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Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Vierter Band

by Baron Thomas Babington Macaulay Macaulay · German · Gutenberg #30331 · 557,760 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Vierter Band
    
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Title: Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Vierter Band

Author: Baron Thomas Babington Macaulay Macaulay

Translator: Wilhelm Beseler


        
Release date: October 25, 2009 [eBook #30331]
                Most recently updated: October 24, 2024

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/30331

Credits: Produced by Louise Hope, Delphine Lettau, richyfourtytwo
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        https://www.pgdp.net


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTE VON ENGLAND SEIT DER THRONBESTEIGUNG JAKOB'S DES ZWEITEN. VIERTER BAND ***

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  Thomas Babington Macaulay’s

  Geschichte von England


  seit der

  Thronbesteigung Jakob’s des Zweiten.


  Aus dem Englischen.


  +Vollständige und wohlfeilste Stereotyp-Ausgabe.+


  Vierter Band.


  Leipzig, 1854.
  _G. H. Friedlein._


       *       *       *       *       *
           *       *       *       *


  Siebentes Kapitel.

  Jakob II.




  =Inhalt.=

                                                               Seite
  Wilhelm, Prinz von Oranien                                       5
  Sein Äußeres                                                     5
  Sein früheres Leben und seine Erziehung                          5
  Seine religiösen Ansichten                                       7
  Seine militairischen Talente                                     8
  Sein Vergnügen an Gefahren; seine schlechte Gesundheit          10
  Kälte seines Benehmens und Heftigkeit seiner Gemüthsregungen    10
  Seine Freundschaft für Bentinck                                 10
  Marie, Prinzessin von Oranien                                   12
  Gilbert Burnet                                                  14
  Er vermittelt eine innigere Annäherung zwischen dem Prinzen
      und der Prinzessin                                          17
  Beziehungen Wilhelm’s zu den englischen Parteien                18
  Seine Gesinnungen gegen England                                 18
  Seine Gesinnungen gegen Holland und Frankreich                  19
  Seine Politik durchaus consequent                               22
  Vertrag von Augsburg                                            24
  Wilhelm wird das Oberhaupt der englischen Opposition            25
  Mordaunt schlägt Wilhelm eine Landung in England vor            26
  Wilhelm verwirft den Rath                                       26
  Unzufriedenheit in England nach dem Sturze der Hyde             27
  Bekehrungen zum Papismus; Peterborough, Salisbury               27
  Wycherley, Tindal, Haines                                       28
  Dryden                                                          29
  +„The Hind and Panther.“+                                       30
  Änderung in dem Verfahren des Hofes gegen die Puritaner         32
  In Schottland theilweise Duldung gewährt                        35
  Persönliche Bearbeitung Einzelner im königlichen Kabinet        36
  Erfolglosigkeit der persönlichen Bearbeitung                    37
  Admiral Herbert                                                 37
  Die Indulgenzerklärung                                          37
  Stimmung der protestantischen Dissenters                        39
  Stimmung der anglikanischen Kirche                              40
  Der Hof und die Kirche                                          40
  „Brief an einen Dissenter.“                                     42
  Benehmen der Dissenters                                         43
  Einige von ihnen halten es mit dem Hofe. Care, Alsop,
      Rosewell                                                    45
  Lobb                                                            46
  Penn                                                            46
  Die Mehrzahl der Puritaner ist gegen den Hof. Baxter            46
  Howe                                                            47
  Bunyan                                                          47
  Kiffin                                                          49
  Der Prinz und die Prinzessin von Oranien gegen die
      Indulgenzerklärung                                          52
  Vertheidigung ihrer Ansichten bezüglich der englischen
      Katholiken                                                  53
  Jakob’s Feindschaft gegen Burnet                                57
  Sendung Dykvelt’s nach England                                  59
  Unterhandlungen Dykvelt’s mit englischen Staatsmännern          59
  Danby                                                           60
  Nottingham                                                      60
  Halifax                                                         61
  Devonshire                                                      62
  Eduard Russel                                                   64
  Compton. -- Herbert. -- Churchill                               65
  Lady Churchill und die Prinzessin Anna                          66
  Dykvelt kehrt mit Briefen von vielen angesehenen Engländern
      nach dem Haag zurück                                        68
  Zulestein’s Sendung                                             69
  Zunehmende Feindschaft zwischen Jakob und Wilhelm               70
  Einfluß der holländischen Presse                                71
  Stewart’s und Fagel’s Correspondenz                             71
  Castelmaine’s Gesandtschaft in Rom                              72




[_Wilhelm, Prinz von Oranien._] Wilhelm Heinrich, Prinz von
Oranien-Nassau, nimmt in der Geschichte Englands und der gesammten
Menschheit eine so bedeutende Stelle ein, daß es wünschenswerth
erscheint, die markirten Züge seines Characters mit einiger
Ausführlichkeit zu zeichnen.[1]

    [Anmerkung 1: Die Hauptquellen, aus denen ich meine Schilderung
    des Prinzen von Oranien geschöpft habe, sind Burnet’s Geschichte,
    Temple’s und Gourville’s Memoiren, die Unterhandlungen der Grafen
    Estrades und Avaux, Sir Georg Downing’s Briefe an den Lordkanzler
    Clarendon, Wagenaar’s umfangreiches Geschichtswerk, Van Kampen’s
    +Karakterkunde Vaderlandsche Geschiedenis+, und vor Allem
    Wilhelm’s eigene vertrauliche Correspondenz, von welcher der
    Herzog von Portland Sir Jakob Mackintosh eine Abschrift zu nehmen
    erlaubte.]


[_Sein Äußeres._] Er stand jetzt in seinem siebenunddreißigsten
Lebensjahre, war aber körperlich und geistig älter als andere Leute in
diesen Jahren. Man könnte fast sagen, er sei niemals jung gewesen. Sein
Äußeres ist uns fast eben so gut bekannt, als seinen eigenen Heerführern
und Räthen. Bildhauer, Maler und Münzschneider haben ihre ganze
Geschicklichkeit aufgeboten, um seine Züge der Nachwelt zu überliefern,
und diese waren von der Art, daß kein Künstler sie verfehlen und daß,
wer sie einmal gesehen, sie nie vergessen konnte. Sein Name erinnert uns
sogleich an eine schmächtige und zarte Gestalt, an eine hohe und breite
Stirn, an eine wie der Schnabel eines Adlers gebogene Nase, an ein Paar
Augen, die an Glanz und Schärfe mit denen des Adler wetteiferten, an
eine gedankenvolle, etwas finstre Miene, einen festen und etwas
mürrischen Mund, an eine bleiche, eingefallene und durch Krankheit und
Sorgen tief gefurchte Wange. Dieses gedankenvolle, ernste und feierliche
Aussehen konnte kaum einem glücklichen und lebensfrohen Manne angehört
haben; aber es verräth in unverkennbarer Weise die Befähigung zu den
schwierigsten Unternehmungen und einen durch kein Mißgeschick und durch
keine Gefahren zu erschütternden Muth.


[_Sein früheres Leben und seine Erziehung._] Die Natur hatte Wilhelm mit
allen Eigenschaften eines großen Herrschers reich ausgestattet und die
Erziehung hatte diese Eigenschaften in nicht gewöhnlichem Grade
entwickelt. Mit einem scharfen natürlichen Verstande und einer seltenen
Willenskraft sah er sich, als sein Geist zu erwachen begann, als vater-
und mutterlose Waise, als das Oberhaupt einer großen, aber unterdrückten
und entmuthigten Partei und als den Erben ausgedehnter aber unbestimmter
Ansprüche, welche die Furcht und die Abneigung der damals in den
Niederlanden herrschenden Oligarchie erregten. Das gemeine Volk, das
seit einem Jahrhundert seinem Hause treu ergeben war, bewies so oft es
ihn sah, auf nicht zu verkennende Weise, daß es ihn als sein
rechtmäßiges Oberhaupt betrachtete. Die geschickten und erfahrenen
Minister der Republik, die seinen Namen tödtlich haßten, brachten ihm
täglich ihre erzwungene Huldigung dar und beobachteten dabei die
Fortschritte seines Geistes. Die ersten Regungen seines Ehrgeizes wurden
sorgfältig bewacht, jedes unüberlegte Wort, das ihm entschlüpfte, wurde
niedergeschrieben, und er besaß nicht einen einzigen Rathgeber, auf
dessen Ausspruch Vertrauen gesetzt werden konnte. Er war kaum funfzehn
Jahre alt, so wurden alle Diener, die seinem Interesse ergeben waren und
die sein Vertrauen genossen, von der mißtrauischen Regierung aus seinem
Hause entfernt. Er sträubte sich dagegen mit einer weit über seine Jahre
hinausgehenden Energie, aber vergebens. Aufmerksame Beobachter sahen
mehr als einmal Thränen in den Augen des jungen Staatsgefangenen. Seine
von Haus aus zarte Gesundheit war eine Zeit lang durch die
Gemüthsbewegungen, die seine traurige und vereinsamte Stellung erzeugte,
ernstlich erschüttert. Eine solche Lage macht den Schwachen muthlos und
bestürzt, dem Starken giebt sie eine verdoppelte Kraft. Von Schlingen
umgeben, in denen ein gewöhnlicher Jüngling umgekommen sein würde,
lernte Wilhelm vorsichtig und zu gleicher Zeit energisch auftreten.
Schon lange bevor er das Mannesalter erreicht, verstand er es,
Geheimnisse zu bewahren, die Neugierde durch trockene und wohlüberlegte
Antworten abzutrumpfen und alle Leidenschaften unter dem nämlichen
Scheine ernster Ruhe zu verbergen. In der feinen Weltbildung und in
literarischen Kenntnissen machte er dagegen nur geringe Fortschritte.
Dem Benehmen des holländischen Adels jener Zeit fehlte die
liebenswürdige Anmuth, welche bei den gebildeten Franzosen in höchster
Vollkommenheit zu finden war und in geringerem Grade auch den englischen
Hof zierte; seine Manieren waren durchaus holländisch. Selbst seine
eigenen Landsleute nannten ihn plump, und Ausländern erschien er oft
noch mehr als dies. In seinem Verkehr mit der Welt im Allgemeinen schien
er jene Fertigkeiten, welche den Werth einer Gunstbezeugung erhöhen und
einer Verweigerung die Spitze abbrechen, nicht zu kennen oder sie zu
verschmähen. Die Literatur und die Wissenschaften interessirten ihn
wenig; er wußte nichts von den Entdeckungen eines Newton und Leibnitz,
von den Poesien eines Dryden und Boileau; dramatische Darstellungen
langweilten ihn und er war froh, wenn er den Blick von der Bühne
abwenden und von öffentlichen Angelegenheiten sprechen konnte, während
Orestes raste oder Tartüffe der Elmira die Hand drückte. Er besaß zwar
einiges Talent zu Sarkasmen und entfaltete nicht selten ganz unbewußt
eine sonderbar klingende, aber kräftige und originelle natürliche
Redekunst, aber nach den Titel eines Schöngeistes oder eines Redners
strebte er nicht. Seine ganze Aufmerksamkeit war auf diejenigen Studien
gerichtet gewesen, welche einen tüchtigen und umsichtigen Geschäftsmann
bilden. Von Kindheit an hörte er mit Interesse zu, wenn wichtige Fragen
über Bündnisse, Finanzen und Krieg besprochen wurden. Von der Geometrie
lernte er soviel als zum Bau einer Schanze oder eines Hornwerks nöthig
war. Von fremden Sprachen lernte er mit Hülfe seines ausgezeichneten
Gedächtnisses soviel als er bedurfte, um Alles, was mit ihm gesprochen
wurde, und jeden Brief, den er empfing, verstehen und beantworten zu
können. Das Holländische war seine Umgangssprache. Er verstand
Lateinisch, Italienisch und Spanisch, sprach und schrieb Französisch,
Englisch und Deutsch, zwar nicht elegant und grammatisch richtig, aber
fließend und verständlich. Keine Fähigkeit konnte wichtiger sein für
einen Mann, der dazu bestimmt war, große Bündnisse zu organisiren und
Armeen zu commandiren, die aus verschiedenen Nationalitäten
zusammengesetzt waren.


[_Seine religiösen Ansichten._] Eine Klasse von philosophischen Fragen
war durch die Umstände seiner Aufmerksamkeit dringend empfohlen worden
und scheint ihn mehr interessirt zu haben, als man es von seinem
allgemeinen Character hätte erwarten sollen. Die Protestanten der
Vereinigten Provinzen bestanden wie die unsrer Insel aus zwei großen
religiösen Partein, welche zwei großen politischen Parteien fast genau
entsprachen. Die Oberhäupter der städtischen Oligarchie waren Arminianer
und wurden im Allgemeinen von der Menge als nicht viel besser denn
Papisten betrachtet. Die Prinzen von Oranien waren gewöhnlich die
Schutzpatrone der calvinistischen Theologie gewesen und verdankten
keinen geringen Theil ihrer Popularität ihrem Eifer für die Lehren von
der Gnadenwahl und dem endlichen Beharren, einem Eifer, der nicht immer
durch Kenntnisse erleuchtet oder durch Humanität gemäßigt war. Wilhelm
war von Kindheit auf in dem theologischen System, dem seine Familie
anhing, sorgfältig unterrichtet worden, und betrachtete dieses System
mit größerer Vorliebe, als man in der Regel für seinen ererbten Glauben
hegt. Er hatte über die großen Probleme, welche auf der Synode von
Dortrecht erörtert worden waren, nachgedacht und in der strengen,
unbeugsamen Logik der genfer Schule etwas gefunden, was seinem Verstande
und seinem Gemüth zusagte. Das Beispiel von Unduldsamkeit, das einige
seiner Vorgänger gegeben, ahmte er jedoch niemals nach; er empfand gegen
alle Verfolgung eine entschiedene Abneigung, die er nicht allein da
aussprach, wo ein solches Eingeständniß offenbar staatsklug war, sondern
auch in Fällen, wo es den Anschein hatte, daß sein Interesse durch
Verstellung oder Stillschweigen hätte gefördert werden können.
Gleichwohl waren seine theologischen Ansichten noch entschiedener als
die seiner Vorgänger. Die Lehre von der Prädestination war der
Grundstein seiner Religion. Er erklärte oft, daß wenn er diese Lehre
aufgeben müßte, er zugleich mit derselben allen Glauben an eine waltende
Vorsehung aufgeben und ein reiner Epikuräer werden müßte. Diesen
einzigen Punkt ausgenommen, wurde die ganze Fülle seines kräftigen
Geistes frühzeitig von dem Theoretischen ab und auf das Praktische
gelenkt. Die Fähigkeiten, deren es zur Leitung wichtiger Geschäfte
bedarf, gediehen bei ihm schon in einem Alter zur Reife, wo sie sich bei
gewöhnlichen Menschen kaum erst zu entfalten begonnen haben. Seit
Octavius hatte die Welt kein solches Beispiel frühzeitiger
staatsmännischer Befähigung gesehen. Erfahrene Diplomaten erstaunten
über die treffenden Bemerkungen, die der siebzehnjährige Prinz über
öffentliche Angelegenheiten machte, und mit noch weit größerem Erstaunen
sahen sie diesen Knaben in Lagen, wo man hätte erwarten sollen, daß er
starke Leidenschaften verrathen werde, eine eben so unerschütterliche
Ruhe bewahren, wie sie selbst. Mit achtzehn Jahren saß er bereits unter
den Vätern der Republik, ernst, besonnen und einsichtsvoll wie der
Älteste unter ihnen. Mit zweiundzwanzig Jahren ward er an einem Tage der
Trauer und des Schreckens an die Spitze der Verwaltung gestellt. Mit
dreiundzwanzig Jahren war er durch ganz Europa als Feldherr und
Staatsmann berühmt. Er hatte innere Factionen niedergeworfen, war die
Seele einer mächtigen Coalition und hatte im Felde gegen einige von den
größten Generälen seiner Zeit mit Ehren gefochten.


[_Seine militairischen Talente._] Seine persönlichen Neigungen waren
mehr die eines Kriegers als die eines Staatsmannes, aber wie sein
Urgroßvater, der schweigsame Prinz, der die batavische Republik
gründete, nimmt er unter den Staatsmännern einen viel höheren Rang ein
als unter den Feldherren. Der Verlauf der Schlachten ist allerdings kein
untrüglicher Prüfstein für die Talente eines Befehlshabers, und es würde
ganz besonders ungerecht sein, wollte man diesen Prüfstein bei Wilhelm
anwenden, denn das Schicksal wollte, daß er fast stets Feldherren,
welche vollendete Meister in ihrer Kunst, und Truppen gegenüberstand,
welche in der Disciplin den seinigen weit überlegen waren. Indessen läßt
sich mit gutem Grunde annehmen, daß er als General im offenen Felde
Manchem, der in geistiger Beziehung tief unter ihm stand, keineswegs
gleichkam. Mit Leuten, die sein Vertrauen besaßen, sprach er über diesen
Gegenstand mit der edlen Offenheit eines Mannes, der Großes vollbracht
hat und der recht wohl auch einige Mängel eingestehen kann. Er sagte, er
habe keine Lehrzeit für den militairischen Beruf bestanden; er sei schon
als Knabe an die Spitze einer Armee gestellt worden, unter seinen
Offizieren habe sich keiner befunden, der fähig gewesen wäre, ihn zu
unterweisen; nur aus seinen eigenen Fehlern und deren Folgen habe er
etwas lernen können. „Ich würde einen guten Theil meines Vermögens darum
geben,“ rief er einmal aus, „wenn ich einige Feldzüge unter dem Prinzen
von Condé mitgemacht hätte, ehe ich gegen ihn commandiren mußte.“ Es ist
nicht unwahrscheinlich, daß der Umstand, welcher Wilhelm verhinderte,
eine ausgezeichnete strategische Bildung zu erlangen, der allgemeinen
Entwickelung seiner Geisteskräfte zu Gute gekommen ist. Bewiesen seine
Schlachten auch nicht den großen Taktiker, so berechtigten sie ihn doch
zu dem Titel eines großen Mannes. Kein Mißgeschick konnte ihn nur einen
Augenblick seiner Festigkeit und des vollständigen Besitzes aller seiner
Fähigkeiten berauben. Seine Niederlagen wurden mit einer so wunderbaren
Schnelligkeit wieder gut gemacht, daß er, noch ehe seine Feinde das
Tedeum gesungen hatten, schon wieder zum Kampfe gerüstet war; auch
beeinträchtigten solche Schläge in keiner Weise die Achtung und das
Vertrauen, dessen er sich von Seiten seiner Soldaten erfreute. Diese
Achtung und dieses Vertrauen verdankte er in nicht geringem Maße seinem
persönlichen Muthe. Den Grad von Muth, dessen der Soldat bedarf, um
einen Feldzug ohne Schande zu bestehen, besitzen die meisten Menschen
oder wenigstens können sie denselben in einer guten Schule erlangen. Ein
Muth wie der des Prinzen Wilhelm aber ist in der That selten. Er wurde
auf jede nur mögliche Weise geprüft, durch Krieg, durch Wunden, durch
schmerzhafte und entnervende Krankheiten, durch Seestürme, durch die
beständig drohende Gefahr, ermordet zu werden, eine Gefahr, die schon
sehr starke Nerven erschüttert hat und durch welche selbst die eiserne
Tapferkeit Cromwell’s einen harten Stoß erhielt. Aber Niemand konnte je
etwas entdecken, was der Prinz von Oranien fürchtete. Seine Rathgeber
konnten ihn nur mit Mühe dazu bringen, daß er einige Vorsichtsmaßregeln
gegen die Pistolen und Dolche von Verschwörern ergriff.[2] Alte Seeleute
erstaunten über die kaltblütige Ruhe, die er inmitten tobender
Brandungen an einer gefahrvollen Küste bewahrte. In der Schlacht
zeichnete ihn seine Tapferkeit unter Zehntausenden tapferer Krieger aus,
erweckte die hochherzige Anerkennung selbst der feindlichen Heere und
wurde selbst von der Unbilligkeit feindlicher Factionen nie bestritten.
Während seiner ersten Feldzüge setzte er sich der Gefahr aus, als ob er
den Tod gesucht hätte, war beim Angriff stets der Erste, beim Rückzug
der Letzte, kämpfte mit dem Schwerte in der Hand im dichtesten Gewühl,
und mit einer Flintenkugel im Arm, den Harnisch von Blut überströmt,
hielt er noch immer Stand und schwenkte im furchtbarsten Feuer seinen
Hut. Seine Freunde beschworen ihn, er solle doch sein für das Vaterland
unschätzbares Leben mehr schonen. Sein berühmtester Gegner, der große
Condé, bemerkte nach der blutigen Schlacht von Seneff, der Prinz von
Oranien habe sich in jeder Beziehung wie ein alter General benommen, nur
in sofern nicht, als er sich wie ein junger Soldat ausgesetzt. Wilhelm
leugnete, daß er sich der Tollkühnheit schuldig gemacht habe. Er stelle
sich, meinte er, nur aus Pflichtgefühl und aus kalter Berechnung dessen,
was das öffentliche Interesse erheische, immer auf den Posten der
Gefahr. Die Truppen, die er befehlige, seien wenig an den Krieg gewöhnt
und fürchteten ein Handgemenge mit den französischen Veteranen; es sei
daher nöthig, daß ihr Anführer ihnen zeige, wie man Schlachten gewinnt.
Und in der That wurde auch mehr als eine Schlacht, welche rettungslos
verloren schien, noch durch die Kühnheit gewonnen, mit der er seine
zersprengten Bataillone sammelte und eigenhändig die Memmen niederhieb,
welche das Beispiel zur Flucht gaben. Zuweilen sah es jedoch ganz so
aus, als ob er ein eignes Vergnügen daran finde, sein Leben zu
gefährden. Es wurde bemerkt, daß er nie heiterer, freundlicher und
liebenswürdiger war, als im blutigen Getümmel der Schlacht. Selbst bei
seinen Zerstreuungen liebte er das Aufregende der Gefahr. Kartenspiele,
Schach und Billard machten ihm kein Vergnügen; seine Lieblingserholung
war die Jagd, und die gefährlichste war ihm die liebste. Er machte oft
Sätze, daß seine kühnsten Begleiter nicht Lust hatten, ihm zu folgen.
Selbst die verwegensten Sportvergnügungen Englands scheint er für
weibisch gehalten zu haben, und im großen Parke von Windsor sehnte er
sich nach dem Wilde, das er in den Forsten von Geldern zu jagen gewohnt
war, nach Wölfen, Ebern und riesigen Sechzehnendern.[3]

    [Anmerkung 2: Nach dem Frieden von Ryswick drangen die Freunde
    Wilhelm’s in ihn, mit dem französischen Gesandten ganz ernstlich
    über die Mordanschläge zu sprechen, welche die Jakobiten von St.
    Germain beständig schmiedeten. Die kaltblütige Hochherzigkeit,
    mit der er diese Warnungen vor Gefahr aufnahm, ist besonders
    characteristisch. Dem Grafen Bentinck, der von Paris sehr
    beunruhigende Nachrichten gemeldet hatte, antwortete er nur am
    Schlusse eines langen Geschäftsbriefes: +„Pour les assasins je ne
    luy en ay pas voulu parler, croiant que c’etoit au desous de
    moy.+“ -- 2.(12.) Mai 1698. Ich habe die Orthographie des
    Originals, wenn von einer solchen überhaupt die Rede sein kann,
    beibehalten.]

    [Anmerkung 3: Von Windsor schrieb er an Bentinck, damals Gesandten
    in Paris: +„J’ay pris avant hier un cerf dans la forest avec les
    chains du Pr. de Denm. et ay fait un assez jolie chasse, autant,
    que ce vilain paiis le permest.“+ -- 20. März (1. April) 1698. Die
    Orthographie ist schlecht, aber nicht schlechter als die
    Napoleon’s. In besserer Stimmung schrieb Wilhelm von Loo aus:
    +„Nous avons pris deux cerfs, le premier dans Dorewaert, qui est
    un des plus gros que je sache avoir jamais pris. Il porte seize.“+
    -- 25. Oct. (4. Nov.) 1697.]


[_Sein Vergnügen an Gefahren; seine schlechte Gesundheit._] Seine
Tollkühnheit war um so merkwürdiger, da er von ungemein zarter
Körperconstitution war. Er war von früher Jugend an schwächlich und
kränklich gewesen, und im ersten Mannesalter waren seine Leiden durch
einen heftigen Pockenanfall noch verschlimmert worden. Er war engbrüstig
und schwindsüchtig. Sein schwächlicher Körper wurde durch einen
beständigen heiseren Husten erschüttert. Er konnte nicht schlafen, wenn
sein Kopf nicht durch mehrere Kissen unterstützt wurde, und nur in der
reinsten Luft konnte er ohne Beschwerden athmen. Dabei quälten ihn oft
heftige Kopfschmerzen. Körperliche Anstrengungen ermüdeten ihn sehr
bald. Die Ärzte pflegten die Hoffnung seiner Feinde dadurch aufrecht zu
erhalten, daß sie einen Termin festsetzten, über den hinaus, wenn sich
überhaupt irgend etwas in der Wissenschaft mit Sicherheit bestimmen
lasse, sein zerrütteter Organismus unmöglich ausdauern könnte. Dennoch
verließ seinen Geist während seines ganzen Lebens, das nur eine lange
Krankheit war, bei keiner wichtigen Gelegenheit die nöthige Kraft, um
seinen leidenden und siechen Körper aufrecht zu erhalten.


[_Kälte seines Benehmens und Heftigkeit seiner Gemüthsregungen._] Er war
mit heftigen Leidenschaften und mit leichter Reizbarkeit geboren; aber
die Welt hatte keine Ahnung von der Stärke seiner Gemüthsaffecte. Vor
den Blicken der Menge verbarg er seine Freude und seinen Kummer, seine
Zuneigung und seinen Groll unter einer phlegmatischen Ruhe, die ihm den
Ruf des kaltblütigsten und gleichgültigsten Menschen verschaffte. Wer
ihm eine gute Nachricht brachte, konnte selten ein Zeichen von Freude
entdecken; wer ihn nach einer Niederlage sah, spähte umsonst nach einer
Spur von Unmuth. Er lobte und tadelte, belohnte und bestrafte mit der
kalten Gelassenheit eines Mohawkhäuptlings; aber wer ihn genauer kannte
und ihn näher betrachtete, der bemerkte wohl, daß unter dieser Eisrinde
beständig ein ungestümes Feuer brannte. Nur selten raubte der Zorn ihm
seine Selbstbeherrschung; wenn er aber einmal in Wuth gerieth, so war
der erste Ausbruch seiner Leidenschaft furchtbar. Es war dann in der
That nicht rathsam, ihm zu nahe zu kommen. In diesen seltenen Fällen
jedoch gab er, sobald er seine Selbstbeherrschung wieder erlangt hatte,
Denen, die er beleidigt, so vollständige Genugthuung, daß sie sich fast
zu dem Wunsche versucht fühlten, er möchte aufs neue in Wuth gerathen.
Seine Liebe war nicht minder stürmisch als sein Zorn. Wo er einmal
liebte, da liebte er mit der ganzen Kraft seiner starken Seele. Wenn der
Tod ihn von einem geliebten Wesen trennte, fürchteten die wenigen Zeugen
seiner Schmerzensausbrüche für seinen Verstand und für sein Leben. Einem
sehr kleinen Kreise intimer Freunde gegenüber, auf deren Treue und
Verschwiegenheit er sich unbedingt verlassen konnte, war er ein ganz
andrer Mensch als der verschlossene und stoische Wilhelm, dem die Menge
jedes menschliche Gefühl absprach. In ihrer Gesellschaft war er
freundlich, gemüthlich, offenherzig, selbst gesellig und witzig, konnte
Stunden lang bei Tische sitzen und vollen Antheil an einer heiteren
Unterhaltung nehmen.


