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Der Löwe von Flandern: ein historische Roman aus Alt-Belgien

by Hendrik Conscience · German · Gutenberg #31129 · 764,175 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Der Löwe von Flandern: ein historische Roman aus Alt-Belgien
    
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Title: Der Löwe von Flandern: ein historische Roman aus Alt-Belgien

Author: Hendrik Conscience


        
Release date: January 30, 2010 [eBook #31129]
                Most recently updated: January 6, 2021

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/31129

Credits: Produced by Norbert H. Langkau, Wolfgang Menges and the
        Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER LÖWE VON FLANDERN: EIN HISTORISCHE ROMAN AUS ALT-BELGIEN ***




Produced by Norbert H. Langkau, Wolfgang Menges and the
Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net







Anmerkungen zur Transkription:

Gesperrt gedruckte Passagen im Originaltext sind hier durch _Unterstriche_
gekennzeichnet. Weitere Anmerkungen befinden sich am Ende des Textes.




  Hendrik Conscience

  Der Löwe von Flandern

  ein historischer Roman
  aus Alt-Belgien

  1916

  Wilhelm Borngräber Verlag
  Berlin


  Die Bearbeitung dieses Werkes
  besorgte im Auftrage des
  Flaminganten-Ausschusses
  Kurt L. Walter van der Bleek
  auf Grund des vlaemischen
  Originals. Alle Rechte daran
  sind vom Verleger gewahrt

  11. bis 20. Tausend


  Seiner Exzellenz
  dem Herrn
  Generaloberst Freiherrn v. Bissing
  Generalgouverneur von Belgien




An den Stamm der Vlaemen:


    Suche nicht das Heil im Westen!
    In der Fremde wohnt kein Glück:
    Suchst du deines Glückes Festen,
    Kehre in Dich selbst zurück!
    Aus der Tugend Deiner Ahnen
    Mußt Du Deine Burgen bau'n,
    Und der Löw' auf Deinen Fahnen
    Lehre Dich, Dir selbst vertrau'n.

    Treu bewahr' in Deiner Mitte
    Vor dem welschen Übermut
    Deine Sprach' und Deine Sitte,
    Deiner Väter Gut und Blut.
    Dann erst kannst Du rühmend sagen,
    Daß Du lebst in unsrer Zeit,
    Daß erblüht in unsern Tagen
    Deine alte Herrlichkeit.

                Hoffmann v. Fallersleben.




I.


Langsam ließ die rote Morgensonne ihr Nachtwolkengewand fallen, und jeder
Tautropfen strahlte siebenfarbig ihr leuchtendes Bild zurück. Blaue
Dunstwolken stiegen von der Erde auf, ruhten zögernd in den Baumwipfeln,
und in zagender Liebe erschlossen sich taufeuchte Blumenkelche den ersten
Strahlen des jungen Tages. Immer wieder hatte die Nachtigall ihr sanftes
Lied erklingen lassen, aber das verworrene Zwitschern der anderen
Waldsänger ließ ihre schmelzenden Töne verstummen.

Ein kleiner Trupp Ritter zog schweigend nach Rousselare[1]. Ihr
Rossestampfen und Waffengeklirr störten den schweigenden Waldesfrieden. Ein
Hirsch wurde aus seiner Einsamkeit aufgeschreckt, schoß aus dem Buschholz
hervor und floh schneller als der Wind vor der drohenden Gefahr.

    [1] Eine kleine Stadt in Westflandern.

Gewänder und Waffen der Ritter waren so kostbar, daß man beim ersten Blick
darauf schließen konnte, daß man Grafen oder noch höhere Herren vor sich
hatte.

Ein seidener Waffenrock fiel in wallenden Falten von ihren Schultern, und
ein versilberter Helm mit purpurnen und blauen Federn schmückte ihr Haupt.
Die Stahlschuppen ihrer Panzerhandschuhe und die Goldmaschen ihrer
Knieplatten blitzten in der flammenden Morgensonne. Die kühnen
Schlachtrosse waren mit weißem Schaum bedeckt und ließen sich nur schwer
bändigen. Bei ihren heftigen Bewegungen funkelten Silberknöpfe und
Seidentroddeln ihres reichen Zaumzeuges in glitzerndem Farbenspiel.

Obgleich die Ritter keine Harnische angelegt hatten, waren sie doch gegen
feindliche Überfälle auf der Hut.

Die gepanzerten Arme sahen aus dem Wams hervor. Gewaltige Schlachtschwerter
hingen an ihren Sätteln. Knappen folgten mit mächtigen Schilden. Auf der
Brustseite des Gewandes trug jeder Ritter sein gesticktes Wappen, so daß
man auf den ersten Blick Geschlecht und Familie erkennen konnte. --

Die Morgenfrische hatte ihnen die Lust zum Sprechen genommen. Dämmerung lag
schwer auf ihren Augenlidern; nur mit Mühe kämpften sie gegen den
Schlummer, der sie einhüllen wollte.

Ein junger Führer schritt der edlen Schar voran. Langes, blondes Haar
wallte auf seine breiten Schultern herab. Feurige blaue Augen sprühten
unter dichten Brauen hervor. Leichter Flaum beschattete sein Kinn. Um sein
wollenes Gewand hatte er einen Gürtel geschlungen, und als Waffe trug er
ein »Kreuzmesser« in einer ledernen Scheide.

In seinen Zügen konnte man leicht lesen, daß die Gesellschaft, die er
führte, ihm keineswegs angenehm war. Man konnte sogar glauben, daß er einen
geheimen Plan gegen sie im Schilde führte; denn von Zeit zu Zeit warf er
einen Seitenblick auf die ihm folgenden Ritter. Er war von hoher,
ungewöhnlich kräftiger Gestalt. Sein fester Schritt war so schnell, daß die
Pferde nur mit Mühe folgen konnten.

So trabte der kleine Troß seit kurzer Zeit vorwärts, als plötzlich das Roß
eines Ritters über einen Baumstumpf strauchelte und stürzte, so daß der
Ritter mit der Brust auf den Nacken seines Pferdes fiel und beinahe aus dem
Sattel kam.

»Was soll das bedeuten?« rief er in französischer Sprache. »Ich glaube,
mein Gaul ist im Trab eingeschlafen!«

»Herr von Châtillon,« rief ihm sein Begleiter lachend zu, »einer von beiden
hat sicher geträumt.«

»Lache nur, soviel Du willst, Du schlechter Spötter,« entgegnete ihm der
Graf von Châtillon, »es ist darum nicht weniger wahr, daß ich nicht
schlief. Denn schon seit zwei Stunden blicke ich unverwandt nach jenen
Türmen, die sich anscheinend immer weiter entfernen, je mehr wir ihnen
näher kommen wollen. Aber es ist leichter, an den Galgen zu kommen, als
einmal von Dir ein freundliches Wort zu erhalten.«

Während die beiden Ritter spöttisch miteinander scherzten, machten sich
ihre Begleiter vergnügt auf Kosten des Grafen lustig, und der leichte
Unfall hatte die Müdigkeit des ganzen Truppes verjagt.

Herr von Châtillon, der sein Roß wieder emporgerissen hatte, konnte die
Anzüglichkeiten, die auf ihn gemünzt waren, nicht länger ruhig mit anhören,
und in seinem plötzlich aufwallenden Zorn stieß er seinem Pferd den
scharfen Sporn tief in die Weichen. Der Schmerz machte das Tier wild, es
bäumte sich hoch auf und schoß dann wie ein Pfeil zwischen den Bäumen
dahin. Aber nach einigen hundert Schritten stürmte es gegen den Stamm einer
alten Eiche und stürzte, schwer verletzt, zu Boden.

Glücklicherweise war der Graf beim Anprall aus dem Sattel gesprungen oder
geschleudert worden; nichtsdestoweniger mußte er sich ernstlich die Seite
verletzt haben, denn er blieb einige Augenblicke regungslos liegen.

Als ihn seine Begleiter eingeholt hatten, stiegen sie alle von ihren
Pferden, richteten ihn auf und bewiesen ihm das wärmste Mitgefühl.

Der Ritter, der mit den Spötteleien begonnen hatte, schien jetzt am meisten
beunruhigt zu sein, und tiefe Trauer lag auf seinem Gesicht.

»Lieber Châtillon, ich bedauere Dich von ganzem Herzen. Verzeih' mir meine
unbesonnenen Reden,« bat er, »ich wollte Dich nicht beleidigen.«

»Laßt mich in Ruh'!« rief Châtillon aus und riß sich aus den Armen seiner
Begleiter los; »meine Herren, ich bin noch nicht gestorben. Glaubt Ihr
denn, die Sarazenen hätten mich geschont, damit ich später wie ein Hund im
Walde verenden könnte! Nein, bei Gott, noch lebe ich, und Du solltest Deine
Spötteleien auf der Stelle büßen, Saint-Pol, wenn ich mich an Dir rächen
dürfte.«

»Aber, beruhige Dich doch,« entgegnete Saint-Pol. »Du bist verwundet,
lieber Bruder; das Blut rinnt ja durch Dein Panzerhemd.«

Châtillon streifte den rechten Panzerärmel hoch und sah, daß ein Zweig die
Haut leicht geritzt hatte.

»Es ist nicht der Rede wert,« sagte er, »nur eine kleine Schramme. Aber
ohne Absicht hat uns dieser verdammte Vlaeme nicht diesen widerlichen Weg
geführt. Ich werde es schon herausbekommen. Und ich will nicht mehr
Châtillon heißen, wenn ich den Schurken nicht an einem Ast dieser
verwünschten Eiche aufhängen lasse.«

Der Vlaeme, der auf diese Weise zur Rechenschaft gezogen wurde, tat, als
verstände er die französische Sprache nicht; doch sah er auf und blickte
Châtillon kühn ins Auge.

»Meine Herren,« rief da der Ritter aus, »seht nur den unverschämten Blick
dieses Bauernlümmels. -- Hierher, Schurke!«

Langsam kam der junge Mann näher. Sein Haupt war stolz erhoben; aber in
seinen Augen lag ein sonderbarer Zug, ein Ausdruck, der Wut mit List
vereinigte und so düstere Drohungen enthielt, daß sich Châtillon von einer
beklemmenden Unruhe ergriffen fühlte.

In diesem Augenblick brachte plötzlich einer der Ritter, der diesem
Auftritt beigewohnt hatte, sein Pferd in Trab, verschwand bald hinter den
mächtigen Bäumen und gab dadurch deutlich genug seinen Unwillen zu
erkennen.

»Nun also!« herrschte Châtillon den Führer an. »Sage mir, weshalb hast Du
uns auf diesen Weg geführt, und warum hast Du uns nicht auf den Baumstamm
aufmerksam gemacht, der da im Wege lag?«

»Herr,« antwortete der Vlaeme in gebrochenem Französisch, »ich kenne keinen
anderen Weg nach Schloß Wijnendaal, und ich wußte nicht, daß Ew. Edeln die
Gewohnheit haben, zu Pferd zu dieser Tageszeit zu schlafen.«

Als der Führer diese Worte aussprach, huschte ein Lächeln über sein
Gesicht, das zugleich Hochmut und Ironie verriet. Man hätte meinen können,
er wolle den Zorn des Grafen reizen, um ihm dann zu trotzen.

»Unverschämter Lümmel!« schrie ihn Châtillon an, »wagst Du es etwa, Dich
über mich lustig zu machen! Holla! Leute! Hängt mir diesen Burschen. Die
Raben sollen ihn fressen.«

Das spöttische Lächeln des jungen Mannes wurde unverhohlener. Seine
Mundwinkel zuckten immer verräterischer, und seine Wangen entfärbten sich.

»Einen Vlaemen wollt ihr hängen?« stieß er leise hervor. »Da wartet nur,
meine Herren!«

Er sprang einige Schritte zurück, stemmte sich gegen einen Baumstamm,
streifte die Ärmel seines Wamses bis zu den Schultern auf und zog seinen
blitzenden Dolch aus der Scheide. Die Muskeln seines nackten Armes spannten
sich, und sein Gesichtsausdruck erinnerte an den eines Löwen. »Weh dem, der
mich anrührt!« rief er ihnen mit dröhnender Stimme zu. »Flanderns Raben
fressen keinen Vlaemen! Sie fressen lieber Franzosenfleisch!«

»Ergreift ihn!« rief Châtillon aus, »ergreift den Lumpen! Seht die
Feiglinge! Ihr fürchtet euch wohl vor seinem Messer? Meine Hände kann ich
mit seinem Blut nicht besudeln, denn ich bin aus edlem Hause. Das ist eure
Aufgabe. Pack gegen Pack! Werft euch auf ihn!«

Einige Ritter suchten Châtillon zu beruhigen. Aber den meisten wäre es nur
zu recht gewesen, wenn man den Vlaemen gehängt hätte. -- Die Waffenträger,
die durch ihren Herrn aufgereizt waren, hatten sich gerade auf den jungen
Mann stürzen wollen, als unvermutet der Ritter hinzukam, der, in Gedanken
versunken, vorausgeritten war[2]. Die Kostbarkeit seines Gewandes und
seiner Rüstung übertraf die der anderen Ritter bedeutend. Das gestickte
Wappen auf seiner Brust enthielt drei goldene Lilien in blauem Felde unter
einer Grafenkrone. Das war ein Zeichen dafür, daß königliches Blut in
seinen Adern rollte.

    [2] Karl, der zweite Sohn Philipps des Kühnen, war Graf von
    Valois, von Alençon und von Perche. Er empfing von seinem Bruder
    Philipp dem Schönen, König von Frankreich, den Oberbefehl über
    die französische Armee und eroberte Flandern.

»Halt!« rief er den Waffenträgern streng zu, und dann wandte er sich an den
Grafen von Châtillon:

»Herr von Châtillon, Ihr scheint zu vergessen, daß ich Flandern von meinem
königlichen Bruder Philipp von Frankreich zu Lehen erhalten habe. Der
Vlaeme ist mein Vasall, und nur mir allein gehört sein Leben.«

»Dieser verächtliche Bürger soll mich also ungestraft beleidigen dürfen!«
entgegnete Châtillon voll Zorn. »Graf, es ist tatsächlich unglaublich, daß
Ihr das niedere Volk immer gegen den Adel verteidigt. Dieser Vlaeme soll
sich also rühmen dürfen, ungestraft einen französischen Ritter verhöhnt zu
haben? Hat er den Tod nicht verdient?«

»Herr von Valois,« sagte Saint-Pol, »gönnt meinem Bruder die kleine
Genugtuung, diesen Vlaemen hängen zu sehen. Was kümmert Eure Königliche
Hoheit das Leben dieses starrköpfigen Burschen?«

»Meine Herren,« rief Karl von Valois mit zorniger Stimme, »versteht mich
recht, ich untersage es euch, in meiner Gegenwart derart zu sprechen. Ich
schätze das Leben meiner Untertanen höher ein. Lassen Sie den jungen Mann
gehen. Zu Pferd! meine Herren. Wir verlieren sonst zu viel Zeit.«

»Steig' auf,« flüsterte Saint-Pol seinem Bruder zu, »antworte nicht, nimm
das Pferd Deines Schildknappen und komm. Herr von Valois ist ein
unverbesserlicher Volksfreund.«

Inzwischen hatten die Schildknappen ihre Schwerter in die Scheide gesteckt
und führten nun die Pferde ihren Gebietern vor.

»Seid ihr fertig, meine Herren?« fragte Graf von Valois, »dann beeilt euch,
bitte, sonst werden wir zu spät zur Jagd kommen. Und Du, Vasall, bleib' an
unserer Seite und entferne Dich nicht vom Weg! Wie weit ist es noch bis
Wijnendaal?«

Der junge Mann nahm höflich die Mütze ab, verbeugte sich vor seinem Retter
und erwiderte: »Noch eine knappe Stunde, gnädiger Herr.«

»Der Bursche ist mir verdächtig!« sagte Saint-Pol. »Ein Wolf in
Schafskleidern.« --

»Das habe ich mir schon lange gedacht,« fügte der Kanzler Pierre Flotte
hinzu. »Er beobachtet uns tatsächlich wie ein Wolf und spitzt die Ohren wie
ein Hase, wenn wir sprechen.«

»Aha! nun weiß ich, wer's ist!« rief Châtillon aus. »Meine Herren, habt ihr
nicht von einem Weber gehört, der Peter de Coninck heißt und in Brügge
wohnt?«

»Das ist ein Irrtum,« warf Raoul de Nesle ein, »ich habe in Brügge
persönlich mit dem berüchtigten Weber gesprochen, und obwohl er diesen hier
an Schlauheit und Arglist weit übertrifft, muß ich Ihnen sagen, daß er nur
ein Auge hat, während unser Führer zwei sehr schöne besitzt. Ohne Zweifel
liebt er den alten Grafen von Flandern und sieht uns als seine Besieger
scheel an. Das ist's! Nehmt ihm die Treue nicht übel, die er seinem
unglücklichen Fürsten hält.«

»Jetzt haben wir dieses Thema aber zur Genüge erörtert!« sagte Châtillon.
»Gibt's denn gar keinen anderen Gesprächsstoff? Halt,« fügte er hinzu,
»wißt ihr übrigens, was unser allergnädigster König Philipp mit diesem
edlen Flandern vorhat? Auf mein Wort: hält unser erhabener Herrscher seine
Schatzkammern ebenso verschlossen wie Herr von Valois seinen Mund, so wird
man uns am Hofe magere Kost reichen.«

»Das sagt Ihr so,« antwortete Pierre Flotte, »aber der König spricht auch,
wenn's ihm gefällt. Reitet etwas langsamer, meine Herren, und ich will euch
etwas mitteilen, wovon ihr euch nichts träumen laßt.«

Neugierig kamen die Ritter dicht an ihn heran und ließen den Grafen von
Valois etwas vorausreiten. Als er weit genug entfernt war, so daß er sie
nicht mehr hören konnte, ergriff der Kanzler wieder das Wort:

»Also hört: die Beutel unseres allergnädigsten Königs Philipp des Schönen
sind leer. Enguerrand von Marigny hat ihm aufbinden lassen, Flandern sei
eine wahre Goldgrube. Und er hat gar nicht so unrecht. Denn dies Ländchen
hier besitzt allein mehr Gold und Silber als ganz Frankreich.«

Die Ritter lächelten und nickten wiederholt zustimmend.

»Hört weiter! Unsere Königin Johanna ist auf die Vlaemen sehr erbittert.
Sie haßt dieses hochmütige Volk unaussprechlich. Sie sagte vor einiger Zeit
in meiner Gegenwart, daß sie den letzten Vlaemen am Galgen sehen wollte.«

»So spricht nur eine Königin,« rief da Châtillon aus, »sollte ich je
Statthalter dieses Landes werden -- was mir ja meine hochherzige Nichte
versprochen hat --, so gelobe ich euch, meine Herren, daß die Landeskasse
Geld speien wird, und daß es mir schon gelingen wird, mich dieses Peters de
Coninck mitsamt seiner Gilden zu entledigen und die Plunderwirtschaft der
Volksregierung abzuschaffen. Aber warum lauscht denn dieser dreiste Lump
auf unsere Unterhaltung!«

Der Vlaeme, der ihnen als Führer diente, hatte sich unbemerkt näher
herangeschlichen und gespannt die Äußerungen, die die Ritter fallen ließen,
verfolgt. Als er sah, daß man es entdeckt hatte, schoß er pfeilschnell in
den Wald zurück. Ein unbeschreiblicher Ausdruck lag auf seinem Gesicht. In
einiger Entfernung blieb er stehen und zog den Dolch aus der Scheide.

»Herr von Châtillon,« rief er diesem drohend zu, »seht Euch diese Klinge
genau an, daß Ihr sie wiedererkennen könnt, wenn sie Euch zwischen Hals und
Nacken fährt!«

»Ist denn kein einziger unter meinen Leuten, der mich rächt?« schrie
Châtillon wutentbrannt.

Kaum hatte er das gesagt, als ein gewaltiger Krieger vom Pferde sprang und
sich mit bloßem Degen auf den jungen Mann warf. Dieser steckte in aller
Ruhe seinen Dolch, anstatt sich mit ihm zu verteidigen, in die Scheide
zurück, ballte die Fäuste und erwartete seinen Feind.

»Stirb, verfluchter Vlaeme!« schrie der Waffenträger und zückte die Klinge
nach dem Führer.

Der Jüngling antwortete nicht; aber er heftete seine großen Augen, in denen
ein unheimliches Feuer leuchtete, fest auf seinen Gegner. Dieser, dem der
Blick durch und durch ging, senkte die Waffe, als versagte ihm der Mut.

»Schlag ihn nieder!« schrie ihm Châtillon zu.

Aber der Vlaeme wartete nicht, bis der Feind sich ihm genähert hatte. Mit
einem Satz hatte er den Waffenträger erreicht und ihm sein Schwert
entrissen. Nun preßte er ihn mit starken Armen an sich und schleuderte ihn
mit dem Kopf so unbarmherzig gegen den Baumstamm, daß der Unglückliche
entseelt zu Boden sank.

Ein gellender Todesschrei hallte durch den Wald, und die Augen des
Franzosen schlossen sich für immer.

Ein triumphierendes Lachen entrang sich der Brust des Vlaemen. Er näherte
die Lippen dem Ohr des Toten, und mit beißendem Spott sagte er: »Bestelle
Deinem Gebieter, daß Jan Breydels[3] Fleisch nicht den Raben zugedacht ist:
das Blut der Fremdlinge ist viel geeigneter für sie.«

    [3] Breydel war Hauptanführer der Schlächter in Brügge.

Mit diesen Worten lief er quer durch das Buschholz und verschwand im Dunkel
des Waldes.

Voll gespannter Furcht hatten die Ritter diesen schrecklichen Kampf mit
angesehen. Aber er war so kurz gewesen, daß sie nicht ein einziges Wort
hatten wechseln können. Kaum waren sie aus ihrer Bestürzung wieder zu sich
gekommen, als Graf Saint-Pol ausrief: »Bruder, ich glaube tatsächlich, daß
Du es mit einem Zauberer zu tun gehabt hast. Bei diesem Kampf ist's nicht
mit rechten Dingen zugegangen.«

»Ein verwünschtes Land!« antwortete Châtillon zerknirscht. »Mein Pferd
bricht den Hals; mein Diener bezahlt seine Treue mit dem Leben. Heut ist
ein Unglückstag. Nun, Leute, nehmt euren Kameraden auf und bringt ihn, so
gut es geht, zum nächsten Dorf, damit er geheilt oder -- bestattet werde.
Bitte, meine Herren, sagt dem Grafen von Valois nichts von dem, was hier
geschehen ist.«

»Das versteht sich von selbst,« gab Pierre de Flotte zur Antwort. »Aber,
meine Herren, wir müssen unseren Pferden die Sporen geben und vorwärts
kommen. Sehen Sie, Herr von Valois verschwindet schon hinter den Bäumen.«

Sie ließen ihren Rossen die Zügel schießen und waren bald bei dem Grafen,
ihrem Feldherrn. Dieser ritt langsam weiter, ohne ihre Anwesenheit zu
bemerken. In tiefem Nachsinnen saß er weit vorgebeugt im Sattel, und sein
eiserner Panzerhandschuh ruhte achtlos mit dem Zügel auf der Mähne seines
Pferdes. Die andere Hand umfaßte den Griff seines Schlachtschwertes, das am
Sattel hing. Während ihn so seine Gedanken beschäftigten und sich die
anderen Ritter wegen seiner düsteren Stimmung spöttische Blicke zuwarfen,
tauchte plötzlich vor ihnen Schloß Wijnendaal mit seinen himmelhohen Türmen
und riesigen Wällen auf.

»Noël!« rief Raoul de Nesle voll Freude, »dort ist das Ziel unserer Reise.
Das ist Wijnendaal, trotz Teufel und Hexerei!«

»Ich möchte es in Brand setzen,« murrte Châtillon, »es kostet mich ein
Pferd und einen treuen Diener.«

Nun wandte sich der Ritter, der die Lilien auf der Brust trug, um und
sprach: »Meine Herren, dort wohnt der unglückliche Landesherr Gwijde von
Flandern, ein Vater, dem man sein Kind entrissen hat, und dessen Land wir
durch Waffenglück gewonnen haben. Ich bitte euch, zeigt ihm nicht, daß ihr
als Sieger kommt, und vergrößert sein Leid nicht durch übermütige Worte.«

»Aber, Graf von Valois,« fiel Châtillon gekränkt ein, »glaubt Ihr etwa, daß
wir nicht wissen, was man vom rechten Ritter verlangt. Wissen wir denn
nicht, daß ein französischer Ritter sich nach dem Siege edelmütig zeigen
soll?«

»Ich sehe also, daß Ihr's wißt,« erwiderte Graf von Valois mit Nachdruck,
»ich ersuche Euch, nun auch danach zu handeln! Die Ehre besteht nicht in
eitlen Worten, Herr von Châtillon. Was nützt es, die Gesetze der
Ritterschaft auf der Zunge zu tragen, wenn sie Euch nicht von Herzen
kommen. Wer sich aber seinen Untergebenen gegenüber nicht edelmütig
erweist, wird es auch nicht im Umgange mit seinesgleichen sein.«

Dieser Vorwurf rief Châtillons Zorn wieder wach, und er wäre sicher in
wütende Reden ausgebrochen, hätte ihn sein Bruder Saint-Pol nicht
zurückgehalten und ihm zugeflüstert: »Schweig, Châtillon, schweig doch
still, denn unser Feldherr hat ganz recht. Es gehört sich auch so, daß wir
dem alten Grafen von Flandern kein Leid mehr zufügen. Er ist unglücklich
genug.«

»Der untreue Vasall hat unserem Könige den Krieg erklärt und den Groll
unserer Nichte Johanna von Navarra so heftig erregt, daß sie beinahe
dadurch erkrankt wäre -- und da sollen wir ihm noch schonend
entgegenkommen.«

»Meine Herren,« rief Graf von Valois ihnen nochmals zu, »ihr kennt meine
Bitte. Ich glaube nicht, daß es euch an Edelmut fehlen wird. Nun, vorwärts,
ich höre die Meute bellen. Man hat uns bereits bemerkt, denn die Brücke
fällt, und die Sturmegge[4] wird aufgezogen!«

    [4] Fallgatter.

Schloß Wijnendaal[5], das der edle Graf Gwijde von Flandern erbaut hatte,
war eins der schönsten und stärksten Schlösser jener Zeit. Aus den breiten
Gräben, von denen es umgeben war, stiegen gewaltige Mauern auf, an denen
eine Anzahl Wachthäuschen hing. Durch die Schießscharten hindurch konnte
man die Ausschau haltenden Armbrustschützen und ihre stählernen
Lanzenspitzen sehen. Innerhalb der Wälle erhoben sich die Dächer des
gräflichen Hauses mit den wehenden Wetterfahnen. Sechs runde Türme standen
an den Mauerecken und in der Mitte des Vorhofes. Von hier aus konnte man
mit allerlei Wurfgeschossen den heranziehenden Feind treffen und ihm so die
Annäherung ans Schloß erschweren. Eine einzige Brücke verband diese
befestigte Insel mit den umliegenden Tälern.

    [5] Schloß Wijnendaal ist nun verfallen. Es liegt in der Nähe
    eines Dorfes gleichen Namens bei Thourout in Westflandern.

Sobald die Ritter ankamen, gab der Turmwächter der inneren Wache ein
Zeichen, und sogleich kreischten die schweren Tore in ihren Angeln.

Unterdes erdröhnte hallendes Rossestampfen auf der Brücke, und die
französischen Ritter zogen zwischen zwei Reihen vlaemischer Fußsoldaten in
die Burg. Die Tore wurden hinter ihnen geschlossen. Die »Sturmegge« mit
ihren eisernen Spitzen rasselte nieder, und die Brücke ging langsam in die
Höhe.




II.


Die Luft war so klarblau, daß das staunende Auge vergeblich ihre
unermeßbare Tiefe zu ergründen suchte. Strahlend stieg die Sonne am
Horizont auf, und eine girrende Turteltaube trank die letzten Tautropfen
von den grünen Blättern der Bäume. Aus Schloß Wijnendaal erscholl
unaufhörlich das Kläffen der Meute. Das Wiehern der Pferde mischte sich mit
den lieblichen Tönen des Jagdhorns. Aber die Zugbrücke war noch aufgezogen,
und vorübergehende Landleute konnten nur raten, was da im Gange war.
Zahllose Wachen mit Armbrust und Schild schritten auf den äußeren Wällen
auf und ab, und durch die Schießscharten hindurch konnte man sehen, wie
viele Waffenknechte innerhalb der Mauern geschäftig hin und her liefen.

Endlich erschienen einige Leute über dem Tor und ließen die Brücke herab.
Da wurde es auch schon geöffnet, um den Jagdzug hinauszulassen. In dem
stattlichen Zug, der langsam über die Brücke ritt, sah man folgende Damen
und Herren:

Voran ritt der achtzigjährige Graf Gwijde[6] von Flandern auf einem Fuchs.
Seine Haltung trug den Stempel stiller Ergebenheit. Alter und Unglück
hatten sein stolzes Haupt schwer gebeugt. Seine schmalen Wangen waren tief
gefurcht. Ein purpurnes Wams fiel von seinen Schultern bis auf den Sattel
herab, und sein schneeweißes Haar war von einem gelbseidenen Tuche
umwunden. Durch diese Hülle glich sein Haupt einem Silbergefäße mit
goldenem Reif. Auf der Brust trug er in einem herzförmigen Schild den
schwarzen springenden Löwen in goldenem Felde.

    [6] Guy van Dampyere, der Sohn des alten Wilhelm van Dampyere,
    war der vierundzwanzigste Graf von Flandern. (Dits die excellente
    Cronike van Vlaenderen.)

Der unglückliche Fürst sah sich an seinem Lebensabend, wo ihm die Ruhe als
Lohn für seine Arbeit zu gönnen gewesen wäre, seiner Krone beraubt. Seine
Kinder hatten durch das Los der Waffen ihr Erbe verloren, und Armut
erwartete sie, die eigentlich die reichsten Fürsten Europas hätten sein
müssen. Siegprahlende Feinde umringten den unglücklichen Landesherrn, und
doch gab er der Verzweiflung in seinem Herzen nicht Raum.

