Königliche Hoheit: Roman
by Thomas Mann · German · Gutenberg #35328 · 752,159 chars · public domain (US)
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Title: Königliche Hoheit: Roman
Author: Thomas Mann
Release date: February 19, 2011 [eBook #35328]
Most recently updated: July 20, 2019
Language: German
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/35328
Credits: Produced by Jana Srna, Juliet Sutherland, Norbert H. Langkau
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THOMAS MANN
Königliche
Hoheit
Roman
MIT EINER VORREDE
VON
HANNS MARTIN ELSTER
Deutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H.
Berlin
Mit Genehmigung von S. Fischer Verlag, Berlin
Copyright 1909 by S. Fischer Verlag, Berlin
Alle Rechte vorbehalten
Vorspiel
Es ist auf der Albrechtsstraße, jener Verkehrsader der Residenz, die den
Albrechtsplatz und das Alte Schloß mit der Kaserne der Gardefüsiliere
verbindet -- um Mittag, wochentags, zu einer gleichgültigen Jahreszeit.
Das Wetter ist mäßig gut, indifferent. Es regnet nicht, aber der Himmel
ist auch nicht klar; er ist gleichmäßig weißgrau, gewöhnlich,
unfestlich, und die Straße liegt in einer stumpfen und nüchternen
Beleuchtung, die alles Geheimnisvolle, jede Absonderlichkeit der
Stimmung ausschließt. Es herrscht ein Verkehr von mittlerer Regsamkeit,
ohne viel Lärm und Gedränge, entsprechend dem nicht sehr geschäftigen
Charakter der Stadt. Trambahnwagen gleiten dahin, ein paar Droschken
rollen vorbei, auf den Bürgersteigen bewegt sich Einwohnerschaft,
farbloses Volk, Passanten, Publikum, Leute. -- Zwei Offiziere, die Hände
in den Schrägtaschen ihrer grauen Paletots, kommen einander entgegen:
ein General und ein Leutnant. Der General nähert sich von der Schloß-,
der Leutnant von der Kasernenseite her. Der Leutnant ist blutjung, ein
Milchbart, ein halbes Kind. Er hat schmale Schultern, dunkles Haar und
so breite Wangenknochen, wie viele Leute hierzulande sie haben, blaue,
ein wenig müde blickende Augen und ein Knabengesicht von freundlich
verschlossenem Ausdruck. Der General ist schlohweiß, hoch und breit
gepolstert, eine überaus gebietende Erscheinung. Seine Augenbrauen sind
wie aus Watte, und sein Schnurrbart überbuscht sowohl Mund als Kinn. Er
geht mit langsamer Wucht, sein Säbel klirrt auf dem Asphalt, sein
Federbusch flattert im Winde, und langsam schwappt bei jedem Schritte
der große rote Brustaufschlag seines Mantels auf und nieder. So kommen
sie aufeinander zu. -- Kann dies zu Verwickelungen führen? Unmöglich.
Jedem Beobachter steht der naturgemäße Verlauf dieses Zusammentreffens
klar vor Augen. Hier ist das Verhältnis von alt und jung, von Befehl und
Gehorsam, von betagtem Verdienst und zartem Anfängertum, hier ist ein
gewaltiger hierarchischer Abstand, hier gibt es Vorschriften. Natürliche
Ordnung, nimm deinen Lauf! -- Und was, statt dessen, geschieht? Statt
dessen vollzieht sich das folgende, überraschende, peinliche,
entzückende und verkehrte Schauspiel. Der General, des jungen Leutnants
ansichtig werdend, verändert auf seltsame Art seine Haltung. Er nimmt
sich zusammen und wird doch gleichsam kleiner. Er dämpft sozusagen mit
einem Ruck den Prunk seines Auftretens, er tut dem Lärm seines Säbels
Einhalt, und während sein Gesicht einen bärbeißigen und verlegenen
Ausdruck annimmt, ist er ersichtlich nicht einig mit sich, wohin er
blicken soll, was er so zu verbergen sucht, daß er unter seinen
Wattebrauen hinweg schräg vor sich hin auf den Asphalt starrt. Auch der
junge Leutnant verrät, genau beobachtet, eine leichte Befangenheit, die
aber seltsamerweise bei ihm in höherem Grade als bei dem greisen
Befehlshaber von einer gewissen Grazie und Disziplin bemeistert scheint.
Die Spannung seines Mundes wird zu einem Lächeln von zugleich
bescheidener und gütiger Art, und seine Augen blicken vorläufig mit
einer stillen und beherrschten Ruhe, die den Anschein der Mühelosigkeit
hat, an dem General vorbei und ins Weite. Nun sind sie auf drei Schritt
aneinander. Und statt die vorschriftsmäßige Ehrenbezeugung auszuführen,
legt der blutjunge Leutnant ein wenig den Kopf zurück, zieht
gleichzeitig seine rechte Hand -- nur die rechte, das ist auffallend --
aus der Manteltasche und beschreibt mit eben dieser weißbehandschuhten
Rechten eine kleine ermunternde und verbindliche Bewegung, nicht
stärker, als daß er, die Handfläche nach oben, die Finger öffnet; aber
der General, der dieses Zeichen mit hängenden Armen erwartet hat, fährt
an den Helm, biegt aus, gibt in halber Verbeugung sozusagen den
Bürgersteig frei und grüßt den Leutnant von unten herauf aus rotem
Gesicht mit frommen und wässerigen Augen. Da erwidert der Leutnant, die
Hand an der Mütze, das Honneur seines Vorgesetzten, erwidert es, indem
eine kindliche Freundlichkeit sein ganzes Gesicht bewegt, erwidert es --
und geht weiter.
Ein Wunder! Ein phantastischer Auftritt! Er geht weiter. Man sieht ihn
an, aber er sieht niemanden an, er sieht zwischen den Leuten hindurch
geradeaus, ein wenig mit dem Blick einer Dame, die sich beobachtet weiß.
Man grüßt ihn, dann grüßt er zurück, fast herzlich und dennoch aus einer
Ferne. Wie es scheint, so geht er nicht gut; es ist, als sei er des
Gebrauches seiner Beine nicht sehr gewohnt oder als behindere ihn die
allgemeine Aufmerksamkeit, so ungleichmäßig und zögernd ist sein
Schritt, ja, bisweilen scheint er zu hinken. Ein Schutzmann macht Front,
eine elegante Frau, aus einem Laden tretend, sinkt lächelnd ins Knie.
Man blickt nach ihm um, man weist mit dem Kopfe nach ihm, man zieht die
Brauen empor und nennt gedämpft seinen Namen ...
Es ist Klaus Heinrich, der jüngere Bruder Albrechts II. und nächster
Agnat am Throne. Dort geht er, man kann ihn noch sehen. Gekannt und doch
fremd bewegt er sich unter den Leuten, geht im Gemenge und gleichsam
doch von einer Leere umgeben, geht einsam dahin und trägt auf seinen
schmalen Schultern die Last seiner Hoheit.
Die Hemmung
Schüsse wurden gelöst, als auf den verschiedenen Verständigungswegen der
Neuzeit in die Residenz die Nachricht gelangte, daß auf Grimmburg die
Großherzogin Dorothea zum zweiten Male von einem Prinzen entbunden sei.
Es waren zweiundsiebzig Schüsse, die über Stadt und Land hinrollten,
abgefeuert von militärischer Seite auf dem Wall der »Zitadelle«. Gleich
darauf kanonierte auch die Feuerwehr mit den städtischen
Salutgeschützen, um nicht zurückzustehen; aber es entstanden lange
Pausen dabei zwischen einzelnen Detonationen, was viel Heiterkeit in der
Bevölkerung erregte.
Die Grimmburg beherrschte von einem buschigen Hügel das malerische
Städtchen des gleichen Namens, das seine grauen Schrägdächer in dem
vorüberfließenden Stromarm spiegelte und von der Hauptstadt in
halbstündiger Fahrt mit einer unrentablen Lokalbahn zu erreichen war.
Sie stand dort oben, die Burg, in grauen Tagen vom Markgrafen Klaus
Grimmbart, dem Ahnherrn des Fürstengeschlechts, trotzig erbaut, mehrmals
seither verjüngt und instand gesetzt, mit den Bequemlichkeiten der
wechselnden Zeiten versehen, stets wohnlich gehalten und als Stammsitz
des Herrscherhauses, als Wiege der Dynastenfamilie auf eine besondere
Weise geehrt. Denn das Hausgesetz und Herkommen bestand, daß alle
direkten Nachkommen des Grimmbartes, alle Kinder des jeweils regierenden
Paares hier geboren werden mußten. Diese Überlieferung war nicht wohl
außer acht zu lassen. Das Land hatte geistesklare und leugnerische
Souveräne gesehen, die ihren Spott daran geübt hatten, und dennoch
hatten sie sich ihr achselzuckend gefügt. Nun war es längst zu spät
geworden, noch davon abzugehen. Vernünftig und zeitgemäß oder nicht --
warum denn ohne Not mit einer ehrwürdigen Gepflogenheit brechen, die
sich gewissermaßen bewährt hatte? Im Volke stand fest, daß etwas daran
sei. Zweimal im Wandel von fünfzehn Generationen hatten Kinder
regierender Herren infolge irgendwelcher Zufälligkeiten auf andern
Schlössern das Licht erblickt: mit beiden hatte es ein unnatürliches und
nichtswürdiges Ende genommen. Aber von Heinrich dem Bußfertigen und
Johann dem Gewalttätigen nebst ihren lieblichen und stolzen Schwestern
bis auf Albrecht, den Vater des Großherzogs, und diesen selbst, Johann
Albrecht III., waren alle Souveräne des Landes und ihre Geschwister hier
zur Welt gebracht worden, und vor sechs Jahren war Dorothea mit ihrem
ersten Sohne, dem Erbgroßherzog, hier niedergekommen ...
Übrigens war das Stammschloß ein Zufluchtsort, so würdig als friedevoll.
Als Sommersitz mochte man ihm, der Kühle seiner Gemächer, des schattigen
Reizes seiner Umgebung wegen, sogar vor dem steif-lieblichen Hollerbrunn
den Vorzug geben. Der Aufstieg vom Städtchen, jene ein wenig grausam
gepflasterte Gasse zwischen ärmlichen Heimstätten und einer geborstenen
Mauerbrüstung, durch massige Torwege bis zu der uralten Schenke und
Fremdenherberge am Eingang zum Burghof, in dessen Mitte das Steinbild
Klaus Grimmbarts, des Erbauers, stand, war pittoresk, ohne bequem zu
sein. Aber ein ansehnlicher Parkbesitz bedeckte den Rücken des
Schloßberges und leitete auf gemächlichen Wegen hinab in das waldige und
sanft gewellte Gelände, das voller Gelegenheit zu Wagenfahrten und
stillem Lustwandeln war.
Das Innere der Burg angehend, so war es zuletzt noch zu Beginn der
Regierung Johann Albrechts III. einer umfassenden Auffrischung und
Verschönerung unterzogen worden -- mit einem Kostenaufwand, der viel
Gerede hervorgerufen hatte. Die Einrichtung der Wohngemächer war in
einem zugleich ritterlichen und behaglichen Stil ergänzt und erneuert,
die Wappenfliesen des »Gerichtssaales« waren genau nach dem Muster der
alten wiederhergestellt worden. Die Vergoldung der verschmitzten, in
vielfachen Spielarten wechselnden Kreuzbogengewölbe zeigte sich glänzend
aufgemuntert, alle Gemächer waren mit Parkett ausgestattet, und der
große sowohl wie der kleine Bankettsaal war durch die Künstlerhand des
Professors von Lindemann, eines hervorragenden Akademikers, mit großen
Wandmalereien geschmückt worden, Darstellungen aus der Geschichte des
landesherrlichen Hauses, angefertigt in einer leuchtenden und glatten
Manier, die fernab und ohne Ahnung von den unruhigen Bedürfnissen
jüngerer Schulen war. Es fehlte an nichts. Da die alten Kamine und
seltsam bunten, in runden Terrassen sich deckenhoch aufbauenden Öfen der
Burg nicht wohl verwendbar waren, so hatte man, im Hinblick auf die
Möglichkeit eines winterlichen Aufenthaltes, sogar Anthrazitöfen
gesetzt.
Aber am Tage der zweiundsiebzig Schüsse war beste Jahreszeit,
Spätfrühling, Frühsommer, Junianfang, ein Tag nach Pfingsten. Johann
Albrecht, in aller Frühe telegraphisch benachrichtigt, daß gegen Morgen
die Geburt begonnen habe, traf um acht mit der unrentablen Lokalbahn auf
Station Grimmburg ein, von drei oder vier offiziellen Persönlichkeiten,
dem Bürgermeister, dem Amtsrichter, dem Pastor, dem Arzt des Städtchens,
mit Segenswünschen empfangen, und begab sich sofort zu Wagen auf die
Burg. In der Begleitung des Großherzogs langten der Staatsminister
Doktor Baron Knobelsdorff und der Generaladjutant General der Infanterie
Graf Schmettern an. Ein wenig später fanden sich noch zwei oder drei
Minister, der Hofprediger Oberkirchenratspräsident D. Wislizenus, ein
paar Herren mit Hof- und Oberhofchargen und ein noch jugendlicher
Adjutant, Hauptmann von Lichterloh, auf dem Stammschloß ein. Obwohl der
großherzogliche Leibarzt, Generalarzt Doktor Eschrich, sich bei der
Wöchnerin befand, hatte Johann Albrecht die Laune, den jungen Ortsarzt,
einen Doktor Sammet, der obendrein jüdischer Abstammung war,
aufzufordern, ihn auf die Burg zu begleiten. Der schlichte, arbeitsame
und ernste Mann, der alle Hände voll zu tun hatte und sich solche
Auszeichnung nicht vermutend gewesen war, stammelte mehrmals: »Ganz gern
... ganz gern ...«, was einiges Lächeln hervorrief.
Der Großherzogin diente als Schlafzimmer die »Brautkemenate«, ein
fünfeckiges, sehr bunt ausgemaltes Gemach, welches, im ersten Stockwerk
gelegen, durch sein feierliches Fenster eine prangende Fernsicht über
Wälder, Hügel und die Windungen des Stromes bot und rings mit einem
Fries von medaillonförmigen Porträts geziert war, Bildnissen fürstlicher
Bräute, die hier in alten Tagen des Gebieters geharrt hatten. Dort lag
Dorothea; ein breites und starkes Band war um das Fußende ihres Bettes
geschlungen, daran sie sich hielt wie ein Kind, das Kutschieren spielt,
und ihr schöner, üppiger Körper tat harte Arbeit. Doktorin Gnadebusch,
die Hebamme, eine sanfte und gelehrte Frau mit kleinen feinen Händen und
braunen Augen, die durch runde und dicke Brillengläser einen mysteriösen
Glanz erhielten, unterstützte die Fürstin, indem sie sagte:
»Nur fest, nur fest, Königliche Hoheit ... Es geht geschwinde ... Es
geht ganz leicht ... Das zweitemal ... das ist nichts ... Geruhen: die
Knie auseinander ... Und stets das Kinn auf die Brust ...«
Eine Wärterin, gleich ihr in ein weißes Leinen gekleidet, half ebenfalls
und ging in den Pausen auf leisen Sohlen mit Gefäßen und Binden umher.
Der Leibarzt, ein finsterer, schwarzgraubärtiger Mann, dessen linkes
Augenlid gelähmt schien, überwachte die Geburt. Er trug den
Operationsmantel über seiner Generalarzt-Uniform. Zuweilen erschien in
der Kemenate, um sich vom Fortschreiten der Entbindung zu überzeugen,
Dorotheas vertraute Oberhofmeisterin, Freifrau von Schulenburg-Tressen,
eine beleibte und asthmatische Dame von unterstrichen spießbürgerlichem
Äußern, die jedoch auf den Hofbällen eine Welt von Busen zu entblößen
pflegte. Sie küßte ihrer Herrin die Hand und kehrte zurück in ein
entlegenes Gemach, wo ein paar magere Schlüsseldamen mit dem
diensttuenden Kammerherrn der Großherzogin, einem Grafen Windisch,
plauderten. -- Doktor Sammet, der das Linnengewand wie einen Domino über
seinen Frack gezogen hatte, verharrte in bescheidener und aufmerksamer
Haltung am Waschtisch.
Johann Albrecht hielt sich in einem zur Arbeit und Kontemplation
einladenden Gewölbe auf, das von der »Brautkemenate« nur durch das
sogenannte Frisierkabinett und einen Durchgangsraum getrennt war. Es
führte den Namen einer Bibliothek, im Hinblick auf mehrere
handschriftliche Folianten, die schräg auf dem wuchtigen Schranke
lehnten und die Geschichte der Burg enthielten. Das Gemach war als
Schreibzimmer eingerichtet. Globen schmückten die Wandborte. Durch das
Bogenfenster, das geöffnet stand, wehte der starke Wind der Höhe. Der
Großherzog hatte sich Tee servieren lassen, Kammerdiener Prahl hatte
selbst das Geschirr gebracht; aber es stand vergessen auf der Platte des
Sekretärs, und Johann Albrecht schritt in einem rastlosen, unangenehm
angespannten Zustande von einem Winkel in den anderen. Sein Gang war vom
unaufhörlichen Knarren seiner Lackstiefel begleitet. -- Flügeladjutant
von Lichterloh horchte darauf, indem er sich in dem beinahe leeren
Durchgangszimmer langweilte.
Die Minister, der Generaladjutant, der Hofprediger und die Hofchargen,
neun oder zehn Herren, warteten in den Repräsentationsräumen des
Hoch-Erdgeschosses. Sie wanderten durch den großen und den kleinen
Bankettsaal, wo zwischen den Lindemannschen Gemälden Arrangements von
Fahnen und Waffen hingen; sie lehnten an den schaftartigen Pfeilern, die
sich über ihnen zu bunten Gewölben entfalteten; sie standen vor den
deckenhohen und schmalen Fenstern und blickten durch die in Blei
gefaßten Scheibchen hinab über Fluß und Städtchen; sie saßen auf den
Steinbänken, die um die Wände liefen, oder auf Sesseln vor den Kaminen,
deren gotische Dächer von lächerlich kleinen gebückt schwebenden und
fratzenhaften Kerlchen aus Stein getragen wurden. Der heitere Tag machte
den Tressenbesatz der Uniformen, die Ordenssterne auf den wattierten
Brustwölbungen, die breiten Goldstreifen an den Beinkleidern der
Würdenträger erglitzern.
Man unterhielt sich schlecht. Beständig hoben sich Dreimaster und
weißbekleidete Hände vor Münder, die sich krampfhaft öffneten. Fast alle
Herren hatten Tränen in den Augen. Mehrere hatten nicht Zeit gefunden zu
frühstücken. Einige suchten Zerstreuung, indem sie das Operationsbesteck
und das kugelförmige, in Leder gehüllte Chloroformgefäß, das Generalarzt
Eschrich hier für alle Fälle niedergelegt hatte, einem furchtsamen
Studium unterzogen. Nachdem Oberhofmarschall von Bühl zu Bühl, ein
starker Mann mit schwänzelnden Bewegungen, einem braunen Tupee, goldenem
Zwicker und langen gelben Fingernägeln, in seiner abgerissen plappernden
Art mehrere Geschichten erzählt hatte, machte er in einem Lehnstuhl von
seiner Gabe Gebrauch, mit offenen Augen zu schlafen -- reglosen Blicks
und in bester Haltung das Bewußtsein von Zeit und Raum zu verlieren,
ohne die Würde des Ortes im mindesten zu verletzen.
Doktor von Schröder, Minister der Finanzen und der Landwirtschaft, hatte
an diesem Tage ein Gespräch mit dem Staatsminister Doktor Baron
Knobelsdorff, Minister des Inneren, des Äußeren und des großherzoglichen
Hauses. Es war eine sprunghafte Plauderei, die mit einer
Kunstbetrachtung anhob, zu finanziellen und ökonomischen Fragen
überging, eines hohen Hofbeamten in ziemlich abfälligem Sinne gedachte
und sich auch mit den Personen der allerhöchsten Herrschaften
beschäftigte. Sie begann, als die Herren, die Hände mit ihren Hüten auf
dem Rücken, vor einem der Gemälde im Großen Bankettsaal standen, und
beide dachten mehr dabei, als sie aussprachen. Der Finanzminister sagte:
»Und dies? Was ist das? Was passiert da? Exzellenz sind so
orientiert ...«
»Oberflächlich. Es ist die Belehnung zweier jugendlicher Prinzen des
Hauses durch ihren Oheim, den römischen Kaiser. Exzellenz sehen da die
beiden jungen Herren knien und in großer Zeremonie ihren Eid auf das
Schwert des Kaisers leisten ...«
»Schön, ungewöhnlich schön! Welche Farben! Blendend. Was für reizende
goldene Locken die Prinzen haben! Und der Kaiser ... es ist der Kaiser,
wie er im Buche steht! Ja, dieser Lindemann verdient die Auszeichnungen,
die ihm zuteil geworden sind.«
»Durchaus. Die ihm zuteil geworden sind, die verdient er.«
Doktor von Schröder, ein langer Mann mit weißem Bart, einer zart
gebauten goldenen Brille auf der weißen Nase, einem kleinen Bauch, der
sich unvermittelt unter dem Magen erhob, und einem Wulstnacken, der den
gestickten Stehkragen seines Fracks überquoll, blickte, ohne die Augen
von dem Bilde zu wenden, ein wenig zweifelhaft drein, von einem
Mißtrauen berührt, das ihn zuzeiten im Gespräch mit dem Baron überkam.
Dieser Knobelsdorff, dieser Günstling und höchste Beamte war so
vieldeutig ... Zuweilen waren seine Äußerungen, seine Erwiderungen von
einem ungreifbaren Spott umspielt. Er war weit gereist, er kannte den
Erdball, er war so mannigfach unterrichtet, auf eine befremdende und
freie Art interessiert. Dennoch war er korrekt. Herr von Schröder
verstand sich nicht völlig auf ihn. Bei aller Übereinstimmung war es
nicht möglich, sich ganz im Einverständnis mit ihm zu fühlen. Seine
Meinungen waren voll heimlicher Reserve, seine Urteile von einer
Duldsamkeit, die in Unruhe ließ, ob sie Gerechtigkeit oder
Geringschätzung bedeute. Aber das Verdächtigste war sein Lächeln, ein
Augenlächeln ohne Anteil des Mundes, das vermöge strahlenförmig an den
äußeren Augenwinkeln angeordneter Fältchen zu entstehen schien oder
umgekehrt mit der Zeit diese Fältchen hervorgerufen hatte ... Baron
Knobelsdorff war jünger als der Finanzminister, ein Mann in den besten
Jahren damals, obwohl sein gestutzter Schnurrbart und sein glatt in der
Mitte gescheiteltes Haupthaar schon leicht ergraut waren -- untersetzt
übrigens, kurzhalsig und von dem Kragen seines bis zum Saume betreßten
Hofkleides sichtlich beengt. Er überließ Herrn von Schröder einen
Augenblick seiner Ratlosigkeit und fuhr dann fort: »Nur wäre vielleicht
im Interesse einer löblichen Hoffinanzdirektion zu wünschen, daß der
berühmte Mann sich ein wenig mehr mit Sternen und Titeln begnügte, und
... roh gesprochen, was mag dieses gefällige Bildwerk gekostet haben?«
Herr von Schröder gewann wieder Leben. Der Wunsch, die Hoffnung, sich
mit dem Baron zu verständigen, dennoch zur Intimität und vertraulichen
Einhelligkeit mit ihm zu gelangen, machte ihn eifrig.
»Genau mein Gedanke!« sagte er, indem er sich wandte, um den Gang durch
die Säle wieder aufzunehmen. »Exzellenz nehmen mir die Frage vom Munde.
Was mag für diese ›Belehnung‹ bezahlt worden sein? Was für die übrige
Farbenpracht hier an den Wänden? Denn _in summa_ hat die Restauration
der Burg vor sechs Jahren eine Million gekostet.«
»Schlecht gerechnet.«
»Rund und nett! Und diese _summa_ geprüft und genehmigt vom
Oberhofmarschall von Bühl zu Bühl, der sich dort hinten seiner
angenehmen Katalepsie überläßt, geprüft, genehmigt und ausgekehrt vom
Hoffinanzdirektor Grafen Trümmerhauff ...«
»Ausgekehrt oder schuldig geblieben.«
»Eins von beiden!... Diese _summa_, sage ich, auferlegt und zugemutet
einer Kasse, einer Kasse ...«
»Mit einem Worte: der Kasse der großherzoglichen Vermögensverwaltung.«
»Exzellenz wissen so gut wie ich, was Sie damit sagen. Nein, mir wird
kalt ... ich beschwöre, daß ich weder ein Knicker noch ein Hypochonder
bin, aber mir wird kalt in der Herzgrube bei der Vorstellung, daß man im
Angesicht der waltenden Verhältnisse gelassenen Sinnes eine Million
hinwirft -- wofür? für ein Nichts, eine hübsche Grille, für die
glänzende Instandsetzung des Stammschlosses, auf dem geboren werden
muß ...«
Herr von Knobelsdorff lachte: »Ja, mein Gott, die Romantik ist ein
Luxus, ein kostspieliger! Exzellenz, ich bin Ihrer Meinung --
selbstverständlich. Aber bedenken Sie, daß zuletzt der ganze Mißstand
fürstlicher Wirtschaft in diesem romantischen Luxus seinen Grund hat.
Das Übel fängt an damit, daß die Fürsten Bauern sind; ihre Vermögen
bestehen aus Grund und Boden, ihre Einkünfte aus landwirtschaftlichen
Erträgnissen. Heutzutage ... Sie haben sich bis zum heutigen Tage noch
nicht entschließen können, Industrielle und Finanzleute zu werden. Sie
lassen sich mit bedauerlicher Hartnäckigkeit von gewissen obsoleten und
ideologischen Grundbegriffen leiten, wie zum Beispiel den Begriffen der
Treue und Würde. Der fürstliche Besitz ist durch Treue --
fideikommissarisch -- gebunden. Vorteilhafte Veräußerungen sind
ausgeschlossen. Hypothekarische Verpfändung, Kreditbeschaffung zum
Zwecke wirtschaftlicher Verbesserungen scheint ihnen unzulässig. Die
Administration ist in der freien Ausnutzung geschäftlicher Konjunkturen
streng gehindert -- durch Würde. Verzeihung, nicht wahr! Ich sage Ihnen
Fibelwahrheiten. Wer so sehr wie diese Menschenart auf gute Haltung
sieht, kann und will mit der Freizügigkeit und ungehemmten Initiative
minder eigensinniger und ideell verpflichteter Geschäftsleute natürlich
nicht Schritt halten. Nun denn, was will gegenüber diesem negativen
Luxus die positive Million bedeuten, die man einer hübschen Grille
wegen, um Eurer Exzellenz Ausdruck zu wiederholen, geopfert hat? Wenn es
mit dieser einen sein Bewenden hätte! Aber da haben wir die regelmäßige
Kostenlast einer leidlich würdigen Hofhaltung. Da sind die Schlösser und
ihre Parks zu unterhalten, Hollerbrunn, Monbrillant, Jägerpreis, nicht
wahr ... Eremitage, Delphinenort, Fasanerie und die anderen ... ich
vergesse Schloß Segenhaus und die Ruine Haderstein ... vom Alten
Schlosse zu schweigen ... Sie werden schlecht unterhalten, aber es ist
ein Posten ... Da ist das Hoftheater, die Galerie, die Bibliothek zu
unterstützen. Da sind hundert Ruhegehälter zu zahlen -- auch ohne
Rechtspflicht, aus Treue und Würde. Und auf welch fürstliche Art der
Großherzog bei der letzten Überschwemmung eingesprungen ist ... Aber das
ist eine Rede, die ich da halte!«
»Eine Rede,« sagte der Finanzminister, »mit der Eure Exzellenz mir zu
opponieren gedachten, während Sie mich damit unterstützen. -- Teuerster
Baron« -- und hierbei legte Herr von Schröder die Hand aufs Herz --,
»ich gebe mich der Sicherheit hin, daß über meine Gesinnung, meine
loyale Gesinnung zwischen Ihnen und mir jedes Mißverständnis
ausgeschlossen ist. Der König kann nicht unrecht tun ... Die höchste
Person ist über jeden Vorwurf erhaben. Aber eine Schuld ... ach, ein
doppelsinniges Wort!... eine Schuld ist vorhanden, und ich wälze sie
ohne Zögern auf den Grafen Trümmerhauff. Daß die früheren Inhaber seines
Postens ihre Souveräne über die materielle Lage des Hofes
hinwegtäuschten, lag im Geiste der Zeiten und war verzeihlich. Das
Verhalten des Grafen Trümmerhauff ist es nicht mehr. Ihm, in seiner
Eigenschaft als Hoffinanzdirektor, hätte es obgelegen, der herrschenden
... Sorglosigkeit Einhalt zu tun, ihm würde es heute noch obliegen,
Seine Königliche Hoheit rückhaltlos zu belehren ...«
Herr von Knobelsdorff lächelte mit emporgezogenen Brauen.
»Wirklich?« sagte er. »Es ist also Eurer Exzellenz Anschauung, daß die
Ernennung des Grafen zu diesem Ende erfolgt ist? Und ich, ich male mir
das berechtigte Erstaunen dieses Edelmannes aus, wenn Sie ihm Ihre
Auffassung der Dinge darlegten. Nein, nein ... Exzellenz dürfen sich
nicht darüber täuschen, daß diese Ernennung eine ganz gemessene
Willensäußerung Seiner Königlichen Hoheit in sich schloß, die der
Ernannte als Erster zu achten hatte. Sie bedeutete nicht nur ein
Ich-weiß-nichts, sondern auch ein Ich-will-nichts-wissen. Man kann eine
ausschließlich dekorative Persönlichkeit und dennoch befähigt sein, dies
zu begreifen ... Im übrigen ... aufrichtig ... wir alle haben es
begriffen. Und für uns alle gilt zuletzt nur ein mildernder Umstand:
dieser, daß in der Welt kein Fürst lebt, zu dem von seinen Schulden zu
sprechen eine fatalere Sache wäre als zu Seiner Königlichen Hoheit.
