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Die Räuberbande

by Leonhard Frank · German · Gutenberg #30281 · 461,363 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Die Räuberbande
    
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Title: Die Räuberbande

Author: Leonhard Frank


        
Release date: October 19, 2009 [eBook #30281]
                Most recently updated: October 24, 2024

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/30281

Credits: Produced by Jens Sadowski


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE RÄUBERBANDE ***

                         16. bis 20. Tausend




                            Leonhard Frank
                           Die Räuberbande
                                Roman


                                 1922
                      Im Insel-Verlag zu Leipzig

              Copyright 1914 by Insel-Verlag in Leipzig

                         Lisa Ertel gewidmet




Erstes Kapitel


Plötzlich rollten die Fuhrwerke unhörbar auf dem holprigen Pflaster, die
Bürger gestikulierten, ihre Lippen bewegten sich -- man hörte keinen
Laut; Luft und Häuser zitterten, denn die dreißig Kirchturmglocken von
Würzburg läuteten dröhnend zusammen zum Samstagabendgottesdienst. Und
aus allen heraus tönte gewaltig und weittragend die große Glocke des
Domes, behauptete sich bis zuletzt und verklang.

Die Unterhaltungen der Bürger und die Tritte einer Abteilung verstaubter
Infanteristen, die über die alte Brücke marschierten, wurden wieder
hörbar.

Über der Stadt lag Abendsonnenschein.

Ein roter Wolkenballen hing über der grauen Festung auf dem Gipfel, und
im steil abfallenden königlichen Weinberg blitzten die Kopftücher der
Winzerinnen -- die Weinernte hatte begonnen.

Es roch nach Wasser, Teer und Weihrauch.

Ein paar Knaben, die lachend und schreiend »Nachlauferles« spielten, um
die zwölf mächtigen Brückenheiligen aus Sandstein herum, vom heiligen
Kilian zu Totnan, und von da zu Pipinus, standen erschrocken still und
versteckten sich hinter Sankt Colonatus, denn Herr Mager, der
Volksschullehrer und Tyrann vieler Generationen Knaben, schritt über die
Brücke.

Bei jedem Schritt schob er die rechte Schulter vor und stieß mit
Vehemenz seinen Spazierstock aus Weichselholz, an dem ein Riemchen hing,
aufs Pflaster. Erzürnt sah er sich um, seine kleinen Apfelbäckchen
spannten sich. Er hatte einen der Knaben erkannt. Die schlichen betreten
davon. Ihr morgiger Sonntag war verhängt von der Schulstunde des
Montags.

Der Lehrer war gefürchtet.

Seine Technik im Strafen war aufs feinste ausgebildet. Keiner traf so
sicher wie er mit dem Rohrstock die Fingerspitzen, immer genau dieselbe
Stelle, daß die Fingerspitzen schwollen und blau anliefen. Unverhofft
mit dem Rohrstock auf den Handrücken zu schlagen, liebte er. Und zöbelte
er einen Jungen, so faßte er die feinsten Härchen an der Schläfe.
Benötigte er einen neuen Rohrstock, dann mußte der Junge, welcher Prügel
zu bekommen hatte, selbst eine Anzahl Stöcke zur Auswahl beim Kaufmann
holen. Herr Mager untersuchte lange und sorgfältig, beroch die Stöcke,
hieb sie durch die Luft und horchte auf das Pfeifen, wählte den dünnsten
und zähesten, präparierte ihn erst, indem er das Ende spaltete, und der
gewollte Erfolg war, daß der Stock beim Schlagen Blutblasen in die
Fingerspitzen zwickte.

Die Furcht der Knaben umgab Herrn Mager wie eine Wolke, sein Leben lang.
Und es kam vor, daß vierzigjährige Männer, frühere Schüler von ihm,
erschrocken zur Seite wichen, wenn sie ihn des Weges kommen sahen.

Am letzten Tage, wenn er seine Schüler aus der Volksschule entlassen
mußte, gab er ihnen die Angst mit auf den Lebensweg: »Wir sind noch
nicht fertig miteinander«, sprach er und lächelte. »In der
Fortbildungsschule habe ich euch wieder, und wer von euch zu den
>Neunern< einrückt, den bekomme ich noch einmal als Rekrut. Denn auch da
unterrichte ich.« Und dann erst war die Klasse entlassen.

Herr Mager blieb auf der Brücke stehen und sah auf die beleuchtete Uhr
vom »Spitäle«, einer kleinen Kirche im Mainviertel, deren Vorderfront
gegen den Brückenberg steht.

Nach zwei Jahre langen Verhandlungen und vielem Streit war von den
Würzburger Stadtvätern der Jahresetat von zwanzig Mark für die
Nachtbeleuchtung der Uhr bewilligt worden.

Heute zum ersten Male leuchtete das Ziffernblatt. Sogar schon am Tage,
denn die Sonne war noch nicht unter.

Herr Mager freute sich. Er hatte für Beleuchtung gestimmt. Er war für
den Fortschritt.

Ein Fischer mit violett angelaufener Stülpnase und rotem
Schnurrbart, der erst bei den Mundwinkeln begann und zwei buschigen
Eichhornschwänzchen glich, stand vor dem »Spitäle« und ein alter
Polizeiwachtmeister mit kurzen Säbelbeinen.

»A richtje Uhr muß beleucht sei! Das sag i!« rief der Fischer und
schnitt mit einer Handbewegung jede Erwiderung ab. »Was nützt uns denn a
ubeleuchte Uhr! Bei der Nacht sin alle Menschen schwarz . . . Jau, so a
Gaudi, zwä Jahre brauche sie dazu.« Er steckte die Hände in seine
gestrickte, blaue Wolljacke, wandte sich weg und sah, die Unterlippe
grimmig vorgeschoben, den Brückenberg hinauf.

Auf die Kirche zu kam mühsam atmend ein großmächtiger Pfarrer, dessen
ausgeprägte Rückenverlängerung sich stark hin und her bewegte, denn er
hatte Plattfüße. Ein kleines Mädchen sprang zu ihm hin: »Gelobt sei
Jesus Christus«, knickste und gab ihm die Hand.

»In Ewigkeit. Amen.« Der Pfarrer schlug das Kreuz und hielt Herrn Mager
seine Horndose hin. Herr Mager nahm eine Prise, tat, als schnupfe er,
und ließ den Tabak in seine Tasche fallen.

»Gestern nacht ham mir die Sakramentslumpe an dreipfündige Hecht aus
mein neue Sandschiff g'stohle, mitsamt'n Blechkaste«, rief der rote
Fischer. »Wenn i so 'n Malefizhamml erwisch, dem dreh i . . . rrracks!
die Gurgl um.« Er hielt dem Wachtmeister die Faust unter die Nase. Die
Adern an seinem Halse schwollen.

Das silberne Klingeln der Ministranten tönte aus der Kirche. Herr Mager
beugte das Knie und hob erbleichend die Arme, taumelte gegen die
Kirchenmauer: ein durchgegangenes Pferd war auf ihn zu galoppiert, stieg
vor ihm in die Höhe und raste den Brückenberg hinauf.

Der Wachtmeister riß die Waffe heraus und rannte, den Säbel hocherhoben,
dem Pferde in großem Abstand über die Brücke nach.

Eine graue Dogge mit heraushängender Zunge überholte ihn und sprang
freudig bellend am Pferde empor, das hinter einem hochbeladenen Heuwagen
stehen geblieben war und Heu herauszupfte. Dogge und Pferd gehörten
einem Besitzer.

Bürger umringten den erhitzten Polizeiwachtmeister. Der Heuwagenkutscher
trat auch hinzu, tätschelte dem durchgegangenen Pferde den Hals. Es hob
den Schwanz -- die Bürger traten zurück. Und wieder zusammen.

Die Dogge umraste den Heuwagen und die Bürger, die das heufressende
Pferd umstanden und ihre Pfeifen stopften. Man unterhielt sich weiter.

Drei Brückenheilige entfernt stand ein Knabe, das Gesicht zum Himmel
gerichtet, ließ eine Leberwurst in den Mund gleiten und zog die leere
Haut langsam wieder heraus in die Höhe.

Ein kleiner Student, die grüne Mütze im Nacken, schritt mit winzigen
Schrittchen sehr schnell an ihm vorbei und blickte streng aufwärts zur
Festung, deren viele Fenster glühten, vom letzten Sonnenschein
getroffen, als müßten unvermittelt die Flammen heraus in den abendlichen
Himmel schlagen.

Erschrocken, als habe er unverhofft Sägemehl anstatt Wurstfülle in den
Mund bekommen, standen die Kinnbacken des Knaben still. Voller Grauen
starrte er auf seine zweite Leberwurst, trat hinter den heiligen Kilian
und steckte den Finger in den Mund. Befriedigt blickte er auf den
Mageninhalt.

Die über seinem Zeigefinger hängende zweite Leberwurst wie eine
gefährliche Giftschlange vor sich hertragend, ging er langsam weiter,
den Knaben entgegen, die vor Herrn Mager geflüchtet waren.

»Winnetou, da kommt der Duckmäuser mit einer Leberwurst«, sagte einer
der Knaben, und sein Mund blieb offen, rund und schwarz wie ein
Mauseloch.

»Wo denn, Rote Wolke? Wo denn?«

»Dort, beim heiligen Kilian.«

»Laßt ihn, der bildet sich sonst noch ein, wir verkehrten mit ihm.«

»Wenn er doch eine Wurst hat.«

»Wer gibt mir was für die Wurst?« fragte der Duckmäuser zaghaft.

Nachdenklich blickten die Knaben auf die Leberwurst über dem
Zeigefinger. Winnetou bot nach langem Besinnen einen Pfennig, zog aber
die Hand, mißtrauisch geworden, sofort wieder zurück, als er die Wurst
wirklich so billig bekommen sollte. »Gelt, es ist etwas nit richtig mit
der Wurst?«

»Sie ist ganz frisch, vom Metzger Fritz. Die andere hab ich schon
gegessen.«

»Sag erst: Auf Ehr und Seligkeit; sonst glaub ich's nit.«

»Auf Ehr und Seligkeit, die Wurst ist frisch.«

»Winnetou, jetzt kannst sie kaufen«, riet man ihm.

Winnetou kaufte die Leberwurst, richtete das Gesicht zum Himmel und
wollte sie in den Mund gleiten lassen.

»Halt! Fasttag!« schrie der Duckmäuser und lachte. »Fasttag ist heute.
Sonst hätte ich meine Wurst selber gegessen.«

Bestürzt streckte Winnetou die Wurst zurück.

Aber der Duckmäuser nahm sie nicht.

»Eine Wurst hast du doch schon gegessen? Dann hast du eine Todsünde
begangen«, sagte Winnetou langsam, in tiefem Entsetzen.

Winnetous Familie war streng katholisch. In seinem uralten Vaterhause
brannten die ewigen Lichtchen Tag und Nacht vor den Betpulten.

»Gegessen hab ich sie, aber wenn du willst, kann ich dir zeigen, wo sie
jetzt ist. Beim heiligen Kilian liegt sie.«

Betroffen blickte Winnetou den Duckmäuser an, hing die Leberwurst
resolut über die große Zehe des heiligen Kilian. Und stürzte sich auf
seinen Gegner.

Der Bürgerkreis öffnete sich. Der Polizeiwachtmeister führte das Pferd
heraus und sprang energisch von ihm weg zum Knabenknäuel.

Die Dogge holte die Wurst vom heiligen Kilian herunter. Das Pferd sah
sich um, stieg mit dem Hinterteil in die Höhe und galoppierte, von der
Dogge umrast, in mutwilligen Sprüngen über die Brücke heim.

Die Knaben waren geflüchtet. Der Polizeiwachtmeister stand plötzlich in
einer schwarzen Rauchwolke und schimpfte hustend zum Dampfschlepper
hinunter, es sei verboten, bei der Brücke Rauch abzulassen.

Der Schlepper glitt mit gekapptem Schlot langsam durch den Brückenbogen.
Der Wachtmeister stieß seinen Säbel in die Scheide und sah sich barsch
um. Die Brücke war leer.

                   *       *       *       *       *

In der Werkstatt des Mechanikers Tritt drückten sich die Lehrjungen
ängstlich herum und sahen auf die Uhr. Der Geselle war schon lange
fortgegangen, die Werkstatt war peinlich sauber aufgeräumt, die drei
kleinen Drehbänke blinkten, auf dem Fußboden hätte man essen können.

Aber der Meister war noch immer nicht gekommen, um die Erlaubnis zum
Fortgehen zu geben.

»Oldshatterhand«, der jüngste der Lehrlinge, stand Wache, um die anderen
benachrichtigen zu können, wenn der Meister ankam. Interessiert holte er
aus der Tasche seines Mechanikerkittels eine kleine Feile und feilte an
seinen schwarzen Fingernägeln herum. Dann suchte er weiter in der
Tasche, zog einen Klumpen ölige Putzwolle heraus, aus der sich eine
Pflaume und ein rundes Handspiegelchen schälten. Die Pflaume steckte er
in den Mund; das Spiegelchen rieb er heftig am Schenkel sauber und
reflektierte damit die Sonne einer Köchin ins Gesicht, die im vierten
Stock aus dem Fenster sah.

Erschrocken stürzte er von der Schmiede in die Werkstatt. Der Meister,
ein Mann mit gepflegtem rotem Spitzbart und kalten, grünlichen Augen,
schritt durch den Hof, mit seiner dreizehnjährigen Tochter am Arm.

Der älteste Lehrling rieb heftiger an einem Stück Werkzeug, das er schon
seit einer Stunde rieb, immer wieder mit Öl einstrich und rieb, und sah
manchmal von unten herauf nach dem Meister, der jetzt an einer der
Drehbänke lehnte und in der Zeitung las. Es war sehr still, man hörte
nur das Reiben.

Der Meister sah langsam auf und starr auf den Reibenden, der den Kopf
senkte. Die anderen Lehrbuben standen atemlos in den Ecken.

Oldshatterhand verrückte die schon geradeliegenden funkelnden Zangen,
Hämmer und Pinzetten auf der Werkbank um Millimeter.

Der Meister schritt auf ihn zu und sah, den Mund schiefgezogen, auf ihn
hinunter.

Gebannt ließen Oldshatterhands Hände ab vom Werkzeug.

»Was soll denn das!«

»Ich le . . . leg das We . . . Werkzeug gr . . . gr . . . grad.«

»Ist das eine Arbeit? . . . Stotterndes Kamel!« Der Meister hatte seinen
Blick in Oldshatterhands vergrößerte Augen eingehackt. »Was bist du?«

Oldshatterhand wurde blutrot.

»Was bist du!«

»Ein st . . . stotterndes Ka . . . Ka . . . Kamel.«

»Was reibst du denn! Schafskopf!« schrie unvermittelt der Meister den
ältesten Lehrjungen an und biß auf seine Unterlippe. »Geht doch zum
Teufel! . . . Eselsbande!«

Das Mädchen schmiegte sich an ihren Vater an und lächelte höhnisch. Die
Jungen entfernten sich lautlos.

Oldshatterhand ging durch die Kaiserstraße. Vor einer Feinbäckerei blieb
er stehen, sah die Kuchen an und schloß manchmal die Augen, um besser
riechen zu können; denn von unten aus dem Keller, wo der Backofen war,
stieg durch das eiserne Gitter der warme, süße Kuchenduft.

Oldshatterhand hatte es schlecht getroffen im Leben. Sein Vater war ein
armer Mann. Und vom Schultyrannen Mager war Oldshatterhand zum Tyrannen
Tritt geraten.

Nach einem letzten lüsternen Blick auf die Kuchen machte er sich auf den
Heimweg.

Vor ihm ging langsam ein Fremder und betrachtete die alten Häuschen. Er
hatte einen Gummimantel an. Oldshatterhand blickte auf ihn, ging
unauffällig um ihn herum, und immer wenn der Fremde stehen blieb, blieb
auch Oldshatterhand stehen, sah auf das Häuschen, auf den Fremden
zurück. Seine Wünsche glitten aus der verhaßten Gegenwart in die
Zukunft. Seine Sehnsucht ließ ihn zum Fremden werden.

»Bitte schön, wo ist die Domstraße?« fragte der Fremde einen Bürger und
ging in der angezeigten Richtung fort.

Auf den Zehenspitzen balancierend, bewegte Oldshatterhand den Oberkörper
hin und her, um den Fremden so lange wie möglich sehen zu können.

Ein Mann mit einem Fensterflügel auf der Schulter kam auf ihn zu.

»Sie . . . Sie!«

Der Mann blieb stehen.

»Kö . . . können Sie mir nicht sagen, wo die Domstraße ist? . . . Ich
bin fre . . . fre . . . fremd in Würzburg.«

Verblüfft sah der Mann Oldshatterhand an. »Du bist doch der Sohn vom
Schreiner Vierkant . . . Du Lausbub! Dir geb ich . . .« Er hob die Hand.
Oldshatterhand wich zurück und sah zwischen Lachen und Weinen dem Manne
nach.

Beim Julius-Echter-Denkmal holte er seine Mutter ein, eine kleine, dicke
Frau mit nachdenklichem Gesicht, worin die klugen, guten Augen über Last
und Sorgen und Auswegen nachsannen. Unvermittelt konnten die Furchen der
Sorge in ihrem Gesicht sich in Linien der Güte verwandeln.

Sie schleppte einen großen Henkelkorb, dessen Deckel klaffte, so daß die
Kleider, die der Korb barg, zu sehen waren. »Sechs Mark waren diesmal
drauf. Und siebenundzwanzig Pfennig Zinsen hat er mir abgenommen . . .
Fünf Mark muß ich dem Vater geben, für Vesper- und Ausgehgeld, bleiben
mir von seinem Lohn drei Mark für die ganze Woche. Und damit soll ich
Essen für vier Kinder und einen Mann auf den Tisch stellen . . . Die
Hausmiete ist auch schon fällig. Wenn ich nur einmal nimmer leben tät.«

Oldshatterhand schwieg eine Weile und fragte dann, was es heute abend
gäbe.

»Für'n Vater hab ich a Täuble«, sagte die Mutter und stellte ihren Korb
ab. »Er ißt's doch so gern . . . Ja no, er muß ja die ganze Woche hart
arbeiten . . . Und wir, wir trinken halt unsern Kaffee. Trägst mir e
bißle helf? . . . Siehst, das ist für dich.« Sie holte aus dem Korb ein
Stückchen Kuchen und legte Oldshatterhand die Hand auf die Schulter. Ihr
Gesicht wurde tiefrot, sie lachte, daß ihre Schultern schütterten, und
konnte sich gar nicht beruhigen, weil sie ihren Sohn mit Kuchen
überrascht hatte.

Mutter und Sohn faßten den Henkel: der Korb schwebte zwischen den beiden
nahe dem Boden die Domstraße hinunter und über die alte Brücke.

»Mutter, schau mal die Wolke an über der Festung. Sie sieht aus wie
Rom.«

Die Mutter lachte in sich hinein. »Was bist du für einer . . . Wie
Rooom!«

                   *       *       *       *       *

Es war elf Uhr nachts.

Der vierzehnjährige Buchbinderlehrling und Hauptmann der Räuberbande,
Sohn der vermögenden Gastwirtswitwe Benommen, stand nackt in seiner
Dachkammer am offenen Fenster und hielt in jeder Faust ein Bügeleisen.
An einem Strick, der um seine Lenden gebunden war, hing vorne ein
handgroßes, zinnoberrotes Tüchlein. Sein weißer Körper war vom Mondlicht
getroffen. Hinten in der Kammer war tiefschwarze Nacht.

Von der Bierkneipe unten im Hause, die der ältere Bruder des Hauptmanns
betrieb, klang der Gesang der Soldaten herauf:

   »Ich wollte sie verführen,
   Dazu hat sie kein Mut.«

Der Hauptmann, genannt der bleiche Kapitän, fing an zu üben: er reckte
den Brustkasten heraus, sog ihn voll mit Luft und zog die ausgebreiteten
Arme mit den Bügeleisen kraftvoll zum Körper, schnellte sie auseinander,
zog sie an, und so fort. Dabei blickte er, den Kopf zurückgezogen, daß
sich ein spärliches Doppelkinn bildete, die Unterlippe vorgeschoben,
hinunter auf das Spiel seiner Armmuskeln.

Unten wurde, von Mädchenlachen begleitet, die Wirtschaftstür zugeknallt,
und eine Wolke Bierdunst schlug in des Hauptmanns Kammer.

Ein Schakalruf ertönte in die Nachtstille. »U . . . u!« klang es düster,
»U . . . u!«

Der bleiche Kapitän horchte, fuhr in Hose und Rock und schlich, die
Schnürstiefel in der Hand, strümpfig die Treppe hinunter.

Vor dem Hause, unter der Gaslaterne, stand ein Junge, elegant auf sein
dünnes Spazierstöckchen gestützt, das sich fast zum Halbkreis bog: der
Schreiberlehrling des Rechtsanwalts Karfunkelstein.

Die zwei Knaben schlichen dicht an den altersschiefen Häuschen eine enge
Gasse aufwärts, die bis an den Fuß des dunklen Schloßberges führte. Auf
dem steilen Bergrasen standen mächtige, alte Linden, durch die sich ein
Sandweg hinauf zur Festung zog. Achtzehnhundertsechsundsechzig war die
Festung von den Preußen genommen und geschleift worden. Seitdem lag eine
Kompagnie Trainsoldaten im Schloß, und am äußersten Rand des Berges, bei
einem Auslughäuschen, stand eine alte Kanone, die abgefeuert wurde, um
Bürger und Feuerwehr zu alarmieren, wenn unten in der Stadt Würzburg ein
Brand ausbrach.

Die Knaben standen im schwarzen Schatten, den die Linden warfen. Es war
vollkommen still. Der Schreiber sah sich ängstlich um. »Horch . . .
hörst du nichts?«

»Da herauf kommt kein Mensch um diese Zeit«, sagte der bleiche Kapitän,
sah sich auch um und zog die Schuhe an.

»Es ist eigentlich gar nicht unheimlich . . . Wenn man nur keine Angst
hat.«

»Das ist schon wahr . . . Schau, in der Elefantengaß gibt's Gummiabsätz.
Das Paar nur zehn Pfennig. Da hab ich mir fünfzehn Paar kauft.«
Sitzlings streckte der bleiche Kapitän das Bein zum Schreiber in die
Höhe. »Die andern vierzehn Paar hat mei Mutter glei' wieder
zurückgetragen und hat g'sagt, die brauchet ich nit . . . Ich trau mich
gar nimmer an dem G'schäft vorbei. Als ob man in seinem Leben nit
fünfzehn Paar Gummiabsätzli aufbrauchen könnt. Es ist wirklich ganz
unglaublich.«

»Das hätt ich mir nit g'fall laß.«

»Gott, was willst denn mach.« Er stülpte die dicken Negerlippen mürrisch
nach außen. »No, lang dauert's ja nimmer. Die wenn wüßt, was wir vorham
. . . Heiliger Gott!«

»Mei Vater hat heut zu mir g'sagt, wenn ich noch einmal mit
Oldshatterhand und mit dir und den andern verkehre, könnte ich was
erleben . . . Grün und blau wollt er mir ihn schlagen. Er weiß aber ganz
genau, daß ich mir das nit g'fall laß.«

»Ja no.«

»Das eine weiß ich«, sprach der Schreiber hochdeutsch, »so saudumm würde
ich nicht sein, wenn ich Vater wäre.«

»Gott, die ham ja keine Ahnung. Aber Augen werden die noch machen.« Der
bleiche Kapitän erhob sich und trat prüfend von einem Fuße auf den
andern. »Es ist wahrhaftig so, wie wenn man überhaupt keine Schuh
anhätt. Ich versteh absolut nit, warum mei Mutter mir die andern
vierzehn Paar wieder zurückgetragen hat.«

»So sind sie halt. Da kannst wirklich nix mach. Gehn wir jetzt.«

»Ja, aber leis.«

Sie stiegen den Schloßberg hinauf, bis vor das eisenbeschlagene,
wuchtige Bohlentor, durch das man in die Festung gelangt. Um diese Zeit
war das Tor geschlossen.

Gebückt schlichen sie auf dem Bergrücken nach links, bis an den Rand
vor, von wo aus man tief unten die Stadt liegen sieht, hoben wie auf
Kommando die Arme, schüttelten die Fäuste, riefen: »Weh dir!« zur Stadt
hinunter und sprangen in den Festungsgraben.

Von allen Seiten kamen jetzt kleine, dunkle Gestalten den Schloßberg
heraufgeschlichen, bis an den Rand vor, riefen: »Weh dir!« und sprangen,
den bequemen Weg verachtend, die hohe Mauer hinunter in den
Festungsgraben.

Die Räuberbande, eine Schar vierzehnjähriger Lehrjungen, war versammelt.

Es war eine wunderbar klare Mondnacht im Herbst.

Oben stand dunkel das Schloß. Tief unten lagen die alte Brücke, die
Häuser und krummen Gassen von Würzburg. Die dreißig Kirchtürme bebten im
Mondlicht. Der Main, der die Stadt in zwei Teile trennt, glänzte. Jeder
Stern stand klar und scharf am grünlichen Himmel. Die ganze alte Stadt
war aus purem Silber.

Die Räuber saßen im Kreis im Festungsgraben und rauchten ernst die
Friedenspfeife: ein langes Stück Schilf, derart viel im Graben wuchs.

Knapp vorbei am Räuberkreis, der noch im Mondlicht saß, fiel der
tiefschwarze Schlagschatten, den die Schloßmauer warf.

Ein Vogel erwachte und flatterte im Brombeerbusch. Die Räuber saßen
reglos und starrten auf das Lagerfeuer, das in ihrer Mitte flackerte.

Oben auf dem Feuer brannte und rauchte ein gerahmter Straminhaussegen,
auf dem »Bet' und arbeit', so hilft Gott allzeit« gestickt war. Die
Worte rollten sich zusammen, und Gott und Arbeit gingen in Flammen auf.
Winnetou hatte den Haussegen daheim gestohlen.

Er verschluckte den ätzenden Speichel, den auszuspucken als Schande
galt, und sprach: »In Südamerika sind die Indianer klein, falsch und
furchtsam.«

»Südamerika!« sagte verächtlich der bleiche Kapitän.

»Und arbeiten sogar für die Weißen. Ich habe nachgesehen.«

»Das neue große Sandschiff vom roten Fischer ist nur mit einem Tau
festgemacht, unterm Brückenbogen. Im Frühjahr, wenn das Hochwasser
kommt, müßten wir halt mit seinem Schiff hier abfahren. Nur ein paar
Tage den Main hinunter, in den Rhein, dann ein Stück den Rhein hinunter
und dann zu Fuß nach Hamburg. Da können wir ganz gut in vierzehn Tagen
sein!« rief die Rote Wolke, ein Waisenjunge, der bei seiner alten Tante
die Gärtnerei erlernte. Er vertrug sich schlecht mit der Tante; denn er
deklamierte, nachdem er einmal bei einer Vereinstheatervorstellung
mitgewirkt hatte, den ganzen Tag, während er Kartoffeln hackte oder
Leichenkränze band. »Am ewigen Meer . . . da können wir in vierzehn
Tagen sein.« Sein Mund stand offen, rund und schwarz wie ein Mauseloch.

»Und dann?« fragte der Schreiber und zog lächelnd die Augenbrauen in die
Höhe.

»Dann! Was heißt das -- dann?« rief der bleiche Kapitän. »Dann machen
wir eben ein Segelschiff los und segeln ganz ruhig über den großen
Teich.«

»Segelschiff los? Und die Matrosen, die darauf schlafen, und die Wachen?
He? Vielleicht steht sogar der Kapitän selbst die ganze Nacht am Steuer
und blickt hinaus aufs Meer, damit sein Schiff nicht gekapert wird.
Diese Sachen hab ich schon oft genug gelesen.«

Winnetou hielt seine Hand in die Flammen und blickte, die Zähne
zusammengebissen, über die Räuber weg. Langsam zog er die geschwärzte
Hand zurück.

»Das werden wir schon sehen. Wir sind zwölf Männer«, rief verächtlich
der Hauptmann. »Oder weißt du nicht, Schreiber, was ein Enterhaken ist?
Das -- mein Lieber, das geht im Handumdrehen.«

Winnetou hielt die schmerzende Hand senkrecht. »Die Hauptsache ist, daß
sich in einer einzigen Nacht in allen Urwäldern und Prärien des wilden
Westens bei absolut allen Indianerstämmen die Schreckensbotschaft
verbreitet, aber wie ein Lauffeuer, daß wir angekommen sind . . . Auf
unsere ersten Taten kommt's an. Die müssen gewaltig sein und furchtbar.«

»Die Weiber werden natürlich verschont«, schloß der bleiche Kapitän und
stülpte die Negerlippen nach außen.

»Immer werden die Weiber verschont. Unsere Kontoristin darf auch immer
eine halbe Stunde früher fortgehn«, sagte der Schreiber. »Gestern hab
ich zum erstenmal Diktat schreiben dürfen. Das macht gewöhnlich nur
unser Bureauvorsteher.«

»Gott, Diktaaat . . . Beim Lumpenhändler Ei gibt's kolossale alte
Revolver. Die können wir drüben gut brauchen.«

»Meinst, daß man davon ein paar aushängen kann?«

»Ich glaub, das wird schwer gehn. Aber wen man damit trifft, der is
total tot.«

Winnetou nahm ein glühendes Holzstückchen in die Hand, preßte sie zur
Faust -- und zählte leise für sich bis neun, schleuderte das
schwarzgewordene Holz ins Feuer zurück und erzählte gequält: »Ins
Zuchthaus käme ich noch, hat der Kaplan vorige Woche zu meiner Mutter
gesagt . . . Weil ich in der Religionsstund ein bißchen von der
Schultinte für mein Füllfederhalter mitgenommen hab. Jetzt sperren sie
mich daheim jeden Tag drei Stunden in die Holzlage . . . Ich! . . .
Ich!« Er sprang auf, drückte die Fäuste an die Wangen, Zorn und Scham
wechselten auf seinem Gesicht. »Ich halt's nimmer aus!«

»Ins Zuchthaus? . . . Das wär doch ganz fein, wenn wir ins Zuchthaus
kämen«, sagte der Schreiber erstaunt.

Verwirrt sah Winnetou den Schreiber an, ließ sich langsam nieder und
blieb reglos hocken.

»Nun ja . . . warum denn nicht.« Der Schreiber sah fragend im Kreise
herum.

