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Abessinien, das Alpenland unter den Tropen und seine Grenzländer

by Richard Andree · German · Gutenberg #30883 · 844,493 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Abessinien, das Alpenland unter den Tropen und seine Grenzländer
    
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Title: Abessinien, das Alpenland unter den Tropen und seine Grenzländer

Author: Richard Andree


        
Release date: January 7, 2010 [eBook #30883]
                Most recently updated: June 16, 2020

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/30883


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ABESSINIEN, DAS ALPENLAND UNTER DEN TROPEN UND SEINE GRENZLÄNDER ***





                                  Das

                    Buch der Reisen und Entdeckungen.

                                 Afrika.

                              *Abessinien,*

                     das Alpenland unter den Tropen.





                         Malerische Feierstunden.

                  Das Buch der Reisen und Entdeckungen.

                            _Neue illustrirte_

                 *Bibliothek der Länder- und Völkerkunde*

                                   zur

                   Erweiterung der Kenntniß der Fremde.

                                *Afrika.*

              *Abessinien, das Alpenland unter den Tropen.*

                                Bearbeitet

                                   von

                          *Dr. Richard Andree.*

Mit 80 in den Text gedruckten Abbildungen, sechs Tonbildern, sowie einer
                     Uebersichtskarte von Abessinien

                                *Leipzig.*

                         Verlag von Otto Spamer.

                                  1869.





  [Illustration: König Theodoros, Audienz ertheilend.
  _Originalzeichnung von __H. Leutemann__, nach Lejean._]





                             *Abessinien,*

                    _das Alpenland unter den Tropen_

                                  und

                          *seine Grenzländer.*


           Schilderungen von Land und Volk vornehmlich unter

                     *König Theodoros* (1855–1868).

      Nach den Berichten älterer und neuerer Reisender bearbeitet

                                  von

                          *Dr. Richard Andree.*

Mit 80 Text-Abbildungen, 6 Tonbildern nach Originalzeichnungen von E.
Zander, R. Kretschmer, H. Leutemann u. A. nebst einer Uebersichtskarte von
Abessinien.

_Leipzig._

Verlag von Otto Spamer.

1869.





   Verfasser und Verleger behalten sich das Recht der Uebersetzung vor.

                  Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.





                                 VORWORT.


Ein afrikanisches Alpenland, überreich an Schönheiten und Wundern der
Natur, bewohnt von einem begabten Volke, das gleich uns zum kaukasischen
Stamme gehört und mit den Negern nichts zu schaffen hat, eine an
fesselnden Abenteuern reiche Folge von Reisen in dieses Land, endlich der
Feldzug Englands gegen den eisernen, blutigen _Theodor_, der mächtig über
Abessinien geherrscht, wie noch kein dunkelfarbiger König vor ihm – das
ist es, was wir in diesem Bande des „Buches der Reisen und Entdeckungen“
den Lesern vorführen wollen.

Abessinien hat von jeher der gebildeten Welt ein großes Interesse
eingeflößt und nicht etwa erst die neueste romantische Episode seiner
Geschichte uns diese „unter die Tropen gerückte Schweiz“ näher geführt.
Dort, in der muthmaßlichen Heimat des schwarzhäutigen der durch die Bibel
eingeführten heiligen drei Könige, besteht ja noch, abgeschieden und
vergessen von den abendländischen Glaubensgenossen, inmitten heidnischer
und muhamedanischer Völker, ein christliches Reich; dorthin verlegte das
Mittelalter auch den Staat des fabelhaften Erzpriesters Johannes, dort
entspannen sich Glaubenskämpfe gegen den Islam, die an Heftigkeit und
blutigen Greueln ihresgleichen suchen, dort mühten sich endlich unsere
Missionäre bis in die neueste Zeit erfolglos ab, die Bevölkerung zu einem
reineren Glauben zurückzuführen. Staatsumwälzungen, Bürgerkriege folgen im
bunten Wechsel einander.

So erhebt sich vor unserem geistigen Blicke auf dem farbenreichen
Hintergrund, den die Natur bietet, ein interessantes geschichtliches Bild,
beginnend mit der sagenhaften Königin von Saba, endigend mit dem blutigen
_Theodor_, und fesselt unser Interesse an denselben afrikanischen Boden,
der, wenn man von Aegypten und den durch die Araber begründeten Reichen
absieht, im Grunde eine eigentliche Geschichte nicht hat.

Nachdem der Verfasser die Erforschung Abessiniens von den ältesten Zeiten
bis auf unsere Tage herab geschildert hat, führt er in den ersten vier
Abschnitten Land und Leute in einem gedrängten Bilde vor, alles
Wesentliche zusammenfassend, was über Geologie und Oberflächengestaltung,
über die natürlichen Felsenfestungen und periodisch anschwellenden Ströme,
jene Grundursache der Nilüberschwemmungen, was über die klimatischen
Verhältnisse und die Vegetationsgürtel, über die Thierwelt jenes
interessanten Gebietes gesagt werden kann. Dabei wandert das Volk an uns
vorüber mit seinen guten Anlagen und seinem tiefen sittlichen Verfall,
seinen verschiedenen Stämmen und Sprachen, Sitten und Gebräuchen. Handel
und Industrie finden gleichfalls gebührende Berücksichtigung, nicht minder
die religiösen Verhältnisse, das afrikanisch gefärbte Christenthum des
Landes mit seiner byzantinischen Scheinrechtgläubigkeit und lasterhaften
Priesterschaft. Die Missionsgeschichte, reich an Enttäuschungen und arm an
Erfolgen, wird unparteiisch berichtet und dann mit einer Abhandlung über
den Landbau und die sozialen Verhältnisse des Landes der allgemeine Theil
beschlossen.

Nachdem der Leser dergestalt orientirt ist, kann er an der Hand der
neuesten Reisenden das weite Land durchwandern; er lernt den Norden wie
den Süden kennen, die brennendheißen Küstenstriche und die
fieberschwangere, feuchte Kollaregion, hinauf bis zu den schneegekrönten,
majestätischen Alpengipfeln.

Geleitet von solchen Forschern, deren Schilderungen zu den
farbenprächtigsten gehören, die wir über jene fernen Gegenden besitzen,
gewinnt der Leser alsobald die vorgeführten Persönlichkeiten um so lieber,
je fesselnder deren oft überaus romantische Fahrten sind. Während die
älteren Reisenden bereits früher besprochen waren, bieten wir in diesem
Abschnitte einen Einblick in das verdienstvolle Wirken der neueren
Ländererforscher. Wir lernen den geistreichen und kühnen Franzosen
_Guillaume Lejean_ kennen, durchstreifen an der Hand _Werner Munzinger’s_
und der Gefährten des _Herzogs Ernst von Sachsen-Koburg_ die nördlichen
Grenzgebiete, die Länder der Bogos und Kunama, begleiten den deutschen
Fürsten selbst auf seinen Pürschgängen und Elefantenjagden und werden
schließlich durch den englischen Major _W. Cornwallis Harris_ in die fast
märchenhaft erscheinende Welt von Schoa, diesen südlichen Theil
Abessiniens, eingeführt, wo in malerischen Einzelschilderungen das Hof-
und Kriegsleben des Negus _Sahela Selassié_ an uns vorübergeht.

Naturgemäß gipfeln die Mittheilungen in der Darstellung des heutigen
Abessinien. Verfallen und zerrissen durch nimmer ruhende Bürgerkriege,
zuckend und verblutend liegt es da. Wüst liegen die fruchtbaren Aecker und
das geplagte Volk verkommt: da scheint ein Hoffnungsstrahl aufzudämmern!
Gleich einem glänzenden Meteor steigt der mächtige _Theodor_, der Sohn
einer armen Kussohändlerin, am abessinischen Himmel auf. Noch einmal
scheint es, als ob das altäthiopische Reich aus seinen Trümmern, aus
Schutt und Moder wieder erstehen wolle. Doch der Glanz trügt, und nach
Tagen blutiger Schrecken sinkt unter der überlegenen Macht der
„rothhaarigen Barbaren“ auch der afrikanische Napoleon dahin, mit ihm sein
Reich. Indessen nicht blos Schatten wirft die Regierungsgeschichte dieses
unzweifelhaft bedeutenden Mannes; es sind Lichtpunkte genug in derselben
zu finden, und der Verfasser hat sich bemüht, Licht und Schatten in
gerechter Würdigung der Schwierigkeiten, die sich einem Reformator in der
Eigenartigkeit von Land und Menschen jener fernen Gegenden
entgegenstellen, billig zu vertheilen.

Was die Quellen, aus denen das vorliegende Buch geschöpft, betrifft, so
wurde von _Hiob Ludolf_ an bis auf _Th. von Heuglin_, sowie die Berichte
der englischen Korrespondenten herab keine wichtige Publikation übersehen.
Außer den angeführten Reisenden, deren Berichte im Auszuge wiedergegeben
sind, wurden hauptsächlich _James Bruce_, _Henry Salt_, _Eduard Rüppell_,
_Karl Wilhelm Isenberg_, _Ludwig Krapf_ und (für den zoologischen Theil)
_A. E. Brehm_ benutzt.

Als ganz besonders werthvoll müssen wir die Originalabhandlung über die
_Agrikultur Abessiniens_ von _Eduard Zander_ hier hervorheben. – Das Leben
dieses deutschen Landsmannes haben wir im Texte geschildert. Für die
Erlaubniß zur Veröffentlichung der genannten Arbeit ist der Herausgeber
_Sr. Hoheit dem Herzoge Leopold Friedrich von Anhalt_, in dessen Besitze
sich das Original-Manuskript befindet, zu tiefgefühltem Danke
verpflichtet. Die Kundgebung dieser zu Magdala im Jahre 1859 verfaßten
Arbeit erfolgt hier, mit Weglassung einer allgemeinen Einleitung,
vollständig. Da jedoch unserm wackern Landsmanne nach längerer Abwesenheit
vom Heimatlande der flüssige Gebrauch der deutschen Sprache abhanden
gekommen war, so erschienen stylistische Aenderungen in seiner Darstellung
unerläßlich, wie denn auch die Schreibart der Eigennamen mit der in
vorliegendem Werke befolgten in Uebereinstimmung gebracht werden mußte.

In der Orthographie abessinischer Namen herrscht bekanntlich die größte
Anarchie, ganz entsprechend jener, welche das Land zerrüttet; um ihr
womöglich zu entgehen, schloß sich der Verfasser in seiner Rechtschreibung
an diejenigen deutschen Reisenden an, welche von allen die meiste
Uebereinstimmung zeigen und diesen Gegenstand am eifrigsten ihrer
Aufmerksamkeit gewürdigt haben, nämlich _K. W. Isenberg_ und _Th. von
Heuglin_.

Zur ganz besonderen Freude gereicht es uns, mittheilen zu können, daß der
bei Weitem größere Theil der Illustrationen dieses Werkes nach an Ort und
Stelle aufgenommenen Originalen gezeichnet ist. Zwei Künstler, die das
Land bereisten, haben dieselben geliefert: _Robert Kretschmer_, der den
Herzog von Koburg als Maler begleitete, und _Eduard Zander_, dessen
werthvolle Federzeichnungen, weit über hundert an der Zahl, die
landschaftlichen, architektonischen und ethnographischen Verhältnisse
Abessiniens ungemein gut charakterisiren. Sie befinden sich gleichfalls im
Besitze Sr. Hoheit des Herzogs von Anhalt und werden hier, mit dessen
hoher Erlaubniß, als wesentlicher Schmuck unsres Buches, wiedergegeben.
Die übrigen Illustrationen, bei denen die Quelle stets angegeben ist,
wurden den Werken von H. Salt, E. Rüppell, W. C. Harris, Bernatz, G.
Lejean u. a. entlehnt. Schon in dem uns hier entgegentretenden Reichthum
an gelungenen Holzschnitten ist uns ein vollständiges Bild des
afrikanischen Alpenlandes geliefert, das in keinem hier in Betracht
kommenden andern Werke reicher illustrirt zur Anschauung kommen dürfte.
Das am Schlusse mitgetheilte Kärtchen endlich wird zur allgemeinen
Orientirung über das besprochene Gebiet willkommen geheißen werden.

_Leipzig_, im Juli 1868.
                 *Die Redaktion des „Buches der Reisen und Entdeckungen“.*





                           INHALTSVERZEICHNISS.


                                                                   Seite
    _Einleitung._* Historischer Ueberblick und Geschichte der          1
    Erforschung Abessiniens.* Mit 11 Illustrationen
    Aethiops (2). – Die Königin von Saba (3). – Menilek und die
    salomonische Dynastie (3). Berührungen mit den Völkern des
    Alterthums (4). – Die Königsstadt Axum und ihre Ruinen (5).
    – Einführung des Christenthums (6). – Wechsel der Dynastie
    (8). – Die Invasion der Muhamedaner unter Granje (10). –
    Portugiesen und Jesuiten in Abessinien (11). – Ihre
    Vertreibung (12). – Zerfall des Reiches und Bürgerkriege
    (13). – Die Verfassung (18). – Erforschungsgeschichte (19).
    – Portugiesische Reisende (20). – Hiob Ludolf (21). – Bruce
    (22). – Salt und Pearce (23). – Hemprich und Ehrenberg (23).
    – Rüppell (23). – Tamisier und Combes (26). – v. Katte (26).
    – Schimper (26). – Aubert und Dufey (27). – Lefêbvre (27). –
    Gebrüder d’Abbadie (27). – Rochet d’Héricourt (28). – Beke
    (29). – Zander (30). – Sapeto (32). – Munzinger (32). –
    Lejean (33). – Die deutsche Expedition (33).
    *Das Land, seine Pflanzen- und Thierwelt.* Mit 14                 35
    Illustrationen
    Begrenzung (35). – Das Hochland (36). – Geologie Abessiniens
    (36). – Der versteinerte Wald (39). – Heiße Quellen (40). –
    Oberflächengestaltung (40). – Natürliche Felsenfestungen
    (42). – Die Alpen Semiéns (42). – Charakter der Flüsse (46).
    – Ihr Anschwellen (46). – Ursachen der Nilüberschwemmungen
    (47). – Der Tanasee und der Abai (47). – Klimatische
    Verhältnisse (50). – Die Vegetationsgürtel (51). – Kola
    (51). – Woina Deka (56). – Deka (61). – Die niederen Thiere
    (62). – Vögel (65). – Säugethiere. Ihre Lebensweise,
    Nutzanwendung, Jagd (71).
    *Das Volk, seine Sitten und Gebräuche, Handel und                 85
    Industrie.* Mit 9 Illustrationen
    Physischer Charakter des Volks (85). – Die Juden oder
    Falaschas (86). – Muhamedaner (87). – Gamanten (88). –
    Heidnische Ueberreste (90). – Waito (90). – Die Sprachen
    Abessiniens (90). – Literatur und Malerei (93). – Charakter
    und Sittenlosigkeit der Abessinier (94). – Blutrache (95). –
    Justiz (96). – Aberglauben (97). – Das Verzehren von rohem
    Fleische (100). – Nahrungsweise (102). – Kleidung (103). –
    Krankheiten und Aerzte (103). – Industrie und Handel (106).
    *Religion, Kirche und Geistlichkeit. Das Missionswesen.* Mit     111
    8 Illustrationen
    Das Christenthum Abessiniens, dessen Lehren und
    Verwahrlosung (111). – Der Abuna (114). – Art des
    Gottesdienstes (120). – Die lasterhafte Geistlichkeit (122).
    – Mönche und Klöster (122). – Politische Asyle (123). –
    Zeitrechnung (123). – Feste (123). – Taufe, Ehe, Begräbniß
    (124). – Die Kirchen, ihre Einrichtung und Ausschmückung
    (126). – Die verschiedenen Missionsversuche in Abessinien,
    deren Mißlingen und Urtheile darüber (128).
    *Der Ackerbau und die Viehzucht Abessiniens.* Mit 5              139
    Illustrationen
    Die Kulturfläche Abessiniens (139). – Die Getreidearten,
    ihre Anpflanzung und Verwendung (141). – Gewürze, Gemüse,
    Wein, Baumwolle, Gescho (144). – Ernteertrag (146). – Nuk
    (146). – Einfelderwirthschaft (146). – Ackerwerkzeuge (147).
    – Regenzeit (148). – Bewässerung (148). – Soziale Stellung
    der Landleute (149). – Die Viehzucht (150). – Aussicht für
    europäische Ansiedelungen (153). – Die Regierung und der
    Grundbesitz (153). – Das Frohnwesen (153). – Steuern (153).
    – Wiesen und Moorgrund (154). – Bienenzucht (154). – Die
    Wohnungen der Landleute (155). – Die Mühlen Abessiniens
    (157).
    *Massaua und die abessinische Küstenlandschaft.* Mit 5           158
    Illustrationen
    Die Bedeutung des Rothen Meeres (158). – Der Dahlak-Archipel
    und die Perlenfischerei (160). – Die Stadt Massaua und ihre
    Bewohner (162). – Sklavenhandel (164). – Die Cisternen
    (166). – Der Markt (167). – Karawanenhandel mit Abessinien
    (167). – Die Bai von Adulis (168). – Schoho und Danakil
    (170). – Die Samhara (171). – Eine abessinische Karawane
    (172). – Der Tarantapaß und Halai (174).
    *G. Lejean’s Reise durch Abessinien.* Mit 10 Illustrationen      176
    Metemmé (177). – Der Markt Wochni (178). – Grenzwächter
    (178). – Eine abessinische Festung (180). – Eine deutsche
    Familie (182). – Das Land am Tanasee (182). – Schnapphähne
    (184). – Missionsstation Gafat (185). – Gefangennahme
    Lejean’s durch König Theodor (187). – Theodor’s Löwen (187).
    – Gondar und seine Bauten (188). – Wasserfall des Reb (192).
    – In einem Kloster (194). – Besuch in Korata (195). –
    Binsenflöße (198). – Besteigung des hohen Guna (200). – Fünf
    Frauengenerationen (200). – Befreiung (202). – Hochebene
    Wogara (202). – Lamalmon-Paß (203). – Reise durch Tigrié
    nach Massaua (204).
    *Reisen in den nördlichen und nordwestlichen Grenzländern        207
    von Abessinien.* Mit 4 Illustrationen
    Das Land der Mensa und Bogos (207). – Reise des Herzogs
    Ernst (208). – Monkullo (209). – Labathal (209). – Plateau
    von Mensa (210). – Das Volk der Mensa (211). – Ausflug nach
    Keren (212). – Elephantenjagd (214). – Rückkehr (216). –
    Munzinger über die Bogos (217). – Geschichtliches (217). –
    Ein aristokratisches Volk (218). – Rechtsverhältnisse (218).
    – Aberglauben (219). – Das Christenthum der Bogos (219). –
    Der Marebfluß (221). – Die demokratischen Bazen und Barea
    (220).
    *Schoa und die britische Gesandtschaft unter Major Harris.*      224
    Mit 9 Illustrationen
    Begrenzung (224). – Englische Gesandtschaft unter Harris
    (225). – Tadschurra (225). – Zug durch die Adalwüste (226).
    – Salzsee (227). – Mord im Thale Gungunté (228). –
    Versammlung der Eingeborenen (230). – Sklavenkarawane (232).
    – Myrrhen (233). – Der Hawasch (234). – Der Grenzdistrikt
    (234). – Alio Amba, ein Marktort (236). – Empfang beim
    Könige Sahela Selassié (240). – Die Hauptstadt Ankober
    (242). – Debra Berhan, die Sommerresidenz (245). –
    Sklavendepot (246). – Truppenrevue (246). – Angollala (249).
    – Schlucht der Tschatscha (250). – Medoko, der Rebell (252).
    – Das Gallavolk (252). – Kriegszug gegen dasselbe (258). –
    Siegesfest (260). – Abschluß des Handelsvertrags (262). –
    Rückkehr (263).
    *Theodoros II., Negus von Aethiopien.* Mit 6 Illustrationen      264
    Bewegte Jugend (264). – Der Emporkömmling (265). – Schlacht
    von Debela und Königskrönung (266). – Rebellenkriege (267).
    – Reformen (272). – Abessinische Heere und Kriegspraxis
    (275). – Verwickelungen mit den Missionären (280). –
    Gefangennahme Cameron’s und Streitigkeiten mit England
    (281). – Magdala (284). – Beginn der englischen Invasion
    (287). – Erstürmung von Magdala und Tod Theodor’s (293). –
    Rückzug der Engländer (297).

    Die hierzu gehörigen Tonbilder sind einzuheften:
    König Theodoros, Audienz ertheilend                       Titelbild.
    Teiit, Partie von Totscha in Semién                         Seite 43
    Charakter des Hochgebirges Awirr in Semién                   "    49
    Herzog Ernst von Sachsen-Koburg-Gotha auf der Jagd in        "   215
      Mensa
    Im Lager des Negus. Priester und Krieger                     "   276
    Innerer Theil der Bergfeste Magdala. Südliche Ansicht        "   286






  [Illustration: Obelisken von Axum. Nach Rüppell.]





                               EINLEITUNG.


   Historischer Ueberblick und Geschichte der Erforschung Abessiniens.


     Aethiops. – Die Königin von Saba. – Menilek und die salomonische
      Dynastie. – Berührungen mit den Völkern des Alterthums. – Die
    Königsstadt Axum und ihre Ruinen. – Einführung des Christenthums.
       – Wechsel der Dynastie. – Die Invasion der Muhamedaner unter
         Granje. – Portugiesen und Jesuiten in Abessinien. – Ihre
        Vertreibung. – Zerfall des Reiches und Bürgerkriege. – Die
    Verfassung. – Erforschungsgeschichte. – Portugiesische Reisende. –
    Hiob Ludolf. – Bruce. – Salt und Pearce. – Hemprich und Ehrenberg.
    – Rüppell. – Tamisier und Combes. – v. Katte. – Schimper. – Aubert
    und Dufey. – Lefêbvre – Gebrüder d’Abbadie. – Rochet d’Héricourt.
    – Beke. – Zander. – Sapeto. – Munzinger. – Lejean. – Die deutsche
                               Expedition.


„In den ersten Jahrhunderten unserer Aera stand Abessinien auf der Höhe
der damaligen Kultur; das Christenthum, das ununterbrochen von Aegypten
den Nil hinauf bis hierher reichte, schuf einen stetigen Verkehr mit dem
römischen Reiche. In Glauben, Sitte, Recht und Feinheit des Lebens war es
uns ähnlich; doch seit es von dem Abendlande durch die Fortschritte des
Islam abgeschnitten ist, blieb seine Entwicklung stehen, und wie, wer
steht, zurückgeht, so ist auch Abessinien zurückgegangen und ist
verwildert, wenn es auch jetzt noch Europa viel näher steht als dem
nachbarlichen Afrika. Es ist umringt von Feinden, wie die Rose von Dornen;
im Norden, wo das Hochland in Stufen abfällt und endlich in unabsehbare
Tiefebenen sich endet, wohnen muhamedanische Völker, meist rebellische
Kinder des Hochlandes, die hellfarbigen Habab, die Leute von Barka; ihnen
folgen noch nördlicher die altnomadischen fremdredenden Hadendoa. Im
Westen begrenzt Abessinien das Nilland, türkischer Herrschaft unterworfen,
im Süden das halb muhamedanische, halb teufelanbetende Volk der Galla.
Wohl brauchte es Jahrhunderte, das Hochland vor allen diesen Feinden dem
Christenthume zu wahren. Doch jetzt steht Abessinien gegen außen
unabhängig da; es hat nur die inneren Feinde zu fürchten, die Anarchie,
den freiwilligen Verfall seiner Religion und Sitte, den Selbstmord.“

So charakterisirt einer der besten Kenner des Landes, Werner Munzinger,
die Lage der „afrikanischen Schweiz“, die von alters her das Interesse der
europäischen Völker wach zu halten wußte, schon wegen der Gleichartigkeit
der Religion, welche uns mit ihren Bewohnern verbindet. Dorthin verlegte
man den Sitz des schwarzen Erzpriesters Johannes, dorthin zogen
Glaubensboten und wissenschaftliche Forscher in großer Zahl und
übermittelten uns Kunde von den Wundern des so verschiedenartig
gestalteten Landes. Bald sind es die heißfeuchten Niederungen mit
tödtlichem Klima, tropischem Pflanzenwuchs und belebt von den Riesen der
Thierwelt, bald kahle, vom Winde gepeitschte Hochebenen, über denen die
gezackten, kuppel- und domförmigen Bergriesen bis in die Eisregion
hineinragen, dann wieder die verschiedenen Stämme des Landes,
ausgezeichnet vor ihren Nachbarn durch leibliche und geistige Vorzüge,
doch tief gesunken, die uns jene Berichte vorführen. Endlich aber ist es
die mehr als tausendjährige, wol anfangs in den Schleier der Sage gehüllte
Geschichte des Landes, die mit ihrem Dynastienwechsel, ihren blutigen
Bürgerkriegen und Religionskämpfen uns unwillkürlich anzieht. Ja,
_Geschichte auf afrikanischem Boden_! Welche Anomalie! Denn sehen wir ab
von den muhamedanischen Staaten und den alten, vorübergehenden
Kulturreichen im Norden des schwarzen Erdtheils, so bietet uns allein
Abessinien eine Geschichte, ein Reich in Afrika dar. Staatenbildungen,
Historie bei den Negervölkern zu suchen, wäre vergebliche Mühe; Abessinien
aber hat beides, und der Grund dafür liegt in der Abstammung, der Begabung
seiner Bewohner, die gleich uns zur kaukasischen Rasse gehören, denn sie
sind äthiopische Semiten, Verwandte der Araber, Phönizier, Juden.

Nach der Ueberlieferung der Abessinier kam _Kusch_, ein Sohn Ham’s, in ihr
Land, ließ sich dort nieder, gründete die Stadt Axum und bevölkerte weit
und breit die Umgebung. Er hinterließ zwölf Söhne, unter welchen der
älteste, _Aethiops_, dem ganzen Lande den Namen _Aethiopia_ gab. So hieß
es wenigstens bei den Griechen und heißt es heute noch offiziell. Der
allgemein übliche Ausdruck Abessinien jedoch ist aus dem arabischen
Habesch abgeleitet. Nach dieser dunklen Sage schweigt die Tradition
wieder, und nur Erinnerungen an heidnische Gebräuche und Schlangenkultus
füllen den Zeitraum aus, bis die Geschichte Abessiniens – wenn auch immer
noch sagenhaft – mit derjenigen der schönen _Königin Maketa von Scheba_
(Saba) zusammenfällt. Zu Axum hatte sie im 11. Jahrhundert vor Christus
ihren Thron aufgeschlagen; dort herrschte sie, ihr Volk beglückend, voller
Milde und Güte. Eines Tags erschienen Fremdlinge aus einem fernen
nördlichen Lande bei ihr, die viel von dem weisen Könige Salomo zu
Jerusalem berichteten, der alle übrigen Menschen an Klugheit weit
übertraf. Ihn zu sehen, reiste die Königin nach Kanaan, und kaum hatte der
Judenkönig sie erblickt, als er sich in sie verliebte und sie zur Frau
nahm. Nachdem die äthiopische Fürstin dem Könige einen Sohn Namens
_Menilek_ Ebn Hakim, der später den Königsnamen David I. empfing, geboren
hatte, riefen sie die Pflichten der Herrschaft wieder nach Abessinien
zurück, während der Sohn beim Vater blieb, um dort in allen Tugenden
erzogen zu werden. Er wuchs heran und nahm zu an Weisheit und Gnade, sodaß
aller Menschen Augen mit Wohlgefallen auf ihm ruhten. Eines Nachts,
berichtet die Tradition, erschien ihm der Herr im Traume, hieß ihn wieder
in die Heimat zurückkehren und dort den Gottesdienst nach jüdischer Weise
einrichten. Heimlich warb er zwölf Priester, unter denen Asarja obenan
steht, nahm in der Nacht die alte Bundeslade aus dem Tempel zu Jerusalem
und flüchtete mit ihr zu seiner Mutter nach Axum, wo das angebliche
Heiligthum noch jetzt gezeigt wird. Von seinem Vater Salomo wurde Menilek
lange Zeit verfolgt, allein Gottes Wundermacht schützte ihn und sicherte
ihn vor allen Nachstellungen, so daß er 29 Jahre über Aethiopien regierte.
Seit jener Zeit nun regiert nominell eine _salomonische Dynastie_ in
Abessinien, und der Glaube hieran ist unter dem ganzen Volke vom Höchsten
bis zum Niedrigsten so fest gewurzelt und weit verbreitet, daß nichts sie
von dieser Vorstellung abzubringen vermag.

  [Illustration: Abessinische Münzen. Nach Rüppell.
  1. Kupfermünze des Kaisers Armah (644 bis 658),
  2. Goldmünze des Kaisers Aphidas (536 bis 542),
  3. Goldmünze des Kaisers Gersemur (603 bis 614).]