Unser Herr hat in seinem Wesen ein Etwas, das einem solche Mesquinerien
auf der Lippe ersterben läßt ...«
»Sehr wahr. Sehr wahr«, sagte Herr von Schröder. Er seufzte und
streichelte gedankenvoll den Schwanbesatz seines Hutes. Die beiden
Herren saßen, einander halb zugewandt, an erhöhtem Ort, einem
Fensterplatz in geräumiger Nische, an welcher draußen ein schmaler
Steingang vorbeilief, eine Art Galerie, die durch spitze Bogen den Blick
auf das Städtchen freigab. Herr von Schröder sagte wieder:
»Sie antworten mir, Baron, Sie scheinen mir zu widersprechen, und Ihre
Worte sind im Inneren ungläubiger und bitterer als die meinen.«
Herr von Knobelsdorff schwieg mit einer vagen und anheimgebenden Geste.
»Es mag sein«, sagte der Finanzminister und nickte trübe auf seinen Hut
hinunter. »Exzellenz mögen recht haben. Vielleicht sind wir alle
schuldig, wir und unsere Vorgänger. Was hätte nicht alles verhindert
werden müssen! Sehen Sie, Baron, einmal, es ist zehn Jahre her, bot sich
eine Gelegenheit, die Finanzen des Hofes zu sanieren, zu bessern auch
nur, wenn Sie wollen. Sie ist versäumt worden. Wir verstehen einander.
Der Großherzog hatte es damals, bestrickender Mann, der er ist, in der
Hand, die Verhältnisse durch eine Heirat, die von einem gesunden
Standpunkt hätte glänzend genannt werden können, zu rangieren. Statt
dessen ... meine persönlichen Empfindungen beiseite ... aber ich
vergesse niemals die Jammermiene, mit der man im ganzen Lande die Ziffer
der Mitgift nannte ...«
»Die Großherzogin«, sagte Herr von Knobelsdorff, und die Fältchen an
seinen Augenwinkeln verschwanden fast ganz, »ist eine der schönsten
Frauen, die ich je gesehen habe.«
»Eine Erwiderung, die Eurer Exzellenz zu Gesichte steht. Eine
ästhetische Erwiderung. Eine Erwiderung, die Stich halten würde, auch
wenn die Wahl Seiner Königlichen Hoheit, wie die seines Bruders Lambert
auf ein Mitglied des Hofballetts gefallen wäre ...«
»Oh, da bestand keine Gefahr. Der Geschmack des Herrn ist schwer zu
befriedigen, er hat es gezeigt. Seine Bedürfnisse haben immer das
Gegenstück zu jenem Mangel an Wahl gebildet, den Prinz Lambert zeit
seines Lebens an den Tag gelegt hat. Er hat sich spät zur Ehe
entschlossen. Man hatte die Hoffnung auf direkte Nachkommenschaft
nachgerade aufgegeben. Man bequemte sich wohl oder übel, in dem Prinzen
Lambert, über dessen ... Indisponiertheit wir einig sein werden, den
Thronerben zu sehen. Da, wenige Wochen nach seiner Thronbesteigung lernt
Johann Albrecht die Prinzessin Dorothea kennen, er ruft aus: Diese oder
keine! und das Großherzogtum hat eine Landesmutter. Exzellenz erwähnten
der bedenklichen Mienen, die entstanden, als die Ziffer der Mitgift
bekannt wurde -- Sie erwähnten nicht des Jubels, der gleichwohl
herrschte. Eine arme Prinzessin, allerdings. Aber ist die Schönheit,
solche Schönheit, eine beglückende Macht nicht? Unvergeßlich ihr Einzug!
Sie war geliebt, als ihr erstes Lächeln über das schauende Volk hinflog.
Exzellenz müssen mir gestatten, mich wieder einmal zu dem Glauben an den
Idealismus des Volkes zu bekennen. Das Volk will sein Bestes, sein
Höheres, seinen Traum, will irgend etwas wie seine Seele in seinen
Fürsten dargestellt sehen -- nicht seinen Geldbeutel. Den zu
repräsentieren sind andere Leute da ...«
»Sie sind nicht da. Bei uns nicht da.«
»Ein bedauerliches Faktum für sich. Die Hauptsache: Dorothea hat uns
einen Thronfolger beschert ...«
»In dem der Himmel einigen Zahlensinn entwickeln möge!«
»Einverstanden ...«
Hier endete das Gespräch der beiden Minister. Es brach ab, es wurde
unterbrochen, und zwar dadurch, daß Flügeladjutant von Lichterloh die
glücklich vollzogene Entbindung meldete. Eine Bewegung entstand im
kleinen Bankettsaal, und alle Herren fanden sich plötzlich dort
zusammen. Die eine der großen geschnitzten Türen war lebhaft geöffnet
worden, und der Adjutant stand im Saale. Er hatte ein gerötetes Gesicht,
blaue Soldatenaugen, einen flächsernen gesträubten Schnurrbart und
silberne Gardetressen an seinem Kragen. Bewegt und ein wenig außer sich,
wie ein Mann, der von tödlicher Langeweile erlöst und einer freudigen
Nachricht voll ist, setzte er sich im Gefühl des außerordentlichen
Augenblicks keck über Form und Vorschrift hinweg. Er salutierte lustig,
indem er mit gespreiztem Ellenbogen den Griff seines Säbels beinahe zur
Brusthöhe hinaufzog, und rief mit übermütigem Schnarren: »Melde
gehorsamst: Ein Prinz!«
»_A la bonne heure_«, sagte Generaladjutant Graf Schmettern.
»Erfreulich, sehr erfreulich, das nenne ich höchst erfreulich!« sagte
Oberhofmarschall von Bühl zu Bühl in seiner plappernden Art; er war
sofort ins Bewußtsein zurückgekehrt.
Oberkirchenratspräsident D. Wislizenus, ein glattgesichtiger Herr von
schöner Turnüre, der als Sohn eines Generals und dank seiner
persönlichen Distinktion in verhältnismäßig jungen Jahren zu seiner
hohen Würde gelangt war, und auf dessen seidigem schwarzen Rock sich ein
Ordensstern wölbte, faltete seine weißen Hände unterhalb der Brust und
sagte mit wohllautender Stimme: »Gott segne Seine Großherzogliche
Hoheit!«
»Sie vergessen, Herr Hauptmann,« sagte Herr von Knobelsdorff lächelnd,
»daß Sie mit Ihren Konstatierungen in meine Rechte und Pflichten
eingreifen. Bevor ich nicht über die Sachlage gründlichste Erhebungen
angestellt, bleibt die Frage, ob Prinz oder Prinzessin, durchaus
unentschieden ...«
Man lachte hierüber, und Herr von Lichterloh antwortete: »Zu Befehl,
Exzellenz! Ich habe denn auch die Ehre, Euere Exzellenz in höchstem
Auftrage zu ersuchen ...«
Diese Wechselrede bezog sich auf des Staatsministers Eigenschaft als
Standesbeamter des großherzoglichen Hauses, in welcher Eigenschaft er
berufen und gehalten war, das Geschlecht des fürstlichen Kindes nach
eigenem Augenschein festzustellen und amtlich aufzunehmen. Herr von
Knobelsdorff erledigte diese Formalität in dem sogenannten
Frisierkabinett, wo das Neugeborene gebadet worden war, verweilte sich
aber länger dort, als er selbst erwartet hatte, nachträglich stutzig
gemacht und angehalten durch eine peinliche Beobachtung, über die er
zunächst gegen jedermann, ausgenommen gegen die Hebamme, Stillschweigen
bewahrte.
Die Doktorin Gnadebusch enthüllte ihm das Kind, und ihre hinter den
dicken Brillengläsern geheimnisvoll glänzenden Augen gingen zwischen dem
Staatsminister und dem kleinen kupferfarbenen und mit einem -- nur einem
-- Händchen blindlings greifenden Wesen hin und her, als wollte sie
fragen: »Stimmt es?« -- Es stimmte, Herr von Knobelsdorff war
befriedigt, und die weise Frau hüllte das Kind wieder ein. Aber auch
dann noch ließ sie nicht ab, auf den Prinzen nieder und zu dem Baron
emporzublicken, bis sie seine Augen dorthin gelenkt hatte, wo sie sie
haben wollte. Die Fältchen an seinen Augenwinkeln verschwanden, er zog
die Brauen zusammen, prüfte, verglich, betastete, untersuchte den Fall
zwei, drei Minuten lang und fragte schließlich: »Hat der Großherzog das
schon gesehen?«
»Nein, Exzellenz.«
»Wenn der Großherzog das sieht,« sprach Herr von Knobelsdorff, »so sagen
Sie ihm, daß es sich auswächst.«
Und den Herren im Hoch-Erdgeschoß berichtete er: »Ein kräftiger Prinz!«
Aber zehn oder fünfzehn Minuten nach ihm machte auch der Großherzog die
mißliche Entdeckung -- das war unvermeidlich und hatte für Generalarzt
Eschrich eine kurze, außerordentlich unangenehme Szene zur Folge, für
den Grimmburger Doktor Sammet aber eine Unterredung mit dem Großherzog,
die ihn sehr in dessen Achtung steigen ließ und ihm in seiner späteren
Laufbahn von Nutzen war. Kurz zusammengefaßt, ging dies alles vor sich
wie folgt.
Während der Nachgeburt hatte Johann Albrecht sich wieder in der
»Bibliothek« aufgehalten und sich dann einige Zeit, Hand in Hand mit
seiner Gemahlin, am Wochenbette verweilt. Hierauf begab er sich in das
»Frisierkabinett«, wo der Säugling nun in seinem hohen, zierlich
vergoldeten und halb von einer blauseidenen Gardine umhüllten Bettchen
lag, und ließ sich in einem rasch herzugezogenen Armstuhl zur Seite
seines kleinen Sohnes nieder. Aber während er saß und das schlummernde
Kind betrachtete, geschah es, daß er wahrnahm, was man ihm gern noch
verhehlt hätte. Er zog die Decke weiter zurück, verfinsterte sich und
tat dann alles, was vor ihm Herr von Knobelsdorff getan hatte, sah
nacheinander die Doktorin Gnadebusch und die Wärterin an, die
verstummten, warf einen Blick auf die angelehnte Tür zur Kemenate und
kehrte erregten Schrittes in die Bibliothek zurück.
Hier ließ er sofort die silberne, mit einem Adler geschmückte
Druckglocke ertönen, die auf dem Schreibtisch stand, und sagte zu Herrn
von Lichterloh, der klirrend eintrat, sehr kurz und kalt: »Ich ersuche
Herrn Eschrich.«
Wenn der Großherzog auf eine Person seiner Umgebung zornig war, so
pflegte er den Betreffenden für den Augenblick all seiner Titel und
Würden zu entkleiden und ihm nichts als seinen nackten Namen zu lassen.
Der Flügeladjutant klirrte aufs neue mit seinen Sporen und zog sich
zurück. Johann Albrecht schritt ein paarmal heftig knarrend durch das
Gemach und nahm dann, als er hörte, daß Herr von Lichterloh den
Befohlenen in das Vorzimmer einführte, am Schreibtisch Audienzhaltung
an.
Wie er dastand, den Kopf herrisch ins Halbprofil gewandt, die Linke, die
den mit Atlas ausgeschlagenen Gehrock von der weißen Weste hinwegraffte,
fest in die Hüfte gestemmt, glich er genau seinem Porträt von der Hand
des Professors von Lindemann, welches, als Gegenstück zu dem Dorotheas,
im Residenzschloß im »Saal der zwölf Monate« zur Seite des großen
Spiegels über dem Kamine hing und von dem zahllose Nachbildungen,
Photographien und illustrierte Postkarten im Publikum verbreitet waren.
Der Unterschied war nur der, daß Johann Albrecht auf jenem Bildnis von
heldischer Figur erschien, während er in Wirklichkeit kaum mittelgroß
war. Seine Stirne war hoch vor Kahlheit, und unter ergrauten Brauen
blickten seine blauen Augen, matt umschattet, mit einem müden Hochmut
ins Weite. Er hatte die breiten, ein wenig zu hoch sitzenden
Wangenknochen, die ein Merkmal seines Volkes waren. Sein Backenbart und
das Bärtchen an der Unterlippe waren grau, der gedrehte Schnurrbart
beinahe schon weiß. Von den geblähten Flügeln seiner gedrungenen, aber
vornehm gebogenen Nase liefen zwei ungewöhnlich tief schürfende Furchen
schräg in den Bart hinab. In dem Ausschnitt seiner Pikeeweste leuchtete
das zitronengelbe Band des Hausordens zur Beständigkeit. Im Knopfloch
trug der Großherzog ein Nelkensträußchen.
Generalarzt Eschrich war mit tiefer Verbeugung eingetreten. Er hatte
sein Operationsgewand abgelegt. Sein gelähmtes Augenlid hing schwerer
als sonst über den Augapfel hinab. Er machte einen finsteren und
unseligen Eindruck.
Der Großherzog, die Linke in der Hüfte, warf den Kopf zurück, streckte
die Rechte aus und bewegte sie, die Handfläche nach oben, mehrmals kurz
und ungeduldig in der Luft hin und her.
»Ich erwarte eine Erklärung, eine Rechtfertigung, Herr Generalarzt«,
sagte er mit vor Gereiztheit schwankender Stimme. »Sie werden die Güte
haben, mir Rede zu stehen. Was ist das mit dem Arm des Kindes?«
Der Leibarzt hob ein wenig die Arme -- eine schwache Geste der Ohnmacht
und der Schuldlosigkeit. Er sagte:
»Geruhen Königliche Hoheit ... Ein unglücklicher Zufall. Ungünstige
Umstände während der Schwangerschaft Ihrer Königlichen Hoheit ...«
»Das sind Phrasen!« Der Großherzog war so erregt, daß er eine
Rechtfertigung nicht einmal wünschte, sie geradezu verhinderte. »Ich
bemerke Ihnen, mein Herr, daß ich außer mir bin. Unglücklicher Zufall!
Sie hatten unglückliche Zufälle hintanzuhalten ...«
Der Generalarzt stand in halber Verneigung da und sprach mit unterwürfig
gesenkter Stimme auf den Fußboden hinab.
»Ich bitte gehorsamst, erinnern zu dürfen, daß ich zum wenigsten nicht
allein die Verantwortung trage. Geheimrat Grasanger hat Ihre Königliche
Hoheit untersucht -- eine gynäkologische Autorität ... Aber niemanden
kann in diesem Falle Verantwortung treffen ...«
»Niemanden ... Ah! Ich erlaube mir, Sie verantwortlich zu machen ... Sie
stehen mir ein ... Sie haben die Schwangerschaft überwacht, die
Entbindung geleitet. Ich habe auf die Kenntnisse gebaut, die Ihrem Range
entsprechen, Herr Generalarzt, ich habe in Ihre Erfahrung Vertrauen
gesetzt. Ich bin schwer getäuscht, schwer enttäuscht. Der Erfolg Ihrer
Gewissenhaftigkeit besteht darin, daß ein ... krüppelhaftes Kind ins
Leben tritt ...«
»Wollen Königliche Hoheit allergnädigst erwägen ...«
»Ich habe erwogen. Ich habe gewogen und zu leicht befunden. Ich danke!«
Generalarzt Eschrich entfernte sich rückwärts, in gebeugter Haltung. Im
Vorzimmer zuckte er die Achseln, sehr rot im Gesicht. Der Großherzog
schritt wieder in der »Bibliothek« auf und ab, knarrend in seinem
fürstlichen Zorn, unbillig, unbelehrt und töricht in seiner Einsamkeit.
Sei es aber, daß er den Leibarzt noch weiter zu kränken wünschte oder
daß er es bereute, sich selbst um jede Aufklärung gebracht zu haben --
nach zehn Minuten trat das Unerwartete ein, daß der Großherzog durch
Herrn von Lichterloh den jungen Doktor Sammet zu sich in die
»Bibliothek« befehlen ließ.
Der Doktor, als er die Nachricht empfing, sagte wieder: »Ganz gern ...
ganz gern ...« und verfärbte sich sogar ein wenig, benahm sich dann aber
ausgezeichnet. Zwar beherrschte er die Form nicht völlig und verbeugte
sich zu früh, schon in der Tür, so daß der Adjutant diese nicht hinter
ihm schließen konnte und ihm die Bitte zuraunen mußte, weiter
vorzutreten; dann aber stand er frei und angenehm da und antwortete
befriedigend, obgleich er die Gewohnheit zeigte, beim Sprechen ein wenig
schwer, mit zögernden Vorlauten anzusetzen und häufig, wie zu schlichter
Bekräftigung, ein »Ja« zwischen seinen Sätzen einzuschalten. Er trug
sein dunkelblondes Haar bürstenartig beschnitten und den Schnurrbart
sorglos hängend. Kinn und Wangen waren sauber rasiert und ein wenig wund
davon. Er hielt den Kopf leicht seitwärts geneigt, und der Blick seiner
grauen Augen sprach von Klugheit und tätiger Sanftmut. Seine Nase, zu
flach auf den Schnurrbart abfallend, deutete auf seine Herkunft hin. Er
hatte zum Frack eine schwarze Halsbinde angelegt, und seine gewichsten
Stiefel waren von ländlichem Zuschnitt. Eine Hand an seiner silbernen
Uhrkette, hielt er den Ellenbogen dicht am Oberkörper. Redlichkeit und
Sachlichkeit waren in seiner Erscheinung ausgedrückt; sie erweckte
Vertrauen.
Der Großherzog redete ihn ungewöhnlich gnädig an, ein wenig in der Art
eines Lehrers, der einen schlechten Schüler gescholten hat und sich in
plötzlicher Milde zu einem anderen wendet.
»Herr Doktor, ich habe Sie bitten lassen ... Ich wünsche Auskunft von
Ihnen in betreff dieser Erscheinung an dem Körper des neugeborenen
Prinzen ... Ich nehme an, daß sie Ihnen nicht entgangen ist ... Ich
stehe vor einem Rätsel ... einem äußerst schmerzlichen Rätsel ... Mit
einem Wort, ich bitte um Ihre Ansicht.« Und der Großherzog, die Stellung
wechselnd, endete mit einer vollkommen schönen Handbewegung, die dem
Doktor das Wort ließ.
Doktor Sammet sah ihm still und aufmerksam zu, wartete gleichsam ab, bis
der Großherzog mit seinem ganzen fürstlichen Benehmen fertig war. Dann
sagte er: »Ja. -- Es handelt sich also um einen Fall, der zwar nicht
allzuhäufig eintritt, der uns aber doch wohlbekannt und vertraut ist.
Ja. Es ist im wesentlichen ein Fall von Atrophie.«
»Ich muß bitten ... ›Atrophie‹ ...«
»Verzeihung, Königliche Hoheit. Ich meine von Verkümmerung. Ja.«
»Sehr richtig. Verkümmerung. Das trifft zu. Die linke Hand ist
verkümmert. Aber das ist unerhört! Ich begreife das nicht! Niemals ist
dergleichen in meiner Familie vorgekommen. Man spricht neuerdings von
Vererbung ...«
Wieder betrachtete der Doktor still und aufmerksam diesen entrückten und
gebietenden Herrn, zu dem ganz kürzlich die Kunde gedrungen war, daß man
neuerdings von Vererbung spreche. Er antwortete einfach: »Verzeihung,
Königliche Hoheit; aber von Vererbung kann in dem vorliegenden Fall auch
gar nicht die Rede sein.«
»Ach! Wirklich nicht!« sagte der Großherzog ein wenig spöttisch. »Ich
empfinde das als Genugtuung. Aber wollen Sie mir freundlichst sagen,
wovon denn eigentlich die Rede sein kann.«
»Ganz gern, Königliche Hoheit. Die Mißbildung hat eine rein mechanische
Ursache, ja. Sie ist bewirkt worden durch eine mechanische Hemmung
während der Entwicklung des Fruchtkeimes. Solche Mißbildungen nennen wir
Hemmungsbildungen, ja.«
Der Großherzog horchte mit einem ängstlichen Ekel; er fürchtete
sichtlich die Wirkung jedes neuen Wortes auf seine Empfindlichkeit. Er
hielt die Brauen zusammengezogen und den Mund geöffnet; seine beiden in
den Bart verlaufenden Furchen schienen noch tiefer dadurch. Er sagte:
»Hemmungsbildungen ... Aber wie in aller Welt ... ich kann nicht
zweifeln, daß jede Sorgfalt angewandt worden ist ...«
»Hemmungsbildungen,« antwortete Doktor Sammet, »können auf verschiedene
Weise entstehen. Aber man kann mit ziemlicher Gewißheit sagen, daß in
unserem Falle ... in diesem Falle das Amnion die Schuld trägt.«
»Ich muß bitten ... ›Das Amnion‹ ...«
»Das ist eine der Eihäute, Königliche Hoheit. Ja. Und unter gewissen
Umständen kann sich die Abhebung dieser Eihaut vom Embryo verzögern und
so schwerfällig vor sich gehen, daß sich Fäden und Stränge zwischen
beiden ausziehen ... amniotische Fäden, wie wir sie nennen, ja. Diese
Fäden können gefährlich werden, denn sie können ganze Gliedmaßen des
Kindes umschlingen und umschnüren, können zum Beispiel einer Hand völlig
die Lebenswege unterbinden und sie allenfalls amputieren, ja.«
»Mein Gott ... amputieren. Man muß also noch dankbar sein, daß es nicht
zu einer Amputation der Hand gekommen ist?«
»Das hätte geschehen können. Ja. Aber es hat mit einer Abschnürung und
infolge davon mit einer Atrophie sein Bewenden gehabt.«
»Und das war nicht zu erkennen, nicht vorauszusehen, nicht zu
verhindern?«
»Nein, Königliche Hoheit. Durchaus nicht. Es steht ganz fest, daß
niemanden irgendwelches Verschulden trifft. Solche Hemmungen tun im
Verborgenen ihr Werk. Wir sind ohnmächtig ihnen gegenüber. Ja.«
»Und die Mißbildung ist unheilbar? Die Hand wird verkümmert bleiben?«
Doktor Sammet zögerte, er sah den Großherzog gütig an.
»Ein völliger Ausgleich wird sich nicht herstellen, das nicht«, sagte er
behutsam. »Aber auch die verkümmerte Hand wird sich doch verhältnismäßig
ein wenig entwickeln, o ja, das immerhin ...«
»Wird sie brauchbar sein? Gebrauchsfähig? Beispielsweise ... zum Halten
des Zügels oder zu Handbewegungen, wie man sie macht ...«
»Brauchbar ... ein wenig ... Vielleicht nicht sehr. Auch ist ja die
rechte Hand da, die ganz gesund ist.«
»Wird es sehr sichtbar sein?« fragte der Großherzog und forschte
sorgenvoll in Doktor Sammets Gesicht ... »Sehr auffällig? Wird es die
Gesamterscheinung sehr beeinträchtigen, meinen Sie?«
»Viele Leute«, antwortete Doktor Sammet ausweichend, »leben und wirken
unter schwereren Beeinträchtigungen. Ja.«
Der Großherzog wandte sich ab und tat einen Gang durch das Gemach.
Doktor Sammet machte ihm ehrerbietig Platz dazu, indem er sich bis zur
Tür zurückzog. Schließlich nahm der Großherzog wieder am Schreibtisch
Stellung und sagte:
»Ich bin nun unterrichtet, Herr Doktor; ich danke für Ihren Vortrag. Sie
verstehen Ihre Sache, das ist keine Frage. Warum leben Sie in Grimmburg?
Warum praktizieren Sie nicht in der Residenz?«
»Ich bin noch jung, Königliche Hoheit, und bevor ich mich in der
Hauptstadt einer Spezialpraxis widme, möchte ich mich einige Jahre lang
recht vielseitig beschäftigen, auf alle Weise üben und umtun. Dazu
bietet ein Landstädtchen wie Grimmburg die beste Gelegenheit. Ja.«
»Sehr ernst, sehr respektabel. Welchem Spezialgebiet denken Sie sich
später zuzuwenden?«
»Den Kinderkrankheiten, Königliche Hoheit. Ich beabsichtige, Kinderarzt
zu werden. Ja.«
»Sie sind Jude?« fragte der Großherzog, indem er den Kopf zurückwarf und
die Augen zusammenkniff ...
»Ja, Königliche Hoheit.«
»Ah. -- Wollen Sie mir noch die Frage beantworten ... Haben Sie Ihre
Herkunft je als ein Hindernis auf Ihrem Wege, als Nachteil im
beruflichen Wettstreit empfunden? Ich frage als Landesherr, dem die
bedingungslose und private, nicht nur amtliche Geltung des paritätischen
Prinzips besonders am Herzen liegt.«
»Jedermann im Großherzogtum«, antwortete Doktor Sammet, »hat das Recht
zu arbeiten.« Aber dann sagte er noch mehr, setzte beschwerlich an, ließ
ein paar zögernde Vorlaute vernehmen, indem er auf eine
linkisch-leidenschaftliche Art seinen Ellenbogen wie einen kurzen Flügel
bewegte, und fügte mit gedämpfter, aber innerlich eifriger und
bedrängter Stimme hinzu: »Kein gleichstellendes Prinzip, wenn ich mir
diese Bemerkung erlauben darf, wird je verhindern können, daß sich
inmitten des gemeinsamen Lebens Ausnahmen und Sonderformen erhalten, die
in einem erhabenen oder anrüchigen Sinne vor der bürgerlichen Norm
ausgezeichnet sind. Der einzelne wird gut tun, nicht nach der Art seiner
Sonderstellung zu fragen, sondern in der Auszeichnung das Wesentliche zu
sehen und jedenfalls eine außerordentliche Verpflichtung daraus
abzuleiten. Man ist gegen die regelrechte und darum bequeme Mehrzahl
nicht im Nachteil, sondern im Vorteil, wenn man eine Veranlassung mehr
als sie zu ungewöhnlichen Leistungen hat. Ja. Ja«, wiederholte Doktor
Sammet. Es war die Antwort, die er mit zweimaligem Ja bekräftigte.
»Gut ... nicht übel, sehr bemerkenswert wenigstens«, sagte der
Großherzog abwägend. Etwas Vertrautes, aber auch etwas wie eine
Ausschreitung schien ihm in Doktor Sammets Worten zu liegen. Er
verabschiedete den jungen Mann mit den Worten: »Lieber Doktor, meine
Zeit ist gemessen. Ich danke Ihnen. Diese Unterredung -- von ihrer
peinlichen Veranlassung abgesehen -- hat mich sehr befriedigt. Ich mache
mir das Vergnügen, Ihnen das Albrechtskreuz dritter Klasse mit der Krone
zu verleihen. Ich werde mich Ihrer erinnern. Ich danke.«
Dies war das Gespräch des Grimmburger Arztes mit dem Großherzog. Ganz
kurz darauf verließ Johann Albrecht die Burg und kehrte mit Extrazug in
die Residenz zurück, hauptsächlich um sich der festlich bewegten
Bevölkerung zu zeigen, dann aber auch, um im Stadtschloß mehrere
Audienzen zu erteilen. Es stand fest, daß er abends auf die Stammburg
zurückkehren und für die nächsten Wochen dort Wohnung nehmen würde.
Alle Herren, welche sich zu der Entbindung auf Grimmburg eingefunden
hatten und nicht zum Hofstaat der Großherzogin gehörten, wurden
ebenfalls von dem Extrazuge der unrentablen Lokalbahn aufgenommen und
fuhren zum Teil in unmittelbarer Gesellschaft des Monarchen. Aber den
Weg von der Burg zur Station legte der Großherzog allein mit dem
Staatsminister von Knobelsdorff im offenen Landauer zurück, einem der
braun lackierten Hofwagen mit der kleinen goldenen Krone am Schlage. Die
weißen Federn auf dem Hute des Leibjägers vorn flatterten im
Sommerwinde. Johann Albrecht war ernst und stumm auf dieser Fahrt,
zeigte sich bedrückt und grämlich; und obgleich Herr von Knobelsdorff
wußte, daß der Großherzog es auch im intimen Verkehr schlecht ertrug,
daß man ungefragt und ohne Aufforderung das Wort an ihn richte, so
unternahm er es endlich doch, das Schweigen zu brechen.
»Königliche Hoheit«, sagte er bittend, »scheinen sich die kleine
Anomalie, die man am Körper des Prinzen ausfindig gemacht hat, so sehr
zu Herzen zu nehmen ... Dennoch sollte man glauben, daß an diesem Tage
die Beweggründe zur Freude und stolzen Dankbarkeit so sehr
überwiegen ...«
»Ach, lieber Knobelsdorff,« antwortete Johann Albrecht gereizt und
beinahe weinerlich, »Sie werden mir meine Verstimmung nachsehen, Sie
werden nicht geradezu verlangen, daß ich trällere. Ich sehe keinerlei
Veranlassung dazu. Die Großherzogin befindet sich wohl -- nun gewiß. Und
das Kind ist ein Knabe -- nochmals gut. Aber da kommt es nun mit einer
Atrophie zur Welt, einer Hemmungsbildung, veranlaßt durch amniotische
Fäden. Niemand hat schuld daran, es ist ein Unglück. Aber die
Unglücksfälle, an denen niemand schuld ist, das sind die eigentlich
schrecklichen Unglücksfälle, und der Anblick des Fürsten soll seinem
Volke andere Empfindungen erwecken als Mitleid. Der Erbgroßherzog ist
zart, man muß beständig für ihn fürchten. Es war ein Wunder, daß er vor
zwei Jahren die Rippenfellentzündung überstand, und es wird nicht viel
weniger als ein Wunder sein, wenn er zu Jahren gelangt. Nun schenkt mir
der Himmel einen zweiten Sohn -- er scheint kräftig, aber er kommt mit
einer Hand zur Welt. Die andere ist verkümmert, unbrauchbar, eine
Mißbildung, er muß sie verstecken. Welche Erschwerung! Welch Hindernis!
