Unsichtbare Bande: Erzählungen
by Selma Lagerlöf · German · Gutenberg #33041 · 519,904 chars · public domain (US)
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Title: Unsichtbare Bande: Erzählungen
Author: Selma Lagerlöf
Translator: Marie Franzos
Release date: July 1, 2010 [eBook #33041]
Most recently updated: January 6, 2021
Language: German
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/33041
Credits: Produced by Norbert H. Langkau, Wolfgang Menges and the
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Unsichtbare Bande
Erzählungen
von
Selma Lagerlöf
Deutsch von Marie Franzos
[Illustration: Verlags-Signet]
Leipzig / Hesse & Becker Verlag
Inhalt
Seite
Peter Nord und Frau Fastenzeit 7
Die Legende vom Vogelnest 57
Das Hünengrab 67
Die Vogelfreien 90
Reors Geschichte 114
Waldemar Attertag brandschatzt Visby 120
Mamsell Friederike 126
Der Roman einer Fischersfrau 136
Mutters Bild 147
Ein gefallener König 154
Ein Weihnachtsgast 179
Onkel Ruben 189
Das Flaumvögelchen 199
Unter den Kletterrosen 234
Die Grabschrift 239
Römerblut 251
Die Rache bleibt nicht aus 269
Die Geisterhand 277
Peter Nord und Frau Fastenzeit
I
So traulich wie ein Heim steht das kleine Städtchen vor mir. Es ist so
klein, daß ich alle seine Winkel und Ecken kennen lernen, mit jedem Kinde
gut Freund werden und alle Hunde beim Namen rufen konnte. Wer über die
Straße ging, wußte, bei welchem Fenster er den Blick aufschlagen mußte, um
ein schönes Gesicht hinter der Scheibe zu erblicken, und wer durch den
Stadtpark wanderte, kannte die Zeit, wann er da gehen mußte, um die Person
zu treffen, die er treffen wollte.
Auf die schönen Rosen im Nachbargarten war man fast ebenso stolz, als wenn
sie im eignen gestanden hätten. Geschah etwas, was kleinlich oder
gewöhnlich war, so schämte man sich, als wäre es in der eignen Familie
passiert, aber bei dem allergeringsten Ereignis, einer Feuersbrunst oder
einer Marktschlägerei, brüstete man sich und sagte: »Seht nur, welches
Gemeinwesen! Geschehen solche Dinge anderswo? Welche wunderbare Stadt!«
Und in dieser meiner geliebten Stadt verändert sich nichts. Komme ich
wieder einmal hin, so werde ich dieselben Häuser und Kaufläden
wiederfinden, die ich von altersher kenne, dieselben Gruben im
Steinpflaster werden mich zu Fall bringen, dieselben steifen Lindenhecken,
dieselben rundgeschnittenen Fliedersträucher meinen bewundernden Blick
fesseln. Wieder werde ich sehen, wie der alte Ratsherr, der die ganze Stadt
regiert, mit elefantenschweren Schritten die Straße hinabgewandert kommt.
Patriarch und Vorsehung, welch ein Gefühl der Sicherheit hat man nicht,
wenn man dich so wandern sieht! Und der taube Halfvorson wird noch immer in
seinem Garten umhergehen und graben, während seine wasserklaren Augen
suchend starren, als wollten sie sagen: »Alles, alles haben wir
durchforscht, jetzt Erde, wollen wir uns bis in dein Innerstes bohren.«
Aber wer nicht mehr da sein wird, das ist der kleine runde Peter Nord. Ihr
wißt doch, der kleine Wermländer, der in Halfvorsons Kramladen stand, er,
der die Kunden mit seinen kleinen mechanischen Erfindungen und seinen
weißen Mäusen unterhielt. Von ihm ist eine ganze Geschichte zu erzählen.
Über alles und alle in der Stadt gibt es Geschichten. Nirgends geschehen so
wunderliche Dinge.
Er war ein Bauernjunge, der kleine Peter Nord. Er war klein und rund, er
war braunäugig und hatte ein lachendes Gesicht. Sein Haar war heller als
Birkenlaub im Herbst, die Wangen waren rot und flaumig. Und ein Wermländer
war er. Niemand, der ihn sah, konnte glauben, daß er aus einem andern Lande
komme. Mit prächtigen Eigenschaften hatte ihn die treffliche Heimat
ausgerüstet. Hurtig war er bei seiner Arbeit, rasch mit den Fingern, flink
mit der Zunge, klar im Kopfe. Und dazu ein Narr, gutmütig und hoch hinaus,
gefällig und streitlustig, neugierig und plapperhaft. Der Tollkopf, er war
nicht imstande, einem Bürgermeister größre Ehrfurcht zu zeigen, als einem
Bettler. Aber Herz hatte er, verliebt war er jeden zweiten Tag, und die
ganze Stadt zog er ins Vertrauen.
Die Arbeit im Laden verrichtete dieses glücklich veranlagte Kind in
irgendeiner übernatürlichen Weise. Die Kunden wurden bedient, während er
die weißen Mäuse fütterte. Geld wurde gewechselt und gezählt, während er
seine kleinen, selbstgehenden Wagen mit Rädern versah. Und indes er den
Kunden von seiner allerletzten Verliebtheit erzählte, ließ er das Litermaß
nicht aus den Augen, aus dem der braune Sirup sich sachte herabringelte.
Und es machte den bewundernden Zuhörern Spaß, zu sehen, wie er plötzlich
über den Ladentisch sprang und auf die Straße stürzte, wo er mit einem
vorbeigehenden Gassenjungen einen Strauß ausfocht, um dann mit ruhiger
Stirn in den Laden zurückzukehren und den Knoten an einem Paket zu knüpfen
oder ein Stück Stoff fertig zu messen.
War es nicht natürlich, daß er der Günstling der ganzen Stadt wurde? Wir
fühlten uns alle verpflichtet, bei Halfvorson einzukaufen, seit Peter Nord
hingekommen war. Und selbst der alte Ratsherr war stolz, wenn Peter Nord
ihn in eine dunkle Ecke zog und ihm den Käfig mit den weißen Mäusen zeigte.
Es war sehr spannend und aufregend, die Mäuse zu zeigen, denn Halfvorson
hatte ihm verboten, sie im Laden zu halten.
Da aber kamen mitten in dem heller werdenden Februar ein paar trübe Tage
mit nebligem Tauwetter. Peter Nord wurde auf einmal ernst und still. Er
ließ die weißen Mäuse ihren Drahtkäfig benagen, ohne sie zu füttern. Er
versah seine Obliegenheiten tadellos. Er balgte sich nicht mit den
Gassenjungen. Konnte Peter Nord es vielleicht nicht vertragen, daß das
Wetter umgeschlagen hatte?
Ach nein, die Sache war die, daß er einen Fünfzigkronenschein oben auf
einem der Wandbretter gefunden hatte. Er hatte geglaubt, daß er mit einem
Stoffballen hinaufgeschleudert worden war, und ganz unbemerkt hatte er ihn
unter einen Pack gestreiften Kattun geschoben, der damals unmodern war und
nie von den Wandbrettern heruntergenommen wurde.
Der Knabe hegte in seinem Herzen einen unbändigen Groll gegen Halfvorson,
der ihm eine ganze Mäusefamilie totgeschlagen hatte, und nun wollte er sich
rächen. Noch sah er die weiße Mutter mitten unter ihren hilflosen Jungen
vor sich. Sie hatte keinen einzigen Versuch gemacht zu fliehen, sondern war
in unerschütterlichem Heldenmut auf ihrem Platz liegen geblieben und hatte
den herzlosen Mörder aus roten brennenden Augen angestarrt. Verdiente
dieser nicht auch eine angstvolle Stunde? Peter Nord wollte sehen, wie er
totenbleich aus dem Kontor stürzte und nach dem Fünfzigkronenschein suchte.
Er wollte dieselbe Angst in seinen wasserklaren Augen sehen, die er in den
granatroten der weißen Maus erblickt hatte. Der Krämer sollte nur suchen,
er sollte den ganzen Laden umkehren, bevor Peter Nord ihn die Banknote
finden ließ.
Aber der Fünfzigkronenschein blieb den ganzen Tag in seinem Versteck
liegen, ohne daß jemand danach fragte. Er war ganz neu, bunt und leuchtend
und hatte die Zahl Fünfzig groß in allen Ecken. Wenn Peter Nord allein im
Laden war, lehnte er eine Leiter an die Regale und kletterte zu dem
Kattunballen hinauf. Dann zog er den Fünfzigkronenschein hervor, entfaltete
ihn und bewunderte seine Schönheit. Mitten im eifrigsten Handeln konnte er
Angst bekommen, daß dem Fünfzigkronenschein etwas zugestoßen sei. Dann tat
er, als suchte er etwas auf dem Wandbrett und tastete unter dem
Kattunballen herum, bis er den glatten Schein unter seinen Fingern rascheln
fühlte.
Dieser Schein hatte mit einem Male eine übernatürliche Gewalt über ihn
erlangt. Ob wohl etwas Lebendiges darin war? Die von breiten Ringen
umgebenen Zahlen waren wie saugende Augen. Der Knabe küßte sie alle und
flüsterte. »Solche wie du möchte ich viele haben, furchtbar viele.«
Er begann sich allerlei Gedanken über den Schein zu machen, und darüber,
daß Halfvorson nicht danach fragte. Vielleicht gehörte er gar nicht
Halfvorson? Vielleicht lag er schon lange im Laden? Vielleicht hatte er
überhaupt keinen Besitzer mehr?
Gedanken sind ansteckend. -- Beim Abendbrot hatte Halfvorson angefangen,
von Geld und Geldmenschen zu sprechen. Er erzählte Peter Nord von allen den
armen Jungen, die Reichtümer gesammelt hatten. Er begann mit Whittington
und schloß mit Astor und Jay Gould. Halfvorson kannte ihre ganze
Geschichte, er wußte, wie sie gestrebt und entbehrt, was sie erfunden und
gewagt hatten. Er wurde ganz beredt, als er auf alles dies kam. Er
durchlebte die Leiden der jungen Geldmenschen, er begleitete sie bei ihren
Erfolgen, er jubelte bei ihrem Sieg. Peter Nord hörte ganz gespannt zu.
Halfvorson war vollkommen taub, aber dies war kein Hindernis für ein
Gespräch, denn er las einem alles, was man sagte, von den Lippen ab.
Hingegen konnte er seine eigne Stimme nicht hören. Die rollte darum so
wunderlich eintönig dahin, wie das Tosen eines fernen Wasserfalls. Aber
diese wunderliche Art zu sprechen bewirkte es, daß alles, was er sagte,
einem im Ohr nachhallte, so daß man es viele Tage nicht abschütteln konnte.
Armer Peter Nord!
»Was unumgänglich notwendig ist, um reich zu werden,« sagte Halfvorson,
»das ist der Heckepfennig. Aber den kann man nicht verdienen. Merke dir,
den haben alle auf der Straße gefunden, oder zwischen dem Futter und dem
Oberstoff eines Rockes, den sie auf einer Auktion gekauft haben, oder sie
haben ihn im Spiel gewonnen, oder von einer schönen und barmherzigen Dame
als Almosen bekommen. Aber nachdem sie im Besitze dieser gesegneten Münze
waren, ist ihnen alles geglückt. Der Geldstrom sprudelte daraus hervor wie
aus einer Quelle. Das erste, was nottut, Peter Nord, das ist der
Heckepfennig.«
Halfvorsons Stimme klang immer dumpfer und dumpfer. Der junge Peter Nord
saß wie betäubt da und sah eitel Gold vor sich. Auf dem Tuche des Eßtisches
stapelten sich Haufen von Dukaten auf, auf dem Fußboden wogte es weiß von
Silber, und die wirren Muster der schmutzigen Tapeten verwandelten sich in
Bankscheine, groß wie Tischtücher. Aber gerade vor seinen Augen flatterte
die Zahl Fünfzig, von breiten Ringen umgeben, und lockte ihn wie die
schönsten Augen. »Wer weiß,« lächelten die Augen, »vielleicht ist der
Fünfzigkronenschein droben auf dem Wandbrett solch ein Heckepfennig?«
»Merke nun wohl,« sagte Halfvorson, »nächst dem Heckepfennig sind noch zwei
Dinge für den notwendig, der es weit bringen will. Arbeit, eisenharte
Arbeit, Peter Nord, heißt das eine Ding; und das andre heißt Verzicht.
Verzicht auf Liebe und Spiel, auf Plaudern und Lachen, auf den
Morgenschlummer und den Abendspaziergang. Wahrlich, wahrlich, zwei Dinge
sind notwendig für den, der das Glück erobern will. Arbeit heißt das eine,
und das andre Verzicht.«
Peter Nord sah aus, als wenn er weinen wollte. Freilich wollte er reich,
freilich wollte er glücklich werden, aber das Glück sollte nicht so
ängstlich kommen, nicht so sauer erworben sein. Ganz von selbst sollte sie
sich einstellen, Frau Fortuna. Wenn Peter Nord sich gerade mit den
Gassenjungen balgte, dann sollte die edle Dame ihre Sänfte an der Ladentür
halten lassen und dem Wermlandjungen den Platz an ihrer Seite anbieten.
Aber jetzt grollte Halfvorsons Stimme noch immer in seinen Ohren. Sein
ganzes Hirn ward davon erfüllt. Er glaubte nichts andres, wußte nichts
andres. Arbeit und Verzicht, Arbeit und Verzicht, das war das Leben und des
Lebens Ziel. Er begehrte nichts andres, er wagte nicht zu glauben, daß er
sich je etwas andres gewünscht hatte.
Am nächsten Tage getraute er sich gar nicht, den Fünfzigkronenschein zu
küssen, er wagte es nicht einmal, ihn anzusehen. Er war still und gedrückt,
ordentlich und fleißig. Alle seine Obliegenheiten versah er so tadellos,
daß jeder merken konnte, daß etwas mit ihm los sein mußte. Der alte
Ratsherr hatte Mitleid mit dem Jungen und tat, was er konnte, um ihn zu
trösten.
»Gehst du heute abend auf den Fastnachtsball?« fragte der Alte. »So, so,
nein? Ja, dann will ich dich einladen, Peter Nord. Und laß mich sehen, daß
du hinkommst, sonst erzähle ich Halfvorson, wo du deinen Mäusekäfig hast.«
Peter Nord seufzte und versprach, auf den Ball zu gehen.
Fastnachtsball, man denke, daß Peter Nord auf den Fastnachtsball sollte.
Peter Nord sollte alle schönen Damen der Stadt sehen, fein, weiß gekleidet,
blumengeschmückt. Aber Peter Nord durfte natürlich mit keiner einzigen von
ihnen tanzen. Nun, das war ihm auch einerlei. Er war nicht in der Laune zu
tanzen.
Auf dem Balle lehnte er in einer Tür und machte nicht einen Schritt zum
Tanze. Einige hatten ihn zu überreden versucht, aber er war standhaft
gewesen und hatte nein gesagt. Er könne diese Tänze nicht. Auch würde keine
von diesen feinen Damen mit ihm tanzen wollen. Er war allzu gering für sie.
Aber wie er so dastand, begann es in seinen Augen zu funkeln und zu
leuchten, und er fühlte, wie die Freude durch alle Glieder zuckte. Es kam
von der Tanzmusik, es kam vom Blumenduft, es kam von allen den schönen
Gesichtern, die er vor sich hatte. Nach einem kleinen Weilchen schon war er
so strahlend froh, daß, wenn Freude Feuer wäre, die Flammen lichterloh um
ihn aufgelodert wären. Und wenn die Liebe es wäre, wie so viele behaupten,
dann wäre es ihm auch nicht besser ergangen. Er war immer in irgendein
schönes Mädchen verliebt, aber bis jetzt immer nur in eine zugleich. Doch
als er jetzt alle diese schönen Damen auf einmal sah, da verheerte nicht
mehr eine einzige Flamme das sechzehnjährige Herz, sondern es war ein
ganzer Waldbrand.
Von Zeit zu Zeit sah er auf seine Stiefel herab, die nichts weniger als
Ballschuhe waren. Aber wie hätte er mit den breiten Absätzen den Takt
stampfen und sich auf den dicken Sohlen im Kreise drehen können! In seinem
Innern war etwas, was an ihm riß und zerrte, ihn wie einen geschlagnen Ball
in den Tanzsaal schleudern wollte. Er widerstand noch ein Weilchen,
obgleich die Bewegung in ihm immer stärker wurde, je weiter die Nacht
fortschritt. Er wurde ganz schwindlig und lebenswarm. Heißa, er war nicht
mehr der arme Peter Nord! Er war der junge Wirbelwind, der das Meer
aufpeitscht und den Wald umreißt.
Ganz plötzlich wurde eine Hambopolka gespielt. Da geriet der Bauernjunge
ganz außer sich. Er fand, daß diese wie seine eigne Wermländer Polka klang.
In einem Nu stand Peter Nord mitten im Saale. Alle feinen Herrenmanieren
waren von ihm abgeglitten. Er war nicht mehr auf dem Rathausballe, sondern
daheim in der Scheune, beim Mittsommernachtstanz. Er ging mit krummen Knien
und zog den Kopf zwischen die Schultern. Ohne aufzufordern, schlang er
einer Dame den Arm um den Leib und riß sie mit sich. Und dann begann er
Polka zu tanzen. Das Mädchen folgte ihm halb widerwillig, beinahe
geschleift. Sie war nicht im Takt, sie wußte gar nicht, was dies für ein
Tanz war. Aber plötzlich ging alles wie von selbst. Das Geheimnis des
Tanzes offenbarte sich ihr. Die Polka trug sie, hob sie empor, sie hatte
Flügel an den Füßen, sie wurde so leicht wie Luft. Es war ihr, als flöge
sie dahin. Denn die Wermlandpolka ist der wunderbarste Tanz. Sie verwandelt
die schwerfüßigen Söhne der Erde. Lautlos schweben sie auf zolldicken
Sohlen über ungehobelte Scheunendielen. Sie wirbeln umher, so leicht wie
das Laub im Herbststurm. Diese Polka ist weich, hurtig, still, gleitend.
Ihre edlen, maßvollen Bewegungen befreien die Körper, so daß sie sich
leicht, elastisch schwebend fühlen.
Während Peter Nord seinen heimatlichen Tanz tanzte, wurde es still im
Ballsaal. Anfangs lachte man, aber allmählich dämmerte es allen auf, daß
dies Tanz war, dieses Dahinschweben in gleichmäßigen raschen Wirbeln, ja
wahrlich, wenn irgendetwas Tanz war, so war es dies.
Plötzlich bemerkte Peter Nord mitten in seinem Taumel, daß rings um ihn
eine wunderliche Stille herrschte. Er blieb plötzlich stehen und fuhr sich
mit der Hand über die Stirne. Keine schwarze Scheunendiele, keine
laubgeschmückten Wände, keine hellblaue Sommernacht, keine muntre
Bauerndirne war in der Wirklichkeit zu erblicken, in die er jetzt schaute.
Er schämte sich und wollte sich fortschleichen.
Aber schon war er umringt und bestürmt. Die jungen Damen drängten sich um
den Ladenjungen und riefen: »Ach tanzen Sie mit uns, tanzen Sie mit uns!«
Sie wollten diese Polka lernen. Alle wollten sie sie lernen. Der Ball kam
ganz aus dem Geleise und war jetzt wie eine Tanzschule. Alle versicherten,
daß sie bisher gar nicht gewußt hätten, was tanzen heiße. Und Peter Nord
ward ein großer Mann an diesem Abend.
Er mußte mit allen den feinen Damen tanzen, und sie waren über die Maßen
freundlich gegen ihn. Er war ja nur ein Junge und übrigens solch ein
fröhlicher Tollkopf. Man konnte nicht anders als ihn verziehen.
Da fühlte Peter Nord, daß dies das Glück war. Der Günstling der Damen zu
sein, es wagen, mit ihnen zu sprechen, sich mitten in dem strahlenden
Lichte zu bewegen, gefeiert und verhätschelt zu werden, ja gewiß, das war
das Glück.
Und als der Ball zu Ende war, war er zu glücklich, um selbst darüber
betrübt zu sein. Er hatte das Bedürfnis, heimzukommen, um in Ruhe alles das
zu überdenken, was ihm an diesem Abend widerfahren war.
Halfvorson war unverheiratet, aber er hatte eine Nichte im Hause, die im
Kontor arbeitete. Sie war arm und von Halfvorson abhängig, aber sie benahm
sich recht hochmütig gegen ihn und gegen Peter Nord. Sie hatte viele
Freunde unter den angeseheneren Leuten der Stadt und wurde in Familien
eingeladen, in die Halfvorson nie kommen konnte. Sie und Peter Nord gingen
zusammen von dem Balle nach Hause.
»Wissen Sie, Nord,« fragte Edith Halfvorson, »daß Halfvorson wegen
verbotnen Branntweinhandels angeklagt werden wird? Sie könnten mir wirklich
sagen, Nord, wie es sich mit dieser Sache verhält.«
»Ach, das ist gar nicht der Mühe wert, solch ein Aufhebens davon zu
machen,« sagte Peter Nord.
Edith seufzte. »Natürlich wird etwas daran sein. Und dann gibt es Prozeß
und Geldstrafen und Schande ohne Ende. Ich möchte so gerne wissen, wie die
Sache steht.«
»Es ist wohl am besten, nichts zu wissen,« sagte Peter Nord.
»Sehen Sie, Nord, ich will in die Höhe kommen,« fuhr Edith fort, »und
Halfvorson mit hinaufziehen, aber er plumpst mir immer wieder hinunter.
Ganz unversehens tut er etwas, was auch mich unmöglich macht. Ich sehe ihm
jetzt an, daß er etwas im Schilde führt. Wissen Sie nicht, Peter, was es
ist? Es wäre gut, es zu wissen.«
»Nein,« sagte Peter Nord, nicht ein Wort mehr konnte er sagen. War es
menschlich, mit ihm, der von seinem ersten Balle kam, von derlei zu
sprechen?
Hinter dem Laden befand sich ein kleiner Verschlag für den Ladenjungen. Da
saß Peter Nord von heute und ging mit Peter Nord von gestern ins Gericht.
Wie blaß und feige der Kerl aussah. Jetzt sollte er hören, was er war. Ein
Dieb und ein Geizhals. Kannte er das siebente Gebot? Von Rechts wegen
sollte er eine Tracht Prügel haben. Ja, das sollte er.
Gott sei gedankt und gelobt, daß er ihn auf den Ball geführt und seinen
Sinn geändert hatte. Pfui, wie häßlich es in ihm ausgesehen hatte, aber
jetzt war alles anders. Als ob der Reichtum es wert wäre, daß man ihm
Gewissen und Seelenruhe opferte?! Als ob er soviel wert wäre wie eine weiße
Maus, wenn man dabei nicht vergnügt sein durfte! Er klaschte in die Hände
und rief jubelnd: »Frei, frei, frei!« Nicht die leiseste Sehnsucht, den
Fünfzigkronenschein zu besitzen, war mehr in seiner Seele. Wie gut war es
doch, glücklich zu sein.
Als er sich niedergelegt hatte, nahm er sich vor, Halfvorson zeitig am
nächsten Morgen die fünfzig Kronen zu zeigen. Dann aber bekam er Angst, daß
der Krämer am nächsten Tag vor ihm in den Laden kommen, den Schein suchen
und ihn finden könnte. Dann würde er wohl glauben, daß Peter Nord ihn
versteckt hatte, um ihn zu behalten. Dieser Gedanke ließ ihm keine Ruhe. Er
versuchte sich ihn aus dem Sinne zu schlagen, aber es gelang ihm nicht. Er
konnte nicht einschlafen. Da stand er auf, schlich sich leise in den Laden
und tastete nach dem Fünfzigkronenschein. Dann schlummerte er süß ein mit
der Banknote unter dem Kopfkissen.
Eine Stunde später wurde er geweckt. Ein greller Lichtschein fiel ihm
blendend in die Augen, eine Hand griff suchend unter sein Kopfkissen und
eine grollende Stimme zankte und fluchte.
Ehe noch der Knabe recht wach war, hatte Halfvorson schon die Banknote in
der Hand und zeigte sie zwei Frauen, die in der Tür zum Verschlage standen.
»Seht ihr, daß ich recht hatte,« sagte Halfvorson, »seht ihr, daß es der
Mühe wert war, euch zu wecken und als Zeuginnen mitzunehmen. Seht ihr, daß
er ein Dieb ist!«
»Nein, nein, nein,« schrie der arme Peter Nord. »Ich wollte nicht fehlen.
Ich habe den Schein ja _nur_ aufgehoben.«
Halfvorson hörte ja nichts. Die beiden Frauen standen mit dem Rücken zum
Verschlage, wie fest entschlossen, weder zu hören noch zu sehen.
Peter Nord hatte sich im Bette aufgesetzt. Er sah mit einem Male
jämmerlich schwach und klein aus. Seine Tränen strömten. Er jammerte laut.
»Onkel,« sagte Edith, »er heult.«
»Laß ihn heulen!« sagte Halfvorson, »laß ihn nur heulen!« Und er trat näher
und sah den Knaben an. »Kann mir schon denken, daß du heulst, mein Lieber,«
sagte er. »Aber das verfängt bei mir nicht.«
»Oh, oh!« rief Peter Nord, »ich bin kein Dieb. Ich habe den Schein nur zum
Spaß versteckt -- um Sie zu ärgern. Ich wollte Sie wegen der Mäuse strafen.
Ich bin kein Dieb. Kann niemand mich hören? Ich bin kein Dieb.«
»Onkel,« sagte Edith, »hast du ihn jetzt genug gequält, können wir
vielleicht gehen und uns niederlegen?«
»Ich kann mir schon denken, daß sich das greulich anhört,« sagte
Halfvorson, »aber da läßt sich nichts machen.« Er war ganz munter, förmlich
ausgelassen. »Ich habe lange ein Auge auf dich gehabt, mein Lieber,« sagte
er zu dem Knaben. »Immer hattest du irgend etwas wegzustecken, wenn ich in
den Laden kam. Aber jetzt bist du ertappt. Jetzt habe ich Zeugen gegen
dich, und jetzt hole ich die Polizei.«
Der Junge stieß einen gellenden Schrei aus. »Kann mir denn niemand helfen,
kann mir denn niemand helfen?« rief er. Aber nun war Halfvorson schon
verschwunden, und die Frau, die dem Haushalt vorstand, kam auf ihn zu.
»Geschwind, aufgestanden und in die Kleider, Peter Nord! Halfvorson holt
die Polizei und indessen kannst du dich davonmachen. Das Fräulein geht wohl
in die Küche und packt dir ein bißchen Proviant ein. Ich will unterdessen
deine Sachen zusammensuchen.«
Das furchtbare Weinen hörte sogleich auf. Nach einem kleinen Weilchen war
der Junge fertig. Er küßte den beiden Frauen die Hand, demütig wie ein
geschlagner Hund. Und dann eilte er fort.
Sie blieben in der Tür stehen und sahen ihm nach. Als er verschwunden war,
seufzten sie erleichtert auf.
»Was wird Halfvorson jetzt sagen?« sagte Edith.
»Er wird ganz froh sein,« antwortete die Haushälterin. »Er hat das Geld dem
Knaben absichtlich hingelegt, glaube ich. Er wollte ihn nur los sein.«
»Warum denn? Der Junge war doch der beste, den wir seit Jahr und Tag im
Laden gehabt haben.«
»Er wollte ihn wohl bei der Branntweingeschichte nicht zum Zeugen haben.«
Edith stand stumm da und atmete heftig. »Wie gemein, wie gemein,« murmelte
sie. Sie ballte die Fäuste gegen das Kontor und gegen das kleine Guckloch
in der Tür, durch das Halfvorson in den Laden sehen konnte. Sie hatte
selber nicht übel Lust, von all dieser Niedrigkeit fort in die Welt zu
fliehen.
Ganz rückwärts im Laden hörte sie ein Geräusch. Sie lauschte, trat näher,
ging dem Tone nach und fand endlich hinter einer Heringstonne den Käfig mit
Peter Nords weißen Mäusen.
Sie hob ihn auf, stellte ihn auf den Ladentisch und öffnete das Türchen.
Maus um Maus eilte heraus und verschwand hinter Kisten und Tonnen.
»Möget ihr gedeihen und euch vermehren,« sagte Edith, »laßt mich sehen, daß
ihr Schaden anrichtet und euern Herrn rächt.«
II
Freundlich und zufrieden lag das kleine Städtchen unter seinem roten Berg
da. Es war so in Grün eingebettet, daß der Kirchturm noch gerade daraus
hervorragte. Garten an Garten kletterte auf schmalen Terrassen die Anhöhen
hinan, und wenn sie nach dieser Richtung nicht weiter konnten, stürzten sie
sich mit Sträuchern und Bäumen quer über die Straße und breiteten sich
zwischen den zerstreuten Häusern und dem schmalen Erdstreif darunter aus,
bis der breite Fluß ihnen Halt gebot.
In der Stadt war es ganz still und stumm. Kein Mensch war zu sehen, nur
Bäume und Sträucher und hie und da ein Haus. Das einzige Geräusch, das man
hörte, war das Rollen der Kugel über die Kegelbahn, und das klang wie
ferner Donner an einem Sommertag. Es gehörte mit zu der Stille.
Doch jetzt knirschte das holprige Steinpflaster des Marktes unter
genagelten Absätzen. Der Laut grober Stimmen schlug an die Wand des
Rathauses und der Kirche, hallte vom Berg wider und eilte unbehindert die
lange Straße hinab. Vier Wanderer störten die Vormittagsruhe.
Ach, die süße Stille, der jahrelange Feierfriede! Wie erschraken sie! Man
konnte förmlich sehen, wie sie die Bergpfade hinaufflüchteten.
