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Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Dritter Band

by Baron Thomas Babington Macaulay Macaulay · German · Gutenberg #30237 · 725,224 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Dritter Band
    
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Title: Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Dritter Band

Author: Baron Thomas Babington Macaulay Macaulay

Translator: Wilhelm Beseler


        
Release date: October 12, 2009 [eBook #30237]
                Most recently updated: October 24, 2024

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/30237

Credits: Produced by Louise Hope, richyfourtytwo and the Online
        Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTE VON ENGLAND SEIT DER THRONBESTEIGUNG JAKOB'S DES ZWEITEN. DRITTER BAND ***

[Zeichen _wie so_ bedeuten Gesperrt; +wie so+ bedeuten Antiqua
(nicht-Fraktur); =wie so= bedeuten Fettschrift.]




  Thomas Babington Macaulay's

  Geschichte von England


  seit der

  Thronbesteigung Jakob's des Zweiten.


  Aus dem Englischen.


  +Vollständige und wohlfeilste Stereotyp-Ausgabe.+


  Dritter Band


  Leipzig, 1854.
  _G. H. Friedlein._


       *       *       *       *       *
           *       *       *       *


  Fünftes Kapitel.

  Jakob II.




  =Inhalt.=

                                                               Seite
  Whiggistische Flüchtlinge auf dem Festlande                      5
  Ihre Correspondenten in England                                  5
  Character der Oberhäupter der Flüchtlinge                        6
  Ayloffe                                                          6
  Wade                                                             7
  Goodenough                                                       7
  Rumbold                                                          7
  Lord Grey                                                        8
  Monmouth                                                         9
  Ferguson                                                        10
  Schottische Flüchtlinge                                         13
  Der Earl von Argyle                                             13
  Sir Patrick Hume und Sir Johann Cochrane                        15
  Fletcher von Saltoun                                            16
  Unverständiges Benehmen der schottischen Flüchtlinge            16
  Anstalten zu einem Unternehmen gegen England
      und Schottland                                              17
  Johann Locke                                                    19
  Vorkehrungen der Regierung zur Vertheidigung Schottlands        20
  Unterredung Jakob's mit den holländischen Gesandten             20
  Vergebliche Versuche, Argyle am Absegeln zu verhindern          20
  Argyle's Abreise von Holland                                    22
  Argyle landet in Schottland                                     22
  Argyle's Zwistigkeiten mit seinen Begleitern                    23
  Stimmung der schottischen Nation                                24
  Argyle's Truppe zerstreut                                       27
  Argyle gefangen genommen                                        28
  Argyle's Hinrichtung                                            31
  Rumbold's Hinrichtung                                           32
  Ayloffe's Tod                                                   33
  Verwüstung von Argyleshire                                      34
  Erfolglose Versuche, Monmouth's Abreise von Holland
      zu verhindern                                               35
  Monmouth's Ankunft in Lyme                                      36
  Seine Erklärung                                                 37
  Seine Popularität im Westen Englands                            38
  Zusammenstoß der Rebellen mit der Miliz in Bridport             39
  Gefecht zwischen den Rebellen und der Miliz bei Axminster       41
  Die Nachricht von dem Aufstande kommt nach London               41
  Loyalität des Parlaments                                        41
  Monmouth's Empfang in Taunton                                   44
  Monmouth nimmt den Königstitel an                               46
  Sein Empfang in Bridgewater                                     49
  Vorkehrungen der Regierung zum Widerstande                      50
  Sein Plan auf Bristol                                           53
  Er giebt den Plan auf Bristol auf                               53
  Gefecht bei Philip's Norton                                     54
  Monmouth's Verzagtheit                                          55
  Seine Rückkehr nach Bridgewater                                 56
  Die königliche Armee schlägt bei Sedgemoor ein Lager auf        56
  Schlacht von Sedgemoor                                          59
  Verfolgung der Rebellen                                         63
  Militairische Hinrichtungen                                     64
  Monmouth's Flucht                                               64
  Seine Gefangennehmung                                           65
  Sein Brief an den König                                         67
  Er wird nach London abgeführt                                   67
  Seine Unterredung mit dem Könige                                68
  Seine Hinrichtung                                               71
  Wie das niedere Volk sein Andenken ehrte                        73
  Grausamkeiten der Soldaten im Westen                            75
  Kirke                                                           75
  Jeffreys reist zu den westlichen Assisen ab                     79
  Prozeß der Alice Lisle                                          79
  Die blutigen Assisen                                            82
  Abraham Holmes                                                  85
  Christoph Battiscombe                                           85
  Die Gebrüder Hewling                                            86
  Tutchin's Strafe                                                88
  Deportation von Rebellen                                        87
  Confiscationen und Erpressungen                                 88
  Habgier der Königin und ihrer Hofdamen                          89
  Verfahren gegen Grey, Cochrane, Storey, Wade,
      Goodenough und Ferguson                                     91
  Jeffreys zum Lordkanzler ernannt                                93
  Cornish's Prozeß und Hinrichtung                                94
  Prozeß und Hinrichtung Fernley's und der Elisabeth Gaunt        95
  Prozeß und Hinrichtung Bateman's                                97
  Grausame Verfolgung der protestantischen Dissenters             97




[_Whiggistische Flüchtlinge auf dem Festlande._] Gegen das Ende der
Regierung Karl's II. hatten einige Whigs, welche in das ihrer Partei so
verderblich gewordene Complot verwickelt waren und wußten, daß man ihnen
den Untergang geschworen, in den Niederlanden eine Zufluchtsstätte
gesucht.

Diese Flüchtlinge waren größtentheils Leute von heißblütigem
Temperament, aber schwachem Urtheile, und überdies waren sie von der
sonderbaren Täuschung befangen, die ihrer Lage eigen zu sein scheint.
Ein Politiker, welcher durch eine feindliche Partei in die Verbannung
getrieben wurde, erblickt die Gesellschaft, die er verlassen, in der
Regel in einem falschen Lichte. Jeder Gegenstand erhält durch den
Schmerz, durch die Sehnsucht und durch den Haß eine andre Gestalt und
Färbung. Jede kleine Unzufriedenheit scheint ihm eine Revolution zu
verkünden, jeder Tumult dünkt ihm ein Aufstand. Er ist nicht davon zu
überzeugen, daß sein Vaterland sich nicht eben so schmerzlich nach ihm
sehnt, wie er sich nach demselben sehnt, er bildet sich ein, daß alle
seine alten Gesinnungsgenossen, die noch in der Heimath und im
ungestörten Genusse ihres Vermögens sind, von den nämlichen Gefühlen
gequält werden, welche ihm das Leben zu einer Last machen. Je länger
seine Verbannung dauert, um so größer wird diese Täuschung. Die Zeit,
welche den Feuereifer der zurückgelassenen Freunde dämpft, schürt den
seinigen nur noch mehr an. Mit jedem Monate wird sein sehnsüchtiges
Verlangen nach der Heimath stärker, und mit jedem Monate denkt sein
Vaterland seltener an ihn und vermißt ihn weniger. Diese Täuschung wird
fast zum Wahnsinn, wenn viele Verbannte, die um der nämlichen Sache
willen leiden, an einer fremden Küste beisammenwohnen. Ihre
Hauptbeschäftigung ist, davon zu sprechen, was sie einst waren und was
sie vielleicht noch einmal werden können, einander zum Hasse gegen den
gemeinschaftlichen Feind aufzustacheln und sich gegenseitig mit
überspannten Hoffnungen auf Sieg und Rache zu nähren. So werden sie reif
zu Unternehmungen, welche Jedermann, den die Leidenschaft nicht der
Fähigkeit beraubt hat, die Wahrscheinlichkeiten zu berechnen, von
vornherein für hoffnungslos erklären würde.


[_Ihre Correspondenten in England._] In dieser Stimmung waren viele der
Verwiesenen, die sich auf dem Continent gesammelt hatten. Der
Briefwechsel, den sie mit England unterhielten, diente größtentheils nur
dazu, ihre Gefühle noch mehr aufzureizen und ihr Urtheil irre zu führen.
Ihre Nachrichten von dem Zustande der öffentlichen Meinung erhielten sie
hauptsächlich von den schlimmsten Mitgliedern der Whigpartei, von
Männern, welche Verschwörer und Pasquillanten von Profession waren, die
von den Gerichten verfolgt wurden, die nur verkleidet durch abgelegene
Gassen schleichen und sich zuweilen Wochen lang auf Böden oder in
Kellern versteckt halten mußten. Die Staatsmänner, welche die Zierden
der Vaterlandspartei gewesen waren, die Staatsmänner, welche später die
Berathungen des Convents leiteten, würden ganz andere Rathschläge
gegeben haben, als Männer wie Johann Wildman und Heinrich Danvers sie
gaben.

Wildman hatte vierzig Jahre früher im Parlamentsheere gedient, sich aber
in dieser Stellung mehr als Wühler, denn als Soldat ausgezeichnet, und
hatte das Waffenhandwerk bald wieder aufgegeben, um andere Zwecke zu
verfolgen, die seinem Character mehr zusagten. Sein Haß gegen die
Monarchie hatte ihn angetrieben, sich in eine lange Reihe von
Verschwörungen einzulassen, zuerst gegen den Protector und dann gegen
die Stuarts. Wildman verband jedoch mit seinem Fanatismus eine zärtliche
Sorge für seine persönliche Sicherheit. Er besaß eine seltene
Geschicklichkeit darin, die Schwelle des Hochverraths nicht zu
überschreiten. Niemand verstand es besser als er, Andere zu
verzweifelten Unternehmungen durch Worte anzureizen, welche vor Gericht
unschuldig, oder schlimmsten Falls doch nur zweideutig erscheinen
konnten. Seine Verschlagenheit war so groß, daß er, obgleich er
beständig complotirte, obgleich er von jeher als Verschwörer bekannt war
und obgleich ihn eine rachsüchtige Regierung lange Zeit mit feindseligem
Argwohn beobachtete, doch immer jeder Gefahr entging und ruhig in seinem
Bette starb, nachdem er zwei Generationen seiner Mitschuldigen am Galgen
hatte enden sehen.[1] Danvers war ein Mensch von gleichem Schlage,
heißblütig, aber kleinmüthig, durch glühende Begeisterung fortwährend
bis an den Rand der Gefahr getrieben, durch die Feigheit aber immer
wieder an diesem Rande zurückgehalten. Er hatte unter einem Theile der
Baptisten großen Einfluß, hatte viel zur Vertheidigung ihrer sonderbaren
Ansichten geschrieben und sich durch den Versuch, das Verbrechen des
Matthias und Johann von Leyden zu beschönigen, den strengen Tadel der
ehrenwerthesten Puritaner zugezogen. Hätte er ein wenig Muth besessen,
so ist es wahrscheinlich, daß er in die Fußtapfen der Elenden getreten
wäre, die er vertheidigte. Er mußte sich damals vor den Beamten der
Justiz verbergen, da wegen einer grobverleumderischen Schrift, als deren
Verfasser die Regierung ihn entdeckt hatte, Verhaftsbefehle gegen ihn
erlassen waren.[2]

    [Anmerkung 1: +Clarendon's History of the Rebellion, book XIV.+;
    +Burnet's Own Times, I. 546, 625+; +Wade's and Ireton's
    Narratives, Lansdowne M.S. 1152+; West's Anklage im Anhange zu
    +Sprat's True Account.+]

    [Anmerkung 2: +London Gazette, Jan. 4. 1684/85+; +Ferguson M.S. in
    Eachard's History, III. 764+; +Grey's Narrative+; +Sprat's True
    Account+; +Danvers's Treatise on Baptism+; +Danvers's Innocency
    and Truth vindicated+; +Crosley's History of the English
    Baptists.+]


[_Character der Oberhäupter der Flüchtlinge._] Man kann leicht denken,
welcher Art die Mittheilungen und Rathschläge waren, die solche Männer
den Geächteten in den Niederlanden zukommen ließen. Nach einigen wenigen
Proben wird man sich eine Vorstellung von dem allgemeinen Character der
Letzteren bilden können.


[_Ayloffe._] Einer der hervorragendsten unter ihnen war Johann Ayloffe,
ein Jurist, der mit den Hyde, und durch die Hyde wieder mit Jakob
verwandt war. Er hatte sich schon frühzeitig durch eine sonderbare
Beleidigung der Regierung bemerkbar gemacht. Zu der Zeit nämlich, als
der Einfluß des Hofes von Versailles allgemeinen Unwillen erregte, hatte
er einen hölzernen Schuh, bei den Engländern das feststehende Sinnbild
der französischen Tyrannei, auf den Präsidentenstuhl des Hauses der
Gemeinen gelegt. Später hatte er an dem whiggistischen Complot Theil
genommen, aber man hat keinen Grund zu der Vermuthung, daß er um den
Plan, die königlichen Brüder zu ermorden, gewußt habe. Er war ein Mann
von Talent und Muth, sein moralischer Charakter aber stand auf keiner
hohen Stufe. Die puritanischen Theologen raunten einander zu, daß er ein
gewissenloser Gallio oder etwas noch Schlimmeres sei und daß bei all
seinem Eifer für die bürgerliche Freiheit die Heiligen wohl daran thun
würden, jeden Umgang mit ihm zu vermeiden.[3]

    [Anmerkung 3: +Sprat's True Account+; +Burnet I. 634+; +Wade's
    Confession, Harl. M.S. 6845.+ Lord Howard von Escrick beschuldigte
    Ayloffe, daß er die Ermordung des Herzogs von York vorgeschlagen
    habe; aber Lord Howard war ein abscheulicher Lügner und diese
    Erzählung war kein Theil seines ursprünglichen Bekenntnisses,
    sondern wurde erst später als Supplement hinzugefügt und verdient
    daher durchaus keinen Glauben.]


[_Wade._] Nathaniel Wade war ebenfalls Jurist, wie Ayloffe. Er hatte
lange in Bristol gewohnt und war in seiner Umgebung als ein heftiger
Republikaner gepriesen worden. Einmal hatte er sich vorgenommen, nach
New-Jersey auszuwandern, wo er Institutionen zu finden hoffte, die
seinem Geschmacke besser zusagten als die englischen. Seine Thätigkeit
bei den Parlamentswahlen hatten die Aufmerksamkeit einiger vornehmen
Whigs auf ihn gelenkt, sie bedienten sich seiner als Anwalt und zogen
ihn endlich zu ihren geheimsten Berathungen. Er war bei dem
Insurrectionsplane stark betheiligt und hatte es unternommen, sich in
seiner eignen Stadt an die Spitze eines Aufstandes zu stellen. Ebenso
war er in das verwerflichere Complot gegen das Leben Karl's und Jakob's
eingeweiht gewesen, aber er erklärte stets, daß er zwar davon gewußt, es
aber durchaus verabscheut und sogar versucht habe, seine Mitverschwornen
von der Ausführung ihres Planes abzubringen. Für einen zu bürgerlichen
Berufsgeschäften herangebildeten Mann besaß Wade in seltenem Maße die
Umsicht und Energie, welche die Haupterfordernisse eines guten Soldaten
sind. Leider aber erwiesen sich seine Grundsätze und sein Muth nicht
stark genug, um ihn nach beendetem Kampfe, als er im Gefängniß zwischen
Tod und Schande zu wählen hatte, aufrecht zu erhalten.[4]

    [Anmerkung 4: +Wade's Confession, Harl. M.S. 6845+; +Lansdowne
    M.S. 1152+; Holloway's Erzählung im Anhange zu +Sprat's True M.S.
    Account+. Wade gestand zu, daß Holloway nur die Wahrheit gesagt
    hatte.]


[_Goodenough._] Ein andrer Flüchtling war Richard Goodenough, der früher
Untersheriff von London gewesen war. Diesen Mann hatte seine Partei
lange zu Dienstleistungen nicht sehr ehrenwerther Art benutzt, besonders
wenn es darauf ankam, Geschworne zu wählen, von denen man hoffen durfte,
daß sie bei politischen Prozessen nicht allzu gewissenhaft sein würden.
Er war tief verwickelt gewesen in die schwarzen und blutigen Anschläge
des Whigcomplots, welche vor den achtungswertheren Whigs sorgfältig
geheim gehalten wurden. Bei ihm konnte man nicht als mildernden Umstand
anführen, daß er durch übergroßen Eifer für das Gemeinwohl irre geleitet
worden sei, denn wir werden später sehen, daß er, nachdem er eine edle
Sache durch seine Verbrechen geschändet, sie schließlich verrieth, um
der wohlverdienten Strafe zu entgehen.[5]

    [Anmerkung 5: +Sprat's True Account+ an mehreren Stellen.]


[_Rumbold._] Ein ganz andrer Character war Richard Rumbold. Er war
Offizier in Cromwell's Leibregiment gewesen, hatte am Tage der großen
Hinrichtung das Schaffot vor dem Bankethause bewacht, bei Dunbar und
Worcester gefochten und stets in hohem Grade die Eigenschaften gezeigt,
durch welche sich das unbesiegbare Heer, in dem er diente, auszeichnete:
einen unerschütterlichen Muth, eine glühende Begeisterung, sowohl in
politischer als in religiöser Hinsicht, und neben dieser Begeisterung
doch die ganze Kraft der Selbstbeherrschung, welche Männern eigen ist,
die in wohldisciplinirten Lagern befehlen und gehorchen gelernt haben.
Nach erfolgter Auflösung der republikanischen Armee wurde Rumbold Mälzer
und betrieb sein Geschäft unweit Hoddesdon in dem Hause, von dem das
Ryehousecomplot seinen Namen hat. Bei den Berathungen der Heftigsten und
Rücksichtslosesten unter den Mißvergnügten war vorgeschlagen, doch nicht
definitiv beschlossen worden, daß bewaffnete Männer in das Roggenhaus
gelegt werden sollten, um die Eskorte anzugreifen, welche Karl und Jakob
von Newmarket nach London begleitete. An diesen Berathungen hatte
Rumbold einen Antheil genommen, von dem er mit Abscheu zurückgebebt sein
würde, wäre nicht durch den Parteigeist sein heller Verstand umnebelt
und sein männliches Herz verdorben gewesen.[6]

    [Anmerkung 6: +Sprat's True Account & Appendix+; Untersuchung
    gegen Rumbold in der +Collection of State Trials+; +Burnet's Own
    Times, I. 633+; Anhang zu +Fox's History No. IV.+]


[_Lord Grey._] Hoch erhaben über die bis jetzt angeführten Verbannten
war Ford Grey, Lord Grey von Mark. Er war ein eifriger Exclusionist
gewesen, hatte Antheil an dem Insurrectionsplane gehabt und war in den
Tower gesperrt worden, wo es ihm jedoch gelang, seine Wächter betrunken
zu machen und auf das Festland zu entkommen. Er besaß hervorragende
Talente und gewinnende Manieren, aber ein großes häusliches Verbrechen
warf einen Flecken auf sein Leben. Seine Gattin war eine Tochter des
edlen Hauses Berkeley, und ihre Schwester, Lady Henriette Berkeley,
durfte mit ihm, als mit einem Blutsverwandten, verkehren und
correspondiren. So entstand eine verhängnißvolle Zuneigung. Der lebhafte
Geist und die heftige Leidenschaft der Lady Henriette durchbrach alle
Schranken der Tugend und Schicklichkeit und eine skandalöse Entführung
enthüllte dem ganzen Königreiche die Schande zweier vornehmen Familien.
Grey nebst einigen von den Helfershelfern, die ihm bei seinem
Liebeshandel gedient hatten, wurden unter der Anklage einer Verbindung
zu gesetzwidrigem Zwecke vor Gericht gestellt und es ereignete sich vor
den Schranken der Kings Bench eine in den Annalen unsrer Justiz ohne
Beispiel dastehende Scene. Der Verführer erschien mit frecher Stirn in
Begleitung seiner Geliebten, und selbst in diesem unerhörten Falle
wichen die großen whiggistischen Lords nicht von der Seite ihres
Freundes. Die, welche er beleidigt, standen ihm gegenüber und wurden
durch seinen Anblick zu Zornesausbrüchen gereizt. Der alte Earl von
Berkeley überhäufte die unglückliche Henriette mit Vorwürfen und
Verwünschungen. Die Gräfin gab unter häufigem Schluchzen ihre
Zeugenaussage ab und fiel endlich in Ohnmacht. Die Geschwornen sprachen
das »Schuldig« aus. Als der Gerichtshof die Sitzung aufhob, forderte
Lord Berkeley alle seine Freunde auf, daß sie ihm beistehen möchten,
seine Tochter zu ergreifen; die Anhänger Grey's schaarten sich um
Letztere, auf beiden Seiten wurden Schwerter gezuckt, es entspann sich
ein Gefecht in Westminster Hall und nur mit Mühe gelang es den Richtern
und Gerichtsdienern, die Streitenden zu trennen. In unsrer Zeit würde
ein solcher Prozeß den Ruf eines der Öffentlichkeit angehörenden Mannes
schänden; damals aber war der Maßstab der Moralität unter den Großen so
niedrig und die Parteiwuth so heftig, daß Grey nach wie vor bedeutenden
Einfluß hatte, wenn auch die Puritaner, welche einen ansehnlichen Theil
der Whigpartei bildeten, ihm mit einiger Kälte begegneten.[7]

Eine Seite von dem Character, oder man sollte vielleicht eher sagen von
dem Schicksale Grey's verdient besondere Erwähnung: man mußte
zugestehen, daß er überall, auf dem Schlachtfelde ausgenommen, einen
hohen Grad von Muth bewies. Mehr als einmal zwang sein würdevolles
Benehmen und die vollkommene Beherrschung aller seiner Fähigkeiten in
schwierigen Lagen, wo sein Leben und seine Freiheit auf dem Spiele
standen, selbst Diejenigen zu lobender Anerkennung, die ihn weder
liebten noch achteten. Als Soldat jedoch zog er sich, vielleicht weniger
durch eigne Schuld als durch unglücklichen Zufall den entehrenden
Vorwurf persönlicher Feigheit zu.

    [Anmerkung 7: +Grey's Narrative+; sein Prozeß in der +Collection
    of State Trials+; +Sprat's True Account.+]


[_Monmouth._] In dieser Beziehung war er ganz verschieden von seinem
Freunde, dem Herzoge von Monmouth. Monmouth war tapfer und unerschrocken
auf dem Schlachtfelde, sonst aber überall weibisch und zaghaft. Seine
Geburt, sein persönlicher Muth und sein einnehmendes Äußere hatten ihm
eine Stellung verschafft, für die er sich durchaus nicht eignete.
Nachdem er den Untergang der Partei, deren nominelles Oberhaupt er
gewesen war, mit angesehen, hatte er sich nach Holland zurückgezogen.
Der Prinz und die Prinzessin von Oranien erblickten nicht mehr einen
Nebenbuhler ihn ihm, und sie gewährten ihm daher eine gastliche
Aufnahme, denn sie hofften, sich durch freundliche Behandlung des
Herzogs Anspruch auf den Dank seines Vaters zu erwerben. Sie wußten, daß
die väterliche Zuneigung noch nicht erloschen war, daß Monmouth noch
immer im Geheimen Geldunterstützungen von Whitehall erhielt und daß Karl
es sehr ungnädig aufnahm, wenn Jemand von seinem Sohne Übles sprach, in
der Hoffnung, sich dadurch bei ihm beliebt zu machen. Man hatte den
Herzog in der Erwartung bestärkt, daß er, wenn anders er keine neue
Veranlassung zu Mißfallen gab, bald in sein Vaterland zurückgerufen und
in alle seine Ehrenstellen und Befehlshaberposten wieder eingesetzt
werden würde. Von solchen Erwartungen beseelt, war er während des
verflossenen Winters der Lebensnerv des Haags gewesen. Auf einer Reihe
von Bällen in dem prächtigen Oraniensaale, dessen Wände in dem
herrlichsten Farbenreichthum eines Jordaens und Hondthorst prangen,
hatte er die hervorragendste Figur gespielt.[8] Er hatte die
holländischen Damen mit dem englischen Contretanz bekannt gemacht und
seinerseits von ihnen auf den Kanälen Schlittschuh laufen gelernt. Die
Prinzessin hatte ihn bei seinen Ausflügen auf dem Eise begleitet, und es
hatte oft die Verwunderung und die Heiterkeit der auswärtigen Gesandten
erregt, wenn sie dort, in kürzeren Röcken, als sie in der Regel von so
vornehmen, das strengste Decorum beobachtenden Damen getragen wurden,
auf einem Beine dahinglitt. Der Einfluß des bezaubernden Engländers
schien den düstern Ernst, der den Hof des Statthalters characterisirte,
verscheucht zu haben, und selbst der finstre, gedankenvolle Wilhelm
wurde heiterer gestimmt, wenn sein glänzender Gast erschien.[9]

Inzwischen vermied Monmouth sorgfältig Alles, was an dem Orte, von woher
er Schutz erwartete, Anstoß erregen konnte. Er verkehrte überhaupt mit
wenigen Whigs und gar nicht mit den heftigen Männern, welche in den
schlimmsten Theil des Whigcomplots verwickelt gewesen waren. Daher
beschuldigten ihn seine ehemaligen Gesinnungsgenossen laut der
Unbeständigkeit und Undankbarkeit.[10]

    [Anmerkung 8: In der Pepys'schen Sammlung befindet sich ein
    Kupferstich, der einen der Bälle darstellt, welche zu jener Zeit
    von Wilhelm und Marien im »Oranje Zaal« gegeben wurden.]

    [Anmerkung 9: +Avaux Neg. Jan. 25. 1685.+ Brief von Jakob an die
    Prinzessin von Oranien vom Januar 1684/85, unter Birch's Auszügen
    im Britischen Museum.]

    [Anmerkung 10: +Grey's Narrative+; +Wade's Confession, Lansdowne
    M.S. 1152.+]


[_Ferguson._] Von keinem der Verbannten wurde diese Anklage mit größerer
Heftigkeit und Bitterkeit erhoben, als von Robert Ferguson, dem Judas in
Dryden's großer Satire. Ferguson war ein Schotte von Geburt, aber er
hatte lange in England gelebt. Zur Zeit der Restauration bekleidete er
eine Pfarrstelle in Kent. Er war als Presbyterianer erzogen, die
Presbyterianer aber hatten ihn aus ihrer Mitte gestoßen und er war zu
den Independenten übergegangen. Dann war er Vorsteher einer von den
Dissenters in Islington errichteten Akademie gewesen, welche mit der
Westminsterschule und dem Charterhouse concurriren sollte, und hatte bei
einer Versammlung in Moorfields vor einem großen Zuhörerkreise
gepredigt. Auch hatte er einige theologische Abhandlungen geschrieben,
die sich vielleicht noch in den staubigen Winkeln einiger alten
Bibliotheken finden; aber obgleich er beständig Bibelstellen im Munde
führte, so überzeugte sich doch Jeder, der in Geldangelegenheiten mit
ihm zu thun bekam, sehr bald, daß er nichts als ein Schwindler war.