Er muß es beständig vor der Welt bravieren. Man wird es allmählich
bekanntmachen müssen, damit es bei seinem ersten öffentlichen
Hervortreten nicht allzu anstößig wirkt. Nein, ich komme noch nicht
hinweg darüber. Ein Prinz mit einer Hand ...«
»Mit einer Hand«, sagte Herr von Knobelsdorff. »Sollten Königliche
Hoheit diese Wendung mit Absicht wiederholen?«
»Mit Absicht?«
»Also nicht?... Denn der Prinz hat ja zwei Hände, nur daß die eine
verkümmert ist und daß man, wenn man will, also sagen kann, es sei ein
Prinz mit einer Hand.«
»Nun also?«
»Und daß man also fast wünschen müßte, nicht Eurer Königlichen Hoheit
zweiter Sohn, sondern der unter der Krone geborene möchte der Träger
dieser kleinen Mißgestaltung sein.«
»Was sagen Sie da?«
»Nun, Königliche Hoheit werden mich auslachen; aber ich denke an die
Zigeunerin.«
»Die Zigeunerin? Ich bin geduldig, lieber Baron!«
»An die Zigeunerin -- Verzeihung! -- die das Erscheinen eines Fürsten
aus Eurer Königlichen Hoheit Haus -- eines Fürsten ›mit einer Hand‹ --
das ist die überlieferte Wendung -- vor hundert Jahren geweissagt und an
das Erscheinen dieses Fürsten eine gewisse, sonderbar formulierte
Verheißung geknüpft hat.«
Der Großherzog wandte sich im Fond und blickte stumm in Herrn von
Knobelsdorffs Augen, an deren äußeren Winkeln die strahlenförmigen
Fältchen spielten.
»Sehr unterhaltend!« sagte er dann und setzte sich wieder zurecht.
»Prophezeiungen«, fuhr Herr von Knobelsdorff fort, »pflegen sich in der
Weise zu erfüllen, daß Umstände eintreten, die man, einigen guten Willen
vorausgesetzt, in ihrem Sinne deuten kann. Und gerade durch die
großzügige Fassung jeder rechten Weissagung wird das sehr erleichtert.
›Mit einer Hand‹ -- das ist guter Orakelstil. Die Wirklichkeit bringt
einen mäßigen Fall von Atrophie. Aber damit, daß sie das tut, ist viel
geschehen, denn wer hindert mich, wer hindert das Volk, die Andeutung
für das Ganze zu nehmen und den bedingenden Teil der Weissagung für
erfüllt zu erklären? Das Volk wird es tun, und zwar spätestens dann,
wenn auch das Weitere, die eigentliche Verheißung, sich irgend
bewahrheiten sollte, es wird reimen und deuten, wie es das immer getan
hat, um erfüllt zu sehen, was geschrieben steht. Ich sehe nicht klar --
der Prinz ist zweitgeboren, er wird nicht regieren, die Meinung des
Schicksals ist dunkel. Aber der einhändige Prinz ist da -- und so möge
er uns denn geben, soviel er vermag.«
Der Großherzog schwieg, im Innern durchschauert von dynastischen
Träumereien.
»Nun, Knobelsdorff, ich will Ihnen nicht böse sein. Sie wollen mich
trösten, und Sie machen Ihre Sache nicht übel. Aber man nimmt uns in
Anspruch ...«
Die Luft schwang von entferntem, vielstimmigem Hochgeschrei. Grimmburger
Publikum staute sich schwärzlich an der Station hinter dem Kordon.
Amtliche Personen standen in Erwartung der Equipagen einzeln davor. Man
bemerkte den Bürgermeister, wie er den Zylinder lüftete, sich mit dem
bedruckten Schnupftuch die Stirn trocknete und einen Zettel vor die
Augen führte, dessen Inhalt er memorierte. Johann Albrecht nahm die
Miene an, mit der er die schlichte Ansprache entgegennehmen und kurz und
gnädig beantworten würde: »Mein lieber Herr Bürgermeister ...« Das
Städtchen war beflaggt; seine Glocken läuteten.
Alle Glocken der Hauptstadt läuteten. Und abends war Freudenbeleuchtung
dort, ohne besondere Aufforderung von seiten des Magistrats, aus freien
Stücken -- große Illumination in allen Bezirken der Stadt.
Das Land
Das Land maß achttausend Quadratkilometer und zählte eine Million
Einwohner.
Ein schönes, stilles, unhastiges Land. Die Wipfel seiner Wälder
rauschten verträumt; seine Äcker dehnten und breiteten sich, treu
bestellt; sein Gewerbewesen war unentwickelt bis zur Dürftigkeit.
Es besaß Ziegeleien, es besaß ein wenig Salz- und Silberbergbau -- das
war fast alles. Man konnte allenfalls noch von einer Fremdenindustrie
reden, aber sie schwunghaft zu nennen, wäre kühn gewesen. Die
alkalischen Heilquellen, die in unmittelbarer Nähe der Hauptstadt dem
Boden entsprangen und den Mittelpunkt freundlicher Badeanlagen bildeten,
machten die Residenz zum Kurort. Aber während das Bad um den Ausgang des
Mittelalters von weither besucht gewesen war, hatte sich später sein Ruf
verloren, war von den Namen anderer übertönt und in Vergessenheit
gebracht worden. Die gehaltvollste seiner Quellen, Ditlindenquelle
genannt, ungewöhnlich reich an Lithiumsalzen, hatte man erst kürzlich,
unter der Regierung Johann Albrechts III., erschürft. Und da es an einem
nachdrücklichen und hinlänglich marktschreierischen Betriebe fehlte, war
es noch nicht gelungen, ihr Wasser in der Welt zu Ehren zu bringen. Man
versandte hunderttausend Flaschen davon im Jahr -- eher weniger als
mehr. Und nicht viele Fremde reisten herbei, um es an Ort und Stelle zu
trinken ...
Alljährlich war im Landtage von »wenig« günstigen finanziellen
Ergebnissen der Verkehrsanstalten die Rede, womit ein durchaus und
vollständig ungünstiges Ergebnis bezeichnet und festgestellt werden
sollte, daß die Lokalbahnen sich nicht rentierten und die Eisenbahnen
nichts abwarfen -- betrübende, aber unabänderliche und eingewurzelte
Tatsachen, die der Verkehrsminister in lichtvollen, aber immer
wiederkehrenden Ausführungen mit den friedlichen kommerziellen und
gewerblichen Verhältnissen des Landes sowie mit der Unzulänglichkeit der
heimischen Kohlenlager erklärte. Krittler fügten dem etwas von
mangelhaft organisierter Verwaltung der staatlichen Verkehrsanstalten
hinzu. Aber Widerspruchsgeist und Verneinung waren nicht stark im
Landtage; eine schwerfällige und treuherzige Loyalität war unter den
Volksvertretern die vorherrschende Stimmung.
Die Eisenbahnrente stand also unter den Staatseinkünften
privatwirtschaftlicher Natur keineswegs an erster Stelle; an erster
Stelle stand in diesem Wald- und Ackerlande seit alters die Forstrente.
Daß auch sie gesunken, in einem erschreckenden Maße zurückgegangen war,
das zu rechtfertigen hatte größere Schwierigkeiten, wiewohl nur zu
ausreichende Gründe dafür vorhanden waren.
Das Volk liebte seinen Wald. Es war ein blonder und gedrungener Typ mit
blauen, grübelnden Augen und breiten, ein wenig zu hoch sitzenden
Backenknochen, ein Menschenschlag, sinnig und bieder, gesund und
rückständig. Es hing an dem Wald seines Landes mit den Kräften seines
Gemütes, er lebte in seinen Liedern, er war den Künstlern, die es
hervorbrachte, Ursprung und Heimat ihrer Eingebungen, und nicht nur im
Hinblick auf Gaben des Geistes und der Seele, die er spendete, war er
füglich der Gegenstand volkstümlicher Dankbarkeit. Die Armen lasen ihr
Brennholz im Walde, er schenkte es ihnen, sie hatten es frei. Sie gingen
gebückt, sie sammelten allerlei Beeren und Pilze zwischen seinen Stämmen
und hatten ein wenig Verdienst davon. Das war nicht alles. Das Volk sah
ein, daß sein Wald auf die Witterungsbeschaffenheit und gesundheitlichen
Verhältnisse des Landes vom entscheidendsten günstigen Einfluß war; es
wußte wohl, daß ohne den prächtigen Wald in der Umgebung der Residenz
der Quellengarten dort draußen sich nie mit zahlenden Fremden füllen
würde; und kurz, dies nicht sehr betriebsame und fortgeschrittene Volk
hätte begreifen müssen, daß der Wald den wichtigsten Vorzug, den auf
jede Art ergiebigsten Stammbesitz des Landes bedeutete.
Dennoch hatte man sich am Walde versündigt, gefrevelt daran seit Jahren
und Menschenaltern. Der großherzoglichen Staatsforstverwaltung waren die
schwersten Vorwürfe nicht zu ersparen. Dieser Behörde gebrach es an der
politischen Einsicht, daß der Wald als ein unveräußerliches Gemeingut
erhalten und bewahrt werden mußte, wenn er nicht nur den gegenwärtigen,
sondern auch den kommenden Geschlechtern Nutzen gewähren sollte, und daß
es sich rächen mußte, wenn man ihn, uneingedenk der Zukunft, zugunsten
der Gegenwart maßlos und kurzsichtig ausbeutete.
Das war geschehen und geschah noch immer. Erstens hatte man große
Flächen des Waldbodens in ihrer Fruchtbarkeit erschöpft, indem man sie
beständig in übertriebener und planloser Weise ihres Streudüngers
beraubt hatte. Man war darin wiederholt so weit gegangen, daß man da und
dort nicht nur die jüngst gefallene Nadel- und Laubdecke, sondern den
größten Teil des Abfalls von Jahren teils als Streu, teils als Humus
entfernt und der Landwirtschaft überliefert hatte. Es gab viele Forsten,
die von aller Fruchterde entblößt waren; es gab solche, die infolge
Streurechens zu Krüppelbeständen entartet waren; und das war bei
Gemeindewaldungen sowohl wie bei Staatswaldungen zu beobachten.
Wenn man diese Nutzungen vorgenommen hatte, um einem augenblicklichen
Notstand der Landwirtschaft abzuhelfen, so waren sie schlecht und recht
zu entschuldigen gewesen. Aber obgleich es nicht an Stimmen fehlte, die
einen auf die Verwendung von Waldstreu gegründeten Ackerbau für
unratsam, ja gefährlich erklärten, so trieb man den Streuhandel auch
ohne besonderen Anlaß aus rein fiskalischen Gründen, wie man sagte, aus
Gründen also, die bei Lichte betrachtet nur ein Grund und Zweck waren,
der nämlich, Geld zu machen. Denn das Geld war's, woran es fehlte. Aber
um welches zu schaffen, vergriff man sich unablässig am Kapital, bis der
Tag kam, da man mit Schrecken ersah, daß eine ungeahnte Entwertung
dieses Kapitals eingetreten sei.
Man war ein Bauernvolk, und in einem verkehrten, künstlichen und
unangemessenen Eifer glaubte man zeitgemäß zu sein und rücksichtslosen
Geschäftsgeist an den Tag legen zu müssen. Ein Merkmal war die
Milchwirtschaft ... es ist hier ein Wort darüber zu sagen. Klage ward
laut, zumal in den amtsärztlichen Jahresberichten, daß ein Rückgang in
der Ernährungsweise und also in der Entwicklung der ländlichen
Bevölkerung zu beobachten sei. Wie das? Die Viehbesitzer waren versessen
darauf, alle verfügbare Vollmilch zu Gelde zu machen. Die gewerbliche
Ausbildung der Milchverwertung, die Entwicklung und Ergiebigkeit des
Molkereiwesens verlockte sie, das Bedürfnis des eigenen Haushaltes
hintanzustellen. Die kräftige Milchnahrung ward selten auf dem Lande,
und an ihre Stelle trat mehr und mehr der Genuß von gehaltarmer
Magermilch, von minderwertigen Ersatzmitteln, Pflanzenfetten und leider
auch von weingeisthaltigen Getränken. Die Krittler sprachen von einer
Unterernährung, ja geradezu von einer körperlichen und sittlichen
Entkräftung der Landbevölkerung, sie brachten die Tatsachen vor die
Kammer, und die Regierung versprach, der Sache ernste Aufmerksamkeit
zuzuwenden.
Aber es war allzu klar, daß die Regierung im Grund von demselben Geiste
beseelt war wie die irregeführten Viehbesitzer. Im Staatswalde nahmen
die Überhauungen kein Ende, sie waren nicht wieder einzubringen und
bedeuteten eine fortschreitende Minderung des öffentlichen
Besitzstandes. Sie mochten zuweilen nötig gewesen sein, wenn Schädlinge
den Wald heimgesucht hatten, aber oft genug waren sie einzig und allein
aus den angeführten fiskalischen Gründen verfügt worden, und statt die
aus den Fällungen erzielten Einnahmen zum Ankaufe neuer Forstgrundstücke
zu benutzen, statt auch nur die abgehauenen Flächen so rasch als möglich
wieder aufzuforsten, statt, mit einem Worte, den Schaden, der dem
Staatswalde an seinem Kapitalwert erwachsen war, auch an seinem
Kapitalwerte wieder gutzumachen, hatte man die flüssig gemachten Gelder
zur Deckung laufender Ausgaben und zur Einlösung von Schuldverschreibungen
verbraucht. Nun schien gewiß, daß eine Verringerung der
Staatsschuld nur zu wünschenswert sei; aber die Krittler
meinten, die Zeiten seien nicht danach angetan, daß man
außerordentliche Einkünfte zur Speisung der Tilgungskasse verwenden
dürfe.
Wer kein Interesse daran hatte, die Dinge zu beschönigen, mußte die
Staatsfinanzen zerrüttet nennen. Das Land trug sechshundert Millionen
Schulden -- es schleppte daran mit Geduld, mit Opfermut, aber
mit innerlichem Seufzen. Denn die Bürde, an sich viel zu schwer,
wurde verdreifacht durch eine Höhe des Zinsfußes und durch
Rückzahlungsbedingungen, wie sie einem Lande mit erschüttertem Kredit
vorgeschrieben werden, dessen Obligationen tief, tief im Kurse stehen und
das in der Welt der Geldgeber beinahe schon unter die »interessanten«
Länder gerechnet wird.
Die Reihe der schlechten Finanzperioden war unabsehbar. Die Ära der
Fehlbeträge schien ohne Anfang und Ende. Und eine Mißwirtschaft, an der
durch häufigen Personenwechsel nichts gebessert wurde, sah im Borgen die
alleinige Heilmethode gegen das schleichende Leiden. Noch Finanzminister
von Schröder, dessen reiner Charakter und edle Absichten nicht in
Zweifel gezogen werden sollen, erhielt vom Großherzog dafür den
persönlichen Adel, daß er unter den schwierigsten Umständen eine neue
hochverzinsliche Anleihe zu placieren gewußt hatte. Er war von Herzen
auf eine Hebung des Staatskredits bedacht; aber da er sich nicht anders
zu helfen wußte, als indem er neue Schulden machte, während er alte
tilgte, so erwies sich sein Verfahren als ein wohlgemeintes, aber
kostspieliges Blendwerk. Denn beim gleichzeitigen Aufkauf und Verkauf
von Schuldscheinen zahlte man einen höheren Preis als man erhielt, und
dabei gingen Millionen verloren.
Es war, als ob dies Volk nicht imstande sei, einen Finanzmann von irgend
zulänglicher Begabung aus seiner Mitte emporzuheben. Anstößige Praktiken
und Vertuschungsmittelchen waren zuzeiten im Schwange. In der
Aufstellung des Budgets war der ordentliche vom außerordentlichen
Staatsbedarf nicht mehr klar zu unterscheiden. Man spielte ordentliche
Posten unter die außerordentlichen und täuschte sich selbst und die Welt
über den wahren Stand der Dinge, indem man Anleihen, die vorgeblich für
außerordentliche Zwecke gemacht waren, zur Deckung des Defizits im
ordentlichen Etat verwandte ... Eine Zeitlang war tatsächlich der
Inhaber des Finanzportefeuilles ein ehemaliger Hofmarschall.
Doktor Krippenreuther, der gegen Ende der Regierung Johann
Albrechts III. ans Ruder kam, war derjenige Minister, welcher, gleich
Herrn von Schröder, von der Notwendigkeit eifriger Schuldentilgung
überzeugt, im Parlament eine letzte und äußerste Anspannung des
Steuerdruckes durchsetzte. Aber das Land, steueruntüchtig von Natur,
stand an der Grenze seiner Leistungsfähigkeit, und Krippenreuther
erntete lediglich Haß. Was er vornahm, war nichts als eine
Vermögensübertragung von einer Hand in die andere, die sich obendrein
mit Verlust vollzog; denn mit der Steuererhöhung lud man der heimischen
Volkswirtschaft eine Last auf, die schwerer und unmittelbarer drückte
als jene, die man ihr durch die Schuldentilgung abnahm ...
Wo also war Abhilfe und Heilung? Ein Wunder, schien es, sei nötig --
und, bis es geschähe, die unerbittlichste Sparsamkeit. Das Volk war
fromm und treu, es liebte seine Fürsten wie sich selbst, es war von der
Erhabenheit der monarchischen Idee durchdrungen, es sah einen
Gottesgedanken darin. Aber die wirtschaftliche Beklemmung war zu
peinlich, zu allgemein fühlbar. Zum Unbelehrtesten redeten die
abgeholzten und verkrüppelten Waldbestände eine klägliche Sprache. Und
so hatte es geschehen können, daß im Landtage wiederholt auf Abstriche
an der Zivilliste, auf Verkürzung der Apanagen und der Krondotation
gedrungen worden war.
Die Zivilliste betrug eine halbe Million, die Einkünfte aus dem der
Krone zu eigen gebliebenen Dominialbesitz beliefen sich auf
siebenhundertundfünfzigtausend Mark. Das war alles. Und der Hof war
verschuldet -- in welchem Maße, das wußte =vielleicht= Graf
Trümmerhauff, der großherzogliche Finanzdirektor, ein formvoller, aber
für geschäftliche Dinge ganz und gar unbegabter Herr. Johann Albrecht
wußte es nicht, gab sich wenigstens den Anschein, es nicht zu wissen,
und befolgte darin genau das Beispiel seiner Vorfahren, die ihre
Schulden selten einer mehr als flüchtigen Aufmerksamkeit gewürdigt
hatten.
Der ehrfürchtigen Gesinnung des Volkes entsprach ein außerordentliches
Hoheitsgefühl seiner Fürsten, das zuweilen schwärmerische, ja überreizte
Formen angenommen und sich am sichtbarsten und -- bedenklichsten zu
allen Zeiten als ein Hang zum Aufwand und zur rücksichtslosen, die
Hoheit sinnfällig darstellenden Prunkentfaltung geäußert hatte. Ein
Grimmburger hatte ausdrücklich den Beinamen des »Üppigen« geführt --
verdient hätten ihn fast alle. Und so war die Verschuldung des Hauses
eine geschichtliche und altüberlieferte Verschuldung, die in jene Zeiten
zurückwies, wo noch alle Anleihen Privatangelegenheiten der Souveräne
gewesen waren, und wo Johann der Gewalttätige, um ein Darlehen zu
erhalten, die Freiheit angesehener Untertanen verpfändet hatte.
Das war vorbei; und Johann Albrecht III., seinen Trieben nach ein
echtgeborener Grimmburger, war schlechterdings nicht mehr in der Lage,
diesen Trieben freien Lauf zu lassen. Seine Väter hatten mit dem
Familienvermögen gründlich aufgeräumt, es war gleich Null oder glich
nicht viel mehr, es war für den Bau von Lustschlössern, mit
französischen Namen und Marmorkolonnaden, für Parks mit Wasserkünsten,
für pomphafte Oper und jederlei goldene Schaustellung aufgegangen. Man
mußte rechnen, und sehr gegen die Neigung des Großherzogs, ja ohne sein
Zutun, war die Hofhaltung allmählich auf kleineren Fuß gesetzt worden.
Über die Lebensführung der Prinzessin Katharina, der Schwester des
Großherzogs, sprach man in der Residenz in gerührtem Tone. Sie war mit
einem Kognaten des im Nachbarlande regierenden Hauses vermählt gewesen,
war, verwitwet, in die Hauptstadt ihres Bruders zurückgekehrt und
bewohnte mit ihren rotköpfigen Kindern das ehemalige erbgroßherzogliche
Palais an der Albrechtsstraße, vor dessen Portal den ganzen Tag mit
Kugelstab und Bandelier ein riesiger Türhüter in prahlerischer Haltung
stand und in dessen Innerem es so außerordentlich gemäßigt zuging ...
Prinz Lambert, des Großherzogs Bruder, kam wenig in Betracht. Er lag mit
seinen Geschwistern, die ihm seine Mißheirat nicht verziehen, in
Unfrieden und ging kaum zu Hofe. Mit seiner Gemahlin, die ehemals ihre
Pas auf der Bühne des Hoftheaters vollführt hatte und, nach dem Namen
eines Gutes, das der Prinz besaß, den Titel einer Freifrau von Rohrdorf
führte, lebte er in seiner Villa am Stadtgarten, und dem hageren
Sportsmann und Theaterhabitué standen seine Schulden zu Gesichte. Er
hatte sich seines Hoheitsscheines begeben, trat ganz als Privatmann auf,
und wenn sein Hauswesen im Rufe einer liederlichen Dürftigkeit stand, so
erregte das nicht viel Teilnahme.
Aber im Alten Schlosse selbst hatten Veränderungen stattgefunden,
Einschränkungen, die in Stadt und Land besprochen wurden, und zwar
zumeist in einem ergriffenen und schmerzlichen Sinne, denn im Grunde
wünschte das Volk, sich stolz und herrlich dargestellt zu sehen. Man
hatte um der Ersparnis willen verschiedene Oberhofämter in eines
zusammengezogen, und seit mehreren Jahren war Herr von Bühl zu Bühl
Oberhofmarschall, Oberzeremonienmeister und Hausmarschall in einer
Person. Man hatte weitgehende Entlassungen im Offizendienst und der
Hoflivree, unter den Furieren, Büchsenspannern und Bereitern, den
Hofköchen und Konfektmeistern, den Kammer- und Hoflakaien vorgenommen.
Man hatte den Bestand des Marstalles auf das Notwendigste herabgesetzt
... Was verschlug das? Des Großherzogs Geldverachtung empörte sich gegen
den Zwang in plötzlichen Ausbrüchen, und während die Bewirtung bei den
Hoffestlichkeiten die äußerste Grenze erlaubter Einfachheit erreichte,
während zum Souper am Schlusse der Donnerstagkonzerte im Marmorsaal ohne
Abwechslung nichts als Roastbeef in Remouladensoße und Gefrorenes auf
den roten Sammetdecken der goldbeinigen Tischchen serviert wurde,
während an des Großherzogs eigener von Wachskerzen strotzender Tafel
alltäglich gespeist wurde wie in einer mittleren Beamtenfamilie, warf er
trotzig die Einkunft eines Jahres für die Wiederherstellung der
Grimmburg hin.
Aber unterdessen verfielen seine übrigen Schlösser. Herrn von Bühl
standen einfach nicht die Mittel zur Verfügung, ihre Verwahrlosung zu
verhindern. Und doch war es schade um manche davon. Die, welche in der
weiteren Umgebung der Residenz und draußen im Lande gelegen waren, diese
zierlich üppigen, in Naturschönheit eingebetteten Refugien, deren
kokette Namen auf Ruhe, Einsamkeit, Vergnügen, Zeitvertreib und
Sorglosigkeit hindeuteten oder eine Blume, ein Kleinod bezeichneten,
bildeten Ausflugsorte für die Residenzler und die Fremden und warfen an
Eintrittsgeldern dies und jenes ab, was zuweilen -- nicht immer -- für
ihre Instandhaltung benutzt wurde. Bei denen jedoch, die in
unmittelbarer Nähe der Hauptstadt lagen, war das kaum der Fall. Da war
das Empire-Schlößchen Eremitage, das am Rande der nördlichen Vorstadt so
verschwiegen und anmutig-streng, aber längst unbewohnt und
vernachlässigt inmitten seines wuchernden Parkes, der in den Stadtgarten
überging, zu seinem kleinen, von Schlamm starrenden Teich
hinüberblickte. Da war Schloß Delphinenort, welches nur eine
Viertelstunde Weges von dort, im nördlichen Teile des Stadtgartens
selbst, der ehemals ganz der Krone gehört hatte, seine Ungepflegtheit in
einem ungeheuren, viereckigen Springbrunnenbecken spiegelte: mit beiden
stand es bejammernswert. Daß namentlich Delphinenort, dieses erlauchte
Bauwerk, Frühbarock im Geschmack, mit dem vornehmen Säulenaufbau seines
Portals, seinen hohen, in kleine, weiß gerahmte Scheiben geteilten
Fenstern, seinen gemetzten Laubgewinden, seinen römischen Büsten in den
Nischen, seinem splendiden Treppenaufgang, seiner ganzen gehaltenen
Pracht auf immer, wie es schien, dem Verfall überlassen bleiben sollte,
war der Schmerz aller Liebhaber baukünstlerischer Schönheit, und als es
eines Tages infolge unvorhergesehener, ja abenteuerlicher Umstände
wieder zu Ehren und Jugend gelangte, erweckte das in diesen Kreisen
jedenfalls allgemeine Genugtuung ... Übrigens war von Delphinenort in
fünfzehn oder zwanzig Minuten der Quellengarten zu erreichen, der ein
wenig nordwestlich zur Stadt gelegen und mit ihrem Zentrum durch eine
direkte Trambahnlinie verbunden war.
In der Benutzung der großherzoglichen Familie standen allein Schloß
Hollerbrunn, die Sommerresidenz, ein Trakt von weißen Gebäuden mit
chinesischen Dächern, jenseits der Hügelkette, welche die Hauptstadt
umringte, kühl und angenehm am Flusse gelegen und berühmt durch die
Fliederhecken seines Parks; ferner Schloß Jägerpreis, das völlig in Efeu
gehüllte Jagdhaus inmitten der westlichen Waldungen; und endlich das
Stadtschloß selbst, das »Alte« genannt, obgleich es durchaus kein neues
gab.
Es hieß so, ohne Vergleich, nur eben um seines Alters willen, und die
Krittler fanden, daß seine Auffrischung dringlicher gewesen wäre als die
der Grimmburg. Verblichenheit und Zerschlissenheit herrschte bis in die
Räume hinein, die unmittelbar der Repräsentation und der hohen Familie
zum Aufenthalt dienten, zu schweigen von den vielen unbewohnten und
unbenutzten, die in den ältesten Gegenden des vielfältigen Gebäudes
lagen, und in denen es nichts als Erblindung und Fliegenschmutz gab.
Seit einiger Zeit war dem Publikum der Zutritt versagt -- eine Maßnahme,
die offenbar in Hinsicht auf den anstößigen Zustand des Schlosses
getroffen war. Aber Leute, die Einblick hatten, Lieferanten und
Personal, gaben an, daß aus mehr als einem stolzen und steifen
Möbelstück das Seegras hervorgucke.
Das Schloß bildete zusammen mit der Hofkirche einen grauen,
unregelmäßigen und unübersichtlichen Komplex mit Türmen, Galerien und
Torwegen, halb Festung, halb Prunkgebäude. Verschiedene Zeitalter hatten
an seiner Ausgestaltung gearbeitet, und große Partien waren baufällig,
verwittert, schadhaft, zum Bröckeln geneigt. Es fiel steil ab zum
westlichen, tiefer gelegenen Stadtteil, zugänglich von dort auf
brüchigen, von rostigen Eisenstangen zusammengehaltenen Stufen. Aber dem
Albrechtsplatz war das gewaltige, von kauernden Löwen bewachte
Hauptportal zugewandt, zu dessen Häupten ein frommes, trotziges Wort:
»_Turris fortissima nomen Domini_«, halb nur noch leserlich,
eingemeißelt stand. Hier war Wache und Schilderhaus, Ablösung, Trommeln,
Parade und Auflauf von Gassenbuben ...
Das Alte Schloß besaß drei Höfe, in deren Ecken sich schöne Treppentürme
erhoben und zwischen deren Basaltfliesen übrigens meistens allzuviel
Unkraut sproß. Aber inmitten des einen Hofes stand der Rosenstock --
stand dort von jeher in einem Beet, obgleich sonst keine gärtnerischen
Anlagen vorhanden waren. Es war ein Rosenstock wie andere mehr, ein
Kastellan wartete ihn, er ruhte im Schnee, er empfing Regen und
Sonnenschein, und kam die Zeit, so trieb er Rosen. Es waren
außerordentlich herrliche Rosen, edelgeformt, mit dunkelrotsamtenen
Blättern, eine Lust zu sehen und wahre Kunstwerke der Natur. Aber diese
Rosen besaßen eine seltsame und schauerliche Eigentümlichkeit: sie
dufteten nicht! Sie dufteten dennoch, aber aus unbekannten Gründen war
es nicht Rosenduft, was sie ausströmten, sondern Moderduft -- ein
leiser, aber vollkommen deutlicher Duft nach Moder. Jedermann wußte das,
es stand im Reiseführer, und die Fremden kamen in den Schloßhof, um sich
mit eigener Nase davon zu überzeugen. Auch ging ein populäres Gerede, da
oder dort stehe geschrieben, daß irgendwann einmal, an einem Tage der
Freude und der öffentlichen Glückseligkeit, die Blüten des Rosenstockes
auf die natürlichste und lieblichste Art zu duften beginnen würden.
