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Ludwig Tieck's Schriften. Achter Band

by Ludwig Tieck · German · Gutenberg #31074 · 526,111 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Ludwig Tieck's Schriften. Achter Band
    
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Title: Ludwig Tieck's Schriften. Achter Band

Author: Ludwig Tieck


        
Release date: January 25, 2010 [eBook #31074]

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/31074

Credits: Produced by Delphine Lettau and the Online Distributed
        Proofreading Team at http://www.pgdp.net


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LUDWIG TIECK'S SCHRIFTEN. ACHTER BAND ***




Produced by Delphine Lettau and the Online Distributed
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Ludwig Tieck's
Schriften.

Achter Band.


Abdallah.
Die Brüder.
Almansur.
Das grüne Band.



Berlin,
bei G. Reimer,
1828.




Dem
Prediger Kadach

in Ziebingen,
bei Frankfurt an der Oder.


Schon im Jahre 1804 machte ich in Schlesien Ihre Bekanntschaft. Als
ich zwei Jahre später aus Italien zurück kam, fand ich Sie in jener
Einsamkeit des Landes, die damals meine Heimath war, und seitdem sind
wir als Freunde verbunden geblieben. Alle schönen Stunden jener Zeit, im
Genuß der Musik, der Poesie und einer edlen und freien Mittheilung in
gebildeten Zirkeln feiner und geistreicher Menschen haben wir beisammen
verlebt, Freude und Trauer, den Schmerz über manchen Verlust im Verlauf
der Jahre mit einander getheilt. Auch in meine Studien und Arbeiten sind
Sie gern und gründlich eingegangen. Shakspear, Göthe und Sophokles haben
uns oft gemeinsam beschäftigt. Meine Arbeiten über den brittischen Dichter
sind Ihnen mehr, wie irgend einem meiner Freunde, bekannt. Ihrem freien
Sinne waren diese Studien, in denen Sie sich gern vertieften, erfreulich,
so gründlich und gewissenhaft Sie sich auch Ihrem Amte, vom wahren
religiösen Geiste des Christenthums durchdrungen, hingaben. Ein ächter
frommer Priester, ein freier Denker, ein Begeisterter für Kunst, ein
edler, treuer Freund, -- als solchen habe ich Sie gesehn und gekannt,
und nie werden Ihnen, so wenig wie mir, die schönen Tage und Abendstunden
aus dem Gedächtnisse entschwinden, in denen Solger unsre ländliche
Einsamkeit neu erfrischte, in welchen er uns seine Manuskripte vorlas
und wir uns selbst, die Aufgabe des Lebens und alles Hohe durch die
Lebensworte unseres Freundes inniger verstanden.

_L. Tieck._




Abdallah.

Eine Erzählung.

1792.




Erstes Kapitel.


Ein Theil der Tartarei ward vom Sultan _Ali_ beherrscht. -- Dem Tirannen
entgeht der Haß nie, mit dem ihn seine Unterthanen verfolgen und _Ali_
betrachtete sie bald als eben so viele Feinde, über die ihn nur seine
Grausamkeit und sein Ansehn erhalten könnten: mit andern Freuden
unbekannt, sollte ihm das Gefühl seiner Macht jeden Mangel ersetzen.

Ohne Begriffe, ohne zu denken, ohne nur Seelengenuß zu kennen, war er
zum Greise geworden und in einer unerschöpflichen Leere schmachtete er
itzt jedem neuen Tage entgegen. Mehrere seiner Gemalinnen starben und er
begrub sie mit eben der Gleichmuth, mit der er den Untergang der Sonne
sahe, die, wie er wußte, jenseit des Horizonts wieder heraufstieg,
-- selbst sein einziges Kind _Zulma_ liebte er nicht, nur Stolz war es,
was ihn an diese fesselte, da das ganze Land sie für die Krone der
Schönheit anerkannte. --

In der Hauptstadt des Landes lebte _Selim_ in einer weisen Eingezogenheit,
ohne eine öffentliche Bedienung, ohne daß man viel von ihm sprach ward
er von allen geliebt. Er war freigebig ohne Prahlerei, sparsam ohne
Kargheit und sein Aufwand unterschied sich sehr von der Pracht des
Veziers und der übrigen Großen.

Aus seinen Leiden hatte er stets seine große starke Seele gerettet;
seinen Haß konnte nichts aussöhnen, aber eben so unauslöschlich war
seine Liebe. -- Mit dieser dauernden Liebe umfing er seinen Sohn
_Abdallah_, das Einzige, was ihm seine geliebte Gattin zurückgelassen
hatte.




Zweites Kapitel.


Die Sonne war schon untergegangen, als _Abdallah_ und _Omar_ durch
ein schönes Gehölz wandelten. _Omar_ war der Lehrer Abdallahs, ein
ehrwürdiger Greis, dessen flammende Augen tief in eines jeden Seele
schauten, seine Stirn und sein Blick trugen Ehrfurcht vor ihm her,
aber ein süßes Lächeln, das fast immer seinen Mund umschwebte, verjüngte
sein Gesicht durch eine liebenswürdige Freundlichkeit und lockte zur
Mittheilung aller Gefühle und einer kindlichen Aufschließung des
Herzens.

Sie traten itzt in einen freien Platz, wo ein stiller See im bleichen
Licht des Mondes glänzte. Der letzte Streif der Abendröthe glimmte durch
die Fichtenwipfel und durch die zitternden Cypressen bebten ungewiß die
Sterne. Verspätete Mücken spielten im Mondstrahle, Käfer summten träge
und schläfrig um sie her, und laut erklang durch die ruhige Einsamkeit
des Waldes das zirpende Lied des Heimchens.

Siehe Omar, begann _Abdallah_, wie schön! -- Ha! der ruhige See über
den sich der Mondschein so lieblich herabsenkt, -- der Abend, der noch
in den hohen Wipfeln der Bäume säuselt, das Lied der Nachtigall, das
mit tausend abwechselnden Melodieen aus dem Walde heraufschallt, -- o
sieh Omar! wie alle Geschöpfe sich freuen, wie alles lebt und im Leben
glücklich ist! Sieh, wie die kleinen Fliegen von der Abendröthe Abschied
nehmen, und der Käfer der Nacht seinen dumpfen Willkommen entgegensummt.
-- O die lebendige Kraft, die aus der Natur so unerschöpflich quillt und
unzähligen Wesen Athem und Dasein giebt, -- dieser Anblick erfüllt das
Herz mit lautem überströmenden Dank gegen den, der so gütig alles aus
dem Nichts hervorrief und zum Staube sprach: Lebe und sei glücklich! --

Omar lehnte sich auf den Stamm eines abgehauenen Baums und sahe starr
vor sich nieder.

_Abdallah._ Du bist traurig, mein Omar, kann dich dieser Anblick nicht
heiter machen?

Omar blickte auf und faßte seine Hand. -- Sieh, sprach er, die
Abendfliegen sind verschwunden, sie sangen der Sonne so wehmüthig
nach, denn es war das letztemal, daß sie sich in ihrem Strahl erquickten.
-- Diese Woge wirft das Leben an den Strand, die nächste Welle kömmt,
verschlingt es wieder und senkt es in die tiefsten Abgründe. -- Eine
unendliche Schöpfung spielt itzt lebendig um dich herum, -- und in der
folgenden Stunde -- liegt sie todt und verwest. -- Eine Lebenskraft
fliegt durch die Natur und Millionen Wesen empfangen wie ein Allmosen
auf einen Augenblick einen Funken Leben, sie sind -- und geben dann ihr
Leben wieder ab und werden todter Staub. Die Welt ist ein Gesang, wo ein
Ton den andern verschlingt und vom nächsten verschlungen wird. --

_Abdallah._ Diese traurige Wahrheit, Omar, wirft meine schöne
Begeisterung mächtig nieder. -- Ach ja, alles geht durch die Natur
hindurch und verläuft sich wie ein Funken in der Asche. Alles wird nur
geboren, um zu sterben, alles wandelt wieder dahin zurück, woher es
gekommen ist. -- O Omar, wenn ich dich nun fragte: Warum glänzt dieser
Mond? Warum funkeln diese Sterne und wozu haucht ein lebendiger Geist
in meinem Innern?

_Omar._ Wozu? -- O Jüngling, laß die Erde unaufgewühlt, du findest ein
scheußliches Todtengerippe! Laß diese Geheimnisse ewig deiner Seele
verschlossen bleiben. --

_Abdallah._ Verschlossen? -- O nein, mein drängender Geist steht vor
dieser Pforte und klopft ungestüm an. -- Was der Mensch fassen kann,
will auch ich begreifen.

_Omar._ Du vertraust dich einem Meere, das dich nie an's Land
zurückträgt, Zweifel wälzen sich auf Zweifel, Woge stürmt auf Woge,
dein Ruder ist unnütz und die unendliche See dehnt sich dir furchtbar
unermeßlich entgegen.

_Abdallah._ Ich könnte nicht ruhig sein, wenn ich wüßte, daß etwas da
sei, was in meinem Gehirne Raum hätte und dem ich den Eingang versagen
müßte.

_Omar._ Aber unsre Weisheit findet eine Felsenmauer vor sich, an die sie
vergebens mit allen Kräften anrennt, -- wir sind in einem ehernen Gewölbe
eingeschlossen, wir sehen nichts, was wirklich ist, die schimmernden
Gestalten, die wir wahrzunehmen glauben, sind nichts, als der Widerschein
von uns selbst im glatten Erze, -- o schon viele Weisen stürzten mit
Ohnmacht von diesen Schranken zurück, -- und starben. -- Der Zweck
unsers Daseins? -- O wer hindurchschauen könnte durch das Geheimniß
der unendlichen Nacht, wenn doch vom Thron der Gottheit nur _ein_
Sonnenstrahl herniederschösse! -- Wir tappen ängstlich umher -- und
finden nur die Wände, die uns eingeschlossen halten. Wir sehen nichts,
als daß wir Gefangene sind, -- _warum_ wir es sind, müssen wir mit
Geduld vom Ausspruch des kommenden Gerichts erwarten.

_Abdallah._ O warum verlieh uns der Schöpfer nur so viel Kraft, diese
Schranken zu sehn und nicht zu durchbrechen? -- Warum ward eine Ahndung
in unser Herz gelegt, die nie zur Gewißheit reift? Eine Centnerlast
liegt auf unsrer Brust, und wir kämpfen vergeblich sie abzuschütteln.

_Omar._ Vielleicht werden alle diese Räthsel einst gelöst. -- Ein großer
Schwung wälzt sich durch alle Theile der Natur, durch alle Wesen klingt
ein Ton. Eine Kraft drängt sie zu einem Mittelpunkt: _Genuß_! -- Alles
schöpft aus dem nie versiegenden Quell und legt sich dann zum Schlafe
nieder. -- Die Welt ist eine reiche Tafel, an der sich alles niedersetzt
und gesättigt aufsteht, der Schöpfer schickte die Millionen Wesen in die
Wüste hinaus, sie sind Staub und in sich selber eingekerkert, -- aber er
gab ihnen tausend Mittel auf den Weg, ihr Dasein zu empfinden, und alles
freut sich, alle Wesen kommen, genießen und sterben dann, ohne es zu
wissen, so wie sie geboren wurden, -- nur der verblendete Mensch verfehlt
sein vorgestecktes Ziel.

_Abdallah._ Der Mensch? -- Wie? der Preis der Schöpfung? Um dessentwillen
die Natur ihre reichen Schätze aufthut? Um den sich die Bestimmung alles
Erschaffenen dreht?

_Omar._ O des Stolzes! -- Die Bestimmung alles Erschaffenen? Kein Mensch
weiß seine eigne Bestimmung, er taumelt selbst verlassen in der Finsterniß
und maßt sich an, den Wesen ihren Rang und ihren Zweck anzuweisen. -- Allen
Wesen ward ein gleiches Bürgerrecht ertheilt; der ausgeartete Mensch
reißt sich aus der Kette des Erschaffnen, statt zu genießen wie alles
genießt, ringt er im ewigen Kampfe mit dem Tode und seinem Verhängniß,
alle seine Kräfte kämpfen rastlos von der Zeit eine Stunde und eine
Minute nach der andern zu erbetteln, -- um auch in dieser zu fürchten,
um auch in dieser mit Gedanken zu streiten, deren Auflösung weit außer
ihm liegt.

_Abdallah._ Wenn Genuß der höchste letzte Zweck unsers Daseins ist,
wodurch ist dann der Mensch vom Thiere unterschieden?

_Omar._ Und wozu des Unterschiedes? Der Mensch wäre glücklich, hätte er
nie höher gestrebt, die Natur umfinge ihn dann noch mit ihren liebevollen
Armen, hegte ihn und spielte mit ihm als ihrem Kinde, -- aber der Stolze
hat sich von seiner Mutter losgeschworen, sieht die Sterne, die über
seinem Haupte hängen, erklimmt eine schroffe Klippe und schreit ihnen
zu: ich bin euch nahe! Wehmüthig lächelnd blicken die Sterne auf ihn
herab und er steht nun verirrt am schwindelnden Abschuß; zur blühenden
Wiese, die er erst verschmähte, hat er den Rückweg verloren. --

_Abdallah._ Und nichts als diesen verächtlichen Übermuth hätte der
Mensch vor den Thieren des Waldes voraus?

_Omar._ Nichts als ihn. Mit verachtendem Fuß stößt er die Erde zurück
und will sich an die Gottheit drängen, aber seine klägliche Natur zieht
ihn allmächtig zurück. Seine Weisheit, seine Tugend, mit der er sich
brüstet, -- Wolkenschatten, die der Wind über die Ebne jagt und denen
der Wahnsinnige nachtaumelt.

_Abdallah._ Tugend, Omar, nur ein Schatten? -- Der Lasterhafte und der Edle
ständen hier in einer Reihe? Die beiden Enden, Größe und Verächtlichkeit,
schlängen sich zusammen? Aus _einem_ Samen sproßte der Schierling und
die heilende Pflanze? -- Unmöglich! --

_Omar._ Und warum unmöglich?

_Abdallah._ Wo ich anbetend in den Staub sinke, wo mein Geist in
verehrender Demuth die Flügel zusammenschlägt, wo mein ganzes Wesen sich
in Ehrfurcht auflöst, -- an diesen Stolz der Menschheit wäre die Schaam
der Welt mit unauflöslichen Ketten geschlagen?

_Omar._ Derselbe Gesang auf einer andern Laute.

_Abdallah._ Nein, Omar, nein. -- Die Gerechtigkeit des Ewigen wird durch
diesen Glauben angeklagt. -- Wie könnte der Gütige dem Edlen Belohnung
und dem Bösewicht Strafen aus jener schwarzen Thür am Ende ihrer Bahn
entgegenschicken?

_Omar._ Abdallah, wir wissen nicht, woher wir kommen, wir wissen nicht,
wohin wir gehen. Ob uns ein Gedanke folgt, wenn wir hier Abschied
nehmen, ob wir mit allen unsern Träumen in das kalte Grab eingeriegelt
werden -- o das ist ein Räthsel, vor dem die Weisen ewig forschend
stehen werden. -- Strafe, -- Belohnung, -- Tugend, -- Laster. -- Wenn
ich dich fragte, wo du die Scheidewand zwischen Tugend und Laster
gründetest, du würdest um eine Antwort verlegen sein. -- Die Gewohnheit
lehrt uns Worte sprechen, bei denen wir uns oft nur wenig denken.

_Abdallah._ Omar, du machst, daß ich mir selber mißtraue. --

_Omar._ Wir sind mit unsrem Lob und unsrer Verdammung so freigebig und
kurzsichtig genug, um nicht wahrzunehmen, wie ungerecht wir oft beides
vertheilen. -- Wir ahnden nicht, daß es nur eine Kraft ist, die in der
Tugend und im Laster lebt, beides _eine_ Gestalt, aus demselben Spiegel
zurückgeworfen. -- Nur ein kalter eigensinniger Thor trat hinzu, schied
und sagte: dies sei gut, dies nicht!

_Abdallah._ Ein Thor?

_Omar._ Dieses Leben, das uns geliehen ward, ist zu kurz _uns selbst_
zu kennen, -- in unsrem eignen Innern herrscht ein wüstes Dunkel und
mit vorwitzigem Blick treten wir zu unserm Nachbar und wollen in seiner
Seele lesen.

Abdallah schwieg und sahe starr vor sich nieder. _Omar_ fuhr fort:

Alle meine Handlungen sind Gestalten, die aus meinem Innern aufsteigen,
von tausend innern Kräften gereift, von hundert Neigungen gepflegt,
schießt die Pflanze empor, -- nur ich, der Schöpfer, bin mit ihrer
Entstehung bekannt, ich verstehe mich selbst nur, ich handle nur für
mich, der ich mich selbst kenne, -- alle übrigen Menschen sind für mich
in einer mindern Abstufung fremde Wesen, wie mir der Wurm und der
Krokodil Fremdlinge sind.

_Abdallah._ Omar, du wirfst mich in eine fürchterliche Einsamkeit, ich
verliere mich selbst in der schrecklichen Wüstniß. --

_Omar._ Ich handle, wie mein innrer Sinn es mir befiehlt, und ein
Fremdling, der nicht in das Gebäude meiner Seele hineinschauen kann, der
die Leiter nicht entdeckt, von der die Ahndung zum Gefühl, das Gefühl
zum Gedanken, zum Vorsatz und dieser endlich zur Wirklichkeit aus dem
unergründeten Brunnen heraufstieg, -- dieser tritt mit kaltem und
verschloßnem Sinn herbei und sagt: deine That ist ein _Laster_!

_Abdallah._ O ich verstehe dich! weiter! weiter!

_Omar._ Aus derselben Quelle wird eine andre Schaale heraufgezogen
und man nennt sie _Tugend_. Beide steigen aus der Tiefe _einer_ Seele
hervor, aus _einem_ Stoff gewebt -- und man hält sie für Feinde.

_Abdallah._ Fürchterlich sonderbar!

_Omar._ Wo ist der Bösewicht, der nicht zum Engel würde, wenn er
den Richter in die geheime Werkstätte seiner Seele führen könnte?
-- Abdallah, wir sind Brüder aller Mörder, die je die Geschichte mit
Abscheu genannt hat und schwesterlich schließt sich unsre Seele an alle,
die einst bewundert und angebetet wurden. -- O ihr Thoren, laßt den
nichtigen Rangstreit, _ein_ Hauch weht in allem Leben, -- freut euch
dieses Hauches, er kehrt nicht zurück, wenn er entflohen ist.

_Abdallah._ Du führst mich durch Labirinthe, Omar. --

_Omar._ Als die erste Gesellschaft zusammentrat, als man das erste
Gesetz niederschrieb, da veräußerte der Mensch selbst sein hohes,
heiliges Recht. Dem Ganzen opferte jeder Einzelne seine Freiheit,
allmächtig ward eine Schnur zwischen Gut und Böse gezogen und
unglückliche Vorurtheile keimten auf. Vorurtheile, die Menschen gegen
Menschen hetzten, das Blut von Tausenden vergossen. -- An den Gedanken
_Verbrecher_ knüpfte man Haß und Unversöhnlichkeit und eine ewige
Verfolgung wühlt durch das ganze Menschengeschlecht. -- Seit der Zeit
ist der große Spruch gesprochen; in einem nichtigen Taumel greift der
eine zur Belohnung seiner _Tugend_ nach der Sonne und tritt gewaltsam
seinen Bruder unter sich, der nach dem Übereinkommen ein _Verbrecher_
ist. --

_Abdallah._ Ha! die ewigen Schranken stürzen ein!

_Omar._ Strafe und Belohnung? -- Hier unten sind sie entschieden, -- aber
wen soll der Richter dort belohnen oder strafen? -- Sandte er nicht alles
was ist, aus seiner Hand in die Sterblichkeit? Ist es nicht sein Athem,
der den Staub belebt? -- Alle Handlungen kommen zu ihm zurück und melden
sich als ihm angehörig: sein Schatten wandelt in tausend Gestalten umher;
wo er hinsieht, erblickt er sich nur selbst in dem Spiegel der unendlichen
Naturen, soll er, _kann_ er sich selber strafen? --

_Abdallah._ Omar, halt ein! immer neue Wundergestalten stehn aus einem
Abgrund auf, mich zu schrecken. --

_Omar._ Von einer unbekannten Macht der Welt übergeben, tritt der Mensch
seine Bahn an, nicht aus sich selbst hervorgebracht, ohne seinen Willen
in das Leben geworfen. -- Er lebt und vereinigt tausend Pflanzen und
Thiere mit seinem Selbst, sein erstes Wesen geht durchaus verloren,
-- alle Lagen, von Kindheit an bis in sein Greisenalter, prägen sich in
treuen Abdrücken in seinen Geist; alles um ihn her modelt und formt ihn
anders, er selbst geht unter, und aus seiner Nahrung, seinem Vergnügen,
aus den todten Gegenständen, die ihn umgeben, tritt ein andres fremdes
Wesen an seine Stelle, -- das nach und nach von einem neuen wieder
verdrängt wird.

_Abdallah._ So sind wir nur eine Hütte, in die ein Fremdling nach dem
andern einkehrt und sie dem folgenden überläßt.

_Omar._ Wer handelt nun? -- Wer ist gut, wer böse? -- Soll des Mörders
Dolch bestraft werden, oder sein Arm, sein Herz, sein Blut? Oder der
Gedanke, den er vielleicht vor zwanzig Jahren dachte? -- Sein Blut,
das er sich nicht selber gab? Der Gedanke, der durch tausend Formen
wandelnd, von einem Sonnenstaub seinen Weg antrat und beim gräßlichsten
Morde aufhörte?

_Abdallah._ Undurchdringlich ist das Gewebe, das sich seit Ewigkeiten
her verschlang.

_Omar._ Eigne Kraft ist uns versagt; was wir unsern Willen, unsern
Vorsatz nennen, ist nur der Einfluß fremder Dinge, wir sind nur ein
Stoff, an welchem fremde Kräfte sichtbar werden; ein großes Spiel von
einer fremden Macht regiert, der eine steht als König, der andre als
Sklave da, -- und alle sind sich gleich, nichts als hölzerne Zeichen,
obgleich der König und der Ritter stolz auf das Fußvolk vor sich
hinabsehn, -- das Spiel ist zu Ende -- und Laster und Tugend hört auf
verschieden zu sein. -- Ein Wirbel dreht sich durch die Welt, alles bis
zum kleinsten wirkt in den großen Plan; der eine Augenblick gebiert den
folgenden, eine Handlung stößt die andre vor sich her, eine unendliche
Kette, die sich rund um alle Welten zieht. Kein Glied kannst du
herausreissen, ohne das vorhergehende und folgende zu zerstören und
eine allgemeine Vernichtung zu bewirken.

_Abdallah._ O entsetzlich! -- Omar, -- ich schaudre, -- wenn ich gerade
_diesen_ Schritt itzt nicht thäte, -- nicht gerade _diesen_ Gedanken
dächte -- so könnte die Welt nicht erschaffen sein! --

_Omar._ Nothwendig. -- Eine große Schwungkraft belebt die Unendlichkeit,
alle Kräfte weben und wirken durch einander von Ewigkeit berechnet, die
treibende Gewalt ermattet nie, das Leben fliegt durch alle Pulse der
Natur und so geht das große Werk den allmächtigen Gang. -- Wie will dies
kleine Wesen, der Mensch, sich gegen ewige Gesetze stemmen? Wie in seinem
engen Geist den Schöpfer mit all seinen Planen fassen? Eigenmächtig gegen
das Weltall wirken und durch sein jämmerliches Dasein noch _Verdienst_
erringen? Ohnmächtig kämpfend wird er fortgerissen, der eine Ton verklingt
in der allgemeinen Harmonie.

Beide schwiegen düster vor sich hinbrütend. Ein hohes Roth flog über
_Omar's_ Wangen, ein neues Feuer fuhr in seinen Augen auf, er faßte
heftig Abdallah's Hand.

Jüngling! rief er aus, was wir gut, was wir böse nennen, verschwimmt
in ein Wesen, alles ist nur _ein_ Hauch, _ein_ Geist wandelt durch die
ganze Natur und _ein_ Element wogt in der Unermeßlichkeit -- und dieses
ist _Gott_!

Abdallah fuhr zurück.

_Omar._ Wo sollte der Unendliche jenseit der Schöpfung Raum für sich
finden? -- Er umarmt und durchdringt die Welt, _die Welt ist Gott, in
einem_ Urstoff steht er in Millionen Formen vor uns, wir selbst sind
Theile seines Wesens! -- Dies ist der tiefe Sinn von der Lehre seiner
Allgegenwart. -- Wirft er einst die Kleidung wieder von sich, dann gehn
im Ruin die Welten und seine Himmel unter, dann steht er wieder da, er
vor sich selbst, in der ewigen Wüste. --

Eine tiefe Stille. Um Abdallah war alles rund umher versunken, er stand
mit gesenktem Haupte und betrachtete in seinem Innern die gestaltlosen
Bilder, die auf- und niederschwebten. -- Omar, sagte er nach langer
Zeit, -- nun ist die Kraft meiner Seele versiegt, alle meine schönen
Entwürfe, meine wonnevollen Schwärmereien liegen wie Leichen um mich
her, alle Freuden sind verwelkt, alle Hoffnungen in meiner Brust
verwest. -- Ein Kampf rastloser Zweifel wüthet da, wo ehedem meine
Himmel standen.

_Omar._ Du hast es so gewollt, du hast das fürchterliche Todtengerippe
ausgegraben, wo du einen Schatz zu finden hofftest. -- O, wohl dem, der
mit verbundnen Augen durch das Leben taumelt! der nie sich selbst anrührt
und furchtsam fragt: Wer bin ich?

Abdallah warf sich unter eine Cipresse nieder. Sein Geist war von
hundert neuen Vorstellungen verwirrt, ohne sich festhalten zu lassen
flohen tausend Gestalten seiner Seele mit Blitzesschnelle vorüber.

Der Mond stand itzt hinter den dunkeln Zweigen der Tannen und von
zitternden Schatten getheilt, gossen sich goldene Streifen über die
Wiese aus. Ein leiser Abendwind wiegte sich in den Wipfeln der Bäume und
spielte mit einem Blatte, das auf dem glatten See schwankend tanzte;
ruhig betrachtete sich die Gegend selbstgefällig in dem Wasserspiegel
und der Duft der Nacht stieg ernst und langsam aus dem Schooß der Erde.

Die schöne Landschaft, mit all den lieblichen Träumen, die über ihr
hingen, vermischte sich nach und nach mit den Gedanken Abdallah's; er
hatte sich schon den Spielen seiner Einbildungskraft überlassen, als er
noch zu denken glaubte.

Die Wipfel säuselten immer leiser und leiser, vom Winde angehaucht lief
ein stilles Flüstern durch das Rohr des Sees, -- immer wunderbarer spielte
das Mondlicht um die buschichten Tannenzweige, -- noch einigemal blickte
er mit mattem Auge empor und sahe wie vom nahen Berge ein Greis in die
Arme seines Omar eilte, -- beide hielten sich umarmt -- als die Gegend
allgemach wie hinter einem schwarzen Vorhang hinabsank. --

Aus den Cypressen stiegen Träume auf ihn herab, durch seine Augenlieder
dämmerte schwach in seine Traumgestalten die monderhellte Gegend. --

Plötzlich rollt es dumpf wie ferne Donner, ein wildes Rauschen, wie wenn
die erboßte Fluth gegen Felsen hinanheult, fuhr immer lauter und lauter
über ihn dahin, -- Abdallah erwachte.

Da stand er einsam in schwarzer Nacht, Stürme hatten den Mond hinter
ferne Gebirge hinabgeschleudert, große Wolken wälzten sich krauß durch
einander, die hohen Wipfel der Cedern schlugen krachend zusammen. -- Ein
Schaudern springt aus dem Walde hervor und packt ihn an mit eiskaltem
Arm. Omar! ruft er mit bebender Stimme, aber höhnend stürmt der Orkan
durch seine Töne und wirft sie zerrissen in die Lüfte.

Ein leuchtender Glanz flammte plötzlich in den Wolkengebirgen auf, eine
Feuerkugel flog durch den Himmel, von einer andern verfolgt, die tausend
blendende Funken von sich sprühte. -- Jeder Funken sprang mit einem
Donner los, der sich furchtbar auf des Sturmwinds Schwingen über alle
Wälder hinabwälzte. -- Mit lautem Gebrüll sank die Kugel nieder und die
stille Nacht stand wieder um Abdallah. --

Eine bleiche zitternde Gestalt fährt aus dem nahen Busche und ergreift
kalt Abdallahs Hand, -- es war Omar. -- Krampfhaft preßte er die Hand
des Jünglings in die seinige und riß ihn mit sich fort. --

Abdallah folgte schaudernd.

Sie kamen in die Stadt und eilten auf ihr Gemach, Omar's Gesicht war
lang und verzerrt, sein Auge rollte wild. Abdallah wagte kaum, ihn
anzusehen. -- An Geist und Körper müde, legte er sich schlafen, Omar
ging noch lange gedankenvoll umher.




Drittes Kapitel.


Abdallah erwachte, als Omar sich schon entfernt hatte. Der Tag sah trübe
durch die Fenster und eine schwermüthige Erinnerung des gestrigen Abends
kam ihm sogleich entgegen. Sein Leben trat itzt eine neue Bahn an; alles,
was er vorher gedacht hatte, war von einem Strudel kämpfender Zweifel
verschlungen. Alle seine früheren Gedanken schienen ihm unreif und
kindisch; er hatte mit Leidenschaft die Lehre Omars ergriffen und doch
that es ihm weh, seine ganze Pflanzung, die er so sorgfältig aufgezogen
hatte, zerstört zu sehn. -- Wie eine schwarze Nacht stieg es in ihm auf,
wenn sein Geist noch einmal über alle die Gedanken hinwegsahe, die er
seit gestern dachte; er hätte es so gern nicht geglaubt, er hätte so
gern den vorigen Sonnenschein zurückgerufen, die vorige Unschuld seiner
Seele zurückgezaubert, aber sein Verstand wies mit verachtendem Ernst
alle seine früheren Gedanken zurück, die wieder in ihm aufdämmern
wollten.

