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Ein Stück Lebensgeschichte, und andere Erzählungen

by Selma Lagerlöf · German · Gutenberg #29957 · 405,057 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Ein Stück Lebensgeschichte, und andere Erzählungen
    
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Title: Ein Stück Lebensgeschichte, und andere Erzählungen

Author: Selma Lagerlöf

Translator: Marie Franzos


        
Release date: September 10, 2009 [eBook #29957]

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/29957

Credits: Produced by Norbert H. Langkau, Jens Nordmann and the
        Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN STÜCK LEBENSGESCHICHTE, UND ANDERE ERZÄHLUNGEN ***




Produced by Norbert H. Langkau, Jens Nordmann and the
Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net








                            Selma Lagerlöf


                      Ein Stück Lebensgeschichte
                        und andere Erzählungen


         Einzige berechtigte Übersetzung aus dem Schwedischen
                                 von
                           _Marie Franzos_



                    =Viertes und fünftes Tausend=


                       =Albert Langen, München=


               Copyright 1909 by Albert Langen, Munich




Inhalt
                                                         Seite

Ein Stück Lebensgeschichte                                   7

Das Mädchen vom Moorhof                                     26

Gottesfriede                                               113

Der Luftballon                                             132

Der erste im ersten Jahr des zwanzigsten Jahrhunderts      166

Die Legende von der Christrose                             190

Der Wechselbalg                                            216

Der Spielmann                                              238

Noch ein Stück Lebensgeschichte                            252




Ein Stück Lebensgeschichte


Es war einmal eine Saga, die wollte erzählt und in die Welt
hinausgetragen werden. Dies war ganz natürlich, weil sie wußte, daß sie
schon so gut wie fertig war. Viele hatten mitgeholfen, sie durch
merkwürdige Taten zu schaffen, andre hatten ihr Teil dadurch
beigetragen, daß sie diese Taten immer wieder und wieder erzählten. Ihr
fehlte nur, daß einer sie notdürftig zusammenfügte, damit sie gemächlich
durchs Land ziehen könne. Sie war erst ein ganzes Gewühl von
Geschichten, eine formlose Wolke von Abenteuern, die hin und her
flatterten wie ein Schwarm verirrter Bienen an einem Sommertag und nicht
wußten, wo sie einen finden sollten, der sie in einem Korbe vereinigen
könnte.

Die Saga, die erzählt werden wollte, war in Värmland entstanden, und man
kann sicher sein, daß sie über so manchen Herrenhöfen und Eisenhämmern,
über so manchen Pfarrhöfen und Offizierswohnungen in der schönen Provinz
schwebte, zum Fenster hineinguckte und um Einlaß bat. Aber sie mußte
viele vergebliche Versuche machen: überall wurde sie abgewiesen. Es
konnte ja kaum anders sein. Die Leute hatten an viel wichtigere Dinge zu
denken.

Endlich kam die Saga in ein altes Haus, das Mårbacka hieß. Das war ein
kleines Gehöft mit niedrigen Wirtschaftsgebäuden, die von hohen Bäumen
überschattet wurden. Früher einmal war es ein Pfarrhof gewesen, und es
war, als hätte ihm das ein Gepräge aufgedrückt, das es nicht verlieren
könnte. Man schien dort größere Liebe zu Büchern und Studien zu haben
als anderswo, und immer lag ein stiller Friede über diesem Hause. Da
durfte niemals ein Jagen bei der Arbeit oder ein Zank mit dem Gesinde
vorkommen. Haß oder Zwietracht durfte es da auch nicht geben; und wer
sich dort aufhielt, durfte das Leben nicht schwer nehmen --: die
allererste Pflicht war, sorglos zu sein und zu glauben, daß der liebe
Herrgott für jeden, der in diesem Hause lebte, alles zum Besten lenke.

Wenn ich heute zurückdenke, weiß ich: die Saga, von der ich spreche, muß
eine ganze lange Reihe von Jahren in ihrem vergeblichen Warten, daß sie
einer erzähle, hier geweilt haben. Es dünkt mich, sie müsse das Haus
umschwebt haben, so wie eine Wolke einen Bergesgipfel umschwebt; und
einmal ums andre ließ sie eines der Abenteuer, aus denen sie bestand,
darauf hinunterregnen. Sie kamen als seltsame Gespenstergeschichten von
dem Gutsherrn, der immer schwarze Stiere vor dem Wagen hatte, wenn er
nachts von einem Gastmahl heimkehrte, und in dessen Heim der
leibhaftige Böse selbst im Schaukelstuhl saß und sich hin und her
wiegte, während die Hausfrau spielte. Sie kamen als wunderliche
Geschichten aus dem Nachbarhof, wo die Elstern die Hausmutter verfolgt
hatten, so daß sie nicht wagte, vor die Tür zu gehen, von der
Kapitänswohnung, wo sie so arm waren, daß sie sich alles hatten
ausleihen müssen, und von der kleinen Hütte unten an der Kirche, wo so
viele junge und alte Mädchen gewohnt, die sich alle in den schönen
Orgelbauer verliebten.

Zuweilen kamen die lieben Abenteuer gleichsam noch handgreiflicher in
das Haus. Alte arme Offiziere fuhren in rumpelnden Carriols, die mit
uralten Pferden bespannt waren, an der Freitreppe vor. Sie machten Halt
und blieben wochenlang zu Gaste; und am Abend, wenn der Toddy ihnen Mut
gemacht hatte, begannen sie von der Zeit zu erzählen, wo sie ohne
Strümpfe in den Schuhen getanzt hatten, damit die Füße kleiner aussähen,
und wo sie ihr Haar gebrannt und ihren Schnurrbart geschwärzt hatten.
Einer von ihnen prahlte mit dem Abenteuer, wie er versucht hatte, ein
schönes Mädchen zu ihrem Bräutigam zurückzuführen, und wie er auf der
Heimfahrt von Wölfen verfolgt worden war, ein andrer war bei dem
Weihnachtsschmause mit dabei gewesen, wo ein erzürnter Gast alle
Haselhühner an die Wand warf, weil man ihm eingeredet hatte, es wären
Krähen, ein dritter hatte den Alten gesehen, der dazusitzen und auf
einem Holztische Beethoven zu spielen pflegte.

Aber auch auf andere Weise konnte die Saga ihre Anwesenheit kundmachen.
Auf dem Dachboden hing das alte Porträt einer Dame mit gepudertem Haar;
und wenn jemand daran vorüberging, mußte er sich ja erinnern, daß es die
schöne Grafentochter darstellte, die den jungen Lehrer ihres Bruders
geliebt hatte und einmal gekommen war, ihn zu besuchen, als sie eine
alte, ergraute Dame war und er ein alter verheirateter Mann. In der
Rumpelkammer lagen große Haufen von Dokumentenbündeln, die Kaufkontrakte
und Pachtverträge enthielten, unterzeichnet von der mächtigen Frau,
welche einst über sieben Güter geherrscht, die sie von ihrem Geliebten
geerbt hatte. Kam man in die Kirche, so sah man da in einem kleinen
verstaubten Schrank unter der Empore die Truhe, die mit Schriften des
Unglaubens gefüllt war und nicht vor dem Beginn des neuen Jahrhunderts
geöffnet werden durfte; und nicht weit davon war der Fluß, auf dessen
Grunde eine Menge Heiligenbilder ruhten, die nicht auf der Kanzel und
der Empore hatten bleiben dürfen, denen sie einstmals zum Schmuck
gedient hatten.

Daher, daß so viele Überlieferungen das Haus umschwebten, kam es wohl
schließlich, wenn eines der Kinder, die dort aufwuchsen, Lust bekam, sie
zu erzählen. Es war keiner von den Jungen -- die waren nicht viel zu
Hause, sie hielten sich beinahe das ganze Jahr in ihren Schulen auf,
also daß die Saga nicht so große Macht über sie erlangte --, sondern es
war eines von den Mädchen, eines, das kränklich war, so daß es nicht so
viel umherlaufen und spielen durfte wie andre Kinder, sondern seine
liebste Freude daran hatte, durch Lesen und Erzählungen von allem dem
Großen und Merkwürdigen zu erfahren, was sich in der Welt zugetragen
hat.

Nun verhielt es sich durchaus nicht so, daß etwa das junge Mädchen von
Anfang an die Absicht gehabt hätte, die Sagen und Geschichten
niederzuschreiben, die sie umgaben. Es fiel ihr nicht im entferntesten
ein, daß aus diesen Abenteuern, die sie so oft hatte erzählen hören, daß
sie sie das Alltäglichste von der Welt däuchten, -- daß daraus ein Buch
werden könnte. Wenn sie zu dichten versuchte, wählte sie die Stoffe aus
ihren Büchern, und mit frischem Mute schrieb sie Geschichten über die
Sultane aus Tausend und Einer Nacht, über Walter Scotts Ritter und
Snorre Sturlasons Sagenkönige.

Es ist sicherlich überflüssig, zu erwähnen, daß, was sie schrieb, das
Unoriginellste und Unreifste war, was nur je niedergeschrieben worden
ist, aber das konnte sie selbst natürlich nicht sehen. Sie ging daheim
in dem stillen Hause umher und bedeckte jedes Stückchen Papier, dessen
sie nur habhaft werden konnte mit Versen und Prosa, mit Schauspielen und
Romanen. Wenn sie nicht schrieb, ging sie umher und wartete auf das
Glück. Und das Glück sollte darin bestehen, daß irgend ein fremder
Besucher, der sehr klug und mächtig wäre, durch einen wunderbaren Zufall
das entdeckte, was sie geschrieben hatte, und es würdig fände, gedruckt
zu werden. Dann würde alles andre ganz von selbst kommen.

Doch es begab sich nichts derartiges, und als das junge Mädchen über
zwanzig Jahre alt war, begann es ungeduldig zu werden. Sie konnte nicht
begreifen, woher es kam, daß das Glück sich gar nicht einfinden wollte.
Vielleicht fehlten ihr Kenntnisse; sie müßte auch wohl ein wenig mehr
von der Welt zu Gesicht bekommen als das elterliche Haus. Und da es so
lange währte, bis sie ihren Unterhalt als Schriftstellerin verdienen
konnte, mußte sie etwas lernen, sich eine Lebensstellung schaffen, damit
sie einen Broterwerb hätte, davon zu leben, während sie auf sich selbst
wartete.

Vielleicht war es ganz einfach so, daß die Saga die Geduld mit ihr
verloren hatte. Sie dachte sich vielleicht: Da dieses verblendete
Menschenkind nicht sieht, was dicht vor seinen Augen liegt, so muß es
eben gezwungen werden, von dannen zu ziehen. Es muß durch graue
Steinstraßen gehen, es muß in engen Stadträumen wohnen ohne andre
Aussicht als graue Hausmauern. Dieses Mädchen muß unter Menschen
einhergehen, die alles, was in ihnen eigentümlich ist, verbergen, und
die einander alle zu gleichen scheinen. Das wird sie vielleicht lehren,
das zu sehen, was vor der Tür ihres Heims wartet, alles, was zwischen
den blauen Hügelketten lebt und webt, die sie täglich vor Augen hat.

Und eines Herbsts, als sie schon zweiundzwanzig Jahre alt war, fuhr sie
nach Stockholm, um das Studium zu beginnen und sich gleichzeitig zur
Lehrerin auszubilden.

Das junge Mädchen stak bald tief in der Arbeit. Es schrieb nicht mehr,
sondern ging in Aufgaben und Lektionen auf. Es sah fast aus, als sollte
die Saga es ganz und gar verlieren.

Da begab sich etwas Merkwürdiges. In diesem selben Herbst, nachdem sie
ein paar Monate in grauen Gassen zwischen Hausmauern gelebt hatte, ging
sie an einem Vormittag mit einem Pack Bücher unter dem Arm die
Malmskillnadsgasse hinauf. Sie hatte eben eine Vorlesung über
Literaturgeschichte gehört. Die mußte von Bellman oder Runeberg
gehandelt haben, denn sie ging einher und dachte an diese beiden und an
die Gestalten, die sich in ihrer Dichtung bewegten. Sie sagte sich
selbst, daß Runebergs gutmütige Kriegshelden und Bellmans sorglose
Zechbrüder das vortrefflichste Material wären, das ein Dichter nur haben
könnte. Und da auf einmal tauchte dieser Gedanke in ihr auf: Die Welt,
in der du unten in Värmland gelebt hast, ist wohl nicht weniger
originell als die Welt Fredmans oder die des Fähnrichs Stål. Kannst du
nur lernen, sie zu gestalten, so hast du wohl einen ebenso guten Stoff
für deine Arbeit wie diese beiden.

So ging es zu, daß sie zum ersten Male der Saga ansichtig wurde. Und in
demselben Augenblicke, wo sie sie sah, begann der Boden unter ihr zu
schaukeln. Die ganze lange Malmskillnadsgasse vom Hamngatshügel bis
hinauf zur Brandstation erhob sich zum Himmel und sank wieder hinab, hob
sich und sank. Sie mußte eine gute Weile stille stehen, bis die Gasse
zur Ruhe gekommen war; und erstaunt sah sie die Vorübergehenden an, die
so ruhig einherschritten und gar nicht merkten, welches Wunder geschehen
war.

In dieser Stunde beschloß das junge Mädchen, die Geschichte der
Värmlandskavaliere zu schreiben, und sie gab diesen Gedanken nie wieder
auf. Aber viele, lange Jahre währte es, bis der Entschluß zur Ausführung
kam.

Denn erstens war sie nun in eine neue Lebensbahn eingetreten, und es
gebrach ihr an Zeit, etwas Größeres auszuführen. Zweitens erlebte sie
ein ganzes Mißlingen, als sie versuchte, diese Geschichte zu schreiben.

In diesen Jahren trugen sich jedoch immer wieder Ereignisse zu, die ihr
halfen, die Saga auszugestalten. Eines Morgens in den Ferien saß sie mit
ihrem Vater am Frühstückstisch, und die beiden plauderten von alten
Zeiten. Da erzählte er auch von einem Jugendbekannten, den er als den
bezauberndsten Menschen schilderte. Dieser Mann hatte Freude und
Heiterkeit mitgebracht, wohin er auch kam. Er konnte singen, er
komponierte, er improvisierte Verse. Spielte er zum Tanze auf, dann
tanzte nicht nur die Jugend, sondern auch Greise und Greisinnen, Hoch
und Niedrig: und hielt er eine Rede, so mußte man lachen oder weinen,
ganz wie er es wollte. Wenn er sich betrank, so konnte er noch besser
spielen und sprechen, als wenn er nüchtern war. Und wenn er sich in ein
Weib verliebte, war es dem unmöglich, zu widerstehen. Wenn er Torheiten
machte, so verzieh man ihm; war er einmal betrübt, so wollte man alles
Erdenkliche tun, um ihn nur wieder froh zu sehen. Aber großen Erfolg in
der Welt hatte er trotz seiner reichen Begabung nicht gehabt. Den
größten Teil seines Lebens hatte er als Hofmeister auf den verschiedenen
Gütern Värmlands verbracht. Schließlich hatte er das Pastorexamen
gemacht. Das war das höchste, was er erreicht hatte.

Nach diesem Gespräch konnte sie den Helden der Saga besser vor sich
sehen als früher, und damit kam ein wenig Leben und Bewegung hinein. Und
eines schönen Tages bekam der Held sogar einen Namen und wurde Gösta
Berling genannt. Woher er diesen Namen hatte, wußte sie nicht. Es war,
als hätte er ihn sich selbst gegeben.

Ein ander Mal war sie in den Weihnachtsfeiertagen daheim. An einem Abend
fuhr man zu einem Weihnachtsschmaus, einen weiten Weg bei argem
Schneegestöber. Das war eine langwierigere Fahrt, als jemand hätte
glauben können. Das Pferd arbeitete sich mühsam vorwärts. Mehrere
Stunden hindurch saß sie da im Schneewehen und dachte an die Saga. Als
sie endlich angelangt waren, hatte sie ihr erstes Kapitel erdacht. Es
war das Kapitel, das von der Weihnachtsnacht in der Schmiede handelte.

Welch ein Kapitel! Es war ihr erstes, und mehrere Jahre hindurch blieb
es ihr einziges. Es wurde zuerst in Versen geschrieben, denn der
ursprüngliche Plan war, daß die Saga ein Romanzenzyklus werden sollte,
so wie Fähnrich Ståls Erzählungen. Aber so allmählich änderte sich das,
und eine Zeitlang bestand die Absicht, die Saga als Schauspiel zu
schreiben. Da wurde die Weihnachtsnacht umgearbeitet: sie sollte den
ersten Akt geben. Aber auch dieser Versuch glückte nicht, und nun
entschloß sie sich endlich, die Saga als Roman zu schreiben. So wurde
das Kapitel in Prosa niedergeschrieben und umfaßte damals vierzig
Schreibseiten. Als es zum letzten Mal umgearbeitet wurde, hatte es nur
neun.

Nach einigen Jahren kam ein zweites Kapitel hinzu. Es war die Geschichte
von dem Ball auf Borg und von den Wölfen, die Gösta Berling und Anna
Stjärnhök verfolgten.

Dies wurde ursprünglich gar nicht in der Absicht geschrieben, es mit in
die Saga aufzunehmen, sondern als eine Art Gelegenheitsgedicht, das bei
einer kleinen Gesellschaft vorgelesen werden sollte. Die Vorlesung
jedoch unterblieb, und die Novelle wurde an die Zeitschrift Dagny
geschickt. Nach einiger Zeit erhielt die Verfasserin sie als für Dagny
nicht geeignet zurück. Sie war auch wirklich für niemand geeignet. Es
fehlte ihr noch ganz und gar an der künstlerischen Ausarbeitung.

Nun zerbrach sich die Verfasserin den Kopf, wozu diese unglückselige
Novelle wohl verwendet werden könnte. Wenn sie sie in die Saga einfügte?
Aber sie war ja ein Abenteuer für sich, ganz abgeschlossen. Sie würde
sich seltsam ausnehmen unter den übrigen, die besser zusammenhingen.
Vielleicht aber, dachte sie dann, wäre es gar nicht so übel, wenn alle
Kapitel der Saga solche mehr oder weniger in sich abgeschlossene
Abenteuer wären. Es würde schwer durchzuführen sein, aber unmöglich wäre
es nicht. Es würden vielleicht zuweilen Lücken im Zusammenhang
entstehen. Ja, aber es würde dem Buche großen Reichtum und Stärke geben.

Nun waren zwei wichtige Dinge entschieden. Es war klar, daß das Buch ein
Roman werden sollte, und daß jedes Kapitel ein Ganzes für sich sein
würde; aber damit war noch nicht so besonders viel gewonnen. Sie, die
die Idee gefaßt hatte, die Saga der Värmlandskavaliere zu schreiben, als
sie zweiundzwanzig Jahre war, begann sich nun den Dreißigern zu nähern
und hatte nicht mehr geschrieben als zwei Kapitel. Wohin waren die Jahre
entschwunden? Sie hatte das Seminar absolviert, sie war seit mehreren
Jahren Lehrerin in Landskrona, sie hatte sich für vieles interessiert
und sich mit mancherlei befaßt, aber die Saga war noch ungeschrieben.
Eine Menge Material war freilich gesammelt. Aber sollte das bedeuten,
daß ihr das Schreiben so schwer fiel? Warum kam nie die Inspiration über
sie? Warum glitt ihr die Feder so träge über das Papier? Zu dieser Zeit
hatte sie ihre düstern Stunden. Sie würde gewiß nie damit fertig werden.
Sie war der Knecht, der sein Pfund in die Erde vergrub und keinen
Versuch machte, damit zu wuchern.

Es verhielt sich aber so, daß sich dies alles in den achtziger Jahren
zutrug, in der besten Zeit der strengen Wirklichkeitsdichtung. Sie
bewunderte die großen Meister dieser Zeit und kam nie auf den Gedanken,
daß man in der Dichtung eine andere Sprache anwenden könnte, als die,
deren sich diese bedienten. Sie für ihr Teil liebte die Romantiker mehr,
aber die Romantik war tot, und sie war nicht die Frau, die daran gedacht
hätte, ihre Form und Ausdrucksweise neu zu beleben. Obgleich ihr Gehirn
übervoll war an Geschichten von Gespenstern und wilder Liebe, von
wunderschönen Damen und abenteuerlustigen Kavalieren, suchte sie von dem
allen in ruhiger, realistischer Prosa zu schreiben. Sie hatte keinen
sehr klaren Blick. Ein anderer hätte gleich erkannt, daß das Unmögliche
unmöglich war.

Einmal jedoch schrieb sie ein paar kleine Kapitel in einem andern Stil.
Das eine schilderte eine Szene auf dem Svartsjöer Kirchhof, das andre
handelte von dem alten Philosophen Onkel Eberhard und seinen Schriften
des Unglaubens. Sie schrieb sie mehr zum Spaße mit vielen Achs und Ohs
in einer Prosa, die fast rhythmisch war. Und sie merkte, daß es auf
diese Weise mit dem Schreiben ging; es war Inspiration darin, das fühlte
sie. Aber als die beiden kleinen Kapitel fertig waren, legte sie sie
weg. Sie waren nur der Kurzweil halber geschrieben worden. So könnte man
ein ganzes Buch ja nicht schreiben.

Aber es war wohl so, daß die Saga nun lange genug gewartet hatte. Sie
dachte sicherlich wie das vorige Mal, da sie sie in die Welt
hinausgeschickt hatte: -- Ich muß diesem verblendeten Menschenkind eine
große Sehnsucht geben, daß die ihm die Augen öffne.

Diese Sehnsucht kam auf die Art über sie, daß das Haus, wo sie
aufgewachsen war, verkauft wurde und sie hinfuhr, ihr Kindheitsheim zum
letzten Male zu sehen, bevor Fremde Besitz davon nahmen.

Und an dem Abend, bevor sie von dort abreiste, um diese Stätte
vielleicht nie wieder zu sehen, beschloß sie in aller Demut, das Buch
auf ihre eigne Weise und nach ihren eignen schwachen Kräften zu
schreiben. Es würde kein Meisterwerk werden, wie sie gehofft hatte. Die
Menschen würden über ihr Buch lachen; aber schreiben mußte sie es doch.
Es schreiben, um für sich selbst von ihrem Heim zu retten, was sie noch
retten konnte: die lieben alten Geschichten, den fröhlichen Frieden der
sorglosen Tage und die schöne Landschaft mit dem langgestreckten See und
den blauschimmernden Hügeln.

Aber ihr, die gehofft hatte, sie würde es doch einmal lernen, ein Buch
zu schreiben, das die Menschen lesen wollten, -- ihr war es, als hätte
sie damit preisgegeben, was sie im Leben am liebsten erringen wollte. Es
war das schwerste Opfer, das sie je gebracht hatte.

Ein paar Wochen später befand sie sich wieder in ihrem Heim in
Landskrona und setzte sich an den Schreibtisch. Sie begann zu schreiben;
sie wußte nicht recht, was es werden sollte, aber sie wollte keine Angst
haben vor den starken Worten, den Ausrufen, den Fragen. Auch wollte sie
keine Furcht davor haben, sich selbst zu geben mit ihrer ganzen
Kindlichkeit und allen ihren Träumen. Und als sie sich so entschlossen
hatte, begann die Feder fast von selbst zu fliegen. Es versetzte sie
beinahe in einen Taumel, sie wußte vor Entzücken nicht aus noch ein.
Seht, das hieß schreiben! Unbekannte Dinge und Gedanken -- oder
richtiger gesagt, etwas, von dem sie nicht geahnt hatte, daß sie es in
ihrem Hirn besaß -- drängten sich aufs Papier. Die Seiten füllten sich
mit einer Schnelligkeit, von der sie sich nie hatte träumen lassen. Wozu
sie sonst Monate, ja Jahre gebraucht hatte, um es auszuarbeiten, das
wurde nun in ein paar Stunden fertig. An diesem Abend schrieb sie die
Erzählung von der Wanderung der jungen Gräfin über das Eis des Löfven
und von der Überschwemmung bei Ekeby nieder.