Übrigens war es begreiflich und unvermeidlich, daß die Einbildungskraft
des Volkes durch den sonderbaren Rosenstock gereizt wurde. Sie wurde es
auf ähnliche Art durch die »Eulenkammer« im Alten Schlosse, die eine
Polterkammer sein sollte. Sie lag an gänzlich unverfänglicher Stelle,
nicht weit von den »Schönen Zimmern« und dem »Rittersaal«, wo die Herren
des Hofes sich zur großen Cour zu versammeln pflegten, und also in einem
vergleichsweise neuen Teil des Gebäudes. Aber es sollte nicht geheuer
dort sein, und zwar insofern, als zuweilen ein Rumoren und Lärmen darin
entstand, das außerhalb des Gemaches nicht zu vernehmen und dessen
Ursprung unerfindlich war. Man schwor, daß es spukhafter Herkunft sei,
und viele behaupteten, daß es sich vornehmlich vor wichtigen und
entscheidenden Ereignissen in der großherzoglichen Familie bemerkbar
mache -- ein ziemlich unbewiesenes Gemunkel, das selbstverständlich
nicht ernster zu nehmen war als andere volkstümliche Erzeugnisse einer
historischen und dynastischen Stimmung, wie zum Beispiel eine gewisse
dunkle Prophezeiung, die über hundert Jahre hinweg überliefert worden
war, und die in diesem Zusammenhange Erwähnung finden mag. Sie war von
einer alten Zigeunerin ausgegangen und lautete dahin, daß durch einen
Fürsten »mit einer Hand« dem Lande das größte Glück zuteil werden werde.
»Er wird«, hatte dies zottige Weib gesagt, »dem Land mit einer Hand mehr
geben, als andere mit zweien nicht vermöchten.« -- So stand der
Ausspruch aufgezeichnet, und so wurde er gelegentlich angeführt.
Aber um das Alte Schloß lag die Residenz, bestehend aus Altstadt und
Neustadt, mit ihren öffentlichen Gebäuden, Monumenten, Brunnen und
Anlagen, ihren Straßen und Plätzen, welche die Namen von Fürsten,
Künstlern, verdienten Staatsmännern und ausgezeichneten Bürgern trugen,
in zwei sehr ungleiche Hälften geteilt durch den mehrfach überbrückten
Fluß, der in großer Schleife das südliche Ende des Stadtgartens umging
und sich zwischen den umringenden Hügeln verlor ... Die Stadt war
Universität, sie besaß eine Hochschule, die nicht sehr besucht war, und
an der ein beschauliches und ein wenig altmodisches Gelehrtentum
herrschte; einzig der Professor für Mathematik, Geheimrat Klinghammer,
genoß in der Welt der Wissenschaft bedeutenden Ruf ... Das Hoftheater,
wiewohl kärglich dotiert, hielt sich auf anständiger Höhe der Leistung
... Es gab ein wenig musikalisches, literarisches und künstlerisches
Leben ... Einiger Zuzug von Fremden fand statt, die an der gemessenen
Lebensführung, den geistigen Darbietungen der Residenz teilzunehmen
wünschten, begüterte Kranke darunter, die dauernd die Villen in der
Umgebung des Quellengartens bewohnten und als fähige Steuerzahler von
Staat und Gemeinde in Ehre gehalten wurden ...
Das war die Stadt; das war das Land. Das war die Lage.
Der Schuster Hinnerke
Des Großherzogs zweiter Sohn trat öffentlich zum ersten Male hervor,
als er getauft wurde. Diese Feierlichkeit erregte im Lande die ganze
Teilnahme, die man allen Geschehnissen innerhalb der hohen Familie
entgegenzubringen pflegte. Sie fand statt, nachdem man mehrere
Wochen lang über die Art ihrer Anordnung hin und her gesprochen
und gelesen hatte, ward abgehalten in der Hofkirche durch den
Oberkirchenratspräsidenten D. Wislizenus, mit aller Umständlichkeit und
öffentlich insofern, als das Oberhofmarschallamt Einladungen dazu auf
höchsten Befehl in alle Gesellschaftsklassen hatte ergehen lassen.
Herr von Bühl zu Bühl, ein höfischer Ritualist von höchster Umsicht und
Akribie, überwachte in großer Uniform und mit Hilfe von zwei
Zeremonienmeistern den ganzen verwickelten Vorgang: die Versammlung der
fürstlichen Gäste in den Schönen Zimmern, den feierlichen Zug, in
welchem sie sich, geführt von Pagen und Kammerherren, über die Treppe
Heinrichs des Üppigen und durch einen gedeckten Gang in die Kirche
begaben, den Zutritt des Publikums bis zu demjenigen der höchsten
Herrschaften, die Verteilung der Plätze, die Wahrung aller äußeren
Gebräuche während der religiösen Handlung selbst, die Reihenfolge und
Rangordnung bei der Gratulation, die sich unmittelbar an den vollendeten
Gottesdienst schloß ... Er atmete abgerissen, schwänzelte, hob seinen
Stab, lächelte leidenschaftlich und verbeugte sich, indem er rückwärts
ging.
Die Hofkirche war mit Pflanzen und Draperien ausgestattet. Neben den
Vertretern des Hof- und Landadels und des hohen und niederen Beamtentums
füllten Handeltreibende, Landleute und schlichte Handwerker erhobenen
Herzens das Gestühl. Aber vorn am Altar saßen im Halbkreise auf
rotsamtenen Armstühlen die Anverwandten des Täuflings, fremde Hoheiten
als Paten und betraute Vertreter solcher, die selbst nicht gekommen
waren. Vor sechs Jahren, bei des Erbgroßherzogs Taufe, war die
Versammlung nicht glänzender gewesen. Denn bei Albrechts Zartheit, bei
des Großherzogs vorgerückten Jahren, bei dem Mangel an Grimmburger
Agnaten galt die Person des zweitgeborenen Prinzen sogleich als wichtige
Gewähr für die Zukunft der Dynastie ... Der kleine Albrecht nahm an der
Feier nicht teil; mit einer Unpäßlichkeit lag er im Bette, die nach
Generalarzt Eschrichs Erklärung nervöser Natur war.
D. Wislizenus predigte über ein Schriftwort, das der Großherzog selbst
bestimmt hatte. Der »Eilbote«, ein schwatzhaft abgefaßtes
hauptstädtisches Journal, hatte genau zu berichten gewußt, wie der
Großherzog sich eines Tages ganz persönlich aus dem selten betretenen
Büchersaal die enorme, mit Metallspangen verschlossene Hausbibel geholt,
sich damit in seinem Kabinett eingeschlossen, wohl eine Stunde darin
gesucht, schließlich das erwählte Wort mit seinem Taschenbleistift auf
ein Blatt Papier exzerpiert, es »Johann Albrecht« unterzeichnet und dem
Hofprediger übersandt habe. D. Wislizenus behandelte es motivisch und
sozusagen auf musikalische Art. Er wandte es hin und her, wies es in
verschiedener Beleuchtung auf und erschöpfte es in allen Beziehungen; er
ließ es mit säuselnder Stimme und mit der ganzen Kraft seiner Brust
ertönen, und während es zu Beginn seiner Kunstleistung, leise und
sinnend ausgesprochen, nur ein dünnes, fast körperloses Thema gewesen
war, erschien es am Schluß, als er es der Menge zum letztenmal
vorführte, reich instrumentiert, voll ausgedeutet und tief belebt. Dann
ging er zum eigentlichen Taufakt über, und er nahm ihn ausführlich vor,
sichtbar für alle und unter Betonung jeder Einzelheit.
An diesem Tage also repräsentierte der Prinz zum erstenmal, und daß er
im Vordergrunde der Handlung stand, fand Ausdruck schon darin, daß er
zuletzt und in Abstand von aller Welt auf dem Schauplatze eintraf.
Langsam erschien er, unter Vorantritt des Herrn von Bühl, auf den Armen
der Oberhofmeisterin Freifrau von Schulenburg-Tressen, und aller Augen
waren auf ihn gerichtet. Er schlief, in seinen Spitzen, seinen Schleifen
und seiner weißen Seide. Das eine seiner Händchen war zufällig verdeckt.
Er erfreute, rührte und gefiel ungemein. Mittelpunkt des Ganzen und
Gegenstand jeder Aufmerksamkeit, verhielt er sich ruhig, persönlich
anspruchslos und naturgemäß noch völlig duldend. Sein Verdienst war, daß
er nicht störte, nicht eingriff, nicht widerstand, sondern, zweifellos
aus eingeborener Vertrautheit, sich still der Form überließ, die um ihn
waltete, ihn trug, ihn heute noch jeder eigenen Anspannung überhob ...
Häufig, an bestimmten Punkten der Zeremonie, wechselten die Arme, in
denen er ruhte. Freifrau von Schulenburg überreichte ihn mit Verneigung
seiner Tante Katharina, die mit strengem Gesichtsausdruck ein neuerlich
umgearbeitetes lila gefärbtes Seidenkleid trug und mit Kronjuwelen
frisiert war. Sie legte ihn, als der Augenblick kam, feierlich in die
Arme Dorotheas, seiner Mutter, die ihn, hoch und schön, mit einem
Lächeln ihres stolzen und lieblichen Mundes, eine gemessene Weile den
Segnungen darbot und ihn dann weitergab. Ein paar Minuten lang hielt ihn
eine Cousine, ein elf- oder zwölfjähriges Kind mit blonder Lockenfrisur,
stockdünnen Beinchen, bloßen, fröstelnden Ärmchen und einer breiten
rotseidenen Schärpe, die hinten in kolossaler Schleife von ihrem weißen
Kleidchen abstand. Ihr spitzes Gesichtchen war ängstlich dem
Zeremonienmeister zugewandt ...
Vorübergehend erwachte der Prinz; aber die flimmernden Flämmchen der
Altarkerzen und eine farbige Säule durchsonnten Staubes blendeten ihn,
so daß er die Augen wieder schloß. Und da keine Gedanken, sondern nur
sanfte, gegenstandslose Träume in seinem Kopfe waren, da er auch im
Augenblick keinerlei Schmerz empfand, so schlief er sofort wieder ein.
Er erhielt eine Menge Namen, während er schlief; aber die Hauptnamen
waren: Klaus Heinrich.
Und er schlief in seinem Bettchen mit Goldleisten und blauseidener
Gardine noch fort, während ihm zu Ehren im Marmorsaale Familientafel und
im Rittersaale Tafel für die übrigen Taufgäste stattfand.
Die Zeitungen besprachen sein erstes Auftreten; sie schilderten sein
Äußeres und seine Toilette, sie stellten fest, daß er sich wahrhaft
prinzlich benommen habe, und kleideten die rührende und erhebende
Wirkung in Worte, die seine Erscheinung ausgeübt hatte. Dann hörte die
Öffentlichkeit längere Zeit wenig von ihm und er nichts von ihr.
Er wußte noch nichts, begriff noch nichts, nichts ahnte ihm von der
Schwierigkeit, Gefährlichkeit und Strenge des Lebens, das ihm
vorgeschrieben war; seine Lebensäußerungen ließen nicht die Vermutung
zu, daß er sich in irgendeinem Gegensatz zur großen Menge fühle. Sein
kleines Dasein war ein verantwortungsloser, von außen sorgfältig
geleiteter Traum, der sich auf einem schwer übersichtlichen Schauplatze
abspielte; und dieser Schauplatz war von überaus zahlreichen und
farbigen Erscheinungen, statierenden und agierenden, bevölkert, flüchtig
auftauchenden und solchen, die beharrten.
Unter den beharrenden waren die Eltern fern, recht fern und nicht
vollkommen deutlich. Sie waren seine Eltern, das war gewiß, und sie
waren erhaben und freundlich. Nahten sie sich, so war der Eindruck
dieser, als ob alles übrige nach beiden Seiten zurückwiche und eine
Gasse der Ehrfurcht bildete, durch die sie zu ihm schritten, um ihm
einen Augenblick Zärtlichkeit zu erweisen ... Am nächsten und
deutlichsten waren zwei Frauen mit weißen Hauben und Schürzen, zwei
vollkommen gute, reine und liebevolle Wesen augenscheinlich, die seinen
kleinen Leib auf jede Art pflegten und sich sehr um sein Weinen
kümmerten ... Ein naher Teilnehmer am Leben war auch Albrecht, sein
Bruder; aber er war ernst, ablehnend und weit vorgeschritten.
Als Klaus Heinrich zwei Jahre alt war, fand nochmals Geburt auf
Grimmburg statt, und eine Prinzessin kam zur Welt. Sechsunddreißig
Schüsse wurden ihr zugemessen, weil sie weiblichen Geschlechts war, und
in der Taufe ward sie Ditlinde genannt. Das war Klaus Heinrichs
Schwester, und daß sie erschien, war ein Glück für ihn. Sie war anfangs
befremdend klein und verletzlich, aber bald ward sie ihm gleich, holte
ihn ein und war bei ihm den ganzen Tag. Mit ihr lebte er, mit ihr
schaute, erfuhr, begriff er, im Zwiegefühl mit ihr empfing er die
gemeinsame Welt.
Es war eine Welt, es waren Erfahrungen, danach angetan, nachdenklich zu
stimmen. Wo sie im Winter wohnten, war das Alte Schloß. Wo sie im Sommer
wohnten, am Fluß, in der Kühle, im Duft der violetten Hecken, zwischen
denen weiße Statuen standen, war Hollerbrunn, die Sommerresidenz. Auf
dem Wege dorthin, oder wenn sonst Papa oder Mama sie mit sich in einen
der braun lackierten Wagen mit der kleinen goldenen Krone am Schlage
nahmen, standen die übrigen Menschen, riefen und grüßten; denn Papa war
Fürst und Herr über das Land, und folglich waren sie selbst ein Prinz
und eine Prinzessin -- bestätigtermaßen durchaus in demselben Sinne, in
welchem die Prinzen und Prinzessinnen in den französischen Märchen es
waren, die Madame aus der Schweiz ihnen vorlas. Dies war des Verweilens
wert und ohne Frage ein Sonderfall. Wenn andere Kinder die Märchen
hörten, so blickten sie auf die Prinzen, von denen sie handelten,
notwendig aus großem Abstand und wie auf festliche Wesen, deren Rang
eine Verherrlichung der Wirklichkeit war, und mit denen sich zu
beschäftigen ihnen zweifellos eine Verschönerung der Gedanken und
Erhebung über den Wochentag bedeutete. Aber Klaus Heinrich und Ditlind
blickten auf jene Gestalten als auf ihresgleichen und in gelassener
Ebenbürtigkeit, sie atmeten dieselbe Luft wie sie, sie wohnten in einem
Schlosse gleich ihnen, sie standen mit ihnen auf brüderlichem Fuße und
erhoben sich nicht über das Wirkliche, wenn sie lauschend eins mit ihnen
wurden. Lebten sie also beständig und immerdar auf jener Höhe, zu
welcher andere nur aufstiegen, wenn sie Märchen hörten? Madame aus der
Schweiz hätte es ihrem ganzen Verhalten gemäß nicht leugnen können, wenn
die Frage in Worte zu bringen gewesen wäre.
Madame aus der Schweiz war eine calvinistische Pfarrerswitwe, die für
sie beide da war, während jedes von ihnen zwei besondere Kammerfrauen
hatte. Madame war ganz schwarz und weiß: ihr Häubchen war weiß und
schwarz ihr Kleid, weiß war ihr Antlitz mit der ebenfalls weißen Warze
auf einer Wange und schwarzweiß gemischt ihr metallisch glattes Haar.
Sie war sehr genau und leicht zu entsetzen. Sie blickte zu Gott empor
und schlug ihre weißen Hände zusammen bei Dingen, die ohne Gefahr und
dennoch unzulässig waren. Aber ihr stillstes und schwerstes Zuchtmittel
für ernste Fälle war dies, daß sie die Kinder »traurig ansah« ... man
hatte sich vergessen. Von einem bestimmten Tage an begann sie, auf eine
Weisung hin, Klaus Heinrich und Ditlind »Großherzogliche Hoheit« zu
nennen und war nun noch leichter entsetzt ...
Jedoch Albrecht hieß »Königliche Hoheit«. -- Tante Katharinens Kinder
gehörten nicht zum Mannesstamm der Familie, wie sich erwies, und waren
also von minderer Bedeutung. Aber Albrecht war Erbgroßherzog und
Thronfolger, womit nicht schlecht übereinstimmte, daß er so blaß und
abweisend schien und viel im Bette lag. Er trug österreichische Joppen
mit Klappentaschen und Rückenzug. Er hatte einen nach hinten ausladenden
Schädel mit schmalen Schläfen und ein längliches kluges Gesicht. Sehr
klein noch hatte er eine schwere Krankheit zu bestehen gehabt,
gelegentlich welcher, nach Generalarzt Eschrichs Behauptung, sein Herz
vorübergehend »auf die rechte Seite gewandert« war. Auf jeden Fall hatte
er den Tod von Angesicht zu Angesicht gesehen, und das mochte die scheue
Würde, die ihm eigen war, wohl sehr verstärkt haben. Er schien von
äußerster Zurückhaltung, kalt aus Befangenheit und stolz aus Mangel an
Anmut. Er lispelte ein wenig und errötete dann darüber, da er sich
scharf in Obacht hielt. Seine Schulterblätter waren ein wenig
ungleichmäßig gestellt. Sein eines Auge war mit einer Schwäche behaftet,
und so bediente er sich beim Anfertigen seiner Aufgaben einer Brille,
die dazu beitrug, ihn alt und klug zu machen ... Unverbrüchlich hielt
sich an Albrechts linker Seite sein Erzieher, der Doktor Veit, ein Mann
mit hängendem, lehmfarbenem Schnurrbart, hohlen Wangen und blassen,
unnatürlich erweiterten Augen. Zu jeder Stunde war Doktor Veit in
Schwarz gekleidet, indem er ein Buch, zwischen dessen Blättern sein
Zeigefinger steckte, an seinem Oberschenkel herniederhängen ließ.
Klaus Heinrich fühlte sich von Albrecht gering geschätzt, und er sah
ein, daß es nicht nur wegen seiner Rückständigkeit an Jahren so war. Er
selbst war weichmütig und zu Tränen geneigt, das war seine Natur. Er
weinte, wenn man ihn »traurig ansah«, und als er sich an einer Ecke des
großen Spieltisches die Stirn stieß, daß es blutete, klagte er laut aus
Mitleid mit seiner Stirn. Aber Albrecht hatte den Tod gesehen und weinte
doch unter keiner Bedingung. Er schob ein wenig seine kurze, gerundete
Unterlippe empor, indem er leicht damit an der oberen sog -- das war
alles. Er war vornehm. Madame aus der Schweiz wies in Fragen des _comme
il faut_ ausdrücklich auf ihn als Muster hin. Nie hätte er sich mit den
prächtigen aufgeschirrten Zierleuten, die zum Schlosse gehörten und
nicht eigentlich Männer und Menschen, sondern Lakaien waren, in ein
Gespräch eingelassen, wie Klaus Heinrich es damals in unbewachten
Augenblicken zuweilen tat. Denn Albrecht war nicht neugierig. Seine
Augen blickten einsam und ohne Verlangen, die Welt zu sich einzulassen.
Klaus Heinrich dagegen plauderte mit den Lakaien aus diesem Verlangen
und aus einem drängenden, wenn auch vielleicht gefährlichen und
ungehörigen Wunsche, sein Herz berühren zu lassen von dem, was etwa
jenseits der Grenzen war. Aber die Lakaien, die alten und jungen, an den
Türen, auf den Korridoren und in den Durchgangszimmern, mit ihren
sandfarbenen Gamaschen und braunen Fräcken, auf deren rötlich-goldenen
Tressen sich viele Male die kleine Krone vom Wagenschlag wiederholte --
sie machten die Knie fest, wenn Klaus Heinrich mit ihnen plauderte,
legten die großen Hände an die Nähte ihrer dicken Sammethosen, ließen
sich dabei ein wenig zu ihm herab, daß die Fangschnüre ihnen von den
Schultern baumelten, und gaben leere, geziemende Antworten, an denen die
Anrede »Großherzogliche Hoheit« das Gewichtigste war, und zu denen sie
lächelten, mit einem mitleidig behutsamen Ausdruck, als wollten sie
sagen: »Du Reiner, du Feiner!« ... Zuweilen, wenn es sich möglich
machte, unternahm Klaus Heinrich Forschungszüge in unbewohnte Gegenden
des Schlosses, mit Ditlind, seiner Schwester, als sie groß genug war.
Damals hatte er Unterricht bei Schulrat Dröge, Rektor der städtischen
Schulen, der zu seinem ersten Lehrer bestellt war. Schulrat Dröge war
sachlich von Natur. Sein Zeigefinger, faltig von trockener Haut und
geschmückt mit einem goldenen Siegelring ohne Stein, verfolgte die
gedruckten Zeilen, wenn Klaus Heinrich las, und rückte nicht eher von
der Stelle, als bis das Wort gelesen war. Er kam in Gehrock und weißer
Weste, das Band eines untergeordneten Ordens im Knopfloch, und in
breiten, blankgewichsten Stiefeln, deren Schäfte naturfarben waren. Er
trug einen ergrauten, kegelförmigen Bart, und aus seinen großen und
flachen Ohren wuchs graues Gestrüpp. Sein braunes Haar war in Form von
aufwärtsstrebenden Spitzen in die Schläfen gebürstet und scharf
gescheitelt, so daß man deutlich die gelbliche, trockene Kopfhaut sah,
die porös war wie Stramin. Aber hinten und an den Seiten kam unter dem
festen braunen Haar dünnes, graues hervor. Er neigte den Kopf ein wenig
gegen den Lakaien, der ihm die Tür zu dem großen, getäfelten Schulzimmer
öffnete, wo Klaus Heinrich ihn erwartete. Jedoch gegen Klaus Heinrich
verbeugte er sich, nicht im Hereinkommen und obenhin, sondern
ausdrücklich und mit Überlegung, indem er vor ihn hintrat und wartete,
daß sein erlauchter Schüler ihm die Hand reichte. Das tat Klaus
Heinrich, und daß er es beide Male, bei der Begrüßung sowohl wie beim
Abschied, in hübscher, gewinnender und gerundeter Weise tat, so, wie er
gesehen hatte, daß sein Vater den Herren die Hand reichte, die darauf
warteten, das schien ihm wichtiger und wesentlicher als aller
Unterricht, der dazwischen lag.
Als Schulrat Dröge unzähligemal gekommen und gegangen war, hatte Klaus
Heinrich unvermerkt allerlei Anwendbares gelernt, fand sich wider
Erwarten und Absicht zu Hause in den Fächern des Lesens, Schreibens und
Rechnens und wußte auf Verlangen die Ortschaften des Großherzogtums
ziemlich lückenlos aufzuzählen. Aber es war wie erwähnt nicht eigentlich
dies, was ihm nötig und wesentlich schien. Zuweilen, wenn er beim
Unterricht unachtsam war, ermahnte der Schulrat ihn mit dem Hinweis auf
seinen hohen Beruf. »Ihr hoher Beruf verpflichtet Sie ...« sagte er,
oder: »Sie schulden es Ihrem hohen Beruf ...« Was war sein Beruf, und
worin bestand die Höhe desselben? Warum lächelten die Lakaien »Du
Reiner, du Feiner«, und warum war Madame so heftig entsetzt, wenn er
sich in Rede und Tun nur ein wenig fahren ließ? Er blickte um sich in
seinem Gesichtskreis, und zuweilen, wenn er fest und lange hinsah und
seinen Blick in das innere Wesen der Erscheinungen einzudringen zwang,
fühlte er eine Ahnung von dem »Eigentlichen« in sich aufsteigen, um das
es sich für ihn handelte.
Er stand in einem Saal, der zu den Schönen Zimmern gehörte, dem
Silbersaal, worin, wie er wußte, sein Vater, der Großherzog, feierliche
Gruppenempfänge vornahm -- er war gelegentlich allein in den leeren Raum
getreten und sah ihn sich an.
Es war Winter und kalt, seine kleinen Schuhe spiegelten sich in dem
glasig hellen, durch gelbliche Einlagen in große Vierecke geteilten
Parkett, das sich wie eine Eisfläche vor ihm ausbreitete. Die Decke, mit
versilbertem Arabeskenwerk überzogen, war so hoch, daß eine lange, lange
Metallstange nötig war, um den vielarmigen, dicht mit hohen weißen
Kerzen besteckten silbernen Kronleuchter in der Mitte der ganzen Weite
schweben zu lassen. Silbern gerahmte Felder mit blassen Malereien zogen
sich unterhalb der Decke hin. Die Wände, von silbernen Leisten
eingefaßt, waren mit weißer, hier und da gelbfleckiger und eingerissener
Seide bekleidet. Eine Art monumentalen Baldachins, auf zwei starken
silbernen Säulen ruhend und vorn mit einer zweimal gerafften
Silbergirlande geschmückt, von dessen Höhe das Bildnis einer toten,
gepuderten Vorfahrin inmitten einer nachgeahmten Hermelindraperie
herniederblickte, gliederte den Kaminraum vom Ganzen ab. Breite
versilberte, mit weißer, verschlissener Seide bespannte Armstühle
umgaben dort hinten die kalte Feuerstelle. An den Seitenwänden, einander
gegenüber, ragten enorme, silbern gerahmte Spiegel empor, deren Glas
blinde Flecken zeigte, und auf deren breiten weißen Marmorkonsolen
Armleuchter standen, je rechts zwei und links zwei, die niedrigen vor
den höhern, mit langen weißen Kerzen besteckt wie die Wandleuchter
ringsumher, wie die vier silbernen Schaftkandelaber in den Ecken. Vor
den hohen Fenstern zur Rechten, die auf den Albrechtsplatz blickten, und
auf deren äußeren Bänken Kissen von Schnee lagen, fielen weißseidene
Vorhänge, gelbfleckig, mit silbernen Schnüren gerafft und mit Spitzen
unterlegt, schwer und reichlich auf das Parkett hinab. In der Mitte des
Raums, unter dem Kronleuchter, stand ein Tisch von mäßiger Größe, dessen
Untersatz wie ein knorriger silberner Baumstumpf war, und dessen
achteckige Platte aus milchiger Perlmutter bestand -- stand unnütz und
ohne Stühle dort, bestimmt und geeignet höchstens dazu, dir als Halt und
Stützpunkt zu dienen, wenn die Lakaien die Flügeltür öffneten und
diejenigen einließen, die in Gala auf eine festlich gemessene Weise vor
dich traten ...
Klaus Heinrich sah in den Saal, und deutlich sah er, daß nichts hier von
der Sachlichkeit wußte, die Schulrat Dröge trotz seiner Verbeugungen ihm
auferlegte. Hier herrschte Sonntag und Feierernst, ganz ähnlich wie in
der Kirche, wo des Schulrats Forderungen gleichfalls verfehlt gewesen
wären. Strenger und leerer Prunk herrschte hier und ein förmliches
Gleichmaß der Anordnung, das rein von Zweck und Bequemlichkeit sich
selbstgenügsam darstellte ... ein hoher und angespannter Dienst, ohne
Zweifel, der weit entfernt schien, leicht und behaglich zu sein, der
dich auf Haltung und Zucht und beherrschte Entsagung verpflichtete, doch
dessen Gegenstand ohne Namen war. Und es war kalt in dem silbernen
Kerzensaal wie in dem der Schneekönigin, wo die Herzen der Kinder
erstarren.
Klaus Heinrich ging über die spiegelnde Fläche und stellte sich an den
Tisch in der Mitte. Er stützte die rechte Hand leicht auf die
Perlmutterplatte und stemmte die linke so in die Hüfte, daß sie weit
hinten, fast schon im Rücken saß und von vorn nicht sichtbar war; denn
sie war unschön: bräunlich und runzlig und hatte mit der rechten im
Wachstum nicht Schritt gehalten. Er ließ sich auf einem Beine ruhen,
stellte das andere ein wenig vor und hielt den Blick auf die silbernen
Ornamente der Tür gerichtet. Es war kein Standort zum Träumen und nicht
die Haltung dazu; und dennoch träumte er.
Er sah seinen Vater und sah ihn an wie den Saal, um zu begreifen. Er sah
den matten Hochmut seiner blauen Augen, die Furchen, die stolz und
grämlich von den Flügeln seiner Nase in den Bart verliefen, und die
manchmal von einem Überdruß, einer Langeweile vertieft und nachgezogen
wurden ... Man durfte ihn nicht anreden, nicht freierdings sich ihm
nähern und ungefragt das Wort an ihn richten -- auch die Kinder nicht,
es verbot sich, es war gefährlich. Er antwortete wohl, doch fremd und
kalt, und eine Ratlosigkeit entstand auf seinem Gesicht, eine kurze
Verstörung, für die Klaus Heinrich ein tiefes Verständnis empfand.