[_Seine Freundschaft für Bentinck._] Am höchsten in seiner Gunst stand
ein Kavalier seines Hofstaates, Namens Bentinck, der aus einem edlen
batavischen Geschlecht stammte und der Gründer eines der großen
patrizischen Häuser Englands werden sollte. Bentinck’s Treue hatte sich
in nicht gewöhnlicher Weise erprobt. Zu der Zeit, als die Vereinigten
Provinzen gegen die Macht Frankreichs um ihre Existenz kämpften, wurde
der junge Prinz, auf dem alle ihr Hoffnungen ruhten, von den Pocken
befallen. Diese Krankheit hatte bei mehreren Mitgliedern seiner Familie
einen tödtlichen Ausgang genommen und zeigte auch bei ihm anfangs einen
sehr bösartigen Character. Die Bestürzung des Volks war groß. Von früh
bis Abends waren die Straßen im Haag mit Leuten angefüllt, die sich
ängstlich nach dem Befinden Seiner Hoheit erkundigten. Endlich nahm das
Übel eine günstige Wendung. Seine Genesung wurde zum Theil seinem eignen
Gleichmuth, zum Theil der unerschrockenen und unermüdlichen Freundschaft
Bentinck’s zugeschrieben. Nur aus seinen Händen nahm Wilhelm Speisen und
Arzneien an; er allein hob ihn aus dem Bette und legte ihn wieder
hinein. „Ich weiß nicht, ob Bentinck während meiner Krankheit geschlafen
hat oder nicht,“ sagte Wilhelm mit inniger Rührung zu Temple; „soviel
aber weiß ich, daß ich in den sechzehn Tagen und Nächten nicht ein
einziges Mal etwas verlangte, ohne daß Bentinck augenblicklich an meiner
Seite gewesen wäre.“ Bevor der treue Diener seine Aufgabe ganz vollendet
hatte, wurde er selbst angesteckt. Trotzdem überwand er noch immer
Müdigkeit und Fieberschauer, bis sein Gebieter als Reconvalescent
erklärt wurde. Jetzt endlich bat er um Erlaubniß, nach Hause gehen zu
dürfen. Es war die höchste Zeit, denn seine Füße wollten ihn nicht mehr
tragen. Er kam in die größte Gefahr, genas aber und eilte, sobald er das
Bett verlassen konnte, zur Armee, wo er in vielen heißen Feldzügen immer
dicht an Wilhelm’s Seite gefunden ward, wie er es in einer Gefahr andrer
Art gewesen.

Dies war der Ursprung einer so innigen und reinen Freundschaft wie
irgend eine, von der uns die alte oder neue Geschichte erzählt. Die
Nachkommen Bentinck’s bewahren noch heute viele Briefe auf, die Wilhelm
an ihren Ahnherrn geschrieben, und es ist nicht zuviel gesagt, wenn man
behauptet, daß wer diese Briefe nicht gelesen hat, sich keinen richtigen
Begriff von dem Character des Prinzen bilden kann. Der Mann, den selbst
seine Verehrer in der Regel für den zurückhaltendsten und frostigsten
Menschen hielten, vergißt hier jeden Rangunterschied und schüttet alle
seine Gedanken mit der Offenherzigkeit eines Schulknaben aus. Ohne
Rückhalt theilt er Geheimnisse von der höchsten Wichtigkeit mit und legt
mit der größten Einfachheit umfassende Pläne vor, welche alle
Regierungen Europa’s berührten. Mit seinen Mittheilungen über solche
Dinge verbindet er Mittheilungen von ganz andrer, aber vielleicht nicht
weniger interessanter Art. Alle seine Abenteuer, alle seine persönlichen
Ansichten, seine langen Jagdritte nach gewaltigen Hirschen, seine Gelage
am St. Hubertustage, das Gedeihen seiner Anpflanzungen, das Mißrathen
seiner Melonen, der Zustand seines Gestüts, der Wunsch, einen frommen
Zelter für seine Gemahlin zu erlangen, sein Verdruß, als er erfährt, daß
einer seiner Kavaliere, nachdem er ein Mädchen aus guter Familie
unglücklich gemacht, sich weigert, sie zu heirathen, seine Anfälle von
Seekrankheit, sein Husten, seine Kopfschmerzen, seine andächtigen
Stimmungen, seine Dankbarkeit für den göttlichen Schutz nach Errettung
aus einer großen Gefahr, seine Anstrengungen, sich nach einem
Unglücksfalle dem göttlichen Willen zu unterwerfen, dies Alles ist darin
mit einer liebenswürdigen Redseligkeit geschildert, die man von dem
verschwiegensten und ernstesten Staatsmanne jener Zeit kaum erwarten
sollte. Noch auffallender sind die sorglosen Ergüsse seiner Zärtlichkeit
und die brüderliche Theilnahme, die er an seines Freundes häuslichem
Glücke nimmt. Als Bentinck ein Erbe geboren wurde, sagte Wilhelm: „Ich
hoffe, er wird ein so braver Mann werden als Sie einer sind, und sollte
ich einen Sohn bekommen, so werden unsere Kinder einander hoffentlich
ebenso lieben, wie wir uns geliebt haben.“[4] Während seines ganzen
Lebens blickte er mit väterlicher Liebe auf die kleinen Bentincks. Er
ruft sie bei den zärtlichsten Diminutiven, er sorgt für sie in ihres
Vaters Abwesenheit, und so schwer es ihm wird, ihnen ein Vergnügen zu
versagen, so will er sie doch nicht an einer Jagdpartie teilnehmen
lassen, wo ihnen die Gefahr droht, von einem Hirsche gestoßen zu werden,
noch ihnen erlauben, bei einem Abendschmause bis spät in die Nacht
hinein zu verweilen.[5] Als ihre Mutter während der Abwesenheit ihres
Gatten krank wird, findet Wilhelm inmitten der wichtigsten und
dringendsten Staatsgeschäfte noch soviel Zeit, um an einem Tage mehrere
expresse Boten mit kurzen Briefen abzuschicken, in denen er von ihrem
Zustande Nachricht giebt.[6] Einmal als sie nach einem heftigen Anfall
außer Gefahr erklärt wird, ergießt sich der Prinz in die wärmsten
Dankesbezeigungen gegen Gott. „Ich schreibe,“ sagt er, „mit Thränen der
Freude in den Augen.“[7] Es liegt ein eigner Reiz in diesen Briefen von
der Hand eines Mannes, dessen Alles überwältigende Energie und
unbeugsame Festigkeit selbst seinen Feinden Achtung abnöthigte, dessen
kaltes und unfreundliches Benehmen in den meisten seiner Anhänger keine
innigere Zuneigung aufkommen ließ und dessen Geist beständig mit
gigantischen Plänen beschäftigt war, welche die Gestalt der Welt
veränderten.

Seine Güte ward keinem Unwürdigen zu Theil. Temple hatte frühzeitig
Bentinck für den besten und treuesten Diener erklärt, den je ein Fürst
zu besitzen das Glück hatte, und er verdiente diesen ehrenvollen Titel
sein ganzes Leben hindurch. Die beiden Freunde waren in der That wie für
einander geschaffen. Wilhelm bedurfte weder eines Führers noch eines
Schmeichlers. Da er ein festes und wohlbegründetes Vertrauen in sein
eignes Urtheil setzte, so war er kein Freund von Rathgebern, die ihn mit
Vorschlägen und Einwendungen überhäuften. Zu gleicher Zeit besaß er eine
zu scharfe Unterscheidungsgabe und einen zu edlen Sinn, als daß er an
Schmeicheleien hätte Vergnügen finden können. Der Vertraute eines
solchen Fürsten mußte ein Mann sein nicht von erfinderischem Genie oder
von gebieterischem Character, aber bieder und treu, im Stande, jeden
Befehl pünktlich zu vollziehen, Geheimnisse unverbrüchlich zu bewahren,
Ereignisse umsichtig zu beobachten und treulich zu berichten. Und ein
solcher Mann war Bentinck.

    [Anmerkung 4: 3. März 1679.]

    [Anmerkung 5: +„Voilà en peu de mot le détail de nostre St.
    Hubert. Et j’ay en soin que M. Woodstoc+ (Bentinck’s ältester
    Sohn) +n’a point esté à la chasse, bien moin au soupé, quoyqu’il
    fut icy. Vous pouvez pourtant croire que de n’avoir pas chassé l’a
    un peu mortifié, mais je ne l’ay pas ausé prendre sur moy, puisque
    vous m’aviez dit que vous ne le souhaitiez pas.“+ -- Von Loo, 4.
    Nov. 1697.]

    [Anmerkung 6: Am 15. Juni 1688.]

    [Anmerkung 7: 6. Sept. 1679.]


[_Marie, Prinzessin von Oranien._] Wilhelm war in der Ehe nicht weniger
glücklich als in der Freundschaft. Anfangs hatte jedoch seine Ehe kein
besonderes häusliches Glück versprochen. Seine Wahl war hauptsächlich
durch politische Rücksichten bestimmt worden, und es sah nicht
wahrscheinlich aus, daß zwischen einem hübschen sechzehnjährigen
Mädchen, die zwar ein sanftes Gemüth und natürlichen Verstand besaß, im
übrigen aber unwissend und einfach war, und einem Bräutigam, der, obwohl
noch nicht ganz achtundzwanzig Jahr alt, doch seinem körperlichen
Zustande nach älter war als ihr Vater, der ein kaltes, abstoßendes
Benehmen hatte und dessen Kopf beständig mit Staatsgeschäften und
Sportvergnügungen angefüllt war, eine innige Zuneigung würde entstehen
können. Eine Zeit lang vernachlässigte Wilhelm seine Gemahlin, indem er
durch andere Frauen von ihr abgezogen wurde, besonders durch eine ihrer
Hofdamen, Namens Elisabeth Villiers, welche Talente besaß, die sie wohl
geeignet machten, seine Sorgen zu theilen, obgleich sie aller
persönlichen Reize entbehrte und sogar durch ein häßliches Schielen
entstellt war.[8] Er schämte sich zwar seiner Fehler und bemühte sich
nach Kräften, sie zu verbergen, aber trotz aller Vorsicht wußte Marie
wohl, daß er ihr nicht ganz treu war. Spione und Ohrenbläser thaten auf
Anregen ihres Vaters ihr Möglichstes, um ihren Zorn zu entflammen. Ein
Mann von ganz andrem Character, der vortreffliche Ken, der mehrere
Monate lang im Haag ihr Kaplan war, wurde so aufgebracht durch die ihr
widerfahrenden Kränkungen, daß er mit mehr Eifer als Besonnenheit
drohte, ihren Gemahl ernstlich zur Rede zu setzen.[9] Sie selbst ertrug
jedoch alles Unrecht mit einer Sanftmuth und Geduld, welche ihr nach und
nach Wilhelm’s Achtung und Dankbarkeit erwarben. Indessen war auch noch
eine andre Ursache der Entfremdung vorhanden. Es kam ohne Zweifel eine
Zeit, wo die Prinzessin, welche nur zu Stickereiarbeiten, zum
Spinetspiel und zum Lesen der Bibel und der „Pflichten des Menschen“
erzogen war, das Oberhaupt einer großen Monarchie wurde und das
Gleichgewicht Europa’s in ihrer Hand ruhte, während ihr ehrgeiziger,
geschäftskundiger und beständig auf große Unternehmungen sinnender
Gemahl bei der britischen Regierung keine vorausbestimmte Stelle für
sich fand und nur durch ihre Güte und so lange es ihr gefiel Macht
ausüben konnte. Es kann nicht befremden, daß ein Mann, der die Gewalt so
liebte wie Wilhelm, und der sich seines Herrschergenies so bewußt war,
in hohem Maße die Eifersucht empfand, die während eines Königthums von
wenigen Stunden zwischen Guildford Dudley und Lady Johanna Zwietracht
hervorrief und einen noch viel tragischeren Bruch zwischen Darnley und
der Königin von Schottland herbeiführte. Die Prinzessin von Oranien
hatte nicht die leiseste Ahnung von den Gefühlen ihres Gemahls. Ihr
Lehrer, der Bischof Compton, hatte sie in der Religion sorgfältig
unterrichtet und ihr Gemüth namentlich gegen die Künste der
römisch-katholischen Theologen gestählt, sie aber in völliger Unkenntniß
der englischen Verfassung und ihrer eignen Stellung gelassen. Sie wußte,
daß ihr eheliches Gelübde sie zum Gehorsam gegen ihren Gemahl
verpflichtete und es war ihr nie in den Sinn gekommen, daß dieses
gegenseitige Verhältniß einmal umgekehrt werden könnte. Sie war bereits
neun Jahre vermählt, ehe sie die Ursache von Wilhelm’s Verstimmung
entdeckte, und von ihm selbst würde sie dieselbe auch nie erfahren
haben. In Folge seiner ganzen Gemüthsart brütete er eher über die ihn
niederdrückenden Sorgen, als daß er denselben einen Ausdruck gab, und in
diesem speciellen Falle wurde sein Mund durch ein ganz natürliches
Zartgefühl versiegelt. Endlich aber kam durch die Vermittelung Gilbert
Burnet’s eine vollkommene Verständigung und Aussöhnung zu Stande.

    [Anmerkung 8: Siehe Swift’s Bericht über sie im +Journal to
    Stella+.]

    [Anmerkung 9: Heinrich Sidney’s Tagebuch vom 31. März 1680 in Mr.
    Blencowe’s interessanter Sammlung.]


[_Gilbert Burnet._] Burnet’s Ruf ist mit auffallender Böswilligkeit und
Hartnäckigkeit angegriffen worden. Der Angriff begann schon frühzeitig
in seinem Leben und wird noch jetzt mit unverminderter Heftigkeit
fortgesetzt, obgleich er bereits über ein und ein Viertel Jahrhundert im
Grabe liegt. Allerdings ist er auch für den Parteihaß und den
muthwilligen Spott eine Zielscheibe, wie sie sich keine bessere wünschen
können, denn die Mängel seines Verstandes und seines Characters liegen
klar am Tage und können Niemandem entgehen. Es waren jedoch nicht die
Fehler, welche man als seinen Landsleuten eigen zu betrachten pflegt. Er
allein unter den vielen Schotten, die sich in England zu Auszeichnung
und Wohlstand emporgeschwungen haben, hatte den Charakter, welchen
Satiriker, Romanschreiber und Schauspieldichter allgemein den irischen
Abenteurern zuschreiben. Seine physische Lebendigkeit, seine
Ruhmredigkeit, seine unverhohlene Eitelkeit, seine Faseleien, seine
herausfordernde Indiscretion und seine kecke Dreistigkeit boten den
Tories unerschöpflichen Stoff zu Spötteleien. Auch unterließen seine
Feinde nicht, ihm nebenbei über seine breiten Schultern, seine dicken
Waden und sein Glück in Heirathsspekulationen auf verliebte reiche
Wittwen mehr witzige als artige Complimente zu machen. Obwohl jedoch
Burnet in vieler Beziehung dem Spott und selbst dem Tadel Blößen darbot,
so verdiente er doch keineswegs eine solche Geringschätzung. Er besaß
einen regen Geist, einen unermüdlichen Fleiß und eine vielseitige,
ausgedehnte Belesenheit. Er war zu gleicher Zeit Geschichtsschreiber,
Alterthumsforscher, Theolog, Prediger, Tagesschriftsteller, Polemiker
und thätiger politischer Parteiführer, und in allen diesen
Eigenschaften zeichnete er sich unter vielen geschickten Mitbewerbern
vortheilhaft aus. Die vielen geistreichen Abhandlungen, die er über
Tagesbegebenheiten schrieb, sind jetzt nur noch Forschern bekannt; aber
seine +History of his own Times+, seine +History of the Reformation+,
seine +Exposition of the Articles+, sein +Discourse of Pastoral Care+,
sein +Life of Hale+ und sein +Life of Wilmot+ werden noch immer neu
aufgelegt und fehlen in keiner guten Privatbibliothek. Gegen eine solche
Thatsache vermögen alle Anstrengungen der Verleumder nichts. Ein
Schriftsteller, dessen umfangreiche Werke in verschiedenen Zweigen der
Literatur noch hundertdreißig Jahre nach seinem Tode zahlreiche Leser
finden, kann große Fehler gehabt haben, muß aber auch große Vorzüge
gehabt haben, und diese hatte Burnet: einen fruchtbaren und regen Geist
und einen Styl, der allerdings von tadelloser Reinheit weit entfernt,
doch stets klar, oft lebendig ist und sich zuweilen selbst zu
feierlicher und glühender Beredtsamkeit erhebt. Auf der Kanzel wurde die
Wirkung seiner ohne irgend welche schriftliche Notizen gehaltenen
Predigten noch erhöht durch eine edle Gestalt und einen imponirenden
Vortrag. Er wurde oft durch das Beifallsgemurmel seiner Zuhörer
unterbrochen, und wenn die Sanduhr, die sich damals auf jeder Kanzel
befand, abgelaufen war und er dieselbe emporhielt, forderte ihn die
Gemeinde durch lauten Zuruf auf fortzufahren, bis der Sand noch einmal
abgelaufen wäre.[10] Die großen Mängel seines sittlichen Characters und
seines Geistes wurden durch große Vorzüge mehr als ausgeglichen.
Obgleich durch Vorurtheil und Leidenschaft oft auf Irrwege geführt, war
er doch im strengsten Sinne des Worts ein Ehrenmann. Konnte er auch den
Versuchungen der Eitelkeit nicht immer widerstehen, so stand sein
Character doch hoch über den Einflüssen der Habsucht und der Furcht. Er
war von Gemüth leutselig, hochherzig, dankbar und nachsichtig.[11] Sein
Glaubenseifer, obwohl stetig und glühend, wurde im Allgemeinen durch
Humanität und durch Achtung der Gewissensfreiheit in Schranken gehalten.
Trotz seiner unerschütterlichen Anhänglichkeit an das was er als den
Geist des Christenthums betrachtete, war er doch gleichgültig gegen
Gebräuche, Namen und Formen der kirchlichen Verfassung und war selbst
gegen Ungläubige und Ketzer, deren Lebenswandel tadellos war und deren
Irrthümer mehr die Wirkung falscher Begriffe als eines verderbten
Characters zu sein schienen, durchaus nicht zur Strenge geneigt. Aber
gleich vielen anderen braven Männern jener Zeit betrachtete er die Sache
der römischen Kirche als eine Ausnahme von allen gewöhnlichen Regeln.

Burnet genoß schon seit mehreren Jahren eines europäischen Rufes. Seine
Geschichte der Reformation war von allen Protestanten mit lautem Beifall
aufgenommen und von den römischen Katholiken als ein gewaltiger Schlag
gefühlt worden. Der größte Gelehrte, den die römische Kirche seit dem
Schisma des sechzehnten Jahrhunderts hervorgebracht, Bossuet, Bischof
von Meaux, war mit der Bearbeitung einer ausführlichen Erwiederung
beschäftigt. Burnet war von einem der glaubenseifrigen Parlamente,
welche während der durch das papistische Complot verursachten Aufregung
tagten, mit einem Dankvotum beehrt und im Namen der Gemeinen von England
ersucht worden, seine geschichtlichen Forschungen fortzusetzen. Er war
von Karl sowohl als von Jakob in deren engere Unterhaltungszirkel
gezogen worden, hatte mit mehreren ausgezeichneten Staatsmännern,
besonders mit Halifax auf sehr vertrautem Fuße gestanden und war der
Gewissensrath einiger sehr hochstehenden Personen gewesen. Er hatte
ferner einen der glänzendsten Wüstlinge jener Zeit, Johann Wilmot, Earl
von Rochester, von Atheismus und Ausschweifung zurückgebracht. Lord
Stafford, das Opfer des Oates, war, obgleich Katholik, in seinen letzten
Stunden durch Burnet’s geistlichen Zuspruch über diejenigen Punkte, in
denen alle Christen übereinstimmen, erbaut worden. Wenige Jahre später
begleitete Burnet einen noch erlauchteren Dulder, Lord Russell, vom
Tower auf das Schaffot in Lincoln’s Inn Fields. Der Hof hatte nichts
unversucht gelassen, um einen so thätigen und tüchtigen Theologen zu
gewinnen. Weder königliche Schmeicheleien, noch die Verheißung
einträglicher Stellen waren gespart worden. Aber Burnet war, obwohl in
früher Jugend von den servilen Lehren angesteckt, denen der damalige
Klerus durchgehends anhing, aus Überzeugung Whig geworden und er blieb
seinen Grundsätzen durch alle Wechselfälle des Lebens treu. Er hatte
jedoch keinen Antheil an der Verschwörung genommen, welche soviel
Schmach und Unheil über die Whigpartei brachte und verabscheuete nicht
nur die Mordpläne Goodenough’s und Ferguson’s, sondern war auch der
Meinung, daß selbst sein geliebter und verehrter Freund Russell gegen
die Regierung weiter gegangen sei, als es sich rechtfertigen ließ.
Endlich kam eine Zeit, wo die Unschuld kein hinreichender Schutz war.
Burnet wurde, obgleich er sich keiner Übertretung des Gesetzes schuldig
gemacht, von der Rache des Hofes verfolgt. Er begab sich auf den
Continent und nachdem er etwa ein Jahr auf jene Wanderungen durch die
Schweiz, durch Italien und Deutschland verwendet, von denen er uns eine
anziehende Beschreibung hinterlassen hat, ging er im Sommer 1686 nach
dem Haag, wo er mit Freundlichkeit und Achtung aufgenommen wurde. Er
unterhielt sich sehr freisinnig mit der Prinzessin über Politik und
Religion und wurde bald ihr geistlicher Beistand und vertrauter
Rathgeber. Wilhelm erwies sich als ein viel freundlicherer Wirth, als es
zu erwarten gewesen wäre. Denn von allen Fehlern waren ihm
Zudringlichkeit und Indiscretion am meisten verhaßt und Burnet war, wie
selbst seine Freunde und Verehrer zugestanden, der zudringlichste und
indiscreteste Mensch, den es geben konnte. Aber der scharfsichtige Prinz
bemerkte sehr wohl, daß dieser vorlaute und schwatzhafte Theolog, der
beständig Geheimnisse ausplauderte, naseweise Fragen stellte und
unerbetenen Rath aufdrängte, bei alledem ein freimüthiger, furchtloser
und kluger Mann war, der die Gesinnungen und Absichten der britischen
Secten und Factionen genau kannte. Auch war der Ruf von Burnet’s
Beredsamkeit und Gelehrsamkeit weit verbreitet. Wilhelm selbst war kein
Freund vom Lesen, aber er stand jetzt seit vielen Jahren an der Spitze
der holländischen Regierung zu einer Zeit, wo die holländische Presse
eines der gewaltigsten Werkzeuge war, durch welche die öffentliche
Meinung in Europa bearbeitet wurde, und obgleich er an literarischen
Genüssen kein Vergnügen fand, war er doch viel zu klug und
scharfsichtig, als daß er den Werth des literarischen Beistandes nicht
hätte erkennen sollen. Er wußte sehr wohl, daß eine populäre Flugschrift
zuweilen ebenso gute Dienste leistet als ein Sieg auf dem Schlachtfelde.
Auch sah er ein, wie wichtig es sei, daß er immer einen Mann um sich
hatte, der mit der bürgerlichen und kirchlichen Verfassung unsrer Insel
vertraut war, und Burnet eignete sich vortrefflich dazu, als lebende
Encyclopädie über britische Angelegenheiten benutzt zu werden, denn
seine Kenntnisse waren, wenn auch nicht immer ganz zuverlässig, doch von
erstaunlicher Vielseitigkeit und es gab in England wie in Schottland
wenige ausgezeichnete Männer irgend einer politischen oder religiösen
Partei, mit denen er nicht verkehrt hätte. Es wurde ihm daher die
nämliche Gunst und das nämliche Vertrauen gewährt wie nur irgend Einem
außer denen, welche den kleinen intimsten Kreis von Privatfreunden des
Prinzen bildeten. Nahm sich der Doctor Freiheiten heraus, was nicht
selten der Fall war, so wurde sein Gönner noch kälter und mürrischer als
gewöhnlich gegen ihn und äußerte zuweilen eine kurze, beißende
Bemerkung, die einem Menschen von gewöhnlicher Dreistigkeit für immer
den Mund geschlossen haben würde. Trotz solcher Vorfälle aber dauerte
die Freundschaft dieses sonderbaren Paares mit wenigen kurzen
Unterbrechungen so lange, bis sie durch den Tod aufgelöst wurde. Es war
in der That nicht leicht, Burnet zu kränken. Seine Selbstgefälligkeit,
seine heitere Sorglosigkeit und seine Taktlosigkeit waren so groß, daß
er wohl oft Anstoß gab, aber nie Anstoß nahm.

    [Anmerkung 10: Sprecher Onslow’s Note zu Burnet I. 596; +Johnson’s
    Life of Sprat+.]

    [Anmerkung 11: Niemand hat Burnet häufiger und bitterer
    widersprochen als Dartmouth. Und doch schrieb auch Dartmouth: „Ich
    glaube nicht, daß er jemals vorsätzlich etwas veröffentlichte, was
    er für falsch hielt.“ Zu einer späteren Zeit nahm er, durch einige
    Bemerkungen über sich im zweiten Bande der Geschichte des Bischofs
    gereizt, dieses Lob zurück; aber auf einen solchen Widerruf darf
    man kein großes Gewicht legen. Selbst Swift war so gerecht zu
    sagen: „Im Ganzen war er ein hochherziger und braver Mann.“ +Short
    Remarks on Bishop Burnet’s History+.

    Burnet wird gewöhnlich als ein auffallend ungenauer
    Geschichtsschreiber getadelt; aber ich halte diesen Vorwurf für
    ungerecht. Er scheint nur deshalb ungenau zu sein, weil seine
    Darstellung einer besonders strengen und unfreundlichen Kritik
    unterzogen worden ist. Wenn ein Whig sich die Mühe nehmen wollte
    +Reresby’s Memoirs, North’s Examen, Mulgrave’s Account of the
    Revolution+ oder +Clarke’s Life of James the Second+ einer
    ähnlichen Prüfung zu unterwerfen, so würde es sich bald zeigen,
    daß Burnet keineswegs der ungenaueste Geschichtsschreiber seiner
    Zeit war.]


[_Er vermittelt eine innigere Annäherung zwischen dem Prinzen und der
Prinzessin._] Alle Eigenthümlichkeiten seines Characters machten ihn
ganz dazu geeignet, der Friedensstifter zwischen Wilhelm und Marien zu
werden. Wenn Personen, die einander achten und lieben sollten, durch
eine Ursache von einander fern gehalten werden, welche drei freimüthig
gesprochene Worte beseitigen könnten, so ist es ein Glück für sie, wenn
sie einen indiscreten Freund haben, der mit der ganzen Wahrheit
herausplatzt. Burnet sagte der Prinzessin ganz offen, welches Gefühl an
dem Herzen ihres Gemahls nagte. Sie erfuhr jetzt zum ersten Male mit
nicht geringem Erstaunen, daß, wenn sie Königin von England würde,
Wilhelm ihren Thron nicht theilen sollte. Sie erklärte mit den innigsten
Worten, daß es keinen Beweis von ehelicher Unterwerfung und Liebe gebe,
zu dem sie nicht jeden Augenblick bereit wäre. Unter vielen
Entschuldigungen und feierlichen Versicherungen, daß kein andrer Mensch
ihm ein Wort in den Mund gelegt habe, sagte ihr Burnet nun, daß das
Heilmittel in ihrer Hand liege. Wenn die Krone ihr zugefallen sei, könne
sie leicht ihr Parlament dazu bewegen, daß es ihrem Gatten nicht nur den
Königstitel gewährte, sondern ihm sogar durch ein Gesetz die Zügel der
Regierung in die Hand gab. „Aber,“ setzte er hinzu, „Ihre königliche
Hoheit müssen wohl überlegen, ehe Sie einen solchen Entschluß
aussprechen, denn es ist ein Entschluß, dessen Zurücknahme weder rathsam
noch leicht sein würde, wenn er einmal angekündigt wäre.“ -- „Ich bedarf
keiner Zeit zur Überlegung,“ antwortete Marie. „Es ist genug, daß ich
eine Gelegenheit habe, um dem Prinzen meine Achtung zu beweisen. Theilen
Sie ihm mit was ich gesagt habe, und bringen Sie ihn zu mir, damit er es
aus meinem eigenen Munde höre.“ Burnet wollte den Prinzen sogleich
herbeiholen, aber er war viele Meilen weit entfernt auf einer
Hirschjagd. Erst am folgenden Tage konnte die entscheidende Unterredung
stattfinden. „Ich habe erst gestern erfahren,“ sagte Marie, „daß
zwischen den Gesetzen Englands und den Gesetzen Gottes ein solcher
Unterschied obwaltet. Aber ich verspreche Ihnen, daß Sie jederzeit der
Gebieter sein sollen, und ich verlange keinen andren Lohn dafür, als daß
Sie das Gebot, welches den Gatten vorschreibt, ihre Frauen zu lieben,
ebenso befolgen, wie ich das Gebot halte, welches den Frauen
vorschreibt, ihren Gatten zu gehorchen.“ Dieser Beweis von edelmüthiger
Zuneigung gewann ihr Wilhelm’s Herz vollständig. Von diesem Augenblicke
an bis zu dem traurigen Tage, an welchem er ohnmächtig von ihrem
Sterbebett hinweggetragen wurde, herrschte vollkommene Freundschaft und
unbegrenztes Vertrauen zwischen ihnen. Viele von ihren Briefen an ihn
sind noch vorhanden und sie enthalten zahlreiche Beweise, daß es diesem
Manne, der in den Augen der Menge für so unliebenswürdig galt, gelungen
war, einer schönen und tugendhaften Frau, welche in Hinsicht der Geburt
über ihm stand, eine bis zur abgöttischen Verehrung gehende Liebe
einzuflößen.