Endlich entzog er der Theologie fast ganz seine Aufmerksamkeit, um sie
dem schlechtesten Theile der Politik zuzuwenden. Er gehörte zu der
Klasse, die ein Geschäft daraus machen, erbitterten Parteien in
unruhigen Zeiten Dienste zu leisten, vor denen der Rechtschaffene aus
Abscheu, der Kluge aus Furcht zurückschreckt, zur Klasse der fanatischen
Schurken. Er war heftig, bösartig, unempfänglich für die Wahrheit, ohne
Gefühl für die Schande, von unersättlicher Ruhmsucht erfüllt, fand an
Intriguen, Aufruhr und Unheil lediglich um ihrer selbst willen Vergnügen
und arbeitete viele Jahre in den dunkelsten Minen des Parteiwesens. Er
lebte unter Pasquillanten und falschen Zeugen, verwaltete eine geheime
Kasse, aus welcher Agenten besoldet wurden, die zu schlecht waren, als
daß man sie hätte anerkennen dürfen, und war Vorsteher einer geheimen
Druckerei, aus der fast täglich anonyme Pamphlets hervorgingen. Er
rühmte sich, daß er Schmähschriften um die Terrasse von Windsor herum
ausgestreut und selbst unter das Kopfkissen des Königs gebracht habe.
Bei solcher Lebensweise mußte er zu allerhand Listen seine Zuflucht
nehmen, mußte mehrere Namen führen und hatte einmal in vier
verschiedenen Stadttheilen Londons vier verschiedene Wohnungen. Bei dem
Ryehousecomplot war er stark betheiligt und man hat Grund zu der
Vermuthung, daß er der erste Urheber der blutigen Anschläge war, welche
die ganze Whigpartei so sehr in Mißcredit brachten. Als die Verschwörung
entdeckt war und seinen Genossen bange wurde, nahm er lachend Abschied
von ihnen, indem er ihnen sagte, sie wären Neulinge, er sei an Flucht,
Verstecke und Verkleidung gewöhnt und werde Zeit seines Lebens nie
aufhören, zu conspiriren. Er entkam auf den Continent, aber selbst dort
schien er nicht sicher zu sein. Die englischen Gesandten an den
auswärtigen Höfen waren angewiesen, ein scharfes Auge auf ihn zu haben,
und die Regierung versprach Demjenigen, der ihn ergreifen würde, eine
Belohnung von fünfhundert Pistolen. Es war ihm auch nicht leicht,
unbemerkt zu bleiben, denn sein breiter schottischer Accent, seine lange
und hagere Gestalt, seine hohlen Wangen, seine beständig von der
Perrücke beschatteten stechenden Augen, sein von einem Hautausschlage
geröthetes Gesicht, sein gekrümmter Rücken und sein eigenthümlich
wiegender Gang machten ihn überall, wo er sich zeigte, zu einer
auffallenden Erscheinung. Aber obgleich er anscheinend mit ganz
besondrem Eifer verfolgt wurde, so raunte man sich doch im Stillen zu,
daß dieser Eifer eben nur scheinbar sei und daß die Gerichtsbeamten
geheimen Befehl hätten, ihn nicht zu sehen. Es läßt sich kaum
bezweifeln, daß er wirklich ein erbitterter Unzufriedener war, aber man
hat starken Grund, zu vermuthen, er habe für seine Sicherheit dadurch
gesorgt, daß er in Whitehall vorgab, ein Spion gegen die Whigs zu sein
und daß er der Regierung eben nur so viele Mittheilungen zukommen ließ,
als zur Aufrechterhaltung seines Credits genügten. Diese Annahme erklärt
auf die einfachste Weise das, was seinen Gesinnungsgenossen als eine
unnatürliche Sorglosigkeit und Tollkühnheit erschien. Da ihm selbst
nichts geschehen konnte, stimmte er jedesmal für den gewaltthätigsten
und gefährlichsten Weg und lächelte mitleidig über den Kleinmuth von
Männern, welche die schmachvolle Vorsichtsmaßregel, auf die er sich
verließ, nicht getroffen hatten, und die sich daher zweimal besannen,
ehe sie ihr Leben und Alles, was ihnen noch theurer war als das Leben,
auf eine Karte setzten.[11]

Sobald er in den Niederlanden angekommen war, begann er über neue Pläne
gegen die englische Regierung zu brüten und fand unter seinen
Mitverbannten Männer, die seinen bösen Rathschlägen ein geneigtes Ohr
liehen. Monmouth hielt sich indeß beharrlich fern von ihm, und ohne
Beihülfe der ausgedehnten Popularität des Herzogs war unmöglich etwas
auszurichten. Aber die Ungeduld und Tollkühnheit der Verbannten waren so
groß, daß sie sich nach einem andren Führer umsahen. Sie schickten eine
Gesandtschaft an den einsamen Ort am Ufer des Genfer Sees, wo Edmund
Ludlow, einst ein ausgezeichneter Anführer in der Parlamentsarmee und
ein hervorragendes Mitglied des hohen Gerichtshofes, sich schon seit
vielen Jahren vor der Rache der wiedereingesetzten Stuarts verborgen
hielt. Der ernste greise Rebell weigerte sich jedoch, seine Einsiedelei
zu verlassen. Er habe das Seinige gethan, sagte er; wenn England noch zu
retten sei, so müsse es durch jüngere Männer geschehen.[12]

Die unerwartete Erledigung der Krone veränderte die Gestalt der Dinge.
Jede Hoffnung auf friedliche Rückkehr in ihr Vaterland, welche die
verbannten Whigs vielleicht noch hegten, wurde durch den Tod eines
sorglosen und gutmüthigen Fürsten und durch die Thronbesteigung eines in
jeder Beziehung, ganz besonders aber in der Rache ungemein hartnäckigen
Prinzen vernichtet. Ferguson war in seinem Elemente. So vollständig ihm
altes Talent als Schriftsteller und Staatsmann fehlte, in so hohem Grade
besaß er dagegen die nicht beneidenswerthen Eigenschaften eines
Versuchers. So eilte er jetzt mit der tückischen Geschäftigkeit und
Gewandtheit eines bösen Geistes von einem Verbannten zum andren,
flüsterte jedem etwas ins Ohr und erregte in jeder Brust rachsüchtige
Wuth und wilde Begierden.

Jetzt hoffte er auch von Neuem, daß es ihm doch noch gelingen werde,
Monmouth zu verführen. Die Lage dieses unglücklichen jungen Mannes war
eine ganz andre geworden. Während er im Haag tanzte und Schlittschuh
lief und jeden Tag die Einladung zur Rückkehr nach London erwartete,
stürzte ihn die Nachricht von seines Vaters Tode und von seines
Oheims Thronbesteigung plötzlich ins tiefste Elend. Die in seiner
Nähe Wohnenden konnten in der Nacht nach der Ankunft dieser
Schreckensbotschaft seine Seufzer und sein lautes Jammergeschrei hören.
Er verließ am folgenden Tage den Haag, nachdem er sowohl dem Prinzen als
auch der Prinzessin von Oranien sein Ehrenwort gegeben, daß er durchaus
nichts gegen die englische Regierung unternehmen werde, und nachdem sie
ihn mit Geld zur Bestreitung seiner dringendsten Bedürfnisse versehen
hatten.[13]

Monmouth's Aussichten waren nicht glänzend. Es war nicht wahrscheinlich,
daß er aus der Verbannung zurückgerufen werden würde, und auf dein
Festlande konnte er nicht länger inmitten des Glanzes und der
Festlichkeiten eines Hofes leben. Seine Verwandten im Haag scheinen ihn
wirklich zugethan gewesen zu sein, aber sie konnten ihn fernerhin nicht
offen beschützen, ohne ernste Gefahr, einen Bruch zwischen England und
Holland dadurch herbeizuführen. Wilhelm machte ihm einen gutgemeinten
und verständigen Vorschlag. Der Krieg zwischen dem Kaiser und den
Türken, welcher damals in Ungarn wüthete, wurde von ganz Europa mit fast
eben so großem Interesse verfolgt, als fünfhundert Jahre früher die
Kreuzzüge. Viele tapfere Edelleute, Protestanten sowohl als Katholiken,
fochten als Freiwillige für die gemeinschaftliche Sache des
Christenthums. Der Prinz rieth Monmouth, sich in das kaiserliche Lager
zu begeben, und versicherte ihn, daß es ihm dann nicht an Mitteln fehlen
solle, um mit dem eines vornehmen Engländers würdigem Glanze
aufzutreten.[14] Dies war ein vortrefflicher Rath; der Herzog aber
konnte sich nicht dazu entschließen. Er begab sich nach Brüssel,
begleitet von Henriette Wentworth, Baronesse Wentworth von Nettlestede,
einem Fräulein von hoher Geburt und großem Vermögen, die ihn
leidenschaftlich liebte, ihm ihre jungfräuliche Ehre und die Aussicht
auf eine glänzende Verbindung aufgeopfert hatte, ihm in's Exil gefolgt
war und die er vor Gott als seine rechtmäßige Gattin betrachtete. Unter
dem wohlthuenden Einflusse der weiblichen Freundschaft heilten auch bald
die Wunden seines zerrissenen Herzens. Es schien, als hätte er in der
stillen Zurückgezogenheit das Glück gefunden und vergessen, daß er einst
die Zierde eines glänzenden Hofes und das Oberhaupt einer mächtigen
Partei gewesen war, daß er Armeen befehligt und selbst nach dem Besitze
eines Thrones gestrebt hatte.

Doch man gönnte ihm die Ruhe nicht. Ferguson wendete alle seine
Versuchungskünste an. Grey, der nicht wußte, woher er noch eine Pistole
nehmen sollte und der daher zu jedem, wenn auch noch so verzweifelten
Unternehmen bereit war, unterstützte Ferguson. Man ließ seinen
Kunstgriff unversucht, um Monmouth aus seiner Zurückgezogenheit
hervorzulocken. Auf die ersten Einladungen, die er von seinem ehemaligen
Bundesgenossen erhielt, antwortete er ablehnend. Er erklärte die
Schwierigkeiten einer Landung in England für unüberwindlich,
versicherte, er sei des öffentlichen Lebens überdrüssig, und bat darum,
daß man ihn im ungestörten Genusse seines neugefundenen Glücks lassen
möge. Doch er war nicht der Mann, der geschicktem und anhaltendem
Drängen lange widerstehen konnte. Auch sagt man, daß er durch den
nämlichen mächtigen Einfluß, der ihm seine Zurückgezogenheit so angenehm
machte, überredet worden sei, dieselbe wieder aufzugeben. Lady Wentworth
wollte ihn als König sehen. Ihre Einkünfte, ihre Juwelen und ihr Credit
wurden ihm zur Verfügung gestellt, und obwohl Monmouth's Verstand nicht
überzeugt war, so hatte er doch nicht die Kraft, solchen Bitten zu
widerstehen.[15]

    [Anmerkung 11: +Burnet I. 342. Wood. Ath. Ox.+ unter dem Namen
    Owen; +Absalom and Achitophel, part II.+; +Eachard, III. 682.
    697.+; +Sprat's True Account+ an mehreren Stellen;
    +Nonconformist's Memorial+; +North's Examen, 399.+]

    [Anmerkung 12: +Wade's Confession, Harl. M.S. 6845.+]

    [Anmerkung 13: +Avaux Neg. Feb. 20. 22. 1685+; Monmouth's Brief an
    Jakob aus Ringwood.]

    [Anmerkung 14: +The History of King William the Third, 2d.
    edition, 1703, vol. I. 160.+]

    [Anmerkung 15: +Welwood's Memoirs, App. XV.+; +Burnet I. 630.+
    Grey erzählt die Sache etwas anders, aber er erzählte sie, um sein
    Leben zu retten. Der spanische Gesandte am englischen Hofe, Don
    Pedro de Ronquillo, spöttelt in einem Briefe, den er um diese Zeit
    an den Statthalter der Niederlande schrieb, darüber, daß Monmouth
    von der Freigebigkeit eines verliebten Weibes lebe, und äußert den
    ganz ungegründeten Verdacht, daß des Herzogs Liebe nicht
    uneigennützig sei. +»Hallandose hoy tan falto de medios que ha
    menester transformarse en Amor con Miledi en vista de la necesidad
    de poder subsistir.«+ -- Ronquillo an Grana vom 30. März
    (9. April) 1685.]


[_Schottische Flüchtlinge._] Die englischen Verbannten empfingen ihn mit
großer Freude und erkannten ihn einhellig als ihr Oberhaupt an. Allein
es gab noch eine andre Klasse von Emigranten, welche nicht gemeint
waren, seinen Befehlen zu gehorchen. Regierungsfehler, wie der südliche
Theil unsrer Insel sie nie gekannt, hatte viele Flüchtlinge, deren
maßloser politischer und religiöser Eifer im Verhältniß zu den
Bedrückungen stand, die sie erduldet, aus Schottland auf den Continent
getrieben. Diese Männer aber hatten keine Lust, einem englischen
Anführer zu folgen. Ihr engherziger Nationalstolz verleugnete sich
selbst in Armuth und Verbannung nicht, und sie wollten es nicht zugeben,
daß ihr Vaterland in ihrer Person zu einer Provinz erniedrigt würde.


[_Der Earl von Argyle._] Sie hatten einen eignen Anführer in ihren
Reihen: Archibald, neunten Earl von Argyle, der als Oberhaupt des großen
Stammes der Campbell bei der Bevölkerung der Hochlande unter dem stolzen
Namen Mac Callum More bekannt war. Sein Vater, der Marquis von Argyle,
war das Haupt der schottischen Covenanters gewesen, hatte viel zum
Sturze Karl's I. beigetragen, und die Royalisten waren der Meinung, daß
er dieses Verbrechen dadurch noch nicht gesühnt habe, daß er seine
Einwilligung dazu gab, Karl II. den leeren Königstitel und ein
Staatsgefängniß in der Form eines Palastes zu gewähren. Nach der
Rückkehr der königlichen Familie wurde der Marquis hingerichtet und sein
Marquisat erlosch, aber sein Sohn erhielt die Erlaubniß, das alte
Earlthum zu erben, und er gehörte so noch immer zu dem höchsten Adel
Schottlands. Die politische Haltung des Earl während der zwanzig Jahre,
welche auf die Restauration folgten, war, wie er später meinte, sündlich
gemäßigt gewesen. Zwar hatte er in einigen Fällen der Regierung, unter
deren Joch sein Vaterland seufzte, opponirt; aber sein Widerstand war
schwach und vorsichtig gewesen. Seine Nachgiebigkeit in kirchlichen
Dingen hatte strenge Presbyterianer verdrossen, und er war so weit
entfernt gewesen, irgend eine Neigung zu gewaltsamem Widerstand zu
zeigen, daß, als die Covenanters durch Verfolgung zum Aufstande
getrieben wurden, er eine starke Truppe von Unterthanen ins Feld
stellte, um die Regierung zu unterstützen.

Dies war seine politische Laufbahn gewesen, bis der Herzog von York, mit
der ganzen Autorität eines Königs bekleidet, nach Edinburg kam. Der
despotische Vicekönig überzeugte sich bald, daß er von Argyle keine
ungetheilte Unterstützung zu erwarten hatte. Da der mächtigste Edelmann
des Königreichs nicht gewonnen werden konnte, hielt man es für nöthig,
ihn aus dem Wege zu räumen. Zu dem Ende wurde er auf Verdachtgründe hin,
welche so unhaltbar waren, daß der Geist der Parteilichkeit und Chikane
selbst sich ihrer schämte, wegen Hochverraths in Untersuchung gezogen,
überführt und zum Tode verurtheilt. Die Anhänger der Stuarts
versicherten später, man habe nie beabsichtigt, dieses Urtheil zu
vollziehen, und die Anklage habe nur den Zweck gehabt, um ihn durch die
Angst zur Abtretung seiner ausgedehnten Jurisdiction in den Hochlanden
zu bewegen. Es läßt sich jetzt nicht mehr bestimmen, ob Jakob, wie seine
Feinde argwöhnten, die Absicht hatte, einen Mord zu begehen, oder nur,
wie seine Freunde behaupteten, durch die Androhung eines Mordes ein
Zugeständniß zu erpressen. »Ich kenne das schottische Recht nicht«,
sagte Halifax zum König Karl; »soviel aber weiß ich, daß wir hier in
England aus Gründen wie die, auf welche hin Mylord Argyle verurtheilt
worden ist, keinen Hund hängen würden[16].«

Argyle entkam verkleidet nach England und begab sich von da nach
Friesland. In dieser entlegenen Provinz hatte sein Vater ein kleines Gut
gekauft, das der Familie in bürgerlichen Unruhen als Zufluchtsort dienen
sollte. Unter den Schotten hieß es, daß dieser Ankauf in Folge der
Prophezeiung eines celtischen Sehers geschehen sei, dem die Offenbarung
geworden, daß Mac Callum More dereinst von seinem alten Stammsitze in
Inverary vertrieben werden würde[17]. Es ist jedoch wahrscheinlich, daß
der kluge Marquis mehr durch die Zeichen der Zeit als durch die Visionen
eines Propheten gewarnt wurde. In Friesland lebte Earl Archibald einige
Zeit so ruhig, daß es nicht allgemein bekannt wurde, wohin er geflohen
war. Er unterhielt an seinem Zufluchtsorte einen regelmäßigen
Briefwechsel mit seinen Freunden in Großbritannien, nahm Theil an der
Whigverschwörung und entwarf mit den Oberhäuptern dieser Verschwörung
den Plan zu einem Einfall in Schottland[18]. In Folge der Entdeckung des
Ryehousecomplots gab er diesen Plan auf; nach der Erledigung der Krone
aber wurde derselbe wieder ein Gegenstand seines Nachdenkens.

Während seines Aufenthalts auf dem Continent hatte er über religiöse
Fragen mehr nachgedacht, als in den vergangenen Jahren seines Lebens.
Dieses Nachdenken hatte in einer Beziehung verderblich auf seinen Geist
eingewirkt. Seine Vorliebe für die synodalische Form der
Kirchenverfassung stieg jetzt bis zur Bigotterie. Wenn er bedachte, wie
lange er sich dem eingeführten Gottesdienste unterworfen hatte, ward er
von Scham und Reue ergriffen und zeigte sich nur zu sehr geneigt, seine
Abtrünnigkeit durch Gewaltschritte und Unduldsamkeit wieder gut zu
machen. Bald fand er indeß Gelegenheit zu beweisen, daß seine Furcht vor
einer höheren Macht und seine Liebe zu derselben ihn zu den
furchtbarsten Kämpfen gestählt hatte, durch welche die menschliche Natur
geprüft werden kann.

Für seine Leidensgefährten war sein Beistand vom höchsten Gewicht.
Obgleich geächtet und geflüchtet, war er doch in gewissem Sinne noch der
mächtigste Unterthan des britischen Reiches. An Reichthum stand er
wahrscheinlich, selbst vor seiner Verurtheilung, nicht nur dem hohen
englischen Adel, sondern auch manchem begüterten Squire von Kent und
Norfolk nach. Aber sein patriarchalisches Ansehen, ein Ansehen, das kein
Reichthum geben und keine Verurteilung entziehen konnte, machte ihn als
Oberhaupt eines Aufstandes wahrhaft furchtbar. Kein südlicher Lord hätte
darauf rechnen können, daß wenn er es wagen würde, sich der Regierung zu
widersetzen, auch nur seine Wildhüter und Jäger treu zu ihm gestanden
wären. Ein Earl von Bedford oder ein Earl von Devonshire konnte sich
nicht anheischig machen, zehn Mann ins Feld zu stellen. Mac Callum More
dagegen konnte, obgleich ohne Mittel und seines Earlthums beraubt, jeden
Augenblick einen ernsten Bürgerkrieg hervorrufen. Er brauchte sich nur
auf der Küste von Lorn zu zeigen und binnen wenigen Tagen hatte er eine
Armee um sich versammelt. Die bewaffnete Macht, die er unter günstigen
Verhältnissen ins Feld stellen konnte, belief sich auf fünftausend
Streiter, die ihm unbedingt gehorchten, an den Gebrauch des Schildes und
des breiten Schwertes gewöhnt waren, einen Kampf mit regulären Truppen
selbst im offenen Felde nicht scheuten und solchen Truppen vielleicht in
den Eigenschaften überlegen waren, welche zur Vertheidigung in Nebel
gehüllter und von reißenden Gießbächen zerklüfteter rauher Gebirgspässe
erforderlich sind. Was eine solche Macht bei umsichtiger Leitung selbst
gegen kriegserfahrene Regimenter und geschickte Anführer auszurichten
vermochte, das zeigte sich wenige Jahre später bei Killiecrankie.

    [Anmerkung 16: Prozeß gegen Argyle in der +Collection of State
    Trials+; +Burnet, I. 521+; +A true and plain Account of the
    Discoveries made in Scotland, 1684+; +The Scotch Mist cleared+;
    +Sir George Mackenzie's Vindication+; +Lord Fonntainhall's
    Chronological Notes.+]

    [Anmerkung 17: Untersuchung gegen Robert Smith im Anhange zu
    +Sprat's True Account+.]

    [Anmerkung 18: +True and plain Account of the Discoveries made in
    Scotland.+]


[_Sir Patrick Hume und Sir Johann Cochrane._] So großen Anspruch aber
auch Argyle auf das Vertrauen der verbannten Schotten hatte, gab es doch
eine Partei unter ihnen, die ihn nicht mit wohlwollendem Auge
betrachtete und sich nur seines Namens und seines Einflusses bedienen
wollte, ohne ihn mit einer wirklichen Gewalt zu betrauen. Das Oberhaupt
dieser Partei war ein Edelmann aus dem schottischen Niederlande, der in
das Whigcomplot verwickelt gewesen und nur mit Mühe der Rache des Hofes
entgangen war: Sir Patrick Hume, von Polwart in Berwickshire. Gegen
seine Rechtschaffenheit sind starke Zweifel erhoben worden, aber ohne
haltbaren Grund. Soviel kann man jedoch nicht in Abrede stellen, daß er
seiner Sache durch Verkehrtheit eben so viel schadete, als es durch
Verrath hätte geschehen können. Er war eben so unfähig zum Führen wie
zum Folgen, eingebildet, streitsüchtig und launenhaft, ein endloser
Schwätzer, zaghaft und langsam bei Unternehmungen gegen den Feind, und
nur thätig gegen seine eigenen Verbündeten. Mit Hume eng verbunden war
ein andrer schottischer Verbannter von hohem Ansehen, der viele von den
nämlichen Fehlern hatte, wenn auch nicht in gleichem Grade: Sir Johann
Cochrane, zweiter Sohn des Earl von Dundonald.


[_Fletcher von Saltoun._] Eine weit höhere Stufe gebührte Andreas
Fletcher von Saltoun, einem Manne, der sich ebensowohl durch
wissenschaftliche Bildung und Beredtsamkeit, als durch Muth,
Uneigennützigkeit und Gemeinsinn auszeichnete, aber ein reizbares und
unlenksames Temperament besaß. Gleich vielen seiner berühmtesten
Zeitgenossen, wie Milton, Harrington, Marvel und Sidney, hatte auch ihm
die schlechte Regierung mehrerer aufeinanderfolgenden Fürsten einen
entschiedenen Widerwillen gegen die erbliche Monarchie eingeflößt.
Jedoch war er kein Demokrat. Er war das Oberhaupt eines alten
normännischen Hauses und stolz auf seine Abkunft, war ein feiner Redner
und Schriftsteller und bildete sich auf seine geistige Überlegenheit
etwas ein. Als Gentleman wie als Gelehrter blickte er mit
Geringschätzung auf das gemeine Volk herab und war so wenig geneigt,
demselben eine politische Macht anzuvertrauen, daß er es sogar unfähig
für den Genuß der persönlichen Freiheit hielt. Merkwürdig ist der
Umstand, daß dieser Mann, der rechtschaffenste, furchtloseste und
unbeugsamste Republikaner seiner Zeit, der Urheber eines Planes war,
welcher dahin zielte, einen großen Theil der arbeitenden Klassen
Schottlands zu Sklaven zu machen. Er hatte große Ähnlichkeit mit jenen
römischen Senatoren, die, während sie den Königstitel haßten, doch mit
unbeugsamem Stolze ihre Standesvorrechte gegen die Eingriffe der Menge
vertheidigten und ihre Sklaven und Sklavinnen durch Block und Peitsche
regierten.

Amsterdam war der Ort, wo sich die schottischen und englischen Führer
der Emigranten versammelten. Argyle kam aus Friesland, Monmouth aus
Brabant dahin. Es zeigte sich sehr bald, daß die Flüchtlinge kaum etwas
Andres gemein hatten als den Haß gegen Jakob und den ungeduldigen Drang,
aus der Verbannung in die Heimath zurückzukehren. Die Schotten waren
eifersüchtig auf die Engländer, die Engländer eifersüchtig auf die
Schotten. Monmouth's hohe Ansprüche verdrossen Argyle, der, stolz auf
seinen alten Adel und auf seine legitime Abstammung von Königen,
durchaus nicht geneigt war, dem Sprossen einer flüchtigen und unedlen
Liebe zu huldigen.


[_Unverständiges Benehmen der schottischen Flüchtlinge._] Doch von allen
Mißhelligkeiten, welche die kleine Schaar der Geächteten entzweiten, war
die ernsthafteste das Zerwürfniß, welches zwischen Argyle und einem
Theile seiner eigenen Begleiter ausbrach. Durch den lang andauernden
Widerstand gegen die Tyrannei war der Geist und das Gemüth einiger der
schottischen Verbannten in einen Zustand krankhafter Gereiztheit
versetzt worden, der ihnen auch die vernünftigste und nothwendigste
Beschränkung unerträglich machte. Sie wußten, daß sie ohne Argyle nichts
vermochten. Aber sie hätten auch wissen sollen, daß sie, wenn sie nicht
kopfüber ins Verderben stürzen wollten, entweder ihren Führer volles
Vertrauen schenken, oder jedem Gedanken an ein militairisches
Unternehmen entsagen mußten. Die Erfahrung hat zur Genüge bewiesen, daß
im Kriege jede Operation, von der größten bis zur kleinsten, unter der
unumschränkten Leitung Eines Geistes stehen und daß jeder ihm
Untergeordnete in seiner Stellung blindlings und willig, ja sogar
solchen Befehlen anscheinend freudig gehorchen muß, die er nicht
gutheißen kann oder deren Beweggründe vor ihm geheimgehalten werden.
Repräsentative Versammlungen, öffentliche Discussionen und alle die
anderen Hemmungsmittel, durch welche die Herrscher in bürgerlichen
Angelegenheiten am Mißbrauch der Gewalt verhindert werden, sind in einem
Feldlager nicht angewandt. Macchiavell schrieb viele von den Unfällen,
welche Venedig und Florenz trafen, mit Recht der eifersüchtigen
Einmischung dieser Republiken in alle Schritte ihrer Generäle zu.[19]
Die holländische Sitte, zu einer Armee Abgeordnete zu senden, ohne deren
Einwilligung kein entscheidender Schlag geführt werden durfte, war fast
eben so verderblich. Allerdings ist es keineswegs ausgemacht, daß ein
Anführer, der im Augenblicke der Gefahr mit dictatorischer Gewalt
bekleidet worden ist, diese Gewalt nach errungenem Siege ruhig wieder
niederlegt, und dies ist einer von den zahlreichen Gründen, warum die
Menschen so lange als möglich zögern sollten, ehe sie sich entschließen,
die öffentliche Freiheit mit dem Schwerte zu vertheidigen. Haben sie
sich aber einmal entschlossen, das Kriegsglück zu versuchen, dann werden
sie auch, wenn sie klug sind, ihrem Führer die unumschränkte Gewalt
übertragen, ohne welche ein Krieg nicht gut geführt werden kann. Möglich
daß er sich, nachdem sie ihm diese Gewalt anvertraut haben, als ein
Cromwell oder ein Napoleon erweist; aber es ist so gut als gewiß, daß,
wenn sie ihm seine Autorität vorenthalten, ihre Unternehmungen enden
werden, wie die Unternehmung Argyle's endete.

Einige von den schottischen Emigranten boten, erhitzt von
republikanischer Begeisterung, und des zur Führung großer
Angelegenheiten erforderlichen Geschicks gänzlich bar, ihre ganze
Thätigkeit und ihren ganzen Scharfsinn auf, nicht um Mittel zu dem
Angriffe zu sammeln, den sie gegen einen furchtbaren Feind
beabsichtigten, sondern um Beschränkungen der Macht ihres Führers und
Bürgschaften gegen seinen Ehrgeiz zu ersinnen. Die selbstgefällige
Beschränktheit, mit der sie darauf beharrten, eine Armee so zu
organisiren, wie eine Republik, würde unglaublich erscheinen, wäre sie
nicht von einem der Ihrigen selbst offen und sogar rühmend geschildert
worden.[20]

    [Anmerkung 19: +Discorsi sopra la prima Deca di Tito Livio, lib.
    II. cap. 33.+]

    [Anmerkung 20: Siehe +Sir Patrick Hume's Narrative+ an d. betr.
    Stellen.]


[_Anstalten zu einem Unternehmen gegen England und Schottland._] Endlich
wurde aller Zwist geschlichtet und beschlossen, daß unverweilt ein
Angriff auf die Westküste Schottlands versucht werden und daß demselben
eine Landung in England auf dem Fuße folgen sollte.

Argyle sollte in Schottland nominell das Commando führen, wurde aber der
Controle eines Ausschusses untergeordnet, der sich die Anordnung der
wichtigsten militairischen Maßregeln vorbehielt. Dieser Ausschuß war
ermächtigt zu entscheiden, wo die Expedition landen sollte, Offiziere zu
ernennen, die Oberaufsicht über die Truppenaushebungen zu führen und
Proviant und Munition zu vertheilen. Dem General blieb somit weiter
nichts überlassen als die Leitung der eigentlichen Kriegsoperationen im
Felde, und er mußte versprechen, daß er selbst im Felde, außer bei
unerwarteten Überfällen, nichts ohne die Zustimmung eines Kriegsrathes
thun werde.