Niemand antwortete. Die Räuber sahen ins flackernde Feuer.
Oldshatterhand sah auf die fernen Berge, die im Mondlicht schwammen.
Eine Sternschnuppe fiel in den Weltenraum. Oldshatterhand wanderte einem
Gedanken nach, über alle Länder, drückte den Oberkörper einige Male
angestrengt vor und zurück und begann stark stotternd: »Die Erde ka
. . . ka . . . kann ja gar keine Ku . . . Kugel sein, denn wenn man
immer weiter geht, müßte man herunterfallen, oder mit dem Ko . . . Kopf
nach unten stehen und in die Lu . . . Lu . . . Luft hinunterstürzen
. . . Da habt ihr's, unten ist doch keine Lu . . . Luft, nur oben.« Und
er deutete hinauf, wo Stern an Stern am tiefblauen Himmel stand. »Der
Lehrer Ma . . . Mager versteht nichts. Oder wenigstens nicht viel. Die
Erde ist keine Ku . . . Kugel. Sie ist flach. Nur viele Bu . . . Buckel
hat sie.«

»Natürlich, und wenn man noch so weit geht, nach Rußland, nach China,
immer ist der Himmel oben«, sagte der Schreiber und zuckte mit den
Schultern.

»Da!« rief Oldshatterhand und stand schnell auf. Die Räuber blickten
empor zu ihm. »Denkt euch halt eine Ke . . . eine Ke . . . eine Ke
. . . Kegelkugel -- wenn darauf ein ga . . . ganz kleiner Mensch, nur so
groß wie der Däumling, nach einer Richtung immer, immer weiterläuft, muß
er doch zu . . . muß er doch zu . . . zuletzt herunterfallen. Aaalso
kann die Erde auch keine Ku . . . Kugel sein. Das ist doch ganz klar. Ma
. . . ma . . . meint ihr nit?«

»Das weiß man halt nit recht.«

Wieder lösten sich Sternschnuppen an mehreren Himmelsstellen und
schwebten langsam und lautlos zu den im Mondlicht bebenden Bergen
nieder. Vom funkelnden Nachthimmel gehalten, hing der Erdball, und als
einzige Bewohner schien der Räuberkreis auf seiner stillsten und letzten
Höhe zu sitzen.

Ungeduldig hob Winnetou den feinen Knabenkopf, in dem die großen Augen
schwarz wie heißer Asphalt glänzten. »Ach, Unsinn ist alles, was der
Mager da von einer Kugel faselt . . . Wenn wir aber Würzburg
einäschern«, fuhr er heftig fort, »ehe wir von hier abfahren, und du
meinst, dann müßten wir das Herz der Stadt anzünden, so wäre das der
Vierröhrenbrunnen, denn der ist in der Mitte. Aber der brennt doch nit.«

»Und das Petroooleum? Ha! Wenn nur drüben auch alles so glatt ginge. Da
werden einfach hundert Fässer Petroleum ins Brunnenbassin gefüllt -- ich
sitze nebenan im Hirschen, tue, wie wenn ich Kaffee tränke, und brenne
die Zündschnur an. Es ist eine dunkle Nacht, und ehe du dich versiehst,
schlägt eine kirchturmhohe Flamme in den Himmel hinauf . . . Die erfaßt
gleich das Rathaus und den Platz, und, o Gott, bis die da droben ihre
Kanönle abfeuern, brennt die ganze Stadt . . . derweil wir schon längst
in unserm Schiff den Main hinunterfahren. Ha!« schloß der bleiche
Kapitän und spreizte die knochigen Finger, seine hellen Perlmutteraugen
glänzten, »da müßte halt mein Bruder in Amerika dabei sein. Dann ginge
sicher alles glatt.«

»Das erste, was wir drüben tun, ist, daß wir deinen Bruder aufsuchen.«

»No, allemal.«

Der bleiche Kapitän hatte einen Bruder, der vor ein paar Jahren als
Ingenieur nach Amerika gegangen war. Der einzige Mensch, dem sich der
bleiche Kapitän nicht ganz ebenbürtig fühlte, und auf den er bei jeder
Gelegenheit hinwies, als auf ein nicht erreichbares Ziel.

Ehe der Amerikaner abgereist war, hatte er am Bahnhof zum bleichen
Kapitän gesagt: »Ich komme wieder, dann reiße ich die alte Brücke ab und
baue dafür eine hundert Meter hohe Hängebrücke hin, aus
Eisenkonstruktion. Da werden die Würzburgerli Maul und Augen aufreißen.«

Alle Räuber hatten die gleiche Vorstellung von dem Amerikaner -- sie
sahen ihn, weit, weit von hier, kühn und wortkarg gewaltige Taten
vollbringen; sie sahen ihn am reißenden Mississippi stehen, nur mit
einer Zeichenrolle in der Hand: er blickt auf die Zeichnung und streckt
den Finger aus -- da stürzen seine siebentausend Leute sich auf
Eisenschienen und Träger, und alsbald steht ein gigantischer
Brückenbogen im Mississippi.

Wortkarg besteigt der Amerikaner den Mustang und reitet durch die
Wildnis zurück zu seinem Blockhaus.

»Die Schule geht in Flammen auf«, sagte der Schreiber und hob die Arme.
»Und Lehrer Mager verbrennt zu nichts. Hi!«

»Nein, Schreiber, über den wird endlich einmal Gericht gehalten. Der
wird ganz einfach gefesselt und in den Festungsgraben geschleppt. Da
wird er ausgezogen und an einen Baumstamm gebunden . . . An den wilden
Birnbaum dort. Dann wird er gemartert, sieben Stunden lang. Überhaupt
die ganze Brandnacht durch. Aber . . . wir lassen ihn am Leben. Wir
hetzen ihn lieber nackt durch die brennende Stadt.«

»Letzthin bin ich mit Sa . . . Seidel zum Lehrer gegangen, um die korri
. . . um die korri . . . korrigierten Schulhefte abzuholen. Seidel hat
einen A . . . A . . . Apfel kriegt, ich eine Ohrfeige, waaa . . . weil
so viel Fehler in mein Aufsatz waren. Und die Hefte hab ich auch nit
helf tr . . . tr . . . trag dürf.«

»Warum gehst du auch mit dem Seidel zum Mager. Der ist doch sein
Liebling. G'schieht dir ganz recht.«

»Ich wollt halt auch einmal die He . . . die He . . . Hefte trag . . .
Dann weiß ich aber noch einen, de . . . de . . . der gemartert werden
muß. Meee . . . Meee . . . Mechaniker Tr . . . Tr . . . Tr . . . Tritt!«
schrie Oldshatterhand wütend.

»Und die anständigen Leute, es gibt ja sowieso nur ein paar in
Würzburg«, sagte sinnend der bleiche Kapitän, »die werden vorher durch
Briefe aufgefordert, ihre Kostbarkeiten zusammenzuraffen und mit Weib
und Kind aus der Stadt zu fliehen . . . Alles was recht ist.«

»Zum Beispiel dem Rat Häberlein schreiben wir vorher einen Brief. Der
hat mich gestern abend sein Garten gießen lassen.«

»Am Silbersee müssen wir unser Blockhaus bauen. Der liegt inmitten von
Prärien und Urwäldern«, sagte die Rote Wolke und deutete weit hinaus.

»Einmal kann ich ja meiner Schwester z . . . zwei Pa . . . Pa . . .
Papageienflügel schicken? Für ihren H . . . Hut«, sagte Oldshatterhand.
»Grü . . . grüne vielleicht.«

»Wenn sie nicht umgekommen ist in der Brandnacht.«

»Die, die . . . muß einen Brief bekommen!« rief Oldshatterhand
erschrocken und gab die Friedenspfeife weiter.

»Wer von uns seine Familie schonen will, kann ja einen Brief schreiben,
ich tu's nit«, sagte der bleiche Kapitän, tat die drei vorgeschriebenen
Züge aus der Friedenspfeife und sagte monoton in tiefem Baß:
»Falkenauge«, reichte das qualmende Schilfrohr seinem Nachbarn, stand
auf und übte mit einem Sandowmuskelspanner.

Falkenauge blickte mit dem einen Auge aufs glimmende Schilfrohr, während
das andere gespenstisch und interesselos nach rechts blickte. Es war ein
Glasauge.

Eine Kirchturmuhr begann zu schlagen, eine entfernte geiferte dünn und
schnell dazwischen, andere mit tiefen Tönen setzten ein; der
Zusammenklang währte eine Weile. Da hub die Domuhr voll und dunkel an zu
schlagen: töm . . . töm . . . töm . . . zwölf Schläge in die tiefe
Nachtstille.

»Nach den Sta . . . tatata . . . tuten mü . . . ssen wir jetzt den
heutigen Ra . . . Raubzug beginnen. Oldshatterhand haaa . . . t ge
. . . sp . . . sprochen.«

Der Schreiber unterdrückte das Lachen. Winnetou gab ihm einen
Rippenstoß. Oldshatterhand errötete und heftete seine wutfunkelnden
Augen auf den Schreiber.

Da erschien auf dem Bergrücken plötzlich eine große, dunkle Gestalt, die
sich lautlos reckte und schnell wieder zusammenduckte, als ein Räuber
den Kopf hob.

»Mit Gott denn!« rief der bleiche Kapitän.

Die Räuber sprangen auf und tanzten, schwerfällig von einem Fuße auf den
anderen hüpfend, im Kreis um das Lagerfeuer herum und sangen gedämpft
und monoton dazu:

   »Tsching tschang, tsching tschang, bumbetewitschki,
   Nang kang killewi, nang kang killewi,
   Tsching tschang, tsching tschang, bumbetewitschki,
   Nang kang killewi wau.«

Der bleiche Kapitän reckte die Hand in den Nachthimmel -- die Räuber
standen in ihrer momentanen Stellung still. Die Hand des bleichen
Kapitäns sank, und die Räuber stürzten, den bequemen Weg, der aus dem
Graben führte, verachtend, zur Mauer, krabbelten hinauf, schlichen vor
bis zum Bergrand und riefen: »Weh dir!« zur Stadt hinunter.

Die Gestalt war hinter einem Baumstamm verschwunden.

Die Knaben standen jetzt auf einem Felsenvorsprung, der,
gebüschbewachsen und zerklüftet, dreißig Meter senkrecht in die Tiefe
fiel, bis in den Hof einer Malzfabrik, in deren haushohen Schlot die
Räuber oben hineinsehen konnten.

Ein Diebabhalter, fächerartig auseinanderstehende, altersmorsche Latten,
die aus dem Felsenabhang hinaus in die Luft ragten, versperrte den Weg
in die königlichen Weinberge.

Der bleiche Kapitän rutschte auf dem Bauche ein Stück den Felsenabhang
hinunter, erfaßte die Latten, schwang ein paarmal wie ein
Kirchenglockenschwengel über der Tiefe hin und her -- und stand in den
königlichen Weinbergen.

Die anderen folgten und waren nach einer Weile alle glücklich drüben,
außer Oldshatterhand, der zitternd am Felsenabhang klebte, denn seine
freie Hand reichte nicht bis zum Diebabhalter. Er wagte nicht, sich zu
rühren.

Der bleiche Kapitän beugte sich, auf dem Bauche liegend und von den
anderen gehalten, über den Felsenabhang hinaus, streckte Oldshatterhand
die Hand hinüber und riß ihn frei durch die Luft zu sich.

Der Diebabhalter brach und stürzte in die Tiefe.

Der Schreiber grinste: »Hohaho! Oldshatterhand.«

»Still!« rief der bleiche Kapitän und sah zürnend im Kreise herum.

Falkenauges gläserner Ersatz funkelte im Mondlicht.

Oben lag die mondbeschienene Festung. Vom Fuße der Festung weg, bis zu
den ersten Häuschen der Stadt, fiel der königliche Weinberg steil ab,
aus dessen Trauben der berühmte Leistenwein gekeltert und in Bocksbeutel
abgezogen wird.

»Jeder hat sich unter seinen Weinstock zu setzen und so viel zu fressen,
wie er kann«, befahl der bleiche Kapitän. »Und dann erst steckt jeder so
viel Trauben ein, wie möglich, für unsere Vorratskammer.«

Die Räuber schwärmten aus und wählten jeder seinen Weinstock.

Der Mond stand jetzt voll am Himmel über der schlafenden Stadt. Die
Domuhr schlug eins.

Es raschelte im Weinberg. Kleine, dunkle Gestalten krochen herum.
Oldshatterhand hockte in Kniebeuge und horchte, atemlos vor Angst. Ohne
hinzusehen, griff er seitwärts in den Weinstock und steckte eine Beere
in den Mund. Da glaubte er, die anderen seien schon fort, rutschte
erschrocken den steilen Weinberg hinab und prallte gegen Winnetou. »Wenn
jetzt jemand kommt!«

Winnetou richtete sich hoch auf und sah zur alten Brücke hinunter, auf
der einzelne, verkürzte, zusammengedrückte Menschen traumhaft taumelten,
und sagte laut: »Wenn jetzt einer kommt, dann bleibe ich so stehen, daß
er mich sieht.«

»Duck dich doch«, flüsterte Oldshatterhand entsetzt.

»Daß ihr mir fei tüchtig Trauben einsteckt«, erklang die Stimme des
bleichen Kapitäns laut von seitwärts.

Oldshatterhand war zusammengefahren und riß empfindungslos, ohne noch an
etwas zu denken, hastig Trauben vom Stock und stopfte sie in die
Taschen.

Winnetou stieg den Weinberg hinauf und verschwand im Schatten der
Festungsmauer.

»Mit dem Messer mußt du abschneiden«, schimpfte der bleiche Kapitän
Oldshatterhand, »sonst werden sie ja ganz verdrückt.«

Mit zitternden Händen suchte Oldshatterhand nach seinem Messer.

Plötzlich stieß er einen gellenden Schrei aus -- über ihm stieg eine
klare hohe Stichflamme aus dem Weinberg in den Nachthimmel. Entsetzt
blickten die Räuber zur Flamme hin. Der bleiche Kapitän kroch auf sie
zu, und die Räuber hörten ihn sagen: »Herrgott, was ist denn das für
eine Dummheit! Sollen wir vielleicht alle miteinander erwischt werden.
Das sieht man doch von der Stadt drunten.«

Die Räuber waren hinzugelaufen. Die Flamme beleuchtete Winnetous
Gesicht. »Und wenn sie's sehen! Sie sollen's ja sehen!« schrie er und
trat in Raserei den brennenden Weinstock nieder.

Die Wildheit Winnetous hatte die Räuber stumm gemacht. Seine Lippen
zuckten. Die Tränen schaukelten an seinen Wimpern.

»Also, machen wir lieber, daß wir fortkommen . . . Wenn ihr alle genug
habt«, sagte der bleiche Kapitän. Die Domuhr schlug dunkel zwei. »Wie
ein Mensch so was tun kann, nur damit er erwischt wird, das versteh ich
wahrhaftig nit.«

Vollbepackt schlichen die Räuber aus dem Weinberg und gelangten, jetzt
auf einem ganz ungefährlichen Weg, den sie herwärts verachtet hatten,
zurück in den Festungsgraben. Voran der bleiche Kapitän mit einem
Waschkorb voll Trauben, den er schon am Tage vorher leer in den Weinberg
geschmuggelt hatte.

»Pst! Da war gerad jemand gestanden«, flüsterte Falkenauge.

»Wo? . . . Wo denn!«

»Jetzt is er weg.«

»Ach, der sieht die ganze Zeit mit sein eine Aug Sachen, die gar nit da
sind«, sagte der Schreiber.

Da drückte Falkenauge sein Glasauge heraus, hielt es dem Schreiber hin
und rief frohlockend: »Mach das einmal nach!«

Ärgerlich sah der Schreiber zur Seite.

Falkenauge setzte seinen Ersatz wieder ein und blickte im Kreise herum.

Die Räuber hoben einen Steinquader aus der Mauer des Festungsgrabens --
ein großes, schwarzes Loch wurde sichtbar. Der Anfang eines
unterirdischen Ganges.

Der bleiche Kapitän zündete eine Pechfackel an, die im Gange lag, und
ging voran. Fledermäuse klebten an der Decke, flatterten auf, prallten
gegen die Räuber, und huschten ins Freie.

Viele Seitengänge führten vom Hauptgang weg. Über jeden Seitengang hatte
der bleiche Kapitän ein Täfelchen unter Glas angebracht und mit
Druckschrift darauf geschrieben, wohin der Gang führte. Auf einem
Täfelchen war zu lesen:

Mördergang! Führt unter die ganze Stadt durch, in den Hinrichtungshof
des Justizgebäudes. Vorsicht!

Auf einem anderen Täfelchen stand:

Gang der lebendig eingemauerten Nonnen. Führt eine Stunde weit ins
Nonnenkloster Himmelspforten.

Auf dem dritten Täfelchen:

Gang des Mittelalters. Führt hinunter bis in die Mitte des Flusses, zur
Wasserfalle, die von Ratten wimmelt. In diesen Gang hat im vierzehnten
Jahrhundert der Bischof von Würzburg falsche Priester gestoßen, die in
die Wasserfalle gerieten, bis zum Nabel im Wasser standen und lebendigen
Leibes von den Ratten aufgefressen wurden. Es wird gebeten, diesen Gang
nur bei Lebensgefahr zu betreten.

Der Hauptmann.

Die Räuber tasteten sich den Hauptgang vor, bis zu einem weißen
Mullvorhang, den Oldshatterhand seiner Mutter vom Waschseil gestohlen
hatte. Das einzige, was er hatte beisteuern können. Der bleiche Kapitän
zog den Vorhang zur Seite und ließ seine Leute eintreten, in einen
quadratischen Raum, in dem, von den Räubern aus den Felsen
herausgehauen, Steinbänke waren.

Das war »das Zimmer«.

Die Rote Wolke zündete die Petroleumlampe an, welche von der niederen
Decke herunterhing, und schimpfte: »Die ist wieder nicht geputzt
worden.«

Die großen und reifgelben Trauben wurden sorgsam auf die Holzregale
gelegt, die an den Mauern angebracht waren, und auf denen schon
vielerlei Vorrat aufgestapelt lag: Zigarren in jeder Form und Qualität,
von den Räubern den verschiedenen Vätern gestohlen, lagen, mit
Zigaretten untermischt, in einer Handschuhschachtel beisammen. Daneben
lagen: ein großer, geräucherter Schwartenmagen, Äpfel, Birnen und Eier,
in Reihen geordnet, ein Stoß Stearinkerzen, zwölf Paar von den Räubern
eigenhändig genähte Sandalen aus dickem Rindleder, welches Falkenauge in
dem Ledergeschäft, wo er zum Kaufmann ausgebildet werden sollte,
mitgenommen hatte. Er trug sich mit dem Gedanken, von den ersten zwölf
Büffeln, die er im wilden Westen erlegen würde, die Häute an seinen Chef
zu senden, zum Ersatz.

Die Sandalen waren neu und wurden niemals getragen, aber täglich mit
Schweinefett eingerieben, auf daß sie nicht knarrten, wenn man in der
Prärie die Rothaut beschliche.

Ein leeres Bierfaß stand in der Ecke und ein volles darauf, vom bleichen
Kapitän aus dem Keller seines Bruders mitgenommen. Die Biergläser,
sorgfältig gespült, mit blitzenden Zinndeckeln, hingen darüber auf einem
Zapfenbrett. Der schwarze Erdboden war festgestampft und mit zertrennten
Kartoffelsäcken belegt. Besen und Schaufel und zwölf Vogelstutzen hingen
an der Mauer.

Es herrschte musterhafte Ordnung im »Zimmer«.

Auf einem großen Büchergestell standen, Rücken an Rücken, alle Räuber-,
Indianer- und Seegeschichten, die es überhaupt gibt: Der Bayrische
Hiesl oder Der Herr der böhmischen Wälder, Gesamtausgabe in
zweihundertunddreizehn gelben Heftchen à zehn Pfennige, mit einem
Pechdraht verschnürt. Räuberhauptmann Rinaldini, in ebenfalls
zweihundertunddreizehn Heftchen à zehn Pfennige. Um sieben Millionen
oder Der Schurke von Zanzibar. Das Gespensterschiff von Hauff. Und alle
Indianergeschichten, die der Herr Buchbinder Männlein, der Meister des
bleichen Kapitäns, in seinem Laden führte, standen wohlgeordnet im
gepreßt vollen Bücherregal.

Auf einem kleinen Eckbrett lag für sich allein ein dünnes
Reclambändchen: »Die Räuber. Drama in fünf Aufzügen von Friedrich von
Schiller.« Das Hausbuch der Bande.

Ein alter, großer Revolver lag unter einer Glasvitrine, die früher das
Kruzifix im Schlafzimmer der Witwe Benommen vor Staub geschützt hatte.

Ein mit Totenköpfen verziertes Plakat hing an der Wand. »Heimlicher
Versammlungsort der Räuberbande von Würzburg« stand darauf.

Die Räuber saßen und lagen auf den Bänken.

»Rechnungsführer, bitte die neuen Einkünfte zu registrieren«, sagte der
bleiche Kapitän und stülpte die Lippen nach außen.

Der Schreiber schloß ein Schränkchen auf und nahm Tinte und Feder und
ein Büchlein heraus.

Oldshatterhand kicherte. Er freute sich immer, wenn der Rechnungsführer
an seine Schande erinnert wurde, ein Schreiber zu sein. Was dieser
jedoch mit grimmigem, etwas leidvollem Humor ertrug. »Was bin ich? Ein
Schreiber bin ich, ein Schrieb«, sagte er, »ein Federfuchser, hohaho!«
Und dabei errötete er stets tief.

»Wieviel soll ich registrieren, Hauptmann?« fragte er und sah auf die
Trauben.

»Nun . . . sagen wir viereinhalb Zentner.«

»Viereinhalb Zentner Weintrauben aus den königlichen Weinbergen.
Jahrgang achtzehnhundertneunundneunzig«, notierte der Schreiber. Und
deutete auf eine farbige Eidechse aus der Nymphenburger
Porzellanmanufaktur. »Und diese Eidechse? . . . Gekauft?«

»Mitgenommen«, gab der bleiche Kapitän an. »Schreib auf: ein Kunstwerk,
in Form einer Eidechse.«

»Und das da, Hauptmann?«

». . . Wer hat da gelacht!« brüllte erzürnt der bleiche Kapitän. ». . .
Wenn noch einmal einer lacht, so wird er ausgeschlossen . . . Da wird
ganz einfach ballotiert, mit schwarzen und weißen Kugeln. Und dann ist
er draußen. Dann kann er sehen, wo er hinkommt. Glaubt ihr vielleicht,
wir sind zum Spaß da! . . . Schreib auf: Ein weißer Stallhase, lebend,
gekauft beim Jud Meyerheim, um fünfunddreißig Pfennige.«

Der Stallhase saß auf dem Bücherregal und schnupperte mit der Oberlippe.

Gelacht hatte die Kriechende Schlange. »Der macht uns ja alles voll«,
sagte er, fuhr aber schnell fort: »Morgen ist ein Schnelläufer auf dem
Sanderrasen. Er läuft im Trikot.«

»Da wird hingegangen«, erwiderte der Hauptmann, »wenn ihr wollt«, setzte
er, noch erbost, hinzu. »Morgen mache ich einen Käfig für >Das heilige
Tier<. So heißt von heute an der Stallhase.«

Oldshatterhand schritt zum Tisch, der in der Mitte stand, stellte eine
Rattenfalle darauf und ging, ohne gesprochen zu haben, zurück an seinen
Platz.

Der bleiche Kapitän wandte den Kopf nach ihm hin: ». . . Gekauft?«

». . . Eigentlich geschenkt bekommen, vom Schmied Gottlieb.«

Der Schreiber notierte die Rattenfalle und den dreipfündigen Hecht, den
die Rote Wolke mitsamt dem Blechkasten aus dem neuen Sandschiff des
roten Fischers geholt hatte, und schloß das Büchlein wieder in den
Schrank.

Der große Fisch schnalzte heftig im Kasten.

Der bleiche Kapitän schlug mit einem Holzklöpfel den Hahn ins Bierfaß.
Das donnerte im unterirdischen Gang, wie wenn Felsen gesprengt würden.
Er schenkte die zwölf Gläser voll, zündete zwölf Kerzen an, stellte sie
auf die Regale und verlöschte die Petroleumlampe.

Die Räuber saßen um den Tisch herum, tranken und rauchten.

»O Felli«, sagte Winnetou. Das hieß: Ich bitte ums Wort.

»Sprich«, erwiderte der bleiche Kapitän.

»Würzburg steht in Flammen . . . brennt nieder und ist dem Erdboden
gleichgemacht. Alle Einwohner sind umgekommen. Alle! Auf uns, die einzig
Überlebenden, fällt natürlich der Verdacht. Darum sage ich: wir müssen
ungeheure Vorräte aufstapeln im Zimmer, um uns vier Wochen lang hier
verbergen zu können. Bis die Regierung glaubt, wir seien mitverbrannt.
Nicht der geringste Verdacht fällt auf uns, denn es weiß ja niemand, daß
wir noch leben . . . Dann schicken wir unsere Kundschafter aus und
erfahren alles, was in der zerstörten Stadt vorgeht . . . Und wenn wir
uns dann, als Bauernweiber verkleidet, aus dem Staub gemacht haben, sind
wir verschollen auf ewig.«

Die Räuber saßen vor Begeisterung erstarrt. Winnetou schwieg und lehnte
sich zurück. Die Kerzenflammen standen unbeweglich. Die bleichen
Gesichter hingen wie kleine, dunstige Monde im Zigarrendampf.

»Wir müssen nur immer fest zusammenhalten!« rief Oldshatterhand erregt.
»Oh, im wilden Westen . . . Ihr werdet's schon sehen . . . Wenn einer
von uns in Würzburg bleiben will . . ., um vielleicht eine Frau zu
heiraten, dann soll er's lieber gleich sagen.«

Der bleiche Kapitän drückte Oldshatterhand mit einem Blick in die Ecke:
»Wie du glauben kannst, daß einer von uns so ein dreckiger Feigling ist,
das versteh ich ganz einfach nit.«

Plötzlich sprang wie aus dem Hinterhalt der König der Luft in die Mitte
und rief: »Ich, der König der Luft, lese jetzt vor: das
hundertundsiebenundneunzigste Kapitel aus >Die bleiche Gräfin oder Der
Mord im Walde<. Da sind wir's letztemal stehen geblieben.« Der König der
Luft war Lehrling in einer Drahtgitterfabrik, sehr ehrgeizig und ein
scharfer Rivale des bleichen Kapitäns; er sprang von immer höheren
Mauern herunter, um seinen Ruhm zu steigern und eines Tages die
Hauptmannschaft an sich zu reißen. Er war dünnlippig, braunhäutig und
hatte ein Indianerprofil.

»Wollen wir nicht lieber das Räuberlied singen?« fragte Oldshatterhand.

Da knöpfte der König der Luft energisch den untersten Knopf seines
Röckchens zu, reckte das gelbe Heftchen zur Decke und rief: »Die bleiche
Gräfin!«

»Räuberlied!« brüllten die anderen.

»Also, also Räuber --, also Räuber -- Räuberlied!« rief schnell und sich
überstürzend der König der Luft und stand im Ausfall, die Faust geballt.
Der Rockknopf sprang ab, sein Hals schoß wagerecht vor, und das Gesicht
stand senkrecht. Er mahlte mit den Zähnen und preßte die Lippen schief
zusammen. Seine tiefe Stirnfalte entstand. So hub er an zu singen, und
die Räuber hörten zu.

   »Stehlen, morden, huren, balgen,
   Heißt bei uns nur die Zeit zerstreun.
   Morgen hangen wir am Galgen,
   Drum laßt uns heute lustig sein.
   Stehlen, morden, huren, balgen. Ha!«

Falkenauge sang, das natürliche Auge weit aufgerissen, während das
gläserne tot und interesselos in die Ecke blickte. Der bleiche Kapitän
sang gewaltsam in tiefem Baß und sehr falsch. Und die Lippen der
Kriechenden Schlange waren beim Singen mit Speichelbläschen dicht
besetzt. Die Rote Wolke stellte die Fußspitze nach rückwärts und agierte
pathetisch. Jeder der Räuber sang eine Strophe. Zuletzt kam
Oldshatterhand, der sich sehr frei fühlte, denn beim Singen stotterte er
nicht. Um über seine Kleinheit wegzutäuschen, balancierte er auf den
Zehenspitzen. Er sang mit feiner Mädchenstimme.

Das Bierfaß war leer. Die Kriechende Schlange lag müde zusammengerollt
in der Ecke, und der Kopf des schlafenden Oldshatterhand lehnte gegen
die Schulter der Roten Wolke.

»O Felli«, sagte müde Winnetou.

»Sprich.«

»Es ist Zeit, Hauptmann.«

»Auf morgen denn«, sagte leise der bleiche Kapitän, und sein Kopf sank
auf die Brust.

Die Räuber erhoben sich mühsam, verlöschten die Kerzen, zündeten die
Pechfackel an und stellten gähnend ihre Rockkragen auf.

Das Wasser im Fischkasten gluckste.

Da schlug der betrunkene Schreiber auf den Tisch, daß der weiße Hase,
aus dem Schlafe geschreckt, vom Regal sprang und ängstlich im »Zimmer«
herumhüpfte. Mit einem Ruck riß er sich den Halskragen auf, den rosa
Schlips herunter und brüllte noch einmal seine Strophe:

   »Das Wehgeheul geschlagener Väter,
   Der bangen Mütter Klaggezeter,
   Das Winseln der verlaßnen Braut
   Ist Schmaus für meine Trommelhaut.«

Die Räuber hatten das »Zimmer« verlassen, den Verschlußstein wieder
sorgfältig eingefügt und standen auf dem Bergrücken beisammen.

Der erste Morgenschein lag über der Landschaft. Das Gras war taunaß. Auf
einem Busch saß eine Amsel und pfiff, und ein Eichhörnchen hing still an
einem Lindenstamm, mit einer Haselnuß im Maul, blickte auf die Knaben
und huschte in einer Spirale um den Stamm herum und hinauf ins
raschelnde Laub.

Die Stadt im Tale war in dicken Nebel eingepackt; nur die dreißig
Kirchtürme stachen durch den Nebel und schwarz in den morgenklaren
Himmel hinein. Im Osten hinter der Stadt stand eine zartrosa Wolkenwand.