O heilige Tugend! rief er aus, -- vor derem Bilde ich einst niederkniete,
-- dein Altar ist umgestürzt! Du Sonne bist erloschen, zu der ich mit
kühnem Fittig emporfliegen wollte und der Pfeil des Zweifels hat meine
Schwingkraft gelähmt. -- Wer bin ich, wenn diese Gottheit todt ist, die
mich sonst mit mütterlichem Lächeln zu sich lockte? -- Ich muß mich
selbst verachten, wenn ich nicht mein eigen bin, wenn nur eine finstre
Nothwendigkeit mich durch das Leben jagt, wenn ich dem Druck einer
fremden Macht nachgeben muß, die mich wider meinen Willen zu Gräueln
oder edeln Thaten drängt. -- Doch, was schwatz' ich? -- Mein Wille sinkt
im Triebwerk des Ganzen unter und mit der Tugend ist das Laster zugleich
gestorben, ich bin ein abgerißnes Blatt, das der Wirbelwind nach seinem
Gefallen in die Lüfte wirft. -- Der Unendliche, den ich sonst schwindelnd
dachte, auf dessen Vatersorge und Allmacht ich so fest vertraute -- er
und das Schicksal ist mir entrissen. Im Felsen und im Gesträuch steht
der Unfaßliche vor mir, mir näher gebracht und dadurch um so entfernter.
Omars Lehre hat mich zu einer Waise, mich mir selbst verächtlich
gemacht, -- und doch bin ich ein Strahl jener Gottheit! --

Er schwieg und verlor sich immer tiefer in seinen Träumen; Gefühle
wollten sich itzt in seine Seele zurückdrängen, die ihn einst so
bezaubert und die Aussichten des Lebens so verschönt hatten, aber kein
Klang aus der Vorzeit schlug wie ehedem an seine verstimmte Seele. O!
rief er aus, gieb mir meine glückliche Unwissenheit zurück, Omar, laß
mich wieder zum Kinde werden, wie ich war, mein Geist ist zu schwach für
diese Last, er seufzt gekrümmt unter der drückenden Bürde.

_Raschid_ trat itzt zu ihm herein. Er war kein Freund Abdallah's, aber
einer von den angenehmen Gesellschaftern, an die der Jüngling sich so
leicht schließt und sie eben so leicht wieder verliert. Er war Aufseher
über die Gärten des Sultans und kam itzt zu Abdallah um Trost zu suchen,
denn er war gewöhnlich finster und verdrüßlich. Abdallah ging ihm
freundschaftlich entgegen. »Willkommen, sprach er, indem er ihm froh die
Hand drückte, ich habe dich lange nicht gesehn.« -- Er freute sich, daß
ihn jemand aus seinen Träumereien riß, die er gern von sich abwarf und
sich dem Wohlwollen überließ. -- Willkommen! rief er noch einmal.

Raschid war traurig, sein Gesicht war bleich und sein Auge eingefallen.
Ein schweres Leiden schien seine Seele zu drücken, eine tiefe
unbestechliche Schwermuth sahe aus seinem schwarzen tiefliegenden Auge,
nichts vermochte eine Heiterkeit über sein Gesicht zu werfen, seine
Stimme war langsam und ohne Feuer. --

Dein Anblick wird immer kränker, fuhr Abdallah fort.

_Raschid._ Kränker? -- Wirklich? -- Vielleicht geh' ich dem Tode
entgegen.

_Abdallah._ Dem Tode? --

_Raschid._ Ich hoff' es.

_Abdallah._ Du _hoffst_ es?

_Raschid._ Mein Geist erträgt die Leiden nicht mehr, die sich immer
höher thürmen.

_Abdallah._ Deine Liebe, Raschid, wird dich in dein Grab hinuntertragen.
-- Sei heitrer, verabschiede deinen Gram und werde wieder der blühende
Jüngling, der du warst. -- Die Liebe soll ja, wie man sagt, in Felsen
Paradiese auferstehen lassen und dir --

_Raschid._ O glücklich, daß du davon wie von einem unbekannten Lande
sprichst. -- Doch nein, du bist unglücklich. -- Ein Wesen ohne Liebe,
-- eine Laute ohne Saiten. -- Für die göttlichsten Empfindungen todt
kriecht der Gefühllose im Staube, wenn der Liebende den glänzenden
Fittig im Morgenrothe wiegt. --

_Abdallah._ Und dennoch nennst du dich elend. --

_Raschid._ Ja und doch möcht' ich meine Liebe nicht zurückgeben, -- Freund,
nur _ein_ Blick aus ihrem Auge -- ach! er würde den Frühling in meiner
Seele wieder auferwecken! -- Eiserne, unzerbrechliche Ketten halten mich
zurück, -- ich liebe und darf nicht hoffen, -- ich wünsche und meine
Wünsche überschreien meinen Verstand; wenn er zuweilen die Stimme erhebt,
-- o dann treten sie alle bleich zurück. -- Mein Unglück hat alle Blumen
um mich her ausgerissen und in den Wind verstreut, die Freude hat mich
in eine düstre Nacht geworfen und mir ewig ihre Thür verschlossen, -- ach
Abdallah, ich sterbe gern: denn welcher Wunsch, welche Hoffnung soll mich
in's Leben zurückhalten? --

_Abdallah._ Wer würde nicht wenigstens hoffen? --

_Raschid._ Ach! wenn ich nur hoffen dürfte! wenn ich nur eine Spalte in
der hohen Felsenmauer entdeckte, durch die ich mich hindurchwinden könnte!

_Abdallah._ Du hast mir aber noch nie den Gegenstand deiner Liebe
genannt -- wen liebst du?

_Raschid._ Laß dies noch itzt ein Geheimniß bleiben. -- Ach! ich möcht'
es mir selber nicht gestehn, daß der Mensch sich seinem Glücke Mauern in
den Weg baute, die seiner Ohnmacht spotten, daß -- ich kam hierher mich
zu trösten und ich gehe trauriger von dir als ich kam.

_Abdallah._ Wodurch kann ich dich trösten?

_Raschid._ Nein, ich mag auch nicht getröstet sein. -- Lebe wohl!
-- dieser Schmerz ist mir lieb, denn ich leide ihn für sie, -- ich will
in der Einsamkeit meine Thränen weinen, ich finde keinen Menschen, der
mich versteht.

Er ging und Abdallah sah ihm traurig nach, dann versank er wieder
allmählig in sein voriges Nachdenken. Omar kam. -- Du bist so tiefsinnig,
Abdallah?

Abdallah fuhr auf und sahe ihn bedeutend an.

Worüber dachtest du? fragte Omar.

_Abdallah._ Über deine gestrigen Lehren.

_Omar._ Sie haben dich traurig gemacht.

_Abdallah._ Ich irre in einer ausgestorbenen Wüste, alles ist hin, was
einst mein war, ich selbst habe mich verloren. Du hast mich Verachtung
meiner selbst und der Welt gelehrt; wohin mit meiner Liebe, mit der ich
sonst so warm die Natur umfaßte? --

_Omar._ Und muß denn Abdallah _hassen_, um _lieben_ zu können? -- Ich
habe dir deinen Haß genommen und um so größer sollte deine Liebe sein;
du sollst alles lieben, auch den, den die schmähende Welt mit Füßen
tritt.

_Abdallah._ Alles? -- Ach Omar, kann es der Mensch?

_Omar._ Er soll es wollen.

_Abdallah._ Mein Geist sträubt sich gegen diesen freudenleeren Glauben.

_Omar._ Weil er deinen Stolz kränkt. -- Vieles ist gestürzt, auf das du
bis itzt eingebildet dich für besser als tausend andre hieltest; es ist
dir genommen und du sinkst zu den übrigen Menschen hinab. Aus Eigennutz
bist du unzufrieden und bildest dir ein, es geschehe der Tugend wegen.
--

_Abdallah._ Omar, du hast tief in meine Seele geschaut. -- Kann aber die
sterbliche Natur sich ganz vom Eigennutz losreißen? du sagtest selber,
jeder handle nur für sich, bin ich daher nicht der erste Zweck meiner
Entwürfe und müssen die übrigen Wesen nicht mir selber weichen?

_Omar._ Du sollst und kannst dich nie von dieser Schwäche trennen,
-- nur der Stolz sei dieser Eigennutz nicht; sei eigennützig im _Genuß_,
ein Traum ist kein Genuß. --

Ein Sklave kam und rief Abdallah zu seinem Vater _Selim._

_Omar._ Und verschließe diese Lehren tief in deine Brust, sie taugen für
kein ander Ohr.

_Abdallah._ Für mich allein hast du also diese Trostlosigkeit ausgelesen?

_Omar._ Abdallah, sei nicht undankbar. -- Der Weisere kann mich nur
verstehn.

Abdallah ging.




_Viertes Kapitel._


Selim saß in tiefen Gedanken, als Abdallah zu ihm hereintrat, er
bemerkte seinen Sohn und stand auf. Ich habe dich rufen lassen, sagte
er, um dir eine wichtige Nachricht anzukündigen; hat dir Omar nichts
davon gesagt?

Nichts, antwortete Abdallah, -- aber dieser Name den du genannt hast,
lieber Vater, erinnert mich an eine Bitte, sage mir, wer ist dieser
Omar?

Und wie kömmst du so plötzlich zu dieser Frage, fragte Selim, du kennst
ihn schon so lange und noch nie ist es dir eingefallen, etwas näher von
ihm unterrichtet zu sein.

Dieser Omar, antwortete _Abdallah_, ist mein zweiter Vater, nach dir
lieb' ich _ihn_ am meisten, ja vielleicht, wenn ich aufrichtig sein
soll, habe ich zwischen dir und ihm meine Liebe ganz gleich vertheilt.
-- So tief meine Erinnerung in die Vergangenheit hinunterreicht, eben
so lange kenne ich auch diesen Omar; er war der Spielgenosse meiner
Kindheit und ist der Lehrer meiner Jugend, als Knabe konnt' ich mir Gott
nie anders, als meinen Omar denken und itzt ist er mir ein Bild der
Weisheit. Alles, was ich denke und weiß, habe ich aus ihm geschöpft,
-- ohne seine Liebe könnte ich nicht glücklich sein. -- Er ist mir
bekannter, als meine eigne Gestalt, sein Geist ist meiner Seele so
vertraut, ich schmiege mich so kindlich an ihn, alle seine Züge hab'
ich so oft betrachtet und tief in meine Seele geprägt, -- nur gestern
am Abend, war es die magische Nacht, die meine Einbildung mehr als
gewöhnlich hob, -- oder war es das nüchterne leere Erwachen von einem
Schlummer, wo uns sogleich in der freien Landschaft hundert verworrene
Gebilde entgegentreten; als ich gestern durch den Wald mit Omar zur
Stadt zurückging, trat mich plötzlich das sonderbare Gefühl an, als
wenn ein _fremder Mann_ zu meiner Seite gehe, -- ich war hundertmal
im Begriff, meine Hand aus der seinigen zu ziehn, ich wagte es nicht,
ihn anzusehn, der Schein der Nacht flatterte ungewiß um ihn her und
verstellte alle seine bekannten Züge, -- ich war aus mir selbst
herausgerissen, -- ich folgte ihm schaudernd.

_Selim._ In den Jahren, wo die Einbildungskraft unsre Amme ist, spielen
tausend Schwärmereien und trügende Gefühle um uns her, die, wenn wir
nach ihnen greifen, in Luft zerfließen und unsern Geist zu einer trägen,
thatenlosen Beschaulichkeit führen. Der männliche Jüngling muß alle
diese kindischen Einbildungen mit ernstem Blick zurückweisen, auf seiner
Bahn ungestört weiter gehn und diesen Morgendünsten nicht einmal ein
zurückgeworfenes Auge schenken.

_Abdallah._ Seit gestern aber beunruhigt mich der Gedanke. Sage mir, wer
ist dieser Omar?

Ich will dir alles sagen, was ich von ihm weiß, antwortete _Selim_; du
hast ihn bis itzt als deinen Lehrer und Freund geliebt, du wirst ihn nun
auch als deinen Wohlthäter ehren. -- _Ali_, der wie ein verzehrender
Brand in dem Körper seines Landes wüthet, gegen den tausend Flüche der
Wittwen und Waisen rastlos um den Thron Gottes schweben, Ali hatte auch
mich unter Tausenden elend gemacht. Ich war reich und meine Schätze
lockten seine Habsucht, er entriß mir alles, was ich besaß, -- nur deine
Mutter und du -- weiter blieb mir in dieser Welt nichts übrig. Du warst
damals einen Sommer alt und lächeltest am Busen deiner Mutter unverständig
dem Elend entgegen. -- Wir verließen die Stadt und wanderten über
unbekannte Berge zu fremden Gegenden, der Jammer ging neben uns und
reichte uns die ärmliche Nahrung, alle meine Freunde verließen mich, als
hätten sie mich nie gekannt, Sorge und Dürftigkeit waren unsre einzigen
unzertrennlichen Gefährten: so wandelten wir von Stadt zu Stadt und
lebten kärglich von den Allmosen, die uns das Mitleid der Menschen
zuwarf. -- Ein stiller Gram wühlte unsichtbar in dem Herzen deiner
Mutter, sie reichte mir lächelnd den Abschiedskuß -- und ging nach
einigen Stunden in ihre bessere Heimath zurück. Ich blieb mit meinem
Unglück in der Einsamkeit.

Traurig schwieg Selim einige Zeit, dann fuhr er fort:

Sie ward begraben. Die Erde fiel feucht und schwer auf sie hinab, ein
Dolch schnitt durch meine Seele, wenn du mit kindischem Lächeln nach
deiner Mutter fragtest und an den Grabhügel pochtest, um sie wieder
heraufzulocken; aber dein Lächeln war das letzte schwache Band, das mich
damals an diese Welt zurück hielt, unverletzliche Pflichten sprachen
mich aus deinem freundlichen Auge an, _du_ lebtest noch und darum war
mir das Leben noch etwas theuer. Ich konnte mich nicht aus der Gegend
entfernen, in der _Zamiri_ ruhte, ihr Geist schien dort zu schweben und
mich in dem Wohnorte meines Grams zurück zu halten. -- Ach Abdallah, es
waren traurige Tage, -- wenn das junge Morgenroth so glühend heraufstieg
und zitternd auf mein schlafloses Auge schien, wenn der goldne Abend
über die Berge zog und die traurige einsame Nacht mit hundert neuen
Sorgen langsam aufstieg, -- die Erinnerung dieser Tage, -- der Mensch
muß viel erdulden, aber sein Muth muß ihn nie verlassen.


Eine kleine Stille. Aufmerksam und traurig hörte Abdallah die Erzählung
seines Vaters, dieser sprach dann weiter:


Ich besuchte täglich den Kirchhof, auf dem sie ruhte, ich betete
andächtig auf ihrem Grabe und flehte um Stärke. Im innigsten Gefühle
meines Elends saß ich einst auf dem Grabhügel, du spieltest unbefangen
vor mir im tiefen Grase, die Vergangenheit trat freundlich auf mich zu
und setzte sich traulich an meine Seite, unmännliche Thränen rannen heiß
über meine Wangen und fielen auf gelbe Todtenblumen, die auf dem Grabe
blühten. -- Plötzlich sah' ich einen Derwisch, der sich mir aus dem
Schatten der Bäume näherte. Er hatte mich in meinem Glücke oft besucht
und in seiner Gegenwart empfand ich stets eine heilige Ehrfurcht, denn
ein stiller Schauer hauchte mich an, als wenn aus ihm der Geist des
Propheten wehte. Mein Unglück schien ihn zu rühren: Grabe, sprach er,
hinter jenem verfallnen Hügel und ein neues Glück wird dir entgegenblühen.
-- Ich grub und fand einen großen Schatz, der mir mehr ersetzte, als mir
Ali genommen hatte, -- als ich dem Derwisch meinen heißen Dank bringen
wollte, konnt' ich ihn nirgends entdecken -- und dieser Derwisch ist
_Omar_?

_Abdallah._ Omar?

_Selim._ Dein Lehrer Omar. -- Ihm dank' ich alles, was ich besitze,
alles was ich habe ist nur ein Gut, das er mir geliehen hat. -- Ich ließ
mich an der fernsten Gränze des Reiches nieder, veränderte meinen Namen
und nannte mich _Selim._ Hier war ich vor Ali's Grausamkeit und Habsucht
sicher, bis er nun seit einem Jahre seinen Wohnsitz verändert und sich
hierher begeben hat. -- Ich war itzt so glücklich als ich nur werden
konnte, als nach dreien Jahren eine seltsame Erscheinung mein Haus
besuchte. Ein hagrer ausgedörrter Greis reichte mir seine lange Hand,
die wie ein Todtengebein klapperte, der Tod sahe aus seinen tiefen
eingefallen Augen, kraftlos wankte der Schädel hin und her und seine
Sprache war nur das Keuchen eines Sterbenden. Ich erschrack bei diesem
Anblick des Jammers und erst nach langer Zeit erkannte ich in diesem
Todtengerippe -- deinen Omar.

_Abdallah._ Omar?

_Selim._ Ich nahm ihn auf, wie meinen Wohlthäter, verpflegte ihn wie
einen Vater, bis er von seiner Siechheit genaß. Als seine Gesundheit und
seine Kräfte zurückgekehrt waren, nahm er freundschaftlich meine Hand
und sagte: »du bist mein Wohlthäter Selim, du hast mein Leben gerettet
und ich will nicht undankbar sein; du hast einen Sohn, ihm will ich
bezahlen, was ich dem Vater nicht bezahlen kann.« So ward unser Wohlthäter
dein Gespiele, dein Lehrer, dein Freund.

Abdallah stand nachdenkend. Eine neue Dankbarkeit band ihn fester an
Omar und hing an seine Lehren ein noch größeres Gewicht; seines Lehrers
Tugend war unbezweifelt, um so zuverläßiger mußte also seine Weisheit
werden; der Lasterhafte, der die Tugend läugnet, wird nicht gehört, aber
wenn der Edle dem Bösewicht die Hand reicht und ihn ungescheut Bruder
nennt, dann zagt die stolze Tugend und sieht zweifelhaft in ihr Innres.

Du schweigst, begann Selim von neuem, bist du nun nicht begierig, die
Nachricht zu hören, die ich dir anzukündigen hatte?

_Abdallah._ Verzeih mein Vater -- ich höre. --

_Selim._ Du sollst dich vermählen.

_Abdallah._ Dein Gebot ist mein Wille.

_Selim._ Des edlen _Abubekers_ Tochter.

_Abdallah._ Du willst es und sie ist meine Gattin.

_Selim._ Diesen Gehorsam hatte ich von dir erwartet, mein Sohn. Abdallah
wird seines Vaters Liebe nicht mit Undank vergelten.

_Abdallah._ Nein, nie mein Vater.

_Selim._ Du liebst also nicht, mein Sohn?

_Abdallah._ Ich liebe nur dich und Omar. --

_Selim._ Laß diese kindliche Liebe nie in deinem Busen verlöschen.
-- Abubekers Tochter, -- oder meinen _Fluch_!

Selim sahe ihn mit einem durchbohrenden halberzürnenden Blick an, den
Abdallah nicht verstand. Es war ein kalter fester Blick, der sich
unauslöschlich mit dem fürchterlichen Worte _Fluch_ in Abdallah's
Gedächtniß grub; bei diesem Blicke kehrte plötzlich wie ein Blitzstrahl
die sonderbare Unbekanntschaft mit Omar in seine Seele zurück, -- als
dieser hereintrat.

Er sahe ihn an und es war ganz wieder der alte, freundliche, bekannte
Omar; er ging froh hinweg und alle seine ängstlichen Besorgnisse waren
verschwunden.




_Fünftes Kapitel._


Itzt trat auch _Abubeker_ in das Zimmer und mit ihm mehrere von seinen
und Selim's Freunden.

_Abubeker_ war ein Greis von siebenzig Jahren, sein Gesicht war lang und
hager, sein Auge sanft und sein silberweißer Bart sank ehrwürdig auf
seine Brust herab. Schon seit langer Zeit war er der Welt abgestorben,
ohne daß er sie, oder sie ihn vermißte; er lebte mit seiner Tochter in
einer häuslichen Einsamkeit, nur von seinen Freunden gekannt und geehrt.
Er war im Felde erzogen und unter der Rüstung ein Greis geworden, die
Feinde hatten seine Tapferkeit gefürchtet und in seinem männlichen Alter
war Abubekers Name durch das ganze Land bekannt gewesen; aber mit den
Diensten des Feldherrn verschwindet zugleich der Dank des Volkes, der
Ruhm gleicht dem Nebel, der sich über das ganze Gefilde auseinander
wickelt und am weitesten ausgestreckt, verschwindet. Im Lager und in
Schlachten hatte Abubeker seinen Geist nur wenig bilden können, er
dachte daher nur langsam und beharrte unerschütterlich auf jede gefaßte
Meinung, jede seiner Überzeugungen ließ er sich ungern nehmen und eine
neue an ihre Stelle setzen: denn das, worüber er einmal gedacht hatte,
schien ihm die einzige und letzte Wahrheit.

Selim bewillkommte ihn und seine Begleiter, und alle setzten sich.

Eine kleine Stille weilte über die Versammlung, als Selim endlich
aufstand, Abubekers Hand ergriff und wie von einem heiligen Feuer
ergriffen, also redete:

Abubeker, du bist mein Freund und was mehr ist, ein wackrer Mann; das
seid Ihr alle, die Ihr zugegen seid, und wäre einer unter uns, der dies
große Gefühl nicht in seinem Busen trüge, der entferne sich, ehe ich
weiter spreche, denn meine Worte taugen für kein unedles Ohr. -- Aber
nein, -- die edelsten Männer des Staats sind hier versammelt und darum
sollen ungescheut meine Gedanken und Worte einerlei Weg wandeln. Zum
Biedermanne muß der Biedermann ohne Umschweif sprechen, und eben dies
war die Ursach meiner Einladung.

Alle schwiegen; Selim stand und sahe in der Versammlung umher, dann fuhr
er fort:

Abubeker, du erinnerst dich vielleicht noch der goldnen Tage, als der
Scepter des weisen _Alfargo_ dieses Land beherrschte, als ein ewiger
Friede an den Gränzen des Reiches wachte, als eine unzerbrechliche
Treue alle Unterthanen in ein schönes Band vereinte und die Rüstung des
Fürsten war, als das Glück in unsern Häusern wohnte, als -- wozu der
schönen Erinnerung, Freunde? diese Zeit _war_ und _ist_ nicht mehr, der
Sonnenstrahl, der scheu an des Gefängnisses Mauern zittert, macht dem
Gefangenen den Kerker enger, diese Erinnerung ist uns das, was dem
verirrten Wandrer in der Sturmnacht das ausgelöschte Licht. Wir _waren
glücklich_, aus diesem Gedanken springt die traurige Überzeugung: wir
_sind unglücklich!_ -- Wie beim Gewitter hängt die Luft schwer und
drückend über unserm Vaterlande, die Arbeiter haben furchtsam das Feld
verlassen und verbergen sich in Höhlen, das Gras zittert leise dem
kommenden Sturm, die ganze Natur athmet schwer und harrt mit banger
Ungeduld dem einbrechenden Wetter. -- Dies ist das Bild unsers Vaterlandes,
Freunde; kein Gesicht lächelt, als das der unverständigen Kinder, kein
Auge glänzt, als das Auge des Sterbenden, keine Fröhlichkeit lacht
aus betrübten Herzen, -- traurig, mit gesenktem Haupte, in uns selbst
versunken, von keinem heitern Gefühl aus unsern schwarzen Träumen geweckt,
stehn wir verlassen auf einer spitzen, meerumheulten Klippe und klagen
in das wilde Rauschen der See. -- Und warum hängen unsre Thränen so
schwer an den rothgeweinten Augenliedern? Warum schwellen unterdrückte
Seufzer unsre Brust so hoch? -- Sind die blühenden Felder um uns her
Wüsten von Sand geworden? Entfaltet die Sonne nicht mehr ihren Mantel
über dieses Reich? Hängt eine verzehrende Seuche über unsern Häuptern?
Sind unsre Freunde verschieden? --

Ach ja, unsre Freunde sind verschieden, eine Pest schaut wild auf uns
herab, die Sonne ist uns untergegangen und die Blüthe unsrer Fluren ist
dahin! Ein liebliches Morgenroth spielte im fröhlichen Wogengeräusch um
uns her, die Fluth sinkt zurück und unser Nachen steht auf einem dürren
Felsengrund eingeklammert. -- Das Glück hat uns seine Hand zum ewigen
Abschied gereicht und wir sehen mißvergnügt seinem Scheiden nach. -- Und
tröstet uns denn kein Ersatz über unsern Verlust und sind wir auch nicht
einmal begierig, die Ursach unsers Elends zu erfahren?

O zum _Allgütigen_ laßt eure Klagen nicht dringen, denn er zürnt uns
nicht, die freigebige Natur hält keine karge Hand über uns ausgestreckt.
-- Aber welche übermenschliche Gewalt schnürt unsre Brust so mächtig
zusammen? Wer schlägt dies verfinsternde Gewölbe um uns her? -- O daß
ich es schaamroth aussprechen muß, -- ein Fremder würde staunend unsrer
Schwachheit spotten, -- ein _Mensch_!

Ihm tragen unsre Felder, zu ihm fließt, wie zu einem geizigen Meere, alle
unsre Arbeit zurück, wir leben nur für ihn, für den Einzigen kämpfen im
unnützen Streit alle unsre Kräfte. -- Ihm hast du, dem Undankbaren, deine
Schlachten gefochten, Abubeker, er ist die Pest, die das Land verzehrt,
hinter seinem Thron ist unsre Sonne untergegangen, in seiner fürchterlichen
Allmacht liegt der Tod aller unsrer Freunde. -- Leben und Vernichtung
hält er auf der verfälschten Wage, an seinen Launen hängt schwankend
unser Glück, Gewitter donnern aus seinem zürnenden Auge, das Lächeln
seines Mundes ist unsre erquickende Frühlingssonne, seine Worte des
Ewigen unveränderliche Gesetze, -- wir stehn da, und fühlen daß wir
elend sind, und o der Schande! -- wir begnügen uns damit, daß wir es
fühlen!

Sind wir alle schon so tief in Kraftlosigkeit versunken, daß wir auch
nicht einmal _murren_? Sind wir uns so fremd geworden, daß wir auch
nicht einmal unser Schicksal geändert wünschen? Daß wir uns mit dem
begnügen, was er uns aus der Verheerung zurückwirft und uns der Gnade
freuen, die uns noch unter den Trümmern unsrer vorigen Heimath zu wandeln
vergönnt? Die Schlange verwundet wüthend die Ferse ihres Mörders, die
schuldlose Taube kämpft ohnmächtig gegen den Zerstörer ihres Nestes,
ja der zertretene Wurm krümmt sich zürnend unter dem Fuße des Wandrers
-- und _wir_! -- Wer ist der Schändliche, der sich nicht der Ketten
schämte und sie gern von seinen Armen streifte? -- O er gehe hin und
erzähle Ali meine Rede!

Sklave und freier Bürger sind in unsern Zeiten gleich, das Reich kennt
nur _einen freien_, wir _alle_ sind seine Sklaven, das Vaterland und
seine Bürger sind in dem Einzigen untergegangen, unsre Wünsche knien vor
seinem Willen, das hohe Recht, das jeder Mensch mit auf die Welt bringt,
haben wir an diesen Betrüger verspielt. Unser Dasein können wir nicht
Leben nennen, wir sind todte Massen ohne eignen Willen, Steine, die ein
muthwilliger Knabe zum Spielwerk am Abend in das Meer wirft. -- -- Und
wer ist dieser Allgewaltige? Ein Riese mit ehernem Körper, von dem
zerbrochen jeder Stahl zurückprallt? -- Nein, eine Sammlung Staub,
wie wir, von einem aufgehobnen Arm auf ewig zu Boden gestürzt.

Wo ist der Muth, der in unsern Vätern focht und die Feinde erzittern
machte? Sind alle Dolche stumpf? Ist keiner mehr, der zu den Waffen
greift und sich und seine Brüder rächt? Keiner? -- O ich habe mich
geirrt, ich vergaß, daß ich jetzo lebe, itzt, wo Knechtschaft ehrt, wo
unser höchster Wunsch ist, der schändlichste seiner Sklaven zu werden.
-- Die Zeit hat ihren Kreis gemacht und alles Edle aus unsern Jahren
hinweggenommen, nur mich Unglücklichen hat sie einsam stehen lassen.

