Aus tiefem Schacht
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Title: Aus tiefem Schacht
Author: Fedor von Zobeltitz
Release date: May 15, 2010 [eBook #32391]
Language: German
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Aus tiefem Schacht
Roman von
Fedor von Zobeltitz
Stuttgart 1915
Verlag von J. Engelhorns Nachf.
Alle Rechte, namentlich das Übersetzungsrecht, vorbehalten
Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart
Erstes Kapitel
Hedda stand mitten unter dem Hühnervolk und sah mit andächtiger Miene
zu, wie die Magd das Futter auswarf. Der Hühnerhof war ihre besondere
Vorliebe, und für ihn verschwendete sie reuelos, was von den
Erträgnissen der kleinen Wirtschaft übrig blieb. Es gab da allerhand
sonderbares Getier, das mit unserm braven deutschen Haushuhn nur eine
sehr entfernte Ähnlichkeit hatte und das Hedda aus weither bezogenen
Eiern hatte ausbrüten lassen: ganz kleine, zierliche Geschöpfe mit
bronzefarbenem Gefieder und wieder riesengroße, mit breiten Federlappen
an den Füßen und buschigem Kamme, Perlhühner und solche aus Cochinchina,
Liliputaner aus Java und ähnliche Arten, die sich nicht leicht züchten
ließen und zärtlich behandelt sein wollten.
Dörthe streute die Körner mit der rechten Hand unter das gackernde Volk,
während sie mit der Linken die Futterschwinge hielt. Die Verehrung für
das Hühnervolk hatte sie von ihrer Herrin geerbt; das frische,
sonnenbraune, bildhübsche Gesicht der Dirne strahlte vor Vergnügen.
»Der große Gottlieb frißt uns noch tot,« sagte sie, lachend ihre blanken
Zahnreihen zeigend. »Nee gnä'ges Fräulein -- was _der_ fressen kann!!
Und den Zwerghühnern nimmt er immer ihr bißchen Futter weg; man merkt,
daß er ausländ'sch ist.«
Hedda nickte. »Er ist nur gegen die eigne Art galant,« erwiderte sie;
»die Menschen machen's nicht anders.«
Dann fragte sie nach dem Vater Dörthes. Der war Stellmacher unten im
Dorfe und hatte sich kürzlich eine leichte Lungenentzündung geholt. Aber
es ging ihm schon besser; der Doktor war dreimal dagewesen -- nun
brauchte er nicht mehr zu kommen. Morgen oder übermorgen konnte der
alte Klempt wieder an die Arbeit gehen.
»Hat er denn viel zu tun?« fragte Hedda.
»O ja, gnä'ges Fräulein,« entgegnete Dörthe lebhaft und klappte die
Futterschwinge aus, damit auch nicht das letzte Körnlein verloren gehe.
»Seit Kommerzienrats drüben wohnen, könnte er sechs Arme haben. Da
gibt's immerwährend was!«
Sie trieb die Hühner davon, die sie noch immer umringten und an ihr
emporzuflattern versuchten.
Hedda schritt quer über den Wirtschaftshof und trat in den kleinen
Vorderpark, in dem das Rosenrundell in voller Blüte stand. Es war in der
fünften Nachmittagsstunde und noch ziemlich heiß. Aber das junge Mädchen
spürte von der Hitze nicht viel. Hedda behauptete, ihr kühles Herz
temperiere sie so völlig, daß sie gegen jede sommerliche Bosheit
geschützt sei. Sie gehörte zu jenen blonden Schönheiten, die in der Tat
eine beständige Frische auszuströmen scheinen. Obwohl sie erst Anfangs
der Zwanzig war, machte sie doch einen reiferen Eindruck. Mit ihrer
großen, stattlichen Gestalt und der vollen Büste hätte man sie für eine
junge Frau halten können.
Auf der glasüberdachten Veranda des Herrenhauses blieb sie stehen und
schaute hinab auf das Dorf. Der Baronshof lag auf einer Anhöhe. Man
erzählte sich, der Großvater des jetzigen Besitzers, des Freiherrn von
Hellstern, habe ihn auf derselben Stelle erbaut, auf der ehemals das
alte Schloß gestanden habe. Das kannte man freilich nur noch der Sage
nach. Den Hellsterns war es ergangen wie manch anderm alten Geschlechte.
Die Ahnen hatten nichts übrig gelassen für die Nachkömmlinge. Freilich
-- der Letzte im Mannesstamme hatte sich lange und bitter genug gewehrt
gegen den Untergang, mit Kraft und mit Zähigkeit, mit hartem Schädel und
beiden Fäusten. Aber schließlich hatte er doch den aussichtslosen Kampf
aufgeben und die Waffen strecken müssen. Das war mit vollen Ehren
geschehen, und die Leute sagten, er könne noch froh sein, daß
Kommerzienrat Schellheim ihm seinen Landbesitz abgekauft habe, und daß
der Baron nun in Frieden seine alten Tage auf der Scholle seiner Väter
verleben könne. Denn Herrenhaus und Hof hatte er behalten; der
Kommerzienrat legte keinen Wert auf die halbverfallenen Baulichkeiten --
er wohnte drüben in seinem neuen Schloß, das mit glänzenden
Fensterreihen vom Auberge hinab zum Tale grüßte.
Hedda hatte die Hände auf dem Rücken verschränkt. Im Sonnendunst des
Tages verschwamm der kaum eine Wegstunde entfernte Auberg mit seiner
modernen Ritterburg in bläulich-grauen Nebelschleiern. Die ganze
Umgebung war reich an Wald und Höhen. Die Landschaft erinnerte mehr an
Thüringen als an die vielgeschmähte Streusandbüchse des heiligen
römischen Reichs. Dunkle Linien begrenzten in unregelmäßigen Kurven den
Horizont: weit ausgedehnte Kiefernforsten, die mit wunderschön
gepflegten, unter fiskalischer Verwaltung stehenden Buchen- und
Eichenwaldungen wechselten. Durch die breite Talmulde, in deren Mitte
das Dorf Oberlemmingen lag, rann ein Nebenfluß der Oder, die kleine
Barbe, die aber zur Zeit der Schneeschmelze gar stattlich anwachsen
konnte. Sie trennte das Tal in zwei ziemlich gleiche Hälften, und hüben
und drüben wuchsen aus flacher Sohle zwei Anhöhen empor, der Auberg und
der Lemminger Zacken, auf dem der Baronshof lag.
Hedda trat in das Haus. Es war ein alter, viereckiger Kasten mit hohem,
schrägem Ziegeldach, so wie man zu friderizianischer Zeit auf dem Lande
zu bauen pflegte. Und es war schon richtig: man spürte überall, daß das
Gebäude arg vernachlässigt worden war. Ställe und Scheunen hatte der
Freiherr stets in sauberster Ordnung gehalten, aber für das Herrenhaus
tat er nicht viel. Er war nicht verwöhnt, war mehr eine soldatische
Natur. Es war ihm herzlich gleichgültig, daß die alten Ledertapeten im
Speisezimmer immer schwärzer wurden, und daß in den Korridoren der Putz
von der Decke fiel -- auch jetzt noch, wo er durch den Verkauf seines
Landbesitzes wenigstens ein sorgenloses Auskommen hatte. Es gab immer
einen kleinen Kampf zwischen ihm und Hedda, wenn die letztere Handwerker
ins Haus bestellte, um die notwendigsten Ausbesserungen vornehmen zu
lassen.
Das Zimmer, das Hedda bewohnte, war das freundlichste auf dem ganzen
Baronshofe. Es lag im ersten Stockwerk, nach hinten hinaus, mit dem
Ausblick auf den schönsten Teil des Parks, war groß, luftig und sonnig
und mit dem bunten Komfort eines Backfischchens eingerichtet, das sich
sein Heiligtum nach Möglichkeit hübsch zu machen sucht.
Die ganze Seite einer Wand nahm ein breites, tannenes Büchergestell ein.
Auf diese ihre Bücher war Hedda stolz. Es waren die Reste einer
stattlichen Sammlung, die einst ihr Urgroßvater, einer der Generale des
großen Friedrich, zusammengebracht hatte, meist französische Geschichts-
und Memoirenwerke, in die sich Hedda in ihren freien Abendstunden zu
vertiefen pflegte, ohne Kritik und mit kindlicher Naivität über die
tollsten und albernsten Klatschgeschichten fortlesend. Zuweilen schaffte
sie sich auch von ihren Ersparnissen einiges Neue an, aber sie hatte
wenig Sinn für das Moderne; die Ritterromane Florians interessierten sie
mehr als die Belletristik der Zeitgenossen.
Hedda war müde. Den halben Tag über hatte sie im Hofe gewirtschaftet.
Der Haushalt war nur klein, aber auch die wenigen Kühe, der Hühnerhof
und der Gemüsegarten verlangten Pflege, und sie hatte nur zwei Mägde und
einen alten Diener, der zugleich Knecht und Gärtner war, zur Hand. Sie
hatte viel zu tun, um alles in Ordnung zu halten. Heute früh war sie
schon vor fünf Uhr auf dem Posten gewesen; die »schwarze Marie«, ihre
Lieblingskuh, hatte ein Kälbchen zur Welt gebracht, früher, als man
erwartet, und darum hatte die Dörthe ihre Herrin so zeitig geweckt.
Ja, sie war müde. Sie wollte ein wenig ausruhen. Das große Fenster auf
der Südseite reichte mit seinen Glasscheiben nach italienischer Art bis
auf den Fußboden und war draußen halb mannshoch mit Eisen umgittert. Es
stand weit offen; schräg davor der Schreibtisch, sehr ordentlich
gehalten, mit den Photographieen der verstorbenen Mutter und einiger
Pensionsfreundinnen und einer Glasvase, die einen großen Buschen gelber
Rosen enthielt. Hedda tauchte ihr Gesicht in die Rosen, atmete tief
deren Duft ein und ließ sich dann in den mit licht geblümtem Cretonne
überzogenen Lehnstuhl fallen.
Herrgott, war sie müde! Das kam nicht oft vor. Mit blinzelnden, halb
geschlossenen Augen schaute sie auf den Park hinaus. Die Glut der
Nachmittagssonne brütete über den Wipfeln der Bäume. Kein Windhauch
ging. Auf dem fahlgrünen Rasenfleck dicht unter dem Fenster stand ein
geborstener Sandsteinpfeiler mit einer Marmorplatte, auf der eine
Sonnenuhr eingraviert war. Jetzt gluckte ein dickes, weißes Huhn darauf
und schlief. Weiter hinten schimmerten helle Silbereschen durch das
dunkle Grün der Buchen; dort senkte sich mählich das Blättermeer. Der
Park fiel zum Tale ab; ein Zaun aus Eichenholz umgab ihn hier. Vom
Fenster aus konnte man über Wiesen und Felder sehen. Alles war in bester
Kultur; der Kommerzienrat besaß eine tätige Hand. Die Ernte stand vor
der Tür; das gelbe Getreide zitterte in der Sonne.
Ein breiter, staubgrauer Landweg durchschnitt das Gelände. Dort rollte
ein offener Wagen daher, der Hedda aufmerksam werden ließ. Sie stand
auf, trat dicht an das Fenstergitter und spähte scharf in die Ferne.
Wahrhaftig, sie täuschte sich nicht: es war der Wagen Schellheims, --
der Kommerzienrat, der erst vor wenigen Tagen aus Karlsbad zurückgekehrt
war, wollte auf dem Baronshof seinen Besuch machen.
Das war zu erwarten gewesen. Trotzdem fürchtete sich Hedda ein wenig
davor. Ihr Vater konnte den Mann nicht leiden; man durfte kaum dessen
Namen in seiner Gegenwart nennen. Es war lächerlich -- Hedda nahm in
dieser Beziehung dem alten Herrn gegenüber kein Blatt vor den Mund --,
aber mit der Tatsache mußte gerechnet werden. Es galt, den Vater
vorzubereiten.
Sie warf einen Blick in den Spiegel, ordnete hastig ihr Haar und eilte
dann flinken Fußes in das Erdgeschoß hinab.
Der Baron saß bei der Arbeit -- in einem großen, kahlen, gewölbten
Gemach, vor einem riesenhaften Tische aus weißem Tannenholz, in dessen
Platte ein Halbkreis eingeschnitten war, in den der Lehnsessel
Hellsterns weit hineingeschoben wurde, wenn der Alte Platz nehmen
wollte. Hellstern litt seit einigen Jahren an periodisch wiederkehrender
Ischias, die ihm die Bewegung erschwerte. Er hatte sich deshalb den
merkwürdigen Tisch bauen lassen, in dessen Ausschnitt er saß, ringsum
von Bergen uralter Akten, Folianten und Pergamentrollen umgeben, vor
sich ein Buch Papier, dessen einzelne Blätter er mit großen, groben
Schriftzügen bedeckte.
Baron Hellstern war ein Sechziger mit rotbraunem, gesundem Gesicht, kurz
geschorenem weißem Haar und langem, grauem Vollbart. Augenblicklich trug
er eine Brille; dunkelblaue, sehr klare Augen blickten durch ihre
Gläser. Trotz mäßigen Lebens und vieler, erst in letzter Zeit durch sein
Leiden beeinträchtigter Bewegung hatte er schon frühzeitig das leibliche
Erbe der männlichen Hellsterns übernehmen müssen: eine lästige
Korpulenz. Der Baron war, wenn er aufrecht stand, eine kolossale
Erscheinung -- sehr groß, mit der Schulterbreite eines Enaksohns und
falstaffischem Leibesumfang. In früherer Zeit hatte man Wunderdinge von
seiner Körperkraft erzählt; jetzt nagte der Wurm an der nordischen
Eiche.
Er arbeitete. Seit er die Landwirtschaft aufgegeben, hatte er sich mit
Leidenschaft auf ein andres Steckenpferd geworfen. Er schrieb im
Auftrage eines Lehnsvetters, seines letzten männlichen Verwandten von
der schwedischen Linie der Familie, an einer Chronik seines Geschlechts.
Schon als junger Offizier, als sein Vater noch lebte und den Baronshof
bewirtschaftete, hatte er sich lebhaft für die Familiengeschichte
interessiert und an Quellen dafür zusammengebracht, was er nur fand.
Nach dem Verkauf seiner Ländereien begann ihn die Langweile zu packen;
anfänglich nur, um seine Mußestunden auszufüllen, ging er an das Sichten
und Ordnen des im Laufe der Zeit gewaltig angewachsenen Materials. Die
lateinischen Codices übersetzte ihm der Pastor, bei den französischen
und schwedischen Schriftstücken half ihm Hedda. Die Hellsterns oder
Hellstjerns, wie sie sich ehemals schrieben, waren allerdings
schwedischer Abstammung, aber seit dem Großen Kurfürsten seßhaft in der
Mark. Mit den Wrangels und Sparres und Crusenstolpes waren sie dazumal
nach dem Brandenburgischen gekommen. Und in der Dauer dreier
Jahrhunderte hatten sie ihre Muttersprache vergessen. Nun lernten die
beiden letzten Abkömmlinge jenes ersten Hellstjern, der unter dem
brandenburgischen Roten Adler gedient hatte, aus Liebe zu ihrem
Geschlecht noch nachträglich die einschmeichelnd klingende, melodiöse
Sprache der Ahnen. Sie lernten tapfer -- Hedda sowohl wie der alte
Brummbär, ihr Vater, dessen Ausdauer und Zähigkeit gleich
bewunderungswürdig waren wie sein ausgezeichnetes Gedächtnis. Die Akten
vergangener Jahrhunderte, Ritter- und Lehnsbriefe mit ihrem antiquierten
Schwedisch, machten ihnen unendlich viel Mühe; aber sie rangen sich
durch und freuten sich wie die Kinder, wenn sie wieder einmal einen Berg
staubiger Faszikel bewältigt hatten.
Eines Tages war der Baron auf einen guten Gedanken gekommen. Das
vorhandene Material genügte ihm noch nicht. Da fiel ihm ein, daß im
Freiherrnkalender neben seinem Namen noch ein andrer stand, der
folgendermaßen lautete: Axel Freiherr von Hellstjern, geboren 18. Juni
1865 (Sohn des Geheimen Konferenzrats Frederik Jasper v. H., Gesandten
zu Kopenhagen, dann in Paris, und der Leontine, Gräfin von Hetfried),
Königl. schwed. Kammerjunker, Erbherr auf Jarlsberg, Valö und
Brennwolde.... Dieser junge Mann war der letzte Hellstjern von der
schwedischen Linie, wie der Besitzer des Baronshofs der letzte der
märkischen Linie war. Jarlsberg -- das wußte der Baron -- hieß das
uralte Stammschloß des Geschlechts; es lag hoch oben an der Felsküste
Schwedens, von weißem Meeresgischt umspült, ein Denkmal aus grauer Zeit,
da man mit der Baronskrone auf dem blonden Haupt noch ungestraft
seeräubern konnte. In den Archiven der Burg schlummerte vielleicht auch
noch mancher litterarische Schatz, der für die Geschichte des
aussterbenden Hauses von Wichtigkeit war.... Der Freiherr schrieb an den
jungen Vetter. Lange blieb die Antwort aus. Dann trafen große Kisten
ein, mit Büchern, Papieren und Dokumenten bis obenhin vollgestopft, und
dazu ein liebenswürdiger Brief des Herrn Axel: er habe alles
zusammengesucht, was er im Interesse der Chronik habe auftreiben können,
und stelle es dem werten Herrn Vetter mit Freuden zur Verfügung. Ja,
noch mehr: er nehme selbst einen so großen Anteil an der
Familiengeschichte, daß er den Herrn Vetter bitte, irgend eine geeignete
Kraft ausfindig zu machen, die jene Chronik zu Ehren des Hauses
Hellstjern verfassen könne. Gern willige er in ein Honorar von
zehntausend deutschen Reichsmark.
Das konnte der Axel von Jarlsberg, denn er war ungeheuer reich. Und nun
gedachte der Baron, sich jene Summe selbst zu verdienen. Er hätte sich
unter andern Verhältnissen sicher gegen die »Soldschreiberei« gesträubt,
aber der Gedanke an Hedda und ihre Zukunft unterdrückte seinen
törichten Stolz. Zudem war er mit ganzer Seele an der Sache. Er saß von
früh bis zum späten Abend an seinem wunderlichen Schreibtisch, beständig
rauchend und halblaut vor sich hinsprechend, blätternd, studierend,
prüfend und ordnend. Das Fenster vor ihm stand immer offen, und wenn ihn
draußen ein piepsendes Sperlingspaar oder ein gackerndes Huhn störte, so
warf er zuweilen mit dem Wörterbuche danach; dann scholl seine Klingel
durch das Haus, und August, der Diener, mußte den Sprachschatz wieder
ins Zimmer holen.
* * * * *
»Puh,« sagte Hedda, als sie bei dem Alten eintrat, »Vater, dein Tabak
ist furchtbar! Die Pfeife qualmt ordentlich und -- ich weiß nicht,
riecht denn jeder Tabak so stark?«
»Der vom Kommerzienrat drüben wohl nicht,« antwortete der Baron, ruhig
weiterschreibend; »aber der hat's auch dazu, sich Havannazigarren
leisten zu können.... Hederle, es ist gut, daß du kommst. Ich werde aus
der Verwandtschaft nicht klug. Die Leute heißen alle Axel, und bei den
meisten folgt nicht mal ein zweiter Vorname hinterher. Hilf mir ein
bißchen!«
»Nachher gern -- jetzt geht's nicht! Zupf dich ein wenig zurecht,
Väterchen -- Schellheims sind auf der Visitentour. Ich habe ihren Wagen
vom Fenster aus erkannt ...«
Der Baron spritzte den Gänsekiel aus, dessen er sich bediente, warf ihn
hin und lehnte sich im Sessel zurück.
»Sind nicht zu Hause, mein Kind,« sagte er ruhig, nachdem er einen
neuen, tiefen Zug aus seiner Pfeife genommen hatte; »August soll's den
Herrschaften melden -- damit sela.«
»Nein -- nicht sela,« widersprach Hedda, setzte sich auf den
Schreibtischrand und strich ihrem Vater über die Stirn. »Du wirst
vernünftig sein, lieber Alter. Es liegt gar kein Grund vor, die
kommerzienrätliche Gesellschaft vor den Kopf zu stoßen.«
»Ich kann sie nicht leiden,« grunzte der Freiherr und zog die Nase
kraus.
»Warum nicht? Weil Schellheim dir dein Gut abgekauft hat?«
»Er hat geschachert wie ein Mühlendammer!«
»Das gehört zu seinem Beruf. Er ist nun mal Kaufmann.«
»Hemdenfritze!«
»Ob einer Hemden verkauft oder Rohtabake oder goldene Manschettenknöpfe,
ist gleichgültig; jeder ehrliche Erwerb verdient Achtung.«
»Ach, fang mir nur nicht wieder mit Moralpredigten an, Hederle!« rief
der Alte halb ärgerlich, halb lachend. »Was du immer für grüne Weisheit
im Schnabel führst! ...« Er rückte an seinem Stuhl. »Also meinetwegen!
Um deinetwillen! Kommt er mit Gattin?«
»Weiß nicht. Aber jedenfalls! Die Dörthe erzählte, es sei Besuch auf dem
Auberg. Vielleicht sind die Söhne da.«
Ein neues Grunzen des alten Herrn.
»Wappnen wir uns mit Geduld! Schick mir den August! Muß ich mich erst
umkleiden?«
»Ich würde es schicklich finden, wenn der Baron Hellstern seine Gäste
in --«
»Im Bratenrock empfangen wollte!« fiel der Baron ein. »Ich lass' schon
alles über mich ergehen. Gott, diese Umstände!«
Er stöhnte, ächzte und grunzte noch lange. Aber es half ihm nicht viel.
Hedda verstand, mit dem Alten umzugehen, und August auch. Der letztere
war dreißig Jahre im Hause und dem Baron unentbehrlich geworden. Er
stöhnte, ächzte und grunzte genau soviel wie sein Herr und konnte auch
ebenso grob werden. Aber er war dabei die beste, treueste und ehrlichste
Seele, eines der aussterbenden Exemplare des dienenden Geschlechts.
Auf seinen beiden Krückstöcken humpelte der Baron, von Hedda gestützt,
in sein Schlafzimmer. Das war ein merkwürdiger Raum, ein wahrer
Tanzsaal, aber fast ohne Möbel. In der Mitte stand ein schmales,
eisernes Bettgestell mit einigen Decken. An den Fenstern hingen keine
Gardinen; in der Nacht schloß man die Läden von draußen, die herzförmige
Öffnungen hatten und die Spuren von Schrotladungen zeigten.
August zog seinem Herrn die Flauschjoppe aus.
»Nicht so reißen, du Esel!« brummte Hellstern.
»Das Ding ist zu eng,« gab August unwirsch zurück. »Ich kann nicht
davor, daß der Herr Baron immer dicker werden! Das Marienbader hat auch
nichts genützt.«
»Weiß ich allein. Halt keine Reden!«
»Wenn der Herr Baron fragen, muß ich antworten.«
»Ich frage gar nichts! Her mit dem Rock! Es ist wahr -- ich werd' immer
dicker. Hedda muß die Knöpfe noch ein Stück weiter vorsetzen. Ich kriege
das Ding nicht mal mehr zu.«
»Lassen ihn der Herr Baron doch man offen stehen,« meinte August. »Es
sieht ja besser aus. Aber die gestrickte Weste würd' ich nicht
anbehalten --«
»Ich tu', was ich will. Die Weste bleibt drunter. Ich bin kein Popanz
und kein Modegigerl. Drück mal von hinten ein bißchen nach, dann geht
der Rock schon zu ... Hupla -- na, siehst du wohl!«
Der Alte trat vor den kleinen Spiegel, der über dem Waschtisch hing. Er
gefiel sich ganz gut. Aber in Wahrheit sah er weniger hübsch als grotesk
aus. Der lange, schwarzblaue Rock hatte eine eigentümliche
Biedermaierfasson, umspannte den Oberkörper und den mächtigen Leib in
ängstlicher Faltenlosigkeit und strebte von den Hüften an wie das Kleid
einer Bäuerin nach auswärts. Dazu trug der Baron dunkle, gestreifte
Beinkleider von außerordentlicher Weite und bequeme Filzstiefel.
Hellstern lächelte, als er sein Ebenbild im Spiegel erschaute.
»Wie ein Elefant,« meinte er schmunzelnd; »man kann auch Dickhäuter
sagen. Aber dennoch ganz stattlich. Das Halstuch, August!«
»Erst setzen!« antwortete dieser und schob dem Baron einen massiven
eisernen Stuhl zu, auf dem sich Hellstern wuchtig niederließ. Dann
schlang August seinem Herrn das sauber gefaltete schwarze Tuch um den
Hals und steckte vorn eine goldene Busennadel hinein; Hedda hatte sie
aus einem Ohrring der seligen Mutter anfertigen lassen.
Indessen rollte unten die Viktoria des Kommerzienrats vor die Veranda.
August beeilte sich, den Schlag öffnen zu helfen. Er trug einen
verschossenen blauen Rock mit versilberten Knöpfen. Der reich
galonnierte Diener des Kommerzienrats, der neben dem Kutscher gesessen
hatte, war ihm bereits zuvorgekommen und schaute ihn ein klein wenig von
der Seite an. Das ärgerte August. Er gab dem Livreekollegen einen
kräftigen Schubbs und stellte sich neben den Schlag.
Auf der Veranda erschien Hedda. Zwei junge Herren sprangen zuerst aus
dem Wagen, Hagen und Gunther, die Söhne des Kommerzienrats, beide in
Gehröcken und blanken Zylinderhüten. Dann kam die Mutter, eine
zierliche, kleine Dame von sympathischem Äußern -- dann der Rat selbst,
untersetzt, mit gefälligem Embonpoint, das kluge Gesicht nach englischer
Sitte bis auf einen kurzen, auf der halben Backe wie über einem Lineal
abgeschnittenen grauen Bart glatt rasiert.
Die Begrüßung seitens Schellheims war lebhaft und herzlich, seitens
seiner Frau liebenswürdig reserviert. Die Söhne hielten sich zurück, die
Zylinder im Arm, den Oberkörper leicht nach vorn geneigt. Hedda gab
jedem die Hand und führte den Besuch sodann in das Wohnzimmer.
Hellstern war noch nicht anwesend, aber man hörte im Korridor bereits
das gleichförmige Geräusch, das das Aufstoßen seiner Stöcke auf dem
Fußboden hervorrief.
Als er eintrat, ging ihm der Kommerzienrat mit strahlendem Gesicht und
rascher, pendelnder Armbewegung entgegen.
»Mein sehr verehrter Herr Baron -- ich freue mich herzlich -- ich freu'
mich von ganzem Herzen ...«
»Lieber Herr Kommerzienrat!« Hellstern drückte Schellheim so kräftig die
Rechte, daß dieser am liebsten mit einem energischen Donnerwetter
geantwortet hätte, küßte sodann der tief herniederrauschenden Rätin die
Hand und sagte den jungen Herren »Guten Tag«.
Man setzte sich, und rasch war die Unterhaltung im Fluß. Schellheim war
ein weltgewandter Mann, bei dem nur zuweilen, in seltenen
Ausnahmefällen, die Protzigkeit des Parvenus, der sich aus kleinen
Anfängen emporgearbeitet, hervorbrach. Aber die große Lebhaftigkeit, mit
der er, von ausdrucksvollem Gebärdenspiel unterstützt, sprach und
agierte, ließ dies nicht sonderlich auffallen.
Seine Frau war ziemlich still. Nur auf direkte Anrede hin pflegte sie
etwas zu sagen, mit einer Stimme, die wunderbar einschmeichelnd, weich
und melodiös klang. Auf Hedda machte die Rätin einen sehr angenehmen
Eindruck. Sie war nicht hübsch, aber chic und vornehm. Sie mußte auch
bedeutend jünger als ihr Gatte sein. Er hatte sie geheiratet, als er
bereits ein gemachter Mann war und seine Verhältnisse es ihm
gestatteten, in eine »gute Familie zu kommen«. Er war immer
liebenswürdig zu ihr, aber nie gütig. Ihre Bescheidenheit mißfiel ihm
zuweilen; er hätte sich eine glänzendere Repräsentantin für sein
Hauswesen gewünscht. Ihrer feinen musikalischen Bildung und ihrer
Verehrung für Wagner zuliebe war er auf den schnurrigen Einfall
gekommen, seinen Söhnen die Namen Hagen und Gunther geben zu lassen.
»Aber der grimme Hagen macht durchaus keinen blutdürstigen Eindruck,«
bemerkte Herr von Hellstern lächelnd, als das Gespräch sich dem
Wagnerianismus zuwandte; »im Gegenteil ...«
Gunther, der jüngere der Brüder, errötete leicht, obschon nicht von ihm
die Rede war. Er war schlank und schmächtig und ähnelte der Mutter. Ein
Paar sehr schöne und kluge, sammetbraune Augen belebten das etwas blasse
Gesicht.
Der »grimme Hagen« schlug mehr dem Vater nach. Er war ebenso lebhaft wie
dieser in Sprache und Bewegungen und zog den Mund ein wenig schief, wenn
er lächelte. Er war auch der ganze Stolz seines Erzeugers, der Leiter
der Fabrik und Träger der Firma, ein tüchtiger Kaufmann trotz seiner
Lebemannsallüren. Gunther war aus der Rasse gefallen. Er hatte keinerlei
merkantile Neigungen und galt für einen Gelehrten. Er war
Literarhistoriker.
Das interessierte Hedda. Sie fragte, wo er studiere, und befand sich
bald in angeregter Unterhaltung mit ihm. Gunther erzählte, daß er es
bereits bis zum Dozenten an der Berliner Universität gebracht habe, und
daß seine Spezialität die höfische Dichtung des Mittelalters sei.
Insofern mache er auch seinem »ihm wider Willen« gegebenen Vornamen
Ehre, als er sich mit besonderem Eifer auf die Erforschung des
Nibelungenliedes geworfen habe. Er führte noch einige Lyriker und
Didaktiker aus der Blütezeit des Minnesangs an, Namen, die Hedda
ziemlich fremd an das Ohr klangen; nur von Walter von der Vogelweide,
von Tannhäuser und Ulrich von Lichtenstein hatte sie schon gehört.