Papa redete an und entließ; so war er's gewohnt. Er hielt Sprechcour zu
Beginn des Hofballs und zum Schluß des Diners, mit dem der Winter
begann. Er ging mit Mama durch die Zimmer und Säle, in denen die
Hofrangklassen versammelt waren, ging durch den Marmorsaal und die
Schönen Zimmer, durch die Bildergalerie, den Rittersaal, den Saal der
zwölf Monate, den Audienzsaal und Tanzsaal, ging nicht nur in einer
bestimmten Richtung, sondern auch auf einer bestimmten Bahn, die der
eilfertige Herr von Bühl ihm freihielt, und richtete Worte an Herren und
Damen. An wen er sich wandte, der bog in Verbeugung aus, ließ einen
Abstand von blankem Parkett zwischen sich und Papa und antwortete
maßvoll und glücklich bewegt. Dann grüßte Papa über den Abstand hinweg,
aus der Sicherheit sorgfältiger Vorschriften, die die Bewegungen der
anderen beschränkten und seine Haltung begünstigten, grüßte lächelnd und
leicht und wandte sich weiter. Lächelnd und leicht ... Gewiß, gewiß,
Klaus Heinrich verstand sie wohl, die Ratlosigkeit, die einen Augenblick
Papas Miene verstörte, wenn man ungestüm genug war, ihn geradeswegs
anzureden -- verstand sie und fühlte sie ängstlich mit! Irgend etwas,
ein Zartes, Gefährdetes, war dann verletzt, worin so sehr unser Wesen
beruhte, daß wir hilflos standen, wenn man es roh durchbrach. Und es war
dennoch dies selbe Etwas, was unsere Augen matt machte und uns so tiefe
Furchen der Langeweile grub ...
Klaus Heinrich stand und sah -- er sah seine Mutter und ihre Schönheit,
die weit und breit berühmt und gepriesen war. Er sah sie aufrecht _en
robe de cérémonie_, vor ihrem großen, von Kerzen erhellten Spiegel; denn
zuweilen, bei Festlichkeiten, durfte er anwesend sein, wenn der
Hoffriseur und die Kammerfrauen die letzte Hand an ihre Toilette legten.
Auch Herr von Knobelsdorff war anwesend, wenn Mama mit Juwelen aus dem
Kronschatz geschmückt wurde, hielt Aufsicht und notierte die Steine, die
zur Verwendung gelangten. Die Fältchen an seinen Augen spielten, und er
brachte Mama mit drolligen Redewendungen zum Lachen, so daß sich die
wundervollen kleinen Gruben in ihren weichen Wangen bildeten. Aber es
war ein Lachen voll Kunst und Gnade, und sie sah in den Spiegel dabei,
als übte sie sich.
Einiges slawisches Blut floß in ihren Adern, wie man sagte, und daher
hatten ihre tiefblauen Augen einen so süßen Glanz, wie die Nacht ihres
duftenden Haares so schwarz. Klaus Heinrich war ihr ähnlich, hörte er
sagen, insofern auch er stahlblaue Augen zu dunkeln Haaren hatte,
während Albrecht und Ditlind blond waren, wie Papa gewesen war, bevor er
ergraute. Aber er war weit entfernt, schön zu sein, seiner breiten
Wangenknochen und vor allem seiner linken Hand wegen, die Mama ihn
anhielt, auf geschickte Art zu verbergen, in der Seitentasche seiner
Jacke, auf dem Rücken oder vorn in der Brust -- ihn anhielt, gerade
dann, wenn er aus zärtlichem Antriebe sie mit beiden Armen umschlingen
wollte. Ihr Blick war kalt, wenn sie ihn aufforderte, auf seine Hand zu
achten.
Er sah sie wie auf dem Bild im Marmorsaal: in schillernder Seidenrobe
mit Spitzenbehang und hohen Handschuhen, die unter den gepufften Ärmeln
nur einen Streifen ihres elfenbeinfarbenen Oberarmes sehen ließen, ein
Diadem in der Nacht ihres Haares, hoch aufgerichtet die herrliche
Gestalt, ein Lächeln kühler Vollkommenheit um die wunderbar herben
Lippen -- und hinter ihr schlug ein Pfau mit metallisch blinkendem Hals
sein hoffärtiges Rad. So weich war ihr Gesicht, aber die Schönheit
machte es streng, und man konnte wohl sehen, daß auch ihr Herz streng
war und auf nichts als ihre Schönheit bedacht. Sie schlief viel am Tage,
wenn Ball oder Cercle bevorstand, und aß nur Eidotter, um sich nicht zu
beschweren. Dann strahlte sie abends an Papas Arm auf der
vorgeschriebenen Bahn durch die Säle -- graue Würdenträger erröteten,
wenn sie ihrer Ansprache teilhaftig wurden, und der »Eilbote« schrieb,
daß Ihre Königliche Hoheit nicht nur nach ihrem erhabenen Rang die
Königin des Festes gewesen sei. Ja, sie wirkte Glück, indem sie sich
zeigte, bei Hofe sowohl wie draußen in den Straßen oder nachmittags im
Stadtgarten, zu Pferd oder zu Wagen -- und die Wangen der Leute färbten
sich höher. Blumen und Lebehochs und alle Herzen flogen ihr zu, und die
»Hoch« riefen, meinten sich selbst damit, wie man deutlich sah, und
riefen freudig aus, daß sie selbst hochlebten und an hohe Dinge glaubten
in diesem Augenblick. Aber Klaus Heinrich wußte wohl, daß Mama lange,
sorgfältige Stunden an ihrer Schönheit gearbeitet hatte, daß ihr Lächeln
und Grüßen voller Übung und Absicht war und daß ihr eigenes Herz nicht
hochschlug, keineswegs, für nichts und für niemanden.
Liebte sie irgendwen, zum Beispiel ihn selbst, Klaus Heinrich, der ihr
doch ähnlich war? Ach, doch, das tat sie wohl dennoch, soweit sie Zeit
dazu hatte, und dann selbst, wenn sie ihn mit kühlen Worten an seine
Hand erinnerte. Aber es schien, daß sie Ausdruck und Zeichen ihrer
Zärtlichkeit für solche Gelegenheiten sparte, wo Zuschauer zugegen
waren, die sich daran erbauen konnten. Klaus Heinrich und Ditlind kamen
nicht oft mit ihrer Mutter in Berührung, zumal sie nicht, wie seit
einiger Zeit Albrecht, der Thronfolger, an der elterlichen Tafel
teilnahmen, sondern mit Madame aus der Schweiz gesondert speisten; und
wenn sie, was einmal die Woche geschah, in Mamas Wohnräume zu Besuch
berufen wurden, so verlief solch Beisammensein ohne Gefühlswallungen
unter gelassenen Fragen und artigen Antworten, während es sich im ganzen
darum handelte, wie man auf ansprechende Art mit einer Teetasse voll
Milch in einem Fauteuil säße. Aber bei den Konzerten, die jeden zweiten
Donnerstag unter dem Namen »Donnerstage der Großherzogin« im Marmorsaal
stattfanden und so angeordnet waren, daß die Hofgesellschaft an kleinen
Tischen mit goldenen Beinen und roten Sammetdecken saß, während der
Kammersänger Schramm vom Hoftheater mit Musikbegleitung so mächtig sang,
daß die Adern auf seiner kahlen Stirne schwollen -- bei den Konzerten
durften Klaus Heinrich und Ditlind zuweilen festlich gekleidet eine
Nummer und Pause lang im Saale sein, und dann zeigte Mama, daß sie sie
lieb habe, zeigte es ihnen und allen so innig und ausdrucksvoll, daß
kein Zweifel blieb. Sie nahm sie zu sich an den Tisch, dem sie vorsaß,
und hieß sie mit glücklichem Lächeln, sich zu ihren Seiten zu stellen,
lehnte sich ihre Wangen an Schulter und Brust, sah ihnen mit weichem,
beseeltem Blick in die Augen und küßte sie beide auf Stirn und Mund.
Aber die Damen neigten die Köpfe zur Seite und blinzelten rasch mit
verklärter Miene, indes die Herren langsam nickten und sich in die
Schnurrbärte bissen, um auf männliche Art ihre Ergriffenheit zu
bemeistern ... Ja, das war schön, und die Kinder fühlten sich beteiligt
an dieser Wirkung, die alles übertraf, was Kammersänger Schramm mit
seinen seligsten Tönen erzielte, und schmiegten sich stolz an Mama. Denn
Klaus Heinrich wenigstens sah ein, daß es uns dem Wesen der Dinge gemäß
nicht anstand, einfach zu fühlen und damit glücklich zu sein, sondern
daß es uns zukam, unsere Zärtlichkeit im Saale anschaulich zu machen und
auszustellen, damit die Herzen der Gäste schwöllen.
Zuweilen bekamen auch die Leute draußen in Stadt und Park zu sehen, daß
Mama uns lieb hatte. Denn während Albrecht am frühen Morgen mit dem
Großherzog ausfuhr oder ritt -- obgleich er so schlecht zu Pferde
saß --, so hatten Klaus Heinrich und Ditlind von Zeit zu Zeit und
abwechselnd Mama auf ihren Spazierfahrten zu begleiten, die im Frühjahr
und Herbst nachmittags um die Promenadezeit stattfanden, in Gegenwart
der Freifrau von Schulenburg-Tressen. Klaus Heinrich war ein wenig
erregt und fieberhaft vor diesen Spazierfahrten, mit denen
schlechterdings kein Vergnügen, sondern im Gegenteil viel Mühe und
Anstrengung verbunden war. Denn gleich, wenn zwischen den
präsentierenden Grenadieren der offene Wagen das Löwenportal am
Albrechtsplatze verließ, so stand viel Volks dort versammelt, das die
Ausfahrt erwartet hatte, Männer, Frauen und Kinder, die riefen und
gierig schauten; und es galt, sich zusammenzunehmen und anmutig
standzuhalten, zu lächeln, die linke Hand zu verbergen und so mit dem
Hute zu grüßen, daß es Freude im Volke hervorrief. Das ging so fort auf
der Fahrt durch die Stadt und im Grünen. Die anderen Fuhrwerke mußten
wohl Abstand wahren von unserem, die Schutzmänner hielten darauf. Jedoch
die Fußgänger standen am Wegessaum, die Damen ließen sich knicksend
nieder, die Herren hielten den Hut am Schenkel und blickten von unten
mit Augen voll Andacht und dringlicher Neugier -- und dies war Klaus
Heinrichs Einsicht: daß alle da waren, um eben da zu sein und zu
schauen, indes er da war, um sich zu zeigen und geschaut zu werden; und
das war das weitaus Schwerere. Er hielt seine linke Hand in der
Paletottasche und lächelte, wie Mama es wünschte, während er fühlte, daß
seine Wangen in Hitze standen. Aber der »Eilbote« schrieb, daß die
Wangen unseres kleinen Herzogs wie Rosen gewesen seien vor Wohlbefinden.
Klaus Heinrich war dreizehn Jahre alt, als er an dem einsamen
Perlmuttertischchen inmitten des kalten Silbersaales stand und das
Eigentliche zu ergründen suchte, um das es sich für ihn handelte. Und
wie er die Erscheinungen innig durchdrang: den leeren, zerschlissenen
Stolz der Gemächer, der über Zweck und Behagen war, die Symmetrie der
weißen Kerzen, in welcher ein hoher und angespannter Dienst, eine
beherrschte Entsagung ausgedrückt schien, die kurze Verstörung auf
seines Vaters Gesicht, wenn man ihn freihin ansprach, die kühl und
streng gepflegte Schönheit seiner Mutter, die sich lächelnd der
Begeisterung darstellte, die andachtsvollen und dringlich neugierigen
Blicke der Leute draußen -- da ergriff ihn eine Ahnung, eine ungefähre
und wortlose Erkenntnis dessen, was seine Angelegenheit war. Aber zur
selben Zeit kam ihn ein Grauen an, ein Schauder vor dieser Art von
Bestimmung, eine Angst vor seinem »hohen Beruf«, so stark, daß er sich
wandte und beide Hände vor seine Augen warf, beide, die kleine runzlige
linke auch, und an dem einsamen Tischchen niedersank und weinte, weinte
vor Mitleid mit sich und seinem Herzen, bis man kam und zu Gott
emporblickte und die Hände zusammenschlug und fragte und ihn wegführte
... Er gab an, daß er Furcht gehabt, und das war die Wahrheit.
Er hatte nichts gewußt, nichts begriffen, nichts geahnt von der
Schwierigkeit und Strenge des Lebens, das ihm vorgeschrieben war; er war
lustig gewesen, hatte sich sorglos fahren lassen und viel Anlaß zum
Entsetzen gegeben. Aber früh mehrten sich die Eindrücke, die es ihm
unmöglich machten, sich der wahren Sachlage zu verschließen. In der
nördlichen Vorstadt, unweit des Quellengartens, war eine neue Straße
entstanden; man eröffnete ihm, daß sie auf Magistratsbeschluß den Namen
»Klaus-Heinrich-Straße« erhalten habe. Gelegentlich einer Ausfahrt
sprach seine Mutter mit ihm beim Kunsthändler vor; es galt einen
Einkauf. Der Lakai wartete am Schlage, Publikum sammelte sich an, der
Kunsthändler eiferte beglückt -- das war nichts Neues. Aber Klaus
Heinrich bemerkte zum erstenmal seine Photographie im Schaufenster. Sie
hing neben denen von Künstlern und großen Männern, hochgestirnten
Männern, deren Augen aus einer berühmten Einsamkeit blickten.
Man war im ganzen zufrieden mit ihm. Er nahm zu an Haltung, und ein
gefaßter Anstand kam in sein Wesen, unter dem Druck seiner Berufenheit.
Aber das Seltsame war, daß zu gleicher Zeit sein Verlangen wuchs: diese
schweifende Wißbegier, die zu befriedigen Schulrat Dröge der Mann nicht
war, und die ihn getrieben hatte, mit den Lakaien zu plaudern. Er tat
das nicht mehr; es führte zu nichts. Sie lächelten »Du Reiner, du
Feiner«, sie bestärkten ihn durch eben dieses Lächeln in der dunklen
Vermutung, daß seine Welt der symmetrisch aufgesteckten Kerzen in einem
unwissenden Gegensatz zur übrigen Welt dort draußen stehe, aber sie
halfen ihm gar nicht. Er sah sich um auf den Spazierfahrten, auf den
Gängen, die er mit Ditlind und Madame aus der Schweiz, gefolgt von einem
Lakaien, durch den Stadtgarten unternahm. Er fühlte: wenn alle einig
gegen ihn waren, um zu schauen, indes er einzeln und herausgehoben war,
um geschaut zu werden, so war er also ohne Teil an ihrem Treiben und
Sein. Er begriff ahnungsweise, daß sie mutmaßlich nicht immer so waren,
wie er sie sah, wenn sie standen und grüßten mit frommen Augen, daß wohl
seine Reinheit und Feinheit es sein mußte, die ihre Augen fromm machte,
und daß es ihnen ging wie den Kindern, wenn sie von Märchenprinzen
hörten und so eine Verschönerung der Gedanken und Erhebung über den
Wochentag erfuhren. Aber er wußte nicht, wie sie unverschönt und
unerhoben am Wochentage blickten und waren -- sein »hoher Beruf«
enthielt es ihm vor, und es war wohl also ein gefährlicher und
ungehöriger Wunsch, sein Herz berühren zu lassen von Dingen, die seine
Hoheit ihm vorenthielt. Er wünschte es dennoch, wünschte es aus einer
Eifersucht und jener schweifenden Wißbegier, die ihn zuweilen trieb,
Forschungszüge in unbewohnte Gegenden des Alten Schlosses zu
unternehmen, mit Ditlind, seiner Schwester, wenn es sich machen ließ.
Sie nannten es »Stöbern«, und der Reiz des »Stöberns« war groß; denn es
war schwer, mit dem Grundriß und Aufbau des alten Schlosses vertraut zu
werden, und jedesmal, wenn sie weit genug ins Entlegene vordrangen,
fanden sie Stuben, Gelasse und öde Säle auf, die sie noch nie betreten
hatten, oder doch seltsame Umwege zu bekannten Räumen. Aber einmal bei
solchem Streifen hatten sie eine Begegnung, stieß ihnen ein Abenteuer
zu, das, äußerlich unscheinbar, Klaus Heinrichs Seele doch mächtig
ergriff und belehrte.
Gelegenheit bot sich. Während Madame aus der Schweiz sich in Urlaub zum
Nachmittagsgottesdienst befand, hatten sie bei der Großherzogin in
Gesellschaft zweier Ehrendamen ihre Milch aus Teetassen getrunken, waren
entlassen und angewiesen worden, Hand in Hand in die unfernen
Kinderzimmer zu ihren Beschäftigungen zurückzukehren. Er bedürfe keines
Geleites; Klaus Heinrich sei groß genug, Ditlinden zu führen. Das war
er; und auf dem Korridor sagte er: »Ja, Ditlind, wir wollen nun
allerdings in die Kinderzimmer zurückkehren, aber es ist nicht nötig,
weißt du, daß wir es auf dem kürzesten, langweiligsten Wege tun. Wir
wollen zuerst ein bißchen stöbern. Wenn man eine Treppe höher steigt und
den Gang verfolgt, bis die Gewölbe anfangen, so ist da hinten ein Saal
mit Pfeilern. Und wenn man von dem Saal mit den Pfeilern die
Wendeltreppe hinaufklettert, die hinter der einen Tür ist, dann kommt
man in ein Zimmer mit hölzerner Decke, wo eine Menge sonderbare Sachen
herumliegen. Aber was hinter diesem Zimmer kommt, das weiß ich noch
nicht, und das wollen wir auskundschaften. Nun gehen wir also.«
»Ja, gehen wir,« sagte Ditlinde, »aber nicht zu weit, Klaus Heinrich,
und nicht, wo es zu staubig ist, denn auf meinem Kleide sieht man
alles.«
Sie trug ein Kleidchen aus dunkelrotem Sammet, mit Atlas von derselben
Farbe besetzt. Sie hatte damals Grübchen in den Ellenbogen und
goldblankes Haar, das sich in Locken gleich Widderhörnern um ihre Ohren
legte. Später wurde sie aschblond und mager. Auch sie hatte die breiten,
ein wenig zu hoch sitzenden Wangenknochen ihres Vaters und Volkes, aber
sie waren zart gebildet, so daß sie der Feinheit ihres herzförmigen
Gesichtchens keinen Abbruch taten. Aber bei ihm waren sie kräftig und
ausgeprägt, so daß sie seine stahlfarbenen Augen ein wenig zu bedrängen,
zu verengern und ihren Schnitt in die Länge zu ziehen schienen. Sein
dunkles Haar war seitwärts glatt gescheitelt, an den Schläfen mit
Genauigkeit rechtwinklig beschnitten und schräg aus der Stirn
hinweggebürstet. Er trug eine offene Jacke mit hochgeschlossener Weste
und weißem Fallkragen. In seiner Rechten hielt er Ditlindens Händchen,
aber sein linker Arm hing dünn und zu kurz mit seiner bräunlichen,
runzligen und unentwickelten Hand von der Schulter hinab. Er war froh,
sie sorglos hängen lassen zu dürfen und nicht geschickt verbergen zu
müssen; denn niemand war da, der schaute und verschönt und erhoben sein
wollte, und er selbst durfte schauen und forschen für sein eigenes Herz.
So gingen sie und stöberten, wie sie Lust hatten. Ruhe herrschte in den
Korridoren, und sie sahen kaum von fern einen Lakaien. Sie stiegen eine
Treppe höher und verfolgten den Gang, bis die Gewölbe begannen und sie
also in dem Teil des Schlosses waren, der aus den Zeiten Johanns des
Gewalttätigen und Heinrichs des Bußfertigen stammte, wie Klaus Heinrich
wußte und erklärte. Sie kamen in den Saal mit den Pfeilern, und Klaus
Heinrich pfiff dort mehrere Töne schnell nacheinander, weil die ersten
noch hallten, wenn der letzte kam, und so ein heller Akkord unter dem
Kreuzbogen schwebte. Sie kletterten tastend und manchmal auf Händen und
Füßen die steinerne Wendeltreppe hinan, die hinter einer der schweren
Türen mündete, und kamen in das Zimmer mit der hölzernen Decke, wo sich
mehrere seltsame Gegenstände befanden. Es gab dort einige täppisch
große, zerbrochene Flinten mit dick verrosteten Schlössern, die wohl zu
schlecht fürs Museum gewesen waren, und einen Thronsessel außer Dienst
mit zerrissenem roten Sammetpolster, kurzen, weit geschwungenen
Löwenbeinen und schwebenden Kinderchen oberhalb der Rückenlehne, die
eine Krone trugen. Dann aber war da ein arg verbogenes und verstaubtes,
käfigartiges und gräßlich anmutendes Ding, das sie lange und sehr
beschäftigte. Trog sie nicht alles, so war es eine Rattenfalle, denn man
erkannte die eiserne Spitze, woran der Speck zu befestigen war, und
furchtbar zu denken, wie hinter dem großen und widrig bissigen Tier die
Klapptür niedergefallen war ... Ja, das nahm Zeit in Anspruch, und als
sie sich von der Falle aufrichteten, waren ihre Gesichter erhitzt, und
ihre Kleider starrten von Rost und Staub. Klaus Heinrich klopfte sie
beide ab, aber das machte nicht vieles gut, denn seine Hände waren
ebenfalls grau. Und plötzlich sahen sie, daß die Dämmerung
vorgeschritten war. Sie mußten rasch umkehren, Ditlinde bestand
ängstlich darauf; es war zu spät geworden, noch weiter vorzudringen.
»Das ist unendlich schade«, sagte Klaus Heinrich. »Wer weiß, was wir
noch entdeckt hätten und wann wir wieder Gelegenheit zum Stöbern
bekommen, Ditlinde!« Aber er folgte der Schwester doch, und sie sputeten
sich, die Wendeltreppe wieder zurückzulegen, durchquerten den
Pfeilersaal und traten hinaus in den Bogengang, um eilig und Hand in
Hand den Heimweg aufzunehmen.
So wanderten sie eine Strecke; aber Klaus Heinrich schüttelte den Kopf,
denn ihm schien, als sei dies der Weg nicht, den sie gekommen waren. Sie
wanderten weiter; aber mehrere Anzeichen bewiesen, daß sie die Richtung
verfehlt hatten. Diese steinerne Bank mit den Greifenköpfen war hier
vorhin nicht gestanden. Dies spitze Fenster ging auf den westlichen,
tiefer gelegenen Stadtteil statt auf den inneren Hof mit dem Rosenstock.
Sie gingen irr, es half nichts, das fortzuleugnen; sie hatten vielleicht
den Saal mit den Pfeilern durch einen falschen Ausgang verlassen und
hatten sich jedenfalls gründlich verlaufen.
Sie gingen ein Stückchen zurück, aber ihre Unruhe litt den Rückschritt
nicht lange, und so machten sie wiederum kehrt und zogen es vor, bei dem
einmal eingeschlagenen Weg aufs Geratewohl zu beharren. Sie gingen in
dumpfer, eingeschlossener Luft, und große, ungestört ausgearbeitete
Spinngewebe breiteten sich in den Winkeln aus; sie gingen in Sorge, und
Ditlinde zumal war reuevoll und dem Weinen nah. Man werde ihr Ausbleiben
bemerken, sie traurig ansehen, vielleicht gar dem Großherzog Meldung
machen; sie würden niemals den Weg finden, vergessen werden und Hungers
sterben. Und wo eine Rattenfalle sei, Klaus Heinrich, da seien auch
Ratten ... Klaus Heinrich tröstete sie. Es gelte einzig, die Stelle zu
finden, wo an der Wand die Harnische und gekreuzten Fahnen hingen; von
diesem Punkte an sei er der Richtung sicher. Und plötzlich -- sie hatten
eben ein Knie des Wandelganges zurückgelassen -- plötzlich geschah
etwas. Sie schraken zusammen.
Was sie hörten, war mehr, als der Widerhall ihrer eigenen Schritte; es
waren andere, fremde, schwerer als ihre, sie kamen ihnen bald rasch,
bald zögernd entgegen und waren von einem Schnaufen und Brummen
begleitet, das ihnen das Blut erstarren ließ. Ditlind machte Miene,
davonzulaufen vor Schrecken; aber Klaus Heinrich gab ihre Hand nicht
frei, und sie standen mit weiten Augen und ließen kommen, was kam.
Es war ein Mann, der im Halbdunkel sichtbar wurde, und ruhig betrachtet,
war seine Erscheinung nicht grauenerregend. Er war gedrungen von
Körperbau und gekleidet wie ein Veteran im Festzuge. Er trug einen
Gehrock von altfränkischem Schnitt, einen wollenen Schal um den Hals und
eine Medaille auf der Brust. Er hielt in der einen Hand einen
geschweiften Zylinderhut und in der anderen die beinerne Krücke seines
knotig gerollten Regenschirms, den er im Gehen taktmäßig auf die Fliesen
stieß. Sein spärlich graues Haar war von dem einen Ohr aufwärts in
verklebten Strähnen über seinen Schädel gestrichen. Er hatte
bogenförmige, schwarze Augenbrauen und einen gelblich-weißen Bart, der
ihm wuchs wie dem Großherzog, schwere Oberlider und blaue, wässrige
Augen mit Säcken aus welker Haut darunter; er hatte die landesüblichen
Wangenknochen, und die Falten seines geröteten Gesichtes waren wie
Risse. Ganz nahe herangekommen, schien er die Geschwister zu erkennen,
denn er stellte sich gegen die Außenwand des Ganges, machte gleichsam
Front und fing an, eine Anzahl Verbeugungen auszuführen, dergestalt, daß
er seinen ganzen Körper von den Fußballen an mehrmals kurz und ruckhaft
nach vorn fallen ließ, wobei er seinem Mund einen biederen Ausdruck gab
und seinen Zylinderhut, die Öffnung nach oben, vor sich hielt. Klaus
Heinrich gedachte mit einer Kopfneigung an ihm vorüberzugehen, aber
betroffen blieb er dennoch stehen, denn der Veteran begann zu sprechen.
»Um Vergebung!« stieß er tief und plötzlich hervor und fuhr dann
gemächlicher fort: »Suche ausdrücklich um Vergebung nach bei den jungen
Herrschaften! Aber würden die jungen Herrschaften es wohl für ungut
nehmen, wenn ich ihnen die Bitte unterbreitete, mir gefälligst den
nächsten Weg nach dem nächsten Ausgang bekanntzugeben? Es braucht nicht
gerade das Albrechtstor zu sein -- gar nicht mal nötig, daß es das
Albrechtstor ist. Aber irgendein Ausgang aus dem Schloß, wenn ich so
frei sein darf, das Ersuchen an die jungen Herrschaften zu richten ...«
Klaus Heinrich hatte seine linke Hand in die Hüfte gestemmt, weit
hinten, so daß sie fast schon im Rücken saß, und sah zu Boden. Man hatte
einfach das Wort an ihn gerichtet, hatte ihn geradeswegs und in
unbehilflicher Form zur Rede gestellt; er dachte an seinen Vater und zog
die Brauen zusammen. Er arbeitete hastig an der Frage, wie er sich in
dieser fehlerhaften und unordentlichen Lage zu verhalten habe. Albrecht
hätte seinen kleinen Mund gemacht, hätte mit seiner kurzen, gerundeten
Unterlippe ein wenig an der oberen gesogen und wäre schweigend
weitergegangen -- soviel war sicher. Aber warum stöberte man, wenn man
an dem ersten ernsthaften Abenteuer steif und gekränkt vorübergehen
wollte? Und der Mann war rechtschaffen und führte sicher nichts Böses im
Schilde, das sah Klaus Heinrich, als er sich zwang, die Augen
aufzuschlagen. Er sagte einfach: »Gehen Sie mit uns, das ist das beste.
Ich will Ihnen gerne zeigen, wo Sie abbiegen müssen, damit Sie zu einem
Ausgang kommen.« Und sie gingen.
»Danke!« sagte der Mann. »Danke aufrichtig für alle Freundlichkeit!
Hätte wahrhaftigen Gott nicht gedacht, daß ich eines Tages noch mal mit
den jungen Herrschaften im Alten Schloß herumspazieren würde. Aber so
geht es, und nach all meinem Ärger ... denn ich hab' mich geärgert,
mächtig geärgert, das bleibt wahr und bestehen ... nach all meinem Ärger
hab' ich nun doch noch diese Ehre und dieses Vergnügen.«
Klaus Heinrich wünschte sehr, zu fragen, was der Grund von soviel Ärger
gewesen sei; aber der Veteran fuhr schon fort (und stampfte taktmäßig
dabei seinen Regenschirm auf die Fliesen): »Und ich hab' die jungen
Herrschaften auch gleich erkannt, trotzdem es ein bißchen dunkel ist
hier in den Gängen, denn ich hab' sie doch manches liebe Mal in der
Kalesche gesehn und mich immer gefreut, denn ich hab' selbst so'n Paar
Würmer zu Haus, will sagen, meine sind Würmer, meine ... und der Junge
heißt auch Klaus Heinrich.«
»Gerade wie ich?« sagte Klaus Heinrich aus unmittelbarem Vergnügen ...
»Das ist ein hübscher Zufall!«
»Nö, Zufall? Nach =Ihnen=!« sagte der Mann. »Das ist denn doch wohl kein
Zufall nicht, wo er doch ausgesprochen nach Ihnen so heißt, denn er ist
ein paar Monat jünger als Sie, und da gibt es viele in Stadt und Land,
die auch so heißen, alle nach Ihnen. Nö, Zufall kann man doch das wohl
nicht nennen ...«
Klaus Heinrich verbarg seine Hand und schwieg.