Er schwieg. -- Die Männer glühten, die Arme der Jünglinge zuckten
unwillkührlich. In vielen Augen stand die Thräne der hohen Begeisterung,
viele wollten aufspringen und ihre Dolche schwenken, als der weise
Abubeker mit langsamer bedächtiger Stimme also sprach:

Selim, deine Stimme ist die Stimme der Wahrheit, das Reich ist
unglücklich, die Tyrannei herrscht mit erschlichener Gewalt von ihrem
Thron herab, das Volk seufzt tiefgebückt unter dem ehernen Joch, -- aber
höre mich als Freund und zürne nicht. -- Ich stehe auf einem hohen Gipfel,
von dem ich über so manche Jahre hinweg sehe, die zu meinen Füßen
ausgebreitet liegen, das Alter und die Erfahrung tritt endlich an die
Stelle der Weisheit. -- Hast du nie, Selim, eine Fluth gesehn, die
verheerend das Gefilde überschwemmt, und es gedüngt und fruchtbarer
wieder verläßt? Einen Stamm, den der Blitz verbrennt und aus dessen
Asche ein schönerer mit frischer Kraft hervorschießt? -- In dem
gegenwärtigen Übel liegt oft die Geburt eines künftigen Glücks, nur daß
das sterbliche Auge nicht durch die Dunkelheit der Zukunft dringt, daß
unser kleiner Blick nur das umfaßt, was vor uns, nicht, was oft dicht
daneben liegt. -- Schon vielen Völkern sandte der Herr zur Züchtigung
einen eisernen Scepter und schon viele erkennten die bessernde Hand.
-- Ali ist vielleicht nur der Abgesandte einer höhern Macht, der uns
von dorther den Krieg ankündigt: können wir rebellisch gegen den Ewigen
aufstehn und seine weisen Plane meistern und verwerfen? Ziemt es dem
Sklaven, seinen Herrn zur Rechenschaft zu ziehn? -- Tausend Diener horchen
auf das Gebot des Unendlichen und vollbringen die Befehle seines Zorns.
Er darf nur winken und Ali wird vom Blitz durchbohrt, vom Sturm zerrissen.
Er vermag die Erde aus ihren Angeln zu heben, und im Unmuth mit dem Hauch
seines Mundes gegen die Gränze des Weltalls zu zerschmettern, -- und er
sollte nicht einen Staub zum Staube wieder hinabsenden, wenn es sein
Wille wäre? -- Nein, wir wollen dulden, Selim, und im Dulden unsre große
Seele zeigen. Rache brüllt nur aus den Thieren, der Mensch dulde und
verzeihe! --

O Greis! rief Selim aus, das Alter, das alle unsre Kräfte verzehrt,
spricht aus dir. Der Stunden, die du noch zu leben hast, sind dir zu
wenige, um für sie zu handeln, -- aber unsre Kinder, Abubeker!

_Abubeker._ Wacht nicht über sie das große Auge, das sich niemals
schließt? -- Laß sie die Tugend und Gott verehren und sie können nicht
elend werden.

Selim wandte sich unwillig hinweg und Omar fing an zu sprechen:

Du sprachst mit tiefer Weisheit, Abubeker, die Hand aus den Wolken lenkt
oft sichtbar die Schicksale der Menschen, das dunkle Verhängniß tritt
oft aus seiner Finsterniß hervor, und zwingt selbst den kühnsten
Zweifler zur schaudernden Verehrung.

_Selim._ Und auch du, Omar? der du meinen großen Entwurf zuerst zur
Reife brachtest?

_Omar._ Oft aber waltet die Allmacht in ihrer Undurchdringlichkeit und
lagert vor die frechen Augen Finsternisse um sich her. Oft tritt das
unerbittliche Schicksal zurück, es zerreißt den Faden, an dem es den
Menschen lenkt und läßt ihn ohne Leitung gehn. Dann schaut es auf
den Weg des Wandrers herab und zeichnet ihn mit ewigen Zügen auf der
unvergänglichen Tafel. Dann wird des Menschen Name unter die Seeligen
oder Verdammten eingeschrieben, ohne fremden Druck stehn aus dem Herzen
die Tugend oder das Laster auf.

_Abubeker._ Ich fasse den Sinn deiner Rede, Omar. Wenn das ewige
unwandelbare Schicksal niemals den Menschen aus seiner Hand ließe, dann
trieben wir einen reissenden Strom hinab, der ohne unsre Schuld den
Nachen vielleicht an einen Fels zerschellte, oder in die See versenkte.

_Omar._ Alle Widersprüche vereinten sich dann in einen Mittelpunkt,
die ganze Natur wäre eine Flöte, auf der ewig die Töne des schaffenden
Künstlers erklängen, keine That gehörte uns, unschuldig kehrten alle zum
Schöpfer zurück. -- Nein, Abubeker, wenn der Ewige auch nach seiner Güte
das Laster zuläßt, so ist er es doch nicht selbst, der den Lasterhaften
führt, das hieße ihn aus seinem Wesen hinausschelten, denn er ist ja das
Gute selbst; blind ihn aus seinem Glanz vernünfteln, mit eben der
Vernunft, die er uns lieh, ihn zu erkennen.

_Abubeker._ Ein Irrthum täuschte mich, Omar.

_Omar._ Ein Athem seines Wesens streifte leise den irdischen Staub und
es entstand der _Mensch_. Dieser göttliche Funke, der aus der Nacht sich
ihm freundlich zugesellte, ist es, der ihn aus den Thieren des Waldes,
den Bäumen und Felsenwänden heraushebt, dieses ist das große Zeichen,
an dem die Menschen sich erkennen, das untrügliche Unterpfand, daß uns
jenseit ein neues Leben entgegentrete, wenn die Seele hier den Staub
wieder von sich abschüttelt und zürnend das Thal verläßt, um einen
schönern Hügel zu ersteigen.

_Abubeker._ Deine Worte wecken in meiner Seele eine Sonne, die das
Dunkel erleuchtet.

_Omar._ Dieser Verstand lehrt uns die Wunder der Natur finden. Wie der
Schnecke und dem Wurme Fühlhörner gegeben sind, um ihre Nahrung zu
suchen und ihre Feinde zu fliehen, so verlieh der Gütige dem Menschen
den Verstand. Der Zweck des Wurmes ist das Leben, dem edleren Menschen
ist das Leben nur ein Weg, aus dem er zu seinem Endzweck geht: durch
seinen Verstand sich selbst und Gott erkennen; je näher er diesem Ziele
gekommen ist, je mehr hat er die Krone des Siegers verdient. -- Ohne
diesen Stern, der unser Schiff regiert, lebten wir, wie der Maulwurf,
unter tausend Wundern, ohne sie zu bemerken. -- Die Kraft der Heilung
liegt in tausend Pflanzen ausgegossen, aber der Schöpfer tritt uns nicht
unmittelbar in den Weg; die schwache menschliche Natur würde zu sehr vor
ihm zusammenschaudern, er legt seine Furchtbarkeit ab und in schönen
Blüthen findet der Verstand des Menschen die Kraft des Gütigen wieder,
und Tod und Krankheiten fliehen vor dem wohlbekannten, allbelebenden
Hauch, der ihnen aus den Kräutern entgegen duftet.

_Abubeker._ Deine Gedanken über den Ewigen sind wie der Schein des
Mondes, sie leuchten auf den Pfad, ohne zu blenden, du verschlingst die
Allmacht mit der Lieblichkeit und vor dem wonnevollen Bilde kann der
Mensch anbetend in tiefer Ehrfurcht knien, und es zugleich _lieben_.

_Omar._ Der Verstand regiert wie ein Steuermann unsern Willen gegen Wind
und Wogen der Leidenschaften und des Unglücks. -- Der Verstand formt
aus dem ungestellten Zufall eine Säule; statt uns selbst die Hand zu
reichen und durch das Dunkel zu führen, haucht der Ewige an diesen
Funken und er leuchtet heller. -- Dann werden große und edle Thaten
geboren, Tyrannenthronen gestürzt, des Vaterlandes Feinde geschlagen,
Völker besiegt und des Propheten Glaube über Meere getragen. -- Diesen
Fingerzeig der Gottheit nicht achten, heißt seiner Güte spotten, da er
uns einen Schatz anvertraute, den wir nicht benutzen, dann wird er uns
einst schwer zur Rechenschaft ziehen, daß wir ein Gut verachteten, das
uns ihm ähnlich macht. -- Es waren Propheten, die die Zukunft weissagten
von Gottes Athem angeweht: wenn nur der Ewige selbst in unsre Seelen
diese Gedanken gesendet hätte, wenn er durch uns Ali strafen und das
Reich wieder glücklich machen wollte und seine Allmacht dabei unsichtbar
erhalten, wenn wir die Pflanzen wären, aus denen der Gütige mittelbar
Genesung unsern Brüdern zusendete?

Abubeker dachte tief den Worten Omar's nach, die übrigen horchten
aufmerksam auf seine Rede.

_Omar._ Ist es dann nicht unsre Pflicht, seinem Wink zu folgen und
unverzeihliche Trägheit, wenn wir die Arbeit, die er uns in den Weg
legt, verdrossen liegen lassen? -- Auf dann! tretet alle Zweifel unter
euch, beginnt das Werk und sagt der Ewige »Nein« zu unsrer That, -- nun,
dann wird das Unglück unsern Schritten folgen und uns von seinem Zorne
Nachricht bringen.

_Abubeker._ Du hast mich überwunden, Omar, ich gebe deiner Weisheit
nach.

_Omar._ Ha! wenn wir keine Leuchte hätten, die uns durch die Nacht
begleitete! -- aber wir tragen sie in unserm Busen. -- Glaubet! ruft
uns der Ewige selbst zu -- und handelt nach eurem Glauben und Herzen!
Daher jagt das nagende Gewissen den Bösewicht, dies ist der gute Engel,
der den Menschen zu edeln Thaten winkt. -- Ein jeder muß nach seiner
Überzeugung handeln -- und wer glaubt nicht, daß wir alle glücklicher
wären, wenn Ali von seinem Thron herunterstiege? Unser Recht? -- o er
hat unser Recht verletzt, er hat unsre Menschheit gekränkt, er zwingt
uns, unser Wort zu brechen, das wir ihm gaben, er ist unser _Feind_,
nicht unser Fürst. Wir scheuchen das Unglück über die fernen Gebirge,
das itzt so dräuend über uns hängt, wir sind die Retter unsers Vaterlandes,
aus seinem Grabe wird das Glück dann wieder auferstehn und uns dafür
belohnen, unsre Brüder werden Freudenthränen weinen, -- ha! wer steht
noch müssig? Wer kann noch furchtsam zurückzagen? -- Nein, Abubeker,
Freunde, -- wir _wollen_ nicht die Krone von Ali's Haupte reissen,
wir _müssen_ es, -- das Land liegt kniend zu unsern Füßen, des Ewigen
ernstes Auge schaut anmahnend auf uns herab, die Nothwendigkeit reicht
uns den blutigen Dolch, -- wir _können_ nicht zurücktreten und den
furchtbaren Arm von uns weisen.

_Selim._ Nein, wir können, wir _dürfen_ es nicht. Die Gefahr streckt uns
ihren Rachen entgegen, -- stürzt auf sie zu, Freunde, sie verherrlicht
unsern Triumph! Welcher Feige würde nicht mit dem Edlen um jeglichen
Kampfpreis ringen, wenn die Furchtbarkeit nicht die große nie zerfallende
Scheidemauer zöge? Daß wir unser Leben wagen, o das ist es, was unser
Unternehmen zu einer großen That stempelt, das ist es, warum sie Männer
und keine Knaben fordert. Das Glück schwebt um uns her; faßt mit starkem
Arm den ehernen Ring und haltet ihn fest, -- dreht er sich allmächtig
weiter, -- nun was können wir mehr als _sterben_? Und können wir in
tausend Jahrhunderten einen ruhmvollern Tod finden, als im Kampf mit der
Tyrannei dahinzusinken? -- O wem das _Leben_ das höchste Gut ist, der
mag zagen, ihm sei es erlaubt zu zittern, er mag sich hinter Ali's Thron
verkriechen und sich fest an seine Ketten klammern und an den Pfahl, an
dem er gefesselt ist, -- wir kämpfen, siegen oder sterben für's Vaterland
und unsre Brüder, -- das Schild am Arm, den Säbel in der Faust stürzen wir
vor Ali hin und fordern _uns selbst_ von ihm zurück, -- wir verschwinden
in dem großen Ganzen, eine Woge im Meer; was liegt an mir, wenn ich auch
untergehe? -- Die Gefahr nicht achten, heißt sie tödten; sich selber muß
der Edle freudig seinen Brüdern opfern können. -- Wer so denkt, der
reiche mir seine Rechte!

Alle sprangen auf, man lief eilig durcheinander, jeder wollte der Erste
sein, der die Hand des edlen Selim faßte. -- Es ist kein Schändlicher
unter uns! riefen alle, wie aus einem Munde, auch Abubeker trat hinzu
und umarmte Selim und Omar. Eine große Begeisterung wandelte durch den
Saal, alle Gesichter glühten, alle Augen funkelten.

Brüder! rief Selim aus, -- das Loos ist gefallen! -- Er kniete nieder.
-- Hier schwör' ich bei dem Ewigen und seinem Propheten, bis auf meine
letzte Lebenskraft gegen Ali zu kämpfen, mein Vaterland zu retten oder
zu sterben!

Alle knieten und schwuren ihm den großen Eid nach, dann umarmten sie
sich von neuem, drückten sich die Hand und küßten sich wie Brüder.
_Ein_ Gedanke lebte in allen Seelen, _eine_ Entzückung, _ein_ Geist
wehte durch die ganze Versammlung.

Freunde! sprach _Omar_, -- und wer soll denn an Ali's Stelle treten und
eine neue Sonne über unser Reich heraufgehn lassen.

Alle schwiegen und _Omar_ fuhr fort.

Das unmündige Volk bedarf eines Führers, ohne Oberhaupt würde es sich
selber vernichten. Ein weiser Mann muß an der Spitze stehn, der alle die
schweifenden Kräfte in einen Mittelpunkt sammelt, die sonst unnütz an
tausend mannichfaltigen Gegenständen zerschellen. -- Ihr kennt Selims
Weisheit, seinen Muth, seine Güte und Menschenliebe. Er betrete den
verwaisten Thron, er werfe unser Elend in das unergründete Meer und
wecke das Glück aus seinem Schlummer. -- Wer andrer Meinung ist, der
spreche!

Du thust mir Unrecht, rief _Selim_, als alle schwiegen; warlich Omar,
deine Worte schmerzen mich tief. -- Hat denn Ehrgeiz oder Herrschsucht
meine Gedanken geleitet? Bin ich der einzige Edle in dieser Versammlung?
-- Ich widerspreche dir hier laut, ich widerspreche euch allen, wenn ihr
ihm beistimmt. -- Der Unbetrügliche sieht mein Herz, beim Grabe seines
Propheten schwör' ich hier, -- durch meinen Tod, ja durch meine _Schande_
wollt' ich Euer Elend von mir kaufen, ungenannt sterben und vergessen
werden. Ich selbst war bei diesem Entwurf mein letzter Gedanke. -- Omar,
wie konntest du dem weisen, tapfern, erfahrnen Abubeker vorübergehen?
-- Hier steht unser Herrscher! Er verdient das Diadem zu tragen, das Ali
entweiht. --

Er warf sich vor dem Greise nieder und berührte mit der Stirn dreimal
den Boden, alle übrigen folgten seinem Beispiel. Der erstaunte Abubeker
war gerührt und konnte ihnen nur durch Thränen antworten.

Du bist unser, Abubeker, sprach _Selim_, freiwillig zu uns herübergetreten,
von keinem äußern Zwange gedrückt. Der Edle muß aus eignem Willen handeln,
und damit auch nicht der kleinste Schein von Eigennutz auf dich fiele,
hab' ich dir noch eine Nachricht vorbehalten, die du itzt erfahren sollst.
-- Ali, nach deinen Schätzen begierig, hat das Ziel deines Lebens näher
rücken wollen; Omar hat durch seine Weisheit diesen Anschlag vernichtet
und dich uns gerettet.

Der Greis _Abubeker_ drückte ihm schweigend die Hand. -- Selim, sprach
er dann, ich bin dir sehr viel schuldig, dir dank' ich meinen Reichthum,
du wandest ihn aus den Händen ungerechter Feinde, du schütztest mein
Leben gegen einen Räuber, dessen Säbel schon über meinen Schädel blinkte,
-- erinnerst du dich noch jener Tage, als wir uns ewige, unzerbrechliche
Freundschaft schwuren. Wir haben unsern Eid gehalten und wollen ihn noch
ferner halten. -- Damals schwurst du feierlich in meine Hand, dein Sohn
Abdallah sollte der Gatte meiner Tochter werden, ist es noch dein Wille?

_Selim._ Ich schwur und ich hätte keinen Willen mehr, wenn es nicht mein
sehnlichster Wunsch, mein freudenvollster Gedanke wäre.

_Abubeker._ Mein Kind vermählt sich deinem Sohne.

_Selim._ Und wenn auch das Unglück uns verfolgt, auch wenn ich tausend
Schätze besäße und du wärst eben so elend, wie ich einst war, -- sie
wird meine Tochter, -- nimm dies Versprechen noch einmal vor dieser
feierlichen Versammlung.

_Abubeker._ Eben dies verspreche ich dir, wackrer Selim. -- Dein Sohn
wird der meinige, -- aber wo ist er? Meine Augen haben ihn schon vorher
vermißt. Sollte er keinen Theil an diesem großen Schauspiel nehmen?

Omar trat hervor. -- Der zarte gefühlvolle Jüngling, sprach er, taugt
noch nicht für Männer Unternehmungen. Tausend zärtliche Besorgnisse für
seinen Vater würden sein Innres zerreissen; sein Geist steht itzt noch
in der Blüthe und kann noch keine Früchte treiben; diese Gedanken würden
ihm Ruhe und Schlaf rauben und seine Hülfe würde uns unmerklich sein.
-- So tragen wir ihn schlummernd den steilen Fels hinan, auf dem ein
Schwindel ihn wachend seiner Vernunft berauben würde. Wenn er oben steht,
dann wecken wir ihn sanft und er wird uns unsre zärtliche Sorgfalt danken.

Alle stimmten ihm bei und man beschloß am folgenden Tage sich von neuem
zu versammeln, um über die Mittel zur Ausführung ihres Entwurfs zu
berathschlagen. Dann ging man froh auseinander und ein jeder nahm große
Gedanken und schöne Entwürfe in seiner Brust verschlossen mit sich.




_Sechstes Kapitel._


So untergruben Selim und Omar den Thron Ali's; unbefangen ging Abdallah
neben allen Gefahren hin, die er nicht sahe, das Gewitter zog sich in
schwarzen krausen Wolken über ihn zusammen, aber er hörte nicht den
Sturm, der von allen Bergen her die Dämpfe zusammenjagte, unbesorgt ging
er in seiner Unwissenheit dreist einher, wo er, in das Geheimniß der
Verschwörung eingeweiht, sorgsam prüfend den Fuß auf die schwankende
Brücke gesetzt hätte und zitternd sich umgesehn, ob nicht unter ihm die
Pfeiler stürzten.

Der Sonnenschein hatte ihn aus seinem Hause gelockt, er wollte eben die
Stadt verlassen, als ihm _Raschid_ begegnete.

Sei mir willkommen Freund! rief ihm Abdallah entgegen.

_Raschid_ war traurig wie gewöhnlich und erwiederte Abdallah's Gruß mit
niedergeschlagenem Blicke.

Du bist traurig, sprach _Abdallah_, komm mit mir in die schöne Natur,
der Frühling wird dich heitrer machen.

Itzt nicht, antwortete _Raschid_, nöthige Geschäfte rufen mich zu Ali;
aber wenn die Sonne untergeht, dann erwarte mich auf der steinernen
Bank, dem Pallast gegen über. -- Er entfernte sich schnell und Abdallah
ging durch die Thore der Stadt.

Der schönste Frühlingstag war aus dem Meer emporgestiegen, die Luft
athmete lau, Düfte von tausend Blumen lagen auf den Schwingen des
Westwindes, über die Berge war der glänzende Himmel wie ein blaues Zelt
ausgespannt, unter welchem lichte Wolken in leichter Bewegung tanzten.
-- Itzt hatte er einen Hügel erstiegen, der die schönste Gegend übersahe.
Ein Thal schmiegte sich zwischen waldbewachsnen Bergen, der Wald rauschte
ernst und feierlich und durch sein zitterndes Grün blinkte ein Strom
verstohlen hervor, der bald verschwand und dann wieder schön gekrümmt wie
ein weiter See im Sonnenschein glänzte. Friedliche Hütten lagen traulich
unter den Zweigen der Bäume, der Sonnenschein spielte in mannichfaltigen
Strahlen auf das frische Grün des Rasens, das bald heller bald dunkler
sich den Hügel hinuntergoß, Cedern standen feierlich schwarz auf den
Bergen, die den Horizont begränzten. Alle Wesen, von der Fliege die im
Sonnenschein summte bis zum Hirsch im Walde und dem Adler in den Wolken,
waren froh und glücklich, von jedem Zweige des Waldes rauschte die
Freude, in tausend Gesängen bunter Vögel zwitscherte sie in das Geräusch
der Waldung.

Abdallah stand und betrachtete mit Entzücken die glanzumschlungne
Gegend. O der schönen Welt! rief er endlich aus. Wie freundlich es aus
dem Thale zu mir heraufweht! Wie göttlich diese Wonne mich, wie ihren
Freund, umarmt! Alle meine Sorgen liegen unbedeutend weit hinter mir,
alle meine Sinne thun sich dem wohlthätigen großen Gefühle auf. -- Welch
ein Feuer in meinem Busen lodert! Wie tausend flammende Empfindungen zum
Herzen strömen! -- O unglückseliges Gedächtniß! -- Nur Tod brütete in
dieser unendlichen Pracht? -- Mein Geist nur ein leiserer Ton von dem,
der im Walde rauscht? -- Mit dieser funkensprühenden Begeistrung bin
ich nichts mehr, als dieser Strauch? Und doch drängt sich alles so zu
mir herauf, alles kniet vor mir und meinen Gefühlen nieder, in meinen
Empfindungen schwimmt ein ätherischer Glanz, der von mir selbst Bewunderung
erzwingt, ich schlage an die goldnen Saiten der Natur und verstehe den
großen Klang, -- ja, ich bin ein edler Wesen, als die todten stummen
Massen, -- hinweg mit dir du Weisheit, die mich verschmachten läßt,
-- du raubst mir den Genuß, und Genuß ist ja das erste und letzte Ziel
dieses Erdenlebens.

Er lagerte sich am grünen Abhang des Hügels und schaute in die
unendlichen Reize hinaus, die sich nach und nach dem aufmerksamen Auge
unaufhörlich auseinander wickelten. -- Eine heilige Ruhe schwebte mit
leisem Fittig über die Gegend, hundert neue Schönheiten gossen sich
aus, wenn sich der Schatten vor den Wald hin ausstreckte und die Berge
höher hinanlief, über das weite Gefilde lagen Dunkel und Sonnenschein
freundlich zusammen und wechselten und spielten durch einander. Ein
gelber schräger Sonnenstrahl schimmerte gebrochen durch die fernen
Cedern und erglühte durch die Zweige wie Flammenstreifen auf dem grünen
Berg, die im Rauschen des Waldes funkelnd auf und nieder zuckten.

O! daß ich mich stürzen könnte in das Meer der unermeßnen Göttlichkeit!
rief der wonnetrunkene _Abdallah_, -- diese tausendfachen Schätze in
meinen Busen saugen! Könnt' ich sie fesseln und ewig wach erhalten in
meiner Brust diese göttlichen Gefühle, die itzt durch meine Seele zittern!
Ach, daß der Gesang durch die Laute rauscht und nachher verstummt! -- Ich
höre das Pochen meines ungeduldigen Geistes: was ist diese unnennbare
unausfüllbare Leere, die mich stets im Genusse so kalt und todt ergreift?
Ein fremdes Streben ringt mit meiner Begeisterung und wirft sie nieder.
Ich schwindle auf der Freude höchsten Gipfel und stürze in den Staub
betäubt zurück. -- Alle meine Gefühle drängen mich weiter hinaus zu
einem unbekannten Etwas, zuweilen flattert unstät ein Schein durch die
Dämmerung und wie eine holdselige Erinnerung winkt es mir zu, -- aber
er verlischt plötzlich und die ungestümen Wogen wälzen sich von neuem
durcheinander.

Ein Abendwind bließ durch die Waldung, ein rother Duft schwebte um den
Horizont, die ungewissen Widerscheine flossen nach und nach zusammen und
ein Kranz von Gold, Purpur und Violet flocht sich rund um die Stirn des
Himmels. Ein friedlicher Rauch stieg aus den Hütten und vermischte sich
mit dem Nebel, der leise und langsam über die Fluren schritt und in
tausend blendenden Sternen flimmerte, von einem Sonnenstrahl durchbrochen.
Ein Schäfer zog mit seiner klingenden Heerde den Abhang herauf und seine
einsame Flöte tönte sanft in das Thal hinab.

Abdallah ging mit seinen Träumen zur Stadt zurück, das Rauschen des
Waldes hallte ihm noch immer wieder, in sein Ohr tönte noch die Flöte,
die vom Berg herab ihm mit ihren Melodieen flüsternd gefolgt war.

Er setzte sich auf die steinerne Bank, dem Pallast des Sultan's
gegenüber, in tausend verworrenen Gefühlen versunken. Die Leere der
Stadt mit ihrem abendlichen Geräusch und der lärmenden Emsigkeit umgab
ihn, die Kaufleute verschlossen ihre Thüren, der Handwerker verließ
seine Läden, die Ausrufer gingen durch die Straßen, von den Moscheen
ward die Stunde zum Gebet gerufen und durch das verwirrte bedeutungslose
Getöse hallte ihm noch wehmüthig froh der Flötenklang, in das Bild der
dämmernden Straßen schwamm noch ein Wiederschein von der reizenden
Landschaft und bildete eine Gestalt, die ihn mit schwermüthigem Lächeln
ansah. Das Getön einer Thür riß ihn aus seinen Träumen, er schlug die
Augen auf und sahe -- _Zulma_, des Sultans Tochter.

Schlank und mit majestätischer Anmuth trat sie herbei, um auf dem Altan
die Blumen und jungen Citronenbäume zu begießen und auf einen Augenblick
die Kühlung des Abends einzuathmen. Ihr dunkles Haar floß geringelt
auf ihre Schultern, ihr schwarzes Auge brannte wie ein Stern durch die
Wolkennacht. Um ihre zarten Lippen spielte eine süße Freundlichkeit und
die Liebe selbst legte den Mund in das lieblichste Lächeln.

Weitgeöffnet starrte Abdallah's Auge zum Altan hinauf, er verschlang
mit glühendem Blicke die reizende Gestalt und jede ihrer kleinsten
Bewegungen, er glaubte ein Seeliger des Paradieses zu sein und in Zulma
die schönste der Houris zu sehn, -- unter ihm hätte ein Erdbeben
unergründliche Schlünde reißen können -- er hätte es nicht gefühlt,
-- hätten tausend Donner um ihn her gebrüllt, -- er hätte sie nicht
gehört, -- alle seine Sinne waren todt, sein Geist war aus seinem Körper
entflohen und brannte verzehrend in seinen Augen. -- _Zulma_ ging wieder
zurück und Abdallah starrte noch immer zum Altan hinauf, er glaubte noch
immer den Schimmer des weißen Arms durch die grünen zitternden Blätter
zu sehn, zu sehn, wie die Rosen von ihrem Anhauch schöner glühten und
von Zulma's Glanz die Lilien heller leuchteten.

Endlich erwachte er aus seiner Betäubung, so wie der Wandrer in der Nacht
erwacht, der müde auf dem Felde einschlief und den ein Reisender mit
einer Fackel weckt. Er steht auf und sieht ohne Besinnung umher, er
kennt die Gegend und sich selber nicht, von allen seinen Erinnerungen
abgerissen, taumelt er dumpf seine Straße fort, die Berge um ihn her
wanken im Schein und die Gegend liegt dunkel wie ein Räthsel vor ihm.
-- Aus diesem Gewirre kehrte _Abdallah_ endlich zurück, -- er sah, er
hörte wieder, seine zugeschloßnen Sinne thaten sich wieder auf, -- aber
er erkannte sich selbst nicht wieder. So wie er itzt sahe, hatte er noch
nie gesehen, so hatte noch kein Klang sein Ohr getroffen: eine neue Sonne
schien ihm entgegen, aus jedem Ton grüßten ihn holde Melodieen. Ihm war
als stiege er aus einer finstern feuchten Gruft heut zuerst dem Licht
entgegen, hundert Besorgnisse schüttelte er von sich ab, er fühlte sich
frei, stark und groß, kühn zu jedem Unternehmen, ausdauernd für jede
Arbeit, unerschrocken vor jeder Gefahr, feiner fühlend für Schönheit
und Edelmuth. -- Rothe Wolken schwammen durch den Himmel und glänzten
vorüberfliegend an den hellen Fenstern, Schwalben zwitscherten um ihn
her, alles war ihm theuer, alles war ihm neu und ein neugewonnener Freund.
-- Er ging über die Brücke des Flusses, der die Stadt durchströmte. Eine
flammende Gluth brannte durch den Himmel, das Abendroth sank hinter den
Fluß nieder und warf ein bleiches goldnes Netz nach dem Abendsterne, der
seinem Glanze folgte, der Strom glühte in Purpur, vom Kuß des Himmels
erröthend, in sanften Krümmungen schlich sich das erhabne Ufer neben
den Strom hin und spiegelte sich in seiner Fluth, rosenrothe Wellen
plätscherten an das grüne Gestade und lockten in der Ferne eine Heerde,
die auf einem schmalen grünen Landstreif sich in den Strom drängte und
aus den goldnen Wellen trank, eine Guitarre sprach in zärtlichen Tönen
vom Fluß herüber, -- Abdallah sahe in jeder Schönheit Zulma's Gestalt,
die jeden Reiz erhöhte, er schwamm in einem Meer von Wonne, er stürzte
sich und versank in die schönsten, erhabensten Gefühle.

Itzt sank der letzte goldne Streif des Abends nieder und aus Osten
stiegen Schatten mit großen Schritten auf; er weinte und wußte nicht,
warum eine Thräne sich so heiß aus seinem Auge drängte.

Sinnend ging er auf sein Zimmer, wiegende Wogen trugen ihn auf dem Bache
der süßen Schwärmerei hinauf und hinab, ermüdet schlief er ein.

Die Zukunft strömte ihm hell und glänzend entgegen, wie ein Quell dem
durstigen Wanderer, goldne Träume umfingen ihn und Zulma's Gestalt stand
in den Träumen. -- Er war so glücklich, daß er nie hätte erwachen mögen.