Aber es gefiel ihr alles, was der junge Gelehrte sagte. Er hatte so eine
nette Art, sich auszudrücken, und das weiche, sympathische Organ seiner
Mutter. Er sprach bescheiden und ruhig und schien sichtlich erfreut zu
sein über das Interesse, das Hedda ihm und seinem Studium
entgegenbrachte. Unwillkürlich hatten die beiden während ihrer
Unterhaltung sich ein wenig von den übrigen zurückgezogen. Sie standen
in einer Fensternische, während die andern sich um den Sofatisch
gruppierten.
Der Kommerzienrat führte im Augenblick das Wort.
»Ja, denken Sie sich, mein verehrter Herr Baron,« sagte er, den
ausgestreckten Zeigefinger seiner Rechten hoch in der Luft, »die Quelle
soll in der Tat Mineralgehalt haben. Hören Sie mal, das könnte 'ne große
Sache werden! Was meinen Sie, wenn wir aus Oberlemmingen ein Bad
machten?!«
»Bleiben Sie mir vom Leibe!« rief der Baron zurück. »Ein Bad -- na, das
fehlte noch! Bin froh, daß wir hier so in der Stille und Ruhe sitzen!
Übrigens glaub' ich das noch nicht recht -- das mit der Quelle. Wo soll
sie sein -- an der Grauen Lehne?«
Schellheim nickte eifrig.
»Ja -- an der Grauen Lehne, im Möllerschen Gehölz,« antwortete er. »Man
hat sie gar nicht beachtet -- was versteht der Bauer vom Gurkensalat!
Aber da hat sich ein Lehrer aus Frankfurt während der großen Ferien bei
Möller im Gasthof eingemietet, und dem ist die Gaseentwicklung
aufgefallen, mit der die Quelle aus dem Boden sprudelt, -- wissen Sie,
ich habe mir das Dings angesehen, es moussiert förmlich -- wie eine
Pommery ... Und da hat er denn einen befreundeten Chemiker darauf
aufmerksam gemacht, der hat das Wasser genauer untersucht. Was soll ich
Ihnen sagen, mein bester Herr Baron, -- der Mann hat Kohlensäure und
Eisen konstatiert und Möller angeraten, die Quelle schleunigst fassen zu
lassen.«
Der Baron schüttelte den Kopf und strich sich dann über den Leib.
»Das Marienbader hat mich nicht schlanker gemacht,« meinte er;
»vielleicht ist unser heimisches Wässerchen wirkungsvoller.«
Schellheim lachte.
»Nun denken Sie mal an! Wenn wir nicht mehr in die Ferne zu schweifen
brauchten, sondern gleich immer an Ort und Stelle unser alljährliches
Gesundungsbad nehmen könnten! Alle Wetter, das wäre doch wirklich famos!
Ich hätte große Lust, dem alten Möller das Quellenterrain abzukaufen.
Allzu unverschämt wird er ja hoffentlich nicht sein.«
»Eh -- na -- warten Sie's ab, Herr Kommerzienrat! Wie ich unsre Bauern
kenne, lassen sie sich nicht so leicht die Butter vom Brote nehmen. Und
namentlich der alte Möller, -- der hat's faustdick hinter den Ohren ...
Offen gestanden, ich wünschte, die ganze Geschichte beruhte auf einem
Irrtum. Mit unserm stillen Frieden ist's aus, wenn wir erst Badegäste
hierher bekommen. Ich gucke unsre paar Sommerfrischler schon immer
unwirsch von der Seite an.«
»Das ist egoistisch, lieber Baron --«
»Ah was, jeder ist sich selbst der Nächste! Ich bin glücklich in meiner
Einsamkeit. Hab' neulich einmal irgend einen modernen Dichter gelesen,
der nennt die Einsamkeit ein 'vornehm' Land'. Und, weiß Gott, der Poet
hat recht! Ich möchte mir nicht gern mein letztes Eckchen 'vornehm'
Land' rauben lassen.«
Der Kommerzienrat verzog den Mund.
»Alle Achtung vor Ihrem Dichtersmann, Herr Baron -- aber die Einsamkeit
widerspricht dem Zeitgeist. Wer für die Menschheit lebt, muß mitten im
Menschentreiben stehn.«
»Oho -- haha -- Kommerzienrat, fragen Sie mal den Jüngsten Ihrer
Nibelungen, ob er im Trubel und Gewühl schaffen und arbeiten kann! Und
lebt doch am Ende auch für die Menschen seiner Zeit.«
Die Rätin nickte, und der grimme Hagen warf ein, mit schiefen
Mundwinkeln gleich seinem Herrn Vater, sich an der Krawatte zupfend:
»Ach nein, Herr Baron -- den Gunther muß man als Sonderling beurteilen.
Der ist am glücklichsten, wenn sich kein Mensch um ihn bekümmert, und
selbst seine Forschungen hält er ängstlich geheim.«
»'s ist so,« fiel Schellheim ein, während die beiden in der
Fensternische sich nicht in ihrer Unterhaltung stören ließen, sondern
nur zuweilen mit leichtem Lächeln zu den andern herüberschauten; »ich
bin kein Banause, lieber Baron, und schätze Wissenschaft und Kunst --
ah, nun ja -- ganz gewiß! Aber ich frage dennoch: was gewinnt die
Menschheit, wenn irgend ein Gelehrter nach unendlichen Mühen
herausgekriegt hat, daß Heinrich von Ofterdingen möglicherweise ein paar
Strophen des Nibelungenliedes gedichtet habe? -- Ich bitte Sie, die
ganzen gelehrten Wissenschaften, die nicht praktischen Zwecken dienen,
sind doch eigentlich nur Füllsel im Dasein, pikante Zutaten zu der
Pastete, aber keine Kost, die den Hunger der Lebenden stillt! Den Hunger
der Lebenden,« wiederholte er nochmals, als gefalle ihm der Ausdruck
besonders, und dann fuhr er raschen Wortes fort, da er sah, daß seine
Frau unruhig wurde und verschiedenfach nach dem Fenster blickte: »Ich
hätte ja am liebsten gehabt, Gunther hätte gleichfalls die kaufmännische
Karriere ergriffen. Er wollte nicht -- schön -- ich bin kein Rabenvater.
Aber nun ausgesucht Literarhistoriker! Warum nicht Jurist? Warum nicht
Mediziner? Meinethalben bloß Theoretiker -- Anthropologe, Bazillenmensch
-- die haben doch feste Ziele im Auge, ich bitte Sie, und ihre
Untersuchungen nützen der Gesamtheit.... Nein -- er wollte partout ein
Bücherwurm werden --«
»Und fühlt sich recht wohl dabei,« warf Gunther ein. Er war aus der
Nische getreten. Sein blasses Gesicht hatte sich leicht gerötet. Er
lächelte, aber es zuckte doch auch ein wenig bitter um seine Mundwinkel.
»Papa ist nun mal ein Fanatiker der sogenannten praktischen Berufe, Herr
von Hellstern,« wandte er sich wie entschuldigend an den Baron; »ich
begreife es auch. Wer, wie er, sich nur in rastloser produktiver
Tätigkeit wohl fühlt, der kann einer stillen Gelehrtenarbeit schwerlich
Geschmack abgewinnen. Ich höre übrigens, daß Sie mit einer Geschichte
Ihres Geschlechts beschäftigt sind, Herr Baron, und sich in
umfangreiches Quellenmaterial zu vertiefen haben. Wenn ich Ihnen
irgendwie dienlich sein kann --«
»Merci, Herr Doktor -- sehr liebenswürdig,« entgegnete Hellstern; »das
Lateinische macht mir ja manchmal Kopfzerbrechen; und wenn mir etwas
besonders Verzwicktes unter die Finger kommen sollte, will ich mich gern
an Sie wenden. Bleiben Sie noch einige Tage hier?«
»Leider nein,« erwiderte die Rätin seufzend, und ihr Gatte fiel ein:
»Sie fahren alle beide schon morgen abend wieder zurück, die Jungen ...«
Er klopfte Gunther auf die Schulter. »Ich hab's nicht böse gemeint --
#de gustibus# und so weiter. _Mir_ würde das Herumwühlen in alten
Scharteken den Appetit verderben. Da lob' ich mir noch die Musik.
Gnädigste Baronesse sind gewiß auch Wagnerschwärmerin?«
Das war sie wirklich, und nun erfolgte eine kurze Zwiesprache zwischen
ihr und der Rätin über den vergötterten Meister und seine Musik. Da
wurde Frau Schellheim warm. Sie konnte sich gar nicht beruhigen, daß
Hedda ihren Liebling nur aus den Klavierpartituren kannte und noch keins
seiner Bühnenwerke gesehen hatte. Ihr drittes Wort war Bayreuth und Frau
Cosima. In der Villa Wahnfried kannte sie jeden Raum.
Der Baron beobachtete scharf, während er ungezwungen plauderte. Sein
Urteil über die Familie Schellheim stand fest. Der Rat ein intelligenter
Emporkömmling, wie man seinen Typus in allen Großstädten hundertfach
findet; die Frau unterdrückt, nicht uneben; aber von sklavischer
Ergebenheit; der grimme Hagen ein modernes Kaufmannsgigerl, das nach
Abschluß der Geschäftszeit den Lebemann und Kulissenjäger spielt -- und
Gunther der aus der Art geschlagene Idealist. Gunther gefiel dem Baron
noch am besten, obschon auch er für grüblerische Gelehrtentüftelei wenig
übrig hatte.
Man sprach von guter Nachbarschaft und dergleichen. Bei dieser
Gelegenheit erfuhr Hellstern, daß der Kommerzienrat beabsichtigte, sich
gänzlich auf der »Auburg« -- so hatte er sein Schloß getauft --
festzusetzen. Hagen sollte die Fabrik allein weiterführen.
»Ich möchte mich gern einmal etwas intimer mit der Landwirtschaft
befassen,« sagte Schellheim, schon zum Aufbruch gerüstet. »Es macht mir
Spaß -- möchte mal versuchen, ob dem Boden nicht doch ganz gute
Erträgnisse abzuringen sind.... Also wegen der Quelle, -- stehen Sie mit
dem Möller auf gutem Fuß, Herr Baron, wenn ich fragen darf?«
»Auf gar keinem,« erwiderte Hellstern ziemlich kurz. »Aber, falls Sie
mit ihm in Verbindung treten sollten -- #attention!# Es ist ein brutaler
Schlaukopf.«
Schellheim lachte.
»Mich führt niemand so leicht hinters Licht, bester Herr Baron,« sagte
er. Dann empfahl man sich. Auf der Veranda blieb der Kommerzienrat noch
einen Augenblick stehen und pries die Lage des Baronshofes. Auch das
alte Herrenhaus gefalle ihm sehr. Er habe für diese alten Landhäuser
viel mehr übrig als für die modernen Luxusbauten. Er sei überhaupt nicht
für den Luxus, wenn er sich nicht mit solider Gediegenheit vereine ...
August stand wieder am Wagenschlag. Er sah sehr schäbig aus neben den
frisch livrierten Dienern Schellheims und dem lackierten Glanz der
Viktoria. Aber er machte ein hochmütiges Gesicht; die Leute vom Auberg
imponierten ihm durchaus nicht.
Der Wagen rollte davon. Der Kommerzienrat winkte noch wiederholt mit
seinem abgezogenen Handschuh aus dem Fenster.
Hellstern sah dem unter seinem silbergeschmückten Geschirr sich sehr
stattlich ausnehmenden Fuchsgespann lange nach.
»Solche Karrossiers hab' ich mir mein Lebtag nicht gegönnt,« sagte er zu
Hedda. »Hübsche Gäule und gut eingefahren ... Es ist merkwürdig, wie es
im Leben auf und nieder geht. Jetzt sind die Krämer die Sieger und wir
vom Adel die Besiegten. Das war ehemals anders.«
»Freilich,« entgegnete Hedda mit leichtem Seufzer, »'s ist leider immer
so in der Weltgeschichte. Hammer und Amboß wechseln. Aber allzu schlimm
sind die Schellheims noch nicht.«
»Na, es geht,« erwiderte der Baron etwas mürrisch.
Zweites Kapitel
Am Westausgange des Dorfes wohnte der Vater Dörthes, der Stellmacher
Klempt. Man mußte einen kleinen Garten durchschreiten, ehe man zu dem
mit Schindeln gedeckten Häuschen des Alten kam. Das heißt, es war
eigentlich kein richtiger Garten, denn es blühten nur wenige Blumen
darin -- ein paar Georginen und Pechnelken, die dicht am Staketzaun
standen --, alles übrige war Wiese und Kartoffelland. Dicht am Hause
hatte Klempt sich eine kleine Baumschule angelegt. Das war seine
besondere Freude. Er zog allerdings keine Seltenheiten, sondern nur
einige Reihen echter Kastanien, Edelakazien und Pfirsiche und ein paar
hochstämmige Rosen, seine Sorgenkinder, die er im Winter durch
Moosumhüllung und eine Panzerung von stachligem Wacholderbuschwerk vor
den Angriffen hungriger Hasen schützte.
Klempt war ein stiller und ruhiger Mensch, der sich durch mancherlei
Ungemach des Lebens zu einer gewissen philosophischen Resignation
durchgerungen hatte. In der Tat, er war ein Bauernphilosoph von
eigentümlicher Prägung; dadurch, daß er sich von den andern zurückhielt
und auch den abendlichen Zusammenkünften in der Krugwirtschaft
fernblieb, daß er ein ziemlich einsames Leben führte und fast beständig
auf sich selbst angewiesen war, hatte er sich in eine sonderliche
Gedankenwelt eingesponnen, die er mit Emsigkeit pflegte, und in der er
mit ganzem Sein aufging. Er hatte seine Frau und vier blühende Kinder
hinsterben sehen. Die Dörthe war seine Letzte, aber er hatte es nicht
gelitten, daß sie ihm die Wirtschaft führte. Sie sollte »die Welt kennen
lernen«, wie er sich ausdrückte, und das fing damit an, daß sie auf dem
Baronshofe in Dienst trat. Da Klempt indessen in seinem Haushalt der
weiblichen Hand nicht völlig entbehren konnte, so nahm er seine einzige,
unverheiratete Schwester Pauline zu sich. Das war ein langes, hageres
Weibsbild, fast an die Sechzig, aber noch schwarzhaarig und mit
glänzenden Augen in dem die Spuren einstiger großer Schönheit tragenden
Gesicht. Die Pauline paßte zu ihrem Bruder; sie führte ein ähnliches
Traumleben wie er, denn sie war völlig taub und pflegte sich nur durch
ein eigenartiges Gebärdenspiel mit ihm zu verständigen. Sie war eine
brave Person, etwas mystisch veranlagt, ewig in Punktierbüchern und
Traumdeutungen kramend, männerscheu und von nervöser Empfindlichkeit,
aber auch fleißig und sorgsam im Haushalt.
Das war die Rechte für den Stellmacher. Auch er liebte es nicht, viel
Worte zu machen. Dafür las er gern, besonders an den Winterabenden, und
zwar am liebsten Geschichtswerke oder Geographiebücher, doch nie Romane,
für die er nichts übrig hatte. Baron Hellstern, der Pastor und der
Kantor liehen ihm, was sie auf ihren Repositorien hatten; bei der
Arbeit verdaute der alte Klempt sodann seine Lektüre. Das war ein Genuß
für ihn. Saß er draußen im Hofe auf seiner Hobelbank oder schlug die
Speichen eines Rades ein, daß es weithin dröhnte durch das stille Dorf,
so arbeitete nicht nur seine fleißige Hand, sondern auch seine
Phantasie. Da war er mit Stanley in Afrika, unter den schwarzen Heiden
und Menschenfressern, oder mit irgend einem Missionar an den Ufern des
Ganges, oder oben am Nordpol, oder er schüttelte den grauen Kopf über
die Greuel des Dreißigjährigen Krieges und berauschte sich an dem
Freiheitsdurst der Griechen. In seinem groben Bauernhirn blieben
naturgemäß nur die außerordentlichen Ereignisse haften, aber die Lust am
Reflektieren, auf die ihn sein einsames Leben hinwies, hatte doch
allgemach seine Anschauungsweise geläutert; er verglich gern,
kritisierte auch und zog naive Schlüsse aus der Vergangenheit auf die
Gegenwart.
Jetzt saß er auf der hölzernen Bank rechts von der Tür seines Häuschens,
hatte die Hände gefaltet im Schoß und schaute stumm auf das Spatzenheer,
das sich vor ihm im heißen Sande des Hofes zankte. Man sah ihm die kaum
überstandene Krankheit an. Er war recht hager geworden, und noch stärker
und zottiger als vorher erschien der weiße Zimmermannsbart, der seine
Wangen umrahmte. Aus dem braunen Gesicht blickten zwei hellblaue,
treuherzige Augen; die von zahlreichen kleinen Falten durchzogenen
Lippen waren fest aufeinandergepreßt; der linke Mundwinkel, in dem
gewöhnlich die Pfeife hing, senkte sich ein wenig. Das Rauchen hatte ihm
der Arzt strengstens verboten, und unter diesem Verbot litt der Alte am
meisten. Er konnte ohne Pfeife nicht sein.
Den Himmel überstrahlte bereits das Abendrot. Die weißen Lämmerwölkchen
am Firmament waren rosig durchleuchtet, selbst der breite Schatten des
alten Birnbaumes, der mitten im Hofe stand, hatte eine violette
Umsäumung. Vom Anger herüber klang ein leises, melodisches Läuten; der
Schäfer des Krugwirts trieb seine kleine Herde heim.
Pauline trat in die Haustür, blieb einen Augenblick stehen und schaute
nach dem Himmel, um zu sehen, ob während der Nacht ein Gewitter zu
gewärtigen sei, und sagte sodann mit der etwas monoton klingenden
Stimme, die allen Tauben eigen ist:
»Komm 'rein, August; es fängt an, kühle zu werden.«
Klempt nickte und erhob sich gehorsam. Aber er ging doch nicht, sondern
wies hinüber nach der Gartenpforte, wo eine frische Mädchenstimme das
Lied von den wandernden Schwalben sang. Die Dörthe kam. Sie hatte Urlaub
erhalten, den Vater und den Bräutigam zu besuchen, trug ihr
Feiertagskleid aus geblümtem Kattun und ein buntes Tüchlein um den Hals.
»Holla, Vater,« rief sie schon von weitem, »bist du noch draußen? Und
hat nicht der Doktor gesagt, du sollst vor Sonnenuntergang wieder in der
Stube sein?«
»'s ist ja so schöne,« antwortete Klempt lächelnd, und als er den
Sonntagsstaat Dörthes sah, fügte er fragend hinzu: »Ist denn heute
Kirmes, daß du dich so fein gemacht hast?«
Dörthe gab dem Vater und der Tante die Hand.
»Ich will mal zu Fritzen gehn,« entgegnete sie. »Heut ist 'was los im
Kruge. Das Springelchen an der Grauen Lehne soll ein Heilquell sein, hat
ein Professor aus Frankfurt an den Kantor geschrieben. Da kommen sie
alle zusammen.«
»Hab's auch schon gehört,« meinte Klempt; »ein Wunderwasser, das Kranke
gesund machen soll. 's käm' mir zunutze.« Er schüttelte den Kopf. »'s
wird bloß wieder so ein Gerede sein,« fuhr er fort; »die Leute reden
viel ...«
Pauline tupfte ihrem Bruder auf die Schulter und zeigte nach der Tür.
»Ja, ich komme,« sagte er nickend. »Hast du's so eilig, Dörthe? Wirst
schon noch frühe genug im Kruge sein; bleib noch ein Huschchen!«
»Aber nicht lange,« antwortete Dörthe. Doch sie trat mit den beiden in
das Stübchen, das vom Glanze des Sonnenrots völlig durchstrahlt zu sein
schien.
Pauline bereitete das Abendbrot, während sich Dörthe, die Hände auf die
Hüften gestemmt, vor ihren Vater stellte.
»Wie fühlst du dich denn?« fragte sie.
Er winkte mit der Hand.
»So gesund wie früher, Dörthe, verlaß dich drauf! 's ist 'ne Narretei
vom Doktor, daß er mir noch immer das Rauchen verbieten tut. Das ist das
einzigste, was mir noch fehlt.«
»Solange du noch hustest, darfst du's nicht,« erklärte Dörthe. »Vater,
ich riech's, ich rieche gleich, wenn du geraucht hast. Du mußt doch
parieren. Der Doktor kostet Geld, und wenn du nicht tust, was er
befiehlt, ist das schöne Geld reinweg zum Fenster hinausgeworfen.«
Sie sagte das sehr ernst. Klempt nickte grämlich.
»Na, ja doch,« sagte er. »Es dauert alles so lange. Und dabei hab' ich
mehr zu tun, als mir lieb ist!«
»So nimm dir doch noch 'nen Gesellen, Vater! Ich hab' dir's schon ein
paarmal gesagt!«
»Ach was, daß er bloß 'rumlungert! Was tut denn so 'n Junge! Bis jetzt
bin ich alleine fertig geworden und werd's auch noch länger werden!
Kotzschock, ich bin doch erst sechzig! ... Es war wohl Besuch auf dem
Baronshof?«
»Ja, die von drüben. Die Söhne auch ...« Dörthe schnitt eine Grimasse
und lachte schelmisch. »Paß einmal auf, unser Fräulein heiratet den
ältesten! Da soll's hinaus!«
»Da käm' wieder mal Geld ins Haus! Die drüben messen's nach Scheffeln.
Aber ob der Baron will?«
»Warum denn nicht?«
»Na, er ist doch so stolz!«
»Ist er nicht,« erklärte Dörthe kopfschüttelnd. »Und dann macht das
Fräulein doch, was sie will. Aber ich will nichts gesagt haben. Die
Hanne meint auch, das würde was werden.«
»Was sagt denn August?«
»Den hab' ich gefragt. Da ist er mir aber grob gekommen. Der ist grob
wie Bohnenstroh, Vater. Zum Baron geradeso wie zu uns, und dem scheint's
noch zu gefallen.«
»Hast du ihm meine Rechnung gegeben?«
»Nee, Vater, das eilt ja nicht so. Sie ist ziemlich hoch, da wart' ich
lieber bis zum Ersten und geb' sie dem Fräulein. Am Ersten kriegt der
Alte seine Pension und Zinsen und so was. Da wart' ich lieber.«
»Wart ruhig,« stimmte der Stellmacher zu. »Die gehn mir nicht durch.
Sind sie denn immer noch gut zu dir?«
»Ja, sehr! Das Fräulein besonders -- na, die ist ja immer gut! Den Alten
kriegt man kaum zu Gesicht. Er hat's wieder so schlimm in den Füßen,
sagt August. Aber nu geh' ich, Vater! Ich muß doch hören, was es im
Kruge gibt.«
»Verzähl's mir morgen! Adjö, Dörthe! ... Du, Dörthe, und bedenk's dir
mit Möllers Fritze ...«
Sie gab ihm einen herzhaften Kuß auf den Mund, so daß er den Satz nicht
beenden konnte, und sprang aus dem Zimmer, der Tante beinahe in die
Arme, die ihr im Hausflur mit einer Schüssel voll weißen Käses und der
Leinölflasche entgegenkam.
»Herrjeses,« sagte Pauline, »so sieh dich doch vor! Hast du letzte Nacht
was geträumt?«
Dörthe nickte.
Die Tante wurde wißbegierig.
»Von was denn?«
Dörthe tippte auf die Flasche.
»Von Leinöl?« fragte die Tante verwundert.
Dörthe nickte wieder und tippte auf die Käseschüssel.
Die Augen Paulinens wurden immer größer.
»I -- auch von Quark?«
Dörthe machte mit der Hand eine wirbelnde Bewegung in der Luft.
»Ach so,« sagte die Tante, »zusammengerührt -- Leinöl und Quark ...«
Nun wies Dörthe auf die Lampe, die auf der Futterkiste in der Ecke
stand.
»Bei Licht?« fragte die Tante.
Dörthe tippte an das Bassin.
»Was?« rief Pauline. »Mit Petroleum? Leinöl und Quark und Petroleum? Wo
soll ich denn das im Traumbuche finden! I -- du willst mich wohl bloß
zum Narren haben?! Dörthe, hör mal, Dörthe, du machst dich immer lustig
über mich, aber ich will dir was sagen: ich habe vor ein paar Tagen von
einem Gewitter geträumt, und es hätte eingeschlagen. Das gibt Unfrieden
im Hause. Sieh dich vor mit dem Fritze. Ich rede sonst nicht davon ...«
Das hatte die Dörthe nun so oft gehört, daß sie ärgerlich wurde.
»Laß mich in Frieden, Tante!« rief sie zurück, gar nicht daran denkend,
daß Pauline sie nicht verstehen könne, und eilte hinaus, den Gartenweg
hinauf, auf den Dorfplatz.
Erst hier mäßigte sie ihren Schritt. Sie war ganz rot im Gesicht, und
auf ihrer Stirn, von der das braune Haar glatt gescheitelt
zurückgestrichen war, lag eine schwere Falte.
Sie ärgerte sich. Zu dumm, diese ewigen Mahnungen und Warnungen! Sie war
doch klug genug, auf sich selbst Obacht zu geben! Aber der Vater hatte
von jeher im Streit mit den Möllers gelegen, und von der Tante erzählte
man sich, daß sie einstmals der Schatz des alten Möller gewesen sei. Der
aber hatte sie sitzen lassen. Daher ihr grimmiger Haß gegen alles, was
im Kruge wohnte ...
Der Abend sank über das Dorf herab. Auf dem Anger spielte noch eine
Schar Kinder. Sie hatten sich an den Händen gefaßt, drehten sich im
Kreise und sangen dazu mit ihren dünnen Stimmen:
»Ich steh' auf einem hohen Söller,
Ich steh' in einem tiefen Keller,
Heisa dusematee!
Fängst du mich,
Lieb' ich dich,
Aber nee, du kriegst mich nich --
Heisa dusematee!«
Von der Chaussee aus rollten ein paar Ackerwagen in das Dorf, und ein
Viehjunge trieb seine Herde zum Stall. Vereinzelte Bauern hatten schon
mit der Ernte begonnen, aber sie machten heut frühzeitig Feierabend,
denn es hatte sich herumgesprochen, daß der Kantor am Abend im Kruge
sein wolle, um nähere Mitteilungen über den Heilquell an der Grauen
Lehne zu machen. Und da waren sie neugierig geworden.
Als Dörthe am Gehöft des Lehnschulzen vorüberschritt, hörte sie ihren
Namen rufen. Albert Möller trat mit dem Schulzen aus dem Hause.
»Willst du auch in den Krug, Kleine?« fragte er.
»Versteht sich,« entgegnete sie, »so gut wie du. Bist du mal wieder in
Oberlemmingen?«
»Heut früh angekommen, von wegen der Quelle. Da muß ich doch dabei
sein ...« Er gab Dörthe die Rechte und faßte sie dann schäkernd unter
das Kinn. Sie gab ihm einen Klaps auf die Hand und lief davon.
Den Albert konnte sie nicht leiden. Es ärgerte sie schon, daß er sie
immer »Kleine« nannte. Er bildete sich viel darauf ein, daß er ganz
städtisch geworden war, und schaute die Bauern über die Achseln an. Seit
drei Jahren lebte er gänzlich in Frankfurt und kam nur dann und wann zu
Besuch nach der Heimat. Er war Maurerpolier, nannte sich aber
Bauunternehmer, und man erzählte von ihm, daß er schon einmal unter der
Anklage der Begünstigung betrügerischen Bankerotts in Untersuchungshaft
genommen und nur aus Mangel an Beweis freigesprochen worden sei. Er war
übrigens ein sehr hübscher Mann: groß, schlank und blondbärtig, und wenn
er einen mit seinen hellen blauen Augen anschaute, hätte man darauf
schwören können, daß er der beste und treuherzigste Bursche unter der
Sonne sei.
Dörthe ging nicht durch den Haupteingang in den Krug, sondern hinten
herum, durch die Küche. Hier brannte schon Licht, und die alte Möllern
hantierte geschäftig am Herd, denn der Förster Damke aus dem nahen
Vorwerk hatte sich seiner Gewohnheit gemäß Grog bestellt. Die Möllern
war eine große und starke Frau mit vollem grauen Haar und trotz ihrer
Siebzig noch ungemein rüstig. Das Herdfeuer überstrahlte mit roter Glut
ihre harten, ausgearbeiteten Züge.
»'n Abend, Mutter Möllern,« sagte die Dörthe beim Eintritt in die Küche.
»Ist der Fritz nicht hier?«
Die Alte zog eine Schulter hoch.
»Im Keller,« antwortete sie, »er zappt ab; 's is ja heute wie eine
Volksversammlung da drinne'!«
Sie war immer mürrisch und unfreundlich, insonderheit Dörthe gegenüber,
der sie es nicht vergeben konnte, daß sich ihr Fritz in sie verliebt
hatte. Denn die alten Möllers waren stolz, und obwohl Fritz die
Krugwirtschaft bereits übernommen hatte, meinten sie, es sei nicht
nötig, daß er sich nach einer Frau umschaue, solange sie selbst noch mit
Hand anlegen könnten. Die Dörthe paßte ihnen vollends nicht; ein Mädel
ohne Geld war nicht nach ihrem Geschmack. Fritz konnte Besseres haben.
Dörthe schwankte, ob sie in das Gastzimmer gehen sollte, als sie den
dicken, blonden Wirrkopf Fritzens aus der Kellerluke auftauchen sah.
Eine Falltür führte von der Küche aus direkt in den Keller, und wenn sie
offen stand, wie jetzt, roch es immer nach Hefe und schalem Bier.
Fritz trug unter jedem Arm einen mächtigen Henkelkorb mit Bierflaschen.
