid tun! So schonen Sie
doch wenigstens Ihre Gesundheit, Makar Alexejewitsch! Sie erwähnen, daß
Ihre Augen angegriffen seien, – so schreiben Sie doch nicht bei
Kerzenlicht! Was und wozu schreiben Sie denn noch? Ihr Diensteifer wird
Ihren Vorgesetzten doch wohl ohnehin schon bekannt sein.

Ich bitte Sie nochmals inständig, verschwenden Sie nicht soviel Geld für
mich. Ich weiß, daß Sie mich lieben, aber Sie sind doch selbst nicht
reich ... Heute war ich ebenso froh, wie Sie, als ich erwachte. Es war
mir so leicht zumut. Fedora war schon lange an der Arbeit und hatte auch
mir Arbeit verschafft. Darüber freute ich mich sehr. Ich ging nur noch
aus, um Seide zu kaufen, und dann setzte ich mich gleichfalls an die
Arbeit. Und den ganzen Morgen und Vormittag war ich so heiter! Jetzt
aber – wieder trübe Gedanken, alles so traurig, das Herz tut mir weh.

Mein Gott, was wird aus mir werden, was wird mein Schicksal sein! Das
Schwerste ist, daß man so nichts, nichts davon weiß, was einem
bevorsteht, daß man so gar keine Zukunft hat, und daß man nicht einmal
erraten kann, was aus einem werden wird. Und zurückzuschauen, davor
graut mir einfach! Dort liegt soviel Leid und Qual, daß das Herz mir
schon bei der bloßen Erinnerung brechen will. Mein Leben lang werde ich
unter Tränen die Menschen anklagen, die mich zugrunde gerichtet haben.
Diese schrecklichen Menschen!

Es dunkelt schon. Es ist Zeit, daß ich mich wieder an die Arbeit mache.
Ich würde Ihnen gern noch vieles schreiben, doch diesmal geht es nicht:
die Arbeit muß zu einem bestimmten Tage fertig werden. Da muß ich mich
beeilen. Briefe zu erhalten ist natürlich immer angenehm: es ist dann
doch nicht so langweilig. Aber weshalb kommen Sie nicht selbst zu uns?
Wirklich, warum nicht, Makar Alexejewitsch? Wir wohnen ja jetzt so nahe,
und soviel freie Zeit werden Sie doch wohl haben. Also bitte, besuchen
Sie uns! Ich sah heute Ihre Theresa. Sie sieht ganz krank aus. Sie hat
mir so leid getan, daß ich ihr zwanzig Kopeken gab.

Ja, fast hätte ich es vergessen: schreiben Sie mir unbedingt alles
möglichst ausführlichst – wie Sie leben, was um Sie herum vorgeht –
alles! – Was es für Leute sind, die dort wohnen, und ob Sie auch in
Frieden mit ihnen auskommen? Ich möchte das alles sehr gern wissen. Also
vergessen Sie es nicht, schreiben Sie es unbedingt! Heute werde ich
unabsichtlich ganz gewiß keinen Zipfel des Vorhanges anstecken. Gehen
Sie früher schlafen. Gestern sah ich noch um Mitternacht Licht bei
Ihnen. Und nun leben Sie wohl. Heute ist wieder alles da: Trauer und
Trübsal und Langeweile! Es ist nun einmal so ein Tag! Leben Sie wohl.

                                                                  Ihre
                                                 Warwara Dobrosseloff.


                                                             8. April.

Sehr geehrte Warwara Alexejewna!

Ja, mein Kind, ja, meine Liebe, es muß wohl wieder einmal so ein Tag
sein, wie er einem vom Schicksal öfter beschieden ist! Da haben Sie sich
nun über mich Alten lustig gemacht, Warwara Alexejewna! Übrigens bin ich
selbst daran schuld, ich ganz allein! Wer hieß mich auch, in meinem
Alter, mit meinem spärlichen Haarrest auf dem Schädel, auf Abenteuer
ausgehen ... Und noch eins muß ich sagen, mein Kind: der Mensch ist
bisweilen doch sonderbar, sehr sonderbar. Oh du lieber Gott! auf was er
mitunter nicht zu sprechen kommt! Was aber folgt daraus, was kommt dabei
schließlich heraus? Ja, folgen tut daraus nichts, aber heraus kommt
dabei ein solcher Unsinn, daß Gott uns behüte und bewahre! Ich, mein
Kind, ich ärgere mich ja nicht, aber es ist mir sehr unangenehm, jetzt
daran zurückzudenken, was ich Ihnen da alles so glücklich und dumm
geschrieben habe. Und auch zum Dienst ging ich heute so stolz und
stutzerhaft: es war solch ein Leuchten in meinem Herzen, war so wie ein
Feiertag in der Seele, und doch ganz ohne allen Grund, – so frohgemut
war ich! Mit förmlicher Schaffensgier machte ich mich an die Arbeit, an
die Papiere – und was wurde schließlich daraus? Als ich mich dann umsah,
war wieder alles so wie früher – grau und nüchtern. Überall dieselben
Tintenflecke, wie immer dieselben Tische und Papiere, und auch ich ganz
derselbe: wie ich war, genau so bin ich auch geblieben, – was war da für
ein Grund vorhanden, den Pegasus zu reiten? Und woher war denn alles
gekommen? Daher, daß die Sonne einmal durch die Wolken geschaut und der
Himmel sich heller gefärbt hatte. Nur deshalb – dies alles? Und was
können das für Frühlingsdüfte sein, wenn man auf einen Hof hinaussieht,
auf dem aller Unrat der Welt zu finden ist! Da muß ich mir also nur so
aus Albernheit alles eingebildet haben. Aber es kommt doch bisweilen
vor, daß ein Mensch sich in seinen eigenen Gefühlen verwirrt und in die
Weite schweift und Unsinn redet. Das kommt von nichts anderem, als von
alberner Hitzigkeit, in der das Herz eine Rolle spielt. Nach Hause kam
ich nicht mehr wie andere Menschen, sondern schleppte mich heim: der
Kopf schmerzte. Das kommt dann schon so: eins zum anderen. Ich muß wohl
meinen Rücken erkältet haben. Ich hatte mich, recht wie ein alter Esel,
über den Frühling gefreut und war im leichten Mantel ausgegangen. Auch
das noch! In meinen Gefühlen aber haben Sie sich getäuscht, meine Liebe!
Sie haben meine Äußerungen in einem ganz anderen Sinn aufgefaßt. Nur um
väterliche Zuneigung handelt es sich, Warinka, denn ich nehme bei Ihnen,
in Ihrer bitteren Verwaistheit, die Stelle Ihres Vaters ein, das sage
ich aus reiner Seele und aus reinem Herzen. Wie es auch sei: ich bin
doch immerhin Ihr Verwandter, wenn auch nur ein ganz entfernter
Verwandter, vielleicht wie das Sprichwort sagt: das siebente Wasser in
der Suppe, aber immerhin: Ihr Verwandter bleibe ich dennoch, und jetzt
bin ich sogar Ihr bester Verwandter und einziger Beschützer. Denn dort,
wo es am nächsten lag, daß Sie Schutz und Beistand suchten, dort fanden
Sie nur Verrat und Schmach. Was aber die Gedichte betrifft, so muß ich
Ihnen sagen, mein Kind, daß es sich für mich nicht schickt, mich auf
meine alten Tage noch im Dichten zu üben. Gedichte sind Unsinn! Heute
werden in den Schulen die Kinder geprügelt, wenn sie dichten ... da
sehen Sie, was Dichten ist, meine Liebe.

Was schreiben Sie mir da, Warwara Alexejewna, von Bequemlichkeit, Ruhe
und was nicht noch alles? Mein Kind, ich bin nicht anspruchsvoll, ich
habe niemals besser gelebt, als jetzt: weshalb sollte ich jetzt anfangen
zu mäkeln? Ich habe zu essen, habe Kleider und Schuh – was will man
mehr? Nicht uns steht es zu, Gott weiß was für Sprünge zu machen! – bin
nicht von vornehmer Herkunft! Mein Vater war kein Adliger und bezog mit
seiner ganzen Familie ein geringeres Gehalt, als ich. Ich bin nicht
verwöhnt. Übrigens, wenn man ganz aufrichtig die Wahrheit sagen soll, so
war ja wirklich in meiner früheren Wohnung alles unvergleichlich besser.
Man war freier, unabhängiger, gewiß, mein Kind. Natürlich ist auch meine
jetzige Wohnung gut, ja sie hat in gewisser Hinsicht sogar ihre Vorzüge:
es ist hier lustiger, wenn Sie wollen, es gibt mehr Abwechslung und
Zerstreuung. Dagegen will ich nichts sagen, aber es tut mir doch leid um
die alte. So sind wir nun einmal, wir alten Leute, das heißt, wenn wir
Menschen schon anfangen, älter zu werden. Die alten Sachen, an die wir
uns gewöhnt haben, sind uns schließlich wie verwandt. Die Wohnung war,
wissen Sie, ganz klein und gemütlich. Ich hatte ein Zimmerchen für mich.
Die Wände waren ... ach nun, was soll man da reden! – Die Wände waren
wie alle Wände sind, nicht um die Wände handelt es sich, aber die
Erinnerungen an all das Frühere, die machen mich etwas wehmütig ...
Sonderbar – sie bedrücken, aber dennoch ist es, als wären sie angenehm,
als dächte man selbst doch gern an all das Alte zurück. Sogar das
Unangenehme, worüber ich mich bisweilen geärgert habe, sogar das
erscheint jetzt in der Erinnerung wie von allem Schlechten gesäubert und
ich sehe es im Geiste nur noch als etwas Trautes, Gutes. Wir lebten ganz
still und friedlich, Warinka, ich und meine Wirtin, die selige Alte. Ja,
auch an die Gute denke ich jetzt mit traurigen Gefühlen zurück. Sie war
eine brave Frau und nahm nicht viel für das Zimmerchen. Sie strickte
immer aus alten Zeugstücken, die sie in schmale Bänder zerschnitt, mit
ellenlangen Stricknadeln Bettdecken, damit allein beschäftigte sie sich.
Das Licht benutzten wir gemeinschaftlich, deshalb arbeiteten wir abends
an demselben Tisch. Ein Enkelkindchen lebte bei ihr, Mascha, ich
erinnere mich ihrer noch, wie sie ganz klein war – jetzt wird sie
dreizehn sein, schon ein großes Mädchen. Und so unartig war sie, so
ausgelassen, immer brachte sie uns zum Lachen. So lebten wir denn zu
dreien, saßen an langen Winterabenden am runden Tisch, tranken unseren
Tee, und dann machten wir uns wieder an die Arbeit. Die Alte begann oft
Märchen zu erzählen, damit Mascha sich nicht langweile oder auch, damit
sie nicht unartig sei. Und was das für Märchen waren! Da konnte nicht
nur ein Kind, nein, auch ein erwachsener, vernünftiger Mensch konnte da
zuhören. Und wie! Ich selbst habe oft, wenn ich mein Pfeifchen
angeraucht hatte, aufgehorcht, habe mit Spannung zugehört und die ganze
Arbeit darüber vergessen. Das Kindchen aber, unser Wildfang, wurde ganz
nachdenklich, stützte das rosige Bäckchen in die Hand, öffnete seinen
kleinen Kindermund und horchte mit großen Augen; und wenn es ein Märchen
zum Fürchten war, dann schmiegte es sich immer näher, immer angstvoller
an die Alte an. Uns aber war es eine Lust, das Kindchen zu betrachten.
Und so saß man oft und bemerkte gar nicht, wie die Zeit verging, und
vergaß ganz, daß draußen der Schneesturm wütete. –

Ja, das war ein gutes Leben, Warinka, und so haben wir fast ganze
zwanzig Jahre gemeinsam verlebt. – Doch wovon rede ich da wieder! Ihnen
werden solche Geschichten vielleicht gar nicht gefallen und mir sind
diese Erinnerungen auch nicht so leicht, – namentlich jetzt in der
Dämmerung. Theresa klappert dort mit dem Geschirr – ich habe
Kopfschmerzen, auch mein Rücken schmerzt ein wenig, und die Gedanken
sind alle so seltsam, als schmerzten sie gleichfalls: ich bin heute
traurig gestimmt, Warinka!

Was schreiben Sie da von besuchen, meine Gute? Wie soll ich denn zu
Ihnen kommen? Mein Täubchen, was werden die Leute dazu sagen? Da müßte
ich doch über den Hof gehen, das würde man bemerken und dann fragen, –
da gäbe es denn ein Gerede und daraus entstünden Klatschgeschichten und
man würde die Sache anders deuten. Nein, mein Engelchen, es ist schon
besser, wenn ich Sie morgen bei der Abendmesse sehe; das wird
vernünftiger sein und für uns beide unschädlicher. Seien Sie mir nicht
böse, mein Kind, weil ich Ihnen einen solchen Brief geschrieben habe.
Beim Durchlesen sehe ich jetzt, daß alles ganz zusammenhanglos ist. Ich
bin ein alter ungelehrter Mensch, Warinka; in der Jugend habe ich nichts
zu Ende gelernt, jetzt aber würde nichts mehr in den Kopf gehen, wenn
man von neuem mit dem Lernen anfangen wollte. Ich muß schon gestehen,
mein Kind, ich bin kein Meister der Feder und weiß, auch ohne fremde
Hinweise und spöttische Bemerkungen, daß ich, wenn ich einmal etwas
Spaßigeres schreiben will, nur Unsinn zusammenschwatze. – Ich sah Sie
heute am Fenster, ich sah, wie Sie den Vorhang herabließen. Leben Sie
wohl, Gott schütze Sie! Leben Sie wohl, Warwara Alexejewna.

Ihr Freund, der ganz uneigennützig Ihr Freund sein will,

                                                    Makar Djewuschkin.

P. S. Ich werde, meine Liebe, über niemanden mehr Satiren schreiben. Ich
bin zu alt geworden, Kind, um müßigerweise noch Scherze zu machen. Man
würde dann auch über mich lachen, denn es ist schon so, wie unser
Sprichwort sagt: Wer einem anderen eine Grube gräbt, der – fällt selbst
hinein.


                                                             9. April.

Makar Alexejewitsch!

Schämen Sie sich denn nicht, mein Freund und Wohltäter, sich so etwas in
den Kopf zu setzen! Haben Sie sich denn wirklich beleidigt gefühlt? Ach,
ich bin oft so unvorsichtig in meinen Äußerungen, aber diesmal hätte ich
doch nicht gedacht, daß Sie meinen harmlos scherzhaften Ton für Spott
halten könnten. Seien Sie überzeugt, daß ich es niemals wagen werde,
über Ihre Jahre oder Ihren Charakter zu scherzen. Ich habe es nur – wie
soll ich sagen –: aus Leichtsinn geschrieben, aus Gedankenlosigkeit,
oder vielleicht auch nur deshalb, weil es gerade furchtbar langweilig
war ... was aber tut man mitunter nicht alles aus Langeweile? Außerdem
glaubte ich, daß Sie sich selbst in Ihrem Brief ein wenig lustig hätten
machen wollen. Nun macht es mich sehr traurig, daß Sie unzufrieden mit
mir sind. Nein, mein treuer Freund und Beschützer, Sie täuschen sich,
wenn Sie mich der Gefühllosigkeit und Undankbarkeit verdächtigen. In
meinem Herzen weiß ich alles, was Sie für mich taten, als sie mich gegen
den Haß und die Verfolgungen schändlicher Menschen verteidigten, nach
seinem wahren Wert zu schätzen. Ewig werde ich für Sie beten, und wenn
mein Gebet bis hin zu Gott dringt und er mich erhört, dann werden Sie
glücklich sein.

Ich fühle mich heute ganz krank. Schüttelfrost und Fieber wechseln
ununterbrochen. Fedora beunruhigt sich sehr. Es ist übrigens ganz
grundlos, was Sie da schreiben – und weswegen Sie sich fürchten, uns zu
besuchen. Was geht das die Leute an? Sie sind mit uns bekannt und damit
Basta!

Leben Sie wohl, Makar Alexejewitsch. Zu schreiben weiß ich nichts mehr,
und ich kann auch nicht: fühle mich wirklich ganz krank. Ich bitte Sie
nochmals, mir nicht zu zürnen und von meiner steten Verehrung und
Anhänglichkeit überzeugt zu sein, womit ich die Ehre habe zu verbleiben

                                            Ihre dankbare und ergebene
                                                 Warwara Dobrosseloff.


                                                            12. April.

Sehr geehrte Warwara Alexejewna!

Ach, mein Liebes, was ist das nun wieder mit Ihnen! Jedesmal erschrecken
Sie mich! Ich schreibe Ihnen in jedem Brief, daß Sie sich schonen
sollen, sich warm ankleiden, nicht bei schlechtem Wetter ausgehen, daß
Sie in allem vorsichtig sein sollen, – Sie aber, mein Engelchen, hören
gar nicht darauf, was ich sage! Ach, mein Täubchen, Sie sind doch
wirklich noch ganz wie ein kleines Kindchen! Sie sind so zart, wie so
ein Strohhälmchen, das weiß ich doch. Es braucht nur ein Windchen zu
wehen und gleich sind Sie krank. Deshalb müssen Sie sich auch in acht
nehmen, müssen Sie selbst darauf bedacht sein, sich nicht der Gefahr
auszusetzen und Ihren Freunden nicht Kummer, Sorge und Trübsal zu
bereiten.

Sie äußerten im vorletzten Brief den Wunsch, mein Kind, über meine
Lebensweise und alles, was mich umgibt und angeht, Genaueres zu
erfahren. Gern will ich Ihren Wunsch erfüllen. Ich beginne also –
beginne mit dem Anfang, mein Kind, dann ist gleich mehr Ordnung in der
Sache.

Also erstens: die Treppen in unserem Hause sind ziemlich mittelmäßig;
die Paradetreppe ist noch ganz gut, sogar sehr gut, wenn Sie wollen:
rein, hell, breit, alles Gußeisen und wie Mahagoni poliertes
Holzgeländer. Dafür ist aber die Hintertreppe so, daß ich lieber gar
nicht von ihr reden will: feucht, schmutzig, mit zerbrochenen Stufen,
und die Wände sind so fettig, daß die Hand kleben bleibt, wenn man sich
an sie stützen will. Auf jedem Treppenabsatz stehen Kisten, alte Stühle
und Schränke, alles schief und wackelig, Lappen sind zum Trocknen
aufgehängt, die Fensterscheiben eingeschlagen; Waschkübel stehen da mit
allem möglichen Schmutz, mit Unrat und Kehricht, mit Eierschalen und
Tischresten; der Geruch ist schlecht ... mit einem Wort, es ist nicht
schön.

Die Lage der Zimmer habe ich Ihnen schon beschrieben; sie ist – dagegen
läßt sich nichts sagen – wirklich bequem, das ist wahr, aber es ist auch
in ihnen eine etwas dumpfe Luft, das heißt, ich will nicht geradezu
sagen, daß es in den Zimmern schlecht riecht, aber so – es ist nur ein
etwas fauliger Geruch, wenn man sich so ausdrücken darf, in den Zimmern,
irgend so ein süßlich scharfer Modergeruch, oder so ungefähr. Der erste
Eindruck ist zum mindesten nicht vorteilhaft, doch das hat nichts zu
sagen, man braucht nur ein paar Minuten bei uns zu sein, so vergeht das,
und man merkt nicht einmal, wie es vergeht, denn man fängt selbst an, so
zu riechen, die Kleider und die Hände und alles riecht bald ebenso, –
nun, und da gewöhnt man sich eben daran. Aber alle Zeisige krepieren bei
uns. Der Seemann hat schon den fünften gekauft, aber sie können nun
einmal nicht leben in unserer Luft, dagegen ist nichts zu machen. Unsere
Küche ist groß, geräumig und hell. Morgens ist es allerdings etwas
dunstig in ihr, wenn man Fisch oder Fleisch brät und es riecht dann nach
Rauch und Fett, da immer etwas übergegossen wird, und auch der Fußboden
ist morgens meist naß, aber abends ist man dafür wie im Paradies. In der
Küche hängt bei uns gewöhnlich Wäsche zum Trocknen auf Schnüren, und da
mein Zimmer nicht weit ist, das heißt, fast unmittelbar an die Küche
stößt, so stört mich dieser Wäschegeruch zuweilen ein wenig. Aber das
hat nichts zu sagen: hat man hier erst etwas länger gelebt, wird man
sich auch daran gewöhnen.

Vom frühesten Morgen an, Warinka, beginnt bei uns das Leben, da steht
man auf, geht, lärmt, poltert, – dann stehen nämlich _alle_ auf, die
einen, um in den Dienst zu gehen oder sonst wohin, manche nur so aus
eigenem Antriebe: und dann beginnt das Teetrinken. Die Ssamoware gehören
fast alle der Wirtin, es sind ihrer aber nur wenige, deshalb muß ein
jeder aufpassen, wann die Reihe an ihn kommt; wer aus der Reihe fällt
und mit seinem Teekännchen früher geht, als er darf, dem wird sogleich,
und zwar tüchtig, der Kopf zurecht gerückt. Das geschah mit mir auch
einmal, gleich am ersten Tage ... doch was soll man davon reden! Bei der
Gelegenheit wurde ich dann auch mit allen bekannt. Näher bekannt wurde
ich zunächst mit dem Seemann. Der ist so ein Offenherziger, hat mir
alles gleich erzählt: von seinem Vater und seiner Mutter, von der
Schwester, die an einen Assessor in Tula verheiratet ist und von
Kronstadt, wo er längere Zeit gelebt hat. Er versprach mir auch seinen
Beistand, wenn ich seiner bedürfen sollte, und lud mich gleich zu sich
zum Abendtee ein. Ich suchte ihn dann auch auf – er war in demselben
Zimmer, in dem man bei uns gewöhnlich Karten spielt. Dort wurde ich mit
Tee bewirtet und dann verlangte man von mir, daß ich an ihrem
Hazardspiel teilnehmen sollte. Wollten sie sich nun über mich lustig
machen oder was sonst, das weiß ich nicht, jedenfalls spielten sie
selbst die ganze Nacht, auch als ich eintrat, spielten sie. Überall
Kreide, Karten, und ein Rauch war im Zimmer, daß es einen förmlich in
die Augen biß. Nun, spielen wollte ich natürlich nicht, und da sagten
sie mir, ich sei wohl ein Philosoph. Darauf beachtete mich weiter
niemand und man sprach auch die ganze Zeit kein Wort mehr mit mir. Doch
darüber war ich, wenn ich aufrichtig sein soll, nur sehr froh. Jetzt
gehe ich nicht mehr zu ihnen: bei denen ist nichts als Hazard, der reine
Hazard! Aber bei dem Beamten, der nebenbei so etwas wie ein Literat ist,
kommt man abends gleichfalls zusammen. Und bei dem geht es anders her,
dort ist alles bescheiden, harmlos und anständig, – ein behaglich
tüchtiges Leben.

Nun, Warinka, will ich Ihnen noch beiläufig anvertrauen, daß unsere
Wirtin eine sehr schlechte Person ist, eine richtige Hexe. Sie haben
doch Theresa gesehen, – also sagen Sie selbst: was ist denn an ihr noch
dran? Mager ist sie wie eine Schwindsüchtige, wie ein gerupftes
Hühnchen. Und dabei hält die Wirtin nur zwei Dienstboten: diese Theresa
und den Faldoni. Ich weiß nicht, wie er eigentlich heißt, vielleicht hat
er auch noch einen anderen Namen, jedenfalls kommt er, wenn man ihn so
ruft, und deshalb rufen ihn denn alle so. Er ist rothaarig, irgendein
Finne, ein schielender Grobian mit einer aufgestülpten Nase: auf die
Theresa schimpft er ununterbrochen, und viel fehlt nicht, so würde er
sie einfach prügeln. Überhaupt muß ich sagen, daß das Leben hier nicht
ganz so ist, daß man es gerade gut nennen könnte ... Daß sich zum
Beispiel abends alle zu gleicher Zeit hinlegen und einschlafen – das
kommt hier überhaupt nicht vor. Ewig wird irgendwo noch gesessen und
gespielt, manchmal wird aber sogar so etwas getrieben, daß man sich
schämt, es auch nur anzudeuten. Jetzt habe ich mich schon eingelebt und
an vieles gewöhnt, aber ich wundere mich doch, wie sogar verheiratete
Leute in einem solchen Sodom leben können. Da ist eine ganze arme
Familie, die hier in einem Zimmer wohnt, aber nicht in einer Reihe mit
den anderen Nummern, sondern auf der anderen Seite in einem Eckzimmer,
also etwas weiter ab. Stille Leutchen! Niemand hört von ihnen was. Und
sie leben alle in dem einen Zimmerchen, in dem sie nur eine kleine
Scheidewand haben. Er soll ein stellenloser Beamter sein – vor etwa
sieben Jahren aus dem Dienst entlassen, man weiß nicht, weshalb. Sein
Familienname ist Gorschkoff. Er ist ein kleines, graues Männchen, geht
in alten, abgetragenen Kleidern, daß es ordentlich weh tut, ihn
anzusehen – viel schlechter als ich! So ein armseliges, kränkliches
Kerlchen – ich begegne ihm bisweilen auf dem Korridor. Die Kniee zittern
ihm immer, auch die Hände zittern und der Kopf zittert, von einer
Krankheit vielleicht, oder Gott mag wissen, wovon. Schüchtern ist er,
alle fürchtet er, geht jedem scheu aus dem Wege und drückt sich ganz
still und leise längs der Wand an den Menschen vorüber. Auch ich bin ja
mitunter etwas schüchtern, aber mit dem ist das gar kein Vergleich!
Seine Familie besteht aus seiner Frau und drei Kindern. Der älteste
Knabe ist ganz nach dem Vater geraten, auch so ein kränkliches Kerlchen.
Seine Frau muß einmal gut ausgesehen haben, das sieht man jetzt noch ...
sie geht aber in so alten, armseligen Kleidern – oh, so alten!! Wie ich
hörte, schulden sie der Wirtin bereits die Miete; wenigstens behandelt
sie sie nicht gar zu freundlich. Auch hörte ich, daß Gorschkoff selbst
irgendwelche Unannehmlichkeiten gehabt haben soll, weshalb er
verabschiedet worden sei, – war es nun ein Prozeß oder etwas anderes,
vielleicht eine Anklage, oder ist eine Untersuchung eingeleitet worden,
das weiß ich Ihnen nicht zu sagen. Arm sind sie, furchtbar arm, Gott im
Himmel! Immer ist es still in ihrem Zimmer, so still, als wohnte dort
keine Seele. Nicht einmal die Kinder hört man. Und daß sie mal unartig
wären oder ein Spielchen spielten – das kommt gar nicht vor, und ein
schlimmeres Zeichen gibt es nicht. Einmal kam ich abends an ihrer Tür
vorüber – es war gerade ganz ungewöhnlich still bei uns – da hörte ich
ganz leises Schluchzen, dann ein Flüstern, dann wieder Schluchzen, ganz
als weine dort jemand, aber so still, so hoffnungslos verzweifelt, so
traurig, daß es mir das Herz zerreißen wollte – und dann wurde ich die
halbe Nacht die Gedanken an diese armen Menschen nicht los, so daß ich
lange nicht einschlafen konnte.

