Römische Geschichte — Buch 3
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Title: Römische Geschichte — Buch 3
Author: Theodor Mommsen
Release date: February 1, 2002 [eBook #3062]
Most recently updated: January 8, 2021
Language: German
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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK RÖMISCHE GESCHICHTE — BUCH 3 ***
Ver.04.07.00*END*
The following e-text of Mommsen's Roemische Geschichte contains some
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Theodor Mommsen Roemische Geschichte
Drittes Buch Von der Einigung Italiens bis auf die Unterwerfung
Karthagos und der griechischen Staaten
arduum res gestas scribere arg beschwerlich ist es, Geschichte zu
schreiben Sallust 1. Kapitel Karthago Der semitische Stamm steht
inmitten und doch auch ausserhalb der Voelker der alten klassischen
Welt. Der Schwerpunkt liegt fuer jenen im Osten, fuer diese am
Mittelmeer, und wie auch Krieg und Wanderung die Grenze verschoben und
die Staemme durcheinanderwarfen, immer schied und scheidet ein tiefes
Gefuehl der Fremdartigkeit die indogermanischen Voelker von den
syrischen, israelitischen, arabischen Nationen. Dies gilt auch von
demjenigen semitischen Volke, das mehr als irgendein anderes gegen
Westen sich ausgebreitet hat, von den Phoenikern. Ihre Heimat ist der
schmale Kuestenstreif zwischen Kleinasien, dem syrischen Hochland und
Aegypten, die Ebene genannt, das heisst Kanaan. Nur mit diesem Namen hat
die Nation sich selber genannt - noch in der christlichen Zeit nannte
der afrikanische Bauer sich einen Kanaaniter; den Hellenen aber
hiess Kanaan das "Purpurland" oder auch das "Land der roten Maenner",
Phoenike, und Punier pflegten auch die Italiker, Phoeniker oder Punier
pflegen wir noch die Kanaaniter zu heissen. Das Land ist wohl geeignet
zum Ackerbau; aber vor allen Dingen sind die vortrefflichen Haefen und
der Reichtum an Holz und Metallen dem Handel guenstig, der hier, wo
das ueberreiche oestliche Festland hinantritt an die weithin sich
ausbreitende insel- und hafenreiche Mittellaendische See, vielleicht
zuerst in seiner ganzen Grossartigkeit dem Menschen aufgegangen ist.
Was Mut, Scharfsinn und Begeisterung vermoegen, haben die Phoeniker
aufgeboten, um dem Handel und was aus ihm folgt, der Schiffahrt,
Fabrikation, Kolonisierung, die volle Entwicklung zu geben und Osten
und Westen zu vermitteln. In unglaublich frueher Zeit finden wir sie
in Kypros und Aegypten, in Griechenland und Sizilien, in Afrika und
Spanien, ja sogar auf dem Atlantischen Meer und der Nordsee. Ihr
Handelsgebiet reicht von Sierra Leone und Cornwall im Westen bis
oestlich zur malabarischen Kueste; durch ihre Haende gehen das Gold und
die Perlen des Ostens, der tyrische Purpur, die Sklaven, das Elfenbein,
die Loewen- und Pardelfelle aus dem inneren Afrika, der arabische
Weihrauch, das Linnen Aegyptens, Griechenlands Tongeschirr und edle
Weine, das kyprische Kupfer, das spanische Silber, das englische Zinn,
das Eisen von Elba. Jedem Volke bringen die phoenikischen Schiffer, was
es brauchen kann oder doch kaufen mag, und ueberall kommen sie herum,
um immer wieder zurueckzukehren zu der engen Heimat, an der ihr Herz
haengt. Die Phoeniker haben wohl ein Recht, in der Geschichte genannt zu
werden neben der hellenischen und der latinischen Nation; aber auch
an ihnen und vielleicht an ihnen am meisten bewaehrt es sich, dass das
Altertum die Kraefte der Voelker einseitig entwickelte. Die grossartigen
und dauernden Schoepfungen, welche auf dem geistigen Gebiete innerhalb
des aramaeischen Stammes entstanden sind, gehoeren nicht zunaechst den
Phoenikern an; wenn Glauben und Wissen in gewissem Sinn den aramaeischen
Nationen vor allen anderen eigen und den Indogermanen erst aus dem Osten
zugekommen sind, so hat doch weder die phoenikische Religion noch die
phoenikische Wissenschaft und Kunst, soviel wir sehen, jemals unter
den aramaeischen einen selbstaendigen Rang eingenommen. Die religioesen
Vorstellungen der Phoeniker sind formlos und unschoen, und ihr
Gottesdienst schien Luesternheit und Grausamkeit mehr zu naehren als
zu baendigen bestimmt; von einer besonderen Einwirkung phoenikischer
Religion auf andere Voelker wird wenigstens in der geschichtlich
klaren Zeit nichts wahrgenommen. Ebensowenig begegnet eine auch nur
der italischen, geschweige denn derjenigen der Mutterlaender der Kunst
vergleichbare phoenikische Tektonik oder Plastik. Die aelteste Heimat
der wissenschaftlichen Beobachtung und ihrer praktischen Verwertung ist
Babylon oder doch das Euphratland gewesen: hier wahrscheinlich folgte
man zuerst dem Lauf der Sterne; hier schied und schrieb man zuerst die
Laute der Sprache; hier begann der Mensch ueber Zeit und Raum und
ueber die in der Natur wirkenden Kraefte zu denken; hierhin fuehren
die aeltesten Spuren der Astronomie und Chronologie, des Alphabets, der
Masse und Gewichte. Die Phoeniker haben wohl von den kunstreichen und
hoch entwickelten babylonischen Gewerken fuer ihre Industrie, von der
Sternbeobachtung fuer ihre Schiffahrt, von der Lautschrift und der
Ordnung der Masse fuer ihren Handel Vorteil gezogen und manchen
wichtigen Keim der Zivilisation mit ihren Waren vertrieben; aber dass
das Alphabet oder irgendein anderes jener genialen Erzeugnisse des
Menschengeistes ihnen eigentuemlich angehoere, laesst sich nicht
erweisen, und was durch sie von religioesen und wissenschaftlichen
Gedanken den Hellenen zukam, das haben sie mehr wie der Vogel das
Samenkorn als wie der Ackersmann die Saat ausgestreut. Die Kraft die
bildungsfaehigen Voelker, mit denen sie sich beruehrten, zu zivilisieren
und sich zu assimilieren, wie sie die Hellenen und selbst die Italiker
besitzen, fehlte den Phoenikern gaenzlich. Im Eroberungsgebiet der
Roemer sind vor der romanischen Zunge die iberischen und die keltischen
Sprachen verschollen; die Berber Afrikas reden heute noch dieselbe
Sprache wie zu den Zeiten der Hannos und der Barkiden. Aber vor allem
mangelt den Phoenikern, wie allen aramaeischen Nationen im Gegensatz zu
den indogermanischen, der staatenbildende Trieb, der geniale Gedanke
der sich selber regierenden Freiheit. Waehrend der hoechsten Bluete von
Sidon und Tyros ist das phoenikische Land der ewige Zankapfel der am
Euphrat und am Nil herrschenden Maechte und bald den Assyrern, bald den
Aegyptern untertan. Mit der halben Macht haetten hellenische Staedte
sich unabhaengig gemacht; aber die vorsichtigen sidonischen Maenner,
berechnend, dass die Sperrung der Karawanenstrassen nach dem Osten
oder der aegyptischen Haefen ihnen weit hoeher zu stehen komme als der
schwerste Tribut, zahlten lieber puenktlich ihre Steuern, wie es fiel
nach Ninive oder nach Memphis, und fochten sogar, wenn es nicht anders
sein konnte, mit ihren Schiffen die Schlachten der Koenige mit. Und wie
die Phoeniker daheim den Druck der Herren gelassen ertrugen, waren
sie auch draussen keineswegs geneigt, die friedlichen Bahnen der
kaufmaennischen mit der erobernden Politik zu vertauschen. Ihre
Niederlassungen sind Faktoreien; es liegt ihnen mehr daran, den
Eingeborenen Waren abzunehmen und zuzubringen, als weite Gebiete in
fernen Laendern zu erwerben und daselbst die schwere und langsame
Arbeit der Kolonisierung durchzufuehren. Selbst mit ihren Konkurrenten
vermeiden sie den Krieg; aus Aegypten, Griechenland, Italien, dem
oestlichen Sizilien lassen sie fast ohne Widerstand sich verdraengen und
in den grossen Seeschlachten, die in frueher Zeit um die Herrschaft im
westlichen Mittelmeer geliefert worden sind, bei Alalia (217 537) und
Kyme (280 474), sind es die Etrusker, nicht die Phoeniker, die die
Schwere des Kampfes gegen die Griechen tragen. Ist die Konkurrenz einmal
nicht zu vermeiden, so gleicht man sich aus, so gut es gehen will;
es ist nie von den Phoenikern ein Versuch gemacht worden, Caere oder
Massalia zu erobern. Noch weniger natuerlich sind die Phoeniker zum
Angriffskrieg geneigt. Das einzige Mal, wo sie in der aelteren Zeit
offensiv auf dem Kampfplatze erscheinen, in der grossen sizilischen
Expedition der afrikanischen Phoeniker, welche mit der Niederlage bei
Himera durch Gelon von Syrakus endigte (274 480), sind sie nur als
gehorsame Untertanen des Grosskoenigs und um der Teilnahme an dem
Feldzug gegen die oestlichen Hellenen auszuweichen, gegen die Hellepen
des Westens ausgerueckt; wie denn ihre syrischen Stammgenossen in der
Tat in demselben Jahr sich mit den Persern bei Salamis mussten
schlagen lassen. Es ist das nicht Feigheit; die Seefahrt in unbekannten
Gewaessern und mit bewaffneten Schiffen fordert tapfere Herzen, und dass
diese unter den Phoenikern zu finden waren, haben sie oft bewiesen.
Es ist noch weniger Mangel an Zaehigkeit und Eigenartigkeit des
Nationalgefuehls; vielmehr haben die Aramaeer mit einer Hartnaeckigkeit,
welche kein indogermanisches Volk je erreicht hat und welche uns
Okzidentalen bald mehr, bald weniger als menschlich zu sein duenkt, ihre
Nationalitaet gegen alle Lockungen der griechischen Zivilisation wie
gegen alle Zwangsmittel der orientalischen und okzidentalischen Despoten
mit den Waffen des Geistes wie mit ihrem Blute verteidigt. Es ist der
Mangel an staatlichem Sinn, der bei dem lebendigsten Stammgefuehl, bei
der treuesten Anhaenglichkeit an die Vaterstadt doch das eigenste
Wesen der Phoeniker bezeichnet. Die Freiheit lockte sie nicht und es
geluestete sie nicht nach der Herrschaft; "ruhig lebten sie", sagt das
Buch der Richter, "nach der Weise der Sidonier, sicher und wohlgemut und
im Besitz von Reichtum". Unter allen phoenikischen Ansiedlungen gediehen
keine schneller und sicherer als die von den Tyriern und Sidoniern an
der Suedkueste Spaniens und an der nordafrikanischen gegruendeten, in
welche Gegenden weder der Arm des Grosskoenigs noch die gefaehrliche
Rivalitaet der griechischen Seefahrer reichte, die Eingeborenen aber
den Fremdlingen gegenueberstanden wie in Amerika die Indianer den
Europaeern. Unter den zahlreichen und bluehenden phoenikischen Staedten
an diesen Gestaden ragte vor allem hervor die "Neustadt", Karthada oder,
wie die Okzidentalen sie nennen, Karchedon oder Karthago. Nicht die
frueheste Niederlassung der Phoeniker in dieser Gegend und urspruenglich
vielleicht schutzbefohlene Stadt des nahen Utica, der aeltesten
Phoenikerstadt in Libyen, ueberfluegelte sie bald ihre Nachbarn, ja
die Heimat selbst durch die unvergleichlich guenstige Lage und die rege
Taetigkeit ihrer Bewohner. Gelegen unfern der (ehemaligen) Muendung des
Bagradas (Medscherda), der die reichste Getreidelandschaft Nordafrikas
durchstroemt, auf einer fruchtbaren noch heute mit Landhaeusern
besetzten und mit Oliven- und Orangenwaeldern bedeckten Anschwellung des
Bodens, der gegen die Ebene sanft sich abdacht und an der Seeseite
als meerumflossenes Vorgebirg endigt, inmitten des grossen Hafens von
Nordafrika, des Golfes von Tunis, da wo dies schoene Bassin den besten
Ankergrund fuer groessere Schiffe und hart am Strande trinkbares
Quellwasser darbietet, ist dieser Platz fuer Ackerbau und Handel und
die Vermittlung beider so einzig guenstig, dass nicht bloss die tyrische
Ansiedlung daselbst die erste phoenikische Kaufstadt ward, sondern auch
in der roemischen Zeit Karthago, kaum wiederhergestellt, die dritte
Stadt des Kaiserreichs wurde und noch heute unter nicht guenstigen
Verhaeltnissen und an einer weit weniger gut gewaehlten Stelle dort eine
Stadt von hunderttausend Einwohnern besteht und gedeiht. Die agrikole,
merkantile, industrielle Bluete einer Stadt in solcher Lage und mit
solchen Bewohnern erklaert sich selbst; wohl aber fordert die Frage
eine Antwort, auf welchem Weg diese Ansiedlung zu einer politischen
Machtentwicklung gelangte, wie sie keine andere phoenikische Stadt
besessen hat. Dass der phoenikische Stamm seine politische Passivitaet
auch in Karthago nicht verleugnet hat, dafuer fehlt es keineswegs an
Beweisen. Karthago bezahlte bis in die Zeiten seiner Bluete hinab fuer
den Boden, den die Stadt einnahm, Grundzins an die einheimischen Berber,
den Stamm der Maxyer oder Maxitaner; und obwohl das Meer und die Wueste
die Stadt hinreichend schuetzten vor jedem Angriff der oestlichen
Maechte, scheint Karthago doch die Herrschaft des Grosskoenigs wenn auch
nur dem Namen nach anerkannt und ihm gelegentlich gezinst zu haben, um
sich die Handelsverbindungen mit Tyros und dem Osten zu sichern. Aber
bei allem guten Willen, sich zu fuegen und zu schmiegen, traten doch
Verhaeltnisse ein, die diese Phoeniker in eine energischere Politik
draengten. Vor dem Strom der hellenischen Wanderung, der sich
unaufhaltsam gegen Westen ergoss, der die Phoeniker schon aus dem
eigentlichen Griechenland und von Italien verdraengt hatte und eben sich
anschickte, in Sizilien, in Spanien, ja in Libyen selbst das gleiche
zu tun, mussten die Phoeniker doch irgendwo standhalten, wenn sie nicht
gaenzlich sich wollten erdruecken lassen. Hier, wo sie mit griechischen
Kaufleuten und nicht mit dem Grosskoenig zu tun hatten, genuegte
es nicht, sich zu unterwerfen, um gegen Schoss und Zins Handel und
Industrie in alter Weise fortzufuehren. Schon waren Massalia und Kyrene
gegruendet; schon das ganze oestliche Sizilien in den Haenden der
Griechen; es war fuer die Phoeniker die hoechste Zeit zu ernstlicher
Gegenwehr. Die Karthager nahmen sie auf; in langen und hartnaeckigen
Kriegen setzten sie dem Vordringen der Kyrenaeer eine Grenze und der
Hellenismus vermochte nicht sich westwaerts der Wueste von Tripolis
festzusetzen. Mit karthagischer Hilfe erwehrten ferner die phoenikischen
Ansiedler auf der westlichen Spitze Siziliens sich der Griechen
und begaben sich gern und freiwillig in die Klientel der maechtigen
stammverwandten Stadt. Diese wichtigen Erfolge, die ins zweite
Jahrhundert Roms fallen und die den suedwestlichen Teil des Mittelmeers
den Phoenikern retteten, gaben der Stadt, die sie erfochten hatte, von
selbst die Hegemonie der Nation und zugleich eine veraenderte politische
Stellung. Karthago war nicht mehr eine blosse Kaufstadt; sie zielte nach
der Herrschaft ueber Libyen und ueber einen Teil des Mittelmeers, weil
sie es musste. Wesentlich trug wahrscheinlich bei zu diesen Erfolgen
das Aufkommen der Soeldnerei, die in Griechenland etwa um die Mitte des
vierten Jahrhunderts der Stadt in Uebung kam, bei den Orientalen aber,
namentlich bei den Karern weit aelter ist und vielleicht eben durch die
Phoeniker emporkam. Durch das auslaendische Werbesystem ward der Krieg
zu einer grossartigen Geldspekulation, die eben recht im Sinn des
phoenikischen Wesens ist. Es war wohl erst die Rueckwirkung dieser
auswaertigen Erfolge, welche die Karthager veranlasste, in Afrika von
Miet- und Bitt- zum Eigenbesitz und zur Eroberung ueberzugehen. Erst um
300 Roms (450) scheinen die karthagischen Kaufleute sich des Bodenzinses
entledigt zu haben, den sie bisher den Einheimischen hatten entrichten
muessen. Dadurch ward eine eigene Ackerwirtschaft im grossen moeglich.
Von jeher hatten die Phoeniker es sich angelegen sein lassen, ihre
Kapitalien auch als Grundbesitzer zu nutzen und den Feldbau im grossen
Massstab zu betreiben durch Sklaven oder gedungene Arbeiter; wie denn
ein grosser Teil der Juden in dieser Art den tyrischen Kaufherren um
Tagelohn dienstbar war. Jetzt konnten die Karthager unbeschraenkt den
reichen libyschen Boden ausbeuten durch ein System, das dem der heutigen
Plantagenbesitzer verwandt ist: gefesselte Sklaven bestellten das Land -
wir finden, dass einzelne Buerger deren bis zwanzigtausend besassen.
Man ging weiter. Die ackerbauenden Doerfer der Umgegend - der Ackerbau
scheint bei den Libyern sehr frueh und wahrscheinlich schon vor der
phoenikischen Ansiedlung, vermutlich von Aegypten aus, eingefuehrt zu
sein - wurden mit Waffengewalt unterworfen und die freien libyschen
Bauern umgewandelt in Fellahs, die ihren Herren den vierten Teil der
Bodenfruechte als Tribut entrichteten und zur Bildung eines eigenen
karthagischen Heeres einem regelmaessigen Rekrutierungssystem
unterworfen wurden. Mit den schweifenden Hirtenstaemmen (nomades) an den
Grenzen waehrten die Fehden bestaendig; indes sicherte eine
verschanzte Postenkette das befriedete Gebiet und langsam wurden
jene zurueckgedraengt in die Wuesten und Berge oder gezwungen, die
karthagische Oberherrschaft anzuerkennen, Tribut zu zahlen und Zuzug zu
stellen. Um die Zeit des Ersten Punischen Krieges ward ihre grosse Stadt
Theveste (Tebessa, an den Quellen des Medscherda) von den Karthagern
erobert. Dies sind die "Staedte und Staemme (ethn/e/) der Untertanen",
die in den karthagischen Staatsvertraegen erscheinen; jenes die unfreien
libyschen Doerfer, dieses die untertaenigen Nomaden. Hierzu kam endlich
die Herrschaft Karthagos ueber die uebrigen Phoeniker in Afrika oder die
sogenannten Libyphoeniker. Es gehoerten zu diesen teils die von Karthago
aus an die ganze afrikanische Nord- und einen Teil der Nordwestkueste
gefuehrten kleineren Ansiedelungen, die nicht unbedeutend gewesen
sein koennen, da allein am Atlantischen Meer auf einmal 30000 solcher
Kolonisten sesshaft gemacht wurden, teils die besonders an der Kueste
der heutigen Provinz Constantine und des Beylik von Tunis zahlreichen
altphoenikischen Niederlassungen, zum Beispiel Hippo, spaeter regius
zugenannt (Bona), Hadrumetum (Susa), Klein-Leptis (suedlich von Susa) -
die zweite Stadt der afrikanischen Phoeniker -, Thapsus (ebendaselbst),
Gross-Leptis (Lebda westlich von Tripolis). Wie es gekommen ist, dass
sich all diese Staedte unter karthagische Botmaessigkeit begaben, ob
freiwillig, etwa um sich zu schirmen vor den Angriffen der Kyrenaeer und
Numidier, oder gezwungen, ist nicht mehr nachzuweisen; sicher aber
ist es, dass sie als Untertanen der Karthager selbst in offiziellen
Aktenstuecken bezeichnet werden, ihre Mauern hatten niederreissen
muessen und Steuer und Zuzug nach Karthago zu leisten hatten. Indes
waren sie weder der Rekrutierung noch der Grundsteuer unterworfen,
sondern leisteten ein Bestimmtes an Mannschaft und Geld, Klein-Leptis
zum Beispiel jaehrlich die ungeheure Summe von 465 Talenten (574000
Taler); ferner lebten sie nach gleichem Recht mit den Karthagern und
konnten mit ihnen in gleiche Ehe treten ^1. Einzig Utica war, wohl
weniger durch seine Macht als durch die Pietaet der Karthager gegen
ihre alten Beschuetzer, dem gleichen Schicksal entgangen und hatte seine
Mauern und seine Selbstaendigkeit bewahrt; wie denn die Phoeniker
fuer solche Verhaeltnisse eine merkwuerdige, von der griechischen
Gleichgueltigkeit wesentlich abstechende Ehrfurcht hegten. Selbst im
auswaertigen Verkehr sind es stets "Karthago und Utica", die zusammen
festsetzen und versprechen; was natuerlich nicht ausschliesst, dass
die weit groessere Neustadt der Tat nach auch ueber Utica die Hegemonie
behauptete. So ward aus der tyrischen Faktorei die Hauptstadt eines
maechtigen nordafrikanischen Reiches, das von der tripolitanischen
Wueste sich erstreckte bis zum Atlantischen Meer, im westlichen Teil
(Marokko und Algier) zwar mit zum Teil oberflaechlicher Besetzung der
Kuestensaeume sich begnuegend, aber in dem reicheren oestlichen, den
heutigen Distrikten von Constantine und Tunis, auch das Binnenland
beherrschend und seine Grenze bestaendig weiter gegen Sueden
vorschiebend; die Karthager waren, wie ein alter Schriftsteller
bezeichnend sagt, aus Tyriern Libyer geworden. Die phoenikische
Zivilisation herrschte in Libyen aehnlich wie in Kleinasien und Syrien
die griechische nach den Zuegen Alexanders, wenn auch nicht mit gleicher
Gewalt. An den Hoefen der Nomadenscheichs ward phoenikisch gesprochen
und geschrieben und die zivilisierteren einheimischen Staemme nahmen
fuer ihre Sprache das phoenikische Alphabet an ^2; sie vollstaendig zu
phoenikisieren lag indes weder im Geiste der Nation noch in der Politik
Karthagos. ---------------------------------------------- ^1 Die
schaerfste Bezeichnung dieser wichtigen Klasse findet sich in dem
karthagischen Staatsvertrag (Polyb. 7, 9), wo sie im Gegensatz
einerseits zu den Uticensern, anderseits zu den libyschen Untertanen
heissen: oi Karch /e/doni/o/n ?parch/e/ osoi tois aytois nomois
chr/o/ntai. Sonst heissen sie auch Bundes- symmachides poleis Diod. 20,
10) oder steuerpflichtige Staedte (Liv. 34, 62; Iust. 22, 7, 3). Ihr
Conubium mit den Karthagern erwaehnt Diodoros 20, 55; das Commercium
folgt aus den "gleichen Gesetzen". Dass die altphoenikischen Kolonien
zu den Libyphoenikern gehoeren, beweist die Bezeichnung Hippos als einer
libyphoenikischen Stadt (Liv. 25, 40); anderseits heisst es hinsichtlich
der von Karthago aus gegruendeten Ansiedlungen zum Beispiel im Periplus
des Hanno: "Es beschlossen die Karthager, dass Hanno jenseits der
Saeulen des Herkules schiffe und Staedte der Libyphoeniker gruende". Im
wesentlichen bezeichnen die Libyphoeniker bei den Karthagern nicht eine
nationale, sondern eine staatsrechtliche Kategorie. Damit kann es recht
wohl bestehen, dass der Name grammatisch die mit Libyern gemischten
Phoeniker bezeichnet (Liv. 21, 22, Zusatz zum Text des Polybios); wie
denn in der Tat wenigstens bei der Anlage sehr exponierter Kolonien den
Phoenikern haeufig Libyer beigegeben wurden (Diod. 13, 79; Cic. Scaur.