Neben ihm ritt Karl von Valois, der Bruder des französischen Königs. Er
unterhielt sich eifrig mit dem alten Gwijde; doch es schien, als wären sie
nicht einer Meinung.

Jetzt hing kein Schlachtschwert mehr am Sattel des französischen Feldherrn;
ein langer Degen ersetzte die schwere Waffe; auch die blitzenden
Stahlplatten hatte er von den Beinen geschnallt.

Ihnen folgte ein Ritter von ungemein wildem und trotzigem Aussehen. Seine
Augen rollten, und wenn sein Blick auf einen Franzosen fiel, preßte er
seine Lippen ingrimmig aufeinander und knirschte mit den Zähnen.

Er war etwa fünfzig Jahre alt; aber noch beseelte ihn volle Lebenskraft,
und man mußte ihn mit seiner starken Brust und seinem gewaltigen Körperbau
für den stärksten Ritter halten. Auch sein Roß war größer als die anderen,
und so überragte er den ganzen Zug an Haupteslänge. Ihn schützten sein
blinkender Helm mit blauem und gelbem Federbusch, ein schwerer Waffenrock
und das gebogene Schwert. Sein Koller, das von seinem Rücken bis auf das
Pferd niederwallte, trug auch den vlaemischen Löwen im goldenen Felde. Die
Ritter jener Zeit hätten unter tausend anderen in diesem trotzigen Reiter
Robrecht van Bethune[7], den ältesten Sohn von Gwijde, erkannt.

    [7] »Robrecht van Nyvers (auch van Bethune) hat der heiligen
    Kirche große Dienste erwiesen; so hat er in Apoelghen Meinfoort,
    den stolzen Feind der heiligen Kirche, erschlagen.« (Die
    excellente Cronike). Die Tatsache, auf die dieser Satz anspielt,
    ist folgende:

    Karl von Anjou, König von Sizilien, wollte gegen Manfred, der
    dieses Königreich gegen den Willen des Papstes besaß, in den
    Krieg ziehen. Er bildete ein französisches Heer aus etwa 20 000
    auserlesenen Kriegern und übergab den Oberbefehl an Robrecht van
    Bethune, der damals achtzehn Jahre alt war. Bald darauf nahm Karl
    von Anjou den jungen Konradin, den Enkel des deutschen Kaisers
    Friedrich, gefangen. Karl, der sich von einem so hochgestellten
    Feind befreien wollte, beschloß, ihn zum Tode verurteilen zu
    lassen. Sismonde von Sismondi (Histoire des républiques
    italiennes) sagt darüber: »Ein einziger Richter sprach das
    Todesurteil, und der junge Konradin wurde auf das Schafott
    gebracht, um enthauptet zu werden. Der Richter, der Konradin zum
    Tode verurteilt hatte, las das Urteil gegen ihn vor, das ihn als
    Verräter der Krone und Feind der Kirche bezeichnete. Er war
    gerade damit zu Ende und sprach das Todesurteil aus, als Robrecht
    von Flandern, der eigene Schwager von Karl von Anjou, auf den
    falschen Richter zustürzte, ihm seinen Degen in die Brust stieß
    und rief: »Es steht Euch nicht zu, Elender, einen so edlen und
    schönen Herrn zum Tode zu verurteilen.« Der Richter starb in
    Gegenwart des Königs, und dieser durfte seinen Günstling nicht
    rächen.« -- Noch andere Taten beweisen, daß Robrecht von einem
    wunderbaren Mut beseelt war, so daß man von ihm sagen konnte: ein
    Löwenherz schlägt in seiner eisernen Brust.

Seit einigen Jahren hatte ihm sein gräflicher Vater die innere Regierung
von Flandern übertragen. In allen Feldzügen hatte er die vlaemischen Heere
angeführt und sich in der Fremde einen gefürchteten Namen erworben. Während
des sizilianischen Krieges hatte er im Lager der Franzosen so
staunenswerte Waffentaten vollführt, daß er von der Zeit an der Löwe von
Flandern genannt wurde. Das Volk, das seine Helden allzeit liebt und
bewundert, besang die Unerschrockenheit des Löwen in seinen Sagen und
verherrlichte den, der einst die Krone von Flandern tragen sollte. Da
Gwijde wegen seines hohen Alters Schloß Wijnendaal selten verließ und auch
von den Vlaemen nicht sehr geliebt wurde, erhielt auch Robrecht den
Grafentitel, wurde im ganzen Land als der Herr angesehen, und als solchem
wurde ihm Gehorsam geleistet.

An seiner rechten Seite ritt Wilhelm, sein jüngster Bruder, dessen bleiche
Wangen und schwermütigen Züge wie die eines kranken Mägdeleins neben dem
gebräunten Antlitz von Robrecht erschienen. Seine Kleidung unterschied sich
von der des Bruders nur durch das krumme Schwert, das Robrecht allein trug.

Darauf folgten viele andere Herren, sowohl Franzosen wie Vlaemen. Hierunter
waren die vornehmsten: Walter, Herr van Maldeghem, Karl, Herr van
Knesselare, Roegaert, Herr van Axpoele, Jan, Herr van Gavere, Rase Mulaert,
Dietrich der Fuchs und Gerhard der Mohr.

Die Ritter Jacques de Châtillon, Guy de Saint-Pol, Raoul de Nesle und ihre
Begleiter ritten ungeordnet, liebenswürdig plaudernd, zwischen den
vlaemischen Herren.

Ihnen folgte der junge Adolf van Nieuwland, der Sprößling eines der
edelsten Geschlechter der reichen Stadt Brügge. Sein Antlitz bestach nicht
durch weibische Schönheit. Das war keiner jener Männer mit rosenfarbigen
Wangen und lächelndem Munde, denen zum Weibe nur die Frauenkleidung fehlt.
So hatte sich die Natur nicht an ihm vergangen. Die Sonne hatte seine
ernsten Wangen leicht gebräunt. Durch seine Stirn zogen sich zwei Falten,
die frühzeitige Klugheit ankündigten. Sein Antlitz war scharf und männlich
geschnitten, und die edlen Linien seines Körpers erinnerten an ein
griechisches Bildwerk. Aus seinen Augen, die halb von den Brauen
beschattet waren, leuchtete eine weiche, aber einsame Seele.

Obwohl er den anderen Rittern an Geburt nicht nachstand, blieb er doch
zurück und ließ die, die geringerer Herkunft waren, vorausreiten. Mehrmals
hatte man ihm Platz gemacht, um ihn nach vorn reiten zu lassen, aber er
achtete nicht auf diese Liebenswürdigkeit und schien in tiefes Nachdenken
versunken zu sein.

Auf den ersten Blick hätte man Adolf für einen Sohn Robrechts van Bethune
halten können. Denn bis auf den großen Altersunterschied glichen sich die
beiden Ritter auffallend. Die gleiche Gestalt, die gleiche Haltung, die
gleichen Bewegungen! Doch war die Kleidung von anderer Farbe, und das
gestickte Wappen auf Adolfs Brust zeigte drei goldblonde Mägdelein auf
rotem Grunde. Darüber stand sein Wahlspruch: Pulchrum pro patria mori[8].

    [8] Schön ist der Tod fürs Vaterland.

Dieser Jüngling war von seiner Kindheit an in Robrechts Hause aufgewachsen.
Jetzt war er sein vertrauter Freund und wurde von ihm wie ein geliebter
Sohn behandelt. Er schätzte seinen Wohltäter als Vater und Fürst und liebte
ihn und seine Kinder von ganzem Herzen.

Dicht hinter ihm ritten die Frauen, die so prächtig geschmückt waren, daß
das reiche Gold und Silber ihrer Kleidung die Augen blendete. Alle saßen
auf leichten Zeltern. Ein langes Reitkleid fiel an der Seite des Pferdes
über ihre Füße bis zur Erde herab. Golddurchwirkte, eng anliegende Mieder
bedeckten ihre Brust, und von ihren hohen, mit Perlen geschmückten Hauben
flatterten zierliche Bänder. Die meisten trugen einen Raubvogel auf der
Hand.

Unter diesen Edelfrauen war eine, die durch Pracht und Schönheit alle
anderen in Schatten setzte. Es war Machteld, Robrechts jüngste Tochter.

Die Maid war sehr jung. Sie war kaum älter als fünfzehn Jahre; aber ihre
hohe, schlanke Gestalt, ein Erbteil ihrer edlen, mächtigen Vorfahren, die
Strenge ihrer feinen Züge, die Ruhe ihrer Haltung gaben ihr etwas
Königliches, Ehrfurchtgebietendes.

Obwohl die Ritter darin wetteiferten, ihr zu gefallen und ihr jede
erdenkliche Höflichkeit erwiesen, entbrannte doch keiner in vermessener
Liebe zu ihr. Sie wußten, nur ein Fürst durfte Machteld von Flandern
heimführen.

Traumhaft schön saß die schlanke, junge Maid lieblich in der Seide ihres
Zelters und trug ihr Haupt stolz erhoben. Während die linke Hand leicht den
Zügel hielt, saß auf der Rechten ein Habicht mit roter Kappe, an der
goldene Glöckchen läuteten.

Unmittelbar nach der lieblichen Tochter des Landesfürsten ritten zahlreiche
Schild- und Hofknappen, alle in zweifarbige Seide gekleidet. Die Knechte,
die zum Hause des Grafen Gwijde gehörten, konnte man leicht von den anderen
unterscheiden, denn die rechte Seite ihrer Kleidung war aus schwarzem, die
linke aus goldgelbem Moiré. Einige waren in Purpur und Grün, andere in Rot
und Blau gekleidet, je nach den Wappenfarben ihrer Gebieter.

Endlich kamen Jäger und Falkenträger. Vor den ersteren lief die Meute von
etwa fünfzig Hunden an ledernen Koppeln; darunter waren Windhunde, Bracken
und Spürhunde aller Art.

Die Tiere waren von sonderbarem Ungestüm; sie zogen so stark an den
Koppeln, daß die Jäger sich rückwärtsstemmend ziehen lassen mußten.

Die Falkeniere trugen auf Querstangen allerlei Falken und Jagdvögel:
Habichte, Steinfalken, Geier und Sperber. Die Vögel hatten rote, mit
Glöckchen besetzte Kappen auf dem Kopfe und dünne Lederhöschen an den
Beinen.

Außerdem trugen die Falkeniere noch künstliche, scharlachrote Lockvögel mit
Flügeln; die sollten die Falken während der Jagd zurückrufen.

Sobald der Zug sich etwas von der Brücke entfernt hatte und auf einen
breiteren Weg gekommen war, mischten sich die Herren, ohne auf die
Standesunterschiede zu achten, untereinander. Jeder suchte sich einen
Freund oder Kameraden, um die Reise durch gefälliges Gespräch zu verkürzen.
Sogar viele Frauen waren zu ihnen herangeritten. Doch blieben Gwijde von
Flandern und Karl von Valois noch an der Spitze des Zuges, denn niemand
wäre so unhöflich gewesen, an ihnen vorbeizureiten. Robrecht van Bethune
und Wilhelm hatten ihre Rosse neben das ihres Vaters geführt, und auch
Raoul de Nesle war mit Châtillon zu ihrem Feldherrn geritten. Dieser
blickte traurig auf das weiße Haupt Gwijdes und in Wilhelms schwermütiges
Antlitz und sagte: »Ich bitt' Euch, edler Graf, glaubt mir, daß mir Euer
trauriges Los sehr zu Herzen geht. Es ist mir, als hätte mich selbst Euer
Unglück getroffen. Doch noch ist alle Hoffnung nicht verloren. Auf meine
Bitte wird mein königlicher Bruder alles vergeben und vergessen.«

»Herr von Valois,« entgegnete Gwijde, »da täuscht Ihr Euch, Euer Fürst hat
es deutlich bewiesen, daß Flanderns Untergang sein größter Wunsch ist; hat
er nicht meine Untertanen gegen mich aufgestachelt? Hat er mir nicht mit
unmenschlicher Grausamkeit meine Tochter Philippa geraubt und in einen
Kerker geworfen? Und erwartet Ihr etwa, daß er alles wieder aufrichtet, was
er so blutig zerstört hat? Fürwahr, Ihr täuscht Euch sehr, Philippe-le-Bel,
Euer Bruder und König wird mir das Land, das er mir entrissen hat, nie
zurückgeben. Euern Edelmut, Herr von Valois, werde ich nie vergessen, doch
ich bin zu alt, um mich noch mit einer trügerischen Hoffnung trösten zu
können. Meine Herrschaft ist aus. Das war Gottes Wille!«

»Ihr kennt meinen königlichen Bruder Philipp nicht,« erwiderte Valois,
»seine Taten sprechen allerdings gegen ihn, aber ich versichere Euch, er
hat ein edles, ritterliches Herz.«

Da unterbrach Robrecht van Bethune Valois voll Ungeduld: »Was sagt Ihr --
ein edles, ritterliches Herz! Bricht ein edler Ritter sein gegebenes Wort,
seine Treue? Als wir mit unserer unglücklichen Philippa arglos nach Corbeil
kamen, hat Euer König das Gastrecht verletzt und uns alle eingekerkert. Ist
diese Verräterei etwa eines edlen Ritters wert?«

»Herr van Bethune,« antwortete Valois ernst, »Eure Worte sind sehr scharf.
Ich hoffe, daß Ihr nicht die Absicht hattet, mich zu kränken.«

»O nein, auf Ehre nicht,« gab Robrecht zur Antwort, »Eure Großmut hat Euch
meine Freundschaft gewonnen. Aber Ihr könnt doch nicht mit voller
Überzeugung behaupten, daß Euer König ein ehrenwerter Ritter ist?«

»Hört mich an,« entgegnete da Valois, »glaubt mir, daß in der Brust
Philipps des Schönen das beste Herz schlägt; aber feige Schleicher aus
seiner Umgebung beraten ihn. Enguerrand de Marigny[9] ist ein
eingefleischter Teufel, der ihn zum Bösen verleitet, und noch jemand treibt
ihn zu unerhörten Scheußlichkeiten. Doch hier verbietet mir die Ehrfurcht,
Namen zu nennen; doch gerade hier liegt die Schuld an Eurem Unglück.«

    [9] _Enguerrand de Marigny_, ein normannischer Edelmann, wurde
    unter Philipp dem Schönen Palastleiter vom Louvre und den
    öffentlichen Bauten und Finanzminister. Er mißbrauchte seine
    Gewalt, verschwendete die Gelder des Reiches, verfälschte die
    Münzen und verarmte das Volk durch Auflegung willkürlicher
    Lasten.

»Wen meint Ihr denn,« fragte Châtillon absichtlich.

»Da fragt Ihr nach einer allbekannten Sache, Herr von Châtillon,« rief ihm
Robrecht van Bethune zu, »hört zu, ich will's Euch sagen, es ist Eure
Nichte, Johanna von Navarra[10], die meine unglückliche Schwester gefangen
hält; es ist Eure Nichte, Johanna von Navarra, die Frankreichs Geld
verfälschen ließ; es ist Eure Nichte, Johanna von Navarra, die Flandern den
Untergang geschworen hat!«

    [10] Johanna war die einzige Tochter Heinrichs I., Königs von
    Navarra; sie erbte dieses Königreich von ihrem Vater und wurde
    dadurch eine der reichsten Fürstinnen ihrer Zeit. Sie vermählte
    sich mit Philipp dem Schönen und vereinigte durch diese Heirat
    zwei Kronen auf ihrem Haupte.

Châtillon wurde rot vor Zorn. Er ritt dicht an Robrecht heran und rief ihm
zu: »Das ist schmählich erlogen!«

Diese Beschuldigung verletzte Robrechts Ehre. Schnell riß er sein Pferd
zurück und zog sein gebogenes Schwert aus der Scheide. Schon wollte er sich
auf Châtillon stürzen -- da sah er, daß sein Feind keine Waffen bei sich
trug. Mit sichtlichem Unmut steckte er sein Schwert in die Scheide zurück,
ritt wieder auf Châtillon zu und sprach mit verhaltener Erregung: »Ich
halte es nicht mehr für nötig, mein Herr, Euch meinen Handschuh zuzuwerfen.
Ihr wißt, daß der Vorwurf der Lüge ein Flecken ist, der nur durch Blut
abgewaschen werden kann. Noch vor Sonnenuntergang fordere ich Genugtuung
für diesen Schimpf!«

»Es sei,« entgegnete ihm Châtillon, »ich bin bereit, die Ehre meiner
königlichen Nichte gegen alle Ritter der Welt zu verteidigen.«

Nun schwiegen beide und ritten wieder auf ihre vorigen Plätze zurück.
Während des kurzen Streites hatten die anderen Ritter mit sehr
verschiedenen Gefühlen die Worte Robrechts mit angehört. Manchen Franzosen
erbitterte die Äußerung des Vlaemen tief; doch Ritterehre untersagte es
ihnen, sich in den Streit zweier Feinde einzumischen. Karl von Valois
schüttelte ungeduldig sein Haupt, und deutlich konnte man in seinem Gesicht
den Unwillen lesen, den dieser Streit hervorgerufen hatte. Dagegen huschte
über das Antlitz des Grafen Gwijde ein zufriedenes Lächeln, und leise sagte
er zu Valois: »Mein Sohn Robrecht ist ein mutiger Ritter. Das hat Euer
König Philipp bei der Belagerung von Rijssel erfahren müssen. Da hat
Robrechts Schwert manch tapferen Franzosen erschlagen. Die Brügger, die ihn
mehr als mich lieben, nennen ihn den Löwen von Flandern, und diesen
ehrenvollen Beinamen hat er sich in der Schlacht bei Benevent[11] gegen
Manfred wohl verdient.«

    [11] Die Schlacht wurde am Freitag, dem 26. Februar 1266,
    geschlagen. Manfred verlor in ihr Krone und Leben. (Sismonde de
    Sismondi.)

»Ich kenne Herrn Robrecht seit langer Zeit,« war die Antwort. »Weiß nicht
ein jeder, mit welcher Kühnheit er dem Tyrannen Manfred das Schwert
entwandt? Die Ritter meines Landes rühmen seine Waffentaten. Der Löwe von
Flandern gilt als unüberwindlich -- und mit Recht.«

Ein stolzes Lächeln erhellte das Antlitz des alten Vaters; aber plötzlich
verdüsterte es sich, er beugte in tiefem Schmerze sein Haupt: »Herr von
Valois, ist das nicht doppelt schmerzvoll für mich, gerade einem solchen
Sohne kein Erbe hinterlassen zu können? Ihm, der dem Haus von Flandern
soviel Ruhm und Ehre erworben hätte. Ach, das und die Gefangenschaft meiner
unglücklichen Tochter sind zwei Schicksalsschläge, die mich gebrochen
haben.«

Karl von Valois antwortete nicht auf Gwijdes Klagen. Lange Zeit hüllte er
sich in tiefes Nachdenken und ließ den Zügel seines Trabers am Sattelknopf
hängen. Gwijde betrachtete voll Bewunderung den edlen Freund, denn er
erkannte, wie schmerzlich das Unglück des Hauses von Flandern den
ritterlichen Franzosen betrübte.

Da richtete sich plötzlich Karl von Valois glückstrahlend im Sattel auf,
und erfreut rief er aus: »Eine Eingebung Gottes!«

Gespannt sah Gwijde ihn an.

»Graf von Flandern,« sagte Valois, »ich will, daß mein königlicher Bruder
Euch wieder auf den Thron Eurer Väter setze!«

»Und welches Mittel haltet Ihr für stark genug, dieses Wunderwerk zu
vollbringen; denn er hat doch mein Land schon Euch übertragen?«

»Hört zu, edler Graf, Eure Tochter weint trostlos in den Kerkern des
Louvre. Euer Erbe ist verloren. Euern Kindern blieb kein Lehen. Ich weiß
nun ein Mittel, das Eurer Tochter die Freiheit und Euch Euer Land
wiedergeben soll.«

»Wirklich,« rief Gwijde zweifelnd, »ich kann's nicht glauben, Herr von
Valois; oder Eure Königin Johanna von Navarra müßte nicht mehr am Leben
sein.«

»Nein, das nicht! Unser König Philipp der Schöne hält in Compiègne offenen
Hof. Meine Schwägerin Johanna weilt gerade in Paris, und dort hält sich
auch Enguerrand de Marigny auf. Begleitet mich nach Compiègne, und laßt
auch die edelsten Ritter Eures Landes mitziehen, tut Fußfall vor meinem
Bruder und huldigt ihm als reumütiger Vasall.«

»Und dann?« fragte Gwijde verwundert.

»Er wird Euch gnädig empfangen und Flandern und auch Eure Tochter
freigeben. Verlaßt Euch auf mein Wort, denn mein Bruder ist in der
Abwesenheit der Königin der großmütigste Fürst.«

»Von Herzen danke ich Eurem guten Engel für diese glückliche Eingebung und,
Herr von Valois, für Euern großen Edelmut,« rief Gwijde hocherfreut. »O,
möge Gott mir vergönnen, daß ich durch dieses Mittel die Tränen meines
unglücklichen Kindes trocknen kann! Aber wer weiß, ob in diesem
gefährlichen Frankreich Kerkerbande nicht auch mir bevorstehen?«

»Fürchtet nichts, Graf, fürchtet nichts,« entgegnete ihm Valois, »ich
selbst will Euch verteidigen und Euch treu zur Seite stehen. Und sollten
unsere Bemühungen fruchtlos bleiben, so werden Euch mein Siegel und meine
Ehre freies Geleit nach Rupelmonde zurück sichern.«

Gwijde ließ die Zügel los, ergriff die Hand des französischen Ritters und
drückte sie in tiefer Dankbarkeit. »Ihr seid ein edler Feind,« sagte er
schmerzlich.

Während dieses Zwiegespräches war der ganze Zug in eine weite Ebene
gekommen, durch welche der Krekelbach rauschte. Jeder machte sich zur Jagd
bereit.

Die vlaemischen Ritter setzten sich ihre Falken auf die Faust. Die Hunde
wurden verteilt, und die Leitbänder der Jagdvögel gelöst.

Die Frauen hatten sich unter die Ritter gemischt, und es traf sich, daß
Karl von Valois nun neben der schönen Machteld ritt.

»Ich glaube, anmutiges Edelfräulein,« sagte er, »daß Ihr den Preis der Jagd
erringen werdet; denn einen schöneren Vogel als den Euren habe ich nie
gesehen. Er hat so gleichmäßiges Gefieder, so starke Schwingen, so gelb
geschuppte Klauen. Er ist wohl recht schwer auf der Hand?«

»O ja -- sehr schwer, edler Herr,« gab Machteld zur Antwort. »Und obgleich
er nur für den tiefen Flug abgerichtet ist, kann er doch Reihern und
Kranichen hoch in der Luft nachjagen.«

»Es scheint mir,« bemerkte Valois, »daß Euer Wohledeln ihn zu reichlich
füttern. Es wäre besser, ihm etwas schmalere Kost zu geben.«

»O nein, verzeiht, Herr von Valois,« rief die Maid hoheitsvoll, »aber da
täuscht Ihr Euch sicherlich: mein Falke ist so gerade recht. Ich bin in der
Falkenzucht nicht unkundig. Ich selbst habe diesen schönen Habicht
aufgezogen, zur Jagd abgerichtet und ihn des Nachts bei Kerzenschein
bewacht. Aus dem Weg, Herr von Valois, aus dem Weg, über dem Sumpf steigt
eben eine Schnepfe auf.«

Als Herr von Valois nach der angedeuteten Stelle sah, zog Machteld ihrem
Falken die Kappe ab und warf ihn hoch.

»Steig' auf, mein lieber Falke!« rief ihm Machteld nach.

Auf dies Geheiß flog der Vogel himmelwärts. Das Auge konnte ihm nicht mehr
folgen. Einige Zeit ruhte er bewegungslos auf seinen Fittichen, und seine
durchdringenden Augen suchten nach dem ihm bestimmten Wild. Bald sah er die
Schnepfe in der Ferne fliegen. Schneller als ein niederstürzender Stein
stieß der Falke auf den armen Vogel und packte ihn mit seinen scharfen
Klauen.

»Seht Ihr, Herr von Valois,« rief Machteld erfreut aus, »daß Frauenhand
auch gut Falken abrichten kann. Da kommt mein treuer Vogel mit seiner Beute
zurück.«

Kaum hatte sie diese Worte ausgesprochen, als der Habicht schon mit der
Schnepfe auf ihrer Hand saß.

»Gönnt mir die Ehre, das Wild aus Euern schönen Händen zu empfangen,« bat
Karl von Valois.

Bei dieser Frage wurde das Antlitz der Jungfrau traurig. Sie blickte den
Ritter flehend an und sagte: »Ach, Herr von Valois, nehmt es mir nicht
übel, ich habe meine erste Beute schon meinem Bruder Adolf, der da neben
meinem Vater steht, versprochen.«

»Euerm Ohm Wilhelm, wollt Ihr sagen, mein edles Fräulein.«

»Nein, unserem Bruder Adolf van Nieuwland. Er ist so gut, so gefällig zu
mir. Er hilft mir beim Abrichten meines Falken. Er lehrt mich Lieder und
Sagen und spielt mir auf der Harfe vor. Wir haben ihn alle sehr lieb.«

Während dieser Worte hatte Karl von Valois seinen durchdringenden Blick
forschend auf Machteld geheftet, doch er erkannte, daß nur Freundschaft im
Herzen der Jungfrau wohnte.

»Da hat er sich diese Gunst redlich verdient,« sagte er lächelnd, »laßt
Euch nur nicht durch meine Bitte länger zurückhalten.«

Ohne sich um die Gegenwart der anderen Ritter zu kümmern, rief Machteld so
laut sie konnte: »Adolf, Herr Adolf!« Und ausgelassen wie ein Kind schwang
sie ihre Schnepfe hoch in der Luft.

Auf ihren Ruf ritt der Jüngling zu ihr heran.

»Adolf,« rief sie, »das ist Eure Belohnung für die schönen Sprüche, die Ihr
mich gelehrt habt.«

Der junge Ritter verbeugte sich ehrerbietig vor ihr und nahm fröhlich die
Schnepfe in Empfang. Die Ritter betrachteten ihn mit neidischer Neugierde,
und mehr als einer suchte auf seinem Antlitz heimliche Liebe zu
entdecken; -- aber vergeblich! Plötzlich wurden sie aus ihrem neugierigen
Forschen aufgeschreckt.

»Schnell, Herr van Bethune,« rief der Hauptfalkenier, »nehmt Euerm
Geierfalken die Kappe ab und werft ihn auf; denn da läuft ein Hase!«

Einen Augenblick später schwebte der Vogel bereits hoch über den Wolken und
stieß dann senkrecht auf das fliehende Wild. Es war ein sonderbarer
Anblick. Denn als der Falke seine Krallen in den Rücken des flüchtigen
Hasen geschlagen hatte, klammerte er sich dort fest, und so stürzten beide
windschnell vorwärts; doch dauerte es nicht lange. Gerade als sie an einem
Buschholz vorbeiliefen, krallte sich der Falke mit der einen Klaue daran
fest und hielt mit der anderen das Wild, daß es nicht fortkam, soviel es
auch zappelte und sich wand. Schnell wurden einige Hunde von der Koppel
gelöst. Sie stürzten sich auf den Hasen und nahmen ihn dem Falken ab.

Siegesfroh kreiste der mutige Vogel über den Hunden und flog über ihnen her
bis zu den Jagdknechten; dann stieg er hoch auf und brachte seine Freude in
eigenartigen Wendungen zum Ausdruck.

»Herr van Bethune,« rief Valois aus, »das ist ein Vogel, der seine Beute
tapfer schwächt. Ein herrlicher Geierfalke!«

»Ja, edler Graf, er ist der allerprächtigste,« antwortete Robrecht. »Ihr
solltet einmal seine Adlerklauen bewundern.«

Mit diesen Worten warf er den Lockvogel hoch. Der Falke, der dies sah,
kehrte sofort auf die Faust seines Herrn zurück.

»Seht nur,« sagte Robrecht und zeigte Valois den Vogel, »seht nur das
schöne Blond seines Gefieders, die silberweiße Brust und seine hohen,
bläulich glänzenden Krallen!«

»Ja, Herr Robrecht, das ist allerdings ein Vogel, der keinen Adler zu
fürchten braucht,« antwortete Valois, »aber sein Bein blutet anscheinend.«

Robrecht, der seinen Falken genauer untersucht hatte, rief nun ungeduldig:

»Falkenträger, komm schnell her zu mir, mein Vogel hat sich ernstlich
gequetscht. Ach Gott, das arme Tier hat seine Klauen zu sehr angestrengt.
Pflege ihn gut, mein treuer Steven. Sein Tod würde mich sehr traurig
machen.«

Er reichte den verletzten Falken zu Steven hinunter, der fast über den
Vorfall weinte, denn da sein Amt darin bestand, die Falken zu lehren und
abzurichten, so lagen ihm diese Tiere wie Kinder am Herzen.

Kaum hatten die vornehmsten Herren ihre Falken aufgeworfen, so fingen auch
alle anderen mit der Jagd an.

Innerhalb von zwei Stunden fing man allerlei hochfliegendes Wild, wie:
Enten, Möwen, Reiher und Kraniche und auch die tiefer streichenden
Rebhühner, Drosseln und Brachvögel.

Als die Sonne im Zenit stand, hallten die klaren Jagdhörner durch die
Ebene. Der ganze Zug sammelte sich wieder, und in langsamem Schritt ging's
zurück nach Wijnendaal.

