Gutenberg · eo1.org

← catalogue

Römische Geschichte — Buch 4

by Theodor Mommsen · German · Gutenberg #3063 · 1,234,483 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Römische Geschichte — Buch 4
    
This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
of the Project Gutenberg License included with this eBook or online
at www.gutenberg.org. If you are not located in the United States,
you will have to check the laws of the country where you are located
before using this eBook.

Title: Römische Geschichte — Buch 4

Author: Theodor Mommsen


        
Release date: February 1, 2002 [eBook #3063]
                Most recently updated: January 8, 2021

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/3063


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK RÖMISCHE GESCHICHTE — BUCH 4 ***
Ver.04.07.00*END*




Theodor Mommsen Roemische Geschichte

Viertes Buch Die Revolution

"Aber sie treiben's toll; Ich fuercht', es breche". Nicht jeden
Wochenschluss Macht Gott die Zeche. Goethe 1. Kapitel Die untertaenigen
Landschaften bis zu der Gracchenzeit Mit der Vernichtung des
Makedonischen Reichs ward die Oberherrlichkeit Roms eine Tatsache,
die von den Saeulen des Hercules bis zu den Muendungen des Nil und des
Orontes nicht bloss feststand, sondern gleichsam als das letzte Wort
des Verhaengnisses auf den Voelkern lastete mit dem ganzen Druck
der Unabwendbarkeit und ihnen nur die Wahl zu lassen schien, sich in
hoffnungslosem Widerstreben oder in hoffnungslosem Dulden zu verzehren.
Wenn nicht die Geschichte von dem ernsten Leser es als ihr Recht
fordern duerfte, sie durch gute und boese Tage, durch Fruehlings-
und Winterlandschaft zu begleiten, so moechte der Geschichtschreiber
versucht sein, sich der trostlosen Aufgabe zu entziehen, diesem Kampf
der Uebermacht mit der Ohnmacht sowohl in den schon zum Roemischen Reich
gezogenen spanischen Landschaften wie in den noch nach Klientelrecht
beherrschten afrikanischen, hellenischen, asiatischen Gebieten in
seinen mannigfaltigen und doch eintoenigen Wendungen zu folgen. Aber
wie unbedeutend und untergeordnet auch die einzelnen Kaempfe erscheinen
moegen, eine tiefe geschichtliche Bedeutung kommt ihnen in ihrer
Gesamtheit dennoch zu; und vor allem die italischen Verhaeltnisse dieser
Zeit werden erst verstaendlich durch die Einsicht in den Rueckschlag,
der von den Provinzen aus auf die Heimat traf. Ausser in den
naturgemaess als Nebenlaender Italiens anzusehenden Gebieten, wo
uebrigens auch die Eingeborenen noch keineswegs vollstaendig unterworfen
waren und, nicht eben zur Ehre Roms, Ligurer, Sarder und Korsen
fortwaehrend Gelegenheit zu "Dorftriumphen" lieferten, bestand eine
foermliche Herrschaft Roms zu Anfang dieser Periode nur in den beiden
spanischen Provinzen, die den groesseren oestlichen und suedlichen Teil
der Pyrenaeischen Halbinsel umfassten. Es ist schon frueher versucht
worden, die Zustaende der Halbinsel zu schildern: Iberer und Kelten,
Phoeniker, Hellenen, Roemer mischten sich hier bunt durcheinander;
gleichzeitig und vielfach sich durchkreuzend bestanden daselbst die
verschiedensten Arten und Stufen der Zivilisation, die altiberische
Kultur neben vollstaendiger Barbarei, die Bildungsverhaeltnisse
phoenikischer und griechischer Kaufstaedte neben der aufkeimenden
Latinisierung, die namentlich durch die in den Silberbergwerken
zahlreich beschaeftigten Italiker und durch die starke stehende
Besatzung gefoerdert ward. In dieser Hinsicht erwaehnenswert sind die
roemische Ortschaft Italica (bei Sevilla) und die latinische Kolonie
Carteia (an der Bai von Gibraltar), die letztere die erste ueberseeische
Stadtgemeinde latinischer Zunge und italischer Verfassung. Italica wurde
von dem aelteren Scipio, noch ehe er Spanien verliess (548 206), fuer
seine zum Verbleiben auf der Halbinsel geneigten Veteranen gegruendet,
wahrscheinlich indes nicht als Buergergemeinde, sondern nur als Marktort
^1; Carteias Gruendung faellt in das Jahr 583 (171) und ward veranlasst
durch die Menge der von roemischen Soldaten mit spanischen Sklavinnen
erzeugten Lagerkinder, welche rechtlich als Sklaven, tatsaechlich als
freie Italiker aufwuchsen und nun von Staats wegen freigesprochen und in
Verbindung mit den alten Einwohnern von Carteia als latinische Kolonie
konstituiert wurden. Beinahe dreissig Jahre nach der Ordnung der
Ebroprovinz durch Tiberius Sempronius Gracchus (575, 576 179, 178)
genossen die spanischen Landschaften im ganzen ungestoert die Segnungen
des Friedens, obwohl ein paarmal von Kriegszuegen gegen die Keltiberer
und Lusitaner die Rede ist. Aber ernstere Ereignisse traten im Jahre 600
(154) ein. Unter Fuehrung eines Haeuptlings Punicus fielen die Lusitaner
ein in das roemische Gebiet, schlugen die beiden gegen sie vereinigten
roemischen Statthalter und toeteten ihnen eine grosse Anzahl Leute.
Die Vettonen (zwischen dem Tajo und dem oberen Duero) wurden hierdurch
bestimmt, mit den Lusitanern gemeinschaftliche Sache zu machen; so
verstaerkt vermochten diese ihre Streifzuege bis an das Mittellaendische
Meer auszudehnen und sogar das Gebiet der Bastulophoeniker unweit der
roemischen Hauptstadt Neukarthago (Cartagena) zu brandschatzen. Man
nahm in Rom die Sache ernst genug, um die Absendung eines Konsuls nach
Spanien zu beschliessen, was seit 559 (195) nicht geschehen war, und
liess sogar zur Beschleunigung der Hilfsleistung die neuen Konsuln zwei
und einen halben Monat vor der gesetzlichen Zeit ihr Amt antreten - es
war dies die Ursache, weshalb der Amtsantritt der Konsuln vom 15. Maerz
sich auf den 1. Januar verschob und damit derjenige Jahresanfang sich
feststellte, dessen wir noch heute uns bedienen. Allein ehe noch
der Konsul Quintus Fulvius Nobilior mit seiner Armee eintraf, kam es
zwischen dem Statthalter des Jenseitigen Spaniens, dem Praetor Lucius
Mummius, und den jetzt nach Punicus' Fall von seinem Nachfolger Kaesarus
gefuehrten Lusitanern am rechten Ufer des Tajo zu einem sehr ernsthaften
Treffen (601 158). Das Glueck war anfangs den Roemern guenstig; das
lusitanische Heer ward zersprengt, das Lager genommen. Allein, teils
bereits vom Marsch ermuedet, teils in der Unordnung des Nachsetzens
sich aufloesend, wurden sie von den schon besiegten Gegnern schliesslich
vollstaendig geschlagen und buessten zu dem feindlichen Lager das
eigene sowie an Toten 9000 Mann ein. Weit und breit loderte jetzt die
Kriegsflamme auf. Die Lusitaner am linken Ufer des Tajo warfen sich
unter Anfuehrung des Kaukaenus auf die den Roemern untertaenigen
Keltiker (in Alentejo) und nahmen ihre Stadt Conistorgis weg. Den
Keltiberern sandten die Lusitaner die dem Mummius abgenommenen
Feldzeichen zugleich als Siegesbotschaft und als Mahnung zu; und auch
hier fehlte es nicht an Gaerungsstoff. Zwei kleine, den maechtigen
Arevakern (um die Quellen des Duero und Tajo) benachbarte
Voelkerschaften Keltiberiens, die Beller und Titther, hatten
beschlossen, in eine ihrer Staedte, Segeda, sich zusammenzusiedeln.
Waehrend sie mit dem Mauerbau beschaeftigt waren, ward ihnen dieser
roemischerseits untersagt, da die Sempronischen Ordnungen den
unterworfenen Gemeinden jede eigenmaechtige Staedtegruendung verboeten,
und zugleich die vertragsmaessig schuldige, aber seit laengerer Zeit
nicht verlangte Leistung an Geld und Mannschaft eingefordert. Beiden
Befehlen weigerten die Spanier den Gehorsam, da es sich nur um
Erweiterung, nicht um Gruendung einer Stadt handle, die Leistungen
aber nicht bloss suspendiert, sondern von den Roemern erlassen seien.
Darueber erschien Nobilior im Diesseitigen Spanien mit einem fast 30000
Mann starken Heer, unter dem auch numidische Reiter und zehn
Elefanten sich befanden. Noch standen die Mauern der neuen Stadt
nicht vollstaendig; die meisten Segedaner unterwarfen sich. Allein
die entschlossensten fluechteten mit Weib und Kind zu den maechtigen
Arevakern und forderten sie auf, mit ihnen gegen die Roemer
gemeinschaftliche Sache zu machen. Die Arevaker, ermutigt durch den Sieg
der Lusitaner ueber Mummius, gingen darauf ein und waehlten einen der
fluechtigen Segedaner, Karus, zu ihrem Feldherrn. Am dritten Tag nach
seiner Wahl war der tapfere Fuehrer eine Leiche, aber das roemische Heer
geschlagen und bei 6000 roemische Buerger getoetet - der Tag des 23.
August, das Fest der Volkanalien, blieb seitdem den Roemern in schlimmer
Erinnerung. Doch bewog der Fall ihres Feldherrn die Arevaker, sich in
ihre festeste Stadt Numantia (Garray, eine Legua noerdlich von Soria am
Duero) zurueckzuziehen, wohin Nobilior ihnen folgte. Unter den Mauern
der Stadt kam es zu einem zweiten Treffen, in welchem die
Roemer anfaenglich durch ihre Elefanten die Spanier in die Stadt
zurueckdraengten, aber dabei infolge der Verwundung eines der Tiere in
Verwirrung gerieten und durch die abermals ausrueckenden Feinde
eine zweite Niederlage erlitten. Dieser und andere Unfaelle, wie die
Vernichtung eines zur Herbeirufung von Zuzugmannschaft ausgesandten
roemischen Reiterkorps, gestalteten die Angelegenheiten der Roemer in
der diesseitigen Provinz so unguenstig, dass die Festung Okilis, wo die
Kasse und die Vorraete der Roemer sich befanden, zum Feinde uebertrat
und die Arevaker daran denken konnten, freilich ohne Erfolg, den Roemern
den Frieden zu diktieren. Einigermassen wurden indes diese Nachteile
aufgewogen durch die Erfolge, die Mummius in der suedlichen Provinz
erfocht. So geschwaecht auch durch die erlittene Niederlage sein
Heer war, gelang es ihm dennoch, mit demselben den unvorsichtig
sich zerstreuenden Lusitanern am rechten Tajoufer eine Niederlage
beizubringen und, uebergehend auf das linke, wo die Lusitaner das ganze
roemische Gebiet ueberrannt, ja bis nach Afrika gestreift hatten, die
suedliche Provinz von den Feinden zu saeubern. In die noerdliche
sandte das folgende Jahr (602 152) der Senat ausser betraechtlichen
Verstaerkungen einen andern Oberfeldherrn an der Stelle des unfaehigen
Nobilior, den Konsul Marcus Claudius Marcellus, der schon als Praetor
586 (168) sich in Spanien ausgezeichnet und seitdem in zwei Konsulaten
sein Feldherrntalent bewaehrt hatte. Seine geschickte Fuehrung und mehr
noch seine Milde aenderte die Lage der Dinge schnell: Okilis ergab
sich ihm sofort, und selbst die Arevaker, von Marcellus in der Hoffnung
bestaerkt, dass ihnen gegen eine maessige Busse Friede gewaehrt werden
wuerde, schlossen Waffenstillstand und schickten Gesandte nach Rom.
Marcellus konnte sich nach der suedlichen Provinz begeben, wo die
Vettonen und Lusitaner sich dem Praetor Marcus Atilius zwar botmaessig
erwiesen hatten, solange er in ihrem Gebiet stand, allein nach
seiner Entfernung sofort wieder aufgestanden waren und die roemischen
Verbuendeten heimsuchten. Die Ankunft des Konsuls stellte die Ordnung
wieder her, und waehrend er in Corduba ueberwinterte, ruhten auf der
ganzen Halbinsel die Waffen. Inzwischen ward in Rom ueber den Frieden
mit den Arevakern verhandelt. Es ist bezeichnend fuer die inneren
Verhaeltnisse Spaniens, dass vornehmlich die Sendlinge der bei
den Arevakern bestehenden roemischen Partei die Verwerfung der
Friedensvorschlaege in Rom durchsetzten, indem sie vorstellten, dass,
wenn man die roemisch gesinnten Spanier nicht preisgeben wolle, nur die
Wahl bleibe, entweder jaehrlich einen Konsul mit entsprechendem Heer
nach der Halbinsel zu senden oder jetzt ein nachdrueckliches Exempel
zu statuieren. Infolgedessen wurden die Boten der Arevaker ohne
entscheidende Antwort verabschiedet und die energische Fortsetzung des
Krieges beschlossen. Marcellus sah sich demnach genoetigt, im folgenden
Fruehjahr (603 151) den Krieg gegen die Arevaker wieder zu beginnen.
Indes sei es nun, wie behauptet wird, dass er den Ruhm, den Krieg
beendigt zu haben, seinem bald zu erwartenden Nachfolger nicht goennte,
sei es, was vielleicht wahrscheinlicher ist, dass er gleich Gracchus in
der milden Behandlung der Spanier die erste Bedingung eines dauerhaften
Friedens sah - nach einer geheimen Zusammenkunft des roemischen
Feldherrn mit den einflussreichsten Maennern der Arevaker kam unter den
Mauern von Numantia ein Traktat zustande, durch den die Arevaker den
Roemern sich auf Gnade und Ungnade ergaben, aber unter Verpflichtung
zu Geldzahlung und Geiselstellung in ihre bisherigen vertragsmaessigen
Rechte wiedereingesetzt wurden. ---------------------------------------
^1 Italica wird durch Scipio das geworden sein, was in Italien forum et
conciliabulum civium Romanorum hiess; aehnlich ist spaeter Aquae Sextiae
in Gallien entstanden. Die Entstehung ueberseeischer Buergergemeinden
beginnt erst spaeter mit Karthago und Narbo; indes ist es merkwuerdig,
dass in gewissem Sinne doch auch dazu schon Scipio den Anfang machte.
---------------------------------------- Als der neue Oberfeldherr, der
Konsul Lucius Lucullus, bei dem Heere eintraf, fand er den Krieg, den
zu fuehren er gekommen war, bereits durch foermlichen Friedensschluss
beendigt, und seine Hoffnung, Ehre und vor allem Geld aus Spanien
heimzubringen, schien vereitelt. Indes dafuer gab es Rat. Auf eigene
Hand griff Lucullus die westlichen Nachbarn der Arevaker, die Vaccaeer,
an, eine noch unabhaengige keltiberische Nation, die mit den Roemern
im besten Einvernehmen lebte. Auf die Frage der Spanier, was sie denn
gefehlt haetten, war die Antwort: der Ueberfall der Stadt Cauca (Coca,
acht Leguas westlich von Segovia); und als die erschreckte Stadt mit
schweren Geldopfern die Kapitulation erkauft zu haben meinte,
rueckten roemische Truppen in sie ein und knechteten oder mordeten die
Einwohnerschaft ohne jeglichen Vorwand. Nach dieser Heldentat, die etwa
20000 wehrlosen Menschen das Leben gekostet haben soll, ging der Marsch
weiter. Weit und breit standen die Doerfer und Ortschaften leer oder
schlossen, wie das feste Intercatia und die Hauptstadt der Vaccaeer,
Pallantia (Palencia), dem roemischen Heere ihre Tore. Die Habsucht hatte
in ihren eigenen Netzen sich gefangen; keine Gemeinde fand sich, die
mit dem treubruechigen Feldherrn eine Kapitulation haette abschliessen
moegen, und die allgemeine Flucht der Bewohner machte nicht bloss die
Beute karg, sondern auch das laengere Verweilen in diesen unwirtlichen
Gegenden fast unmoeglich. Vor Intercatia gelang es einem angesehenen
Kriegstribun, dem Scipio Aemilianus, leiblichem Sohn des Siegers von
Pydna und Adoptivenkel des Siegers von Zama, durch sein Ehrenwort, da
das des Feldherrn nichts mehr galt, die Bewohner zum Abschluss eines
Vertrages zu bestimmen, infolgedessen das roemische Heer gegen Lieferung
von Vieh und Kleidungsstuecken abzog. Aber die Belagerung von Pallantia
musste wegen Mangels an Lebensmitteln aufgehoben werden, und das
roemische Heer ward auf dem Rueckmarsch von den Vaccaeern bis zum Duero
verfolgt. Lucullus begab sich darauf nach der suedlichen Provinz, wo
der Praetor Servius Sulpicius Galba in demselben Jahr von den Lusitanern
sich hatte schlagen lassen; beide ueberwinterten nicht fern voneinander,
Lucullus im turdetanischen Gebiet, Galba bei Conistorgis, und griffen
im folgenden Jahr (604 150) gemeinschaftlich die Lusitaner an. Lucullus
errang an der Gaditanischen Meerenge einige Vorteile ueber sie. Galba
richtete mehr aus, indem er mit drei lusitanischen Staemmen am rechten
Ufer des Tajo einen Vertrag abschloss und sie in bessere Wohnsitze
ueberzusiedeln verhiess, worauf die Barbaren, die der gehofften Aecker
wegen, 7000 an der Zahl, sich bei ihm einfanden, in drei Abteilungen
geteilt, entwaffnet und teils als Sklaven weggefuehrt, teils
niedergehauen wurden. Kaum ist je mit gleicher Treulosigkeit,
Grausamkeit und Habgier Krieg gefuehrt worden wie von diesen beiden
Feldherren, die dennoch durch ihre verbrecherisch erworbenen Schaetze
der eine der Verurteilung, der andre sogar der Anklage entging. Den
Galba versuchte der alte Cato noch in seinem fuenfundachtzigsten Jahr,
wenige Monate vor seinem Tode, vor der Buergerschaft zur Verantwortung
zu ziehen; aber die jammernden Kinder des Generals und sein
heimgebrachtes Gold erwiesen dem roemischen Volke seine Unschuld. Nicht
so sehr die ehrlosen Erfolge, die Lucullus und Galba in Spanien erreicht
hatten, als der Ausbruch des Vierten Makedonischen und des Dritten
Karthagischen Krieges im Jahre 605 (149) bewirkte, dass man die
spanischen Angelegenheiten zunaechst wieder den gewoehnlichen
Statthaltern ueberliess. So verwuesteten denn die Lusitaner, durch
Galbas Treulosigkeit mehr erbittert als gedemuetigt, unaufhoerlich das
reiche turdetanische Gebiet. Gegen sie zog der roemische Statthalter
Gaius Vetilius (607/08 147/48) 2 und schlug sie nicht bloss, sondern
draengte auch den ganzen Haufen auf einen Huegel zusammen, wo derselbe
rettungslos verloren schien. Schon war die Kapitulation so gut wie
abgeschlossen, als Viriathus, ein Mann geringer Herkunft, aber wie einst
als Bube ein tapferer Verteidiger seiner Herde gegen die wilden
Tiere und Raeuber, so jetzt in ernsteren Kaempfen ein gefuerchteter
Guerillachef und einer der wenigen, die dem treulosen Ueberfall Galbas
zufaellig entronnen waren, seine Landsleute warnte, auf roemisches
Ehrenwort zu bauen und ihnen Rettung verhiess, wenn sie ihm folgen
wollten. Sein Wort und sein Beispiel wirkten; das Heer uebertrug ihm
den Oberbefehl. Viriathus gab der Masse seiner Leute den Befehl, sich in
einzelnen Trupps auf verschiedenen Wegen nach dem bestimmten
Sammelplatz zu begeben; er selber bildete aus den bestberittenen und
zuverlaessigsten Leuten ein Korps von 1000 Pferden, womit er den Abzug
der Seinigen deckte. Die Roemer, denen es an leichter Kavallerie fehlte,
wagten nicht, unter den Augen der feindlichen Reiter sich zur Verfolgung
zu zerstreuen. Nachdem Viriathus zwei volle Tage hindurch mit seinem
Haufen das ganze roemische Heer aufgehalten hatte, verschwand auch er
ploetzlich in der Nacht und eilte dem allgemeinen Sammelplatz zu. Der
roemische Feldherr folgte ihm, fiel aber in einen geschickt gelegten
Hinterhalt, in dem er die Haelfte seines Heeres verlor und selber
gefangen und getoetet ward; kaum rettete der Rest der Truppen sich an
die Meerenge nach der Kolonie Carteia. Schleunigst wurden vom Ebro her
5000 Mann spanischer Landsturm zur Verstaerkung der geschlagenen Roemer
gesandt; aber Viriathus vernichtete das Korps noch auf dem Marsch und
gebot in dem ganzen karpetanischen Binnenland so unumschraenkt, dass die
Roemer nicht einmal wagten, ihn dort aufzusuchen. Viriathus, jetzt als
Herr und Koenig der saemtlichen Lusitaner anerkannt, verstand es, das
volle Gewicht seiner fuerstlichen Stellung mit dem schlichten Wesen des
Hirten zu vereinigen. Kein Abzeichen unterschied ihn von dem
gemeinen Soldaten; von der reichgeschmueckten Hochzeitstafel seines
Schwiegervaters, des Fuersten Astolpa im roemischen Spanien, stand er
auf, ohne das goldene Geschirr und die kostbaren Speisen beruehrt zu
haben, hob seine Braut auf das Ross und ritt mit ihr zurueck in seine
Berge. Nie nahm er von der Beute mehr als denselben Teil, den er auch
jedem seiner Kameraden zuschied. Nur an der hohen Gestalt und an dem
treffenden Witzwort erkannte der Soldat den Feldherrn, vor allem aber
daran, dass er es in Maessigkeit und in Muehsal jedem der Seinigen
zuvortat, nie anders als in voller Ruestung schlief und in der Schlacht
allen voran focht. Es schien, als sei in dieser gruendlich prosaischen
Zeit einer der Homerischen Helden wiedergekehrt; weit und breit erscholl
in Spanien der Name des Viriathus, und die tapfere Nation meinte endlich
in ihm den Mann gefunden zu haben, der die Ketten der Fremdherrschaft zu
brechen bestimmt sei. Ungemeine Erfolge im noerdlichen wie im suedlichen
Spanien bezeichneten die naechsten Jahre seiner Feldherrnschaft. Den
Praetor Gaius Plautius (608/09 146) wusste er, nachdem er dessen Vorhut
vernichtet hatte, hinueber auf das rechte Tajoufer zu locken und ihn
dort so nachdruecklich zu schlagen, dass der roemische Feldherr mitten
im Sommer in die Winterquartiere ging - spaeter ward dafuer gegen ihn
die Anklage wegen Entehrung der roemischen Gemeinde vor dem Volk erhoben
und er genoetigt, die Heimat zu meiden. Desgleichen wurde das Heer des
Statthalters - es scheint, der diesseitigen Provinz - Claudius Unimanus
vernichtet, das des Gaius Negidius ueberwunden und weithin das
platte Land gebrandschatzt. Auf den spanischen Bergen erhoben sich
Siegeszeichen, die mit den Insignien der roemischen Statthalter und
mit den Waffen der Legionen geschmueckt waren; bestuerzt und beschaemt
vernahm man in Rom von den Siegen des Barbarenkoenigs. Zwar uebernahm
jetzt ein zuverlaessiger Offizier die Fuehrung des Spanischen Krieges,
der zweite Sohn des Siegers von Pydna, der Konsul Quintus Fabius Maximus
Aemilianus (609 145). Allein die krieggewohnten, eben von Makedonien und
Afrika heimgekehrten Veteranen aufs neue in den verhassten Spanischen
Krieg zu senden, wagte man schon nicht mehr; die beiden Legionen,
die Maximus mitbrachte, waren neu geworben und nicht viel minder
unzuverlaessig als das alte, gaenzlich demoralisierte spanische
Heer. Nachdem die ersten Gefechte wieder fuer die Lusitaner guenstig
ausgefallen waren, hielt der einsichtige Feldherr den Rest des Jahres
seine Truppen in dem Lager bei Urso (Osuna suedoestlich von Sevilla)
zusammen, ohne die angebotene Feldschlacht zu liefern, und nahm erst im
folgenden (610 144), nachdem im kleinen Krieg seine Truppen kampffaehig
geworden waren, wieder das Feld, wo er dann die Ueberlegenheit zu
behaupten vermochte und nach gluecklichen Waffentaten nach Corduba ins
Winterlager ging. Als aber an Maximus' Stelle der feige und ungeschickte
Praetor Quinctius den Befehl uebernahm, erlitten die Roemer wiederum
eine Niederlage ueber die andere und schloss ihr Feldherr sich wieder
mitten im Sommer in Corduba ein, waehrend Viriathus' Scharen die
suedliche Provinz ueberschwemmten (611 143). Sein Nachfolger, des
Maximus Aemilianus Adoptivbruder Quintus Fabius Maximus Servilianus, mit
zwei frischen Legionen und zehn Elefanten nach der Halbinsel gesendet,
versuchte, in das lusitanische Gebiet einzudringen, allein nach einer
Reihe nichts entscheidender Gefechte und einem muehsam abgeschlagenen
Sturm auf das roemische Lager sah er sich genoetigt, auf das roemische
Gebiet zurueckzuweichen. Viriathus folgte ihm in die Provinz; da aber
seine Truppen nach dem Brauch spanischer Insurgentenheere ploetzlich
sich verliefen, musste auch er nach Lusitanien zurueckkehren (612 142).
Im naechsten Jahre (613 141) ergriff Servilianus wieder die Offensive,
durchzog die Gegenden am Baetis und Anas und besetzte sodann, in
Lusitanien einrueckend, eine Menge Ortschaften. Eine grosse Zahl der
Insurgenten fiel in seine Hand; die Fuehrer - es waren deren gegen 500
- wurden hingerichtet, den aus roemischem Gebiet zum Feinde
Uebergegangenen die Haende abgehauen, die uebrige Masse in die Sklaverei
verkauft. Aber der Spanische Krieg bewaehrte auch hier seine tueckische
Unbestaendigkeit. Das roemische Heer ward nach all diesen Erfolgen bei
der Belagerung von Erisane von Viriathus angegriffen, geworfen und auf
einen Felsen gedraengt, wo es gaenzlich in der Gewalt der Feinde war.
Viriathus indes begnuegte sich, wie einst der Samnitenfeldherr in den
Caudinischen Paessen, mit Servilianus einen Frieden abzuschliessen,
worin die Gemeinde der Lusitaner als souveraen und Viriathus als Koenig
derselben anerkannt ward. Die Macht der Roemer war nicht mehr gestiegen
als das nationale Ehrgefuehl gesunken; man war in der Hauptstadt froh,
des laestigen Krieges entledigt zu sein, und Senat und Volk gaben dem
Vertrage die Ratifikation. Allein des Servilianus leiblicher Bruder und
Amtsnachfolger Quintus Servilius Caepio war mit dieser Nachgiebigkeit
wenig zufrieden und der Senat schwach genug, anfangs den Konsul zu
heimlichen Machinationen gegen den Viriathus zu bevollmaechtigen und
bald ihm den offenen, unbeschoenigten Bruch des gegebenen Treuworts
wenigstens nachzusehen. So drang Caepio in Lusitanien ein und durchzog
das Land bis zu dem Gebiet der Vettonen und Callaeker; Viriathus vermied
den Kampf mit der Uebermacht und entzog sich durch geschickte Bewegungen
dem Gegner (614 140). Als aber im folgenden Jahre (615 139) nicht
bloss Caepio den Angriff erneuerte, sondern auch das in der noerdlichen
Provinz inzwischen verfuegbar gewordene Heer unter Marcus Popillius in
Lusitanien erschien, bat Viriathus um Frieden unter jeder Bedingung. Er
ward geheissen, alle aus dem roemischen Gebiet zu ihm uebergetretenen
Leute, darunter seinen eigenen Schwiegervater, an die Roemer
auszuliefern; es geschah, und die Roemer liessen dieselben hinrichten
oder ihnen die Haende abhauen. Allein es war damit nicht genug; nicht
auf einmal pflegten die Roemer den Unterworfenen anzukuendigen, was
ueber sie verhaengt war. Ein Befehl nach dem andern, und immer
der folgende unertraeglicher als die vorhergehenden, erging an die
Lusitaner, und schliesslich ward sogar die Auslieferung der Waffen von
ihnen gefordert. Da gedachte Viriathus abermals des Schicksals seiner
Landsleute, die Galba hatte entwaffnen lassen, und griff aufs neue
zum Schwert, aber zu spaet. Sein Schwanken hatte in seiner naechsten
Umgebung die Keime des Verrats gesaet; drei seiner Vertrauten, Audas,
Ditalko und Minucius aus Urso, verzweifelnd an der Moeglichkeit, jetzt
noch zu siegen, erwirkten von dem Koenig die Erlaubnis, noch einmal mit
Caepio Friedensunterhandlungen anzuknuepfen, und benutzten sie, um gegen
Zusicherung persoenlicher Amnestie und weiterer Belohnungen das Leben
des lusitanischen Helden den Fremden zu verkaufen. Zurueckgekehrt in
das Lager, versicherten sie den Koenig des guenstigsten Erfolgs ihrer
Verhandlungen und erdolchten die Nacht darauf den Schlafenden in seinem
Zelte. Die Lusitaner ehrten den herrlichen Mann durch eine Totenfeier
ohnegleichen, bei der zweihundert Fechterpaare die Leichenspiele
fochten; hoeher noch dadurch, dass sie den Kampf nicht aufgaben, sondern
an die Stelle des gefallenen Helden den Tautamus zu ihrem Oberfeldherrn
ernannten. Kuehn genug war auch der Plan, den dieser entwarf, den
Roemern Sagunt zu entreissen; allein der neue Feldherr besass weder
seines Vorgaengers weise Maessigung noch dessen Kriegsgeschick. Die
Expedition scheiterte voellig, und auf der Rueckkehr ward das Heer bei
dem Uebergang ueber den Baetis angegriffen und genoetigt, sich unbedingt
zu ergeben. Also, weit mehr durch Verrat und Mord von Fremden wie von
Eingeborenen als durch ehrlichen Krieg, ward Lusitanien bezwungen.