42). Die Analogie im Namen und im Rechtsverhaeltnis zwischen den
Latinern Roms und den Libyphoenikern Karthagos ist unverkennbar. ^2
Das libysche oder numidische Alphabet, das heisst dasjenige, womit die
Berber ihre nichtsemitische Sprache schrieben und schreiben, eines
der zahllosen aus dem aramaeischen Uralphabet abgeleiteten, scheint
allerdings diesem in einzelnen Formen naeher zu stehen als das
phoenikische; aber es folgt daraus noch keineswegs, dass die Libyer
die Schrift nicht von den Phoenikern, sondern von aelteren Einwanderern
erhielten, so wenig als die teilweise aelteren Formen der italischen
Alphabete diese aus dem griechischen abzuleiten verbieten. Vielmehr
wird die Ableitung des libyschen Alphabets aus dem phoenikischen einer
Periode des letzteren angehoeren, welche aelter ist als die, in der
die auf uns gekommenen Denkmaeler der phoenikischen Sprache geschrieben
wurden. ------------------------------------------------- Die Epoche,
in der diese Umwandlung Karthagos in die Hauptstadt von Libyen
stattgefunden hat, laesst sich um so weniger bestimmen, als die
Veraenderung ohne Zweifel stufenweise erfolgt ist. Der eben erwaehnte
Schriftsteller nennt als den Reformator der Nation den Hanno; wenn dies
derselbe ist, der zur Zeit des ersten Krieges mit Rom lebte, so kann
er nur als Vollender des neuen Systems angesehen werden, dessen
Durchfuehrung vermutlich das vierte und fuenfte Jahrhundert Roms
ausgefuellt hat. Mit dem Aufbluehen Karthagos Hand in Hand ging das
Sinken der grossen phoenikischen Staedte in der Heimat, von Sidon und
besonders von Tyros, dessen Bluete teils infolge innerer Bewegungen,
teils durch die Drangsale von aussen, namentlich die Belagerungen durch
Salmanassar im ersten, Nabukodrossor im zweiten, Alexander im fuenften
Jahrhundert Roms zugrunde gerichtet ward. Die edlen Geschlechter und
die alten Firmen von Tyros siedelten groesstenteils ueber nach der
gesicherten und bluehenden Tochterstadt und brachten dorthin ihre
Intelligenz, ihre Kapitalien und ihre Traditionen. Als die Phoeniker
mit Rom in Beruehrung kamen, war Karthago ebenso entschieden die erste
kanaanitische Stadt wie Rom die erste der latinischen Gemeinden. Aber
die Herrschaft ueber Libyen war nur die eine Haelfte der karthagischen
Macht; ihre See- und Kolonialherrschaft hatte gleichzeitig nicht minder
gewaltig sich entwickelt. In Spanien war der Hauptplatz der Phoeniker
die uralte tyrische Ansiedlung in Gades (Cadiz); ausserdem besassen sie
westlich und oestlich davon eine Kette von Faktoreien und im Innern das
Gebiet der Silbergruben, so dass sie etwa das heutige Andalusien und
Granada oder doch wenigstens die Kueste davon innehatten. Das Binnenland
den einheimischen kriegerischen Nationen abzugewinnen war man nicht
bemueht; man begnuegte sich mit dem Besitz der Bergwerke und der
Stationen fuer den Handel und fuer den Fisch- und Muschelfang und hatte
Muehe auch nur hier sich gegen die anwohnenden Staemme zu behaupten. Es
ist wahrscheinlich, dass diese Besitzungen nicht eigentlich karthagisch
waren, sondern tyrisch, und Gades nicht mitzaehlte unter den
tributpflichtigen Staedten Karthagos; doch stand es wie alle westlichen
Phoeniker tatsaechlich unter karthagischer Hegemonie, wie die von
Karthago den Gaditanern gegen die Eingeborenen gesandte Hilfe und
die Anlegung karthagischer Handelsniederlassungen westlich von Gades
beweist. Ebusus und die Balearen wurden dagegen von den Karthagern
selbst in frueher Zeit besetzt, teils der Fischereien wegen, teils als
Vorposten gegen die Massalioten, mit denen von hier aus die heftigsten
Kaempfe gefuehrt wurden. Ebenso setzten die Karthager schon am Ende
des zweiten Jahrhunderts Roms sich fest auf Sardinien, welches ganz
in derselben Art wie Libyen von ihnen ausgebeutet ward. Waehrend die
Eingeborenen sich in dem gebirgigen Innern der Insel der Verknechtung
zur Feldsklaverei entzogen wie die Numidier in Afrika an dem Saum der
Wueste, wurden nach Karalis (Cagliari) und anderen wichtigen Punkten
phoenikische Kolonien gefuehrt und die fruchtbaren Kuestenlandschaften
durch eingefuehrte libysche Ackerbauern verwertet. In Sizilien endlich
war zwar die Strasse von Messana und die groessere oestliche Haelfte der
Insel in frueher Zeit den Griechen in die Haende gefallen; allein den
Phoenikern blieben unter dem Beistand der Karthager teils die kleineren
Inseln in der Naehe, die Aegaten, Melite, Gaulos, Kossyra, unter denen
namentlich die Ansiedlung auf Malta reich und bluehend war, teils
die West- und Nordwestkueste Siziliens, wo sie von Motye, spaeter von
Lilybaeon aus die Verbindung mit Afrika, von Panormos und Soloeis aus
die mit Sardinien unterhielten. Das Innere der Insel blieb in dem
Besitz der Eingeborenen, der Elymer, Sikaner, Sikeler. Es hatte sich in
Sizilien, nachdem das weitere Vordringen der Griechen gebrochen war, ein
verhaeltnismaessig friedlicher Zustand hergestellt, den selbst die von
den Persern veranlasste Heerfahrt der Karthager gegen ihre griechischen
Nachbarn auf der Insel (274 480) nicht auf die Dauer unterbrach und
der im ganzen fortbestand bis auf die attische Expedition nach Sizilien
(339-341 415-413). Die beiden rivalisierenden Nationen bequemten sich,
einander zu dulden, und beschraenkten sich im wesentlichen jede auf ihr
Gebiet. Alle diese Niederlassungen und Besitzungen waren an sich wichtig
genug; allein noch von weit groesserer Bedeutung insofern, als sie
die Pfeiler der karthagischen Seeherrschaft wurden. Durch den Besitz
Suedspaniens, der Balearen, Sardiniens, des westlichen Sizilien und
Melites in Verbindung mit der Verhinderung hellenischer Kolonisierung,
sowohl an der spanischen Ostkueste als auf Korsika und in der Gegend der
Syrten machten die Herren der nordafrikanischen Kueste ihre See zu
einer geschlossenen und monopolisierten die westliche Meerenge. Nur
das Tyrrhenische und gallische Meer mussten die Phoeniker mit andern
Nationen teilen. Es war dies allenfalls zu ertragen, solange die
Etrusker und die Griechen sich hier das Gleichgewicht hielten; mit den
ersteren als den minder gefaehrlichen Nebenbuhlern trat Karthago
sogar gegen die Griechen in Buendnis. Indes als nach dem Sturz
der etruskischen Macht, den, wie es zu gehen pflegt bei derartigen
Notbuendnissen, Karthago wohl schwerlich mit aller Macht abzuwenden
bestrebt gewesen war, und nach der Vereitelung der grossen Entwuerfe
des Alkibiades Syrakus unbestritten dastand als die erste griechische
Seemacht, fingen begreiflicherweise nicht nur die Herren von Syrakus an,
nach der Herrschaft ueber Sizilien und Unteritalien und zugleich ueber
das Tyrrhenische und Adriatische Meer zu streben, sondern wurden auch
die Karthager gewaltsam in eine energischere Politik gedraengt. Das
naechste Ergebnis der langen und hartnaeckigen Kaempfe zwischen ihnen
und ihrem ebenso maechtigen als schaendlichen Gegner Dionysios von
Syrakus (348-389 406-365) war die Vernichtung oder Schwaechung der
sizilischen Mittelstaaten, die im Interesse beider Parteien lag und
die Teilung der Insel zwischen den Syrakusanern und den Karthagern. Die
bluehendsten Staedte der Insel: Selinus, Himera, Akragas, Gela, Messana,
wurden im Verlauf dieser heillosen Kaempfe von den Karthagern von Grund
aus zerstoert; nicht ungern sah Dionysios, wie das Hellenentum hier
zugrunde ging oder doch geknickt ward, um sodann, gestuetzt auf die
fremden, aus Italien, Gallien und Spanien angeworbenen Soeldner,
die veroedeten oder mit Militaerkolonien belegten Landschaften desto
sicherer zu beherrschen. Der Friede, der nach des karthagischen
Feldherrn Mago Sieg bei Kronion 371 (383) abgeschlossen ward und den
Karthagern die griechischen Staedte Thermae (das alte Himera), Egesta,
Herakleia Minoa, Selinus und einen Teil des Gebietes von Akragas bis an
den Halykos unterwarf, galt den beiden um den Besitz der Insel ringenden
Maechten nur als vorlaeufiges Abkommen; immer von neuem wiederholten
sich beiderseits die Versuche, den Nebenbuhler ganz zu verdraengen.
Viermal - zur Zeit des aelteren Dionysios 360 (394), in der Timoleons
410 (344), in der des Agathokles 445 (309), in der pyrrhischen 476
(278) - waren die Karthager Herren von ganz Sizilien bis auf Syrakus
und scheiterten an dessen festen Mauern; fast ebenso oft schienen
die Syrakusaner unter tuechtigen Fuehrern, wie der aeltere Dionysios,
Agathokles und Pyrrhos waren, ihrerseits ebenso nahe daran, die
Afrikaner von der Insel zu verdraengen. Mehr und mehr aber neigte sich
das Uebergewicht auf die Seite der Karthager, von denen regelmaessig der
Angriff ausging und die, wenn sie auch nicht mit roemischer Stetigkeit
ihr Ziel verfolgten, doch mit weit groesserer Planmaessigkeit und
Energie den Angriff betrieben als die von Parteien zerrissene und
abgehetzte Griechenstadt die Verteidigung. Mit Recht durften die
Phoeniker erwarten, dass nicht immer eine Pest oder ein fremder
Condottiere die Beute ihnen entreissen wuerde; und vorlaeufig war
wenigstens zur See der Kampf schon entschieden: Pyrrhos' Versuch, die
syrakusanische Flotte wiederherzustellen, war der letzte. Nachdem dieser
gescheitert war, beherrschte die karthagische Flotte ohne Nebenbuhler
das ganze westliche Mittelmeer; und ihre Versuche, Syrakus, Rhegion,
Tarent zu besetzen, zeigten, was man vermochte und wohin man zielte.
Hand in Hand damit ging das Bestreben, den Seehandel dieser Gegend
immer mehr sowohl dem Ausland wie den eigenen Untertanen gegenueber zu
monopolisieren; und es war nicht karthagische Art, vor irgendeiner zum
Zwecke fuehrenden Gewaltsamkeit zurueckzuscheuen. Ein Zeitgenosse
der Punischen Kriege, der Vater der Geographie Eratosthenes (479-560
275-194), bezeugt es, dass jeder fremde Schiffer, welcher nach Sardinien
oder nach der Gaditanischen Strasse fuhr, wenn er den Karthagern in
die Haende fiel, von ihnen ins Meer gestuerzt ward; und damit stimmt
es voellig ueberein, dass Karthago den roemischen Handelsschiffen die
spanischen, sardinischen und libyschen Haefen durch den Vertrag vom
Jahre 406 (348) freigab, dagegen durch den vom Jahre 448 (306) sie ihnen
mit Ausnahme des eigenen karthagischen saemtlich schloss. Die Verfassung
Karthagos bezeichnet Aristoteles, der etwa fuenfzig Jahre vor dein
Anfang des Ersten Punischen Krieges starb, als uebergegangen aus der
monarchischen in eine Aristokratie oder in eine zur Oligarchie sich
neigende Demokratie; denn mit beiden Namen benennt er sie. Die Leitung
der Geschaefte stand zunaechst bei dem Rat der Alten, welcher gleich
der spartanischen Gerusia bestand aus den beiden jaehrlich von der
Buergerschaft ernannten Koenigen und achtundzwanzig Gerusiasten, die
auch, wie es scheint, Jahr fuer Jahr von der Buergerschaft erwaehlt
wurden. Dieser Rat ist es, der im wesentlichen die Staatsgeschaefte
erledigt, zum Beispiel die Einleitungen zum Kriege trifft, die
Aushebungen und Werbungen anordnet, den Feldherrn ernennt und ihm
eine Anzahl Gerusiasten beiordnet, aus denen dann regelmaessig
die Unterbefehlshaber genommen werden; an ihn werden die Depeschen
adressiert. Ob neben diesem kleinen Rat noch ein grosser stand, ist
zweifelhaft; auf keinen Fall hatte er viel zu bedeuten. Ebensowenig
scheint den Koenigen ein besonderer Einfluss zugestanden zu haben;
hauptsaechlich funktionierten sie als Oberrichter, wie sie nicht
selten auch heissen (Schofeten, praetores). Groesser war die Gewalt des
Feldherrn; Isokrates, Aristoteles' aelterer Zeitgenosse, sagt, dass die
Karthager sich daheim oligarchisch, im Felde aber monarchisch regierten
und so mag das Amt des karthagischen Feldherrn mit Recht von roemischen
Schriftstellern als Diktatur bezeichnet werden, obgleich die
ihm beigegebenen Gerusiasten tatsaechlich wenigstens seine Macht
beschraenken mussten, und ebenso nach Niederlegung des Amtes ihn eine
den Roemern unbekannte ordentliche Rechenschaftslegung erwartete. Eine
feste Zeitgrenze bestand fuer das Amt des Feldherrn nicht, und es ist
derselbe also schon deshalb vom Jahrkoenig unzweifelhaft verschieden
gewesen, von dem ihn auch Aristoteles ausdruecklich unterscheidet; doch
war die Vereinigung mehrerer Aemter in einer Person bei den Karthagern
ueblich, und so kann es nicht befremden, dass oft derselbe Mann zugleich
als Feldherr und als Schofet erscheint. Aber ueber der Gerusia und
ueber den Beamten stand die Koerperschaft der Hundertvier-, kuerzer
Hundertmaenner oder der Richter, das Hauptbollwerk der karthagischen
Oligarchie. In der urspruenglichen karthagischen Verfassung fand
sie sich nicht, sondern sie war gleich dem spartanischen Ephorat
hervorgegangen aus der aristokratischen Opposition gegen die
monarchischen Elemente derselben. Bei der Kaeuflichkeit der Aemter und
der geringen Mitgliederzahl der hoechsten Behoerde drohte eine einzige
durch Reichtum und Kriegsruhm vor allen hervorleuchtende karthagische
Familie, das Geschlecht des Mago, die Verwaltung in Krieg und Frieden
und die Rechtspflege in ihren Haenden zu vereinigen; dies fuehrte
ungefaehr um die Zeit der Dezemvirn zu einer Aenderung der Verfassung
und zur Einsetzung dieser neuen Behoerde. Wir wissen, dass die
Bekleidung der Quaestur ein Anrecht gab zum Eintritt in die
Richterschaft, dass aber dennoch der Kandidat einer Wahl unterlag durch
gewisse sich selbst ergaenzende Fuenfmaennerschaften; ferner dass die
Richter, obwohl sie rechtlich vermutlich von Jahr zu Jahr gewaehlt
wurden, doch tatsaechlich laengere Zeit, ja lebenslaenglich im Amt
blieben, weshalb sie bei den Roemern und Griechen gewoehnlich Senatoren
genannt werden. So dunkel das einzelne ist, so klar erkennt man
das Wesen der Behoerde als einer aus aristokratischer Kooptation
hervorgehenden oligarchischen; wovon eine vereinzelte, aber
charakteristische Spur ist, dass in Karthago neben dem gemeinen
Buerger- ein eigenes Richterbad bestand. Zunaechst waren sie bestimmt
zu fungieren als politische Geschworene, die namentlich die Feldherren,
aber ohne Zweifel vorkommendenfalls auch die Schofeten und Gerusiasten
nach Niederlegung ihres Amtes zur Verantwortung zogen und nach
Gutduenken, oft in ruecksichtslos grausamer Weise, selbst mit dem
Tode bestraften. Natuerlich ging hier wie ueberall, wo die
Verwaltungsbehoerden unter Kontrolle einer anderen Koerperschaft
gestellt werden, der Schwerpunkt der Macht ueber von der kontrollierten
auf die kontrollierende Behoerde; und es begreift sich leicht, teils
dass die letztere allenthalben in die Verwaltung eingriff, wie denn zum
Beispiel die Gerusia wichtige Depeschen erst den Richtern vorlegt und
dann dem Volke, teils dass die Furcht vor der regelmaessig nach dem
Erfolg abgemessenen Kontrolle daheim den karthagischen Staatsmann wie
den Feldherrn in Rat und Tat laehmte. Die karthagische Buergerschaft
scheint, wenn auch nicht wie in Sparta ausdruecklich auf die passive
Assistenz bei den Staatshandlungen beschraenkt, doch tatsaechlich dabei
nur in einem sehr geringen Grade von Einfluss gewesen zu sein. Bei den
Wahlen in die Gerusia war ein offenkundiges Bestechungssystem Regel;
bei der Ernennung eines Feldherrn wurde das Volk zwar befragt, aber
wohl erst, wenn durch Vorschlag der Gerusia der Sache nach die Ernennung
erfolgt war; und in anderen Faellen ging man nur an das Volk, wenn die
Gerusia es fuer gut fand oder sich nicht einigen konnte. Volksgerichte
kannte man in Karthago nicht. Die Machtlosigkeit der Buergerschaft ward
wahrscheinlich wesentlich durch ihre politische Organisierung bedingt;
die karthagischen Tischgenossenschaften, die hierbei genannt und
den spartanischen Pheiditien verglichen werden, moegen oligarchisch
geleitete Zuenfte gewesen sein. Sogar ein Gegensatz zwischen
"Stadtbuergern" und "Handarbeitern" wird erwaehnt, der auf eine sehr
niedrige, vielleicht rechtlose Stellung der letzteren schliessen laesst.
Fassen wir die einzelnen Momente zusammen, so erscheint die karthagische
Verfassung als ein Kapitalistenregiment, wie es begreiflich ist bei
einer Buergergemeinde ohne wohlhabende Mittelklasse und bestehend
einerseits aus einer besitzlosen, von der Hand in den Mund lebenden
staedtischen Menge, anderseits aus Grosshaendlern, Plantagenbesitzern
und vornehmen Voegten. Das System, die heruntergekommenen Herren auf
Kosten der Untertanen wieder zu Vermoegen zu bringen, indem sie als
Schatzungsbeamte und Fronvoegte in die abhaengigen Gemeinden ausgesendet
werden, dieses unfehlbare Kennzeichen einer verrotteten staedtischen
Oligarchie, fehlt auch in Karthago nicht; Aristoteles bezeichnet es als
die wesentliche Ursache der erprobten Dauerhaftigkeit der karthagischen
Verfassung. Bis auf seine Zeit hatte in Karthago weder von oben noch
von unten eine nennenswerte Revolution stattgefunden; die Menge blieb
fuehrerlos infolge der materiellen Vorteile, welche die regierende
Oligarchie allen ehrgeizigen oder bedraengten Vornehmen zu bieten
imstande war und ward abgefunden mit den Brosamen, die in Form der
Wahlbestechung oder sonst von dem Herrentisch fuer sie abfielen. Eine
demokratische Opposition konnte freilich bei solchem Regiment nicht
mangeln; aber noch zur Zeit des Ersten Punischen Krieges war dieselbe
voellig machtlos. Spaeterhin, zum Teil unter dem Einfluss der erlittenen
Niederlagen, erscheint ihr politischer Einfluss im Steigen und in weit
rascherem, als gleichzeitig der der gleichartigen roemischen Partei:
die Volksversammlungen begannen in politischen Fragen die letzte
Entscheidung zu geben und brachen die Allmacht der karthagischen
Oligarchie. Nach Beendigung des Hannibalischen Krieges ward auf
Hannibals Vorschlag sogar durchgesetzt, dass kein Mitglied des Rates der
Hundert zwei Jahre nacheinander im Amte sein koenne und damit die volle
Demokratie eingefuehrt, welche allerdings nach der Lage der Dinge allein
Karthago zu retten vermochte, wenn es dazu ueberhaupt noch Zeit war.
In dieser Opposition herrschte ein maechtiger patriotischer und
reformierender Schwung; doch darf darueber nicht uebersehen werden,
auf wie fauler und morscher Grundlage sie ruhte. Die karthagische
Buergerschaft, die von kundigen Griechen der alexandrinischen verglichen
wird, war so zuchtlos, dass sie insofern es wohl verdient hatte,
machtlos zu sein; und wohl durfte gefragt werden, was da aus
Revolutionen fuer Heil kommen solle, wo, wie in Karthago, die Buben
sie machen halfen. In finanzieller Hinsicht behauptet Karthago in jeder
Beziehung unter den Staaten des Altertums den ersten Platz. Zur Zeit des
Peloponnesischen Krieges war diese phoenikische Stadt nach dem Zeugnis
des ersten Geschichtschreibers der Griechen allen griechischen Staaten
finanziell ueberlegen und werden ihre Einkuenfte denen des Grosskoenigs
verglichen; Polybios nennt sie die reichste Stadt der Welt. Von der
Intelligenz der karthagischen Landwirtschaft, welche Feldherren und
Staatsmaenner dort wie spaeter in Rom wissenschaftlich zu betreiben
und zu lehren nicht verschmaehten, legt ein Zeugnis ab die agronomische
Schrift des Karthagers Mago, welche von den spaeteren griechischen
und roemischen Landwirten durchaus als der Grundkodex der rationellen
Ackerwirtschaft betrachtet und nicht bloss ins Griechische uebersetzt,
sondern auch auf Befehl des roemischen Senats lateinisch bearbeitet
und den italischen Gutsbesitzern offiziell anempfohlen ward.
Charakteristisch ist die enge Verbindung dieser phoenikischen Acker- mit
der Kapitalwirtschaft; es wird als eine Hauptmaxime der phoenikischen
Landwirtschaft angefuehrt, nie mehr Land zu erwerben, als man intensiv
zu bewirtschaften vermoege. Auch der Reichtum des Landes an
Pferden, Rindern, Schafen und Ziegen, worin Libyen infolge seiner
Nomadenwirtschaft es nach Polybios' Zeugnis vielleicht allen uebrigen
Laendern der Erde damals zuvortat, kam den Karthagern zugute. Wie in der
Ausnutzung des Bodens die Karthager die Lehrmeister der Roemer waren,
wurden sie es auch in der Ausbeutung der Untertanen; durch diese floss
nach Karthago mittelbar die Grundrente "des besten Teils von Europa" und
der reichen, zum Teil, zum Beispiel in der Byzakitis und an der Kleinen
Syrte, ueberschwenglich gesegneten nordafrikanischen Landschaft. Der
Handel, der in Karthago von jeher als ehrenhaftes Gewerbe galt, und die
auf Grund des Handels aufbluehende Reederei und Fabrikation brachten
schon im natuerlichen Laufe der Dinge den dortigen Ansiedlern jaehrlich
goldene Ernten, und es ist frueher schon bezeichnet worden, wie man
durch ausgedehnte und immer gesteigerte Monopolisierung nicht bloss
aus dem Aus-, sondern auch aus dem Inland allen Handel des westlichen
Mittelmeeres und den ganzen Zwischenhandel zwischen dem Westen und
Osten mehr und mehr in diesem einzigen Hafen zu konzentrieren verstand.
Wissenschaft und Kunst scheinen in Karthago, wie spaeterhin in Rom,
zwar wesentlich durch hellenischen Einfluss bestimmt, aber nicht
vernachlaessigt worden zu sein; es gab eine ansehnliche phoenikische
Literatur und bei Eroberung der Stadt fanden sich reiche, freilich
nicht in Karthago geschaffene, sondern aus den sizilischen Tempeln
weggefuehrte Kunstschaetze und betraechtliche Bibliotheken vor. Aber
auch der Geist stand hier im Dienste des Kapitals; was von der
Literatur hervorgehoben wird, sind vornehmlich die agronomischen und
geographischen Schriften, wie das schon erwaehnte Werk des Mago und
der noch in Uebersetzung vorhandene, urspruenglich in einem der
karthagischen Tempel oeffentlich aufgestellte Bericht des Admirals
Hanno von seiner Beschiffung der westafrikanischen Kueste. Selbst die
allgemeine Verbreitung gewisser Kenntnisse und besonders der Kunde
fremder Sprachen ^3, worin das Karthago dieser Zeit ungefaehr mit dem
kaiserlichen Rom auf einer Linie gestanden haben mag, zeugt von der
durchaus praktischen Richtung, welche der hellenischen Bildung in
Karthago gegeben ward. Wenn es schlechterdings unmoeglich ist, von der
Kapitalmasse sich eine Vorstellung zu machen, die in diesem London des
Altertums zusammenstroemte, so kann wenigstens von den oeffentlichen
Einnahmequellen einigermassen einen Begriff geben, dass trotz des
kostspieligen Systems, nach dem Karthago sein Kriegswesen organisiert
hatte, und trotz der sorg- und treulosen Verwaltung des Staatsguts
dennoch die Beisteuern der Untertanen und die Zollgefaelle die Ausgaben
vollstaendig deckten und von den Buergern direkte Steuern nicht erhoben
wurden; ja dass noch nach dem Zweiten Punischen Kriege, als die Macht
des Staates schon gebrochen war, die laufenden Ausgaben und
eine jaehrliche Abschlagszahlung nach Rom von 340000 Talern ohne
Steuerausschreibung bloss durch eine einigermassen geregelte
Finanzwirtschaft gedeckt werden konnten und vierzehn Jahre nach
dem Frieden der Staat zur sofortigen Erlegung der noch uebrigen
sechsunddreissig Termine sich erbot. Aber es ist nicht bloss die
Summe der Einkuenfte, in der sich die Ueberlegenheit der karthagischen
Finanzwirtschaft ausspricht; auch die oekonomischen Grundsaetze einer
spaeteren und vorgeschritteneren Zeit finden wir hier allein unter
allen bedeutenderen Staaten des Altertums: es ist von auslaendischen
Staatsanleihen die Rede, und im Geldsystem finden wir neben Gold- und
Silber- ein dem Stoff nach wertloses Zeichengeld erwaehnt, welches in
dieser Weise sonst dem Altertum fremd ist. In der Tat, wenn der Staat
eine Spekulation waere, nie haette einer glaenzender seine Aufgabe
geloest als Karthago. ------------------------------------ ^3 Der
Wirtschafter auf dem Landgut, obwohl Sklave, muss dennoch, nach der
Vorschrift des karthagischen Agronomen Mago (bei Varro rast. 1, 17),
lesen koennen und einige Bildung besitzen. Im Prolog des Plautinischen
'Poeners' heisst es von dem Titelhelden: Die Sprachen alle kann er, aber
tut, als koenn' Er keine - ein Poener ist es durchaus; was wollt ihr
mehr? ------------------------------------- Vergleichen wir die Macht
der Karthager und der Roemer. Beide waren Acker- und Kaufstaedte und
lediglich dieses; die durchaus untergeordnete und durchaus praktische
Stellung von Kunst und Wissenschaft war in beiden wesentlich dieselbe,
nur dass in dieser Hinsicht Karthago weiter vorgeschritten war als
Rom. Aber in Karthago hatte die Geld- ueber die Grundwirtschaft, in Rom
damals noch die Grund- ueber die Geldwirtschaft das Uebergewicht,
und wenn die karthagischen Ackerwirte durchgaengig grosse Guts- und
Sklavenbesitzer waren, bebaute in dem Rom dieser Zeit die grosse Masse
der Buergerschaft noch selber das Feld. Die Mehrzahl der Bevoelkerung
war in Rom besitzend, das ist konservativ, in Karthago besitzlos und
dem Golde der Reichen wie dem Reformruf der Demokraten zugaenglich. In
Karthago herrschte schon die ganze, maechtigen Handelsstaedten eigene
Opulenz, waehrend Sitte und Polizei in Rom wenigstens aeusserlich noch
altvaeterische Strenge und Sparsamkeit aufrecht erhielten. Als die
karthagischen Gesandten von Rom zurueckkamen, erzaehlten sie ihren
Kollegen, dass das innige Verhaeltnis der roemischen Ratsherren
zueinander alle Vorstellung uebersteige; ein einziges silbernes
Tafelgeschirr reiche aus fuer den ganzen Rat und sei in jedem Haus,
wo man sie zu Gaste geladen, ihnen wieder begegnet. Der Spott ist
bezeichnend fuer die beiderseitigen wirtschaftlichen Zustaende. Beider
Verfassung war aristokratisch; wie der Senat in Rom regierten die
Richter in Karthago und beide nach dem gleichen Polizeisystem. Die
strenge Abhaengigkeit, in welcher die karthagische Regierungsbehoerde
den einzelnen Beamten hielt, der Befehl derselben an die Buerger, sich
des Erlernens der griechischen Sprache unbedingt zu enthalten und
mit einem Griechen nur vermittels des oeffentlichen Dolmetschers
zu verkehren, sind aus demselben Geiste geflossen wie das roemische
Regierungssystem; aber gegen die grausame Haerte und die ans Alberne
streifende Unbedingtheit solcher karthagischen Staatsbevormundung
erscheint das roemische Bruechen- und Ruegesystem mild und verstaendig.
Der roemische Senat, welcher der eminenten Tuechtigkeit sich oeffnete
und im besten Sinn die Nation vertrat, durfte ihr auch vertrauen und
brauchte die Beamten nicht zu fuerchten. Der karthagische Senat dagegen
beruhte auf einer eifersuechtigen Kontrolle der Verwaltung durch die
Regierung und vertrat ausschliesslich die vornehmen Familien; sein Wesen
war das Misstrauen noch oben wie nach unten und darum konnte er weder
sicher sein, dass das Volk ihm folgte, wohin er fuehrte, noch unbesorgt
vor Usurpationen der Beamten. Daher der feste Gang der roemischen
Politik, die im Unglueck keinen Schritt zurueckwich und die Gunst des
Glueckes nicht verscherzte durch Fahrlaessigkeit und Halbheit; waehrend
die Karthager vom Kampf abstanden, wo eine letzte Anstrengung
vielleicht alles gerettet haette, und, der grossen nationalen Aufgaben
ueberdruessig oder vergessen, den halbfertigen Bau einstuerzen liessen,
um nach wenigen Jahren von vorn zu beginnen. Daher ist der tuechtige
Beamte in Rom regelmaessig im Einverstaendnis mit seiner Regierung,
in Karthago haeufig in entschiedener Fehde mit den Herren daheim und
gedraengt, sich ihnen verfassungswidrig zu widersetzen und mit der
opponierenden Reformpartei gemeinschaftliche Sache zu machen. Karthago
wie Rom beherrschten ihre Stammgenossen und zahlreiche stammfremde
Gemeinden. Aber Rom hatte einen Distrikt nach dem andern in sein
Buergerrecht aufgenommen und den latinischen Gemeinden selbst gesetzlich
Zugaenge zu demselben eroeffnet; Karthago schloss von Haus aus sich
ab und liess den abhaengigen Distrikten nicht einmal die Hoffnung auf
dereinstige Gleichstellung. Rom goennte den stammverwandten Gemeinden
Anteil an den Fruechten des Sieges, namentlich an den gewonnenen
Domaenen, und suchte in den uebrigen untertaenigen Staaten durch
materielle Beguenstigung der Vornehmen und Reichen wenigstens eine
Partei in das Interesse Roms zu ziehen; Karthago behielt nicht bloss
fuer sich, was die Siege einbrachten, sondern entriss sogar den Staedten
besten Rechts die Handelsfreiheit. Rom nahm der Regel nach nicht einmal
den unterworfenen Gemeinden die Selbstaendigkeit ganz und legte keiner
eine feste Steuer auf; Karthago sandte seine Voegte ueberall hin
und belastete selbst die altphoenikischen Staedte mit schwerem Zins,
waehrend die unterworfenen Staemme faktisch als Staatssklaven behandelt
wurden. So war im karthagisch-afrikanischen Staatsverband nicht eine
einzige Gemeinde mit Ausnahme von Utica, die nicht durch den Sturz
Karthagos politisch und materiell sich verbessert haben wuerde; in dem
roemisch-italischen nicht eine einzige, die bei der Auflehnung gegen
ein Regiment, das die materiellen Interessen sorgfaeltig schonte und die
politische Opposition wenigstens nirgend durch aeusserste Massregeln zum
Kampf herausforderte, nicht noch mehr zu verlieren gehabt haette als
zu gewinnen. Wenn die karthagischen Staatsmaenner meinten, die
phoenikischen Untertanen durch die groessere Furcht vor den empoerten
Libyern, die saemtlichen Besitzenden durch das Zeichengeld an das
karthagische Interesse geknuepft zu haben, so uebertrugen sie einen
kaufmaennischen Kalkuel dahin, wo er nicht hingehoert; die Erfahrung
bewies, dass die roemische Symmachie trotz ihrer scheinbar loseren
Fuegung gegen Pyrrhos zusammenhielt wie eine Mauer aus Felsenstuecken,
die karthagische dagegen wie Spinneweben zerriss, sowie ein feindliches
Heer den afrikanischen Boden betrat. So geschah es bei den Landungen.
von Agathokles und von Regulus und ebenso im Soeldnerkrieg; von dem
Geiste, der in Afrika herrschte, zeugt zum Beispiel, dass die libyschen
Frauen den Soeldnern freiwillig ihren Schmuck steuerten zum Kriege gegen
Karthago. Nur in Sizilien scheinen die Karthager milder aufgetreten zu
sein und darum auch bessere Ergebnisse erlangt zu haben. Sie gestatteten
ihren Untertanen hier verhaeltnismaessige Freiheit im Handel mit dem
Ausland und liessen sie ihren inneren Verkehr wohl von Anfang an und
ausschliesslich mit Metallgeld treiben, ueberhaupt bei weitem freier
sich bewegen, als dies den Sarden und Libyern erlaubt ward. Waere
Syrakus in ihre Haende gefallen, so haette sich freilich dies
bald geaendert; indes dazu kam es nicht, und so bestand, bei der
wohlberechneten Milde des karthagischen Regiments und bei der unseligen
Zerrissenheit der sizilischen Griechen, in Sizilien in der Tat eine
ernstlich phoenikisch gesinnte Partei - wie denn zum Beispiel noch nach
dem Verlust der Insel an die Roemer Philinos von Akragas die Geschichte
des grossen Krieges durchaus im phoenikischen Sinne schrieb. Aber im
ganzen mussten doch auch die Sizilianer als Untertanen wie als Hellenen
ihren phoenikischen Herren wenigstens ebenso abgeneigt sein wie den
Roemern die Samniten und Tarentiner. Finanziell ueberstiegen die
karthagischen Staatseinkuenfte ohne Zweifel um vieles die roemischen;
allein dies glich zum Teil sich wieder dadurch aus, dass die Quellen der
karthagischen Finanzen, Tribute und Zoelle weit eher und eben, wenn man
sie am noetigsten brauchte, versiegten als die roemischen, und dass
die karthagische Kriegfuehrung bei weitem kostspieliger war als die
roemische. Die militaerischen Hilfsmittel der Roemer und Karthager waren
sehr verschieden, jedoch in vieler Beziehung nicht ungleich abgewogen.