Unterwegs nahm Karl von Valois sein Gespräch mit dem alten Gwijde wieder
auf. Obgleich der Graf von Flandern nicht ohne Mißtrauen an eine Reise nach
Frankreich dachte, wollte er sie doch aus Liebe zu seinen Kindern trotz
aller Gefahren unternehmen. Er beschloß, auf Anraten des französischen
Feldherrn, sich mit allen Edeln, die ihm geblieben waren, Philipp dem
Schönen zu Füßen zu werfen, um durch diese demütige Huldigung sein Mitleid
zu erwecken. Die Abwesenheit der Königin ließ ihn hoffen, daß Philipp der
Schöne nicht unerbittlich sein würde. --

Robrecht van Bethune kam nicht mehr mit Châtillon in Berührung; sie
vermieden es, sich zu begegnen, und keiner von beiden sprach ein Wort.
Adolf van Nieuwland ritt jetzt neben Machteld und ihrem Oheim Wilhelm. Die
Jungfrau war allem Augenschein nach damit beschäftigt, ein Lied oder einen
Spruch auswendig zu lernen, den ihr Adolf vorsprach; denn von Zeit zu Zeit
riefen die verwunderten Edelfrauen: »Wie schön er das sagt! Was ist doch
Herr van Nieuwland für ein kluger Minnesänger.«

So erreichten sie endlich Wijnendaal. Der ganze Zug ritt ins Schloß.
Hinter ihm zog man die Brücke nicht auf, und auch das Fallgatter wurde
nicht herabgelassen.

Einige Augenblicke später verließen die französischen Ritter in voller
Rüstung die Burg. Als sie über die Brücke ritten, sagte Châtillon zu seinem
Bruder: »Du weißt, daß ich heut' abend die Ehre unserer Nichte verteidigen
muß, und ich rechne damit, daß Du mein Sekundant sein wirst.«

»Geht's etwa gegen den kühnen Robrecht van Bethune?« fragte Saint-Pol. »Ich
weiß nicht, mich dünkt, Du wirst schlecht dabei wegkommen; denn der Löwe
von Flandern ist kein Kätzchen, das man ohne Handschuhe anfassen kann. Das
sollte Dir auch bekannt sein!«

»Was geht's mich an!« unterbrach ihn Châtillon zornig. »Ein Ritter vertraut
seiner Geschicklichkeit und seinem Mut und nicht roher Körperkraft!«

»Du hast recht, Bruder, ein Ritter darf vor keinem Feind weichen, aber er
soll sich auch nicht unbesonnen einer Gefahr aussetzen. Ich hätte an Eurer
Stelle den finsteren Robrecht reden lassen, soviel er wollte. Was kümmern
Dich seine Worte, wo er ja doch unser Gefangener ist.«

»Schweig, Saint-Pol, solche Reden stehen einem Ritter nicht wohl an! Fehlt
es Dir etwa an Mut?«

Als sie diese Worte wechselten, verschwanden sie mit den anderen Rittern
zwischen den Bäumen des Waldes.

Jetzt ließen die Waffenknechte das Fallgatter herab, zogen die Brücke auf
und waren nicht mehr zu sehen.




III.


Der befreundete Ritter oder der bedürftige Minnesänger, dem sich das
gastliche Tor des Schlosses Wijnendaal geöffnet hatte, befand sich zuerst
auf einem kleinen, viereckigen freien Platz. Ihm zur Rechten lagen die
Stallungen, in denen wohl hundert Pferde ohne jede Schwierigkeit
untergebracht werden konnten; davor lagen die Dunghaufen, auf denen
zahllose Enten und Tauben herumliefen. Zu seiner Linken lag ein Gebäude,
das die Wohnungen der Waffenknechte und Troßknappen enthielt. Weiter hinten
standen die Belagerungsgeschütze für Zeiten des Krieges. Da waren große
Rammen und Sturmböcke mit ihren Stützbalken und Wagen, dann Wurfmaschinen,
die Geschosse in die belagerte Stadt schleudern sollten, und auch solche,
mit denen man große Steine gegen die feindlichen Tore oder Wälle senden
konnte.

Endlich waren dort noch allerlei Sturmbrücken, Fußangeln, Feuertonnen und
unzählige andere Kriegswerkzeuge aufgestellt.

Dicht vor den ankommenden Reisigen erhob sich der stattliche gräfliche
Palast mit seinen Türmen über die niederen Gebäude, die ihn umringten. Eine
steinerne Treppe, an deren Fuß zwei schwarze Löwen ruhten, führte zum
ersten Stockwerk hinauf und in eine lange Flucht viereckiger Säle. In
vielen stand ein Bett für den jeweiligen Gast, während andere mit den alten
Waffenrüstungen verstorbener Grafen oder mit eroberten Bannern und
Standarten geschmückt waren.

Auf der rechten Seite, in einer Ecke des Gebäudes, lag ein kleiner Saal,
der sich von den übrigen in allem unterschied. Seine Wandbekleidung zeigte
die ganze Geschichte der Kreuzzüge in lebensgroßen Bildern.

Auf dem einen Bild stand Gwijde, von Kopf zu Fuß mit einer eisernen Rüstung
bedeckt, und hielt den Rittern, die ihn umgaben, das Kreuz entgegen[12].

    [12] Der Graf Gwijde lag mit dem Heiligen Ludwig, König von
    Frankreich, im Kampf gegen die Sarazenen.

Im Hintergrunde waren mehrere Kriegsknechte, die sich schon auf den Weg
gemacht hatten. Das nächste Bild stellte die Schlacht von Massura dar; hier
hatten die Christen 1250 den Sieg errungen. Der heilige Ludwig, König von
Frankreich, und Graf Gwijde waren unter den anderen durch ihre Banner
kenntlich. Das dritte Bild zeigte ein grausiges Schauspiel. Viele
christliche Ritter lagen pestkrank, mit dem Tode ringend, in einer öden
Steppe zwischen schrecklichen Leichen und Pferdekadavern. Schwarze Raben
kreisten über dieser Unglücksstätte und warteten auf den Tod eines Ritters,
um dann sein Fleisch fressen zu können.

Das vierte Bild stellte die glückliche Rückkehr des Grafen von Flandern
dar. Seine erste Gemahlin, Fogaats van Bethune, lag weinend an seiner
Brust, und seine Söhne Robrecht und Balduin drückten mit inniger Liebe
seine Hände. Das war das letzte Gemälde.

Vor dem Marmorkamin, in dem ein kleines Feuer brannte, saß der alte Graf
von Flandern in einem mächtigen Armstuhl. Das gedankenschwere Haupt hatte
er auf seine rechte Hand gestützt. Unbewußt blickte er auf seinen Sohn
Wilhelm, der emsig aus einem Buch mit silbernem Schloß Gebete las.
Machteld, die junge Tochter von Robrecht van Bethune, stand mit ihrem
Falken auf der anderen Seite des Raumes. Sie streichelte den Vogel, ohne
auf den alten Gwijde und seinen Sohn zu achten. Während der Graf mit tiefem
Schmerz an seine überstandenen Leiden dachte und Wilhelm die himmlische
Gnade anflehte, spielte Machteld mit ihrem geliebten Falken und dachte gar
nicht daran, daß das Erbe ihres Vaters von den Franzosen erobert war. Und
dennoch war die kindliche Maid nicht gefühllos; aber ihre Trauer dauerte
selten länger als der unglückliche Vorfall selbst, der sie erschütterte.
Als man ihr gesagt hatte, daß alle Städte Flanderns vom Feinde erobert
wären, brach sie in eine Flut von Tränen aus und weinte bitterlich; aber
schon am Abend desselben Tages wurde der Falke von neuem geliebkost, und
die Tränen waren getrocknet und vergessen.

Nachdem Gwijde lange seinen Sohn unsicher angestarrt hatte, ließ er
plötzlich die Hand, die sein Haupt stützte, sinken und fragte:

»Wilhelm, um was flehst Du Gott so eifrig an?«

»Ich bete für meine arme Schwester Philippa,« gab der Jüngling zur Antwort.
»Weiß Gott, vielleicht hat Königin Johanna sie schon ins Grab gestoßen;
aber dann gelten meine Gebete ihrem Seelenheil!«

Bei diesen Worten beugte er sein Haupt tief, als wollte er die beiden
Tränen verbergen, die ihm über die Wange liefen.

Der alte Vater seufzte tief. Er ahnte, daß die düstere Prophezeiung
Wilhelms sich verwirklichen konnte; denn Johanna von Navarra war eine
boshafte Frau. Doch ließ er seine Trostlosigkeit nicht merken und sagte:

»Wilhelm, man darf sich nicht mit düsteren Vorahnungen betrüben. Die
Hoffnung ist den irdischen Sterblichen als Trost gegeben. Und weshalb
solltest Du auch nicht hoffen? Seit der Gefangenschaft Deiner Schwester
grämst Du Dich und siechst hin, und nicht ein einziges Lächeln hat seither
Dein Antlitz erhellt. Es ist recht, daß Du das Schicksal Deiner Schwester
nicht gefühllos mit ansiehst; aber reiße Dich um Gottes willen aus Deiner
düsteren Verzweiflung empor!«

»Du sprichst von einem Lächeln, Vater? Lächeln sollte ich, derweil meine
arme Schwester im Kerker schmachtet? Nein, das kann ich nicht. Einsam
rinnen ihre Tränen auf den kalten Boden ihres Gefängnisses. Dem Himmel
klagt sie ihr Unglück, sie ruft Dich, mein Vater! Sie ruft uns alle, denn
wir sollen ihr Labsal bringen. Und wer gibt ihr Antwort? Das grausige Echo
der unterirdischen Gewölbe des Louvre. Seht Ihr sie nicht, wie sie
totenbleich, schwach und welk wie eine hinsterbende Blume ihre Arme Gott
entgegenstreckt. Hört Ihr nicht, wie sie ruft: »O mein Vater, meine Brüder,
erlöst mich, ich schmachte in Ketten.« Das sieht und hört mein Herz. -- Das
fühlt meine Seele! -- Und da sollte ich lächeln?«

Machteld, die nur einen Teil dieser schmerzlichen Worte mit angehört hatte,
setzte ihren Falken hastig auf die Lehne eines Sessels und fiel ungestüm
weinend und heftig schluchzend ihrem Großvater zu Füßen. Sie lehnte ihr
Haupt auf seinen Schoß und rief: »Ist meine geliebte Muhme tot? O Gott,
welch' Unglück! Ist sie wirklich tot? Werde ich sie niemals wiedersehen?«
Der Graf hob sie zärtlich auf und sprach voll Güte zu ihr: »Sei ruhig,
meine liebe Machteld, weine nicht, Philippa ist nicht tot.«

»Nicht tot?« fragte die Maid erstaunt. »Aber weshalb sprach denn Herr
Wilhelm vom Sterben?«

»Du hast ihn nicht richtig verstanden,« antwortete der Graf. »Philippas
Lage ist unverändert geblieben.«

Während die junge Machteld ihre Tränen trocknete, blickte sie Wilhelm
vorwurfsvoll an und sagte schluchzend:

»Immer betrübt Ihr mich grundlos. Fast könnte man glauben, Ihr hättet alle
trostreichen Worte vergessen; denn stets sprecht Ihr von so grausigen
Dingen, daß mich ein Zittern überfällt; meinem Falken ist bang vor Eurer
Stimme, -- sie klingt so hohl! Das ist gar nicht nett von Euch, und Ihr
kränkt mich damit!«

Wilhelm sah die Maid an, und sein Blick flehte um Mitleid für seinen
Schmerz. Als Machteld ihm in die traurigen Augen sah, lief sie auf ihn zu
und drückte ihm die Hand.

»Ach, verzeiht mir, lieber Wilhelm,« bat sie, »ich habe Euch sehr lieb;
aber Ihr müßt mich auch nicht mehr mit dem schrecklichen Worte >Sterben<
kränken; das klingt noch lange in meinen Ohren nach! Seid mir, bitte, nicht
mehr böse!«

Noch ehe Wilhelm ihr antworten konnte, lief sie zu ihrem Falken zurück und
begann ihren Zeitvertreib von neuem, während die Tränen noch über ihre
Wangen liefen.

»Mein Sohn,« sagte Gwijde, »tragt der Jungfrau die Worte nicht nach. Du
weißt, daß sie nicht böse gemeint waren!«

»Ich vergebe ihr von ganzem Herzen; denn ich liebe sie wie eine Schwester.
Der Schmerz, den sie um Philippas vermeintlichen Tod empfand, hat mir sehr
wohlgetan.«

Mit diesen Worten öffnete Wilhelm wieder sein Buch und las jetzt mit lauter
Stimme:

»Jesus Christus, Seligmacher, erbarm' Dich meiner Schwester. Um Deiner
bitteren Leiden willen erlöse sie, o Herr!«

Bei dem Namen des Herren entblößte der alte Gwijde sein Haupt, faltete die
Hände und betete mit Wilhelm zusammen. Machteld ließ ihren Falken auf dem
Stuhl stehen, kniete in der einen Ecke des Zimmers nieder, in der ein
Kissen vor einem großen Kruzifix lag.

Wilhelm fuhr fort:

»Sancta Maria, Mutter Gottes, ich bitte Dich, hör' mich an, tröste sie in
dem dunklen Kerker, o heilige Magd.«

»O Jesus, süßer Jesus, Barmherziger, erbarm' Dich meiner armen Schwester.«

Gwijde wartete, bis das Gebet zu Ende war, ohne auf Machteld zu achten, die
wieder zu ihrem Falken gegangen war:

»Aber sag' mir nur, Wilhelm, dünkt es Dich nicht, daß wir Herrn von Valois
großen Dank schulden?«

»Herr von Valois ist der würdigste Ritter, den ich kenne,« antwortete der
Jüngling. »Hat er uns nicht mit größtem Edelmut behandelt? Er hat Euerm
grauen Haupt Ehrerbietung erwiesen und Euch sogar getröstet. Ich weiß
bestimmt, daß er unserem Unglück und der Gefangenschaft meiner Schwester
ein Ende gemacht haben würde, wenn das in seiner Macht stände. Gott lohne
ihm seinen Edelmut mit der ewigen Seligkeit!«

»Ja, Gott sei ihm in seiner letzten Stunde gnädig,« fügte Graf Gwijde
hinzu. »Kannst Du das glauben, mein Sohn, daß er, unser Feind, so edelmütig
sein will, sich um unsertwillen in Gefahr zu begeben und sich den Haß
Johannas von Navarra zuzuziehen.«

»Ja, da Ihr von Karl von Valois sprecht, glaube ich das gern. Aber was kann
er für uns und unsere Schwester tun?«

»Höre, Wilhelm! Als er heute morgen mit uns zur Jagd ritt, hat er mir ein
Mittel geraten, durch welches wir mit Gottes Hilfe König Philipp den
Schönen versöhnen können.«

Außer sich vor Freude schlug der Jüngling die Hände zusammen und rief:

»O Himmel, sein guter Engel hat durch seinen Mund gesprochen. Und was sollt
Ihr tun, Vater?«

»Zu Compiègne mit meinen Edeln den König aufsuchen und ihm zu Füßen
fallen.«

»Und Königin Johanna?«

»Die ungnädige Johanna von Navarra ist mit Enguerrand de Marigny in Paris.
Jetzt ist der günstigste Augenblick!«

»Gebe Gott, daß Eure Hoffnung Euch nicht täuscht! Wann wollt Ihr denn die
gefahrvolle Reise unternehmen, Vater?«

Ȇbermorgen wird Herr von Valois mit seinem Gefolge nach Wijnendaal kommen,
um uns das Geleite zu geben. Ich habe die Edeln, die mir noch treu
geblieben sind, zu mir entbieten lassen, um sie davon in Kenntnis zu
setzen. -- Aber Dein Bruder Robrecht kommt gar nicht. Weshalb bleibt er
solange dem Schloß fern?«

»Habt Ihr seinen Streit von heut morgen bereits vergessen, Vater? Er hat
eine Beleidigung von sich abzuwaschen. Jetzt kämpft er wohl gerade mit
Châtillon.«

»Du hast recht, Wilhelm. Das hatte ich vergessen. Dieser Zwist kann uns
schädlich sein; denn Herr von Châtillon besitzt am Hofe Philipps des
Schönen großen Einfluß.«

Zu jener Zeit waren Ehre und Ruhm das kostbarste Gut des Ritters. Er durfte
keinen Verdacht der Verleumdung auf sich fallen lassen, ohne Rechenschaft
dafür zu fordern. Deshalb waren Zweikämpfe etwas Alltägliches, und sie
fanden keine besondere Beachtung.

Plötzlich erhob sich Gwijde und sagte:

»Da höre ich die Brücke fallen. Sicher sind meine Lehnsleute schon da.
Komm, wir gehen in den großen Saal.«

Sie gingen aus dem Gemach und ließen die junge Machteld allein.

Bald kamen in den Saal zu dem alten Grafen die Herren van Waldeghem, van
Roode, van Kortrijk, van Oudenaarde, van Heyle, van Nevele, van Roubais,
der Herr Walter van Lovendeghem mit seinen beiden Brüdern und mehreren
anderen, zweiundfünfzig an der Zahl. Einige hielten sich gerade im Schloß
auf. Andere hatten ihre Herrschaftssitze in der umliegenden Ebene. Sie
warteten alle voll Neugierde auf den Befehl oder die Nachricht des Grafen
und standen mit entblößtem Haupte vor ihrem Gebieter.

Dieser hielt ihnen bald darauf folgende Ansprache:

»Meine Herren, Ew. Edeln wissen, daß die Treue, die ich meinem Lehnsherren,
König Philipp, geschworen habe, die Ursache zu meinem Unglück ist. Als er
mich aufforderte, Rechenschaft über die Besteuerung der Gemeinden
abzulegen, habe ich als untertäniger Vasall seinem Wunsche willfahren.
Brügge hat mir den Gehorsam verweigert, und meine Untertanen haben sich
gegen mich erhoben. Als ich mit meiner Tochter nach Frankreich gereist bin,
um dem Könige zu huldigen, hat er uns alle gefangen genommen. Mein
unglückliches Kind trauert noch im Kerker des Louvre. Das alles wißt ihr;
denn ihr steht eurem Fürsten treu zur Seite. Ich habe, wie es meiner Würde
ziemte, mir mein Recht erkämpfen wollen, aber das Waffenglück war gegen
uns. Der meineidige Eduard von England brach das Bündnis, das wir mit ihm
geschlossen hatten, und ließ uns in der Not im Stich. Mein Land ist
verloren, ich bin zum Geringsten unter euch geworden, und mein graues Haupt
kann die Grafenkrone nicht mehr tragen. Ihr habt einen anderen Herren.«

»Noch nicht,« rief Walter van Lovendeghem, »eher würd' ich meinen Degen
zerbrechen. Ich erkenne keinen anderen Herren an als den edlen Gwijde van
Dampierre!«

»Herr van Lovendeghem, ich freue mich über Eure treue Liebe von ganzem
Herzen; aber erst hört mich kaltblütig zu Ende an! Herr von Valois hat
Flandern durch Waffengewalt gewonnen und von seinem königlichen Bruder zu
Lehen erhalten. Seinem Edelmut allein verdanke ich es, daß ich mit
Ew. Edeln hier in Wijnendaal zusammen sein kann; denn er selbst hat mich
aus Rupelmonde in dieses liebe Heim gebeten. Noch mehr: er hat beschlossen,
das Haus von Flandern wieder aufzurichten und mich wieder zum regierenden
Grafen zu machen. Darüber wollte ich mit Ew. Edeln verhandeln, -- denn ich
brauche eure Hilfe.«

Das Erstaunen der Herren, die gespannt gelauscht hatten, wurde durch diese
letzten Worte noch mehr gesteigert. Daß Karl von Valois das Land, das er
erobert hatte, wieder hergeben wollte, kam ihnen unglaublich vor. Verblüfft
sahen sie den Grafen an, und dieser fuhr nach kurzer Unterbrechung fort:

»Meine Herren, ich setze nicht den geringsten Zweifel in eure aufrichtige
Treue zu mir, deshalb habe ich die größte Zuversicht, daß ihr meine letzte
Bitte erfüllen werdet: übermorgen breche ich nach Frankreich auf, um mich
dem König zu Füßen zu werfen, und ich bitte Ew. Edeln, mich zu begleiten.«

Einer nach dem anderen antwortete, daß er bereit sei, seinem Grafen überall
hin Folge zu leisten und ihm beizustehen. Nur einer sagte nichts. Das war
Dietrich der Fuchs.

»Herr Dietrich,« fragte ihn der Graf, »wollt Ihr mich nicht begleiten?«

»Aber selbstverständlich!« rief Dietrich, »der Fuchs kommt mit, und ging's
in den Rachen der Hölle! Aber, verzeiht, edler Graf, -- ich sage Euch, hier
braucht man kein Fuchs zu sein, um die Falle zu merken. Man hat Ew. Hoheit
schon einmal gefangen genommen, und Ihr verfolgt schon wieder die gleiche
Spur. Gebe Gott, daß die Sache gut abläuft; aber das verspreche ich Euch,
daß Philipp der Schöne den Fuchs nicht fangen wird.«

»Ihr urteilt und sprecht allzu leichtfertig, edler Herr!« entgegnete ihm
Gwijde. »Karl von Valois stellt uns einen Geleitsbrief aus und gelobt uns
bei seiner Ehre, daß er uns wieder ungehindert nach Flandern zurückbringen
wird.«

Die Herren, die Valois' edle Gesinnung kannten, glaubten seinem Versprechen
und berieten weiter mit dem Grafen. Inzwischen schlich sich Dietrich der
Fuchs unbemerkt aus dem Saal, ging auf den Vorhof und schritt dort in
tiefes Nachdenken versunken auf und ab.

Einige Augenblicke später wurde die Brücke herabgelassen, und Robrecht van
Bethune ritt auf das Schloß zu. Als er vom Pferde stieg, näherte sich ihm
Dietrich und sagte:

»Man braucht erst gar nicht zu fragen, Herr Robrecht, was aus Euerm Feind
geworden ist. Das Schwert des Löwen hat noch nie sein Ziel verfehlt. Herr
von Châtillon reist wohl schon ins Jenseits?«

»Nein,« antwortete Robrecht, »mein Schwert ist so heftig auf seinen Helm
niedergesaust, daß Châtillon drei Tage lang nicht sprechen kann. Aber er
muß seinem Schöpfer danken, daß er nicht erschlagen wurde. Doch ein anderes
Unglück hat uns betroffen. Adolf van Nieuwland, der mein Sekundant war, hat
mit Saint-Pol gefochten. Adolf hatte Saint-Pol gerade am Kopf verletzt, als
unglücklicherweise sein Panzer aufging, so daß die feindliche Waffe den
Jüngling tödlich verwundete. Ihr werdet ihn gleich sehen; denn meine
Knappen tragen ihn ins Schloß.«

»Aber, Herr van Bethune,« fragte Dietrich, »haltet Ihr diese Reise nach
Frankreich nicht auch für ein recht unbesonnenes Unternehmen?«

»Welche Reise? Ihr setzt mich in Erstaunen!«

»Wißt Ihr denn noch nichts davon?«

»Kein Wort.«

»Nun, wir ziehen übermorgen mit unserem Grafen nach Frankreich!«

»Was sagt Ihr, Dietrich, mein Freund? Ihr scherzt! Wie! Nach Frankreich?«

»Ja, ja, Herr Robrecht, um den französischen König fußfällig um Verzeihung
zu bitten. Ich habe ja allerdings noch nie von einer Katze gehört, die von
selbst in den Sack kriecht, und nun werde ich es in Compiègne bald selbst
mit ansehen können; -- oder es fehlt mir an gesundem Menschenverstand.«

»Wißt Ihr das, was Ihr da sagt, auch ganz sicher? oder täuscht Ihr Euch
vielleicht?«

»Ganz sicher. Beliebt nur in den Saal zu gehen, und Ihr werdet alle Herren
bei unserem Grafen, Euerm Vater, antreffen. Übermorgen reisen wir in die
Gefangenschaft, das könnt Ihr mir glauben! Bekreuzigt Euch deshalb am
Schloßtor von Wijnendaal!«

Als Robrecht das hörte, konnte er seinen Zorn nicht länger zurückhalten.

»Dietrich, mein treuer Freund,« sagte er zu ihm, »laßt, bitte, den
verwundeten Adolf auf das linke Bett in meinem Schlafgemach tragen, und
sorgt für ihn, bis ich zurückkomme! Schickt auch zu Meister Rogaert, daß er
ihm die Wunde verbinde!«

Während er dies sagte, lief er schon voller Ungeduld in den Saal, wo die
Ritter mit ihrem Grafen berieten. Er schob sie ungestüm zur Seite, bis er
vor seinem Vater stand.

Die Ritter waren höchst erstaunt, denn Robrecht hatte Harnisch und Rüstung
noch nicht abgelegt.

»Aber, Herr Vater,« rief er aus, »was erzählt man mir da! Ihr wollt Euch
Euern Feinden ausliefern, so daß sie Euer graues Haupt mit Schmach bedecken
können, -- so daß die schnöde Johanna Euch in Fesseln schlagen kann?«

»Ja, mein Sohn,« antwortete Gwijde mit Würde. »Ja, ich gehe nach
Frankreich -- und Du begleitest mich. Dein Vater will es so!«

»Nun, so sei's!« entgegnete Robrecht. »Aber der Fußfall, der schändliche
Fußfall?«

»Ich werde den Fußfall tun und Du auch,« war die unerbittliche Antwort.

»Ich?« rief Robrecht zornig. »Ich soll den Fußfall tun. Ich, Robrecht van
Bethune, soll unserem Feinde zu Füßen fallen? Wie! Der Löwe von Flandern
soll sein Haupt vor einem Franzosen beugen, vor einem Falschmünzer, vor
einem Meineidigen?«

Der Graf ließ einige Augenblicke verstreichen. Als er glaubte, daß Robrecht
sich etwas beruhigt hatte, sagte er:

»Du wirst es tun, mein Sohn!«

»Nie und nimmer,« rief Robrecht aus, »niemals werde ich meine Waffen mit
solcher Schmach bedecken. Ich sollte mich vor einem Fremdling beugen, --
ich? Da kennt Ihr Euern Sohn schlecht, Vater!«

»Robrecht!« entgegnete Gwijde kaltblütig. »Der väterliche Wille ist ein
Gesetz, gegen das Du nicht handeln darfst. -- Ich will es so!«

»Nein,« rief Robrecht nochmals, »der Löwe von Flandern beißt, -- aber er
schmeichelt nicht. Nur vor Gott und vor Euch beuge ich mein Haupt. Aber
niemals, niemals vor einem anderen Menschen!«

»Aber, Robrecht,« entgegnete ihm der Vater, »hast Du denn gar kein Mitleid
mit mir, mit Deiner unglücklichen Schwester Philippa, mit Deinem Vaterland,
daß Du das einzige Mittel, das uns noch helfen kann, zurückweist?«

Robrecht, in dessen Brust Schmerz und Zorn tobten, ballte in ungestümem
Jammer beide Fäuste.

»Wollt Ihr denn, o mein Herr und Vater,« antwortete er, »daß ein Franzose
auf mich wie auf seinen Sklaven herabsieht? Der Gedanke allein kränkt mich
tödlich. Nein, nein, -- niemals. Euer Befehl, sogar Eure Bitte ist
nutzlos! -- Ich werde es nie tun!«

Zwei Tränen glänzten auf den schmalen Wangen des alten Grafen. Der
sonderbare Ausdruck in seinem Antlitz ließ die anwesenden Ritter im
Zweifel, ob Freude oder Schmerz sie vergossen hatte; denn ein trostreiches
Lächeln schien seine Züge zu erhellen.

Robrecht wurde durch die Tränen seines Vaters tief ergriffen; sein Herz
schlug in Höllenpein. Außer sich vor Erregung rief er:

»Verwünscht, verflucht mich, o mein Fürst und Vater; aber ich versichere
Euch, daß ich niemals mit krummem Rücken vor einem Franzosen kriechen
werde, -- und sollte ich Euerm Befehl trotzen!«

Robrecht van Bethune erschrak über seine eigenen Worte. Er wurde bleich und
bebte am ganzen Körper. Er rang seine zuckenden Hände, und man hörte, wie
die eisernen Schuppen seiner Panzerhandschuhe klirrend aneinander schlugen.
Er fühlte seinen Mut sinken und erwartete mit tödlicher Angst den Fluch
seines Vaters.

Während die Ritter in größter Bestürzung auf die Antwort des Grafen
harrten, schlang dieser seine schwachen Arme um Robrechts Hals, und mit
Tränen der Freude und Liebe rief er aus:

»O mein edler Sohn! Mein Blut, das Blut der Grafen von Flandern fließt rein
in Deinen Adern. Dein Ungehorsam hat mir den schönsten Tag meines Lebens
bereitet. Nun will ich gern sterben! Nimm mich in Deine Arme, o mein Sohn;
denn ich fühle mich unaussprechlich glücklich.«

Die anwesenden Herren waren von Verwunderung und Mitgefühl tief
erschüttert. In feierlicher Stille sahen sie schweigend auf diese Umarmung.
Der alte Graf ließ seinen Sohn los und blickte in leidenschaftlicher
Begeisterung auf seine Lehnsleute.

»Seht her, meine Herren,« sagte er, »so war ich in meiner Jugend; -- so
waren die Dampierres immer. Urteilt nach dem, was ihr gehört und gesehen
habt, ob Robrecht die Grafenkrone nicht verdient. -- O Flandern, so sind
deine Krieger. Ja Robrecht, Du hast recht. Ein Graf von Flandern darf sein
Haupt vor keinem Fremdling beugen. Aber ich bin alt und bin der Vater der
gefangenen Philippa und auch Deiner, mein tapferer Sohn! Ich werde Philipp
dem Schönen zu Füßen fallen. So befiehlt es Gott! Ich unterwerfe mich
seinem heiligen Willen. Du wirst mich begleiten. Aber Dein Haupt wirst du
nicht beugen. -- Bleibe stets dabei, auf daß die Grafen, die nach mir
kommen werden, ohne jede Schmach und Schande ihr Haupt erheben können!«

Hierauf besprach man das Nähere der Reisevorbereitungen und noch
verschiedene politische Fragen. Robrecht van Bethune hatte seine Ruhe
wiedergewonnen; er verließ den Saal und ging in das kleinere Gemach, in dem
sich Machteld aufhielt. Er ergriff die Hand des jungen Mädchens, führte es
zu einem Lehnstuhl, und dann zog er, ohne ihre Hand loszulassen, einen
zweiten Sessel heran, in den er sich setzte.

»Meine liebe Machteld,« sagte er, »Du hast Deinen Vater doch lieb, nicht
wahr?«

»O ja, das wißt Ihr doch ganz genau,« rief die Maid aus, und streichelte
mit ihren zarten Händen die rauhen Wangen des Ritters.