»Ja, gleich erkannt«, sagte der Mann. »Und hab' mir gedacht: Gottlob,
dacht' ich, und das nenn' ich Glück im Unglück, und die werden dir aus
der Falle helfen, worein du alter Tölpel getappt bist, und kannst wohl
lachen, dacht' ich, denn hier ist schon mancher herumgestolpert, den die
Kujone auf den Leim geführt haben und der's so gut nicht getroffen
hat ...«
Kujone? dachte Klaus Heinrich ... Und auf den Leim? Er blickte starr
geradeaus, er wagte nicht zu fragen. Eine Furcht, eine Hoffnung kam ihn
an ... Er sagte ganz leise: »Man hat Sie ... auf den Leim geführt?«
»An der Nase!« sagte der Veteran. »An der Nase haben sie mich geführt,
die Halunken, und das mit Glanz! Aber das kann ich den jungen
Herrschaften sagen, so jung Sie sind, aber das wird Ihnen gut tun, zu
wissen, daß es eine große Verderbnis ist hier mit den Leuten. Da kommt
man und liefert mit allem Respekt seine Arbeit ein ... Ja, Gott soll
mich bewahren!« rief er plötzlich und schlug sich mit seinem Hut vor die
Stirn. »Ich hab' mich den Herrschaften wohl noch nicht mal präsentiert
und bekanntgegeben? -- Hinnerke!« sagte er. »Schuhmachermeister
Hinnerke, Hoflieferant, gedient und ausgezeichnet!« Und er wies mit dem
Zeigefinger seiner großen, rauhen und gelblich gefleckten Hand auf die
Medaille an seiner Brust. »Die Sache ist so, daß Königliche Hoheit, der
Herr Papa, die Gnade gehabt hat, ein Paar Stiefel bei mir zu bestellen,
Schaftstiefel, Reitstiefel, mit Sporenkäppchen und in Lackleder von
prima Qualität. Die mach' ich denn, ich hab' sie ganz allein gemacht mit
aller Akkuratesse, und heut sind sie fertig und blitzten nur so. Sollst
selbst gehen, sag' ich zu mir ... ich hab' einen Jungen, der austrägt,
aber ich sage zu mir: Sollst selbst gehen, es ist für den Herrn
Großherzog. Und zieh' mich denn an und nehm' meine Stiefel und gehe aufs
Schloß. ›Schön!‹ sagen gleich unten die Lakaien und wollen sie mir
abnehmen. ›Nein!‹ sag' ich, denn ich trau' ihnen nicht. Ich hab' meine
Aufträge und meinen Hoftitel für mein Renommee, will ich den
Herrschaften sagen, und nicht, weil ich die Kammerlakaien bezahle. Aber
die Bursche sind verwöhnt mit Trinkgeldern von den Lieferanten und
wollen bloß was von mir für die Besorgung. ›Nein,‹ sag' ich, denn ich
bin nicht für Durchstecherei und schleichendes Wesen, ›ich will sie
persönlich einliefern, und wenn ich sie nicht dem Herrn Großherzog
selber geben kann, so will ich sie Herrn Kammerdiener Prahl geben.‹ Sie
giften sich, aber sie sagen: ›Dann müssen Sie da hinaufgehen!‹ Und ich
gehe da hinauf. Da oben sind wieder welche und sagen ›Schön!‹ und wollen
die Stiefel besorgen, aber ich verlange nach Prahl und bleibe dabei. Sie
sagen: ›Er trinkt Kaffee‹, aber ich bin fest und sage, dann will ich
warten, bis er ausgetrunken hat. Und indem ich das sage, wer kommt
vorbei in seinen Schnallenschuhen? Kammerdiener Prahl. Und sieht mich
denn, und ich gebe ihm die Stiefel mit ein paar angemessenen Worten, und
er sagt ›Schön!‹ und sagt noch eigens: ›Hübsch sind sie!‹ und nickt mir
zu und trägt sie weg. Nu bin ich ruhig, denn Prahl, auf den is Verlaß,
und nu will ich gehen. ›Hö!‹ ruft einer. ›Herr Hinnerke! Sie gehen ja
falsch!‹ ›Verdammt!‹ sag' ich und kehre um und gehe nach der andern
Seite. Aber das war das Dümmste, was ich tun konnte, denn sie hatten
mich in den April geschickt, und ich gehe, wohin ich nicht will. Ich
gehe ein Stück und treffe wieder so einen und frage ihn nach dem
Albrechtstor. Aber er merkt gleich, was los ist und sagt: ›Dann gehen
Sie man erst die Treppe hinauf und dann immer nach links und dann wieder
hinunter, dann schneiden Sie ein großes Stück ab!‹ Und ich habe
Vertrauen zu seiner Freundschaft und tue, wie er sagt und verbiestere
mich mehr und mehr und komme aus aller Kontenanz. Da merke ich, daß es
nicht meine Schuld ist, sondern die von den Spitzbuben, und mir fällt
ein, daß ich gehört habe, daß sie das oft so machen mit Lieferanten, die
ihnen kein Trinkgeld geben, und lassen sie herumirren, daß sie
schwitzen. Und der Ärger macht mich blind und dumm, und komme in
Gegenden, wo keine Seele mehr atmet und weiß nicht ein und nicht aus und
graule mich ordentlich. Und schließlich treff' ich die jungen
Herrschaften. Ja, so ist es mir gegangen mit meinen Stiefeln!« schloß
Schuster Hinnerke und wischte sich die Stirn mit dem Handrücken.
Klaus Heinrich preßte Ditlindens Hand. Sein Herz pochte so stark, daß er
ganz und gar vergaß, seine Linke zu verbergen. Das war es. Das war etwas
davon, ein wenig, ein Zug! Sicher, das war von den Dingen, die sein
»hoher Beruf« ihm vorenthielt, war von dem Treiben der Leute, wie sie
unverschönt und am Alltag waren! Die Lakaien ... Er schwieg, er fand
kein einziges Wort.
»Da schweigen sie nun,« sagte der Schuster, »die jungen Herrschaften!«
Und seine biedere Stimme war ganz bewegt. »Ich hätte es ihnen wohl gar
nicht erzählen sollen, weil es nicht ihre Sache ist, so was Schlechtes
zu erfahren. Aber dann denk' ich doch wieder,« sagte er, legte den Kopf
auf die Seite und schnippte mit den Fingern in der Luft, »daß es nicht
schaden kann, daß es ihnen gar nicht schaden kann für künftig und
späterhin ...«
»Die Lakaien ...« sagte Klaus Heinrich und nahm einen Anlauf ... »Die
sind wohl schlimm? Ich kann es mir lebhaft vorstellen ...«
»Schlimm?« sagte der Schuster. »Nichtswürdig sind sie. Das ist das Wort
für sie. Wissen Sie, wozu sie fähig sind? Sie halten die Waren zurück,
wenn sie nicht genug Trinkgeld bekommen, halten sie zurück, wenn der
Lieferant sie in aller Pünktlichkeit zur bestimmten Zeit übersendet, und
geben sie mit großer Verspätung ab, damit den Lieferanten die Schuld
trifft und er dasteht als pflichtvergessen in den Augen der höchsten
Herrschaften, und ihm die Aufträge entzogen werden. Das tun sie ohne
Skrupeln, und es ist ganz bekannt in der Stadt ...«
»Ja, das ist arg!« sagte Klaus Heinrich. Er lauschte, lauschte. Er wußte
noch kaum, wie sehr erschüttert er war. »Sie tun wohl noch mehr?« sagte
er ... »Ich glaube bestimmt, daß sie noch mehr tun in dieser Art.«
»Und ob!« sagte der Mann und lachte. »Nein, die lassen es nicht fehlen,
will ich den jungen Herrschaften sagen, die betätigen sich in mancher
Hinsicht. Da ist zum Beispiel der Spaß mit dem Türenöffnen ... Das
machen sie so. Jemand wird zur Audienz zugelassen bei Herrn Papa, unserm
gnädigsten Großherzog, und nehmen Sie an, daß er ein Neuling ist und
noch nie bei Hofe war. Und kommt denn im Frack und hat Frost und Hitze,
denn es ist ja natürlich keine Kleinigkeit, zum erstenmal vor der
Königlichen Hoheit zu stehen. Und die Lakaien lächeln über ihn, weil sie
hier zu Hause sind, und bugsieren ihn ins Vorzimmer, und er weiß nicht,
wie ihm geschieht, und vergißt denn auch richtig, den Lakaien Trinkgeld
zu geben. Aber dann kommt sein Augenblick, und der Herr Adjutant sagt
seinen Namen, und die Lakaien machen die Flügeltür auf und lassen ihn in
das Zimmer hinein, wo der Herr Großherzog warten. Da steht denn der
Neuling und macht Reverenz und sagt seine Antworten, und der Herr
Großherzog in seiner Güte gibt ihm die Hand, und nu is er entlassen und
geht nach rückwärts und denkt, die Flügeltür soll hinter ihm aufgehen,
wie man es ihm bestimmt versprochen hat. Aber sie geht nicht auf, sag'
ich den jungen Herrschaften, denn die Lakaien sind giftig auf ihn, weil
sie kein Trinkgeld bekommen haben, und rühren keinen Finger da draußen.
Aber er darf sich nicht umdrehen, das darf er beileibe nicht, weil er
dem Herrn Großherzog seinen Rücken nicht zeigen darf, das wäre ein
großer Verstoß und eine Beleidigung für den hohen Herrn. Und sucht denn
hinter sich mit der Hand nach dem Türgriff und findet ihn nicht und
kriegt das Zappeln und springt an der Tür herum, und hat er schließlich
durch Gottes Erbarmen den Griff, so is es 'ne altmod'sche Klinke, und er
versteht sich nich drauf und fingert und renkt sich den Arm aus und
rackert sich ab und verneigt sich zwischendurch aus Verzweiflung, bis
der gnädigste Herr ihn womöglich zuletzt mit eigener Hand hinauslassen
muß. Ja, das ist das mit dem Türöffnen! Aber das ist noch gar nichts,
und nun will ich den jungen Herrschaften ...«
Sie hatten im Sprechen und Lauschen des Weges kaum acht gehabt, hatten
Treppen zurückgelegt und befanden sich im Erdgeschoß, unweit des
Albrechtstores. Eiermann, ein Kammerlakai der Großherzogin, kam ihnen
entgegen. Er trug einen violetten Frack und Backenbartstreifen. Er war
ausgesandt, Ihre Großherzoglichen Hoheiten zu suchen. Er schüttelte
schon von weitem in lebhaftem Bedauern den Kopf und machte einen
trichterförmigen Mund dazu. Aber als er den Schuster Hinnerke gewahrte,
der mit den Kindern ging und seinen Regenschirm vor sich herstieß,
versagten alle Muskeln seines Gesichtes, und es ward schlaff und dumm.
Es blieb kaum Zeit zu Dank und Abschied, so rasch wußte Eiermann den
Meister von den Kindern zu trennen und zu entfernen. Und unter schlimmen
Ankündigungen geleitete er Ihre Großherzoglichen Hoheiten in deren
Zimmer hinauf, zu Madame aus der Schweiz.
Man blickte zu Gott empor und schlug die Hände zusammen bezüglich ihres
Ausbleibens und des Zustandes ihrer Kleider. Das Schlimmste geschah: Man
»sah sie traurig an«. Aber Klaus Heinrich brachte nur das Notdürftigste
an Zerknirschung zustande. Er dachte: Die Lakaien ... »Du Reiner, du
Feiner«, lächelten sie, denn sie nahmen Geld und ließen die Lieferanten
auf den Korridoren irren, wenn sie keins bekamen, hielten die Waren
zurück, damit den Lieferanten die Schuld träfe, und öffneten nicht die
Flügeltür, so daß der Audienzhabende zappeln mußte. Das war im Schloß,
und wie mochte es draußen sein? Draußen unter den Leuten, die so fromm
und fremd auf ihn schauten, wenn er grüßend vorüberfuhr?... Aber wie
unterfing sich der Mann, es ihm zu sagen? Nicht ein einziges Mal hatte
er ihn Großherzogliche Hoheit genannt, hatte ihm Gewalt angetan und
seine Reinheit und Feinheit gröblich verletzt. Und warum war es
gleichwohl so seltsam süß, das von den Lakaien zu hören? Warum schlug
sein Herz mit solcher entsetzten Freude, da etwas von den wilden und
frechen Dingen es berührte, deren seine Hoheit nicht teilhaft war?
Doktor Überbein
Klaus Heinrich verlebte drei Knabenjahre gemeinsam mit Altersgenossen
aus dem Hof- und Landadel der Monarchie in einem Internat, einer Art
erlauchten Konvikts, das Hausminister von Knobelsdorff seinethalben auf
Jagdschloß »Fasanerie« begründet und eingerichtet hatte.
Seit hundert Jahren im Kronbesitz, gab Schloß »Fasanerie« dem ersten
Aufenthaltspunkt einer von der Residenz gen Nordwesten führenden
Staatsbahnlinie seinen Namen und hatte ihn seinerseits von einem unweit
in Wiese und Busch gelegenen »zahmen« Fasanengehege, das die Liebhaberei
eines früheren Landesherrn gewesen war. Das Schloß, ein einstöckiges,
kastenartiges Landhaus mit einem von Blitzableitern überragten
Schindeldach, stand mit Remise und Stallgebäude hart am Saume
ausgebreiteter Nadelwaldungen. Eine Reihe bejahrter Linden in Front,
blickte es über ein weites, in fernem, blauendem Bogen vom Walde
umgrenztes und von Pfaden durchkreuztes Wiesengelände hin, auf dem sich
gewalzte Spielplätze und Hürden zum Hindernisreiten abzeichneten. Dem
Schlosse schräg gegenüber war ein Wirtshaus, ein Bier- und Kaffeegarten
mit hohen Bäumen gelegen, den ein bedächtiger Mann namens Stavenüter in
Pacht hatte, und der an Sommersonntagen von Ausflüglern, besonders
Radfahrern, aus der Hauptstadt bevölkert war. Den Zöglingen der
»Fasanerie« war der Besuch des Wirtsgartens nur unter Aufsicht eines
Lehrers erlaubt.
Es waren ihrer fünf außer Klaus Heinrich: ein Trümmerhauff, ein
Gumplach, ein Platow, ein Prenzlau und ein Wehrzahn. Sie wurden in der
Gegend »die Fasanen« genannt. Ein ziemlich ausgedienter Landauer aus dem
Hofbestande, ein Gig, ein Schlitten und einige Reitpferde standen ihnen
zur Verfügung, und wenn zur Winterszeit ein Teil der Wiesen überschwemmt
und gefroren war, so bot sich Gelegenheit zum Schlittschuhlaufen. Es gab
einen Koch, zwei Kammermädchen, einen Kutscher und zwei Lakaien auf
Schloß »Fasanerie«, von denen der eine zur Not gleichfalls zu fahren
verstand.
Gymnasialprofessor Kürtchen, ein kleiner, mißtrauischer und reizbarer
Junggeselle von komödiantischen Formen und einer altfränkischen
Ritterlichkeit, leitete das Konvikt. Er trug einen gestutzten, ergrauten
Schnurrbart, eine Goldbrille vor seinen unruhigen braunen Augen und im
Freien stets einen in den Nacken gerückten Zylinderhut. Er ging mit
vorgestrecktem Unterleib, indem er seine kleinen Fäuste nach Art eines
Dauerläufers zu beiden Seiten seines Bäuchleins hielt. Er behandelte
Klaus Heinrich mit einem selbstgefälligen Takt, war aber voller Verdacht
gegen den Adelshochmut seiner übrigen Zöglinge und geriet in die Wut
eines Katers, wenn er Geringschätzung seines Bürgertums witterte. Auf
Spaziergängen liebte er es, wenn Leute in der Nähe waren,
stehenzubleiben, seine Schüler in dichter Gruppe um sich zu versammeln
und ihnen, mit dem Stock im Sande zeichnend, irgend etwas zu
demonstrieren. Frau Amelung, eine stark nach Hoffmannstropfen duftende
Hauptmannsfrau, welche die Schlüssel der Anstalt führte, nannte er
»gnädige Dame« und wußte sich etwas mit dieser Art Kenntnis des feinen
Tones.
Ein noch jugendlicher Hilfslehrer mit Doktorgrad stand dem Professor
Kürtchen zur Seite -- ein aufgeräumter, tätigkeitsfroher und redegewandt
schwadronierender, dabei schwärmerisch gesinnter Mensch, der Klaus
Heinrichs Denkart und Selbstempfindung vielleicht mehr, als gut war,
beeinflußte. Auch ein Turnmeister namens Zotte war genommen worden.
Nebenbei bemerkt hieß der Hilfslehrer Überbein, mit Vornamen Raoul. Was
sonst an Lehrern noch nötig war, kam jeden Tag mit der Eisenbahn aus der
Hauptstadt.
Klaus Heinrich bemerkte mit Einverständnis, daß in sachlicher Beziehung
die Ansprüche, die man an ihn stellte, sich rasch verminderten. Schulrat
Dröges faltiger Zeigefinger haftete nicht mehr an den Zeilen, er hatte
das seine getan; und während der Unterrichtsstunden sowohl wie bei
Korrektur der schriftlichen Arbeiten nahm Professor Kürtchen ausgiebig
Gelegenheit, seinen Takt zu erweisen. Ganz kurze Zeit nach Begründung
des Internates bat er eines Tages -- es war nach dem Gabelfrühstück in
dem hochfenstrigen Speisesaal zu ebener Erde -- Klaus Heinrich zu sich
hinauf in sein Studierzimmer und äußerte wörtlich: »Es ist gegen das
allgemeine Interesse, daß Großherzogliche Hoheit während unserer
gemeinsamen wissenschaftlichen Übungen zur Beantwortung von Fragen
herangezogen werden, die Ihnen im Augenblick unwillkommen sind.
Andererseits ist es wünschenswert, daß Großherzogliche Hoheit sich stets
durch Handerheben zur Antwort melden. Ich bitte Großherzogliche Hoheit
daher, zu meiner Orientierung, bei unwillkommenen Fragen den Arm in
ganzer Länge auszustrecken, bei solchen aber, zu deren Lösung
aufgefordert zu werden Ihnen angenehm wäre, ihn nur halbwegs und im
rechten Winkel zu erheben.« Was Doktor Überbein betraf, so erfüllte er
den Schulsaal mit einer schallenden Gesprächigkeit, deren Frohsinn das
Gegenständliche unter sich ließ, ohne es aus den Augen zu lassen. Er
hatte mit Klaus Heinrich keinerlei Vereinbarung getroffen, sondern
befragte ihn, wann es ihm einfiel, mit freier Freundlichkeit, ohne daß
eine Verlegenheit daraus entstand. Und Klaus Heinrichs wenig
sachdienliche Antworten schienen Doktor Überbein zu entzücken, ihn zu
einer heiteren Begeisterung hinzureißen. »Ohoho!« rief er und legte
lachend den Kopf hintüber ... »O Klaus Heinrich! O Prinzenblut! O Eure
Ahnungslosigkeit! Des Lebens rauhe Problematik fand Sie unvorbereitet!
Nun denn, mir umgetriebenem Manne steht es an, sie zu entwirren.« Und er
gab selbst die Antwort; rief keinen anderen mehr auf, wenn Klaus
Heinrich falsch geantwortet hatte. -- Die Unterrichtsweise der übrigen
Lehrer trug einen anspruchslos vortragenden Charakter. Und Turnlehrer
Zotte hatte von hoher Stelle die Weisung, die körperlichen Exerzitien
mit aller Rücksicht auf Klaus Heinrichs linke Hand zu leiten -- so zwar,
daß nicht einmal des Prinzen eigene oder der anderen Knaben
Aufmerksamkeit unnötigerweise auf den kleinen Fehler gelenkt werde. Die
Leibesübungen beschränkten sich also auf Laufspiele, und in der
Reitstunde, die gleichfalls Herr Zotte erteilte, war alle Verwegenheit
ausgeschlossen.
Klaus Heinrichs Verhältnis zu den fünf Kameraden war nicht innig zu
nennen, es wollte zu eigentlicher Vertrautheit nicht gedeihen. Er stand
für sich, war niemals einer von ihnen, ging schlechterdings in ihrer
Anzahl nicht auf. Sie waren fünf, und er war einer; der Prinz, die Fünfe
und die Lehrer, das war die Anstalt. -- Mehreres stand einer
unbefangenen Freundschaft entgegen. Die Fünf waren Klaus Heinrichs wegen
da, sie waren zur Gefährtschaft mit ihm befohlen, sie wurden in der
Stunde nicht mehr gefragt, wenn er falsch geantwortet hatte, sie hatten
sich bei Ritt und Spiel seiner Körperbeschaffenheit anzupassen. Sie
fanden sich auf den Vorzug der Lebensgemeinschaft mit ihm bis zum
Überdruß hingewiesen. Ein paar von ihnen, die jungen von Gumplach, von
Platow und von Wehrzahn, minderbegüterte Landjunker, standen die ganze
Zeit unter dem Einfluß des beglückten Stolzes, den ihre Eltern an den
Tag gelegt hatten, als die Einladung des Hausministeriums ihnen
zugegangen war, der Glückwünsche, die man ihnen von allen Seiten
dargebracht hatte. Graf Prenzlau andererseits, jener Dicke, Rothaarige,
Sommersprossige mit der atemlosen Sprechweise und dem Vornamen Bogumil,
war ein Sproß der reichsten und adligsten Grundbesitzerfamilie des
Landes, verwöhnt und voll Selbstgefühl. Er wußte genau, daß die Seinen
die Aufforderung des Barons von Knobelsdorff nicht wohl hatten
ausschlagen können, daß sie ihnen aber durchaus keine Himmelsgnade
bedeutet hatte, und daß er, Graf Bogumil, auf den Gütern seines Vaters
weit besser und standesgemäßer hätte leben können als auf Schloß
»Fasanerie«. Er fand die Reitpferde schlecht, den Landauer schäbig, den
Gig in der Bauart veraltet; er murrte heimlich über das Essen. Dagobert
Graf Trümmerhauff, ein windhundähnlicher und feiner Knabe, dessen Rede
ein Säuseln war, hielt zu ihm in allen Stücken.
Sie hatten ein Wort miteinander, das voll von dem Ausdruck ihres
mäkligen und aristokratischen Wesens war, und das sie mit einer
schneidenden Kehlstimme gern und häufig verwandten: »Schweinerei«. Es
war eine Schweinerei, sich lose Kragen ans Hemd zu knüpfen. Es war eine
Schweinerei, im gewöhnlichen Sakko-Anzug Lawn-Tennis zu spielen. Aber
Klaus Heinrich fühlte sich nicht zur Pflege dieses Wortes geboren. Er
hatte bisher überhaupt nicht gewußt, daß es Hemden mit angenähten Kragen
gab, und daß man so viele Anzüge auf einmal besitzen könne wie Bogumil
Prenzlau. Er hätte gern »Schweinerei« gesagt, aber ihm fiel ein, daß er
zur selben Stunde gestopfte Strümpfe trug. Er fand sich unelegant neben
Prenzlau und plump im Vergleich mit Trümmerhauff. Trümmerhauff war edel
wie ein Tier. Er hatte eine lange, spitze Nase mit messerscharfem Rücken
und weiten, vibrierenden, dünnwandigen Nüstern, bläuliche Adern an
seinen zarten Schläfen und winzige Ohren ohne Läppchen. Aus seinen
weiten farbigen Manschetten, die mit goldenen Kettenknöpfen geschlossen
waren, kamen erlesene Damenhände mit gewölbten Nägeln hervor, und das
Gelenk der einen war mit einem goldenen Armband geschmückt. Er säuselte
mit halbgeschlossenen Augen ... Nein, es war klar, daß Klaus Heinrich
mit Trümmerhauff an Vornehmheit nicht wetteifern konnte. Seine rechte
Hand war ziemlich breit, er hatte Backenknochen wie alles Volk, und
geradezu stämmig kam er sich vor an Dagoberts Seite. Wohl möglich, daß
Albrecht es besser verstanden hätte, mit den Fasanen »Schweinerei« zu
sagen. Er seinerseits war kein Aristokrat, war keiner, deutliche
Tatsachen sprachen dagegen. Wie war es mit seinem Namen? Klaus Heinrich,
so hießen die Schustersöhne im Land, und Herrn Stavenüters Kinder dort
drüben, die die Finger zum Schneuzen gebrauchten, wurden wie er, wie
seine Eltern, sein Bruder genannt. Aber die Adligen hießen Bogumil und
Dagobert ... Klaus Heinrich stand einzeln und allein unter den Fünfen.
Er schloß dennoch eine Freundschaft auf Schloß »Fasanerie«, und es war
die mit Doktor Überbein, dem Hilfslehrer. Raoul Überbein war kein
schöner Mann. Er hatte einen roten Bart und eine grünlich-weiße
Gesichtsfarbe zu wasserblauen Augen, spärliches rotes Haar und überaus
häßliche, abstehende und nach oben spitz zulaufende Ohren. Aber seine
Hände waren klein und zart. Er benutzte ausschließlich weiße Krawatten,
was seiner Erscheinung etwas Festliches verlieh, obgleich seine
Garderobe dürftig war. Er trug im Freien einen Lodenmantel und beim
Reiten -- denn Doktor Überbein ritt, und zwar vortrefflich -- einen
strapazierten Gehrock, dessen Schöße er mit Sicherheitsnadeln umlegte,
enge, geknöpfte Hosen und einen neuen Hut.
Worin bestand der Zauber, den er auf Klaus Heinrich ausübte? Dieser
Zauber war mehrfach zusammengesetzt. Man lebte noch nicht lange
miteinander, als unter den »Fasanen« das Gerücht in Umlauf kam, der
Hilfslehrer habe vor Jahr und Tag mit genauer Not ein Kind aus einem
Moor oder Sumpf gezogen und befinde sich im Besitz der Rettungsmedaille.
Das war ein Eindruck. Später erfuhr man noch mehr aus Doktor Überbeins
Leben, und auch Klaus Heinrich erfuhr davon. Es hieß, er sei dunkler
Herkunft, sei vaterlos. Seine Mutter sei eine Schauspielerin gewesen,
die ihn gegen Entgelt von armen Leuten an Kindes Statt habe annehmen
lassen, und ehemals habe er Hunger gelitten, woher die grünliche Färbung
seines Gesichtes rühre. Das waren Dinge, die sich der Einsicht, ja dem
Nachdenken verschlossen, wilde, unzugängliche Dinge, auf welche übrigens
Doktor Überbein zuweilen selber anspielte, zum Beispiel, wenn die
adeligen Knaben, denen sein dunkler Ursprung im Sinne saß, sich etwa
anmaßend und unziemlich gegen ihn betrugen. »Nesthäkchen und
Muttersöhnchen!« sagte er dann in lautem Unmut. »Ich lasse mir lange
genug den Wind um die Nase wehen, um Bescheidenheit von euch Herrchen
verlangen zu dürfen!« -- Auch dies, daß Doktor Überbein sich den Wind
hatte um die Nase wehen lassen, verfehlte nicht seine Wirkung auf Klaus
Heinrich. Aber das eigentlich Reizvolle an des Doktors Person war die
Art seines direkten Verhaltens gegen Klaus Heinrich, der Ton, in dem er
vom ersten Tage an mit ihm verkehrte, und der ihn von allen anderen
Menschen strikt unterschied. Er wußte nichts von der steifen
Verschlossenheit der Lakaien, von Madames bleichem Entsetzen, von
Schulrat Dröges sachlichen Verbeugungen oder von Professor Kürtchens
selbstgefälliger Rücksichtnahme; er wußte gar nichts von dem fremden,
frommen und dennoch zudringlichen Wesen, mit dem die Leute draußen auf
Klaus Heinrich blickten. Während der ersten Tage nach Zusammentritt des
Konviktes verhielt er sich schweigsam, beschränkte sich auf Beobachtung.
Dann aber näherte er sich dem Prinzen mit einem lächelnden und lauten
Freimut, einer frischen, väterlichen Kameradschaftlichkeit, wie Klaus
Heinrich sie niemals gekannt hatte. Sie verstörte ihn anfangs, er
blickte erschreckt in des Doktors grünliches Gesicht. Aber diese
Verwirrung wirkte auf jenen nicht zurück, schüchterte ihn keineswegs
ein; sie bestärkte ihn in seiner herzlich schwadronierenden
Unbefangenheit, und nicht lange, so war Klaus Heinrich erwärmt und
gewonnen. Denn in Doktor Überbeins Art lag nichts Gemeines, nichts
Niederreißendes, nicht einmal etwas Absichtliches und Erzieherisches. Es
lag darin die Überlegenheit eines Mannes, der sich den Wind hatte um die
Nase wehen lassen, und zugleich eine zarte und freie Huldigung für Klaus
Heinrichs anderes Sein und Wesen; Liebe und Anerkennung lag darin, nebst
dem fröhlichen Antrag eines Bündnisses zwischen ihren beiden
Wesensarten. Er nannte ihn ein paarmal »Hoheit«, dann einfach »Prinz«,
dann ganz einfach »Klaus Heinrich«. Und dabei blieb es.