Die karthagische Buergerschaft betrug noch bei Eroberung der Stadt
700000 Koepfe mit Einschluss der Frauen und Kinder ^4 und mochte am
Ende des fuenften Jahrhunderts wenigstens ebenso zahlreich sein; sie
vermochte im fuenften Jahrhundert im Notfall ein Buergerheer von 40 000
Hopliten auf die Beine zu bringen. Ein ebenso starkes Buergerheer
hatte Rom schon im Anfang des fuenften Jahrhunderts unter gleichen
Verhaeltnissen ins Feld geschickt; seit den grossen Erweiterungen des
Buergergebiets im Laufe des fuenften Jahrhunderts musste die Zahl der
waffenfaehigen Vollbuerger mindestens sich verdoppelt haben. Aber
weit mehr noch als der Zahl der Waffenfaehigen nach war Rom in dem
Effektivstand des Buergermilitaers ueberlegen. So sehr die karthagische
Regierung auch es sich angelegen sein liess, die Buerger zum
Waffendienst zu bestimmen, so konnte sie doch weder dem Handwerker
und Fabrikarbeiter den kraeftigen Koerper des Landmanns geben noch den
angeborenen Widerwillen der Phoeniker vor dem Kriegswerk ueberwinden. Im
fuenften Jahrhundert focht in den sizilischen Heeren noch eine "heilige
Schar" von 2500 Karthagern als Garde des Feldherrn; im sechsten findet
sich in den karthagischen Heeren, zum Beispiel in dem spanischen, mit
Ausnahme der Offiziere nicht ein einziger Karthager. Dagegen standen die
roemischen Bauern keineswegs bloss in den Musterrollen, sondern auch auf
den Schlachtfeldern. Aehnlich verhielt es sich mit den Stammverwandten
der beiden Gemeinden; waehrend die Latiner den Roemern nicht mindere
Dienste leisteten als ihre Buergertruppen, waren die Libyphoeniker
ebensowenig kriegstuechtig wie die Karthager und begreiflicherweise noch
weit weniger kriegslustig, und so verschwinden auch sie aus den Heeren,
indem die zuzugspflichtigen Staedte ihre Verbindlichkeit vermutlich mit
Geld abkauften. In dem eben erwaehnten spanischen Heer von etwa 15000
Mann bestand nur eine einzige Reiterschar von 450 Mann und auch diese
nur zum Teil aus Libyphoenikern. Den Kern der karthagischen Armeen
bildeten die libyscher. Untertanen, aus deren Rekruten sich unter
tuechtigen Offizieren ein gutes Fussvolk bilden liess und deren leichte
Reiterei in ihrer Art unuebertroffen war. Dazu kamen die Mannschaften
der mehr oder minder abhaengigen Voelkerschaften Libyens und Spaniens
und die beruehmten Schleuderer von den Balearen, deren Stellung zwischen
Bundeskontingenten und Soeldnerscharen die Mitte gehalten zu haben
scheint; endlich im Notfall die im Ausland angeworbene Soldateska. Ein
solches Heer konnte der Zahl nach ohne Muehe fast auf jede beliebige
Staerke gebracht werden und auch an Tuechtigkeit der Offiziere, an
Waffenkunde und Mut faehig sein, mit dem roemischen sich zu messen;
allein nicht bloss verstrich, wenn Soeldner angenommen werden mussten,
ehe dieselben bereit standen, eine gefaehrlich lange Zeit, waehrend die
roemische Miliz jeden Augenblick auszuruecken imstande war, sondern,
was die Hauptsache ist, waehrend die karthagischen Heere nichts
zusammenhielt als die Fahnenehre und der Vorteil, fanden sich die
roemischen durch alles vereinigt, was sie an das gemeinsame Vaterland
band. Dem karthagischen Offizier gewoehnlichen Schlages galten seine
Soeldner, ja selbst die libyschen Bauern ungefaehr soviel wie heute im
Krieg die Kanonenkugeln; daher Schaendlichkeiten, wie zum Beispiel der
Verrat der libyschen Truppen durch ihren Feldherrn Himilko 358 (396),
der einen gefaehrlichen Aufstand der Libyer zur Folge hatte, und daher
jener zum Sprichwort gewordene Ruf der "punischen Treue", der den
Karthagern nicht wenig geschadet hat. Alles Unheil, welches Fellah- und
Soeldnerheere ueber einen Staat bringen koennen, hat Karthago in vollem
Masse erfahren und mehr als einmal seine bezahlten Knechte
gefaehrlicher erfunden als seine Feinde.
--------------------------------------------------- ^4 Man hat an der
Richtigkeit dieser Zahl gezweifelt und mit Ruecksicht auf den Raum
die moegliche Einwohnerzahl auf hoechstens 250000 Koepfe berechnet.
Abgesehen von der Unsicherheit derartiger Berechnungen, namentlich
in einer Handelsstadt mit sechsstoeckigen Haeusern, ist dagegen zu
erinnern, dass die Zaehlung wohl politisch zu verstehen ist, nicht
staedtisch, ebenso wie die roemischen Zensuszahlen, und dass dabei
also alle Karthager gezaehlt sind, mochten sie in der Stadt oder in
der Umgegend wohnen oder im untertaenigen Gebiet oder im Ausland sich
aufhalten. Solcher Abwesenden gab es natuerlich eine grosse Zahl in
Karthago; wie denn ausdruecklich berichtet wird, dass in Gades aus
gleichem Grunde die Buergerliste stets eine weit hoehere Ziffer wies
als die der in Gades ansaessigen Buerger war.
---------------------------------------------- Die Maengel dieses
Heerwesens konnte die karthagische Regierung nicht verkennen und
suchte sie allerdings auf jede Weise wieder einzubringen. Man hielt
auf gefuellte Kassen und gefuellte Zeughaeuser, um jederzeit Soeldner
ausstatten zu koennen. Man wandte grosse Sorgfalt auf das, was bei den
Alten die heutige Artillerie vertrat: den Maschinenbau, in welcher Waffe
wir die Karthager den Sikelioten regelmaessig ueberlegen finden, und die
Elefanten, seit diese im Kriegswesen die aelteren Streitwagen verdraengt
hatten; in den Kasematten Karthagos befanden sich Stallungen fuer 300
Elefanten. Die abhaengigen Staedte zu befestigen, konnte man freilich
nicht wagen und musste es geschehen lassen, dass jedes in Afrika
gelandete feindliche Heer mit dem offenen Lande auch die Staedte
und Flecken gewann; recht im Gegensatz zu Italien, wo die meisten
unterworfenen Staedte ihre Mauern behalten hatten und eine Kette
roemischer Festungen die ganze Halbinsel beherrschte. Dagegen fuer die
Befestigung der Hauptstadt bot man auf, was Geld und Kunst vermochten;
und mehrere Male rettete den Staat nichts als die Staerke der
karthagischen Mauern, waehrend Rom politisch und militaerisch so
gesichert war, dass es eine foermliche Belagerung niemals erfahren hat.
Endlich das Hauptbollwerk des Staats war die Kriegsmarine, auf die man
die groesste Sorgfalt verwandte. Im Bau wie in der Fuehrung der Schiffe
waren die Karthager den Griechen ueberlegen; in Karthago zuerst baute
man Schiffe mit mehr als drei Ruderverdecken, und die karthagischen
Kriegsfahrzeuge, in dieser Zeit meistens Fuenfdecker, waren in der
Regel bessere Segler als die griechischen, die Ruderer, saemtlich
Staatssklaven, die nicht von den Galeeren kamen, vortrefflich
eingeschult und die Kapitaene gewandt und furchtlos. In dieser Beziehung
war Karthago entschieden den Roemern ueberlegen, die mit den wenigen
Schiffen der verbuendeten Griechen und den wenigeren eigenen nicht
imstande waren, sich in der offenen See auch nur zu zeigen gegen die
Flotte, die damals unbestritten das westliche Meer beherrschte. Fassen
wir schliesslich zusammen, was die Vergleichung der Mittel der beiden
grossen Maechte ergibt, so rechtfertigt sich wohl das Urteil eines
einsichtigen und unparteiischen Griechen, dass Karthago und Rom, da der
Kampf zwischen ihnen begann, im allgemeinen einander gewachsen waren.
Allein wir koennen nicht unterlassen hinzuzufuegen, dass Karthago wohl
aufgeboten hatte, was Geist und Reichtum vermochten, um kuenstliche
Mittel zum Angriff und zur Verteidigung sich zu erschaffen, aber dass
es nicht imstande gewesen war, die Grundmaengel des fehlenden eigenen
Landheers und der nicht auf eigenen Fuessen stehenden Symmachie in
irgend ausreichender Weise zu ersetzen. Dass Rom nur in Italien,
Karthago nur in Libyen ernstlich angegriffen werden konnte, liess sich
nicht verkennen; und ebensowenig, dass Karthago auf die Dauer einem
solchen Angriff nicht entgehen konnte. Die Flotten waren in jener Zeit
der Kindheit der Schiffahrt noch nicht bleibendes Erbgut der Nationen,
sondern liessen sich herstellen, wo es Baeume, Eisen und Wasser gab;
dass selbst maechtige Seestaaten nicht imstande waren, den zur See
schwaecheren Feinden die Landung zu wehren, war einleuchtend und in
Afrika selbst mehrfach erprobt worden. Seit Agathokles den Weg dahin
gezeigt hatte, konnte auch ein roemischer General ihn finden, und
waehrend in Italien mit dem Einruecken einer Invasionsarmee der Krieg
begann, war er in Libyen im gleichen Fall zu Ende und verwandelte sich
in eine Belagerung, in der, wenn nicht besondere Zufaelle eintraten,
auch der hartnaeckigste Heldenmut endlich unterliegen musste. 2. Kapitel
Der Krieg um Sizilien zwischen Rom und Karthago Seit mehr als einem
Jahrhundert verheerte die Fehde zwischen den Karthagern und den
syrakusanischen Herren die schoene sizilische Insel. Von beiden Seiten
ward der Krieg gefuehrt einerseits mit politischem Propagandismus, indem
Karthago Verbindungen unterhielt mit der aristokratisch-republikanischen
Opposition in Syrakus, die syrakusanischen Dynasten mit
der Nationalpartei in den Karthago zinspflichtig gewordenen
Griechenstaedten; anderseits mit Soeldnerheeren, mit welchen Timoleon
und Agathokles ebensowohl ihre Schlachten schlugen wie die phoenikischen
Feldherren. Und wie man auf beiden Seiten mit gleichen Mitteln focht,
ward auch auf beiden Seiten mit gleicher, in der okzidentalischen
Geschichte beispielloser Ehr- und Treulosigkeit gestritten. Die
unterliegende Partei waren die Syrakusier. Noch im Frieden von 440 (314)
hatte Karthago sich beschraenkt auf das Drittel der Insel westlich von
Herakleia, Minoa und Himera und hatte ausdruecklich die Hegemonie
der Syrakusier ueber saemtliche oestliche Staedte anerkannt. Pyrrhos'
Vertreibung aus Sizilien und Italien (479 275) liess die bei weitem
groessere Haelfte der Insel und vor allem das wichtige Akragas in
Karthagos Haenden; den Syrakusiern blieb nichts als Tauromenion und der
Suedosten der Insel. In der zweiten grossen Stadt an der Ostkueste, in
Messana, hatte eine fremdlaendische Soldatenschar sich festgesetzt
und behauptete die Stadt, unabhaengig von den Syrakusiern wie von den
Karthagern. Es waren kampanische Landsknechte, die in Messana geboten.
Das bei den in und um Capua angesiedelten Sabellern eingerissene wueste
Wesen (I, 368) hatte im vierten und fuenften Jahrhundert aus Kampanien
gemacht, was spaeter Aetolien, Kreta, Lakonien waren: den allgemeinen
Werbeplatz fuer die soeldnersuchenden Fuersten und Staedte. Die von
den kampanischen Griechen dort ins Leben gerufene Halbkultur, die
barbarische Ueppigkeit des Lebens in Capua und den uebrigen kampanischen
Staedten, die politische Ohnmacht, zu der die roemische Hegemonie sie
verurteilte, ohne ihnen doch durch ein straffes Regiment die Verfuegung
ueber sich selbst vollstaendig zu entziehen - alles dies trieb die
kampanische Jugend scharenweise unter die Fahnen der Werbeoffiziere; und
es versteht sich, dass der leichtsinnige und gewissenlose Selbstverkauf
hier wie ueberall die Entfremdung von der Heimat, die Gewoehnung an
Gewalttaetigkeit und Soldatenunfug und die Gleichgueltigkeit gegen den
Treuebruch im Gefolge hatte. Warum eine Soeldnerschar sich der ihrer
Hut anvertrauten Stadt nicht fuer sich selbst bemaechtigen solle,
vorausgesetzt nur, dass sie dieselbe zu behaupten imstande sei,
leuchtete diesen Kampanern nicht ein - hatten doch die Samniten in Capua
selbst, die Lucaner in einer Reihe griechischer Staedte ihre Herrschaft
in nicht viel ehrenhafterer Weise begruendet. Nirgend luden die
politischen Verhaeltnisse mehr zu solchen Unternehmungen ein als in
Sizilien; schon die waehrend des Peloponnesischen Krieges nach Sizilien
gelangten kampanischen Hauptleute hatten in Entella und Aetna in solcher
Art sich eingenistet. Etwa um das Jahr 470 (284) setzte ein kampanischer
Trupp, der frueher unter Agathokles gedient hatte und nach dessen Tode
(465 289) das Raeuberhandwerk auf eigene Rechnung trieb, sich fest in
Messana, der zweiten Stadt des griechischen Siziliens und dem Hauptsitz
der antisyrakusanischen Partei in dem noch von Griechen beherrschten
Teile der Insel. Die Buerger wurden erschlagen oder vertrieben, die
Frauen und Kinder und die Haeuser derselben unter die Soldaten verteilt
und die neuen Herren der Stadt, die "Marsmaenner", wie sie sich nannten,
oder die Mamertiner wurden bald die dritte Macht der Insel, deren
nordoestlichen Teil sie in den wuesten Zeiten nach Agathokles' Tode sich
unterwarfen. Die Karthager sahen nicht ungern diese Vorgaenge, durch
welche die Syrakusier anstatt einer stammverwandten und in der Regel
ihnen verbuendeten oder untertaenigen Stadt einen neuen und maechtigen
Gegner in naechster Naehe erhielten; mit karthagischer Hilfe behaupteten
die Mamertiner sich gegen Pyrrhos und der unzeitige Abzug des Koenigs
gab ihnen ihre ganze Macht zurueck. Es ziemt der Historie weder, den
treulosen Frevel zu entschuldigen, durch den sie der Herrschaft sich
bemaechtigten, noch zu vergessen, dass der Gott, der die Suende der
Vaeter straft bis ins vierte Glied, nicht der Gott der Geschichte
ist. Wer sich berufen fuehlt, die Suenden anderer zu richten, mag die
Menschen verdammen; fuer Sizilien konnte es heilbringend sein, dass hier
eine streitkraeftige und der Insel eigene Macht sich zu bilden anfing,
die schon bis achttausend Mann ins Feld zu stellen vermochte und die
allmaehlich sich in den Stand setzte, den Kampf, welchem die trotz der
ewigen Kriege sich immer mehr der Waffen entwoehnenden Hellenen nicht
mehr gewachsen waren, zu rechter Zeit gegen die Auslaender mit eigenen
Kraeften aufzunehmen. Zunaechst indes kam es anders. Ein junger
syrakusanischer Offizier, der durch seine Abstammung aus dem Geschlechte
Gelons und durch seine engen verwandtschaftlichen Beziehungen zum Koenig
Pyrrhos ebenso sehr wie durch die Auszeichnung, mit der er in dessen
Feldzuegen gefochten hatte, die Blicke seiner Mitbuerger wie die der
syrakusanischen Soldateska auf sich gelenkt hatte, Hieron, des Hierokles
Sohn, ward durch eine militaerische Wahl an die Spitze des mit den
Buergern hadernden Heeres gerufen (479/80 275/74). Durch seine kluge
Verwaltung, sein adliges Wesen und seinen maessigen Sinn gewann er
schnell sich die Herzen der syrakusanischen, des schaendlichsten
Despotenunfugs gewohnten Buergerschaft und ueberhaupt der sizilischen
Griechen. Er entledigte sich, freilich auf treulose Weise, des
unbotmaessigen Soeldnerheeres, regenerierte die Buergermiliz und
versuchte, anfangs mit dem Titel als Feldherr, spaeter als Koenig,
mit den Buergertruppen und frischen und lenksameren Geworbenen die
tiefgesunkene hellenische Macht wiederherzustellen. Mit den Karthagern,
die im Einverstaendnis mit den Griechen den Koenig Pyrrhos von der
Insel vertrieben hatten, war damals Friede; die naechsten Feinde der
Syrakusier waren die Mamertiner, die Stammgenossen der verhassten, vor
kurzem ausgerotteten Soeldner, die Moerder ihrer griechischen Wirte,
die Schmaelerer des syrakusanischen Gebiets, die Zwingherren und
Brandschatzer einer Menge kleinerer griechischer Staedte. Im Bunde
mit den Roemern, die eben um diese Zeit gegen die Bundes-, Stamm- und
Frevelgenossen der Mamertiner, die Kampaner in Rhegion, ihre Legionen
schickten, wandte Hieron sich gegen Messana. Durch einen grossen Sieg,
nach welchem Hieron zum Koenig der Sikelioten ausgerufen ward (484 270),
gelang es, die Mamertiner in ihre Staedte einzuschliessen, und nachdem
die Belagerung einige Jahre gewaehrt hatte, sahen die Mamertiner sich
aufs aeusserste gebracht und ausserstande, die Stadt gegen Hieron
laenger mit eigenen Kraeften zu behaupten. Dass eine Uebergabe auf
Bedingungen nicht moeglich war und das Henkerbeil, das die rheginischen
Kampaner in Rom getroffen hatte, ebenso sicher in Syrakus der
messanischen wartete, leuchtete ein; die einzige Rettung war die
Auslieferung der Stadt entweder an die Karthager oder an die Roemer,
denen beiden hinreichend gelegen sein musste an der Eroberung des
wichtigen Platzes, um ueber alle anderen Bedenken hinwegzusehen. Ob es
vorteilhafter sei, den Herren Afrikas oder den Herren Italiens sich zu
ergeben, war zweifelhaft; nach langem Schwanken entschied sich
endlich die Majoritaet der kampanischen Buergerschaft, den Besitz
der meerbeherrschenden Festung den Roemern anzutragen. Es war ein
weltgeschichtlicher Moment von der tiefsten Bedeutung, als die Boten
der Mamertiner im roemischen Senat erschienen. Zwar was alles an dem
ueberschreiten des schmalen Meerarms hing, konnte damals niemand ahnen;
aber dass an diese Entscheidung, wie sie immer ausfiel, ganz andere und
wichtigere Folgen sich knuepfen wuerden als an irgendeinen der bisher
vom Senat gefassten Beschluesse, musste jedem der ratschlagenden Vaeter
der Stadt offenbar sein. Streng rechtliche Maenner freilich mochten
fragen, wie es moeglich sei, ueberhaupt zu ratschlagen; wie man daran
denken koenne, nicht bloss das Buendnis mit Hieron zu brechen, sondern,
nachdem eben erst die rheginischen Kampaner mit gerechter Haerte von
den Roemern bestraft worden waren, jetzt ihre nicht weniger schuldigen
sizilischen Spiessgesellen zum Buendnis und zur Freundschaft von Staats
wegen zuzulassen und sie der verdienten Strafe zu entziehen. Man gab
damit ein Aergernis, das nicht bloss den Gegnern Stoff zu Deklamationen
liefern, sondern auch sittliche Gemueter ernstlich empoeren musste.
Allein wohl mochte auch der Staatsmann, dem die politische Moral
keineswegs bloss eine Phrase war, zurueckfragen, wie man roemische
Buerger, die den Fahneneid gebrochen und roemische Bundesgenossen
hinterlistig gemordet hatten, gleichstellen koenne mit Fremden, die
gegen Fremde gefrevelt haetten, wo jenen zu Richtern, diesen zu Raechern
die Roemer niemand bestellt habe. Haette es sich nur darum gehandelt,
ob die Syrakusaner oder die Mamertiner in Messana geboten, so konnte
Rom allerdings sich diese wie jene gefallen lassen. Rom strebte nach
dem Besitz Italiens, wie Karthago nach dem Siziliens; schwerlich
gingen beider Maechte Plaene damals weiter. Allein eben darin lag es
begruendet, dass jede an ihrer Grenze eine Mittelmacht zu haben und
zu halten wuenschte - so die Karthager Tarent, die Roemer Syrakus
und Messana - und dass sie, als dies unmoeglich geworden war, die
Grenzplaetze lieber sich goennten als der anderen Grossmacht. Wie
Karthago in Italien versucht hatte, als Rhegion und Tarent von den
Roemern in Besitz genommen werden sollten, diese Staedte fuer sich zu
gewinnen und nur durch Zufall daran gehindert worden war, so bot jetzt
in Sizilien sich fuer Rom die Gelegenheit dar, die Stadt Messana in
seine Symmachie zu ziehen; schlug man sie aus, so durfte man nicht
erwarten, dass die Stadt selbstaendig blieb oder syrakusanisch
ward, sondern man warf sie selbst den Phoenikern in die Arme. War es
gerechtfertigt, die Gelegenheit entschluepfen zu lassen, die sicher so
nicht wiederkehrte, sich des natuerlichen Brueckenkopfs zwischen Italien
und Sizilien zu bemaechtigen und ihn durch eine tapfere und aus guten
Gruenden zuverlaessige Besatzung zu sichern? gerechtfertigt, mit dem
Verzicht auf Messana die Herrschaft ueber den letzten freien Pass
zwischen der Ost- und Westsee und die Handelsfreiheit Italiens
aufzuopfern? Zwar liessen sich gegen die Besetzung Messanas auch
Bedenken anderer Art geltend machen, als die der Gefuehls- und
Rechtlichkeitspolitik waren. Dass sie zu einem Kriege mit Karthago
fuehren musste, war das geringste derselben; so ernst ein solcher war,
Rom hatte ihn nicht zu fuerchten. Aber wichtiger war es, dass man mit
dem Ueberschreiten der See abwich von der bisherigen rein italischen und
rein kontinentalen Politik; man gab das System auf, durch welches die
Vaeter Roms Groesse gegruendet hatten, um ein anderes zu erwaehlen,
dessen Ergebnisse vorherzusagen niemand vermochte. Es war einer der
Augenblicke, wo die Berechnung aufhoert und wo der Glaube an den eigenen
Stern und an den Stern des Vaterlandes allein den Mut gibt, die Hand
zu fassen, die aus dem Dunkel der Zukunft winkt, und ihr zu folgen, es
weiss keiner wohin. Lange und ernst beriet der Senat ueber den Antrag
der Konsuln, die Legionen den Mamertinern zu Hilfe zu fuehren; er kam
zu keinem entscheidenden Beschluss. Aber in der Buergerschaft, an welche
die Sache verwiesen ward, lebte das frische Gefuehl der durch eigene
Kraft gegruendeten Grossmacht. Die Eroberung Italiens gab den Roemern,
wie die Griechenlands den Makedoniern, wie die Schlesiens den Preussen,
den Mut, eine neue politische Bahn zu betreten; formell motiviert war
die Unterstuetzung der Mamertiner durch die Schutzherrschaft, die Rom
ueber saemtliche Italiker ansprach. Die ueberseeischen Italiker wurden
in die italische Eidgenossenschaft aufgenommen ^1 und auf Antrag der
Konsuln von der Buergerschaft beschlossen, ihnen Hilfe zu senden (489
265). --------------------------------------------- ^1 Die Mamertiner
traten voellig in dieselbe Stellung zu Rom wie die italischen Gemeinden,
verpflichteten sich, Schiffe zu stellen (Cic. Verr. 5, 19, 50) und
besassen, wie die Muenzen beweisen, das Recht der Silberpraegung nicht.
--------------------------------------------- Es kam darauf an, wie die
beiden durch diese Intervention der Roemer in die Angelegenheiten der
Insel zunaechst betroffenen und beide bisher dem Namen nach mit Rom
verbuendeten sizilischen Maechte dieselbe aufnehmen wuerden. Hieron
hatte Grund genug, die an ihn ergangene Aufforderung der Roemer, gegen
ihre neuen Bundesgenossen in Messana die Feindseligkeiten einzustellen,
ebenso zu behandeln, wie die Samniten und die Lucaner in gleichem Fall
die Besetzung von Capua und Thurii aufgenommen hatten und den Roemern
mit einer Kriegserklaerung zu antworten; blieb er indes allein, so
war ein solcher Krieg eine Torheit und von seiner vorsichtigen und
gemaessigten Politik konnte man erwarten, dass er in das Unvermeidliche
sich fuegen werde, wenn Karthago sich ruhig verhielt. Unmoeglich schien
dies nicht. Eine roemische Gesandtschaft ging jetzt (489 265), sieben
Jahre nach dem Versuch der phoenikischen Flotte, sich Tarents zu
bemaechtigen, nach Karthago, um Aufklaerung wegen dieser Vorgaenge zu
verlangen; die nicht unbegruendeten, aber halb vergessenen Beschwerden
tauchten auf einmal wieder auf - es schien nicht ueberfluessig, unter
anderen Kriegsvorbereitungen auch die diplomatische Ruestkammer mit
Kriegsgruenden zu fuellen und fuer die kuenftigen Manifeste sich,
wie die Roemer es pflegten, die Rolle des angegriffenen Teils zu
reservieren. Wenigstens das konnte man mit vollem Rechte sagen, dass die
beiderseitigen Unternehmungen auf Tarent und auf Messana der Absicht
und dem Rechtsgrund nach vollkommen gleichstanden und nur der zufaellige
Erfolg den Unterschied machte. Karthago vermied den offenen Bruch. Die
Gesandten brachten nach Rom die Desavouierung des karthagischen
Admirals zurueck, der den Versuch auf Tarent gemacht hatte, nebst
den erforderlichen falschen Eiden; auch die karthagischen
Gegenbeschuldigungen, die natuerlich nicht fehlten, waren gemaessigt
gehalten und unterliessen es, die beabsichtigte Invasion Siziliens
als Kriegsgrund zu bezeichnen. Sie war es indes; denn wie Rom die
italischen, so betrachtete Karthago die sizilischen Angelegenheiten als
innere, in die eine unabhaengige Macht keinen Eingriff gestatten kann,
und war entschlossen, hiernach zu handeln. Nur ging die phoenikische
Politik einen leiseren Gang, als der der offenen Kriegsdrohung war.