Einer der Lärmenden, die in das Städtchen einbrachen, war Peter Nord, der
Junge aus Wermland, der vor sechs Jahren des Diebstahls bezichtigt aus der
Stadt geflohen war. Die mit ihm gingen, waren drei Tagediebe aus der großen
Handelsstadt, die nur ein paar Meilen entfernt lag.
Wie war es dem kleinen Peter Nord ergangen? Gut war es ihm ergangen. Er
hatte den allervernünftigsten Freund und Begleiter gefunden.
Als er an jenem dunklen, regenschweren Februarmorgen aus dem Städtchen
fortlief, da sangen und klangen die Polkamelodien ihm im Ohre. Und eine von
ihnen war hartnäckiger als alle andern.
Es war die, die sie alle beim großen Rundtanz gesungen hatten:
Nun ist es wieder Weihnachtsfest,
Ja, ja, Weihnachtsfest.
Und dann ist Ostern nicht mehr weit,
Doch leider, leider ists nicht so,
Nein, nein, ists nicht so,
Nach Weihnacht kommt die Fastenzeit.
Das hörte der kleine Flüchtling so deutlich, so deutlich. Und damit drang
die Weisheit, die in dem alten Reigen verborgen liegt, in den kleinen
genußsüchtigen Wermländerjungen ein, drang in jede Fiber, vermischte sich
mit jedem Blutstropfen, nistete sich in Hirn und Mark ein. So ist es, so
ist es gemeint ... Zwischen Weihnachten und Ostern, zwischen den Festen der
Geburt und des Todes kommt die Fastenzeit des Lebens. Vom Leben soll man
nichts verlangen. Es ist eine arme kalte Fastenzeit. Man darf ihm nie
glauben, wie es sich auch verstellen mag. Im nächsten Augenblick ist es
wieder grau und häßlich. Kann nichts dafür, das arme Ding, versteht es
nicht besser!
Und Peter Nord war beinahe stolz, daß er dem Leben sein tiefstes Geheimnis
abgelauscht hatte.
Und er glaubte, die gelbe, bleiche Frau Fastenzeit in Bettlergestalt, die
Aschenrute in der Hand, über die Erde schleichen zu sehen. Und er hörte,
wie sie ihn anknurrte: »Du wolltest das Fest der Freude und der fröhlichen
Laune mitten in jener Fastenzeit feiern, die man Leben nennt. Darum soll
Schimpf und Schande dein Los sein, bis du dich besserst.«
Aber er hatte sich gebessert, und Frau Fastenzeit hatte ihn beschützt. Er
hatte nicht weiter als bis in die große Handelsstadt fliehen müssen, denn
er wurde gar nicht verfolgt. Und dort im Arbeiterviertel hatte Frau
Fastenzeit ihre sichre Wohnstatt. Peter Nord wurde Arbeiter in einer
Fabrik. Er wurde stark und energisch. Er wurde ernst und sparsam. Er hatte
schmucke Sonntagskleider, er erwarb sich einige Kenntnisse, er lieh sich
Bücher aus und ging zu Vorträgen. Eigentlich war von dem kleinen Peter
Nord nichts mehr übrig als das flachsblonde Haar und die braunen Augen.
Diese Nacht hatte etwas in ihm geknickt, und die schwere Arbeit in der
Fabrik machte den Riß immer größer, so daß der närrische Wermländer dadurch
ganz herausschlüpfen konnte. Er schwätzte kein dummes Zeug mehr, denn in
der Fabrik war das Sprechen verboten, und dadurch gewöhnte er sich das
Schweigen an. Er machte keine Erfindungen mehr, denn seit er im Ernst
Federn und Räder zu bedienen hatte, machten sie ihm keinen Spaß mehr. Er
verliebte sich nicht, denn die Frauen des Arbeiterviertels konnten ihn
nicht mehr fesseln, seit er die Schönheiten des Städtchens kennen gelernt
hatte. Er hatte keine Mäuse, keine Eichhörnchen mehr und nichts, womit er
spielen konnte. Er hatte keine Zeit, er sah ein, daß derlei nur unnütz war,
und er dachte mit Entsetzen an die Zeit, wo er sich noch mit Gassenjungen
gebalgt hatte.
Peter Nord glaubte nicht, daß das Leben anders sein könnte als grau, grau,
grau. Peter Nord langweilte sich immer, aber er war selbst so sehr daran
gewöhnt, daß er es gar nicht merkte. Peter Nord war stolz auf sich selbst,
weil er so tugendhaft geworden war. Er datierte seine Einkehr von der
Nacht, da der Frohsinn ihn verließ und Frau Fastenzeit seine Begleiterin
und Freundin ward.
Doch wie konnte der tugendhafte Peter Nord mitten an einem Arbeitstag in
das Städtchen kommen, begleitet von drei Strolchen, die schmutzig und
versoffen aussahen?
Er war doch immer ein guter Junge gewesen, der arme Peter Nord. Und diesen
drei Strolchen hatte er immer zu helfen versucht, so gut er es konnte,
obwohl er sie verachtete. Er hatte ihnen Holz in ihre elende Baracke
gebracht, wenn der Winter sehr hart war, und er hatte ihre Kleider gestopft
und geflickt. Diese Kerle hielten wie Brüder zusammen, hauptsächlich weil
sie alle drei Peter hießen. Dieser Name vereinte sie fester, als wenn sie
wirklich Geschwister gewesen wären. Und nun litten sie es um dieses Namens
willen, daß der Knabe ihnen Freundschaftsdienste erwies, und wenn sie am
Abend ihren Grog in Ordnung hatten und bequeme Stellungen auf den
Holzstühlen einnahmen, warteten sie ihm, der dasaß und die grinsenden
Löcher ihrer Strümpfe stopfte, mit Galgenhumor und abenteuerlichen Lügen
auf. Das schien Peter Nord Vergnügen zu machen, obgleich er es nicht
zugestehen wollte. Diese Kerle waren jetzt für ihn beinahe dasselbe, was
einstmals in der Welt die Mäuse gewesen waren.
Nun geschah es, daß diesen Strolchen allerlei Klatsch aus der kleinen Stadt
zu Ohren kam. Und nun nach sechs Jahren brachten sie Peter Nord die
Nachricht, daß Halfvorson ihm die fünfzig Kronen absichtlich hingelegt
hatte, um ihn als Zeugen unmöglich zu machen. Und ihre Meinung war, daß
Peter in das Städtchen ziehen und Halfvorson eine Tracht Prügel geben
sollte.
Aber Peter Nord war klug und besonnen und mit der Weisheit dieser Welt
ausgerüstet. Er wollte sich durchaus nicht auf so etwas einlassen.
Die drei Peter verbreiteten die Geschichte im ganzen Arbeiterviertel. Alle
Leute sagten zu Peter Nord: »Geh hin und prügle Halfvorson durch, dann
wirst du ins Loch gesteckt, und es gibt einen Prozeß und die Sache kommt in
die Zeitungen, und der Kerl ist vor dem ganzen Lande blamiert.«
Aber Peter Nord wollte nicht. Es konnte ja recht vergnüglich sein, aber
Rache ist ein teurer Spaß, und Peter Nord wußte, wie arm das Leben ist. Das
Leben gestattet solche Belustigungen nicht.
Da waren die drei Strolche eines Morgens in aller Frühe zu ihm gekommen und
hatten gesagt, jetzt wollten sie an seiner Statt gehen und Halfvorson
durchbläuen, denn »Recht müsse Recht bleiben«, sagten sie.
Und Peter Nord hatte versprochen, sie alle drei totzuschlagen, wenn sie
auch nur einen Schritt nach dem Städtchen gingen.
Da hielt der eine von ihnen, der klein und untersetzt war und der lange
Peter hieß, Peter Nord eine Rede.
»Diese Erde,« sagte er, »ist ein Apfel, der an einem Faden über einem Feuer
hängt, um gebraten zu werden. Mit dem Feuer meine ich die Hölle, Peter
Nord. Und der Apfel muß nahe am Feuer hängen, um süß und weich zu werden,
aber wenn der Faden reißt und der Apfel in das Feuer fällt, so ist er
verdorben. Darum ist der Faden eine sehr wichtige Sache, Peter Nord. Weißt
du, was mit dem Faden gemeint ist?«
»Ich denke, es muß ein Drahtseil sein,« sagte Peter Nord.
»Mit dem Faden meine ich die Gerechtigkeit,« sagte der lange Peter mit
düsterm Ernst. »Wenn auf der Erde nicht Gerechtigkeit geschieht, so purzelt
alles in das Feuer. Darum darf sich der Rächer der Pflicht zu strafen nicht
entziehen, oder, wenn er nicht will, müssen andre gehen.«
»Es ist das letzte Mal, daß ich euch einen Grog spendiert habe,« sagte
Peter Nord, gänzlich unberührt von der Rede.
»Ja, da hilft nichts,« sagte der lange Peter, »Gerechtigkeit muß sein.«
»Wir tun es nicht, um Dank von dir zu ernten, sondern damit der ehrliche
Name Peter nicht in Verruf kommt,« sagte der eine, der Rollpeter hieß und
lang und mürrisch war.
»So, so, ist der Name so hochgeachtet?« sagte Peter Nord wegwerfend.
»Ja, und es ist eine kitzlige Sache, daß sie nun überall in den Gasthäusern
sagen, du hättest die fünfzig Kronen doch wohl stehlen wollen, da du nun
nicht haben willst, daß der Kaufmann bestraft wird.«
Dieses Wort traf tief. Peter Nord sprang auf und sagte, nun wolle er gehen
und den Kaufmann durchpeitschen.
»Ja, und wir kommen mit und helfen dir,« sagten die Strolche.
Und so zogen sie vier Mann hoch in das Städtchen. Anfangs war Peter Nord
mürrisch und grämlich und zorniger über seine Freunde, als über seinen
Feind. Doch als er zu der Flußbrücke kam und die Stadt sah, war er ganz
verwandelt. Es war, als wäre er dort einem kleinen weinenden Flüchtling
begegnet und in diesen hineingeschlüpft. Und je heimischer er in dem alten
Peter Nord wurde, desto mehr ward es ihm bewußt, welches blutige Unrecht
der Kaufmann ihm angetan hatte. Nicht genug damit, daß er ihn hatte
verlocken und ins Unglück stürzen wollen, nein, noch schlimmer, er hatte
ihn aus dieser Stadt vertrieben, wo Peter Nord all sein Lebtag hätte Peter
Nord bleiben können. Ach, wie fröhlich hatte er es doch damals gehabt. Wie
lustig und vergnügt war er gewesen, wie hatte doch sein Herz offengestanden
und wie schön war die Welt gewesen! Herrgott, wenn er doch nur hier hätte
weiterleben können! Und er dachte an sich selbst, so wie er jetzt war --
schweigsam und langweilig, ernst und arbeitsam --, ganz wie an einen
verlornen Menschen.
Nun packte ihn ein wahnsinniger Groll gegen Halfvorson, und statt wie
früher hinter den Kameraden einherzugehen, schoß er an ihnen vorbei.
Aber die Strolche, die nicht nur gekommen waren, um Halfvorson zu strafen,
sondern um überhaupt ihrer Wut Luft zu machen, wußten kaum, was sie
beginnen sollten. Hier war für einen gereizten Mann nichts zu tun. Es gab
keinen Hund, den man hetzen, keinen Straßenkehrer, mit dem man Krakeel
anfangen, keinen feinen Herrn, dem man ein Schimpfwort nachschleudern
konnte.
Das Jahr war noch nicht weit vorgeschritten, gerade so weit, daß der
Frühling eben in den Sommer überging. Es war die weiße Zeit der
Kirschblüten, wo Fliedertrauben hohe, rundbeschnittene Büsche schmücken und
die Apfelblüten duften. Diese Männer, die unmittelbar von der Straße und
vom Hafen in das Reich der Blumen gekommen waren, fühlten sich wunderlich
davon berührt. Drei Paar Fäuste, die bisher entschlossen geballt waren,
lösten sich, und drei Paar Absätze donnerten weniger hart gegen das
Pflaster.
Vom Markte aus sahen sie einen Fußpfad, der sich die Hügel
hinanschlängelte. Ihm entlang wuchsen junge Kirschbäume, die mit ihren
weißen Kronen Bogen und Wölbungen bildeten. Die Wölbungen waren schwebend
leicht, und die Zweige unsagbar schwach, alles zart, fein und kindlich.
Dieser Kirschenweg zog die Blicke der Männer auf sich. Was war dies doch
für ein unpraktisches Nest, wo man Kirschbäume dahin pflanzte, wo jedweder
die Kirschen nehmen konnte. Die drei Peter hatten die Stadt bisher als
einen Herd der Ungerechtigkeit betrachtet, voll Grausamkeit und Tyrannei.
Jetzt begannen sie sie auszulachen und ein wenig zu verachten.
Aber der vierte im Bunde lachte nicht. Seine Rachsucht loderte immer wilder
auf, denn er fühlte es, dies war die Stadt, wo er hätte wohnen und wirken
sollen. Dies war sein verlornes Paradies. Und ohne nach den andern zu
fragen, ging er rasch die Straße hinauf.
Sie folgten nach, und als sie merkten, daß es hier nur eine Straße gab, und
als sie dieser entlang nur Blumen und wieder Blumen sahen, steigerte sich
ihre Verachtung und ihre Heiterkeit. Es geschah vielleicht zum erstenmal in
ihrem Leben, daß sie Blumen Aufmerksamkeit schenkten, aber hier konnten sie
nicht anders, denn die Fliedertrauben fegten ihnen die Mützen vom Kopf,
und die Blätter der Kirschblüten regneten auf sie herab.
»Was glaubt ihr, was mögen wohl in dieser Stadt für Leute wohnen?« fragte
der lange Peter nachdenklich.
»Bienen,« antwortete sogleich der Holzschuhpeter, der seinen Namen daher
hatte, daß er einmal mit einem Holzschuhmacher in demselben Hause gewohnt
hatte.
Natürlich bekamen sie allmählich einige Menschen zu Gesicht. An den
Fenstern, hinter blanken Scheiben und weißen Gardinen, zeigten sich ein
paar schöne junge Gesichter, und sie sahen Kinder auf den Terrassen
spielen. Aber kein Lärm störte die Stille. Es kam ihnen vor, als könnte
selbst die Posaune des Jüngsten Gerichts diese Stadt nicht wecken. Was
sollten sie hier anfangen!
Sie gingen in einen Laden und kauften Bier. Da stellten sie mit rauher
Stimme mehrere Fragen an den Kaufmann. Sie fragten, ob die Feuerwehr ihre
Spritze in Ordnung habe und wie es wohl mit dem Schwengel der Kirchenglocke
stände für den Fall, daß es zum Sturmläuten kommen sollte.
Dann tranken sie das Bier auf der Straße aus und warfen die Flaschen fort.
Eins, zwei, drei, alle Flaschen an denselben Eckstein, ein Krachen und
Klirren, und alle Scherben flogen ihnen um die Ohren. Es tat ihnen förmlich
wohl, wieder ein bißchen Lärm zu machen.
Da hörten sie hinter sich Schritte, wirkliche Schritte, Stimmen, harte,
deutliche Stimmen, Lachen, lautes Lachen und dazu ein Klirren wie von
Metall. Sie stutzten und zogen sich in einen Torweg zurück. Das klang wie
eine ganze Kompanie.
Das war es auch. Aber eine Kompanie von jungen Mädchen. Die Dienstmägde der
Stadt zogen in gesammeltem Trupp auf die Stadtweiden, um die Kühe zu
melken.
Das machte auf diese Großstädter, diese Weltbürger, den stärksten
Eindruck. Dienstmädchen mit Milcheimern. Das war beinahe rührend!
Urplötzlich traten sie aus dem Tor hervor und riefen: »Buh!«
Die ganze Mädchenschar zerstob augenblicklich. Die Mägde kreischten und
liefen davon. Die Röcke flatterten, die Kopftücher lösten sich, die
Milchkübel rasselten auf die Straße.
Und zugleich vernahm man die ganze Straße entlang dumpfe Laute von Toren
und Türen, die zugeworfen wurden, von Klinken und Riegeln und Schlössern.
Ein Stück weiter unten auf der Straße stand eine große Linde. Und darunter
saß eine alte Frau an einem Tisch mit Karamels und Backwerk. Sie rührte
sich nicht, sie sah sich nicht um, sie saß ganz mäuschenstill. Schlafen tat
sie auch nicht.
»Die ist aus Holz,« sagte der Holzschuhpeter.
»Nein, aus Ton,« meinte der Rollpeter.
Sie gingen alle drei in einer Reihe. Gerade vor der Alten kamen sie ins
Schwanken. Sie gingen gegen sie los. Der Tisch bekam einen Puff. Und die
Alte fing zu zanken an.
»Weder Holz noch Ton,« sagten sie, »lauter Gift und Galle.«
Die ganze Zeit hatte Peter Nord sich gar nicht um sie gekümmert, aber jetzt
waren sie endlich bei Halfvorsons Haus angelangt und da erwartete er sie.
»Es läßt sich wohl nicht in Abrede stellen, daß das meine Angelegenheit
ist,« sagte er stolz, und wies auf den Laden. »Ich will allein hineingehen
und die Sache abmachen. Bringe ich es nicht zuwege, so könnt ihr euer Glück
versuchen.«
Sie nickten. »Geh du nur, Peter Nord! Wir warten hier draußen.«
Peter Nord trat in den Laden, fand dort einen jungen Mann allein und
fragte nach Halfvorson. Er bekam sogleich den Bescheid, daß dieser verreist
war. Da fing er ein Gespräch mit dem Ladendiener an und erfuhr so
mancherlei über seinen Herrn.
Halfvorson war wegen des Branntweinhandels gar nicht angeklagt worden. Wie
er sich gegen Peter Nord benommen hatte, das wußte die ganze Stadt. Aber
niemand sprach jetzt mehr von der Geschichte. Halfvorson hatte es weit
gebracht, und jetzt war er nicht mehr so bösartig. Er war nicht mehr
unbarmherzig gegen seine Schuldner und hatte aufgehört, dem Ladenjungen
aufzulauern. In den allerletzten Jahren hatte er sich auf die Gärtnerei
geworfen. Er hatte rings um das Haus in der Stadt einen Blumengarten
angelegt und einen Küchengarten draußen vor dem Stadttor. Jetzt arbeitete
er so eifrig in seinen Gärten, daß er kaum mehr daran dachte, Geld zu
sammeln.
Peter Nord gab es einen Stich ins Herz. Natürlich war der Mann gut. Er
hatte im Paradies bleiben dürfen. Natürlich wurde man gut, wenn man hier
wohnte.
Edith Halfvorson lebte noch beim Onkel, aber sie war jetzt krank. Seit sie
im Winter die Lungenentzündung gehabt hatte, war ihre Brust schwach.
Während Peter Nord sich dies und noch mehr erzählen ließ, standen die drei
Männer draußen und warteten.
In Halfvorsons schattenlosem Garten hatte man eine Birkenlaube errichtet,
damit Edith sich dort an den schönen, warmen Frühlingstagen aufhalten
konnte. Sie kam nur langsam wieder zu Kräften, aber für ihr Leben bestand
keine Gefahr mehr.
Bei einigen ist es so, daß man glauben muß, sie wollen nicht leben. Bei der
ersten Krankheit, die sie befällt, legen sie sich hin, um zu sterben.
Halfvorsons Nichte war schon längst aller Dinge müde, des Kontors, des
kleinen trüben Ladens, des Gelderwerbes. Als sie siebzehn Jahre alt war,
reizte es sie, sich einen vornehmen Verkehr und einen guten Freundeskreis
zu erkämpfen. Dann setzte sie sich das Ziel, Halfvorson auf den Weg der
Tugend zu bringen, aber jetzt war alles erreicht. Sie sah keine
Möglichkeit, aus dem Einerlei des Kleinstadtlebens herauszukommen. Sie
wollte gerne sterben.
Sie war eine der elastischen, eine der Stahlfedernaturen. Nichts als Nerven
und Lebendigkeit, wenn etwas sie drückte und quälte. Wie hatte sie sich
doch mit List und Verstellung, mit weiblicher Güte und weiblichem Trotz
gemüht, bis sie ihren Oheim dahin gebracht hatte, einzusehen, daß weitre
Peter Nord-Geschichten nicht mehr vorkommen dürften! Aber jetzt war er zahm
und gebändigt, und sie hatte nichts mehr, was sie fesselte. Ja, und nun
sollte sie doch nicht sterben! Sie lag da und dachte nach, was sie anfangen
sollte, wenn sie gesund wurde.
Plötzlich fuhr sie zusammen. Jemand hatte sehr laut gesagt, er wolle allein
zu Halfvorson gehen und seine Angelegenheit mit ihm abmachen. Und dann
antwortete ein andrer: »Geh du nur, Peter Nord!«
Aber Peter Nord war ja der furchtbarste, der unglückseligste Name auf der
Welt. Er bedeutete ja ein Wiedererwachen aller der alten Abscheulichkeiten.
Edith richtete sich bebend auf, und gerade da kamen drei unheimliche
Gestalten um die Ecke und stellten sich vor sie hin und starrten sie an.
Nur ein niedriges Staket und eine dünne Hecke lag zwischen ihr und der
Straße.
Edith war allein. Die Mägde waren zum Melken gegangen, und Halfvorson
arbeitete in seinem Garten vor der Stadt, obgleich er dem Ladenjungen
aufgetragen hatte, zu sagen, daß er verreist sei, denn er schämte sich
seiner Gärtnermarotte. Edith fürchtete sich schrecklich vor den drei
Männern sowie vor dem, der in den Laden gegangen war. Sie war überzeugt,
daß sie ihr etwas zuleide tun wollten, und darum begann sie über die
schlüpfrigen, steilen Pfade und die kleinen, morschen Holzstufen, die von
Terrasse zu Terrasse führten, den Berg hinaufzulaufen.
Den fremden Männern war es ein Hauptspaß, daß sie vor ihnen davonlief. Sie
konnten es sich nicht versagen, sich so zu stellen, als wenn sie sie
einholen wollten. Einer von ihnen kletterte auf das Staket, und alle drei
brüllten mit furchtbarer Stimme.
Edith lief, so wie man im Traume läuft, keuchend, strauchelnd, in
Todesangst, mit der entsetzlichen Empfindung, nicht von der Stelle zu
kommen. Alle erdenklichen Gefühle stürmten auf sie ein und erschütterten
sie so sehr, daß sie glaubte sterben zu müssen. Ja, wenn einer dieser Kerle
sie nur mit der Hand berührte, wußte sie, daß sie sterben mußte. Als sie
die oberste Terrasse erreicht hatte und es wagte, sich umzusehen, merkte
sie, daß die Männer unten auf der Straße standen und gar nicht mehr nach
ihr hinsahen. Da ließ sie sich ganz ohnmächtig zu Boden sinken. Aber die
Anstrengung war zu groß gewesen, sie hatte sie nicht ertragen können. Sie
fühlte, wie etwas in ihr riß. Gleich darauf strömte Blut über ihre Lippen.
Die Mägde fanden sie, als sie vom Melken heimkamen. Für diesmal wurde sie
ins Leben zurückgerufen. Aber dennoch wagte niemand zu hoffen, daß sie
lange am Leben bleiben würde.
Sie konnte an diesem Tage nicht soviel sprechen, um zu erzählen, in welcher
Weise sie erschreckt worden war. Hätte sie es getan, wer weiß, ob die
fremden Männer lebendig aus der Stadt gekommen wären. Es erging ihnen
ohnehin schlimm genug. Denn nachdem Peter Nord wieder zu ihnen
herausgekommen war und erzählt hatte, daß Halfvorson nicht daheim sei,
gingen sie alle vier im besten Einvernehmen durch das Stadttor und suchten
sich einen sonnigen Abhang, wo sie die Zeit, bis der Kaufmann zurückkehrte,
verschlafen konnten.
Aber als am Nachmittag alle Männer der Stadt, die draußen auf dem Felde
gearbeitet hatten, wieder heimkamen, erzählten ihnen die Frauen von dem
Besuch der Landstreicher, von ihren drohenden Fragen im Laden, wo sie Bier
gekauft hatten, und ihrem ganzen herausfordernden Auftreten. Die Frauen
vergrößerten und übertrieben die Sache, denn sie hatten den ganzen
Nachmittag daheim gesessen und sich gegenseitig Angst gemacht. Die Männer
glaubten Haus und Heim bedroht. Sie beschlossen, die Friedensstörer zu
greifen, wählten einen beherzten Mann zum Anführer, nahmen tüchtige Knüttel
mit und zogen von dannen.
Nun kam Leben in die Stadt. Die Frauen traten vor die Haustüren und machten
einander bange. Die Stimmung war zugleich unheimlich und erwartungsvoll.
Es dauerte nicht lange, so kamen die Jäger mit ihrer Beute zurück. Sie
hatten alle vier. Sie hatten sie im Schlafe umzingelt und sie gefangen. Das
Kunststück hatte gerade keinen besondern Heldenmut erfordert.
Jetzt kehrten sie mit ihnen in die Stadt zurück, indem sie sie wie Vieh vor
sich hertrieben. Der Taumel des Rachedurstes hatte sich der Sieger
bemächtigt. Sie schlugen, um zu schlagen. Wenn einer von den Gefangenen die
Faust gegen sie ballte, bekam er einen Schlag auf den Kopf, der ihn umwarf,
und dann hagelten die Schläge auf ihn nieder, bis er sich erhob und
weiterging. Die vier Männer waren dem Tode nahe.
Es ist so schön in den alten Liedern. Da muß zuweilen der gefangne Held in
Fesseln im Triumphzug des siegreichen Feindes schreiten. Aber er ist auch
im Unglück noch stolz und schön, und die Blicke suchen ihn ebenso wie den
Glücklichen, der ihn besiegt hat. Die Kränze und die Tränen der Schönheit
gehören dem noch im Unglück Beneidenswerten.
Aber wer wollte wohl für den armen Peter Nord schwärmen? Sein Rock war
zerrissen und sein flachsblondes Haar klebrig von Blut. Er bekam die
meisten Schläge, denn er leistete am meisten Widerstand. Ganz schrecklich
sah er aus, wie er da einherging. Er brüllte, ohne es zu wissen. Jungens
hängten sich an ihn fest, und er schleppte sie lange Strecken weit mit.
Einmal blieb er stehen und schleuderte all das Kleinzeug auf die Straße.
Gerade als er im Begriff war zu entfliehen, bekam er mit einem Knüttel
einen Schlag auf den Kopf und fiel zu Boden. Er fuhr wieder in die Höhe,
halb betäubt, und schwankte weiter, während Peitschenhiebe auf ihn
herabhagelten und die Jungen sich ihm wie Blutegel an Arme und Beine
hängten.
So begegneten sie dem alten Ratsherrn, der von seiner Whistpartie im
Wirtshausgarten kam. »So, so,« sagte er zum Vortrab, »ihr wollt die in den
Kotter bringen?«
Und er stellte sich an die Spitze des Zugs und ordnete ihn. Augenblicklich
sah alles anständig aus. Gefangne und Gefangnenwächter marschierten in
Frieden und Ordnung weiter. Doch die Wangen der Städter glühten, einige
stießen mit den Knütteln auf das Pflaster, andre schulterten sie wie
Gewehre. Und dann wurden die Gefangnen der Stadt der Polizei in Gewahrsam
gegeben und in das Arrestlokal auf dem Marktplatz geführt.
Die Retter der Stadt blieben noch lange auf dem Markte stehen und sprachen
von ihrem Mute und von der großen Heldentat. Und in der kleinen Gaststube,
wo der Rauch so dicht wie eine Wolke steht und gewichtige Männer ihren
Mitternachtstoddy brauen, da taucht die Heldentat vergrößert wieder auf. Da
wachsen die in den Schaukelstühlen, da blähen sich die in den Sofaecken, da
sind sie alle Helden. Welche Tatkraft schlummert doch in der kleinen Stadt
der großen Erinnerungen! Du furchtbares Erbteil, du altes Wikingerblut!
Doch dem alten Ratsherrn wollte die Sache nicht recht gefallen. Er konnte
sich nicht recht damit befreunden, daß das Wikingerblut wieder in Wallung
geraten war. Und dieser Gedanke ließ ihn nicht schlafen, er ging wieder
auf die Straße und schlenderte gemächlich dem Marktplatze zu.
Das kleine Städtchen lag in dem sanften Licht der Frühlingsnacht da. Der
einzige Zeiger der Turmuhr wies auf elf. Über die Kegelbahn rollten keine
Kugeln mehr. Die Rollgardinen waren herabgelassen. Es war, als wenn die
Häuser mit gesenkten Lidern schliefen. Die lotrecht aufsteigenden Berge
standen schwarz, wie in tiefer Trauer da. Aber mitten in all dem Schlummer
wachte jemand -- der Blumenduft schlief nicht! Der schlich sich über die
Lindenhecken, stürmte aus den Gärten, jagte die Straße hinauf und hinab,
kletterte zu jedem Fenster empor, das angelehnt stand, zu jeder Dachluke,
die frische Luft einließ.
Jeder, zu dem der Blumenduft drang, sah alsogleich seine ganze kleine Stadt
vor sich, obgleich die Dunkelheit sich leise auf sie herabgesenkt hatte. Er
sah sie als die Stadt der Blumen, wo nicht Haus an Haus lag, sondern Garten
an Garten. Er sah die Kirschbäume, die weiße Bogen über den steilen Waldweg
spannten, die Fliederbüsche, die Knospen, die zu prächtigen Rosen
schwollen, die stolzen Päonien, und die Haufen von Blütenblättern auf dem
Boden unter den Faulbäumen.
Der alte Ratsherr ging in tiefe Gedanken versunken. Er war so weise und so
alt. Das siebzigste Jahr hatte er erreicht, und fünfzig Jahre hatte er die
Geschicke der Stadt gelenkt. Aber in dieser Nacht fragte er sich, ob er
recht getan habe, wenn er immer gedämpft und beschwichtigt hatte. »Ich
hatte die Stadt in meiner Hand,« dachte er, »aber ich habe sie nicht zu
etwas Großem gemacht.« Und er gedachte ihrer großen Vergangenheit und
zweifelte immer mehr, ob er auch recht getan habe.