Er war ein riesiger Kerl und hatte auch riesige Kräfte. Die Bauern
fürchteten seine Fäuste. Den kleinen Lemmert hatte er einfach einmal aus
dem Fenster geworfen; wer in der Betrunkenheit Krakeel bei ihm anfangen
wollte, mit dem fackelte er nicht lange. Aber auch auf seinem dicken und
gesunden Gesicht lag der den Möllers eigne Zug von Treuherzigkeit und
gutmütiger Gesinnung.
»Ach, Dörthe, du bist's,« sagte er, stellte einen Korb hin, wischte mit
der Handfläche seiner Rechten rasch über seine blaue Schürze und
begrüßte sodann seine Braut. »Möchtst wohl auch wissen, wie's wird?«
»I nu ja,« erwiderte das Mädchen lächelnd. »Es wird ja so viel davon
gesprochen. Der Albert ist auch schon hier.«
»Weil er der einzige is, der was davon versteht,« bemerkte die Alte. »Er
hat auch schon 'ne Bank hinter sich, sagt er ...«
Dörthe dachte darüber nach, warum der Albert »'ne Bank hinter sich«
habe, aber Fritz ließ ihr zum Grübeln nicht lange Zeit.
»Trag immer 'rein,« sagte er und schob ihr einen der Körbe unter den
Arm; »heut könnte man zwanzig Hände haben!«
Und er folgte ihr mit dem zweiten Korbe.
So voll war das Krugzimmer allerdings selten. Aus der Mitte der
weißgekalkten Decke hing eine alte Petroleumlampe herab, die den großen
Raum nur notdürftig erleuchtete, so daß in allen Ecken und Winkeln
schwarze und dämmergraue Schatten lagen. Nur auf dem Schenktische stand
noch eine zweite Lampe. Hier machte sich der alte Möller zu schaffen,
ein Siebziger, der aussah, als könne er das Hundertste noch erleben.
Rastlos liefen die scharfblickenden Augen unter den buschigen weißen
Brauen umher, und immer war er zur Hand, wenn er verlangt wurde. Er
fühlte gewissermaßen, wo ein Glas leer war, und er hatte genau im Kopfe,
wieviel ein jeder getrunken hatte. Er brauchte nichts anzuschreiben,
seine Rechnung stimmte doch.
Alle Tische waren besetzt. Die paar Großbauern, die reichsten im Dorfe,
hielten zusammen. Da war zuerst der dicke Braumüller, dessen Gehöft der
Krugwirtschaft gegenüber an der Chaussee lag, dann der einäugige
Langheinrich, der einzige in Oberlemmingen, der weder schreiben noch
lesen konnte; ferner der kleine Raupach, ein ungemein bewegliches,
leicht aufbrausendes Männchen, und der Bauer Tengler, der seiner käsigen
Gesichtsfarbe wegen gewöhnlich »Schlippermilch« genannt wurde. Noch
einer saß am Tische der Großbauern: der dritte Sohn des alten Möller,
der Bertold. Der war Kaufmann geworden und betrieb ein Kurzwarengeschäft
in der benachbarten Kreisstadt Zielenberg. Er war nicht von der
Möllerschen Art, kein Riese wie die übrigen, sondern ein wenig
verwachsen und trug auch eine Brille, hinter der ein Paar dunkle Augen
listig und lebhaft funkelten.
An den sonstigen Tischen hatten die kleineren Leute Platz genommen: der
Krämer Thielemann, die Kossäten Bachert, Maracke und Klauert und eine
Anzahl Taglöhner, Häusler und Knechte. Nebenan im Extrazimmerchen saß
der Förster Damke allein in seiner Sofaecke, trank Grog und las dazu die
Inserate im »Zielenberger Kreisblatt«.
Es ging, trotzdem viel getrunken wurde, nicht allzu lebhaft zu. Die
meisten unterhielten sich mit nur halblauter Stimme. Erst als die Tür
aufging und Wittke, der Lehnschulze, mit Albert Möller ins Zimmer trat,
wurde es lauter. Bertold rief seinen Bruder sofort an den Tisch heran,
wo Albert jedem der Bauern die Hand reichte.
»Warst du beim Kantor?« fragte Bertold, an seiner Brille rückend, eine
ihm eigentümliche Bewegung.
»Ja,« entgegnete der andre nickend. »Der Professor hat geantwortet. Es
hat seine Richtigkeit. Die Quelle ist großartig, sage ich dir,
Bertold ...«
Er brach mit einem Seitenblick auf die Bauern mitten im Satze ab. Es
schien, als wolle er seine Zukunftshoffnungen nicht so vor allen Leuten
preisgeben.
»Wie ist's denn eigentlich ans Licht gekommen mit der Quelle?« fragte
Langheinrich.
»Ganz einfach,« und Albert erzählte zum zwanzigstenmal die Geschichte
der Entdeckung. Der Lehrer aus Frankfurt, der sich vorjährig mit Frau
und Kindern während der großen Ferien im Kruge eingemietet hatte, um
hier eine billige Sommerfrische zu genießen, war häufig in dem
Buchenwäldchen auf der Grauen Lehne spazieren gegangen. Und da hatte er
denn eines Tages mitten im Geröll und ganz verborgen unter
Brombeerranken und Wacholdergestrüpp ein Wässerchen entdeckt, das mit
auffallend starkem Geräusch zutage trat und zugleich Tausende von
kleinen zierlichen Perlen und Bläschen bildete, -- »so wie beim
Selterswasser, Langheinrich, verstehst du?« erläuterte Albert das
Phänomen. Jedenfalls erschien dem Lehrer die kleine Quelle interessant
genug, um den ihm befreundeten Professor Statius darauf aufmerksam zu
machen. Der Professor analysierte das Wasser denn auch und sandte seinen
Bericht dem Lehrer ein, der ihn wiederum an Herrn Feilner, den Kantor
von Oberlemmingen, schickte.
»Da is er schunst!« rief Tengler, der gewöhnlich platt sprach, und
deutete nach der Tür. Feilner trat ein, ein langer Mensch mit einem um
die Wangen gebundenen Taschentuch. Man kannte ihn gar nicht ohne
Zahnschmerzen.
Die vier Möllers gingen ihm entgegen und begrüßten ihn höflicher, als es
sonst ihre Art war; der Alte brachte sogar ein Glas Bier herbei und
fragte, ob der Herr Kantor vielleicht etwas zu essen wünsche. Aber
Feilner dankte; er habe nicht viel Zeit und wolle sich nur rasch seines
Auftrags entledigen.
Dann nahm er am Mitteltische unter der Hängelampe Platz und zog den
Brief des Professors hervor. Im Zimmer hatte sich alles erhoben und
bildete einen Kreis um den Kantor. Eine aufmerksame Spannung lag auf den
Gesichtern. Der alte Maracke hatte die Augen weit aufgerissen und hielt
das linke Ohr umgeklappt, um besser hören zu können. Auch Dörthe hatte
sich herangeschlichen und reckte sich auf den Zehen empor.
»Also paßt auf,« sagte Herr Feilner. »Nämlich zuerst kommt, was die
Quelle alles enthält. Hauptbestandteile: kieselsaurer Kalk,
schwefelsaurer Kalk, Chlornatrium, Chlorkalium, Ferrokarbonat,
schwefelsaure Magnesia.«
Er schaute auf und begegnete auf allen Seiten mordsdummen Gesichtern.
Der alte Maracke schüttelte vor sprachlosem Erstaunen den Kopf und
Braumüller fragte:
»Wat denn? Das ist alles drin?«
»Es kommt noch mehr,« sagte Feilner, und Albert Möller rief »Ruhe«,
obschon niemand sprach, und drängte den dicken Braumüller unsanft vom
Tische zurück.
Der Kantor nahm wieder den Brief zur Hand und las weiter:
»Temperatur 8,07 Grad #R. R.# heißt nämlich Réaumur, womit das Wasser
gemessen worden ist, und weil's auch noch andre Thermometer gibt, zum
Beispiel Celsius, der mißt höher, und Fahrenheit, den braucht man aber
nur manchmal. Nun geht's weiter. Geschmack leicht bitter, kristallhell,
dem Rakoczy ähnlich, aber an Bestandteilen quantitativ geringer. Habt
ihr verstanden?«
Den Mienen der Anwesenden sah man dies nicht an. Maracke schüttelte noch
immer den Kopf und kratzte sich dabei hinter den Ohren. Braumüller
wollte etwas fragen, aber der wißbegierige kleine Raupach kam ihm zuvor
und schrie aufgeregt:
»Kinder, nu denkt mal, und das haben wir alles gar nicht gewußt? Dem
Ra--, dem Ra--, wie war's denn gleich? Wem soll das Wasser ähnlich
sein?«
»Dem Rakoczy,« erwiderte Bertold Möller, »das ist 'ne Quelle in
Kissingen -- auch eine Heilquelle ...«
»Und was ist denn nun so gesund da dran?« fiel Langheinrich ein.
»Wartet mal,« sagte der Kantor, »davon hat Professor Statius auch etwas
geschrieben.« Und er suchte in seinem Briefe. »Aha -- da -- hier
steht's: 'Beschleunigung des Stoffwechsels, Ausscheidung anormaler
Stoffe, gesteigerte Oxydation.'«
Er schwieg wieder und steckte den Brief in die Tasche zurück.
»Was hat er gesagt?« fragte Maracke, der noch immer sein Ohr umgeklappt
hielt. Sein Nachbar zuckte mit den Achseln, doch der kleine Raupach
schrie lebhaft:
»Stoffwechsel hat er gesagt! Das ist doch ganz einfach!« -- und Maracke
nickte dankend und war so klug wie zuvor.
Der Kantor nippte an seinem Bier und erhob sich; er wollte wieder gehen.
Aber zuvor faßte er den alten Möller noch einmal an einem Rockknopf.
»Hören Sie mal, Herr Möller,« sagte er, »was da der Herr Professor noch
geschrieben hat: er läßt Ihnen raten, Sie möchten doch die Quelle fassen
lassen.«
»Schön, schön, Herr Kantor,« erwiderte Albert anstatt des Alten rasch,
»wird alles gemacht werden,« -- und leise flüsterte er seinem Vater zu:
»Ich weiß schon Bescheid -- nachher! ...«
Als der Kantor gegangen war, kehrte alles auf die verlassenen Plätze
zurück. Man bestellte sich neues Bier und neuen Schnaps. Der Heilquell
an der Grauen Lehne bildete das einzige Thema der Unterhaltung.
Allerhand Meinungen wurden ausgetauscht. Man war sich noch nicht recht
klar über das neue Wunder. Raupach geriet mit Braumüller in Streit, weil
ersterer behauptete, die heilende Wirkung des Wassers liege im Trinken,
und letzterer, nein, im Baden. Schließlich schlichtete »Schlippermilch«
den Zank durch die salomonische Erklärung, es sei beides richtig; erst
baden, dann trinken, worauf Maracke meinte, das sei eine Schweinerei.
Der alte Möller hatte seine Frau gerufen, damit sie die Gäste bediene.
Dörthe sollte ihr dabei helfen, denn die vier Möllers zogen sich zu
einer »Familienrücksprache«, wie Albert sagte, in das Extrazimmer
zurück. Der Förster Damke war nach Hause gegangen, aber das ganze
Stübchen roch noch nach dem schlechten Grog, den er getrunken hatte.
Albert öffnete einen Fensterflügel. Draußen rauschte mit leisem,
einförmigem Murmeln die Barbe vorüber. Der Himmel war ausgesternt: es
gab gutes Erntewetter.
Die drei Brüder hatten sich an den mit Wachstuch überzogenen Tisch
gesetzt, der mit klebrigen Flecken übersät war, und auf dem ein flacher
Teller mit gezuckertem Spiritus und Fliegengiftpapier stand.
»Wollt ihr Bier, Jungens?« fragte der Alte.
»Danke,« erwiderte Bertold, und Albert schüttelte naserümpfend den Kopf.
Er war verwöhnt. Das Lemminger Bier war nicht zu trinken. Aber es würde
ja alles anders kommen.
»Nun hört einmal zu,« sagte er. »Setz dich, Vater, ich kann das
zwecklose Herumstehen nicht leiden. Die Tatsache, daß wir in dem Wasser
an der Grauen Lehne einen Heilquell besitzen, ist erwiesen. Ich will
euch gestehen, daß ich extra deswegen zu einem berühmten Arzte in Berlin
gefahren bin. Ich wollte mir Gewißheit schaffen. Der hat das Wasser
ebenfalls genau analysiert und stimmt in allem mit Professor Statius
überein. Er sagte mir, das sei etwas sehr Wichtiges, daß wir in der Mark
so 'ne Art Kissinger hätten; das fehlte uns, und Oberlemmingen würde
eine große Zukunft haben.«
»Also wahr und wahrhaftig?« fragte der Alte, seine Pfeife aus dem Munde
nehmend. Er brachte der Sache noch immer ein gewisses Mißtrauen
entgegen. Bertold stieß ihn leicht von der Seite an; Albert sollte erst
aussprechen. Nachher konnte man fragen.
Aber Albert sprach nicht gleich weiter. Er zündete sich zunächst eine
Zigarre an, während die andern ihn aufmerksam betrachteten. Er war der
Klügste in der Familie und hatte als Großstädter seine Verbindungen.
Endlich hub er etwas zögernd und mit schwerer Stimme wieder an:
»Erst wollen wir uns mal über das Eigentumsrecht einigen, Kinder,« sagte
er, und sofort fiel Bertold ein:
»So ist's! Man muß doch wissen, woran man ist. Eher rühr' ich auch nicht
'nen Finger in der Sache!«
Fritz wühlte mit beiden Händen in seinem Flachshaar. Er hatte genau
gewußt, daß das so kommen würde. Aber er mußte sich fügen; ohne Albert
war nichts anzufangen.
»Vater hat ja doch schon geteilt,« entgegnete er. »Und alles gerichtlich
und schwarz auf weiß. Ihr habt bar Geld gekriegt und ich die
Krugwirtschaft. Das ist doch längst in Ordnung.«
»Es handelt sich um die Quelle,« bemerkte Albert ernst, »das ist ein
neues Objekt ...«
»Aber die Quelle liegt auf meinem Grund und Boden, dagegen ist nichts zu
sagen,« antwortete Fritz. Er wollte wenigstens versuchen, die Position
zu verteidigen.
»Schön,« erwiderte Albert und erhob sich. »Bist du der Meinung, so geh'
ich. Dann kümmre ich mich nicht weiter darum. Nehmt euch 'ne andre
Beihilfe.«
Der Alte hielt ihn am Rockschoß fest.
»Hier bleiben!« befahl er. Er sprach in grollendem Tone. Wenn er gereizt
war, schob er die Oberlippe ein wenig empor und zeigte die breiten,
gelben Zähne. Dann wurde sein von kurzen, grauen Stoppeln umrahmtes
Gesicht böse, und das Auge begann zu funkeln.
Er nahm, während Albert achselzuckend am Tische stehen blieb, noch ein
paar Züge aus seiner Pfeife und fuhr sodann in kurzen, knurrend
hervorgestoßenen Sätzen fort:
»Es ist klar, daß die Quelle uns allen gehört. Nicht bloß einem.
Freilich, die Graue Lehne gehört zur Krugwirtschaft. Aber der Quell hat
sich jetzt erst gefunden. Und ich habe bei der Verteilung besonders
ausmachen lassen, daß bei neuen Funden im Boden der Wirtschaft, sei's
Mergel, seien's Kohlen oder sei's Alaun, gedrittelt werden soll. So
ist's auch gerecht!«
Albert und Bertold nickten, und Fritz verzog den Mund. Richtig war's;
man hatte diese Bestimmung getroffen, vor allem in Rücksicht auf den
Alaun, den man in letzter Zeit vielfach in der Gegend entdeckt,
allerdings ziemlich unrein, so daß sich eine Förderung bisher nicht
gelohnt hatte.
»Ich will nicht streiten,« entgegnete Fritz schließlich; er wie die
andern hatten einen gewaltigen Respekt vor dem Vater, der die
erwachsenen Männer zuweilen noch wie Schulbuben behandelte. »Setzt's auf
und dann wollen wir's vor dem Notar schriftlich machen: alles, was die
Quelle bringt, geht in drei Teile.«
»In vier,« sagte der Alte bestimmt.
Die drei Söhne schauten erstaunt auf. Was hieß denn das nun wieder?
Wollte der Alte, der seit fünf Jahren bequem und ruhig in seinem
Ausgedinge lebte, auch noch an den Einnahmen partizipieren?
»Warum denn in vier?« fragte Albert endlich zaghaft.
»Weil ich auch meinen Teil haben will,« erwiderte der Alte fest. »Ich
bin sechsundsiebzig, aber will's Gott, so leb' ich noch zwanzig Jahr'.
Und bringt uns die Quelle Glück, so bau' ich mir ein Extrahäuschen und
zieh' mit Muttern hinein. Denn wenn der Fritze wirklich heiraten
tut ...«
»Es ist noch nicht so weit,« fiel Albert ein, und Bertold setzte, an
seiner Brille rückend, hinzu: »Das mit der Dörthe wird er sich auch noch
überlegen.«
Fritz erwiderte nichts; doch der Alte sagte, die Pfeife zwischen den
Zähnen behaltend, in trotzigem Tone: »Ganz gleich. Es bleibt dabei. In
vier Teile.«
Darauf war nichts zu erwidern. Die Brüder kannten den Alten. Machten sie
Schwierigkeiten, so konnten sie auf endlose Prozesse gefaßt sein. Und
verlor der Alte auch wirklich, der Ruf des Unternehmens stand in Gefahr.
Albert setzte sich wieder.
»Also abgemacht: in vier Teile,« wiederholte er. »Ich werde morgen mit
Rechtsanwalt Felitz sprechen. Und nun zur Sache selbst. Es muß Reklame
gemacht werden. Professor Statius will in der 'Medizinischen
Wochenschrift' über seine Analyse berichten. Den Artikel lass' ich an
alle großen Zeitungen schicken. Klappern gehört zum Handwerk. Dann das
nötige Geld, um alles instand zu setzen ...«
»Ja, das Geld,« warf Bertold nickend ein.
»Wir brauchen etwa 300000 Mark ...«
»Ihr seid wohl verrückt!« fuhr der Alte auf.
»Das ist noch nicht einmal hoch gerechnet,« entgegnete Albert lächelnd.
»Laß man, Vater, darin hab' ich meine Erfahrung! Das Geld wird beschafft
werden. Ich habe die Frankfurter Produktenbank hinter mir, will auch mal
zu Schellheim gehen. Es muß ein Konsortium gebildet werden -- mit guten
Namen --, ein paar Finanzleute, einige Ärzte und ein Adliger an der
Spitze. Ich will morgen auf den Baronshof. Hellstern wird leicht zu
kriegen sein. Und dann muß ein Sanatorium begründet werden ...«
»Ein --?« fragte der Alte.
Albert winkte mit der Hand. »Du wirst schon verstehen lernen, Vater.
Warte man ab. Ich entwickle nur so meine Ideen. Der 'Krug' muß ausgebaut
werden -- zu einem Hotel. Dann brauchen wir Logierhäuser, neue Wege,
Pflasterung, eine Brauerei, vielleicht auch Gas. Aus der Buchhalde muß
der Kurpark werden. Ein großes und vornehmes Kurhaus bauen wir
späterhin. Rings um die Quelle wird eine Art Tempelbau errichtet, mit
Säulen, das muß elegant aussehen. Bertold kann hier einen Basar
errichten; dann müssen wir einen Fleischer heranziehen, Bäcker, Konditor
und andre Professionisten. Das wird sich alles entwickeln ...«
Er steckte die Zigarre wieder in den Mund und schaute einen Augenblick
sinnend den im Halbdunkel des Zimmers zerrinnenden Rauchwölkchen nach.
Er war ein geborener Spekulant. Seine kühne Phantasie und seine
wagmutige Frechheit ergänzten, was ihm an Bildung fehlte. Er war ein
schlechter Arbeiter gewesen, als er nach Frankfurt gekommen, aber er
besaß ein gewisses Organisationstalent, und er hatte auch Glück. Seine
Häuser vermieteten sich schnell. Er baute unsolid, stattete jedoch die
Wohnungen mit oberflächlicher Eleganz aus, mit Stuck an den Decken,
Kassettierungen, hübschen Öfen und Tapeten. Es war ihm sogar gelungen,
sich am Bau der neuen Kaserne für die Albrecht-Dragoner beteiligen zu
dürfen, und er hatte ein gutes Stück Geld dabei verdient. Aber all das
waren nur vorbereitende Kleinigkeiten für ihn. Er wollte viel höher
hinaus. Er plante unausgesetzt, er baute in Gedanken -- im Traume selbst
-- Riesenpaläste und halbe Städte. Oberlemmingen stand in der Zukunft
schon fix und fertig in seiner Phantasie. Kein Dorf mehr, sondern ein
moderner Kurort. Die kleinen Häuschen und Lehmbaracken mit ihren
gelbgrauen Strohperücken waren verschwunden -- eine ganze Reihe von
Villen erhob sich an ihrer Stelle: niedliche Chalets im Schweizerstil,
dazwischen ein paar holländische Bauernhäuser, ein norwegisches
Blockhaus, eines nach russischem Muster, mit gemalten Balken. Albert sah
das alles schon vor sich. Er sah auch den Quellentempel inmitten
blühender Anlagen, im Grün des Kurparks, und das Möllersche Hotel an der
Chaussee, die in einer halben Fahrtstunde nach Zielenberg führte, wo
sich drei Bahnstränge kreuzten. Die Lage war günstig. In fünf Jahren,
taxierte Albert, mußten die Möllers sich Oberlemmingen erobert haben.
Bertold hatte schweigend zugehört. Er war, wie Albert, längst der
Bauernsphäre entwachsen, und auch er war ein heller Kopf. Geldverdienen
war seine Losung. Seit er sich mit der ältesten Tochter des
Getreidehändlers Ring in Zielenberg verheiratet, die ihn zweimal
hintereinander mit Zwillingen beschenkt hatte, war sein Erwerbsfieber
noch gewachsen. Man mußte doch für die Seinigen sorgen! Er lieh auch
Geld auf Pfänder und machte dann und wann kleine Wuchergeschäfte mit den
Inspektoren der Umgegend. Er begriff schon, was Albert wollte, und
glaubte an dessen Stern. Aber eine heimliche Angst peinigte ihn dennoch:
die, daß Albert ihn betrügen könne.
Auch Fritz und der Alte sagten nichts. Doch man sah es ihnen an, daß der
Zukunftsgalopp Alberts nicht nach ihrem Sinne war. Sie steckten bei
aller natürlichen Gerissenheit doch noch zu tief im Bäurischen, um sich
mit den Spekulationsideen Alberts befreunden zu können. Vor
Schuldenmachen hatten sie eine grimmige Angst; man gab das Geld fort und
hatte auch noch die Zinsen zu bezahlen. Und sie fürchteten, daß die
ungeheuern Summen, die Albert aufnehmen wollte, sie alle ersticken und
erdrücken würden.
Ein Lärm in der Schenkstube, die schimpfende Stimme der alten Möllern
und das laute Weinen Dörthes störten die Konferenz. Fritz erhob sich, um
nachzusehen, was es gebe. Dörthe hatte eine Flasche mit Himbeerlikör vom
Schenktisch gestoßen; die Flasche war zerbrochen, und der rote Saft floß
träge über die schwarzen, mit Sand bestreuten Dielen. Und da hatte die
Möllern der Dörthe in ihrer zügellosen Heftigkeit eine derbe Ohrfeige
gegeben und schimpfte in unflätiger Weise auf sie los.
Dörthe stand an der Wand und hielt den Zipfel ihres Kleides vor das
Gesicht. Sie schluchzte so, daß ihre ganze Gestalt zitterte -- nicht
aus Schmerz, sondern aus Scham, vor allen Leuten gezüchtigt worden zu
sein. Jeder schaute zu ihr hinüber. Braumüller, Raupach und Tengler, die
»Schafskopf« spielten, hielten im Spiel inne, und der alte Maracke
schritt gutmütig auf sie zu und sagte:
»Nanu, flenn man nich, Dörthe -- es is doch nich so schlimm! Bis du
heiratst, is die Backe wedder gutt! ...«
Aber auch Fritz schimpfte. So was Ungeschicktes wie die Dörthe sei noch
nicht dagewesen. Als ob der Himbeerlikör kein Geld koste. Und das wolle
einmal eine tüchtige Hausfrau werden! Nee -- da werde er es sich doch
noch lieber bedenken ...
Dörthe schlich, ohne zu antworten, hinaus. Sie weinte noch immer,
während sie langsam die paar Steinstufen hinabstieg, die zu der Haustür
führten, und dann durch die Dorfstraße schritt. Sie weinte ganz leise
vor sich hin. Daß die Möllern grob und roh war, wußte sie ja -- das war
ihr nichts Neues. Die wollte überhaupt nichts von der Heirat wissen.
Aber das Benehmen Fritzens tat ihr weh; ihr Herz sprang und zuckte. Sie
liebte den großen Burschen mit seinem wirren Blondkopf und den blauen
Augen doch so sehr.
Der Abend war wundervoll. Die Sterne flimmerten hell am Himmel; die
Milchstraße leuchtete wie Opal. Und durch das ganze Dorf wehte der
frische Duft der Wiesen, die sich dreißig Morgen weit längs der Barbe
hinzogen.
Plötzlich, gegenüber dem Pastorhause, durch dessen Fenster helles Licht
schimmerte, blieb Dörthe stehen. Ihr fiel auf einmal ein, was Tante
Pauline von ihrem letzten Traum erzählt hatte. Ein Gewitter war
heraufgezogen, und dann hatte es eingeschlagen. Das bedeutete Unfrieden
und Ärger. Und so war's auch gekommen.
Beim Lehnschulzen schlug der Hofhund an. Ein zweiter antwortete, der
große Köter Marackes mit seinem heiseren Baß. Aus der Ferne, vom
Dorfende her, kläffte die helle Stimme des Nachtwächterhundes
dazwischen. Ein vierter und fünfter fiel ein. Alle Hunde im Dorfe
begannen zu bellen.
Drittes Kapitel
Auf dem Auberg hatte früher ein Pächterhaus gestanden, ein merkwürdiger
Bau. Das untere Stockwerk stark massiv, mit mächtigen Mauern, eine Halle
mit hohen und schönen Wölbungen, von Strebepfeilern gestützt. Das war
der Kuhstall gewesen. Und auf ihm hatte sich ein schwächliches Fachwerk
erhoben, ziemlich dünnwandig und einfach weiß abgeworfen: die Wohnung
des Pächters. Er war ein närrischer Kauz gewesen; man erzählte sich im
Dorfe noch allerhand wunderliche Geschichten von ihm. Seine Leidenschaft
war die Rindviehzucht, und deshalb hatte er dem geliebten Viehzeug die
schönsten Räume im Hause angewiesen, und deshalb wollte er seine Tiere
auch immer in unmittelbarer Nähe haben. Er war lange in England gewesen
und hatte dort alle möglichen Kreuzungen kennen gelernt, auch eine neue
Art der Fütterung, von der er viel hielt. Aber er hatte kein Glück; sein
Kreuzungssystem schlug nicht an, und bei seiner neuen Fütterungsmethode
verhungerten die Rinder. Eines Nachts hing er sich im Kuhstall auf.
Als Kommerzienrat Schellheim die Auherrschaft gekauft hatte, brachte er
einen Baumeister aus Berlin mit, der ihm auf dem Auberge ein Schloß
bauen sollte. Der Mann war ganz begeistert von der Anlage des Kuhstalls
und schlug Schellheim vor, die kolossalen Fundamente beizubehalten und
aus dem Stalle eine Halle, eine englische Halle, zu machen. Die Mauern
wären so riesig, daß sich leicht noch zwei Stockwerke auf ihnen
aufführen ließen. Schellheim war einverstanden, und der Baumeister
baute los. Ein stattliches Herrenhaus entstand, aber der Kommerzienrat
wollte ein Schloß haben, und zu einem Schlosse gehörte unbedingt ein
Turm. So wurde denn rechtsseitig ein runder Turm angeklebt, mit einem
grünen Kupferhute als Dach. Das gefiel Schellheim immer noch nicht
recht: die Erker fehlten noch, von denen aus man zu Tal schauen konnte,
und auf der Südseite eine weite Glasveranda, die zur kalten Zeit als
Wintergarten benutzt werden konnte. Auch das wurde geschaffen und noch
mehr, und schließlich machte das neue Schloß einen schauderhaft
stillosen Eindruck. »Es sieht wie zerkaut aus,« meinte der alte
Hellstern. Der hübscheste Raum blieb nach wie vor der ehemalige
Kuhstall, die jetzige Halle.
Von seiner früheren Bestimmung merkte man dem weiten Saal natürlich
nichts mehr an. An den Pfeilern hing allerhand Waffenschmuck,
Hellebarden, Schilde, Morgensterne, nägelgespickte Streitkolben und
dergleichen mehr, und an den Wänden eine Reihe tiefdunkel gewordener
alter Ölporträts von stark dekolletierten Damen in Reifröcken und
gepanzerten Herren mit strichähnlichen dunkeln Schnurrbärten auf der
Oberlippe. Schellheim hatte die ganze Galerie einmal im Ramsch bei einem
Trödler in Venedig gekauft und nannte sie deshalb seine »italienischen
Ahnen«. Er spottete nicht ungern über sich selbst; er war vernünftig
genug, stolz auf sein Emporkömmlingstum zu sein.
Sein Vater hatte das Geschäft begründet, aber erst unter ihm war es zur
Blüte gekommen. Jetzt gab er zwölfhundert Arbeitern und Arbeiterinnen
Verdienst und Brot, und seine Fabriken in Berlin, Breslau und Manchester
hätten, zusammengestellt, allein einen kleinen Stadtteil bilden können.