Als die Vorbereitungen zu der roemischen Hilfesendung an die Mamertiner
endlich so weit gediehen waren, dass die Flotte, gebildet aus den
Kriegsschiffen von Neapel, Tarent, Velia und Lokri, und die Vorhut des
roemischen Landheeres unter dem Kriegstribun Gaius Claudius in Rhegion
erschienen (Fruehling 490 264), kam ihnen von Messana die unerwartete
Botschaft, dass die Karthager im Einverstaendnis mit der antiroemischen
Partei in Messana, als neutrale Macht einen Frieden zwischen Hieron und
den Mamertinern vermittelt haetten; dass die Belagerung also aufgehoben
sei und dass im Hafen von Messana eine karthagische Flotte, in der Burg
karthagische Besatzung liege, beide unter dem Befehl des Admirals
Hanno. Die jetzt vom karthagischen Einfluss beherrschte mamertinische
Buergerschaft liess, unter verbindlichem Dank fuer die schleunig
gewaehrte Bundeshilfe, den roemischen Befehlshabern anzeigen, dass
man sich freue, derselben nicht mehr zu beduerfen. Der gewandte
und verwegene Offizier, der die roemische Vorhut befehligte, ging
nichtsdestoweniger mit seinen Truppen unter Segel. Die Karthager wiesen
die roemischen Schiffe zurueck und brachten sogar einige derselben auf;
doch sandte der karthagische Admiral, eingedenk der strengen Befehle,
keine Veranlassung zum Ausbruch der Feindseligkeiten zugeben, den guten
Freunden jenseits der Meerenge dieselben zurueck. Es schien fast, als
haetten die Roemer vor Messana sich ebenso nutzlos kompromittiert wie
die Karthager vor Tarent. Aber Claudius liess sich nicht abschrecken,
und bei einem zweiten Versuch gelang die Landung. Kaum angelangt, berief
er die Buergerschaft zur Versammlung, und auf seinen Wunsch erschien in
derselben gleichfalls der karthagische Admiral, noch immer waehnend,
den offenen Bruch vermeiden zu koennen. Allein in der Versammlung
selbst bemaechtigten die Roemer sich seiner Person, und Hanno sowie
die schwache und fuehrerlose phoenikische Besatzung auf der Burg waren
kleinmuetig genug, jener, seinen Truppen den Befehl zum Abzug zu geben,
diese, dem Befehl des gefangenen Feldherrn nachzukommen und mit ihm die
Stadt zu raeumen. So war der Brueckenkopf der Insel in den Haenden
der Roemer. Die karthagischen Behoerden, mit Recht erzuernt ueber
die Torheit und Schwaeche ihres Feldherrn, liessen ihn hinrichten und
erklaerten den Roemern den Krieg. Vor allem galt es, den verlorenen
Platz wiederzugewinnen. Eine starke karthagische Flotte, gefuehrt von
Hanno, Hannibals Sohn, erschien auf der Hoehe von Messana. Waehrend
sie selber die Meerenge sperrte, begann die von ihr ans Land gesetzte
karthagische Armee die Belagerung von der Nordseite; Hieron, der nur auf
das Losschlagen der Karthager gewartet hatte, um den Krieg gegen Rom zu
beginnen, fuehrte sein kaum zurueckgezogenes Heer wieder gegen
Messana und uebernahm den Angriff auf die Suedseite der Stadt. Allein
mittlerweile war auch der roemische Konsul Appius Claudius Caudex mit
dem Hauptheer in Rhegion erschienen, und in einer dunklen Nacht gelang
die Ueberfahrt trotz der karthagischen Flotte. Kuehnheit und Glueck
waren mit den Roemern; die Verbuendeten, nicht gefasst auf einen Angriff
des gesamten roemischen Heeres und daher nicht vereinigt, wurden von den
aus der Stadt ausrueckenden roemischen Legionen einzeln geschlagen
und damit die Belagerung aufgehoben. Den Sommer ueber behauptete das
roemische Heer das Feld und machte sogar einen Versuch auf Syrakus;
allein nachdem dieser gescheitert war und auch die Belagerung von
Echetla (an der Grenze der Gebiete von Syrakus und Karthago) mit Verlust
hatte aufgegeben werden muessen, kehrte das roemische Heer zurueck nach
Messana und von da unter Zuruecklassung einer starken Besatzung nach
Italien. Die Erfolge dieses ersten ausseritalischen Feldzugs der Roemer
moegen daheim der Erwartung nicht ganz entsprochen haben, da der Konsul
nicht triumphierte; indes konnte das kraeftige Auftreten der Roemer in
Sizilien nicht verfehlen, auf die Griechen daselbst grossen Eindruck
zu machen. Im folgenden Jahre betraten beide Konsuln und ein doppelt so
starkes Heer ungehindert die Insel. Der eine derselben, Marcus Valerius
Maximus, seitdem von diesem Feldzug "der von Messana" (Messalla)
genannt, erfocht einen glaenzenden Sieg ueber die verbuendeten Karthager
und Syrakusaner; und als nach dieser Schlacht das phoenikische Heer
nicht mehr gegen die Roemer das Feld zu halten wagte, da fielen nicht
bloss Alaesa, Kentoripa und ueberhaupt die kleineren griechischen
Staedte den Roemern zu, sondern Hieron selbst verliess die karthagische
Partei und machte Frieden und Buendnis mit den Roemern (491 263). Er
folgte einer richtigen Politik, indem er, sowie sich gezeigt hatte, dass
es den Roemern mit dem Einschreiten in Sizilien Ernst war, sich sofort
ihnen anschloss, als es noch Zeit war, den Frieden ohne Abtretungen und
Opfer zu erkaufen. Die sizilischen Mittelstaaten, Syrakus und Messana,
die eine eigene Politik nicht durchfuehren konnten und nur zwischen
roemischer und karthagischer Hegemonie zu waehlen hatten, mussten
jedenfalls die erstere vorziehen, da die Roemer damals sehr
wahrscheinlich noch nicht die Insel fuer sich zu erobern beabsichtigten,
sondern nur sie nicht von Karthago erobern zu lassen, und auf alle
Faelle anstatt des karthagischen Tyrannisier- und Monopolisiersystems
von Rom eine leidlichere Behandlung und Schutz der Handelsfreiheit zu
erwarten war. Hieron blieb seitdem der wichtigste, standhafteste und
geachtetste Bundesgenosse der Roemer auf der Insel. Fuer die Roemer war
hiermit das naechste Ziel erreicht. Durch das Doppelbuendnis mit Messana
und Syrakus und den festen Besitz der ganzen Ostkueste war die Landung
auf der Insel und die bis dahin sehr schwierige Unterhaltung der Heere
gesichert und verlor der bisher bedenkliche und unberechenbare Krieg
einen grossen Teil seines waglichen Charakters. Man machte denn auch
fuer denselben nicht groessere Anstrengungen als fuer die Kriege in
Samnium und Etrurien; die zwei Legionen, die man fuer das naechste
Jahr (492 262) nach der Insel hinuebersandte, reichten aus, um im
Einverstaendnis mit den sizilischen Griechen die Karthager ueberall
in die Festungen zurueckzutreiben. Der Oberbefehlshaber der Karthager,
Hannibal, Gisgons Sohn, warf mit dem Kern seiner Truppen sich in
Akragas, um diese wichtigste karthagische Landstadt aufs aeusserste
zu verteidigen. Unfaehig, die feste Stadt zu stuermen, blockierten
die Roemer sie mit verschanzten Linien und einem doppelten Lager; die
Eingeschlossenen, die bis 50000 Koepfe zaehlten, litten bald Mangel
am Notwendigen. Zum Entsatz landete der karthagische Admiral Hanno bei
Herakleia und schnitt seinerseits der roemischen Belagerungsarmee die
Zufuhr ab. Auf beiden Seiten war die Not gross; man entschloss
sich endlich zu einer Schlacht, um aus den Bedraengnissen und der
Ungewissheit herauszukommen. In dieser zeigte sich die numidische
Reiterei ebensosehr der roemischen ueberlegen wie der phoenikischen
Infanterie das roemische Fussvolk; das letztere entschied den Sieg,
allein die Verluste auch der Roemer waren sehr betraechtlich. Der Erfolg
der gewonnenen Schlacht ward zum Teil dadurch verscherzt, dass es nach
der Schlacht waehrend der Verwirrung und der Ermuedung der Sieger der
belagerten Armee gelang, aus der Stadt zu entkommen und die Flotte zu
erreichen; dennoch war der Sieg von Bedeutung. Akragas fiel dadurch in
die Haende der Roemer und damit war die ganze Insel in ihrer Gewalt mit
Ausnahme der Seefestungen, in denen der karthagische Feldherr Hamilkar,
Hannos Nachfolger im Oberbefehl, sich bis an die Zaehne verschanzte und
weder durch Gewalt noch durch Hunger zu vertreiben war. Der Krieg
spann von da an sich nur fort durch die Ausfaelle der Karthager aus
den sizilischen Festungen und durch ihre Landungen an den italischen
Kuesten. In der Tat empfanden die Roemer erst jetzt die wirklichen
Schwierigkeiten des Krieges. Wenn die karthagischen Diplomaten, wie
erzaehlt wird, vor dem Ausbruch der Feindseligkeiten die Roemer warnten,
es nicht bis zum Bruche zu treiben, denn wider ihren Willen koenne kein
Roemer auch nur die Haende sich im Meer waschen, so war diese Drohung
wohl begruendet. Die karthagische Flotte beherrschte ohne Nebenbuhler
die See und hielt nicht bloss die sizilischen Kuestenstaedte im Gehorsam
und mit allem Notwendigen versehen, sondern bedrohte auch Italien mit
einer Landung, weswegen schon 492 (262) dort eine konsularische Armee
hatte zurueckbleiben muessen. Zwar zu einer groesseren Invasion kam es
nicht; allein wohl landeten kleinere karthagische Abteilungen an den
italischen Kuesten und brandschatzten die Bundesgenossen und,
was schlimmer als alles Uebrige war, der Handel Roms und seiner
Bundesgenossen war voellig gelaehmt; es brauchte nicht lange so
fortzugehen, um Caere, Ostia, Neapel, Tarent, Syrakus
vollstaendig zugrunde zu richten, waehrend die Karthager ueber die
Kontributionssummen und den reichen Kaperfang die ausbleibenden
sizilischen Tribute leicht verschmerzten. Die Roemer erfuhren jetzt, was
Dionysios, Agathokles und Pyrrhos erfahren hatten, dass es ebenso leicht
war, die Karthager aus dem Felde zu schlagen, als schwierig, sie zu
ueberwinden. Man sah es ein, dass alles darauf ankam, eine Flotte
zu schaffen und beschloss eine solche von zwanzig Drei- und hundert
Fuenfdeckern herzustellen. Die Ausfuehrung indes dieses energischen
Beschlusses war nicht leicht. Zwar die aus den Rhetorschulen stammende
Darstellung, die glauben machen moechte, als haetten damals zuerst
die Roemer die Ruder ins Wasser getaucht, ist eine kindische Phrase;
Italiens Handelsmarine musste um diese Zeit sehr ausgedehnt sein, und
auch an italischen Kriegsschiffen fehlte es keineswegs. Aber es waren
dies Kriegsbarken und Dreidecker, wie sie in frueherer Zeit ueblich
gewesen waren; Fuenfdecker, die nach dem neueren, besonders von Karthago
ausgehenden System des Seekrieges fast ausschliesslich in der Linie
verwendet wurden, hatte man in Italien noch nicht gebaut. Die Massregel
der Roemer war also ungefaehr derart, wie wenn jetzt ein Seestaat von
Fregatten und Kuttern uebergehen wollte zum Bau von Linienschiffen; und
eben wie man heute in solchem Fall womoeglich ein fremdes Linienschiff
zum Muster nehmen wuerde, ueberwiesen auch die Roemer ihren
Schiffsbaumeistern eine gestrandete karthagische Pentere als Modell.
Ohne Zweifel haetten die Roemer, wenn sie gewollt haetten, mit Hilfe der
Syrakusaner und Massalioten schneller zum Ziele gelangen koennen;
allein ihre Staatsmaenner waren zu einsichtig, um Italien durch
eine nichtitalische Flotte verteidigen zu wollen. Dagegen wurden
die italischen Bundesgenossen stark angezogen sowohl fuer die
Schiffsoffiziere, die man groesstenteils aus der italischen
Handelsmarine genommen haben wird, als fuer die Matrosen, deren Name
(socii navales) beweist, dass sie eine Zeitlang ausschliesslich von den
Bundesgenossen gestellt wurden; daneben wurden spaeter Sklaven, die der
Staat und die reicheren Familien lieferten, und bald auch die aermere
Klasse der Buerger verwandt. Unter solchen Verhaeltnissen, und wenn man
teils den damaligen, verhaeltnismaessig niedrigen Stand des Schiffsbaus,
teils die roemische Energie wie billig in Anschlag bringt, wird es
begreiflich, dass die Roemer die Aufgabe, an der Napoleon gescheitert
ist, eine Kontinental- in eine Seemacht umzuwandeln, innerhalb eines
Jahres loesten und ihre Flotte von hundertundzwanzig Segeln in der
Tat im Fruehjahr 494 (260) vom Stapel lief. Freilich kam dieselbe der
karthagischen an Zahl und Segeltuechtigkeit keineswegs gleich; und
es fiel dies um so mehr ins Gewicht, als die Seetaktik dieser
Zeit vorwiegend im Manoevrieren bestand. Dass Schwergeruestete und
Bogenschuetzen vom Verdeck herab fochten, oder dass Wurfmaschinen von
demselben aus arbeiteten, gehoerte zwar auch zum Seegefecht dieser Zeit;
allein der gewoehnliche und eigentlich entscheidende Kampf bestand im
Niedersegeln der feindlichen Schiffe, zu welchem Zwecke die Vorderteile
mit schweren Eisenschnaebeln versehen waren; die kaempfenden Schiffe
pflegten einander zu umkreisen, bis dem einen oder dem andern der Stoss
gelang, der gewoehnlich entschied. Deshalb befanden sich unter der
Bemannung eines gewoehnlichen griechischen Dreideckers von etwa 200 Mann
nur etwa zehn Soldaten, dagegen 170 Ruderer, 50 bis 60 fuer jedes
Deck; die des Fuenfdeckers zaehlte etwa 300 Ruderer, und Soldaten
nach Verhaeltnis. Man kam auf den gluecklichen Gedanken, das, was
den roemischen Schiffen bei ihren ungeuebten Schiffsoffizieren und
Rudermannschaften an Manoevrierfaehigkeit notwendig abgehen musste,
dadurch zu ersetzen, dass man den Soldaten im Seegefecht wiederum eine
bedeutendere Rolle zuteilte. Man brachte auf dem Vorderteil des Schiffes
eine fliegende Bruecke an, welche nach vorn wie nach beiden Seiten hin
niedergelassen werden konnte; sie war zu beiden Seiten mit Brustwehren
versehen und hatte Raum fuer zwei Mann in der Front. Wenn das feindliche
Schiff zum Stoss auf das roemische heransegelte oder, nachdem der Stoss
vermieden war, demselben zur Seite lag, schlug diese Bruecke auf dessen
Verdeck nieder und mittels eines eisernen Stachels in dasselbe ein;
wodurch nicht bloss das Niedersegeln verhindert, sondern es auch den
roemischen Schiffssoldaten moeglich ward, ueber die Bruecke auf das
feindliche Verdeck hinueberzugehen und dasselbe wie im Landgefecht zu
erstuermen. Eine eigene Schiffsmiliz ward nicht gebildet, sondern nach
Beduerfnis die Landtruppen zu diesem Schiffsdienst verwandt; es kommt
vor, dass in einer grossen Seeschlacht, wo freilich die roemische Flotte
zugleich die Landungsarmee an Bord hat, bis 120 Legionarier auf den
einzelnen Schiffen fechten. So schufen sich die Roemer eine Flotte,
die der karthagischen gewachsen war. Diejenigen irren, die aus dem
roemischen Flottenbau ein Feenmaerchen machen, und verfehlen ueberdies
ihren Zweck; man muss begreifen um zu bewundern. Der Flottenbau der
Roemer war eben gar nichts als ein grossartiges Nationalwerk, wo durch
Einsicht in das Noetige und Moegliche, durch geniale Erfindsamkeit,
durch Energie in Entschluss und Ausfuehrung das Vaterland aus einer
Lage gerissen ward, die uebler war, als sie zunaechst schien. Der Anfang
indes war den Roemern nicht guenstig. Der roemische Admiral, der Konsul
Gnaeus Cornelius Scipio, der mit den ersten siebzehn segelfertigen
Fahrzeugen nach Messana in See gegangen war (494 260), meinte auf der
Fahrt Lipara durch einen Handstreich wegnehmen zu koennen. Allein eine
Abteilung der bei Panormos stationierten karthagischen Flotte sperrte
den Hafen der Insel, in dem die roemischen Schiffe vor Anker gegangen
waren, und nahm die ganze Eskadre mit dem Konsul ohne Kampf gefangen.
Indes dies schreckte die Hauptflotte nicht ab, sowie die Vorbereitungen
beendigt waren, gleichfalls nach Messana unter Segel zu gehen. Auf
der Fahrt laengs der italischen Kueste traf sie auf ein schwaecheres
karthagisches Rekognoszierungsgeschwader, dem sie das Glueck hatte,
einen den ersten roemischen mehr als aufwiegenden Verlust zuzufuegen,
und traf also gluecklich und siegreich im Hafen von Messana ein, wo der
zweite Konsul Gaius Duilius das Kommando an der Stelle seines gefangenen
Kollegen uebernahm. An der Landspitze von Mylae, nordwestlich von
Messana, traf die karthagische Flotte, die unter Hannibal von Panormos
herankam, auf die roemische, welche hier ihre erste groessere Probe
bestand. Die Karthager, in den schlecht segelnden und unbehilflichen
roemischen Schiffen eine leichte Beute erblickend, stuerzten sich in
aufgeloester Linie auf dieselben; aber die neu erfundenen Enterbruecken
bewaehrten sich vollkommen. Die roemischen Schiffe fesselten und
stuermten die feindlichen, wie sie einzeln heransegelten; es war
ihnen weder von vorn, noch von den Seiten beizukommen, ohne dass die
gefaehrliche Bruecke sich niedersenkte auf das feindliche Verdeck. Als
die Schlacht zu Ende war, waren gegen fuenfzig karthagische Schiffe,
fast die Haelfte der Flotte, von den Roemern versenkt oder genommen,
unter den letzteren das Admiralsschiff Hannibals, einst das des Koenigs
Pyrrhos. Der Gewinn war gross; noch groesser der moralische Eindruck.
Rom war ploetzlich eine Seemacht geworden und hatte das Mittel in der
Hand, den Krieg, der endlos sich hinauszuspinnen und dem italischen
Handel den Ruin zu drohen schien, energisch zu Ende zu fuehren. Es
gab dazu einen doppelten Weg. Man konnte entweder Karthago auf den
italischen Inseln angreifen und ihm die Kuestenfestungen Siziliens und
Sardiniens eine nach der andern entreissen, was vielleicht durch gut
kombinierte Operationen zu Lande und zur See ausfuehrbar war; war dies
durchgesetzt, so konnte entweder mit Karthago auf Grund der Abtretung
dieser Inseln Friede geschlossen, oder, wenn dies misslang oder nicht
genuegte, der zweite Akt des Krieges nach Afrika verlegt werden. Oder
man konnte die Inseln vernachlaessigen und sich gleich mit aller Macht
auf Afrika werfen, nicht in Agathokles' abenteuernder Art die
Schiffe hinter sich verbrennend und alles setzend auf den Sieg eines
verzweifelten Haufens, sondern durch eine starke Flotte die Verbindungen
der afrikanischen Invasionsarmee mit Italien deckend; in diesem Falle
liess sich entweder von der Bestuerzung der Feinde nach den ersten
Erfolgen ein maessiger Friede erwarten oder, wenn man wollte, mit
aeusserster Gewalt den Feind zu vollstaendiger Ergebung noetigen. Man
waehlte zunaechst den ersten Operationsplan. Im Jahre nach der Schlacht
von Mylae (495 259) erstuermte der Konsul Lucius Scipio den Hafen Aleria
auf Korsika - wir besitzen noch den Grabstein des Feldherrn, der dieser
Tat gedenkt - und machte aus Korsika eine Seestation gegen Sardinien.
Ein Versuch, sich auf der Nordkueste dieser Insel in Ulbia festzusetzen,
misslang, da es der Flotte an Landungstruppen fehlte. Im folgenden Jahre
(496 258) ward er zwar mit besserem Erfolg wiederholt und die offenen
Flecken an der Kueste gepluendert; aber zu einer bleibenden Festsetzung
der Roemer kam es nicht. Ebensowenig kam man in Sizilien vorwaerts.
Hamilkar fuehrte energisch und geschickt den Krieg nicht bloss
mit Waffen zu Lande und zur See, sondern auch mit der politischen
Propaganda; von den zahllosen kleinen Landstaedten fielen jaehrlich
einige von den Roemern ab und mussten den Phoenikern muehsam wieder
entrissen werden, und in den Kuestenfestungen behaupteten die Karthager
sich unangefochten, namentlich in ihrem Hauptquartier Panormos und in
ihrem neuen Waffenplatz Drepana, wohin der leichteren Seeverteidigung
wegen Hamilkar die Bewohner des Eryx uebergesiedelt hatte. Ein zweites
grosses Seetreffen am Tyndarischen Vorgebirg (497 257), in dem beide
Teile sich den Sieg zuschrieben, aenderte nichts an der Lage der Dinge.
In dieser Weise kam man nicht vom Fleck, mochte die Schuld nun an dem
geteilten und schnell wechselnden Oberbefehl der roemischen Truppen
liegen, der die konzentrierte Gesamtleitung einer Reihe kleinerer
Operationen ungemein erschwerte, oder auch an den allgemeinen
strategischen Verhaeltnissen, welche allerdings in einem solchen Fall
nach dem damaligen Stande der Kriegswissenschaft sich fuer den Angreifer
ueberhaupt (I, 426) und ganz besonders fuer die noch im Anfang der
wissenschaftlichen Kriegskunst stehenden Roemer unguenstig stellten.
Mittlerweile litt, wenn auch die Brandschatzung der italischen Kuesten
aufgehoert hatte, doch der italische Handel nicht viel weniger als
vor dem Flottenbau. Muede des erfolglosen Ganges der Operationen und
ungeduldig, dem Kriege ein Ziel zu setzen, beschloss der Senat, das
System zu aendern und Karthago in Afrika anzugreifen. Im Fruehjahr
498 (256) ging eine Flotte von 330 Linienschiffen unter Segel nach der
libyschen Kueste; an der Muendung des Himeraflusses am suedlichen Ufer
Siziliens nahm sie das Landungsheer an Bord: es waren vier Legionen
unter der Fuehrung der beiden Konsuln Marcus Atilius Regulus und Lucius
Manlius Volso, beides erprobte Generale. Der karthagische Admiral liess
es geschehen, dass die feindlichen Truppen sich einschifften; aber auf
der weiteren Fahrt nach Afrika fanden die Roemer die feindliche Flotte
auf der Hoehe von Eknomos in Schlachtordnung aufgestellt, um die Heimat
vor der Invasion zu decken. Nicht leicht haben groessere Massen zur See
gefochten als in dieser Schlacht gegeneinander standen. Die roemische
Flotte von 330 Segeln zaehlte mindestens 100000 Mann an Schiffsbemannung
ausser der etwa 40000 Mann starken Landungsarmee; die karthagische von
350 Schiffen trug an Bemannung mindestens die gleiche Zahl, so dass
gegen dreimalhunderttausend Menschen an diesem Tage aufgeboten waren,
um zwischen den beiden maechtigen Buergerschaften zu entscheiden. Die
Phoeniker standen in einfacher weitausgedehnter Linie, mit dem linken
Fluegel gelehnt an die sizilische Kueste. Die Roemer ordneten sich
ins Dreieck, die Admiralschiffe der beiden Konsuln an der Spitze,
in schraeger Linie rechts und links neben ihnen das erste und zweite
Geschwader, endlich das dritte mit den zum Transport der Reiterei
gebauten Fahrzeugen im Schlepptau in der Linie, die das Dreieck schloss.