_Siebentes Kapitel._


Die Traumbilder wickelten sich leise aus Abdallahs Armen und er erwachte.
_Zulma_ war sein erster Gedanke, der gestrige Abend stand vor ihm und
seine Einbildung holte ihm jede seiner gestrigen Empfindungen zurück.
Alles lag ahndungsvoll wie ein Traum vor seiner Seele, oder wie eine
mondbeglänzte Gegend, er zweifelte an allen seinen Gefühlen, durch ihre
ganze Harmonie wand sich sein Geist hindurch und suchte die Quelle, aus
der dieser Strom seiner umgewandelten Empfindungen geflossen sei.


Ein früher Strahl des Morgens zitterte durch sein Fenster, er öffnete es
und sahe sinnend in die schöne Gegend hinaus. Ein frischer, kühlender
Hauch kam ihm entgegen, die Sonne schimmerte auf den Wellen des Flusses
und brannte golden an den Fenstern der hundert Palläste umher, ein dünner
Nebel sank in den Fluß zurück und durch den Himmel war ein purpurnes
Meer ausgegossen. Durch jedes Wolkengebilde blickte Zulma's Gestalt
hindurch, sie stand in den Sonnenstrahlen, die sich auf den Wellen brachen
und lächelte ihm entgegen, in den Gebüschen am gegenüberliegenden Berge
säuselte ihr Name, die ganze Natur umher war nur ein Wiederhall seiner
Empfindungen. -- Dürftig und ohne Reiz schien ihm alles, was er vor dieser
Umwandlung gefühlt hatte, seine Phantasie war nun erst mündig geworden
und verschmähte ihr voriges kindisches Spielwerk, seine erhabensten
Gedanken reihten sich willig an das, vor dem er sonst kalt und ohne
Empfindung vorübergegangen war, ein heiliges Entzücken flüsterte im
Grase und spielte in der Gluth der Wolken, wie ein großes verschloßnes
Buch hatte sich ihm die ganze Natur aufgeschlagen.


_Raschid_ trat herein, als Abdallah sich noch seinen Schwärmereien
überließ, er wollte seinem Freunde Vorwürfe machen, daß er sein Wort
gebrochen und ihn am Abend nicht erwartet habe, dieser aber hörte nicht,
was er sagte, sondern sprach mit seinen Träumen und wußte kaum, daß
Raschid neben ihm stand. Dieser verließ ihn endlich voll Verdruß, als
ihm Abdallah nur durch einzelne unzusammenhängende Töne antwortete.

_Abdallah_ hatte sich und sein ganzes Wesen vergessen, er hing glühend
an seinen Phantasieen und Omar und seine traurige Weisheit war von
seinen neuen Gefühlen verschlungen. -- Vordem hatte er mit Kindlichkeit
die Tugend und sich geliebt, alle Räthsel, die vor ihm lagen, hatte ihm
Niemand Räthsel genannt und er stand unbefangen vor ihnen; seit jenem
Abend, an welchem Omar ihn in seine Weisheit eingeweiht hatte, schien
ihm alles Glück der Einbildung erloschen, die schöne Hülle war von der
Natur abgefallen und er sahe nur das nackte Gerippe; er hatte schon
daran verzweifelt, daß ihn je wieder ein Strahl aus den glücklichen
Tagen seiner Unwissenheit anfliegen könnte, -- und itzt schmückte sich
alles schöner als je, so zauberreich stand noch nie die Wirklichkeit vor
ihm, so geläutert und rein hatte noch kein Gefühl in ihm geklungen.

_Omar_ trat herein, aber Abdallah bemerkte ihn nicht. -- Worüber denkst
du? fragte ihn dieser. -- Über nichts, fuhr Abdallah erschrocken auf und
Omar entfernte sich wieder. Abdallah war so froh, als ihn sein geliebter
Lehrer verließ, als wenn eine lästige Gesellschaft von ihm gegangen wäre;
er überließ sich ungestört seinen Schwärmereien, wie jemand, der in
einem schönen Traum erwacht und wieder einzuschlafen sucht. -- Was ist
dir, mein Abdallah, sprach _Omar_ nach einiger Zeit, indem er von neuem
hereintrat.

Abdallah schwieg. -- Was hat dich so tiefsinnig gemacht? fragte ihn Omar
mit freundschaftlicher Unruhe.

Omar! stammelte _Abdallah_, sieh die Natur, die unendliche, unbegränzte,
sieh, wie tausend Schönheiten mich anlächeln und tausend schlafende
Empfindungen in meinem Busen wecken. Sieh, wie die Herrliche ausgegossen
von mir liegt, vom himmlischen Reiz umfangen. Wie des Morgens Gluth sich
durch die Wolken schwingt, wie die blühende Erde sich lächelnd in die
Arme des Himmels schließt, sieh, wie alles rund umher in dem lebendigen
Glanze schwelgt, -- o daß ich diese Göttlichkeit an mein Herz drücken
könnte und mit Seligkeit gesättigt in den hohen allgemeinen Wohllaut
zerfließen!

Es ist nicht das, sprach der ernste _Omar_, indem er Abdallahs Hand
ergriff, du willst deinen alten Freund hintergehen und das solltest du
nicht. Du warst mir noch nie verschlossen, noch nie vergaßest du über
deine Empfindungen mich, noch nie brannte dein Auge so wie itzt, -- noch
nie suchtest du deinen Blick meinen Forschungen zu verbergen, -- nein
Abdallah, noch nie strebtest du deine Hand aus der Hand deines Freundes
zu ziehn. --

_Abdallah_ sahe nieder und schwieg; _Omar_ hatte die geheimsten Geberden
seines Geistes verstanden, er suchte daher beschämt seine Gesinnungen
zu verbergen und dann war er wieder im Begriff, dem Freund mit seinen
innigsten Gefühlen entgegen zu gehn. Sein Gesicht glühte, seine Blicke
irrten ungewiß auf den Boden umher und suchten einen Gegenstand, der sie
fesseln könnte. -- Omar fuhr fort:

Hast du denn alles Vertrauen zu mir verloren? -- Bin ich nicht mehr
Omar, dein Freund? Warum willst du dich mir verbergen? Entdecke dich
mir, unsre Seelen sind sich ja verschwistert, laß mich dein Glück oder
Unglück mit genießen oder leiden; seit wann ist Abdallah so eigennützig
geworden?

Er schwieg und Abdallah wollte sprechen, aber eine heiße Thräne stieg in
sein Auge, ein großer Seufzer erstickte seine Worte, seine Hand zitterte
in der Hand Omars, dieser ließ sie mit freundschaftlichem Unwillen fallen.

Ich habe mich geirrt, dies ist nicht mehr mein Abdallah, so stehen Omar
und er nicht mit einander. -- Gut, ich muß dein Vertrauen noch erst zu
_verdienen_ suchen. -- Er wollte gehn. --

Nein, nein, Omar, rief ihm _Abdallah_ heftig nach, bleib! o ich will
ja zu dir sprechen. -- Doch was soll ich dir sagen? Wie wirst du mich
verstehn, da ich mich selbst nicht verstehe? -- Es giebt keine Worte,
keine Sprache, in der ich alles so lebendig, so lauter hingießen könnte,
wie es hier in meinem Herzen strömt und lebt! -- Könnt' ich dein Herz in
das meinige legen, deinen Geist in den meinigen schmelzen, o dann, dann
würdest du mir die Worte ersparen und mich ohne Sprache verstehn!

_Omar._ Seelen, die sich so vertraut sind, wie die unsrigen, legen in
die Worte jene Empfindungen hinein, die keine Beschreibung ausfüllt, den
geistigen Hauch, der sich in keinen Tönen festhalten läßt, -- darum
werd' ich dich verstehen.

_Abdallah._ Aber kann deine ernste Weisheit auch dem jungen Freunde
verzeihen?

_Omar._ So sehr kann _Abdallah_ nicht fehlen, daß für sein Vergehn keine
Verzeihung sein sollte.

_Abdallah._ Ach nein, ich bedarf keiner Verzeihung, das sagt mir mein
Herz, die Unbefangenheit, mit der ich den Blick in mein Innres werfe.
Es ist kein Verbrechen, denn alles, die Natur, ich selbst, du mein Omar,
alles ist mir unendlich theurer als vorher, das Lebende und Leblose ist
meinem Herzen näher gerückt, ich fühle mich größer, edler, geistiger,
-- o mein Omar, laß dir alles in einem Wort' enträthseln: _ich liebe!_

_Omar._ Du liebst?

_Abdallah._ O du mochtest lächeln! Ach nein, es ist nicht das, nein, es
ist nicht jenes Gefühl, das unsre Dichter so oft beschreiben, -- kein
Mensch hat noch je dieses hohe, heilige, unaussprechliche Wesen in
seiner Brust beherbergt, Liebe ist es nicht, es ist das Gefühl der
Seligen, mir allein seit Ewigkeiten aufbewahrt, mich aus dieser Welt
hinauszureissen; eine allmächtige Woge hat mich auf die hohe gähe Spitze
einer Klippe geschleudert, die Welle sinkt ins Meer zurück und ich stehe
schwindelnd über Wolken, von allen Menschen die einst waren und sind auf
ewig abgerissen, die Unendlichkeit um mich her, -- die Gottheit hat heut
mein Leben von neuem berührt und durch die leisesten Töne hindurch
zittert der allmächtige Stoß. -- Wer würde nicht dies Verbrechen mit mir
theilen und welcher Freund mir nicht verzeihen?

_Omar._ Dir verzeihen, daß du liebst? Ist Liebe nicht der Zweck alles
Erschaffenen, das, was uns die öde Welt in einen Garten umwandelt?

_Abdallah._ Du sprichst zu meiner Seele, wie ein Vater zu seinem kranken
Kinde; ja, es ist die schönste Vollendung des Menschen, ich fühl' es,
Liebe ist die einzige Tugend; nimm mir alle, laß mir nur diese übrig und
ich werde sie nicht vermissen.

_Omar._ Sie bleibe dir ewig. Verdient aber auch deine Geliebte, -- nenne
mir ihren Namen.

_Abdallah._ Omar, du bist ein Gotteslästerer! -- Setze das Paradies auf
die eine und _Zulma_ auf die andre Seite, und ich werde _Zulma_ ohne
Bedenken wählen. -- Ich sahe sie gestern und seitdem sehe ich nichts,
als sie, -- mir war's, als fiele ein lächelnder Blick ihres holden
Angesichts auf mich herab, -- o wär' es Wahrheit, ich wollte mein Leben
gegen noch einen dieser Himmelsblicke tauschen!

_Omar._ Zulma? -- _Ali's, des Sultan's Ali's Tochter?_

_Abdallah_ schwieg, dann fuhr er langsamer fort: Ach Omar, warum hast du
die freundliche Binde von meinen Augen genommen? Ich war so glücklich, als
ich nicht daran dachte, warum gönntest du mir nicht diesen lieblichen
Betrug?

_Omar._ Wo willst du Adlersfittige hernehmen, dich zu dieser Sonne empor
zu schwingen?

_Abdallah._ O die Liebe, die Allmächtige wird sie mir reichen! -- Der
Verzagte verliert ewig, dem Kühnen geht das Glück selbst entgegen.

_Omar._ Du stehst vor einem Abgrund, der sich zwischen zwei Felsen
reißt, ein dichter Nebel liegt wie Land dazwischen und du trittst mit
vertrauendem Fuß in die Luft, aber du wirst in die Tiefe stürzen.

_Abdallah._ Ach Omar, ich habe dir mein Geheimniß entdeckt, kannst du
nichts, als es tadeln, hast du keinen mitleidigen Trost, keinen Rath für
mich?

_Omar._ Und wenn ich ihn hätte?

_Abdallah._ O dann wollt' ich vor dir knien und dich meinen Erschaffer
nennen. -- Nur Hoffnung und ich bin nicht ganz elend!

_Omar._ Nicht elend? Wenn aber tausend Gefahren --

_Abdallah._ Die Unmöglichkeit soll unter das Joch den ehernen Nacken
beugen, Gefahren will ich wie Blumen brechen und sie Zulma entgegentragen,
ich will durch wilde Ströme schwimmen, über Abgründe springen, durch
hundert Schauder unerschrocken gehen, mich durch Klüfte drängen, durch
die kein Leben wandelt, wenn sie nur am Ziel der schreckenvollen Wanderung
steht. -- O sprich! nur ein Strahl, der mir aus der Ferne leuchtet und
ich will ihm mit Adlersflug entgegenfliegen!

Abdallah! rief _Omar_ aus, sein Gesicht war feierlich ernst, seine Augen
durchschauten wild den Jüngling, -- heut in der Nacht will ich dich
wieder sprechen. Dann ging er und Abdallah sah' ihm staunend nach.

Unglücklicher! rief er aus, -- wo sind nun alle deine hohen, himmlischen
Schwärmereien? Sie sind vor einem Worte wie Nebel niedergesunken,
und eine kahle Felsenwand steht vor dir, wo erst ein goldner Duft im
tausendfachen Schimmer spielte. -- Welche Kette hängt an dem Worte
_Ali_, die mich so gewaltsam von Zulma zurückreißt? Lieg' ich in den
Staub gebunden und glänzt sie ewig unerreichbar wie ein Sirius über mir?
-- Nein, ich will eine Leiter bis in den Himmel legen, ohne sie giebt es
kein Glück, kein Leben für mich, bei diesem Spiele kann ich nur
gewinnen.

Er schwieg und sein Blick senkte sich, als wenn ihn ein Gedanke
plötzlich überraschte.

Nur gewinnen? fuhr er dann langsam und traurig fort. -- Und mit deines
Vaters Fluch, Elender, verlierst du nichts? -- O eine schwarze Ahndung
breitet sich über meine Seele aus. Mit diesem Tage nimmt vielleicht
das Elend meines Lebens seinen Anfang, ich stehe hier vielleicht am
Scheidewege, wo ich in einen dunkeln, unendlichen Wald hineingehe und
die freie helle Flur auf immer verlasse. -- Mein Vater selbst tritt mir
in den Weg und hält mich an, mein Vater liebt mich, um mich elend zu
machen. -- Alle meine Hoffnungen stürzen von diesem Fels zurück und
hinter mir stehn schwarze Klippen furchtbar aufgepackt, und versperren
mir den Rückweg. -- Omar, leite deinen Freund aus dieser Irre! --

Er überließ sich seinen Gedanken, die bald den vorigen Schwärmereien
weichen mußten, bald wieder kalt und verweisend ihre Stelle einnahmen.
-- So träumte und dachte er bis zum Abend.




_Achtes Kapitel._

Schwarz lag die Nacht auf dem Gefilde, als Omar und Abdallah die Stadt
verließen.

Wolken gossen sich gedrängt und düster von den Bergen herab, in hohen
unendlichen Gebirgen aufgewälzt, wie eine dicke gewölbte Mauer hing der
schwarze Himmel mit seinen wankenden Riesenschatten über ihnen, kein
Stern sah durch die Hülle, kein Strahl des Mondes zitterte durch die
Wolkenwildniß: ein Regen rauschte in den nahen Bäumen, durch den fernen
Wald wandelte der Sturm dumpf murrend, die Wächter riefen aus der Stadt
die Stunden der Nacht, die Natur schwieg mit feierlichem Ernst und
ein heimliches Grauen stieg von den finstern Bergen. -- Beide gingen
schweigend und in tiefen Gedanken versunken. -- Nach einer langen Stille
begann _Omar_:

Sieh Abdallah, wie der hohe Himmel mit seinen unabsehbaren Finsternissen
über uns schwebt, wir treten wie in eine unendliche Wüste hinaus. Wie
fürchterlich verlieren wir uns in diesem Wogensturm, der sich schwarz um
uns her wälzt, -- sieh, wie es durch einander wogt und flieht und sich
zerrissen jagt! -- Kaum ist ein ferner Schimmer des Mondes sichtbar,
der unaufhörlich mit der Finsterniß kämpft, der Regen fällt in schweren
Tropfen auf die Flur und der Sturmwind heult durch den dichten Wald, wie
ein verlornes Kind, das in der Irre winselt.

Abdallah schloß sich fester an den Arm seines Freundes, -- Omar,
sprach er mit beklemmter Stimme, -- o diese Nacht ist das Bild eines
unglücklichen Lebens! So schwebt der Elende am Finger der Allmacht in
die Nacht des Jammers verlassen hinausgehalten, von keinem Lichtstrahl
erquickt. -- Horch! wie sich der Strom in wunderbaren Tönen an dem Ufer
bricht! Wie verworren alles vor uns liegt, -- Omar, diese Nacht ist
fürchterlich!

_Omar._ Fürchterlich?

_Abdallah._ Noch nie hab' ich mich so einsam in der Natur gefühlt, so
einsam unter tausend Schaudern und fremden Gefühlen, so losgespühlt wie
ein Sandkorn und an ein fremdes Gestade angeworfen. Dies wunderbare
Gefühl der Einsamkeit, Omar, macht mich schaudern.

_Omar._ Mich begeistert diese Einsamkeit zu hohen Gedanken und Träumen;
so in der stillen Nacht umherzugehn, so den Flug der Wolken zu sehn, das
einsame wimmernde Plätschern des Ufers zu hören, -- o dann ist mir, als
stiege ich tief in eine Grube hinab, wo ich nur noch in einer weiten Ferne
unvernehmlich ein loses Wehen dieser Welt verstände, dann ist mir oft,
als könnt' ich den ewigen Weltgeist durch die Glieder seiner Weltordnung
stillschaffend wandeln hören, als könnte mein entkörperter Blick durch
das große Gebäude dringen und die hohe Ordnung verstehn. -- Ja, Abdallah,
eine solche Nacht winkt der Schwärmerei, hier wohnen tausend kühne
Gedanken, die vor dem kalten ernsten Tageslicht zurückzittern, hier
tritt unsre ungestammte Furcht wieder in ihre Rechte, hier machen uns
dieselben Gedanken erblassen, die wir frech im Sonnenschein verlachen;
der Spötter sinkt nieder und ruft: Gnade! der Zweifler greift geängstigt
nach seinen Zweifeln und dem Weisen verstummt das dumpfe verworrne
Getöse der Zeitlichkeit, er vernimmt den Gang der ewigen Naturgesetze,
die Kleidung fällt von der Endlichkeit ab und er sieht mit anbetendem
Schauder die unendlichen Kräfte durch einander weben und die Räder im
ewigen Schwung sich drehen.

_Abdallah._ Sieh, wie hier verloren ein Glühwurm mit mattem Fluge summt
und sich in das feuchte Gras setzt, so einsam und traurig wie die verarmte
Wittwe, die im engen Gemach bei der kleinen Lampe weinend betet und
sie nicht auslöschen will, um mit dem Strahl nicht auch das Bild eines
Freundes zu verlieren. -- Ach Omar, dieser kleine Wurm verliert sich so
armselig unsern Blicken, das aufkeimende Gras ist ihm ein Wald, unser
Auge muß ihn ängstlich wiedersuchen, -- und wie verlieren wir uns in
diesem mitternächtlichen Gefilde, und diese unbegränzte Flur wird auf
der Erde kaum bemerkt. --

_Omar._ Und wie versinkt diese Erde in der Unermeßlichkeit der _Welt_?
-- Abdallah, unser kühnster Schwung fällt lahm von dem Gedanken zurück,
-- diese Welt, -- o vielleicht, daß für Wesen jenseit unsrer Gedanken
dieser Mond und diese Sterne nur Feuerwürmer sind, die der Erde wie einem
Grashalm einen grünen vorüberscheidenden Lichtstrahl zuwerfen, -- und
die höchsten Gedankenschwünge dieser Wesen schlagen gewiß noch nicht an
die Gränze des Weltalls. Die Unendlichkeit wirbelt sich noch immer höher
und höher, Millionen Arme streckt sie durch die ernste Ewigkeit und in
jeder Hand hält sie tausend Welten.

_Abdallah._ Der Gedanke stürzt unter dieser Gewalt zusammen. Wo die
Orionen und die Macht der Sterne wie Nebelblasen schwinden, o was bin
ich da und dieser Verstand, der diese Wunder fassen will?

_Omar._ Ja, Abdallah, der Donner kann sich nicht durch die schwachen
Saiten der Laute wälzen, sie brechen unter seiner Last. Je eilender wir
diesem Gedanken folgen, je weiter flieht er von uns hinweg und um so
lauter spottet ein höhnendes Gelächter unsrer Schwachheit.

_Abdallah._ Eine fremde Hand streckt sich uns entgegen, aber wir
verstehen ihr Winken nicht.

_Omar._ Die Gottheit zieht an die große Kette des Lebens und vom
Elephanten bis zum Wurm, den unser Auge kaum bemerkt, zittern alle
ihre Glieder, ein Faden, der alle diese Perlen schüttelt. -- Du wirst
Gewürme gesehen haben, Abdallah, die nur wenige Stunden leben, die sich
freuen und ihr armseliges Geschlecht nicht untergehen lassen, -- für uns
sind sie nur Wesen eines Augenblicks, -- auf uns lächeln vielleicht eben
so mitleidig andre Geschaffene herab, denen unser Dasein nur ein Athemzug
scheint; ihr Leben scheint höhern Wesen nur ein Tropfen Thau's, den der
erste Sonnenstrahl aufküßt, und _diese_ verwehen doch nur wie ein Staub
in der Ewigkeit.

_Abdallah._ Das Leben ist nur eine Wasserblase, die sich aus der Fluth
emportaucht und im Auftauchen zerspringt.

_Omar._ Darum sagte jener große Sänger: »Jahrtausende sind vor dir nur
wie ein Augenblick.« -- Und doch kriechen die nichtigen Gewürme auf der
Erde umher und nennen sich dem Ewigen ähnlich, und brüsten sich mit
Weisheit und tiefen Forschungen, und verachten den, der nicht ihre
Weisheit kennt, -- o Abdallah, dies ist ein Anblick, der den Unbefangenen
zur Verzweiflung bringen könnte. -- Eine alberne Mummerei, wo ein jeder
nur darauf sinnt, seine Larve nicht Lügen zu strafen, -- wenn wir sie
nach Hause begleiten und die Larve abnehmen sehn -- so sind sie nichts
als Knochen und verächtliche Verwesung. -- Ha! sie wollen den Ewigen
fassen und sind sich selber unbegreiflich, und brandmarken alles Lüge,
und verlachen alles, was in ihren engen Sinn nicht geht.

_Abdallah._ Verachtung sei ihre Strafe!

_Omar._ Ihr Verstand, eine Sammlung Staub, der wieder in Staub zerfällt,
der nichts als Staub ist, in eine unkenntliche Form gemodelt, der aus
Würmern ward und wieder zu Würmern wird, -- o des Erbarmens! mit diesem
verläugnen sie den Finger, der seinen Namen in die Unendlichkeit
hineinschreibt.

_Abdallah._ O sie sollten verehrend niederknien, blinde Anbetung des
Ewigen sollte ihre Weisheit sein.

_Omar._ Die Welten sollen in ihrem Gehirn ihren Lauf vollenden und sie
können die Lebenskraft der Schnecke nicht begreifen, ihre armselige
Erfahrung stempeln sie Gesetze der Natur; daß die Sonne auf- und
untergeht, hat ihrem dumpfen Sinn die Gewohnheit begreiflich gemacht,
aber daß sie einst stille stände, oder an den Gestirnen zertrümmerte,
-- dagegen sträubt sich ihr Glaube und die Welt nennt sie _Weise_.

_Abdallah._ Der blöden Thoren!

_Omar._ Wir stehn unter unendlichen Räthseln, nur die Gewohnheit hat sie
uns weniger fremd gemacht; vom Baum bis zum Grase, vom Elephanten bis
zur Mücke, wer sind diese Fremdlinge, die an uns vorüber gehn? O könnten
wir an diese Wunder allmächtig schlagen und Antwort fordern; -- aber es
ist nur der Ton unsers Arms, der durch den Felsen dröhnt, -- sie ziehn
vorüber und bleiben stumm. -- Wir selbst sind uns eben so unbegreiflich,
als der Geist, der auf Mondstrahlen niederschwebend durch die Wolken
flattert und Wälder mit einem Hauch ausrottet.

_Abdallah._ O könnte der richtende Mensch von allen Wesen Rechenschaft
fordern!

_Omar._ Empfandest du nie, Abdallah, daß wenn dein Verstand durch tausend
Stufen auf der höchsten schmalen Spitze schwindelnd taumelte, -- daß er
dann wieder zur thierischen Dumpfheit, zur Unbehülflichkeit des Steins
herabstürzte?

_Abdallah._ Oft Omar. Dann liegt die Menschheit am verächtlichsten vor
mir, wenn wir endlich gegen unsre Schwäche kämpfend im Begriff sind
ringend den Preis zu gewinnen, und ohnmächtig hinsinken, und nichts
als verworrene Gefühle davon tragen, dunkler und körperlicher als die
unmittelbarsten, die todte Gegenstände um uns unsern Sinnen reichen.
-- O es sind Augenblicke, wo ich mein Wesen mit dem Wesen der Schwalbe
austauschen möchte!

_Omar._ Auf dieser gähen Spitze gelingt es zuweilen dem Forscher, diesen
fliegenden Augenblick zu fesseln. Dann weht es ihn wie mit reineren
Lüften an, dann sieht er, wie durch einen dicken Vorhang, ein Licht über
die nächtliche Haide wandeln; dies ist der fürchterliche Augenblick, wo
der Verstand zwischen höherer Weisheit und Wahnsinn ungewiß hängt, ein
Windstoß von hier oder dorther jagt ihn auf ewig auf die eine oder auf
die andre Seite. -- Dem Weisen fallen dann der Wesen vorgehaltne Bilder
nieder, er erkennt was ist, ihm antworten die Wunder umher, sein Blick
gräbt bis auf den Mittelpunkt der Erde. -- Verstehst du mich, Abdallah?

_Abdallah._ Ich folge deinem Geiste.

_Omar._ Diesen ist dann die Binde von den Augen genommen, der Verblendete
nennt sie Thoren, die Welt bewundert oder verachtet sie dumm, doch
ihre Weisheit ist ihnen genug, der Gesunde bedarf keiner Krücken. Sie
ergreifen die großen Zügel der Natur und lenken sie nach ihrer Willkühr,
sie rufen Geister aus dem Abgrund, sie lassen die Jahreszeiten wandeln,
das Meer sinken und anschwellen, sie fassen ein Glied von der großen
Kette des Schicksals und lassen sie bis tief hinunter wanken. -- Die
Weisen der Welt sehn mit Verachtung auf sie herab und der Weisere klagt
sie nicht ihrer Blindheit wegen an, er greift dreist an die Handhabe der
Natur, er hat die verborgenen aber einfachen Gesetze gesehn und er ist
Herr der Welt, durch Zuversicht hat er die Herrschaft gewonnen, nichts
kann sie ihm entreissen; daher sagte ein weiser Prophet mit tiefem Sinn
zu seinen Schülern: _Glaubet, und ihr werdet Berge versetzen!_ und sie
glaubten und die Natur gehorchte ihnen.

Abdallah stand in tiefen Gedanken und Omar fragte ihn leise: Liebst du
Zulma noch?

Abdallah fuhr auf. -- Zulma? -- Du hast alles um mich her ausgelöscht,
Omar, aber in tiefer Ferne winkt mir aus der dicken Nacht noch _ein_
freundlicher Funke, -- ja, Omar, ich liebe sie, ich werde sie ewig
lieben. -- Ich stoße die Verächtlichkeit der Welt auf die Seite, ich
gehe unwissend ihren Räthseln vorüber, -- diese Weisheit ist nicht für
ein sterbliches Gehirn, -- _meine_ Weisheit sei _Genuß_, mögen Wunder
und Furchtbarkeiten um mich spielen, ich verhülle mich an ihrem Busen
und sehe sie nicht.

_Omar._ Wenn dich aber nur dies Reich der Geister glücklich machen kann?

_Abdallah._ Ich gehe freudig jeden Weg, der mich zu dieser Krone führt.

_Omar._ Fühlst du dich stark genug für die furchtbare, zermalmende
Vertraulichkeit?

_Abdallah._ O ich will zentnerschwere Bürden mit allen ihren
haarsträubenden Schaudern, mit allem kalten Grausen auf meinen Rücken
nehmen, -- denn Zulma steht vor mir und lächelt und sie drücken mich
nicht.

_Omar_ ergriff schweigend die Hand des Jünglings. -- Abdallah! rief er
laut, Abdallah! so erfahre, was du nie erfahren solltest und laß es tief
in deinem Innern widerhallen, Omar ist mehr als dein Freund, mir sind
die Gesetze der Welt unterthänig!

Abdallah fuhr zurück und riß seine Hand aus der Hand Omars. -- Wie?
-- Omar? -- Ha! wie eine eiskalte Hand mich fürchterlich von dir
hinwegreißt! Omar, dieser _bekannte_ Omar mehr als Mensch? -- Er tausend
Stufen höher als ich -- und doch derselbe, mit dem der Knabe Abdallah
spielte? -- O fürchterlich! fürchterlich!

_Omar._ So jämmerlich sinkst du unter diesem Grausen zusammen und sollst
es nur bis zu deiner Zulma tragen?

_Abdallah._ Nein, Omar, ich sinke nicht. -- So sei denn mehr als Mensch,
laß die mächtigen Riegel der Zukunft aufspringen, und die Welt sich
unter deinen Sprüchen krümmen, laß alle deine Kraft meinen Wünschen
nachfliegen und aus meinen Träumen Wirklichkeit schaffen.