Monmouth sollte in England commandiren. Sein weiches Gemüth hatte, wie
gewöhnlich, Eindrücke von der ihn umgebenden Gesellschaft angenommen.
Ehrgeizige Hoffnungen, welche anscheinend erloschen gewesen waren,
regten sich aufs neue in seiner Brust. Er erinnerte sich der Liebe, mit
der er jederzeit in Stadt und Land von dem Volke begrüßt worden war, und
er erwartete, daß sie sich zu Hunderttausenden erheben würden, um ihn
willkommen zu heißen. Er gedachte der Zuneigung, welche die Soldaten
stets für ihn gehegt hatten, und schmeichelte sich mit der Hoffnung, daß
sie regimenterweise zu ihm übergehen würden. Ermuthigende Zuschriften
kamen ihm in rascher Aufeinanderfolge von London zu. Man versicherte
ihm, daß die Gewaltthätigkeit und Ungerechtigkeit, mit der bei den
letzten Wahlen verfahren worden war, die Nation empört, daß nur die
Besonnenheit der Whighäupter mit Mühe einen blutigen Aufstand am
Krönungstage verhindert habe und daß alle die vornehmen Lords, welche
die Ausschließungsbill unterstützt, es kaum erwarten könnten, sich um
ihn zu schaaren. Wildman, der gern in Gleichnissen Verrath predigte,
ließ ihm sagen, daß gerade vor zweihundert Jahren der Earl von Richmond
mit einer Handvoll Leuten in England gelandet und wenige Tage später auf
dem Felde von Bosworth mit dem von Richard's Haupte genommenem Diademe
gekrönt worden sei. Danvers unternahm es, die City aufzuwiegeln. Man
machte den Herzog glauben, daß sobald er sein Banner aufgepflanzt,
Bedfordshire, Buckinghamshire, Hampshire und Cheshire zu den Waffen
greifen würden.[21] In Folge dessen konnte er es nicht erwarten, das
Unternehmen zu beginnen, vor dem er noch wenige Wochen vorher
zurückgeschreckt war. Seine Landsleute legten ihm keine so unsinnigen
Beschränkungen auf, wie die schottischen Emigranten sie ausgeklügelt
hatten, man verlangte nichts weiter von ihm als das Versprechen, daß er
den Königstitel nicht eher annehmen wolle, als bis seine Ansprüche dem
Urtheile eines freien Parlaments unterbreitet worden seien.

Es ward beschlossen, daß zwei Engländer, Ayloffe und Rumbold, den Earl
von Argyle nach Schottland begleiten und daß Fletcher mit Monmouth nach
England gehen solle. Fletcher hatte dem Unternehmen von vornherein einen
unglücklichen Ausgang prophezeit, aber sein ritterlicher Sinn gestattete
ihm nicht, ein Wagstück abzulehnen, nach welchem seine Freunde begierig
zu verlangen schienen. Als Grey die Äußerungen Wildman's in Bezug auf
Richmond und Richard beistimmend wiederholte, bemerkte der wohlbelesene
und denkende Schotte sehr richtig, es sei ein großer Unterschied
zwischen dem fünfzehnten und dem siebzehnten Jahrhundert. Richmond war
des Beistandes von Baronen gewiß, deren Jeder ein Heer von Lehnsleuten
ins Feld stellen konnte, und Richard hatte nicht ein einziges Regiment
regulärer Soldaten.[22]

Es gelang den Verbannten, theils aus eigenen Mitteln, theils durch
Beiträge von Freunden in Holland eine für beide Expeditionen genügende
Summe aufzubringen. Von London erhielten sie nur sehr wenig. Sie hatten
von dort sechstausend Pfund erwartet; anstatt des Geldes aber kamen
Entschuldigungen von Wildman, welche Allen, die nicht blind sein
_wollten_, die Augen hätten öffnen sollen. Der Herzog deckte den
Ausfall, indem er seine eigenen Juwelen und die der Lady Wentworth
verpfändete. Es wurden Waffen, Munition und Proviant gekauft und mehrere
in Amsterdam liegende Schiffe damit befrachtet [23].

    [Anmerkung 21: +Grey's Narrative+; +Wade's Confession, Harl. MS.
    6845.+]

    [Anmerkung 22: +Burnet, I. 631.+]

    [Anmerkung 23: +Grey's Narrative.+]


[_Johann Locke._] Es ist merkwürdig, daß gerade der ausgezeichnetste und
am gröblichsten beleidigte Mann unter den britischen Verbannten sich von
allen diesen übereilten Beschlüssen fern hielt. Johann Locke haßte
Tyrannei und Verfolgung als Philosoph, aber sein Verstand und sein
Character bewahrten ihn vor der Heftigkeit eines Parteigänger. Er hatte
mit Shaftesbury auf vertrautem Fuße gestanden und sich dadurch das
Mißfallen des Hofes zugezogen. Locke war jedoch so klug und vorsichtig
gewesen, daß es wenig genützt haben würde, wenn man ihn vor die
damaligen Gerichte gestellt hätte, so verderbt und parteiisch diese auch
waren. Nur in einem Punkte war er verwundbar. Er war Mitglied des
Christchurch-Collegiums der Universität Oxford. Es ward beschlossen, von
diesem berühmten Collegium den größten Mann zu vertreiben, dessen es
sich je zu rühmen gehabt hatte. Dies war aber nicht leicht, denn Locke
hatte sich in Oxford sorgfältig gehütet, irgendeine Meinung über die
Tagespolitik zu äußern. Man hatte ihn mit Spionen umgeben. Doctoren der
Theologie und Magister der Philosophie hatten sich nicht geschämt, den
schimpflichsten aller Dienste zu leisten, den Mund eines Collegen zu
bewachen, um etwaige Äußerungen zu seinem Verderben zu hinterbringen.
Das Gespräch in der Halle war absichtlich auf verfängliche Themata
gelenkt worden, wie auf die Ausschließungsbill und auf den Character des
Earl von Shaftesbury, aber vergebens. Locke ließ sich weder ein
unbesonnenes Wort entschlüpfen, noch verstellte er sich, sondern er
beobachtete ein so beharrliches Schweigen und eine so gleichgültige
Ruhe, daß die Werkzeuge der Gewalt zu ihrem Ärger gestehen mußten, nie
habe ein Mann es verstanden, seine Zunge und seine Leidenschaften so
vollkommen zu beherrschen. Als man sah, daß man mit Verrath nichts
ausrichtete, brauchte man willkürliche Gewalt. Nachdem die Regierung es
umsonst versucht hatte, Locke zu einem Fehler zu verleiten, beschloß
sie, ihn ohne einen solchen zu bestrafen. Es kam Befehl von Whitehall,
ihn seines Amtes zu entsetzen, und der Dechant und die Canonici beeilten
sich, diesem Befehle nachzukommen.

Locke reiste zu seiner Erholung auf dem Continent, als er erfuhr, daß er
ohne Untersuchung und selbst ohne Benachrichtigung seiner Heimath und
seines Unterhalts beraubt worden sei. Die Ungerechtigkeit, mit der man
gegen ihn verfahren war, würde es entschuldigt haben, wenn er zu
gewaltsamen Mitteln gegriffen hätte, um sich Recht zu verschaffen. Aber
persönlicher Groll konnte ihn nicht verblenden. Er erwartete nichts
Gutes von den Plänen Derer, die sich in Amsterdam versammelt hatten, und
er zog daher in aller Stille nach Utrecht, wo er sich mit der Abfassung
seines berühmten Briefes über die Toleranz beschäftigte, während seine
Unglücksgefährten auf ihr eignes Verderben hinarbeiteten[24].

    [Anmerkung 24: +Le Clerc's Life of Locke+; +Lord King's Life of
    Locke+; +Lord Grenville's Oxford and Locke.+ Locke darf nicht mit
    dem Anabaptisten Nikolaus Look verwechselt werden, dessen Name in
    +Grey's Confession+ Locke geschrieben ist und der auch in den
    +Lansdowne MS. 1152+, sowie in der Erzählung von Buccleuch im
    Anhange zu Rose's Abhandlung erwähnt wird. Ich würde es kaum für
    nöthig gehalten haben, hierauf aufmerksam zu machen, hätte nicht
    die Ähnlichkeit dieser beiden Namen einen mit der Geschichte jener
    Zeiten so wohlbekannten Mann wie Präsident Onslow irre geführt.
    Siehe seine Anmerkung über Burnet +I. 629.+]


[_Vorkehrungen der Regierung zur Vertheidigung Schottlands._] Die
englische Regierung erhielt in Zeiten Kunde davon, daß unter den
Verbannten etwas im Werke war. Einen Einfall in England scheint man
jedoch zuerst nicht erwartet zu haben; wohl aber fürchtete man, daß
Argyle nächstens bewaffnet unter seinen Clansmännern erscheinen werde.
In Folge dessen erschien eine Verordnung des Inhalts, daß Schottland in
Vertheidigungszustand gesetzt werden solle. Die Miliz erhielt Befehl,
sich bereit zu halten. Alle dem Namen Campbell feindlich gesinnten Clans
wurden in Bewegung gesetzt. John Murray, Marquis von Athol, wurde zum
Lordlieutenant von Argyleshire ernannt und er besetzte mit einer starken
Abtheilung seiner Untergebenen das Schloß von Inverary. Einige
verdächtige Personen wurden eingezogen, andere mußten Bürgschaft
leisten. Kriegsschiffe wurden abgesandt, um in der Nähe der Insel Bute
zu kreuzen, und ein Theil der irländischen Arme wurde nach der Küste von
Ulster dirigirt.[25]

    [Anmerkung 25: +Wodrow, book III. chap. IX.+; +London Gazette, May
    11, 1685+; +Barillon, 11.(21.) Mai.+]


[_Unterredung Jakob's mit den holländischen Gesandten._] Während diese
Vorkehrungen in Schottland getroffen wurden, berief Jakob den Arnold Van
Citters, der lange als Gesandter der Vereinigten Provinzen in England
zugebracht, und Everard Van Dykvelt, der nach Karl's Tode in einer
besonderen Mission zur Beileidsbezeigung und Beglückwünschung von den
Generalstaaten nach London geschickt worden war, in sein Kabinet. Der
König sagte ihnen, daß er aus sicheren Quellen Kenntniß von Anschlägen
gegen seinen Thron erhalten, welche seine verbannten Unterthanen in
Holland schmiedeten. Einige von den Verbannten seien Kehlabschneider,
welche nur die besondere Fügung Gottes verhindert habe, einen
schändlichen Mord zu begehen, und es befinde sich unter ihnen der
Eigenthümer des Ortes, an dem das Gemetzel habe vor sich gehen sollen.
»Von allen Lebenden,« setzte der König hinzu, »hat Argyle die größten
Mittel in den Händen, mir zu schaden, und Holland ist dasjenige Land,
von welchem aus am leichtesten ein Schlag gegen mich geführt werden
kann.« Citters und Van Dykvelt versicherten Seiner Majestät, daß seine
Worte der Regierung, die sie vertraten, unverzüglich mitgeteilt werden
sollten, und daß zuversichtlich Alles gethan werden würde, um ihn
zufrieden zu stellen.[26]

    [Anmerkung 26: +Register of the Proceedings of the States General,
    May 5.(15.) 1685.+]


[_Vergebliche Versuche, Argyle am Absegeln zu verhindern._] Die
Gesandten waren berechtigt, dieses Vertrauen auszusprechen. Der Prinz
von Oranien sowohl als die Generalstaaten wünschten damals sehnlichst,
daß ihre Gastfreundschaft nicht zu Zwecken gemißbraucht werde, über
welche die englische Regierung sich mit Recht beschweren könnte. Jakob
hatte neuerdings eine Sprache geführt, welche der Hoffnung Raum gab, daß
er sich nicht geduldig dem Einflusse Frankreichs unterwerfen werde. Es
war daher wahrscheinlich, daß er sich zu einem engen Bündnisse mit den
Vereinigten Provinzen und mit dem Hause Österreich bestimmen lassen
werde, und man vermied deshalb im Haag mit ängstlicher Sorgfalt Alles,
was irgend Anstoß bei ihm erregen konnte. Auch vereinigte sich bei
dieser Gelegenheit Wilhelm's eigenes Interesse mit dem Interesse seines
Schwiegervaters.

Aber die Lage war von der Art, daß sie rasches und kräftiges
Einschreiten erforderte, und die Natur der batavischen Institutionen
machte ein solches Einschreiten fast unmöglich. Die Union von Utrecht,
welche unter blutigen Revolutionskämpfen und zu dem Zwecke, den
dringendsten Bedürfnissen zu genügen, flüchtig entworfen worden, war
niemals in ruhiger Zeit sorgfältig revidirt und vervollständigt worden.
Jede von den sieben Republiken, weiche diese Union mit einander
verbunden hatte, besaß fast noch alle Souverainetätsrechte
und behauptete diese Rechte beharrlich der Centralregierung
gegenüber. Gleichwie die Bundesgewalt nicht die Mittel hatte, die
Provinzialgewalten zu pünktlichem Gehorsam zu zwingen, so hatten auch
diese nicht die Mittel, die Municipalbehörden zu pünktlichem Gehorsam zu
zwingen. Holland allein enthielt achtzehn Städte, von denen jede in
vieler Beziehung einen unabhängigen und keine Einmischung von Außen
duldenden Staat bildete. Wenn die Behörden dieser Städte vom Haag einen
Befehl erhielten, der ihnen nicht gefiel, so ignorirten sie denselben
entweder ganz, oder kamen ihm doch nur langsam und zögernd nach. Bei
einigen Stadträthen vermochte allerdings der Wille des Prinzen von
Oranien Alles; unglücklicherweise aber war der Ort, wo sich die
britischen Verbannten gesammelt hatten und wo ihre Schiffe ausgerüstet
worden waren, das reiche und stark bevölkerte Amsterdam, und die
Magistratsbeamten von Amsterdam waren die Oberhäupter der gegen die
Bundesregierung und gegen das Haus Nassau feindlich gesinnten Partei.
Die Marineverwaltung der Vereinigten Provinzen war in den Händen fünf
verschiedener Admiralitätsbehörden; eine dieser Behörden hatte ihren
Sitz in Amsterdam, wurde theilweis von der städtischen Behörde ernannt
und scheint ganz von deren Geiste beseelt gewesen zu sein.

Alle Bemühungen der Bundesregierung, Jakob's Wünsche zu erfüllen, wurden
durch die Ausflüchte der Amsterdamer Beamten und durch die Fehlgriffe
des Obersten Bevil Skelton, der eben als Gesandter Englands im Haag
angekommen war, vereitelt. Skelton war zur Zeit der englischen Unruhen
in Holland geboren und man hatte ihn daher als besonders geeignet für
diesen Posten gehalten[27]; allein er war weder für diese noch für
irgend eine andre diplomatische Stellung befähigt. Leute, die einen
Character gut zu beurtheilen verstanden, erklärten ihn für den
seichtesten, unbeständigsten, leidenschaftlichsten, anmaßendsten und
geschwätzigsten Menschen, den es geben könne[28]. Er kümmerte sich nicht
ernstlich um die Schritte der Flüchtlinge, als bis drei für die
Expedition nach Schottland ausgerüstete Schiffe bereits glücklich aus
der Zuydersee ausgelaufen, sämmtliche Waffen, Munition und Mundvorräthe
an Bord gebracht waren und die Passagiere sich eingeschifft hatten.
Anstatt sich nun, wie er hätte thun sollen, an die Generalstaaten zu
wenden, welche dicht neben seiner Wohnung ihre Sitzungen hielten,
schickte er einen Boten an den Magistrat von Amsterdam mit dem Ersuchen,
die verdächtigen Schiffe nicht abfahren zu lassen. Der Magistrat von
Amsterdam antwortete, daß der Eingang der Zuydersee außer dem Bereiche
seiner Jurisdiction liege, und verwies ihn an die Bundesregierung. Es
lag auf der Hand, daß dies eine bloße Ausflucht war und daß durchaus
keine Schwierigkeiten gemacht worden wären, wenn man im Amsterdamer
Stadthause den ernsten Willen gehabt hätte, Argyle am Absegeln zu
verhindern. Jetzt wendete sich Skelton an die Generalstaaten. Sie
zeigten sich vollkommen geneigt, seinem Ansuchen zu willfahren, und da
die Zeit drängte, wichen sie von dem Verfahren ab, das sie sonst in
ihrem Geschäftsgange zu beobachten pflegten. Noch denselben Tag, an
welchem der Oberst sich an sie gewendet, wurde ein in genauer
Übereinstimmung mit seinem Gesuch abgefaßter Befehl der Admiralität von
Amsterdam zugefertigt. In diesem Befehle aber war in Folge unrichtiger
Andeutungen von Seiten Skelton's die Lage der Schiffe nicht genau
bezeichnet. Es hieß darin, sie lägen im Texel, während sie sich bei
Vlieland befanden. Die Admiralität von Amsterdam nahm diesen Fehler zum
Vorwand, um nichts zu thun, und bevor er berichtigt werden konnte, waren
die drei Schiffe abgesegelt.[29]

    [Anmerkung 27: Dies wird in seinem Beglaubigungsschreiben vom 16.
    März 1684/85 erwähnt.]

    [Anmerkung 28: Bonrepeaux an Seignelay vom 4.(14.) Febr. 1686.]

    [Anmerkung 29: +Avaux Neg. April 30. (May 10.), May 1.(11.), May
    5.(15.) 1685+; +Sir Patrick Hume's Narrative+; Brief von der
    Admiralität von Amsterdam an die Generalstaaten vom 20. Juni 1685;
    Memorial Skelton's an die Generalstaaten vom 10. Mai 1685.]


[_Argyle's Abreise von Holland._] Die letzten Stunden, welche Argyle an
der Küste Hollands zubrachte, waren Stunden der größten Angst. In seiner
Nähe lag ein holländisches Kriegsschiff, das mit einer vollen Lage in
einem Augenblicke die ganze Expedition zu Schanden gemacht haben würde.
Auch ruderte ein Boot um seine kleine Flotte herum, in welchem sich
einige Personen mit Fernröhren befanden, die er für Spione hielt. Es
wurde jedoch kein wirklicher Schritt gethan, um ihn zurückzuhalten, und
am Nachmittage des 2. Mai ging er mit günstigem Winde unter Segel.

Die Fahrt war glücklich. Am Sechsten bekam man die Orkneyinseln in
Sicht. Argyle ging sehr unklugerweise auf der Höhe von Kirkwall vor
Anker und gestattete zwei von seinen Begleitern, hier ans Land zu gehen.
Der Bischof gab Befehl, sie festzunehmen. Die Flüchtlinge begannen eine
lange und lebhafte Debatte über diesen Unfall, denn zu Debatten fehlte
es ihnen vom Anfang bis zum Ende der Expedition nie an Energie und
Ausdauer, so zaghaft und unschlüssig sie im Übrigen waren. Einige
stimmten für einen Angriff auf Kirkwall, Andere für unverweilte
Fortsetzung der Reise nach Argyleshire. Endlich ließ der Earl einige an
der Küste der Insel wohnende Gentlemen festnehmen und schlug dann dem
Bischofe die Auswechselung der Gefangenen vor. Der Bischof gab keine
Antwort und die Flotte segelte wieder ab, nachdem sie drei Tage verloren
hatte.


[_Argyle landet in Schottland._] Diese Verzögerung war höchst
gefährlich. Es wurde sehr bald in Edinburg bekannt, daß das Geschwader
der Aufrührer die Orkneyinseln berührt hatte, und man setzte daher
schleunigst Truppen in Bewegung. Als der Earl seine Provinz erreichte,
fand er, daß Vorkehrungen getroffen waren, um seine Landung zu
verhindern. Bei Dunstaffnage schickte er seinen zweiten Sohn Karl ans
Land, um die Campbells zu den Waffen zu rufen. Karl aber kam mit
schlimmen Nachrichten zurück. Die Hirten und Fischer waren wohl bereit,
sich um Mac Callum More zu schaaren, aber von den Häuptlingen der Clans
waren einige gefänglich eingezogen, andere waren geflohen, und die
Zurückgebliebenen hielten es entweder mit der Regierung oder wollten
doch von einem Aufstande nichts wissen und weigerten sich sogar, den
Sohn ihres Stammoberhauptes nur vor sich zu lassen. Von Dunstaffnage
segelte die kleine Flotte weiter nach Campbelltown, unweit der Südspitze
der Halbinsel Kintyre. Hier veröffentlichte der Earl ein Manifest, das
in Holland unter der Leitung des Ausschusses von einem schottischen
Advokaten, Jakob Stewart, abgefaßt war, dessen Feder wenige Monate
darauf zu ganz anderen Dingen verwendet wurde. In diesem Erlasse waren
in einer Sprache, deren starke Ausdrücke zuweilen an possenhafte
Gemeinheit grenzten, viele wahre und einige eingebildete Beschwerden
auseinandergesetzt. Unter Andrem war darin angedeutet, der letzte König
sei an Gift gestorben. Für einen Hauptzweck der Expedition wurde die
völlige Unterdrückung nicht nur des Papismus, sondern auch des
Prälatenthums erklärt, welches die bitterste Wurzel und Frucht des
Papismus genannt war, und alle guten Schotten wurden ermahnt, der Sache
ihres Vaterlandes und ihres Gottes tapfren Beistand zu leihen. So eifrig
Argyle auch für das, was er den reinen Glauben nannte, eingenommen war,
scheute er sich doch nicht, einen halb papistischen, halb heidnischen
Gebrauch in Anwendung zu bringen. Das geheimnißvolle Kreuz von
Eibenholz, das zuerst angezündet und dann in Ziegenblut gelöscht wurde,
ward ausgeschickt, um alle Campbells vom sechzehnten bis zum sechzigsten
Jahre aufzurufen. Die Landenge von Tarbet war zum Sammelplatz bestimmt.
Die Truppe, die sich dort sammelte, war zwar klein im Vergleich zu der,
welche zusammengekommen sein würde, wenn der Muth und die Kraft der
Clans noch ungebrochen gewesen wäre, doch war sie noch immer
achtunggebietend. Sie erreichte die Zahl von achtzehnhundert Mann.
Argyle theilte seine Bergschotten in drei Regimenter und schritt zur
Ernennung der Offiziere.


[_Argyle's Zwistigkeiten mit seinen Begleitern._] Die schon in Holland
begonnenen Zänkereien hatten zwar während des ganzen bisherigen Verlaufs
der Expedition noch nicht aufgehört; in Tarbet aber wurden sie heftiger
als je. Der Ausschuß wollte sich selbst in die patriarchalische
Oberherrschaft des Earl über die Campbells einmischen und ihm nicht
einmal gestatten, den militärischen Rang seiner Stammverwandten nach
eignem Ermessen zu bestimmen. Während diese streitsüchtigen
Friedensstörer ihm seine Macht in den Hochlanden zu entreißen suchten,
unterhielten sie ihre eigne Correspondenz mit dem Niederlande und
wechselten Briefe, die dem nominellen General nie mitgetheilt wurden.
Hume und seine Verbündeten hatten sich die Oberaufsicht über die
Vorräthe vorbehalten und sie führten diesen wichtigen Zweig der
Kriegsverwaltung mit einer Lässigkeit, welche von Treulosigkeit kaum zu
unterscheiden war, ließen die Waffen verderben, vergeudeten die
Lebensmittel und lebten in verschwenderischer Üppigkeit zu einer Zeit,
wo sie allen Untergebenen mit dem Beispiele der Mäßigkeit hätten
vorangehen sollen.

Die große Frage war nun, ob die Hochlande oder die Niederlande[30] der
Schauplatz des Krieges sein sollten. Des Earl's Hauptziel war für jetzt,
seine Autorität über sein eignes Gebiet zu befestigen, die fremden
Clans, welche aus Perthshire in Argyleshire eingedrungen waren, wieder
hinauszutreiben und seinen alten Stammsitz zu Inverary wieder
einzunehmen. Dann konnte er hoffen, vier- bis fünftausend Schwerter zu
seiner Verfügung zu haben, und mit einer solchen Streitmacht würde er im
Stande gewesen sein, diese wilden Gegenden gegen die ganze Macht des
Königreichs Schottland zu vertheidigen, so wie auch eine vortreffliche
Grundlage zu Angriffsoperationen gewonnen haben. Dies scheint der
vernünftigste Weg gewesen zu sein, der ihm offen stand. Rumbold, der
eine ausgezeichnete Kriegsschule durchgemacht hatte und von dem man, da
er Engländer war, erwarten konnte, daß er ein unparteiischer
Schiedsrichter zwischen den schottischen Factionen sein werde, that
Alles, was in seinen Kräften stand, um den Earl zu unterstützen. Hume
und Cochrane aber waren durchaus unfügsam, ihre Eifersucht auf Argyle
war in der That stärker, als der Wunsch, daß die Expedition gelingen
möge. Sie sahen, daß er zwischen seinen Bergen und Seen und an der
Spitze eines hauptsächlich aus Mitgliedern seines eignen Stammes
gebildeten Heeres im Stande sein werde, ihren Widerstand zu brechen und
die volle Autorität eines Generals auszuüben. Sie munkelten, daß die
Niederländer die Einzigen seien, denen die gute Sache wirklich am Herzen
liege, und daß die Campbells weder für die Freiheit, noch für die Kirche
Gottes, sondern lediglich für Mac Callum More die Waffen ergriffen
hätten. Cochrane erklärte, er werde nach Ayrshire gehen, und wenn er
allein, mit nichts als einer Heugabel in der Hand gehen sollte. Nach
langem Widerstreben willigte Argyle endlich gegen seine bessere
Überzeugung darein, daß sein kleines Heer getheilt wurde. Er blieb mit
Rumbold in den Hochlanden und Cochrane und Hume traten an die Spitze des
Korps, das zu einem Einfall in die Niederlande absegelte.

Cochrane's Ziel war Ayrshire; aber die Küste dieser Grafschaft war von
englischen Fregatten bewacht und die Abenteurer mußten daher die Mündung
des Clyde bis Greenock hinauffahren, das damals ein kleines, aus einer
einzigen Reihe von Strohhütten bestehendes Fischerdorf war, jetzt aber
ein großer, blühender Hafen ist, dessen Zolleinnahmen die
Gesammteinkünfte, welche die Stuarts aus dem Königreiche Schottland
zogen, um das Fünffache übersteigen. Bei Greenock stand eine Abtheilung
Miliz; Cochrane aber brauchte Proviant und war daher entschlossen, zu
landen. Hume machte Einwendungen, Cochrane aber bestand fest darauf und
befahl einem Offizier, Namens Elphinstone, mit zwanzig Mann in einem
Boot ans Ufer zu fahren. Aber der streitsüchtige Geist der Führer hatte
alle Reihen angesteckt. Elphinstone antwortete, er sei nur verpflichtet,
vernünftigen Befehlen zu gehorchen, dieser aber sei unvernünftig, kurz,
er werde nicht gehen. Major Fullarton, ein braver Mann, den alle
Parteien achteten, der aber ein spezieller Freund Argyle's war,
unternahm es, mit nur zwölf Mann zu landen und es gelang ihm trotz des
Feuers, das von der Küste aus auf ihn gerichtet wurde. Es entspann sich
ein kleines Gefecht und die Miliz wich zurück. Cochrane rückte in
Greenock ein, verschaffte sich Mehlvorrath, fand aber das Volk nicht
geneigt zum Aufstande.

    [Anmerkung 30: Nämlich die schottischen.      D. Übers.]