»Aber,« sagte nun Robrecht, »wenn nun jemand zu meiner Verteidigung sein
Leben aufs Spiel setzte, würdest Du den nicht auch lieb haben?«

»Sicherlich,« war ihre Antwort, »und ich würde ihm dafür ewig dankbar
bleiben.«

»Jetzt hat nun ein Ritter Deinen Vater gegen einen Feind verteidigt und ist
tödlich verwundet worden.«

»O Gott,« seufzte Machteld, »ich will vierzig Tage für ihn beten und auch
noch länger, -- bis er gesund wird.«

»Ja, bete auch für mich, mein gutes Kind; aber ich verlange noch etwas von
Dir.«

»Sprecht nur, Herr Vater! Ich bin Eure gehorsame Tochter.«

»Versteh mich recht! Ich verreise auf einige Tage, -- und Dein Großvater
und alle Edelleute, die Du kennst, ziehen gleichfalls fort. Wer wird nun
dem armen verwundeten Ritter zu trinken geben, wenn ihn dürstet?«

»Wer das tun wird? Ich, Herr Vater; ich werde ihn nie verlassen, bis Ihr
wiederkommt. Ich werde meinen Falken mit in sein Zimmer nehmen und ihm
stets Gesellschaft leisten. Fürchte nicht, daß ich ihn den Dienstboten
überlasse! Meine Hand soll ihm die Trinkschale an seine Lippen führen,
wenn ihn dürstet. Und wie will ich mich freuen, wenn er wieder gesund
wird!«

»Das ist recht von Dir, mein Kind. Ich kenne Dein liebevolles Herz; aber Du
mußt mir noch versprechen, daß Du in den ersten Tagen seiner Krankheit kein
Geräusch in seinem Zimmer machen wirst. Auch darf kein Dienstbote dort laut
sein.«

»O, nein, das braucht Ihr nicht zu befürchten, Vater. Ich werde ganz leise
mit meinem Falken sprechen, so daß es der Ritter nicht hören kann.«

Robrecht nahm die gute Machteld bei der Hand und führte sie aus dem Zimmer.

»Ich werde Euch den Kranken zeigen,« sagte er, »aber sprich nicht laut in
seiner Gegenwart.« Adolf van Nieuwland war durch die Knappen in einem Saal
in Robrechts Wohnung auf ein Bett gelegt worden. Zwei Ärzte hatten die
Wunde verbunden und standen mit Dietrich dem Fuchs neben dem Krankenlager.
Der Kranke gab kein Lebenszeichen von sich, sein Antlitz war bleich, die
Augen geschlossen. --

»Nun, Meister Rogaert,« wandte sich Robrecht an einen der Ärzte, »wie geht
es unserem unglücklichen Freunde?«

»Schlecht,« antwortete Rogaert, »recht schlecht, Herr van Bethune. Ich kann
noch nicht sagen, ob man hoffen kann; aber ich glaube, er wird nicht
sterben müssen.«

»Ist die Wunde nicht tödlich?«

»O doch, tödlich oder nicht tödlich, die Natur ist der beste Arzt; sie tut
zuweilen mehr Wunder als Kräuter oder Steine[13]. Ich habe ihm einen Dorn
von der Krone unseres Heilandes auf die Brust gelegt; -- diese heilige
Reliquie wird uns helfen.«

    [13] In früheren Zeiten gebrauchte man oft Steine zum Heilen von
    Krankheiten; man schrieb ihnen übernatürliche Kraft zu. Der
    Stein, den man im Neste eines Adlers gefunden hatte, wurde als
    bestes Heilmittel angesehen.

Während dieses Gesprächs war Machteld näher an den Kranken herangetreten.
Die Neugier trieb sie, das Gesicht des kranken Ritters zu erkennen.
Plötzlich erkannte sie Adolf Nieuwland. Mit einem Aufschrei fuhr sie
zurück, eine Flut von Tränen stürzte aus ihren Augen, sie schrie laut auf.

»Was soll das heißen, meine Tochter?« sagte Robrecht. »Kannst Du Dich nicht
mäßigen, Du mußt Dich ruhig und leise am Bett eines Kranken verhalten.«

»Ruhig sein!« schluchzte die Maid. »Ruhig sein, wo Herr Adolf im Sterben
liegt, er, der mich so schöne Lieder lehrte! Wer wird nun der Minnesänger
von Wijnendaal sein? Wer wird nun beim Abrichten meiner Falken helfen und
mein Bruder sein?« --

Dann trat sie an das Bett, betrachtete weinend den verwundeten Ritter und
rief schluchzend:

»Adolf, Herr Adolf, mein guter Bruder!«

Als sie keine Antwort bekam, schlug sie die Hände vors Gesicht und sank
weinend in einen Stuhl. Robrecht glaubte, seine Tochter würde nicht
aufhören mit Klagen, und ihre Gegenwart würde dadurch eher schädlich als
nützlich sein; er ergriff deshalb die junge Machteld bei der Hand:

»Komm, mein Kind,« sagte er, »komm aus diesem Zimmer heraus, bis Du Dich
gefaßt hast.«

Doch Machteld wollte das Gemach nicht verlassen, sie antwortete:

»O, mein Vater, laßt mich hier, ich will auch nicht mehr weinen. Laßt mich
bei meinem Bruder Adolf, ich will die heißen Gebete, die er mich gelehrt
hat, für ihn zu Gott schicken!«

Sie nahm ein Kissen von einem Sessel, legte es auf den Boden am Kopfende
des Bettes und betete dort leise. Doch ihre Worte waren von tiefen Seufzern
zerrissen, und heiße Tränen liefen über ihre Wangen.

Robrecht van Bethune wachte bis in die späte Nacht hinein an Adolfs Lager
und hoffte, daß Gehör und Sprache wiederkehren würden. Doch vergeblich.
Nur schwach und langsam atmete der Verwundete und lag regungslos da.

Meister Rogaert fürchtete nun doch ernst für sein Leben; denn auf den
Schläfen des Kranken brannte heißes Fieber. --

Inzwischen zogen die adligen Herren, die nicht im Schlosse wohnten, mit
großer Genugtuung aus Wijnendaal. Die treuen Ritter freuten sich, daß sie
sich ihrem Gebieter gefällig erweisen konnten. Die anderen, die im
gräflichen Hause wohnten, suchten ihre Schlafgemächer auf.

Zwei Stunden später hörte man in Wijnendaal nur noch die Rufe der Wachen,
das Anschlagen der Hunde und die schrillen Schreie der Nachteule.




IV.


Die Reise, die Graf Gwijde auf Anraten des Herrn von Valois unternahm,
sollte für ihn und sein Land Flandern sehr gefährlich werden; denn
Frankreich hatte zu schwerwiegende Gründe, das reiche Land möglichst lange
zu besitzen.

Philipp der Schöne und seine Gemahlin Johanna von Navarra hatten zu ihrer
leichtsinnigen Verschwendung alles Gold des Reiches in ihre Schatzkästen
fließen lassen, und dennoch hatten die ungeheuren Summen, die das Volk
bewilligt hatte, nicht genügt, um ihre unersättliche Geldgier zu
befriedigen. Philipp hatte jetzt zu dem letzten Mittel gegriffen und
fälschte die Münzen des Reiches, lud dadurch unmögliche Lasten auf sein
Land, und doch war er noch nicht befriedigt.

Seine habsüchtigen Minister und besonders Enguerrand de Marigny veranlaßten
ihn trotz der Unzufriedenheit des Volkes, unter dem jeden Tag der Ausbruch
der Revolution drohte, dazu, neue Abgaben zu fordern.

Es ist unbegreiflich, daß Philipp der Schöne trotzdem immer an großem
Geldmangel litt.

In Brügge allein war mehr Geld als in ganz Frankreich. Das wußte er und
hatte seit Jahren alles aufgeboten, um Flandern zu unterwerfen.

Anfangs verlangte er Unmögliches vom alten Grafen Gwijde, um ihn zum
Ungehorsam zu zwingen; dann nahm er seine Tochter gefangen und eroberte
schließlich Flandern durch Waffengewalt. --

Das alles hatte sich der alte Graf wohl überlegt und verhehlte sich die
möglichen Folgen der Reise keineswegs; aber der Schmerz, den ihm die
Gefangenschaft seiner jüngsten Tochter bereitete, zwang ihn, auch dieses
letzte Mittel zu ihrer Befreiung zu versuchen. Das freie Geleit, das Karl
von Valois ihm zugesichert hatte, befestigte ihn in seinem Entschluß.

So machte er sich mit seinen Söhnen Robrecht und Wilhelm und fünfzig
vlaemischen Edlen auf den Weg. Karl von Valois begleitete ihn mit einer
großen Anzahl französischer Ritter.

Als der Graf mit seinen Edlen in Compiègne angekommen war, wurde er auf
Veranlassung des Herrn von Valois ausgezeichnet beherbergt; er erwartete
nun den Befehl des Königs, der ihn an den Hof rufen sollte.

Der edelmütige Franzose verwendete sich so eindringlich bei seinem
königlichen Bruder, daß dieser gnädig Gwijde allein zu sich entbot.

Der alte Graf begab sich voller Hoffnung in den königlichen Palast. Hier
führte man ihn in einen großen Prachtsaal. Im Hintergrunde stand der
königliche Thron. Blaue, mit goldenen Lilien bestickte Samtbehänge fielen
zu beiden Seiten auf den Boden herab. Die Stufen waren mit einem gold- und
silberdurchwirkten Teppich belegt. Philipp der Schöne wandelte mit seinem
Sohne Ludwig Hutin[14] auf und ab. Ihnen folgten viele französische Edle,
von denen sich einer hin und wieder in das Gespräch des Königs mischte. Das
war Herr von Nogaret, der es auf Philipps Befehl hin gewagt hatte, den
Papst Bonifatius gefangen zu nehmen und zu mißhandeln.

    [14] Hutin = Zänker.

Als man Gwijde meldete, ging der König neben den Thron. Sein Sohn Ludwig
blieb an seiner Seite; die anderen Herren stellten sich in zwei Reihen
längs der Wand auf. Langsam trat der alte Graf von Flandern näher und
kniete vor dem König nieder --

»Vasall!« sprach er, »diese demütige Stellung gebührt sich für Euch nach
all dem Verdruß, den Ihr uns bereitet habt. Ihr verdient den Tod und seid
verurteilt. Dennoch beliebt es unserer königlichen Gnade, Euch Gehör zu
schenken. Erhebt Euch und sprecht!«

Der alte Graf richtete sich auf und sagte: »Mein Fürst und Gebieter, im
Vertrauen auf Eure königliche Gerechtigkeit bin ich Eurer Majestät zu Füßen
gefallen und vertraue mein Schicksal Eurer Großmut an.«

»Ihr unterwerft Euch recht spät!« erwiderte der König. »Ihr habt mit Eduard
von England gegen uns ein Bündnis geschlossen. Ihr habt Euch als ungetreuer
Vasall gegen Euern Herrn erhoben und seid hochmütig genug gewesen, ihm den
Krieg zu erklären. Euer Land habt Ihr Euch durch Euern Ungehorsam
verscherzt.«

»O Fürst,« sprach Gwijde, »laßt mich Gnade vor Euch finden. Möge Eure
Majestät bedenken, wie schmerzlich und kummervoll es für einen Vater sein
muß, wenn man ihm sein Kind entreißt. Habe ich nicht in tiefer Wehmut
gebeten? Habe ich nicht gefleht, um sie wieder zu erhalten? O König, wenn
man Euch Euern Sohn, meinen zukünftigen Herrn Ludwig, der so stattlich
neben Euch steht, wenn man Euch diesen entrisse und ihn in fremdem Lande
einkerkerte, würde Eure Majestät nicht zu jeder Gewalttat bereit sein, um
das Blut, das Euch entsprossen ist, zu rächen und zu befreien? O ja, Euer
Vaterherz versteht mich, ich werde Gnade vor Euch finden!«

Philipp der Schöne blickte seinen Sohn zärtlich an; in diesem Augenblick
erwog er Gwijdes Schmerz und empfand inniges Mitleid mit dem unglücklichen
Grafen.

»Sire,« rief Ludwig in tiefer Rührung, »o seid ihm um meinetwillen gnädig!
Habt doch Mitleid mit ihm und seinem Kinde, ich bitte Euch herzlich darum!«

Der König richtete sich auf, und seine Züge wurden streng.

»Laßt Euch durch die Worte eines ungehorsamen Vasallen nicht so leicht
hinreißen, mein Sohn,« sagte er. »Aber ich will nicht unerbittlich sein,
wenn man mir beweisen kann, daß er nur durch Vaterliebe und nicht durch
Trotz zu seiner Handlung getrieben wurde.«

»Herr,« sagte Gwijde, »es ist Eurer Majestät bekannt, daß ich, um mein Kind
wieder zu bekommen, alles versucht habe, was in meiner Macht lag. Aber
vergebens. Mein Flehen, mein Bitten waren umsonst. Alles, selbst die
Bemühung des Papstes, blieben fruchtlos ... Was war da noch zu tun? Da
hatte ich zu hoffen gewagt, daß Waffengewalt meiner Tochter Befreiung
bringen würde. Doch das Geschick war mir nicht günstig. Ew. Majestät
behielt den Sieg.«

»Aber,« fiel ihm der König ins Wort, »was können wir für Euch tun? Ihr habt
unseren Vasallen ein verderbliches Beispiel gegeben. Wenn wir Euch nun
gnädig sind, werden sie alle gegen uns aufstehen, und Ihr werdet Euch
sicher aufs neue mit unseren Feinden verbinden!«

»O, mein Fürst,« antwortete Gwijde, »beliebt nur, die unglückliche Philippa
ihrem Vater wiederzugeben, und ich werde Euch ewig dankbar sein!«

»Und wird Flandern die geforderten Summen aufbringen, und werdet Ihr uns
das nötige Geld verschaffen, um die Kosten, die Euer Ungehorsam verursacht
hat, zu decken?«

»Dieser Gnadenbeweis Eurer Majestät wird mir nie zu teuer sein! Eure
Befehle werde ich ehrerbietigst vollziehen. Aber mein Kind, o König, mein
Kind!«

»Euer Kind,« wiederholte der König unschlüssig.

Jetzt dachte er an Johanna von Navarra, die die Tochter des Grafen von
Flandern nicht gutwillig freigeben würde. Er durfte seinem guten Herzen
nicht folgen; denn zu sehr fürchtete er den Zorn der trotzigen Johanna.
Deshalb wollte er kein bestimmtes Versprechen geben und sagte:

»Nun, die Fürsprache meines geliebten Bruders hat viel für Euch getan. Seid
guter Hoffnung, denn Euer trauriges Los rührt mich. Ihr wart schuldig, aber
Eure Strafe ist schwer. Ich werde versuchen, sie zu erleichtern. Trotzdem
beliebt es uns heute nicht, Euch in Gnaden zu empfangen: erst müssen
gründliche Nachforschungen stattfinden. Dann verlangen wir Eure
Unterwerfung in Gegenwart aller Vasallen, damit sie sich an Euch ein
Vorbild nehmen. Verlaßt uns jetzt, damit wir beraten können, was sich für
einen untreuen Vasallen tun läßt.«

Auf diesen Befehl verließ der Graf von Flandern den Saal. Er war noch nicht
aus dem Palast gegangen, als sich schon unter den französischen Herren das
Gerücht verbreitete, daß ihm der König Land und Tochter wiedergeben wollte.
Viele beglückwünschten ihn von Herzen; andere wieder, die auf die Eroberung
von Flandern ihre ehrgeizigen Pläne gebaut hatten, waren tief ergrimmt.
Aber sie ließen es nicht merken, da sie gegen den königlichen Willen doch
nichts ausrichten konnten. --

Freude und Vertrauen erfüllten jetzt die Herzen der vlaemischen Ritter; sie
schmeichelten sich mit süßer Hoffnung und freuten sich schon auf die
Befreiung ihres Vaterlandes. Sie glaubten, daß nichts den guten Ausgang des
Unternehmens hindern könnte, da der König nach dem guten Empfang Herrn von
Valois versichert hatte, daß er Gwijde großmütig entgegenkommen wollte. --

Graf Gwijde traf schon die nötigen Vorbereitungen, um bei seiner Rückkehr
den königlichen Befehlen nachzukommen und seine Untertanen durch einen
langen Frieden für den letzten Krieg zu entschädigen. Sogar Robrecht van
Bethune zweifelte durchaus nicht an der versprochenen Gnade; denn seit sein
Vater am Hofe gewesen, waren die französischen Herren äußerst liebenswürdig
und ehrerbietig zu den Vlaemen. Hierin zeigte sich nach ihrer Meinung des
Königs Wohlwollen: sie wußten, daß die Absichten und Gedanken der Fürsten
stets auf den unentschiedenen Mienen der Höflinge zu lesen sind. --

Herr von Châtillon hatte den Grafen auch einige Male aufgesucht und
beglückwünscht. Aber sein Herz barg ein teuflisches Geheimnis, und er
lächelte, um es zu verbergen. Seine Nichte, Johanna von Navarra, hatte ihm
Flandern als Lehen versprochen. Alle seine herrschsüchtigen Pläne hatten
auf die Erlangung dieser reichen Grafschaft gezielt, und nun verschwand
diese Aussicht wie ein Traum.

Châtillon, der von politischem Ehrgeiz ergriffen war, schmiedete einen
verräterischen Plan und beschönigte ihn vor seinem Gewissen mit dem Namen
der Pflicht. --

An dem gleichen Tage, an dem er aus Flandern am königlichen Hofe ankam,
rief er einen seiner treuesten Diener zu sich und sandte ihn auf seinem
besten Pferde nach Paris.

Ein Brief, den er dem Boten mitgab, mußte die Königin und Enguerrand de
Marigny von allem unterrichten und sie nach Compiègne rufen.

Sein verräterischer Plan glückte vollkommen. Als Johanna den Brief las,
bebte sie vor Wut. Sie, die den Vlaemen ewigen Haß geschworen hatte, sollte
sich nun diese Beute entgehen lassen. Und erst Enguerrand de Marigny, der
das Geld, das man mit Gewalt aus Flandern erpressen wollte, bereits
verspielt und verausgabt hatte! Beiden lag viel zu viel an Flanderns
Untergang, als daß sie mit seiner Befreiung einverstanden hätten sein
können. Kaum hatten sie die Nachricht erhalten, als sie auch schon, so
schnell sie konnten, nach Compiègne fuhren und unerwartet in die Gemächer
des Königs eilten.

»Sire,« rief Johanna aus, »gelte ich Euch denn nichts mehr, daß Ihr in
dieser Weise und ohne mich zu fragen meine Feinde gnädig empfangt? Oder
habt Ihr den Verstand verloren, daß Ihr diese Vlaemischen zu Euerm eigenen
Schaden erhalten wollt!«

»Madame,« antwortete der König voll Selbstbeherschung, »es wäre ratsam, daß
Ihr Euerm König und Gemahl mehr Ehrerbietung entgegenbrächtet! Wenn es mir
beliebt, den alten Grafen von Flandern gnädig zu empfangen, so werde ich
meinen Willen durchsetzen.«

»Im Gegenteil!« rief Johanna rot vor Zorn, »das wird nicht geschehen. Ich
dulde es nicht, versteht Ihr? Ich dulde es nicht! Wie! Die Meuterer, die
meine Oheime enthauptet haben, sollen straflos bleiben. Sie sollten damit
prahlen können, daß sie Blutsverwandte der Königin von Navarra ungestraft
verhöhnen durften!«

»Der Zorn reißt Euch hin, Madame!« antwortete der König, »überwägt es
selbst in aller Ruhe und sagt mir dann, ob es recht und billig ist, daß man
Philippa wieder zu ihrem Vater führt?«

Diese Worte steigerten die Wut Johannas bis zum Äußersten. --

»Ich sollte Philippa wieder hergeben!« fiel sie ihm ins Wort. »Aber
Majestät, überlegt Ihr denn nicht, was Ihr da sagt? Sie vermählt sich dann
mit dem Sohne Eduards von England, und Euer eigenes Kind wird um diese
Hoffnung betrogen. Nein, um keinen Preis! Ihr könnt Euch drauf verlassen;
das wird niemals geschehen. Außerdem ist Philippa ja meine Gefangene, und
es wird Euch nicht gelingen, sie mir zu entreißen!«

»Aber, Madame,« rief Philipp aus, »da irrt Ihr Euch nun doch! Vergeßt auch
nicht, daß mir Eure hochmütigen Worte sehr mißfallen, und daß ich Euch
meinen Unwillen fühlen lassen kann, sobald es mir beliebt. Mein Wille ist
zugleich der Wille Eures Fürsten.«

»Und Ihr wollt Flandern dem trotzigen Gwijde wiedergeben? Ihr wollt es ihm
möglich machen, Euch nochmals den Krieg zu erklären? Diese Unklugheit soll
Euch noch teuer zu stehen kommen! Ich werde mich, da ich jetzt gesehen
habe, wie wenig Ihr mich achtet, mit Philippa in mein Königreich Navarra
zurückziehen!«

Diese letzten Worte trafen den König hart. Navarra war der wertvollste Teil
Frankreichs, und er hätte es nicht gern entbehrt. Da Johanna diese Drohung
schon mehrmals ausgesprochen hatte, fürchtete er, sie könnte sie endlich
verwirklichen. Nach einigem Bedenken sagte er:

»Ihr regt Euch unnütz auf, Madame. Wie könnt Ihr behaupten, daß ich
Flandern zurückgeben wollte? Ich habe in dieser Angelegenheit noch gar
keinen Entschluß gefaßt!«

»Eure Worte waren deutlich genug,« antwortete Johanna. »Aber wie dem auch
sei, ich erkläre Euch: verwerft Ihr meinen Rat, so verlasse ich Euch; denn
ich mag die Folgen Eurer Unvorsichtigkeit nicht tragen. Der Krieg gegen
Flandern hat des Reiches Schatzkammern erschöpft, und nun wollt Ihr die
Meuterer in Gnaden aufnehmen, da Ihr doch in der Lage seid, Euch wieder
alles Nötige zu beschaffen! Nie hat unsere Geldlage schlechter dagestanden!
Das kann Euch Herr von Marigny beweisen.«

Bei diesen Worten trat Enguerrand von Marigny vor den König.

»Sire, es ist unmöglich, die Soldaten noch weiter zu löhnen,« sagte er;
»das Volk will die Lasten nicht mehr aufbringen. Der Obmann der Pariser
Kaufleute hat den Zuschuß verweigert, und bald vermag ich die Ausgaben des
königlichen Hauses nicht mehr zu bestreiten. Auch die Münzen dürfen nicht
weiter entwertet werden. Flandern allein kann uns retten. Die Zollbeamten,
die ich dahin geschickt habe, treiben die Gelder ein, die uns aus dieser
Verlegenheit erretten sollen. Bedenket, Sire, welch großem Unheil Ihr Euch
aussetzt.«

»Ist denn alles Geld bereits dahin, das dem dritten Stande auferlegt
wurde?« fragte der König mißgestimmt.

»Sire,« antwortete Enguerrand, »die Gelder, welche die Zollpächter von
Paris Eurer Majestät geliehen hatten, habe ich Etienne Barbette
zurückerstattet. Im Reichsschatz blieb nichts oder doch nur sehr wenig.«

Die Königin merkte voll Freude, wie sehr diese Nachricht den König
erschütterte. Ihr dünkte, nun würde das Urteil über Gwijde unschwer zu
erlangen sein. Listig trat sie zu ihrem Gemahl und sprach:

»Ihr sehet wohl, Sire, wie vorteilhaft mein Rat für Euch ist. Wie könnt Ihr
Frankreichs Heil aus den Augen lassen, um Aufrührer zu begünstigen? Sie
haben Euch und mich verhöhnt, unsern Feinden geholfen und es gewagt, unsern
Befehlen zu trotzen. Der Besitz des Goldes macht sie stolz und aufgeblasen.
Nichts ist leichter, als sie dieses überflüssigen Geldes zu entledigen; sie
sollten Eure königliche Hand küssen, die ihnen das Leben läßt, denn
allesamt haben sie den Tod verdient.«

»Aber Herr von Marigny,« fragte der König, »findet Ihr denn gar keine
Möglichkeit, noch für einige Zeit die Ausgaben des Reiches aufzubringen?
Denn ich glaube nicht, daß die Gelder aus Flandern so bald kommen werden.
Dieser Zustand bringt mich in die größte Verlegenheit.«

»Keine, Sire, wir haben schon zu viel versucht.« Johanna mischte sich ein:

»Wenn Ihr meinem Rate folgen und mit Gwijde verfahren wollt, wie ich's
begehre, so werde ich eine außerordentliche Steuer in meinem Königreiche
Navarra erheben, und für lange Zeit werden wir dann dieser lästigen Sorgen
enthoben sein.«

Mochte nun Schwäche oder Geldgier den König bestimmen, jedenfalls gab er
Johannas Drängen nach, und so ward ihr der alte Gwijde ausgeliefert. Das
arglistige Weib beschloß, den Grafen von Flandern den Fußfall tun zu
lassen; doch in sein Vaterland sollte er nicht mehr zurückkehren.




V.


Spät am Abend kam Johanna von Navarra zu Compiègne an. Während sie dem
wankelmütigen König mit List und Drohungen die Verurteilung der Vlaemen
entlockt hatte, saß Graf Gwijde mit seinen edlen Lehensmannen in einem
Saale seines Hauses. In silbernen Schalen kreiste der Wein, und jeder
ermunterte die andern mit frohen Hoffnungen und tröstlichen Aussichten.

So hatten sie fröhlich über dies und jenes gesprochen, als Dietrich der
Fuchs in den Saal trat, der als Robrechts bester Freund in dem Hause des
Grafen untergebracht war. Schweigend hemmte er den Schritt und blickte bald
auf den alten Grafen, bald auf dessen beiden Söhne. Aus seinen Zügen sprach
tiefer Schmerz und inniges Mitleid. Da er sonst immer fröhlich und
offenherzig war, so erschraken die Ritter nicht wenig ob seines gramvollen
Aussehens; sie ahnten, daß irgendeine schlimme Nachricht sein Antlitz
verdüsterte.

Als erster verlieh Robrecht van Bethune seinen Gedanken Ausdruck: »Stockt
Euch die Zunge, Dietrich? Sprecht! Und bringt Ihr traurige Kunde, so
lasset, bitte, Eure Scherze ruhn.«

»Das will ich gern, Herr Robrecht,« meinte Dietrich; »aber ich weiß nicht,
wie ich Euch die Nachricht beibringen soll; es schmerzt mich, den
Unglücksboten spielen zu müssen.«

Furcht malte sich auf den Gesichtern der Zuhörer; mit ängstlicher Neugier
schauten sie auf Dietrich. Der füllte einen Becher mit Wein, trank und
sprach dann:

»Das soll mir Mut machen. Hört denn und seht es dem Fuchs, eurem Diener,
nach, daß sein Mund euch Schlimmes künden muß. Mit Recht habt ihr geglaubt,
Philipp der Schöne würde euch in Gnaden empfangen; ist er doch ein
edelmütiger Fürst. Noch vorgestern war er froh, euch seines Herzens Großmut
zu erweisen; doch damals war er noch nicht von bösen Geistern besessen.«

»Wie denn?« riefen die Ritter erstaunt, »ist er besessen?«

»Herr Dietrich,« sprach Robrecht strenge, »laßt alle Umschweife; Ihr habt
uns andres zu sagen, aber es scheint Euch nicht recht über die Lippen zu
wollen.«

»Ganz recht, mein Herr van Bethune,« entgegnete Dietrich. »Hört, was mich
so tödlich betrübt: Johanna von Navarra und Enguerrand von Marigny sind in
Compiègne.«

Diese Namen wirkten auf alle Ritter fürchterlich. Wie betäubt beugten alle
schweigend das Haupt. Endlich reckte der junge Wilhelm die Hände gen Himmel
und rief verzweifelt:

»O Himmel! die schlimme Johanna -- Enguerrand von Marigny! Weh! meine arme
Schwester! -- Vater, wir sind verloren!«

»Das also sind die Teufel, von denen der gute Fürst besessen ist,« sagte
Dietrich. »Ihr sehet nun, durchlauchtigster Graf, daß es Euer Diener nicht
schlecht meinte, als er Euch in Wijnendaal vor dieser Schlange warnte.«

»Wer hat Euch gesagt, daß die Königin von Navarra nach Compiègne gekommen
sei?« fragte der Graf, als ob er noch an der Sache zweifle.

»Meine eigenen Augen, ihr Herren,« antwortete Dietrich. »Stets fürchtete
ich Verrat, denn ich traute den doppelsinnigen Worten nicht. Deshalb habe
ich dauernd gewacht, gespäht und aufgepaßt. So habe ich Johanna von Navarra
gesehen, ihre Stimme gehört. Meine Ehre setz' ich dran, daß meine Worte
wahr sind.«

»Hört, ihr Herren,« sprach Walter van Lowendeghem, »Dietrich sagt uns die
Wahrheit, er gibt sein Ehrenwort darauf; Johanna von Navarra ist also beim
König. Die ungnädige Fürstin wird alles aufbieten, um uns zu schädigen, und
Gott weiß, was ihr alles zu Gebote steht. Am besten überlegen wir
schleunigst, wie wir uns aus dieser Schlinge ziehen. Käme man, um uns
festzunehmen, so wäre es zu spät.«

Der alte Graf versank in trostlose Trauer. Keine Rettung sah er aus dieser
gefährlichen Lage, hier inmitten in des Königs Landen schien ihm die Flucht
nach Flandern unmöglich. Robert van Bethune murrte und verwünschte
innerlich die Reise, die ihn seinen Feinden wehrlos in die Hände geliefert
hatte.

Während sie alle in trübem Schweigen auf den trostlosen Grafen blickten,
trat ein Hofknappe in die Tür des Saales und rief:

»Herr von Nogaret, Gesandter des Königs!«

Eine plötzliche Bewegung offenbarte die Erschütterung der Vlaemen ob dieser
Ankündigung. Nogaret war stets der Vollstrecker geheimer Befehle des
Königs. Sie glaubten, er käme mit den Leibwachen, um sie gefangenzunehmen.
Robrecht van Bethune zog seinen Degen aus der Scheide und legte ihn vor
sich auf den Tisch; auch die andern griffen an die Schwerter, während sie
zur Tür starrten.