In allen diesen Fabriken wurde nichts hergestellt als Hemden -- Hemden
in vieltausendfacher Auswahl, Abstufung und Variation, für die elegante
Welt, für die einfachen Leute und für das Proletariat, und zwar nur
Männerhemden. Diese Hemden gingen über die ganze Welt. Man fertigte sie
in den Schellheimschen Fabriken unter jeder gewünschten Marke und jedem
beliebigen Firmenstempel an und versandte sie dann an die Kunden in
allen Teilen der zivilisierten Erde. So trug sie der Herzog von Sagan in
Paris, der sie aus den Ateliers von Dudevant Frères entnommen, gerade so
gut wie Ohm Krüger in Johannesburg, der Nabob in Bombay und der
Dockarbeiter in Wilhelmshaven -- selbst bis Siam und China und bis in
die Eisfelder Kanadas wanderte das Schellheimsche Hemd.
Und diese Hemden ließen Gold zurück. Schellheim war Millionär. Freilich
hatten drei Generationen an den Millionen gearbeitet. Der Großvater war
noch mit dem Bündel auf dem Rücken durch das Land gezogen, und der Vater
hatte manche schwere Krisis zu überwinden gehabt. Aber nun stand der Bau
felsenfest; keine Krisis konnte ihn mehr erschüttern. Es war Schellheim
nicht leicht geworden, sich vom Geschäft zurückzuziehen; die Arbeit war
das Lebenselixir, das ihn jung erhielt. Aber er mußte an seine Kinder
denken. Der unpraktische Jüngste war für die Fabrik nicht zu gebrauchen;
ihm waren die Bücher alles. Doch Hagen, der Älteste, trat mit sicheren
Schritten in die Fußstapfen des Vaters. Er hatte zwei Jahre in
Manchester gelernt, dann einige Zeit die Breslauer Filiale geleitet, und
nun konnte er getrost an die Spitze des Ganzen treten.
Schellheim sorgte sich nicht um das Weiterblühen des Geschäfts. Es lag
bei Hagen in guten Händen. Allerdings hatte der Junge auch seine
Nebenpassionen: für Theaterpremieren und dergleichen mehr, aber das lag
nun einmal in der »Mode der Zeit« -- so meinte der Rat --, und deshalb
blieb er doch ein tüchtiger Kaufmann. An Schellheim trat jedoch nun die
Frage einer anderweitigen Beschäftigung heran. Untätig konnte und
wollte er nicht sein. Und da kam ihm der Gedanke, sich anzukaufen. Zwar
die Landwirtschaft lag darnieder, aber er gab sich auch schon mit einer
dreiprozentigen Verzinsung seines Anlagekapitals zufrieden. Dann dachte
er auch an seinen Jüngsten. Der sollte das Gut einmal übernehmen, wenn
er des Studierens müde geworden. Denn es schien dem Kommerzienrat
undenkbar, daß ein Mensch, der es nicht nötig hatte, zeit seines Lebens
tagein, tagaus und von früh bis spät immer nur zwischen Büchern sitzen,
grübeln, vergleichen, schreiben könne. Zudem mußte der Wert des
Landbesitzes wieder steigen; der tote Punkt mußte erreicht sein. Es
handelte sich ja nicht um eine verfehlte Spekulation.
Man nahm das zweite Frühstück gewöhnlich in der großen Halle. Die
Glastüren standen weit offen. Auf der Terrasse wärmten sich die Palmen
in der Sonnenglut. Durch das Grün der Orangenbäume, deren blank
lackierte große Kübel die Sonnenstrahlen reflektierten, schimmerte das
helle Weiß zweier Statuen, die den Treppenabstieg zur zweiten Terrasse
flankierten. Es waren zwei Göttinnen, Pomona und Flora; Hagen, der die
Spottsucht seines Vaters geerbt hatte, bevorzugte sie wegen ihrer
Hemdenlosigkeit. Die ganze Westseite des Aubergs fiel in Terrassen zum
Tal ab, die teils durch Balustraden, teils durch Spaliere mit Wein und
selteneren Obstsorten begrenzt wurden. Im Süden erstreckte sich der Park
zirka zwölf Morgen weit in das sich hier mählich senkende Land hinein.
Er war ursprünglich Buchenforst gewesen und stieß bis dicht an die Graue
Lehne, die der Kommerzienrat gleichfalls hatte ankaufen wollen. Aber die
Möllers sagten nein. Das ärgerte Schellheim nunmehr, nach Entdeckung des
Heilquells, doppelt.
Man war beim Dessert. Ein junger Diener in ziemlich einfacher Livree
wartete auf. Die Rätin hatte eine Melone zerlegt und reichte sie ihrem
Gatten.
»Ich will dir was sagen, Gunther,« fuhr Schellheim in der Unterhaltung
fort, eine der goldgelben Scheiben auf seinen Teller legend, »du hast
ja recht: die Hellsterns sind liebenswürdige Leute. Aber die Art bleibt
dieselbe. Der alte Hochmut ist unausrottbar. Er bricht aus jeder
Äußerung, aus jedem Worte hervor. Die Tradition sitzt zu fest in ihnen.
Sie erfassen den Zeitgeist nicht. Zum Beispiel: das mit der Quelle.
Hellstern ist gegen ihre Ausnützung, weil der Fortschritt in der Kultur
ihm unbequem ist. Das stört ihn in seinem Behagen. Nun frag' ich den
Menschen: ist das nicht verrückt?«
»Natürlich,« entgegnete Hagen; »du wirst mit den Hellsterns nicht warm
werden.«
Gunther widersprach. Man müsse die Leute nehmen, wie sie seien. Ansicht
gegen Ansicht.
»Ich glaube auch, daß dem Widerstreben des Barons noch andre
Befürchtungen zugrunde liegen. Er ist zu klug und zu weltreif, um der
Kultur Dämme zu wünschen. Nein, das ist es nicht! Seine persönlichen
Empfindungen mögen ja auch mitsprechen. Er liebt es nun einmal nicht,
von einem Schwarm fremder Sommergäste umgeben zu sein. Was aber die
Hauptsache ist: sein alter Besitz liegt ihm noch immer sehr am Herzen,
und er fürchtet, daß die Bauern sich den Segnungen der Kultur, in diesem
Falle der Heilquelle, noch nicht reif genug erweisen werden.«
Der Rat schüttelte, einen ironischen Zug um den Mund, den Kopf, und der
grimme Hagen lachte fröhlich auf.
»Nimm mir's nicht übel, Gunther,« rief er, »das ist eine absonderliche
Idee! Was heißt denn das: noch nicht reif? Soll die Kultur vor der Türe
warten, bis auch der letzte Schafskopf ihr gütigst den Eintritt erlaubt?
Als die Eisenbahnen aufkamen, wetterte und wütete der damalige
Verkehrsminister gegen die neue Erfindung, weil er fürchtete, sie würde
die Postinstitution ruinieren. Was schadet es denn schließlich, wenn
wirklich ein paar Bauern zugrunde gehen, wo auf der andern Seite der
ganzen Menschheit gedient wird?«
»Gewiß,« fügte der Rat hinzu und faltete seine Serviette zusammen.
»Jeder Fortschritt ist im Grunde genommen brutal. Er reißt nieder, um
neu aufzubauen.«
Gunther errötete leicht. Er sah ein, daß er sich in der Verteidigung der
Insassen des Baronshofs vergaloppiert hatte, daß seine Argumente nicht
stichhaltig waren. Aber er wollte es nicht zugestehen.
»Ich bin nicht ganz eurer Ansicht,« erwiderte er. »Nur der stetige
Fortschritt bringt Segen. Selbst Guttaten wie die Emanzipation der
Bauern und die Aufhebung der Leibeigenschaft haben unsägliches Unglück
im Gefolge gehabt, weil sie zu unvorbereitet kamen.«
»Das ist das, was ich sagte,« bemerkte Schellheim. »Die Kultur reißt
Löcher, schließt sie aber auch wieder.«
»Deshalb kann man immerhin die Opfer der Kultur bedauern,« entgegnete
Gunther etwas kleinlaut. »Es tut mir leid, daß der Besitz der Quelle
nicht in verständigen Händen ruht. Vor allen Dingen kann ich aus
persönlichem Empfinden Herrn von Hellstern nur zustimmen; ich würde es
auch lieber sehen, wenn ich bei meinen Besuchen in Oberlemmingen nicht
auf Schritt und Tritt auf Kranke und Sommerfrischler stieße.«
»Mahlzeit,« sagte der Rat und erhob sich. Der Diener zog den Stuhl
seines Herrn zurück. Man trank den Kaffee stets gleich nach dem zweiten
Frühstück auf der ersten Terrasse. Dort war bereits der Tisch unter
einer blauweiß gestreiften Markise gedeckt. Ein Licht und zwei
Zigarrenkisten standen zwischen Tassen und Tellern. Das Licht brannte,
aber man sah die Flamme kaum in der blendenden Helle des Tages.
Während Schellheim sich eine Zigarre anzündete, nahm er das Thema von
vorhin wieder auf. Er wandte sich direkt an Gunther, dem Hagen soeben
eine Papyrus aus seinem Tulaetui anbot.
»Ich will dir was sagen, mein Junge,« begann er -- das war eine
stehende Redewendung von ihm --, »wenn sich die Quellengeschichte
wirklich günstig entwickelt und sich nicht noch nachträglich als Mumpitz
herausstellt -- ich fürchte es beinah', ich trau' der Sache nicht so
recht --, na, das wäre auch für uns nicht so übel. Durchaus nicht. Denk
mal, wie Grund und Boden steigen wird, wenn hier erst die Leute
zusammenströmen und Obdach und Nahrung haben wollen! Auch die
Produktenpreise werden in die Höhe gehen -- ich meine, liebe Jenny« --
er wandte sich an seine Frau --, »wir könnten ganz gut noch die sechs
Morgen Wiesenland an der Barbe zum Gemüsegarten schlagen.«
Und ohne die Antwort der Rätin abzuwarten, die nur den Kopf neigte und
dann weiter die Tassen füllte, fuhr er lebhaft fort:
»Was mich grimmt, ist lediglich die Dickköpfigkeit der Möllers.
Zwölftausend Mark ist ein Stück Geld für die paar Buchenkuscheln. Ich
glaube, die Möllers witterten damals schon die Heilkraft der Quelle --
kann mir's sonst nicht erklären, warum sie so stätisch blieben! Na, ich
bin neugierig, was sie machen werden! Ich habe mir's überlegt: ich
misch' mich nicht 'rein. Sie können _mir_ kommen, wenn sie wollen ...
Wie ist's, Kinder, wollt ihr wirklich mit dem Abendzuge zurück?«
Die Brüder bejahten. Sie hätten beide zu tun. Hagen erzählte von großen
Aufträgen aus Amerika, deren Effektuierung Beschleunigung verlange. So
kam »das Geschäft« auf die Tagesordnung; der Rat wollte Einzelheiten
wissen, und Hagen zog sein Notizbuch aus der Tasche.
Inzwischen erhob sich Gunther und trat an die Sandsteinbalustrade heran.
Der Ausblick von der Höhe bot seltene Reize, und sie wechselten je nach
der Beleuchtung. Jetzt, im prallen Glanze der Mittagssonne, war die
ganze Landschaft in ein weißliches Gelb getaucht. Ein blonder Schimmer
lag über den Ährenfeldern, in die Kolonnen von Schnittern weite,
zackige Lichtungen schnitten, denn heute früh hatte man auch auf dem
Augute mit der Ernte begonnen. Auf den Wiesen tönte sich das weißgelbe
Licht zu einem ganz hellen und zarten Grün ab, und an der waldbesetzten
Bergreihe am Horizont mischte sich noch ein leichter blauer Ton hinein.
Gunther schaute nach der Seite hinüber, wo der Baronshof lag. Man sah
aus dem Dunkel der alten Bäume nur einen kleinen Dachteil des
Herrenhauses hervorlugen, ein paar hundert braunrote und geschwärzte
Ziegel. Aber vor dem Auge Gunthers öffnete sich der Vorhang aus grünem
Laub, und es schien ihm, als sehe er das ganze alte Haus vor sich liegen
und oben auf der Veranda eine große Mädchengestalt in hellem Gewande,
die ihm mit freundlichem Lächeln zunickte. Hedda hatte ihm sehr
gefallen. Er war noch nicht auf die Idee gekommen, sich ein weibliches
Idealbild zu konstruieren, aber er meinte, so wie Hedda, so ungefähr
müsse sein Ideal wohl ausschauen. Und er warf plötzlich mit ärgerlicher
Gebärde den Rest seiner Zigarette über die Balustrade. Wirklich, er
ärgerte sich über seine dummen Gedanken!
Hinter ihm ertönte eine fremde Stimme. Der Diener hatte Herrn
Bauunternehmer Möller angemeldet.
Der Kommerzienrat horchte auf, als er den Namen vernahm. Einer von den
Möllers -- aha, man »kam« ihm schon! Ein breites Lächeln trat auf sein
Gesicht.
»Führen Sie den Herrn hierher,« befahl er.
»Entschuldigen der Herr Kommerzienrat,« erwiderte der Diener, »es sind
drei Leute --«
»Drei?« Und Schellheim lachte fröhlich auf. Also gleich drei -- man
wollte ihm durch eine Phalanx imponieren. »So lassen Sie alle drei
herkommen, Friedrich,« entschied er.
Die Rätin fragte bescheiden, ob es nicht besser sei, wenn sie sich mit
den Kindern entferne. Aber ihr Mann verneinte; man wisse ja noch nicht
einmal, was die Herren überhaupt wollten.
Das Trio trat an. Voran Albert, dann Bertold und zuletzt Fritz Möller,
hintereinander und mit dem Ausdruck des Respekts im Gesicht, von dem ihr
Herz in dieser Atmosphäre des Reichtums erfüllt war. Der dicke Fritz
hatte sich gleich den andern beiden sonntäglich angekleidet, doch der
schwarze Rock paßte nicht recht und schlug an ungehörigen Stellen
Falten, und über dem topfförmigen Zylinderhut lag ein rosiger Bronzeton.
Der Zylinder gehörte ihm auch nicht, sondern dem Alten, der ihn nur zu
Hochzeiten und Kindtaufen trug. Dann bügelte Mutter Möller ihn auf, das
heißt sie plättete ihn mit einem heißen Bolzen. Davon hatte er seine
anmutige Färbung erhalten.
Albert und Bertold blieben stehen und verbeugten sich. Aber Fritz hatte
nicht aufgepaßt und ging weiter, rannte erst gegen Bertold an und machte
dann auch sein Kompliment. Bertold war wütend, rückte an seiner Brille
und flüsterte, während Albert bereits zu sprechen begann, dem jüngeren
Bruder zu:
»Nimm doch den Hut ab, Tolpatsch!«
Nun entblößte auch Fritz den Flachskopf. Er war rot geworden vor
Verlegenheit.
»Nehmen Sie es nicht übel, Herr Kommerzienrat,« sagte Albert inzwischen,
»daß wir Sie inkommodieren. Wir möchten Sie um eine Rücksprache bitten.
Es handelt sich nämlich um die Quelle ...«
Schellheim hatte sich erhoben und reichte jedem der drei die Hand. Es
war sein Bestreben, sich kordial zu zeigen. Die Leute da unten sollten
ihn lieben lernen.
»Ich dacht' es mir beinah', meine Herren,« erwiderte er. »Dürfen die
Meinen dabei sein, oder ist es Ihnen angenehmer, unter vier Augen --«
Albert wehrte ab. Ihre Sache sei durchaus kein Geheimnis.
Der Rat bot ihnen Stühle und Zigarren an. Fritz betrachtete die seine
mit Ehrfurcht. Sie hatte ein Bändchen um den schlanken Leib und sah nach
viel Geld aus.
Dann entwickelte Albert seine Ideen und Absichten. Er sprach recht
gewandt, erzählte zunächst von der Analyse des Professors Statius und
von der Auskunft, die er persönlich über die Heilkraft des Wassers
erhalten hatte, und ging hierauf auf die Finanzierungsfrage über. Man
wollte ein Konsortium bilden, das die vorbereitenden Arbeiten ausführen
solle, und dann das ganze Unternehmen in eine Aktiengesellschaft
verwandeln.
Schellheim erkannte sofort, daß dieser lange Maurerpolier eine nicht
gewöhnliche kommerzielle Begabung besaß. In der Darlegung der
Einzelheiten verriet sich sogar eine so schlaue, zuweilen überraschend
raffinierte Berechnung, wie der Kommerzienrat sie dem einfachen Manne
kaum zugetraut hätte.
Die Rätin hatte sich mit ihren Söhnen absichtlich zurückgezogen. Die
drei promenierten im Laubengang der zweiten Terrasse auf und ab, während
oben Albert Möller mit lauter Stimme weitersprach. Die beiden andern
Brüder saßen stumm neben ihm und nickten nur zuweilen mit dem Kopfe, um
ihre Zustimmung zu allem zu bekunden, was der Wortführer sagte.
Plötzlich hörten die Promenierenden, daß Schellheim den Sprecher
unterbrach. Der Rat wußte nun, wohinaus die Möllers wollten, aber es war
unnötig, noch weiter über die Sache zu reden, ehe er sie selbst nicht
klar überschauen konnte.
»Sie wünschen, daß ich mich Ihres Unternehmens annehme,« sagte er, »daß
ich mich theoretisch und praktisch daran beteilige -- nicht wahr, das
wollen Sie doch? Ich soll Ihnen sozusagen helfen, die Geschichte in Gang
zu bringen, die Kapitalien zu schaffen, die geeigneten Repräsentations-
und Arbeitskräfte zusammenzutrommeln.... Nun schön, ich bin dazu
bereit --, die Sache interessiert mich, denn eure Quelle fließt mir
sozusagen an der Nase vorbei. Aber erst muß ich mich selber orientieren.
Eure Analysen genügen noch nicht. Man muß offizielle Persönlichkeiten
heranziehen, Berühmtheiten ersten Ranges.... Und dann: eine kurze Frage.
Sie wissen, lieber Herr Bau --« er zögerte einen Moment, weil ihm der
Titel Bauunternehmer zu lang erschien, und fuhr dann rascher fort: »Sie
wissen, lieber Baumeister, daß ich Ihrem Vater schon vor Jahresfrist
anbieten ließ, die Graue Lehne mit der Buchwaldparzelle zu kaufen. Ich
bin noch immer dazu geneigt. Nun haben sich durch die Auffindung der
Quelle die Preisverhältnisse natürlich wesentlich geändert. Allein
vielleicht würden wir doch noch einig werden. Überlegen Sie einmal
daheim, ob wir nicht von neuem über das Terrain in Verhandlung treten
können ...« Er schaute aufmerksam auf seine Fingernägel.... »Ich will
Ihnen was sagen, meine Herren: die Heilquelle ist ja ganz schön, aber
erstens ist es doch noch sehr die Frage, ob aus ihr wirklich etwas zu
machen ist. Solche Säuerlinge gibt es zu Tausenden im Lande -- die
meisten sind nicht viel wert. Und zweitens wird Ihnen die Geschichte
unendlich viel Scherereien und Schwierigkeiten machen, -- ach du lieber
Gott, Sie haben ja gar keine Ahnung, was es heißt, solch ein
weitausschauendes Unternehmen ins Leben zu rufen! Ob es sich überhaupt
lohnen wird?« Der Kommerzienrat zog die Schultern hoch. »Ich glaub's
eigentlich nicht. Nein, ich glaub's nicht! Wir haben kleine Badeorte,
die nicht leben und sterben können. Geschäfte werden da kaum zu machen
sein -- an eine Dividende ist vorläufig gar nicht zu denken.... Na --
man muß abwarten! Jedenfalls überlegen Sie sich den Verkaufsgedanken
noch einmal. Wenn ich die Graue Lehne im Besitz hätte -- ich glaube --
ich glaube, ich würde die Quelle ruhig weiter fließen lassen. Das
Risiko ist zu groß -- zu groß ...«
Die drei Brüder hatten Schellheim mit keinem Wort unterbrochen. Aber von
einem zum andern flog ein rascher Blick des Einverständnisses herüber,
der zu sagen schien: nicht angst machen lassen, immer ruhig bleiben! Und
nun antwortete Albert in respektvollem Tone:
»Verzeihen Sie, Herr Kommerzienrat, aber wir verkaufen die Graue Lehne
bestimmt nicht. Und wenn Sie uns hunderttausend Mark auf den Tisch legen
wollten, wir tun es nicht. Der Vater denkt gerade so. Und wenn Ihnen
eine Beteiligung an der Ausbeutung der Quelle zu unsicher dünkt, dann
müssen wir eben weiter gehen, so leid uns das tun würde. Die Frankfurter
Produktenbank hat sich schon bereit erklärt --«
Schellheim fuhr auf. Solcher Unsinn! Man solle sich nur ja die
Bankinstitute fern halten. Es gebe genug kapitalkräftige Leute.
»Ich werde mir die Sache durch den Kopf gehen lassen, meine Herren,«
schloß er. »Senden Sie mir die Analyse und das sonstige Material über
die Quelle zu. Wenn Sie noch zu Herrn von Hellstern gehen wollen -- es
soll mir recht sein. Solche Leute braucht man.... Also auf Wiedersehen!«
Das war das Zeichen zum Aufbruch. Der Kommerzienrat reichte wieder jedem
der drei die Hand und führte sie selbst nach dem Parkausgang. Dabei
plauderte er ununterbrochen, berührte aber die Quellenfrage mit keinem
Wort mehr. Er sprach über die Ernte, das Wetter, die Getreidepreise,
über alles mögliche. Und während die drei Brüder die breite Fahrstraße
einschlugen, die vom Auberge nach der Chaussee führte, blieb er noch
eine geraume Weile am eisernen Parkportal stehen und schaute den Möllers
nach. Der rötliche Bronzeton von Fritzens altväterischem Zylinderhut
leuchtete fröhlich im Sonnenschein.
»Geriebene Gesellschaft,« murmelte der Kommerzienrat halblaut vor sich
hin. Dann kehrte er auf die Terrasse zurück.
»Nun, Papa?« rief ihm Hagen entgegen. »Abgemacht?«
»I bewahre,« entgegnete Schellheim, und der Sohn spürte am Tone, daß
etwas wie eine leichte Gereiztheit herausklang. »Hellstern hat recht:
mit den Leuten ist schwer verhandeln. Ich mache auch nicht mit -- ich
werde mich hüten. Es ist nichts mit der Quelle -- nichts! ...« Er griff
nach einer neuen Zigarre. »Wann geht euer Zug, Hagen? Um neun, nicht
wahr?«
»Ja, um neun, Papa.«
»Schön, da könnt ihr mich noch gegen sechs auf die Felder begleiten. Ich
will eine Umfahrt halten. Das ist so Sitte am ersten Erntetage -- ich
habe mich erkundigt. Und bei dieser Gelegenheit wollen wir einmal an der
Grauen Lehne aussteigen. Man kann sich das -- das Dings wenigstens mal
ansehen.«
Der kluge Hagen lächelte. Er wußte ganz genau, daß sich der Vater die
Beteiligung an dem Quellenunternehmen nicht entgehen lassen würde.
* * * * *
Die drei Möllers wendeten sich kurz vor der Chaussee rechts ab; sie
schlugen den schmalen Fußweg nach dem Baronshof ein. Anfänglich sprachen
sie wenig; stumm schritten sie nebeneinander her. Fritz rauchte noch
immer die Zigarre, die ihm der Kommerzienrat angeboten hatte, obwohl ihm
der kurze, glühende Stummel fast die Finger verbrannte. Bertold rückte
nervös an seiner Brille und nahm als erster das Wort.
»Das ist ein Schlauer, der Kommerzienrat,« meinte er.
Nun wurde Albert plötzlich sehr lebhaft. Er begann ohne Ursache auf
Schellheim zu schimpfen. Das seien alles Betrüger, die reichen Berliner
Herren. Man müßte gewaltig auf der Hut sein, sonst zögen sie einem das
Fell über die Ohren. Alles schwarz auf weiß und notariell, was man mit
denen abmache -- nicht anders. Schellheim ärgere sich nur, daß man ihm
die Graue Lehne nicht verkauft habe; Millionen würde der aus der Quelle
herausschlagen. Aber man wolle die Millionen allein verdienen. »Wenn man
das Pack nur nicht brauchte!« schloß er.
»Wir brauchen es aber,« erwiderte Bertold. »Da hilft alles Schimpfen
nicht. Wir haben doch lange genug darüber gesprochen. Was uns ungeheure
Mühen machen würde, erreicht so einer im Umsehen. Aber über die Ohren
hauen lassen wir uns deshalb schon lange nicht.«
»Wir sind auch helle,« sagte Albert.
Fritz warf seinen Stummel fort. »Die Zigarre war gut,« bemerkte er.
Auf dem Baronshofe mußten die drei erst August suchen, um sich anmelden
zu lassen. In der Mittagshitze lag das Gehöft wie ausgestorben da.
Selbst das Hühnervolk hatte den Schatten aufgesucht und sich unter den
Akazien im warmen Sande eingekuschelt. Lord, der Hofhund, kläffte die
drei Männer ununterbrochen an und raste an seiner klirrenden Kette bald
in die Hütte hinein, bald wieder heraus.
Endlich fand man August, der in einem Winkel der Häckselkammer Siesta zu
halten pflegte. Mit verschlafenen Augen begrüßte er die drei als gute
Bekannte und machte zunächst seine Witzchen mit ihnen. Er glaube
übrigens nicht, daß der Herr Baron schon zu sprechen sei; um diese Zeit
halte er noch seinen Mittagsschlummer. Aber er wolle jedenfalls
nachsehen.
Indessen gingen die Möllers in der Prallsonne auf und ab. Unter dem
schweren Zylinder Fritzens rannen große Tropfen und perlten dem Burschen
über die dicken Backen. Das verteufelte Ding schien immer schwerer
werden zu wollen. Fritz nahm den Hut auf ein paar Minuten ab, aber da
brannte ihm die Sonne stechend auf den Flachskopf, und mit einem Fluch
setzte er das Ungetüm wieder auf.
Albert war mit überlegender Miene vor der Veranda stehen geblieben. Er
hatte die Unterlippe zwischen die Zähne gezogen und die Augen halb
geschlossen, wie immer, wenn er in Gedanken war.
»Was grübelst du denn, Albert?« fragte Bertold.
»Ach,« entgegnete dieser lächelnd, »ich dachte so 'n bißchen nach. Das
alte Herrenhaus ist gut gebaut. Mauern wie Festungswälle und Balken von
Eisen. Das wäre leicht auszubauen. Die Lage ist wie geschaffen für das
Sanatorium.«
»Der Baron wird dir was pusten,« meinte Fritz, und Albert erwiderte
trocken: »Bar Geld lacht!«
August kehrte zurück. Der Herr Baron säße schon wieder am Schreibtisch,
aber er hätte nicht viel Zeit; es wäre ihm lieb, wenn es rasch ginge.
Und dann führte er das Dreiblatt in das große, kahle, gewölbte Gemach,
in dem der Baron zu arbeiten pflegte.
Er saß in dem ausgeschnittenen Halbkreis seines Tisches, mitten unter
Haufen von alten Folianten und Papieren, die ihn wie eine Palisadierung
umgaben. Und rechts von ihm saß Hedda, aber auf keinem gewöhnlichen
Stuhl, sondern auf einem halben Dutzend übereinandergestapelter
Foliobände von Merians Topographie, und vor sich auf dem Schoße hatte
sie ein aufgeschlagenes lateinisches Lexikon und suchte für den Alten
Vokabeln auf. Es war wundervoll kühl im Zimmer, und ein angenehmes
Dämmerlicht herrschte, da die Läden vor den Fenstern geschlossen waren.
Hellstern rauchte wieder seine Pfeife, doch es war nicht so schlimm wie
sonst, und in die Tabaksatmosphäre mischte sich ein zarter Rosenduft,
der dem großen Buschen entströmte, den Hedda auf eine Ecke des
Schreibtisches gestellt hatte: ein hübsches Symbol blühender Gegenwart
mitten unter dem Moderhauch der Vergangenheit, der aus den alten
Chroniken, Pergamenten und Briefschaften aufzusteigen schien.
Hedda nickte den Männern freundlich zu, und Hellstern rief ihnen gleich
entgegen:
»Tag, Möllers! Ich weiß schon! Wegen der Quelle -- nicht wahr? Kinder,
laßt _mich_ mit der Geschichte in Ruhe! Ich will nichts davon wissen!«
Albert war sehr betroffen; Bertold rückte an seiner Brille, und Fritz
machte ein dummes Gesicht und glättete mit dem Ärmel seinen Zylinderhut.
»Herr Baron,« begann Albert endlich, »Sie werden uns doch wohl
wenigstens anhören wollen --«
»Anhören -- meinetwegen,« grunzte der Freiherr. »Aber bitte, kurz,
Kinder -- ich habe den Kopf voll. Ihr hättet's auch, wenn ihr euch mit
dem schindludermäßigen alten Latein 'rumärgern müßtet --«
»Papa,« fiel Hedda mit leisem Vorwurf ein.
»Ach so -- entschuld'ge -- du bist ja auch da! -- Nanu vorwärts, ihr
Herren!«
Er paffte aus Mund und Nase. Und Albert begann abermals seinen Vortrag
-- dasselbe, was er Schellheim erzählt hatte, und Bertold und Fritz
nickten wieder an denselben Stellen, genau so wie oben auf der Terrasse
des Auschlößchens.
Hellstern hörte geduldig zu und grunzte nur zuweilen leise auf, wenn ihm
irgend etwas nicht gefiel. Schließlich fragte er, seine Pfeife aus dem
Munde nehmend:
»Was erzählt ihr _mir_ das denn eigentlich alles?! Soll ich vielleicht
auch ein paar Aktien nehmen, wenn ihr erst so weit seid? Und wovon, wenn
ich fragen darf? Ihr seid reiche Leute gegen mich, meine lieben Herren;
ich habe kein Geld -- gar keins -- und für eure Quellenspekulation erst
recht keins!«
»Wir wollen ja auch kein Geld von Ihnen, Herr Baron,« antwortete Albert.
»Wir wollen bloß Ihren Namen -- nichts weiter.«
»Namen?! Wozu -- was heißt das -- Namen?!«
»Ich versteh' schon,« fiel Hedda ein, und nun wandte sich Albert mit
Lebhaftigkeit an die Baronesse.