----------------------------------------- 2 Die Chronologie des
Viriathischen Krieges ist wenig gesichert. Es steht fest, dass
Viriathus' Auftreten von dem Kampf mit Vetilius datiert (App. Hisp. 61;
Liv. 52; Oros. hist. 5, 4) und dass er 615 (130) umkam (Diod. Vat. p.
110 u. a. m.); die Dauer seines Regiments wird auf acht (App. Hisp. 63),
zehn (Iust. 44, 2), elf (Diod. p. 597), fuenfzehn (Liv. 54; Eutr. 4,
16; Oros. hist. 5, 4; Flor. epit. 1, 33) und zwanzig Jahre (Vell. 2, 90)
berechnet. Der erste Ansatz hat deswegen einige Wahrscheinlichkeit, weil
Viriathus' Auftreten sowohl bei Diodor (p. 591; Vat. p. 107 108) wie
auch bei Orosius (hist. 5, 4) an die Zerstoerung von Korinth angeknuepft
wird. Von den roemischen Statthaltern, mit denen sich Viriathus schlug,
gehoeren ohne Zweifel mehrere der noerdlichen Provinz an, da Viriathus
zwar vorwiegend, aber nicht ausschliesslich in der suedlichen taetig war
(Liv. 52); man darf also nicht nach der Zahl dieser Namen die Zahl
der Jahre seiner Feldherrnschaft berechnen.
--------------------------------------- Waehrend die suedliche Provinz
durch Viriathus und die Lusitaner heimgesucht ward, war nicht ohne deren
Zutun in der noerdlichen bei den keltiberischen Nationen ein zweiter,
nicht minder ernster Krieg ausgebrochen. Viriathus' glaenzende Erfolge
bewogen im Jahre 610 (144) die Arevaker, gleichfalls gegen die Roemer
sich zu erheben, und es war dies die Ursache, weshalb der zur Abloesung
des Maximus Aemilianus nach Spanien gesandte Konsul Quintus Caecilius
Metellus nicht nach der suedlichen Provinz ging, sondern gegen die
Keltiberer sich wandte. Auch gegen sie bewaehrte er, namentlich waehrend
der Belagerung der fuer unbezwinglich gehaltenen Stadt Contrebia,
dieselbe Tuechtigkeit, die er bei der Ueberwindung des makedonischen
Pseudophilipp bewiesen hatte; nach zweijaehriger Verwaltung (611, 612
143, 142) war die noerdliche Provinz zum Gehorsam zurueckgebracht. Nur
die beiden Staedte Termantia und Numantia hatten noch den Roemern die
Tore nicht geoeffnet; auch mit diesen aber war die Kapitulation fast
schon abgeschlossen und der groesste Teil der Bedingungen von den
Spaniern erfuellt. Als es jedoch zur Ablieferung der Waffen kam, ergriff
auch sie eben wie den Viriathus jener echt spanische Stolz auf den
Besitz des wohlgefuehrten Schwertes, und es ward beschlossen, unter dem
kuehnen Megaravicus den Krieg fortzusetzen. Es schien eine Torheit; das
konsularische Heer, dessen Befehl 613 (141) der Konsul Quintus
Pompeius uebernahm, war viermal so stark als die gesamte waffenfaehige
Bevoelkerung von Numantia. Allein der voellig kriegsunkundige Feldherr
erlitt unter den Mauern beider Staedte so harte Niederlagen (613,
614 141, 140), dass er endlich es vorzog, den Frieden, den er nicht
erzwingen konnte, durch Unterhandlungen zu erwirken. Mit Termantia muss
ein definitives Abkommen getroffen sein; auch den Numantinern sandte
der roemische Feldherr ihre Gefangenen zurueck und forderte die Gemeinde
unter dem geheimen Versprechen guenstiger Behandlung auf, sich ihm auf
Gnade und Ungnade zu ergeben. Die Numantiner, des Krieges muede, gingen
darauf ein, und der Feldherr beschraenkte in der Tat seine Forderungen
auf das moeglichst geringe Mass. Gefangene, Ueberlaeufer, Geiseln waren
abgeliefert und die bedungene Geldsumme groesstenteils gezahlt, als
im Jahre 615 (139) der neue Feldherr Marcus Popillius Laenas im Lager
eintraf. Sowie Pompeius die Last des Oberbefehls auf fremde Schultern
gewaelzt sah, ergriff er, um sich der in Rom seiner wartenden
Verantwortung fuer den nach roemischen Begriffen ehrlosen Frieden zu
entziehen, den Ausweg, sein Wort nicht etwa bloss zu brechen, sondern
zu verleugnen und, als die Numantiner kamen, um die letzte Zahlung
zu machen, ihren und seinen Offizieren ins Gesicht den Abschluss des
Vertrages einfach in Abrede zu stellen. Die Sache ging zur rechtlichen
Entscheidung an den Senat nach Rom; waehrend dort darueber verhandelt
ward, ruhte vor Numantia der Krieg und beschaeftigte sich Laenas
mit einem Zug nach Lusitanien, wo er die Katastrophe des Viriathus
beschleunigen half, und mit einem Streifzug gegen die den Numantinern
benachbarten Lusonen. Als endlich vom Senat die Entscheidung kam,
lautete sie auf Fortsetzung des Krieges - man beteiligte sich also von
Staats wegen an dem Bubenstreich des Pompeius. Mit ungeschwaechtem Mut
und erhoehter Erbitterung nahmen die Numantiner den Kampf wieder auf;
Laenas focht ungluecklich gegen sie und nicht minder sein Nachfolger
Gaius Hostilius Mancinus (617 137). Aber die Katastrophe fuehrten weit
weniger die Waffen der Numantiner herbei als die schlaffe und elende
Kriegszucht der roemischen Feldherrn und die Folge derselben, die von
Jahr zu Jahr ueppiger wuchernde Liederlichkeit, Zuchtlosigkeit und
Feigheit der roemischen Soldaten. Das blosse, ueberdies falsche
Geruecht, dass die Kantabrer und Vaccaeer zum Entsatz von Numantia
heranrueckten, bewog das roemische Heer, ungeheissen in der Nacht das
Lager zu raeumen, um sich in den sechzehn Jahre zuvor von Nobilior
angelegten Verschanzungen zu bergen. Die Numantiner, von dem Aufbruch
in Kenntnis gesetzt, draengten der fliehenden Armee nach und
umzingelten sie; es blieb nur die Wahl, mit dem Schwert in der Hand sich
durchzuschlagen oder auf die von den Numantinern gestellten Bedingungen
Frieden zu schliessen. Mehr als der Konsul, der persoenlich ein
Ehrenmann, aber schwach und wenig bekannt war, bewirkte Tiberius
Gracchus, der als Quaestor im Heere diente, durch sein von dem Vater,
dem weisen Ordner der Ebroprovinz, auf ihn vererbtes Ansehen bei den
Keltiberern, dass die Numantiner sich mit einem billigen, von allen
Stabsoffizieren beschworenen Friedensvertrag genuegen liessen. Allein
der Senat rief nicht bloss den Feldherrn sofort zurueck, sondern liess
auch nach langer Beratung bei der Buergerschaft darauf antragen, den
Vertrag zu behandeln wie einst den caudinischen, das heisst, ihm
die Ratifikation zu verweigern und die Verantwortlichkeit dafuer auf
diejenigen abzuwaelzen, die ihn geschlossen hatten. Von Rechts wegen
haetten dies saemtliche Offiziere sein muessen, die den Vertrag
beschworen hatten; allein Gracchus und die uebrigen wurden durch ihre
Verbindungen gerettet; Mancinus allein, der nicht den Kreisen der
hoechsten Aristokratie angehoerte, ward bestimmt, fuer eigene und fremde
Schuld zu buessen. Seiner Insignien entkleidet, ward der roemische
Konsular zu den feindlichen Vorposten gefuehrt, und da die Numantiner
ihn anzunehmen verweigerten, um nicht auch ihrerseits den Vertrag als
nichtig anzuerkennen, stand der ehemalige Oberfeldherr, im Hemd und
die Haende auf den Ruecken gebunden, einen Tag lang vor den Toren von
Numantia, Freunden und Feinden ein klaegliches Schauspiel. Jedoch fuer
Mancinus' Nachfolger, seinen Kollegen im Konsulat, Marcus Aemilius
Lepidus, schien die bittere Lehre voellig verloren. Waehrend die
Verhandlungen ueber den Vertrag mit Mancinus in Rom schwebten, griff er
unter nichtigen Vorwaenden, eben wie sechzehn Jahre zuvor Lucullus, das
freie Volk der Vaccaeer an und begann in Gemeinschaft mit dem
Feldherrn der jenseitigen Provinz Pallantia zu belagern (618 136). Ein
Senatsbeschluss befahl ihm, von dem Krieg abzustehen; nichtsdestoweniger
setzte er, unter dem Vorwand, dass die Umstaende inzwischen sich
geaendert haetten, die Belagerung fort. Dabei war er als Soldat gerade
so schlecht wie als Buerger; nachdem er so lange vor der grossen und
festen Stadt gelegen hatte, bis ihm in dem rauhen feindlichen Land die
Zufuhr ausgegangen war, musste er mit Zuruecklassung aller Verwundeten
und Kranken den Rueckzug beginnen, auf dem die verfolgenden Pallantiner
die Haelfte seiner Soldaten aufrieben und, wenn sie die Verfolgung nicht
zu frueh abgebrochen haetten, das schon in voller Aufloesung begriffene
roemische Heer wahrscheinlich ganz vernichtet haben wuerden. Dafuer
ward denn dem hochgeborenen General bei seiner Heimkehr eine Geldbusse
auferlegt. Seine Nachfolger Lucius Furius Philus (618 136) und Quintus
Calpurnius Piso (619 135) hatten wieder gegen die Numantiner Krieg zu
fuehren, und da sie eben gar nichts taten, kamen sie gluecklich
ohne Niederlage heim. Selbst die roemische Regierung fing endlich an
einzusehen, dass man so nicht laenger fortfahren koenne; man
entschloss sich, die Bezwingung der kleinen spanischen Landstadt
ausserordentlicherweise dem ersten Feldherrn Roms, Scipio Aemilianus, zu
uebertragen. Die Geldmittel zur Kriegfuehrung wurden ihm freilich dabei
mit verkehrter Kargheit zugemessen und die verlangte Erlaubnis, Soldaten
auszuheben, sogar geradezu verweigert, wobei Koterieintrigen und die
Furcht, der souveraenen Buergerschaft laestig zu werden, zusammengewirkt
haben moegen. Indes begleitete ihn freiwillig eine grosse Anzahl von
Freunden und Klienten, unter ihnen sein Bruder Maximus Aemilianus, der
vor einigen Jahren mit Auszeichnung gegen Viriathus kommandiert
hatte. Gestuetzt auf diese zuverlaessige Schar, die als Feldherrnwache
konstituiert ward, begann Scipio das tief zerruettete Heer zu
reorganisieren (620 134). Vor allen Dingen musste der Tross das Lager
raeumen - es fanden sich bis 2000 Dirnen und eine Unzahl Wahrsager und
Pfaffen von allen Sorten -, und da der Soldat zum Fechten unbrauchbar
war, musste er wenigstens schanzen und marschieren. Den ersten Sommer
vermied der Feldherr jeden Kampf mit den Numantinern; er begnuegte sich,
die Vorraete in der Umgegend zu vernichten und die Vaccaeer, die den
Numantinern Korn verkauften, zu zuechtigen und zur Anerkennung der
Oberhoheit Roms zu zwingen. Erst gegen den Winter zog Scipio sein Heer
um Numantia zusammen; ausser dem numidischen Kontingent von Reitern,
Fusssoldaten und zwoelf Elefanten unter Anfuehrung des Prinzen Jugurtha
und den zahlreichen spanischen Zuzuegen waren es vier Legionen,
ueberhaupt eine Heermasse von 60000 Mann, die eine Stadt mit einer
waffenfaehigen Buergerschaft von hoechstens 8000 Koepfen einschloss.
Dennoch boten die Belagerten oftmals den Kampf an; allein Scipio, wohl
erkennend, dass die vieljaehrige Zuchtlosigkeit nicht mit einem Schlag
sich ausrotten lasse, verweigerte jedes Gefecht, und wo es dennoch bei
den Ausfaellen der Belagerten dazu kam, rechtfertigte die feige, kaum
durch das persoenliche Erscheinen des Feldherrn gehemmte Flucht der
Legionaere diese Taktik nur zu sehr. Nie hat ein Feldherr seine Soldaten
veraechtlicher behandelt als Scipio die numantinische Armee; und nicht
bloss mit bitteren Reden, sondern vor allem durch die Tat bewies er ihr,
was er von ihr halte. Zum erstenmal fuehrten die Roemer, wo es nur auf
sie ankam, das Schwert zu brauchen, den Kampf mit Hacke und Spaten.
Rings um die ganze Stadtmauer von reichlich einer halben deutschen Meile
im Umfang ward eine doppelt so ausgedehnte, mit Mauern, Tuermen und
Graeben versehene zwiefache Umwallungslinie aufgefuehrt und auch der
Duerofluss, auf dem den Belagerten anfangs noch durch kuehne Schiffer
und Taucher einige Vorraete zugekommen waren, endlich abgesperrt. So
musste die Stadt, die zu stuermen man nicht wagte, wohl durch Hunger
erdrueckt werden, um so mehr, als es der Buergerschaft nicht moeglich
gewesen war, sich waehrend des letzten Sommers zu verproviantieren. Bald
litten die Numantiner Mangel an allem. Einer ihrer kuehnsten Maenner,
Retogenes, schlug sich mit wenigen Begleitern durch die feindlichen
Linien durch, und seine ruehrende Bitte, die Stammesgenossen
nicht hilflos untergehen zu lassen, war wenigstens in einer der
Arevakerstaedte, in Lutia, von grosser Wirkung. Bevor aber die Buerger
von Lutia sich entschieden hatten, erschien Scipio, benachrichtigt von
den roemisch Gesinnten in der Stadt, mit Uebermacht vor ihren Mauern
und zwang die Behoerden, ihm die Fuehrer der Bewegung, vierhundert der
trefflichsten Juenglinge, auszuliefern, denen saemtlich auf Befehl des
roemischen Feldherrn die Haende abgehauen wurden. Die Numantiner,
also der letzten Hoffnung beraubt, sandten an Scipio, um ueber die
Unterwerfung zu verhandeln, und riefen den tapferen Mann an, der
Tapferen zu schonen; allein als die rueckkehrenden Boten meldeten, dass
Scipio unbedingte Ergebung verlange, wurden sie von der wuetenden Menge
zerrissen, und eine neue Frist verfloss, bis Hunger und Seuchen ihr Werk
vollendet hatten. Endlich kam in das roemische Hauptquartier eine zweite
Botschaft, dass die Stadt jetzt bereit sei, auf Gnade und Ungnade sich
zu unterwerfen. Als demnach die Buergerschaft angewiesen wurde, am
folgenden Tag vor den Toren zu erscheinen, bat sie um einige Tage
Frist, um denjenigen Buergern, die den Untergang der Freiheit nicht zu
ueberleben beschlossen haetten, Zeit zum Sterben zu gestatten. Sie ward
ihnen gewaehrt, und nicht wenige benutzten sie. Endlich erschien der
elende Rest vor den Toren. Scipio las fuenfzig der Ansehnlichsten aus,
um sie in seinem Triumphe aufzufuehren; die uebrigen wurden in die
Sklaverei verkauft, die Stadt dem Boden gleichgemacht, ihr Gebiet unter
die Nachbarstaedte verteilt. Das geschah im Herbst 621 (133), fuenfzehn
Monate nachdem Scipio den Oberbefehl uebernommen hatte. Mit Numantias
Fall war die hier und da noch sich regende Opposition gegen Rom in der
Wurzel getroffen; militaerische Spaziergaenge und Geldbussen reichten
aus, um die roemische Oberherrschaft im ganzen diesseitigen Spanien zur
Anerkennung zu bringen. Auch im jenseitigen ward durch die Ueberwindung
der Lusitaner die roemische Herrschaft befestigt und ausgedehnt. Der
Konsul Decimus Iunius Brutus, der an Caepios Stelle trat, siedelte die
kriegsgefangenen Lusitaner an in der Naehe von Sagunt und gab ihrer
neuen Stadt Valentia (Valencia) gleich Carteia latinische Verfassung
(616 138); er durchzog ferner (616-618 138-136) in verschiedenen
Richtungen die iberische Westkueste und gelangte zuerst von den Roemern
an das Gestade des Atlantischen Meers. Die von ihren Bewohnern,
Maennern und Frauen, hartnaeckig verteidigten Staedte der dort wohnenden
Lusitaner wurden durch ihn bezwungen, und die bis dahin unabhaengigen
Callaeker nach einer grossen Schlacht, in der ihrer 50000 gefallen sein
sollen, mit der roemischen Provinz vereinigt. Nach Unterwerfung der
Vaccaeer, Lusitaner und Callaeker war jetzt mit Ausnahme der Nordkueste
die ganze Halbinsel wenigstens dem Namen nach den Roemern untertan. Eine
senatorische Kommission ging nach Spanien, um im Einvernehmen mit Scipio
das neugewonnene Provinzialgebiet roemisch zu ordnen, und Scipio tat,
was er konnte, um die Folgen der ehr- und kopflosen Politik seiner
Vorgaenger zu beseitigen, wie denn zum Beispiel die Kaukaner, deren
schmachvolle Misshandlung durch Lucullus er neunzehn Jahre zuvor als
Kriegstribun mit hatte ansehen muessen, von ihm eingeladen wurden, in
ihre Stadt zurueckzukehren und sie wiederaufzubauen. Es begann wiederum
fuer Spanien eine leidlichere Zeit. Die Unterdrueckung des Seeraubes,
der auf den Balearen gefaehrliche Schlupfwinkel fand, durch Quintus
Caecilius Metellus' Besetzung dieser Inseln im Jahre 631 (123) war dem
Aufbluehen des spanischen Handels ungemein foerderlich, und auch sonst
waren die fruchtbaren und von einer dichten, in der Schleuderkunst
unuebertroffenen Bevoelkerung bewohnten Inseln ein wertvoller Besitz.
Wie zahlreich schon damals die lateinisch redende Bevoelkerung auf der
Halbinsel war, beweist die Ansiedelung von 3000 spanischen Latinern
in den Staedten Palma und Pollentia (Pollenza) auf den neugewonnenen
Inseln. Trotz mancher schwerer Missstaende bewahrte die roemische
Verwaltung Spaniens im ganzen den Stempel, den die catonische Zeit
und zunaechst Tiberius Gracchus ihr aufgepraegt hatten. Das roemische
Grenzgebiet zwar hatte von den Ueberfaellen der halb oder gar nicht
bezwungenen Staemme des Nordens und Westens nicht wenig zu leiden. Bei
den Lusitanern namentlich tat die aermere Jugend regelmaessig sich in
Raeuberbanden zusammen und brandschatzte in hellen Haufen die Landsleute
oder die Nachbarn, weshalb noch in viel spaeterer Zeit die einzeln
gelegenen Bauernhoefe in dieser Gegend festungsartig angelegt und im
Notfall verteidigungsfaehig waren; und es gelang den Roemern nicht,
diesem Raeuberwesen in den unwirtlichen und schwer zugaenglichen
lusitanischen Bergen ein Ende zu machen. Aber die bisherigen Kriege
nahmen doch mehr und mehr den Charakter des Bandenunfugs an, den
jeder leidlich tuechtige Statthalter mit den gewoehnlichen
Mitteln niederzuhalten vermochte, und trotz dieser Heimsuchung
der Grenzdistrikte war Spanien unter allen roemischen Gebieten das
bluehendste und am besten organisierte Land; das Zehntensystem und die
Mittelsmaenner waren daselbst unbekannt, die Bevoelkerung zahlreich
und die Landschaft reich an Korn und Vieh. In einem weit unleidlicheren
Mittelzustand zwischen formeller Souveraenitaet und tatsaechlicher
Untertaenigkeit befanden sich die afrikanischen, griechischen und
asiatischen Staaten, welche durch die Kriege der Roemer gegen Karthago,
Makedonien und Syrien und deren Konsequenzen in den Kreis der roemischen
Hegemonie gezogen worden waren. Der unabhaengige Staat bezahlt den Preis
seiner Selbstaendigkeit nicht zu teuer, indem er die Leiden des Krieges
auf sich nimmt, wenn es sein muss; der Staat, der die Selbstaendigkeit
eingebuesst hat, mag wenigstens einen Ersatz darin finden, dass
der Schutzherr ihm Ruhe schafft vor seinen Nachbarn. Allein diese
Klientelstaaten Roms hatten weder Selbstaendigkeit noch Frieden. In
Afrika bestand zwischen Karthago und Numidien tatsaechlich ein ewiger
Grenzkrieg. In Aegypten hatte zwar der roemische Schiedsspruch
den Sukzessionsstreit der beiden Brueder Ptolemaeos Philometor und
Ptolemaeos des Dicken geschlichtet; allein die neuen Herren von Aegypten
und von Kyrene fuehrten nichtsdestoweniger Krieg um den Besitz von
Kypros. In Asien waren nicht bloss die meisten Koenigreiche, Bithynien,
Kappadokien, Syrien, gleichfalls durch Erbfolgestreitigkeiten und
dadurch hervorgerufene Interventionen der Nachbarstaaten innerlich
zerrissen, sondern es wurden auch vielfache und schwere Kriege gefuehrt
zwischen den Attaliden und den Galatern, zwischen den Attaliden und den
bithynischen Koenigen, ja zwischen Rhodos und Kreta. Ebenso glimmten
im eigentlichen Hellas die dort landueblichen zwerghaften Fehden, und
selbst das sonst so ruhige makedonische Land verzehrte sich in dem
inneren Hader seiner neuen demokratischen Verfassungen. Es war die
Schuld der Herrscher wie der Beherrschten, dass die letzte Lebenskraft
und der letzte Wohlstand der Nationen in diesen ziellosen Fehden
vergeudet ward. Die Klientelstaaten haetten einsehen muessen, dass der
Staat, der nicht gegen jeden, ueberhaupt nicht Krieg fuehren kann
und dass, da der Besitzstand und die Machtstellung all dieser Staaten
tatsaechlich unter roemischer Garantie stand, ihnen bei jeder Differenz
nur die Wahl blieb, entweder mit den Nachbarn in Guete sich zu
vergleichen oder die Roemer zum Schiedsspruch aufzufordern. Wenn die
achaeische Tagsatzung von Rhodiern und Kretern um Bundeshilfe gemahnt
ward und ernstlich ueber deren Absendung beratschlagte (601 153), so
war dies einfach eine politische Posse; der Satz, den der Fuehrer der
roemisch gesinnten Partei damals aufstellte, dass es den Achaeern nicht
mehr freistehe, ohne Erlaubnis der Roemer Krieg zu fuehren, drueckte,
freilich mit uebelklingender Schaerfe, die einfache Wahrheit aus, dass
die Souveraenitaet der Dependenzstaaten eben nur eine formelle war und
jeder Versuch, dem Schatten Leben zu verleihen, notwendig dahin fuehren
musste, auch den Schatten zu vernichten. Aber ein Tadel, schwerer
als der gegen die Beherrschten, ist gegen die herrschende Gemeinde
zu richten. Es ist fuer den Menschen wie fuer den Staat keine leichte
Aufgabe, in die eigene Bedeutungslosigkeit sich zu finden; des
Machthabers Pflicht und Recht ist es, entweder die Herrschaft aufzugeben
oder durch Entwicklung einer imponierenden materiellen Ueberlegenheit
die Beherrschten zur Resignation zu noetigen. Der roemische Senat tat
keines von beidem. Von allen Seiten angerufen und bestuermt, griff
der Senat bestaendig ein in den Gang der afrikanischen, hellenischen,
asiatischen, aegyptischen Angelegenheiten, allein in einer so unsteten
und schlaffen Weise, dass durch diese Schlichtungsversuche die
Verwirrung gewoehnlich nur noch aerger ward. Es war die Zeit der
Kommissionen. Bestaendig gingen Beauftragte des Senats nach Karthago
und Alexandreia, an die achaeische Tagsatzung und die Hoefe der
vorderasiatischen Herren; sie untersuchten, inhibierten, berichteten,
und dennoch ward in den wichtigsten Dingen nicht selten ohne Wissen und
gegen den Willen des Senats verfahren. Es konnte geschehen, dass
Kypros, welches der Senat dem Kyrenaeischen Reich zugeschieden hatte,
nichtsdestoweniger bei Aegypten blieb; dass ein syrischer Prinz den
Thron seiner Vorfahren bestieg unter dem Vorgeben, ihn von den Roemern
zugesprochen erhalten zu haben, waehrend in der Tat ihm derselbe vom
Senate ausdruecklich abgeschlagen und er selbst nur durch Bannbruch von
Rom entkommen war; ja dass die offenkundige Ermordung eines roemischen
Kommissars, der im Auftrag des Senats vormundschaftlich das Regiment von
Syrien fuehrte, gaenzlich ungeahndet hinging. Die Asiaten wussten zwar
sehr wohl, dass sie nicht imstande seien, den roemischen Legionen zu
widerstehen; aber sie wussten nicht minder, wie wenig der Senat
geneigt war, den Buergern Marschbefehl nach dem Euphrat oder dem Nil
zu erteilen. So ging es in diesen entlegenen Landschaften zu wie in
der Schulstube, wenn der Lehrer fern und schlaff ist; und Roms Regiment
brachte die Voelker zugleich um die Segnungen der Freiheit und um
die der Ordnung. Fuer die Roemer selbst aber war diese Lage der Dinge
insofern bedenklich, als sie die Nord- und Ostgrenze gewissermassen
preisgab. Ohne dass Rom unmittelbar und rasch es zu verhindern
vermochte, konnten hier, gestuetzt auf die ausserhalb des Bereiches der
roemischen Hegemonie gelegenen Binnenlandschaften und im Gegensatz gegen
die schwachen roemischen Klientelstaaten, Reiche sich bilden von einer
fuer Rom gefaehrlichen und frueher oder spaeter mit ihm rivalisierenden
Machtentwicklung. Allerdings schirmte hiergegen einigermassen der
ueberall zerspaltene und nirgends einer grossartigen staatlichen
Entwicklung guenstige Zustand der angrenzenden Nationen; aber dennoch
erkennt man namentlich in der Geschichte des Ostens sehr deutlich, dass
in dieser Zeit die Phalanx des Seleukos nicht mehr und die Legionen des
Augustus noch nicht am Euphrat standen. Diesem Zustand der Halbheit ein
Ende zu machen war hohe Zeit. Das einzig moegliche Ende aber war die
Verwandlung der Klientelstaaten in roemische Aemter, was um so eher
geschehen konnte, als ja die roemische Provinzialverfassung wesentlich
nur die militaerische Gewalt in der Hand des roemischen Vogts
zusammenfasste und Verwaltung und Gerichte in der Hauptsache den
Gemeinden blieben oder doch bleiben sollten, also, was von der alten
politischen Selbstaendigkeit ueberhaupt noch lebensfaehig war, sich
in der Form der Gemeindefreiheit bewahren liess. Zu verkennen war die
Notwendigkeit dieser administrativen Reform nicht wohl; es fragte sich
nur, ob der Senat dieselbe verzoegern und verkuemmern, oder ob er
den Mut und die Macht haben werde, das Notwendige klar einzusehen und
energisch durchzufuehren. Blicken wir zunaechst auf Afrika. Die von den
Roemern in Libyen gegruendete Ordnung der Dinge ruhte wesentlich auf
dem Gleichgewicht des Nomadenreiches Massinissas und der Stadt Karthago.