Am nächsten Nachmittag verfaßte sie die Szene, in der der gichtbrüchige
Fähnrich Rutger von Örneclou versucht, sich aus dem Bett zu erheben, um
La Cachuca zu tanzen; und am folgenden Abend entstand die Geschichte von
dem alten Fräulein, das auszog, den geizigen Pastor von Broby zu
besuchen.

Nun wußte sie sicher: sie konnte das Buch in diesem Stil schreiben; aber
ebenso sicher war sie, daß niemand die Geduld haben würde, es zu lesen.

Übrigens ließen sich nicht viele Kapitel so in einem Atemzuge schreiben.
Die meisten erforderten lange Arbeit; und sie konnte sich nur ganz kurze
Weilchen an den Nachmittagen der Schriftstellerei widmen. Als sie ein
halbes Jahr lang geschrieben hatte, von dem Tage an gerechnet, da sie
sich der Romantik in die Arme geworfen hatte, waren ein Dutzend Kapitel
vollendet. Es war vorauszusehen, daß das ganze Buch in drei bis vier
Jahren fertig sein würde.

Es war im Frühling 1890, als die Zeitschrift Idun die Einladung zu einer
Preiskonkurrenz für Novellen im Umfang von ungefähr hundert Druckseiten
ergehen ließ.

Dies war ein Ausweg für eine Saga, die erzählt werden und in die Welt
hinausziehen wollte. Und die Saga war es wohl, die die Schwester der
Lehrerin dazu brachte, diese anzueifern, sie solle die Gelegenheit
benützen. Hier lag nun endlich eine Möglichkeit, zu erfahren, ob das
Geschriebene so ganz zu verwerfen wäre. Wenn es den Preis bekäme, wäre
viel gewonnen. Bekam es ihn nicht, so stünde sie nur auf demselben
Standpunkt wie zuvor.

Sie hatte nichts dagegen einzuwenden, aber sie hatte so geringes
Vertrauen zu sich selbst, daß sie zu keinem Entschluß kommen konnte.

Endlich, knapp acht Tage vor Ablauf der Einlieferungsfrist entschloß sie
sich, fünf Kapitel aus dem Romane herauszuheben, die so ziemlich
zusammenhingen, so daß sie den Eindruck einer Novelle machten, und sich
damit am Wettbewerb zu beteiligen.

Aber diese Kapitel waren durchaus noch nicht fertig. Drei von ihnen
waren notdürftig erzählt, aber zu den übrigen zwei war kaum ein Entwurf
vorhanden. Und dann mußte ja noch alles ins Reine geschrieben werden.

Dazu kam, daß sie gerade damals nicht bei sich zu Hause war. Sie war auf
Besuch bei ihrer Schwester und ihrem Schwager, die noch oben in
Värmeland wohnten. Und wer gekommen ist, für kurze Zeit liebe Freunde zu
besuchen, kann seine Tage ja nicht am Schreibtisch verbringen.

Sie schrieb also in den Nächten und saß in dieser Woche jede Nacht bis
vier Uhr auf.

Endlich fehlten nur vierundzwanzig Stunden an der kostbaren Zeit. Und
noch waren zwanzig Seiten zu schreiben.

Diesen letzten Tag waren sie eingeladen. Die ganze Familie sollte
fortfahren und über Nacht ausbleiben. Sie mußte natürlich mit.

Endlich nahm die Gesellschaft ein Ende, und sie saß bei Nacht in dem
fremden Hause und schrieb.

Es war ihr recht wunderlich zumute. Das Haus, wo sie als Gast weilte,
war eben das, wo der böse Sintram gewohnt hatte. Das Schicksal hatte sie
in wunderlicher Weise gerade in dieser Nacht hergeführt, wo sie über ihn
zu schreiben hatte, der in dem Schaukelstuhl saß und sich wiegte.

Zuweilen blickte sie von der Arbeit auf und horchte in den Salon
hinüber, ob dort draußen nicht am Ende ein paar Schaukelstuhlkufen in
Gang wären.

Doch sie hörte nichts, und als in der Frühe die Uhr sechs schlug, waren
die fünf Kapitel fertig.

Im Laufe des Vormittags fuhren sie auf einem kleinen Lastdampfer nach
Hause. Dort machte ihre Schwester ein Paket, verschloß es mit Lack und
Siegel, die zu diesem Zwecke von zu Hause mitgenommen worden waren,
schrieb die Adresse und schickte die Novelle ab.

Dies geschah an einem der letzten Tage im Juli. Gegen Ende August
enthielt die Zeitschrift Idun eine Notiz, daß mehr als zwanzig
Preisnovellen bei der Redaktion eingelaufen seien; aber ein paar davon
seien so wirr geschrieben, daß sie nicht mitgezählt werden könnten.

Da gab sie es auf, noch weiter auf den Ausgang zu warten. Sie wußte
schon, welche Novelle so wirr war, daß sie nicht mitgezählt werden
konnte.

Im November bekam sie eines Nachmittags ein wunderliches Telegramm. Es
enthielt nur die Worte »Jubelnde Glückwünsche« und war von drei ihrer
Kameradinnen aus dem Seminar unterzeichnet.

Es erschien ihr recht lang, das Warten bis zur Mittagsstunde des
nächsten Tages, wo die stockholmer Zeitungen ausgeteilt wurden. Und als
sie die Zeitung in der Hand hatte, mußte sie lange suchen, ohne etwas zu
finden. Endlich entdeckte sie auf der letzten Spalte eine kurze Notiz in
kleinem Druck, die mitteilte, daß sie den Preis erhalten hatte.

Vielleicht wäre das für einen andern nicht so viel gewesen, aber für sie
bedeutete es, daß sie sich dem Lebensberuf widmen durfte, nach dem sie
sich ihr ganzes Leben lang gesehnt hatte.

       *       *       *       *       *

Dem ist wenig hinzuzufügen. Die Saga, die in die Welt hinaus wollte, war
ihrem Ziele nun ziemlich nahe. Jetzt würde sie wenigstens geschrieben
werden, wenn es gleich einige Jahre dauerte, bis sie fertig würde.

Sie, die sie schrieb, war zu Weihnachten, nachdem sie den Preis bekommen
hatte, nach Stockholm gereist.

Der Redakteur der Zeitschrift Idun erbot sich, den Roman zu drucken,
sobald er fertig wäre.

Ja, wenn sie nur die Zeit finden könnte, ihn zu schreiben.

An dem Abend, bevor sie wieder nach Landskrona fahren sollte, saß sie
bei ihrer alten treuen Freundin, der Baronin Adlersparre, und las der
einige Kapitel vor.

Esselde hörte zu, so wie nur sie zuhören konnte, und sie war voll
Interesse. Nachher blieb sie schweigend sitzen und versank in Grübeln.

»Wie lange wird es dauern, bis es ganz fertig ist?« fragte sie
schließlich.

»So drei bis vier Jahre.«

Sie gingen auseinander; aber am nächsten Morgen, zwei Stunden, bevor sie
Stockholm verlassen sollte, kam ein Billett von Esselde mit der Bitte,
sie möge sie vor der Abreise besuchen.

Die alte Baronin war in ihrer bestimmten und entschlossenen Stimmung.
»Du mußt dir jetzt für ein Jahr Urlaub nehmen und das Buch fertig
schreiben. Das Geld will ich beschaffen.«

Eine Viertelstunde später war sie auf dem Wege zu der Vorsteherin des
Seminars, um sie zu bitten, ihr behilflich zu sein, daß sie eine
Stellvertreterin finde.

Um ein Uhr saß sie glücklich in dem Zuge, aber nun fuhr sie nicht weiter
als bis nach Sörmland, wo sie gute Freunde besaß, die in einem
entzückenden Heim wohnten.

Und sie fand dort beim Ingenieur Gumaelius und seiner Frau
Gastfreundschaft, Arbeitsfrieden und Ruhe und gute Fürsorge fast ein
Jahr hindurch, bis das Buch fertig war.

Endlich konnte sie vom Morgen bis zum Abend schreiben. Das war die
glücklichste Zeit, die sie noch erlebt hatte.

Aber als die Saga schließlich fertig war, da sah sie gar wunderlich aus.
Sie war toll und wild; und mit dem Zusammenhang war es nicht besser
bestellt, als daß alle ihre Teile noch immer die alte Lust hatten, jeder
seine eigne Straße zu ziehen.

Die Saga wurde nie, was sie hätte werden sollen. Es war ihr Unglück, daß
sie so lange hatte warten müssen, bis sie erzählt wurde. Wenn sie nicht
gebührend in Zucht und Zaum gehalten worden ist, so kam dies
hauptsächlich daher, daß ihre Verfasserin nur allzu glücklich war, sie
endlich schreiben zu dürfen.




Das Mädchen vom Moorhof

1


Es ist in einem Thingsaal, weit draußen auf dem Lande. Am Richtertisch,
hoch oben im Saal, sitzt der Richter, ein großer, stark gebauter Mann
mit breitem, grobgeschnittenem Gesicht. Schon mehrere Stunden lang hat
er einen Fall nach dem andern entschieden, und schließlich ist etwas wie
Überdruß und Düsterkeit über ihn gekommen. Es ist schwer zu sagen, ob es
die Hitze und Schwüle im Gerichtssaal ist, die ihn bedrückt, oder die
Schuld an dieser schlechten Laune die Beschäftigung mit allen diesen
kleinlichen Zwistigkeiten trägt, die aus keinem andern Grunde entstanden
zu sein scheinen, als um die Händelsucht und Unbarmherzigkeit und
Geldgier der Menschen an den Tag zu bringen.

Er hat gerade mit einer der letzten Verhandlungen begonnen, die heute
durchgeführt werden sollen. Es handelt sich um die Forderung eines
Erziehungsbeitrages.

Dieser Fall ist schon am vorigen Gerichtstag verhandelt worden, und das
Protokoll des früheren Prozesses wird eben verlesen. Daraus erfährt man
fürs erste, daß die Klägerin eine arme Dienstmagd ist und der Beklagte
ein verheirateter Mann.

Weiter geht aus dem Protokoll hervor, daß der Beklagte erklärt hat, die
Klägerin habe ihn zu Unrecht und nur aus Gewinnsucht hierher laden
lassen. Er gibt zu, daß die Klägerin eine Zeitlang auf seinem Hof in
Dienst gestanden hat; er aber habe sich während dieser Zeit in keinerlei
Liebeshändel mit ihr eingelassen, und sie habe kein Recht, irgendwelche
Unterstützung von ihm zu begehren. Die Klägerin jedoch hat an ihrer
Behauptung festgehalten; und nachdem einige Zeugen vernommen waren, ist
dem Beklagten auferlegt worden, einen Eid zu leisten, wenn er nicht
verurteilt werden wolle, der Klägerin die verlangte Unterstützung zu
zahlen.

Beide Parteien haben sich eingefunden und stehen nebeneinander vor dem
Gerichtstisch. Die Klägerin ist sehr jung und sieht ganz verschüchtert
aus. Sie weint vor Scham und trocknet mühsam ihre Tränen mit einem
zusammengeknüllten Taschentuch; es scheint, als könne sie es nicht
auseinanderfalten. Sie trägt schwarze Kleider, die ziemlich neu und
ungetragen aussehen, aber sie sitzen so schlecht, daß man versucht ist,
zu glauben, sie habe sie sich ausgeliehen, um anständig vor Gericht
erscheinen zu können.

Was den Beklagten anlangt, so sieht man ihm gleich an, daß er ein
wohlgestellter Mann ist. Er mag etwa vierzig Jahre alt sein und hat ein
zuversichtliches und frisches Aussehen. Wie er da vor dem Richterstuhl
steht, zeigt er eine sehr gute Haltung. Es sieht ja nicht aus, als
fände er ein besonderes Vergnügen daran, da zu stehen, aber er macht
auch durchaus keinen befangnen Eindruck.

Als das Protokoll verlesen ist, wendet sich der Richter an den Beklagten
und fragt ihn, ob er an seinem Leugnen festhalte, und ob er bereit sei,
den Eid zu schwören.

Auf diese Frage antwortet der Beklagte sogleich mit einem raschen Ja. Er
fängt an, in seiner Westentasche zu suchen, und holt ein Zeugnis des
Pfarrers darüber hervor, daß er die Wichtigkeit und Bedeutung des Eides
kenne und kein Hinderungsgrund für ihn vorliege, ihn zu schwören.

Während dieser ganzen Zeit hat die Klägerin nicht aufgehört zu weinen.
Sie scheint unüberwindlich scheu zu sein und hält die Augen hartnäckig
zu Boden geschlagen. Sie hat den Blick noch nicht so weit erhoben, daß
sie dem Beklagten ins Gesicht sehen könnte.

Als er nun sein Ja gesagt hat, zuckt sie zusammen. Sie tritt ein paar
Schritte näher an den Richterstuhl heran, als hätte sie etwas
einzuwenden; aber dann bleibt sie stehen. Es sei wohl nicht möglich,
scheint sie zu sich selbst zu sagen, er könne nicht Ja gesagt haben. --
Ich habe nicht recht gehört ...

Indessen nimmt der Richter das Zeugnis in die Hand und gibt zugleich dem
Gerichtsdiener einen Wink. Der Gerichtsdiener tritt an den Tisch heran,
um die Bibel zu nehmen und sie vor den Beklagten hinzulegen.

Die Klägerin hört, daß jemand an ihr vorbeigeht, und wird unruhig. Sie
zwingt sich, den Blick so weit zu heben, daß sie über den Tisch hinsehen
kann, und da bemerkt sie, daß der Gerichtsdiener die Bibel zurechtlegt.

Noch einmal sieht es aus, als wollte sie Einspruch erheben. Aber sie
hält sich wieder zurück. -- Es ist ja nicht möglich, daß er den Eid
ablegt. Der Richter muß ihn doch daran hindern.

Der Richter war ein so kluger Mann, und er wußte gar wohl, was die Leute
in seiner Heimat dachten und fühlten. Er müßte doch wissen, wie streng
alle diese Menschen sind, sobald es sich um etwas handelt, was die Ehe
betrifft. Sie kannten keine ärgere Sünde als die, die sie begangen
hatte. Würde sie je so etwas aus sich selbst eingestanden haben, wenn es
nicht wahr gewesen wäre? Der Richter könnte wohl wissen, welche
furchtbare Verachtung sie sich zugezogen hatte. Und nicht nur Verachtung
allein, sondern auch alles mögliche Elend. Niemand wollte sie in Dienst
nehmen. Niemand wollte ihre Arbeit haben. Ihre eignen Eltern duldeten
sie kaum in ihrer Hütte, sondern sprachen jeden Tag davon, sie
hinauszuwerfen. Nein, der Richter müßte wohl begreifen, daß sie keine
Unterstützung von einem verheirateten Mann verlangt hätte, wenn ihr kein
Recht darauf zustünde.

Der Richter könnte doch nicht glauben, daß sie in einer solchen Sache
lüge, daß sie so furchtbares Unglück auf sich herabbeschworen hätte,
wenn sie einen andern hätte anklagen können als einen verheirateten
Mann. Und wenn er dies wüßte, müßte er den Eid doch verhindern.

Sie sieht, daß der Richter dasitzt und das Zeugnis des Pfarrers ein
paarmal durchliest. Darum fängt sie zu glauben an, daß er eingreifen
werde.

Es ist auch richtig, daß der Richter nachdenklich aussieht. Er heftet
seine Blicke ein paarmal auf die Klägerin, aber dabei wird der Ausdruck
des Ekels und des Überdrusses, der auf seinem Gesicht ruht, immer
deutlicher. Es sieht aus, als wäre er ungünstig gegen sie gestimmt.
Selbst wenn die Klägerin die Wahrheit spricht, -- sie ist ja doch eine
schlechte Person, und der Richter kann keine Teilnahme für sie
empfinden.

Es kommt manchmal vor, daß der Richter in einen Prozeß eingreift als ein
guter und kluger Ratgeber, der die Parteien davor behütet, sich ganz und
gar zugrunde zu richten. Aber diesmal ist er müde und unlustig, und er
denkt an nichts andres, als dem gesetzlichen Verfahren seinen Lauf zu
lassen.

Er legt das Zeugnis hin und sagt dem Beklagten mit ein paar Worten, er
hoffe, daß dieser die verhängnisvollen Folgen eines falschen Schwurs
genau bedacht habe. Der Beklagte hört ihn mit derselben Ruhe an, die er
die ganze Zeit über an den Tag gelegt hat, und antwortet ehrerbietig und
nicht ohne Würde.

Die Klägerin hört dies mit dem äußersten Schrecken. Sie macht ein paar
heftige Bewegungen und preßt die Hände zusammen. Nun will sie vor dem
Richterstuhl sprechen. Sie kämpft einen furchtbaren Kampf mit ihrer
Scheu und mit dem Schluchzen, das ihr die Kehle zusammenschnürt. Das
Ende ist doch, daß sie kein hörbares Wort hervorbringen kann.

Der Eid soll also geleistet werden. Er wird ihn ablegen. Niemand wird
ihn hindern, seine Seele zu verschwören.

Bis dahin hat sie nicht glauben können, daß es geschehen würde. Aber
jetzt packt sie die Gewißheit, daß es unmittelbar bevorsteht, daß es im
nächsten Augenblick geschehen wird. Ein Schrecken, der viel
überwältigender ist als alles, was sie bisher gekannt hat, bemächtigt
sich ihrer. Sie steht wie versteinert, sie weint nicht einmal mehr. Die
Augen erstarren ihr im Kopfe.

Es ist also seine Absicht, sich um seines Weibes willen freizuschwören.
Aber wenn er auch einen schweren Stand mit ihr haben sollte, -- deshalb
darf er doch nicht seiner Seele Seligkeit preisgeben.

Es gibt nichts Furchtbareres als einen Meineid. Es ist etwas
Geheimnisvolles und Gräßliches um diese Sünde. Es gibt keine Gnade,
keine Vergebung für sie. Die Tore des Abgrundes öffnen sich von selbst,
wenn der Name des Meineidigen genannt wird.

Wenn sie jetzt die Blicke zu seinem Gesicht erhoben hätte, -- sie hätte
gefürchtet, es schon mit irgendeinem Zeichen der Verdammnis gebrandmarkt
zu sehen, ihm aufgeprägt von Gottes Zorn.

Während sie so dasteht und immer größere Angst sich ihrer bemächtigt,
hat der Richter dem Beklagten gezeigt, wie er die Finger auf die Bibel
zu legen hat. Dann schlägt der Richter im Gesetzbuch nach, um die
Eidesformel zu finden.

Als sie ihn die Finger auf das Buch legen sieht, macht sie noch einen
Schritt zum Richterstuhl hin; und es sieht aus, als wollte sie sich über
den Tisch beugen und seine Hand fortziehen.

Aber noch wird sie von einer letzten Hoffnung zurückgehalten. Sie
glaubt, daß er jetzt im letzten Augenblick noch vom Schwur abstehen
werde.

Der Richter hat die Seite im Gesetzbuch gefunden, nach der er gesucht
hat; und jetzt beginnt er, den Eid laut und deutlich vorzusagen. Dann
macht er eine Pause, damit der Beklagte seine Worte nachsprechen könne.
Und der Beklagte fängt wirklich an, sie nachzusprechen; aber er macht
einen kleinen Fehler, so daß der Richter von vorn anfangen muß.

Jetzt kann sie keinen Schimmer von Hoffnung mehr haben. Jetzt weiß sie,
daß er falsch schwören, daß er Gottes Zorn für das zukünftige Leben auf
sich herabschwören will.

Sie steht da und ringt in ihrer Hilflosigkeit die Hände. Und es ist
alles ihre Schuld, weil sie ihn verklagt hat.

Aber sie war ja ohne Arbeit, sie hatte gehungert und gefroren. Das Kind
lag im Sterben. An wen sonst hätte sie sich um Hilfe wenden sollen?

Nie hätte sie auch geglaubt, daß er eine so schreckliche Sünde begehen
könnte.

Jetzt hat der Richter den Eid noch ein Mal vorgesprochen. In wenigen
Augenblicken wird die Tat vollbracht sein. Jene Tat, von der es keine
Umkehr gibt, die niemals gutgemacht, niemals ausgelöscht werden kann.

Gerade als der Beklagte anfängt, den Eid nachzusprechen, stürzt sie vor,
schleudert seine ausgestreckte Hand beiseite und reißt die Bibel an
sich.

Ein furchtbares Entsetzen hat ihr endlich Mut gegeben. Er darf seine
Seele nicht verschwören. Er darf nicht.

Der Gerichtsdiener eilt sogleich herbei, sie zur Ordnung zu rufen und
ihr die Bibel abzunehmen. Sie hat ungeheure Angst vor allem, was mit dem
Gericht zusammenhängt, und sie glaubt, daß, was sie jetzt getan hat, sie
auf die Festung bringen werde. Aber sie gibt die Bibel nicht her. Was es
auch kosten möge, er darf den Eid nicht ablegen. Auch er, der schwören
will, läuft herbei, um das Buch zu ergreifen; aber sie leistet auch ihm
Widerstand.

»Du darfst den Eid nicht schwören!« ruft sie. »Du darfst nicht!«

Was jetzt vorgeht, erweckt natürlich das größte Staunen. Die
Versammelten drängen zum Richtertisch, die Geschwornen erheben sich, der
Protokollführer springt auf, das Tintenfaß in der Hand, damit es nicht
umgestürzt werde.

Da ruft der Richter mit lauter, zorniger Stimme: »Ruhe!« und alle die
Menschen bleiben regungslos stehen.

»Was fällt dir ein? Was hast du mit der Bibel zu schaffen?« fragt der
Richter die Klägerin mit harter und strenger Stimme.

Nachdem sie ihrer Angst in einer Tat der Verzweiflung Luft gemacht hat,
ist ihre Beklommenheit gewichen, so daß sie antworten kann: »Er darf den
Eid nicht ablegen!«

»Sei still und gib das Buch zurück!« ruft der Richter.

Aber sie gehorcht nicht, sondern umklammert das Buch mit beiden Händen.

»Er darf den Eid nicht ablegen!« ruft sie mit ungezügelter Heftigkeit.

»Ist es dir so sehr darum zu tun, den Prozeß zu gewinnen?« fragt der
Richter in immer schärferem Ton.

»Ich will die Klage zurückziehen!« ruft sie mit lauter, schneidender
Stimme. »Ich will ihn nicht zwingen, zu schwören!«

»Was schreist du da?« fragt der Richter. »Hast du den Verstand
verloren?«

Sie ringt heftig nach Atem und versucht sich zu beruhigen. Sie hört
selbst, wie sie schreit. Der Richter muß wohl glauben, daß sie toll
geworden sei, weil sie, was sie will, nicht in ruhigen Worten sagen
kann. Noch einmal kämpft sie mit sich selbst, um Macht über ihre Stimme
zu erlangen, und diesmal gelingt es ihr. Sie sagt langsam, ernst, laut,
während sie dem Richter gerade ins Gesicht sieht:

»Ich will die Klage zurückziehen. Er ist der Vater des Kindes. Aber ich
hab ihn noch lieb. Ich will nicht, daß er falsch schwört!«

Sie steht aufrecht und entschlossen vor dem Richtertisch und sieht dem
Richter gerade in sein strenges Gesicht. Er sitzt da, beide Hände auf
den Tisch gestützt; und lange, lange wendet er den Blick nicht von ihr.
Während der Richter sie betrachtet, geht eine große Veränderung mit ihm
vor. Alle Schlaffheit und Mißvergnügtheit, die in seinen Zügen gelegen
hat, schwindet, und das große, grobe Gesicht wird durch die Rührung
geradezu schön. Sieh da, denkt der Richter, sieh da, so ist mein Volk.
Ich will mich nicht darüber beklagen, wo doch bei einer der Geringsten
so viel Liebe und Gottesfurcht zu finden ist.