Der Dienst, den Burnet seinem Vaterlande erzeigt, war von hoher
Bedeutung. Es war eine Zeit gekommen, wo es für das Wohl des Staates
sehr wichtig war, daß zwischen dem Prinzen und der Prinzessin
vollkommene Eintracht herrschte.


[_Beziehungen Wilhelm’s zu den englischen Parteien._] Bis nach der
Unterdrückung des Aufstandes im Westen hatten ernste Ursachen des
Zwiespaltes Wilhelm sowohl von den Tories als von den Whigs getrennt. Er
hatte mit großem Mißfallen die Versuche der Whigs beobachtet, der
ausübenden Gewalt einige Befugnisse zu entziehen, die er zur
Aufrechthaltung ihrer Wirksamkeit und ihrer Würde für nöthig hielt. Mit
noch größerem Mißfallen hatte er die Unterstützung gesehen, welche ein
großer Theil dieser Partei den Anmaßungen Monmouth’s angedeihen ließ. Es
schien als ob die Opposition zuerst die Krone Englands des Tragens nicht
mehr werth machen und sie dann einem Bastard und Betrüger aufs Haupt
setzen wollte. Zu gleicher Zeit war das religiöse System des Prinzen
weit verschieden von dem, welchem die Torypartei huldigte. Sie waren
Arminianer und Prälatisten. Sie sahen mit Verachtung auf die
protestantischen Kirchen des Continents herab und hielten jede Zeile
ihrer eignen Liturgie und Rubrica für kaum weniger geheiligt als die
Evangelien. Seine Ansichten über die metaphysischen Seiten der Theologie
waren calvinistisch. Seine Ansichten bezüglich der Kirchenverfassungen
und der gottesdienstlichen Formen waren latitudinarisch. Er gab zu, daß
das Episcopat eine gesetzliche und zweckmäßige Form des Kirchenregiments
sei; aber er sprach mit Bitterkeit und Hohn von der Bigotterie Derer,
welche die bischöfliche Ordination für ein wesentliches Erforderniß
einer christlichen Gesellschaft hielten. Gegen die durch die Liturgie
vorgeschriebenen Gewänder und Gesten hatte er keine Bedenken, aber er
gestand, daß ihm die Gebräuche der anglikanischen Kirche lieber sein
würden, wenn sie ihn weniger an die Gebräuche der römischen Kirche
erinnerten. Man hatte ihn ein ominöses Gemurmel von sich geben hören,
als er in der Privatkapelle seiner Gemahlin zum ersten Male einen Altar
nach anglikanischer Weise geschmückt sah, und es schien ihm nicht
sonderlich zu gefallen, als er Hooker’s +Ecclesiastical Policy+ in ihrer
Hand sah.[12]

    [Anmerkung 12: +Dr.+ Hooper’s handschriftliche Erzählung im
    Anhange zu Lord Dungannon’s +Life of William+.]


[_Seine Gesinnungen gegen England._] Er verfolgte daher lange den Streit
zwischen den englischen Parteien mit Aufmerksamkeit, aber ohne eine
starke Vorliebe für die eine oder die andre Partei zu hegen. Er wurde
auch bis ans Ende seines Lebens in der That niemals weder ein Whig, noch
ein Tory. Es fehlte ihm das was die gemeinsame Grundlage beider
Charactere ist, denn er wurde nie ein Engländer. Er rettete zwar
England, liebte es aber nie und erlangte ebensowenig die Liebe der
Engländer. Für ihn war es nur ein Verbannungsort, den er mit Widerwillen
besuchte und mit Freuden verließ. Selbst als er dem Lande die Dienste
leistete, deren günstige Wirkungen wir bis auf den heutigen Tag fühlen,
war sein Hauptzweck nicht die Wohlfahrt desselben.


[_Seine Gesinnungen gegen Holland und Frankreich._] All’ sein
patriotisches Gefühl gehörte Holland. Hier befand sich das prächtige
Grabmal, in welchem der große Staatsmann ruhte, dessen Blut, dessen
Namen, dessen Character und dessen Genie er geerbt hatte. Hier war der
bloße Klang seines Namens schon ein Zauberspruch, welcher durch drei
Generationen die liebevolle Begeisterung der Landleute und Handwerker
erweckt hatte. Die holländische Sprache war die Sprache seiner
Kinderstube; unter dem holländischen Adel hatte er seine ersten Freunde
gewählt; die Vergnügungen, die Bauart und die Gegenden seines
Heimathlandes wurzelten tief in seinem Herzen. Zu ihm wendete er sich
immer wieder mit unveränderter Zärtlichkeit von einem stolzeren und
schöneren Nebenbuhler ab. In den Sälen von Whitehall sehnte er sich nach
dem traulichen Hause im Busche im Haag und er fühlte sich nie
glücklicher, als wenn er die Pracht von Windsor mit der bescheidenen
Einfachheit von Loo vertauschen konnte. Während seiner glänzenden
Verbannung fand er einigen Trost darin, daß er durch Bauen, Pflanzen und
Graben um sich her einen Schauplatz schaffen konnte, der ihn an die
regelmäßigen Gebäude von rothem Backstein, an die langen Kanäle und an
die symmetrischen Blumenbeete erinnerte, unter denen er seine Jugend
verlebt hatte. Doch selbst die Liebe zu seinem Vaterlande war einem
andren Gefühle untergeordnet, welches schon frühzeitig in seiner Seele
die Oberherrschaft gewann, das sich mit allen seinen Leidenschaften
vermischte, das ihn zu großartigen Unternehmungen anspornte, das ihn
aufrecht erhielt, wenn Kränkungen, Schmerzen, Krankheit und Sorgen ihn
zu Boden drücken wollten, das gegen das Ende seiner Laufbahn einmal
kurze Zeit erloschen zu sein schien, aber bald heftiger als je wieder
hervorbrach und ihn noch beseelte, als das Sterbegebet an seinem Lager
gesprochen wurde. Dieses Gefühl war der Haß gegen Frankreich und den
prachtliebenden König, der in mehr als einer Hinsicht Frankreich
repräsentirte und der mit seinen specifisch französischen Tugenden und
Vorzügen jenen unruhigen, gewissenlosen und dünkelhaften Ehrgeiz
verband, der zu wiederholten Malen den Zorn ganz Europa’s über
Frankreich gebracht hat.

Es ist nicht schwer, die Fortschritte des Gefühls zu verfolgen, welches
nach und nach die Alleinherrschaft in Wilhelm’s Seele erlangte. Als er
kaum erst dem Knabenalter entwachsen, war sein Vaterland in
prahlerischem Trotze gegen Recht und Gerechtigkeit überfallen, verwüstet
und allen Excessen der Raubsucht, Ausschweifung und Grausamkeit
preisgegeben worden. Die Holländer hatten sich in ihrer Bedrängniß vor
dem Eroberer gedemüthigt und um Gnade gefleht. Darauf war ihnen der
Bescheid geworden, daß wenn sie Frieden wünschten, sie ihre
Selbstständigkeit aufgeben und alljährlich dem Hause Bourbon huldigen
müßten. Die schwer beleidigte Nation hatte, zur Verzweiflung getrieben,
ihre Deiche durchbrochen und das Meer als Bundesgenossen gegen die
französische Tyrannei zu Hülfe gerufen. Mitten in den Greueln dieses
Kampfes, während die Landleute entsetzt vor den Eroberern flohen,
während Hunderte von schönen Gärten und Lusthäusern in den Fluthen
begraben, während die Berathungen der Generalstaaten durch die
Ohnmachten und das laute Weinen alter Senatoren unterbrochen wurden,
welche den Gedanken nicht ertragen konnten, die Freiheit und den Ruhm
ihres Vaterlandes zu überleben, war Wilhelm an die Spitze der Geschäfte
berufen worden. Eine Zeit lang dünkte ihm jeder Widerstand hoffnungslos.
Er sah sich vergebens nach Hülfe um. Spanien war ausgesogen, Deutschland
zerrissen, England bestochen. Es schien dem jungen Statthalter, als ob
ihm nichts weiter übrig bliebe, als mit dem Schwerte in der Hand zu
fallen, oder der Aeneas einer großen Völkerwanderung zu werden und in
Gegenden, welche außer dem Bereiche der Tyrannei Frankreichs lagen, ein
neues Holland zu gründen. Dann wäre kein Hinderniß mehr vorhanden
gewesen, das die Fortschritte des Hauses Bourbon hätte hemmen können.
Noch wenige Jahre und dieses Haus würde seine Besitzungen durch
Lothringen und Flandern, Castilien und Arragonien, Neapel und Mailand,
Mexico und Peru vergrößert haben. Ludwig hätte sich dann die Kaiserkrone
aufsetzen, einen Prinzen seines Hauses auf den Thron Polens erheben und
der Alleinherrscher in Europa von den scythischen Wüsten bis zum
Atlantischen Ocean, sowie in Amerika von den Gegenden nördlich vom
Wendekreis des Krebses bis zu den Gegenden südlich vom Wendekreis des
Steinbocks werden können. Dies waren die Aussichten, die sich Wilhelm
darboten, als er in das öffentliche Leben eintrat und welche ihn bis zu
seinem letzten Tage unaufhörlich verfolgten. Die französische Monarchie
war für ihn das was die römische Republik für Hannibal, was das
ottomanische Reich für Scanderbeg, was die südliche Herrschaft für
Wallace war. Die Religion gab diesem glühenden und unverlöschlichen
Hasse ihre Weihe. Hunderte von calvinistischen Predigern verkündeten,
daß die nämliche Macht, welche Simson vom Mutterleibe an dazu bestimmt,
die Geißel der Philister zu werden, und welche Gideon von der
Dreschtenne abgerufen, um die Midianiter zu schlagen, Wilhelm von
Oranien zum Vorkämpfer aller freien Nationen und aller reinen Kirchen
erkoren habe, und diese Ansicht war nicht ohne Einfluß auf sein Gemüth
geblieben. Dem Vertrauen, welches dieser heldenmüthige Fatalist in seine
erhabene Bestimmung und in seine heilige Sache setzte, ist zum Theil
seine auffallende Gleichgültigkeit gegen jede Gefahr zuzuschreiben. Er
hatte ein großes Werk zu vollbringen und bis es vollbracht war, konnte
ihm nichts schaden. Daher kam es auch, daß er trotz der Prophezeiungen
der Ärzte von hoffnungslos scheinenden Krankheiten genas, daß Schaaren
von Mördern sich vergebens gegen sein Leben verschworen, daß der offene
Nachen, dem er sich in sternenloser Nacht auf einem tobenden Ocean an
einer verrätherischen Küste anvertraute, ihn wohlbehalten ans Land trug
und daß auf zwanzig Schlachtfeldern die Kanonenkugeln auf allen Seiten
an ihm vorübersausten. Die Begeisterung und Ausdauer, womit er sich
seiner Sendung widmete, haben kaum ein Beispiel in der Geschichte.
Seinem großen Ziele gegenüber achtete er das Leben Anderer ebenso gering
als sein eigenes. Selbst die menschlichsten und edelmüthigen Soldaten
jener Zeit waren zu sehr daran gewöhnt, das Blutvergießen und die
Verheerungen, welche von großen kriegerischen Unternehmungen
unzertrennlich sind, mit kalter Gleichgültigkeit zu betrachten, und
Wilhelm’s Herz war nicht allein durch berufsmäßige Unempfindlichkeit,
sondern auch durch die noch starrere Unempfindlichkeit gestählt, welche
die Wirkung des Pflichtgefühls ist. Drei große Coalitionen, drei lange
und blutige Kriege, in denen ganz Europa von der Weichsel bis zum
westlichen Ocean unter den Waffen stand, sind lediglich seiner
unbezwinglichen Energie zuzuschreiben. Als im Jahre 1678 die
Generalstaaten erschöpft und entmuthigt nach Ruhe verlangten, stimmte er
noch immer dagegen, das Schwert in die Scheide zu stecken, und der
Friede wurde nur geschlossen, weil er seinen wilden und entschlossenen
Geist nicht auch Anderen einhauchen konnte. Noch im letzten Augenblicke
schlug er in der Hoffnung, dadurch die Unterhandlungen abzubrechen, von
denen er wohl wußte, daß sie dem Abschlusse nahe waren, eine der
blutigsten und hartnäckigsten Schlachten jener Zeit. Von dem Tage an, wo
der Friede von Nymwegen unterzeichnet worden war, begann er auf eine
neue Coalition zu sinnen. Sein Streit mit Ludwig, der nun vom
Schlachtfelde in das Kabinet versetzt wurde, ward bald durch eine
Privatfehde noch erbitterter. Die beiden Rivalen waren einander in
Talenten, Character, Manieren und Ansichten gerade entgegengesetzt.
Ludwig, fein und würdevoll, verschwenderisch und ausschweifend, ein
Freund von Prunk und Feind von persönlicher Gefahr, ein freigebiger
Beschützer der Künste und Wissenschaften und ein grausamer Verfolger der
Calvinisten, bildete einen auffallenden Contrast mit Wilhelm, der
einfach in seinen Neigungen, unfreundlich in seinem Benehmen,
unermüdlich und unerschrocken im Kriege, gleichgültig gegen alle
Luxuszweige des Wissens und ein entschiedener Anhänger der genfer
Theologie war. Die beiden Feinde beobachteten nicht lange jene
Artigkeit, welche Männer ihres Ranges, selbst wenn sie einander an der
Spitze von Armeen gegenüberstehen, selten aus den Augen setzen. Wilhelm
gebrauchte zwar die Formalität, daß er Ludwig seine besten Dienste
anbot; aber diese Höflichkeit wurde nach ihrem wahren Werthe gewürdigt
und mit einer trocknen Zurückweisung vergolten. Der große König
verachtete den kleinen Prinzen, der der Diener eines Bundes von
Handelsstädten war und auf jedes Zeichen von Verachtung antwortete der
unerschrockene Statthalter mit einer neuen Herausforderung, Wilhelm
entlehnte seinen Namen, ein Name, den die Ereignisse des
vorhergegangenen Jahrhunderts zu einem der glänzendsten und berühmtesten
von ganz Europa gemacht hatten, von einer Stadt, welche nicht weit von
Avignon an den Ufern der Rhone liegt und die, wie Avignon, obgleich von
allen Seiten von französischem Gebiet umgeben, doch eigentlich nicht der
französischen, sondern der kaiserlichen Krone als Lehen gehörte. Ludwig
besetzte Orange mit der ihm eigenen übermüthigen Verachtung des
Völkerrechts, schleifte die Befestigungswerke und eignete sich die
Einkünfte der Stadt zu. Wilhelm erklärte laut bei Tische in Anwesenheit
vieler Personen, der allerchristlichste König solle diese Beleidigung
schwer bereuen, und als der Graf von Avaux ihn um eine nähere Erklärung
dieser Worte bat, weigerte er sich auf das Bestimmteste, sie zu
widerrufen oder wegzuerklären. Der Streit ging so weit, daß der
französische Gesandte es nicht wagen durfte, sich im Empfangzimmer der
Prinzessin blicken zu lassen, wenn er sich nicht der Gefahr aussetzen
wollte, öffentlich beleidigt zu werden.[13]

Wilhelm’s Gesinnungen gegen Frankreich erklären zugleich seine ganze
Politik gegen England. Sein Gemeinsinn war ein europäischer. Der
Hauptgegenstand seiner Sorge war nicht unsre Insel, ja selbst sein
Geburtsland nicht, sondern die große Gemeinschaft der Nationen, der die
Unterjochung durch ein zu mächtiges Mitglied drohte. Wer in dem Irrthume
befangen ist, ihn als einen englischen Staatsmann zu betrachten, muß
nothwendig sein ganzes Leben in einem falschen Lichte erblicken und wird
nicht im Stande sein, irgend einen Grundsatz, sei es ein guter oder ein
schlechter, ein whiggistischer oder ein toryistischer, zu entdecken, auf
den sich seine wichtigsten Thaten zurückführen ließen. Betrachten wir
ihn aber als einen Mann, dessen besondere Aufgabe es war, eine Masse von
schwachen, zerrissenen und entmuthigten Staaten zu einem festen und
starken Bunde gegen den gemeinsamen Feind zu sammeln, betrachten wir ihn
als einen Mann, in dessen Augen England namentlich deshalb wichtig war,
weil ohne dasselbe die von ihm beabsichtigte große Coalition
unvollständig gewesen sein würde, so werden wir zugeben müssen, daß
keine langjährige Laufbahn, von der uns die Geschichte erzählt, von
Anfang bis zu Ende gleichmäßiger war als die dieses großen Fürsten.[14]

    [Anmerkung 13: +Avaux Negotiations+, Aug. 10.(20.), Sept.
    14.(24.), Sept. 28. (Oct. 8.), Dec. 7.(17.) 1682.]

    [Anmerkung 14: Ich kann mir das Vergnügen nicht versagen,
    Massillon’s unfreundliche, aber scharfsinnige und edle
    Characteristik Wilhelm’s hier anzuführen: +„Un prince profond dans
    ses vues; habile à former des ligues et à reunir les esprits, plus
    heureux à exciter les guerres qu’à combattre; plus encore à
    craindre dans le secret du cabinet, qu’à la tête des armées; un
    ennemi que la haine du nom Français avait rendu capable d’imaginer
    de grandes choses et de les exécuter; un de ces génies qui
    semblent être nés pour mouvoir à leur gré les peuples et les
    souverains; un grand homme, s’il n’avoit jamais voulu être roi.“+
    Grabrede auf den Dauphin.]


[_Seine Politik durchaus consequent._] Der Leitfaden, den wir jetzt
besitzen, wird es uns möglich machen, ohne Schwierigkeit den wirklich
consequenten, obgleich anscheinend zuweilen gewundenen Gang zu
verfolgen, den er gegen unsere inneren Factionen beobachtete. Er
erkannte deutlich, was übrigens auch weit weniger scharfsichtigen Leuten
als er war, nicht entging, daß das Unternehmen, an dem er mit ganzer
Seele hing, wahrscheinlich gelingen würde, wenn England auf seiner Seite
wäre, daß der Ausgang ungewiß sein würde, wenn England neutral bliebe,
und daß es hoffnungslos sein würde, wenn England handelte, wie es in den
Tagen der Cabale gehandelt hätte. Nicht weniger deutlich sah er, daß
zwischen der äußeren und der inneren Politik Englands ein enger
Zusammenhang stattfand, daß der Regent dieses Landes, wenn er mit dem
gesetzgebenden Körper harmonirte, stets einen großen Einfluß auf die
Angelegenheiten der Christenheit ausüben und daß ihm offenbar daran
gelegen sein mußte, der ungebührlichen Machtvergrößerung irgend eines
festländischen Potentaten entgegenzuwirken; daß auf der andren Seite der
Souverain, wenn der gesetzgebende Körper ihm nicht traute und ihn in
seinen freien Bewegungen hemmte, in der europäischen Politik nur von
geringem Gewicht sein konnte und daß dieses ganze kleine Gewicht in die
falsche Wagschale fallen würde. Der erste Wunsch des Prinzen war daher:
Eintracht zwischen dem Throne und dem Parlamente. Wie diese Eintracht
herzustellen war und auf welcher Seite Zugeständnisse gemacht werden
mußten, dies waren seiner Ansicht nach Fragen von untergeordneter
Bedeutung. Allerdings würde es ihm am liebsten gewesen sein, wenn eine
vollständige Aussöhnung hätte bewirkt werden können, ohne einen
Buchstaben von der Prärogative zu opfern, denn er hatte an der
ungeschmälerten Aufrechthaltung derselben ein anwartschaftliches
Interesse, und war von Natur mindestens eben so herrschsüchtig und ein
eben so großer Feind von Beschränkung, als irgend ein Stuart. Aber es
gab kein Kleinod der Krone, das er nicht, selbst nachdem sie auf sein
eignes Haupt gesetzt worden, bereitwilligst zum Opfer gebracht hätte,
wenn er überzeugt sein konnte, daß ein solches Opfer zur Erreichung
seines großen Zieles unumgänglich nöthig war. Daher empfahl er auch der
Regierung in den Tagen des papistischen Complots Nachgiebigkeit,
obgleich er die Heftigkeit mißbilligte, mit der die Opposition die
königliche Autorität angriff. Das Verfahren der Gemeinen bezüglich der
inneren Angelegenheiten, sagte er, sei höchst unverständig, aber so
lange die Gemeinen unzufrieden seien, könnten die Freiheiten Europa’s
nicht sicher sein und dieser überwiegenden Rücksicht müsse jede andre
weichen. Nach diesen Grundsätzen handelte er, als die Ausschließungsbill
die ganze Nation erschütterte. Man hat keinen Grund zu der Annahme, daß
er die Opposition aufgemuntert habe, diese Bill einzubringen oder die
wiederholt gemachten Vergleichsvorschläge des Thrones zurückzuweisen.
Als es aber klar wurde, daß, wenn diese Bill nicht durchging, ein
ernster Bruch zwischen den Gemeinen und dem Hofe entstehen mußte, sprach
er deutlich, obwohl mit gebührender Mäßigung, seine Ansicht dahin aus,
daß man sich um jeden Preis mit den Vertretern des Volks versöhnen
müsse. Als ein heftiger und reißender Umschwung der öffentlichen Meinung
die Whigpartei eine Zeit lang völlig hilflos gelassen hatte, versuchte
er es sein großes Ziel auf einem andren Wege zu erreichen, der seiner
Natur vielleicht besser zusagte als der vorher betretene. Die veränderte
Stimmung der Nation bot wenig Aussicht dar, daß ein Parlament gewählt
werden würde, das geneigt war, die Wünsche des Souverains zu
durchkreuzen. Karl war eine Zeit lang Herr. Ihn zu gewinnen, war daher
des Prinzen erster Wunsch. Im Sommer 1683, fast in dem Augenblicke, als
die Entdeckung des Ryehousecomplots die Niederlage der Whigs und den
Sieg des Königs vollständig machte, traten anderwärts Ereignisse ein,
welche Wilhelm nicht ohne die größte Angst und Besorgniß mit ansehen
konnte. Die türkischen Heere rückten bis an die Vorstädte Wiens heran.
Die große österreichische Monarchie, auf deren Unterstützung der Prinz
gerechnet hatte, schien ihrem Untergange nahe zu sein. Bentinck wurde
daher schleunigst vom Haag nach London gesandt, mit dem Auftrage nichts
zu versäumen, was nöthig sein konnte, um den englischen Hof zu gewinnen,
und ganz besonders war er angewiesen, in den stärksten Ausdrücken den
Abscheu seines Gebieters gegen die Whigverschwörung zu versichern.

Während der nächsten achtzehn Monate war einige Hoffnung, daß der Einfuß
Halifax’ überwiegen und daß der Hof von Whitehall zur Politik der
Tripleallianz zurückkehren werde. An diese Hoffnung klammerte sich
Wilhelm mit Vorliebe an und sparte keine Mühe, um Karl günstig zu
stimmen. Die gastliche Aufnahme, welche Monmouth im Haag fand, muß
hauptsächlich dem ernstlichen Bestreben des Prinzen, die wirklichen
Wünsche von Monmouth’s Vater zu erfüllen, zugeschrieben werden. Sobald
Karl gestorben war, schlug Wilhelm in unabänderlicher Verfolgung seines
Zieles wieder ein andres Verfahren ein. Er hatte Monmouth aufgenommen,
um dem verstorbenen Könige zu gefallen; damit nun der gegenwärtige König
keine Ursache zu Beschwerden haben sollte, wurde Monmouth fortgeschickt.
Wir haben gesehen, daß beim Ausbruche des Aufstandes im Westen die in
holländischen Diensten stehenden britischen Regimenter durch die
thätigen Bemühungen des Prinzen auf die erste Aufforderung in ihre
Heimath zurückgesandt wurden. Wilhelm erbot sich sogar, persönlich ein
Commando gegen die Rebellen zu übernehmen, und daß dieses Anerbieten
vollkommen aufrichtig gemeint war, kann von Niemandem, der seine
vertraulichen Briefe an Bentinck gelesen hat, bezweifelt werden.[15]

Der Prinz gab sich zu dieser Zeit augenscheinlich der Hoffnung hin, daß
der große Plan, dem in seinem Geiste alles Andre untergeordnet war, den
Beifall und die Unterstützung seines Schwiegervaters erhalten werde. Der
hohe Ton, den Jakob damals gegen Frankreich annahm, die
Bereitwilligkeit, mit der er sich zu einem Defensivbündnisse mit den
Vereinigten Provinzen verstand, und seine Geneigtheit zu einer
Verbindung mit dem Hause Österreich bestärkten diese Erwartung. Aber
bald verfinsterte sich der Horizont. Die Entlassung Halifax’, der Bruch
zwischen Jakob und dem Parlamente, die Prorogation desselben und die
ausdrückliche Erklärung, welche der König den auswärtigen Gesandten gab,
daß die festländische Politik seine Aufmerksamkeit nicht länger von
inneren Maßregeln zur Befestigung seiner Hoheitsrechte und zur Förderung
der Interessen seiner Kirche ablenken sollte, machten der Täuschung ein
Ende. Es war klar, daß England, wenn Jakob sein Beherrscher war, im Fall
einer europäischen Krisis entweder unthätig bleiben oder im Einklange
mit Frankreich handeln würde. Und die europäische Krisis rückte immer
näher. Das Haus Österreich war durch eine Reihe von Siegen gegen fernere
Gefahr von Seiten der Türkei gesichert worden und hatte daher nicht mehr
nöthig, die Übergriffe und Beleidigungen Ludwig’s geduldig zu ertragen.

    [Anmerkung 15: Zum Beispiel: +„Je crois M. Feversham un très brave
    et honeste homme. Mais je doute s’il a assez d’expérience à
    diriger une si grande affaire qu’il a sur le bras. Dieu lui donne
    un succès prompt et heureux. Mais je ne suis pas hors
    d’inquiétude.“+ -- 7.(17.) Juli 1685. Als er die Nachricht von der
    Schlacht von Sedgemoor erhalten hatte, schrieb er wieder: +„Dieu
    soit loué du bon succès que les troupes du Roy ont eu contres les
    rebelles. Je ne doute pas que cette affaire ne soit entièrement
    assoupie, et que le règne du Roy sera heureux, ce que Dieu
    veuille.“+ -- 10.(20.) Juli.]


[_Vertrag von Augsburg._] In Folge dessen wurde im Juli 1686 zu Augsburg
ein Vertrag unterzeichnet, durch den sich die Fürsten des Reichs zum
Zwecke gegenseitiger Vertheidigung eng verbanden. Die Könige von Spanien
und von Schweden waren diesem Bunde ebenfalls beigetreten, der König von
Spanien als Besitzer der im burgundischen Kreise liegenden Provinzen,
der König von Schweden als Herzog von Pommern. Die Verbündeten
erklärten, daß sie nicht die Absicht hätten irgend eine Macht
anzugreifen oder irgend eine zu beleidigen, daß sie aber entschlossen
seien, keine Verletzung der Rechte zu dulden, welche das deutsche Reich
unter Sanction des Völkerrechts und der öffentlichen Treue besitze. Sie
verpflichteten sich, einander im Falle der Noth beizustehen und
bestimmten das Truppencontingent, das jedes Mitglied des Bundes stellen
mußte, wenn es nöthig werden sollte, einen Angriff zurückzuweisen.[16]
Der Name Wilhelm’s war in dieser Urkunde nicht genannt aber Jedermann
wußte, daß sie sein Werk war und sah voraus, daß er in nicht langer Zeit
wieder an der Spitze einer Coalition gegen Frankreich stehen werde.
Zwischen ihm und dem Vasallen Frankreichs konnte unter solchen Umständen
kein herzliches Einvernehmen stattfinden. Es erfolgte zwar kein offener
Bruch und kein Austausch von Drohungen oder Vorwürfen; aber
Schwiegervater und Schwiegersohn waren vollständig und für immer
geschieden.

    [Anmerkung 16: Der Vertrag ist in dem +Recueil des Traités, IV.
    No. 209+ zu finden.]