Waehrend jenes unter Massinissas durchgreifendem und klugem Regiment
sich erweiterte, befestigte und zivilisierte, ward auch Karthago durch
die blossen Folgen des Friedensstandes wenigstens an Reichtum und
Volkszahl wieder, was es auf der Hoehe seiner politischen Macht gewesen
war. Die Roemer sahen mit uebelverhehlter, neidischer Furcht die, wie
es schien, unverwuestliche Bluete der alten Nebenbuhlerin; hatten sie
bisher den bestaendig fortgesetzten Uebergriffen Massinissas gegenueber
derselben jeden ernstlichen Schutz verweigert, so fingen sie jetzt
an, offen zu Gunsten des Nachbarn zu intervenieren. Der seit mehr als
dreissig Jahren zwischen der Stadt und dem Koenig schwebende Streit
ueber den Besitz der Landschaft Emporia an der Kleinen Syrte, einer der
fruchtbarsten des karthagischen Gebiets, ward endlich (um 594 160) von
roemischen Kommissarien dahin entschieden, dass die Karthager die noch
in ihrem Besitz verbliebenen emporitanischen Staedte zu raeumen und als
Entschaedigung fuer die widerrechtliche Nutzung des Gebiets 500 Talente
(860000 Taler) an den Koenig zu zahlen haetten. Die Folge war, dass
Massinissa sofort sich eines anderen karthagischen Bezirks an der
Westgrenze des karthagischen Gebiets, der Stadt Tusca und der grossen
Felder am Bagradas, bemaechtigte; den Karthagern blieb nichts uebrig,
als abermals in Rom einen hoffnungslosen Prozess anhaengig zu machen.
Nach langem und ohne Zweifel absichtlichem Zoegern erschien in Afrika
eine zweite Kommission (597 157); als aber die Karthager auf einen,
ohne genaue vorgaengige Untersuchung der Rechtsfrage von derselben
zu faellenden Schiedsspruch nicht unbedingt kompromittieren wollten,
sondern auf eingehender Eroerterung der Rechtsfrage bestanden, kehrten
die Kommissare ohne weiteres wieder zurueck nach Rom. Die Rechtsfrage
zwischen Karthago und Massinissa blieb also unerledigt; aber die Sendung
fuehrte eine wichtigere Entscheidung herbei. Das Haupt dieser Kommission
war der alte Marcus Cato gewesen, damals vielleicht der einflussreichste
Mann im Senat und als Veteran aus dem Hannibalischen Kriege noch von dem
vollen Poenerhass und der vollen Poenerfurcht durchdrungen. Betroffen
und missguenstig hatte dieser mit eigenen Augen den bluehenden Zustand
der Erbfeinde Roms, die ueppige Landschaft und die wogenden Gassen,
die gewaltigen Waffenvorraete in den Zeughaeusern und das reiche
Flottenmaterial geschaut; schon sah er im Geiste einen zweiten Hannibal
all diese Hilfsmittel gegen Rom verwenden. In seiner ehrlichen und
mannhaften, aber durchaus bornierten Weise kam er zu dem Ergebnis,
dass Rom nicht eher sicher sein werde, als bis Karthago vom Erdboden
verschwunden sei, und entwickelte nach seiner Heimkehr diese Ansicht
sofort im Senat. Dort widersetzten die freier blickenden Maenner der
Aristokratie, namentlich Scipio Nasica, sich dieser kuemmerlichen
Politik mit grossem Ernst und entwickelten die Blindheit der Besorgnisse
vor einer Kaufstadt, deren phoenikische Bewohner mehr und mehr der
kriegerischen Kuenste und Gedanken sich entwoehnten, und die vollkommene
Vertraeglichkeit der Existenz dieser reichen Handelsstadt mit der
politischen Suprematie Roms. Selbst die Umwandlung Karthagos in eine
roemische Provinzialstadt waere ausfuehrbar, ja, verglichen mit
dem gegenwaertigen Zustand, den Phoenikern selbst vielleicht nicht
unwillkommen gewesen. Indes Cato wollte eben nicht die Unterwerfung,
sondern den Untergang der verhassten Stadt. Seine Politik fand, wie es
scheint, Bundesgenossen teils an den Staatsmaennern, die geneigt waren,
die ueberseeischen Gebiete in unmittelbare Abhaengigkeit von Rom zu
bringen, teils und vor allem an dem maechtigen Einfluss der roemischen
Bankiers und Grosshaendler, denen nach der Vernichtung der reichen Geld-
und Handelsstadt die Erbschaft derselben zufallen musste. Die Majoritaet
beschloss, bei der ersten passenden Gelegenheit - eine solche abzuwarten
forderte die Ruecksicht auf die oeffentliche Meinung - den Krieg mit
Karthago oder vielmehr die Zerstoerung der Stadt zu bewirken.
Die gewuenschte Veranlassung fand sich rasch. Die erbitternden
Rechtsverletzungen von Seiten Massinissas und der Roemer brachten in
Karthago den Hasdrubal und den Karthalo an das Regiment, die Fuehrer
der Patriotenpartei, welche, aehnlich der achaeischen, zwar nicht daran
dachte, gegen die roemische Suprematie sich aufzulehnen, aber wenigstens
die den Karthagern vertragsmaessig zustehenden Rechte gegen Massinissa,
wenn noetig mit den Waffen, zu verteidigen entschlossen war. Die
Patrioten liessen vierzig der entschiedensten Anhaenger Massinissas aus
der Stadt verbannen und das Volk schwoeren, ihnen unter keiner Bedingung
je die Rueckkehr zu gestatten; zugleich bildeten sie zur Abwehr gegen
die von Massinissa zu erwartenden Angriffe aus den freien Numidiern
ein starkes Heer unter Arkobarzanes, dem Enkel des Syphax (um 600 154).
Massinissa indes war klug genug, jetzt nicht zu ruesten, sondern sich
wegen des streitigen Gebiets am Bagradas unbedingt dem Schiedsspruch
der Roemer zu unterwerfen; und so konnte man roemischerseits mit einigem
Schein behaupten, dass die karthagischen Ruestungen gegen die Roemer
gerichtet sein muessten, und auf sofortige Entlassung des Heeres und
Vernichtung der Flottenvorraete dringen. Der karthagische Rat
wollte einwilligen, allein die Menge verhinderte die Ausfuehrung des
Beschlusses, und die roemischen Boten, die diesen Bescheid nach Karthago
ueberbracht hatten, schwebten in Lebensgefahr. Massinissa sandte
seinen Sohn Gulussa nach Rom, um ueber die fortdauernden Vorbereitungen
Karthagos fuer den Land- und den Seekrieg Bericht zu erstatten und
die Kriegserklaerung zu beschleunigen. Nachdem noch einmal eine
Gesandtschaft von zehn Maennern es bestaetigt hatte, dass in Karthago in
der Tat geruestet werde (602 152), verwarf der Senat zwar die unbedingte
Kriegserklaerung, die Cato begehrte, beschloss aber in geheimer Sitzung,
dass der Krieg erklaert sein solle, wenn die Karthager sich nicht dazu
verstehen wuerden, ihr Heer zu entlassen und ihr Flottenmaterial zu
verbrennen. Inzwischen hatte in Afrika der Kampf bereits begonnen.
Massinissa hatte die von den Karthagern verbannten Leute unter
Geleitschaft seines Sohnes Gulussa nach der Stadt zurueckgesandt. Da die
Karthager diesen die Tore schlossen, auch von den abziehenden Numidiern
einige erschlugen, setzte Massinissa seine Truppen in Bewegung, und
auch die karthagische Patriotenpartei machte sich kampffertig.
Indes Hasdrubal, der an die Spitze ihrer Armee trat, war einer der
gewoehnlichen Heerverderber, wie die Karthager sie zu Feldherren
zu nehmen pflegten; im Feldherrnpurpur einherstolzierend wie ein
Theaterkoenig und seines stattlichen Bauches auch im Lager pflegend, war
der eitle und schwerfaellige Mann wenig geeignet, den Helfer zu
machen in einer Bedraengnis, die vielleicht selbst Hamilkars Geist und
Hannibals Arm nicht mehr haetten abwenden koennen. Vor den Augen des
Scipio Aemilianus, der, damals Kriegstribun in der spanischen Armee,
an Massinissa gesandt worden war, um seinem Feldherrn afrikanische
Elefanten zuzufuehren, und der bei dieser Gelegenheit von einem Berge
herab "wie Zeus vom Ida" der Schlacht zuschaute, lieferten die Karthager
und die Numidier sich ein grosses Treffen, in welchem jene, obwohl
durch 6000, von unzufriedenen Hauptleuten Massinissas ihnen zugefuehrte
numidische Reiter verstaerkt und an Zahl dem Feinde ueberlegen, dennoch
den kuerzeren zogen. Nach dieser Niederlage erboten sich die Karthager
gegen Massinissa zu Gebietsabtretungen und Geldzahlungen, und Scipio
versuchte auf ihr Anhalten, einen Vertrag zustande zu bringen; allein
an der Weigerung der karthagischen Patrioten, die Ueberlaeufer
auszuliefern, scheiterte das Friedensgeschaeft. Hasdrubal aber, eng
eingeschlossen von den Truppen des Gegners, wurde genoetigt, alles
zu bewilligen, was dieser forderte: Auslieferung der Ueberlaeufer,
Rueckkehr der Verbannten, Abgabe der Waffen, Abzug unter dem Joch,
Zahlung von jaehrlich 100 Talenten (155000 Talern) fuer die naechsten
fuenfzig Jahre; und selbst dieser Vertrag wurde von den Numidiern nicht
gehalten, sondern der entwaffnete Rest des karthagischen Heeres auf der
Heimkehr von ihnen zusammengehauen. Die Roemer, die sich wohl gehuetet
hatten, den Krieg selbst durch zeitige Dazwischenkunft zu verhindern,
hatten jetzt, was sie wuenschten: einen brauchbaren Kriegsgrund - denn
die Bestimmungen des Vertrags, nicht gegen roemische Bundesgenossen noch
ausserhalb der eigenen Grenzen Krieg zu fuehren, waren jetzt allerdings
von den Karthagern uebertreten worden - und einen bereits im voraus
geschlagenen Gegner. Schon wurden die italischen Kontingente nach Rom
gemahnt und die Schiffe zusammenberufen; jeden Augenblick konnte die
Kriegserklaerung da sein. Die Karthager boten alles auf, den drohenden
Schlag abzuwenden. Die Fuehrer der Patriotenpartei, Hasdrubal und
Karthalo, wurden zum Tode verurteilt und eine Gesandtschaft nach Rom
geschickt, um auf sie die Verantwortung zu waelzen. Allein, zugleich
trafen Boten von Utica, der zweiten Stadt der libyschen Phoeniker, dort
ein, welche Vollmacht hatten, ihre Gemeinde den Roemern voellig zu eigen
zu geben - mit dieser zuvorkommenden Unterwuerfigkeit verglichen, schien
es fast Trotz, dass die Karthager sich begnuegt hatten, die Hinrichtung
ihrer angesehensten Maenner unverlangt anzuordnen. Der Senat erklaerte,
dass die Entschuldigung der Karthager unzureichend befunden sei; auf
die Frage, was denn genuegen werde, hiess es, das sei den Karthagern ja
bekannt. Freilich konnte man es wissen, was die Roemer wollten; allein
es schien doch wieder unmoeglich zu glauben, dass nun wirklich fuer die
liebe Heimatstadt die letzte Stunde gekommen sei. Noch einmal gingen
karthagische Sendboten, diesmal ihrer dreissig und mit unbeschraenkter
Vollmacht, nach Rom. Als sie ankamen, war bereits der Krieg erklaert
(Anfang 605 149) und das doppelte Konsularheer eingeschifft; doch
versuchten sie noch jetzt, den Sturm durch vollstaendige Unterwerfung
zu beschwoeren. Der Senat beschied sie, dass Rom bereit sei, der
karthagischen Gemeinde ihr Gebiet, ihre staedtische Freiheit und ihr
Landrecht, ihr Gemeinde- und Privatvermoegen zu garantieren, wofern
sie den soeben nach Sizilien abgegangenen Konsuln binnen Monatsfrist in
Lilybaeon 300 Geiseln aus den Kindern der regierenden Familien stellen
und die weiteren Befehle erfuellen wuerden, die ihnen die Konsuln
nach ihrer Instruktion wuerden zugehen lassen. Man hat den Bescheid
zweideutig genannt; sehr verkehrt, wie schon damals klarblickende
Maenner selbst unter den Karthagern hervorhoben. Dass alles, was man nur
begehren konnte, garantiert ward mit einziger Ausnahme der Stadt, und
dass keine Rede davon war, die Einschiffung der Truppen nach Afrika
zu sistieren, zeigte sehr deutlich, was man beabsichtigte; der Senat
verfuhr mit furchtbarer Haerte, aber den Anschein der Nachgiebigkeit gab
er sich nicht. Indes man wollte in Karthago nicht sehen; es fand sich
kein Staatsmann, der die haltlose staedtische Menge entweder zum vollen
Widerstand oder zur vollen Resignation zu bewegen vermocht haette.
Als man zugleich das entsetzliche Kriegsdekret und die ertraegliche
Geiselforderung vernahm, fuegte man zunaechst sich dieser und hoffte
weiter, weil man den Mut nicht hatte es auszudenken, was es heisse,
sich der Willkuer eines Todfeindes im voraus zu unterwerfen. Die Konsuln
sandten die Geiseln von Lilybaeon zurueck nach Rom und beschieden die
karthagischen Boten, das weitere in Afrika zu vernehmen. Ohne Widerstand
geschah die Landung und wurden die geforderten Lebensmittel verabfolgt.
Als im Hauptquartier von Utica die gesamte Gerusia von Karthago
erschien, um die weiteren Befehle entgegenzunehmen, begehrten die
Konsuln zunaechst die Entwaffnung der Stadt. Auf die Frage der
Karthager, wer sie sodann auch nur gegen ihre eigenen Ausgewanderten,
gegen die auf 20000 Mann angeschwollene Armee des dem Todesurteil durch
die Flucht entronnenen Hasdrubal beschuetzen solle, ward ihnen erwidert,
dass dies die Sorge der Roemer sein werde. Gehorsam erschien demnach
der Rat der Stadt vor den Konsuln mit allem Flottenmaterial, allen
Kriegsvorraeten der oeffentlichen Zeughaeuser, allen im Privatbesitz
befindlichen Waffen - man zaehlte 3000 Wurfgeschuetze und 200000 volle
Ruestungen - und fragte an, ob noch weiteres begehrt werde. Da erhob
sich der Konsul Lucius Marcius Censorinus und eroeffnete dem Rat, dass
in Gemaessheit der vom Senat erlassenen Instruktion die bisherige Stadt
zerstoert werden muesse, den Bewohnern aber freistehe, sich wo sie sonst
wollten auf ihrem Gebiet, jedoch mindestens zwei deutsche Meilen vom
Meer entfernt, wiederum anzusiedeln. Dieser fuerchterliche Befehl
ruettelte in den Phoenikern die ganze, soll man sagen hochherzige oder
wahnwitzige Begeisterung auf, wie sie einst die Tyrier gegen Alexander
und spaeter die Juden gegen Vespasian bewiesen. Beispiellos wie die
Geduld war, mit der diese Nation Knechtschaft und Druck zu ertragen
vermochte, ebenso beispiellos war jetzt, wo es sich nicht um Staat
und Freiheit handelte, sondern um den eigenen, geliebten Boden der
Vaterstadt und die altgewohnte teure Meeresheimat, die rasende Empoerung
der kaufmaennischen und seefahrenden Bevoelkerung. Von Hoffnung und
Rettung konnte nicht die Rede sein; der politische Verstand gebot ohne
Frage auch jetzt sich zu fuegen - aber die Stimme der wenigen, welche
mahnten, das Unvermeidliche auf sich zu nehmen, verscholl wie der Ruf
des Faehrmanns im Orkan in dem brausenden Wutgeheul der Menge, die in
ihrem wahnsinnigen Toben teils an den Beamten der Stadt sich vergriff,
welche zur Auslieferung der Geiseln und Waffen geraten hatten, teils
die unschuldigen Traeger der Botschaft, so viele von ihnen ueberhaupt
heimzukehren gewagt hatten, die Schreckenskunde entgelten liess, teils
die zufaellig in der Stadt verweilenden Italiker zerriss, um wenigstens
an diesen die Rache vorwegzunehmen fuer die Vernichtung der Heimat. Man
beschloss nicht sich zu wehren; wehrlos wie man war, verstand sich dies
von selbst. Die Tore wurden geschlossen, auf die von Wurfgeschossen
entbloessten Mauerzinnen Steine geschafft, der Oberbefehl an Hasdrubal,
den Tochtersohn Massinissas, uebertragen, die Sklaven saemtlich frei
erklaert. Das Emigrantenheer unter dem fluechtigen Hasdrubal, das
mit Ausnahme der von den Roemern besetzten Staedte an der Ostkueste,
Hadrumetum, Klein-Leptis, Thapsus und Achulla und der Stadt Utica,
das ganze karthagische Gebiet innehatte und fuer die Verteidigung eine
unschaetzbare Stuetze bot, ward ersucht, der Gemeinde seinen Beistand in
dieser hoechsten Not nicht zu versagen. Zugleich versuchte man, in echt
phoenikischer Weise die grenzenloseste Erbitterung unter dem Mantel der
Demut versteckend, den Feind zu taeuschen. Es ging eine Botschaft an
die Konsuln, um dreissigtaegigen Waffenstillstand zur Absendung einer
Gesandtschaft nach Rom zu erbitten. Die Karthager wussten wohl, dass die
Feldherrn diese einmal schon abgeschlagene Bitte weder gewaehren
wollten noch konnten; allein die Konsuln wurden dadurch bestaerkt in
der natuerlichen Voraussetzung, dass nach dem ersten Ausbruch der
Verzweiflung die gaenzlich wehrlose Stadt sich fuegen werde, und
verschoben deshalb den Angriff. Die kostbare Zwischenzeit ward benutzt,
um Wurfgeschuetze und Ruestungen herzustellen; Tag und Nacht ward ohne
Unterschied des Alters und Geschlechts an Maschinen und Waffen
gezimmert und gehaemmert; um Balken und Metall zu erlangen, wurden die
oeffentlichen Gebaeude niedergerissen; um die fuer die Wurfgeschuetze
unentbehrlichen Sehnen herzustellen, schoren die Frauen sich das Haar;
in unglaublich kurzer Zeit waren die Mauern und die Maenner wieder
bewehrt. Dass dies alles geschehen konnte, ohne dass die wenige Meilen
entfernten Konsuln etwas davon erfuhren, ist nicht der am wenigsten
wunderbare Zug in dieser wunderbaren, von einem wahrhaft genialen, ja
daemonischen Volkshass getragenen Bewegung. Als endlich die Konsuln, des
Wartens muede, aus dem Lager bei Utica aufbrachen und bloss mit Leitern
die nackten Mauern ersteigen zu koennen meinten, fanden sie mit Staunen
und Schrecken die Zinnen aufs neue mit Katapulten gekroent und die
grosse volkreiche Stadt, welche man gleich einem offenen Flecken zu
besetzen gehofft hatte, faehig und bereit, sich bis auf den letzten Mann
zu verteidigen. Karthago war sehr fest durch die Natur seiner Lage 3 wie
durch die Kunst seiner gar oft auf den Schutz ihrer Mauern angewiesenen
Bewohner. In den weiten Tunesischen Golf, den westlich Kap Farina,
oestlich Kap Bon begrenzen, springt in der Richtung von Westen nach
Osten eine Landspitze vor, die an drei Seiten vom Meer umflossen ist und
nur gegen Westen mit dem Festland zusammenhaengt. Diese Landspitze, an
der schmalsten Stelle nur etwa eine halbe deutsche Meile breit und im
ganzen flach, erweitert sich wieder gegen den Golf und endigt hier in
den beiden Hoehen von Dschebel-Khawi und Sidi bu Said, zwischen denen
die Flaeche von El Mersa sich ausdehnt. Auf dem suedlichen, mit der
Hoehe von Sidi bu Said abschliessenden Teil derselben lag die Stadt
Karthago. Der ziemlich steile Abfall jener Hoehe gegen den Golf und
dessen zahlreiche Klippen und Untiefen gaben an der Golfseite der Stadt
natuerliche Festigkeit, und es genuegte hier eine einfache Umwallung.
Dagegen auf die Mauer an der West- oder Landseite, wo die Natur keinen
Schutz bot, war alles verwendet, was die damalige Befestigungskunst
vermochte. Sie bestand, wie die kuerzlich aufgedeckten, mit der
Beschreibung des Polybios genau uebereinstimmenden Ueberreste
gezeigt haben, aus einer Aussenmauer von 6« Fuss Dicke und an diese
hinterwaerts, wahrscheinlich in ihrer ganzen Ausdehnung, angelehnten
ungeheuren Kasematten, welche durch einen 6 Fuss breiten bedeckten
Gang von der Aussenmauer getrennt waren und, die jede reichlich 3 Fuss
breiten Vorder- und Hintermauern nicht gerechnet, eine Tiefe von 11
Fuss hatten 4. Dieser ungeheure, durchaus aus maechtigen Quadern
zusammengefuegte Wall erhob sich in zwei Stockwerken, die Zinnen und die
maechtigen vier Stockwerke hohen Tuerme ungerechnet, zu einer Hoehe von
45 Fuss 5 und gewaehrte in dem untern Stockwerke der Kasematten Stallung
und Futtermagazine fuer 300 Elefanten, in dem oberen Pferdestaelle,
Magazin- und Kasernenraeume 6. Der Burghuegel, die Byrsa (syrisch birtha
= Burg), ein verhaeltnismaessig bedeutender Fels von 188 Fuss Hoehe und
an der Unterflaeche einem Umfang von reichlich 2000 Doppelschritten
7, griff in diese Mauer an ihrem suedlichen Ende ein, aehnlich wie die
Felswand des Kapitols in den roemischen Stadtwall. Die obere Flaeche
desselben trug den gewaltigen, auf einem Unterbau von sechzig Stufen
ruhenden Tempel des Heilgottes. Die Suedseite der Stadt bespuelte teils
der seichte Tunesische See im Suedwesten, den eine von der karthagischen
Halbinsel suedwaerts auslaufende schmale und niedrige Landzunge 8 fast
gaenzlich von dem Golfe schied, teils im Suedosten der offene Golf. An
dieser letzten Stelle befand sich der Doppelhafen der Stadt, ein Werk
von Menschenhand: der aeussere oder der Handelshafen, ein laengliches,
die schmale Seite dem Meere zuwendendes Viereck, von dessen nur 70 Fuss
breiter Muendung nach beiden Seiten breite Kais am Wasser sich hinzogen,
und der innere kreisrunde Kriegshafen, der Kothon 9, mit der das
Admiralhaus tragenden Insel in der Mitte, in den man durch den aeusseren
gelangte. Zwischen beiden ging die Stadtmauer durch, die, von der Byrsa
ostwaerts sich wendend, die Landzunge und den Aussenhafen aus-, dagegen
den Kriegshafen einschloss, so dass die Einfahrt in den letzteren gleich
einem Tor verschliessbar gedacht werden muss. Unweit des Kriegshafens
lag der Marktplatz, der durch drei enge Strassen mit der nach der
Stadtseite offenen Burg verbunden war. Noerdlich von und ausserhalb der
eigentlichen Stadt hatte der ziemlich betraechtliche, schon zu jener
Zeit grossenteils mit Landhaeusern und wohlbewaesserten Gaerten
gefuellte Raum der heutigen El Mersa, damals Magalia genannt,
eine eigene, an die Stadtmauer sich anlehnende Umwallung. Auf der
gegenueberliegenden Spitze der Halbinsel, dem Dschebel-Khawi bei dem
heutigen Dorfe Qamart, lag die Graeberstadt. Diese drei, die Alt-,
die Vor- und die Graeberstadt, fuellten zusammen die ganze Breite
der Landspitze an ihrer dem Golf zugewandten Seite aus und waren nur
zugaenglich auf den beiden Hauptstrassen nach Utica und Tunes ueber jene
schmale Landzunge, die zwar nicht mit einer Mauer geschlossen war,
aber doch fuer die unter dem Schutze der Hauptstadt und wieder zu deren
Schutz sich aufstellenden Heere die vorteilhafteste Stellung darbot.
------------------------------------------- 3 Der Zug der Kueste ist
im Laufe der Jahrhunderte so veraendert worden, dass man an der
alten Staette die ehemaligen Lokalverhaeltnisse nur unvollkommen
wiedererkennt. Den Namen der Stadt bewahrt das Kap Kartadschena, auch
von dem dort befindlichen Heiligengrab Ras Sidi bu Said genannt, die in
den Golf hineinragende oestliche Spitze der Halbinsel und ihr hoechster
393 Fuss ueber dem Meere gelegener Punkt. 4 Die von C. E. Beule
(Fouilles a Carthage. Paris 1861) mitgeteilten Tiefmasse sind in Metern
und in griechischen Fuss (1 = 0,309): Aussenmauer 2 Meter = 6« Fuss
Korridor 9 Meter = 6 Fuss Vordermauer der Kasematten 1 Meter = 3¬Fuss
Kasemattensaele 4,2 Meter = 14 Fuss Hintermauer der Kasematten 1 Meter
= 3¬Fuss Gesamttiefe der Mauer 10,1 Meter = 33 Fuss oder, wie Diodor (p.
522) angibt, 22 Ellen (1 griechische Elle = 1« Fuss), waehrend Livius
(bei Oros. bist. 4, 22) und Appian (Pun. 95), die eine andere, minder
genaue Stelle des Polybios vor Augen gehabt zu haben scheinen, die
Mauertiefe auf 30 Fuss ansetzen. Die dreifache Mauer Appians, ueber die
bisher durch Florus (epit. 1, 31) eine falsche Vorstellung verbreitet
war, ist die Aussenmauer, die Vorder- und die Hintermauer der
Kasematten. Dass dies Zusammentreffen nicht zufaellig ist und wir hier
in der Tat die Ueberreste der beruehmten karthagischen Mauer vor uns
haben, wird jedem einleuchten; N. Davis' Einwuerfe (Carthage and
her remains. 1861, S. 370f.) zeigen nur, dass gegen die wesentlichen
Ergebnisse Beules auch mit dem besten Willen wenig auszurichten ist. Nur
muss man festhalten, dass die alten Berichterstatter die Angaben, um die
es sich handelt, saemtlich nicht von der Burgmauer geben, sondern von
der Stadtmauer an der Landseite, von der die Mauer an der Suedseite
des Burghuegels ein integrierender Teil war (Gros. bist. 4, 22). Dazu
stimmt, dass die Ausgrabungen auf dem Burghuegel gegen Osten, Norden und
Westen nirgends Spuren von Befestigungen, dagegen an der Suedseite eben
jene grossartigen Mauerreste gezeigt haben. Es ist kein Grund
vorhanden, dieselben als Ueberreste einer besonderen, von der
Stadtmauer verschiedenen Burgbefestigung anzusehen; weitere Grabungen
in entsprechender Tiefe - das Fundament der an der Byrsa aufgefundenen
Stadtmauer liegt 56 Fuss unter dem heutigen Boden - werden vermutlich
laengs der ganzen Landseite gleiche oder doch aehnliche Fundamente zu
Tage foerdern, wenn auch wahrscheinlich da wo die ummauerte Vorstadt
Magalia sich an die Hauptmauer anlehnte, die Befestigung entweder von
Haus aus schwaecher gewesen oder frueh vernachlaessigt worden ist. Wie
lang die Mauer im ganzen war, ist nicht mit Bestimmtheit zu sagen;
doch ergibt sich, da 300 Elefanten hier Stallung fanden und auch deren
Futtermagazine und vielleicht noch andere Raeumlichkeiten sowie die
Tore in Anrechnung zu bringen sind, schon hieraus eine sehr ansehnliche
Laengenentwicklung. Dass die innere Stadt, in deren Mauer die Byrsa
einbegriffen war, zumal im Gegensatz zu der besonders ummauerten
Vorstadt Magalia zuweilen selber Byrsa genannt wird (App. Pun. 117;
Nepos bei Serv. Aen. 1, 368), ist leicht begreiflich. 5 So rechnet
Appian a.a.O.; Diodor gibt, wahrscheinlich mit Einrechnung der Zinnen,
die Hoehe auf 40 Ellen oder 60 Fuss. Der erhaltene Ueberrest ist noch
12-16 Fuss (4-5 Meter) hoch. 6 Die bei der Ausgrabung zu Tage gekommenen
hufeisenfoermigen Saele haben eine Tiefe von 14, eine Breite von 11
griechischen Fuss; die Weite der Eingaenge wird nicht angegeben. Ob
diese Masse und die Verhaeltnisse des Korridors ausreichen, um in
ihnen Elefantenstaelle zu erkennen, bleibt durch genauere Ermittlung
festzustellen. Die Zwischenmauern, die die Saele voneinander scheiden,
haben die Dicke von 1,1 Meter = 3« Fuss. 7 Oros. hist. 4, 22. Reichlich
2000 Schritte oder - wie Polybios gesagt haben wird - 16 Stadien sind
ungefaehr 3000 Meter. Der Burghuegel, auf dem jetzt die Kirche des hl.