[_Stimmung der schottischen Nation._] Die öffentliche Stimmung in
Schottland war in der That nicht so, wie die Verbannten, welche durch
die ihrer Klasse zu jeder Zeit eigne Verblendung bethört waren, sie
erwartet hatten. Die Regierung war zwar gehässig und gehaßt, aber die
Mißvergnügten waren in Parteien gespaltet, welche gegen einander fast
eben so feindselig gesinnt waren, wie gegen ihre Beherrscher, und keine
von diesen Parteien zeigte sonderliche Lust, sich den Einfallenden
anzuschließen. Viele sprachen dem Aufstande jede Aussicht auf Erfolg ab,
und der Muth vieler Anderen war durch lange und grausame Bedrückung
wirksam gebrochen worden. Allerdings gab es noch eine Klasse von
Enthusiasten, welche nicht gewohnt waren, die Aussichten des Gelingens
zu erwägen, und die der Druck nicht gezähmt, sondern im Gegentheil aufs
Äußerste erbittert hatte; aber diese Leute sahen keinen großen
Unterschied zwischen Argyle und Jakob. Ihr Zorn war auf einen solchen
Grad gestiegen, daß das, was jeder Andere glühenden Eifer genannt haben
würde, in ihren Augen laodicäische Lauheit war. Auf der Vergangenheit
des Earl lastete ein Flecken, den sie als die schändlichste Apostasie
betrachteten. Die nämlichen Hochländer, die er jetzt zur Ausrottung des
Prälatenthums aufrief, hatte er wenige Jahre vorher zur Vertheidigung
desselben aufgerufen. Waren Sklaven, die von Religion nichts wußten und
sich nicht um sie kümmerten, welche bereit waren, für Synodalverfassung,
für Episkopat und für Papstthum zu kämpfen, wie es Mac Callum More
gerade zu befehlen geruhte, würdige Bundesgenossen für das auserwählte
Volk Gottes? Das in unschicklichem und intolerantem Tone gehaltene
Manifest erschien diesen Fanatikern als ein feiges und weltliches
Machwerk. Eine Verfassung, wie Argyle sie ihnen gegeben haben würde und
wie sie nachher ein mächtigerer und glücklicherer Befreier ihnen gab,
schien ihnen keines Kampfes werth. Sie verlangten nicht nur
Gewissensfreiheit für sich, sondern auch unumschränkte Herrschaft über
die Gewissen Andrer, nicht blos presbyterianische Lehre, Verfassung und
Gottesdienst, sondern den Covenant in seiner äußersten Strenge. Sie
waren nur dadurch zu befriedigen, daß alle Zwecke, um deretwillen die
bürgerliche Gesellschaft besteht, der Herrschaft eines theologischen
Systems aufgeopfert wurden. Wer da glaubte, daß keine Form des
Kirchenregiments eine Verletzung der Nächstenliebe werth sei, wer
Verständigung und Toleranz empfahl, der schwankte zwischen Jehova und
Baal, wie sie sich ausdrückten. Wer Handlungen, wie die Ermordung des
Kardinals Beatoun und des Erzbischofs Sharpe verdammte, verfiel in die
nämlichen Fehler, um dessentwillen Saul als König über Israel verworfen
worden war. Alle Maßregeln, durch welche unter civilisirten und
christlichen Menschen die Schrecken des Kriegs gemildert werden, waren
dem Herrn ein Gräuel. Pardon durfte weder genommen noch gegeben werden.
Ein rasender Malaye, ein von einem Haufen verfolgter toller Hund: das
waren die Vorbilder, die sich Krieger, welche zu gerechter
Selbstvertheidigung kämpften, zum Muster nehmen sollten. Für Gründe,
durch die sich Staatsmänner und Generäle bei ihren Schritten, leiten
lassen, waren diese Zeloten durchaus unempfänglich. Wenn ein Mann es
wagte, solche Gründe anzuführen, so war dies schon ein hinreichender
Beweis, daß er nicht zu den Gläubigen gehörte. Wenn der göttliche Segen
fehlte, so konnten auch schlaue Politiker, kriegserfahrene Heerführer,
Waffenkisten aus Holland oder Regimenter nicht wiedergeborener Celten
aus den Gebirgen von Lorn wenig ausrichten. War jedoch auf der andren
Seite die Zeit des Herrn wirklich gekommen, so konnte er noch immer wie
vor Alters durch das, was thöricht ist, die Weisen vor der Welt zu
Schanden machen und durch Wenige eben so gut wie durch Viele erretten.
Die breiten Schwerter Athol's und die Bajonette Claverhouse's konnten
durch eben so bescheidene Waffen wie die Schleuder David's oder die
Krüge Gideon's in die Flucht geschlagen werden.[31]

Nachdem Cochrane die Unmöglichkeit erkannt hatte, die Bevölkerung
südlich vom Clyde zum Aufstande zu bewegen, kehrte er zu Argyle zurück,
der sich auf der Insel Bute befand. Der Earl schlug nun abermals vor,
einen Angriff auf Inverary zu versuchen; allein er stieß abermals auf
hartnäckige Opposition. Die Seeleute hielten es mit Cochrane und Hume,
die Hochländer unterwarfen sich unbedingt den Befehlen ihres Anführers.
Es stand zu befürchten, daß es zwischen den beiden Parteien zu
Thätlichkeiten kommen würde, und die Besorgniß vor einem solchen Unglück
bewog den Ausschuß zu einigen Zugeständnissen. Das Schloß Ealan Ghierig,
an der Mündung des Loch[32] Riddan gelegen, wurde zum Hauptwaffenplatz
erwählt. Die Kriegsvorräthe wurden dort ausgeschifft und das Geschwader
dicht an den Wällen an einer Stelle, wo es durch Felsen und Untiefen,
welche ihrer Meinung nach eine Fregatte nicht passiren konnte, geschützt
war, vor Anker gelegt. Dann wurden Außenwerke aufgeworfen und eine
Batterie von einigen von den Schiffen genommenen kleinen Kanonen
aufgefahren. Das Commando in dem Fort ward höchst unklugerweise
Elphinstone übertragen, der schon Beweise gegeben hatte, daß er weit
mehr geneigt war, sich mit seinen Vorgesetzten zu streiten, als gegen
den Feind zu kämpfen.

Jetzt wurde auf einige Stunden ein wenig Energie entwickelt. Rumbold
nahm das Schloß Ardkingglaß. Der Earl scharmützelte erfolgreich mit
Athol's Truppen und war schon im Anrücken gegen Inverary begriffen, als
er in Folge schlimmer Nachrichten von den Schiffen und durch
Parteispaltungen im Ausschusse gezwungen wurde, wieder umzukehren. Die
königlichen Fregatten waren Ealan Ghierig näher gekommen, als man es für
möglich gehalten, und die Herren vom Niederland weigerten sich auf das
Bestimmteste, noch weiter in's Hochland vorzurücken. Argyle eilte zurück
nach Ealan Ghierig. Dort angelangt, schlug er einen Angriff auf die
Fregatten vor. Seine Schiffe waren zwar zu einem solchen Unternehmen
nicht hinreichend, aber sie wären durch eine Flotille von dreißig großen
mit bewaffneten Hochländern wohlbemannten Fischerböten unterstützt
worden. Der Ausschuß wollte jedoch von diesem Plane nichts hören und
vereitelte denselben auch wirklich durch Anzettelung einer Meuterei
unter dem Schiffsvolke.

Jetzt entstand allgemeine Verwirrung und Entmuthigung. Die Mundvorräthe
waren vom Ausschusse so schlecht verwaltet worden, daß es den Truppen an
Lebensmitteln fehlte. Die Hochländer desertirten daher zu Hunderten und
der durch sein Mißgeschick gänzlich zu Boden gedrückte Earl gab dem
Andringen Derer nach, welche noch immer hartnäckig darauf bestanden, daß
er in das Niederland vorrücken solle.

Die kleine Armee brach demgemäß eiligst nach den Ufern des Loch Long
auf, setzte bei Nacht in Böten über die Einfahrt und landete in
Dumbartonshire. Hier erhielten sie am folgenden Morgen die Nachricht,
daß die Fregatten einen Durchgang forcirt hatten, daß sämmtliche Schiffe
des Earls genommen worden waren, und daß Elphinstone ohne Schwertstreich
aus Ealan Ghierig geflohen sei und das Schloß mit allen Vorräthen dem
Feinde überlassen habe.

Es blieb nun weiter nichts übrig, als auf jede Gefahr hin in das
Niederland vorzudringen. Argyle beschloß einen kühnen Handstreich auf
Glasgow zu wagen. Sobald aber dieser Entschluß bekannt wurde, ergriff
dieselben Männer, die ihn bis zu diesem Augenblicke gedrängt hatten, in
das Niederland zu eilen, ein panischer Schrecken, sie stritten, machten
Gegenvorstellungen, und da ihr Streiten und ihre Vorstellungen erfolglos
blieben, entwarfen sie den Plan, sich der Böte zu bemächtigen, auf eigne
Hand zu entfliehen und es ihrem General und seinen Clansleuten zu
überlassen, ohne Hülfe zu siegen oder unterzugehen. Dieser Plan schlug
jedoch fehl, und die Feiglinge, die ihn gefaßt hatten, waren gezwungen,
mit tapferen Männern die Gefahren des letzten Wagnisses zu theilen.

Auf dem Marsche durch die Gegend zwischen Loch Long und Loch Lomond
wurden die Insurgenten fortwährend durch Abtheilungen der Miliz
beunruhigt. Es fanden einige Gefechte statt, in denen der Vortheil auf
Seiten des Earl blieb, aber die vor ihm her fliehenden Trupps
verbreiteten die Nachricht von seinem Heranrücken und bald nach seinem
Übergang über den Fluß Leven stieß er auf ein zahlreiches Corps
regulärer und irregulärer Truppen, welche bereit waren, sich mit ihm zu
messen.

Er war dafür, eine Schlacht anzunehmen, eben so auch Ayloffe. Hume aber
erklärte es für Wahnsinn, mit dem Feinde anzubinden. Er sah ein Regiment
in scharlachrother Uniform, und es konnten noch mehr dahinter stehen:
eine solche Macht angreifen, hieße einem sicheren Tode in den Rachen
eilen. Das Beste sei, sich bis zur Nacht ganz still zu verhalten und
dann dem Feinde wo möglich zu entschlüpfen.

Es entspann sich ein heftiger Wortwechsel, der nur mit Mühe durch
Rumbold's Vermittelung beschwichtigt wurde. Es war Abend geworden, und
die beiden feindlichen Heere lagerten in nicht großer Entfernung von
einander. Der Earl wagte es, einen nächtlichen Angriff vorzuschlagen,
wurde aber auch diesmal wieder überstimmt.

    [Anmerkung 31: Wer etwa glauben sollte, daß ich die Unvernunft und
    Wildheit dieser Menschen übertreibe, dem rathe ich, zwei Bücher zu
    lesen, die ihn überzeugen werden, daß ich die Farben eher
    gemildert als zu stark aufgetragen habe. Die Titel dieser beiden
    Werke sind: +Hind let loose+ und +Faithful Contendings
    displayed.+]

    [Anmerkung 32: See.    D. Übers.]


[_Argyle's Truppe zerstreut._] Nachdem der Beschluß gefaßt war, nicht zu
kämpfen, blieb nichts weiter übrig als den Schritt zu thun, den Hume
anempfohlen hatte. Es war einige Möglichkeit vorhanden, daß der Earl,
wenn er in aller Stille aufbrach und die ganze Nacht durch über Haiden
und Moräste davoneilte, dem Feinde einen Vorsprung von mehreren Meilen
abgewinnen und ohne weitere Behinderung Glasgow erreichen konnte. Man
ließ die Wachtfeuer brennen und setzte sich in Marsch. Doch nun folgte
ein Unglück auf das andre. Die Führer verfehlten den Weg durch die Moore
und führten die Armee in weichen Sumpfboden. Eine militairische Ordnung
konnte bei diesen undisciplinirten und entmuthigten Soldaten unter einem
stockfinstren Himmel und auf einem trügerischen, unebenen Boden nicht
aufrecht erhalten werden. Schrecken auf Schrecken verbreitete sich in
den getrennten Reihen. Was man sah und hörte hielt man für ein Anzeichen
vom Herannahen der Verfolger. Einige von den Officieren trugen noch zur
Vermehrung der Angst bei, während es ihre Pflicht gewesen wäre, sie zu
vermindern. Die Armee war ein demoralisirter Haufe geworden und dieser
schmolz rasch zusammen. Große Massen entflohen unter dem Schutze der
Dunkelheit. Rumbold und einige andere Tapfere, die keine Gefahr
schrecken konnte, verirrten sich und waren nicht im Stande, das
Hauptcorps wieder aufzufinden. Als der Tag anbrach, sammelten sich nur
etwa fünfhundert erschöpfte und entmuthigte Flüchtlinge in Kilpatrick.


[_Argyle gefangen genommen._] An eine Fortsetzung des Kriegs war nicht
mehr zu denken und es lag klar auf der Hand, daß es den Anführern der
Expedition schwer genug werden würde, nur ihr Leben in Sicherheit zu
bringen. Sie entflohen in verschiedenen Richtungen. Hume erreichte
glücklich das Festland. Cochrane wurde ergriffen und nach London
gebracht. Argyle hoffte unter dem Dache eines seiner alten Diener, der
in der Nähe von Kilpatrick wohnte, ein sicheres Asyl zu finden. Allein
er sah sich in dieser Hoffnung getäuscht und war gezwungen, über den
Clyde zu gehen. Er verkleidete sich als Landmann und übernahm die Rolle
eines Führers des Majors Fullarton, dessen muthvolle Treue vor keiner
Gefahr zurückschreckte. Die beiden Freunde reisten mit einander durch
Renfrewshire bis Inchinnan. Hier vereinigen sich der schwarze Cart und
der weiße Cart, bevor sie sich in den Clyde ergießen. Diese beiden
Ströme fließen jetzt durch blühende Städte und treiben die Räder
zahlreicher Fabriken; damals aber ging ihr ruhiger Lauf durch
Moorstrecken und Schafweiden. Die einzige Furth, durch welche die
Reisenden den Fluß passiren konnten, wurde von einer Abtheilung Miliz
bewacht. Fullarton versuchte es, den Verdacht auf sich zu lenken, damit
sein Begleiter unbemerkt entschlüpfen könnte; aber die Frager ahneten,
daß der Führer nicht der ungebildete Landmann sei, der er scheinen
wollte. Sie legten Hand an ihn. Er riß sich los und sprang in's Wasser,
ward aber sofort verfolgt. Eine kurze Zeit vertheidigte er sich gegen
fünf Angreifer; aber er hatte keine anderen Waffen als seine
Taschenpistolen, und diese waren in Folge seines Sprunges ins Wasser so
naß geworden, daß sie versagten. Ein Schwerthieb streckte ihn zu Boden
und er wurde festgenommen.

Er gab sich nun als den Earl von Argyle zu erkennen, wahrscheinlich in
der Hoffnung, daß sein angesehener Name bei denen, die ihn ergriffen
hatten, Ehrfurcht und Mitleid erwecken würde. Sie waren auch wirklich
tief erschüttert, denn sie waren einfache Schotten niederen Standes, und
obgleich im Dienste der Krone bewaffnet, hegten sie doch vielleicht
einige Vorliebe für calvinistische Kirchenverfassung und Gottesdienst
und waren überdies gewohnt, ihren Gefangenen als das Oberhaupt eines
erlauchten Hauses und als einen Vorkämpfer des protestantischen Glaubens
zu verehren. Doch obschon sie sichtbar ergriffen waren und obschon
einige von ihnen sogar weinten, so konnten sie sich doch nicht
entschließen, die versprochene ansehnliche Belohnung fahren zu lassen
und sich der Rache einer unerbittlichen Regierung auszusetzen. Sie
brachten daher ihren Gefangenen nach Renfrew. Der Mann, welcher bei der
Verhaftung die Hauptrolle spielte, hieß Riddell. Aus diesem Grunde war
das ganze Geschlecht der Riddell über ein Jahrhundert lang bei dem
großen Stamme der Campbell verhaßt. Noch Lebende können sich erinnern,
daß ein Riddell, der einen Markt in Argyleshire besuchte, es für rathsam
hielt, einen falschen Namen anzunehmen.

Jetzt begann der glänzendste Theil von Argyle's Laufbahn. Sein
Unternehmen hatte ihm bisher nur Tadel und Spott eingetragen. Sein
großer Fehler war, daß er sich nicht entschieden geweigert hatte, den
Titel eines Generals, ohne die Macht desselben, anzunehmen. Wäre er
ruhig in Friesland geblieben, so würde er in wenigen Jahren mit Ehren in
sein Vaterland zurückgerufen worden sein und hätte dann bald eine
hervorragende Zierde und Stütze der constitutionellen Monarchie erden
können. Hätte er die Expedition nach seinen eigenen Ansichten in's Werk
gesetzt und nur solche Begleiter mitgenommen, welche bereit waren, allen
seinen Befehlen unbedingt zu gehorchen, so hätte er möglicherweise etwas
Großes bewirken können, denn es scheint ihm zu einem Befehlshaber weder
an Muth, noch an Thätigkeit oder Geschicklichkeit gefehlt zu haben,
sondern einzig und allein an Autorität. Er hätte wissen sollen, daß von
allen Mängeln dieser der verderblichste ist. Es haben schon Armeen unter
Anführern gesiegt, welche eben keine hervorragenden Eigenschaften
besaßen. Aber welches Heer, das von einem zanksüchtigen Clubb commandirt
wurde, wäre je der Auflösung und Schande entgangen?

Das große Unglück, das Argyle betroffen, hatte das Gute, daß es ihm
Gelegenheit verschaffte, durch unverkennbare Beweise zu zeigen, was für
ein Mann er war. Von dem Tage, an welchem er Friesland verließ, bis zu
dem, wo seine Begleiter sich in Kilpatrick von ihm trennten, hatte er
nie frei handeln können. Er hatte die Verantwortlichkeit für eine Reihe
von Maßregeln auf sich nehmen müssen, die sein Verstand mißbilligte.
Jetzt endlich stand er allein. Die Gefangenschaft hatte ihm die edelste
Art der Freiheit wiedergegeben, die Freiheit, sich in allen seinen
Worten und Thaten nur durch seinen eignen Sinn für Recht und
Schicklichkeit leiten zu lassen. Von diesem Augenblick war es als ob
neue Weisheit und Tugend in ihm eingezogen wären. Sein Verstand schien
geschärft und geläutert, sein sittlicher Character gehoben und zugleich
gemildert. Der freche Übermuth der Sieger unterließ nichts, was den auf
seinen alten Adel und auf sein patriarchalisches Ansehen stolzen Mann
kränken und demüthigen konnte. Der Gefangene ward im Triumph durch
Edinburg geschleppt. Er ging zu Fuß und entblößten Hauptes die ganze
stattliche Straße entlang, welche von düsteren und riesenhaften
steinernen Gebäuden beschattet wird und von Holyrood House nach dem
Schlosse führt. Vor ihm her schritt der Henker mit dem fürchterlichen
Werkzeuge, welches zum Viertheilen auf dem Blocke gebraucht wurde. Die
siegreiche Partei hatte nicht vergessen, daß fünfunddreißig Jahre früher
Argyle's Vater an der Spitze der Faction gestanden, welche Montrose dem
Tode überantwortete. Schon vor diesem Ereignisse waren die Häuser Graham
und Campbell einander nicht zugethan, seitdem aber hatten sie beständig
in blutiger Fehde gelegen. Man nahm darauf Bedacht, daß der Gefangene
durch das nämliche Thor und durch die nämlichen Straßen ging, durch
welche Montrose dem gleichen Schicksale entgegen geführt worden war. Die
Truppen, welche den Zug begleiteten, standen unter dem Commando
Claverhouse's, dem Wildesten und Härtesten vom Geschlechte der Graham.
Als der Earl auf dem Schlosse angelangt war, wurden ihm Ketten an die
Füße geschmiedet und ihm angekündigt, daß er nur noch wenige Tage zu
leben habe. Man hatte beschlossen, ihn nicht seines letzten Vergehens
wegen vor Gericht zu stellen, sondern ihn ohne weiteres hinzurichten in
Gemäßheit eines mehrere Jahre vorher gegen ihn gefällten Urtheils, eines
Urtheils von so empörender Ungerechtigkeit, daß selbst die servilsten
und gefühllosesten Juristen jener schlimmen Zeit nicht ohne Beschämung
davon sprechen konnten.

Aber weder die schimpfliche Prozession durch High Street, noch die nahe
Aussicht auf den Tod vermochte Argyle's edle und majestätische Ruhe zu
erschüttern. Seine Standhaftigkeit wurde indeß auf eine noch härtere
Probe gestellt. Auf Befehl des Geheimen Raths ward ihm ein Papier mit
Fragen vorgelegt. Von diesen Fragen beantwortete er diejenigen, die er
ohne Gefahr für seine Freunde beantworten konnte, und weigerte sich mehr
zu sagen. Hierauf sagte man ihm, daß wenn er nicht vollständigere
Antworten gäbe, er auf die Folter gespannt werden würde. Jakob, der es
gewiß sehr bedauerte, daß er sich nicht persönlich an dem Anblicke
Argyle's in den spanischen Stiefeln weiden konnte, hatte die
gemessensten Befehle nach Edinburg gesandt, daß nichts versäumt werden
solle, was dem Verräther Aufschluß über Alle, die bei dem Verrath
betheiligt waren, erpressen könnte. Doch alle Drohungen waren vergebens.
Trotz unmittelbarer Aussicht auf Folterqualen und Tod dachte Mac Callum
More weit weniger an sich selbst als an seine armen Clansleute. »Ich
versuchte es heute,« schrieb er aus seiner Zelle, »für sie zu
unterhandeln, und ich hatte einige Hoffnung. Aber diesen Abend ist der
Befehl gekommen, daß ich Montag oder Dienstag sterben müsse, und ich
soll auf die Folter gelegt werden, wenn ich nicht alle Fragen beantworte
und eidlich erhärte. Doch ich hoffe, Gott wird mich aufrecht erhalten.«

Die Folter wurde nicht angewendet. Vielleicht hatte die Hochherzigkeit
des Opfers die Sieger zu ungewohntem Mitleid gerührt. Er selbst
bemerkte, daß sie anfangs sehr hart gegen ihn gewesen waren, aber bald
anfingen, ihn mit Achtung und Freundlichkeit zu behandeln. Gott, sagte
er, hat ihre Herzen erweicht. Es ist erwiesen, daß er nicht einen seiner
Freunde verrieth, um der äußersten Grausamkeit seiner Feinde zu
entgehen. Am letzten Morgen seines Lebens schrieb er die Worte: »Ich
habe Niemandem zu seinem Nachtheile genannt. Ich danke Gott, daß er mich
so wunderbar aufrecht erhalten hat.«

Er verfaßte seine eigene Grabschrift, ein sinn- und geistvolles kurzes
Gedicht von einfachem und kräftigem Styl und durchaus nicht zu
verachtendem Versbau. In diesen Strophen beklagte er sich, daß, obgleich
seine Feinde ihn wiederholt zum Tode verurtheilt hätten, seine Freunde
doch noch herzloser gewesen wären. Einen Commentar zu diesen Äußerungen
liefert ein Brief von ihm an eine in Holland wohnende Dame. Sie hatte
ihm eine bedeutende Summe Geldes für seine Expedition gegeben und er
meinte, daß sie deshalb gegründeten Anspruch auf eine ausführliche
Darlegung der Ursachen habe, welche das Mißlingen derselben
herbeigeführt. Von Verrath sprach er seine Gehülfen frei, ihre Thorheit,
Unwissenheit und Parteisucht aber schilderte er in Ausdrücken, die sie,
wie ihre eigenen Aussagen später bewiesen, mit vollem Rechte verdienten.
Es stiegen nachher Zweifel in ihm auf, ob er für einen sterbenden
Christen nicht eine zu harte Sprache geführt habe, und er bat daher
seine Freundin noch auf einem besonderen Blatte, daß sie das von diesen
Männern Gesagte als nicht geschrieben betrachten solle. »Nur dabei muß
ich bleiben« setzte er mild hinzu, »daß sie unlenksam waren.«

Den größten Theil der wenigen Stunden, die er noch zu leben hatte,
brachte er im Gebet und in liebevoller Unterhaltung mit einigen
Mitgliedern seiner Familie zu. Er legte keine Reue über sein letztes
Unternehmen an den Tag, beklagte aber mit schmerzlicher Wehmuth seine
frühere Fügsamkeit in geistlichen Dingen gegen das Belieben der
Regierung. Er sagte, seine Strafe sei gerecht; wer so lange sich der
Feigheit und Verstellung schuldig gemacht habe, sei nicht werth, das
Rettungswerkzeug für Staat und Kirche zu sein. Die Sache aber,
wiederholte er sehr häufig, sei Gottes Sache und werde gewiß
triumphiren. »Ich gebe mich nicht für einen Propheten aus,« sagte er,
»aber ich habe eine bestimmte Ahnung, daß die Befreiung sehr nahe ist.«
Es kann nicht Wunder nehmen, daß einige eifrige Presbyterianer sich
diesen Ausspruch merkten und ihn zu einer späteren Zeit göttlicher
Eingebung zuschrieben.

Frommer Glaube und Hoffnung, verbunden mit natürlichem Muthe und
stoischer Gelassenheit hatten sein Gemüth so vollkommen beruhigt, daß er
noch an dem Tage, an dem er sterben sollte, mit Appetit zu Mittag
speiste, sich bei Tische mit Heiterkeit unterhielt und sich dann, wie
gewöhnlich, niederlegte, um einige Stunden zu schlafen, damit Leib und
Seele in voller Kraft wären, wenn er das Schaffot bestiege. Um diese
Zeit kam ein Lord des Geheimen Raths, der wahrscheinlich von Haus aus
Presbyterianer war und sich nur durch Rücksichten des Eigennutzes hatte
verleiten lassen, zur Unterdrückung der Kirche, der er früher selbst
angehörte, beizutragen, mit einer Botschaft von seinen Kollegen in das
Schloß und verlangte den Earl zu sprechen. Man antwortete ihm, daß der
Earl schlafe. Der Geheimerath hielt dies für eine leere Ausflucht und
bestand darauf, eingelassen zu werden. Die Thür der Zelle ward geöffnet
und da lag der Earl auf dem Bett und schlief in seinen Ketten sanft wie
ein unschuldiges Kind. In dem Renegaten regte sich das Gewissen. Mit
zerknirschtem Herzen wendete er sich ab, eilte aus dem Schlosse und
flüchtete sich zu einer dicht nebenan wohnenden Dame seiner
Verwandtschaft. Hier warf er sich auf ein Sopha und überließ sich dem
Schmerze der Beschämung und Reue. Der Ausdruck seines Blickes und seine
Seufzer beunruhigten die Dame, sie glaubte er sei plötzlich krank
geworden, und bat ihn ein Glas Sekt zu trinken. »Nein, nein«, erwiederte
er, »das kann mir nicht helfen.« Sie bat ihn nun, daß er ihr sagen
möchte, was ihn so ergriffen habe. »Ich war in Argyle's Gefängniß«,
sagte er, »und ich habe ihn eine Stunde vor der Ewigkeit so sanft
schlafen sehen, wie nur ein Mensch schlafen kann. Aber was mich
betrifft --«

Der Earl erhob sich nun von seinem Lager und bereitete sich auf den
letzten Gang vor. Er wurde zuerst die High Street hinab nach dem
Sitzungshause des Geheimen Raths gebracht, wo er die kurze Zeit bis zu
seiner Hinrichtung verweilen sollte. Während dieser letzten Frist bat er
um Schreibzeug und schrieb an seine Gattin: »Liebes Weib, Gott ist
unveränderlich. Er ist stets gütig und gnädig gegen mich gewesen und
keine Lage ändert dies. Vergieb mir alle meine Fehler und suche Trost in
Ihm, in dem allein der wahre Trost zu finden ist. Der Herr sei mit Dir,
Er segne und tröste Dich. Lebe wohl.«


[_Argyle's Hinrichtung._] Es war jetzt Zeit, das Haus des Geheimen Raths
zu verlassen. Die Geistlichen, welche den Gefangenen begleiteten, waren
zwar nicht seines Glaubens, aber er hörte sie artig an und ermahnte sie,
ihre Gemeinden vor denjenigen Lehren zu warnen, welche alle
protestantischen Kirchen einstimmig verdammten. Er bestieg das Schaffot,
wo die alte plumpe Guillotine Schottlands, die Jungfrau genannt, ihn
erwartete, und hielt eine Ansprache an das Volk, die mit den
eigenthümlichen Redensarten seiner Sekte durchwebt war, aber den Geist
wahrer Frömmigkeit athmete. Er sagte, er vergebe seinen Feinden, wie er
hoffe, daß ihm vergeben werden würde. Nur ein bittrer Ausdruck
entschlüpfte ihm. Einer der bischöflichen Geistlichen, die ihn
begleiteten, trat an den Rand des Schaffots und rief mit lauter Stimme
aus: »Mylord stirbt als Protestant.« -- »Ja«, sagte der Earl vorgehend,
»und nicht nur als Protestant, sondern mit dem Hasse gegen Papismus,
Prälatenthum und jeden Aberglauben im Herzen.« -- Dann umarmte er seine
Freunde, übergab ihnen einige Zeichen der Erinnerung für seine Gattin
und seine Kinder, kniete nieder, legte das Haupt auf den Block, betete
eine Weile und gab endlich dem Scharfrichter das Zeichen. Sein Kopf
wurde auf die Spitze des Tolbooth gesteckt, wo vordem Montrose's Haupt
verwest war.[33]

    [Anmerkung 33: Die Schriftsteller, denen ich die Erzählung von
    Argyle's Expedition entlehnt habe, sind Sir Patrick Hume, der als
    Augenzeuge spricht, und Wodrow, dem die werthvollsten Materialien,
    darunter des Earls eigene Papiere, zu Gebote standen. Wo die
    Glaubwürdigkeit Argyle's oder Hume's in Frage kommt, da zweifle
    ich nicht, daß Argyle's Erzählung die richtige ist. Siehe auch
    Burnet I. 631 und das Leben Bresson's, herausgegeben von +Dr.+ Mac
    Crie. Die Erzählung des schottischen Aufstandes in Clarke's +Life
    of James the Second+ ist ein lächerlicher Roman, geschrieben von
    einem Jakobiten, der sich nicht einmal die Mühe nahm, eine Karte
    des Kriegsschauplatzes anzusehen.]