»Da liegt ein Hobel«, sagte Falkenauge erschrocken, hob ihn auf, beäugte
ihn ganz nahe, roch daran und zeigte ihn still und vielsagend der
Räuberrunde.

»An der Stelle sind wir heut abend die Mauer hinuntergesprungen; da war
der Hobel noch nit dort gelegen.«

»Wie kommt er überhaupt daher.«

»Ein schöner Hobel ist es ja.«

»Was ham wir davon!« riefen ein paar gleichzeitig.

»Wenn uns jemand ausspioniert hat -- no, dann geht's uns krumm.«

Der Schreck war den frierenden Räubern in die Glieder gefahren. Die
übernächtigen Augen waren fragend und gespannt aufeinander gerichtet.

»Dann sind wir verloren!« rief die Rote Wolke pathetisch.

Der bleiche Kapitän schob den Hobel kaltblütig zwischen Rock und Weste.
»Was heißt denn das . . . verloooren!«

Die Rote Wolke stellte die Fußspitze rückwärts und hob die Hand. »Es
wird heißen: Im Herbst des Jahres achtzehnhundertneunundneunzig stattete
die gefürchtete Räuberbande von Würzburg den königlichen Weinbergen
ihren Besuch ab . . . In dunkler Nacht.«

»Blödsinn! Uns erwischen sie nit so schnell. Jetzt gehn wir einmal
heim«, riet der bleiche Kapitän. »Den Hobel nehm ich mit, für unsre
Vorratskammer.«

Auseinanderstrahlend schlichen die Räuber auf allen Wegen den Schloßberg
hinunter.

Oldshatterhand konnte ungesehen in die Küche schlüpfen, wo er auf einem
alten Kanapee seine Schlafstätte hatte. Gespannt beobachtete er seine um
zwei Jahre ältere Schwester, ein skrofulöses Nähmädchen, die auch in der
Küche schlief. Unruhig träumend warf sie sich im Bett hin und her; ihre
bläulichen Lippen bewegten sich, und die schmale Hand hing bis zum Boden
hinunter.

Oldshatterhand legte eine etwas verdrückte Traube für die Schwester auf
den Stuhl, schlich zum Küchenschrank, trank Milch aus dem irdenen Topf
und goß Wasser nach, genau so viel, wie er Milch getrunken hatte. Die
Augen auf die Schlafende gerichtet, entkleidete er sich ganz leise und
ließ sich mit größter Vorsicht langsam aufs knarrende Kanapee nieder.

Der König der Luft traf seinen Vater, einen alten Handlungsreisenden mit
faserigem, grauem Bart, dabei an, wie er seine Sachen ordnete. Der Alte
sah sich um nach seinem Sohn und fuhr still fort, seine Warenproben ins
Köfferchen zu packen. Er war ein verhärmter Mann.

Der Schreiber hatte, bevor er daheim fortgegangen war, die
Wohnungsglocke festgebunden, um nicht gehört zu werden. Wohlgemut
tänzelte er durch seine Gasse, fuchtelte mit dem Stöckchen in der Luft
umher und sang leise: »Das Wehgeheul geschlagner Väter, hohaho! Der
bangen Mütter Klaggezeter«, öffnete die Wohnungstür -- da läutete die
Glocke durchs Haus. Herr Widerschein, ein Schuster, hatte sie
losgebunden und wartete auf seinen Sohn, mit dem Knieriemen in der Hand.
Wortlos nahm er den Schreiber in Empfang und legte ihn über.

Das dünne Stöckchen lag daneben, und der Schreiber ruderte mit Armen und
Beinen.

Winnetou ging, ohne sich in acht zu nehmen, zu Hause durch den
hallenden, dunklen Gang. Vor dem roten ewigen Lichtchen unter der in der
Mauer eingelassenen Mutter Gottes blieb er stehen, den Arm an die Mauer
gelegt, den Kopf auf die Hand. So stand er lange und dachte an gar
nichts. Plötzlich empfand er den Zwang, das ewige Licht zu verlöschen,
so daß tiefstes Dunkel um ihn her wurde. Langsam trat er in sein Zimmer.

Der bleiche Kapitän hatte die Treppe verschmäht und war am Blitzableiter
hinaufgekrabbelt und durchs Fenster in seine Kammer gestiegen.

Die Sonne war aufgegangen und traf die Krone des Kastanienbaums im
Wirtschaftsgarten.

Nackt stand der bleiche Kapitän am Fenster, band erst das rote Tüchlein
vor und übte noch eine Weile ernst und sachlich mit den zwei Bügeleisen.

                   *       *       *       *       *

Am Sonntagnachmittag schritt der rote Fischer in seiner schulheftblauen
Wolljacke, Kopf und Unterlippe grimmig vorgeschoben, energisch auf die
»Altrenommierte Weinstube zu den drei Kronen« los. Gleich darauf klang
sein Schimpfen bis auf die Straße heraus.

Geputzte Weiblein mit großen Gesangbüchern und Rosenkränzen, einzeln,
paarweise und in Reihen, gingen in der Richtung nach der Burkarter
Kirche. Die Sonne schien. Glocken läuteten.

Oldshatterhand saß in der Schloßgasse vor dem einstöckigen Häuschen des
Schusters Widerschein auf einem Handwagen, ließ die Beine baumeln und
blickte hinauf zu den ganz mit Geranienstöcken verstellten kleinen
Fenstern. Manchmal pfiff er vorsichtig, kaum hörbar, den Bandenpfiff:
»Nieder mit der Tyrannei«, und machte leise: »Pst«, worauf die rot- und
weißgefleckte Katze, die zwischen den Blumenstöcken in der Sonne hockte,
den Kopf drehte und die Augen auf Oldshatterhand heftete.

Sonst blieb alles unverändert.

Die Familie Widerschein saß beim Kaffee. »Di di di di quiridi«,
trillerte der Kanarienvogel.

»Pst«, machte Oldshatterhand.

Die Hand des Schreibers erschien, senkrecht gestellt, zwischen den
Blumenstöcken, drehte sich verneinend einige Male im Handgelenk und
winkte dann heftig weg, die Gasse hinunter. Der Schreiber hatte keinen
Ausgang heute.

Auf den Zehenspitzen verließ Oldshatterhand die Schloßgasse, begab sich
zur Bande, die vor dem Friseurlädchen des Herrn Adam Rein versammelt
war, und erstattete Bericht.

Der bleiche Kapitän besprach sich eben mit seinen Leuten, ob er es wagen
solle, sich rasieren zu lassen. Wenn er gegen die Sonne stand, flimmerte
ein zarter Flaum goldig auf seiner Oberlippe.

Entschlossen trat er ein.

»Haarschneiden -- Herr Benommen?«

»Nein . . . Heute nur rasieren.«

»Wie die Zeit vergeht! Ihren Vater rasierte ich dreißig Jahre lang, und
noch Ihren Großvater. Und jetzt sind Sie auch schon so weit. Ja, man
wird alt«, sagte Herr Rein und ließ lächelnd das Messer über die sanfte
Haut des Hauptmanns gleiten.

Strahlend kam der bleiche Kapitän zurück und fragte seine Leute
unwirsch, ob er gut rasiert sei und ob ihn denn der Rein nicht
geschnitten habe.

Der Vater Oldshatterhands schritt vorüber, im peinlich sauber
gebürsteten Sonntagsanzug und mit glänzend gewichsten Stiefeln. Die
Räuber grüßten verlegen. Herr Vierkant legte seinen Zeigefinger an den
Hutrand und lächelte. Sonntags war Herr Vierkant immer in bester Laune.
Ein feines Stäubchen von seinem Ärmel schnellend, schritt er weiter.

Die Bande eilte hinaus zum Sanderrasen.

Ein schneidender Pfiff ertönte: »Nieder mit der Tyrannei«, und heftiges
Keuchen. Sein dünnes Stöckchen über dem Haupte schwingend, kam der
Schreiber nachgerast.

Beim Pferdemetzger Rücken blieben sie stehen. Auf das Ladenschild war
der dampfsprühende Kopf eines Rennpferdes gemalt.

Der Duckmäuser stand vor dem Laden, biß in sein Stück Pferdewurst und
betrachtete dabei die Würste im Schaufenster.

Der König der Luft wieherte wie ein Pferd und schlug aus. Der Duckmäuser
hörte auf zu kauen.

»Herrgott, wie man Pferdemetzger werden kann«, sagte der Schreiber.
»Begreift ihr das? Sein ganzes Leben lang von allen Menschen so
verachtet sein. Ich sag euch, das ist fast so, wie mit den Juden, die
kleine Christenkinder schlachten und das Blut in die Mazze verbacken.«

»Der Jud Meierheim soll's getan haben.«

»Schwindel! Das weiß ich ganz genau, daß das überhaupt niemals ein Jud
getan hat . . . du Rindvieh!«

»I . . . i hahaha!« wieherte der König der Luft.

Der Duckmäuser legte seine Wurst auf den Mauervorsprung.

»Ein Pfeeerdemetzger . . . was soll man jetzt dazu sagen«, rief der
Schreiber und erschrak, denn er hatte Herrn Metzgermeister Rücken
bemerkt, dessen mächtiger Oberkörper in den kleinen Fensterausschnitt
über dem Laden gepreßt war. Auf die kolossalen Unterarme gestützt,
blinzelte Herr Rücken über die Bande weg in den Himmel und ließ das
Grauen der Räuber auf sich wirken.

»Ohaho! Pferdewurst? Ich fresse so viel ihr wollt. Jawohl!« sagte
überzeugend der Schreiber.

Zögernd griff der Duckmäuser wieder nach seiner Wurst.

Der Sanderrasenplatz war von alten Bäumen umstanden. Wenn nicht Soldaten
darauf exerzierten, legten die Bürgersfrauen die Wäsche zum Bleichen
auf. Diesen Sonntag produzierte sich ein Schnelläufer auf dem Rasen.

Um den Platz herum zog sich ein schwarzer Saum erwartungsvoller Menschen
-- ein weißes Kleid hier und da, der Farbfleck einer Bluse.

In der Mitte auf einem Stuhle stand ein Mann in rotem Trikot, einen Fuß
rückwärts gestellt. Mit großer Geste rief er: »Drei Mark demjenigen aus
dem hochverehrlichen Publikum, der eine Stunde mit mir läuft, ohne daß
ich ihn überhole.« Er hatte kurze Beine mit gewaltig hervortretenden
Schenkelmuskeln und einen aufwärts gebürsteten, schwarzen Schnurrbart.

Eine kleine, dürre Frau, mit verhärmtem Gesicht, stand neben dem Stuhl.
Sie war des Schnelläufers Mutter und hielt einen zerknüllten Zinnteller
in der Hand.

Der bleiche Kapitän sah seine Leute an.

»Hohaho! Das machst du, Hauptmann.«

Dem bleichen Kapitän bebten die Lippen, und ein verlorenes Lächeln
zuckte über sein Gesicht.

Da trat er in den Raum.

Und schoß gleich hundert Meter vor, während der Schnelläufer hinter ihm
hertrabte mit zur Brust hochgenommenen Armen, daß sich die Ellbogen vor-
und zurückbewegten, gleichmäßig, wie die Kolben einer Dampfmaschine.

Nach einer Weile war der Hauptmann, mit mächtigen Sprüngen
vornüberstürzend, schon fast eine Runde voraus, angetrieben durch die
begeisterten Draufrufe seiner Bande.

»Der Malefizhundsknoche verdient sich wahrhafti die drei Mark!« rief der
rote Fischer.

Eine Welle der Erregung lief am Menschensaum entlang.

Die Mutter des Schnelläufers hielt unterdessen den Zuschauern ihren
Zinnteller gleichgültig hin und ging gleichgültig weiter, mit stumpfen
Augen, wenn man nicht gab.

Der Hauptmann keuchte, etwas langsamer geworden, an seinen Leuten
vorüber, winkte ihren Draufrufen ab, sah sich nach seinem Rivalen um.
Und war weg.

Der Abstand verringerte sich merklich, der Hauptmann wurde immer
langsamer; der Schnelläufer, stets im gleichen Tempo, holte auf und
überholte, unter knallendem Gelächter des Publikums und besessenem
Draufgebrüll der Bande, den bleichen Kapitän, der nach einer weiteren
Runde vollkommen erschöpft aufgab.

Geräuschlos verließen die Räuber den Kampfplatz.

Der Mann im roten Trikot lief weiter in der Sonne am schwarzen
Menschensaum entlang.

Dem bleichen Kapitän rollten die Schweißtropfen am Gesicht hinunter.
Ohne Atem stieß er hervor: »Der Schnelläufer hat beschummelt! Einen
kleineren Kreis hat er gemacht! Wie wär denn sonst das möglich.«

»Da gehn wir ganz einfach zurück und machen Krach.«

»Ach, laß ihn. Ich pfeif ja auf seine drei Mark.«

»Aber eine halbe Stunde hast du's doch ausgehalten«, sagte der
Schreiber, mit der Uhr in der Hand.

»No wart nur, bis er wieder einmal läuft.«

»Ich schlag vor, daß wir jetzt zum Bäcker Schlauch gehen. Da gibt's
warmen Käsekuchen. Es ist genau vier Uhr, seht. Da kommt er grad aus dem
Backofen raus.«

»Ich hab kein Geld«, sagte Oldshatterhand.

»Aber ich!« rief der Schreiber. »Siebzig Pfennig. Weil ich heut früh für
mein Vater Schuh fortgetrage hab, und da hab ich siebzig Pfennig mehr
für die Reparatur verlangt.«

»Wenn das dein Vater erfährt . . . mei Lieber.«

»Er erfährt's aber nit. O Gott, das mach ich schon seit Jahr und Tag so.
Die Kundschaft frägt mein Vater nit, weil sie's jetzt schon gewöhnt ist,
daß bei mein Vater die Reparaturen so teuer sind.«

Der Bäckermeister und Weinwirt Schlauch war ein frommer Mann, fett und
bleich.

Die Räuber blieben auf der Straße vor der Bäckereiauslage stehen. Der
Schreiber kaufte für sich und die andern sieben Stück Käsekuchen, welche
Herr Schlauch durch das Verkaufsfensterchen den Räubern hinausreichte.
Oldshatterhand ließ sich auf sein Stück noch Zucker nachstreuen.

Da spuckte der Schreiber einen Bissen wieder aus, sah die Räuber an und
sagte: »Der Kuchen schmeckt nach Petroleum . . . Herr Schlauch, der
Kuchen schmeckt ja nach Petroleum.«

Alle reichten unter Protest die halbgegessenen Stücke durchs Fenster
Herrn Schlauch wieder hinein, der sich ängstlich nach seinen
weintrinkenden Gästen umsah und entsetzt den Kuchen beroch. »Petroleum?
. . . Ja, was wär denn das.«

»Versuchen Sie ihn nur selber.«

»Wo schmeckt denn der Käsekuchen nach Petroleum«, sagte Herr Schlauch
erstaunt, weiter mit der Zunge prüfend.

»Tatsächlich, er schmeckt danach, das merkt man doch gleich!« sagte der
bleiche Kapitän überzeugend und verzog das Gesicht. »Wahrscheinlich ist
die Petroleumkanne daneben gestanden.«

»Wa wa wa wa wa!« schrie der Bäcker aufgeregt. »Das gibt's nit!« Und
schob die angebissenen Stücke auf dem Tische herum.

»Also wenn ich Ihnen sag, er schmeckt nach Petroleum . . . Sie müssen
uns neuen Kuchen geben. Wir ham doch bezahlt . . . Schneiden Sie halt
einmal den andern Platz an.«

Zitternd reichte der Bäcker noch einmal sieben Stücke zum Fensterchen
hinaus.

Oldshatterhand ließ sich wieder Zucker nachstreuen. Die Räuber bissen in
den Kuchen . . . »Wahrhaftig! der schmeckt auch nach Petroleum«, sagte
der Schreiber nach einer Weile.

Der Bäcker wurde dunkelrot.

»Ich schmeck nix«, sagte der König der Luft mit vollem Munde und
schluckte hastig.

»Du bist halt ein Rindvieh«, flüsterte der Schreiber . . . »Also, Herr
Schlauch, das gibt's doch nit, daß Käsekuchen nach Petroleum schmecken
darf . . . da müssen Sie uns doch recht geben.«

Sie reichten auch diese halbgegessenen Stücke zum Fenster hinein. Der
Bäcker beroch sie, legte sie hier- und dorthin, türmte sie aufeinander
und sagte endlich zu seiner Frau: »Da, versuch du einmal den Kuchen.«

»Jag die Lausbube weg . . . Der Kuchen schmeckt doch nit nach
Petroleum.«

Der Bäcker knallte das Verkaufsfensterchen zu.

»Machen Sie auf!« Der Schreiber schlug an die Scheibe . . . »Da gehn wir
ganz einfach in den Laden.«

»Ich nit. Mein Vater sitzt drin«, sagte Oldshatterhand bedauernd und
verschwand.

Die Räuber schoben sich drängend durch die Tür, in den Laden hinein.

»Wir wollen ja auch nicht so sein, aber wenn man doch bezahlt«, begann
der Schreiber. »Jesus, wenn sowas bekannt wird!«

Die Wirtin hatte den Atem verloren, blickte, unnatürlich reglos, das
dichte Räubergrüppchen an, während ihr Mann sich zum Regal umwandte, die
Ränder der unangeschnittenen, großen Kuchen ratlos beroch und dabei
heimlich seine still genießenden Gäste beobachtete.

»Heiliger Gott, wenn das die Leut erfahre täten«, sagte der Schreiber
sehr laut in die Richtung, wo die Gäste saßen.

Der bleiche Kapitän drängte sich vor. »Genau betrachtet, müssen Sie uns
unser Geld zurückgeben, natürlich.«

Und während Wirtin und Wirt erlöst und eilig nach der Kasse griffen,
verglich der Kapitän: »Wenn mei Mutter in ihrer Wirtschaft stinkenden
Schwartenmagen verkauft, muß sie'n a zurücknehm. So was ist doch ganz
klar. Ich versteh Sie wirklich nit.«

»Also und, also da hinten hockt er«, flüsterte plötzlich der König der
Luft, der Herrn Lehrer Mager entdeckt hatte. »Also und, ich geh.«

Winnetou war mit Oldshatterhand gegangen.

Vor einigen Wochen hatte Oldshatterhand einen Zwetschgenkern in die Erde
gelegt, auf daß ein Bäumchen daraus werde. Er und Winnetou mußten lange
suchen, bis sie die Stelle wiederfanden. Endlich sah Oldshatterhand ein
streichholzgroßes, zartes Stengelchen, an dem drei herzförmige Blättchen
waren, und rief: »Das ist mein junger Zwetschgenbaum!«

Sie knieten nieder. Um sie herum lagen zerbrochene Töpfe, zerknüllte,
nicht mehr brauchbare Blecheimer, Flaschen, Gipsbrocken, stinkende
Gemüseabfälle. Es war der Schuttablagerungsplatz vor der Stadt.
Oldshatterhands Lieblingsaufenthalt. Ein mit grünem Schlamm überzogenes
Altwasser, in dem es Feuersalamander gab, war auch da, von
Haselnußsträuchern umstanden.

Oldshatterhand drückte das Stengelchen mit dem Zeigefinger vorsichtig
zur Seite und ließ es zurückschnellen. »Es hat schon ziemlich viel
Kraft.«

Sie setzten sich, die Beine auseinandergespreizt und die Fußsohlen
gegeneinander gestemmt, so daß das Stengelchen in der Mitte war.

»Wie lange braucht's, bis was dranhängt«, sagte Winnetou bedauernd und
drückte das Stengelchen auch zur Seite.

Oldshatterhand sah es schon als Baum: »Alles, was er trägt, gehört mir
und dir. Er wächst schnell, hier ist der Boden gut.«

»Es braucht auch viel Sonne und Regen.«

Oldshatterhand sah zum bewölkten Himmel empor und wieder auf das
Stengelchen; er empfand einen Druck über dem Herzen, weil er so klein
bei dem kleinen Pflänzchen saß und die Zeit ihm unüberwindbar schien;
seine Sehnsucht machte einen Sprung, und er sagte: »Wenn ich dann einmal
zurückkehre, als . . . wenn ich dann einmal als ein Fremder zurückkehre
. . . in einem Gummimantel, dann ist es schon ein großer Baum geworden,
der gestützt werden muß.«

»Wir könnten's eigentlich jetzt schon stützen, meinst nit?« fragte
Winnetou und nahm ein Streichholz aus der Schachtel. Sie steckten das
Streichholz zum Stengelchen in die Erde und banden es daran fest. Aber
der Druck wich nicht aus Oldshatterhands Brust. Auch Winnetou sah
nachdenklich drein. Beide dachten jetzt nicht an das Pflänzchen, sondern
in die Zukunft. Das Pflänzchen blieb klein zurück.

Winnetou riß sich zuerst los und sah wieder auf das Pflänzchen. »Wollen
wir? . . . Was meinst du? . . . Das düngt«, sagte er und war auf einmal
fröhlich. Oldshatterhand sah Winnetou erst entsetzt an.

»Wirklich, das düngt«, beschwichtigte Winnetou.

»Du glaubst, man kann das tun? . . . Schaden kann's ihm eigentlich nit«,
sagte Oldshatterhand gedankenvoll, und ein Lächeln entstand in seinem
Gesicht.

Sie standen auf. Die zwei Strahlen kreuzten sich; sie traten zurück, und
die Strahlen trafen das erzitternde Pflänzchen.

Dann gingen sie zur Salamanderpfütze. Darauf schwamm ein breites,
verfaulendes Brett. Andere Holzstücke benützten sie zum Abstoßen und
fuhren mit dem Brett auf dem Wasser herum, bis die Nacht hereinbrach,
worauf sie erhitzt nach Hause eilten.




Zweites Kapitel


Das war plötzlich gekommen. Gleichalterige vierzehnjährige Lehrjungen
hatten aus der Kneipe der Witwe Benommen heraus über die Räuberbande
gelacht, die geschlossen vorbeigegangen war. Der Schreiber machte den
Vorschlag, auch in die Kneipe zu gehen, was bis jetzt für verächtlich
und der Räuber unwürdig gegolten hatte, jedoch einem schon lange
zurückgedrängten Wunsche entgegengekommen war. Seitdem hatten die Räuber
viele Stunden in den Kneipen verbracht, und es galt für eine Ehre,
betrunken zu sein. Des Schreibers Ansehen wuchs, denn er war mit ganzer
Seele dabei und immer betrunken. Die Zusammenkünfte im »Zimmer« wurden
zum Entsetzen Oldshatterhands nicht mehr ganz regelmäßig eingehalten.

Die Räuber lagen auf dem Schloßbergrasen in der Sonne und warteten auf
den bleichen Kapitän. Winnetou kaute nachdenklich Gras.

Der bleiche Kapitän stieg langsam den Schloßberg hinauf; er hatte ein
schmutziges Karl May-Buch ohne Einbanddecke in der Hand. Eine Weile
blickte er schweigend und gespannt auf die Räuber hinunter. »Was glaubt
ihr, daß passiert ist? Das hätt ich niemals gedacht . . . Winnetou ist
erschossen worden.«

»Oh, halt doch's Maul!«

»Da hockt er ja«, sagte der Schreiber lachend und deutete auf Winnetou.

»Ich meine doch den wirklichen Winnetou in den Karl May-Büchern«, rief
der bleiche Kapitän wütend.

»Winnetou ist tot?« fragte Winnetou leise. »Das ist nicht möglich. Wie
soll denn das passiert sein.«

»No, ein paar hundert . . . ich glaub so an fünfhundert Siouxindianer
gegen Winnetou allein! Er ist halt überrascht worden, in einer Höhle,
die nur einen Ausgang hatte . . . Von sechzig bis siebzig Pfeilen ist er
tödlich getroffen worden, weil die Feigling nur immerzu in die Höhle
geschossen ham. Hinein hat sich ja keiner getraut.«

»Ja, aber wo war denn Oldshatterhand derweil? . . . Wie konnt er denn in
so einem Augenblick nit da sein?« fragte Winnetou erregt.

Oldshatterhands Augen und die aller anderen Räuber waren auf den
bleichen Kapitän geheftet.

»Das ist's ja! Der war grad gefangen. Er hat aber schon sowas geahnt und
hat sich befreit vom Marterpfahl . . . Und dann hat er eine ganz
unglaubliche Leistung vollbracht, sag ich euch . . . Tag und Nacht ist
er in einem fort geritten . . . Er ist überhaupt schon nimmer geritten,
sondern geflogen auf seinem >Rih<. Und ist halt doch grad um ein paar
Augenblick zu spät kommen. In Oldshatterhands eigenen Armen ist Winnetou
ein paar Minuten danach gestorben . . . Die letzten Worte Winnetous müßt
ihr les' . . . Ich mag ja gar nix sag . . . Und dann heißt's: Hundertmal
hast du mir das Leben gerettet, mein roter Bruder Winnetou, und jetzt
muß ich zu spät kommen . . . Oldshatterhand hat sogar geweint.«

Die Räuber saßen stumm, mit glänzenden Augen, die den wilden Westen
sahen, die Höhle, in der Winnetou verschieden war.

Oldshatterhand sah eine endlose Reihe wildbemalter Siouxindianer durch
die sonnenfunkelnde Prärie galoppieren -- aber am äußersten Ende, da, wo
Prärie und Himmel sich berührten, stand die Räuberbande, ein kleiner,
schwarzer Punkt -- schußbereit.

»Da kann man jetzt nix mehr mach«, sagte der bleiche Kapitän und reckte
sich auf. »Aber fürchterliche Rache hat er geschworen.«

»Leih mir das Buch bis morgen«, bat Winnetou.

»Das geht auf kein Fall. Ich hab's selber noch nit ausgelesen«, wehrte
der bleiche Kapitän ab.

»Morgen früh geb ich dir's wieder zurück.«

»Morgen früh muß ich's ja schon abliefern, sonst muß ich vier Pfennig
mehr Leihgebühr bezahl . . . Höchstens müßt du's gleich les . . . Wir
gehn jetzt in die Weinwirtschaft >Zum Lochfischer<. Kommst halt nach,
wennst's ausgelesen hast.«

Winnetou griff nach dem Buch.

Die Räuber stiegen den Schloßberg hinunter. Die Sonne war untergegangen.

Der Schreiber trug unter jedem Arm einen hohen Röhrenstiefel, die Herr
Widerschein vorgeschuht hatte. Bei dem Hause des säbelbeinigen
Polizeiwachtmeisters blieb er stehen. »Ich muß erst die Stiefel vom
Wachtmeister nauf trag. Wartet halt auf mich. Ich bin gleich wieder da
. . . Geh mit«, sagte er zum König der Luft.

»Hn!«

»Der frißt dich doch nit.«

»Also hopp! Also wenn du meinst.«

»Glaubst du, daß von den Siouxfeiglingen noch ein paar übrig sind, bis
wir nüberkommen?« fragte der König der Luft auf der Treppe.

Der Schreiber schubste die Röhrenstiefel höher zur Achselhöhle. »Das ist
fraglich . . . Mein Lieber, wenn Oldshatterhand einmal blutige Rache
geschworen hat, dann wird sicher höchstens einer von den Sioux
übrigbleiben . . . Du weißt ja, wie das bei Karl May immer war.«

». . . Verlangst du mehr für die Stiefel?«

»Sei doch still.«

Der Wachtmeister öffnete selbst die Tür. Er hatte sich's bequem gemacht.
Sein Uniformrock hing über dem Stuhle, die meterlange Pfeife lehnte in
der Kanapee-Ecke. Der blaue Tabakrauch stieg vom Mundstück weich in die
Höhe zum säbelschwingenden Türken zu Pferd, der goldgerahmt über dem
Kanapee hing.

»Grüß Gott, Herr Wachtmeister. Mein Vater hat gesagt, drei Mark neunzig
kosten die Stiefel.«

Der König der Luft war bei der Tür stehen geblieben und schnalzte nervös
mit den Daumen.

»Schon fertig?« Der Wachtmeister trat aus dem Pantoffel, stieg in die
lange Röhre hinein und zog und zerrte an den Stulpen. Sein Gesicht lief
blaurot an. Dabei preßte er hervor: »Drei . . . Mark . . . neunzig?«

»Ja, soviel kosten sie, hat mein Vater gesagt.« Der König der Luft
blickte starr vor sich hin.

Der Wachtmeister ging, am einen Fuß den Pantoffel, am andern den
Röhrenstiefel, im Zimmer auf und ab und blickte prüfend zur Decke,
schlenkerte das bestiefelte Bein, beugte sich hinab, drückte mit dem
Daumen auf das Oberleder. »Die sind wieder fest beisammen . . . Richt
einen schönen Gruß aus an deinen Vater«, sagte er und zog den
Geldbeutel.

»Jetzt muß ich erst die drei Mark vierzig heimtrag«, sagte der Schreiber
auf der Treppe. »Die fünfzig Pfennig mehr schaden dem nix . . . Er is ja
Junggesell. Der hat sogar Geld auf der Sparkasse.«

»Warum hast denn nit noch zwanzig Pfennig mehr verlangt.«

»Was glaubst denn, da wär er drauf komme.«

»Hättst halt sag soll, dei Vater hätt dir aufgetragen, die Füß vom
Wachtmeister seien zu groß . . . da brauchet man mehr Leder.«

»Ich hab doch heut schon vier Paar Stiefel fortgetragen . . . Im ganzen
hab ich eine Mark siebzig dran verdient.«

»Hn!«

»Eine Mark siebzig.«

»Eigentlich ein ganz schöner Verdienst.«

»Geb halt das Geld erst später dein Vater«, drängte der bleiche Kapitän
vor dem Hause. ». . . Du mußt von vorne anfangen, dann siehst du selber,
daß eine Rettung absolut nit möglich war«, sagte er zu Winnetou, der
stehend las. »Also, jetzt gehen wir zum >Lochfischer< . . . Komm aber,
wennst's ausgelesen hast!« rief er Winnetou nach, der »Ja, ja, sicher!«
rief und weiterlesend langsam in der Richtung seiner Wohnung ging.

Vor seiner Haustür schob Winnetou das Buch zwischen Hemd und Brust und
wollte in sein Zimmer schleichen.

Die Mutter öffnete die Tür der guten Stube und rief streng: »Da komm mal
her!« Sie war eine hagere Frau mit dunklen Augen. Ein silberner Christus
baumelte an ihrer Brust.