Er stand unten auf dem Markt, da, wo die Aussicht sich über den Fluß
eröffnet. Ein Boot kam herangerudert. Ein paar Städter kehrten von einer
Ausfahrt zurück. Lichtgekleidete Mädchen führten die Ruder. Sie steuerten
unter die Brückenwölbung, aber da war die Strömung so stark, daß sie sie
zurücktrieb. Es gab einen heftigen Kampf. Ihre schlanken Körper bogen sich
nach rückwärts, bis sie in einer Linie mit dem Bootrande lagen. Weiche
Armmuskeln spannten sich. Die Ruder krümmten sich wie Bogen. Lachen und
Rufe erfüllten die Luft. Einmal ums andre siegte die Strömung. Schmählich
wurde das Boot zurückgetrieben. Und als die Mädchen schließlich am Marktkai
landen und es den Männern überlassen mußten, das Boot heimzubringen, wie
waren sie rot und ärgerlich und wie lachten sie! Und wie klang ihr Lachen
die Straße hinab! Wie belebten ihre breitrandigen, lichten Hüte, ihre
leichten, flatternden Sommerkleider die stille Nacht.
Da tauchten vor den Gedanken des alten Ratsherrn, denn im Dunkel konnte er
sie nicht klar sehen, ihre lieblichen, jungen Gesichtchen, ihre schönen,
klaren Augen und ihre roten Lippen auf. Da richtete er sich stolz in die
Höhe. Die kleine Stadt war doch nicht ohne allen Glanz. Andre Gemeinwesen
konnten sich andrer Dinge rühmen, aber keinen Ort kannte er, der reicher an
dem augenerquickenden Reiz von Blumen und Frauen war.
Da dachte der Alte mit neuerwachtem Mut an sein Wirken. Nein, er brauchte
nicht für die Zukunft der Stadt zu zittern. Eine solche Stadt brauchte sich
nicht durch strenge Gesetze zu schützen.
Und so erbarmte er sich der armen Gefangnen. Er ging und weckte den
Polizeimeister und sprach mit ihm. Und dieser dachte wie er. Sie gingen
selbander zum Gefängnis und öffneten Peter Nord und seinen Kameraden die
Tür.
Und daran tat die Obrigkeit recht. Denn die kleine Stadt ist wie die Venus
von Milo. Sie hat lockenden Reiz, und ihr fehlen die festhaltenden Arme.
III
Es ist, als müßte ich die Wirklichkeit verlassen und in die Welt des
Märchens und der Unwahrscheinlichkeit fliehen, um zu erzählen, was sich
jetzt begab. Wäre der junge Peter Nord ein Peter Schweinehirt gewesen, mit
einer goldnen Krone unter dem Hut, dann würde alles ganz einfach und
natürlich erscheinen. Aber jetzt will mir wohl niemand glauben, wenn ich
sage, daß auch Peter Nord einen Königsreif um sein flachsblondes Haar trug.
Niemand kann ja wissen, wie viel merkwürdige Dinge sich in dem kleinen
Städtchen zutragen. Niemand kann ahnen, wieviel verzauberte Prinzessinnen
da herumgehen und auf den Hirtenknaben des Märchens warten.
Zuerst sah es aus, als sollte es weiter zu keinen Abenteuern kommen. Denn
als Peter Nord von dem alten Ratsherrn befreit worden war und zum
zweitenmal mit Schimpf und Schande aus der Stadt fliehen mußte, da kamen
ihm dieselben Gedanken, wie als er das erstemal entfloh. Da klangen ihm
plötzlich wieder Polkamelodien im Ohre, und am allerlautesten unter ihnen
erklang der alte Reigen:
Nun ist es wieder Weihnachtsfest,
Ja, ja, Weihnachtsfest.
Und dann ist Ostern nicht mehr weit,
Doch leider, leider ists nicht so,
Nein, nein, ists nicht so,
Nach Weihnacht kommt die Fastenzeit.
Und er sah deutlich, wie die gelbe, blasse Frau Fastenzeit mit ihrem
Rutenbündel im Arm über die Erde schlich. Und sie rief ihm zu:
»Verschwender! Verschwender! Du wolltest das Fest der Rache und der
Genugtuung in jener Fastenzeit feiern, die man Leben nennt. Kann man sich
hier solche Ausgaben gestatten, du Dummkopf?«
Darauf hatte er ihr abermals Gehorsam gelobt und war ein stiller, sparsamer
Arbeiter geworden. Wieder stand er friedlich und besonnen bei der Arbeit.
Niemand hätte glauben können, daß er es war, der vor Zorn gebrüllt und die
kleinen Kinder auf die Straße geschleudert hatte, so wie der verfolgte Elch
die Hunde abschüttelt.
Doch einige Wochen später kam Halfvorson zu ihm in die Fabrik. Er suchte
ihn auf den Wunsch seiner Nichte auf. Sie wollte, wenn möglich, noch an
demselben Tag mit ihm sprechen.
Peter Nord begann zu zittern und zu beben, als er Halfvorson erblickte. Es
war, als hätte er eine schlüpfrige Schlange gesehen. Er wußte nicht, was er
lieber wollte, -- ihn schlagen oder von ihm fortlaufen; aber plötzlich
bemerkte er, daß Halfvorson sehr bekümmert aussah.
Der Kaufmann hatte ein Aussehen, wie man es hat, wenn man im starken Winde
geht. Die Gesichtsmuskeln waren angespannt, der Mund zusammengekniffen, die
Augen rot und voll Tränen. Er kämpfte sichtlich mit irgendeinem Leid. Das
einzige, was unverändert war, das war die Stimme. Sie war ebenso
unmenschlich ausdruckslos.
»Sie brauchen der alten Geschichte wegen nichts zu fürchten, und auch der
neuen wegen nicht,« sagte Halfvorson. »Es ist wohl bekannt geworden, daß
Sie mit jenen Kerlen waren, die dieser Tage bei uns daheim so viel Aufstand
machten. Und da wir annahmen, daß sie von hier seien, konnte ich Sie
ausfindig machen. Edith wird bald sterben,« fuhr er fort, und sein Gesicht
zuckte krampfhaft. »Sie will mit Ihnen sprechen, ehe sie stirbt. Aber wir
führen nichts Böses gegen Sie im Schilde.«
»Gewiß komme ich,« sagte Peter Nord.
Bald waren sie beide an Bord des Dampfers. Peter Nord saß da, fein geputzt
in seinem Sonntagsstaat. Und unter dem Hut spielten und gaukelten alle
seine Knabenträume, einen richtigen Königsreif schlossen sie um sein
blondes Haar. Ediths Botschaft raubte ihm förmlich die Besinnung. Hatte er
nicht immer gedacht, daß feine Damen ihn lieben würden? Und nun war da
eine, die ihn sehen wollte, bevor sie starb. Das Wunderbarste alles
Wunderbaren! -- Nun saß er da und dachte an sie, wie sie einst gewesen war.
Wie stolz, wie lebensfrisch! Und jetzt sollte sie sterben. Sie tat ihm so
innig leid. Aber daß sie alle die Jahre seiner gedacht hatte! Eine warme,
süße Wehmut kam über ihn.
Nun war er wieder ganz heraus, der alte, närrische Peter Nord. Sobald er
sich dem Städtchen näherte, verließ ihn Frau Fastenzeit mit Unmut und
Verachtung.
Halfvorson konnte keinen Augenblick stillstehen. Der heftige Sturm, den er
allein bemerkte, trieb ihn auf dem Verdeck hin und her. Wenn er an Peter
vorbeikam, brummte er ein paar Worte, so daß dieser erfuhr, welche Pfade
seine betrübten Gedanken wandelten. »Sie fanden sie auf dem Boden, halbtot
-- und rings um sie lauter Blut,« sagte er einmal. Und ein andermal: »War
sie nicht gut? War sie nicht schön? Wie konnte es ihr so schlecht ergehen?«
Und ein andermal: »Sie hat mich auch gut gemacht. Konnte es nicht mit
ansehen, daß sie den ganzen langen Tag betrübt dasaß und mit ihren Tränen
das Kassabuch ruinierte.« -- Dann kam dies: »Ein schlaues Ding übrigens.
Schmeichelte sich bei mir ein. Machte es mir behaglich daheim, verschaffte
mir Verkehr mit den Vornehmen. Durchschaute sie freilich, aber konnte nicht
widerstehen.« Er wanderte bis zum Vorderdeck. Als er zurückkam, sagte er:
»Ich kann es nicht ertragen, daß sie sterben soll.«
Und alles das sagte er mit dieser hilflosen Stimme, die er weder dämpfen
noch modulieren konnte. Peter Nord hatte die stolze Empfindung, daß ein
solcher Mann wie er, der einen Königsreif um die Stirn trug, gar nicht das
Recht hatte, Halfvorson zu zürnen. Dieser war ja durch sein Gebrechen von
den Menschen getrennt und konnte ihre Liebe nicht erringen. Darum mußte er
sie alle als Feinde behandeln. Es ging nicht an, ihn mit demselben Maßstab
zu messen wie andre Menschen.
Aber dann versank Peter Nord wieder in seine Träume. Sie hatte sich also
seiner alle diese Jahre erinnert, und jetzt konnte sie nicht sterben, ohne
ihn gesehen zu haben. Ach, man denke, daß ein junges Mädchen alle die Jahre
herumgegangen war und an ihn gedacht, ihn geliebt und vermißt hatte.
Sobald er ans Land gekommen war und das Haus des Kaufmanns erreicht hatte,
wurde er zu Edith geführt, die ihn draußen in der Laube erwartete.
Der glückliche Peter Nord wurde nicht aus seinen Träumen gerissen, als er
sie erblickte. Sie war ein liebliches Traumwesen, dieses Mädchen, das um
die Wette mit den wurzellosen Birken, die sie umgaben, dahinwelkte. Ihre
großen Augen waren dunkler und klarer geworden. Ihre Hände waren so dünn
und durchsichtig, daß man fürchtete, diese vergeistigte Materie zu
berühren.
Und sie liebte ihn. Natürlich mußte er sie sogleich wiederlieben, heiß,
innig, glühend. Als sie sah, wie er dastand und sie anstarrte, begann sie
zu lächeln, mit dem verzweifeltesten Lächeln der Welt, diesem Lächeln der
Kranken, das sagt: »Sieh, so bin ich geworden. Zähle nicht auf mich. Ich
kann nicht mehr schön und reizend sein. Ich muß bald sterben.«
Das rief ihn zur Wirklichkeit zurück. Er sah, daß er es nicht mit einem
Traumbilde zu tun hatte, sondern mit einer Seele, die im Entfliehen war und
darum die Wände ihres Kerkers so dünn und durchsichtig gemacht hatte. Nun
war es so deutlich in seinem Gesicht und in der Art, wie er Ediths Hand
faßte, zu sehen, wie er mit einemmal ihre Leiden litt, wie er alles andre
über dem Schmerze, daß sie sterben mußte, vergaß, daß die Kranke dasselbe
Mitleid mit sich selbst fühlte und Tränen in ihre Augen traten.
O, welches Mitgefühl hatte er vom ersten Augenblick an für sie. Er begriff
gleich, daß sie ihre Bewegung nicht zeigen wollte. Natürlich war es
ergreifend für sie, ihn, den sie so lange entbehrt hatte, wiederzusehen.
Aber nur ihre Schwäche war daran schuld, daß sie sich jetzt verriet. Sie
wollte natürlich nicht, daß er es bemerkte. Und darum brachte er ein
unverfängliches Gesprächsthema aufs Tapet.
»Wissen Sie, wie es meinen weißen Mäusen ergangen ist?« fragte er.
Sie sah bewundernd zu ihm auf. Es war, als wollte er ihr den Weg ebnen.
»Ich habe sie in den Laden gelassen,« sagte sie, »sie haben sich gut
gehalten.«
»Ach nein, wirklich! Sind noch welche von ihnen da?«
»Halfvorson sagt, daß er Peter Nords Mäuse niemals loswerden kann. Sie
haben Sie gerächt, verstehen Sie?« sagte sie bedeutungsvoll.
»Es war eine ausgezeichnete Rasse,« antwortete Peter Nord stolz.
Das Gespräch stockte einen Augenblick. Edith schloß die Augen, wie um zu
ruhen, und er schwieg ehrfurchtsvoll. Seine letzte Antwort verstand sie
nicht. Er hatte gar nichts auf ihre Bemerkung von der Rache erwidert. Als
er angefangen hatte, von den Mäusen zu sprechen, hatte sie geglaubt, er
verstünde, was sie damit sagen wolle.
Sie wußte ja, daß er vor ein paar Wochen hergekommen war, um sich zu
rächen. Der arme Peter Nord! Oftmals hatte sie gedacht, wie es ihm wohl
ergehen mochte. So manche Nacht war das Heulen des erschreckten Jungen in
ihren Träumen ertönt. Zum Teil um seinetwillen, um nie mehr eine solche
Nacht zu erleben, hatte sie angefangen, ihren Onkel zu bessern, hatte das
Haus zu einem Heim für ihn gemacht, hatte den Einsamen es schätzen gelehrt,
einen teilnehmenden Freund in seiner Nähe zu haben. Jetzt war ihr Schicksal
wieder mit Peter Nord verknüpft. Sein Rachezug hatte sie zu Tode
erschreckt. Als sie sich nach dem schweren Anfall ein wenig erholt hatte,
hatte sie Halfvorson gebeten, ihn auszukundschaften.
Und nun saß Peter Nord da und glaubte, daß sie ihn aus Liebe gerufen habe.
Er konnte ja nicht wissen, daß sie ihn für rachsüchtig, roh und verkommen
hielt, für einen Trinker und Raufbold. Er, der seinen Kameraden im
Arbeiterviertel ein leuchtendes Vorbild war, konnte nicht ahnen, daß sie
ihn herbeschieden hatte, um ihm Tugend und gute Sitte zu predigen, um, wenn
nichts andres half, ihm zu sagen: »Sieh mich an, Peter Nord! Dein
Unverstand, deine Rachgier ist die Ursache meines Todes. Denke daran und
beginne ein andres Leben.«
Er war voll Lebenslust und Träumerei gekommen, um das Fest der Liebe zu
feiern, und sie lag da und dachte daran, ihn in die schwarzen Tiefen der
Reue zu versenken.
Aber es mußte ihr wohl etwas von dem Glanz des Königsreifens
entgegenstrahlen und sie nachdenklich stimmen, so daß sie beschloß, ihn
zuerst ins Verhör zu nehmen.
»Aber Peter Nord, waren Sie wirklich mit diesen drei furchtbaren Kerlen
da?«
Er errötete und sah zu Boden. Dann mußte er ihr die ganze Geschichte von
dem Rachezug mit all seiner Schmach erzählen. Fürs erste, wie unmännlich
lange er gezögert hatte, sich Gerechtigkeit zu verschaffen, und wie er nur
gezwungen gegangen war, und wie er dann anstatt selbst zu schlagen,
geprügelt und gepeitscht worden war. Er wagte nicht aufzusehen, während er
sprach; er wagte nicht zu hoffen, selbst von diesen milden Augen mit
Nachsicht beurteilt zu werden. Wie er dasaß, fühlte er, daß er sich all des
Glanzes entkleidete, mit dem sie ihn in ihren Träumen umgeben haben mußte.
»Aber Peter Nord, wie wäre es denn gegangen, wenn Sie Halfvorson
angetroffen hätten?« fragte Edith, als er zu Ende gesprochen hatte.
Er ließ den Kopf immer tiefer hängen. »Ich sah ihn ja ohnehin,« sagte er.
»Er war gar nicht verreist. Er arbeitete in seinem Garten vor dem Stadttor.
Der Junge im Laden hatte mir alles erzählt.«
»Nun, warum haben Sie sich dann nicht gerächt?« fragte Edith.
Nichts sollte ihm erspart bleiben. Aber er fühlte, daß ihre Blicke sich
forschend auf ihn hefteten, und er begann gehorsam: »Als die Männer sich
auf einem Abhang schlafen gelegt hatten, ging ich und suchte Halfvorson
auf, denn ich wollte ihn allein für mich haben. Er ging da herum und
richtete Stäbchen in einem Erbsenbeet auf. Es mußte am Tage vorher einen
Platzregen gegeben haben, denn die Erbsen waren zu Boden gefallen, einige
Blätter waren ganz zerfetzt, andre voll Erde. Es sah aus wie ein
Krankenhaus. Und Halfvorson war der Doktor. Er richtete sie so zart in die
Höhe, streifte die Erde ab und half den armen, kleinen Dingern die Stäbchen
umfassen. Ich stand da und sah zu. Er hörte mich ja nicht und er hatte
keine Zeit aufzublicken. Ich versuchte zornig zu bleiben, aber was sollte
ich tun? Ich konnte doch nicht auf ihn losstürzen, solange er mit den
Erbsen beschäftigt war. Meine Zeit kommt wohl noch, dachte ich.
Aber plötzlich sprang er auf, schlug sich vor die Stirn und stürzte zum
Treibbeete. Da hob er die Glasfenster ab und guckte hinein, und ich guckte
auch, denn er sah aus, als wenn er in der bittersten Verzweiflung wäre. Ja
freilich, da sah es schlimm aus. Er hatte vergessen, die Pflanzen vor der
Sonne zu schützen und es war wohl unter den Glasfenstern furchtbar heiß
gewesen. Die Gurken lagen wie halbtot da und rangen nach Atem; einige
Blätter waren versengt und andre hingen schlaff herab. Ich war auch ganz
erschrocken, so daß ich alle Vorsicht vergaß, und da erblickte Halfvorson
meinen Schatten. >Du hör' einmal, nimm die Gießkanne, die beim Spargelbeet
steht, laufe zum Fluß herunter und hole Wasser,< sagte er, ohne aufzusehen;
er glaubte wohl, es sei der Gärtnerjunge. Und so lief ich.«
»Taten Sie das, Peter Nord?«
»Ja, sehen Sie, die Gurken brauchten doch nicht unter unsrer Feindschaft zu
leiden. Es kam mir wohl auch vor, daß das charakterlos sei, aber ich konnte
nicht anders. Ich wollte doch sehen, ob sie sich erholen könnten. Als ich
zurückkam, hatte er die Fenster ausgehoben und starrte noch ebenso
verzweifelt vor sich hin. Ich gab ihm die Kanne in die Hand, und er begann
zu gießen. Ja, man konnte sehen, wie gut das den Gurken im Beete tat. Es
war mir fast, als richteten sie sich in die Höhe, und ihm schien es wohl
auch so, denn er fing zu lachen an. Da lief ich fort.«
»Sie liefen fort, Peter Nord, Sie liefen fort?« Edith hatte sich in ihrem
Ruhesessel aufgerichtet.
»Ich konnte ihn nicht schlagen,« sagte Peter Nord.
Immer deutlicher merkte Edith den Strahlenkranz um den Kopf des armen Peter
Nord. So, sie brauchte ihn also nicht mit der schweren Last der Sünde um
den Hals in die Tiefen der Reue zu versenken. Ein solcher Mann war er also!
Ein so weichherziger und feinfühliger Mann! Sie sank zurück, schloß die
Augen wieder und dachte nach. Sie brauchte es ihm nicht zu sagen. Es
wunderte sie selbst, welch große Erleichterung es ihr gewährte, ihn nicht
betrüben zu müssen.
»Ich bin so froh, daß Sie sich die Rachegedanken aus dem Kopfe geschlagen
haben, Peter Nord,« begann sie freundlich. »Gerade darum wollte ich Sie
bitten. Jetzt kann ich ruhig sterben.«
Sie rang nach Atem. Sie war nicht unfreundlich. Sie sah nicht aus, als
hätte sie sich in ihm getäuscht. Sie mußte ihn doch sehr lieb haben, wenn
sie alle diese Feigheit entschuldigen konnte. -- Denn wenn sie sagte, daß
sie ihn hergerufen habe, um ihn zu bitten, von seinen Racheplänen
abzustehen, geschah dies wohl nur aus Schüchternheit, um ihm nicht den
wirklichen Grund des Rufes gestehen zu müssen. Darin hatte sie ganz recht.
Ihm, dem Manne, kam es zu, das erste Wort zu sagen.
»Wie können sie Sie sterben lassen?« rief er aus. »Halfvorson und alle die
andern, wie können sie es? Wenn ich hier wäre, ich wollte es Ihnen
verwehren, zu sterben. Ich würde Ihnen alle meine Kraft geben. Ich würde
alle Ihre Leiden auf mich nehmen.«
»Ich habe keine großen Schmerzen,« sagte sie, über diese kühnen
Versprechungen lächelnd.
»Ich stelle mir vor, daß ich Sie forttragen möchte wie ein erfrorenes
Vögelchen, Sie unter die Weste stecken wie ein Eichhörnchen. O Gott, wie
schön wäre es doch zu arbeiten, wenn etwas so Warmes und Weiches daheim auf
einen wartete. Aber wenn Sie gesund wären, so würden wohl viele ...«
Sie sah ihn mit müdem Staunen an, bereit, ihn in seine Schranken zu weisen.
Aber sie mußte wohl wieder etwas von dem Zauberkranze der Träume um das
Haupt des Knaben gesehen haben, denn sie übte Nachsicht gegen ihn. Er
meinte wohl nichts damit. Er mußte wohl so sprechen wie er sprach. Er war
ja nicht wie andre.
»Ach,« sagte sie gleichgültig. »Nicht so viele, Peter Nord. Wohl kaum
einer, der es ernst meinte.«
Aber nun trat wieder eine Wendung zu seinen Gunsten ein. In ihr erwachte
plötzlich der Heißhunger der Kranken nach Mitleid. Sie wollte das
Mitgefühl, die Zärtlichkeit haben, die der arme Arbeiter ihr schenken
konnte, es war ihr ein Bedürfnis, lange in der Nähe dieser tiefen,
uneigennützigen Teilnahme zu weilen. Die Kranken können ja an derlei nie
genug haben. Sie wollte sie in seinen Blicken und in seinem ganzen Wesen
lesen. Worte waren ihr gleichgültig.
»Es macht mir Freude, Sie hier zu sehen,« sagte sie. »Bleiben Sie noch ein
Weilchen sitzen und erzählen Sie, wie es Ihnen in diesen sechs Jahren
ergangen ist.«
Während er sprach, lag sie da und schlürfte dieses Unsagbare ein, was von
ihm zu ihr strömte. Sie hörte und hörte nicht. Aber durch irgendeine
wunderbare Sympathie fühlte sie sich gestärkt und belebt.
Übrigens machten ihr auch seine Erzählungen Eindruck. Sie führten sie in
die Arbeiterviertel, in eine neue Welt voll gärender Hoffnungen und Kräfte.
Wie man dort glaubte und sich sehnte! Wie man haßte und litt!
»Wie glücklich sind doch die Unterdrückten,« sagte sie.
In einem Anfall von Lebenslust kam es ihr in den Sinn, daß dies etwas für
sie sein könnte, die immer Druck und Zwang brauchte, um das Leben
lebenswert zu finden.
»Wenn ich gesund wäre,« sagte sie, »wäre ich vielleicht mit dahin gegangen.
Es wäre schön gewesen, sich zusammen mit jemandem, dem man gut ist, in die
Höhe zu arbeiten.«
Peter Nord zuckte zusammen. Hier war ja das Geständnis, auf das er die
ganze Zeit gewartet hatte. »Ach, können Sie nicht leben!« bat er, und er
strahlte vor Glück.
Sie wurde aufmerksam. »Das ist ja Liebe,« sagte sie zu sich selbst. »Und
jetzt glaubt er, daß ich auch verliebt bin. Solch ein närrischer Kauz,
dieser Wermlandjunge!«
Sie wollte ihn sogleich wieder zur Vernunft bringen, aber etwas lag über
Peter Nord an diesem siegreichen Tage, das sie zurückhielt. Sie brachte es
nicht übers Herz, seine frohe Stimmung zu zerstören. Sie fühlte Mitleid mit
seiner Torheit und ließ ihn weiter darin leben. »Es macht ja nichts, da ich
ja doch bald sterben muß,« sagte sie zu sich selbst.
Aber gleich darauf verabschiedete sie ihn, und als er fragte, ob er
wiederkommen dürfe, verbot sie es ihm ganz. »Aber,« sagte sie, »vergessen
Sie den Kirchhof hier oben auf dem Hügel nicht, Peter Nord. Dorthin können
Sie in ein paar Wochen gehen und dem Tode für diesen Tag danken.«
Als Peter Nord aus dem Garten kam, begegnete er Halfvorson. Dieser ging
verzweifelt auf und ab und fand seinen einzigen Trost in dem Gedanken, daß
Edith dem Schuldigen jetzt die Last der Reue aufbürdete. Um ihn überwältigt
von Gewissensbissen zu sehen, einzig und allein darum hatte er ihn geholt.
Doch als er den jungen Arbeiter traf, sah er, daß Edith ihm nicht alles
gesagt haben konnte. Wohl sah er ernst aus, aber zugleich schien er
schwindelnd glückselig.
»Hat Edith Ihnen jetzt gesagt, warum sie sterben muß?« fragte Halfvorson.
»Nein,« antwortete Peter Nord.
Halfvorson legte ihm die Hand auf die Schulter, wie um ihn nicht entkommen
zu lassen.
»Ihretwegen stirbt sie, Ihrer verdammten Streiche wegen. Sie war wohl
vorher ein bißchen krank, aber das hatte nichts zu bedeuten. Niemand
glaubte, daß sie sterben würde. Aber dann kamen Sie mit diesen drei
unglückseligen Schurken her, und sie erschreckten sie, während Sie in
meinem Laden waren. Sie verfolgten sie, und sie lief vor ihnen fort, lief
so, daß sie einen Blutsturz bekam. Aber das war es ja, was Sie wollten, Sie
wollten sich an mir rächen, dadurch, daß Sie sie töteten. Wollten mich
einsam und unglücklich sehen, ohne einen einzigen Menschen um mich, der mir
gut ist. Alle meine Freude wollten Sie mir nehmen, alle meine Freude.«
Er wollte noch lange weitersprechen, Peter Nord mit Vorwürfen überschütten,
ihn mit Flüchen morden; aber dieser riß sich los und lief davon, als ob ein
Erdbeben die ganze Stadt erschüttere und alle Häuser im Begriffe wären
einzustürzen.
IV
Hinter der Stadt erhebt sich die Bergwand lotrecht, aber wenn man auf
steilen Steinstufen und nadelbedeckten, glatten Pfaden hinaufgeklettert
ist, so findet man, daß der Berg sich zu einem großen welligen Plateau
ausbreitet. Und dort oben findet man einen Märchenwald.
Auf der ganzen Breite des Berges steht ein Nadelwald ohne Nadeln, ein Wald,
der im Frühling stirbt und im Herbst grünt, ein lebloser Wald, der in
Lebensfreude aufflackert, wenn andre Bäume das grüne Kleid des Lebens
ablegen, ein Wald, der wächst, ohne daß jemand wissen kann wie, der grün im
Frost und braun im Tau dasteht.
Es ist ein frisch angepflanzter Wald. Junge Fichten sind gezwungen worden,
in den Rissen zwischen Felsblöcken Wurzel zu schlagen. Ihre zähen Wurzeln
haben sich wie scharfe Keile in Spalten und Ritzen eingebohrt. Eine
Zeitlang ging es gut, die jungen Bäume schossen in die Höhe, und die
Wurzeln bohrten sich frohgemut in den grauen Stein. Aber endlich konnten
sie nicht weiterkommen, und da bemächtigte sich des Waldes eine nur
schlecht verhehlte üble Laune. Er wollte hoch hinaus, aber auch in die
Tiefe. Da ihm der Weg nach unten versperrt war, schien ihn das Leben nicht
mehr zu freuen. Jeden Frühling war er bereit, mißmutig die Lebensbürde
abzuwerfen. In dem Sommer, als Edith sterben sollte, stand der junge Wald
ganz braun da. Hoch über der Stadt der Blumen sah man auf dem Bergkamm
einen düstern Rand sterbender Bäume.
Aber dort oben auf dem Berge ist nicht alles Düsterkeit und Todeskampf.
Wenn man so unter den braunen Bäumen einhergeht und sich so bedrückt fühlt,
daß man am liebsten sterben wollte, sieht man grüne Bäume schimmern,
Blumenduft schlägt einem entgegen; Vogelgesang jubelt und lockt. Da denkt
man an das Schloß im schlummernden Wald, an das Paradies des Märchens, das
von einer stechenden Dornenhecke umgeben ist. Und wenn man dann zu dem
Grün, dem Blumenduft, dem Vogelgezwitscher kommt, sieht man, daß man sich
auf dem versteckten Kirchhof des kleinen Städtchens befindet.
Das Heim der Toten liegt in einer mit Erde angefüllten Vertiefung des
Bergplateaus. Und da innerhalb der grauen Steinmauern hat alles Welken und
aller Lebensüberdruß ein Ende. Im Tore stehen Fliederbüsche, die sich unter
schweren Blütentrauben neigen. Linden und Ahornbäume spannen mit
überraschender Kraft einen himmelhohen Bogen über den ganzen Platz. Jasmin
und Rosen entblühen freundlich der geweihten Erde. Um große alte Grabsteine
schlingen sich Ranken von Immergrün und Efeu.
Hier ist eine Ecke, wo die Nadelbäume die Höhe eines Mastbaumes erreichen.
Müßte sich nicht eigentlich der junge Wald draußen schämen, wenn er sie
sieht? Und da sind Hecken, die den Händen ihrer Pfleger ganz entwachsen
sind, die ohne an Schere und Messer zu denken, blühen und sprießen.