Plötzlich aber spürt der Richter, daß seine Augen sich mit Tränen
füllen, und da zuckt er beinahe beschämt zusammen und wirft einen
raschen Blick um sich. Da sieht er, daß die Schreiber und die
Gerichtsdiener und die ganze lange Reihe der Beisitzer sich vorgebeugt
haben, um das Mädchen anzusehen, das vor dem Richtertisch steht, die
Bibel an die Brust gepreßt. Und er sieht einen Schimmer auf ihren
Gesichtern, als hätten sie etwas richtig Schönes gesehen, das sie bis in
das tiefste Herz erfreut hat.

Hierauf sieht der Richter auch über das versammelte Volk hin, und ihm
ist, als säßen alle diese Menschen stumm und atemlos da, als hätten sie
gerade jetzt das gehört, wonach sie sich am meisten sehnten.

Zu allerletzt sieht der Richter den Beklagten an. Jetzt ist er es, der
mit gesenktem Kopf dasteht und zu Boden blickt.

Der Richter wendet sich abermals an das arme Mädchen. »Es soll so sein,
wie du es willst,« sagt er. »Die Klage wird zurückgezogen,« diktiert er
dem Protokollführer.

Der Beklagte macht eine Bewegung, als wolle er einen Einwand vorbringen.
»Was denn? Was denn?« schreit ihn der Richter an. »Hast du vielleicht
etwas dagegen?« Der Beklagte läßt den Kopf noch tiefer sinken und sagt
dann kaum hörbar: »Ach nein, es ist wohl am besten so.«

Der Richter sitzt noch einen Augenblick still, dann schiebt er den
schweren Stuhl zurück, erhebt sich und geht um den Tisch herum zur
Klägerin hin.

»Ich danke dir,« sagt er und reicht ihr die Hand.

Sie hat die Bibel jetzt fortgelegt und steht da und weint und trocknet
die Tränen mit dem zusammengerollten Taschentuch.

»Ich danke dir,« sagt der Richter noch einmal und ergreift ihre Hand so
leicht und behutsam, als wäre sie etwas gar Feines und Kostbares.


2

Niemand darf glauben, daß das Mädchen, das eine so schwere Stunde vor
dem Gerichtstisch durchgemacht hatte, selbst meinte, sie habe etwas
Rühmenswertes getan. Sie meinte im Gegenteil, daß sie vor der ganzen
Gemeinde beschämt sei. Sie begriff nicht die Ehre, die darin lag, daß
der Richter auf sie zugekommen war und ihr die Hand geschüttelt hatte.
Sie glaubte, dies bedeutete nur, daß die Verhandlung zu Ende sei, und
sie ihrer Wege gehen könne.

Sie sah auch nicht, daß die Leute ihr freundliche Blicke zuwarfen, und
daß ihr mehrere die Hand drücken wollten. Sie schlich sich nur davon und
wollte fort. Aber unten an der Tür herrschte ein großes Gedränge. Der
Thing war zu Ende, und viele wollten wieder ins Freie. Sie drückte sich
an die Wand und war wohl die letzte, die den Thingsaal verließ. Sie
meinte, daß alle andern vor ihr hinausgehen müßten.

Als sie endlich ins Freie kam, stand Gudmund Erlandssons Wägelchen
angespannt vor der Freitreppe. Gudmund saß darin, die Zügel in der Hand,
und schien auf jemand zu warten. Sowie er ihrer unter allem Volk, das
aus dem Thingsaal strömte, ansichtig wurde, rief er ihr zu: »Komm her,
Helga! Du kannst mit mir fahren, wir haben denselben Weg.«

Aber obgleich sie ihren Namen hörte, -- sie konnte nicht glauben, daß er
sie rief. Es war nicht möglich, daß Gudmund Erlandsson sie kutschieren
wollte. Er war der schmuckste Bursche im ganzen Kirchspiel, jung und
schön und aus gutem Hause und in Gunst bei allen Leuten. Sie konnte
nicht glauben, daß er etwas mit ihr zu tun haben wolle.

Sie ging, das Kopftuch tief in die Stirn geschoben, und eilte an ihm
vorbei, ohne aufzusehen oder zu antworten.

»Hörst du nicht, Helga, daß du mit mir fahren kannst?« fragte Gudmund,
und es lag ein so recht freundlicher Ton in der Stimme. Aber sie konnte
es nicht in ihren Kopf hineinbringen, daß Gudmund es gut mit ihr meine.
Sie glaubte, er wolle sie in der einen oder andern Weise verspotten und
wartete nur darauf, die Umstehenden in Kichern und Lachen ausbrechen zu
hören. Sie warf ihm einen erschrocknen und zornigen Blick zu und lief
vom Thingplatz fort, um außer Hörweite zu sein, wenn das Lachen begänne.

Gudmund war damals noch unverheiratet und wohnte bei seinen Eltern. Der
Vater war ein kleiner Bauer. Er hatte keinen großen Hof und war nicht
vermögend, aber er konnte sorgenfrei leben. Der Sohn war zum Thing
gefahren, um einige Urkunden für seinen Vater zu holen, aber da er noch
eine andre Absicht mit seiner Fahrt verfolgte, hatte er sich sehr fein
hergerichtet. Er hatte das neue Wägelchen genommen, dessen Lackierung
keine Schramme aufwies; das Pferd hatte er gestriegelt, bis es wie Seide
glänzte, und das Sattelzeug fein geputzt. Er hatte eine schmucke, rote
Decke neben sich auf den Sitz gelegt, und sich selbst hatte er mit einem
kurzen Jagdrock, einem kleinen, grauen Filzhut und hohen Stiefeln
geputzt, in die die Hosen hineingesteckt waren. Es war wohl kein
Feiertagsgewand, aber er wußte, daß er männlich und stattlich darin
aussah.

Als Gudmund am Morgen von daheim fortfuhr, hatte er allein im Wagen
gesessen, aber er war in angenehme Gedanken versunken, und die Zeit war
ihm nicht lang erschienen. Als er ungefähr auf halbem Wege war, fuhr er
an einem armen Mädchen vorbei, das sehr langsam ging und aussah, als
könnte es vor Müdigkeit kaum einen Fuß vor den andern setzen. Es war
Herbst, der Weg war vom Regen aufgeweicht, und Gudmund sah, wie sie bei
jedem Schritt tief in den Schmutz einsank. Er hielt an und fragte, wohin
sie gehe, und als er erfuhr, daß sie zum Thing wolle, bot er ihr an,
mitzufahren. Sie dankte und stieg rückwärts auf den Wagen, auf das
schmale Brett, an dem der Heusack festgebunden war, ganz so, als wagte
sie es nicht, die rote Decke neben Gudmund zu berühren. Es war auch
nicht seine Absicht gewesen, daß sie sich neben ihn setze. Er wußte
nicht, wer sie wäre, aber er vermutete, daß sie die Tochter irgendeines
armen Kleinhäuslers wäre, und fand, es sei wohl genug Ehre für sie, wenn
sie rückwärts aufsitzen dürfte.

Als sie an einen Hügel kamen und das Pferd den Schritt verlangsamte,
begann Gudmund zu plaudern. Er wollte wissen, wie sie heiße, und wo sie
daheim sei. Als er hörte, daß sie Helga hieß und von einem Waldgütchen
stammte, das man den Moorhof nannte, begann er unruhig zu werden. »Bist
du immer daheim gewesen oder warst du im Dienst,« fragte er. Das letzte
Jahr wäre sie daheim gewesen, früher hätte sie einen Dienstplatz gehabt.
»Bei wem denn?« fragte Gudmund sehr hastig. Und es schien ihm, als daure
es lange bis die Antwort kam. »Im Sternhof, bei Per Martensson,« sagte
sie endlich und senkte die Stimme, als wollte sie am liebsten nicht
gehört werden. Aber Gudmund verstand sie doch. »Ja so, du bist also
die,« sagte er, sprach aber den Satz nicht zu Ende. Er wendete sich ab,
richtete sich gerade auf und sprach kein Wort mehr zu ihr.

Gudmund versetzte dem Pferde einen Hieb nach dem andern, fluchte laut
über den schlechten Weg und schien recht schlechter Laune zu sein. Ein
Weilchen verhielt sich das Mädchen still, aber bald fühlte Gudmund seine
Hand auf seinem Arm. »Was willst du?« fragte er, ohne den Kopf zu
wenden. Ja, er solle halten, damit sie abspringen könne. »Ach, warum
denn?« sagte Gudmund in verächtlichem Tone. »Fährst du nicht gut?« --
»Ja, danke, aber ich gehe doch lieber.« Gudmund kämpfte ein wenig mit
sich selbst. Es war ärgerlich, daß er gerade an diesem Tage eine solche
wie Helga aufgefordert hatte, mitzufahren. Aber er fand doch, daß er
sie, nun er sie einmal in den Wagen genommen hatte, nicht wieder
vertreiben könnte. »Halte, Gudmund,« sagte das Mädchen noch einmal. Sie
sprach sehr bestimmt, und Gudmund zog die Zügel an. -- »Wenn sie
durchaus aussteigen will,« dachte er, »brauche ich sie doch nicht zu
zwingen, gegen ihren Willen zu fahren.« Sie war schon unten auf der
Straße, bevor noch das Pferd ganz stehen geblieben war. -- »Ich glaubte,
du wußtest, wer ich bin, als du mir sagtest, ich kann mitfahren,« sprach
sie, »sonst wäre ich gar nicht eingestiegen.« Gudmund sagte kurz: »Behüt
Gott!« und fuhr weiter. Sie hatte wohl Grund gehabt, zu glauben, daß er
sie kenne. Er hatte ja das Dirnlein vom Moorhof oftmals als Kind
gesehen; aber sie hatte sich verändert, seit sie herangewachsen war.
Zuerst war er sehr froh, die Reisekameradin los zu sein, aber allmählich
begann er mit sich selbst unzufrieden zu werden. Er hätte kaum anders
handeln können, aber er war nicht gern grausam gegen irgend jemand.

Ein kleines Weilchen, nachdem Gudmund sich von Helga getrennt hatte, bog
er von der Straße ab, fuhr ein enges Gäßchen hinaus und kam zu einem
prächtigen großen Bauernhof. Als Gudmund vor dem Hause anhielt, öffnete
sich die Eingangstür, und eine der Töchter zeigte sich auf der Schwelle.
Gudmund zog den Hut und grüßte, und dabei huschte eine leichte Röte über
sein Gesicht. »Ich möchte wohl wissen, ob der Herr Amtmann daheim ist,«
sagte er. -- »Nein, Vater ist zum Thing gefahren,« antwortete die
Tochter. -- »So, so, ist er schon fort?« sagte Gudmund. »Ich bin
hergekommen, um zu fragen, ob der Herr Amtmann nicht mit mir fahren
möchte. Ich will auch zum Thing.« -- »Ach, Vater ist immer so
überpünktlich,« klagte die Tochter. -- »Es ist ja weiter kein Schade
geschehen,« sagte Gudmund. -- »Vater wäre gewiß gern mit einem so
prächtigen Pferd und in einem so schmucken Wagen gefahren,« sagte das
Mädchen freundlich. Gudmund lächelte ein wenig, als er das Lob hörte.
-- »Ja, da muß ich also wieder abziehen,« sagte er. -- »Du willst nicht
hereinkommen, Gudmund?« -- »Danke schön, Hildur, aber ich muß ja zum
Thing. Ich darf nicht zu spät kommen.«

Gudmund fuhr nun gerades Wegs zum Thinghause. Er war sehr vergnügt und
dachte nicht mehr an seine Begegnung mit Helga. Es war doch schön, daß
gerade Hildur herausgekommen war, und daß sie den Wagen und die Decke
und das Pferd und das Sattelzeug gesehen hatte. Sie hatte wohl alles
bemerkt.

Es war das erste Mal, daß Gudmund auf einem Thing war. Er fand, daß es
da sehr viel zu hören und zu erfahren gäbe, und blieb den ganzen Tag
dort. Er saß im Thingsaal, als Helgas Sache geführt wurde, und sah, wie
sie die Bibel an sich riß und Gerichtsdienern und Richter standhielt.
Als alles zu Ende war, und der Richter Helga die Hand gedrückt hatte,
stand Gudmund hastig auf und verließ den Saal. Rasch spannte er das
Pferd vor den Wagen und fuhr zur Treppe hin. Er fand, daß Helga sehr
tapfer gewesen war, und nun wollte er sie ehren. Aber sie war so
verschüchtert, daß sie seine Absicht nicht verstand, sondern sich vor
der Ehre, die ihr zugedacht war, flüchtete.

An demselben Tag kam Gudmund spät abends zum Moorhof. Das war ein
kleines Gehöft auf dem Abhang des bewaldeten Hügels, der das Kirchspiel
abschloß. Der Weg, der hinführte, war nur im Winter bei Schlittenbahn
fahrbar, und Gudmund hatte zu Fuß gehen müssen. Es war ihm recht sauer
geworden, vorwärts zu kommen. Fast hätte er sich an Stock und Stein die
Beine gebrochen, auch hatte er Bäche durchwaten müssen, die den Pfad an
mehreren Stellen durchschnitten. Wäre nicht Vollmond gewesen, so hätte
er überhaupt nicht hinfinden können; und er dachte, daß das ein
beschwerlicher Weg wäre, den Helga an diesem Tag hatte gehen müssen.

Der Moorhof lag an einer ausgerodeten Stelle, etwa auf halber Höhe des
Hügels. Gudmund war noch nie dort gewesen, aber er hatte den Ort oftmals
unten vom Tale aus gesehen und kannte ihn genügend, um zu wissen, daß er
richtig gegangen war.

Rings um die ausgerodete Stelle zog sich ein Reisigzaun, der sehr dicht
und sehr schwer zu übersteigen war. Er sollte wohl gleichsam eine Wehr
und ein Hort gegen die Wildnis sein, die das Gehöft umgab. Die Hütte
selbst stand am oberen Rand der Einzäunung. Davor breitete sich ein
abschüssiger Hof aus, mit kurzem, grünem Gras bewachsen, und unterhalb
des Hofes lagen ein paar graue Schuppen und ein Keller mit grünem
Torfdach. Es war ein geringes und ärmliches Anwesen, aber es ließ sich
nicht leugnen, daß es dort oben schön war. Das Moor, nach dem das
Gütchen seinen Namen hatte, lag irgendwo in der Nähe und sandte Nebel
empor, die sich im Mondschein prachtvoll und silberglänzend heranwälzten
und einen Kranz um den Hügel bildeten. Der höchste Gipfel ragte noch aus
dem Nebel empor. Und der Kamm, der zackig von Tannen war, zeichnete sich
scharf gegen den Himmel ab. Unten über dem Tal lag der Mondschein so
hell, daß man die Felder und Gehöfte und einen geschlängelten Bach
unterscheiden konnte, über dem der Nebel wie der leichteste Duft
schwebte. Es war nicht weit dort hinunter, aber das Seltsame war, daß
das Tal wie eine fremde Welt dalag, mit der das, was dem Wald angehörte,
nichts gemein hatte. Es war, als wenn die Menschen, die hier auf dem
Waldgut hausten, immer unter diesen Bäumen gehen müßten. Sie konnten
unten im Tale ebensowenig fortkommen wie Auerhähne und Bergeulen und
Luchse und Heidelbeerkraut.

Gudmund ging über die Wiese auf die Hütte zu. Durch das Fenster drang
Feuerschein, die Scheiben waren nicht verhangen; er warf einen Blick
hinein, um zu sehen, ob Helga in der Hütte wäre. Auf einem Tisch am
Fenster brannte ein kleines Lämpchen, und davor saß der Hausvater und
flickte alte Schuhe. Im Hintergrunde des Zimmers neben dem Herd, auf dem
ein schwaches Feuer brannte, saß die Hausmutter. Sie hatte den
Spinnrocken vor sich, aber hatte zu arbeiten aufgehört, um mit einem
kleinen Kinde zu spielen. Sie hatte es aus der Wiege genommen, und man
hörte es bis zu Gudmund hinaus, wie sie mit ihm lachte und scherzte.
Ihr Gesicht war von vielen Runzeln durchfurcht, und sie sah strenge aus;
aber wie sie sich so über das Kind beugte, bekam ihr Gesicht einen
sanften Ausdruck, und sie lächelte dem Kleinen ebenso zärtlich zu wie
nur seine eigene Mutter.

Gudmund spähte nach Helga aus, konnte sie aber in keinem Winkel der
Hütte entdecken. Da schien es ihm am besten, draußen zu bleiben, bis sie
käme. Er wunderte sich, daß sie noch nicht zu Hause war. Vielleicht wäre
sie auf dem Heimweg bei Bekannten eingekehrt, sich auszuruhen und einen
Imbiß zu nehmen? Aber bald müßte sie auf jeden Fall kommen, wenn sie vor
Einbruch der Nacht unter Dach sein wollte.

Gudmund blieb eine Weile mitten im Hof stehen und horchte nach Schritten
aus. Es war ganz ruhig. Kein Lüftchen regte sich. Es kam ihm vor, als ob
ihn nie vorher eine solche Stille umgeben hätte. Es war, als hielte der
ganze Wald den Atem an und stünde da und wartete auf etwas Merkwürdiges.

Niemand ging durch den Wald. Kein Zweiglein wurde geknickt, und kein
Stein rollte. Helga war wohl noch lange nicht zu erwarten. »Ich möchte
wohl wissen, was sie sagen wird, wenn sie sieht, daß ich hier bin,«
dachte Gudmund. »Sie wird vielleicht schreien und in den Wald laufen und
sich die ganze Nacht nicht heimwagen.«

Dabei fiel ihm ein, es sei doch recht sonderbar, daß er nun auf einmal
soviel mit dieser Häuslerdirne zu schaffen hatte.

Als er vom Thing heim kam, war er wie gewöhnlich zu seiner Mutter
hineingegangen, ihr alles zu erzählen, was er während des Tages erlebt
hatte. Gudmunds Mutter war klug und hochsinnig und hatte es immer
verstanden, gegen den Sohn so zu sein, daß er noch ebensoviel Vertrauen
zu ihr hatte wie einst als Kind. Seit mehreren Jahren war sie krank und
konnte nicht gehen, sondern saß den ganzen Tag still in ihrem Lehnstuhl.
Es war immer eine gute Stunde für sie, wenn Gudmund von einer Reise
heimkam und ihr Neuigkeiten brachte.

Als Gudmund nun von Helga vom Moorhof erzählte, sah er, daß die Mutter
gedankenvoll wurde. Lange saß sie stumm da und sah gerade vor sich hin.
»Es scheint doch ein guter Kern in diesem Mädchen zu stecken,« sagte sie
dann. »Man darf keinen verwerfen, weil er einmal ins Unglück gekommen
ist. Es kann wohl sein, daß sie sich dem, der ihr jetzt beistünde,
dankbar erweisen würde.«

Gudmund begriff sogleich, woran die Mutter dachte. Sie konnte sich nicht
mehr selbst helfen, sondern mußte beständig jemand um sich haben, der
ihr zu Diensten stand. Aber es war immer schwer, jemand zu finden, der
auf diesem Platz bleiben wollte. Die Mutter war anspruchsvoll und nicht
leicht zu befriedigen, und außerdem wollten alle jungen Mägde lieber
eine andre Arbeit haben, bei der sie mehr Freiheit genossen. Nun war es
sicherlich der Mutter eingefallen, daß sie die Helga vom Moorhof in
Dienst nehmen könnte, und Gudmund fand, daß dies ein guter Vorschlag
sei. Helga würde der Mutter sicherlich sehr ergeben sein. Es wäre wohl
möglich, daß ihnen auf diese Weise für lange geholfen wäre.

»Am schwersten wird es mit dem Kinde sein,« sagte die Mutter nach einer
Weile, und Gudmund begriff, daß sie ernsthaft an die Sache dachte. --
»Das muß wohl bei den Großeltern bleiben,« sagte Gudmund. -- »Es ist
nicht ausgemacht, daß sie sich von ihm trennen will.« -- »Sie wird es
sich abgewöhnen müssen, daran zu denken, was sie will und nicht will.
Ich finde, daß sie förmlich verhungert aussieht. Dort oben auf dem
Moorhof ist wohl Schmalhans Küchenmeister.«

Darauf antwortete die Mutter nichts, sondern begann von etwas anderm zu
sprechen. Man merkte, daß ihr neue Bedenklichkeiten aufstiegen, die sie
verhinderten, einen Entschluß zu fassen.

Gudmund begann nun zu erzählen, wie er den Amtmann auf Älvåkra
aufgesucht und Hildur getroffen hatte. Er berichtete, was sie über das
Pferd und den Wagen gesagt hatte, und es war leicht zu merken, daß er
sich der Begegnung freute. Auch die Mutter schien sehr vergnügt. Wie sie
so unbeweglich in ihrem Lehnstuhl saß, war es ihre stete Beschäftigung,
Pläne für die Zukunft des Sohnes auszuspinnen; und sie war zuerst auf
den Gedanken verfallen, daß er es versuchen solle, um die schöne
Amtmannstochter zu werben. Das war die prächtigste Heirat, die er
machen konnte. Der Amtmann war ein richtiger Großbauer. Er hatte den
größten Hof im Kirchspiel und viel Macht und viel Geld. Es war
eigentlich töricht, zu hoffen, daß er sich mit einem Eidam begnügen
würde, der kein größeres Vermögen hatte als Gudmund, aber es war
immerhin möglich, daß er sich nach dem richtete, was seine Tochter
wollte. Und daß Gudmund Hildur gewinnen könnte, wenn er es nur wollte,
davon war die Mutter fest überzeugt.

Dies war das erste Mal, daß Gudmund die Mutter merken ließ, wie der
Gedanke bei ihm Wurzel geschlagen hatte, und sie sprachen nun ein langes
und breites von Hildur und von allen den Reichtümern und Vorteilen, die
dem zufallen würden, der sie einmal bekäme. Aber bald stockte das
Gespräch wieder, weil die Mutter von neuem in ihre Grübeleien versunken
war. »Könntest du diese Helga nicht holen lassen? Ich möchte sie doch
sehen, bevor ich sie in meine Dienste nehme,« sagte sie schließlich. --
»Das ist schön, daß du dich ihrer annehmen willst, Mutter,« entgegnete
Gudmund und dachte bei sich: wenn die Mutter eine Pflegerin bekäme, mit
der sie zufrieden wäre, würde seine Gattin hier daheim ein behaglicheres
Leben führen. »Du wirst sehen, daß du mit dem Mädchen zufrieden sein
wirst,« fuhr er fort. -- »Es ist ja auch ein gutes Werk, sich ihrer
anzunehmen,« sagte die Mutter.

Als es zu dämmern begann, begab sich die Kranke zu Bett, und Gudmund
ging in den Stall, um die Pferde zu striegeln. Es war schönes Wetter,
die Luft war klar, und der ganze Hof lag vom Mondschein übergossen da.
Da fiel es ihm ein, daß er schon heute in den Moorhof gehen und die
Botschaft der Mutter bestellen könne. Wäre morgen schönes Wetter, dann
würde man es so eilig haben, den Hafer einzubringen, daß weder er noch
irgend ein andrer Zeit hätte, hinzugehen.

Als jetzt Gudmund vor dem Moorhof stand und horchte, hörte er zwar keine
Schritte; doch andre Laute durchschnitten in kurzen Abständen die
Stille. Es war ein stilles Klagen, ein sehr leises und ersticktes
Jammern und dann hie und da ein Aufschluchzen. Gudmund glaubte zu
merken, daß die Laute von dem Schuppen herkämen, und ging auf diesen zu.
Als er sich näherte, hörte das Schluchzen auf; aber es war offenbar, daß
sich drinnen jemand in der Holzkammer regte. Mit einem Male begriff
Gudmund, wer dort drinnen war. »Bist du es, Helga, die da drinnen sitzt
und weint?« rief er und stellte sich in die Türöffnung, damit das
Mädchen nicht entwischen könnte, ehe er mit ihm gesprochen hätte.