Nun leben Sie wohl, Warinka, mein Freundchen! Da habe ich Ihnen jetzt
alles beschrieben, so, wie ich es verstand. Heute habe ich den ganzen
Tag nur an Sie gedacht. Mein Herz hat sich um Sie ganz müde gegrämt.
Denn sehen Sie, mein Seelchen, ich weiß doch, daß Sie kein warmes
Mäntelchen haben. Und ich kenne doch dieses Petersburger
Frühlingswetter, diese Frühjahrswinde und den Regen, der dazwischen noch
Schnee bringt, – das ist doch der Tod, Warinka! Da gibt es doch solche
Wetterumschläge, daß Gott uns behüte und bewahre! Nehmen Sie mir,
Herzchen, mein Geschreibsel nicht übel; ich habe keinen Stil, Warinka,
ganz und gar keinen Stil. Wenn ich doch nur irgendeinen hätte! Ich
schreibe, was mir gerade einfällt, damit Sie eine kleine Zerstreuung
haben, also nur so, um Sie etwas zu erheitern. Ja, wenn ich was gelernt
hätte, dann wäre es etwas anderes; aber so – was habe ich denn gelernt?
Meine Erziehung hat wenig gekostet!

                                          Ihr ewiger und treuer Freund
                                                    Makar Djewuschkin.


                                                            25. April.

Sehr geehrter Makar Alexejewitsch!

Heute bin ich meiner Kusine Ssascha begegnet! Entsetzlich! Auch sie wird
zugrunde gehen, die Ärmste! Auch habe ich zufällig auf Umwegen erfahren,
daß Anna Fedorowna sich überall nach mir erkundigt und natürlich alles
ausforschen will. Sie wird wohl niemals aufhören, mich zu verfolgen. Sie
soll gesagt haben, daß sie mir alles _verzeihen_ wolle! Sie wolle alles
Vorgefallene vergessen und werde mich unbedingt besuchen. Von Ihnen hat
sie gesagt, Sie seien gar nicht mein Verwandter, nur sie selbst sei
meine nächste und einzige Verwandte, und Sie hätten kein Recht, sich in
unsere Angelegenheiten einzumischen. Es sei eine Schande für mich und
ich müsse mich schämen, mich von Ihnen ernähren zu lassen und auf Ihre
Kosten zu leben ... Sie sagt, ich hätte das Gnadenbrot, das sie uns
gegeben, vergessen – hätte vergessen, daß sie meine Mutter und mich vor
dem Hungertode bewahrt, daß sie uns ernährt und gepflegt und fast
zweieinhalb Jahre lang nur Unkosten durch uns gehabt, und daß sie uns
außerdem eine alte Schuld geschenkt habe. Nicht einmal Mama will sie in
ihrem Grabe in Ruhe lassen! Wenn meine Mutter wüßte, was sie mir angetan
haben! Gott sieht es! ...

Anna Fedorowna hat auch noch gesagt, daß ich nur aus Dummheit nicht
verstanden habe, mein Glück festzuhalten, daß sie selbst mir das Glück
zugeführt und sonst an nichts schuld sei, ich aber hätte es nur nicht
verstanden – oder vielleicht auch nicht gewollt – für meine Ehre
einzutreten. Aber wessen Schuld war es denn, großer Gott! Sie sagt, Herr
Bükoff sei durchaus im Recht, man könne doch wirklich nicht eine jede
heiraten, die ... doch wozu das alles schreiben!

Es ist zu grausam, solche Unwahrheiten hören zu müssen, Makar
Alexejewitsch!

Ich weiß nicht, was es heute mit mir ist. Ich zittere, ich weine, ich
schluchze. An diesem Brief schreibe ich schon seit zwei Stunden. Und ich
war schon in dem Glauben, sie werde doch wenigstens ihre Schuld
eingesehen haben, das Unrecht, das sie mir zugefügt hat, – und da redet
sie so!

Bitte, regen Sie sich meinetwegen nicht auf, mein Freund, um Gottes
willen nicht, mein einziger guter Freund! Fedora übertreibt ja doch
immer: ich bin gar nicht krank. Ich habe mich nur gestern auf dem
Wolkoff-Friedhof ein wenig erkältet, als ich die Seelenmesse für mein
totes Mütterchen hörte. Warum kamen Sie nicht mit mir? – ich hatte Sie
doch so darum gebeten. Ach, meine arme, arme Mutter, wenn du aus dem
Grabe stiegest, wenn du wüßtest, wenn du wüßtest, was sie mit mir getan
haben! ...

                                                                 W. D.


                                                              20. Mai.

Mein Täubchen Warinka!

Ich sende Ihnen ein paar Weintrauben, mein Herzchen, die sind gut für
Genesende, sagt man, und auch der Arzt hat sie empfohlen, gegen den
Durst, – also dann essen Sie mal die Träubchen, Warinka, wenn Sie
durstig sind. Sie wollten auch gern ein Rosenstöckchen besitzen, Kind,
da schicke ich Ihnen denn jetzt welche. Haben Sie aber auch Appetit,
Herzchen? – Das ist doch die Hauptsache. Gott sei Dank, daß nun alles
vorüber und überstanden ist, und daß auch unser Unglück bald ein Ende
nehmen wird. Danken wir dafür dem Schöpfer! Was aber nun die Bücher
betrifft, so kann ich vorläufig nirgendwo welche auftreiben. Es soll
hier jemand ein sehr gutes Buch haben, hörte ich, eines, das in sehr
hohem Stil geschrieben sei; man sagt, es sei wirklich ein gutes Buch,
ich habe es selbst nicht gelesen, aber es wird hier sehr gelobt. Ich
habe gebeten, man möge es mir geben, und man wollte es mir auch
verschaffen. Nur – werden Sie es wirklich lesen? Sie sind ja so
wählerisch in solchen Sachen, daß es schwer hält, für Ihren Geschmack
gerade das Richtige zu finden, ich kenne Sie doch, mein Täubchen, ich
weiß schon, wie Sie sind! Sie wollen wohl nur Poesie haben, die von
Liebe und Sehnsucht handelt, – deshalb werde ich Ihnen auch Gedichte
verschaffen, alles, alles, was Sie nur haben wollen. Hier gibt es ein
ganzes Heft mit abgeschriebenen Gedichten.

Ich lebe sehr gut. Sie müssen sich über mich beruhigen, Kind. Was Ihnen
die Fedora wieder erzählt hat, ist alles gar nicht wahr, sie soll nicht
immer lügen, sagen Sie ihr das. Ja, sagen Sie es ihr wirklich, der
Klatschbase! ... Ich habe meinen neuen Uniformrock gar nicht verkauft,
ist mir nicht eingefallen! Und weshalb sollte ich ihn verkaufen, sagen
Sie doch selbst? Ich habe noch vor kurzem gehört, wie man davon sprach,
daß man mir eine Gratifikation von vierzig Rubeln zusprechen werde,
weshalb sollte ich da verkaufen? Nein, Kind, Sie sollen sich wirklich
nicht beunruhigen. Sie ist argwöhnisch, die Fedora, und mißtrauisch, das
ist gar nicht gut von ihr. Warten Sie nur, auch wir werden noch mal gut
leben, mein Täubchen! Nur müssen Sie erst gesund werden, mein Engelchen,
das müssen Sie um Christi willen: das ist doch mein größter Kummer,
damit betrüben Sie mich Alten doch am meisten. Wer hat Ihnen gesagt, daß
ich abgemagert sei? Das ist auch eine Verleumdung! Ich bin ganz gesund
und munter und habe sogar so zugenommen, daß ich mich schon selbst zu
schämen anfange. Bin satt und zufrieden und mir fehlt nichts, – wenn nur
Sie wieder gesund wären! Nun, und jetzt leben Sie wohl, mein Engelchen;
ich küsse alle Ihre Fingerchen und verbleibe

                                 Ihr ewig treuer, unwandelbarer Freund
                                                    Makar Djewuschkin.

P. S. Ach, Herzchen, was haben Sie da nur wieder geschrieben! Daß Sie
sich doch immer etwas ins Köpfchen setzen müssen! Wie soll ich denn so
oft zu Ihnen kommen, Kind – das frage ich Sie, – wie? Etwa im Schutze
der nächtlichen Dunkelheit? Aber wo die Nächte hernehmen, jetzt gibt es
ja gar keine, in dieser Jahreszeit. Ich habe Sie aber auch so,
Engelchen, während Ihrer Krankheit fast gar nicht verlassen, als Sie
bewußtlos im Fieber lagen. Doch eigentlich weiß ich es selbst nicht
mehr, wie ich meine Zeit einteilte und mit allem doch noch fertig wurde.
Aber dann stellte ich meine Besuche ein, denn die Leute wurden neugierig
und begannen zu fragen. Und es sind ohnehin schon Klatschgeschichten
entstanden. Ich verlasse mich aber ganz auf Theresa, sie ist zum Glück
nicht schwatzhaft. Aber immerhin müssen Sie es sich doch selbst sagen,
Kind, wie wird denn das sein, wenn alle über uns schwatzen? Was werden
sie denn von uns denken und was sagen? Deshalb beißen Sie mal die
Zähnchen zusammen, Herzchen, und warten Sie, bis Sie ganz gesund
geworden sind: dann werden wir uns schon irgendwo außerhalb des Hauses
treffen können.


                                                              1. Juni.

Bester Makar Alexejewitsch!

Ich möchte Ihnen so gern etwas zu Liebe tun, um Ihnen meinen Dank für
Ihre Mühen und die Opfer, die Sie mir gebracht, zu bezeigen, darum habe
ich mich entschlossen, aus meiner Kommode mein altes Heft
hervorzusuchen, das ich Ihnen hiermit zusende. Ich begann diese
Aufzeichnungen noch in der glücklichen Zeit meines Lebens. Sie haben
mich so oft mit Anteil nach meinem früheren Leben gefragt und mich
gebeten, Ihnen von meiner Mutter, von Pokrowskij, von meinem Aufenthalt
bei Anna Fedorowna und schließlich von meinen letzten Erlebnissen zu
erzählen, und Sie äußerten so lebhaft den Wunsch, dieses Heft einmal zu
lesen, in dem ich – Gott weiß wozu – einiges aus meinem Leben erzählt
habe, daß ich glaube, Ihnen mit der Zusendung dieses Heftes eine Freude
zu bereiten. Mich aber hat es traurig gemacht, als ich es jetzt
durchlas. Es scheint mir, daß ich seit dem Augenblick, in dem ich die
letzte Zeile dieser Aufzeichnungen schrieb, noch einmal so alt geworden
bin, als ich war, zweimal so alt! Ich habe das Ganze zu verschiedenen
Zeiten niedergeschrieben. Leben Sie wohl, Makar Alexejewitsch! Ich habe
jetzt oft schreckliche Langeweile und nachts quält mich meine
Schlaflosigkeit. Ein höchst langweiliges Genesen!

                                                                 W. D.


                                   I.

Ich war erst vierzehn Jahre alt, als mein Vater starb. Meine Kindheit
war die glücklichste Zeit meines Lebens. Ich verbrachte sie nicht hier,
sondern fern in der Provinz, auf dem Lande. Mein Vater war der Verwalter
eines großen Gutes, das dem Fürsten P. gehörte. Und dort lebten wir –
still, einsam und glücklich ... Ich war ein richtiger Wildfang: oft tat
ich den ganzen Tag nichts anderes, als in Feld und Wald umherzustreifen,
überall wo ich nur wollte, denn niemand kümmerte sich um mich. Mein
Vater war immer beschäftigt und meine Mutter hatte in der Wirtschaft zu
tun. Ich wurde nicht unterrichtet – und darüber war ich sehr froh. So
lief ich schon frühmorgens zum großen Teich oder in den Wald, oder auf
die Wiese zu den Schnittern – je nachdem –: was machte es mir aus, daß
die Sonne brannte, daß ich selbst nicht mehr wußte, wo ich war und wie
ich mich zurechtfinden sollte, daß das Gestrüpp mich kratzte und mein
Kleid zerriß: zu Hause würde man schelten, aber was ging das mich an!

Und ich glaube, ich wäre ewig so glücklich geblieben, wenn wir auch das
ganze Leben dort auf dem Lande verbracht hätten. Doch leider mußte ich
schon als Kind von diesem freien Landleben Abschied nehmen und mich von
all den trauten Stellen trennen. Ich war erst zwölf Jahre alt, als wir
nach Petersburg übersiedelten. Ach, wie traurig war unser Aufbruch! Wie
weinte ich, als ich alles, was ich so lieb hatte, verlassen mußte! Ich
weiß noch, wie krampfhaft ich meinen Vater umarmte und ihn unter Tränen
bat, er möge doch wenigstens noch ein Weilchen auf dem Gute bleiben, und
wie mein Vater böse wurde und wie meine Mutter auch weinte. Sie sagte,
es sei notwendig, es seien geschäftliche Angelegenheiten, die es
verlangten. Der alte Fürst P. war nämlich gestorben und seine Erben
hatten meinen Vater entlassen. So fuhren wir nach Petersburg, wo einige
Privatleute lebten, denen mein Vater Geld geliehen hatte – und da wollte
er denn persönlich seine Geldangelegenheiten regeln. Das erfuhr ich
alles von meiner Mutter. Hier mieteten wir auf der Petersburger Seite[1]
eine Wohnung, in der wir dann bis zum Tode des Vaters blieben.

Wie schwer es mir war, mich an das neue Leben zu gewöhnen! Wir kamen im
Herbst nach Petersburg. Als wir das Gut verließen, war es ein sonnig
heller, klarer, warmer Tag. Auf den Feldern wurden die letzten Arbeiten
beendet. Auf den Tennen lag schon das Getreide in hohen Haufen, um die
ganze Scharen lebhaft zwitschernder Vögel flatterten. Alles war so hell
und fröhlich!

Hier aber, als wir in der Stadt anlangten, war statt dessen nichts als
Regen, Herbstkälte, Unwetter, Schmutz, und viele fremde Menschen, die
alle unfreundlich, unzufrieden und böse aussahen! Wir richteten uns ein,
so gut es eben ging. Wieviel Schererei das gab, bis man den Haushalt
endlich eingerichtet hatte! Mein Vater war fast den ganzen Tag nicht zu
Hause und meine Mutter war immer beschäftigt, – mich vergaß man ganz. Es
war ein trauriges Aufstehen am nächsten Morgen – nach der ersten Nacht
in der neuen Wohnung. Vor unseren Fenstern war ein gelber Zaun. Auf der
Straße sah man nichts als Schmutz! Nur wenige Menschen gingen vorüber,
und alle waren so vermummt in Kleider und Tücher, und alle schienen sie
zu frieren.

Bei uns zu Hause herrschten ganze Tage lang nur Kummer und entsetzliche
Langeweile. Verwandte oder nahe Bekannte hatten wir hier nicht. Mit Anna
Fedorowna hatte sich der Vater entzweit. (Er schuldete ihr etwas.) Es
kamen aber ziemlich oft Leute zu uns, die mit dem Vater Geschäftliches
zu besprechen hatten. Gewöhnlich wurde dann gestritten, gelärmt und
geschrien. Und wenn sie wieder fortgegangen waren, war Papa immer so
unzufrieden und böse. Stundenlang ging er dann im Zimmer auf und ab, mit
gerunzelter Stirn, ohne ein Wort zu sprechen. Auch Mama wagte dann
nichts zu sagen und schwieg. Und ich zog mich mit einem Buch still in
einen Winkel zurück und wagte mich nicht zu rühren.

Im dritten Monat nach unserer Ankunft in Petersburg wurde ich in eine
Pension gegeben. War das eine traurige Zeit, anfangs, unter den vielen
fremden Menschen! Alles war so trocken, so kurz angebunden, so
unfreundlich und so gar nicht anziehend: die Lehrerinnen schalten und
die Mädchen spotteten, und ich war so verschüchtert – wie ein Wildling
kam ich mir vor. Diese pedantische Strenge! Alles mußte pünktlich zur
bestimmten Stunde geschehen. Die Mahlzeiten an der gemeinsamen Tafel,
die langweiligen Lehrer – das machte mich anfangs haltlos! Ich konnte
dort nicht einmal schlafen. So manche lange, langweilige, kalte Nacht
habe ich bis zum Morgen geweint. Abends, wenn die anderen alle ihre
Lektionen lernten oder wiederholten, saß ich über meinem Buch oder dem
Vokabelheft und wagte nicht, mich zu rühren, doch mit meinen Gedanken
war ich wieder zu Hause, dachte an den Vater und die Mutter und an meine
alte gute Kinderfrau und an deren Märchen ... ach, was für ein Heimweh
mich da erfaßte! Jedes kleinsten Gegenstandes im Hause erinnert man
sich, und selbst an den noch denkt man mit einem so eigentümlichen,
wehmütigen Vergnügen. Und so denkt man und denkt man denn, – wie gut,
wie schön es doch jetzt zu Hause wäre! Da würde ich in unserem kleinen
Eßzimmer am Tisch sitzen, auf dem der Ssamowar summt, und mit am Tisch
säßen die Eltern: wie warm wäre es, wie traut, wie behaglich. Wie würde
ich, denkt man, jetzt Mütterchen umarmen, fest, ganz fest, o, so mit
aller Inbrunst umarmen! – Und so denkt man weiter, bis man vor Heimweh
leise zu weinen anfängt, und immer wieder die Tränen schluckt – die
Vokabeln aber gehen einem nicht in den Kopf. Wieder kann man die Aufgabe
für den nächsten Tag nicht: die ganze Nacht sieht man nichts anderes im
Traum, als den Lehrer, die Madame und die Mitschülerinnen; die ganze
Nacht träumt man, daß man die Aufgaben lerne, am nächsten Tage aber weiß
man natürlich nichts. Da muß man wieder im Winkel knien und erhält nur
eine Speise. Ich war so unlustig, so wortkarg. Die Mädchen lachten über
mich, neckten mich und lenkten meine Aufmerksamkeit ab, wenn ich die
Aufgabe hersagte, oder sie kniffen mich, wenn wir in langer Reihe
paarweis zu Tisch gingen, oder sie beklagten sich bei der Lehrerin über
mich. Doch welche Seligkeit, wenn dann am Sonnabendabend meine alte gute
Wärterin kam, um mich abzuholen! Wie ich sie umarmte – ich wußte mich
kaum zu lassen vor Freude – mein gutes Altchen! Und dann kleidete sie
mich an, immer „hübsch warm“, wie sie sagte, wenn sie mir die Tücher um
den Kopf band. Unterwegs aber konnte sie mir nie schnell genug folgen
und ich – konnte doch nicht so langsam gehen wie sie! Und die ganze Zeit
erzählte ich und schwatzte ich ohne Unterlaß. Ganz ausgelassen vor
Freude, lief ich ins Haus und warf mich den Eltern um den Hals, als
hätten wir uns seit neun Jahren nicht gesehen. Und dann begann das
Erzählen und Fragen, und ich lachte und lief umher und feierte mit allem
und allem Wiedersehen. Papa begann alsbald ernstere Gespräche: über die
Lehrer, über Mathematik, über die französische Sprache und die Grammatik
von L’Homond, – und alle waren wir so guter Dinge und zufrieden und
gesprächig. Auch jetzt noch ist mir die bloße Erinnerung an jene Stunden
ein Vergnügen.

Ich gab mir die größte Mühe, gut zu lernen, um meinen Vater damit zu
erfreuen. Ich sah doch, daß er das Letzte für mich ausgab, während ihm
selbst die Sorgen über den Kopf wuchsen. Mit jedem Tage wurde er
finsterer, unzufriedener, jähzorniger; sein Charakter veränderte sich
sehr zu seinem Nachteil. Nichts gelang ihm, alles schlug fehl und die
Schulden wuchsen ins Ungeheuerliche.

Die Mutter fürchtete sich, zu weinen oder auch nur ein Wort der Klage zu
sagen, da der Vater sich dann nur noch mehr ärgerte. Sie wurde kränklich
und schwächlich und ein böser Husten stellte sich ein. Kam ich aus der
Pension, so sah ich nur traurige Gesichter: die Mutter wischte sich
heimlich die Tränen aus den Augen und der Vater ärgerte sich. Und dann
kamen wieder Vorwürfe und Klagen: er erlebe an mir keine Freude, ich
brächte ihm auch keinen Trost, und doch gebe er für mich das Letzte hin,
ich aber verstände noch immer nicht, Französisch zu sprechen. Mit einem
Wort, ich war an allem schuld; alles Unglück, alle Mißerfolge, alles
hatten wir zu verantworten, ich und die arme Mama. Wie war es aber nur
möglich, die arme Mama noch mehr zu quälen! Wenn man sie ansah, konnte
einem das Herz brechen! Ihre Wangen waren eingefallen, die Augen lagen
tief in den Höhlen – wie eine Schwindsüchtige sah sie aus.

Die größten Vorwürfe wurden mir gemacht. Gewöhnlich begann es mit
irgendeiner kleinen Nebensächlichkeit und dann kam oft Gott weiß was
alles zur Sprache, – oft begriff ich nicht einmal, wovon Papa sprach.
Was er da nicht alles vorbrachte! ... Zuerst die französische Sprache,
daß ich ein großer Dummkopf und unsere Pensionsvorsteherin eine
fahrlässige, dumme Person sei, sie sorge nicht im geringsten für unsere
sittliche Entwickelung; dann – daß er noch immer keine Anstellung finden
könne und daß die Grammatik von L’Homond nichts tauge, die von Sapolskij
sei bedeutend besser; daß man für mich viel Geld verschwendet habe, ohne
Sinn und Nutzen, daß ich ein gefühlloses, hartherziges Mädchen sei, –
kurz, ich Arme, die ich mir die größte Mühe gab, französische Vokabeln
und Gespräche auswendig zu lernen, war an allem schuld und mußte alle
Vorwürfe hinnehmen. Aber er tat es ja nicht etwa deshalb, weil er uns
nicht liebte: im Gegenteil, er liebte uns über alle Maßen! Es war nun
einmal sein Charakter ...

Oder nein: es waren die Sorgen, die Enttäuschungen und Mißerfolge, die
seinen ursprünglich guten Charakter so verändert hatten: er wurde
mißtrauisch, war oft ganz verbittert und der Verzweiflung nahe, begann
seine Gesundheit zu vernachlässigen, erkältete sich und – starb dann
auch nach kurzem Krankenlager, so plötzlich, so unerwartet, daß wir es
noch tagelang nicht fassen konnten! Wir waren wie betäubt von diesem
Schlage. Mama war wie erstarrt, ich fürchtete anfänglich für ihren
Verstand. Kaum aber war er gestorben, da kamen schon die Gläubiger in
Scharen zu uns. Alles, was wir hatten, gaben wir ihnen hin. Unser
Häuschen auf der Petersburger Seite, das Papa ein halbes Jahr nach
unserer Ankunft in Petersburg gekauft hatte, mußte gleichfalls verkauft
werden. Ich weiß nicht, wie es mit dem Übrigen wurde, wir blieben
jedenfalls ohne Obdach, ohne Geld, schutzlos, mittellos ... Mama war
krank – es war ein schleichendes Fieber, das nicht weichen wollte –
verdienen konnten wir nichts, so waren wir dem Verderben preisgegeben.
Ich war erst vierzehn Jahre alt.

Da besuchte uns zum erstenmal Anna Fedorowna. Sie gibt sich immer für
eine Gutsbesitzerin aus und versichert, sie sei mit uns nahe verwandt.
Mama aber sagte, sie sei allerdings verwandt mit uns, nur sei diese
Verwandtschaft eine sehr weitläufige. Als Papa noch lebte, war sie nie
zu uns gekommen. Sie erschien mit Tränen in den Augen und beteuerte, daß
sie an unserem Unglück großen Anteil nehme. Sie bemitleidete uns
lebhaft, äußerte sich dann aber dahin, daß Papa an unserem ganzen
Mißgeschick schuld sei: er habe gar zu hoch hinaus gewollt und gar zu
sehr auf seine eigene Kraft gebaut. Ferner äußerte sie als „einzige
Verwandte“ den Wunsch, uns näher zu treten, und machte den Vorschlag,
Gewesenes zu vergessen. Als Mama darauf erwiderte, daß sie nie
irgendwelchen Groll gegen sie gehegt habe, weinte sie sogar vor lauter
Rührung, führte Mama in die Kirche und bestellte eine Seelenmesse für
den „toten Liebling“, wie sie den Entschlafenen plötzlich nannte. Darauf
versöhnte sie sich in aller Feierlichkeit mit Mama.

Dann, nach langen Vorreden und Randbemerkungen und nachdem sie uns in
grellen Farben unsere ganze hoffnungslose Lage klargemacht, von unserer
Mittel-, Schutz- und Hilflosigkeit gesprochen hatte, forderte sie uns
auf, ihr Obdach mit ihr zu teilen, wie sie sich ausdrückte. Mama dankte
für ihre Freundlichkeit, konnte sich aber lange nicht entschließen, der
Aufforderung Folge zu leisten, doch da uns nichts anderes übrig blieb,
so sah sie sich zu guter Letzt gezwungen, Anna Fedorowna mitzuteilen,
daß sie ihr Anerbieten dankbar annehmen wolle.

Wie deutlich erinnere ich mich noch jenes Morgens, an dem wir von der
Petersburger Seite nach dem anderen Stadtteil, dem Wassilij Ostroff,
übersiedelten! Es war ein klarer, trockener, kalter Herbstmorgen. Mama
weinte. Und ich war so traurig: es war mir, als schnüre mir eine
unerklärliche Angst die Brust zusammen ... Es war eine schwere Zeit ...

                   *       *       *       *       *


                                  II.

Anfangs, so lange wir uns noch nicht eingelebt hatten, empfanden wir
beide, Mama und ich, eine gewisse Bangigkeit in der Wohnung Anna
Fedorownas, wie man sie zu empfinden pflegt, wenn einem etwas nicht ganz
geheuer erscheint. Anna Fedorowna lebte in ihrem eigenen Hause an der
Sechsten Linie[2]. Im ganzen Hause waren nur fünf bewohnbare Zimmer. In
dreien von ihnen wohnte Anna Fedorowna mit meiner Kusine Ssascha, die
als armes Waisenkind von ihr angenommen war und erzogen wurde. Im
vierten Zimmer wohnten wir, und im letzten Zimmer, das neben dem
unsrigen lag, wohnte ein armer Student, Pokrowskij, der einzige Mieter
im Hause.