So standen sie da, als Nogaret hereintrat. Er verbeugte sich höflich vor
den Rittern und sagte zu Gwijde gewandt:

»Graf von Flandern, mein gnädiger König und Gebieter wünscht, daß Ihr Euch
morgen vormittag gegen elf Uhr mit Euren Lehensmannen zu Hofe begebet, um
öffentlich von ihm Verzeihung für Euer Vergehen zu erflehen. Die Ankunft
der durchlauchtigsten Königin von Navarra hat diesen Befehl beschleunigt.
Sie selbst hat sich bei ihrem fürstlichen Gemahl für Euch verwandt, und ich
soll Euch von ihr ausrichten, daß sie Eure Unterwerfung gern sähe. -- Also
bis morgen, ihr Herren! Entschuldigt, daß ich euch so eilig verlasse. Ihre
Majestät wartet auf mich, und ich darf nicht säumen, -- der Herr beschütze
euch!«

Mit diesem Gruß schritt er aus dem Saale.

»Dem Himmel sei Dank, meine Herren,« sprach Gwijde. »Der König ist uns
gnädig gesinnt, und nun können wir getrost und heiter zur Ruhe gehen. Ihr
habt des Königs Wünsche vernommen: rüstet euch also, ihnen geziemend zu
entsprechen.«

Nun fanden die Ritter ihre frohe Laune wieder. Sie plauderten noch eine
Weile von Dietrichs Furcht und dem verheißenen guten Erfolg, dann ward der
letzte Becher auf ihres Grafen Wohl geleert. Als sie sich trennen wollten,
ergriff Dietrich Robrechts Hand und sagte schwermütig:

»Lebt wohl, mein Freund und Gebieter! ja, lebt wohl; denn vielleicht wird
eine lange Zeit vergehen, ehe ich Euch wieder einmal die Hand drücken kann.
Denkt daran, daß Euer Diener Dietrich Euch immer trösten und beistehen
wird, in welchem Kerker Ihr auch sein möget.«

Robrecht sah eine Träne in Dietrichs Augen glänzen und entnahm daraus die
tiefe Rührung seines treuen Freundes. »Ich verstehe Euch, Dietrich,«
flüsterte er ihm ins Ohr. »Was Ihr fürchtet, ahnt auch mir; aber es gibt
keinen Ausweg. Lebt denn wohl, bis auf bessere Tage.«

»Ihr Herren,« rief Dietrich im Fortgehen, »wenn ihr Nachrichten an eure
Blutsverwandten nach Flandern zu senden habt, so rate ich euch, macht sie
bald fertig; ich werde euer Bote sein.«

»Was sagt Ihr,« verwunderte sich Walter van Lowendeghem, »wollt Ihr denn
nicht mit uns zu Hofe gehen, Dietrich?«

»Jawohl, ich werde bei euch sein, aber ihr werdet mich so wenig erkennen
als die Franzosen. Ich hab' es verschworen, Philipp soll den Fuchs nicht
fangen! Gott behüte euch, ihr Herren!«

Als er ihnen diesen letzten Gruß zurief, war er bereits zur Tür hinaus. Der
Graf zog sich mit seinen Leibpagen zurück, und auch die übrigen verließen
den Saal, um schlafen zu gehen.

Zur festgesetzten Stunde konnte man in einem weiten Saale des königlichen
Palastes die vlaemischen Ritter mit ihrem alten Grafen erblicken. Ihre
Waffen hatten sie im Vorzimmer ablegen müssen. Heitere Zufriedenheit sprach
aus ihren Zügen, als ob sie sich schon im voraus der gelobten Gnade
freuten. Das Antlitz Robrechts van Bethune hatte freilich einen anderen
Ausdruck. Es zeigte bitteren Groll, rasende Wut. Der mutige Vlaeme konnte
nicht ertragen, wie hochmütig die Franzosen dreinschauten, und ohne die
Liebe zu seinem Vater hätte er gar manchen deshalb zur Rechenschaft
gezogen. Der Zwang der Not bedrückte ihn; bei genauer Beobachtung hätte man
merken können, daß er die Hände rang, als wollten sie Fesseln sprengen.

Karl von Valois stand bei dem alten Gwijde und unterhielt sich freundlich
mit ihm. Er harrte des Augenblicks, da er nach dem Geheiß seines
königlichen Bruders die Vlaemen zum Throne geleiten sollte. Auch einige
Äbte und Prälaten sah man unter den Anwesenden, ferner auch manch wackeren
Bürger von Compiègne, der absichtlich zu dieser Feier geladen worden war.

Während alle von Gwijdes Angelegenheit sprachen, kam ein alter Pilger in
den Saal, mit einem breiten Hut auf dem demütig geneigten Haupte, so daß
die Gesichtszüge kaum zu erblicken waren. Ein brauner muschelgezierter
Pilgerrock verhüllte seine Gestalt, und ein langer Stab, mit einem
Trinkgefäß daran, stützte seine matten Glieder. Sobald die Prälaten ihn
erblickten, traten sie zu ihm und überschütteten ihn mit Fragen. Der eine
wollte wissen, wie es den Christen in Syrien erginge, der andre, wie der
Krieg in Italien stände, ein dritter erkundigte sich, ob er keine
wunderbaren Reliquien mitgebracht habe, und was man sonst noch alles von
Pilgern erfahren möchte. Auf alles das antwortete er wie jemand, der erst
eben aus diesem fernen Lande kommt, und erzählte so viel Wundersames, daß
ihm die Umstehenden ehrerbietig und neugierig lauschten. Inmitten seiner
ernsten, sachlichen Schilderung gebrauchte er aber doch zuweilen so
komische Wendungen, daß selbst die Prälaten laut lachen mußten. Bald hatten
sich mehr als fünfzig Personen rund um ihn geschart, und einige gingen in
ihrer Bewunderung und Verehrung so weit, daß sie unauffällig seinen Rock
berührten, als ob ihnen das besonderen Segen brächte. Dennoch kam dieser
seltsame Pilger nicht von der Reise; er hatte die Lande, die er so gut zu
kennen schien, nur in der Jugend besucht und wußte nicht viel mehr von dem,
was er gesehen hatte. Aber wo die Erinnerung versagte, kam die Phantasie zu
Hilfe; dann erzählte er von übernatürlichen Dingen und lachte innerlich
über die leichtgläubigen Zuhörer: es war Dietrich der Fuchs. Niemand kam
ihm in der Kunst gleich, sich zu verkleiden und alle möglichen Gestalten
anzunehmen. Er konnte sein Gesicht durch Wässer und Farben älter und jünger
machen, und zwar so geschickt, daß selbst seine Freunde ihn nicht zu
erkennen vermochten. Er traute dem Wort des französischen Fürsten nicht im
mindesten und wollte, wie er im voraus zum Grafen gesagt hatte, nicht
leiden, daß man den Fuchs finge. Deshalb hatte er diese Verkleidung
angelegt, um den Feinden nicht in die Hände zu fallen.

Kurz darauf betrat der König mit der Königin, gefolgt von zahllosen Rittern
und Hofdamen, den Saal, und beide bestiegen den Thron. Die meisten
französischen Herren stellten sich längs der Wand in zwei Reihen auf, die
andern blieben in der Nähe der Bürger stehen. Zwei Herolde mit den Bannern
von Frankreich und Navarra nahmen zu beiden Seiten des Thrones Aufstellung.

Auf ein Zeichen des Königs trat Karl von Valois mit den vlaemischen Edlen
vor; selbige beugten vor dem Thron ein Knie auf Sammetkissen nieder und
verharrten schweigend in dieser demütigen Haltung. Zur Rechten des Grafen
kniete sein Sohn Wilhelm, zur Linken, auf Robrechts Platz, ein Edler,
Walter van Maldeghem. Robrecht war bei den französischen Rittern geblieben;
anfangs glückte es ihm, von Philipp dem Schönen unbemerkt zu bleiben.

Die Gewänder der Fürstin Johanna glänzten von Gold und Edelsteinen, und die
königliche Krone, die ihr Haupt schmückte, strahlte mit ihren tausend
Diamanten heller denn des Tages Licht. Hochmütig und eitel warf die stolze
Frau verächtliche Blicke auf die Vlaemen, die vor ihr auf den Knien lagen,
und lächelte haßerfüllt und ließ den alten Grafen absichtlich so lange
warten. Endlich flüsterte sie Philipp dem Schönen einige Worte ins Ohr, und
dieser sprach mit erhobener Stimme zu Gwijde: »Ungetreuer Vasall, in Unsrer
königlichen Gnade haben Wir es für gut befunden, Erhebungen über Eure
Verbrechen anstellen zu lassen. Wir wollten sehen, ob es Uns möglich sei,
Euch zu vergeben; aber Wir haben befunden, daß die Vaterliebe nur ein
Vorwand für Eure Widerspenstigkeit war, und daß Euch verbrecherischer
Hochmut zum Ungehorsam angetrieben hat.«

Bei diesen Worten schlugen die Herzen der Ritter in wildem Schreck, und
Staunen erfüllte sie. Jetzt wurden sie der Schlinge gewahr, vor der
Dietrich der Fuchs sie gewarnt hatte. Da Gwijde sich nicht regte, blieben
auch sie noch auf den Knien. Der König fuhr fort:

»Ein Vasall, der sich treulos gegen seinen König und Landesherrn auflehnt,
geht seines Lebens verlustig, und wer mit Frankreichs Feinden in Verbindung
tritt, verwirkt sein Leben. Ihr habt Euch den Befehlen Eures Königs
widersetzt; Ihr habt mit Eduard von England, Unserm Feinde, die Waffen
wider Uns erhoben und mit Uns Krieg geführt[15]. Somit habt Ihr als
ungetreuer Lehensmann das Leben verwirkt. Dennoch wollen Wir dieses Urteil
nicht überhastet vollstrecken, sondern vorerst ordnungsgemäß eine
Untersuchung anstellen lassen. Deshalb sollt Ihr und die Edlen, die an
Eurer Auflehnung teil hatten, in Haft gehalten werden, bis es Uns beliebt,
andre Maßregeln zu Eurer Beaufsichtigung zu treffen.«

    [15] »Der Graf Gwijde hatte bereits im Jahre 1295 mit dem König
    von England ein Bündnis geschlossen, worin unter anderem eine
    Heirat zwischen dem Prinzen von Wales und der Tochter des Grafen
    von Flandern festgesetzt war.« (Jahrbücher von Brügge.)

Karl von Valois hatte diese Rede mit tiefem Herzeleid mitangehört. Jetzt
trat er vor den Thron und sprach:

»Mein König und Herr! Es ist Euch bekannt, mit welcher Treue ich Eurer
Majestät gleich dem geringsten Eurer Untertanen gedient habe. Nie hat
jemand sagen können, daß ich mein Wappenschild auch nur durch einen Schein
von Feigheit oder Untreue besudelt hätte. Und nun solltet Ihr es sein, o
König, der meine Ehre, -- die Ehre Eures eigenen Bruders -- schändete? Ihr
könntet mich zum Verräter machen, -- Euer Bruder sollte ein treuloser
Ritter genannt werden dürfen. O Sire, bedenkt, daß ich Gwijde freies Geleit
verbürgt habe, daß Ihr mich jetzt zu einem Meineidigen macht!«

Während Karl von Valois also sprach, war er in flammende Wut geraten. Sein
Blick strahlte so gewaltige Kraft, daß Philipp der Schöne fast bereit war,
sein Urteil zu widerrufen. Da ihm selbst die Ehre des Ritters über alles
ging, fühlte er innerlich den Schmerz seines treuen Bruders mit. Derweile
hatten sich die Vlaemen erhoben und harrten bangend des Erfolges. Die
Übrigen erwarteten in regungsloser Angst, was kommen würde.

Aber die Königin Johanna ließ ihrem Gemahl keine Zeit zur Antwort; voll
Sorge, daß ihr die Beute wieder entgehen könnte, rief sie mit
leidenschaftlichem Eifer:

»Herr von Valois, es steht Euch nicht zu, die Feinde Frankreichs zu
verteidigen! Ihr begeht damit eine Treulosigkeit! Es ist dies nicht das
erste Mal, daß Ihr Euch dem Willen Eures Königs widersetzt!«

»Madame,« widersprach Karl bitter, »Euch ziemt es wahrlich nicht, den
Bruder Philipps des Schönen einer Treulosigkeit zu beschuldigen. Soll es um
Euretwillen heißen, daß Karl von Valois einen unglücklichen Landesherrn
verraten habe? Soll mein Wappenschild mit Schande bedeckt werden? Nein,
beim Himmel! das wird nicht geschehen. Ich berufe mich auf Euch, Philipp,
mein Fürst und mein Bruder; werdet Ihr es dulden, daß das Blut Ludwigs des
Heiligen in mir entehrt wird? Soll das der Lohn für meine treuen Dienste
sein?«

Offensichtlich versuchte der König, Johanna zu einer Milderung des Urteils
zu bestimmen; doch in ihrem unerbittlichen Haß gegen die Vlaemen wies sie
die Vorstellungen des Fürsten hochmütig zurück und wurde bei den Worten
Karls von Valois flammend rot. Plötzlich rief sie mit lauter Stimme:

»Heda, Leibwachen, des Königs Wille geschehe; man nehme die ungetreuen
Lehensmannen gefangen!«

Auf diesen Ruf drangen zahlreiche Wachmannschaften durch alle Türen in den
Saal. Die vlaemischen Ritter ließen sich ohne Gegenwehr gefangennehmen. Sie
wußten, daß Gewalt sie nicht retten konnte, da sie unbewaffnet und von
vielen Feinden umringt waren.

Einer der Anführer ging auf den alten Gwijde zu, legte ihm die Hand auf die
Schulter und sagte:

»Herr Graf, ich nehme Euch im Namen des Königs, meines Gebieters,
gefangen.«

Der Graf von Flandern blickte ihn traurig an, wandte sich zu Robrecht hin
und seufzte:

»Weh, unglücklicher Sohn!«

Robrecht van Bethune stand regungslos bei den französischen Rittern, die
ihn fragend anschauten. Als hätte ihn eine unsichtbare Hand mit einem
Zauberstabe berührt, zuckte jäh eine krampfhafte Bewegung durch seinen
Körper; seine Muskeln spannten sich, seine Augen sprühten. Wie ein Löwe
sprang er vor, und der ganze Saal erdröhnte von seiner gewaltigen Stimme,
da er ausrief:

»Unselige, ich sah eine unedle Hand die Schulter meines Vaters berühren;
hinweg mit ihr, oder ich will des Todes sein!«

Im Sprunge riß er einem Söldner gewaltsam die Streitaxt aus den Händen. Ein
furchtbarer Schrei entfuhr den Rittern ringsum, und alle zogen die Degen,
denn sie glaubten das Leben des Königs bedroht. Doch bald schwand die
Furcht, denn Robrecht hatte schon zugeschlagen. Er hatte seine Drohung
ausgeführt: der Arm des Anführers, der seinen Vater berührt, lag mit der
vermessenen Hand am Boden, und das Blut strömte aus der schrecklichen
Wunde.

Ein Haufen Söldner stürzte auf Robrecht zu, um ihn zu packen, doch blind
und toll vor Wut schwang er die Streitaxt ums Haupt, und nicht einer wagte
sich in seinen Bereich. Ohne Zweifel würde noch mehr Unglück geschehen
sein, wenn nicht der alte Gwijde in ängstlicher Sorge um das Leben seines
Sohnes diesem flehend zugerufen hätte:

»Robrecht, du mein großherziger Sohn, ach, ergib dich um meinetwillen; tue
es, ich bitte dich, ich befehle es dir!«

Bei diesen Worten umfaßte er Robrecht, und dieser fühlte die Tränen seines
Vaters auf seine Hand niedertropfen. Jetzt sah er seine Unbesonnenheit ein.
Er entrang sich den Armen des Grafen, warf die Streitaxt wuchtig über die
Köpfe der Söldner hinweg an die Wand und rief:

»Heran, ihr feigen Mietlinge! fangt denn den Löwen von Flandern; zaget
nicht mehr, er ergibt sich.«

In großer Anzahl warfen sich die Söldner auf ihn und nahmen ihn gefangen.

Während er mit seinem Vater aus dem Saale geführt wurde, rief er Karl von
Valois zu:

»Euer Wappenschild ist nicht beschmutzt; Ihr waret und seid weiter der
edelste Ritter von Frankreich, Eure Treue bleibt unversehrt. Dies sagt der
Löwe von Flandern, auf daß man es höre.«

Die französischen Ritter hatten ihre Degen wieder eingesteckt, sobald sie
inne wurden, daß das Leben des Königs nicht bedroht war. Mit der
Gefangennahme der Vlaemen mochten sie nichts zu tun haben, -- es hätte
ihren Adel geschändet.

In dem Herzen des Königs und der Königin herrschten sehr verschiedene
Gefühle. Philipp der Schöne war schmerzlich ergriffen und betrübt über das
gefällte Urteil. Johanna hingegen freute sich über Robrechts Widerstand.
Er hatte es gewagt, in Gegenwart des Königs einen seiner Diener zu
verwunden; diese Tat konnte ihr in ihren rachsüchtigen Plänen vortrefflich
zustatten kommen.

Der König vermochte seine Rührung und Betrübnis nicht zu bergen und wollte
gegen den Wunsch seiner stolzen Gemahlin den Thron und den Saal verlassen.
Er erhob sich und sprach:

»Meine Herren! Wir beklagen den ungestümen Verlauf dieses Verhörs gar sehr.
Lieber hätten Wir bei dieser Gelegenheit euer Edlen Unsere Gnade erzeigt;
aber zu Unserm großen Leidwesen war das im Interesse Unserer Krone nicht
möglich. Gemäß Unserm königlichen Willen sorget, daß die Ruhe in Unserm
Palast fürder nicht gestört werde.«

Auch die Königin erhob sich und wollte mit ihrem Gemahl die Stufen des
Thrones herabsteigen, doch ein neues Hemmnis trat ihr in den Weg. Karl vor
Valois hatte lange fernab in tiefem Nachdenken gestanden; die Ehrerbietung
und Liebe, die er seinem Bruder entgegen brachte, kämpften lange in ihm
gegen den Ärger über diesen Verrat. Plötzlich brach sein Zorn los, sein
Antlitz ward weiß, rot und blau, und wie rasend warf er sich der Königin
entgegen.

»Madame,« schrie er, »Ihr sollt mich nicht ungestraft entehren! Hört, meine
Herren, ich spreche vor Gott, unser aller Richter: Ihr, Johanna von
Navarra, seid es, die das Vaterland durch ihre Verschwendung gebrandschatzt
hat! Ihr seid es, die das Reich meines edlen Bruders zugrunde richtet! Ihr
bringt Frankreich nur Schmach und Hohn! Die Untertanen des Königs machtet
Ihr durch Verfälschung der Münzen und ungerechte Erpressungen
unglücklich! -- Und ich sollte Euch noch dienen?! Nein, Ihr seid ein
falsches, verräterisches Weib!«

Wütend riß er seinen Degen aus der Scheide, brach ihn auf dem Knie entzwei
und warf die Stücke mit solcher Gewalt zu Boden, daß sie auf die Stufen des
Thrones flogen.

Johanna barst schier vor rasendem Zorn. Ihren Zügen entschwand in
teuflischer Verzerrung alles Weibliche; man hätte glauben können, daß sie
vom Schlag getroffen sei.

»Packt ihn! packt ihn!« stieß sie hervor.

Die Leibwachen, die noch im Saale waren, wollten diesen Befehl vollziehen.
Schon trat ihr Hauptmann an Karl von Valois heran; aber der König liebte
seinen Bruder zu innig, als daß er dies dulden konnte.

»Wer Herrn von Valois berührt, soll noch heute sterben!« rief er.

Auf diese Drohung blieben die Wachen regungslos stehen, und von Valois
verließ ungehindert den Saal, so sehr auch die wütende Königin zeterte.

Derart endigte dies stürmische Schauspiel. Gwijde ward zu Compiègne
eingekerkert, Robrecht führte man nach Bourges in Berry, seinen Bruder
Wilhelm nach Rouen in der Normandie. Die übrigen vlaemischen Herren wurden,
ein jeglicher in einer andern Stadt, gefangen gehalten, damit sie einander
nicht trösten konnten. Dietrich der Fuchs kehrte als einziger nach Flandern
zurück, denn in seinem Pilgerrock hatte man ihn nicht erkannt.

Mit Hilfe seiner Freunde zog Karl von Valois alsbald nach Italien und kam
erst wieder nach Frankreich, als Ludwig Hutin nach dem Tode Philipps des
Schönen den Thron bestiegen hatte. Er verklagte dann Enguerrand von Marigny
wegen vieler Staatsverbrechen und ließ ihn zu Montfaucon henken. Aber in
Wahrheit darf man behaupten, daß der Tod dieses Ministers mehr der
Gefangennahme des Grafen Gwijde als seinen anderen Missetaten zuzuschreiben
ist, und daß Karl von Valois ihn henken ließ, um für diesen Verrat Rache zu
nehmen.




VI.


Damals gab es in Flandern zwei Parteien, die einander gegenüberstanden, und
die nichts unversucht ließen, um sich gegenseitig nach Kräften zu schaden.
Die meisten Edlen und Machthaber hatten bei allen Gelegenheiten zur
französischen Regierung gestanden und bekamen deshalb den Namen
»Leliaerts«, weil sie der französischen Lilie anhingen. Weshalb sie die
Feinde des Vaterlands so begünstigten, wird sich aus dem Folgenden leicht
entnehmen lassen.

Seit einigen Jahren waren durch die kostbaren Ritterspiele, die
inländischen Kriege und die weiten Kreuzfahrten die meisten Edelleute
verarmt. Hierdurch sahen sie sich gezwungen, ihre Stadt- und
Herrschaftsrechte an die Einwohner gegen große Summen zu verkaufen und
ihnen Freiheiten und Vorrechte zu verleihen.

Die Städte verarmten wohl anfangs dadurch; doch bald trug die erkaufte
Freiheit die schönsten Früchte. Das niedere Volk, das vordem mit Leib und
Eigen den Edlen zugehörte, begriff nun, daß es den Schweiß seines
Angesichts nicht mehr für ungerechte Herren vergoß. Es erwählte sich
Bürgermeister und Ratsherren und bildete eine Regierung, um welche die
Herren des Landes sich nicht im mindesten zu kümmern hatten. Die Gilden
wirkten vereint für die allgemeine Wohlfahrt und setzten Obmänner ein,
welche der Sachwaltung vorstanden. Die liebenswürdigste Gastfreiheit lockte
Fremde aus allen Weltgegenden nach Flandern, und der Handel entfaltete ein
Leben und eine Betriebsamkeit, wie sie unter den Lehensherren unmöglich
gewesen waren. Der Gewerbefleiß blühte, das Volk wurde reich und war stolz
auf die so lang verkannte Würde, es erhob sich mehr als einmal mit den
Waffen in der Hand gegen die früheren Herren. Die Edlen sahen ihre Rechte
und Güter dadurch schwer bedroht und suchten durch List und Gewalt die
wachsende Macht der Gemeinden zu behindern; doch das war ihnen nie
geglückt. Denn der Reichtum der Städte erlaubte selbigen, ein Heer
aufzubieten, die bestehenden Freiheiten zu verteidigen und sie
ungeschmälert zu bewahren. In Frankreich war das anders. Philipp hatte in
seiner Geldnot wohl zuweilen den dritten Stand oder die Bürger
zusammengerufen; aber dieses verlieh dem Volke nur zeitweilig einiges
Ansehen, das unmittelbar darauf durch die Lehensherren wieder vernichtet
wurde.

Die zurückgebliebenen Edlen, die in Flandern nicht mehr viel zu sagen
hatten und nun mit allen anderen gleiche Eigentumsrechte besaßen,
betrauerten gar sehr ihre verlorene Macht. Um sie wieder zu erhalten,
hätten sie die blühenden Gemeinden zerstören müssen. Da es in Frankreich
noch keine Freiheit gab und die Herrschaft der Lehensherren dort noch
ausschließlich und gewaltherrlich war, so hofften sie, Philipp der Schöne
würde die Verhältnisse in Flandern umstoßen und ihnen die einstigen Rechte
wieder verleihen. Deshalb also begünstigten sie Frankreich gegen Flandern,
und das trug ihnen den Schimpfnamen Leliaerts[16] ein. Deren gab es zu
Brügge, das damals nächst Venedig die reichste Handelsstadt der Welt war,
sehr viele. Sogar die Bürgermeister und andere Verwaltungsbeamte, die ihre
Stellung französischem Einfluß verdankten, waren Leliaerts.

    [16] Leliaert = Lilienverehrer. Vgl. das Wappen des französischen
    Herrscherhauses.

Die Gefangennahme des Grafen und der ihm treu gebliebenen Edelleute wurde
von ihnen mit Freude begrüßt; denn nun war Flandern Philipp dem Schönen
ausgeliefert und dieser konnte daraufhin alle Gesetze und Vorrechte
umstoßen.

Der Wortbruch des französischen Hofes erfüllte das Volk mit größter
Bestürzung. Das Mitleid steigerte noch die Liebe, mit der es jeder Zeit
seinem Grafen ergeben war, und diese Treulosigkeit löste Empörung aus. Aber
die zahlreichen französischen Truppen, die allenthalben lagen, und die
Uneinigkeit unter den Bürgern brach vorerst den patriotischen
Klauwaarts[17] den Mut. So blieb Philipp der Schöne ruhig im Besitz von
Gwijdes Erbteil. Als die traurige Mär nach Flandern kam, begab sich Maria,
die Schwester Adolfs van Nieuwland, mit zahlreicher Dienerschaft nach
Wijnendaal, um ihren verwundeten Bruder in einer Tragbahre in sein
Vaterhaus nach Brügge zu überführen. Die junge Machteld folgte angesichts
der schmerzlichen Trennung von all ihren Blutsverwandten der neuen Freundin
und verließ Schloß Wijnendaal, das französische Besatzung erhalten hatte.

    [17] Zu dieser Zeit wurden die französisch gesinnten Vlaemen
    Leliaerts genannt, wogegen die Freunde des Grafen und der
    Unabhängigkeit des Landes unter dem Namen Klauwaarts bekannt
    waren; dies bezog sich auf die Klauen, womit der Löwe von
    Flandern die Lilien zu bedrohen schien. (Voisin, Notice sur la
    bataille de Courtrai.)

Das Haus der Familie Nieuwland lag an der spanischen Straße zu Brügge. Zwei
runde Türme ragten zu beiden Seiten des Giebels mit ihren Wetterhähnen über
das Dach und beherrschten alle umliegenden Gebäude. Zwei Pfeiler aus
Quadersteinen in griechischem Stil stützten den Torbogen, den der Schild
und Wahlspruch derer van Nieuwland zierte: »Pulchrum pro patria mori!« Zu
beiden Seiten des Schildes schwebte ein Engel mit Palmenzweigen in der
Hand. In einem Gemach, welches fern genug von dem dauernden Lärm der Straße
lag, ruhte der kranke Adolf auf einem kostbaren Bett. Er war so bleich und
durch den Schmerz der Wunde so abgezehrt, daß man ihn kaum wiedererkennen
konnte. Zu Häupten des Bettes stand auf einem Tischchen ein kleiner Krug
und ein silberner Becher. An der Wand hing der Harnisch, der unter
Saint-Pols Waffe geborsten war und dadurch Adolfs Wunde verschuldet hatte;
daneben eine Harfe mit zerrissenen Saiten. Rings um ihn war es totenstill.
Da die Fenster halb geschlossen waren, wurde das Gemach nur schwach
erleuchtet.

Schweigend saß in einer Ecke Machteld, mit niedergeschlagenen Augen. Der
Falke auf der Lehne ihres Stuhles schien an dem Gram der Gebieterin
teilzunehmen: den Kopf unter dem Flügel ruhte er regungslos. Einst war das
Mägdelein in ihrer munteren Fröhlichkeit gegen jeden Schmerz gefeit
gewesen; nun war sie ganz umgewandelt. Die Gefangenschaft aller, die ihr
teuer waren, hatte ihr junges Herz tief erschüttert. Jetzt schien ihr alles
schwarz und düster: der Himmel war für sie nicht mehr blau, die Felder
nicht mehr grün, -- durch ihre Träume zogen sich nicht mehr Gold- und
Silberfäden. Nur Kummer und stille Verzweiflung fanden den Weg zu ihrem
Herzen; nichts konnte sie über den schmerzlichen Gedanken an die
Gefangenschaft ihres Vaters trösten.

Nach einiger Zeit erhob sie sich aus ihrer Regungslosigkeit und nahm ihren
Falken auf die Hand. Weinend blickte sie auf den Vogel, und während sie hie
und da eine Träne auf ihren bleichen Wangen trocknete, flüsterte sie leise:

»Du treuer Vogel, traure nicht so bang, mein Vater wird bald wiederkehren.
Die böse Königin von Navarra soll ihm kein Leid antun: ich hab so heiß für
ihn zum heiligen Michael gebetet, und Gott ist immer gerecht. Darum traure
fürder nicht, du lieber Falke.«

Das Mägdelein weinte heiße Tränen. Schienen auch ihre Worte voller Trost
und Hoffnung -- in ihrem Herzen wohnte tiefer Gram. Und weiter sprach sie:

»Du armer Falke, nicht wirst du nun mehr in den Gefilden unseres
väterlichen Schlosses jagen; Franzosen hausen in unserem schönen
Wijnendaal. Meinen unglücklichen Vater haben sie in einen Kerker geworfen,
in schwere Ketten geschlossen. In dunklem Gefängnis schmachtet er so
einsam, und wer weiß, ob ihn nicht die grausame Johanna noch umbringt! Ach
du mein lieber Vogel, dann werden auch wir vor Angst vergehen. -- Der
Gedanke, der furchtbare Gedanke allein raubt mir alle Kraft. Ach! setze
dich doch nieder, meine zitternde Hand kann dich nicht mehr tragen.«

Das trostlose Kind sank ermattet in den Sessel, doch ihr Antlitz ward nicht
bleicher; waren doch schon längst die Rosen auf ihren Wangen gewelkt, die
Augenlider durch ewiges Weinen gerötet. Der Huldreiz ihrer Züge war
geschwunden und ihr Auge ohne Feuer und Leben.