Die Stadt hat jetzt auch einen andern, neuen Friedhof, zu dem die Toten
ohne sonderliche Mühe gelangen können. Es war recht beschwerlich für sie,
im Winter hier heraufzuwandern, wo die steilen Waldpfade mit Glatteis
überzogen sind, und die Stufen schlüpfrig und schneebedeckt. Der Sarg
knackte, die Träger keuchten, der alte Propst stützte sich schwer auf den
Küster und den Totengräber. Jetzt braucht niemand dort oben begraben zu
werden, der es nicht selbst gewünscht hat.
Schön sind die Gräber dort nicht. Die wenigsten verstehen es, den Toten
eine schöne Wohnstatt zu bereiten. Aber das frische Grün ergießt seinen
Frieden und seine Schönheit auf sie alle. Seltsam feierlich ist es, zu
wissen, daß alle, die hier ruhen, gerne da liegen. Der Lebende, der nach
einem heißen Arbeitstage hinaufflüchtet, geht wie unter Freunden einher.
Die hier schlummern, haben ja auch die hohen Bäume und die Stille geliebt.
Kommt ein Fremder herauf, so erzählt man ihm nicht von Tod und Trauer,
sondern auf den großen Steinplatten, auf den breiten Bürgermeistergräbern
sitzt man und erzählt ihm von Peter Nord, dem Wermlandjungen, und seiner
Liebe. Es ist, als eignete sich die Geschichte am besten dazu, hier oben
erzählt zu werden, wo der Tod seine Schrecken verloren hat. Es ist, als
müßte die geweihte Erde jubeln, daß sie auch einmal der Schauplatz
erwachenden Glücks und neuerweckten Lebens sein durfte.
Denn es kam so, daß Peter Nord, als er von Halfvorson fortlief, seine
Zuflucht oben auf dem Kirchhofe suchte.
Zuerst lief er auf die Flußbrücke zu und schlug den Weg zur großen
Fabrikstadt ein. Doch auf der Brücke machte der arme Flüchtling halt. Mit
dem Königsreif um seine Stirn war es nun ganz vorbei. Er war verschwunden,
als wäre er aus Sonnenstrahlen gesponnen gewesen. Peter Nord war von Kummer
tief gebeugt, sein ganzer Körper zitterte, das Herz tat ihm weh, das Hirn
brannte wie Feuer.
Da glaubte er zu sehen, wie Frau Fastenzeit ihm zum drittenmal entgegenkam.
Sie war viel freundlicher, viel milder als einst, aber sie erschien ihm
darum nur um so furchtbarer.
»Ach, du Armer,« sagte sie, »jetzt mußt du aber mit deinen Streichen doch
endlich aufhören! Du wolltest das Fest der Liebe in der Fastenzeit feiern,
die man Leben nennt, aber du siehst, wie es dir ergeht. Komm jetzt und
bleibe mir treu. Jetzt hast du alles versucht, jetzt kannst du dich nur
mehr an mich wenden.«
Aber er streckte ihr abwehrend die Arme entgegen. »Ich weiß, was du von mir
willst. Du willst mich zur Arbeit und Entbehrung führen, aber ich kann
nicht! Nicht jetzt, Frau Fastenzeit, nicht jetzt.«
Die gelbe, bleiche Frau Fastenzeit lächelte immer milder. »Du bist ja
unschuldig, Peter Nord! Nimm dir das doch nicht so zu Herzen, wofür du
nichts kannst. War Edith nicht gut gegen dich? Sahst du nicht, daß sie dir
vergeben hat? Komm mit zur Arbeit! Lebe, wie du gelebt hast!«
Der Knabe wurde immer heftiger. »Meinst du, es ist besser für mich, daß ich
gerade die getötet habe, die gut gegen mich war, sie, die mich liebte? Wäre
es nicht besser gewesen, wenn ich jemanden ermordet hätte, den ich ermorden
wollte? Ich muß es sühnen. Ich muß ihr das Leben retten. Jetzt kann ich
nicht an Arbeit denken.«
»O du Narr,« sagte Frau Fastenzeit, »das Fest der Sühne, das du feiern
willst, das ist die allergrößte Vermessenheit.«
Da empörte sich Peter Nord vollends gegen seine langjährige Freundin. Er
hohnlachte förmlich. »Was hast du mir eingeredet,« sagte er, »daß du eine
brave, brummige Alte seiest, den Arm voll netter, kleiner Ruten. Du bist
eine Hexe, Leben, du bist ein Ungeheuer. Du bist schön, und du bist
entsetzlich. Du weißt selbst nichts von Maß und Ziel. Warum sollte ich es
denn? Wie kannst du Fasten predigen, du, die du ein solches Übermaß von
Schmerz auf mich wälzen wolltest? Was sind die Feste, die ich gefeiert
habe, gegen die, die du dir unaufhörlich bereitest! Bleib mir vom Leibe mit
deiner gelben, bleichen Mäßigkeit. Jetzt will ich es ebenso toll treiben,
wie du selbst.«
Nicht einen Schritt konnte er nach der großen Fabrikstadt machen.
Ebensowenig konnte er umkehren und wieder über die lange Straße in das
Städtchen wandern, nein, er schlug den Weg in die Berge ein, kletterte zum
verhexten Tannenwald hinauf und irrte zwischen den steifen, stechenden
jungen Bäumen umher, bis ein freundlicher Pfad ihn zum Kirchhof führte.
Dort suchte er sich ein Versteck in der Ecke, wo die Tannen die Höhe eines
Mastbaumes erreichen, und da warf er sich todmüde zu Boden.
Er wußte nichts von sich. Er ahnte nicht, ob die Zeit verging, oder ob
alles jetzt stille stand. Aber nach einem Weilchen ertönten Schritte, und
er erwachte zu halbem Bewußtsein. Es war ihm, als wäre er lange, lange fort
gewesen! Nun sah er einen Leichenzug herankommen, und sogleich tauchte ein
verwirrter Gedanke in ihm auf. Wie lange lag er schon da? War Edith schon
tot? Suchte sie ihn hier auf? War die Tote im Sarge auf der Jagd nach ihrem
Mörder? Er zitterte und bebte. Freilich lag er in dem dunkeln
Tannendickicht verborgen, aber er zitterte vor dem, was geschehen wäre,
wenn die Leiche ihn gefunden hätte. Er bog ein paar Zweige zurück und
blickte hinaus. Ein gehetzter Flüchtling kann nicht wilder nach seinen
Verfolgern ausblicken.
Der Leichenzug war der eines armen Mannes. Armselig und spärlich war das
Geleit. Unbekränzt wurde der Sarg in die Gruft gesenkt. Keines der
Gesichter zeigte Tränenspuren. Peter Nord hatte noch Verstand genug, um
einzusehen, daß dies unmöglich Edith Halfvorsons Begräbnis sein konnte.
Aber wenn sie es auch nicht selbst war, wer weiß, vielleicht war es ein
Gruß von ihr. Peter Nord fühlte, daß er nicht das Recht hatte, zu
entfliehen. Sie hatte gesagt, er möge hinauf zum Friedhof gehen. Sie meinte
wohl, daß er sie dort erwarten solle, damit sie ihm seine Strafe zuteil
werden lassen konnte. Dieser Leichenzug war ein Gruß, ein Zeichen. Sie
wollte, daß er sie dort erwartete.
Vor seinem kranken Hirn türmte sich jetzt die niedre Kirchhofsmauer so hoch
wie ein Festungswall auf. Er starrte ängstlich auf das schwache
Gitterpförtchen, es war wie die festeste Eichentür. Er war hier oben
gefangen. Nie konnte er von hier fort, bis sie selbst kam und ihn seiner
Strafe zuführte.
Was sie dann mit ihm beginnnen würde, das wußte er nicht. Nur eines war
deutlich und klar. Er mußte hier warten, bis sie kam und ihn holte.
Vielleicht wird sie ihn mit sich ins Grab nehmen, vielleicht wird sie ihm
gebieten, sich vom Berge herunterzustürzen. Er konnte es nicht wissen --
vorderhand mußte er warten.
Die Vernunft kämpfte einen verzweifelten Kampf: Du bist ja unschuldig,
Peter Nord. Mache dir doch kein Herzeleid über das, was du nicht
verschuldet hast. Sie hat dir keine Botschaft geschickt. Gehe hinaus zu
deiner Arbeit! Erhebe den Fuß, und du bist über die Mauer, stoße mit einem
Finger zu, und das Tor ist offen.
Nein, er konnte nicht. Meistens war er wie in einem Nebel, einer Betäubung.
Die Gedanken kamen unklar, so wie wenn man eben im Einschlafen ist. Eines
nur wußte er, er mußte bleiben, wo er war.
Nun kam die Nachricht zu ihr, die dalag und um die Wette mit den
wurzellosen Birken dahinwelkte. Peter Nord, mit dem du an einem Sommertag
gespielt, geht oben auf dem Kirchhof einher und wartet auf dich. Peter
Nord, den dein Oheim zu Tode erschreckt hat, kann den Kirchhof nicht
verlassen, bis dein blumengeschmückter Sarg heraufkommt, um ihn zu holen.
Das Mädchen schlug die Augen auf, gleichsam wie um noch einmal die Welt zu
sehen. Sie schickte nach Peter Nord. Sie zürnte ihm wegen seines tollen
Streiches. Warum konnte sie nicht in Ruhe sterben? Sie hatte nie gewünscht,
daß er sich ihrethalben Gewissensbisse mache.
Der Bote kam ohne Peter Nord zurück. Er könne nicht kommen. Die Mauer sei
zu hoch und das Tor zu stark. Nur eine könne ihn von dort fortbringen.
In diesen Tagen dachte man in der kleinen Stadt an nichts andres. »Er geht
noch immer dort herum, noch immer,« erzählte man einander jeden Tag. »Ist
er verrückt?« fragten die Leute häufig, und einige, die mit ihm gesprochen
hatten, antworteten, daß er es ganz gewiß werden würde, wenn »sie« kam.
Aber sie waren sehr stolz auf diesen Märtyrer der Liebe, der ihrer Stadt
Glanz verlieh. Arme Leute brachten ihm Essen. Die Reichen schlichen den
Berg hinauf, um ihn wenigstens aus der Ferne zu sehen.
Aber Edith, die sich nicht vom Fleck rühren konnte, die machtlos dalag und
sterben sollte, sie, die so viel Zeit zu denken hatte, womit beschäftigte
sie sich wohl? Welche Gedanken wälzte sie Tag und Nacht in ihrem Hirn? Oh,
Peter Nord, Peter Nord! Mußte sie nicht stets den Mann vor sich sehen, der
sie liebte, der nahe daran war, um ihretwillen den Verstand zu verlieren,
der wirklich, wirklich oben auf dem Kirchhof einherging und auf ihren Sarg
wartete.
Sieh da, das war etwas für die Stahlfedernatur in ihr. Das war etwas für
die Phantasie, etwas für entschlummernde Gefühle. Sich vorzustellen, was er
anfangen würde, wenn sie hinaufkam! Sich auszumalen, was er beginnen würde,
wenn sie nicht als Tote hinkam.
Sie sprachen davon in der ganzen Stadt, sprachen davon und von nichts
anderm. So wie die alten Städte ihre Säulenheiligen geliebt hatten, so
liebte das Städtchen den armen Peter Nord. Doch niemand ging gerne auf den
Kirchhof, um mit ihm zu sprechen. Er sah immer wilder und wilder aus. Immer
dichter senkte sich die Dunkelheit des Wahnsinns auf ihn herab. »Warum
beeilt sie sich nicht, gesund zu werden,« sagten sie von Edith. »Es wäre
unrecht von ihr, zu sterben.«
Edith fühlte beinahe Zorn. Sie, die so fertig mit dem Leben war, sollte nun
wieder die schwere Bürde auf sich nehmen müssen? Aber auf jeden Fall begann
sie sich redlich zu mühen. In ihrem Körper wurde in diesen Wochen mit
fieberhafter Kraft ausgebessert und instandgesetzt. Und es wurde nicht an
Material gespart. In ungeheuren Massen wurde alles verbraucht, was
Lebenskraft gibt, wie es auch heißen mochte: Malzextrakt oder Lebertran,
frische Luft oder Sonnenschein, Träume oder Liebe.
Und was für herrliche Tage waren dies doch, lang, warm, regenlos!
Endlich erlaubte ihr der Arzt, sich hinauftragen zu lassen. Die ganze Stadt
war in Angst, als sie den Weg antrat. Würde sie mit einem Wahnsinnigen
zurückkommen? Konnten diese Wochen des Elends aus seinem Hirn ausgetilgt
werden? Würde die Anstrengung, die sie gemacht hatte, um wieder zu leben,
fruchtlos sein? Und wenn, wie würde es dann ihr selbst ergehen?
Wie sie dahinzog, blaß vor Spannung, aber doch voll Hoffnung, gab es Anlaß
zur Unruhe genug. Niemand verhehlte sich, daß Peter Nord einen zu großen
Raum in ihrer Phantasie eingenommen hatte. Sie war die Allereifrigste in
der Anbetung dieses wunderlichen Heiligen. Alle Schranken waren für sie
gefallen, als sie hörte, was er um ihretwillen litt. Doch was sollte aus
ihrer Schwärmerei werden, wenn sie ihn wirklich sah? An einem Wahnsinnigen
ist nichts Romantisches.
Als man sie bis an das Friedhofspförtchen getragen hatte, verließ sie die
Träger und ging allein über den breiten Mittelgang. Ihre Blicke wanderten
rund um den grünenden Platz, aber sie sah niemanden.
Plötzlich hörte sie ein leises Rascheln im Tannendickicht, und von dort sah
sie ein wildes, verzerrtes Gesicht starren. Nie hatte sie ein Antlitz
gesehen, das so deutlich den Stempel des Grauens trug. Sie erschrak selbst
darüber, erschrak tödlich. Es fehlte nicht viel, so wäre sie geflohen.
Aber dann loderte ein großes, heiliges Gefühl in ihr auf. Jetzt konnte
nicht mehr von Liebe und Schwärmerei die Rede sein, nur von Angst, daß ein
Mitmensch, einer der Armen, die mit ihr das Jammertal der Erde
durchwanderten, verloren gehen sollte!
Das Mädchen blieb stehen. Sie wich nicht einen Schritt zurück, sondern ließ
ihn sich langsam an ihren Anblick gewöhnen. Aber alle Macht, die sie besaß,
legte sie in den Blick. Sie zog den Mann dort an sich mit der ganzen Kraft
des Willens, der die Krankheit in ihr selbst besiegt hatte.
Und er kam aus seinem Winkel, bleich, verwildert, ungepflegt. Er ging auf
sie zu, ohne daß das Grauen aus seinen Zügen wich. Er sah aus, als wäre er
von einem wilden Tier behext, das gekommen war, um ihn zu zerreißen. Als er
dicht neben ihr stand, legte sie ihm ihre beiden Hände auf die Schultern
und sah ihm lächelnd ins Gesicht.
»Sieh da, Peter Nord. Wie ist es mit Ihnen? Sie müssen von hier fort! Was
meinen Sie damit, daß Sie so lange hier oben auf dem Kirchhof bleiben,
Peter Nord?«
Er zitterte und sank zusammen. Aber sie fühlte, daß sie ihn mit ihren
Blicken unterjochte. Ihre Worte schienen hingegen gar keine Bedeutung für
ihn zu haben.
Sie schlug einen etwas andern Ton an. »Höre, was ich sage, Peter Nord. Ich
bin nicht tot. Ich werde nicht sterben. Ich bin gesund geworden, um hier
heraufzukommen und dich zu retten.«
Er stand noch immer in demselben stumpfen Entsetzen da. Wieder veränderte
sich ihre Stimme. »Du hast mir nicht den Tod gebracht,« sagte sie immer
inniger, »du hast mir das Leben gegeben.«
Dies wiederholte sie einmal ums andre. Und ihre Stimme ward zuletzt bebend
vor Bewegung, trübe von Tränen. Aber er verstand nichts von dem, was sie
sagte.
»Peter Nord, ich habe dich so lieb, so lieb,« rief sie aus.
Er blieb ebenso gleichgültig.
Nun wußte sie nichts mehr mit ihm anzufangen. Sie mußte ihn wohl mit in
die Stadt hinabnehmen und gute Pflege und die Zeit walten lassen.
Doch wer weiß, mit welchen Träumen sie heraufgekommen war und was sie sich
von dieser Begegnung mit dem, der sie liebte, versprochen hatte. Nun, wo
sie alles das aufgeben und ihn nur als einen Wahnsinnigen behandeln mußte,
erfüllte sie ein Schmerz, als müßte sie das Kostbarste von sich lassen, was
das Leben ihr geschenkt hatte. Und in der Bitterkeit dieses Verzichtes zog
sie ihn an sich und küßte ihn auf die Stirn.
Dies sollte ein Abschied von Leben und Glück sein. Sie fühlte, wie ihre
Kräfte versagten. Tödliche Mattigkeit kam über sie.
Doch da glaubte sie bei ihm etwas wie ein schwaches Lebenszeichen zu
merken, er war nicht mehr ganz so schlaff und stumpf. Es zuckte in seinen
Gesichtszügen. Er zitterte immer heftiger, sie beobachtete alles mit immer
größrer Angst. Er erwachte, aber wozu? Endlich begann er zu weinen.
Sie führte ihn zu einem Grabstein. Sie ließ sich darauf nieder, zog ihn zu
sich herab und bettete sein Haupt in ihrem Schoß. So saß sie da und
streichelte ihn, während er weinte.
Mit ihm ging etwas Ähnliches vor, wie wenn man aus einem bösen Traum
erwacht. »Warum weine ich,« fragte er sich. »Ach, ich weiß, ich habe so
furchtbar geträumt. Aber es ist nicht wahr, sie lebt. Ich habe sie nicht
gemordet. Wie töricht, über einen Traum zu weinen.«
Und so allmählich wurde ihm alles klar; doch seine Tränen flossen weiter.
Sie saß da und liebkoste ihn, aber seine Tränen strömten noch lange.
»Das Weinen tut mir so wohl,« sagte er.
Dann sah er auf und lächelte. »Ist jetzt Ostern?« fragte er.
»Was meinst du damit?«
»Man kann es ja Ostern nennen, da die Toten auferstehen,« fuhr er fort.
Dann, als wären sie langjährige Vertraute, begann er, ihr von Frau
Fastenzeit zu erzählen und von seiner Empörung gegen ihr Regiment.
»Es ist jetzt Ostern, und ihre Regierungszeit hat ein Ende,« sagte sie.
Aber als er daran dachte, daß Edith dasaß und ihn liebkoste, mußte er
wieder weinen. Es war ihm solch ein Bedürfnis zu weinen. Alles Mißtrauen
gegen das Leben, das das Unglück dem kleinen Wermländer eingeflößt hatte,
bedurfte der Tränen, um fortzuschmelzen. Das Mißtrauen, daß Liebe und
Freude, Schönheit und Kraft nicht auf Erden blühen könnten, das Mißtrauen
gegen sich selbst, alles das mußte fort. Alles das ging fort, denn es war
Ostern: Die Tote lebte, und Frau Fastenzeit konnte nie mehr Macht erlangen.
Die Legende vom Vogelnest
Hatto, der Eremit, stand in der Einöde und betete zu Gott. Es stürmte, und
sein langer Bart und sein zottiges Haar flatterte um ihn, so wie die
windgepeitschten Grasbüschel die Zinnen einer alten Ruine umflattern. Doch
er strich sich nicht das Haar aus den Augen, noch steckte er den Bart in
den Gürtel, denn er hielt die Arme zum Gebet erhoben. Seit Sonnenaufgang
streckte er seine knochigen behaarten Arme zum Himmel empor, ebenso
unermüdlich wie ein Baum seine Zweige ausstreckt, und so wollte er bis zum
Abend stehen bleiben. Er hatte etwas Großes zu erbitten.
Er war ein Mann, der viel von der Arglist und Bosheit der Welt erfahren
hatte. Er hatte selbst verfolgt und gequält, und Verfolgung und Qualen
andrer waren ihm zuteil geworden, mehr als sein Herz ertragen konnte. Darum
zog er hinaus auf die große Heide, grub sich eine Höhle am Flußufer und
wurde ein heiliger Mann, dessen Gebete an Gottes Thron Gehör fanden.
Hatto, der Eremit, stand am Flußgestade vor seiner Höhle und betete das
große Gebet seines Lebens. Er betete zu Gott, den Tag des Jüngsten Gerichts
über diese böse Welt hereinbrechen zu lassen. Er rief die posaunenblasenden
Engel an, die das Ende der Herrschaft der Sünde verkünden sollten. Er rief
nach den Wellen des Blutmeeres, um die Ungerechtigkeit zu ertränken. Er
rief nach der Pest, auf daß sie die Kirchhöfe mit Leichenhaufen erfülle.
Rings um ihn war die öde Heide. Aber eine kleine Strecke weiter oben am
Flußufer stand eine alte Weide mit kurzem Stamm, der oben zu einem großen,
kopfähnlichen Knollen anschwoll, aus dem neue, frischgrüne Zweige
hervorwuchsen. Jeden Herbst wurden ihr von den Bewohnern des holzarmen
Flachlandes diese frischen Jahresschößlinge geraubt. Jeden Frühling trieb
der Baum neue geschmeidige Zweige, und an stürmischen Tagen sah man sie um
den Baum flattern und wehen, so wie Haar und Bart um Hatto, den Eremiten,
flatterten.
Das Bachstelzchenpaar, das sein Nest oben auf dem Stamm der Weide zwischen
den emporsprießenden Zweigen zu bauen pflegte, hatte gerade an diesem Tage
mit seiner Arbeit beginnen wollen. Aber zwischen den heftig peitschenden
Zweigen fanden die Vögel keine Ruhe. Sie kamen mit Binsenhalmen und
Wurzelfäserchen und vorjährigem Riedgras geflogen, aber sie mußten
unverrichteter Dinge umkehren. Da bemerkten sie den alten Hatto, der eben
Gott anflehte, den Sturm siebenmal heftiger werden zu lassen, damit das
Nest der kleinen Vöglein fortgefegt und der Adlerhorst zerstört werde.
Natürlich kann kein heute Lebender sich vorstellen, wie bemoost und
vertrocknet und knorrig und schwarz und menschenunähnlich solch ein alter
Heidebewohner sein konnte. Die Haut lag so stramm über Stirn und Wangen,
daß sein Kopf fast einem Totenschädel glich, und nur an einem kleinen
Aufleuchten tief in den Augenhöhlen sah man, daß er Leben besaß. Und die
vertrockneten Muskeln gaben dem Körper keine Rundung, der emporgestreckte
nackte Arm bestand vielmehr nur aus ein paar schmalen Knochen, die mit
verrunzelter, harter, rindenähnlicher Haut überzogen waren. Er trug einen
alten, eng anliegenden schwarzen Mantel. Er war braungebrannt von der Sonne
und schwarz von Schmutz. Nur sein Haar und sein Bart waren licht, hatten
sie doch Regen und Sonnenschein bearbeitet, bis sie dieselbe graugrüne
Farbe angenommen hatten, wie die Unterseite der Weidenblätter.
Die Vögel, die umherflatterten und einen Platz für ihr Nest suchten,
hielten Hatto, den Eremiten, auch für eine alte Weide, die ebenso wie die
andre durch Axt und Säge in ihrem Himmelsstreben gehemmt worden war. Sie
umkreisten ihn viele Male, flogen weg und kamen zurück, merkten sich den
Weg zu ihm, berechneten seine Lage im Hinblick auf Raubvögel und Stürme,
fanden sie recht unvorteilhaft, aber entschieden sich doch für ihn, wegen
seiner Nähe zum Flusse und dem Riedgras, ihrer Vorratskammer und ihrem
Speicher. Eines der Vögelchen schoß pfeilschnell herab und legte sein
Wurzelfäserchen in die ausgestreckte Hand des Eremiten.
Der Sturm hatte gerade aufgehört, so daß das Wurzelfäserchen ihm nicht
sogleich aus der Hand gerissen wurde, aber in den Gebeten des Eremiten gab
es kein Aufhören. »Mögest du bald kommen, o Herr, und diese Welt des
Verderbens vernichten, auf daß die Menschen sich nicht mit noch mehr Sünden
beladen. Möchtest du die Ungebornen vom Leben erlösen! Für die Lebenden
gibt es keine Erlösung.«
Nun setzte der Sturm wieder ein, und das Wurzelfäserchen flatterte aus der
großen, knochigen Hand des Eremiten fort. Aber die Vögel kamen wieder und
versuchten die Grundpfeiler des neuen Heims zwischen seine Finger
einzukeilen. Da legte sich plötzlich ein plumper, schmutziger Daumen über
die Halme und hielt sie fest, und vier Finger wölbten sich über die
Handfläche, so daß eine friedliche Nische entstand, in der man bauen
konnte. Doch der Eremit fuhr in seinen Gebeten fort.
»Herr, wo sind die Feuerwolken, die Sodom verheerten? Wann öffnest du des
Himmels Schleusen, die die Arche zum Berge Ararat erhoben? Ist das Maß
deiner Geduld nicht erschöpft und die Schale deiner Gnade leer? O Herr,
wann kommst du aus deinem sich spaltenden Himmel?«
Und vor Hatto, dem Eremiten, tauchten die Fiebervisionen vom Tag des
Jüngsten Gerichtes auf. Der Boden erbebte, der Himmel glühte. Unter dem
roten Firmament sah er schwarze Wolken fliehender Vögel; über den Boden
wälzte sich eine Schar flüchtender Tiere. Doch während seine Seele von
diesen Fiebervisionen erfüllt war, begannen seine Augen dem Flug der
kleinen Vögel zu folgen, die blitzschnell hin und her flogen und mit einem
vergnügten kleinen Piepsen ein neues Hälmchen in das Nest fügten.
Der Alte ließ es sich nicht einfallen, sich zu rühren. Er hatte das Gelübde
getan, den ganzen Tag stillstehend mit emporgestreckten Händen zu beten, um
so unsern Herrn zu zwingen, ihn zu erhören. Je matter sein Körper wurde,
desto lebendiger wurden die Gesichte, die sein Hirn erfüllten. Er hörte die
Mauern der Städte zusammenbrechen und die Wohnungen der Menschen
einstürzen. Schreiende, entsetzte Volkshaufen eilten an ihm vorbei, und
ihnen nach jagten die Engel der Rache und der Vernichtung, hohe,
silbergepanzerte Gestalten mit strengem, schönem Antlitz, auf schwarzen
Rossen reitend und Geißeln schwingend, die aus weißen Blitzen geflochten
waren.
Die kleinen Bachstelzchen bauten und zimmerten fleißig den ganzen Tag, und
die Arbeit machte große Fortschritte. Auf dieser hügeligen Heide mit ihrem
steifen Riedgras und an diesem Flußufer mit seinem Schilf und seinen
Binsen war kein Mangel an Baustoff. Sie fanden weder Zeit zur Mittagsrast
noch zur Vesperruhe. Glühend vor Eifer und Vergnügen flogen sie hin und
her, und ehe der Abend anbrach, waren sie schon beim Dachfirst angelangt.
Aber ehe der Abend anbrach, hatten sich die Blicke des Eremiten mehr und
mehr auf sie geheftet. Er folgte ihnen auf ihrer Fahrt, er schalt sie aus,
wenn sie sich dumm anstellten, er ärgerte sich, wenn der Wind ihnen Schaden
tat, und am allerwenigsten konnte er es vertragen, wenn sie sich ein
bißchen ausruhten.
So sank die Sonne, und die Vögel suchten ihre vertrauten Ruhestätten im
Schilf auf.
Wer abends über die Heide geht, muß sich herabbeugen, so daß sein Gesicht
in gleicher Höhe mit den Erdhügelchen ist, dann wird er sehen, wie sich ein
wunderliches Bild vor dem lichten Abendhimmel abzeichnet. Eulen mit großen,
runden Flügeln huschen über das Feld, unsichtbar für den, der aufrecht
steht. Nattern ringeln sich heran, geschmeidig, behend, die schmalen
Köpfchen auf schwanähnlich gebognen Hälsen erhoben. Große Kröten kriechen
träge vorbei. Hasen und Wasserratten fliehen vor den Raubtieren, und der
Fuchs springt nach einer Fledermaus, die Mücken über dem Fluß jagt. Es ist,
als hätte jedes Erdhügelchen Leben bekommen. Doch unterdessen schlafen die
kleinen Vögelchen auf dem schwanken Schilf, geborgen vor allem Bösen auf
diesen Ruhestätten, denen kein Feind nahen kann, ohne daß das Wasser
aufplätschert oder das Schilf zittert und sie aufweckt.
Als der Morgen kam, glaubten die Bachstelzchen zuerst, die Ereignisse des
gestrigen Tages seien ein schöner Traum gewesen.
Sie hatten ihre Merkzeichen gemacht und flogen geradeswegs auf ihr Nest zu,
aber das war verschwunden. Sie guckten suchend über die Heide hin und
erhoben sich gerade in die Luft, um zu spähen. Keine Spur von einem Nest
oder einem Baum. Schließlich setzten sie sich auf ein paar Steine am
Flußufer und grübelten nach. Sie wippten mit dem langen Schwanz und drehten
das Köpfchen. Wohin war Baum und Nest gekommen?
Doch kaum hatte sich die Sonne um eine Handbreit über den Waldgürtel auf
dem jenseitigen Flußufer erhoben, als ihr Baum gewandert kam und sich auf
denselben Platz stellte, den er am vorigen Tage eingenommen. Er war ebenso
schwarz und knorrig wie damals und trug ihr Nest auf der Spitze von etwas,
was wohl ein dürrer, aufrecht ragender Ast sein mußte.
Da begannen die Bachstelzchen wieder zu bauen, ohne weiter über die vielen
Wunder der Natur nachzugrübeln.