Die Bewohner Abessiniens scheinen in der vorchristlichen Zeit auf einer
sehr niedrigen Kulturstufe gestanden zu haben. Mit den durch die Aegypter
civilisirten Stämmen, welche in Aethiopien den Nilstrom entlang wohnten
und das Reich Meroë gegründet hatten, scheinen sie durchaus keinen Verkehr
gehabt zu haben, ja es ist ausgemacht, daß den alten Aegyptern das Land
erst durch die Kriegszüge Alexander’s d. Gr. und durch die von ihm an die
Küste verpflanzte Kolonie von Syrern (wahrscheinlich jüdischer Religion)
bekannt wurde. Die Ptolemäer, welche ihre Handelsverbindungen mit dem
Rothen Meere ausdehnten, errichteten Emporien und Stationen für die
Elephantenjagd längs der „Küste der Troglodyten“ und Aethiopier, und der
zweite Nachkomme des großen Soter gründete Adulis am Golf von Zula, nahe
dem heutigen Massaua. Seine Truppen drangen, nach der von Kosmas
Indikopleustes im 6. Jahrhundert aufgefundenen sogenannten adulitischen
Inschrift, siegreich bis über den Takazziéfluß in die damals schon
erwähnten Schneegebirge Semién’s und verpflanzten griechische Sprache und
Gesittung in das Land. In Tigrié entstand das königliche Axum mit seinen
hohen Obelisken, Inschrifttafeln und Königsgräbern, und die äthiopischen
Fürsten schlugen Gold- und Kupfermünzen. – Doch griff diese Art hoher
Kultur, deren Blüte in das 4. bis 7. Jahrhundert fällt, erst nach der
Einführung des Christenthums um sich.

Laut predigen heute noch von der alten Herrlichkeit die Ruinen der einst
mächtig blühenden Königsstadt in der Provinz Tigrié. Sie sind, wenige
andere zerstreute Reste abgerechnet, das einzige, was an die alte
Glanzzeit Abessiniens erinnert und der Zielpunkt aller Reisenden, welche
das äthiopische Hochland aufsuchen. Noch zu Anfang des 16. Jahrhunderts,
als der Portugiese Alvarez sich dort aufhielt, müssen manche merkwürdige
Bauwerke daselbst vorhanden gewesen sein, die seitdem verschwunden sind.
In einer alten deutschen Uebersetzung seines Reiseberichtes heißt es:
„Chaxuma hat vieler schöner Wohnungen uff der Erde gebavet, da eine jede
seinen springenden Brunnen hat, und das Wasser den Lewen zum Rachen
herausspringet, welche aus gesprenkelten Marmelsteinen zierlich gemacht
sind.... Man findet auch an den Häusern viel alter seltzamer Figuren, in
gar reine und harte Steine gehawen, als Lewen, Hunde, Vogel u. s. w.“ Auch
jetzt enthält Axum noch sehenswerthe Monumente, Obelisken, Stelen,
Königsgräber, Opferaltäre, über die wir durch Salt, Rüppell und Heuglin
genaue Auskunft erhalten haben.

Der Anblick der in einer Niederung zwischen vulkanischen Hügeln
ausgebreiteten Stadt mit ihren zahlreichen Kirchen, Obelisken, Wachholder-
und Feigenbäumen ist überraschend schön. Noch ehe man das Thal betritt,
begegnet man von Osten kommend einem kleinen schlanken Obelisk, um den
mehrere ähnliche umgestürzt in Trümmern liegen; etwas weiter sind
Schutthügel mit Opfersteinen und einer 7 Fuß hohen Stele (Inschriftstein),
deren eine Seite eine äthiopische, die andere eine griechische Inschrift
vom Axumitenkönig Aizanas enthält. Von hier führt ein in den Fels
gehauener Weg oder Wasserleitung in die Stadt. Ueber den geräumigen
Marktplatz gehend, erreicht man bald ein niedriges Plateau mit einem
riesigen Feigenbaum, dessen Stamm an 50 Fuß Umfang hat. Hier ist das
eigentliche Obeliskenfeld. Einen sonderbaren Kontrast bilden diese
schlanken, oft mit einfachen und zierlichen Ornamenten fast überladenen
Monolithe und Stelen zur bescheidenen Bauart der meist runden, mit Stroh
gedeckten Steinhütten der heutigen Axumiten, die oft dicht gedrängt in
einzelnen ummauerten Gehöften zusammenstehen, beschattet von immergrünen
Wanzabäumen, deren dichtes Laubwerk Schneeflocken gleich mit Blüten
übersäet ist. Das heutige Axum hat eine Länge von etwa einer halben
Stunde, aber Häuser, Gehöfte und Gärten stehen nicht dicht beisammen und
sind zuweilen durch Felder und mit Trümmern bedeckte Plätze unterbrochen.
Die Einwohnerzahl veranschlagt Heuglin auf 2–3000. Sie treiben Ackerbau
und Viehzucht und leben in verhältnißmäßig glänzenden Umständen, da die
vielen kirchlichen Feste und Wallfahrten und namentlich das politische
Asyl – ein von Mauern umgebener Platz beim Markte – zahlreiche Fremde nach
Axum ziehen.

  [Illustration: Der sogenannte Königssitz zu Axum. Nach Salt.]

Die Obelisken, etwa 60 an der Zahl, bedecken eine niedrige Terrasse fast
vollständig. Die meisten sind jetzt umgestürzt und alle scheinen aus in
der Nähe gebrochenen vulkanischen Gesteinen zu bestehen. Einzelne sind nur
rohe Steinmassen, die vollendetsten dagegen 60–70 Fuß hohe Monolithe, die
schon in der Form von ähnlichen ägyptischen Monumenten abweichen,
namentlich durch den oblongen Querschnitt, sowie durch Mangel der
Inschriften und ganz abweichende Ornamentik. Das Ganze scheint einen
(natürlich nicht hohlen) Thurm mit 8–10 Stockwerken darzustellen, an dem
Fenster und Thor angedeutet sind. Die vor den Obelisken liegenden Platten
umfassen dieselben theilweise; sie haben zwei Stufen, eine kleine Schwelle
und vier runde Vertiefungen (Opferschalen). An verschiedenen Stellen der
Stadt stößt man noch auf alte Baureste, namentlich auf kolossale
Quadersteine. Allerlei Töpfergeschirre, Amphoren, Schalen, Löwenköpfe, die
als Brunnenröhren dienten, sind in Trümmer zerstreut und es könnte hier
sicher noch durch Nachgrabungen manches historisch wichtige Monument zu
Tage gefördert werden. Der Eindruck, welchen die verschiedenen Monumente
auf einzelne Reisende hervorbrachten, war ein sehr ungleicher. Während
z. B. Rüppell, wol mit Recht, deren Kunstwerth nicht hoch schätzt, ist
Salt von den Obelisken ganz entzückt. Ja, von dem 60 Fuß hohen Obelisk,
der sich prächtig an dem alten Sykomorenbaum erhebt, sagt er sogar: „Nach
Vergleichung mit vielen Spitzsäulen von ägyptischer, griechischer und
römischer Arbeit scheint mir dieser Obelisk das bewundernswürdigste und
vollkommenste Werk, wozu man schwerlich ein Gegenstück findet“.

Nahe bei dem Haupteingange der berühmten Kirche des Ortes stößt man auf
elf in einer Reihe dicht nebeneinander stehende _Altäre_ von
eigenthümlicher Bauart, deren einen Salt als „Königssitz“ abbildet. Jeder
derselben besteht aus drei sich auf den vier Seiten verkürzenden Stufen,
von welchen die unterste etwa neun Fuß im Quadrat hat. Auf der zweiten
Stufe befinden sich vier Würfel, die an den Eckkanten der dritten anliegen
und von welchen jeder eine achteckige Säule trägt, aller
Wahrscheinlichkeit nach zur Stütze der verschwundenen Deckplatte.

Eine Stunde nordöstlich von der Stadt liegen die sogenannten „Fuchslöcher“
oder Königsgräber auf einem Hügel mit herrlicher Aussicht. Auf dem
schmalen Gebirgsrücken bemerkt man ein aus großen Quadern und Säulen
bestehendes Fundament einer Art Grabkirche, in dessen Mitte ein Weg zum
Eingange eines Felsengrabes führt, das wie sein einfaches Portal in den
Fels gearbeitet und nachher mit künstlicher Mauerung aus großen Blöcken
ausgekleidet worden ist. Aehnlich den Königsgräbern von Theben führt von
da aus dann ein Gang schräg abwärts; dieser mündet in drei Kammern, deren
mittlere mit einer Thür verschlossen werden konnte.

Erwähnen wir nun noch die aufgefundenen Münzen (eine kupferne des Königs
Armah, der von 644 bis 658 regierte, zwei goldene der Könige Aphidas und
Gersemur aus dem 6. und 7. Jahrhundert, theilt Rüppell mit), so haben wir
so ziemlich alles erwähnt, was von dem königlichen Axum übrig blieb, das
ums Jahr 1535 von dem muhamedanischen Stürmer Granje eingeäschert wurde.

Die Blütezeit der Stadt fällt mit der Einführung des Christenthums
zusammen, das, lange bevor noch in Deutschland der heilige Bonifacius
(725) dem Evangelium Eingang verschaffte, durch einen Zufall an die
äthiopische Küste verpflanzt wurde. Ein christlicher Kaufmann, _Meropius_
mit Namen, machte nämlich mit seinen beiden Gehülfen _Frumentius_ und
_Aedisius_ im Jahre 330 eine Geschäftsreise längs den Küsten des Rothen
Meeres, landete in der Gegend des heutigen Massaua und wurde hier nebst
einem Theile seiner Schiffsmannschaft von den wilden Eingeborenen
erschlagen. Nur den beiden Jünglingen schenkte die wüthende Bande das
Leben. Man brachte sie an den königlichen Hof, wo sie gute Aufnahme fanden
und bald vom Könige Sara-Din mit wichtigen Aemtern betraut wurden. Auf
ihre Veranlassung kamen noch mehrere christliche Kaufleute nach
Abessinien, die nun eine kleine Gemeinde bildeten und auch mehrere
Einheimische bekehrten. Die beiden Jünglinge reisten dann später in ihr
Vaterland zurück, zur Zeit als Athanasius Erzbischof von Alexandria war.
Aedisius wurde Priester in Tyrus; Frumentius aber wandte sich mit der
dringenden Bitte an den Erzbischof, der kleinen christlichen Gemeinde in
Abessinien einen Hirten zu senden, damit sie nicht verwaise. Athanasius
wußte hierzu aber keinen bessern zu finden, als den Bittsteller, gab dem
ehemaligen Handlungsgehülfen die Weihe und sandte ihn nach Abessinien
zurück. Hier angelangt führte er den Namen Abba Salama, Vater des
Friedens, übersetzte das Neue Testament in die äthiopische Sprache und
breitete das Christenthum weit über das Land aus, wenn auch noch ein
großer Theil des Volkes bei der altheidnischen Religion verharrte. Die
fernere Geschichte Abessiniens ist sehr dunkel und nur durch lange Reihen
von Königsnamen ausgefüllt, an welche sich nur hier und da einzelne
historische Thatsachen knüpfen.

Aus diesen entnehmen wir, daß zur Zeit des griechischen Kaisers Justinian
(um 522) eine heftige Christenverfolgung durch die Juden im südlichen
Arabien stattfand. Justinian wandte sich deshalb an den abessinischen
König _Kaleb_; dieser eilte mit einer Armee über das Rothe Meer, schlug
die Juden und unterwarf sich den größeren Theil des südlichen Arabiens, in
dessen Besitz die Abessinier auch blieben, bis sie kurz vor Muhamed’s
Auftreten durch die Blattern, die in ihrem Heere stark wütheten, gezwungen
wurden, sich wieder in ihr Land zurückzuziehen. Im übrigen ist aus der
langen Periode des äthiopischen Reiches bis ins 8. Jahrhundert nicht viel
Erwähnenswerthes überliefert; das Volk vergeudete seine Kräfte in
unfruchtbaren Religionsstreitigkeiten und kam mit seinen Nachbarn nicht
aus dem Kriegszustande heraus.

Unterdessen trat, den ganzen Orient erschütternd, Muhamed mit seiner Lehre
auf. Allein der Islam fand in Abessinien wenig Eingang, jedoch wurde das
damals noch blühende Reich Adal für diese neue Lehre gewonnen, und dieses
gab den zwischen beiden Ländern bestehenden Streitigkeiten bedeutende
Nahrung, indem zu den politischen nun noch religiöse Kämpfe sich
gesellten, welche das Land mit Blut überschwemmten. Doch bevor noch diese
muhamedanischen Invasionen erfolgten, hatte Abessinien eine gewaltige
Revolution durchzukämpfen und es war fraglich, ob die Juden oder die
Christen die Oberhand erhalten sollten. Die ersteren erhoben sich nämlich
unter dem Namen der _Falaschas_ zu einer furchtbaren Macht. Durch
Heirathsverbindung zwischen der Familie ihrer Häuptlinge und der
abessinischen Königsfamilie brachten sie den Königsthron an sich und
suchten nun die salomonische Linie ganz auszurotten. Es sind jetzt etwa
1000 Jahre darüber hingegangen, daß der letzte salomonische König,
_Delnaod_, vom Throne seiner Väter gestoßen wurde, und zwar durch eine
Jüdin aus Lasta Agau, welche die ganze königliche Familie, einen Knaben
ausgenommen, der nach Schoa flüchtete, ermorden ließ. Sie hieß _Judith_,
wie zu vermuthen steht, ein selbstbeigelegter Name mit dem beabsichtigten
Hinweis auf die alttestamentliche Heldin. Drei Jahrhunderte später wurde
die Judendynastie wieder durch einen christlichen Herrscher aus dem Hause
Sagué vertrieben, dessen Nachkommen bis zum Jahre 1268 regierten, also zur
selben Zeit, als in Deutschland die Hohenstaufen kraftvoll das Scepter
führten. Elf Könige soll das Haus Sagué (Zagyé) den Abessiniern geliefert
haben, die für das Christenthum eifrig wirkten, unter denen der später
heilig gesprochene _Lalibela_ durch die vielen kunstvoll in Felsen
ausgehauenen Kirchen, die ägyptische Werkmeister aufführten, berühmt
geworden ist.

Die meisten dieser Felsenkirchen sind zur Zeit der muhamedanischen
Invasion im 16. Jahrhundert zerstört worden, doch haben sich einzelne
derselben bis auf unsere Tage erhalten. Der englische Reisende Pearce
schildert uns die Felsenkirche Dschumada Mariam nördlich von den Quellen
des Takazzié, sein Landsmann Salt jene von Abba os Guma bei Schelicut, v.
Heuglin die Felsenkirche von Tenta in Wollo. Die seltsamste dürfte aber
wol jene sein, welche der Missionär Isenberg im Jahre 1838 bei dem Dorfe
Hauazién in der Provinz Tembién besuchte, als er gerade im Begriff war,
das Land nach dem Scheitern seines Missionswerkes zu verlassen. „Obgleich
ich aus leicht erklärlichen Gründen nicht aufgelegt war, die Kirche dieses
Ortes zu untersuchen, so konnte ich doch nicht umhin, ihre äußere Form
anzustaunen. Sie scheint aus einem einzigen Granitblock zu bestehen, der
zu dem Zwecke ausgehöhlt ist, kann aber, nach dem äußern Umfange des
Steins zu urtheilen, nur sehr wenig Raum im Innern haben. Auch die äußere
Form des Steines ist sehr auffallend. Er ist kaum 20 Fuß hoch und in der
mittleren Höhe, wo er am breitesten ist, da er die Form eines stehenden
Kreuzes anstrebt, mag er auch etwa 20 Fuß breit sein; seine Tiefe aber von
vorn nach hinten ist geringer. Er hat einen engen Eingang, in jedem
Seitenflügel des Kreuzes und über der Thüre eine Fensteröffnung; alles
dieses in den Fels gehauen.“ Gewiß ist zu beklagen, daß Isenberg diese
interessante Felsenkirche nicht auch im Innern untersuchte, da, wie es
scheint, er der einzige europäische Reisende war, welcher sie zu Gesicht
bekam.

Zu Ende des 13. Jahrhunderts lebte in Schoa der achte Nachkomme jenes zur
Zeit der Judenherrschaft nach Schoa geflüchteten letzten Prinzen der
salomonischen Dynastie. Sein Name war Tesfa Jesus oder _Jekuno-Amlak_. In
Abessinien aber herrschte _Nakwetolaab_, der Sagué. Als eigentlicher
Herrscher des Landes mußte aber der mächtige Abuna oder Erzbischof _Tekla
Haimanot_ angesehen werden, heute noch der berühmteste Heilige der
abessinischen Kirche und Gründer des großen Klosters Debra Libanos in
Schoa, durch dessen Eifer und Beistand die Wiedereinsetzung der alten
Dynastie ermöglicht wurde. Aus freiem Willen, wenn auch auf dringendes
Einreden dieses Erzbischofs, leistete Nakwetolaab Verzicht auf die Krone
und stieg vom Throne herab, um jenem Nachkömmling der salomonischen
Dynastie, nach abessinischer Vorstellung dem legitimen Sprossen Menilek’s,
Platz zu machen.

Zum Entgelt für sich und seine Leibeserben wurde Nakwetolaab zum Herrscher
in der Provinz Waag unter der Lehensoberhoheit des Königs bestellt und
dazu der Vorbehalt ausbedungen, daß für den Fall des Aussterbens der Linie
Menilek’s die Krone an die Linie Nakwetolaab’s zurückgelange, ein
Uebereinkommen, welches solche Lebenskraft besitzt, daß es bis in die
jüngste Zeit zurückwirkt. – Von dieser Zeit an bietet die politische
Geschichte des Landes eine Reihe von kriegerischen Expeditionen dar,
welche ihre Könige, zum Theil ausgezeichnete Helden, gegen auswärtige
Völker unternahmen, während die muhamedanische Macht an der Grenze sich
immer drohender entwickelte.

  [Illustration: Felsenkirche von Hauazién. Nach Isenberg.]

In dieser Noth fand eine nähere Verbindung zwischen Europa und Abessinien
statt, ja es war die Rede von einer Verschmelzung der Landeskirche mit der
römisch-katholischen, die durch Pilgerfahrten nach Jerusalem angeregt
worden war. Dort hatten die frommen abessinischen Wallfahrer von dem
aufstrebenden Glanze Portugals gehört, und die Berichte derselben erregten
in König _Jakob_, der von 1421 bis 1470 regierte, den Wunsch, mit dem
abendländischen Reiche in Verbindung zu treten. Eine Gesandtschaft wurde
nach Lissabon geschickt, um dort vom Könige Alphons Hülfe gegen die
Ungläubigen zu erbitten. Diesem, der damals mit kriegerischen Plänen gegen
die Mauren Nordafrika’s umging, kam der Wunsch Jakob’s sehr gelegen,
obgleich damals der Weg ums Kap der guten Hoffnung herum noch nicht
entdeckt war; allein er konnte, ohne den mächtigen Papst gefragt zu haben,
auf die Allianz mit Abessinien nicht eingehen, und dieser forderte als
erste Bedingung eines Bündnisses die unbedingte Unterwerfung der
getrennten äthiopischen Kirche unter den Stuhl Petri. Die abessinischen
Gesandten mußten deshalb 1441 auf dem Florentiner Konzil erscheinen, wo
eine vorläufige Ausgleichung zwischen beiden Kirchen stattfand. Schon im
folgenden Jahre erschienen neue Bevollmächtigte auf dem lateranischen
Konzil zu Rom, um den Ausgleich zu bestätigen und dringend aufs neue um
Hülfe zu bitten. Diese jedoch verzögerte sich und an ihre Stelle trat nach
langem Briefwechsel 1490 eine von König Johann II. an König Eskander von
Abessinien geschickte Gesandtschaft, welche mit den größten
Ehrenbezeugungen aufgenommen wurde. Dabei blieb es aber vor der Hand und
die Muhamedaner rückten immer mehr gegen die Abessinier an. Im Jahre 1527
wurde der Hafenplatz Massaua von den Türken eingenommen und von diesen mit
dem an der Küste herrschenden Dankali-Könige _Muhamed Granje_, dem
„Linkshändigen“, ein Bündniß abgeschlossen, welches den Zweck hatte,
Abessinien gänzlich zu unterwerfen und an die Stelle des Evangeliums den
Koran zu setzen. Granje, dessen Väter von den abessinischen Königen mit
dem Schwerte erschlagen worden waren, hatte blutige Rache geschworen und
fiel gleich einem reißenden Strome mit einem zahlreichen Heere in das Land
ein. Durch den gelben Sand der dürren Adalebenen und die glühend heißen
Gestadeländer ziehend, stieg er hinauf in die kühleren, gesegneten
Berglandschaften Schoa’s, alles vor sich niederwerfend, sengend und
brennend. Weit und breit dampfte das Land vom Blute der Erschlagenen;
nicht Weib noch Kind wurde geschont, die Kirchen und Städte, darunter der
Königssitz Axum, wurden niedergebrannt, die königliche Familie aus ihrer
Felsenburg Endoto verjagt und flüchtig von dannen getrieben. Damals war
es, daß die nur mit Schwertern und Lanzen bewaffneten Abessinier zum
ersten male den Feuerwaffen der Muhamedaner begegneten, vor deren
ungewohntem Klange sie davoneilten, wie gescheuchte Rehe des Waldes. Die
Muhamedaner aber ergossen sich über das wehrlose Land, verübten die
größten Greuel und waren eben im Begriffe, sich dauernd dort
niederzulassen, als die längst erwartete Hülfe aus Portugal eintraf.

Don _Christoph da Gama_, ein Verwandter des berühmten Vasco da Gama, kam
mit einer kleinen portugiesischen Flotte in Massaua an und landete mit 400
wohlgerüsteten Kriegern, mit denen er rasch nach Tigrié eilte, sie dort
mit den Resten der geschlagenen abessinischen Armee vereinigte und nun
muthig den Streitern des Islams entgegenführte. Das erste größere Gefecht
der Portugiesen gegen die Muhamedaner verlief unglücklich. Da Gama wurde
verwundet und flüchtete in eine Höhle, wo ihn eine muhamedanische Sklavin
von außerordentlicher Schönheit, welche er als Dienerin mit sich führte,
ihren Glaubensgenossen verrieth. Er wurde vor Granje geführt, welcher ihm
eigenhändig mit der linken Hand den Kopf abschlug, der nach Konstantinopel
gesandt wurde, während die Stücke des geviertheilten Körpers nach
verschiedenen Gegenden Arabiens wanderten. Die Portugiesen, anfangs durch
den Verlust ihres Feldherrn bestürzt gemacht, rafften sich indessen von
neuem auf, schlugen die Muhamedaner, tödteten Muhamed Granje und setzten
den rechtmäßigen König Claudius (Galaudios) wieder in den Besitz seines
Thrones.

Nichts umsonst! So lautete damals schon der Wahlspruch, und die
Portugiesen, die ihr Blut nicht ohne Gewinn verspritzt haben wollten,
traten nun mit zwei Forderungen auf. Zunächst verlangten sie den dritten
Theil des Landes und dann unbedingte Unterwerfung der äthiopischen Kirche
unter den römischen Papst. Die Abessinier sahen ein, daß sie einen Feind
losgeworden, dafür aber einen andern, kaum minder schlimmen, aufs neue
sich zugezogen hatten. Claudius, welcher sich in seinem Glauben nicht irre
machen ließ, auch der Portugiesen jetzt nicht mehr zu bedürfen glaubte,
verweigerte beide Forderungen kurzweg und holte einen neuen Abuna
(Vorstand der äthiopischen Kirche) aus Alexandrien, während er den
römischen Geistlichen, an deren Spitze _Bermudez_ stand, befahl
heimzukehren. Die Portugiesen waren aber weit davon entfernt, so ohne
weiteres die Früchte ihres Sieges aufzugeben. Im Jahre 1555 kam eine
Jesuitenmission in Abessinien an, welcher bald darauf eine zweite unter
dem Bischofe Orviedo folgte, aber alle ihre Anstrengungen waren
vergeblich, indem König Claudius selbst über Glaubenssachen mit Orviedo
disputirte, ihn zu widerlegen suchte und, als dieser darauf die ganze
abessinische Kirche in den Bann that, ihn mit seinen Genossen aus dem
Lande verwies. Nur mit Widerstreben gehorchten die Patres, die nach Japan
versetzt wurden, wo sie, anfangs zu Einfluß gelangend, auch später wieder,
wegen ihrer Einmischung in die Regierung des Landes, vertrieben wurden.
Von Indien aus versuchten es die Jünger Loyola’s nun zu wiederholten
Malen, in Abessinien festen Fuß zu fassen, bis es ihnen endlich zur Zeit
der Regierung des Königs _Sosneos_ (Seltan Seggad) gelang, sich
festzusetzen. Unter diesem Könige, der außerordentlich viel auf eine
Verbindung mit Portugal gab, wurde auf Betreiben der Jesuiten die römische
Kirche für die alleinseligmachende erklärt, die bisherigen abweichenden
Lehren und Gebräuche abgeschafft und die Einführung des römischen
Gottesdienstes und Glaubens im ganzen Reiche eifrig betrieben. Vergeblich
warnten den König seine Freunde, flehten seine Geistlichen mit dem
hundertjährigen Abuna Simeon an der Spitze, den Eingebungen der Jesuiten
nicht zu folgen und treu am Glauben der Väter festzuhalten. Wer nicht
wollte, mußte gehorchen oder des königlichen Mißfallens und schwerer
Strafen gewärtig sein. Allein aufgestachelt von den Priestern ließ das
Volk die Glaubenstyrannei sich nicht gefallen und griff zu den Waffen, um
die alte Religion zu vertheidigen. Der König, durch die fanatischen
Jesuiten immer mehr angefeuert, schickte den Scheftas (Rebellen) ein
mächtiges Heer unter dem Oberbefehl seines Bruders entgegen, dem es auch
bald gelang, die Revolution blutig niederzuwerfen. Dieser Sieg veranlaßte
das Einströmen zahlreicher portugiesischer Geistlichen, die, den
Erzbischof _Mendez_ an der Spitze, nun mit dem größten Eifer für
Ausbreitung des Katholizismus in Abessinien Sorge trugen. In einer
feierlichen Versammlung wurde das alexandrinische Bekenntniß für
abgeschafft erklärt und jeder mit dem Bannfluche belegt, der sich der
neuen Ordnung nicht fügte.

Die Herrschaft der Jesuiten ruhte nun schwer auf dem Lande, und vor ihrem
Fanatismus blieben nicht einmal die Gräber verschont. Einer der
vornehmsten Priester, der sich der neuen Ordnung nicht gefügt hatte, starb
und wurde auf dem Kirchhofe begraben; auf Befehl des Erzbischofs Mendez
grub man jedoch die Leiche aus und warf sie den Hyänen vor. Diese und
ähnliche Handlungen erweckten die Wuth des Volkes aufs neue, und wiederum
brach eine Empörung aus, diesmal mit dem Zwecke, _Melea Christos_, einen
Vetter des Königs, auf den Thron Abessiniens zu erheben. Die zahlreiche
Armee des Sosneos wurde nun geschlagen und dieser zu einer Vermittelung
zwischen dem alten und neuen Glauben gezwungen. Erzbischof Mendez
gestattete, daß die alte Liturgie und die alten Festtage wiedereingeführt,
sowie die Feier des Sonnabends neben dem Sonntage geduldet wurde. Mit
Ausnahme der Einwohner der Provinz Lasta ergaben sich alle Abessinier
hierein; jene aber, die konservativsten unter allen, zogen 20,000 Mann
stark den Königlichen entgegen, wurden aber namentlich durch die aus Galla
bestehende Reiterei des Sosneos geschlagen, sodaß 8000 tapfere Männer von
Lasta mit ihren blutigen Leichen das weite Schlachtfeld deckten. Gegenüber
diesem Anblick, bei den verstümmelten Körpern ihrer dahingeopferten
Brüder, die für den alten Glauben gefallen waren, erweichte das Herz der
Sieger und, den Kronprinzen _Fasilides_ an der Spitze, ging – was wol
einzig in der Kriegsgeschichte dastehen dürfte – der Sieger zu dem
Besiegten über, dessen Sache zur seinigen machend und den König Sosneos
zwingend, zur Religion der Väter zurückzukehren. Nach diesem Siege, der
zur Niederlage des Katholizismus wurde, durchzog ein Herold das Land,
welcher laut verkündigte: „Hört, hört! Früher haben wir euch den römischen
Glauben empfohlen, in der Meinung, daß er der wahre sei. Da aber große
Scharen unserer Unterthanen für den alten Glauben ihrer Väter das Leben
geopfert haben, so soll auch die freie Ausübung desselben wieder gestattet
sein. Eure Priester mögen ihre Kirchen wieder in Besitz nehmen und darin
dem Gott ihrer Väter dienen.“

Damit war der Untergang des Katholizismus besiegelt; laut jubelnd strömten
die Abessinier in die alten Gotteshäuser, und als im Jahre 1632, nach dem
Tode des Königs Sosneos, dessen Sohn Fasilides an die Regierung kam, waren
auch die Stunden der Jesuitenväter gezählt. Sie wurden zunächst in das
Kloster Mai Goga bei Adoa verbannt, flüchteten aber von hier vor den
Verfolgungen des Pöbels. Mendez selbst gerieth auf der Flucht zu Sauakin
in die Sklaverei und statt seiner nahm wieder ein Abuna aus Alexandrien
den höchsten Kirchensitz zu Gondar ein. Ist auch die Invasion der
Portugiesen, die Herrschaft der Jesuiten über das Land nicht ohne Einfluß
in kulturhistorischer Beziehung geblieben, so wurde doch ein guter Theil
des Volks und Reiches in den inneren Zwisten dem Ruin zugeführt.