Also segelten sie dichtgeschlossen auf den Feind. Langsamer folgte
ein viertes in Reserve gestelltes Geschwader. Der keilfoermige
Angriff durchbrach ohne Muehe die karthagische Linie, da das zunaechst
angegriffene Zentrum derselben absichtlich zurueckwich, und die Schlacht
loeste sich auf in drei gesonderte Treffen. Waehrend die Admirale mit
den beiden auf den Fluegeln aufgestellten Geschwadern dem karthagischen
Zentrum nachsetzten und mit ihm handgemein wurden, schwenkte der
linke, an der Kueste aufgestellte Fluegel der Karthager auf das dritte
roemische Geschwader ein, welches durch die Schleppschiffe gehindert
ward, den beiden vorderen zu folgen, und draengte dasselbe in heftigem
und ueberlegenem Angriff gegen das Ufer; gleichzeitig wurde die
roemische Reserve von dem rechten karthagischen Fluegel auf der hohen
See umgangen und von hinten angefallen. Das erste dieser drei Treffen
war bald zu Ende: die Schiffe des karthagischen Mitteltreffens,
offenbar viel schwaecher als die beiden gegen sie fechtenden roemischen
Geschwader, wandten sich zur Flucht. Mittlerweile hatten die beiden
anderen Abteilungen der Roemer einen harten Stand gegen den ueberlegenen
Feind; allein im Nahgefecht kamen die gefuerchteten Enterbruecken ihnen
zustatten, und mit deren Hilfe gelang es, sich so lange zu halten, bis
die beiden Admirale mit ihren Schiffen herankommen konnten. Dadurch
erhielt die roemische Reserve Luft, und die karthagischen Schiffe des
rechten Fluegels suchten vor der Uebermacht das Weite. Nun, nachdem
auch dieser Kampf zum Vorteil der Roemer entschieden, fielen alle
noch seefaehigen roemischen Schiffe dem hartnaeckig seinen Vorteil
verfolgenden karthagischen linken Fluegel in den Ruecken, so dass dieser
umzingelt und fast alle Schiffe desselben genommen wurden. Der uebrige
Verlust war ungefaehr gleich. Von der roemischen Flotte waren 24
Segel versenkt, von der karthagischen 30 versenkt, 64 genommen. Die
karthagische Flotte gab trotz des betraechtlichen Verlustes es nicht
auf, Afrika zu decken und ging zu diesem Ende zurueck an den Golf von
Karthago, wo sie die Landung erwartete und eine zweite Schlacht zu
liefern gedachte. Allein die Roemer landeten statt an der westlichen
Seite der Halbinsel, die den Golf bilden hilft, vielmehr an der
oestlichen, wo die Bai von Clupea ihnen einen fast bei allen Winden
Schutz bietenden geraeumigen Hafen und die Stadt, hart am Meere auf
einem schildfoermig aus der Ebene aufsteigenden Huegel gelegen, eine
vortreffliche Hafenfestung darbot. Ungehindert vom Feinde schifften sie
die Truppen aus und setzten sich auf dem Huegel fest; in kurzer Zeit war
ein verschanztes Schiffslager errichtet, und das Landheer konnte
seine Operationen beginnen. Die roemischen Truppen durchstreiften und
brandschatzten das Land; bis 20000 Sklaven konnten nach Rom gefuehrt
werden. Durch die ungeheuersten Gluecksfaelle war der kuehne Plan auf
den ersten Wurf und mit geringen Opfern gelungen; man schien am Ziele zu
stehen. Wie sicher die Roemer sich fuehlten, beweist der Beschluss des
Senats, den groessten Teil der Flotte und die Haelfte der Armee nach
Italien zurueckzuschicken; Marcus Regulus blieb allein in Afrika mit
40 Schiffen, 15000 Mann zu Fuss und 500 Reitern. Es schien indes die
Zuversicht nicht uebertrieben. Die karthagische Armee, die entmutigt
sich in die Ebene nicht wagte, erlitt erst recht eine Schlappe in den
waldigen Defileen, in denen sie ihre beiden besten Waffen, die Reiterei
und die Elefanten nicht verwenden konnte. Die Staedte ergaben sich in
Masse, die Numidier standen auf und ueberschwemmten weithin das offene
Land. Regulus konnte hoffen, den naechsten Feldzug zu beginnen mit der
Belagerung der Hauptstadt, zu welchem Ende er dicht bei derselben, in
Tunes sein Winterlager aufschlug. Der Karthager Mut war gebrochen; sie
baten um Frieden. Allein die Bedingungen, die der Konsul stellte: nicht
bloss Abtretung von Sizilien und Sardinien, sondern Eingehung eines
ungleichen Buendnisses mit Rom, welches die Karthager verpflichtet
haette, auf eine eigene Kriegsmarine zu verzichten und zu den roemischen
Kriegen Schiffe zu stellen - diese Bedingungen, welche Karthago mit
Neapel und Tarent gleichgestellt haben wuerden, konnten nicht angenommen
werden, solange noch ein karthagisches Heer im Felde, eine karthagische
Flotte auf der See, und die Hauptstadt unerschuettert stand. Die
gewaltige Begeisterung, wie sie in den orientalischen Voelkern, auch
den tief gesunkenen, bei dem Herannahen aeusserster Gefahren grossartig
aufzuflammen pflegt, diese Energie der hoechsten Not trieb die Karthager
zu Anstrengungen, wie man sie den Budenleuten nicht zugetraut haben
mochte. Hamilkar, der in Sizilien den kleinen Krieg gegen die Roemer
so erfolgreich gefuehrt hatte, erschien in Libyen mit der Elite der
sizilischen Truppen, die fuer die neuausgehobene Mannschaft einen
trefflichen Kern abgab; die Verbindungen und das Gold der Karthager
fuehrten ihnen ferner die trefflichen numidischen Reiter scharenweise
zu und ebenso zahlreiche griechische Soeldner, darunter den gefeierten
Hauptmann Xanthippos von Sparta, dessen Organisierungstalent und
strategische Einsicht seinen neuen Dienstherren von grossem Nutzen war
^2. Waehrend also im Lauf des Winters die Karthager ihre Vorbereitungen
trafen, stand der roemische Feldherr untaetig bei Tunes. Mochte er nicht
ahnen, welcher Sturm sich ueber seinem Haupt zusammenzog, oder
mochte militaerisches Ehrgefuehl ihm zu tun verbieten, was seine Lage
erheischte - statt zu verzichten auf eine Belagerung, die er doch nicht
imstande war, auch nur zu versuchen, und sich einzuschliessen in die
Burg von Clupea, blieb er mit einer Handvoll Leute vor den Mauern
der feindlichen Hauptstadt stehen, sogar seine Rueckzugslinie zu dem
Schiffslager zu sichern versaeumend, und versaeumend sich zu schaffen,
was ihm vor allen Dingen fehlte und was durch Verhandlungen mit den
aufstaendischen Staemmen der Numidier so leicht zu erreichen war, eine
gute leichte Reiterei. Mutwillig brachte er sich und sein Heer also
in dieselbe Lage, in der einst Agathokles auf seinem verzweifelten
Abenteurerzug sich befunden hatte. Als das Fruehjahr kam (499 255),
hatten sich die Dinge schon so veraendert, dass jetzt die Karthager
es waren, die zuerst ins Feld rueckten und den Roemern eine Schlacht
anboten; natuerlich, denn es lag alles daran, mit dem Heer des Regulus
fertig zu werden, ehe von Italien Verstaerkung kommen konnte. Aus
demselben Grunde haetten die Roemer zoegern sollen; allein im Vertrauen
auf ihre Unueberwindlichkeit im offenen Felde nahmen sie sofort die
Schlacht an trotz ihrer geringeren Staerke - denn obwohl die Zahl des
Fussvolks auf beiden Seiten ungefaehr dieselbe war, gaben doch
den Karthagern die 4000 Reiter und 100 Elefanten ein entschiedenes
Uebergewicht - und trotz des unguenstigen Terrains - die Karthager
hatten sich auf einem weiten Blachfeld, vermutlich unweit Tunes,
aufgestellt. Xanthippos, der an diesem Tage die Karthager kommandierte,
warf zunaechst seine Reiterei auf die feindliche, die wie gewoehnlich
auf den beiden Fluegeln der Schlachtlinie stand; die wenigen roemischen
Schwadronen zerstoben im Nu vor den feindlichen Kavalleriemassen und das
roemische Fussvolk sah sich von demselben ueberfluegelt und umschwaermt.
Die Legionen, hierdurch nicht erschuettert, gingen zum Angriff vor
gegen die feindliche Linie; und obwohl die zur Deckung vor derselben
aufgestellte Elefantenreihe den rechten Fluegel und das Zentrum der
Roemer hemmte, fasste wenigstens der linke roemische Fluegel, an den
Elefanten vorbeimarschierend, die Soeldnerinfanterie auf dem rechten
feindlichen und warf sie vollstaendig. Allein eben dieser Erfolg zerriss
die roemischen Reihen. Die Hauptmasse, vorn von den Elefanten, an den
Seiten und im Ruecken von der Reiterei angegriffen, formierte sich zwar
ins Viereck und verteidigte sich heldenmuetig, allein endlich wurden
doch die geschlossenen Massen gesprengt und aufgerieben. Der siegreiche
linke Fluegel traf auf das noch frische karthagische Zentrum, wo
die libysche Infanterie ihm gleiches Schicksal bereitete. Bei der
Beschaffenheit des Terrains und der Ueberzahl der feindlichen Reiterei
ward niedergehauen oder gefangen, was in diesen Massen gefochten hatte;
nur zweitausend Mann, vermutlich vorzugsweise die zu Anfang zersprengten
leichten Truppen und Reiter, gewannen, waehrend die roemischen Legionen
sich niedermachen liessen, soviel Vorsprung, um mit Not Clupea zu
erreichen. Unter den wenigen Gefangenen war der Konsul selbst, der
spaeter in Karthago starb; seine Familie, in der Meinung, dass er von
den Karthagern nicht nach Kriegsgebrauch behandelt worden sei, nahm
an zwei edlen karthagischen Gefangenen die empoerendste Rache, bis
es selbst die Sklaven erbarmte und auf deren Anzeige die Tribune der
Schaendlichkeit steuerten ^3. ------------------------------------------
^2 Der Bericht, dass zunaechst Xanthippos' militaerisches Talent
Karthago gerettet habe, ist wahrscheinlich gefaerbt; die karthagischen
Offiziere werden schwerlich auf den Fremden gewartet haben, um zu
lernen, dass die leichte afrikanische Kavallerie zweckmaessiger auf der
Ebene verwandt werde als in Huegeln und Waeldern. Von solchen Wendungen,
dem Echo der griechischen Wachtstubengespraeche, ist selbst Polybios
nicht frei. Dass Xanthippos nach dem Siege von den Karthagern ermordet
worden sei, ist eine Erfindung; er ging freiwillig fort, vielleicht
in aegyptische Dienste. ^3 Weiter ist ueber Regulus' Ende nichts mit
Sicherheit bekannt; selbst seine Sendung nach Rom, die bald 503 (251),
bald 513 (241) gesetzt wird, ist sehr schlecht beglaubigt, Die spaetere
Zeit, die in dem Glueck und Unglueck der Vorfahren nur nach Stoffen
suchte fuer Schulakte, hat aus Regulus den Prototyp des ungluecklichen
wie aus Fabricius das des duerftigen Helden gemacht und eine Menge
obligat erfundener Anekdoten auf seinen Namen in Umlauf gesetzt;
widerwaertige Flitter, die uebel kontrastieren mit der ernsten
und schlichten Geschichte.
--------------------------------------------------- Wie die
Schreckenspost nach Rom gelangte, war die erste Sorge natuerlich
gerichtet auf die Rettung der in Clupea eingeschlossenen Mannschaft.
Eine roemische Flotte von 350 Segeln lief sofort aus, und nach einem
schoenen Sieg am Hermaeischen Vorgebirg, bei welchem die Karthager 114
Schiffe einbuessten, gelangte sie nach Clupea eben zur rechten Zeit,
um die dort verschanzten Truemmer der geschlagenen Armee aus ihrer
Bedraengnis zu befreien. Waere sie gesandt worden, ehe die Katastrophe
eintrat, so haette sie die Niederlage in einen Sieg verwandeln moegen,
der wahrscheinlich den phoenikischen Kriegen ein Ende gemacht haben
wuerde. So vollstaendig aber hatten jetzt die Roemer den Kopf verloren,
dass sie nach einem gluecklichen Gefecht vor Clupea saemtliche Truppen
auf die Schiffe setzten und heimsegelten, freiwillig den wichtigen und
leicht zu verteidigenden Platz raeumend, der ihnen die Moeglichkeit der
Landung in Afrika sicherte, und der Rache der Karthager ihre zahlreichen
afrikanischen Bundesgenossen schutzlos preisgebend. Die Karthager
versaeumten die Gelegenheit nicht, ihre leeren Kassen zu fuellen und
den Untertanen die Folgen der Untreue deutlich zu machen. Eine
ausserordentliche Kontribution von 1000 Talenten Silber (1740000 Taler)
und 20000 Rindern ward ausgeschrieben und in saemtlichen abgefallenen
Gemeinden die Scheiche ans Kreuz geschlagen - es sollen ihrer
dreitausend gewesen sein und dieses entsetzliche Wueten der
karthagischen Beamten wesentlich den Grund gelegt haben zu der
Revolution, welche einige Jahre spaeter in Afrika ausbrach. Endlich,
als wollte wie frueher das Glueck, so jetzt das Unglueck den Roemern
das Mass fuellen, gingen auf der Rueckfahrt der Flotte in einem schweren
Sturm drei Vierteile der roemischen Schiffe mit der Mannschaft zugrunde;
nur achtzig gelangten in den Hafen (Juli 499 255). Die Kapitaene
hatten das Unheil wohl vorausgesagt, aber die improvisierten roemischen
Admirale die Fahrt einmal also befohlen. Nach so ungeheuren Erfolgen
konnten die Karthager die lange eingestellte Offensive wiederum
ergreifen. Hasdrubal, Hannos Sohn, landete in Lilybaeon mit einem
starken Heer, das besonders durch die gewaltige Elefantenmasse - es
waren ihrer 140 - in den Stand gesetzt wurde, gegen die Roemer das Feld
zu halten; die letzte Schlacht hatte gezeigt, wie es moeglich war, den
Mangel eines guten Fussvolks durch Elefanten und Reiterei einigermassen
zu ersetzen. Auch die Roemer nahmen den sizilischen Krieg von neuem auf:
die Vernichtung des Landungsheeres hatte, wie die freiwillige Raeumung
von Clupea beweist, im roemischen Senat sofort wieder der Partei die
Oberhand gegeben, die den afrikanischen Krieg nicht wollte und sich
begnuegte, die Inseln allmaehlich zu unterwerfen. Allein auch hierzu
bedurfte man einer Flotte; und da diejenige zerstoert war, mit der man
bei Mylae, bei Eknomos und am Hermaeischen Vorgebirge gesiegt hatte,
baute man eine neue. Zu zweihundertundzwanzig neuen Kriegsschiffen wurde
auf einmal der Kiel gelegt - nie hatte man bisher gleichzeitig so viele
zu bauen unternommen -, und in der unglaublich kurzen Zeit von drei
Monaten standen sie saemtlich segelfertig. Im Fruehjahr 500 (254)
erschien die roemische Flotte, dreihundert groesstenteils neue Schiffe
zaehlend, an der sizilischen Nordkueste. Durch einen gluecklichen
Angriff von der Seeseite ward die bedeutendste Stadt des karthagischen
Siziliens, Panormos, erobert, und ebenso fielen hier die kleineren
Plaetze Solus, Kephaloedion, Tyndaris den Roemern in die Haende, so dass
am ganzen noerdlichen Gestade der Insel nur noch Thermae den Karthagern
verblieb. Panormos ward seitdem eine der Hauptstationen der Roemer
auf Sizilien. Der Landkrieg daselbst stockte indes; die beiden Armeen
standen vor Lilybaeon einander gegenueber, ohne dass die roemischen
Befehlshaber, die der Elefantenmasse nicht beizukommen wussten, eine
Hauptschlacht zu erzwingen versucht haetten. Im folgenden Jahre (501
253) zogen die Konsuln es vor, statt die sicheren Vorteile in Sizilien
zu verfolgen, eine Expedition nach Afrika zu machen, nicht um zu landen,
sondern um die Kuestenstaedte zu pluendern. Ungehindert kamen sie damit
zustande; allein nachdem sie schon in den schwierigen und ihren Piloten
unbekannten Gewaessern der Kleinen Syrte auf die Untiefen aufgelaufen
und mit Muehe wieder losgekommen waren, traf die Flotte zwischen
Sizilien und Italien ein Sturm, der ueber 150 roemische Schiffe kostete;
auch diesmal hatten die Piloten, trotz ihrer Vorstellungen und Bitten,
den Weg laengs der Kueste zu waehlen, auf Befehl der Konsuln von
Panormos gerades Weges durch das offene Meer nach Ostia zu steuern
muessen. Da ergriff Kleinmut die Vaeter der Stadt; sie beschlossen,
die Kriegsflotte abzuschaffen bis auf 60 Segel und den Seekrieg auf die
Kuestenverteidigung und die Geleitung der Transporte zu beschraenken.
Zum Glueck nahm eben jetzt der stockende Landkrieg auf Sizilien eine
guenstigere Wendung. Nachdem im Jahre 502 (252) Thermae, der letzte
Punkt, den die Karthager an der Nordkueste besassen, und die wichtige
Insel Lipara den Roemern in die Haende gefallen waren, erfocht im
Jahre darauf der Konsul Lucius Caecilius Metellus unter den Mauern von
Panormos einen glaenzenden Sieg ueber das Elefantenheer (Sommer 503
251). Die unvorsichtig vorgefuehrten Tiere wurden von den im Stadtgraben
aufgestellten leichten Truppen der Roemer geworfen und stuerzten teils
in den Graben hinab, teils zurueck auf ihre eigenen Leute, die in wilder
Verwirrung mit den Elefanten zugleich sich zum Strande draengten, um von
den phoenikischen Schiffen aufgenommen zu werden. 120 Elefanten wurden
gefangen, und das karthagische Heer, dessen Staerke auf den Tieren
beruhte, musste sich wiederum in die Festungen einschliessen. Es blieb,
nachdem auch noch der Eryx den Roemern in die Haende gefallen war
(505 249), auf der Insel den Karthagern nichts mehr als Drepana und
Lilybaeon. Karthago bot zum zweitenmal den Frieden an; allein der Sieg
des Metellus und die Ermattung des Feindes gab der energischeren Partei
im Senat die Oberhand. Der Friede ward zurueckgewiesen und beschlossen,
die Belagerung der beiden sizilischen Staedte ernsthaft anzugreifen
und zu diesem Ende wiederum eine Flotte von 200 Segeln in See gehen zu
lassen. Die Belagerung von Lilybaeon, die erste grosse und regelrechte,
die Rom unternahm, und eine der hartnaeckigsten, die die Geschichte
kennt, wurde von den Roemern mit einem wichtigen Erfolg eroeffnet: ihrer
Flotte gelang es, sich in den Hafen der Stadt zu legen und dieselbe
von der Seeseite zu blockieren. Indes vollstaendig die See zu sperren,
vermochten die Belagerer nicht. Trotz ihrer Versenkungen und Palisaden
und trotz der sorgfaeltigsten Bewachung unterhielten gewandte und der
Untiefen und Fahrwaesser genau kundige Schnellsegler eine regelmaessige
Verbindung zwischen den Belagerten in der Stadt und der karthagischen
Flotte im Hafen von Drepana; ja nach einiger Zeit glueckte es einem
karthagischen Geschwader von 50 Segeln, in den Hafen einzufahren,
Lebensmittel in Menge und Verstaerkung von 10000 Mann in die Stadt zu
werfen und unangefochten wieder heimzukehren. Nicht viel gluecklicher
war die belagernde Landarmee. Man begann mit regelrechtem Angriff; die
Maschinen wurden errichtet, und in kurzer Zeit hatten die Batterien
sechs Mauertuerme eingeworfen; die Bresche schien bald gangbar. Allein
der tuechtige karthagische Befehlshaber Himilko wehrte diesen Angriff
ab, indem auf seine Anordnung hinter der Bresche sich ein zweiter Wall
erhob. Ein Versuch der Roemer, mit der Besatzung ein Einverstaendnis
anzuknuepfen, ward ebenso noch zur rechten Zeit vereitelt. Ja es gelang
den Karthagern, nachdem ein erster, zu diesem Zwecke gemachter Ausfall
abgeschlagen worden war, waehrend einer stuermischen Nacht die
roemische Maschinenreihe zu verbrennen. Die Roemer gaben hierauf die
Vorbereitungen zum Sturm auf und begnuegten sich, die Mauer zu Wasser
und zu Lande zu blockieren. Freilich waren dabei die Aussichten auf
Erfolg sehr fern, solange man nicht imstande war, den feindlichen
Schiffen den Zugang gaenzlich zu verlegen; und einen nicht viel
leichteren Stand als in der Stadt die Belagerten hatte das Landheer der
Belagerer, welchem die Zufuhren durch die starke und verwegene leichte
Reiterei der Karthager haeufig abgefangen wurden und das die Seuchen,
die in der ungesunden Gegend einheimisch sind, zu dezimieren begannen.
Die Eroberung Lilybaeons war nichtsdestoweniger wichtig genug, um
geduldig bei der muehseligen Arbeit auszuharren, die denn doch mit der
Zeit der. gewuenschten Erfolg verhiess. Allein dem neuen Konsul Publius
Claudius schien die Aufgabe, Lilybaeon eingeschlossen zu halten, allzu
gering; es gefiel ihm besser, wieder einmal den Operationsplan
zu aendern und mit seinen zahlreichen neu bemannten Schiffen die
karthagische in dem nahen Hafen von Drepana verweilende Flotte
unversehens zu ueberfallen. Mit dem ganzen Blockadegeschwader, das
Freiwillige aus den Legionen an Bord genommen hatte, fuhr er um
Mitternacht ab und erreichte, in guter Ordnung segelnd, den rechten
Fluegel am Lande, den linken in der hohen See, gluecklich mit
Sonnenaufgang den Hafen von Drepana. Hier kommandierte der phoenikische
Admiral Atarbas. Obwohl ueberrascht, verlor er die Besonnenheit nicht
und liess sich nicht in den Hafen einschliessen, sondern wie die
roemischen Schiffe in den nach Sueden sichelfoermig sich oeffnenden
Hafen an der Landseite einfuhren, zog er an der noch freien Seeseite
seine Schiffe aus dem Hafen heraus und stellte sich ausserhalb desselben
in Linie. Dem roemischen Admiral blieb nichts uebrig, als die vordersten
Schiffe moeglichst schnell aus dem Hafen zurueckzunehmen und sich
gleichfalls vor demselben zur Schlacht zu ordnen; allein ueber dieser
rueckgaengigen Bewegung verlor er die freie Wahl seiner Aufstellung
und musste die Schlacht annehmen in einer Linie, die teils von der
feindlichen um fuenf Schiffe ueberfluegelt ward, da es an Zeit gebrach,
die Schiffe wieder aus dem Hafen vollstaendig zu entwickeln, teils
so dicht an die Kueste gedraengt war, dass seine Fahrzeuge weder
zurueckweichen noch hinter der Linie hinsegelnd sich untereinander zu
Hilfe kommen konnten. Die Schlacht war nicht bloss verloren, ehe sie
begann, sondern die roemische Flotte so vollstaendig umstrickt, dass sie
fast ganz den Feinden in die Haende fiel. Zwar der Konsul entkam, indem
er zuerst davonfloh; aber 93 roemische Schiffe, mehr als drei Viertel
der Blockadeflotte, mit dem Kern der roemischen Legionen an Bord,
fielen den Phoenikern in die Haende. Es war der erste und einzige grosse
Seesieg, den die Karthager ueber die Roemer erfochten haben. Lilybaeon
war der Tat nach von der Seeseite entsetzt, denn wenn auch die Truemmer
der roemischen Flotte in ihre fruehere Stellung zurueckkehrten, so war
diese doch jetzt viel zu schwach, um den nie ganz geschlossenen Hafen
ernstlich zu versperren, und konnte vor dem Angriff der karthagischen
Schiffe sich selbst nur retten durch den Beistand des Landheers. Die
eine Unvorsichtigkeit eines unerfahrenen und frevelhaft leichtsinnigen
Offiziers hatte alles vereitelt, was in dem langen und aufreibenden
Festungskrieg muehsam erreicht worden war; und was dessen Uebermut noch
an Kriegsschiffen den Roemern gelassen hatte, ging kurz darauf durch den
Unverstand seines Kollegen zugrunde. Der zweite Konsul, Lucius Iunius
Pullus, der den Auftrag erhalten hatte, die fuer das Heer in Lilybaeon
bestimmten Zufuhren in Syrakus zu verladen und die Transportflotte
laengs der suedlichen Kueste der Insel mit der zweiten roemischen
Flotte von 120 Kriegsschiffen zu geleiten, beging, statt seine Schiffe
zusammenzuhalten, den Fehler, den ersten Transport allein abgehen zu
lassen und erst spaeter mit dem zweiten zu folgen. Als der karthagische
Unterbefehlshaber Karthalo, der mit hundert auserlesenen Schiffen die
roemische Flotte im Hafen von Lilybaeon blockierte, davon Nachricht
erhielt, wandte er sich nach der Suedkueste der Insel, schnitt die
beiden roemischen Geschwader, sich zwischen sie legend, voneinander ab
und zwang sie, an den unwirtlichen Gestaden von Gela und Kamarina
in zwei Nothaefen sich zu bergen. Die Angriffe der Karthager wurden
freilich von den Roemern tapfer zurueckgewiesen mit Hilfe der hier
wie ueberall an der Kueste schon seit laengerer Zeit errichteten
Strandbatterien; allein da an Vereinigung und Fortsetzung der Fahrt fuer
die Roemer nicht zudenken war, konnte Karthago die Vollendung seines
Werkes den Elementen ueberlassen. Der naechste grosse Sturm vernichtete
denn auch beide roemische Flotten auf ihren schlechten Reeden
vollstaendig, waehrend der phoenikische Admiral auf der hohen See mit
seinen unbeschwerten und gut gefuehrten Schiffen ihm leicht entging. Die
Mannschaft und die Ladung gelang es den Roemern indes groesstenteils zu
retten (505 249). Der roemische Senat war ratlos. Der Krieg waehrte nun
ins sechzehnte Jahr, und von dem Ziele schien man im sechzehnten weiter
ab zu sein als im ersten. Vier grosse Flotten waren in diesem Kriege
zugrunde gegangen, drei davon mit roemischen Heeren an Bord; ein viertes
ausgesuchtes Landheer hatte der Feind in Libyen vernichtet, ungerechnet
die zahllosen Opfer, die die kleinen Gefechte zur See, die in Sizilien
die Schlachten und mehr noch der Postenkrieg und die Seuchen gefordert
hatten. Welche Zahl von Menschenleben der Krieg wegraffte, ist daraus
zuerkennen, dass die Buergerrolle bloss von 502 (252) auf 507 (247) um
etwa 40000 Koepfe, den sechsten Teil der Gesamtzahl, sank; wobei die
Verluste der Bundesgenossen, die die ganze Schwere des Seekriegs und
daneben der Landkrieg mindestens in gleichem Verhaeltnis wie die Roemer
traf, noch nicht mit eingerechnet sind. Von der finanziellen Einbusse
ist es nicht moeglich, sich eine Vorstellung zu machen; aber sowohl der
unmittelbare Schaden an Schiffen und Material als der mittelbare
durch die Laehmung des Handels muessen ungeheuer gewesen sein. Allein
schlimmer als dies alles war die Abnutzung aller Mittel, durch die man
den Krieg hatte endigen wollen. Man hatte eine Landung in Afrika mit
frischen Kraeften, im vollen Siegeslauf versucht und war gaenzlich
gescheitert. Man hatte Sizilien Stadt um Stadt zu erstuermen
unternommen; die geringeren Plaetze waren gefallen, aber die beiden
gewaltigen Seeburgen Lilybaeon und Drepana standen unbezwinglicher als
je zuvor. Was sollte man beginnen? In der Tat, der Kleinmut behielt
gewissermassen Recht. Die Vaeter der Stadt verzagten; sie liessen die
Sachen eben gehen, wie sie gehen mochten, wohl wissend, dass ein ziel-
und endlos sich hinspinnender Krieg fuer Italien verderblicher war als
die Anstrengung des letzten Mannes und des letzten Silberstuecks, aber
ohne den Mut und die Zuversicht zu dem Volk und zu dem Glueck, um zu
den alten, nutzlos vergeudeten neue Opfer zu fordern. Man schaffte
die Flotte ab; hoechstens foerderte man die Kaperei und stellte den
Kapitaenen, die auf ihre eigene Hand den Korsarenkrieg zu beginnen
bereit waren, zu diesem Behuf Kriegsschiffe des Staates zur Verfuegung.
Der Landkrieg ward dem Namen nach fortgefuehrt, weil man eben nicht
anders konnte; allein man begnuegte sich, die sizilischen Festungen zu
beobachten, und was man besass, notduerftig zu behaupten, was dennoch,
seit die Flotte fehlte, ein sehr zahlreiches Heer und aeusserst
kostspielige Anstalten erforderte. Wenn jemals, so war jetzt die Zeit
gekommen, wo Karthago den gewaltigen Gegner zu demuetigen imstande war.
Dass auch dort die Erschoepfung der Kraefte gefuehlt ward, versteht
sich; indes wie die Sachen standen, konnten die phoenikischen Finanzen
unmoeglich so im Verfall sein, dass die Karthager den Krieg, der
ihnen hauptsaechlich nur Geld kostete, nicht haetten offensiv und
nachdruecklich fortfuehren koennen. Allein die karthagische Regierung
war eben nicht energisch, sondern schwach und laessig, wenn nicht ein
leichter und sicherer Gewinn oder die aeusserste Not sie trieb. Froh,
der roemischen Flotte los zu sein, liess man toericht auch die eigene
verfallen und fing an, nach dem Beispiel der Feinde sich zu Lande und
zur See auf den kleinen Krieg in und um Sizilien zu beschraenken. So
folgten sechs tatenlose Kriegsjahre (506-511 248-243), die ruhmlosesten,
welche die roemische Geschichte dieses Jahrhunderts kennt, und ruhmlos
auch fuer das Volk der Karthager. Indes ein Mann von diesen dachte und
handelte anders als seine Nation. Hamilkar, genannt Barak oder Barkas,
das ist der Blitz, ein junger, vielversprechender Offizier, uebernahm
im Jahre 507 (247) den Oberbefehl in Sizilien. Es fehlte in seiner Armee
wie in jeder karthagischen an einer zuverlaessigen und kriegsgeuebten
Infanterie; und die Regierung, obwohl sie vielleicht eine solche zu
schaffen imstande und auf jeden Fall es zu versuchen verpflichtet
gewesen waere, begnuegte sich, den Niederlagen zuzusehen und hoechstens
die geschlagenen Feldherren ans Kreuz heften zu lassen. Hamilkar
beschloss, sich selber zu helfen. Er wusste es wohl, dass seinen
Soeldnern Karthago so gleichgueltig war wie Rom, und dass er von seiner
Regierung nicht phoenikische oder libysche Konskribierte, sondern im
besten Fall die Erlaubnis zu erwarten hatte, mit seinen Leuten das
Vaterland auf eigene Faust zu retten, vorausgesetzt, dass es nichts
koste. Allein er kannte auch sich und die Menschen. An Karthago lag
seinen Soeldnern freilich nichts; aber der echte Feldherr vermag es, den
Soldaten an die Stelle des Vaterlandes seine eigene Persoenlichkeit zu
setzen, und ein solcher war der junge General. Nachdem er die Seinigen
im Postenkrieg vor Drepana und Lilybaeon gewoehnt hatte, dem Legionaer
ins Auge zu sehen, setzte er auf dem Berge Eirkte (Monte Pellegrino bei
Palermo), der gleich einer Festung das umliegende Land beherrscht, sich
mit seinen Leuten fest und liess sie hier haeuslich mit ihren Frauen
und Kindern sich einrichten und das platte Land durchstreifen, waehrend
phoenikische Kaper die italische Kueste bis Cumae brandschatzten. So
ernaehrte er seine Leute reichlich, ohne von den Karthagern Geld zu
begehren, und bedrohte, mit Drepana die Verbindung zur See unterhaltend,
das wichtige Panormos in naechster Naehe mit Ueberrumpelung. Nicht
bloss vermochten die Roemer nicht, ihn von seinem Felsen zu vertreiben,
sondern nachdem an der Eirkte der Kampf eine Weile gedauert hatte, schuf
sich Hamilkar eine zweite aehnliche Stellung am Eryx. Diesen Berg, der
auf der halben Hoehe die gleichnamige Stadt, auf der Spitze den Tempel
der Aphrodite trug, hatten bis dahin die Roemer in Haenden gehabt und
von da aus Drepana beunruhigt. Hamilkar nahm die Stadt weg und belagerte
das Heiligtum, waehrend die Roemer von der Ebene her ihn ihrerseits
blockierten. Die von den Roemern auf den verlorenen Posten des Tempels
gestellten keltischen Ueberlaeufer aus dem karthagischen Heer, ein
schlimmes Raubgesindel, das waehrend dieser Belagerung den Tempel
pluenderte und Schaendlichkeiten aller Art veruebte, verteidigten die
Felsenspitze mit verzweifeltem Mut; aber auch Hamilkar liess sich
nicht wieder aus der Stadt verdraengen und hielt mit der Flotte und
der Besatzung von Drepana stets sich zur See die Verbindung offen. Der
sizilische Krieg schien eine immer unguenstigere Wendung fuer die Roemer
zu nehmen. Der roemische Staat kam in demselben um sein Geld und seine
Soldaten und die roemischen Feldherren um ihr Ansehen: es war schon
klar, dass dem Hamilkar kein roemischer General gewachsen war, und die
Zeit liess sich berechnen, wo auch der karthagische Soeldner sich dreist
wuerde messen koennen mit dem Legionaer. Immer verwegener zeigten sich
die Kaper Hamilkars an der italischen Kueste - schon hatte gegen eine
dort gelandete karthagische Streifpartei ein Praetor ausruecken muessen.