Hatto, der Eremit, der die kleinen Kinder von seiner Höhle fortscheuchte
und ihnen sagte, es wäre besser für sie, wenn sie niemals das Licht der
Sonne gesehen hätten, er, der in den Schlamm hinausstürzte, um den
fröhlichen jungen Menschen, die in bewimpelten Booten den Fluß
hinaufruderten, Verwünschungen nachzuschleudern; er, vor dessen bösem Blick
die Hirten der Heide ihre Herden behüteten, kehrte nicht zu seinem Platz am
Fluß zurück, den kleinen Vögeln zuliebe. Aber er wußte, daß nicht nur jeder
Buchstabe in den heiligen Büchern seine verborgne mystische Bedeutung hat,
sondern auch alles, was Gott in der Natur geschehen läßt. Jetzt hatte er
herausgefunden, was es bedeuten konnte, daß die Bachstelzchen ihr Nest in
seiner Hand bauten; Gott wollte, daß er mit erhobnen Armen betend dastehen
sollte, bis die Vögel ihre Jungen aufgezogen hatten, und vermochte er dies,
so sollte er erhört werden.
Doch an diesem Tage sah er immer weniger Visionen des Jüngsten Gerichtes.
Anstatt dessen folgte er immer eifriger mit seinen Blicken den Vögeln. Er
sah das Nest rasch vollendet. Die kleinen Baumeister flatterten rund herum
und besichtigten es. Sie holten ein paar kleine Moosflechten von der
wirklichen Weide und klebten sie außen an, das sollte anstatt Tünche oder
Farbe sein. Sie holten das feinste Wollgras, und das Weibchen nahm Flaum
von seiner eignen Brust und bekleidete das Nest innen damit, das war die
Einrichtung und Möblierung.
Die Bauern, die die verderbliche Macht fürchteten, die die Gebete des
Eremiten an Gottes Thron haben konnten, pflegten ihm Brot und Milch zu
bringen, um seinen Groll zu besänftigen. Sie kamen auch jetzt und fanden
ihn regungslos dastehen, das Vogelnest in der Hand.
»Seht, wie der fromme Mann die kleinen Tiere liebt,« sagten sie und
fürchteten sich nicht mehr vor ihm, sondern hoben den Milcheimer an seine
Lippen und führten ihm das Brot zum Munde. Als er gegessen und getrunken
hatte, verjagte er die Menschen mit bösen Worten, aber sie lächelten nur
über seine Verwünschungen.
Sein Körper war schon lange seines Willens Diener geworden. Durch Hunger
und Schläge, durch tagelanges Knien und wochenlange Nachtwachen hatte er
ihn Gehorsam gelehrt. Nun hielten stahlharte Muskeln seine Arme tage- und
wochenlang emporgestreckt, und während das Bachstelzenweibchen auf den
Eiern lag und das Nest nicht mehr verließ, suchte er nicht einmal nachts
seine Höhle auf. Er lernte es, sitzend mit emporgestreckten Armen zu
schlafen. Unter den Freunden der Wüste gibt es so manche, die noch größre
Dinge vollbracht haben.
Er gewöhnte sich an die zwei kleinen unruhigen Vogelaugen, die über den
Rand des Nestes zu ihm hinabblickten. Er achtete auf Hagel und Regen und
schützte das Nest so gut er konnte.
Eines Tages kann das Weibchen seinen Wachtposten verlassen. Beide
Bachstelzchen sitzen auf dem Rand des Nestes, wippen mit den Schwänzchen
und beratschlagen und sehen seelenvergnügt aus, obgleich das ganze Nest von
einem ängstlichen Piepsen erfüllt scheint. Nach einem kleinen Weilchen
ziehen sie auf die allerverwegenste Mückenjagd aus.
Eine Mücke nach der andern wird gefangen und heimgebracht für das, was oben
in seiner Hand piepst. Und als das Futter kommt, da piepsen sie am
allerärgsten. Den frommen Mann stört das Piepsen in seinen Gebeten.
Und sachte, sachte sinkt sein Arm auf Gelenken herab, die beinahe die Gabe,
sich zu rühren, verloren haben, und seine kleinen Glutaugen starren in das
Nest herab.
Niemals hatte er etwas so hilflos Häßliches und Armseliges gesehen: kleine,
nackte Körperchen mit ein paar spärlichen Fläumchen, keine Augen, keine
Flugkraft, eigentlich nur sechs große, aufgerissene Schnäbel.
Es kam ihm selbst wunderlich vor, aber er mochte sie gerade so leiden wie
sie waren. Die Alten hatte er ja niemals von dem großen Untergang
ausgenommen, aber wenn er von nun ab Gott anflehte, die Welt durch
Vernichtung zu erlösen, da machte er eine stillschweigende Ausnahme für
diese sechs Schutzlosen.
Wenn die Bäuerinnen ihm jetzt Essen brachten, dann dankte er ihnen nicht
mit Verwünschungen. Da er für die Kleinen dort oben notwendig war, freute
er sich, daß die Leute ihn nicht verhungern ließen.
Bald guckten den ganzen Tag sechs runde Köpfchen über den Nestrand. Des
alten Hatto Arm sank immer häufiger zu seinen Augen hernieder. Er sah die
Federn aus der roten Haut sprießen, die Augen sich öffnen, die Körperformen
sich runden. Glückliche Erben der Schönheit, die die Natur den beflügelten
Bewohnern der Luft geschenkt, entwickelten sie bald ihre Anmut.
Und unterdessen kamen die Gebete um die große Vernichtung immer zögernder
über Hattos Lippen. Er glaubte Gottes Zusicherung zu haben, daß sie
hereinbrechen würde, wenn die kleinen Vögelchen flügge waren. Nun stand er
da und suchte gleichsam nach einer Ausflucht vor Gottvater. Denn diese
sechs Kleinen, die er beschützt und behütet hatte, konnte er nicht opfern.
Früher war es etwas andres gewesen, als er noch nichts hatte, was sein
Eigen war. Die Liebe zu den Kleinen und Schutzlosen, die jedes kleine Kind
die großen, gefährlichen Menschen lehren muß, kam über ihn und machte ihn
unschlüssig.
Manchmal wollte er das ganze Nest in den Fluß schleudern, denn er meinte,
daß die beneidenswert sind, die ohne Sorgen und Sünden sterben dürfen.
Mußte er die Kleinen nicht vor Raubtieren und Kälte, vor Hunger und den
mannigfaltigen Heimsuchungen des Lebens bewahren? Aber gerade als er noch
so dachte, kam der Sperber auf das Nest herabgesaust, um die Jungen zu
töten. Da ergriff Hatto den Kühnen mit seiner linken Hand, schwang ihn im
Kreise über seinem Kopf und schleuderte ihn mit der Kraft des Zornes in den
Fluß.
Und der Tag kam, an dem die Kleinen flügge waren. Eines der Bachstelzchen
mühte sich drinnen im Nest, die Jungen auf den Rand hinauszuschieben,
während das andre herumflog und ihnen zeigte, wie leicht es war, wenn sie
es nur zu versuchen wagten. Und als die Jungen sich hartnäckig fürchteten,
da flogen die beiden Alten fort und zeigten ihnen ihre allerschönste
Fliegekunst. Mit den Flügeln schlagend, beschrieben sie verschiedene
Windungen, oder sie stiegen auch gerade in die Höhe wie Lerchen oder
hielten sich mit heftig zitternden Schwingen still in der Luft.
Aber als die Jungen noch immer eigensinnig bleiben, kann Hatto es nicht
lassen, sich in die Sache einzumischen. Er gibt ihnen einen behutsamen Puff
mit dem Finger, und damit ist alles entschieden. Heraus fliegen sie,
zitternd und unsicher, die Luft peitschend wie Fledermäuse, sie sinken,
aber erheben sich wieder, begreifen, worin die Kunst besteht, und verwenden
sie dazu, so rasch als möglich das Nest wieder zu erreichen. Die Alten
kommen stolz und jubelnd zu ihnen zurück, und der alte Hatto schmunzelt.
Er hatte doch in der Sache den Ausschlag gegeben.
Er grübelte nun in vollem Ernst nach, ob es für unsern Herrgott nicht auch
einen Ausweg geben konnte.
Vielleicht, wenn man es so recht bedachte, hielt Gottvater diese Erde wie
ein großes Vogelnest in seiner Rechten, und vielleicht hatte er Liebe zu
denen gefaßt, die dort wohnen und hausen, zu allen schutzlosen Kindern der
Erde. Vielleicht erbarmte er sich ihrer, die er zu vernichten gelobt hatte,
so wie sich der Eremit der kleinen Vögel erbarmte.
Freilich waren die Vögel des Eremiten um vieles besser als unsers Herrgotts
Menschen, aber er konnte doch begreifen, daß Gottvater dennoch ein Herz für
sie hatte.
Am nächsten Tage stand das Vogelnest leer, und die Bitterkeit der
Einsamkeit bemächtigte sich des Eremiten. Langsam sank sein Arm an seiner
Seite herab, und es deuchte ihn, daß die ganze Natur den Atem anhielt, um
dem Dröhnen der Posaune des Jüngsten Gerichts zu lauschen. Doch in
demselben Augenblick kamen alle Bachstelzen zurück und setzten sich ihm auf
Haupt und Schultern, denn sie hatten gar keine Angst vor ihm. Da zuckte ein
Lichtstrahl durch das verwirrte Hirn des alten Hatto. Er hatte ja den Arm
gesenkt, ihn jeden Tag gesenkt, um die Vögel anzusehen.
Und wie er da stand, von allen sechs Jungen umflattert und umgaukelt,
nickte er jemandem, den er nicht sah, vergnügt zu. »Du bist frei,« sagte
er, »du bist frei. Ich hielt mein Wort nicht, und so brauchst du auch
deines nicht zu halten.«
Und es war ihm, als hörten die Berge zu zittern auf und als legte sich der
Fluß gemächlich in seinem Bett zur Ruhe.
Das Hünengrab
Es war um die Jahreszeit, wo das Heidekraut rot blüht. Auf der Sandhalde
wuchs es in dichten Büscheln. Von niedrigen, baumähnlichen Stämmchen
erhoben sich dicht sitzende grüne Zweige mit nadelharten, festen Blättern
und kleinen, spät welkenden Blüten. Diese schienen nicht aus dem
gewöhnlichen saftreichen Blumengewebe zu bestehen, sondern aus trocknen,
harten Schuppen. Sie waren sehr unansehnlich von Größe und Gestalt; auch
war ihr Geruch nicht sonderlich. Als Kinder der offnen Heide hatten sie
sich nicht in der windgeschützten Luft entwickelt, in der die Lilien ihre
Kelchblätter entfalten, auch nicht in dem üppigen Erdreich, aus dem die
Rosen die Nahrung für ihre schwellenden Kronen schöpfen. Was sie zu Blumen
machte, war eigentlich die Farbe; denn leuchtend rot waren sie. Den Farbe
schenkenden Sonnenschein hatten sie reichlich gehabt. Sie waren keine
bleichen Kellergewächse, keine schattenfrohen Stubenhocker. Die gesegnete
Fröhlichkeit und Stärke der Gesundheit lag über der ganzen blühenden Heide.
Das Heidekraut deckte das karge Feld mit seinem roten Mantel bis hinauf zum
Waldessaum. Da erhoben sich auf einem sanft ansteigenden Bergfirst ein paar
uralte, halb zusammengestürzte Grabhügel; und wie innig das Heidekraut sich
auch an sie zu schmiegen suchte: es gab doch dort oben Risse, durch die
große flache Felsenplatten durchschimmerten, Fetzen der rauhen Haut des
Berges selbst. Unter dem größten Grabhügel ruhte ein alter König, Atle
genannt. Unter den andern schlummerten die seiner Mannen, die gefallen
waren, als die große Schlacht dort auf der Halde geschlagen ward. Nun
hatten sie schon so lange dagelegen, daß die Angst und die Ehrfurcht vor
dem Tode von ihren Gräbern gewichen war. Der Weg ging zwischen ihren
Ruhestätten hindurch. Wer nachts hier wanderte, dem kam es nie in den
Sinn, sich umzusehen, ob wohl zu mitternächtiger Stunde nebelumhüllte
Gestalten auf der Spitze der Grabhügel säßen und in stummer Sehnsucht zu
den Sternen emporblickten.
Es war ein glitzernder Morgen, taufrisch und sonnenwarm. Der Schütze, der
seit dem Morgengrauen auf der Jagd gewesen war, hatte sich in das
Heidekraut hinter König Atles Hügel geworfen. Er lag auf dem Rücken und
schlief. Den Hut hatte er über die Augen gezogen und die Jagdtasche aus
Fell, aus der die langen Ohren des Hasen und die gekrümmten Schwanzfedern
des Auerhahns lugten, lag unter seinem Kopf. Pfeile und Bogen hatte er
neben sich.
Aus dem Walde kam ein Mädchen, ein Bündelchen mit Essen in der Hand. Als
sie auf die flachen Platten zwischen den Grabhügeln kam, dachte sie, was
für ein guter Tanzplatz hier sei. Und sie bekam große Lust, ihn zu
probieren. Sie warf das Bündelchen ins Heidekraut und begann ganz
mutterseelenallein zu tanzen. Sie wußte nicht darum, daß hinter dem
Königshügel ein Mann lag und schlief.
Der Schütze schlief noch immer. Brennend rot stand das Heidekraut gegen den
tiefblauen Himmel. Der Ameisenlöwe hatte seinen Graben dicht neben dem
Schlummernden aufgeworfen. Darin lag ein Stück Katzengold und funkelte, als
wollte es alle alten Stoppeln der Sandhalde in Brand setzen. Über dem Kopf
des Schützen breiteten sich die Auerhahnfedern wie ein Federbusch aus und
ihre Metallfarben schillerten vom tiefsten Purpur bis ins Stahlblau. Auf
den unbeschatteten Teil seines Gesichtes brannte glühender Sonnenschein.
Aber er schlug die Augen nicht auf, um den Morgenglanz zu schauen.
Unterdessen fuhr das Mädchen fort, zu tanzen, und es drehte sich so eifrig,
daß die geschwärzte Mooserde, die sich in den Unebenheiten der Blöcke
angesammelt hatte, um sie schwirrte. Eine alte, trockne Fichtenwurzel,
blank und grau vom Alter, lag ausgerissen im Heidekraut. Die nahm sie und
drehte sich mit ihr herum. Späne lösten sich aus dem modernden Baume.
Tausendfüßler und Ohrwürmer, die in den Ritzen genistet hatten, stürzten
sich schwindlig in die lichte Luft und verbohrten sich in die Wurzeln des
Heidekrautes.
Wenn die fliegenden Röcke die Heide streiften, flatterten daraus Scharen
von kleinen grauen Schmetterlingen auf. Die Unterseite ihrer Flügel war
weiß und glänzte wie Silber; sie wirbelten wie trocknes Laub im Sturm auf
und ab. Sie schienen nun ganz weiß, und es war, als ob das rote Heidemeer
weißen Schaum emporspritzte. Die Schmetterlinge hielten sich ein kurzes
Weilchen schwebend in der Luft. Ihre zarten Flügel zitterten so heftig, daß
der Farbenstaub sich löste und als dünner, silberweißer Flaum auf das
Heidekraut fiel. Da war es, als würde die Luft von einem sonnig glitzernden
Tauregen durchrieselt.
Ringsum im Heidekraut saßen Heuschrecken und rieben ihre Hinterbeine gegen
die Flügel, so daß es wie Harfensaiten klang. Sie hielten guten Takt und
waren so eingespielt, daß jeder, der über die Heide ging, dieselbe
Heuschrecke auf seiner Wanderung zu hören meinte, obgleich er sie bald zur
Rechten, bald zur Linken hatte, bald vor, bald hinter sich. Aber die
Tanzende war nicht zufrieden mit ihrem Spiel, sondern begann nach einem
kleinen Weilchen selbst den Takt zu einem Tanzspiel zu trällern. Ihre
Stimme war schrill und spröde. Der Schütze erwachte von dem Gesang. Er
wendete sich seitwärts, richtete sich auf dem Ellbogen auf und sah über das
Hünengrab hinweg zu ihr, die tanzte.
Er hatte geträumt, daß der Hase, den er soeben getötet hatte, aus der
Jagdtasche gesprungen sei und seine eignen Pfeile genommen habe, um auf ihn
zu schießen. Nun sah er zu dem Mädchen hinüber, schlaftrunken, wirr von
Träumen; nach dem Schlummer brannte sein Kopf in der Sonne.
Sie war groß und von grobem Gliederbau; nicht hold von Angesicht, nicht
leicht im Tanz, nicht taktfest im Gesang. Sie hatte breite Wangen, dicke
Lippen und eine platte Nase. Sie war sehr rot im Gesicht, sehr dunkel von
Haar, üppig von Gestalt, kräftig in den Bewegungen. Ihre Kleider waren
dürftig, aber grell. Rote Borten faßten den gestreiften Rock ein, und bunte
Wollgarnlitzen folgten den Nähten des Leibchens. Andre Jungfrauen gleichen
Rosen und Lilien. Diese war wie das Heidekraut, stark, fröhlich, leuchtend.
Mit Freude sah der Schütze das große, prächtige Weib auf der roten Halde
tanzen, mitten unter zirpenden Grashüpfern und flatternden Schmetterlingen.
Und wie er sie so ansah, lachte er, daß der Mund sich von einem Ohr zum
anderen zog. Aber da erblickte sie ihn plötzlich und blieb unbeweglich
stehen.
»Du meinst wohl, ich sei von Sinnen,« war das erste, was sie hervorbrachte.
Zugleich erwog sie, wie sie ihn bewegen könne, über das zu schweigen, was
er gesehen hatte. Sie wollte nicht unten im Dorf erzählen hören, daß sie
mit einer Fichtenwurzel getanzt habe.
Er war ein wortkarger Mann. Nicht eine Silbe brachte er über die Lippen. Er
war so scheu, daß er nichts Besseres anzufangen wußte, als zu fliehen,
obwohl er gern geblieben wäre. Hastig kam der Hut auf den Kopf und die
Jagdtasche auf den Rücken. Dann lief er zwischen den Heidekrauthügeln fort.
Sie packte das Eßbündel und eilte ihm nach. Er war klein, steif von
Bewegungen und hatte sichtlich geringe Kräfte. Sie holte ihn bald ein und
schlug ihm den Hut vom Kopfe, um ihn zu zwingen, stehen zu bleiben.
Eigentlich hatte er die größte Lust, zu bleiben, aber er war ganz wirr vor
Schüchternheit und floh in noch größrer Hast. Sie lief nach und begann, an
seiner Tasche zu zerren. Da mußte er stehenbleiben, um die Tasche zu
verteidigen. Das Mädchen fiel ihn mit aller Macht an. Sie rangen und sie
warf ihn zu Boden. »Jetzt wird er's keinem erzählen,« dachte sie und war
froh.
In demselben Augenblick erschrak sie doch sehr; denn er, der auf der Erde
lag, schien ganz bleich und die Augen drehten sich in ihren Höhlen. Er
hatte sich aber nicht verletzt. Es war die Gemütsbewegung, die er nicht
vertragen hatte. Nie zuvor hatten sich so strittige und starke Gefühle in
diesem einsamen Waldbewohner geregt. Er war froh über das Mädchen und
zornig und scheu und dennoch stolz, daß sie so stark war. Er war ganz
betäubt von alledem.
Die große, starke Jungfrau legte den Arm um seinen Rücken und richtete ihn
auf. Sie brach Heidekraut und peitschte sein Gesicht mit den steifen
Zweigen, bis das Blut in Bewegung kam. Als seine kleinen Augen sich wieder
dem Tageslicht zuwendeten, leuchteten sie vor Freude beim Anblick des
Mädchens. Noch immer schwieg er; aber die Hand, die sie um seinen Leib
gelegt hatte, zog er an sich und streichelte sie sanft.
Er war ein Kind des Hungers und der zeitigen Mühsal. Trocken und
bleichgelb, fleischlos und blutarm war er. Es rührte sie, daß er so verzagt
war, er, der doch um die Dreißig sein mochte. Sie dachte, daß er wohl ganz
mutterseelenallein tief im Walde leben müsse, da er so kläglich und so
schlecht gekleidet war. Keinen hatte er wohl, der nach ihm sah, nicht
Mutter noch Schwester oder Liebste.
* * * * *
Der große barmherzige Wald breitete sich über die Wildnis aus. Verbergend
und schützend nahm er in seinen Schoß alles auf, was bei ihm Hilfe suchte.
Mit hohen Stämmen hielt er Wacht um die Höhle des Bären, und in der
Dämmerung dichter Gebüsche hegte er das mit Eiern gefüllte Nest der kleinen
Vöglein.
Zu dieser Zeit, da man noch Leibeigene hielt, flüchteten viele von ihnen
in den Wald und fanden Schutz hinter seinen grünen Mauern. Er ward für sie
ein großer Kerker, den sie nicht zu verlassen wagten. Der Wald hielt diese
seine Gefangnen in strenger Zucht. Er zwang die Stumpfen zum Nachdenken und
erzog die in der Knechtschaft Verkommenen zu Ordnung und Ehrlichkeit. Nur
dem Fleißigen schenkte er die Gnade des Lebens.
Die beiden, die sich auf der Heide getroffen hatten, waren Abkömmlinge
solcher Gefangnen des Waldes. Sie gingen manchmal hinunter in die bebauten,
bewohnten Täler, denn sie brauchten nicht mehr zu befürchten, in die
Knechtschaft zurückgeführt zu werden, aus der ihre Väter geflohen waren;
doch am liebsten nahmen sie den Weg durch das Waldesdunkel. Der Name des
Schützen war Tönne. Sein eigentliches Handwerk war, den Boden urbar zu
machen, aber er verstand sich auch auf andre Dinge. Er sammelte Reisig,
kochte Teer, trocknete Schwämme und ging oft auf die Jagd. Sie, die tanzte,
hieß Jofrid. Ihr Vater war Köhler. Sie band Besen, pflückte Wacholderbeeren
und braute Bier aus dem weißblumigen Porsch. Beide waren sehr arm.
Früher hatten sie einander in dem großen Walde nie getroffen, aber jetzt
deuchte sie, daß alle Wege des Waldes sich zu einem Netz verschlängen, in
dem sie hin und wieder liefen und einander unmöglich vermeiden konnten. Nie
wußten sie nun einen Pfad zu wählen, auf dem sie einander nicht begegneten.
Tönne hatte einmal einen großen Kummer gehabt. Er hatte lange mit seiner
Mutter in einer elenden Reisigkoje gehaust; aber als er heranwuchs, faßte
er den Plan, ihr ein warmes Häuschen zu bauen. In allen seinen Mußestunden
ging er in den Holzschlag, fällte Bäume und spaltete sie in angemessene
Stücke. Dann verbarg er das aufgehäufte Bauholz in dunklen Klüften unter
Moos und Reisig. Er hatte im Sinn, daß seine Mutter nicht früher von all
der Arbeit etwas erfahren sollte, als bis er so weit war, die Hütte
aufzubauen. Aber seine Mutter starb, ehe er ihr zeigen konnte, was er
gesammelt hatte, ehe er ihr auch nur zu sagen vermochte, was er tun wollte.
Er, der mit demselben Eifer gearbeitet hatte wie David, Israels König, als
er Schätze für Gottes Tempel sammelte, trauerte bitterlich. Er verlor alle
Lust an dem Bau. Für ihn war die Reisigkoje gut genug. Und doch hatte er's
nicht viel besser in seinem Heim als ein Tier in seiner Höhle.
Als nun er, der bisher immer allein umhergeschlichen war, Lust bekam,
Jofrids Gesellschaft zu suchen, bedeutete dieser Wunsch wohl sicherlich,
daß er sie gern zur Liebsten und Braut haben wollte. Jofrid erwartete auch
täglich, daß er mit ihrem Vater oder mit ihr selbst von der Sache sprechen
werde. Aber Tönne brachte es nicht über sich. Man merkte ihm an, daß er von
unfreier Abkunft war. Die Gedanken bewegten sich langsam in seinem Kopf,
wie die Sonne, wenn sie über das Himmelszelt zieht. Und schwerer war es für
ihn, diese Gedanken zu zusammenhängender Rede zu formen, als für einen
Schmied, einen Armreif aus rollenden Sandkörnern zu schmieden.
Eines Tages führte Tönne Jofrid zu einer der Schluchten, wo er sein Bauholz
verborgen hatte. Er riß Zweige und Moos fort und zeigte ihr die abgehauenen
Stämme. »Das hätte Mutter haben sollen,« sagte er. Und sah Jofrid
erwartungsvoll an. »Dies hätte Mutters Hütte werden sollen,« wiederholte
er. Merkwürdig schwer fiel es dieser Jungfrau, die Gedanken eines jungen
Gesellen zu fassen. Da er ihr Mutters Bauholz zeigte, hätte sie doch
verstehen müssen; aber sie verstand nicht.
Da beschloß er, ihr seine Absicht noch deutlicher zu erklären. Ein paar
Tage später begann er, die Stämme zu der Stelle zwischen den Grabhügeln zu
schleppen, wo er Jofrid zum ersten Male gesehen hatte. Sie kam, wie
gewöhnlich, heran und sah ihn arbeiten. Sie ging jedoch weiter, ohne etwas
zu sagen. Seit sie Freunde geworden waren, war sie ihm oft an die Hand
gegangen, aber bei dieser schweren Arbeit schien sie ihm nicht helfen zu
wollen. Tönne meinte doch, sie hätte verstehen müssen, daß es ihre Hütte
war, die er jetzt zimmern wollte.
Sie verstand es ganz wohl, aber sie spürte keine Lust, sich einem Mann von
Tönnes Art zu schenken. Sie wollte einen starken, gesunden Mann haben. Es
schien ihr ein schlechtes Auskommen zu versprechen, wenn sie sich mit einem
verheiratete, der so schwach und wenig begabt war. Und doch zog viel sie zu
diesem stillen, scheuen Mann. Man denke doch, daß er sich so hart geplagt
hatte, um seine Mutter zu erfreuen, und nicht das Glück genossen hatte, zur
Zeit fertig zu werden. Sie hätte über sein Schicksal weinen können. Und nun
baute er die Hütte gerade da, wo er sie tanzen gesehen hatte. Er hatte ein
gutes Herz. Und das lockte sie und band ihre Gedanken an ihn; aber sie
wollte durchaus nicht seine Frau werden.
Jeden Tag ging sie über die Heide und sah die Hütte aufragen, dürftig und
ohne Fenster; der Sonnenschein rieselte durch die undichten Wände.
Tönnes Arbeit ging sehr rasch vorwärts; aber er arbeitete nicht sorgfältig,
sein Bauholz war nicht in Kanten behauen, kaum abgerindet. In die Diele
legte er gespaltne junge Bäume. Sie wurde sehr uneben und schwankend. Das
Heidekraut, das darunter blühte, -- denn es war nun ein Jahr seit dem Tage
vergangen, an dem Tönne hinter König Atles Hügel gelegen und geschlafen
hatte --, steckte ganz verwegen seine roten Trauben durch die Ritzen, und
die Ameisen wanderten unbehindert aus und ein und musterten dies
gebrechliche Menschenwerk.
Wohin Jofrid auch in diesen Tagen ihre Schritte lenken mochte: immer
schwebte ihr der Gedanke vor, daß dort eine Hütte für sie erbaut würde. Ein
eignes Heim ward ihr bereitet, dort oben auf der Heide. Und sie wußte,
daß, wenn sie nicht als Hausmutter einzog, der Bär oder der Fuchs dort
hausen mochte. Denn so gut kannte sie Tönne, daß sie begriff: wenn es sich
zeigte, daß er vergeblich gearbeitet hatte, würde er niemals in die neue
Hütte einziehen. Er würde weinen, der Arme, wenn er hörte, daß sie nicht
dort hausen wolle. Es würde ein neuer Kummer für ihn sein, ebenso groß wie
damals, als seine Mutter starb. Aber er mußte wohl sich selbst die Schuld
geben; warum hatte er sie nicht rechtzeitig gefragt.
Sie glaubte, daß sie ihm schon dadurch ein Zeichen gab, daß sie ihm nie bei
der Hütte half. Dazu hatte sie doch große Lust. Jedesmal, wenn sie weiches
weißes Moos sah, wollte sie es ausraufen, um es in die lecken Wände zu
stopfen. Sie war auch geneigt, Tönne beim Mauern des Herdes zu helfen. Wie
er dabei verfuhr, mußte sich ja aller Rauch in der Hütte sammeln. Aber es
war ja gleichgültig, wie es da wurde. Da würde keine Speise kochen, kein
Trank sieden. Dumm war's doch, daß diese Hütte niemals aus ihren Gedanken
weichen wollte.
Tönne arbeitete mit glühendem Eifer; er war gewiß, daß Jofrid die Absicht
verstehen mußte, sobald nur die Hütte fertig war. Er grübelte nicht viel
über sie nach. Er hatte vollauf mit Holzspalten und Zimmern zu tun. Die
Zeit verging ihm rasch.
Eines Nachmittags, als Jofrid über die Heide ging, sah sie, daß eine Tür an
die Hütte gekommen war und eine Steinplatte als Schwelle dalag. Da begriff
sie, daß alles nun fertig sei, und sie ward sehr erregt. Tönne hatte das
Dach mit Büschen und blühendem Heidekraut gedeckt; und eine starke
Sehnsucht ergriff sie, unter dieses rote Dach zu treten. Er selbst war
nicht bei dem Neubau, und sie entschloß sich, hineinzugehen. Diese Hütte
war ja für sie gezimmert. Sie war ihr Heim. Jofrid konnte der Lust nicht
widerstehen, es anzusehen.