»Das ist doch ganz einfach, gnädiges Fräulein,« sagte er, sich zu ihr
hinabneigend. »Es ist eine große Sache, die der ganzen Menschheit nützen
soll -- nichts Schlechtes dabei, nichts Unreelles, nichts
Schwindelhaftes. Aber der Welt muß man das _klar_ machen, sonst glaubt
sie's nicht. Und wenn der Name des Herrn Barons an der Spitze des ersten
Konsortiums prangt --«
Er kam aber nicht weiter. Hellstern stieß ihn mit der Spitze des
Pfeifenkopfs in die Seite.
»Sie, lieber Möller,« fiel er ein, »bemühen Sie sich nicht weiter! Ich
mache so 'ne Geschichte nicht. Mein Name ist kein Aushängeschild --
_meiner_ nicht! Aber wenn's schon ein Adeliger sein soll -- 's gibt ja
leider genug adeliges Proletariat im Lande --, vielleicht finden Sie
sogar 'nen Grafen --«
»Aber, Herr Baron,« schnitt ihm Albert das Wort ab und hob die Hände,
was der dicke Fritz ihm nachmachte, um sich wenigstens pantomimisch an
der Debatte zu beteiligen, »es handelt sich ja doch um _Ihren_ Namen,
nicht um einen beliebigen -- und auch um Ihre _Person_! Ihr Geschlecht
sitzt hier ja hundert Jahre oder länger, was weiß ich -- und Sie sind
überall beliebt, bei Bauern und Gutsbesitzern, sind mit dem Herrn
Landrat befreundet und mit beiden Abgeordneten, haben noch immer Sitz
und Stimme im Herrenhause, im Provinziallandtag, bei den Synoden, den
Kreisverhandlungen -- du lieber Gott, das ist alles sehr wichtig für
uns! Und wir wollen das ja auch nicht umsonst haben -- Sie sollen _mit_
bei der Sache verdienen --, wir kaufen Ihnen Ihr Haus ab und machen ein
Sanatorium daraus ...«
Der Freiherr schlug mit der Hand auf den Tisch, daß es dröhnte.
»Sie sind wohl des Teufels, Möller?!« schrie er. »Ich bin froh, daß ich
meine vier Wände behalten konnte, -- hier will ich auch sterben! Bauen
Sie sich Ihr Sanatorium, wo Sie wollen, aber auf den Baronshof kommt mir
kein fremdes Volk! Ich lasse eine Tafel am Parkeingang anbringen mit der
Inschrift: 'Kurgästen ist der Eintritt verboten.' Oberlemmingen war
immer ein gesunder Ort, -- aber mit eurer verdammten Quelle zieht ihr
die Krankheiten mit Gewalt her. Es ist kein Vergnügen, lauter leidende
Menschen um sich zu sehen. Die ganze Luft wird verpestet werden, und die
Bazillen werden nur so umherschwirren. Hübsche Aussichten -- ich danke
ergebenst! Und zu dem allem soll ich euch auch noch helfen, meinen Namen
hergeben als Köder, als Lockvogel -- prost Mahlzeit, da seid ihr an den
Falschen gekommen!«
Die drei Möllers schauten verdutzt vor sich nieder. Eine so
rücksichtslose Abweisung hatte keiner von ihnen erwartet. Ihre
unglücklichen Gesichter erweckten ein gewisses Mitleid in Hedda. Sie
klappte ihr Lexikon zu und sagte:
»Ich denke mir, die Sache eilt noch nicht so. Es muß doch überlegt
werden. Vielleicht kommen die Herren noch einmal wieder --«
»Nein!« schrie der Alte erbost. »Ich will nichts mehr hören! Ging' es
nach mir, so würde die Quelle wieder zugestopft. Ich glaub' nicht an
ihren Segen!«
»Das ist jedermanns Sache, Herr Baron,« erwiderte Albert, »zu glauben,
was er selbst will. Wir _hoffen_ etwas von der Quelle --«
»Ein gutes Geschäft hofft ihr -- das lockt euch!«
»Das auch, freilich! Jeder Mensch will verdienen. Aber wir gewinnen
nicht allein. Ganz Oberlemmingen wird aufblühen --«
»Oder zugrunde gehen!« rief der Baron dazwischen. Sein braunes Gesicht
war noch dunkler geworden. »Ich kenn' euch doch, Kinder, -- mir macht
ihr nichts weis! Ihr kümmert euch den Geier um die andern, wenn _ihr_
nur eure Taschen füllen könnt! Und ich sehe kommen, wie's werden wird --
ganz genau! Will's Glück euch wohl und die Quelle wirft wirklich Geld ab
-- 's fließt doch nur zu euch! Ihr werdet einen Ring bilden, den keiner
durchbrechen kann, und die kleinen Leute bleiben draußen stehen und
lassen die Zunge aus dem Halse hängen und hungern weiter!«
Hedda machte eine unmutige Bewegung mit dem Kopfe. Sie fand, daß der
Vater unnötig hart sei, und dies Wort sprach Albert auch aus.
»Das klingt sehr hart, Herr Baron,« sagte er, »und ich glaube auch, daß
dazu kein Grund vorliegt. Wir haben _Sie_ ja doch aufgefordert und den
Herrn Kommerzienrat drüben auch --«
»Und soundsoviel andre dito -- nämlich die, die ihr zuvörderst braucht,
ohne die ihr die Sache nicht in Szene setzen könnt. Denn ihr allein seid
hilflos. Aber wozu noch das lange Parlamentieren! Ihr seid mit einer
Anfrage zu mir gekommen, und ich lehne dankend ab. #Dixi#. Im übrigen --
ich habe keinen von euch kränken wollen -- aber ihr kennt ja meine Art.
Und nun adje, Kinder!«
Er streckte den Möllers die Rechte entgegen. Hedda nickte ihnen zu und
rief Fritz noch nach:
»Wann soll denn Hochzeit sein, Krugwirt? Noch nichts bestimmt?«
Fritz hatte seinen Zylinder schon wieder aufgesetzt, riß ihn aber
schleunigst vom Kopf. Er wurde rot und lächelte breit. »Nein, gnäd'ges
Fräulein,« antwortete er, »noch nichts. Es hat ja noch Zeit.«
Und dann wendete sich auch Albert noch einmal herum und fügte hinzu:
»Wir woll'n mal erst abwarten, gnäd'ges Fräulein.«
Sie gingen.
»Grobian,« sagte Bertold draußen.
»Der Kommerzienrat ist anders,« bemerkte Fritz. »Mir schmeckt noch seine
Zigarre.«
Albert war wieder vor der Veranda stehen geblieben. Er packte die
Brüder mit beiden Händen an den Rockklappen.
»Das merk' ich mir,« sagte er halblaut, in verbissener Wut. »Und wenn's
mir ein Vermögen kosten sollte, -- das Herrenhaus bring' ich an mich.
Hier soll der Alte nicht sterben -- oder der Teufel müßt' ihn gerade
schon in den nächsten drei Jahren holen!« --
Hedda hatte wieder ihr Lexikon zur Hand genommen.
»Immer gleich bullern, Vater,« meinte sie. »Man kann doch auch in Ruhe
mit den Leuten sprechen.«
Hellstern schleuderte ein zusammengerolltes Pergament quer über den
Tisch.
»Kann man nicht!« schrie er zurück; »sonst tät' ich's!«
»Gut. Aber überlegen kann man.«
»Wieso? Was überlegen?«
»Ob die Ausbeutung der Quelle nicht doch Gemeinnütziges schaffen kann.«
Der Alte gab darauf keine Antwort. Er beugte sich nieder über den
Folianten rechter Hand. »Steck die Nase ins Buch,« befahl er grob. »Was
heißt #myrobalanum#?«
Hedda schlug nach, antwortete aber nicht.
Der Alte schrieb eine Zeile weiter und schaute auf. »Nun -- hast du's?«
»Ja,« erwiderte Hedda, »aber ich sag' es nicht.«
»So behalt's für dich!«
Und wieder schrieb er weiter und wieder stockte seine Feder. »Hedda, ich
will wissen, was #myrobalanum# heißt! Das muß ein blödsinniges Wort sein
-- ich finde keine Bedeutung heraus.«
»So laß es doch, Vater,« erwiderte Hedda gleichmütig.
»Gib mir das Lexikon 'rüber, zum Schwerenot!«
»Nein, Vater, -- erst mußt du mich ganz sanft um einen Kuß bitten.«
Da flog ein seliges Leuchten über das gerbbraune Gesicht des Brummbärs;
er warf die Feder hin und breitete beide Arme aus.
Viertes Kapitel
Die Ernte war eingebracht worden, und zugleich mit dem Sedantage wurde
das Erntefest gefeiert. Es sollte diesmal ganz besonders großartig
zugehen, da es das erste unter dem Regiment des Kommerzienrats war, von
dessen freigebiger Hand man sich viel versprach. Auf dem Baronshof hatte
man nie viel Wesens von derartigen Feiern gemacht. War die Ernte gut
ausgefallen, so gab es ein paar Achtel Bier und Schnaps, waren die
Zeiten schlecht, so gab es gar nichts. Und seit Jahren hatte es in der
Tat gar nichts gegeben.
Die halbe Nacht über hatten Frauen und Mädchen an ihrem Putz und am
Erntekranz gearbeitet. Das war eigentlich kein Kranz, sondern eine
Krone: Ähren, Blumen und bunte Bänder über ein Holzgestell geflochten,
das der alte Klempt mit vieler Kunst zurechtgebaut hatte.
Daneben hatten die Musikanten viel mit den Proben zu tun. Sie probten
unter der Leitung des Kantors in der Schulstube, daß man es durch das
ganze Dorf hören konnte. Es waren freilich nur fünf Mann: Fritz Möller,
der das Bombardon blies, dann Anton Tengler, der Sohn von
»Schlippermilch«, der junge Raupach und zwei Knechte vom Augut. Noten
kannte keiner; sie spielten alle zusammen nach dem Gehör, und zwar so
lange, bis es einigermaßen klang. Und da der Kantor das feinste Ohr im
Dorfe besaß, so mußte er immer die Entscheidung fällen. Die beiden
Knechte waren unter seiner Fuchtel aufgewachsen und ließen sich
demzufolge auch leicht belehren. Sie waren zudem die musikalischsten der
Banda. Sie bliesen des Sonntags die Posaunen in der Kirche, die der
hochselige Baron, der Vater Hellsterns, bei seiner Verheiratung der
Gemeinde geschenkt hatte. Das hörte sich ganz hübsch an, mitten unter
dem Orgelspiel, und wenn sie einmal falsch bliesen, so störte es auch
nicht, weil es keiner merkte.
Diese beiden Posaunenengel waren, wie gesagt, am leichtesten zu
regieren, aber die drei andern wollten sich durchaus nichts sagen
lassen. Der Kantor schwur jedesmal Stein und Bein, daß er sich um diese
Mordsmusik nie wieder kümmern werde, doch bei der nächsten Gelegenheit
war er gutmütig genug, abermals »die Direktion« zu übernehmen. Am
störrigsten war der dicke Fritz. Er stampfte den Takt gewöhnlich mit dem
rechten Fuße mit und zählte dabei in Gedanken so lange, bis die Reihe an
ihn kam. Und rechnete er einmal falsch und blies den andern in die Musik
hinein, so behauptete er, Tengler habe nicht aufgepaßt, oder Raupach sei
zu spät eingefallen, oder ihm sei eine Motte in das Bombardon geflogen.
Ausreden hatte er immer. Man hatte übrigens nur drei Stücke auf dem
Repertoire: »Heil dir im Siegerkranz«, »Nun danket alle Gott« und einen
Marsch. Das genügte auch. Zum Tanze am Abend kam doch der alte Vietz aus
Wallwitz mit noch einem Geiger.
Fritz hatte sich diesmal bitten lassen, ehe er zugesagt hatte. Die
freien Bauern beteiligten sich an der Cour vor dem Herrn nicht, sondern
wohnten nur dem Tanze bei, währenddessen auch sie zuweilen einen Taler
für ein neues Achtel springen ließen. Aber als Bläser hatte Fritz schon
seit Jahren mitgewirkt. Man meinte, ohne ihn ginge es gar nicht, und es
war auch wahr: es hatte niemand die Kraft, das ungeheure alte Bombardon
so zu meistern wie der starke Fritz. Das Bombardon war gleich den
Posaunen Gemeindeeigentum; man wußte nicht recht, wo es herkam.
Jedenfalls mußte es bereits hoch an Jahren sein und war wahrscheinlich
französischen Ursprungs, denn es hatte nur zwei Ventile. Ein Mensch mit
gewöhnlichen Lungen entlockte dem gelben Ungetüm keinen Ton, höchstens
einen leisen, kreischenden Wimmerlaut. Aber wenn Fritz mit geblähten
Backen hineinblies, dann klang es gewaltig und mauernerschütternd. Und
deshalb sollte er auch dieses Mal wieder dabei sein. Doch er sperrte
sich; er war plötzlich stolz geworden und meinte, das schicke sich nicht
mehr für ihn. Aber der Alte redete ihm zu: man mußte gewisse Rücksichten
auf den Kommerzienrat nehmen.
Gewiß, die Möllers hatten allen Grund dazu. Schellheim hatte Albert
eines Tages die ihm übergebenen Schriftstücke in bezug auf die Quelle
zurückgeschickt und ihm kurzerhand geschrieben, die Sache interessiere
ihn doch nicht so, wie er anfänglich gemeint hätte, auch erfordere sie
zu große Opfer, und was der ablehnenden Redewendungen mehr waren. Das
war schlimm. Albert war ganz verzweifelt. Er nahm zwar immer noch den
Mund voll und wiederholte jedem, der es hören wollte, daß er eine »Bank
hinter sich« habe. In Wahrheit aber hatte die Frankfurter Produktenbank,
ein kleines Institut unter ängstlicher Oberleitung, ihn bereits
abgewiesen, nachdem sie sich nach seinem Ruf und seinem Vorleben
erkundigt hatte. Und in Berlin war es Albert ähnlich ergangen; es war
ersichtlich, man traute dem einfachen Manne nicht. Das grimmte Albert
furchtbar; er war wütend. Er sah ein, daß er die Sache unmöglich allein
durchführen konnte, daß er eines kreditschaffenden Namens bedurfte. Und
so wandte er sich von neuem an den Kommerzienrat, hatte aber bisher noch
keine Entscheidung erhalten.
Dieser zweite September war ein wundervoller Tag. Es lag schon etwas wie
ein leiser Herbsthauch in der Luft; in dämmernder Frühe sah man über dem
Grün des Dorfangers und an den Brombeerbüschen schneeweißen
Altweibersommer hängen, und der Tau war über Nacht so stark gefallen,
daß die Leute meinten, es habe geregnet. Doch der frischherbstliche Odem
hatte etwas Erquickliches. Die Atmosphäre war wonnig rein; man sah die
Oderberge in vollster Klarheit am Horizonte liegen und sogar das
Johanniterkreuz auf dem Kirchturm von Alt-Reuthen.
Um acht Uhr sollte sich der Zug auf dem Anger sammeln. Die Musikanten
waren die ersten, nur Fritz Möller fehlte noch. Dann kamen die Knechte
und Mägde und Kleinbauern, die zugleich Handwerker waren und in Lohn und
Arbeit bei Schellheim standen. Auch einige Bauerntöchter beteiligten
sich, die nicht auf dem Augute bedienstet waren; allerseits waltete das
Bestreben vor, dem diesjährigen Erntefest einen großartigen Anstrich zu
geben.
Die Mädel hatten sich schön gemacht; es flatterte und leuchtete von
bunten Bändern. Und dies Bandwerk, das beliebteste Putzmittel, das man
für wenige Groschen beim Krämer kaufte, verlieh selbst den ältesten und
verwaschensten Kleidern das Aussehen heiterer Neuheit. Hinter der Musik
schritt der Älteste von Langheinrich mit der Erntekrone, die er auf
langer Stange trug, und ihn umgaben die Erntejungfern. Braumüllers Liese
sollte den Vers sprechen; sie war ein dickes Mädchen mit hübschem,
dummem Gesicht und hatte schreckliche Angst, daß sie beim Aufsagen der
Reime stecken bleiben würde. Hundertmal hatte die Mutter sie überhören
müssen, aber über die Stelle: »Wünschen wir einen heiligen Lohn«
stolperte sie immer. Deshalb hatte sie ihre Freundin Dörthe Klempt
gebeten, ihr zu soufflieren, und Dörthe hatte auch von Hedda Erlaubnis
erhalten, sich am Zuge beteiligen zu dürfen.
Nun waren alle da, nur Fritz Möller fehlte noch mit seinem Bombardon. Im
Glanze der Morgensonne rangierte sich der Zug. Auch die Burschen trugen
Bänder an Hüten und Mützen und ein jeder einen Strauß Ähren im
Knopfloch. Überall ruhte heute die Arbeit. Am Zaune des Kantorgartens
stand Feilner mit umwundenem Kopfe, die lange Pfeife im Munde, neben ihm
seine Frau, an jeder Hand ein kleines Mädchen. Selbst der Pastor war
neugierig geworden. Sein schneeweißer Kopf mit den dunkeln,
eigentümlich leuchtenden Augen wurde am Fenster sichtbar. Mitten auf dem
Platze hatte eine Gruppe Frauen Aufstellung genommen; man sah die
Thielemann, das Weib des Krämers, die alte Maracken, deren zahnloser
Mund noch böse klatschen konnte, die ungeheuer dicke Braumüllern, die
Bacherten und die Frau von Langheinrich, eine reiche Witwe aus
Kerbitschau, die sehr dünkelhaft war und gern klagte, wie unglücklich
sie sich fühle, weil sie einen so ungebildeten Mann geheiratet habe.
Auch die Schwester von Klempt, Tante Pauline, stand dabei, mit ihrem
geisterhaften Gesicht und den schwarzen Traumaugen.
Plötzlich schrie Luise Braumüller über den Platz:
»Sieh doch mal nach, Mutter, wo Möllers Fritze bleibt! Es wird doch nu
Zeit!«
Auf der Stelle erhob sich in der Weibergruppe ein eifriges Klatschen.
»Dem sitzt die Quelle im Kopf,« meinte die Thielemann, und die Maracken
nickte und fügte hinzu: »Paßt emoal uff, die schnappen oalsamt noch
über, die ganzen Möllersch ...« Und dann ließ man kein gutes Haar an den
Möllers. Aber die Braumüllern hatte sich schon auf den Weg gemacht; ihre
Tochter pantoffelte sie -- jedes Wort von der Liese war Befehl für sie.
Sie lief, was sie konnte, und ihre fettstrotzende Körperlichkeit
schwankte förmlich.
Doch die Liese hatte sich schon wieder anders besonnen. Sie schlug vor,
man sollte ruhig anrücken und vor dem Kruge auf Fritz warten. Damit war
alles einverstanden; Dörthe konnte Fritzen holen.
So setzte sich der Zug denn in Bewegung. Die Musik schwieg, weil das
Bombardon noch fehlte, aber die Burschen jubelten und schwenkten ihre
Hüte und machten derbe Witze mit den Mädeln.
Es ging die Dorfstraße hinab, vorüber an Kirche und Friedhof, an den
Gehöften von Langheinrich, Tengler und Raupach, die alle vor der Tür
standen, vom Lehnschulzen und von Thielemann. Und dazu läuteten die
Kirchenglocken weithin; ihr Klang füllte die Luft mit schwingenden
Akkorden.
Am Kruge, dicht vor der hölzernen Barbebrücke, stockte der Zug. Dörthe
hob ihre Kleider auf und sprang die Steintreppe hinauf. Die Braumüllern
war ihr schon zuvorgekommen. Sie schimpfte auf Fritz, der eben erst
dabei war, sich ein reines Hemd anzuziehen. Er stand mitten in der
Schankstube, und die Mutter half ihm beim Ankleiden. Jedesmal kam er zu
spät.
Als die Möllern Dörthe erblickte, begann sie zu räsonnieren. »Was stehst
du denn da und hältst Maulaffen feil?« eiferte sie. »Immer faß zu! Hole
das Halstuch -- 's liegt obenauf in der Kommode -- im zweiten
Schubfach!«
Auch Fritz räsonnierte, während er eiligst in die Weste fuhr, zuerst
natürlich verkehrt, was ihn noch wütender machte.
»Vater, mein Bombardon!« schrie er. »Draußen in der Küche -- ich hab' es
geputzt! Und bring meinen Hut mit! -- Heiliges Donnerwetter, ich habe ja
nicht gedacht, daß es schon so spät ist! -- Nun hab' ich die Weste
schief zugeknöpft! Gib das Halstuch her, Dörthe!«
Während er das Tuch vor dem Spiegel knüpfte, trat Albert ein. Er lebte
jetzt halb in Oberlemmingen, halb in Frankfurt. Seinem blassen,
brummigen Gesicht sah man die Fehlschläge seiner Hoffnungen an.
»Du, Fritz,« sagte er, »wenn der Kommerzienrat von der Quelle anfangen
sollte -- sei vernünftig! Red keinen Unsinn! Überlege jedes Wort!«
»Werd' schon,« erwiderte Fritz, sein Haar bürstend. Liese Braumüller und
Anton Tengler kamen auch, um zu sehen, wo Fritz bleibe. Ein paar der
alten Weiber folgten. Die halbe Stube war gefüllt. Die Maracken schaute
neugierig durch den Türspalt.
Fritz brüllte, das Weibsvolk möge sich hinausscheren. Dann schimpfte er
wieder, weil ihm der Scheitel nicht gelingen wollte. Schließlich stürmte
er, unter beständigem Fluchen, in die Küche, tauchte den Kopf in eine
Schüssel voll Wasser, rieb ihn mit dem ersten besten Tuche ab, das ihm
in die Hände fiel, und scheitelte sich nun das Haar. Das ging.
Dörthe stand schon hinter ihm, mit beiden Armen das riesenhafte
Bombardon haltend, über das sie den Zylinderhut mit dem Bronzeton
gestülpt hatte.
Fritz war glücklich, daß er endlich fertig war. Er nahm das Bombardon
und blies mächtig hinein, um den draußen Wartenden zu verstehen zu
geben, nun sei es so weit. Ein paar Hunde in der Nähe begannen
anzuschlagen; die große Katze, die neben dem Kochherd lag, sprang ob des
entsetzlichen Tons mit einigen gewaltigen Sätzen davon, und der ganze
Zug schrie »Hurra!«
»Ein langweiliger Peter!« sagte Albert unter der Haustür zu seiner neben
ihm stehenden Mutter. »Aus dem wird nie was!«
»Glaub's auch nicht,« antwortete die Alte.
Die Musikanten bliesen nunmehr ihren Reitermarsch, und das große
Bombardon klang wie eine Stimme des jüngsten Gerichts dazwischen.
Langsam bewegte sich der Zug den Auberg hinan, und alle Kinder aus
Oberlemmingen folgten ihm, schreiend, johlend und singend.
Im Schlosse war man auf das Kommende vorbereitet. Schellheim und die
Rätin hatten bereits auf der letzten Terrasse Aufstellung genommen, mit
ihnen der Oberinspektor Bandemer und zwei Eleven. Über die Balustrade
der ersten Terrasse lugten die neugierigen Gesichter der Dienerschaft.
Über das stille Antlitz der Rätin glitt etwas wie ein leichtes
Schmerzempfinden, als die Musik näher und näher kam; ihrem
feingebildeten Ohr dünkte der kriegerische Marsch wie ein ungeheurer
Korybantenlärm. Dann aber zog ein Lächeln über ihr Gesicht. Der Zug
nahte. Die Bläser transpirierten außergewöhnlich; man sah, wie über die
den Luftstrom aufnehmenden und wieder fortstoßenden dicken Backen das
Wasser strömte. Namentlich Fritz gewährte einen unfreiwillig-komischen
Eindruck. Der schöne Zylinder, über dessen sanften Bronzeton die Sonne
glitt, saß ihm tief im Nacken. Das ganze Gesicht glühte purpurn vor
Hitze und Anstrengung und erschien wie gebadet. Er war so im Eifer, daß
er das Schlußzeichen übersah, das Tengler gab, und so stieß er noch ein
paar schmetternde Töne aus, während die andern schon schwiegen, und
setzte das Instrument erst ab, als der junge Raupach ihn ärgerlich in
den Rücken puffte. Und dann machte er ein ganz erstauntes Gesicht; er
hatte nicht gedacht, daß es schon zu Ende wäre.
Liese Braumüller deklamierte ihren Spruch, die Augen zu Boden gesenkt,
voll brennender Verlegenheit, monoton sprechend, wie sie es beim
»Aufsagen« in der Schule gelernt hatte, und mit gefalteten Händen.
Zweimal stockte sie, aber Dörthe half ihr immer wieder aus. An der
Stelle: »Wir wünschen der Herrschaft einen heiligen Lohn« versprach sie
sich mehrfach, sagte erst »leiligen Hohn« und raspelte dann noch längere
Zeit an den Worten herum, ehe sie das rechte fand. Dabei schossen ihr
die Tränen in die Augen.
Als sie geendet hatte, trat der Gutsvogt vor, der mit im Zuge war, ein
stämmiger Mann, der Markuse hieß und deshalb immer »Jüd« genannt wurde,
obschon er aus altsässiger Bauernfamilie stammte. Der brachte ein Hoch
auf die gnädige Herrschaft aus, worauf die Musikanten einen Tusch
bliesen und dann merkwürdigerweise »Heil dir im Siegerkranz« anstimmten.
Das brachte den Kommerzienrat, der etwas verlegen war, wie er nach
Landesbrauch die Ovation beantworten sollte, auf einen guten Gedanken.
Er gab den Nächststehenden die Hand, dankte allerseits und ließ sodann,
an den Sedantag und seine glorreichen Erinnerungen anknüpfend, in einer
geschickten Schlußwendung Seine Majestät den Kaiser leben. Wieder fielen
die Musikanten ein und bliesen hierauf, ihrem Repertoire getreu, »Nun
danket alle Gott«.
Der Kommerzienrat sah ein wenig verwundert aus. Eine Predigt konnte er
doch nicht halten. Er nahm sein Portefeuille aus der Tasche und reichte
dem Gutsvogt einen Fünfzigmarkschein: die Leute möchten sich einen
vergnügten Abend machen. Und dann zog er diesen und jenen ins Gespräch,
während die Rätin mit liebenswürdiger Miene ein paar freundliche Worte
an Liese Braumüller richtete.
Fritz Möller stand in vorderster Reihe. Als Schellheim ihn sah, stutzte
er und fragte:
»Herr Möller -- nicht wahr?«
»Jawohl, Herr Kommerzienrat,« antwortete dieser.
Schellheim zupfte an seiner Weste.
»Hören Sie mal, mein lieber Herr,« fuhr er fort, »Ihr Bruder -- der
ältere ist es, glaub' ich -- hat mir da mehrfach wieder geschrieben --
wegen der Quellengeschichte. Er drangsaliert mich ein bißchen. Na -- um
ihm einen Gefallen zu erweisen, will ich mich der Sache annehmen, aber
-- aber ich muß freie Hand haben. Verstehen Sie, freie Hand!?«
»Jawohl, Herr Kommerzienrat,« erwiderte Fritz, vollständig überzeugt,
»freie Hand --«
»Sonst kann ich nämlich nichts machen, so gut wie gar nichts. Sagen Sie
Ihrem Bruder, er möchte mal zu mir kommen. Wenn er gerade Zeit hat -- es
eilt ja nicht.«
»O, der hat schon Zeit,« sagte Fritz unklug, mit strahlendem Gesicht,
überglücklich darüber, daß die Angelegenheit nun ins Rollen kommen
werde. »Der lauert nur drauf, Herr Kommerzienrat!«
»So!« entgegnete dieser kurz und ging weiter.
Fritz war in so großer Aufregung, daß er den Heimweg kaum erwarten
konnte. Er galt als der »dumme Junge« in der Familie, wurde von allen
von oben herab behandelt und trotz seiner physischen Kräfte bei jeder
Gelegenheit unterdrückt. Und nun war _er_ es, der die frohe Botschaft
ins Haus bringen konnte, daß der Kommerzienrat eingewilligt habe, sich
der Quellenangelegenheit anzunehmen. Er beschloß, den Angehörigen
vorzulügen, daß _er_ den Kommerzienrat überredet und »breitgeschlagen«
habe. Oho, so dumm, wie die andern glaubten, war er denn doch nicht; er
wollte sich schon Respekt verschaffen.
Der Rückmarsch in das Dorf währte ewig lange für den Ungeduldigen. Er
blies in sein Bombardon, daß man es noch in Kerbitschau hören konnte,
eine Viertelmeile von Oberlemmingen. Seinen ganzen Jubel blies er in die
alte Tuba, die sich geschmeichelt zu fühlen schien und das jauchzende
Herz ihres Trägers in eine donnernde Tonfülle übersetzte. Die drei
Repertoirestücke kamen hintereinander an die Reihe. Auf dem Dorfanger
schwenkte der Zug in Frontstellung ein, und dann ging man auseinander.
Dörthe suchte ihren Vater auf.
»Das gnäd'ge Fräulein hat mir deine Rechnung bezahlt, Vater,« sagte sie.
»Mach die Hand auf! Einundzwanzig Mark achtzig -- aber die Deichsel am
gelben Wagen mußt du noch mal nachsehen, die klappert noch immer.«
»Ein altes Stück Holz kann ich nicht mehr neu machen,« entgegnete Klempt
und steckte das Geld ein. »Gehst du am Abend zu Tanze?«
»Ja -- ich darf, aber ich soll um Mitternacht wieder zu Hause sein.«
»Recht so. Du brauchst dir nicht die ganze Nacht um die Ohren zu
schlagen. Sei vernünftig, Dörthe -- daß du mir keine Dummheiten machst!
Ich weiß, wie's beim Erntefest zugeht.«
Dörthe lachte. »Habe doch keine Bange, Vater! Nee -- ach du lieber Gott!