Noch einige Jahre, so tat Hamilkar von Sizilien aus mit der Flotte, was
spaeter auf dem Landweg von Spanien aus sein Sohn unternahm. Indes
der roemische Senat verharrte in seiner Untaetigkeit; die Partei der
Kleinmuetigen hatte einmal in ihm die Mehrzahl. Da entschlossen sich
eine Anzahl einsichtiger und hochherziger Maenner, den Staat auch ohne
Regierungsbeschluss zu retten und dem heillosen Sizilischen Krieg ein
Ende zu machen. Die gluecklichen Korsarenfahrten hatten wenn nicht den
Mut der Nation gehoben, doch in engeren Kreisen die Energie und die
Hoffnung geweckt; man hatte sich schon in Geschwader zusammengetan,
Hippo an der afrikanischen Kueste niedergebrannt, den Karthagern
vor Panormos ein glueckliches Seegefecht geliefert. Durch
Privatunterzeichnung, wie sie auch wohl in Athen, aber nie in so
grossartiger Weise vorgekommen ist, stellten die vermoegenden und
patriotisch gesinnten Roemer eine Kriegsflotte her, deren Kern die fuer
den Kaperdienst gebauten Schiffe und die darin geuebten Mannschaften
abgaben und die ueberhaupt weit sorgfaeltiger hergestellt wurde, als
dies bisher bei dem Staatsbau geschehen war. Diese Tatsache, dass
eine Anzahl Buerger im dreiundzwanzigsten Jahre eines schweren Krieges
zweihundert Linienschiffe mit einer Bemannung von 60000 Matrosen
freiwillig dem Staate darboten, steht vielleicht ohne Beispiel da in den
Annalen der Geschichte. Der Konsul Gaius Lutatius Catulus, dem die Ehre
zuteil ward, diese Flotte in die sizilische See zu fuehren, fand dort
kaum einen Gegner; die paar karthagischen Schiffe, mit denen Hamilkar
seine Korsarenzuege gemacht, verschwanden vor der Uebermacht, und
fast ohne Widerstand besetzten die Roemer die Haefen von Lilybaeon
und Drepana, deren Belagerung zu Wasser und zu Lande jetzt energisch
begonnen ward. Karthago war vollstaendig ueberrumpelt; selbst die beiden
Festungen, schwach verproviantiert, schwebten in grosser Gefahr. Man
ruestete daheim an einer Flotte, aber so eilig man tat, ging das Jahr zu
Ende, ohne dass in Sizilien karthagische Segel sich gezeigt haetten; und
als endlich im Fruehjahr 513 (241) die zusammengerafften Schiffe auf der
Hoehe von Drepana erschienen, war es doch mehr eine Transport- als eine
schlagfertige Kriegsflotte zu nennen. Die Phoeniker hatten gehofft,
ungestoert landen, die Vorraete ausschiffen und die fuer ein Seegefecht
erforderlichen Truppen an Bord nehmen zu koennen; allein die roemischen
Schiffe verlegten ihnen den Weg und zwangen sie, da sie von der heiligen
Insel (jetzt Maritima) nach Drepana segeln wollten, bei der kleinen
Insel Aegusa (Favignana), die Schlacht anzunehmen (10. Maerz 513 241).
Der Ausgang war keinen Augenblick zweifelhaft, die roemische Flotte, gut
gebaut und bemannt und, da die vor Drepana erhaltene Wunde den Konsul
Catulus noch an das Lager fesselte, von dem tuechtigen Praetor Publius
Valerius Falto vortrefflich gefuehrt, warf im ersten Augenblick die
schwer beladenen, schlecht und schwach bemannten Schiffe der Feinde;
fuenfzig wurden versenkt, mit siebzig eroberten fuhren die Sieger ein
in den Hafen von Lilybaeon. Die letzte grosse Anstrengung der roemischen
Patrioten hatte Frucht getragen; sie brachte den Sieg und mit ihm den
Frieden. Die Karthager kreuzigten zunaechst den ungluecklichen Admiral,
was die Sache nicht anders machte, und schickten alsdann dem sizilischen
Feldherrn unbeschraenkte Vollmacht, den Frieden zu schliessen. Hamilkar,
der, seine siebenjaehrige Heldenarbeit durch fremde Fehler vernichtet
sah, fuegte hochherzig sich in das Unvermeidliche, ohne darum weder
seine Soldatenehre noch sein Volk noch seine Entwuerfe aufzugeben.
Sizilien freilich war nicht zu halten, seit die Roemer die See
beherrschten, und dass die karthagische Regierung, die ihre leere Kasse
vergeblich durch ein Staatsanlehen in Aegypten zu fuellen versucht
hatte, auch nur einen Versuch noch machen wuerde, die roemische Flotte
zu ueberwaeltigen, liess sich nicht erwarten. Er gab also die Insel
auf. Dagegen ward die Selbstaendigkeit und Integritaet des karthagischen
Staats und Gebiets ausdruecklich anerkannt in der ueblichen Form, dass
Rom sich verpflichtete, nicht mit der karthagischen, Karthago, nicht mit
der roemischen Bundesgenossenschaft, das heisst mit den beiderseitigen
untertaenigen und abhaengigen Gemeinden, in Sonderbuendnis zu treten
oder Krieg zu beginnen oder in diesem Gebiet Hoheitsrechte auszuueben
oder Werbungen vorzunehmen ^4. Was die Nebenbedingungen anlangt, so
verstand sich die unentgeltliche Rueckgabe der roemischen Gefangenen und
die Zahlung einer Kriegskontribution von selbst; dagegen die Forderung
des Catulus, dass Hamilkar die Waffen und die roemischen Ueberlaeufer
ausliefern solle, wies der Karthager entschlossen zurueck, und mit
Erfolg. Catulus verzichtete auf das zweite Begehren und gewaehrte den
Phoenikern freien Abzug aus Sizilien gegen das maessige Loesegeld von
18 Denaren (4 Taler) fuer den Mann.
----------------------------------------------------- ^4 Dass die
Karthager versprechen mussten, keine Kriegsschiffe in das Gebiet der
roemischen Symmachie - also auch nicht nach Syrakus, vielleicht selbst
nicht nach Massalia - zu senden (Zon. 8, 17), klingt glaublich
genug; allein der Text des Vertrages schweigt davon (Polyb. 3,
27). ----------------------------------------------------- Wenn den
Karthagern die Fortfuehrung des Krieges nicht wuenschenswert erschien,
so hatten sie Ursache, mit diesen Bedingungen zufrieden zu sein. Es kann
sein, dass das natuerliche Verlangen, dem Vaterland mit dem Triumph auch
den Frieden zu bringen, die Erinnerung an Regulus und den wechselvollen
Gang des Krieges, die Erwaegung, dass ein patriotischer Aufschwung,
wie er zuletzt den Sieg entschieden hatte, sich nicht gebieten noch
wiederholen laesst, vielleicht selbst Hamilkars Persoenlichkeit
mithalfen, den roemischen Feldherrn zu solcher Nachgiebigkeit zu
bestimmen. Gewiss ist es, dass man in Rom mit dem Friedensentwurf
unzufrieden war und die Volksversammlung, ohne Zweifel unter dem
Einfluss der Patrioten, die die letzte Schiffsruestung durchgesetzt
hatten, anfaenglich die Ratifikation verweigerte. In welchem Sinne dies
geschah, wissen wir nicht und vermoegen also nicht zu entscheiden, ob
die Opponenten den Frieden nur verwarfen, um dem Feinde noch einige
Konzessionen mehr abzudringen, oder ob sie sich erinnerten, dass Regulus
von Karthago den Verzicht auf die politische Unabhaengigkeit gefordert
hatte, und entschlossen waren, den Krieg fortzufuehren, bis man an
diesem Ziel stand und es sich nicht mehr um Frieden handelte, sondern
um Unterwerfung. Erfolgte die Weigerung in dem ersten Sinne, so war
sie vermutlich fehlerhaft; gegen den Gewinn Siziliens verschwand jedes
andere Zugestaendnis, und es war bei Hamilkars Entschlossenheit und
erfinderischem Geist sehr gewagt, die Sicherung des Hauptgewinns an
Nebenzwecke zu setzen. Wenn dagegen die gegen den Frieden opponierende
Partei in der vollstaendigen politischen Vernichtung Karthagos das
einzige fuer die roemische Gemeinde genuegende Ende des Kampfes
erblickte, so zeigte sie politischen Takt und Ahnung der kommenden
Dinge; ob aber auch Roms Kraefte noch ausreichten, um den Zug des
Regulus zu erneuern und soviel nachzusetzen, als erforderlich war, um
nicht bloss den Mut, sondern die Mauern der maechtigen Phoenikerstadt zu
brechen, ist eine andere Frage, welche in dem einen oder dem andern Sinn
zu beantworten jetzt niemand wagen kann. Schliesslich uebertrug man die
Erledigung der wichtigen Frage einer Kommission, die in Sizilien an
Ort und Stelle entscheiden sollte. Sie bestaetigte im wesentlichen den
Entwurf; nur ward die fuer die Kriegskosten von Karthago zu zahlende
Summe erhoeht auf 3200 Talente (5« Mill. Taler), davon ein Drittel
gleich, der Rest in zehn Jahreszielern zu entrichten. Wenn ausser der
Abtretung von Sizilien auch noch die der Inseln zwischen Italien und
Sizilien in den definitiven Traktat aufgenommen ward, so kann hierin
nur eine redaktionelle Veraenderung gefunden werden; denn dass Karthago,
wenn es Sizilien hingab, sich die laengst von der roemischen Flotte
besetzte Insel Lipara nicht konnte vorbehalten wollen, versteht sich
von selbst, und dass man mit Ruecksicht auf Sardinien und Korsika
absichtlich eine zweideutige Bestimmung in den Vertrag gesetzt habe,
ist ein unwuerdiger und unwahrscheinlicher Verdacht. So war man endlich
einig. Der unbesiegte Feldherr einer ueberwundenen Nation stieg herab
von seinen langverteidigten Bergen und uebergab den neuen Herren der
Insel die Festungen, die die Phoeniker seit wenigstens vierhundert
Jahren in ununterbrochenem Besitz gehabt hatten und von deren Mauern
alle Stuerme der Hellenen erfolglos abgeprallt waren. Der Westen hatte
Frieden (513 241). Verweilen wir noch einen Augenblick bei dem Kampfe,
welcher die roemische Grenze vorrueckte ueber den Meeresring, der die
Halbinsel einfasst. Es ist einer der laengsten und schwersten, welchen
die Roemer gefuehrt haben; die Soldaten, welche die entscheidende
Schlacht schlugen, waren, als er begann, zum guten Teil noch nicht
geboren. Dennoch und trotz der unvergleichlich grossartigen Momente,
die er darbietet, ist kaum ein anderer Krieg zu nennen, den die Roemer
militaerisch sowohl wie politisch so schlecht und so unsicher gefuehrt
haben. Es konnte das kaum anders sein; er steht inmitten eines
Wechsels der politischen Systeme, zwischen der nicht mehr ausreichenden
italischen Politik und der noch nicht gefundenen des Grossstaats. Der
roemische Senat und das roemische Kriegswesen waren unuebertrefflich
organisiert fuer die rein italische Politik. Die Kriege, welche diese
hervorrief, waren reine Kontinentalkriege und ruhten stets auf der
in der Mitte der Halbinsel gelegenen Hauptstadt als der letzten
Operationsbasis und demnaechst auf der roemischen Festungskette. Die
Aufgaben waren vorzugsweise taktisch, nicht strategisch; Maersche und
Operationen zaehlten nur an zweiter Stelle, an erster die Schlachten;
der Festungskrieg war in der Kindheit; die See und der Seekrieg kamen
kaum einmal beilaeufig in Betracht. Es ist begreiflich, zumal wenn man
nicht vergisst, dass in den damaligen Schlachten bei dem Vorherrschen
der blanken Waffe wesentlich das Handgemenge entschied, dass
eine Ratsversammlung diese Operationen zu dirigieren und wer eben
Buergermeister war, die Truppen zu befehligen imstande war. Auf einen
Schlag war das alles umgewandelt. Das Schlachtfeld dehnte sich aus
in unabsehbare Ferne, in unbekannte Landstriche eines andern Erdteils
hinein und hinaus ueber weite Meeresflaechen; jede Welle war dem Feinde
eine Strasse, von jedem Hafen konnte man seinen Anmarsch erwarten. Die
Belagerung der festen Plaetze, namentlich der Kuestenfestungen, an der
die ersten Taktiker Griechenlands gescheitert waren, hatten die Roemer
jetzt zum erstenmal zu versuchen. Man kam nicht mehr aus mit dem
Landheer und mit dem Buergermilizwesen. Es galt, eine Flotte zu schaffen
und, was schwieriger war, sie zu gebrauchen, es galt, die wahren
Angriffs- und Verteidigungspunkte zu finden, die Massen zu vereinigen
und zu richten, auf lange Zeit und weite Ferne die Zuege zu berechnen
und ineinanderzupassen; geschah dies nicht, so konnte auch der taktisch
weit schwaechere Feind leicht den staerkeren Gegner besiegen. Ist es ein
Wunder, dass die Zuegel eines solchen Regiments der Ratversammlung und
den kommandierenden Buergermeistern entschluepften? Offenbar wusste man
beim Beginn des Krieges nicht, was man begann; erst im Laufe des Kampfes
draengten die Unzulaenglichkeiten des roemischen Systems eine nach der
anderen sich auf: der Mangel einer Seemacht, das Fehlen einer festen
militaerischen Leitung, die Unzulaenglichkeit der Feldherren, die
vollstaendige Unbrauchbarkeit der Admirale. Zum Teil half man ihnen ab
durch Energie und durch Glueck; so dem Mangel einer Flotte. Aber auch
diese gewaltige Schoepfung war ein grossartiger Notbehelf und ist es
zu allen Zeiten geblieben. Man bildete eine roemische Flotte, aber
man nationalisierte sie nur dem Namen nach und behandelte sie stets
stiefmuetterlich: der Schiffsdienst blieb gering geschaetzt neben dem
hochgeehrten Dienst in den Legionen, die Seeoffiziere waren grossenteils
italische Griechen, die Bemannung Untertanen oder gar Sklaven und
Gesindel. Der italische Bauer war und blieb wasserscheu; unter den drei
Dingen, die Cato in seinem Leben bereute, war das eine, dass er einmal
zu Schiff gefahren sei, wo er zu Fuss habe gehen koennen. Es lag dies
zum Teil wohl in der Natur der Sache, da die Schiffe Rudergaleeren waren
und der Ruderdienst kaum geadelt werden kann; allein, eigene Seelegionen
wenigstens haette man bilden und auf die Errichtung eines roemischen
Seeoffizierstandes hinwirken koennen. Man haette, den Impuls der Nation
benutzend, allmaehlich darauf ausgehen sollen, eine nicht bloss durch
die Zahl, sondern durch Segelfaehigkeit und Routine bedeutende Seemacht
herzustellen, wozu in dem waehrend des langen Krieges entwickelten
Kaperwesen ein wichtiger Anfang schon gemacht war; allein es geschah
nichts derart von der Regierung. Dennoch ist das roemische Flottenwesen
in seiner unbehilflichen Grossartigkeit noch die genialste Schoepfung
dieses Krieges und hat wie im Anfang so zuletzt fuer Rom den Ausschlag
gegeben. Viel schwieriger zu ueberwinden waren diejenigen Maengel, die
sich ohne Aenderung der Verfassung nicht beseitigen liessen. Dass der
Senat je nach dem Stande der in ihm streitenden Parteien von einem
System der Kriegfuehrung zum andern absprang und so unglaubliche Fehler
beging, wie die Raeumung von Clupea und die mehrmalige Einziehung der
Flotte waren; dass der Feldherr des einen Jahres sizilische Staedte
belagerte und sein Nachfolger, statt dieselben zur Uebergabe zu zwingen,
die afrikanische Kueste brandschatzte oder ein Seetreffen zu liefern
fuer gut fand; dass ueberhaupt der Oberbefehl jaehrlich von Rechts wegen
wechselte - das alles liess sich nicht abstellen, ohne Verfassungsfragen
anzuregen, deren Loesung schwieriger war als der Bau einer Flotte, aber
freilich ebensowenig zu vereinigen mit den Forderungen eines solchen
Krieges. Vor allen Dingen aber wusste niemand noch in die neue
Kriegfuehrung sich zu finden, weder der Senat noch die Feldherren.
Regulus' Feldzug ist ein Beispiel davon, wie seltsam man in dem Gedanken
befangen war, dass die taktische Ueberlegenheit alles entscheide. Es
gibt nicht leicht einen Feldherrn, dem das Glueck so wie ihm die Erfolge
in den Schoss geworfen hat; er stand im Jahr 498 (256) genau da, wo
fuenfzig Jahre spaeter Scipio, nur dass ihm kein Hannibal und keine
erprobte feindliche Armee gegenueberstand. Allein der Senat zog die
halbe Armee zurueck, sowie man sich von der taktischen Ueberlegenheit
der Roemer ueberzeugt hatte; im blinden Vertrauen auf diese blieb der
Feldherr stehen, wo er eben stand, um strategisch, und nahm er die
Schlacht an, wo man sie ihm anbot, um auch taktisch sich ueberwinden zu
lassen. Es war dies um so bezeichnender, als Regulus in seiner Art ein
tuechtiger und erprobter Feldherr war. Eben die Bauernmanier, durch
die Etrurien und Samnium genommen worden waren, war die Ursache der
Niederlage in der Ebene von Tunes. Der in seinem Bereiche ganz richtige
Satz, dass jeder rechte Buergersmann zum General tauge, war irrig
geworden; in dem neuen Kriegssystem konnte man nur Feldherren von
militaerischer Schule und militaerischem Blicke brauchen, und das
freilich war nicht jeder Buergermeister. Noch viel aerger aber war es,
dass man das Oberkommando der Flotte als eine Dependenz des Oberbefehls
der Landarmee behandelte und der erste beste Stadtvorsteher meinte,
nicht bloss General, sondern auch Admiral spielen zu koennen. An den
schlimmsten Niederlagen, die Rom in diesem Krieg erlitten hat, sind
nicht die Stuerme schuld und noch weniger die Karthager, sondern der
anmassliche Unverstand seiner Buergeradmirale. Rom hat endlich gesiegt;
aber das Bescheiden mit einem weit geringeren Gewinn, als er zu Anfang
gefordert, ja geboten worden war, sowie die energische Opposition, auf
welche in Rom der Friede stiess, bezeichnen sehr deutlich die Halbheit
und die Oberflaechlichkeit des Sieges wie des Friedens; und wenn Rom
gesiegt hat, so verdankt es diesen Sieg zwar auch der Gunst der Goetter
und der Energie seiner Buerger, aber mehr als beiden den die Maengel
der roemischen Kriegfuehrung noch weit uebertreffenden Fehlern seiner
Feinde. 3. Kapitel Die Ausdehnung Italiens bis an seine natuerlichen
Grenzen Die italische Eidgenossenschaft, wie sie aus den Krisen des
fuenften Jahrhunderts hervorgegangen war, oder der Staat Italien
vereinigte unter roemischer Hegemonie die Stadt- und Gaugemeinden
vom Apennin bis an das Ionische Meer. Allein bevor noch das fuenfte
Jahrhundert zu Ende ging, waren diese Grenzen bereits nach beiden Seiten
hin ueberschritten, waren jenseits des Apennin wie jenseits des Meeres
italische, der Eidgenossenschaft angehoerige Gemeinden entstanden. Im
Norden hatte die Republik, alte und neue Unbill zu raechen, bereits
im Jahre 471 (283) die keltischen Senonen vernichtet, im Sueden in dem
grossen Kriege 490-513 (264-241) die Phoeniker von der sizilischen Insel
verdraengt. Dort gehoerte ausser der Buergeransiedlung Sena namentlich
die latinische Stadt Ariminum, hier die Mamertinergemeinde in Messana
zu der von Rom geleiteten Verbindung, und wie beide national italischen
Ursprungs waren, so hatten auch beide teil an den gemeinen Rechten
und Pflichten der italischen Eidgenossenschaft. Es mochten mehr die
augenblicklich draengenden Ereignisse als eine umfassende
politische Berechnung diese Erweiterungen hervorgerufen haben; aber
begreiflicherweise brach wenigstens jetzt, nach den grossen, gegen
Karthago erstrittenen Erfolgen, bei der roemischen Regierung eine
neue und weitere politische Idee sich Bahn, welche die natuerliche
Beschaffenheit der Halbinsel ohnehin schon nahe genug legte. Politisch
und militaerisch war es wohl gerechtfertigt, die Nordgrenze von dem
niedrigen und leicht zu ueberschreitenden Apennin an die maechtige
Scheidewand Nord- und Suedeuropas, die Alpen, zu verlegen und mit der
Herrschaft ueber Italien die ueber die Meere und Inseln im Westen und
Osten der Halbinsel zu vereinigen; und nachdem durch die Vertreibung der
Phoeniker aus Sizilien der schwerste Teil getan war, vereinigten sich
mancherlei Umstaende, um der roemischen Regierung die Vollendung des
Werkes zu erleichtern. In der Westsee, die fuer Italien bei weitem mehr
in Betracht kam als das Adriatische Meer, war die wichtigste Stellung,
die grosse fruchtbare und hafenreiche Insel Sizilien, durch den
karthagischen Frieden zum groesseren Teil in den Besitz der Roemer
uebergegangen. Koenig Hieron von Syrakus, der in den letzten
zweiundzwanzig Kriegsjahren unerschuetterlich an dem roemischen Buendnis
festgehalten hatte, haette auf eine Gebietserweiterung billigen Anspruch
gehabt; allein wenn die roemische Politik den Krieg in dem Entschluss
begonnen hatte, nur sekundaere Staaten auf der Insel zu dulden, so
ging bei Beendigung desselben ihre Absicht entschieden schon auf den
Eigenbesitz Siziliens. Hieron mochte zufrieden sein, dass ihm sein
Gebiet - das heisst ausser dem unmittelbaren Bezirk von Syrakus die
Feldmarken von Eloros, Neeton, Akrae, Leontini, Megara und Tauromenion
- und seine Selbstaendigkeit gegen das Ausland, in Ermangelung jeder
Veranlassung, ihm diese zu schmaelern, beides im bisherigen Umfang
gelassen ward, und dass der Krieg der beiden Grossmaechte nicht mit dem
voelligen Sturz der einen oder der anderen geendigt hatte und also
fuer die sizilische Mittelmacht wenigstens noch die Moeglichkeit des
Bestehens blieb. In dem uebrigen bei weitem groesseren Teile Siziliens,
in Panormos, Lilybaeon, Akragas, Messana, richteten die Roemer sich
haeuslich ein. Sie bedauerten nur, dass der Besitz des schoenen Eilandes
doch nicht ausreichte, um die westliche See in ein roemisches Binnenmeer
zu verwandeln, solange noch Sardinien karthagisch blieb. Da eroeffnete
sich bald nach dem Friedensschluss eine unerwartete Aussicht, auch diese
zweite Insel des Mittelmeeres den Karthagern zu entreissen. In Afrika
hatten unmittelbar nach dem Abschluss des Friedens mit Rom die Soeldner
und die Untertanen gemeinschaftlich gegen die Phoeniker sich empoert.
Die Schuld der gefaehrlichen Insurrektion trug wesentlich die
karthagische Regierung. Hamilkar hatte in den letzten Kriegsjahren
seinen sizilischen Soeldnern den Sold nicht wie frueher aus eigenen
Mitteln auszahlen koennen und vergeblich Geldsendungen von daheim
erbeten; er moege, hiess es, die Mannschaft nur zur Abloehnung nach
Afrika senden. Er gehorchte, aber da er die Leute kannte, schiffte er
sie vorsichtig in kleineren Abteilungen ein, damit man sie truppweise
abloehnen oder mindestens auseinanderlegen koenne, und legte selber
hierauf den Oberbefehl nieder. Allein alle Vorsicht scheiterte, nicht so
sehr an den leeren Kassen als an dem kollegialischen Geschaeftsgang und
dem Unverstand der Buerokratie. Man wartete, bis das gesamte Heer
wieder in Libyen vereinigt stand und versuchte dann, den Leuten an dem
versprochenen Solde zu kuerzen. Natuerlich entstand eine Meuterei unter
den Truppen, und das unsichere und feige Benehmen der Behoerden zeigte
den Meuterern, was sie wagen konnten. Die meisten von ihnen waren
gebuertig aus den von Karthago beherrschten oder abhaengigen Distrikten;
sie kannten die Stimmung, welche die von der Regierung dekretierte
Schlaechterei nach dem Zuge des Regulus und der fuerchterliche
Steuerdruck dort ueberall hervorgerufen hatten, und kannten auch ihre
Regierung, die nie Wort hielt und nie verzieh: sie wussten, was ihrer
wartete, wenn sie mit dem meuterisch erpressten Solde sich nach Hause
zerstreuten. Seit langem hatte man in Karthago sich die Mine gegraben
und bestellte jetzt selbst die Leute, die nicht anders konnten, als
sie anzuenden. Wie ein Lauffeuer ergriff die Revolution Besatzung um
Besatzung, Dorf um Dorf; die libyschen Frauen trugen ihren Schmuck
herbei, um den Soeldnern die Loehnung zu zahlen; eine Menge
karthagischer Buerger, darunter einige der ausgezeichnetsten Offiziere
des sizilischen Heeres, wurden das Opfer der erbitterten Menge; schon
war Karthago von zwei Seiten belagert und das aus der Stadt ausrueckende
karthagische Heer durch die Verkehrtheit des ungeschickten Fuehrers
gaenzlich geschlagen. Wie man also in Rom den gehassten und immer
noch gefuerchteten Feindin groesserer Gefahr schweben sah, als je die
roemischen Kriege ueber ihn gebracht hatten, fing man an, mehr und
mehr den Friedensschluss von 513 (241) zu bereuen, der, wenn er nicht
wirklich voreilig war, jetzt wenigstens allen voreilig erschien, und
zu vergessen, wie erschoepft damals der eigene Staat gewesen war, wie
maechtig der karthagische damals dagestanden hatte. Die Scham verbot
zwar, mit den karthagischen Rebellen offen in Verbindung zu treten, ja
man gestattete den Karthagern ausnahmsweise, zu diesem Krieg in Italien
Werbungen zu veranstalten, und untersagte den italischen Schiffern,
mit den Libyern zu verkehren. Indes darf bezweifelt werden, ob es der
Regierung von Rom mit diesen bundesfreundlichen Verfuegungen sehr
ernst war. Denn als nichtsdestoweniger der Verkehr der afrikanischen
Insurgenten mit den roemischen Schiffern fortging und Hamilkar, den
die aeusserste Gefahr wieder an die Spitze der karthagischen Armee
zurueckgefuehrt hatte, eine Anzahl dabei betroffener italischer
Kapitaene aufgriff und einsteckte, verwandte sich der Senat fuer
dieselben bei der karthagischen Regierung und bewirkte ihre Freigebung.