[_Rumbold's Hinrichtung._] Der Kopf des wackren und aufrichtigen, wenn
auch nicht tadelfreien Rumbold war bereits auf dem Westthore von
Edinburgh aufgesteckt. Umgeben von parteisüchtigen und feigen
Verbündeten, hatte er sich während des ganzen Feldzugs als ein in der
Schule des großen Protectors gebildeter Soldat gezeigt, hatte im Rathe
die Autorität Argyle's kräftig unterstützt und sich im Felde durch
ruhige Unerschrockenheit ausgezeichnet. Nachdem die Armee sich
zerstreut, wurde er von einer Abtheilung Miliz angegriffen. Er wehrte
sich mit verzweifelter Tapferkeit und würde sich auch durchgeschlagen
haben, hätte man seinem Pferde nicht die Fesseln zerschnitten. Tödtlich
verwundet wurde er nach Edinburg gebracht. Die Regierung hätte ihn gern
in England hinrichten lassen, aber er war dem Tode so nahe daß, wenn er
nicht in Schottland gehängt wurde, er gar nicht gehängt werden konnte,
und des Vergnügens, ihn zu hängen, wollten sich die Sieger nicht
entschlagen. Es ließ sich zwar nicht erwarten, daß sie gegen einen Mann,
der als das Haupt des Ryehousecomplots betrachtet wurde und Eigenthümer
des Hauses war, von welchem dieses Complot seinen Namen erhielt,
besondere Milde üben würden; aber die Rücksichtslosigkeit, mit der sie
den Sterbenden behandelten, muß unsrem humaneren Zeitalter fast
unglaublich erscheinen. Einer der schottischen Geheimräthe sagte ihm, er
sei ein verdammter Schurke. »Ich bin im Frieden mit Gott«, erwiederte
Rumbold gelassen, »wie kann ich da verdammt sein?«

Er wurde in aller Eil vor Gericht gestellt, überführt und verurtheilt,
nach wenigen Stunden in der Nähe des Stadtkreuzes in High Street gehängt
und geviertheilt zu werden. Obgleich er ohne die Unterstützung zweier
Männer nicht stehen konnte, bewahrte er doch seine Seelenstärke bis zum
letzten Augenblicke und erhob unter dem Galgen seine schwache Stimme
gegen Papismus und Tyrannei mit solcher Heftigkeit, daß die Offiziere
die Trommeln rühren ließen, damit das Volk ihn nicht hören konnte. Er
sagte, er sei ein Freund der beschränkten Monarchie, aber er könne
nimmermehr glauben, daß die Vorsehung einige wenige Menschen fertig
gestiefelt und gespornt zum Reiten und Millionen gesattelt und gezäumt,
um geritten zu werden, in die Welt gesandt habe. »Ich lobe und preise
Gottes heiligen Namen dafür«, rief er aus, »daß ich hier stehe nicht
wegen eines begangnen Unrechts, sondern weil ich in einer schlimmen Zeit
seiner Sache treugeblieben bin. Und wäre jedes Haar auf meinem Haupte
ein Mann, ich würde sie alle in diesem Kampfe daran setzen.«

Während der Untersuchung sowohl als noch bei der Hinrichtung sprach er
vom Meuchelmorde mit dem Abscheu, der einem guten Christen und einem
tapfren Soldaten ziemt. Er betheuerte auf das Wort eines dem Tode
verfallnen Mannes, daß er nie den Gedanken gehegt habe, eine solche
Schändlichkeit zu verüben. Aber er gestand offen, daß er im Gespräch mit
seinen Mitverschworenen sein eignes Haus als einen Ort bezeichnet habe,
wo Karl und Jakob mit Vortheil angegriffen werden könnten, und daß zwar
viel über die Sache debattirt, doch nichts beschlossen worden sei. Es
mag auf den ersten Anblick scheinen, als ob dieses Geständniß mit seiner
Erklärung, daß er den Meuchelmord stets verabscheut habe, unvereinbar
wäre; aber er ließ sich hierbei durch eine Unterscheidung täuschen,
welche viele seiner Zeitgenossen irre leitete. Nichts hatte ihn dazu
bewegen können, in die Speisen der beiden Fürsten Gift zu werfen, oder
sie im Schlafe zu erdolchen; aber einen unvermutheten Angriff auf die
den königlichen Wagen umgebenden Leibgarden zu machen, Schwerthiebe und,
Pistolenschüsse zu wechseln und es darauf ankommen zu lassen, ob man
tödten oder getödtet werden würde, dies war in seinen Augen eine
durchaus loyale militärische Operation. Hinterhalte und Überrumpelungen
gehörten zu den gewöhnlichen Vorfällen eines Kriegs. Jeder alte Soldat,
Kavalier oder Rundkopf, war bei solchen Unternehmungen betheiligt
gewesen. Fiel der König in dem Gefecht, so fiel er im ehrlichen Kampfe
und nicht durch Mörderhand. Ganz das nämliche Raisonnement stellten nach
der Revolution Jakob selbst und seine tapfersten und ergebensten
Anhänger auf, um einen ruchlosen Anschlag gegen das Leben Wilhelm's III.
zu rechtfertigen. Ein Trupp Jakobiten wurde abgesandt, um den Prinzen
von Oranien in seinem Winterquartiere anzugreifen. Der geheime Sinn
dieser ganz unverfänglich klingenden Redensart war, daß dem Prinzen auf
der Fahrt von Richmond nach Kensington die Kehle abgeschnitten werden
sollte. Es mag auffallend erscheinen, daß solche Trugschlüsse, die Hefe
der jesuitischen Casuistik, im Stande gewesen sind, Männer von
heldenmüthigem Character, sowohl Whigs als Tories, zu einem Verbrechen
zu verleiten, welchem die göttlichen wie die menschlichen Gesetze ganz
besonders den Stempel der Verruchtheit aufgedrückt haben. Aber kein
Sophismus ist so plump, daß er nicht Gemüther, welche vom Parteigeist
verblendet sind, bethören könnte.[34]

Argyle, welcher Rumbold einige Stunden überlebte, gab kurz vor seinem
Tode noch ein Zeugniß für die Tugenden des tapfren Engländers. »Der arme
Rumbold war mir eine große Stütze und ein braver Mann, und er ist
christlich gestorben.«[35]

    [Anmerkung 34: +Wodrow III. IX. 10.+; +Western Martyrology+;
    +Barnet, I. 633+; +Fox's History, Appendix IV.+ Ich vermag auf
    keine andre als die im Texte angegebene Weise Rumbold's
    Versicherung, daß er nie den Gedanken an einen Mord gehegt habe,
    mit seinem Geständniß, daß er selbst sein Haus als zu einem
    Angriff auf die königlichen Brüder passend bezeichnet habe, in
    Einklang zu bringen. Die Unterscheidung, die ich ihm zuschreibe,
    wurde auch noch von einem andren Ryehouseverschwornen gemacht, dem
    Kapitain Walcot, ebenfalls einem ehemaligen Soldaten der Republik.
    Bei Walcot's Verhör fragte der Kronzeuge: »Ihr habt zugegeben,
    Kapitain, daß Ihr einer von Denen waret, welche gegen die Garden
    kämpfen sollten.« -- »Aus welchem Grunde wollte er denn aber den
    König nicht umbringen?« fragte hierauf der Oberrichter Pemberton.
    »Er sagte«, antwortete West, »es sei ruchlos, einen wehrlosen
    Menschen zu tödten, und dies könne er niemals.«]

    [Anmerkung 35: +Wodrow III. IX. 9.+]


[_Ayloffe's Tod._] Ayloffe zeigte keine geringere Todesverachtung als
Argyle und Rumbold, nur war sein Ende für fromme Gemüther nicht so
erbaulich wie das ihrige. Wenn auch politische Sympathie ihn zu den
Puritanern hingezogen, so hatte er doch keine religiösen Sympathien für
sie und galt auch in ihren Augen für wenig besser als ein Atheist. Er
gehörte zu dem Theile der Whigs, der seine Vorbilder lieber unter den
Patrioten Griechenlands und Roms, als unter den Propheten und Richtern
Israels suchte. Er wurde gefangen genommen und nach Glasgow gebracht.
Hier versuchte er es, sich mit einem kleinen Federmesser zu entleiben,
aber obgleich er sich mehrer Wunden beibrachte, war doch keine davon
tödtlich, und er hatte noch Kraft genug, um eine Reise nach London
auszuhalten. Er ward vor den Geheimen Rath gestellt und vom Könige
selbst verhört, war aber zu hochsinnig, als daß er sich durch
Denuncirung Anderer hätte retten sollen. Unter den Whigs erzählte man
sich, der König habe zu ihm gesagt: »Ihr thätet besser, wenn Ihr offen
gegen mich wäret, Herr Ayloffe; Ihr wißt, daß es in meiner Macht steht,
Euch zu begnadigen.« Der Gefangne sollte hierauf sein düstres Schweigen
gebrochen und geantwortet haben. »In Ihrer Macht mag es stehen, aber in
Ihrem Character liegt es nicht.« Er wurde in Gemäßheit seines früheren
Ächtungsurtheils vor dem Thore des Tempels hingerichtet und starb mit
stoischem Gleichmuth.[36]

    [Anmerkung 36: +Wade's Narrative, Harl. MS. 6845+; +Burnet I.
    634+; Citters' Depesche vom 30. Oct. (9. Nov.) 1685; +Luttrell's
    Diary+ von dem nämlichen Datum.]


[_Verwüstung von Argyleshire._] Inzwischen übten die Sieger eine
erbarmungslose Rache an dem Volke von Argyleshire. Athol ließ viele
Campbells ohne gerichtliche Untersuchung hängen und nur mit Mühe wurde
er durch den Geheimen Rath verhindert, noch mehr Menschenleben zu
opfern. Dreißig Meilen im Umkreise von Inverary wurde das Land
verwüstet. Häuser wurden angezündet, Mühlsteine zertrümmert, Obstbäume
umgehauen und selbst die Wurzelstöcke derselben verbrannt. Die Netze und
Fischerböte, die einzigen Mittel, durch welche viele von den
Küstenbewohnern ihren Unterhalt erwarben, wurden vernichtet, und mehr
als dreihundert Rebellen und Unzufriedene nach den Colonien
transportirt. Viele von ihnen wurden auch zur Verstümmelung verurtheilt.
An einem einzigen Tage schnitt der Henker von Edinburg fünfunddreißig
Gefangenen die Ohren ab; eine Menge Weiber wurden über das atlantische
Meer geschickt, nachdem man sie mit einem glühenden Eisen auf der Wange
gebrandmarkt hatte.[37] Man ging sogar mit dem Plane um, von dem
Parlamente eine Acte zu verlangen, durch welche der Name Campbell
geächtet werden sollte, wie achtzig Jahre früher der Name Mac Gregor
geächtet worden war.

Argyle's Unternehmung hatte im Süden der Insel wenig Aufsehen gemacht.
Die Nachricht von seiner Landung traf unmittelbar vor dem Zusammentritt
des englischen Parlaments in London ein. Der König erwähnte die Sache in
der Thronrede, und die Häuser versicherten ihn, daß sie gegen jeden
Feind zu ihm halten würden. Mehr wurde von ihnen nicht verlangt. Über
Schottland hatten sie keine Gewalt, und ein Krieg, dessen Schauplatz so
weit entfernt und dessen Ausgang fast von vornherein leicht
vorauszusehen war, erregte in London nur geringes Interesse.

    [Anmerkung 37: +Wodrow III. IX. 4+, und +III. IX. 10.+ Wodrow
    führt aus den Acten des Geheimen Rathes die Namen aller der
    Gefangenen auf, welche transportirt, verstümmelt oder gebrandmarkt
    wurden.]


[_Erfolglose Versuche, Monmouth's Abreise von Holland zu verhindern._]
Aber eine Woche vor der schließlichen Zerstreuung von Argyle's Armee
wurde ganz England durch die Nachricht erschüttert, daß ein weit mehr zu
fürchtender Mann in feindlicher Absicht an seiner eignen Küste gelandet
sei. Die Flüchtlinge waren dahin übereingekommen, daß Monmouth sechs
Tage nach der Abfahrt der Schotten von Holland unter Segel gehen sollte.
Er hatte seine Expedition wahrscheinlich deshalb kurze Zeit
aufgeschoben, weil er hoffte, daß, sobald der Krieg in den Hochlanden
ausbrach, die meisten Truppen nach dem Norden gesandt werden und er
daher keine zu seinem Empfange gerüstete Streitmacht vorfinden würde.
Als er endlich abzusegeln wünschte, war der Wind ungünstig und heftig
geworden.

Während seine kleine Flotte im Texel hin und her getrieben wurde, lagen
die holländischen Behörden mit einander im Streit. Auf der einen Seite
standen die Generalstaaten und der Prinz von Oranien, auf der andren der
Magistrat und die Admiralität von Amsterdam.

Skelton hatte den Generalstaaten ein Verzeichniß derjenigen Flüchtlinge
übergeben, deren Aufenthalt in den Vereinigten Provinzen seinem Gebieter
Besorgnisse einflößte. Die Generalstaaten, welche dringend wünschten,
jedes billige Verlangen Jakob's zu erfüllen, sandten Abschriften der
Liste an die Provinzialbehörden, und diese wieder an die
Municipalbehörden. Sämmtlichen Stadtmagistraten wurde bedeutet, daß sie
die erforderlichen Maßregeln ergreifen sollten, um die geächteten Whigs
zu verhindern, die englische Regierung zu beunruhigen. Im Allgemeinen
wurde diesen Befehlen Folge geleistet, und besonders in Rotterdam, wo
der Einfluß Wilhelm's Alles vermögend war, wurde eine Thätigkeit
entwickelt, welche Jakob zu dankbarer Anerkennung veranlaßte. Allein der
Hauptsitz der Emigranten war Amsterdam, und die Regierungsbehörde dieser
Stadt wollte nichts sehen, nichts hören und nichts wissen. Der
Schultheiß, der selbst in täglichem Verkehr mit Ferguson stand,
berichtete nach dem Haag, daß er nicht einen einzigen von den
Flüchtlingen zu finden wisse, und die Bundesregierung mußte sich mit
dieser Entschuldigung begnügen. In Wirklichkeit aber waren die
englischen Verbannten in Amsterdam allgemein bekannt und wurden auf den
Straßen ebenso angestaunt, als wenn sie Chinesen gewesen wären.[38]

Wenige Tage darauf erhielt Skelton von seinem Hofe den Befehl, darum
anzusuchen, daß in Betracht der Gefahren, welche dem Throne seines
Gebieters drohten, die drei im Dienste der Vereinigten Provinzen
stehenden schottischen Regimenter unverzüglich nach Großbritannien
zurückgesandt werden sollten. Er wendete sich an den Prinzen von
Oranien, und dieser übernahm die Erledigung dieser Angelegenheit, sagte
aber voraus, daß Amsterdam einige Schwierigkeiten machen würde. Seine
Besorgniß erwies sich als gegründet. Die Deputirten von Amsterdam
verweigerten ihre Zustimmung und es gelang ihnen, eine Verzögerung
herbeizuführen; aber die Frage war nicht eine von denen, hinsichtlich
derer nach der Verfassung der Republik eine einzelne Stadt die
Verwirklichung des Wunsches der Mehrheit verhindern konnte. Wilhelm's
Einfluß überwog und die Truppen wurden mit großer Eil eingeschifft.[39]

Zu gleicher Zeit bemühte sich Skelton, allerdings mit geringer Einsicht
und Mäßigung, die von den Flüchtlingen ausgerüsteten Schiffe
zurückzuhalten. Er beschwerte sich in heftigen Ausdrücken bei der
Admiralität von Amsterdam. Die Nachlässigkeit der Behörde, sagte er,
habe schon eine Horde von Rebellen in den Stand gesetzt, einen Einfall
in Großbritannien zu machen, ein zweiter derartiger Fehler sei durch
nichts zu entschuldigen, und er verlangte mit peremptorischer
Bestimmtheit, daß ein großes Schiff, der »Helderenbergh«, zurückgehalten
werden solle. Dieses Schiff war angeblich nach den Canarischen Inseln
bestimmt, wahrend es thatsächlich von Monmouth ausgerüstet war,
sechsundzwanzig Kanonen führte und Waffen und Munition geladen hatte.
Die Admiralität von Amsterdam erwiederte, daß die Freiheit des Handels
und der Schifffahrt geringfügiger Gründe wegen nicht beschränkt und der
»Helderenbergh« nicht ohne Befehl der Generalstaaten zurückgehalten
werden könnte. Skelton, dessen unveränderliche Art es gewesen zu sein
scheint, Alles beim unrechten Ende anzugreifen, wendete sich nun an die
Generalstaaten, und diese erließen die nöthigen Befehle. Jetzt aber gab
die Amsterdamer Admiralität vor, es sei keine hinreichende Seemacht im
Texel, um sich eines so großen Schiffes, wie des »Helderenbergh«
bemächtigen zu können, und ließ Monmouth ungehindert absegeln.[40]

Das Wetter war schlecht, die Reise lang und mehrere englische
Kriegsschiffe kreuzten im Kanal. Aber Monmouth entging dem Meere und dem
Feinde. Als er bei den Klippen von Dorsetshire vorüberkam, wurde es für
wünschenswerth erachtet, ein Boot mit einem der Flüchtlinge, Namens
Thomas Dare, ans Ufer zu schicken. Dieser Mann hatte trotz seiner
niedrigen Denkungsart und seines gemeinen Wesens in Taunton großen
Einfluß. Er erhielt die Weisung; durch das Land nach dieser Stadt zu
eilen und seinen Freunden anzukündigen, daß Monmouth bald auf englischem
Boden sein werde.[41]

    [Anmerkung 38: Skelton's Schreiben ist vom 7.(17.) Mai 1686. Es
    findet sich nebst dem Briefe des Schout oder Schultheißen von
    Amsterdam in einer kleinen Schrift, die einige Monate später
    erschien unter dem Titel: +Histoire des Evènemens Tragiques
    d'Angleterre+. Die in diesem Werke angeführten Actenstücke sind,
    so weit ich sie geprüft habe, genau aus den holländischen Archiven
    mitgetheilt, nur mit der Ausnahme, daß Skelton's ziemlich unreines
    Französisch ein wenig verbessert ist. Siehe auch +Grey's
    Narrative+.

    Goodenough sagte in seinem Verhöre nach der Schlacht von
    Sedgemoor: »Der Schout von Amsterdam war ein besondrer Freund
    dieses letzten Planes«. +Lansdowne MS. 1152.+

    Es ist nicht der Mühe werth, die Schriftsteller zu widerlegen,
    welche den Prinzen von Oranien als an Monmouth's Unternehmung
    betheiligt darstellen. Sie stützen sich dabei besonders auf dem
    Umstand, daß die Behörden von Amsterdam keine energischen Schritte
    thaten, um das Absegeln der Expedition zu verhindern. Dieser
    Umstand ist aber gerade der stärkste Beweis, daß das Unternehmen
    von Wilhelm nicht begünstigt wurde. Wer nicht gänzlich unbekannt
    ist mit den Institutionen und der Politik Hollands, wird den
    Statthalter für die Handlungen der Oberhäupter der
    Loevestein'schen Partei nicht verantwortlich halten.]

    [Anmerkung 39: +Avaux, Neg. June 7.(17.), 8.(18.), 14.(24.)
    1685.+; Brief des Prinzen von Oranien an Lord Rochester vom
    9. Juni 1685.]

    [Anmerkung 40: Citters, 9.(19.) und 12.(22.) Juni 1685. Die
    Korrespondenz Skelton's mit den Generalstaaten und der Admiralität
    von Amsterdam befindet sich in den Archiven im Haag. Einige Briefe
    findet man in den +Evènemens Tragiques d'Angleterre+. Siehe auch
    Burnet I. 640.]

    [Anmerkung 41: Wade's Bekenntniß in den +Hardwicke Papers, Harl.
    MS. 6845.+]


[_Monmouth's Ankunft in Lyme._] Am Morgen des siebenten Juni erschien
der »Helderenbergh«, begleitet von zwei kleineren Schiffen, vor dem
Hafen von Lyme. Diese Stadt ist ein kleiner Knäuel von steilen und engen
Gassen und liegt an einer wilden, felsigen, von einer stürmischen See
gepeitschten Küste. Der Ort war damals besonders wegen eines Dammes
bekannt, der aus unbehauenen und nicht durch Mörtel verkitteten Steinen
zur Zeit der Plantagenets errichtet worden war. Dieses alte, unter dem
Namen Cob bekannte Bauwerk verschloß den auf einer Strecke von vielen
Meilen einzigen Hafen, in den sich die Fischer vor den Stürmen des
Kanals flüchten konnten.

Das Erscheinen der drei Schiffe von fremder Bauart und ohne Flagge
machte die Bewohner von Lyme bestürzt, und die Besorgniß nahm zu, als es
sich zeigte, daß die Zollbeamten, welche dem Gebrauche gemäß an Bord
gegangen waren, nicht zurückkamen. Die ganze Bevölkerung eilte auf die
Klippen und blickte lange ängstlich hinaus, konnte aber keine Lösung des
Räthsels finden. Endlich stießen von dem größten der drei Schiffe sieben
Böte ab und ruderten ans Ufer, wo sie ungefähr achtzig wohl bewaffnete
und ausgerüstete Männer aussetzten. Unter ihnen befanden sich Monmouth,
Grey, Fletcher, Ferguson, Wade und Anton Buyse, ein Offizier, der im
Dienste des Kurfürsten von Brandenburg gestanden hatte[42].

Monmouth gebot Ruhe, kniete am Strande nieder, dankte Gott, daß er die
Freunde der Freiheit und des reinen Glaubens vor den Gefahren der See
behütet, und erflehte den göttlichen Segen für das, was noch am Lande zu
thun sei. Dann zog er sein Schwert und führte seine Leute über die
Klippen in die Stadt.

Sobald es bekannt wurde, unter welchem Führer und in welcher Absicht die
Expedition kam, durchbrach die Begeisterung des Volks alle Schranken.
Die kleine Stadt war in der heftigsten Aufregung, die Leute liefen hin
und her und jubelten laut: »Monmouth! Monmouth! die protestantische
Religion!« Mittlerweile ward die Fahne der Abenteurer, eine blaue
Flagge, auf dem Marktplatze aufgepflanzt, die Kriegsvorräthe wurden im
Stadthause untergebracht und vom Kreuze herab eine Erklärung verlesen,
in der die Zwecke der Unternehmung auseinandergesetzt waren[43].

    [Anmerkung 42: Man sehe Bunse's Aussage gegen Monmouth und
    Fletcher in der +Collection of State Trials+.]

    [Anmerkung 43: +Journals of the House of Commons. June 13. 1685.
    Harl. MS. 6845+; +Lansdowne MS. 1152.+]


[_Seine Erklärung._] Diese Erklärung, das Meisterstück von Ferguson's
Genie, war nicht ein ernstes Manifest, wie es von einem Anführer
erlassen werden muß, der für eine große öffentliche Sache das Schwert
zieht, sondern es war nach Inhalt und Sprache ein Libell der gemeinsten
Art[44]. Sie enthielt zwar manche wohlbegründete Angriffe gegen die
Regierung, aber diese Angriffe waren in dem weitschweifigen und
dünkelhaften Style eines schlechten Pamphlets abgefaßt und das Manifest
enthielt andere Beschuldigungen, deren ganze Schmach auf Die
zurückfällt, die sie erhoben. Es wurde mit Bestimmtheit versichert, der
Herzog von York habe London in Brand gesteckt, Godfrey erdrosselt, Esser
die Kehle abgeschnitten und den verstorbnen König vergiftet. Auf Grund
dieser abscheulichen und unnatürlichen Verbrechen, und hauptsächlich der
letztgenannten gräßlichen That, des haarsträubenden, barbarischen
Brudermordes -- so wortreich und glücklich gewählt war Ferguson's
Sprache -- wurde Jakob für einen gefährlichen, blutdürstigen Feind, für
einen Tyrannen, Mörder und Usurpator erklärt. Man werde sich in keine
Unterhandlungen mit ihm einlassen und das Schwert nicht eher wieder in
die Scheide stecken, als bis er seine verdiente Strafe als Verräther
erhalten habe. Die Regierung solle auf Grundlagen basirt werden, die der
Freiheit günstig wären; alle protestantischen Sekten sollten geduldet,
die entzogenen Freibriefe zurückgegeben, alljährlich ein Parlament
gehalten und fernerhin nicht mehr durch königliche Laune prorogirt oder
aufgelöst werden. Das einzige stehende Heer sollte die Miliz sein, die
Miliz sollte von den Sheriffs befehligt und diese von den Freisassen
gewählt werden. Schließlich erklärte Monmouth, er könne es beweisen, daß
er in rechtmäßiger Ehe geboren und daß er dem Geburtsrechte nach König
von England sei, daß er aber für jetzt auf seine Ansprüche verzichten,
sie der Beurtheilung eines freien Parlaments anheim geben und bis dahin
nur als Oberbefehlshaber der gegen Tyrannei und Papismus aufgestandenen
Protestanten betrachtet sein wolle.

    [Anmerkung 44: +Burnet I. 641.+; Goodenough's Geständniß in den
    +Lansdowne MS. 1152.+ Originalabdrücke der Erklärung sind sehr
    selten; einer befindet sich im Britischen Museum.]


[_Seine Popularität im Westen Englands._] So entehrend dieses Manifest
auch für Die war, von denen es ausging, so war es doch zu dem Zwecke,
die Leidenschaften des großen Haufens aufzustacheln, nicht ungeschickt
abgefaßt. Im Westen machte es großen Eindruck. Zwar waren die Gentry und
der Klerus in diesem Theile des Landes mit wenigen Ausnahmen Tories,
aber die Freisassen, die Kaufleute in den Städten, das Landvolk und die
Handwerker waren größtentheils von dem alten Geiste der Rundköpfe
beseelt. Viele von ihnen waren Dissenters und durch kleinliche
Verfolgungen in eine Stimmung versetzt, die sie zu einem verzweifelten
Unternehmen geneigt machte. Die große Masse der Bevölkerung verabscheute
den Papismus und liebte Monmouth. Er war kein Fremder für sie, seine
Reise durch Somersetshire und Devonshire im Sommer 1680 war noch bei
Jedermann in frischem Andenken. Er war bei dieser Gelegenheit von Thomas
Thynne in Longleat Hall, damals und vielleicht jetzt noch dem
prächtigsten Landsitze in England, mit verschwenderischem Aufwande
bewirthet worden. Von Longleat bis Exeter waren alle Hecken und Zäune
mit jauchzenden Zuschauern bedeckt, die Landstraßen mit Zweigen und
Blumen bestreut; die Menge riß in dem Eifer, ihren Liebling zu sehen und
zu berühren, die Umzäunungen der Parke nieder und belagerte die
Schlösser, in denen er bewirthet wurde. Als er in Chard ankam, bestand
sein Gefolge aus fünftausend Reitern; in Exeter hatte sich ganz
Devonshire versammelt, um ihn zu begrüßen. Ganz besonderes Aufsehen
erregte bei dem Triumphzuge eine Schaar von neunhundert jungen Männern
in weißer Uniform, welche vor ihm her in die Stadt marschirten[45]. Der
Wechsel des Geschicks, der die Gentry seiner Sache entfremdet hatte, war
bei dem gemeinen Mann ohne Wirkung geblieben; für diesen war er noch
immer der gute Herzog, der protestantische Herzog, der rechtmäßige
Thronerbe, den eine heimtückische Verschwörung seines Eigenthums beraubt
hatte. Das Volk schaarte sich in Massen um seine Fahne; alle Schreiber,
die er hatte auftreiben können, reichten nicht hin, um die Namen der
Rekruten niederzuschreiben, und noch ehe er vierundzwanzig Stunden auf
englischem Boden war, sah er sich schon an der Spitze von
fünfzehnhundert Mann. Dare langte mit vierzig Reitern von nicht sehr
martialischem Aussehen von Taunton an und brachte ermuthigende
Nachrichten über die öffentliche Stimmung in Somersetshire. Bis jetzt
schien Alles einen glücklichen Erfolg zu versprechen[46].

In Bridport aber sammelte sich eine Streitmacht, um den Insurgenten
Widerstand zu leisten. Am 13. Juni rückte das rothe Regiment der Miliz
von Dorsetshire in jene Stadt ein, und das Regiment von Somersetshire
oder das gelbe Regiment, dessen Oberst, Sir Wilhelm Portman, ein
angesehener Tory war, wurde am folgenden Tage erwartet[47]. Der Herzog
beschloß, sofort loszuschlagen. Schon rüstete sich eine Abtheilung
seiner Truppen zum Aufbruch nach Bridport, da brachte ein unglücklicher
Vorfall das ganze Lager in Verwirrung.