Sie hielten die Tete, der Doktor auf seinem breiten Schecken links von
Klaus Heinrich auf seinem gutgesinnten Fuchs, wenn die »Fasanen«
spazieren ritten -- trabten im Schnee oder Blätterfall, durch
Frühjahrsschmelze oder Sommersbrüten den Waldessaum entlang, über Land,
durch die Dörfer, und Doktor Überbein erzählte von seinem Leben. Raoul
Überbein, wie das klang, nicht wahr? Geschmackvoll war wesentlich
anders! Ja, Überbein war der Name seiner Adoptiveltern gewesen, armer,
alternder Leutchen aus der unteren Bankbeamtensphäre, und er führte ihn
nach Recht und Spruch. Aber daß er Raoul genannt werde, darin hatte die
einzige Bestimmung und Vorschrift seiner Frau Mutter bestanden, als sie
die Abfindungssumme nebst seiner fatalen kleinen Person den Leutchen
eingehändigt hatte -- eine sentimentale Bestimmung offenbar, eine
Bestimmung der Pietät. Sehr möglich wenigstens, daß sein rechter und
eigentlicher Vater Raoul geheißen hatte, und hoffentlich hatte sein
Nachname in schönem Einklang damit gestanden. Übrigens war es eine
ziemlich leichtsinnige Handlungsweise seiner Pflegeeltern gewesen, ein
Kind anzunehmen, denn »ein gewisser« Schmalhans war Küchenmeister
gewesen bei Überbeins, und wahrscheinlich hatten sie nur aus einer
dringenden Notlage nach der Abfindungssumme gegriffen. Nur die
dürftigste Schulausbildung war dem Knaben zuteil geworden, aber er hatte
sich die Freiheit genommen, zu zeigen, wer er war, hatte sich ein
bißchen hervorgetan, und da er gern Lehrer werden wollte, so waren ihm
aus einem öffentlichen Fonds die Mittel zur Seminarausbildung bewilligt
worden. Nun, er hatte das Seminar absolviert, nicht ohne Auszeichnung
übrigens, denn es war ihm drauf angekommen, und dann hatte man ihn als
Volksschullehrer angestellt, mit einem kolossalen Gehalt, wovon er noch
hie und da aus Erkenntlichkeit seine ehrlichen Pflegeeltern unterstützt
hatte, bis sie beinahe gleichzeitig gestorben waren. Wohl ihnen! Da
hatte er gestanden, allein in der Welt, ein Malheur von Geburt und arm
wie ein Spatz und von Gott begabt mit einer grünlichen Fratze nebst
Hundsohren, um sich einzuschmeicheln. Freundliche Bedingungen, nicht
wahr? Aber solche Bedingungen, das waren die guten Bedingungen -- ein
für allemal, so verhielt es sich. Eine elende Jugend, Einsamkeit und
Ausgeschlossenheit vom Glücke, von der Bummelei des Glücks, ein
ausschließliches und strenges Auf-die-Leistung-Gestelltsein -- man
setzte kein Fett an dabei, man ward innerlich sehnig, man kannte kein
Behagen und überflügelte diesen und jenen. Welche Begünstigung der
Fähigkeiten, wenn man kalt und klar auf sie angewiesen war! Welch
Vorteil vor denen, die »es nicht nötig«, in dem Grade »nicht nötig
hatten«! Vor den Leuten, die sich des Morgens eine Zigarre anzündeten
... Zu jener Zeit, am Krankenbett eines seiner ungewaschenen kleinen
Schüler, in einer Stube, wo es nicht gerade nach Frühlingsblüten roch,
hatte Raoul Überbein die Bekanntschaft eines jungen Mannes gemacht --
etliche Jahre älter als er, aber in ähnlicher Lage und ebenfalls ein
Malheur von Geburt, insofern er ein Jude war. Klaus Heinrich kannte ihn
-- doch man konnte sagen, daß er ihn bei intimer Gelegenheit
kennengelernt hatte. Sammet war sein Name, _medicinae doctor_; er war
durch Zufall auf der Grimmburg zugegen gewesen, als Klaus Heinrich
geboren wurde, und hatte sich ein paar Jahre danach in der Hauptstadt
als Kinderarzt aufgetan. Nun, das war Überbeins Freund, war es heute
noch, und damals hatten sie manches gute Gespräch über Schicksal und
Strammheit miteinander gehabt. Verdammt noch mal, sie hatten sich den
Wind um die Nase wehen lassen, einer wie der andere. Überbein angehend,
so dachte er mit ernster Freude an die Zeit zurück, da er
Volksschullehrer gewesen war. Seine Tätigkeit hatte sich nicht ganz und
gar auf das Klassenzimmer beschränkt, er hatte sich den Spaß gemacht,
sich auch persönlich und menschlich ein bißchen um seine kleinen
Strolche zu kümmern, ihnen in ihr Heim, ihr zuweilen nicht sehr
idyllisches Familienleben nachzugehen, und dabei verfehlte man nicht,
allerlei Einblicke zu tun. Wahrhaftig, wenn er vordem des Lebens
schmallippiges Antlitz noch nicht gekannt hatte, so hatte er damals
Gelegenheit gehabt, hineinzusehen. Übrigens hatte er nicht aufgehört,
für sich selbst zu arbeiten, hatte fetten Bürgerkindern Privatstunden
erteilt und sich den Leibgurt enger gezogen, um sich Bücher kaufen zu
können -- hatte die langen, stillen und freien Nächte benutzt, um zu
studieren. Und eines Tages hatte er mit außerordentlicher Genehmigung
die Staatsprüfung abgelegt, hatte nebenbei promoviert und war zur
Lateinschule übergegangen. Eigentlich hatte es ihm leid getan, seine
kleinen Strolche zu verlassen; aber so war sein Weg gewesen. Und dann
hatte es sich gefügt, daß man ihn zum Hilfslehrer auf Schloß »Fasanerie«
erkoren hatte, wiewohl er doch ein Malheur von Geburt war ...
So erzählte Doktor Überbein, und Klaus Heinrich wurde von Freundschaft
erfüllt, während er ihm zuhörte. Er teilte seine Geringschätzung derer,
die »es nicht nötig hatten« und sich des Morgens eine Zigarre
anzündeten, Furcht und Freude bewegten ihn bei dem, was Überbein in
seiner lustig bramarbasierenden Art über den »Wind«, die »Einblicke« und
über des Lebens schmallippiges Antlitz verlauten ließ, und mit einer
persönlichen Teilnahme verfolgte er seine glücklose und tapfere Laufbahn
von der Abfindungssumme bis zur Anstellung als Gymnasiallehrer. Ihm war,
als sei er auf irgendeine allgemeine Weise befähigt, sich an einem
Gespräch über Schicksal und Strammheit zu beteiligen. Er fühlte eine
Weichheit, das Erlebnis seiner eigenen fünfzehn Jahre geriet in
Bewegung, ein Drang nach eigener Mitteilung und Hingabe kam ihn an, und
er versuchte, auch seinerseits von sich zu erzählen. Aber das
Merkwürdige war, daß Doktor Überbein dem Einhalt tat, sich solcher
Absicht aufs entschiedenste widersetzte. »Nein, nein, Klaus Heinrich,«
sagte er, »halt und Punktum. Nur keine Unmittelbarkeiten, wenn ich
bitten darf! Nicht, als ob ich nicht wüßte, daß Sie mir allerlei zu
erzählen hätten ... Ich habe es gewußt, als ich Ihnen einen halben Tag
lang zugeschaut hatte. Aber Sie mißverstehen mich völlig, wenn Sie
glauben, daß ich Sie dazu verleiten möchte, an meinem Halse zu weinen.
Erstens würden Sie es über kurz oder lang bereuen. Aber zweitens kommen
Ihnen die Freuden des traulichen Geständnisses überhaupt nicht zu ...
Sehen Sie, ich darf schwatzen. Was bin ich? Ein Hilfslehrer. Kein ganz
alltäglicher meinetwegen, aber doch nichts darüber hinaus. Ein sehr
bestimmbares Einzelwesen. Aber Sie? Was sind Sie? Das ist schwieriger
... Sagen wir: ein Inbegriff, eine Art Ideal. Ein Gefäß. Eine
sinnbildliche Existenz, Klaus Heinrich, und damit eine formale Existenz.
Aber Form und Unmittelbarkeit -- wissen Sie noch nicht, daß sich das
ausschließt? Es schließt sich aus. Sie haben kein Recht auf unmittelbare
Vertraulichkeit, und wenn Sie's versuchten damit, so würden Sie selber
erfahren, daß sie Ihnen nicht taugt, würden sie als unzulänglich und
abgeschmackt erfinden. Ich muß Sie zur Haltung ermahnen, Klaus
Heinrich ...«
Klaus Heinrich salutierte lächelnd mit der Reitpeitsche. Und lächelnd
ritten sie weiter.
Ein andermal sagte Doktor Überbein beiläufig: »Die Popularität ist keine
sehr gründliche, aber eine großartige und umfassende Art der
Vertraulichkeit.« Mehr sagte er nicht hierüber.
Zuweilen im Sommer, in der großen Unterrichtspause am Vormittag, saßen
sie miteinander in dem leeren Wirtsgarten -- promenierten in
irgendwelchem Gespräch über das Wiesenland, auf dem die »Fasanen« sich
tummelten, und improvisierten einen Aufenthalt mit Limonade in Herrn
Stavenüters Anwesen. Herr Stavenüter wischte freudig den rohen Tisch und
brachte persönlich die Limonade. Man mußte den Glaskugelpfropfen durch
den Flaschenhals stoßen. »Reine Ware!« sagte Herr Stavenüter. »Das
Bekömmlichste von allem. Kein Gesudel, Großherzogliche Hoheit und Sie,
Herr Doktor, sondern gezuckerte Natursäfte und mit dem besten Gewissen
zu empfehlen!« Dann hieß er seine Kinder singen, dem Besuch zu Ehren.
Sie waren zu dritt, zwei Mädchen und ein Knabe, und konnten dreistimmig
singen. Sie standen in einiger Entfernung unter dem grünen Blätterdach
der Kastanienbäume und sangen Volkslieder, indem sie sich mit den
Fingern schneuzten. Einmal sangen sie ein Lied mit dem Anfang:
»Menschen, Menschen sind wir alle«, und Doktor Überbein gab durch
Zwischenbemerkungen sein Mißfallen an dieser Nummer des Programms zu
erkennen. »Ein faules Lied«, sagte er und beugte sich seitwärts zu Klaus
Heinrich. »So recht ein ordinäres Lied. Ein bequemes Lied, Klaus
Heinrich, es muß Ihnen nicht sehr zusagen.« Später, als die Kinder nicht
mehr sangen, kam er nochmals auf dieses Lied zurück und bezeichnete es
geradezu als »schlampig«. »Wir sind alle, alle Menschen,« wiederholte er
-- »Gott erbarme sich, ja, zweifelsohne. Aber vielleicht darf man
demgegenüber daran erinnern, daß die Bemerkenswerteren unter uns
immerhin die sein mögen, die Veranlassung geben, diese Wahrheit
besonders zu betonen ... Sehen Sie,« sagte er, indem er sich
zurücklehnte, ein Bein über das andere schlug und seinen roten Bart von
unten, von der Kehle aus streichelte, »sehen Sie, Klaus Heinrich, ein
Mann von etwelchem geistigen Bedürfnis wird sich nicht enthalten können,
in dieser platten Welt das Außerordentliche zu suchen und es zu lieben,
wo und wie es irgend erscheint -- er muß sich ärgern an solchem
schlampigen Lied, an solcher schafsgemütlichen Wegleugnung des
Sonderfalles, des hohen und des elenden und desjenigen, der beides
zugleich ist ... Rede ich fürs Haus? Unsinn! Ich bin nur ein
Hilfslehrer. Aber Gott mag wissen, was mir im Blute spukt -- ich finde
keine Genugtuung darin, zu betonen, daß wir im Grunde alle nur
Hilfslehrer sind. Ich liebe das Ungewöhnliche in jeder Gestalt und in
jedem Sinne, ich liebe die mit der Würde der Ausnahme im Herzen, die
Gezeichneten, die als Fremdlinge Kenntlichen, all die, bei deren Anblick
das Volk dumme Gesichter macht -- ich wünsche ihnen die Liebe zu ihrem
Schicksal, und ich wünsche nicht, daß sie sich's mit der liederlichen
und lauwarmen Wahrheit bequem machen, die wir da eben dreistimmig zu
hören bekommen haben ... Warum bin ich Ihr Lehrer geworden, Klaus
Heinrich? Ich bin ein Zigeuner, ein strebsamer meinetwegen, aber doch
ein geborener Zigeuner. Meine Vorbestimmtheit zum Fürstenknecht ist
nicht sonderlich einleuchtend. Warum bin ich mit aufrichtigem Vergnügen
dem Rufe gefolgt, als er an mich erging, in Ansehung meiner
Strebsamkeit, und obwohl ich doch ein Malheur von Geburt bin? Weil ich
in Ihrer Daseinsform, Klaus Heinrich, die sichtbarste, ausdrücklichste,
bestgehütete Form des Außerordentlichen auf Erden sehe. Ich bin Ihr
Lehrer geworden, weil ich Ihr Schicksal in Ihnen lebendig erhalten
möchte. Abgeschlossenheit, Etikette, Verpflichtung, Strammheit, Haltung,
Form -- wer darin lebt, sollte kein Recht auf Verachtung haben? Er
sollte sich auf Menschlichkeit und Gemütlichkeit verweisen lassen? Nein,
kommen Sie, wir wollen gehen, Klaus Heinrich, wenn es Ihnen angenehm
ist. Es sind taktlose Bälge, diese kleinen Stavenüters.« -- Klaus
Heinrich lachte; er schenkte den Kindern ein wenig von seinem
Taschengeld, und sie gingen.
»Ja, ja,« sagte Doktor Überbein auf einem gemeinschaftlichen
Waldspaziergang zu Klaus Heinrich -- es hatte sich einiger Abstand
zwischen ihnen und den fünf »Fasanen« hergestellt --, »heutzutage muß
das Verehrungsbedürfnis des Geistes sich bescheiden. Wo ist Größe? Ja,
prosit! Aber von aller eigentlichen Größe und Sendung abgesehen, so gibt
es immer noch das, was ich Hoheit nenne, erlesene und schwermütig
isolierte Lebensformen, denen man sich gefälligst mit der zartesten
Teilnahme zu nahen hat. Übrigens ist die Größe stark, sie trägt
Kanonenstiefel, sie hat die Ritterdienste des Geistes nicht nötig. Aber
die Hoheit ist rührend -- sie ist, hol' mich der Teufel, das Rührendste,
was es auf Erden gibt.«
Einigemal im Jahr fuhr die »Fasanerie« in die Residenz, um den
Aufführungen klassischer Opern und Dramen im großherzoglichen Hoftheater
beizuwohnen; besonders Klaus Heinrichs Geburtstag wurde mit solchem
Theaterbesuch begangen. Er saß dann in ruhiger Haltung auf seinem
geschweiften Armstuhl an der Plüschbrüstung einer rot ausgeschlagenen
Proszeniums-Hofloge, deren Dach auf den Köpfen zweier weiblicher
Skulpturen mit gekreuzten Händen und leeren, strengen Gesichtern ruhte,
und sah seinen Kollegen, den Prinzen, zu, deren Schicksal sich auf der
Bühne erfüllte, während er zugleich den Operngläsern standhielt, die
sich von Zeit zu Zeit, auch während des Spiels, aus dem Publikum auf ihn
richteten. Professor Kürtchen saß zu seiner Linken und Doktor Überbein
mit den »Fasanen« in einer Nebenloge. Einst hörte man so die
»Zauberflöte«, und auf dem Heimweg nach Station »Fasanerie«, in dem
Abteil erster Klasse, brachte Doktor Überbein das ganze Konvikt zum
Lachen, indem er nachahmte, wie Sänger sprechen, wenn ihre Rolle sie
nötigt, in den Prosadialog überzugehen. »Er ist ein Prinz!« sagte er
salbungsvoll und entgegnete sich selbst in einem ziehenden und singenden
Pastorenton: »Er ist mehr als das; er ist ein Mensch!« Selbst Professor
Kürtchen amüsierte sich so sehr, daß er meckerte. Aber am nächsten Tage,
gelegentlich einer Privatrepetition in Klaus Heinrichs Bücherzimmer mit
dem runden Mahagonitisch, der geweißten Decke und dem griechischen Torso
auf dem Kachelofen, wiederholte Doktor Überbein seine Parodie und sagte
dann: »Großer Gott, das war einmal neu zu seiner Zeit, war eine
Botschaft, eine verblüffende Wahrheit!... Es gibt Paradoxe, die so lange
auf dem Kopfe gestanden haben, daß man sie auf die Füße stellen muß, um
wieder etwas leidlich Verwegenes daraus zu machen. ›Er ist ein Mensch
... Er ist mehr als das‹ -- das ist nachgerade kühner, es ist schöner,
es ist sogar wahrer ... Das Umgekehrte ist bloße Humanität; aber ich bin
von Herzen nicht sehr für Humanität, ich rede mit dem größten Vergnügen
wegwerfend davon. Man muß in irgendeinem Sinne zu denen gehören, von
welchen das Volk spricht: ›Es sind schließlich auch Menschen‹ -- oder
man ist langweilig wie ein Hilfslehrer. Ich kann den allgemeinen,
gemütlichen Ausgleich von Konflikten und Distanzen nicht aufrichtig
wünschen, Gott helfe mir, so bin ich veranlagt, und die Figur des
_principe uomo_ ist mir, deutlich gesagt, ein Greuel. Ich hoffe nicht,
daß sie Ihnen sonderlich zusagt, Klaus Heinrich?... Sehen Sie, es hat zu
allen Zeiten Fürsten und Außerordentliche gegeben, die ihr Dasein der
Ausnahme mit Leichtigkeit führten, einfältig unbewußt ihrer Würde oder
sie derb verleugnend und fähig, mit den Bürgern in Hemdärmeln Kegel zu
schieben, ohne eine qualvolle Verzerrung ihres Innersten zu erfahren.
Aber sie sind wenig beträchtlich, wie zuletzt alles unbeträchtlich ist,
was des Geistes ermangelt. Denn der Geist, Klaus Heinrich, der Geist ist
der Hofmeister, der unerbittlich auf Würde dringt, ja die Würde erst
eigentlich schafft, er ist der Erzfeind und vornehme Gegner aller
humanen Gemütlichkeit. ›Mehr als das?‹ Nein! Repräsentieren, für viele
stehen, indem man sich darstellt, der erhöhte und zuchtvolle Ausdruck
einer Menge sein -- Repräsentieren ist selbstverständlich mehr und höher
als Einfachsein, Klaus Heinrich --, darum nennt man Sie Hoheit ...«
So räsonnierte Doktor Überbein, laut, herzlich und wortgewandt, und was
er sagte, beeinflußte Klaus Heinrichs Denkart und Selbstempfindung
vielleicht mehr als gut war. Der Prinz war damals fünfzehn, sechzehn
Jahre alt und also recht wohl fähig, solcherlei Ideen -- wenn auch nicht
wirklich aufzufassen, doch nach ihrem Wesensgehalt gleichsam
aufzusaugen. Das Entscheidende war, daß Doktor Überbeins Lehren und
Expektorationen durch seine Persönlichkeit so ungemein unterstützt
wurden. Wenn Schulrat Dröge, der sich gegen die Lakaien verneigte, Klaus
Heinrich an seinen »hohen Beruf« gemahnt hatte, so war das nicht mehr
als eine übernommene Redensart gewesen, mit dem Zweck, seinen sachlichen
Forderungen Nachdruck zu verleihen, und eigentlich ohne inneren Sinn.
Aber wenn Doktor Überbein, der ein Malheur von Geburt war, wie er sagte,
und ein grünliches Gesicht hatte, weil er ehemals Hunger gelitten, wenn
dieser Mann, der ein Kind aus einem Moor oder Sumpf gezogen, Einblicke
getan und sich in jeder Weise den Wind hatte um die Nase wehen lassen,
wenn er, der sich nicht nur nicht vor den Lakaien verbeugte, sondern sie
gelegentlich sogar mit schallender Stimme anschrie, und der Klaus
Heinrich selbst am dritten Tage, ohne um Erlaubnis zu fragen, ganz
unumwunden bei Vornamen genannt hatte -- wenn er mit einem väterlichen
Lächeln erklärte, daß Klaus Heinrich »auf der Menschheit Höhen wandle«
(diese Wendung gebrauchte er gern), so war das etwas Freies und neu
Empfundenes, was sozusagen Widerklang in der Tiefe hatte. Lauschte Klaus
Heinrich den lauten und aufgeräumten Erzählungen des Doktors von seinem
Leben, von »des Lebens schmallippigem Antlitz«, so war ihm zumute wie
ehemals, wenn er mit Ditlind, seiner Schwester, gestöbert hatte; und daß
der, welcher so zu erzählen wußte, daß dieser »umgetriebene Mann«, wie
er sich selber nannte, sich nicht fremd und fromm gegen ihn verhielt wie
die anderen, sondern ihn, unbeschadet einer freien und freudigen
Huldigung, als Kameraden im Schicksal und in der Strammheit behandelte,
das erwärmte Klaus Heinrichs Herz zu unaussprechlicher Dankbarkeit und
machte den Zauber aus, der ihn dem Hilfslehrer auf immer verband ...
Kurz nach seinem sechzehnten Geburtstag (Albrecht, der Erbgroßherzog,
befand sich schon damals seiner Gesundheit wegen im Süden) ward der
Prinz gemeinsam mit den fünf »Fasanen« in der Hofkirche eingesegnet --
der »Eilbote« brachte den Bericht, ohne eine Sensation daraus zu machen.
Oberkirchenratspräsident D. Wislizenus kontrapunktierte mit einem
Bibelmotiv, das wiederum der Großherzog ausgewählt hatte, und Klaus
Heinrich ward bei dieser Gelegenheit zum Leutnant ernannt, obgleich er
von militärischen Angelegenheiten auch nicht das geringste verstand ...
Alle Sachlichkeit entwich mehr und mehr aus seinem Dasein. Und so war
denn auch der zeremonielle Vorgang der Einsegnung ohne einschneidende
Bedeutung, und der Prinz kehrte gleich danach ruhig nach Schloß
»Fasanerie« zurück, um sein Leben im Kreise der Lehrer und Mitzöglinge
ohne Veränderung fortzuführen.
Erst ein Jahr später verließ er sein altmodisch schlichtes Schülerzimmer
mit dem Torso auf dem Kachelofen -- das Konvikt löste sich auf, und
während die fünf adeligen Genossen ins Kadettenkorps übertraten, nahm
Klaus Heinrich wieder im Alten Schlosse Wohnung, um, einer Vereinbarung
gemäß, die Herr von Knobelsdorff mit dem Großherzog getroffen hatte, ein
Jahr lang die oberste Gymnasialklasse in der Residenz zu besuchen. Das
war eine wohlerwogene und populäre Maßregel, die aber in sachlicher
Hinsicht nicht vieles änderte. Professor Kürtchen war auf seinen Posten
an der öffentlichen Lehranstalt zurückgekehrt, er unterrichtete Klaus
Heinrich nach wie vor in mehreren Fächern und war in der Klasse noch
eifriger als im Internat darauf bedacht, seinen Takt zu bekunden. Auch
erwies sich, daß er von jener Übereinkunft, welche die beiden Arten des
Prinzen, sich zur Antwort zu melden, betraf, die übrigen Lehrer in
Kenntnis gesetzt hatte. Doktor Überbein angehend, der gleichfalls an das
Gymnasium zurückgekehrt war, so war er in seiner ungewöhnlichen Laufbahn
noch nicht so weit vorgerückt, um in der obersten Klasse zu
unterrichten. Aber auf Klaus Heinrichs lebhaften, ja inständigen Wunsch,
den er dem Großherzog ohne direkte Anrede und sozusagen auf dem
Dienstwege, durch den wohlwollenden Herrn von Knobelsdorff, unterbreitet
hatte, war der Hilfslehrer zum Repetenten und Leiter der häuslichen
Studien bestellt worden, kam täglich aufs Schloß, schrie die Lakaien an
und hatte auch jetzt Gelegenheit, mit seinen burschikosen und
schwärmerischen Reden auf den Prinzen zu wirken.
Vielleicht war es zu einem Teil diesem fortdauernden Einfluß
zuzuschreiben, wenn Klaus Heinrichs Beziehungen zu den jungen Leuten,
mit denen er die zerschnitzte Schulbank teilte, noch lockerer und
entfernter blieben als sein Verhältnis zu den Fünfen auf Schloß
»Fasanerie«, und wenn so der populäre Zweck dieses Jahres verfehlt
wurde. Die Pausen, die zur Sommers- und Winterszeit von allen Schülern
auf dem geräumigen, mit Fliesen ausgelegten Vorhofe verbracht wurden,
boten Gelegenheit zur Pflege der Kameradschaft. Allein diese Pausen, der
großen Menge zur Erholung bestimmt, brachten für Klaus Heinrich erst die
eigentliche, seinem Leben eigentümliche Anstrengung mit sich. Er war
selbstverständlich, wenigstens im ersten Viertel des Jahres, auf dem
Schulhof der Gegenstand allgemeinen Schauens -- nichts Leichtes für ihn,
in Ansehung der Tatsache, daß hier die Umgebung ihm jede äußere Erhöhung
und Stütze versagte und er sich auf demselben Pflaster mit denen zu
bewegen hatte, die einig gegen ihn waren, um zu schauen. Die kleinen
Jungen, voll kindlicher Verantwortungslosigkeit, verharrten ganz nahe in
selbstvergessenen Stellungen und gafften, indes die größeren mit
erweiterten Augen um ihn schweiften und von der Seite oder von unten
blickten ... Das ließ im Laufe der Zeit wohl ein wenig nach, aber auch
dann -- mochte nun wer immer schuld daran sein, Klaus Heinrich oder die
Menge -- auch später wollte die Kameradschaft so rechte Fortschritte
nicht machen. Man sah den Prinzen zur Rechten des Direktors oder des
Lehrers, welcher die Aufsicht führte, gefolgt und umstrichen von
Neugierigen, auf dem Hofe hin und her spazieren. Man sah ihn auch wohl
am Standort seiner Klasse mit seinen Mitschülern plaudern. Ein
liebenswürdiger Anblick! Er lehnte dort halb sitzend an dem schrägen
Vorsprung der glasierten Ziegelmauer, die Füße gekreuzt, die linke Hand
weit hinten in die Hüfte gestemmt, die fünfzehn Insassen der Oberprima
in losem Halbkreise vor sich. Es waren nur fünfzehn dieses Jahr, denn
die letzten Versetzungen waren unter dem Gesichtspunkte vorgenommen
worden, daß keine Elemente in die Selekta vorrückten, die ihrer Herkunft
oder Persönlichkeit nach ungeeignet waren, mit Klaus Heinrich ein Jahr
lang auf du und du zu stehen. Denn das Du war Vorschrift. Klaus Heinrich
sprach mit einem von ihnen, der ein wenig aus dem Halbkreise hervor ihm
nahe getreten war und ihm unter kurzen, kleinen Verbeugungen antwortete.
Beide lächelten; man lächelte stets, wenn man mit Klaus Heinrich sprach.
Er fragte zum Beispiel: »Hast du den deutschen Aufsatz für nächsten
Dienstag schon fertig?«
»Nein, Prinz Klaus Heinrich, noch nicht ganz, ich habe den Schluß noch
nicht.«
»Es ist ein schwieriges Thema. Ich weiß noch gar nicht, was ich
schreiben soll.«
»Oh, Sie werden ... du wirst schon wissen!«
»Nein, es ist schwer. -- Du hast ja eine Eins in der arithmetischen
Klassenarbeit?«
»Ja, Prinz Klaus Heinrich, ich habe Glück gehabt.«
»Nein, das ist Verdienst. Ich werde nie etwas davon verstehen!«
Bewegung der Heiterkeit und des Beifalls im Halbkreise. Klaus Heinrich
wandte sich an einen anderen Mitschüler, und der erste trat schnell
zurück. Jedem war fühlbar, daß es sich bei alldem nicht um den Aufsatz
noch um die arithmetische Arbeit handelte, sondern um das Gespräch als
Vorgang und Handlung, um Haltung und Ton, das Vor- und Zurücktreten, die
glückliche Abwicklung einer zarten, kühlen und über die Dinge erhabenen
Angelegenheit. Vielleicht rührte von diesem Bewußtsein das Lächeln auf
den Gesichtern her.
Zuweilen, wenn er den losen Halbkreis vor sich hatte, sagte Klaus
Heinrich etwas wie: »Professor Nicolovius sieht fast wie ein Uhu aus.«
Dann war der Jubel groß unter den Kameraden. Sie spannten ab auf dies
Zeichen, sie schlugen über die Stränge, sie machten »Ho, ho, ho!« im
Chor ihrer soeben männlich gewordenen Stimmen, und einer erklärte bei
solcher Gelegenheit, Klaus Heinrich sei ein »famoses Haus«. Aber Klaus
Heinrich sagte nicht oft solche Dinge, sagte sie nur dann, wenn er das
Lächeln auf den Gesichtern erlahmen und schal werden, einen Überdruß,
ja, eine Ungeduld sich der Mienen bemächtigen sah, sagte sie zur
Erfrischung und blickte halb neugierig, halb erschrocken in den kurzen
Übermut, den er damit entfesselte.
Anselm Schickedanz war es nicht gewesen, der ihn ein »famoses Haus«
genannt hatte, und doch hatte Klaus Heinrich gerade seinetwegen den
Vergleich zwischen Professor Nicolovius und einem Uhu gezogen. Anselm
Schickedanz hatte zwar ebenfalls gelacht über diesen freien Scherz, aber
nicht eigentlich im beifälligen Sinne, sondern mit einer Betonung,
welche ausdrückte: »Du lieber Gott!« Er war ein Brauner mit schmalen
Hüften, der auf der ganzen Schule im Ruf eines verfluchten Kerles stand.
Der Ton war vorzüglich dieses Jahr in der obersten Gymnasialklasse. Die
Verpflichtung, die für alle darin lag, den Klassendienst zusammen mit
Klaus Heinrich zu tun, war den jungen Leuten von verschiedenen Seiten
hinlänglich zum Bewußtsein gebracht worden, und Klaus Heinrich war nicht
derjenige, der sie veranlaßt hätte, diese Verpflichtung außer acht zu
lassen. Aber daß Anselm Schickedanz ein verfluchter Kerl sei, das war
ihm dennoch wiederholt zu Ohren gekommen, und wenn Klaus Heinrich ihn
ansah, so war er mit einer Art Freudigkeit bereit, es aufs Hörensagen zu
glauben, obgleich es ihm dunkel und verschlossen war, wie jener zu
seinem Ruhm gelangt sein mochte. Unterderhand erkundigte er sich
mehrmals, klopfte an wie von ungefähr und suchte bei einem oder dem
anderen etwas über Schickedanzens Verfluchtheit in Erfahrung zu bringen.