Anna Fedorowna lebte sehr gut, viel besser, als man es für möglich
gehalten hätte, doch ihre Geldquelle war ebenso rätselhaft wie ihre
Beschäftigung. Und dabei hatte sie immer irgend etwas zu tun und lief
besorgt umher, und jeden Tag fuhr und ging sie mehrmals aus. Doch wohin
sie ging, mit was sie sich draußen beschäftigte und was sie zu tun
hatte, das vermochte ich nicht zu erraten. Sie war mit sehr vielen und
sehr verschiedenen Leuten bekannt. Ewig kamen welche zu ihr gefahren und
immer in Geschäften und nur auf ein paar Minuten. Mama führte mich
jedesmal in unser Zimmer, sobald es klingelte. Darüber ärgerte sich Anna
Fedorowna sehr und machte meiner Mutter beständig den Vorwurf, daß wir
gar zu stolz seien: sie wollte ja nichts sagen, wenn wir irgendeinen
Grund, wenn wir wirklich Ursache hätten, stolz zu sein, aber so! ... und
stundenlang fuhr sie dann in diesem Tone fort. Damals begriff ich diese
Vorwürfe nicht, und ebenso habe ich erst jetzt erfahren, oder richtiger,
erraten, weshalb Mama sich anfangs nicht entschließen konnte, Anna
Fedorownas Gastfreundschaft anzunehmen.

Sie ist ein schlechter Mensch, diese Anna Fedorowna. Ewig quälte sie
uns. Aber eins ist mir auch jetzt noch ein Rätsel: wozu lud sie uns
überhaupt zu sich ein? Anfangs war sie noch ganz freundlich zu uns, dann
aber kam bald ihr wahrer Charakter zum Vorschein, als sie sah, daß wir
vollständig hilflos und nur auf ihre Gnade angewiesen waren. Später
wurde sie zu mir wieder freundlicher, vielleicht zu freundlich: sie
sagte mir dann sogar plumpe Schmeicheleien, doch vorher hatte ich
ebensoviel auszustehen wie Mama. Ewig machte sie uns Vorwürfe und sprach
zu uns von nichts anderem, als von den Wohltaten, die sie uns erwies.
Und allen fremden Leuten stellte sie uns als ihre armen Verwandten vor,
als mittellose, schutzlose Witwe und Waise, die sie nur aus Mitleid und
christlicher Nächstenliebe bei sich aufgenommen habe und nun ernähre.
Bei Tisch verfolgte sie jeden Bissen, den wir zu nehmen wagten, mit den
Augen, wenn wir aber nichts aßen, oder gar zu wenig, so war ihr das auch
wieder nicht recht: dann hieß es, ihr Essen sei uns wohl nicht gut
genug, wir mäkelten, sie gebe eben, was sie habe und begnüge sich selbst
damit – vielleicht könnten wir uns selbst etwas Besseres leisten, das
könne sie ja nicht wissen, usw., usw. Über Papa mußte sie jeden
Augenblick etwas Schlechtes sagen, anders ging es nicht. Sie behauptete,
er habe immer nobler sein wollen, als alle anderen, und das habe man nun
davon: Frau und Tochter könnten nun zusehen, wo sie blieben, und wenn
sich nicht unter ihren Verwandten eine christlich liebevolle Seele – das
war sie selbst – gefunden hätte, so hätten wir gar noch auf der Straße
Hungers sterben können. Und was sie da nicht noch alles vorbrachte! Es
war nicht einmal so bitter, wie es widerlich war, sie anzuhören.

Mama weinte jeden Augenblick. Ihr Gesundheitszustand verschlimmerte sich
mit jedem Tage, sie welkte sichtbar hin, doch trotzdem arbeiteten wir
vom Morgen bis zum Abend. Wir nähten auf Bestellung, was Anna Fedorowna
sehr mißfiel. Sie sagte, ihr Haus sei kein Putzgeschäft. Wir aber mußten
uns doch Kleider anfertigen und mußten doch etwas verdienen, um auf alle
Fälle wenigstens etwas eigenes Geld zu haben. Und so arbeiteten und
sparten wir denn immer in der Hoffnung, uns bald irgendwo ein Zimmerchen
mieten zu können. Doch die anstrengende Arbeit verschlimmerte den
Zustand der Mutter sehr: mit jedem Tage wurde sie schwächer. Die
Krankheit untergrub ihr Leben und brachte sie unaufhaltsam dem Grabe
näher. Ich sah es, ich fühlte es und konnte doch nicht helfen!

Die Tage vergingen und jeder neue Tag glich dem vorhergegangenen. Wir
lebten still für uns, als wären wir gar nicht in der Stadt. Anna
Fedorowna beruhigte sich mit der Zeit – beruhigte sich, je mehr sie ihre
unbegrenzte Übermacht einsah und nichts mehr für sie zu fürchten
brauchte. Übrigens hatten wir ihr noch nie in irgend etwas
widersprochen. Unser Zimmer war von den drei anderen, die sie bewohnte,
durch einen Korridor getrennt, und neben unserem lag nur noch das Zimmer
Pokrowskijs, wie ich schon erwähnte. Er unterrichtete Ssascha, lehrte
sie Französisch und Deutsch, Geschichte und Geographie – d. h. „alle
Wissenschaften“, wie Anna Fedorowna zu sagen pflegte, und dafür brauchte
er für Kost und Logis nichts zu zahlen.

Ssascha war ein sehr begabtes Mädchen, doch entsetzlich unartig und
lebhaft. Sie war damals erst dreizehn Jahre alt. Schließlich sagte Anna
Fedorowna zu Mama, daß es vielleicht ganz gut wäre, wenn ich mit ihr
zusammen lernen würde, da ich ja in der Pension den Kursus sowieso nicht
beendet hatte. Mama war natürlich sehr froh über diesen Vorschlag, und
so wurden wir beide gemeinsam ein ganzes Jahr von Pokrowskij
unterrichtet.

Pokrowskij war ein armer, sehr armer Mensch. Seine Gesundheit erlaubte
es ihm nicht, regelmäßig die Universität zu besuchen, und so war er
eigentlich gar kein richtiger „Student“, wie er aus Gewohnheit noch
genannt wurde. Er lebte so still und ruhig in seinem Zimmer, daß wir im
Nebenzimmer nichts von ihm hörten. Er sah auch recht eigentümlich aus,
bewegte und verbeugte sich so linkisch und sprach so seltsam, daß ich
ihn anfangs nicht einmal ansehen konnte, ohne über ihn lachen zu müssen.
Ssascha machte immer ihre unartigen Streiche, und das besonders während
des Unterrichts. Er aber war zum Überfluß auch noch heftig, ärgerte sich
beständig, jede Kleinigkeit brachte ihn aus der Haut: er schalt uns,
schrie uns an, und sehr oft stand er wütend auf und ging fort, noch
bevor die Stunde zu Ende war, und schloß sich wieder in seinem Zimmer
ein. Dort aber, in seinem Zimmer, saß er tagelang über den Büchern. Er
hatte viele Bücher, und alles so schöne, seltene Exemplare. Er gab noch
an ein paar anderen Stellen Stunden und erhielt dafür Geld, doch kaum
hatte er welches erhalten, so ging er sogleich hin und kaufte sich
wieder Bücher.

Mit der Zeit lernte ich ihn näher kennen. Er war der beste und
ehrenwerteste Mensch, der beste von allen, die mir bis dahin im Leben
begegnet waren. Mama achtete ihn ebenfalls sehr. Und dann wurde er auch
mein treuer Freund und stand mir am nächsten von allen, – natürlich nach
Mama.

In der ersten Zeit beteiligte ich mich – obwohl ich doch schon ein
großes Mädchen war – an allen Streichen, die Ssascha gegen ihn
ausheckte, und bisweilen überlegten wir stundenlang, wie wir ihn wieder
necken und seine Geduld auf eine Probe stellen könnten. Es war furchtbar
spaßig, wenn er sich ärgerte – und wir wollten unser Vergnügen haben.
(Noch jetzt schäme ich mich, wenn ich daran zurückdenke.) Einmal hatten
wir ihn so gereizt, daß ihm Tränen in die Augen traten, und da hörte ich
deutlich, wie er zwischen den Zähnen halblaut hervorstieß: „Nichts
grausamer als Kinder!“ Das verwirrte mich: zum erstenmal regte sich in
mir so etwas wie Scham und Reue und Mitleid. Ich errötete bis über die
Ohren und bat ihn fast unter Tränen, sich zu beruhigen und sich durch
unsere dummen Streiche nicht kränken zu lassen, doch er klappte das Buch
zu und ging in sein Zimmer, ohne den Unterricht fortzusetzen.

Den ganzen Tag quälte mich die Reue. Der Gedanke, daß wir Kinder ihn
durch unsere boshaften Dummheiten bis zu Tränen geärgert hatten, war mir
unerträglich. So hatten wir es nur auf seine Tränen abgesehen! So
verlangte es uns, uns an seiner sicher krankhaften Gereiztheit auch noch
zu weiden! So war es uns nun also doch gelungen, ihn um den Rest von
Geduld zu bringen! So hatten wir ihn, diesen unglücklichen, armen
Menschen, gezwungen, unter seinem grausamen Los noch mehr zu leiden!

Die ganze Nacht konnte ich nicht schlafen – wie mich die Reue quälte!
Man sagt, Reue erleichtere das Herz. Im Gegenteil! Ich weiß nicht, wie
es kam, daß sich in meinen Kummer auch Ehrgeiz mischte. Ich wollte
nicht, daß er mich für ein Kind halte. Ich war damals bereits fünfzehn
Jahre alt.

Von diesem Tage an lebte ich beständig in Plänen, wie ich Pokrowskij
veranlassen könnte, seine Meinung über mich zu ändern. Doch an der
Ausführung dieser meiner tausend Pläne hinderte mich meine
Schüchternheit: ich konnte mich zu nichts entschließen, und so blieb es
denn bei den Plänen und Träumereien (und was man nicht alles so
zusammenträumt, mein Gott!). Nur beteiligte ich mich hinfort nicht mehr
an Ssaschas unartigen Späßen, und auch sie wurde langsam artiger. Das
hatte zur Folge, daß er sich nicht mehr über uns ärgerte. Doch das war
zu wenig für meinen Ehrgeiz.

Nun einige Worte über den seltsamsten und bemitleidenswertesten
Menschen, den ich jemals im Leben kennen gelernt habe. Ich will es
deshalb an dieser Stelle tun, weil ich mich mit ihm, den ich bis dahin
so gut wie gar nicht beachtet hatte, von jenem Tage an aufs lebhafteste
in meinen Gedanken zu beschäftigen begann.

Von Zeit zu Zeit erschien bei uns im Hause ein schlecht und unsauber
gekleideter, kleiner, grauer Mann, der in seinen Bewegungen unsagbar
plump und linkisch war und überhaupt sehr eigentümlich aussah. Auf den
ersten Blick konnte man glauben, daß er sich gewissermaßen seiner selbst
schäme, daß er für seine Existenz selbst um Entschuldigung bäte.
Wenigstens duckte er sich immer irgendwie, oder er versuchte wenigstens
immer irgendwie sich zu drücken, sich gleichsam in nichts zu verwandeln,
und diese ängstlichen, verschämten, unsicheren Bewegungen und Gebärden
erweckten in jedem den Verdacht, daß er nicht ganz bei vollem Verstande
sei. Wenn er zu uns kam, blieb er gewöhnlich im Flur hinter der Glastür
stehen und wagte nicht, einzutreten. Ging zufällig jemand von uns – ich
oder Ssascha – oder jemand von den Dienstboten, die ihm freundlicher
gesinnt waren – durch den Korridor und erblickte man ihn dort hinter der
Tür, so begann er zu winken und mit Gesten zu sich zu rufen und
verschiedene Zeichen zu machen: nickte man ihm dann zu – damit erteilte
man ihm die Erlaubnis, und gab ihm zu verstehen, daß keine fremden Leute
im Hause waren – oder rief man ihn, dann erst wagte er endlich, leise
die Tür zu öffnen und lächelnd einzutreten, worauf er sich froh die
Hände rieb und sogleich auf den Zehenspitzen zum Zimmer Pokrowskijs
schlich. Dieser Alte war sein Vater.

Später erfuhr ich die Lebensgeschichte dieses Armen. Er war einmal
irgendwo Beamter gewesen, hatte aus Mangel an Fähigkeiten eine ganz
untergeordnete Stellung bekleidet. Als seine erste Frau (die Mutter des
Studenten Pokrowskij) gestorben war, hatte er zum zweitenmal geheiratet,
und zwar eine halbe Bäuerin. Von dem Augenblick an war im Hause kein
Friede mehr gewesen: die zweite Frau hatte das erste Wort geführt und
war mit jedem womöglich handgemein geworden. Ihr Stiefsohn – der Student
Pokrowskij, damals noch ein etwa zehnjähriger Knabe – hatte unter ihrem
Haß viel zu leiden gehabt, doch zum Glück war es anders gekommen. Der
Gutsbesitzer Bükoff, der den Vater, den Beamten Pokrowskij, früher
gekannt und ihm einmal so etwas wie eine Wohltat erwiesen hatte, nahm
sich des Jungen an und steckte ihn in irgendeine Schule. Er
interessierte sich für den Knaben nur aus dem Grunde, weil er seine
verstorbene Mutter gekannt hatte, als diese noch als Mädchen von Anna
Fedorowna „Wohltaten“ erfahren und von ihr an den Beamten Pokrowskij
verheiratet worden war. Damals hatte Herr Bükoff, als guter Bekannter
und Freund Anna Fedorownas, der Braut aus Großmut eine Mitgift von
fünftausend Rubeln gegeben. Wo aber dieses Geld geblieben war – ist
unbekannt. So erzählte es mir Anna Fedorowna. Der Student Pokrowskij
selbst sprach nie von seinen Familienverhältnissen und liebte es nicht,
wenn man ihn nach seinen Eltern fragte. Man sagt, seine Mutter sei sehr
schön gewesen, deshalb wundert es mich, daß sie so unvorteilhaft und
noch dazu einen so unansehnlichen Menschen geheiratet hat. – Sie ist
schon früh gestorben, etwa im vierten Jahre nach der Heirat.

Von der Schule kam der junge Pokrowskij auf ein Gymnasium und von dort
auf die Universität. Herr Bükoff, der sehr oft nach Petersburg zu kommen
pflegte, ließ ihn auch dort nicht im Stich und unterstützte ihn. Leider
konnte Pokrowskij wegen seiner angegriffenen Gesundheit sein Studium
nicht fortsetzen, und da machte ihn Herr Bükoff mit Anna Fedorowna
bekannt, stellte ihn ihr persönlich vor, und so zog denn Pokrowskij zu
ihr, um für Kost und Logis Ssascha in „allen Wissenschaften“ zu
unterrichten.

Der alte Pokrowskij ergab sich aber aus Kummer über die rohe Behandlung,
die ihm seine zweite Frau zuteil werden ließ, dem schlimmsten aller
Laster: er begann zu trinken und war fast nie ganz nüchtern. Seine Frau
prügelte ihn, ließ ihn in der Küche schlafen und brachte es mit der Zeit
so weit, daß er sich alles widerspruchslos gefallen ließ und sich auch
an die Schläge gewöhnte. Er war noch gar nicht so alt, aber infolge
seiner schlechten Lebensweise war er, wie ich bereits erwähnte,
tatsächlich nicht mehr ganz bei vollem Verstande.

Der einzige Rest edlerer Gefühle war in diesem Menschen seine
grenzenlose Liebe zu seinem Sohne. Man sagte mir, der junge Pokrowskij
sei seiner Mutter so ähnlich, wie ein Tropfen Wasser dem anderen. War es
dann vielleicht die Erinnerung an die erste, gute Frau, die im Herzen
dieses heruntergekommenen Alten eine so grenzenlose Liebe zu seinem
Sohne erweckt hatte? Der Alte sprach überhaupt von nichts anderem, als
von diesem Sohn. In jeder Woche besuchte er ihn zweimal. Öfter zu
kommen, wagte er nicht, denn der Sohn selbst konnte diese väterlichen
Besuche nicht ausstehen. Diese Nichtachtung des Vaters war gewiß sein
größter Fehler. Übrigens konnte der Alte mitunter auch mehr als
unerträglich sein. Erstens war er furchtbar neugierig, zweitens störte
er den Sohn durch seine müßigen Gespräche und nichtigen, sinnlosen
Fragen beim Arbeiten, und drittens erschien er nicht immer ganz
nüchtern. Der Sohn gewöhnte dem Alten mit der Zeit seine schlechten
Angewohnheiten, seine Neugier und seine Schwatzhaftigkeit ab, und zu
guter Letzt gehorchte ihm der Vater wie einem Gott und wagte ohne seine
Erlaubnis nicht einmal mehr, den Mund aufzutun.

Der arme Alte konnte sich über seinen Petinka[3] – so nannte er den Sohn
– nicht genug wundern und freuen. Wenn er zu ihm kam, sah er immer
bedrückt, besorgt, sogar ängstlich aus – wahrscheinlich deshalb, weil er
noch nicht wußte, wie der Sohn ihn empfangen werde. Gewöhnlich konnte er
sich lange nicht entschließen, einzutreten, und wenn er mich dann
erblickte, winkte er mich schnell zu sich heran, um mich oft eine ganze
halbe Stunde lang auszufragen, wie es dem Petinka gehe, was er mache, ob
er gesund sei und in welcher Stimmung, und ob er sich nicht mit etwas
Wichtigem beschäftige. Vielleicht schreibe er? oder studiere wieder ein
philosophisches Werk? Und wenn ich ihn dann genügend beruhigt und
ermutigt hatte, entschloß er sich endlich, ganz, ganz leise und
vorsichtig die Tür zu öffnen und den Kopf ins Zimmer zu stecken: sah er,
daß der Sohn nicht böse war, daß er ihm vielleicht sogar zum Gruß
zunickte, dann trat er ganz behutsam ein, nahm den Mantel und den Hut ab
– letzterer war ewig verbeult und durchlöchert, wenn nicht gar mit
abgerissener Krempe – und hängte beides an einen Haken. Alles tat er so
vorsichtig und lautlos wie nur möglich. Dann setzte er sich vorsichtig
auf einen Stuhl und verwandte keinen Blick mehr von seinem Sohn,
verfolgte jede seiner Bewegungen, jeden Blick, um nur ja die Stimmung
seines Petinka zu erraten. Sah er, daß der Sohn verstimmt und schlechter
Laune war, so erhob er sich sogleich wieder von seinem Platz und sagte,
daß er eben „nur so, Petinka, nur auf ein Weilchen“ zu ihm gekommen sei.
„Ich bin, sieh mal, ja, ich bin weit gegangen, kam zufällig hier
vorüber, und da trat ich eben auf ein Weilchen ein, um mich etwas
auszuruhen. Jetzt will ich wieder gehen.“ Und dann nahm er still und
ergeben seinen alten dünnen Mantel und den alten, abgetragenen Hut,
klinkte vorsichtig wieder die Tür auf und ging – indem er sich noch zu
einem Lächeln zwang, um das aufwallende Leid im Herzen zu unterdrücken
und den Sohn nichts merken zu lassen.

Doch wenn der Sohn ihn freundlich empfing, dann wußte er sich vor Freude
kaum zu lassen. Sein Gesicht, seine Bewegungen, seine Hände – alles
sprach dann von seinem Glück. Und wenn der Sohn mit ihm gar zu sprechen
begann, erhob sich der Alte stets ein wenig vom Stuhle, antwortete leise
und gleichsam untertänig, fast sogar ehrfürchtig, und immer bestrebt,
sich der gewähltesten Ausdrücke zu bedienen, die in diesem Fall
natürlich nur komisch wirkten. Hinzu kam, daß er entschieden nicht zu
sprechen verstand: nach jeden paar Worten verwickelte er sich im Satz,
wurde verlegen, wußte nicht, wo er die Hände, wo er sich selbst lassen
sollte – und nachher flüsterte er dann noch mehrmals die Antwort vor
sich hin, wie um das Gesagte zu verbessern. War es ihm aber gelungen,
gut zu antworten, so war er ganz stolz, zog die Weste glatt, rückte an
der Krawatte, zupfte den Rock an den Aufschlägen, und seine Miene nahm
sogar den Ausdruck eines gewissen Selbstbewußtseins an. Bisweilen aber
fühlte er sich dermaßen ermutigt, daß er geradezu kühn wurde: er stand
vom Stuhl auf, ging zum Bücherregal, nahm irgendein Buch und begann zu
lesen, gleichviel was für ein Buch es war. Und alles das tat er mit
einer Miene, die größte Gleichmut und Kaltblütigkeit vortäuschen sollte,
als habe er von jeher das Recht, mit den Büchern des Sohnes nach
Belieben umzugehen, und als sei ihm dessen Freundlichkeit nichts
Ungewohntes. Einmal aber sah ich zufällig, wie der Alte erschrak, als
der Sohn ihn bat, die Bücher nicht anzurühren: er verlor vollständig den
Kopf, beeilte sich, sein Vergehen wieder gut zu machen, wollte das Buch
zwischen die anderen wieder hineinzwängen, verdrehte es aber, schob es
mit dem Kopf nach unten hinein, zog es dann schnell wieder hervor,
drehte es um und dann nochmals um und schob es von neuem falsch hinein,
diesmal mit dem Rücken voran und dem Schnitt nach außen, lächelte dabei
hilflos, wurde rot und wußte entschieden nicht, wie er sein Verbrechen
sühnen sollte.

Nach und nach gelang es dem Sohn, den Vater durch Vorhaltungen und gutes
Zureden von seinen schlechten Gewohnheiten abzubringen, und wenn der
Alte etwa dreimal nach der Reihe nüchtern erschienen war, gab er ihm das
nächste Mal fünfundzwanzig oder fünfzig Kopeken, oder noch mehr.
Bisweilen kaufte er ihm Stiefel, oder eine Weste, oder eine Krawatte,
und wenn der Alte dann in seinem neuen Kleidungsstück erschien, war er
stolz wie ein Hahn. Mitunter kam er auch zu uns und brachte Ssascha und
mir Pfefferkuchen oder Äpfel und sprach dann natürlich nur von seinem
Petinka. Er bat uns, während des Unterrichts aufmerksam und fleißig zu
sein, und unserem Lehrer zu gehorchen, denn Petinka sei ein guter Sohn,
sei der beste Sohn, den es überhaupt geben könnte, und obendrein, „ein
so gelehrter Sohn“. Wenn er das sagte, zwinkerte er uns ganz komisch mit
dem linken Auge zu, und sah uns so wichtig und bedeutsam an, daß wir uns
gewöhnlich nicht bezwingen konnten und herzlich über ihn lachten. Mama
hatte den Alten sehr gern. Anna Fedorowna wurde von ihm gehaßt, obschon
er vor ihr „niedriger als Gras und stiller als Wasser“ war.

Bald hörte ich auf, mich an dem Unterricht zu beteiligen. Pokrowskij
hielt mich nach wie vor nur für ein Kind, für ein unartiges kleines
Mädchen, wie Ssascha. Das kränkte mich sehr, denn ich hatte mich doch
nach Kräften bemüht, mein früheres Benehmen wieder gut zu machen. Aber
vergeblich: ich wurde überhaupt nicht beachtet. Das reizte und kränkte
mich noch mehr. Ich sprach ja fast gar nicht mit ihm, außer während des
Unterrichts, – ich konnte einfach nicht sprechen. Ich wurde rot und
nachher weinte ich irgendwo in einem Winkel – vor Ärger über mich
selbst.

Ich weiß nicht, zu was das noch geführt haben würde, wenn uns nicht ein
Zufall einander näher gebracht hätte. Das geschah folgendermaßen:

Eines Abends, als Mama bei Anna Fedorowna saß, schlich ich mich heimlich
in Pokrowskijs Zimmer. Ich wußte, daß er nicht zu Hause war, doch vermag
ich wirklich nicht zu sagen, wie ich auf diesen Gedanken kam, in das
Zimmer eines fremden Menschen zu gehen. Ich tat es zum erstenmal,
obschon wir über ein Jahr Tür an Tür gewohnt hatten. Mein Herz klopfte
so stark, als wollte es zerspringen. Ich sah mich mit einer
eigentümlichen Neugier im Zimmer um: es war ganz einfach, sogar ärmlich
eingerichtet, von Ordnung war nicht viel zu sehen. Auf dem Tisch und auf
den Stühlen lagen Papiere, beschriebene Blätter. Überall nichts als
Bücher und Papiere! Ein seltsamer Gedanke überkam mich plötzlich: es
schien mir, daß meine Freundschaft, selbst meine Liebe wenig für ihn
bedeuten könnten. Er war so gelehrt und ich so dumm, ich wußte nichts,
las nichts, besaß kein einziges Buch ... Mit einem gewissen Neid blickte
ich nach den langen Bücherregalen, die fast zu brechen drohten unter der
schweren Last. Ärger erfaßte mich, und Groll und Sehnsucht und Wut! –
Ich wollte gleichfalls Bücher lesen, seine Bücher, und alle ausnahmslos,
und das so schnell als möglich! Ich weiß nicht, vielleicht dachte ich,
daß ich, wenn ich alles wüßte, was er wußte, eher seine Freundschaft
erwerben könnte, als so, da ich nichts wußte. Ich ging entschlossen zum
ersten Bücherregal und nahm, ohne zu zögern, ohne auch nur nachzudenken,
den ersten besten Band heraus – zufällig ein ganz altes, bestaubtes Buch
– und brachte es, zitternd vor Aufregung und Angst, in unser Zimmer, um
es in der Nacht, wenn Mama schlief, beim Schein des Nachtlämpchens zu
lesen.

Wie groß aber war mein Verdruß, als ich, in unserem Zimmer glücklich
angelangt, das geraubte Buch aufschlug und sah, daß es ein uraltes,
vergilbtes und von Würmern halb zerfressenes lateinisches Werk war. Ich
besann mich nicht lange und kehrte schnell in sein Zimmer zurück. Doch
gerade wie ich im Begriff war, das Buch wieder auf seinen alten Platz
zurückzulegen, hörte ich plötzlich die Glastür zum Korridor öffnen und
schließen und dann Schritte: jemand kam! Ich wollte mich beeilen, doch
das abscheuliche Buch war so eng in der Reihe eingepreßt gewesen, daß
die anderen Bücher, als ich dieses herausgenommen, unter dem
verringerten Druck sogleich wieder dicker geworden waren, weshalb der
frühere Schicksalsgenosse nicht mehr hineinpaßte. Mir fehlte die Kraft,
um das Buch hineinzuzwängen. Die Schritte kamen näher: ich stieß mit
aller Kraft die Bücher zur Seite, und – der verrostete Nagel, der das
eine Ende des Bücherregals hielt und wohl nur auf diesen Augenblick
gewartet hatte, um zu brechen, – brach. Das Brett stürzte krachend mit
dem einen Ende zu Boden und die Bücher fielen mit Geräusch herab. Da
ging die Tür auf und Pokrowskij trat ins Zimmer.