In der folgenden Periode regierten bis 1753 acht Könige, mehr oder minder
kräftig, die aber alle nicht hindern konnten, daß die Macht der Häuptlinge
wuchs, die Herrscherwürde im Ansehen immer mehr sank und das Reich sich
unaufhaltsam in seine Theile auflöste, sodaß allmälig die drei Staaten
_Amhara_ in der Mitte, _Tigrié_ im Norden, _Schoa_ im Süden sich unter
eigenen Fürsten herausbildeten, die den ohnmächtigen König im Palaste zu
Gondar nur dem Scheine nach anerkannten. Unter König _Joas_ (1753–1769)
hatte der Statthalter von Tigrié, der furchtbare _Ras Michael_, als eine
Art von Major Domus die ganze Macht an sich gerissen, den Kaiser umbringen
lassen und dessen bejahrten Großoheim, Johannes, gleich einer Puppe auf
den Thron erhoben, und als dieser fünf Monate später starb, dessen jungen
Sohn Tekla Haimanot II. zu seinem Nachfolger ernannt. Jene Zeiten, die uns
Bruce mit großer Anschaulichkeit als Augenzeuge schildert, bilden eines
der blutigsten Blätter in der Geschichte Abessiniens.

  [Illustration: Krieger von Schoa. Nach Harris.]

Sturz und Erhebung, Bürgerkrieg und Mord wechseln miteinander ab und die
Menge der auftretenden Namen, der unzufriedenen Häuptlinge, der ermordeten
Statthalter ist geradezu verwirrend. Durch stete Treulosigkeit suchten
sich die abessinischen Häuptlinge gegenseitig zu überlisten, wobei ihnen
meist eheliche Verbindungen als Deckmantel dienten, um das unglückliche
Land fortwährenden Verheerungskriegen preiszugeben, welche stets nur zur
Befriedigung des individuellen Ehrgeizes, niemals aber im Interesse des
Reiches geführt wurden. Durch so viele Veränderungen und durch die
beständigen Bürgerkriege war die Herrschermacht so in Verfall gerathen,
daß das Königthum nur noch in dem Palaste des jeweiligen Königs zu Gondar
thatsächlich bestand, außerhalb desselben aber so wenig, daß die meisten
der nominellen Unterthanen _nicht einmal den Namen des Herrschers
kannten_. Die Existenz des Königs war nur eine Aegide für den _Ras_ oder
Protektor des Reiches, der nur durch Erhebung eines Königs auf seinen
Thron und durch Beschützung desselben seine eigene Würde erhielt, sonst
aber ganz nach seinem eigenen und seiner Großen Gutdünken schaltete. Unter
ihm standen die vielen Reichsvasallen, die Provinzial-Gouverneure, deren
Würde erblich ist, die aber ebenfalls so viel Unabhängigkeit zu erstreben
suchten, als sie nur konnten. Jeder Gouverneur war verpflichtet, bei
militärischen Expeditionen seinem Obern mit so vielen Soldaten zu Hülfe zu
eilen, als er selbst unterhalten konnte, und sein bürgerlicher Rang im
abessinischen Staatskörper wurde nach der Stelle bestimmt, die ihm im
Heere, d. h. im königlichen Lager und auf dem Marsche angewiesen wurde.

Vorzüglich aber hatten diese Statthalter das Recht sich angemaßt,
Gegenkaiser zu ernennen und die ihnen mißfälligen Thronbesitzer zur
Abdankung zu zwingen. Da sie überdies noch die Tributzahlungen
einstellten, wurde das Ansehen und die Macht der Könige so herabgewürdigt,
daß sich das Einkommen derselben zu Anfang unseres Jahrhunderts auf
dreihundert Thaler belief. Welche Civilliste für einen Herrscher
Aethiopiens! Um sich aber von der Wandelbarkeit der abessinischen
Königswürde eine rechte Vorstellung machen zu können, sei hier bemerkt,
daß seit dem Abdanken des Königs Tekla Haimanot II. (1778) bis zum Jahre
1833 vierzehn verschiedene Fürsten zweiundzwanzigmal als Könige in Gondar
auf dem Throne gesessen haben. Ein Nebenstück hierzu finden wir allerdings
in den sogenannten Republiken Südamerika’s, wo der Präsidentenstuhl nicht
minder häufig wechselt.

Nachdem der erwähnte Ras Michael durch den Statthalter der Provinz Lasta,
_Wend Bowosen_, am 4. Juni 1771 besiegt und gefangen worden war,
bemächtigte sich der Befehlshaber von Tembién, _Kefla Jesus_, der Provinz
Tigrié. Derselbe bat, um sich in seinem Besitzthum möglichst zu
befestigen, seinen Verbündeten, den Wend Bowosen, ihren gemeinschaftlichen
Gegner, den furchtbaren Ras Michael, der zu Dobuko gefangen saß, aus der
Welt zu schaffen; allein jener that das Gegentheil: er setzte den
Gefangenen in Freiheit und machte ihn mit dem Plane des Kefla Jesus
bekannt. Ergrimmt zog nun der alte tapfere Ras Michael mit wenigem Gefolge
nach Tigrié, und fast die ganze Armee seines Gegners Kefla Jesus ging zu
ihm, ihrem alten General, unter dem sie so oft gesiegt hatte, über. Jener
wurde hierauf gefangen und von Ras Michael 1772 aufs grausamste ums Leben
gebracht, der auch bis zu seinem 1779 erfolgten Tode über Tigrié herrschte
und seinen Sohn _Ras Walda Selassié_ zum Nachfolger erhielt; dieser Fürst,
welcher aus den Erzählungen der englischen Reisenden Salt und Pearce
bekannt geworden ist, regierte, wiewol keineswegs ungestört, bis zum Mai
1816 über Tigrié; nach seinem Tode war das Land sechs Jahre in einem
höchst anarchischen Zustande, indem nicht weniger als vier Häuptlinge
nacheinander um die Obergewalt kämpften. Im Jahre 1822 gelang es
_Sabagadis_, dem Statthalter der Provinz Agamié, sich in der Obergewalt zu
befestigen und über acht Jahre lang in Tigrié zu regieren. Er soll damals
den kühnen Gedanken gefaßt haben, sich die Alleinherrschaft in Abessinien
zu erringen, wozu er wahrscheinlich durch verschiedene bei ihm befindliche
Europäer veranlaßt wurde. Allein auch er theilte das Schicksal seiner
Vorgänger und erhielt in _Ubié_, einem talentvollen, kühnen und grausamen
Manne, einen noch weit bedeutenderen Nachfolger. Ubié war der
Schwiegersohn des Sabagadis und Detschasmatsch der gebirgigen Provinz
Semién; das hinderte aber den Schwiegervater nicht, gegen ihn, dessen
aufstrebende Macht er fürchtete, zu intriguiren. Vereinigt mit Ras Maria,
dem Befehlshaber der Provinzen Begemeder und Dembea, rückte nun Ubié an
den Takazzié, schlug dort am 15. Februar 1831 seinen Schwiegervater
Sabagadis vollständig und ließ ihn am folgenden Tage hinrichten. Während
nun Ubié von den Großen zu Axum als Herr Tigrié’s ausgerufen wurde,
kämpfte der ältere Sohn des Sabagadis, Walda Michael, gegen ihn fort, doch
ohne Erfolg; er wurde gleichfalls getödtet, und auch der zweite Sohn,
Kassai, mußte sich Ubié ergeben. Aber Kassai blieb nicht treu, sondern
versuchte abermals zu rebelliren. Um ihn fester an sich zu knüpfen,
schenkte ihm Ubié im Spätjahre 1836 seine siebenjährige Tochter zur Frau,
sowie ein bedeutendes Gebiet in Tembién zur Mitgift und ließ sich dabei
alle Hauptanhänger Kassai’s nennen, die in Verwahrsam gebracht wurden. Als
darauf Kassai 1838 wieder rebellirte, zog Ubié mit einer bedeutenden Armee
gegen ihn, schlug ihn und setzte ihn in einer Bergveste gefangen, wo seine
Frau nicht von ihm wich. Dann befestigte sich seine Macht immer mehr und
erreichte ihren Gipfel durch den Fall Balgadaraia’s, eines mächtigen
Fürsten in Ost-Tigrié, der zeitweise die Abwesenheit Ubié’s zu raschen
Verheerungs- und Raubzügen bis nach Adoa und zum Takazzié benutzte. Im
Jahre 1850 stellte sich Balgadaraia freiwillig dem Ubié und wurde von
demselben mit Ländereien belehnt.

Im centralen Staate Abessiniens, in Amhara, regierte unterdessen nicht
minder gewaltig, doch mit weniger Glück, _Ras Ali_, welcher die ganze
Herrlichkeit an sich gerissen hatte und den König oder Kaiser _Saglu
Denghel_ noch mehr zur Unbedeutendheit herabdrückte, als dieses bisher mit
den Herrschern geschehen war. Für seinen Lebensunterhalt waren diesem
Herrscher über Abessinien nur 300 Maria-Theresia-Thaler jährlich
geblieben, welche die in Gondar wohnenden Muhamedaner als eine Art
Kopfsteuer zu entrichten hatten. Mit dieser unbedeutenden Summe und dem
Betrage einiger wenigen zufällig eingehenden Strafgelder mußte die ganze
Hofhaltung bestritten werden. Die hierdurch entstehende große finanzielle
Bedrängniß, bei welcher der Titularkönig des Reiches kaum die nöthigsten
Mittel zur Anschaffung seiner Nahrung hatte, war es wol, welche Saglu
Denghel auf den Gedanken brachte, daß, da in Abessinien der Herrscher
zugleich als das höchste Haupt der Landeskirche angesehen wird, er auch
das Recht haben müsse, diejenigen Schenkungen, welche seine Vorfahren in
glücklichen Zeiten der Kirche gemacht hatten, jetzt, da der Thron dieselbe
zu seinem eigenen Bestehen nothwendig habe, wenigstens theilweise
zurückzuverlangen. Er erklärte dieses im Anfange des Jahres 1833 den in
Gondar anwesenden Geistlichen, brachte aber dadurch den ganzen Klerus
gegen sich auf – also genau so wie bei uns, wenn z. B. ein König von
Italien die Kirchengüter zum Besten des Landes einzieht, nur mit anderm
Erfolge. Daß Soldaten sich der Einkünfte vieler Kirchengüter bemeisterten,
hatte man freilich geschehen lassen müssen, weil es nicht verhindert
werden konnte; aber in die Schmälerung der kirchlichen Revenuen als etwas
Gesetzliches von freien Stücken einzuwilligen, dazu war die abessinische
Geistlichkeit ebenso wenig zu bewegen, wie irgend ein Klerus Europa’s.
Sämmtliche Geistliche von Gondar verfügten sich also zum Kaiser und
protestirten energisch gegen die Neuerung, ja, sie fingen sogar an, die
Kirchen zu schließen und jegliche geistliche Funktion einzustellen,
worüber besonders die alten Frauen in Bestürzung geriethen. Am 19. Januar
1833 begab sich die ganze Geistlichkeit in feierlichem Aufzuge zum
Protektor Ras Ali nach Fangia und bat denselben dringend, dem Saglu
Denghel die Königswürde zu nehmen, weil er sich derselben durch die
Einführung ketzerischer Neuerungen in dem zwischen Staat und Kirche
bestehenden Verhältnisse unwürdig gemacht habe. Solche Versuche, fügten
sie hinzu, würden ohne allen Zweifel den Ruin des Reiches nach sich ziehen
und von jeher sei ja auch ein Angriff auf die geistlichen Rechte von allen
Synoden als verdammenswerth anerkannt worden. Indem wir diese uns von
Rüppell, der als Augenzeuge spricht, mitgetheilten Einzelheiten lesen,
kommt es uns vor, als sei hier etwa von Oesterreich und dem Jahre 1867 die
Rede, wo beim Streite über die Aufhebung des Konkordates der Klerus der
Regierung gegenüber die nämliche Sprache, die nämlichen Argumente
gebrauchte. So sehr gleicht sich die Geistlichkeit in allen Theilen
unserer Erde.

Der Klerus erreichte seinen Zweck vollkommen, denn Ras Ali schickte
sogleich einen seiner Offiziere mit dem Befehle nach Gondar, daß der König
augenblicklich das Schloß verlasse und die Krone niederlege, für welche er
bei seiner Rückkehr von einem Kriegszuge einen Würdigeren ernennen werde,
und diesem Befehle wurde ohne die mindeste Widersetzlichkeit Folge
geleistet. So endete die nominelle Herrschaft Saglu Denghel’s nach einer
Dauer von nur vier und einem halben Monate und so gingen damals die
Protektoren mit dem „Könige“ um. Ras Ali wies dem abgesetzten Herrscher
ein kleines Dorf in der Nähe des Tanasees als zukünftigen Wohnsitz und die
geringen Einkünfte desselben zu seinem ferneren Unterhalte an. Lange Zeit
blieb der Thron unbesetzt, und die folgenden Könige sind auch nur von
chronologischem Interesse, da eine Bedeutung ihnen nicht mehr zukam und
das Land in der That aus drei gänzlich getrennten Staaten, aus Schoa unter
König Sahela Selassié, Amhara unter Ras Ali und Tigrié unter Ubié bestand.
Im Verfolge unseres Werkes werden wir noch oft Gelegenheit haben, diese
drei Theilfürsten zu erwähnen, von welchen namentlich der erstere und der
letztere unser Interesse um deswillen in Anspruch nehmen, weil sie mit den
Europäern in nahe Verbindungen traten und von verschiedenen Reisenden
aufgesucht wurden. Ubié, etwa im Jahre 1800 geboren, war, nach Rüppell’s
Bericht, ein Mann von hagerer Statur und mittlerer Größe; in der Kopfform
und Körperhaltung sprach sich ein gewisser Adel aus und seine schönen
lebhaften Augen verriethen Geist und Gewandtheit; seine Gesichtsfarbe war
gelbbraun; sein schöngelocktes Haar kurz verschnitten. Man rühmte ihm
Tapferkeit, Großmuth, Freigebigkeit und Gerechtigkeitsliebe nach. „Die
Art, wie er den Frieden in Tigrié herzustellen und zu befestigen suchte,“
sagt Rüppell, „giebt eine offene und loyale Handlungsweise zu erkennen,
wie sie die jetzigen Abessinier leider nicht verdienen.“ Auch mit Hülfe
der Geistlichkeit suchte er seine Macht zu befestigen. Denn schon seit
vierzehn Jahren war der Sitz des Metropoliten von Abessinien verwaist, als
Ubié im Jahre 1841 mehr aus politischem als kirchlichem Interesse in _Abba
Salama_ einen neuen Abuna (Erzbischof) aus Kairo holen ließ. Er hatte
schon längst darauf gesonnen, Ras Ali zu stürzen und durch Einsetzung
eines neuen Königs auf den Thron von Gondar sich selbst zum Ras oder
Protektor des Reiches, also zum obersten Machthaber des ganzen Landes, zu
erheben. Der Abuna sollte durch seinen Einfluß auf die Kirche seine Macht
verstärken und wol auch den neuen König salben, zu welchem der Prinz Tekla
Georgis bestimmt war, der jedoch bald starb.

Allein keiner von beiden Rivalen, weder Ubié noch Ras Ali, sollte auf den
alten Thron Abessiniens gelangen, – die Herrschaft fiel einem dritten zu,
der, vom Glücke begünstigt, mit Thatkraft ausgerüstet, wenigstens
zeitweilig dem grauenhaften Zustande ein Ende machte, welcher seit langem
das Land zerfleischte und Rüppell die Worte abdrängte: „Ich muß gestehen,
daß bei dem jetzigen gesetzlosen Zustande des ganzen Landes nicht der
geringste Hoffnungsstrahl einer sittlichen Regenerirung der Nation
leuchtet und daß der vollkommene Mangel einer kräftigen Regierung das
Haupthinderniß dabei ist und um so schwerer zu beseitigen sein wird, da
gegenwärtig auch nicht eine einzige Fraktion des Volkes an die Herstellung
einer solchen denkt. Der letzte Schatten eines gemeinsamen politischen
Oberhauptes ist mit der Absetzung des Kaisers Saglu Denghel geschwunden.
Die Geschichte der letzten sechzig Jahre zeigt eine vollkommene politische
Auflösung des Landes und dreht sich blos um die Häuptlinge, welche in den
verschiedenen Provinzen, als gleichsam voneinander unabhängigen Staaten,
sich zu unumschränkten Herrschern aufwarfen, durch List und Kühnheit ihre
Nebenbuhler verdrängten und dann meistens selber wieder durch
Treulosigkeit ihrer Verbündeten gestürzt wurden. So herrschen denn
fortwährend Bürgerkriege, welche in der Regel keinen andern Zweck haben,
als einen durch Versprechungen und Eidschwüre eingeschläferten Gegner zu
verdrängen, und die Bewohner einiger Distrikte, die in einem kurzen
Frieden etwas Eigenthum erlangt haben, auszuplündern. Die nothwendige
Folge davon ist eine stets zunehmende Verarmung; das Grundeigenthum hat
beinahe gar keinen Werth mehr; der Ackerbau wird immer mehr
vernachlässigt; die Viehherden sind ungemein zusammengeschmolzen und der
Verkehr ist wegen der großen Unsicherheit oft ganz unterbrochen.“

Rüppell bezieht diese Worte auf das Jahr 1833; allein sie hatten noch
Geltung in der Mitte dieses Jahrhunderts; der traurige Zustand des armen
Landes und Volkes, das nach Erlösung aus diesen Uebeln jammerte, war bis
dahin und ist auch noch heute derselbe.

Auf eine Hoffnung aber baute seit alten Zeiten jedermann in Abessinien.
Nach der Tradition sollte ein König _Theodoros_ erscheinen, um dem Lande
den ewigen Frieden zu bringen. Dieser Theodoros regierte einst schon im
15. Jahrhundert und ward heilig gesprochen; aber wie unser Barbarossa wird
er, so glaubt der Abessinier, wiederkehren zu seiner Zeit, um das Reich
des ewigen Friedens in Aethiopien einzuführen. An der Spitze seiner
Scharen wird er das heilige Grabmal den Händen der Ungläubigen entreißen,
die Türken aus Europa in ihre ursprüngliche asiatische Wildniß
zurücktreiben, Mekka und Medina zerstören und die ganze muhamedanische
Religion von der Erde vertilgen. Wo er hinkommt, weilt der Friede, und
Jerusalem wird der Hauptsitz der abessinischen Kirche, welche sich dann zu
Glanz und unerhörter Blüte entfalten wird. – –

Wohl kam der Held, der den Thron bestieg, allein der ersehnte Friede blieb
aus. Theodoros II., der Sohn einer armen Frau, vereinigte das Reich wieder
in seiner starken Hand und hob es zu einer Stellung, wie zuvor nie.

                              ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐

Ueber die Verfassung Abessiniens können wir kurz berichten. Der Herrscher
(Kaiser oder König) führt den Titel _Negus_ oder _Negus Nagast za
Aitiopija_, d. h. König der Könige von Aethiopien. Die Residenz war in der
älteren Zeit zu Axum; gegen Ende des 13. Jahrhunderts, als die alte
salomonische Dynastie wieder zur Regierung kam, eine Zeit lang zu Tegulet
in Schoa, später zu Gondar, wenn auch das ehrwürdige Axum noch immer
Krönungsort blieb. Allein der düstere Palast, den die Jesuiten zur Zeit
des Königs Fasilides in Gondar errichtet hatten, behagte den Herrschern
nicht, die lieber in ihrem rothen Zelte im freien Feldlager residirten und
dort ihre Einkünfte an Herden, Getreide, Gold, Zeugen in Empfang nahmen,
während sie die Zölle und Wegegelder den Verwaltern der Provinzen
überließen. Im Grunde aber war der Negus Herr des ganzen Landes; er konnte
nach Belieben jedem Verwalter seinen Grund und Boden nehmen, um denselben
einem andern zu schenken, und von dieser Macht haben die Könige auch
fortwährend reichlich Gebrauch gemacht. Ihre Macht war in der That
unumschränkt, und nur über gewisse, durch Jahrhunderte alte Sitten und
geheiligte Fundamentalordnungen wagten auch sie sich nicht wegzusetzen.
Ein Adel existirte dem Namen nach; doch nur die Mitglieder des königlichen
Geschlechtes erschienen bevorzugt, wenn auch die Brüder des Herrschers bis
ins vorige Jahrhundert hinein in Staatsgefängnissen gehalten wurden, um
keine Intriguen anzetteln zu können. Ein besonderes Ministerium gab es
nicht, wohl aber zahlreiche Hof- und Staatsämter. Welche Rolle die
Gouverneure und Majordomen (Ras) spielten, zu welchem Ansehen sie
gelangten und wie sie ihre Gewalt an Stelle der Königsmacht setzten, wurde
bereits gezeigt.

Nächst dem Ras war früher der mächtigste Gouverneur der von Tigrié, der
den Titel Lika Kahenat (Hoherpriester) und Nabr Id als Hüter der
Bundeslade in Axum führte. Der höchste Würdenträger ist gegenwärtig der
Herzog oder _Detschasmatsch_ (Dadjazmatsch, Djeaz, Djeatsch, Kasmati). Das
Wort bedeutet eigentlich einen, „der an der Thüre kämpft“, um anzudeuten,
daß im königlichen Heerlager dieser Würdenträger mit seinen Truppen die
Stelle vor der Thüre des königlichen Zeltes hat und sich an die Leibgarde
des Herrschers anschließt. Auf den Detschasmatsch folgt der _Fit Auri_,
der Führer der Avantgarde. Er zieht mit seinen Truppen dem Heere
rekognoscirend voran und lagert sich zwischen diesem und dem Feinde oder,
wenn kein Feind da ist, in der Vorhut des Lagers. Niedere Würdenträger
sind der Kanjasmatsch, der mit seinen Truppen zur Rechten des königlichen
Zeltes lagert, und der Gerasmatsch zur Linken desselben. Neben diesen
kriegerischen Würden gab es auch friedliche. Bei Hofe war eine Anzahl
gelehrter Männer, Lik geheißen, die zusammen eine Art Gerichtshof bildeten
und mit deren Hülfe schwierige Fälle entschieden wurden. Die Justiz war
von der Verwaltung nicht geschieden und das Gesetzbuch _Feta Negust_,
d. h. Richtschnur der Könige, umfaßte das weltliche und kanonische Recht.

  [Illustration: König Salomo (abessinische Malerei). Nach Harris.]

Dies ist in kurzen Umrissen die politische Geschichte Abessiniens, die zu
derjenigen der europäischen Staaten nicht in der geringsten Beziehung
stehen würde, wäre das Land nicht ein christliches Reich. Gerade aber dem
Christenthum verdankt es das Interesse, welches für dasselbe stets im
Abendlande wach war und welches eine Reihe ausgezeichneter Forscher und
Missionäre nach jenem bergigen Lande in Nordostafrika wallfahrten ließ, um
uns Kunde von seinen Wundern, seinen Naturschönheiten, seinen Bewohnern
und deren Religion zu bringen.

Sehen wir ab von der schon erwähnten Fahrt des _Kosmas __Indikopleustes_,
eines christlichen Kaufherrn aus Alexandria, welcher im 6. Jahrhundert die
Bai von Adulis besuchte und dort eine wichtige Inschrift kopirte, die er
in seiner „_Topographia christiana_“ veröffentlichte, so treffen wir
zunächst wieder im Dogenpalast zu Venedig in dem Weltbilde des _Fra Mauro_
(15. Jahrhundert) auf ein Gemälde Abessiniens von wunderbarer Treue. Nicht
blos kennt der Venetianer den rechten Nebenfluß des Nil, den Takazzié,
unter seinem wahren Namen, sondern er zeigt uns auch den spiralförmig
gekrümmten Lauf des Blauen Nil, den er mit seinem abessinischen Namen Abai
bezeichnet. Mehrere abessinische Landschaften, wie Gozan, Bagamidre
(Begemeder), Hamara (Amhara) und Saba (Schoa), kommen bereits bei ihm vor.
Auch die Küstenstriche des Osthorns von Afrika waren ihm wohlbekannt. In
die Nähe der Bab el Mandeb verlegt er die Sitze der Danakil, die Stadt
Zeyla und den Landstrich Adal. Er zeichnet uns dann den Lauf des Awasi
(Hawasch), in dessen Nähe er die Stadt Härrär setzt.

Im 13. Jahrhundert unterhielt man von Rom aus einen schriftlichen Verkehr
mit dem christlichen Abessinien und seit 1243 hören wir auch von
Missionen, die dorthin entsendet wurden. _Marino Sanuto_ machte deshalb zu
Beginn des 14. Jahrhunderts die Christen Europa’s aufmerksam, wie nützlich
ein Bündniß mit den Glaubensgenossen in Nubien oder Habesch bei einem
Kreuzzuge gegen Aegypten sein müßte. Seit der Mitte jenes Jahrhunderts
wurde auch auf die abessinischen Könige der Titel des _Erzpriesters
Johannes_ übertragen und die Kunde von einem angeblich mächtigen
Christenreich im Morgenlande vom chinesischen Himmelsgebirge plötzlich
nach den Alpenländern am Blauen Nil verlegt. Botschafter dieser
Erzpriester erreichten nicht blos die römische Kurie, sondern auch andere
europäische Höfe, und die von ihnen eingezogene Kunde wurde getreulich auf
den Karten niedergelegt. Als daher die Portugiesen unter _Prinz Heinrich
dem Seefahrer_ im 15. Jahrhundert ihre afrikanischen Entdeckungsreisen
antraten, war das ferne christliche Reich, das die Geographen jener Zeit
das „dritte Indien“ nannten, das äußerste Ziel, welches sie anfänglich ins
Auge faßten und auf dem Wege des fabelhaften „Goldflusses“, der ganz
Afrika der Quere nach durchströmen sollte, zu erreichen hofften.

Später, als der Seeweg nach Ostindien gefunden war und die Portugiesen
sich dort festgesetzt hatten, beschifften sie auch das Rothe Meer und
gelangten am 16. April 1520 nach Massaua, dem Ausfuhrhafen der Abessinier.
Dort erreichten sie also das ursprüngliche Ziel des Infanten Heinrich, des
Seefahrers, das Reich des afrikanischen Erzpriesters Johannes. Statt einer
mächtigen Herrschaft, wie sie erwartet hatten, fanden sie aber nur ein
beschränktes, in ihren Augen ärmliches Gebiet, rohe Bewohner und ein
verwahrlostes Christenthum.

Die bald darauf folgende portugiesische Invasion und die Bemühungen der
Jesuiten, die Abessinier zur katholischen Kirche zu bekehren, wurden
bereits oben erwähnt. Durch die Berichte der Jesuiten-Missionäre erhielt
man dann die erste ausführliche Kunde von den Glaubensbrüdern im Innern
Afrika’s und ihrem Lande. Viele wichtige Nachrichten gelangten namentlich
durch die Reise des _Alvarez_ (1520–1526) zu uns, der ganz Aethiopien
durchpilgerte und südwärts in ferne, noch jetzt beinahe unerforschte
Gegenden vor mehr als 300 Jahren gedrungen ist. _Bermudez_ hat uns einen
kurzen Bericht über seine Gesandtschaftsreise (1555) hinterlassen;
ausführlicher sind die fast gleichzeitigen _Barreto_ und _A. Orviedo_,
ferner _Paez_ (1618), _Ameida_, _Mendez_ (1625) und endlich _P. Lobo_, der
1640 nach Europa zurückkehrte.

Nun sollten auch die Deutschen ihren Theil an der Erforschung oder
vielmehr Bekanntmachung Abessiniens haben. Im Jahre 1681 erschien zu
Frankfurt am Main ein glänzendes literarisches Meisterstück deutscher
Gelehrsamkeit, _Hiob Leutholf’s_ (Ludolf’s) klassische „_Historia
aethiopica, sive brevis et succincta descriptio regni Habessinorum, quod
vulgo male Presbyteri Joannis vocatur_“, welcher noch mehrere Kommentare
und Anhänge folgten. Die Natur des Landes und seine Einwohner, die
Geschichte, die Religion und kirchlichen Verhältnisse, die Literatur
Abessiniens werden darin ausführlich behandelt. Große Hülfe bei der
Ausarbeitung seiner Werke erhielt Leutholf von dem amharischen Patriarchen
_Abba Gregorius_, der kurze Zeit am Hofe des Herzogs Ernst von
Sachsen-Gotha weilte und dessen Porträt in dem Kommentar mitgetheilt ist.
Die Kleidung der Einwohner, Abbildungen der Pflanzen und Thiere, der
Alterthümer des Landes sind in einer für die damalige Zeit sehr treuen
Wiedergabe in den Werken Leutholf’s enthalten, der uns auch die
Korrespondenz der abessinischen Könige mit den Königen Spaniens, ein
Verzeichniß äthiopischer Manuskripte, Gebete und Liturgien, den
abessinischen Kalender u. s. w. übermittelt hat und dessen Werk fast ein
Jahrhundert lang die vorzüglichste Quelle über Abessinien blieb. Kurz
darauf, nachdem Leutholf seine äthiopische Historie veröffentlicht hatte,
durchzog 1698 der französische Arzt _Poncet_ das ganze Land, indem er, von
Sennar ausgehend, über Amhara und Tigrié bis Massaua gelangte. Gründlicher
als alle seine Vorgänger förderte aber 70 Jahre später, durch Leutholf’s
Geschichte angeregt, der Schotte James Bruce unsere Kenntniß des Landes
durch Sammlung geschichtlicher Urkunden und Quellen, sowie durch genaue
astronomische Ortsbestimmungen.

  [Illustration: Hiob Ludolf. Nach dem Kupferstiche in dessen „_Historia
  aethiopica_“.]