Auch die Insurgenten selbst schienen in den Roemern ihre natuerlichen
Bundesgenossen zu erkennen; die sardinischen Besatzungen, welche gleich
der uebrigen karthagischen Armee sich fuer die Aufstaendischen erklaert
hatten, boten, als sie sich ausserstande sahen, die Insel gegen die
Angriffe der unbezwungenen Gebirgsbewohner aus dem Innern zu halten,
den Besitz derselben den Roemern an (um 515 239); und aehnliche
Anerbietungen kamen sogar von der Gemeinde Utica, welche ebenfalls an
dem Aufstand teilgenommen hatte und nun durch die Waffen Hamilkars
aufs aeusserste bedraengt ward. Das letztere Anerbieten wies man in Rom
zurueck, hauptsaechlich wohl, weil es ueber die natuerlichen Grenzen
Italiens hinaus und also weitergefuehrt haben wuerde, als die
roemische Regierung damals zu gehen gedachte; dagegen ging sie auf die
Anerbietungen der sardinischen Meuterer ein und uebernahm von ihnen, was
von Sardinien in den Haenden der Karthager gewesen war (516 238). Mit
schwererem Gewicht als in der Angelegenheit der Mamertiner trifft die
Roemer hier der Tadel, dass die grosse und siegreiche Buergerschaft es
nicht verschmaehte, mit dem feilen Soeldnergesindel Bruederschaft zu
machen und den Raub zu teilen, und es nicht ueber sich gewann,
dem Gebote des Rechtes und der Ehre den augenblicklichen Gewinn
nachzusetzen. Die Karthager, deren Bedraengnis eben um die Zeit der
Besetzung Sardiniens aufs hoechste gestiegen war, schwiegen vorlaeufig
ueber die unbefugte Vergewaltigung; nachdem indes diese Gefahr wider
Erwarten und wahrscheinlich wider Verhoffen der Roemer durch Hamilkars
Genie abgewendet und Karthago in Afrika wieder in seine volle Herrschaft
eingesetzt worden war (517 237), erschienen sofort in Rom karthagische
Gesandte, um die Rueckgabe Sardiniens zu fordern. Allein die Roemer,
nicht geneigt, den Raub wieder herauszugeben, antworteten mit nichtigen
oder doch nicht hierher gehoerenden Beschwerden ueber allerlei Unbill,
die die Karthager roemischen Handelsleuten zugefuegt haben sollten, und
eilten, den Krieg zu erklaeren ^1; der Satz, dass in der Politik jeder
darf, was er kann, trat hervor in seiner unverhuellten Schamlosigkeit.
Die gerechte Erbitterung hiess die Karthager, den gebotenen Krieg
annehmen; haette Catulus fuenf Jahre zuvor auf Sardiniens Abtretung
bestanden, der Krieg wuerde wahrscheinlich seinen Fortgang gehabt haben.
Allein jetzt, wo beide Inseln verloren, Libyen in Gaerung, der
Staat durch den vierundzwanzigjaehrigen Krieg mit Rom und den fast
fuenfjaehrigen entsetzlichen Buergerkrieg aufs aeusserste geschwaecht
war, musste man wohl sich fuegen. Nur auf wiederholte flehentliche
Bitten und nachdem die Phoeniker sich verpflichtet hatten, fuer die
mutwillig veranlassten Kriegsruestungen eine Entschaedigung von
1200 Talenten (2 Mill. Taler) nach Rom zu zahlen, standen die Roemer
widerwillig vom Kriege ab. So erwarb Rom fast ohne Kampf Sardinien, wozu
man Korsika fuegte, die alte etruskische Besitzung, in der vielleicht
noch vom letzten Kriege her einzelne roemische Besatzungen standen.
Indes beschraenkten die Roemer, eben wie es die Phoeniker getan hatten,
sich in Sardinien und mehr noch in dem rauhen Korsika auf die Besetzung
der Kuesten. Mit den Eingeborenen im Innern fuehrte man bestaendige
Kriege, oder vielmehr man trieb dort die Menschenjagd: man hetzte sie
mit Hunden und fuehrte die gefangene Ware auf den Sklavenmarkt, aber
an eine ernstliche Unterwerfung ging man nicht. Nicht um ihrer selbst
willen hatte man die Inseln besetzt, sondern zur Sicherung Italiens.
Seit sie die drei grossen Eilande besass, konnte die
Eidgenossenschaft das Tyrrhenische Meer das ihrige nennen.
--------------------------------------------- ^1 Dass die Abtretung der
zwischen Sizilien und Italien liegenden Inseln, die der Friede von
513 (241) den Karthagern vorschrieb, die Abtretung Sardiniens nicht
einschloss, ist ausgemacht (vgl. 2, 60); es ist aber auch schlecht
beglaubigt, dass die Roemer die Besetzung der Insel drei Jahre nach dem
Frieden damit motivierten. Haetten sie es getan, so wuerden sie
bloss der politischen Schamlosigkeit eine diplomatische Albernheit
hinzugefuegt haben. --------------------------------------------- Die
Gewinnung der Inseln in der italischen Westsee fuehrte in das roemische
Staatswesen einen Gegensatz ein, der zwar allem Anschein nach aus
blossen Zweckmaessigkeitsruecksichten und fast zufaellig entstanden,
aber darum nicht minder fuer die ganze Folgezeit von der tiefsten
Bedeutung geworden ist; den Gegensatz der festlaendischen und der
ueberseeischen Verwaltungsform oder, um die spaeter gelaeufigen
Bezeichnungen zu brauchen, den Gegensatz Italiens und der Provinzen.
Bis dahin hatten die beiden hoechsten Beamten der Gemeinde, die Konsuln,
einen gesetzlich abgegrenzten Sprengel nicht gehabt, sondern ihr
Amtsbezirk sich soweit erstreckt wie ueberhaupt das roemische Regiment;
wobei es sich natuerlich von selbst versteht, dass sie faktisch sich in
das Amtsgebiet teilten, und ebenso sich von selbst versteht, dass sie
in jedem einzelnen Bezirk ihres Sprengels durch die dafuer bestehenden
Bestimmungen gebunden waren, also zum Beispiel die Gerichtsbarkeit
ueber roemische Buerger ueberall dem Praetor zu ueberlassen und in den
latinischen und sonst autonomen Gemeinden die bestehenden Vertraege
einzuhalten hatten. Die seit 487 (267) durch Italien verteilten vier
Quaestoren beschraenkten die konsularische Amtsgewalt formell wenigstens
nicht, indem sie in Italien ebenso wie in Rom lediglich als von den
Konsuln abhaengige Hilfsbeamte betrachtet wurden. Man scheint diese
Verwaltungsweise anfaenglich auch auf die Karthago abgenommenen Gebiete
erstreckt und Sizilien wie Sardinien einige Jahre durch Quaestoren unter
Oberaufsicht der Konsuln regiert zu haben; allein sehr bald wusste man
sich praktisch von der Unentbehrlichkeit eigener Oberbehoerden fuer die
ueberseeischen Landschaften ueberzeugen. Wie man die Konzentrierung der
roemischen Jurisdiktion in der Person des Praetors bei der Erweiterung
der Gemeinde hatte aufgeben und in die entfernteren Bezirke
stellvertretende Gerichtsherren hatte senden muessen, ebenso masste
jetzt (527 227) auch die administrativ-militaerische Konzentration
in der Person der Konsuln aufgegeben werden. Fuer jedes der neuen
ueberseeischen Gebiete, sowohl fuer Sizilien wie fuer Sardinien nebst
Korsika, ward ein besonderer Nebenkonsul eingesetzt, welcher an Rang
und Titel dem Konsul nach- und dem Praetor gleichstand, uebrigens aber,
gleich dem Konsul der aelteren Zeit vor Einsetzung der Praetur, in
seinem Sprengel zugleich Oberfeldherr, Oberamtmann und Oberrichter war.
Nur die unmittelbare Kassenverwaltung ward wie von Haus aus den Konsuln,
so auch diesen neuen Oberbeamten entzogen und ihnen ein oder mehrere
Quaestoren zugegeben, die zwar in alle Wege ihnen untergeordnet und
in der Rechtspflege wie im Kommando ihre Gehilfen waren, aber doch die
Kassenverwaltung zu fuehren und darueber nach Niederlegung ihres
Amtes dem Senat Rechnung zu legen hatten. Diese Verschiedenheit in der
Oberverwaltung schied wesentlich die ueberseeischen Besitzungen Roms
von den festlaendischen. Die Grundsaetze, nach denen Rom die abhaengigen
Landschaften in Italien organisiert hatte, wurden grossenteils auch auf
die ausseritalischen Besitzungen uebertragen. Dass die Gemeinden ohne
Ausnahme die Selbstaendigkeit dem Auslands gegenueber verloren, versteht
sich von selbst. Was den inneren Verkehr anlangt, so durfte fortan kein
Provinziale ausserhalb seiner eigenen Gemeinde in der Provinz rechtes
Eigentum erwerben, vielleicht auch nicht eine rechte Ehe schliessen.
Dagegen gestattete die roemische Regierung wenigstens den sizilischen
Staedten, die man nicht zu fuerchten hatte, eine gewisse foederative
Organisation und wohl selbst allgemeine sikeliotische Landtage mit einem
unschaedlichen Petitions- und Beschwerderecht ^2. Im Muenzwesen war
es zwar nicht wohl moeglich, das roemische Courant sofort auch auf den
Inseln zum allein gueltigen zu erklaeren; aber gesetzlichen Kurs scheint
dasselbe doch von vornherein erhalten zu haben und ebenso, wenigstens
in der Regel, den Staedten im roemischen Sizilien das Recht, in edlen
Metallen, zu muenzen, entzogen worden zu sein ^3. Dagegen blieb nicht
bloss das Grundeigentum in ganz Sizilien unangetastet - der Satz, dass
das ausseritalische Land durch Kriegsrecht den Roemern zu Privateigentum
verfallen sei, war diesem Jahrhundert noch unbekannt -, sondern es
behielten auch die saemtlichen sizilischen und sardinischen Gemeinden
die Selbstverwaltung und eine gewisse Autonomie, die freilich nicht
in rechtsverbindlicher Weise ihnen zugesichert, sondern provisorisch
zugelassen ward. Wenn die demokratischen Gemeindeverfassungen ueberall
beseitigt und in jeder Stadt die Macht in die Haende des die staedtische
Aristokratie repraesentierenden Gemeinderates gelegt ward; wenn ferner
wenigstens die sizilischen Gemeinden angewiesen wurden, jedes fuenfte
Jahr dem roemischen Zensus korrespondierend eine Gemeindeschaetzung zu
veranstalten, so war beides nur eine notwendige Folge der Unterordnung
unter den roemischen Senat, welcher mit griechischen Ekklesien und ohne
Uebersicht der finanziellen und militaerischen Hilfsmittel einer jeden
abhaengigen Gemeinde in der Tat nicht regieren konnte; und auch in den
italischen Landschaften war in dieser wie in jener Hinsicht das gleiche
geschehen. --------------------------------------------------- ^2 Dahin
fuehren teils das Auftretender "Siculer" gegen Marcellus (Liv. 26, 26
f.), teils die "Gesamteingaben aller sizilischen Gemeinden" (Cic. Verr.
2, 42, 102; 45, 114; 50,146; 3, 88, 204), teils bekannte Analogien
(Marquardt, Landbuch Bd. 3 1, S. 267). Aus dem mangelnden commercium
zwischen den einzelnen Staedten folgt der Mangel des concilium
noch keineswegs. ^3 So streng wie in Italien ward das Gold- und
Silbermuenzrecht in den Provinzen nicht von Rom monopolisiert, offenbar
weil auf das nicht auf roemischen Fuss geschlagene Gold- und Silbergeld
es weniger ankam. Doch sind unzweifelhaft auch hier die Praegstaetten in
der Regel auf Kupfer- oder hoechstens silberne Kleinmuenze beschraenkt
worden; eben die am besten gestellten Gemeinden des roemischen Sizilien,
wie die Mamertiner, die Kentoripiner, die Halaesiner, die Segestaner,
wesentlich auch die Panormitaner haben nur Kupfer geschlagen.
---------------------------------------------- Aber neben dieser
wesentlichen Rechtsgleichheit stellte sich zwischen den italischen
einer- und den ueberseeischen Gemeinden andererseits ein folgenreicher
Unterschied fest. Waehrend die mit den italischen Staedten
abgeschlossenen Vertraege denselben ein festes Kontingent zu dem Heer
oder der Flotte der Roemer auferlegten, wurden den ueberseeischen
Gemeinden, mit denen eine bindende Paktierung ueberhaupt nicht
eingegangen ward, dergleichen Zuzug nicht auferlegt, sondern sie
verloren das Waffenrecht ^4, nur dass sie nach Aufgebot des roemischen
Praetors zur Verteidigung ihrer eigenen Heimat verwendet werden konnten.
Die roemische Regierung sandte regelmaessig italische Truppen in der von
ihr festgesetzten Staerke auf die Inseln; dafuer wurde der Zehnte der
sizilischen Feldfruechte und ein Zoll von fuenf Prozent des Wertes aller
in den sizilischen Haefen aus- und eingehenden Handelsartikel nach
Rom entrichtet. Den Insulanern waren diese Abgaben nichts Neues. Die
Abgaben, welche die karthagische Republik und der persische Grosskoenig
sich zahlen liessen, waren jenem Zehnten wesentlich gleichartig; und
auch in Griechenland war eine solche Besteuerung nach orientalischem
Muster von jeher mit der Tyrannis und oft auch mit der Hegemonie
verknuepft gewesen. Die Sizilianer hatten laengst in dieser Weise den
Zehnten entweder nach Syrakus oder nach Karthago entrichtet und laengst
auch die Hafenzoelle nicht mehr fuer eigene Rechnung erhoben. "Wir
haben", sagt Cicero, "die sizilischen Gemeinden also in unsere Klientel
und in unseren Schutz aufgenommen, dass sie bei dem Rechte blieben, nach
welchem sie bisher gelebt hatten, und unter denselben Verhaeltnissen
der roemischen Gemeinde gehorchten, wie sie bisher ihren eigenen Herren
gehorcht hatten." Es ist billig, dies nicht zu vergessen; aber im
Unrecht fortfahren heisst auch Unrecht tun. Nicht fuer die Untertanen,
die nur den Herrn wechselten, aber wohl fuer ihre neuen Herren war das
Aufgeben des ebenso weisen wie grossherzigen Grundsatzes der roemischen
Staatsordnung, von den Untertanen nur Kriegshilfe und nie statt
derselben Geldentschaedigung anzunehmen, von verhaengnisvoller
Bedeutung, gegen die alle Milderungen in den Ansaetzen und der
Erhebungsweise sowie alle Ausnahmen im einzelnen verschwanden. Solche
Ausnahmen wurden allerdings mehrfach gemacht. Messana trat geradezu
in die Eidgenossenschaft der Togamaenner ein und stellte wie die
griechischen Staedte in Italien sein Kontingent zu der roemischen
Flotte. Einer Reihe anderer Staedte wurde zwar nicht der Eintritt in
die italische Wehrgenossenschaft, aber ausser anderen Beguenstigungen
Freiheit von Steuer und Zehnten zugestanden, so dass ihre Stellung in
finanzieller Hinsicht selbst noch guenstiger war als die der italischen
Gemeinden. Es waren dies Egesta und Halikyae, welche zuerst unter
den Staedten des karthagischen Sizilien zum roemischen Buendnis
uebergetreten waren; Kentoripa im oestlichen Binnenland, das bestimmt
war, das syrakusanische Gebiet in naechster Naehe zu ueberwachen ^5; an
der Nordkueste Halaesa, das zuerst von den freien griechischen Staedten
den Roemern sich angeschlossen hatte; und vor allem Panormos, bisher
die Hauptstadt des karthagischen Sizilien und jetzt bestimmt, die des
roemischen zu werden. Den alten Grundsatz ihrer Politik, die abhaengigen
Gemeinden in sorgfaeltig abgestufte Klassen verschiedenen Rechts
zu gliedern, wandten die Roemer also auch auf Sizilien an; aber
durchschnittlich standen die sizilischen und sardinischen Gemeinden
nicht im bundesgenoessischen, sondern in dem offenkundigen
Verhaeltnis steuerpflichtiger Untertaenigkeit.
--------------------------------------------------- ^4 Darauf geht
Hierons Aeusserung (Liv. 22, 37): es sei ihm bekannt, dass die Roemer
sich keiner anderen Infanterie und Reiterei als roemischer oder
latinischer bedienten und "Auslaender" nur hoechstens unter den
Leichtbewaffneten verwendeten. ^5 Das zeigt schon ein Blick auf
die Karte, aber ebenso die merkwuerdige Bestimmung, dass es den
Kentoripinern ausnahmsweise gestattet blieb, sich in ganz Sizilien
anzukaufen. Sie bedurften als roemische Aufpasser der freiesten
Bewegung. Uebrigens scheint Kentoripa auch unter den ersten zu
Rom uebergetretenen Staedten gewesen zu sein (Diod. 1, 23 p. 501).
-------------------------------------------------- Allerdings fiel
dieser tiefgreifende Gegensatz zwischen den zuzug- und den steuer-
oder doch wenigstens nicht zuzugpflichtigen Gemeinden mit dem Gegensatz
zwischen Italien und den Provinzen nicht in rechtlich notwendiger
Weise zusammen. Es konnten auch ueberseeische Gemeinden der italischen
Eidgenossenschaft angehoeren, wie denn die Mamertiner mit den
italischen Sabellern wesentlich auf einer Linie standen, und selbst
der Neugruendung von Gemeinden latinischen Rechts stand in Sizilien und
Sardinien rechtlich so wenig etwas im Wege wie in dem Lande jenseits
des Apennin. Es konnten auch festlaendische Gemeinden des Waffenrechts
entbehren und tributaer sein, wie dies fuer einzelne keltische Distrikte
am Po wohl schon jetzt galt und spaeter in ziemlich ausgedehntem Umfange
eingefuehrt ward. Allein der Sache nach ueberwogen die zuzugpflichtigen
Gemeinden ebenso entschieden auf dem Festlande wie die steuerpflichtigen
auf den Inseln; und waehrend weder in dem hellenisch zivilisierten
Sizilien noch auf Sardinien italische Ansiedelungen roemischerseits
beabsichtigt wurden, stand es bei der roemischen Regierung ohne Zweifel
schon jetzt fest, das barbarische Land zwischen Apennin und Alpen nicht
bloss sich zu unterwerfen, sondern auch, wie die Eroberung fortschritt,
dort neue Gemeinden italischen Ursprungs und italischen Rechts zu
konstituieren. Also wurden die ueberseeischen Besitzungen nicht bloss
Untertanenland, sondern sie waren auch bestimmt, es fuer alle Zukunft zu
bleiben; dagegen der neu abgegrenzte gesetzliche Amtsbezirk der Konsuln
oder, was dasselbe ist, das festlaendische roemische Gebiet sollte ein
neues und weiteres Italien werden, das von den Alpen bis zum Ionischen
Meere reichte. Vorerst freilich fiel dies Italien als wesentlich
geographischer Begriff mit dem politischen der italischen
Eidgenossenschaft nicht durchaus zusammen und war teils weiter,
teils enger. Aber schon jetzt betrachtete man den ganzen Raum bis zur
Alpengrenze als Italia, das heisst als gegenwaertiges oder kuenftiges
Gebiet der Togatraeger und steckte, aehnlich wie es in Nordamerika
geschah und geschieht, die Grenze vorlaeufig geographisch ab, um sie
mit der weiter vorschreitenden Kolonisierung allmaehlich auch politisch
vorzuschieben ^6. ------------------------------------------- ^6
Dieser Gegensatz zwischen Italien als dem roemischen Festland oder dem
konsularischen Sprengel einer- und dem ueberseeischen Gebiet oder den
Praetorensprengeln andererseits erscheint schon im sechsten Jahrhundert
in mehrfachen Anwendungen. Die Religionsvorschrift, dass gewisse
Priester Rom nicht verlassen durften (Val. Max. 1, 1, 2), ward dahin
ausgelegt, dass es ihnen nicht gestattet sei, das Meer zu ueberschreiten
(Liv. ep. 19; 36; 51; Tac. ann. 3, 58; 71; Cic. Phil. 11, 8; 18; vgl.
Liv. 28, 38; 44; ep. 59). Bestimmter noch gehoert hierher die Auslegung,
welche von der alten Vorschrift, dass der Konsul nur "auf roemischem
Boden" den Diktator ernennen duerfe, im Jahre 544 vorgetragen wird:
der roemische Boden begreife ganz Italien in sich (Liv. 27, 5). Die
Einrichtung des keltischen Landes zwischen den Alpen und dem Apennin
zu einem eigenen, vom konsularischen verschiedenen und einem besonderen
staendigen Oberbeamten unterworfenen Sprengel gehoert erst Sulla an. Es
wird natuerlich dagegen niemand geltend machen, dass schon im sechsten
Jahrhundert sehr haeufig Gallia oder Ariminum als "Amtsbezirk"
(provincia) gewoehnlich eines der Konsuln genannt wird. Provincia
ist bekanntlich in der aelteren Sprache nicht, was es spaeter allein
bedeutet, ein raeumlich abgegrenzter, einem staendigen Oberbeamten
unterstellter Sprengel, sondern die fuer den einzelnen Konsul zunaechst
durch Uebereinkommen mit seinem Kollegen unter Mitwirkung des Senats
festgestellte Kompetenz; und in diesem Sinn sind haeufig einzelne
norditalische Landschaften oder auch Norditalien ueberhaupt
einzelnen Konsuln als provincia ueberwiesen worden.
-------------------------------------------- Im Adriatischen Meer, an
dessen Eingang die wichtige und laengst vorbereitete Kolonie Brundisium
endlich noch waehrend des Krieges mit Karthago gegruendet worden war
(510 244), war Roms Suprematie von vornherein entschieden. In der
Westsee hatte Rom den Rivalen beseitigen muessen; in der oestlichen
sorgte schon die hellenische Zwietracht dafuer, dass alle Staaten
auf der griechischen Halbinsel ohnmaechtig blieben oder wurden. Der
bedeutendste derselben, der makedonische, war unter dem Einfluss
Aegyptens vom oberen Adriatischen Meer durch die Aetoler wie aus dem
Peloponnes durch die Achaeer verdraengt worden und kaum noch imstande,
die Nordgrenze gegen die Barbaren zu schuetzen. Wie sehr den Roemern
daran gelegen war, Makedonien und dessen natuerlichen Verbuendeten, den
syrischen Koenig, niederzuhalten, und wie eng sie sich anschlossen an
die eben darauf gerichtete aegyptische Politik, beweist das merkwuerdige
Anerbieten, das sie nach dem Ende des Krieges mit Karthago dem Koenig
Ptolemaeos III. Euergetes machten, ihn in dem Kriege zu unterstuetzen,
den er wegen Berenikes Ermordung gegen Seleukos II. Kallinikos von
Syrien (reg. 507-529 247-225) fuehrte und bei dem wahrscheinlich
Makedonien fuer den letztern Partei genommen hatte. Ueberhaupt werden
die Beziehungen Roms zu den hellenistischen Staaten enger; auch
mit Syrien verhandelte der Senat schon und verwandte sich bei
dem ebengenannten Seleukos fuer die stammverwandten Ilier. Einer
unmittelbaren Einmischung in die Angelegenheiten der oestlichen Maechte
bedurfte es zunaechst nicht. Die achaeische Eidgenossenschaft, die im
Aufbluehen geknickt ward durch die engherzige Coteriepolitik des Aratos,
die aetolische Landsknechtrepublik, das verfallene Makedonierreich
hielten selber einer den andern nieder; und ueberseeischen Laendergewinn
vermied man damals eher in Rom, als dass man ihn suchte. Als die
Akarnanen, sich darauf berufend, dass sie allein unter allen Griechen
nicht teilgenommen haetten an der Zerstoerung Ilions, die Nachkommen des
Aeneas um Hilfe baten gegen die Aetoler, versuchte der Senat zwar eine
diplomatische Verwendung; allein da die Aetoler darauf eine nach ihrer
Weise abgefasste, das heisst unverschaemte Antwort erteilten, ging das
antiquarische Interesse der roemischen Herren doch keineswegs so weit,
um dafuer einen Krieg anzufangen, durch den sie die Makedonier von
ihrem Erbfeind befreit haben wuerden (um 515 239). Selbst den Unfug der
Piraterie, die bei solcher Lage der Dinge begreiflicherweise das einzige
Gewerbe war, das an der adriatischen Kueste bluehte und vor der auch der
italische Handel viel zu leiden hatte, liessen sich die Roemer mit einer
Geduld, die mit ihrer gruendlichen Abneigung gegen den Seekrieg und
ihrem schlechten Flottenwesen eng zusammenhing, laenger als billig
gefallen. Allein endlich ward es doch zu arg. Unter Beguenstigung
Makedoniens, das keine Veranlassung mehr fand, sein altes Geschaeft der
Beschirmung des hellenischen Handels vor den adriatischen Korsaren zu
Gunsten seiner Feinde fortzufuehren, hatten die Herren von Skodra die
illyrischen Voelkerschaften, etwa die heutigen Dalmatiner, Montenegriner
und Nordalbanesen, zu gemeinschaftlichen Piratenzuegen im grossen Stil
vereinigt; mit ganzen Geschwadern ihrer schnellsegelnden Zweidecker, der
bekannten "liburnischen" Schiffe, fuehrten die Illyrier den Krieg gegen
jedermann zur See und an den Kuesten. Die griechischen Ansiedlungen in
diesen Gegenden, die Inselstaedte Issa (Lissa) und Pharos (Lesina), die
wichtigen Kuestenplaetze Epidamnos (Durazzo) und Apollonia (noerdlich
von Avlona am Aoos), hatten natuerlich vor allem zu leiden und sahen
sich wiederholt von den Barbaren belagert. Aber noch weiter suedlich, in
Phoenike, der bluehendsten Stadt von Epeiros, setzten die Korsaren sich
fest; halb gezwungen, halb freiwillig traten die Epeiroten und Akarnanen
mit den fremden Raeubern in eine unnatuerliche Symmachie; bis nach Elis
und Messene hin waren die Kuesten unsicher. Vergeblich vereinigten
die Aetoler und Achaeer, was sie an Schiffen hatten, um dem Unwesen zu
steuern; in offener Seeschlacht wurden sie von den Seeraeubern und deren
griechischen Bundesgenossen geschlagen; die Korsarenflotte vermochte
endlich sogar die reiche und wichtige Insel Kerkyra (Korfu) einzunehmen.