Der junge Kaplan, mit gesundroten Flecken unter den hervorstehenden
Backenknochen, saß, wie immer in seiner freien Zeit, auf dem Kanapee
neben der blassen, schönen Schwester Winnetous. Kaffee, Kuchen, Likör
standen auf dem Tisch.

»Wo hast du das Buch!« rief die Mutter. Winnetou blickte verwirrt auf
die Heiligenbilder, die an allen Wänden hingen.

»Weißt du nicht, was man zu tun hat, wenn man eintritt!«

Winnetou ging zum Weihwasserkessel bei der Tür, tauchte die Finger ein
und schlug das Kreuz.

»Nun?«

Zögernd ging er zum Kaplan und gab ihm die Hand. »Gelobt sei Jesus
Christus.«

»In Ewigkeit, Amen . . . Was ist es denn für ein Buch?« fragte der
Kaplan und nippte vom Likör.

». . . Wirst du dem Herrn Kaplan Antwort geben! . . . Hochwürden
verzeihen.« Sie tastete Winnetou ab und zog das Buch hervor.

Der Kaplan blätterte im Buch und las vor: »Oldshatterhands Eisenfaust
hatte die Rothaut getroffen. Ohne einen Laut von sich zu geben, sank der
rote Mann tot zu Boden.«

Winnetous blasse Schwester sah still vor sich hin.

»Solche Lektüre darf man Kindern nicht in die Hände geben, Frau
Steinbrecher . . . Denken Sie an die entwendete Schultinte.«

Frau Steinbrecher wurde blutrot. »Von wem hast du das Buch!«

»Vom bleichen . . . von Oskar Benommen.«

Die Mutter legte das Buch neben die Mutter Gottes auf die gehäkelte
Decke, welche über die polierte Kommode gebreitet war. »Morgen gehe ich
mit dem Buch zu Frau Benommen . . . Vorwärts!«

Winnetou sah seine Mutter entsetzt an.

»Wird's bald!«

Langsam ging er zur Kommode, nahm aus der Schublade ein Lineal aus
Eichenholz und reichte es der Mutter. Scham verdunkelte Winnetou den
Blick; das Blut war ihm hinter die Augen getreten, als er die Hand
vorstreckte.

»Jetzt komm!« rief die Mutter nach der Züchtigung und führte ihn am Arm
hinaus, hinauf in sein Zimmer. Ihr Gesicht war weiß, die Augen schwarz
geworden. Plötzlich schlug sie Winnetou ins Gesicht und verließ wortlos
das Zimmer. Die Tür verschloß sie.

Der Kaplan spielte mit den weißen Fingern von Winnetous Schwester, die
zart errötend ihm die Hand überließ.

Als die Mutter eintrat, nippte er vom Likör.

Winnetou saß auf dem Bett, seine Scham hatte sich zu Entsetzen
gesteigert. Zugleich empfand er so heftigen Abscheu gegen die Mutter,
daß er abwehrend die Hände ausstreckte. Die nicht abgewischten Tränen
trockneten. Die Gesichtshaut spannte.

Winnetou schlief ein und träumte sofort, daß der Kaplan in fliegender
Soutane hinter ihm her durch den Klostergarten stürze, die langen Hände
nach ihm ausgestreckt. Die Mutter stand erhöht und deutete: »Dort
. . . dort.«

Mit einem entsetzensvollen Schrei erwachte er. Die Mutter war
eingetreten. Sie stellte den Teller mit Wurstbrot auf den Tisch und
verließ, ohne gesprochen zu haben, das Zimmer wieder.

Winnetou hörte, wie sie zuschloß, und richtete sich automatisch auf. Er
hatte die Empfindungsfähigkeit vollkommen eingebüßt, die erst allmählich
sich wieder einstellte, in Form von Schwindelgefühl und Verlorenheit.
Ohne etwas zu sehen, waren seine Augen auf den alten Stahlstich
gerichtet, der Christus am Kreuz vorstellte. Der Christus hatte
altersgelbe Flecken und Streifen; er war beim letzten Umzug oben auf dem
Wagen gelegen und eingeregnet worden.

Flüchtig dachte Winnetou daran, daß die beim »Lochfischer« versammelten
Räuber auf ihn warteten, und blieb reglos hocken.

Es war Nacht geworden. Winnetou stand auf vom Bett, trat ans Fenster und
sah, daß der Kaplan Arm in Arm mit der Schwester im Garten spazieren
ging.

Er wartete, bis das Paar zwischen den Büschen verschwunden war, stieg
aufs Fenstersims und kletterte am Weinstock hinunter, der die ganze
Südwand des Hauses bedeckte.

Die Räuber hatten sich beim »Lochfischer« um einen langen Tisch
herumgesetzt.

Die Stube war drei Tische und einen Kachelofen groß und so niedrig, daß
der rote Fischer, der eben eintrat, mit seinem Haupthaar das
pfeildurchstoßene rote Stuckherz der Mutter Gottes an der Decke
streifte.

Er setzte sich an den Tisch zum Wirt und zur Wirtin, die auf dem Schoße
ihren alten Schnauz und über ihm die gefalteten Hände liegen hatte.

Am dritten Tische saß Herr Spenglermeister Hieronymus Griebe und aß
bedächtig eine Portion gebackene kleine Fische, deren Köpfchen er immer
seinem Sohne, dem Duckmäuser, auf den Teller legte.

Die Räuber sahen mit unverhohlener Verachtung auf den gleichaltrigen
Duckmäuser, einen großen, kräftigen, immer hungrigen Burschen, blond,
mit Pickeln im Gesicht, der täglich in die Kirche lief, fleißig ins
Geschäft, mit anderen Jungen nicht verkehren durfte und stark stotterte.
Er wagte nicht, die Räuber anzusehen, die er fürchtete und haßte, weil
sie ihm den Namen »Duckmäuser« gegeben hatten.

Herr Hieronymus Griebe gab seinem Sohne jetzt gleich drei Fischköpfchen
auf einmal, die sofort in des Duckmäusers Mund verschwanden.

Die von allen Mitgliedern der Räuberbande aus gehöriger Entfernung
verehrte blonde Kellnerin mit den sanften Augen stellte freundlich die
frischgefüllten Weingläser auf den Tisch und sagte singend: »Nooo, seid
ihr auch wieder einmal da.«

Die Räuber lächelten befangen.

»Heiland der Welt! Das Fischsterbe! Der ganze Mee schwimmt voll
verreckte Fisch. Heiliger Kilian! I wenn wüßt, wer mir's Wasser so
versaut.«

Der Wirt zwinkerte mit dem einen Auge dem Fischer zu und zuckte
verächtlich mit dem Kopf einmal zur Seite: »No, wo wird's herkumme, d'r
Michl läßt halt 'n ganze Drääk vo seiner Färberei ins Wasser läff.« Er
drückte mit den Händen seinen schweren Körper in die Höhe und trat zu
den Räubern. »Was wird's sei, d'r Drääk vo d'r Färberei is.«

»No, da soll aber doch weeß d'r Teufl was alles neischlag! Läßt der
Hammel sei Farbsoß wied'r ins Wasser läff? Wied'r?«

»Jau«, winkte der Wirt ab, »die alte G'schicht . . . Grüß Gott, meine
Herrn.« Die Hände auf die Stuhllehne gestützt, sah er lächelnd auf die
Räuber hinunter. Verächtlich zuckte er noch einmal mit dem Kopf
seitwärts zum Fischer hin: »Die alte G'schicht! . . . No, Herr Vierkant,
wo is denn der Vater. Der hat sich a scho lang nimmer bei mir seh lass.«

Oldshatterhand schüttelte verlegen den Kopf. »Ich weiß nit, wo er is.«

»Ein guter Tropfen«, sagte der bleiche Kapitän, zwang sich, gleichgültig
zu trinken, und stülpte die nassen Lippen nach außen.

Der Wirt lächelte. »No, Herr Widerschein.« Er legte dem Schreiber die
Hand auf die Schulter.

»Mei Vater is daheim und arbeit, weil er so viel zu tun hat«, sagte der
Schreiber sehr schnell.

»So, so . . . No, lasse Sie sich's nur schmeck, mitnander . . . Gretl!
'n Herrn Widerschein sei Glas is leer«, sagte der Wirt und ging nach
hinten zu seinem Schanktisch.

Die verlegenen Räuber wagten nicht, einander anzusehen. »Beim
>Lochfischer< müssen wir Stammgäst werden«, sagte der bleiche Kapitän.
Alle stimmen freudig zu. Plötzlich verstummt, blickten sie zur Tür. Ein
eleganter Handlungsreisender aus Berlin war eingetreten; er schlug die
Hacken zusammen gegen die Wirtin, gegen den Fischer, gegen Herrn
Hieronymus Griebe, gegen den Räubertisch und fragte: »Hören Sie mal,
kann man hier Fische bekommen? Gibt es hier Fische? Frische Fische?«

Der rote Fischer wandte sich schwerfällig um, sah den Berliner an,
deutete auf einen Stuhl: »No, da setze Sie sich nur erst amal, Fisch
kriege Sie dann scho, soviel Sie brauche«, und wandte sich zurück zum
Tisch.

Der Schreiber deutete auf die Schuhe des Berliners. »Die hab ich ihm
erst heut früh gebracht. Sohle und Absätz aufrichten«, flüsterte er.
»Der Herr kommt jedes Jahr einmal nach Würzburg, und da läßt er sei
Schuh bei mein Vater mach.«

Der Berliner stand noch, auf gespreizten Beinen, die Hände in den
Hüften, und betrachtete das rote Herz der Mutter Gottes an der Decke,
sah sich erstaunt um, rief dem Wirt erfreut zu: »Enormjemütlich!« und
las laut den gerahmten Spruch an der Wand:

   »Ob ich morgen leben werde,
   Weiß ich freilich nicht,
   Daß ich aber, wenn ich lebe,
   Trinken werde, das ist ganz gewiß.«

Der Wirt lächelte. Die Wirtin setzte ihre Brille auf die Nasenspitze und
begann an einem roten Strumpf zu stricken.

Der Wirt stellte Wein auf den Tisch für den Berliner, der sich zwischen
den Fischer und die dicke Wirtin setzte und einen Karpfen bestellte.
»Isterfrisch?«

»He?«

»Ist der Fisch frisch?«

»No, wenn Sie 'n so frisch in Bauch nei kriege, wie er is, bekommt er
Ihne schlecht«, sagte der Wirt und hielt dem Berliner einen zappelnden
Karpfen unter die Nase.

»Was glaubt denn deer«, sagte der Schreiber laut.

»Bei euch in Berlin scheine die Fisch für gewöhnli zu stinke«, meinte
der Fischer.

»Kolossaler Irrtum! Berlin steht in hygienischer Hinsicht tadellos da.
Größter Seifenverbrauch usw.«

»No, was wolle Sie denn dann. Glaube Sie, wir wisse nit, was Säfe is?
Säfe könne Sie bei uns in jedn Kolonialwarelädele käff.«

Der Glasermeister Johann Jakob Streberle kam, ein noch sehr junger Mann,
der erst kürzlich von seinem verstorbenen Vater die Glaserei geerbt
hatte, und setzte sich an den Tisch dazu. Der Schnauz kläffte ihn wütend
an. »Was hat denn der Verrecker«, rief Johann Jakob Streberle und
lachte, wobei »zs-zs«-Laute ertönten und Speichel zwischen seinen
glänzenden Zahnreihen durchspritzte, denn er hielt sie beim Lachen
geschlossen. »Da, schau sie an, die Lausbube. Wie wir so klein warn, sin
wir schö derhem gebliebe. Nit amal 's Geld hätte mir g'habt. Besuffe sin
sie a no.«

Der Wirt trommelte nervös auf der Tischplatte.

»No, was mi angeht«, antwortete der Fischer, »i hab's grad so gemacht
. . . Laßt sie doch sauf. Ihr Alter wird ne scho 'n Arsch aushaue,
wenn's nöti is. -- I glaub als, dir hockt er halt wieder, Streberle,
weil's mit der Brautschau Wasser war.«

»No, allemal!« rief der Schreiber.

»O Gott, Brautschau! Mädli, Mädli mit Geld krieg i, so viel i will«,
sagte der Glasermeister speichelspritzend.

Die Räuber verhielten sich ganz still. Ihre Wangen waren gerötet: der
Schreiber hatte einen Liter Most bezahlt. Oldshatterhand klimperte leise
auf der Gitarre. »Doch! Jetzt singen wir«, flüsterte er. »Hopp!«

»Gretl, _noch_ ein Maß«, sagte der Schreiber. Sein Gesicht glühte.

»Ooo, Herr Widerschein, Sie sind einer«, sang das blonde Mädchen.

»Diese Jungens! Diese Jungens! Trinken wie die alten Deutschen, immer
noch eins. Bringen Sie den Jungens einen Liter Wein auf meine Rechnung«,
sagte der Berliner.

»O Gott, Mädli, Mädli mit Geld, so viel i will!«

»Einfach weil's Wasser war mit der Brautschau«, sagte plötzlich der
Schreiber, stand schaukelnd auf und sang, die Melodie von »In einem
kühlen Grunde« unterlegend, immer nur den Namen des unbeliebten
Glasermeisters:

   »Johann Ja--a--kob Streeeberle,
   Johann Stre--e--berlee -- -- --«

die ganze Melodie durch. Der Schreiber war vollkommen betrunken. Der
Fischer verschluckte sich vor Lachen. Johann Jakob Streberle spritzte,
gezwungen lachend, Speichel zwischen seinen geschlossenen Zahnreihen
durch und blickte wütend zu den Räubern hin.

»No, jetz is aber genug«, sagte der Wirt und lächelte vergnügt.

Das Mädchen brachte den Räubern den Wein des Berliners. Oldshatterhand
beugte sich auf die Tischplatte, zischte verhalten: »Also hopp! . . .
Los!« Und fing mit verzweifeltem Mute allein an zu singen mit hoher
Mädchenstimme: »Nieder mit der Tyrannei!« Worauf die anderen sofort
einsetzten, daß der Berliner seine Gabel fallen ließ:

   »Hoch leb die Anarchie!
   Es lebe der Achtstundentag,
   Die Ruh, die Republik!«

Johann Jakob Streberle schüttelte mißbilligend den Kopf. »Bezahle Sie
doch dene Lausbube nit a no Wein, sonst mache sie nur Dummheite . . .
Die ham sowieso scho genug auf'n Kerbholz . . . Ja, ja, wartet nur,
Bürschli«, schloß er geheimnisvoll.

»Was wolle denn Sie von uns«, rief der Schreiber.

»Was ich von euch will? . . . Oh, das werdet ihr schon no sehn.«

»Was der will . . . Sie können uns gar nix anhab.«

Da umklammerte der bleiche Kapitän den Arm des Schreibers. »Pst! Sei
still!« flüsterte er und duckte das Gesicht auf die Tischplatte. »Wißt
ihr, was auf dem Hobel steht?«

»Auf was für'n Hobel?«

»Aha! Hat's euch scho?« rief Johann Jakob Streberle, weil alle Räuber
das Gesicht horchend auf die Tischplatte duckten.

»No, auf dem Hobel, den wir letzthin auf'n Schloßberg g'funde ham. J. J.
St. steht darauf«, flüsterte der bleiche Kapitän. »Der Hobel gehört dem
Streberle; der Kerl hat uns sicher nachg'schnüffelt.«

Die Oberkörper der Räuber richteten sich auf. Alle blickten zum
Glasermeister hin.

»Gelt, ihr wißt scho, daß nit alles sauber is. I will aber gar nix
g'sagt hab.«

»Sie wisse nix . . . gar nix«, sagte der Schreiber.

»Wenn wir ihm sein Hobel wiedergebe, hält er vielleicht sei Maul«,
flüsterte der bleiche Kapitän.

Der Glasermeister schnellte in die Höhe. »Sooo . . . _ihr_ habt mein
Hobel! Mein Hobel habt ihr a no!« Er sprang an den Räubertisch.

»Wolle Sie was von uns!« Der Schreiber war in die Höhe gefahren. Der
Schnauz kläffte. Alle Räuber standen.

Da trat Winnetou ein.

Der bleiche Kapitän klärte Winnetou hastig auf.

»Sie ham uns also ausspioniert . . . Alle sind gemein . . . Wissen Sie,
was Sie sind? . . . Ein gemeiner Spion sind Sie«, sagte Winnetou laut
und setzte sich.

Der Glasermeister hob die Faust. Der Wirt sprang dazwischen. »Ruh jetzt!
. . . Macht euer Sach wo anders aus. Und Sie, Sie lasse die junge Leute
in Ruh.«

»Ihr Gauner!« Er versuchte den Wirt zur Seite zu drängen. Hoheitsvoll
sah der Wirt den Glasermeister an. »Setzen Sie sich auf Ihren Platz
. . . Dort ist Ihr Platz!« sprach er hochdeutsch.

»No ja, aber hat's denn scho so was gebe. Jetzt sagen Sie selber . . .
Wir Männer -- -- --«

Aber der Wirt ließ sich auf nichts ein.

Auch die Räuber setzten sich.

Herr Hieronymus Griebe trank schnell sein Glas aus, hielt es gegen das
Licht und reichte es seinem Sohn, der das leere Glas eine Weile
senkrecht zwischen die zur Decke gerichteten Lippen hielt und energisch
sog. Herr Griebe zupfte seinem Sohn den Anzug zurecht und verließ mit
ihm eilig die Weinstube.

»I wer mir mei Gäst vertreib lasse.«

»No, jetzt sage Sie selber.«

»Streberle, i will gar nix wiss.«

»Großartig! Ist das nicht der Junge vom Schuhmachermeister Widerschein«,
fragte der Berliner den Fischer.

»Das is 'n Widerschein seiner.«

»Ich lasse mir nämlich immer meine Schuhe von Herrn Widerschein
reparieren . . . Bedeutend billiger als in Berlin.«

»Ja, Berliiiiiiin!«

»Ist aber hier in Würzburg auch nicht mehr so billig wie früher . . .
Vier Mark für Sohlen und Absätze erhöhen.« Der Berliner nahm sein Glas
in die Hand.

»Was? . . . Erhööööhen?«

»Flecke auf die Absätze.«

»Ah so! No, i zahl beim Widerschein alleweil no zwä Mark und dreißig
Pfennig für Sohle und Absätz. Seit zwanzig Jahr.«

Der Schreiber horchte gespannt.

»Aber hörn Sie mal!« Der Berliner stellte das Glas zurück, ohne
getrunken zu haben. »Da muß ich doch morgen gleich einmal zum Meister
gehen . . . Gleiche Preise für alle! Das ist mein leitendes Prinzip
. . . Ich bin Reisender.«

»Mei Fisch kriegt a jeder ums selbe Geld . . . Wer bezahlt, kann Fisch
hab.«

»Hörn Sie mal, junger Mann, sagen Sie Ihrem Vater, ich käme morgen zu
ihm . . . Es ist ja nur eine prinzipielle Sache bei mir.«

Die Räuber blickten vom Berliner zum Schreiber, der nervös auf dem
Stuhle herumrutschte. »Es kann sei, daß mei Vater morgen gar nit daheim
is. Weil er Schuh nach Höchberg trägt.«

»Wissen Sie, in Berlin herrscht das Prinzip: Reelle Arbeit -- reelle
Preise. Daher der Aufschwung. Das ist auch meine Weltanschauung.«

»Ja no, das Solide is no alleweil das beste.«

»I geh jetzt a bißle ins Eckertsgärtle zum Kegeln«, sagte Johann Jakob
Streberle und erhob sich.

»'n Streberle dürfen wir heut nimmer aus die Auge lass. Wir müsse doch
rauskrieg, was er vor hat«, sagte der bleiche Kapitän, als der
Glasermeister gegangen war.

»Solide -- reell . . . das hatte Deutschlands Aufschwung zur Folge, seit
dem Kriege siebzig/einundsiebzig.«

»Wie heut erinner i mi no. Damals, wir Bayern vor Paris . . . Wir sind
in einem Dorf gelege -- --«

»Hör'n Sie mal!« unterbrach der Berliner: »Die Preußen -- -- -- -- --«

                   *       *       *       *       *

Auf der Straße sahen die Räuber in einer Schmiede Feuer auf der Esse
lodern. Der geschwärzte Schmiedegesell, der unverhofft eine dringende
Reparatur hatte ausführen müssen, trat eben aus der Werkstatt und sah in
den Himmel hinauf nach dem Wetter. Der betrunkene Schreiber lallte: »Mir
ist jetzt alles gleich«, trat auf den Schmied zu, starrte ihm in die
Augen und rief streng: »Wissen Sie nicht, daß es verboten ist, am
heiligen Sonntag zu arbeiten!«

»Gehst weg! Knirps! Sonst fängst eine«, rief erbost der Schmied.

»Hau mal her!«

Der Schmied hieb ihm eine kräftige Ohrfeige herunter.

»Hau no mal her!!«

Er hieb ihm wieder eine herunter.

»Hau no mal her, wennst Kurasch hast!!!«

Der Schmied gab dem Schreiber noch eine fürchterliche Maulschelle und
ging in seine Werkstatt zurück.

Die Räuber gingen die Straße vor bis zum »Spitäle«. Alle waren etwas
angetrunken, bis auf Winnetou, der einige Schritte seitwärts
nachdenklich nebenher ging.

Die Räuber sahen auf das beleuchtete Ziffernblatt, zogen ihre
Taschenuhren und verglichen die Zeit. Es war gegen zehn Uhr.

»Ich hab's euch ja g'sagt, es war ein Mann dagestanden. Ich hab'n genau
g'sehn.« Falkenauge drehte sich aufgeregt im Kreis der Räuber herum und
deutete zur Festung.

»Hast halt auch amal was g'sehn«, sagte der ernüchterte Schreiber.

»Ja, also los! Wir müssen jetzt ins Eckertsgärtle!« rief der bleiche
Kapitän. »Ich werde dem Streberle sagen: wenn Sie's Maul halte, kriege
Sie Ihren Hobel wieder. Denn das wär ja . . . wenn der uns anzeiget
. . . ich weiß ja gar nit, was da wär.«

Mit jedem Schritt, den die Räuber den Brückenberg hinaufgingen, wuchsen
die Sandsteinheiligen der Brücke und die Kirchtürme höher in den
Sternenhimmel, bis zuletzt die ganze Stadt vor ihnen lag.

»Wollen wir nicht lieber ins >Zimmer<«, fragte Oldshatterhand. »Wir
zünden die zwölf Kerzen an, das ist doch schöner.«

»Hohaho!« rief der Schreiber. »Oldshatterhand hat Angst, in die
Wirtschaft zu gehen.«

»Angst? Was hat denn eine Wirtschaft mit den Indianern zu tun?«

»Haben denn Kerzen was mit den Indianern zu tun?«

»Kerzen? -- Kerzen haben was mit Indianern zu tun.«

»Also der spinnt!« Der König der Luft, der beim Fortgehen in der Küche
den Knochen einer Kalbshaxe mitgenommen hatte, kletterte am heiligen
Kilian hinauf und gab ihm den Knochen in die Faust, in der früher einmal
ein Kreuz gesteckt war. Wochenlang hielt, das Gesicht ekstatisch
himmelwärts gerichtet, der heilige Kilian die Kalbshaxe in der Faust,
und neben ihm streckte der heilige Totnan, den Versucher abwehrend,
erhaben die Hände gegen den Knochen aus.

Der König der Luft kletterte wieder herunter, bis auf das
Brückengeländer, und fing an, mit großer Vorsicht darauf zu laufen; die
Räuber folgten seinem Beispiel: mit den Armen balancierend, liefen sie,
eine lange, dunkle Reihe, langsam auf dem schmalen Steingeländer über
die ganze Brücke, warfen die Arme wildschreiend in die Höhe und sprangen
wieder auf das Pflaster.

Oldshatterhand war stehen geblieben und wandte sich um zur Festung.
Plötzlich schwang auch er sich auf das Geländer, schloß die Augen -- und
rannte los, im Galopp. Die Bürger standen entsetzt, atemlos; die Räuber
geduckt, sprungbereit, und wagten, vor Angst, Oldshatterhand würde in
die Tiefe fallen, keinen Warnlaut von sich zu geben, bis Oldshatterhand
bei ihnen angelangt war und herunter in Sicherheit sprang.

Die Räuber waren bleich, wie wenn Oldshatterhand vom Tode zurück zu
ihnen gekommen wäre; und in Oldshatterhands Innern drohte auch jetzt
noch, da die Gefahr schon überstanden war, das Unbekannte, das ihn schon
öfter gezwungen hatte, Lebensgefahr aufzusuchen.

Die Wirkung dieser Tat auf die Räuber war eine von Schauern begleitete
Ergriffenheit.

Klein und flammend schritt Oldshatterhand in ihrer Mitte.

Die Räuber waren von den anderen Knaben gefürchtet und verkehrten seit
Jahren nicht mit ihnen. Sie waren eine kompakte Masse, mit der Streit
anzufangen ein Knabe sich hüten mußte. Die Furcht spielte sogar ein
wenig, zu einer Art ärgerlichem Respekt geworden, zu den Erwachsenen
hinüber, die manchen gefährlichen Streich der Bande erfahren oder
mitangesehen hatten. Ihr Ansehen machte die Räuber frech und ließ sie
gefährlicher erscheinen, als sie waren. Das galt nur für die
Einheimischen. Deshalb hatten die Räuber auch aus reinem
Nichtbegreifenkönnen untätig zugesehen, wie der neuzugereiste Schmied
den Schreiber verprügelt hatte, als wäre dieser nur ein halbwüchsiger,
frecher Bursche, und nicht Mitglied einer gefürchteten Vereinigung.

Erst jetzt bemerkten die Räuber, daß Winnetou zurückgeblieben war, und
warteten beim Vierröhrenbrunnen auf ihn.

Winnetou stand reglos auf der Brücke hinter einem Heiligen und starrte
zum Fluß hinunter; im fließenden Wasser sah er die gute Stube, die
Mutter, wie sie ihn vor dem Kaplan prügelte, und empfand haßerfüllt den
Drang, sich hinunter in die gute Stube im Wasser und auf den Kaplan zu
stürzen. Er preßte die Fäuste an die Schläfen, sein Oberkörper beugte
sich übers Geländer, die Füße verloren den Boden. Schon schwebend,
drückte er sich mit den Knien im letzten Augenblick wieder zurück und
schaukelte mit einem gellenden Schrei gegen den Heiligen. Langsam ging
er den Räubern nach.

Der bleiche Kapitän erinnerte daran, daß man erst zum Stadttheater gehen
und die Rote Wolke abholen müsse, der als Statist mitwirkte in »Wilhelm
Tell«, und schloß ärgerlich: »Wenn man amal sei Leut braucht, dann muß
man sie erst in der ganzen Stadt zammtromml.«

Die Räuber standen vor dem Bühnenausgang, blickten auf die erregt
Gestikulierenden und auf die vor Erregung stillen jungen Leute, die aus
dem Hauptausgang strömten, und, stumm geworden, auf das elegante Paar,
das in die einzige Droschke stieg.

Im dunklen Bühnenausgang erschien die Rote Wolke und blieb
zurückweichend stehen. »Und frei erklär ich alle meine Knechte!« rief er
und breitete die Arme aus. ». . . Vorhang.« Sein Mund blieb offen, rund
und schwarz.

»Du, der Streberle hat uns ausspioniert und will uns verrat.« Alle
redeten auf ihn ein.

»Ja, es ist ohne Beispiel, wie sie's treiben!«

»Was ist ohne Beispiel?«

»Wie sie's treiben!«

»Jetzt halt doch's Maul!«

»Theater! Theater! . . . Diese Pracht!«

»Also Wolke, ich sag dir, der Hobel is noch das Einzige, was uns retten
kann.«

»Im Volk mitgemacht . . . Fünfundzwanzig Pfennig hab ich kriegt . . .
Aufruhr! Mut! Freiheit!«

»Ach, laßt ihn . . . Wir wern scho fertig mit dem Streberle. Wir müssen
nur zusammenhalten.«

»Wir halten zusammen!« rief die Rote Wolke begeistert.

Die Knaben waren sehr erregt und zu allem möglichen bereit, als sie in
dem vor der Stadt liegenden Wirtschaftsgarten, dem »Eckertsgärtle«,
anlangten, was gleich dadurch zum Ausdruck kam, daß der bleiche Kapitän
für alle zusammen eine »Liesl« Bier bestellte, einen hohen Krug, der
zwei Liter faßt, und aus dem nur mit Hilfe _einer_ Hand zu trinken die
Ehre verlangte.

Johann Jakob Streberle beobachtete die Räuber verärgert und lächelte
manchmal schadenfroh, während er mit einem Trainsoldaten sprach, zu dem
er sagte, er solle die Lausbuben auffordern, mitzukegeln, weil sonst
kein Spiel zustande käme.

Mit aller Energie die Erregung zurückdrängend, die bei Beginn des
Preiskegelns die Räuber erfaßt hatte, griffen sie gleichgültig immer
nach der schwersten und größten Kugel. Vor allem Oldshatterhand, der vor
jedem Schub dem bleichen Kapitän, der Roten Wolke, der Kriechenden
Schlange zuflüsterte: »Ich muß einen Preis holen. Einen muß ich holen.
Vielleicht den ersten!« Er hatte seine letzten zwanzig Pfennige
eingesetzt.

»Der andere kommt!« rief der Glasermeister der Kriechenden Schlange zu.

»Das brauche Sie doch bloß zu sagen.«

»Ich hab's ja g'sagt.«

Der König der Luft ließ sich beim Schieben in tiefe Kniebeuge nieder,
rief: »Weg da! Weg da! Weg da!« auch wenn ihm niemand im Wege stand,
mahlte mit den Zähnen, schockte die Kugel nervös in den Händen herum,
schleuderte sie hinaus -- und schoß in die Höhe auf die Zehenspitzen.
Die tiefe Stirnfalte war da. Mit schiefgezogenem Mund rief er jedesmal:
»Die Dreckbahn fällt nach links ab«, wenn er nichts getroffen hatte.

Der bleiche Kapitän holte die große Kugel mit _einer_ Hand aus dem
Kasten, hüstelte gegen den Glasermeister hin in tiefem Baß und jagte die
Kugel hinaus. Johann Jakob Streberle dagegen nahm sehr kleine Kugeln,
zielte genau und traf immer. Speichel spritzte zwischen seinen
glänzenden, geschlossenen Zahnreihen durch.