Ludwig steht, misst oben etwa 1400, auf der halben Hoehe etwa 2600 Meter
im Umkreis (Beule, Fouilles, S. 22); auf den unteren Umfang wird jene
Angabe recht gut auskommen. 8 Sie traegt jetzt das Fort Goletta. 9
Dass dieses phoenikische Wort das kreisfoermig ausgegrabene Bassin
bezeichnet, zeigt sowohl Diod. 3, 44 wie die Bedeutung Becher, in der
die Griechen dasselbe verwenden. Es passt also nur auf den inneren
Hafen Karthagos, und davon brauchen es auch Strabon (17, 2, 14; wo es
eigentlich fuer die Admiralinsel gesetzt ist) und Festus (v. cothones
p. 37). Appian (Pun. 127) bezeichnet nicht ganz genau den
viereckigen Vorhafen des Kothon als Teil desselben.
--------------------------------------- Die schwierige Arbeit, eine so
wohlbefestigte Stadt zu bezwingen, wurde noch dadurch erschwert, dass
teils die Hilfsmittel der Hauptstadt selbst und des noch immer 800
Ortschaften umfassenden und von der Emigrantenpartei groesstenteils
beherrschten Gebietes, teils die zahlreichen mit Massinissa verfeindeten
Staemme der ganz oder halb freien Libyer den Karthagern gestatteten,
sich nicht auf die Verteidigung der Stadt zu beschraenken, sondern
zugleich ein zahlreiches Heer im Felde zu halten, welches bei der
verzweifelten Stimmung der Emigranten und der Brauchbarkeit der leichten
numidischen Reiterei von den Belagerern nicht ausser acht gelassen
werden durfte. Es hatten somit die Konsuln eine keineswegs leichte
Aufgabe zu loesen, als sie nun doch sich genoetigt sahen, die Belagerung
regelrecht zu beginnen. Manius Manilius, der das Landheer befehligte,
schlug sein Lager der Burgmauer gegenueber, waehrend Lucius Censorinus
mit der Flotte an dem See sich aufstellte und dort auf der Landzunge die
Operationen begann. Die karthagische Armee unter Hasdrubal lagerte an
dem andern Ufer des Sees bei der Festung Nepheris, von wo aus sie den
zum Holzfaellen fuer den Maschinenbau ausgeschickten roemischen Soldaten
ihre Arbeit erschwerte und namentlich der tuechtige Reiterfuehrer
Himilkon Phameas den Roemern viele Leute toetete. Indes stellte
Censorinus auf der Landzunge zwei grosse Sturmboecke her und brach mit
ihnen Bresche an dieser schwaechsten Stelle der Mauer; der Sturm indes
musste, da es Abend geworden, verschoben werden. In der Nacht gelang
es den Belagerten, einen grossen Teil der Bresche zu fuellen und durch
einen Ausfall die roemischen Maschinen so zu beschaedigen, dass sie am
naechsten Tage nicht weiterarbeiten konnten. Dennoch wagten die
Roemer den Sturm; allein sie fanden die Bresche und die naechsten
Mauerabschnitte und Haeuser stark besetzt und gingen so unvorsichtig
vor, dass sie mit starkem Verlust zurueckgeschlagen wurden und noch weit
groessere Nachteile erlitten haben wuerden, wenn nicht der Kriegstribun
Scipio Aemilianus, den Ausgang des tolldreisten Angriffs vorhersehend,
seine Leute vor den Mauern zusammengehalten und mit ihnen die
Fluechtenden aufgenommen haette. Noch viel weniger richtete Manilius
gegen die unbezwingliche Burgmauer aus. So zog die Belagerung sich in
die Laenge. Die durch die Sommerhitze im Lager erzeugten Krankheiten,
die Abreise des faehigeren Feldherrn Censorinus, endlich die Verstimmung
und Untaetigkeit Massinissas, der begreiflicherweise die Roemer sehr
ungern die laengst begehrte Beute fuer sich selber nehmen sah, und der
bald darauf (Ende 605 149) erfolgte Tod des neunzigjaehrigen Koenigs
brachten die Offensivoperationen der Roemer voellig ins Stocken. Sie
hatten genug zu tun, um ihre Schiffe gegen die karthagischen Brander
und ihr Lager gegen die naechtlichen Ueberfaelle zu schuetzen und durch
Anlegung eines Hafenkastells und Streifzuege in die Umgegend Nahrung
fuer Menschen und Pferde zu beschaffen. Zwei gegen Hasdrubal gerichtete
Expeditionen blieben beide ohne Erfolg, ja die erste haette bei
der schlechten Fuehrung auf dem schwierigen Terrain fast mit einer
foermlichen Niederlage geendigt. So ruhmlos dieser Krieg fuer den
Feldherrn wie fuer das Heer verlief, so glaenzend tat der Kriegstribun
Scipio darin sich hervor. Er war es, der bei dem Nachtsturm der Feinde
auf das roemische Lager, mit einigen Reiterschwadronen ausrueckend und
den Feind in den Ruecken fassend, ihn zum Umkehren noetigte. Auf dem
ersten Zug nach Nepheris machte er nach dem Flussuebergang, der wider
seinen Rat stattgefunden hatte und fast das Verderben des Heeres
geworden waere, durch einen verwegenen Seitenangriff dem rueckkehrenden
Heer Luft und befreite eine schon verloren gegebene Abteilung durch
seinen aufopfernden Heldenmut. Waehrend die uebrigen Offiziere, der
Konsul vor allem, durch ihre Wortlosigkeit die zu Unterhandlungen
geneigten Staedte und Parteifuehrer zurueckschreckten, gelang es Scipio,
einen der tuechtigsten von diesen, Himilkon Phameas, mit 2200 Reitern
zum Uebertritt zu bestimmen. Endlich, nachdem er, den Auftrag des
sterbenden Massinissa erfuellend, unter dessen drei Soehne, die Koenige
Micipsa, Gulussa und Mastanabal, das Reich geteilt hatte, fuehrte er in
Gulussa einen seines Vaters wuerdigen Reiterfuehrer dem roemischen Heer
zu und half damit dem bisher empfindlich gefuehlten Mangel an leichter
Reiterei ab. Sein feines und doch schlichtes Wesen, das mehr an seinen
leiblichen Vater erinnerte als an den, dessen Namen er trug, bezwang
auch den Neid, und im Lager wie in der Hauptstadt war Scipios Name auf
allen Lippen. Selbst Cato, der nicht freigebig mit seinem Lobe war,
wandte wenige Monate vor seinem Tode - er starb am Ende des Jahres
605 (149), ohne den Wunsch seines Lebens, die Vernichtung Karthagos,
erfuellt gesehen zu haben - auf den jungen Offizier und seine unfaehigen
Kameraden die Homerische Zeile an: "Einzig er ist ein Mann, die
andern sind wandelnde Schatten ^10."
--------------------------------------------- ^10 Oios pepytai, toi de
skiai aissoysin. --------------------------------------------- Ueber
diese Vorgaenge war der Jahresschluss und damit der Kommandowechsel
herangekommen: ziemlich spaet erschien der Konsul Lucius Piso (606 148)
und uebernahm den Oberbefehl des Landheeres so wie Lucius Mancinus den
der Flotte. Indes, hatten die Vorgaenger wenig geleistet, so geschah nun
gar nichts. Statt mit der Belagerung Karthagos oder der Ueberwindung
der Armee Hasdrubals beschaeftigte Piso sich damit, die kleinen
phoenikischen Seestaedte anzugreifen und auch dies meist ohne Erfolg,
wie zum Beispiel Clupea ihn zurueckschlug und er von Hippon
Diarrhytos, nachdem er den ganzen Sommer davor verloren hatte und das
Belagerungsgeraet ihm zweimal verbrannt worden war, schimpflich abziehen
musste. Neapolis ward zwar genommen; aber die Pluenderung der Stadt
gegen das gegebene Ehrenwort war auch dem Fortgang der roemischen Waffen
nicht sonderlich guenstig. Der Mut der Karthager stieg. Ein numidischer
Scheik Bithyas ging mit 800 Pferden zu ihnen ueber; karthagische
Gesandte konnten es versuchen, mit den Koenigen von Numidien und
Mauretanien, ja, mit dem falschen Philippos von Makedonien Verbindungen
einzuleiten. Vielleicht mehr die inneren Zerwuerfnisse - Hasdrubal der
Emigrant verdaechtigte den gleichnamigen Feldherrn, der in der Stadt
befehligte, wegen seiner Verwandtschaft mit Massinissa und liess ihn im
Rathause erschlagen - als die Taetigkeit der Roemer verhinderten eine
fuer Karthago noch guenstigere Wendung der Dinge. So griff man in Rom,
um dem besorglichen Stand der afrikanischen Angelegenheiten Wandel zu
schaffen, zu der ausserordentlichen Massregel, dem einzigen Mann, der
bis jetzt von den libyschen Feldern Ehre heimgebracht hatte und den sein
Name selbst fuer diesen Krieg empfahl, dem Scipio, statt der Aedilitaet,
um die er eben sich bewarb, mit Beseitigung der entgegenstehenden
Gesetze vor der Zeit das Konsulat und durch besonderen Beschluss die
Fuehrung des Afrikanischen Krieges zu uebertragen. Er traf (607 147)
in Utica in einem Augenblick ein, wo viel auf dem Spiel stand. Der
roemische Admiral Mancinus, von Piso mit der nominellen Fortsetzung
der Belagerung der Hauptstadt beauftragt, hatte eine steile, von dem
bewohnten Bezirk weit entlegene und kaum verteidigte Klippe an der
schwer zugaenglichen Seite der Aussenstadt Magalia besetzt und fast
seine gesamte, nicht zahlreiche Mannschaft dort vereinigt, in der
Hoffnung, von hier aus in die Aussenstadt eindringen zu koennen. In
der Tat waren die Angreifer schon einen Augenblick innerhalb der Tore
derselben gewesen, und schon war der Lagertross in der Hoffnung
auf Beute in Masse herbeigestroemt, als sie wieder auf die Klippe
zurueckgedraengt wurden und ohne Zufuhr und fast abgeschnitten in der
groessten Gefahr schwebten. So fand Scipio die Lage der Dinge. Kaum
angekommen, entsandte er die mitgebrachte Mannschaft und die Miliz
von Utica zu Schiff nach dem bedrohten Punkt, und es gelang, dessen
Besatzung zu retten und die Klippe selbst zu behaupten. Nachdem diese
Gefahr abgewendet schien, begab der Feldherr sich in das Lager Pisos,
um das Heer zu uebernehmen und nach Karthago zurueckzufuehren. Hasdrubal
aber und Bithyas benutzten seine Abwesenheit, um ihr Lager unmittelbar
an die Stadt zu ruecken und den Angriff auf die Besatzung der Klippe von
Magalia zu erneuern; indes auch jetzt erschien Scipio mit dem Vortrab
der Hauptarmee zeitig genug, um dem Posten abermals Beistand zu leisten.
Danach begann von neuem und ernstlicher die Belagerung. Vor allen Dingen
saeuberte Scipio das Lager von der Masse des Trosses und der Marketender
und zog die erschlafften Zuegel der Disziplin wieder mit Strenge an.
Bald nahmen auch die militaerischen Operationen einen lebhafteren Gang.
Bei einem naechtlichen Angriff auf die Aussenstadt gelangten von einem
Turme aus, der den Mauern an Hoehe gleich vor denselben stand, die
Roemer auf die Zinnen und oeffneten ein Pfoertchen, durch das das ganze
Heer eindrang. Die Karthager gaben die Aussenstadt und das Lager vor den
Toren auf und uebertrugen den Oberbefehl ueber die auf 30000 Mann sich
belaufende staedtische Besatzung an Hasdrubal. Der neue Kommandant
bewies seine Energie zuvoerderst dadurch, dass er saemtliche roemische
Gefangenen auf die Mauerzinnen bringen und sie vor den Augen des
Belagerungsheeres nach grausamen Martern in die Tiefe stuerzen liess;
und als hierueber Stimmen des Tadels sich erhoben, wurde auch gegen die
Buerger die Schreckensherrschaft eingefuehrt. Scipio inzwischen suchte,
nachdem er die Stadt auf sich selber beschraenkt hatte, ihr den Verkehr
nach aussen hin voellig abzuschneiden. Er selbst nahm sein Hauptquartier
auf dem Erdruecken, durch den die karthagische Halbinsel mit dem
Festland zusammenhaengt, und schlug hier trotz der vielfachen Versuche
der Karthager, den Bau zu stoeren, ein grosses, diesen Ruecken in seiner
ganzen Breite schliessendes Lager, das die Stadt nach der Landseite hin
vollstaendig absperrte. Indes liefen noch immer Proviantschiffe in den
Hafen ein, teils kuehne Kauffahrer, die der hohe Gewinn lockte, teils
Schiffe des Bithyas, der von Nepheris am Ende des Tunesischen Sees aus
jeden guenstigen Fahrwind benutzte, um Lebensmittel nach der Stadt zu
bringen; wie auch daselbst die Buergerschaft schon litt, die Besatzung
war noch hinreichend versorgt. Scipio zog deshalb von der Landzunge
zwischen See und Golf in den letzteren hinein einen Steindamm von 96
Fuss Breite, um damit die Hafenmuendung zu sperren. Die Stadt schien
verloren, als das Gelingen dieses anfangs von den Karthagern als
unausfuehrbar verspotteten Unternehmens offenbar ward. Aber eine
Ueberraschung machte die andere wett. Waehrend die roemischen Arbeiter
an dem Damm schanzten, wurde auch im karthagischen Hafen zwei Monate
lang Tag und Nacht gearbeitet, ohne dass selbst die Ueberlaeufer zu
sagen wussten, was die Belagerten beabsichtigten. Ploetzlich, als eben
die Roemer mit der Verbauung des Hafeneingangs fertig waren, segelten
aus demselben Hafen fuenfzig karthagische Dreidecker und eine Anzahl
Boote und Kaehne hinaus in den Golf -die Karthager hatten, waehrend
die Feinde die alte Hafenmuendung gegen Sueden sperrten, durch einen in
oestlicher Richtung gezogenen Kanal sich einen neuen Ausgang geschaffen,
welcher bei der Tiefe des Meeres an dieser Stelle unmoeglich gesperrt
werden konnte. Haetten die Karthager, statt mit dem Paradezug sich zu
begnuegen, sofort sich mit Entschlossenheit auf die halbabgetakelte
und voellig unvorbereitete roemische Flotte gestuerzt, so war diese
verloren; als sie am dritten Tage wiederkehrten, um die Seeschlacht
zu liefern, fanden sie die Roemer geruestet. Der Kampf verlief ohne
Entscheidung; bei der Rueckfahrt aber stopften sich die karthagischen
Schiffe so sehr in und vor der Hafenmuendung, dass der dadurch
entstandene Schaden einer Niederlage gleichkam. Scipio richtete nun
seine Angriffe auf den aeusseren Hafenkai, welcher ausserhalb der
Stadtmauern lag und nur durch einen vor kurzem angelegten Erdwall
notduerftig geschuetzt war. Die Maschinen wurden auf der Landzunge
aufgestellt und eine Bresche war leicht gemacht; aber mit beispielloser
Unerschrockenheit griffen die Karthager, die Untiefen durchwatend, das
Belagerungszeug an, verjagten die Besatzungsmannschaft, welche so ins
Laufen kam, dass Scipio seine eigenen Reiter auf sie einhauen lassen
musste, und zerstoerten die Maschinen. Auf diese Weise gewannen sie
Zeit, die Bresche zu schliessen. Scipio stellte indes die Maschinen
wieder her und schoss die Holztuerme der Feinde in Brand, wodurch er den
Kai und damit den Aussenhafen in seine Gewalt bekam. Ein der Stadtmauer
an Hoehe gleichkommender Wall wurde hier aufgefuehrt, und es war jetzt
endlich die Stadt von der Land- wie von der Seeseite vollstaendig
abgesperrt, da man nur durch den aeusseren in den inneren Hafen
gelangte. Um die Blockade vollstaendig zu sichern, liess Scipio das
Lager bei Nepheris, das jetzt Diogenes befehligte, von Gaius Laelius
angreifen; durch eine glueckliche Kriegslist ward es erobert und die
ganze dort versammelte zahllose Menschenmasse getoetet oder gefangen.
Darueber war der Winter herangekommen, und Scipio stellte die
Operationen ein, es dem Hunger und den Seuchen ueberlassend, das
Begonnene zu vollenden. Wie furchtbar die Gewaltigen des Herrn
inzwischen an dem Vernichtungswerk gearbeitet hatten, waehrend Hasdrubal
freilich fortfuhr zu prahlen und zu prassen, zeigte sich, so wie im
Fruehling 608 (146) das roemische Heer zum Angriff gegen die innere
Stadt ueberging. Hasdrubal liess den Aussenhafen anzuenden und machte
sich bereit, den auf den Kothon erwarteten Sturm abzuschlagen; aber
Laelius gelang es, weiter aufwaerts die von der ausgehungerten Besatzung
kaum noch verteidigte Mauer zu uebersteigen und so bis an den inneren
Hafen vorzudringen. Die Stadt war erobert, aber der Kampf noch
keineswegs zu Ende. Die Angreifer besetzten den an den kleinen Hafen
anstossenden Markt und drangen in den drei schmalen, von diesem nach
der Burg zu fuehrenden Strassen langsam vor - langsam, denn von den
gewaltigen bis zu sechs Stockwerken hohen Haeusern musste eines nach
dem andern erstuermt werden; auf den Daechern oder auf ueber die Strasse
gelegten Balken drang der Soldat von einem dieser festungsaehnlichen
Gebaeude in das benachbarte oder gegenueberstehende vor und stiess
nieder, was darin ihm vorkam. So verflossen sechs Tage, schreckliche
fuer die Bewohner der Stadt und auch fuer die Angreifer voll Not und
Gefahr; endlich langte man vor dem steilen Burgfelsen an, auf den sich
Hasdrubal und die noch uebrige Mannschaft zurueckgezogen hatten.
Um einen breiteren Aufweg zu bekommen, befahl Scipio, die eroberten
Strassen anzuzuenden und den Schutt zu planieren, bei welcher
Veranlassung eine Menge in den Haeusern versteckter kampfunfaehiger
Personen elend umkamen. Da endlich bat der auf der Burg
zusammengedraengte Rest der Bevoelkerung um Gnade. Das nackte Leben ward
ihnen zugestanden und sie erschienen vor dem Sieger, 30000 Maenner und
25000 Frauen, nicht der zehnte Teil der ehemaligen Bevoelkerung. Einzig
die roemischen Ueberlaeufer, 900 an der Zahl, und der Feldherr Hasdrubal
mit seiner Gattin und seinen beiden Kindern hatten sich in den Tempel
des Heilgottes geworfen: fuer sie, fuer die desertierten Soldaten wie
fuer den Moerder der roemischen Gefangenen, gab es keinen Vertrag. Aber
als nun, dem Hunger erliegend, die entschlossensten unter ihnen den
Tempel anzuendeten, ertrug Hasdrubal es nicht, dem Tode ins Auge zu
sehen; einzeln entrann er zu dem Sieger und bat kniefaellig um sein
Leben. Es ward ihm gewaehrt; aber wie seine Gattin, die mit ihren
Kindern unter den uebrigen auf dem Tempeldach sich befand, ihn zu den
Fuessen Scipios erblickte, schwoll ihr das stolze Herz ueber diese
Schaendung der teuren untergehenden Heimat und den Gemahl mit bitteren
Worten erinnernd, seines Lebens sorglich zu schonen, stuerzte sie erst
die Soehne und dann sich selber in die Flammen. Der Kampf war zu Ende.
Der Jubel im Lager wie in Rom war grenzenlos; nur die Edelsten des
Volkes schaemten im stillen sich der neuesten Grosstat der Nation. Die
Gefangenen wurden groesstenteils zu Sklaven verkauft; einzelne liess man
im Kerker verkommen; die vornehmsten, Bithyas und Hasdrubal, wurden als
roemische Staatsgefangene in Italien interniert und leidlich
behandelt. Das bewegliche Gut, soweit es nicht Gold und Silber war oder
Weihgeschenk, ward den Soldaten zur Pluenderung preisgegeben; von
den Tempelschaetzen ward die in besseren Zeiten von Karthago aus den
sizilischen Staedten weggefuehrte Beute diesen zurueckgestellt, wie zum
Beispiel der Stier des Phalaris den Akragantinern; das uebrige, fiel
an den roemischen Staat. Indes noch stand die Stadt zum bei weitem
groessten Teil. Es ist glaublich, dass Scipio die Erhaltung derselben
wuenschte; wenigstens richtete er deswegen noch eine besondere Anfrage
an den Senat. Scipio Nasica versuchte noch einmal, die Forderungen der
Vernunft und der Ehre geltend zu machen; es war vergebens. Der Senat
befahl dem Feldherrn, die Stadt Karthago und die Aussenstadt Magalia dem
Boden gleich zu machen, desgleichen alle Ortschaften, die es bis zuletzt
mit Karthago gehalten; sodann ueber den Boden Karthagos den Pflug zu
fuehren, um der Existenz der Stadt in Form Rechtens ein Ende zu machen,
und Grund und Boden auf ewige Zeiten zu verwuenschen, also dass weder
Haus noch Kornfeld je dort entstehen moege. Es geschah wie befohlen war.
Siebzehn Tage brannten die Ruinen; als vor kurzem die Ueberreste der
karthagischen Stadtmauer aufgegraben wurden, fand man sie bedeckt mit
einer vier bis fuenf Fuss tiefen, von halb verkohlten Holzstuecken,
Eisentruemmern und Schleuderkugeln erfuellten Aschenlage. Wo die
fleissigen Phoeniker ein halbes Jahrtausend geschafft und gehandelt
hatten, weideten fortan roemische Sklaven die Herden ihrer fernen
Herren. Scipio aber, den die Natur zu einer edleren als zu dieser
Henkerrolle bestimmt hatte, sah schaudernd auf sein eigenes Werk, und
statt der Siegesfreude erfasste den Sieger selber die Ahnung der solcher
Untat unausbleiblich nachfolgenden Vergeltung. Es blieb noch uebrig,
fuer die kuenftige Organisation der Landschaft die Einrichtungen
zu treffen. Die fruehere Weise, mit den gewonnenen ueberseeischen
Besitzungen die Bundesgenossen zu belehnen, ward nicht ferner beliebt.
Micipsa und seine Brueder behielten im wesentlichen ihr bisheriges
Gebiet mit Einschluss der kuerzlich am Bagradas und in Emporia den
Karthagern entrissenen Distrikte; die lange genaehrte Hoffnung, Karthago
zur Hauptstadt zu erhalten, ward fuer immer vereitelt; dafuer verehrte
ihnen der Senat die karthagischen Buechersammlungen. Die karthagische
Landschaft, wie die Stadt sie zuletzt besessen hatte, das heisst der
schmale, Sizilien zunaechst gegenueberliegende Kuestenstrich von
Afrika, vom Tuscafluss (bei Thabzaca) bis Thaenae (der Insel Kerkena
gegenueber), ward eine roemische Provinz. Im Binnenland, wo die
uebergriffe Massinissas die karthagische Herrschaft fortwaehrend weiter
beschraenkt hatten und schon Bulla, Zama, Aquae den Koenigen gehoerten,
blieb den Numidiern, was sie besassen. Allein die sorgfaeltige
Regulierung der Grenze zwischen der roemischen Provinz und dem auf drei
Seiten dieselbe einschliessenden numidischen Koenigreich zeugte davon,
dass Rom gegen sich keineswegs dulden werde, was es gegen Karthago
verstattet hatte; wogegen der Name der neuen Provinz, Africa,
andererseits darauf hinzudeuten schien, dass Rom die gegenwaertig
abgesteckte Grenze durchaus nicht als eine definitive betrachte. Die
Oberverwaltung der neuen Provinz uebernahm ein roemischer Statthalter,
dessen Sitz Utica wurde. Einer regelmaessigen Grenzverteidigung bedurfte
dieselbe nicht, da das verbuendete Numidische Reich sie ueberall von
den Bewohnern der Wueste schied. Hinsichtlich der Abgaben verfuhr man im
ganzen mit Milde. Diejenigen Gemeinden, die seit Anfang des Krieges auf
seiten der Roemer gestanden hatten - es waren dies nur die Seestaedte
Utica, Hadrumetum, Klein-Leptis, Thapsus, Achulla, Usalis und die
Binnenstadt Theudalis -, behielten ihre Mark und wurden Freistaedte;
dasselbe Recht empfing die neugegruendete Gemeinde der Ueberlaeufer.
Das Stadtgebiet Karthagos, mit Ausnahme eines an Utica verschenkten
Striches, und das der uebrigen zerstoerten Ortschaften ward roemisches
Domanialland, welches man durch Verpachtung verwertete. Die uebrigen
Ortschaften verloren gleichfalls dem Rechte nach ihr Bodeneigentum
und ihre staedtischen Freiheiten; doch wurde ihnen ihr Acker und ihre
Verfassung bis auf weitere Anordnung der roemischen Regierung vorlaeufig
als widerruflicher Besitz gelassen und zahlten die Gemeinden fuer die
Nutzung des roemisch gewordenen Bodens jaehrlich nach Rom eine ein
fuer allemal normierte Abgabe (stipendium), welche sie dann ihrerseits
mittels einer Vermoegenssteuer von den einzelnen Abgabepflichtigen
wiedereinzogen. Die eigentlichen Gewinner aber bei dieser Zerstoerung
der ersten Handelsstadt des Westens waren die roemischen Kaufleute,
welche, sowie Karthago in Asche lag, scharenweise nach Utica stroemten
und von dort aus nicht bloss die roemische Provinz, sondern auch die
bis dahin ihnen verschlossenen numidischen und gaetulischen Landschaften
auszubeuten begannen. Um dieselbe Zeit wie Karthago verschwand
auch Makedonien aus der Reihe der Nationen. Die vier kleinen
Eidgenossenschaften, in die die Weisheit des roemischen Senats das alte
Koenigreich zerstueckelt hatte, konnten in sich und untereinander nicht
zum Frieden kommen; wie es in dem Lande zuging, zeigt ein einzelner,
zufaellig erwaehnter Vorfall in Phakos, wo der gesamte Regierungsrat
einer dieser Eidgenossenschaften auf Anstiften eines gewissen Damasippos
ermordet wurde. Weder die Kommissionen, die der Senat abordnete
(590 164), noch die nach griechischer Sitte von den Makedoniern
herbeigerufenen fremden Schiedsrichter, wie zum Beispiel Scipio
Aemilianus (603 151), vermochten einen leidlichen Zustand herzustellen.
Da erschien ploetzlich in Thrakien ein junger Mann, der sich Philippos
nannte, den Sohn des Koenigs Perseus, welchem er auffallend glich, und
der syrischen Laodike. Seine Jugend hatte er in der mysischen Stadt
Adramytion verlebt; hier behauptete er die sicheren Beweise seiner
hohen Abstammung erhalten zu haben. Mit diesen hatte er, nach einem
vergeblichen Versuch, in seinem Heimatland sich geltend zu machen, sich
an seiner Mutter Bruder, Koenig Demetrios Soter von Syrien, gewandt. Es
fanden sich in der Tat einige Maenner, die dem Adramytener glaubten oder
zu glauben vorgaben und den Koenig bestuermten, den Prinzen entweder
in sein angeerbtes Reich wiedereinzusetzen oder ihm die Krone Syriens
abzutreten; worauf Demetrios, um dem tollen Treiben ein Ende zu machen,
den Praetendenten festnahm und den Roemern zuschickte. Indes der Senat
achtete des Menschen so wenig, dass er ihn in einer italischen Stadt
konfinierte, ohne ihn auch nur ernstlich bewachen zu lassen. So war
er nach Milet entflohen, wo die staedtischen Behoerden ihn abermals
aufgriffen und bei roemischen Kommissarien anfragten, was sie mit
dem Gefangenen machen sollten. Diese rieten, ihn laufen zu lassen; es
geschah. Jetzt versuchte er denn weiter in Thrakien sein Glueck; und
wunderbarerweise fand er hier Anerkennung und Unterstuetzung, nicht
bloss bei den thrakischen Barbarenfuersten Teres, dem Gemahl seiner
Vaterschwester, und Barsabas, sondern auch bei den klugen Byzantiern.
Mit thrakischer Unterstuetzung drang der sogenannte Philipp in
Makedonien ein, und obwohl er anfangs geschlagen ward, erfocht er
doch bald einen Sieg ueber das makedonische Aufgebot in der Odomantike
jenseits des Strymon und darauf einen zweiten diesseits des Flusses, der
ihm den Besitz von ganz Makedonien verschaffte. So apokryphisch seine
Erzaehlung klang und so entschieden es feststand, dass der echte
Philippos Perseus' Sohn achtzehn Jahre alt in Alba gestorben und
dieser Mensch nichts weniger als ein makedonischer Prinz, sondern der
adramytenische Walker Andriskos sei, so war man doch in Makedonien der
Koenigsherrschaft zu sehr gewohnt, um nicht mit der Legitimitaetsfrage
sich rasch abzufinden und gern in das alte Gleis wiedereinzulenken.