_James Bruce_, geboren den 14. Dezember 1730 zu Kinnaird in Schottland,
wird für alle Zeiten als einer der bedeutendsten unter den abessinischen
Reisenden dastehen. In Algier, wo er 1763 als englischer Konsul angestellt
worden war, beschäftigte er sich eifrig mit dem Studium der
morgenländischen Sprachen und machte von dort aus Reisen längs der Küste
des Mittelmeers, den Nil aufwärts bis Syene und nach Baalbek und Palmyra
in Asien, wo er die berühmten Alterthümer zeichnete. So vorbereitet trat
er im Jahre 1769 seine große Reise an, auf der er von Massaua unter großen
Mühen und Gefahren bis Gondar gelangte, wo er sich bei der hier
ausgebrochenen Blatternseuche durch Anwendung europäischer Heilmittel
sowol bei Hofe als im Volke großes Ansehen erwarb und Gelegenheit fand, in
alle Einzelheiten des Volkslebens einzudringen, sowie mit dem furchtbaren
Ras Michael freundlich zu verkehren. Er blieb über drei Jahre in
Abessinien, fand die Quelle des Abai oder Blauen Nil im Südwesten des
Tanasees und brachte ein ganzes Jahr damit zu, seine Reise nördlich durch
das Land der wilden Schankela oder Schangalla (Heiden) und Nubien nach
Alexandria fortzusetzen, das er im Mai 1773 glücklich erreichte. Seine
Reisebeschreibung (_Travels into Abyssinia_) gab er in fünf Bänden erst
1790 zu Edinburg heraus, worauf er bald (16. April 1794) durch einen Sturz
von der Treppe sein Leben endete. Er, der so vielen Gefahren getrotzt, so
große Mühen und Beschwerden muthig ertragen, endete auf diese Weise! Die
letzten vier Jahre seines Lebens waren ihm noch außerordentlich verbittert
worden. Als er sein umfangreiches Werk veröffentlichte, fand das Publikum
darin eine solche Menge von ungewöhnlichen Nachrichten, Uebertreibungen
und Ungeheuerlichkeiten, daß man den Reisenden kurzweg für einen Lügner
erklärte. Er wurde mit Zuschriften bestürmt, die weisen Kritiker
behandelten ihn unbarmherzig, und namentlich konnte man sich über die
Angabe, daß die Abessinier rohes Fleisch von lebenden Thieren genössen,
nicht beruhigen, eine Angabe, auf die wir ausführlich zurückkommen. Man
nannte ihn Mr. Mendax, Herr Lügner; aber die Zeit hat ihn gerechtfertigt,
wenn er selbst auch nicht die Genugthuung erlebte, die Zweifler bekehrt zu
sehen.

Drei Jahrzehnte waren seit Veröffentlichung von Bruce’s so oft
angefochtener Beschreibung verflossen, als die englische Regierung den
ersten Entschluß faßte, mit dem merkwürdigen abessinischen Volke in
Verbindung zu treten. _Lord Valentia_ wurde zu Anfang dieses Jahrhunderts
beauftragt, eine Reise ums Kap der guten Hoffnung herum nach dem Rothen
Meere zu machen, die ganze ostafrikanische Küste wissenschaftlich zu
untersuchen, besonders die genauesten Nachrichten über Abessinien
einzuziehen und die geeigneten Schritte zu thun, eine Verbindung mit
diesem Lande anzuknüpfen. Diese Reise war von vielen wichtigen Resultaten
für die genauere Bekanntschaft mit den hervorragendsten Punkten an der
ostafrikanischen Küste, sowie für die Belebung des indischen Handels
begleitet; jedoch hatte sie für Abessinien nicht den Erfolg, den sie hätte
haben können, wenn die Unterhandlungen kräftiger betrieben worden wären.
Valentia selbst blieb in Mocha an der arabischen Küste, während er seinen
wissenschaftlich gebildeten, tüchtigen Sekretär _Henry Salt_ mit der
Sendung nach Abessinien betraute. Dieser machte die Reise über Massaua,
Arkiko, Halai, Dixan nach der Provinz Enderta, wo er, da er nicht zum
Könige selbst in Gondar gelangen konnte, mit dem Ras Walda Selassié
unterhandelte. (Vergl. oben S. 14.) Es gelang dem gewandten Salt durch die
glänzenden Geschenke, welche er dem Ras im Namen Georg’s III. von England
überreichte, denselben vom Wohlwollen der englischen Regierung zu
überzeugen und ihn zu einer Verbindung mit England zu bewegen. Er kehrte
mit ausführlichen Nachrichten über das Land und seine Bewohner und mit der
Ueberzeugung zurück, daß sich hier England für die Erweiterung seines
Handels als auch der Kultur ein weites und günstiges Feld eröffne. Einer
von Salt’s Begleitern, _Pearce_, blieb am Hofe des Ras zurück. Dieser
ersten Reise folgte bald darauf, gegen das Jahr 1814, nachdem Salt’s
Gönner, Lord Valentia, in den Pairsstand erhoben worden war, eine zweite
Gesandtschaft unter Salt’s eigener Führerschaft. Diese hatte den Erfolg,
daß das gute Vernehmen zwischen England und dem alten Ras gestärkt und
durch Pearce’s längeren Aufenthalt die Bekanntschaft mit Abessinien
vermehrt wurde. Wieder traten nun politische Wirren in Tigrié ein, welche
England die Lust benahmen, weiter in die Angelegenheiten des Landes
einzugreifen, bis im Jahre 1841 Kapitän _Harris_ nach Schoa ging und jene
politische Mission ausführte, von welcher wir eine ausführliche
Schilderung weiter unten nach dessen 1844 zu London erschienenem
dreibändigen Werke „_The highlands of Aethiopia_“ mittheilen.

Es konnte nicht fehlen, daß bei den merkwürdigen Sagen, die über
Abessinien umgingen, und bei der Unbekanntschaft, die über dessen Volk und
Natur noch herrschten, auch die Deutschen ihren Antheil an der näheren
Erschließung des Landes nahmen, nachdem Ludolf mit so gutem Beispiele,
wenn auch nur theoretisch, vorangegangen war. Den Reigen eröffneten zwei
der besten deutschen Naturforscher: _W. F. Hemprich_ und _C. G.
Ehrenberg_, welche schon früher Nubien durchzogen hatten und nun, von der
preußischen Regierung unterstützt, das Rothe Meer besuchten. Von Massaua
aus durchwanderte Hemprich die Küstengebirge, während Ehrenberg nach den
heißen Quellen von Eilat zog. Nach Massaua zurückgekehrt, traf ihn der
harte Verlust, am 30. Juni 1825 seinen Begleiter Hemprich dem Fieber
erliegen zu sehen. Trotzdem war die naturgeschichtliche Ausbeute der
Expedition ungemein reich, da nicht nur eine Menge ganz neuer Thierformen
entdeckt, sondern auch in den Oscillatorien, Wesen zwischen Thier und
Pflanzen, die Farbe des Rothen Meeres erkannt worden war.

Die bedeutendste und ergebnißreichste Reise in Abessinien führte nach
Bruce abermals ein Deutscher, _Eduard Rüppell_, geboren 20. November 1794
zu Frankfurt a. M., aus. Reich begütert und vortrefflich in
naturwissenschaftlicher wie astronomischer Beziehung vorbereitet, hatte er
nach einem kleineren Ausflug nach dem Orient, Nubien, Kordofan und das
Peträische Arabien 1823–1825 besucht und sich dann Abessinien als
Hauptziel seiner Forschungsthätigkeit erkoren. Am 17. September 1831
landete er auf Massaua an der abessinischen Küste, wo er den Rest des
Jahres und den nächsten Frühling zu Ausflügen in die Umgebung, nach
Arkiko, dem Thale Modat, den Dahalakinseln und nach den Ruinen von Adulis
benutzte. Am 29. April 1832 trat er dann den Marsch nach dem inneren
Hochlande an, welches vor ihm wissenschaftlich nur von Bruce und Salt
beschrieben worden war. Wurde auch die ganze Reise glücklich zurückgelegt,
so verlief sie doch nicht ohne große Gefahren, denn in Tigrié, wo gerade
Ubié ans Ruder gelangt war, wütheten noch die grausamsten Bürgerkriege.
Für diesen Herrscher hatte Rüppell ein sonderbares Geschenk, nämlich eine
schwere Kirchenglocke bestimmt, deren Transport auf dem Rücken von
Maulthieren viel Mühe verursachte, aber mit großer Freude angenommen
wurde, da Glocken in Abessinien sehr selten sind. Um sich einen Schutz auf
der Reise zu verschaffen, lieh Rüppell einem abessinischen Großhändler 600
Maria-Theresia-Thaler und zog nun durch den Tarantapaß auf Halai, die
abessinische Grenzstation, zu. Schon hatte er sein Gepäck in Massaua zur
Ueberfahrt nach dem Festlande zurechtgelegt, als ihm von einem betrunkenen
türkischen Soldaten, der eine Pistole auf ihn abschoß, fast das Leben
geraubt und die große, wohl vorbereitete Reise verhindert worden wäre. Von
Halai wandte sich Rüppell in südlicher Richtung nach Atigrat am Fuße des
hohen Alequa, kreuzte am 20. Juli das tiefe Thal des reißenden Bergstroms
Takazzié und stieg hierauf in die hohen, oft von Schnee bedeckten, kühn
geformten Alpen der Provinz Semién, wo er den fast 12,000 Fuß hohen Paß am
Selkiberge überschritt und auf den Alpenwiesen in jener Region neben
Ericabüschen jene seltsame, in ihrer Form an die Palmen erinnernde
Pflanze, die Dschibarra, entdeckte, welcher Fresenius den Namen
_Rhynchopetalum montanum_ gegeben hat. Am 12. Oktober hielt er seinen
Einzug in die Königsstadt Gondar, wo er der Absetzung des Königs Saglu
Denghel beiwohnte und bis zum 18. Mai 1833 verweilte. Die Zwischenzeit
benutzte er zu einem Ausfluge in die heißfeuchte Niederung (Kolla) von
Workemeder und Ermetschoho, nördlich von Gondar, wo seine Elephantenjäger
reichliche Beute fanden. Dann zog er dem Ostufer des Tanasees entlang,
dessen Höhe über dem Meere er zum ersten male zu 5732 Fuß bestimmte.
Weiterhin gelangte er dann zu der Stelle, wo unfern der berühmten _Brücke
von Deldei_ der Abai oder Blaue Nil dem Tanasee entströmt.

Am 18. Mai 1833 brach Rüppell von Gondar auf, um über die alte
Krönungsstadt Axum, wo er eine wichtige altäthiopische Inschrift
entdeckte, und über Adoa, die Hauptstadt Tigrié’s, wieder nach Massaua
zurückzukehren, das er am 29. Juni glücklich erreichte. Seine Ausbeute,
die er von dieser Reise mit heimbrachte, war eine ungemein reiche, denn
nicht nur hatte er viele Orts- und Höhenbestimmungen vorgenommen, die der
Karte Abessiniens ein wesentlich anderes Gepräge geben, sondern auch
archäologische, historische und ethnographische Forschungen angestellt,
vor allem aber die zoologische Kenntniß des Landes bereichert, wie seine
„Neue Wirbelthiere zur Fauna Abyssiniens gehörig“ und seine „Uebersicht
der Vögel Nordostafrika’s“ beweisen.

  [Illustration: _Rhynchopetalum montanum_. Im Hintergrunde der Bachit,
  im Vordergrunde Klippspringer.
  Originalzeichnung von Robert Kretschmer.]

Seine „Reise in Abyssinien“ erschien 1840 zu Frankfurt a. M. Für alle
seine Arbeiten wurde ihm denn auch die wohlverdiente Auszeichnung zu
Theil, daß ihm die Londoner geographische Gesellschaft die große goldene
Medaille verlieh. Seine reichen Sammlungen vermachte er seiner Vaterstadt
Frankfurt, wofür diese ihm eine lebenslängliche Pension aussetzte.

Auf Rüppell folgten 1835 zwei Franzosen, die Stiefbrüder _Tamisier_ und
_Combes_, mit dem angeblichen Zwecke des einen, Menschenkenntnisse zu
sammeln, des andern, sich für die Poesie zu begeistern. Sie kamen unter
vielen Gefahren bis Schoa. Beide Herren waren Mitglieder der Sekte der
Saint-Simonisten und haben nach ihrer Rückkehr 1846 zu Paris vier starke
Bände („_Voyage en Egypte, en Nubie etc._“) einer sehr romantischen und
wenig glaubhaften Erzählung ihrer Erlebnisse und Abenteuer veröffentlicht.
Mit nicht viel mehr Glück machte im Jahre 1836 Baron _von Katte_ einen
kurzen Ausflug nach Adoa in Tigrié, kehrte jedoch bald wieder zurück und
beschenkte Deutschland mit einer Reiseschilderung, an deren Genauigkeit
der gewissenhafte Rüppell gar manches auszusetzen hat. („Reise in
Abyssinien im Jahre 1836“. Stuttgart und Tübingen 1838.)

Im Januar 1837 traf dann der deutsche Botaniker Schimper in Adoa, damals
der Hauptstadt Ubié’s, ein. _Wilhelm Schimper_ wurde im Jahre 1804 zu
Mannheim geboren. Zuerst als Drechslerlehrling, dann als Unteroffizier,
fand er keine Befriedigung seines Wissensdranges, weshalb er sich nach
München wandte, um dort Botanik zu studiren. Nachdem er eine tüchtige
Ausbildung erlangt, trat er größere Reisen nach dem Orient an; er
besuchte, vom württembergischen Reiseverein unterstützt, Algerien,
Aegypten, die Sinaihalbinsel und Arabien, von wo er überall reiche
Sammlungen nach Hause brachte. Im Jahre 1835 ging er, um seine durch
Fieber untergrabene Gesundheit wiederherzustellen, über Massaua in die
abessinischen Hochlande, wo er bei Ubié in Adoa eine freundliche Aufnahme
fand und seinen wissenschaftlichen Sammlungen nachgehen konnte. Sein
Einfluß bei diesem Fürsten stieg immer mehr, sodaß Schimper als
Statthalter zuerst einen Distrikt an der Gallagrenze, dann den Distrikt
Antitscho in Tigrié zu verwalten hatte. Mit einem Worte, er wurde die
rechte Hand Ubié’s, als dessen Baumeister und Minister er sich
unentbehrlich zu machen wußte. Schimper war bereits früher in Rom zum
Katholizismus übergetreten, weshalb er die Lazaristenmissionen unter de
Jacobis in Abessinien unterstützte, was er um so leichter mit Einfluß
auszuführen wußte, als er mit einer Tochter des Landes sich vermählt
hatte. Auch begann er für Frankreich zu wirken, von wo aus er
Unterstützungsgelder bezog, um dafür seine Sammlungen an den _Jardin des
plantes_ in Paris einzusenden. Nach dem Sturze Ubié’s hatte Schimper
anfangs viel Ungemach auszustehen, doch kam er später bei Theodoros wieder
in Gnade. Im Jahre 1861 schrieb Theodor von Heuglin über ihn: „Mein alter
Freund Schimper wird bald wieder im Stande sein, seine botanischen und
zoologischen Sammlungen fortzusetzen, die in den letzten fünf bis sechs
Jahren ausschließlich nach Frankreich gegangen sind. Dr. Schimper zählt
jetzt 57 Jahre, ist aber immer noch der alte rüstige und bewegliche Mann,
voll unverwüstlichen Humors, als den ich ihn vor vielen Jahren hier kennen
zu lernen das Vergnügen hatte.“

Bald nachdem Schimper in Abessinien sich niedergelassen hatte, beauftragte
die französische Regierung die Aerzte _Aubert_ und _Dufey_, wieder ein
gutes Vernehmen mit den Eingeborenen herzustellen, das durch das Auftreten
verschiedener französischer Abenteurer gestört worden war. Leider waren
diese beiden Gesandten keineswegs die einer solchen Aufgabe gewachsenen
Männer, denn durch eine Kette von Thorheiten und Schlechtigkeiten setzten
sie den europäischen Charakter in der Achtung des Volks ganz herunter und
vermehrten die Schwierigkeiten, die dem europäischen Verkehr im Lande
schon im Wege standen. Dr. Aubert kehrte im Februar 1838 von Adoa nach
Kairo zurück, während Dufey durch Schoa nach der Küste des Rothen Meeres
ging und als der erste Europäer die gefährliche Straße von Ankober nach
Tadschurra zurücklegte. Die Sendung dieser beiden Männer wurde, da das
französische Interesse an Abessinien sich mehrte, die Vorläuferin einiger
andern politischen und wissenschaftlichen Expeditionen von Frankreich aus,
die vom Jahre 1839 an erfolgten. Zwei derselben waren 1839 und 1841 unter
_Lefêbvre’s_, eine 1840 unter _Combes’_ Anführung (welcher zum zweiten
male Abessinien besuchte) nach Tigrié und auch nach Amhara gegangen. Ubié,
der damals noch in Tigrié herrschte, behandelte namentlich Lefêbvre sehr
verächtlich, musterte die ihm vom Könige Ludwig Philipp übersandten
Geschenke und sagte zu seinem Schatzmeister: „Nimm diesen Unrath in die
Schatzkammer hinüber.“ Der Gesandte wurde trotzdem aufgefordert, am Essen
mit theilzunehmen, wobei reichlich Honigwein kredenzt wurde, der den
Herrscher bald trunken machte. In diesem Zustande forderte er den Herrn
Gesandten auf, vor ihm zu tanzen, was nur durch das muthige Auftreten des
Dolmetschers verhindert werden konnte. In Verbindung mit den französischen
Gesandtschaften stand auch die Reise des belgischen Generalkonsuls in
Kairo _Blodell_, im Jahre 1841, die um deswillen zu erwähnen ist, weil
sie, von Massaua ausgehend, ganz Abessinien von Osten nach Westen
durchkreuzte, indem Blodell über Sennar und Chartum nach Kairo
zurückkehrte. Reiche wissenschaftliche Arbeiten lieferte um dieselbe Zeit
die Expedition des Franzosen _Galinier_ nach Tigrié, Semién und Amhara.

Combes war von Ubié gut aufgenommen worden, aber die freundschaftlichen
Verhandlungen wurden bald abgebrochen durch die Ankunft der Gebrüder
_d’Abbadie_, von denen der eine Ubié beleidigt hatte durch seinen Antheil
an einem Streifzuge gegen seine Truppen. Die d’Abbadie’s wurden mit der
Drohung verwiesen, daß, wenn sie je wieder ihre Füße in Ubié’s Gebiet
tragen sollten, dieselben ihnen abgehauen würden. Ebenso mußten infolge
dieses Vorfalles Combes und Lefêbvre das Land verlassen. Abgesehen von
ihren politischen Intriguen waren die Gebrüder Anton und Michael d’Abbadie
ausgezeichnete, mit tüchtigen Kenntnissen versehene und reich begüterte
Männer, die nicht unwesentlich für die Erweiterung unserer Kunde
Abessiniens thätig waren und sind, wenn sie auch ihr Hauptaugenmerk auf
die Verbreitung des Katholizismus und auf die Förderung der Interessen
Frankreichs gewandt haben mögen. Nach langen Vorbereitungen und einigen
mißglückten Versuchen gelang es 1842 Anton d’Abbadie, über Tigrié in das
Binnenland einzudringen, wo er sich mit der Erforschung Enarea’s, Kaffa’s
und des Quellgebiets des Uma beschäftigte. Nach zehnjähriger Abwesenheit
kehrten beide Brüder 1848 nach Frankreich zurück, wo sie die Resultate
ihrer Arbeiten in einzelnen Abhandlungen veröffentlichten.

Politik und Religions- oder Missionsangelegenheiten begannen überhaupt
allmälig bei den abessinischen Reisenden die Hauptsache, die Wissenschaft
aber die Nebensache zu werden. Englische Reisende und protestantische
Missionäre wirkten im Interesse Großbritanniens, katholische Sendboten und
französische Reisende im Interesse Frankreichs. Kein Wunder also, daß die
abessinischen Fürsten, welche die Plane bald durchschauten, mißtrauisch
wurden und einzelne Reisende schlecht behandelten. Der abenteuerlichste
unter allen war wohl _Rochet d’Héricourt_, nach Isenberg’s Bericht ein
französischer Glücksritter, der sich mehrere Jahre hindurch in Kairo als
Chemiker und Mineralog aufhielt und beständig mit dem Plane umging, nach
Abessinien zu reisen, um sich dort Geld zu machen. Nachdem ihm mehrere
Versuche mißlungen waren, setzte er endlich 1839 sein Vorhaben ins Werk,
indem er den deutschen Missionären nach Schoa folgte. Als er dort jedoch
nicht gleich zu großen Reichthümern gelangte, wurde er ungehalten und von
dem Könige für halb verrückt angesehen. Bald sollte sich die Sache jedoch
wenden und Rochet zu großem Ansehen gelangen. Da der König, dessen erste
Frage an jeden ankommenden Europäer gewöhnlich die war, was er verstehe,
Rochet’s chemische Fertigkeiten in Pulvermachen, Seifensieden,
Zuckerfabriziren und andern Dingen bemerkte, stieg letzterer hoch in
seiner Achtung. Außerdem versprach der Franzose, ihn von einer gewissen
heimlichen Krankheit zu heilen, und als diese Kur zu gelingen schien,
wurde er dem Könige unentbehrlich. Rochet benutzte nun, wie es die
Franzosen gewöhnlich thun, die steigende Gunst beim Könige, sich politisch
mächtig zu machen, indem er Schoa dem französischen Einflusse zu eröffnen
und den Engländern entgegenzuwirken suchte. Als er nach neunmonatlichem
Aufenthalte wieder in sein Vaterland zurückkehren wollte, bestimmte er den
Negus dahin, ihm einen Brief und Geschenke an den König Ludwig Philipp von
Frankreich mitzugeben und auf diese Weise eine politische Verbindung
zwischen Frankreich und Schoa einzuleiten. Dieses einseitige Vorgehen
suchten aber in Englands Interesse die deutschen Missionäre, namentlich
Krapf, zu verhindern, indem sie den König bewogen, eine Botschaft nach
Bombay zu senden, um einen Freundschafts- und Handelsvertrag mit England
abzuschließen. Als Erwiederung dieser Botschaft erschien dann die
glänzende Ambassade unter Kapitän Harris.

Inzwischen war Rochet in Paris angekommen und hatte die dortige Regierung
seinem Wunsche, mit Schoa in Verbindung zu treten, geneigt gefunden.
Nachdem er eine Beschreibung seiner Reise herausgegeben hatte („_M. Rochet
d’Héricourt, Voyage sur la côte occidentale de la Mer Rouge, dans le pays
__d’Adel et le Royaume de Choa._“ Paris 1841), kehrte er im Auftrage
seiner Regierung und der Pariser Akademie der Wissenschaften wieder nach
Schoa zurück. Kaum an der Küste angelangt, wußte er es durchzusetzen, daß
der König von Schoa befahl, keinen andern Europäer, sei er Franzose oder
Engländer, außer ihm nach Schoa kommen zu lassen, bei Verlust des Lebens.
Infolge dessen mußten denn die deutschen Missionäre Krapf, Isenberg und
Mühleisen von Zeyla aus, wohin sie sich 1842 zu einer zweiten Reise nach
Schoa begeben hatten, unverrichteter Dinge umkehren. Rochet bereiste nun
weit und breit das Innere des Landes und gab uns in einem zweiten Werke
(„_Second voyage_“, Paris 1846) neue werthvolle Nachrichten über Schoa.

Nach Isenberg erhielt Rochet nur durch ein listiges Vorgeben die Erlaubniß
des Königs, in das Innere von Schoa vorzudringen. Er behauptete nämlich,
nur dann den König heilen zu können, wenn er ein Präparat von einem
ungeborenen Hippopotamus mache, das er aus einem fernen See holen müsse.
Das nachtheiligste Licht auf Rochet’s Wahrheitsliebe und Glaubwürdigkeit
wirft indessen wol, was der deutsche Missionär Ludwig Krapf über ihn
berichtet. Beide befanden sich im November 1839 im Kriegslager des Königs
Sahela Selassié von Schoa, der auf einem Feldzuge gegen die Galla
begriffen war. Man war in der Nähe der Quellen des Hawaschflusses, allein
beide Europäer bekamen sie nicht zu Gesicht, während Rochet sich in seinem
Reisewerke für deren Entdecker ausgiebt. Der biedere Krapf giebt uns den
nöthigen Kommentar zu dieser wissenschaftlichen Schwindelei. „Rochet“ so
schreibt Krapf, „sagte zu mir im Verlaufe des Feldzuges, daß wir angeben
müßten, die Quellen des Hawasch wirklich gesehen zu haben. Als ich ihm
erwiederte, daß dieses ja nicht der Fall gewesen, antwortete er lächelnd:
Oh, wir müssen Philosophen sein.“ – So erlauben sich gewissenlose Reisende
Geographie zu machen oder vielmehr zu fälschen.

Die Anzahl der Reisenden, welche Abessinien besuchten, beginnt sich nun
ungemein zu häufen, sodaß wir nur die wichtigsten unter ihnen hervorheben
können.

Dr. _Beke_, früher englischer Konsul in Leipzig, reiste 1840 von London
nach Aden, unterstützt von den Freunden Afrika’s, um in Schoa und den
angrenzenden Ländern Nachrichten über das Innere und besonders über den
geistigen Zustand der dasselbe bewohnenden Völker einzusammeln. Glücklich
kam er über Tadschurra in Ankober an, wo der Missionär Krapf ihm Hülfe
leistete und sich in den Verhandlungen zwischen Beke und dem Könige manche
Beschwerden und Unannehmlichkeiten zuzog. Später, nach Ankunft der
englischen Gesandtschaft und von dieser unterstützt, reiste er nach
Godscham, von wo er durch die Provinzen Jedschau, Waag und Enderta nach
Antalo ziehend, Tigrié erreichte. Die Frucht seines langen Aufenthalts
waren verschiedene wissenschaftliche Werke; namentlich widmete er sein
Augenmerk der politischen Rivalität der Franzosen und Engländer im Rothen
Meere, welche die großen Fragen des Suezkanals und des ostindischen
Ueberlandwegs einschließt und über welche er in seinem Werke „_The French
and the English in the Red Sea_“ seine Ansichten niedergelegt hat.

  [Illustration: Eduard Zander. Nach einem Gemälde im Besitze Sr. Hoheit
  des Herzogs von Anhalt.]

Mit Schimper’s Schicksal im engsten Zusammenhange steht ein anderer
deutscher Landsmann, dem wir bei Abfassung dieses Werkes zu ganz besonderm
Danke verpflichtet sind. _Christoph Eduard Zander_, von dem ein Theil der
charakteristischen Illustrationen dieses Buches herrührt, ward am 22.
Oktober 1813 in der kleinen anhaltischen Stadt Radegast geboren. In seiner
Heimat, wo er noch immer den besten Ruf genießt, wird er als ein Mann von
bescheidenem, anspruchslosem Wesen und tief religiösem Charakter
geschildert, der eine ganz besondere Fertigkeit in den verschiedensten
technischen Dingen besaß. Zander erlernte die Landwirthschaft, wandte sich
dann aber zur Malerei und hielt sich zu seiner Ausbildung längere Zeit in
München auf. Neben seiner Kunst interessirte er sich aber auch lebhaft für
das Artilleriewesen, eine Neigung, die ihm später sehr zu statten kam. Da
es ihm nicht gelang, als Maler und Zeichner seinen Unterhalt hinreichend
zu erwerben, ging er auf den Rath einiger Freunde zu Dr. Schimper. Nach
einer langen Fahrt durch das Rothe Meer, auf welcher er von Krankheit und
Hunger geplagt wurde, warf seine Barke am 12. September 1847 bei Massaua
Anker. Durch den Tarantapaß stieg er in das abessinische Hochland hinauf
und schrieb in Halai einen Brief an Schimper, in welchem er diesen von
seiner Ankunft in Kenntniß setzte. Trotz einer niederschlagenden, ihn
zurückweisenden Antwort beschloß er dennoch, nach Antitscho, Schimper’s
Distrikt, vorzudringen. Da aber ringsum das Land von Rebellen verwüstet
wurde, konnte dies nicht ohne Lebensgefahr geschehen; doch gelangte er
glücklich an sein Ziel, wo er von dem Landsmann gut aufgenommen wurde. Als
Gehülfe Schimper’s bei dessen naturwissenschaftlichen Arbeiten
durchstreifte er weit und breit das Land, sammelnd und zeichnend, bis er
endlich zum Oberhofbaumeister des Regenten Ubié vorrückte, von diesem
Ländereien und Vieh erhielt und den Auftrag bekam, die Kirche von Debr
Eskié in Semién zu bauen, dieselbe, in welcher am 11. Februar 1855 Theodor
II. vom Abuna zum Herrscher über Gesammt-Abessinien gekrönt wurde. In
Ubié’s Gunst immer mehr steigend, wurde Zander in den Adel erhoben; auch
verheirathete ihn dieser Fürst mit einem schönen Gallamädchen. In der
großen Schlacht von Debela am 9. Februar 1855, in welcher der alte Ubié
von dem Emporkömmling Theodor besiegt wurde, kommandirte Zander die
Artillerie des ersteren. Als alles für Ubié verloren war, trat Zander in
die Dienste Theodor’s und wurde Befehlshaber der befestigten Insel Gorgora
im Tanasee, wo er die Schatzkammer und ein Zeughaus des Königs zu hüten
hatte. Dieser, der den tüchtigen, in allen technischen Dingen erfahrenen
Mann zu schätzen wußte, machte ihn zu seinem Vertrauten und höchsten
militärischen Würdenträger. Als solcher stand Zander auch noch 1868 an der
Seite Theodor’s. Seine werthvollen Arbeiten über Abessinien, die uns in
vieler Beziehung neue Gesichtspunkte eröffnen, sind in dem vorliegenden
Buche benutzt worden und gereichen demselben als Originalbeiträge zur
besondern Zierde.