Wieder wurde es ganz still. Gudmund hatte wohl recht geraten: es war
Helga, die da saß und weinte; aber sie versuchte das Schluchzen zu
unterdrücken, damit Gudmund glaubte, er habe sich verhört, und seiner
Wege ginge. Es war stockfinster in dem Schuppen, und sie wußte, daß er
sie nicht sehen konnte.

Aber Helga war an diesem Abend in solcher Verzweiflung, daß es ihr
nicht leicht fiel, die Tränen zurückzudrängen. Sie war noch nicht in der
Hütte gewesen und hatte die Eltern noch nicht begrüßt. Sie hatte nicht
den Mut dazu gehabt. Als sie in der Dämmerung den steilen Hügel
hinaufstieg und daran dachte, daß sie den Eltern jetzt sagen müßte, sie
habe keinen Erziehungsbeitrag von Per Martensson zu erwarten, da hatte
sie solche Angst vor den harten und grausamen Worten bekommen, die sie
ihr sagen würden, daß sie es nicht wagte, hineinzugehen. Sie gedachte
draußen zu bleiben, bis sie sich zu Bett gelegt hätten; dann brauchte
sie vielleicht nicht vor dem nächsten Tage von der unglückseligen Sache
zu sprechen. Und so hatte sie sich in dem Holzschuppen versteckt. Aber
während sie so dasaß und fror und hungerte, kam es ihr erst recht zu
Bewußtsein, wie unglücklich und ausgestoßen sie war. Alle Schmach und
Angst, die sie hatte erleiden müssen, und alle Schmach und Angst, die
ihrer noch harrten, stand vor ihr und drückte sie mit Bleischwere zu
Boden. Sie weinte über sich selbst, darüber, daß sie so elend war, und
daß niemand etwas von ihr wissen wollte. Sie erinnerte sich, wie sie
einmal als Kind in einen Morast gefallen und gleich untergesunken war.
Je mehr sie sich gemüht hatte, in die Höhe zu kommen, desto tiefer war
sie gesunken. Alle Büsche und Sträucher, nach denen sie gegriffen,
hatten nachgegeben. So war es auch jetzt. Alles, wonach sie zu greifen
versuchte, um sich aufrechtzuhalten, ließ sie im Stich. Niemand wollte
ihr helfen. Damals, als sie ins Moor versinken wollte, war schließlich
ein Hirtenbub gekommen und hatte sie herausgezogen; jetzt aber kam
niemand, sie zu retten. Jetzt war es gewiß ihre Bestimmung, zugrunde zu
gehen.

Als Helga das Moor in den Sinn kam, wurde es ihr mit einem Male klar:
das beste, was sie tun konnte, war, dorthin zu gehn, in den Schlamm
hinauszuwandern und sich einsinken und begraben zu lassen. Wenn eine so
elend wäre, daß kein Mensch etwas mit ihr zu tun haben wollte, dann
könnte sie wohl gar nichts Besseres tun als sterben. Es wäre auch für
das Kind das Beste, wenn sie fortginge; denn Helgas Mutter hatte es
gern, obgleich sie es nicht zeigen wollte, wenn Helga daheim war. Aber
wenn Helga einmal für immer aus dem Wege wäre, dann würde sich die
Großmutter des Kindes wohl so annehmen, als wäre es ihr eigenes.

Sie begriff nicht, daß sie mitten in ihrem größten Elend etwas getan
hatte, wodurch den Leuten eine bessere Meinung über sie gegeben würde.
Ihr wurde mit jedem Augenblick gewisser, daß das Moor der einzige
Zufluchtsort für sie sei. Und je klarer sie dies einsah, desto mehr
weinte sie.

Es war darum nicht so leicht für sie, die Tränen zu unterdrücken. Es
dauerte nicht lange, so begann sie von neuem zu schluchzen.

Gudmund war nichts verhaßter, als wenn Weibsleute weinten. Er hatte die
größte Lust, auf und davon zu laufen; aber er sagte sich, wenn er sich
nun einmal die Mühe gemacht hätte, zur Hütte hinaufzuklettern, müßte er
seinen Auftrag auch ausführen.

»Was ist dir denn?« sagte er in barschem Ton zu Helga. »Warum gehst du
nicht ins Haus?« -- »Ach, ich getraue mich nicht,« antwortete Helga, und
ihre Zähne schlugen aufeinander. »Ich getraue mich nicht.«

»Wovor hast du denn Angst? Du hast dich doch heute morgen gegen
Gerichtsdiener und Richter tapfer gehalten. Da kannst du wohl nicht vor
deinen leiblichen Eltern Angst haben.« -- »O ja, o ja, die sind viel
schlimmer als alle andern.« -- »Warum sollten sie denn gerade heute so
böse sein?« -- »Ich bekomme ja kein Geld.« -- »Na, du bist doch ein so
tüchtiges Mädel, daß du für dich und dein Kind das Brot verdienen
kannst.« -- »Ja, aber mich will doch niemand nehmen.«

Plötzlich fiel es Helga ein, daß die Eltern ihre Stimmen hören und
herauskommen und fragen könnten, wer da spräche. Und dann wäre sie
gezwungen, ihnen alles zu erzählen. Dann könnte sie sich nicht in das
Moor retten. Und in ihrem Schrecken sprang sie auf und wollte an Gudmund
vorbeieilen. Aber er kam ihr zuvor. Er packte sie am Arm und hielt sie
fest. -- »Nein! Du kommst nicht davon, bis ich nicht mit dir gesprochen
habe.« -- »Laß mich gehen,« rief sie und blickte ihn wild an. -- »Du
siehst aus, als wenn du ins Wasser gehen wolltest,« sagte er; denn jetzt
stand sie draußen im Mondschein, und er konnte ihr Gesicht sehen. --
»Ja, das würde wohl auch niemand etwas angehen, wenn ich das täte,«
sagte Helga und warf dabei den Kopf zurück und sah ihm gerade in die
Augen. »Heute morgen wolltest du mich nicht einmal rückwärts auf deinem
Wagen mitfahren lassen. Niemand will etwas mit mir zu tun haben. Da mußt
du doch selbst einsehen, daß es für solch ein armes Wurm, wie mich, am
besten ist, wenn ich ein Ende mache.«

Gudmund wußte nicht, was er beginnen solle. Er wünschte sich weit weg,
aber er fühlte auch, daß er einen Menschen in solcher Verzweiflung nicht
verlassen konnte. »Hör mich jetzt an! Versprich nur, daß du anhörst, was
ich dir zu sagen habe. Dann kannst du gehen, wohin du willst.« -- Ja,
das versprach sie. -- »Kann man hier nirgends sitzen?«

»Drüben steht doch der Hackblock.« -- »Also geh hin und setze dich und
sei still!« Sie ging ganz gehorsam hin und setzte sich. -- »Weine jetzt
nicht mehr!« sagte er; denn es war ihm, als finge er an, Macht über sie
zu gewinnen. Aber das hätte er nicht sagen sollen, denn sie ließ
sogleich den Kopf in die Hände sinken und weinte heftiger denn je.

»Weine nicht!« sagte er und war nahe daran, mit dem Fuß auf die Erde zu
stampfen. »Es gibt genug Leute, denen es schlechter geht als dir.« --
»Nein, keinem kann es schlechter gehen.« -- »Du bist jung und gesund, du
solltest nur wissen, wie es meiner Mutter geht. Sie ist von Schmerzen so
geplagt, daß sie sich nicht rühren kann, aber sie klagt nie.« -- »Sie
ist nicht so verlassen von allen wie ich.« -- »Du bist auch nicht
verlassen. Ich habe mit Mutter über dich gesprochen, und Mutter hat mich
zu dir geschickt.« Das Schluchzen hörte auf. Man vernahm gleichsam das
große Schweigen des Waldes, als ob der den Atem anhielte und auf etwas
Wunderbares wartete. »Ich soll dir bestellen, daß du morgen zu Mutter
kommst, damit sie dich sieht. Mutter gedenkt dich zu fragen, ob du zu
uns in Dienst gehen willst.« -- »Das will sie mich fragen?« -- »Ja, aber
zuerst will sie dich sehen.« -- »Weiß sie, daß ...?« -- »Sie weiß
ebensoviel von dir wie alle andern.«

Mit einem Schrei des Staunens und der Freude sprang das Mädchen auf, und
im nächsten Augenblick fühlte Gudmund ein paar Arme um seinen Hals. Er
erschrak förmlich, und sein erster Gedanke war, sich loszureißen. Aber
dann faßte er sich und blieb stehen. Er begriff, daß das Mädchen so
außer sich vor Freude war, daß sie nicht wußte, was sie tat; in diesem
Augenblick hätte sie sich dem ärgsten Schurken an den Hals werfen
können, nur um in dem großen Glück, das über sie gekommen war, ein klein
wenig Mitgefühl zu finden.

»Wenn sie mich bei sich aufnehmen will, dann kann ich ja am Leben
bleiben!« sagte sie und legte den Kopf an Gudmunds Brust und weinte
wieder, aber nicht so heftig wie zuvor. »Ich kann dir jetzt sagen, daß
es mir damit Ernst war, ins Moor zu gehen,« sagte sie. »Ich danke dir,
daß du gekommen bist! Du hast mir das Leben gerettet.« Gudmund hatte
bisher unbeweglich dagestanden, jetzt aber fühlte er, wie sich etwas
warm und zärtlich in ihm zu regen begann. Er hob die Hand und strich ihr
übers Haar. Da zuckte sie zusammen, als hätte er sie aus einem Traum
geweckt, und stellte sich kerzengerade vor ihn hin. »Ich danke dir, daß
du gekommen bist!« sagte sie noch einmal. Sie war flammend rot im
Gesicht geworden, und er errötete auch.

»Ja, so kommst du also morgen zu uns,« sagte er und streckte die Hand
aus, um ihr Lebewohl zu sagen. -- »Ich werde nie vergessen, daß du heute
abend zu mir gekommen bist,« sagte Helga, und die große Dankbarkeit
bekam die Oberhand über ihre Befangenheit. »Ach ja, es ist vielleicht
ganz gut, daß ich da war,« sagte er ruhig, fühlte sich aber doch recht
zufrieden mit sich selbst. -- »Jetzt gehst du doch ins Haus?« sagte er.
-- »Ja, jetzt werde ich wohl hineingehen.«

Gudmund hatte plötzlich eine solche Freude an Helga, wie man sie an
einem hat, dem man hat helfen können. Er stand da und zauderte und
wollte nicht gehen. »Ich möchte dich gern unter Dach und Fach sehen,
bevor ich gehe.« -- »Ich dachte, sie sollten sich lieber erst
niederlegen, bevor ich hineingehe.« -- »Nein, du mußt gleich gehen,
damit du etwas zu essen kriegst und unter Dach kommst,« sagte er und
fand es recht vergnüglich, so für sie zu sorgen.

Sie ging sogleich auf die Hütte zu, und er kam mit, ganz zufrieden und
stolz, daß sie ihm gehorchte. Als sie auf der Schwelle stand, sagten sie
sich noch einmal Lebewohl. Aber kaum hatte er ein paar Schritte gemacht,
als sie ihm nachkam. »Bleib hier draußen stehen, bis ich drinnen bin! Es
geht leichter, wenn ich weiß, daß du draußen bist.« -- »Ja,« sagte er,
»ich werde hier bleiben, bis du das Ärgste überstanden hast.«

Nun öffnete Helga die Hüttentür, und Gudmund merkte, daß sie sie leicht
angelehnt ließ. Gleichsam, damit sie sich nicht allzu abgetrennt von dem
Helfer fühle, der dort draußen stand. Er machte sich auch kein Gewissen
daraus, alles zu hören und zu sehen, was drinnen in der Hütte geschah.

Die Alten nickten Helga, als sie eintrat, freundlich zu. Die Mutter
legte sogleich das Kind in die Wiege, ging dann zum Schrank und holte
einen Laib Brot und eine Schale Milch und stellte sie auf den Tisch.

»Bist du da? Setz dich jetzt und iß,« sagte sie. Dann ging sie zum Herd
und legte ein Stück Holz nach. »Ich habe das Feuer nicht ausgehen
lassen, damit du dir die Kleider trocknen und dich erwärmen kannst, wenn
du kommst. Aber iß jetzt zuerst! Das hast du wohl am nötigsten.«

Helga war die ganze Zeit an der Tür stehen geblieben. »Ihr sollt mich
nicht so gut aufnehmen, Mutter,« sagte sie mit leiser Stimme. »Ich
bekomme kein Geld von Per. Ich habe auf die Unterstützung verzichtet.«
»Es ist heute Abend schon jemand dagewesen, der bei dem Thing war und
gehört hat, wie es dir ergangen ist,« sagte die Mutter. »Wir wissen
alles.«

Helga blieb an der Tür stehen und machte, als wüßte sie weder aus noch
ein.

Da legte der Vater die Arbeit nieder, schob die Brille auf die Stirn und
räusperte sich, um eine Rede zu halten, die er den ganzen Abend
überdacht hatte. »Es ist nämlich so, Helga,« sagte er: »Mutter und ich,
wir wollten immer anständige und ehrliche Leute sein. Aber dann ist es
uns vorgekommen, als ob du Unehre über uns gebracht hättest. Es war so,
als hätten wir dich nicht gelehrt, zwischen Gut und Böse zu
unterscheiden. Aber als wir nun hörten, was du heute getan hast, da
sagten wir uns, Mutter und ich, daß die Leute jetzt doch sehen können,
daß du eine ordentliche Erziehung genossen hast, und wir denken, daß wir
vielleicht auch noch Freude an dir erleben können. Und Mutter wollte
nicht, daß wir uns niederlegen, ehe du da bist, damit du doch eine
ordentliche Heimkehr hast.«


3

Helga vom Moorhof kam jetzt nach Närlunda, und da ging alles gut. Sie
war willig und anstellig und dankbar für jedes freundliche Wort, das man
ihr sagte. Sie fühlte sich immer als die Geringste und wollte sich nie
vordrängen. Es dauerte nicht lange, so hatten Herrschaft und Gesinde sie
lieb gewonnen.

In den ersten Tagen sah es aus, als fürchte sich Gudmund, mit Helga zu
sprechen. Er hatte Angst, daß das Mädchen sich etwas einbilde, weil er
ihr zu Hilfe gekommen war. Aber dies war eine unnötige Sorge. Helga
hielt ihn für viel zu herrlich und hoch, als daß sie gewagt hätte, ihre
Blicke zu ihm zu erheben. Und Gudmund merkte auch bald, daß er sie nicht
fernzuhalten brauchte. Sie war vor ihm scheuer als vor irgend jemand.

In demselben Herbst, da Helga nach Närlunda kam, machte Gudmund viele
Besuche bei der Familie des Amtmanns auf Älvåkra, und es wurde viel
darüber gesprochen, daß er alle Aussicht hätte, dort im Hause
Schwiegersohn zu werden. Volle Gewißheit, daß seine Werbung Erfolg
hatte, erhielten die Leute jedoch erst zu Weihnachten. Da kam der
Amtmann mit Frau und Tochter nach Närlunda, und es war ganz klar, daß
sie nur hierher gefahren waren, um zu sehen, wie es Hildur gehen würde,
wenn sie sich mit Gudmund verheiratete.

Das war das erste Mal, daß Helga das Mädchen, welches Gudmund heimführen
wollte, aus der Nähe sah. Hildur Erikstochter war noch nicht zwanzig
Jahre, aber das Merkwürdige an ihr war, daß niemand sie ansehen konnte,
ohne zu denken, welche stattliche und prächtige Hausmutter einmal aus
ihr werden würde. Sie war hochgewachsen, stark gebaut, blond und schön,
und sah aus, als wenn sie gerne für viele um sich zu sorgen hätte. Sie
war nie scheu oder verschüchtert, sondern sprach viel und schien alles
besser zu wissen als der, mit dem sie sprach. Sie war ein paar Jahre in
der Stadt zur Schule gegangen und trug die schönsten Kleider, die Helga
je gesehen hatte, aber sie machte keinen eiteln oder prunkliebenden
Eindruck. Reich und schön, wie sie war, hätte sie wohl jeden Tag einen
Mann von Stand heiraten können, aber sie sagte immer, sie wolle keine
feine Dame werden und mit den Händen im Schoß dasitzen. Sie wollte einen
Bauer heiraten und ihr Haus selbst versehen wie eine richtige Bäuerin.

Hildur schien Helga als ein wahres Wunder. Nie hatte sie jemand gesehen,
der so prächtig aufgetreten wäre. Sie hätte nicht geglaubt, daß ein
Mensch in allen Stücken so vollkommen sein könnte. Und es däuchte sie
ein großes Glück, in Zukunft einer solchen Frau zu dienen.

Bei dem Besuch der Amtmannsfamilie war alles gut abgelaufen; aber wenn
Helga an den Tag zurückdachte, empfand sie eine gewisse Unruhe. Als die
Fremden gekommen waren, war sie herumgegangen und hatte den Kaffee
gereicht. Wie sie nun mit den Kannen hereinkam, hatte die Frau des
Amtmanns sich zu ihrer Herrin vorgebeugt und sie gefragt, ob das nicht
das Mädchen vom Moorhof sei. Sie hatte die Stimme nicht sehr gesenkt, so
daß Helga die Frage deutlich hörte. Mutter Ingeborg hatte Ja gesagt, und
da hatte die andre etwas geantwortet, was Helga nicht hören konnte. Aber
es war so etwas gewesen, als ob sie es wunderlich fände, daß sie eine
solche Person im Hause dulde. Dies bereitete Helga sehr viel Kummer,
aber sie suchte sich damit zu trösten, daß es die Mutter und nicht
Hildur war, die diese Worte gesprochen hatte.

An einem Sonntag im Vorfrühling fügte es sich, daß Helga und Gudmund
zusammen aus der Kirche kamen. Als sie über den Kirchenhügel wanderten,
waren sie inmitten einer großen Schar von andern Kirchenbesuchern
gegangen; aber bald bog einer nach dem andern ab, und schließlich waren
Helga und Gudmund allein.

Da fiel es Gudmund ein, daß er seit jenem Abend auf dem Moorhof nicht
mehr mit Helga allein gewesen war, und die Erinnerung daran kam nun in
voller Stärke wieder. Recht oft während des Winters hatte er an ihre
erste Begegnung gedacht und dabei immer gefühlt, wie etwas Süßes und
Wohliges seinen Sinn durchbebte. Wenn er allein bei der Arbeit war,
pflegte er sich die ganze schöne Nacht wieder zurückzurufen: den weißen
Nebel, den starken Mondschein, die schwarze Waldeshöhe, das lichte Tal
und dann das Mädchen, das die Arme um seinen Hals geschlungen und vor
Freude geweint hatte. Je öfter er sich den Vorfall zurückrief, desto
schöner wurde er. Aber wenn Gudmund Helga daheim unter den andern in
Arbeit und Plage umhergehen sah, dann konnte er sich nur schwer
vorstellen, daß sie mit dabei gewesen war. Jetzt aber, wo er allein mit
ihr den Kirchenweg entlang ging, konnte er es nicht lassen, sich zu
wünschen, daß sie für ein Weilchen dieselbe wäre wie an jenem Abend.

Helga begann sogleich von Hildur zu sprechen. Sie rühmte sie sehr,
sagte, daß sie das schönste und klügste Mädchen in der ganzen Umgegend
sei, und beglückwünschte Gudmund dazu, daß er eine so ausgezeichnete
Frau bekäme. »Du mußt ihr sagen, daß sie mich immer auf Närlunda bleiben
läßt,« sagte sie. »Es wird so schön sein, unter einer solchen Frau zu
dienen.«

Gudmund lächelte über ihren Eifer, gab ihr jedoch nur einsilbige
Antworten, als wären seine Gedanken nicht recht dabei. Aber es war ja
recht, daß ihr Hildur so gut gefiel, und daß sie sich über seine Heirat
so freute.

»Du bist diesen Winter doch gern bei uns gewesen?« fragte er. -- »Ja
gewiß. Ich kann gar nicht sagen, wie gut Mutter Ingeborg und ihr alle
gegen mich wart.« -- »Hast du dich nach dem Walde gesehnt?« -- »Ach ja,
anfangs wohl, aber jetzt nicht mehr.« -- »Ich glaubte, wer im Wald
daheim ist, kann es nicht lassen, sich hinzusehnen.«

Helga wendete sich halb um und sah ihn an, der auf der andern Seite des
Weges ging. Gudmund war ihr in letzter Zeit ganz fremd geworden, aber
jetzt lag etwas in seinem Tonfall und seinem Lächeln, das sie
wiedererkannte. Ja, er war doch derselbe, der in ihrer höchsten Not
gekommen war und sie gerettet hatte. Obgleich er sich mit einer andern
verheiraten wollte, war sie dessen gewiß, daß er ihr ein guter Freund
und getreuer Helfer bleiben würde.

Es wurde ihr so leicht ums Herz; sie fühlte, daß sie Vertrauen zu ihm
haben könnte wie zu keinem andern, und es war ihr, als müßte sie ihm
alles erzählen, was ihr geschehen war, seit sie zuletzt miteinander
gesprochen hatten. »Ich will dir sagen, daß ich in den ersten Wochen auf
Närlunda eine recht schwere Zeit hatte,« begann sie. »Aber du darfst es
Mutter Ingeborg nicht wiedererzählen.« -- »Wenn du willst, daß ich
schweigen soll, so schweige ich.« -- »Denk dir nur, daß ich anfangs so
furchtbares Heimweh hatte! Ich war drauf und dran, wieder in den Wald
hinaufzulaufen.« -- »Du hattest Heimweh? Ich glaubte, du wärst froh, bei
uns zu sein.« -- »Ich konnte nichts dafür,« sagte sie entschuldigend.
»Ich sah wohl ein, welches Glück es für mich war, hier sein zu dürfen.
Ihr wart alle so freundlich gegen mich, und die Arbeit war nicht zu
schwer; aber ich sehnte mich doch. Irgend etwas zog und lockte und
wollte mich in den Wald zurückführen. Es war mir, als verriete ich
einen, der ein Recht auf mich hatte, wenn ich unten im Tale blieb.«

»Das war vielleicht ...« begann Gudmund, aber er hielt mitten im Satz
inne. -- »Nein, es war nicht der Kleine, nach dem ich mich sehnte. Ich
wußte ja, daß es ihm gut ging, und daß Mutter freundlich zu ihm war. Es
war nichts Bestimmtes. Ich hatte das Gefühl, als wäre ich ein wilder
Vogel, den man in einen Käfig gesperrt hat, und ich glaubte, ich müßte
sterben, wenn man mich nicht losließ.«

»Nein, daß es dir so schlecht ging!« sagte Gudmund, und dabei lächelte
er; denn jetzt kam es ihm mit einem Male vor, als ob er sie erst
wiedererkennte. Jetzt war es, als läge nichts zwischen ihnen, sondern
als hätten sie sich erst am vorigen Abend oben auf dem Moorhof
voneinander getrennt. Helga lächelte wieder, sie fuhr jedoch fort, von
ihrer Qual zu sprechen. »Keine Nacht schlief ich,« sagte sie; »kaum
hatte ich mich niedergelegt, so begannen die Tränen zu fließen, und wenn
ich am Morgen aufstand, war das Kopfkissen ganz naß. Am Tag, wenn ich
unter euch andern herumging, konnte ich das Weinen unterdrücken; aber
sowie ich allein war, schossen mir die Tränen in die Augen.«

»Du hast schon viel geweint in deinem Leben,« sagte Gudmund, aber sah
gar nicht mitleidig aus, als er diese Bemerkung machte. Helga war es,
als ob er die ganze Zeit mit einem unterdrückten Lachen einherginge. --
»Du kannst dir gar nicht denken, wie schlecht es mir ging,« sagte sie
und sprach immer lebhafter, in dem Bestreben, sich ihm verständlich zu
machen. »Es kam eine Sehnsucht über mich, die mich von mir selbst
forttrug. Keinen Augenblick konnte ich mich glücklich fühlen. Nichts war
schön, nichts war vergnüglich, keinen Menschen konnte ich liebgewinnen.
Ihr wart mir alle ebenso fremd wie an dem Tag, als ich zum ersten Male
in die Stube trat.«

»Aber,« verwunderte sich Gudmund, »sagtest du nicht eben, daß du bei uns
bleiben willst?« -- »Ja, gewiß sagte ich das.« -- »Du sehnst dich also
jetzt nicht mehr?« -- »Nein, es ist vorübergegangen. Ich bin geheilt.
Warte nur, du wirst schon hören!«

Als sie dies sagte, kreuzte Gudmund quer über den Weg und ging an ihrer
Seite weiter. Die ganze Zeit lächelte er. Es schien ihm Freude zu
machen, sie reden zu hören; aber er legte dem, was sie erzählte, wohl
nicht viel Gewicht bei. So allmählich kam Helga in dieselbe Stimmung. Es
schien ihr, als ob alles leicht und hell würde. Der Weg von der Kirche
war lang und beschwerlich zu gehen; aber an diesem Tage wurde sie nicht
müde. Irgend etwas schien sie zu tragen. Sie fuhr fort zu erzählen, weil
sie einmal begonnen hatte; aber es war nicht mehr so wichtig für sie,
sich auszusprechen. Sie hätte ebenso vergnügt sein können, wenn sie
stumm neben ihm einhergegangen wäre.