Die andern Mitspieler, der Trainsoldat, ein paar Infanteristen und der
Schmied Gottlieb, der Oldshatterhand die Rattenfalle geschenkt hatte,
waren von der innigen, begeisterten und am Ende auch noch zu den Preisen
führenden Hingabe der Räuber an das Spiel schon nervös geworden. Sie
schimpften, wenn Falkenauge immer wieder das Anschubbrett absuchte, ein
Sandkörnchen davon aufpickte und, wenn die Kugel abgelaufen war, auf den
Zehenspitzen stehend, die Arme ausgebreitet, die Finger gespreizt, in
höchster Spannung jede Drehung der Kugel mitzumachen schien, wobei sein
weitaufgerissenes Auge der Kugel nachstarrte, während sein Glasauge
interesselos und tot irgendeinen Mitspieler ansah.

Die Räuber pürschten sich immer näher an die ersten Preise heran; die
Begeisterung wuchs, und die geröteten Gesichter zuckten in dem von
Hitze, Bierdunst und Zigarrenrauch erfüllten Raum umher. Die
Angelegenheit mit Johann Jakob Streberle hatten sie halb und halb
vergessen. Nur der besorgte bleiche Kapitän nicht, der auf den
Glasermeister zutrat und schon den Mund öffnete, um zu sagen, daß er den
Hobel auszuliefern gedenke.

Da tat Oldshatterhand einen Schub, der von Johann Jakob Streberle, den
Soldaten und vom Schmied Gottlieb für ungültig, dagegen von den Räubern
unter empörten Ausrufen einstimmig für gültig erklärt wurde.

Oldshatterhand, bange um seine eingesetzten zwanzig Pfennige, rief dem
Schmied erregt zu: »Sie lügen ganz einfach. Das wissen Sie ganz genau.
Sie Lügenbeutel!«

Und während Johann Jakob Streberle durch einen wohlgezielten Schub mit
einer nur faustgroßen Kugel sich den ersten Preis sicherte und damit das
Spiel beendete, griff Schmied Gottlieb, ein zwei Meter hoher Mann,
vollblütig und herzkrank, sehr gutmütig, immer betrunken und ein
ausgezeichneter, gesuchter Hufschmied, nach Oldshatterhand -- die
Räuberbande stürzte auf den Schmied, und die Soldaten auf die Räuber.
Der Wirt und sein Hausknecht kamen gesprungen und verschwanden im
Menschenknäuel.

Keuchen, erhobene Maßkrüge, Schreie -- Scherben. Der Schreiber wankte.
Falkenauge griff sich ins Gesicht -- und griff ins Loch; durch einen
Faustschlag, zum Glück nicht auf sein natürliches Auge, war sein
gläsernes Auge herausgesprungen und kollerte ein Stück die Kegelbahn
hinaus.

Ein Schutzmann kam. Der Glasermeister redete anklagend auf ihn ein. Die
Bande flüchtete. Oldshatterhand, mit schneebleichem Gesicht, rannte, vom
Schmied Gottlieb verfolgt, immerzu im Kreise um die Kastanienbäume des
Wirtschaftsgartens herum und konnte endlich durch die Tür huschen,
hinaus zu seinen wartenden Kameraden.

Winnetou war während der ganzen Prügelei teilnahmslos auf dem Stuhle
sitzen geblieben. Und als er die verblüfften Blicke der
Zurückgebliebenen auf sich gerichtet sah, erhob er sich langsam und ging
hinaus zu den Räubern.

Sie gingen ein Stück die Straße hinunter. Der Schutzmann trat aus dem
Garten und ging in der entgegengesetzten Richtung fort, worauf sich die
Räuber wieder vor der Gartentür einfanden.

Da stellte es sich heraus, daß das erst kürzlich um sieben Mark
gekaufte, kleine, grüne Plüschhütchen des bleichen Kapitäns auf dem
Kampfplatze geblieben war. Das allgemeine stumme Bedauern um das
Plüschhütchen verwandelte sich in stummes Staunen, als der Schreiber
sich erbot, hineinzugehen und das Hütchen zu holen.

»Bring auch mein Auge mit«, bat Falkenauge.

Still und gütig, mit unbeweglich hängenden Armen, ging der Schreiber
langsam durch den Garten, hinein in die Kegelbahn -- und wurde
schrecklich zugerichtet. Nur auf das Plüschhütchen erpicht, hatte er
danach gegriffen, ohne sich zu wehren die furchtbaren Prügel
entgegengenommen, und war ergeben und zerschlagen zurückgegangen,
traurig an der Bande vorbei und die Straße hinauf zur neuen Brücke,
während die andern noch in den Garten hineinschimpften und ihre
gewonnenen Preise verlangten.

Nach einer Weile kam der Schutzmann wieder in Sicht, und die Räuber
verschwanden.

Auf der Brücke saß der Schreiber auf dem Pflaster, mit dem Rücken gegen
das Geländer gelehnt und den Kopf auf die Brust gesenkt. Speichel lief
aus dem Munde heraus, Blut am Kopfe herunter und tropfte auf das
zerknüllte Vorhemd. Das kleine, grüne Plüschhütchen lag neben ihm; des
Schreibers Hand ruhte darauf.

»Und unser Preis ham wir auch nit«, sagte der bleiche Kapitän.

Der Schreiber fuhr aus seinen Gedanken auf. »Nur fünfzig Pfennig übern
Preis . . . Deshalb braucht doch des Klatschmaul nit zu mein Vater
laufe. Ich kann's ihm ja zurückgeb, wenn er's will.«

»Hättst dei Maul nit so gewetzt«, rief der König der Luft Oldshatterhand
zu, »dann hätten wir jetzt unser Preis.«

»Wenn doch der Schub gültig war, du Damian!«

»Darauf kommt's ganz allein an«, sagte der Schreiber mit dunkler Stimme,
stand mühsam auf und spuckte blutigen Speichel hinunter in den Main.
»Der Schub war gültig.«

»Und das ist die Hauptsache!« rief der bleiche Kapitän. »Das wär noch
schöner, wenn wir uns von diesen Kommißbrotfressern was g'fall ließeten.
Wenn doch der Schub gültig war.«

Der Schreiber deutete auf sein blutiges Vorhemd und sagte unheilvoll:
»Der Trainsoldat war's.«

Nachdem der bleiche Kapitän vergebens versucht hatte, seinen Leuten das
Passieren des Kasernenhofes zu ermöglichen, indem er den Wachtposten
kalt und gemessen fragte: »Heute hat doch Leutnant von Platen
Kasernendienst?« und der zufällig nicht dumme Soldat die schon in den
Kasernenhof eingedrungenen Räuber wieder zurückgetrieben hatte,
erreichten sie, nun zu einem großen Umweg gezwungen, mit dem
Glockenschlage zwei, die Kneipe der Witwe Benommen.

   »Horch, wer zieht so still und leise
   Den Tugelafluß hinauf, den Tugelafluß hinauf.
   Ach, es sind die armen Briten,
   Die so manchen Stoß erlitten.
   Bald vermindert sich ihr Lauf, bald vermindert sich ihr Lauf.
   Plötzlich bleibt die Truppe stehen,
   Denn der Feind ist anmarschiert, ja der Feind, er ist schon da.
   Seht sie kämpfen, seht sie streiten,
   Durch des Feindes Mitte reiten
   Jetzt die Buren mit Hurra, jetzt die Buren mit Hurra!«

klang das Burenlied, von Sandschöpfern und Fischern gesungen, aus der
Kneipe.

»Leih mir zwölf Pfennig«, bat Oldshatterhand den bleichen Kapitän.

»Ich hab ja selber nimmer genug.« Er lieh ihm aber sogar vierzehn
Pfennige und sagte: »Die zwei gibst Trinkgeld.«

In der Mitte der niedrigen Stube, die tiefer als die Straße lag, denn
fünf Stufen führten hinunter, stand ein langer Tisch, um den herum die
Gäste saßen. Unter kreuzweise übereinander genagelten großen Fahnen in
den Farben der Buren standen auf zwei Postamenten die Gipsbüsten des
Präsidenten Tom Krüger und des Generals Botha; die ganze Stube war mit
Fähnchen in den Burenfarben geschmückt, und jeder Gast hatte ein
Exemplar des Burenliedes vor sich liegen, das Benommen, der Wirt, hatte
drucken lassen, mit der Aufschrift: Schlachtenlied. Gesungen im
Burenlager der Restauration Benommen. Auf diese Weise hielt er die
Begeisterung der Mainviertler für die Buren wach und machte während des
ganzen Krieges ein gutes Geschäft.

Die Räuber, von den Gästen dieser Wirtschaft wie immer mit Respekt
empfangen, setzten sich um den runden Tisch herum, neben der Schenke.

In stummer Hochachtung blickten die Gäste auf das blutige Vorhemd des
Schreibers, der beide Ellbogen auf den Tisch stützte und, seine Freude
über das verdiente Aufsehen zurückdrängend, düster vor sich hin sah.
Falkenauge saß neben ihm. Die leere Augenhöhle war vom Faustschlag blau
unterlaufen. Das abgenutzte alte Spielwerkschränkchen über ihm an der
Wand spielte, viele Töne auslassend:

   Sah' ein Knab ein Röslein stehn -- -- --

Des bleichen Kapitäns Bruder, Benommen der Wirt, ein untersetzter Mann,
mit fast ganz geschlossenen, eitrigen, roten Augenlidern und
Goldblättchen in den Ohren, stand, Bauch und Unterlippe verächtlich
vorgeschoben, neben seiner Mutter hinter dem Schanktisch und verfolgte
jede Bewegung der auffallend schönen Kellnerin, eines jungen Mädchens
mit gesundbleichem Gesicht und braunen Augen, während die Witwe
Benommen, klein und zäh, unzählbare Falten und Fältchen im ledergelben
Gesicht, die dürren Hände vor dem Leib gefaltet hielt und verbissen die
Leidenschaft ihres Sohnes für seine Kellnerin beobachtete. Noch hatte
sie das Regiment nicht aus den Händen gegeben. Der Sohn hatte die
altbewährte Wirtschaft einstweilen nur in Pacht bekommen. Daß er sie in
eigene Führung bekam, hing davon ab, ob er die Kellnerin aufgab, deren
Kündigung die Alte schon durchgesetzt hatte.

Mit schmiegsamen Bewegungen, den Leib etwas vorgeschoben, bediente die
schöne Kellnerin einen Gast, der seinen Arm um ihre Taille legte. Sie
entwand sich ihm weich, lachte lautlos und schlug ihre milden Augen
gegen den Wirt auf, der aus der Schenke zum Gast trat und mit dem Finger
zur Türe wies: »In meiner Wirtschaft wird nicht mit der Kellnerin
poussiert! Merk dir das!«

Der bleiche Kapitän saß zurückgelehnt und beobachtete diesen Vorgang mit
übertrieben gleichgültiger Miene.

Mit schriller Stimme schrie die Witwe Benommen der Kellnerin zu: »Gehen
Sie doch gleich in die Fischergaß, wo Sie hingehören.«

Aus dem weißen Gesicht der Kellnerin verschwand das Lachen. Sie gab dem
Gast auf dessen Mark heraus und nahm die zwei Pfennige Trinkgeld
entgegen, wobei ein unwillkürliches Danklächeln wieder ihr Gesicht
verschönte.

Im Mainviertel, gegenüber einer sehr hohen alten Gartenmauer, klebten
drei niedere Häuschen aneinander, über deren Haustüren metergroße,
schwarze Nummern gemalt waren: Nr. 7, 11 und 13. Es waren ganz kleine,
altersschiefe, graue Häuschen mit bemoosten Dächern. Trat man aber ein
-- da war alles rosa. Und starkes Parfüm und Frauenlachen schlug einem
entgegen. Das war die Fischergasse. Und die neueste Errungenschaft der
Stadt Würzburg, was den Fortschritt anlangt. Ganz plötzlich waren die
ahnungslosen Bürger mit dieser hygienischen Neueinrichtung beschenkt
worden, worauf ein hitziger Kampf der Pfarrerschaft von den Kanzeln
herunter entbrannt war und die Bewohner der vorderen Fischergasse sich
empört gegen die Schande gewehrt und von den Stadtvätern einen anderen
Namen für ihre Gasse verlangt hatten. Nach jahrelangem Kampf und starker
Frequentierung verschwanden die hygienischen Anstältchen ebenso
plötzlich wieder, wie sie gekommen waren. Und danach standen die
Häuschen leer, denn es fand sich kein Mensch, der sie hätte bewohnen
mögen. Nach jedem Vierteljahr wurde der Kaufpreis heruntergesetzt, bis
zuletzt alle drei Häuschen zusammen für sechshundert Mark angeboten
wurden. Aber nicht einmal geschenkt wollte sie jemand haben.

Doch das kam erst später. Zurzeit waren sie noch von rosa Ampeln
beleuchtet, und der Inhaber der drei Häuschen saß bei den für die Buren
begeisterten Sandschöpfern und Fischern in der Kneipe der Witwe
Benommen.

Der bleiche Kapitän blies den Schaum vom Bier, trank und sog den Schaum
von der Oberlippe wie ein schnurrbärtiger Alter. »Gott, daran kann ja
gar kein Zweifel sein, daß die Buren den Krieg gewinnen.«

»Wo das Recht ist, ist der Sieg«, sagte die Rote Wolke und hob die Hand.

Der Schreiber sagte ernst: »Ex!« trank sein Glas leer und reichte es
gleichgültig der Kellnerin, die ein Lächeln über das sachliche Gebaren
der Räuber nicht unterdrücken konnte.

Der Gast, dem verboten worden war, sein Gefallen an der Kellnerin zu
äußern, stand beim Wirt und legte ihm die Hand auf die Schulter.

»In meiner Wirtschaft gibt's das einfach nit«, sagte unwirsch der Wirt
und schnitt ein Stück Schwartenmagen ab.

»Ja, in _deiner_ Wirtschaft«, sagte die Witwe Benommen hämisch. »Was
willst du denn, wenn sich das schlampige Menschle doch von jed'n
rumschmier läßt.«

»Also Mutter! Jetzt bist still! Ich brauch dei Wirtschaft nit. Aber kurz
und klein schlag ich dir alles, wennst jetzt nit Ruh gibst.«

Wütend blickte die Alte auf die Kellnerin und rührte sich nicht.

»Geh doch nauf und leg dich schlafen. Die Nachtruh tut dir besser. Ich
kann mich ja nit rühr in der Schenk.«

Die Witwe Benommen zog sich, die Tür zuknallend, in die dunkle Küche
zurück, von wo aus sie durch das Fensterchen die weiteren Vorgänge in
ihrer Wirtschaft beobachtete.

Ein Trainsoldat trat ein. Der Schreiber riß die Augen auf. »Das ist er!«
Alle Räuber wandten sich nach dem Soldaten um, welcher der Kellnerin die
Hand reichte. »Der war's«, flüsterte der Schreiber und deutete auf sein
blutiges Vorhemd.

Der Inhaber der fortschrittlichen Neueinrichtung, ein schlanker,
überelegant gekleideter Sachse, sagte zum Wirt: »Stellen Sie mal ein
kleines Fäßchen Bier für meine Freunde auf den Tisch. Ja.« Er hielt sich
zu den vorurteilslosen Fischern und Sandschöpfern und kam ihnen, auch
aus wirklicher Begeisterung für ihre rauhen bayerischen Sitten,
entgegen, indem er zu Lackschuhen und tadellos elegantem Anzug keinen
Hemdkragen trug.

Der Wirt brachte das Bierfaß und zapfte es an. Der zarte Sachse bürstete
unausgesetzt mit einem goldenen Bürstchen intensiv an seinem gepflegten,
weichen, langen, aschblonden, sehr schmalen Ziegenbart entlang, der das
Stärkhemd in zwei Teile schnitt. Heftig bürstend, zog er den Bart
wagrecht vor, wobei sein Mund sich in Eiform öffnete und die blitzenden
Brillanthemdknöpfe sichtbar wurden, schlug mit der kleinen Faust auf den
Tisch und rief: »Das wäre ja noch schöner. Nur immer feste ran. Gsuffa!
Ja.« Strahlend stand er auf, mit ihm alle anderen, reckte den Maßkrug
zur Decke, trank. Und bürstete sofort wieder intensiv am aschblonden,
schmalen Bart entlang.

Die Freundschaft der Räuber hatte er bis jetzt vergebens gesucht. Er war
ihnen zu zart, zu elegant, und seiner Begeisterung für bayerische Sitten
trauten sie nicht. Selbst das viele Freibier konnte keine Wirkung auf
sie ausüben.

Die abgearbeiteten Sandschöpfer und Fischer jedoch konnten ihre
Sympathie dem Freibier spendenden Sachsen nicht versagen, da er auch
sonst sich liebenswürdig zu ihnen benahm. Aber oft sah der eine oder der
andere verlegen zu den verächtlich blickenden Räubern hin, deren
Wohlwollen die Gäste dieser Kneipe sich auch nicht zu verscherzen
wünschten.

»Lone! bring uns auch drei Liesl Bier!« rief der Schreiber plötzlich der
Kellnerin zu.

»Kannst sie denn bezahl?« fragte erstaunt der bleiche Kapitän.

»Das Geld für die Schuh vom Wachtmeister hab ich jetzt sowieso scho
angerissen.«

»Mein Lieber, was machst denn da jetzt?«

»Ich geh halt heim . . . und halt's aus. Da kann man jetzt nix mehr mach
. . . Wenn nur wenigstens den Berliner der Teufel holet.«

Die Alte stand schon wieder reglos in der Schenke neben ihrem Sohn.

Die Blicke der Räuber waren auf den Trainsoldaten geheftet, und als er
die Hand der schönen Kellnerin streichelte, stülpte der bleiche Kapitän
drohend die Lippen nach außen, während sein Bruder, mit einem stummen
Wutblick auf das Mädchen, eine Biermarke auf den Schanktisch schmiß, und
die Witwe Benommen hämisch das Gesicht verzog.

Der zarte Sachse stand auf und brachte das Spielwerk in Gang. Es
rasselte im Schränkchen, knackte ein paarmal und begann, aus
Altersschwäche manche Worte unterschlagend, zu spielen:

   Ein Knabe hatte ein Mädchen lieb.
   Sie flohen heimlich von Hause fort,
   Es wußt's weder Vater noch Mutter.

Es war still geworden in der Stube. Alle horchten, als säßen sie in
einem Symphoniekonzert. Die Kellnerin stand wider die Mauer gelehnt und
blickte in unbegreiflicher Rührung zum Spielwerk hin, das nach heiserem
Rasseln fortfuhr:

   Sie sind gewandert hin und her,
   Sie haben gehabt weder Glück noch Stern,
   Sie sind verdorben, gestorben.

»In der Küche is no e bißle Brate von Mittag. Magst du's nit? Und trink
e Gläsle Wein dazu. Das tut dir doch gut«, sagte der Wirt zu seiner
Mutter.

Der zarte Sachse deutete auf das Spielwerk und sagte: »Das war von
Heinrich Heine, ja. Diese Töne greifen mir ans Herze . . . Meine Mutter
hat's auch immer gesungen, als ich noch 'n kleener Junge war.«

»Der kann leicht sei Maul vollnehm«, sagte der Schreiber und beugte sich
zu den Räubern. »Wenn man eine Million verdient im Jahr.«

»So viel wird's aber vielleicht nit sein. Überhaupt, wie ist denn das
eigentlich, dahinten in der Fischergaß?«

»So genau weiß man das nit . . . Das ist halt die Fischergaß.«

Am Fenster saß allein ein Kohlenführer und weinte. Manchmal wischte er
sich mit dem Handrücken übers Gesicht, das ganz von Ruß und Tränen
verschmiert war.

Da trat sein Bruder, ein Sandschöpfer mit nur fingerbreiter Stirne und
böse blickenden Augen, in die Wirtsstube und hob die Hände: »Daa bist
du? Dei Frau heult sich daheim die Augen aus.«

Der Kohlenführer schluchzte auf und rief heulend immerzu: »Mei eigener
Bruder! Mei eigener Bruder!«

»Es is nit wahr«, sagte der Eingetretene. »Also, wenn i dir sag. I bin
doch dei Bruder.«

»Ein trauriger Lump bist! Mei Frau hat's mir ja selber ei'g'stande.
Gestern die ganze Nacht warst du bei ihr!« brüllte der Kohlenführer
plötzlich laut.

Der Sandschöpfer blickte, die Augen fast ganz geschlossen, erschrocken
auf seinen Bruder: »Also, wenn i dir sag! Frag sie selber. I wer doch
nit mit mein eigene Bruder seiner Frau . . . Sie is doch mei Schwägerin.
Also . . . also sowas tät i doch nit. Das glaubst du doch nit von mir
. . . Mit der eigene Schwägerin.«

Der Kohlenführer hob den Kopf. »Du sagst, es is nit wahr?«

»Also schau. Es is kein Wort davon wahr. Wenn i dir sag! . . . Mir
trinke a Maß Bier mitnander«, schloß beruhigend der Sandschöpfer. »Lone!
a Maß Bier für mich und mein Bruder.«

Vom Sachsen wurde das Burenlied angestimmt, und die erleichterten Brüder
sangen kräftig mit:

   »Ihrem todeskühnen Ringen kann man nicht das Lob entziehen,
   Denn sie fechten toll und kühn -- -- --«

Die Alte war schlafen gegangen.

»Setze Sie sich und esse Sie was«, sagte der Wirt zu seiner Kellnerin
und lächelte.

Der Trainsoldat schnallte seinen Säbel um und ging fort.

»Jetzt!« rief der bleiche Kapitän.

Die Räuber legten eilig das Geld auf den Tisch und stürmten zur
Wirtsstube hinaus. Der Schreiber, müde und bleich, als Letzter.

Vor dem »Spitäle« stand der Soldat, summte: »Als die Römer frech
geworden«, und stieß dazu mit seinem langen Säbel den Takt aufs
Pflaster.

Es war schon fast hell. Die Sandsteinheiligen der Brücke standen dunkel
gegen den Himmel.

Der bleiche Kapitän wünschte, daß seine Leute zurückblieben, ging allein
auf den Soldaten zu und sagte: »Sie sind doch der . . . von der
Kegelbahn! He? . . . Zu fünft über einen einzelnen herfallen, das könnt
ihr . . . He?«

Der Soldat legte die Hand an den Griff seines Säbels.

»Laß nur dei Brotmesserle stecke. Das rat ich dir im Guten.« Und
plötzlich zuckte die Hand des bleichen Kapitäns nach dem Griff; er riß
den Säbel aus der Scheide und raste, von der ganzen Bande gefolgt, mit
hocherhobenem Säbel davon, die Felsengasse hinauf, auf den dunklen
Schloßberg. So schnell war das gegangen, daß die Bande, ehe der Soldat
das Geschehene begriffen hatte, schon weg war.

Ohne seinen Säbel mußte er heim in die Kaserne.

Noch in derselben Nacht gingen die Räuber durch den unterirdischen Gang
ins »Zimmer« und brachten den Säbel zu ihren anderen Waffen, wo er
seitdem verblieben ist.

»Dieser Streich hätte von meinem Bruder in Amerika sein können«, sagte
der bleiche Kapitän.

Sie stiegen den Schloßberg hinunter und blieben bei der letzten Linde
stehen, wo ihre Wege sich trennten.

Neben dem geistesabwesend vor sich hinstarrenden Winnetou stand frierend
und grünbleich Oldshatterhand. »Was hat das alles, was wir heut gemacht
ham, eigentlich für einen Wert«, sagte er, und rief, plötzlich zornig,
weil er den Widerstand der Räuber fühlte: »Für uns hat das gar keinen
Wert! sag ich . . . Für uns nit!«

»No und der Säbel?«

»Ich geh jetzt heim«, sagte der Schreiber. »Es is einfacher, wenn ich
gleich heim geh.«

Der Trupp setzte sich zögernd in Bewegung und verschwand in der
Schloßgasse.

Winnetou war am Lindenstamm lehnen geblieben. Langsam stieg er den
Schloßberg wieder hinauf, ging unter Grauenschauern durch den
sammetschwarzen unterirdischen Gang ins »Zimmer« und zündete eine Kerze
an.

Die Kerze in der Hand, starrte er die Mauer an, sah den Kaplan und die
Schwester auf dem Kanapee, die Mutter, wie sie ihn schlug, und verzog
die Lippen zu einem schadenfrohen Lächeln bei der Vorstellung, wie
ungeheuer die Mutter erschrecken würde, wenn sie ihn erschossen ins Haus
gebracht bekäme. Er sah, wie die Mutter jammernd über seine Leiche fiel,
und sagte plötzlich haßerfüllt: »So, da hast du's jetzt. Geschieht dir
ganz recht. Ganz recht.« Schleichend näherte er sich der Glasvitrine und
blickte auf den alten Revolver, der durch die Brechungen des runden
Glases verdreifacht unter der Vitrine lag.

Als er die Vitrine abhob, lag nur ein Revolver, alt und rostig, vor ihm.

Mit zitternden Fingern prüfte er, ob der Revolver geladen war, setzte
die Mündung auf die Mitte seiner Brust, wo der Druck saß, und hatte,
kurz bevor er abdrückte, das bestimmte Empfinden, die Mutter sitze in
seiner Brust und verursache ihm diesen Druck, so daß er mitten durch die
Mutter schießen würde. »Hopp!« schrie er gellend und drückte ab. Es
knackte. Winnetou stürzte zu Boden und riß die verlöschende Kerze mit.
Der alte Revolver hatte versagt. Schweiß brach rapid aus. Unter
strömenden Tränen und ungeheurem Wohlgefühl am ganzen Körper wich die
Spannung; der Körper bäumte und wand sich; der Mund biß in den Boden.

Schwindlig vor Erschöpfung stand Winnetou im dunklen »Zimmer« und atmete
keuchend mit offenem Munde den Schrecken aus, tappte zur Felsenbank und
schlief augenblicklich ein.




Drittes Kapitel


Spätherbstwinde rissen die letzten Blätter von den Schloßberglinden und
Dachziegel von den Häusern, wovon einer dem Spenglermeister Herrn
Hieronymus Griebe auf die Schulter fiel, so daß er ein paar Wochen lang
seinen Arm nicht heben konnte.

Die königlichen Weinberge lagen zerzaust und bereift. Wagen, mit
dickbauchigen Fässern beladen, schwankten durch die Gassen, standen vor
den Weinstuben; schwarze Schläuche liefen davon weg in die Keller, und
die geschmückten Pferde stampften und pusteten die Streu aus den
vorgehängten Futterkästen, von Spatzen frech umhüpft. Die ganze
Stadt roch scharf nach Most. Der seitdem berühmt gewordene
Achtzehnhundertneunundneunziger war heimgebracht worden. Angetrunkene
torkelten durch die Gassen; des Fischers violette Stülpnase war
schwärzlich angelaufen.

Alles war heiter und zufrieden; aber die Räuber, vollzählig versammelt,
saßen auf der Anklagebank.

Der Glasermeister Johann Jakob Streberle hatte wegen des Raubzuges in
die königlichen Weinberge Anzeige bei der Staatsanwaltschaft erstattet.

Fragte ihn jemand, weshalb er das getan habe, dann sträubte sich sein
inzwischen gewachsenes blondes Schnurrbärtchen, und speichelspritzend
lachte er: »Dene Früchtli ham mir's amal besorgt.«

Erschwerter Raub an königlichem Gut, lautete des Staatsanwalts
Klagestellung. Er hatte sich persönlich davon überzeugt, daß es sehr
erschwert, ja lebensgefährlich war, um den Diebabhalter herum in die
königlichen Weinberge zu gelangen.

Die Gerichtsstube war niedrig. Die Richter saßen breit hinter der
Barriere, daneben saß der Staatsanwalt, ihm gegenüber der Verteidiger,
Rechtsanwalt Karfunkelstein -- des Schreibers Chef --, alle in schwarzen
Talaren. Neben Herrn Karfunkelstein, auf der langen Bank, saßen die
Räuber, in ihren Sonntagsanzügen. Hinter ihnen, dicht gedrängt, die
Zuschauer; darunter die erregten Väter ihrer Söhne. Ganz im
Vordergrunde, die dürren Hände vor dem Bauch gefaltet, mit müden
Augenlidern, den Kopf leidend schulterwärts geneigt, saß die Witwe
Benommen und blickte trübe auf den bleichen Kapitän. Und neben ihr, die
Mundwinkel verbittert zurückgezogen, daß sich kleine Apfelbäckchen
bildeten, saß kerzengerade Herr Lehrer Mager.

Der Richter, ein großer Mann mit braunem Reiterschnurrbart und geröteter
starker Nase, blickte schon eine Weile unverwandt mit seinen guten Augen
streng von einem Räuber zum andern. »Oskar Benommen, du sollst ja der
Anführer von dem netten Geschichtchen gewesen sein. Erzähle uns jetzt,
wie war die Sache.«

Die Witwe Benommen schoß in die Höhe. »Der da, der kleine Vierkant, Herr
Richter, der ist der Verführer von meinem Sohn. So klein er ist, so
frech und verdorben ist er . . . der Teufel.«

Der Schnurrbart des großmächtigen Richters zuckte. Und während
Oldshatterhand, bleich geworden, auf der Bank herumrutschte, brüllte der
Richter: »Das Maul gehalten! Und du, infamer Halunke, stehe jetzt auf
und rede.«

Der bleiche Kapitän stülpte die Lippen nach außen. Das war alles. Es war
still.

»Den Kopf reißen wir dir nicht herunter«, lenkte der Richter ein.

Da spreizte der bleiche Kapitän die langen, knochigen Finger an den
senkrecht hängenden Armen und sagte, nicht im Baß, sondern mit seiner
natürlichen, sehr hohen Stimme und sehr schnell: »Ja also, wir war'n
halt droben in unserm Festungsgraben um unser Lagerfeuer herumgesessen
und da hat's zwölf Uhr geschlagen und da sind wir in den Weinberg und
ham unsere Trauben gegessen . . . und ham uns auch ein paar mitgenommen,
und später sind wir heimgegangen.«

»Unser Lagerfeuer! Unser Festungsgraben! Unser Weinberg! Unser! Unser!
Unser! . . . Nun, und wo sind denn die paar Trauben hingekommen? die ihr
noch mitgenommen habt.«

»Ja die . . . also die . . . die ham wir auch gegessen.«

Im Zuschauerraum war es ganz still.

»Michael Vierkant! Wo sind die Trauben hingekommen?«

Oldshatterhand ließ sich von der für ihn zu hohen Bank heruntergleiten
und ging ganz langsam bis knapp vor das Richterpult.