  [Illustration: Werner Munzinger.]

In jene Zeit, in welcher Abessinien gleichsam von europäischen Reisenden
durchschwärmt war und ein Missionsversuch dem andern folgte, fallen auch
die geographisch nicht unwichtigen Züge des italienischen Mönches
_Giuseppe Sapeto_ durch die nördlichen Grenzländer der Mensa, Bogos und
Habab. Begleitet von den Brüdern d’Abbadie landete er im Jahre 1838 in
Massaua und erreichte am 3. März desselben Jahres Adoa. Er wußte sich bei
Ubié in Gunst zu setzen und gründete zu Adoa nach Vertreibung der
protestantischen Geistlichen (siehe darüber weiter unten) eine katholische
Mission, besuchte Gondar, sah sich aber nach fünfjährigem Aufenthalt – wie
Isenberg angiebt, infolge liederlichen Lebens – durch Krankheit genöthigt,
nach Aegypten zurückzukehren; aber 1850 begab er sich aufs neue nach
Massaua, indem er längs der Westküste des Rothen Meeres hinaufreiste und
nun mit dem Missionär Stella in die Länder der Bogos, Mensa und Habab
vordrang, über die wir einen ausführlichen Bericht mittheilen werden. Es
war dies gleichsam eine neue Entdeckung, denn in der That kannte man kaum
den Namen der Habab, und die andern beiden Völker existirten bis dahin für
uns nicht. Sapeto’s Werk erschien erst 1857 zu Rom und führt den Titel:
„_Viaggio e missione cattolica fra i Mensa, i Bogos e gli Hahab_.“

Das in Rede stehende Gebiet ist wegen seiner leichten Zugängigkeit dann
häufig das Ziel europäischer Reisenden geworden und uns nun fast so genau
bekannt wie ein Land Europa’s. Am 13. Juli 1857 brach ein österreichischer
Löwenjäger, _Graf Ludwig Thürheim_, nach Mensa auf, besuchte Keren, wo die
katholischen Missionäre sich niedergelassen hatten, und gelangte glücklich
durch Barka und Taka nach Chartum.

Die vorzüglichsten Nachrichten über jene Länder, werthvolle, bleibende
Schätze der geographischen Literatur, verdanken wir indessen dem Schweizer
_Werner Munzinger_. Dieser gelehrte, unternehmende Mann wurde 1832 zu
Olten geboren. Er studirte in Bern und München Geschichte,
Naturwissenschaften und orientalische Sprachen; in den letzteren
vervollkommnete er seine Kenntnisse zu Paris. Schon im Jahre 1852, also im
Alter von zwanzig Jahren, begab er sich nach Kairo, trat dort später in
ein Handelsgeschäft, unternahm dann 1854 eine kaufmännische Reise nach dem
Rothen Meere und benutzte die günstige Gelegenheit zu einem Ausfluge nach
den Bogosländern. Es war schon damals sein Plan, sich dort niederzulassen,
und er führte denselben unverweilt aus. Im Jahre 1855 ging er, mit
Sämereien und Waffen wohl versehen, nach Keren, wo er dann längere Zeit
gewohnt hat. Dort verfaßte er auch sein 1859 zu Winterthur erschienenes
Werk „Ueber die Sitten und das Recht der Bogos“, dessen Vorrede aus Keren
vom 31. November 1858 datirt ist. Er lebte wissenschaftlichen Forschungen,
trieb dabei auch Handelsgeschäfte und machte sich bei dem Volke so
beliebt, daß er oft das Richteramt ausübte und mit Regierungsgeschäften
betraut wurde. Er fand aber auch Muße zur Ausarbeitung seiner Studien und
schrieb nicht nur eine Grammatik des Belem, der Sprache der Bogos, sondern
übersetzte in dieselbe einzelne Abschnitte der Bibel. Die inhaltreiche
Arbeit über die Bogos war jedoch nur die Vorläuferin eines größeren
Werkes: „Ostafrikanische Studien“ (Schaffhausen 1864), in welchem auch das
Land der Marea, der Kunama oder Bazen und deren physikalische Verhältnisse
in mustergiltiger Weise geschildert werden. Auf beide Arbeiten kommen wir
später zurück; ebenso auf die Reise des _Herzogs Ernst von
Sachsen-Koburg-Gotha_ in jenen solchergestalt erschlossenen Gegenden im
Jahre 1862.

Nicht unerwähnt darf hier bleiben, was die verschiedenen Missionäre,
namentlich _Isenberg_ und _Krapf_, für unsere Kenntniß Abessiniens gethan
haben, deren Wirken bei der Schilderung der Missionsversuche die
gebührende Würdigung erhält, während die Reise des vortrefflichen
Franzosen _Wilhelm __Lejean_ im Jahre 1863, der in die Gefangenschaft des
Königs Theodoros II. gerieth, gleich so vielen andern Europäern, in einem
besondern Kapitel besprochen wird.

Hier soll nur noch die _deutsche Expedition_, oder wenigstens der Theil
derselben, welche unter v. Heuglin und Steudner bis Etschebed in
Dschama-Gala vordrang, als würdiger Schluß dieser Aufzählung der Reisen in
Abessinien, ihre Erwähnung finden. Es handelte sich bekanntlich darum, das
Schicksal des in Afrika verschollenen deutschen Reisenden Eduard Vogel aus
Leipzig aufzuhellen, von dem man glaubte, daß ihn der Sultan von Wadaï zu
Wara in Gefangenschaft halte. Zu dem Ende trat auf Anregung des Dr. August
Petermann in Gotha ein Comité zusammen, welches in ganz Deutschland
Sammlungen veranstaltete, eine Instruktion entwarf und mit der Leitung der
Expedition _Theodor v. Heuglin_ betraute. Ihm wurden als Botaniker
beigegeben Dr. _Hermann Steudner_, geboren 1832 zu Greiffenberg in
Schlesien, der Mechaniker _Kinzelbach_ aus Stuttgart, welcher
Positionsbestimmungen vornehmen sollte, _M. L. Hansal_, ein mit den
Gegenden am oberen Weißen Nil schon vertrauter Mann, und endlich _Werner
Munzinger_, der sich in Massaua an die Expedition anschließen sollte.

  [Illustration: Theodor von Heuglin]

Theodor v. Heuglin, einer der bedeutendsten Reisenden der Gegenwart,
geboren den 20. März 1824 zu Hirschlanden in Württemberg, unternahm
bereits im Jahre 1850 eine Reise längs dem Rothen Meere, durchzog dann
1853 mit dem österreichischen Konsul Dr. Reitz von Galabat aus einen
bedeutenden Theil Abessiniens, worüber er in seinen „Reisen in
Nordostafrika“ (Gotha 1857) berichtete. Er wurde österreichischer Konsul
in Chartum, erforschte die Somaliküste, sowie abermals das Rothe Meer, und
trat schließlich an die Spitze der deutschen Expedition, die sich Glück zu
wünschen hatte, einen so umsichtigen, thätigen und mit den Verhältnissen
des Landes vertrauten Führer zu erhalten.

Am 17. Juni 1861 landeten die Mitglieder glücklich in Massaua, von wo sie
sich nach Mensa und Keren in Bogos begaben, um sich auf die große Reise
gehörig vorzubereiten. Mit Anfang Oktober, nachdem die eigentliche
Sommerregenzeit zu Ende war, rüstete man sich zum Aufbruch, zog durch die
bergige Provinz Hamasién und trennte sich zu Mai Scheka in Serawié.
Munzinger und Kinzelbach reisten von hier aus am 11. November längs dem
Mareb weiter nach Westen, um Nachrichten über Eduard Vogel einzuziehen,
während Heuglin und Steudner einen höchst beschwerlichen, an Abenteuern,
aber auch an Ausbeute reichen Zug nach Süden unternahmen, der sie bis ins
Gallaland und das Feldlager des Königs Theodoros II. führte. Die Reisenden
besuchten in Adoa den greisen Botaniker Schimper, machten mit ihm einen
Ausflug nach den Ruinen von Axum, kreuzten den Takazzié, überstiegen die
Alpen von Semién und zogen am 23. Januar 1862 in der Hauptstadt Gondar
ein. Ihre Absicht, in westlicher Richtung weiter nach Westen vordringen zu
dürfen, wurde vereitelt, denn aufs strengste hatte der Negus Befehl
ertheilt, die Reisenden vor sich zu führen. Geleitet von deutschen
Missionären begaben sie sich nun, am Nordufer des Tanasees hin, über Gafat
und Magdala, das 15,000 Fuß hohe Kollogebirge durchziehend, in das
Feldlager des Königs zu Etschebed im Lande der Dschama-Gala. Der Empfang
war ein außerordentlich gnädiger, und reich beschenkt durften die
Reisenden am 25. April den Rückweg antreten, auf welchem sie das 13,000
Fuß hohe Gunagebirge passirten, bei Wochni die abessinische Grenze
erreichten und über Metéme und Gedaref nach Chartum gelangten, dessen
Moschee ihnen am 7. Juli 1862 entgegenleuchtete. Die großen Reisen
Heuglin’s und Steudner’s auf dem Weißen Nil und dem Gazellenfluß in
Gemeinschaft mit den Damen Tinné, wobei Steudner im Dschurdorfe Wau am 10.
April 1863 dem Klimafieber erlag, gehören nicht hierher. Außer in
geographischer Beziehung war das Ergebniß der deutschen Expedition, welche
allerdings das ursprüngliche Ziel, die Aufsuchung Eduard Vogel’s, aus den
Augen verlor, namentlich für die Botanik und Zoologie von großem Werthe.
Nachdem die Berichte derselben einzeln in den „Geographischen
Mittheilungen“ und der Berliner „Zeitschrift für Erdkunde“ erfolgt, faßte
sie Heuglin nochmals in seiner „Reise nach Abessinien“ (Jena 1868)
zusammen.





  [Illustration: Debra Damo in Tigrié. Nach einer Originalzeichnung von
  Zander.]





                 DAS LAND, SEINE PFLANZEN- UND THIERWELT.


        Begrenzung. – Das Hochland. – Geologie Abessiniens. – Der
      versteinerte Wald. – Heiße Quellen. – Oberflächengestaltung. –
     Natürliche Felsenfestungen. – Die Alpen Semiéns. – Charakter der
     Flüsse. – Ihr Anschwellen. – Ursachen der Nilüberschwemmungen. –
       Der Tanasee und der Abai. – Klimatische Verhältnisse. – Die
     Vegetationsgürtel. – Kola. – Woina Deka. – Deka. – Die niederen
     Thiere. – Vögel. – Säugethiere. Ihre Lebensweise, Nutzanwendung,
                                  Jagd.


Am südlichen Ende des Rothen Meeres, schroff gegen dessen Gestade
abstürzend, aber langsam und allmälig gegen Ost-Sudan sich abstufend,
liegt zwischen dem 16. und 8. Grade nördlicher Breite das afrikanische
Alpenland Abessinien. Ringsum dehnen sich weite, ungesunde und glühende
Sandwüsten aus, natürliche Grenzen, die den Verkehr erschweren und die
ungeheure Bergfeste gegen feindliche Angriffe von außen zu schützen
scheinen. Im Norden sind die Hochlande von Mensa, Bogos und die von den
Beni-Amer am Barka bewohnten Gegenden die Grenze; im Westen das Gebiet der
heidnischen Bazen, die wild- und steppenreichen, vom Setit und Salam
durchflossenen Theile Ost-Sudans, der Neger-Freistaat Galabat und ein
Gürtel von größtentheils unbewohnten, feuchten, mit Bambus und Waldregion
bedeckten neutralen Gebiets, das sich gegen Ost-Senaar ausdehnt; im Süden
bildet eine Strecke weit der Blaue Nil die Grenze, dann aber fast
unbekannte, von den Gala bewohnte Distrikte; endlich im Osten, wo die
Gebirgsmauern Abessiniens am steilsten abfallen, sind es die wasserlosen,
von räuberischen muhamedanischen Hirtenvölkern bewohnten
Küstenlandschaften, welche die Grenze ausmachen.

Ganz Abessinien ist im wesentlichen ein Hochland, das von allen Seiten mit
steilen Rändern aus dem Flachlande aufsteigt. Wenn der Reisende diesen
jähen Rand mühsam erklommen hat, während seine Füße von den scharfen
Steinen geritzt, seine Kleider von den Stacheln der Mimosen zerrissen
wurden, sieht er ein zweites und bald ein drittes Plateau vor sich, ebenso
jäh wie das erste, ebenso rauh und zerklüftet. Wie an ein zerstörtes
Titanenwerk erinnernd, drängen sich die Berge in den wunderbarsten Formen
durcheinander. Hier Tafelberge gleich zertrümmerten Mauern, dort runde
Massen in Gestalt von Domen, hier gerade oder geneigte, oder umgestürzte
Kegel, spitz wie Kirchthürme, dort Säulenreihen in Gestalt ungeheurer
Orgeln. In der Ferne verschmelzen sie mit Wolken und Himmel, und in der
Dämmerung meint man ein aufgeregtes Meer vor sich zu sehen. Aber dieses
Felsenmeer ist in seinem Innern keineswegs so starr und öde, als es der
äußere Anblick erwarten läßt. Obgleich sich seine Berge in weiten Flächen
oft zu einer Höhe von 10,000 Fuß erheben und ihre höchsten, sich in die
Wolken verlierenden Gipfel über 15,000 Fuß hoch aufragen, birgt sich doch
in seinen Thälern und Klüften manche Abwechselung, manche Landschaft voll
tropischer Fülle.

Der _geologische Charakter_ Abessiniens ist ziemlich einförmig und zeigt
keineswegs große Abwechselung bezüglich der vorkommenden Formationen.
Zander, der sich sehr eingehend mit der Bodenbeschaffenheit des Landes
abgab, nimmt an, daß nur zwei allgemeine vulkanische Revolutionen und
Hebungen des Landes stattfanden, daß dagegen partielle geologische
Oberflächenveränderungen nicht vorhanden sind. Er bemerkt hierüber in dem
erwähnten Manuskripte: „Die Uroberfläche des Landes war fast überall eben,
und nur hier und da wurde dieselbe von Hügelketten durchzogen, deren
höchste Spitzen bis zu 6000 Fuß über dem Meere anstiegen. Die allgemein
herrschende Gebirgsart in jener Periode war Trachyt, dessen größte
Mächtigkeit zwischen 6000 und 7000 Fuß beträgt und der oft von mächtigen
Basalten durchsetzt ist, so in den Ländern Daunt, Woadla und Wollo, wo wir
70–100 Fuß mächtige Basalte antreffen.

„Diese „Uroberfläche“ Abessiniens wurde durch zwei nacheinander folgende
vulkanische Revolutionen zerrissen, zerklüftet, zerspalten; es entstanden
jene unzähligen größeren und kleineren Risse, von denen manche jetzt noch
eine Tiefe von 4000–5000 Fuß haben, andere dagegen im Laufe der Zeit durch
Erdbeben und Zersetzungen aller Art wieder verschüttet oder in sanfte
Thäler umgewandelt wurden.

„Die _erste_ dieser großen Umwälzungen hob das Land allgemein, nur waren
ihre Wirkungen in den verschiedenen Theilen des Landes bald stärker, bald
schwächer. Die höchsten Hebungen fanden statt in Semién, Woggera,
Begemeder, Daunt, Woadla, Lasta, Talanta, Wollo und Schoa, während in
Godscham die Hebungen bereits im Abnehmen sind, um sich in der Nähe des
Nil ganz zu verlieren. Alle obengenannten Länder stehen in einem innigen
Zusammenhange und zeigen durchweg den kräftigsten Verlauf der Hebung von
Südost nach Nordwest. Zwischen der Wasserscheide des Rothen Meeres und des
Nilgebietes im Osten und den Hochlanden von Semién im Westen war ein
großes Becken entstanden, das die heutigen Länder Hamasién, Tigrié und
Enderta umschloß. Hier, eingerahmt von den Hochlanden, breitete sich ein
großer Süßwassersee aus, als dessen Ablagerungsprodukte und Zeugen seines
einstigen Vorhandenseins der rothe Eisenthon, der Sandstein und die
Grauwacke gelten müssen, welche hier in der ruhigen Periode zwischen der
ersten und zweiten vulkanischen Umwälzung abgesetzt wurden. Neben diesen
Flötzformationen treten als eigentliche Bildner des Landes folgende drei
Gebirgsarten in Abessinien auf: zu oberst _Trachyt_, unter diesem
_Urthonschiefer_ von verschiedener, bis zu 1500 Fuß ansteigender
Mächtigkeit, und zu unterst _Granit_, welcher oft mit Porphyr und Syenit
wechselt.

„Die Wirkungen und Bewegungen der _zweiten Umwälzung_ waren jenen der
ersten ziemlich gleich. Die bedeutendsten Hebungen fanden jetzt auf der
heutigen Wasserscheide des Rothen Meeres und Nilgebietes statt; die
niedrigsten in den Ländern Semién, Woggera, Begemeder, Lasta und Wollo.
Der große Süßwassersee im heutigen Tigrié verschwand, und sein horizontal
gelagerter Absatz, das Eisenthongebirge und der Sandstein, erhielt eine
sanfte Schrägung nach Westen hin, infolge der allgemeinen und überall
gleichmäßigen Hebung; und in der That gewahren wir, wie heute _das rothe
Eisenthonplateau_ sich ununterbrochen und allmälig in westlicher Richtung
bis Semién und von da noch nördlich bis Woggera und Wolkait absenkt. Die
Gesammtsenkung beträgt ungefähr 2000 Fuß, denn die Eisenthone liegen an
der Wasserscheide zwischen dem Rothen Meere und Nilgebiete 8000, an der
Grenze von Wolkait und Semién dagegen nur 6000 Fuß hoch. So weit
ausgebreitet dieses Eisenthonplateau auch ist, so wenig mächtig erscheint
seine Lagerung; denn während es an der östlichen Grenze nur einige Zoll
stark auftritt und im Innern Tigrié’s, seinem Centrum, eine Mächtigkeit
von nahe an 12 Fuß erreicht, nimmt es am Fuße der Länder Semién, Woggera
und Wolkait wieder bis zu 1 oder 2 Fuß Mächtigkeit ab.

„Unter diesem rothen Eisenthone folgt der _Sandstein_, dessen Oberfläche
gleichfalls eben wie jene der Eisenthone verläuft, dessen Mächtigkeit aber
von der Gestaltung der Urthonschiefer abhängig ist, welche seine Unterlage
bilden. Risse und Spalten, welche die Eisenthone wie die Sandsteine (oder
Grauwacke) durchziehen, zeigen einen äußerst wilden und romantischen
Charakter, der selbst im Laufe der Jahrtausende, welche seit ihrer Bildung
verflossen, nicht zerstört wurde.

„Auch durch die zweite gewaltsame Umwälzung entstanden viele neue größere
und kleinere Risse, aus denen sich, wie bei der ersten Revolution, große
_Lavaströme_ auf die Oberfläche des Landes ergossen, namentlich auf der
dem Rothen Meere zugekehrten Seite des östlichen Gebirgsabfalles. Wenn der
Reisende von Massaua aus den Weg nach Halai einschlägt, so bieten sich
seinem Auge am Fuße des Tarantagebirges und noch bis zur Hälfte an diesem
hinauf in Rissen und Spalten große Lavaströme dar. So mündet ungefähr zwei
Stunden oberhalb Hamhamo (im Tarantapaß) linker Hand ein Spalt in das
große Thal, aus welchem sich ein etwa 40 Fuß hoher, gut erhaltener
Lavastrom herabstürzt, und in vielen Spalten desselben Thales sind die
Felswände noch hier und da mit Lava überzogen. Die hier stets herrschende
heiße trockene Luft, die geringe Regenmenge waren der Erhaltung dieser
Lavamassen besonders günstig, was vom Innern Abessiniens nicht behauptet
werden kann, wo fortwährend starke Regen und feuchte Luft die Zersetzung
der Laven begünstigen. Im Innern fanden überhaupt auch weniger
Lavaergießungen statt und sind deren Spuren überhaupt äußerst selten.
Einen merkwürdigen Lavaüberrest aus der Zeit der ersten Revolution fand
ich am Flusse Mareb unterhalb der Ortschaft Gundet am Wege nach Hamasién.
Er bildete die Spitze eines abgeplatteten Hügels, war fest auf den Trachyt
gelagert, 2½–3 Fuß mächtig und bestand aus lauter Röhren von ½–1½ Zoll
Durchmesser, die theils hohl, theils mit schmuziggelbem Eisenocker
ausgefüllt waren.“

So viel berichtet Zander über die geologischen Verhältnisse des Landes.
Zur weiteren Erläuterung fügen wir hier noch Rüppell’s kurze Bemerkungen
bei: „Jenseit des flachen Meeresufers und in geringer Entfernung von der
Küste erhebt sich ein mit diesem ziemlich paralleler Gebirgszug von
imposanter Höhe, welcher zehn Stunden landeinwärts bereits
durchschnittlich 8–9000 Fuß über die Fläche des Arabischen Busens
hervorragt. Er besteht durchgehends aus Schiefer- und Gneisfelsen; an
seiner östlichen Basis aber erblickt man mehrere Trachyt-Lava-Ströme;
isolirte vulkanische Kegel tauchen aus der aufgeschwemmten Uferfläche des
Annesleygolfs bei Afté und Zula hervor und das von Salt beobachtete
Vorkommen des Obsidians zu Amphila ist ein Beweis für die Verbreitung
einer früheren vulkanischen Thätigkeit längs der ganzen Küste hin.
Westlich von dieser Küstengebirgskette bildet durchaus das nämliche
Schiefergebilde den Kern der ganzen Landschaft und wird namentlich in
allen tief eingewühlten Strombetten beobachtet. Diese Schieferformation
ist mit einem weitverbreiteten, horizontal geschichteten Sandsteinplateau
überdeckt, das aber durch spätere vulkanische Thätigkeit auf eine
merkwürdige Weise theils senkrecht gespalten und verschoben, theils
verschiedentlich emporgehoben wurde. An mehreren Orten, z. B. vermittelst
der beiden Berge Alequa in den Provinzen Ategerat (Atigrat) und Schirié,
durchbrach die Lavamasse die bereits sehr zerarbeitete Sandsteindecke und
erhob sich, isolirte zugespitzte Kegelberge bildend, über dieselbe;
anderwärts, wie in der Umgebung von Axum, entstanden durch diese
Lavaergießungen zusammenhängende vulkanische Hügelzüge; stellenweise
endlich senkte sich eine weite Strecke entlang die ganze
Sandsteinformation und bildete die auf ihrer einen Seite durch steile
Felswände begrenzte Verflachung der Landschaften von Geralta und Tembién,
deren mittlere Erhebung über die Meeresfläche auf sechstausend Fuß
anzuschlagen ist. Diese allgemeine Einförmigkeit in dem geognostischen
Charakter des ganzen östlichen Abessinien sah ich nur durch zwei andere
Gebirgsformationen unterbrochen. Die eine derselben sind die aus Kreide
und Kalkmergel bestehenden Höhen, welche zu Sanafé (in Agamié) zu Tage
kommen und die ich außerdem noch auf dem Wege von Adoa nach Halai zu
Agometen und Gantuftufié sah. Die andere Ausnahme bilden die Granitmassen,
welche theils als stark verwitterte kolossale Blöcke, theils als plumpe
Massen etwas südlich von Amba Zion und unfern des Städtchens Magab
sichtbar sind und die ich in Schirié, unter einem fast gleichen
Breitengrade, als die Seitenwände der von dem Kamelo durchflossenen
Thalausflötzung wiederfand.“

Spätere Reisende, namentlich Heuglin, haben dann noch einzelne andere
geologische Gebilde angetroffen. So tertiäre Gesteine in Hamazién, und
nach demselben Forscher zeigt sich dolomitischer Kalk überall lose in der
Dammerde; dann, an einzelnen Stellen, wie in Dembea, Gyps und Mergel. Als
Zersetzungsprodukte von Laven und Basalt erscheinen Thone und fette
Dammerde von schwarzer und rother Farbe. Sehr beträchtliche
_Braunkohlenlager_, die jedoch nicht ausgebeutet werden, finden sich im
Goangthal zwischen Dembea und Tschelga; ebensowenig benutzt man andere
mineralische Artikel, mit Ausnahme von Schwefel und Salz. Besonders
hervorzuheben in geologischer Beziehung ist noch die Entdeckung einer
Menge von _versteinerten Baumstämmen_ bei Tenta, zwischen dem Kollogebirge
und dem Beschlofluß durch Steudner und v. Heuglin. Sie sind verkieselt und
zeigen deutlich die Jahresringe, Spuren von Rinde und Gänge von
Insektenlarven. Offenbar sind diese Stämme durch den Einfluß heißer,
kieselerdehaltiger Quellen versteinert worden; sie sollen sich auch auf
den Hochebenen von Woadla, Talanta und im Galaland finden. Nach Professor
Unger, welcher dieses Holz _Nicolia aegyptiaca_ nannte, besteht der
sogenannte „versteinerte Wald“ bei Kairo aus derselben Spezies; die ihn
bildenden Stämme wurden durch Hochwasser aus den oberen Nilgebieten nach
ihrer jetzigen Lagerstätte geführt und unter Verhältnissen begraben, die
ihre Konservirung zur Folge hatten.

Trotz der großen vulkanischen Thätigkeit, welche in Abessinien geherrscht,
zeigt keine der höheren Gebirgskuppen Spuren eines Kraters. Doch ganz
unten im Schoadathale, sowie an einigen Stellen in der Fläche von Woggera
und in Telemt, erheben sich einige isolirte Kegel mit deutlicher
kraterförmiger Vertiefung, welche sicherlich Spätlinge der vulkanischen
Thätigkeit waren. Jedenfalls sind in historischer Zeit nur vereinzelte
Vulkanausbrüche bekannt geworden, zuletzt im Jahre 1861, als der Vulkan
von Ed an der Danakilküste des Rothen Meeres zwei heftige Eruptionen
hatte. Auch führt Rüppell nach den Landeschroniken einen heftigen
Aschenregen an, der für ganz Abessinien ein unerhörtes Ereigniß war.
Erdbeben sind dagegen ziemlich häufig.

Bei der vulkanischen Natur des Landes kann es nicht Wunder nehmen, daß
_heiße Quellen_ in demselben keineswegs selten vorkommen. Die berühmtesten
Quellen sind in Begemeder, bei Ailat (Eilet) in der Nähe Massaua’s im
Küstenlande und zu Filamba im nördlichen Schoa. Letztere, fünf an der
Zahl, in einer lieblichen Gegend der Provinz Giddem gelegen, umgeben von
prächtigen Bäumen, sind der Zufluchtsort aller Kranken und Siechen von
weit und breit, die hier Heilung von den verschiedensten Uebeln suchen.
Die heilkräftigste dieser Quellen führt den Namen Aragawi nach einem der
neun griechischen Sendboten, welche das Christenthum in Abessinien
ausbreiten halfen. Nahe dabei liegt der Quell „Heilige Dreieinigkeit“,
dessen Temperatur 48° C. beträgt. Die Zulassung zu den Bädern muß mit
einem Stück Salz im Werthe von etwa 2½ Groschen erkauft werden. Der
Geschmack des klaren Wassers ist leicht nach Schwefelwasserstoffgas.