So bin ich nicht wie die Liese! ... Vater, du siehst immer noch blaß
aus. Du hätt'st nicht bei der Hitze mitlaufen soll'n!«
»Ich weiß, was richtig ist. Der Kommerzienrat ist mein Brotherr. Nun
geh -- vielleicht springst du noch mal zu uns 'ran, eh' du in den Krug
machst!«
»Werd' sehen!« rief Dörthe und eilte davon, daß ihre Röcke flogen. Es
war Mittagszeit, und sie mußte auf dem Baronshof in der Küche helfen. --
Sein Bombardon im Arm, war Fritz mit großen Schritten nach dem Kruge
zurückgekehrt. Hier stand der alte Möller auf einer Leiter und nagelte
zur Feier des Tages eine Girlande an, die mit Bändchen aus rotem und
blauem Seidenpapier durchflochten war.
»Nu sind wir so weit, Vater!« rief Fritz dem Alten entgegen.
»Was hast du gesagt?« fragte dieser von der Leiter herunter, drei große
Nägel zwischen den Zähnen haltend.
»Nu sind wir so weit,« wiederholte Fritz. »Mit der Quelle. Der
Kommerzienrat ist dabei. Ich habe ihn breitgeschlagen. Albert soll zu
ihm kommen.«
Der Alte wäre vor freudigem Schreck beinahe von der Leiter gefallen. Er
nahm die Nägel aus dem Munde und sagte dreimal hintereinander:
»Donnerwetter!« Dann kletterte er rasch herab und stürzte Fritz in das
Haus nach.
Albert wollte die Siegesnachricht noch gar nicht glauben. Es schien ihm
unfaßlich, daß der dumme Junge, der Fritz, Schellheim »breitgeschlagen«
habe. Er wollte Genaueres wissen. Und nun log Fritz los. Er erzählte
unsinniges Zeug, aber das Endresultat blieb dasselbe: Albert sollte auf
das Auschloß kommen -- bei Gelegenheit -- »es eile nicht«....
Albert überlegte. _Ihm_ eilte es. Er wollte sogleich hinauf. Nein, nicht
sogleich, riet der Alte, das sehe zu pressiert aus. So gegen Abend
vielleicht -- und Albert sollte so tun, als ob ihm an der Beteiligung
Schellheims eigentlich gar nichts mehr liege.
Der Erstgeborene nickte lächelnd. Solche gute Ratschläge brauchte er
nicht. Er nahm sich vor, am Spätnachmittag auf das Auschloß zu gehen.
Fritz brüstete sich. »Ich habe ihn breitgeschlagen,« war sein drittes
Wort.
Gegen Abend fand sich auch Bertold mit seiner Frau ein, einer kleinen,
mageren, schwarzen Person von scheuem und geducktem Wesen. Bertold war
in nicht minder großer Aufregung als Albert. Er war zu sehr
Geschäftsmann, um es nicht schmerzlich zu empfinden, daß das geplante
Unternehmen sich nicht entwickeln wollte. Er versprach sich viel von der
Sache und träumte Tag und Nacht davon. Besonders das eine Traumbild: ein
großer Basar in dem neuen Badeort, in dem alles zu bekommen sein würde,
und der schon durch seine ganze Anlage jede Konkurrenz ausschließen
sollte -- ein Basar mit blitzenden Spiegelscheiben und großstädtischen
Auslagen und der weithin leuchtenden Firma: #»Maison Moeller«#. Jawohl --
#»Maison Moeller«# wollte Bertold künftighin firmieren; das gab der Sache
einen internationalen Schliff und lockte auch die Ausländer an, die das
Bad besuchen würden.
Um sechs Uhr begann das Fest im Kruge. Die Schankstube war frisch mit
Sand bestreut worden. Rings um die Wände zog sich eine große Girlande
aus Eichengrün, gleichfalls mit Rosabändchen aus Seidenpapier verziert.
Ebenso hatten die Bilder des Königspaares Kränze erhalten. Freilich
stellten diese Bilder -- ein paar gelb gewordene, mit Rostflecken
übersäte Lithographieen -- noch Friedrich Wilhelm IV. und die Königin
Elisabeth dar; aber der alte Möller meinte, das schade nichts. König
bleibt König. Wenn Fritz einmal heiratet, kann er sich ein Kaiserbild
kaufen; vorläufig genügt Friedrich Wilhelm IV. Wenn das Gespräch darauf
kam, vergaß Möller nie zu erzählen, daß er Friedrich Wilhelm IV. einmal
persönlich gesprochen hatte. Damals war gerade die Chaussee nach Posen
eröffnet worden, und der König fuhr mit dem Minister von Selchow einige
Dörfer ab, die der neue Verkehrsweg berührte. Und so kam er auch nach
Oberlemmingen. Möller, derzeit ein stattlicher junger Mann, war Schulze
und empfing ihn an der Barbebrücke, den berühmten Zylinderhut, den nun
der Fritz geerbt hatte, auf dem Kopfe und in der Rechten den langen, mit
schwarz-weißem Band umflochtenen Schulzenstab. Der König ließ halten und
sprach einige Worte mit Möller, und schließlich fragte er auch, ob Acker
und Feld ihre Schuldigkeit täten, und ob man zufrieden sei. Möller
erwiderte furchtlos: »O ja, Majestät, das schon, aber wenn man bloß die
Steuern nicht wären!« Und da hatte der König gelacht und war
weitergefahren.
Wenn der Alte davon erzählte, wurde er stolz. »Das hab' ich dem König
gesagt,« erklärte er, »und wenn er auch gelacht hat, gemerkt hat er
sich's doch. So 'n König weiß ja gar nicht, was wir für Steuern zahlen
müssen, wenn man's ihm nicht mal sagt ...« Die Steuern waren das
Klagelied Jeremiä der Bauern. Sie hatten noch von 1806 her Beiträge für
die Kriegskosten von damals zu zahlen. Und dann die Gemeindelasten:
Kirche und Schule und vor allem der Wegebau. Wenn es nach ihnen gegangen
wäre, hätten die Wege grundlos werden und Kirche und Schule verfallen
können. Die Steuern fraßen einen langsam auf ...
Zuerst kamen die Burschen, Knechte, Taglöhner und Bauernjungen, die sich
an dem arbeitslosen Tage langweilten und nicht wußten, wie sie die Zeit
totschlagen sollten. Die Tische waren in der Schankstube beiseite
gerückt worden, dicht an die Stühle und Bänke längs der Wände heran, so
daß der Mittelraum für den Tanz frei blieb. Man forderte Bier. Dörthe
war auch schon da; Fritz hatte sie gebeten, etwas früher zu kommen,
damit sie mithelfen könne. Und das tat sie gern. Sie fühlte sich dann
schon halb und halb als Hausfrau auf dem Platze, den sie einmal
einnehmen würde. Heute sollte es übrigens zur Entscheidung kommen. Die
Verlobung war noch nicht veröffentlicht worden, das kirchliche Aufgebot
noch nicht erfolgt. Die alten Möllers sprachen noch immer dagegen und,
wie es Dörthe schien, auch Albert und Bertold. Nun wollte sie aber aus
dem Ungewissen heraus. Alle Mädel im Dorfe neckten und foppten sie
bereits, Liese Braumüller vorweg, die es auch auf Fritz abgesehen hatte
und sich nun Hoffnungen auf Albert machte. Das ging nicht so weiter. Und
deshalb war Dörthe, ehe sie nach dem Kruge gegangen, noch einmal zu
ihrem Vater herangesprungen und hatte ihn gebeten, noch an diesem Abend
die Entscheidung herbeizuführen. Klempt wollte anfänglich nicht; er war
nicht gern im Kruge; bei seiner Menschenscheu ängstigte er sich auch,
der Gesamtfamilie Möller entgegenzutreten. Und sicher waren sie heute
alle zusammen. Aber Tante Pauline unterstützte Dörthe. Es müsse zum
Klappen kommen, erklärte sie; es liege sowieso genug Unheil in der Luft.
Drei Nächte hintereinander hatte sie von einer schwarzen Henne geträumt,
die wild mit den Flügeln schlug; das bedeute sicher nichts Gutes. Und so
sagte der alte Klempt denn zu; er wollte gegen sieben im Kruge sein.
Dörthes Herz hämmerte stark, während sie in geschäftiger Eile dem alten
Möller die Gläser abnahm, in die dieser das Bier zapfte. Fritz hatte den
Schnapsschank, und Mutter Möller machte sich in der Küche zu schaffen,
während Bertold mit dem Förster und einem Eleven Schellheims im
Extrazimmer politisierte. Dörthe merkte, daß der Alte guter Laune war.
Er hatte sie einmal um die Taille gefaßt und ihr gesagt, das Kleid mit
den roten Punkten kleide sie gut, -- er werde ihr, wenn er das nächste
Mal nach Zielenberg komme, ein dazu passendes Halstuch mitbringen. Das
machte das Mädchen ganz glücklich. Ihre Liebe zu dem dicken Fritz war
der Inhalt ihrer Tage. Um seinetwillen hielt sie sich von den andern
fern und vermied es, sich zur Erntezeit, an den lauen Sommerabenden,
wenn die Arbeit vorüber, zwischen den Heuhaufen auf den geschorenen
Wiesen und den Buchen an der Grauen Lehne herumzutreiben, wo man bei
Mondschein gewöhnlich das Kichern der Dirnen und das helle Lachen der
Liese Braumüller hören konnte, die überall dabei sein mußte. Ihr, der
Dörthe, konnte kein Mensch etwas nachsagen, und bei aller sonstigen
Naivität ihrer sittlichen Anschauung war sie doch stolz darauf.
Das Zimmer war schon voll, aber der alte Vietz mit seinem Geiger hatte
sich verspätet. Man schimpfte auf ihn; sicher lag er wieder irgendwo
betrunken im Graben. Es war dumm, daß die heimische Banda nur ihre drei
Stücke konnte und nicht einmal einen Tanz darunter; sonst hätte man es
mit Blechmusik versucht. Man rief Fritz zu, er solle sein Bombardon
holen; ein paar junge Leute stellten sich in eine Ecke und begannen eine
Polka zu pfeifen. Liese Braumüller und Anton Tengler tanzten danach;
einige andre folgten, schreiend und lachend; aber es ging nicht recht --
man kam immer wieder aus dem Takt. Da erhob sich draußen Kindergebrüll.
Vietz kam endlich. Der alte Kerl mit seinem blassen Gesicht, in dem nur
die große Kartoffelnase rötlich schimmerte, war in der Tat so betrunken,
daß er sich kaum aufrecht halten konnte. Sein Partner, der Geiger, hatte
ihn unter dem Arm gepackt und schleppte ihn vorwärts. Das war keine
Kleinigkeit, denn der Geiger, ein schmächtiges Kerlchen, schleppte auch
noch den Baß seines Patrons. Alle Kinder waren hinter den beiden her und
johlten und jubelten. Vietz schien das zu amüsieren; sein ganzes Gesicht
lachte. Aber plötzlich wurde er ernst, blieb stehen und hielt eine
drohende Anrede an den schreienden Schwarm, fuchtelte mit beiden Fäusten
und griff schließlich in den Sand, um den Kindern eine Handvoll Erde auf
die Köpfe zu werfen. Und alles stob unter erneutem Geheul auseinander.
Fritz erschien unter der Haustür. Er machte kurzen Prozeß, denn er
wußte, wie Vietz zu behandeln war. Er packte ihn einfach an Kragen und
Rockschoß, trug ihn in das Schankzimmer und setzte ihn hier in eine
Ecke. Dann wurde ihm der Baß zwischen die Beine geschoben, und der
Geiger nahm neben ihm Platz.
»Nu feste gespielt, Vietz,« sagte Fritz ernst; »immer nach drei Tänzen
kriegt Ihr ein Glas Bier. Aber wenn Ihr's schlecht macht, gibt's gar
nichts!«
Vietz nickte; er kannte das. Und dann ging es los. Der Geiger fiedelte,
und Vietz kratzte auf seinem Baß herum: es war eine höllische Musik. Der
Alte hatte offenbar das Bestreben, stets möglichst schnell zu Ende zu
kommen, während sein Partner eine behagliche Natur war und sich Zeit
ließ. So kamen die beiden niemals zusammen. Doch auf das Vergnügtsein
der Tanzenden hatte das verschiedene Tempo keinen Einfluß. Die Paare
wirbelten im Zimmer umher; man stieß sich, man stolperte, man drängte
sich und chassierte aneinander vorüber, lachte, lärmte und tollte und
unterhielt sich königlich dabei. Der Staub schwirrte auf, die Luft wurde
schwül, ein trüber Dunst stieg zu der niedrigen Decke auf. Die Möllern
öffnete ein Fenster.
Draußen im Garten spielten Braumüller, der Schulze, Raupach,
Langheinrich und noch ein paar eine Partie Kegel. Man hörte durch das
offene Fenster trotz des Lärmens der Tanzenden das dumpfe Rollen der
Kugeln und das polternde Geräusch der stürzenden Kegel.
Die Möllern schaute zum Himmel auf, schnüffelte in der Luft herum und
zog die Nase kraus.
»Braumüller,« rief sie zum Fenster hinaus, »das gibt wohl noch was --
he?!«
»Alle neune!« schrie in diesem Augenblick der Angerufene. »Dundersaxen,
Langheinrich, du bist ein verflixter Kerl!« ... Und dann schaute er
gleichfalls zum Himmel und nickte der Möllern zu. »Ja, das gibt noch
was, Mutter Möllern! Das wird 'n bißchen brummlich da hinten!« ...
Albert war schon vor zwei Stunden nach dem Auschloß gegangen. Es war
merkwürdig, daß er noch nicht zurück war. Dörthe überlegte, ob es nicht
zweckmäßig sei, daß der Vater seine Abwesenheit benutzte, um mit dem
alten Möller und Fritze zu reden. Sie hatte so viel zu tun, daß sie nur
dann und wann einmal zum Tanze kam. Und mitten im Herumschwenken hörte
sie zuweilen den Ruf der Möllern aus der Küche oder das kurze,
befehlende »Dörth'!« des Alten, der, in jeder Hand ein paar
frischgefüllte Biergläser, hinter dem Schanktische stand. Mit heißem
Gesicht und wogender Brust stürzte sie dann von ihrem Tänzer fort, um
wieder die Gäste bedienen zu helfen.
Jetzt war eine Pause eingetreten. Man öffnete noch ein zweites Fenster,
denn die Luft war zum Ersticken schwül geworden, und in den dicken Dunst
warfen die drei in der Stube aufgehängten Laternen nur ein
verschleiertes Licht. Eine Gruppe von Mädeln und Burschen hatte sich um
Vietz geschart, der ihnen mit heiserer Stimme das Lied vorsang:
»Hans mit de Krusekragen
Stieg up de Kachelawen --
Bautz, fiel hinunger,
War des kee' Wunger --
Wär' he nich hinuppestegen,
Hätt' he nich hinunnelegen!«
Zwischen jedem Verse strich er den Baß, verdrehte dabei die Augen und
ließ zuweilen die Stimme überschnappen -- und das Volk um ihn wollte
sich ausschütten vor Lachen.
»Vater, nu mach doch man!« flüsterte Dörthe Klempt zu, der ruhig in
einem Winkel saß und seine Pfeife schmauchte. »Jetzt paßt's gerade!«
Klempt schaute nach Möller aus. Der hatte sich ermüdet hinter dem
Schanktische niedergelassen. Neben ihm hatten Fritz und die Alte auf
zwei Schemeln Platz genommen; man sprach davon, daß Albert noch immer
nicht da sei.
Klempt erhob sich, öffnete die Klappe seines Pfeifenkopfes und drückte
mit dem Daumen den Tabak fester. Dann schritt er langsam nach dem
Schanktisch.
»Es wird noch 'n Wetter geben, Möller,« begann er die Unterhaltung.
»'s soll mir recht sein,« entgegnete der Angeredete; »ich hab' alles
'reingebracht.«
Klempt spuckte auf die Erde und zündete aus Verlegenheit ein Streichholz
an, obwohl seine Pfeife noch brannte. »Viel Arbeit heute,« meinte er;
»'s ist gut, daß sich die Dörthe freimachen konnte ...« Und einen
plötzlichen Entschluß fassend fügte er hinzu: »Habt ihr denn schon
überlegt, wann das Aufgebot sein soll?«
Die Alte schaute Klempt mit ihren dunkeln Augen böse an, und Möller tat
sehr erstaunt.
»Was denn für ein Aufgebot?«
»Na, zur Hochzeit,« erwiderte Klempt, schon wieder etwas kleinlaut.
Nun lachte Möller. »Ach so,« sagte er; »na, ich dächte, bis jetzt wären
die beiden noch gar nicht mal so recht versprochen!«
»Dächt's auch,« fügte die Mutter hinzu. »Das ist so 'ne Liebelei, wie
sie schon vorkommen kann --«
Doch nun fiel Fritz den Eltern in das Wort. Er hatte zuweilen das Herz
auf der Zunge.
»Nein, Mutter,« sagte er; »du weißt recht gut, daß es mir Ernst ist. Ich
habe die Dörthe immer haben woll'n. Wir könnten wenigstens regelrechte
Verlobung feiern, damit sich das Mädel nicht unnötig necken zu lassen
braucht.«
»So ist's,« setzte Klempt hinzu. »Von heute zu morgen kann niemand die
Hochzeit verlangen, aber eine ordentliche Verlobung muß sein.«
»Wir woll'n mal mit Albert darüber sprechen,« sagte Möller; »ich weiß
nicht, wo der Junge bleibt!«
Klempt hatte sich gleichfalls einen Stuhl an den Schanktisch
herangezogen. Er hatte sich nie so recht gut mit den Möllers gestanden,
und nach seinem Herzen war eine Heirat zwischen Dörthe und Fritz auch
nicht. Aber ihr Lebensglück hing doch nun einmal davon ab, und das
machte den sonst so schweigsamen Alten beredt.
»Ihr müßt nicht immer so tun, als paßte die Dörthe nicht in eure
Familie,« hub er von neuem an. »Die Klempts sind gerade so ein guter
Bauernschlag. Jawohl, Möller, und du brauchst auch nicht zu glauben, daß
ich die Dörthe arm wie 'ne Kirchenmaus in die Ehe gehen lasse. Sie hat
ihre gute Ausstattung, und ein paar Taler habe ich mir ja auch sparen
können, die sie nach meinem Tode kriegen soll. Die Ersparnisse von Tante
Pauline kommen dazu, und schließlich das Gehöft -- ist denn das nichts
wert? So 'n ordentliches Haus find'st du lange nicht, und wie fest das
noch alles steht! Und der Garten und die fünfzehn Morgen Acker und dann
vor allem der schöne Wiesengrund, der bis an die Graue Lehne
heranreicht, der beste im ganzen Dorfe?! Wir sind doch keine
Bettelpackasche, Möller! Ich dränge mich euch nicht auf, aber das Mädel
ist doch nun mal so verrückt nach dem Fritz, und --«
Der Tanz hatte wieder begonnen. Fritz erhob sich und legte seine Hand
auf die Schulter Klempts.
»Laßt's gut sein, Vater Klempt,« meinte er, »die Alten sind schon
vernünftig. Wenn Albert zurückkommt, woll'n wir noch mal in der Familie
darüber sprechen ...«
Mutter Möller war längst in ihre Küche zurückgekehrt und warf dort mit
den Eisenringen des Herds umher, daß man es im Schankzimmer hören
konnte. Das paßte ihr alles nicht; die Dörthe war keine Partie. Aber sie
schwieg und wurmte sich heimlich. Die Eisenringe des Herds sprachen für
sie.
Dörthe hatte aus der Entfernung die kleine Szene beobachtet. Nun stand
Fritz vor ihr. »Rasch einmal 'rum,« sagte er und faßte sie um die
Taille. »Die Verlobungspolka, Dörthe! Morgen soll's das ganze Dorf
wissen!«
Er tanzte mit ihr. Sie war selig und hing mit glückstrahlendem Gesicht
in seinen Armen.
Geige und Baß kreischten wieder. Das ganze Haus schien unter den
Schwingungen der tanzenden Paare zu dröhnen. Da klirrten auf einmal die
Fenster. Ein furchtbarer Donnerschlag erscholl, dann prasselte ein
Regenschauer, mit Schloßen gemischt, zur Erde. Schreiend stoben die
Tanzenden auseinander. Die draußen kegelnden Bauern, die von der
Plötzlichkeit des Gewitters überrascht worden waren, stürmten in das
Zimmer, triefend vor Nässe, mit dampfenden Kleidern.
Alles drängte sich an den Fenstern zusammen. Von Zeit zu Zeit
erleuchtete ein greller Blitz die Nacht, und dann sah man den dicht
fallenden Regen. Hatte es irgendwo eingeschlagen, so mußte das vom
Himmel strömende Wasser den Brand auf der Stelle löschen. Man war sehr
vergnügt bei dem Unwetter. Die meisten hatten ihre Ernte geborgen, nur
ein kleiner, verhungert aussehender Kossät, Priestegall mit Namen,
ächzte und jammerte: er hätte seinen Hafer noch nicht einfahren können.
Die Bauern von der Kegelbahn wollten tanzen, um sich warm zu machen.
Aber Vietz war eingeschlafen. Man wollte ihn wecken, doch es war nicht
möglich, den Trunkenbold zur Besinnung zu bringen. Da nahm Langheinrich
den Baß zwischen seine mageren Beine und begann ihn zu bearbeiten,
während auch der Geiger sein Spiel aufnahm. Das gab neuen Spaß, und bald
wirbelten wieder die Paare durch das Gemach, unbekümmert um die
diabolische Musik.
Auf einmal hieß es, der Kommerzienrat sei vorgefahren. In der Tat, eine
geschlossene Equipage vom Augut hielt vor der Tür. Aber nicht der Rat
stieg aus, sondern Albert Möller. Allgemeines Erstaunen; Schellheim
hatte Albert in eignem Wagen nach Hause fahren lassen, -- das hatte ganz
gewiß etwas zu bedeuten!
Der alte Möller, Bertold und Fritz eilten Albert bis auf den Hausflur
entgegen. Er zog sie in die Küche. »Es ist alles abgemacht,« sagte er
hastig, mit vergnügtem Schmunzeln um den Mund; »der Kommerzienrat
schießt uns das Nötige aus eigner Tasche vor. Morgen fahre ich mit ihm
nach Berlin zu seinem Anwalt ...«
Fritz sprang wie ein Besessener in der Küche umher. »Seht ihr wohl --
hurra!« schrie er; »ich hab' ihn breitgetreten!«
Die alten Möllers und Bertold wollten Näheres wissen. Sie rückten Albert
dicht auf den Leib und bestürmten ihn mit Fragen. Aber er war erschöpft
und wollte zuerst etwas zu essen und zu trinken haben, erklärte auch,
vom Geschäftlichen verständen sie ja doch nichts. Die Hauptsache sei,
daß der Stein nun ins Rollen käme.
»Natürlich ist das die Hauptsache,« bemerkte Fritz, »alles übrige wird
sich schon finden. Und wie ist's nun mit der Verlobung? Grade jetzt, wo
wir alle so vergnügt sind, könnten wir auch gleich meine Verlobung
feiern!«
»Sei doch man still,« fuhr die Alte auf, und Albert fragte: »Deine
Verlobung? -- Ach, mit der Dörthe?!«
»Na, mit wem denn sonst! Vielleicht mit der alten Maracken?!«
Albert zog die Brauen zusammen, doch schon im nächsten Augenblick nickte
er lebhaft mit dem Kopfe. »Schön,« meinte er, »ich hab' nichts
dagegen ...« Und dann nahm er Fritz an der Rockklappe und führte ihn
etwas abseits. »Sag mal, du,« fuhr er im Flüstertone fort, »Klempts
Wiesenbucht grenzt doch an die Graue Lehne?«
»Dichte 'ran, Albert -- dichte 'ran!«
»Na, und wenn der Alte mal stirbt, dann erbt doch die Dörthe das Ganze
als einziges Kind?«
»Alles -- i nu selbstverständlich, -- Vater Klempt hat's uns vorhin
erst wieder auseinandergesetzt, daß die Dörthe noch gar nicht die
schlechteste Partie ist.«
Albert nickte wieder. »Ich glaube, der Klempt wird's nicht mehr allzu
lange machen, Fritz. Er sieht schwindsüchtig aus. Das heißt, meinetwegen
kann er hundert Jahre alt werden! Aber mit der Wiesenbucht -- na, verlob
dich nur erst! Meinen Segen hast du!«
Und wirklich wurde noch an diesem Abend die Verlobung Fritz Möllers mit
Dörthe Klempt öffentlich verkündet. Fritz kletterte während der nächsten
Tanzpause auf einen Stuhl und schrie seine Verlobung mit Stentorstimme
in das Zimmer, und wer sich jetzt noch einmal unterstehe, so fügte er
hinzu, seine Braut zu necken und zu ärgern, der werde ein paar hinter
die Ohren kriegen, es sei ihm gleich, ob Bursche oder Mädel. Und nachdem
er dies versprochen hatte, brachte er ein Hoch auf das Brautpaar, das
heißt auf sich selbst und Dörthe, aus, und die Musik mußte einfallen,
und alles brüllte mit, umringte ihn und die Dörthe, gratulierte, lachte
und witzelte. Es war ein geräuschvolles, unaufhörliches Schnattern,
während draußen noch immer mit leisem Plätschern der Regen fiel und das
abziehende Wetter den Horizont erhellte.
Dörthe war so froh, daß ihr hübsches Gesicht wie von Sonnenschein
überflutet war. Selbst die Möllern schien sich fügen zu wollen. Dörthe
mußte ihr helfen, zu backen und zu schmoren, denn es sollte »in Familie«
gegessen werden. Der alte Möller stieg selbst in den Keller, ein paar
Flaschen Rheinwein heraufholend, von denen er behauptete, die könne
»jeder Vater mit seinem Sohne trinken«. Klempt wurde genötigt, im
Extrazimmer auf dem grünen Sofa Platz zu nehmen. Er wußte gar nicht, wie
ihm geschah; er hatte sich auf einen harten Kampf mit den Möllers gefaßt
gemacht, und nun wickelte sich die Sache so glatt und rasch ab.
In der Schankstube wurden inzwischen die fünfzig Mark vertrunken, die
der Kommerzienrat gespendet hatte. In eine der Fensternischen hatte sich
Liese Braumüller mit ihrer Freundin Guste Thielemann zurückgezogen.
Beide wisperten eifrig miteinander.
»Das hat lange gedauert, eh die Dörthe Fritzen 'rumgekriegt hat,«
flüsterte Liese. »Aber 's wird wohl auch Zeit gewesen sein. Ich könnt'
was erzählen, wenn ich wollte. Und weißt du, Guste, in der Kirche seh'
ich die beiden noch nicht. Ich möchte wetten, daß da noch was darmang
kommt --«
»Dörthe!« erscholl in diesem Augenblick die Stimme der Möllern aus der
Küche.
Das Verlobungsessen war fertig: ein kolossaler Schweinebraten in braun
glänzender, knusperiger Schale, die quadratisch durchkerbt war. Und auch
die Beilagen konnten aufgetragen werden: rote Rüben, Preiselbeeren und
Milchreis mit Zimmet.
Fünftes Kapitel
Es war am Neujahrstage, als Hedda, in der Pelzjacke, die Pelzkappe auf
dem Kopfe und den Muff in der Hand, zu ihrem Vater ins Arbeitszimmer
trat. »Ich will zum Pastor, Papa,« sagte sie, »ihm meinen Glückwunsch
bringen. Hast du etwas zu bestellen?«
»Schöne Grüße, nichts weiter,« antwortete der Baron. »Und warum er sich
denn gar nicht mehr sehen ließe. Seine Beine sind noch flotter als
meine.«
»Werd's ausrichten. Hat die Post nichts Neues gebracht?«
Jetzt schlug sich der alte Herr mit der Hand vor den Kopf. »Sapperment,«
schalt er, »ich fang' wirklich an, tranig zu werden! Die Hauptsache
vergess' ich!«
Er nahm einen Brief vom Tisch. »Weißt du, wer geschrieben hat?«
»Dein Verleger?«
»Gott bewahre! Rat mal!«
Sie riet, aber das Richtige traf sie nicht.
»Dummerle,« rief der Alte endlich, »Axel hat geschrieben!«
Das kam Hedda allerdings so überraschend, daß sie sich setzen mußte.
»Axel?« wiederholte sie. »Der Jarlsberger?«
»Ja, ja -- unser vielgetreuer Herr Vetter, der Nordlandsrecke, der
Wikinger! Er ist nach Berlin zur Botschaft kommandiert worden und will
uns im Frühjahr auf dem Baronshof besuchen!«
Hedda sah noch immer maßlos erstaunt aus.
»Ich ahnte ja gar nicht, daß Axel in diplomatischen Diensten steht,«
sagte sie. »Ich glaubte, er täte gar nichts -- lebte von seinen
Reichtümern -- reiste in der Welt umher -- als Globetrotter --«
»Glaubte ich auch alles, aber du hörst doch, daß dem nicht so ist. Über
den angekündigten Besuch kann ich nicht gerade Rad schlagen vor Freude.
Das gibt allerhand Unbequemlichkeiten -- und der junge Herr wird
verwöhnt sein.«
Jetzt erwachten auch die Sorgen in Hedda.