Schon kamen Boten von den Thessalern, dass der Praetendent in ihr Gebiet
eingerueckt sei; der roemische Kommissar Nasica, der in der Erwartung,
dass das erste ernste Wort dem toerichten Beginnen ein Ende machen
werde, vom Senat ohne Soldaten nach Makedonien gesandt worden war,
musste die achaeische und pergamenische Mannschaft aufbieten und mit den
Achaeern Thessalien gegen die Uebermacht, soweit es anging, schirmen,
bis (605? 149) der Praetor Juventius mit einer Legion erschien. Dieser
griff mit seiner geringen Streitmacht die Makedonier an; allein er
selber fiel, sein Heer ging fast ganz zugrunde und Thessalien geriet zum
groessten Teil in die Gewalt des falschen Philippos, der sein Regiment
hier und in Makedonien in grausamer und uebermuetiger Weise handhabte.
Endlich betrat ein staerkeres roemisches. Heer unter Quintus Caecilius
Metellus den Kampfplatz und drang, unterstuetzt durch die pergamenische
Flotte, in Makedonien ein. Zwar behielten in dem ersten Reitergefecht
die Makedonier die Oberhand; allein bald traten Spaltungen und
Desertionen im makedonischen Heer ein, und der Fehler des Praetendenten,
sein Heer zu teilen und die eine Haelfte nach Thessalien zu detachieren,
verschaffte den Roemern einen leichten und entscheidenden Sieg (606
148). Philippos fluechtete nach Thrakien zu dem Haeuptling Byzes, wohin
Metellus ihm folgte und nach einem zweiten Sieg seine Auslieferung
erlangte. Die vier makedonischen Eidgenossenschaften hatten sich dem
Praetendenten nicht freiwillig unterworfen, sondern waren lediglich der
Gewalt gewichen. Nach der bisher befolgten Politik lag also kein Grund
vor, den Makedoniern den Schatten von Selbstaendigkeit zu nehmen, den
die Schlacht von Pydna ihnen noch gelassen hatte; dennoch wurde das
Reich Alexanders jetzt auf Befehl des Senats von Metellus in eine
roemische Provinz verwandelt. Sehr deutlich ward es hier, dass die
roemische Regierung ihr System geaendert und das Klientel- durch das
Untertanenverhaeltnis zu ersetzen beschlossen hatte; und darum wurde
die Einziehung der vier makedonischen Eidgenossenschaften in dem
ganzen Kreise der Klientelstaaten als ein gegen alle gerichteter Schlag
empfunden. Die frueher nach den ersten roemischen Siegen von Makedonien
abgerissenen Besitzungen in Epeiros, die Ionischen Inseln und die Haefen
Apollonia und Epidamnos, welche bisher zu dem italischen Beamtensprengel
gehoert hatten, wurden jetzt wieder mit Makedonien vereinigt, so dass
dasselbe, wahrscheinlich schon um diese Zeit, im Nordosten bis jenseits
Skodra reichte, wo Illyricum begann. Ebenso fiel die Schutzherrlichkeit,
die Rom ueber das eigentliche Griechenland in Anspruch nahm, von selbst
dem neuen Statthalter von Makedonien zu. So erhielt Makedonien die
Einigkeit zurueck und auch ungefaehr wieder die Grenzen, wie es sie
in seiner bluehendsten Zeit gehabt; aber es war nicht mehr ein einiges
Reich, sondern eine einige Provinz, mit kommunaler und selbst wie es
scheint landschaftlicher Organisation, jedoch unter einem italischen
Vogt und Schatzmeister, deren Namen auch wohl auf den Landesmuenzen
neben dem der Landschaft erscheinen. Als Steuer blieb die alte maessige
Abgabe, wie Paullus sie angeordnet hatte, eine Summe von 100 Talenten
(155000 Talern), die in festen Betraegen auf die einzelnen Gemeinden
umgelegt war. Dennoch vermochte das Land seiner alten ruhmreichen
Dynastie noch nicht zu vergessen. Wenige Jahre nach der Besiegung
des falschen Philippos pflanzte ein anderer angeblicher Perseussohn,
Alexander, am Nestos (Karasu) die Fahne der Insurrektion auf und
hatte in kurzer Zeit 1600 Mann vereinigt; allein der Quaestor Lucius
Tremellius ward des Aufstandes ohne Muehe Herr und verfolgte den
fliehenden Praetendenten bis nach Dardanien (612 142). Dies aber ist
auch die letzte Regung des stolzen makedonischen Nationalsinns, der zwei
Jahrhunderte zuvor in Hellas und Asien so grosse Dinge vollbracht hatte;
seitdem ist von den Makedoniern kaum etwas anderes zu berichten, als
dass sie fortfuhren, von dem der definitiven Provinzialorganisation der
Landschaft (608 146) an ihre tatenlosen Jahre zu zaehlen. Fortan waren
es die Roemer, denen die Verteidigung der makedonischen Nord- und
Ostgrenzen, das heisst der Grenze der hellenischen Zivilisation
gegen die Barbaren, oblag. Sie ward von ihnen mit unzulaenglichen
Streitkraeften und im ganzen nicht mit der gebuehrenden Energie
gefuehrt; doch ist zunaechst fuer diesen militaerischen Zweck die grosse
Egnatische Chaussee angelegt worden, welche schon zu Polybios' Zeit von
den beiden Haupthaefen an der Westkueste, Apollonia und Dyrrhachion,
quer durch das Binnenland nach Thessalonike, spaeter noch weiter bis
an den Hebros (Maritza) lief ^11. Die neue Provinz ward die natuerliche
Basis teils fuer die Zuege gegen die unruhigen Dalmater, teils fuer die
zahlreichen Expeditionen gegen die nordwaerts der griechischen Halbinsel
ansaessigen illyrischen, keltischen und thrakischen Staemme, die
spaeter in ihrem geschichtlichen Zusammenhang darzustellen sein werden.
------------------------------------------- ^11 Als Handelsstrasse
zwischen dem Adriatischen und Schwarzen Meer, als diejenige naemlich, in
deren Mitte die kerkyraeischen Weinkruege den thasischen und lesbischen
begegnen, kennt diese Strasse schon der Verfasser der pseudo-
aristotelischen Schrift 'Von den merkwuerdigen Dingen'. Auch heute noch
laeuft dieselbe wesentlich in gleicher Richtung von Durazzo, die
Berge von Bagora (Kandavisches Gebirge) am See von Ochrida
(Lychnitis) durchschneidend, ueber Monastir nach Saloniki.
------------------------------------------ Mehr als Makedonien hatte
das eigentliche Griechenland sich der Gunst der herrschenden Macht zu
erfreuen; und die Philhellenen Roms mochten wohl der Ansicht sein, dass
daselbst die Nachwehen des Perseischen Krieges im Verschwinden und
die Verhaeltnisse ueberhaupt auf dem Wege zum Besseren seien. Die
verbissensten Aufhetzer der jetzt herrschenden Partei, Lykiskos der
Aetoler, Mnasippos der Boeoter, Chrematas der Akarnane, der schandbare
Epeirote Charops, dem selbst ehrenhafte Roemer ihr Haus verboten,
stiegen einer nach dem andern ins Grab; ein anderes Geschlecht wuchs
heran, in dem die alten Erinnerungen und die alten Gegensaetze verblasst
waren. Der roemische Senat meinte die Zeit des allgemeinen Vergebens und
Vergessens gekommen und entliess im Jahre 604 (150) die noch uebrigen
der seit siebzehn Jahren in Italien konfinierten achaeischen Patrioten,
deren Freigebung die achaeische Tagsatzung nicht aufgehoert hatte zu
fordern. Dennoch irrte man sich. Wie wenig es den Roemern mit all ihrem
Philhellenentum gelungen war, den hellenischen Patriotismus innerlich
zu versoehnen, offenbarte sich in nichts so deutlich wie in der Stellung
der Griechen zu den Attaliden. Koenig Eumenes II. war als Roemerfreund
in Griechenland im hoechsten Grade verhasst gewesen; kaum aber war
zwischen ihm und den Roemern eine Verstimmung eingetreten, als er
in Griechenland ploetzlich populaer ward; wie frueher von Makedonien
erwartete der hellenische Euelpides den Erloeser aus der Fremdherrschaft
jetzt von Pergamon. Vor allen Dingen aber stieg in der sich selbst
ueberlassenen hellenischen Kleinstaaterei zusehends die soziale
Zerruettung. Das Land veroedete, nicht durch Krieg und Pest, sondern
durch die immer weiter um sich greifende Abneigung der hoeheren Staende,
mit Frau und Kindern sich zu plagen; dafuer stroemte wie bisher
das verbrecherische oder leichtsinnige Gesindel vorwiegend nach
Griechenland, um daselbst den Werbeoffizier zu erwarten. Die Gemeinden
versanken in immer tiefere Verschuldung und in oekonomische Ehr- und die
daranhaengende Kreditlosigkeit; einzelne Staedte, namentlich Athen und
Theben, griffen in ihrer Finanznot geradezu zum Raeuberhandwerk und
pluenderten die Nachbargemeinden aus. Auch der innere Hader in den
Buenden, zum Beispiel zwischen den freiwilligen und den gezwungenen
Mitgliedern der Achaeischen Eidgenossenschaft, war keineswegs beigelegt.
Wenn die Roemer, wie es scheint, glaubten, was sie wuenschten, und
der augenblicklich herrschenden Ruhe vertrauten, so sollten sie bald
erfahren, dass die juengere Generation in Hellas um nichts besser und um
nichts klueger als die aeltere war. Die Gelegenheit, um mit den Roemern
Haendel anzufangen, brach man geradezu vom Zaune. Um einen schmutzigen
Handel zu bedecken, warf um das Jahr 605 (149) der zeitige Vorstand der
Achaeischen Eidgenossenschaft, Diaeos, auf der Tagsatzung die
Behauptung hin, dass die den Lakedaemoniern als Glied der Achaeischen
Eidgenossenschaft von dieser zugestandenen Sonderrechte, die
Befreiung von der achaeischen Kriminaljurisdiktion und das Recht,
Sondergesandtschaften nach Rom zu schicken, ihnen keineswegs von den
Roemern gewaehrleistet seien. Es war eine freche Luege; allein die
Tagsatzung glaubte natuerlich, was sie wuenschte, und da sich die
Achaeer bereit zeigten, ihre Behauptungen mit den Waffen in der Hand
wahrzumachen, gaben die schwaecheren Spartaner vorlaeufig nach, oder
vielmehr diejenigen, deren Auslieferung von den Achaeern begehrt
ward, verliessen die Stadt, um als Klaeger vor dem roemischen Senat
aufzutreten. Der Senat antwortete wie gewoehnlich, dass er eine
Kommission zur Untersuchung der Sache senden werde; allein statt dieses
Bescheides berichteten die Boten, in Achaia wie in Sparta und beide
falsch, dass der Senat zu ihren Gunsten entschieden habe. Die Achaeer,
die wegen der soeben in Thessalien geleisteten Bundeshilfe gegen den
falschen Philippos sich mehr als je in bundesgenoessischer Gleichheit
und politischer Gewichtigkeit fuehlten, rueckten im Jahre 606 (148)
unter ihrem Strategen Damokritos in Lakonike ein; vergeblich mahnte,
von Metellus aufgefordert, eine nach Asien durchpassierende roemische
Gesandtschaft, Frieden zu halten und die Kommissarien des Senats zu
erwarten. Eine Schlacht ward geliefert, in der bei 1000 Spartaner
fielen, und Sparta haette genommen werden koennen, wenn Damokritos nicht
als Offizier ebenso untuechtig gewesen waere wie als Staatsmann. Er ward
abgesetzt, und sein Nachfolger Diaeos, der Anstifter all dieses Unfugs,
setzte den Krieg eifrig fort, waehrend er gleichzeitig den gefuerchteten
Kommandanten von Makedonien der vollen Botmaessigkeit der Achaeischen
Eidgenossenschaft versichern liess. Darueber erschien die lange
erwartete roemische Kommission, an ihrer Spitze Aurelius Orestes; nun
ruhten die Waffen und die achaeische Tagsatzung versammelte sich in
Korinth, um ihre Eroeffnungen entgegenzunehmen. Sie waren unerwarteter
und unerfreulicher Art. Die Roemer hatten sich entschlossen, die
unnatuerliche und usurpierte Einreihung Spartas unter die
achaeischen Staaten wiederaufzuheben und ueberhaupt gegen die Achaeer
durchzugreifen. Schon einige Jahre zuvor (591 163) hatten dieselben die
aetolische Stadt Pleuron aus ihrem Bund entlassen muessen; jetzt wurden
sie angewiesen auf saemtliche seit dem Zweiten Makedonischen Krieg
gemachte Erwerbungen, das heisst auf Korinth, Orchomenos, Argos, Sparta
im Peloponnes und Herakleia am Ota, zu verzichten und ihren Bund wieder
auf den Bestand am Ende des Hannibalischen Krieges zurueckzufuehren. Wie
dies die achaeischen Abgeordneten vernahmen, stuermten sie sofort
auf den Markt, ohne die Roemer auch nur auszuhoeren, und teilten die
roemischen Forderungen der Menge mit, worauf der regierende und der
regierte Poebel einhellig beschloss, zu allervoerderst saemtliche in
Korinth anwesende Lakedaemonier festzusetzen, da ja Sparta dies Unglueck
ueber sie gebracht habe. Die Verhaftung erfolgte denn auch in der
tumultuarischsten Weise, so dass Lakonername oder Lakonerschuhe als
hinreichende Einsperrungsgruende erschienen: ja man drang sogar in
die Wohnungen der roemischen Gesandten, um die dorthin gefluechteten
Lakedaemonier festzunehmen, und es fielen gegen die Roemer harte Reden,
obgleich man an ihrer Person sich nicht vergriff. Indigniert kehrten
dieselben heim und fuehrten bittere, selbst uebertriebene Beschwerde im
Senat; dennoch beschraenkte sich dieser mit derselben Maessigung,
die all seine Massregeln gegen die Griechen bezeichnet, zunaechst
auf Vorstellungen. In der mildesten Form und der Genugtuung fuer die
erlittenen Beleidigungen kaum erwaehnend, wiederholte Sextus Iulius
Caesar auf der Tagsatzung in Aegion (Fruehling 607 147) die Befehle der
Roemer. Aber die Leiter der Dinge in Achaia, an ihrer Spitze der neue
Strateg Kritolaos (Strateg Mai 607 bis Mai 608 147/46), zogen als
staatskluge und in der hoeheren Politik wohlbewanderte Leute daraus
bloss den Schluss, dass die roemischen Angelegenheiten gegen Karthago
und Viriathus sehr schlecht stehen muessten, und fuhren fort, die
Roemer zugleich zu prellen und zu beleidigen. Caesar ward ersucht,
zur Ausgleichung der Sache eine Zusammenkunft von Abgeordneten der
streitenden Teile in Tegea zu veranstalten; es geschah, allein nachdem
Caesar und die lakedaemonischen Gesandten daselbst lange vergeblich
auf die Achaeer gewartet hatten, erschien endlich Kritolaos allein und
zeigte an, dass lediglich die allgemeine Volksversammlung der Achaeer
in dieser Sache kompetent sei und dieselbe erst auf der Tagsatzung, das
heisst in sechs Monaten, erledigt werden koenne. Caesar ging darauf nach
Rom zurueck; die naechste Volksversammlung der Achaeer aber erklaerte
auf Kritolaos' Antrag foermlich den Krieg gegen Sparta. Auch jetzt
noch machte Metellus einen Versuch, den Zwist in Guete beizulegen,
und schickte Gesandte nach Korinth; allein die laermende Ekklesia,
groesstenteils bestehend aus dem Poebel der reichen Handels- und
Fabrikstadt, uebertobte die Stimme der roemischen Gesandten und zwang
sie, die Rednerbuehne zu verlassen. Kritolaos' Erklaerung, dass man
die Roemer wohl zu Freunden, aber nicht zu Herren wuensche, ward mit
unsaeglichem Jubel aufgenommen, und als die Mitglieder der Tagsatzung
sich ins Mittel legen wollten, schuetzte der Poebel den Mann seines
Herzens und beklatschte die Stichwoerter von dem Landesverrat der
Reichen und der notwendigen Militaerdiktatur sowie die geheimnisvollen
Winke ueber die nahe bevorstehende Schilderhebung unzaehliger Voelker
und Koenige gegen Rom. Von welchem Geist die Bewegung beseelt war,
zeigten die beiden Beschluesse, dass bis zum hergestellten Frieden alle
Klubs permanent sein und alle Schuldklagen ruhen sollten. Man hatte also
Krieg, ja sogar auch wirkliche Bundesgenossen: die Thebaner und Boeoter
naemlich und ferner die Chalkidenser. Schon zu Anfang des Jahres 608
(146) rueckten die Achaeer in Thessalien ein, um Herakleia am Oeta,
das in Gemaessheit des Senatsbeschlusses sich von der Achaeischen
Eidgenossenschaft losgesagt hatte, wieder zum Gehorsam zu bringen.
Der Konsul Lucius Mummius, den der Senat nach Griechenland zu senden
beschlossen hatte, war noch nicht eingetroffen; demnach uebernahm es
Metellus mit den makedonischen Legionen, Herakleia zu schuetzen. Als dem
achaeisch-thebanischen Heer das Anruecken der Roemer gemeldet ward, war
von Schlagen nicht mehr die Rede; man ratschlagte einzig, wie es wohl
gelingen moechte, den sicheren Peloponnes wieder zu erreichen; eiligst
machte die Armee sich davon und versuchte nicht einmal, die Stellung bei
den Thermopylen zu halten. Metellus indes beschleunigte die Verfolgung
und erreichte und schlug das griechische Heer bei Skarpheia in Lokris.
Der Verlust an Gefangenen und Toten war betraechtlich; von Kritolaos
ward nach der Schlacht nie wieder eine Kunde vernommen. Die Truemmer
der geschlagenen Armee irrten in einzelnen Trupps in den hellenischen
Landschaften umher und baten ueberall umsonst um Aufnahme; die Abteilung
von Patrae ward in Phokis, das arkadische Elitenkorps bei Chaeroneia
aufgerieben; ganz Nordgriechenland wurde geraeumt, und von dem
Achaeerheer und der in Masse fluechtenden Buergerschaft von Theben
gelangte nur ein geringer Teil in den Peloponnes. Metellus suchte
durch die moeglichste Milde die Griechen zum Aufgeben des sinnlosen
Widerstandes zu bestimmen und befahl zum Beispiel, alle Thebaner mit
Ausnahme eines einzigen laufen zu lassen; seine wohlgemeinten Versuche
scheiterten nicht an der Energie des Volkes, sondern an der Desperation
der um ihren eigenen Kopf besorgten Fuehrer. Diaeos, der nach Kritolaos'
Fall wieder den Oberbefehl uebernommen hatte, berief alle Waffenfaehigen
auf den Isthmos und befahl, 12000 in Griechenland geborene Sklaven in
das Heer einzustellen; die Reichen wurden zu Vorschuessen angehalten
und unter den Friedensfreunden, soweit sie nicht durch Bestechung der
Schreckensherren ihr Leben erkauften, durch Blutgerichte aufgeraeumt.
Der Kampf ging also fort und in dem gleichen Stile. Die achaeische
Vorhut, die 4000 Mann stark unter Alkamenes bei Megara stand, verlief
sich, sowie sie die roemischen Feldzeichen gewahrte. Die Hauptmacht auf
dem Isthmos wollte Metellus eben angreifen lassen, als der Konsul Lucius
Mummius mit wenigen Begleitern im roemischen Hauptquartier eintraf und
das Kommando uebernahm. Inzwischen boten die Achaeer, ermutigt durch
einen gelungenen Angriff auf die allzu unvorsichtigen roemischen
Vorposten, der roemischen um das Doppelte ueberlegenen Armee bei
Leukopetra auf dem Isthmos die Schlacht an. Die Roemer zoegerten nicht
sie anzunehmen. Gleich zu Anfang rissen die achaeischen Reiter in Masse
aus vor der sechsfach staerkeren roemischen Reiterei; die Hopliten
standen dem Feinde, bis ein Flankenangriff des roemischen Elitenkorps
auch in ihre Reihen Verwirrung brachte. Damit war der Widerstand zu
Ende. Diaeos floh in seine Heimat, toetete sein Weib und nahm selber
Gift; die Staedte unterwarfen sich saemtlich ohne Gegenwehr, und sogar
das unbezwingliche Korinth, in das einzuruecken Mummius drei Tage
zauderte, weil er einen Hinterhalt besorgte, ward ohne Schwertstreich
von den Roemern besetzt. Die neue Regelung der griechischen
Verhaeltnisse ward in Gemeinschaft mit einer Kommission von zehn
Senatoren dem Konsul Mummius uebertragen, der sich in dem eroberten
Lande im ganzen ein gesegnetes Andenken erwarb. Zwar war es, gelind
gesagt, eine Torheit, dass er seiner Kriegs- und Siegestaten wegen den
Namen des "Achaikers" annahm und dem Hercules Sieger dankerfuellt
einen Tempel erbaute; allein als Verwalter erwies er, der nicht in
aristokratischem Luxus und aristokratischer Korruption aufgewachsen,
sondern ein "neuer Mann" und verhaeltnismaessig unbemittelt war, sich
gerecht und mild. Es ist eine rednerische Uebertreibung, dass von den
Achaeern bloss Diaeos, von den Boeotern bloss Pytheas umgekommen seien;
in Chalkis namentlich fielen arge Greuel vor; im ganzen ward aber
doch in den Strafgerichten Mass gehalten. Den Antrag, die Statuen
des Begruenders der achaeischen Patriotenpartei, des Philopoemen,
umzustuerzen, wies Mummius zurueck; die den Gemeinden auferlegten
Geldbussen wurden nicht fuer die roemische Kasse, sondern fuer die
geschaedigten griechischen Staedte bestimmt, groesstenteils auch spaeter
erlassen und das Vermoegen derjenigen Hochverraeter, die Eltern
oder Kinder hatten, nicht von Staats wegen verkauft, sondern diesen
ueberwiesen. Nur die Kunstschaetze wurden aus Korinth, Thespiae und
anderen Staedten weggefuehrt und teils in der Hauptstadt, teils in
den Landstaedten Italiens aufgestellt ^12, einzelne Stuecke auch den
isthmischen, delphischen und olympischen Tempeln verehrt. Auch in der
definitiven Organisation der Landschaft im allgemeinen waltete die
Milde. Zwar wurden, wie es die Provinzialverfassung mit sich brachte,
die Sondereidgenossenschaften, vor allem die achaeische, als solche
aufgeloest, die Gemeinden isoliert und durch die Bestimmung, dass
niemand in zweien derselben zugleich Grundbesitz erwerben duerfe, der
Zwischenverkehr gehemmt. Ferner wurden, wie es schon Flamininus versucht
hatte, die demokratischen Stadtverfassungen durchaus beseitigt und in
jeder Gemeinde einem aus den Vermoegenden gebildeten Rat das Regiment
in die Hand gegeben. Auch wurde jeder Gemeinde eine feste, nach Rom
zu entrichtende Abgabe auferlegt und sie saemtlich dem Statthalter
von Makedonien in der Art untergeordnet, dass diesem als oberstem
Militaerchef auch in Verwaltung und Gerichtsbarkeit eine Oberleitung
zustand und er zum Beispiel wichtigere Kriminalprozesse zur Entscheidung
an sich ziehen konnte. Dennoch blieb den griechischen Gemeinden die
"Freiheit", das heisst eine, freilich durch die roemische Hegemonie zum
Namen zusammengeschwundene, formelle Souveraenitaet, welche das Eigentum
an Grund und Boden und das Recht eigener Verwaltung und Gerichtsbarkeit
in sich schloss ^13. Einige Jahre spaeter ward sogar nicht bloss ein
Schatten der alten Eidgenossenschaften wieder gestattet, sondern auch
die drueckende Beschraenkung in der Veraeusserung des Grundbesitzes
beseitigt. ---------------------------------------- ^12 Aus den
sabinischen Ortschaften, aus Parma, ja aus Italica in Spanien sind noch
mehrere mit Mummius' Namen bezeichnete Basen bekannt, die einst solche
Beutegaben trugen. ^13 Die Frage, ob Griechenland im Jahre 608 (146)
roemische Provinz geworden sei oder nicht, laeuft in der Hauptsache auf
einen Wortstreit hinaus. Dass die griechischen Gemeinden durchgaengig
"frei" blieben (CIG 1543, 15; Caes. civ. 3, 5; App. Mithr. 58; Zonar.
9, 31), ist ausgemacht; aber nicht minder ist es ausgemacht, dass
Griechenland damals von den Roemern "in Besitz genommen ward" (Tac. arm.
14, 21; 1. Makk. 8, 9,10); dass von da an jede Gemeinde einen festen
Zins nach Rom entrichtete (Paus. 7, 16, 6; vgl. Cic. prov. 3, 5), die
kleine Insel Gyaros zum Beispiel jaehrlich 150 Drachmen (Strab. 10,
485); dass die "Ruten und Beile" des roemischen Statthalters fortan auch
in Griechenland schalteten (Polyb. 38, 1 c; vgl. Cic. Verr. 1. 1, 21,
55) und derselbe die Oberaufsicht ueber die Stadtverfassungen (CIG 1543)
sowie in gewissen Faellen die Kriminaljurisdiktion (CIG 1543; Plut. Cim.
2) fortan ebenso uebte wie bis dahin der roemische Senat; dass endlich
die makedonische Provinzialaera auch in Griechenland im Gebrauch war.
Zwischen diesen Tatsachen ist keineswegs ein Widerspruch oder doch kein
anderer als derjenige, welcher ueberhaupt in der Stellung der freien
Staedte liegt, welche bald als ausserhalb der Provinz stehend (z. B.
Suet. Caes. 25; Colum. 11, 3, 26), bald als der Provinz zugeteilt (z. B.
los. ant. lud. 14, 4, 4) bezeichnet werden. Der roemische Domanialbesitz
in Griechenland beschraenkte sich zwar auf den Korinthischen Acker und
etwa einige Stuecke von Euboea (CIG 5879) und eigentliche Untertanen
gab es dort gar nicht; allein darum konnte dennoch, wenn man auf das
tatsaechlich zwischen den griechischen Gemeinden und dem makedonischen
Statthalter bestehende Verhaeltnis sieht, ebenso wie Massalia zur
Provinz Narbo, Dyrrhachion zur Provinz Makedonien, auch Griechenland zu
der makedonischen Provinz gerechnet werden. Es finden sich sogar noch
viel weitergehende Faelle: Das Cisalpinische Gallien bestand seit 655
(89) aus lauter Buerger- oder latinischen Gemeinden und ward dennoch
durch Sulla Provinz; ja in der caesarischen Zeit begegnen Landschaften,
die ausschliesslich aus Buergergemeinden bestehen und die dennoch
keineswegs aufhoeren, Provinzen zu sein. Sehr klar tritt hier der
Grundbegriff der roemischen provincia hervor; sie ist zunaechst nichts
als das "Kommando" und alle Verwaltungs- und Jurisdiktionstaetigkeit des
Kommandanten sind urspruenglich Nebengeschaefte und Korollarien seiner
militaerischen Stellung. Andererseits muss dagegen, wenn man die
formelle Souveraenitaet der freien Gemeinden ins Auge fasst, zugestanden
werden, dass durch die Ereignisse des Jahres 608 (146) Griechenlands
Stellung staatsrechtlich sich nicht aenderte: es waren mehr faktische
als rechtliche Verschiedenheiten, dass statt der Achaeischen
Eidgenossenschaft jetzt die einzelnen Gemeinden Achaias als tributaere
Klientelstaaten neben Rom standen und dass seit Einrichtung
der roemischen Sonderverwaltung in Makedonien diese anstatt der
hauptstaedtischen Behoerden die Oberaufsicht ueber die griechischen
Klientelstaaten uebernahm. Man kann demnach, je nachdem die
tatsaechliche oder die formelle Auffassung ueberwiegt, Griechenland als
Teil des Kommandos von Makedonien ansehen oder auch nicht; indes
wird der ersteren Auffassung mit Recht das Uebergewicht eingeraeumt.