_Oberflächengestaltung._ Betrachten wir nun die Oberflächengestaltung des
Landes und seine Gebirgsbildungen. Schroff gegen die Gestade des Rothen
Meeres abstürzend, nur durch wenige Pässe durchbrochen, zieht sich an der
ganzen Westgrenze des Landes eine lange Bergkette hin, die sich
durchschnittlich 8000 bis 9000 Fuß über dem Meere erhebt. Westlich von
dieser treffen wir im Herzen Tigrié’s auf theils isolirte, theils
zusammenhängende Berge, die, namentlich in der Umgebung der Hauptstadt
Adoa, unter dem Namen der _Aukerkette_ zusammengefaßt werden. Alle die
vielen Gipfel derselben gehen wenig über 9000 Fuß hinauf; die meisten
erheben sich nur zwischen 7000 und 8000 Fuß. Der höchste unter ihnen, der
Semajata im Osten Adoa’s, steigt bis zu 9518 Fuß. Von diesem Systeme
verzweigt sich durch die Provinzen Agamié und Haramat eine andere Reihe
von Gebirgen, die in Bezug auf groteske Formen alles hinter sich
zurücklassen, was wir in den Alpen, den Cordilleren Amerika’s oder in den
malerischen Gebilden der Sächsischen Schweiz zu sehen gewohnt sind, und
die in der That einzig auf unsrer Erde dazustehen scheinen als Ausgeburten
einer seltsamen Laune der Natur. Ihre höchste Erhebung finden sie in dem
Tatsén oder Alequa bei Adigrat mit 10,390, und im Sanafé mit 10,242 Fuß.
Die Reisenden, welche diese Gegenden durchwanderten, werden nicht müde,
die seltsamsten Vergleiche heranzuziehen, um dem Leser einen Begriff von
diesen wunderbaren Formen zu machen. Alle übrigen Berggestaltungen unsrer
Erde, die verschiedensten Bauformen – Rüppell spricht sogar von
ägyptischen Tempeln – werden angeführt, doch ist das geschriebene Wort nur
wenig dazu geeignet, in uns eine lebhafte Vorstellung zu erwecken. Hier
tritt der Griffel des Künstlers in sein volles Recht, und die Abbildungen,
die wir glücklicherweise in dieser Beziehung vorführen können, sind
vollkommen geeignet, eine klare Anschauung der betreffenden
Gebirgsformationen herzustellen. Isenberg, der von Adoa aus einen Theil
Haramats auf seinem Zuge in das Lager Ubié’s 1838 berührte, ist ganz
entzückt über jene herrlichen Gestalten und schildert eine dieser _Amben_
– so nennt man jene Bergformen – folgendermaßen: „Wir gelangten in ein
Thal, ringsum von hohen steilen Felsen eingeschlossen, an dessen östlichem
Ende auf der Spitze eines Granitfelsens – aus welchem überhaupt meistens
diese Berge bestehen – über einem Engpasse ein Kloster Namens Debra
Berberi (Pfefferberg) liegt. Dieses Thal durchschritten wir und bestiegen
dann ein wellenförmiges Plateau, welches links von einer majestätischen
von Norden nach Süden ziehenden Felswand begrenzt ist, welche einen
unbeschreiblichen Eindruck auf mich machte. Dieser Amba oder Berg zieht
sich mit meist senkrechten mächtigen Wänden fünf oder sechs Stunden weit
hin und gleicht einem ungeheuren gothischen Naturgebäude in kolossalster
Form und Vollendung.

  [Illustration: Amba Zion in Haramat. Originalzeichnung von Eduard
  Zander.]

Die in regelmäßigen Dimensionen voneinander stehenden zahlreichen Säulen,
womit die ganze ungeheure Wand besetzt ist, vermehren bedeutend den
Anblick eines Kunstwerkes, und nicht minder einige fensterähnliche
Oeffnungen, durch welche man, weil an diesen Stellen der Fels sehr dünn
ist, hindurchschauen kann. Dieser Berg heißt _Amba Saneïti_. An seinem
südlichen Ende steht ein großer isolirter konischer Fels, der einer höchst
kolossalen alten Ritterburg ähnlich ist.

Diese und ähnliche Berge, an welchen besonders Agamié so reich ist, dienen
häufig, da sie in der Regel von den meisten Stellen unzugänglich, und sehr
häufig oben, wo sie meist platt sind, Wasser haben, Empörern und überhaupt
kriegführenden Haufen als _natürliche Festungen_, wo sie, wenn sie sonst
Vorräthe an Lebensmitteln haben, sich lange gegen den belagernden Feind
vertheidigen und leicht Ausfälle auf ihn machen können.“ Prachtvoll ist
auch der Anblick der _Amba Zion_, welche sich südlich von Atigrat in der
Landschaft Haramat bis zu 9269 Fuß erhebt. Rüppell zog durch wiesenreiche
Gründe am 1. Juni 1832 an dieser märchenhaften Felswand hin. „Die
Sandsteinterrasse bildete zur Rechten unsres heutigen Weges ein schroffes
Vorgebirge, das sich bei 1200 Fuß über die Thalebene erhob und einen
ausgezeichneten Punkt zur geographischen Orientirung darbot; sein Name ist
Amba Zion. Der Boden der Landschaft fing nun an, ziemlich eben zu werden
(nach Süden zu) und bestand in einer nackten, unfruchtbaren und
stellenweise mehrere Fuß breit auseinandergerissenen Sandsteinmasse, deren
Spalten durchaus von emporgehobener Lava ausgefüllt waren.“

Von all den eben angeführten Gebirgen werden die noch höheren und
majestätischeren Berge Semién’s durch den Takazziéstrom, eine der
Hauptwasseradern Abessiniens, getrennt. Der Reisende, welcher auf dem
hohen Plateau, das sich im Osten des Takazzié in Tigrié ausdehnt, dem
Lande _Semién_ zuschreitet, erblickt bald vor sich ein wunderbares
Panorama. Die Thäler von Telemt und Semién liegen noch in Frühnebel
eingehüllt, auf den dunkle Purpurschatten fallen. Wie ein Meer breiten
sich die obern Flächen der Dünste horizontal und leicht vom Winde bewegt
über dem tiefen Bette des Takazzié und andern unzähligen Rissen und
Thälern aus, daraus ragen im Morgensonnengolde Zacken und Kegel wie Inseln
und Burgen aus einem blauen Ozean und dahinter als hohe Mauer der hoch zum
Himmel aufstrebende Gebirgsstock von Semién mit weit vorgeschobenen,
Tausende von Fuß senkrecht abfallenden Massen. Diese Gebirge sind durchaus
vulkanischer Natur, aber längs ihrer vom Takazzié bespülten Basis findet
sich dieselbe Formation wie auf dem östlichen Ufer dieses Stromes,
Schiefer in der Tiefe mit horizontalem Sandstein überdeckt und vulkanische
Lavakegel, die den letztern durchbrochen haben. Die höchsten Spitzen von
Semién reichen bis in die Eisregion und sind namentlich während der
Regenzeit zuweilen auf mehrere tausend Fuß herab mit hagel- oder
firnartigem, sehr körnigem _Schnee_ bedeckt, der jedoch schnell schmilzt,
und nur auf der Nordseite sieht man an sehr vor der Sonne geschützten
Felsbänken und in Schluchten fast das ganze Jahr über Eis, d. h.
gefrorene, in den Bergen entspringende Wasser, oft in ansehnlichen Massen,
theilweise allerdings auch von etwas derber Textur; von Gletschern und
ewigem Schnee kann aber hier nicht die Rede sein.

In der Tigriésprache heißt der Schnee Berit. Bruce, welcher nur über die
niedrige Kette des Lamalmon in Semién gekommen war, glaubte nicht, daß
jemals Schnee auf den Bergen gesehen werde, obgleich die Thatsache in der
frühesten Nachricht vom Lande, in der adulitanischen Inschrift des Kosmas
Indikopleustes, und später von den am besten unterrichteten Jesuiten,
welche in Abessinien reisten, erwähnt wird. Rüppell fand im Juni das obere
Viertheil der ganzen Gebirgskette mit Schnee bedeckt, eine Erscheinung,
die im Kontrast mit dem dunklen Lazur des Himmels und den üppig grünen
Pflanzen des Vordergrundes etwas in Afrika höchst Fremdartiges an sich
hatte. Der durchaus aus vulkanischer Felsmasse bestehende schroffe
Gebirgskamm, welcher die Provinz Semién von Ostsüdost nach Westnordwest zu
begrenzt, umzieht in seinem weiteren Verlaufe in gewissermaßen
ellipsoidischer Form den ganzen ungeheuren Dembeasee wie ein weiter
Kesselrand, und der _Buahat_ (Bachit), welcher die ganze Gruppe überragt,
krönt gleichsam den Gebirgskreis mit seiner erhabenen Kuppe. Hier ist die
echte „afrikanische Schweiz“, die unter die Tropen gerückte Alpenwelt, wie
Munzinger in Erinnerung an seine Heimat Abessinien getauft hat. Und in der
That, der Alpencharakter springt jedem, der es sah, in die Augen. „Unser
Marsch am 26. Juni“, schreibt Rüppell, „brachte uns in eine Landschaft,
welche ganz den Charakter der schöneren europäischen Hochgebirgspartien
hatte. Coulissenartig springen auf den Seiten die Höhen mit Nebenthälern
hervor, welche theils beholzt, theils mit einem grünen Teppich der
schönsten Gerstensaat besäet sind. Das Ganze aber umgiebt
amphitheatralisch ein Kranz von hohen Bergen, deren schneeige Gipfel über
fette Alpenweiden emporragen. Bald erweitert sich das Hauptthal etwas nach
Südwesten zu, und nun zeigt sich in pittoresker Gestalt der weit herab mit
Eis bedeckte Berg _Abba Jaret_, einer der höchsten der ganzen Kette.
Wasserreiche Kaskaden umgeben auf beiden Seiten den Ataba, um ihm den
Tribut der Berge zu bringen, und hier und da schmückt eine ehrwürdige
Baumgruppe die grasreichen Ufer desselben. Ueber der ganzen Landschaft
aber schwebte das herrliche, ganz reine Lasurgewölbe des Himmels
tropischer Hochgebirgsregionen. Kurz, alles vergegenwärtigt hier den
Charakter der Hochalpen Europa’s, und es fehlten nur die malerisch
gelegenen Sennhütten.“

  [Illustration: Teiit, Partie vom Totscha in Semién. Originalzeichnung
  von E. Zander.]

Der Ataba ist ein sehr wasserreicher, dem Takazzié zuströmender
Gebirgsfluß, dessen Bett mit Felsblöcken gleichsam durchsäet ist. An
seinem Ufer erhebt sich der 11,500 Fuß hohe _Dschinufra_, dessen
trachytische, mit Mandelsteinen und Basalten durchsetzte Gebirgsmassen
hier 3000 Fuß jäh abfallen und namentlich in seinem _Woikall_ genannten
Zweige von Süden her einen imposanten Anblick gewähren. Ueberreich ist
Semién an ähnlichen grotesken Fels- und Berggestaltungen, sodaß es schwer
hält, aus der großen Zahl der herrlichen Partien nur einige der schönsten
auszuwählen, um sie dem Leser vorzuführen. Da ist der _Awirr_, der sich
nach Norden zu mit dem hohen _Selki_ verbindet und der nach Osten zu ins
Takazziéthal abfällt, während sich sein Westabhang ins Appenathal senkt;
ferner treffen wir hier auf die malerische Felspartie _Teiit_, ein Theil
des Totscha.

Unsere schwindelerregenden Alpenpässe mit ihren grausigen Schlünden, sie
reichen in ihrer Gefährlichkeit nicht an die Berge Semiéns hinan. Der Weg
windet sich oft an einer senkrechten Felswand neben furchtbaren Abgründen
hin, sodaß auf ihm kaum ein unbeladenes Maulthier sicher hindurchkommen
kann. An mehreren Stellen würde es sogar für Menschen unmöglich sein,
vorbeizuklettern, wenn nicht an der ganz lothrechten Felsmasse auf
künstlich angelegten Baumstämmen ein Pfad geschaffen wäre; aber auch dies
ist mit so wenig Geschick gemacht, daß man oft in großer Lebensgefahr
schwebt. Dazu gesellt sich das dornige Gesträuch, welches aus jedem
Felsspalt dieser vulkanischen Massen wildwuchernd hervorstarrt und das
Beschwerliche des Marsches im hohen Grade vermehrt. Diese Gefahren werden
besonders von Heuglin in seiner Ueberschreitung des Amba-Ras in
anschaulicher Weise geschildert. „Der Pfad, den kein Maulthier zu
erklimmen im Stande ist, führt über zwei sehr enge, tiefe Schluchten
hinweg von einem Felsgrat zum andern, übrigens häufig durch üppigen
Baumschlag und grünes Gebüsch, an Quellen mit moosigem Gestein und
blumigen Rasenplätzen hin, steiler und immer steiler aufwärts. Ueber
schwindelnder Kluft liegt ein halbmorscher Baumstamm als Brücke, links
erhebt sich eine starre Felswand; rechts herabzublicken in den Abgrund
wagt keiner, ehe er die verhängnißvolle Passage hinter sich hat. An
steilen Geländen windet man sich immer höher, zuweilen über weite
Eisstrecken weg. Da scheint der höchste senkrechte Abfall des Amba-Ras
wirklich jedes weitere Vordringen unmöglich zu machen, doch es öffnet sich
eine Felsspalte von nur zwei bis drei Fuß Weite, wie in einem Schornstein
klettert man vorsichtig, damit kein Stein lose wird, in alle möglichen
Situationen übergehend, von Vorsprung zu Vorsprung und kommt zuletzt mit
wunden Köpfen, Händen und Füßen auf der Plattform zwischen Bachit und
Amba-Ras wieder zu Tage.“ So sind die Wege in Semién beschaffen und doch
haben sie Armeen, aber abessinische Armeen, durchzogen und entscheidende
Schlachten auf den Eisfeldern des Landes geliefert. Die meisten der
angeführten Bergriesen Semiéns, außer denen wir hier noch den Walia-Kant,
den Jotes-Saret, Barotschuha, Taffalesser und Ras-Tetschen nennen,
erreichen eine Höhe von mehr als 14,000 Fuß über dem Meere und werden nur
noch durch das Kollogebirge in den Galaländern übertroffen.

Südwestlich von Semién setzen sich die Gebirge in der _Hochfläche von
Woggera_ fort, einer Art von gestaffelter Terrasse, die in ihrer höchsten
Ebene bis zu 9500 Fuß emporragt, sich allmälig aber nach Südosten
verflacht, unfern von Gondar aber immer noch ziemlich steil nach dem
kesselförmig von Höhen umgebenen großen Becken des _Tanasees_ abfällt.
Woggera und alle Bergzüge in der Umgebung dieses großen Binnensees
bestehen ganz aus vulkanischen Felsmassen und der durch ihre Zersetzung
höchst fruchtbar gewordene Boden bildet eine herrliche Weidelandschaft.
Von Gondar aus wendet sich, an die Abfälle Woggera’s anschließend, ein
schmaler Gebirgszug ohne Unterbrechung nach Südosten, der die Verbindung
mit dem Hochlande Begemeder herstellt und bei Derita seine größte Höhe
zwischen 9000 und 10,000 Fuß erreicht. In Begemeder selbst treffen wir auf
das hohe, von Heuglin erstiegene _Gunagebirge_ (13,000 Fuß). Die Gipfel
bestehen aus kahlen Trachytmassen, die ein milchweißes, feldspathartiges
Gestein einschließen; an einzelnen Stellen der Gehänge sieht man Wacken
und Thone und der ganze Gebirgsstock hat einen ansehnlichen Umfang. Nach
Süden und Osten fällt er steiler ab und verläuft nach Westen nach und nach
gegen den Blauen Nil und den Tanasee. Nach Osten zu schließen sich wieder,
zum Theil mit dem Beschlostrome parallel laufend, hohe Gebirge an die Guna
an, deren eines sich unmittelbar mit den Hochebenen der Länder Woadla,
Talanta, Daunt, Jedschu und Lasta verbindet.

  [Illustration: Südansicht des Woikall, eines Zweiges des Dschinufra,
  vom Hai aus gesehen.
  Originalzeichnung von Eduard Zander.]

Die Plateaux der zuerst genannten Länder steigen bis 9000 Fuß über das
Meer an, während die höchsten Spitzen von Lasta wieder in die Eisregion
hineinragen. Jenseit des Beschlo aber, im Lande der Wollo-Gala, steigt
Abessiniens höchstes Gebirge, die _Kollo_, bis über 15,000 Fuß an, und
auch in dem benachbarten, nach Westen zu gelegenen Gischem treffen wir auf
10,000 Fuß hohe Gipfel.

Jenseit des Nil aber begegnen wir der durchschnittlich 8000 Fuß hohen
Berglandschaft Godscham, die im Talbawaha mit 11,000 Fuß ihre größte
Erhebung findet. Endlich im Süden steigen kühn und malerisch wie die
Gebirge Semiéns die Felsmassen von Schoa auf, die in der „Mutter der
Gnade“, dem _Mamrat_ (13,000 Fuß), einen würdigen Abschluß finden.

_Flüsse._ Die nach Westen und Nordwesten geneigten Hochflächen Abessiniens
werden von zahlreichen Bächen und Strömen durchschnitten, die nach kurzem
Laufe auf dem Plateau plötzlich in tiefeingeschnittene Thäler fallen, in
welchen sie oft sehr schnell eine Tiefe von 3000 bis 4000 Fuß unter der
Fläche des Tafellandes erreichen. So behauptet das Hochland von Semién in
seinem ziemlich gleichförmigen Rande eine Höhe von 10,000 Fuß. Aber das
Bett des Bellegas im Schoadathale liegt nur etwa 5400 Fuß, das des
Takazzié an der Nordostgrenze gar nur 3000 Fuß über dem Meere. Die
größeren Flußthäler, z. B. des Takazzié und des Abai im Süden, sind
ziemlich weit; das letztere hat eine Breite von wenigstens fünf deutschen
Meilen. Deshalb stellen die Abessinier ihr Tafelland stets als eine aus
dem umgebenden Tieflande emporragende Insel dar. Die Thäler sind
außerordentlich wild und unregelmäßig, im ganzen aber von ziemlich
übereinstimmendem Charakter. Die obere Hälfte des Abfalls ist immer
ungemein steil, oft aus vielfach zerrissenen horizontalen Bänken von Lava,
Trachyt und Basalttuff gebildet; dann folgen terrassenförmig übereinander
liegende Plateaux mit sanfteren Abfällen, oft aus fest zusammengebackenen
Brocken vulkanischer Gesteine der Nachbarschaft und Dammerde bestehend.
Auf der Thalsohle dagegen erscheinen wieder die vulkanischen Massen in
ihrer Urgestalt, und die dort hausenden Hochwasser haben sich in denselben
tiefe, rinnenartige Betten mit meist senkrechten Wänden eingerissen. In
der trockenen Jahreszeit sind die Ströme in diesen Thälern theilweise ohne
Wasser, kaum schlammigen Bächen ähnlich; in der Regenzeit überfluten sie
das ganze Flachland. Da, wo die Flüsse das Flachland verlassen, bilden sie
meistens Katarakte von bedeutender Höhe, und in solchen Wasserfällen und
Stromschnellen senkt sich ihr Bett auf eine Strecke von wenigen Meilen um
mehrere tausend Fuß.

Prächtig hat vor allen andern Werner Munzinger dieses Anschwellen der
abessinischen Ströme geschildert. Er führt uns in die tiefe Thalschlucht,
in der es fast den ganzen Tag über dunkel ist, denn nur wenige
Mittagsstunden dringt die Sonne in die schauerliche Tiefe. „Hier wird
selbst der Vogel scheu und stumm und die am spärlichen Wasser sich labende
Gazelle lauscht ängstlich auf bei jedem Geräusch in der fluchtwehrenden
Enge. Da ist fast ewige Stille, nur unterbrochen von dem Murmeln des sich
ins Freie drängenden Baches, selten gestört von dem Geheul der an den
jähen Abgrund sich klammernden Affen.

„Weh dem, der hier weilt in der Regenzeit! Von langer Fahrt müde bettet
sich der Wanderer in dem Thal. Er ist von der Hitze so erschöpft, selbst
diese finstern Gründe laden ihn zur Ruhe. Im heißesten Mittag wiegt er
sich in süße Träume; seiner harret das freundliche Heim – da dröhnt es
dumpf im Hochgebirge; ein Schuß, ein zweiter, dann der schreckliche, den
ganzen Himmel durchrasende Donner.

„Doch fürchtet er noch nichts, das Gewitter ist ja so fern. Er weilt und
träumt, er sei schon bei den Lieben. Da erhebt sich von oben ein Rauschen,
wie wenn der Wind durch die Blätter führe. Es wird lauter, gewaltiger, es
zischt, es prasselt, es toset, es brüllt, als wenn die bösen Geister
anführen – nun naht es, mauergleich, sich schäumend und überstürzend – _es
ist der Waldstrom_. Der Bach, vom Regen angeschwollen, ist ein mächtiger
Strom geworden, doch seines kurzen Lebens gedenk stürzt er wild und feurig
in das Thal hinab. Die tiefgewurzelten Sykomoren sinken unter seiner Wucht
und die grasige Ebene wird von Schutt überrollt; das Wasser füllt das
ganze Thal und langt hoch an die Felsen hinauf. Wehe dir, du armer Mann!
Wo solltest du hin entfliehen? Hast du die Flügel des Adlers, hast du die
Krallen des Affen, der über dir schwebend deiner Noth höhnt? Bist du im
Bunde mit den Geistern, daß sie dich forttrügen? Hier ist sie nicht dein
Knecht die Natur, sie ist dein dich vernichtender Feind. Es sind wenige
Jahre her, daß ein ganzes Zeltlager, in einem breiten, trockenen
Strombette gelagert, die Beduinen mit ihren Herden und Zelten von dem
ungeahnten Waldstrom überfallen und fortgerissen wurden. Hundert Menschen,
Tausende von Ziegen wurden seine Beute.“

Tritt hier der abessinische Strom vernichtend auf, so erfüllt er
andererseits eine hohe Aufgabe. Unser Landsmann Eduard Rüppell war der
erste, welcher 1832 darauf hinwies, daß _diese Ströme die Bildner des
fruchtbaren Erdreichs in Aegypten und die Ursache der Nilüberschwemmungen_
sind. „Die aufgelösten vulkanischen Massen Abessiniens“, sagt er, „sind,
indem sie von den zur Regenzeit anschwellenden Flüssen fortgeflößt werden,
die Elemente jener befruchtenden Erdablagerungen, welche der Nilstrom
längs seinem ganzen Laufe seit Jahrtausenden alljährlich absetzt. Bedenkt
man die ungeheure Erstreckung des von diesem Flusse angeschwemmten Landes
in Nubien und Aegypten, so wird man mit Erstaunen erfüllt über die Masse
der nach und nach durch die Verwitterung zerstörten Vulkane Abessiniens.“
(Reise in Abyssinien, II, 319.)

Erst volle dreißig Jahre später widmete der Engländer Baker dieser
Thätigkeit der abessinischen Ströme sein Augenmerk; ein ganzes Jahr lang
zog er im Gebiete derselben umher und hielt sich dann schließlich für den
Entdecker der schon früher von Rüppell aufgestellten Thatsache, die
allerdings von ihm in vielen Stücken erläutert wurde. Der _Atbara_, der
_Takazzié_ oder _Setit_, der _Salam_, _Angrab_, _Rahad_, _Dender_ und der
_Abai_ oder _Blaue Nil_ sind die großen Entwässerungskanäle Abessiniens;
sie haben alle einen gleichförmigen Lauf von Südost nach Nordwest und
treffen den Hauptnil in zwei Mündungen, durch den Blauen Nil bei Chartum
und durch den Atbara.

Alle die genannten Ströme gehören zum Gebiete des Nil. Als Hauptquelland
des Abai (Blauer Fluß, Bahr el Asrek) muß das Becken des _Tanasees_ (Zana,
Tsana) betrachtet werden. In einem ungeheuren, vom Hochland umlagerten
Becken sammeln sich ungefähr im Mittelpunkte von Amhara die meisten
Gewässer von Godscham, Begemeder und Dembea und bilden in einer Meereshöhe
von 5732 Fuß einen herrlichen Alpensee mit zahlreichen Inseln, eingesäumt
von grünen Matten und reichen Kulturebenen, durch welche in
Schlangenwindungen zahlreiche Bergwasser rinnen. Der Tanasee, welcher in
elliptischer Form einen Raum von etwa einhundertfünfzig Quadratstunden
einnimmt, war einst wol um die Hälfte größer, aber im Laufe der
Jahrtausende haben die fortwährenden Schlammniederschläge von zersetzter
Lava, welche die Gewässer während der Regenzeit von den vulkanischen Höhen
abspülen, eine wagerechte Bodenfläche an vielen Stellen seiner Ufer
gebildet und so nach und nach seinen Umkreis verengt. In einer mehr als 60
Fuß tiefen Felsschlucht, deren senkrecht abstürzende Seitenwände an
mehreren Stellen kaum zwei Klaftern weit voneinander entfernt sind,
rauscht der Nil in einer ununterbrochenen Reihe von Kaskaden aus dem See
hervor. Während der Regenzeit ist nicht allein dieser ganze Felsenspalt
mit Wasser ausgefüllt, sondern der Strom überflutet dann auch eine
beträchtliche Strecke des südlichen Ufers, welche mit stark abgeschwemmten
vulkanischen Geröllen von kolossaler Größe bedeckt ist. Hier wölbt sich
über ihn die _Brücke von Deldei_, welche aus acht Bogen besteht, die alle
untereinander von ungleicher Größe sind und von denen der nördlichste,
über die Felsenschlucht selbst gesprengte und somit allein immer vom Strom
durchflossene, bei weitem der größte von allen ist. Die Länge der Brücke
beträgt neunzig Schritt und ihre Breite fünfzehn Fuß. Sie bildet in ihrer
Längenerstreckung keine gerade Linie, indem sie an den drei nördlichen
Bogen sich etwas nach Westen wendet. Die Wölbung der Bogen ist aus kleinen
behauenen Sandsteinen erbaut, das Uebrige aber aus Lavafels. In der Mitte
der Brücke befindet sich eine Quermauer mit einem Thore und an ihrem
Nordende ist eine Art von Vertheidigungsthurm, der aber jetzt in Trümmern
liegt. Von hier aus umfließt der Blaue Nil in spiralförmigem Laufe, sich
den Grenzen Schoa’s nähernd, Godscham und Damot und nimmt erst in Fasogl
und den Ebenen von Sennar nordwestlichen Lauf an, welchen er beibehält bis
zu seiner Vereinigung mit dem Weißen Nil bei Chartum. Der Abai erhält noch
reichliche Zuflüsse von Osten und Süden her, namentlich den _Beschlo_ und
die _Dschama_, und endlich in Sennar den Dinder und Rahad, welche den
westlichen Rand von Abessinien zum Quellgebiet haben. Der Blaue Nil ist
während der trockenen Jahreszeit so klein, daß er nicht Wasser genug für
kleinere Fahrzeuge hat, die mit dem Transporte von Produkten von Sennar
nach Chartum beschäftigt sind. In dieser Zeit ist das Wasser schön hell,
und da es den wolkenlosen Himmel reflektirt, hat seine Farbe zu dem
wohlbekannten Namen Bahr el Asrek oder Blauer Fluß Anlaß gegeben. Es giebt
kein köstlicheres Wasser als das des Blauen Nil; es sticht ganz ab gegen
das des Weißen Flusses, welches nie hell ist und einen unangenehmen
Vegetationsgeschmack hat. Diese Verschiedenheit in der Beschaffenheit des
Wassers ist ein unterscheidendes Merkmal der beiden Flüsse; der eine, der
Blaue Nil, ist ein reißender Gebirgsstrom, der mit großer Schnelligkeit
steigt und fällt; der andere entspringt im Mwutan Nzige und fließt durch
ungeheure Marschen. Der Lauf des Blauen Nil geht durch fruchtbaren Boden;
er erleidet daher nur einen geringen Verlust durch Absorption, und während
der starken Regen liefern seine Wasser einen mächtigen Beitrag erdigen
Stoffs von rother Farbe zu dem allgemein befruchtenden Niederschlag des
Nil in Unterägypten.

  [Illustration: Charakter des Hochgebirges Awirr in Semién. Nach
  Originalzeichnung von E. Zander.]

Der _Atbara_ entspringt ganz nahe am Nordrande des Tanasees in Dembea und
ist, obgleich in der Regenzeit ein so bedeutender Strom, doch mehrere
Monate des Jahres hindurch vollkommen trocken oder auf wenige Pfützen
beschränkt, in welche sich Krokodile, Fische, Schildkröten und Flußpferde
zusammendrängen, bis sie der Beginn der Regenzeit wieder in Freiheit
setzt, indem eine frische Wassermasse dem Flusse zuströmt. Die Regenzeit
beginnt in Abessinien im Juni; von da an bis zur Mitte des September sind
die Gewitter furchtbar; jede Schlucht wird ein tobender Gießbach; Bäume
werden von den über ihre Ufer geschwollenen Bergströmen entwurzelt, der
Atbara wird ein ungeheurer Fluß, der mit einer alles überwältigenden
Strömung den ganzen Ablauf von fünf großen Flüssen (des Takazzié, Salam,
Dinder und Angrab nebst seiner eigenen ursprünglichen Wassermasse)
herabbringt. Seine Fluten sind getrübt vom Erdreich, das von den
fruchtbarsten Ländereien weit von seinem Vereinigungspunkte mit dem Nil
abgewaschen wurde. Massen von Treibholz nebst großen Bäumen und häufig die
Leichen von Elephanten und Büffeln werden von seinen schlammigen Wassern
in wilder Verwirrung fortgeschleudert und bringen den an seinen Ufern
wohnenden Arabern eine reiche Ernte an Brenn- und Nutzholz.

Der Blaue Nil und der Atbara, die fast den ganzen Wasserabfluß Abessiniens
aufnehmen, ergießen ihre Hochwasser in der Mitte des Juni gleichzeitig in
den Hauptnil. In dieser Zeit hat auch der Weiße Nil einen beträchtlich
hohen, obwol nicht seinen höchsten Stand, und der plötzliche Wassersturz,
der von Abessinien in den Hauptkanal herabkommt, welcher schon durch den
Weißen Nil auf einen bedeutenden Stand gebracht worden ist, verursacht die
jährliche Ueberschwemmung in Unterägypten.