Ich muß vorausschicken, daß er es nicht ausstehen konnte, wenn jemand in
seinem Zimmer sich zu tun machte. Wehe dem, der gar seine Bücher
anzurühren wagte! Wie groß war daher mein Entsetzen, als alle die großen
und kleinen Bücher, die dicken und dünnen, eingebundenen und
uneingebundenen herabstürzten, übereinander kollerten und unter dem
Tisch und unter Stühlen und an der Wand in einem ganzen Haufen lagen.
Ich wollte fortlaufen, doch dazu war es zu spät. „Jetzt ist es aus,“
dachte ich, „für immer aus! Ich bin verloren! Ich bin unartig, wie eine
Zehnjährige, wie ein kleines dummes Mädchen! Ich bin kindisch und
albern!“

Pokrowskij ärgerte sich entsetzlich.

„Das fehlte gerade noch!“ rief er zornig. „Schämen Sie sich denn nicht!
Werden Sie denn niemals Vernunft annehmen und die Kindertollheiten
lassen?“ Und er machte sich daran, die Bücher aufzuheben.

Ich bückte mich gleichfalls, um ihm zu helfen, doch er verbot es mir
barsch:

„Nicht nötig, nicht nötig, lassen Sie das jetzt! Sie täten besser, sich
nicht da einzufinden, wohin man Sie nicht gerufen!“

Meine stille Hilfsbereitschaft, die vielleicht mein Schuldbewußtsein
verriet, mochten ihn etwas besänftigen, wenigstens fuhr er in milderem,
ermahnendem Tone fort, so wie er noch vor kurzer Zeit als Lehrer zu mir
gesprochen:

„Wann werden Sie endlich Ihre Unbesonnenheiten aufgeben, wann endlich
etwas vernünftiger werden? So sehen Sie sich doch selbst an, Sie sind
doch kein Kind, kein kleines Mädchen mehr, – Sie sind doch schon
fünfzehn Jahre alt!“

Und da – wahrscheinlich um sich zu überzeugen, ob ich auch wirklich
nicht mehr ein kleines Mädchen sei – sah er mich an und plötzlich
errötete er bis über die Ohren. Ich begriff nicht, weshalb er errötete:
ich stand vor ihm und sah ihn mit großen Augen verwundert an. Er wußte
nicht, was tun, trat verlegen ein paar Schritte auf mich zu, geriet in
noch größere Verwirrung, murmelte irgend etwas, als wolle er sich
entschuldigen – vielleicht deswegen, weil er es erst jetzt bemerkt
hatte, daß ich schon ein so großes Mädchen sei! Endlich begriff ich. Ich
weiß nicht, was dann in mir vorging: ich sah gleichfalls verwirrt zu
Boden, errötete noch mehr als Pokrowskij, bedeckte das Gesicht mit den
Händen und lief aus dem Zimmer.

Ich wußte nicht, was ich mit mir anfangen, wo ich mich vor Scham
verstecken sollte. Schon das allein, daß er mich in seinem Zimmer
vorgefunden hatte! Ganze drei Tage konnte ich ihn nicht ansehen. Ich
errötete bis zu Tränen. Die schrecklichsten und lächerlichsten Gedanken
jagten mir durch den Kopf. Einer der verrücktesten war wohl der, daß ich
zu ihm gehen, ihm alles erklären, alles gestehen und offen alles
erzählen wollte, um ihm dann zu versichern, daß ich nicht wie ein dummes
Mädchen gehandelt habe, sondern in guter Absicht. Ich hatte mich sogar
schon fest dazu entschlossen, doch zum Glück sank mein Mut und ich wagte
es nicht, meinen Vorsatz auszuführen. Ich kann mir denken, was ich damit
angestiftet hätte! Wirklich, ich schäme mich auch jetzt noch, überhaupt
nur daran zu denken.

Einige Tage darauf erkrankte Mama – ganz plötzlich und sogar sehr
gefährlich. In der dritten Nacht stieg das Fieber und sie phantasierte
heftig. Ich hatte schon eine Nacht nicht geschlafen und saß wieder an
ihrem Bett, gab ihr zu trinken und zu bestimmten Stunden die vom Doktor
verschriebene Arznei. In der folgenden Nacht versagte meine
Widerstandskraft, ich war vollständig erschöpft. Von Zeit zu Zeit fielen
mir die Augen zu, ich sah grüne Punkte tanzen, im Kopf drehte sich alles
und jeden Augenblick wollte mich die Bewußtlosigkeit überwältigen, doch
dann weckte mich wieder ein leises Stöhnen der Kranken: ich fuhr auf und
erwachte für einen Augenblick, um von neuem, übermannt von der
Mattigkeit, einzuschlummern. Ich quälte mich. Ich kann mich des Traumes,
den ich damals hatte, nicht mehr genau entsinnen, es war aber irgendein
schrecklicher Spuk, der mich während meines Kampfes gegen die mich immer
wieder überwältigende Müdigkeit mit wirren Traumbildern ängstigte.
Entsetzt wachte ich auf. Das Zimmer war dunkel, das Nachtlicht im
Erlöschen: bald schlug die Flamme flackernd auf und heller Lichtschein
erfüllte das Zimmer, bald zuckte nur ein kleines blaues Flämmchen und an
den Wänden zitterten Schatten, um für Augenblicke fast vollständiger
Dunkelheit zu weichen. Ich begann mich zu fürchten, ein seltsames
Entsetzen erfaßte mich: meine Empfindungen und meine Phantasie standen
noch unter dem Eindruck des grauenvollen Traumes und die Angst schnürte
mir das Herz zusammen ... Ich sprang taumelnd vom Stuhl und schrie leise
auf, unter dem quälenden Druck des unbestimmten Angstgefühls. In
demselben Augenblick ging die Tür auf und Pokrowskij trat zu uns ins
Zimmer.

Ich weiß nur noch, daß ich in seinen Armen aus der Bewußtlosigkeit
erwachte. Behutsam setzte er mich auf einen Stuhl, gab mir zu trinken
und fragte mich besorgt irgend etwas, das ich nicht verstand. Ich
erinnere mich nicht, was ich ihm antwortete.

„Sie sind krank, Sie sind selbst sehr krank,“ sagte er, indem er meine
Hand erfaßte. „Sie fiebern, Sie setzen Ihre eigene Gesundheit aufs
Spiel, wenn Sie sich so wenig schonen. Beruhigen Sie sich, legen Sie
sich hin, schlafen Sie. Ich werde Sie in zwei Stunden wecken, beruhigen
Sie sich nur ... Legen Sie sich hin, schlafen Sie ganz ruhig!“ redete er
mir zu, ohne mich ein Wort des Widerspruchs sagen zu lassen. Die
Erschöpfung hatte meine letzten Kräfte besiegt. Die Augen fielen mir vor
Schwäche zu. Ich legte mich hin, um, wie ich mir fest vornahm, nur eine
halbe Stunde zu schlafen, schlief aber bis zum Morgen: Pokrowskij weckte
mich auf, als es Zeit war, Mama die Arznei einzugeben.

Als ich mich am nächsten Tage nach einer kurzen Erholung wieder zur
Nachtwache anschickte, entschlossen, diesmal nicht wieder einzuschlafen,
wurde etwa gegen elf Uhr an unsere Tür geklopft: ich öffnete – es war
Pokrowskij.

„Es wird Sie langweilen, denke ich, so allein zu sitzen,“ sagte er,
„hier, nehmen Sie dieses Buch, es wird Sie immerhin etwas zerstreuen.“

Ich nahm das Buch – ich habe vergessen, was für eines es war –, doch
obschon ich die ganze Nacht nicht schlief, sah ich kaum einmal hinein.
Es war eine eigentümliche innere Aufregung, die mir keine Ruhe ließ: ich
konnte nicht schlafen, ich konnte nicht einmal längere Zeit ruhig im
Lehnstuhl sitzen, – mehrmals stand ich auf, um eine Weile im Zimmer
umherzugehen. Eine gewisse innere Zufriedenheit durchströmte mein ganzes
Wesen. Ich war so froh über die Aufmerksamkeit Pokrowskijs. Ich war
stolz auf seine Sorge, auf seine Bemühungen um mich. Die ganze Nacht
dachte ich nur daran und träumte mit offenen Augen. Er kam nicht wieder
und ich wußte, daß er in dieser Nacht nicht wieder kommen würde, aber
ich malte mir dafür die nächste Begegnung aus.

Am folgenden Abend, als die anderen alle schon zu Bett gegangen waren,
öffnete Pokrowskij seine Tür und begann mit mir eine Unterhaltung, indem
er auf der Schwelle seines Zimmers stehen blieb. Ich entsinne mich
keines Wortes mehr von dem, was wir damals sprachen; ich weiß nur noch,
daß ich schüchtern und verwirrt war, weshalb ich mich entsetzlich über
mich ärgerte, und daß ich mit Ungeduld das Ende der Unterhaltung
erwartete, obschon ich mit allen Fibern an ihr hing und den ganzen Tag
an nichts anderes gedacht und mir sogar schon Fragen und Antworten
zurecht gelegt hatte ...

Mit diesem Gespräch begann unsere Freundschaft. Während der ganzen Dauer
von Mamas Krankheit verbrachten wir jeden Abend einige Stunden zusammen.
Allmählich überwand ich meine Schüchternheit, wenn ich auch nach jedem
Gespräch immer noch Ursache hatte, über mich selbst ungehalten zu sein.
Übrigens erfüllte es mich mit geheimer Freude und stolzer Genugtuung,
als ich sah, daß er um meinetwillen seine unausstehlichen Bücher vergaß.
Einmal kamen wir zufällig darauf zu sprechen, wie sie damals vom
Bücherbrett gefallen waren – natürlich im Scherz. Es war ein seltsamer
Augenblick: ich glaube, ich war _gar_ zu aufrichtig und naiv. Eine
seltsame Begeisterung riß mich mit sich fort und ich gestand ihm alles
... gestand ihm, daß ich lernen wollte, um etwas zu wissen, wie es mich
geärgert, daß man mich für ein kleines Mädchen gehalten ... Wie gesagt,
ich befand mich in einer sehr sonderbaren Stimmung: mein Herz war weich
und in meinen Augen standen Tränen, – ich verheimlichte ihm nichts, ich
sagte ihm alles, alles, erzählte ihm von meiner Freundschaft zu ihm, von
meinem Wunsch, ihn zu lieben, seinem Herzen nahe zu sein, ihn zu
trösten, zu beruhigen ...

Er sah mich eigentümlich an, er schien verwirrt und erstaunt zugleich zu
sein und sagte kein Wort. Das tat mir plötzlich sehr weh und machte mich
traurig. Ich glaubte, er verstehe mich nicht und mache sich in Gedanken
vielleicht sogar über mich lustig. Und plötzlich brach ich in Tränen aus
und weinte wie ein Kind: es war mir unmöglich, mich zu beherrschen, wie
ein Krampf hatte es mich erfaßt. Er ergriff meine Hände, küßte sie,
drückte sie an die Brust, redete mir zu, tröstete mich. Es mußte ihm
sehr nahe gegangen sein, denn er war tief gerührt. Ich erinnere mich
nicht mehr, was er zu mir sprach, ich weinte und lachte und errötete und
weinte wieder vor lauter Seligkeit, und konnte selbst kein Wort
hervorbringen. Dennoch entging mir nicht, daß in Pokrowskij eine gewisse
Verwirrung und Gezwungenheit zurückblieb. Offenbar konnte er sich über
meinen Gefühlsausbruch, über eine so plötzliche, glühende Freundschaft
nicht genug wundern. Vielleicht war zu Anfang nur sein Interesse
geweckt, doch späterhin verlor sich seine Zurückhaltung und er erwiderte
meine Anhänglichkeit, meine freundlichen Worte, meine Aufmerksamkeit mit
ebenso aufrichtigen, ehrlichen Gefühlen, wie ich sie ihm
entgegenbrachte, und war so aufmerksam und freundlich zu mir, wie ein
aufrichtiger Freund, wie mein leiblicher Bruder. In meinem Herzen war es
so warm, so gut ... Ich verheimlichte nichts und verstellte mich nicht:
was ich fühlte, das sah er, und mit jedem Tage trat er mir näher, wurde
seine Freundschaft zu mir größer.

Wirklich, ich vermag es nicht zu sagen, wovon wir in jenen qualvollen
und doch süßen Stunden unseres nächtlichen Beisammenseins beim
zitternden Licht des Lämpchens vor dem Heiligenbilde und fast dicht am
Bett meiner armen, kranken Mutter sprachen ... Wir sprachen von allem,
was uns einfiel, wovon das Herz voll war – und wir waren fast glücklich
... Ach, es war eine traurige und doch frohe Zeit, beides zugleich. Auch
jetzt noch bin ich traurig und froh, wenn ich an sie zurückdenke.
Erinnerungen sind immer quälend, gleichviel ob es traurige oder frohe
sind. Wenigstens ist es bei mir so – freilich liegt in dieser Qual
zugleich auch eine gewisse Süße. Aber wenn es einem schwer wird ums Herz
und weh, und wenn man sich quält und traurig ist, dann sind Erinnerungen
erfrischend und belebend wie nach einem heißen Tage kühler Tau, der am
feuchten Abend die arme, in der Sonnenglut des Tages welk gewordene
Blume erfrischt und wieder belebt.

Mama war bereits auf dem Wege der Besserung – trotzdem fuhr ich fort,
die Nächte an ihrem Bett zu verbringen. Pokrowskij gab mir Bücher:
anfangs las ich sie nur, um nicht einzuschlafen, dann aufmerksamer und
zuletzt mit wahrer Gier. Es war mir, als täte sich eine ganze Welt
neuer, mir bis dahin unbekannter, ungeahnter Dinge auf. Neue Gedanken,
neue Eindrücke stürmten in Überfülle auf mich ein. Und je mehr
Aufregung, je mehr Arbeit und Kampf mich die Aufnahme dieser neuen
Eindrücke kostete, um so lieber waren sie mir, um so freudvoller
erschütterten sie meine ganze Seele. Mit einem Schlage, ganz plötzlich
drängten sie sich in mein Herz und ließen es keine Ruhe mehr finden. Es
war ein eigentümliches Chaos, das mein ganzes Wesen aufzuregen begann.
Nur konnte mich diese geistige Vergewaltigung doch nicht vernichten. Ich
war gar zu verschwärmt und träumerisch, und das rettete mich.

Als meine Mutter die Krankheit glücklich überstanden hatte, hörten
unsere abendlichen Zusammenkünfte und langen Gespräche auf. Nur hin und
wieder fanden wir Gelegenheit, ein paar bedeutungslose, ganz
gleichgültige Worte mit einander zu wechseln, doch tröstete ich mich
damit, daß ich jedem nichtssagenden Wort eine besondere Bedeutung
verlieh und ihm einen geheimen Sinn unterschob. Mein Leben war voll
Inhalt, ich war glücklich, war still und ruhig glücklich. Und so
vergingen mehrere Wochen ...

Da trat einmal, wie zufällig, der alte Pokrowskij zu uns ins Zimmer. Er
schwatzte wieder alles mögliche, war bei auffallend guter Laune,
scherzte und war sogar witzig, so in seiner Art witzig, – bis er endlich
mit der großen Neuigkeit, die zugleich die Lösung des Rätsels seiner
guten Laune war, herauskam, und uns mitteilte, daß genau eine Woche
später Petinkas Geburtstag sei und daß er an jenem Tage unbedingt zu
seinem Sohne kommen werde. Er wolle dann die neue Weste anlegen, und
seine Frau, sagte er, habe versprochen, ihm neue Stiefel zu kaufen.
Kurz, der Alte war mehr als glücklich und schwatzte unermüdlich.

Sein Geburtstag also! Dieser Geburtstag ließ mir Tag und Nacht keine
Ruhe. Ich beschloß sogleich, ihm zum Beweis meiner Freundschaft
unbedingt etwas zu schenken. Aber was? Endlich kam mir ein guter
Gedanke: ich wollte ihm Bücher schenken. Ich wußte, daß er gern die
neueste Gesamtausgabe der Werke Puschkins besessen hätte und so beschloß
ich, ihm dieselbe zu kaufen. Ich besaß an eigenem Gelde etwa dreißig
Rubel, die ich mir mit Handarbeiten verdient hatte. Dieses Geld war
eigentlich für ein neues Kleid bestimmt, das ich mir anschaffen sollte.
Doch ich schickte sogleich unsere Küchenmagd, die alte Matrjona, zum
nächsten Buchhändler, um sich zu erkundigen, wieviel die neueste Ausgabe
der Werke Puschkins koste. O, das Unglück! Der Preis aller elf Bände
war, wenn man sie in gebundenen Exemplaren wollte, etwa sechzig Rubel.
Woher das Geld nehmen? Ich sann und grübelte und wußte nicht, was tun.
Mama um Geld bitten, das wollte ich nicht. Sie würde es mir natürlich
sofort gegeben haben, doch dann hätten alle erfahren, daß wir ihm ein
Geschenk machten. Und außerdem wäre es dann kein Geschenk mehr gewesen,
sondern gewissermaßen eine Entschädigung für seine Mühe, die er das
ganze Jahr mit mir gehabt. Ich aber wollte ihm die Bücher ganz allein,
ganz heimlich schenken. Für die Mühe aber, die er beim Unterricht mit
mir gehabt, wollte ich ihm ewig zu Dank verpflichtet sein, ohne ein
anderes Entgelt dafür, als meine Freundschaft. Endlich verfiel ich auf
einen Ausweg.

Ich wußte, daß man bei den Antiquaren im Gostinnyj Dworr[4] die neuesten
Bücher für den halben Preis erstehen konnte, wenn man nur zu handeln
verstand. Oft waren es nur wenig mitgenommene, oft sogar fast ganz neue
Bücher. Dabei blieb es: ich nahm mir vor, bei nächster Gelegenheit nach
dem Gostinnyj Dworr zu gehen. Diese Gelegenheit fand sich schon am
folgenden Tage: Mama hatte irgend etwas nötig, das aus einer Handlung
besorgt werden sollte, und Anna Fedorowna gleichfalls, doch Mama fühlte
sich nicht ganz wohl und Anna Fedorowna hatte zum Glück gerade keine
Lust zum Ausgehen. So kam es, daß ich mit Matrjona alles besorgen mußte.

Ich fand sehr bald die betreffende Ausgabe, und zwar in einem hübschen
und gut erhaltenen Einbande. Ich fragte nach dem Preise. Zuerst
verlangte der Mann mehr, als die Ausgabe in der Buchhandlung kostete,
doch nach und nach brachte ich ihn so weit – was übrigens gar nicht so
leicht war – daß er, nachdem ich mehrmals fortgegangen und so getan
hatte, als wolle ich mich an einen anderen wenden, nach und nach vom
Preise abließ und seine Forderung schließlich auf fünfunddreißig Rubel
festsetzte. Welch ein Vergnügen es mir war, zu handeln! Die arme
Matrjona konnte gar nicht begreifen, was in mich gefahren war und wozu
in aller Welt ich soviel Bücher kaufen wollte. Doch wer beschreibt
schließlich meinen Ärger: ich besaß im ganzen nur meine dreißig Rubel,
und der Kaufmann wollte mir die Bücher unter keinen Umständen billiger
abtreten. Ich bat aber und flehte und beredete ihn so lange, bis er sich
zu guter Letzt doch erweichen ließ: er ließ noch etwas ab, aber nur
zweieinhalb Rubel, mehr, sagte er, könne er bei allen Heiligen nicht
ablassen, und er schwor und beteuerte immer wieder, daß er es nur für
mich tue, weil ich ein so nettes Fräulein sei, und daß er einem anderen
Käufer nie und nimmer so viel abgelassen hätte. Zweieinhalb Rubel
fehlten mir! Ich war nahe daran, vor Verdruß in Tränen auszubrechen.
Doch da rettete mich etwas ganz Unvorhergesehenes.

Nicht weit von mir erblickte ich plötzlich den alten Pokrowskij, der an
einem der anderen Büchertische stand. Vier oder fünf der Antiquare
umringten ihn und schienen ihn durch ihre lebhaften Anpreisungen bereits
ganz eingeschüchtert zu haben. Ein jeder bot ihm einige seiner Bücher
an, die verschiedensten, die man sich nur denken kann: mein Gott, was er
nicht alles kaufen wollte! Der arme Alte war ganz hilf- und ratlos und
wußte nicht, für welches der vielen Bücher, die ihm von allen Seiten
empfohlen wurden, er sich nun eigentlich entscheiden sollte. Ich trat
auf ihn zu und fragte, was er denn hier suche. Der Alte war sehr froh
über mein Erscheinen; er liebte mich sehr, vielleicht gar nicht so viel
weniger als seinen Petinka.

„Ja, eben, sehen Sie, ich kaufe da eben Büchelchen, Warwara Alexejewna,“
antwortete er, „für Petinka kaufe ich ein paar Büchelchen. Sein
Geburtstag ist bald und er liebt doch am meisten Bücher, und da kaufe
ich sie denn eben für ihn ...“

Der Alte drückte sich immer sehr sonderbar aus, diesmal aber war er noch
dazu völlig verwirrt. Was er auch kaufen wollte, immer kostete es über
einen Rubel, zwei oder gar drei Rubel. An die großen Bände wagte er sich
schon gar nicht heran, blickte nur so von der Seite mit verlangendem
Lächeln nach ihnen hin, blätterte etwas in ihnen – ganz zaghaft und
ehrfurchtsvoll langsam – besah wohl auch das eine oder andere Buch von
allen Seiten, drehte es in der Hand und stellte es wieder an seinen
Platz zurück.

„Nein, nein, das ist zu teuer,“ sagte er dann halblaut, „aber von hier
vielleicht etwas ...“ Und er begann, unter den dünnen Broschüren und
Heftchen, unter Liederbüchern und alten Kalendern zu suchen: die waren
natürlich billig.

„Aber weshalb wollen Sie denn so etwas kaufen,“ fragte ich ihn, „diese
Heftchen sind doch nichts wert!“

„Ach nein,“ versetzte er, „nein, sehen Sie nur, was für hübsche
Büchelchen hier unter diesen sind, sehen Sie, wie hübsch!“ – Die letzten
Worte sprach er so wehmütig und gleichsam zögernd in stockendem Tone,
daß ich schon befürchtete, er werde sogleich zu weinen anfangen – vor
lauter Kummer darüber, daß die hübschen Bücher so teuer waren – und daß
sogleich ein Tränlein über seine bleiche Wange an der roten Nase
vorüberrollen werde.

Ich fragte ihn schnell, wieviel Geld er habe.

„Da, hier,“ – damit zog der Arme sein ganzes Vermögen hervor, das in ein
schmutziges Stückchen Zeitungspapier eingewickelt war – „hier, sehen
Sie, ein halbes Rubelchen, ein Zwanzigkopekenstück, hier Kupfer, auch so
zwanzig Kopeken ...“

Ich zog ihn sogleich zu meinem Antiquar.

„Hier, sehen Sie, sind ganze elf Bände, die alle zusammen zweiunddreißig
Rubel und fünfzig Kopeken kosten. Ich habe dreißig, legen Sie jetzt
zweieinhalb hinzu und wir kaufen alle diese elf Bücher und schenken sie
ihm gemeinsam!“

Der Alte verlor fast den Kopf vor Freude, schüttelte mit zitternden
Händen all sein Geld aus der Tasche, worauf ihm dann der Antiquar unsere
ganze neuerstandene Bibliothek auflud. Mein Alterchen steckte die Bücher
in alle Taschen, belud mit dem Rest Arme und Hände, und trug sie dann
alle zu sich nach Haus, nachdem er mir sein Wort gegeben, daß er sie am
nächsten Tage ganz heimlich zu uns bringen werde.

Richtig, am nächsten Tage kam er zu dem Sohn, saß wie gewöhnlich ein
Stündchen bei ihm, kam dann zu uns und setzte sich mit einer unsagbar
komischen und geheimnisvollen Miene zu mir. Lächelnd und die Hände
reibend, stolz im Bewußtsein, daß er ein Geheimnis besaß, teilte er mir
heimlich mit, daß er die Bücher alle ganz unbemerkt zu uns gebracht und
in der Küche versteckt habe, woselbst sie unter Matrjonas Schutz bis zum
Geburtstage unbemerkt verbleiben konnten.

Dann kam das Gespräch natürlich auf das bevorstehende große „Fest“. Der
Alte begann sehr weitschweifig darüber zu reden, wie die Überreichung
des Geschenkes vor sich gehen sollte, und je mehr er sich in dieses
Thema vertiefte, je mehr und je unklarer er darüber sprach, um so
deutlicher merkte ich, daß er etwas auf dem Herzen hatte, was er nicht
sagen wollte oder nicht zu sagen verstand, vielleicht aber auch nicht
recht zu sagen wagte. Ich schwieg und wartete. Seine geheime Freude und
seine groteske Vergnügtheit, die sich anfangs in seinen Gebärden, in
seinem ganzen Mienenspiel, in seinem Schmunzeln und einem gewissen
Zwinkern mit dem linken Auge verraten hatten, waren allmählich
verschwunden. Er war sichtlich von innerer Unruhe geplagt und schaute
immer bekümmerter drein. Endlich hielt er es nicht länger aus und begann
zaghaft:

„Hören Sie, wie wäre es, sehen Sie mal, Warwara Alexejewna ... wissen
Sie was, Warwara Alexejewna? ...“ Der Alte war ganz konfus. „Ja, sehen
Sie: wenn nun jetzt sein Geburtstag kommt, dann nehmen Sie zehn Bücher
und schenken ihm diese selbst, das heißt also von sich aus, von Ihrer
Seite sozusagen ... ich aber werde dann den letzten Band nehmen und ihn
ganz allein von mir aus überreichen, also sozusagen ausdrücklich von
meiner Seite. Sehen Sie, dann haben Sie etwas zu schenken, und auch ich
habe etwas zu schenken, wir werden dann eben sozusagen beide etwas zu
schenken haben ...“

Hier geriet der Alte ins Stocken und wußte nicht, wie er fortfahren
sollte. Ich sah von meiner Arbeit auf: er saß ganz still und erwartete
schüchtern, was ich wohl dazu sagen werde.

„Aber weshalb wollen Sie denn nicht gemeinsam mit mir schenken, Sachar
Petrowitsch?“ fragte ich.

„Ja so, Warwara Alexejewna, das ist schon so, wie gesagt ... – ich meine
ja nur eben sozusagen ...“

Kurz, der Alte verstand sich nicht auszudrücken, blieb wieder stecken
und kam nicht weiter.