Es sei, sprach _Omar_ langsam und ernst. -- Sie waren in ein kleines
Felsenthal gekommen, in dem sich ein Wasserfall schäumend von einem
Hügel goß. -- Wo sind wir? rief Abdallah aus, -- diese Gegend sah ich
noch nie. -- Omar schlug mit seinem Stab dreimal auf den Boden und ein
dumpfes Dröhnen und Pochen unter der Erde antwortete ihm. Man ruft dich,
sprach _Omar_ und zugleich riß sich eine schwarze Kluft klingend in den
Boden. -- Omar faßte die bebende kalte Hand Abdallah's. -- Hier steige
hinab und gehe im geraden Wege, so weit du gehen kannst, dort wird sich
dir die Zukunft enthüllen.

Abdallah setzte langsam den Fuß hinein und sahe seinen Lehrer zweifelhaft
an; Eulen heulten ihm aus der Kluft entgegen, aus tiefer Ferne rief der
Wächter in der Stadt die Mitternachtstunde, -- Omar ließ die Hand
Abdallah's fahren und dieser taumelte hinab. -- Die Erde verschloß
sich wieder.

Die Wolken entflohen und der Mond und die Sterne sahen durch das blaue
Gewölbe, zuweilen noch rauschten die Bäume und schüttelten rasselnd den
Regen von den Blättern, Omar stand sinnend an eine Felsenwand gelehnt.

Ein fernes Winseln zitterte unter der Erde, Omar schlug auf den Boden
-- und Abdallah trat bleich, mit verzerrten Zügen und starren Augen wie
ein Gespenst aus der Grube, seine Knie zitterten. -- Er stürzte wüthend
nieder und betete mit einer Inbrunst, die der Raserei ähnlich war.




_Neuntes Kapitel._


Abdallah hatte geendigt und stand langsam auf. -- Ha! rief er
fürchterlich, welch ein bleiches Feuer schlägt über mir zusammen und
nagt an meinen Gebeinen? -- Warum sieht das richtende Schicksal aus
tausend glühenden Augen so fürchterlich auf mich herab?

Abdallah, sprach Omar und ging ihm näher, Abdallah, der Mondschein
umgiebt dich und die Sterne flimmern über dir.

Der Mondschein? Die Sterne? O sie sind auf ewig untergegangen! -- Sie
werden mich nicht wieder grüßen, -- dann ging Abdallah zu Omar, und
sagte zu ihm leise und langsam: Omar! bewahre mich vor Wahnsinn!

Was hast du gesehen? fragte ihn _Omar._

Abdallah stand in Gedanken und schwieg, bis sich das wilde Keuchen
seiner Brust etwas besänftigt hatte, dann sprach er:

Ich stieg in die Kluft hinab wie ein Träumender, der laute Donner der
zusammenspringenden Felsen weckte mich aus meinem Taumel. -- Ich tappte
unendliche kalte, feuchte Wände hinab, eine fürchterliche Stille ging
vor mir her, ich hörte in der entsetzlichsten Einsamkeit nichts als das
Wehen meines Athems, der sich die Mauer hinabschleifte und das Dröhnen
meiner Tritte. -- Meine Zähne klapperten vor kaltem Schauder, und
ein Grausen setzte mir die Hände in den Rücken und trieb mich weiter.
-- Plötzlich kam es mir wie ein Heereszug entgegen, mit Trommeten und
Paukenwirbeln, wie einem Sieger, der in seiner Heimath empfangen wird.
-- Donner wälzten sich durch die hallenden Gewölbe, Waldströme stürzten
sich rauschend herab, und ein Hohngelächter borst mir von allen Seiten
entgegen. O es war ein Gewirre, das jeden meiner Sinne betäubte und zu
neuen Schrecknissen wieder weckte. -- Oft schwieg es und wie Flöten
und Nachtigallengesänge flüsterte es über mir und weckte hämisch die
Erinnerung meiner Kinderjahre in meinem innersten Herzen, -- und
plötzlich brachen dann wieder die Donner und Siegestöne hervor, und
das Hohngelächter schallte von neuem und jagte meine Seele zur
Verzweiflung. --

Itzt versank und erlosch alles wieder rund umher und die Einsamkeit und
Stille streckten sich wieder vor mir aus, tausend Schrecken flogen um
mich herum und saußten mit kaltem Fittig um mein Haupt. -- Eine nasse
Felsenwand stand vor mir, -- ich tappe zur Seite -- unerbittlich streckt
sich mir ein Fels entgegen, -- ich stürze rückwärts, -- auch dort der
Weg durch eine Klippe verriegelt.

Ich warf mich nieder, ich zerfleischte mein Gesicht, mein Gebrüll sprang
fürchterlich von den Felsen zurück, ich verfluchte mich und dich und
betete von neuem in noch gräßlichern Verwünschungen. -- Plötzlich wehte
es wie ein Wind über mir hin, es flüsterte und zischte und aus dem Felsen
leuchteten sanfte Schimmer. -- In mannichfaltigen Verschränkungen webten
und flutheten sie in tausend Farben zusammen, die Strahlen schossen
hin und her und leckten die Felsenmauer und rollten sich dann in eine
große Flamme. Aus der Flamme streckte sich langsam ein weißgebleichtes
Todtengebein hervor und steckte kalt und klappernd an meinen Finger
einen Ring, dann ging die Hand wieder in den Schein zurück. -- Itzt fuhr
das Feuer wüthend auf und ab und ein heller Sonnenschein sprang plötzlich
aufrecht und stieß mit dem Haupte an die Felsendecke, und itzt sah' ich
-- o wären meine Augen ewig verblindet! -- Hätte vor dieser Stunde mich
der Todesengel mit seinem Schwert geschlagen, -- ich sahe, -- o verflucht,
dreimal verflucht sei die Stunde meiner Geburt! -- den Leichnam meines
Vaters, fürchterlich geschwollen und mit entstellten Zügen und die
scheußliche Hand reckte sich noch einmal hervor und zeigte auf ihn
hin. --

Der Schein versank, die Felsen sprangen krachend auseinander und das
schauderhafte Getön kömmt mir wieder schneidend entgegen, wie ein Heer
von bösen Engeln, die in gräßlicher wüthender Schadenfreude mit den
Höllenpauken die Verdammten begrüßen, -- das Hohngelächter trat
mir wieder frech entgegen, ach! und hinter mir schleppte sich das
fürchterliche Bild meines gemordeten Vaters, als wenn es die Hand
ausstreckte, mich festzuhalten, -- ich flohe mit kalten Schweißtropfen
auf der Stirn, bis mir endlich das verworrene Getöse nur wie aus tiefer
ungewisser Ferne nachtönte. -- Ich ging durch hundert Gewölbe, ich drängte
mich durch unendliche Klüfte, wand mich durch tausend Felsenspalten kalt
und ohne Leben hindurch, -- und immer weiter dehnte sich mein Weg, ich
schrie um Hülfe, mein Geschrei erklang durch hundert gewundene Öffnungen
und verhallte wie der Wind in der Ferne, -- ich stürzte durch neue
Felsengemächer und alle meine Klagen kamen ohne Trost zu mir zurück.
-- Schon verließen mich meine Kräfte, schon wollt' ich mich verzweifelnd
niederwerfen und lebendig eingegraben ein Dasein enden, das mir nur
Qualen verhieß, -- als ein mächtiger Donner die Erde über mir auseinander
riß. -- Dem gräßlichsten aller Tode entronnen stürzte ich der Rettung
und dem Lichte entgegen und dankte.

Abdallah schwieg und ein neuer Schauder ergriff ihn. -- Omar! Omar! schrie
er plötzlich auf. -- Sieh! sieh! da liegt das bleiche, fürchterlich
verzerrte Bild und sieht mich mit den todten Augen an, -- o warum hast
du es nicht in die Kluft zurückgeschleudert, und sie dann auf ewig, auf
ewig verschlossen!

Omar antwortete nicht und sah ihn wehmüthig an. -- Abdallah stand lange
und starrte auf einen Punkt, dann fragte er ohne sich umzusehen: -- Nur
meines Vaters Tod kann mich glücklich machen?

Das Schicksal hat es ausgesprochen, das fürchterliche Wort, antwortete
_Omar._

Beide gingen langsam und schweigend zur Stadt zurück.




_Zehntes Kapitel._


Abdallah erwachte nur erst spät, fürchterliche Träume hatten ihn gequält
und seine Kräfte erschöpft, er fuhr schreiend aus dem Schlafe auf und
seine Augen suchten Omar, aber vergeblich, denn dieser hatte schon früh
sein Gemach verlassen.

Er stand auf und brütete mit finstrer Seele über sein Unglück, er suchte
umsonst nach tröstenden Gedanken. -- Wenn er an Zulma dachte, so stellte
sich ihm der Fluch seines Vaters und das gräßliche unterirdische Bild
entgegen, der _Freund_ Omar war ihm entrissen und dafür ein fremdartiges
übermenschliches Wesen untergeschoben, in sich selber konnte er nicht
zurückfliehn, denn aus seinem Innern heulten ihm tausend Ungeheuer
entgegen, eine trostlose Lehre hatte ihm die Vorsehung und Tugend genommen
und dunkle Zauberdämonen grinzten ihn in seiner schwarzen Wüste an;
alles, was ihm je theuer gewesen, war ihm gestohlen, seine Begeisterung,
die einst für das Große und Edle so rein gebrannt hatte, war von schwarzen
Dämpfen erstickt, in denen Schreckengebilde auf- und niedertanzten. Für
eine Freundesseele, der er sich hätte aufschließen können, hätte er die
Hälfte seines Lebens dahingegeben; hundertmal stieg der Gedanke in ihm
auf, seinen Jammer in den Busen seines Vaters zu schütten und seinem hohen
eingebildeten Glück zu entsagen, in einer beschränkten Zufriedenheit zu
leben, und seine goldnen Träume zu verabschieden, aber dann fühlte er
wieder lebhaft, daß er die Ketten, die Omar und Zulma ihm angelegt hatten,
nie wieder von sich abschütteln könnte, sein Elend hatte ihn so fest
verstrickt, daß seine Lebenszeit zu kurz schien, die verwickelten Fäden
auseinander zu lösen. Der Strudel hatte ihn ergriffen, er konnte nicht
rückwärts, sondern mußte sich den Wogen überlassen, die ihn dürren
Felsenmauern vorüberwälzten, Zulma war die einzige Blume, die in der
starren Wildniß ihn mit ihren lieblichen Farben erquickte.

»O ich sehe den grausen Finger, sprach er, der mich in das Thal des
Jammers ernst hineinwinkt, unerbittlich jagt das Verhängniß hinter
mir her, nur das todte Opfer kann es versöhnen, der Abgrund gähnt
bereitwillig unter mir und hinter mir steht das Schicksal und läßt mich
nicht entrinnen, ich sträube mich vergebens, mein Wille ist zu schwach,
ich _muß_ hinunter. In der Sterblichkeit ist keine Rettung und Gott
-- o dieser Grundstein ist versunken, alles ist eingestürzt und die
wüsten Trümmern rufen mir wehmüthig zu: _es war!_«

Erst mit der Dämmerung kam _Omar_ zurück. Er fand Abdallah in
Gedanken versunken und den Ring betrachtend, den er in der Nacht aus
der unterirdischen Grube gebracht hatte. Omar setzte sich neben ihn und
Abdallah sah ihn mit starren Augen aufmerksam an und sagte: Omar, -- ja
ich erkenne noch jene Züge, die einst meinem Freunde zugehörten. -- Er
konnte sich nicht länger zurückhalten, er fiel ihm lautweinend in die
Arme, -- ja Omar, rief er aus, -- es war eine schöne Zeit!

Omar umarmte ihn feurig; Abdallah, sagte er, du sprichst von ihr, als
wäre sie nicht mehr. Ich war und bin dein Freund, wandre durch das weite
Asien und du wirst vergeblich ein Wesen suchen, das dich inniger liebte
als ich. --

Abdallah machte sich aus seinen Armen los. O gieb mir zurück, Omar,
was du mir genommen hast, sagte er mit klagender Stimme, als ich mit
kindlichem, leichtem Herzen noch durch das Leben ging. Mit frohen
Ahndungen ging ich der verschloßnen Welt vorüber, du hast sie mir
aufgethan und verächtlich liegt die häusliche Armseligkeit der innern
Natur vor mir. Die Brücke ist hinter mir eingestürzt, ich kann nicht
wieder rückwärts. Mit sicherm Fuße stand ich einst auf diesem Ufer, der
Triebsand schießt unter mir zusammen und versenkt mich in den Abgrund.

_Omar._ Deines Omars Liebe wirft dir einen Balken zu, ergreife ihn und
rette dich.

_Abdallah._ Als ich noch auf deinen Knien ruhte, mit deinem Barte
spielte, und mich in deinen Augen lächelnd sah, -- o wie glücklich war
ich damals! Rufe jene Jahre zurück, Omar, und ich gebe dir freudig alles
wieder, was ich von dir empfangen habe. Gieb mir die Liebe zurück, mit
der ich dich damals liebte, da gehörtest du mir, ich dir. -- Omar, ich
liebe dich noch, aber ein geheimes Grausen hält Wache um dich her und
läßt meine Liebe nicht in das Innerste deines Herzens dringen. -- Du
stehst mir verloren in den Wolken und ich seufze zu dir hinauf, der
Mensch kann nur den Menschen lieben, dem Gotte gebührt Anbetung.

_Omar._ Das soll nicht sein, Abdallah. Ich bin derselbe Freund, der ich
war, bleibe auch du derselbe.

_Abdallah._ Ich? -- O von _dem_ Abdallah ist nichts mehr als der Name
da, alles übrige gehört den bösen Geistern.

_Omar._ Ermanne dich Abdallah, und vergiß die Begebenheiten dieser
Nacht.

_Abdallah._ Vergessen? -- Er zeigte auf den magischen Ring, -- o sieh
den ernsten unermüdlichen Mahner, nein, ich werde sie nicht vergessen.

Er betrachtete den schwarzen Ring, auf dem wunderbare magische
Charaktere eingegraben waren. -- Sieh, Omar! rief er aus, -- hier steht
in unverständlichen Zeichen mein Unglück geschrieben, dies ist der
Pfandbrief meines Elends, meines Vaters gräßliches Todesurtheil, der
schwarze Gränzstein meines Lebens; -- wie eine Blutschuld hängt dieser
Ring an meinem Finger.

_Omar._ Nimm Abschied von mir, Abdallah, denn ich werde dich heut noch
verlassen. -- Du fährst zurück? Nicht auf lange, nur auf wenige Tage. --
Nur höre meine Bitte: liebe mich stets, laß keine Verläumder sich
zwischen unsre Freundschaft drängen, ich bin dein auf ewig, dein Glück
ist der Endzweck meines Lebens. Laß keinen Wurm der Lästerung sich auf
die Blume unsrer Liebe setzen und sie vergiften. -- Versprichst du mir
das?

_Abdallah._ Ja. -- Aber warum reisest du? -- Und warum gerade itzt?

Davon ein andermal, sagte _Omar_, und umarmte ihn. Abdallah hielt ihn
ängstlich fest umschlossen, er drückte ihn lange an seine Brust. -- Mir
ist, Omar, seufzte er, als würdest du mich lange nicht wiedersehn, oder
noch unglücklicher als itzt!

Bald und glücklich, sagte Omar und machte sich aus Abdallahs Umarmung
los, -- vergiß nicht meine Bitte. Auch abwesend will ich dich nicht
verlassen, mein Schutz soll eine Rüstung um dich legen. Verfolgen dich
Gefahren, so nenne meinen Namen, drehe diesen Ring und du bist gerettet.

Bei _diesem_ Ringe soll ich an meinen Omar denken? fragte Abdallah mit
schwerem Schmerz. Omar sah ihn mit einem ungewissen Blick an und wollte
gehen, er kehrte wieder zurück. -- Noch, sagte er, habe ich dir eine
Botschaft zu bringen, die dein Herz bis oben an mit Freuden erfüllen und
jeden Kummer ertränken muß, oder meine Freundschaft hat vergebens
gehandelt. Höre!

Abdallah erwartete ungeduldig die Nachricht.

Zulma liebt dich! rief Omar.

Zulma? und zugleich sprang Abdallah heftig auf, -- o dann bin ich mit
mir selber wieder ausgesöhnt! -- Zulma? -- Unendliche Wonne kömmt mir in
diesem Ton entgegen! -- Zulma? -- Nicht möglich! -- So plötzlich kann
die feindselige Wirklichkeit nicht auf die andre Seite springen! -- O
Himmel! wie verächtlich liegen dann alle meine Klagen vor mir! -- Sie
liebt mich? -- O nun -- nun mag das Unglück gedrängt um mich wimmeln --
vor diesem Worte flieht alles rückwärts. -- Omar, dieser Talisman
schützt mehr als der deinige, nun bin ich dir wieder gleich, denn nun
bin ich mehr als ein Mensch! -- _Dein Freund und Zulma's Geliebter!_ O
wo ist der Sterbliche, der mit mir um den Rang nach der Gottheit
stritte? -- Aber nicht möglich! -- Wie kann -- o du willst mich
täuschen, Omar, um mich wieder lächeln zu sehn, du grausam zärtlicher!
In eben so vielen Worten wird noch tausendfacher Elend liegen, als diese
Seligkeit enthielten. -- Omar, sprich, schweige nicht, -- in einem Worte
Seligkeit oder Verdammniß, -- o auf Jammer bin ich nun ja schon gefaßt,
sprich es aus: sie liebt mich nicht!

_Omar._ Nein, beim Schicksal! sie liebt dich, -- laß mich sprechen. Ich
sahe in die schwarze Tiefe deines Unglücks und suchte einen goldnen
Sonnenstrahl in die Todtengruft hinabzuleiten. Schnell mußte die Rettung
sein, oder du warst verloren. -- Ich eilte zu Zulma, (wie ich die
hundert Schwierigkeiten überwand, das sei dir itzt gleichgültig) ich
sprach von dir, sie kannte dich, sie hat dich schon seit lange bemerkt,
ohne von dir bemerkt zu werden, ich schilderte deine Liebe, sie ward
gerührt. -- Ja! rief sie aus, ich will ihn erhalten! Gehe mit dem
Geständniß zu ihm zurück, daß ich keinen als Abdallah liebe.

_Abdallah._ Keinen als Abdallah? -- O _nun_ erst ist mir dieser Name
theuer, von itzt an will ich stolz werden, Abdallah zu sein. -- O Omar,
wäre diese Empfindung nicht so übermenschlich, sie würde mich
unglücklich machen, denn nun bleibt mir ja nichts zu wünschen übrig.

_Omar._ Auch nicht sie zu sehen, sie zu sprechen?

_Abdallah._ Zu sehn? Zu sprechen? Zeige nur die Möglichkeit, und ich
muß, ich muß sie sehen! --

_Omar._ Abdallah, laß nur die Vorsicht neben deiner Liebe gehn und die
trunkene durch die Gefahren sicher geleiten. -- Sie selbst hat mir die
Möglichkeit gegeben. -- Dort, jenseit des Flusses siehst du die Mauer,
die sich um den Garten des Sultans zieht, eine alte Cipresse steht dort
am Ufer, nach jener Stelle fahre in der Nacht, in _dieser_ Nacht, du
wirst Gesang und die Töne einer Guitarre hören, antworte mit deiner
Laute und übersteige dort die Mauer des Gartens -- und du findest Zulma
allein, nur von einer vertrauten Sklavin begleitet.

Abdallah umarmte Omar heftig, er schluchzte vor Wonne, und Thränen
erstickten seine Worte. -- Fort! rief er, ich kann nicht danken! --

Omar ging und sprach einige Worte, um den berauschten Abdallah noch
einmal an die Vorsicht zu erinnern, die bei seiner Liebe so
unentbehrlich war. -- Dann ging dieser allein mit großen Schritten auf
und ab, er küßte seine Laute und schlug mit brennendem Entzücken in ihre
Saiten. Er sahe nach dem Abend, ob er nicht bald heraufdämmern wollte
und der Nacht die Zügel der Welt übergeben, er hätte ungeduldig den
zögernden Himmel herumrollen mögen und die schwarze Seite mit dem Mond
und ihren Sternen heraufreißen. Dann sah er wieder nach der Mauer
hinüber, die ihm aus der Ferne entgegenschimmerte, er erinnerte sich,
wie oft er seit seiner Kindheit ohne Gedanken zu ihr hinübergeschaut,
und wie sie itzt sein Glück und alle seine Wünsche umfasse. Aus allen
seinen Träumen herausgerissen tanzten tausend goldne Hoffnungen vor ihm
her, Zukunft und Vergangenheit waren vor ihm und hinter ihm
untergegangen, diese Nacht war die einzige Heimath seiner Träume,
Wünsche und Gedanken.

_Selim_ und _Abubeker_ hatten indeß schon mehrmals ihre Freunde
versammelt, der Strom war hoch gegen seinen Damm angeschwollen und
erwartete noch die letzte Welle, um ihn zu durchbrechen und über die
Flur seinen verderblichen Grimm auszugießen.

Sklaven wurden im Pallast Selims verborgen gehalten und bewaffnet, jede
Art der Rüstungen in unterirdischen Gewölben verwahrt, heimliche Zeichen
unter den Verschwornen verabredet, die sich durch heilige Eide
verbanden. Ein mächtiges Feuer loderte in allen Herzen und brannte zur
Vernichtung Ali's, Redlichkeit hielt den geheimen Bund mit
unzerbrechlichen Fesseln zusammen. -- _Omar_ trat itzt zum letztenmal in
ihre Versammlung, dann nahm er Abschied und trat seine Reise an.




Zweites Buch.




Erstes Kapitel.


Itzt schwamm der Mond in silbernen Wolken über die Spitze eines fernen
Berges herüber und jagte einen freundlichen Schein über den Strom;
_Abdallah_ bestieg einen kleinen Nachen. Er hatte schon seit langer Zeit
auf diesen Augenblick gehofft, schon hundertmal den Kahn losgebunden und
wieder befestigt, die Wellen schienen ihn mit ihrem Murmeln einzuladen,
die Winde ihm zuzurufen; er war lange ungeduldig auf- und abgegangen, es
war fast Mitternacht, der Dampf der Nacht stieg in leichten Streifen dem
Himmel und seinen Sternen zum Opferrauch entgegen, und kaum goß sich
itzt der erste goldene Schimmer des süßen zauberischen Lichtes über den
Fluß aus, so sprang Abdallah rasch in den Nachen, nahm das bunte Ruder
und fuhr in den glatten Strom hinein. -- Er schwamm wie in einem Meere
von Wonne, leicht von spielenden Wellen getragen, von kleinen lauen
Abendwinden geneckt, die um ihn säuselten. Der Fluß schien ein Becher
voll goldenen Weins, in tausend Schimmern rieselten die Wellen
durcheinander und hüpften hin und her, wimmelten funkelnd um den Nachen
herum und schienen ihn zu küssen, Wolken durchzogen abspiegelnd den Fluß
und kleine schießende Goldwellen jagten ihrem silbernen Saume nach, die
gestirnte Wölbung lag im Wasser ausgebreitet und wogte sanft auf und
nieder. Dem Liebenden tönte das Plätschern des Ruders und das Rauschen
des Kahns wie Flötengesang in die süße Wellenmelodie.

Er landete und verbarg den Kahn im hohen Schilf, das säuselnd seine
grünen Schwerter im Mondstrahle blitzen ließ und unaufhörlich gegen
Abendfliegen kämpfte, die summend am Ufer des Stromes schwärmten. -- Die
alte Cipresse stand wie ein Freund am Ufer und streckte dem Jüngling
ihre Zweige wie Arme entgegen, er ging in ihren Schatten und harrte mit
klopfendem Herzen auf den ersten Klang, der sich aus der Laute Zulma's
losreißen würde, mit ängstlicher Furcht erwartete er diesen schönen
Augenblick; die höchste Sehnsucht erschrickt vor dem langerhofften
Gegenstand. -- Der Schall eines Fußtrittes kam längst dem Fluß herab,
er schloß sich dichter an den Baum; der Schall kam näher und Abdallah
erkannte das Gesicht _Raschids_, der traurig und gedankenvoll vorüberging,
ohne ihn zu bemerken. -- Denkend und träumend, hoffend und fürchtend
stand er an den schattigen Stamm des traulichen Baumes gelehnt und
lächelte seine Träume an, alles flüsterte so heimlich und liebevoll um
ihn her, ein stiller Wind lustwandelte durch die Blumen des Ufers und
beschenkte die blauen Kinder des Frühlings mit hellen kristallenen
Tropfen, Meerlilien trieben muthwillig auf ihren schwimmenden grünen
Blättern in dem Strom umher, bläuliche Wasserschmetterlinge haschten
sich im einsamen Grase, der Gesang der Nachtigall schallte aus Zulma's
Garten her und verhallte in immer leiseren Accenten und schwoll dann
wieder wollüstig in hohe silberne Töne hinein, die weithin durch das
Laub der Bäume zitterten. -- Itzt -- ein freudiger Schauder fiel mächtig
auf Abdallah herab und zuckte pochend bis in die kleinsten Adern,
-- itzt erklang eine leise Guitarre über die Mauer des Gartens und sang:

            Mondschein winke,
            Welle locke
            Den Geliebten
            In die Fluth. --

      Und der Mond winkt,
      Und die Welle lockt, --
      Kömmt der Geliebte
      Durch die goldnen Fluthen?

  Sprich aus deiner hohen Palme,
  Holde Sängerin der Nacht:
  Kömmt er durch Wellengelispel?
  Naht er durch der spielenden Wogen Melodie?

      Steht er silbern unter goldnen Schimmern,
      Die in lichten Kreisen um ihn zucken,
      Um die Locken eine Strahlenkrone weben?
      Sprich ihm mit traulichem Geschwätz entgegen:

            Wie ich harre,
            Auf ihn hoffe,
            Und die holde Nacht
            Neben mir schlummert. --

Der letzte Ton verwehte wie ein leises Lispeln im Geständniß der Liebenden.
Abdallah horchte noch und die ganze Natur schwieg, als horche sie mit
ihm auf neue Melodieen, in lieblicher Stille schmiegte sich der Himmel
umarmend um die Erde. -- Mit zitternder Hand ergriff Abdallah die Laute
und sang:

    Sonne der Nacht!
  Himmel meiner Seele!
    Reizgeschmückte,
    Schönheitgekrönte,
  Ich nahe deiner Gottheit!

Er hing die Laute auf die Schulter und nahte sich der Mauer. -- Selbst
die leblose Natur schien ihn zu begünstigen, die Zeit hatte aus der
Mauer viele Steine herausgenommen und so Stufen gebaut, auf denen er
leicht bis auf die oberste Decke der Wand stieg. Mit einem kühnen
Sprunge stand er dann in dem Garten.

Verworren standen hier tausend Lieblichkeiten durcheinander, Bäume
schienen in Bäume verschlungen. Die Winde wühlten in tausend Wohlgerüchen
und jagten und verließen sie wieder, und die Blumen schüttelten zutraulich
ihr Haupt gegeneinander. -- Abdallah eilt mit großem Schritt durch den
Garten, er hat vergessen wo und wer er ist, er fliegt zu einer blühenden
dunkeln Laube von Jasmin, erkennt die reizende Zulma, in einer schönen
Stellung auf einen Rasensitz hingegossen und stürzt in namenlosen
Entzückungen ohne Sprache, ohne Besinnung vor ihr nieder. --

Zulma beugte sich schüchtern über ihn. -- Abdallah! flüsterte sie leise,
-- Abdallah!

Abdallah hob langsam sein Haupt auf und legte es zitternd auf ihr Knie.

Steh auf, Abdallah, sprach sie, und setze dich hieher.

Er gehorchte. -- Und es ist wahr, rief _Abdallah_, was mir noch der
kühnste Traum nicht gegeben hat? Es ist wahr, Zulma? -- O ich darf
_dich_ ja nicht fragen, denn die Traumgestalt wird von meinen Wünschen
bestochen sein.

Zulma faßte seine Hand. -- Es ist kein Traum, Abdallah, nein, so schön
sind Träume nicht.

_Abdallah._ Nein, nein Zulma, denn wenn sie es ja sind, so muß uns das
hohe Entzücken aus dem Schlafe reissen, -- dies ist mein Trost, ja es
muß Wahrheit sein.

Sie hielten sich beide schweigend Hand in Hand. -- Blätter säuselten,
die Blüthen dufteten, der Mondschein schlummerte süß auf dem grünen
Rasen, durch die Guitarre Zulma's klang ein leiser Hauch.

_Abdallah._ O Zulma, wie hab' ich diesem Augenblick entgegengesehn!
-- Was hatt' ich dir zu sagen, -- und nun, -- meine Zunge ist stumm,
kaum bin ich mich meiner selbst bewußt.

_Zulma._ Wo findet die Liebe Worte? -- o Abdallah, wie glücklich machst
du mich, -- wie haben dich seit drei Monden meine Augen nun so oft
vergebens gesucht, als ich dich an jenem Feste unter meinem Fenster
erblickte, tausend heimliche Seufzer sind dir nachgeflogen, -- und nun
sind alle meine Wünsche erfüllt!

_Abdallah._ O wie werd' ich mich von der Quaal dieser Wonne wieder
erholen können? Wie wird mir nun die Welt dort draussen leer und öde
sein! -- O Zulma, könnt' ich hier, hier zu deinen Füßen sterben, daß
mein Geist aus einem Paradiese in das andre schlüpfte!

Er warf sich nieder und bedeckte die Hände Zulma's mit Küssen. -- Zulma
beugte sich zärtlich auf ihn herab, eine Thräne, halb von Freude, halb
von Wehmuth glänzend, trat in ihr schwarzes Auge. »Liebst du mich
wirklich, Abdallah?« fragte sie mit der rührendsten Unschuld.

O laß mich schwören! rief der trunkene _Abdallah_ aus, bei dem Hauch der
Liebe, der durch den Garten wandelt, bei der Liebe, die aus dem Himmel
mit tausend goldenen Augen auf uns herabsieht, --

Zulma ergriff seine Hand. -- Lügner, sagte sie leise, und dieser Ring,
-- sie hielt ihm den Zaubertalisman an der linken Hand entgegen.