Der bleiche Kapitän warf einen flehenden Blick auf ihn, den
Oldshatterhand aber nicht bemerkte. Er sah, die Hand dargereicht, zum
Richter in die Höhe, sagte fein und leise: »Zuletzt waren keine Trauben
mehr da«, und schrak furchtbar zusammen, als der Richter brüllte:
»Kleiner Schuft! weißt du nicht, daß die Trauben unserem Prinzregenten
gehören! Und daß der Prinzregent in Würzburg geboren ist! Und ihr Gauner
stehlt ihm seine Trauben! . . . So ein winziger Frosch, stiehlst dem
König seine Trauben.«

Der Richter hatte Oldshatterhand am wehesten Punkt getroffen. Die Lippen
zitterten ihm. Erregt stieß er hervor: »Ich wachse noch!«

Es gelang dem Richter, ernst zu bleiben. »Setze dich. Und merke dir das,
wenn du den Prinzregenten kennen würdest, dann würdest du seinen
Weinberg in Ruhe lassen.«

»Ich kenn unseren Prinzregenten. Weil ich ihm einmal einen Blumenstrauß
gegeben hab. Damals, wie die neue Brücke eingeweiht worden ist. Ich hab
ja sogar meinen Hut dabei verloren, so ein Gedräng war.«

»Und meinst deshalb, du kannst ihm seine Trauben stehlen? . . . Jetzt
hört mich einmal an. Wenn ihr nicht gesteht, wo ihr die Trauben
versteckt habt, sperre ich euch ein, bis ihr alt und grau seid . . .
Hans Lux! Wo sind die Trauben hingekommen.«

Die tiefe Falte war da. Der Hals schoß wagerecht vor; der König der Luft
mahlte mit den Zähnen und schnalzte nervös mit den Daumen, wobei seine
Fäuste fest an die Schenkel angepreßt blieben.

»Was habt ihr dann gemacht? Ihr seid aus dem Weinberg zurückgestiegen,
und . . .?«

»Und ham sie gegessen«, flüchtete der König der Luft eilig über die
Traubenaffäre weg und fuhr fort: »Also, aber also und, dann wollte ich
das hundertsiebenundneunzigste Kapitel aus >Die bleiche Gräfin oder Der
Mord im Walde< vorlesen. Aber also . . . also und . . . also aber,
Oldshatterhand wollte, daß wir das Räuberlied singen.«

»Was ist das? Oldshatterhand?«

»No, Michl, also Michl Vierkant.«

»Und was für ein Räuberlied wolltet ihr denn singen?«

»Also no! also natürlich, >Stehlen, morden, huren, balgen, heißt für uns
nur die Zeit zerstreun, morgen hängen wir am Galgen< -- -- --«

»Aha. Darum laßt uns heute lustig sein. Wie?«

»Ja. Von Friedrich von Schiller.«

»Nun, und dann?«

»Hn?«

»Was habt ihr dann gemacht?«

»Dann haben wir registriert.«

»Wie?«

»Also registriert! Halt! Also nein. Schon vorher ham wir registriert.«

»Was habt ihr registriert?«

». . . Also halt so. Also und alles.«

»Zum Teufel, also was denn!«

»Also halt einen Stallhasen.«

»Einen Stallhasen? Ein Kaninchen?«

». . . Gekauft! lebendig.«

»Und was war weiter?«

»Hell war's!«

»Malefizhalunk! Was hast du dann weiter gemacht?«

»Sonst nichts. Heim zu meiner Großmutter bin ich gange.«

»Und hast du wenigstens eine Tracht Prügel bekommen?«

Die tiefe Falte verschwand. Der Kopf richtete sich auf. Der König der
Luft hatte gelächelt. »Nein, also und, sie hat mich ja nit g'hört. Also
weil sie taub is.«

»Was?«

»Taub.«

»Georg Bang!«

Der König der Luft setzte sich und flüsterte erregt der Roten Wolke zu:
»Also das glaubt er nit, daß sie taub is.« Der Roten Wolke Mund stand
empört offen.

»Georg Bang!«

Falkenauge schnellte in die Höhe, wie er es von der Schule her gewöhnt
war. Sein neues Glasauge glänzte in reinstem Weiß und Kobaltblau,
während sein natürliches graubraun war.

»Nein. Hans Widerschein, komm einmal du erst her.«

Der Schreiber, der schon bei vielen Gerichtsverhandlungen für Herrn
Karfunkelstein tätig gewesen war, schritt frei zum Richterpult.

»Herr Mager, bei Ihnen waren ja alle diese Knaben in der Volksschule.
Vielleicht können Sie uns eine Handhabe geben, wie etwas aus ihnen
herauszubringen ist.«

Herr Mager stand wie ein Spazierstock. »Vorerst muß ich bemerken, Herr
Amtsrichter, daß ich diese Buben auch jetzt noch abends in der
Fortbildungsschule habe, und sie auch als Rekruten wiederbekomme. Und
dann: es war mir nie möglich, mit ihnen fertig zu werden, ohne sie
empfindlich zu strafen. Mit der ganzen Härte, die mir zustand! Drittens
habe ich manchem von diesen schon in der Volksschule prophezeit, daß er
einmal im Zuchthaus enden werde. Viertens, diese zwölf Schüler steckten
immer zusammen. Ein Beweis dafür ist, daß sich von diesen Zwölfen
niemals einer gemeldet hat, niemals! wenn ich rief: Wer meldet sich?«

»Wie meinen Sie das, Herr Mager?«

»Herr Amtsrichter, wenn ein Knabe eine exemplarische Züchtigung verdient
hat, rufe ich: Wer meldet sich? Es melden sich dann immer welche
freiwillig, die ihren Mitschüler während der Züchtigung auf dem Stuhle
festhalten.«

»Nun . . . ich danke, Herr Mager«, sagte der Richter und erholte sich
langsam von seinem Staunen.

Der Richter frug weiter, einmal den, unverhofft einen anderen, brüllte
und war jovial. Es half ihm alles nichts. Die Räuber hatten dem bleichen
Kapitän vor der Verhandlung einen langen Eid schwören müssen, das
»Zimmer« nicht zu verraten, von dessen Existenz kein anderer Knabe, kein
Mensch in Würzburg wußte.

Oldshatterhand hatte vor Jahren einmal in »Der tote Mann im Keller oder
Verfolgt über alle Länder und Meere« von verborgenen Falltüren gelesen,
daraufhin die Festungsmauern abgeklopft und war furchtbar erschrocken,
als eine Stelle hohl geklungen hatte. Er und der bleiche Kapitän hatten
so lange gebohrt, gekratzt, gelockert, bis ihnen der Verschlußstein des
unterirdischen Ganges zu Füßen gefallen war.

»Andreas Steinbrecher, komme du einmal her zu mir und denke an deine
Mutter. Sie ist eine ehrenwerte Frau.«

Jede Verantwortung ablehnend, blickte Frau Steinbrecher kalt auf
Winnetou, ihren Sohn.

»Bekenne aufrichtig, wo sind die Trauben hingekommen?«

»Ich nehme keine Trauben mehr«, sagte Winnetou. Und es klang wie ein
Schwur.

Resigniert sagte der Richter zu seinen Beisitzern: »Ich denke, wir
können dem Herrn Staatsanwalt das Schlußwort geben . . . Theobald
Kletterer!« Er sah noch einmal in seine Aktenmappe und fragte mild und
freundlich:

»Du bist eine Doppelwaise?«

»Ja!«

»Du wirst mich doch nicht belügen.«

»Nein!«

»Nun, so erzähle du mir, erzähle, wie war die Sache?«

Der Mund der Roten Wolke stand offen, rund und schwarz wie ein
Mauseloch, worin die Zahnstummeln standen, dunkelbraun wie
Schokoladepyramidchen. Er stellte eine Fußspitze rückwärts, reckte sich
auf und hob die Hand. »Das Lagerfeuer flackerte. Der Mooond beleuchtete
die alte Stadt.«

»Wo sind die Trauben hingekommen?«

»Der Hunger war groß zu jener Zeit. Und keine Beere blieb übrig.«

Der Richter klappte sein Lineal aufs Pult und machte eine abschließende
Handbewegung zum Staatsanwalt hin. »Setzt euch. Auch du, Hans
Widerschein.«

»Jawohl, Herr Amtsrichter«, sagte der enttäuschte Schreiber, der stehen
geblieben war, weil er auch gerne etwas gesprochen hätte. Zögernd ging
er zurück auf seinen Platz.

Der Staatsanwalt beantragte nach ein paar formell einleitenden Worten,
die Räuber freizusprechen und sie der Schule zur Bestrafung zu
überweisen.

Die Witwe Benommen hatte, als der Staatsanwalt angefangen hatte zu
sprechen, ihren faltigen Totenkopf aufgestellt, als er fertig war, ihn
wieder sanft schulterwärts geneigt und sah jetzt trübe auf den bleichen
Kapitän, wie wenn er zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt worden wäre.

Da erhob sich der Verteidiger, Rechtsanwalt Karfunkelstein, ein kleiner
Mann. Bei dem Anfangswort jeden Satzes heftig mit dem Zeigefinger vor
sich auf den Boden stechend, als ob dort alles abzulesen wäre, und ohne
jemals den Blick von dieser Stelle zu erheben, hub er an zu reden, eine
lange Rede: »Hoher Gerichtshof! Gehen Sie mit mir die ganze Strafsache
durch. Von Anfang bis zu Ende. Darum bitte ich Sie. Dann kann es
nimmermehr geschehen, ja es darf und es wird nicht eintreten, daß Sie zu
einer harten Verurteilung der Angeklagten kommen.«

Der Richter sah verblüfft auf Herrn Karfunkelstein, welcher fortfuhr:
»Sehen Sie die Angeklagten an. Jung sind sie. Sehr jung. Knaben sind
sie. Kinder sind sie. Ganz von vorne wollen wir anfangen. Jeden
Angeklagten für sich ansehen. Nehmen wir den ersten.«

Der Richter warf hilflos grimmige Blicke im Gerichtszimmer umher, sah
zur Decke, schnupfte wütend und klopfte mit dem senkrecht gestellten
Bleistift den Radetzkymarsch auf das Pult.

»Sehen wir uns unparteiisch das Alter des Hans Lux an.«

Und während der König der Luft den Oberkörper senkrecht hielt, den
langen Hals wagrecht, mit den Zähnen mahlte und mit dunkelglühenden
Augen auf seinen Verteidiger starrte, rief dieser, mit sich
überschlagender Stimme: »Bände! spricht das schon allein. Bände! . . .
Sehen wir seine Großmutter an. Taub ist die arme alte Frau. Ziehen wir
nun eine Parallele zwischen dem Hans Lux und dem Oskar Benommen, und
erwägen, daß des ersteren Großmutter taub, Witwe hingegen des letzteren
Mutter ist . . .«

Der Verteidiger sprach weiter, über jeden Angeklagten für sich, wog sie
gegeneinander ab, sprach über Hunger, Not und Elend, berührte, wie er
eindringlich bemerkte, den Richtern zuliebe die Nachwirkungen der
Kinderkrankheiten auf die Angeklagten nur flüchtig, um bei der
Vererbungstheorie eingehend zu verweilen, fuhr fort mit dem
außerordentlichen Einfluß der Blutarmut auf die Angeklagten, und langte
nach einer Stunde bei der Hauptstütze seiner Verteidigung an, der
Schundliteratur.

Während Richter und Staatsanwalt in ratloser Verzweiflung ihre
Taschenuhren zogen und ängstliche Naturen unter den Zuschauern
befürchteten, die Richter würden ihren Zorn über den seiner
verantwortungsvollen Mission bewußten Verteidiger an den Jungen
auslassen und sie zu einer fürchterlichen Strafe verurteilen, war Herr
Karfunkelstein endlich bei der ungeheueren Gefahr des Justizirrtums an
sich angekommen. Und erst nachdem er mit einer dringenden Mahnung zu
väterlicher Güte und Einsicht geschlossen und die Richter gebeten hatte,
durch ein möglichst mildes Urteil mächtige Felsblöcke aus dem weiteren
Lebensweg der Angeklagten zu wälzen, konnten die Richter ins
Beratungszimmer gehen, nach fünf Sekunden zurückkehren und die Räuber
freisprechen, um sie Herrn Mager zur Bestrafung anzuempfehlen. Worauf
tiefe Seufzer der Erleichterung durch das Gerichtszimmer schwirrten,
während Herr Karfunkelstein strahlend die Hände seiner Klienten
schüttelte, die mit Freude und Stolz acht Tage abgesessen hätten, nun
aber in stummer Verzweiflung saßen, denn am nächsten Tage war
Schulstunde.

                   *       *       *       *       *

Oldshatterhand hatte von seinem Vater nach der Verhandlung Prügel
bekommen und saß gegen neun Uhr abends in der Wirtschaft »Zur schönen
Mainaussicht« auf dem schwarzen, versessenen Lederkanapee. Hin und
wieder blickte er auf die blonde Wirtstochter, die etwas verächtlich
lächelnd auf ihn zurücksah.

»Trag dem Vater ein Hörnchen hin, zu sein Kaffee«, sagte sie zu ihrem
Bruder, der Kriechenden Schlange.

»Der soll sich's selber hol«, erwiderte die Kriechende Schlange und
lachte zu Oldshatterhand hinüber.

Der bleiche Kapitän, die Rote Wolke und der Schreiber gingen auf der
Kaimauer entlang, schwenkten, ohne sich erst zu verständigen, plötzlich
nach links ab und kletterten an der sieben Meter hohen Mauer hinauf, die
den Garten der »Schönen Mainaussicht« umschloß, traten in die Wirtsstube
und setzten sich wortlos zu Oldshatterhand aufs Kanapee.

Aus dem Nebensaal erklangen die Töne der Ziehharmonika. »Auf zur
Quadrille!« rief eine nasale Männerstimme, und zu gleicher Zeit
verschwand die zimmerbreite, auf Rollen laufende Schiebetüre in der
Wand. Man sah durch eine lange Gasse Tanzpärchen durch, an deren Anfang
ein großer Mann im Gehrock stand, dessen hakennasiges Gesicht einem
gelben Papagei glich. Mit eleganten Verbeugungen nahm er von den Herren
die zehn Pfennige Tanzgeld entgegen, während die Wirtstochter, ein
blutarmes, bleiches Mädchen mit eingefallener Brust, im Saal herumging
und eine Stearinkerze zerschnitt, zur Glättung des Bodens.

Der Mann mit dem Papageiengesicht, er war Buchbinder und Tanzlehrer,
schwindsüchtig und hieß Gipfelmann, hob die Hand. Die Ziehharmonika
wurde auseinandergezogen und unter rhythmischem Händeklatschen des Herrn
Gipfelmann stellten die Tanzenden die letzten Figuren der Quadrille, von
drei im großen Saale glücklich verteilten Gasflammen spärlich
beleuchtet. Junge Sandschöpfer, Handwerker, Soldaten und die Mädchen
verbeugten sich ernst und tief und legten beim Rundtanz die Wangen
aneinander.

Neben dem Ziehharmonikaspieler, einem immer lächelnden Zwerg, breiter
als hoch, saß fröstelnd zusammengekauert die Frau des Tanzlehrers, die
sehr der Witwe Benommen glich. Sie löste immer wieder ihre in die Ärmel
geschobenen Hände und griff lächelnd zum Schnapsgläschen, wobei sie
jedesmal schrill rief: »Ja, des muß i hab! Mei Schnäpsle muß i hab. Nur
e Gläsle«, um dann ihre Hände sofort wieder fröstelnd in die Ärmel zu
schieben. Sie war auch schwindsüchtig und immer etwas angetrunken. »Tanz
doch e bißle«, sagte sie lustig zu ihrem hohlwangigen Sohn, der mit
offenem Munde mühsam atmend bei ihr saß, manchmal tief aus der Brust
heraus in sein zinnoberrotes Taschentuch hustete, auf dem man das Blut
nicht sah, und sich dann zurücklehnte, weiß wie Mehl, mit blauen Lippen.

Ein paar Tage später, an einem Mittwoch, starb er.

»Im Grunewald, im Grunewald ist Holzauktion, ist Holzauktion«, spielte
der Zwerg in schnellem Mazurkatakt.

Die brustkranke Wirtstochter trat auf den Sohn des Tanzlehrers zu und
lächelte. »Spiel e bißle langsamer«, sagte sie bittend zum Zwerg, der
sich verbindlich verneigte, »wir wolle a tanz«, und zog lachend den
Kranken vom Stuhl empor. Langsam, ganz vorsichtig, tanzten sie Walzer,
angestoßen und überholt von einem kräftigen, kurzbeinigen Fischer, der
mit seinem Mädchen mazurkastampfend im Saal herumraste und dem Zwerg
fortwährend zuschrie: »Spiel schneller! Spiel schneller!«

Die Mutter der Kriechenden Schlange, die mächtige, geschminkte Wirtin
mit zarter, heftpflasterrosa Haut und vom Korsett in die Höhe gehaltenem
überquellendem Busen, fragte freundlich lächelnd die vier Räuber:
»Tanzen Sie nicht, meine Herren?« und warf, ohne Antwort abzuwarten,
einen bösen Blick auf ihren kleinen Mann, der einen fettigen Fes auf dem
Kopfe hatte, über seine Kaffeetasse gebeugt saß, ein Hörnchen eintauchte
und es so lange weichen ließ, daß ihm dann der Kaffee zu den Mundwinkeln
heraus, am Schnurrbart herunter und zurück in die Tasse lief.

»Schämst dich nit, alte Sau!« rief die Wirtin ihrem Manne zu, und der
Kriechenden Schlange: »Nehm ihm die Tasse weg und trag sie in die Küch.«

Die Kriechende Schlange sah seine Mutter frech und unbekümmert an, blieb
am Schanktisch lehnen und sagte höhnisch: »Was geht's mich an. Laß 'n
rumpantsch.«

»Tanzen Sie doch auch, meine Herren«, animierte die Wirtin. Ihr Mund
wurde klein vor Freundlichkeit.

Der bleiche Kapitän stülpte verächtlich die Lippen nach außen. »Wir wern
da im Kreis rumhüpfe.«

Die Kriechende Schlange platzte mit dem Lachen heraus.

»Gehst weg! Bankert!« schrie die Mutter ihm zu.

»Da bleib ich«, sagte die Kriechende Schlange ruhig und lümmelte sich
auf den Schanktisch.

Die Wirtstochter, jetzt mit rosig überhauchten Wangen, kam
hereingelaufen zu ihrem Vater und stand, die Ellbogen auf den Tisch
gestützt und die Hände um das eirunde Gesicht gelegt. »Schau, er kommt
ja wieder. Der Frau Benommen ihr Caro war auch einmal vierzehn Tage
verschwunden. Sie hat's in die Zeitung setz laß, und da hat ihn ein
Bauer aus Versbach zurückgebracht. An einem Kälberstrick. Nur sei Hals
war e bißle vom Strick geränft.«

»I hab scho e Tinktürle kauft, daß wenn er vielleicht die Krätze hat,
oder sowas. Und schau . . . den neue Kamm.« Der Wirt zog einen großen
Hundekamm aus seiner Brusttasche, wobei er vorsichtig zu seiner Frau
hinsah.

»Steck 'n ein. Sie braucht 'n ja nit zu sehn.«

»Zsssssss«, ertönte es von draußen. Johann Jakob Streberle trat ein und
der zarte Sachse, der ein junges Mädchen, das sich verschämt am
Türpfosten wand, hereinzog. Sie trug noch kurze Röcke, eine blaue
Seidenschleife im offenen, rötlichen Haar, und ihr geschwungener Mund
war tiefrot. Ihr Vater war Viehhändler gewesen, hatte sein Vermögen
verloren, sich auf dem Schloßberg an eine alte Linde gehängt und sein
Kind als mittellose Waise zurückgelassen, worauf der Inhaber der
hygienischen Anstältchen sich ihrer angenommen hatte.

Die Räuber blickten verhalten auf Johann Jakob Streberle, dessen
lachender Mund sich schloß, als er die vier still und eng beieinander
auf dem Kanapee sitzen sah.

»Dreihundertsiebenundsechzig Fenster mitsamt die Rahmen, die ganze
Glaserarbeit vom neue Krankenhaus is mir zug'schlage worn, weil i's
Fenster um zwä Mark billiger mach als alle andern«, rief er, steckte die
Hände in die Hosentaschen und streckte den Bauch vor. »Das muß mer halt
versteh.«

Wütendes Schimpfen näherte sich; der rote Fischer erschien unter der
Tür, in das Fell eines Bernhardinerhundes gehüllt, dessen präparierten
Kopf mit grünen Glasaugen und aufgerissenem Maul er sich übers Haupt
gestülpt hatte.

Die mächtige Wirtin, die eben ein Zuckerplätzchen in den Mund steckte,
sah hämisch lächelnd auf ihren kleinen Mann, der interessiert zum
Fischer trat, das Fell streichelte und plötzlich unter der Bräune seines
Gesichtes erbleichte, denn er hatte seinen eigenen Hund an der Zeichnung
erkannt. Die Wirtin hatte den Hund schlachten lassen, um zu der
gewünschten Bettvorlage zu kommen. Der Fischer lachte breit.

»Hast mein Hund umgebracht?« stotterte der Wirt, »mein Sultan.«

Die Wirtin sah den Fischer an. Die beiden hatten ein offen
eingestandenes Verhältnis miteinander; auch der rasch alt gewordene Wirt
wußte es, konnte aber nichts dagegen ausrichten.

Plötzlich riß der kleine Mann das Hundefell an sich und rannte
aufheulend hinaus. Der Fischer sah ihm verblüfft nach, wandte sich um
und rief erstaunt: »Was denn?« Die Wirtin klappte befriedigt ein Messer
auf den Schanktisch.

Johann Jakob Streberle sah in den Tanzsaal, wo die erhitzten Paare
umherwandelten und sich mit Taschentüchern Wind machten. Er trat ein
paar Schritte auf die Wirtstochter zu, die lächelnd an ihm vorbei im
Saal herumging und wieder eine Stearinkerze zerschnitt. Der Boden
glänzte schon.

Das schöne, kleine Waisenmädchen saß neben dem Sachsen und nippte von
einem grünen Likör, worauf jedesmal ihre Zungenspitze erschien und die
Lippen entlang leckte. Fragend sah sie zu ihrem Beschützer auf, der
seinen aschblonden Bart wagerecht nach vorne zog und dabei lächelnd auf
das Mädchen hinunterblickte.

An einem Tisch saß allein ein Gymnasiast mit vielen Pickeln im Gesicht,
aus dem die starke Nase fast wagerecht vorschoß, und sah verlangend in
den Tanzsaal hinein. Immer, wenn er wieder seine goldene Uhr hervorzog,
wurden die Räuber still und blickten lüstern auf die Uhr.

Die zweite Schwester der Kriechenden Schlange, ein vierzehnjähriges
Mädchen, schon mit dem Ansatz zu einem weichen Busen, Sommersprossen auf
der zarten Haut, ging quer durch die Wirtsstube und zur Tür hinaus.

Die Kriechende Schlange trat zu den Räubern und flüsterte: »Geht mit
naus . . . Wir machen was mit meiner Schwester.«

»Ich geh nit mit«, sagte Oldshatterhand sofort. Der bleiche Kapitän und
die Rote Wolke sahen verständnislos drein.

»Also, ich geh mit«, sagte der Schreiber, zwängte sich zwischen Tisch
und Kanapee durch und ging mit der Kriechenden Schlange hinaus in den
Garten.

»Was machen denn die mit seiner Schwester?« fragte der bleiche Kapitän
Oldshatterhand.

»Die . . . die machen was.«

»Was denn! . . . Das ist ganz einfach eine Geheimniskrämerei!«

»Ich weiß ja selber nit . . . aber machen tun sie was.«

»Der freie Mensch steh Red und Antwort.«

»Das wird wieder ein schöner Blödsinn sei«, schloß der bleiche Kapitän
das Gespräch ab.

Das Mädchen stand im nächtlichen Wirtschaftsgarten klein unterm
Kastanienbaum, der bis in den Sternenhimmel reichte.

Als die zwei Knaben auf sie zutraten, kicherte sie und senkte den Kopf.

»Erst ich«, sagte die Kriechende Schlange zum Schreiber. »Paß du auf
derweil, ob niemand kommt.«

Das Mädchen lief voraus in den dunklen Holzschuppen, in dem Hacken,
Schaufeln und anderes Handwerkszeug herumstand.

Der Schreiber ging zwischen Kastanienbaum und Schuppen spähend auf und
ab.

Als nach einer Weile die Kriechende Schlange allein zurückkam, flüsterte
er: »Geh du jetzt nei zu ihr . . . Geh doch nei!« Er schob ihn vom Stamm
weg. »Ich paß ja auf derweil . . . Oh, du hast Angst«, flüsterte er und
deutete, den Oberkörper abgebeugt, höhnisch auf den Schreiber, der
langsam auf den Schuppen zuging und in ihm verschwand.

Die Kriechende Schlange schlich zum Schuppen, spähte horchend hinein.
Und preßte sich die Schenkel vor lautlosem Lachen.

Speichel lief dem Schreiber von den Mundwinkeln hinunter, als er aus dem
Schuppen trat; sein Haar war verwühlt.

»Der kann ja nix«, sagte das Mädchen und lief davon.

Den Oberkörper abgebeugt, deutete die Kriechende Schlange auf den
Schreiber: »Oooooo!«

»Was willst denn!« rief der Schreiber erzürnt.

»Weil ich's g'sehn hab . . . Weißt was, wenn ihr amal alle im >Zimmer<
seid, bring ich mei Schwester mit.«

»Bring halt die andere auch mit.«

». . . Die eine langt . . . Die langt für uns alle.«

Als die Knaben die Schritte eines Gastes hörten, gingen sie in die
Wirtsstube zurück, wo der Schreiber sich wieder aufs Kanapee setzte.

Oldshatterhand, dessen Mund gerade über die Tischplatte reichte, zog
einen langen Dolch, den zu tragen verboten war, aus der Hintertasche und
schnitt die Spitze einer großen Zigarre ab. »Leih mir zwölf Pfennig«,
bat er den bleichen Kapitän. »Ich hab nix mehr und möcht noch a Glas
Bier trink.«

»Du bist mir noch vierzehn Pfennig vons letztemal schuldig. Ich hab
selber nix.«

Leise ging der Gymnasiast zur Tür hinaus und kam, vom säbelbeinigen
Wachtmeister begleitet, gleich wieder zurück. »Dieser ist's.«

»Komm mal da her zu mir.«

Der bleich gewordene Oldshatterhand -- er hatte beim Eintritt des
Wachtmeisters sein Dolchmesser schnell zwischen Kanapeesitz und Lehne
gesteckt -- ließ geringschätzig die Lippen hängen und fragte angstbleich
und frech: »Was wollen Sie denn von mir?«

»Gehst raus! Malefizlausbub!«

Der Wachtmeister befühlte Oldshatterhands Taschen von außen. »Wo hast's
denn?«

»Ich weiß ja gar nit, was Sie wollen.«

»Einen ganz langen Dolch hat er«, rief der Gymnasiast.

»Jetzt leerst glei dei Tasche aus.«

»Da, greifen Sie nur selber nei.«

Von Zuschauern umringt -- alle Tanzschüler waren ins Wirtszimmer
gekommen -- zog der Wachtmeister, während der bleiche Kapitän, vom
Schreiber gedeckt, den Dolch immer tiefer ins Kanapee stieß, unter
größter Stille aus der Hosentasche Oldshatterhands eine lange, geknickte
Hahnenfeder, drei Zigarrenstummel, ein aufspringendes Blechkästchen, in
dem Angelwürmer sich ringelten, einen Himbeerapfel, eine Handvoll alte
Briefmarken, ein Flötchen und eine Meerschaumspitze, mit einem
Segelschiff darauf, in welcher der Wachtmeister, als er durchsah, eine
farbige Alpenlandschaft mit weidenden Kühen erblickte. Ein zartrosa
Würmchen schlängelte sich aus dem schwarzen Loch der Meerschaumspitze
heraus und um den Zeigefinger des Wachtmeisters herum, der die Spitze
erschrocken von sich schleuderte, so daß sie zerbrach.

»Habt ihr's Messer g'sehe?«

»Ach, er hat ja kein Messer«, sagte die Wirtin begütigend.

»Und wenn er scho ens hat«, rief der Fischer. »Jau, so a Gaudi.«

Aber Johann Jakob Streberle deutete auf Oldshatterhand: »I hab's g'sehe!
Also muß a da sei.«

Ratlos griff der Wachtmeister Oldshatterhand auch noch in die
Westentasche und zog siebzehn Pfennige heraus. »Das hab ich zammg'spart,
weil ich meiner Mutter eine Küchenlampe kauf will, zu ihrn Geburtstag!«
rief Oldshatterhand und blickte in furchtbarster Verlegenheit den
bleichen Kapitän an.

»Was verlangst denn dann von mir Geld, wenn du selber hast!«

»Du glaubst's nit . . . Kannst ja selber mei Mutter frag, ob sie die
Küchenlampe nit braucht.«

Nachdem der Wachtmeister noch unter Tisch und Kanapee gekrochen war,
ging er, der zerbrochenen Meerschaumspitze wegen, schnell weg.

». . . Es ist wirklich so, wie ich g'sagt hab.«

»Das häst gleich sag müss . . . Heimlichs Geld! . . . Ich tät mich
schäm.«

»Aber du mach dich dünn jetzt«, zischte Oldshatterhand wütend.

Der Gymnasiast hatte sein schwarzes Schildmützchen schon gepackt und
schlich zur Tür hinaus.

Die Räuber machten sich sofort an die Verfolgung.

Jedoch der Gymnasiast hatte einen Vorsprung, Angst und lange Beine.

Am Wachtmeister vorbei jagten die Räuber der fliehenden, dunklen Gestalt
nach, über die alte Brücke, durch krumme Gassen, aber stets im selben
Abstand. Der Gymnasiast schien zu fliegen. In der Büttnersgasse prallte
er wider seine Haustür, daß er in die Knie sank, sprang die Treppe
hinauf und streckte den Räubern aus dem erleuchteten Fenster des ersten
Stockes schon die Zunge lang heraus, als sie unten vor dem Hause erst
ankamen.