Die Klagen der italischen Schiffer, die Hilfsgesuche der altverbuendeten
Apolloniaten, die flehenden Bitten der belagerten Issaer noetigten
endlich den roemischen Senat, wenigstens Gesandte nach Skodra zu
schicken. Die Brueder Gaius und Lucius Coruncanius kamen, um von dem
Koenig Agron Abstellung des Unwesens zu fordern. Der Koenig gab zur
Antwort, dass nach illyrischem Landrecht der Seeraub ein erlaubtes
Gewerbe sei und die Regierung nicht das Recht habe, der Privatkaperei
zu wehren; worauf Lucius Coruncanius erwiderte, dass dann Rom es sich
angelegen sein lassen werde, den Illyriern ein besseres Landrecht
beizubringen. Wegen dieser, allerdings nicht sehr diplomatischen Replik
wurde, wie die Roemer behaupteten, auf Geheiss des Koenigs, einer der
Gesandten auf der Heimkehr ermordet und die Auslieferung der Moerder
verweigert. Der Senat hatte jetzt keine Wahl mehr. Mit dem Fruehjahr
525 (229) erschien vor Apollonia eine Flotte von 200 Linienschiffen
mit einer Landungsarmee an Bord; vor jener zerstoben die Korsarenboote,
waehrend diese die Raubburgen brach; die Koenigin Teuta, die nach ihres
Gemahls Agron Tode die Regierung fuer ihren unmuendigen Sohn Pinnes
fuehrte, musste, in ihrem letzten Zufluchtsort belagert, die Bedingungen
annehmen, die Rom diktierte. Die Herren von Skodra wurden wieder im
Norden wie im Sueden auf ihr urspruengliches engbegrenztes Gebiet
beschraenkt und hatten nicht bloss alle griechischen Staedte, sondern
auch die Ardiaeer in Dalmatien, die Parthiner um Epidamnos, die
Atintanen im noerdlichen Epeiros aus ihrer Botmaessigkeit zu entlassen;
suedlich von Lissos (Alessio zwischen Scutari und Durazzo) sollten
kuenftig illyrische Kriegsfahrzeuge ueberhaupt nicht und nicht armierte
nicht ueber zwei zusammen fahren duerfen. Roms Seeherrschaft auf dem
Adriatischen Meer war in der loeblichsten und dauerhaftesten Weise
zur vollen Anerkennung gebracht durch die rasche und energische
Unterdrueckung des Piratenunfugs. Allein man ging weiter und setzte
sich zugleich an der Ostkueste fest. Die Illyrier von Skodra wurden
tributpflichtig nach Rom; auf den dalmatinischen Inseln und Kuesten
wurde Demetrios von Pharos, der aus den Diensten der Teuta in roemische
getreten war, als abhaengiger Dynast und roemischer Bundesgenosse
eingesetzt; die griechischen Staedte Kerkyra, Apollonia, Epidamnos und
die Gemeinden der Atintanen und Parthiner wurden in milden Formen der
Symmachie an Rom geknuepft. Diese Erwerbungen an der Ostkueste des
Adriatischen Meeres waren nicht ausgedehnt genug, um einen eigenen
Nebenkonsul fuer sie einzusetzen: nach Kerkyra und vielleicht auch nach
anderen Plaetzen scheinen Statthalter untergeordneten Ranges gesandt und
die Oberaufsicht ueber diese Besitzungen den Oberbeamten, welche Italien
verwalteten, mit uebertragen worden zu sein ^7. Also traten gleich
Sizilien und Sardinien auch die wichtigsten Seestationen im Adriatischen
Meer in die roemische Botmaessigkeit ein. Wie haette es auch anders
kommen sollen? Rom brauchte eine gute Seestation im oberen Adriatischen
Meere, welche ihm seine Besitzungen an dem italischen Ufer nicht
gewaehrten; die neuen Bundesgenossen, namentlich die griechischen
Handelsstaedte, sahen in den Roemern ihre Retter und taten ohne Zweifel,
was sie konnten, sich des maechtigen Schutzes dauernd zu versichern;
im eigentlichen Griechenland, war nicht bloss niemand imstande zu
widersprechen, sondern das Lob der Befreier auf allen Lippen. Man kann
fragen, ob der Jubel in Hellas groesser war oder die Scham, als
statt der zehn Linienschiffe der Achaeischen Eidgenossenschaft, der
streitbarsten Macht Griechenlands, jetzt zweihundert Segel der Barbaren
in ihre Haefen einliefen und mit einem Schlage die Aufgabe loesten, die
den Griechen zukam und an der diese so klaeglich gescheitert waren. Aber
wenn man sich schaemte, dass die Rettung den bedraengten Landsleuten vom
Ausland hatte kommen muessen, so geschah es wenigstens mit guter Manier;
man saeumte nicht, die Roemer durch Zulassung zu den Isthmischen
Spielen und den Eleusinischen Mysterien feierlich in den hellenischen
Nationalverband aufzunehmen. -------------------------------------------
^7 Ein stehender roemischer Kommandant von Kerkyra scheint bei Polyb.
22,15, 6 (falsch uebersetzt von Liv. 38, 11; vgl. 42, 37), ein solcher
von Issa bei Liv. 43, 9 vorzukommen. Dazu kommt die Analogie des
Praefectus pro legato insularem Baliarum (Orelli 732) und des
Statthalters von Pandataria (IRN 3528). Es scheint danach ueberhaupt in
der roemischen Verwaltung Regel gewesen zu sein, fuer die entfernteren
Inseln nicht senatorische praefecti zu bestellen. Diese "Stellvertreter"
aber setzen ihrem Wesen nach einen Oberbeamten voraus, der sie ernennt
und beaufsichtigt; und dies koennen in dieser Zeit nur die Konsuln
gewesen sein. Spaeter, seit Einrichtung der Provinzen Makedonien und
Gallia Cisalpina, kam die Oberverwaltung an den einen dieser beiden
Statthalter; wie denn das hier in Rede stehende Gebiet, der Kern
des spaeteren roemischen Illyricum, bekanntlich zum Teil zu
Caesars Verwaltungssprengel mit gehoerte.
---------------------------------------- Makedonien schwieg; es
war nicht in der Verfassung, mit den Waffen zu protestieren, und
verschmaehte, es mit Worten zu tun. Auf Widerstand traf man nirgend;
aber nichtsdestoweniger hatte Rom, indem es die Schluessel zum Hause des
Nachbarn an sich nahm, in diesem sich einen Gegner geschaffen, von dem,
wenn er wieder zu Kraeften oder eine guenstige Gelegenheit ihm vorkam,
sich erwarten liess, dass er sein Schweigen zu brechen wissen werde.
Haette der kraeftige und besonnene Koenig Antigonos Doson laenger
gelebt, so wuerde wohl er schon den hingeworfenen Handschuh aufgehoben
haben; denn als einige Jahre spaeter der Dynast Demetrios von Pharos
sich der roemischen, Hegemonie entzog, im Einverstaendnis mit den
Istriern vertragswidrig Seeraub trieb und die von den Roemern fuer
unabhaengig erklaerten Atintanen sich unterwarf, machte Antigonos
Buendnis mit ihm, und Demetrios' Truppen fochten mit in Antigonos' Heer
in der Schlacht bei Sellasia (532 222). Allein Antigonos starb (Winter
533/34 221/20); sein Nachfolger Philippos, noch ein Knabe, liess es
geschehen, dass der Konsul Lucius Aemilius Paullus den Verbuendeten
Makedoniens angriff, seine Hauptstadt zerstoerte und ihn landfluechtig
aus seinem Reiche trieb (535 219). Auf dem Festland des eigentlichen
Italien suedlich vom Apennin war tiefer Friede seit dem Fall von Tarent;
der sechstaegige Krieg mit Falerii (513 241) ist kaum etwas mehr als
eine Kuriositaet. Aber gegen Norden dehnte zwischen dem Gebiet der
Eidgenossenschaft und der Naturgrenze Italiens, der Alpenkette, noch
eine weite Strecke sich aus, die den Roemern nicht botmaessig war.
Als Grenze Italiens galt an der adriatischen Kueste der Aesisfluss,
unmittelbar oberhalb Ancona. Jenseits dieser Grenze gehoerte
die naechstliegende, eigentlich gallische Landschaft bis Ravenna
einschliesslich in aehnlicher Weise wie das eigentliche Italien zu dem
roemischen Reichsverband; die Senonen, die hier ehemals gesessen hatten,
waren in dem Kriege 471/72 (283/82) ausgerottet und die einzelnen
Ortschaften entweder als Buergerkolonien, wie Sena gallica, oder
als Bundesstaedte, sei es latinischen Rechts, wie Ariminum, sei es
italischen, wie Ravenna, mit Rom verknuepft worden. Auf dem weiten
Gebiet jenseits Ravenna bis zu der Alpengrenze sassen nichtitalische
Voelkerschaften. Suedlich vom Po behauptete sich noch der maechtige
Keltenstamm der Boier (von Parma bis Bologna), neben denen oestlich
die Lingonen, westlich (im Gebiet von Parma) die Anaren, zwei kleinere,
vermutlich in der Klientel der Boier stehende keltische Kantone die
Ebene ausfuellten. Wo diese aufhoert, begannen die Ligurer, die mit
einzelnen keltischen Staemmen gemischt auf dem Apennin von oberhalb
Arezzo und Pisa an sitzend, das Quellgebiet des Po innehatten. Von der
Ebene nordwaerts vom Po hatten die Veneter, verschiedenen Stammes von
den Kelten und wohl illyrischer Abkunft, den oestlichen Teil etwa von
Verona bis zur Kueste im Besitz; zwischen ihnen und den westlichen
Gebirgen sassen die Cenomanen (um Brescia und Cremona), die selten
mit der keltischen Nation hielten und wohl stark mit Venetern gemischt
waren, und die Insubrer (um Mailand), dieser der bedeutendste der
italischen Keltengaue und in stetiger Verbindung nicht bloss mit den
kleineren, in den Alpentaelern zerstreuten Gemeinden teils keltischer,
teils anderer Abkunft, sondern auch mit den Keltengauen jenseits der
Alpen. Die Pforten der Alpen, der maechtige, auf fuenfzig deutsche
Meilen schiffbare Strom, die groesste und fruchtbarste Ebene des
damaligen zivilisierten Europas, waren nach wie vor in den Haenden der
Erbfeinde des italischen Namens, die, wohl gedemuetigt und geschwaecht,
doch immer noch kaum dem Namen nach abhaengig und immer noch unbequeme
Nachbarn, in ihrer Barbarei verharrten und duenngesaet in den weiten
Flaechen ihre Herden- und Plunderwirtschaft fortfuehrten. Man durfte
erwarten, dass die Roemer eilen wuerden, sich dieser Gebiete zu
bemaechtigen; um so mehr als die Kelten allmaehlich anfingen, ihrer
Niederlagen in den Feldzuegen von 471 und 472 (283 282) zu vergessen und
sich wieder zu regen, ja was noch bedenklicher war, die transalpinischen
Kelten aufs neue begannen, diesseits der Alpen sich zu zeigen. In der
Tat hatten bereits im Jahre 516 (238) die Boier den Krieg erneuert und
deren Herren Atis und Galatas, freilich ohne Auftrag der Landesgemeinde,
die Transalpiner aufgefordert, mit ihnen gemeinschaftliche Sache zu
machen; zahlreich waren diese dem Ruf gefolgt und im Jahre 518 (236)
lagerte ein Keltenheer vor Ariminum, wie Italien es lange nicht gesehen
hatte. Die Roemer, fuer den Augenblick viel zu schwach, um die Schlacht
zu versuchen, schlossen Waffenstillstand und liessen, um Zeit zu
gewinnen, Boten der Kelten nach Rom gehen, die im Senat die Abtretung
von Ariminum zu fordern wagten - es schien, als seien die Zeiten des
Brennus wiedergekehrt. Aber ein unvermuteter Zwischenfall machte
dem Krieg ein Ende, bevor er noch recht begonnen hatte. Die Boier,
unzufrieden mit den ungebetenen Bundesgenossen und wohl fuer ihr eigenes
Gebiet fuerchtend, gerieten in Haendel mit den Transalpinern; es kam
zwischen den beiden Keltenheeren zu offener Feldschlacht, und nachdem
die boischen Haeuptlinge von ihren eigenen Leuten erschlagen waren,
kehrten die Transalpiner heim. Damit waren die Boier den Roemern in die
Haende gegeben, und es hing nur von diesen ab, sie gleich den Senonen
auszutreiben und wenigstens bis an den Po vorzudringen; allein es ward
vielmehr denselben gegen die Abtretung einiger Landstriche der Friede
gewaehrt (518 236). Das mag damals geschehen sein, weil man eben den
Wiederausbruch des Kriegs mit Karthago erwartete; aber nachdem dieser
durch die Abtretung Sardiniens abgewandt worden war, forderte es die
richtige Politik der roemischen Regierung, das Land bis an die Alpen
so rasch und so vollstaendig wie moeglich in Besitz zu nehmen. Die
bestaendigen Besorgnisse der Kelten vor einer solchen roemischen
Invasion sind darum hinreichend gerechtfertigt; indes die Roemer
beeilten sich eben nicht. So begannen denn die Kelten ihrerseits den
Krieg, sei es, dass die roemischen Ackerverteilungen an der Ostkueste
(522 232), obwohl zunaechst nicht gegen sie gerichtet, sie besorgt
gemacht hatten, sei es, dass sie die Unvermeidlichkeit eines Krieges mit
Rom um den Besitz der Lombardei begriffen, sei es, was vielleicht das
Wahrscheinlichste ist, dass das ungeduldige Kelterwolk wieder einmal
des Sitzens muede war und eine neue Heerfahrt zu ruesten beliebte. Mit
Ausschluss der Cenomanen, die mit den Venetern hielten und sich fuer die
Roemer erklaerten, traten dazu saemtliche italische Kelten zusammen,
und ihnen schlossen sich unter den Fuehrern Concolitanus und Aneroestus
zahlreich die Kelten des oberen Rhonetals oder vielmehr deren
Reislaeufer an ^8. Mit 50000 zu Fuss und 20000 zu Ross oder zu Wagen
kaempfenden Streitern rueckten die Fuehrer der Kelten auf den Apennin
zu (529 225). Von dieser Seite hatte man in Rom sich des Angriffs nicht
versehen und nicht erwartet, dass die Kelten mit Vernachlaessigung
der roemischen Festungen an der Ostkueste und des Schutzes der eigenen
Stammesgenossen geradeswegs gegen die Hauptstadt vorzugehen wagen
wuerden. Nicht gar lange vorher hatte ein aehnlicher Keltenschwarm in
ganz gleicher Weise Griechenland ueberschwemmt; die Gefahr war ernst
und schien noch ernster, als sie war. Der Glaube, dass Roms Untergang
diesmal unvermeidlich und der roemische Boden vom Verhaengnis gallisch
zu werden bestimmt sei, war selbst in Rom unter der Menge so allgemein
verbreitet, dass sogar die Regierung es nicht unter ihrer Wuerde hielt,
den krassen Aberglauben des Poebels durch einen noch krasseren zu bannen
und zur Erfuellung des Schicksalspruchs einen gallischen Mann und eine
gallische Frau auf dem roemischen Markt lebendig begraben zu lassen.
Daneben traf man ernstlichere Anstalten. Von den beiden konsularischen
Heeren, deren jedes etwa 25000 Mann zu Fuss und 1100 Reiter zaehlte,
stand das eine unter Gaius Atilius Regulus in Sardinien, das zweite
unter Lucius Aemilius Papus bei Ariminum; beide erhielten Befehl,
sich so schnell wie moeglich nach dem zunaechst bedrohten Etrurien
zu begeben. Schon hatten gegen die mit Rom verbuendeten Cenomanen und
Veneter die Kelten eine Besatzung in der Heimat zuruecklassen muessen;
jetzt ward auch der Landsturm der Umbrer angewiesen, von den heimischen
Bergen herab in die Ebene der Boier einzuruecken und dem Feinde auf
seinen eigenen Aeckern jeden erdenklichen Schaden zuzufuegen. Die
Landwehr der Etrusker und Sabiner sollte den Apennin besetzen und
womoeglich sperren, bis die regulaeren Truppen eintreffen koennten. In
Rom bildete sich eine Reserve von 50000 Mann; durch ganz Italien, das
diesmal in Rom seinen rechten Vorkaempfer sah, wurde die dienstfaehige
Mannschaft verzeichnet, Vorraete und Kriegsmaterial zusammengebracht.
--------------------------------------------- ^8 Dieselben, die Polybios
bezeichnet als "die Kelten in den Alpen und an der Rhone, die man
wegen ihrer Reislaeuferei Gaesaten (Landsknechte) nenne", werden in
den kapitolinischen Fasten Germani genannt. Moeglich ist es, dass die
gleichzeitige Geschichtschreibung hier nur Kelten genannt und erst
die historische Spekulation der caesarischen und augustischen Zeit die
Redaktoren jener Fasten bewogen hat, daraus "Germanen" zu machen.
Wofern dagegen die Nennung der Germanen in den Fasten auf gleichzeitige
Aufzeichnungen zurueckgeht - in welchem Falle dies die aelteste
Erwaehnung dieses Namens ist -, wird man hier doch nicht an die
spaeter so genannten deutschen Staemme denken duerfen, sondern an einen
keltischen Schwarm. ---------------------------------------------- Indes
alles das forderte Zeit; man hatte einmal sich ueberrumpeln lassen, und
wenigstens Etrurien zu retten, war es zu spaet. Die Kelten fanden den
Apennin kaum verteidigt und pluenderten unangefochten die reichen Ebenen
des tuskischen Gebietes, das lange keinen Feind gesehen. Schon standen
sie bei Clusium, drei Tagemaersche von Rom, als das Heer von Ariminum
unter dem Konsul Papus ihnen in der Flanke erschien, waehrend die
etruskische Landwehr, die sich nach der Ueberschreitung des Apennin im
Ruecken der Gallier zusammengezogen hatte, dem Marsch der Feinde
folgte. Eines Abends, nachdem bereits beide Heere sich gelagert und die
Biwakfeuer angezuendet hatten, brach das keltische Fussvolk ploetzlich
wieder auf und zog in rueckwaertiger Richtung ab auf der Strasse
gegen Faesulae (Fiesole); die Reiterei besetzte die Nacht hindurch die
Vorposten und folgte am andern Morgen der Hauptmacht. Als die tuskische
Landwehr, die dicht am Feinde lagerte, seines Abzugs inneward, meinte
sie, dass der Schwarm anfange sich zu verlaufen und brach auf zu eiligem
Nachsetzen. Eben darauf hatten die Gallier gerechnet; ihr ausgeruhtes
und geordnetes Fussvolk empfing auf dem wohl gewaehlten Schlachtfeld
die roemische Miliz, die ermattet und aufgeloest von dem Gewaltmarsch
herankam. 6000 Mann fielen nach heftigem Kampf, und auch der Rest des
Landsturms, der notduerftig auf einem Huegel Zuflucht gefunden,
waere verloren gewesen, wenn nicht rechtzeitig das konsularische
Heer erschienen waere. Dies bewog die Gallier, sich nach der Heimat
zurueckzuwenden. Ihr geschickt angelegter Plan, die Vereinigung der
beiden roemischen Heere zu hindern und das schwaechere einzeln zu
vernichten, war nur halb gelungen; fuer jetzt schien es ihnen geraten,
zunaechst die betraechtliche Beute in Sicherheit zu bringen. Des
bequemeren Marsches wegen zogen sie sich aus der Gegend von Chiusi, wo
sie standen, an die ebene Kueste und marschierten am Strande hin,
als sie unvermutet hier sich den Weg verlegt fanden. Es waren die
sardinischen Legionen, die bei Pisae gelandet waren und, da sie zu spaet
kamen, um den Apennin zu sperren, sich sofort auf demselben Kuestenweg,
den die Gallier verfolgten, in der entgegengesetzten Richtung in
Bewegung gesetzt hatten. Bei Telamon (an der Muendung des Ombrone)
trafen sie auf den Feind. Waehrend das roemische Fussvolk in
geschlossener Front auf der grossen Strasse vorrueckte, ging die
Reiterei, vom Konsul Gaius Atilius Regulus selber gefuehrt, seitwaerts
vor, um den Galliern in die Flanke zu kommen und so bald wie moeglich
dem anderen roemischen Heer unter Papus Kunde von ihrem Eintreffen zu
geben. Es entspann sich ein heftiges Reitergefecht, in dem mit vielen
tapferen Roemern auch Regulus fiel; aber nicht umsonst hatte er sein
Leben aufgeopfert: sein Zweck war erreicht. Papus gewahrte das Gefecht
und ahnte den Zusammenhang; schleunig ordnete er seine Scharen und von
beiden Seiten drangen nun roemische Legionen auf das Keltenheer ein.
Mutig stellte dieses sich zum Doppelkampf, die Transalpiner und Insubrer
gegen die Truppen des Papus, die alpinischen Taurisker und die Boier
gegen das sardinische Fussvolk; das Reitergefecht ging davon gesondert
auf dem Fluegel seinen Gang. Die Kraefte waren der Zahl nach nicht
ungleich gemessen, und die verzweifelte Lage der Gallier zwang sie zur
hartnaeckigsten Gegenwehr. Aber die Transalpiner, nur des Nahkampfes
gewohnt, wichen vor den Geschossen der roemischen Plaenkler; im
Handgemenge setzte die bessere Staehlung der roemischen Waffen
die Gallier in Nachteil; endlich entschied der Flankenangriff der
siegreichen roemischen Reiterei den Tag. Die keltischen Berittenen
entrannen; fuer das Fussvolk, das zwischen dem Meere und den drei
roemischen Heeren eingekeilt war, gab es keine Flucht. 10000 Kelten mit
dem Koenig Concolitanus wurden gefangen; 40000 andere lagen tot auf dem
Schlachtfeld; Aneroestus und sein Gefolge hatten sich nach keltischer
Sitte selber den Tod gegeben. Der Sieg war vollstaendig und die Roemer
fest entschlossen, die Wiederholung solcher Einfaelle durch die voellige
Ueberwaeltigung der Kelten diesseits der Alpen unmoeglich zu machen.
Ohne Widerstand ergaben im folgenden Jahr (530 224) sich die Boier
nebst den Lingonen, das Jahr darauf (531 223) die Anaren; damit war
das Flachland bis zum Padus in roemischen Haenden. Ernstlichere
Kaempfe kostete die Eroberung des noerdlichen Ufers. Gaius Flaminius
ueberschritt in dem neugewonnenen anarischen Gebiet (etwa bei Piacenza)
den Fluss (531 223); allein bei dem Uebergang und mehr noch bei der
Festsetzung am anderen Ufer erlitt er so schwere Verluste und fand sich,
den Fluss im Ruecken, in einer so gefaehrlichen Lage, dass er mit dem
Feind um freien Abzug kapitulierte, den die Insubrer toerichterweise
zugestanden. Kaum war er indes entronnen, als er vom Gebiet der
Cenomanen aus und mit diesen vereinigt von Norden her in den Gau der
Insubrer zum zweitenmal einrueckte. Zu spaet begriffen diese, um was es
sich jetzt handle; sie nahmen aus dem Tempel ihrer Goettin die goldenen
Feldzeichen, "die unbeweglichen" genannt, und mit ihrem ganzen Aufgebot,
50000 Mann stark, boten sie den Roemern die Schlacht. Die Lage dieser
war gefaehrlich: sie standen mit dem Ruecken an einem Fluss (vielleicht
dem Oglio), von der Heimat getrennt durch das feindliche Gebiet und fuer
den Beistand im Kampf wie fuer die Rueckzugslinie angewiesen auf die
unsichere Freundschaft der Cenomanen. Indes es gab keine Wahl. Man zog
die in den roemischen Reihen fechtenden Gallier auf das linke Ufer des
Flusses; auf dem rechten, den Insubrern gegenueber, stellte man
die Legionen auf und brach die Bruecken ab, um von den unsicheren
Bundesgenossen wenigstens nicht im Ruecken angefallen zu werden.
Freilich schnitt also der Fluss den Rueckzug ab und ging der Weg zur
Heimat durch das feindliche Heer. Aber die Ueberlegenheit der roemischen
Waffen und der roemischen Disziplin erfocht den Sieg und das Heer schlug
sich durch; wieder einmal hatte die roemische Taktik die strategischen
Fehler gutgemacht. Der Sieg gehoerte den Soldaten und Offizieren, nicht
den Feldherren, die gegen den gerechten Beschluss des Senats nur durch
Volksgunst triumphierten. Gern haetten die Insubrer Frieden gemacht;
aber Rom forderte unbedingte Unterwerfung, und so weit war man noch
nicht. Sie versuchten, sich mit Hilfe der noerdlichen Stammgenossen zu
halten, und mit 30000 von ihnen geworbenen Soeldnern derselben und ihrer
eigenen Landwehr empfingen sie die beiden im folgenden Jahr (532 222)
abermals aus dem cenomanischen Gebiet in das ihrige einrueckenden
konsularischen Heere. Es gab noch manches harte Gefecht; bei einer
Diversion, welche die Insubrer gegen die roemische Festung Clastidium
(Casteggio, unterhalb Pavia) am rechten Poufer versuchten, fiel der
gallische Koenig Virdumarus von der Hand des Konsuls Marcus Marcellus.
Allein nach einer halb von den Kelten schon gewonnenen, aber endlich
doch fuer die Roemer entschiedenen Schlacht erstuermte der Konsul Gnaeus
Scipio die Hauptstadt der Insubrer, Mediolanum, und die Einnahme dieser
und der Stadt Comum machte der Gegenwehr ein Ende. Damit waren die
italischen Kelten vollstaendig besiegt, und wie eben vorher die Roemer
den Hellenen im Piratenkrieg den Unterschied zwischen roemischer und
griechischer Seebeherrschung gezeigt, so hatten sie jetzt glaenzend
bewiesen, dass Rom Italiens Pforten anders gegen den Landraub zu wahren
wusste als Makedonien die Tore Griechenlands und dass trotz allen
inneren Haders Italien dem Nationalfeinde gegenueber ebenso einig wie
Griechenland zerrissen dastand. Die Alpengrenze war erreicht, insofern
als das ganze Flachland am Po entweder den Roemern untertaenig oder, wie
das cenomanische und venetische Gebiet, von abhaengigen Bundesgenossen
besessen war; es bedurfte indes der Zeit, um die Konsequenzen dieses
Sieges zu ziehen und die Landschaft zu romanisieren. Man verfuhr dabei
nicht in derselben Weise. In dem gebirgigen Nordwesten Italiens und in
den entfernteren Distrikten zwischen den Alpen und dem Po duldete man im
ganzen die bisherigen Bewohner; die zahlreichen sogenannten Kriege, die
namentlich gegen die Ligurer gefuehrt wurden (zuerst 516 238), scheinen
mehr Sklavenjagden gewesen zu sein, und wie oft auch die Gaue und Taeler
den Roemern sich unterwarfen, war die roemische Herrschaft doch hier
kaum mehr als ein Name. Auch die Expedition nach Istrien (533 221)
scheint nicht viel mehr bezweckt zu haben, als die letzten Schlupfwinkel
der adriatischen Piraten zu vernichten und laengs der Kueste zwischen
den italischen Eroberungen und den Erwerbungen an dem anderen Ufer
eine Kontinentalverbindung herzustellen. Dagegen die Kelten in
den Landschaften suedlich vom Po waren der Vernichtung rettungslos
verfallen; denn bei dem losen Zusammenhang der keltischen Nation nahm
keiner der noerdlichen Kettengaue ausser fuer Geld sich der italischen
Stammgenossen an, und die Roemer sahen in denselben nicht bloss ihre
Nationalfeinde, sondern auch die Usurpatoren ihres natuerlichen Erbes.
Die ausgedehnte Ackerverteilung von 522 (332) hatte schon das gesamte
Gebiet zwischen Ancona und Ariminum mit roemischen Kolonisten gefuellt,
die ohne kommunale Organisation in Marktflecken und Doerfern hier sich
ansiedelten. Auf diesem Wege ging man weiter, und es war nicht
schwer, eine halbbarbarische, dem Ackerbau nur nebenher obliegende und
ummauerter Staedte entbehrende Bevoelkerung, wie die keltische war, zu
verdraengen und auszurotten. Die grosse Nordchaussee, die wahrscheinlich
schon achtzig Jahre frueher ueber Otricoli nach Narni gefuehrt und kurz
vorher bis an die neubegruendete Festung Spoletium (514 240) verlaengert
worden war, wurde jetzt (534 220) unter dem Namen der Flaminischen
Strasse ueber den neu angelegten Marktflecken Forum Flaminii (bei
Foligno) durch den Furlopass an die Kueste und an dieser entlang von
Fanum (Fano) bis nach Ariminum gefuehrt; es war die erste Kunststrasse,
die den Apennin ueberschritt und die beiden italischen Meere verband.
Man war eifrig beschaeftigt, das neugewonnene fruchtbare Gebiet mit
roemischen Ortschaften zu bedecken. Schon war zur Deckung des Uebergangs
ueber den Po auf dem rechten Ufer die starke Festung Placentia
(Piacenza) gegruendet, nicht weit davon am linken Cremona angelegt,
ferner auf dem den Boiern abgenommenen Gebiet der Mauerbau von
Mutina (Modena) weit vorgeschritten; schon bereitete man weitere
Landanweisungen und die Fortfuehrung der Chaussee vor, als ein
ploetzliches Ereignis die Roemer in der Ausbeutung ihrer Erfolge
unterbrach. 4. Kapitel Hamilkar und Hannibal Der Vertrag mit Rom von 513
(241) gab den Karthagern Frieden, aber um einen teuren Preis. Dass die
Tribute des groessten Teils von Sizilien jetzt in den Schatz des
Feindes flossen statt in die karthagische Staatskasse, war der geringste
Verlust. Viel empfindlicher war es, dass man nicht bloss die Hoffnung
hatte aufgeben muessen, deren Erfuellung so nahe geschienen, die
saemtlichen Seestrassen aus dem oestlichen in das westliche Mittelmeer
zu monopolisieren, sondern dass das ganze handelspolitische System
gesprengt, das bisher ausschliesslich beherrschte suedwestliche Becken
des Mittelmeers seit Siziliens Verlust fuer alle Nationen ein offenes
Fahrwasser, Italiens Handel von dem phoenikischen vollstaendig
unabhaengig geworden war. Indes die ruhigen sidonischen Maenner haetten
auch darueber vielleicht sich zu beruhigen vermocht. Man hatte schon
aehnliche Schlaege erfahren; man hatte mit den Massalioten, den
Etruskern, den sizilischen Griechen teilen muessen, was man frueher
allein besessen; auch das, was man jetzt noch hatte, Afrika, Spanien,
die Pforten des Atlantischen Meeres, reichte aus, um maechtig und
wohlgemut zu leben. Aber freilich, wer buergte dafuer, dass wenigstens
dies blieb? Was Regulus gefordert und wie wenig ihm gefehlt hatte, um
das, was er forderte, zu erreichen, konnte nur v
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