Ein dumpfe Bangigkeit zog durch Abdallah's Brust, es war ihm, als würden
furchtbare Gestalten aus den rauschenden Gebüschen hervortreten; er
verschloß die Augen und verbarg sein Haupt an Zulma's Busen.

Nein, sagte er betäubt, dies ist ein Geschenk der Freundschaft, ein
heiliges Versprechen meines Glücks, ein Unterpfand, das mich deines
Besitzes versichert. -- O Zulma mein, auf ewig mein!

_Zulma._ Auf ewig?

_Abdallah._ Es soll, es wird sein! -- warum würde sich alles so
wunderbar fürchterlich an einander reihen, wenn es nicht dazu wäre? O
das Schicksal häuft nicht Begebenheiten, um seine Menschen elend zu
machen; ich werde glücklich sein!

_Zulma._ Ich verstehe dich nicht, Abdallah.

_Abdallah._ Ach ja, Zulma, Zulma liebt mich! o Thörichter, was willst du
mehr?

Er umarmte sie und drückte sich inniger an ihren Busen, sein Mund fiel
glühend auf den ihrigen; eine Stille der Mitternacht lag um sie her. Das
Herz sprach zum Herzen in verständlichen Schlägen, die Geister besprachen
sich in der hohen Entzückung, -- ein heiliger Hauch wehte wie ein
Schutzgeist um sie her, die Sterne glänzten goldener, die Natur lächelte
mütterlich auf ihre glücklichen Kinder hin.

Ein Händeklatschen aus dem nahen Busche. -- Wir müssen scheiden, sagte
Zulma seufzend; geh zuweilen dem Pallast meines Vaters vorüber, dann
sollen dir die Blumen Nachricht geben, ob du wieder zu mir kömmst.
Die blasse Lilie bedeutet Furcht, der Citronenbaum Unmöglichkeit, das
Veilchen vergebliches Hoffen, die Rose bist du, -- wenn diese auf der
Mitte des Altans steht, dann kömmst du wieder hieher, sobald dich meine
Laute gerufen hat. -- Sie drückte ihn noch einmal feurig an ihre Brust
und Abdallah ging wie im Traume taumelnd zurück. --

Als er in den Nachen stieg, tönte es ihm silbern aus dem Garten nach:

  Walle sanft auf stillen Wellen,
  Dich geleitet meine Seele
  Säuselnd durch die blaue Fluth.

Er ließ das Schiff vom Strome forttreiben und sang leise zurück:

  Doch bei dir weilt meine Seele;
  Wie die abgerißne Blume
  Schwimm' ich durch die blaue Fluth.

Die Töne verklangen in dem leisen Wogengeräusch. -- Der Nachen landete.

Abdallahs Brust war zu voll von hoher Begeisterung, alle seine Gefühle
waren zu laut angeschlagen, in seine stille enge Wohnung konnte er itzt
nicht zurückkehren. Er eilte in's Freie, wo der Mond über das Gefilde
ausgegossen lag und heimlich in den dichten Wald durch kleine Spalten
blickte. -- Er überließ sich allen seinen Empfindungen, die durcheinander
strömten. -- Das Rauschen eines Wasserfalls weckte ihn endlich aus
seinen Träumen, er sahe auf und stand wieder in dem Felsenthal, wo
Omar ihn neulich unter die Erde hinabgesandt hatte. Vom Berge rann im
Mondschein der Strom wie schäumendes Blut hinunter.

Ein Schauder verschlang alle seine süßen Empfindungen, mit kalter Hand
griff ein Grausen in seine Brust und zerriß das zarte Gewebe.

Welche dunkle Macht hat mich hierher geführt? rief er aus. -- Der
Jammer verfolgt mich ungestüm bis in die Wohnung der Seeligen. -- Alle
gräßlichen Erinnerungen steigen wieder von diesen Felsen herab, es kömmt
mir wild und zähnknirschend entgegen! -- Das Bild meines Vaters regt
sich unter meinen Füßen und will sich zu mir emporarbeiten. -- Hinweg!
hinweg! --

Er entflohe mit bleichem Antlitz, als es aus den Bergen hinter ihm
»Abdallah!« rief.

Ein neuer Schauder warf sich ihm entgegen. Er stand. -- Ein Greis stieg
von dem Berge herab und eilte auf Abdallah zu.

Wer bist du? rief ihm der Jüngling entgegen.

Dein Freund, antwortete der Greis. --

Eine dunkle Erinnerung schwebte in dem Gesicht des Alten, Abdallah hatte
ihn schon gesehn: nach langem Nachsinnen entdeckte er, daß es eben der
Greis sei, der in jener fürchterlichen Sturmnacht in die Arme Omars geeilt
sei, ehe er unter der Cipresse einschlief. --

Der Greis reichte ihm stumm eine Sammlung von Palmblättern.

Was soll das? fragte Abdallah erstaunt.

Nimm, antwortete der Greis, -- lies und sei gerettet!

Gerettet? rief Abdallah aus.

Ein böser Geist, antwortete der Fremde, steht in der Gestalt deines
Freundes Omar neben dir, nimm die Warnung des alten _Nadir_ gütig auf,
der auch einst sein Freund gewesen ist, verlaß diese Schlange, die dich
mit ihren giftigen Knoten umstrickt.

Omar? sagte Abdallah, Omar? -- O nenne seinen Namen mit Ehrfurcht, deine
Lästerungen werden nicht an mein Herz und meine Freundschaft hinanreichen.

Lebe wohl, antwortete Nadir, ich darf nicht zu lange weilen und ein
heimliches Grauen, das von dir ausströmt, jagt mich zurück.

Der Greis verschwand wieder in den Felsen. --

Ein wacher Hahn krähte von einem Dorfe durch die Monddämmerung, Hunde
heulten in der Gegend umher, und Abdallah ging in einem tiefen Nachdenken
langsam zur Stadt zurück.

Er wollte noch itzt diese Blätter lesen, aber die Gefühle, die ihn
durchstürmt hatten, hatten ihn so ermüdet, daß er nach wenigen
Augenblicken in einen tiefen Schlaf versank.




Zweites Kapitel.


Die Verschwornen hatten sich in dieser Nacht wieder in dem Pallast
Selims versammelt und man war itzt im Begriff, heimlich auseinander zu
gehen. -- Der morgende Tag, sprach _Selim_, ist also zur Ausführung
unsers großen Entwurfs bestimmt? -- Ihr habt es selbst beschlossen,
es sei. -- Das Glück geht uns entgegen und reicht uns zu unsrer
Unternehmung die Hand.

Am folgenden Tage ward im Pallast des Sultans ein großes Fest gefeiert,
zu dem schon alles bereitet war. Der ganze Pallast war dann in Freude
und Lust berauscht, fast jedermann hatte dann Zutritt, die Wachten
vernachlässigten ihr Amt und auf dieses Fest hatten die Verschwornen
ihren Anschlag gegründet. -- Man hatte Selims Freunde und Sklaven in
dieser Nacht gerüstet, alles stand bereit zu dem furchtbaren Schlage,
einem jeden war zu diesem großen Augenblick sein Amt angewiesen, Rüstungen
und Harnische erklangen dumpf in den stillen Gewölben und durch die
Einsamkeit der Nacht, Erwartung stand auf jeglichem Gesicht, alle Seelen
waren stark wie die Sehne eines Bogens angezogen, schon zitterte der
Pfeil, losgeschnellt nach seinem Ziel zu fliegen.

Seht! rief Selim, schon wankt die graue Dämmerung des Tages herauf,
schon drängt sich ein blutrother Streif hervor und erinnert uns an unsre
Unternehmung. -- Seid ihr es noch itzt zufrieden, daß heut der große
Wurf gewagt werde?

Alle bejahten es einstimmig, nur Abubeker lehnte sich stillschweigend an
die Mauer.

Nun dann, rief Selim aus, so sind wir frei!

Ich schwieg in eurer Versammlung, begann endlich _Abubeker_, denn die
Menge hätte mich doch überstimmt, aber itzt laßt mich sprechen und
handelt dann nach eurem Willen. -- Diese Nacht war fürchterlich, ein
kaltes Grausen nach dem andern ist meinen Rücken hinabgeschlichen; mögt
ihr mich doch einen thörichten Greis nennen, den das Alter wieder in
die Kindheit zurückgeführt hat. -- Als Omar von uns Abschied nahm und
aus der Thür ging, hörtet ihr da nicht aus der Ferne ein Gelächter, das
mein Blut in Eis verwandelte? -- Hörtet ihr nicht über dem Pallast ein
Gekrächz von Raben, die über uns, als ihre Beute hinwegflogen? Die Eulen
winselten um das Dach und Hunde heulten vor der Thür, als wäre das Haus
mit Leichen angefüllt. -- Mir war, als sähe ich schadenfrohe böse Geister
mit höhnischen Gesichtern durch die Spalten der Thür sehen und einen
schwarzen Strich durch unsern Anschlag ziehen, der Todesengel hat uns in
sein Buch eingezeichnet, sein Schwert liegt auf den Wink des Schicksals
bereit. --

Der Morgen stieg in Säulen von Dampf empor und ein gedrängtes Heer von
Raben flog krächzend von Osten her, und flatterte von neuem über das
Dach des Pallastes. --

Seht! rief Abubeker, -- da steigt die Unglücksvorbedeutung von neuem
herauf! Diese Vögel des Todes krächzen uns noch einmal unser Schicksal
entgegen. Der heutige Tag sträubt sich unwillig unter der Last, die wir
auf ihn legen wollen; wartet auf einen günstigeren, wo uns das Glück
seine holden Zeichen entgegensendet. --

Die ganze Versammlung sahe auf Selim, der itzt zu reden anfing:

Ihr tretet alle ungewiß zurück, von einer schwarzen Ahndung hart
angeredet, ihr werfet zaghaft euren Vorsatz von euch und entflieht,
und ihr glaubt, daß auch ich zu euch hinübertreten werde und dem großen
Entwurf Lebewohl sage. -- Abubeker, du hast das Blut aus allen Wangen
gejagt und die Furcht sitzt auf derselben Stelle, aus welcher der Muth
vorher thronte. Ha! wessen Auge darf sich anmaßen, in die Geheimnisse der
Natur zu schauen und ihre Winke zu deuten? Wer versteht die räthselhafte
Schrift, in der der Ewige der dienstbaren Welt ihre Gesetze schreibt? Sie
enträthseln _wollen_, heißt nicht den tiefen Sinn verstehen. Deine
Ängstlichkeit hat hier geirrt, Abubeker; welches kühne und große
Unternehmen wird erst auf die Einwilligung ungewisser Vorbedeutungen
warten? Wer könnte handeln, wenn Thiere erst seinen Vorsatz bestätigen
müßten? Ward der Mensch darum über diese Wesen gesetzt, um vor ihnen zu
zittern? -- Und laß diese Vorbedeutungen selbst Wahrheit sagen, laß die
Hunde der Nacht um unsern Leichnam heulen, muß darum unser Unternehmen
nicht in Erfüllung gehen? Wenn wir nun zugleich mit _Ali_ sterben, so
sind wir nicht unglücklich, denn unser Tod macht unsre Freunde glücklich.
-- Was werdet ihr bei den Gefahren thun, wenn ihr schon vor der dunkeln
Ahndung der Gefahr zurückzittert? -- Kein so begünstigender Tag als
der heutige wird uns wieder entgegengehn; unverzeihliche Trägheit ist
es, wenn wir unsre Arbeit stets von einem Tage zum andern uns selber
aufbewahren, euer Muth erkaltet, der Sultan wird von unserm Vorhaben
benachrichtigt, und dann erst haben diese unglücklichen Vorbedeutungen
Wahrheit gesprochen. Wenn das Schicksal uns zürnt, so ist es mir
erwünschter, noch heute seinen Zorn zu erfahren, als unter ängstlichen
Erwartungen zu leben.

Abubeker selbst stimmte ihm etwas unwillig bei und die übrigen folgten
seinem Beispiel. -- Man beschloß am Abend mit gewaffneter Hand in den
Pallast zu dringen und Ali und sein Gefolge niederzumachen. -- Alle
warteten ungeduldig auf die ersten rothen Streifen des Abends.




Drittes Kapitel.


Abdallah erwachte und tausend verworrene Gefühle, traurig und froh,
drängten sich ihm mit den ersten Strahlen der Sonne entgegen, Ahndungen
die ihn mit Schaudern umgaben und doch mit hohen Entzückungen seinen
Busen schwellten; in seiner Seele schwebte eine Dämmerung, die hundert
Flammen durchzuckten und von der kalten Finsterniß wieder ausgelöscht
wurden. Zulma, die ihn gestern so liebevoll aufgenommen hatte, neben
dem blutigen Strom im Felsenthal, jene wollüstigen Empfindungen waren
ihm nachgeschwommen und kämpften itzt mit den Schreckenserinnerungen,
seine Seele rang mit Freude und Verzweiflung, Quaalen und Seligkeiten
wechselten in seinem Busen, wie eine Welle, die bald der Schatten
überfliegt, bald wieder ein blendender Sonnenstrahl vergoldet. -- Die
Palmblätter lagen neben ihm, er nahm sie und wollte zu lesen anfangen.

Deine Ahndung, edler Freund, sprach er, hat dich nicht getäuscht, die
Schmähsucht will das Band zerreissen, das meine Seele an die deine
knüpft, man will dich aus meinem Herzen jagen und mir auch das letzte
Andenken meines vorigen Glückes rauben, auch den letzten Becher will man
von meinen brennenden Lippen nehmen. -- Ob ich diese Blätter lese? Oder
sie ungesehn in den Strom auf ewig versenke? Kein Verdacht hat dann
meine Freundschaft befleckt, dann kann ich ohne Scheu dem zurückkehrenden
Omar entgegengehn und ihm den Kuß der Liebe geben. -- Verdacht? -- Himmel!
was kann dem großen allmächtigen Omar an dem Wurm Abdallah liegen? -- Ihm
ziemt es, von seiner Freundschaft Rechenschaft zu fordern, nicht mir,
-- sein Sonnenglanz sieht mit milder Güte auf mich Verlassenen herab
-- und ich will ihm mißtrauen? Was kann er denn von mir gewinnen, das er
nicht schon tausendfach besäße? Was kann ich verlieren, das er mir nicht
unendlich ersetzen könnte? -- Nein Omar, dein Abdallah wird nie undankbar
sein, du pflanzest für ihn einen Garten, dessen Kühlung ihn erquicken
soll, und ich will dankbar dein Geschenk annehmen. Hast du mir nicht in
dieser Nacht Himmelsseligkeiten zubereitet? Das feindselige Verhängniß
kämpft gegen deine Güte an, es fordert laut mein Elend, aber du hältst
einen Schild vor meine Brust. -- Deinen Freund _Nadir_ hast du verloren,
mich sollst, mich _kannst_ du nicht verlieren, wenn du mich nicht selbst
verächtlich von dir wirfst, und darum will ich ohne Scheu diese Blätter
lesen, ich will diese Verläumdungen erfahren, um desto unzertrennlicher
an dir zu hangen.

Er nahm die Blätter und fing an zu lesen:

       *       *       *       *       *

Abdallah, ich beschwöre dich bei allem, was dir auf dieser Erde und
jenseit des Grabes theuer ist, weise diese Worte nicht mit der Kälte
zurück, mit der man einen verdächtigen Fremden abzuweisen pflegt, grabe
sie tief in die Tafel deiner Seele und laß sie dort durch kein Mißtrauen,
durch keinen täuschenden Verdacht wieder auslöschen. Zweifle in der
ganzen Zukunft deines Lebens, nur itzt nicht, denn diese Zweifel könnten
dich um alles bringen, was je ein Wunsch und eine Hoffnung ahndete,
was je ein Geist zu erlangen strebte. O ich bin glücklich, es ist die
edelste That meines Lebens, und der Zweck meines Daseins ist zehnfach
erfüllt; wenn diese Blätter nicht zu spät in deine Hände fallen, der
Baum ist gesegnet, aus dem sie hervorschossen, das Rohr ein Heiligthum,
das diese Züge niederschrieb, dann kann ich dem Richter jenseit mit
Vertrauen entgegentreten und meine Rechnung seinen Händen überliefern,
diese That löscht alle meine Sünden in seinem schwarzen Buche aus. --

Aber du möchtest mich nicht verstehen und in meinen Worten nur
Verläumdungen finden, darum will ich zu dir wie zu einem Verbündeten
sprechen, der schon in die Geheimnisse der Nacht eingeweiht ist. Du
stehst einmal jenseit der glücklichen Unwissenheit und es wäre Frevel,
von Geheimnissen zu schweigen, deren Mittheilung dich vielleicht noch
von dem Abgrund zurückreissen kann, vor dem du schwindelnd im dumpfen
Nachsinnen stehst. --

Eine schwarze Nacht liegt um dich her und du kniest vor einem verdorrten
Stamm, den du für das Bild eines Gottes hältst, du verehrst in Omar
die Macht, die über die Menschenkraft hinausgreift, du stehst ihn auf
der Spitze eines Felsen, zu der du den schroffen Abschuß vergebens
hinaufklimmst, -- o dürft' ich ganz die Hülle von deinen Augen nehmen
und einen Stern in dieser Nacht erwecken! du siehst einen prächtigen
Nebel in der Abendsonne in hohen gewundenen Säulen brennend emporsteigen
-- und vergissest, daß es nur Dampf und nichtiger Rauch ist. -- Könntest
du ohne Blendung in die wesenlose Pracht hineinblicken, du würdest
da verachten, wo du itzt verehrst. -- Die Mauer der Allmacht ist
unübersteiglich, kein Sterblicher wird je in das Innere des Heiligthums
dringen, eine unwiderstehliche Hand hält den Staub unerbittlich von dem
zurück, was nur daurende Geister sehn und begreifen können, uns ist ein
Feld angewiesen, wo wir über Blumen denken dürfen, jene unendlichen
Wälder sind unserm Blick zu groß, kaum hören wir zuweilen von der Mauer
ihr dumpfes Rauschen herüber, kein Auge wird sich je in den Garten des
Ewigen wagen. -- Jene Kraft, die der Getäuschte für einen Theil der
Allmacht hält, ist nichts, als ein Blendwerk, das in seinen eignen Augen
schwimmt, er selber bringt wider seinen Willen das hervor, was er glaubt
vom Himmel herabsteigen zu sehen.

Welcher Wurm kann sich ohne Flügel zum Glanz der Sonne aufwärts schwingen?
Ein Strahl zittert auf ihn hernieder und er glaubt sie steige auf sein
Gebot zu ihm herab und spiele neben ihm im Grase, aber es ist nichts, als
ein Tropfen Thau's, in welchem ihm ihr Bild aus einem kleinen Spiegel
entgegenlächelt. Die Hand des Menschen wird nie in ewige Gesetze greifen
und ihnen Stillstand gebieten; wer würde noch zum Allmächtigen beten,
wenn der Hauch des Staubes die Weltendonner seiner Sprache überschrie,
wenn ein Sonnenstaub sich seinem Willen entgegenwürfe und das große
Gewebe sperrte? -- Nein Abdallah, du _glaubst_ zu sehen, was du nicht
sehen kannst, in dir selber schlägst du die Töne an, die du aus den
Wolken zu hören glaubst, die Unendlichkeit steht deinem Lehrer nicht zu
Gebot, aber deine schwachen Sinnen vermag er zu beherrschen, das große
Geheimniß, vor dem du verehrend zurückschauderst, ist nichts, als ein
gemeiner Betrug, den du an einem armseligen Künstler verachten würdest.

Darum höre mich und sei was du warst, verliere den Freund und gewinne
dich selber der Verrätherei wieder ab, sprich das belebende Wort über
die Leichen aus und laß aus ihrem Grabe die Seligkeiten wiederkommen,
die du selbst ermordet hast; laß das schlachtende Messer inne halten
und binde sorgsam die letzte Rose auf, die schon in der Sonnenhitze
verschmachten will. --

Mein Name ist _Nadir_, ich trete mit dem morgenden Tage in mein
achtzigstes Jahr, traue meinem Alter, das mich bald vor den Thron des
Richters bringen wird, wo man mir jede Lüge aufbewahrt. -- Seit meiner
Kindheit brannte in mir eine unauslöschliche Ungeduld, alles zu erfahren
und zu wissen, was nur in der Seele des Menschen Raum fände; als Jüngling
schweifte ich bald mit meinen Gedanken über die Gränze hinaus, die eine
gütige und grausame Hand unserm vorwitzigen Geiste gesetzt hat. Mein
Verstand wollte das Unendliche umspannen und das Undurchdringliche
durchdringen, die Schwäche der Menschheit hielt ich nur für die Schwäche
_meines_ Geistes, meine Sinne schweiften durch alle Regionen der kühnsten
Zweifel und der verwegensten Irrthümer, ich riß alles um mich her aus,
und bepflanzte die leere Schöpfung dann mit den Wesen meiner Einbildung,
ich glaubte nichts, um alles zu glauben. Alle meine Kräfte bot' ich zum
Kampfe auf und fühlte mitten im Streit meine Schwäche, ich hatte durch
meine Kühnheit Gott und das Schicksal verloren und doch genügte ich
mir nicht selbst in der traurigen Einsamkeit, ich hatte die Vorsehung
geläugnet und fing nun an, an die Macht fremder Wesen und Dämonen zu
glauben; Aberglaube und Nichtglaube berühren sich unmittelbar auf der
Gränze, aus einem Feinde der Andacht ward ich ein Schwärmer. Von itzt
lebte ich unter Wundern und Unbegreiflichkeiten, zu denen ich mich
hinandrängen wollte, die Ähnlichkeit der Gottheit schien mir darin zu
liegen, die geheimen Winke der Natur zu verstehn, und das Unmögliche
möglich zu machen, ich taumelte auf einem schmalen gefährlichen Wege
durch das Gebiet des Wahnsinns, von blendenden Hoffnungen begleitet.

Auf dem Gipfel des Caucasus, hört' ich, wohne der weise _Achmed_, der
die große Auflösung zu den Millionen Räthseln gefunden habe, den Stab,
mit dem er an die Sonne und die Sterne reichen könne und dem sich die
Zukunft aufthue. Ich verließ mein Vaterland, um diesen Gott zu sehen
und sein Schüler zu werden, wenn er mich für würdig erklärte. Er nahm
mich auf und ich überstand fünf harte Probejahre, in denen er mich
durch tausend Mühseligkeiten zurück zu schrecken versuchte, aber meine
Wißbegierde ertrug alle Lasten leicht und tröstete meine Ungeduld, die
zuweilen erwachte, mit dem herrlichen Augenblick, in welchem meinen
Augen der ewige Vorhang niederfallen würde. -- _Omar_ war wie ich ein
Schüler Achmeds, -- der erharrte Tag erschien endlich und ich ward in
den schwarzen Bund aufgenommen. -- Wir mußten beide dem edeln Achmed
mit einem heiligen Eide schwören, nur durch unsre Macht Glück und Freude
zu verbreiten, dem Elenden beizustehn, den Schändlichen zu strafen und
so dem Ewigen ähnlich zu werden. -- Wir schwuren es und Achmeds Gewalt
war die unsrige.

Nun erst sah ich ein, daß meine Wünsche jenseit der Schranken der
Menschheit lagen, daß das, was ich verloren gegeben hatte, mehr werth
sei, als mein Gewinnst. Alle meine großen Hoffnungen waren hintergangen,
ich war im Begriff mich selbst zu verachten. Tausendmal wünscht' ich
die Vergangenheit zurück, in der ich noch nicht an die Gränze der
menschlichen Kraft gekommen war, wo mich eine unbarmherzige Schrift
höhnend zu den Thieren des Feldes zurückwies. Ich hatte gehofft, daß
sich mir die Ewigkeit aufschließen würde, wo ich im Heiligsten die
Gottheit schaute und den großen Plan der Welt sähe, den sie gezeichnet
hat -- und ich ward vor einem Spiegel geführt, in dem ich nun meine
eigne Verächtlichkeit sahe und eine Kunst war mir verliehen, die mir
durch armseligen Betrug den großen Verlust nicht ersetzen konnte, eine
Macht, die Niemand an dem Besitzer beneiden würde, wenn er nur _einen_
Blick durch den blendenden Glanz zu werfen vermöchte.

Omars Freundschaft tröstete mich in meiner Trostlosigkeit und versöhnte
nach und nach mein Mißvergnügen, wir tauschten unsre Seelen gegen
einander aus, und ein jeder gewann, wir schlossen einen heiligen Bund
und jeder Gedanke, jedes Gefühl floß in das Wesen des Freundes hinüber.

Endlich trennte sich Omar von mir und ich blieb allein bei meinem
Lehrer, und lebte in einer stillen Einsamkeit und Ruhe, von der Welt
und ihren Geschäften geschieden, in steten Betrachtungen der Natur und
der Weisheit Gottes. Ich dachte oft an meinen Freund Omar und wünschte
ihn zu mir zurück. Zwanzig Jahre waren so verflossen, als ich von meinem
Lehrer Achmed den Auftrag erhielt, ihn aufzusuchen, denn meine Reise
setzte er hinzu, könnte wichtige Folgen haben.

Ich durchreiste Arabien und Persien vergebens und fand ihn endlich hier
wieder, an jenem Abend, als du unter einer Cipresse eingeschlafen warst
und ein brausender Sturm dich aus deinen Träumen weckte. -- Er eilte in
meine Arme, es war eine wonnevolle Stunde des Wiedersehens; wir
erzählten uns unsre Schicksale und Omar sprach also:

»O! daß der Mensch in Seinem Busen einen unversöhnlichen Feind mit sich
herumtragen muß, der ihn unabläßig quält! daß dies heillose Drängen unsrer
Seele, dies Streben gegen die Unmöglichkeit uns den Genuß unsers Daseins
raubt und uns gegen uns selbst verderbliche Waffen in die Hand giebt!«

Wir hatten uns weiter hinein in den Busch entfernt, die Nacht sah
schweigend auf uns herab, die Bäume wiegten sich leiserauschend und Omar
fuhr also fort:

»Wir sprachen schon damals, Nadir, als wir beide noch den Unterricht des
weisen Achmeds genossen, von jenem Sturm, der unaufhörlich in dem Baum
unsers Geistes wüthet und ihn zu zerstören droht. Kaum hatte ich von dir
Abschied genommen, so verfolgten mich alle meine Wünsche mit erneuerter
Wuth, mein brennender Durst war nicht gestillt, sondern durch Achmeds
Kenntniß nur von neuem angefacht, mein Vordrängen war vergebens gewesen,
denn noch in dichtem Nebel eingehüllt lag der große Felsen in der Ferne,
hinter welchem die Sonne wohnte, die ich suchte. Ich fühlte mich
eingeengt und gepreßt und war unglücklicher als ich je gewesen war.«

»Furchtbare Gedanken standen itzt leise in meiner schwarzen Seele auf wie
Verbrecher, die die Ketten von sich streifen und sich frech im düstern
Kerker erheben. _Weisheit_ war mir der edelste, der einzige Zweck des
Menschen, die einzige Krone, die seine Stirn schmücken könnte, ein
Zweifel an alle Tugend machte mir diese gepriesene Gottheit verächtlich
-- und ich wagte endlich vermessen einen Schritt, von dem ich vorher
wußte, daß sich hinter mir ein Abgrund reissen würde, um mir den Rückweg
ewig unmöglich zu machen.«

Omar hielt ein und mit gespannter Aufmerksamkeit horchte ich auf seine
Rede. -- Mein Freund fuhr fort:

»Am Ende der Welt, in einem fürchterlichen Schlund, der sich zwischen
die Klippen des Atlas wirft, an einer Stelle, wohin noch kein Menschenfuß
sich verirrte, wo zwischen ewig einsamen Felsenwänden das Grausen wohnt
und kaum ein verirrter Wind mit seinem Fittig gegen die hohen Steinmauern
streift, dort, -- so sagte eine alte Sage, -- wohne seit Jahrtausenden
ein furchtbarer Sterblicher, der hier im kalten Haß der Ewigkeit
entgegenharre, von Menschen und Engeln losgerissen, ein Wesen, einzig,
ohne je ein Leben zu finden, dessen Seele mit der seinigen gleichgestimmt
sei. -- Greise erzählten mir unter Schaudern, daß er ein höherer Geist
gewesen sei, der sich vom Ewigen losgeschworen und in die leere Wüste
der Strafe der Allmacht entronnen sei, _Mondal_, so nannten sie den
Schrecklichen und sagten, daß der große Verworfene keine Strafe bedürfe,
denn er selber sei seine Verdammniß. Man sprach von den Wundern die er
ehedem gethan und denen die Völker in Demuth erzittert wären, von
gräßlichen Strafen, mit denen er sich an seinem Feinde gerächt, sein
Name war die Loosung zum Schrecken.«

»_Ihn_ wollt' ich aufsuchen und mich an seine fürchterliche Größe drängen,
hier die Flammen meines Busens kühlen, oder ein unausbleibliches Verderben
finden. -- Ich wanderte durch die Wüsten von Afrika, ich ging über die
hohen unermeßlichen Gebirge und näherte mich endlich der langerhofften
Gegend. Das Gebirge lag fürchterlich aufgethürmt, wie die Mauer der Welt
vor mir, die Wolken des Himmels schienen scheu um den Fuß zu flattern
und frech hoben sich die Spitzen des Klippengebirges in die unendliche
Leere des Äthers, immer höher und höher aufgewälzt und immer furchtbarer
und kühner aufgethürmt.«

»Ich bestieg die untersten Gebirge, die sich nur wie Hügel an die
unbegränzte Felsenmauer lehnten. Die Erde lag unter mir mit allen ihren
Schätzen und Städten ausgebreitet und schien mir Lebewohl zu sagen, das
Meer unermeßlich ausgegossen tief unter mir. In tausend Herrlichkeiten
winkte mich die Sterblichkeit zurück, sie streckte die Arme liebevoll
nach ihrem verlornen Sohne aus und rief mich mütterlich an ihren Busen
hin, an dem ich in der Kindheit meines Geistes mit so inniger Liebe
gehangen hatte. -- Aber ich ging vorwärts und ließ hier meine Menschheit
zurück, ich warf alles von mir ab, was der Endlichkeit gehörte, ich riß
auf ewig das große Band entzwei, das mich an die Schöpfung hielt, ich
setzte den Fuß vorwärts, von diesem Augenblick ganz mein eigen, die
Menschheit hinter mir auf ewig zugeschlossen, ich auf ewig in die
Unendlichkeit des Meeres hinausgewiesen, von keinem Ufer jemals wieder
angewinkt zu werden.«

»Mein Pfad wand sich immer steiler die Felsen hinan, immer unfreundlicher
die Natur umher, die Bäume starben aus, die Sträucher, und endlich
erlosch auch der letzte Schimmer des grünen Grases unter meinen Füßen.
-- Itzt lag die Erde und das Meer in eins verschwommen ungewisser
wie ein Nebel unter meinem Blicke, wie in einen schwarzen Schleier
eingewickelt; so weit mein schwindelnder Blick sich wagte, über mir und
unter mir und neben meinem Schritte die unendliche gedankenlose Leere.
-- Bei jedem Schritte zog sich ein härterer Panzer um meine Brust, keine
meiner vormaligen Empfindungen wagte es, mir in den eisernen Aufenthalt
zu folgen, nur von nackten Felsen und dem Himmel umgeben hatt' ich schon
vergessen, daß ich einst ein Mensch gewesen sei.« --

»Ich kam in Gegenden, die die Natur zuletzt in ihrer Ermüdung geschaffen
zu haben schien, kein Leben, kein Moos, das die Felsen hinaufkroch,
erinnerte mich an die Welt, die ich verlassen hatte. Hier schien der Tod
seine Behausung zu haben, eine Welt schien hier einst untergegangen und
dies ihre schauderhaften Ruinen zu sein. Ein kaltes Grauen begleitete
mich, immer größere Furchtbarkeiten kamen mir entgegen, alle meine Gefühle
gingen nach und nach in meiner Brust unter, und nichts als mein Vorsatz
und das Bewußtsein meines Daseins blieb mir übrig.«

»Itzt stand ich auf einer Felsenspitze, die in ein Thal hinabsahe, das
rings von kahlen schwarzen Klippen eingeschlossen war, ein Schauder
brütete über diesem Schlund, in den sich tausend Höhlen rissen und ein
verworrenes Gebäude bildeten, kein Luftzug rauschte durch die Felsenwüste,
kein Ton, der ein Leben verrieth, schlich hervor; die gespaltenen Klippen
grinßten mir aus dem Abgrund entgegen, die Vernichtung sahe sich hier
selbst mit Wohlgefallen an und behorchte sich in der schauderhaften
Stille.«

»Dies ist seine Behausung! rief ich unwillkührlich aus und der erste
Klang warf sich zerschmettert die gewundenen Klippen hinab, ich selber
fuhr erschrocken zurück und der Ton verlor sich winselnd in den fernsten
Schlünden.«

»Die letzte Furcht faßte mich zweifelhaft an. -- Soll ich hinuntersteigen?
fragte ich mich leise. -- Noch, noch steht mir der Rückweg offen! Noch
darf ich selber über meinen Willen gebieten. -- Doch was soll ich in der
Welt? -- Ein Engel darf, ein Mensch mag ich nicht sein, nur die Hölle
bleibt den Unbefriedigten übrig, -- ich kann nicht anders, ich würde
nichts vom Menschen wieder rückwärts bringen: -- und zugleich stieg ich
in das fürchterliche Thal hinab.«

»Wie mit tausend kalten Armen hielt es mich eingeklammert, wie in den
unerbittlichen Tod schritt ich hinunter.