Lange blieb sie so in Traurigkeit versunken; der Reihe nach grübelte sie
über all das nach, was ihre Verzweiflung nur noch steigern mußte. Die
traurigen Gedanken weckten die schauerlichsten Vorstellungen. Sie sah ihren
unglücklichen Vater gefesselt in einem feuchten Kerker, hörte seine Ketten
rasseln, hörte den Widerhall seiner wehen Seufzer an dieser grausen Stätte.
Auch der Gedanke, daß man in Frankreich so häufig die Menschen vergiftete,
quälte sie beständig, und die gräßlichsten Bilder tauchten vor ihren Augen
auf. Solcherart wurde das Mägdelein unaufhörlich gefoltert und lebte in
tödlicher Pein.

Ein unterdrückter Seufzer tönte vom Bette her. Schnell wischte Machteld die
Tränen von ihren Wangen und eilte in banger Sorge zu dem Kranken. Sie goß
den Trank in die silberne Schale, stützte mit der rechten Hand ein wenig
Adolfs Haupt und brachte die Schale an seinen Mund.

Weit öffnete der Ritter die Augen und heftete sie voller Staunen auf das
junge Mägdelein. Dankbarkeit sprach aus seinen matten Blicken, und ein
unbeschreibliches Lächeln verklärte seine bleichen Züge.

Seit seiner Verwundung hatte der Kranke noch nicht wieder verständlich
gesprochen; es schien sogar, als ob er die Worte, die man leise zu ihm
sprach, nicht vernahm. Doch als Machteld ihn in den ersten Tagen seiner
Krankheit freundlich ermunterte: »Werde doch gesund, armer Adolf, mein
teurer Bruder; ich will für dich beten, denn dein Tod würde mich noch
unglücklicher machen,« -- und mancherlei, was sie ganz arglos an seinem
Bette sprach, hatte Adolf gar wohl vernommen und verstanden, wenn es ihm
auch an Kraft gebrach, zu sprechen.

In der vergangenen Nacht hatte sich Adolfs Zustand wirklich gebessert. Nach
langem Kampf hatte ihm die Natur heilsamen Schlaf geschenkt, und daraus war
er mit neuer Lebenskraft erwacht. Der Seufzer, der sich bei seinem Erwachen
seiner Brust entrang, war kräftiger, als es ihm seine Wunde bisher
gestattet hatte.

Als nun Machteld den Becher von seinem Munde nahm, faßte sie gewaltiges
Staunen; denn mit schwacher, doch klarer Stimme sprach er:

»O edle Jungfrau! Mein lieber Schutzengel! Ich danke dem gütigen Gott für
den Trost, den er mir durch Euch beschert hat. Bin ich der Sorge wert, edle
Maid, daß Eure durchlauchtige Hand mein Haupt so freundlich stützt? Seid
gesegnet für Eure Mühen um einen armen Rittersmann.«

Das Mägdelein sah ihn verwundert an; als sie aber merkte, wie sehr er an
Lebenskraft gewonnen hatte, schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen und
lieh ihrer Freude jubelnden Ausdruck.

»O, Ihr werdet wieder genesen, Herr Adolf!« rief sie. »Nun mag ich nicht
mehr trauern; jetzt werde ich wenigstens einen Bruder haben, der mich
tröstet.«

Als erinnerte sie sich dann aber an etwas Vergessenes, hemmte sie jäh ihre
heftige Bewegung; ihr Gesicht wurde ernst, und kniend warf sie sich vor
einem Kreuz am Kopfende des Bettes nieder. Sie faltete ihre Hände und
richtete ein langes Dankgebet an den Herrn, der ihren Freund und Bruder
Adolf hatte genesen lassen. Dann erhob sie sich, blickte noch einmal den
Ritter an und sprach fröhlich:

»Haltet Euch recht still, Herr Adolf, und rühret Euch nicht, so hat es
Meister Rogaert geheißen.«

»Was habt Ihr nicht alles für mich getan, durchlauchtigste Tochter meines
Herrn,« sprach Adolf. »Beständig vernahm ich Eure Gebete, so manches Mal
hat Eure tröstende Stimme mein Herz gestärkt! Ja, im Schlummer schien es
mir, daß ein Engel Gottes den Tod von meinem Bett abwehrte. Ein Engel, der
mein Haupt stützte, meinen brennenden Durst mitleidig stillte und mir
unaufhörlich versicherte, daß ich nicht sterben würde. Möge Gott mir bald
meine Gesundheit wieder geben, auf daß ich mein Blut für die Euren
vergießen kann.«

»Herr van Nieuwland,« entgegnete das Mägdelein, »Ihr habt Euer Leben für
meinen Vater gewagt; Ihr liebt ihn so treu wie ich; ziemte es mir da nicht,
Euch meine Dankbarkeit zu beweisen und für Euch wie für meinen Bruder zu
sorgen? Der Engel, den Ihr sahet, war der heilige Michael, den ich bat, daß
er Euch seine Hilfe leihe. -- Nun will ich geschwind Eure gute Schwester
Maria rufen; sie soll sich mit mir über Eure Besserung freuen.«

Sie verließ den Ritter und kam einige Augenblicke danach mit Maria ins
Gemach zurück. Ihre Freude über die Fortschritte in Adolfs Befinden sprach
aus ihren Zügen und ihrer ganzen Haltung. Ihre Bewegungen wurden rascher
und bestimmter; die Tränen waren versiegt, und der treue Vogel hörte wieder
heitere Worte. Sobald sie mit Maria in das Gemach zurückgekehrt war, hatte
sie den Falken vom Stuhl auf ihre Hand genommen und war mit ihm an Adolfs
Bett getreten.

»Mein teurer Bruder,« rief Maria und küßte ihn auf die bleiche Wange, »du
wirst gesund; nun werden die trüben Träume von mir weichen. O, wie bin ich
froh! Wie oft habe ich an deinem Bette in bittrem Herzeleid geweint, wie
oft glaubte ich, daß du sterben würdest, doch nun schwindet aller Gram.
Willst du trinken, Bruder?«

»Nein, gute Maria,« antwortete Adolf. »Nie habe ich in meiner Krankheit
Durst gelitten: hat mich doch die edelmütige Machteld gar fürsorglich
gelabt! Sobald ich nur zum heiligen Kreuz[18] wandern kann, soll mein Gebet
den Segen Gottes auf sie niederflehen, auf daß ihr nie ein Unglück
widerfahren möge.«

    [18] Ein Dorf in geringer Entfernung von der Stadt Brügge. Es war
    dort eine berühmte Kapelle zum heiligen Kreuze.

Inzwischen erzählte Machteld eifrig flüsternd ihrem Falken von der
erfreulichen Besserung. Als der Vogel seine Gebieterin so fröhlich sah,
schüttelte er sein Gefieder, als rüstete er sich zur Jagd.

»Treuer Vogel,« sagte das Mägdelein, indem es des Falken Kopf Adolf
zuwandte, »sieh, nun wird Herr van Nieuwland gesund, den wir so lange in
tiefem Schweigen daliegen sahen. Nun können wir zusammen sprechen und
werden nicht mehr so im Dunkeln sitzen. Unsere Furcht entschwand, und so
wird auch aller Kummer entweichen, denn nun wirst du wohl inne, daß Gott
gütig und gerecht ist. Ja, mein schöner Falke, so endet wohl auch dereinst
die bittere Gefangenschaft von ...«

Hier merkte Machteld, daß sie fast etwas gesagt hätte, was der kranke
Ritter nicht wissen sollte. Aber brach sie auch kurz ab, das Wort
»Gefangenschaft« erklang befremdend in Adolfs Ohr. Auch die Tränen, die er
bei seinem Erwachen auf des Mägdeleins Wangen bemerkt hatte, erfüllten ihn
nun mit banger Ahnung.

»Was sagt Ihr, Machteld?« rief er, »von wessen Gefangenschaft sprecht Ihr?
Ihr weint! Himmel, was ist Euch widerfahren?«

Machteld durfte nicht antworten; aber Maria lenkte geschickt ein und
flüsterte ihm ins Ohr:

»Sie meint die Gefangenschaft ihrer Tante Philippa; sprich nicht mehr
darüber; denn sie weint unaufhörlich. Da es dir nun besser geht, kann ich
bald Wichtiges mit dir besprechen, wenn Meister Rogaert es erlaubt; aber
sie darf uns nicht hören, auch will ich erst Meister Rogaert erwarten. Nun
bleib' ruhig, lieber Bruder, ich will Machteld in ein anderes Zimmer
führen.«

Der Ritter ließ sein Haupt in die Kissen sinken und stellte sich, als ob er
ruhe. Alsbald wandte sich Maria zu Machteld und sprach:

»Kommt, laßt uns gehen; denn Adolf möchte ein wenig schlafen. Aus
Dankbarkeit gegen Euch spricht er zu viel.«

Das Mädchen folgte willig ihrer Freundin. Bald darauf trat der Wundarzt
Rogaert ein, und Maria führte ihn zu ihrem Bruder.

»Nun, Herr Adolf,« rief Rogaert und ergriff seine Hand, »ich sehe, es geht
gut. Nur keine Furcht, wir sind nun über den Berg. Ich brauche Eure Wunde
jetzt nicht zu verbinden. Trinkt nur reichlich von diesem Wasser und haltet
Euch so ruhig wie möglich. In weniger als einem Monat werden wir eine
Wanderung zusammen machen, wenn nicht ganz unvorhergesehene Rückfälle
eintreten. Da aber Euer Geist nicht so krank ist wie Euer Körper, so
gestatte ich, daß Fräulein Maria Euch von dem traurigen Ereignis berichtet;
aber bitte, Herr Adolf, erschreckt nur nicht und bleibt immer hübsch
ruhig.«

Maria hatte schon zwei Stühle herangeschoben und setzte sich mit Meister
Rogaert beim Kopfende des Bettes nieder. Der kranke Ritter betrachtete sie
voll gespannter Neugierde. Man konnte in seinen Zügen lesen, wie sehr es
ihm schon jetzt nahe ging.

»Laß mich erst ganz ausreden,« begann Maria, »unterbrich mich nicht und sei
vernünftig, lieber Bruder. -- Am Abend deines Mißgeschicks rief unser Graf
seine getreuen Lehnsleute zusammen und teilte ihnen mit, daß er nach
Frankreich reisen wolle, um dem König Philipp dem Schönen zu Füßen zu
fallen, und Gwijde von Flandern zog also mit den Edlen nach Compiègne; aber
dort wurden sie allesamt gefangen genommen, und nun wird unser Land von den
Franzosen beherrscht. Flandern untersteht Raoul von Nesle ...«

Dieser knappe Bericht ergriff den Ritter nicht so heftig, als man hätte
erwarten sollen. Er antwortete nicht und schien in tiefes Nachdenken
versunken.

»Ist das nicht traurig?« fragte Maria.

»O großer Gott!« seufzte Adolf, »welche holde Seligkeit hast du Gwijde
zugedacht, da er so viele Demütigungen hienieden erdulden muß! -- Aber sage
mir, Maria, ist auch der Löwe von Flandern gefangen?«

»Ja, lieber Bruder, Robrecht van Bethune sitzt zu Bourges in Berry gefangen
und Herr Wilhelm in Rouen. Von all den Edlen, die mit ihm beim Grafen
waren, ist nur einer diesem traurigen Schicksal entgangen -- der listige
Dietrich.«

»Nun begreife ich auch die abgebrochenen Worte und die Tränen der
unglücklichen Machteld. -- Ohne Vater, ohne Verwandte muß die Tochter des
Grafen von Flandern bei Fremden Zuflucht suchen!«

Hell funkelten seine Augen, sein Gesicht strahlte vor Begeisterung, und er
fuhr fort:

»Das teure Kind meines Fürsten und Gebieters ist mein Schutzengel gewesen!
Wohl ist sie jetzt verlassen, unglücklich, allen Verfolgungen ausgesetzt;
aber eingedenk der Wohltaten des Löwen werde ich über sie wachen wie über
ein Heiligtum. O, welch schöne, welch erhabene Aufgabe ward mir zuteil! Wie
ist mir nun das Leben wert, da ich es ganz der Dankbarkeit weihen kann.«

Nach kurzem, tiefem Nachdenken ward plötzlich sein Gesicht finster; flehend
blickte er den Arzt an und sprach:

»O Gott! wie quälend wird nun meine Wunde, wie unerträglich das
Krankenlager! Rogaert, werter Freund, o macht mich doch rasch gesund --
Gott wird's Euch vergelten, damit ich etwas für sie tun kann, die mich so
liebreich in meiner Krankheit gepflegt hat. Spart kein Geld, braucht die
köstlichsten Kräuter, die edelsten Arzneien, damit ich aus dem Bett komme,
denn hier werde ich fürder keine Ruhe mehr haben!«

»Aber, Herr van Nieuwland,« antwortete Rogaert, »die Heilung Eurer Wunde
läßt sich nicht beschleunigen, die Natur muß immer Zeit haben, die
Wundflächen wieder zu vereinigen. Geduld und Ruhe werden Euch mehr helfen
als alle Wundersteine. Aber wir wollten Euch noch mehr sagen. Wißt, daß die
Franzosen überall die Herren spielen und mit jedem Tag hochmütiger werden.
Bisher haben wir die junge Machteld noch ihren Augen entzogen, aber wir
fürchten, sie könnte doch einmal entdeckt werden, und dann kann es
geschehen, daß auch sie an Johanna von Navarra ausgeliefert wird.«

»Heiliger Himmel!« rief Adolf aus, »Ihr habt recht, Meister Rogaert, man
würde sie nicht schonen! Aber was tun? Welch Elend, so da zu liegen,
während sie meine Hilfe braucht!«

»Ich weiß einen Platz,« erwiderte Rogaert, »wo Machteld in Sicherheit sein
würde.«

»O, Ihr rettet mich aus der Verzweiflung, sagt rasch, wo das ist!«

»Meint Ihr nicht, Adolf, daß sie im Jülicher Lande bei ihrem Ohm Wilhelm in
aller Ruhe bleiben könnte?«

Bei dieser Frage erschrak der Ritter sichtlich. Sollte er Machteld in
fremde Lande ziehen lassen? Sollte er sich selbst in die Unmöglichkeit
setzen, ihr zu helfen, sie zu verteidigen? Dazu konnte er sich nicht
entschließen, da er sich doch schon innerlich vorgenommen hatte, Machteld
persönlich ihrem Vater zurückzugeben und sie vor jeder Kränkung zu
bewahren.

Er bot all seine Seelenkräfte auf, um einen anderen Weg zu finden, ohne daß
sie so weit von ihm fort mußte. Als er ihn gefunden glaubte, verklärte die
Freude sein Gesicht, und er entgegnete:

»Wahrlich, Meister Rogaert, dieser Ort scheint mir recht günstig; aber Ihr
sagt selbst, daß die französischen Banden über ganz Flandern verstreut
sind; deshalb wäre solche Reise für ein Edelfräulein wohl zu gefährlich.
Mit einem Geleit stände es noch ärger. Und sollte ich Jungfrau Machteld
allein mit einigen Dienern ziehen lassen? Nein! ich muß über sie wie über
mein Seelenheil wachen, denn Robrecht van Bethune wird von mir einst seine
Tochter zurückfordern.«

»Aber, Herr Adolf, erlaubt mir zu erwidern, daß Ihr die Jungfrau noch mehr
bloßstellt, wenn Ihr sie in Flandern haltet; denn wer soll sie beschirmen?
Ihr nicht, -- dazu seid Ihr nicht imstande. -- Die Herren der Stadt werden
es auch nicht tun, sie sind ja Frankreich ergeben. Was würde aus dem armen
Edelfräulein werden, wenn die Franzosen es entdeckten?«

»Ich habe ihren Beschirmer bereits gefunden,« antwortete Adolf, -- »Maria,
schick' bitte einen Knecht zu dem Zunftmeister der Wollenweber, er möchte
mich besuchen. Meister Rogaert, ich beabsichtige, unsere junge Edeldame
unter den Schutz der Gemeinde zu stellen. -- Findet Ihr den Einfall nicht
gut?«

»O ja, er ist nicht übel, aber es wird Euch nicht glücken; denn das Volk
ist aufgebracht gegen alles, was sich adlig nennt; man darf ihm damit nicht
kommen. -- Und eigentlich haben sie nicht so unrecht, Herr Adolf, denn die
meisten der Edelleute halten zu den Feinden und wollen die Rechte der
Gemeinden vernichten.«

»Das kann mich von meinem Vorhaben nicht abbringen, Meister Rogaert. Mein
Vater hat der Stadt Brügge viele Vorrechte verschafft, und der Zunftmeister
der Weber und seine Kameraden haben das nicht vergessen. Sollte es mir aber
dennoch mißglücken, so werden wir überlegen, wie wir die Jungfrau nach
Jülich bringen.«

Etwa eine halbe Stunde nach dieser Unterredung trat Meister De Coninck,
Obmann der Wollweber, in Adolfs Zimmer.

Ein langes Koller von braunwollenem Tuche, ohne Zierat oder Borten, also
gänzlich verschieden von der stolzen Kleidung der Edlen, wallte bis auf
seine Füße herab. Man sah, daß der Vorsteher der Weber absichtlich allen
Putz mied, um seinen niedrigen Stand anzuzeigen und so Hochmut mit Hochmut
zu beantworten; denn dieses wollene Wams umhüllte den mächtigsten Mann von
Flandern. Auf dem Haupte trug er eine flache Mütze, unter der seine Haare
einen halben Fuß lang über die Ohren fielen. Ein Gürtel hielt die weiten
Falten seines Kollers über den Hüften zusammen, und der Griff eines
Kreuzmessers blinkte an seiner Seite. Da er ein Auge verloren hatte, war
sein Antlitz nicht sehr einnehmend. Ungewöhnliche Blässe, vorstehende
Backenknochen und die gefurchte Stirn verliehen seinem Gesicht einen
sinnenden Ausdruck. Gewöhnlich fiel nichts Besonderes an ihm auf; wenn
aber etwas seine Aufmerksamkeit erregte, ward sein Blick durchdringend und
lebhaft; dann leuchtete sein kluger, männlicher Geist aus dem einzigen
Auge, das ihm noch geblieben war, und seine Haltung wurde trotzig und
stolz. Beim Eintreten betrachtete er wie ein mißtrauischer Fuchs die
Menschen im Zimmer und zumal Meister Rogaert; denn er merkte gleich, daß
dieser listiger war als die anderen.

»Meister De Coninck,« sprach Adolf, »wollet bitte näher treten. Ich habe
eine Bitte, die Ihr mir nicht abschlagen werdet; denn meine ganze Hoffnung
ruht auf Euch. Aber erst müßt Ihr mir geloben, das Geheimnis, welches ich
Euch anvertrauen will, niemandem zu entdecken.«

»Die Rechtfertigkeit und die Freundlichkeit des Herrn van Nieuwland sind
den Wollwebern noch unvergessen,« antwortete De Coninck, »deshalb mögen
Euer Edeln auf mich als einen dankbaren Diener rechnen. Sollte allerdings
Eure Bitte den Rechten des Volkes und der Gemeinde widersprechen, so würde
ich Euch raten, das Geheimnis für Euch zu behalten und nichts von mir zu
verlangen.«

»Seit wann,« rief Adolf etwas unwillig, »seit wann, Meister, haben die
Herren van Nieuwland Eure Rechte verkürzt? Ihr beleidigt mich.«

»Vergebt mir, Herr, wenn Euch meine Worte verletzt haben,« entgegnete De
Coninck; »es ist so schwer, die Guten von den Bösen zu unterscheiden, daß
man klüglich allen mißtraut. Gestattet mir eine Frage, um allen Zweifel in
mir zu zerstreuen: Ist Euer Edeln ein Leliaert?«

»Ein Leliaert?« fuhr Adolf entrüstet auf, »nein, Meister De Coninck, in mir
pocht ein Herz, das allen Franzosen feind ist; meine Bitte an Euch sollte
gerade gegen sie gerichtet sein.«

»O Herr, dann sprecht frei heraus, ich stehe zu Euren Diensten.«

»Schön. Also Ihr wißt, daß unser Graf Gwijde mit all' seinen Edlen gefangen
ist; noch aber ist jemand in Flandern verblieben, die, aller Hilfe, alles
Beistands bar, des Mitleids der Vlaemen um ihres Unglücks und ihrer edlen
Abkunft willen wert ist.«

»Ihr sprecht von Jungfrau Machteld, der Tochter des Herrn van Bethune,«
fiel De Coninck ein.

»Woher wißt Ihr das?« fragte Adolf erstaunt.

»O, ich weiß noch mehr. So heimlich habt Ihr Machteld nicht in Eure Wohnung
bringen können, daß De Coninck es nicht gewußt hätte, und sie würde sie
auch nicht ohne mein Wissen verlassen haben. Aber seid nur ruhig; ich kann
Euer Edeln versichern, daß nur wenige Personen in Brügge außer mir um
dieses Geheimnis wissen.«

»Meister, Ihr seid ein wunderlicher Mann; doch Euer Edelmut bürgt mir
dafür, daß Ihr die junge Tochter des Löwen von Flandern gegen die Gewalt
der Franzosen beschützen werdet, falls es nötig wäre.«

De Coninck entstammte wohl dem Volke, aber er war einer jener seltenen
Geister, die durch Verstand und Einsicht die geborenen Beherrscher ihrer
Mitmenschen sind. Kaum hatten die Jahre seine Gabe zur Reife gebracht, da
rüttelte er seine Brüder aus ihrem trägen Schlummer, überzeugte sie von der
Macht der Einigkeit und erhob sich mit ihnen wider die Zwingherren. Die
wollten freilich das Erwachen ihrer einstigen Sklaven gewaltsam hindern,
doch vergeblich: De Conincks Beredsamkeit hatte den Geist seiner Brüder so
hoch gestimmt, daß sie kein Joch mehr tragen mochten. Wurden sie dennoch
bisweilen mit bewaffneter Hand unterdrückt, so beugten alle demütig den
Nacken, und De Coninck tat, als ob ihm Sprache und Verstand fehle; aber
sein rastloser Geist ruhte nicht: Kaum hatte er den Mut seiner Brüder in
der Stille wieder gestählt, so standen sie vereint gegen die Bedrücker auf,
und die Gemeinde erlangte wieder ihre Freiheit. Alle politischen Pläne der
Edelleute zerstoben vor De Conincks Geist, und durch ihn sahen sie all ihre
Rechte auf das Volk schwinden, ohne es hindern zu können. Entschieden hat
De Coninck mit am meisten das Verhältnis der Edlen zum Volke umgestaltet;
all sein Planen galt lediglich der Erhebung eines Volkes, das so lange in
der niederen Knechtschaft der Lehensherren geschmachtet hatte.

Als Adolf van Nieuwland die junge Machteld seinem Schutz anvertraute, da
lächelte er befriedigt, denn das war ja ein Triumph des Volkes, welches er
vertrat. Er berechnete die Vorteile, die ihm bei der Ausführung des großen
Befreiungsplanes aus der Gegenwart des durchlauchtigsten Edelfräuleins
erwachsen konnten.

»Herr van Nieuwland,« antwortete er, »Eure Bitte ehrt mich sehr. Alles soll
zum Schutz eines so edlen Sprosses geschehen.« Und um die Bedeutung des
Volkes noch mehr zu unterstreichen, fügte er hinzu:

»Aber sie könnte von hier entführt werden, noch ehe ich ihr zu Hilfe kommen
kann.«

Das erzürnte Adolf sehr, denn er schloß daraus, daß der Obmann nicht so
recht bei der Sache war. Deshalb erwiderte er:

»Wenn Ihr uns nicht tatkräftig helfen könnt, Meister, so ratet mir bitte,
was man am besten zum Schutze der Tochter unseres Landesherrn tun könnte.«

»Die Weberzunft ist stark genug, um das Edelfräulein vor allem Unheil zu
bewahren,« antwortete De Coninck listig; »ich kann Euch versichern, sie
würde hier in Brügge ebenso sicher wie in Deutschland wohnen können, wenn
ich sie beraten dürfte.«

»Aber wer hindert Euch daran?« fragte Adolf.

»O Herr, ein geringer Bürger kann nicht so ohne weiteres über seine
Landesherrin verfügen; sollte es ihr aber belieben, künftig meinem Rate zu
folgen, so könnte ich für sie einstehen.«

»Ich verstehe Euch nicht recht, Meister. Was verlangt Ihr denn von der
Jungfrau? Ihr wollt sie doch nicht anderswohin bringen?«

»O nein; -- aber sie dürfte sich nicht ohne mein Wissen auf die Straße
begeben, sich auch nicht weigern, auszugehen, wenn ich es für nötig halte.
Übrigens soll es Euch freistehen, mir diese Vollmacht zu entziehen, sobald
Ihr an meiner Aufrichtigkeit zweifelt.«

Da De Coninck in Flandern für einen der verständigsten Männer galt, so nahm
Adolf an, daß sein Verlangen von Vorsicht diktiert war, und gestand ihm
deshalb alles zu, unter der Bedingung, daß er persönlich für die Jungfrau
einstehe. Der Obmann machte alsdann darauf aufmerksam, daß er die edle
Machteld nicht kannte, und deshalb wurde sie von Maria herbeigeholt.

De Coninck verbeugte sich tief und demütig vor ihr; das Mägdelein aber
betrachtete ihn erstaunt, denn es wußte nicht, wer er war. Da hörte man
plötzlich Lärm auf dem Gang, als ob zwei Menschen sich stritten.

»So wartet doch!« rief einer von ihnen, »ich will gehen und fragen, ob Ihr
eintreten dürft.«

»Was?« rief eine andere noch gewaltigere Stimme, »Ihr wollt die Fleischer
fernhalten, während die Weber zugelassen werden? Rasch, macht Platz, oder
Ihr werdet es bereuen!«

Die Tür ging auf, und ein junger kräftig gebauter Mann mit stolzen Zügen
trat ins Zimmer. Er trug ein Koller wie De Coninck, nur war es
geschmackvoller verziert. Ein großes Kreuzmesser steckte in seinem Gürtel.
Als er in das Zimmer trat, warf er sein langes blondes Haar zurück und
blieb verblüfft an der Tür stehen. Er hatte geglaubt, den Obmann der Weber
mit einigen seiner Genossen zu finden. Als er jetzt aber diese herrliche
Jungfrau und vor ihr De Coninck in demütiger Haltung erblickte, wußte er
nicht, was er denken sollte. Doch ließ er sich weder hierdurch, noch durch
Meister Rogaerts forschende Blicke außer Fassung bringen. Er entblößte
sein Haupt, verbeugte sich hastig vor allen anwesenden Personen und ging
stracks auf De Coninck zu. Dem klopfte er freundschaftlich auf die Schulter
und meinte:

»Meister Peter, ich suche Euch schon seit zwei Stunden in der ganzen Stadt,
aber ich konnte Euch nirgends finden. Ihr wißt ja noch nicht, was vorgeht,
was ich Euch für Nachrichten bringe.«

»Nun, was gibt es denn, Meister Breydel?« fragte De Coninck ungeduldig.

»Starrt mich doch nicht so mit Eurem grauen Auge an,« rief Jan Breydel,
»denn Ihr wißt wohl, daß ich mich vor Eurem Katzenblick nicht fürchte. Doch
einerlei -- wisset denn, König Philipp der Schöne und die verfluchte
Johanna von Navarra kommen morgen nach Brügge. -- Und die sauberen Herren
vom Magistrat haben hundert Weber, vierzig Fleischer, und ich weiß nicht
wie viele noch zum Herrichten von Triumphbogen, Wagen und Schafotten
verlangt.«

»Und was besagt denn das so Außerordentliches, daß Ihr so lauft?«

»Wie, Meister! -- was das besagt? Mehr, als Ihr denkt; denn nicht ein
einziger Fleischer mag helfen, und dreihundert Weber warten auf Euch vor
dem Pand[19]. Was mich betrifft, so sollen sie nur warten, bis ich mich für
die rühre. Die Goedendags[20] stehen bereit, die Messer sind geschliffen.
Ihr wißt wohl, was das bei meiner Zunft besagen will.«

    [19] Die Zünfte hatten besondere Gebäude, wo sie sich
    versammelten und ihr Festgerät, wie Standarten usw., bewahrten.
    Dies nannte man »Pand«.

    [20] Sprich: Gutentags. -- Die Vlaemen hatten eine fürchterliche
    Waffe, die sie mit großer Behendigkeit zu gebrauchen wußten. Es
    waren lange Speere, mit einer eisernen Spitze versehen. Sie
    hatten sie aus Scherz »Goedendags« genannt, was so viel
    bedeutete, als daß sie den Feind damit tüchtig begrüßen konnten.

Die Anwesenden lauschten neugierig den ungezwungenen Worten des Fleischers.
Seine Stimme war angenehm und wohlklingend, ohne die Weichheit einer
Frauenstimme. De Coninck bedachte, daß Breydels Vorhaben heikel war und
antwortete daher:

»Meister Jan, ich komme mit; wir werden unter uns die nötigen Maßnahmen
treffen. Erst aber erkennet in dieser edlen Jungfrau die Tochter von
unserem Herrn Robrecht van Bethune!«

Breydel warf sich bestürzt vor Machteld auf die Knie, blickte zu ihr auf
und rief:

»O meine durchlauchtigste Gebieterin! vergebt mir die unbesonnenen Worte,
die ich ahnungslos vor Euch sprach. Die edle Tochter des Löwen von
Flandern, unseres Herrn, möge es einem geringen Bürger nachsehen.«

»Steht auf, Meister,« antwortete Machteld freundlich. »Eure Worte haben
mich nicht verletzt; denn Liebe zum Vaterland und Haß gegen unsere Feinde
gaben sie Euch ein. Ich danke Euch für Eure Treue.«

»Gnädige Gräfin,« sprach Breydel, und stand auf, »Euer Edeln können nicht
glauben, wie sehr ich die Snakkers[21] und Leliaerts hasse! O, könnte ich
das Leid rächen, das dem Hause von Flandern angetan wurde, -- o, könnt'
ich's doch! Aber der Obmann der Wollenweber kommt mir immer dazwischen.
Vielleicht hat er recht, denn aufgeschoben ist nicht aufgehoben; aber ich
kann kaum an mich halten. Morgen kommt die falsche Königin von Navarra nach
Brügge: Gott wende meinen Sinn, sonst sieht sie ihr verhaßtes Frankreich
nicht wieder.«

    [21] Wenn die Brügger kamen, um ihre Steuern zu bezahlen, wurden
    sie von den französischen Beamten barsch angefahren. Sie nannten
    die Scheltworte: »de Snakkers«. Die Brücke, an der das Zollhaus
    stand, heißt noch heute die »Snaggaartsbrücke«.