„Sehen Sie,“ hub er dann nach kurzem Schweigen von neuem an, „ich habe
nämlich, müssen Sie wissen, den Fehler, daß ich mitunter nicht ganz so
bin, wie man sein muß ... das heißt, ich will Ihnen gestehen, Warwara
Alexejewna, daß ich eigentlich immer dumme Streiche mache ... das ist
nun schon einmal so mit mir ... und ist gewiß sehr schlecht von mir ...
Das kommt, sehen Sie, ganz verschiedentlich ... es ist draußen mitunter
so eine Kälte, auch gibt es da Unannehmlichkeiten, oder man ist eben
einmal wehmütig gestimmt, oder es geschieht sonst irgend etwas nicht
Gutes, und da halte ich es denn mitunter nicht aus und schlage eben über
die Schnur und trinke ein überflüssiges Gläschen. Dem Petruscha aber ist
das sehr unangenehm. Denn er, sehen Sie, er ärgert sich darüber und
schilt mich und erklärt mir, was Moral ist. Also deshalb, sehen Sie,
würde ich ihm jetzt gern mit meinem Geschenk beweisen, daß ich anfange,
mich gut aufzuführen, seine Lehren zu beherzigen und überhaupt mich zu
bessern. Daß ich also, mit anderen Worten, gespart habe, um das Buch zu
kaufen, lange gespart, denn ich habe doch selbst gar kein Geld, sehen
Sie, es sei denn, daß Petinka mir hin und wieder welches gibt. Das weiß
er. Also wird er dann sehen, wozu ich sein Geld benutzt habe: daß ich
alles nur für ihn tue.“

Er tat mir so leid, der Alte! Ich dachte nicht lange nach. Der Alte sah
mich in erwartungsvoller Unruhe an.

„Hören Sie, Sachar Petrowitsch,“ sagte ich, „schenken Sie sie ihm alle.“

„Wie alle? Alle Bände?“

„Nun ja, alle Bände.“

„Und das von mir, von meiner Seite?“

„Ja, von Ihrer Seite.“

„Ganz allein von mir? Das heißt, in meinem Namen?“

„Nun ja doch, versteht sich, in Ihrem Namen.“

Ich glaube, daß ich mich deutlich genug ausdrückte, doch es dauerte eine
Zeitlang, bis der Alte mich begriff.

„Na ja,“ sagte er schließlich nachdenklich, „ja! – das würde sehr gut
sein, wirklich sehr gut, aber wie bleibt es dann mit Ihnen, Warwara
Alexejewna?“

„Ich werde dann einfach nichts schenken.“

„Wie!“ rief der Alte fast erschrocken, „Sie werden Petinka nichts
schenken? Sie wollen ihm kein Geschenk machen?“

Ich bin überzeugt, daß der Alte in diesem Augenblick im Begriff war, das
Angebot zurückzuweisen, nur damit auch ich seinem Sohne etwas schenken
könne. Er war doch ein herzensguter Mensch, dieser Alte!

Ich versicherte ihm zugleich, daß ich ja sehr gern schenken würde, nur
wolle ich ihm die Freude nicht schmälern.

„Und wenn Ihr Sohn mit dem Geschenk zufrieden sein wird,“ fuhr ich fort,
„und Sie sich freuen werden, dann werde auch ich mich freuen.“

Damit gelang es mir, den Alten zu beruhigen. Er blieb noch ganze zwei
Stunden bei uns, vermochte aber in dieser Zeit keine Minute lang ruhig
zu sitzen: er erhob sich, ging umher, sprach lauter als je, tollte mit
Ssascha umher, küßte heimlich meine Hand, und schnitt Gesichter hinter
Anna Fedorownas Stuhl, bis diese ihn endlich nach Hause schickte. Kurz,
der Alte war rein aus Rand und Band vor lauter Freude, wie er es bis
dahin vielleicht in seinem ganzen Leben noch nicht gewesen war.

Am Morgen des feierlichen Tages erschien er pünktlich um elf Uhr, gleich
von der Frühmesse aus, erschien in anständigem, ausgebessertem Rock und
tatsächlich in neuen Stiefeln und mit neuer Weste. In jeder Hand trug er
ein Bündel Bücher – Matrjona hatte ihm dazu zwei Servietten geliehen.
Wir saßen gerade alle bei Anna Fedorowna und tranken Kaffee (es war ein
Sonntag). Der Alte begann, glaube ich, damit, daß Puschkin ein sehr
guter Dichter gewesen sei; davon ging er, übrigens nicht ohne gewisse
Unsicherheit und Verlegenheit und mehr als einmal stockend, aber doch
ziemlich plötzlich, auf ein anderes Thema über, nämlich darauf, daß man
sich gut aufführen müsse: wenn der Mensch das nicht tue, so sei das ein
Zeichen, daß er „dumme Streiche mache“. Schlechte Neigungen hätten eben
von jeher den Menschen herabgezogen und verdorben. Ja, er zählte sogar
mehrere abschreckende Beispiele von Unenthaltsamkeit auf, und schloß
damit, daß er selbst sich seit einiger Zeit vollkommen gebessert habe
und sich jetzt musterhaft aufführe. Er habe auch früher schon die
Richtigkeit der Lehren seines Sohnes erkannt und sie schon lange
innerlich beherzigt, jetzt aber habe er begonnen, sich auch in der Tat
aller schlechten Dinge zu enthalten und so zu leben, wie er es seiner
Erkenntnis gemäß für richtig halte. Zum Beweis aber schenke er hiermit
die Bücher, für die er sich im Laufe einer langen Zeit das nötige Geld
zusammengespart habe.

Ich hatte Mühe, mir die Tränen und das Lachen zu verbeißen, während der
arme Alte redete. So hatte er es doch verstanden, zu lügen, sobald es
nötig war!

Die Bücher wurden sogleich feierlich in Pokrowskijs Zimmer gebracht und
auf dem Bücherbrett aufgestellt. Pokrowskij selbst hatte natürlich
sofort die Wahrheit erraten.

Der Alte wurde aufgefordert, zum Mittagessen zu bleiben. Wir waren an
diesem Tage alle recht lustig. Nach dem Essen spielten wir ein
Pfänderspiel und dann Karten. Ssascha tollte und war so ausgelassen wie
nur je, und ich stand ihr in nichts nach. Pokrowskij war sehr aufmerksam
gegen mich und suchte immer nach einer Gelegenheit, mich unter vier
Augen zu sprechen, doch ließ ich mich nicht einfangen. Das war der
schönste Tag in diesen vier Jahren meines Lebens!

Jetzt, von ihm ab, kommen nur noch traurige, schwere Erinnerungen, jetzt
beginnt die Geschichte meiner dunklen Tage. Wohl deshalb will es mir
scheinen, als ob meine Feder langsamer schreibe, als beginne sie, müde
zu werden und als wolle es nicht gut weiter gehen mit dem Erzählen.
Deshalb habe ich wohl auch so ausführlich und mit so viel Liebe alle
Einzelheiten meiner Erlebnisse in jenen glücklichen Tagen meines Lebens
beschrieben. Sie waren ja so kurz, diese Tage. So bald wurden sie von
Kummer, von schwerem Kummer verdrängt, und nur Gott allein mag wissen,
wann der einmal ein Ende nehmen wird.

Mein Unglück begann mit der Krankheit und dem Tode Pokrowskijs.

Es waren etwa zwei Monate seit seinem Geburtstage vergangen, als er
erkrankte. In diesen zwei Monaten hatte er sich unermüdlich um eine
Anstellung, die ihm eine Existenzmöglichkeit gewährt hätte, bemüht, denn
bis dahin hatte er ja noch nichts. Wie alle Schwindsüchtigen, gab auch
er die Hoffnung, noch lange zu leben, bis zum letzten Augenblick nicht
auf. Einmal sollte er irgendwo als Lehrer angestellt werden, doch hatte
er einen unüberwindlichen Widerwillen gegen diesen Beruf. In den
Staatsdienst zu treten, verbot ihm seine angegriffene Gesundheit.
Außerdem hätte er dort lange auf das erste etatsmäßige Gehalt warten
müssen. Kurz, Pokrowskij sah überall nichts als Mißerfolge. Das war
natürlich von schlechtem Einfluß auf ihn. Er rieb sich auf. Er opferte
seine Gesundheit. Freilich beachtete er es nicht. Der Herbst kam. Jeden
Tag ging er in seinem leichten Mantel aus, um wieder irgendwo um eine
Anstellung zu bitten, – was ihm dabei eine Qual war. Und so kam er dann
immer müde, hungrig, vom Regen durchnäßt und mit nassen Füßen nach Haus,
bis er endlich so weit war, daß er sich zu Bett legen mußte – um nicht
wieder aufzustehen ... Er starb im Spätherbst, Ende Oktober.

Ich pflegte ihn. Während der ganzen Dauer seiner Krankheit verließ ich
nur selten sein Zimmer. Oft schlief ich ganze Nächte nicht. Meist lag er
bewußtlos im Fieber und phantasierte; dann sprach er Gott weiß wovon,
zuweilen auch von der Anstellung, die er in Aussicht hatte, von seinen
Büchern, von mir, vom Vater ... und da erst hörte ich vieles von seinen
Verhältnissen, was ich noch gar nicht gewußt und nicht einmal geahnt
hatte.

In der ersten Zeit seiner Krankheit und meiner Pflege sahen mich alle im
Hause etwas sonderbar an, und Anna Fedorowna schüttelte den Kopf. Doch
ich blickte allen offen in die Augen, und da hörte man denn auf, meine
Teilnahme für den Kranken zu verurteilen – wenigstens Mama tat es nicht
mehr.

Hin und wieder erkannte mich Pokrowskij, doch geschah das
verhältnismäßig selten. Er war fast die ganze Zeit nicht bei Besinnung.
Bisweilen sprach er lange, lange, oft ganze Nächte lang in unklaren,
dunklen Worten zu irgend jemand, und seine heisere Stimme klang in dem
engen Zimmer so dumpf wie in einem Sarge. Dann fürchtete ich mich.
Namentlich in der letzten Nacht war er wie rasend: er litt entsetzlich
und quälte sich, und sein Stöhnen zerriß mir das Herz. Alle im Hause
waren erschüttert. Anna Fedorowna betete die ganze Zeit, Gott möge ihn
schneller erlösen. Der Arzt wurde gerufen. Er sagte, daß der Kranke wohl
nur noch bis zum nächsten Morgen leben werde.

Der alte Pokrowskij verbrachte die ganze Nacht im Korridor, dicht an der
Tür zum Zimmer seines Sohnes: dort hatte man ihm ein Lager zurecht
gemacht, irgendeine Matte als Unterlage auf den Fußboden gelegt. Jeden
Augenblick kam er ins Zimmer, – es war schrecklich, ihn anzusehen. Der
Schmerz hatte ihn so gebrochen, daß er fast vollkommen teilnahmslos,
ganz gefühllos und gedankenlos erschien. Sein Kopf zitterte. Sein ganzer
Körper zitterte und sein Mund flüsterte mechanisch irgend etwas vor sich
hin. Es schien mir, daß er vor Schmerz den Verstand verlieren werde.

Vor Tagesanbruch sank der Alte auf seiner Matte im Korridor endlich in
Schlaf. Gegen acht Uhr begann der Sohn zu sterben. Ich weckte den Vater.
Pokrowskij war bei vollem Bewußtsein und nahm von uns allen Abschied.
Seltsam! Ich konnte nicht weinen, aber ich glaubte es körperlich zu
fühlen, wie mein Herz in Stücke zerriß.

Doch das Qualvollste waren für mich seine letzten Augenblicke. Er bat
lange, lange um irgend etwas, doch konnte ich seine Worte nicht mehr
verstehen, da seine Zunge bereits steif war. Mein Herz krampfte sich
zusammen. Eine ganze Stunde war er unruhig, und immer wieder bat er um
irgend etwas, bemühte er sich, mit seiner bereits steif gewordenen Hand
ein Zeichen zu machen, um dann wieder mit trauriger, dumpf-heiserer
Stimme um etwas zu bitten – doch die Worte waren nur zusammenhanglose
Laute, und wieder konnte ich nichts verstehen. Ich führte alle einzeln
an sein Bett, reichte ihm zu trinken, er aber schüttelte immer nur
langsam den Kopf und sah mich so traurig an. Endlich erriet ich, was er
wollte: er bat, den Fenstervorhang aufzuziehen und die Läden zu öffnen.
Er wollte wohl noch einmal den Tag sehen, das Gotteslicht, die Sonne.

Ich zog den Vorhang fort und stieß die Läden auf, doch der anbrechende
Tag war trübe und traurig, wie das erlöschende arme Leben des
Sterbenden. Von der Sonne war nichts zu sehen. Wolken verhüllten den
Himmel mit einer dicken Nebelschicht, so regnerisch, düster und
schwermütig war es. Ein feiner Regen schlug leise an die Fensterscheiben
und rann in klaren, kalten Wasserstreifen an ihnen herab. Es war trüb
und dunkel. Das bleiche Tageslicht drang nur spärlich ins Zimmer, wo es
das zitternde Licht des Lämpchens vor dem Heiligenbilde kaum merklich
verdrängte. Der Sterbende sah mich traurig, so traurig an und bewegte
dann leise, wie zu einem müden Schütteln, den Kopf. Nach einer Minute
starb er.

Für die Beerdigung sorgte Anna Fedorowna. Es wurde ein ganz, ganz
einfacher Sarg gekauft und ein Lastwagen gemietet. Zur Deckung der
Unkosten aber wurden alle Bücher und Sachen des Verstorbenen von Anna
Fedorowna beschlagnahmt. Der Alte wollte ihr die Hinterlassenschaft
seines Sohnes nicht abtreten, stritt mit ihr, lärmte, nahm ihr die
Bücher fort, stopfte sie in alle Taschen, in den Hut, wo immer er sie
nur unterbringen konnte, schleppte sie drei Tage mit sich herum und
trennte sich auch dann nicht von ihnen, als wir zur Kirche gehen mußten.
Alle diese Tage war er ganz wie ein Geistesgestörter. Mit einer
seltsamen Geschäftigkeit machte er sich ewig etwas am Sarge zu schaffen:
bald zupfte er ein wenig die grünen Blätter zurecht, bald zündete er die
Kerzen an, um sie wieder auszulöschen und dann wieder anzuzünden. Man
sah es, daß seine Gedanken nicht länger als einen Augenblick bei etwas
Bestimmtem verweilen konnten.

Der Totenmesse in der Kirche wohnten weder Mama noch Anna Fedorowna bei.
Mama war krank, Anna Fedorowna aber, die sich bereits angekleidet hatte,
geriet wieder mit dem alten Pokrowskij in Streit, ärgerte sich und blieb
zu Haus. So waren nur ich und der Alte in der Kirche. Während des
Gottesdienstes ergriff mich plötzlich eine unsagbare Angst – wie eine
dunkle Ahnung dessen, was mir bevorstand. Ich konnte mich kaum auf den
Füßen halten.

Endlich wurde der Sarg geschlossen, auf den Lastwagen gehoben und
fortgeführt. Ich begleitete ihn nur bis zum Ende der Straße. Dann fuhr
der Fuhrmann im Trab weiter. Der Alte lief hinter ihm her und weinte
laut, und sein Weinen zitterte und brach oft ab, da das Laufen ihn
erschütterte. Der Arme verlor seinen Hut, blieb aber nicht stehen, um
ihn aufzuheben, sondern lief weiter. Sein Kopf wurde naß vom Regen. Ein
scharfer, kalter Wind erhob sich und schnitt ins Gesicht. Doch der Alte
schien nichts davon zu spüren und lief weinend weiter, bald an der
einen, bald an der anderen Seite des Wagens. Die langen Schöße seines
fadenscheinigen alten Überrocks flatterten wie Flügel im Winde. Aus
allen Taschen sahen Bücher hervor und im Arm trug er irgendein großes
schweres Buch, das er krampfhaft umklammerte und an die Brust drückte.
Die Vorübergehenden nahmen die Mützen ab und bekreuzten sich. Einige
blieben stehen und schauten verwundert dem armen Alten nach. Alle
Augenblicke fiel ihm aus einer Tasche ein Buch in den Straßenschmutz.
Dann rief man ihn an, hielt ihn zurück und machte ihn auf seinen Verlust
aufmerksam. Und er hob das Buch auf und lief wieder weiter, dem Sarge
nach. Kurz vor der Straßenecke schloß sich ihm eine alte Bettlerin an
und folgte gleichfalls dem Sarge. Endlich bog der Wagen um die
Straßenecke und verschwand.

Ich ging nach Hause. Zitternd vor Weh warf ich mich meiner Mutter an die
Brust. Ich umschlang sie fest mit meinen Armen und küßte sie und
plötzlich brach ich in Tränen aus. Und ich schmiegte mich angstvoll an
die einzige, die mir als mein letzter Freund noch geblieben war, als
hätte ich sie für immer festhalten wollen, damit der Tod mir nicht auch
sie noch entreiße ...

Doch der Tod schwebte damals schon über meiner armen Mutter ...

                   *       *       *       *       *


                                                             11. Juni.

Wie dankbar bin ich Ihnen, Makar Alexejewitsch, für den gestrigen
Spaziergang nach den Inseln! Wie schön es dort war, wie wundervoll grün,
und die Luft wie köstlich! – Ich hatte so lange keinen Rasen und keine
Bäume gesehen, – als ich krank war, dachte ich doch, daß ich sterben
müsse, daß ich bestimmt sterben werde – nun können Sie sich denken, was
ich gestern fühlen mußte, und was empfinden!

Seien Sie mir nicht böse, daß ich so traurig war. Ich fühlte mich sehr
wohl und leicht, aber gerade in meinen besten Stunden werde ich aus
irgendeinem Grunde traurig; so geht es mir immer. Und daß ich weinte,
das hatte auch nichts auf sich, ich weiß selbst nicht, weshalb ich immer
weinen muß. Ich bin, das fühle ich, krankhaft überreizt, alle Eindrücke,
die ich empfange, sind krankhaft – krankhaft heftig. Der wolkenlose
blasse Himmel, der Sonnenuntergang, die Abendstille – alles das – ich
weiß wirklich nicht, – ich war gestern jedenfalls in der Stimmung, alle
Eindrücke schwer und qualvoll zu nehmen, so daß das Herz bald übervoll
war und die Seele nach Tränen verlangte. Doch wozu schreibe ich Ihnen
das alles? Das Herz wird sich nur so schwer über alles dies klar, um wie
viel schwerer ist es da noch, alles wiederzugeben! Aber vielleicht
verstehen Sie mich doch.

Leid und Freude! Wie gut Sie doch sind, Makar Alexejewitsch! Gestern
blickten Sie mir so in die Augen, als wollten Sie in ihnen lesen, was
ich empfand, und Sie waren glücklich über meine Freude. War es ein
Strauch, eine Allee oder ein Wasserstreifen – immer standen Sie da vor
mir und fühlten sich ganz stolz und schauten mir immer wieder in die
Augen, als wäre alles, was Sie mir da zeigten, Ihr Eigentum gewesen. Das
beweist, daß Sie ein gutes Herz haben, Makar Alexejewitsch. Deshalb
liebe ich Sie ja auch.

Nun leben Sie wohl. Ich bin heute wieder krank: gestern bekam ich nasse
Füße und habe mich infolgedessen erkältet. Fedora ist noch nicht ganz
gesund – ich weiß nicht, was ihr fehlt. So sind wir jetzt beide krank.
Vergessen Sie mich nicht, kommen Sie öfter zu uns.

                                                                  Ihre
                                                                 W. D.


                                                             12. Juni.

Mein Täubchen Warwara Alexejewna!

Ich dachte, mein Kind, Sie würden mir den gestrigen Ausflug in lauter
Gedichten beschreiben, und da erhalte ich nun von Ihnen so ein einziges
kleines Blättchen! Doch will ich damit nicht tadeln, daß Sie mir nur
wenig geschrieben haben: dafür haben Sie alles ungewöhnlich gut und
schön beschrieben. Die Natur, die verschiedenen Landschaftsstimmungen,
was Sie selber empfanden – das haben Sie mit einem Worte kurz, aber ganz
wunderbar geschildert. Ich habe dagegen ganz und gar kein Talent, irgend
etwas zu beschreiben: wenn ich auch zehn Seiten vollkritzele, es kommt
dabei doch nichts heraus und nichts ist wirklich beschrieben. Das weiß
ich selbst nur zu genau.

Sie schreiben mir, meine Liebe, daß ich ein guter Mensch sei,
sanftmütig, voll Wohlwollen für alle, unfähig, dem Nächsten etwas Böses
zuzufügen, und daß ich die Güte des himmlischen Schöpfers, wie sie in
der Natur zum Ausdruck kommt, wohl verstehe, und Sie beehren mich noch
mit verschiedenen anderen Lobsprüchen. – Das ist gewiß alles wahr, mein
Kind, nichts als die reine Wahrheit, denn ich bin wirklich so, wie Sie
sagen, ich weiß das selbst: und es freut einen auch, wenn man von
anderen so etwas geschrieben sieht, wie das, was Sie mir da geschrieben
haben: es wird einem unwillkürlich froh und leicht zumut – aber
schließlich kommen einem doch wieder allerlei schwere Gedanken. Nun
hören Sie mich mal an, mein Kind, ich will Ihnen jetzt mal etwas
erzählen.

Ich beginne damit, daß ich auf die Zeit zurückgreife, als ich erst
siebzehn Lenze zählte und in den Staatsdienst trat: nun werden es bald
runde dreißig Jahre sein, daß ich als Beamter tätig bin! Ich habe in der
Zeit, was soll ich sagen, genug Uniformröcke abgetragen, bin darüber
Mann geworden, auch vernünftiger und klüger, habe Menschen gesehen und
kennen gelernt, habe auch gelebt, ja, warum nicht – ich kann schon
sagen, daß ich gelebt habe –, und einmal wollte man mich sogar zur
Auszeichnung vorschlagen: man wollte mir nämlich für meine Dienste ein
Kreuz verleihen. Sie werden mir das letztere vielleicht nicht glauben,
aber es war wirklich so, ich lüge Ihnen nichts vor. Nun, was kam dabei
heraus, mein Kind? Ja, sehen Sie, es finden sich immer und überall
schlechte Menschen. Aber wissen Sie, was ich Ihnen sagen werde, meine
Liebe: ich bin zwar ein ungebildeter Mensch, meinetwegen sogar ein
dummer Mensch, aber das Herz, das in mir schlägt, ist genau so, wie das
Herz anderer Menschen. Also wissen Sie, Warinka, was ein böser Mensch
mir antat? Man schämt sich ordentlich, es zu sagen. Sie fragen, warum er
es tat? Einfach darum, weil ich so ein Stiller bin, weil ich bescheiden
bin, weil ich ein guter Kerl bin. Ich war ihnen nicht nach ihrem
Geschmack, und so wurde denn alles mir, und immer mir, in die Schuhe
geschoben. Anfangs hieß es, wenn jemand etwas schlecht gemacht hatte:

„Eh, Sie da, Makar Alexejewitsch, dies und das!“ – Daraus wurde mit der
Zeit:

„Ach, natürlich Makar Alexejewitsch, wer denn sonst!“

Jetzt aber heißt es ganz einfach:

„Na, selbstverständlich doch Makar Alexejewitsch, was fragen Sie noch!“

Sehen Sie, Kind, so kam die ganze Geschichte. An allem war Makar
Alexejewitsch schuld. Sie verstanden weiter nichts, als „Makar
Alexejewitsch“ sozusagen zum Schlagwort im ganzen Departement zu machen.
Und noch nicht genug damit, daß sie in dieser Weise aus mir ein
geflügeltes Wort, fast sogar einen geflügelten Tadel, wenn nicht gar ein
Schmähwort machten – nein, sie hatten auch noch an meinen Stiefeln,
meinem Rock, meinen Haaren und Ohren, kurz, an allem, was an mir war,
etwas auszusetzen: alles war ihnen nicht recht, alles mußte anders
gemacht werden! Und das wiederholt sich nun schon seit undenklichen
Zeiten jeden Tag! Ich habe mich daran gewöhnt, weil ich mich an alles
gewöhne, weil ich ein stiller Mensch bin, weil ich ein kleiner Mensch
bin. Aber, fragt man sich schließlich, womit habe ich denn das alles
verdient? Wem habe ich je etwas Schlechtes getan? Habe ich etwa jemandem
den Rang abgelaufen? Oder jemanden bei den Vorgesetzten angeschwärzt, um
dafür belohnt zu werden? Oder habe ich sonst eine Kabale gegen jemanden
angestiftet? Sie würden sündigen, Kind, wenn Sie so etwas auch nur
denken wollten! Bin ich denn einer, der so etwas überhaupt fertig
brächte? So betrachten Sie mich doch nur genauer, meine Liebe, und dann
sagen Sie selbst, ob ich auch nur die Fähigkeit zu Intrigen und zum
Strebertum habe? Also wofür treffen mich dann diese Heimsuchungen? Doch
vergib, Herr! Sie, Warinka, halten mich für einen ehrenwerten Menschen,
Sie aber sind auch unvergleichlich besser, als alle die anderen, jawohl
Warinka!

Was ist die größte bürgerliche Tugend? Über diese Frage äußerte sich
noch vor ein paar Tagen Jewstafij Iwanowitsch in einem Privatgespräch.
Er sagte: Die größte bürgerliche Tugend sei – Geld zu schaffen. Er sagte
es natürlich im Scherz (ich weiß, daß er es nur im Scherz sagte), was
aber in dem Worte für eine Moral lag (die er eigentlich im Sinne hatte),
das war, daß man mit seiner Person niemandem zur Last fallen solle. Ich
aber falle niemandem zur Last! Ich habe mein eigenes Stück Brot. Es ist
ja wohl nur ein einfaches Stück Brot, mitunter sogar altes, trockenes
Brot, aber _ich_ habe es doch, es ist _mein_ Brot, durch _meine_ Arbeit
rechtlich und redlich erworben!

Nun ja, was ist da zu machen! Ich weiß es ja selbst, daß ich nichts
sonderlich Großes vollbringe, wenn ich in meinem Bureau sitze und
Schriftstücke abschreibe. Trotzdem bin ich stolz darauf: ich arbeite
doch, leiste doch etwas, tue es durch meiner Hände Arbeit. Nun, und was
ist denn dabei, daß ich nur abschreibe? Ist denn das etwa eine Sünde?
„Na ja, doch eben immer nur ein Schreiber!“ – Aber was ist denn dabei
Unehrenhaftes? Meine Handschrift ist so eingeschrieben, so leserlich,
jeder Buchstabe wie gestochen, daß es eine Freude ist, so einen ganzen
Bogen zu sehen, und – Se. Exzellenz sind zufrieden mit mir. Ich muß die
wichtigsten Papiere für Se. Exzellenz abschreiben. Ja, aber ich habe
keinen Stil! Das weiß ich selbst, daß ich ihn nicht habe, den
verwünschten Stil! Mir fehlen die Redewendungen! Ich weiß es, und
deshalb habe ich es auch im Dienst zu nichts gebracht ... Auch an Sie,
mein Kind, schreibe ich jetzt, wie es gerade so kommt, ohne alle Kunst
und Feinheit, wie es mir aus dem Herzen in den Sinn strömt ... Das weiß
ich selbst ganz genau: aber schließlich: wenn alle nur Selbstverfaßtes
schreiben wollten, wer würde dann – abschreiben?