--------------------------------------------- Strengere Behandlung aber
traf die Gemeinden, Theben, Chalkis und Korinth. Es laesst sich
nichts dawider erinnern, dass die ersten beiden entwaffnet und durch
Niederreissung ihrer Mauern in offene Flecken umgewandelt wurden;
dagegen bleibt die durchaus unmotivierte Zerstoerung der ersten
Handelsstadt Griechenlands, des bluehenden Korinth, ein duesterer
Schandfleck in den Jahrbuechern Roms. Auf ausdruecklichen Befehl des
Senats wurden die korinthischen Buerger aufgegriffen, und was dabei
nicht umkam, in die Sklaverei verkauft, die Stadt selbst nicht etwa
bloss ihrer Mauern und ihrer Burg beraubt, was, wenn man einmal dieselbe
nicht dauernd besetzen wollte, allerdings nicht zu vermeiden war,
sondern dem Boden gleichgemacht und in den ueblichen Bannformen jeder
Wiederanbau der oeden Staette untersagt, das Gebiet derselben zum Teil
an Sikyon gegeben unter der Auflage, anstatt Korinths die Kosten
des isthmischen Nationalfestes zu bestreiten, groesstenteils aber zu
roemischem Gemeinland erklaert. Also erlosch der "Augapfel von Hellas",
der letzte koestliche Schmuck des einst so staedtereichen griechischen
Landes. Fassen wir aber die ganze Katastrophe noch einmal ins Auge, so
muss die unparteiische Geschichte es anerkennen, was die Griechen dieser
Zeit selbst unumwunden eingestanden, dass an dem Kriege selbst nicht die
Roemer die Schuld trugen, sondern dass die unkluge Treubruechigkeit und
die schwaechliche Tollkuehnheit der Griechen die roemische Intervention
erzwangen. Die Beseitigung der Scheinsouveraenitaet der Buende und alles
damit verknuepften unklaren und verderblichen Schwindels war ein
Glueck fuer das Land und das Regiment des roemischen Oberfeldherrn von
Makedonien, wieviel es auch zu wuenschen uebrig liess, immer noch bei
weitem besser als die bisherige Wirr- und Missregierung der griechischen
Eidgenossenschaften und der roemischen Kommissionen. Der Peloponnes
hoerte auf, die grosse Soeldnerherberge zu sein; es ist bezeugt und
begreiflich, dass ueberhaupt mit dem unmittelbaren roemischen
Regiment Sicherheit und. Wohlstand einigermassen zurueckkehrten. Das
Themistokleische Epigramm, dass der Ruin den Ruin abgewandt habe, wurde
von den damaligen Hellenen nicht ganz mit Unrecht angewandt auf den
Untergang der griechischen Selbstaendigkeit. Die ungemeine Nachsicht,
welche Rom auch jetzt noch gegen die Griechen bewies, tritt erst recht
in das Licht, wenn man sie mit dem gleichzeitigen Verfahren derselben
Behoerden gegen die Spanier und die Phoeniker zusammenhaelt; Barbaren
grausam zu behandeln schien nicht unerlaubt, aber wie spaeter Kaiser
Traianus hielten es auch die Roemer dieser Zeit "fuer hart und
barbarisch, Athen und Sparta den noch uebrigen Schatten von Freiheit zu
entreissen". Um so schaerfer kontrastiert mit dieser allgemeinen Milde
die empoerende, selbst von den Schutzrednern der karthagischen und der
numantinischen Katastrophe gemissbilligte Behandlung von Korinth, welche
durch die auf den Gassen von Korinth gegen die roemischen Abgeordneten
ausgestossenen Schmaehreden auch nach roemischem Voelkerrecht nichts
weniger als gerechtfertigt ward. Und doch ging sie keineswegs hervor
aus der Brutalitaet eines einzelnen Mannes, am wenigsten des Mummius,
sondern war eine vom roemischen Rat erwogene und beschlossene Massregel.
Man wird nicht irren, wenn man darin das Werk der Kaufmannspartei
erkennt, die in dieser Epoche schon neben der eigentlichen Aristokratie
anfaengt, in die Politik einzugreifen, und die in Korinth einen
Handelsnebenbuhler beseitigt hat. Wenn die roemischen Grosshaendler bei
der Regulierung Griechenlands mit zureden gehabt haben, so begreift man,
weshalb das Strafgericht eben gegen Korinth gerichtet ward und weshalb
man nicht bloss die Stadt vernichtete, wie sie war, sondern auch die
Ansiedlung an dieser fuer den Handel so ueberaus guenstigen Staette fuer
die Zukunft verbot. Fuer die auch in Hellas sehr zahlreichen roemischen
Kaufleute ward der Mittelpunkt fortan das peloponnesische Argos;
wichtiger aber fuer den roemischen Grosshandel ward Delos, das, schon
seit 586 (168) roemischer Freihafen, einen guten Teil der Geschaefte
von Rhodos an sich gezogen hatte und nun in aehnlicher Weise in
die korinthischen eintrat. Diese Insel blieb fuer laengere Zeit der
Hauptstapelplatz der vom Osten nach dem Westen gehenden Waren ^14.
---------------------------------- ^14 Ein merkwuerdiger Beleg dafuer
ist die Benennung der feinen griechischen Bronze- und Kupferwaren die in
der ciceronischen Zeit ohne Unterschied "korinthisches" oder
"delisches Kupfer" genannt werden. Die Bezeichnung ist in Italien
begreiflicherweise nicht von den Fabrikations-, sondern von den
Exportplaetzen hergenommen (Plin. nat. 34, 2, 9); womit natuerlich nicht
geleugnet wird, dass dergleichen Gefaesse auch in Korinth und Delos
selbst fabriziert wurden. ------------------------------------
Unvollstaendiger als in der nur durch schmale Meere von Italien
getrennten afrikanischen und makedonisch-hellenischen Landschaft
entwickelte sich die roemische Herrschaft in dem dritten entfernteren
Weltteil. In Vorderasien war durch die Zurueckdraengung der Seleukiden
das Reich von Pergamon die erste Macht geworden. Nicht geirrt durch die
Traditionen der Alexandermonarchien, einsichtig und kuehl genug, um auf
das Unmoegliche zu verzichten, verhielten die Attaliden sich ruhig und
strebten nicht, ihre Grenzen zu erweitern noch der roemischen Hegemonie
sich zu entziehen, sondern den Wohlstand ihres Reiches, soweit die
Roemer es erlaubten, zu foerdern und die Kuenste des Friedens zu
pflegen. Doch entgingen sie darum der Eifersucht und dem Argwohn Roms
nicht. Im Besitz der europaeischen Kueste der Propontis, der Westkueste
Kleinasiens und des kleinasiatischen Binnenlandes bis zur kappadokischen
und kilikischen Grenze, in enger Verbindung mit den syrischen Koenigen,
von denen Antiochos Epiphanes (+ 590 164) durch die Hilfe der Attaliden
auf den Thron gelangt war, hatte Koenig Eumenes II. durch seine bei
dem immer tieferen Sinken Makedoniens und Syriens nur noch ansehnlicher
erscheinende Macht selbst den Begruendern derselben Bedenken
eingefloesst; es ist schon erzaehlt worden, wie der Senat darauf bedacht
war, nach dem Dritten Makedonischen Krieg diesen Bundesgenossen durch
unfeine diplomatische Kuenste zu demuetigen und zu schwaechen. Die an
sich schon schwierigen Verhaeltnisse der Herren von Pergamon zu den
ganz und halb freien Handelsstaedten innerhalb ihres Reichs und zu den
barbarischen Nachbarn an dessen Grenzen wurden durch diese Verstimmung
der Schutzherren noch peinlicher verwickelt. Da es nicht klar war,
ob nach dem Friedensvertrag von 565 (189) die Taurushoehen in der
pamphylischen und pisidischen Landschaft zum Syrischen oder zum
Pergamenischen Reich gehoerten, leisteten die tapferen Selger, es
scheint unter nomineller Anerkennung der syrischen Oberhoheit, den
Koenigen Eumenes Il. und Attalos II. langjaehrigen und energischen
Widerstand in den schwer zugaenglichen Gebirgen Pisidiens. Auch die
asiatischen Kelten, welche eine Zeitlang unter Zulassung der Roemer
unter pergamenischer Botmaessigkeit gestanden hatten, fielen von Eumenes
ab und begannen im Einverstaendnis mit dem Erbfeind der Attaliden, dem
Koenig Prusias von Bithynien, um 587 (167) ploetzlich gegen ihn Krieg.
Der Koenig hatte keine Zeit gehabt, Mietstruppen zu dingen; all seine
Einsicht und Tapferkeit konnte nicht verhindern, dass sie die asiatische
Miliz schlugen und das Gebiet ueberschwemmten; wir kennen bereits die
eigentuemliche Vermittlung, zu der die Roemer auf Eumenes' Bitte sich
herbeiliessen. Sowie er indes Zeit gefunden hatte, mit Hilfe seiner
wohlgefuellten Kasse eine kampffaehige Armee aufzustellen, trieb er auch
die wilden Scharen schnell zurueck ueber die Grenze seines Reiches; und
obwohl Galatien ihm verloren blieb und seine hartnaeckig fortgesetzten
Versuche, dort die Haende im Spiel zu behalten, durch roemischen
Einfluss vereitelt wurden ^15, hinterliess er dennoch trotz aller
offenen Angriffe und geheimen Machinationen, die seine Nachbarn und
die Roemer gegen ihn gerichtet hatten, bei seinem Tode (um 595 159) das
Reich in ungeschmaelertem Bestand. Sein Bruder Attalos II. Philadelphos
(+ 616 138) wies den Versuch des Koenigs Pharnakes von Pontos, sich
der Vormundschaft ueber Eumenes' unmuendigen Sohn zu bemaechtigen,
mit roemischer Hilfe zurueck und regierte anstatt seines Neffen wie
Antigonos Doson als Vormund auf Lebenszeit. Gewandt, tuechtig, fuegsam,
ein echter Attalide, verstand er es, den argwoehnischen Senat von
der Nichtigkeit der frueher gehegten Besorgnisse zu ueberzeugen. Die
antiroemische Partei beschuldigte ihn, dass er sich dazu hergebe, das
Land fuer die Roemer zu hueten und jede Beleidigung und Erpressung von
ihnen sich gefallen lasse; indes konnte er, des roemischen
Schutzes sicher, in die syrischen, kappadokischen und bithynischen
Thronstreitigkeiten entscheidend eingreifen. Auch aus dem gefaehrlichen
bithynischen Krieg, den Koenig Prusias II., der Jaeger genannt (572 ? -
605 182-149), ein Regent, der alle barbarischen und alle zivilisierten
Laster in sich vereinigte, gegen ihn begann, rettete ihn die roemische
Intervention - freilich erst, nachdem er selbst in seiner Hauptstadt
belagert und eine erste Mahnung der Roemer von Prusias unbefolgt
gelassen, ja verhoehnt worden war (598-600 156-154). Allein mit der
Thronbezeigung seines Muendels Attalos III. Philometor (616-621 133-133)
trat an die Stelle des friedlichen und maessigen Buergerkoenigtums ein
asiatisches Sultanregiment, unter dem es zum Beispiel vorkam, dass
der Koenig, um des unbequemen Rats seiner vaeterlichen Freunde sich zu
entledigen, sie im Palast versammeln und erst sie, sodann ihre Frauen
und Kinder von seinen Lanzknechten niedermachen liess; nebenher schrieb
er Buecher ueber den Gartenbau, zog Giftkraeuter und bossierte in Wachs,
bis ein ploetzlicher Tod ihn abrief. Mit ihm erlosch das Geschlecht
der Attaliden. In solchem Fall konnte nach dem wenigstens fuer
die Klientelstaaten Roms gueltigen Staatsrecht der letzte Regent
testamentarisch ueber die Sukzession verfuegen. Ob der Gedanke,
das Reich den Roemern zu vermachen, dem letzten Attaliden durch den
wahnwitzigen Groll gegen seine Untertanen eingegeben worden war, der
ihn bei Lebzeiten gepeinigt hatte, oder ob hierin bloss eine weitere
Anerkennung der tatsaechlichen Oberlehnsgewalt Roms lag, ist nicht zu
entscheiden. Das Testament lag vor ^16; die Roemer traten die Erbschaft
an und die Frage ueber das Land und den Schatz der Attaliden fiel in Rom
als neuer Erisapfel unter die hadernden politischen Parteien. Aber
auch in Asien entzuendete dies Koenigstestament den Buergerkrieg.
Im Vertrauen auf die Abneigung der Asiaten gegen die bevorstehende
Fremdherrschaft trat ein natuerlicher Sohn Eumenes' II., Aristonikos
in Leukae, einer kleinen Hafenstadt zwischen Smyrna und Phokaea, als
Kronpraetendent auf. Phokaea und andere Staedte fielen ihm zu; indes
von den Ephesiern, die in dem festen Anschluss an Rom die einzige
Moeglichkeit erkannten, ihre Privilegien sich zu erhalten, zur See auf
der Hoehe von Kyme geschlagen, musste er in das Binnenland fluechten.
Schon glaubte man ihn verschollen; da erschien er ploetzlich wieder an
der Spitze der neuen "Buerger der Sonnenstadt" ^17, das heisst der von
ihm in Masse zur Freiheit gerufenen Sklaven, bemaechtigte, sich
der lydischen Staedte Thyateira und Apollonis sowie eines Teils der
attalischen Ortschaften und rief Scharen thrakischer Lanzknechte unter
seine Fahnen. Der Kampf ward ernsthaft. Roemische Truppen standen
in Asien nicht; die asiatischen Freistaedte und die Kontingente der
Klientelfuersten von Bithynien, Paphlagonien, Kappadokien, Pontos,
Armenien konnten des Praetendenten sich nicht erwehren; er drang mit
gewaffneter Hand in Kolophon, Samos, Myndos ein und gebot schon fast
ueber das gesamte vaeterliche Reich, als am Ende des Jahres 623 (131)
ein roemisches Heer in Asien landete. Dessen Feldherr, der Konsul und
Oberpontifex Publius Licinius Crassus Mucianus, einer der reichsten
und zugleich einer der gebildetsten Maenner Roms und als Redner wie als
Rechtskenner gleich ausgezeichnet, schickte sich an, den Praetendenten
in Leukae zu belagern, liess aber waehrend der Vorbereitungen dazu von
dem allzu gering geschaetzten Gegner sich ueberraschen und schlagen und
ward selbst von einem thrakischen Haufen gefangen. Den Triumph aber, den
Oberfeldherrn Roms als Gefangenen zur Schau zu stellen, goennte er einem
solchen Feinde nicht; er reizte die Barbaren, die ihn ergriffen hatten,
ohne ihn zu kennen, ihm den Tod zu geben (Anfang 624 130), und erst als
Leiche ward der Konsular erkannt. Mit ihm, wie es scheint, fiel Koenig
Ariarathes von Kappadokien. Indes ward Aristonikos nicht lange nach
diesem Siege von Crassus' Nachfolger Marcus Perpenna ueberfallen, sein
Heer zersprengt, er selbst in Stratonikeia belagert und gefangen und
bald darauf in Rom hingerichtet. Die Unterwerfung der letzten, noch
Widerstand leistenden Staedte und die definitive Regulierung der
Landschaft uebernahm nach Perpennas ploetzlichem Tode Manius Aquillius
(625 129). Man verfuhr aehnlich wie im karthagischen Gebiet.
Der oestliche Teil des Attalidenreichs ward den Klientelkoenigen
ueberwiesen, um die Roemer von dem Grenzschutz und damit von der
Notwendigkeit einer stehenden Besatzung in Asien zu befreien; Telmissos
kam an die lykische Eidgenossenschaft; die europaeischen Besitzungen in
Thrakien wurden zu der Provinz Makedonien geschlagen; das uebrige
Gebiet ward als neue roemische Provinz eingerichtet, der gleich der
karthagischen nicht ohne Absicht der Name des Weltteils beigelegt ward,
in, dem sie lag. Die Steuern, die nach Pergamon gezahlt worden waren,
wurden dem Lande erlassen und dasselbe mit gleicher Milde behandelt wie
Hellas und Makedonien. So ward der ansehnlichste kleinasiatische Staat
eine roemische Vogtei. ---------------------------------------- ^15
Mehrere vor kurzem (SB Muenchen, 1860, S. 180f.) bekannt gewordene
Schreiben der Koenige Eumenes II. und Attalos II. an den Priester
von Pessinus, welcher durchgaengig Attis heisst (vgl. Polyb. 22, 20),
erlaeutern diese Verhaeltnisse sehr anschaulich. Das aelteste derselben
und das einzige datierte, geschrieben im 34. Regierungsjahre des Eumenes
am siebten Tage vor dem Ende des Gorpiaeos, also 590/91 der Stadt
(164/63), bietet dem Priester militaerische Hilfe an, um den (sonst
nicht bekannten) Pesongern von ihnen besetztes Tempelland zu entreissen.
Das folgende, ebenfalls noch von Eumenes, zeigt den Koenig als Partei in
der Fehde zwischen dem Priester von Pessinus und dessen Bruder Aiorix.
Ohne Zweifel gehoerten beide Handlungen des Eumenes zu denjenigen,
die in den Jahren 590f. (164) in Rom zur Anzeige kamen als Versuche
desselben, sich in die gallischen Angelegenheiten auch fernerhin zu
mengen und dort seine Parteigenossen zu stuetzen (Polyb. 31, 6, 9; 32,
3, 5). Dagegen geht aus einem der Schreiben seines Nachfolgers Attalos
hervor, wie sich die Zeiten geaendert und die Wuensche herabgestimmt
hatten. Der Priester Attis scheint auf einer Zusammenkunft in Apameia
von Attalos abermals die Zusage bewaffneter Hilfe erhalten zu
haben; nachher aber schreibt ihm der Koenig, dass in einem deswegen
abgehaltenen Staatsrat, dem Athenaeos (sicher der bekannte Bruder des
Koenigs), Sosandros, Menogenes, Chloros und andere Verwandte (anagkaioi)
beigewohnt haetten, nach langem Schwanken endlich die Majoritaet dem
Chloros dahin beigetreten sei, dass nichts geschehen duerfe, ohne die
Roemer vorher zu befragen; denn selbst wenn ein Erfolg erreicht werde,
setzte man sich dem Wiederverlust und dem boesen Verdacht aus, "den sie
auch gegen den Bruder" (Eumenes II.) "gehegt haetten". ^16 In demselben
Testament gab der Koenig seiner Stadt Pergamon die "Freiheit", das
heisst die d/e/mokratia, das staedtische Selbstregiment. Laut
einer merkwuerdigen, kuerzlich dort gefundenen Urkunde (Roemisches
Staatsrecht, Bd. 3, 3. Aufl., S. 726) beschloss nach Eroeffnung des
Testaments, aber vor dessen Bestaetigung durch die Roemer der also
konstituierte Demos den bisher vom Buergerrecht ausgeschlossenen Klassen
der Bevoelkerung, insbesondere den im Zensus aufgefuehrten Paroeken und
den in Stadt und Land wohnhaften Soldaten, auch den Makedoniern, das
staedtische Buergerrecht zu verleihen, um also ein gutes Einverstaendnis
in der gesamten Bevoelkerung herbeizufuehren. Offenbar wollte die
Buergerschaft, indem sie die Roemer vor die vollendete Tatsache dieser
umfassenden Ausgleichung stellte, vor dem eigentlichen Eintreten der
roemischen Herrschaft sich gegen dieselbe in Verfassung setzen und den
fremden Gebietern die Moeglichkeit nehmen, die Rechtsverschiedenheiten
innerhalb der Bevoelkerung zur Sprengung der Gemeindefreiheit zu
benutzen. ^17 Diese seltsamen "Heliopoliten" sind, nach der mir von
einem Freunde geaeusserten wahrscheinlichen Meinung, so zu fassen, dass
die befreiten Sklaven als Buerger einer umgenannten oder auch vielleicht
fuer jetzt nur gedachten Stadt Heliopolis sich konstituierter, die
ihren Namen von dem in Syrien hochverehrten Sonnengott empfing.
---------------------------------------------------- Die zahlreichen
andern Kleinstaaten und Staedte Vorderasiens, das Koenigreich Bithynien,
die paphlagonischen und gallischen Fuerstentuemer, die lykische und
die pamphylische Eidgenossenschaft, die Freistaedte Kyzikos und Rhodos
blieben in ihren bisherigen beschraenkten Verhaeltnissen bestehen.
Jenseits des Halys befolgte Kappadokien, nachdem Koenig Ariarathes
V. Philopator (591 - 624 136 - 130), hauptsaechlich durch Hilfe der
Attaliden, sich gegen seinen von Syrien unterstuetzten Bruder und
Nebenbuhler Holophernes behauptet hatte, wesentlich die pergamenische
Politik, sowohl in der unbedingten Hingebung an Rom als in der Richtung
auf hellenische Bildung. Durch ihn drang diese ein in das bis dahin fast
barbarische Kappadokien und freilich auch sogleich ihre Auswuechse,
wie der Bakchosdienst und das wueste Treiben der wandernden
Schauspielertruppen, der sogenannten "Kuenstler". Zum Lohn der Treue
gegen Rom, die dieser Fuerst in dem Kampfe gegen den pergamenischen
Praetendenten mit seinem Leben bezahlt hatte, ward sein unmuendiger Erbe
Ariarathes VI. nicht nur gegen die von dem Koenig von Pontos
versuchte Usurpation durch die Roemer geschirmt, sondern ihm auch der
suedoestliche Teil des Attalidenreiches gegeben, Lykaorien nebst der
oestlich daran grenzenden, .in aelterer Zeit zu Kilikien gerechneten
Landschaft. Endlich im fernen Nordosten Kleinasiens gelangte
"Kappadokien am Meer" oder kurzweg der "Meerstaat", Pontos, zu
steigender Ausdehnung und Bedeutung. Nicht lange nach der Schlacht von
Magnesia hatte Koenig Pharnakes I. sein Gebiet weit ueber den Halys
bis nach Tios an, der bithynischen Grenze ausgedehnt und namentlich des
reichen Sinope sich bemaechtigt, das aus einer griechischen Freistadt
dieser Koenige Residenz ward. Zwar hatten die durch diese Uebergriffe
gefaehrdeten Nachbarstaaten, Koenig Eumenes II. an ihrer Spitze,
deswegen Krieg gegen ihn gefuehrt (571-575 183-179) und unter roemischer
Vermittlung das Versprechen von ihm erzwungen, Galatien und Paphlagonien
zu raeumen; allein der Verlauf der Ereignisse zeigt, dass Pharnakes
sowie sein Nachfolger Mithradates V. Euergetes (598 ? - 634 156 - 120),
treue Bundesgenossen Roms im Dritten Punischen Krieg sowie in dem gegen
Aristonikos, nicht bloss jenseits des Halys sitzen geblieben
sind, sondern auch der Sache nach die Schutzherrlichkeit ueber die
paphlagonischen und galatischen Dynasten behalten haben. Nur unter
dieser Voraussetzung ist es erklaerlich, wie Mithradates, angeblich
wegen seiner tapferen Taten im Kriege gegen Aristonikos, in der Tat
fuer betraechtliche an den roemischen Feldherrn gezahlte Summen,
von demselben nach Aufloesung des Attalischen Reiches Grossphrygien
empfangen konnte. Wie weit andererseits gegen den Kaukasus und die
Euphratquellen das :Pontische Reich sich um diese Zeit erstreckte,
ist nicht genau zu bestimmen; doch scheint es den westlichen Teil von
Armenien um Enderes und Diwirigi oder das sogenannte Klein-Armenien
als abhaengige Satrapie umfasst zu haben, waehrend Gross -Armenien
und Sophene eigene unabhaengige Reiche bildeten. Wenn also auf der
kleinasiatischen Halbinsel wesentlich Rom das Regiment fuehrte und, so
vieles auch ohne und gegen seinen Willen geschah, doch den Besitzstand
im ganzen bestimmt, so blieben dagegen die weiten Strecken jenseits des
Taurus und des oberen Euphrat bis hinab zum Niltal in der Hauptsache
sich selber ueberlassen. Zwar der der Regulierung des Ostens von 565
(189) zugrunde gelegte Satz, dass der Halys die Ostgrenze der roemischen
Klientel bilden solle, ward vom Senat nicht eingehalten und trug
auch die Unhaltbarkeit in sich selber. Der politische Horizont ist
Selbsttaeuschung so gut wie der physische; wenn dem Staate Syrien
die Zahl der ihm gestatteten Kriegsschiffe und Kriegselefanten im
Friedensvertrag selbst normiert ward, wenn das syrische Heer auf Befehl
des roemischen Senats das halb gewonnene Aegypten raeumte, so lag da
in die vollstaendige Anerkennung der Hegemonie und der Klientel. Darum
gingen denn auch die Thronstreitigkeiten in Syrien wie in Aegypten
zur Beilegung an die roemische Regierung. Dort stritten nach Antiochos
Epiphanes' Tode (590 164) der als Geisel in Rom lebende Sohn Seleukos
des vierten, Demetrios, spaeter Soter genannt, und des letzten Koenigs
Antiochos Epiphanes unmuendiger Sohn Antiochos Eupator um die Krone;
hier war von den beiden seit 584 (170) gemeinschaftlich regierenden
Bruedern der aeltere Ptolemaeos Philometor (573-608 146-131) durch den
juengeren Ptolemaeos Euergetes II. oder den Dicken (+ 637 117) aus dem
Lande getrieben worden (590 164) und, um seine Herstellung zu erwirken,
persoenlich in Rom erschienen. Beide Angelegenheiten ordnete der Senat
lediglich auf diplomatischem Wege und wesentlich nach Massgabe des
roemischen Vorteils. In Syrien ward Antiochos Eupator mit Beseitigung
des besser berechtigten Demetrios als Koenig anerkannt und mit der
Fuehrung der Vormundschaft ueber den koeniglichen Knaben der roemische
Senator Gnaeus Octavius vom Senat beauftragt, welcher, wie begreiflich,
durchaus im roemischen Interesse regierte, die Kriegsflotte und das
Elefantenheer dem Friedensvertrag von 565 (189) gemaess reduzierte und
im besten Zuge war, den militaerischen Ruin des Landes zu vollenden. In
Aegypten ward nicht bloss Philometors Herstellung bewirkt, sondern auch,
teils um dem Bruderzwist ein Ziel zu setzen, teils um die noch immer
ansehnliche Macht Aegyptens zu schwaechen, Kyrene vom Reich getrennt
und Euergetes mit demselben abgefunden. "Koenige sind, wen die Roemer
wollen", schrieb nicht lange nachher ein juedischer Mann, "und wen sie
nicht wollen, den verjagen sie von Land und Leuten". Allein dies
war fuer lange Zeit das letzte Mal, dass der roemische Senat in den
Angelegenheiten des Ostens mit derjenigen Tuechtigkeit und Tatkraft
auftrat, welche er in den Verwicklungen mit Philippos, Antiochos
und Perseus durchgaengig bewaehrt hatte. Der innerliche Verfall des
Regiments wirkte am spaetesten, aber wirkte doch endlich auch zurueck
auf die Behandlung der auswaertigen Angelegenheiten. Das Regiment ward
unstet und unsicher; man liess die eben erfassten Zuegel erschlaffen und
beinahe wieder fahren. Der vormundschaftliche Regent von Syrien ward in
Laodikeia ermordet; der zurueckgewiesene Praetendent Demetrios entfloh
aus Rom und bemaechtigte sich unter dem dreisten Vorgeben, dass der
roemische Senat ihn dazu bevollmaechtigt habe, nach Beseitigung des
koeniglichen Knaben der Regierung seines vaeterlichen Reiches (592 162).
Bald nachher brach zwischen den Koenigen von Aegypten und Kyrene Krieg
aus ueber den Besitz der Insel Kypros, welche der Senat zuerst dem
aelteren, sodann dem juengeren zugeschieden hatte, und im Widerspruch
mit der neuesten roemischen Entscheidung blieb dieselbe schliesslich bei
Aegypten. So wurde die roemische Regierung, in der Fuelle ihrer Macht
und waehrend des tiefsten inneren und aeusseren Friedens daheim, von den
ohnmaechtigen Koenigen des Ostens mit ihren Dekreten verhoehnt, ihr Name
gemissbraucht, ihr Muendel und ihr Kommissar ermordet. Als siebzig Jahre
zuvor die Illyriker in aehnlicher Weise sich an roemischen Abgeordneten
vergriffen, hatte der damalige Senat dem Ermordeten auf dem Marktplatz
ein Denkmal errichtet und mit Heer und Flotte die Moerder zur
Verantwortung gezogen. Der Senat dieser Zeit liess dem Gnaeus Octavius
gleichfalls ein Denkmal setzen, wie die Sitte der Vaeter es vorschrieb;
aber statt Truppen nach Syrien einzuschiffen, ward Demetrios als
Koenig des Landes anerkannt - man war ja jetzt so maechtig, dass es
ueberfluessig schien, die Ehre zu wahren. Ebenso blieb nicht bloss
Kypros trotz des entgegenstehenden Senatsbeschlusses bei Aegypten,
sondern als nach Philometors Tode (608 146) Euergetes ihm nachfolgte und
dadurch das geteilte Reich wiederum vereinigt ward, liess der Senat auch
dies ungehindert geschehen. Nach solchen Vorgaengen war der roemische
Einfluss in diesen Landschaften tatsaechlich gebrochen und entwickelten
sich die Verhaeltnisse daselbst zunaechst ohne Zutun der Roemer; doch
ist des weiteren Verlaufs der Dinge wegen es notwendig, auch jetzt den
naeheren und selbst den ferneren Osten nicht voellig aus den Augen zu
verlieren. Wenn in dem allerseits abgeschlossenen Aegypten der Status
quo sich so leicht nicht verschob, so gruppierten dagegen in Asien dies-
und jenseits des Euphrat waehrend und zum Teil infolge dieser momentanen
Stockung der roemischen Oberleitung die Voelker und Staaten sich
wesentlich anders. Jenseits der grossen iranischen Wueste hatten nicht
lange nach Alexander dem Grossen am Indus das Reich von Palimbothra
unter Tschandragupta (Sandrakottos), am oberen Oxus der maechtige
baktrische Staat, beide aus einer Mischung der nationalen Elemente und
der oestlichsten Auslaeufer hellenischer Zivilisation sich gebildet.