[_Wilhelm wird das Oberhaupt der englischen Opposition._] Gerade zu der
Zeit, als der Prinz so dem englischen Hofe entfremdet wurde,
verschwanden die Ursachen, welche bisher eine Kälte zwischen ihm und den
beiden großen Parteien des englischen Volks hervorgerufen hatten. Ein
großer Theil, der Zahl nach vielleicht die Mehrheit der Whigs, hatte die
Ansprüche Monmouth’s begünstigt, aber Monmouth existirte jetzt nicht
mehr. Die Tories auf der andren Seite hatten gefürchtet, die Interessen
der anglikanischen Kirche mochten unter der Leitung eines Mannes nicht
sicher sein, der unter holländischen Presbyterianern aufgewachsen und
dessen Ansichten über die Gewänder, die Ceremonien und die Bischöfe als
latitudinarisch wohl bekannt waren; seitdem aber jener geliebten Kirche
von einer ganz andren Seite weit furchtbarere Gefahren drohten, hatten
diese Befürchtungen fast ihre ganze Kraft verloren. So kam es, daß beide
große Parteien in dem nämlichen Augenblicke ihre Hoffnungen und ihre
Liebe auf den nämlichen Führer zu richten begannen. Alte Republikaner
konnten ihr Vertrauen einem Manne nicht versagen, der viele Jahre
hindurch das höchste Amt einer Republik würdig bekleidet hatte, und alte
Royalisten sahen ein, daß sie in Übereinstimmung mit ihren Grundsätzen
handelten, wenn sie einem dem Throne so nahe gehenden Prinzen die
tiefste Ehrerbietung bezeigten. Unter diesen Umständen war es von
höchster Wichtigkeit, daß zwischen Wilhelm und Marien die vollkommenste
Einigkeit herrschte. Eine Mißhelligkeit zwischen der präsumtiven
Thronerbin und ihrem Gemahl hätte in der großen Masse, die sich von
allen Seiten her um einen gemeinschaftlichen Mittelpunkt schaarte, eine
Spaltung hervorbringen müssen. Zum Glück wurde jede Gefahr einer solchen
Mißhelligkeit im entscheidenden Augenblicke durch Burnet’s
Dazwischenkunft beseitigt und der Prinz wurde das unbestrittene Haupt
der ganzen Partei, welche der Regierung feindlich gegenüberstand, einer
Partei, welche fast die ganze Nation in sich begriff.

Es ist nicht der mindeste Grund zu der Annahme vorhanden, daß er schon
um diese Zeit das große Unternehmen im Sinne hatte, zu dem ihn später
die gebieterische Nothwendigkeit trieb. Er wußte sehr gut, daß die
öffentliche Stimmung in England, wenn auch durch Kränkungen gereizt,
doch zu einer Revolution keineswegs reif war. Gewiß würde er gern das
Ärgerniß vermieden haben, das ein blutiger Streit zwischen Personen,
welche durch die engsten Bande der Blutsverwandtschaft und der
Verschwägerung an einander gekettet waren, nothwendig erregen mußte.
Auch sein Ehrgeiz ließ es ihm nicht wünschenswerth erscheinen, die
Größe, die im gewöhnlichen Laufe der Natur und des Rechts ihm zufallen
konnte, einer Gewaltthätigkeit zu verdanken, denn er wußte jetzt, daß,
wenn die Krone auf regelmäßigem Wege auf seine Gemahlin überging,
zugleich mit derselben auch alle ihre Vorrechte ungeschmälert auf ihn
selbst übergehen würden, daß sie aber, wenn sie durch eine Wahl erlangt
wurde, unter den Bedingungen angenommen werden mußte, welche die Wähler
zu stellen für gut fanden. Er schien daher geduldig den Tag erwarten zu
wollen, wo er mit unbestrittenem Rechte die Regierung antreten konnte,
und sich bis dahin darauf zu beschränken, als erster Prinz von Geblüt
und als Oberhaupt der Partei, welche in der Nation entschieden das
Übergewicht hatte, und die auch darauf rechnen konnte, in beiden Häusern
eines zu versammelnden Parlaments entschieden zu überwiegen, einen
großen Einfluß auf die englischen Angelegenheiten auszuüben.


[_Mordaunt schlägt Wilhelm eine Landung in England vor._] Indessen war
er bereits durch einen Rathgeber, der weniger scharfsichtig, aber
ungestümer war als er selbst, gedrängt worden, einen kühneren Weg
einzuschlagen. Dieser Rathgeber war der junge Lord Mordaunt. Das
damalige Zeitalter hat kein erfinderischeres Genie und keinen
verwegeneren Geist hervorgebracht. Aber wenn ein Plan nur glänzend war,
so fragte Mordaunt selten danach, ob er auch ausführbar sein würde, sein
ganzes Leben war ein wilder Roman, zusammengesetzt aus geheimnißvollen
Intriguen der Politik und der Liebe, aus heftigen und schnellen Wechseln
des Schauplatzes und des Glücks, und aus Siegen, welche mehr denen eines
Amadis und eines Lancelot, als denen eines Luxemburg und eines Eugen
glichen. Die Episoden, welche mit dieser seltsamen Lebensgeschichte
verflochten waren, entsprachen ganz der Hauptintrigue. Es waren darunter
nächtliche Kämpfe mit edelmüthigen Räubern und Befreiungen vornehmer und
schöner Damen aus den Händen von Entführern. Nachdem sich Mordaunt durch
die Beredtsamkeit und Kühnheit ausgezeichnet, mit der er im Hause der
Lords gegen den Hof aufgetreten war, zog er sich bald nach der
Prorogation nach dem Haag zurück und empfahl dringend eine unverzügliche
Landung in England. Er bildete sich ein, es sei eben so leicht, drei
große Königreiche zu überrumpeln, als es ihm lange nachher wurde,
Barcellona zu nehmen.


[_Wilhelm verwirft den Rath._] Wilhelm hörte ihn an, überlegte sich die
Sache und erwiederte endlich in allgemeinen Ausdrücken, er interessire
sich sehr für die englischen Angelegenheiten und werde dieselben scharf
im Auge behalten.[17] Was aber auch seine Absicht sein mochte, es ist
nicht anzunehmen, daß er einen voreiligen und hitzköpfigen fahrenden
Ritter zu seinem Vertrauten erwählt haben würde. Die beiden Männer
hatten nichts mit einander gemein als persönlichen Muth, der bei ihnen
bis zum fabelhaften Heroismus ging, Mordaunt wollte lediglich die
Aufregung des Kampfes genießen und die Menschen in Erstaunen setzen,
Wilhelm hatte beständig ein erhabenes Ziel vor Augen. Nach diesem Ziele
trieb ihn eine gewaltige Leidenschaft, die ihn im Gewande einer heiligen
Pflicht erschien. Auf dieses Ziel steuerte er mit einer Geduld hin, die,
wie er einmal sagte, der Geduld eines Bootsführers glich, den er auf
einem Kanale gegen eine widrige Strömung hatte ankämpfen sehen, der
immer wieder zurückgeworfen wurde, aber nicht aufhörte zu rudern und
zufrieden war, wenn er nach stundenlanger Arbeit um einige Yards
vorwärts gekommen war.[18] Heldenthaten, die ihn seinem Ziele nicht
näher brachten, mochten sie in den Augen des großen Haufens noch so
ruhmvoll sein, waren seiner Ansicht nach kindische Eitelkeiten, aber
kein Theil der wahren Aufgabe des Lebens.

Er beschloß, Mordaunt’s Rath zu verwerfen und es kann keinem Zweifel
unterliegen, daß dies ein weiser Entschluß war. Hätte Wilhelm im Jahre
1686 oder selbst 1687 das versucht, was er 1688 mit so glänzendem
Erfolge unternahm, so würden zwar vielleicht auf seinen Ruf viele Whigs
zu den Waffen gegriffen haben, aber er würde bald gesehen haben, daß die
Nation noch nicht hinreichend vorbereitet war, um einen bewaffneten
Befreier aus fremdem Lande willkommen zu heißen, und daß die Kirche noch
nicht genugsam gereizt und beleidigt worden war, damit sie den
Grundsatz, der seit so langer Zeit ihr Losungswort war, schon hätte
vergessen haben können. Die alten Kavaliere würden sich um das
königliche Banner geschaart haben und es würde wahrscheinlich in allen
drei Königreichen ein eben so langer und heftiger Bürgerkrieg als der
unter der vorigen Generation ausgebrochen sein. Während dieser Krieg auf
den britischen Inseln wüthete, was konnte Ludwig inzwischen nicht Alles
auf dem Continent versuchen? Und welche Aussichten hätte dann Holland
gehabt, das von seinen Truppen entblößt und von seinem Statthalter
verlassen gewesen wäre?

    [Anmerkung 17: +Burnet I. 762.+]

    [Anmerkung 18: +Temple’s Memoirs.+]


[_Unzufriedenheit in England nach dem Sturze der Hyde._] Wilhelm
begnügte sich daher für jetzt, Maßregeln zu ergreifen, um der mächtigen
Opposition, deren Oberhaupt er geworden war, Einigkeit und Lebenskraft
einzuhauchen. Dies war nicht schwer. Der Fall der Hyde hatte durch ganz
England eine heftige Aufregung und Entrüstung hervorgerufen. Man fühlte,
daß es sich jetzt nicht mehr darum handelte, ob der Protestantismus
herrschen, sondern ob er geduldet werden sollte. An die Stelle des
Schatzmeisters war eine Commission getreten, deren Oberhaupt ein Papist
war. Das Geheimsiegel war einem Papisten anvertraut worden und der
Nachfolger des Lordlieutenants von Irland war ein Mann, der durchaus
keinen andren Anspruch auf einen so hohen Posten hatte, als daß er
Papist war. Tyrconnel wäre der Letzte gewesen, den eine Regierung,
welcher das allgemeine Wohl des Landes am Herzen lag, nach Dublin als
Stellvertreter geschickt hätte. Seine brutalen Manieren machten ihn
geradezu unfähig, die Majestät der Krone zu repräsentiren. Sein
beschränkter Verstand und sein heftiges Temperament machten ihn
untauglich, wichtige Staatsgeschäfte zu leiten. Sein unversöhnlicher Haß
gegen die Besitzer des größeren Theiles des irischen Grund und Bodens
machte ihn ganz untauglich, gerade dieses Land zu verwalten. Aber die
Maßlosigkeit seiner Bigotterie wurde als ein genügender Ersatz für die
Maßlosigkeit seiner anderen Leidenschaften betrachtet und aus Rücksicht
auf seinen Haß gegen den reformirten Glauben gestattete man ihm, seinem
Hasse gegen den englischen Namen freien Lauf zu lassen. Dies war also
der wirkliche Sinn der Achtung Seiner Majestät vor den Rechten der
Überzeugung! Er wollte, daß sein Parlament alle den Papisten auferlegte
Ausschließungen beseitigte, nur damit _er_ gleich drückende
Ausschließungen über die Protestanten verhängen konnte. Es war klar, daß
unter einem solchen Fürsten Glaubensabfall der einzige Weg zur Größe
sein konnte. Dennoch wagten es nur Wenige, diesen Weg einzuschlagen,
denn der Geist der Nation war furchtbar aufgeregt, und jeder Renegat
hatte ein solches Maß von Hohn und Verachtung zu ertragen, daß auch die
verhärtetsten Naturen nicht ganz unempfindlich dagegen bleiben konnten.


[_Bekehrungen zum Papismus; Peterborough, Salisbury._] Allerdings hatten
erst kürzlich mehrere bemerkenswerthe Übertritte stattgefunden; aber sie
waren von der Art, daß sie der römischen Kirche wenig Ehre machten. Zwei
vornehme Männer hatten sich in ihren Schooß aufnehmen lassen: Heinrich
Mordaunt, Earl von Peterborough und Jakob Cecil, Earl von Salisbury.
Aber Peterborough, früher ein thätiger Soldat, Hofmann und Diplomat, war
jetzt durch Alter und Krankheit gebeugt und wer ihn, auf einen Stock
gestützt und in Flanell und Pflaster eingehüllt, durch die Gallerien von
Whitehall hinken sah, tröstete sich über seinen Abfall damit, daß er
seinen Glauben erst gewechselt, nachdem er seine Körper- und
Geisteskräfte überlebt hatte.[19] Salisbury war sprüchwörtlich albern.
Sein Körper war in Folge sinnlicher Genüsse dermaßen aufgeschwollen, daß
er sich fast nicht mehr bewegen konnte, und dieser träge Körper war der
Wohnsitz eines eben so trägen Geistes. In populären Spottliedern war er
als ein Mensch dargestellt, der dazu geschaffen war, betrogen zu werden,
als ein Mensch, der bisher die Beute von Spielern gewesen und der eben
so gut die Beute von Mönchen werden konnte. Ein Pasquill, das zur Zeit
von Rochester’s Rücktritt an die Thür von Salisbury House am Strand
angeheftet wurde, schildert in starken Ausdrücken das Entsetzen, mit dem
der weise Robert Cecil, wenn er aus seinem Grabe auferstehen könnte,
sehen würde, auf was für ein Geschöpf seine Würden und Ehren gekommen
waren.[20]

    [Anmerkung 19: Siehe die beiden Gedichte, betitelt: +The Converts+
    und +The Delusion+.]

    [Anmerkung 20: Die Verse befinden sich in der +Collection of State
    Poems+.]


[_Wycherley, Tindal, Haines._] Dies waren im Range die höchststehenden
von Jakob’s Proselyten. Außerdem gab es noch Renegaten ganz andrer Art,
unbemittelte Leute von Talent, die aber keine Grundsätze und keine Spur
von Ehrgefühl besaßen. Man hat Grund zu glauben, daß Wilhelm Wycherley,
der zügelloseste und hartherzigste Schriftsteller einer ganz besonders
zügellosen und hartherzigen Schule, zu diesen gehörte.[21] Gewiß ist,
daß Matthäus Tindal, der sich später durch seine Schriften gegen das
Christenthum einen Namen machte, um diese Zeit in den Schooß der
alleinseligmachenden Kirche aufgenommen wurde, ein Schritt, den, wie man
leicht denken kann, die Theologen, mit denen er nachmals polemisirte,
nicht vergessen hatten.[22] Ein noch ehrloserer Apostat war Joseph
Haines, dessen Name jetzt so gut wie vergessen ist, der aber damals als
ein Abenteurer von vielseitiger Begabung, als Gauner, Falschmünzer,
falscher Zeuge, falscher Bürge, Tanzmeister, Possenreißer, Dichter
und Schauspieler wohl bekannt war. Einige von seinen Prologen und
Epilogen wurden von seinen Zeitgenossen viel bewundert und sein
Schauspielertalent war allgemein anerkannt. Dieser Mann wurde Katholik,
ging im Gefolge Castelmaine’s mit nach Italien, wurde aber bald wegen
schlechter Aufführung wieder entlassen. Wenn man einer Tradition glauben
darf, die sich lange im Garderobezimmer erhalten hat, so hatte Haines
die Frechheit zu behaupten, daß ihm die Jungfrau Maria erschienen sei
und ihn zur Buße aufgefordert habe. Nach der Revolution versuchte er es
sich mit der Stadt durch eine Buße auszusöhnen, die noch skandalöser war
als sein Vergehen. Eines Abends, ehe er in einer Posse auftrat, erschien
er in ein weißes Betttuch gehüllt und mit einer Kerze in der Hand auf
der Bühne und trug einige gottlose, unanständige Knittelverse vor, die
er seinen Widerruf nannte.[23]

    [Anmerkung 21: Die Nachrichten, die wir über Wycherley haben, sind
    äußerst dürftig; zweierlei aber ist gewiß: daß er sich in seinen
    späteren Jahren einen Papisten nannte und daß er von Jakob Geld
    erhielt. Ich zweifle kaum daran, daß er ein bezahlter Convertit
    war.]

    [Anmerkung 22: Siehe den Artikel über ihn in der +Biographia
    Britannica+.]

    [Anmerkung 23: Siehe Jakob Quin’s Bericht über Haines in +Davies’s
    Miscellanies+; +Tom Brown’s Works+; +Lives of Sharpers+; Dryden’s
    Epilog zu der +Secular Masque+.]


[_Dryden._] Mit dem Namen Haines wurde in vielen Libellen der Name eines
berühmteren Renegaten, Johann Dryden’s verbunden. Dryden näherte sich
jetzt dem Abend seines Lebens. Nach vielen Erfolgen und vielen
Enttäuschungen hatte er endlich mit allgemeiner Zustimmung die erste
Stelle unter den lebenden Dichtern Englands erhalten. Er hatte größere
Ansprüche auf den Dank Jakob’s als irgend ein andrer Schriftsteller des
Königreichs. Doch Jakob war an Versen wenig, sehr viel aber am Gelde
gelegen. Vom Tage seiner Thronbesteigung an bemühte er sich kleine
Ersparnisse zu machen, welche einer Regierung den Vorwurf der Knauserei
zuziehen, ohne die Finanzlast merklich zu erleichten. Zu den Opfern
seiner unverständigen Sparsamkeit gehörte auch der +Poeta Laureatus+. Es
wurde Befehl gegeben, daß in dem neuen Diplom, welches durch die
Erledigung der Krone nöthig geworden war, das jährlich gespendete Faß
Sect, das ursprünglich Jonson bewilligt und auch dessen Nachfolgern
zugestanden worden war, weggelassen werden sollte.[24] Dies war die
einzige Notiz, welche der König im ersten Jahre seiner Regierung von dem
gewaltigen Satiriker zu nehmen geruhte, der im kritischesten Augenblicke
des großen Kampfes wegen der Ausschließungsbill in den Reihen der Whigs
Schrecken verbreitet hatte. Dryden war arm und seine Armuth drückte ihn
nieder. Von Religion wußte er wenig und kümmerte sich auch nicht darum.
Wenn irgend ein Gefühl tief in seiner Brust wurzelte, so war es der
Widerwille gegen die Priester jeden Glaubens, gegen Leviten, Auguren,
Muftis, römisch-katholische Geistliche, presbyterianische und
anglikanische Geistliche. Er war von Natur kein hochherziger Mann, und
seine Bestrebungen waren nicht von der Art, daß sie seinem Sinne höhere
Würde und größeres Zartgefühl verleihen konnten. Er hatte viele Jahre
lang sich seinen Unterhalt dadurch erworben, daß er dem verderbten
Geschmacke des Publikums diente und reichen, adeligen Gönnern auf die
plumpste Manier schmeichelte. Selbstachtung und ein feines
Schicklichkeitsgefühl konnte man von einem Manne, der das Leben eines
Bettlers und Speichelleckers geführt hatte, nicht erwarten. Da er die
Bemerkung machte, daß seine Dienste unbeachtet bleiben würden, wenn er
fortführe sich einen Protestanten zu nennen, so erklärte er sich zum
Papisten. Augenblicklich ließ die Knauserei des Königs nach. Dryden
wurde mit einem Jahrgelde von hundert Pfund belohnt und dazu verwendet,
seine neue Religion in Prosa und in Versen zu vertheidigen.

Zwei ausgezeichnete Männer, Samuel Johnson und Walter Scott, haben ihr
Möglichstes gethan, um sich selbst und Andere zu überreden, daß dieser
denkwürdige Glaubenswechsel aufrichtig war. Es war natürlich, daß sie
einen Schandfleck von dem Gedächtnisse eines Mannes verwischen
wollten, dessen Genie sie mit Recht bewunderten und mit dessen
politischen Ansichten sie stark sympathisirten; der unparteiische
Geschichtsschreiber aber muß ein ganz andres Urtheil aussprechen. Es
wird jederzeit starker Zweifel gegen die Aufrichtigkeit einer Bekehrung
erhoben werden, durch welche der Bekehrte unmittelbar gewinnt. Und in
Dryden’s Falle ist nichts vorhanden, was diesen Zweifel entkräften
konnte. Seine theologischen Schriften beweisen zur Genüge, daß er sich
nie fleißig und ernstlich bemüht hat, die Wahrheit zu ergründen, und daß
seine Kenntniß der Kirche, die er verließ, wie auch der, zu der er
übertrat, höchst oberflächlich war. Eben so wenig benahm er sich in der
Folge wie ein Mann, den ein starkes Pflichtgefühl zu einem Schritte von
so hochwichtiger Bedeutung bewogen hatte. Wäre er ein solcher Mann
gewesen, so würde die nämliche Überzeugung, die ihn in den Schooß der
römischen Kirche geführt hatte, ihn abgehalten haben, allgemeine Regeln,
welche diese Kirche in Übereinstimmung mit jeder andren christlichen
Gemeinschaft als bindend anerkennt, gröblich und gewohnheitsmäßig zu
verletzen. Es würde ein merklicher Unterschied zwischen seinen früheren
und seinen späteren Werken zu erkennen gewesen sein; er würde mit Reue
auf seine fast dreißigjährige literarische Laufbahn zurückgeblickt
haben, während welcher er seine seltenen Talente für die Diction und den
Versbau systematisch zur Verbreitung der Sittenverderbniß angewendet
hatte. Nicht eine Zeile, welche darauf hinzielte, die Tugend verächtlich
zu machen und unreine Begierden zu entzünden, würde von diesem
Augenblicke an mehr aus seiner Feder geflossen sein. Leider aber ist es
nur zu wahr, daß die Dramen, welche er nach seiner angeblichen Bekehrung
schrieb, in keiner Hinsicht weniger unrein und profan sind, als die
seiner Jugend. Selbst in seinen Übersetzungen wich er beständig von den
Originalen ab, um Bilder aufzusuchen, die er hätte übergehen müssen,
wenn er sie in den Originalen gefunden hätte. Das Schlechte wurde durch
seine Übertragungen noch schlechter, und das Unschuldige wurde durch die
Berührung mit seinem Geiste befleckt. Er machte die derbsten Satiren
Juvenal’s noch derber, schob in die Erzählungen Boccacio’s schlüpfrige
Schilderungen ein und befleckte die liebliche und reine Poesie der
Georgica mit Schmutz, der Vergil’s Ekel erregt haben würde.

Dryden’s Beistand war denjenigen römisch-katholischen Theologen
willkommen, welche gegen die ausgezeichnetsten Männer der Staatskirche
mit Mühe einen Kampf unterhielten. Sie konnten es sich nicht verhehlen,
daß ihr durch ausländische, in Rom oder Douay aufgelesene Ausdrücke
entstellter Styl der Beredtsamkeit eines Tillotson und Sherlock
gegenüber eben in keinem vortheilhaften Lichte erschien. Man glaubte es
nicht gering anschlagen zu dürfen, daß man die Mitwirkung des größten
lebenden Meisters der englischen Sprache gewonnen hatte. Der erste
Dienst, der von ihm zum Dank für die bewilligte Pension verlangt wurde,
war eine in Prosa geschriebene Vertheidigung seiner Kirche gegen
Stillingfleet. Aber einem Manne, der nichts zu sagen weiß, hilft das
Talent, Alles gut sagen zu können, nichts, und in diesem Falle befand
sich Dryden. Er sah bald ein, daß er einem Gegner, dessen ganzes Leben
ein langes Studium der Polemik gewesen, nicht gewachsen war. Der
langgediente Gladiator entwaffnete den Neuling, versetzte ihm mit
Verachtung einige Hiebe und wendete sich dann von ihm ab, um
achtunggebietenderen Kämpfern entgegenzutreten.

    [Anmerkung 24: Diese Thatsache, welche den genauen Forschungen
    Malone’s entging, ergiebt sich aus dem Briefbuche des Schatzamts
    von 1685.]


[_+„The Hind and Panther.“+_] Jetzt griff Dryden zu einer Waffe, in der
er schwerlich einen ebenbürtigen Gegner zu fürchten hatte. Er zog sich
auf einige Zeit von dem Geräusch der Kaffeehäuser und Theater in einen
ruhigen Winkel von Huntingdonshire zurück und schrieb dort mit
ungewohnter Sorgfalt und Anstrengung sein berühmtes Gedicht über die
zwischen der römischen und anglikanischen Kirche obschwebenden
Streitpunkte. Die römische Kirche ist darin bildlich als eine milchweiße
Hindin dargestellt, die beständig in Lebensgefahr schwebt, aber dazu
bestimmt ist, nicht zu sterben. Die Thiere des Feldes sannen auf ihr
Verderben. Der zitternde (+quaking+) Hase beobachtete eine furchtsame
Neutralität, aber der socinianische Fuchs, der presbyterianische Wolf,
der independente Bär und der anabaptistische Eber schossen hämische
Blicke auf das makellose Geschöpf. Unter dem Schutze ihres Freundes, des
königlichen Löwen, konnte sie es indessen wagen, mit ihnen aus der
nämlichen Quelle zu trinken. Die anglikanische Kirche war als Panther
dargestellt, der zwar Flecken hat, aber schön, für ein Raubthier nur zu
schön ist. Hindin und Panther, von der blutdürstigen Bevölkerung des
Waldes in gleichem Grade gehaßt, beriethen sich im Stillen über ihre
gemeinsame Gefahr. Dann gingen sie zur Discussion der Punkte über, in
denen sie verschiedener Ansicht waren, und hielten, mit dem Schwanze
wedelnd und sich den Bart leckend, ein langes Zwiegespräch über die
wirkliche Anwesenheit Christi beim Abendmahl, über die Autorität der
Päpste und Concilien, über die Strafgesetze, die Testacte, die Meineide
des Oates, Buttler’s schlecht belohnte Dienste für die Kavalierpartei,
Stillingfleet’s Pamphlets und Burnet’s breiten Rücken und glückliche
Heirathsspekulationen.

Das Unpassende dieses Planes springt in die Augen. Die Allegorie konnte
in der That nicht zehn Zeilen hintereinander ununterbrochen beibehalten
werden. Keine noch so kunstvolle Ausführung konnte die Fehler eines
solchen Planes verdecken. Dessenungeachtet ist die Fabel von der Hindin
und dem Panther unbestreitbar der werthvollste Beitrag zu der englischen
Literatur aus der kurzen und unruhigen Regierungszeit Jakob’s II. In
keinem andren Werke Dryden’s finden sich ergreifendere und erhabenere
Stellen, eine größere Biegsamkeit und Kraft der Sprache und ein
lieblicherer und abwechselnderer Wohllaut.

Das Gedicht erschien mit allen Vortheilen ausgestattet, welche
königliche Gunst gewähren konnte. Eine Prachtausgabe für Schottland
wurde in der in Holyrood House errichteten Officin gedruckt. Aber die
Leute waren nicht in der Stimmung, um sich von dem durchsichtigen Style
und den melodischen Reimen des Apostaten bezaubern zu lassen. Der durch
seine Feilheit erregte Unwille, die durch die Politik, deren Lobhudler
er war, hervorgerufene Besorgniß ließen sich nicht in Schlaf singen. Die
gerechte Entrüstung des Publikums wurde von Vielen, die den Stachel
seines Spotts gefühlt, und von Vielen, die seinen Ruhm beneideten,
angeschürt. Trotz aller Beschränkungen, denen die Presse unterlag,
erschienen täglich Angriffe auf sein Leben und seine Schriften. Bald
hieß er Bayes, bald der Dichter Squab. Man erinnerte ihn daran, daß er
in seiner Jugend dem Hause Cromwell in der nämlichen knechtischen Weise
den Hof gemacht, wie jetzt dem Hause Stuart. Ein Theil seiner Gegner
druckte boshafterweise die sarkastischen Verse wieder ab, die er zu
einer Zeit, wo es ihm nichts eingebracht haben würde, wenn er Papist
geworden wäre, gegen den Papismus geschrieben hatte. Von den vielen
satirischen Arbeiten, welche bei dieser Gelegenheit erschienen, war die
gelungenste das gemeinsame Werk zweier junger Männer, welche kürzlich
ihre Studien in Cambridge vollendet hatten und als vielversprechende
Anfänger in den literarischen Kaffeehäusern Londons begrüßt worden
waren: Karl Montague und Matthäus Prior. Montague war von adeliger
Abkunft, Prior’s Ursprung aber war so dunkel, daß kein Biograph im
Stande gewesen ist, demselben auf die Spur zu kommen. Beide Abenteurer
waren arm und strebsam. Beide hatten einen scharfen Verstand und einen
lebendigen Geist, Beide schwangen sich später hoch empor. Beide
verbanden in nicht gewöhnlichem Grade mit der Liebe zu den
Wissenschaften Geschicklichkeit in denjenigen Gebieten des praktischen
Lebens, gegen welche die Schöngeister in der Regel einen entschiedenen
Widerwillen haben. Von den funfzig Dichtern, deren Lebenslauf Johnson
geschildert hat, waren Montague und Prior die beiden einzigen, die sich
durch eine gründliche Kenntniß des Handels und des Finanzwesens
auszeichneten. Ihre Wege gingen bald weit auseinander, und ihre
Jugendfreundschaft löste sich auf. Einer von ihnen wurde das Haupt der
Whigpartei und wurde von den Tories angeklagt; der Andre wurde in alle
Geheimnisse der toryistischen Diplomatie eingeweiht und von den Whigs
lange in strenger Haft gehalten. Endlich wurden die so lange getrennt
gewesenen Freunde nach vielen ereignißvollen Jahren in der
Westminster-Abtei wieder mit einander vereinigt.