»In der Fremdenstube regnet's durch,« klagte sie. »Auch muß da neu
tapeziert werden, und, ach, du lieber Gott, das Waschservice sieht erst
recht nicht nach dem Fortschritt der Zeit aus! Wer besucht uns denn
einmal?! Ich habe mich um die Fremdenstube seit Ewigkeiten nicht
bekümmert.«
»Der Axel ist noch nicht einmal in Berlin,« versetzte der Freiherr
begütigend; »wir haben also noch Zeit genug, unsern Schlachtplan zu
entwerfen. Außerdem weiß er, daß wir nicht auf Rosen gebettet sind --
und überdies soll mir's sehr gleichgültig sein, ob es ihm in Jarlsberg
besser gefällt als auf dem Baronshof.«
»Puh!« machte Hedda, »hier ist's aber fürchterlich heiß, Papa. Hältst du
das denn aus?«
»Ich schmore am liebsten -- da spüre ich meine Ischias am wenigsten.«
»Im nächsten Sommer gehst du mir unbedingt nach Gastein, Papa --«
»Wohin denn noch?! Nach Paris und dann ein bißchen an die Riviera, nicht
wahr? Wir haben ja das Geld dazu!«
»Für die Badereise werd' ich's schon schaffen. Vielleicht versuchst du
es auch einmal mit _unsrer_ Quelle --«
»Nicht um die Welt, Hedda! Das hab' ich mir vorgenommen: diese ekelhafte
Quelle existiert für mich nicht! Am liebsten hörte ich gar nichts von
ihr.«
Hedda stand achselzuckend auf.
»Ich streite nicht mehr, Vater. Ich richte ja doch nichts aus. Tu mir
die Liebe und laß dich um die Mittagszeit anziehen. Ich habe August
schon Auftrag gegeben. Die Herrschaften vom Auschloß kommen sicher zur
Gratulation.«
Der Alte streckte beide Hände zur Decke empor.
»Ob sie mich nicht ruhig arbeiten lassen können!« stöhnte er.
»Nein,« erwiderte Hedda, »denn sie wissen, was sich schickt.«
»Papperlapapp -- die Unsitte der Neujahrsgratulation ist längst aus der
Mode gekommen!«
»In Oberlemmingen noch nicht.«
»Opponiere nicht ewig!«
»Ich bin _dein_ Fleisch und Blut.«
»Dann gib mir 'nen Kuß!«
Hedda tat es lachend und eilte hierauf hinaus ins Freie.
Das war ein herrlicher Neujahrstag. Stahlschimmernd wölbte sich der
Himmel über der Landschaft. Der Schnee lag dicht, aber nicht allzu hoch,
und die Sonne gleißte über die weiße Pracht. Es flimmerte und glitzerte,
wohin sich das Auge wandte.
Hedda schritt durch den Garten und über den Dorfplatz, wo ein Dutzend
Kinder sich mit Schlittern belustigte. Jedes einzelne trug ein
Pelzkäppchen und einen roten Schal um den Hals. Als Hedda dies sah,
lächelte sie. Es waren ihre Weihnachtsgeschenke, die sie sich von den
Erträgnissen des Hühnerhofs abgespart hatte. Die Jungen zogen ihre
Kappen ab und grüßten höflich, als Hedda vorüberschritt, und der
kleinste und frechste rief ihr »Prost Neujahr!« nach, und dann jubelten
allesamt wild durcheinander ihr »Prost Neujahr!«
Der Verkehr zwischen Baronshof und Pastorat war von jeher ein herzlicher
und intimer gewesen. Namentlich den derzeitigen Pfarrer hatte der
Freiherr in sein Herz geschlossen. Es war dies eine eigentümliche
Erscheinung, der Seelenhirt von Oberlemmingen, der Doktor von Eycken. Er
stammte aus einem alten und angesehenen westfälischen Adelsgeschlecht.
Sein Vater war General der Kavallerie und eine Zeitlang Gouverneur von
Berlin gewesen, und auch der Sohn sollte, nachdem er sein
Abiturientenexamen bestanden, die militärische Laufbahn einschlagen. So
trat der junge Eycken denn in ein am Rhein garnisonierendes
Husarenregiment ein, in dem fast das ganze Offizierkorps gleich ihm
selbst katholisch war. Bald nachdem er Offizier geworden, erkrankte er
am Typhus und wurde zu seiner Genesung für längere Zeit nach dem Süden
beurlaubt. Während dieses Urlaubs verlebte er einige Monate in dem
damals noch päpstlichen Rom, und gerade hier, in der Siebenhügelstadt,
dem Sitze klerikaler Macht, vollzog sich ein merkwürdiger Umschwung
seines seelischen Empfindens. Eycken sprach sich niemals über die Gründe
aus, die ihn zu einer Zeit, da er noch ein halber Jüngling war, zur
Konversion veranlaßt hatten. Sein Vater erfuhr nur, daß er in Rom in
vertrautem Verkehr mit einem preußischen Edelmann gestanden hatte, der
Monsignore und Kämmerer des Papstes war, und über dessen Lebensführung
man sich in der Klatschgesellschaft der Ewigen Stadt allerhand erzählte.
Tatsache war jedenfalls, daß Eycken nach seiner Rückkehr gegen den
Willen seiner Familie, mit der er in der Folge auch vollständig zerfiel,
zum Protestantismus übertrat, seinen Abschied erbat und noch
nachträglich Theologie studierte.
Seit etwa fünfzehn Jahren war er Pfarrer von Oberlemmingen. Er liebte
die Stille des Landlebens und hatte sich deshalb nie um eine städtische
Stellung bemüht. Es schien auch, als besitze er keinen Ehrgeiz, denn
sonst hätte es ihm leicht werden müssen, bei der Vornehmheit seines
Namens, bei seinem tiefen Wissen und seiner hervorragenden rednerischen
Begabung Karriere innerhalb seines Berufs zu machen. Nun stand er am
Ausgange seines Lebens. Er war ein hoher Sechziger, freilich noch immer
eine überaus stattliche Erscheinung: groß und von breiten Schultern, mit
frischfarbigem Antlitz und leuchtenden Augen. In dichten weißen Locken
umwallte das Haar sein Haupt; Schnurrbart und Vollbart waren ebenfalls
schneeweiß und lang; so sah er wie einer jener alten Patriarchen aus,
von deren das gewöhnliche Menschenalter überragendem Leben voll Wohltun
und Köstlichkeit die Bibel erzählt.
Eycken war nie verheiratet gewesen. Eine alte Haushälterin führte ihm
die Wirtschaft. Man erzählte sich, daß er sehr reich sei. Seinem
bescheidenen und anspruchslosen Wesen und der Einfachheit seiner
Lebensführung merkte man das nicht an. Dagegen half er immer und mit
vollen Händen aus, wenn die Bedürftigkeit sich hilfesuchend an ihn
wandte. Zuwider war ihm nur der Formalismus des Beamtenwesens; die
Führung der Kirchenlisten, die Instandhaltung seiner Bücher und
Rechnungen, und was dergleichen noch mehr war, besorgte ihm der Kantor
gegen eine Entschädigung; mit dem Konsistorium hatte er am liebsten gar
nichts zu tun. Er war denn auch »oben« nicht sonderlich gut
angeschrieben.
Die Wirtschafterin öffnete Hedda und gratulierte mit tiefem Knicks zum
neuen Jahre.
»Danke, Frau Stege,« antwortete das junge Mädchen; »so Gott will, gehen
Ihre guten Wünsche in Erfüllung. Ist der Herr Pastor da?«
»Jawohl, gnädiges Fräulein, aber es ist Besuch bei ihm, -- einer von den
jungen Herren aus dem Auschlosse.«
Also die Nibelungenrecken waren auch wieder da. Hedda bat, sie trotzdem
anzumelden.
Eycken hatte ihre Stimme schon gehört und erkannt. Er öffnete die Tür
rechtsseitig des Flurgangs und rief: »Immer herein, Fräulein Hedda! Sie
stören nicht! Doktor Schellheim ist bei mir und stöbert meine Bücher
durch.«
Hedda trat ein und brachte ihre Glückwünsche vor. Dann begrüßte sie
Gunther mit freundlichem Handschlag. »Seit wann wieder hier, Herr
Doktor?« fragte sie.
»Erst seit vorgestern, Baronesse,« erwiderte Gunther unter leichtem
Erröten; »aber ich will den Winter über aushalten, vielleicht sogar bis
in den Mai hinein --«
»Ah -- Sie bleiben längere Zeit?«
»Ja, gnädiges Fräulein. Ich habe eine Arbeit zu vollenden, die mich sehr
in Anspruch nimmt, und zu der ich Ruhe und Stille brauche.«
»Nibelungenforschung?« fragte Hedda lächelnd.
»Nein, diesmal nicht. Ich habe durch Zufall eine ganz interessante
Entdeckung gemacht, die ich ausbeuten möchte ...«
Der Pastor nötigte zum Platznehmen. Hedda knüpfte ihr Pelzjackett auf.
Es war warm im Zimmer. Das Gemach war geräumig, und alle vier Wände
waren bis zur Decke hinauf mit Büchern gefüllt, auf einfache tannene
Regale gereiht. Vor einem dieser Repositorien stand eine Leiter, und
unten am Boden, am Fuße der Regale, lagen in unregelmäßigen Abständen
weitere Bücher verschiedenen Formats aufgeschichtet. Die durfte die
Wirtschafterin beim Reinigen des Zimmers nicht anrühren; der Pastor
pflegte vor Beginn einer Arbeit die dazu nötigen Nachschlagewerke
auszuwählen und ließ sie am Boden liegen, bis er sie brauchte. Übrigens
beherbergte das Gemach noch nicht die Gesamtbibliothek Eyckens; das
eigentliche Studierzimmer lag nebenan und war gleichfalls mit Büchern
gefüllt. Der Pastor besaß an zehntausend Bände.
Hedda schlug erstaunt in die Hände.
»Was studieren und schreiben Sie nur alles zusammen, Herr Pastor!« sagte
sie naiv. »Ihre Predigten können Sie doch unmöglich so stark in Anspruch
nehmen!«
»Nein, mein Kind,« erwiderte Eycken, »das tun sie in der Tat nicht. Ich
studiere zu meinem Vergnügen, wie andre Leute ins Theater gehen,
Konzerte, Bälle und Soireen besuchen. Es ist eine Angewohnheit.«
»Eine verständliche,« fügte Gunther hinzu, und sein Auge flog über die
Bücherreihen.
Hedda interessierte das. »Weshalb lassen Sie aber Ihre Studien nicht
veröffentlichen, Herr Pastor?« forschte sie weiter.
Eycken zuckte mit den Schultern.
»Ich bin ein merkwürdiger Mensch, liebe Hedda,« entgegnete er. »Für mich
hat eine Arbeit, wenn sie fertig und abgeschlossen vor mir liegt, den
Reiz des Interesses verloren. Oben auf dem Boden stehen ganze Kisten
voll Manuskripte, die ich seit Jahren nicht mehr angeschaut habe. Sterbe
ich einmal, so werden sie wahrscheinlich als Makulatur verkauft,
eingestampft und zu neuem Papier verarbeitet werden, auf dem vielleicht
ein Besserer unsterbliche Werke schreibt. Und das ist auch ein Trost.«
Hedda schüttelte den Kopf. »Das verstehe ich nicht,« sagte sie. »Wenn
ich etwas schaffe, von dem ich annehme, daß es nicht nur mich selbst,
sondern auch einen Teil der Mitwelt interessiert, dann ist es doch in
gewisser Weise egoistisch -- Pardon, Herr Pastor --, es den andern
vorzuenthalten.«
»Richtig, Hedda,« erwiderte Eycken. »Es wäre egoistisch, wenn ich mir
von meinen Studien für Mit- und Nachwelt etwas verspräche. Aber das tue
ich nicht. Ich arbeite nur für mich; ich will auch in die Polemiken, mit
denen die zünftigen Gelehrten sich gegenseitig überschütten, nicht
hineingezogen werden.... Ich habe da vor langen -- ach, vor langen
Jahren« -- und ein wehmütiger Zug flog über sein schönes Greisenantlitz
-- »in Neapel einmal einen Komponisten kennen gelernt. Der Mann war
reich, und wenn er eine Oper oder ein Orchesterstück vollendet hatte, so
mietete er sich ein Theater oder einen Konzertsaal und ließ sich sein
Werk allein aufführen. Nur er selbst, kein Zuhörer sonst durfte dabei
sein. Und niemals befriedigte ihn eins seiner Werke völlig. Und dann
packte er seine Partituren zusammen, beschwerte sie mit Steinen, ließ
sich in schöner Mondnacht in den Golf hinausrudern und versenkte sie in
das Meer.... Sehen Sie, das begreife ich. Ich bin auch nie zufrieden mit
dem, was ich geschaffen habe, und wenn ich dann an einen Punkt komme,
von dem aus ich nicht weiter kann, wo die Forschung aufhört und die
Hypothese beginnt -- da breche ich ab und lege das Manuskript zu den
übrigen ...«
Man sprach noch hin und her über das Thema. Auch Gunther verfocht die
Ansicht Heddas, daß die ernsthafte Forschung gewissermaßen die Pflicht
habe, vor die Öffentlichkeit zu treten. Und dann sprach er von seiner
interessanten Entdeckung, die ihn gegenwärtig ganz in Anspruch nahm. Er
hatte auf der Königlichen Bibliothek in Berlin in einem
handschriftlichen Faszikel von Abhandlungen Melanchthons aus dem Jahre
1560 eine Sammlung alter Anekdoten gefunden, die auch fünfzehn zum Teil
noch unbekannte Faustgeschichten enthielten. Der Schreiber des
Manuskripts war ein früherer Mönch gewesen, nannte seinen Namen und gab
auch einzelne Daten aus seinem Leben, führte vor allen Dingen als Datum
der Niederschrift seines Handbuchs das Jahr 1565 an. Damit war ein
neuer Beweis dafür erbracht, daß man schon lange vor der Drucklegung des
ersten Faustbuchs von 1587 Faustanekdoten zu sammeln pflegte. Aber auch
auf die Entstehungsgeschichte der Faustsagen und auf das Historische der
Persönlichkeit Fausts warfen diese Aufzeichnungen ein neues Licht, die
geeignet schienen, eine kleine Revolution in der gelehrten Welt
hervorzurufen.
Gunther war bei seiner Erzählung in Eifer gekommen. Die Freude an dem
Funde teilte sich seiner ganzen äußeren Wesenheit mit. Hedda sagte sich,
daß er eigentlich ein hübscher Mensch sei. Er besaß ungemein lebhafte,
braune Augen unter einer hohen und klugen Stirn und einen schön
geformten Mund. Haar und Schnurrbart waren dunkelblond; auch die Figur
war hübsch, schlank und elegant. Typisch Gelehrtenhaftes hatte er nichts
an sich. Als er merkte, daß er fast allein mit Eycken sprach und Hedda
nur Zuhörerin war, errötete er wieder -- das passierte ihm häufig -- und
wandte sich mit einem Entschuldigungswort an das Fräulein zurück.
»Ich langweile Sie, Baronesse,« sagte er. »Mehr oder weniger sind wir
Leute von der Feder allesamt Egoisten. Und da ich weiß, daß der Herr
Pastor ein guter Melanchthonkenner und es erwiesen ist, daß Melanchthon
den historischen Faust --«
Er unterbrach sich und lachte.
»Sehen Sie, nun komme ich wieder in das Vortragende hinein, und ich
wollte doch von etwas anderm reden! Was sagen Sie dazu, daß Papa sich an
der Quellengeschichte beteiligt hat? Im Mai soll die feierliche Weihe
stattfinden.«
Eycken war Feuer und Flamme für die Sache. Er war ein begeisterter
Anhänger der Ferienkolonieen, für die er große Summen spendete, und trug
sich mit der Absicht, aus eignen Mitteln ein Krankenhaus für bedürftige
Kinder in Oberlemmingen zu errichten. Es war merkwürdig, daß gerade
dieser Mann, der unverheiratet durch das Leben gegangen, der Kinderwelt
eine so heiße Liebe und eine so große Barmherzigkeit entgegentrug. Es
war, als erschöpfe sich den Kleinen gegenüber die Güte seines einsamen
Herzens.
Er kannte die Bedenken des Freiherrn gegen eine praktische Ausbeutung
der Quelle und versuchte Hedda zu beweisen, daß ihr Vater im Unrecht
sei. Zumal dadurch, daß der Kommerzienrat das Geschäftliche der
Angelegenheit in der Hand halte, sei Gewähr für eine solide Entwicklung
des Unternehmens gegeben. Für die Möllers hatte er auch nicht viel
übrig.
Hedda und Gunther verabschiedeten sich gemeinsam. Als sie sich vor der
Gartentür die Hand reichten, fragte der junge Mann:
»Laufen Sie Schlittschuh, gnädiges Fräulein?«
»Leidenschaftlich gern,« antwortete Hedda, »und der Döbbernitzer See
bietet auch eine prachtvolle Bahn. Aber allein ist es langweilig.«
Gunther verneigte sich. »Es wird mir ein besonderes Vergnügen sein, Sie
begleiten zu dürfen,« sagte er. »Darf ich Sie gegen drei Uhr abholen? Es
ist heute so wunderbares Wetter.«
Sie zögerte einen Augenblick und bejahte dann dankend. Zu Fuß ging er
nach dem Auschlosse zurück, während Hedda noch nebenan den Kantor
aufsuchte, dessen Frau seit einigen Tagen bettlägerig war.
Beim Mittagessen sprach sie dem Vater gegenüber beiläufig von ihrer
Verabredung mit Gunther. Der Alte schwieg anfänglich und begann dann zu
räsonieren. Das sei unschicklich; man gebe sich nicht Rendezvous mit
jungen Herren. Er verstehe Hedda nicht -- sie wisse doch sonst, was Takt
sei.
Sie verteidigte sich lebhaft.
»Ich weiß nicht, was du hast, Papa,« antwortete sie. »Ich bin kein
Backfisch mehr und fühle mich durch die Anwesenheit des Doktor
Schellheim eher geschützt als gefährdet. Allein Schlittschuh zu laufen,
verbietest du mir auch. Ich kann doch nicht das Leben einer Nonne
führen!«
Der Freiherr brummte etwas halb Unverständliches vor sich hin. Es klang
so, als sage er, er könne nun einmal die Schellheims nicht leiden. Hedda
schwieg, aber sie war verstimmt und verärgert. Sie hatte zum ersten Male
das Gefühl, als laste die Einsamkeit des Baronshofs wie ein Alp auf ihr.
Gunther war pünktlich. Er kam im Schlitten, mit einem Schimmelgespann,
das der Kommerzienrat erst vor kurzem gekauft hatte und dessen
silberbeschlagenes Geschirr hell blitzte. Hellstern ließ sich nicht
sehen, aber er hatte von seinem Arbeitszimmer aus die Auffahrt
beobachten können. Und er hieb wütend mit der geballten Faust auf den
Tisch.
Hedda war beim Nahen des Schlittens auf die Veranda getreten. Gunther
half ihr beim Einsteigen und hüllte sie mit diskreter Sorglichkeit in
das weiße Bärenfell, das als Decke diente.
Mit neidischer Miene schaute August dem eleganten Gefährt nach. Dann
glitt ein zustimmendes Schmunzeln über sein Gesicht. Er hatte gehört,
daß die Klingel im Zimmer des Freiherrn stark läutete, aber er beeilte
sich nicht. Vorsichtig klopfte er den Schnee von seinen Stiefeln ab, ehe
er in das Haus zurücktrat.
»Hast du keine Ohren?!« schrie der Freiherr ihn an.
»Ich kann doch nicht hexen, Herr Baron! Erst mußte ich dem gnädigen
Fräulein helfen!«
»Feuer in den Ofen!« kommandierte der Alte. »Soll ich vielleicht hier
erfrieren?«
August schaute auf das Thermometer, das am Pfeiler zwischen den Fenstern
hing.
»Sechzehn Grad,« sagte er. »Der Herr Baron werden sich noch so
verpimpeln, bis Sie nachher kein Lüftchen mehr vertragen können.«
»Halt 's Maul und feure!« schrie Hellstern grob.
August wurde immer freundlicher; die Schnauzerei des Alten tat ihm
sichtlich wohl. Er kniete vor dem Ofen nieder und begann langsam die
eiserne Tür aufzudrehen. Sie quietschte und kreischte, daß Hellstern
aufstöhnte.
»Schmier doch die verdammte Tür einmal ein!« rief er.
August nickte nur, steckte erst ein paar Kiensplitter in Brand und schob
dann einige Scheite Holz hinterher. Schließlich blies er mit dicken
Backen in das Ofenloch, um die Flamme wach zu halten.
»Herr Baron,« sagte er plötzlich in fragendem Tone.
»Was ist los?!«
»Haben Herr Baron den Schlitten gesehen?«
»Ja -- was sonst noch?!«
»Ach -- ich meinte man bloß -- die gnädige Baronesse sahen so stattlich
drin aus -- und der Herr Doktor auch -- ein hübsches Paar --«
Jetzt fuhr Hellstern im Ausschnitt seines Tisches herum, zornrot und
prustend vor Grimm. Seine Hand suchte nach irgend einem Gegenstande, um
ihn August an den Kopf werfen zu können. Aber er fand keinen.
»Raus!« schrie er. »Mach, daß du rauskommst! Wie kannst du dich
unterstehen, vom gnädigen Fräulein und dem -- und dem da per 'hübsches
Paar' zu sprechen?! Ich verbitte mir deine Vertraulichkeiten! Ich habe
sie lange satt! Du kannst dich zum Teufel scheren! Am liebsten gleich!
Pack deine Sachen zusammen -- pascholl!«
August blies noch ein paarmal in das Ofenloch und erhob sich dann
ächzend. Sein Gesicht sah überaus freundlich aus.
»Ich fang' nu auch an, alt zu werden, Herr Baron,« erzählte er, ohne die
letzten Äußerungen seines Herrn irgendwie zu beachten. »Nämlich -- wenn
ich mir bücke, dann knackt's mir in allen Knochen. Und das Rheuma kommt
auch wieder. Na -- nu kriegen wir ja die Quelle --«
Hellstern hob die geballten Hände hoch empor und schnaufte förmlich.
»Hat jemand je ein solches Untier gesehen!« rief er. »Die Quelle! Jetzt
fängt der auch noch davon an! Ersäuf dich in ihr! Mir soll's recht sein!
Mach, was du willst! Aber geh nur 'raus! Ich kann dich nicht mehr sehen!
Du bist mir greulich --«
»Ich geh' schon,« sagte August und nickte freundlich. Wenn der Herr ihm
nicht monatlich wenigstens dreimal kündigte, fehlte ihm etwas. Es mußte
alles seine Ordnung haben. Und dann ging er wirklich, zufrieden und
glücklich, und Hellstern machte sich wieder, noch immer schimpfend,
schnaufend und stöhnend, an seine Arbeit.
Der Schlitten sauste über die Schneebahn. Mancher im Dorfe, der zufällig
am Fenster stand, schaute ihm mit ähnlichem Lächeln wie August nach. Die
Bauern waren leicht geneigt, Paare zusammenzubringen; man munkelte schon
lange davon, daß das Fräulein vom Baronshof einen der beiden jungen
Herren vom Auschlosse heiraten würde.
Eine Viertelstunde hinter der Chaussee begann der Wald. Das war etwas
Köstliches. Ein Märchenwald -- ein verzauberter Hain, der aus
leuchtendem Silber geschaffen zu sein schien. Auf jedem Ast und jedem
Zweige und jeder Tannennadel lag der Kristallreif des Winters. Es
flimmerte und glitzerte überall. Dicht am Wege standen, die Einfassung
bildend, in langer Reihe hochstämmige Birken. Ihre Kronen waren wie mit
Eis inkrustiert; ein glänzender Panzer hüllte sie ein. Dahinter dehnte
sich Tannenforst aus, und auf dem dicken Gezweige mit seinem schweren,
schwarzgrünen Nadelwerk lag noch der Schnee. Und wenn ein leiser Wind
kam, dann perlte der Schnee gleich tausendfachem Edelgestein zur Erde.
Hie und da hingen noch Eistropfen am Geäst, feine, dünne und zierliche,
die sich langsam auflösten zu fallenden Tropfen, und schwere, armdicke,
die wie aus Glas geformt erschienen. Selbst über die Moosschicht unter
den Tannen spann sich ein gleißendes Spitzenwerk von Reif und Eis. Dazu
heller Sonnenschein und blauender Himmel und eine köstliche
Friedensstimmung: ein tiefes, heiliges Schweigen ringsum.
Das Wiehern der Pferde und das Geläute der kleinen silbernen Glöckchen
am Geschirr schienen einzig und allein diese Stille zu stören. Aber auch
in dem lustig tönenden Klingklang lag etwas Harmonisches; es war die
Musik zu dem Waldmärchen. Die Schneedecken auf den Rücken der Pferde
blähten beim eiligen Laufe sich auf wie Segel im Winde. Eine helle
Dunstwolke umgab die Gäule, und der heiße Brodem, der ihren Nüstern
entströmte, jagte vor ihnen her.
Die beiden im Schlitten sprachen wenig. Das gleiche Gefühl der
Naturbewunderung hieß sie schweigen, bei beiden kam auch noch das
instinktive Empfinden dazu, durch den Kutscher gestört zu sein. Der
brave Mann ahnte das freilich nicht. Er saß in der ganzen gemächlichen
Fülle seiner Persönlichkeit hinten auf der Pritsche, bis obenhin in
seinen langen, hellgrauen Paletot geknöpft, einen mächtigen Pelzkragen
um den Hals. Das Gesicht war völlig regungslos; er war gut gezogen.
Und seltsam genug -- während dieser Fahrt durch den Wald stieg in Hedda
mehrfach die Frage auf: war es vielleicht doch nicht in der Ordnung
gewesen, daß sie der Aufforderung ihres gefälligen Nachbars nachgekommen
war? An übertriebener Prüderie litt sie ebensowenig wie an zopfigem
Konventionalismus. Sie hätte nichts dabei gefunden, mit Gunther allein
meilenweit spazieren zu gehen. Und nun saß, eine merkwürdige #dame
d'honneur#, zur Schutzwehr auch noch der Kutscher hinter ihnen. Und
gerade das genierte sie so, daß sie gar nicht recht wußte, was sie
sprechen und welchen Ton sie anschlagen sollte. Sie fand selbst, daß das
lächerlich war, und fügte in Gedanken hinzu: aber es ist dennoch so.
»Der See,« sagte Gunther und wies nach rechts hinüber. Durch eine
Lichtung, durch die in breitem Strome der Sonnenschein wie eine Goldflut
floß, sah man eine Ecke des Sees, ein großes Stück blendendes Weiß.
»O weh,« gab Hedda zurück, »wir haben an den Schnee nicht gedacht!
Werden wir da überhaupt laufen können?«
Er nickte und lächelte dabei. »Die Bucht an der Försterei ist gefegt
worden,« entgegnete er. »Ich habe über Mittag zwölf Mann hingeschickt.
Es war nicht leicht, heute am Neujahrstage die Leute aufzutreiben.«
Hedda rümpfte unwillkürlich ein klein wenig die Nase. Das gefiel ihr nun
wieder nicht. Es klang so, als hätte er sagen wollen: mit Geld kann man
alles machen. Und dann ärgerte sie sich wieder über sich selbst; es war
klar, daß sich Doktor Schellheim bei dieser Bemerkung gar nichts gedacht
hatte.
Nun senkte sich der Weg und beschrieb einen kurzen Bogen nach links. In
der Schlucht lag der Schnee noch zu dichten Haufen. Der Sturm hatte mit
mächtigem Odem hineingeblasen, ihn hier fußhoch geschichtet und dort
wieder die braune Erde reingefegt.
Dann lichtete sich der Forst. Drüben lag, inmitten überschwemmter
Wiesen, die Försterei, und in lang geschwungener Kurve dehnte der See
sich aus. In der Ferne sah man die niedrigen Häuserreihen von
Döbbernitz, und auf der Höhe dahinter das Schloß, ein burgartiges altes
Gebäude, das noch aus der Zeit der Templer stammte und in dem jetzt der
Baron Zernin mutterseelenallein hauste, immer auf der Hut vor seinen
Gläubigern und den Gerichtsvollziehern, die ihm bös zusetzten.
Der Schlitten hielt. Gunther gab dem Kutscher den Befehl, langsam im
Walde umherzufahren und sich nach einer Stunde wieder einzufinden. Dann
wandte er sich an Hedda. »Darf ich Ihnen helfen?« fragte er und deutete
auf die Schlittschuhe, die sie am Arm trug.
Sie dankte und begann sich selbst die Schlittschuhe anzuschnallen.
Gunther hatte die Pelzdecke aus dem Wagen genommen und sie über einen
Baumstumpf am Seeufer gebreitet. Hedda setzte sich, aber sie war
ungeschickt.
»Ich werde doch helfen müssen!« rief Gunther lachend. Und schon kniete
er vor ihr; die Arbeit war schnell gemacht.
Ein eigentümliches Empfinden überschlich Hedda. Sie sah zum ersten Male
einen Mann zu ihren Füßen. Es war ein gewisser pikanter Reiz, der sie
durchströmte, aber dabei schalt sie sich töricht, wie vorhin, als die
Gegenwart des Kutschers sie genierte.
Beide flogen über das Eis. Sie waren gewandte Läufer. Unter dem Stahl
ihrer Sohlen klang die glitzernde Fläche leise metallisch; es war wie
ein fernes Singen. Das Eis war in weitem Umkreise blitzblank gefegt; es
lief sich prächtig.
Gunther hatte Hedda den Arm geboten, doch sie schlug vor, sich zunächst
einmal allein »auszutoben«. Es war ein entzückendes Bild, wie sie über
den hellen Spiegel sauste, in dem die Sonnenstrahlen sich leuchtend
brachen. Gunther, der sie in weit ausholenden Kurven umkreiste, wurde
nicht müde, sie anzuschauen. Sie hatte die Arme über der Brust
verschränkt und den Kopf ein wenig zurückgeworfen. Auf dem dunkelblonden
Haar saß die Pelzkappe; das Antlitz war lebhaft gerötet von der kalten
Luft, und die Augen blitzten im Wonnegefühl der eignen Kraft.
Ringsum lagen die Waldhänge unter weißer Schneedecke. Ein Schwarm Krähen
strich durch die Luft. Vom stählernen Blau des Himmels hob sich ihr
Gefieder haarscharf ab. Der See buchtete sich nach Döbbernitz zu in
schlankem Bogen ein. Man konnte nicht sehen, wo er endete; er verlor
sich zwischen den Bergen, die im Westen höher wurden. Eine weiße
Wolkenschicht hatte sich hier gebildet, dicht über dem Horizont, und so
sah es aus, als steige der kleine märkische Höhenrücken in weiter Ferne
zu ragenden Gletschern empor.