Westwaerts von diesen begann das Reich Asien, das noch unter Antiochos
dem Grossen zwar geschmaelert, aber immer noch ungeheuer vom Hellespont
bis zu den medischen und persischen Landschaften sich erstreckte und
das ganze Stromgebiet des Euphrat und Tigris in sich schloss. Noch jener
Koenig hatte seine Waffen bis jenseits der Wueste in das Gebiet der
Parther und Baktrier getragen; erst unter ihm hatte der gewaltige Staat
angefangen sich aufzuloesen. Nicht bloss Vorderasien war infolge der
Schlacht von Magnesia verloren worden; auch die gaenzliche Loesung der
beiden Kappadokien und der beiden Armenien, des eigentlichen Armenien im
Nordosten und der Landschaft Sophene im Suedwesten, und ihre Verwandlung
in selbstaendige Koenigreiche aus syrischen Lehnsfuerstentuemern,
gehoert dieser Zeit an. Von diesen Staaten gelangte namentlich
Grossarmenien unter den Artaxiaden bald zu einer ansehnlichen Stellung.
Vielleicht noch gefaehrlichere Wunden schlug dem Reiche seines
Nachfolgers Antiochos Epiphanes (579-590 175- 164) toerichte
Nivellierungspolitik. So richtig es auch war, dass sein Reich mehr einem
Laenderbuendel als einem Staate glich und dass die Verschiedenheiten
der Nationalitaeten und der Religionen der Untertanen der Regierung
die wesentlichsten Hindernisse bereitete, so war doch der Plan,
hellenisch-roemische Weise und hellenisch-roemischen Kultus ueberall
in seinem Lande einzufuehren und seine Voelker in politischer wie in
religioeser Hinsicht auszugleichen unter allen Umstaenden eine Torheit,
auch abgesehen davon, dass dieser karikierte Joseph II. persoenlich
einem solchen gigantischen Beginnen nichts weniger als gewachsen war
und durch Tempelpluenderung im grossartigsten Massstab und die tollste
Ketzerverfolgung seine Reformen in der uebelsten Weise einleitete.
Die eine Folge hiervon war, dass die Bewohner der Grenzprovinz gegen
Aegypten, die Juden, sonst bis zur Demuetigkeit fuegsame und aeusserst
taetige und betriebsame Leute, durch den systematischen Religionszwang
zur offenen Empoerung gedraengt wurden (um 587 167). Die Sache kam an
den Senat, und da derselbe eben damals teils gegen Demetrios Soter
mit gutem Grund erbittert war, teils eine Verbindung der Attaliden und
Seleukiden besorgte, ueberhaupt aber die Herstellung einer Mittelmacht
zwischen Syrien und Aegypten im Interesse Roms lag, so machte er keine
Schwierigkeit, die Freiheit und Autonomie der insurgierten Nation sofort
anzuerkennen (um 593 161). Indes geschah doch von Rom fuer die Juden
nur, was man tun konnte, ohne sich selber zu bemuehen; trotz der Klausel
des zwischen den Roemern und den Juden abgeschlossenen Vertrags, die den
Juden, im Fall sie angegriffen wuerden, den Beistand Roms versprach, und
trotz des an die Koenige von Syrien und Aegypten gerichteten Verbots,
ihre Truppen durch das juedische Land zu fuehren, blieb es natuerlich
lediglich jenen selbst ueberlassen, der syrischen Koenige sich zu
erwehren. Mehr als die Briefe ihrer maechtigen Verbuendeten tat fuer
sie die tapfere und umsichtige Leitung des Aufstandes durch das
Heldengeschlecht der Makkabaeer und die innere Zerrissenheit des
Syrischen Reiches: waehrend des Haders zwischen den syrischen Koenigen
Tryphon und Demetrios Nikator ward den Juden die Autonomie und
Steuerfreiheit foermlich zugestanden (612 142) und bald darauf sogar das
Haupt des Makkabaeerhauses, Simon, des Mattathias Sohn, von der Nation
wie von dem syrischen Grosskoenig als Hochpriester und Fuerst
Israels foermlich anerkannt ^18 (615 139).
----------------------------------------- ^18 Von ihm ruehren die
Muenzen her mit der Aufschrift "Shekel Israel" und der Jahreszahl des
"heiligen Jerusalem" oder "der Erloesung Sions". Die aehnlichen mit dem
Namen Simons, des Fuersten (Nessi) Israel, gehoeren nicht ihm,
sondern dem Insurgentenfuehrer Bar Kochba unter Hadrian.
------------------------------------------ Folgenreicher noch als diese
Insurrektion der Israeliten war die gleichzeitig und wahrscheinlich aus
gleicher Ursache entstandene Bewegung in den oestlichen Landschaften,
wo Antiochos Epiphanes die Tempel der persischen Goetter nicht minder
leerte wie den von Jerusalem und dort den Anhaengern des Ahuramazda und
des Mithra es nicht besser gemacht haben wird wie hier denen des
Jehova. Wie in Judaea, nur in weiterem Umfang und in grossartigeren
Verhaeltnissen, war das Ergebnis eine Reaktion der einheimischen
Weise und der einheimischen Religion gegen den Hellenismus und die
hellenischen Goetter; die Traeger dieser Bewegung waren die Parther und
aus ihr entsprang das grosse Partherreich. Die "Parthwa" oder Parther,
die als eine der zahllosen in das grosse Perserreich aufgegangenen
Voelkerschaften frueh, zuerst im heutigen Khorasan suedoestlich vom
Kaspischen Meere begegnen, erscheinen schon seit 500 (250) unter dem
skythischen, das heisst turanischen Fuerstengeschlecht der Arsakiden
als ein selbstaendiger Staat, der indes erst ein Jahrhundert spaeter aus
seiner Dunkelheit hervortrat. Der sechste Arsakes, Mithradates I.
(579? - 618? 175-136), ist der eigentliche Gruender der parthischen
Grossmacht. Ihm erlag das an sich weit maechtigere, aber teils durch die
Fehden mit den skythischen Reiterscharen von Turan und mit den Staaten
am Indus, teils durch innere Wirren bereits in allen Fugen erschuetterte
Baktrische Reich. Fast gleiche Erfolge errang er in den Landschaften
westlich von der grossen Wueste. Das Syrische Reich war eben damals,
teils infolge der verfehlten Hellenisierungsversuche des
Antiochos Epiphanes, teils durch die nach dessen Tode eintretenden
Sukzessionswirren, aufs tiefste zerruettet und die inneren Provinzen im
vollen Zuge, sich von Antiocheia und der Kuestenlandschaft abzuloesen;
in Kommagene zum Beispiel, der noerdlichsten Landschaft Syriens an
der kappadokischen Grenze, machte der Satrap Ptolemaeos, auf dem
entgegengesetzten Ufer des Euphrat im noerdlichen Mesopotamien oder
der Landschaft Osrhoene der Fuerst von Edessa, in der wichtigen Provinz
Medien der Satrap Timarchos sich unabhaengig; ja der letztere liess sich
vom roemischen Senat seine Unabhaengigkeit bestaetigen und herrschte,
gestuetzt auf das verbuendete Armenien, bis hinab nach Seleukeia am
Tigris. Unordnungen dieser Art waren im Asiatischen Reiche in Permanenz,
sowohl die Provinzen unter ihren halb oder ganz unabhaengigen Satrapen
in ewigem Aufstand als auch die Hauptstadt mit ihrem gleich dem
roemischen und dem alexandrinischen zuchtlosen und widerspenstigen
Poebel. Die gesamte Meute der Nachbarkoenige, Aegypten, Armenien,
Kappadokien, Pergamon, mengte unaufhoerlich sich in die Angelegenheiten
Syriens und naehrte die Erbfolgestreitigkeiten, so dass der Buergerkrieg
und die faktische Teilung der Herrschaft unter zwei oder mehr
Praetendenten fast zur stehenden Landplage ward. Die roemische
Schutzmacht, wenn sie die Nachbarn nicht aufstiftete, sah untaetig zu.
Zu allem diesem draengte von Osten her das neue Partherreich, nicht
bloss mit seiner materiellen Macht, sondern auch mit dem ganzen
Uebergewicht seiner nationalen Sprache und Religion, seiner nationalen
Heer- und Staatsverfassung auf die Fremdlinge ein. Es ist hier noch
nicht der Ort dies regenerierte Kyrosreich zu schildern; es genuegt im
allgemeinen, daran zu erinnern, dass, so maechtig auch in ihm noch der
Hellenismus auftritt, dennoch der parthische Staat, verglichen mit dem
der Seleukiden, auf einer nationalen und religioesen Reaktion beruht und
die alte iranische Sprache, der Magierstand und der Mithrasdienst, die
orientalische Lehnsverfassung, die Reiterei der Wueste und Pfeil und
Bogen hier zuerst dem Hellenismus wieder uebermaechtig entgegentraten.
Die Lage der Reichskoenige diesem allem gegenueber war in der Tat
beklagenswert. Das Geschlecht der Seleukiden war keineswegs so entnervt
wie zum Beispiel das der Lagiden, und einzelnen derselben mangelte es
nicht an Tapferkeit und Faehigkeit; sie wiesen auch wohl den einen oder
den andern jener zahllosen Rebellen, Praetendenten und Intervenienten
in seine Schranken zurueck; aber es fehlte ihrer Herrschaft so sehr an
einer festen Grundlage, dass sie dennoch der Anarchie nicht auch nur
voruebergehend zu steuern vermochten. Das Ergebnis war denn, was es sein
musste. Die oestlichen Landschaften Syriens unter ihren unbeschuetzten
oder gar aufruehrerischen Satrapen gerieten unter parthische
Botmaessigkeit; Persien, Babylonien, Medien wurden auf immer vom
Syrischen Reiche getrennt; der neue Staat der Parther reichte zu beiden
Seiten der grossen Wueste vom Oxus und Hindukusch bis zum Tigris und zur
Arabischen Wueste, wiederum gleich dem Perserreich und all den aelteren
asiatischen Grossstaaten eine reine Kontinentalmonarchie und wiederum
eben gleich dem Perserreich in ewiger Fehde begriffen einerseits mit
den Voelkern von Turan, andererseits mit den Okzidentalen. Der Syrische
Staat umfasste ausser der Kuestenlandschaft hoechstens noch Mesopotamien
und verschwand, mehr noch infolge seiner inneren Zerruettung als seiner
Verkleinerung, auf immer aus der Reihe der Grossstaaten. Wenn die
mehrfach drohende gaenzliche Unterjochung des Landes durch die Parther
unterblieb, so ist dies nicht der Gegenwehr der letzten Seleukiden,
noch weniger dem Einfluss Roms zuzuschreiben, sondern vielmehr den
vielfaeltigen inneren Unruhen im Partherreiche selbst und vor allem
den Einfaellen der turanischen Steppenvoelker in dessen oestliche
Landschaften. Diese Umwandlung der Voelkerverhaeltnisse im inneren Asien
ist der Wendepunkt in der Geschichte des Altertums. Auf die Voelkerflut,
die bisher von Westen nach Osten sich ergossen und in dem grossen
Alexander ihren letzten und hoechsten Ausdruck gefunden hatte, folgt die
Ebbe. Seit der Partherstaat besteht, ist nicht bloss verloren, was in
Baktrien und am Indus etwa noch von hellenischen Elementen sich erhalten
haben mochte, sondern auch das westliche Iran weicht wieder zurueck in
das seit Jahrhunderten verlassene, aber noch nicht verwischte Geleise.
Der roemische Senat opfert das erste wesentliche Ergebnis der Politik
Alexanders und leitet damit jene ruecklaeufige Bewegung ein, deren
letzte Auslaeufer im Alhambra von Granada und in der Grossen Moschee von
Konstantinopel endigen. Solange noch das Land von Ragae und Persepolis
bis zum Mittelmeer dem Koenig von Antiochia gehorchte, erstreckte auch
Roms Macht sich bis an die Grenze der grossen Wueste; der Partherstaat,
nicht weil er so gar maechtig war, sondern weil er seinen Schwerpunkt
fern von der Kueste, im inneren Asien fand, konnte niemals eintreten in
die Klientel des Mittelmeerreiches. Seit Alexander hatte die Welt den
Okzidentalen allein gehoert und schien der Orient fuer diese nur zu
sein, was spaeter Amerika und Australien fuer die Europaeer wurden;
mit Mithradates I. trat dieser wieder ein in den Kreis der politischen
Bewegung. Die Welt hatte wieder zwei Herren. Es ist noch uebrig, auf
die maritimen Verhaeltnisse dieser Zeit einen Blick zu werfen, obwohl
darueber sich kaum etwas anderes sagen laesst, als dass es nirgends
mehr eine Seemacht gab. Karthago war vernichtet, Syriens Kriegsflotte
vertragsmaessig zugrunde gerichtet, Aegyptens einst so gewaltige
Kriegsmarine unter seinen gegenwaertigen schlaffen Regenten in tiefem
Verfall. Die kleineren Staaten und namentlich die Kaufstaedte hatten
wohl einige bewaffnete Fahrzeuge, aber sie genuegten nicht einmal
fuer die im Mittelmeere so schwierige Unterdrueckung des Seeraubs. Mit
Notwendigkeit fiel diese Rom zu als der fuehrenden Macht im Mittelmeer.
Wie ein Jahrhundert zuvor die Roemer eben hierin mit besonderer und
wohltaetiger Entschiedenheit aufgetreten waren und namentlich im Osten
ihre Suprematie zunaechst eingefuehrt hatten durch die zum allgemeinen
Besten energisch gehandhabte Seepolizei, ebenso bestimmt bezeichnet die
vollstaendige Nichtigkeit derselben schon im Beginn dieser Periode den
furchtbar raschen Verfall des aristokratischen Regiments. Eine eigene
Flotte besass Rom nicht mehr; man begnuegte sich, wenn es noetig schien,
von den italischen, den kleinasiatischen und den sonstigen Seestaedten
Schiffe einzufordern. Die Folge war natuerlich, dass das Flibustierwesen
sich organisierte und konsolidierte. Zu dessen Unterdrueckung geschah
nun wohl, wenn nicht genug, so doch etwas, soweit die unmittelbare Macht
der Roemer reichte, im Adriatischen und Tyrrhenischen Meer. Die gegen
die dalmatischen und ligurischen Kuesten in dieser Epoche gerichteten
Expeditionen bezweckten namentlich die Unterdrueckung des Seeraubs in
den beiden italischen Meeren; aus gleichem Grunde wurden im Jahre 631
(123) die Balearischen Inseln besetzt. Dagegen in den mauretanischen
und den griechischen Gewaessern blieb es den Anwohnern und den Schiffern
ueberlassen, mit den Korsaren auf die eine oder die andere Weise sich
abzufinden, da die roemische Politik daran festhielt sich um diese
entfernteren Gegenden so wenig wie irgend moeglich zu kuemmern. Die
zerruetteten und bankerotten Gemeinwesen in den also sich selbst
ueberlassenen Kuestenstaaten wurden hierdurch natuerlich zu Freistaetten
der Korsaren; und an solchen fehlte es namentlich in Asien nicht.
Am aergsten sah es in dieser Hinsicht aus auf Kreta, das durch eine
glueckliche Lage und die Schwaeche oder Schlaffheit der Grossstaaten des
Westens und Ostens allein unter allen griechischen Ansiedlungen seine
Unabhaengigkeit bewahrt hatte; die roemischen Kommissionen kamen und
gingen freilich auch auf dieser Insel, aber richteten hier noch weniger
aus als selbst in Syrien und Aegypten. Fast schien es aber, als habe
das Schicksal den Kretern die Freiheit nur gelassen um zu zeigen,
was herauskomme bei der hellenischen Unabhaengigkeit. Es war ein
schreckliches Bild. Die alte dorische Strenge der Gemeindeordnungen
war aehnlich wie in Tarent umgeschlagen in eine wueste Demokratie, der
ritterliche Sinn der Bewohner in eine wilde Rauf- und Beutegier; ein
achtbarer Hellene selbst bezeugt es, dass allein auf Kreta nichts fuer
schimpflich gelte, was eintraeglich sei, und noch der Apostel Paulus
fuehrt billigend den Spruch eines kretischen Dichters an: "Luegner sind
all, Faulranzen, unsaubere Tiere die Kreter." Die ewigen Buergerkriege
verwandelten trotz der roemischen Friedensstiftungen auf der alten
"Insel der hundert Staedte" eine bluehende Ortschaft nach der andern in
Ruinenhaufen. Ihre Bewohner durchstreiften als Raeuber die Heimat und
die Fremde, die Laender und die Meere; die Insel ward der Werbeplatz
fuer die umliegenden Koenigreiche, seit dieser Unfug im Peloponnes nicht
mehr geduldet ward, und vor allem der rechte Sitz der Piraterie, wie
denn zum Beispiel um diese Zeit die Insel Siphnos durch eine kretische
Korsarenflotte voellig ausgeraubt ward. Rhodos, das ohnehin von dem
Verlust seiner Besitzungen auf dem Festland und den seinem Handel
zugefuegten Schlaegen sich nicht zu erholen vermochte, vergeudete seine
letzten Kraefte in den Kriegen, die es zur Unterdrueckung der Piraterie
gegen die Kreter zu fuehren sich genoetigt sah (um 600 150) und in denen
die Roemer zwar zu vermitteln suchten, indes ohne Ernst und, wie es
scheint, ohne Erfolg. Neben Kreta fing bald auch Kilikien an, fuer diese
Flibustierwirtschaft eine zweite Heimat zu werden; und es war nicht
bloss die Ohnmacht der syrischen Herrscher, die ihr hier Vorschub tat:
der Usurpator Diodotos Tryphon, der sich vom Sklaven zum Koenig
Syriens aufgeschwungen hatte (608-615 146-139), foerderte, um durch
Korsarenhilfe seinen Thron zu befestigen, in seinem Hauptsitz, dem
Rauhen oder westlichen Kilikien, mit allen Mitteln von oben herab die
Piraterie. Der ungemein gewinnbringende Verkehr mit den Piraten, die
zugleich die hauptsaechlichsten Sklavenfaenger und Sklavenhaendler
waren, verschaffte ihnen bei dem kaufmaennischen Publikum, sogar in
Alexandreia, Rhodos und Delos eine gewisse Duldung, an der selbst die
Regierungen wenigstens durch Passivitaet sich beteiligten. Das Uebel
ward so ernsthaft, dass der Senat um 611 (143) seinen besten Mann,
Scipio Aemilianus, nach Alexandreia und Syrien sandte, um an Ort und
Stelle zu ermitteln, was sich dabei tun lasse. Allein diplomatische
Vorstellungen der Roemer machten die schwachen Regierungen nicht
stark; es gab keine andere Abhilfe als geradezu eine Flotte in diesen
Gewaessern zu unterhalten, wozu es wieder der roemischen Regierung an
Energie und Konsequenz gebrach. So blieb eben alles beim alten, die
Piratenflotte die einzige ansehnliche Seemacht im Mittelmeere, der
Menschenfang das einzige daselbst bluehende Gewerbe. Die roemische
Regierung sah den Dingen zu, die roemischen Kaufleute aber standen als
die besten Kunden auf dem Sklavenmarkt mit den Piratenkapitaenen als den
bedeutendsten Grosshaendlern in diesem Artikel auf Delos und sonst in
regem und freundlichem Geschaeftsverkehr. Wir haben die Umgestaltung
der aeusseren Verhaeltnisse Roms und der roemisch-hellenischen Welt
ueberhaupt in ihren Umrissen von der Schlacht bei Pydna bis auf
die Gracchenzeit, vom Tajo und vom Bagradas zum Nil und zum Euphrat
begleitet. Es war eine grosse und schwierige Aufgabe, die Rom mit dem
Regimente dieser roemisch-hellenischen Welt uebernahm; sie ward nicht
voellig verkannt, aber keineswegs geloest. Die Unhaltbarkeit des
Gedankens der catonischen Zeit, den Staat auf Italien zu beschraenken
und ausserhalb Italiens nur durch Klientel zu herrschen, ward von den
leitenden Maennern der folgenden Generation wohl begriffen und wohl die
Notwendigkeit eingesehen, an die Stelle dieses Klientelregiments eine
die Gemeindefreiheiten wahrende, unmittelbare Herrschaft Roms zu
setzen. Allein statt diese neue Ordnung fest, rasch und gleichmaessig
durchzufuehren, wurden einzelne Landschaften eingezogen, wo eben
Gelegenheit, Eigensinn, Nebenvorteil und Zufall dazu fuehrten, wogegen
der groessere Teil des Klientelgebiets entweder in der unertraeglichen
Halbheit seiner bisherigen Stellung verblieb oder gar, wie namentlich
Syrien, sich gaenzlich dem Einfluss Roms entzog. Aber auch das Regiment
selbst ging mehr und mehr auf in einem schwaechlichen und kurzsichtigen
Egoismus. Man begnuegte sich von heute auf morgen zu regieren und nur
eben die laufenden Geschaefte notduerftig zu erledigen. Man war gegen
die Schwachen der strenge Herr - als die Stadt Mylasa in Karien dem
Publius Crassus Konsul 623 (131) zur Erbauung eines Sturmbocks einen
andern Balken als den verlangten sandte, ward der Vorstand der Stadt
deswegen ausgepeitscht; und Crassus war kein schlechter Mann und ein
streng rechtlicher Beamter. Dagegen ward die Strenge da vermisst, wo sie
an ihrem Platz gewesen waere, wie gegen die angrenzenden Barbaren und
gegen die Piraten. Indem die Zentralregierung auf jede Oberleitung und
jede Uebersicht der Provinzialverhaeltnisse Verzicht tat, gab sie dem
jedesmaligen Vogt nicht bloss die Interessen der Untertanen, sondern
auch die des Staates vollstaendig preis. Die spanischen Vorgaenge,
unbedeutend an sich, sind hierfuer belehrend. Hier, wo die Regierung
weniger als in den uebrigen Provinzen sich auf die blosse Zuschauerrolle
beschraenken konnte, wurde nicht bloss von den roemischen Statthaltern
das Voelkerrecht geradezu mit Fuessen getreten und durch eine Wort-
und Treulosigkeit sondergleichen, durch das frevelhafteste Spiel mit
Kapitulationen und Vertraegen, durch Niedermetzelung untertaeniger Leute
und Mordanstiftung gegen die feindlichen Feldherren die roemische
Ehre dauernd im Kote geschleift, sondern es ward auch gegen den
ausgesprochenen Willen der roemischen Oberbehoerde Krieg gefuehrt und
Friede geschlossen und aus unbedeutenden Vorfaellen; wie zum Beispiel
dem Ungehorsam der Numantiner, durch eine seltene Vereinigung von
Verkehrtheit und Verruchtheit eine fuer den Staat verhaengnisvolle
Katastrophe entwickelt. Und das alles geschah, ohne dass in Rom auch nur
eine ernstliche Bestrafung deswegen verfuegt ward. Ueber die Besetzung
der wichtigsten Stellen und die Behandlung der bedeutendsten politischen
Fragen entschieden nicht bloss die Sympathien und Rivalitaeten der
verschiedenen Senatskoterien mit, sondern es fand selbst schon das Gold
der auswaertigen Dynasten Eingang bei den Ratsherren von Rom. Als der
erste, der mit Erfolg versuchte, den roemischen Senat zu bestechen,
wird Timarchos genannt, der Gesandte des Koenigs Antiochos Epiphanes von
Syrien (+ 590 164); bald wurde die Beschenkung einflussreicher Senatoren
durch auswaertige Koenige so gewoehnlich, dass es auffiel, als Scipio
Aemilianus die im Lager vor Numantia ihm von dem Koenig von Syrien
zugekommenen Gaben in die Kriegskasse einwarf. Durchaus liess man
den alten Grundsatz fallen, dass der Lohn der Herrschaft einzig die
Herrschaft und die Herrschaft ebensosehr eine Pflicht und eine Last wie
ein Recht und ein Vorteil sei. So kam die neue Staatswirtschaft
auf, welche von der Besteuerung der Buerger absah und dagegen die
Untertanenschaft als einen nutzbaren Besitz der Gemeinde teils von
Gemeinde wegen ausbeutete, teils der Ausbeutung durch die Buerger
ueberlieferte; nicht bloss wurde dem ruecksichtslosen Geldhunger des
roemischen Kaufmanns in der Provinzialverwaltung mit frevelhafter
Nachgiebigkeit Spielraum gestattet, sondern es wurden sogar die ihm
missliebigen Handelsrivalen durch die Heere des Staats aus dem Wege
geraeumt und die herrlichsten Staedte der Nachbarlaender nicht der
Barbarei der Herrschsucht, sondern der weit scheusslicheren Barbarei
der Spekulation geopfert. Durch den Ruin der aelteren, der Buergerschaft
allerdings schwere Opfer auferlegenden Kriegsordnung grub der am letzten
Ende doch nur auf seinem militaerischen Uebergewicht ruhende Staat
sich selber die Stuetze ab. Die Flotte liess man ganz eingehen, das
Landkriegswesen in der unglaublichsten Weise verfallen. Die Bewachung
der asiatischen und afrikanischen Grenzen wurde auf die Untertanen
abgewaelzt und was man nicht von sich abwaelzen konnte, wie die
italische, makedonische und spanische Grenzverteidigung, in der
elendesten Weise verwaltet. Die besseren Klassen fingen an so sehr
aus dem Heere zu verschwinden, dass es schon schwer hielt, fuer die
spanischen Heere die erforderliche Anzahl von Offizieren aufzutreiben.
Die immer steigende Abneigung namentlich gegen den spanischen
Kriegsdienst in Verbindung mit der von den Beamten bei der Aushebung
bewiesenen Parteilichkeit noetigten im Jahre 602 (152) zum Aufgeben der
alten Uebung, die Auswahl der erforderlichen Anzahl Soldaten aus der
dienstpflichtigen Mannschaft dem freien Ermessen der Offiziere zu
ueberlassen, und zu deren Ersetzung durch das Losen der saemtlichen
Dienstpflichtigen - sicher nicht zum Vorteil des militaerischen
Gemeingeistes und der Kriegstuechtigkeit der einzelnen Abteilungen. Die
Behoerden, statt mit Strenge durchzugreifen, erstreckten die leidige
Volksschmeichelei auch hierauf mit: wenn einmal ein Konsul fuer den
spanischen Dienst pflichtmaessig strenge Aushebungen veranstaltete, so
machten die Tribune Gebrauch von ihrem verfassungsmaessigen Recht, ihn
zu verhaften (603, 616 151,138); und es ward schon bemerkt, dass Scipios
Ansuchen, ihm fuer den Numantinischen Krieg die Aushebung zu gestatten,
vom Senat geradezu abgeschlagen ward. Schon erinnern denn auch die
roemischen Heere vor Karthago oder Numantia an jene syrischen Armeen,
in denen die Zahl der Baecker, Koeche, Schauspieler und sonstigen
Nichtkombattanten die der sogenannten Soldaten um das Vierfache
ueberstieg; schon geben die roemischen Generale ihren karthagischen
Kollegen in der Heerverderbekunst wenig nach und werden die Kriege
in Afrika wie in Spanien, in Makedonien wie in Asien regelmaessig mit
Niederlagen eroeffnet; schon schweigt man still zu der Ermordung des
Gnaeus Octavius, schon ist Viriathus' Meuchelmord ein Meisterwerk der
roemischen Diplomatie, schon die Eroberung von Numantia eine Grosstat.
Wie voellig der Begriff von Volks- und Mannesehre bereits den Roemern
abhanden gekommen war, zeigte mit epigrammatischer Schaerfe die
Bildsaeule des entkleideten und gebundenen Mancinus, welche dieser
selbst, stolz auf seine patriotische Aufopferung, in Rom sich setzen
liess. Wohin man den Blick auch wendet, findet man Roms innere Kraft wie
seine aeussere Macht in raschem Sinken. Der in Riesenkaempfen gewonnene
Boden wird in dieser Friedenszeit nicht erweitert, ja nicht einmal
behauptet. Das Weltregiment, schwer zu erringen, ist schwerer noch zu
bewahren; jenes hatte der roemische Senat vermocht, an diesem ist er
gescheitert. 2. Kapitel Die Reformbewegung und Tiberius Gracchus Ein
volles Menschenalter nach der Schlacht von Pydna erfreute der roemische
Staat sich der tiefsten, kaum hie und da an der Oberflaeche bewegten
Ruhe. Das Gebiet dehnte ueber die drei Weltteile sich aus; der Glanz der
roemischen Macht und der Ruhm des roemischen Namens waren in dauerndem
Steigen; aller Augen ruhten auf Italien, alle Talente, aller Reichtum
stroemten dahin: eine goldene Zeit friedlicher Wohlfahrt und geistigen
Lebensgenusses schien dort beginnen zu muessen. Mit Bewunderung
erzaehlten sich die Orientalen dieser Zeit von der maechtigen Republik
des Westens, "die die Koenigreiche bezwang fern und nah, und wer
ihren Namen vernahm, der fuerchtete sich; mit den Freunden und
Schutzbefohlenen aber hielt sie guten Frieden. Solche Herrlichkeit war
bei den Roemern, und doch setzte keiner die Krone sich auf und prahlte
keiner im Purpurgewand; sondern wen sie Jahr um Jahr zu ihrem Herrn
machten, auf den hoerten sie, und war bei ihnen nicht Neid noch
Zwietracht." So schien es in der Ferne; in der Naehe sahen die Dinge
anders aus. Das Regiment der Aristokratie war im vollen Zuge, sein
eigenes Werk zu verderben. Nicht als waeren die Soehne und Enkel der
Besiegten von Cannae und der Sieger von Zama so voellig aus der Art
ihrer Vaeter und Grossvaeter geschlagen; es waren weniger andere
Menschen, die jetzt im Senate sassen, als eine andere Zeit. Wo eine
geschlossene Zahl alter Familien festgegruendeten Reichtums und ererbter
staatsmaennischer Bedeutung das Regiment fuehrt, wird sie in den Zeiten
der Gefahr eine ebenso unvergleichlich zaehe Folgerichtigkeit und
heldenmuetige Opferfaehigkeit entwickeln wie in den Zeiten der Ruhe
kurzsichtig, eigensuechtig und schlaff regieren - zu dem einen wie dem
andern liegen die Keime im Wesen der Erblichkeit und der Kollegialitaet.