Der Himbeerapfel schwirrte durch die Luft und schien dem Gymnasiasten
direkt in den Mund geflogen zu sein; denn noch einen Augenblick war der
Apfel auf dem Gesicht zu sehen und die in maßlosem Schrecken
aufgerissenen Augen. Der Kopf verschwand, die Räuber hörten einen
dumpfen Fall und das Klirren von zerbrechendem Glas. Dann war es still.

Ein paar Stunden später kletterten die Räuber, da das Haustor schon
versperrt, aber im Wirtschaftszimmer der »Schönen Mainaussicht« noch
Licht war, an der Mauer hinauf, schlichen durch den dunklen Garten und
sahen, als sie durchs Fenster spähten, den Fischer mit der Wirtin
zusammen auf dem Kanapee. Oldshatterhand schrak entsetzt zurück und
flüsterte voller Grauen: »Fort! Fort! Ich geh fort.«

Plötzlich schlüpfte die Kriechende Schlange unterm Kanapee vor und
deutete boshaft auf die beiden.

Seine Mutter und ihr Liebhaber fuhren wüst schimpfend in die Höhe. Die
Kriechende Schlange stürzte in die Küche, die Räuber durch den Garten
davon.

Am Morgen zogen ein paar Sandschöpfer den kleinen Wirt tot aus dem Main.
Das nasse Hundefell hielten die Hände des Toten fest umklammert.

                   *       *       *       *       *

Aus dem Schulsaale nebenan klang schon das singende, monotone Lesen der
ganzen Klasse, aber über den siebzig regungslos sitzenden Schülern des
Herrn Mager hing noch drückende Stille.

Herr Mager saß hinter dem Katheder und schälte sich einen Borsdorfer
Apfel, teilte ihn in Schnitzchen, kernte sie sorgfältig aus und aß sie
zusammen mit einer mürben Kaisersemmel langsam auf, was er vor Beginn
jeder Schulstunde tat.

Der bleiche Kapitän, Falkenauge, Oldshatterhand und der Duckmäuser saßen
in der ersten Bank; in der letzten Bank saßen der König der Luft, die
Rote Wolke und der Schreiber. Die andern Mitglieder der Räuberbande
waren unter den übrigen Schülern verstreut.

Winnetou lag fiebernd zu Hause im Bett.

Vom hellen Gaslicht beleuchtet, glänzten die von der Seife
aufgeriebenen, roten Gesichter der Lehrjungen, und die noch nassen Haare
standen spitz und steif in die Höhe, so daß die Köpfe einer in Reihen
geordneten Igelschar glichen.

Herr Mager hielt streng auf Reinlichkeit.

Eine tiefe Männerstimme erklang nebenan, dann eine Knabenstimme, und es
schien, als würden die Worte im Keller gesprochen.

Herr Mager rieb sein Taschenmesser trocken, hielt die Klinge gegen das
Licht, rieb noch eine Weile, und erhob sich plötzlich, strich wie in
Gedanken mit der Hand im Kreis über seinen rundgestutzten, rötlichen
Vollbart zur polierten Glatze und zurück zum Bart, wo die Hand haften
blieb, und lächelte. Herr Mager lächelte die Schüler der ersten Bank an.

Herr Mager hatte eine sonderbare Art, die Hände zu reiben. Er rieb
jetzt, wie immer, wenn er vergnügt war, mit dem Zeigefinger das
erhabene, blaue Aderngeflecht seines gichtigen Handrückens, sah auf die
Uhr und schritt zur Schultafel. »Der berühmte Maler Albrecht Dürer hatte
einen Widersacher, welcher behauptete, der größere Künstler zu sein«,
sagte Herr Mager, legte die Hand in die Hüfte und sah, immer noch
lächelnd, die Räuberbank an. »Die zwei Maler einigten sich dahin, daß
jeder eine Zeichnung machen solle, und wessen Arbeit die bessere sei,
der solle in Zukunft als der Größte gelten . . . Der eine zeichnete Tag
und Nacht, ein halbes Jahr lang, und brachte seine auf das sorgfältigste
ausgeführte Arbeit vor das Preisgericht. Als Albrecht Dürer eintrat,
ohne eine Zeichenrolle zu haben, fragten die Preisrichter ärgerlich, wo
denn seine Arbeit sei. Da schlug Albrecht Dürer seinen weiten Mantel
zurück, zeichnete mit einem feingespitzten Bleistift in einem Zug einen
großen Kreis auf einen Karton und machte einen Punkt in die Mitte. Alles
aus freier Hand. Als die Preisrichter aber nachmaßen, stimmte der Kreis
wie mit dem Zirkel gezogen . . . Von da an galt Albrecht Dürer als der
größte Künstler«, schloß Herr Mager, versuchte, mit der Kreide einen
Kreis auf die Schultafel zu ziehen und stieß energisch einen Punkt
hinein. »Wie ich noch so jung war wie ihr, da konnte ich das noch viel
besser«, sagte er, weil der Kreis etwas bucklig ausgefallen war. »Das
sollt ihr bis zur nächsten Schulstunde üben . . . Katekeßmoß!!!«

Siebzig Katechismusse klappten auf die Bankpulte.

Da stand Falkenauge auf. »Herr Lehrer, ich muß einmal hinaus.«

Er kam nicht wieder. Auf ganz sichere Prügel _warten_, das ließen seine
Nerven nicht zu.

Falkenauge war nicht feige. Vergangenen Winter war er augenblicklich von
der Kaimauer hinunter in den mit Treibeis gehenden Main gesprungen, um
einen Säugling zu retten, den das Kindermädchen mitsamt dem Wickelkissen
ins Wasser hatte fallen lassen. Ausdauernd war er dem mit den
Eisschollen flußabwärts schaukelnden Wickelkissen nachgeschwommen, hatte
es erfaßt und es glücklich an Land gebracht. Sein Auge war ihm bei einer
Schlacht mit fünf Gymnasiasten ausgeschlagen worden, die er allein
herausgefordert hatte. Jedoch das von Herrn Mager ersonnene Raffinement
-- die sicheren Prügel hinauszuschieben, war für Falkenauges Mut zu
viel.

Herr Mager schickte Seidel hinaus, seinen besten Schüler, der aber nach
einer Weile allein zurückkam und staunend sagte: »Herr Lehrer, er ist
nicht mehr da.«

Herr Mager zog die Mundwinkel in die Bäckchen zurück. »Michael Vierkant!
Raus!«

Oldshatterhand legte sich über den Stuhl. Seidel preßte ihm den Kopf
nach unten, und Oldshatterhand schnalzte unter dem pfeifenden Rohrstock
des Herrn Mager.

Für die andern Räuber existierte unterdessen nur die eine bange Frage:
wer kommt nach Oldshatterhand daran?

Einer nach dem anderen wurde übergelegt. Und bei jedem sagte Herr Mager
atemlos: »So! Heute diese sechs, das nächste Mal wieder sechs, bis die
vierundzwanzig voll sind. Tut mir leid, daß ich nicht zwölf auf einmal
geben darf.«

Die Augen der Mitschüler standen weit offen und glänzten. Das kleine
Gesicht des Herrn Mager war jetzt schon weinrot.

Seidel konnte den sich wütend wehrenden Schreiber nicht allein bändigen.
»Wer meldet sich?« rief Herr Mager.

Vier sprangen zum Stuhl. Der Duckmäuser war zusammengezuckt, jedoch
sitzen geblieben.

Speichel lief dem Schreiber zum Munde heraus. Wie in höchstem Entzücken
brüllte er in allen Tonlagen: »Ah! Ah! Ah! Ah!« und schleuderte die
Beine derart umher, daß Herr Mager sich mit dem Rohrstock auf den
Handrücken traf. Voller Wut schrie er: »Michael Vierkant! Raus! Halte
ihn!«

Oldshatterhand rührte sich nicht.

Herr Mager stürzte sich auf ihn und stieß ihn bis zum Stuhl. »Halte
ihn!«

Er rührte sich nicht. Plötzlich sagte er leise: »Herr Lehrer . . . ich
halte ihn nicht.« Und selbst seine Lippen waren weiß geworden.

Verblüfft stierte Herr Mager Oldshatterhand an und hieb ihm plötzlich
mit dem Rohrstock quer über das Gesicht, immerzu. Nicht die Hand hob
Oldshatterhand zur Abwehr. Nebel vor den Augen, brach er zusammen, stand
gleich wieder auf und ging ganz langsam zurück zur Bank. Auf seinem
Gesicht schwollen die blutunterlaufenen Striemen.

»Hans Lux! Raus!«

Die tiefe Falte war da. Sein Hals schoß wagerecht vor. Die vier Helfer
standen bereit. Der König der Luft faßte den Stuhl bei der Lehne, rückte
ihn umständlich zurecht, visierte, legte sich darüber, rutschte eine
Weile hin und her, bis er in die richtige Lage gekommen war, und nahm
die Prügel entgegen.

Die nach ihm ausgestreckten Arme der vier Helfer waren herabgesunken.

Man schleicht von hinten an einen Kameraden heran, stellt ihm die
gespreizten Finger auf den Kopf, daß sich die Nägel schmerzhaft in die
Kopfhaut eindrücken, ruft: »Pä, Krähenfuß!« und streckte die Zunge lang
heraus, wenn er zusammenzuckt. Ein ähnliches Gefühl hatte Oldshatterhand
auf dem Heimweg von der Schule. Wie wenn eine dunkle, gespreizte Hand
sein Herz umkrallte. »Pä, Krähenfuß«, flüsterte er, schauerte zusammen
und hatte einen säuerlichen Geschmack auf der Zunge, als ob er Blut
speie. »Jetzt müssen wir fort. In den wilden Westen. Anzünden! Die ganze
Stadt! Hoo! Fort, fort!« Und plötzlich lachte er ein irrsinniges Lachen.
»Hi! hihiha!«

Die Räuber hatten ihm nicht geantwortet. Der Duckmäuser ging ein paar
Schritte seitwärts nebenher und sah staunend ununterbrochen auf
Oldshatterhand.

Sie waren bis zur alten Brücke gekommen. Oldshatterhand ging ein Stück
hinter den anderen und sann darüber nach, weshalb seine Freunde ihm
nicht geantwortet hatten. Vielleicht, weil gerade ein Liebespaar
vorbeigegangen war? Umschlungen -- dachte er. Hatte das Gefühl, als
tropfe in seinem Innern immerzu Blut, unaufhaltsam, und bekam Angst.

Dicker Nebel hatte die Stadt genommen, so daß kein Brückenheiliger, kein
Licht zu sehen war. Plötzlich bekam Oldshatterhand einen knallenden
Schlag ins Gesicht, daß er Feuerflächen aufblitzen sah, und hörte eine
Stimme rufen: »Rechts gehen!« Er sah, nur einen Augenblick, eine Uniform
und eine goldene Unteroffizierslitze; und sofort wieder nur noch Nebel.

Falkenauge saß auf einem Eckstein vor dem »Spitäle«, die Ellbogen auf
die Knie, den Kopf in die Hände gestützt, und blickte in wehmütigem Neid
trübe auf die ankommenden Räuber, welche die erste Portion Prügel hinter
sich hatten.

Falkenauge wagte nicht, nach Hause, nicht ins Geschäft zu gehen; einige
Nächte schlief er in einem Kehrichtwagen, der unbenutzt unterm
Brückenbogen stand, bis der säbelbeinige Wachtmeister ihn fand und Herrn
Mager zuführte.




Viertes Kapitel


Die Bierkeller waren mit Maineis gefüllt worden; jetzt blühte der
Holunder und der Flieder im Festungsgraben, und die Hügel rund um
Würzburg herum waren weiß von der Obstbaumblüte, so daß nur wenig
saftiggrüne Stellen sichtbar blieben.

Die Räuber waren von Herrn Mager mit dem Hinweis auf die Rekrutenzeit
aus der Fortbildungsschule entlassen worden. Alle konnten jetzt mit
einiger Berechtigung bei Herrn Rein eintreten und sich rasieren lassen,
außer Oldshatterhand, der seit seinem zwölften Jahre keinen Finger breit
gewachsen war, wie ein Schulknabe aussah und seinen Kameraden nur bis
zur Brust reichte.

Das war ein großer Schmerz für ihn, der ihn reizbar und streitsüchtig
machte; unvermittelt konnte er, allen voran, die Räuber zu gefährlichen
Unternehmungen mitreißen, um dann plötzlich, von einer Minute zur
anderen, ohne erkennbaren Grund bedrückt zu werden, was immer viele Tage
lang anhielt, an denen er sich durch unwesentliche Kleinigkeiten
schmerzlich verletzt fühlte und maßlose Zornausbrüche bekam.

Und noch ein großes Leid drückte Oldshatterhand. Brachte er den wilden
Westen zur Sprache, dann sagten die Räuber: »Ja. Bald. Wart doch.«

Keiner glaubte mehr ganz daran. Aber noch gestand es keiner dem anderen
offen ein. Wie mit einer Kugel spielten sie mit ihrer Jugendsehnsucht,
parodierten sie schon leise, und waren bereit, beim ersten Anlaß den
ganzen wilden Westen unter Gelächter abrollen zu lassen.

Und da Oldshatterhand immer wieder drängte: »Jetzt müssen wir fort, die
Prärie steht hoch, vielleicht sind blutige Kämpfe ausgebrochen, das
Kriegsbeil ist ausgegraben, man braucht uns drüben, was sollen wir noch
hier«, bekam er von den verärgerten Räubern zu hören: er solle doch
einstweilen vorausgehen, wenn's ihm so pressiere, sie kämen schon nach.
So daß Oldshatterhand mit Sehnsucht im Herzen gequält stillschwieg und
teilnahmslos und verbittert den Zirkusvorstellungen beiwohnte, welche
die Räuberbande jetzt jeden Abend auf dem Schloßberg gab. Kurz vorher
war ein Zirkus in Würzburg gewesen.

Alle leisteten ihr Bestes; denn unter den Zuschauern saßen auch einige
Mädchen auf dem Rasen. Und das war der Anfang vom Verfall der
Räuberbande: sie liebten es neuerdings, Publikum um sich zu haben.

Und der Erfolg war groß. Hoch an einem Lindenast war ein Trapez
angebracht. Der König der Luft, in enganliegenden Unterhosen und
giftgrünem Trikotleibchen, ganz einem Zirkuskünstler ähnlich, saß auf
dem Trapez und mahlte mit den Zähnen.

Hinter den Linden, im Geäst, hing die untersinkende Sonnenscheibe, und
die Gestalten der Räuber warfen lange Schatten auf den abendgrünen
Schloßbergrasen.

Der bleiche Kapitän stand abseits, die Lippen verächtlich nach außen
gestülpt, und sah zu, wie der König der Luft in gewaltigem Bogen in den
Himmel sauste, das Trapez losließ und, einen wilden Schrei ausstoßend,
sich hoch in der Luft überschlug -- und auf den Beinen stand.

»Das ist nix. Davon kriegt man keine Kraft«, sagte der bleiche Kapitän
zum Schreiber, der als Clown ein hellrosa Kleid seiner Schwester
anhatte. Aber ein Mädchen mit zwei braunen Zöpfen sagte: »Der kann
direkt zum Zirkus gehen.« Worauf der Schreiber sofort die gefährlichsten
Sprünge machte und Purzelbäume schlug: vor dem Mädchen mit den braunen
Zöpfen.

Um seinen schwindenden Ruhm wieder zu festigen, stemmte der bleiche
Kapitän einen schweren Steinquader hoch, was ihm keiner nachmachen
konnte. Als jedoch der König der Luft aus gewaltiger Höhe frei
hinaussprang, das schwingende Trapez haschte, kühn wieder fahren ließ,
um den Lindenast wieder zu haschen, ihn aber verfehlte, und unter einem
einzigen Schrei aller Zuschauer herunterstürzte auf den Rasen und
stöhnend seine Fußfesseln hielt -- da schien die künftige
Hauptmannschaft ihm sicher zu sein, denn der König der Luft hatte das
Bein gebrochen.

In Grausen und Bewunderung standen alle um ihn herum.

Der Duckmäuser schlich vorüber; er wagte nicht aufzusehen.

Die Sonne war unter. Die Leuchtkäferchen glühten aus der Dämmerung. Der
Rasen roch.

Neben dem Vorstellungsplatz war die Soldatenreitbahn, von einem breiten,
tiefen Graben umgeben und einer Balkenbarriere. Im lockeren Sand der
Reitbahn stand ein dürres Soldatenpferd und wieherte.

Der bleiche Kapitän faßte einen verzweifelten Entschluß: ohne vorher
etwas davon zu sagen, sprang er mit einem fünf Meter langen Satz über
den Graben und die Barriere, in den Sand der Reitbahn, kletterte auf das
wütend ausschlagende Pferd und raste, sich mit Armen und Beinen
anklammernd, in der Bahn herum.

Die Bewunderung der Zuschauer hatte sich ihm zugekehrt.

Der bleiche Kapitän hing, unfreiwillig auf den Hals gebeugt, wie ein
Indianer auf dem Gaul.

Da brüllten die Räuber wie besessen: »Halt! Halt! Ein Feldwebel!«

Der Feldwebel, zornrot, stürzte mit erhobener Reitpeitsche dem
scheuenden Pferde nach; der Hauptmann flog in großem Bogen herunter in
den Sand, stürmte, vom Feldwebel verfolgt, heraus aus der Reitbahn, und
mit Zuschauern und Mädchen den Schloßberg und die Felsengasse hinunter.

Des bleichen Kapitäns Ruhm und Hauptmannschaft war wieder gesichert.
Keuchend rief er: »Wenn das mein Bruder in Amerika miterlebt hätte.«

Der König der Luft saß allein, stöhnend unter der Linde.

Oldshatterhand stieg den Schloßberg wieder hinauf und setzte sich auf
den Sockel des Bildwerks: Christus hing am Kreuz in kaum noch
erkennbaren Körperformen, so oft war er im Laufe der Jahrhunderte mit
Ölfarbe angestrichen und mit Blutstropfen geschmückt worden. Auf dem
Bildwerk stand:

   An diesem Ort is Alois Würz
   Mit sein Heuwage umg'stürzt.
   War glei tot, mitsamt die Roß.
   War ein frummer Mann,
   Drum is er auf der Stell
   In sein Heuwage in Himmel nei g'fahrn,
   Was mer vo seine Roß nit sag kann.

Über der Stadt hing Rauch und Dunst. Es war schon fast dunkel. Eine
Kirchenglocke läutete. Oldshatterhand war bedrückt; er spannte alle
Muskeln an und hielt den Atem zurück, bis die Luft »pfa!« aus seinem
Munde fuhr. Es wurde ihm aber nicht leichter davon.

Aus dem Dunkel zwischen den Linden schimmerte Wäsche hervor, die zum
Trocknen aufgehängt war, blähte sich auf zu großen, weißen
Menschenbäuchen. Oldshatterhand spähte angestrengt hin und fürchtete
sich, blieb aber sitzen auf dem Sockel und horchte auf den unerklärbaren
Ton, der jetzt aus der Luft über der Stadt kam. Ein schauriges Stöhnen,
wie wenn das Leiden aller Tiere und Menschen in ihm klänge.

Hinter einer Bodenerhebung erschien der Kopf des Duckmäusers, der zu
Oldshatterhand hinblickte und vorsichtig, unhörbar auf ihn zukroch.

Langsam näherte sich der Duckmäuser, hatte erst Minuten später die nur
zehn Schritt weite Entfernung hinter sich gebracht, und setzte sich
unbemerkt auf den Sockel neben Oldshatterhand.

Es war jetzt ganz dunkel geworden.

Eine Weile saß der Duckmäuser reglos und hielt den Atem an, um sich
nicht zu verraten. Plötzlich sagte er: »Wa . . . weil . . .«

»Oh . . . O Gott!« schrie Oldshatterhand auf und fiel vom Sockel
herunter, zwang sich aber sofort zur Gleichgültigkeit, als er den
Duckmäuser erkannte, und drängte seine Verwunderung darüber zurück, daß
dieser es gewagt hatte, sich neben ihn zu setzen; der verachtete
Duckmäuser, mit dem die Räuber seit Jahren kein Wort gesprochen hatten.

»Mi . . . mich hat was ge . . . gestochen, dr . . . drum bin ich
erschrocken«, stotterte Oldshatterhand geringschätzig.

»Wa . . . weil ich auch zs . . . zs . . . zu den Indi . . . Indianern
will, hab ich das A . . . das Anschleichen geübt an den Fa . . . Fa
. . . Feind«, beendete der Duckmäuser seinen Satz.

»-- -- -- -- Duuuu? zs . . . zu den Indianern?« Oldshatterhand war
furchtbar verwundert und empört. Und als er sah, wie der Duckmäuser den
Kopf vorstreckte, blutrot wurde und drückte, um reden zu können, dachte
Oldshatterhand voller Scham: ich darf nicht stottern, ich darf nicht
stottern, jetzt darf ich nicht stottern, und setzte leicht
auszusprechende Worte vor: »O also nein, da mußt du aushalten können, da
. . . daß man dir vergiftete Hölzchen in den Ba . . . Bauch steckt, und
die werden angezündet. O ja also nein, ich halt das aus. Fü . . .
fünfzig brennende Hölzchen im Bauch. Und wenn ich ge . . . geblendet
wer, da . . . das macht mir gar nichts aus.«

»Züüü . . . Züüü . . . Züüü . . . Zündhölzchen meinst du?«

»O ja, und ich fresse Giftschlangen wie Ku . . . Kuchen.«

»We . . . wenn man den Fa . . . Feind so beschleichen ka . . . kann,
. . . da . . . daaaas ist die Hauptsache; dann br . . . dann br . . .
brauche ich ihm nur noch ein Messer ins Herz zs . . . zs . . . zu
stoßen.«

»Pä! Ist das ritterlich?«

»Ich bin Mi . . . Mi . . . Mi . . . Ministrant. Und fürs A . . .
Abendläuten kr . . . krieg ich mooonatlich f . . . fünfundsiebzig Pf
. . . Pfennig.«

Oldshatterhand wurde wütend. Er hatte sich, ebenso wie die Kriechende
Schlange und die Rote Wolke, auch ums Läuten beworben, der
fünfundsiebzig Pfennige wegen. Man hatte ihn aber nicht brauchen können,
weil er zu klein war. »Ha! Ich wer doch dene Pf . . . Pfaffe nit läuten.
Ist das vielleicht männlich? Aber wenn du zu den Indianern willst, mußt
du mi . . . mindestens eine halbe Stunde lang unter Wasser schwimmen
können, aber mit o . . . offenen Augen, wenn oben ein Ka . . . Kanoe mit
Indianern vorbeifährt.«

»F . . . ffff . . . . . . . . fünfundsiebzig Pfennig mooonatlich krieg
ich.«

Da trat der Spenglermeister, Herr Hieronymus Griebe, aus dem Dunkel, und
seine Hand, die eben das Kreuz schlagen wollte vor dem frommen Bildwerk,
blieb erschrocken abwehrend ausgestreckt, als er die zwei Gestalten auf
dem Sockel sitzen sah.

Der Duckmäuser schnellte in die Höhe.

Wortlos nahm Herr Hieronymus Griebe seinen ihn fast um einen Kopf
überragenden Sohn bei der Hand und führte ihn weg von Oldshatterhand,
der sitzen blieb und den beiden verächtlich nachsah, bis das Dunkel sie
genommen hatte.

                   *       *       *       *       *

Die schöne Schwester Winnetous hatte ein Kind bekommen. Die ganze Stadt
wußte, daß der Kaplan der Vater war.

Einige Wochen darauf bekam der Kaplan die beste Pfarre in der Umgebung
Würzburgs, und das Mädchen wurde seine Haushälterin. Vor dieser Tatsache
verstummte das Gerede.

Aber die Mutter war vor Schrecken und Scham erkrankt; eine
Lungenentzündung war dazugekommen. Sie lag im Sterben.

Wortlos und streng deutete sie auf den Sessel neben ihrem Bett. Winnetou
setzte sich und sah steif geradeaus.

Schritte näherten sich. Der großmächtige Geistliche im Ornat, der
Kirchendiener und die Ministranten traten ins Zimmer. Winnetou stand
auf.

Der Duckmäuser reichte das Weihrauchfaß und sah sich wichtig nach
Winnetou um.

Die Kranke bekam die heiligen Sterbesakramente. Der Geistliche und die
Ministranten knieten nieder am Bett und beteten. Da kniete auch Winnetou
nieder.

Der Kirchendiener erhob sich zuerst, griff dem Geistlichen von hinten
unter die Arme und half ihm wieder auf die Beine.

Als Winnetou allein war mit der Mutter, setzte er sich in den Sessel,
wie vorher.

Automatisch wandte er nach einer Weile den Kopf zur Sterbenden hin, sah
das weiße Gesicht an, das von einer plissierten, gestärkten Krause
umrahmt war, und beugte sich plötzlich mit einem Ruck staunend vor: es
schien ihm, als sei die Mutter um viele Jahre jünger geworden. Die
Falten der Strenge waren vollkommen weg. Anstatt ihrer sah Winnetou
stilles, gläubiges Glück im Gesicht der Mutter, das schmal und sanft
geworden war. Eine nie empfundene Weichheit ergriff ihn und die
Sehnsucht, daß es immer so bleiben möge. Da sprang ihm die Angst in die
Brust -- die Mutter werde, wenn sie die Augen aufschlage, wieder streng
auf den Sessel deuten. Er ließ den Blick nicht von ihr, klagte ohne
Worte unglücklich in sich hinein, weil er diese sicher nie mehr
wiederkehrenden sanften Minuten der Mutter auch in Angst vor ihr
verbringe, und ließ sich plötzlich aufschluchzend über sie fallen, denn
die Sterbende hatte die Augen geöffnet und ihm in ungeheurer Güte
langsam übers Haar gestrichen.

Mit rauhen Tönen tief aus der Brust heraus weinte Winnetou, sein Körper
zuckte, ein kaum erträgliches Glück entstand in ihm; da begann er zum
Weinen leise zu singen, und hatte das bestimmte Gefühl, daß wenn er
aufhöre, leise zu singen, er nicht mehr weinen könne, und dann nicht
mehr glücklich sein würde.

Während Winnetou den durch die lebenslange Lieblosigkeit seiner Mutter
verursachten Druck aus sich herausweinte, fühlte er, wie die Sterbende
ihm half, durch ununterbrochenes sanftes Streicheln, das allmählich
schwächer wurde, bis die Hand kraftlos aufs Bett fiel. Der Bauch der
Sterbenden bäumte sich hoch auf und schleuderte Winnetou ans Fußende des
Bettes.

Tränenüberströmt blickte Winnetou auf die Mutter, ging hinaus und
meldete der Köchin unter schluckendem Lachen und Weinen, daß die Mutter
tot sei.

Entsetzt starrte die Köchin Winnetou an, weil er glücklich lächelte, und
rannte ins Sterbezimmer.

Winnetou trat aus dem Hause und ging schnell und ohne Ziel stadtwärts.

Neben ihm humpelte mühsam eine kleine, dicke Alte mit Krückstöcken auf
die Haltestelle der Trambahn zu, wandte sich um nach dem schnell sich
nähernden Wagen, den Krückstock verzweifelt schüttelnd, und schrie
immerzu:

»Ich komm nimmer hin! Heilige Maria! ich komm nimmer zurecht.«

Winnetou sah die Alte an -- zur Elektrischen zurück, und stellte sich
zwischen die Schienen.

Der Führer läutete.

Winnetou tat als hörte er nicht, und ging, um den Führer zum
Langsamfahren zu zwingen, ganz gemächlich im Geleise, auf die
Haltestelle zu. Die Alte humpelte, sich beeilend, weiter.

Der wütende Führer läutete ununterbrochen. Die entsetzten Fahrgäste
stießen Warnrufe aus. In voller Fahrt kam der Wagen angerast. Winnetou
wandte den Kopf, erbleichte und ging langsam im Geleise weiter. Im
letzten Augenblicke zog der Führer die Bremsen, daß die Schienen
rauchten, und Winnetou sprang seitwärts.

Zitternd vor Schreck und Empörung, stieg der Führer aus dem Wagen, um
nachzusehen, ob Winnetou verletzt war.

Die Alte hatte den Wagen erreicht und stieg ein.

Führer und Fahrgäste schimpften Winnetou nach, der, den Mund verzogen,
als sei ihm schweres Unrecht geschehen, zurücksah.

Ein weißhaariger Alter, der im Stocke des Eckhauses mit der Tabakspfeife
am Fenster saß, stand mühsam auf und schüttelte wütend die Faust
hinunter zu Winnetou, der in die Seitengasse einbog.

Der Schreiber und der bleiche Kapitän kamen ihm entgegen. »Geh mit, wir
schießen«, sagte der Hauptmann, zog seinen Rockflügel zur Seite und
zeigte Winnetou einen neuen Zimmerstutzen. »Wir gehn zu Falkenauge und
schießen in seiner Kammer . . . Geh mit.«

». . . Ich geh nimmer mit . . . Ich geh wo anders hin«, sagte Winnetou
und ging auch gleich weg, in der Richtung zur Kirche.

Verdutzt blickten sie ihm nach.

Das Hochamt hatte schon begonnen. Winnetou schlug das Kreuz und setzte
sich. Und als er die lateinischen Worte des Priesters und das ferne
Klingeln der Ministranten im mächtigen Kirchenschiff hörte, stellten
sich die Glücksschauer des Aufgelöstseins, die er im Sterbezimmer der
Mutter empfunden hatte, wieder ein.

Müdigkeit befiel ihn; er schlief ein.

Der brausende Orgelklang weckte ihn auf. Da fühlte Winnetou
unvermittelt, daß Frömmigkeit und Gottesglaube sich mit seinen
Räuberidealen nicht deckten.

Still trat er aus dem Portal und blieb an der Grundmauer der Kirche
lehnen, als er den Schreiber und den Hauptmann, die ihm nachspioniert
hatten, langsam die Straße hinunter sich entfernen sah.

Winnetou blickte den kleiner und kleiner werdenden Räubern nach, bis sie
zu Punkten wurden und endlich nicht mehr zu sehen waren, und trat wieder
in die Kirche ein.

Die zwei Räuber klopften an die Zimmertür von Falkenauges Mutter, und
als niemand antwortete, stiegen sie hinauf in die dürftig möblierte
Dachkammer Falkenauges, der noch im Geschäft war.