Als Haupt- und Charakterstrom Abessiniens kann der _Takazzié_ gelten,
wenngleich er nur ein Nebenfluß des Atbara ist. Er entspringt östlich vom
Tanasee zwischen Begemeder und Lasta aus drei kleinen Quellen, die bei den
Eingeborenen Aïn (das Auge des) Takazzié heißen. Diese ergießen sich in
einen Behälter, aus welchem das Wasser zuerst in einem vereinigten Bache
herausfließt. Der Strom, die große Scheide zwischen den Landen Amhara in
seinem Westen und Tigrié in seinem Osten, geht erst in nördlicher Richtung
weiter und rauscht dann in schäumenden Kaskaden an den Alpen Semién’s am
Awirr hin, durch welche er sich sein mit steilen Wänden eingefaßtes Bett
wühlt. Hier, in diesem tiefen, nur 3000 Fuß über dem Meere liegenden
Thale, neben dem sich die Berge bis in die Eisregion erheben, herrscht
eine heiße ungesunde Luft und wohnen wenig Menschen. Selbst die Thiere
meiden diesen Aufenthalt, und nur die unförmigen Köpfe der Nilpferde
erscheinen über dem Spiegel des in Stromschnellen über Kiesgrund
dahinschießenden Flusses. Von Semién an nimmt der Takazzié eine westliche
Richtung an und tritt durch das heiße Land Wolkait auf ägyptisches Gebiet
über, wo er den Rojan auf- und den Namen _Setit_ annimmt. Durch das Land
der Homranaraber und eine überaus wildreiche Gegend, das Paradies der
Jagdfreunde, wälzt er endlich seine Wasser, die nie ganz austrocknen, dem
Atbara zu. Als ein weiterer Zufluß desselben kann der in Hamasién
entspringende, die Provinz Serawié in einem Bogen umfließende _Mareb_
betrachtet werden, welcher durch das Land der wilden Kunama zieht, in der
ägyptischen Provinz Taka den Namen _Chor el Gasch_ erhält und jenseit
Kassala entweder versandet oder bei Hochwasser den Atbara erreicht.

Die Wasser der nördlichen Grenzländer Abessiniens endlich sammelt der
_Barka_, die er bei Tokar südlich von Sauakin dem Rothen Meere zuführt.
Aber alle diese Flüsse, so große Gaben sie sonst für das Land sind,
verlieren dadurch bedeutend an Werth, daß sie nicht als
Kommunikationsmittel dienen können. Es fehlen die Ströme, die sich
schiffbar in das Rothe Meer ergießen; es fehlen auch, um diesen Mangel zu
ersetzen, die allmälig nach Osten sinkenden Ebenen, die, gegen die Küste
auslaufend, den Kameeltransport ermöglichen. Mehr noch als das: die Flüsse
verhindern sogar in der Regenzeit allen Verkehr, denn Brücken baut der
Abessinier nicht und die alten, von den Portugiesen hergestellten
zerfallen.

Schoa schließlich, der südliche Theil Abessiniens, sendet seine nach
Westen gehenden Ströme dem Abai zu, im Osten zieht sich dagegen der aus
Guragué kommende _Hawasch_ um das Land, allein er erreicht das Rothe Meer
nicht und versandet in den Salzebenen und Lagunen der Danakilküste.

                              ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐

_Klimatische Verhältnisse._ Unter den Tropen gelegen, von der Meeresküste
bis zu 15,000 Fuß Höhe an die Grenze der Eisregion hinaufragend, die
südliche Hitze und nordische Kälte vereinigend, bietet Abessinien auf
seinem verhältnißmäßig beschränkten Raume alle Erscheinungen der
ostafrikanischen Pflanzenwelt von der Flora der Wüste bis zu jener der
Hochlande in seltener Fülle und unendlichem Reichthum dar. Aus dieser so
verschiedenen Höhenlage ergiebt sich auch ein bedeutender Wechsel des
_Klimas_, und in der That kann man an einigen Orten binnen wenigen Stunden
aus der Region der Palmen bis auf die eisigen Hochebenen gelangen, wo die
Vegetation ein Ende nimmt. Schließt man die heißen Küstenstriche, die
tiefgelegenen Niederungen und die nicht minder tief in das Land
eingerissenen Thäler, wie jenes des Takazzié, aus, so kann das Hochland
als ein klimatisch sehr begünstigtes bezeichnet werden. Nach Rüppell sind
die täglichen Abwechselungen in der Lufttemperatur von wenig Belang;
starke Stürme sind eine große Seltenheit; die Feuchtigkeit der Regenzeit
hat gar keinen nachtheiligen Einfluß auf die Gesundheit, ja während dieser
Zeit ist sogar am Vormittag fast stets der Himmel heiter und nur zwischen
zwei bis sechs Uhr bricht ein starkes Gewitter aus, welchem gewöhnlich
eine bewölkte Nacht folgt. Die Witterung der Sommerzeit, d. h. der Monate
November bis Juni, ist im westlichen Abessinien die angenehmste, die man
sich denken kann, da in der Regel alle acht Tage ein leichter Regenschauer
fällt und die Wärme der sonst heiteren Luft wegen der relativen Höhe des
Landes nichts weniger als drückend ist. Welchen Gegensatz bietet dieses
Klima zu demjenigen des größeren Theils von Afrika, das so viele Opfer
fordert!

In dem uns zu Gebote stehenden Manuskripte Zander’s finden sich über den
Wechsel der Temperatur in Abessinien von den höchsten Berggipfeln bis zu
den tiefsten Thälern des Landes herab, also zwischen 14,000 und 3000 Fuß,
folgende mittlere Werthe in Graden nach Réaumur angeführt. Zwischen 14,000
und 13,000 Fuß: früh und Abends im Sommer + 1 bis 3°; in den Wintermonaten
zu derselben Zeit - 3 bis - 6°; des Mittags + 3 bis 4°.

Zwischen 13,000 und 12,000 Fuß: früh und Nachts 0° in den Wintermonaten;
im November, Dezember, Januar, Februar - 1 bis 3°; Mittags + 5 bis 7°.

Zwischen 12,000 und 10,000 Fuß: Morgens und Nachts + 5 bis 7°; Mittags 10
bis 12°.

Zwischen 10,000 und 8000 Fuß: Morgens und Abends + 7 bis 9°; Mittags 12
bis 15°.

Zwischen 8000 und 6000 Fuß: früh und Abends + 14 bis 18°; Mittags 20 bis
23°.

Zwischen 5000 und 3000 Fuß: früh und Abends + 24 bis 28°; Mittags 30 bis
32°.

Nach v. Heuglin unterscheidet der Abessinier in seinem in klimatischer
Beziehung so viele Abwechselung darbietenden Vaterlande zwei Hauptregionen
oder Vegetationsgürtel, die Kola oder Kwola und die Deka, nebst einem
vermittelnden Gliede für beide, Woina-Deka genannt. Hiernach läßt sich,
wenn auch begreiflicherweise diese Regionen ineinander übergehen, die
_Flora des Landes_ in drei Abtheilungen zerlegen.

_Die Kola._ Kola heißt das Tiefland unter 5500 Fuß. Seine Vegetation
zeichnet sich nach dem genannten Forscher dadurch aus, daß sie im
Allgemeinen zur heißen Jahreszeit abfallendes Laub hat. Zu dieser Region
gehören die Provinzen Wochni, Saragao, Ermetschoho, Walkait, Kola-Wogara,
das Takazzié-, Mareb-, Hawasch-, Dschida- und Beschlothal. „Im September
und Oktober herrschen in diesen Flußthälern äußerst gefährliche, meist
todbringende Fieber. Zu dieser Zeit sind die Lüfte verpestet, theils durch
die äußerst üppige Vegetation, welche dann abstirbt und abfault, theils
durch die stagnirenden Gewässer, die nach der Regenzeit in Lachen und
unzähligen Vertiefungen ohne Abfluß verdunsten müssen und in denen sich
oft ungeheure Massen von zusammengeflutetem Laub, Gras und Reisig in hohen
Schichten finden. Viele hundert Abessinier erliegen jährlich dieser
Krankheit, die auch zugleich ansteckend ist, und oft ereignet es sich, daß
der Getreidewächter, welcher dort unten krank wurde, sich in sein hoch und
gesund gelegenes Heimatsdorf zurückbegiebt, wo er das Fieber den Bewohnern
mittheilt, das sich nun von da über die nächsten Ortschaften weiter
verbreitet. So kommt es denn manchmal vor, daß ganze Dörfer rein
aussterben. Die beste Zeit in diesen tiefen Ländern fällt in die Monate
Dezember, Januar, Februar; aber auch dann ist es dort nicht immer
geheuer.“ (Zander’s Manuskript.)

Gern meidet der Europäer diese fieberschwangern Thäler und Niederungen,
oder er eilt, wenn er sie auf seiner Reise unumgänglich berühren muß, wie
z. B. das Takazziéthal, schnell hindurch, und nur wenige Forscher sind in
die Kola eingedrungen, um dort längere Zeit zu weilen; so Munzinger in
jene am Mareb, Rüppell in die von Eremetschoho. Letzterer brach von Gondar
aus am 27. Dezember 1832 nach Norden hin auf und gelangte in einer Höhe
von 8200 Fuß auf die Wasserscheide, welche die nach dem Tanasee und nach
dem Atbara fließenden Gewässer trennt. Hier breitete sich vor seinen
Blicken nach Nord und Nordost zu ein weites Amphitheater aus, gebildet
durch wild zerrissene Berge, isolirte vulkanische Kegel und schroff
aufgethürmte pyramidalische Felsmassen. Die ganze nach Norden zu gelegene
Gegend erniedrigt sich allmälig und wird von mehreren beträchtlichen
Gewässern durchflossen, welche sich insgesammt in einen Hauptstrom, den
Angrab, vereinigen, welcher die Gefilde der Provinz Walkait
durchschlängelt und sich in den Salam (Nebenfluß des Atbara) ergießt. In
der Thalniederung angelangt, marschirte er über eine wellenförmige, mit
schönen Baumgruppen bestandene Ebene, oft überragt von zehn Fuß hohem,
schilfartigem Rohr. Hier war der Tummelplatz der wilden Thiere. Zahlreiche
Herden furchtbarer Büffel, kleine Familien von Elephanten, einige
menschenscheue Rhinozeros, blutdürstige Löwen und Leoparden, verschiedene
Affen und Antilopen tummeln sich hier auf den großen gemeinschaftlichen
Weideplätzen herum. Fast alle zehn Schritt finden sich die vertrockneten
Spuren von Elephantenfußtritten, aber diese weite Thalniederung wird wegen
ihrer verderblichen Luft von den Menschen gänzlich gemieden. Wenn während
der Regenzeit bei abwechselnd heiterm Himmel in diesem Bereich einer üppig
vegetirenden Pflanzenwelt die Feuchtigkeit von der Sonne etwas verdunstet
wird, so verhindert das Rohrdickicht und die ganze Form der Gegend den
Luftzug und somit die Zertheilung der Dünste, und schon derjenige, welcher
nur durch die Landschaft flüchtigen Fußes dahineilt, wird vom bösartigen
Fieber ergriffen. Eine Nacht daselbst zuzubringen, dazu ist in keiner
Jahreszeit Jemand von den Anwohnern zu vermögen. Die in Rede stehende Kola
schätzt Rüppell auf 4700 Fuß Höhe über dem Meeresspiegel.

Betrachten wir nun die einzelnen Repräsentanten der Pflanzenwelt in diesen
Niederungen und den sich ihnen anschließenden bergigen Gegenden bis zur
Höhe von 5500 Fuß. Aus dem heißen ungesunden Tieflande aufwärts steigend,
gewahren wir große gewaltige Bäume nur in den Tiefen des Thales. Die Wände
sind zwar üppig begrünt, doch nur von kleinen Bäumen bestanden; namentlich
wuchert die _Akazie_ empor und nur an den günstigsten Stellen treten
andere Bäume zwischen sie hinein; im Thalgrunde dagegen erheben sich die
_Tamarinden_ mit ihren blaugrünlich schimmernden Kronen; die _Kigelien_
mit dem herrlichen Laubgewölbe, aus welchem die großen, wurstförmigen, an
langen, elastischen Stielen hängenden Früchte hervorschauen; der _Baobab_
(_Adansonia digitata_), die Mimosen, welche hier zu hohen schönen Bäumen
geworden sind, und viele andere herrliche Gewächse. Blumen aller Art,
Gräser, Cacteen und Euphorbien, schmarotzende Loranthusarten und Parasiten
ohne Zahl bemächtigen sich des von den Bäumen selbst nicht in Besitz
genommenen Erdreichs und verleihen den Wänden auf große Strecken hin
schmückende Farben. Je höher man im Thale aufwärts steigt, um so kräftiger
und reicher erscheint die Pflanzenwelt. Von etwa 4000 Fuß über dem Meere
an tritt die Sykomore, bald darauf der Oelbaum und mit ihm die prächtige
Kronleuchter-Euphorbie auf. Gleich diesen tragen die _Oelbäume_ wesentlich
dazu bei, diesem Gürtel einen gewissen Charakter zu verleihen; doch kommen
letztere an und für sich langweilige Pflanzen nie so zur Herrschaft, daß
ihr Anblick unangenehm werden könnte. Ihr ungewisses Graugrün sticht
prächtig ab von den auf große Strecken hin durch die blühende Aloë
rothgelb erscheinenden Felspartien, von den Blättern und Blüten mancher
Schlingpflanzen oder dem dunklen Laube anderer Bäume. Mit dem Wachholder
und der Eibe bildet der Woira oder Oelbaum zwischen 5000 und 5500 Fuß den
vorzüglichsten Waldbaum Abessiniens; ein ganz anderer Gesell, als sein
kleiner südeuropäischer Verwandter, erreicht er eine durchschnittliche
Höhe von sechzig bis achtzig Fuß und einen Durchmesser von vier Fuß. Die
erbsengroßen fleischlosen Früchte werden nicht benutzt, dagegen liefert
der Stamm ausgezeichnetes Zimmer- und Brennholz. Die Tamarinde (_T.
indica_) erreicht eine majestätische Größe, wird aber von den Eingeborenen
wenig beachtet; verschiedene Senna-Arten kommen vor. In den wüsten,
sandigen und vulkanischen Grenzdistrikten werden die Akazien (_A.
eburnea_, _planifrons_ u. s. w.) und andere Kameeldornbäume von großer
Wichtigkeit, da in ihrem Schatten sich Menschen und Vieh sammeln können.
Einige liefern Gummi arabicum und die dornigen Zweige dienen den Kameelen
als Futter.

Eine sehr eigenthümliche Erscheinung in der Kolaregion ist die
papierrindige _Boswellia_ (_B. papyrifera_). Sie ist ein stattlicher Baum
mit großen ahornartigen Blättern und kleinen rothen Blütenbüscheln.
Unmittelbar nach der Regenzeit zeigt der Stamm eine blaßgrüne glatte
Rinde, die in der Trockenheit bald springt und sich in großen papierdünnen
Blättern ablöst. Wo ein Einschnitt gemacht wird, entquillt in reichlicher
Menge ein klebriger Milchsaft, der bald an der Luft erhärtet und klare
Bernsteinfarbe annimmt.

Neben den genannten Pflanzen sind noch die Gattungen Zizyphus, Balanites,
Dahlbergia, Sterculia, Salvadora, das stachelige Pterolobium und die
langfrüchtige Baum-Cassia in der Kola vorzugsweise vertreten. Der
graublätterige Uscher (_Calotropis procera_) überrascht durch seine
ballonartigen, mit atlasglänzender Wolle gefüllten Früchte.

Mehrere Euphorbia-Arten kommen in außerordentlicher Größe vor. Unter
denselben zeichnet sich als Charakterpflanze die schöne,
armleuchterartige, oft bis vierzig Fuß hohe _Kronleuchter-Euphorbie_ (_E.
abessinica_), der _Kolqual_, besonders aus. Er gleicht einem Cactus, der
zum Baum geworden ist, aber seine Regelmäßigkeit, sein eigenthümliches
Wesen, die Fülle seiner Blätter, die gleichartige Verzweigung derselben
beibehalten hat.

  [Illustration: Baobab mit Schlingpflanzen, im Vordergrunde
  Agaseen-Antilopen. Zeichnung von Robert Kretschmer.]

  [Illustration: Landschaft mit Kronleuchter-Euphorbien und Mimosen.
  Zeichnung von Robert Kretschmer.]

Licht hebt er sich ab von dem dunklen Gelände und verleiht der Landschaft
einen wunderbaren Schmuck. An dem Milchsafte dieser Pflanze ist schon
mancher erblindet, während er andererseits als Arznei gegen
Hautkrankheiten u. s. w. gebraucht wird. Das Holz des Kolqual wird zum
Hausbau benutzt, um Querbalken zu belegen; aus der Kohle desselben
fabrizirt man Schießpulver. Der Kolqual erreicht seine größte Verbreitung
zwischen 4500 und 5000 Fuß Meereshöhe, allein er kommt selbst bis 11,000
Fuß Höhe vor. In den tiefer liegenden Gegenden ist die _Sykomore_ sein
Begleiter, der ihn aber bald verläßt. Diese Feigenart, welche von den
Abessiniern Worka, die Goldene, genannt wird, steht bei den heidnischen
Gallas in großer Verehrung. Oft hainartig gruppirt ragen die Sykomoren mit
mächtigem Laubdach über ihre Umgebung hervor. Rüppell sah ein Exemplar,
dessen Stamm einen Durchmesser von dreizehn Fuß hatte. Andere Exemplare
von vielleicht tausendjährigem Alter und einer Größe, daß eine ganze
Reisegesellschaft mit Thieren, Zelten und Gepäck in ihrem Schatten bequem
ruhen können, sind gerade keine Seltenheit. Neben ihnen sieht man
Sykomoren, die, eine ganze Welt für sich bildend, so von
Schmarotzerpflanzen überdeckt sind, daß man nur Wände von diesen, selten
aber ein Stückchen Stamm erblicken kann; so wandeln die Schlinger die von
ihnen in Besitz genommenen Bäume in Lauben um, welche der Kunst jedes
Gärtners zu spotten scheinen.

Die Botaniker haben gezeigt, daß _kryptogamische Pflanzen_ in vielen ihrer
Unterabtheilungen über die ganze Erde mit denselben Arten vertreten sind.
Unter gleichen Umständen bedeckt dieselbe Flechte die Felsen in Europa wie
in Abessinien, und derselbe Schwamm ist dort wie hier auf den Baumrinden
zu entdecken. Auch in den heißeren, tiefer gelegenen Gegenden wundert man
sich, daß selbst die ödesten, ärmsten Stellen des Gebirges begrünt und
belebt sind; man begreift kaum, wie in dieser Sonnenglut, ungeachtet der
Regen, eine ziemlich reichhaltige Flechtenwelt sich auf den Gesteinen
festsetzen kann. Jede parasitische Pflanze wird von den Abessiniern mit
einer Art von Mißtrauen betrachtet, namentlich die Gefäß-Kryptogamen,
welche den Zauberern ihre hauptsächlichen Wundermittel liefern. Doch Pilze
und Boviste werden für giftig angesehen und gemieden. Wo das Klima sehr
feucht ist, erscheint der Schimmel, bekanntlich auch eine kryptogamische
Pflanze, als eine wahre Landplage, die große Zerstörungen unter den
Vorräthen anrichtet. Der Feuerschwamm, die phantastisch gleich Gewinden
von den Bäumen herabhängende Bartflechte (_Parmelia_) sind in Abessinien
häufig; selten dagegen die Moose. Unter den _Farrnkräutern_ finden wir
allerdings keine baumartigen, aber viele Gattungen, wie Aspidium,
Polypodium, Asplenium, Adiantum, Scolopendrium, Ophioglossum und Pteris,
die auch in Deutschland ihre Vertreter haben.

Die _Woina-Deka_ oder vermittelnde Region, die von 5500 bis 7500 Fuß
hinaufreicht, führt ihren Namen nach dem Weinstock. In ihr gedeihen die
hauptsächlichsten Kulturpflanzen, die in einem besondern Abschnitte
besprochen werden sollen. Die _Weinrebe_ anlangend, so fand Rüppell noch
1832 eine große Menge Trauben zu äußerst billigen Preisen auf dem Markte
bei der Kirche von Bada, südlich von der Hauptstadt Gondar. Man erhielt
etwa zehn Pfund derselben für ein Stück Salz oder dritthalb Centner für
einen Maria-Theresia-Thaler. Die großbeerigen, blauen und sehr süßen
Trauben (_Woin saf_) wurden in den Distrikten Wochni und Wascha schon seit
uralten Zeiten gezogen. Vermuthlich kam nämlich der Weinstock schon zur
Zeit der axumitischen Könige aus Arabien nach Abessinien, wo ihm
allerdings keine besondere Kultur zu Theil wurde. Von einer Veredelung und
besondern Pflege der Pflanze beim Anbau weiß man nichts. Der größte Theil
der Trauben wird frisch gegessen, und nur wenig verwendet man zur
Gewinnung eines Weins, welcher feurig und kräftig ist. Durch Heuglin
wissen wir, daß im Beginn der fünfziger Jahre diese Weinstöcke durch eine
Traubenkrankheit alle zu Grunde gegangen sind.

Somit kann der Weinstock, obgleich er den Namen für diese Region hergab,
keineswegs als Charakterpflanze für die Woina-Deka gelten. Statt seiner
übernimmt diese Rolle eine Menge anderer Gewächse, die an Zahl, Ueppigkeit
und Reichthum der Entfaltung selbst jene der Kola übertreffen. Dahin
gehört zunächst der _Wanzabaum_ (_Cordia abessinica_), der das beliebteste
Bauholz liefert. Der Wanza wird ein großer, starker Baum, dessen Stamm oft
vier Fuß im Durchmesser erreicht. Seine Früchte stehen in Büscheln und
nehmen zur Zeit der Reife eine hochgelbe durchsichtige Farbe an. Der
Geschmack derselben ist sehr süß und oft sind sie die einzige Nahrung der
Armen, wenn Hungersnoth eintritt.

Der _Kuaraf_ (_Gunnera spec._), eine Artocarpee, gewinnt während der
Fastenzeit an Bedeutung, weil dann die geschälten Blattrippen, die ähnlich
unserm Sauerampher schmecken, gegessen werden. Er wächst in Sümpfen und an
Bächen, ist eine jährige Pflanze, die aus einer perennirenden Wurzel
entspringt und einen laublosen Stengel mit einem Büschel kleiner Blüten
trägt. Auch die häufig bis zu fünf Fuß hoch werdende Nessel wird in der
Fastenzeit als Gemüse verspeist. An diese Pflanzen schließen sich an die
reich vertretenen Polygonum-Arten, ein Ampher (_Rumex arifolius_), dessen
fleischige Wurzel zum Rothfärben der Butter benutzt wird. Als eine
Nutzpflanze dieser Region muß hier ein uns allen bekanntes Gewächs
besonders hervorgehoben werden.

Nach der Tradition sollen die südabessinischen Landschaften Enarea und
Kaffa die Urheimat des _Kaffees_ sein, wie denn auch der Name desselben
mit dem letztgenannten Distrikte sicher in Zusammenhang steht. In Schoa
war der Anbau und Genuß des Kaffees untersagt, weil er das
Lieblingsgetränk der Muhamedaner ist, und auch in Amhara trinken die
Christen denselben in der Regel nicht, wenn er auch bei Korata (Kiratza)
am Tanasee gebaut wird und dort auf basaltischem Boden und gewissermaßen
ohne Pflege gedeiht. Allein dort ist er fast nur Handelswaare. In Kaffa
und Enarea dagegen wächst er wie Unkraut weit und breit im Lande, dessen
Bewohner ihn als Lieblingsgetränk betrachten und fast nur einen nominellen
Preis für ihn zahlen; nur dem Mangel an Verbindungswegen ist es
zuzuschreiben, daß er von dort aus nicht ganz Europa überschwemmt und alle
übrigen Sorten dort durch Güte und Billigkeit vom Markte verdrängt. Der
kurz vor der Regenzeit gepflanzte Samen erscheint bald als Setzling über
der Erde, wird verpflanzt, bewässert und mit Schafmist gedüngt, um nach
sechs Jahren als erwachsenes Bäumchen während der Monate März und April
dreißig bis vierzig Pfund Kaffee zu liefern. Namentlich auf zersetztem
vulkanischen Gestein, in geschützten Thallagen gedeiht der acht bis zehn
Fuß hohe, mit dunkelglänzendem Laube und fruchtbeladenen Zweigen versehene
Baum vortrefflich. Die dunkelgrünen Beeren werden zur Reifezeit roth und
umschließen mit milchweißem Fleische die Samen. Nachdem sie geschüttelt
und gesammelt sind, werden sie in der Sonne getrocknet, worauf der Wind
das Geschäft des Reinigens von den dürren Schalen übernimmt, das
gewöhnlich im Laufe eines Monats vollendet ist. Diejenigen Samen jedoch,
welche zur Fortpflanzung dienen sollen, behalten ihre Schale. Theuer wird
das Produkt nur durch den weiten Transport, die schlechte Beschaffenheit
und Unsicherheit der Straßen, die nach dem Meere führen, und durch die
Abgaben, welche an alle kleinen Häuptlinge im Danakillande gezahlt werden
müssen, ehe die Karawane die Seehäfen Zeyla oder Tadschurra erreicht. Was
den Geschmack des südabessinischen Kaffees anbelangt, so versichern
Kenner, daß er dem feinsten arabischen, selbst dem edlen Mocha, noch
vorzuziehen sei. Aber so wie die Lage Abessiniens jetzt ist und namentlich
wegen der Unsicherheit der Karawanenstraßen ist so leicht nicht daran zu
denken, daß Kaffa-Kaffee die arabischen, ostasiatischen und amerikanischen
Produkte auf unsern Märkten verdrängen wird.

Die _Lilien_, welche weite Gebirgswiesen mit einem lieblichen
Blütenschmuck überziehen, gelten als vorzügliche Charakterpflanzen
Abessiniens. Aber nur die eßbaren Arten werden kultivirt, da Ziergärten
den Eingeborenen ein unbekanntes Ding sind. Während die Spargelarten und
die Aloë trockene, wüste Stellen aufsuchen, erfreuen auf sumpfigen Wiesen
_Commelina africana_ und _Tradescentia_ das Auge, deren „Vogeleier“
genannte Knollen von den Abessiniern gegessen werden. An sie schließen
sich Ixia-, Haemanthus-, Amaryllis- und Gloriosa-Arten an. Mit saftigen,
hellgrünen Blättern und schöngestalteten Blütenähren leuchtet aus den
grünen Wiesen _Obitus abessinica_ hervor, während unter den Spargeln der
kletternde _Asparagus retrofractus_ Erwähnung verdient, dessen in das Haar
des Vorderhauptes gesteckte Zweige anzeigen, daß der Träger ein wildes
Thier erfolgreich bekämpft hat.

_Orchideen_ giebt es nur wenige in Abessinien; ihr hauptsächlichster
Vertreter ist das auf der Rinde des wilden Oelbaums schmarotzende
_Epidendrum capense_. Aus der Gruppe der _Pisange_ sind die gemeine Banane
(_Musa paradisica_) und die kultivirte Ensete, sowie zwei Urania-Arten zu
erwähnen, aus deren Fasern Seile und Matten bereitet werden. Die _Palmen_
haben in Abessinien keinen Boden; sie kommen nur in den Küstenlandschaften
des Danakil und Adal vor und auch dort in keineswegs besonderer
Ausdehnung. Vertreter dieser Familie sind namentlich die Dattel-, Dum- und
Fächerpalme.

  [Illustration: _Obitus abessinica_. Nach Lejean.]

Die Teich- oder Seerosen sind spärlich vertreten; ebenso die
Aristolochien, von denen _A. bracteata_ gegen die Wunden vergifteter
Pfeile angewandt wird. Reichlich auftretend bilden die _Nadelhölzer_ den
Stolz der abessinischen Wälder; in den nördlichen Hochlanden gedeiht die
Cederfichte, während weiter landeinwärts schöne _Ded-_ oder
_Wachholderbäume_ (_Juniperus excelsa_) die Kirchen und Friedhöfe mit
ihren düstern, aber hochaufstrebenden Kronen beschatten. Kaum einem
Gotteshaus im ganzen Lande fehlt der Schmuck dieser bis zu 100 Fuß hohen
Bäume, deren Stamm am Fußende vier bis fünf Schuh im Durchmesser erreicht.
Fast in der Form einer Pyramide wachsend, wirft dieser Baum stets die
unteren Aeste ab, die im rechten Winkel vom Stamme ausgehen, sodaß etwa
zwei Drittel desselben des grünen Schmuckes beraubt sind; die Krone ist
immer pyramidenförmig, wenn auch nie dicht. Das Holz, wenn auch keineswegs
gut und dauerhaft, wird doch zu Balken bei Kirchenbauten und in
Ermangelung anderer Holzarten als Brennholz gebraucht. Das Harz wird nicht
benutzt; mit den Zweigen schmückt man jedoch die Leichen, bevor sie in die
Gruft gesenkt werden.

Die niedrige, in den Hochgebirgslandschaften herrschende Temperatur
verhindert keineswegs die kräftige Entwicklung der _Feigenarten_, die in
ihrem ganzen Habitus den strengsten Gegensatz zu den Nadelhölzern bilden.
Der _Schoala_, eine Art von Banyane mit breiten, eiförmigen, zugespitzten
und gesägten Blättern, mit Fruchttrauben, die nur am Stamme und den
Hauptästen sitzen, erreicht oft einen Durchmesser von sieben Fuß, bei
einer Höhe von 40 Fuß. Seine Wurzeln ragen über den Boden empor; doch
fehlen ihm alle Zweigwurzeln. Da er bei seiner Ausdehnung keinen geringen
Raum einnimmt, steht er gewöhnlich allein oder am Rande der Wälder, in
seinem tiefen Schatten alle andern Gewächse erdrückend. Die braunen,
taubeneigroßen Früchte werden vom Volke in Zeiten der Noth gegessen.