[_Änderung in dem Verfahren des Hofes gegen die Puritaner._] Wer die
Fabel von der Hindin und dem Panther aufmerksam gelesen hat, muß bemerkt
haben, daß während der Bearbeitung dieses Werks in den Ansichten Derer,
welche Dryden als Dolmetscher benutzten, eine große Veränderung vorging.
Anfangs wird von der anglikanischen Kirche mit Liebe und Achtung
gesprochen und sie wird ermahnt, sich mit der römisch-katholischen gegen
die puritanischen Secten zu verbinden; am Schlusse des Gedichts aber und
in der Vorrede, welche nach Vollendung des Ganzen geschrieben wurde,
werden die protestantischen Dissenters aufgefordert, mit den Katholiken
gemeinschaftliche Sache gegen die anglikanische Kirche zu machen.

Dieser Umschlag in der Sprache des Hofpoeten deutete auf einen großen
Umschlag in der Politik des Hofes hin. Der ursprüngliche Zweck Jakob’s
war gewesen, nicht allein vollständige Befreiung von allen Strafen und
bürgerlichen Ausschließungen, sondern auch einen großen Antheil an den
kirchlichen und akademischen Stiftungen für seine Kirche zu erlangen und
zu gleicher Zeit die Gesetze gegen die puritanischen Secten mit Strenge
auszuüben. Alle von ihm gewährten besonderen Dispensationen waren
römischen Katholiken gewährt worden. Alle Gesetze, welche auf den
Presbyterianern, Independenten und Baptisten am schwersten lasteten,
hatte er eine Zeit lang mit aller Strenge durchgeführt. Während Hales
ein Regiment commandirte, während Powis im Geheimen Rathe saß, während
Massey eine Dechanei bekleidete, während in Oxford mit königlicher
Genehmigung Breviarien und Meßbücher gedruckt wurden, während in London
die Hostie unter dem Schutze der Piken und Musketen der Fußgarde
öffentlich ausgestellt wurde, während Ordensbrüder und Mönche in ihren
Kutten in den Straßen von London einhergingen, saß Baxter im Gefängniß,
war Howe in der Verbannung, standen die Fünfmeilenacte und die
Conventikelacte in voller Kraft, mußten die puritanischen Schriftsteller
zur ausländischen oder geheimen Pressen ihre Zuflucht nehmen, konnten
puritanische Gemeinden sich nur des Nachts oder in abgelegenen Einöden
versammeln, mußten puritanische Geistliche in Kohlengräber- oder
Matrosenverkleidung predigen. In Schottland hatte der König neue Gesetze
von beispielloser Härte gegen die Presbyterianer von den Ständen
verlangt und erhalten, während er keine Anstrengung sparte, ihnen jede
Erleichterung für die Katholiken abzupressen. Sein Verfahren gegen die
verbannten Hugenotten hatte seine Gesinnungen nicht minder deutlich
verrathen. Wir haben gesehen, wie er, als die öffentliche Mildthätigkeit
eine große Summe zur Unterstützung dieser Unglücklichen in seine Hände
gelegt, allen Gesetzen der Gastfreundschaft und der Rechtschaffenheit
zum Hohn von ihnen verlangte, daß sie dem calvinistischen Ritual, dem
sie mit großer Liebe anhingen, entsagen und sich der anglikanischen
Kirche anschließen müßten, ehe er ihnen das Geringste von den seiner
Verwaltung anvertrauten Gaben spenden könnte.

Dies war seine Politik gewesen, so lange er noch einigermaßen hoffen
konnte, daß die anglikanische Kirche einwilligen werde, die Herrschaft
mit der römischen Kirche zu theilen. Einmal stieg diese Hoffnung zur
festen Überzeugung. Die Begeisterung, mit der die Tories seinen
Regierungsantritt begrüßt hatten, die Wahlen, die demüthige Sprache und
die reichen Geldbewilligungen seines Parlaments, die Unterdrückung des
Aufstandes im Westen, die völlige Vernichtung der Partei, die ihn vom
Throne hatte ausschließen wollen, dies Alles steigerte seine Zuversicht
bis über die Grenzen der Vernunft. Er glaubte fest, daß seiner Macht und
seiner Entschlossenheit jedes Hinderniß weichen werde. Sein Parlament
leistete ihm Widerstand. Er versuchte die Wirkung von ungnädigen Blicken
und Drohungen, und da er mit diesen nichts erreichte, versuchte er es
mit der Prorogation. Aber von dem Augenblicke der Prorogation an wurde
der Widerstand gegen seine Pläne immer stärker und stärker. Es schien
klar, daß, wenn er seinen Willen durchsetzen wollte, er ihn im
Widerspruch mit der großen Partei durchsetzen mußte, die seinem Throne,
seinem Hause und seiner Person so glänzende Beweise von Treue gegeben
hatte. Die ganze anglikanische Geistlichkeit, die ganze Kavaliergentry
war gegen ihn. Vergebens hatte er kraft seines kirchlichen Supremats dem
Klerus anbefohlen, sich jeder Erörterung von Streitpunkten zu enthalten.
Jede Gemeinde der Nation wurde allsonntäglich gegen die Irrthümer Roms
gewarnt, und diese Warnungen waren um so wirksamer, weil sie stets mit
Versicherungen der Ehrerbietung gegen den König und des Entschlusses,
Alles mit Geduld zu ertragen, was ihm zu verhängen belieben werde,
verbunden waren. Die royalistischen Ritter und Squires, welche durch
fünfundvierzig Jahre des Kriegs und der Parteiwuth dem Throne mannhaft
zur Seite gestanden hatten, sprachen jetzt in sehr nachdrücklichen
Worten den Entschluß aus, daß sie eben so mannhaft zur Kirche halten
würden. Trotz seines beschränkten Verstandes und seines despotischen
Characters sah Jakob nun doch ein, daß er sein Verfahren ändern müsse.
Er konnte es ohne Gefahr nicht wagen, alle seine protestantischen
Unterthanen zugleich zu beleidigen. Wenn er es über sich gewinnen
konnte, der Partei, welche in beiden Häusern das Übergewicht hatte,
Zugeständnisse zu machen, wenn er sich entschließen konnte, der
Staatskirche alle ihre Würden, Einkünfte und Privilegien zu lassen, so
mochte er auch fernerhin presbyterianische Versammlungen verbieten und
die Gefängnisse mit baptistischen Predigern füllen. Blieb er aber dabei,
die Hierarchie zu plündern, so mußte er sich entschließen, dem
Vergnügen, die Dissenters zu verfolgen, zu entsagen. Wollte er von nun
an mit seinen alten Freunden in Fehde leben, so mußte er mit seinen
alten Feinden einen Waffenstillstand schließen. Er konnte die
anglikanische Kirche nur dadurch bezwingen, daß er eine umfassende
Coalition gegen sie bildete, welche Secten in sich schloß, die zwar in
Lehre und Verfassung von einander selbst viel stärker abwichen als von
ihr, aber doch durch ihre gemeinsame Eifersucht auf ihre Größe und durch
die gemeinsame Furcht vor ihrer Unduldsamkeit bewogen werden konnten,
ihre Feindseligkeiten so lange ruhen zu lassen, bis jene Kirche die
Macht verloren hatte, sie zu tyrannisiren.

Ein Grund schien besonders für diesen Plan zu sprechen. Wenn es ihm nur
gelang, die protestantischen Nonconformisten zu gewinnen, so durfte er
sich mit der Hoffnung schmeicheln, vor jeder Rebellion sicher zu sein.
Nach der Ansicht der anglikanischen Geistlichen konnte keine Kränkung
irgend welcher Art einen Unterthanen berechtigen, den Gesalbten des
Herrn gewaltsamen Widerstand zu leisten. Die Theorie der puritanischen
Sectirer lautete ganz anders. Diese Sectirer trugen kein Bedenken,
Tyrannen mit dem Schwerte Gideon’s zu Boden zu schlagen, und manche von
ihnen scheuten sich auch nicht, den Dolch Ehud’s zu gebrauchen.
Wahrscheinlich sannen sie eben jetzt wieder auf einen neuen westlichen
Aufstand oder auf ein neues Ryehousecomplot. Jakob glaubte daher, daß er
getrost die Staatskirche verfolgen könnte, wenn es ihm nur gelang, die
Dissenters zu gewinnen. Die Partei, deren Grundsätze ihm keine
Sicherheit gewährten, war dann durch das Interesse an ihn gefesselt, und
die Partei, deren Interessen er angriff, erregte aus Grundsatz keinen
Aufruhr.

Unter dem Einflusse solcher Erwägungen begann Jakob von dem Augenblicke
an, als er sich zornig von seinem Parlament trennte, auf eine Coalition
aller katholischen wie protestantischen Nonconformisten gegen die
Landeskirche zu denken. Schon um Weihnachten 1685 meldeten die Gesandten
der Vereinigten Provinzen den Generalstaaten, daß der Plan einer
allgemeinen Duldung entworfen sei und bald ans Licht treten werde.[25]
Indessen erwiesen sich die Nachrichten, welche der holländischen
Gesandtschaft zugekommen waren, als verfrüht. Die Separatisten scheinen
jedoch im Jahre 1686 schon viel milder behandelt worden zu sein, als
während des Jahres 1685. Aber nur ganz allmälig und nach vielen inneren
Kämpfen vermochte es der König über sich, mit Allem, was er am meisten
verabscheute, ein Bündniß zu schließen. Er hatte einen nicht
oberflächlichen und launenhaften, nicht erst kürzlich entstandenen oder
rasch aufgeschossenen, sondern in seiner Familie erblichen Groll zu
überwinden, welcher durch große, während hundertzwanzig ereignißvoller
Jahre zugefügte und erlittene Unbilden verstärkt worden und mit allen
seinen religiösen und politischen, häuslichen und persönlichen Gefühlen
verwachsen war. Vier Generationen von Stuarts hatten mit vier
Generationen von Puritanern einen Krieg auf Leben und Tod geführt, und
während dieses ganzen langen Krieges hatte kein Stuart die Puritaner so
stark gehaßt, und war so stark von ihnen gehaßt worden, als er. Sie
hatten es versucht, seine Ehre zu untergraben und ihn seines
Geburtsrechts zu berauben; sie hatten ihn einen Brandstifter, einen
Kehlabschneider und einen Giftmischer genannt; sie hatten ihn aus der
Admiralität und aus dem Staatsrathe verdrängt; sie hatten ihn zu
wiederholten Malen in die Verbannung getrieben, sie hatten einen
Mordanschlag auf ihn gemacht, und sie hatten sich zu Tausenden mit
bewaffneter Hand gegen ihn erhoben. Dafür hatte er sich an ihnen durch
ein Gemetzel gerächt, wie es England noch nie gesehen. Ihre Köpfe und
Glieder verwesten noch auf Pfählen auf allen öffentlichen Plätzen von
Somersetshire und Dorsetshire. Bejahrte Frauen, die wegen ihrer
Frömmigkeit und Mildthätigkeit von den Sectirern in hohen Ehren gehalten
wurden, waren um geringfügiger Vergehen willen, die kein guter Fürst nur
eines strengen Verweises werth gehalten haben würde, enthauptet oder
lebendig verbrannt worden. In einem solchen Verhältnisse hatte selbst in
England der König zu den Puritanern gestanden, und in Schottland hatte
die Tyrannei des Königs und die Wuth der Puritaner einen Grad erreicht,
von dem sich die Engländer kaum einen Begriff machen konnten. Einen so
langjährigen und so tödtlichen Haß zu vergessen, war für einen ganz
besonders harten und unversöhnlichen Character keine leichte Aufgabe.

Der Kampf, der im Innern des Königs stattfand, entging dem Blicke
Barillon’s nicht. Ende Januar 1687 schrieb er einen interessanten Brief
nach Versailles. Der König -- dies war der wesentliche Inhalt des
Schreibens -- habe sich so ziemlich überzeugt, daß er nicht völlige
Freiheit für die römischen Katholiken erlangen und dabei doch die
Gesetze gegen die protestantischen Dissenters aufrecht erhalten könne.
Er neige sich daher zu einem Plane allgemeiner Indulgenz hin, im Herzen
aber würde es ihm weit lieber sein, wenn er auch jetzt noch seinen
Schutz und seine Gunst zwischen der römischen und der anglikanischen
Kirche, mit Ausschluß aller anderen religiösen Überzeugungen, theilen
könnte.[26]

    [Anmerkung 25: Leeuwen, 25. Dec. (4. Jan.) 1685/6.]

    [Anmerkung 26: Barillon, 31. Jan. (10. Febr.) 1686/7. +„Je crois
    que, dans le fond, si on ne pouvoit laisser que la religion
    Anglicane et la Catholique établies par les loix, le Roy
    d’Angleterre en seroit bien plus content.“+]


[_In Schottland theilweise Duldung gewährt._] Wenige Tage nach dem
Abgang dieser Depesche that Jakob zögernd und widerstrebend den ersten
Schritt zur Annäherung an die Puritaner. Er hatte sich entschlossen, mit
Schottland zu beginnen, wo seine Befugniß, von Parlamentsacten zu
dispensiren, von den willfährigen Ständen anerkannt war. Demgemäß wurde
am 12. Februar in Edinburg eine Proklamation erlassen, welche
ängstlichen Gewissen eine Erleichterung gewährte.[27] Diese Proklamation
beweist vollkommen die Richtigkeit von Barillon’s Urtheil. Selbst in der
Acte, durch die er den Presbyterianern Zugeständnisse machte, konnte
Jakob seinen Widerwillen gegen sie nicht verhehlen. Die den Katholiken
gewährte Duldung war vollkommen. Auch die Quäker hatten wenig Ursache
sich zu beklagen. Aber die den Presbyterianern, welche die Hauptmasse
des schottischen Volks bildeten, bewilligte Indulgenz war durch
Bedingungen beschränkt, die sie fast werthlos machten. An die Stelle des
bisherigen Religionseides, der sowohl Katholiken als Presbyterianer von
Staatsämtern ausschloß, war ein neuer Religionseid gesetzt, der die
Katholiken zuließ, aber die meisten Presbyterianer ausschloß. Den
Katholiken war es erlaubt, Kapellen zu erbauen und sogar die Hostie
überall, mit Ausnahme der Straßen in königlichen Burgflecken, in
Prozession umherzutragen; den Quäkern war es gestattet, sich in
öffentlichen Gebäuden zu versammeln; die Presbyterianer aber durften nur
in Privatwohnungen Gottesdienst halten; es war ihnen streng verboten,
Bethäuser zu bauen, sie durften nicht einmal eine Scheune oder ein
Nebenhaus zu Andachtsübungen benutzen, und es ward ihnen nachdrücklich
eingeschärft, daß, wenn sie es wagten, Conventikel unter freiem Himmel
zu hatten, das Gesetz, welches sowohl den Predigern als den Zuhörern mit
dem Tode drohte, mit schonungsloser Strenge angewendet werden sollte.
Jeder katholische Priester durfte Messe lesen, jeder Quäker durfte vor
seinen Glaubensbrüdern Reden halten; aber der Geheime Rath war
angewiesen, darüber zu wachen, daß kein presbyterianischer Geistlicher
sich unterfange, ohne specielle Erlaubniß der Regierung zu predigen.
Jede Zeile dieses Dokuments und der dasselbe begleitenden Briefe
beweist, wie schwer es dem Könige wurde, nur einigermaßen die Härte zu
mildern, mit der er die alten Feinde seines Hauses von jeher behandelt
hatte.[28]

Man hat wirklich Grund zu glauben, daß er bei Veröffentlichung dieser
Proklamation noch keineswegs zu einer Coalition mit den Puritanern fest
entschlossen war und daß er ihnen zuvörderst nur eben so viele
Begünstigungen gewähren wollte, als durchaus nöthig waren, um die
Anhänger der Landeskirche durch Einschüchterung zum Gehorsam zu bringen.
Er wartete daher einen Monat, um zu sehen, welchen Eindruck das in
Edinburg erlassene Edict in England machen werde. Diesen Monat
verwendete er auf Petre’s Rath eifrig zu dem, was man +closeting+[29]
nannte.

    [Anmerkung 27: Sie ist zu finden im Anfange zu Wodrow II. 129.]

    [Anmerkung 28: +Wodrow, Appendix, vol. II. Nos. 128, 129, 132.+]

    [Anmerkung 29: Persönliche Bearbeitung Einzelner im Privatkabinet
    des Königs.    D. Übers.]


[_Persönliche Bearbeitung Einzelner im königlichen Kabinet._] London war
voll von geeigneten Persönlichkeiten. Man erwartete die baldige
Zusammenberufung des Parlaments zur Erledigung von Geschäften, und viele
Mitglieder waren bereits in der Stadt. Der König nahm sich vor, sie Mann
für Mann zu werben. Er hoffte, daß die eifrigen Tories -- und aus
solchen bestand das Unterhaus mit wenigen Ausnahmen -- seinen dringenden
Bitten schwer würden widerstehen können, wenn er dieselben nicht an die
Gesammtheit, sondern an jeden Einzelnen, und nicht vom Thronsessel
herab, sondern im vertraulichen Gespräch an sie richtete. Die
Mitglieder, welche nach Whitehall kamen, um ihre Aufwartung zu machen,
wurden demnach auf die Seite genommen und mit langen Privatunterredungen
beehrt. Der König drang in sie, daß sie, als loyale Gentlemen, ihm nur
in dem einem Punkte, der ihm mehr als alles Andre am Herzen liege, den
Willen thun möchten. Er meinte, die Sache berühre seine persönliche
Ehre. Die unter der vorigen Regierung von factiösen Parlamenten gegen
die Katholiken erlassenen Verordnungen seien lediglich gegen ihn selbst
gerichtet gewesen; diese Gesetze hätten ihm ein Brandmal aufgedrückt,
ihn aus der Admiralität und aus dem Staatsrathe vertrieben, und er sei
berechtigt, zu erwarten, daß Alle, die ihn liebten und ehrten, sich zur
Abschaffung jener Gesetze vereinigen würden. Sah er, daß seine Zuhörer
gegen diese Ermahnungen taub blieben, so nahm er seine Zuflucht zu
Drohungen und Bestechungen. Denjenigen, die sich weigerten, ihm in
dieser Angelegenheit zu Willen zu sein, wurde geradezu gesagt, daß sie
keine Gunstbezeigung zu erwarten hätten. Trotz seiner Knauserei öffnete
und vertheilte er seine Schätze. Mehrere von Denen, die zu einer
Conferenz mit ihm eingeladen worden waren, nahmen aus seinem
Schlafzimmer Geld mit fort, das sie aus königlicher Hand empfangen
hatten. Die Richter, die sich gerade auf ihrer Frühjahrsrundreise
befanden, erhielten Befehl vom Könige, die noch in der Provinz
zurückgebliebenen Mitglieder zu besuchen und die Gesinnungen jedes
Einzelnen zu erforschen.


[_Erfolglosigkeit der persönlichen Bearbeitung._] Das Resultat aller
dieser Nachforschungen war, daß die große Majorität des Hauses der
Gemeinen entschlossen zu sein schien, sich den Maßregeln des Hofes zu
widersetzen.[30] Einer von Denjenigen, deren Festigkeit allgemeine
Bewunderung erregten, war Arthur Herbert, der Bruder des Oberrichters,
Parlamentsmitglied für Dover, Kammerherr und Contreadmiral von England.

    [Anmerkung 30: Barillon, 28. Febr. (10. März) 1686/7; Citters,
    15.(25.) Febr.; +Reresby’s Memoirs+; Bonrepaux, 25. Mai (4. Juni)
    1687.]


[_Admiral Herbert._] Arthur Herbert war bei den Seeleuten sehr beliebt
und galt für einen der tüchtigsten adeligen Marineoffiziere. Man hatte
allgemein vermuthet, daß er sich den Wünschen des Königs bereitwillig
fügen werde, denn er fragte wenig nach der Religion, war
vergnügungslustig und verschwenderisch, hatte kein Privatvermögen, bezog
aus seinen Stellen ein jährliches Einkommen von viertausend Pfund und
wurde seit langer Zeit zu den ergebensten persönlichen Anhängern Jakob’s
gerechnet. Als aber der Contreadmiral im Privatkabinet vorgenommen und
das Versprechen von ihm verlangt wurde, daß er für die Aufhebung der
Testacte stimmen wolle, antwortete er, seine Ehre und sein Gewissen
erlaubten ihm nicht, ein solches Versprechen zu geben. „Niemand zweifelt
an Ihrer Ehre“, sagte der König, „aber ein Mann, der so lebt wie Sie,
sollte nicht von seinem Gewissen sprechen.“ Auf diesen Vorwurf, einen
Vorwurf, der dem Geliebten der Katharine Sedley übel anstand, erwiederte
Herbert mit männlicher Offenheit: „Ich habe meine Fehler, Sire, aber ich
könnte Leute nennen, welche viel häufiger von ihrem Gewissen sprechen
als ich und dabei ein eben so lockeres Leben führen.“ Er wurde aller
seiner Stellen entsetzt und die Rechnung über seine Ausgaben und
Einnahmen als Kammerherr wurden mit großer und, wie er klagte,
ungerechter Strenge geprüft.[31]

Es war jetzt augenscheinlich, daß jede Hoffnung auf ein Bündnis zwischen
der anglikanischen und römischen Kirche zu dem Zwecke, die Ämter und
Einnahmen unter sich zu theilen und die puritanischen Secten zu
unterdrücken, aufgegeben werden mußte. Es blieb weiter nichts übrig, als
der Versuch, eine Koalition zwischen der römischen Kirche und den
puritanischen Secten gegen die anglikanische Kirche zu Stande zu
bringen.

    [Anmerkung 31: Barillon, 14.(24.) März 1687; Lord Russell an +Dr.+
    Fitzwilliam, 1. April; +Burnet I. 671, 672+. In +Clarke’s Life of
    James the Second, II. 204+ ist die Unterredung etwas anders
    erzählt. Diese Stelle aber ist kein Theil der eigenen Memoiren des
    Königs.]


[_Die Indulgenzerklärung._] Am 18. März kündigte der König dem Geheimen
Rathe an, daß er beschlossen habe, das Parlament bis Ende November zu
prorogiren und allen seinen Unterthanen aus eigner Machtvollkommenheit
völlige Gewissensfreiheit zu gewähren.[32] Am 4. April erschien die
denkwürdige Indulgenzerklärung.

In dieser Erklärung sagte der König, es sei sein innigster Wunsch, seine
Unterthanen als Mitglieder derjenigen Kirche zu sehen, der er selbst
angehöre. Da dies aber nicht sein könne, erkläre er, daß es seine
Absicht sei, sie in der freien Ausübung ihrer Religion zu schützen. Er
wiederholte alle die schönen Redensarten, welche acht Jahre früher, als
er selbst ein Unterdrückter war, so oft aus seinem Munde kamen, die er
aber nicht mehr gebrauchte, seitdem ein Wechsel des Glücks ihm die Macht
verliehen hatte, selbst ein Unterdrücker zu werden. Er sei schon längst
überzeugt, sagte er, daß man dem Gewissen keinen Zwang anthun dürfe, daß
Verfolgungen der Zunahme der Bevölkerung und dem Handel nachtheilig
seien und nie zu dem Zwecke führten, den die Verfolger erreichen
wollten. Er wiederholte das schon oft gegebene und eben so oft
gebrochene Versprechen, daß er die Staatskirche im Genusse ihrer
gesetzlichen Rechte schützen wolle. Hierauf erklärte er, ebenfalls aus
eigner Machtvollkommenheit, eine lange Reihe von Gesetzen für null und
nichtig, hob alle Strafbestimmungen gegen alle Klassen von
Nonconformisten auf, ermächtigte die römischen Katholiken wie auch die
protestantischen Dissenters, ihren Gottesdienst öffentlich zu halten,
verbot seinen Unterthanen bei Strafe seines allerhöchsten Mißfallens,
irgend eine religiöse Versammlung zu stören, und schaffte auch alle
diejenigen Gesetze ab, welche die Befähigung zu bürgerlichen und
militairischen Ämtern von einem Religionseide abhängig machten.[33]

Daß die Indulgenzerklärung verfassungswidrig war, darüber sind beide
große Parteien Englands zu allen Zeiten einig gewesen. Jeder, der in
politischen Fragen ein Urtheil hat, muß einsehen, daß ein Fürst, der
eine solche Erklärung erlassen darf, nichts Geringeres ist als ein
absoluter Monarch. Auch kann man zur Vertheidigung dieser Handlung
Jakob’s nicht die Gründe geltend machen, mit denen viele willkürliche
Maßregeln der Stuarts vertheidigt oder entschuldigt worden sind. Man
kann nicht sagen, daß er den Umfang seiner Prärogative verkannt habe,
weil sie nicht genau bestimmt gewesen sei, denn er überschritt die
Grenze angesichts einer ganz kürzlich erst festgestellten Grenzmarke.
Funfzehn Jahre früher hatte sein Bruder auf Anrathen der Cabale auch
eine Indulgenzerklärung erlassen, welche im Vergleich zu der Erklärung
Jakob’s gemäßigt und vorsichtig genannt werden konnte. Die Erklärung
Karl’s dispensirte nur von Strafgesetzen, die Erklärung Jakob’s
dispensirte auch von allen Religionseiden. Die Erklärung Karl’s
gestattete den Katholiken, nur in Privatwohnungen ihren Gottesdienst zu
halten, nach der Erklärung Jakob’s konnten sie Tempel bauen und
ausschmücken und sogar mit Kreuzen, Bildern und Rauchfässern in
Prozession durch Fleet Street ziehen. Dennoch war die Erklärung Karl’s
in alter Form für gesetzwidrig erklärt worden. Die Gemeinen hatten sich
dahin ausgesprochen, daß der König nicht befugt sei, in kirchlichen
Angelegenheiten von Gesetzen zu dispensiren. Karl hatte hierauf das
mißliebige Schriftstück vor seinen Augen vernichten lassen, hatte mit
eigner Hand das Siegel davon abgerissen und sowohl durch eine von ihm
eigenhändig unterschriebene Botschaft als auch mündlich vom Throne herab
in vollem Parlament beiden Häusern fest versprochen, daß der Schritt,
der so großen Anstoß gegeben, als nie geschehen betrachtet werden solle.
Die beiden Häuser hatten dann ohne eine einzige opponirende Stimme eine
gemeinschaftliche Dankadresse für diese Erfüllung ihrer Wünsche an ihn
gerichtet. Nie war eine Verfassungsfrage mit reiflicherer Erwägung, mit
unzweideutigerer Klarheit und mit vollkommnerer Einhelligkeit
entschieden worden.

Jakob’s Vertheidiger haben zu seiner Entschuldigung häufig das
Erkenntniß anführt, welches der Gerichtshof der Kings Bench in der
abgekarteten Klage gegen Sir Eduard Hales abgab; aber dieser
Entschuldigungsgrund hat gar kein Gewicht. Jakob hatte diesen Ausspruch
notorisch durch Bitten, durch Drohungen, durch Entlassung gewissenhafter
Beamten und durch Besetzung der Richterbank mit anderen höfischer
gesinnten Richtern erlangt. Und obgleich dieses Erkenntniß von der
Advokatur wie von der Nation allgemein für verfassungswidrig erklärt
wurde, erstreckte es sich doch nur so weit, daß der König aus besonderen
Staatsgründen einzelnen Individuen Dispensationen von ausschließenden
Gesetzen bewilligen dürfe. Daß er durch ein Alles über den Haufen
werfendes Edict alle seine Unterthanen ermächtigen konnte, ganze Bände
von Gesetzen nicht mehr zu befolgen, dies hatte kein Gerichtshof
angesichts der feierlichen Entscheidung des Parlaments von 1673 zu
behaupten gewagt.

    [Anmerkung 32: +London Gazette, March 21, 1686/7.+]

    [Anmerkung 33: +London Gazette, April 7+. 1087.]