Er erfuhr nichts Bestimmtes. Aber die Antworten, gehässige und
lobpreisende, erfüllten ihn mit der Ahnung einer tollen
Liebenswürdigkeit, einer unerlaubt herrlichen Menschlichkeit, die hier
für aller Augen vorhanden sei, außer für seine -- und diese Ahnung war
wie ein Schmerz. Jemand sagte in Hinsicht auf Anselm Schickedanz
geradezu und verfiel unversehens in die verbotene Anrede: »Ja, Hoheit,
den sollten Sie sehen, wenn Sie nicht dabei sind!«
Nie würde Klaus Heinrich ihn sehen, wenn er nicht dabei war, nie ihm
nahe kommen, niemals ihn kennenlernen. Er betrachtete ihn verstohlen,
wenn jener mit den anderen im Halbkreise vor ihm stand, lächelnd und
zusammengenommen wie alle. Man nahm sich zusammen Klaus Heinrich
gegenüber, sein eigenes Wesen war schuld daran, er wußte es wohl, und
nie würde er sehen, wie Schickedanz war, sich benahm, wenn er sich
behaglich gehen ließ. Das war wie Eifersucht, war wie ein leise
brennendes Bedauern ...
In diese Zeit fiel ein peinliches, ja anstößiges Vorkommnis, wovon dem
großherzoglichen Paare nichts bekannt wurde, weil Doktor Überbein reinen
Mund darüber hielt, und worüber auch sonst in der Residenz fast nichts
verlautbarte, weil alle, die daran teil und schuld gehabt, offenbar aus
einer Art Schamgefühl, später Stillschweigen darüber beobachteten.
Gemeint sind die Ungehörigkeiten, die sich gelegentlich der Anwesenheit
des Prinzen Klaus Heinrich bei dem diesjährigen Bürgerball ereigneten,
und an denen hauptsächlich ein Fräulein Unschlitt, Tochter des
vermögenden Seifensieders, beteiligt war.
Der Bürgerball war eine stehende Veranstaltung im gesellschaftlichen
Leben der Hauptstadt, eine offizielle und dabei zwanglose Festlichkeit,
die, von der Stadt gegeben, jeden Winter im Gasthof »Zum Bürgergarten«,
einem großen, noch kürzlich erweiterten und erneuerten Etablissement in
der südlichen Vorstadt, abgehalten wurde und den bürgerlichen Kreisen
Gelegenheit bot, mit dem Hofe gesellige Fühlung zu gewinnen. Man wußte,
daß Johann Albrecht III. dieser zivilen und wenig starren Veranstaltung,
zu der er im schwarzen Leibrock erschien, um die Polonäse mit der Frau
Bürgermeisterin zu eröffnen, niemals Geschmack abgewonnen hatte, und daß
er sich möglichst früh davon zurückzuziehen pflegte. Desto angenehmer
berührte es, daß sein zweiter Sohn, obwohl noch nicht verpflichtet dazu,
schon dieses Jahr auf dem Balle erschien -- und zwar, wie man erfuhr,
auf sein eigenes dringliches Verlangen. Der Prinz hatte, so hörte man,
Exzellenz von Knobelsdorff zum Übermittler seines sehnsüchtigen Wunsches
an die Großherzogin gemacht, und diese wieder hatte ihm bei ihrem Gemahl
die Erlaubnis erwirkt ...
Das Fest nahm äußerlich durchaus den hergebrachten Verlauf. Die höchsten
Herrschaften, Prinzessin Katharina in gefärbtem Seidenkleid und
Kapotthütchen, begleitet von ihren rotköpfigen Kindern, Prinz Lambert
nebst seiner hübschen Gemahlin, zuletzt Johann Albrecht und Dorothea mit
dem Prinzen Klaus Heinrich fuhren am »Bürgergarten« vor, im Vestibüle
begrüßt von Stadtverordneten, an deren Fräcken langbebänderte Rosetten
hafteten. Mehrere Minister, Adjutanten in Zivil, zahlreiche Herren und
Damen des Hofes, die Spitzen der Gesellschaft, auch Gutsbesitzer aus der
Umgegend waren zugegen. Im großen, weißen Hauptsaal nahm das
großherzogliche Paar zunächst eine Reihe von Vorstellungen entgegen und
eröffnete dann zu den Klängen der Musik, die droben auf der geschweiften
Empore einsetzte, Johann Albrecht mit der Bürgermeisterin, Dorothea mit
dem Bürgermeister, im Umzuge den Ball. Hierauf, während die Polonäse
sich in Rundtanz auflöste, das Vergnügen um sich griff, die Wangen sich
erhitzten, erregte Beziehungen, süße, schmachtende, schmerzliche,
überall in dem warmen Menschendunst des Festes sich herstellten, standen
die höchsten Herrschaften, wie höchste Herrschaften bei solchen
Gelegenheiten zu stehen pflegen: ausgeschlossen und gnädig lächelnd an
der oberen Schmalseite des Saales unterhalb der Empore. Von Zeit zu Zeit
zog Johann Albrecht einen Herrn von Ansehen, Dorothea eine Dame ins
Gespräch. Die Angeredeten traten rasch und gesammelt herzu und zurück,
sie hielten Abstand in halber Verbeugung und mit schiefem Kopfe,
nickten, schüttelten, lachten in dieser Haltung zu den Fragen und
Bemerkungen, die an sie ergingen, -- antworteten eifervoll, ganz an den
Augenblick hingegeben, mit jähen und zuvorkommenden Übergängen von
inniger Heiterkeit zu tiefstem Ernst, mit einer Leidenschaftlichkeit des
Wesens, die zweifellos ihrem Alltag fremd war, und offenbar in einem
gesteigerten Zustande. Neugierige, noch hochatmend vom Tanze, standen im
Halbkreise umher und schauten diesen sachlich wesenlosen Unterredungen
mit einem sonderbar angestrengten Gesichtsausdruck zu, der dadurch
zustande kam, daß sie mit emporgezogenen Brauen lächelten.
Viel Aufmerksamkeit war auf Klaus Heinrich gerichtet. Er hielt sich,
zusammen mit zwei rotköpfigen Vettern, die schon dem Heere angehörten,
heut aber ebenfalls das Bürgerkleid trugen, ein wenig im Rücken seiner
Eltern, auf einem Beine ruhend, die linke Hand weit hinten in die Hüfte
gestützt, dem Publikum sein rechtes Halbprofil zugewandt. Ein Reporter
des »Eilboten«, der zum Feste abgeordnet war, machte sich in einem
Winkel Notizen über ihn. Man sah, wie der Prinz mit der weiß
behandschuhten Rechten seinen Lehrer grüßte, den Doktor Überbein, der
mit seinem roten Bart und seinem grünlichen Gesicht das Spalier der
Zuschauer entlang kam, und wie er ihm sogar ein großes Stück in den Saal
entgegenging. Der Doktor, große Emailleknöpfe im Vorhemd, verbeugte sich
zunächst, als Klaus Heinrich ihm die Hand reichte, begann aber dann
sofort, in seiner freien und väterlichen Art auf ihn einzureden. Der
Prinz schien abzuwehren, mit einem unruhigen Lachen übrigens. Aber dann
verstand eine ganze Anzahl Personen, daß Doktor Überbein ausrief: »Nein,
Unsinn, Klaus Heinrich -- wozu haben Sie es gelernt?! Wozu hat Madame
aus der Schweiz es Ihnen im zartesten Alter beigebracht?! Ich begreife
nicht, warum Sie zu Balle gehen, wenn Sie nicht tanzen wollen?! Eins,
zwei, drei, nun wird Bekanntschaft gemacht!« Und unter fortwährenden
Witzreden stellte er dem Prinzen vier, fünf junge Mädchen vor, die er
ohne weiteres aufgriff und an der Hand herbeiführte. Sie tauchten und
stiegen wieder empor, eine nach der andern, in der schleifenden
Wellenbewegung des Hofknickses, setzten die Zähne auf die Unterlippe und
gaben sich Mühe. Klaus Heinrich stand mit zusammengezogenen Absätzen. Er
sagte: »Ich freue mich ... Ich freue mich sehr ...«
Zu einer sagte er sogar: »Es ist ein lustiger Ball, nicht wahr, gnädiges
Fräulein?«
»Ja, Großherzogliche Hoheit, wir haben viel Spaß --«, antwortete sie mit
hoher, zwitschernder Stimme. Sie war ein hochgewachsenes, wenn auch
etwas knochiges Bürgermädchen, in weißen Mull gekleidet, mit einer
blonden, gewellten, unterpolsterten Scheitelfrisur über dem schönen
Gesicht, einer goldenen Kette um den entblößten Hals, an dem die
Schlüsselbeine stark hervortraten, und großen, weißen Händen in
Halbhandschuhen. Sie fügte hinzu: »Jetzt kommt die Quadrille. Wollen
Großherzogliche Hoheit nicht mittanzen?«
»Ich weiß nicht ...« sagte er. »Ich weiß wirklich nicht ...«
Er sah sich um. Wirklich kam geometrische Ordnung in das Getriebe des
Saales. Linien zogen sich, Karrees bildeten sich, man trat an, man rief
nach einem Gegenüber. Noch schwieg die Musik.
Klaus Heinrich erkundigte sich bei seinen Vettern. Ja, sie nahmen teil
am Lancier, sie hielten ihre glücklichen Partnerinnen schon an den
Händen.
Man sah, wie Klaus Heinrich von hinten an den roten Damastsessel seiner
Mutter herantrat und lebhafte, gedämpfte Worte an sie richtete -- sah,
wie sie mit herrlicher Nackenwendung die Frage an ihren Gatten weitergab
und wie der Großherzog nickte. Und dann erregte es einiges Lächeln, mit
welchem jugendlichen Ungestüm der Prinz davonstürzte, um den Beginn des
Reigens nicht zu versäumen.
Der Referent des »Eilboten«, das Notizbuch in der einen und das Krayon
in der anderen Hand, spähte aus seinem Winkel mit seitwärts geneigtem
Oberkörper durch den Saal, um festzustellen, wen der Prinz engagieren
werde. Es war die Blonde, Hochgewachsene, mit den Schlüsselbeinen und
den großen, weißen Händen, Fräulein Unschlitt, die Tochter des
Seifensieders. Sie stand noch an der Stelle, wo Klaus Heinrich sie
verlassen hatte.
»Sind Sie noch da?« sagte er atemlos ... »Darf ich Sie auffordern?
Kommen Sie!«
Die Karrees waren komplett. Sie irrten ein Weilchen umher und fanden
keine Unterkunft. Ein Herr mit bebänderter Rosette eilte herbei, ergriff
ein Paar junger Leute bei den Schultern und veranlaßte sie, ihren Platz
unter dem Kronleuchter zu räumen, damit seine Großherzogliche Hoheit mit
Fräulein Unschlitt antreten könne. Die Musik hatte gezögert, nun setzte
sie ein, das Schreiten und Komplimentieren begann, und Klaus Heinrich
drehte sich mit den andern.
Die Türen zu den Nebenräumen standen geöffnet. In einem von ihnen sah
man das Büfett mit Blumenvasen, Punschterrinen und Schüsseln voll bunter
Brötchen. Der Tanz zog sich bis dort hinein; zwei Vierecke machten ihre
Pas im Büfettzimmer. In den anderen waren weiß gedeckte Tische
aufgeschlagen, die noch leer standen.
Klaus Heinrich schritt vorwärts und rückwärts, er lächelte im
Angesichte, streckte seine Hand aus und empfing Hände, empfing immer
wieder die große weiße Hand seiner Partnerin, legte seinen rechten Arm
um die weiche Mulltaille des Mädchens und drehte sich mit ihr auf dem
Fleck, indem er die linke Hand, die ebenfalls einen kleinen Handschuh
trug, in die Hüfte stemmte. Man sprach und lachte im Drehen und
Schreiten. Er beging Fehler, erinnerte sich nicht, brachte Verwirrung in
die Figuren und stand ratlos, wohin er gehöre. »Sie müssen mich
zurechtweisen!« sagte er im Gewirr. »Ich störe ja alles! Geben Sie mir
nur Rippenstöße!« Und man faßte allmählich Mut und wies ihn zurecht,
kommandierte ihn lachend dahin und dorthin, legte sogar Hand an und
schob ihn ein wenig, wenn es nötig war. Das schöne Mädchen mit den
Schlüsselbeinen übernahm es hauptsächlich, ihn zu schieben.
Die Stimmung hob sich mit jeder Tour. Die Bewegungen wurden freier, die
Zurufe kecker. Man fing an, mit den Füßen zu stampfen und schwang beim
Vorwärts und Rückwärts, während man einander an den Händen hielt, die
Arme wie Schaukeln. Auch Klaus Heinrich stampfte, zuerst nur
andeutungsweise, dann aber kräftiger. Und was das Schaukeln der Arme
betraf, so sorgte das schöne Mädchen dafür, wenn sie miteinander
avancierten. Auch machte sie jedesmal, wenn sie ihm entgegentanzte,
einen übertriebenen Kratzfuß vor ihm, was die Munterkeit sehr
verstärkte.
Im Büfettzimmer herrschte ein Prusten und Kichern, daß alles neidisch
hinübersah. Jemand war dort mitten im Tanz aus dem Karree entwischt,
hatte im Sprung vom Büfett ein belegtes Brötchen stibitzt und kaute nun
stolz beim Schlenkern und Stampfen, zum Gelächter der andern.
»Die sind frech!« sagte das schöne Mädchen. »Die mopsen sich nicht!« Und
es ließ ihr keine Ruhe. Ehe man sich's versah, war sie ausgebrochen, war
leicht und geschickt zwischen den Linien dahingeflogen, hatte dort
drüben ein Brötchen erwischt und war zurück.
Klaus Heinrich war es, der am begeistertsten applaudierte. Es ging nicht
gut mit seiner linken Hand, und so half er nach, indem er mit der
rechten auf den Oberschenkel schlug und sich neigte vor Lachen. Dann
ward er stiller und ein wenig bleich. Er kämpfte mit sich ... Die
Quadrille näherte sich ihrem Ende. Was er tun wollte, mußte er schleunig
tun. Schon waren die Englischen Ketten an der Reihe.
Und als es fast schon zu spät war, da tat er, um was er gekämpft hatte.
Er lief davon, lief hastig zwischen den Tanzenden hindurch, indem er mit
halber Stimme um Entschuldigung bat, wenn er jemanden anstieß, erreichte
das Büfett, ergriff ein Brötchen, stürzte zurück, fuhr gleitend in sein
Karree hinein ... Das war nicht alles. Er führte das Brötchen -- es war
mit Ei und Sardellen belegt -- gegen die Lippen seiner Partnerin, des
Mädchens mit den großen weißen Händen -- sie beugte ein wenig die Knie,
biß zu, biß, ohne die Hände zu brauchen, wohl die Hälfte ab ... und
zurückgeworfenen Kopfes schob er sich den Rest in den Mund!
Der Übermut des Vierecks löste sich auf in der Großen Kette, die eben
begann. Rings um den Saal ging kreuzweise und verschlungen ein
Händereichen und gewundenes Wandern. Es stockte, die Strömungen
tauschten die Richtung, und noch einmal ging es herum, mit Lachen und
Plaudern, mit Verirrungen, Verwirrungen und hastig geglätteten Tumulten.
Klaus Heinrich drückte die Hände, die er empfing, ohne zu wissen, wem
sie gehörten. Er lächelte mit bewegter Brust. Sein glattgescheiteltes
Haar hatte sich gelockert, und etwas davon fiel in die Stirn; sein
Hemdeinsatz buckelte sich ein wenig aus der Weste hervor, und in seinem
Gesicht, seinen erhitzten Augen war jene weiche, ja gerührte
Begeisterung, die zuweilen der Ausdruck des Glückes ist. Mehrmals sagte
er im Schreiten und Händereichen: »Wir haben viel Spaß gehabt! Wir haben
viel Spaß gehabt!« Er begegnete seinen Vettern, und auch zu ihnen sagte
er: »Wir haben so viel Spaß gehabt -- wir da drüben!«
Dann gab es ein Händeklatschen und Wiedersehen: man war am Ziel; Klaus
Heinrich stand wieder Aug' in Aug' vor dem schönen Mädchen mit den
Schlüsselbeinen; und da der Takt wechselte, legte er abermals seinen Arm
um ihre weiche Taille, und sie tanzten im Trubel.
Klaus Heinrich führte nicht gut und stieß nicht selten mit anderen
Paaren zusammen, weil er die linke Hand in die Hüfte gestemmt hielt;
aber er brachte seine Dame schlecht und recht bis zum Eingang des
Büfettzimmers, wo sie haltmachten und sich mit Ananasbowle erfrischten,
die von Aufwärtern dargereicht wurde. Gleich am Eingang saßen sie, auf
zwei Samttaburetts, tranken und plauderten von der Quadrille, vom
Bürgerball, von anderen geselligen Veranstaltungen, an denen das schöne
Mädchen diesen Winter schon teilgenommen ...
Um diese Zeit trat ein Herr des Gefolges, Major von Platow,
Flügeladjutant des Großherzogs, vor Klaus Heinrich hin, verbeugte sich
und bat um die Erlaubnis, melden zu dürfen, daß Ihre Königlichen
Hoheiten nun aufbrächen. Er sei beauftragt ... Aber Klaus Heinrich gab
in so beweglicher Weise den Wunsch zu erkennen, noch bleiben zu dürfen,
daß der Adjutant nicht auf seinem Auftrag bestehen mochte. Der Prinz tat
Ausrufe eines fast empörten Bedauerns und war offenbar von dem Ansinnen,
jetzt nach Hause zu fahren, aufs schmerzlichste berührt. »Wir haben so
viel Spaß!« sagte er, stand auf und ergriff den Major sogar ein wenig am
Arm. »Lieber Herr von Platow, bitte, verwenden Sie sich für mich!
Sprechen Sie mit Exzellenz von Knobelsdorff, tun Sie, was Sie wollen --
aber jetzt fahren, wo wir so viel Spaß miteinander haben --! Ich bin
sicher, daß auch meine Vettern noch bleiben ...« Der Major blickte das
schöne Mädchen mit den großen weißen Händen an, die ihm zulächelte; auch
er lächelte und versprach dann, sein möglichstes zu tun. Dieser kleine
Auftritt ereignete sich, während schon im Entree des »Bürgergartens« der
Großherzog und die Großherzogin sich von den Stadtverordneten
verabschiedeten. Gleich darauf begann im ersten Stockwerk der Tanz aufs
neue.
Das Fest war auf seiner Höhe. Alles Offizielle war abgetan, und man
setzte die Gemütlichkeit in ihre Rechte ein. Die weiß gedeckten Tische
in den Nebenräumen waren besetzt von Familien, die Bowle tranken und
soupierten. Jugend strömte ab und zu, ließ sich erhitzt und unruhevoll
auf den Rändern der Stühle nieder, um ein paar Bissen zu essen, ein Glas
zu trinken und sich wieder ins Vergnügen zu stürzen. Im Erdgeschoß gab
es eine altdeutsche Bierstube, die von gesetzteren Herren stark besucht
war. Der große Tanzsaal und der Büfettraum wurden nun ganz von der
tanzlustigen Jugend in Besitz gehalten. Der Büfettraum war von fünfzehn
oder achtzehn jungen Leuten angefüllt, Töchtern und Söhnen der Stadt,
darunter Klaus Heinrich. Es war eine Art Privatball dort. Man tanzte zu
den Klängen der Musik, die aus dem Hauptsaal hereinscholl.
Vorübergehend wurde der Doktor Überbein hier gesehen, des Prinzen
Studienlehrer, der eine kurze Unterredung mit seinem Schüler hatte. Man
hörte ihn, die Taschenuhr in der Hand, des Herrn von Knobelsdorff
erwähnen, hörte ihn sagen, daß er sich drunten in der Bierstube aufhalte
und wiederkommen werde, den Prinzen abzuholen. Dann ging er. Die Uhr war
halb elf.
Und während er unten saß und bei einem Kruge Bier mit Bekannten
konversierte, eine Stunde nur noch, anderthalb, nicht mehr, trugen sich
im Büfettraum die anstößigen Vorgänge zu, jene eigentlich
unbegreiflichen Ausschreitungen, denen er dann, leider zu spät, ein Ende
machte.
Die Bowle, die getrunken wurde, war leicht, sie enthielt mehr
kohlensaures Wasser als Champagner, und wenn die jungen Leute das innere
Gleichgewicht verloren hatten, so war eher der Tanzrausch daran schuld
als der Geist des Weines. Aber bei des Prinzen Charakter und der
gutbürgerlichen Herkunft der übrigen Gesellschaft genügte das nicht zur
Erklärung dessen, was geschah. Hier wirkte, auf beiden Seiten, ein
anderer, eigenartiger Rausch ... Das Seltsame war, daß Klaus Heinrich
die einzelnen Stadien dieses Rausches genau verfolgte und dennoch
unfähig oder ohne Willen war, ihn abzuschütteln.
Er war glücklich. Er fühlte auf seinen Wangen dieselbe Hitze brennen,
die er auf den Gesichtern der anderen sah, und sein Blick, verdunkelt
von einer weichen Verwirrung, flog umher, umfaßte begeistert eine
Gestalt nach der anderen und sagte: »Wir!« Auch sein Mund sagte es,
sagte mit innerlich seliger Stimme lauter Sätzchen, in denen ein Wir
enthalten war. »Wir wollen uns setzen, wir wollen wieder tanzen, wir
wollen trinken, wir machen zwei Karrees aus ...« Besonders zu dem
Mädchen mit den Schlüsselbeinen sagte Klaus Heinrich Dinge mit »Wir«. Er
hatte seiner linken Hand vollständig vergessen, sie hing hinab, er
fühlte sich nicht gehemmt von ihr in der Freude und dachte nicht daran,
sie zu verbergen. Manche sahen jetzt erst, wie es eigentlich damit stand
und blickten neugierig oder mit einer unbewußten Grimasse auf den dünnen
und zu kurzen Arm im Frackärmel, auf den kleinen, schon etwas
schmutzigen, weißen Glacéhandschuh, der die Hand bekleidete. Aber da
Klaus Heinrich so ganz außer Sorge darum war, so faßte man auch in
dieser Beziehung Mut, und es kam vor, daß jemand beim Rund- oder
Reigentanz unbekümmert die mißgebildete Hand ergriff ...
Er zog sie nicht zurück. Er fühlte sich getragen, mehr noch,
umhergeworfen von Wohlwollen, einem starken, ausgelassenen Wohlwollen,
das wuchs, sich an sich selbst erhitzte, das immer rücksichtsloser auf
ihn eindrang, sich immer derber und atemnäher seiner bemächtigte, ihn
triumphierend auf die Schultern nahm. Was ging vor? Das war schwer zu
bestimmen, schwer festzuhalten. Worte lagen in der Luft, abgerissene
Rufe, unausgesprochen, aber ausgedrückt in den Mienen, der Haltung, in
dem, was getan und gesagt ward. »Er soll nur einmal ...!« »Herunter,
herunter, herunter mit ihm ...« »Angefaßt, immer angefaßt ...!« Ein
kleines Mädchen mit Stülpnase, das ihn bei der Damenwahl zum Galopp
aufforderte, sagte ohne ersichtlichen Zusammenhang ganz deutlich »Ach
was!«, als es sich anschickte, mit ihm davonzujagen.
Er sah eine Lust in aller Augen glimmen und sah, daß es ihre Lust war,
ihn zu sich hinabzuziehen, ihn bei sich unten zu haben. In sein Glück,
seinen Traum, mit ihnen, unter ihnen, einer von ihnen zu sein, drang es
von Zeit zu Zeit wie eine kalte, stechende Wahrnehmung, daß er sich
täuschte, daß das warme, herrliche »Wir« ihn trog, daß er dennoch nicht
aufging in ihnen, sondern Mittelpunkt und Gegenstand blieb, doch anders
als sonst, und im argen. Es waren Feinde gewissermaßen, er sah es an der
Zerstörungslust ihrer Augen. Er hörte wie von fern, mit einem seltsam
heißen Erschrecken, wie das schöne Mädchen mit den großen weißen Händen
ihn einfach bei Namen rief -- und er fühlte wohl, daß es in anderem
Sinne geschah, als wenn Doktor Überbein ihn so nannte. Sie hatte Recht
und Erlaubnis dazu, auf gewisse Weise, aber hütete denn niemand hier
seine Würde, wenn er es nicht selber tat? Ihm war, als rissen sie an
seinen Kleidern, und zuweilen brach es wild und höhnisch hervor aus dem
Übermut. Ein langer, blonder, junger Mensch mit Zwicker, mit dem er beim
Tanzen zusammenstieß, rief laut, daß es alle hörten: »Muß das sein?« Und
es lag Bosheit darin, wie das schöne junge Mädchen, ihren Arm in seinem,
sich mit ihm herumwirbelte, lange und mit bloßgelegten Zähnen, bis zum
äußersten Schwindel. Er blickte, indes sie wirbelten, mit schwimmenden
Augen auf die Schlüsselbeine, die sich, überspannt von der weißen, ein
wenig körnigen Haut, an ihrem Halse abzeichneten ...
Sie stürzten. Sie hatten es zu toll getrieben und fielen hin, als sie
versuchten, den Wirbel zum Stehen zu bringen; und über sie stolperte ein
zweites Paar, nicht ganz von selbst übrigens, gestoßen vielmehr von dem
langen jungen Menschen mit Zwicker. Es gab ein Drunter und Drüber am
Boden, und über sich im Zimmer hörte Klaus Heinrich den Chor, den er vom
Schulhof kannte, wenn er zur Erfrischung einen freien Scherz versucht
hatte, ein »Ho, ho, ho!«, nur böser hier und entzügelter ...
Als kurz nach Mitternacht, mit einiger Verspätung leider, Doktor
Überbein auf der Schwelle des Büfettzimmers erschien, bot sich ihm
folgender Anblick. Sein junger Schüler saß allein auf dem grünen
Plüschsofa an der linken Seitenwand, in derangiertem Frackanzug und auf
allerlei Weise geschmückt. Eine Menge Blumen, die vorher in zwei
chinesischen Vasen das Büfett geziert hatten, staken in dem Ausschnitt
seiner Weste, zwischen den Knöpfen seines Hemdeinsatzes, ja selbst in
seinem Stehkragen; um seinen Hals lag die goldene Kette, die dem Mädchen
mit den Schlüsselbeinen gehörte, und auf seinem Kopf balancierte als Hut
der flache, metallene Deckel einer Bowle. Er murmelte: »Was tun Sie ...
Was tun Sie ...«, indes die Tanzgesellschaft, sich im Halbkreise an den
Händen haltend, mit halb unterdrücktem Jubeln, Kichern, Prusten und Ho,
ho, ho vor ihm nach rechts und links einen Reigen vollführte.
In Doktor Überbeins grünlichem Gesicht entstand unterhalb der Augen eine
Röte, die sich völlig sonderbar und unwahrscheinlich ausnahm. »Schluß!
Schluß!« rief er mit seiner schallenden Stimme, und in der plötzlich
eingetretenen Stille, Bestürzung, Ernüchterung ging er mit langen
Schritten auf den Prinzen zu, entfernte mit zwei, drei Griffen die
Blumen, warf die Kette, den Deckel beiseite, verneigte sich dann und
sagte mit ernster Miene: »Darf ich Großherzogliche Hoheit nun
bitten ...«
»Ich war ein Esel, ein Esel!« wiederholte er draußen.
Klaus Heinrich verließ in seiner Begleitung den Bürgerball.
Dies war das peinliche Vorkommnis, das in Klaus Heinrichs Schuljahr
fiel. Wie gesagt, sprach keiner der Beteiligten davon -- auch dem
Prinzen gegenüber berührte Doktor Überbein es in Jahren nicht wieder --,
und da niemand der Sache Worte lieh, so blieb sie körperlos und
verschwamm, wenigstens scheinbar, sofort in Vergessen.
Der Bürgerball war im Januar gewesen. Fastnachtsdienstag, mit dem
Hofball, und die große Cour im Alten Schloß, mit welcher die gesellige
Jahreszeit sich endigte -- regelmäßige Festlichkeiten, denen Klaus
Heinrich noch fernblieb --, lagen zurück. Dann kam Ostern und mit ihm
der Abschluß des Gymnasialjahrs: Klaus Heinrichs Maturitätsexamen, jene
schöne Förmlichkeit, bei der auf seiten der Professoren die Frage:
»Nicht wahr, Großherzogliche Hoheit?« so oftmals wiederkehrte, und bei
welcher der Prinz seinen hervorragenden Platz in angenehmer Haltung
ausfüllte. Das war kein tiefer Einschnitt; Klaus Heinrich verblieb noch
in der Residenz. Aber nach Pfingsten rückte sein achtzehnter Geburtstag
heran und zugleich ein Komplex von feierlichen Handlungen, mit denen ein
ernster Wendepunkt seines Lebens begangen wurde und die ihm tagelang
einen hohen und angespannten Dienst auferlegten.
Er ward volljährig, ward mündiggesprochen. Zum erstenmal wieder, seit
seiner Taufe, war er Mittelpunkt jeder Aufmerksamkeit und Träger der
Hauptrolle bei einer großen Zeremonie; aber während er sich damals
still, verantwortungslos und duldend der Form hatte überlassen dürfen,
die um ihn waltete, ihn trug, oblag es ihm heute, inmitten ihrer
bindenden Vorschriften und streng geschwungenen Linien, umwallt von dem
Faltenwurf ihrer bedeutenden Gebräuche, zu Wohlgefallen und Erhebung der
Schauenden sich in Haltung und schöner Zucht doch mit scheinbarer
Leichtigkeit darzustellen.
Übrigens ist nicht nur bildlicherweise von einem Faltenwurf die Rede,
denn der Prinz trug einen Purpurmantel bei dieser Gelegenheit, ein
verschossenes und theatralisches Garderobestück, das schon seinem Vater
und Großvater bei ihrer Mündigsprechung gedient hatte und trotz
tagelanger Lüftung nicht frei vo
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