Fletcher von Saltoun war zum Befehlshaber der Reiterei unter Grey
ernannt worden. Er war schlecht beritten, wie sich überhaupt wenige
Pferde im Lager befanden, die nicht vom Pfluge genommen waren. Als er
nach Bridport commandirt wurde, glaubte er, daß der Drang der Umstände
ihn berechtige, ein Dare gehörendes schönes Pferd zu leihen, ohne erst
deshalb um Erlaubniß zu fragen. Dare war entrüstet über diese
Eigenmächtigkeit und überhäufte Fletcher mit groben Beleidigungen.
Fletcher blieb ruhiger als Jeder, der ihn kannte, es erwartet hätte.
Endlich aber wagte es Dare, auf die Geduld, mit der seine
Unziemlichkeiten hingenommen wurden, pochend, gegen den hochadeligen und
stolzen Schotten die Reitgerte zu erheben. Dies brachte Fletcher's Blut
zum Sieden. Er zog ein Pistol hervor und schoß Dare nieder. Eine so
summarische und gewaltthätige Rache würde in Schottland nicht
aufgefallen sein, wo das Gesetz von jeher schwach gewesen war, wo
Derjenige, der sich nicht mit eigner Faust Recht verschaffte, wenig
Aussicht hatte, überhaupt Recht zu bekommen, und wo daher ein
Menschenleben fast eben so wohlfeil war, als in den am schlechtesten
regierten Provinzen Italiens. Im südlichen Theile der Insel aber war das
Volk noch nicht gewohnt, um eines harten Wortes oder einer heftigen
Geberde willen tödtliche Waffen gebrauchen und Blut vergießen zu sehen,
außer im Zweikampf unter Gentlemen mit gleichen Waffen. So erhob sich
denn ein allgemeines Geschrei nach Rache gegen den Fremden, der einen
Engländer ermordet habe, Monmouth konnte sich dem Verlangen nicht
widersetzen und Fletcher, der, nachdem der erste Ausbruch seines Zornes
sich gelegt hatte, von Reue und Angst ergriffen wurde, flüchtete sich
auf den »Helderenbergh«, entkam glücklich auf das Festland und begab
sich nach Ungarn, wo er tapfer gegen den gemeinsamen Feind der
Christenheit focht[48].

    [Anmerkung 45: +Historical Account of the Life and magnanimous
    Actions of the most illustrious Protestant Prince James, Duke of
    Monmouth, 1683.+]

    [Anmerkung 46: +Wade's Confession, Hardwicke Papers+; +Axe
    Papers+; +Harl. MS. 6845.+]

    [Anmerkung 47: +Harl. MS. 6845.+]

    [Anmerkung 48: Buyse's Aussage in der +Collection of State
    Trials+; +Burnet I. 642+; Ferguson's +MS.+, citirt von Eachard.]


[_Zusammenstoß der Rebellen mit der Miliz in Bridport._] Bei der Lage
der Insurgenten war der Verlust eines Mannes von Talent und Energie
nicht leicht zu ersetzen. Am frühen Morgen des folgenden Tages, dem 14.
Juni, brach Grey in Begleitung Wade's mit fünfhundert Mann auf, um
Bridport anzugreifen. Es fand ein verworrenes und unentschieden
bleibendes Gefecht statt, wie es zwischen zwei Haufen von Bauern, die
von Landedelleuten und Advokaten befehligt wurden, nicht anders zu
erwarten war. Eine Zeit lang drängten Monmouth's Leute die Miliz zurück;
dann aber hielt diese wieder Stand und erstere ergriffen in ziemlicher
Verwirrung die Flucht. Grey und seine Reiter hielten nicht eher an, als
bis sie in Lyme wieder in Sicherheit waren; Wade dagegen sammelte das
Fußvolk und führte es in guter Ordnung zurück[49].

Alles murrte laut gegen Grey, und einige von den Abenteurern drangen in
Monmouth, ein strenges Exempel zu statuiren. Monmouth aber wollte davon
nichts hören. Einige Schriftsteller haben diese Nachsicht seiner
Gutmüthigkeit zugeschrieben, die allerdings oft an Schwäche grenzte;
andere vermuthen, daß er nicht hart gegen den einzigen Peer verfahren
wollte, der in seiner Armee diente. Es ist jedoch wahrscheinlich, daß
der Herzog, der zwar kein ausgezeichneter General war, aber doch
jedenfalls vom Kriege viel mehr verstand als die Priester und Advokaten,
die ihm ihren Rath aufdringen wollten, Rücksichten nahm, an welche
Leute, die in militairischen Angelegenheiten durchaus unerfahren sind,
allerdings nie gedacht hätten. Um einem Manne, der wenig Vertheidiger
gehabt hat, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, muß bemerkt werden, daß
die Lord Grey während des ganzen Feldzugs zugetheilte Aufgabe von der
Art war, daß er sie, selbst wenn er der kühnste und geschickteste Soldat
gewesen wäre, kaum in einer Weise hätte lösen können, die ihm zum Ruhme
gereichte. Er stand an der Spitze der Reiterei; es ist aber eine
allbekannte Sache, daß ein Kavalerist viel längerer Übung bedarf als ein
Fußsoldat, und daß ein Kavaleriepferd eine noch viel längere Schule
braucht als sein Reiter. Mit einer ungeübten Infanterie, wenn sie von
Begeisterung und physischem Muthe beseelt ist, kann allenfalls etwas
ausgerichtet werden; aber es kann nichts Unbeholfeneres geben als eine
aus Landwirthen und Handelsleuten auf Karrengäulen und Postpferden
bestehende ungeübte Reiterei; und von solcher Art war die, welche Grey
befehligte. Nicht darüber muß man sich wundern, daß diese Leute im Feuer
nicht entschlossen Stand hielten und daß sie nicht tüchtig von ihren
Waffen Gebrauch machten, sondern darüber, daß sie sich überhaupt nur im
Sattel zu erhalten vermochten.

Noch immer langten Rekruten zu Hunderten an, den ganzen Tag wurde
bewaffnet und einexercirt. Inzwischen hatte sich die Nachricht von dem
Aufstande rasch und weit verbreitet. Noch denselben Abend, an welchem
der Herzog gelandet war, schickte der Mayor von Lyme, Gregor Alford, ein
eifriger Tory und ungemein heftiger Verfolger der Nonconformisten, seine
Diener aus, um die Gentry von Somersetshire und Dorsetshire zu
alarmiren, während er selbst zu Pferde nach dem Westen eilte. Spät in
der Nacht hielt er in Honiton an und schickte von dort einige flüchtig
hingeworfene Zeilen mit der schlimmen Botschaft nach London[50]. Dann
eilte er weiter nach Exeter, wo er Christoph Monk, Herzog von Albemarle
fand. Dieser Edelmann, der Sohn und Erbe Georg Monk's, des
Wiederherstellers der Stuarts, war Lordlieutenant von Devonshire und
hielt damals gerade Musterung über die Miliz. Er hatte zur Zeit
viertausend Mann zu seiner Verfügung, und mit dieser Streitmacht glaubte
er den Aufstand mit einem Schlage unterdrücken zu können. Er marschirte
deshalb nach Lyme.

    [Anmerkung 49: +London Gazette, June 18. 1685+; +Wade's
    Confession+; +Hardwicke Papers.+]

    [Anmerkung 50: +Lords' Journals, June 13. 1685.+]


[_Gefecht zwischen den Rebellen und der Miliz bei Axminster._] Als er
aber am Montag Nachmittag den 15. Juni Axminster erreichte, fand er die
Insurgenten schlagfertig aufgestellt, um ihn zu empfangen. Sie zeigten
ihm eine sehr achtunggebietende Fronte; vier Feldstücke waren gegen die
königlichen Truppen gerichtet und die dichten Hecken, welche zu beiden
Seiten die enge Straße beschatteten, waren mit Musketieren besetzt. Die
Vorkehrungen des Feindes beunruhigten jedoch Albemarle weniger als der
Geist, der sich in seinen eigenen Reihen zu äußern begann. Monmouth war
bei dem gemeinen Volke von Devonshire so beliebt, daß die ganze Miliz
wahrscheinlich in Masse zu ihm überging, sobald sie Monmouth's
wohlbekanntes Gesicht und seine Gestalt erblickte.

Albemarle hielt es daher trotz seiner großen Übermacht an Streitkräften
für rathsam, sich zurückzuziehen. Der Rückzug verwandelte sich bald in
wilde Flucht. Die ganze Gegend war mit den Waffen und Uniformstücken
besäet, welche die Fliehenden weggeworfen hatten, und hätte Monmouth die
Verfolgung mit Nachdruck betrieben, so würde er Exeter wahrscheinlich
ohne Schwertstreich genommen haben. Aber er war mit dem errungenen
Vorteile zufrieden und hielt es für wünschenswerth, seine Rekruten erst
besser einzuüben, bevor er sie zu gewagten Unternehmungen verwendete. Er
marschirte daher nach Taunton, wo er am 18. Juni, gerade eine Woche nach
seiner Landung eintraf[51].

    [Anmerkung 51: +Wade's Confession+; +Ferguson MS.+; +Axe Papers+;
    +Harl. MS. 6845+; +Oldmixon, 701, 702.+ Oldmixon, welcher damals
    ein Knabe war, lebte in unmittelbarer Nähe des Schauplatzes der
    Ereignisse.]


[_Die Nachricht von dem Aufstande kommt nach London._] Der Hof und das
Parlament waren über die Nachrichten aus dem Westen nicht wenig
erschrocken. Am Sonnabend den 13. Juni um fünf Uhr Morgens hatte der
König den Brief erhalten, den der Mayor von Lyme von Honiton an ihn
abgesandt. Der Geheime Rath wurde augenblicklich zusammenberufen; es
wurden Befehle gegeben, daß die Infanterieregimenter und die
Reiterschwadronen verstärkt werden sollten, und Commissionen zur
Aushebung neuer Mannschaften ernannt.


[_Loyalität des Parlaments._] Alford's Bericht ward den Lords vorgelegt
und der wesentliche Inhalt desselben den Gemeinen mitgetheilt. Diese
untersuchten die aus dem Westen angelangten Nachrichten und brachten
sogleich eine Bill ein, weiche Monmouth wegen Hochverraths verurtheilte.
Adressen wurden votirt, die den König versicherten, daß seine Peers
sowohl wie auch sein Volk entschlossen seien, ihm mit Gut und Blut gegen
seine Feinde beizustehen. In ihrer nächsten Sitzung verfügten die beiden
Häuser, daß die Erklärung der Rebellen durch den Henker verbrannt werden
solle, und ließen die Verurtheilungsbill in allen Stadien durchgehen.
Die Bill erhielt noch denselben Tag die königliche Genehmigung und auf
Monmouth's Ergreifung wurde eine Belohnung von fünftausend Pfund
gesetzt[52].

Die Thatsache, daß Monmouth gegen die Regierung unter Waffen stand, war
so unbestreitbar, daß die Verurtheilungsbill gegen den schwachen
Widerstand von nur einigen wenigen Peers zum Gesetz erhoben ward und
selbst von whiggistischen Geschichtschreibern nur selten streng getadelt
worden ist. Wenn wir indessen erwägen, wie wichtig es ist, daß
gesetzgeberische und richterliche Functionen getrennt bleiben, wie
wichtig es ferner ist, daß ein bloßes Gerücht, so stark und allgemein es
auch sein mag, nicht als gesetzlicher Schuldbeweis angenommen werde, wie
wichtig es endlich ist, die Regel festzuhalten, daß Niemand zum Tode
verurtheilt werden darf, ohne ihm Gelegenheit zu seiner Vertheidigung
gegeben zu haben, und wie leicht und schnell einmal begangene
Verletzungen großer Grundsätze weiter ausgedehnt werden, so dürften wir
wohl zu der Ansicht geneigt sein, daß sich gegen das vom Parlament
beobachtete Verfahren einige Einwendungen machen ließen. Keinem der
beiden Häuser lag das Mindeste vor, was selbst ein so gewissenloser
Richter wie Jeffreys einer Jury als Beweis für Monmouth's Schuld hätte
darstellen können. Die von den Gemeinen verhörten Boten waren nicht
vereidigt und ihre Mittheilungen konnten daher rein aus der Luft
gegriffen sein, ohne daß sie deshalb wegen Meineids hätten bestraft
werden können. Die Lords, welche, als Gerichtshof, einen Eid hätten
abnehmen können, examinirten keinen Zeugen und hatten keinen andren
Beweis vor sich, als den Brief des Mayors von Lyme, der in den Augen des
Gesetzes gar kein Beweis war. Die äußerste Gefahr rechtfertigt
allerdings zuweilen äußerste Mittel, aber die Verurtheilungsacte war ein
Mittel, das erst in Wirksamkeit gesetzt werden konnte, wenn jede Gefahr
vorüber war, und das daher von dem Augenblicke an, wo es aufhörte,
wirkungslos zu sein, ganz überflüssig wurde. So lange Monmouth unter
Waffen stand, war es unmöglich, ihn hinzurichten, und wurde er besiegt
und gefangen genommen, so hatte es weder Gefahr noch Schwierigkeit, ihn
vor Gericht zu stellen. Später hat man es als einen merkwürdigen Umstand
hervorgehoben, daß sich unter den eifrigen Tories, welche die Bill aus
dem Hause der Gemeinen vor die Schranken der Lords brachten, Sir Johann
Fenwick, Abgeordneter für Northumberland, befand[53]. Dieser Herr hatte
einige Jahre nachher Gelegenheit, über die Sache nachzudenken, und er
kam zu dem Schlusse, daß Verurtheilungsbills durchaus nicht zu
rechtfertigen seien.

Das Parlament gab in dieser Stunde der Gefahr noch andere Beweise von
Loyalität. Die Gemeinen ermächtigten den König, zur Bestreitung
augenblicklicher Bedürfnisse eine außerordentliche Summe von
vierhunderttausend Pfund zu erheben, und damit er das Geld ohne
Schwierigkeit bekomme, sannen sie auf neue Steuern. Der Plan, die in der
Hauptstadt unlängst neuerbauten Häuser zu besteuern, wurde wieder
aufgenommen und von den Landgentlemen eifrig unterstützt. Es wurde nicht
allein beschlossen, daß diese Häuser besteuert werden sollten, sondern
auch, daß eine Bill eingebracht werden sollte, die jede neue
Grundsteinlegung innerhalb des Stadtgebiets von London verbot. Der
Beschluß kam jedoch nicht zur Ausführung. Einflußreiche Männer, welche
in den Vorstädten Grund und Boden besaßen und hofften, daß sich auf
ihren Gütern neue Straßen und Plätze erheben würden, boten Alles auf, um
diesen Plan zu vereiteln. Man sah ein, daß es viel Zeit erfordern würde,
um die Einzelnheiten eines solchen Gesetzes zu reguliren, und die
Bedürfnisse des Königs waren so dringend, daß man es für nöthig
erachtete, die Verhandlungen des Hauses durch eine höfliche Ermahnung
zur Eil zu beschleunigen. Die Idee der Häuserbesteuerung wurde daher
aufgegeben und dagegen für die nächsten fünf Jahre neue Zölle auf
ausländische Seidenstoffe, Leinenwaaren und geistige Getränke
gelegt[54].

Die im Unterhause sitzenden Tories schritten nun zur Einbringung einer
sogenannten Bill zur Sicherung der Person und der Regierung des Königs.
Sie schlugen vor, es solle für Hochverrath erklärt werden, wenn Jemand
sagte, Monmouth sei legitim, oder Worte äußerte, welche darauf
abzielten, die Person oder die Regierung des Souverains verhaßt oder
verächtlich zu machen, oder wenn Jemand im Parlament einen Antrag auf
Abänderung der Thronfolgeordnung stellte. Einige von diesen Bestimmungen
erregte allgemeinen Unwillen und Abscheu. Die Whigs versuchten es trotz
ihrer geringen Zahl und ihrer Schwäche, sich zu verbinden, und sie
wurden durch eine bedeutende Anzahl gemäßigter und einsichtsvoller
Kavaliere verstärkt. Worte, sagte man, könnten leicht von
rechtschaffenen Männern mißverstanden, von Schurken aber falsch
ausgelegt werden; bildliche Ausdrücke könnten wörtlich genommen und
scherzhafte Äußerungen als ernstlich gemeint dargestellt werden. Eine
Partikel, ein Tempus, ein Modus, die Betonung könne den ganzen
Unterschied zwischen Schuld und Unschuld begründen. Sei ja der Erlöser
selbst, in dessen reinem Lebenswandel die Böswilligkeit keinen Anhalt zu
irgend einer Beschuldigung finden konnte, wegen gesprochener Worte in
Untersuchung gezogen worden. Falsche Zeugen hätten eine Sylbe
weggelassen, durch welche klar bewiesen worden wäre, daß jene Worte
bildlich gemeint waren, und hätten so dem Sanhedrin einen Vorwand
geliefert, unter welchem der schändlichste aller Justizmorde verübt
worden sei. Wer könne, mit einem solchen Beispiele vor Augen, behaupten,
daß wenn bloße Reden schon eine Anklage auf Hochverrath begründeten, der
loyalste Unterthan sicher sei? Diese Argumente machten einen so großen
Eindruck, daß im Ausschusse Verbesserungsanträge gestellt wurden, welche
die Härte der Bill bedeutend milderten; die Klausel aber, welche es für
Hochverrath erklärte, wenn ein Mitglied des Parlaments die Ausschließung
eines Prinzen von Geblüt vom Throne beantragte, scheint keine Debatte
hervorgerufen zu haben und wurde angenommen. Sie hatte jedoch nur
insofern eine Bedeutung, als sie ein Beweis für die Unwissenheit und
Unerfahrenheit der heißblütigen Royalisten war, welche das Unterhaus
füllten. Hätten sie nur die ersten Anfangsgründe der Gesetzgebung
gekannt, so würden sie eingesehen haben, daß die Bestimmung, auf die sie
so großes Gewicht legten, überflüssig sein mußte, so lange das Parlament
geneigt war, die Thronfolgeordnung aufrechtzuerhalten, und daß sie
widerrufen werden würde, sobald ein Parlament die Absicht hatte,
dieselbe abzuändern[55].

Die Bill ging in ihrer verbesserten Fassung durch und wurde den Lords
überreicht, aber nicht zum Gesetz erhoben. Der König hatte vom Parlament
eine Geldunterstützung erlangt, wie er sie nur erwarten konnte, und er
sah ein, daß, so lange der Aufstand wüthete, die loyalen Mitglieder des
Adels und der Gentry in ihren Grafschaften mehr nützen könnten, als in
Westminster. Er drängte daher ihre Verhandlungen zu einem baldigen
Schlusse und entließ sie am 3. Juli. An dem nämlichen Tage erhielt ein
Gesetz, welches die mit dem Jahre 1679 erloschene Censur wieder
einführte, die königliche Genehmigung. Dieser Gegenstand wurde mit
wenigen Worten am Ende eines gemischten Gesetzes abgethan, welches
verschiedene erlöschende Gesetze verlängerte. Die Anhänger des Hofes
dachten nicht daran, daß sie einen Sieg errungen hätten und die Whigs
äußerten durchaus keine Unzufriedenheit. Weder bei den Lords noch bei
den Gemeinen kam es zu einer Abstimmung, ja, soweit man es jetzt noch
ersehen kann, nicht einmal zu einer Debatte über eine Frage, welche in
unsrer Zeit das ganze Gebäude der Gesellschaft erschüttern würde. Die
Veränderung war auch in der That unbedeutend und kaum bemerkbar, denn
seit der Entdeckung des Ryehousecomplots hatte die Freiheit, ohne Censur
drucken zu dürfen, nur dem Namen nach bestanden. Seit vielen Monaten war
kaum eine gegen den Hof gerichtete Flugschrift anders als heimlich
gedruckt worden, und heimlich konnten solche Flugschriften nach wie vor
herausgegeben werden[56].

Die Häuser schlossen nun ihre Sitzungen; sie wurden nicht prorogirt,
sondern nur vertagt, damit sie bei ihrem nächsten Zusammentritt die
Geschäfte genau in dem Stande wieder aufnehmen könnten, wie sie
dieselben verlassen hatten[57].

    [Anmerkung 52: +London Gazette, June 18. 1685+; +Lords' and
    Commons' Journals, June 13. & 15.+; Holländische Depesche vom
    16.(26.) Juni.]

    [Anmerkung 53: Oldmixon hat unrecht, wenn er sagt, daß Fenwick die
    Bill überreichte. Aus den Protokollen ergiebt sich, daß sie durch
    Lord Ancram überreicht wurde.]

    [Anmerkung 54: +Commons' Journals, June 17, 18 & 19. 1685+;
    +Reresby's Memoirs.+]

    [Anmerkung 55: +Commons' Journals, June 19. 29. 1685+; +Lord
    Lonsdale's Memoirs. 8. 9.+; +Burnet I. 639.+ Die Bill ist in ihrer
    durch den Ausschuß abgeänderten Fassung in Fox' Geschichtswerke
    Anh. III. zu finden. Wenn Burnet's Bericht genau ist, so waren
    diejenigen Vergehen, welche die amendirte Bill nur als
    Civilvergehen bestraft wissen wollte, in der ursprünglichen Bill
    als Kapitalverbrechen behandelt.]

    [Anmerkung 56: +1 Jac. II. c. 17. Lords' Journals, July 2. 1685.+]

    [Anmerkung 57: +Lords' and Commons' Journals, July 2, 1685.+]


[_Monmouth's Empfang in Taunton._] Während das Parlament auf strenge
Gesetze gegen Monmouth und seine Anhänger sann, fand er in Taunton eine
Aufnahme, die ihn wohl zu der Hoffnung berechtigen konnten, daß sein
Unternehmen gelingen werde. Taunton war wie viele andere Städte im
südlichen England damals viel bedeutender als gegenwärtig. Diese Städte
sind zwar nicht kleiner und ärmer geworden, im Gegentheil, sie sind mit
wenigen Ausnahmen jetzt größer und reicher, besser gebaut und besser
bevölkert als im siebzehnten Jahrhundert. Aber trotz dieser positiven
Fortschritte haben sie doch relativ an Bedeutung verloren. Sie sind von
den Fabrik- und Handelsstädten im Norden, welche zu den Zeiten der
Stuarts kaum erst anfingen, als Sitze des Gewerbfleißes bekannt zu
werden, in Reichthum und Volkszahl weit überflügelt worden. Als Monmouth
in Taunton einzog, war diese Stadt ein ungemein blühender Ort; seine
Märkte waren mit Allem reichlich versorgt und seine Wollenmanufactur
weit und breit berühmt. Die Bevölkerung rühmte sich, in einem Lande zu
leben, wo Milch und Honig flössen, und diese Sprache führten nicht nur
die parteiischen Eingebornen, sondern auch jeder Fremde, der den schönen
Thurm von St. Maria Magdalena bestieg, gestand es zu, daß er zu seinen
Füßen das fruchtbarste Thal Englands erblicke. Die Umgegend war reich an
Obstgärten und grünen Wiesen, zwischen denen in lieblicher Fülle und
Abwechselung Edelhöfe, Hütten und Dorfkirchen zerstreut lagen. Die
Einwohner der Stadt waren schon seit langer Zeit für die
presbyterianische Gottesverehrung und die Whigpolitik eingenommen; in
dem großen Bürgerkriege hatte Taunton durch alle Wechselfälle fest zum
Parlament gehalten, war zweimal von Goring hart belagert und zweimal
durch Robert Blake, den nachmaligen berühmten Admiral der Republik, mit
heldenmüthiger Tapferkeit vertheidigt worden. Ganze Straßen wurden durch
die Bomben und Granaten der Kavaliere in Brand geschossen; der Mangel an
Lebensmitteln wurde so groß, daß der entschlossene Commandant schon die
Absicht angekündigt hatte, die Besatzung auf Pferdefleischrationen zu
setzen; aber weder Feuer noch Hunger hatten den Muth der Stadt brechen
können[58].

Die Restauration hatte in den Gesinnungen der Bewohner von Taunton
nichts geändert. Sie hatten nach wie vor das Jahresfest des glücklichen
Tages gefeiert, an welchem die königlichen Truppen ihre Belagerung
aufgehoben, und ihre starre Anhänglichkeit an die alte Sache hatte in
Whitehall so große Besorgniß und so heftigen Groll erregt, daß auf
königlichen Befehl ihr Wallgraben ausgefüllt und die Wälle bis auf den
Grund zerstört worden waren[59]. Der puritanische Geist war bei ihnen
durch die Lehre und das Beispiel eines der berühmtesten
Dissentergeistlichen, Joseph Alleine's, in seiner ungeschwächten Kraft
erhalten worden. Alleine war der Verfasser eines Tractats, betitelt: +An
Alarm to the Unconverted+, das noch jetzt in England wie in Amerika
populär ist. Aus dem Kerker, in den er von den siegreichen Kavalieren
geworfen wurde, schrieb er an seine lieben Freunde in Taunton viele
Briefe, welche den Geist einer wahrhaft heldenmüthigen Frömmigkeit
athmeten. Sein Leib welkte unter dem Einflusse der Studien,
Anstrengungen und Verfolgungen bald dahin; sein Andenken aber ward von
Denen, die er ermahnt und unterrichtet hatte, noch lange mit
außerordentlicher Liebe und Verehrung bewahrt[60].

Die Kinder der Männer, welche vierzig Jahre früher auf den Wällen von
Taunton gegen die Royalisten gekämpft hatten, bewillkommneten jetzt
Monmouth mit lauten Ausbrüchen der Freude und Zuneigung. Jede Thür und
jedes Fenster war mit Girlanden bekränzt. Niemand zeigte sich auf den
Straßen, ohne einen grünen Zweig, als Zeichen der Volkssache, am Hute.
Die Töchter der angesehensten Familien verfertigten Fahnen für die
Insurgenten. Von diesen Fahnen war besonders eine mit den Zeichen der
königlichen Würde prächtig gestickt und wurde Monmouth durch einen Zug
junger Mädchen überreicht. Er nahm das Geschenk mit der ihm eigenen
liebenswürdigen Artigkeit an. Die Dame, welche den Zug anführte,
beschenkte ihn außerdem noch mit einer kostbaren kleinen Bibel, die er
mit einem Zeichen von Ehrfurcht in Empfang nahm. »Ich komme,« sagte er,
»um die in diesem Buche enthaltenen Wahrheiten zu vertheidigen und sie,
wenn es sein muß, mit meinem Blute zu besiegeln[61].«

Aber während Monmouth sich des Beifalls der Menge erfreute, mußte er mit
Schmerz und Besorgniß bemerken, daß die höheren Klassen fast ohne
Ausnahme seiner Unternehmung feindlich gesinnt waren und daß nur in den
Grafschaften, wo er sich persönlich gezeigt hatte, ein Aufstand erfolgt
war. Es war ihm von Agenten, welche ihre Angaben von Wildman erhalten zu
haben behaupteten, versichert worden, daß der ganze whiggistische Adel
von Kampflust erfüllt sei. Gleichwohl waren bereits über acht Tage
verstrichen, seitdem die blaue Fahne in Lyme aufgepflanzt worden war.
Tagelöhner, kleine Landwirthe, Krämer, Lehrlinge und Dissenterprediger
waren dem Lager der Rebellen zugeströmt, aber nicht ein einziger Peer,
Baronet oder Ritter, nicht ein einziges Mitglied des Unterhauses, und
kaum hin und wieder ein Squire, der sich eines hinreichenden Ansehens
erfreute, um einmal Friedensrichter gewesen zu sein. Ferguson, der seit
dem Tode Karl's von jeher Monmouth's böser Geist gewesen war, hatte eine
Erklärung dieses Umstandes bereit: der Herzog hatte sich durch Ablehnung
des Königstitels in eine falsche Stellung versetzt. Hätte er sich selbst
zum König von England erklärt, so würde seine Sache einen Anschein von
Gesetzlichkeit gehabt haben. Jetzt aber sei es unmöglich, sein Manifest
mit den Grundsätzen der Verfassung in Einklang zu bringen. Es sei klar,
daß entweder Monmouth oder sein Oheim der rechtmäßige König war.
Monmouth wagte es nicht, als rechtmäßiger König aufzutreten, und doch
leugnete er, daß sein Oheim es sei. Diejenigen, welche für Jakob
kämpften, kämpften für die einzige Person, die es wagte, den Thron für
sich in Anspruch zu nehmen, und thaten daher, den Gesetzen des Reiches
gemäß, offenbar ihre Pflicht; Diejenigen aber, welche für Monmouth
kämpften, kämpften für eine unbekannte Verfassung, welche durch eine
noch nicht vorhandene Convention erst entworfen werden sollte. Es sei
also kein Wunder, daß Männer von hohem Range und großem Vermögen sich
von einem Unternehmen fern hielten, welches dem ganzen System, an dessen
Fortbestehen sie das größte Interesse hatten, den Untergang drohte.
Beriefe sich der Herzog auf seine Legitimität und nähme er die Krone an,
so würde er diesen Einwurf mit einem Male entkräften; die Frage würde
dann aufhören, eine Frage zwischen der alten und einer neuen Verfassung
zu sein, sie würde nur eine Erbrechtsfrage zwischen zwei Prinzen werden.

    [Anmerkung 58: Savage's Ausgabe von +Toulmin's History of
    Taunton+.]