[_Stimmung der protestantischen Dissenters._] Die Stellung der Parteien
war jedoch von der Art, daß Jakob’s Indulgenzerklärung, obgleich der
kühnste von allen Angriffen der Stuarts auf die öffentliche Freiheit,
wohl geeignet war, gerade demjenigen Theile der Gesellschaft zu
gefallen, der allen anderen Angriffen der Stuarts auf die öffentliche
Freiheit den beharrlichsten Widerstand entgegengesetzt hatte. Es stand
kaum zu erwarten, daß der durch ein hartes und streng gehandhabtes
Gesetzbuch von seinen Landsleuten getrennte protestantische
Nonconformist geneigt sein werde, die Gültigkeit eines Erlasses zu
bestreiten, der ihn von unerträglichen Bedrückungen erlöste. Ein kalter
und philosophischer Beobachter würde ohne Zweifel erklärt haben, daß
alles Übel, das aus allen intoleranten Gesetzen, welche je von
Parlamenten erlassen wurden, hervorgehen könne, nicht zu vergleichen sei
mit dem Unheil, welches durch eine Übertragung der gesetzgebenden Gewalt
vom Parlament auf den Souverain entstehen würde. Aber eine so ruhige und
philosophische Überlegung kann man nicht von Leuten erwarten, die unter
einem vorhandenen Drucke seufzen und denen die lockende Aussicht auf
sofortige Erleichterung dargeboten wird. Ein puritanischer Theolog
konnte allerdings nicht leugnen, daß die jetzt von der Krone
beanspruchte Dispensationsgewalt mit den Grundprinzipien der
Verfassung unvereinbar war. Aber es war vielleicht zu entschuldigen,
wenn er fragte, was die Verfassung eigentlich für ihn sei. Die
Gleichförmigkeitsacte hatte ihn trotz königlicher Versprechungen von
einer Pfründe vertrieben, die sein rechtmäßiges Eigenthum war, und hatte
ihn in Armuth und Abhängigkeit zurückgeworfen. Die Fünfmeilenacte hatte
ihn von seiner Heimath, von seinen Verwandten, von seinen Freunden, von
fast jedem öffentlichen Zufluchtsorte verbannt. Kraft der
Conventikelacte war er seines Vermögens beraubt und aus einem
schmutzigen Kerker in den andren mitten unter Straßenräuber und Diebe
geworfen worden. Außerhalb des Gefängnisses wurde er beständig von den
Gerichtsdienern verfolgt; er hatte Angeber durch Geldgeschenke zum
Schweigen bringen, hatte sich in schimpflicher Verkleidung durch Fenster
und Fallthüren heimlich zu seiner Gemeinde schleichen müssen, und
während er das geweihte Wasser auf den Täufling sprengte oder das Brod
des heiligen Abendmahls austheilte, hatte er in beständiger Angst auf
das Zeichen horchen müssen, welches ihm sagte, daß die Sbirren der
Justiz sich näherten. War es nicht bitterer Hohn, einen so
ausgeplünderten und bedrückten Mann aufzufordern, daß er für das
Eigenthum und die Freiheit seiner Plünderer und Bedrücker zum Märtyrer
werden solle? Mochte die Indulgenzerklärung seinen glücklichen Nachbarn
noch so despotisch erscheinen, ihm brachte sie Erlösung. Er wurde
aufgefordert, nicht zwischen der Freiheit und der Knechtschaft, sondern
zwischen zwei Jochen zu wählen, und es wäre nicht unnatürlich gewesen,
wenn er das Joch des Königs für erträglicher gehalten hätte als das der
Kirche.


[_Stimmung der anglikanischen Kirche._] Während solche Gedanken die
Gemüther vieler Dissenters beschäftigten, war die anglikanische Partei
in Angst und Bestürzung. Diese neue Wendung der Dinge war in der That
beunruhigend. Das Haus Stuart im Bunde mit republikanischen und
königsmörderischen Secten gegen die alten Kavaliere Englands; der
Papismus im Bunde mit dem Puritanismus gegen ein kirchliches System, an
welchem die Puritaner nichts weiter auszusetzen hatten, als daß es
zuviel Papistisches beibehalten: das waren Zeichen und Wunder, welche
alle Berechnungen der Staatsmänner über den Haufen warfen. Die Kirche
sollte also mit einem Male von allen Seiten angegriffen werden, und zwar
unter der Leitung Dessen, der ihrer Verfassung nach ihr Oberhaupt war.
Es war kein Wunder, wenn sie von Erstaunen und Entsetzen ergriffen
wurde. Und zu dem Erstaunen und dem Entsetzen gesellten sich noch andere
bittere Gefühle: Groll gegen den meineidigen Fürsten, dem sie nur zu
treu gedient, und Reue über die Grausamkeiten, die sie in Gemeinschaft
mit ihm verübt hatte und für die er sie jetzt, wie es schien, bestrafen
wollte. Ihre Strafe war gerecht, sie erntete was sie gesäet hatte. Als
nach der Restauration ihre Macht den Höhepunkt erreicht, hatte sie nur
Rache geschnaubt. Sie hatte die Stuarts aufgefordert, gedrängt, fast
gezwungen, die kürzlich geleisteten Dienste der Presbyterianer mit
schnödem Undanke zu vergelten. Hätte sie sich in jener Zeit ihrer
höchsten Blüthe, wie es ihr geziemte, ihrer Feinde angenommen, so würde
sie jetzt, in der Zeit der Noth, Freunde in ihnen gefunden haben.
Vielleicht war es noch nicht zu spät, vielleicht konnte sie noch die
Taktik ihres Bedrückers gegen ihn selbst kehren. Es gab unter den
Anglikanern eine gemäßigte Partei, welche den protestantischen
Dissenters immer freundlich gesinnt gewesen war. Allerdings war diese
Partei nicht zahlreich, aber die Talente, Kenntnisse und Tugenden ihrer
Mitglieder machten sie achtunggebietend. Sie war von den höchsten
Würdenträgern der Kirche nicht mit günstigem Auge betrachtet und von den
Frömmlern aus der Schule Laud’s schonungslos verunglimpft worden; aber
von dem Tage, an welchem die Indulgenzerklärung erschien, bis zu dem
Tage, wo Jakob’s Macht aufhörte Schrecken einzuflößen, schien die ganze
Kirche von dem Geiste der verleumdeten Latitudinarier beseelt zu sein
und von ihren Rathschlägen geleitet zu werden.


[_Der Hof und die Kirche._] Nun folgte eine Art von Versteigerung, die
sonderbarste, von der uns die Geschichte erzählt. Der König auf der
einen, die Kirche auf der andren Seite begannen einander zu überbieten,
um die Gunst Derer zu erlangen, zu deren Unterdrückung sie bis dahin
verbündet gewesen waren. Die protestantischen Dissenters, die noch vor
wenigen Monaten eine verachtete und geächtete Klasse gewesen waren,
hielten jetzt die Wage der Macht in ihrer Hand. Die Härte, mit der sie
behandelt worden waren, wurde allgemein verdammt. Der Hof suchte die
ganze Schuld auf die Hierarchie zu wälzen, und die Hierarchie warf sie
zurück auf den Hof. Der König erklärte, daß er die Separatisten wider
Willen nur deshalb verfolgt habe, weil seine Angelegenheiten in einem
Zustande gewesen wären, bei dem er es nicht hatte wagen dürfen, dem
Klerus der Staatskirche zu nahe zu treten. Dieser versicherte, daß er
nur aus Ehrerbietung vor der Autorität des Königs an einer Strenge Theil
genommen habe, die seinen Gefühlen durchaus fremd sei. Der König brachte
eine Sammlung von Anekdoten von Rectoren und Vikaren zusammen, welche
durch Androhung von Verfolgung von protestantischen Dissenters Geld
erpreßt hatten. Er sprach häufig und öffentlich über diesen Gegenstand,
drohte mit einer Untersuchung, welche die Pfarrer der ganzen Welt in
ihrem wahren Character zeigen werde und erließ in der That mehrere
Verordnungen, durch welche Agenten, auf die er sich verlassen zu können
glaubte, ermächtigt wurden, den Betrag der Summen zu ermitteln, welche
in verschiedenen Landestheilen von Bekennern der herrschenden Religion
Sectirern abgepreßt worden waren. Die Vertheidiger der Landeskirche
führten dagegen Beispiele von rechtschaffenen Pfarrern an, welche vom
Hofe Verweise und Drohungen erhalten, weil sie auf der Kanzel
Duldsamkeit empfohlen und sich geweigert hatten, kleine Gemeinden von
Nonconformisten auszuspüren und zu Tode zu hetzen. Der König behauptete,
daß einige Mitglieder der Staatskirche, die er privatim vorgenommen,
sich erboten hatten, den Katholiken ausgedehnte Zugeständnisse zu
machen, unter der Bedingung, daß die Verfolgung gegen die Puritaner
ihren Fortgang behalte. Die angeklagten Anhänger der Staatskirche
leugneten heftig die Wahrheit dieser Beschuldigung und behaupteten, daß,
wenn sie sich mit dem, was der König für seine eigene Kirche verlangte,
einverstanden erklärt hätten, er ihnen sehr gern gestattet haben würde,
sich durch Verfolgung und Ausplünderung protestantischer Dissenters zu
entschädigen.[34]

Der Hof hatte seine Physiognomie verändert. Die Schärpe und der
Priesterrock der anglikanischen Geistlichen konnten sich daselbst kaum
noch sehen lassen ohne spöttisches Lächeln und boshaftes Geflüster
hervorzurufen. Die Hofdamen erlaubten sich nicht mehr zu kichern und die
Kammerherren verbeugten sich bis zur Erde, wenn sich das puritanische
Gesicht und die puritanische Tracht, welche in den vornehmen Zirkeln so
lange Zeit Lieblingsgegenstände des Spotts gewesen waren, in den
Gallerien des Palastes zeigten. Taunton, das zwei Generationen hindurch
die Veste der Rundkopfpartei im Westen gewesen war, das die Armeen
Karl’s I. zweimal tapfer zurückgeschlagen, sich zur Unterstützung
Monmouth’s wie ein Mann erhoben hatte und von Kirke und Jeffreys in eine
Schlachtbank verwandelt worden war, schien plötzlich die Stelle erobert
zu haben, welche Oxford einst in der königlichen Gunst eingenommen.[35]
Der König gewann es über sich, ausgezeichneten Dissenters sogar mit
kriechender Höflichkeit zu begegnen. Einigen bot er Geld an, Anderen
städtische Ehrenämter, noch Anderen Begnadigung von Verwandten und
Freunden, die wegen Theilnahme an dem Ryehousecomplot oder wegen
Anschluß an die Fahne Monmouth’s auf dem Kontinent umherirrten oder in
den Zuckerplantagen von Barbados schwitzten. Er stellte sich sogar, als
ob er mit den freundlichen Gesinnungen der englischen Puritaner gegen
ihre auswärtigen Glaubensbrüder sympathisirte. Eine zweite und dritte
Proklamation erschien in Edinburg, welche die den Presbyterianern durch
das Februaredict gewährte nichtssagende Duldung bedeutend
erweiterten.[36] Die verbannten Hugenotten, die der König seit vielen
Monaten mit ungnädigem Auge angesehen und denen er die von der Nation
aufgebrachten milden Gaben vorenthalten hatte, wurden jetzt unterstützt
und gehätschelt. Es wurde ein Ministerialbefehl erlassen, der die
öffentliche Mildthätigkeit nochmals zu ihren Gunsten aufrief. Die
Vorschrift, welche von ihnen den Anschluß an die anglikanische
Gottesverehrung als Bedingung des Empfangs einer Unterstützung
verlangte, scheint zu dieser Zeit stillschweigend aufgehoben gewesen zu
sein, und die Vertheidiger der Politik des Königs hatten die Frechheit
zu behaupten, diese Vorschrift sei auf Andringen der Prälaten der
Staatskirche erlassen worden, während wir aus den sichersten Quellen
wissen, daß sie von ihm selbst im Einverständniß mit Barillon ersonnen
worden war.[37]

Während der König sich so die Gunst seiner alten Gegner zu erwerben
suchte, waren die Freunde der Landeskirche nicht weniger thätig. Von der
Bitterkeit und dem Hohne, mit dem die Prälaten und Priester seit der
Restauration die Sectirer zu behandeln pflegten, war kaum noch eine Spur
zu erkennen. Die, welche man ganz kürzlich noch Schismatiker und
Fanatiker genannt hatte, waren jetzt geliebte Mitprotestanten,
Glaubensbrüder, die vielleicht schwach sein mochten, aber deren
Gewissensskrupel immerhin zarte Rücksichtnahme verdienten. Wenn sie nur
in dieser Krisis der englischen Verfassung und dem reformirten Glauben
treu blieben, so sollte ihre Hochherzigkeit bald und reich belohnt
werden. Anstatt einer Indulgenz, welche keine gesetzliche Gültigkeit
hätte, sollten sie eine wirkliche, durch eine Parlamentsacte gesicherte
Indulgenz haben. Ja, viele Mitglieder der Staatskirche, die sich bisher
durch ihr starres Festhalten an jeder in der Liturgie vorgeschriebenen
Geberde und Formel ausgezeichnet hatten, erklärten sich jetzt nicht nur
zur Duldung, sondern sogar zur Gleichstellung geneigt. Der Streit um
Chorröcke und Stellungen, sagten sie, habe nur zu lange Christen von
einander getrennt, welche doch in den wesentlichen Glaubenspunkten
übereinstimmten. Wenn der Kampf auf Tod und Leben gegen den gemeinsamen
Feind vorüber wäre, dann würde man sehen, daß die anglikanische
Geistlichkeit zu jedem billigen Zugeständnisse bereit sei. Wenn die
Dissenters nur nicht unbescheiden wären, so würden ihnen nicht blos
bürgerliche, sondern auch geistliche Ämter offen stehen, und Baxter und
Howe würden ohne einen Flecken an ihrer Ehre oder ihrem Gewissen auf der
Bank der Bischöfe sitzen können.

    [Anmerkung 34: Verordnungen des Schatzamts. Siehe besonders die
    Instructionen vom 8. März 1687/88; +Burnet, I. 715+; +Reflections
    on His Majesty’s Proclamation for a Toleration in Scotland+;
    +Letters containing some Reflections on His Majesty’s Declaration
    for Liberty of Conscience+; +Apology for the Church of England
    with relation to the spirit of Persecution for which she is
    accused, 1687/88.+ Doch es ist mir unmöglich, alle Flugschriften
    anzuführen, aus denen ich mein Urtheil über den damaligen Stand
    der Parteien geschöpft habe.]

    [Anmerkung 35: +Letter to a Dissenter+.]

    [Anmerkung 36: +Wodrow, Appendix, vol. II. Nos. 132, 134.+]

    [Anmerkung 37: +London Gazette, April 21. 1687+; +Animadversions
    on a late paper entituled a Letter to a Dissenter, by H. C. (Henry
    Care), 1687.+]


[_„Brief an einen Dissenter.“_] Von den zahlreichen damaligen
Flugschriften, in denen die Sache des Hofes und die Sache der Kirche vor
dem Puritaner, der jetzt durch eine sonderbare Wendung des Geschicks das
Loos seiner Verfolger entscheiden sollte, eifrig und ängstlich
entwickelt wurde, ist jetzt nur noch eine in der Erinnerung, betitelt:
+Letter to a Dissenter+. In dieser meisterhaften kleinen Schrift waren
alle Argumente, die einen Nonconformisten überzeugen konnten, daß es
seine Pflicht und sein Interesse sei, ein Bündniß mit der Staatskirche
einem Bündnisse mit dem Hofe vorzuziehen, auf einem engen Raume in der
übersichtlichsten Ordnung zusammengestellt, mit geistreichem Witze
erörtert und mit einer zwar lebhaften, aber selbst in den Momenten der
leidenschaftlichsten Heftigkeit die Grenzen des Anstandes und der seinen
Bildung nie überschreitenden Beredtsamkeit zur Geltung gebracht. Die
Schrift machte einen ungeheuren Eindruck, denn da sie nur einen Bogen
stark war, wurden über zwanzigtausend Exemplare durch die Post versandt
und die Wirkung zeigte sich in jedem Winkel des Reichs. Es erschienen
vierundzwanzig Antworten darauf, aber die ganze Stadt erklärte sie für
schlecht und die von Lestrange für die schlechteste von allen
vierundzwanzig.[38] Die Regierung war sehr ärgerlich und sparte keine
Mühe, um den Verfasser des Briefs ausfindig zu machen; aber es war nicht
möglich, rechtskräftige Beweise gegen ihn aufzubringen. Einige meinten
die Denk- und Sprachweise Temple’s zu erkennen.[39] In Wirklichkeit aber
gehörte dieser umfassende und scharfe Verstand, diese lebhafte
Phantasie, dieser elegante und kräftige Styl, diese ruhige und edle,
halb hofmännische, halb philosophische Würde, welche die heftigste
Aufregung des Kampfes nicht einen Augenblick aus der Fassung bringen
konnte, keinem Andren als Halifax an.

    [Anmerkung 38: +Lestrange’s Answer to a Letter to a Dissenter+;
    +Care’s Animadversions on a Letter to a Dissenter+; +Dialogue
    between Harry and Roger+, nämlich Harry Care und Roger Lestrange.]

    [Anmerkung 39: Der Brief war mit T. W. unterzeichnet. Care sagt in
    seinen +Animadversions+: „Dieser Herr Politiker T. W. oder W. T.,
    denn einige Kritiker halten dies für die richtigere Lesart.“]


[_Benehmen der Dissenters._] Die Dissenters schwankten und man darf
ihnen keinen Vorwurf daraus machen. Sie litten und der König hatte ihnen
Linderung verschafft. Einige ausgezeichnete Geistliche waren ihrer Haft
entlassen worden, andere hatten es gewagt, aus dem Exil zurückzukehren.
Gemeinden, die ihre Zusammenkünfte bisher nur heimlich und im Dunklen
hatten abhalten können, versammelten sich jetzt am hellen Tage und
sangen laut ihre Psalmen vor den Augen von Magistratsbeamten,
Kirchenvorstehern und Constablern. Bescheidene Gotteshäuser von
puritanischer Bauart begannen sich in allen Gegenden Englands zu
erheben. Der aufmerksame Reisende kann noch jetzt an einigen der
ältesten Bethäuser die Jahrzahl 1687 erkennen. Dessen ungeachtet waren
die Anerbietungen der Kirche für einen klugen Dissenter viel lockender
als die des Königs. Die Indulgenzerklärung war in den Augen des Gesetzes
null und nichtig. Sie suspendirte die Strafgesetze gegen Nonconformität
nur auf so lange, als die Grundprinzipien der Verfassung und die
rechtmäßige Autorität des gesetzgebenden Körpers aufgehoben blieben.
Welchen Werth hatten Privilegien, die auf einen so schmachvollen und
zugleich so unsicheren Besitztitel beruhten? Es konnte bald eine
Thronerledigung eintreten, ein der Landeskirche anhängender Souverain
konnte auf den Thron kommen und ein aus Mitgliedern der Landeskirche
bestehendes Parlament gebildet werden. Wie beklagenswerth mußte dann die
Lage der Dissenters werden, die sich mit Jesuiten gegen die Verfassung
verbündet hatten! Die Kirche bot eine Indulgenz ganz andrer Art als die
von Jakob gewährte dar, eine Indulgenz, die eben so rechtsgültig und
heilig war als die Magna Charta. Beide streitende Parteien versprachen
dem Separatisten Glaubensfreiheit; aber die eine Partei verlangte von
ihm, daß er sie durch Aufopferung der bürgerlichen Freiheit erkaufen
sollte, während die andre ihn zum Genuß der bürgerlichen und religiösen
zugleich einlud.

Aus diesen Gründen konnte ein Dissenter sich wohl entschließen, sein
Loos mit dem der Staatskirche zu verknüpfen, selbst wenn er hätte
glauben können, daß der Hof es aufrichtig meinte. Aber wer garantirte
ihm für die Aufrichtigkeit des Hofes? Jedermann kannte das bisherige
Benehmen Jakob’s. Es war zwar nicht gerade unmöglich, daß ein Verfolger
durch Vernunftgründe und Erfahrungen von den Vortheilen der
Religionsduldung überzeugt werden konnte. Aber Jakob behauptete, nicht
erst neuerdings überzeugt worden zu sein; im Gegentheil, er versäumte
keine Gelegenheit, um zu versichern, daß er schon seit vielen Jahren aus
Grundsatz aller Unduldsamkeit feind gewesen sei. Dennoch hatte er noch
vor wenigen Monaten Männer, Frauen und junge Mädchen um ihrer Religion
willen bis zum Tode verfolgt. Hatte er damals gegen die bessere
Überzeugung seines Gewissens gehandelt? oder sagte er jetzt eine
wissentliche Unwahrheit? Aus diesem Dilemma gab es keinen Ausweg und
jede der beiden Annahmen war für den Ruf der Rechtschaffenheit des
Königs gleich verderblich. Außerdem war auch allbekannt, daß ihn die
Jesuiten ganz in ihrer Gewalt hatten. Erst wenige Tage vor der
Bekanntmachung der Indulgenz war dieser Orden dem wohlbekannten Willen
des heiligen Stuhles zum Trotz mit einem neuen Beweise seines Vertrauens
und seines Beifalls beehrt worden. Sein Beichtvater, Pater Mansuetus,
ein Franziskaner, dessen menschenfreundlicher Character und tadelloser
Lebenswandel die größte Achtung verdienten, den aber Tyrconnel und Petre
schon längst haßten, war entlassen worden. Den dadurch erledigten Posten
erhielt ein Engländer, Namens Warner, der von dem Glauben seines
Vaterlandes abgefallen und Jesuit geworden war. Den gemäßigten
Katholiken und dem Nuntius war dieser Wechsel nichts weniger als
angenehm, und jeder Protestant erblickte darin einen Beweis, daß die
Jesuiten eine unumschränkte Herrschaft über das Gemüth des Königs
ausübten.[40] So großes Lob auch diese Väter mit Recht beanspruchen
konnten, besondere Liberalität und Wahrheitsliebe konnte selbst die
Schmeichelei ihnen nicht beimessen. Daß sie, wenn es das Interesse ihres
Glaubens oder ihres Ordens galt, niemals Bedenken trugen, den Beistand
des weltlichen Schwerts anzurufen, oder die Gesetze der Wahrheit und
Treue zu verletzen, dies war der Welt nicht nur durch protestantische
Ankläger, sondern auch durch Männer verkündet worden, deren
Tugendhaftigkeit und Genie der Stolz der römischen Kirche war. Es war
unglaublich, daß ein ergebener Schüler der Jesuiten der
Gewissensfreiheit aus Grundsatz zugethan sein sollte; dagegen aber war
es weder unglaublich noch unwahrscheinlich, daß er es für gerechtfertigt
hielt, seine wahren Gesinnungen zu verbergen, um seiner Religion einen
Dienst zu erzeigen. Es war gewiß, daß dem Könige im Herzen die
Anglikaner lieber waren als die Puritaner; es war gewiß, daß, so lange
er noch Hoffnung hatte, die Anhänger der Staatskirche zu gewinnen, er
den Puritanern nie die geringste Freundlichkeit erwiesen hatte. Konnte
es also wohl einem Zweifel unterliegen, daß er selbst jetzt noch die
Puritaner willig aufopfern würde, wenn die Anglikaner sich seinen
Wünschen fügten? Sein wiederholt gegebenes Versprechen hatte ihn nicht
abgehalten, die gesetzlichen Rechte der Geistlichkeit anzutasten, welche
so viele sprechende Beweise von treuer Anhänglichkeit an sein Haus
gegeben hatte. Welche Sicherheit konnte sonach sein Wort Secten
gewähren, welche durch die Erinnerung an tausend geschlagene und
empfangene, nicht wieder gut zu machende Wunden von ihm geschieden
waren?

    [Anmerkung 40: Ellis’ Correspondenz, 15. März u. 27. Juli 1686;
    Barillon, 28. Febr. (10. März), 3.(13.) März, 6.(16.) März 1687;
    Ronquillo, 9.(19.) März 1687 in der Mackintosh-Sammlung.]


[_Einige von ihnen halten es mit dem Hofe. Care, Alsop, Rosewell._] Als
die durch Bekanntmachung der Indulgenz verursachte Aufregung sich ein
wenig gelegt hatte, zeigte es sich, daß in der puritanischen Partei eine
Spaltung eingetreten war. Die Minorität, mit einigen wenigen thätigen
Männern an der Spitze, deren Urtheil mangelhaft oder durch das Interesse
geleitet war, unterstützte den König. Heinrich Care, welcher lange Zeit
der heftigste und thätigste Pamphletist unter den Nonconformisten
gewesen war und der in den Tagen des papistischen Complots Jakob in
einer Schrift unter dem Titel +Packet of Advice from Rome+
(Nachrichtenpacket von Rom) mit schrankenloser Wuth angegriffen hatte,
schmeichelte ihm jetzt eben so laut, als er ihn früher geschmäht und
verleumdet hatte.[41] Der Hauptagent, dessen sich die Regierung zur
Bearbeitung der Presbyterianer bedient hatte, war Vincenz Alsop, ein
Geistlicher, der als Prediger wie auch als Schriftsteller nicht
unbekannt war. Sein Sohn, der wegen Hochverraths bestraft worden war,
wurde begnadigt, und daher widmete der Vater seinen ganzen Einfluß dem
Hofe.[42] Mit Alsop verbunden war Thomas Rosewell. Rosewell war während
der durch die Entdeckung des Ryehousecomplots herbeigeführten Verfolgung
der Dissenters fälschlich angeklagt worden, daß er gegen die Regierung
gepredigt habe. Jeffreys hatte auf seine Verurtheilung zum Tode
angetragen und eine bestochene Jury hatte ihn den klarsten Beweisen von
seiner Unschuld zum Trotz für schuldig erklärt. Die Ungerechtigkeit des
Urtheils war so himmelschreiend, daß selbst die Höflinge sich darüber
empört zeigten. Ein angesehener Tory, der den Verhandlungen des
Prozesses beigewohnt hatte, ging augenblicklich zu Karl und erklärte,
daß der Hals des loyalsten Unterthanen in England nicht mehr sicher sein
würde, wenn man Rosewell hinrichtete. Die Geschwornen selbst wurden von
Reue ergriffen, als sie überlegten, was sie gethan hatten, und boten
Alles auf, um dem Gefangenen das Leben zu retten. Endlich wurde seine
Begnadigung bewilligt, aber Rosewell mußte drückende Bürgschaft für sein
ferneres Wohlverhalten stellen und zu bestimmten Zeiten persönlich vor
dem Gerichtshofe der Kings Bench erscheinen. Seine Bürgschaften wurden
jetzt auf königlichen Befehl erlassen und dadurch seine Dienste
gewonnen.[43]

    [Anmerkung 41: +Wood’s Athenae Oxonienses+; +Observator+;
    +Heraclitus Ridens+ an mehreren Stellen. Doch Care’s eigene
    Schriften sind das beste Material zur Würdigung seines
    Characters.]

    [Anmerkung 42: +Calamy’s Account of the Ministers ejected or
    silenced after the Restoration, Northamptonshire+; +Wood’s Athenae
    Oxonienses+; +Biographia Britannica.+]

    [Anmerkung 43: +Collection of State Trials+; +Samuel Rosewell’s
    Life of Thomas Rosewell, 1718+; +Calamy’s Account.+]


[_Lobb._] Das Geschäft, die Independenten zu gewinnen, war vornehmlich
einem ihrer Geistlichen, Namens Stephan Lobb, übertragen. Lobb war ein
schwacher, heftiger und ehrgeiziger Mann. Er hatte die Opposition gegen
die Regierung so weit getrieben, daß sein Name in mehreren
Proklamationen geächtet worden war, söhnte sich aber jetzt mit dem Hofe
aus und ging in der Servilität eben so weit als er je in der Opposition
gegangen war. Er schloß sich der jesuitischen Cabale an und rieth eifrig
zu Maßregeln, vor denen die verständigsten und ehrenwerthesten
Katholiken zurückschauderten. Man bemerkte, daß er fortwährend im
Palaste und häufig im Privatkabinet des Königs war, daß er in einem
Glanze lebte, an den die puritanischen Geistlichen nicht gewöhnt waren,
und daß er beständig von Bittstellern belagert war, denen er durch
seinen Einfluß Stellen und Begnadigungen verschaffen sollte.[44]

    [Anmerkung 44: +London Gazette, March 15. 1685/6+; +Nichols’s
    Defence of the Church of England+; +Pierce’s Vindication of the
    Dissenters.+]


[_Penn._] Mit Lobb eng befreundet war Wilhelm Penn. Penn war nie ein
characterfester Mann gewesen, das Leben, das er seit zwei Jahren führte,
hatte sein sittliches Zartgefühl nicht wenig verhärtet, und wenn sein
Gewissen ihm einmal Vorwürfe machte, so tröstete er sich immer wieder
mit dem Gedanken, daß er einen guten und edlen Zweck verfolge und daß
ihm seine Dienste nicht mit Geld bezahlt würden.