»Als ich am allerunglücklichsten war, bat ich Mutter Ingeborg eines
Samstagabends, mir zu erlauben, nach Hause zu gehen und über den Sonntag
daheim zu bleiben. Und als ich an diesem Abend die Hügel zum Moor
hinaufwanderte, glaubte ich felsenfest, daß ich nie mehr nach Närlunda
zurückkommen würde. Aber daheim waren Vater und Mutter so froh, daß ich
eine Stelle in einem so angesehenen Hause hatte, daß ich es nicht übers
Herz brachte, ihnen zu sagen, ich hielte es nicht aus, bei euch zu
bleiben. Sobald ich in den Wald hinaufkam, war auch alle Angst und Qual
rein verschwunden. Und es schien mir, als ob das Ganze nur eine
Einbildung gewesen wäre. Und dann war es so schwer mit dem Kind. Mutter
hatte sich seiner angenommen und es zu dem ihren gemacht. Es gehörte
mir nicht mehr. Und es war ja gut, daß es so war; aber es fiel mir doch
schwer, mich daran zu gewöhnen.«

»Vielleicht fingst du nun gar an, dich zu uns hinunter zu sehnen?« warf
Gudmund hin. -- »Ach nein. Als ich am Montag Morgen erwachte und daran
dachte, daß ich jetzt gehen müßte, kam die Sehnsucht wieder über mich.
Ich lag da und weinte und ängstigte mich, denn das einzige Rechte und
Richtige war doch, daß ich im Dienste blieb; aber ich hatte das Gefühl,
als müßte ich krank werden oder den Verstand verlieren, wenn ich
zurückkehrte. Aber da fiel mir plötzlich ein, was ich einmal gehört
hatte: wenn man ein wenig Asche aus dem Herd in seinem Hause nimmt und
sie dann auf den Herd im fremden Hause streut, dann wird man von seiner
Sehnsucht befreit.« -- »Na, das ist ein Heilmittel, das leicht
anzuwenden ist,« sagte Gudmund. -- »Ja, wenn es damit nur nicht die
Bewandtnis hätte, daß man sich nachher nirgendwo anders heimisch fühlen
kann. Geht man von dem Hause weg, in das man die Asche getragen hat,
dann sehnt man sich ebensosehr dorthin zurück, als man sich früher von
dort weggesehnt hat.« -- »Kann man die Asche nicht wieder dorthin
mitnehmen, wohin man geht?« -- »Nein, das kann man nur einmal im Leben
tun. Dann gibt es keine Umkehr. Und darum ist es ja sehr gefährlich, so
etwas zu versuchen.«

»Ich hätte nie so etwas gewagt,« sagte Gudmund, und sie hörte sehr
wohl, daß er sie nur neckte. -- »Ich hab es doch gewagt,« sagte Helga.
»Es war besser, als vor Mutter Ingeborg und dir, die mir helfen wollten,
als undankbar dazustehen. Ich nahm ein klein wenig Asche von daheim mit,
und wie ich nach Närlunda zurückkam, benützte ich einen Augenblick, wo
niemand in der Stube war, und streute sie auf die Herdplatte.«

»Und jetzt glaubst du, daß die Asche dir geholfen hat?« -- »Warte, du
wirst schon hören, wie es kam! Ich ging gleich an meine Arbeit und
dachte den ganzen Tag nicht mehr an die Asche. Ich sehnte mich ebenso
heftig wie früher, und alles war mir ebenso zuwider wie immer. Es war an
diesem Tage sehr viel drinnen und draußen zu tun; und als ich am Abend
im Stalle fertig war und ins Haus ging, war auf dem Herd schon das Feuer
angezündet.«

»Jetzt bin ich aber wirklich begierig, zu hören, wie es kam,« sagte
Gudmund. -- »Ja, denke nur, schon als ich über den Hof ging, kam es mir
vor, als ob im Feuerschein etwas Wohlbekanntes wäre, und als ich die Tür
öffnete, da hatte ich das Gefühl, daß ich in unsre eigene Stube kam, und
daß Vater und Mutter am Feuer saßen. Ja, dies flog nur an mir vorbei wie
ein Traum. Aber als ich wirklich hineinkam, da war ich ganz erstaunt,
wie schön und traulich es in der Stube war. Nie hatten Mutter Ingeborg
und ihr andern so freundlich ausgesehen wie an diesem Abend, als ihr da
im Feuerschein saßet. Es war ein köstliches Gefühl, hereinzukommen, und
das war sonst nie so gewesen. Ich war so erstaunt, daß ich fast laut
aufgeschrieen und in die Hände geklatscht hätte. Es schien mir, als ob
ihr wie verwandelt wäret. Ihr wart mir nicht mehr fremd, sondern ich
konnte mit euch über alles reden. Du kannst dir denken, daß ich mich
freute; aber dabei mußte ich mich doch immer wieder wundern. Ich fragte
mich, ob ich denn verhext wäre, und sieh, da fiel mir plötzlich die
Asche ein, die ich auf die Herdplatte gestreut hatte.«

»Ja, das ist seltsam,« sagte Gudmund. Er glaubte nicht im geringsten an
Zauber und Hexerei; aber es mißfiel ihm nicht, Helga von solchen Dingen
sprechen zu hören. »Jetzt ist doch die tolle Walddirne wieder zum
Vorschein gekommen,« dachte er. »Kann man begreifen, daß jemand, der so
viel durchgemacht hat, wie sie, noch so kindisch ist?«

»Ja, gewiß war es seltsam,« sagte Helga. »Und dasselbe hat sich den
ganzen Winter hindurch wiederholt. Sowie das Feuer im Herd brannte, war
es mir ebenso behaglich, als wenn ich daheim gewesen wäre. Aber es ist
auch etwas Seltsames mit dem Feuer. Nicht mit anderm Feuer vielleicht,
aber mit Feuer, das auf einem Herde brennt, und um das sich alle
Hausgenossen Abend für Abend versammeln. Das wird, möcht man sagen, so
vertraut mit einem. Es spielt und tanzt vor einem und prasselt, und
manchmal ist es mürrisch und schlechter Laune. Es ist, als läge es in
seiner Macht, Traulichkeit oder Unbehagen zu verbreiten. Und nun war es
mir, als wäre das Feuer von daheim zu mir gekommen, und als gäbe es
allem hier denselben traulichen Schein wie daheim.«

»Aber wenn du nun gezwungen wärest, aus Närlunda fortzugehen?« sagte
Gudmund. -- »Dann muß ich mich all mein Lebtag danach sehnen,« erwiderte
sie, und man hörte an ihrer Stimme, daß sie dies im tiefsten Ernst
sagte. -- »Ja, ich werde gewiß nicht der sein, der dich vertreibt,«
sagte Gudmund; und obgleich er lachte, lag etwas Warmes in seinem Ton.
-- Dann begannen sie kein neues Gespräch, sondern wanderten stumm bis
zum Bauernhofe. Gudmund wendete zuweilen den Kopf und sah sie an, die
neben ihm ging. Sie schien sich von der schweren Zeit, die sie im
vorigen Jahr durchgemacht hatte, erholt zu haben. Jetzt hatte sie etwas
Frisches und Rosiges. Die Züge waren klein und rein, das Haar umgab den
Kopf wie ein Heiligenschein, und aus den Augen konnte man nicht recht
klug werden. Sie ging flink und leicht. Wenn sie sprach, kamen die Worte
rasch hervor, aber dennoch scheu. Sie hatte immer Angst, verlacht zu
werden, doch mußte sie heraussagen, was sie auf dem Herzen hatte.

Gudmund fragte sich, ob er sich wünsche, daß Hildur so wäre; aber das
wollte er doch nicht. Diese Helga war nichts zum Heiraten. --

Ein paar Wochen später erfuhr Helga, daß sie im April von Närlunda fort
müsse, weil Hildur Erikstochter nicht mit ihr unter einem Dache hausen
wollte.

Ihre Herrschaft sagte ihr das nicht gerade heraus. Aber Mutter Ingeborg
begann davon zu sprechen, sie würden an ihrer neuen Schwiegertochter so
viel Hilfe haben, daß sie sich nicht so viele Dienstleute zu halten
brauchten. Ein andermal sagte sie wieder, sie habe von einer guten
Stelle gehört, wo es Helga viel besser gehen würde als bei ihnen.

Helga brauchte nicht mehr zu hören: sie verstand, daß sie fort müsse,
und erklärte sogleich, daß sie gehen wolle; aber eine andre Stelle wolle
sie nicht annehmen, sondern sie kehre nach Hause zurück.

Man merkte wohl, daß sie auf Närlunda Helga nicht aus freiem Willen
kündigten.

Am Abschiedstage war so viel Essen aufgetischt, daß es ein förmlicher
Schmaus war, und Mutter Ingeborg steckte ihr eine solche Menge Kleider
und Schuhe zu, daß sie, die nur mit einem Bündel unter dem Arm gekommen
war, ihre Besitztümer jetzt kaum in einer Kiste unterbringen konnte.

»Ich bekomme nie wieder eine so gute Magd wie dich in mein Haus,« sagte
Mutter Ingeborg. »Und denke nun nicht zu schlecht von mir, weil ich dich
ziehen lasse! Du weißt wohl, daß es nicht mit meinem Willen geschieht.
Ich werde dich nicht vergessen. Solange ich noch Macht habe, wirst du
keine Not leiden müssen.«

Sie machte mit Helga ab, daß sie ihr Laken und Handtücher weben solle.
Und sie gab ihr Arbeit für mindestens ein halbes Jahr.

Am Abschiedstage stand Gudmund im Schuppen und hackte Holz. Er kam
nicht herein, ihr Lebewohl zu sagen, obgleich das Pferd schon vor der
Tür stand. Er schien so vertieft zu sein in seine Arbeit, daß er gar
nicht merkte, was vorging. Sie mußte hinausgehen, um ihm Lebewohl zu
sagen.

Er legte die Axt hin, gab Helga die Hand, sagte etwas hastig: »Ich danke
dir für all die Zeit!« und begann dann wieder zu arbeiten. Helga hatte
sagen wollen, sie sähe ein, daß es unmöglich für ihn sei, sie zu
behalten, und daß alles ihre eigne Schuld sei. Sie selbst hätte es so
für sich eingerichtet. Aber Gudmund schlug zu, daß die Späne rings um
ihn flogen, und da konnte sie sich nicht entschließen, etwas zu sagen.

Aber das Merkwürdigste an der ganzen Sache war, daß der Bauer selbst,
der alte Erland Erlandsson, Helga zum Moorhof hinauffuhr.

Gudmunds Vater war ein kleines, trocknes Männchen mit kahlem Scheitel
und schönen, klugen Augen. Er war so verschlossen und schweigsam, daß er
zuweilen den ganzen Tag kein Wort sprach. Solange alles ging, wie es
gehen sollte, bemerkte man ihn gar nicht. Aber wenn etwas nicht klappte,
dann kam er immer und sagte und tat, was gesagt und getan werden mußte,
um alles wieder in Ordnung zu bringen. Er war sehr geschickt im
Rechnungführen und genoß unter den Männern des Kirchspiels großes
Vertrauen. Er bekam auch alle möglichen kommunalen Aufträge und war
angesehener als so mancher, der einen schönen Hof und großen Reichtum
besaß.

Erland Erlandsson also fuhr Helga auf dem schlechten Wege heim und ließ
nicht zu, daß sie bei irgendeiner steilen Stelle ausstieg. Als sie auf
dem Moorhof angelangt waren, saß er lange in der Hütte und sprach mit
Helgas Eltern und erzählte ihnen, wie zufrieden er und Mutter Ingeborg
mit ihr gewesen waren. Nur weil sie jetzt nicht mehr so viele
Dienstleute brauchten, müßten sie sie nach Hause schicken. Sie hätte
gehen müssen, weil sie die Jüngste wäre. Sie hätten es unrecht gefunden,
jemand fortzuschicken, der schon lange bei ihnen diente.

Erland Erlandssons Rede machte einen guten Eindruck, und die Eltern
bereiteten Helga einen freundlichen Empfang. Als sie dazu noch hörten,
sie hätte so große Bestellungen erhalten, daß sie sich mit ihrer Weberei
das Brot verdienen könne, waren sie es recht zufrieden, daß sie nun
daheim blieb.


4

Gudmund kam es vor, als ob er Hildur Erikstochter bis zu dem Tage
geliebt hätte, an dem sie ihm das Versprechen abgezwungen, daß Helga aus
Närlunda fort sollte. Wenigstens hatte es bis dahin niemand gegeben, den
er mehr bewundert und geachtet hätte. Kein junges Mädchen schien ihm
Hildur an die Seite gestellt werden zu können, und er war sehr stolz
darauf gewesen, daß er sie gewonnen hatte. Es war ihm auch ein lieber
Gedanke, sich die Zukunft mit ihr zusammen vorzustellen. Sie würden
reich und angesehen sein, und er hatte das sichere Gefühl, daß es sich
in dem Heim, wo Hildur das Regiment führte, gut leben lassen müßte. Er
dachte auch gern daran, daß er viel Geld haben würde, wenn er mit ihr
verheiratet wäre. Er könnte seine Wirtschaft verbessern, könnte alle
verfallnen Hütten wieder aufbauen und den Hof erweitern, so daß er ein
richtiger Großbauer würde.

An demselben Sonntag, da er mit Helga von der Kirche heimging, war er
abends nach Älvåkra gefahren. Da hatte Hildur angefangen von Helga zu
sprechen und hatte gesagt, daß sie nicht nach Närlunda kommen wolle, ehe
die Dirne von dort fort sei. Gudmund versuchte zuerst, das Ganze als
einen Scherz fortzulachen. Aber es zeigte sich bald, daß es Hildur ernst
war. Gudmund führte Helgas Sache sehr beredt; er sagte, sie sei noch so
jung gewesen, als sie in den Dienst geschickt wurde, da sei es nicht zu
verwundern, daß sie ins Unglück gekommen wäre, wo sie an einen so
schlechten Menschen geraten war wie Per Martensson. Aber seit seine
Mutter sich ihrer angenommen, hätte sie sich immer gut betragen. »Es
kann nicht Recht sein, sie wieder hinauszustoßen,« sagte er. »Da könnte
sie ja wieder ins Elend kommen.«

Aber Hildur hatte nicht nachgeben wollen. »Wenn das Mädchen auf Närlunda
bleibt, so komme ich nie hin,« sagte sie. »Ich kann eine solche Person
in meinem Hause nicht dulden.« -- »Du weißt nicht, was du tust,« sagte
Gudmund. »Niemand hat Mutter noch so gut gepflegt wie Helga. Wir sind
alle froh, daß sie zu uns gekommen ist; früher war Mutter oft
verdrießlich und schlechter Laune.« -- »Ich zwinge dich ja nicht, sie
fortzuschicken,« sagte Hildur, aber man merkte: sie war, wenn Gudmund
ihr in dieser Sache nicht den Willen täte, entschlossen, die Heirat
aufzugeben. -- »Nein, es soll so sein, wie du willst,« sagte Gudmund
schließlich. Er fand, daß er Helgas wegen doch nicht seine ganze Zukunft
aufs Spiel setzen könnte. Aber er sah sehr blaß aus, als er so nachgab,
und war den ganzen Abend schweigsam und verstimmt.

Diese Sache nun ließ Gudmund befürchten, daß Hildur vielleicht nicht
ganz so sei, wie er sie sich vorgestellt hatte. Es gefiel ihm nicht, daß
sie ihren Willen über den seinen gesetzt hatte; aber das Schlimmste war:
er konnte sich nicht verhehlen, daß sie im Unrecht war. Er sagte sich,
daß er ihr gern nachgegeben hätte, wenn sie sich großherzig gezeigt
haben würde; aber nun schien es ihm, daß sie nur kleinlich und herzlos
gewesen wäre.

Jedesmal von da an, wenn Gudmund Hildur traf, saß er und suchte und
spähte, ob das, was er in ihr zu finden geglaubt hatte, sich wieder
zeigen würde. Nun sein Mißtrauen einmal geweckt war, dauerte es nicht
lange, und er fand manches, was nicht so war, wie er es sich gewünscht
hätte. »Sie ist wohl so eine, die zu allererst an sich selbst denkt,«
murmelte er jedesmal, wenn er sich von ihr trennte, und er fragte sich,
wie lange wohl ihre Liebe zu ihm standhalten würde, wenn man sie auf die
Probe stellte. Er suchte sich damit zu trösten, daß alle Menschen
zuerst an sich selbst dächten; aber sogleich fiel ihm Helga ein. Er sah
sie vor sich, wie sie im Thingsaal gestanden und die Bibel an sich
gerissen hatte, er hörte, wie sie rief: »Ich will die Klage
zurückziehen. Ich hab ihn noch lieb. Ich will nicht, daß er falsch
schwört.« So hätte er sich Hildur gewünscht. Helga war ihm ein Maß
geworden, nach dem er die Menschen beurteilte, -- wahrlich, es gab nicht
viele, die ein so liebevolles Herz hatten.

Von Tag zu Tag gefiel ihm Hildur weniger; aber er kam nie auf den
Gedanken, daß er von der Heirat abstehen könnte. Er suchte sich
einzureden, daß sein Mißmut nichts andres sei als leere Grillen. Vor
einigen Wochen erst hatte er sie ja für die Beste gehalten, die es gäbe.

Wäre er noch am Anfang seiner Werbung gewesen, dann hätte er sich
vielleicht zurückgezogen. Aber jetzt waren sie schon aufgeboten, der
Hochzeitstag war bestimmt, und bei ihm daheim hatten sie bereits große
Ausbesserungen in Angriff genommen. Er wollte auch den Reichtum und die
gute Stellung, die ihn erwarteten, nicht preisgeben. Und welchen Grund
hätte er für einen Bruch anzuführen vermocht? Was er gegen Hildur
einzuwenden hatte, war so unbedeutend, daß es sich auf seinen Lippen in
Luft verwandeln würde, wenn er versuchen wollte, es auszusprechen.

Aber das Herz war ihm oft schwer, und jedesmal, wenn er im Kirchdorf
oder in der Stadt etwas zu besorgen hatte, ließ er sich Bier oder Wein
geben, um sich eine gute Laune anzutrinken. Wenn er ein paar Flaschen
geleert hatte, war er wieder stolz auf die Heirat und zufrieden mit
Hildur. Dann begriff er gar nicht, was ihn eigentlich quäle.

Gudmund dachte oft an Helga und empfand Sehnsucht, sie zu treffen. Aber
er glaubte, daß Helga ihn für einen schlechten Kerl halte, weil er dem
Versprechen, das er ihr freiwillig gegeben hatte, untreu geworden war
und sie hatte ziehen lassen. Er konnte es ihr weder erklären, noch sich
rechtfertigen, und darum vermied er es, mit ihr zusammenzutreffen.

Doch eines Morgens, als Gudmund gerade über die Straße ging, begegnete
er Helga, die im Tal gewesen war, Milch zu kaufen. Gudmund kehrte um und
schloß sich ihr an. Sie schien über seine Gesellschaft nicht gerade
erfreut zu sein, sondern schritt rasch aus, als wolle sie von ihm
fortkommen, und sagte kein Wort. Auch Gudmund schwieg, weil er nicht
recht wußte, wie er ein Gespräch einleiten solle.

Da kam vom andern Ende der Straße ein Gefährt heran. Gudmund ging in
Gedanken versunken und bemerkte es nicht, aber Helga hatte es gesehen
und wendete sich nun plötzlich zu ihm. »Es hat keinen Zweck, daß du mit
mir weitergehst, Gudmund; denn wenn ich recht sehe, kommen da Amtmanns
aus Älvåkra gefahren.« Gudmund sah rasch auf, erkannte Pferd und Wagen
und machte eine Bewegung, als ob er umkehren wolle. Im nächsten
Augenblick jedoch richtete er sich auf und ging ruhig an Helgas Seite
weiter wie zuvor; und sie trennten sich, ohne daß er ihr ein Wort gesagt
hatte. Aber an diesem ganzen Tage war er zufriedener mit sich selbst,
als er seit lange gewesen war.


5

Es war bestimmt, daß Gudmund und Hildurs Hochzeit am zweiten
Pfingstfeiertag auf Älvåkra gefeiert werden sollte. Am Freitag vor
Pfingsten fuhr Gudmund in die Stadt, einige Einkäufe für einen
Begrüßungsschmaus zu machen, der am Tage nach der Hochzeit auf Närlunda
stattfinden sollte. In der Stadt traf er mit einigen andern jungen
Burschen aus seinem Kirchspiel zusammen. Sie wußten, daß dies Gudmunds
letzter Stadtbesuch vor der Hochzeit war, und nahmen dies zum Anlaß, ein
großes Trinkgelage zu veranstalten. Alle legten es darauf an, daß
Gudmund trinke, und es gelang ihnen schließlich, ihn ganz bewußtlos zu
machen.

Am Samstag morgen kam er so spät nach Hause, daß sein Vater und der
Knecht schon zu ihrer Arbeit gegangen waren, und er schlief bis tief in
den Nachmittag. Als er aufstand und sich anziehen wollte, sah er, daß
sein Rock an mehreren Stellen zerrissen war. »Das sieht ja aus, als wenn
ich heute Nacht eine Schlägerei gehabt hätte,« sagte er und versuchte,
sich zu besinnen, was geschehen wäre, erinnerte sich jedoch nur, daß er
gegen elf Uhr in Gesellschaft der andern aus dem Wirtshaus gegangen war,
aber wohin sie sich dann begeben hätten, das konnte er sich nicht
zurückrufen. Es war, als versuchte er, in eine große Dunkelheit
hineinzustarren. Er wußte nicht, ob sie sich nur auf den Straßen
herumgetrieben hätten, oder ob sie noch irgendwo eingekehrt wären. Er
konnte sich auch nicht erinnern, ob er selbst oder irgendein andrer sein
Pferd eingespannt hätte, und er hatte gar keine Erinnerung an die
Heimfahrt.

Als er in die Wohnstube trat, war sie der Feiertage wegen gescheuert und
gefegt. Alle Arbeit war beendigt, und das Hausgesinde trank Kaffee.
Niemand sagte etwas über Gudmunds Ausbleiben. Es schien ein
stillschweigendes Übereinkommen zu sein, daß er in diesen letzten Wochen
die Freiheit haben solle, so zu leben, wie es ihm behagte.