    [Anmerkung 59: +Sprat's True Account+; +Toulmin's History of
    Taunton.+]

    [Anmerkung 60: +Life and Death of Joseph Alleine, 1672+;
    +Nonconformists' Memorial.+]

    [Anmerkung 61: +Harl. MS. 7006+; +Oldmixon, 702+; +Eachard III.
    763.+]


[_Monmouth nimmt den Königstitel an._] Mit solchen Gründen war Ferguson
fast unmittelbar nach der Landung ernstlich in den Herzog gedrungen,
sich zum Könige zu proklamiren, und Grey war derselben Meinung. Monmouth
war auch sehr geneigt, diesen Rath zu befolgen; aber Wade und andere
Republikaner hatten sich widersetzt und ihr Oberhaupt hatte mit
gewohnter Fügsamkeit ihren Gründen nachgegeben. In Taunton kam die Sache
auf's Neue in Anregung; Monmouth sprach privatim mit den
Andersdenkenden, versicherte sie, daß er keinen andren Weg sehe, um die
Unterstützung eines Theils der Aristokratie zu gewinnen, und es gelang
ihm, ihre mit Widerstreben ertheilte Zustimmung zu erpressen. So wurde
er denn am Morgen des 20. Juni auf dem Marktplatze von Taunton zum König
ausgerufen, und seine Anhänger wiederholten seinen neuen Titel mit
theilnehmender Freude. Da indessen leicht eine Verwirrung hätte
entstehen können, wenn er König Jakob II. genannt worden wäre, so
bedienten sie sich gewöhnlich der sonderbaren Bezeichnung »König
Monmouth«, und so wurde ihr unglücklicher Liebling in den westlichen
Grafschaften oft noch zu einer Zeit genannt, deren sich jetzt lebende
Personen noch erinnern können[62].

In den nächsten vierundzwanzig Stunden nach erfolgter Annahme des
Königstitels erließ er mehrere Proklamationen, die seinen eigenhändigen
Namenszug an der Spitze trugen. In einer derselben setzte er einen Preis
auf den Kopf seines Nebenbuhlers. In einer andren erklärte er das zur
Zeit in Westminster tagende Parlament für eine ungesetzliche Versammlung
und befahl den Mitgliedern, auseinanderzugehen. Eine dritte verbot dem
Volke, dem Thronräuber Abgaben zu bezahlen. Eine vierte erklärte
Albemarle für einen Verräther[63].

Albemarle sandte diese Proklamationen blos als Beweise von Thorheit und
Frechheit nach London. Sie machten keinen andren Eindruck als den des
Erstaunens und der Verachtung; auch hatte Monmouth keine Ursache zu
glauben, daß die Annahme der Königswürde seine Stellung verbessert habe.
Erst eine Woche war verflossen, seitdem er sich feierlich verpflichtet,
die Krone nicht eher anzunehmen, als bis ein freies Parlament seine
Rechte anerkannt habe; durch Verletzung dieses Versprechens hatte er
sich den Vorwurf des Leichtsinns, wenn nicht der Treulosigkeit
zugezogen. Die Klasse, die er zu gewinnen hoffte, hielt sich noch immer
fern von ihm. Die Gründe, welche die großen whiggistischen Lords und
Gentlemen abhielten, ihn als ihren König anzuerkennen, waren mindestens
eben so triftig als diejenigen, die sie verhindert hatten, sich um ihn
als Oberbefehlshaber zu schaaren. Zwar haßten sie die Person, die
Religion und die Politik Jakob's; aber er war nicht mehr jung und seine
älteste Tochter mit Recht populär. Sie war dem reformirten Glauben
zugethan und mit einem Prinzen vermählt, der das erbliche Oberhaupt der
Protestanten des Continents, der in einer Republik aufgewachsen war und
dem man solche Gesinnungen zutraute, wie sie sich für einen
constitutionellen König ziemten. War es also weise, sich den Schrecken
eines Bürgerkrieges auszusetzen, nur um vielleicht das sogleich zu
bewirken, was die Natur ohne Blutvergießen, ohne eine Rechtsverletzung
aller Wahrscheinlichkeit nach binnen wenigen Jahren herbeiführen würde?
Es waren vielleicht Gründe vorhanden, um Jakob vom Throne zu stürzen;
aber welche Gründe konnte man für Monmouth's Erhebung auf denselben
anführen? Einen Fürsten wegen Unfähigkeit vom Throne auszuschließen,
entsprach ganz den whiggistischen Grundsätzen; aber nach keinem
Grundsatze konnte es gerechtfertigt erscheinen, legitime Erben
auszuschließen, denen man nicht nur nichts vorzuwerfen hatte, sondern
die man sogar für ausgezeichnet befähigt zu den höchsten Staatsämtern
hielt. Daß Monmouth legitim sei, ja daß er sich selbst nur dafür hielt,
konnten einsichtsvolle Männer nicht glauben; er war also nicht nur ein
Usurpator, sondern ein Usurpator von der schlimmsten Sorte, ein
Betrüger. Er konnte seiner Sache nur durch Fälschung und Meineid einen
Schein von Recht geben. Alle rechtschaffenen und verständigen Leute
sträubten sich dagegen, daß ein Betrug, der, wenn er um der Erlangung
eines bürgerlichen Besitzthums verübt worden wäre, Peitsche und Pranger
als Strafe nach sich gezogen hätte, mit der englischen Krone belohnt
werde. Der alte Adel des Reichs konnte den Gedanken nicht ertragen, daß
der Bastard der Lucie Walters hoch über die rechtmäßigen Nachkommen der
Fitzalan und De Vere erhoben werden sollte. Wer nur ein wenig
politischen Scharfblick hatte, mußte einsehen, daß wenn es Monmouth
gelang, die bestehende Regierung zu stürzen, immer noch ein Krieg
zwischen ihm und dem Hause Oranien übrig blieb, ein Krieg, der länger
dauern und mehr Unheil herbeiführen könnte, als der Krieg der Rosen, ein
Krieg, der voraussichtlich die Protestanten Europa's in feindliche
Parteien spaltete, England und Holland gegen einander bewaffnen und
beide Länder zu einer leichten Beute für Frankreich machen konnte. Fast
alle Whighäupter scheinen daher der Ansicht gewesen zu sein, daß
Monmouth's Unternehmen in jedem Falle der Nation zum Unheil gereichen
mußte, daß aber, Alles erwogen, seine Niederlage ein kleineres Unglück
sein werde als sein Sieg.

Die Theilnahmlosigkeit des whiggistischen Adels war es nicht allein, was
die eingefallenen Verbannten enttäuschte. Der Reichthum und Einfluß
Londons hatten in der vorhergehenden Generation hingereicht und konnten
auch diesmal wieder hinreichen, um in einem Bürgerkriege den Ausschlag
zu geben. Die Londoner hatten früher viele Beweise von ihrem Hasse gegen
das Papstthum und von ihrer Zuneigung zu dem protestantischen Herzoge
gegeben, und er hatte daher zu bereitwillig geglaubt, daß sofort nach
seiner Landung ein Aufstand in der Hauptstadt ausbrechen werde. Aber
obgleich ihm gemeldet worden, daß Tausende von Bürgern sich als
Freiwillige hätten einzeichnen lassen, so geschah doch nichts. Die Sache
war einfach die, daß den Wühlern, die ihn zu einem Einfalt in England
gedrängt, die ihm versprochen, sich auf den ersten Wink zu erheben, und
die vielleicht auch, so lange die Gefahr noch fern war, geglaubt hatten,
daß sie den Muth haben würden, ihr Versprechen zu halten, der Muth sank,
als die entscheidende Stunde heranrückte. Wildman's Angst war so groß,
daß er den Verstand verloren zu haben schien. Der feige Danvers
entschuldigte seine Unthätigkeit zuerst, indem er sagte, er werde nicht
eher zu den Waffen greifen, als bis Monmouth zum König ausgerufen sei,
und als dies geschehen war, lenkte er um und erklärte, daß gute
Republikaner jeder Verpflichtung gegen einen Führer entbunden seien, der
so schamlos sein Wort gebrochen habe. Die gemeinsten Exemplare der
menschlichen Natur findet man zu allen Zeiten unter den Demagogen[64].

Den Tag darauf, als Monmouth den Königstitel angenommen hatte,
marschirte er von Taunton nach Bridgewater. Er selbst befand sich, wie
man bemerkte, nicht in der heitersten Stimmung; die jauchzenden Zurufe
der ihm ergebenen Tausende, die sich allenthalben wohin er kam um ihn
drängten, vermochten nicht die düstern Wolken zu verscheuchen, die sich
auf seine Stirn gelagert hatten. Wer ihn vor fünf Jahren auf seinem
Triumphzuge durch Somersetshire gesehen, bemerkte nicht ohne Mitleid die
Spuren von Angst und Besorgniß in den sanften und freundlichen Zügen,
die ihm so viele Herzen gewonnen hatten[65].

In ganz andrer Stimmung, war Ferguson. Dieser Mann verband mit seiner
Verworfenheit merkwürdigerweise eine maßlose Eitelkeit, die fast an
Narrheit grenzte. Der Gedanke, daß er einen Aufstand herbeigeführt und
eine Krone verliehen, hatte ihm den Kopf verrückt. Er stolzirte, das
entblößte Schwert über dem Kopfe schwingend, umher, und rief den
Zuschauern, die sich versammelt hatten, um die Armee von Taunton
abmarschiren zu sehen, in prahlerischem Tone zu: »Seht mich an! Ihr habt
von mir gehört. Ich bin Ferguson, der berühmte Ferguson, der nämliche
Ferguson, für dessen Kopf so viele Hundert Pfund geboten worden sind.«
Und dieser zugleich characterlose und halb verrückte Mensch beherrschte
den Verstand und die Überzeugung des unglücklichen Monmouth[66].

    [Anmerkung 62: +Wade's Confession+; +Goodenough's Confession,
    Harl. MS. 1151+; +Oldmixon, 702.+ Ferguson's Ableugnung verdient
    keinen Glauben. Eine Abschrift der Proklamation befindet sich in
    den +Harl. MS. 7006.+]

    [Anmerkung 63: Abschriften von den drei letzten Proklamationen
    befinden sich im Britischen Museum, +Harl. MS. 7006.+ Die erste
    habe ich nie gesehen, aber sie wird von Wade erwähnt.]

    [Anmerkung 64: +Grey's Narrative+; +Ferguson's MS.+; +Eachard III.
    754.+]

    [Anmerkung 65: +Persecution exposed, by John Whiting.+]

    [Anmerkung 66: +Harl. MS. 6845.+]


[_Sein Empfang in Bridgewater._] Bridgewater war eine von den wenigen
Städten, welche noch einige whiggistische Beamten hatten. Der Mayor und
die Aldermen kamen in ihrer Amtstracht, um den Herzog zu begrüßen,
gingen in Prozession vor ihm her bis zum Hohen Kreuze und proklamirten
ihn hier zum König. Seine Truppen fanden vortreffliche Quartiere und
erhielten von den Bewohnern der Stadt und Umgegend Alles, was sie
brauchten, für wenig oder gar kein Geld. Er selbst nahm seine Residenz
im Schlosse, welches vormals oft mit königlichen Besuchen beehrt worden
war; auf der umliegenden Ebene schlug die Armee ein Lager auf. Sie
bestand jetzt aus ungefähr sechstausend Mann und hätte leicht auf die
doppelte Anzahl gebracht werden können, wenn es nicht an Waffen gefehlt
hätte. Der Herzog hatte vom Festlande nur einen geringen Vorrath von
Piken und Musketen mitgebracht; daher hatten viele von seinen Leuten
keine anderen Waffen, als solche, die sie sich aus den von ihnen beim
Acker- und Bergbau gebrauchten Werkzeugen verfertigen konnten. Die
furchtbarste von diesen rohen Kriegswaffen bestand aus einer
Sensenklinge, welche am Ende einer starken Stange der Länge nach
befestigt war[67]. Die Unterconstabler der Umgegend von Taunton und
Bridgewater erhielten Befehl, überall nach Sensen zu suchen und was sie
davon auftreiben konnten, ins Lager zu bringen; aber selbst durch diese
Maßregel war es nicht möglich, dem Bedarf zu genügen, und eine Menge
Leute, die sich einreihen lasen wollten, mußten zurückgewiesen
werden[68].

Das Fußvolk wurde in sechs Regimenter eingetheilt. Eine große Anzahl der
Freiwilligen hatten in der Miliz gedient und trugen noch ihre rothen
oder gelben Uniformen. Die Reiterei war etwa tausend Mann stark, aber
die meisten von ihnen hatten nur rohe junge Pferde, wie sie damals in
großen Heerden in den Marschen von Somersetshire gezogen wurden, um die
Hauptstadt mit Kutschpferden und Karrengäulen zu versehen. Diese Thiere
waren so untauglich für den Militairdienst, daß sie noch nicht einmal
dem Zaume gehorchten und sobald sie einen Schuß oder Trommelwirbel
hörten, nicht mehr zu regieren waren. Monmouth selbst hatte eine kleine
Leibgarde von vierzig wohlbewaffneten und gutberittenen jungen Männern,
die sich auf ihre eigenen Kosten ausgerüstet hatten. Die Bewohner von
Bridgewater, welche durch einen blühenden Küstenhandel wohlhabend
geworden waren, unterstützten ihn mit einer kleinen Summe Geldes[69].

    [Anmerkung 67: Eine dieser Waffen ist noch im Tower zu sehen.]

    [Anmerkung 68: +Grey's Narrative+; Paschall's Erzählung im Anhange
    zu +Heywood's Vindication.+]

    [Anmerkung 69: +Oldmixon+, 702.]


[_Vorkehrungen der Regierung zum Widerstande._] Während dieser Zeit
wurden die Streitkräfte der Regierung eiligst zusammengezogen. Westlich
von dem Rebellenheere stand Albemarle noch immer mit einer starken
Abtheilung der Miliz von Devonshire. Im Osten hatte sich die Miliz von
Wiltshire unter den Befehlen von Thomas Herbert, Earl von Pembroke,
gesammelt. Im Nordosten stand Heinrich Somerset, Herzog von Beaufort,
unter den Waffen. Beaufort's Macht hatte einige Ähnlichkeit mit der der
großen Barone des fünfzehnten Jahrhunderts. Er war Präsident von Wales
und Lordstatthalter von vier englischen Grafschaften. Seine amtlichen
Rundreisen durch das weite Gebiet, in welchem er die Majestät des
Thrones repräsentirte, standen an Gepränge kaum den Reisen des Königs
nach; sein Hausstand in Badminton war nach der Sitte eines früheren
Zeitalters eingerichtet. Das Land in großer Ausdehnung um seinen
Wohnsitz bewirthschaftete er selbst, und die Arbeiter, welche es
bestellten, bildeten einen Theil seiner Familie. Neun Tafeln waren
täglich in seinem Hause für zweihundert Personen gedeckt. Eine Menge
Gentlemen und Pagen standen unter den Befehlen seines Haushofmeisters,
ein ganzer Trupp Reiterei gehorchte dem Stallmeister. Die Küche, der
Keller, die Hunde und die Pferde des Herzogs waren in ganz England
berühmt; die Gentry viele Meilen im Umkreise war stolz auf den Glanz
ihres mächtigen Nachbarn und zugleich bezaubert von seiner Leutseligkeit
und Gutherzigkeit. Er war ein eifriger Kavalier aus der alten Schule;
daher bot er in der damaligen Krisis seinen ganzen Einfluß und sein
ganzes Ansehen zur Unterstützung der Krone auf und besetzte Bristol mit
den Milizen von Gloucestershire, welche besser disciplinirt zu sein
schienen, als die meisten anderen derartigen Truppen[70].

Auch in den von Somersetshire weiter entfernten Grafschaften waren die
Anhänger des Thrones in voller Thätigkeit. Die Miliz von Sussex begann
unter dem Commando Lord Richard Lumley's, der zwar erst kürzlich dem
katholischen Glauben entsagt hatte, aber seinem katholischen Könige noch
immer treu ergeben war, nach Westen zu marschiren. Jakob Bertin, Earl
von Abingdon, rief die Mannschaften von Oxfordshire zu den Waffen.
Johann Fell, Bischof von Oxford und gleichzeitig auch Dechant des
Christchurch-Collegiums, forderte die Nichtgraduirten seiner Universität
auf, für die Krone die Waffen zu ergreifen. Die Studenten ließen sich in
Massen einreihen, das Christchurch-Collegium allein stellte nahe an
hundert Pikenmänner und Musketiere. Junge Edelleute und studirende
Gentlemen bekleideten die Offiziersposten und der älteste Sohn des
Lordstatthalters wurde zum Obersten ernannt[71].

Hauptsächlich aber verließ sich der König auf seine regulären Truppen.
Churchill war mit den Blauen in den Westen gesandt worden und Feversham
folgte mit allen Streitkräften, welche in der Umgegend von London
entbehrt werden konnten. Nach Holland war ein Courier mit einem Briefe
an Skelton abgegangen, worin dieser beauftragt wurde, die sofortige
Absendung der in holländischem Dienste stehenden drei Regimenter nach
der Themse zu verlangen. Als diese Aufforderung erfolgte, versuchte es
die dem Hause Oranien feindlich gesinnte Partei, mit den Deputirten von
Amsterdam an der Spitze, abermals eine Verzögerung herbeizuführen. Aber
Wilhelm's Energie, der fast eben so viel zu verlieren hatte, als Jakob,
und der Monmouth's Fortschritte mit ernster Besorgniß betrachtete,
unterdrückte die Opposition und in einigen Tagen segelten die Truppen
ab[72]. Die drei schottischen Regimenter waren schon in England; sie
waren in vortrefflichem Zustande in Gravesend angelangt, und Jakob hatte
sie bei Blackheath gemustert. Er erklärte dem holländischen Gesandten
wiederholt, daß er nie in seinem Leben schönere und besser disciplinirte
Soldaten gesehen habe und daß er dem Prinzen von Oranien, sowie den
Generalstaaten für diese werthvolle und rechtzeitige Verstärkung seinen
wärmsten Dank ausspreche. Diese Freude war jedoch nicht ganz ungetrübt.
So trefflich die Leute auch bei der Musterung bestanden, so waren sie
doch nicht ganz frei von dem Einflusse der holländischen Politik und der
holländischen Gottesverehrung geblieben. Einer von ihnen ward erschossen
und ein Andrer ausgepeitscht, weil er auf die Gesundheit des Herzogs von
Monmouth getrunken hatte. Man hielt es daher nicht für rathsam, sie auf
den gefährlichsten Posten zu stellen und behielt sie bis zur Beendigung
des Feldzugs in der Umgegend von London; aber ihre Ankunft setzte den
König in den Stand, einige Infanterie, die er sonst in der Hauptstadt
gebraucht haben würde, nach dem Westen zu schicken[73].

Während die Regierung sich so zum Kampfe mit den Rebellen im offnen
Felde rüstete, wurden auch Vorsichtsmaßregeln andrer Art nicht
verabsäumt. In London allein wurden zweihundert Personen, von denen man
befürchtete, daß sie sich an die Spitze einer whiggistischen Bewegung
stellen könnten, verhaftet. Unter ihnen befanden sich einige sehr
angesehene Kaufleute. Jedermann, der dem Hof mißliebig war, schwebte in
beständiger Angst. Eine drückende Gewitterluft lagerte über der
Hauptstadt. Die Börsengeschäfte stockten und die Theater waren so wenig
besucht, daß eine neue Oper von Dryden, welche mit noch nie dagewesener
Pracht in Scene gesetzt worden war, wieder zurückgezogen wurde, weil die
Einnahme die Kosten der Aufführung nicht gedeckt haben würde[74]. Die
Behörden und die Geistlichkeit waren allenthalben thätig, die Dissenters
wurden überall scharf beobachtet. In Cheshire und Shropshire wüthete
eine heftige Verfolgung, in Northamptonshire wurden zahlreiche
Verhaftungen vorgenommen und das Oxforder Gefängniß war mit Gefangenen
überfüllt. Kein puritanischer Geistlicher, wie gemäßigt seine Meinung
und wie vorsichtig sein Verhalten auch sein mochte, war sicher, daß er
nicht seiner Familie entrissen und, in den Kerker geworfen wurde[75].

Inzwischen zog Monmouth von Bridgewater weiter, auf dem ganzen Marsche
von Churchill beunruhigt, der Alles that, was ein tapferer und
geschickter Offizier mit einer Handvoll Leute nur irgend auszurichten
vermag. Das vom Feinde sowohl als von heftigem Regen arg belästigte
Rebellenheer machte am Abend des 22. Juni in Glastonbury Halt. Die
Häuser des Städtchens waren zur Aufnahme einer so bedeutenden
Streitmacht nicht ausreichend; daher mußte ein Theil der Truppen in den
Kirchen untergebracht werden und die übrigen zündeten zwischen den
Ruinen der ehrwürdigen Abtei, einst dem reichsten Kloster unsrer Insel,
ihre Wachtfeuer an. Von Glastonbury marschirte der Herzog nach Wells,
und von Wells nach Shepton Mallet.[76]

    [Anmerkung 70: +North's Life of Guildford+, 132. Berichte von
    Beaufort's Reise durch Wales und die benachbarten Grafschaften
    stehen in der London Gazette vom Juli 1684. Brief von Beaufort an
    Clarendon vorn 19. Juni 1685.]

    [Anmerkung 71: Bischof Fell an Clarendon, 20. Juni; Abingdon an
    Clarendon, 20., 25. u. 26. Juni 1685; +Lansdowne MS+, 846.]

    [Anmerkung 72: Avaux, 5.(15.) & 6.(16.) Juli 1685.]

    [Anmerkung 73: Citters, 30. Juni (10. Juli), 3.(13.) & 21.(31.)
    Juli 1685; Avaux, 5.(15.) Juli; +London Gazette, July 6.+]

    [Anmerkung 74: Barillon, 6.(16.) Juli 1685; Scotts Vorrede zu
    +Albion and Albanius+.]

    [Anmerkung 75: Abingdon an Clarendon, vom 29. Juni 1685; +Life of
    Philip Henry, by Bates+.]

    [Anmerkung 76: +London Gazette. June 22 & 25. 1685+; +Wade's
    Confession+; +Oldmixon, 703+; +Harl. MS. 6845.+]


[_Sein Plan auf Bristol._] Bis hierher scheint er zu keinem andren
Zwecke von Ort zu Ort gezogen zu sein, als um Truppen zu sammeln; jetzt
aber wurde es nöthig, daß er einen Plan für seine militairischen
Operationen entwarf. Seine erste Idee war, sich Bristols zu bemächtigen,
denn viele von den angesehensten Bewohnern dieser bedeutenden Stadt
waren Whigs. Eine der Verzweigungen des Whigcomplots hatte sich bis
dahin erstreckt, und die Besatzung bestand nur aus Milizen von
Gloucestershire. Wenn Beaufort mit seiner bäuerlichen Mannschaft
überwältigt werden konnte, ehe die regulären Truppen ankamen, so
befanden sich die Rebellen mit einem Male im Besitz reicher Geldmittel;
dadurch mußte das Vertrauen zu Monmouth's Waffen gehoben und seine
Freunde im ganzen Lande ermuthigt werden, sich für ihn zu erklären.
Bristol hatte Befestigungen, die allerdings auf der Nordseite des Avon
gegen Gloucestershire hin schwach, im Süden gegen Somersetshire aber
weit stärker waren. Es wurde daher beschlossen, den Angriff auf der
Nordseite zu unternehmen. Zu dem Ende aber mußte man einen Umweg machen
und bei Keynsham über den Avon gehen. Die Brücke bei Keynsham war jedoch
von der Miliz theilweis zerstört worden und im Augenblicke ungangbar. In
Folge dessen wurde eine Abtheilung vorausgeschickt, um die nöthigen
Reparaturen vorzunehmen. Die anderen Truppen folgten langsamer und
machten am Abend des 24. Juni in Pensford Halt, um auszuruhen. Hier
waren sie nur noch fünf Meilen von der Südseite von Bristol entfernt;
bis zur Nordseite aber, zu der man nur auf dem Umwege über Keynsham
gelangen konnte, war noch ein starker Tagemarsch.[77]

Diese Nacht befand sich Bristol in geräuschvoller Aufregung und
gespannter Erwartung. Die Anhänger Monmouth's wußten, daß er fast unter
den Mauern der Stadt war, und glaubten, daß er noch vor Tagesanbruch bei
ihnen sein werde. Etwa eine Stunde nach Sonnenuntergang brach auf einem
am Kai vor Anker liegenden Kauffahrteischiffe Feuer aus. Ein solcher
Vorfall mußte in einem mit Schiffen angefüllten Hafen nothwendig große
Bestürzung hervorrufen. Der ganze Strom war in Bewegung, das Volk wogte
durch die Straßen und es ließen sich in der Dunkelheit und Verwirrung
aufrührerische Rufe vernehmen. Whigs und Tories behaupteten nachher, das
Feuer sei von Monmouth's Freunden in der Hoffnung angelegt worden, daß,
während die Milizen damit beschäftigt waren, das Umsichgreifen des
Brandes zu verhindern, das Rebellenheer einen kühnen Handstreich wagen
und von der Südseite her in die Stadt eindringen könnten. Wenn dies
wirklich der Plan der Brandstifter war, so hatten sie sich stark
verrechnet, denn Beaufort ließ seine Truppen die ganze Nacht um die
schöne Kirche St. Mary Redcliff, auf der Südseite des Avon, unter den
Waffen stehen, anstatt sie an den Kai zu senden. Er sagte, er wolle eher
ganz Bristol niederbrennen sehen, ja es selbst niederbrennen, als daß er
es von Landesverräthern nehmen ließ. Mit Hülfe einer regulären Reiterei,
welche vor wenigen Stunden von Chippenham aus zu ihm gestoßen war,
konnte er einen Aufstand verhindern; wahrscheinlich aber würde es seine
Kräfte überstiegen haben, zu gleicher Zeit die Mißvergnügten in der
Stadt im Schach zu halten und einen Angriff von Außen abzuwehren. Doch
es erfolgte kein solcher Angriff. Das Feuer, welches in Bristol so große
Aufregung hervorgerufen, wurde in Pensford deutlich gesehen. Monmouth
hielt es jedoch nicht für rathsam, seinen Plan zu ändern; er blieb bis
Sonnenaufgang ganz ruhig und marschirte dann nach Keynsham, wo er die
Brücke bereits reparirt fand. Er beschloß, seiner Armee den Nachmittag
Ruhe zu gönnen und mit Einbruch der Dunkelheit nach Bristol weiter
vorzurücken.[78]

    [Anmerkung 77: +Wade's Confession.+]

    [Anmerkung 78: +Wade's Confession+; +Oldmixon, 703+; +Harl. MS.
    6845+; Ansprache Jeffrey's an die große Jury von Bristol, am 21.
    Sept. 1685.]


[_Er giebt den Plan auf Bristol auf._] Aber es war zu spät. Die
königlichen Truppen waren ganz in der Nähe. Der Oberst Oglethorpe
stürmte an der Spitze von ungefähr hundert Mann Leibgarden nach
Keynsham, zerstreute zwei Reitertrupps der Rebellen, die sich ihm
entgegenwarfen, und zog sich wieder zurück, nachdem er ihnen großen
Schaden zugefügt, selbst aber nur unbedeutenden Verlust erlitten hatte.
Unter diesen Umständen wurde es für nöthig erachtet, den Angriffsplan
auf Bristol aufzugeben.[79]

Aber was war nun zu thun? Verschiedene Pläne wurden vorgeschlagen und
berathen. Es wurde beantragt, Monmouth solle nach Gloucester eilen, dort
über den Severn gehen, die Brücke hinter sich abbrechen und so, auf der
rechten Flanke vom Flusse geschützt, durch Worcestershire nach
Shropshire und Cheshire marschiren. Er war früher einmal durch diese
Grafschaften gereist und daselbst mit der nämlichen Begeisterung
aufgenommen worden, wie in Somersetshire und Devonshire. Sein Erscheinen
regte den Eifer seiner alten Freunde ohne Zweifel von neuem an und seine
Armee konnte binnen wenigen Tagen auf das Doppelte ihrer gegenwärtigen
Stärke anwachsen.

Bei genauerer Überlegung zeigte es sich jedoch, daß dieser Plan, so
vortrefflich er zu sein schien, unausführbar war. Die Rebellen waren für
solche Märsche, wie die eben ausgeführten, zu schlecht mit Fußbekleidung
versorgt, und das tägliche Waten durch tiefen Schmutz unter heftigen
Regengüssen hatte sie erschöpft. Da sie ohne Zweifel bei jedem Haltorte
durch die feindliche Reiterei beunruhigt und aufgehalten werden würden,
durften sie nicht hoffen, Gloucester zu erreichen, ohne von dem
Hauptcorps der königlichen Truppen eingeholt und unter den ungünstigsten
Umständen zu einer Hauptschlacht gezwungen zu werden.