»Meister,« sprach Machteld, »wollt Ihr mir etwas versprechen?«

»Ich Euch etwas versprechen, edle Dame? Wie gütig sprecht Ihr doch zu Eurem
unwürdigen Diener! Ein Gedanke von Euch soll mir ein heiliges Gebot sein,
durchlauchtige Jungfrau!«

»Gut; ich wünsche, daß Ihr während der Anwesenheit Eurer neuen Fürsten die
Ruhe nicht stört.«

»Es soll geschehen,« sagte Breydel betrübt, »ich hätte lieber gehört, daß
Ihr meinen Arm und mein Messer braucht. Aber was nicht ist, kann noch
werden!«

Dann beugte er nochmals ein Knie vor der jungen Machteld und fuhr fort:

»Ich bitte, ich beschwöre Euch, edle Tochter des Löwen, vergeßt Euren
Diener Breydel nicht, falls Ihr jemals mutiger Männer bedürfet. Die
Fleischerzunft wird ihre Goedendags und ihre Messer Euch zu Diensten
geschliffen halten.«

Das Mädchen erschrak nicht wenig über dies blutige Anerbieten; aber der
junge Mann gefiel ihr sehr.

»Meister,« entgegnete sie, »ich werde meinen Herrn und Vater, wenn ihn mir
Gott zurückgibt, von Eurer Treue in Kenntnis setzen; ich kann Euch nur
meiner Dankbarkeit versichern.«

Bei diesen Worten stand der Obmann der Fleischer auf und zog De Coninck am
Arm mit sich fort. Nachdem beide das Zimmer und das Nieuwlandsche Haus
verlassen hatten, plauderten die Zurückbleibenden noch lange über den
unerwarteten Besuch.

Als die beiden auf der Straße waren, begann De Coninck:

»Meister Jan, Ihr wißt, der Löwe von Flandern war immer ein Freund des
Volkes; deshalb ist es unsre Pflicht, seine Tochter wie ein Heiligtum zu
hüten.«

»Still,« sprach Breydel, »der erste Franzose, der sie unfreundlich ansieht,
soll mit meinem Kreuzmesser Bekanntschaft machen. Aber, Meister Peter, wäre
es nicht besser, wenn wir die Tore schlössen und Johanna nicht in die Stadt
ließen? Alle Fleischer stehen bereit; die Goedendags stehen hinter der Tür,
und auf den ersten Ruf sind die Leliaerts ...«

»Hütet Euch wohl, Gewalttätigkeiten zu begehen,« unterbrach De Coninck.
»Es ist überall Sitte, seinen Landesherrn prunkvoll zu empfangen -- das
kann also die Gemeinde nicht entehren. Es ist besser, die Kräfte für
wichtige Unternehmungen aufzusparen. Das Vaterland wimmelt von
französischen Kriegsknechten, und wahrscheinlich würden wir gegen sie den
kürzeren ziehen.«

»Aber, Meister, das dauert schon zu lange. Wir wollen lieber den Knoten mit
einem guten Messer durchschneiden, statt ihn so langsam zu lösen. Ihr
versteht --!«

»O ja, aber der Plan ist schlecht. Das beste Messer ist die Vorsicht,
Breydel. Es schneidet zwar langsam, aber es wird nie stumpf und bricht auch
nicht. -- Wozu wollt Ihr denn die Tore schließen? Nichts ist damit
gewonnen. Ich will Euch einmal etwas sagen: Laßt das Unwetter sich ruhig
verziehen, laßt die Kriegsknechte mählich nach Frankreich zurückkehren,
gebt den Französlingen und Leliaerts ein wenig nach, damit ihre Wachsamkeit
nachläßt.«

»Nein,« warf Breydel ein, »unmöglich. -- Schon werden sie herrisch,
beginnen zu drohen; sie berauben die Bauern ihrer Freiheit und behandeln
uns Bürger wie Sklaven.«

»Desto besser, Meister Jan, desto besser!«

»Desto besser! was soll das heißen? Geht, Meister! Habt Ihr den Mantel
gedreht, wollt Ihr uns mit Eurer Fuchsesschläue verraten? -- Fast scheint
es mir, als wenn Ihr mit der Zeit etwas nach Lilien röchet!«

»Nein, nein, mein Freund Jan! Bedenkt nur wie ich, daß die Befreiung um so
schneller naht, je mehr die Erbitterung steigt. Würden sie ihr Tun
beschönigen, mit scheinbarer Gerechtigkeit herrschen, dann würde das Volk
im Joch entschlummern und das Gebäu unserer Freiheit sänke für immer dahin.
Seht, die Tyrannei der Herrscher brütet die Freiheit des Volkes wie eine
Henne aus. Sollten sie aber wagen, die Vorrechte unserer Stadt anzutasten,
so wäre ich der erste, der Euch zum Widerstand ermunterte -- aber auch dann
noch nicht zur offenen Gewalt. Es gibt andere Waffen, die sicherer
arbeiten.«

»Meister,« gestand Jan Breydel zu, »ich verstehe jetzt, Ihr habt immer
recht, als ständen Eure Worte auf Pergament. Aber es fällt mir sehr schwer,
die kecken Franzosen so lange zu ertragen; lieber noch wäre ich sarazenisch
als welsch[22]. Doch Ihr sagt ganz richtig: je mehr ein Frosch sich
aufbläst, desto eher platzt er. Ich muß zugeben: im Verstand sind uns die
Weber über.«

    [22] In dieser Zeit bezeichnete man das französische Volk mit dem
    Namen »Walen«. Diese Bezeichnung ist aus dem französischen Wort
    »Gaulois« gebildet worden. Anscheinend haben die Walen ihren
    Namen auf diese Weise erhalten. Jakob von Maerlant, ein Dichter
    des 13. Jahrhunderts, nennt die französischen Dichter »welsche,
    falsche Poeten«.

»Gut, Meister Breydel, und in Mut und Kühnheit die Fleischer. Gehen beide
Tugenden, Vorsicht und Mut, bei uns stets Hand in Hand, dann wird es den
Franzosen an Zeit fehlen, uns in Ketten zu schlagen.«

Der Obmann der Fleischer lachte laut und zufrieden über die Schmeichelei.
»Ja,« meinte er, »in meiner Zunft gibt's tapfere Leute, Meister Peter. Und
die Welschen sollen das merken, wenn der bittere Apfel reif ist. Aber da
fällt mir ein: wie wollt Ihr die Tochter des Löwen, unseres Herrn, den
Augen der Königin entziehen?«

»Ich werde sie ihr im Sonnenlicht zeigen.«

»Wie, Meister? Jungfrau Machteld Johanna von Navarra zeigen? Mir scheint,
Ihr redet irre! Seid Ihr auf den Kopf gefallen?«

»Keineswegs! Morgen, beim Einzug der fremden Herrschaften, sollen alle
Weber unter Waffen sein; Ihr werdet an der Spitze der Fleischer stehen. Was
können die Welschen dann ausrichten? Nichts natürlich. Schön. Dann stelle
ich Jungfrau Machteld in die vorderste Reihe, damit Johanna von Navarra sie
bestimmt bemerkt. So erfahre ich auch zugleich, was die Königin im Sinne
hat, und was wir für Machteld zu befürchten haben.«

»Recht so, Meister Peter! Ihr habt zu viel Verstand für einen sterblichen
Menschen! Ich werde die Tochter des Löwen bewachen und habe nur den einen
Wunsch, daß ein Franzose sie beleidigt, denn es juckt mir gewaltig in den
Fäusten. Aber heute muß ich noch nach Lijseele gehen und Hornvieh kaufen,
so lange werdet Ihr über die junge Gräfin wachen.«

»Nun seid nur ruhig, Freund Jan, und laßt Euer Blut nicht zu arg kochen.
So, da sind wir ja am Weber-Pand.«

Wie Breydel gesagt hatte, standen dort unzählige Weber vor der Tür. Alle
hatten sie Wämser und Mützen genau wie ihr Obmann. Hie und da hatte wohl
ein junger Gesell längeres Haar und mehr Verzierungen am Rocke, aber
schlimm war das nicht, denn allzu viel Eitelkeit war bei der Zunft nicht
gestattet.

Jan Breydel sprach noch leise ein paar Worte mit De Coninck und verließ ihn
dann ganz befriedigt.

Beim Nähern ihres Obmannes löste sich die Schar der Weber; sie entblößten
ehrerbietig das Haupt und folgten ihm in die Herberge.




VII.


Die Leliaerts hatten ungewöhnliche Anstalten zum Schmucke der Stadt
getroffen; sie hofften sich dadurch die Gunst des neuen Fürsten zu
erringen. Alle Zunftgesellen hatten an der Errichtung der Triumphbögen
mitgearbeitet; mit Geld war nicht gespart worden; die reichsten Stoffe
waren aus den Läden hervorgesucht und an den Giebeln der Häuser aufgehängt
worden; auch viele junge Bäume hatte man abgehauen und in den Straßen
aufgestellt. Am andern Morgen um zehn Uhr war alles fertig.

In der Mitte des großen Marktes hatte die Zunft der Zimmerleute ein
prachtvolles, mit blauem Sammet überzogenes Schaugerüst errichtet. Darauf
standen Sessel mit goldenen Borden und gestickten Kissen und daneben zwei
Standbilder, der Friede und die Macht, die Kronen aus Lorbeer- und
Ölzweigen über die Häupter Philipps des Schönen und Johannas von Navarra
halten sollten. Leichte Behänge schmückten den Thron, und der Markt war
rings mit reichen Teppichen belegt. Am Eingang der Steinstraße ragten vier
marmorne Fußsäulen; auf jeder stand ein Posaunenbläser in Engelskleidung,
mit langen Flügeln und purpurnem Gewand. Gegenüber der großen Fleischhalle
in der Frauenstraße war ein prächtiger Triumphbogen mit gotischen Pfeilern
errichtet worden. Ob der Wölbung hing das Wappen von Frankreich auf
purpurnem Grunde, weiter unten an Pfeilern die Schilde von Flandern und
Brügge. Überall an den Leisten waren Sinnbilder angebracht, um dem fremden
Gebieter zu schmeicheln. Hier kroch Flanderns schwarzer Löwe vor einer
Lilie, dort waren die Sterne des Himmels mit Lilien vermengt, kurz lauter
plattes Zeug, das die Bastardvlaemen erdacht hatten.

Wäre Jan Breydel nicht durch den Obmann der Weber zurückgehalten worden, so
hätten die unwürdigen Darstellungen das Volk nicht lange erbittert; so aber
verhehlte er seinen Ärger und beschaute alles mit finsterer Ruhe. De
Coninck hatte ihm begreiflich gemacht, daß der rechte Augenblick noch nicht
gekommen war.

Die Kathelinenstraße war ihrer ganzen Länge nach mit schneeweißer Leinwand
und langen Laubkränzen behangen. Willkommensprüche schmückten die Häuser
der Leliaerts. Auf kleinen viereckigen Ständern brannte allerlei Rauchwerk
in prächtig getriebenen Vasen und junge Mägdelein streuten Blumen auf die
Straßen. -- Das Kathelinentor, durch das die Fürsten in die Stadt einziehen
mußten, war von außen mit kostbarem Scharlach behangen. Sinnbilder
schmeichelten den Fremden und entehrten den Löwen, das siegreiche Zeichen
früherer Geschlechter. Acht Trompeter standen neben dem Tor auf dem Wall,
um den Willkomm zu blasen und die Fürsten anzukündigen. Auf dem großen
Markte standen die Zünfte mit ihren Goedendags in Reihe und Glied längs der
Häuser. De Coninck lehnte sich mit dem rechten Flügel der Weber an den
Eiermarkt; Breydel mit der Fleischerzunft stand zur Steinstraße hin; die
anderen Zünfte verteilten sich in kleineren Gruppen auf der anderen Seite.
Die Leliaerts und vornehmsten Edlen der Stadt hatten sich unter der Halle
auf einem prächtigen Gerüst versammelt.

Gegen elf Uhr kündeten die Trompeter auf den Wällen die Ankunft der
Herrschaften an, und endlich betrat der königliche Zug durch das
Kathelinentor die Stadt. Voraus ritten vier Herolde auf schönen weißen
Pferden; an ihren Trompeten hingen die Banner Philipps des Schönen, ihres
Gebieters, mit goldenen Lilien auf blauem Felde. Sie bliesen einen schönen
Marsch und entzückten die Zuhörer durch den Zusammenklang der Töne.

Zwanzig Schritt dahinter ritt König Philipp der Schöne hoch zu Roß einher.
Keiner von allen Rittern, die ihn begleiteten, konnte ihn an Schönheit
übertreffen; schönes schwarzes Haar fiel in leichten Locken auf seine
Schultern nieder und spielte schmeichelnd um seine zarten Wangen, auf die
ein Weib hätte stolz sein können. Die gebräunte Farbe seines weichen
Gesichts verlieh ihm einen männlichen Ausdruck; sein Lächeln war sanft und
seine ganze Erscheinung sehr einnehmend. Die hohe, schöne Gestalt und die
edle Haltung machten ihn zum vollkommensten Ritter seiner Zeit. Deshalb
wurde er denn auch in ganz Europa le Bel >der Schöne< genannt. -- Seine
Kleidung war reich mit Gold und Silber gestickt und doch nicht überladen.
Überhaupt empfand man, daß feinster Geschmack, nicht Eitelkeit den
Ausschlag gab. Der versilberte Helm auf seinem Haupte war mit einem großen
Federbusch geschmückt, der bis auf den Rücken seines Pferdes herabhing.

Neben ihm ritt seine Gemahlin, die stolze Johanna von Navarra. Sie saß auf
einem falben Zelter und war ganz mit Gold und Edelsteinen beladen. Ein
langes Reitkleid von Goldstoff, das eine silberne Schnur auf der Brust
zusammenfaßte, fiel in schweren Falten bis auf die Erde und schillerte
lebhaft in tausendfältigem Glanz. Perlen, Knöpfe und Eicheln aus den
kostbarsten Stoffen hingen im Übermaß an ihr und ihrem Zelter. Man konnte
in den Zügen der hochmütigen, eitlen Fürstin lesen, daß dieser siegreiche
Einzug ihrem stolzen Herzen schmeichelte. Sie blickte mit hochfahrender
Aufgeblasenheit auf das überwundene Volk, das in den Fenstern, auf den
Brunnen, ja sogar auf den Dächern stand, um den Zug sehen zu können.

An der andern Seite des Königs ritt sein Sohn Ludwig Hutin. Der junge Fürst
war trotz seiner hohen Stellung demütig und gutartig; Wohlwollen für seine
neuen Untertanen strahlte von seinem Gesicht, und die Bürger sahen ihn
stets freundlich lächeln. Er besaß die guten Eigenschaften seines Vaters,
nichts von den häßlichen Wesenszügen seiner Mutter.

Dicht hinter dem König kamen einige Schildknappen, Pagen und Hofdamen, dann
folgte ein langer Zug prächtig gekleideter Ritter, darunter die Herren
Enguerrand von Marigny, Châtillon, Saint-Pol, de Nesle, de Nogaret und
andere. Die königliche Standarte und eine Menge kleiner Fahnen flatterten
lustig über den edlen Rittern.

Schließlich kam noch ein Trupp Leibwachen, wohl dreihundert Mann, alle zu
Pferde, von Kopf bis zu Füßen in Eisen. Lange Speere ragten wohl zwanzig
Fuß über die Schar empor; sie hatten Helme, Harnische, Waffenröcke, Schilde
und eiserne Handschuhe, auch die schweren Pferde waren mit Eisenplatten
bedeckt.

Die vielen Bürger, deren Scharen überall standen, betrachteten den Zug in
feierlichem Schweigen. Kein einziger Willkommengruß ertönte aus ihren
Reihen, keinerlei Freude tat sich kund. Durch diesen kalten Empfang fühlte
sich Johanna von Navarra schwer gekränkt, und ihre Erbitterung stieg, als
sie bemerkte, daß viele Augen ohne jede Ehrerbietung auf ihr ruhten, und
daß manch verächtliches Lächeln ihr den Haß der Vlaemen gegen sie bezeigte.

Sobald der Zug zum Markt kam, setzten die beiden Engel auf den Marmorsäulen
ihre Posaunen an und bliesen ihren Willkomm, daß es über den ganzen Platz
schallte. Dann stimmten die Herren vom Magistrat mit einigen anderen
Leliaerts den Ruf an: »Hoch Frankreich! Es lebe der König! Es lebe die
Königin!«

Die stolze Johanna kochte innerlich vor Wut, als sie auch nicht einen
Einzigen aus dem Volk oder den Zünften rufen hörte. Alle Bürger standen
regungslos da, nicht das kleinste Zeichen von Ehrerbietung oder Freude ward
laut[23]. Die zornige Königin verbiß vorerst ihren Grimm, und nur ihr
Gesicht verriet ihre Mißstimmung.

    [23] Als Philipp seinen Einzug in Brügge hielt, verwunderte er
    sich darüber, daß ihn die Einwohner ohne jedes Zeichen von Freude
    empfingen. (Brügger Jahrbücher.)

Etwas abseits vom Throne befand sich eine Schar Edeldamen auf auserlesenen
Zeltern. Um die Königin Johanna mit geziemender Pracht zu empfangen, hatten
sie sich so reich mit Juwelen und kostbarem Schmuck behangen, daß das Auge
den Glanz kaum ertragen konnte. Machteld, die schöne junge Tochter des
Löwen von Flandern, war ganz vorn und fiel der Königin zuerst in die Augen.

Ein langer spitzer Hut von gelber Seide und rotsammeten Bändern saß leicht
auf ihrem Kopf; darunter fiel ein Tuch von feinstem Linnen über Wangen,
Hals und Schultern bis zur Mitte des Rückens hernieder. An einem goldenen
Knopf, oben auf dem Hut, hing ein durchsichtiger, mit tausend goldenen und
silbernen Punkten durchwirkter Schleier; ihr Obergewand war vorn offen und
ließ einen Latz von blauem Sammet mit silbernen Schnüren hervorschauen; es
reichte nur bis an die Knie und war von dem kostbarsten Goldstoff.
Darunter kam ein grünes Atlasgewand hervor, das lang, in reichen Falten bis
zur Erde niederhing. Lieblich schimmerte dies reiche Gewand, denn bei jeder
Bewegung änderte es die Farbe: bald schien es im Sonnenlichte wie feinstes
Gold in gelbem Glanze zu erstrahlen, bald wieder ward es grün, bald blau.
Auf der Brust der jungen Edeldame an einer kostbaren Perlenschnur, blinkte
eine Platte von geschlagenem Gold, die den schwarzen Löwen von Flandern,
kunstvoll in Achat geschnitten, umfaßte. Ein goldener Schuppengürtel mit
seidenen und silbernen Fransen zeigte einen Verschluß aus zwei Rubinen. Das
Geschirr des Zelters, der die liebliche Jungfrau trug, war auch über und
über mit goldenen und silbernen Plättchen und beweglichen Eicheln verziert.
Ebenso kostbar und prächtig waren auch die anderen Frauen gekleidet.

Die Königin von Navarra kam mit dem ganzen Zuge langsam angeritten und
richtete den Blick mit unwilliger Neugierde auf diese Frauen, die so im
Sonnenlicht glänzten. Als sie sich ihnen auf eine bestimmte Entfernung
genähert hatte, ritten ihr die Edeldamen mit vielem Anstand entgegen und
bewillkommneten ihre neue Fürstin mit manch höflichem Gruße. Nur Machteld
schwieg und betrachtete Johanna ernst; es war ihr nicht möglich, die Frau
zu ehren, die ihren Vater hatte in den Kerker werfen lassen. Ihr Grimm war
deutlich auf ihrem Gesicht zu lesen; Johanna bemerkte es. Hochmütig blickte
sie auf Machteld, um sie einzuschüchtern; aber sie täuschte sich, denn die
Jungfrau senkte ihre Augenlider nicht und sah die grimmige Königin stolz
an. Diese war schon durch die ungewohnte Pracht der Edeldamen erregt, nun
konnte sie nicht länger an sich halten, wandte mit sichtlichem Ärger ihren
Zelter um und rief, mit dem Kopf auf die Damen weisend:

»Seht, meine Herren, ich glaubte allein Königin in Frankreich zu sein; aber
fast dünkt mich, die Vlaemen, die in unseren Gefängnissen liegen, sind
allesamt Prinzen, da ich ihre Frauen hier gekleidet sehe wie Königinnen und
Prinzessinnen.«

Sie hatte das so laut gerufen, daß alle umstehenden Ritter, ja, selbst
einige Bürger es verstanden. Mit schlecht verhehltem Mißvergnügen fragte
sie den Ritter, der ihr folgte:

»Herr von Châtillon, was ist das nur für eine trotzige Jungfrau hier vor
mir mit dem Löwen von Flandern auf der Brust? Was bedeutet das?«

Châtillon ritt heran und antwortete:

»Es ist die Tochter des Herrn van Bethune, sie heißt Machteld.«

Dabei legte er seinen Finger auf den Mund, um der Königin Verstellung und
Schweigen anzuraten. Sie verstand und gab ihre Zustimmung durch ein Lächeln
zu erkennen, ein Lächeln voll grausamer Falschheit und häßlicher Rachsucht.

Wer in diesem Augenblick den Vorsteher der Weber beobachtete, der konnte
sehen, wie starr sein einziges Auge auf die Königin gerichtet war; kein
Fältchen war auf ihrer Stirn erschienen und verschwunden, das De Coninck
nicht bemerkt hätte. In ihren wechselnden Zügen hatte er ihren Zorn, ihre
Absichten und Pläne gelesen. Schon wußte er, daß Châtillon der Vollstrecker
ihrer Befehle sein sollte, und sann sofort auf Mittel, der List und Gewalt
dieser Feindin zu begegnen.

Bald darauf stieg das Fürstenpaar ab und nahm auf dem Schaugerüst Platz.
Die Edelknaben und Hofdamen stellten sich in zwei Reihen auf die Stufen,
die edlen Ritter scharten sich hoch zu Roß um das Gerüst. Als alle die
bestimmten Plätze eingenommen hatten, traten die Herren vom Magistrat mit
den Jungfrauen als den Vertreterinnen der Stadt Brügge vor und überreichten
auf einem kostbaren Sammetkissen die Schlüssel der Stadt. Gleichzeitig
stießen die Engel wieder in ihre Posaunen, und die Leliaerts riefen
abermals: »Es lebe der König! Es lebe die Königin!«

Totenstille herrschte unter den Bürgern; sie schienen sich absichtlich so
ruhig zu verhalten, um ihre Unzufriedenheit um so deutlicher zu zeigen,
und erreichten auch vollkommen ihren Zweck; denn Johanna bedachte schon in
ihrem beleidigten Herzen, wie sie am besten diese unehrerbietigen
Untertanen bestrafen und ducken könnte.

König Philipp der Schöne empfing in seiner Sanftmut den Magistrat mit
größtem Wohlwollen und gelobte, für die Wohlfahrt Flanderns nach
Möglichkeit zu sorgen. Dieses Versprechen war aufrichtig gemeint. Er war ja
ein edelmütiger Fürst und ehrenhafter Ritter und hätte vielleicht in
Frankreich wie in Flandern seine Untertanen glücklich gemacht, wenn nicht
zwei Ursachen die Ausführung seiner guten Vorsätze verhindert haben würden.
Die erste und schlimmste war die Herrschaft seiner stolzen Frau Johanna.
Hatte Philipp der Schöne etwas Gutes im Sinn, so lenkte sie ihn wie ein
böser Geist zum Schlechten und zwang ihn, all ihre verderblichen Pläne
gutzuheißen. Dazu kam die Verschwendung, die ihn zu allen Mitteln, guten
wie schlechten, greifen ließ, um das vergeudete Geld zu ersetzen. Wohl
meinte er es jetzt aufrichtig gut mit Flandern, aber was nützte das, da
doch Johanna darüber schon anders beschlossen hatte?

Nachdem die Schlüssel überreicht waren, lieh der König noch einige Zeit der
Ansprache des Magistrats ein gnädiges Ohr und verließ dann den Thron. Alles
stieg zu Pferde, und langsam ritt der Zug durch die übrigen Straßen der
Stadt, bis zum Prinzenhof, wo sie einkehrten, um hier mit den vornehmsten
Herren und Leliaerts das Mittagmahl einzunehmen.

Derweile kehrten die Zunftgenossen heim, und das Fest nahm sein Ende.

Abends, als die Gäste längst fort waren, saß die Königin Johanna allein mit
ihrer Kammerfrau in ihrem Schlafgemach. Schon hatte sie einen großen Teil
der lästigen Prachtgewänder abgelegt und war noch damit beschäftigt, sich
ihrer Schmuckstücke zu entledigen. Ihre Hast und der unzufriedene Ausdruck
ihrer Züge verrieten die größte Ungeduld. Die Kammerfrau mußte heftige
Worte hören und alles, was sie tat, trug ihr scharfen Tadel ein. Halsband
und Ohrgehänge flogen wie wertloses Zeug umher.

Dann schritt sie in weißem Nachtgewand, tief in Gedanken im Zimmer auf und
ab. Sie hatte nicht die mindeste Lust zu schlafen, und ihre flammenden
Augen irrten wild umher. Die Kammerjungfer näherte sich der Fürstin mit
liebenswürdiger Ehrerbietung und fragte:

»Beliebt es Eurer Majestät noch länger zu wachen, und soll ich einen
größern Leuchter mit mehr Wachslichtern herbeiholen?«

Ungestüm erwiderte die Königin:

»Es ist hell genug. Quält mich nicht mit Euren lästigen Fragen und laßt
mich allein. Wartet im Vorsaal auf meinen Oheim de Châtillon -- er soll
gleich kommen! Geht!«

Während die Kammerjungfer dem groben Befehl Folge leistete, setzte sich
Johanna an einen Tisch und ließ den Kopf auf die Hand niedersinken. In
dieser Stellung verharrte sie einige Augenblicke: sie gedachte, wie man
ihrer gespottet hatte. Dann stand sie auf, schritt hastig mit heftigen
Gebärden im Zimmer auf und ab. Endlich sprach sie mit gedämpfter Stimme:

»Wie! Ein kleines erbärmliches Volk sollte mich, die Königin der Franzosen,
verhöhnen dürfen? Ein trotziges Mädchen wagt es, meinen Blick zu erwidern?
Das ist Hohn!« Tränen des Zornes rollten über ihre glutroten Wangen.

Plötzlich warf sie den Kopf zurück und lachte tückisch wie ein böser Geist.
Dann fuhr sie fort:

»Wartet nur, ihr aufgeblasenen Vlaemen, ihr kennt Johanna von Navarra noch
schlecht; ihr wißt nicht, wie schrecklich ihre Rache euch treffen kann.
Ruht und schlaft nur ohne Bangen in eurer Vermessenheit; ich weiß euch zu
foltern! Tränen sollt ihr vergießen, schmerzhaft sollt ihr meine Hand
fühlen! Ja, ihr sollt meine Macht kennen lernen! Kriechen sollst du und
winseln, vermessenes Volk! Und ich werde euerm Flehen taub sein. Mit Wonne
werde ich eure stolzen Häupter mit Füßen treten. Vergebens sollt ihr weinen
und jammern, Johanna von Navarra ist unerbittlich -- das wißt ihr noch
nicht.«

Jetzt vernahm sie die Schritte der Kammerjungfer im Vorzimmer. Aufgeregt
eilte die Fürstin zum Spiegel und änderte ihre ganze Haltung; sie glättete
ihre Züge, alle Erregung schien geschwunden. In der Kunst der Verstellung,
der größten Untugend der Frauen, war Johanna von Navarra Meisterin.

Alsbald trat Châtillon in das Zimmer und beugte ein Knie vor der Königin.