Drinnen sah es traulicher aus, als sie erwartet hatte. Wacholder war über
den Boden gestreut. Frischer Duft von Nadeln und Harz füllte den Raum. Die
Sonnenstrahlen, die durch Luken und Spalten hereinspielten, spannen goldne
Bänder durch die Luft. Es sah da aus, als würde sie erwartet; in die
Mauerspalten waren grüne Zweige gesteckt, und auf dem Herd stand eine
frischgefällte Tanne. Tönne hatte nicht sein altes Hausgerät
hineingestellt. Da war nur ein neuer Tisch und eine Bank, über die eine
Elenhaut geworfen war.
Kaum war Jofrid über die Schwelle getreten, fühlte sie sich schon von dem
fröhlichen Behagen eines Heims umgeben. Friedlich und ruhig ward ihr
zumute, als sie so stand: von dort zu scheiden, schien ihr ebenso schwer,
wie fortzugehen und bei Fremden zu dienen. Jofrid hatte vielen Fleiß darauf
gewandt, sich eine Art Aussteuer zu schaffen. Sie hatte mit kunstfertigen
Händen Tücher gewebt, wie man sie braucht, um eine Stube zu schmücken; die
wollte sie in ihrem eignen Heim aufhängen, wenn sie eins bekam. Nun mußte
sie denken, wie sich diese Tücher wohl hier ausnehmen würden. Sie hätte sie
gern in der neuen Hütte probiert.
Rasch eilte sie heimwärts, holte ihren Leinwandschatz und begann, die
farbenprächtigen Stoffstücke unter der Decke aufzuhängen. Sie stieß die Tür
auf, so daß die helle Abendsonne auf sie und ihre Arbeit fiel. Sie regte
sich eifrig in der Stube, geschäftig und munter, ein Heldenliedchen
trällernd. Von Herzen froh war sie. Es wurde gar prächtig da drinnen. Die
gewebten Rosen und Sterne leuchteten wie nie zuvor.
Während sie arbeitete, hielt sie gute Ausschau über die Heide und die
Hünengräber. Vielleicht kauerte Tönne jetzt hinter einem der Grabhügel und
lachte sie aus. Der Königshügel lag gerade vor der Tür, und dahinter sah
sie eben die Sonne versinken. Immer wieder blickte sie hin. Ihr war, als
müsse dort jemand sitzen und sie betrachten.
Gerade als die Sonne so tief unten war, daß nur noch ein paar blutrote
Strahlen über die alte Steinhalde spielten, sah sie, wer es war, der sie
betrachtete. Der ganze Hügel war kein Hügel mehr, sondern ein großer, alter
Kämpe, der narbig und ergraut dasaß und sie anstarrte. Rings um sein Haupt
bildeten die Sonnenstrahlen eine Krone, und sein roter Mantel war so weit,
daß er sich über die ganze Heide ausbreitete. Sein Haupt war groß und
schwer, das Antlitz grau wie Stein. Seine Kleider und Waffen waren auch
steinfarbig und ahmten so genau die Tönung und das Moosflechtenkleid der
Steine nach, daß man sehr scharf hinsehen mußte, um zu merken, daß es ein
Kämpe und kein Steinhaufen war. Es war wie mit jenen Würmern, die
Baumzweigen gleichen. Man kann zehnmal an ihnen vorbeigehen, ehe man merkt,
daß, was man für hartes Holz gehalten hat, ein weicher Tierkörper ist.
Aber Jofrid konnte sich nicht länger darüber täuschen, daß es der alte
König Atle selbst war, der da saß. Sie stand in der Tür, hielt die Hand
beschattend über die Augen und sah ihm gerade in sein Steingesicht. Er
hatte sehr kleine, schräge Augen unter seiner hochgewölbten Stirn, eine
breite Nase und einen zottigen Bart. Und er lebte, dieser steinerne Mann.
Er lächelte und blinzelte ihr zu. Angst und bang wurde ihr; und am meisten
erschreckten sie seine dicken Arme mit den steifen Muskeln und die haarigen
Hände. Je länger sie ihn ansah, desto breiter wurde sein Lächeln; und
endlich hob er einen seiner mächtigen Arme, um sie zu sich zu winken. Da
floh Jofrid heimwärts.
Aber als Tönne nach Haus kam und die Hütte mit bunten Tüchern geschmückt
fand, faßte er so großen Mut, daß er seinen Fürbitter zu Jofrids Vater
schickte. Der fragte Jofrid um ihre Meinung, und sie willigte ein. Sie war
sehr zufrieden um der Wendung, die die Sache genommen hatte, wenn sie ihre
Hand auch halb gezwungen schenkte. Sie konnte dem Mann doch nicht nein
sagen, in dessen Hütte sie schon ihre Aussteuer getragen hatte. Doch sah
sie zuerst nach, ob der alte König Atle wieder ein Grabhügel geworden sei.
* * * * *
Tönne und Jofrid lebten viele Jahre glücklich. Sie standen in gutem Ruf.
»Das sind gute Menschen,« sagte man. »Seht, wie sie einander beistehen, wie
sie zusammen arbeiten, seht, wie eins nicht ohne das andre leben kann!«
Tönne wurde mit jedem Tage stärker, ausdauernder und weniger träge von
Gedanken. Jofrid schien einen ganzen Mann aus ihm gemacht zu haben. Meist
ließ er sie entscheiden; aber er verstand es auch, mit zäher Hartnäckigkeit
seinen eignen Willen durchzusetzen.
Wo Jofrid sich auch zeigte, gab es Scherz und Fröhlichkeit. Ihre Kleider
wurden immer bunter, je älter sie wurde. Das ganze Gesicht war grellrot.
Aber in Tönnes Augen war sie lieblich.
Sie waren nicht so arm wie mancher andre ihres Standes. Sie aßen Butter zur
Grütze und mengten weder Kleie noch Baumrinde ins Brot. Das Porschbier
schäumte in ihren Humpen. Ihre Schaf- und Ziegenherden vermehrten sich so
rasch, daß sie sich Fleischnahrung gönnen konnten.
Einmal machte Tönne für einen Bauern drunten im Tal den Boden urbar. Als
der sah, wie Tönne und seine Frau in großer Fröhlichkeit zusammen
arbeiteten, dachte auch er: »Das sind gute Menschen.« Der Bauer hatte
jüngst seine Ehefrau verloren, die ihm ein halbjähriges Kind hinterlassen
hatte. Er bat Tönne und Jofrid, seinen Sohn in Pflege zu nehmen. »Das Kind
ist mir sehr teuer,« sagte er, »drum gebe ich es euch, denn ihr seid gute
Menschen.« Sie hatten keine eignen Kinder, so daß es sehr schicklich
schien, dieses zu nehmen. Sie willigten auch ohne Zögern ein. Sie meinten,
Vorteil davon zu haben, wenn sie das Kind eines Bauern aufzogen; auch
erwarteten sie sich von einem Pflegesohn Freude für ihre alten Tage.
Aber das Kind wurde nicht alt bei ihnen. Ehe das Jahr um war, war es tot.
Dies sei die Schuld der Pflegeeltern, sagten viele, denn das Kind war ganz
frisch und gesund gewesen, bevor es zu ihnen kam. Damit wollte aber niemand
sagen, sie hätten es vorsätzlich getötet; man meinte nur, daß sie etwas auf
sich genommen hätten, was über ihr Vermögen gegangen war. Sie hatten nicht
Verstand oder Liebe genug gehabt, um dem Kinde die Pflege angedeihen zu
lassen, deren es bedurfte. Sie hatten sich gewöhnt, nur an sich selbst zu
denken und für ihr eignes Wohl zu sorgen. Sie hatten nicht Zeit, ein Kind
zu betreuen. Sie wollten am Tage zusammen an die Arbeit gehen und nachts
einen ruhigen Schlummer schlafen. Sie fanden, daß der Kleine zu viel von
der guten Milch trinke, und sie gönnten es ihm nicht so wie sich selbst.
Sie wußten aber nicht etwa, daß sie den Knaben schlecht behandelten. Sie
dachten, daß sie geradeso für ihn sorgten wie rechte Eltern. Eher kam es
ihnen vor, daß der Pflegesohn eine Strafe und Plage für sie gewesen war.
Sie trauerten nicht über seinen Tod.
Frauen pflegen ihre Lust und Herzensfreude daran zu haben, mit Kindern
umzugehen; aber Jofrid hatte einen Mann, für den sie in vielen Stücken die
Sorge einer Mutter tragen mußte, und begehrte deshalb nicht, noch andres zu
betreuen. Gern sehen Frauen sonst auch die raschen Fortschritte der
Kleinen; aber Jofrid hatte Freude genug, wenn sie sah, wie Tönne sich zu
Verstand und Männlichkeit entwickelte; sie freute sich daran, ihre Hütte zu
fegen und zu schmücken, freute sich an der Zunahme der Herden und an dem
Anbau unten auf der Heide.
Jofrid ging auf den Hof des Bauern und sagte ihm, daß das Kind gestorben
sei. Da sprach der Mann: »Nun ist es mir ergangen wie dem, der so weiche
Kissen in sein Bett legt, daß er bis auf den harten Grund sinkt. Gar zu gut
wollte ich meinen Sohn hüten; und siehe: nun ist er tot!« Und er war
betrübt.
Bei seinen Worten begann Jofrid bitterlich zu weinen. »Wollte Gott, daß du
uns deinen Sohn nicht gegeben hättest!« sagte sie. »Wir waren zu arm. Er
hat es nicht gut genug bei uns gehabt.«
»Dies wollte ich nicht sagen,« antwortete der Bauer. »Eher glaube ich, daß
ihr das Kind verhätschelt habt. Doch ich will keinen Menschen anklagen;
denn über Leben und Tod gebietet Gott allein. Nun ist es mein Wille, den
Leichenschmaus meines einzigen Sohnes mit demselben Aufwand zu feiern, als
wenn ein Erwachsener gestorben wäre; und zum Gastmahl lade ich Tönne und
dich. Daraus mögt ihr sehen, daß ich keinen Groll gegen euch hege.«
So wohnten Tönne und Jofrid dem Leichenschmaus bei. Sie wurden freundlich
bewirtet, und niemand sagte ihnen ein böses Wort. Wohl hatten die Frauen,
die die Leiche einkleideten, erzählt, daß sie jämmerlich abgefallen sei und
Spuren schwerer Vernachlässigung gezeigt habe. Das konnte aber wohl auch
von der Krankheit herkommen. Niemand wollte Schlechtes von den Pflegeeltern
glauben, denn man wußte, daß sie gute Menschen waren.
Jofrid weinte viel in diesen Tagen; namentlich, als sie die Frauen erzählen
hörte, wie sie bei ihren kleinen Kindern wachen und sich für sie plagen
müßten. Sie merkte auch, daß bei dem Leichenschmaus unter den Weibern
beständig von Kindern gesprochen wurde. Einige hatten solche Freude an
ihnen, daß sie gar nie aufhören konnten, von ihren Fragen und Spielen zu
erzählen. Jofrid hätte gern von Tönne gesprochen; aber die meisten Frauen
sprachen gar nicht von ihren Männern.
Spät abends kehrten Jofrid und Tönne von dem Leichenschmaus heim. Sie
gingen sogleich zu Bett. Aber kaum waren sie eingeschlafen, als sie von
einem leisen Wimmern geweckt wurden. Das ist das Kind, dachten sie, noch
halb schlafend, und waren unwillig über die Störung. Aber plötzlich setzten
sie sich beide im Bett auf. Das Kind war doch tot. Woher kam dann dieses
Wimmern? Wenn sie ganz wach waren, hörten sie nichts; aber sobald sie
einzuschlummern begannen, vernahmen sie es wieder. Kleine, schwache Füßchen
hörten sie über die Steinplatte vor der Hütte gehen, ein kleines Händchen
tastete an der Tür, und da sie nicht offen war, wanderte das Kind wimmernd
und tappend die Wand entlang, bis es vor ihrer Lagerstätte stehenblieb.
Wenn sie sprachen oder sich im Bett aufsetzten, vernahmen sie nichts; aber
wenn sie einschlummern wollten, hörten sie deutlich die unsichern Schritte
und das erstickte Schluchzen.
Was sie nicht glauben wollten, was ihnen aber in den letzten Tagen als
Möglichkeit vor Augen gestanden hatte: nun wurde es ihnen zur Gewißheit.
Sie sahen ein, daß sie das Kind getötet hatten. Wie hätte es sonst umgehen
können?
Von dieser Nacht an war alles Glück von ihnen gewichen. Sie lebten in
steter Furcht vor dem Gespenst. Tagsüber hatten sie wohl einige Ruhe, aber
in den Nächten wurden sie von dem Weinen und dem erstickten Schluchzen des
Kindes so gestört, daß sie nicht wagten, allein zu liegen. Jofrid ging oft
weit über Land, um einen Menschen zu holen, der über Nacht in ihrer Hütte
bleiben konnte. Kam ein Fremder, so hatten sie Ruhe; aber sobald sie allein
waren, hörten sie das Kind.
In einer Nacht, für die sie keinen Gast gefunden hatten und die sie, des
Kindes wegen, wieder schlaflos verbrachten, stand Jofrid aus dem Bett auf.
»Schlaf du nur, Tönne,« sagte sie. »Wenn ich mich wach erhalte, wird sich
nichts hören lassen.«
Sie ging aus dem Haus, setzte sich auf die Türschwelle und überlegte, was
sie tun sollten, um Ruhe zu finden; denn so konnten sie nicht weiterleben.
Sie fragte sich, ob Beichte und Buße, Demütigung und Reue sie von dieser
schweren Heimsuchung befreien könnten.
Da begab es sich, daß sie die Augen aufschlug und dieselbe Erscheinung sah
wie schon einmal zuvor von dieser Stelle. Der Grabhügel war zu einem Kämpen
geworden. Es war eine dunkle Nacht; dennoch konnte sie deutlich sehen und
vernehmen, daß der alte König Atle dasaß und sie betrachtete. Sie sah ihn
so genau, daß sie die mit Moos bewachsenen Armringe an seinen Handgelenken
unterschied und wahrnehmen konnte, daß seine Beine mit gekreuzten Bändern
umwickelt waren, zwischen denen die Wadenmuskeln schwollen.
Diesmal hatte sie keine Angst vor dem Alten. Er schien ihr ein Freund und
Tröster im Unglück. Er sah sie gleichsam mitleidig an, als wolle er ihr Mut
einflößen. Da dachte sie, daß dieser gewaltige Held einst seinen Tag gehabt
hatte, an dem er die Feinde in Scharen auf die Heide niederstreckte und in
den Blutströmen watete, die zwischen den Hügeln brausten. Was hatte er da
nach einem toten Manne mehr oder weniger gefragt? Wie tief hatte das
Seufzen der Kinder, deren Väter er erschlagen hatte, sein Steinherz
gerührt? Federleicht hätte die Bürde von eines Kindes Tod auf seinem
Gewissen gelegen.
Und sie vernahm sein Flüstern, dieselbe Weise, die das alte, steinkalte
Heidentum zu allen Zeiten geflüstert hat. »Warum bereuen? Die Götter lenken
das Geschick. Die Nornen spinnen des Lebens Faden. Warum sollten die Kinder
der Erde trauern, daß sie getan, was die Unsterblichen sie zu tun zwangen?«
Da ermannte sich Jofrid und sagte zu sich selbst: »Was konnte ich dafür,
daß das Kind starb? Gott allein ist's, der alles lenkt. Nichts geschieht
ohne seinen Willen.« Und sie dachte, daß sie das Gespenst am besten
abwehren werde, wenn sie alle Reue von sich fernhielt.
Aber da öffnete sich die Haustür, und Tönne kam zu ihr heraus. »Jofrid,«
sagte er, »es ist jetzt in der Hütte. Es kam heran und klopfte an den
Bettrand und weckte mich. Was sollen wir tun, Jofrid?«
»Das Kind ist ja tot,« sagte Jofrid. »Du weißt, daß es tief unter der Erde
liegt. Das alles sind nur Träume und Hirngespinste.« Sie sprach hart und
abweisend, denn sie fürchtete, daß Tönne in dieser Sache zu weichherzig
sein und sie dadurch ins Unglück stürzen könne.
»Wir müssen ein Ende machen,« sagte Tönne.
Jofrid lachte grell auf. »Was willst du tun? Gott hat es uns auferlegt.
Konnte er das Kind nicht am Leben erhalten, wenn er wollte? Er wollte es
nicht; und jetzt verfolgt er uns um seines Todes willen. Sage mir, mit
welchem Recht er uns verfolgt?«
Sie hatte ihre Worte von dem alten Steinkämpen, der finster und hart auf
seinem Hügel saß. Es war, als habe er ihr alles eingegeben, was sie Tönne
erwiderte.
»Wir müssen eingestehen, daß wir das Kind vernachlässigt haben, und müssen
Buße tun,« sagte Tönne.
»Niemals will ich für etwas leiden, das nicht meine Schuld ist,« sagte
Jofrid. »Wer wollte, daß das Kind sterbe? Ich nicht, ich nicht. Welche Art
von Buße willst du denn tun? Willst du dich geißeln oder fasten wie die
Mönche? Mich dünkt, du kannst deine Kräfte zur Arbeit brauchen.«
»Mit dem Geißeln habe ich es schon probiert,« sagte Tönne. »Es nützt
nichts.«
»Siehst du!« sagte sie und lachte wieder.
»Da tut andres not,« fuhr Tönne mit beharrlicher Entschlossenheit fort.
»Wir müssen gestehen.«
»Was willst du Gott sagen, das er nicht schon wüßte?« höhnte Jofrid.
»Lenkt nicht er deine Gedanken? Was willst du ihm sagen?« Sie fand jetzt,
daß Tönne dumm und eigensinnig sei. So hatte sie ihn zu Beginn ihrer
Bekanntschaft gefunden; aber dann hatte sie nicht mehr daran gedacht,
sondern ihn lieb gehabt, seines guten Herzens wegen.
»Wir müssen dem Vater unsre Schuld gestehen, Jofrid, und ihm Buße bieten.«
»Was willst du ihm bieten?« fragte sie.
»Die Hütte und die Ziegen.«
»Sicherlich fordert er volle Mannesbuße für seinen einzigen Sohn. Die läßt
sich mit allem, was wir besitzen, nicht bezahlen.«
»Wir wollen uns selber als Knechte in seine Gewalt geben, wenn er sich
nicht mit weniger zufrieden gibt.«
Bei diesen Worten packte Jofrid kalte Verzweiflung, und sie haßte Tönne aus
der Tiefe ihrer Seele. Alles, was sie verlieren mußte, stand klar vor ihr:
die Freiheit, für die einst die Ahnen das Leben gewagt, die Hütte, den
Wohlstand, Ehre und Glück.
»Merke meine Worte wohl, Tönne,« sagte sie heiser, halberstickt von
Schmerz, »der Tag, an dem du solches tust, ist mein Todestag.«
Dann ward kein Wort mehr zwischen ihnen gewechselt; aber sie blieben auf
der Türschwelle sitzen, bis der Tag anbrach. Keines fand ein Wort, um zu
begütigen und zu versöhnen. Beide fürchteten und verachteten einander. Eins
maß das andre mit dem Maß seines Zornes und fand es engherzig und böse.
Seit dieser Nacht ließ Jofrid Tönne oft ihre Überlegenheit fühlen. Sie gab
ihm in der Gegenwart Fremder zu verstehen, daß er einfältig sei, und half
ihm bei der Arbeit so, daß er ihre Kraft erkennen mußte. Sie wollte ihm
offenbar die Hausherrngewalt nehmen. Manchmal stellte sie sich sehr froh,
um ihn zu zerstreuen und von seinen Grübeleien abzulenken. Er hatte noch
nichts getan, um seinen Plan ins Werk zu setzen, aber sie glaubte nicht,
daß er ihn aufgegeben habe.
In dieser Zeit wurde Tönne mehr und mehr, wie er vor seiner Heirat gewesen
war. Er wurde mager und bleich, wortkarg und träg von Gedanken. Jofrids
Verzweiflung ward mit jedem Tage größer, denn es war, als sollte ihr nun
alles genommen werden. Doch kam ihre Liebe zu Tönne wieder, als sie ihn
unglücklich sah. »Was gilt mir alles, wenn Tönne zugrunde geht?« dachte
sie. »Es ist besser, mit ihm in der Knechtschaft zu leben, als ihn als
Freien sterben zu sehen.«
* * * * *
Jofrid konnte sich jedoch nicht so plötzlich überwinden, Tönne zu
gehorchen. Sie kämpfte einen langen und schweren Kampf. Aber eines Morgens,
als sie erwachte, war ihr ungewöhnlich ruhig und mild zumute. Da war ihr,
als könne sie nun tun, was er forderte. Und sie weckte ihn und sagte, daß
es jetzt so werden solle, wie er wollte. Nur diesen einzigen Tag möge er
ihr gönnen, damit sie von all dem Ihren Abschied nehmen könne.
Den ganzen Vormittag ging sie seltsam sanft umher. Leicht kamen ihr Tränen
in die Augen, wie einem, der Abschied nimmt. Ihr schien, die Heide habe
sich an diesem Tage, ihr zuliebe, besonders schön geschmückt. Der Frost war
über sie hingezogen, die Blumen waren verschwunden und das ganze Feld trug
ein braunes Kleid. Aber als die Sonne des Herbsttages ihre schrägen
Strahlen darüber hingleiten ließ, war es, als erglühe das Heidekraut aufs
neue rot. Und sie gedachte des Tages, an dem sie Tönne zum erstenmal
gesehen hatte.
Sie wünschte, daß sie den alten König noch einmal schauen dürfe; denn er
hatte ja mitgeholfen, ihr Glück zu schaffen. Sie hatte sich in der letzten
Zeit ernstlich vor ihm gefürchtet. Es war, als lauerte er darauf, sie zu
packen. Aber jetzt konnte er keine Macht mehr über sie haben, meinte sie.
Sie wollte aufmerken, ob sie ihn nicht sehen konnte, abends, wenn der
Mondschein kam.
Um die Mittagszeit kamen ein paar umherwandernde Spielleute vorbeigezogen.
Da hatte Jofrid den Einfall, sie zu bitten, den ganzen Nachmittag in ihrem
Hause zu bleiben; denn nun wollte sie ein Fest feiern. Tönne mußte schnell
zu ihren Eltern gehen und sie bitten, zu kommen. Dann liefen ihre kleinen
Geschwister weiter ins Dorf hinab, um Gäste zu holen. Bald waren viele
Menschen versammelt.
Die Fröhlichkeit war groß. Tönne hielt sich abseits in einer Ecke der
Hütte, wie es seine Gewohnheit war, wenn Besuch kam; aber Jofrid war
beinahe wild in ihrer Fröhlichkeit. Mit gellender Stimme führte sie die
Tanzspiele an und bot eifrig den Gästen das schäumende Bier. Eng war es in
der Stube, aber die Spielleute waren flink und der Tanz hatte Leben und
Lust. Es wurde erstickend heiß dort drinnen. Man stieß die Tür auf; und nun
sah Jofrid erst, daß die Nacht angebrochen und der Mond aufgegangen war. Da
trat sie in die Haustür und blickte in die weiße Welt des Mondscheins
hinaus.
Es war starker Tau gefallen. Die ganze Heide war weiß, weil sich das
Mondlicht in den zahllosen Tropfen spiegelte, die sich auf allen Zweiglein
gesammelt hatten. Das kurze Moos, das ringsum auf Felsplatten und Steinen
wuchs, war schon gefroren und von Reif bedeckt. Jofrid stieg hinab; wohlig
schwankend war's unter dem Fuß. Sie ging ein paar Schritte über den Pfad,
der ins Dorf hinabführte, gleichsam als wolle sie prüfen, welches Gefühl es
sei, da zu gehen. Tönne und sie sollten am nächsten Tage Hand in Hand hier
wandern, in tiefste Schmach hinein. Denn wie auch die Begegnung mit dem
Bauern ablief, was er auch nahm und was er sie behalten ließ: sicherlich
war Schmach ihr Los. Die an diesem Abend eine gute Hütte und viele Freunde
hatten, würden am nächsten Tage von allen verabscheut sein, vielleicht
auch alles dessen beraubt, was sie erworben hatten, vielleicht sogar
ehrlose Knechte. Sie sagte zu sich selbst: »Dies ist der Weg des Todes.«
Und nun konnte sie nicht fassen, wie sie die Kraft haben sollte, ihn zu
wandeln. Ihr war, als sei sie von Stein, eine schwere Steingestalt wie der
alte König Atle. Trotzdem sie lebte, hatte sie das Gefühl, ihre schweren
Steinglieder nicht regen zu können, um diesen Weg zu gehen.
Sie wendete ihre Blicke dem Königshügel zu und sah deutlich den alten
Kämpen da sitzen. Aber in dieser Nacht war er wie zum Fest geschmückt. Er
trug nicht mehr das graue, mit Moos bewachsene Steingewand, sondern weißes,
schimmerndes Silber. Auch schmückte ihn wieder eine Krone von Strahlen, wie
damals, als sie ihn zuerst sah; aber diese Krone war weiß. Und weiß
leuchtete Brustplatte und Armring, glitzernd weiß war Schwertgriff und
Schild. Er saß da und betrachtete sie in stummer Gleichgültigkeit. Das
seltsam Unergründliche, das in großen Steingesichtern liegt, hatte sich nun
auf ihn herabgesenkt. Da thronte er dunkel und mächtig; und Jofrid hatte
die unklare Vorstellung, daß er ein Bild von etwas sei, was in ihr lag und
in allen Menschen, etwas, das in fernen Jahrhunderten begraben war, von
vielen Steinen bedeckt und dennoch nicht tot. Sie sah ihn, den alten König,
mitten im Menschenherzen sitzen. Über dessen unfruchtbare Felder breitete
er seinen weiten Königsmantel. Da tanzte die Genußsucht, da jubelte das
Prachtverlangen. Er war der große Steinheld, der Not und Armut
vorüberwandern sah, ohne daß sein Steinherz gerührt ward. »Die Götter
wollen es so,« sagte er. Er war der starke steinerne Mann, der ungesühnte
Sünde tragen konnte, ohne zu wanken. Stets sagte er: »Warum trauern, da
das, was du tatest, dir doch von den Unsterblichen aufgezwungen ward?«
Jofrids Brust hob sich in einem Seufzer, der tief wie ein Schluchzen war.
In ihr lebte eine Ahnung, die sie sich nicht klarzumachen vermochte, eine
Ahnung, daß sie mit dem steinernen Mann kämpfen müsse, wenn sie glücklich
werden sollte. Aber zu gleicher Zeit fühlte sie sich so hilflos schwach.
Ihre Unbußfertigkeit und der Steinheld auf der Heide schienen ihr ein und
dasselbe, und konnte sie jene nicht besiegen, so würde dieser in
irgendeiner Weise Macht über sie erlangen.
Sah sie nun wieder zu der Hütte hin, wo die Tücher unter den Dachbalken
schimmerten, wo die Spielleute Fröhlichkeit verbreiteten, und wo alles war,
was sie liebte, dann fühlte sie, daß sie nicht in die Knechtschaft gehen
konnte. Nicht einmal Tönne zuliebe. Sie sah sein blasses Antlitz in der
Hütte und fragte sich mit zusammengekrampftem Herzen, ob er verdiene, daß
sie ihm alles opfere.
Aber drinnen in der Hütte hatten sich die Leute zu einem Reigentanz
aufgestellt. Sie ordneten sich in einer langen Reihe, faßten einander bei
den Händen und stürzten, mit einem wilden, starken, jungen Gesellen an der
Spitze, in rasender Eile vorwärts. Der Anführer zog sie durch die offne Tür
hinaus auf die im Mondschein glitzernde Heide. Sie stürmten an Jofrid
vorbei, keuchend und wild; strauchelten über Steine, sanken ins Heidekraut,
zogen weite Kreise rings um die Hütte. Der letzte in der Reihe rief Jofrid
an und streckte ihr die Hand entgegen. Sie faßte sie und lief mit.
Das war kein Tanz, nur ein wahnsinniges Hinstürmen. Doch Fröhlichkeit war
darin, Lebenslust und Übermut. Immer kühner wurden die Schwenkungen, immer
lauter tönten die Rufe, immer stürmischer ward das Lachen. Von Hünengrab zu
Hünengrab, wie sie da über die Heide zerstreut lagen, schlang sich die
Reihe der Tanzenden. Wer bei den heftigen Schwenkungen niederfiel, wurde
wieder emporgerissen, der Langsame vorwärts gezogen. Die Spielleute standen
in der Haustür und lockten zu immer wilderm Taumel. Da war keine Zeit, zu
ruhen, zu denken, sich vorzusehen. In immer tollerer Hast ging der Tanz
über schwankes Moos und glatte Felsplatten.
Bei alledem empfand Jofrid immer deutlicher, daß sie die Freiheit behalten
mußte, daß sie lieber sterben, als sie verlieren wollte. Sie merkte, daß
sie Tönne nicht folgen konnte. Sie dachte daran, zu fliehen, fort in den
Wald zu eilen und niemals wiederzukommen.
Alle Hügel hatten sie jetzt umkreist, bis auf den König Atle. Jofrid sah,
daß es jetzt zu diesem hinaufging, und sie hielt die Blicke scharf auf den
mächtigen Mann geheftet. Da sah sie, wie sich seine Riesenarme nach den
Hinstürmenden ausstreckten. Sie schrie laut auf; doch nur ein schallendes
Gelächter antwortete ihr. Sie wollte stehenbleiben; aber eine starke Faust
riß sie weiter. Sie sah ihn nach den Vorbeieilenden greifen, aber so hurtig
waren sie, daß die schweren Arme keinen von ihnen erreichen konnten.
Unfaßlich war ihr, daß niemand ihn sah. Todesangst kam über sie. Sie wußte,
daß er sie erreichen werde. Auf sie hatte er gelauert, seit vielen Jahren.
Mit den andern trieb er nur sein Spiel. Ihrer würde er sich nun endlich
bemächtigen.