»Plötzlich fuhr ich bebend zurück. -- In einer halb dunkeln Grotte saß ein
Greis und lächelte mir mit einer Freundlichkeit entgegen, die mehr dem
Zähngeknirsch eines Ungeheuers glich. Ein weißer Bart sank bis auf seine
Füße hinab und deckte sein Gesicht. Ein fremdes mir unbegreifliches Wesen
sahe aus seinen wilden Augen, er hatte bloß das Ansehn eines Menschen,
um die Menschheit von sich zurückzuscheuchen. -- Sein Anblick hatte mich
bis in das Innerste meiner Seele erschüttert und ich wagte es nicht,
die Augen zum zweitenmal auf ihn hinzuwerfen: ich hatte allen sanften
Gefühlen Abschied gegeben und die Schauder vertraulich in meinem Busen
aufgenommen, -- aber hier fand ich ein Wesen, vor dem meine Frechheit
Demuth ward, alle meine Verwegenheit sich in banges Grauen auflöste.«

»Wer bist du? rief er mir in Tönen entgegen, wie ohne Klang und Athem;
sie kamen zu mir, wie aus einer fernen Welt und sprachen in Accenten,
von denen kein sterbliches Ohr eine Ahndung hat und haben kann.«

»Ein Wesen, schrie ich ihm entgegen, das sich selber nicht begreift!
Meine Menschheit hab' ich jenseit diesen Klippen ausgezogen! -- Das
Leben hat keinen Reiz für mich, ich will in der Wildniß meine Freude
suchen.«

»Mondal schwebte mir entgegen und stierte mich mit einem Blicke an, der
meine Seele mit Riesenkräften zusammendrückte.«

»Du bist das erste Wesen, sprach er, das mein Angesicht sieht, ich sitze
hier und faste der Ewigkeit entgegen und noch kein Staubgeborner hat es
gewagt, mich in meinem Hause zu besuchen, wo ich mit dem Grausen spiele
und Schauder mir die Zeit verkürzen. -- Was suchst du hier?« --

»Was ich hier oder nirgends finde, antwortete ich zitternd, ich schäme
mich ein Mensch zu sein, nimm du mich in deine Gesellschaft auf und
vergönne, daß ich deinen Geist begreife und dir ähnlich werde.«

»Er sahe mich an und lachte fürchterlich auf, daß die Felsen umher in
ihren Wurzeln wankten. -- Vermessener! rief er dann: -- Du verläugnest
die Menschheit und doch zeigen deine Worte, daß du ihr noch zugehörst.
_Ein_ Funke, der von mir zu dir herüberleuchtete, würde dein Wesen
zersprengen. Dank' es meiner Verachtung, daß mein Anblick dich nicht
tödtet!«

»Nun dann, sprach ich mit knirschender Verzweiflung, so bleibt mir keine
Hoffnung übrig, als meine Vernichtung!«

»Vernichtung? antwortete der Furchtbare und zog den Mund zum Grinsen, so
kalt und todt wie die Felsen umher. Was _ist_, kann nicht vernichtet
werden, die Ewigkeit hält dich fest, so lange die Zeit dauert, dauerst
du selbst. Du kannst dich tödten und in eben dem Augenblick stehst du
ein neues Wesen in deiner eignen Verdammniß wieder da, -- so hat es der
Gütige dort gewollt, der alles mit seiner Milde umfängt. O! wenn
_Vernichtung_ möglich wäre, wenn wir uns selber angehörten und
beherrschten -- o dann wäre noch Glück in seiner Schöpfung!« --

»Ich fuhr mit Entsetzen zurück. -- Voll Frechheit kömmst du hierher,
sprach Mondal weiter, und bedachtest nicht, daß dein Wesen sich nie dem
meinigen nähern könne. -- Nein, Sterblicher, ganz kannst du mich nicht
verstehen, denn tausend Naturen stehen zwischen uns; die Gedanken,
die die du begreifst, sind nicht meine Gedanken, unser Urstoff ist
verschieden, wir können uns in keiner Empfindung begegnen.«

»Wo find' ich dann, rief ich mit bitterm Unwillen aus, ein Wesen, das
mich versteht? Mir ist alles verschlossen, in der ganzen Schöpfung kein
Laut, der in mir denselben anschlüge. Vernichte dies Streben in meiner
Brust, das mich durch alle Welten drängen würde, du verwirfst mich als
deinen Schüler, erniedrige mich bis zum Wurm, der sich dumpf und ohne
Bewußtsein zu deinen Füßen windet.«

»Ich verwerfe dich nicht, sagte Mondal, deine Natur hält dich gefangen!
Ich will dir geben, was ich kann, -- aber du wirst meine Bedingung nicht
erfüllen.«

»Alles, alles, sprach ich hastig, -- nur reiß mich aus diesem peinvollen
Dasein, mach, daß ich mich nicht verachten muß, sollt' ich mich auch
dafür verabscheuen!« --

»Mondal schwieg eine Weile, dann sagte er: Ich stehe nicht über der
Menschheit, ich bin nur ein fremdartiges Geschöpf, dessen Gedanken und
Gefühle Strahlen sind, die nie mit denen der Menschen in ein Licht
zusammenfließen, sondern sich ewig zurückstoßen. Die Menschen haben von
ihrem Gotte jenen Trieb, alles zu ordnen und in ein Ganzes zu bringen,
_meine_ Freude ist Zerstörung. Ihrem Triebe genug zu thun, arbeiten sie
in einer ewigen Thätigkeit an Ordnung und Harmonie, Sklaven eines Herrn,
dem sie dadurch schmeicheln wollen, Schönheit und Tugend nennen sie das
Gebäude, das sie aufführen, für mich giebt es keine Tugend als ihre
Laster. -- Kannst du deine angeborne Menschheit bis auf die letzte
schwächste Ahndung ablegen und mir voll Vertrauen die Hand reichen, kann
ein heiserer Mißklang dir eben so viel Freude geben, als jener Wohlklang
dort unten, verlierst du nichts an jenem Gott dort oben, so bist du
mein!«

»Ich reichte ihm mit erzwungener Festigkeit die Hand.«

»Zerstörung! rief er mit wilder Freude, dein Hauch sei Vernichtung,
jeder Pulsschlag ein Verbrechen, verfolge ihre Tugend und sei der Freund
des Bösen, kehre in die Welt zurück und zerreiß das Gewebe, mit dem sie
sich an ihre Gottheit knüpfen wollen, dies beschwöre mir mit einem
großen Eid und unter diesen Bedingungen will ich zeigen, was kein Auge
sieht. Fern ist noch der letzte Tag, wir wollen wirken, bis die Zeit zum
Greise wird.« --

Omar hielt hier in seiner Erzählung ein. -- »Und du schwurst den Eid?«
rief ich erschrocken aus. --

»Ich schwur ihn,« antwortete er langsam und sprach dann weiter: »Es war
ein Schwur, o, mehr ein Fluch, unter dem sich die geängstigte Erde hätte
bäumen mögen, ich wag' es kaum, ihn in Gedanken zu wiederholen.« --

»Wie ein Vorhang fiel es vor meiner Seele hinweg, alle meine Gedanken
waren zu Riesen aufgewachsen, die gegen den Himmel anstürmten, meine
vorige Frechheit schien mir itzt Feigheit, alle meine Gefühle waren
ehern, mein Busen Diamant.«

»Ich ward in seine fürchterlichen Geheimnisse eingeweiht, Flüche
segneten mich ein, Grausen stieg mir aus den unendlichen Labyrinthen
entgegen und Schauder waren meine Erfrischung. Meine Gedanken dachten
das Ungedachte, ich war über den fernsten Gränzstein der Menschheit
hinausgeschritten und wandelte nun, ein fremder Pilger, jenseit dem
Leben auf der dürren Haide. -- Die Vergangenheit kam meinem Ruf zurück,
die Zukunft schloß sich meinem Blicke auf. -- Mondal zeigte mir ein
ungeheures Buch, in welchem auf jedem seiner Millionen Blätter tausend
Punkte gezeichnet waren. -- Dies ist mein Almanach, sagte er lächelnd,
so viel Punkte du ausgelöscht siehst, so viele Tage hab' ich durchlebt,
die übrigen sind die Tage, die noch bis zum letzten Tage übrig sind,
ihre Zahl ist unzählbar; aber endlich nutzt sich nach und nach die Zeit
ab, auch der letzte Punkt wird ausgelöscht und die neugeborne Ewigkeit
wandelt über den Ruin der Welten. Bis dahin sieht mein Auge; was dann
sein wird, ist ein Geheimniß, das ich schon seit Jahrtausenden zu
enthüllen strebe.«

»Mein Geschäft war nun geendigt und ich ging in die Welt zurück, nicht
um zu leben und zu genießen, sondern um Genuß und Leben zu zerstören.
Alle meine vormaligen Freuden kamen mir wie eben so viele Feinde
entgegen, ich zerstörte und vernichtete, so weit nur meine Gewalt
reichte, Jammergeschrei folgte meinen Schritten und Flüche der Wittwen
und Waisen, mein Weg war mit Thränen benetzt und Grabhügel waren die
Denkmale, die von meiner Durchreise sprachen. -- Der Ewige hatte mich in
ein Leben verwiesen, das ich verachtete und ich sättigte mich im Genuß
der Rache, ihn selber konnte mein Arm nicht erreichen, aber seine
Geschöpfe mußten meinem Zorne büßen! Das Dasein quälte mich, wie eine
Gewissensangst, Vernichtung war nicht möglich, Flüche nicht genug, ich
mußte ihn _strafen_.« --

»Ich kam in mein Vaterland und der Sultan _Ali_ ward mein Freund, er
war im Begriff, seinen Unterthanen ein guter Fürst zu werden, aber
ich lehrte ihn die Menschheit und ihre Tugend verachten und so kam er
endlich zu jener kalten Grausamkeit, die seinen Namen zum Schrecken des
Landes gemacht hat. Durch mich ließ er tausend Schlachtopfer fallen und
tausend eine Beute des Mangels werden, unter diesen war auch _Selim_;
Ali nahm ihm seine Schätze, Selim entflohe mit seiner Gattin und einem
kleinen Sohne, auch die Gattin mußte sterben und ihn sein Sohn nur
noch gewaltsam in ein quaalvolles Leben zurückhalten. -- Ich ging unter
den Menschen in einer ewigen Einsamkeit, wie dienstbare Henkerknechte
liefen Schrecken vor mir her und schlugen gewaltsam jedes Gefühl, jeden
Menschengedanken von mir zurück, -- so fand ich den armen, vormals
glücklichen Selim, weinend auf dem Grabe seiner Gattin sitzend, -- da
flog mir wie ein ferner Schein der Wunsch vorüber, wieder in den
entweihten Menschenorden zu treten. -- In diesem unseligen Augenblick
vergaß ich meines Amts und meines Herrn und ließ den trauernden Selim in
den Schooß des Glücks zurückkehren, meine Macht ließ ihn einen Schatz
finden, der ihm dreifach ersetzte, was er verloren hatte. -- O wie hab'
ich Jahrelang diesen einzigen Augenblick verflucht, wie gern hätt' ich
ihn zurückgenommen und Selim's Glück mit neunfachem Jammer ausgetauscht,
wenn es dem Zauberer vergönnt wäre, sein eigen Werk wieder zu vernichten.«

»Unaufhaltsam jagte es mich seit dieser Zeit zu Mondals Wohnung zurück,
ich sträubte mich vergebens gegen die drängende Macht. -- Mondal trat
mir entgegen. Schon so früh kömmst du wieder? sagte er mit gräßlichem
Hohnlächeln, -- du hast deine Menschheit abgeschworen, dein Vertrauen
war so frech -- und doch kömmst du selber zurück, dich anzuklagen? Stumm
ging er mit mir zu einem fernen, verzackten, einsamen Klippenmeer, er
spaltete einen Felsen und warf mich bis an die Hüften in die Öffnung,
die donnernd wieder zusammensprang.« --

»Mich zermalmten unaussprechliche Martern. Eine heiße Gluth webte sich
am Tage um mich her und nagte und saugte an meinen Gebeinen, Flammen
bohrten sich glühend in mein Innres und in der Nacht jagten sich kalte
Nordwinde um mich her und bliesen mich mit ihrem Athem an, ein Panzer
von Eis umgab meinen Körper und zerschmolz wieder an der Gluth des
Morgens. Siedende Waldströme stürzten brausend auf mich herab und
schmetterten spielend mein Gebein gegen hervorragende Felsenspitzen.
Mein Geheul erklang fürchterlich den Abgrund hinab, und sprang von
Klippe zu Klippe, eine taube stumme Einsamkeit lag kalt und ohne Mitleid
um mich her. -- So brüllte ich vier Jahr meine Flüche und meine Bitten
dem unerweichlichen Mondal entgegen, aber er hörte mich nicht; zuweilen
flog er auf einer braunen Wolke über mein Haupt, sahe höhnisch auf mich
herab, freute sich meiner Quaalen und überließ mich dann von neuem den
unerbittlichen Martern. -- Endlich schien er gerührt, oder der alten
Ergötzung überdrüssig, denn welches Mitleid sollte diese steinerne Brust
bewohnen? -- Ich will dich von deiner Kette losnehmen, rief er und
neigte sich wie ein Gewitter weiter auf mich herab, aber nur unter einer
schweren Bedingung geb' ich dich frei.« -- -- -- --

Abdallah wollte unter Schaudern weiter lesen, als sich ein lautes
Getümmel im Hofe des Pallastes erhob. -- Bestürzt eilte er an's Fenster
-- und die furchtbaren Palmblätter entsanken seiner Hand. --




Viertes Kapitel.


Säbel glänzten im Schein der Sonne und leuchteten Abdallah wie Blitze
entgegen; in einem fürchterlichen Getümmel kämpften Selim's Sklaven mit
der Leibwache Ali's, sein Vater stand in der Mitte des Gefechts, mit
entblößtem Säbel stürzte er hinaus.

Ein wildes Geschrei flog über den Hof des Pallastes, Ali's Sklaven
wütheten gegen Selims bewaffnete Freunde, das Geklirre der Säbel an die
Schilder geschlagen, rasselte furchtbar. Abubeker lag mit seinem weißen
Barte vor ihm, in seinem Blute gewälzt, das Geschrei und der Klang der
Waffen schlug gegen die Mauern des Pallastes, Blut floß in Strömen,
einige Sklaven flohen, andre stürzten todt nieder, -- und itzt sahe
Abdallah auch seinen Vater unter einem Säbelhiebe sinken.

Er stürzte sich wüthend in das Gedränge und metzelte um sich her, eine
blinde Wuth gab ihm Riesenkräfte, er fühlte die leichten Wunden nicht,
die er erhalten hatte und tobte wie ein Rasender in dem Gewühle auf und
ab, -- eine bekannte Stimme rief seinen Namen aus, -- es war sein Freund
_Raschid._ -- Auch du? rief Abdallah wüthend, -- auch du bist mit meinem
Elende einverstanden? -- Nur wider meinen Willen, antwortete Raschid und
gab ihm die Hand; rette nur deinen Vater, setzte er leise hinzu, sieh'
er lebt noch.

Abdallah blickte nieder, sein Vater lag zu seinen Füßen und sahe ihn mit
einem matten Blicke an; Abdallah ergriff ihn stark und trug ihn aus dem
Getümmel, Raschid begleitete ihn und half den verwundeten Selim aus dem
Hofe des Pallastes führen, alle Krieger machten dem bekannten Raschid
Platz, weil sie den Verwundeten für einen Diener Ali's hielten; so
brachte Abdallah seinen Vater aus dem Pallast und durch das Thor der
Stadt.

Selim war stumm und in sich selbst verschlossen, heftige Gedanken
schienen ihn zu beunruhigen, nur zuweilen stahl sich ein Seufzer aus
seiner Brust, den er aber seinem Sohne zu verbergen suchte.

Ich kann nicht weiter, sagte er endlich und setzte sich auf einen
Erdhügel am Wege. Sein Gesicht war bleich, seine Wunde, die Abdallah
verbunden hatte, fing von neuem an zu bluten. -- Warum hast du mich
nicht sterben lassen? sagte er dann, da das Schicksal auf mich zürnt?
-- Du hättest mich jenen Dolchen lassen sollen, denen du mich entrissest,
denn ich gehörte ihnen an, von Verrätherei dem Tode verkauft. --

Abdallah kam itzt erst aus seinem Staunen, seiner Wuth und Angst nach
und nach zurück. Er war bis itzt in eine unwillkührliche Thätigkeit
geworfen, er hatte nicht empfunden und nicht gedacht, über die Gefahr
seines Vaters hatte er sich selbst vergessen. -- Vater! rief er aus,
-- o daß ich dich habe retten können, daß ich dich aus dem Gemetzel
herausriß und dem Leben wiedergab, -- o das ist das erstemal, daß dein
Sohn dir etwas mehr als Dank sagen kann, -- eine Stunde, wo ich dir
durch Thaten meine Liebe zeigen könnte, habe ich so lange gewünscht,
-- ach! und sie mußte so schrecklich, so unvermuthet kommen!

Abubeker, sagte Selim, der redliche Greis ist todt, mein großer Entwurf
ist dahin! -- deine Ahndung, alter wackerer Mann, hatte Recht, warum
hörten wir nicht auf deine Stimme? Wozu leb' ich noch, da die schönste
Hoffnung meines Lebens umgesunken ist? -- Ich habe ein großes Spiel
gewagt, ich setzte verwegen mich und Ali dem Verderben zum Pfande aus
-- und das Schicksal rief _Selim_!

Schmerzt dich deine Wunde, Vater? fragte Abdallah.

O ich weiß kaum, daß ich verwundet bin! rief Selim unwillig aus, ich
weiß nur, daß ich habe entfliehen müssen. -- O warum kann ich nicht der
verächtliche Hund jenes müden Wanderers sein, der den Berg herunterzieht?
Er ist freier und glücklicher als ich! --

Dann ging Abdallah mit seinem Vater langsam weiter. Oft ließ er ihn
auf Rasenhügel sich niedersetzen und wenn er erquickt war, mahnte er
ihn sogleich wieder zur Flucht, weil er die Verfolgung seiner Feinde
fürchtete. -- So gingen sie langsam bis zum Abend und wandten sich zu
einem kleinen unbesuchten Nebenweg, der in einen Wald hineinführte. --

Die rothen Streifen des Abends wallen durch den Himmel, sagte der Greis,
sie wollen den trägen Selim zu seinem Vorhaben rufen, aber ihr kommt zu
spät und findet nur noch meine Schande. -- O dürft' ich eure verhaßten
Flammen nicht erblicken, oder spiegeltet ihr euch in Ali's Blute!
-- Meine Freunde sind für mich gefallen und der feigherzige Selim flieht
und rettet ein freudenleeres Leben. O des edeln Greises Abubeker! dessen
Silberhaar so schrecklich auf den Steinen ausgebreitet lag und vom Blute
triefte! -- verzeih Abubeker, dem unvorsichtigen Freunde, der deiner
älteren Weisheit nicht traute. --

So klagte Selim auf dem Wege und hörte nur wenig auf den Trost seines
Sohnes. -- Das Schicksal, sprach er endlich, nachdem er lange bei sich
gedacht hatte, erprobt den Mann durch tausend Gefährlichkeiten und
mannichfaltiges Unglück, mein Muth soll vielleicht noch härter gestählt
werden, um dann desto größere Funken zu schlagen. Der Mann muß vor
seinem Tode nichts verloren geben, seine Entwürfe müssen ihm so
unverletzlich sein, wie Heiligthümer, die man ihm zum Aufbewahren
anvertraute, der nächste Tag versöhnt mich vielleicht mit dem
heutigen. --

Er ging getröstet weiter.




Fünftes Kapitel.


In einer entfernten Gegend des Waldes, wo die Bäume am meisten
verwachsen waren, wo das dichteste Dunkel sich unter den verschränkten
Zweigen herabsenkte und man kaum von der fernen Landstraße zuweilen ein
dumpfes Getöse hörte; dort stand unter Büschen versteckt ein kleines
ländliches Haus, das Selim sich vor vielen Jahren hatte erbauen lassen,
um hier auf der Jagd einen einsamen, unbekannten und stillen Ruheplatz
zu finden. Nur Omar, Selim und sein Sohn kannten diesen Aufenthalt, kein
Weg führte zu dieser Wohnung, nur ein Fußsteig, der sich in hundert
Krümmungen wand und den kein Fremder auffinden konnte. Seit vielen
Jahren war diese Wohnung unbesucht geblieben, selbst Selim fand itzt
den Weg dahin nur mit Mühe. Büsche und hohes Gras hatten den kleinen
Fußsteig verschlungen, sie mußten sich durch junge Bäume drängen, die in
einander gewachsen waren, sie verloren oft den Pfad und fanden ihn nur
mühsam wieder, erst mit der Finsterniß kamen sie an die Hütte. --

Alles war verwildert, das Dach mit Moos bedeckt und vom Regen
durchlöchert, durch die Fenster hatten sich junge Gesträuche gedrängt
und Epheu schlängelte sich in grünen Labyrinthen die Wände hinan,
Heimchen nisteten in ihren Schlupfwinkeln und ziepten einsam durch die
Stille der Nacht und das Rauschen des Waldes; Eulen hatten sich auf den
benachbarten Bäumen niedergelassen und heulten nach dem Hause hinüber.
Der Aufenthalt begrüßte sie traurig und verfallen, wie ein kranker
Freund, der auf dem Sterbebette Abschied nimmt.

Sie traten in das Zimmer und der ermattete Selim ließ sich sogleich auf
ein kleines Ruhebett nieder. -- In der Nähe rieselte eine Quelle vom
Berge herab und Abdallah schöpfte aus dem frischen Wasser einen Trank
für seinen entkräfteten Vater. -- Ich bin erquickt, sprach dieser, -- o
daß ich dich noch übrig habe, daß das Schicksal dich nicht von meiner
Seite genommen hat, das ist ein Glück, dessen Größe ich mit inniger
Dankbarkeit verehre.

Abdallah verband von neuem die Wunde Selims und bat dann seinen Vater,
ihm zu sagen, woher dieses Unglück so plötzlich auf ihn eingestürmt sei,
was es veranlaßt habe und womit sein Vater den Zorn Ali's so heftig
aufgereizt habe. -- Diese Wunde, sagte Selim, die mir plötzlich so
tödtlich geschlagen wurde, ist mir selber unbegreiflich, schon seit
lange wälze ich alle meine Gedanken umher, dieses Räthsel zu verstehen,
alle meine Freunde und Sklaven lasse ich in Gedanken vorübergehn, aber
auf kein einziges Gesicht steht der Name Verräther. -- Der Himmel selber
wirft sich mir entgegen und drängt den Strom gegen seine Quelle zurück.
-- Dann erzählte er ihm die Entstehung der Verschwörung gegen Ali's
Leben und nannte ihm alle Ursachen, die sie veranlaßt hatten. -- Ich
wollte das Land glücklich machen, so schloß er, aber der Ewige will, daß
sein Elend noch ferner dauere, er zürnt auf mich, daß ich seinen weisen
Rathschlüssen habe vorgreifen wollen und an seine Stelle treten. Der
Sterbliche muß nur der Hand folgen die ihn leitet, nicht aber mit
Vorwitz den geheimen Plan der Gottheit zu übersehen glauben, sein Frevel
bestraft sich selbst. -- Der Tyrann herrscht und ich beseufze hier
verlassen mein Unglück, ohne Rath und Hülfe, ohne Freund, -- o wenn nur
_Omar_ zurückkäme, auf ihm und seiner Weisheit ruht itzt meine letzte
Hoffnung: aber wenn er auch zurückkömmt, kann er das, was geschehen ist,
ungeschehen machen? Er kann nichts als trösten, und Trost ohne Hülfe ist
kein Trost für mich, -- meinen Freunden wird endlich kein Dienst übrig
bleiben, als mich in mein Grab zu legen.

Es war im Zimmer dunkel geworden und Selim fühlte einige Thränen heiß
über seine Wangen fließen, er schämte sich seiner Schwäche und nur die
Finsterniß, die die Zähren seinem Sohne verbarg, tröstete ihn etwas
über seine Unmännlichkeit. Abdallah ergriff die Hand seines Vaters
und drückte sie ohne zu sprechen an seine brennenden Lippen, Selim
umarmte ihn schweigend und eine wehmüthige Stille war um ihren Schmerz
ausgegossen. -- Durch die Fenster dämmerte ein irrer Schein der Sterne
und eine Fledermaus schlug mit rauschendem Flügel an die äußern Wände.
Selim sahe mit starren Augen nach dem matten Sterngeflimmer, das sich
durch die grünen Gebüsche brach, vom Wege und seiner Wunde müde schloß
sich endlich das gespannte Auge und er versank in einen sanften
Schlummer. Abdallah stand in tiefen Gedanken neben seinem Vater und
schien auf das Athemholen Selims zu horchen.




Sechstes Kapitel.