Das ist die Frage. Sehen Sie, und nun, bitte, beantworten Sie sie mir,
meine Liebe.

So sehe ich denn jetzt selbst ein, daß man mich braucht, daß ich
notwendig, daß ich unentbehrlich bin, und daß kein Grund vorliegt, sich
durch müßiges Geschwätz irre machen zu lassen. Nun schön, meinetwegen
bin ich eine Ratte, wenn sie glauben, eine Ähnlichkeit mit ihr
herausfinden zu können. Aber diese Ratte ist nützlich, ohne diese Ratte
käme man nicht aus, diese Ratte ist sogar ein Faktor, mit dem man
rechnet, und dieser Ratte wird man bald sogar eine Gratifikation
zusprechen, – da sehen Sie, was das für eine Ratte ist!

Doch jetzt habe ich genug davon geredet. Ich wollte ja eigentlich gar
nicht davon sprechen, aber nun – es kam mal so zur Sprache, und da hat’s
mich denn hingerissen. Es ist doch immer ganz gut, von Zeit zu Zeit sich
selbst etwas Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Leben Sie wohl, mein Täubchen, meine gute kleine Trösterin! Ich werde
schon kommen, gewiß werde ich kommen und Sie besuchen, mein Sternchen,
um zu sehen, wie es Ihnen geht und was Sie machen. Grämen Sie sich bis
dahin nicht gar zu sehr. Ich werde Ihnen ein Buch mitbringen. Also leben
Sie wohl bis dahin, Warinka.

Wünsche Ihnen von Herzen alles Gute!

                                                                   Ihr
                                                    Makar Djewuschkin.


                                                             20. Juni.

Sehr geehrter Makar Alexejewitsch!

Schreibe Ihnen in aller Eile, denn ich habe sehr wenig Zeit, – muß eine
Arbeit zu einem bestimmten Termin beenden.

Hören Sie, um was es sich handelt: es bietet sich ein guter
Gelegenheitskauf. Fedora sagt, ein Bekannter von ihr habe einen fast
neuen Uniformrock, sowie Beinkleider, Weste und Mütze zu verkaufen, und
alles, wie sie sagt, sehr billig. Wenn Sie sich das nun kaufen wollten!
Sie haben doch jetzt Geld und sind nicht mehr in Verlegenheit, – Sie
sagten mir ja selbst, daß Sie Geld haben. Also seien Sie vernünftig und
schaffen Sie sich die Sachen an. Sie haben sie doch so nötig. Sehen Sie
sich doch nur selbst an, in was für alten Kleidern Sie umhergehen. Eine
wahre Schande! Alles ist geflickt. Und neue Kleider haben Sie nicht, das
weiß ich, obschon Sie versichern, Sie hätten sie. Gott weiß, was Sie mit
Ihrem neuen Anzug angefangen haben. So hören Sie doch diesmal auf mich
und kaufen Sie die Kleider, bitte, tun Sie’s! Tun Sie es für mich, wenn
Sie mich lieb haben!

Sie haben mir Wäsche geschenkt. Hören Sie, Makar Alexejewitsch, das geht
wirklich nicht so weiter! Sie richten sich zugrunde, denn das ist doch
kein Spaß, was Sie schon für mich ausgegeben haben, – entsetzlich,
wieviel Geld! Wie Sie verschwenden können! Ich habe ja nichts nötig, das
war ja alles ganz, ganz überflüssig! Ich weiß, glauben Sie mir, ich
weiß, daß Sie mich lieben, deshalb ist es ganz überflüssig von Ihnen,
mich noch durch Geschenke immer wieder dieser Liebe vergewissern zu
wollen. Wenn Sie wüßten, wie schwer es mir fällt, sie anzunehmen! Ich
weiß doch, was sie Sie kosten. Deshalb ein für allemal: Lassen Sie es
gut sein, schicken Sie mir nichts mehr! Hören Sie? Ich bitte Sie, ich
flehe Sie an!

Sie bitten mich, Ihnen die Fortsetzung meiner Aufzeichnungen zuzusenden,
Sie wollen, daß ich sie beende. Gott, ich weiß selbst nicht, wie ich das
fertig gebracht habe, soviel zu schreiben, wie dort geschrieben ist!
Nein, ich habe nicht die Kraft, jetzt von meiner Vergangenheit zu
sprechen. Ich will an sie nicht einmal zurückdenken. Ich fürchte mich
vor diesen Erinnerungen. Und gar von meiner armen Mutter zu sprechen,
deren einziges Kind nach ihrem Tode diesen Ungeheuern preisgegeben war:
das wäre mir ganz unmöglich! Mein Herz blutet, wenn meine Gedanken auch
nur von ferne diese Erinnerungen streifen. Die Wunden sind noch zu
frisch! Ich habe noch keine Ruhe, um zu denken, habe mich selbst noch
lange nicht beruhigen können, obschon bereits ein ganzes Jahr vergangen
ist. Doch Sie wissen das ja alles!

Ich habe Ihnen auch Anna Fedorownas jetzige Ansichten mitgeteilt. Sie
wirft mir Undankbarkeit vor und leugnet es, mit Herrn Bükoff im
Einverständnis gewesen zu sein! Sie fordert mich auf, zu ihr
zurückzukehren. Sie sagt, ich lebe von Almosen und sei auf einen
schlechten Weg geraten. Wenn ich zu ihr zurückkehren würde, so wolle sie
es übernehmen, die ganze Geschichte mit Herrn Bükoff beizulegen und ihn
zu veranlassen, seine Schuld mir gegenüber wieder gutzumachen. Sie hat
sogar gesagt, daß Herr Bükoff mir eine Aussteuer geben wolle. Gott mit
ihnen! Ich habe es auch hier gut, unter Ihrem Schutz und bei meiner
guten Fedora, die mich mit ihrer Anhänglichkeit an meine alte selige
Kinderfrau erinnert. Sie aber sind zwar nur ein entfernter Verwandter
von mir, trotzdem beschützen Sie mich und treten mit Ihrem Namen und Ruf
für mich ein. Ich kenne jene anderen nicht, ich werde sie vergessen! –
wenn ich es nur vermag?! Was wollen sie denn noch von mir? Fedora sagt,
das sei alles nur Klatsch und sie würden mich zu guter Letzt doch in
Ruhe lassen. Gott gebe es!

                                                                 W. D.


                                                             21. Juni.

Mein Täubchen, mein Liebling!

Ich will Ihnen schreiben, weiß aber nicht – womit beginnen?

Ist das nicht sonderbar, wie wir beide jetzt hier so miteinander leben!
Ich sage das nur deshalb, müssen Sie wissen, weil ich meine Tage noch
nie so froh verbracht habe. Ganz als hätte mich Gott der Herr mit einem
Häuschen und einer Familie gesegnet! Mein Kindchen sind Sie, mein
kleines reizendes!

Was reden Sie da von den vier Hemdchen, die ich Ihnen geschickt habe!
Sie hatten sie doch nötig – Fedora sagte es mir. Und mich, liebes Kind,
mich macht es doch glücklich, für Sie sorgen zu können: das ist nun
einmal mein größtes Vergnügen – also lassen Sie mich nur gewähren, Kind,
und widersprechen Sie mir nicht! Noch niemals habe ich so etwas erlebt,
Herzchen. Jetzt lebe ich doch ein ganz anderes Leben. Erstens
gewissermaßen zu zweien, wenn man so sagen darf, denn Sie leben doch
jetzt in meiner nächsten Nähe, was mir ein großer Trost und eine große
Freude ist. Und zweitens hat mich heute mein Zimmernachbar, Ratasäjeff –
jener Beamte, wissen Sie, bei dem literarische Abende stattfinden –,
also der hat mich heute zum Tee eingeladen. Heute findet bei ihm nämlich
wieder so eine Versammlung statt: es soll etwas Literarisches vorgelesen
werden. Da sehen Sie, wie wir jetzt leben, Kindchen – was?!

Nun, leben Sie wohl. Ich habe das alles ja nur so geschrieben, ohne
besonderen Zweck, nur um Sie von meinem Wohlbefinden zu unterrichten.
Sie haben mir durch Theresa sagen lassen, daß Sie farbige Nähseide zur
Stickerei benötigen: ich werde sie kaufen, Kindchen, ich werde sie Ihnen
besorgen, gleich morgen werde ich sie Ihnen besorgen. Ich weiß auch
schon, wo ich sie am besten kaufen kann. Inzwischen verbleibe ich

                                               Ihr aufrichtiger Freund
                                                    Makar Djewuschkin.


                                                             22. Juni.

Liebe Warwara Alexejewna!

Ich will Ihnen nur mitteilen, meine Gute, daß bei uns im Hause etwas
sehr Trauriges geschehen ist, etwas, das jedes Menschen Mitleid erwecken
muß. Heute um fünf Uhr morgens starb Gorschkoffs kleiner Sohn. Ich weiß
nicht recht, woran, – an den Masern oder, Gott weiß, vielleicht war es
auch Scharlach. Da besuchte ich sie denn heute, diese Gorschkoffs. Ach,
Liebe, was das für eine Armut bei ihnen ist! Und was für eine Unordnung!
Aber das ist ja schließlich kein Wunder: die ganze Familie lebt doch nur
in diesem einen Zimmer, das sie nur anstandshalber durch einen
Bettschirm so ein wenig abgeteilt haben.

Jetzt steht bei ihnen schon der kleine Sarg, – ein ganz einfacher,
billiger, aber er sieht doch ganz nett aus, sie haben ihn gleich fertig
gekauft. Der Knabe war neun Jahre alt und soll, wie man hört, zu schönen
Hoffnungen berechtigt haben. Es tut weh, weh vor Mitleid, sie anzusehen,
Warinka. Die Mutter weint nicht, aber sie ist so traurig, die Arme. Es
ist für sie ja vielleicht eine Erleichterung, daß ihnen ein Kindchen
abgenommen ist: es bleiben ihnen noch zwei, die sie zu ernähren haben:
ein Brustkind und ein kleines Töchterchen so von etwa sechs Jahren, viel
älter kann das zarte Ding noch nicht sein.

Wie muß einem doch zumute sein, wenn man sieht, wie ein Kindchen leidet,
und noch dazu das eigene, leibliche Kindchen, und man hat nichts, womit
man ihm helfen könnte! Der Vater sitzt dort in einem alten, schmutzigen
und fadenscheinigen Rock auf einem halb zerbrochenen Stuhl. Die Tränen
laufen ihm über die Wangen, aber vielleicht gar nicht vor Leid, sondern
nur so, aus Gewohnheit – die Augen tränen eben. Er ist so ein
Sonderling! Immer wird er rot, wenn man mit ihm spricht, und niemals
weiß er, was er antworten soll. Das kleine Mädchen stand dort an den
Sarg gelehnt, stand ganz still und ernst und ganz nachdenklich. Ich
liebe es nicht, Warinka, wenn ein Kindchen nachdenklich ist: es
beunruhigt einen. Eine Puppe aus alten Zeugstücken lag auf dem Fußboden,
– sie spielte aber nicht mit ihr. Das Fingerchen im Mund: so stand sie,
– stand und rührte sich nicht. Die Wirtin gab ihr ein Bonbonchen: sie
nahm es, aß es aber nicht. Traurig das alles – nicht wahr, Warinka?

                                                                   Ihr
                                                    Makar Djewuschkin.


                                                             25. Juni.

Bester Makar Alexejewitsch!

Ich sende Ihnen Ihr Buch zurück. Das ist ja ein ganz elendes Ding! – man
kann es überhaupt nicht in die Hand nehmen. Wo haben Sie denn diese
Kostbarkeit aufgetrieben? Scherz beiseite – gefallen Ihnen denn wirklich
solche Bücher, Makar Alexejewitsch? Sie versprachen mir doch vor ein
paar Tagen, mir etwas zum Lesen zu verschaffen. Ich kann ja auch mit
Ihnen teilen, wenn Sie wollen. Doch jetzt Schluß und auf Wiedersehen!
Ich habe wirklich keine Zeit, weiter zu schreiben.

                                                                 W. D.


                                                             26. Juni.

Liebe Warinka!

Die Sache ist nämlich die, Kind, daß ich das Büchlein selbst gar nicht
gelesen habe. Es ist wahr, ich las ein wenig, sah, daß es irgendein
Unsinn war, nur so zum Lachen geschrieben, und um die Leute zu
unterhalten. Da dachte ich, nun, dann wird es was Lustiges sein und
vielleicht auch Warinka gefallen. Und so nahm ich es und schickte es
Ihnen.

Aber nun hat mir Ratasäjeff versprochen, mir etwas wirklich
Literarisches zum Lesen zu verschaffen. Da werden Sie also wieder gute
Bücher erhalten, mein Kind. Ratasäjeff – der versteht sich darauf! Er
schreibt doch selbst, und wie er schreibt! Gewandt schreibt er, und
einen Stil hat er, ich sage Ihnen: einfach großartig! In jedem Wort ist
ein Etwas – sogar im allergewöhnlichsten, alltäglichsten Wort, in jedem
einfachen Satz, in der Art, wie ich zum Beispiel manchmal Faldoni oder
Theresa etwas sage, – selbst da versteht er noch, sich stilvoll
auszudrücken. Ich wohne jetzt seinen literarischen Abenden regelmäßig
bei. Wir rauchen Tabak und er liest uns vor, liest bis fünf Stunden in
einem durch, wir aber hören zu, die ganze Zeit. Das sind nun einfach
Perlen, nicht Literatur! Einfach Blumen, duftende Blumen – auf jeder
Seite so viel Blumen, daß man einen Strauß draus winden kann! Und im
Umgang ist er so freundlich, so liebenswürdig. Was bin ich im Vergleich
mit ihm, nun was? – Nichts! Er ist ein angesehener Mann, ein Mann von
Ruf – was aber bin ich? – Nichts! So gut wie nichts, bin neben ihm
überhaupt nichts! Er aber beehrt auch mich mit seinem Wohlwollen. Ich
habe für ihn mal das eine oder andere abgeschrieben. Nur denken Sie
deshalb nicht, Warinka, daß das irgend etwas auf sich habe, ich meine,
daß er mir deshalb wohlgesinnt sei, weil ich für ihn abschreibe! Hören
Sie nicht auf solche Klatschgeschichten, Kind, glauben Sie ihnen nicht,
beachten Sie sie gar nicht weiter! Nein, ich tue es ganz aus freien
Stücken, um ihm damit etwas Angenehmes zu erweisen. Und daß er mir sein
Wohlwollen schenkt, das tut er auch nur aus freien Stücken, tut’s, um
mir eine Freude zu bereiten. Ich bin gar nicht so dumm, um das nicht zu
verstehen: man muß nur wissen, welch ein Zartgefühl sich dahinter birgt.
Er ist ein guter, ein sehr guter Mensch und außerdem ein ganz
unvergleichlicher Schriftsteller.

Es ist eine schöne Sache um die Literatur, Warinka, eine sehr schöne,
das habe ich vorgestern bei ihnen erfahren. Und zugleich eine tiefe
Sache! Sie stärkt und festigt und belehrt die Menschen – und noch
verschiedenes andere tut sie, was alles in ihrem Buch aufgezeichnet
steht. Es ist wirklich gut geschrieben! Die Literatur – das ist ein
Bild, das heißt in gewissem Sinne, versteht sich; ein Bild und ein
Spiegel; ein Spiegel der Leidenschaften und aller inneren Dinge; sie ist
Belehrung und Erbauung zugleich, ist Kritik und ein großes menschliches
Dokument. Das habe ich mir alles von ihnen sagen lassen und aus ihren
Reden gemerkt. Ich will aufrichtig gestehen, mein Liebling, wenn man so
unter ihnen sitzt und zuhört – und man raucht dabei sein Pfeifchen, ganz
wie sie – und wenn sie dann anfangen, sich gegenseitig zu messen und
über die verschiedensten Dinge zu disputieren, da muß ich denn einfach
wie im Kartenspiel sagen: – ich passe. Denn wenn die erst mal loslegen,
Kind, dann bleibt unsereinem nichts anderes übrig, dann müssen wir beide
passen, Warinka. Ich sitze dann wie ein alter Erzschafskopf und schäme
mich vor mir selber. Und wenn man sich auch den ganzen Abend die größte
Mühe gibt, irgendwo ein halbes Wörtchen in das allgemeine Gespräch mit
einzuflechten, so ist man doch nicht einmal dazu fähig. Man kann und
kann dieses halbe Wörtchen nicht finden! Man verfällt aber auch auf rein
gar nichts – man mag’s anstellen wie man will! Das ist wie verhext,
Warinka, und man tut sich schließlich selber leid, daß man so ist, wie
man nun einmal ist, und daß man das Sprichwort auf sich anwenden kann:
dumm geboren und im Leben nichts dazugelernt.

Was tue ich denn jetzt in meiner freien Zeit? – Schlafe, schlafe wie ein
alter Esel. An Stelle dieses unnützen Schlafens aber könnte man sich
doch auch mit etwas Angenehmem oder Nützlichem beschäftigen, so zum
Beispiel sich hinsetzen und dies und jenes schreiben, so ganz frei von
sich aus, – was? Sich selbst zu Nutz und Frommen und anderen zum
Vergnügen. Und hören Sie nur, Kind, wieviel sie für ihre Sachen
bekommen, Gott verzeihe ihnen! Da zum Beispiel gleich dieser Ratasäjeff,
was der Mann einnimmt! Was ist es für ihn, einen Bogen vollzuschreiben?
An manchen Tagen hat er sogar ganze fünf geschrieben, und dabei erhält
er, wie er sagt, volle dreihundert Rubel für jeden Bogen! Da hat er
irgend so eine kleine Geschichte oder Humoreske, oder auch nur irgendein
Anekdotchen oder sonst etwas für die Leute – fünfhundert, gib oder gib
nicht, aber darunter kriegst du es für keinen Preis. Häng dich auf, wenn
du willst. Willst du nicht – nun gut, dann gibt ein anderer tausend! Was
sagen Sie dazu, Warwara Alexejewna?

Aber was, das ist noch gar nichts! Da hat er zum Beispiel ein Heftchen
Gedichte, alles solche kleinen Dingerchen – paar Zeilen nur, ganz kurz,
– siebentausend, Kind, siebentausend will er dafür haben, denken Sie
sich! Das ist doch ein Vermögen, groß wie ein ganzes Besitztum, das sind
ja die Prozente eines Hauses von fünf Stockwerken! Fünftausend, sagt er,
biete man ihm: er geht aber darauf nicht ein. Ich habe ihm zugeredet und
vernünftig auf ihn eingesprochen, – nehmen Sie doch, Bester, die
fünftausend, nehmen Sie sie nur, und dann können Sie ihnen ja den Rücken
kehren und ausspeien, wenn Sie wollen, denn fünftausend – das ist doch
Geld! Aber nein, er sagt, sie werden auch sieben geben, die Schufte.
Solch ein Schlaukopf ist er, wirklich!

Ich werde Ihnen, mein Kind, da nun einmal davon die Rede ist, eine
Stelle aus den „Italienischen Leidenschaften“ abschreiben. So heißt
nämlich eines seiner Werke. Nun lesen Sie, Warinka, und dann urteilen
Sie selbst:

– ... Wladimir fuhr zusammen: die Leidenschaften brausten wild in ihm
auf und sein Blut geriet in Wallung ...

„Gräfin,“ rief er, „Gräfin! Wissen Sie, wie schrecklich diese
Leidenschaft, wie grenzenlos dieser Wahnsinn ist? Nein, meine Sinne
täuschen mich nicht! Ich liebe, ich liebe mit aller Begeisterung, liebe
rasend, wahnsinnig! Das ganze Blut deines Mannes würde nicht ausreichen,
die wallende Leidenschaft meiner Seele zu ersticken! Diese kleinen
Hindernisse sind unfähig, das allesvernichtende, höllische Feuer, das in
meiner erschöpften Brust loht, in seinem Flammenstrom aufzuhalten. O
Sinaida, Sinaida! ...“

„Wladimir!“ ... flüsterte die Gräfin fassungslos und schmiegte ihr Haupt
an seine Schulter.

„Sinaida!“ rief Ssmelskij berauscht.

Seiner Brust entrang sich ein Seufzer. Auf dem Altar der Liebe schlug
die Lohe hellflammend auf und umfing mit ihrer Glut die Seelen der
Liebenden.

„Wladimir!“ flüsterte die Gräfin trunken. Ihr Busen wogte, ihre Wangen
röteten sich, ihre Augen glühten ...

Der neue, schreckliche Bund ward geschlossen!

                   *       *       *       *       *

Nach einer halben Stunde trat der alte Graf in das Boudoir seiner Frau.

„Wie wäre es, mein Herzchen, soll man nicht für unseren teuren Gast den
Ssamowar aufstellen lassen?“ fragte er, seiner Frau die Wange
tätschelnd. –

Nun sehen Sie, Kind, wie finden Sie das? Es ist ja wahr, – es ist ein
wenig frei, das läßt sich nicht leugnen, aber dafür doch schwungvoll und
gut geschrieben. Was gut ist, ist gut! Aber nein, ich muß Ihnen doch
noch ein Stückchen aus der Novelle „Jermak und Suleika“ abschreiben.

Stellen Sie sich vor, Kind, daß der Kosak Jermak, der tollkühne Eroberer
Sibiriens, in Suleika, die Tochter des sibirischen Herrschers Kutschum,
die er gefangen genommen, verliebt ist. Die Sache spielt also gerade in
der Zeit, da Iwan der Schreckliche herrschte – wie Sie sehen. Hier
schreibe ich Ihnen nun ein Gespräch zwischen Jermak und Suleika ab:

– „Du liebst mich, Suleika? O, wiederhole, wiederhole es! ...“

„Ich liebe dich, Jermak!“ flüsterte Suleika.

„Himmel und Erde, habt Dank! Ich bin glücklich! Ihr habt mir alles
gegeben, alles, wonach mein wilder Geist seit meinen Jünglingsjahren
strebte! Also hierher hast du mich geführt, mein Leitstern, über den
steinernen Gürtel des Ural! Der ganzen Welt werde ich meine Suleika
zeigen, und die Menschen, diese wilden Ungeheuer, werden es nicht wagen,
mich zu beschuldigen! O, wenn sie doch diese geheimen Leiden ihrer
zärtlichen Seele verständen, wenn sie, wie ich, in einer Träne meiner
Suleika eine ganze Welt von Poesie zu erblicken wüßten! O, laß mich mit
Küssen diese Träne trinken, diesen himmlischen Tautropfen ... du
himmlisches Wesen!“

„Jermak,“ sagte Suleika, „die Welt ist böse, die Menschen sind
ungerecht! Sie werden uns verfolgen und verurteilen, mein Liebster! Was
soll das arme Mädchen, das auf den heimatlichen Schneefeldern Sibiriens
in der Jurte des Vaters aufgewachsen ist, dort in eurer kalten, eisigen,
seelenlosen, eigennützigen Welt anfangen? Die Menschen werden mich nicht
verstehen, mein Geliebter, mein Ersehnter!“

„Dann sollen sie Kosakensäbel kennen lernen!“ rief Jermak, wild die
Augen rollend. –

Und nun, Warinka, denken Sie sich diesen Jermak, wie er erfährt, daß
seine Suleika ermordet ist. Der verblendete Greis Kutschum hat sich im
Schutz der nächtlichen Dunkelheit während der Abwesenheit Jermaks in
dessen Zelt geschlichen und seine Tochter Suleika ermordet, um sich an
Jermak, der ihn um Zepter und Krone gebracht hat, zu rächen.

„Welch eine Lust, die Klinge zu schleifen!“ rief Jermak in wilder
Rachgier, und er wetzte den Stahl am Schamanenstein. „Ich muß Blut
sehen, Blut! Rächen, rächen, rächen muß ich sie!!!“

Aber nach alledem kann Jermak seine Suleika doch nicht überleben, er
wirft sich in den Irtysch und ertrinkt, und damit ist dann alles zu
Ende.

Jetzt noch ein kleiner Auszug, eine Probe: es ist humoristisch, was nun
kommt, und nur so zum Lachen geschrieben:

– „Kennen Sie denn nicht Iwan Prokofjewitsch Sheltopus? Na, das ist doch
derselbe, der den Prokofij Iwanowitsch ins Bein gebissen hat! Iwan
Prokofjewitsch ist ein schroffer Charakter, dafür aber ein selten
tugendhafter Mensch. Prokofij Iwanowitsch dagegen liebt außerordentlich
Rettich mit Honig. Als er aber noch mit Pelageja Antonowna bekannt war
... Sie kennen doch Pelageja Antonowna? Na, das ist doch dieselbe, die
ihren Rock immer mit dem Futter nach außen anzieht, um das Oberzeug zu
schonen.“ –

Ist das nicht Humor, Warinka, einfach Humor! Wir wälzten uns vor Lachen,
als er uns dies vorlas. Solch ein Mensch, wahrhaftig, Gott verzeihe ihm!
Übrigens, Kind, ist das zwar recht originell und komisch, aber im Grunde
doch ganz unschuldig, ganz ohne die geringste Freidenkerei und ohne alle
liberalen Verirrungen. Ich muß Ihnen auch noch sagen, daß Ratasäjeff
vortreffliche Umgangsformen besitzt, und vielleicht liegt hier mit ein
Grund, warum er ein so ausgezeichneter Schriftsteller ist, und mehr als
das, was die anderen sind.

Aber wie wär’s – in der Tat, es kommt einem mitunter der Gedanke in den
Kopf – wie wär’s, wenn auch ich einmal etwas schriebe: was würde dann
wohl geschehen? Nun, sagen wir zum Beispiel, und nehmen wir an, daß
plötzlich mir nichts dir nichts ein Buch in der Welt erschiene und auf
dem Deckel stände: „_Gedichte von Makar Djewuschkin._“ Was?! Ja, was
würden Sie dann wohl sagen, mein Engelchen? Wie würde Ihnen das
vorkommen, was würden Sie dabei denken? Von mir aus kann ich Ihnen
freilich sagen, mein Kind, daß ich mich, sobald mein Buch erschienen
wäre, entschieden nicht mehr auf dem Newskij zu zeigen wagte. Wie wäre
denn das, wenn ein jeder sagen könnte: „Sieh, dort geht der Dichter
Djewuschkin!“ und ich selbst dieser Djewuschkin wäre!?