Der Krankheitsstoff war laengst vorhanden, aber ihn zu entwickeln
bedurfte es der Sonne des Glueckes. In Catos Frage, was aus Rom werden
solle, wenn es keinen Staat mehr zu fuerchten haben werde, lag ein
tiefer Sinn. Jetzt war man so weit: jeder Nachbar, den man haette
fuerchten moegen, war politisch vernichtet, und von den Maennern,
welche unter der alten Ordnung der Dinge, in der ernsten Schule des
Hannibalischen Krieges erzogen waren und aus denen der Nachklang jener
gewaltigen Zeit bis in ihr spaetestes Alter noch widerhallte, rief der
Tod einen nach dem andern ab, bis endlich auch die Stimme des letzten
von ihnen, des alten Cato, im Rathaus und auf dem Marktplatz verstummte.
Eine juengere Generation kam an das Regiment, und ihre Politik war
eine arge Antwort auf jene Frage des alten Patrioten. Wie das
Untertanenregiment und die aeussere Politik unter ihren Haenden sich
gestalteten, ist bereits dargelegt worden. Womoeglich noch mehr liess
man in den inneren Angelegenheiten das Schiff vor dem Winde treiben;
wenn man unter innerem Regiment mehr versteht als die Erledigung der
laufenden Geschaefte, so ward in dieser Zeit ueberhaupt in Rom nicht
regiert. Der einzige leitende Gedanke der regierenden Korporation war
die Erhaltung und womoeglich Steigerung ihrer usurpierten Privilegien.
Nicht der Staat hatte fuer sein hoechstes Amt ein Anrecht auf den
rechten und den besten Mann, sondern jedes Glied der Kamaraderie ein
angeborenes, weder durch unbillige Konkurrenz der Standesgenossen noch
durch Uebergriffe der Ausgeschlossenen zu verkuerzendes Anrecht auf
das hoechste Staatsamt. Darum steckte die Clique zu ihrem wichtigsten
politischen Ziel sich die Beschraenkung der Wiederwahl zum Konsulat und
die Ausschliessung der "neuen Menschen"; es gelang denn auch in der
Tat, jene um das Jahr 603 (151) gesetzlich untersagt zu erhalten ^1
und auszureichen mit einem Regiment adliger Nullitaeten. Auch die
Tatenlosigkeit der Regierung nach aussen hin haengt ohne Zweifel mit
dieser gegen die Buergerlichen ausschliessenden und gegen die einzelnen
Standesglieder misstrauischen Adelspolitik zusammen. Man konnte gemeine
Leute, deren Adelsbrief ihre Taten waren, von den lauteren Kreisen der
Aristokratie nicht sicherer fern halten, als indem man ueberhaupt es
keinem gestattete, Taten zu verrichten; auch wuerde dem bestehenden
Regiment der allgemeinen Mittelmaessigkeit selbst ein adliger Eroberer
Syriens oder Aegyptens schon unbequem gewesen sein. Allerdings fehlte
es auch jetzt an einer Opposition nicht, und sie war sogar bis zu
einem gewissen Grade erfolgreich. Man verbesserte die Rechtspflege.
Die Administrativjurisdiktion, wie der Senat sie entweder selbst
oder gelegentlich durch ausserordentliche Kommissionen ueber die
Provinzialbeamten ausuebte, reichte anerkanntermassen nicht aus; es
war eine fuer das ganze oeffentliche Leben der roemischen Gemeinde
folgenreiche Neuerung, dass im Jahre 605 (149) auf Vorschlag des Lucius
Calpurnius Piso eine staendige Senatorenkommission (quaestio ordinaria)
niedergesetzt ward, um die Beschwerden der Provinzialen gegen die
vorgesetzten roemischen Beamten wegen Gelderpressung in gerichtlichen
Formen zu pruefen. Man suchte die Komitien von dem uebermaechtigen
Einfluss der Aristokratie zu emanzipieren. Die Panazee auch der
roemischen Demokratie war die geheime Abstimmung in den Versammlungen
der Buergerschaft, welche zuerst fuer die Magistratswahlen durch das
Gabinische (615 139), dann fuer die Volksgerichte durch das Cassische
(617 137), endlich fuer die Abstimmung ueber Gesetzvorschlaege durch das
Papirische Gesetz (623 131) eingefuehrt ward. In aehnlicher Weise wurden
bald nachher (um 625 129) die Senatoren durch Volksbeschluss angewiesen,
bei dem Eintritt in den Senat ihr Ritterpferd abzugeben und also auf den
bevorzugten Stimmplatz in den achtzehn Ritterzenturien zu verzichten.
In diesen auf die Emanzipation der Waehlerschaft von dem regierenden
Herrenstand gerichteten Massregeln mochte die Partei, die sie
veranlasste, vielleicht den Anfang zu einer Regeneration des Staates
erblicken; in der Tat ward dadurch in der Nichtigkeit und Unfreiheit
des gesetzlich hoechsten Organs der roemischen Gemeinde auch nicht das
mindeste geaendert, ja dieselbe allen, die es anging und nicht anging,
nur noch handgreiflicher dargetan. Ebenso prahlhaftig und ebenso eitel
war die foermliche Anerkennung der Unabhaengigkeit und Souveraenitaet
der Buergerschaft, welche ihr durch die Verlegung ihres
Versammlungsplatzes von der alten Dingstatt unter dem Rathaus auf
den Marktplatz zuteil ward (um 609 145).
---------------------------------------- ^1 Im Jahre 537 (217) wurde
das die Wiederwahl zum Konsulat beschraenkende Gesetz auf die Dauer des
Krieges in Italien (also bis 551 203) suspendiert (Liv. 27, 6). Nach
Marcellus' Tode 546 (208) aber sind Wiederwahlen zum Konsulat, wenn
die abdizierenden Konsuln von 592 (162) nicht mitgerechnet werden,
ueberhaupt nur vorgekommen in den Jahren 547, 554, 560, 579, 585, 586,
591, 596, 599, 602 (207, 200, 194, 175, 169, 168, 163, 158, 155, 152);
also nicht oefter in diesen sechsundfuenfzig als zum Beispiel in den
zehn Jahren 401-410 (353-344). Nur eine von diesen, und eben die letzte,
ist mit Verletzung des zehnjaehrigen Intervalls erfolgt; und ohne
Zweifel ist die seltsame Wahl des Marcus Marcellus, Konsul 588 (166) und
599 (155), zum dritten Konsulat fuer 602 (152), deren naehere Umstaende
wir nicht kennen, die Veranlassung der gesetzlichen Untersagung der
Wiederwahl zum Konsulat ueberhaupt (Liv. ep. 56) geworden; zumal da
dieser Antrag, als von Cato unterstuetzt (p. 55 Jordan), vor 605 (149)
eingebracht worden sein muss. -------------------------------------
Aber diese Fehde der formalen Volkssouveraenitaet gegen die tatsaechlich
bestehende Verfassung war zum guten Teil scheinhafter Art. Die
Parteiphrasen prasselten und klirrten; von den Parteien selbst war
in den wirklich und unmittelbar praktischen Angelegenheiten wenig
zu spueren. Das ganze siebente Jahrhundert hindurch bildeten die
jaehrlichen Gemeindewahlen zu den buergerlichen Aemtern, namentlich
zum Konsulat und zur Zensur, die eigentlich stehende Tagesfrage und
den Brennpunkt des politischen Treibens; aber nur in einzelnen seltenen
Faellen waren in den verschiedenen Kandidaturen auch entgegengesetzte
politische Prinzipien verkoerpert; regelmaessig blieben dieselben
rein persoenliche Fragen und war es fuer den Gang der Angelegenheiten
gleichgueltig, ob die Majoritaet der Wahlkoerper dem Caecilier oder dem
Cornelier zufiel. Man entbehrte also dessen, was die Uebelstaende
des Parteilebens alle uebertraegt und verguetet, der freien und
gemeinschaftlichen Bewegung der Massen nach dem als zweckmaessig
erkannten Ziel, und duldete sie dennoch alle lediglich zum Frommen des
kleinen Spiels der herrschenden Koterien. Es war dem roemischen
Adligen verhaeltnismaessig leicht, die Aemterlaufbahn als Quaestor und
Volkstribun zu betreten, aber die Erlangung des Konsulats und der Zensur
war auch ihm nur durch grosse und jahrelange Anstrengungen moeglich. Der
Preise waren viele, aber der lohnenden wenige; die Kaempfer liefen,
wie ein roemischer Dichter einmal sagt, wie in einer an den Schranken
weiten, allmaehlich mehr und mehr sich verengenden Bahn. Das war recht,
solange das Amt war, wie es hiess, eine "Ehre", und militaerische,
politische, juristische Kapazitaeten wetteifernd um die seltenen Kraenze
warben; jetzt aber hob die tatsaechliche Geschlossenheit der Nobilitaet
den Nutzen der Konkurrenz auf und liess nur ihre Nachteile uebrig. Mit
wenigen Ausnahmen draengten die den regierenden Familien angehoerenden
jungen Maenner sich in die politische Laufbahn, und der hastige und
unreife Ehrgeiz griff bald zu wirksameren Mitteln, als nuetzliche
Taetigkeit fuer das gemeine Beste war. Die erste Bedingung fuer die
oeffentliche Laufbahn wurden maechtige Verbindungen; dieselbe
begann also nicht wie sonst im Lager, sondern in den Vorzimmern der
einflussreichen Maenner. Was sonst nur Schutzbefohlene und Freigelassene
getan, dass sie ihrem Herrn am fruehen Morgen aufzuwarten kamen und
oeffentlich in seinem Gefolge erschienen, das uebertrug sich jetzt auf
die neue vornehme Klientel. Aber auch der Poebel ist ein grosser Herr
und will als solcher respektiert sein. Der Janhagel fing an, es als
sein Recht zu fordern, dass der kuenftige Konsul in jedem Lumpen von der
Gasse das souveraene Volk erkenne und ehre und jeder Bewerber bei seinem
"Umgang" (ambitus) jeden einzelnen Stimmgeber bei Namen begruesse und
ihm die Hand druecke. Bereitwillig ging die vornehme Welt ein auf diesen
entwuerdigenden Aemterbettel. Der richtige Kandidat kroch nicht bloss
im Palast, sondern auch auf der Gasse und empfahl sich der Menge
durch Liebaeugeleien, Nachsichtigkeiten, Artigkeiten von feinerer oder
groeberer Qualitaet. Der Ruf nach Reformen und die Demagogie wurden dazu
vernutzt, sich bei dem Publikum bekannt und beliebt zu machen; und sie
wirkten um so mehr, je mehr sie nicht die Sache angriffen, sondern die
Person. Es ward Sitte, dass die bartlosen Juenglinge vornehmer Geburt,
um sich glaenzend in das oeffentliche Leben einzufuehren, mit der
unreifen Leidenschaft ihrer knabenhaften Beredsamkeit die Rolle Catos
weiterspielten und aus eigener Machtvollkommenheit sich womoeglich gegen
einen recht hochstehenden und recht unbeliebten Mann zu Anwaelten des
Staats aufwarfen; man liess es geschehen, dass das ernste Institut
der Kriminaljustiz und der politischen Polizei ein Mittel fuer den
Aemterbewerb ward. Die Veranstaltung oder, was noch schlimmer war, die
Verheissung prachtvoller Volkslustbarkeiten war laengst die gleichsam
gesetzliche Vorbedingung zur Erlangung des Konsulats; jetzt begannen
auch schon, wie das um 595 (159) dagegen erlassene Verbot bezeugt, die
Stimmen der Waehler geradezu mit Geld erkauft zu werden. Vielleicht die
schlimmste Folge des dauernden Buhlens der regierenden Aristokratie
um die Gunst der Menge war die Unvereinbarkeit dieser Bettler- und
Schmeichlerrolle mit derjenigen Stellung, welche der Regierung den
Regierten gegenueber von Rechts wegen zukommt. Das Regiment ward dadurch
aus einem Segen fuer das Volk zum Fluch. Man wagte es nicht mehr, ueber
Gut und Blut der Buerger zum Besten des Vaterlandes nach Beduerfnis
zu verfuegen. Man liess die Buergerschaft sich an den gefaehrlichen
Gedanken gewoehnen, dass sie selbst von der vorschussweisen Entrichtung
direkter Abgaben gesetzlich befreit sei - nach dem Kriege gegen Perseus
ist kein Schoss mehr von der Gemeinde gefordert worden. Man liess lieber
das Heerwesen verfallen, als dass man die Buerger zu dem verhassten
ueberseeischen Dienst zwang; wie es den einzelnen Beamten erging,
die die Konskription nach der Strenge des Gesetzes durchzufuehren
versuchten, ist schon gesagt worden. In verhaengnisvoller Weise
verschlingen sich in dem Rom dieser Zeit die zwiefachen Missstaende
einer ausgearteten Oligarchie und einer noch unentwickelten, aber schon
im Keime vom Wurmfrass ergriffenen Demokratie. Ihren Parteinamen nach,
welche zuerst in dieser Periode gehoert werden, wollten die "Optimaten"
den Willen der Besten, die "Popularen" den der Gemeinde zur Geltung
bringen; in der Tat gab es in dem damaligen Rom weder eine wahre
Aristokratie noch eine wahrhaft sich selber bestimmende Gemeinde. Beide
Parteien stritten gleichermassen fuer Schatten und zaehlten in ihren
Reihen nur entweder Schwaermer oder Heuchler. Beide waren von der
politischen Faeulnis gleichmaessig ergriffen und in der Tat beide gleich
nichtig. Beide waren mit Notwendigkeit in den Status quo gebannt, da
weder hueben noch drueben ein politischer Gedanke, geschweige denn ein
politischer Plan sich fand, der ueber diesen hinausgegangen waere, und
so vertrugen denn auch beide sich miteinander so vollkommen, dass sie
auf jeden Schritt sich in den Mitteln wie in den Zwecken begegneten und
der Wechsel der Partei mehr ein Wechsel der politischen Taktik als der
politischen Gesinnung war. Das Gemeinwesen haette ohne Zweifel gewonnen,
wenn entweder die Aristokratie statt der Buergerschaftswahlen geradezu
einen erblichen Turnus eingefuehrt oder die Demokratie ein wirkliches
Demagogenregiment aus sich hervorgebracht haette. Aber diese Optimaten
und diese Popularen des beginnenden siebenten Jahrhunderts waren die
einen fuer die andern viel zu unentbehrlich, um sich also auf Tod und
Leben zu bekriegen; sie konnten nicht bloss nicht einander vernichten,
sondern, wenn sie es gekonnt haetten, haetten sie es nicht gewollt.
Darueber wich denn freilich politisch wie sittlich das Gemeinwesen immer
mehr aus den Fugen und ging seiner voelligen Aufloesung entgegen.
Es ging denn auch die Krise, durch welche die roemische Revolution
eroeffnet ward, nicht aus diesem duerftigen politischen Konflikt hervor,
sondern aus den oekonomischen und sozialen Verhaeltnissen, welche die
roemische Regierung wie alles andere lediglich gehen liess und welche
also Gelegenheit fanden, den seit langem gaerenden Krankheitsstoff jetzt
ungehemmt mit furchtbarer Raschheit und Gewaltsamkeit zu zeigen. Seit
uralter Zeit beruhte die roemische Oekonomie auf den beiden ewig
sich suchenden und ewig hadernden Faktoren, der baeuerlichen und der
Geldwirtschaft. Schon einmal hatte die letztere im engsten Bunde mit dem
grossen Grundbesitz Jahrhunderte lang gegen den Bauernstand einen Krieg
gefuehrt, der mit dem Untergang zuerst der Bauernschaft und demnaechst
des ganzen Gemeinwesens endigen zu muessen schien, aber ohne eigentliche
Entscheidung abgebrochen ward infolge der gluecklichen Kriege und
der hierdurch moeglich gemachten umfaenglichen und grossartigen
Domanialaufteilung. Es ward schon frueher gezeigt, dass in derselben
Zeit, welche den Gegensatz zwischen Patriziern und Plebejern unter
veraenderten Namen erneuerte, das unverhaeltnismaessig anschwellende
Kapital einen zweiten Sturm gegen die baeuerliche Wirtschaft
vorbereitete. Zwar der Weg war ein anderer. Ehemals war der kleine Bauer
ruiniert worden durch Vorschuesse, die ihn tatsaechlich zum Meier seines
Glaeubigers herabdrueckten; jetzt ward er erdrueckt durch die Konkurrenz
des ueberseeischen und insonderheit des Sklavenkorns. Man schritt fort
mit der Zeit; das Kapital fuehrte gegen die Arbeit, das heisst gegen die
Freiheit der Person, den Krieg, natuerlich wie immer in strengster Form
Rechtens, aber nicht mehr in der unziemlichen Weise, dass der freie Mann
der Schulden wegen Sklave ward, sondern von Haus aus mit rechtmaessig
gekauften und bezahlten Sklaven; der ehemalige hauptstaedtische Zinsherr
trat auf in zeitgemaesser Gestalt als industrieller Plantagenbesitzer.
Allein das letzte Ergebnis war in beiden Faellen das gleiche:
die Entwertung der italischen Bauernstellen, die Verdraengung der
Kleinwirtschaft zuerst in einem Teil der Provinzen, sodann in Italien
durch die Gutswirtschaft; die vorwiegende Richtung auch dieser in
Italien auf Viehzucht und auf Oel- und Weinbau; schliesslich die
Ersetzung der freien Arbeiter in den Provinzen wie in Italien durch
Sklaven. Eben wie die Nobilitaet deshalb gefaehrlicher war als das
Patriziat, weil jene nicht wie dieses durch eine Verfassungsaenderung
sich beseitigen liess, so war auch diese neue Kapitalmacht darum
gefaehrlicher als die des vierten und fuenften Jahrhunderts, weil gegen
sie mit Aenderungen des Landrechts nichts auszurichten war. Ehe wir es
versuchen, den Verlauf dieses zweiten grossen Konflikts von Arbeit und
Kapital zu schildern, wird es notwendig, ueber das Wesen und den Umfang
der Sklavenwirtschaft hier einige Andeutungen einzuschalten. Wir
haben es hier nicht zu tun mit der alten, gewissermassen unschuldigen
Feldsklaverei, wonach der Bauer entweder zugleich mit seinem Knechte
ackert oder auch, wenn er mehr Land besitzt, als er bewirtschaften
kann, denselben entweder als Verwalter oder auch unter Verpflichtung
zur Ablieferung eines Teils vom Ertrag gewissermassen als Paechter ueber
einen abgeteilten Meierhof setzt; solche Verhaeltnisse bestanden zwar
zu allen Zeiten - um Comum zum Beispiel waren sie noch in der Kaiserzeit
die Regel -, allein als Ausnahmezustaende bevorzugter Landschaften
und milde verwalteter Gueter. Hier ist die Grosswirtschaft mit Sklaven
gemeint, welche im roemischen Staat wie einst im karthagischen aus
der Uebermacht des Kapitals sich entwickelte. Waehrend fuer den
Sklavenbestand der aelteren Zeit die Kriegsgefangenschaft und
die Erblichkeit der Knechtschaft ausreichten, beruht diese
Sklavenwirtschaft, voellig wie die amerikanische, auf systematisch
betriebener Menschenjagd, da bei der auf Leben und Fortpflanzung der
Sklaven wenig Ruecksicht nehmenden Nutzungsweise die Sklavenbevoelkerung
bestaendig zusammenschwand und selbst die stets neue Massen auf den
Sklavenmarkt liefernden Kriege das Defizit zu decken nicht ausreichten.
Kein Land, wo dieses jagdbare Wild sich vorfand, blieb hiervon
verschont; selbst in Italien war es keineswegs unerhoert, dass der
arme Freie von seinem Brotherrn unter die Sklaven eingestellt ward.
Das Negerland jener Zeit aber war Vorderasien 2, wo die kretischen und
kilikischen Korsaren, die rechten gewerbsmaessigen Sklavenjaeger
und Sklavenhaendler, die Kuesten Syriens und die griechischen Inseln
ausraubten, wo mit ihnen wetteifernd die roemischen Zollpaechter in den
Klientelstaaten Menschenjagden veranstalteten und die Gefangenen unter
ihr Sklavengesinde untersteckten - es geschah dies in solchem Umfang,
dass um 650 (100) der Koenig von Bithynien sich unfaehig erklaerte, den
verlangten Zuzug zu leisten, da aus seinem Reich alle arbeitsfaehigen
Leute von den Zollpaechtern weggeschleppt seien. Auf dem grossen
Sklavenmarkt in Delos, wo die kleinasiatischen Sklavenhaendler ihre Ware
an die italischen Spekulanten absetzten, sollen an einem Tage bis zu
10000 Sklaven des Morgens ausgeschifft und vor Abend alle verkauft
gewesen sein - ein Beweis zugleich, welche ungeheure Zahl von Sklaven
geliefert ward und wie dennoch die Nachfrage immer noch das Angebot
ueberstieg. Es war kein Wunder. Bereits in der Schilderung der
roemischen Oekonomie des sechsten Jahrhunderts ist es dargelegt worden,
dass dieselbe wie ueberhaupt die gesamte Grosswirtschaft des Altertums
auf dem Sklavenbetriebe ruht. Worauf immer die Spekulation sich warf,
ihr Werkzeug war ohne Ausnahme der rechtlich zum Tier herabgesetzte
Mensch. Durch Sklaven wurden grossenteils die Handwerke betrieben,
so dass der Ertrag dem Herrn zufiel. Durch die Sklaven der
Steuerpachtgesellschaft wurde die Erhebung der oeffentlichen Gefaelle
in den untern Graden regelmaessig beschafft. Ihre Haende besorgten den
Grubenbau, die Pechhuetten und was derart sonst vorkommt; schon frueh
kam es auf, Sklavenherden nach den spanischen Bergwerken zu senden,
deren Vorsteher sie bereitwillig annahmen und hoch verzinsten. Die
Wein- und Olivenlese wurde in Italien nicht von den Leuten auf dem Gut
bewirkt, sondern einem Sklavenbesitzer in Akkord gegeben. Die Huetung
des Viehs ward allgemein durch Sklaven beschafft; der bewaffneten,
haeufig berittenen Hirtensklaven auf den grossen Weidestrecken Italiens
ist bereits gedacht worden, und dieselbe Art der Weidewirtschaft ward
bald auch in den Provinzen ein beliebter Gegenstand der roemischen
Spekulation - so war zum Beispiel Dalmatien kaum erobert (599 155),
als die roemischen Kapitalisten anfingen, dort in italischer Weise
die Viehzucht im grossen zu betreiben. Aber in jeder Beziehung weit
schlimmer noch war der eigentliche Plantagenbau, die Bestellung der
Felder durch eine Herde nicht selten mit dem Eisen gestempelter Sklaven,
welche mit Fussschellen an den Beinen unter Aufsehern des Tags die
Feldarbeiten taten und nachts in dem gemeinschaftlichen, haeufig
unterirdischen Arbeiterzwinger zusammengesperrt wurden. Diese
Plantagenwirtschaft war aus dem Orient nach Karthago gewandert
und scheint durch die Karthager nach Sizilien gelangt zu sein, wo,
wahrscheinlich aus diesem Grunde, die Plantagenwirtschaft frueher
und vollstaendiger als in irgendeinem anderen Gebiet der roemischen
Herrschaft durchgebildet auftritt 3. Die Leontinische Feldmark von etwa
30 000 Jugera urbaren Landes, die als roemische Domaene von den Zensoren
verpachtet wurde, finden wir einige Dezennien nach der Gracchenzeit
geteilt unter nicht mehr als 84 Paechter, von denen also
durchschnittlich auf jeden 360 Jugera kamen und unter denen nur ein
einziger Leontiner, die uebrigen fremde, meistens roemische Spekulanten
waren. Man sieht hieraus, mit welchem Eifer die roemischen Spekulanten
hier in die Fussstapfen ihrer Vorgaenger traten und welche grossartigen
Geschaefte mit sizilischem Vieh und sizilischem Sklavenkorn die
roemischen und nichtroemischen Spekulanten gemacht haben werden, die
mit ihren Hutungen und Pflanzungen die schoene Insel bedeckten. Italien
indes blieb von dieser schlimmsten Form der Sklavenwirtschaft fuer
jetzt noch wesentlich verschont. Wenngleich in Etrurien, wo die
Plantagenwirtschaft zuerst in Italien aufgekommen zu sein scheint und wo
sie wenigstens vierzig Jahre spaeter in ausgedehntestem Umfange bestand,
hoechstwahrscheinlich schon jetzt es an Arbeiterzwingern nicht
fehlte, so ward doch die italische Ackerwirtschaft in dieser Zeit noch
ueberwiegend durch freie Leute oder doch durch ungefesselte Knechte,
daneben durch Akkordierung groesserer Arbeiten an Unternehmer betrieben.
Recht deutlich zeigt sich der Unterschied des italischen Sklavenwesens
von dem sizilischen darin, dass bei dem sizilischen Sklavenaufstand
619-622 (135-1 S2) allein die Sklaven der nach italischer Weise
lebenden mamertinischen Gemeinde sich nicht beteiligten.
------------------------------------------ 2 Auch damals wurde es
geltend gemacht, dass die Menschenrasse daselbst durch besondere
Dauerhaftigkeit sich vorzugsweise zum Sklavenstand eigne. Schon Plautus
(Trip. 542) preist "den Syrerschlag, der mehr vertraegt als ein andrer
sonst". 3 Auch die hybrid griechische Benennung des Arbeitshauses
(ergastulum von ergazomai nach Analogie von stabulum, operculum) deutet
darauf, dass diese Wirtschaftsweise aus einer Gegend des griechischen
Sprachgebiets und in einer noch nicht hellenisch durchgebildeten Zeit
den Roemern zukam. ------------------------------------------ Das Meer
von Jammer und Elend, das in diesem elendesten aller Proletariate sich
vor unsern Augen auftut, mag ergruenden, wer den Blick in solche
Tiefen wagt; es ist leicht moeglich, dass mit denen der roemischen
Sklavenschaft verglichen die Summe aller Negerleiden ein Tropfen ist.
Hier kommt es weniger auf den Notstand der Sklavenschaft selbst an als
auf die Gefahren, die sie ueber den roemischen Staat brachte und auf
das Verhalten der Regierung denselben gegenueber. Dass dies Proletariat
weder durch die Regierung ins Leben gerufen war noch geradezu von ihr
beseitigt werden konnte, leuchtet ein; es haette dies nur geschehen
koennen durch Heilmittel, die noch schlimmer gewesen waeren als das
Uebel. Der Regierung lag nur ob, teils die unmittelbare Gefahr fuer
Eigentum und Leben, womit das Sklavenproletariat die Staatsangehoerigen
bedrohte, durch eine ernstliche Sicherheitspolizei abzuwenden, teils auf
die moeglichste Beschraenkung des Proletariats durch Hebung der freien
Arbeit hinzuwirken. Sehen wir, wie die roemische Aristokratie diesen
beiden Aufgaben nachkam. Wie die Polizei gehandhabt ward, zeigen die
allerorts ausbrechenden Sklavenverschwoerungen und Sklavenkriege. In
Italien schienen die wuesten Vorgaenge, wie sie in den unmittelbaren
Nachwehen des Hannibalischen Krieges vorgekommen waren, sich jetzt zu
erneuern; auf einmal musste man in der Hauptstadt 150, in Minturnae 450,
in Sinuessa gar 4000 Sklaven aufgreifen und hinrichten lassen (621 133).
Noch schlimmer stand es begreiflicherweise in den Provinzen. Auf dem
grossen Sklavenmarkt zu Delos und in den attischen Silbergruben hatte
man um dieselbe Zeit die aufstaendischen Sklaven mit den Waffen
zu Paaren zu treiben. Der Krieg gegen Aristonikos und seine
kleinasiatischen "Sonnenstaedter" war wesentlich ein Krieg der
Besitzenden gegen die empoerten Sklaven. Am aergsten aber stand es
natuerlicherweise in dem gelobten Lande des Plantagensystems, in
Sizilien. Die Raeuberwirtschaft war daselbst, zumal im Binnenlande,
laengst ein stehendes Uebel; s

Showing first 200,000 characters. Full text: gutenberg.org/ebooks/3063