»Aufgepaßt!« rief Hedda plötzlich. Aber es war zu spät. Die Bogen der
beiden Läufer kreuzten sich; Hedda und Gunther sausten sich in die Arme.
Beide stürzten. Gunther war außer sich; er bat »tausendmal« um
Entschuldigung und wollte Hedda aufhelfen. Dabei fiel er zum zweiten
Male hin. Nun lachte Hedda fröhlich auf. Sie stand schon wieder auf
ihren Füßen und reichte Gunther die Hände.
»Halten Sie fest!« rief sie, -- »so!« -- und nun stand auch er.
»Wie war das gekommen?« fragte er verlegen, und sie lachte abermals.
»Mein Gott, wie soll es gekommen sein?« gab sie harmlos zurück. »Ich
taxiere, wir waren beide schuld. Aber was schadet es? -- Haben Sie sich
verletzt?«
Er fühlte einen leichten Schmerz am Knöchel; eine Sehne mochte sich
gezerrt haben.
»Nur unbedeutend,« antwortete er; »es wird sich geben, wenn ich erst
wieder in Bewegung bin.«
Nun bat sie ihn, ihren Arm zu nehmen. So flogen sie von neuem über das
Eis.
»Geht es besser?« fragte Hedda.
»Ja -- danke; ich fühle mich sogar außerordentlich wohl.«
Das Rot ihrer Wangen verdunkelte sich.
»Treiben Sie viel Sport?« fuhr sie fragend fort, mit Absicht das Thema
wechselnd. »Man findet das sonst nicht häufig bei Gelehrten -- die
Herren pflegen nur ungern ihren Arbeitstisch zu verlassen.«
»Das ist bei mir allerdings auch der Fall,« entgegnete er; »aber ich
begann vor zwei Jahren, wie ich glaube, infolge von Überarbeitung, zu
kränkeln, und da raffte ich mich denn mit einem energischen Entschlusse
zu einer zweckmäßigeren Tageseinteilung auf. Das wurde mir anfänglich
schwer; sportliche Neigungen sind im Grunde genommen eine
aristokratische Domäne; sie liegen im Blut. Aber heute möchte ich sie
nicht mehr entbehren; ich behaupte, daß sie auch den Geist reger und
frischer erhalten.«
»Reiten Sie auch?«
»Ja -- aber speziell zum Reiten komme ich weniger. Sie sind natürlich
eine begeisterte Amazone, Baronesse?«
»Ich kann es nicht leugnen. Es ist mir schwer geworden, mein Reitpferd
aufgeben zu müssen. Aber ich habe mich über so viel getröstet, daß mir
auch das keinen Kummer mehr macht.«
Sie kreisten in schwingenden Kurven nach dem Ufer zurück.
»Ich denke mir,« begann Gunther von neuem, »daß es Ihnen zuweilen recht
einsam auf dem Baronshof werden muß. Die Umgegend bietet meines Wissens
nicht allzuviel Verkehr.«
»Nein, sehr wenig. Papa ist das recht, -- er ist ein Fanatiker der
Einsamkeit. Und ich muß sagen, daß ich das Wohlempfinden des Alleinseins
verstehe. Ich habe auch genug im Hause zu tun und kann über Langeweile
nicht klagen. Aber zuweilen sehne ich mich doch stark in die Welt
hinaus, vor allem nach neuen Anregungen; mir ist dann und wann, als
verengere sich mein Gesichtskreis mehr und mehr. Möglicherweise reise
ich im Februar oder März auf ein paar Wochen nach Berlin; ich freu' mich
darauf.«
»Haben Sie Verwandte in Berlin?«
»Eine Tante, die mich alljährlich einladet, und der ich bisher
alljährlich abgeschrieben habe. Ich habe immer Sorge, den Papa allein zu
lassen. Aber nun kommt auch noch ein Vetter von mir nach der
Hauptstadt.«
Das interessierte Gunther besonders. Er horchte auf, als Hedda von
Herrn Axel auf Jarlsberg zu erzählen begann; sie sei neugierig, ihn
kennen zu lernen -- er habe schon früher einmal dem Papa sein Bild
geschickt: ein schmales, vornehmes Gesicht mit einer kleinen Hiebnarbe
auf der rechten Wange.
Gunther biß die Zähne zusammen. Da sie von dem Vetter sprach, tat ihm
das Herz weh. Warum, warum? fragte er sich -- sie kennt den Herrn Axel
ja noch gar nicht! Wie lieb mußte er das Mädchen gewonnen haben, daß ihn
schon die Erwähnung eines gleichgültigen andern mit Eifersucht erfüllte!
Aber nein, sagte er sich, dieser Vetter ist kein »gleichgültiger
andrer«. Ganz gewiß nicht! Er ist reich und gehört mit zur Sippe -- das
fällt beides in die Wagschale.... Es war wie ein Angstgefühl, das dem
jungen Manne plötzlich die Kehle zuschnürte. Man hatte auch ihn schon
mit Heiratsplänen bestürmt. Wie es hie und da in Kaufmannskreisen Sitte
zu sein pflegt, war er auf dies und jenes Mädchen aufmerksam gemacht
worden, »gute Partieen« und meist hübsche und wohlerzogene Fräulein,
bereit, ohne nachzudenken dem die Hand zu reichen, den die Eltern
erwählt hatten. Aber er dankte für eine »gute Partie« in kaufmännischem
Sinne; er hatte das nicht nötig. Es war sein Traum, einmal in eine
wirklich vornehme Familie hineinzuheiraten. Das war seltsam genug bei
einer so ruhigen, verhältnismäßig abgeklärten Verstandesnatur wie
Gunther, bei einem Manne, der sich gut bürgerlich fühlte und im Adel
durchaus keine Menschenklasse sah, die höher stand als jene, der er
zugehörte. Und doch kam er nicht über diesen Gedanken hinaus; es war
eine Idee, an der er mit gleicher Zähigkeit festhielt wie seinerzeit an
dem Plane, studieren zu wollen. Denn auch der hatte schwere Kämpfe
gekostet; der Vater wollte, daß er die Fabrik in Manchester übernehme,
deren Betrieb dringend einer Vergrößerung bedurfte, und war unglücklich
darüber gewesen, daß Gunther sich einen so völlig aus der Sphäre
fallenden Beruf erwählte. Und vielleicht war es gerade das Bedürfnis,
aus dieser Sphäre herauszukommen, das ihn an dem Gedanken einer
»vornehmen« Partie festhalten ließ. Er war viel zu klug und zu
rechtschaffen vor sich selbst, um nicht die Tüchtigkeit und alle die
andern guten Eigenschaften der Kreise seiner Eltern billig anzuerkennen.
Aber es war immer dasselbe; die Interessengemeinschaft verdichtete sich
gewissermaßen zu bleierner Langeweile; sie wurde zu Fesseln, unter denen
man sich nicht zu regen vermochte.
So wenigstens erschienen Gunther die Verhältnisse. Er hielt sich deshalb
auch gesellschaftlich ziemlich zurück -- schon um den immer
wiederkehrenden Fragen, wann er sich zu verheiraten gedenke, zu
entgehen. Und dann lernte er Hedda kennen. Er sträubte sich zunächst
gegen das Gefühl seines Herzens, obwohl er sich beim ersten Begegnen
zugestanden hatte: das wäre eine Frau, wie du sie dir wünschest. Aber
die Liebe erwachte stärker und wurde größer in der Zeit, da er Hedda
nicht sah. Er überlegte, ob er eine Werbung wagen dürfe. Und weshalb
nicht? sagte er sich. Über kleinlichen Adelsstolz ist man in unsern
Tagen hinaus; ich habe eine gute Karriere vor mir, bin wohlhabend und
jedenfalls kein Monstrum von Häßlichkeit.... Doch da er Hedda abermals
gegenübertrat, verlor er den Mut. Vielleicht lag es nur an ihrer äußeren
Erscheinung, daß sie einen so unnahbar stolzen Eindruck machte ...
Während er weiter an ihrer Seite über die Eisfläche glitt und zerstreut
mit ihr über hunderterlei plauderte, überlegte er nochmals und
ernsthaft. Der nahende Vetter hatte ihn erschreckt. Es war das beste,
ihm zuvorzukommen. Aber -- nun kam die Verlegenheit. Was war richtiger:
ein Fußfall, ein rasches Geständnis, so eine Art Überrumpelung -- oder
eine ruhige Aussprache der Väter. Das letztere war in Kaufmannskreisen
üblich; da hatten gemeinhin die Väter das entscheidende Wort zu
sprechen. Und auch hier, in seinem Falle, erschien es Gunther als das
würdigste. Er konnte unmöglich in Schnee und Eis vor ihr niederknieen
und ihr in der Kälte des Tages von der Glut seines Herzens sprechen. Das
dünkte ihm lächerlich. Die Situation eignete sich nicht zu intimen
Geständnissen -- nein, ganz gewiß nicht. Ja, wenn es Sommer gewesen wäre
und er allein mit ihr im Walde, bei Sonnenuntergang und Vogelsang -- da
hätte sich leichter der rechte Augenblick gefunden. Aber nicht jetzt;
auch abseits von sentimentaler Romantik gibt es Momente, in denen die
Poesie ihr unbedingtes Recht fordert ...
An all dies dachte Gunther mit der Peinlichkeit eines gewissenhaften
Gelehrten. Er war sogar stolz darauf, daß er sein Herz zu zügeln und
abzuwarten verstand. Er zwang sich, korrekt zu sein. Noch eins hielt ihn
davon ab, sich auf der Stelle auszusprechen. Er begann plötzlich heftig
zu niesen. Er mußte sich erkältet haben; er nieste ein dutzendmal
hintereinander, und nach einem kleinen Weilchen begann er von neuem; ein
Riesenschnupfen war da. Wäre es nicht schrecklich gewesen, wenn dieser
dämonische Niesreiz ihn mitten in seinem Geständnis überfallen hätte? --
Gunther legte sich diese Frage allen Ernstes vor; der Gedanke, komisch
zu wirken, war entsetzlich für ihn.
»Prosit!« sagte Hedda nach dem letzten Dutzend Nieser; »ich habe noch
immer die bäuerliche Angewohnheit, Gesundheit zu wünschen, und Papa
freut sich jedesmal darüber. Er niest oft und gern; er behauptet, das
befreie ihm den Kopf. Prosit, Herr Doktor! Sie haben sich einen hübschen
Schnupfen geholt.«
Gunther antwortete zunächst durch eine kleine Salve von Niesern. Dann
atmete er tief auf.
»Es ist gräßlich,« antwortete er. Und wirklich, es war ihm gräßlich,
dieses plebejische und prosaische Niesen, wo es in seinem Herzen
frühlingswarm war.
Hedda riet, nach Hause zu fahren. Doch noch war der Schlitten nicht
wieder zurück. Der Himmel verdunkelte sich langsam. Die stählerne Bläue
ging allgemach in ein sanftes Schwarz über. Nur im Westen war es noch
hell. Da hatte die Sonne einen Purpurmantel über den Horizont gehängt,
der mit goldenen Flocken verbrämt war. Er reichte bis an die weißgraue
Wolkenschicht, deren unterer Teil völlig durchleuchtet war und den
Flammenkragen dieses königlichen Mantels zu bilden schien.
Es war ein herrlicher Anblick. Gunther machte Hedda darauf aufmerksam,
und beide blieben, noch immer Arm in Arm, auf dem Eise stehen und
schauten in den Sonnenuntergang hinein. Ganz allgemach veränderte sich
das Bild. Der Wolkenrand zerfloß, als löse die glühende Lohe ihn auf.
Nun schoß das Goldlicht in langen Feuergarben in das Wolkengrau hinein
und spaltete es. Es strömte in hundert verschiedenen Farbentönen über
den ganzen westlichen Himmel und verlor sich nach dem Zenit zu in einem
zarten, langsam erlöschenden Violett ...
Gunther wurde es weich um das Herz. Der Dualismus in seiner Seele
drängte sich wieder vor: über den nüchternen Forscher gewann zuweilen
der leicht schwärmende Poet die Überhand. Jetzt hätte er sprechen
können.
»Wie schön,« sagte er halblaut. »Ist es nicht wahr, daß die Natur
zuweilen ganz neue, uns selbst unbekannte Harmonieen in uns erklingen
läßt? Daß sie uns neues Empfinden lehrt und ein eigentümliches
rhythmisches Denken?«
Hedda nickte. Sie wollte bejahend antworten, denn es dünkte sie richtig,
was Gunther sagte: auch ihr schien es bisweilen in der Versunkenheit
eines schönen Naturspiels, als formten sich ihre Gedanken unbewußt zu
gebundenem Ausdruck, und als spüre sie etwas Ungeahntes in den Tiefen
der Seele. Aber da wollte die Bosheit des Schicksals, daß der arme,
verschnupfte Gunther abermals niesen mußte, und zwar gewaltig, den
ganzen Menschen erschütternd, vier-, fünfmal und tränenden Auges. Und
diese Explosion verlegte die Gedankenreihen Heddas; sie entgegnete an
Stelle des Gewollten mit energischer Stimme:
»Lieber Doktor Schellheim, -- ich denke augenblicklich gar nichts
weiter, als daß Sie schleunigst nach Hause fahren und einen heißen Tee
trinken müssen. Da kommt der Schlitten! Machen wir kehrt!«
Entgeistert und mit betrübtem Gesicht gehorchte Gunther. Heimlich
verfluchte er seinen Schnupfen; er war ein Unglücksmensch.
Unter fröhlichem Läuten ging es durch den Wald zurück. Der schaute jetzt
anders aus als bei der Herfahrt im Sonnenschein. Die tiefer fallende
Dämmerung ließ den Schnee einförmig und grau erscheinen. In der
Wiesentrift rechter Hand brodelten die Nebel auf und zogen wie
zerrissene Schleier zwischen den Stämmen hindurch. Und obwohl am Himmel
sich nur ein kleiner Schwarm heller Wölkchen gesammelt hatte, perlte
doch ein zarter Schnee durch die Luft und näßte die Gesichter der
beiden.
Gunther ließ erst auf den Baronshof fahren und setzte Hedda ab. Sie rief
ihm ein freundliches: »Schön' Dank und gute Besserung!« zu und stieg die
Treppe zur Veranda hinauf. Dann klingelte das Gespann weiter. Gunther
nieste und ärgerte sich; er war aus der Stimmung gekommen.
Sechstes Kapitel
Der zweite Tag im neuen Jahre war ein Sonntag. Seit der Frühe hatte es
stark geschneit. Auf dem Anger lag das weiße, flockige Naß fußtief.
Trotz des Feiertags war die halbe Gemeinde am Platze, Schnee zu
schippen, damit wenigstens der Weg zur Kirche frei war. Es ging lebhaft
und heiter zu bei der Arbeit. Die Schnapsflasche des alten Maracke
kreiste in der Runde, und dann mußte Anton Tengler nach dem Kruge
springen, sie neu füllen zu lassen.
Mitten in der Arbeit hielt man plötzlich inne und blickte auf. Albert
Möller schritt über den Dorfplatz, in hohen Wasserstiefeln und Pelz, und
neben ihm ein Fremder, ein großer Herr mit einem Zwicker auf der Nase
und in langem Kaisermantel. »Schlippermilch« wollte wissen, daß das ein
Baumeister aus Frankfurt sei, der Kompagnon Alberts. Man zerbrach sich
den Kopf, was der Fremde wolle. Seine scharfen grauen Augen spähten
unter den goldumränderten Gläsern rastlos umher. Von Zeit zu Zeit
blieben die beiden stehen und sprachen halblaut miteinander, lebendig
gestikulierend, hierhin und dahin weisend. Und dann schritten sie an den
arbeitenden Büdnern vorüber; der Baumeister grüßte tief und höflich,
Albert nickte nur.
Sicher handle es sich wieder um die Quelle, meinte der junge Raupach,
und alle stimmten zu. Noch im Herbst war die Quelle »gefaßt« worden,
ohne sonderliche Feierlichkeit; Albert hatte dies mit einigen Leuten
allein besorgt. Aber man sprach davon, daß zu der Einweihung im Mai auch
der Regierungspräsident kommen wolle, für die meisten Bauern eine
mystische Persönlichkeit, vor der sie großen Respekt hatten. Und dann
hatte das Dorf den ganzen Winter hindurch eine Unzahl fremder Leute
gesehen. Eines Tages waren drei Ärzte erschienen, die ihre Nase überall
hinstecken mußten, und später wieder ein jüdisch aussehender Herr, der
mit dem Kommerzienrat durch Oberlemmingen fuhr, und schließlich eine
ganze Kommission, die unter Anführung von Albert im Buchenhain auf der
Grauen Lehne allerhand Abmessungen vornahm, Pfähle einschlagen und
Wegstreifen durch Pflöcke bezeichnen ließ.
An den Sonntagabenden, wenn das Schankzimmer im Kruge sich zu füllen
begann, wurde fast nur von der Quelle gesprochen. Eine brennende Neugier
erfüllte alle, zu wissen, was denn nun eigentlich werden würde. Aber die
Möllers waren zurückhaltend; sie sprachen nur in Andeutungen, und
höchstens sagte Fritz dann und wann, man solle nur abwarten,
Oberlemmingen würde reich werden, oder, das mit der Quelle sei eine
große Sache, und was der schmunzelnd hingeworfenen Bemerkungen mehr
waren. Mit dem Reichwerden waren die Bauern sehr einverstanden;
geldgierig waren sie alle. Doch _wie_ ihnen die Quelle zu diesem
Reichtum verhelfen sollte, darüber zerbrachen sie sich die Köpfe.
Eines Tages versammelten sie sich vergeblich vor dem Kruge; sie wurden
nicht eingelassen. Fritz trat lachend vor die Tür und erklärte ihnen,
die Wirtschaft sei für ein paar Tage geschlossen, er wolle das Haus
renovieren lassen. Das erregte einen förmlichen Aufstand im Dorfe. Aus
den »paar Tagen« wurden ein paar Wochen. Die Bauern hatten keine Kneipe
mehr. Da die Möllers sie aber nicht gänzlich als Kunden verlieren
wollten, so wurde ein leerstehender alter Stall als Schankstube
eingerichtet. Und wenn die Bauern fragten: »Sind die Handwerker denn
immer noch im Hause?« so nickte Fritz und erwiderte, es sei gar zu viel
zu tun. Tatsächlich war aber bald nach Weihnachten schon wieder alles in
Ordnung; Fritz wollte nur nicht, daß die Bauern ihm die neutapezierte,
gedielte und gebohnerte Schankstube wieder verschmutzten -- der Stall
war für sie ebenso gut. Da konnten sie spucken, wohin sie wollten, und
wenn einer einmal ein Glas Bier umwarf, so kam es auch nicht darauf an.
--
Auf dem Auschlosse kam es an diesem Sonntag schon beim Morgenfrühstück
zu einer erregten Szene.
Gunther erschien etwas blaß und übernächtig in der Halle, setzte sich
mit kurzem Gruße zu den Eltern an den Tisch und schickte den Diener
hinaus.
»Entschuldigt,« sagte er, »aber ich möchte ein paar Worte allein mit
euch sprechen!«
Der Kommerzienrat zog die nach dem Gebäck ausgestreckte Hand wieder
zurück, und auch die Rätin schaute erstaunt auf.
»Ja,« meinte Schellheim, »was gibt's denn? Hoffentlich nichts Fatales!«
»Nein, Papa,« erwiderte Gunther, »ich will nur euern Rat hören. Es
handelt sich um eine Lebensfrage für mich, um meine Zukunft ...«
Das Mutterauge sieht immer scharf. Die Rätin reckte den schmächtigen
Oberkörper, und mit forschendem und sorgendem Ausdruck ruhte ihr Blick
auf dem Sprechenden.
»Eine Ehrensache?« fragte Schellheim ängstlich.
»Ich glaube eher -- eine Herzenssache,« fügte seine Frau hinzu.
Gunther nickte. »Ja, Mutter, so ist's. Ich -- ich habe noch nie an das
Heiraten gedacht, ihr wißt's ja selbst, und gelacht, wenn mir der und
jener mit Plänen und Anerbietungen kam. Ich hasse den Eheschacher. Ich
möchte frei wählen können --«
»Mach's kurz,« fiel der Vater ein; »wer ist's?«
»Fräulein von Hellstern, Papa.«
Einen Augenblick herrschte tiefes Schweigen am Tische, dann sprang der
Rat erregt empor und warf seine Serviette auf den Stuhl.
»Daß du einmal irgend eine Verrücktheit begehen würdest, wußte ich ja,«
sagte er hart. »Praktischen Erwägungen bist du niemals zugänglich
gewesen. Aber sich nun gerade --«
Er brach ab. »Bist du mit der Dame schon einig?« fragte er, vor Gunther
stehen bleibend.
»Nein, das nicht, Papa, aber ich habe die Hoffnung, daß Fräulein Hedda
meine Werbung annehmen wird -- sonst würde ich es nicht wagen. Indessen
-- ich wollte zunächst einmal mit euch sprechen.«
»Da hast du sehr recht getan. Und wenn du meinen Rat hören willst,
Gunther, so schlag dir die Sache aus dem Kopf. Das ist nichts für dich
-- und erst recht nichts für uns. Das --«
Er wühlte mit den Händen in seinem Haar und lief erregt in der Halle auf
und ab.
Nun nahm auch die Rätin das Wort.
»Ich habe nur wenig zu sagen,« bemerkte sie mit ihrer weichen, zart
klingenden Stimme. »Wenn Gunther das Mädchen liebt, soll er's versuchen.
Ich müßte lügen, wollte ich nicht offen gestehen, daß mir Fräulein von
Hellstern sehr sympathisch ist.«
»Sympathisch!« schrie der Rat. »Was das nun wieder heißen soll?! Bei
einer solchen Frage ist doch wahrhaftig _mehr_ zu überlegen! Ich bitte
dich, liebe Frau, sieh ein, daß es sich in gewissem Sinne auch um _uns_
handelt. Jawohl, um _uns_! Würde es dir lieb sein, wenn dich deine Frau
Schwiegertochter über die Achsel ansieht? Wenn sie eine meilenweite
Kluft zwischen Mutter und Sohn legt?« Und Schellheim breitete beide Arme
aus, als wolle er das Unermeßliche dieser Kluft andeuten.
Gunther widersprach ernsthaft. Davon könne gar keine Rede sein. Wenn
Hedda Mitglied der Familie geworden wäre, so würden ihr gütiges Herz und
ihr feiner Takt schon den rechten Ton des Verkehrs mit den Eltern
finden.
»Ich bitte dich, Papa, laß solche Bemerkungen,« schloß er und erhob sich
gleichfalls. Eine schwere Falte zeigte sich auf seiner Stirn.
»Ah was,« entgegnete der Rat unwirsch, »du wirst mir schon erlauben
müssen, das auszusprechen, was ich denke! Sei vernünftig, Gunther! Ich
glaube gleich dir, daß die Hellsterns deine Werbung nicht zurückweisen
würden. Sie sind arm, und der Baronesse fehlt jede Gelegenheit zu einer
passenden Partie. Ich habe ja auch wirklich nichts gegen die Leute! Es
ist nichts weiter gegen sie zu sagen, als daß sie adelsstolz und
unbemittelt sind. Beides sind keine Vorwürfe. Ihr Name ist gut,
glänzend, geachtet; sie haben ein Recht, darauf stolz zu sein. Für ihre
Armut aber können sie nichts. Und dennoch muß dies beides bei der
geplanten Verbindung mit in Betracht gezogen werden. Bitte -- ich rede
noch -- ich will aussprechen! In Betracht gezogen werden, sagte ich.
Zunächst die Geldfrage. Du wirst einmal reich -- dem Anschein nach ist
diese Frage also minderwertiger Natur. Aber doch nur dem Anschein nach.
Denke an die Zukunft! Ihr könnt eine ganze Herde Kinder kriegen, und wie
zersplittert sich da das Vermögen! Fräulein Hedda bringt ja nichts mit!
Den Baronshof -- na, was ist denn der wert?!«
»Papa, ich bitte dich --« und Gunther hielt es für gut, den
Zukunftsperspektiven des Rats gegenüber ein heiteres Gesicht zu machen.
Aber Schellheim war noch nicht zu Ende; er winkte abwehrend mit der
Hand.
»Weiter,« sagte er, »die zweite Frage. Zugestanden, daß Fräulein Hedda
das Herz auf dem rechten Fleck hat. Da ist aber noch der Alte. Vor dem
graul' ich mich geradezu. Er wird _auch_ nicht nein sagen, wenn ich für
dich anhalte -- i, wo wird er denn --, aber ich fürchte, wir werden
nicht gut zueinander passen. Ich habe das jetzt schon gemerkt. Er hat
etwas gegen uns Kaufleute -- weniger gegen das Bürgertum im allgemeinen,
wie gerade gegen uns Kaufleute. Ah bah -- ich sage dir, Gunther, es
_ist_ so! Der alte Groll der Landwirtschaft gegen die Industrie! Er kann
auch nicht verwinden, daß ich ihm seine Klitsche abgekauft habe. Und --
und -- kurzum, ich will dich nicht beeinflussen, aber ich rate dir: sei
vernünftig und überlege!«
Die Rätin hatte sich nicht wieder in die Unterhaltung gemischt. Sie saß
schweigend am Teetisch und rührte mit dem Löffel in ihrer Tasse. Aber
plötzlich legte sie den Löffel hin und wandte sich auf dem Stuhle um.
»Da ich die Mutter bin, so ist mir vielleicht auch noch ein Wort
gestattet,« sagte sie. »Ich kann deine Gegengründe nicht anerkennen,
Alfred; ich will dich nicht beleidigen, ich muß dir aber sagen, daß ich
sie lächerlich finde. Wenn es sich um das Glück eines unsrer Kinder
handelt, kommen _wir_ immer erst in zweiter Reihe. Nimm wirklich an,
Fräulein Hedda und ihr Vater seien hochmütig und adelsstolz: wenn ich
weiß, daß Gunther glücklich ist, lass' ich mich schon über die Achsel
anschauen, und ich werde die Hand auf das Herz pressen, wenn es dabei
gar zu sehr zuckt. Im übrigen stimme ich aber der Ansicht Gunthers zu:
das Fräulein hat viel zu viel Takt, um zwischen uns und den Ihren
gesellschaftliche Unterschiede zur Betonung zu bringen. Und schließlich
das Geld. Gunthers Kinder werden auch einmal erwerben lernen! Willst du
bis in das dritte und vierte Glied hinein sorgen?«
Als sie ausgesprochen hatte, erschrak sie fast über ihre Kühnheit. Sie
war an das Sich-beugen und -ducken gewohnt. Ein flammendes Rot huschte
über ihre Wangen; sie wandte sich wieder dem Tische zu und griff
abermals nach dem Teelöffel.
Gunther war hinter sie getreten und drückte einen Kuß auf ihren
Scheitel. »Ich danke dir, Mutter,« sagte er; »du hast recht.«
Der Rat zuckte mit den Schultern.
»Es fällt mir nicht ein, den Tyrannen spielen zu wollen,« bemerkte er,
mit Absicht ein wenig leichthin. »Auch mir steht das Glück meiner Kinder
über der eignen Person -- jawohl, teure Gattin, und ich bitte, daß du
davon Notiz nimmst! ... Bleibst du nach reiflicher Überlegung bei deinem
Vorhaben, Gunther, so teile es mir am Nachmittag mit. Langes Fackeln
liebe ich nicht. Hellsterns sind heute abend hier -- da wird sich
Gelegenheit finden, mit dem Alten ein Wörtlein unter vier Augen zu
sprechen.«
Er ging, aber man merkte an dem heftigen Zuschlagen der Tür, daß sein
leichter Ton Komödie war.
Die Rätin war still sitzen geblieben. Sie rührte noch immer mit dem
Löffel in ihrem erkalteten Tee herum, als wolle sie durch diese Bewegung
das leise Zittern ihrer Hände verdecken. Doch Gunther sah, wie es um
ihre Mundwinkel zuckte, und sah auch die schwere Träne, die über ihre
Wange rann.
»Mutterchen,« fragte er leise, »warum weinst du denn?«
Sie blickte zu ihm auf, und es lag ein so schmerzlich weher Ausdruck in
ihrem Auge, daß Gunther ein eisiges Schauern in seinem Rücken zu spüren
meinte. Es war ihm, als habe er zum erstenmal in die Seele dieser armen
Frau geschaut, die das Herzensglück, das sie für ihre Kinder erwünschte,
nie selbst kennen gelernt hatte.
Er ließ sich vor ihr nieder, küßte ihre Hände und gab ihr alte, liebe,
fast vergessene Schmeichelnamen aus seiner Kinderzeit. Fest drückte sie
ihren Liebling an sich, aber die Tapferkeit, die sie auf dem langen,
öden und traurigen, staubgrauen Wege ihrer Ehe aufrecht erhalten hatte,
brach: sie konnte den Tränen nicht mehr wehren, die unaufhaltsam
flossen.
* * * * *
Die Kirchglocken läuteten noch immer. Der Schneefall hatte nachgelassen,
und in der reinen, sonnendurchströmten Winterluft tönte der Klang der
Glocken fast durch das ganze Tal.
Auch der Freiherr hatte sich entschlossen, einmal wieder das Gotteshaus
zu besuchen. Er war, obwohl ihm eine gewisse naive, von Skrupeln und
Grübeln freie Frömmigkeit eigen, niemals ein eifriger Kirchgänger
gewesen, und in letzter Zeit hatte er sich seiner Ischias wegen so wie
so kaum vom Platze rühren können.
Heute aber fühlte er sich wohler. Der alte Klempt hatte ihm vor einigen
Tagen eine Einreibung gebracht, die Tante Pauline nach einem Rezept
ihrer Großmutter zurechtgebraut, das sie zufällig zwischen allerhand
alten Sachen beim Aufräumen ihrer Truhe gefun
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