Auf dem Nachtkästchen neben dem Bett stand ein Glas voll klaren Wassers,
worin ein Glasauge lag. An der Wand hing eine Tabakspfeife unter dem
heiligen Joseph. In einem engen Käfig sprang ein Eichhörnchen aufs
Stäbchen und herunter, ruhelos und unaufhörlich. Falkenauge hatte es auf
den Schloßberglinden gefangen.

Dem Fenster gegenüber war eine blinde Hausmauer, auf der ein Spatz saß.

Der bleiche Kapitän zielte lange und drückte endlich ab. Der Spatz blieb
sitzen und pickte sich wie vorher ins aufgepluderte Gefieder.

Und als sie beratschlagten, ob der Spatz getroffen sei, stieg er in die
blaue Luft.

»Die Kugel macht einen Bogen, weil die Entfernung zu groß ist . . . Wie
wär denn das sonst möglich«, sagte der bleiche Kapitän und sah sich nach
einem näheren Ziel um. »Halt einmal die Karte«, sagte er und nahm das
Herzaß von Falkenauges Kartenspiel.

»Und wenn du mir den Finger wegschießt?«

»Ich wer doch no das Kärtle treffe.«

Der Schreiber stellte sich seitwärts vom Fenster, streckte den Arm aus,
hielt die Karte an der äußersten Spitze. »Ziel lieber ein bißchen mehr
rechts . . . Es is mir lieber, du triffst nix, als daß du mei Hand
triffst.«

Der bleiche Kapitän zielte lange und genau in die Mitte der Karte und
durchlöcherte sie.

Der Schreiber atmete wieder. »Jetzt halt du die Karte.«

Der bleiche Kapitän hielt die Karte nicht spitzig, sondern umrahmte sie
mit seiner Hand und stülpte die Lippen nach außen. »Schieß.«

Der Schreiber erschrak, spannte alle Muskeln an, zielte kurz und
durchlöcherte die Karte. Verächtlich ließ der bleiche Kapitän sie
fallen. »Ich laß mir das Glas runterschieß, vom Kopf . . . Das wär mir
auch noch was«, sagte der Hauptmann und stellte das Glas, worin das Auge
lag, sich auf den Scheitel. Das Blut verließ sichtbar sein Gesicht.

-- -- -- Das Glas zersprang; das Auge kollerte unters Bett. Der
Schreiber kroch ihm nach und holte es hervor.

». . . Ich halt das Aug mit zwei Fingern«, rief er in heller
Begeisterung.

»Das kannst du ruhig riskier.«

». . . Haaargott . . . Getroffen!« Das Auge war durchs Fenster
hinausgeflogen.

»Das is doch ganz klar.« Der bleiche Kapitän zuckte die Schultern.

Jetzt erst bemerkte der Schreiber, daß sein Fingernagel fort war, und
das Blut ihm einen schmalen Reif ums Handgelenk gezogen hatte.

»Zeig amal . . . Der wird scho wieder nachwachse . . . vielleicht. A
schöns Armreifle.«

»Ein guter Schuß war's doch«, sagte der Schreiber und hielt, das Gesicht
schmerzverzerrt, die Hand hoch. »Aber das Aug ist futsch.«

Da kam der Vernichtungstrieb über die Räuber. Sie schossen durch den
Fußboden, zerschossen den gemalten Engel an der Decke, die
Tapetenblumen, durchlöcherten den heiligen Joseph. Der Schreiber zielte
auf den Wasserkrug; das Wasser platschte auf den Boden und rann unter
der Tür hinaus. Sie schossen blindlings, wohin immer sie trafen; das
Fenster zerschellte; das Federbett hatte unzählige kleine Brandlöcher.
Das Eichhörnchen raste im engen Käfig herum, hockte manchmal
mäuschenstill, die klugen Augen ängstlich auf die Räuber gerichtet, und
raste weiter. Die Kammer stand voll Pulverdampf. Die Räuber glühten. Sie
zerrten die Bettstücke heraus und schmissen sie in die Wasserlache am
Boden, lehnten die Matratze ans Fenster, rissen den Tisch um, das
Bettgestell auseinander und schlichen die Treppe hinunter, aus dem
Hause.

Gegen acht Uhr abends standen sie vor dem »Spitäle«.

Falkenauge kam von zuhause, und als er sie erblickte, steckte er die
Hände in die Rocktaschen und schlenderte vorüber.

Sie lachten ihm nach. Falkenauge wandte sich um, lächelte geringschätzig
und verlegen und ging weiter. Von dem Tage an verkehrte er nicht mehr
mit den Räubern.

»Herrgott, das schönste Ziel ham wir ganz vergessen.«

»Welches denn?« fragte der bleiche Kapitän.

»Das Eichhörnchen.«

Sie schlugen den Weg nach Dürrbach ein, wohin sie seit einiger Zeit
jeden Tag nach Feierabend im Gewaltmarsch von einer Stunde eilten, und
mehr federweißen Most tranken, als sie vertragen konnten, weil sie von
den zwei Wirtstöchtern bedient und von den erzürnten, eifersüchtigen
Bauernburschen belauert wurden. Das endigte oft mit einer Prügelei,
wodurch die zwei Räuber sich veranlaßt fühlten, in der nächsten Nacht
wieder im Dorfwirtshaus zu sitzen.

Falkenauge ergab sich mit Leidenschaft dem Angelsport; er angelte Tag
und Nacht. Der König der Luft lag im Juliusspital, wegen seines
gebrochenen Beines. Die Rote Wolke las klassische Dramen und liebte ein
junges, schönes Lehrerstöchterchen. Einige gründeten einen Rauchklub,
mit hektographierten Statuten, und hielten jeden Sonnabend großes
Wettrauchen ab, in der Kneipe der Witwe Benommen. Der Schreiber legte
Wert auf elegante Kleidung und pflegte sein Schnurrbärtchen. Er war der
einzige, der schon eines hatte. Als Herr Rein den Schreiber das erstemal
rasierte, mit Respekt und voller Hochachtung, denn des Schreibers Vater
war ein Mann mit starkem Bartwuchs, und es war zu hoffen, daß auch der
Sohn eine gute Kundschaft werden würde, sagte er: »Herr Widerschein,
blicken Sie in den Spiegel, da sehen Sie sich widerscheinen.« Vor
vierzig Jahren hatte Herr Rein dasselbe zu des Schreibers Vater gesagt,
als der noch ein Jüngling gewesen war. Und er hatte den Witz nicht
vergessen.

Der vereinsamte Oldshatterhand grub nach Blei in den alten Schießgräben
der Festung, schmolz es im »Zimmer« zusammen, um, ehe er fortginge,
Bleikugeln daraus zu gießen, für den wilden Westen. Jeden Abend saß er
im »Zimmer« und las Indianergeschichten. Eine Landkarte von Amerika hing
jetzt darinnen, auf der die Gegenden, Seen, Prärien und Urwälder, die er
als Westmann aufsuchen wollte, mit Blaustift unterstrichen waren.

Selten hörte er die nahenden Schritte eines Räubers im unterirdischen
Gange. An vielen Abenden zeichnete er stundenlang das »Heilige Tier« ab.
Mit der Zeit bekam er überhaupt keinen Besuch mehr im »Zimmer«.

Durch die allmählich schärfer hervorgetretenen Charakterzüge und
Interessen der einzelnen Mitglieder hatte die Räuberbande sich
aufgelöst.

Ein Ereignis vereinigte am Sonntag nach Pfingsten einen Teil der Bande
zum letzten Male zu einem gemeinsamen Unternehmen.

Die Pflastersteine im Mainviertel waren mit Schilf zugedeckt und die
Häuschen bis zum ersten Stock hinauf mit Buchenlaub beschlagen. Die
Bürger waren festlich gekleidet. Die Sonne schien. Alle Glocken
läuteten. Weißgekleidete kleine Mädchen, die an rosa, grünen, blauen
Nackenbändern Blumenkörbchen trugen, geputzte Frauen, Männer in langen
Gehröcken und mit sehr hohen Zylindern strömten in der Richtung zur
Kirche, um sich dem Zug der Walleute anzureihen.

Beim Weinwirt und Bäckermeister Schlauch war die erste Station. Die
Bäckereiauslage war in einen Altar mit Betpult, Kruzifix und brennenden
Kerzen umgewandelt und mit Laub geschmückt worden, mit Blumen in
himmelblauen Glasvasen aus der guten Stube.

Vor vielen Häuschen, an denen die Walleute vorbeiziehen sollten, waren
solche Altäre hergerichtet.

Oldshatterhand, der Schreiber, die Rote Wolke und die, welche den
Rauchklub gegründet hatten, standen vor dem »Spitäle« beisammen, in
ihren Sonntagsanzügen.

»Das werdet ihr gleich spannen, daß er mitwallt. Ich selber hab Winnetou
mit einer Kerze in die Kirche gehen sehen«, sagte der bleiche Kapitän.

Auf der Festung puffte ein weißes Wölkchen in die blaue Luft -- ein
Kanonenschuß donnerte rollend zur geschmückten Stadt hinunter: der Zug
der Walleute näherte sich, von der Burkarter Kirche kommend.

Der rote Fischer, Herr Mager, Glasermeister Johann Jakob Streberle,
Schuster Widerschein, Benommen der Wirt, Herr Hieronymus Griebe, alle in
Gehröcken und mit Zylindern, brennende Kerzen in den Händen, schritten
im langsamen Wallfahrtsgang durch die Menschen zu beiden Seiten der
Straße und sangen aus dicken Gesangbüchern heraus; zusammen mit den
Kindern, die dünn, mit den Mönchen, die tief sangen, und mit den alten
Weibern, deren Stimmen sich überschlugen, begleitet von der heftig und
getragen blasenden Blechmusikkapelle.

Voran schritt ein alter Mann, der ein hohes Kreuz trug, an dem der
silberne Christus hing. Hinter ihm kam der kleine, dicke Bischof im
Ornat, vor dem Gesicht die Monstranz, vor der alle Menschen das Kreuz
schlugen und niederknieten, nachdem die meisten erst ihr Sacktuch auf
die Erde gebreitet hatten.

Der Vorbeter, ein hinkender Flickschneider, dessen linkes Bein zu kurz
war, schwenkte sich auf seinem normalen Beine herum zu den Walleuten und
rief langgezogen: »Lob und Dank sei ohne End!« Und während das Gemurmel
der Nachbetenden erklang, schwang er sich wieder herum und hinkte weiter
voran, sprang plötzlich mit einem Satz auf Oldshatterhand los,
»Sakramentslausbub!« schlug ihm das Strohhütchen vom Kopfe, hinkte
wieder in die Reihe und fuhr fort, vorzubeten: »Dem allerheiligsten
Sakrament.«

Oldshatterhand hatte den Hut nicht abgenommen vor dem Bischof unter dem
Himmel. Der Himmel wurde an vier Stangen vom Duckmäuser, von Winnetou
und noch zwei Jünglingen getragen.

Oldshatterhands Wange glühte von dem Schlag; die Räuber waren verblüfft.
Aber da war nichts zu machen.

»Da is er!« rief der bleiche Kapitän und deutete auf Winnetou, der den
Kopf senkte, als er bei den Räubern vorüberging.

Der Schreiber schüttelte den Kopf: »Herrgott, wer hätt das vom Winnetou
gedacht.«

Verstummt sahen die Räuber ihm nach.

Die Walleute zogen vorüber, und aus Glockenläuten, Blechmusik und
Böllerschüssen stachen die Altweiberstimmen heraus und hinauf in den
sonnigen Himmel: »O Maria hilf!«

Der Vorbeter war ein reicher Mann und besaß ein großes Haus mit vielen
Fensterscheiben, denn der fromme Schneider war hauptsächlich Pfarrdiener
und eifriger Kirchgänger und hatte sich für das Kleiderflicken Gesellen
angestellt; sein Geschäft blühte.

Am Abend schimpfte der rote Fischer in den »Drei Kronen«: »Ke enzigs
Pfund Fisch verkäff ich's ganze Jahr, wenn i nit mitwall!« Seine
Halsadern schwollen.

>Und welcher gute Bürger würde mir seine Schuhe zum Besohlen geben, wenn
ich nicht ein frommer, gottgefälliger Schuster wäre<, dachte sich Herr
Widerschein und reichte sein leeres Glas der Kellnerin. Er war ein
stiller, arbeitsamer Mann und hatte sechs Kinder zu ernähren.

Bevor es dunkelte, kehrten die Frauen, genau die Breite ihrer Häuser
einhaltend, das zertretene Schilf weg, gossen Kringel mit der Gießkanne
und kehrten sauber nach. Hier war gekehrt -- dort lag noch ein genaues
Quadrat Schilf. Aber um neun Uhr waren die Gassen blitzblank. So wollten
es die Würzburger Stadtväter.

Die Räuber, jeder mit einem faustgroßen Stein in der Tasche,
schlenderten gleichgültig am Wachtmeister vor dem »Spitäle« vorbei und
bogen in die Felsengasse ein, welche von der vielfenstrigen Vorderfront
des Hauses vom frommen Flickschneider abgeschlossen war.

Der bleiche Kapitän verteilte die Fenster sorgfältig an seine Leute,
beschwor sie, genau zu zielen, kommandierte leise und hob die Hand --
die Fensterscheiben klirrten.

Die Räuber flüchteten durch die dunklen Gassen.

Der Oberkörper des Schneiders schoß, wie der Teufel im Hans
Kasperl-Theater, aus dem Fenster.

Da unten war alles still.

Diese eingeschlagenen Fensterscheiben waren für die Räuber der Abschluß
ihrer ersten Jugend.

In der folgenden Woche sprachen alle Einwohner des Mainviertels von ein
und derselben Sache: Herrn Glasermeister Johann Jakob Streberle war ein
Unglück passiert. Alle dreihundertsiebenundsechzig Fenster für das neue
Krankenhaus hatte er um einen Zentimeter zu schmal gemacht; die Fenster
waren unbrauchbar; er mußte eine hohe Konventionalstrafe bezahlen und
machte Bankerott.

Ein paar Wochen lief er traurig in Würzburg herum, lachte nicht mehr;
als Gehilfe Arbeit zu nehmen, ließ sein Meisterstolz nicht zu, und eines
Tages war er verschwunden.

                   *       *       *       *       *

Der bleiche Kapitän, der Schreiber und Oldshatterhand standen am Fluß
beisammen. Falkenauge kam geschritten, energisch.

Quer über seinen Rücken hatte er etwas hängen in einem braunen
Segeltuchfutteral. Es sah aus wie ein Gewehr.

»Wo warst du?«

»Auf der Jagd!« rief Falkenauge, schwang sein Fischnetz und schritt
weiter.

»Also, wenn ich dir sag, man kann's jeden Tag fünf-, sechsmal tun, so
oft's überhaupt geht. Es schadet einem gar nichts; man bleibt genau so
stark und gesund wie man war«, sagte der Schreiber zum bleichen Kapitän
und schloß: »Ich hätt ja selber nit geglaubt, daß es sowas gibt auf der
Welt. Das is ja ganz kolossal.«

Der Schreiber hatte rotumränderte Augen und eingefallene, graue Wangen.

»Wie is denn das? . . . Wie tut man's denn?« fragte Oldshatterhand.

»Für dich is das nichts«, sagte der Schreiber und lächelte dem bleichen
Kapitän zu. »Da bist du vielleicht noch zu klein dazu. Morgen kann ich
dir's ja amal zeig.«

Die drei gingen weiter, am Flußufer hin, hinunter zur Sandinsel, und
saßen dann beisammen an einem kleinen See, der von überhängenden
Weidenbüschen umsäumt war.

Es war ein warmer Abend; Bachstelzen hüpften lautlos und graziös am
Seeufer hin und Raben flatterten immer wieder auf und flogen »aa aa«
schreiend über das Weidenland.

Die rosa Abendwolken wurden von der Dämmerung genommen und am tiefblauen
Himmel traten die Sterne hervor.

»Jetzt sagt halt amal, wann gehn wir denn eigentlich fort?« fragte
Oldshatterhand leise und wand sich einen Weidenzweig schmerzhaft ums
Handgelenk.

»Auf, nach Amerika!« rief lachend der Schreiber. »Hohaho!
Oldshatterhand!«

Der bleiche Kapitän grinste.

»Nun sagen wir nächste Woche«, sprach der Schreiber ernst.

»Jawohl. Nächste Woche. Jawohl.«

»Also! Also ja!« rief Oldshatterhand freudig. »Oder gehen wir doch
lieber jetzt gleich fort! Immerzu da nunter, den Sandweg, bis nach
Frankfurt. Dann kommen wir an den Rhein und nach Hamburg . . . da sind
Schiffe.« Er drehte den Weidenzweig an seinem Handgelenk fester zu.
»Meerschiffe -- -- --«

Der bleiche Kapitän blätterte im Katalog einer Schirmfabrik. »Weißt du
was . . . es gibt überhaupt keine Indianer mehr.«

»Nein, nicht eine einzige Rothaut gibt's mehr.«

»He? Millionen gibt's! He! was wären denn sonst die, von denen in unsern
Büchern steht? He?«

»No ja, ein paar gibt's ja noch«, gab der bleiche Kapitän zu. »Aber ich
hab neulich in der Zeitung gelese, daß die andern alle schon ausgerottet
sind.«

»Oldshatterhand, Oldshatterhand, ein wenig klein bist du für Amerika.«

»Aber ich hab Mut! . . . Und darauf kommt's ganz allein an.«

»Nun, dann hopp! Auf, in den wilden Westen!«

Da schnellte Oldshatterhand in die Höhe. »Ihr geht also nit mit! Ihr
Feigling . . . habt die ganze Jahr her nur geloge?«

»Ich will dir einmal was sagen, jetzt hab ich drei Jahr Lehrzeit
ausgehalten, gestern hab ich mein erste Lohn kriegt, fünfzehn Mark, und
das krieg ich jetzt jede Woche . . . Wär ich da nicht ein Rindvieh, wenn
ich jetzt fortlaufen tät?«

»No allemal«, sagte der Schreiber. »Ich krieg jetzt auch vierzig Mark im
Monat. Dreißig muß ich meiner Mutter geb; aber zehn Mark darf ich
behalt. Das is doch jetzt alles ganz anders«, schloß er nachdenklich.

»Von mein nächste Wochenlohn kauf ich mir den Nadelschirm.« Der bleiche
Kapitän zeigte den Schirm im Katalog. »Acht Mark kost er. Hast scho amal
sowas g'hört? . . . Acht Mark für'n Schirm!« Er lachte krachend und
konnte sich lange nicht beruhigen. »Er is aber auch so dünn wie ein
Federhalter, und der Stoff is fast von Seide.«

Es war jetzt tiefe Nacht geworden.

Oldshatterhand wandte sich um und ging, ohne Adieu zu sagen, langsam
fort. Und nach einer Weile rollten ihm die Tränen an den Wangen
hinunter.

Ein Floß glitt lautlos an ihm vorbei, den Main abwärts. Vorne saß der
Flößer und spielte leise die Ziehharmonika. Irgendwo in der Ferne sang
ein Mädchen.

                   *       *       *       *       *

»Schloßfallenfeuer!!« rief Meister Tritt Oldshatterhand zu, der bis ins
Herz hinein erbebte.

Schleudere einen Bindfaden in die Höhe und klettere daran hinauf in den
Himmel -- hätte das Herr Tritt gerufen, Oldshatterhand wäre mit weniger
Bangen an die Arbeit gegangen.

Noch niemals war eine Schloßfalle von Herrn Tritt geschmiedet worden
ohne Angst und Beben des Lehrjungen, der dazu helfen mußte, und ohne die
starren Blicke der grünlichen Augen des Meisters, denen kurze, heftige
Schläge ins Gesicht folgten. Jedoch nicht die Ohrfeigen waren das Arge,
sondern der Zeitraum zwischen Blick und Schlag, von dem man nicht wußte,
wann er kam, und dem auszuweichen unmöglich war, denn der grüne Blick
hielt fest.

Die elektrischen Türschlösser des Herrn Tritt waren berühmt in Würzburg.
Und das kam von den Schloßfallen, die Herr Tritt stets selbst aus dem
allerbesten Stahl im klarsten Feuer herausschmiedete, eigenhändig mit
nur neuen Feilen zuarbeitete, schmirgelte, wog, schliff, um sie in das
neue elektrische Türschloß des Herrn Metzgermeister Rücken oder des
Herrn Trompeter Wohlleben einzupassen.

Wegen seiner elektrischen Türschlösser hatte Herr Tritt schon einige
Male bankerott gemacht, weil er an einem ein Vierteljahr arbeitete, und
der Preis ein solcher war, daß er es in einer Woche hätte anfertigen
müssen. Jedoch, als hätte der liebe Gott selbst seine Freude an den
mimosenhaften Schloßfallen, fiel der Tod der jeweiligen Ehefrau des
Herrn Tritt immer mit einem Bankerott zusammen, so daß Herr Tritt seine
Kunstwerke weiterhin schaffen konnte, indem er immer wieder eine Frau
mit Vermögen erkor, was ihm nicht schwer fiel, denn er war ein schöner
Mann und zweiter Dampfspritzenführer bei der freiwilligen Feuerwehr.

Oldshatterhand kehrte die alte Asche von der Esse, blies die Stäubchen
aus den Ecken, holte die frischen Kohlen einzeln aus dem Kasten, wählte
sorgfältig harzfreies Tannenholz aus und schürte ein klares Feuer an.
Erschrocken griff er in die Flammen und holte einen Strohhalm heraus,
der das Feuer schmutzig hätte machen können, rückte den Handhammer für
den Meister zurecht, die Feuerzangen, den Vorschlaghammer für sich,
fummelte mit seinem Ärmel den Ambos, bis er glänzte, und wartete.

Unversehens aber blickte er auf die andere Seite des Lebens hinüber,
lange; sein Mund stand offen. Da riß er sich zusammen, flog in die
Werkstatt -- und stellte sich dem Meister: »Ich will fort von Ihnen!
. . . Ich halt's nimmer aus.«

Zuerst kam der erstarrte Blick. Dann der kurze, knallende Schlag ins
Gesicht. Dann stieß Herr Tritt seinen Lehrjungen hinaus auf das
Pflaster. Die andern Lehrjungen standen atemlos, und der Gehilfe bog
sich vor Lachen, daß sein Kopf auf die Werkbank schlug und ihm die
Brille von der Nase fiel.

Der Meister arbeitete weiter; er war eben dabei, an einer der blitzenden
Drehbänke eine kleine Eisenschraube für das elektrische Türschloß zu
drehen, wobei der älteste Lehrjunge helfen mußte, indem er mit dem Fuße
die Drehbank trat, unter verhaltenem Atem, denn er mußte sein ganzes
Gefühl, seine ganze Seele ins Treten legen, als spiele er Piano.

Der Meister nahm den Handstichel weg vom Bolzen und starrte in die Augen
des Lehrjungen, der, vom Blick des Meisters festgehalten, mit zitterndem
Fuße weitertrat, bis der Schlag kam. Der Meister wandte sich wieder
seiner Arbeit zu. Der Eisenspan schlängelte sich am Stichel in die Höhe.

Und nachdem das Eisenschräubchen fertig war, wich die Spannung vom
schweißnassen Lehrjungen, als habe er vor einem Prüfungskollegium ein
Klavierstück glücklich zu Ende gespielt, während der Meister, als habe
er es komponiert, ausgefüllt und aufrecht zum Feuer schritt, um die
Schloßfalle zu schmieden.

Oldshatterhand eilte sofort hinauf auf den Schloßberg und durch den
unterirdischen Gang ins »Zimmer«. Hastig, als habe er keine Zeit zu
verlieren, nahm er den alten Revolver unter der Glasvitrine zu sich,
zündete knieend ein Heftchenbündel an: »Die bleiche Gräfin oder Der Mord
im Walde« und damit die ganze Bibliothek.

Er sah noch, wie die Flammen an den Büchern emporleckten und hinauf zur
Decke schlugen. Der Qualm trieb ihn ins Freie.

Lautlos pufften blaue Rauchwolken aus dem Gang.

Da hörte er ein aufrührerisches Krachen -- eine mächtige Rauch- und
Staubwolke schoß aus dem Gang heraus und zum Himmel hinauf.

Der unterirdische Gang war eingestürzt und das »Zimmer« verschüttet auf
immer. Atemlos stand Oldshatterhand im Festungsgraben.

Von dieser Stunde an war er aus Würzburg verschwunden.

In der Stadt ging das Gerücht, in dem eine Stunde weit vom »Zimmer«
entfernten Nonnenkloster »Himmelspforten« sei in der Zelle der Oberin
hinter dem Schrank Rauch aufgestiegen.




Fünftes Kapitel


Oldshatterhand, auf dem Wege nach Amerika, schritt auf der Landstraße
hin.

Im Tale lag Würzburg. Er sah zurück. Nicht um die verhaßte Stadt noch
einmal zu sehen, die im grauen Dunst lag, denn ein feiner, gerader Regen
ging nieder; er wandte sich nur so um, wie er sich auch einmal nach
links wandte, nach rechts, in den Himmel sah, auf einen Baumstamm, einem
Vogel nach, mit leerem Blick, ohne etwas dabei zu denken und zu wollen.

Manchmal blieb er auch stehen und sah lange in den Straßengraben, ging
weiter, leer im Herzen, empfindungslos, bis auf den Druck in der Mitte
unter dem Brustbein.

-- -- -- Da sah er einen Mann auf einem Kilometerstein sitzen -- und
blieb erbebend stehen: vorher war der Stein leer gewesen, und jetzt saß
ein Mensch darauf.

War er nebenan aus dem dunklen Tannenwald getreten? Aus dem Erdboden
gekommen? In der Luft heran oder -- -- -- aus der Zukunft zurück in die
Gegenwart zu Oldshatterhand geeilt?

Nie hatte er so einen Menschen gesehen.

Aber es war nichts Besonderes an dem Mann, welcher jetzt, schlank
werdend, aufstand und zu Oldshatterhand trat, der sich kühl berührt
fühlte, wie von einem Gespenst.

Der Fremde trug einen Gummimantel. Er war dreißig Jahre alt, hatte einen
dünnlippigen Mund im scharfen Gesicht und an den Schläfen unter den
braunen Haaren schon graue.

»Wollen wir ein Stück zusammen gehen?«

»Ja . . . Aber wohin gehen Sie denn? In welcher Richtung?«

»Jetzt gehe ich eine Weile mit Ihnen -- dann gehe ich wieder vorwärts
. . . Sie wollen in die nächste große Stadt wandern, Arbeit suchen und
Geld verdienen«, schloß der Fremde mehr sagend als fragend. Und
Oldshatterhand schwebte plötzlich in einer roten Schamwolke. Er hatte
geglaubt, daß er jedem Menschen mitteilen könne, was er vorhabe, und nun
konnte er es gleich dem Ersten nicht sagen.

Wirr vor Verlegenheit, rief er: »Ich heiße Michael Vierkant!« Und sein
zerlesenes Indianerbuch fiel ihm auf die Landstraße.

Lächelnd hob der Fremde das Heftchen auf und fragte, ob er es ein wenig
ansehen dürfe, las den ersten Satz auf der Decke: »Tom machte sich auf
in den wilden Westen und war fest entschlossen, so vielen Weißen wie
möglich das Lebenslicht auszublasen«, und gab es Oldshatterhand zurück.

»Hi! hihiha!« lachte Oldshatterhand wieder das kurze, irrsinnige Lachen
wie damals auf dem Heimwege von der Schule. »Das ist vielleicht alles
dumm und nicht wahr, was da drin steht.«

Da sagte der Fremde nachdenklich: »Ja, Sehnsucht ist -- weil Qual ist
. . . Vor vielen Jahren ging ich wie du, diese selbe Straße, bis zu dem
Berg, der meiner Jugend den Blick verstellte, und mich hinter ihm ein
ersehntes, wunderbares Land erträumen ließ. Da sah ich hinunter in ein
blaues Tal, aus dem der Lärm der Arbeit klang -- und stieg hinunter.«

Oldshatterhand blickte zum Fremden in die Höhe und der Fremde zärtlich
und gerührt auf Oldshatterhand hinunter.

Daß er nun plötzlich nicht mehr nach dem wilden Westen wollte, erfüllte
Oldshatterhand mit fassungslosem Staunen, dem ein Ausruhen folgte.
Entlastet schritt er neben dem Fremden her, in sonderbarem, tiefem
Vertrauen zu ihm. »Ich will auch arbeiten«, sagte er ganz still. »Ich
bin nicht so schwach, wie ich aussehe.«

»Nein . . . Sie sind nicht schwach«, sagte der Fremde, mit einem
unbegreiflichen Lächeln.

Wie lautlos vom Himmel gefallen, lag plötzlich die Sonne auf der
Landstraße, die jetzt aus Mattgold war, und die Apfelbaumreihen legten
ein bewegtes Schattenmuster darauf.

Zwei Hasen setzten vor den beiden über den tiefen Graben und flohen, die
Ohren zurückgelegt, hintereinander her, gestreckt die schnurgerade,
endlose Straße hinaus.

»Was arbeiten denn Sie jetzt?« fragte Oldshatterhand ruhig und vertraut,
denn er hatte die Empfindung, mit seinem älteren Ich zu reden.

»Ich . . . denke darüber nach, warum eine junge Blüte vom Baume fallen
muß, bevor sie zur Frucht wird, während neben ihr eine andere
ungehindert zur Frucht reifen darf . . . Darüber denke ich nach,
unaufhörlich. Das ist meine Arbeit. -- Jetzt muß ich wieder
vorwärtsgehen -- -- --«

Mit einem kurzen Pfiff durchschnitt ein Vogel die Luft, auf die beiden
zu, und stieg vor ihnen hinauf in den Himmel.

Da hatte der Fremde seine Arme um den Hals Oldshatterhands geschlagen
und ihn geküßt.

Dann eilte er unhörbar quer über Feld, wurde immer kleiner und kleiner,
und Oldshatterhand blickte ihm nach bis der Fremde unversehens
verschwunden war, als wäre er zu Luft geworden.

Nach einer Weile sah Oldshatterhand seitwärts inmitten von Kornfeldern
ein großes Gehöft liegen, und einen Herrn in Röhrenstiefeln auf sich
zukommen. Der hatte eine goldene Brille mit funkelnden Gläsern auf der
spitzen Nase und ein doppelläufiges Jagdgewehr am Riemen an der Schulter
hängen.

»Hast du Zeit? Wohin willst du denn?«

»Ich gehe nach Frankfurt am Main und suche Arbeit.«

»Wenn du Lust hast, kannst du sechs Mark verdienen un

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