Was würde ich dann zum Beispiel bloß mit meinen Stiefeln machen? Die
sind ja doch bei mir, nebenbei bemerkt, Kind, fast immer geflickt, und
auch die Sohlen sind, wenn man die Wahrheit sagen soll, oft recht weit
vom wünschenswerten Zustande entfernt. Nun, wie wäre denn das, wenn alle
wüßten, daß der Schriftsteller Djewuschkin geflickte Stiefel hat! Wenn
das nun gar irgendeine Komtesse oder Duchesse erführe, was würde sie
dazu sagen, mein Seelchen? Selbst würde sie es ja vielleicht nicht
bemerken, denn Komtessen und Duchessen beschäftigen sich nicht mit
Stiefeln, und nun gar mit Beamtenstiefeln (aber schließlich bleiben ja
Stiefel immer Stiefel), – nur würde man ihr alles erzählen, meine
eigenen Freunde würden es womöglich tun! Ratasäjeff zum Beispiel wäre
der erste, der es fertig brächte! Er ist oft bei der Gräfin B., besucht
sie, wie er sagt, sogar ohne besondere Einladung, wann es ihm gerade
paßt. Eine gute Seele, sagt er, soll sie sein, so eine literarisch
gebildete Dame. Ja, dieser Ratasäjeff ist ein Schlaukopf!

Doch übrigens – genug davon! Ich schreibe das ja alles nur so, mein
Engelchen, um Sie zu zerstreuen, also nur zum Scherz. Leben Sie wohl,
mein Täubchen. Viel habe ich Ihnen hier zusammengeschrieben, aber das
eigentlich nur deshalb, weil ich heute ganz besonders froh gestimmt bin.
Wir speisten nämlich heute alle bei Ratasäjeff, und da (es sind ja doch
Schlingel, mein Kind!) holten sie schließlich solch einen besonderen
Likör hervor ... na – was soll man Ihnen noch viel davon schreiben! Nur
sehen Sie zu, daß Sie jetzt nicht gleich etwas Schlechtes von mir
denken, Warinka. Es war nicht so schlimm! Büchelchen werde ich Ihnen
schicken. Hier geht ein Roman von Paul de Kock von Hand zu Hand, nur
werden Sie diesen Paul de Kock nicht in die Fingerchen bekommen, mein
Kind ... Nein, nein, Gott behüte! Solch ein Paul de Kock ist nichts für
Sie, Warinka. Man sagt von ihm, daß er bei allen anständigen
Petersburger Kritikern ehrliche Entrüstung hervorgerufen habe.

Ich sende Ihnen noch ein Pfündchen Konfekt – habe es speziell für Sie
gekauft. Und hören Sie, mein Herzchen, bei jedem Konfektchen denken Sie
an mich. Nur dürfen Sie die Bonbons nicht gleich zerbeißen! Lutschen Sie
sie nur so, sonst könnten Ihnen noch die Zähnchen nachher wehtun. Aber
vielleicht lieben Sie auch Schokolade? Dann schreiben Sie nur!

Nun, leben Sie wohl, leben Sie wohl. Christus sei mit Ihnen, mein
Täubchen. Ich aber verbleibe nach wie vor

                                                  Ihr treuester Freund
                                                    Makar Djewuschkin.


                                                             27. Juni.

Lieber Makar Alexejewitsch!

Fedora sagt, sie kenne Leute, die mir in meiner Lage herzlich gern
helfen und, wenn ich nur wolle, eine sehr gute Stelle als Gouvernante in
einem Hause verschaffen würden. Was meinen Sie, mein Freund, soll ich
darauf eingehen? Ich würde Ihnen dann nicht mehr zur Last fallen – und
die Stelle scheint gut zu sein. Aber anderseits – der Gedanke ist doch
etwas beängstigend, in einem fremden Hause dienen zu müssen. Es soll
eine Gutsbesitzersfamilie sein. Da werden sie über mich Erkundigungen
einziehen, werden mich ausfragen, was soll ich ihnen dann sagen? Und
überdies bin ich so menschenscheu und liebe die Einsamkeit. Am liebsten
lebe ich dort, wo ich mich einmal eingelebt habe. Es ist nun einmal
gemütlicher und trauter in dem Winkel, an den man sich schon gewöhnt
hat, – und wenn man vielleicht auch in Sorgen dort lebt, es ist dennoch
besser. Außerdem müßte ich da noch reisen, und Gott weiß, was sie alles
von mir verlangen werden: vielleicht lassen sie mich einfach die Kinder
warten! Und was mögen das für Leute sein, wenn sie jetzt binnen zwei
Jahren schon zum dritten Male die Gouvernante wechseln? Raten Sie mir,
Makar Alexejewitsch, um Gottes willen, soll ich darauf eingehen oder
soll ich nicht?

Weshalb kommen Sie jetzt gar nicht mehr zu uns? Sie zeigen sich so
selten! Außer Sonntags in der Kirche sehen wir uns ja fast überhaupt
nicht mehr. Wie menschenscheu Sie doch sind! Sie sind ganz wie ich! Aber
wir sind ja auch so gut wie verwandt. Oder lieben Sie mich nicht mehr,
Makar Alexejewitsch? Ich bin, wenn ich mich allein weiß, oft sehr
traurig. Zuweilen, namentlich in der Dämmerung, sitzt man ganz
mutterseelenallein: Fedora ist fortgegangen, um irgend etwas zu
besorgen, und da sitzt man denn und denkt und denkt – man erinnert sich
an alles was einst gewesen ist, an Frohes und Trauriges, alles zieht wie
ein Nebel an einem vorüber. Bekannte Gesichter tauchen wieder vor meinen
Augen auf (ich glaube sie fast schon im Wachen zu sehen, wie man sonst
nur im Traum etwas sieht), – doch am häufigsten sehe ich Mama ... Und
was für Träume ich habe! Ich fühle es, daß meine Gesundheit untergraben
ist. Ich bin so schwach. Als ich heute morgen aufstand, wurde mir übel,
und zum Überfluß habe ich auch noch diesen schlimmen Husten! Ich fühle,
ich weiß, daß ich bald sterben werde. Wer wird mich wohl beerdigen? Wer
wird wohl meinem Sarge folgen? Wer wird um mich trauern? ... Und da
müßte ich vielleicht an einem fremden Ort, in einem fremden Hause, bei
fremden Menschen sterben! ... Mein Gott, wie traurig ist es, zu leben,
Makar Alexejewitsch!

Lieber Freund, warum schicken Sie mir immer Konfekt? Ich begreife
wirklich nicht, woher Sie soviel Geld nehmen. Ach, mein guter Freund,
sparen Sie doch das Geld, um Gottes willen, sparen Sie es! Fedora hat
einen Käufer gefunden für den Teppich, den ich genäht habe. Man will für
ihn fünfzehn Rubel geben. Das wäre sehr gut bezahlt: ich dachte, man
würde weniger geben. Fedora wird drei Rubel bekommen, und für mich werde
ich einen Stoff zu einem einfachen Kleide kaufen, irgendeinen billigeren
und wärmeren Kleiderstoff. Für Sie aber werde ich eine Weste machen, ein
schöne Weste: ich werde guten Stoff dazu aussuchen und sie selbst nähen.

Fedora hat mir ein Buch verschafft – Bjelkins Erzählungen –, das ich
Ihnen hiermit zusende, damit auch Sie es lesen. Nur, bitte, schonen Sie
es und behalten Sie es nicht zu lange: es gehört nicht mir. Es ist ein
Werk von Puschkin. Vor zwei Jahren las ich es mit Mama – da hat es denn
in mir traurige Erinnerungen wachgerufen, als ich es jetzt zum zweiten
Male las. Sollten Sie irgendein Buch haben, so schicken Sie es mir, –
aber nur in dem Fall, wenn Sie es nicht von Ratasäjeff erhalten haben.
Er wird gewiß eines seiner eigenen Werke geben, wenn überhaupt schon
etwas von ihm gedruckt sein sollte. Wie können Ihnen nur seine Romane
gefallen, Makar Alexejewitsch? Solche Dummheiten! ...

Nun, leben Sie wohl! Wie viel ich diesmal geschwätzt habe! Wenn ich mich
bedrückt fühle, dann bin ich immer froh, sprechen zu können. Das ist die
beste Arznei: ich fühle mich sogleich erleichtert, namentlich wenn ich
alles sagen kann, was ich auf dem Herzen habe.

                          Leben Sie wohl, leben Sie wohl, mein Freund!
                                                                  Ihre
                                                                 W. D.


                                                             28. Juni.

Warwara Alexejewna, meine Liebe!

Nun ist’s genug mit dem Grämen! Schämen Sie sich denn nicht? So machen
Sie doch ein Ende, mein Kind! Wie können Sie sich nur mit solchen
Gedanken abgeben? Sie sind ja gar nicht mehr krank, Herzchen, ganz und
gar nicht! Sie blühen einfach, wirklich, glauben Sie mir: nur ein wenig
bleich sind Sie noch, aber trotzdem blühen Sie. Und was sind denn das
für Träume und Gespenster, die Sie da sehen! Pfui, schämen Sie sich,
mein Liebling, lassen Sie es sein, wie es ist! Kümmern Sie sich nicht
weiter um diese dummen Träume – so etwas schüttelt man ab. Ganz einfach!
Wie kommt es denn, daß ich gut schlafe? Warum fehlt mir denn nichts?
Sehen Sie mich einmal an, mein Kind. Lebe froh und zufrieden, schlafe
ruhig, bin gesund – mit einem Wort, ein Teufelskerl: und man hat seine
wahre Freude daran, es zu sein! Also hören Sie auf, mein Seelchen,
schämen Sie sich und bessern Sie sich. Ich kenne doch Ihr Köpfchen,
Kind: kaum hat es etwas gefunden, da fängt es gleich wieder an mit dem
Grübeln und Grämen, und Sie machen sich von neuem allerlei Gedanken.
Schon allein mir zuliebe sollten Sie doch wirklich einmal damit
aufhören, Warinka!

Bei fremden Menschen dienen? – Niemals! Nein und nein und nochmals nein!
Was ist Ihnen eingefallen, daß Sie überhaupt auf solche Gedanken kommen?
Und noch dazu wegreisen! Nein, Kind da kennen Sie mich schlecht: das
lasse ich nie und nimmermehr zu, einen solchen Plan bekämpfe ich mit
allen Kräften. Und wenn ich auch meinen letzten alten Rock vom Leibe
verkaufen – wenn mir nur noch das Hemd bleiben würde, aber Not leiden,
das sollen und werden Sie bei uns niemals. Nein, Warinka, nein, ich
kenne Sie ja! Das sind Torheiten, nichts als Torheiten! Was aber wahr
ist, das ist: daß an allem Fedora ganz allein die Schuld trägt – nur
sie, dies dumme Frauenzimmer, hat Ihnen diese Gedanken in den Kopf
gesetzt. Sie aber, Kind, müssen gar nicht darauf hören, was sie sagt.
Sie wissen wahrscheinlich noch nicht alles, mein Seelchen? ... Wissen
nicht, daß sie eine dumme, schwatzhafte, unzurechnungsfähige Person ist,
die auch ihrem verstorbenen Mann schon das Leben weidlich sauer gemacht
hat. Überlegen Sie sich: hat sie Sie nicht geärgert, irgendwie gekränkt?

Nein, nein, mein Kind, aus all dem, was Sie da schrieben, wird nichts!
Und was sollte denn aus mir werden, wo bliebe ich dann? Nein, Warinka,
mein Herzchen, das müssen Sie sich aus dem Köpfchen schlagen. Was fehlt
Ihnen denn bei uns? Wir können uns nicht genug über Sie freuen und auch
Sie haben uns gern, also bleiben Sie und leben Sie hier friedlich
weiter. Nähen Sie oder lesen Sie, oder nähen Sie auch nicht – ganz wie
Sie wollen, nur bleiben Sie bei uns! Denn sonst, sagen Sie doch selbst:
wie würde das denn aussehen? Ich werde Ihnen Bücher verschaffen – und
dann können wir ja auch wieder einmal einen Spaziergang unternehmen. Nur
müssen Sie, mein Kind, mit diesen Gedanken jetzt wirklich ein Ende
machen und vernünftig werden und sich nicht grundlos um alles
Alltägliche sorgen und grämen! Ich werde zu Ihnen kommen, und zwar sehr
bald, inzwischen aber nehmen Sie es als mein gerades und offenes
Bekenntnis: das war nicht schön von Ihnen, Herzchen, gar nicht schön!

Ich bin natürlich kein gelehrter Mensch und ich weiß es selbst, daß ich
nichts gelernt habe, daß ich kaum unterrichtet worden bin, aber darum
handelt es sich jetzt nicht und das war es auch nicht, was ich sagen
wollte – doch für den Ratasäjeff stehe ich ein, da machen Sie, was Sie
wollen! Er ist mein Freund, deshalb muß ich ihn verteidigen. Er schreibt
gut, schreibt sehr, sehr und nochmals sehr gut. Ich kann Ihnen unter
keinen Umständen beistimmen. Er schreibt farbenreich und gewählt, es
sind auch Gedanken darin, kurz, es ist sehr schön! Sie haben es
vielleicht ohne Anteil gelesen, Warinka, vielleicht waren Sie gerade
nicht bei Laune, als Sie lasen, vielleicht hatten Sie sich gerade über
Fedora wegen irgend etwas geärgert, oder es ist vielleicht sonst
irgendwie ein Unglückstag für Sie gewesen.

Nein, Sie müssen das einmal mit Gefühl lesen und aufmerksam, wenn Sie
froh und zufrieden und bei guter Laune sind, zum Beispiel wenn Sie
gerade ein Konfektchen im Munde haben – dann lesen Sie es noch einmal.
Ich will ja nicht sagen (wer hat denn das behauptet?), daß es nicht noch
bessere Schriftsteller gibt als Ratasäjeff, ganz gewiß, es gibt bessere,
aber deshalb braucht doch Ratasäjeff noch lange nicht schlecht zu sein:
sie sind eben alle gut; er schreibt gut und die anderen schreiben
meinetwegen auch gut. Außerdem schreibt er, vergessen wir das nicht, nur
für sich – tut es, sagen wir, bloß so in seinen Mußestunden – und das
merkt man ihm dann an, daß er es tut, und zwar zu seinem Vorteil!

Nun leben Sie wohl, mein Kind, schreiben werde ich heute nicht mehr: ich
habe da noch etwas abzuschreiben und muß mich beeilen. Also sehen Sie
zu, mein Liebling, mein Herzchen, daß Sie sich beruhigen. Möge Gott der
Herr Sie behüten, ich aber bin und bleibe

                                                     Ihr treuer Freund
                                                    Makar Djewuschkin.

P. S. Danke für das Buch, meine Gute, also lesen wir Puschkin. Heute
aber komme ich gegen Abend ganz bestimmt zu Ihnen.


Mein teurer Makar Alexejewitsch!

Nein, mein Freund, nein, es geht nicht, daß ich noch länger hier lebe.
Ich habe nachgedacht und eingesehen, daß es sehr falsch von mir ist,
eine so vorteilhafte Stelle von der Hand zu weisen. Dort werde ich mir
doch wenigstens mein sicheres Stück Brot verdienen. Ich werde mir Mühe
geben, ich werde versuchen, mir die Neigung der fremden Menschen zu
erwerben, und, wenn es nötig sein sollte, auch meinen Charakter zu
ändern. Es ist natürlich schwer und bitter, bei fremden Menschen zu
leben, sich ihnen in allem anzupassen, sich selbst zu verleugnen und von
ihnen abhängig zu sein, aber Gott wird mir sicher helfen. Man kann doch
nicht sein Leben lang menschenfern bleiben! Und ich habe ja auch früher
schon Ähnliches erlebt. Zum Beispiel als ich noch in der Pension war.
Den ganzen Sonntag spielte ich und sprang munter wie ein echter Wildfang
umher, und wenn Mama bisweilen auch schalt – was tat das, ich war doch
froh, und im Herzen war es so hell und warm. Kam aber dann der Abend, da
fühlte ich mich wieder über alle Maßen unglücklich: um neun Uhr hieß es
– nach der Pension zurückkehren! Dort war alles fremd, kalt, streng, die
Lehrerinnen waren Montags immer so mürrisch, und ich fühlte mich so
bedrückt, so elend, daß die Tränen sich nicht mehr zurückdrängen ließen.
Da schlich ich denn leise in einen Winkel und weinte vor lauter
Einsamkeit und Verlassenheit. Natürlich hieß es dann, ich sei faul und
wolle nicht lernen. Und doch war das gar nicht der Grund, weshalb ich
weinte.

Dann aber – womit endete es? Ich gewöhnte mich schließlich an alles, und
als ich die Pension verlassen mußte, weinte ich gar beim Abschied von
den Freundinnen.

Nein, es ist nicht gut, daß ich Ihnen und Fedora hier zur Last bin. Der
Gedanke ist mir eine Qual. Ich sage Ihnen alles ganz offen, weil ich
gewohnt bin, Ihnen nichts zu verhehlen. Sehe ich denn nicht, wie Fedora
jeden Morgen schon in aller Frühe aufsteht und sich ans Waschen macht,
und dann bis in die späte Nacht hinein arbeitet? – Alte Knochen aber
bedürfen der Ruhe. Und sehe ich denn nicht, wie Sie alles für mich
opfern, wie Sie sich selbst das Notwendigste versagen, um Ihr ganzes
Geld nur für mich auszugeben? Ich weiß doch, daß das über Ihre
Verhältnisse geht, mein Freund. Sie schreiben mir, daß Sie eher das
Letzte verkaufen würden, als daß Sie mich Not leiden ließen. Ich glaube
es Ihnen, mein Freund, ich weiß, daß Sie ein gutes Herz haben, – doch
das sagen Sie jetzt nur so. Jetzt haben Sie zufällig überflüssiges Geld,
haben ganz unerwartet eine Gratifikation erhalten. Aber dann? Sie wissen
doch – ich bin immer krank. Ich kann nicht so arbeiten, wie Sie, obschon
ich froh wäre, wenn ich’s könnte, und überdies habe ich auch nicht immer
Arbeit. Was soll ich tun? Mich grämen und quälen, indem ich Sie und
Fedora für mich sorgen lasse und selbst müßig zusehen muß? Wie könnte
ich Ihnen jemals auch nur das Geringste entgelten, wie Ihnen auch nur im
geringsten nützlich sein? Inwiefern bin ich Ihnen denn so unentbehrlich,
mein Freund? Was habe ich Ihnen Gutes getan? Ich bin Ihnen nur von
ganzem Herzen zugetan, ich liebe Sie aufrichtig und von ganzem Herzen,
doch das ist auch alles, was ich tun kann. So ist es nun einmal mein
bitteres Geschick! Zu lieben verstehe ich – aber Gutes tun, Ihre
Wohltaten durch meine Taten erwidern, das kann ich nicht. Also halten
Sie mich nicht mehr zurück, überlegen Sie sich meinen Plan nochmals
gründlich und sagen Sie mir dann Ihre aufrichtige Meinung.

                                  In Erwartung derselben verbleibe ich
                                                                  Ihre
                                                                 W. D.


                                                              1. Juli.

Unsinn, Warinka, das ist ja alles nichts als Unsinn, reiner Unsinn!
Wollte man Sie so sich selbst überlassen, was würden Sie sich da nicht
alles ins Köpfchen setzen! Bald bilden Sie sich dieses ein, bald jenes!
Ich sehe doch, daß das nichts als Unsinn ist. Was fehlt Ihnen denn bei
uns, so sagen Sie doch bloß? Wir lieben Sie und Sie lieben uns, wir sind
alle zufrieden und glücklich, – was will man denn noch mehr? Was aber
wollen Sie wohl unter fremden Menschen anfangen? Sie wissen noch nicht,
was das heißt: fremde Menschen! ... Nein, da müssen Sie mich fragen,
denn ich – ich kenne den fremden Menschen und kann Ihnen sagen, wie er
ist. Ich kenne ihn, Kind, kenne ihn nur zu gut. Ich habe sein Brot
gegessen. Bös ist er, Warinka, sehr böse, so böse, daß das kleine Herz,
das man hat, nicht mehr standhalten kann, so versteht er es, einen mit
Vorwürfen und Zurechtweisungen und unzufriedenen Blicken zu martern. –
Bei uns haben Sie es wenigstens warm und gut, wie in einem Nestchen
haben Sie sich hier eingelebt. Wie können Sie uns nun mit einem Male so
etwas antun wollen? Was werde ich denn ohne Sie anfangen? Sie sollten
mir nicht unentbehrlich sein? Nicht nützlich? Wieso denn nicht nützlich?
Nein, Kind, denken Sie mal selbst etwas nach und dann urteilen Sie,
inwiefern Sie mir nicht nützlich sein sollten! Sie sind mir sehr, sogar
sehr nützlich, Warinka. Sie haben, wissen Sie, solch einen wohltuenden
Einfluß auf mich ... Da denke ich jetzt zum Beispiel an Sie und bin ohne
weiteres froh gestimmt ... Ich schreibe Ihnen hin und wieder einen
Brief, in dem ich alle meine Gefühle ausdrücke, und erhalte darauf eine
ausführliche Antwort von Ihnen. Kleiderchen und ein Hütchen habe ich für
Sie gekauft, manchmal haben Sie auch einen kleinen Auftrag für mich, na,
und dann besorge ich Ihnen eben das Nötige ... Nein, wie sollten Sie
denn nicht nützlich sein? Und was soll ich wohl ohne Sie anfangen in
meinen Jahren, wozu würde ich allein denn noch taugen? Sie haben
vielleicht noch nicht darüber nachgedacht, Warinka, aber denken Sie mal
wirklich darüber nach und fragen Sie sich, zu was ich denn noch taugen
könnte ohne Sie. Ich habe mich an Sie gewöhnt, Warinka. Und was käme
denn dabei heraus, was wäre das Ende vom Liede? – Ich würde in die Newa
gehen und damit wäre die Geschichte erledigt. Nein, wirklich, Warinka,
was bliebe mir denn ohne Sie noch zu tun übrig?!

Ach, Herzchen, Warinka! Da sieht man’s, Sie wollen wohl, daß mich ein
Lastwagen nach dem Wolkoff-Friedhof führt, daß irgendeine alte
Herumtreiberin meinem Sarge folgt und daß man mich dort in der Gruft mit
Erde zuschüttet und dann fortgeht und mich allein zurückläßt. Das ist
sündhaft von Ihnen, sündhaft, mein Kind! Wirklich sündhaft, bei Gott,
sündhaft!

Ich sende Ihnen Ihr Büchelchen zurück, meine kleine Freundin, und wenn
Sie, Warinka, meine Meinung über dasselbe wissen wollen, so kann ich
Ihnen nur sagen, daß ich mein Lebtag noch kein einziges so gutes Buch zu
lesen bekommen habe. Ich frage mich jetzt selbst, mein Kind, wie ich
denn bisher so habe leben können, ein wahrer Tölpel, Gott verzeihe mir!
Was habe ich denn getan, mein Leben lang? Aus welchem Walde komme ich
eigentlich? Ich weiß ja doch nichts, mein Kind, rein gar nichts! Ich
gestehe es Ihnen ganz offen, Warinka: ich bin kein gelehrter Mensch. Ich
habe bisher nur wenig gelesen, sehr wenig, fast nichts. „Das Bild des
Menschen“ – ein sehr kluges Buch, das habe ich gelesen, dann noch ein
anderes: „Vom Knaben, der mit Glöckchen verschiedene Stücke spielt“, und
dann „Die Kraniche des Ibykus“. Das ist alles, weiter habe ich nichts
gelesen. Jetzt aber habe ich hier, in Ihrem Büchlein, den
„Stationsaufseher“ gelesen, und da kann ich Ihnen nur sagen, mein Kind,
es kommt doch vor, daß man so lebt und nicht weiß, daß da neben einem
ein Buch liegt, in dem ein ganzes Leben dargestellt ist, wie an den
Fingern hergezählt, und noch mancherlei, worauf man früher selbst gar
nicht verfallen ist. Das findet man nun hier, wenn man solch ein
Büchlein zu lesen anfängt, und da fällt einem denn nach und nach vieles
ein, und allmählich begreift man so manches und wird sich über die Dinge
klar. Und dann, sehen Sie, warum ich Ihr Büchlein noch lieb gewonnen
habe: manches Werk, was für eines es auch immer sein mag, das liest man
und liest – aber lies meinetwegen, bis dein Schädel platzt, bloß das
Verstehen, daran fehlt’s leider! Es ist eben so vertrackt geschrieben
und mit soviel Klugheit, daß man es nicht recht begreifen kann. Ich zum
Beispiel, – ich bin dumm, ich bin von Natur stumpf, bin schon so
geboren, also kann ich auch keine allzu hohen Werke lesen. Dies aber –
ja dies liest man und es ist einem fast, als hätte man es selber
geschrieben, ganz als stamme es aus dem eigenen Herzen ... Ja, und so
mag es auch sein: das Herz, das ist einfach festgenommen und vor allen
Menschen umgekehrt, das Inwendige nach außen, und dann ausführlich
beschrieben – sehen Sie, so ist es! Und dabei ist es doch so einfach,
mein Gott! Ja was! Ich könnte das ja gleichfalls schreiben, wirklich,
warum denn nicht? Fühle ich doch ganz dasselbe und genau so, wie es in
diesem Büchelchen steht! Habe ich mich doch auch mitunter in ganz
derselben Lage befunden, wie beispielsweise dieser Ssamsson Wyrin,
dieser Arme! Und wie viele solcher Ssamsson Wyrins gibt es nicht unter
uns, ganz genau so arme, herzensgute Menschen! Und wie richtig alles
beschrieben ist! Mir kamen fast die Tränen, mein Kind, während ich das
las: wie er sich bis zur Bewußtlosigkeit betrank, als das Unglück ihn
heimgesucht hatte, und wie er dann den ganzen Tag unter seinem
Schafspelz schlief und das Leid mit einem Pünschchen vertreiben wollte
und doch herzbrechend weinen mußte, wobei er sich mit dem schmierigen
Pelzaufschlag die Tränen von den Wangen wischte, wenn er an sein
verirrtes Lämmlein dachte, an sein liebes Töchterchen Dunjäscha!