Gudmund setzte sich an den Tisch und bekam seinen Kaffee wie die andern.
Während er so dasaß und ihn aus der Schale in die Untertasse und dann
wieder in die Schale goß, um ihn abkühlen zu lassen, wurde Mutter
Ingeborg mit dem ihren fertig; sie nahm die Zeitung zur Hand, die eben
gekommen war, und begann zu lesen. Sie las Spalte für Spalte vor, und
Gudmund, der Vater und die andern saßen da und hörten zu.

Unter anderm las sie einen Bericht vor über eine Schlägerei, die in der
vorhergehenden Nacht auf dem großen Marktplatz zwischen einer Schar
betrunkner Bauern und einigen Arbeitern stattgefunden hatte. Sobald die
Polizei sich zeigte, waren die Streitenden entflohen; nur einer von
ihnen hatte leblos auf dem Marktplatz gelegen. Man trug den Gefallenen
auf die Polizeistation, und da man keine äußere Verletzung an ihm
entdecken konnte, begann man Belebungsversuche zu machen. Alle
Bemühungen waren jedoch vergebens, und schließlich entdeckte man, daß
eine Messerklinge in seinem Kopfe stak. Es war die Klinge eines
ungewöhnlich großen Taschenmessers, die durch die Hirnschale ins Gehirn
eingedrungen und dicht am Kopfe abgebrochen war. Der Mörder war mit dem
Messerschaft entflohen, aber da die Polizei die Leute, die an der
Schlägerei beteiligt waren, genau kannte, bestand die Hoffnung, man
würde ihn bald finden.

Während Mutter Ingeborg dies las, stellte Gudmund die Kaffeetasse hin,
fuhr mit der Hand in die Tasche, zog sein Messer hervor und warf einen
gleichgültigen Blick darauf. Aber mit einem Mal zuckte er zusammen,
drehte das Messer um und steckte es dann so hastig in die Tasche, als
hätte er sich daran verbrannt. Er rührte den Kaffee nicht mehr an,
sondern blieb lange ganz still mit einem nachdenklichen Ausdruck sitzen.
Seine Stirn legte sich in tiefe Falten. Es war deutlich zu sehen, daß er
mit aller Macht versuchte, sich über etwas klar zu werden.

Endlich stand er auf, streckte sich, gähnte und ging langsam auf die Tür
zu. »Ich muß mir ein bißchen Bewegung machen. Ich bin den ganzen Tag
nicht aus dem Hause gewesen,« sagte er und verließ das Zimmer.

Ungefähr gleichzeitig erhob sich auch Erland Erlandsson. Er hatte seine
Pfeife ausgeraucht und ging nun in die Kammer, sich neuen Tabak zu
holen. Als er da drinnen stand und die Pfeife stopfte, sah er Gudmund
vorübergehen. Die Fenster der Kammer gingen nicht auf den Hof, wie die
der Wohnstube, sondern auf ein kleines Gärtchen, in dem ein paar hohe
Apfelbäume standen. Unterhalb des Gärtchens lag ein Sumpfland wo um die
Frühlingszeit große Wasserpfützen waren, die aber im Sommer fast ganz
austrockneten. Dahin pflegte selten jemand zu gehen. Erland Erlandsson
fragte sich, was Gudmund da wohl zu suchen habe, und folgte ihm mit den
Blicken. Da sah er, wie der Sohn die Hand in die Tasche steckte, einen
Gegenstand herauszog und ihn in den Morast warf. Dann ging er durch das
kleine Gärtchen, sprang über einen Zaun und entfernte sich in der
Richtung nach der Straße.

Sowie der Sohn außer Sehweite war, verließ Erland ebenfalls das Haus und
begab sich an den Morast. Hier watete er in den Schlamm hinaus, beugte
sich zu Boden und hob etwas auf, woran er mit dem Fuß gestoßen war. Es
war ein großes Taschenmesser, dessen größte Klinge abgebrochen war. Er
drehte es nach allen Seiten und besah es genau, während er noch immer im
Wasser stand. Dann steckte er es in die Tasche, zog es aber noch ein
paarmal heraus und betrachtete es prüfend, ehe er wieder ins Haus
zurückging.

Gudmund kam erst heim, als sich alle schon niedergelegt hatten. Er ging
sofort zu Bett, ohne das Abendbrot zu berühren, das in der Wohnstube
aufgetischt stand.

Erland Erlandsson und sein Weib schliefen in der Kammer. Um das
Morgengrauen glaubte Erland Schritte vor dem Fenster zu hören. Er stand
auf, zog die Gardinen zurück und sah, daß Gudmund zum Morast
hinunterging. Dort legte er Strümpfe und Schuhe ab, ging ins Wasser
hinaus und wanderte hin und her, wie einer, der etwas sucht. Das tat er
lange, dann ging er wieder an das Ufer, als wollte er seiner Wege gehen,
kehrte aber bald um und suchte weiter. Eine ganze Stunde stand der Vater
da und sah ihm zu, dann begab sich Gudmund ins Haus und legte sich
wieder schlafen.

Am Pfingsttag sollte Gudmund zur Kirche fahren. Als er das Pferd
einzuspannen begann, kam der Vater über den Hof. »Du hast vergessen, das
Geschirr zu putzen,« sagte er, als er vorbeiging. Denn Geschirr und
Wagen waren schmutzig und ungescheuert. -- »Ich hab an andre Dinge zu
denken gehabt,« sagte Gudmund mürrisch und fuhr davon, ohne etwas
dergleichen zu tun.

Nach dem Gottesdienst begleitete Gudmund seine Braut nach Älvåkra und
blieb den ganzen Tag dort. Es kam eine Menge jungen Volkes zusammen, um
Hildurs letzten Jungfernabend zu feiern, und man tanzte bis tief in die
Nacht hinein. Es gab auch viel zu trinken, aber Gudmund rührte nichts
an. Den ganzen Abend sprach er kaum ein Wort zu irgend jemand, aber er
tanzte wild und lachte zuweilen laut und schrill auf, ohne daß jemand
wußte, worüber.

Gudmund kam nicht vor zwei Uhr nach Hause, und sobald er das Pferd in
den Stall geführt hatte, ging er zu dem Sumpf hinter dem Hause. Er
streifte die Schuhe ab, krempelte die Hosen hinauf und watete ins
Wasser. Es war eine helle Sommernacht, und der Vater stand in dem
Kämmerchen hinter der Gardine und sah dem Sohne zu. Er sah, wie er tief
über das Wasser gebeugt einherging und suchte wie in der Nacht zuvor.
Von Zeit zu Zeit ging er wieder an das Ufer, so als verzweifelte er,
etwas zu finden, aber nach einer Weile watete er wieder in das Wasser
hinaus. Einmal ging er in den Stall und holte einen Eimer und begann
Wasser aus den kleinen Pfützen zu schöpfen, als wollte er sie
trockenlegen, aber fand es sicherlich zwecklos und stellte den Eimer
wieder weg. Er versuchte es auch mit einem Sieb. Er durchsuchte den
ganzen Sumpf damit, aber schien nichts andres heraufzubekommen als
Schlamm. Erst um die Morgenstunde kam er herein, als die Leute im Hause
sich schon zu rühren begannen. Da war er so müde und übernächtig, daß er
im Gehen schwankte, und warf sich aufs Bett, ohne die Kleider abzulegen.

Als die Uhr acht schlug, kam der Vater und weckte ihn. Gudmund lag auf
dem Bett, die Kleider voll Schlamm und Lehm; aber der Vater fragte
nicht, was er angestellt habe, sondern sagte nur, es sei jetzt Zeit
aufzustehen, und schloß die Tür. Nach einer Weile kam Gudmund in die
Wohnstube herunter, mit den feinen Hochzeitskleidern angetan. Er war
bleich, und die Augen brannten in unruhigem Glanz, aber niemand hatte
ihn je so schön gesehen. Die Züge waren wie von einem inneren Schein
verklärt. Man glaubte einen Menschen zu sehen, der nicht mehr aus
Fleisch und Blut bestünde, sondern nur noch aus Wille und Seele.

Unten in der Wohnstube sah es festlich aus. Die Mutter hatte ihr
schwarzes Kleid angelegt und einen schönen Seidenschal über die
Schultern gehängt, obgleich sie nicht zur Hochzeit fahren wollte. Auch
alle Dienstleute waren in ihren besten Kleidern. Über dem Herde stak
frisches Birkenlaub, auf dem Tische lag eine schöne Decke, und viele
Schüsseln standen darauf.

Als sie gegessen hatten, las Mutter Ingeborg einen Psalm und ein Stück
aus der Bibel vor. Dann wendete sie sich an Gudmund, dankte ihm, weil er
ihr ein guter Sohn gewesen war, wünschte ihm Glück für sein zukünftiges
Leben und gab ihm ihren Segen. Mutter Ingeborg wußte ihre Worte gut zu
setzen, und Gudmund war sehr gerührt. Immer wieder traten ihm die Tränen
in die Augen, aber es gelang ihm doch, das Weinen zu unterdrücken. Auch
der Vater sprach ein paar Worte. »Es wird schwer für deine Eltern sein,
dich zu verlieren,« sagte er, und Gudmund war wieder nahe daran, in
Schluchzen auszubrechen. Auch alle Dienstleute traten vor, schüttelten
ihm die Hand und dankten ihm für die Zeit, die nun zu Ende war.
Beständig hingen Gudmund die Tränen in den Wimpern. Er räusperte sich
und machte ein paar Versuche, zu sprechen, doch brachte er kaum ein Wort
über die Lippen.

Der Vater sollte ihn in das Haus der Braut begleiten und der Hochzeit
beiwohnen. Er ging in den Hof, spannte das Pferd ein und kam dann
wieder, um zu sagen, daß es Zeit sei, sich auf den Weg zu machen. Als
Gudmund sich in den Wagen setzte, merkte er, daß alles so spiegelblank
war, wie er es selbst immer gern gehabt hatte. Zugleich sah er auch, wie
fein der Hof herausgeputzt war; der Zufahrtsweg war frisch beschottert;
alte Holzhaufen und andres Gerümpel, das Zeit seines Lebens dort
gelegen, waren fortgeschafft. Zu beiden Seiten der Eingangstür standen
ein paar abgehauene Birken als Triumphpforte, an der Wetterfahne hing
ein großer Blumenkranz, und aus allen Fensterluken guckten lichtgrüne
Birkenreiser. Wieder war Gudmund nahe daran, in Tränen auszubrechen. Er
drückte dem Vater, der eben das Pferd in Gang setzen wollte, heftig die
Hand. Es war, als wollte er ihn von der Fahrt abhalten. »Willst du
etwas?« sagte der Vater. -- »Ach nein,« sagte Gudmund »Es ist wohl am
besten, wenn wir uns auf den Weg machen.«

Bevor sie weit vom Hofe waren, mußte Gudmund noch einmal Abschied
nehmen. Es war Helga vom Moorhof, die an der Stelle stand und wartete,
wo der Waldpfad von ihrem Heim her auf den Weg mündete. Der Vater, der
kutschierte, hielt an, sowie er Helga erblickte. »Ich hab auf euch
gewartet, weil ich Gudmund Glück wünschen möchte,« sagte Helga. Gudmund
beugte sich aus dem Wagen und schüttelte Helga die Hand. Er glaubte zu
sehen, daß sie abgemagert war, ihre Augen waren rot gerändert. Sie lag
wohl nachts und weinte und sehnte sich nach Närlunda. Aber jetzt
trachtete sie, fröhlich auszusehen, und lächelte ihm zu. Er war wieder
sehr gerührt, konnte aber nichts sagen. Der Vater, der ja in dem Rufe
stand, daß er nicht sprach, ehe die Not am höchsten war, fiel ein: »Ich
glaube, über diesen Glückwunsch freut sich Gudmund mehr als über irgend
einen andern.« -- »Ja, das ist sicher,« sagte Gudmund. Sie schüttelten
sich noch einmal die Hand, und dann fuhr der Vater weiter. Gudmund
beugte sich aus dem Wagen und sah Helga nach. Als sie von ein paar
Bäumen verdeckt wurde, riß er plötzlich den Fußsack fort und erhob sich,
als wolle er aus dem Wagen springen. -- »Willst du Helga noch etwas
sagen?« fragte der Vater. -- »Nein, ach nein,« antwortete Gudmund und
setzte sich wieder zurecht.

Sie fuhren noch eine kleine Strecke. Der Vater fuhr sehr gemächlich. Es
war, als mache es ihm Freude, so mit seinem Sohne neben sich zu fahren.
Er machte keinerlei Anstalten, rasch ans Ziel zu kommen.

Plötzlich ließ Gudmund den Kopf auf die Schulter des Vaters sinken und
brach in heftiges Schluchzen aus. »Was ist dir?« fragte Erland und zog
die Zügel so plötzlich an, daß das Pferd mit einem Ruck stehen blieb.
-- »Ja, alle sind so gut gegen mich, und ich verdien es nicht.« -- »Du
hast doch nichts Böses getan?« -- »Doch, Vater, das habe ich.« -- »Das
wollen wir doch nicht glauben.« -- »Ja, ich hab einen Menschen
erschlagen.«

Der Vater holte tief Atem. Es klang beinahe wie ein Seufzer der
Erleichterung; Gudmund hob erstaunt den Kopf und sah ihn an. Der Vater
ließ das Pferd wieder in Trab fallen, dann sagte er still: »Ich bin
froh, daß du es selbst gesagt hast.« -- »Wußtet Ihr es denn schon,
Vater?« -- »Ich sah schon Samstag abend, daß irgend etwas nicht in
Ordnung war. Und dann fand ich dein Messer im Morast.« -- »Ach so, Ihr
habt das Messer gefunden!« -- »Ich hab es gefunden, und ich sah, daß die
eine Klinge abgebrochen war.«

»Ja, Vater, ich weiß, daß die Klinge abgebrochen ist. Aber ich kann mir
doch nicht denken, daß ich es getan haben soll.« -- »Es ist wohl im
Rausch geschehen.« -- »Ich weiß nichts, ich kann mich an nichts erinnern.
Ich sehe es an meinen Kleidern, daß ich bei einer Rauferei war, und ich
weiß, daß die Messerklinge fort ist.« -- »Ich verstehe, daß du es
verschweigen wolltest,« sagte der Vater. -- »Ich dachte, die andern
waren gewiß ebenso sinnlos betrunken wie ich und können sich an nichts
erinnern. Es liegt vielleicht sonst kein Beweis gegen mich vor als das
Messer, und darum hab ich es fortgeworfen.« -- »Ich kann mir denken,
daß du dir die Sache so zurechtgelegt hast.« -- »Ihr versteht, Vater:
ich weiß nicht, wer der Tote ist; ich hab ihn vielleicht nie im Leben
gesehen. Ich kann mich nicht erinnern, daß ich es getan habe. Und da
sagte ich mir, ich brauchte doch nicht für etwas zu leiden, was ich
nicht mit Willen getan habe. Aber bald sah ich ein, daß es eine Tollheit
war, das Messer in den Sumpf zu werfen. Er trocknet doch im Sommer aus,
und da kann es ein jeder finden. Darum wollte ich es gestern Nacht und
heute Nacht suchen.« -- »Hast du gar nicht daran gedacht, zu gestehen?«
-- »Nein, gestern dachte ich nur, wie ich es geheimhalten könnte, und ich
versuchte zu tanzen und vergnügt zu sein, damit mir niemand etwas
anmerkte.« -- »War es deine Absicht, vor den Traualtar zu treten, ohne
zu gestehen? Das ist eine große Verantwortung. Sahst du nicht ein, daß
du Hildur und ihre Familie mit in dein Elend ziehst, wenn man dich
entdeckt?« -- »Ich dachte, daß ich sie am besten verschonte, wenn ich
nichts sagte.«

Sie fuhren im Galopp den Weg entlang. Der Vater schien es jetzt sehr
eilig zu haben, ans Ziel zu kommen. Die ganze Zeit sprach er zu dem
Sohne. Er hatte ihm vorher in seinem ganzen Leben nicht so viele Worte
gesagt.

»Ich wüßte gerne, wodurch du andrer Meinung geworden bist,« sagte er. --
»Weil Helga kam und mir Glück wünschte. Da brach etwas Hartes in mir.
Ich war so gerührt über sie. Ich war auch heute morgen über Mutter und
über Euch gerührt, und ich wollte sprechen und sagen, daß ich eure Liebe
nicht verdiene, aber das Harte war damals noch in mir und leistete
Widerstand. Aber als Helga kam, da war es aus und geschehen. Ich meinte,
sie müßte mir eigentlich böse sein, weil ich doch schuld daran bin, daß
sie von daheim fort mußte.«

»Nun, denke ich, wirst du mit mir einig sein, daß wir dies gleich den
Amtmann wissen lassen müssen,« sagte der Vater. -- »Ja,« antwortete
Gudmund mit leiser Stimme. »Ja gewiß,« fügte er gleich darauf lauter und
fester hinzu, »ich will Hildur nicht in mein Unglück hineinziehen. Sie
würde es mir nie verzeihen.« -- »Die Älvåkraleute halten ihre Ehre hoch,
sie wie andre,« sagte der Vater, »und das magst du wissen, Gudmund: als
ich heute morgen von daheim fortfuhr, da sagte ich mir, ich muß es dem
Amtmann erzählen, wie es um dich steht, wenn du dich nicht
entschließest, es selbst zu tun. Wie hätte ich schweigend zusehen und
Hildur einen heiraten lassen können, dem jede Stunde eine Anklage wegen
Mordes droht.«

Er klatschte mit der Peitsche und fuhr in immer rasenderem Galopp. »Das
wird das Schwerste für dich sein,« sagte er. »Wir müssen es so
einrichten, daß es bald überstanden ist. Ich denke, der Amtmann und
seine Familie werden es recht von dir finden, daß du dich selbst
angibst, und sie werden freundlich gegen dich sein.«

Gudmund antwortete nichts. Er sah immer gequälter aus, je mehr sie sich
Älvåkra näherten. Der Vater sprach weiter, um ihm Mut zu machen.

»Ich habe einmal eine ähnliche Geschichte gehört,« sagte er. »Ein
Bräutigam hatte einen Kameraden auf der Jagd erschossen. Es war nicht
seine Absicht gewesen, und man hatte nicht entdeckt, daß er es war, der
den tödlichen Schuß abgefeuert hatte. Aber ein paar Tage später sollte
er heiraten; und als er in das Hochzeitshaus kam, da ging er zur Braut
und sagte: >Aus der Hochzeit kann nichts werden. Ich will dich nicht in
das Elend hineinziehen, das mich erwartet.< Aber sie stand schon fertig
geschmückt da, in Krone und Schleier, und sie nahm ihn bei der Hand und
führte ihn in den Saal, wo die Gäste versammelt waren und alles für die
Trauung bereit war. Und sie erzählte allen mit lauter Stimme, was ihr
der Bräutigam eben gesagt hatte. >Dies erzähle ich, damit alle wissen,
daß du nicht falsch gegen mich gewesen bist<, sagte sie dann und wendete
sich an den Bräutigam. >Aber jetzt will ich mich gleich mit dir trauen
lassen. Denn du bleibst der, der du bist, wenn du auch ins Unglück
gekommen bist; und was dich auch erwartet, das will ich gemeinsam mit
dir tragen.<«

Als der Vater mit seiner Erzählung zu Ende war, waren sie gerade bei der
langen Gasse angelangt, die nach Älvåkra führte. Gudmund sagte mit einem
wehmütigen Lächeln zu ihm: »So wird es uns nicht ergehen.« -- »Wer
weiß,« antwortete der Vater und richtete sich im Wagen auf. Er sah den
Sohn an und mußte wieder staunen, wie schön der an diesem Tage war. »Es
sollte mich nicht wundern, wenn ihm etwas Großes und Unerwartetes
widerführe,« dachte er.

Es sollte eine Kirchenhochzeit sein, und eine Menge Leute hatten sich
schon bei den Brauteltern versammelt, um im Hochzeitszuge mitzufahren.
Auch viele Verwandte des Amtmanns waren von weit und breit gekommen. Sie
saßen in ihrem besten Staat auf dem Flur, bereit zur Fahrt in die
Kirche. Wagen und Kutschen standen im Hof, und man hörte, wie die Pferde
im Stalle stampften, während sie gestriegelt wurden. Der Dorfspielmann
saß allein auf der Treppe der Scheuer und stimmte die Fiedel. An einem
Fenster im oberen Stockwerk stand die Braut fertig angekleidet und hielt
Ausschau, um den Bräutigam zu sehen, bevor der sie erspäht hätte.

Erland und Gudmund stiegen aus dem Wagen und sagten sogleich, daß sie
mit Hildur und ihren Eltern allein sprechen müßten. Bald standen sie
alle in einem kleinen Zimmer, wo der Amtmann sein Schreibpult hatte.

»Ich denke, Herr Amtmann, Sie haben in den Zeitungen von jener
Schlägerei in der Stadt gelesen, bei der ein Mensch ermordet wurde, in
der Nacht vom Freitag auf Samstag,« sagte Gudmund so rasch, als leiere
er eine Lektion herunter. -- »Ja freilich habe ich davon gelesen,« sagte
der Amtmann. -- »Ich war nämlich in jener Nacht in der Stadt,« fuhr
Gudmund fort.

Jetzt kam keine Antwort. -- Es wurde totenstill. Gudmund war es, als ob
alle ihn mit einem solchen Entsetzen anstarrten, daß er nicht
weitersprechen konnte. Aber der Vater kam ihm zu Hilfe. -- »Gudmund war
von ein paar Freunden eingeladen. -- Er hat in jener Nacht wohl zu viel
getrunken, denn als er heimkam, wußte er gar nicht, was mit ihm
geschehen war. Aber man merkte es ihm an, daß er bei einer Rauferei
gewesen war, denn seine Kleider waren zerrissen.« Gudmund sah, wie das
Entsetzen, das die andern empfanden, mit jedem Worte zunahm, aber er
selbst wurde ruhiger. Ein Gefühl des Trotzes erwachte in ihm, und er
ergriff wieder das Wort: »Als nun am Samstag abend die Zeitung kam und
ich von der Schlägerei las und von der Messerklinge, die in der
Hirnschale des Mannes stecken geblieben war, da zog ich mein Messer
hervor und sah, daß eine Klinge fehlte.« -- »Das sind schlimme
Neuigkeiten, die du da bringst, Gudmund,« sagte der Amtmann. »Es wäre
richtiger gewesen, wenn du uns das gestern gesagt hättest.« -- Gudmund
schwieg, und da kam ihm der Vater wieder zu Hilfe. -- »Es war nicht so
leicht für Gudmund. Die Versuchung, das Ganze zu verschweigen, war sehr
groß. Er verliert sehr viel durch dieses Geständnis.« -- »Ja, wir müssen
noch froh sein, daß er jetzt gesprochen hat, so daß wir nicht in das
Elend hineingezogen werden,« sagte der Amtmann bitter.

Gudmund hielt seine Augen die ganze Zeit auf Hildur gerichtet. Sie trug
Krone und Schleier; und nun sah er, wie sie die Hand hob und eine der
großen Nadeln herauszog, die die Krone festhielten. Sie schien dies ganz
unbewußt getan zu haben. Als sie merkte, daß Gudmunds Blicke auf ihr
ruhten, steckte sie die Nadel wieder hinein.