Jetzt kam an sie die Reihe, an König Atle vorbeizueilen. Sie sah, wie er
sich erhob, sich dann zum Sprung duckte, um Ernst zu machen und sie zu
fangen. In dieser höchsten Not fühlte sie: wenn sie sich jetzt entschloß,
am nächsten Morgen die schwere Wanderung anzutreten, hatte er nicht die
Macht, sie zu packen. Aber sie konnte nicht. Sie kam zuletzt und die
Drehungen waren nun so heftig, daß sie mehr geschleppt und gezogen wurde
als selbst lief und Mühe hatte, nicht zu Boden zu fallen. Doch obgleich sie
in der rasendsten Eile dahinwirbelte, war der alte Kämpe noch rascher. Die
schweren Arme senkten sich auf sie hinab, die steinernen Hände ergriffen
sie, zogen sie an die mit silberblankem Harnisch bedeckte Brust. Immer
schwerer legte sich die Todesangst auf sie; aber sie wußte noch bis
zuletzt: nur weil sie den Steinkönig im eignen Herzen nicht zu besiegen
vermocht hatte, war König Atle Gewalt über sie gegeben.
Nun war es zu Ende mit Tanz und Fröhlichkeit. Jofrid lag im Sterben. Sie
war in dem rasenden Lauf an den Königshügel geschleudert worden und hatte
von seinen Steinen den Todesstoß empfangen.
Die Vogelfreien
Ein Bauer, der einen Mönch ermordet hatte, floh in den Wald und wurde
geächtet. In der Wildnis fand er einen andern friedlosen Mann, einen
Fischer von den äußersten Schären, der beschuldigt war, ein Heringsnetz
gestohlen zu haben. Diese beiden taten sich zusammen, wohnten in einer
Erdhöhle, legten Fallen, schnitzten Pfeile, buken Brot auf einem Stein und
wachten gegenseitig über ihr Leben. Der Bauer verließ den Wald niemals,
aber der Fischer, der kein so furchtbares Verbrechen begangen hatte, nahm
zuweilen die erlegten Tiere über die Schulter und schlich sich zu den
Menschen hinunter. Da bekam er für den schwarzen Auerhahn und das
blauglänzende Birkhuhn, für den langohrigen Hasen und das feingliedrige Reh
Milch und Butter, Pfeile und Kleider. So war es den Friedlosen möglich, ihr
Leben zu fristen.
Die Höhle, in der sie hausten, war in einen Hügelabhang gegraben. Breite
Steinplatten und dornige Schlehenbüsche deckten den Eingang. Auf dem Dach
stand eine Tanne. An ihrer Wurzel war der Schornstein der Erdhöhle. Der
emporsteigende Rauch wurde durch die dichten, nadelreichen Zweige des
Baumes gesiebt und verschwand unmerklich im Raume.
Die Männer pflegten von und zu ihrer Wohnstatt zu gehen, indem sie den
Waldbach durchwateten, der unter dem Bergabhang entsprang. Niemand suchte
die Spur der Friedlosen unter dem rieselnden Wasser.
Anfangs wurden sie gejagt wie wilde Tiere. Die Bauern versammelten sich
wie zur Treibjagd auf Bär und Wolf. Der Wald wurde von Bogenschützen
umringt, Lanzenträger gingen dort umher und ließen keine dunkle Kluft, kein
dichtes Gestrüpp unerforscht. Während die lärmende Treibjagd durch den Wald
zog, lagen die Friedlosen in ihrer dunklen Höhle, atemlos lauschend, vor
Angst keuchend. So hielt es der Fischer einen ganzen Tag aus; er aber, der
gemordet hatte, wurde von unerträglicher Angst ins Freie getrieben, wo er
seinen Feind sehen konnte. Da wurde er entdeckt und gejagt, aber dies
schien ihm tausendmal besser, als in ohnmächtiger Untätigkeit still
dazuliegen. Er entfloh seinen Verfolgern, rutschte über Abhänge, sprang
über Ströme, erkletterte kerzengerade Felswände. Alle verborgne Kraft und
Geschicklichkeit in ihm wurde von dem Ansporn der Gefahr hervorgelockt.
Sein Körper ward elastisch wie eine Stahlfeder, der Fuß sprang nicht fehl,
die Hand ließ nicht locker, Augen und Ohren beobachteten doppelt so scharf
als einst. Er verstand das Flüstern des Laubes und die Warnungen der
Steine. Wenn er eine Anhöhe erklettert hatte, wendete er sich gegen seine
Verfolger und sandte ihnen Spottlieder mit beißenden Reimen nach. Wenn die
sausenden Lanzen zischten, packte er sie plitzschnell und warf sie gegen
die Feinde hinab. Wenn er sich zwischen peitschenden Zweigen durchdrängte,
sang jemand in seinem Innern ein Loblied auf seine Großtaten.
Da lief der kahle Bergrücken durch den Wald, und einsam auf seiner Höhe
stand die himmelhohe Föhre. Der braunrote Stamm war kahl, aber in der
astreichen Krone wiegte sich der Raubvogelhorst. So tollkühn war jetzt der
Fliehende, daß er dort hinaufkletterte, während die Verfolger ihn auf den
bewaldeten Abhängen suchten. Da saß er und drehte den Jungen des Sperbers
den Hals um, während tief unter ihm die Jagd dahinzog. Sperber und
Sperberweibchen schossen voll Rachbegier auf den Räuber hinab. Sie
flatterten um sein Gesicht, sie richteten die Schnäbel auf seine Augen, sie
schlugen ihn mit den Flügeln und kratzten mit den Klauen blutige Streifen
in seine wettergebräunte Haut. Lachend kämpfte er gegen sie an. In dem
schwankenden Neste aufrechtstehend, hackte er mit seinem scharfen Messer
nach ihnen und vergaß über der Lust des Spieles die Lebensgefahr und die
Verfolger. Als er Zeit fand, sich nach ihnen umzusehen, hatten sie sich
nach einer andern Richtung entfernt. Niemandem war es in den Sinn gekommen,
die Jagdbeute auf dem kahlen Bergrücken zu suchen. Keiner hatte den Blick
zu den Wolken erhoben, um ihn Knabenstreiche und Schlafwandlertaten
vollbringen zu sehen, während sein Leben in äußerster Gefahr schwebte.
Der Mann erzitterte, als er sich gerettet sah. Mit bebender Hand griff er
nach einer Stütze; schwindelnd maß er die Höhe, die er erklettert hatte.
Und vor Angst zu fallen stöhnend, bange vor den Vögeln, bange, gesehen zu
werden, bange vor allem, glitt er den Stamm hinab. Er legte sich auf den
Berg nieder, um nicht gesehen zu werden und schleppte sich über das Geröll
weiter, bis das Unterholz ihn verdeckte. Dann barg er sich unter den
verschlungenen Zweigen der jungen Tannen, schwach und kraftlos sank er in
das Moos. Ein einziger Mann hätte ihn leichtlich fangen können.
* * * * *
Tord war der Name des Fischers. Er zählte nicht mehr als sechzehn Jahre,
aber er war stark und kühn. Er hatte schon ein Jahr im Walde gelebt.
Der Bauer hieß Berg, mit dem Beinamen der Riese. Er war der größte und
stärkste Mann in der Gegend und dazu schön und wohlgewachsen. Er war breit
um die Schultern und schlank um die Mitte. Seine Hände waren so
wohlgebildet, als hätten sie niemals harte Arbeit gekostet. Das Haar war
braun und das Antlitz zartgefärbt. Nachdem er einige Zeit im Walde
verbracht hatte, nahm er in allen Stücken ein furchtbareres Aussehen an als
früher. Seine Blicke wurden stechend, die Augenbrauen wuchsen buschig, und
die Muskeln, die sie runzelten, lagen fingerdick an der Nasenwurzel. Es
trat auch deutlicher als früher hervor, wie der obere Teil seiner mächtigen
Stirne über den untern vorragte. Die Lippen schlossen sich jetzt fester als
einst, das ganze Gesicht wurde magrer, die Grübchen an der Stirn wurden
sehr tief, und die gewaltigen Kinnladen traten merkbar hervor. Sein Körper
wurde weniger voll, aber seine Muskeln ballten sich eisenhart. Das Haar
ergraute rasch.
An diesem Mann konnte der junge Tord sich nicht sattsehen. Etwas so Schönes
und Gewaltiges hatte er nie zuvor geschaut. Vor seiner Phantasie stand er
hoch wie der Wald, stark wie die Meeresbrandung. Er diente ihm wie einem
Herrn und betete ihn an wie einen Gott. Es verstand sich ganz von selbst,
daß Tord den Jagdspeer trug, das Wildbret heimschleppte und das Feuer
anmachte. Berg, der Riese, nahm alle seine Dienste an, gönnte ihm aber fast
nie ein freundliches Wort. Er verachtete ihn, weil er ein Dieb war.
Die Friedlosen führten kein Räuber- oder Wegelagrerleben, sondern ernährten
sich durch Jagd und Fischerei. Wenn Berg, der Riese, nicht einen heiligen
Mann ermordet hätte, würden die Bauern wohl bald aufgehört haben, ihn zu
verfolgen, und hätten ihn oben im Gebirge in Frieden gelassen. Aber nun
fürchteten sie großes Unheil für die Gegend, weil der Mann, der Hand an
einen Diener Gottes gelegt hatte, noch ungestraft umherging. Wenn Tord mit
dem erlegten Wild ins Tal hinabkam, boten sie ihm große Belohnungen und
Vergebung seines eignen Verbrechens, wenn er ihnen den Weg zu der Höhle
Bergs zeigen wollte, damit sie diesen greifen konnten, während er schlief.
Aber der Knabe weigerte sich immer, und wenn ihm jemand in den Wald
nachschleichen wollte, dann führte er ihn so schlau auf falsche Fährte, daß
er die Verfolgung aufgeben mußte.
Einmal fragte ihn Berg, ob die Bauern ihn nicht zum Verrat bewegen wollten,
und als er hörte, welchen Lohn sie ihm boten, sagte er hohnvoll, daß Tord
ein Einfaltspinsel wäre, wenn er solch ein Anerbieten nicht annähme.
Da sah ihn Tord mit einem Blicke an, wie Berg, der Riese, desgleichen nie
zuvor gesehen hatte. Nie hatte ein schönes Weib in seiner Jugend, nie hatte
seine Frau und seine Kinder ihn je so angesehen. »Du bist mein Herr, mein
freigewählter Herrscher,« sagte der Blick, »wisse, daß du mich schlagen und
beschimpfen kannst, soviel du willst. Ich bleibe doch treu.«
Von nun an achtete Berg, der Riese, mehr auf den Jungen und merkte, daß er
mutig im Handeln, aber schüchtern im Reden war. Vor dem Tode hatte er keine
Furcht. Wenn die Seen eben zugefroren waren, oder wenn das Moor im Frühling
am gefährlichsten war, wenn die Moräste sich unter reichblühendem Wollgras
und Sumpfbrombeeren verbargen, dann nahm er am liebsten den Weg darüber. Es
schien ihm ein Bedürfnis zu sein, sich Gefahren auszusetzen, gleichsam zum
Ersatz für die Stürme und Schrecknisse auf dem Meere, denen er nicht mehr
begegnete. Doch nachts fürchtete er sich im Walde, und selbst am hellichten
Tage konnte ein dunkles Dickicht oder die weitausgestreckten Wurzeln einer
umgestürzten Föhre ihn erschrecken. Aber wenn Berg ihn darüber befragte,
war er zu scheu, um auch nur zu antworten.
Tord pflegte nicht auf dem hinten in der Höhle, nahe dem Feuer
aufgeschlagnen Lager zu schlafen, das weich von Moos und warmen Fellen war,
sondern er kroch jede Nacht, nachdem Berg eingeschlafen war, zum Eingang
hin und legte sich dort auf eine Steinplatte. Berg entdeckte dies, und
obgleich er den Grund erraten konnte, fragte er, was dies zu bedeuten
habe. Tord erklärte es ihm nicht. Um allen Fragen auszuweichen, lag er zwei
Nächte lang nicht mehr in der Türe, aber dann nahm er seinen Wachtposten
wieder ein.
Eines Nachts, als der Schneesturm durch die Baumwipfel wehte und in das
windgeschützte Dickicht wirbelte, drangen die tanzenden Schneeflöckchen
auch in die Höhle der Friedlosen. Tord, der dicht an dem von Steinplatten
verschlossenen Eingang lag, war, als er am Morgen erwachte, in eine
schmelzende Schneewehe gebettet. Einige Tage später wurde er krank. Die
Lungen pfiffen, und wenn sie sich dehnten, um Luft einzuatmen, fühlte er
stechende Schmerzen. Er hielt sich solange auf den Beinen, als die Kräfte
reichten. Aber als er sich eines Abends bückte, um das Feuer anzufachen,
fiel er um und blieb liegen.
Berg, der Riese, kam zu ihm und sagte ihm, er möge sich in sein Bett legen.
Tord stöhnte vor Schmerz und vermochte sich nicht zu erheben. Da schob Berg
die Arme unter ihn und trug ihn zu seinem Lager. Aber es war ihm, als hätte
er eine schlüpfrige Schlange berührt, und auf der Zunge hatte er einen
Geschmack, als hätte er von dem unheiligen Pferdefleisch gegessen, so
ekelte es ihn, diesen elenden Dieb anzurühren.
Er breitete sein eignes, großes Bärenfell über ihn und reichte ihm Wasser,
mehr konnte er nicht tun. Es war auch nicht gefährlich. Tord wurde bald
gesund. Aber dadurch, daß Berg seine Obliegenheiten verrichtete und sein
Diener sein mußte, waren sie einander näher gekommen. Tord wagte zu ihm zu
sprechen, wenn er abends in der Höhle saß und Pfeile schnitzte.
»Du bist aus gutem Stamm, Berg,« sagte Tord. »Die Reichsten im Tal sind
deine Verwandten. Deine Vorfahren haben Königen gedient und in ihren Burgen
gekämpft.«
»Meistens haben sie in den Aufrührerscharen gekämpft und den Königen allen
Schaden getan,« erwiderte Berg, der Riese.
»Deine Väter gaben zu Weihnachten große Gelage, und das tatest auch du, als
du auf deinem Hofe saßest. Hunderte von Männern und Frauen konnten auf den
Bänken deiner großen Halle Platz finden, die schon erbaut war, ehe noch der
heilige Olof hier in Viken taufte. Du hattest uralte Silberbecher und große
Trinkhörner, die, mit Met gefüllt, von Mann zu Mann wanderten.«
Wieder mußte Berg den Knaben ansehen. Er saß mit herabhängenden Beinen auf
dem Bette, und der Kopf ruhte in den Händen, mit denen er zugleich die
wilde Haarmasse zurückdrängte, die ihm in die Stirn fiel. Das Gesicht war
durch die Krankheit bleich und fein geworden. In den Augen leuchtete noch
das Fieber. Er lächelte die Bilder an, die er vor sich heraufbeschwor: die
geschmückte Halle, die Silberbecher, die festlich gekleideten Gäste und
Berg, den Riesen, der in seiner Väter Saal auf dem Hochsitze thronte. Der
Bauer dachte, daß ihn noch niemand mit solchen vor Bewunderung leuchtenden
Augen angesehen oder ihn in seinen Festkleidern so herrlich gefunden hatte,
wie der Knabe hier ihn in dem abgescheuerten Fellwams fand.
Er wurde gerührt und zornig zugleich. Dieser elende Dieb hatte kein Recht,
ihn zu bewundern.
»Wurden denn in deinem Hause keine Gelage abgehalten?« fragte er.
Tord lachte. »Dort draußen auf der Schäre bei Vater und Mutter! Vater ist
ja ein Wrackplünderer und Mutter eine Hexe! Zu uns will niemand kommen!«
»Deine Mutter ist eine Hexe?«
»Das ist sie,« antwortete Tord ohne jede Befangenheit. »Bei stürmischem
Wetter reitet sie auf einem Seehund zu den Schiffen, über die die
Sturzwellen hinspülen, und wer dann in das Meer geschleudert wird, der
gehört ihr.«
»Was fängt sie mit ihnen an?« fragte Berg.
»Ach, eine Hexe braucht immer Leichen. Sie kocht wohl Salben aus ihnen,
oder vielleicht ißt sie sie. In Mondscheinnächten sitzt sie draußen in der
Brandung, wo sie am weißesten ist, und der Schaum sprüht über sie hin. Es
heißt, daß sie da sitzt und nach den Fingern und Augen ertrunkner Kinder
sieht.«
»Das ist abscheulich,« sagte Berg.
Der Knabe antwortete mit großer Zuversicht: »Es wäre abscheulich für andre,
aber nicht für Hexen. Die müssen es so machen.«
Berg schien es, daß dies eine neue Art war, Welt und Dinge zu betrachten.
»Müssen Diebe auch stehlen, ebenso wie Hexen zaubern müssen?« fragte er
scharf.
»Ja, gewiß,« antwortete der Knabe, »jeder muß tun, wozu er bestimmt ist.«
Aber dann fügte er mit einem versteckten Lächeln hinzu: »Es gibt aber auch
Diebe, die niemals gestohlen haben.«
»Sag doch gerade heraus, was du meinst,« sagte Berg.
Der Knabe lächelte geheimnisvoll, stolz, ein unlösbares Rätsel zu sein. »Es
ist, als spräche man von Vögeln, die nicht fliegen, wenn man von Dieben
spricht, die nicht stehlen.«
Berg, der Riese, stellte sich dumm, um mehr zu erfahren. »Man kann doch
niemanden einen Dieb nennen, der nicht gestohlen hat,« sagte er.
»Nein, freilich nicht,« sagte der Knabe und kniff die Lippen zusammen, wie
um die Worte nicht durchzulassen. »Wenn einer aber einen Vater hätte, der
stiehlt,« warf er nach einem Weilchen hin.
»Geld und Gut erbt man,« wandte Berg ein, »aber den Namen Dieb trägt
keiner, der ihn nicht erworben hat.«
Tord lachte leise. »Und wenn einer eine Mutter hat, die einen bittet und
anfleht, des Vaters Verbrechen auf sich zu nehmen. Und wenn einer dann dem
Henker ein Schnippchen schlägt und in den Wald flieht. Und wenn man dann
für vogelfrei erklärt wird, eines Fischnetzes wegen, das man gar nie
gesehen hat?«
Berg, der Riese, schlug mit geballter Faust auf den Tisch. Er war zornig.
Da war nun dieses schöne junge Blut hingegangen und hatte sein ganzes Leben
fortgeworfen. Nicht Liebe, nicht Reichtum, nicht Ansehen unter Männern
konnte er fürderhin gewinnen. Die elende Sorge um Speise und Trank war
alles, was ihm übrig blieb. Und dieser Tor hatte es geschehen lassen, daß
er, Berg, umherging und einen Unschuldigen verachtete. Er schalt ihn mit
strengen Worten, aber Tord hatte nicht einmal soviel Angst wie das kranke
Kind vor der Mutter, wenn sie es schilt, weil es sich erkältet hat, als es
durch den Frühlingsbach watete.
* * * * *
Auf einem der breiten, bewaldeten Berge lag ein dunkler See. Er war
viereckig, mit so geraden Ufern und so scharfen Winkeln, als wäre er von
Menschen gegraben. Auf drei Seiten war er von steilen Felswänden umgeben,
an die die Tannen sich mit ihren dicken Wurzeln festklammerten. Unten am
See, wo das Erdreich so allmählich weggeschwemmt worden war, ragten diese
Wurzeln aus dem Wasser auf, nackt und gekrümmt, und wunderbar ineinander
verschlungen. Es war wie eine ungeheure Menge Schlangen, die zugleich aus
dem Sumpfsee kriechen wollten, aber sich ineinander verwickelt hatten und
so stehen geblieben waren. Oder es war eine Menge dunkler Skelette
ertrunkner Riesen, die der See ans Land hatte werfen wollen. Arme und Beine
verschlangen sich ineinander, die langen Finger krallten sich in den
harten Fels ein, die ungeheuren Rippen bildeten Rundbogen, die uralte Bäume
trugen. Es war doch vorgekommen, daß die eisernen Arme, die stahlharten
Riesenfinger, mit denen die Tannen sich festklammerten, nachgegeben hatten.
Und ein gewaltiger Nordwind hatte eine Tanne in einem weiten Bogen vom
Berghang bis in den Sumpfsee geschleudert. Mit dem Wipfel voran war sie
tief in den Schlammgrund eingedrungen und dort hängen geblieben. Jetzt
hatte die Fischbrut einen guten Zufluchtsort zwischen ihren Zweigen, aber
die Wurzeln ragten über das Wasser hinaus, wie ein vielarmiges Ungeheuer,
und die schwarzen Wurzelzweige trugen mit dazu bei, den Sumpfsee häßlich
und erschreckend zu machen.
Auf der vierten Seite des Sees senkte sich das Gebirge. Da entführte ein
kleiner, schäumender Bach sein Wasser. Ehe dieser Bach den einzig möglichen
Weg finden konnte, mußte er zwischen Steinen und Erdhügeln suchen und
bildete so eine kleine Welt von Inseln, einige nur eine Scholle groß, andre
etwa zwanzig Bäume tragend.
Hier, wo die umgebenden Berge nicht alle Sonne ausschlossen, gediehen auch
Laubbäume. Hier standen durstige graugrüne Erlen und glattblättrige Weiden.
Die Birke war da, wie sie überall zur Stelle ist, wo es gilt, den Nadelwald
zu verdrängen, und der Faulbaum und die Eberesche, diese beiden, die
gewöhnlich die Waldwiesen besäumen, sie mit ihrem Duft erfüllen und mit
ihrem Reiz umkränzen.
Hier beim Ausfluß war auch ein mannshoher Schilfwald, durch den das
Sonnenlicht grün über das Wasser fiel, wie es im richtigen Walde über das
Moos fällt. Im Schilfe gab es offne Stellen, kleine, runde Teiche, und da
schwammen die Seerosen. Die hohen Halme sahen mit mildem Ernst auf diese
zarten Schönheiten herab, die verdrießlich ihre weißen Blätter und gelben
Stempel in lederharten Hüllen verwahrten, sowie die Sonne sich nicht
zeigen wollte.
An einem sonnigen Tage kamen die Friedlosen an diesen See, um zu fischen.
Sie wateten zu ein paar großen Steinen im Binsenwalde und saßen da und
warfen den grüngestreiften Hechten, die im Wasser schliefen, Köder hin.
Diese Männer, die stets im Walde und im Gebirge umherstreiften, waren, ohne
daß sie selbst darum wußten, ebensosehr unter die Herrschaft der
Naturmächte geraten, wie Pflanzen und Tiere. Bei Sonnenschein wurden sie
offenherzig und mutig, doch des Abends, sobald die Sonne verschwunden war,
verstummten sie, und die Nacht, die ihnen viel größer und gewaltiger
vorkam, als der Tag, machte sie ängstlich und ohnmächtig. Jetzt versetzte
sie das grüne Sonnenlicht, das durch das Schilf einfiel und das Wasser
goldgestreift, braun und schwarzgrün färbte, in eine Art Wunderstimmung.
Die Aussicht war ganz versperrt. Zuweilen wogte das Schilf in einem
unmerklichen Wind, die Halme raschelten und die langen, bandähnlichen
Blätter flatterten ihnen ins Gesicht. Sie saßen in grauen Fellgewändern auf
den grauen Steinen. Die Färbung des Felles ahmte die Tönung des
verwitterten, bemoosten Steines nach. Jeder sah den Gefährten in seinem
Schweigen und seiner Regungslosigkeit in ein Steinbild verwandelt. Aber
drinnen durch das Schilf huschten Riesenfische mit regenbogenfarbenem
Rücken. Als die Männer die Angelhaken auswarfen und sahen, wie sich die
Ringe im Schilf fortpflanzten, wurde die Bewegung immer stärker und
stärker, bis sie merkten, daß sie nicht nur von ihrem Wurf kam. Eine Nixe,
halb Weib, halb glitzernder Fisch, lag in den Wellen und schlief. Sie lag
auf dem Rücken mit dem ganzen Leibe unter dem Wasserspiegel. Die Wellen
schlossen sich so eng an den Körper an, daß sie sie vorher nicht bemerkt
hatten. Ihre Atemzüge ließen die Wellen nicht ruhen. Doch es war nichts
Wunderliches darin, daß sie dalag, und als sie im nächsten Augenblick
verschwunden war, wußten sie nicht recht, ob es nicht nur eine
Sinnestäuschung gewesen war.
Das grüne Licht drang wie ein süßer Rausch durch die Augen in das Hirn. Die
Männer saßen da und starrten stumm vor sich hin, im Schilf Gesichte sehend,
die sie einander nicht anzuvertrauen wagten. Der Fang fiel schlecht aus,
der Tag gehörte Träumen und Offenbarungen.
Da ertönten Ruderschläge im Schilf, und sie schreckten wie aus dem
Schlummer auf. Im nächsten Augenblick zeigte sich ein Eichenstamm, schwer,
ohne jede Kunstfertigkeit ausgehöhlt, moosbewachsen und mit Rudern, schmal
wie Stäbchen. Ein junges Mädchen, das Seerosen geholt hatte, ruderte ihn.
Sie hatte dunkelbraunes Haar, das in schwere Zöpfe geflochten war, und
große dunkle Augen, und sie war seltsam bleich. Aber ihre Blässe schimmerte
rosig und nicht grau. Die Wangen waren nicht lebhafter gefärbt als das
übrige Gesicht, kaum die Lippen. Sie trug ein weißes Leinenleibchen und
einen Ledergürtel mit goldner Schließe. Der Rock war blau mit rotem Saum.
Sie ruderte dicht an den Friedlosen vorbei, ohne sie zu sehen. Sie
verhielten sich atemlos still, doch nicht aus Furcht, gesehen zu werden,
sondern nur um sie so recht sehen zu können. Sobald sie verschwunden war,
verwandelten sie sich gleichsam wieder aus Steinbildern in Menschen. Sie
sahen einander lächelnd an.
»Sie ist weiß wie die Seerosen,« sagte der eine. »Sie ist dunkeläugig wie
das Wasser drüben unter den Tannenwurzeln.«
Sie waren so übermütig, daß sie lachen wollten, richtig lachen, wie man nie
zuvor an diesem See gelacht hatte, lachen, so daß die Felswände von dem
Echo erzitterten und die Wurzeln der Tannen sich vor Schrecken lösten.
»Schien sie dir schön?« fragte Berg, der Riese.
»Ach, ich weiß nicht, ich sah sie ja so kurz. Vielleicht.«
»Du wagtest wohl nicht, sie anzusehen? Du dachtest wohl, sie sei die
Seejungfrau?«
Und wieder schüttelte sie dieselbe törichte Lachlust.
* * * * *
Tord hatte einmal als Kind einen Ertrunkenen gesehen. Er hatte die Leiche
am hellichten Tage am Strand gefunden und war gar nicht erschrocken, aber
nachts hatte er furchtbare Träume geträumt. Er sah ein Meer, in dem jede
Welle einen toten Mann zu seinen Füßen rollte. Er sah auch alle Inseln der
Schären mit Ertrunknen bedeckt, die tot waren und dem Meere gehörten, aber
dennoch sprechen und sich bewegen konnten und ihm drohen mit ihren welken,
weißen Händen.
So ging es ihm auch jetzt. Das Mädchen, das er im Schilfe gesehen hatte,
kam in seinen Träumen wieder. Er traf sie auf dem Grunde des Sumpfsees, wo
das Sonnenlicht noch grüner war als im Schilf, und er hatte Zeit, zu sehen,
daß sie schön war. Er träumte, daß er auf der großen Tannenwurzel mitten in
dem dunklen See kauerte, aber die Tanne schwankte und wiegte sich so, daß
er zuweilen ganz unter Wasser kam. Da erschien sie auf den kleinen
Inselchen. Sie stand unter den roten Ebereschen und lachte ihn aus. Im
letzten Traumbild brachte er es so weit, daß sie ihn küßte. Es ward früher
Morgen, und er hörte, daß Berg aufgestanden war, aber er schloß hartnäckig
die Augen, um weiter zu träumen. Als er erwachte, war er ganz wirr und
betäubt von dem, was ihm in der Nacht widerfahren war. Er dachte jetzt viel
mehr an das Mädchen, als am Tage vorher.
Gegen Abend fiel es ihm ein, Berg, den Riesen, zu fragen, ob er ihren
Namen wisse.
Berg sah ihn prüfend an. »Vielleicht ist es am besten, wenn du es gleich
erfährst,« sagte er. »Es war Unn. Wir sind Verwandte.«
Da wußte Tord, daß um dieser bleichen Maid willen Berg, der Riese, friedlos
durch Wald und Gebirge zog. Tord versuchte sich in Erinnerung zu rufen, was
er von ihr wußte.
Unn war eines reichen Bauern Tochter. Ihre Mutter war tot, so daß sie das
Regiment auf ihres Vaters Hof führte. Dies gefiel ihr, denn sie war
herrschsüchtig, und sie hatte keine Lust, einen Mann zu nehmen.
Unn und Berg, der Riese, waren Geschwisterkinder, und es hieß schon lange,
daß Berg lieber bei Unn und ihren Mägden saß und mit ihnen scherzte, als
daheim auf seinem Hof nach dem Rechten zu sehen. Als nun das große
Weihnachtsgelage bei Berg gefeiert wurde, hatte seine Frau einen Mönch aus
Draksmark eingeladen, denn sie wollte, daß dieser Berg Vorwürfe mache, weil
er sie um einer andern Frau willen vernachlässigte. Dieser Mönch war Berg
und auch vielen andern wegen seines Aussehens verhaßt. Er war sehr feist
und ganz weiß. Das kurze Haar um seinen kahlen Scheitel, die Augenbrauen
über seinen wässerigen Augen, die Gesichtsfarbe, die Hände und die Kutte,
alles war weiß. Viele konnten seinen Anblick kaum ertragen.