Hierauf wurde vorgeschlagen, in Wiltshire einzurücken. Personen, welche
diese Grafschaft zu kennen behaupteten, versicherten den Herzog, es
würden dort so ansehnliche Verstärkungen zu ihm stoßen, daß er
unbedenklich eine Schlacht annehmen könnte.[80]

Er befolgte diesen Rath und wendete sich nach Wiltshire. Die erste
Stadt, die er aufrief, war Bath. Aber Bath hatte eine starke königliche
Besatzung und Feversham rückte in Eilmärschen heran. Die Rebellen
machten daher keinen Angriffsversuch auf die Wälle, sondern eilten
weiter nach Philip's Norton, wo sie am Abend des 26. Juni Halt machten.

Feversham verfolgte sie dahin, und am frühen Morgen des 27. Juni wurden
sie durch die Nachricht erschreckt, daß er ihnen auf den Fersen sei. Sie
ordneten sich nun und besetzten die nach der Stadt führenden Hecken.

Bald darauf erschien die Vorhut der königlichen Armee, bestehend aus
etwa fünfhundert Mann unter dem Commando des Herzogs von Grafton, eines
jungen Mannes von großer Kühnheit aber rauhen Manieren, der
wahrscheinlich gern zeigen wollte, daß er an den unloyalen Plänen seines
Halbbruders keinen Theil habe. Grafton befand sich bald in einer
tiefliegenden Gasse, mit Zäunen zu beiden Seiten, von denen aus ein
höchst unangenehmes Musketenfeuer unterhalten wurde.

    [Anmerkung 79: +London Gazette, June 29. 1685+; +Wade's
    Confession.+]

    [Anmerkung 80: +Wade's Confession+.]


[_Gefecht bei Philip's Norton._] Er rückte indessen muthig vor bis ans
Thor von Philip's Norton. Hier fand er den Weg durch eine Barrikade
versperrt, von welcher er mit einem dritten Feuer in die volle Fronte
empfangen wurde. Setzt verloren seine Leute den Muth und ergriffen
eiligst die Flucht. Ehe sie aus dem Hohlwege herauskamen, waren mehr als
hundert von ihnen getödtet oder verwundet. Dem Herzoge von Grafton war
von einer feindlichen Reiterabtheilung der Rückzug abgeschnitten; aber
er schlug sich tapfer durch und kam glücklich davon.[81]

Die so zurückgeworfene Vorhut zog sich auf das Hauptcorps der
königlichen Truppen zurück. Die beiden feindlichen Heere standen
einander ganz nahe gegenüber und es wurden einige Schüsse gewechselt,
die wenig oder gar keine Wirkung hatten. Auf keiner Seite war man zu
einer ordentlichen Schlacht geneigt. Feversham wollte erst die Ankunft
seiner Artillerie abwarten und zog sich deshalb nach Bradford zurück;
Monmouth verließ mit Einbruch der Dunkelheit seine Stellung, marschirte
südwärts und erreichte bei Tagesanbruch Frome, wo er Verstärkung zu
finden hoffte.

Frome war seiner Sache zwar eben so eifrig zugethan als Taunton und
Bridgewater, konnte aber nichts zu seiner Unterstützung thun. Die
Bevölkerung hatte sich einige Tage zuvor erhoben und Monmouth's
Erklärung war auf dem Marktplatze angeschlagen worden; aber die
Nachricht von diesem Aufstande war dem Earl von Pembroke zugekommen, der
in geringer Entfernung mit der Miliz von Wiltshire stand; er war
augenblicklich nach Frome marschirt, hatte einen Haufen Landleute, die
sich mit Sensen und Heugabeln ihm widersetzen wollten, in die Flucht
geschlagen, war in die Stadt eingerückt und hatte die Bewohner
entwaffnet. Es gab daher dort keine Waffen mehr und Monmouth war nicht
im Stande, solche zu liefern.[82]

    [Anmerkung 81: +London Gazette, July 2. 1685+; Barillon, 6.(16.)
    Juli; +Wade's Confession+.]

    [Anmerkung 82: +London Gazette, June 29. 1685+; Citters, 30. Juni
    (10. Juli).]


[_Monmouth's Verzagtheit._] Das Rebellenheer befand sich in einer
schlimmen Lage. Der Marsch in der vergangenen Nacht war höchst
beschwerlich gewesen; es hatte in Strömen geregnet und die Wege waren
dadurch zu wahren Morästen geworden. Von der aus Wiltshire versprochenen
Verstärkung hörte man nichts mehr; ein Bote brachte die Nachricht, daß
Argyle's Armee in Schottland zerstreut worden sei, ein andrer
berichtete, daß Feversham, nachdem er seine Artillerie an sich gezogen,
wieder anrücke. Monmouth verstand den Krieg zu gut, als daß er nicht
hatte wissen sollen, daß seine Leute bei all' ihrem Muth und all' ihrem
Eifer doch regulären Truppen nicht gewachsen waren. Er hatte sich bis
jetzt noch immer mit der Hoffnung geschmeichelt, daß einige von den
Regimentern, die er früher befehligt, zu ihm übergehen würden, aber
diese Hoffnung mußte er jetzt aufgeben. Da verließ ihn der Muth; er
hatte kaum noch Kraft genug, um Befehle zu geben. In seiner Noth
beklagte er sich bitter über die bösen Rathgeber, die ihn verleitet
hatten, sein glückliches Asyl in Brabant zu verlassen, und besonders
gegen Wildman brach er in heftige Verwünschungen aus.[83] Jetzt stieg in
seiner schwachen und geängstigten Seele ein schimpflicher Gedanke auf.
Er wollte die Tausende, die auf seinen Ruf und für seine Sache ihre
friedlichen Häuser und Felder verlassen hatten, den Händen der Regierung
preisgeben. Er wollte sich mit seinen vornehmsten Offizieren heimlich
entfernen, wollte einen Seehafen zu erreichen suchen, bevor man seine
Flucht ahnete, wollte auf das Festland entfliehen und in den Armen der
Lady Wentworth seinen Ehrgeiz und seine Schande vergessen. Diesen Plan
besprach er ganz ernstlich mit seinen hauptsächlichsten Rathgebern.
Einige von ihnen, denen um ihr Leben bange war, zollten demselben
Beifall; Grey aber, dem selbst seine Verleumder es zugestehen, daß er
überall unerschrocken war, wo nicht Schwertergeklirr und Kanonendonner
ihn umgaben, widersetzte sich mit großer Entschiedenheit dem feigen
Vorschlage und beschwor den Herzog, lieber jeder Gefahr Trotz zu bieten,
als die aufopfernde Anhänglichkeit des westlichen Landvolks mit Undank
und Verrath zu belohnen.[84]

Der Fluchtplan wurde aufgegeben, aber es war jetzt nicht leicht, irgend
einen Operationsplan zu entwerfen. Nach London zu marschiren, wäre
Wahnsinn gewesen, denn der Weg ging über die Ebene von Salisbury, auf
welcher großen Fläche reguläre Truppen, besonders Kavallerie, gegen
undisciplinirte Haufen zu sehr im Vortheil gewesen sein würden. In
dieser kritischen Lage traf plötzlich die Nachricht ein, daß die
Landbewohner der Marschen in der Umgegend von Axbridge zur Verteidigung
des protestantischen Glaubens aufgestanden seien, daß sie sich mit
Dreschflegeln, Knütteln und Heugabeln bewaffnet hätten und sich zu
Tausenden bei Bridgewater sammelten. Monmouth beschloß, dahin
zurückzukehren und sein Heer mit diesen neuen Verbündeten zu
verstärken.[85]

Die Rebellen marschirten demgemäß nach Wells, wo sie in nicht sehr
heitrer Stimmung ankamen. Sie waren, mit wenigen Ausnahmen, erbitterte
Feinde des Prälatenthums und äußerten ihren Haß in einer Weise, die
ihnen wenig Ehre machte. Sie rissen nicht nur das Bleidach von der
prächtigen Kathedrale, um Kugeln daraus zu gießen, eine Handlung, die
sie allenfalls mit den Bedürfnissen des Kriegs entschuldigen konnten,
sondern zerstörten auch muthwilligerweise die Verzierungen des Gebäudes.
Grey schützte nur mit Mühe den Altar vor den Schändungen einiger Buben,
die an demselben zechen wollten, indem er sich mit gezognem Schwerte
davor stellte.[86]

    [Anmerkung 83: +Harl. MS.+ 6845; +Wade's Confession+.]

    [Anmerkung 84: +Wade's Confession+; +Eachard, III.+, 766.]

    [Anmerkung 85: +Wade's Confession+.]

    [Anmerkung 86: +London Gazette, July 6. 1685+; Citters, 3.(13.)
    Juli; +Oldmixon. 703.+]


[_Seine Rückkehr nach Bridgewater._] Am Donnerstag den 2. Juli zog
Monmouth wieder in Bridgewater ein, aber unter viel weniger erfreulichen
Umständen, als er es vor zehn Tagen verlassen hatte. Die Verstärkung,
die er daselbst fand, war unbedeutend, und die königliche Armee saß ihm
dicht auf den Fersen. Einen Augenblick hatte er die Idee, die Stadt zu
befestigen, und Hunderte von Arbeitern wurden aufgeboten, um Gräben zu
ziehen und Schanzen aufzuwerfen, dann kehrte er wieder zu dem Plane
zurück, nach Cheshire zu marschiren, ein Plan, den er in Keynsham als
unausführbar verworfen und der jetzt, in Bridgewater, sich gewiß nicht
günstiger gestaltet hatte.[87]

    [Anmerkung 87: +Wade's Confession.+]


[_Die königliche Armee schlägt bei Sedgemoor ein Lager auf._] Während er
so zwischen gleich hoffnungslosen Projecten schwankte, kamen ihm die
Streitkräfte des Königs zu Gesicht. Sie bestanden aus ungefähr
zweitausendfünfhundert Mann regulärer Truppen und etwa fünfzehnhundert
Mann Miliz von Wiltshire. Sonntag, den 5. Juli, am frühen Morgen,
verließen sie Somerton und schlugen noch denselben Tag ungefähr drei
Meilen von Bridgewater auf der Ebene von Sedgemoor ihre Zelte auf.

Doctor Peter Mew, Bischof von Winchester, begleitete sie. Dieser Prälat
hatte in seiner Jugend im Dienste Karl's I. gegen das Parlament die
Waffen getragen. Weder seine Jahre, noch sein Beruf hatten seinen
kriegerischen Eifer völlig gedämpft, und er dachte wahrscheinlich, daß
die Anwesenheit eines Vaters der protestantischen Kirche im königlichen
Lager einige rechtschaffene Männer, welche zwischen dem Abscheu vor dem
Papstthum und dem Abscheu vor der Rebellion schwankten, in ihrer
Loyalität befestigen könnte.

Auf dem Thurme der Pfarrkirche zu Bridgewater, welcher der höchste in
ganz Somersetshire sein soll, hat man eine weite Aussicht über die
Umgegend. Monmouth bestieg in Begleitung einiger Offiziere die Gallerie
des viereckigen Thurmes, von wo aus die Spitze desselben sich erhebt,
und beobachtete durch ein Fernrohr die Stellung des Feindes. Unter ihm
lag eine flache Ebene, welche jetzt mit Kornfeldern und Obstpflanzungen
bedeckt ist, damals aber, wie schon ihr Name andeutet,[88] ein trauriger
Morast war. Wenn es stark geregnet hatte und der Parret mit seinen
Nebenflüssen austrat, so wurde diese Ebene häufig überschwemmt. Sie
bildete in der That schon in früheren Zeiten einen Theil des großen
Sumpfes, von dem in unseren ältesten Chroniken gesagt wird, daß er die
Fortschritte zweier aufeinanderfolgenden fremden Erobererstämme
aufgehalten habe. Dieser Sumpf hatte lange die Celten gegen die Angriffe
der Könige von Wessex geschützt und hatte Alfred eine Zuflucht vor den
Verfolgungen der Dänen gewährt. In jenen fernen Zeiten konnte diese
Gegend nur in Böten passirt werden; sie war ein großer See, in welchem
eine Menge kleiner Inseln von veränderlicher und trügerischer
Bodenbeschaffenheit zerstreut umherlagen, die mit üppigem Schilfe
bewachsen waren und auf denen es von Rothwild und wilden Schweinen
wimmelte. Noch zu den Zeiten der Tudors mußte der Reisende, den sein Weg
von Ilchester nach Bridgewater führte, des Wassers halber einen Umweg
von mehreren Meilen machen. Als Monmouth auf Sedgemoor niederblickte,
war es durch die Kunst zum Theil entwässert und von zahlreichen tiefen
Gräben durchschnitten, welche dort »Rhines« genannt werden. Inmitten des
Moors erhoben sich in der nächsten Umgebung die Kirchthürme einige
Dörfer, deren Namen andeuten, daß sie einstmals von den Fluthen bespült
wurden. In einem dieser Dörfer, Weston Zoyland genannt, lag die
königliche Reiterei und Feversham hatte daselbst sein Hauptquartier
aufgeschlagen. Viele noch lebende Personen haben die Tochter der Magd
gekannt, die ihn an jenem Tage bei Tische bediente, und eine große
Schüssel von persischem Porzellan, welche ihm vorgesetzt wurde, wird
noch immer in der Nachbarschaft sorgfältig aufbewahrt. Es muß bemerkt
werden, daß die Bevölkerung von Somersetshire nicht, wie die der
Fabrikdistrikte, aus Einwanderern aus entfernten Orten besteht. Man
findet dort häufig Landwirthe, die noch den nämlichen Boden bebauen, den
ihre Vorfahren bebauten, als die Plantagenets in England herrschten. Die
Traditionen von Somersetshire sind daher für den Geschichtsforscher von
nicht geringem Werthe.[89]

In größerer Entfernung von Bridgewater liegt das Dorf Middlezoy. In
diesem Dorfe und seiner Umgebung war die Miliz von Wiltshire unter
Pembroke's Befehlen einquartirt.

Auf offnem Moore, unweit Chozoy, lagerten mehrere Bataillone regulären
Fußvolks. Wehmüthig blickte Monmouth auf sie herab, denn er erinnerte
sich unwillkürlich daran, daß er vor wenigen Jahren an der Spitze einer
aus den nämlichen Leuten bestehenden Colonne die wilden Enthusiasten,
welche die Bothwelbrücke vertheidigten, in völliger Verwirrung vor sich
her getrieben hatte. Er konnte in den feindlichen Reihen die tapfere
Schaar unterscheiden, welche damals nach dem Namen ihres Obersten
Dumbarton's Regiment hieß, schon längst aber als das erste
Linienregiment bekannt war und in allen vier Welttheilen seinen alten
Ruhm stets bewährt hat. »Ich kenne diese Leute«, sagte Monmouth, »die
werden tüchtig kämpfen. Hätte ich nur sie, so würde Alles gut
gehen!«[90]

Der Anblick des Feindes war indessen nicht ganz entmuthigend. Die drei
Divisionen der königlichen Armee lagen weit von einander entfernt, ihre
Bewegungen hatten einen Anschein von sorgloser und lauer Disciplin und
es wurde berichtet, daß sie sich fortwährend in Zoylandcyder betränken.
Die Unfähigkeit Feversham's, der das Obercommando führte, war
allbekannt, und selbst in diesem kritischen Augenblicke dachte er nur an
Essen und Schlafen. Churchill dagegen war zwar ein Anführer, der weit
schwierigeren Aufgaben als der Zerstreuung eines Haufens schlecht
bewaffneter und ungeübter Bauern gewachsen war; aber das Genie, das
später sechs Marschälle Frankreichs demüthigte, war damals noch nicht an
seinem rechten Platze. Feversham sprach wenig mit Churchill und
ermuthigte ihn nicht, Vorschläge zu machen. Aber obgleich der
Unterbefehlshaber sich seiner Überlegenheit an Fähigkeiten und
Kenntnissen bewußt war, obgleich er sich nur mit Unmuth den Befehlen
eines Vorgesetzten unterwarf, den er verachtete, und obgleich er für die
Armee das Schlimmste befürchtete, so bewahrte er dennoch die ihn
auszeichnende Selbstbeherrschung und verbarg seine Gefühle so gut, daß
Feversham seine folgsame Thätigkeit lobte und sich vornahm, dem Könige
davon zu berichten[91].

Nachdem Monmouth die Stellung der königlichen Truppen beobachtet hatte
und von ihrem Zustande benachrichtigt worden war, glaubte er, daß ein
nächtlicher Angriff mit Erfolg gekrönt werden könnte. Er beschloß, sein
Glück zu versuchen und traf sofort die nöthigen Anstalten.

Es war Sonntag und seine Leute, welche zum größten Theile puritanisch
erzogen waten, brachten daher einen großen Theil des Tages in
Andachtsübungen zu. Das Schloßgebiet, auf dem die Armee lagerte, bot ein
Schauspiel dar, wie es England seit der Auflösung von Cromwell's Heer
nicht wieder gesehen hatte. Die Dissenterprediger, welche gegen den
Papismus zu den Waffen gegriffen hatten, und von denen einige vielleicht
schon im großen Bürgerkriege gekämpft hatten, beteten und predigten in
rothen Röcken und hohen Reitstiefeln, mit langen Schwertern an der
Seite. Auch Ferguson gehörte zu Denen, welche Reden hielten. Er wählte
zum Texte die furchtbare Verwünschung, durch welche die jenseits des
Jordan wohnenden Israeliten sich von der Beschuldigung reinigten, die
ihre Brüder am andren Ufer des Flusses aus Unwissenheit gegen sie
erhoben: »Der starke Gott, der Herr, der starke Gott, der Herr weiß, so
weiß Israel auch. Ist es Aufruhr oder ein Vergehen gegen den Herrn, so
helfe er uns heute nicht[92].«

Daß unter dem Schutze der Nacht ein Angriff versucht werden sollte, war
in Bridgewater kein Geheimniß. Die Stadt war von Frauen angefüllt, die
aus der Umgegend herbeigekommen waren, um ihre Gatten, Söhne, Geliebten
und Brüder noch einmal zu sehen. Es gab an diesem Tage manche
schmerzliche Abschiedsscene und Viele trennten sich, um einander nicht
wiederzusehen. Das Gerücht von dem beabsichtigten Angriff kam auch einem
jungen Mädchen zu Ohren, die eine eifrige Anhängerin des Königs war.
Trotz ihres schüchternen Wesens faßte sie den muthigen Entschluß,
Feversham selbst die Nachricht zu überbringen. Sie stahl sich heimlich
aus Bridgewater fort und begab sich in das königliche Lager. Dieses
Lager aber war nicht der Ort, wo die weibliche Unschuld sicher war.
Selbst die Offiziere, welche die irreguläre Streitmacht, der sie
gegenüberstanden, und den nachlässigen General, unter dessen Befehlen
sie kämpfen sollten, in gleichem Grade verachteten, waren des süßen
Weines voll und daher zu jedem Exceß der Sinnlichkeit und Grausamkeit
geneigt. Einer von ihnen ergriff das junge Mädchen, weigerte sich, auf
ihre Botschaft zu hören und that ihr auf die roheste Weise Gewalt an.
Vor Scham und Wuth der Verzweiflung nahe, entfloh sie wieder und
überließ das gottlose Heer seinem Schicksale[93].

Die Zeit zum Beginn des großen Wagstücks rückte jetzt heran. Die Nacht
war nicht ungünstig für ein solches Unternehmen. Es war zwar Vollmond
und ein glänzendes Nordlicht erschien am Horizont; aber der Sumpfnebel
lag so dicht über Sedgemoor, daß man auf funfzig Schritt die Gegenstände
nicht unterscheiden konnte[94].

    [Anmerkung 88: +Sedgemoor+: Schilf-Moor.]

    [Anmerkung 89: +Matt. West. Flor. Hist. A.D. 788+;
    Handschriftliche Chronik, citirt von Sharon Turner in seiner
    Geschichte der Angelsachsen, Buch IV. Kap. 19; +Drayton's
    Polyolbion, III.+; +Leland's Itinerary+; +Oldmixon, 703.+ Oldmixon
    befand sich damals in Bridgewater und sah wahrscheinlich den
    Herzog auf dem Kirchthurme. Die oben erwähnte Schüssel ist im
    Besitz eines Herrn Stradling, der sich die lobenswerthe Mühe
    gegeben hat, die Überbleibsel und Traditionen des Aufstandes im
    Westen aufzubewahren.]

    [Anmerkung 90: +Oldmixon, 703.+]

    [Anmerkung 91: Churchill an Clarendon, vom 4. Juli 1685.]

    [Anmerkung 92: Paschall's Erzählung in Heywood's Anhang.]

    [Anmerkung 93: +Kennet, ed. 1779, III. 432.+ Ich muß leider
    glauben, daß diese traurige Geschichte wahr ist. Der Bischof
    erklärt, daß sie ihm im Jahre 1718 von einem wackeren Offizier der
    Blauen mitgetheilt worden sei, der bei Sedgemoor mitgefochten und
    selbst das arme Mädchen in völliger Verzweiflung hat fortgehen
    sehen.]

    [Anmerkung 94: Erzählung eines Offiziers von den Gardereitern in
    Kennet, Ausg. v. +1719, III. 432+; +MS. Journal of the Western
    Rebellion, Rept. by Mr. Edward Dummer+; +Dryden's Hind and
    Panther, part. II.+ Die Zeilen von Dryden sind schön:

        Dies war des Himmels heitre Strahlenpracht
        Bei Jakob's letztem Sieg in stiller Nacht,
        Der Liebe seines mächt'gen Schutzherrn Pfand,
        Das Feuerwerk von hehrer Engel Hand.
        Ich selbst das helle Licht vergolden sah
        Die düstren nächt'gen Schatten, fern und nah'.
        Fort trug der Bote eiligst seine Kunde,
        Zu dreier Völker Trost in banger Stunde,
        Doch überall fand er des Himmels Boten schon.]


[_Schlacht von Sedgemoor._] Es schlug elf Uhr, als der Herzog mit seiner
Leibgarde aus dem Schlosse abritt. Er befand sich durchaus nicht in der
Gemüthsstimmung, wie sie einem Manne ziemt, der im Begriffe ist, einen
entscheidenden Schlag zu führen. Selbst die Kinder, die sich
herbeidrängten, um ihn vorüberreiten zu sehen, bemerkten, daß sein
Aussehen traurig und voll düsterer Ahnungen war, und erinnerten sich
dessen noch lange nachher. Seine Armee marschirte auf einem fast sechs
Meilen langen Umwege gegen das königliche Lager von Sedgemoor. Ein Theil
dieses Weges wird noch heute die Kriegsstraße genannt. Das Fußvolk
führte Monmouth persönlich an, und die Reiterei war trotz der
Gegenvorstellungen Derer, die sich des Unfalls bei Bridport erinnerten,
Lord Grey anvertraut worden. Es war Befehl gegeben, das strengste
Stillschweigen zu beobachten, keine Trommel zu rühren und keinen Schuß
abzufeuern. Das Losungswort, an dem die Insurgenten einander im Dunkeln
erkennen sollten, war Soho. Wahrscheinlich war dieses Wort in Anspielung
auf Soho-Fields in London gewählt, wo der Palast des Anführers
stand[95].

Montag den 6. Juli gegen ein Uhr in der Nacht kamen die Rebellen auf dem
offnen Moore an. Aber zwischen ihnen und dem Feinde befanden sich drei
mit Wasser und dünnem Schlamm gefüllte Gräben, und Monmouth wußte, daß
er zwei davon, den sogenannten »schwarzen Graben« und den
»Langmoor-Rhine« passiren mußte. Sonderbarerweise aber hatte ihm keiner
seiner Kundschafter etwas von der Existenz des dritten Grabens gesagt,
welcher »Bussex-Rhine« hieß und das königliche Lager unmittelbar deckte.

Die Munitionswagen blieben am Rande des Moors zurück. Die Reiterei und
das Fußvolk gingen auf einem Damme in einer langen und schmalen Colonne
über den schwarzen Graben. Ein ähnlicher Damm war auch durch den
Langmoor-Rhine geworfen, aber der Führer verirrte sich im Nebel. Es
entstand einiger Aufenthalt und Tumult, ehe man den rechten Weg wieder
fand; endlich wurde der Übergang noch glücklich bewerkstelligt, aber in
der Verwirrung ging ein Pistol los. Einige Wache haltende Gardereiter
hörten den Knall und bemerkten eine große Truppenmasse, die sich im
Nebel vorwärts bewegte. Sie feuerten ihre Karabiner ab und sprengten in
verschiedenen Richtungen davon, um Lärm zu machen. Einige eilten nach
Weston Zoyland, wo die Kavallerie lag. Ein andrer Reiter galoppirte in
das Lager der Infanterie und rief aus voller Kehle, daß der Feind in der
Nähe sei. Die Trommeln des Regiments Dumbarton schlugen Generalmarsch
und die Mannschaft trat sogleich unter's Gewehr. Es war die höchste
Zeit, denn Monmouth stellte seine Armee schon in Schlachtordnung auf. Er
befahl Grey, mit der Reiterei vorzugehen, und folgte selbst an der
Spitze des Fußvolks. Grey stürmte vorwärts, bis er plötzlich ganz
unvermuthet durch den Bussex-Rhine aufgehalten wurde. Jenseit des
Grabens stellte sich die königliche Infanterie eiligst in
Schlachtordnung auf.

»Für wen seid Ihr?« rief ein Offizier von der Fußgarde. »Für den König«,
antwortete eine Stimme in den Reihen der Rebellen-Kavallerie. »Für
welchen König?« wurde hierauf gefragt. Die Antwort war das
Jubelgeschrei: »Für König Monmouth!« vermischt mit dem Feldgeschrei, das
vierzig Jahre früher auf den Fahnen der Parlamentsregimenter stand:
»Gott mit uns!« Die königlichen Truppen gaben nun augenblicklich eine so
kräftige Musketensalve, daß die ganze Reiterei der Aufständischen
alsbald nach allen Richtungen auseinanderstob. Die Welt schrieb diese
schmachvolle Flucht allgemein der Feigherzigkeit Grey's zu. Aber es ist
keineswegs erwiesen, ob Churchill an der Spitze von Leuten, welche noch
nie im Sattel gekämpft hatten, und deren Pferde weder ans Feuer, noch
überhaupt an den Zügel gewohnt waren, besseren Erfolg gehabt haben
würde.

Wenige Minuten nachdem die Reiterei des Herzogs sich über den ganzen
Moor zerstreut hatte, kam seine Infanterie, der die brennenden Lunten
des Regiments Dumbarton als Wegweiser in der Dunkelheit dienten, im
Sturmschritt heran.

Monmouth erschrak nicht wenig, als er sah, daß ein breiter und tiefer
Graben ihn von dem Lager trennte, das er zu überrumpeln gehofft hatte.
Die Insurgenten machten am Rande des Grabens Halt und feuerten; ein
Theil der königlichen Infanterie am anderen Ufer erwiederte das Feuer.
Dreiviertel Stunde lang knatterte das Kleingewehrfeuer ununterbrochen.
Die Landleute von Somersetshire benahmen sich wie alte gediente
Soldaten, nur daß sie zu hoch hielten.

Jetzt aber hatten sich auch die anderen Abtheilungen der königlichen
Armee in Bewegung gesetzt. Die Leibgarben und die Blauen kamen von
Weston Zoyland herangesprengt und zerstreuten in einem Nu die wenigen
Reiter Grey's, die sich wieder zu sammeln versucht hatten. Die
Fliehenden verbreiteten einen panischen Schrecken unter ihren Kameraden
in der Nachhut, welche die Munition zu decken hatten. Die Wagen fuhren
in hastiger Eile davon und hielten nicht eher an, als bis sie mehrere
Meilen vom Schlachtfelde entfernt waren. Bis jetzt hatte Monmouth sich
als tapfrer und befähigter Krieger gezeigt; man hatte ihn zu Fuß
gesehen, wie er, mit einer Lanze in der Hand, seine Infanterie durch
Wort und Beispiel anfeuerte. Aber er war zu erfahren in militärischen
Angelegenheiten, als daß er nicht hätte wissen sollen, daß Alles vorbei
war. Seine Leute hatten den Vortheil, den ihnen die Überrumpelung und
die Dunkelheit gegeben, verloren; sie waren von der Reiterei und den
Munitionswagen im Stiche gelassen, und die königlichen Truppen waren
jetzt in bester Ordnung beisammen. Feversham war durch das Feuer geweckt
worden, war aus dem Bett gesprungen, hatte seine Halsbinde umgelegt,
sich gebührend im Spiegel gemustert, und war endlich herbeigekommen, um
zu sehen, was seine Leute thaten. Inzwischen hatte Churchill, was von
weit größrer Wichtigkeit war, ei

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