Durch den Einfluß dieser und anderer weniger hervorragender Männer
wurden mehrere Dissentergemeinden bewogen, Dankadressen an den König zu
richten. Toryistische Schriftsteller haben mit Recht bemerkt, daß die
Sprache dieser Adressen so widerlich servil war wie nur in irgend einer
der überschwenglichsten Lobreden, welche den Stuarts von Bischöfen
gespendet worden sind. Bei genauer Untersuchung stellt es sich heraus,
daß die Schmach nur einem sehr kleinen Theile der puritanischen Partei
zur Last fällt. Es gab kaum einen Marktflecken in England, der nicht
wenigstens ein kleines Häuflein Separatisten gehabt hätte, und man
sparte keine Mühe, um sie zu einer Äußerung ihrer Dankbarkeit für die
Indulgenz zu bewegen. Rundschreiben, welche sie zur Unterzeichnung
aufforderten, wurden nach allen Gegenden des Landes in solchen Massen
geschickt, daß, wie man scherzweise sagte, die Postfelleisen den Pferden
zu schwer waren. Indessen belief sich die Gesammtzahl der Adressen, die
man von allen über ganz England zerstreuten Presbyterianern,
Independenten und Baptisten erlangen konnte, noch nicht auf sechzig;
auch ist kein Grund zu der Vermuthung vorhanden, daß diese Adressen
zahlreiche Unterschriften hatten.[45]

    [Anmerkung 45: Die Adressen sind in der London Gazette zu finden.]


[_Die Mehrzahl der Puritaner ist gegen den Hof. Baxter._] Die große
Masse der protestantischen Nonconformisten, welche fest an den
bürgerlichen Freiheiten hing und den Versprechungen des Königs und der
Jesuiten nicht traute, weigerte sich standhaft, für eine Begünstigung zu
danken, hinter der man mit gutem Grund eine Schlinge argwöhnen durfte.
Dies war die Stimmung aller angesehensten Oberhäupter der Partei. Zu
ihnen gehörte Baxter. Er war, wie wir gesehen haben, bald nach Jakob’s
Thronbesteigung in Untersuchung gezogen, von Jeffreys gröblich insultirt
und von einer Jury, wie die höfischen Sheriffs der damaligen Zeit sie zu
wählen pflegten, für schuldig erklärt worden. Baxter befand sich seit
ungefähr anderthalb Jahren im Gefängniß, als der Hof ernstlich darauf zu
denken begann, die Nonconformisten zu gewinnen. Er wurde nicht allein in
Freiheit gesetzt, sondern auch bedeutet, daß er, wenn er sonst wollte,
seinen Aufenthalt in London nehmen könnte, ohne die Anwendung der
Fünfmeilenacte gegen sich zu fürchten. Die Regierung hoffte
wahrscheinlich, daß die Erinnerung an vergangene Leiden und das Gefühl
der gegenwärtigen Erlösung auf ihn die nämliche Wirkung äußern werde,
wie auf Rosewell und Lobb. Diese Hoffnung erwies sich jedoch als irrig.
Baxter war weder zu bestechen, noch zu täuschen; er weigerte sich,
irgend eine Dankadresse für die Indulgenz zu unterzeichnen und
verwendete seinen ganzen Einfluß zur Herbeiführung eines guten
Vernehmens zwischen der Staatskirche und den Presbyterianern.[46]

    [Anmerkung 46: +Calamy’s Life of Baxter.+]


[_Howe._] Wenn es irgend einen Mann gab, der in der Achtung der
protestantischen Dissenters noch höher stand als Baxter, so war dies
Johann Howe. Howe hatte, wie Baxter, durch den neuerlichen Umschwung der
Politik persönlich gewonnen. Die nämliche Tyrannei, welche Baxter ins
Gefängniß warf, hatte ihn in die Verbannung getrieben und bald nach
Baxter’s Entlassung aus dem Gefängnisse der Kings Bench kehrte Howe von
Utrecht nach England zurück. Man erwartete in Whitehall, daß Howe den
ganzen Einfluß, den er auf seine Glaubensgenossen ausübte, zu Gunsten
des Hofes verwenden werde. Der König selbst ließ sich herab, den
Unterthan, den er unterdrückt hatte, um seinen Beistand zu bitten. Howe
scheint geschwankt zu haben; der Einfuß Hampden’s aber, mit dem er intim
befreundet war, vermochte ihn, der Sache der Verfassung treu zu bleiben.
Eine Versammlung presbyterianischer Geistlichen wurde in seinem Hause
gehalten, um über die Lage der Dinge zu berathen und über den
einzuschlagenden Weg einen Beschluß zu fassen. Im Palaste erwartete man
mit ängstlicher Spannung das Ergebniß. Zwei königliche Abgesandte
wohnten der Verhandlung bei, und sie kamen mit der unwillkommnen
Nachricht zurück, daß Howe sich entschieden gegen das Dispensationsrecht
erklärt und nach langer Debatte die Majorität der Versammlung für sich
gewonnen habe.[47]

    [Anmerkung 47: +Calamy’s Life of Howe+. Den Antheil, den die
    Familie Hampden an dieser Angelegenheit gehabt, habe ich aus einem
    Briefe von Johnstone an Waristoun vom 13. Juni 1688 erfahren.]


[_Bunyan._] Neben Baxter und Howe muß noch ein andrer Mann genannt
werden, der nach seiner Stellung und Gelehrsamkeit tief unter ihnen, an
Tugend aber ihnen gleich, und an Genie hoch über ihnen stand, Johann
Bunyan. Bunyan war ursprünglich Kesselflicker gewesen und hatte als
gemeiner Soldat in der Parlamentsarmee gedient. Schon in seinen früheren
Jahren hatten ihn furchtbare Gewissensbisse wegen seiner Jugendsünden
gequält, von denen jedoch die schlimmsten solche gewesen zu sein
scheinen, welche die Welt für verzeihlich hält. Seine große Reizbarkeit
und seine glühende Phantasie machten seine inneren Kämpfe ganz besonders
qualvoll. Er bildete sich ein, daß ein Verdammungsurtheil über ihn
verhängt sei, daß er den heiligen Geist gelästert, daß er Christum
verkauft habe und daß er thatsächlich von einem bösen Geiste besessen
sei. Bald vernahm er laute Warnungsstimmen vom Himmel, bald versuchte
ihn der Teufel durch gottlose Einflüsterungen. Er hatte Visionen von
entfernten Berggipfeln, welche die Sonne glänzend beleuchtete, von denen
er aber durch eine Schneewüste getrennt war. Er fühlte wie der Teufel
ihn an den Kleidern zupfte; er glaubte, das Kainszeichen sei ihm
aufgedrückt; er fürchtete daß er zerbersten werde, wie Judas. Diese
Seelenkämpfe zerrütteten seine Gesundheit. Den einen Tag zitterte er wie
ein vom Schlage Getroffener; ein andermal brannte es ihn wie Feuer in
der Brust. Es ist kaum zu begreifen, daß er so entsetzlichen und
andauernden Qualen nicht unterlag. Endlich zertheilten sich die Wolken.
Aus dem Abgrunde der Verzweiflung erhob sich der Büßende in einen
Zustand heiterer Glückseligkeit. Ein unwiderstehlicher Drang trieb ihn
an, auch Andere des Segens theilhaftig werden zu lassen, dessen er
selbst genoß.[48] Er schloß sich den Baptisten an und wurde Prediger und
Schriftsteller. Seine Erziehung war die eines Handwerkers gewesen und er
verstand keine andre Sprache als die englische, wie sie von dem niederen
Volke gesprochen wird. Er hatte kein großes Musterwerk studirt, mit der
einzigen, allerdings sehr bedeutenden Ausnahme unsrer herrlichen
Bibelübersetzung. Seine Orthographie war schlecht; er machte häufige
Verstöße gegen die Regeln der Grammatik. Doch sein angebornes Genie und
seine durch eigene Erfahrung erworbene Kenntniß aller religiösen
Gefühle, von der Verzweiflung bis zur Verzückung, ersetzten in ihm
reichlich den Mangel an Gelehrsamkeit. Seine natürliche Beredtsamkeit
erhob und rührte Zuhörer, welche bei den fleißig ausgearbeiteten
Vorträgen großer Dialektiker und Hebraisten kalt blieben. Seine Werke
waren unter den niederen Klassen weit verbreitet. Eines davon, des
Pilgers Reise, wurde schon zu seinen Lebzeiten in mehrere fremde
Sprachen übersetzt. Den Gelehrten und höher Gebildeten war es jedoch
kaum bekannt, und die frommen Hüttenbewohner und Handwerker hatten sich
bereits seit einem Jahrhundert daran erfreut, als es endlich von einem
in der Literatur sehr hochstehenden Manne öffentlich empfohlen wurde.
Die Kritik ließ sich nun herab, das Geheimniß einer so ausgedehnten und
dauernden Popularität zu erforschen. Sie mußte gestehen, daß die
unwissende Menge richtiger geurtheilt hatte als die Gelehrten und daß
das verachtete Büchlein wirklich ein Meisterwerk war. Bunyan ist in der
That ebenso gewiß der erste Allegoriker, wie Demosthenes der erste
Redner und Shakespeare der erste Dramatiker ist. Zwar haben andere
Allegoriker eine gleiche Erfindungsgabe gezeigt; aber kein andrer ist je
im Stande gewesen, das Herz zu rühren und abstracte Begriffe zu
Gegenständen des Entsetzens, des Mitleids und der Liebe zu machen.[49]

Es dürfte zu bezweifeln sein, ob irgend ein englischer Dissenter die
Last der Strafgesetze schwerer empfunden hat als Johann Bunyan. Von den
siebenundzwanzig Jahren, welche seit der Restauration verstrichen waren,
hatte er zwölf im Gefängniß zugebracht. Dennoch fuhr er fort zu
predigen, aber um dies zu können, mußte er sich als Fuhrmann verkleiden.
Oft wurde er, im Fuhrmannskittel und mit der Peitsche in der Hand, durch
eine Hinterthür in die Versammlung eingeführt. Hätte er nur an seine
eigene Ruhe und Sicherheit gedacht, so würde er die Indulgenzerklärung
freudig begrüßt haben. Jetzt durfte er endlich am hellen Tage predigen
und ermahnen. Seine Gemeinde wuchs mit reißender Schnelligkeit. Tausende
hingen an seinen Lippen und in Bedford, wo er sich größtentheils
aufhielt, gingen reiche Beisteuern zum Bau eines Bethauses für ihn ein.
Er stand in so hohem Ansehen bei dem gemeinen Volke, daß die Regierung
ihm gern ein städtisches Amt übertragen hätte; aber sein scharfer
Verstand und sein treues englisches Herz widerstanden siegreich allen
Versuchungen und Täuschungen. Er war fest überzeugt, daß die angebotene
Duldung nur ein Köder sei, um die puritanische Partei damit ins
Verderben zu locken; auch wollte er nicht durch Annahme einer Stelle, zu
der er nicht gesetzlich qualificirt war, die Gültigkeit der
Dispensationsgewalt anerkennen. Eine der letzten edlen Handlungen seines
tugendreichen Lebens war die Ablehnung einer Unterredung, zu der er
durch einen Agenten der Regierung eingeladen wurde.[50]

    [Anmerkung 48: +Bunyan’s Grace Abounding.+]

    [Anmerkung 49: Young stellt Bunyan’s Prosa auf gleiche Stufe mit
    Durfey’s Poesie. Die fashionablen Leute im +Spiritual Quixote+
    stellen den +Pilgrim’s Progress+ mit +Jack the Giantkiller+
    zusammen. Spät im achtzehnten Jahrhundert wagte Cowper nur eine
    Anspielung auf den großen Allegoriker:

      Nicht nennen will ich dich, damit Dein Name
      Statt wohlverdienten Ruhm nicht Hohn Dir bringe.]

    [Anmerkung 50: Fortsetzung von Bunyan’s Biographie im Anhang zu
    seiner „Überströmenden Gnade.“]


[_Kiffin._] So groß Bunyan’s Ansehen bei den Baptisten war, Wilhelm
Kiffin’s Ansehen war noch größer. Kiffin war in Bezug auf Rang und
Reichthum der Erste unter ihnen. Er pflegte seine geistlichen Talente
bei ihren Versammlungen auszuüben, erwarb sich aber nicht durch Predigen
seinen Unterhalt. Er machte große Handelsgeschäfte, stand an der Börse
in hohem Ansehen und hatte sich ein bedeutendes Vermögen gesammelt.
Niemand hätte vielleicht unter den dermaligen Verhältnissen dem Hofe
werthvollere Dienste leisten können als er. Aber zwischen ihm und dem
Hofe stand die Erinnerung an ein entsetzliches Ereigniß. Er war der
Großvater der Gebrüder Hewling, der beiden muthigen Jünglinge, welche
von allen Opfern der blutigen Assisen vielleicht am allgemeinsten
bedauert worden waren. Für das traurige Loos des einen von ihnen war
Jakob ganz besonders verantwortlich. Jeffreys hatte dem jüngeren Bruder
einen Aufschub bewilligt. Churchill hatte der Schwester der beiden
jungen Männer eine Audienz beim Könige verschafft, und sie hatte um
Gnade gefleht; aber des Königs Herz war unerbittlich gewesen. Es war für
die ganze Familie ein harter Schlag; am meisten aber war Kiffin zu
bedauern. Er war siebzig Jahr alt, als er vereinsamt dastand. Diejenigen
überlebend, die ihn hatten überleben sollen. Die herzlosen und feilen
Schmarotzer von Whitehall glaubten, indem sie nach sich selbst
urtheilten, der alte Mann werde durch einen Aldermansmantel und durch
eine Geldentschädigung für das verwirkte Vermögen seiner Enkel leicht
wieder zu gewinnen sein. Penn wurde zu dem Verführungswerke ausersehen;
aber seine Bemühungen waren vergebens. Der König beschloß hierauf, die
Wirkung seiner persönlichen Artigkeit zu versuchen. Kiffin wurde in den
Palast beschieden. Er fand einen glänzenden Kreis von Kavalieren und
Gentlemen versammelt. Jakob kam ihm sogleich entgegen, redete ihn sehr
freundlich an und schloß mit den Worten: „Ich habe Sie zu einem der
Aldermen von London bestimmt, Herr Kiffin.“ Der alte Mann sah den König
fest an, brach in Thränen aus und antwortete: „Sire, ich bin abgenutzt,
ich bin nicht mehr fähig, Eurer Majestät oder der Hauptstadt zu dienen.
Und überdies, Sire, hat der Tod meiner armen Jungen mir das Herz
gebrochen. Diese Wunde ist noch heute so frisch wie jemals, und ich
werde sie mit ins Grab nehmen.“ Der König schwieg einige Augenblicke
sichtlich bewegt und sagte dann: „Ich werde einen Balsam für diese Wunde
finden, Herr Kiffin.“ Es war gewiß nicht Jakob’s Absicht, etwas
Kränkendes oder Übermüthiges zu sagen, im Gegentheil, er scheint sich in
einer ungewöhnlich weichen Stimmung befunden zu haben. Dennoch wirft
keine Äußerung die uns von ihm berichtet wird, ein so nachtheiliges
Licht auf seinen Character als diese wenigen Worte. Es sind die Worte
eines hartherzigen, niedrig denkenden Mannes, der sich keine Verwundung
des Gefühls denken kann, welche durch eine Stelle oder durch eine
Pension nicht vollkommen zu heilen wäre.[51]

Der Theil der Dissenters, der sich der neuen Politik des Königs günstig
zeigte, war von Anfang an klein gewesen und begann bald noch mehr
zusammenzuschmelzen. Denn die Nonconformisten erkannten in nicht langer
Zeit, daß ihre geistlichen Privilegien durch die Indulgenz eher
geschmälert als erweitert worden waren. Der characteristische Zug des
Puritaners war Abscheu gegen die Eigenthümlichkeiten der römischen
Kirche. Er hatte sich nur deshalb von der anglikanischen Kirche
losgetrennt, weil er meinte, daß sie ihrer hochmüthigen und üppigen
Schwester, der Zauberin mit dem goldenen Becher und dem Purpurgewande,
zu ähnlich sähe. Jetzt fand er, daß eine von den stillschweigenden
Bedingungen des Bündnisses, welches einige seiner Seelenhirten mit dem
Hofe geschlossen hatten, die war, daß die Religion des Hofes mit Achtung
und Schonung behandelt werden sollte. Er begann bald sich nach den Tagen
der Verfolgung zurückzusehnen. So lange die Strafgesetze noch angewendet
wurden, hatte er die Worte des Lebens zwar im Geheimen und mit
persönlicher Gefahr angehört, aber er hatte sie doch gehört. Wenn die
Brüder in ihrer Stube versammelt waren, wenn die Schildwachen
ausgestellt und die Thüren verschlossen waren, wenn der Prediger in der
Kleidung eines Metzgers oder Fuhrmanns über das Dach hereingekommen war,
dann wurde wenigstens ein wirklicher Gottesdienst gehalten. Kein Theil
der göttlichen Wahrheit ward aus weltlichen Rücksichten unterdrückt oder
verstümmelt, alle unterscheidenden Lehren der puritanischen Theologie
wurden vollständig und sogar in ihrer ungeschminktesten Form
dargestellt. Der römischen Kirche ward kein Pardon gegeben. Das Thier,
der Antichrist, der Mensch der Sünde, die mystische Isabel, das
mystische Babylon waren die Ausdrücke, mit denen man jenen hehren und
bezaubernden Aberglauben zu bezeichnen pflegte. Dies war einst die
Sprache Alsop’s, Lobb’s, Rosewell’s und anderer Geistlichen gewesen,
welche kürzlich im Palast wohl aufgenommen worden waren; aber so
sprachen sie jetzt nicht mehr. Geistliche, die nach einer hohen Stufe in
der Gunst und dem Vertrauen des Königs strebten, durften es nicht wagen,
in harten Worten von der Religion des Königs zu sprechen. Die Gemeinden
beklagten sich daher laut, daß sie seit dem Erscheinen der
Indulgenzerklärung, welche ihnen dem Wortlaute nach doch völlige
Gewissensfreiheit gewähren wollte, das Evangelium nie mehr kühn und rein
hätten verkünden hören. Früher hatten sie ihre geistliche Nahrung
verstohlen erhaschen müssen, aber wenn sie sie erhascht hatten, so
fanden sie sie wenigstens ganz nach ihrem Geschmacke zubereitet. Jetzt
konnten sie sie öffentlich und in aller Bequemlichkeit zu sich nehmen,
aber sie hatte ihren ganzen Wohlgeschmack verloren. Sie versammelten
sich bei Tage und in geräumigen Lokalen; aber sie hörten Predigten, die
ihnen bei weitem nicht so gefielen, als die, welche der Rector ihnen
gehalten haben würde. In der Pfarrkirche wurde der selbstgeschaffene
Gottesdienst und die Abgötterei Roms jeden Sonntag energisch
angegriffen; im Versammlungshause aber hütete sich der Pastor, der noch
vor wenigen Monaten die Geistlichen der Landeskirche für nicht viel
besser als die Papisten erklärt hatte, jetzt sorgfältig, den Papismus zu
tadeln, oder kleidete seinen Tadel wenigstens in ein so mildes Gewand,
daß er selbst das Ohr eines Pater Petre nicht beleidigt haben würde.
Auch war es nicht möglich, für diesen Wechsel einen stichhaltigen Grund
aufzufinden. Die römisch-katholischen Lehren hatten sich nicht
verändert; seit Menschengedenken waren die katholischen Priester noch
nie so eifrig im Proselytenmachen gewesen; noch nie waren so viele
katholische Schriften aus der Presse hervorgegangen; noch nie hatten
Alle, die sich um die Religion kümmerten, den Streit zwischen Katholiken
und Protestanten mit so gespannter Aufmerksamkeit verfolgt. Was konnte
man also von der Aufrichtigkeit von Theologen halten, welche nicht müde
geworden waren, den Papismus zu schmähen, so lange derselbe
vergleichsweise harmlos und wehrlos war, und die jetzt, wo eine Zeit
wirklicher Gefahr für den reformirten Glauben gekommen, sorgfaltig jedes
Wort vermieden, das einem Jesuiten Anstoß geben konnte? Ihr Benehmen war
in der That nicht schwer zu erklären. Es war bekannt, daß einige von
ihnen Begnadigungen erlangt, es wurde vermuthet, daß andere Geld
bekommen hatten. Ihr Vorbild war der schwache Apostel, der aus Angst den
Herrn verleugnete, dem er prahlerisch die unverbrüchlichste Treue gelobt
hatte, oder der noch schlechtere Apostel, der seinen Herrn um eine
Handvoll Silberlinge verkaufte.[52]

So verloren die vom Hofe gewonnenen Dissentergeistlichen rasch den
Einfluß, den sie einst auf ihre Glaubensbrüder besessen hatten. Auf der
andren Seite fühlten sich die Sektirer durch eine starke religiöse
Sympathie zu den anglikanischen Prälaten und Priestern hingezogen,
welche trotz königlicher Befehle, Drohungen und Versprechungen einen
heftigen Krieg gegen die römische Kirche unterhielten. Die so lange
durch tödtliche Feindschaft getrennt gewesenen Anglikaner und Puritaner,
näherten sich einander mit jedem Tage mehr und mehr und jeder Schritt
zur Einigung vermehrte den Einfluß des Mannes, der ihr gemeinsames
Oberhaupt war. Wilhelm eignete sich in jeder Beziehung zum Vermittler
zwischen diesen beiden großen Parteien der englischen Nation. Man konnte
nicht sagen, daß er einer von beiden angehöre; aber keine von beiden
konnte sich bei ruhiger Überlegung weigern, ihn als einen Freund zu
betrachten. Sein theologisches System stimmte mit dem der Puritaner
überein. Zu gleicher Zeit betrachtete er das Episcopat wenn auch nicht
als eine göttliche Einrichtung, doch als eine vollkommen rechtmäßige und
höchst nützliche Form des Kirchenregiments. Fragen über Stellungen,
Gewänder, Festtage und Liturgien waren in seinen Augen keine
Lebensfragen. Ein einfacher Gottesdienst wie der, an den er von jeher
gewöhnt war, würde seinem persönlichen Geschmacke am meisten zugesagt
haben, aber er war dabei gern bereit, sich jedem Ritual zu fügen, das
der Nation angenehm war, und bestand nur darauf, daß man ihm nicht
zumuthete, diejenigen seiner protestantischen Brüder zu verfolgen, denen
ihr Gewissen es nicht zuließ, seinem Beispiele zu folgen. Zwei Jahre
früher würde er von zahlreichen Bigotten auf beiden Seiten für einen
bloßen Laodicäer erklärt, worden sein, der weder kalt noch warm war und
zu nichts taugte als ausgestoßen zu werden. Aber der Eifer, der
Anglikaner gegen Dissenters und Dissenters gegen Anglikaner entflammt
hatte, war durch gemeinsame Widerwärtigkeiten und Gefahren so gedämpft
worden, daß die Lauheit, die man ihm früher als Verbrechen angerechnet,
jetzt als eine seiner Haupttugenden betrachtet wurde.

    [Anmerkung 51: +Kiffin’s Memoirs+; Luson’s Brief an Brooke vom 11.
    Mai 1773 in der Hughes-Correspondenz.]

    [Anmerkung 52: Man sehe unter anderen zeitgenössischen
    Flugschriften eine mit dem Titel: +A Representation of the
    threatening Dangers impending over Protestants.+]


[_Der Prinz und die Prinzessin von Oranien gegen die
Indulgenzerklärung._] Jedermann war gespannt auf seine Ansicht über die
Indulgenzerklärung. Eine Zeit lang nährte man in Whitehall die Hoffnung,
daß seine bekannte Achtung vor den Rechten des Gewissens ihn wenigstens
abhalten werde, öffentlich seine Mißbilligung einer Politik
auszusprechen, die einen unleugbaren Anstrich von Freisinnigkeit hatte.
Penn schickte zahlreiche Auseinandersetzungen nach dem Haag und begab
sich sogar persönlich dahin, in der Hoffnung daß seine Beredtsamkeit,
von der er eine hohe Meinung hatte, sich als unwiderstehlich erweisen
werde. Aber obgleich er sein Lieblingsthema mit einer Redseligkeit
entwickelte, die seine Zuhörer ermüdete und obgleich er sie versicherte,
daß ein Mann, der mit den Engeln verkehre, ihm das Herannahen eines
goldenen Zeitalters der Religionsfreiheit geoffenbart habe, so machte er
doch keinen Eindruck auf den Prinzen.[53] „Ihr verlangt von mir,“ sagte
er zu einem der Agenten des Königs, „daß ich einen Angriff auf meine
eigne Religion unterstützen soll. Das kann ich mit gutem Gewissen nicht
thun, und ich werde es nicht thun, nein, nicht um die Krone Englands,
nicht um die Herrschaft der Welt!“ Diese Worte wurden dem Könige
mitgetheilt und sie beunruhigten ihn nicht wenig.[54] Er schrieb mit
eigner Hand eindringliche Briefe. Zuweilen nahm er den Ton des
Beleidigten an. Er sei das Oberhaupt der königlichen Familie, als
solches sei er berechtigt, von den jüngeren Mitgliedern Gehorsam zu
erwarten, und es sei sehr hart, daß er in einer Angelegenheit, die ihm
über Alles am Herzen liege, auf Widerstand stoße. Andere Male wurde ihm
ein Köder vorgehalten, den man für unwiderstehlich hielt. Wenn Wilhelm
nur in diesem einen Punkte nachgäbe, so würde die englische Regierung
ihm dafür kräftigen Beistand gegen Frankreich leisten. Er ließ sich aber
nicht bethören. Er wußte, daß Jakob selbst beim besten Willen ohne die
Unterstützung eines Parlaments nicht im Stande sein würde, der
gemeinschaftlichen Sache Europa’s einen wirksamen Dienst zu leisten, und
es konnte keinem Zweifel unterliegen, daß wenn ein Parlament
zusammenkam, die erste Forderung beider Häuser die Cassirung der
Indulgenzerklärung sein würde.

Die Prinzessin stimmte allen Meinungsäußerungen ihres Gemahls bei, und
ihre gemeinschaftliche Ansicht wurde dem Könige in entschiedenen aber
gemäßigten Ausdrücken mitgetheilt. Sie erklärten, daß sie das von Seiner
Majestät eingeschlagene Verfahren lebhaft bedauerten. Sie seien
überzeugt, daß er sich ein Hoheitsrecht angemaßt habe, das ihm
gesetzlich nicht zustehe. Gegen diese Anmaßung protestirten sie, nicht
nur als Freunde der bürgerlichen Freiheit, sondern auch als Mitglieder
des königlichen Hauses, als welche sie ein hohes Interesse an der
Erhaltung der Rechte dieser Krone hätten, die sie einst tragen könnten.
Denn die Erfahrung habe gelehrt, daß Willkürherrschaft in England
unfehlbar eine Reaction nach sich ziehe, die noch verderblicher sei als
jene selbst, und man müsse mit Grund befürchten, daß die durch die
Aussicht auf Despotismus beunruhigte und entrüstete Nation selbst gegen
die constitutionelle Monarchie einen Widerwillen fassen würde. Sie gäben
daher dem Könige den Rath, daß er in allen Dingen streng nach dem
Gesetze regieren möge. Sie geständen sehr gern zu, daß das Gesetz mit
Nutzen durch die competente Autorität abgeändert werden könne und daß
ein Theil seiner Erklärung es wohl verdiene, einer Parlamentsacte
einverleibt zu werden. Sie seien keine Verfolger, sie würden mit
Vergnügen römische Katholiken so gut als protestantische Dissenters in
geeigneter Weise von allen Strafgesetzen befreit, und ebenso gern
protestantische Dissenters in zweckmäßiger Weise zu bürgerlichen Ämtern
zugelassen sehen. Weiter aber könnten Ihre Hoheiten nicht gehen. Sie
könnten sich der ernsten Besorgniß nicht enthalten, daß die Zulassung
römischer Katholiken zu Staatsämtern große Nachtheile hervorrufen
würden, und es war nicht undeutlich zu verstehen gegeben, daß der Grund
zu dieser Besorgniß namentlich in Jakob’s Handlungsweise liege.[55]

    [Anmerkung 53: +Burnet I. 693, 694.+]

    [Anmerkung 54: +„Le Prince d’Orange, qui avoit éludé jusqu’alors
    de faire une réponse positive dit ... qu’il ne consentira jamaia à
    la suppression de ces lois qui avoient été établies pour le
    maintien et la sureté de la religion Protestante, et que sa
    conscience ne lui permettoit point, non seulement pour la
    succession du royaume d’Angleterre, mais même pour l’empire du
    monde; en sorte que le roi d’Angleterre est plus aigri contre lui
    qu’il n’a jamais été.“+ -- Bonrepaux, 11.(21.) Juni 1687.]