Unter den polypetalen Gymnoblasten, in welchen das Pflanzenreich in
Gestalt und Farbe den höchsten Grad seiner Vollkommenheit erreicht hat,
fehlen gerade einige der wichtigsten Familien in der abessinischen Flora.
Aepfel, Birnen, Mandeln – überhaupt die Pomaceen und Amygdaleen sind so
schwach vertreten, daß man in der That einen höchst auffallenden Mangel an
Fruchtbäumen, wilden und kultivirten, dort empfindet. Die Berberitze
liefert gelben Farbstoff zu Trauerkleidern; das Hirtentäschchen (_Thlaspi
bursa pastoris_), dieses kosmopolitische Unkraut, folgt der Agrikultur in
Abessinien so gut wie in Europa; der schwarze Senf wächst wild und dient
als Zusatz zu den ohnehin scharfen Pfeffersaucen; Kürbisse, welche
Flaschen liefern, afrikanische Gurken und Koloquinten wachsen an dürren
Stellen, letztere namentlich in der Samhara und der heißen Küstenzone. Die
Samen der _Phytolacca abessinica_ (Septe oder Endott) dienen statt der
Seife, und die getrockneten Blätter der _Callanchoë verna_ werden von
Schwindsüchtigen statt des Tabaks geraucht.

Wir fügen hier die Citronen an, die in den königlichen Fruchtgärten gebaut
werden oder in den tieferen Lagen wild wachsen; die Brombeeren (_Rubus
pinnatus_), welche die besten aller wildwachsenden Früchte liefern, und
die gleichfalls als Nahrung dienende Hagebutte (_Rosa abessinica_).

Während der schwarze Pfeffer, die unentbehrliche Zuthat zu allen
abessinischen Speisen, eingeführt und theuer bezahlt wird, kultivirt man
den allerdings botanisch ihm fernstehenden rothen Pfeffer (_Capsicum
frutescens_) in den Tieflanden sehr sorgfältig. Von den übrigen Solaneen
wird der Tabak eingeführt; vom Umboistrauch (_Solanum marginatum_) benutzt
man die Samen, um damit die Fische zu betäuben, welche nichtsdestoweniger
eßbar bleiben; der rothe Saft einer Tollkirsche (_Atropa arborea_) dient
zum Färben der Nägel bei den abessinischen Damen, und die narkotischen
Eigenschaften des Stechapfels (_Datura __Strammonium_) sind den Zauberern
und Diebsentdeckern wohlbekannt, da sie durch Verbrennen des Laubes die
Leute betäuben. Gefährlich für kleine Thiere ist eine giftige Asclepiadee
(_Kannahia laniflora_), die an den Ufern der meisten abessinischen
Gewässer vorkommt, nur mit dem Unterschiede, daß sie, je nach den
verschiedenen Distrikten, in ganz entgegengesetzter Jahreszeit blüht. In
den Küstenthälern unfern Massaua findet die Entwicklungsperiode ihrer
vortrefflich duftenden Blume im Mai statt; bei Gondar dagegen blüht die
Pflanze im Oktober. Merkwürdig ist die tödtlich-betäubende Eigenschaft,
welche ihr verführerischer Geruch oder süßer Nektarsaft auf verschiedene
Insekten ausübt; denn nur ihm kann man es zuschreiben, daß in dem Kelche
der meisten Blüten sich todte Wespen, Käfer u. s. w. finden.

Durch zahlreiche Repräsentanten sind die Familien der Kontorten, Rubiaceen
und Ligustrineen vertreten. Am hervorragendsten sind eine Aasblume
(_Stapelia pulvinata_) und _Calotropis gigantea_. Die erstere hat einen
fleischigen, viereckigen und zwei Fuß hohen Stengel, dem man, wenn er
seine Blüten entfaltet, wegen des üblen Geruches jedoch nicht zu nahen
vermag; die letztere liefert gute Kohle zu Schießpulver.

_Die Deka_ nimmt ihrer Ausdehnung nach den größten Theil Abessiniens ein.
Sie reicht von 7500 Fuß bis zur Vegetationsgrenze bei 13,000 Fuß. Bis zu
12,000 Fuß Höhe gedeihen noch mehrere Getreidearten und bis 11,000 Fuß
findet man den _Kussobaum_ (_Brayera anthelmintica_), der als Wahrzeichen
des Landes gelten kann. Wegen der Schönheit seines Wuchses und seiner
Brauchbarkeit wird er allgemein geschätzt; denn infolge des rohen
Fleischgenusses sind die Abessinier sehr stark von Eingeweidewürmern
(_Taenia_ und _Strongilus_) geplagt, gegen welche sie sich regelmäßig und
zwar meist allmonatlich einer Abkochung der Kussoblüten bedienen. Drei
Loth der getrockneten Blüten mit Wasser gekocht und getrunken, reinigen
den Körper auf eine merkwürdig schnelle und sichere Weise von den
gefräßigen Schmarotzern; indessen ist die dadurch bewirkte Befreiung nur
eine vorübergehende und keine Heilung des Uebels. Der Kussobaum erreicht
eine Höhe von fünfzig bis sechzig Fuß und verleiht mit seinen
weitausgedehnten und dichtbelaubten Zweigen dem Wanderer kühlen Schatten;
jedoch soll es gefährlich sein, zur Blütezeit unter ihm zu schlafen; so
berichtet wenigstens Isenberg.

In Schoa wird unter Kusso die _Hagenia abessinica_ verstanden, die
gleichfalls wurmtreibend wirkt. Als eine abessinische Charakterpflanze
verdient die _stachelige Kugeldistel_ (_Echinops horridus_), die bis zu
zehn Fuß Höhe erreicht, hervorgehoben zu werden. Es ist eine stattliche
Staude mit straff aufstehenden Stengeln, dornig gezähnten Blättern und
runden Blütenköpfen, aus denen Dornen hervorragen. Neben ihr finden wir
eine andere nicht minder auffällige Art, die riesige Kugeldistel
(_Echinops giganteus_), deren kopfgroße Blüten auf 15 Fuß hohem Stengel
stehen; beide Arten steigen bis zu 13,000 Fuß an.

Wir sind nun allmälig hinaufgelangt in die höchsten Regionen der Deka. Die
Hochbäume erscheinen immer spärlicher und finden sich vorzüglich noch
längs den Ufern der Wildbäche und Schluchten, die dornigen Akazien und
Pterolobien sind verschwunden. Vor uns liegen Alpenmatten mit tausenden
von kleinen, schön blühenden Alpenpflanzen bedeckt, unter denen sich
blaublühende Salbeiarten besonders auszeichnen. Daneben stehen Senecionen
und der fiebervertreibende _Celastrus obscurus_, die _Primula semiensis_.
Ueber diesen erheben sich Sträucher, besonders Hypericum und Cytisus. Den
europäischen Eindruck, welchen diese Pflanzen etwa hervorbringen können,
vertreiben die _baumartigen Eriken_ oder Zachdi (_Erica arborea_), die bis
zu 30 Fuß heranwachsen und einen 1½ Fuß im Durchmesser haltenden Stamm
besitzen, dessen Holz eine vorzügliche Schmiedekohle liefert, während die
reiche weiße Blütenfülle den süßesten Honigseim den Bienen darbietet.
Jetzt aber entwickelt sich vor unsern erstaunten Blicken in der Höhe von
12,000 Fuß ein neues, überraschendes Bild, eine Pflanze tritt auf, die für
den Charakter ihres Bereichs bestimmend ist, die _Dschibarra_
(_Rhynchopetalum montanum_). Diese Lobeliacee überrascht den Wanderer in
den kalten Hochgebirgen an der äußersten Grenze der Vegetation mit einer
dort gewiß von ihm nicht gesuchten Form: nämlich der der Palme. Auf einem
hohlen, etwa acht bis zehn Fuß hohen benarbten und armdicken Markstengel
mit einer Krone von großen, überhängenden, lanzettförmigen Blättern erhebt
sich eine fünf Fuß lange Blütenähre, deren einzelne bläuliche Knospen der
Blüte des Löwenmauls ähneln. Für Feuerung oder sonstigen technischen
Gebrauch untauglich, dient der lange hohle Markstengel der Jugend zur
Anfertigung von Schalmeien. Sobald die Dschibarra abgeblüht hat, knickt
der Stengel um und die Pflanze stirbt. Auf ihren Blütenschossen wiegt sich
paarweise die einzige Glanzdrossel (_Oligomydrus tenuirostris_), die in
diesen Gegenden lebt und die feinen Dschibarrasamen allen übrigen
vorzuziehen scheint. Drei bis vier Stunden Marsch führen uns aus dem
tropischen Walde auf diese mit Dschibarra bewachsenen Alpenflächen, über
denen nur noch wenige kahle Felsgipfel auf etwa 1000 Fuß relative Höhe in
die Wolken ragen; drunten haust die flüchtige Gazelle, Meerkatzen necken
sich in den Hochbäumen; hier aber setzt kühn der Springbock (_Oreotragus
saltatrix_) über die Felsen, grast friedlich der Steinbock (_Ibex Walia_)
und warnt durch einen gellenden Ruf seine Herde vor der herannahenden
Gefahr; Alpenkrähen umschwärmen geschwätzig und in rauschendem Fluge die
höchsten Felsen und drüber schwebt in weiten Kreisen der König der Alpen,
der Lämmergeier. Auch die gefleckte Hyäne steigt bis in diese Höhen,
seltener der Leopard und ein Fuchs (_Canis semiensis_), der ausschließlich
von den äußerst zahlreich hier hausenden Ratten und Mäusen lebt. Auch
Tauben (_Columba albitorques_) schwärmen in großen Flügen in diesen
höchsten abessinischen Alpengegenden umher.

_Die Fauna Abessiniens._ Fast noch reicheren Stoff als die Pflanzenwelt
bietet dem Beobachter die _Thierwelt_ Abessiniens dar. Nicht genügend
erforscht sind die niederen Thierklassen, unter denen auch wenige
Mitglieder ein allgemeines Interesse in Anspruch nehmen. Von der Plage der
Eingeweidewürmer und ihrer Vertreibung durch Kusso war bereits die Rede;
die höher stehenden Insekten treten im Hochlande nur in der wärmeren
Jahreszeit in großen Mengen auf, werden aber durch die kalten Regen wieder
in die tiefer liegenden Gegenden getrieben. Die _Heuschrecken_, amharisch
Anbasa, richten oft großen Schaden an, wie in den andern Nilländern auch.

  [Illustration: Die riesige Kugeldistel. Originalzeichnung von E.
  Zander.]

Ihr plötzliches Verschwinden wird in der Regel der gnädigen Fürsprache der
Heiligen zugeschrieben und diesen daher ein Dankopfer gebracht. Die
Wanderheuschrecke dehnt ihre Züge bis hoch in die Gebirgsgegenden aus.
Rüppell fand das Land am Takazzié von Myriaden dieser Thiere geradezu
abgefressen. Der Boden der ganzen Gegend war buchstäblich von ihnen
bedeckt. Er fügt hinzu: „Wenn übrigens manche Reisende von einer
Verdunkelung des Sonnenglanzes durch Heuschreckenzüge reden, so ist diese
Erscheinung lediglich auf die gleichzeitige dunstige und staubige
Atmosphäre zu beziehen und nicht der vermeintlich so ungeheuren Menge von
Heuschrecken zuzuschreiben, deren Wandern allein durch schwülen südlichen
Luftzug veranlaßt wird. Der ganze Boden schien mit diesen Thieren
überdeckt zu sein, bei genauem Zählen aber fanden sich nur etwa 12 bis 30
Heuschrecken in dem Raume eines Quadratfußes“. Die christlichen Abessinier
essen die Heuschrecken nicht; sie betrachten sie als verbotene Speise und
unter den Muhamedanern bequemen sich nur arme Leute zu dieser Nahrung. Ein
nützliches, allgemein gepflegtes und in Bienenkörben gezüchtetes Insekt
ist die _ägyptische Honigbiene_, von der große Mengen des süßen Seims
gewonnen und zu dem landesüblichen Meth benutzt werden. Es giebt auch eine
kleinere wilde Biene, die in Erdlöchern ihre Baue aufschlägt und einen
Dasma genannten Honig liefert, der als Medikament sehr geschätzt ist.
Diese Dasma wirkt leicht abführend, hat eine röthlichere Farbe als
gewöhnlicher Honig und einen bittern Nachgeschmack. In Gegenden, wo die
Bienen viel Honig von Kronleuchtereuphorbien und andern giftigen Pflanzen
sammeln, wirkt derselbe selbst im Meth sehr nachtheilig auf die
Gesundheit, er erzeugt Schwindel, Kopfschmerzen, Erbrechen und andere
Symptome einer leichten Vergiftung. Fliegen und Moskitos kommen wol in den
kühlern Hochlanden vor, werden jedoch nicht zur Landplage, in der Weise
wie die Flöhe. Die schwarze Ameise, welche sich wasserdichte Wohnungen
gegen den Regen baut, wird dem Menschen oft lästig, während die Termiten
nur selten in die Häuser dringen und meist unter losen Steinen ihre
kleinen Kolonien anlegen. _Käfer_, amharisch Densissa, sind in großer
Menge vorhanden, besonders die Koth- und Pillenkäfer, die man auch in
Aegypten antrifft. _Spinnen_ und _Skorpione_ werden als unrein gemieden
und vernichtet.

_Fische_ sind im Hochlande Abessiniens nicht allzu häufig, um genügende
Fastenspeise liefern zu können. Der Takazzié allein ist besonders reich an
großschuppigen, olivengrauen Karpfenarten mit lebhaft wachsgelben Flossen
und enthält einen Heterobranchus von enormer Größe, welcher mit der Angel
gefangen oder mit abessinischem Fischgift betäubt wird. In Atbara kommt
ein Wels vor, der schöne Hausenblase liefert, welche jedoch nicht
eingesammelt wird.

Die _Amphibien_ sind Gegenstände des Abscheus und des Aberglaubens. Die
Schlangen der Hochlande sind klein und nicht giftig, doch sehr gefürchtet;
in der Kola, sowie in den Küstengegenden fehlen jedoch große Pythonarten
und giftige Exemplare keineswegs. In den Niederungen werden auch
Schildkröten gefunden, unter denen die große _Geochelone senegalensis_
hervorragt; im Anseba-Gebiet und in Schoa kommt eine Cinixys in vielen
Sümpfen und Bächen vor, und die _Pentonyx Gehafie_ steigt überall aus dem
Tieflande bis zu 8000 Fuß empor. Neben diesen gepanzerten Amphibien sind
die Krokodile (Aso) namentlich in der Kola sehr häufig; im Setit, Atbara
und Mareb werden sie von den Eingeborenen harpunirt und ihr
moschusduftendes Fleisch verzehrt. Fälschlich jedoch hat man ihr Vorkommen
im Tanasee behauptet. Sonst sind unter den Sauriern noch zu nennen der
Skink (_Scincus officinalis_), das Chamäleon, der Gekko und _Stellio
cyanogaster_ als Gesellschafter der Klippdachse. Die Warneidechse
(_Varanus niloticus_) ist auch in Abessinien häufig und hat hier ihren
einheimischen Namen, Angoba, auf viele Flüsse übertragen.

Schwer hält es, bei dem großen Reichthum der verschiedenen Arten
abessinischer _Vögel_, welche sich dem Auge des Forschers zeigen, einen
Ueberblick nur der wichtigsten zu geben und eine Auswahl aus der Menge
dieser prachtvoll gefärbten, eigenthümlich gestalteten und hinsichtlich
ihrer Lebensweise merkwürdigen Geschöpfe zu treffen. Aber gerade auf dem
Gebiete der Ornithologie Abessiniens ist von Rüppell, Heuglin, Brehm
Vorzügliches geleistet worden, sodaß man wohl behaupten darf, besser als
das Pflanzenreich und die übrigen Klassen des Thierreichs sei die
Vogelwelt der „afrikanischen Schweiz“ durchforscht.

  [Illustration: Wanderheuschrecke.]

Es giebt wol kein zweites Land, das so reich an _Tag-Raubvögeln_ ist wie
Abessinien. Vermöge der höhern Lage der Plateaux bieten sich in den
Felspartien günstige Lebensbedingungen für Adler, Geier und Falken, die
hier ihre Horst- und Zufluchtsstätten finden. Die Vegetation prangt in
außerordentlicher Fülle; in allen Thälern und Schluchten sprudeln
Gebirgswasser; im dichten Gestrüpp und in den Gräsern hausen Reptilien in
Menge, von der Pythonschlange und Naja bis zur kleinsten Baumschlange
herab; Schildkröten weiden gemüthlich an Hecken und Teichen; an
Säugethieren von der Größe der Feldmaus aufwärts ist Ueberfluß vorhanden,
während schattige, fast undurchdringliche Waldpartien, abgelegene
Schluchten, die selten eines Menschen Fuß betritt, und fast unersteigliche
Felsen und kolossale Hochbäume den Raubvögeln jeden Schutz und Schirm
gewähren. Da horstet denn der mächtige _Gyps Rüppellii_, der gemeine
ostabessinische Mönchsgeier (_Neophron pileatus_), der Schmuzgeier (_N.
percnopterus_), der Bartgeier (_Gypaëtos meridionalis_) und Schlangenadler
(_Gypogeranus serpentarius_), die viele Schlangen verzehren und mäßig
starke Wüstenschildkröten mit einem Schlag ihrer starken Fänge
zerschmettern. Zahlreiche Weihen, Milane, Falken und Sperber machen den
Beschluß der Tagraubvögel. Der unreinliche Mensch giebt den Schmuzgeiern
tagtäglich neue Nahrung und damit neue Beschäftigung; deshalb vermißt man
diese wohlthätigen Vögel an keinem Orte. Sie folgen den Herden wie den
Handelszügen, umschweben die Dörfer und Schlachtplätze und räumen schnell
allen Unrath auf. Der große, von Brehm zuerst genau beschriebene
Rüppell’sche Aasgeier erscheint erst dann, wenn irgend ein Aas ihn
heranlockt. In ungemessenen Höhen, wohin ihm des Menschen Auge nicht zu
folgen vermag, zieht er dahin; aber sein Auge beherrscht ein weites Gebiet
und die mächtigen Schwingen tragen ihn schnell nach dem Orte, wo ein Stück
Wild verendet oder einem Schaf die Kehle durchschnitten wird. Kaum fließt
das Blut, so ist auch der Aasgeier da; reiche Beute aber wird ihm zu
Theil, wenn das Land weit und breit mit Menschenleichen übersäet ist, wenn
die grausamen Bürgerkriege wüthen und den Zug der Heere gefallene Rinder
und Schafe bezeichnen. Wo er erscheint, da fehlen auch selten seine
kleineren Verwandten, der Schopf- und der Ohrengeier (_Vultur occipitalis_
und _V. auricularis_). Unter den Adlern begleitet der Augur, ein naher
Verwandter unsers Bussards, den Zug der Reisenden, während der
„_Himmelsaffe_“ oder Gaukler (_Helotarsus ecaudatus_) sowol durch die
Kühnheit seines Fluges, als durch die Schönheit seines Gefieders jeden
Beschauer in Entzücken versetzt. Unter allen Raubvögeln ist er der
stolzeste Flieger: er jagt förmlich durch die Luft. Nur während des Fluges
zeigt er seine volle Schönheit. Sitzend bläht er die Federn auf, sträubt
Kopffedern und Halskrause und gestaltet sich in einen Federklumpen um.
Eine der häufigsten Erscheinungen ist der Schmarotzer-Milan (_Milvus
parasiticus_), dessen scharfem Auge nichts entgeht und der durch seine
Allgegenwart an den Schlachtplätzen, wo kein Stückchen Fleisch vor ihm
sicher ist, sich lästig macht oder durch die größte Frechheit, mit welcher
er dem Menschen das Fleisch fast unter den Händen wegzieht, diese in
Erstaunen versetzt. Auch der Singhabicht (_Melierax polyzonus_) kommt
südlich vom 17. Grade in allen Steppenwaldungen häufig vor; er verweilt am
liebsten auf einzelnstehenden Bäumen, hat jedoch keinen besonders schönen
Flug und giebt ein langgezogenes, eintöniges Pfeifen, keineswegs aber
einen melodischen Gesang von sich. Seine Hauptnahrung besteht in Insekten,
vorzugsweise aber in Heuschrecken, an denen Abessinien eben nicht arm ist.
Unsere Weihen vertritt der in Nordostafrika häufige Steppenweih (_Circus
pallidus_); er meidet jedoch das Gebirge und zieht die breiten Niederungen
mit kurzem Gestrüpp vor, aus welchem er auf kluge Weise das kleine
Geflügel aufscheucht.

Unter den _Eulen_ finden wir unsere Schleiereule und den Kauz, die
kurzöhrige Eule (_Otus brachyotus_) und die Zwergohreule (_Ephialtes
Scops_). Im Gebirge haust ein Uhu (_Bubo cinerascens_), der zu den
gemeinsten Eulen gehört. Dieser Uhu horstet am liebsten auf Bäumen und
wird nicht wie unsere europäische Art von kleinern Vögeln verfolgt. In den
Steppen wie im Gebirge trifft man auf die Ziegenmelker (Caprimulgusarten),
jene unheimlichen Vögel mit leisem Fluge und eigenthümlichem Nachtgesange.
Gleich großen Nachtfaltern umschweben sie die Wipfel der Bäume und die
Dächer der Häuser, um ihrer Kerbthierjagd nachzugehen.

Reich vertreten sind die _schwalbenartigen Vögel_ (_Hirundo_, _Cypselus_).
Die meisten derselben sind auch hier Zugvögel und kommen vor Beginn der
Regenzeit, im Mai und Juni, um zu brüten.

  [Illustration: Abessinische Vögel. Originalzeichnung von Robert
  Kretschmer.
  Hornvogel.    Ohrengeier.    Webervögel.
  Schmuzgeier.          Eisvogel.
  Hornrabe.    Schlangenadler.    Schattenvogel.]

Die Hausschwalbe ist _Hirundo_ oder _Cecrops rufifrons_; sie erscheint
kurz vor den Sommerregen und beginnt, sobald diese letzteren die Erde
etwas erweicht haben, aus Lehm ein sehr solides, rundes Nest zu bauen, das
sie mit der Basis auf Dachsparren aufsetzt, nicht seitwärts anklebt wie
unsere Schwalbe. Sie macht zwei bis drei Bruten und verläßt die Höhen erst
im Dezember. – Durch schönen Flug zeichnet sich der abessinische Segler
(_Cypselus abessinicus_) aus, der in den Bäumen nistet; er ist ein
ausgezeichneter Flieger, wie alle seines Geschlechtes. An manchen Stellen
vertritt ihn die Felsenschwalbe (_Cotyle obsoleta_), die ihr Nest in den
Ritzen und Spalten der Felsen baut, doch nur an solchen Orten, wo die
räuberischen Affen nicht hingelangen können.

Prächtig gefärbte Bewohner Abessiniens sind neben der Mandelkrähe
(_Coracias abessinicus_) und dem Eisvogel (_Ispidina cyanotis_) vor allen
andern die _Bienenfresser_ (_Merops Lafrenayi_) und die Narina (_Trogon
Narina_), die lautlos über den Mimosenbüschen dahinschwebt, die
Schmetterlinge oder andere Insekten fängt und durch ihr glänzendes
Gefieder das Auge des Beobachters erfreut. Ihnen schließt sich der
Wiedehopf (_Upupa_) an, der neben den Aasgeiern fleißig allen Unrath
wegräumt und mit Recht in keinem guten Geruche steht. Seine Verwandten
sind die Baumwiedehopfe (_Promerops erythrorhynchus_), die in
Gesellschaften gleich Spechten auf den Bäumen umherklettern, die Ameisen
aufsuchen und von dieser Nahrung einen durchdringenden Geruch annehmen.
Den Kolibri vertreten in Abessinien die metallglänzenden _Honigsauger_
(_Nectarinia metallica_, _abessinica_, _affinis_), welche von den Arabern
„Abu Risch“, Federträger, genannt werden und als die ersten Tropenvögel in
Nordostafrika auftreten, auf welche man, aus kälteren Gegenden kommend,
stößt. Die reizenden Vögelchen leben meist paarweise auf den Mimosen und
ziehen im brennenden Sonnenstrahle von Blüte zu Blüte, um dort Insekten zu
fangen, zu singen, die Federn zu sträuben, den Schwanz zu heben und das
glänzende Gefieder im Sonnenlichte glänzen zu lassen.

Keineswegs fehlt es Abessinien an Sang und Klang in der Vogelwelt; neben
dem glänzenden Gefieder findet auch der melodische Schmelz der Töne seine
Vertretung. Im Rohre schmettert fröhlich der Buschschlüpfer (_Drymoica
rufifrons_) oder die Caricola (_C. cisticola_), an welche sich die
abessinische Baumnachtigall (_Aedon minor_) anschließt, die schon dem
Wanderer entgegenschlägt, wenn er, vom Rothen Meere kommend, bei Massaua
seinen Fuß ans Gestade setzt. An Steinschmätzern (Saxicola-Arten),
Vertretern unserer Drosseln (_Thamnolaea_), Bachstelzen (_Motacilla alba_
und _flava_) ist kein Mangel. Zu letztern, uns aus der Heimat bekannten
Arten gesellen sich die verwandten Schafstelzen (_Budytes_), niedliche
Vögel, welche in großer Zahl den Herden folgen, deren treueste Begleiter
sind und diesen das Ungeziefer ablesen. Im Hochgebirge, namentlich in
Semién, lebt eine Drossel (_Turdus simensis_), welche unsrer Singdrossel
sehr ähnelt, neben der als regelmäßige Wintergäste die Steindrosseln
(_Petrocincla saxatilis_) erscheinen. Als guter Sänger wird der von
Lichtenstein entdeckte Droßling (_Picnonotus Arsinoë_) bald der Liebling
aller Reisenden, vor denen er sich durchaus nicht scheut. Anschließend
hieran erwähnen wir aus der Familie der Fliegenfänger den Paradiesfänger
(_Tchitrea melanogastra_), den Würgerschnäpper (_Dicrourus_), die
zahlreich vertretenen Würger (_Lanius_) und unsre Nebelkrähe, die als
Wintergast nach Abessinien kommt. Diese trifft als Verwandte hier den
Wüstenraben (_Corax umbrinus_), ein Mittelglied zwischen Rabe und Krähe,
der aber nicht blos in der Wüste vorkommt, sondern auch die Flecken und
Dörfer besucht, wo er den Hunden und Geiern das Aas streitig macht,
während er draußen nach Früchten, am Strande nach Muscheln sucht und eben
Alles verschlingt, was sich ihm darbietet. Ein echter Gebirgsvogel ist der
kurzschwänzige Rabe (_Corvus affinis_), der bis zu 11,000 Fuß aufsteigt
und dort in großen Scharen weilt. Durch seinen kurzen Schwanz macht er
sich vor allen Verwandten leicht kenntlich; er vertritt in Abessinien
unsern Kolkraben, lebt nur paarweise und bedeckt Abends, wenn er zur Rast
geht, oft große Felsblöcke. Die Staare sind durch mehrere Geschlechter,
die dohlenartigen Felsenstaare (_Ptilonorhynchus_), Glanzdrosseln
(_Lamprocolius_) und Glanzelstern (_Lamprotornis_) vertreten. Bei Weitem
der interessanteste Vogel aus dieser Familie ist aber der afrikanische
_Madenhacker_ (_Buphaga erythrorhyncha_), der von der Südspitze Afrika’s
an bis nach Abessinien hinein vorkommt und der treueste Begleiter der
Herden ist, sodaß es scheint, als könnten Rinder, Kameele, Pferde kaum
ohne ihn leben. Da wo diese wunde Stellen haben, in welche die Fliegen
ihre Eier legen, aus denen die Maden entstehen, erscheint auch die
Buphaga, klettert an dem Thiere herum, wie ein Specht am Baume und sucht
ihm die Maden ab. Das Thier kennt seinen Wohlthäter recht gut, aber die
Abessinier hassen den Madenhacker, weil sie glauben, daß er durch sein
Picken die aufgeriebenen Stellen reize.

Die _finkenartigen Vögel_ kommen gleichfalls in großer Menge vor.
Reichlich treffen wir vorzüglich Amadina, Vidua, Estrelda, Serinus, alles
gute Sänger, während der _Weber_ (_Textor alecto_) nur einen
drosselartigen Ruf und unschönes Gezwitscher ertönen läßt. Dafür baut er
aber ein zusammenhängendes Nest, in dem ganze Gesellschaften brüten. Es
besteht aus dürrem Reisig, von dem eine große Masse, oft von 5 bis 8 Fuß
Länge und 3 bis 5 Fuß Breite und Höhe, zwischen tauglichen Astgabeln der
Baobab-Bäume aufgehäuft wird. In einem solchen sind 3 bis 8 Nester tief im
Innern angelegt und diese mit feinem Gras und Federn ausgefüttert. Die
Farbe der Eier wechselt zwischen rein weiß, roth, grün, braun mit allen
möglichen Zeichnungen, sodaß man glaubt, Eier verschiedener Arten vor sich
zu haben. Der Eingang zu dem unordentlichen Neste ist im Anfange so groß,
daß man bequem mit der Faust eindringen kann, verengert sich aber und geht
in einen Kanal über, gerade für den Vogel passend. Durch p

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