Alles um Abdallah her war still wie das Grab, die Quelle in der Nähe
plätscherte immer leiser und leiser, das Rauschen der Bäume verhallte
immer dumpfer und Selims Athem röchelte schwach, wie der Athem eines
Sterbenden. Abdallah stand an die Wand gelehnt und sahe in einer
kalten Seelenträgheit dem wunderbaren Spiele seiner Gedanken zu. Sein
Vater hatte den Namen Omar genannt und mit diesem Namen waren die
Schreckenserinnerungen reissend wie ein Waldstrom in seine Seele
zurückgekommen; schon hatte er alles vergessen, aber dieser Ton brachte
ihm mit Wucher zurück, was er so gern nicht angenommen hätte, was er so
gern auf ewig von sich zurückgewiesen hätte. -- Omar! sprach er leise zu
sich selbst -- Omar! wiederholte er mit zitternder Stimme. Sein Geist
wandte sich scheu vor dem Gedanken zurück, der sich unüberwindlich zu
ihm hinaufkämpfte. -- Omar hatte die kindliche Liebe schon verloren,
mit der er ihn ehedem geliebt hatte, seit jener Nacht, die ihn zum
Vertrauten seiner übermenschlichen Gewalt gemacht hatte, hatte sich
seine Liebe mit Furcht und einem fremden Gefühl, einer Art von Anbetung
vermischt: aber er war immer noch der Freund Omars geblieben, seine
Liebe hatte sich gleichsam nur ein anderes Gewand gewählt, ohne ihr
Wesen zu verändern, -- aber zu _der_ Empfindung, die itzt seine Seele
durchschnitt, hatte bis dahin auch kein Keim, keine Ahndung in seiner
Brust gelegen: es war nicht Mißtrauen, nicht Haß, nicht Abscheu, nicht
Entsetzen; ein schwarzes Gewebe aus allen diesen Gefühlen gewirkt. Ein
Todtengewölbe hatte sich ihm aufgethan, in welchem grinsende Gerippe,
Moder und scheußliche Verwesung in tausend gräßlichen Vermischungen vor
ihm lagen, das ganze Heer des Entsetzens zog mit schadenfrohem Lächeln
an ihm vorüber und wie in Nebel gehüllt tobten neue Furchtbarkeiten aus
der nächtlichen Ferne auf ihn zu, er sahe einen unendlichen engen
Felsenweg vor sich, durch den er sich hindurch drängen sollte, um sich
dann in einen Abgrund zu zerschmettern.

Omar! sagte er leise, wie fremd klingt mir itzt dieser Name, der einst
meinem Vater zugehörte? der die Loosung zur Freude und zur Liebe war!
-- Itzt ist es der Name eines Ungeheuers, das seine Tigerklauen nach mir
auswirft. -- Oder war alles, alles nur ein Traum? Es kann nicht Wahrheit
sein, unmöglich! Wie könnte so die Zeit ihr Gewand umkehren? Wie könnte
so plötzlich der Zorn aus demselben Auge sehen, in dem so eben noch die
Freundlichkeit thronte? -- Wenn Omar statt mir die Hand zu reichen, mir
einen schuppigen Drachenhals entgegenreckt, -- wer soll mich dann aus
der Grube ziehen, in der ich an den feuchten Wänden, ein verlorner
Wurm, umhertappe? Was ist Wahrheit, wenn der Ort, wo meine Seele sonst
am liebsten verweilte, sich so plötzlich in einen Kerker umwandeln kann?
-- Ich schwindle vor den tausend Gestalten zurück, die aus einem wüsten
dunkeln Abgrund so drohend ihr Haupt emporheben und mir still und
schweigend wie unversöhnliche ewige Strafen zunicken! -- Nein, so
fürchterlich sieht die Wirklichkeit nicht aus, nur Träume verweben sich
in solchen verworrenen Wolkengebilden. Wo war mein guter Engel, als
diese Phantasieen in meiner Seele aufstiegen und auch den letzten Strahl
verschlangen, der noch kärglich in ihre dunkle Tiefe hinunterleuchtete?
-- Wer würde dann noch zaudern und sich bedenken, aus diesem Leben
herauszugehn, wenn es ihn mit so entsetzlichen Speisen fütterte? -- Nein,
nein, o Verzweiflung wäre für ein solches Unglück zu wenig, es kann
nicht Wahrheit, es _soll_ ein Traum gewesen sein! --

Er schwieg, eine dunkle Stille säuselte um ihn her, in der finstern
Nacht und der leeren Einsamkeit sahe er nichts als seine Gedanken
schwimmen, ein Wiederhall seiner Seele wiederholte unzähligemal den
Namen _Omar._

Und doch ist es Wahrheit, fuhr er leise fort. -- Ich erinnere mich der
Stelle, wo ich jene schrecklichen Worte las, o ich weiß es zu gut, wann
und wie es war, mein boshaftes Gedächtniß wiederholt mir mit hämischer
Freude die gestrige glückselige Nacht und stellt mir noch einmal den
alten _Nadir_ hin, der mir die Blätter reicht. -- Nein, es ist kein
Traum, wenn unser ganzes Leben nicht ein einziger schwarzer Traum ist
und wir selbst ein bestandloses Traumbild, ein Dunst, der durch die
Leere seegelt und den ein nichtiger Schein anfliegt, bis ihn ein Wind
verweht. -- Blas't mich Wirbelwinde gegen Felsen, das mein Wesen in
tausend Luftblasen zerspringe und sich niemals wieder zusammen finde!
-- Wo Grausen und Unglück wohnen, wo der letzte leuchtende Funke
knisternd aus der Asche springt, wo eine ewige Einsamkeit auf tausend
Verderben brütet, -- o da, da finde ich mich jederzeit wieder, dort ist
die Heimath meiner Seele, dahin kehrt nach allen seinen Streifereien
mein müder Geist zurück, dies ist das Ziel, wo ich endlich ruhen soll,
nach welchem mein schwarzer Engel mich hohnlachend peitscht; alles
weicht aus meiner Bahn zurück, nur meine Verächtlichkeit bleibt mir
übrig und die Hölle, die hinter mir ras't.

Omar ist mir auf ewig verloren; es ist ausgesprochen, das unbarmherzige
Urtheil, das fürchterliche Geheimniß ist wie ein Todtengerippe aus
seinen verhüllenden Gewändern herausgeschritten, -- zurück, zurück von
meinem Halse, Scheusal! -- Es klopfte ja ein Menschenherz in dir, als
ich dich verhüllten Fremdling an meine Brust drückte, wo hast du
Betrüger dein Herz gelassen? --

Habe ich jene grausenvollen Blätter bis zu Ende gelesen und ihre ganze
Gräßlichkeit in meinen Busen gesogen? -- Nein, nein, -- ein freudiger
Funke glimmt in der Nacht wieder auf, die Auflösung des Räthsels ist
noch übrig, -- ja, du wirst mir wieder geschenkt werden, mein Omar! Ja,
der Ort kann itzt noch keine Wildniß sein, auf welchem so eben noch
dieser freudenreiche Tempel stand. -- Ja, Omar hat sich von Mondals
fürchterlichem Bunde losgerissen und in die Arme der Menschheit
zurückgeworfen, ja, er liebt, er liebt mich, er ist wieder ein Mensch
geworden, die übrigen Blätter werden, müssen es enthüllen. --

Er faßte den Entschluß in die Stadt zurück zu gehn und jene Blätter
wieder aufzusuchen, die sein Schicksal enthielten, er bückte sich leise
auf seinen Vater herab und hörte, ob er noch schlummere, dann verließ er
schnell das Zimmer. --

Er drängte sich durch die Labyrinthe der Gebüsche und tappte in der
wüsten Nacht mit den Händen umher, um den verborgenen Pfad zu entdecken.
-- Rauschend jagten sich Wolken durch die hohen Baumwipfel, die Sterne
weinten kalten Thau herab, Sturmwinde spielten heulend im dichten Walde.
-- Abdallah stürzte oft gegen Bäume und fuhr durch rasselnde Gesträuche,
flimmernde Lichter führten ihn oft trügend tiefer in den Wald hinein,
wo ihm die Nacht noch dumpfer entgegenkam; endlich trat er auf die
Heerstraße. --

Er ging durch das Thor und durch die stillen Straßen der Stadt, auf der
Brücke hatten zwei Fischer ihre Netze ausgeworfen und unterredeten sich
leise. -- Abdallah stellte sich an das Ufer und dachte mit wehmüthiger
Verzweiflung an den Abend zurück, an welchem der Untergang der Sonne
sich so schön in dem Flusse spiegelte, als auf allen Wogen kleine Nachen
schwammen, die für ihn mit Seligkeiten landeten, als jede Welle den
Namen Zulma und Abdallah lispelte und mit dem Abendwinde stritt, wer
»Zulma« am süßesten säuselte, er dachte an die Himmelsnacht zurück, als
sich ihm das Paradies mit allen seinen unendlichen Wonnen aufgethan
hatte, -- er sahe nach der Gartenmauer, -- aber eine neidische Finsterniß
warf sich vor sie, die Wogen schauerten in verschlungenen Ringen im
kalten Winde der Nacht und wankten in einer düstern Dämmerung, ein Stern
blickte zuweilen wehmüthig hinter den schwarzen Wolken hervor und warf
traurig einen flüchtigen Blick auf die dunkle Fluth. -- Er stand in
tiefen Gedanken und maß sein Elend an der Größe seines vorigen Glücks.
Das Gespräch der Fischer flüsterte leise in das Rieseln der Wellen.

Wie ich dir sagte, _Sadi_, sprach der eine, auch keine Mauer von seinem
Pallaste will der Sultan stehen lassen, er hat den unglücklichen Selim
mit den gräßlichsten Flüchen verflucht. Sein Zorn ist noch nie so
fürchterlich gewesen, Niemand wagt es sich ihm zu nähern.

Aber man sagt, fing der andre an, Selim habe dem Sultan nach dem Leben
getrachtet; wenn das ist, so verdient er auch die Strafe, da er seine
Hand an den Gesalbten des Herrn hat legen wollen.

Aber Sadi, antwortete der erste, Selim war von jeher ein wackerer Mann,
er hat mich vom Hungertod gerettet, er muß gewiß Ursachen gehabt haben,
so zu handeln, denn er ist ein edler Mann.

Aber den Sultan, fing Sadi von neuem an, hat Gott über uns gesetzt und
ihn verletzen heißt Gott verletzen und darum hat er den Zorn und die
Strafe Ali's verdient.

Sie stritten noch länger und zogen dann ihre Netze aus dem Flusse, sie
hatten nichts gefangen und gingen verdrießlich nach Hause. Abdallah
hatte ihrem Gespräche traurig zugehört und näherte sich dem Pallast
seines Vaters.

Kein Licht brannte im Hause, alles war still wie ein großes Todtengewölbe.
Er schlich sich durch das Thor und trat in den Hof, wo seine einsamen
Tritte die Wände hinabschallten, er stieß mit dem Fuß an die Körper der
Erschlagenen, die man mit Verachtung hatte liegen lassen und aus einem
Winkel des Hofes seufzte ein Halbgestorbener und röchelte fürchterlich.
Abdallah schritt bebend über sie hinweg und trat in die Gemächer des
Pallastes. Alles war einsam und verödet, so still, als hätten niemals
Menschen zwischen diesen Mauern gewohnt, -- itzt kam er in sein Zimmer.
-- Mit zitternden Händen suchte er auf den Tischen und am Boden umher
und fand die fürchterlichen Blätter nirgends. -- Wie? -- rief er aus,
-- sollte ich unter ewigen Zweifeln umhergeworfen werden und auch nicht
einmal meinem Elende in's Angesicht sehen können? Sollte das schadenfrohe
Schicksal mir auch selbst diese fürchterliche Freude der Gewißheit
rauben wollen, damit meine Verdammniß in unaufhörlicher Angst bestehe?

Ängstlicher durchsuchte er das Zimmer noch einmal: -- es gilt deine
Liebe, Omar! ob ich mich mit dir aussöhne, oder nicht, hängt von diesem
Augenblicke ab, -- jetzt weiß ich nur genug, um unaufhörliche Quaalen zu
dulden und nicht zur Verzweiflung reif zu sein. -- Er suchte lange und
unermüdet, endlich sprang er wüthend auf und wollte gehen, sein Fuß
stieß an eine Rolle, die sich rasselnd auf dem Boden wälzte, er streckte
seine Hand darnach aus, -- es waren die erwünschten fürchterlichen
Palmblätter, die ein Schreck ihm heut am Morgen aus der Hand geschlagen
hatte. --




Siebentes Kapitel.


Die Hände Abdallah's zitterten, als er die Blätter ergriff und mit ihnen
durch die Gemächer zurückeilte, alles, was er in ihnen gelesen hatte,
trat wieder vor seine Seele, er drückte krampfhaft die Faust zusammen
und eilte durch die Zimmer. Als wenn Drachen mit klingenden Flügeln
hinter ihm herjagten, so entflohe er über den Hof des Hauses und durch
die Stadt, nur vor dem Pallast des Sultans stand er still. -- Nur ein
einziges Licht wandelte noch hinter den Vorhängen umher und seine
Einbildung schuf Zulma's Gestalt in dem Zimmer hinzu, er sahe sie
unruhig auf und niedergehn, er hörte seinen Namen nennen und starrte
lange mit unverwandtem Auge zum Pallast hinauf. -- Das einzige lebendige
Licht in der großen todten Steinmasse des Pallastes, die Erinnerung
Zulma's neben seiner Verzweiflung ließ einen wunderbaren Schein in die
tiefen Schachten seiner Seele fallen, so wunderbar wie eine verirrte
Blume, die zu früh in einem schönen Wintertage aufbricht. Das Liebliche
und die Gräßlichkeit sahen sich an und wollten sich die Hand reichen,
aber Abdallah trat zwischen beide und ging mit dem Schauder, ein dichter
Nebel verfinsterte Zulma's Sonne in seiner Seele, sie ging in ihm auf,
aber nur hinter einen Wolkenvorhang, es war die wehmüthige Erinnerung
einer Freude, auf die er nicht mehr zu rechnen wagte.

Er ging langsam weiter und eine Gestalt kam ihm durch die schwarze Nacht
entgegen, es war _Raschid_, sein Freund. Raschid kehrte mit ihm zurück
und ging lange schweigend neben ihm hin, aber Abdallah bemerkte ihn
kaum, in die Verworrenheit seiner Träume verloren.

Nun bin ich ganz unglücklich, begann Raschid, nun ist mir alles genommen,
ich sehe keinen Ausweg, als die Verzweiflung. Alles, auch der letzte
fernste Abendschein meiner Hoffnungen ist mir auf ewig untergegangen.
-- Ich bin aus Ali's Pallast entflohen und habe mich vor seiner Wuth
gerettet, denn er hat mir den Tod geschworen, -- er glaubt, daß durch
meine Hülfe dein Vater seiner Rache entronnen sei, denn er weiß, daß ich
dein Freund war. -- Ist dein Vater gesichert?

Mein Vater? fuhr Abdallah auf, -- ja! --

Sei wachsam, Abdallah, antwortete _Raschid_, Ali wüthet, wie er noch nie
gewüthet hat; er hat es beim Grabe des Propheten geschworen, deinen Vater
lebend oder todt zu bekommen, er ras't im Pallast umher, wie ein Tiger,
dem seine Beute entrissen ist, jeder entflieht seiner zertrümmernden
Wuth. Dein Vater hat gewagt, was noch Niemand wagte, diese blutige
Verschwörung, dieses Unternehmen, von dem er glaubte, es sei für einen
Menschen zu kühn, hat seine Rache so heißhungrig gemacht, daß nur sie
durch Selims Tod wird gesättigt werden können. -- Dein Haus wird zerstört
werden und ein Fluch des Himmels darüber ausgesprochen. Schütze Selim,
denn sein Schicksal würde fürchterlich sein, wenn sein Aufenthalt dem
Sultan verrathen würde.

Raschid ging und Abdallah verließ die Stadt und eilte nach der einsamen
Hütte zurück. -- Der bleiche Morgen schimmerte schon durch die Wipfel
der Bäume und jagte ein nüchternes Licht durch die Schatten des Waldes,
als Abdallah von der dunkeln Anhöhe hinunterging und sich im Waldgrunde
der einsamen Wohnung seines Vaters näherte. -- Ich habe dich schon
vermißt, mein Sohn, rief ihm dieser entgegen, ich dachte, auch du
hättest mich verlassen, denn der Elende muß jeder Furcht und keiner
Hoffnung trauen. --

Du siehst bleich und krank aus, mein Vater, sagte Abdallah.

Ich bin erquickt, antwortete Selim, dieser Schlaf hat mir meine Kräfte
zurückgegeben. -- Sieh, wie das Morgenroth sich durch den verwachsnen
Wald zu meinem Fenster drängt, um mich zu grüßen, wie der Himmel mich
mit munterm feurigem Auge aus der Ferne ansieht, ja, ich will noch
hoffen; ein Sturm hat mich in das Meer des Elends hineingeworfen, aber
ich will nicht untersinken, auch dieses Unglück will ich noch auf meine
Schultern nehmen und mein Haupt aufrecht halten; ja Abdallah, mögen
tausend Donner um mich schelten, ich will mich nicht furchtsam vor ihrer
Stimme in eine Höhle verkriechen, sondern ihnen mit Kühnheit antworten.
Du bist ja noch mein und dieser Stab wird nicht unter mir zusammenbrechen,
noch einen Faden hat mir das gütige Schicksal übrig gelassen und an
diesen will ich das Gewebe meines Glückes unverdrossen von neuem beginnen;
wenn dieser reißt, dann erst will ich die Arbeit auf ewig aus den Händen
werfen.

Er umarmte feurig seinen Sohn. Ja, Vater, rief Abdallah aus, ich bin
noch dein und werd' es bleiben. Laß dich von dieser Freude noch in diese
Welt zurückhalten.

Die Wunde Selims war minder gefährlich als gestern, aber er war ermattet,
selbst das Sprechen ward ihm schwer. Abdallah blieb bei seinem Vater,
er brannte vor Begierde den Inhalt der Blätter zu erfahren, aber es
war unmöglich, den Kranken, dem seine Hülfe so unentbehrlich war, zu
verlassen. -- Am Abend stellte er ein kleines Ruhebett neben das Bett
seines Vaters und zündete eine Lampe an, die er in einem benachbarten
Zimmer gefunden hatte.

Schon zitterten die Sterne durch die fliehenden Wolken, die Nacht stieg
aus ihrer schwarzen Behausung auf und breitete durch den Himmel ihren
Mantel aus, Selim schlief nach und nach ein und die kleine Lampe warf
durch das enge Zimmer eine matte Dämmerung, Abdallah zog aus seinem
Busen die Palmblätter, sein Auge durchflog sie von neuem und alle
Schreckgestalten traten mit neuem wirklichen Leben auf ihn zu. -- Nein,
sagte er zu sich selbst, Omar kann mir nicht zurückgegeben werden, diese
Warnungen hier lassen mich das Schrecklichste fürchten, die grausamen
Blätter werden mir ihn nicht wiedergeben, -- er las weiter:

       *       *       *       *       *

-- -- -- -- -- »Endlich schien er gerührt, oder der alten Ergötzung
überdrüssig, denn welches Mitleid sollte diese steinerne Brust bewohnen.
-- Ich will dich von deiner Kette losnehmen, rief er und neigte sich wie
ein Gewitter auf mich herab, aber nur unter einer schweren Bedingung
geb' ich dich frei.«

»Sprich sie aus, Gräßlicher, heult ich ihm entgegen, o sprich, nur nimm
mich wieder aus dieser Höllenpein, sprich es schnell und ich will das
Unmögliche möglich machen!« --

»Der Felsen bog sich auseinander und gab mich frei, voll von der
wonnevollsten Empfindung der Freiheit lag ich lange ohnmächtig und ohne
Bewußtsein, endlich kam mein Geist zu mir zurück, Mondal stand noch
neben mir.«

»Wandre zur Welt zurück, sagte er mit fürchterlicher Stimme, und nur das
gräßlichste, vor dem der Sterbliche beim Anhören zurückschaudert, kann
dir meine Verzeihung erwerben. -- Keine gemeine und leichte That söhnt
dich mit mir aus, wohlfeil kannst du dich nicht loskaufen. Itzt versuche
deine Kraft; nur ein Sohn kann dich befreien, der, ohne vom Wahnsinn
umhergejagt zu werden, seinen eignen geliebten Vater dem Tode übergiebt.
Vollendest du diese Arbeit nicht, so will ich Quaalen für dich ersinnen,
die im Augenblick dich zermalmen und mit noch gräßlichern Schmerzen dich
wieder in's Leben zurückreissen, alle meine Kunst will ich dann aufbieten
und meinen ganzen Scharfsinn an dir in Thätigkeit setzen. Ungestraft
soll ein Mensch meiner nicht spotten dürfen. -- Geh zurück und lies dir
einen Sterblichen aus, der dich löse; nach zwanzig Jahren erwart' ich
deine Rechenschaft.«

Ich ging. -- Für Selim, sprach ich, habe ich gelitten, er soll meine
Quaalen bezahlen. -- »Und dort Nadir,« rief Omar itzt mit lauter Stimme,
-- »dort liegt mein Unterpfand!«

Omar hielt ein und stand in tiefen Gedanken. Schauder und Erstaunen
hatten bis itzt meine Zunge gelähmt, ich fühlte mich von Omar mit
tausend Armen zurückgerissen. -- Dort unter jener Palme? rief ich nach
langem Stillschweigen aus. --

»Ja,« antwortete Omar, »er bezahlt die große Schuld, auf ihn bin ich
von Mondal angewiesen, er ist meine Speise, an der ich meine Rache
sättige.«

Ich fuhr zurück und wollte auf dich zueilen, dich zu wecken und dir
alles zu sagen. -- Unglücklicher! erwache! rief ich mit lauter Stimme,
du schläfst und siehst den Felsen nicht, der über deinem Haupte
zusammenstürzen will!

»Nadir! mein Freund!« schrie Omar, -- »o hab' ich mich an der Menschheit
wieder geirrt? Ich hoffte auf dein erquickendes Mitleiden, dein Bedauern
wäre mir ein frischer Sonnenstrahl gewesen, -- und du willst deinen Omar
zu unendlichen Martern zurücksenden? Ist dir dieser Unbekannte mehr als
dein Freund?« --

Fort von mir, Entsetzlicher! rief ich mit wilder Stimme, fort mit deinen
Händen! Du hast die Verdammniß angetastet, die Hölle hängt an dir!

Ich wollte auf dich zueilen, aber Omar riß mich gewaltig zurück, wir
rangen einen hartnäckigen Kampf, wüthend stritten wir in hundert
Gestalten, als Tiger, Löwen und Elephanten, unermüdet jagten wir uns
durch viele Leben hindurch, Omar verwandelte sich endlich in eine große
glühende Feuerkugel, um mich zu zernichten, ich warf mich ihm in eben
der Gestalt entgegen und wir fuhren donnernd gegen einander. Endlich
mußte ich der höllischen Übermacht Omars weichen, die Donner und
Sturmwinde erweckten dich aus deinem Schlafe.

Ich sahe dich mit ihm zur Stadt zurückgehn, er hielt dich fest und
wachte über dich, wie ein Tiger über seine Beute.

Ich konnte diesen schrecklichen Abend nicht vergessen, durch die Gewalt,
die Achmed mir verliehen hat, schwebte mein Geist unsichtbar um dich
her, ich entdeckte die Kunst, mit der Omar dich der schwarzen Stufe
allgemach entgegenführt, er hat dir deinen Glauben an Gott und die
Tugend genommen, die Welt ist dir verächtlich, deine Leidenschaft kämpft
gegen die Liebe deines Vaters, das Zaubergeheimniß führt dich dem Wahnsinn
entgegen, du ringst mit hundert furchtbaren Wogen, die dich verschlingen
wollen, dein Wesen zuckt in ewigen Todeskrämpfen; nur Zulma hält deine
Sterblichkeit noch zusammen. Liebe beglückt die Natur, nur dir ist sie
eine Quelle, in der dir Tod sprudelt, auf diesem Nachen fährst du in den
unvermeidlichen Strudel hinein, -- o Abdallah, Abdallah, rette dich!
Ich habe dir die Zukunft aufgethan, du weißt nun deine grausenvolle
Bestimmung; o ich beschwöre dich, glaube meinen Worten, laß keine
blendende Lehre dein Herz dem Ewigen untreu machen, vergiß nicht seine
heiligsten Gebote. Wenn du, mir mißtrauend, zu deinem vorigen Freunde
zurückkehrst, o so bist du unfehlbar verloren, er führt dich gewiß
endlich auf dem verderbenvollen Wege zu seinem gräßlichen Endzweck;
ich biete dir die Hand zur Rettung, o ergreife sie mit kühnem Muth;
bin ich gleich ein Fremdling, nicht dein bekannter Freund, so glaube mir
dennoch, denn beim Ewigen, meine Gedanken sind lauter, mein Herz schlägt
noch für die Tugend.

Ja, Jüngling, es ist Tugend, o verachte den, den sie auf ewig von sich
gestoßen hat und der sie aus boshafter Rache verläugnen will. Suche
diesen Diamant wieder, der den werthlosen Ring adelte. Wir wanken unter
Räthseln umher, aber fühltest du nicht ehedem ein Feuer in dir, das
dieser Gottheit loderte? Das Gefühl der Tugend ward uns mit auf die Welt
gegeben, um hier unten an diesem goldenen Gewebe weiter zu arbeiten und
es einst vollendet zurück zu bringen. Dies Gefühl das in unserm Busen
glüht, ist mit der Natur des Menschen verschmolzen und keine Vernünftelei
wird es je verbannen, nichts löscht diesen Glanz aus, der auch wider des
Bösewichts Willen niedergedrückt stets von neuem in ihm aufleuchtet,
diese Stimme schreit immer wieder im Busen des Verbrechers, der innere
Richter schläft nie ein, sein Buch liegt immer offen und unverfälscht
da. -- Dieses himmlische Gefühl ist der Fittig, der uns einst zum Thron
der Gottheit hinaufschwingen wird; o lähme nicht diese Flugkraft,
dieser Muthwille würde dich einst an jenem Tage allmächtig niederwärts
halten. Kehre zurück und baue die wilden Trümmern wieder auf, laß
dein Menschengefühl von keiner falschen Vernunft zu Boden ringen, der
Thron des Ewigen wird unerschüttert stehen, wenn auch tausend Zweifel
gegen ihn anschlagen, die Welt geht ewig ihren großen Gang und kein
Menschenauge, kein andres Auge als der Blick des Schöpfers wird in das
innere Geheimniß dringen. Glaube es, Abdallah, wie du es ehedem geglaubt
hast, daß der Mensch höher stehe, als das Thier, das unverständig über
die Pracht der Schöpfung hinweggeht, ohne in ihr den Wiederschein der
Gottheit zu sehn: in dem Busen jedes Sterblichen liegt das hohe Gefühl,
das ein Abglanz des Himmels ist; Abdallah, laß dir nicht heimtückisch
dies Kleinod entwenden, du findest keinen Ersatz in der Sterblichkeit.
Ein großes Netz ist um dich her geworfen, zerbrich muthig das eiserne
Gewebe, ein Verbrechen ist dir zubereitet, an dem noch kein Mensch
der Verdammniß zueilte, durch den zärtlichsten Sohn soll der Vater
sterben, Liebe und täuschende Lehren haben ihre ehernen Haken nach dir
ausgeworfen, du mußt verbluten, wenn du dich nicht rettest, Dämonen
tanzen um dich her und schleppen dich dem Meere zu, wo du auf ewig
untersinkst.

Du siehst traurig auf diese Worte hin und fühlst, daß du Zulma's Liebe
nicht verloren geben kannst, du zweifelst, ob du dieses Unterpfand
deines Glücks selbst gegen die Tugend auswechseln solltest, du kannst
nicht zurückschreiten, ohne den Fuß über den Strom zu setzen, der dein
Glück und Unglück scheidet. -- Deines Vaters Fluch wirft sich deiner
Liebe entgegen und Omar will dich auf der Bahn des Lasters über diese
Unmöglichkeit hinwegführen, du glaubst keinen andern Pfad zu sehen, aber
vertraue dich mir und ich will dich glücklich machen. Die Geheimnisse
des Geisterreichs sind dir nicht unbekannt, in _einer_ Nacht soll sich
in diesen magischen Gefilden dein großes Glück entscheiden. Ohne deine
Menschheit zu zertrümmern, will ich dich über den Fluch deines Vaters
hinweg, in die Arme deiner Zulma führen, diesen einen Weg, nur mir
bekannt, hat dir das Verhängniß offen gelassen, reich' deinem Freund
_Nadir_ die Hand und du wirst nicht in der Irre wandeln. -- O wie leicht,
voll von Seligkeiten wird dein Herz in deinem Busen klopfen, wenn du am
sonnbeglänzten Ziele die Krone des Siegers empfängst, Zulma in deinen
Armen, dein Vater neben dir und dich selber dem schwarzen Verderben
wieder abgekämpft. Alle Schrecken, die dir nachjagten, fliehen dann mit
flatterndem Haar zur Hölle ihrer Heimath zurück, glänzend steht die
Gegenwart wieder neben dir, die Zukunft geht dir mit Rosenkränzen
entgegen. O Jüngling, betrachte dies wonnevolle Bild und kehre zurück.
-- Kannst du je selbst in Zulma's Armen glücklich sein, wenn der schwarze
Wurm in deinem Busen ewig frißt und an deiner Seele mit giftigem Zahne
nagt? Wenn du dir selbst unaufhörlich einen Spiegel vorhältst, aus dem
dir das todte Haupt deines Vaters von einem unerbittlichen Ankläger
entgegengestreckt wird? Wenn Verzweiflung dir den Becher reicht und die
bleiche Reue dir auf jedem Schritte folgt? -- Wenn selbst die Thräne
endlich in deinem Auge vertrocknet und du mit banger Gewissensangst vor
deinem eigenen Schatten zurückstürzest? -- Verehre den Schöpfer und
seine Welt, gieb dir selbst deine Achtung wieder; o wenn du einst Zulma
nicht mehr lieben solltest, so wirst du auch nur in ihr den gemodelten
Staub und die Hülle eines leblosen Gerippes finden, laß den Vorhang
wieder fallen, den du vorwitzig von dem Innern der Natur hinweggezogen
hast, das Auge des Menschen kann und darf nicht den großen Weltenschöpfer
meistern; ehedem sahst du in jeder Fliege Schönheit, itzt steht in jedem
Leben ein unbekanntes Ungeheuer vor dir, dein einseitiger Blick muß ewig
irren. Du verachtest die Welt, weil sie sich nicht in deine Launen fügt,
du klagst den Ewigen und seine Schöpfung an, weil er dich beim großen
Gebäude nicht um Rath befragte.

Wenn du dich zum Kampfe gewappnet hast, der dir

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