»Herr von Châtillon,« sprach sie, und hob ihn mit der Hand empor, »Ihr
scheint auf meine Wünsche nicht viel Wert zu legen. Habe ich Euch nicht vor
zehn Uhr hierher beschieden?«

»Es ist wahr, Madame, aber der König, mein Herr, hielt mich wider meinen
Willen zurück. Seid versichert, durchlauchtigste Nichte, daß ich auf
glühenden Kohlen gestanden habe; ich brannte, Eurem königlichen Befehl
Folge zu leisten.«

»Eure Ergebenheit freut mich; ich beabsichtige auch, Euch heute für Eure
treuen Dienste zu belohnen.«

»Gnädige Fürstin, es ist schon eine hohe Gnade für mich, Eurer Majestät
folgen und dienen zu dürfen. Laßt mich Euch überall begleiten. Ein anderer
Untertan mag höheren Ämtern nachjagen; für mich ist Eure huldreiche
Gegenwart das größte Glück; weiter verlange ich nichts.«

Die Königin lächelte und sah mißbilligend auf den Schmeichler; denn sie
durchschaute, wie sehr sein Herz seine Worte Lügen strafte. Dann sagte sie
mit Nachdruck zu ihm: »Und wenn ich Euch das Land Flandern zu Lehen geben
wollte?«

Châtillon, der solches Anerbieten nicht erwartet hatte, bereute sofort
seine Worte; er wußte im ersten Augenblick nicht, was er antworten sollte.
Doch sammelte er sich schnell und sprach:

»Falls Eure Majestät mich gnädigst mit soviel Vertrauen beehren wollte, wie
dürfte ich es da wagen, mich Eurem königlichen Willen eigensinnig zu
widersetzen. In dankbarer Ergebenheit würde ich diese hohe Gunst hinnehmen
und Eure großmütige Hand mit ehrerbietiger Liebe küssen.«

»Hört, Herr von Châtillon,« rief die Königin ungeduldig, »ich beabsichtige
nicht, Eure Höflichkeit auf die Probe zu stellen; deshalb wäre es mir
lieber, wenn Ihr Eure Redensarten ließet und offen reden würdet! Denn Ihr
könnt mir doch nichts sagen, was ich nicht besser wüßte. Was dünkt Euch von
meinem Einzug hier? Hat Brügge nicht die Königin von Navarra über die Maßen
herrlich empfangen?«

»Ich bitte Euch, durchlauchtige Nichte, laßt diese bittern Scherze. Mir ist
der Hohn, der Euch zuteil ward, furchtbar nahe gegangen; ein schlechtes,
verächtliches Volk hat Euch offen getrotzt und Eure Würde mit Füßen
getreten. Doch bekümmert Euch nicht darüber. Es fehlt uns ja nicht an
Mitteln, die vermessenen Untertanen zu bändigen und zu zähmen.«

»Kennt Ihr Eure Nichte, Herr von Châtillon? Das stolze Herz der Königin von
Navarra?«

»Wahrlich, o Fürstin, edelster, preislichster Stolz. Denn wer eine Krone
trägt, ohne ihr Achtung zu verschaffen, verdient sie nicht. Mit Recht
bewundert jedermann Euer königliches Wesen.«

»Wißt Ihr auch, daß kleine Rache mir nicht genügt? Die Strafe der
Beleidiger muß meiner Stellung entsprechen. Ich bin Königin und ein Weib;
das genügt Euch, um zu wissen, wie Ihr Euch zu verhalten habt, wenn ich
Euch zum Landvogt von Flandern mache.«

»Eure Majestät braucht sich deshalb nicht länger Sorgen zu machen; seid
sicher, daß Eure Rache vollkommen befriedigt werden wird. Vielleicht werde
ich Eure Wünsche übertreffen, denn ich habe nicht nur Eure Schmach, nein
auch die Beleidigungen zu rächen, die dies starrköpfige Volk der Krone von
Frankreich täglich antut.«

»Herr von Châtillon, laßt Eure Schritte durch schlaueste Politik leiten;
zieht den Strick nicht mit einem Male um ihren Hals zusammen; raubt ihnen
vielmehr durch langsame Demütigung den Mut. Nehmt ihnen mählich ihr Geld,
das ihren Widerstand spornt, und habt Ihr sie an den Pflug gewöhnt, so
preßt das Joch so fest, daß ich mich siegesfroh an ihrer Erniedrigung
weiden kann. Überhastet nichts; ich habe genügend Geduld, wenn man dadurch
besser zum Ziel kommt. Es wird schneller gehen, wenn man klüglich einen
gewissen De Coninck, den Obmann der Weber, entfernt und stets nur Franzosen
oder gute Freunde zu einflußreichen Ämtern zuläßt.«

Châtillon lauschte aufmerksam dem Rat der Königin und wunderte sich
innerlich über ihre schlaue Politik. Da ihn schon eigene Rachsucht zu
schlimmer Zwingherrschaft trieb, so freute er sich sehr, gleichermaßen
seiner Leidenschaft und den Wünschen seiner Nichte entsprechen zu können.

Er antwortete mit sichtlicher Freude:

»Dankbar empfange ich die Ehre, die mir Eure Majestät erzeigt, und ich
werde nichts versäumen, um als treuer Diener den Rat meiner Fürstin zu
befolgen. Habt Ihr mir sonst noch Befehle zu geben?«

Diese Frage bezog sich auf die junge Machteld. Châtillon wußte wohl, daß
diese Jungfrau den Zorn der Königin erregt hatte, und konnte sich deshalb
wohl denken, daß sie es sühnen mußte. Johanna entgegnete:

»Es scheint ratsam, die Tochter des Herrn van Bethune nach Frankreich zu
überführen, denn auch sie hat sich die vlaemische Starrköpfigkeit zu eigen
gemacht. Es wäre mir lieb, sie am Hofe zu haben. Doch genug davon -- Ihr
versteht meine Absichten. Morgen verlasse ich dies verwünschte Land, denn
ich habe schon zu lange den Hohn ertragen. Raoul von Nesle folgt uns, Ihr
bleibt als Statthalter in Flandern mit der Vollmacht, das Land nach Eurem
Willen zu regieren.«

»Oder vielmehr gemäß dem Willen meiner königlichen Nichte,« fiel von
Châtillon ihr schmeichelnd ins Wort.

»Ganz recht,« fuhr Johanna fort, »Eure Bereitwilligkeit freut mich.
Zwölfhundert Reiter sollen Euch zur Seite bleiben und Euren Befehlen
Nachdruck verschaffen. Nun möge Euer Edlen mich die nötige Ruhe genießen
lassen. Ich wünsche Euch gute Nacht, mein trefflicher Oheim!«

»Ein guter Engel bewahre Eure Majestät,« sprach Châtillon, indem er sich
verneigte und das Gemach der argen Frau verließ.




VIII.


Die Herren vom Magistrat hatten mit Zustimmung der Leliaerts übergroße
Kosten zur Einholung der französischen Fürsten aufgewandt. Das Errichten
von Siegesbögen und Prunkgerüsten mit den dazu nötigen Stoffen hatte
bedeutende Ausgaben verursacht. Zudem hatte jeder Mann von der Leibwache
des Königs ein gutes Maß vom besten Wein erhalten. Da diese Ausgaben durch
die Regierung angeordnet waren und deshalb auch aus dem Gemeindesäckel
bestritten werden mußten, so hatten sich die Bürger dazu ziemlich
gleichgültig verhalten.

Nun war all dies Prunkwerk schon wieder fortgeräumt. Châtillon war in
Kortrijk, der Einzug der fremden Fürsten fast vergessen, als eines Morgens
um zehn Uhr ein Ausrufer vor dem Stadthaus auf dem Pui[24] erschien und mit
einigen Posaunenstößen das Volk zusammenrief. Als der Haufe groß genug war,
zog er ein Pergament aus der Tasche und las mit lauter Stimme:

    [24] Dies war der Platz vor dem Rathause, von welchem man zu dem
    Volke sprach (rostra).

»Es wird jeglichem Bürger kund und zu wissen getan, daß der Magistrat das
Folgende beschlossen hat:

Eine außerordentliche Besteuerung ist festgesetzt, um die Kosten vom Einzug
unseres gnädigsten Fürsten Philipp, des Königs von Frankreich, zu decken.

Jeder Eingesessene der Stadt Brügge hat hierzu, ohne Unterschied des
Alters, auf jeden Kopf acht Grooten Vlaamsch zu bezahlen;

die Zollbeamten sollen das Geld am nächsten Samstag an den Türen in Empfang
nehmen; wer sich mit List oder Gewalt der Zahlung entzieht, soll hierzu
durch den Herrn Baljuw von Rechts wegen dazu gezwungen werden.«

Die Bürger sahen sich ob dieser Verkündigung verwundert an und murrten im
stillen gegen das willkürliche Gebot. Auch einige Mitglieder der Weberzunft
waren darunter. Sie gingen unverzüglich zu ihrem Obmann, um ihn sofort
davon in Kenntnis zu setzen.

De Coninck vernahm die Nachricht mit innerem Grimm. Dieser einschneidende
Streich gegen die Vorrechte der Gemeinde machte ihn sehr besorgt; er sah in
diesem Erlaß ein Vorzeichen dafür, daß sich die Adligen aufs neue unter
französischem Schutz Gewaltherrschaft über das Volk anmaßen wollten, und
beschloß, diesen ersten Versuch durch List oder Gewalt zu vereiteln. Zwar
konnte er das Opfer seiner Vaterlandsliebe werden, weil das fremde Heer
noch in Flandern stand. Aber das vermochte ihn nicht zurückzuhalten; mit
Leib und Seele hatte er sich dem Wohle seiner Vaterstadt geweiht. Sofort
berief er den Zunftknappen zu sich und hieß ihn:

»Geh schnell zu allen Meistern und entbiete sie in meinem Namen zum Pand.
Sie sollen sofort ihr Geschäft verlassen, denn es eilt!«

Der Weberpand war ein geräumiges Gebäude mit rundem Giebel. Durch ein
einziges großes Fenster mit dem Wappen der Zunft darüber fiel das Licht in
das erste Stockwerk der Vorderseite. Über dem großen Tore ragte kunstvoll
in Stein gehauen St. Georg mit dem Drachen. Im übrigen war der Giebel
dieses Versammlungshauses unbedeutend und ohne Zierat. Nach seinem Äußern
hätte man schwerlich erraten können, daß die reichste Zunft in Flandern
hier ihre Zusammenkünfte hielt; denn viele Häuser in der Nachbarschaft
übertrafen es an Größe und Pracht. War es auch in zahlreiche größere und
kleinere Räume geteilt, so blieb doch keiner leer oder unbenutzt. In einer
geräumigen Kammer des zweiten Stockwerks waren die Probestücke der
Freigesellen und Meister mit den Mustern vom kostbarsten Tuch oder Stoff
aufgehängt, der je in Brügge gefertigt worden war. In einem anderen Gemach
daneben waren all die Werkzeuge aufgestellt, die von den Webern,
Tuchwalkern und Färbern gebraucht werden. Ein drittes Gemach diente zur
Aufbewahrung der Prachtgewänder und Festwaffen der Zunft.

Der große Versammlungssaal der Meister lag vorn an der Straße. Alle
Wandlungen der Wolle auf dem Wege vom Schafhirten bis zum Weber, vom Färber
bis zu dem fremden Kaufmann, der aus fernen Landen kam, um vlaemisches Tuch
gegen Gold zu erhandeln, waren auf den Wänden dargestellt. Einige eichene
Tische und viele schwere Sessel standen auf den Quadersteinen des
Fußbodens. Sechs mit Sammet ausgeschlagene Lehnstühle bezeichneten die
Plätze des Obmannes und der Altmeister im Hintergrund des Gemaches.

In kurzer Zeit waren die Weber bereits zahlreich in dem Saale versammelt.
Leidenschaftlich besprachen sie die wichtige Frage, und die größte
Unzufriedenheit leuchtete aus ihren Zügen. Die meisten ergingen sich in
bitteren Worten über den Magistrat, doch einige schienen nicht sehr zum
Widerstand geneigt. Während die Versammlung ständig wuchs, kam De Coninck
in den Saal und schritt langsam durch seine Genossen auf den für ihn
bestimmten großen Sessel zu. Die Altmeister setzten sich neben ihn; die
übrigen blieben zumeist bei ihren Lehnstühlen stehen, um auf der gefurchten
Stirn ihres Vorstehers den Sinn seiner Worte besser lesen zu können.
Zusammen waren es ihrer sechzig.

Sobald De Coninck die Aufmerksamkeit seiner Genossen auf sich gerichtet
sah, sprach er ausdrucksvoll und anschaulich:

»Meine Brüder! Achtet auf meine Worte: denn die Feinde unserer Freiheit,
unserer Wohlfahrt wollen uns aufs neue in Banden schlagen! Der Magistrat
und die Leliaerts haben dem fremden Gebieter mit ungewohnter Pracht
geschmeichelt, sie haben uns zur Errichtung von Prunkgerüsten gezwungen,
und nun verlangen sie, daß wir ihre dummen Verschwendungen mit dem Lohn
unserer Arbeit bezahlen! Das widerspricht den Vorrechten der Stadt und der
Zunft. Meine Brüder, versteht mich wohl und richtet mit mir einen Blick auf
die Zukunft! Wenn wir dieses Mal dem willkürlichen Gebot Gehorsam leisten,
wird unsere Freiheit bald niedergetreten sein. Dies ist der erste Versuch,
das erste Stück des Sklavenjochs, das man unserm Nacken aufbürden will. Die
treulosen Leliaerts, die es dulden, daß ihr Graf, unser rechtmäßiger Herr,
bei dem Fremden im Kerker schmachtet, um uns desto ungestörter unterdrücken
zu können, -- sie haben sich lange vom Schweiß unseres Angesichts gemästet.
Lange hat das Volk wie ein verächtliches Lasttier für sie die schwerste
Arbeit getan und sich abgequält; Euch, Brügger! Kameraden! euch ward zuerst
des Himmels Licht zuteil; ihr habt die Ketten zuerst gebrochen; groß und
männlich habt ihr euch aus der Knechtschaft erhoben und eure Häupter beugen
sich nicht mehr vor Zwingherrn. Nun beneiden uns die Völker ob unseres
blühenden Wohlstands; sie bewundern unsre Größe. Ist es denn nicht unsere
Pflicht, ungeschmälert die Freiheit zu bewahren, die uns zum edelsten Volke
der Welt macht? Ja, eine heilige Pflicht! Wer sie vergißt, ist ein
Feigling, der seine Menschenwürde verkennt: ein Sklave nur, der zur
Verachtung geboren ward.«

Brakels, ein Weber, der schon zweimal Obmann gewesen war, erhob sich von
seinem Sessel und unterbrach De Conincks Rede:

»Ihr sprecht immer von Knechtschaft und Rechten! Aber wer sagt denn, daß
der Magistrat uns schmälern will? Ist es nicht besser, die acht Grooten zu
zahlen und Ruhe zu halten? Ihr könnt Euch doch denken, daß es zum
Blutvergießen kommen wird. Gar mancher von uns wird die Leichen seiner
Kinder und Brüder begraben müssen -- und all das wegen acht Grooten! Hörte
man auf Euch, so hätten die Weber mehr mit dem Goedendag als mit dem
Weberschiff zu schaffen; aber ich hoffe, daß es unter unseren Meistern noch
mehr gescheite Leute gibt, die Eurem Rat nicht folgen.«

Diese Worte riefen unter den Webern die größte Bestürzung hervor. Einige,
doch nur ganz wenige, hatten durch ihre Gebärden zu erkennen gegeben, daß
sie diese Ansicht teilten. Die meisten waren mit Brakels Rede unzufrieden.

Mit forschendem Auge hatte De Coninck alle scharf beobachtet und seine
Anhänger gezählt. Es schmeichelte ihn, daß nur wenige die Besorgnisse
seines Gegners teilten. So antwortete er:

»Es steht ausdrücklich im Gesetz, daß man dem Volk ohne seine Zustimmung
keine neuen Lasten aufbürden darf. Wir bezahlen diese Freiheit nur allzu
teuer, und niemand, selbst der Höchste nicht, darf sie antasten. Für einen
Menschen, der nicht weiter in die Zukunft blickt, machen freilich acht
Grooten einmal bezahlt nicht viel aus; aber es sind ja auch nicht die acht
Grooten, die mich zum Widerstande reizen; sollen wir etwa die Vorrechte,
unsere Schutzwehr gegen die Herrschsucht der Leliaerts zerstören lassen?
Nein, das wäre feig und höchst unvorsichtig. Wißt, meine Brüder, die
Freiheit ist ein zarter Baum, bricht man einen seiner Zweige ab, so vergeht
er und stirbt. Duldet ihr, daß die Leliaerts den Baum derart beschneiden,
so werden sie uns bald die Kraft rauben, den verdorrten Stamm zu
verteidigen. Wer ein Männerherz hat, darf die acht Grooten nicht bezahlen!
Wer das echte Klauwaarts-Blut in sich strömen fühlt, der ergreife den
Goedendag und verteidige die Rechte des Volkes! Die Abstimmung mag hierüber
entscheiden, denn mein Rat ist kein Befehl.«

Nun ergriff der Weber, der bereits gesprochen hatte, wieder das Wort:

»Ihr gebt uns einen verderblichen Rat. Ihr freut Euch an Aufruhr und
Blutvergießen, damit Ihr überall als Anführer genannt werdet; wäre es nicht
viel weiser, uns der französischen Herrschaft als getreue Untertanen zu
unterwerfen und dadurch unseren Handel auf dieses große Land auszudehnen?
Ja, ich behaupte: die Regierung Philipps des Schönen wird unseren Wohlstand
vermehren, und jeder wohldenkende Bürger muß die französische Herrschaft
als ein Glück betrachten. Unser Magistrat besteht aus achtbaren, weisen
Herren.«

Alle Weber waren höchst verdutzt und viele warfen finstere, verächtliche
Blicke auf den Mann, der solch feige Worte gesprochen hatte. De Coninck
flammte zornig auf. Seine Volksliebe kannte keine Grenzen; daß ein Weber so
reden konnte, schien ihm die ganze Zunft zu entehren.

»Wehe!« rief er, »ist denn alle Liebe zur Freiheit und zu eurem Vaterland
in eurer Brust erstorben? Wollt ihr aus Geldgier denen die Hände küssen,
die euch in Ketten schlagen? Sollen unsere Nachkommen sagen, die Brügger
hätten ihr Haupt vor einem Fremden und vor dessen Sklaven gebeugt? Nein,
Brüder, duldet das nicht, besudelt euren Namen nicht mit solcher Schmach!
Laßt die feigen Leliaerts immerhin um der Ruhe und des Geldes willen ihre
Freiheit dem Ausländer verpfänden. Wir bleiben frei von Schande und
Schmach! Mögen die Kinder des freien Brügge nochmals ihr Blut für das Recht
dahingeben. Um so herrlicher prangt die purpurne Standarte, um so fester
wird des Volkes Recht besiegelt!«

Meister Brakels ließ De Coninck nicht fortfahren:

»Was Ihr auch sagen mögt, ich wiederhole, es ist keine Schande für uns,
einem fremden Fürsten zu unterstehen; im Gegenteil sollten wir uns freuen,
daß wir nunmehr dem großen Frankreich zugehören. Was kümmert es ein
handeltreibend Volk darum, unter wem es seinen Reichtum mehrt? Mohammeds
Gold ist so gut wie das unserige.«

Die Erbitterung gegen Brakels erreichte jetzt den Höhepunkt; niemand
antwortete. De Coninck seufzte laut und schmerzlich: »O welche Schande! ein
Leliaert, ein Bastard hat in der Versammlung der Weber gesprochen; der
Fleck ist nicht zu tilgen.«

Ungestümer Zorn packte die Schar der Weber; wutentbrannt, flammenden Auges
blickten sie auf Meister Brakels. Und plötzlich ertönte hier und dort der
Schrei: »Stoßt ihn aus, den Leliaert! Kein französisch Gesinnter soll unter
uns sein!«

De Coninck mußte allen Einfluß aufbieten, um die Ruhe wiederherzustellen,
denn manche waren drauf und dran, zu Gewalttaten zu schreiten. Es ward
beantragt, daß man Meister Brakels von der Zunft ausschließen oder zu einer
Buße von vierzig Pfund Wachs verurteilen sollte. Während der Schreiber mit
der Abstimmung beschäftigt war, stand Brakels ganz ruhig vor dem Obmann. Er
baute auf alle, die seine erste Rede gutgeheißen hatten. Aber er täuschte
sich gewaltig; der Name Leliaert galt allen als Schandfleck, und deshalb
blieb ihm kein einziger Freund. Alle Stimmzettel trugen das Urteil:
Ausgestoßen, und diese Entscheidung wurde mit allgemeinem Jubel begrüßt.

Nun flammte der Zorn des Leliaerts auf, und er erging sich in ungestümen
Drohungen und Scheltworten gegen De Coninck. Der Obmann blieb mit der
größten Ruhe in seinem Stuhl sitzen und antwortete nicht auf die
Schmähungen seines Gegners. Zwei starke Gesellen, die als Türwärter
angestellt waren, traten alsbald zu dem Ausgestoßenen und befahlen ihm, auf
der Stelle die Versammlung zu verlassen. In bitterem Grimm gehorchte
Brakels dem Geheiß und lief wutschnaubend zu Johannes van Gistel, dem
Oberzöllner, den er von dem Widerstand des Obmanns der Weber in Kenntnis
setzte.

De Coninck sprach noch lange mit seinen Genossen und ermutigte sie zur
Verteidigung ihrer Rechte; doch verlangte er keinerlei Aufstand, sondern
empfahl ihnen, einfach Zahlung der acht Grooten zu verweigern und zu
warten, bis er sie zu den Waffen rufen würde. Hierauf trennten sie sich
und gingen heim. De Coninck allein schritt tief nachdenklich durch die alte
Sackstraße, um sich zu seinem Freunde Breydel zu begeben. Er sah voraus,
welche Anstrengungen die Lehensherren machen würden, um ihre Herrschaft
über das Volk wiederzugewinnen, und bedachte, wie er seine Brüder vor der
Knechtschaft bewahren könnte. Als er fast die Fleischerstraße erreicht
hatte, wurde er von etwa zehn Bewaffneten umringt. Angesichts dieses
Überfalls blieb er stehen, der Vogt trat an ihn heran und befahl ihm, ohne
Widerstand den Dienern des Gesetzes zu folgen. Wie einem Missetäter wurden
ihm die Hände auf den Rücken gebunden; man überhäufte ihn mit Schmähungen;
aber er trug das alles mit der größten Geduld und ohne Murren; denn er
begriff, daß jeder Widerstand hier nutzlos war. Er ließ sich von den mit
Streitäxten bewaffneten Gerichtsdienern durch drei bis vier Straßen führen
und schien gar nicht auf die Ausrufe des verwunderten Volkes zu achten.
Endlich brachte man ihn in den oberen Saal des Prinzenhofs.

Hier waren die vornehmsten Leliaerts und der Magistrat versammelt. Der
Oberzöllner Johannes van Gistel nahm unter ihnen den höchsten Rang ein; er
war auch in ganz Flandern der wärmste Freund der Franzosen. Sobald er De
Coninck vor sich sah, sprach er erzürnt:

»Wie wagt Ihr es, die Oberhoheit des Magistrats zu mißachten, hochfahrender
Bürger? Eure Auflehnung ist uns bekannt, und in Bälde werdet Ihr Euren
Ungehorsam am Galgen büßen.«

De Coninck antwortete ruhig:

»Mir ist die Freiheit des Volkes teurer als das Leben. Auch die
schändlichste Todesstrafe werde ich furchtlos erleiden, denn mit mir stirbt
das Volk doch nicht; es gibt noch Männer genug, die das Joch nicht mehr
gewohnt sind.«

»Das ist ein Traum,« fuhr Gistel fort, »das Reich des Volkes hat ein Ende.
Unter der Herrschaft der Franzosen muß ein Untertan seinem Herrn
gehorchen. Die Vorrechte, die ihr schwachen Fürsten abgetrotzt habt, sollen
überprüft und eingeschränkt werden; denn ihr werdet gar zu hochmütig durch
die Gunst, die wir selbst euch bewiesen haben, und erhebt euch wider uns
wie undankbare, verächtliche Diener.«

Ein Zornesblitz schoß aus De Conincks Auge. »Verächtlich!« rief er, »das
weiß Gott, wer von beiden verächtlich ist, das Volk oder die entarteten
Leliaerts. Ihr vergeßt Vaterland und Ehre, um feige dem fremden Gebieter zu
schmeicheln; demütig kniet ihr vor einem Fürsten, der Flandern den
Untergang geschworen hat; und warum? Um eure tyrannische Zwingherrschaft
über das Volk wiederzuerlangen, aus Habsucht! Wartet nur! das glückt euch
nicht. Denn wer die Früchte der Freiheit einmal gekostet hat, dankt für
eure Gunst. Ihr seid ja doch Sklaven der Ausländer! Glaubt ihr etwa, daß
die Brügger die Sklaven anderer Sklaven werden sollen? O, ihr täuscht euch,
ihr Herren. Mein Vaterland ist groß geworden, das Volk hat seine Würde
erkannt, und euch ist das eiserne Zepter für ewig entrissen.«

»Schweigt! Ihr Aufrührer,« rief Gistel, »die Freiheit steht Euch nicht zu.
Ihr seid nicht für sie geschaffen.«

»Die Freiheit,« antwortete De Coninck, »haben wir mit dem Schweiß unseres
Angesichts, mit unserem Herzblut erkauft -- und Ihr solltet sie
vernichten?«

Gistel lächelte spöttisch und fuhr fort:

»Eure Worte und Drohungen sind leerer Schall, Meister. Mit den
französischen Truppen werden wir dem Ungestüm schon die Flügel beschneiden.
Andere Gesetze werden die Gemeinden beherrschen; der Starrsinn hat lange
genug gewährt. Seid nur ruhig, es ist dafür gesorgt, daß Brügge demütig
seinen Nacken beugen wird und Ihr -- werdet das Sonnenlicht nicht mehr
erblicken.«

»Tyrann!« rief der Obmann der Weber, »Ihr Schande von Flandern! Wölbt sich
das Grab Eurer Väter nicht in dieser Erde? Ruhen ihre heiligen Gebeine
nicht in dem Schoß des Landes, das Ihr dem Fremden verschachert, Ihr
Bastard? Die Nachwelt wird das Urteil über Eure Schandtat fällen, und in
den Chroniken Eurer Kinder wird man den Fluch über Euren Verrat lesen.«

»Genug von Euren lächerlichen Schmähungen!« rief Gistel; »in den Kerker der
Missetäter mit ihm, bis der Galgen ihn empfängt.«

Auf dies Geheiß ward De Coninck über die Treppen in ein unterirdisches
Verlies geführt. Ein eiserner Gürtel umschloß ihn, und eine Kette fesselte
seinen linken Fuß an seine rechte Hand. Er bekam etwas Wasser und Brot;
dann wurde der Kerker geschlossen, und er blieb allein an diesem dunklen
Orte.

Die Worte des Zöllners hatten ihn tief erschüttert: er sah die Freiheit
seiner Vaterstadt ernstlich bedroht. In seiner Abwesenheit konnte es den
Leliaerts möglicherweise glücken, mit den französischen Truppen die Stadt
einzunehmen und den Bau zu zerstören, dem er sein ganzes Leben geweiht
hatte. Dieser Gedanke war für den Volksfreund furchtbar. Rüttelte er
zuweilen schmerzlich an seinen Ketten, dann war es ihm, als sähe er seine
Brüder in solchen Fesseln, als Opfer schändlichster Knechtschaft. Und dann
erschimmerte eine bittere Träne auf seinen Wangen.

Die Leliaerts hatten schon längst einen verräterischen Anschlag unter sich
vereinbart. Bisher konnten sie ihre Herrschaft in Brügge nicht fest
begründen; denn da alle Bürger bewaffnet waren, so konnte man sie nicht
zwingen, die Befehle auszuführen. Wollte der Magistrat gegen die
Bürgerschaft Gewalt anwenden, dann kamen die schrecklichen Goedendags zum
Vorschein, und alle Anstrengungen blieben fruchtlos, -- die Zünfte waren zu
mächtig. Um nun ein für allemal dies lästige Hindernis fortzuräumen, waren
die Leliaerts mit dem Landvogt Châtillon übereingekommen, am nächsten
Morgen ganz früh die Bürgerschaft zu überfallen und zu entwaffnen.
Châtillon sollte zur selben Stunde mit fünfhundert französischen Reitern
vor den Toren stehen. De Coninck allein war es möglich, diesen Plan zu
entdecken, so geheim man ihn auch halten mochte. Er verfügte über geheime
Hilfsmittel, denen die Französlinge vergeblich nachzuspüren gesucht hatten.
Der Obmann der Weber war listiger als sie alle, das wußten sie. Und um dem
Volke seinen schlauen Beschützer zu entreißen und es hierdurch arg zu
schwächen, hatten sie ihn gefangengenommen. Brakels Enthüllungen über den
Widerstand der Weber diente ihnen nur als Vorwand.

Nachdem sie die Stadt Brügge derart durch nichtswürdige Anschläge den
geldgierigen Fremden verkauft hatten, wollten sie sich trennen. Da flog die
Saaltür auf, und ein Mann drängte sich gewaltsam durch die Wächter. Mit
stolzem Schritte trat er zu dem Magistrat und rief:

»Die Zünfte von Brügge lassen euch fragen, ob ihr De Coninck loslassen
wollt oder nicht? Ich rate euch, bedenkt euch nicht lange!«

»Meister Breydel,« antwortete Gistel, »Ihr habt keine Erlaubnis, in diesen
Saal zu treten; verlaßt ihn schleunigst!«

»Ich frage euch,« wiederholte Jan Breydel, »ob ihr den Vorsteher der
Wollweber loslassen wollt?«

Gistel flüsterte leise einer der Magistratspersonen etwas ins Ohr und rief
dann:

»Wir beantworten die Drohungen eines starrköpfigen Schurken mit der
verdienten Strafe: Nehmt ihn gefangen!«

»Ha, ha! Nehmt ihn gefangen?« rief Breydel lachend, »wer soll mich denn
gefangennehmen? Wisset denn, daß die Bürgerschaft im Begriff steht, sich
des Prinzenhofs gewaltsam zu bemächtigen, und daß ihr alle mit eurem Leben
für das Leben des Obmanns der Weber haftet. Das Liedchen wird gleich anders
klingen, das versichere ich euch.«

Derweile waren einige Wachen herangekommen und hatten den Vorsteher der
Fleischer beim Kragen gepackt; einer richtete schon die Stricke, mit denen
er gebunden werden sollte. Während Breydel sprach, hatte er diese
Vorbereitungen kaum beachtet; als er sich nun aber von den Leliaerts den
Wachen zuwandte, entrang sich ein dumpfer Laut seiner Brust, gleich dem
Gebrüll eines Stieres. Flammenden Auges blickte er seine Häscher an und
rief:

»Denkt ihr, Jan Breydel, ein Fleischer von Brügge, läßt sich wie ein Kalb
binden? Ho, ho, heute jedenfalls nicht!«

Er hatte diese Worte mit fürchterlicher Wut ausgestoßen. Nun hieb er dem
Söldner, der ihn beim Wams festhielt, so gewaltig mit der Faust auf den
Kopf, daß der wankend zu Boden stürzte. Wie ein Blitz fuhr er unter die
erschrockenen Wächter, warf eine Menge nieder, und als er zur Tür gelangt
war, drehte er sich um und fuhr die Leliaerts heftig an:

»Das sollt ihr büßen, ihr Halunken! Einen Fleischer von Brügge binden!
Schmach! Wehe euch, Tyrannen! Hört ihr, die Trommel der Fleischer schlägt
euren Totenmarsch!«

Er hätte sie noch weiter bedr

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