Bei der Tafel nun, so daß alle Gäste es hören konnten, sagte dieser Mönch
-- denn er war unerschrocken und meinte, daß seine Worte besser wirken
würden, wenn viele sie vernahmen --: »Man pflegt zu sagen, daß der Kuckuck
der schlechteste der Vögel ist, weil er seine Jungen nicht im eignen Neste
aufzieht, aber hier sitzt ein Mann, der nicht für Heim und Kinder sorgt,
sondern seine Lust bei einem fremden Weibe sucht. Ihn will ich den
schlechtesten der Männer nennen.« -- Da stand Unn auf. »Dies, Berg, geht
auf dich und mich,« sagte sie. »Nie bin ich so beschimpft worden, aber
freilich, mein Vater ist ja auch nicht mit beim Gelage.« Sie wendete sich,
um zu gehen, aber Berg eilte ihr nach. »Rühre mich nicht an,« rief sie.
»Nie mehr will ich dich sehen.« Er erreichte sie in der Vorhalle und fragte
sie, was er tun solle, damit sie bliebe. Da hatte sie mit flammenden Augen
geantwortet, das müsse er selbst am besten wissen. Da ging Berg hin und
erschlug den Mönch.
Jetzt waren Berg und Tord in dieselben Gedanken versunken, denn nach einem
Weilchen sagte Berg: »Du hättest sie, Unn, sehen sollen, als der weiße
Mönch gefallen war. Meine Frau versammelte die kleinen Kinder um sich und
fluchte ihr. Sie wendeten ihre Gesichter Unn zu, damit sie sich auf ewige
Zeiten die einprägten, die ihren Vater zum Mörder gemacht hatte. Aber Unn
stand gelassen da und so schön, daß die Männer erbebten. Sie dankte mir für
die Tat und hieß mich allsogleich in den Wald ziehen. Sie ermahnte mich,
kein Räuber zu werden und nicht eher zum Messer zu greifen, als bis ich es
für eine ebenso gerechte Sache brauchen könnte.«
»Deine Tat hatte sie erhöht,« sagte Tord.
Hier stand nun Berg vor demselben Rätsel, worüber er sich schon früher bei
dem Knaben gewundert hatte. Er war wie ein Heide, schlimmer als ein Heide,
er verurteilte niemals das, was unrecht war. Er kannte keine
Verantwortlichkeit. Was geschehen mußte, das geschah. Gott, Christus und
die Heiligen kannte er, aber nur dem Namen nach, so wie man die Götter
fremder Länder kennt. Die Gespenster der Schären waren seine Götter. An die
Geister der Toten hatte seine zauberkundige Mutter ihn glauben gelehrt.
Da machte sich Berg, der Riese, an ein Werk, das ebenso töricht war, als
wenn er einen Strick für seinen eignen Hals gedreht hätte. Er stellte dem
Unwissenden den großen Gott vor Augen, den Herrn der Gerechtigkeit, den
Rächer der Missetaten, der die Schuldigen in ewige Pein hinabstürzt. Und er
lehrte ihn Christus und seine Mutter lieben, und die heiligen Männer und
Frauen, die mit gefalteten Händen vor Gottes Thron liegen, um den Zorn des
großen Rächers von den sündigen Scharen abzuwenden. Er lehrte ihn alles,
was die Menschen tun, um Gottes Zorn zu versöhnen. Er zeigte ihm die
Pilgerscharen, die zu heiligen Stätten ziehen, die selbstquälerischen Büßer
und die Flucht der Mönche vom Weltleben.
Und während er sprach, wurde der Knabe eifriger und blasser, seine Augen
öffneten sich weit wie vor furchtbaren Gesichten. Berg, der Riese, wollte
aufhören, aber der Strom der Gedanken riß ihn fort, und er sprach weiter.
Die Nacht senkte sich auf sie herab, die schwarze Waldesnacht, in der die
Käuzchen schreien. Gott kam ihnen so nahe, daß sie sahen, wie sein Thron
die Sterne verdeckte, und wie die strafenden Engel sich auf die Waldwipfel
herabsenkten. Aber unter ihnen loderten die Flammen der Unterwelt zu der
platten Scheibe der Erde empor und beleckten gierig diesen schwanken
Zufluchtsort qualbedrückter Menschengeschlechter.
* * * * *
Der Herbst war gekommen, und ein scharfer Sturm wehte. Tord ging allein
durch den Wald, um Schlingen und Fallen zu untersuchen. Berg, der Riese,
saß daheim und besserte seine Kleider aus. Tords Weg führte hinauf zu einer
bewaldeten Höhe. Der Pfad war breit.
Jeder Windstoß, der durch die dichten Bäume dringen konnte, fegte das
trockne Laub in raschelnden Wirbeln den Pfad hinan. Tord kam es einmal ums
andre vor, als ob jemand hinter ihm ginge. Er sah sich oft um. Zuweilen
blieb er stehen, um zu lauschen, aber dann merkte er, daß es die Blätter
und der Wind waren, und er ging weiter. Sobald er wieder zu gehen begann,
hörte er jemanden auf leisen Sohlen den Hügel hinauftanzen. Kleine
Kinderfüße kamen getrippelt. Elfen und Waldgeister spielten hinter ihm.
Wenn er sich umwendete, war niemand da, gar niemand. Er ballte die Faust
gegen die raschelnden Blätter und ging weiter. Sie verstummten nicht, aber
sie nahmen einen andern Ton an. Sie begannen hinter ihm zu zischen und zu
schnauben. Eine große Natter glitt heran, die gifttriefende Zunge hing ihr
aus dem Munde, und der blanke Leib hob sich leuchtend von den
verschrumpften Blättern ab. Neben der Schlange schlich ein Wolf, ein
großer, magrer Geselle, der sich bereit hielt, ihm an den Nacken zu fahren,
wenn die Natter sich zwischen seine Füße schlängelte und ihn in die Ferse
stach. Manchmal waren sie beide ganz still, wie um ihm unbemerkt zu nahen,
aber gleich darauf verriet sie das Zischen und Schnauben, und zuweilen
schlugen die Wolfsklauen klirrend an einen Stein. Tord ging unwillkürlich
immer rascher, aber die Tiere eilten ihm nach. Als er glaubte, daß sie nur
zwei Schritte entfernt waren und zum Sprunge ansetzten, drehte er sich um.
Es war niemand da, und das hatte er die ganze Zeit gewußt.
Er setzte sich auf einen Stein, um sich auszuruhen. Da gaukelten die
trocknen Blätter zu seinen Füßen, wie um ihn zu ergötzen. Da waren sie,
alle Blätter des Waldes: lichtgelbes, zartes Birkenlaub, rotgesprenkelte
Ebereschenblätter, die trocknen schwärzlichbraunen Blätter der Ulme, die
zähen lichtroten der Espe, und die goldgrünen der Palmweide. Verwandelt und
verschrumpft, narbig und abgestoßen waren sie, sehr verschieden von den
daunenweichen, lichtgrünen feingeformten Blättchen, die sich vor ein paar
Monaten aus den Knospen entrollt hatten.
»Sünder,« sagte der Knabe, »Sünder, nichts ist rein vor Gott. Die Flammen
seines Zornes haben euch schon erreicht.«
Als er seine Wanderung fortsetzte, sah er den Wald unter sich wogen wie ein
sturmgepeitschtes Meer, doch unten auf dem Pfade war es still und ruhig. Er
hörte nun, was er nie vernommen hatte. Der Wald war voll Stimmen.
Es klang wie Flüstern, wie Klagelieder, wie barsche Drohungen, wie
dröhnende Flüche. Es lachte, und es klagte, es war wie das Lärmen von
vielen Menschen. Dieses, was hetzte und aufreizte, was raschelte und
zischte, was etwas zu sein schien und doch nichts war, machte seine
Gedanken wild. Er fühlte wieder Todesangst wie damals, als er auf dem Boden
seiner Höhle lag und die Menschenjagd durch den Wald zog. Wieder hörte er
das Knacken von Zweigen, die schweren Schritte der Volksmenge, das Klirren
der Waffen, die dröhnenden Rufe, das wilde, blutdürstige Gemurmel, das aus
der Menge aufstieg.
Doch nicht nur dies allein lag im Waldsturm. Etwas andres, noch
Schrecklicheres, Stimmen, die er nicht deuten konnte, ein Gewirr von
Stimmen, die eine fremde Sprache zu sprechen schienen. Er hatte gewaltigere
Stürme als diesen durch das Takelwerk brausen gehört. Aber nie zuvor hatte
er den Wind auf einer so vielstimmigen Harfe spielen hören. Jeder Baum
hatte seine Stimme, die Tanne rauschte nicht wie die Espe, die Pappel nicht
wie die Eberesche. Jede Kluft hatte ihren Ton, das Echo jeder Felswand
seinen eignen Klang. Und das Rieseln der Bäche und der Schrei des Fuchses
mischte sich in den wunderlichen Waldsturm. Doch alles das konnte er
deuten, es ertönten andre, wunderbarere Laute. Und diese bewirkten es, daß
es anfing, in ihm um die Wette mit dem Sturme zu schreien, hohnzulachen
und zu jammern.
Er hatte sich immer gefürchtet, wenn er allein im Waldesdunkel war. Er
liebte das offne Meer und die nackten Klippen. Zwischen den Bäumen
schlichen Geister und Schatten einher.
Mit einem Male hörte er, wer es war, der im Sturme sprach. Gott war es, der
große Rächer, der Gott der Gerechtigkeit. Er verfolgte ihn des Freundes
wegen. Er verlangte, daß er den Mörder des Mönches seiner Rache ausliefere.
Da begann Tord mitten im Sturme zu sprechen. Er sagte Gott, was er hatte
tun wollen, aber nicht vermocht hatte. Er hatte Berg, den Riesen, bitten
wollen, sich mit Gott zu versöhnen, aber er war zu schüchtern gewesen. Die
Scheu hatte ihn stumm gemacht. »Als ich erfuhr, daß die Erde von einem
gerechten Gott gelenkt wird,« rief er, »da erkannte ich, daß er ein
verlorener Mann sei. Nächtelang habe ich dagelegen und über meinen Freund
geweint. Ich wußte, daß Gott ihn finden muß, wo er sich auch verbergen mag.
Aber ich vermochte nicht zu sprechen. Ich fand keine Worte, weil ich ihn zu
sehr liebe. Verlange nicht, daß ich mit ihm spreche, verlange nicht, daß
das Meer sich so hoch wie die Berge erhebe.«
Er verstummte, und im Sturme verstummte die tiefe Stimme, die für ihn
Gottes Stimme gewesen war. Mit einem Male kam Windstille und greller
Sonnenschein und ein Plätschern wie von Rudern und ein leises Rascheln wie
von steifen Schilfblättern. Diese sanften Laute zauberten ihm Unns Bild vor
die Seele. -- Der Friedlose kann nichts gewinnen, nicht Hab und Gut, nicht
Frauen, nicht Ansehen unter den Männern. -- Wenn er Berg verriet, kam er
wieder unter die Hut der Gesetze. -- Aber Unn mußte Berg lieben, nach dem,
was er für sie getan hatte. Aus alledem gab es keinen Ausweg.
Als der Sturm zunahm, hörte er wieder Schritte hinter sich und ab und zu
ein atemloses Keuchen. Jetzt wagte er nicht, sich umzusehen, denn er wußte,
daß der weiße Mönch hinter ihm war. Er kam von dem Feste in Bergs Hause,
blutbespritzt mit einer klaffenden Wunde in der Stirn. Und er flüsterte:
»Gib ihn an, verrate ihn, rette seine Seele. Überliefre seinen Leib dem
Scheiterhaufen, auf daß seine Seele verschont werde. Überantworte ihn der
langen Qual der Folterbank, auf daß seine Seele Zeit habe, zu bereuen.«
Tord eilte weiter. All das Erschreckende, das an und für sich nichts war,
wuchs, da es so unaufhörlich seine Seele verfolgte, zu etwas Großem,
Entsetzlichem an. Er wollte ihm entfliehen, doch wie er zu laufen begann,
ertönte wieder die tiefe, furchtbare Stimme, die die Stimme Gottes war.
Gott selbst jagte ihn mit Schreckschüssen, damit er den Mörder ausliefre.
Verabscheuungswürdiger denn je stand Bergs Verbrechen vor ihm. Ein
waffenloser Mann war ermordet, ein Gottesmann mit blankem Stahl durchbohrt
worden. Das hieß dem Herrn der Welten trotzen. Und der Mörder wagte, zu
leben. Er freute sich des Sonnenlichtes und der Früchte der Erde, als ob
der Arm des Allmächtigen zu kurz wäre, um ihn zu erreichen.
Er blieb stehen, ballte die Fäuste und schrie drohende Worte. Dann eilte er
wie ein Wahnsinniger aus dem Walde, aus dem Schreckensreiche in das Tal
hinab.
* * * * *
Tord brauchte sein Anliegen nur auszusprechen, so waren sogleich zehn
Männer bereit, ihm zu folgen. Es wurde beschlossen, daß Tord allein in die
Höhle gehen sollte, damit Berg nicht mißtrauisch werde. Aber unterwegs
sollte er Erbsen ausstreuen, damit die Männer den Weg finden konnten.
Als Tord in die Höhle trat, saß der Vogelfreie auf der Steinbank und
nähte. Der Feuerschein war matt, und die Arbeit schien schlecht vonstatten
zu gehen. Das Herz des Knaben schwoll von Mitleid. Der herrliche Berg
deuchte ihm arm und unglücklich. Und das einzige, was er sein Eigen nannte,
das Leben, sollte ihm nun genommen werden. Tord begann zu weinen.
»Was hast du?« fragte Berg. »Bist du krank? Bist du erschrocken?«
Zum ersten Male erzählte da Tord von seiner Angst. »Es war unheimlich im
Walde. Ich hörte Geister und sah Gespenster. Ich sah weiße Mönche.«
»Gottes Tod, Junge!«
»Sie lasen mir die ganze Zeit die Messe, den ganzen Weg zum Bredfelsen
hinauf. Ich lief, so rasch ich konnte, aber sie kamen mit und sangen. Kann
ich das Unwesen nicht loswerden? Was habe ich mit ihnen zu schaffen? Ich
meine, sie könnten einem die Messe lesen, der es nötiger hat.«
»Bist du heute abend ganz toll, Tord?«
Tord sprach und wußte kaum, welcher Worte er sich bediente. Alle Scheu war
von ihm gewichen. Unbehindert strömte die Rede von seinen Lippen.
»Es sind lauter weiße Mönche, weiß, leichenblaß. Alle haben sie Blut auf
der Kutte. Sie ziehen die Kapuze tief in die Stirn, aber die Wunde leuchtet
doch hervor. Die große, rote, klaffende Wunde nach dem Axthieb.«
»Die große, rote, klaffende Wunde nach dem Axthieb?«
»Habe ich sie vielleicht geschlagen? Warum muß ich sie sehen?«
»Das mögen die Heiligen wissen, Tord,« sagte Berg, der Riese, bleich und
mit düsterm Ernst, »was es bedeutet, daß du eine Wunde von einem Axthieb
siehst. Ich habe den Mönch mit ein paar Messerstichen getötet.«
Tord stand nun zitternd vor Berg und rang die Hände. »Sie verlangen dich
von mir. Sie wollen mich zwingen, dich zu verraten.«
»Wer? Die Mönche?«
»Ja, gewiß, die Mönche. Sie zeigen mir Gesichte. Sie zeigen mir sie, Unn.
Sie zeigen mir das glitzernde, sonnenblanke Meer. Sie zeigen mir die
Lagerplätze der Fischer, wo Tanz und Fröhlichkeit herrscht. Ich schließe
die Augen, aber ich sehe dennoch. Laßt mich in Frieden, sage ich. Mein
Freund hat gemordet, aber er ist nicht böse. Laßt mich gehen, und ich will
mit ihm sprechen, damit er bereut und Buße tut. Er wird seine Sünde
gestehen und zu Christi Grab pilgern. Wir beide werden zu den Stätten
wallfahrten, die so heilig sind, daß alle Sünde von dem genommen wird, der
ihnen naht.«
»Was antworteten da die Mönche?« fragte Berg. »Sie wollen meine Rettung
nicht. Sie wollen mich auf den Scheiterhaufen und auf die Folterbank
bringen.«
»Soll ich den treuesten Freund verraten, frage ich sie,« fuhr Tord fort.
»Er ist mein alles auf Erden. Er hat mich vom Bär errettet, dessen Pranken
auf meiner Kehle lagen. Wir haben zusammen gefroren und alles Ungemach
erduldet. Er hat sein eignes Bärenfell über mich gebreitet, als ich krank
lag. Ich habe Holz und Wasser für ihn getragen, ich habe seinen Schlummer
bewacht, ich habe seine Feinde hinters Licht geführt. Warum glauben sie,
daß ich solch einer bin, der einen Freund verrät? Mein Freund wird bald aus
freien Stücken zum Priester gehen und beichten, dann ziehen wir zusammen in
das Land der Versöhnung.«
Berg lauschte ernst. Seine Augen durchforschten scharf Tords Gesicht. »Du
sollst selbst zum Priester gehen und ihm die Wahrheit sagen,« sagte er.
»Du mußt wieder hinab zu den Menschen.«
»Was hilft es mir, wenn ich allein gehe?! Um deiner Sünde willen verfolgt
mich der Tote und alle Schatten. Siehst du nicht, wie mir vor dir graut? Du
hast deine Hand gegen Gott selbst erhoben. Kein Verbrechen ist so wie
deines. Es ist mir, als müßte ich mich freuen, wenn ich dich an Rad und
Galgen sähe. Wohl dem, der in dieser Welt seine Strafe empfängt und dem
künftigen Zorn entgeht. Warum sprachst du zu mir von dem gerechten Gott? Du
zwingst mich, dich zu verraten. Hilf mir von dieser Sünde. Gehe zum
Priester.« Und er fiel vor Berg auf die Knie.
Der Mörder legte die Hand auf seinen Kopf und sah ihn an. Er mußte seine
Sünde an der Angst des Gefährten messen. Und sie stand groß und grauenvoll
vor seiner Seele. Er sah sich im Kampfe gegen den Willen, der die Welt
lenkt. Die Reue hielt Einzug in sein Herz.
»Weh mir, daß ich tat, was ich getan,« sagte er. »Was meiner harrt, das ist
zu schwer, um es freiwillig auf sich zu nehmen. Liefre ich mich den
Priestern aus, so werden sie mich in stundenlangen Qualen martern. Sie
werden mich auf langsamem Feuer braten. Und ist nicht dieses Leben des
Elends, das wir in Angst und Not führen, Buße genug? Habe ich nicht Hof und
Heim verloren? Lebe ich nicht fern von Freunden, fern von allem, was eines
Mannes Freude ist? Wessen bedarf es noch?«
Als er so redete, sprang Tord in wildem Entsetzen auf. »Kannst du bereuen?«
rief er. »Können meine Worte dein Herz rühren? O, dann komm gleich! Wie
konnte ich dies glauben! Komm mit und fliehe! Noch ist es Zeit!«
Berg, der Riese, sprang auch auf. »Du hast es also getan --«
»Ja, ja, ja. Ich habe dich verraten. Aber komm jetzt rasch, da du bereuen
kannst! Sie werden uns ziehen lassen! Wir müssen ihnen entkommen!«
Da beugte sich der Mörder zum Boden herab, wo seine von den Vätern ererbte
Streitaxt zu seinen Füßen lag. »Du Sohn eines Diebes,« sagte er, die Worte
hervorzischend. »Dir habe ich getraut. Dir bin ich gut gewesen.«
Aber als Tord sah, wie er sich nach der Axt bückte, da wußte er, daß es nun
sein Leben galt. Er riß seine eigne Axt aus dem Gürtel und schlug nach
Berg, ehe dieser sich noch aufrichten konnte. Die Schneide fuhr zischend
durch die Luft und drang in den herabgebeugten Kopf. Berg, der Riese, fiel
mit dem Kopfe nach vorn zu Boden, der ganze Körper taumelte nach. Blut und
Hirn spritzte heraus, die Axt fiel aus der Wunde. In dem struppigen Haar
sah Tord ein großes, rotes, klaffendes Loch nach einem Axthieb.
Jetzt stürzten die Bauern herein. Sie freuten sich und priesen die Tat.
»Jetzt steht deine Sache gut,« sagten sie zu Tord.
Tord sah auf seine Hände herab, als sähe er da die Fesseln, mit denen er
herangeschleift worden war, um den zu töten, den er liebte. Sie waren wie
die des Fenriswolfes, aus nichts geschmiedet. Aus den grünen Lichtern des
Schilfes, aus dem Spiel der Waldschatten, aus dem Gesang des Sturmes, aus
dem Rascheln des Laubes, aus dem Zauber der Träume waren sie gewoben. Und
er sagte laut: »Gott ist groß!«
Aber wieder verfiel er in seine frühern Gedanken. Er sank neben der Leiche
auf die Knie und legte seinen Arm unter den Kopf des Freundes.
»Tut ihm nichts zuleide,« sagte er. »Er bereut, er will zum Heiligen Grabe
pilgern. Er ist nicht tot, aber fesselt ihn nicht. Wir waren gerade bereit,
zu gehen, da fiel er. Der weiße Mönch wollte wohl nicht, daß er bereue,
aber Gott, der Gott der Gerechtigkeit, liebt die Reue.«
Er blieb neben der Leiche liegen, sprach mit ihr, weinte und flehte den
Toten an, aufzuwachen. Die Bauern bereiteten aus einigen Speeren eine
Bahre. Sie wollten die Leiche des Bauern herab auf seinen Hof tragen. Sie
hatten Ehrfurcht vor dem Toten und sprachen leise in seiner Nähe. Als sie
ihn auf die Bahre hoben, stand Tord auf, schüttelte die Haare aus dem
Gesicht und sprach mit einer Stimme, die vor Schluchzen zitterte:
»So saget denn Unn, die Berg, den Riesen, zum Mörder machte, daß er von
Tord, dem Fischer, dessen Vater ein Wrackplünderer und dessen Mutter eine
Hexe ist, erschlagen ward, weil er ihn lehrte, daß die Grundfeste dieser
Erde Gerechtigkeit heißt.«
Reors Geschichte
War da ein Mann, der hieß Reor. Er war aus Fuglekärr im Kirchspiel
Svarteborg und galt für den besten Schützen der Gegend. Er wurde getauft,
als König Olof die alte Lehre in Viken ausrottete, und war fortab ein
eifriger Christ. Er war von freier Geburt, aber arm, schön, aber nicht
hochgewachsen, stark, aber sanft. Er zähmte junge Fohlen mit Blick und Wort
allein, und er konnte mit einem einzigen Zuruf die kleinen Vöglein an sich
locken. Er hielt sich fast immer im Walde auf, und die Natur hatte große
Macht über ihn. Das Wachstum der Pflanzen und das Knospen der Bäume, das
Spiel der Hasen in den Waldlichtungen und der Sprung des Barsches in dem
abendstillen See, der Kampf der Jahreszeiten und der Wechsel der Witterung,
dies waren die Hauptgeschehnisse in seinem Leben. Schmerz und Freude
bereitete ihm derlei, und nicht das, was sich unter den Menschen zutrug.
Eines Tages tat der geschickte Jäger einen guten Fang. Er traf im tiefen
Waldesdickicht einen alten Bären und erlegte ihn mit einem einzigen Schuß.
Die scharfe Spitze des großen Pfeiles drang in das Herz des Gewaltigen, und
er sank dem Jäger tot zu Füßen. Es war Sommer, und der Pelz des Bären war
weder dicht noch glatt, dennoch zog der Schütze ihn ab, rollte ihn zu einem
harten Bündel zusammen und ging mit dem Bärenfell auf dem Rücken weiter.
Er war noch nicht lange gewandert, als er einen überaus starken Honigduft
verspürte. Der kam von den kleinen, blühenden Pflanzen, die den Boden
bedeckten. Sie wuchsen auf dünnen Stielen, hatten lichtgrüne, glatte
Blätter, die sehr schön geädert waren, und auf der Spitze des Stengels ein
kleines Büschelchen, das dicht mit weißen Blüten besetzt war. Die kleinen
Kronen waren nach winzigem Maßstabe geraten, doch aus ihnen ragte eine
kleine Bürste von Stempeln auf, deren blütenstaubgefüllte Knöpfchen auf
weißen Saiten zitterten. Reor dachte, während er so unter ihnen einherging,
daß diese Blumen, die einsam und unbemerkt im Waldesdunkel standen,
Botschaft um Botschaft, Ruf um Ruf aussandten. Der starke honigsüße Duft
war ihr Ruf, der verbreitete die Kunde ihres Daseins weit unter die Bäume
und hoch hinauf in die Wolken. Aber es lag etwas Beängstigendes in dem
schweren Duft. Die Blumen hatten ihre Becher gefüllt und ihre Tischlein
gedeckt, der geflügelten Gäste harrend, aber niemand kam. Sie sehnten sich
zu Tode in ihrer trüben Einsamkeit in dem dunkeln, windstillen
Waldesdickicht. Sie schienen schreien und jammern zu wollen, weil die
schönen Schmetterlinge nicht kamen, um bei ihnen zu Gaste zu sein. Da, wo
die Blumen am dichtesten beisammen standen, deuchte es ihn, als sängen sie
zusammen ein eintöniges Lied: »Kommt, ihr schönen Gäste, kommt heute, denn
morgen sind wir tot. Morgen liegen wir auf dem trocknen Laub.«
Doch es sollte Reor vergönnt sein, das frohe Ende des Blumenmärchens zu
sehen. Er vernahm hinter sich ein Flattern wie das allerleiseste Lüftchen
und sah einen weißen Schmetterling im Dunkel zwischen den dicken Stämmen
umherirren. Unruhig suchend flog er hin und wieder, als wüßte er den Weg
nicht. Er war nicht allein, ein Schmetterling nach dem andern tauchte im
Dunkel auf, bis endlich ein ganzes Heer der weißbeschwingten Honigsucher
versammelt war. Aber der erste war der Anführer, und er fand, vom Dufte
geleitet, die Blumen. Nach ihm kam das ganze Schmetterlingsheer
herangestürmt. Es stürzte sich auf die sehnsüchtigen Blumen, wie der Sieger
sich auf die Beute stürzt. Wie ein Schneefall von weißen Flügeln senkten
sie sich auf sie herab. Und nun gab es ein Fest- und Trinkgelage um jede
Blume. Der Wald war voll von stillem Jubel.
Reor ging weiter. Doch nun war es, als folgte ihm der honigsüße Duft auf
dem Fuße, wohin er auch ging. Und er empfand, daß sich drinnen im Walde
eine Sehnsucht verbarg, stärker als die der Blumen. Daß da etwas war, was
ihn zu sich zog, so wie die Blumen die Schmetterlinge angelockt hatten. Er
ging mit einer stillen Freude im Herzen einher, so, als harrte er eines
großen unbekannten Glückes. Das einzige, was ihn ängstigte, war, ob er auch
den Weg zu diesem finden konnte, was sich nach ihm sehnte.
Vor ihm auf dem schmalen Pfade kroch eine weiße Schlange. Er bückte sich,
um das glückbringende Tier aufzuheben, aber die Schlange glitt ihm aus den
Händen und eilte rasch den Pfad hinauf. Da rollte sie sich zusammen und lag
still, doch als der Schütze wieder nach ihr griff, glitt sie so glatt wie
Eis zwischen seinen Fingern durch. Nun war Reor ganz und gar darauf
erpicht, das klügste der Tiere zu besitzen. Er lief der Schlange nach,
konnte sie aber nicht erreichen, und sie lockte ihn von dem Pfade fort auf
den ungebahnten Waldboden.
Dieser war mit Föhren bestanden, und in einem Föhrenwalde findet man selten
Rasen. Aber jetzt verschwand plötzlich das trockne Moos und die braunen
Nadeln, Farrenkräuter und Preißelbeerbüsche zogen sich zurück, und Reor
fühlte seidenweiches Gras unter seinen Füßen. Über der grünen Matte
zitterten federleichte Blumenrispen auf sanftgeneigten Stengeln, und
zwischen den langen schmalen Blättern zeigten sich die kleinen,
halberblühten Blumen der Steinnelke. Es war nur eine ganz kleine Stelle,
und darüber breiteten die hochstämmigen Föhren ihre knorrigen, braunen Äste
mit dichten Nadelbüscheln. Doch zwischen diesen konnten die Sonnenstrahlen
viele Wege zur Erde finden, und es war erstickend heiß.
Aber gerade vor dieser kleinen Wiese erhob sich eine Felswand lotrecht aus
dem Boden. Sie lag im hellen Sonnenschein, und man sah deutlich die
moosigen Steinflächen, die frischen Brüche, da wo der Winterfrost zuletzt
gewaltige Blöcke gelöst hatte, die großen Stauden Steinwurz, die die
braunen Wurzeln in erdgefüllte Spalten drängten, und die zollbreiten
Absätze, wo die Säulenflechte ihre rotgestreiften Pokale aufrichtete und
eine grasgrüne Moosart auf nadelfeinen Stiftchen die kleinen grauen Mützen
erhob, die ihre Befruchtungsorgane enthielten.
Diese Felswand schien in allen Stücken jeder andern Felswand zu gleichen,
aber Reor bemerkte sogleich, daß er gerade vor die Giebelwand einer
Riesenbehausung gekommen war, und er entdeckte unter Moos und Flechten die
großen Angeln, auf denen das Steintor des Berges sich drehte.
Er glaubte jetzt, daß die Schlange sich in das Gras verkrochen habe, um
sich da zu verbergen, bis sie unbemerkt in den Felsen schlüpfen konnte,
und er gab die Hoffnung auf, sie zu fangen. Er spürte jetzt wieder den
honigsüßen Duft der sehnsüchtigen Blumen und merkte, daß hier oben unter
der Bergwand eine erstickende Hitze herrschte
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