»Es ist ja noch gar nicht bewiesen, daß Gudmund der Schuldige ist,«
sagte der Vater, »aber ich begreife: Ihr wollt, daß die Hochzeit
aufgeschoben wird, bis wir alles aufgeklärt haben.« -- »Es hat wohl
wenig Zweck, von Aufschub zu sprechen,« sagte der Amtmann. »Ich denke,
Gudmund ist seiner Sache recht sicher, und wir könnten uns wohl darüber
einigen, daß es zwischen ihm und Hildur ein für allemal aus ist.«

Gudmund antwortete nicht gleich. Er ging zu seiner Braut hinüber und
streckte die Hand aus. Sie saß ganz regungslos da und schien ihn nicht
zu sehen. »Willst du mir nicht Lebewohl sagen, Hildur?« Jetzt sah sie
auf, und ihre großen Augen blitzten ihn kalt an. -- »Hast du mit dieser
Hand das Messer geführt?« fragte sie. Gudmund antwortete ihr keine
Silbe, sondern wendete sich an den Amtmann. -- »Ja, jetzt bin ich meiner
Sache sicher,« sagte er. »Es hat gar keinen Zweck, die Hochzeit
aufzuschieben.«

Damit war die Unterredung beendet, und Gudmund und Erland gingen ihrer
Wege. Sie hatten durch mehrere Stuben und Kammern zu gehen, ehe sie
hinauskamen, und überall sahen sie Vorbereitungen zur Hochzeit. Die Tür
nach der Küche stand offen, und sie sahen, wie eine Menge Menschen in
eiliger Geschäftigkeit durcheinanderliefen. Der Duft von Braten und
Backwerk drang heraus, der ganze Herd war voll kleiner und großer Töpfe,
die Kupferkasserollen, die sonst die Wände schmückten, waren
heruntergenommen und im Gebrauch. »Ach, daß sie alle diese Zurüstungen
für meine Hochzeit machen!« dachte Gudmund, als er vorüberging.

Er bekam Einblick in den ganzen Reichtum dieses alten Bauernhofes, wie
er so durch das Haus wanderte. Er sah den Eßsaal, wo große Tische mit
langen Reihen von Silberbechern und Kannen gedeckt waren. Er kam durch
die Kleiderkammer, wo auf dem Boden große Truhen standen und an den
Wänden Kleider in unendlicher Reihe hingen. Als er dann in den Hof
hinaustrat, sah er eine Menge alte und neue Wagen, prächtige Pferde
wurden aus dem Stall geführt und schöne Wagendecken in die Kutschen
gelegt. Er sah über ein paar Höfe, die von Scheunen, Ställen, Schuppen,
Vorratskammern und noch vielen andern Gebäuden umgeben waren. »Das alles
hätte mein sein können,« dachte er, als er sich in den Wagen setzte.

Mit einem Male kam bittre Reue über ihn. Er wäre am liebsten aus dem
Wagen gesprungen und hineingelaufen, um ihnen zu sagen, es sei alles
nicht wahr, was er erzählt hätte. Er hätte ja nur mit ihnen spaßen und
sie erschrecken wollen. Es war doch unerhört töricht von ihm gewesen, zu
bekennen. Was nützte es, daß er gestanden hatte? Dadurch wurde die Sache
für keinen Menschen besser. Der Tote war ja tot. Nein, dieses
Geständnis hatte nichts andres zur Folge, als daß auch er ins Verderben
gestürzt wurde.

In den letzten Wochen hatte er diese Heirat nicht mehr so eifrig
gewünscht; aber jetzt, da er darauf verzichten mußte, fühlte er erst,
was sie wert war. Es bedeutete viel, Hildur Erikstochter und alles, was
an ihr hing, zu verlieren. Was hatte es zu sagen, daß sie eigenwillig
und selbstherrlich war! Sie war doch die erste von allen in der
Umgegend, und durch sie wäre er zu großer Macht und Ehre gekommen.

Er trauerte jetzt nicht nur um Hildur und ihr Hab und Gut, sondern auch
um kleinere Dinge. In diesem Augenblick wäre er zur Kirche gefahren, und
alle, die ihn gesehen, hätten ihn beneidet. Und heute hätte er zu oberst
an der Hochzeitstafel gesessen. Heute wäre er mitten in Tanz und
Fröhlichkeit gewesen. Es war sein großer Glückstag, der ihm nun entging.

Erland drehte den Kopf ein Mal ums andre dem Sohne zu und sah ihn an. Er
war jetzt nicht so schön und verklärt, wie er am Morgen gewesen war,
sondern saß stumpf und schwerfällig da mit erloschenem Blick. Der Vater
hätte wohl gerne gewußt, ob der Sohn sein Geständnis bereue, und er
wollte ihn danach fragen, hielt es aber doch für richtiger, zu
schweigen.

»Wohin wollen wir jetzt fahren?« fragte Gudmund nach einer Weile. --
»Wäre es nicht das beste, gleich zu Gericht zu gehen?« -- »Du mußt
zuerst nach Hause, damit du ruhen und dich ausschlafen kannst,« sagte
der Vater. »Du hast in den letzten Nächten wohl nicht viel Schlaf
gefunden.« -- »Mutter wird erschrecken, wenn sie uns sieht.« -- »Sie
wird nicht so erstaunt sein,« sagte der Vater, »sie weiß ebenso viel wie
ich. Sie wird sich freuen, daß du gestanden hast.« -- »Ich glaube,
Mutter und ihr alle miteinander daheim seid froh, mich ins Gefängnis zu
bringen,« sagte Gudmund bitter. -- »Wir wissen, daß du viel verlierst,
weil du recht gehandelt hast,« sagte der Vater, »wir können nicht
anders: wir müssen uns freuen, daß du dich selbst überwunden hast.«

Gudmund glaubte es nicht ertragen zu können, nach Hause zu fahren und
allen den Leuten zuzuhören, die ihn rühmen würden, weil er seine Zukunft
vernichtet hatte. Er suchte einen Vorwand, um niemand treffen zu müssen,
bevor er sich mehr Ruhe erkämpft hätte. Nun fuhren sie an der Stelle
vorüber, wo der Pfad zum Moorhof abbog. »Wollt Ihr hier halten, Vater?
Ich denke, ich gehe zu Helga hinauf und spreche mit ihr.« --

Der Vater hielt bereitwillig das Pferd an. »Komm nur, sobald du kannst,
nach Hause, damit du dich ausruhst,« sagte er.

Gudmund schlug den Weg in den Wald ein und war bald zwischen den Bäumen
verschwunden. Er dachte nicht daran, Helga aufzusuchen. Er war nur froh,
allein zu sein, so daß er sich keinen Zwang aufzuerlegen brauchte. Er
fühlte eine unvernünftige Wut gegen alles, er stieß Steine fort, die ihm
im Wege lagen, und blieb zuweilen stehen, um einen großen Ast
abzubrechen, nur weil ein Blatt sein Gesicht gestreift hatte. Er schlug
den Weg zum Moorhof ein, ging aber an der Hütte vorbei und kletterte den
Berg hinauf. Hier wurde es ihm bald schwer, weiter zu kommen. Er hatte
den Pfad verlassen; und um den nächsten Gipfel zu erreichen, mußte er
über ein breites Flußbett voll kantiger Felsblöcke gehen. Es war eine
gefährliche Wanderung über die scharfen Felskanten, und er konnte sich
Arme und Beine brechen, wenn er einen Fehltritt machte. Das wußte er
sehr wohl, aber er ging doch weiter, als mache es ihm Freude, sich einer
Gefahr auszusetzen. »Und wenn ich mich zuschanden falle, so findet mich
hier oben niemand,« dachte er. »Aber was tut das? Ich kann ebensogut
hier liegen und sterben wie jahrelang hinter Gefängnismauern sitzen.«

Doch alles ging gut ab, und ein paar Minuten später stand er auf der
Höhe. Über den Berg war einmal ein Waldbrand hingegangen. Die oberste
Spitze war noch kahl, und von dort hatte man eine meilenweite Aussicht.
Er sah Täler und Seen, dunkle Wälder und fruchtbare Äcker, Kirchen und
Herrenhöfe, kleine Bauernhütten und große Dörfer. Weit in der Ferne lag
die Stadt, in einen weißen Schleier von Sonnenrauch gehüllt, aus dem ein
paar funkelnde Türme aufragten. Durch die Täler schlängelten sich Wege,
und ein Eisenbahnzug rollte am Waldessaume vorbei. Es war ein ganzes
Reich, was er da sah.

Er warf sich zu Boden, hielt aber den Blick noch immer auf die weite
Fernsicht geheftet. Es war etwas Stolzes und Großes in dieser Landschaft
vor ihm, und er empfand sich selbst und seine Sorgen als klein und
unbedeutend.

Ihm kam eine Erinnerung aus seiner Kindheit. Wenn er damals gelesen
hatte, daß der Versucher Jesus auf einen hohen Berg geführt und ihm alle
Herrlichkeit der Welt gezeigt hätte, so war er immer der Meinung
gewesen, die beiden müßten hier oben auf dem Gipfel gestanden haben ...
Und er sprach die alten Worte vor sich hin: Dies alles will ich dir
geben, wenn du niederfällst und mich anbetest.

Da kam es ihm plötzlich vor, als sei ihm selbst in diesen letzten Tagen
eine solche Versuchung entgegengetreten. Wahrlich, hatte ihn nicht der
Versucher auf einen hohen Berg geführt und ihm alle Herrlichkeit der
Macht und des Reichtums gezeigt? »Verschweige nur das Böse, das du getan
hast,« sagte er, »und ich will dir dies alles geben.« Wie Gudmund daran
dachte, kam ein klein wenig Befriedigung über ihn. »Ich habe ja nein
geantwortet,« sagte er; und plötzlich begriff er, worum es sich für ihn
gehandelt hatte. Wenn er geschwiegen hätte, wäre er dann nicht all sein
Lebtag verurteilt gewesen, den Versucher anzubeten? Ein scheuer,
mutloser Mann wäre er geworden, ein Sklave von Hab und Gut. Die Furcht
vor der Entdeckung hätte stets auf ihm gelastet. Nie mehr hätte er sich
als ein freier Mann fühlen können.

Eine große Ruhe kam über Gudmund. Er wurde ganz glücklich, weil er
einsah, daß er recht gehandelt hatte. Wenn er an die vergangenen Tage
zurückdachte, schien es ihm, daß er in einer großen Dunkelheit getappt
hätte. Es war wunderbar, daß er sich zuletzt doch zurechtgefunden hatte.
Er fragte sich selbst, wie es zugegangen sei, daß er nicht in die Irre
gegangen war. »Ich danke es dem, daß sie daheim alle so gut gegen mich
waren,« dachte er, »und die beste Hilfe war doch, daß Helga kam und mir
Glück wünschte.«

Er blieb noch eine Weile oben auf dem Gipfel liegen, aber bald sagte er
sich, er müsse zu Vater und Mutter heimgehen und ihnen sagen, daß er den
Frieden mit sich selbst gefunden hätte. Als er nun aufstand, um zu
gehen, bemerkte er, daß ein Stück weiter unten Helga auf einem
Felsenvorsprung saß.

Sie hatte dort nicht die große weite Aussicht -- nur ein kleines
Stückchen des Tales war für sie sichtbar. Es war die Gegend, wo Närlunda
lag, und sie sah vermutlich ein Stück des Hofes. Als Gudmund sie
erblickte, fühlte er, wie sein Herz, das den ganzen Tag mühsam und
ängstlich gearbeitet hatte, leicht und fröhlich zu klopfen begann, und
zu gleicher Zeit durchzuckte ihn ein so starkes Glücksgefühl, daß er
stehen blieb und über sich selbst staunte.

»Was ist mir denn? Was ist das? Was ist das?« dachte er, während das
Blut durch seinen Körper strömte und das Glück ihn mit solcher Macht
packte, daß er es beinahe schmerzhaft empfand. Endlich sagte er mit
erstaunter Stimme zu sich selbst: »Aber ich hab ja sie lieb! Nein, daß
ich das bisher gar nicht wußte!«

Es packte ihn mit der Stärke eines befreiten Wasserfalls. Er war die
ganze Zeit, solange er sie kannte, gebunden gewesen. Alles, was ihn zu
ihr hinzog, hatte er zurückgedrängt. Jetzt erst war er frei von dem
Gedanken, eine andre zu heiraten, hatte er die Freiheit, sie zu lieben.

»Helga!« rief er und begann zugleich den Abhang zu ihr
hinunterzuklettern. Sie wendete sich mit einem erschrockenen Aufschrei
um. »Hab keine Angst! Ich bin es nur.« -- »Aber bist du denn nicht in
der Kirche und wirst getraut?« -- »Ach nein, aus der Hochzeit wird
nichts. Sie will mich nicht haben, Helga.«

Helga richtete sich auf. Sie preßte die Hand aufs Herz und schloß die
Augen. Sie dachte in diesem Augenblick wohl, daß es nicht Gudmund sei,
der da kam. Ihre Augen und Ohren müßten hier im Walde verhext worden
sein. Aber schön und herrlich war es doch, daß er sich zeigte, wenn auch
nur als Traumerscheinung; und sie schloß die Augen und blieb regungslos
stehen, um das Trugbild noch ein paar Augenblicke festzuhalten.

Aber Gudmund war wild und toll von der großen Liebe, die in ihm
aufgelodert war. Sobald er zu Helga heruntergekommen war, schlang er die
Arme um sie und küßte sie, und sie ließ es geschehen; denn sie war ganz
betäubt und benommen vor Überraschung. Es war ja zu wunderbar, daß er,
der gerade jetzt in der Kirche stehen sollte, zur Seite seiner Braut,
wirklich hierher in den Wald gekommen war. Dieser Geist oder
Doppelgänger von ihm, der zu ihr gekommen war, mochte sie immerhin
küssen.

Aber in dem Augenblick, da Gudmund Helga küßte, wachte sie auf und stieß
ihn von sich. Und nun begann sie ihn mit Fragen zu überschütten. Ob er
es wirklich selbst sei? Was er im Walde zu tun hätte? Ob ein Unglück
geschehen? Warum man die Hochzeit aufgeschoben hätte? Ob Hildur krank
sei? Ob den Pfarrer in der Kirche der Schlag gerührt hätte?

Gudmund wollte mit ihr von nichts anderm auf der Welt sprechen als von
seiner Liebe; aber sie zwang ihn, zu erzählen, wie alles zugegangen war.
Während er sprach, saß sie still da und hörte mit tiefer Andacht zu.

Sie unterbrach ihn nicht, bis er von der abgebrochnen Klinge erzählte.
Da fuhr sie auf und fragte, ob es sein gewöhnliches Messer sei, das er
gehabt hätte, als sie noch auf Närlunda diente.

»Ja, gerade das war es,« sagte er. -- »Wieviel Klingen waren denn
abgebrochen?« fragte sie. -- »Nicht mehr als eine.«

In Helgas Kopf begann es zu arbeiten. Sie saß mit gerunzelter Stirn da
und suchte sich an etwas zu erinnern. Wie war es doch? Ja gewiß. Sie
entsann sich deutlich, daß sie sich dieses Messer an dem Tage, bevor sie
fortging, von ihm ausgeliehen hatte, um Holz zu spalten; dabei hatte sie
es zerbrochen, aber sie war nicht dazu gekommen, es ihm zu sagen. Er
war ihr damals immer ausgewichen und hatte nicht mit ihr sprechen
wollen. Und nun hatte er das Messer wohl seitdem in der Tasche gehabt
und gar nicht bemerkt, daß es zerbrochen war.

Sie hob den Kopf und wollte ihm dies eben sagen; doch er erzählte weiter
von seinem Besuch heute morgen im Hochzeitshaus, und sie wollte ihn zu
Ende kommen lassen. Als sie hörte, wie er von Hildur geschieden war,
erschien ihr dies als ein so furchtbares Unglück, daß sie ihn mit
Vorwürfen überhäufte. »Das ist deine eigne Schuld,« sagte sie. »Da kommt
ihr, du und dein Vater, angefahren und erschreckt sie zu Tode mit der
furchtbaren Botschaft. So hätte sie nicht geantwortet, wenn sie bei
Sinnen gewesen wäre. Ich will dir eines sagen: ich glaube, sie bereut es
schon in diesem Augenblick.« -- »Meinethalben mag sie bereuen, soviel
sie will,« sagte Gudmund. »Ich weiß jetzt, daß sie eine ist, die immer
nur an sich selbst denkt. Ich bin froh, daß ich sie los bin.«

Helga preßte die Lippen aufeinander, damit ihr das große Geheimnis nicht
entschlüpfe. Sie hatte viel zu denken. Es handelte sich nicht nur darum,
Gudmund von dem Morde reinzuwaschen. Es herrschte ja auch Feindschaft
zwischen Gudmund und seiner Braut. Könnte sie nicht versuchen, die
beiden mit Hilfe dessen, was sie wußte, zu versöhnen?

Wieder saß sie stumm da und grübelte, bis Gudmund davon zu sprechen
begann, daß er seinen Sinn jetzt ihr zugewandt hätte.

Aber das erschien ihr als das größte Unglück, das ihm an diesem Tage
widerfahren war. Schlimm war es schon, daß die vorteilhafte Heirat zu
scheitern drohte, noch schlimmer aber, daß er um eine wie sie werben
wollte. »Nein, so etwas darfst du mir nicht sagen,« rief sie und sprang
plötzlich auf. -- »Warum soll ich es dir nicht sagen?« fragte Gudmund und
erblaßte. »Ist es mit dir vielleicht gerade so wie mit Hildur? Hast du
Angst vor mir?« -- »Nein, nicht deshalb.« Sie wollte ihm erklären, daß
er in sein eigenes Verderben renne, aber er hörte ihr gar nicht zu. --
»Ich habe gehört, daß es früher einmal Frauen gab, die den Männern zur
Seite standen, wenn sie in Not kamen; aber heute trifft man solche
Frauen nicht mehr.« Helga erzitterte. Sie hätte die Arme um seinen Hals
schlingen wollen, aber sie verhielt sich still. Heute mußte sie
vernünftig sein. -- »Es ist ja wahr, ich hätte dich nicht an demselben
Tage, wo ich ins Gefängnis soll, bitten dürfen, mein Weib zu werden.
Aber der Gedanke, daß du auf mich warten würdest, bis ich wieder frei
wäre, hätte mich all das Schwere mit leichtem Mut erdulden lassen.«
-- »Ich bin es nicht, die auf dich warten soll, Gudmund.« -- »Alle
Menschen werden mich jetzt als einen Missetäter betrachten, als einen,
der sich besäuft und mordet. Ach wenn es nur eine gäbe, die mich mit
Liebe ansehen könnte! Das würde mich besser aufrechterhalten als alles
andre.« -- »Du weißt, daß ich nie etwas andres als Gutes von dir denken
werde, Gudmund.«

Helga war sehr still. Gudmunds Bitten wurden fast zu viel für sie. Sie
wußte gar nicht, wie sie ihm entkommen sollte. Aber Gudmund verstand
nichts, sondern begann zu glauben, daß er sich geirrt habe. Sie könnte
nicht dasselbe für ihn empfinden wie er für sie. Er kam ganz dicht an
sie heran und sah sie an, als wollte er mitten durch sie hindurchsehen.
»Sitzest du nicht gerade auf diesem Felsen hier, um nach Närlunda
hinunterzusehen?« -- »Ja, das tu ich.« -- »Sehnst du dich nicht Tag und
Nacht hin?« -- »Ja. Aber ich sehne mich nicht nach einem Menschen.«
-- »Und mich magst du gar nicht?« -- »O ja, aber ich will dich nicht
heiraten.« -- »Wen hast du denn gern?« -- Helga schwieg. -- »Per
Martensson?« -- »Ja, ihm hab ich gesagt, daß ich ihn gern habe,« sagte
sie und war ganz zermartert.

Gudmund blieb ein Weilchen stehen und sah sie mit ergrimmtem Gesicht an.
»Dann also lebewohl! Jetzt gehen wir getrennte Wege, du und ich,« sagte
er, und damit machte er einen gewaltigen Sprung von dem Stein zum
nächsten Felsabsatz und verschwand unter den Bäumen.


6

Kaum war Gudmund verschwunden, als Helga auf einem andern Wege den Berg
hinuntereilte. Sie lief am Moorhof vorbei, ohne stehen zu bleiben und
eilte dann, so rasch sie konnte, über die Waldhügel hinunter auf den
Weg. Im ersten Bauernhof, den sie erreichte, bat sie die Inwohner, ihr
Pferd und Fuhrwerk zu leihen, damit sie nach Älvåkra fahren könnte. Sie
sagte, es gälte das Leben, daß sie hinkäme, und versprach, dafür zu
zahlen. Die Dorfleute waren schon heimgekommen und hatten von der
unterbliebenen Hochzeit erzählt. Alle waren sehr bewegt und mitleidig,
und man wollte Helga die Hilfe nicht verweigern, da sie eine wichtige
Botschaft für die Leute auf Älvåkra zu haben schien.

In Älvåkra saß Hildur Erikstochter in einer kleinen Kammer im oberen
Stockwerk, wo sie ihr Brautkleid abgelegt hatte. Die Mutter und ein paar
andre Bäuerinnen waren um sie. Hildur weinte nicht, aber sie war
ungewöhnlich still und blaß; es sah aus, als würde sie jeden Augenblick
krank hinsinken. Die Frauen sprachen die ganze Zeit von Gudmund. Alle
tadelten ihn und schienen es als ein Glück für Hildur anzusehen, daß sie
von ihm befreit war. Einige meinten, Gudmund habe wenig Rücksicht auf
die Schwiegereltern gezeigt. Er hätte ihnen schon am Pfingsttage sagen
müssen, wie es um ihn stand. Andre sagten, wem ein so großes Glück
bevorstünde, der müßte besser auf sich achten. Und einige
beglückwünschten Hildur, daß sie dem Schicksal entging, einen zu
heiraten, der sich so sinnlos betrinken konnte, daß er nicht mehr wußte,
was er tat.

Mitten unter diesen Reden schien Hildur ungeduldig zu werden; sie stand
auf, um das Zimmer zu verlassen. Sowie sie zur Tür hinaus war, kam ihre
beste Freundin, ein junges Bauernmädchen, und flüsterte ihr zu: »Unten
ist jemand, der mit dir sprechen will.« -- »Ist es Gudmund?« fragte
Hildur, und ein Strahl des Lebens leuchtete in ihren Augen auf. -- »Nein,
aber, ich glaube, eine Botschaft von ihm. Sie will, was sie auszurichten
hat, keinem als nur dir selbst sagen.« Nun hatte Hildur den ganzen Tag
dagesessen und gedacht, daß jemand kommen müsse, der diesem Elend ein
Ende machte. Sie konnte es gar nicht begreifen, daß ein so schreckliches
Unglück sie treffen sollte. Sie meinte, es müsse etwas geschehen, das es
ihr möglich machte, Krone und Kranz wieder aufzusetzen, mit dem
Hochzeitszug zur Kirche zu fahren und getraut zu werden. Als sie nun von
einer Botschaft Gudmunds hörte, wurde sie ganz eifrig und lief eilends
zu Helga hinaus, die vor der Küchentür stand und auf sie wartete.

Hildur wunderte sich wohl, daß Gudmund Helga zu ihr schickte, aber sie
dachte, er hätte vielleicht heute am Feiertag keine andre Botin
gefunden, und begrüßte sie freundlich.

Sie winkte Helga, ihr in die Milchkammer zu folgen, die drüben auf der
andern Längsseite des Hofes lag. »Ich weiß keinen andern Ort, wo wir
allein sprechen können,« sagte sie. »Wir haben noch das ganze Haus voll
Leute.«

Sobald sie drinnen waren, trat Helga dicht an Hildur heran und sah ihr
ins Gesicht. »Bevor ich etwas sage, muß ich erst wissen, ob du Gudmund
lieb hast, Hildur.« Hildur zuckte vor Empörung zusammen. Es war ihr
eine Qual, mit Helga auch nur ein einziges Wort wechseln zu müssen, und
sie hatte wahrlich keine Lust, sie zu ihrer Vertrauten zu machen. Aber
nun war die Not am höchsten, und so zwang sie sich, zu antworten:
»Warum, glaubst du, hätte ich ihn sonst heiraten wollen?« -- »Ich meine,
ob du ihn noch lieb hast, Hildur?« -- Hildur wurde wie zu Stein, aber
unter dem forschenden Blick der andern konnte sie nicht lügen. --
»Vielleicht habe ich ihn noch nie so lieb gehabt wie heute,« sagte sie,
jedoch so leise, daß man glauben konnte, es täte ihr weh, die Worte
auszusprechen.