    [Anmerkung 55: +Burnet, I. 710+; Bonrepaux, 24. Mai (4. Juni)
    1687.]


[_Vertheidigung ihrer Ansichten bezüglich der englischen Katholiken._]
Die ausgesprochene Ansicht des Prinzen und der Prinzessin über die
Ausschließungen, denen die römischen Katholiken unterworfen waren,
theilten fast alle Staatsmänner und Philosophen, welche damals der
politischen und religiösen Freiheit eifrig das Wort redeten. In unsrer
Zeit dagegen haben erleuchtete Männer oft mit Bedauern sich dahin
geäußert, daß Wilhelm in diesem einen Punkte gegen seinen Schwiegervater
im Nachtheil stehe. Das Wahre ist, daß einige Erwägungen, welche
nothwendig sind, wenn man sich ein richtiges Urtheil bilden will, von
vielen Schriftstellern des neunzehnten Jahrhunderts nicht berücksichtigt
worden zu sein scheinen.

Es sind zwei einander entgegengesetzte Irrthümer, in welche Diejenigen,
die sich mit dem Studium unsrer vaterländischen Geschichte beschäftigen,
in steter Gefahr sind zu verfallen: der Irrthum, daß sie die Gegenwart
nach der Vergangenheit, und der Irrthum, daß sie die Vergangenheit nach
der Gegenwart beurtheilen. Dem ersteren sind Diejenigen unterworfen,
welche geneigt sind alles Alte zu verehren, dem zweiten Diejenigen,
welche von allem Neuen angezogen werden. Auf den ersteren stößt man
beständig in den Raisonnements conservativer Politiker über die Fragen
ihrer Zeit, der zweite findet sich immer in den Betrachtungen von
Schriftstellern der liberalen Richtung, wenn sie die Ereignisse einer
früheren Zeit besprechen. Der erstere ist bei einem Staatsmanne, der
andre bei einem Geschichtsschreiber verderblicher.

Es ist für Niemanden, der es in Unsrer Zeit unternimmt, über die
Revolution zu schreiben, welche die Stuarts stürzte, so leicht, die
rechte Mittelstraße zwischen diesen beiden Extremen stetig einzuhalten.
Die Frage, ob es gerathen sei, Mitglieder der katholischen Kirche zum
Parlament und zu Staatsämtern zuzulassen, erschütterte unser Vaterland
während der Regierung Jakob’s II., durch seinen Sturz wurde sie in den
Hintergrund zurückgedrängt, und nachdem sie über ein Jahrhundert lang
geruht hatte, kam sie in Folge der großen Aufregung der Gemüther, welche
dem Zusammentritt der französischen Nationalversammlung folgte, wieder
zur Sprache. Dreißig Jahre währte der Streit in beiden Häusern des
Parlaments, in jedem Wahlkörper, in jedem Kreise der Gesellschaft. Er
stürzte Ministerien, zerriß Parteien, machte in einem Theile des Landes
jede Regierung unmöglich und brachte uns zuletzt an den Rand des
Bürgerkrieges. Selbst nach Beendigung des Kampfes gohren die
Leidenschaften, die er aufgeregt hatte, noch immer fort. Ein Mann,
dessen Geist unter dem Einflusse dieser Leidenschaften stand, konnte
fast unmöglich die Ereignisse der Jahre 1687 und 1688 in einem
vollkommen richtigen Lichte erblicken.

Eine Klasse von Politikern, welche von dem richtigen Vordersatze
ausging, daß die Revolution eine große Wohlthat für unser Land gewesen
sei, gelangte zu dem irrigen Schlusse, daß keine Bürgschaft, die von den
Staatsmännern der Revolution zum Schutze unsrer Religion und unsrer
Freiheit für nöthig erachtet worden war, ohne Gefahr abgeschafft werden
könnte. Eine andre Klasse, die von dem ebenfalls richtigen Vordersatze
ausging, daß die über die Katholiken verhängten Ausschließungen lange
Zeit nichts als Unheil verursacht hätten, kam zu dem falschen Schlusse,
daß diese Ausschließungen zu keiner Zeit nützlich und nothwendig gewesen
sein könnten. Der erste Trugschluß durchdrang die Reden des geistreichen
und gelehrten Eldon, der andre blieb selbst auf einen so ruhigen und
philosophischen Kopf wie Mackintosh nicht ganz ohne Einfluß.

Bei näherer Prüfung wird es sich jedoch vielleicht zeigen, daß wir das
von allen großen englischen Staatsmännern des siebzehnten Jahrhunderts
einstimmig gebilligte Verfahren rechtfertigen können, ohne die Weisheit
des von allen großen englischen Staatsmännern unsrer Zeit eben so
einstimmig gebilligten Verfahrens in Zweifel zu ziehen.

Es ist unbestreitbar ein Übel, wenn ein Bürger seiner religiösen Meinung
halber vom Staatsdienste ausgeschlossen sein soll; aber der menschlichen
Weisheit bleibt zuweilen nichts andres übrig als die Wahl zwischen zwei
Übeln. Eine Nation kann in eine Lage kommen, in der die Mehrheit
entweder Ausschließungen verhängen oder sich solche gefallen lassen
muß und wo das was unter gewöhnlichen Verhältnissen mit Recht als
Verfolgung verdammt werden würde, noch innerhalb der Grenzen der
Selbstvertheidigung liegt. In einer solchen Situation befand sich
England im Jahre 1687.

Nach der Verfassung des Reichs hatte Jakob das Recht, fast alle
öffentlichen Beamten, bei der Regierung, bei den Gerichten, in der
Kirche, beim Militair und bei der Flotte zu ernennen. Bei der Ausübung
dieses Rechts war er nicht, wie unsere gegenwärtigen Souveraine,
genöthigt, in Übereinstimmung mit dem Rathe von Ministern, die das Haus
der Gemeinen billigte, zu handeln. Es lag also auf der Hand, daß es,
wenn er durch das Gesetz nicht streng verbunden war, nur Protestanten
anzustellen, ihm frei stand, lauter Katholiken anzustellen. Die Anzahl
der römischen Katholiken war unbedeutend, und es gab nicht einen
einzigen Mann unter ihnen, dessen Dienste der Staat ernstlich vermißt
haben würde. Das Verhältniß, in dem ihre Zahl zur Gesammtbevölkerung
stand, war noch viel geringer als es gegenwärtig ist, denn gegenwärtig
ergießt sich ein ununterbrochener Auswanderungsstrom von Irland in
unsere großen Städte, während es im siebzehnten Jahrhunderte noch nicht
einmal in London eine irische Colonie gab. Neunundvierzig Funfzigstel
der Bewohner des Königreichs, neunundvierzig Funfzigstel des Vermögens
des Königreichs, fast alle politischen, juristischen und militairischen
Talente und Kenntnisse, die das Land besaß, waren protestantisch.
Trotzdem hatte der König in thörichter Verblendung sich vorgenommen,
sein unbegrenztes Ernennungsrecht als Mittel zum Proselytenmachen zu
benutzen. Seiner Kirche angehören war in seinen Augen der erste
Befähigungstitel für ein Amt. Der Landeskirche angehören war entschieden
ein Grund der Nichtbefähigung. Er verwarf zwar in einer Sprache, welche
den Beifall einiger leichtgläubigen Freunde der Glaubensfreiheit fand,
die monströse Ungerechtigkeit des Religionseides, der eine kleine
Minderheit der Nation von öffentlichen Ämtern ausschloß; zu gleicher
Zeit aber führte er einen andren Religionseid ein, der die Mehrheit
ausschloß. Es schien ihm hart, daß ein guter Finanzmann und loyaler
Unterthan lediglich deshalb weil er ein Papist war, von dem Posten eines
Lordschatzmeisters ausgeschlossen sein sollte; aber er selbst hatte
einen Lordschatzmeister, den er als einen tüchtigen Finanzmann und
loyalen Unterthan anerkannt, bloß deshalb abgesetzt, weil er Protestant
war. Er hatte wiederholt und bestimmt erklärt, er sei fest entschlossen,
den weißen Stab niemals in die Hände eines Ketzers zu geben. Mit vielen
anderen hohen Staatsämtern war er ebenso verfahren. Bereits waren der
Lordpräsident, der Geheimsiegelbewahrer, der Oberkammerherr, der
Garderobeaufseher, der erste Lord des Schatzes, ein Staatssekretär, der
Lordobercommissar von Schottland, der Kanzler von Schottland und der
Sekretär von Schottland Katholiken oder gaben sich wenigstens dafür aus.
Die meisten von diesen Beamten waren von Haus aus Anglikaner und hatten
sich des offenen oder geheimen Abfalls schuldig gemacht, um ihre hohen
Stellen zu erlangen oder zu behalten. Jeder Protestant, der noch einen
wichtigen Staatsposten bekleidete, bekleidete ihn in beständiger
Ungewißheit und Angst. Wir würden nicht fertig werden, wollten wir
die untergeordneteren Stellen anführen, welche von Mitgliedern der
begünstigten Klasse besetzt waren. In jedem Zweige der Verwaltung
wimmelte es schon von Katholiken. Sie waren Lordlieutenants,
stellvertretende Lieutenants, Richter, Friedensrichter, Zollcommissare,
Gesandte an fremden Höfen, Regimentsobersten und Festungscommandanten.
Der Antheil, den sie binnen wenigen Monaten von den durch die Krone zu
besetzenden weltlichen Ämtern erlangt hatten, war weit über zehnmal so
groß, als er unter einem unparteiischen Systeme gewesen sein würde.
Dies war indessen noch nicht das Schlimmste. Man hatte sie auch zu
Beherrschern der anglikanischen Kirche gemacht. Männer, die den König
versichert hatten, daß sie seines Glaubens seien, saßen in der Hohen
Commission und übten die höchste geistliche Gerichtsbarkeit über alle
Prälaten und Priester der Landeskirche aus. Kirchliche Pfründen von
hohem Ansehen waren theils erklärten, theils verkappten Papisten
verliehen worden. Und dies Alles war geschehen, während die Gesetze
gegen den Papismus noch in Kraft waren und Jakob noch gegründete Ursache
hatte, Achtung vor den Rechten des Gewissens zu heucheln. Was war also
von ihm zu erwarten, wenn seine Unterthanen einwilligten, ihn durch ein
Gesetz von jedem Schatten der Beschränkung vollends zu befreien? Kann
man wohl daran zweifeln, daß Protestanten durch eine streng gesetzmäßige
Anwendung der königlichen Prärogative eben so wirksam von Anstellungen
ausgeschlossen worden wären, als jemals römische Katholiken durch eine
Parlamentsacte ausgeschlossen worden sind?

Wie hartnäckig Jakob entschlossen war, den Mitgliedern seiner Kirche
einen Antheil an den öffentlichen Ämtern zu gewähren, der zu ihrer Zahl
und zu ihrer Bedeutung außer allem Verhältniß stand, geht aus den
Instructionen hervor, die er im Exil und im hohen Alter als Leitfaden
für seinen Sohn aufzeichnete. Es ist unmöglich, diese Ergüsse eines
Mannes, an dem alle Lehren der Erfahrung und des Unglücks spurlos
vorübergegangen waren, ohne ein Gemisch von Mitleid und Verachtung zu
lesen. Dem Prätendenten wird anempfohlen, wenn er einmal zur Regierung
in England gelangen sollte, die Ämter zu theilen und den Mitgliedern der
römischen Kirche einen Antheil zu reserviren, der groß genug für sie
gewesen sein würde, wenn sie die Hälfte, anstatt ein Funfzigstel der
Nation gebildet hätten. Ein Staatssekretär, ein Schatzcommissar, der
Kriegssekretär, die Mehrheit der Großwürdenträger des Hofstaates und die
Mehrzahl der Offiziere der Armee müßten immer Katholiken sein. Dies
waren Jakob’s Ansichten selbst dann noch, als seine thörichte Bigotterie
ihm eine Strafe zugezogen hatte, über welche die ganze Welt erschrocken
war. Kann man also wohl in Zweifel darüber sein, wie er gehandelt haben
würde, wenn sein Volk, durch den leeren Namen der religiösen Freiheit
geblendet, ihn ohne Zügel hätte fortregieren lassen?

Selbst Penn scheint trotz seiner blinden und maßlosen Begeisterung für
die Indulgenzerklärung eingesehen zu haben, daß man sich nicht wundern
durfte, wenn die Parteilichkeit, mit der römische Katholiken mit
Ehrenstellen und Einkünften überschüttet wurden, die Eifersucht der
Nation erregte. Er gab zu, daß die Protestanten im Fall der Aufhebung
der Testacte Anspruch auf ein Äquivalent hätten, und ging sogar so weit,
daß er verschiedene Äquivalente vorschlug. Schon seit mehreren Wochen
war das Wort Äquivalent, damals erst kürzlich aus Frankreich eingeführt,
im Munde aller Kaffeehausredner; endlich aber machten einige Seiten
scharfsinniger Logik und feiner Sarkasmen aus Halifax’ Feder diesen
hohlen Projecten ein Ende. Einer von Penn’s Plänen bestand darin, daß
ein Gesetz erlassen werden sollte, welches die von der Krone zu
verleihenden Ämter in drei gleiche Theile theilte, von denen nur einer
den Mitgliedern der katholischen Kirche zufallen sollte. Selbst unter
einem solchen System würden die Katholiken noch immer zwanzigmal den
ihnen eigentlich zustehenden Antheil erhalten haben, und doch kann man
nicht annehmen, daß der König selbst in eine solche Anordnung gewilligt
haben würde. Hätte er aber auch darein gewilligt, welche Garantie konnte
er bieten, daß er auch wirklich an diesem Übereinkommen festhielt? Man
hatte keine Antwort auf das von Halifax aufgestellte Dilemma: wenn
Gesetze für Euch bindend sind, so beobachtet das jetzt bestehende
Gesetz; sind sie nicht bindend für Euch, so ist es auch nutzlos, uns ein
Gesetz als Bürgschaft zu bieten.[56]

Es ist sonach klar, daß es sich gar nicht darum handelte, ob weltliche
Ämter allen Religionsparteien ohne Unterschied offen stehen sollten. So
lange Jakob König war, war Ausschließung unvermeidlich, und es fragte
sich nur, wer ausgeschlossen werden sollte, ob Papisten oder
Protestanten, die Wenigen oder die Vielen, hunderttausend Engländer oder
fünf Millionen.

Dies sind die gewichtigen Gründe, durch welche das Verfahren des Prinzen
von Oranien gegen die englischen Katholiken mit den Grundsätzen der
Glaubensfreiheit in Einklang gebracht werden kann. Diese Gründe haben,
wie man bemerken wird, mit keinem Theile der katholischen Theologie
etwas zu thun. Ebenso wird man einsehen, daß sie ihr ganzes Gewicht
verlieren mußten, als die Krone an ein protestantisches Herrscherhaus
gekommen und die Macht des Unterhauses im Staate ein so entschiedenes
Übergewicht erlangt hatte, daß kein Souverain, mochten seine Ansichten
oder Neigungen sein, welche sie wollten, das Beispiel Jakob’s
nachahmen konnte. Die Nation befand sich indessen nach ihren Schrecken,
ihren Kämpfen und ihrer mit genauer Noth erlangten Rettung in
einer mißtrauischen und rachsüchtigen Stimmung. Daher wurden
Vertheidigungsmittel, welche die Nothwendigkeit gerechtfertigt hatte,
die aber auch nur die Nothwendigkeit rechtfertigen konnte, noch lange,
nachdem die Nothwendigkeit nicht mehr vorhanden war, hartnäckig
beibehalten, und erst aufgegeben, nachdem das herrschende Vorurtheil
einen langjährigen Kampf gegen die Vernunft bestanden hatte. Zu den
Zeiten Jakob’s aber standen Vernunft und herrschendes Vorurtheil auf der
nämlichen Seite. Der Fanatiker und Ignorant wollte den Katholiken vom
Staatsdienste ausschließen, weil er Klötze und Steine anbetete, weil er
das Zeichen des Thieres an sich trug, weil er London angezündet und Sir
Edmondsbury Godfrey erwürgt hatte, und der einsichtsvollste und
toleranteste Staatsmann wurde, während er über den Irrwahn lächelte, in
dem das gemeine Volk befangen war, auf einem ganz andren Wege zu dem
nämlichen Schlusse geführt.

Wilhelm’s großer Plan war jetzt, die zahlreichen Theile des großen
Körpers, der ihn als sein gemeinschaftliches Oberhaupt betrachtete, zu
einem Ganzen zu vereinigen. Bei diesem Werke hatte er mehrere geschickte
und zuverlässige Mitarbeiter, von denen zwei, Burnet und Dykvelt, ihm
ganz besonders nützlich waren.

    [Anmerkung 56: Johnstone, 13. Jan. 1688; +Halifax’s Anatomy of an
    Equivalent+.]


[_Jakob’s Feindschaft gegen Burnet._] Burnet’s Dienste mußten allerdings
mit einiger Vorsicht angewendet werden. Die freundliche Aufnahme, die er
im Haag gefunden, hatte Jakob heftig aufgebracht, und Marie erhielt von
ihrem Vater zwei Briefe voll Invectiven gegen den frechen und
wühlerischen Theologen, den sie beschützte. Diese Beschuldigungen aber
machten einen so geringen Eindruck auf sie, daß sie Antworten darauf
zurücksandte, welche Burnet selbst dictirt hatte. Im Januar 1687 endlich
schritt der König zu energischeren Maßregeln. Skelton, der die englische
Regierung bei den Vereinigten Provinzen vertreten hatte, wurde nach
Paris versetzt und erhielt Albeville, das schwächste und gemeinste
Mitglied der ganzen jesuitischen Cabale, zum Nachfolger. Geld war
Albeville’s einziger Lebenszweck, und er nahm es von Jedem, der es ihm
anbot. Er wurde zu gleicher Zeit von Frankreich und von Holland bezahlt.
Er verschmähte sogar den erbärmlichen Anstand, den auch die
Bestechlichkeit zu beobachten pflegt, und nahm so kleine Geschenke an,
wie sie eher einem Lastträger oder einem Bedienten zukommen als einem
Gesandten, der mit einer englischen Baronie und einem ausländischen
Marquisate beehrt worden war. Einmal steckte er mit der größten
Gemüthsruhe ein Trinkgeld von fünfzig Pistolen für einen Dienst ein, den
er den Generalstaaten geleistet hatte. Dieser Mann war beauftragt, zu
verlangen, daß Burnet im Haag nicht länger begünstigt werde. Wilhelm,
der keine Lust hatte, sich von einem so werthvollen Freunde zu trennen,
antwortete zuerst mit seiner gewohnten Kälte: „Ich wüßte nicht, Sir, daß
der Doctor seit seinem Hiersein etwas gethan oder gesagt hätte, worüber
Seine Majestät sich mit Grund beklagen könnte.“ Jakob aber bestand
entschieden auf seiner Forderung, und da die geeignete Zeit zu einem
offenen Bruche noch nicht gekommen war, so mußte Wilhelm nachgeben. Über
anderthalb Jahr lang kam Burnet weder mit dem Prinzen, noch mit der
Prinzessin in persönliche Berührung; aber er wohnte in ihrer Nähe, wurde
von Allem, was vorging, genau unterrichtet, sein Rath ward beständig in
Anspruch genommen, seine Feder bei jedem wichtigen Anlasse benutzt und
viele der schärfsten und wirksamsten Aufsätze und Flugschriften, welche
damals in London erschienen, wurden ihm mit Recht zugeschrieben.

Jakob’s Wuth entbrannte. Er war von jeher für zornige Leidenschaften nur
zu empfänglich gewesen, aber noch keinen seiner Feinde, selbst die
nicht, welche sich gegen sein Leben verschworen oder es versucht hatten,
ihm durch Meineid die Schuld des Verraths und des Mordes aufzubürden,
hatte er mit einer solchen Erbitterung gehaßt, als er jetzt Burnet
haßte. Seine Majestät schimpfte täglich in höchst unköniglicher Sprache
auf den Doctor und sann auf ungesetzliche Rache. Selbst Blut genügte
diesem wüthenden Hasse nicht; der unverschämte Theolog mußte gefoltert
werden, ehe er sterben durfte. Zum Glück war er ein Schotte von Geburt,
und in Schottland konnten seine Beine erst in den spanischen Stiefeln
zerquetscht werden, bevor er auf dem Grasmarkte gehängt wurde. Zu dem
Ende wurde in Edinburg der Prozeß gegen ihn eingeleitet; aber er war in
Holland naturalisirt, hatte eine vermögende Frau aus dieser Provinz
geheirathet und es war gewiß, daß sein Adoptivvaterland ihn nicht
ausliefern würde. Man beschloß daher, ihn wegfangen zu lassen. Mit
großen Summen wurden einige Bösewichter für diesen gefährlichen und
schändlichen Dienst gedungen; im Staatssekretariat wurde zu diesem
Zwecke eine Anweisung auf dreitausend Pfund Sterling ausgestellt. Ludwig
wurde von dem Plane unterrichtet und interessirte sich außerordentlich
dafür; er sicherte seinen kräftigen Beistand zu, damit der Schurke nach
England gebracht werde, und versprach, daß die Werkzeuge der Rache
Jakob’s in Frankreich eine Freistätte finden sollten. Burnet kannte die
ihm drohende Gefahr wohl, aber Furcht gehörte nicht zu seinen Fehlern.
Er veröffentlichte eine beherzte Antwort auf die in Edinburg gegen ihn
erhobenen Anschuldigungen. Er wisse, sagte er, daß man ihn ohne Prozeß
hinzurichten gedenke, aber er vertraue auf den König aller Könige, zu
dem unschuldiges Blut selbst gegen die mächtigsten Fürsten der Erde
nicht vergebens schreien werde. Er gab einigen Freunden ein
Abschiedsmahl, und nach demselben nahm er als ein Mann, der dem Tode
verfallen sei und mit dem sie ohne Gefahr nicht mehr umgehen könnten,
feierlich Abschied von ihnen. Dessenungeachtet zeigte er sich nach wie
vor so furchtlos auf allen öffentlichen Plätzen im Haag, daß seine
Freunde ihm wegen seiner Tollkühnheit bittere Vorwürfe machten.[57]

    [Anmerkung 57: +Burnet I. 726--731+; +Answer to the Criminal
    Letters issued out against Dr. Burnet+; +Avaux Neg., July 7.(17.),
    14.(24.) July 28. (Aug. 7.) 1687, Jan. 19.(29.) 1688+; Ludwig an
    Barillon, 30. Dec. 1687 (9. Jan. 1688); Johnstone an Waristoun,
    21. Febr. 1688; Lady Russel an +Dr.+ Fitzwilliam, 5. Oct. 1687.
    Da man vermuthet hat, daß Burnet, der seine persönliche
    Wichtigkeit nicht zu unterschätzen pflegte, die ihm drohende
    Gefahr übertrieben habe, so will ich hier die Worte Ludwig’s und
    Johnstone’s anführen: +„Qui que ce soit“+, sagt Ludwig, +„qui
    entreprenne de l’enlever en Hollande trouvera non seulement une
    retraite assurée et une entière protection dans mes états, mais
    aussi toute l’assistance qu’il pourra désirer pour faire conduire
    surement ce scélérat en Angleterre.“+ -- „Mit Bamfield (Burnet)
    ist es ganz bestimmt so“, sagt Johnstone. „Niemand zweifelt hier
    daran, und Einige, die dabei betheiligt sind, leugnen es nicht.
    Seine Freunde sagen, sie hätten gehört, daß er nicht vorsichtig
    sei, sondern aus Eitelkeit, um seinen Muth zu zeigen, mit
    thörichter Verwegenheit handle, so daß Jedermann ihn auslachen
    werde, wenn ihm ein Unglück zustoßen sollte. Ich bitte ihm dies
    von Seiten Jones’ (Johnstone) zu sagen. Wenn Einige abgefaßt
    werden könnten, während sie ihren +coup d’essai+ auf ihn machen,
    so wäre das sehr gut, weil sie dadurch abgeschreckt würden, etwas
    gegen Ogle (den Prinzen) zu unternehmen.“]


[_Sendung Dykvelt’s nach England._] Während Burnet Wilhelm’s Sekretär
für die englischen Angelegenheiten in Holland war, wurde Dykvelt mit
nicht geringerem Nutzen in London verwendet. Dykvelt war einer von den
ausgezeichneten Staatsmännern, welche in der edlen Schule des Johann de
Witt ihre politische Bildung erhalten hatten und nach dem Falle dieses
großen Ministers ihre Pflichten gegen die Republik dadurch am besten zu
erfüllen glaubten, daß sie sich um den Prinzen von Oranien schaarten.
Keiner von den Diplomaten im Dienste der Vereinigten Provinzen stand in
Bezug auf Gewandtheit, Character und Manieren über Dykvelt, und ebenso
scheint keiner ihm in der Kenntniß der englischen Verhältnisse
gleichgekommen zu sein. Es fand sich ein Vorwand, um ihn zu Anfang des
Jahres 1687 mit Beglaubigungsschreiben von den Generalstaaten in einer
besonderen Mission nach England zu senden. Eigentlich aber galt seine
Sendung nicht der Regierung, sondern der Opposition, und er handelte
nach Privatinstructionen, welche von Burnet entworfen und von Wilhelm
genehmigt waren.[58]

    [Anmerkung 58: +Burnet, I. 708+; +Avaux Neg., Jan. 3.(13.), Feb.
    6.(16.) 1687+; +Van Kampen, Karakterkunde der Vaderlandsche
    Geschiedenis.+]


[_Unterhandlungen Dykvelt’s mit englischen Staatsmännern._] Dykvelt
berichtete, daß Jakob sich durch das Benehmen des Prinzen und der
Prinzessin tief gekränkt fühle. „Die Pflicht meines Neffen ist, meine
Hand zu stärken“, sagte der König, „aber es hat ihm von jeher Vergnügen
gemacht, wenn er mir hat hinderlich sein können.“ Dykvelt antwortete, in
Privatangelegenheiten habe Seine Hoheit stets die Wünsche des Königs
berücksichtigt und werde dies auch in Zukunft jederzeit thun, aber es
sei doch kaum recht und billig, die Unterstützung eines protestantischen
Fürsten gegen die protestantische Kirche zu erwarten.[59] Der König war
zum Schweigen gebracht, aber nicht besänftigt. Mit einem Verdrusse, den
er nicht verhehlen konnte, sah er, daß Dykvelt alle die verschiedenen
Abteilungen der Opposition mit einer Geschicklichkeit musterte und
einschulte, welche dem gewandtesten englischen Staatsmanne zur Ehre
gereicht haben würde und die bei einem Ausländer bewundernswürdig war.
Der Geistlichkeit wurde gesagt, daß sie in dem Prinzen einen Freund des
Episcopats und der Liturgie finden werde. Den Nonconformisten wurde
Hoffnung gemacht, daß sie von ihm nicht nur Duldung, sondern sogar
Gleichstellung zu erwarten hätten. Selbst die römischen Katholiken
wurden versöhnt und einige der Angesehensten unter ihnen sagten dem
Könige ins Gesicht, daß sie mit dem, was Dykvelt ihnen biete, zufrieden
seien und daß sie eine durch das Gesetz verbürgte Duldung einem
gesetzwidrigen und unsicheren Übergewichte vorzögen.[60]

    [Anmerkung 59: +Burnet I. 711+. Dykvelt’s Depeschen an die
    Generalstaaten enthalten, so weit ich es habe ersehen oder
    erfahren können, kein Wort über den wirklichen Zweck seiner
    Sendung. Seine Correspondenz mit dem Prinzen von Oranien war
    streng privater Natur.]

    [Anmerkung 60: Bonrepaux, 12.(22.) Sept. 1687.]


[_Danby._] Die Oberhäupter aller wichtigen Parteien der Nation hielten
häufige Besprechungen in Gegenwart des geschickten Gesandten. Die
Ansicht der Torypartei war bei diesen Zusammenkünften hauptsächlich
durch die Earls von Danby und von Nottingham vertreten. Obgleich seit
Danby’s Sturze bereits über acht Jahre vergangen waren, so stand sein
Name doch bei den alten Kavalieren Englands noch in hohem Ansehen, und
selbst viele von denjenigen Whigs, die ihn früher verfolgt hatten, gaben
jetzt bereitwillig zu, daß er für die Sünden Anderer habe büßen müssen
und daß sein Eifer für die Hoheitsrechte ihn zwar oft irre geleitet
habe, aber bei 

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