Nein, das ist naturgetreu! Lesen Sie es mal, dann werden Sie sehen: das
ist so wahr wie das Leben selbst. Das lebt! Ich habe es selbst erfahren,
– das lebt alles, lebt überall rings um mich herum! Da finden wir gleich
die Theresa – wozu so weit suchen! – da ist auch unser armer Beamter, –
denn der ist doch vielleicht ganz genau so ein Ssamsson Wyrin, nur daß
er einen anderen Namen hat und eben zufällig Gorschkoff heißt. Das ist
etwas, was ein jeder von uns erleben kann, ich ebenso gut wie Sie, mein
Kind. Und selbst der Graf, der am Newskij oder am Newakai wohnt, selbst
der kann dasselbe erleben, nur daß er sich äußerlich anders verhalten
wird – denn dort bei ihm ist nun einmal äußerlich alles anders, aber
auch ihm kann es ebenso gut widerfahren, wie mir.

Da sehen Sie, mein Kind, was das heißt, Leben. Sie aber wollen noch
wegreisen und uns im Stich lassen! Sie wissen ja gar nicht, was Sie mir
damit antun würden, Warinka! Sie würden doch nur sich und mich damit
zugrunde richten. Ach, mein Sternchen, so treiben Sie doch um Gottes
willen diese wilden Gedanken aus Ihrem Köpfchen und ängstigen Sie mich
nicht unnütz! Und wie überhaupt – sagen Sie doch selbst, Sie mein
kleines, schwaches Vögelchen, das noch nicht einmal flügge geworden ist
–: wie könnten Sie sich denn selbst ernähren, sich vor dem Verderben
bewahren und gegen jeden ersten besten Bösewicht verteidigen! Nein,
lassen Sie es jetzt gut und genug sein, Warinka, und bessern Sie sich!
Hören Sie nicht auf die dummen Ratschläge der anderen und lesen Sie Ihr
Büchlein noch einmal durch: das wird Ihnen Nutzen bringen.

Ich habe auch mit Ratasäjeff über den „Stationsaufseher“ gesprochen. Der
sagte, das sei alles altes Zeug und jetzt erschienen nur Bücher mit
Bildern und solche mit Beschreibungen – oder was er da sagte, ich habe
es nicht ganz begriffen, wie er es eigentlich meinte. Er schloß aber
doch damit, daß Puschkin gut sei und daß er das heilige Rußland besungen
habe, und noch verschiedenes andere sagte er mir über ihn. Ja, es ist
gut, Warinka, sehr gut: lesen Sie es noch einmal aufmerksam, folgen Sie
meinem Rat und machen Sie mich alten Knaben durch Ihren Gehorsam
glücklich. Gott der Herr wird Sie dafür belohnen, meine Gute, wird Sie
bestimmt belohnen!

                                                     Ihr treuer Freund
                                                    Makar Djewuschkin.


Mein lieber Makar Alexejewitsch!

Fedora hat mir heute die fünfzehn Rubel für den Teppich gebracht. Wie
froh sie war, die Arme, als ich ihr drei Rubel gab! Ich schreibe Ihnen
in größter Eile. Ich habe soeben die Weste für Sie zugeschnitten, – der
Stoff ist entzückend – gelb, mit Blümchen.

Ich sende Ihnen ein Buch: es sind darin verschiedene Geschichten, von
denen ich einige schon gelesen habe. Lesen Sie unbedingt die mit dem
Titel „Der Mantel“.[5]

Sie reden mir zu, mit Ihnen ins Theater zu gehen. Wird es aber nicht zu
teuer sein? Vielleicht auf die Galerie, das ginge noch. Ich bin schon
lange nicht mehr im Theater gewesen, wann zuletzt? Ich fürchte immer nur
eines: wird uns der Spaß nicht zu viel kosten? Fedora schüttelt den Kopf
und meint, daß Sie anfangen, über Ihre Verhältnisse zu leben. Das sehe
auch ich ein. Wieviel haben Sie nicht allein schon für mich ausgegeben!
Nehmen Sie sich in acht, mein Freund, daß es kein Unglück gibt. Fedora
hat mir da etwas gesagt: daß Sie, wenn ich nicht irre, mit Ihrer Wirtin
in Streit geraten seien, weil Sie irgend etwas nicht bezahlt hätten. Ich
sorge mich sehr um Sie.

Nun, leben Sie wohl. Ich habe eine kleine Arbeit: ich garniere nämlich
meinen Hut mit Band.

P. S. Wissen Sie, wenn wir ins Theater gehen, werde ich meinen neuen Hut
aufsetzen und die schwarze Mantille umnehmen. Werde ich Ihnen so
gefallen?


                                                              7. Juli.

Meine liebe Warwara Alexejewna!

Ich komme wieder auf unser gestriges Gespräch zurück. – Ja, mein Kind,
auch wir haben seinerzeit dumme Streiche gemacht! So hatte ich mich
einstmals wirklich und wahrhaftig in eine Schauspielerin verliebt,
sterblich verliebt, jawohl! Und das wäre noch nichts gewesen, das
Wunderliche aber war dabei, daß ich sie im Leben überhaupt nicht gesehen
und auch im Theater nur ein einziges Mal gewesen war – dennoch verliebte
ich mich in sie.

Damals wohnten wir, fünf junge, übermütige Leute, alle Wand an Wand und
Tür an Tür. Ich geriet in ihren Kreis, geriet ganz von selbst hinein,
obschon ich mich zunächst zurückhaltend zu ihnen gestellt hatte. Dann
aber, verstehen Sie, um ihnen nicht nachzustehen, ging ich auf alles
ein. Und was sie mir nicht von dieser Schauspielerin erzählten! Jeden
Abend, so oft Theater gespielt wurde, schob die ganze Kumpanei – für
Notwendiges hatten sie nie einen Heller – schob die ganze Kumpanei ins
Theater auf die Galerie und klatschte und klatschte und rief immer nur
diese eine Schauspielerin hervor – einfach wie die Besessenen gebärdeten
sie sich! Und dann ließen sie einen natürlich nicht einschlafen: die
ganze Nacht wurde nur von ihr gesprochen, ein jeder nannte sie seine
Glascha[6], alle waren sie in sie verliebt, alle hatten sie nur den
einen Kanarienvogel im Herzen: Sie! Da regten sie denn schließlich auch
mich auf. Ich war ja damals noch ganz jung!

Ich weiß selbst nicht mehr, wie es kam, daß ich mit ihnen im Theater
saß, oben auf der Galerie. Sehen konnte ich nur ein Eckchen vom Vorhang,
dafür aber hörte ich alles. Sie hatte solch ein hübsches Stimmchen –
hell, süß, wie eine Nachtigall. Wir klatschten uns die Hände rot und
blau, schrien, schrien – mit einem Wort, man hätte uns beinahe am Kragen
genommen, ja, einer wurde wirklich hinausgeführt.

Ich kam nach Hause, – wie im Nebel ging ich! In der Tasche hatte ich nur
noch einen Rubel, bis zum Ersten aber waren es noch gute zehn Tage. Ja,
und was glauben Sie, Kind? Am nächsten Tage, auf dem Wege zum Dienst,
trat ich in einen Parfümerieladen ein und kaufte für mein ganzes Kapital
Parfüm und wohlriechende Seifen – ich vermag selbst nicht mehr zu sagen,
wozu ich dies alles damals kaufte. Und dann speiste ich nicht einmal zu
Mittag, sondern ging vor ihren Fenstern auf und ab. Sie wohnte am
Newskij, im vierten Stock. Ich kam nach Haus, saß ein Weilchen, erholte
mich, und dann ging ich wieder auf den Newskij, um ihr von neuem
Fensterpromenaden zu machen.

So trieb ich’s anderthalb Monate; jeden Augenblick nahm ich Droschken,
immer Lichatschi[7], und fuhr hin und her vor ihren Fenstern: kurz, ich
brachte all mein Geld durch, geriet obendrein in Schulden, bis ich dann
schließlich und von selbst aufhörte, sie zu lieben, und das Ganze mir
langweilig wurde.

Da sehen Sie, was eine Schauspielerin aus einem ordentlichen Menschen zu
machen imstande ist! Doch ich war damals wirklich noch jung, Warinka,
noch ganz, ganz jung! ...

                                                                 M. D.


                                                              8. Juli.

Meine liebe Warwara Alexejewna!

Ihr Büchlein, das ich am 6. dieses Monats erhalten habe, beeile ich
mich, Ihnen zurückzusenden. Gleichzeitig will ich versuchen, mich mit
Ihnen in diesem Briefe zu verständigen. Es ist nicht gut, mein Kind,
wirklich nicht gut, daß Sie mich in solch eine Zwangslage gebracht
haben.

Erlauben Sie, mein Kind: jedem Menschen ist sein Stand von dem Höchsten
zugeteilt. Dem einen ist es bestimmt, Generalsepauletten zu tragen, dem
anderen, als Schreiber sein Leben zuzubringen – jenem, zu befehlen,
diesem, widerspruchslos und in Furcht zu gehorchen. Das ist nun einmal
so, ist genau nach den menschlichen Fähigkeiten so eingerichtet: der
eine hat die Fähigkeit zu diesem, der andere zu jenem, die Fähigkeiten
selbst aber, die stammen von Gott.

Ich bin schon an die dreißig Jahre im Dienst. Ich erfülle meine Pflicht
mit Peinlichkeit, pflege stets nüchtern zu sein, und habe mir noch nie
etwas zuschulden kommen lassen. Als Bürger und Mensch halte ich mich
nach eigener Erkenntnis für einen Mann, der sowohl seine Fehler, wie
auch seine Tugenden besitzt. Die Vorgesetzten achten mich und selbst
Seine Exzellenz sind mit mir zufrieden – wenn sie mir bisher auch noch
keinen Beweis ihrer Zufriedenheit gegeben haben, so weiß ich doch auch
so, daß sie mit mir zufrieden sind. Meine Handschrift ist gefällig,
nicht allzu groß, aber auch nicht allzu klein, läßt sich am besten mit
Kursivschrift bezeichnen, jedenfalls aber befriedigt sie! Bei uns kann
allerhöchstens Iwan Prokofjewitsch so gut schreiben wie ich, das heißt,
auch der nur annähernd so gut. Mein Haar ist im Dienst allgemach grau
geworden. Eine große Sünde wüßte ich nicht begangen zu haben. Natürlich,
wer sündigt denn nicht im kleinen? Ein jeder sündigt, und sogar Sie
sündigen, mein Kind! Doch ein großes Vergehen oder auch nur eine bewußte
Unbotmäßigkeit habe ich nicht auf dem Gewissen – etwa daß ich die
öffentliche Ruhe gestört hätte oder so etwas – nein, so etwas habe ich
mir nicht vorzuwerfen, nie hat man mich bei so etwas betroffen. Sogar
ein Kreuzchen habe ich erhalten – doch was soll man davon reden! Das
müßten Sie ja alles wissen, und auch er hätte es wissen müssen, denn
wenn er sich schon einmal an das Beschreiben machte, dann hätte er sich
eben vorher nach allem erkundigen sollen! Nein, das hätte ich nicht von
Ihnen erwartet, mein Kind! Nein, gerade von Ihnen nicht, Warinka![8]

Wie! So kann man denn nicht mehr ruhig in seinem Winkelchen leben –
gleichviel wie und wo es auch sein möge – ganz still für sich, ohne ein
Wässerchen zu trüben, ohne jemanden anzurühren, gottesfürchtig und
zurückgezogen, damit auch die anderen einen nicht anrühren, ihre Nasen
nicht in deine Hütte stecken und alles durchschnüffeln: wie sieht es
denn bei dir aus, hast du zum Beispiel auch eine gute Weste, hast du
auch alles Nötige an Leibwäsche, hast du auch Stiefel und wie sind sie
besohlt, was ißt du, was trinkst du, was schreibst du ab? Was ist denn
dabei, mein Kind, daß ich, wo das Pflaster schlecht ist, mitunter auf
den Fußspitzen gehe, um die Stiefel zu schonen? Warum muß man gleich von
einem anderen geschwätzig schreiben, daß er mitunter in Geldverlegenheit
sei und dann keinen Tee trinke? Ganz als ob alle Menschen unbedingt Tee
trinken müßten! Sehe ich denn einem jeden in den Mund, um nachzusehen,
was für ein Stück der Betreffende gerade kaut? Wen habe ich denn schon
so beleidigt? Nein, mein Kind, weshalb andere beleidigen, die einem
nichts Böses getan haben?

Nun, und da haben Sie jetzt ein Beispiel, Warwara Alexejewna, da sehen
Sie, was das heißt: dienen, dienen, gewissenhaft und mit Eifer seine
Pflicht erfüllen – ja, und sogar die Vorgesetzten achten dich (was man
da auch immer reden wird, aber sie achten dich doch), – und da setzt
sich nun plötzlich jemand dicht vor deine Nase hin und macht sich ohne
alle Veranlassung mir nichts dir nichts daran, eine Schmähschrift über
dich zu verfassen, ein Pasquill, so eines, wie es dort in dem Buche
steht!

Es ist ja wahr, hat man sich einmal etwas Neues angeschafft, so freut
man sich darüber, schläft womöglich vor lauter Freude nicht, wie sonst:
hat man zum Beispiel neue Stiefel – mit welch einer Wonne zieht man sie
an. Das ist wahr, das habe auch ich schon empfunden, denn es ist
angenehm, seinen Fuß in einem feinen Stiefel zu sehen: es ist ganz
richtig beschrieben! Aber trotzdem wundert es mich aufrichtig, daß Fedor
Fedorowitsch das Buch so hat durchgehen lassen und nicht für sich selbst
eingetreten ist.

Freilich, er ist noch ein junger Vorgesetzter und schreit manchmal ganz
gern seine Untergebenen an. Aber weshalb soll er denn das nicht dürfen?
Warum soll er ihnen nicht die Leviten lesen, da man mit unsereinem
anders doch nicht auskommt? Nun ja, sagen wir, er tut es nur um des
Tones willen, – nun, aber auch das ist nötig. Man muß die Zügel stramm
halten, muß Strenge zeigen, denn sonst – unter uns gesagt, Warinka –
ohne Strenge, ohne Zwang tut unsereiner nichts, ein jeder will doch nur
seine Stelle haben, um sagen zu können: „Ich diene dort und dort,“ doch
um die Arbeit sucht sich ein jeder, so gut es eben geht, herumzudrücken.
Da es aber verschiedene Ränge gibt und jeder Rang den verdienten Rüffel
in einer seiner Höhe entsprechend abgestuften Tonart verlangt, so ergibt
das naturgemäß verschiedene Tonarten, wenn der Vorgesetzte mal alle
durchnimmt, – das liegt nun schon in der Ordnung der Dinge! Darauf ruht
doch die Welt, mein Kind, daß immer einer den anderen beherrscht und im
Zaum hält, – ohne diese Vorsichtsmaßregel könnte ja die Welt gar nicht
bestehen, wo bliebe denn sonst die Ordnung? Nein, ich wundere mich
wirklich, wie Fedor Fedorowitsch eine solche Beleidigung unbeachtet hat
durchlassen können!

Und wozu so etwas schreiben? Zu was ist das nötig? Wird denn jemand von
den Lesern auch nur einen Mantel dafür kaufen? Oder ein neues Paar
Stiefel? – Nein, Warinka, der Leser liest es und verlangt noch obendrein
eine Fortsetzung!

Man versteckt sich ja schon sowieso, versteckt sich und verkriecht sich,
man fürchtet sich, auch nur seine Nase zu zeigen, weil man davor
zittert, bespöttelt zu werden, weil man weiß, daß alles, was es in der
Welt gibt, zu einem Pasquill verarbeitet wird. Jetzt, siehst du, zieht
dein ganzes bürgerliches wie häusliches Leben durch die Literatur, alles
ist gedruckt, gelesen, belacht, verspottet! Man kann sich ja nicht
einmal mehr auf der Straße zeigen! Hier ist doch nun alles so genau
beschrieben, daß man allein schon am Gange erkannt werden muß! Wenn er
sich doch wenigstens zum Schluß geändert und, sagen wir, irgend etwas
wieder gemildert hätte, wenn er zum Beispiel nach jener Stelle, an der
man seinem Helden die Papierschnitzel auf den Kopf streut, gesagt hätte,
daß er bei alledem ein tugendhafter und ehrenhafter Bürger gewesen und
eine solche Behandlung von seinen Kollegen nicht verdient hätte, daß er
den Vorgesetzten gehorchte und gewissenhaft seine Pflicht erfüllt (hier
hätte er dann noch ein Beispielchen hineinflechten können), daß er
niemandem Böses gewünscht, daß er an Gott geglaubt und, als er gestorben
(wenn er ihn nun einmal unbedingt sterben lassen wollte), von allen
beweint worden sei.

Am besten aber wäre es gewesen, wenn er ihn, den Armen, gar nicht hätte
sterben lassen, sondern wenn er es so gemacht hätte, daß sein Mantel
wieder aufgefunden worden wäre, und daß Fedor Fedorowitsch – nein, was
sage ich! – daß jener hohe Vorgesetzte Näheres über seine Tugenden
erfahren und ihn in seine Kanzlei aufgenommen, ihn auf einen höheren
Posten gestellt und ihm noch eine gute Zulage zu seiner bisherigen
gegeben hätte, so daß es dann, sehen Sie, so herausgekommen wäre, daß
das Böse bestraft wird und die Tugend triumphiert – die anderen
Kanzleibeamten dagegen, seine Kollegen, hätten dann alle das Nachsehen
gehabt!

Ja, ich zum Beispiel hätte es so gemacht: denn so wie er es geschrieben
hat – was ist denn dabei Besonderes, was ist dabei Schönes? Das ist ja
doch einfach nur irgend so ein Beispiel aus dem alltäglichen niedrigen
Leben! Und wie haben _Sie_ sich nur entschließen können, mir ein solches
Buch zu senden, meine Gute? Das ist doch ein böswilliges, ein
vorsätzlich Schaden bringendes Buch, Warinka. Das ist doch einfach nicht
wahrheitsgetreu, denn es ist doch ganz ausgeschlossen, daß es einen
solchen Beamten irgendwo geben könnte! Nein, ich werde mich beklagen,
Warinka, werde mich ganz einfach und ausdrücklich beklagen!

                                               Ihr gehorsamster Diener
                                                    Makar Djewuschkin.


                                                             27. Juli.

Mein lieber Makar Alexejewitsch!

Ihre Briefe und die letzten Ereignisse haben mich recht erschreckt, und
zwar um so mehr, als ich mir anfangs nichts zu erklären wußte – bis
Fedora mir dann alles erzählte. Aber weshalb mußten Sie denn gleich so
verzweifeln und in einen solchen Abgrund stürzen, Makar Alexejewitsch?
Ihre Erklärungen haben mich durchaus nicht befriedigt. Sehen Sie jetzt,
daß ich recht hatte, als ich darauf bestand, jene vorteilhafte Stelle
anzunehmen? Überdies ängstigt mich mein letztes Abenteuer sehr.

Sie sagen, Ihre Liebe zu mir habe Sie veranlaßt, mir manches zu
verheimlichen. Ich habe es ja schon damals gewußt, wie sehr ich Ihnen zu
Dank verpflichtet war, als Sie mir noch versicherten, daß Sie für mich
nur Ihr erspartes Geld ausgäben, welches Sie, wie Sie sagten, auf der
Kasse liegen hätten. Jetzt aber, nachdem ich erfahren habe, daß Sie
überhaupt kein erspartes Geld besitzen, daß Sie, als Sie zufällig von
meiner traurigen Lage erfuhren, nur aus Mitleid beschlossen, Ihr Gehalt,
das Sie sich noch dazu vorauszahlen ließen, für mich auszugeben, und daß
Sie während meiner Krankheit sogar Ihre Kleider verkauft haben – jetzt
sehe ich mich in eine so qualvolle Lage versetzt, daß ich gar nicht
weiß, wie ich alles das auffassen und was ich überhaupt denken soll!

Ach, Makar Alexejewitsch! Sie hätten es bei der notwendigsten Hilfe, die
Sie mir aus Mitleid und verwandtschaftlicher Liebe leisteten, bewenden
lassen und nicht unausgesetzt soviel Geld für ganz Unnötiges
verschwenden sollen! Sie haben mich hintergangen, Makar Alexejewitsch,
Sie haben mein Vertrauen mißbraucht, und jetzt, wo ich hören muß, daß
Sie Ihr letztes Geld für meine Kleider, für Konfekt, Ausflüge,
Theaterbesuch und Bücher hingegeben haben – jetzt bezahle ich das teuer
mit Selbstvorwürfen und der bitteren Reue ob meines unverzeihlichen
Leichtsinns, denn ich habe doch alles von Ihnen angenommen, ohne nach
Ihrem Auskommen zu fragen. Auf diese Weise verwandelt sich jetzt alles,
womit Sie mir einst Freude machen wollten, in eine drückende Last, und
alles Gute wird in der Erinnerung von Bedauern verdrängt.

Es ist mir in der letzten Zeit natürlich nicht entgangen, daß Sie
bedrückt waren, aber obschon ich selbst ahnungsvoll irgendein Unheil
erwartete, konnte ich doch das, was jetzt geschehen ist, einfach nicht
fassen. Wie! So haben Sie schon in einem solchen Maße den Mut verlieren
können, Makar Alexejewitsch! Was werden jetzt diejenigen, die Sie
kennen, von Ihnen sagen? Sie, den ich wie alle anderen wegen Ihrer
Herzensgüte, Anspruchslosigkeit und Anständigkeit geachtet habe, Sie
haben sich plötzlich einem so widerlichen Laster ergeben können, dem Sie
doch, soviel mir scheint, früher noch nie gefrönt haben.

Ich weiß nicht mehr, was mit mir geschah, als Fedora mir erzählte, daß
man Sie in berauschtem Zustande auf der Straße gefunden und die Polizei
Sie nach Haus geschafft habe! Ich erstarrte, – obschon ich mich auf
etwas Außergewöhnliches gefaßt gemacht hatte, da Sie ja doch schon seit
ganzen vier Tagen verschwunden waren. Haben Sie denn nicht daran
gedacht, Makar Alexejewitsch, was Ihre Vorgesetzten dazu sagen werden,
wenn sie die wirkliche Ursache Ihres Ausbleibens vernehmen? Sie sagen,
daß alle über Sie lachen und von unseren Beziehungen erfahren haben, und
daß Ihre Nachbarn in ihren Spottreden auch meiner Erwähnung tun.
Beachten Sie das nicht, Makar Alexejewitsch und beruhigen Sie sich um
Gottes willen!

Ferner beunruhigt mich auch noch Ihre Geschichte mit jenen Offizieren, –
ich habe nichts Genaueres erfahren können, nur so ein Gerücht. Erklären
Sie mir, bitte, was für eine Bewandtnis es damit hat.

Sie schreiben, daß Sie sich gefürchtet, mir die Wahrheit mitzuteilen,
weil Sie dann vielleicht meine Freundschaft verloren haben würden, daß
Sie während meiner Krankheit in der Verzweiflung nur deshalb alles
verkauft hätten, um die Kosten bestreiten und somit verhindern zu
können, daß man mich ins Hospital brachte, daß Sie soviel Schulden
gemacht, wie es Ihnen gerade noch möglich war, und Ihre Wirtin Ihnen
jetzt täglich unangenehme Szenen bereite, – aber indem Sie mir alles
dies verheimlichten, wählten Sie das Schlechtere. Jetzt habe ich ja doch
alles erfahren! Sie wollten mir die Erkenntnis ersparen, daß ich die
Ursache Ihrer unglücklichen Lage war, haben mir aber nun durch Ihre
Aufführung doppelten Kummer bereitet. Alles das hat mich fast gebrochen,
Makar Alexejewitsch. Ach, mein Freund! Unglück ist eine ansteckende
Krankheit. Arme und Unglückliche müßten sich fernhalten voneinander, um
sich gegenseitig nicht noch mehr ins Elend zu bringen. Ich habe Ihnen
solches Unglück gebracht, wie Sie es früher in Ihrem bescheidenen
stillen Leben gewiß noch nie erfahren haben. Das quält mich entsetzlich
und nimmt mir jede Kraft.

Schreiben Sie mir jetzt alles aufrichtig, was dort mit Ihnen geschehen
ist und wie Sie sich so weit haben vergessen können. Beruhigen Sie mich,
wenn es Ihnen möglich ist. Ich sage das nicht aus Egoismus, sondern nur
aus Freundschaft und Liebe zu Ihnen, die nichts aus meinem Herzen tilgen
könnte.

Leben Sie wohl. Ich erwarte Ihre Antwort mit Ungeduld. Sie haben
schlecht von mir gedacht, Makar Alexejewitsch.

                                          Ihre Sie von Herzen liebende
                                                 Warwara Dobrosseloff.


                                                             28. Juli.

Meine unschätzbare Warwara Alexejewna!

Ja: jetzt, wo alles schon vorüber und überstanden ist und alles
allmählich wieder ins alte Geleise kommt, kann ich ja zu Ihnen ganz
aufrichtig sein, mein Kind. Also: es beunruhigt Sie, was man von mir
denken und was man von mir sagen wird. Darauf beeile ich mich, Ihnen
mitzuteilen, daß mein Ansehen im Amte mir höher steht, als alles andere.
Und da kann ich Ihnen denn, nachdem ich Ihnen von diesen meinen
Unglücksfällen und Mißgeschicken berichtet habe, nunmehr mitteilen, daß
von meinen Vorgesetzten noch niemand etwas erfahren hat, so daß sie mich
alle nach wie vor achten werden. Nur eines fürchte ich: nämlich
Klatschgeschichten. Hier zu Haus schrie die Wirtin, aber nachdem ich ihr
jetzt mittels Ihrer zehn Rubel einen Teil meiner Schuld bezahlt habe,
brummt sie nur noch. Und was die anderen betrifft, so ist es nicht so
schlimm: man muß sie nur nicht um Geld bitten, dann sind sie ganz gut.
Zum Schluß aber dieser meiner Erklärungen sage ich Ihnen noch, mein
Kind, daß Ihre Achtung mir über alles geht, über alles und jedes in der
Welt, und damit, daß ich diese nicht eingebüßt habe, tröste ich mich nun
in der Zeit meiner Bedrängnis. Gott sei Dank, daß der erste Schlag und
die ersten Unannehmlichkeiten vorüber sind, und daß Sie es so milde
auffassen, daß Sie mich deshalb nicht für einen treulosen Freund und
selbstsüchtigen Menschen halten, weil ich Sie hier bei uns zurückhielt
und Sie betrog, Sie liebte und doch nicht die Kraft hatte, mich von
Ihnen zu trennen, mein Engel. Ich habe mich mit Eifer von neuem an meine
Arbeit gemacht und bin bemüht, durch treue Pflichterfüllung im Dienst
mein Vergehen wieder gut zu machen. Jewstafij Iwanowitsch sagte kein
Wort, als ich gestern an ihm vorüberging.

Ich will Ihnen auch nicht verheimlichen, mein Kind, daß meine Schulden
und der schlechte Zustand meiner Kleidung schwer auf mir lasten, aber
darauf kommt es ja wieder gar nicht an, und ich bitte Sie nur inständig,
sich wegen dieser Nebensachen kein

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