»Dann komm gleich mit mir,« sagte Helga. »Ich habe drunten auf der
Straße einen Wagen stehen. Du brauchst dich nur fertig zu machen, dann
können wir gleich nach Närlunda fahren.« -- »Wozu soll es gut sein, daß
ich hinfahre?« fragte Hildur. -- »Du mußt hinfahren und sagen, daß du
Gudmund angehören willst, Hildur, was er auch getan haben mag, und daß
du treu auf ihn warten wirst, während er im Gefängnis sitzt.« -- »Warum
soll ich das sagen?« -- »Damit alles zwischen euch wieder gut wird.«
-- »Aber das ist ja unmöglich. Ich will doch keinen heiraten, der im
Gefängnis gesessen hat.«

Helga prallte ein paar Schritte zurück, so als wäre sie an eine Mauer
gestoßen. Aber sie faßte rasch wieder Mut. Sie konnte ja begreifen, daß,
wer mächtig und reich war wie Hildur, so denken mußte. »Ich wäre nicht
hierher gekommen und hätte dich nicht gebeten, nach Närlunda zu fahren,
wenn ich nicht wüßte, daß Gudmund unschuldig ist,« sagte sie. Jetzt war
es Hildur, die einen Schritt von Helga forttrat. -- »Weißt du das, oder
ist es nur etwas, was du glaubst?« -- »Es wäre besser, wenn wir uns
gleich in den Wagen setzten, dann könnte ich es dir unterwegs erzählen,
Hildur.« -- »Nein, erst mußt du mir alles sagen. Ich muß wissen, was ich
tue.« Helga war so voll brennenden Eifers, daß sie kaum stillstehen
konnte, aber sie mußte sich doch bequemen, Hildur zu erzählen, woher sie
wüßte, daß nicht Gudmund der Täter sei. »Hast du das Gudmund nicht
gleich gesagt?« -- »Nein, ich sage es jetzt dir, Hildur. Kein andrer
weiß es.« -- »Und warum kommst du mit dieser Nachricht zu mir?« --
»Damit es zwischen euch wieder gut werde. Auch er wird wohl bald
erfahren, daß er nichts Böses getan hat, aber ich will, daß du wie von
selbst zu ihm kommst, Hildur, und es gut machst.« -- »Ich soll nicht
sagen, daß ich von seiner Schuldlosigkeit weiß?« -- »Du sollst ganz von
selbst kommen, Hildur, und ihm nie verraten, daß ich mit dir gesprochen
habe. Sonst verzeiht er dir nie, was du ihm heute morgen gesagt hast.«

Hildur hörte schweigend zu. Es lag etwas in diesen Worten, was ihr noch
nie im Leben begegnet war, und sie war bemüht, es sich klarzumachen.
»Weißt du, daß ich es war, die verlangte, daß du aus Närlunda
fortkommst?« -- »Ich weiß wohl, daß es nicht die Leute auf Närlunda
waren, die mich forthaben wollten.« -- »Ich kann gar nicht verstehen,
daß du heute zu mir kommst und mir helfen willst.« -- »Wenn du jetzt nur
mitkommst, Hildur, so kann alles gut werden!« Aber Hildur sah Helga an,
noch immer in dieselben Grübeleien versunken. -- »Vielleicht hat Gudmund
dich lieb,« warf sie hin. Aber nun riß Helga die Geduld. -- »Was hätte
er denn an mir!« sagte sie heftig, »du weißt doch, Hildur, daß ich
nichts andres bin als eine arme Häuslerdirne, und das ist noch nicht
einmal das Allerschlimmste.«

Die beiden jungen Mädchen schlichen sich unbemerkt aus dem Haus und
saßen bald im Wagen. Helga kutschierte, und sie schonte das Pferd nicht,
sondern ließ es rasch traben. Sie waren beide stumm. Hildur saß da und
sah Helga an. Es war, als könnte sie sich nicht genug über sie wundern,
und als dächte sie mehr an sie als an irgend etwas andres.

Als sie in die Nähe des Hofes kamen, übergab Helga Hildur die Zügel.
»Jetzt sollst du allein hinfahren, Hildur, und mit Gudmund sprechen. Ich
komme in einer Weile nach und erzähle die Geschichte mit dem Messer.
Aber du darfst Gudmund kein Wort davon sagen, Hildur, daß ich dich
geholt habe.«

Gudmund saß in der Wohnstube auf Närlunda neben Mutter Ingeborg und
sprach mit ihr. Der Vater saß etwas abseits und rauchte. Er sah
zufrieden aus und sagte kein Wort. Man merkte, er war der Meinung,
jetzt gehe alles, wie es sollte, so daß er nicht einzugreifen brauchte.

»Ich wüßte wohl gerne, Mutter, was Ihr gesagt haben würdet, wenn Ihr
Helga als Schwiegertochter bekommen hättet,« sagte Gudmund. Mutter
Ingeborg hob den Kopf und antwortete mit fester Stimme: »Ich werde jede
Schwiegertochter mit Freuden aufnehmen, wenn ich nur weiß, daß sie dich
so lieb hat, wie eine Frau ihren Mann lieb haben soll.«

Kaum war dies gesagt, als sie Hildur Erikstochter in den Hof einfahren
sahen. Sie kam gleich darauf ins Haus und war ganz anders als sonst. Sie
trat nicht in ihrer gewohnten zuversichtlichen Art in das Zimmer,
sondern es sah fast aus, als wolle sie unten an der Tür stehen bleiben
wie ein armes Bettelmädchen.

Sie kam jedoch heran und gab Mutter Ingeborg und Erland die Hand. Dann
wendete sie sich an Gudmund. »Mit dir will ich ein paar Worte sprechen.«
Gudmund stand auf, und sie gingen in die Kammer. Er stellte Hildur einen
Stuhl hin, aber sie setzte sich nicht. Sie war ganz rot vor
Verlegenheit, und die Worte kamen langsam und scheu über ihre Lippen:
»Ich war wohl -- -- ja, es war vielleicht zu hart, was ich heute morgen
sagte.« -- »Ach, wir haben dich damit so plötzlich überfallen,« sagte
Gudmund. Sie wurde noch röter und beschämter. »Ich hätte es mir besser
überlegen sollen. Wir könnten -- es sollte doch -- -- « -- »Es ist schon
am besten, wie es ist, Hildur. Darüber ist nichts mehr zu reden; aber
es ist schön, daß du gekommen bist.«

Sie schlug die Hände vors Gesicht, holte sehr tief Atem, daß es klang
wie ein Schluchzen, hob dann aber den Kopf wieder. »Nein,« sagte sie.
»Es geht nicht. Ich will nicht, daß du mich für besser hältst, als ich
bin. Jemand kam zu mir und sagte, daß du unschuldig bist, und riet mir,
hierher zu eilen und alles wieder gutzumachen. Und ich sollte nicht
sagen, daß ich schon weiß, daß du unschuldig bist. Denn dann würdest du
nicht so viel daran finden, daß ich komme. Jetzt sage ich dir: ich
wünschte, ich wäre selbst auf den Gedanken gekommen. Doch so war es
nicht. Aber ich habe mich den ganzen Tag nach dir gesehnt und gewünscht,
daß es wieder gut zwischen uns werden könnte. Und wie es auch kommen
mag: eins will ich dir sagen, ich freue mich, daß du unschuldig bist.«

»Wer hat dir denn diesen Rat gegeben, Hildur?« fragte Gudmund. -- »Das
darf ich nicht sagen.« -- »Ich wundere mich, daß es jemand weiß. Vater
kommt eben jetzt vom Bürgermeister. Er hat in die Stadt telegraphiert.
Und es ist die Antwort gekommen, daß der wahre Täter schon gefunden
ist.«

Als Gudmund dies sagte, fühlte Hildur, wie die Beine unter ihr
zitterten, und sie setzte sich rasch nieder. Es wurde ihr ganz angst,
weil Gudmund so ruhig und freundlich war, und sie begann zu verstehen,
daß er ganz außerhalb ihrer Macht war. »Ich sehe schon, du kannst es
nicht vergessen, Gudmund, wie ich heute vormittag gewesen bin.« -- »O
doch, das kann ich dir schon verzeihen, Hildur,« sagte er in demselben
ruhigen Ton. »Davon wollen wir nie mehr sprechen.«

Sie erzitterte, schlug die Augen nieder und saß da, als wartete sie auf
etwas. »Es ist nur ein großes Glück, Hildur,« sagte er und kam heran und
ergriff ihre Hand, »daß es zwischen uns aus ist. Denn heute ist es mir
klar geworden, daß ich eine andre lieb habe. Ich glaube, ich hatte sie
schon lange lieb, aber ich weiß es erst seit heute.« -- »Wer ist die,
die du lieb hast, Gudmund,« kam es tonlos von Hildurs Lippen. -- »Das
kommt ja auf eins heraus. Ich werde sie nicht heiraten, denn sie hat
mich nicht lieb. Aber eine andre kann ich nicht nehmen.«

Hildur hob den Kopf. Es war nicht leicht, zu sagen, was in ihr vorging.
Aber sie fühlte in diesem Augenblick, daß sie, die Großbauerntochter,
mit all ihrem Reiz und allem ihrem Hab und Gut nichts für Gudmund
bedeutete. Und sie war stolz und wollte nicht von ihm scheiden, ohne ihm
zu zeigen, daß sie ihren Wert in sich hatte, abgesehen von allem
Äußerlichen.

»Ich will, Gudmund, daß du mir sagst, ob es Helga vom Moorhof ist, die
du gern hast.«

Gudmund stand schweigend da. »Denn wenn es Helga ist, dann weiß ich, daß
sie dich lieb hat. Sie kam zu mir und lehrte mich, was ich tun sollte,
damit es zwischen uns wieder gut würde. Sie wußte, daß du unschuldig
bist, aber sie sagte es nicht dir, sondern ließ es mich zuerst wissen.«
-- Gudmund sah ihr fest in die Augen. »Findest du darin ein Zeichen, daß
sie eine große Liebe für mich hat?« -- »Dessen kannst du sicher sein,
Gudmund. Das kann ich bezeugen. Niemand in der Welt kann dich lieber
haben als sie.« Er ging hastig durch das Zimmer. Dann blieb er vor Hildur
stehen. »Aber du? Warum sagst du mir das?« -- »Ich will Helga an Edelmut
nicht nachstehen.« -- »Ach, Hildur, Hildur!« sagte er, legte die Hand auf
die Schultern und schüttelte sie, um seiner Rührung Luft zu machen. »Du
weißt nicht, nein, du weißt nicht, wie gut ich dir in diesem Augenblick
bin. Du weißt nicht, wie glücklich du mich gemacht hast -- -- --«

       *       *       *       *       *

Helga saß am Wegrand und wartete. Sie saß da, das Kinn in die Hand
gestützt und sah zu Boden. Sie sah Gudmund und Hildur vor sich und
dachte, wie glücklich sie jetzt sein müßten.

Während sie so dasaß, kam ein Knecht aus Närlunda vorüber. Als er sie
sah, blieb er stehen. »Du hast doch von Gudmund gehört, Helga?« -- Ja,
das hatte sie. -- »Die ganze Geschichte ist ja gar nicht wahr. Der
richtige Täter ist schon verhaftet.« -- »Ich wußte, daß es nicht wahr
sein konnte,« sagte Helga.

Dann ging der Mann, aber Helga blieb am Wegrand sitzen wie zuvor. Ja so,
drüben wußten sie es schon. Sie brauchte gar nicht nach Närlunda zu
gehen, um es zu erzählen.

Sie fühlte sich so wunderlich ausgeschlossen. Vorhin erst war sie so
eifrig gewesen. Sie hatte gar nicht an sich selbst gedacht, nur daran,
daß Gudmunds und Hildurs Hochzeit zustande kommen müsse. Aber jetzt erst
stand es ihr vor Augen, wie einsam sie war. Und es war schwer, für die,
die man lieb hatte, nichts sein zu dürfen. Jetzt brauchte Gudmund sie
nicht, und ihr eigenes Kind hatte ihre Mutter zu dem ihren gemacht. Sie
gönnte ihr kaum, daß sie es ansah.

Sie dachte daran, daß sie aufstehen und nach Hause gehen müsse. Aber die
Hügel erschienen ihr so steil und schwer zu ersteigen. Sie wußte gar
nicht, wie sie hinaufkommen solle.

Da kam ein Wagen aus Närlunda. Hildur und Gudmund saßen darin. Jetzt
führen sie wohl nach Älvåkra, um zu sagen, daß sie sich ausgesöhnt
hätten. Und morgen fände dann die Hochzeit statt.

Als sie Helga erblickten, hielten sie an. Gudmund gab Hildur die Zügel
und sprang heraus. Hildur nickte Helga zu und fuhr weiter.

Gudmund blieb auf dem Wege vor Helga stehen. »Ich bin froh, daß du hier
sitzest, Helga,« sagte er. »Ich glaubte, ich müßte nach dem Moorhof
hinaufgehen, um dich zu treffen.«

Er sagte dies heftig, beinahe hart, und dabei hielt er ihre Hand fest
umklammert, und sie sah es seinen Augen an, daß er jetzt wußte, wie es
um sie stand. Jetzt konnte sie ihm nicht mehr entfliehen.




Gottesfriede


Es war einmal ein alter Bauernhof, und es war ein Weihnachtsabend mit
grauem Himmel, wie vor einem großen Schneefall, und mit scharfem
Nordwind. Am Nachmittag war es, gerade um die Zeit, wo alle Leute es
eilig hatten, ihre Arbeit zu Ende zu bringen, damit sie dann in der
Badehütte baden konnten. Dort drinnen feuerte man so heftig ein, daß die
Flammen zum Schornstein hinausschlugen und eine Menge Funken und
Rußflocken mit dem Winde flogen und auf die schneebedeckten
Schindeldächer niederfielen.

Wie die Flamme so aus dem Schornstein der Badehütte aufstieg und sich
gleich einer Feuersäule über den Bauernhof erhob, begannen alle zu
spüren, daß Weihnachten vor der Tür stand. Die Magd, die im Hausflur lag
und scheuerte, fing leise zu singen an obgleich das Scheuerwasser in dem
Kübel neben ihr zu Eis gefror, die Knechte, die im Schuppen standen und
das Weihnachtsholz hackten, begannen zwei Scheite auf einmal zu spalten
und schwangen die Axt so lustig, als wäre die Arbeit nur ein Spiel.

Aus dem Speicher kam eine alte Frau mit einem großen Haufen runder
Bierwürzenbrote auf dem Arm. Sie ging langsam über den Hof in das große
rotgestrichne Wohnhaus und trat vorsichtig in die Wohnstube, wo sie die
Brote auf die lange Bank niederlegte. Dann breitete sie ein Tuch auf den
Tisch und legte das Brot in Häufchen, in jedes ein großes und ein
kleines. Sie war eine seltsam häßliche alte Frau, mit rötlichem Haar,
schweren, schlaffen Augenlidern und einem eignen so strammen Zug um Mund
und Kinn, als wären die Halssehnen zu kurz. Aber nun am Weihnachtsabend
war eine solche Freude und ein solcher Friede über ihr, daß man gar
nicht sehen konnte, wie häßlich sie war.

Einen Menschen aber gab es auf dem Hof, der nicht vergnügt war, und das
war das Mädchen, welches die Birkenruten band, die beim Baden benützt
werden sollten. Sie saß am Herd, einen ganzen Arm voll feiner
Birkenreiser vor sich auf dem Boden, und band; doch hatte sie keine
haltbaren Gerten, um die Zweige zusammenzubinden. Die Wohnstube hatte
ein breites, niedriges Fenster mit kleinen Scheiben, und durch diese
fiel der Schein aus der Badehütte ins Zimmer, spielte auf dem Fußboden
und vergoldete das Birkenreisig. Aber je lustiger das Feuer brannte,
desto unglücklicher wurde das Mädchen. Sie wußte, daß die Rutenbüschel
auseinanderfallen müßten, sobald man sie nur anrührte, und daß sie darum
Spott und Schmach erleiden würde, zum mindesten so lange, bis ein neues
Weihnachtsfeuer in diesem Schornstein flammte.

Wie sie so dasaß und sich unglücklich fühlte, trat der Mann in die
Stube, vor dem sie die allergrößte Angst hatte. Es war der Hausvater
Ingmar Ingmarson in eigner Person. Sicherlich war er in der Badehütte
gewesen, um sich zu vergewissern, daß der Ofen heiß genug würde; und nun
wollte er sehen, wie es mit den Rutenbüscheln stünde. Er war alt, Ingmar
Ingmarson, und er hielt auf alles, was alt war. Und gerade weil die
Leute es jetzt aufzugeben begannen, in der Badehütte zu baden und sich
mit Birkenreisern peitschen zu lassen, legte er großes Gewicht darauf,
daß es auf seinem Hof geschehe, und ordentlich geschehe.

Ingmar Ingmarson trug einen alten Schafpelz und Lederhosen und
Pechdrahtstiefel. Er war schmutzig und unbarbiert und kam in seiner
bedächtigen Art so leise herein, daß man ihn ebensogut für einen Bettler
hätte halten können. Er zeigte ungefähr dieselben Züge und dieselbe
Häßlichkeit wie die Frau; sie waren miteinander verwandt, und sie hatte
von altersher gelernt, eine heilige Ehrfurcht vor jedem zu haben, der
dieses Aussehen hatte. Denn es bedeutete viel, dem alten Geschlecht der
Ingmarsöhne anzugehören, das allezeit das vornehmste in der Gegend
gewesen war; aber das Höchste, was ein Mensch sein konnte, war Ingmar
Ingmarson selbst, der Reichste, der Klügste und der Mächtigste im ganzen
Kirchspiel.

Ingmar Ingmarson kam auf das Mädchen zu, bückte sich, nahm eines der
fertigen Rutenbüschel und schwang es durch die Luft. Sogleich flogen
die Ruten auseinander; eine landete auf dem Weihnachtstisch und eine
andre im Himmelbett.

»Hei, min Deern,« sagte der alte Ingmar und lachte, »glaubst du, daß man
solche Ruten brauchen kann, wenn man bei den Ingmarsöhnen badet? Oder
hast du solche heillose Angst um deine Haut?«

Da der Hausvater es nicht übler aufnahm, faßte das Mädchen Mut und
sagte, sie wolle schon Rutenbüschel binden, die hielten, wenn man ihr
nur Gerten zum Binden gäbe.

»Dann muß man dir wohl Gerten schaffen, min Deern,« sagte der alte
Ingmar; denn er war in rechter Weihnachtsstimmung.

Er ging aus der Wohnstube, kletterte über die Magd mit dem Scheuereimer
hinweg und blieb auf der Türschwelle stehen, sich nach jemand umzusehen,
den er in den Birkenhain um Gerten schicken könnte. Die Knechte waren
noch bei dem Weihnachtsholz, der Sohn kam mit dem Weihnachtsstroh aus
der Tenne, die beiden Schwiegersöhne schleppten eben die Arbeitswagen in
die Schuppen, damit der Hof feiertäglich aussähe. Keiner von ihnen hatte
Zeit, sich aus dem Hause zu entfernen.

Da beschloß der Alte ganz gelassen, sich selbst auf den Weg zu machen.
Er ging schräg über den Hof, als wolle er in den Stall, sah sich um,
sich zu vergewissern, daß niemand auf ihn acht gäbe, und schlüpfte dann
hinter die Stallwand, wo ein halbwegs gebahnter Weg in den Wald hinauf
führte. Der Alte hielt es nicht für nötig, jemand zu sagen, wohin er
ging, denn sonst hätte es vielleicht dem Sohn oder einem der Eidame
einfallen können, ihn abzuhalten. Und alte Leute wollen nun einmal am
liebsten ihren eignen Willen haben.

Er schlug den Weg über die Felder durch das kleine Tannenwäldchen ein
und kam zu dem Birkenhain. Hier bog er vom Wege ab und watete in den
Schnee hinauf, um ein paar einjährige Birkenschößlinge zu finden.

Um diese Zeit hatte der Wind endlich erreicht, woran er den ganzen Tag
gearbeitet hatte: er hatte den Schnee aus den Wolken losgerissen, und
jetzt kam er den Wald heraufgefegt, mit einer langen Schleppe von
Schneeflocken hinter sich.

Ingmar Ingmarson bückte sich eben, um einen Zweig abzuschneiden, als der
Wind, ganz mit Schnee beladen, heransauste. In dem Augenblick, als der
alte Mann sich aufrichtete, pustete der Wind los und blies ihm einen
Haufen Flocken ins Gesicht. Er bekam die Augen voll Schnee, und der Wind
wirbelte so heftig rings um ihn, daß er sich ein paarmal herumdrehen
mußte.

Das ganze Unglück kam wohl daher, daß Ingmar Ingmarson alt geworden war.
In seinen Jugendtagen hätte ihn ein Schneesturm wohl kaum schwindelig
gemacht, aber jetzt drehte sich alles im Kreise, als wenn er sich in
einer Weihnachtspolka herumgeschwungen hätte. Und als er heimwärts gehen
wollte, ging er gerade nach der verkehrten Richtung. Er ging geradewegs
in den großen Tannenwald hinein, der hinter dem Birkenhain anfing,
anstatt zu den Feldern hinunter.

Die Dunkelheit brach schnell herein, und unter den jungen Bäumen am
Waldessaum trieb das Schneegestöber sein Spiel weiter. Der Alte sah
wohl, daß er zwischen Tannen ging, aber er merkte nicht, daß er fehl
gegangen war; denn auch auf der Seite des Birkenwaldes, die dem Hofe
zugekehrt war, wuchsen Tannen. Aber nun kam er so tief in den Wald
hinein, daß es ganz ruhig und still wurde; von dem Sturm war nichts mehr
zu spüren, und die Bäume wurden hoch und großstämmig. Da sah er, daß er
in die Irre gegangen war, und wollte umkehren.

Er war ganz traumselig und erregt davon, daß er sich hatte verirren
können; und wie er so mitten in dem weglosen Wald stand, war er nicht
klar genug im Kopfe, um zu wissen, wohin er gehen müßte. Er schlug
zuerst eine Richtung ein und dann wieder eine andre. Endlich kam es ihm
in den Sinn, in seinen eignen Fußstapfen zurückzugehen, dann aber brach
die Dunkelheit herein, und er konnte die Fußstapfen nicht mehr finden.
Und höher und höher wurden die Bäume um ihn. Er mochte gehen, wie er
wollte, -- er merkte schon, daß er sich weiter und weiter vom Waldsaum
entfernte.

Es war rein wie verhext und verzaubert: den ganzen Abend mußte er hier
im Walde herumlaufen und kam gewiß zu spät zum Baden.

Er drehte die Mütze um und knüpfte sein Strumpfband anders, aber es
blieb ihm ebenso wirr im Kopfe wie zuvor, und es wurde ganz dunkel, und
er fing an zu glauben, daß er die Nacht über im Walde bleiben müßte.

Er lehnte sich an einen Tannenbaum und stand still, um seine Gedanken zu
sammeln. Mit diesem Walde war er doch so wohl vertraut. Er war hier so
viel umhergegangen, daß er fast jeden Baum kannte. Als Knabe war er hier
umhergelaufen und hatte die Schafe gehütet, war er auf Schleichwegen
gegangen und hatte den Waldvögeln Fallen gestellt. In seiner Jugend
hatte er mitgeholfen, den Wald zu fällen. Er hatte ihn abgeholzt
daliegen und er hatte ihn aufs neue wachsen sehen.

Endlich kam es ihm vor, als ob er wieder wüßte, wo er war, und er
glaubte, wenn er nur so und so ginge, müßte er auf den rechten Weg
kommen. Aber wie er auch ging, -- er kam nur tiefer und tiefer in das
Waldesdickicht.

Einmal fühlte er festen, glatten Boden unter dem Fuß, und da sagte er
sich, daß er nun endlich auf einen Weg gekommen wäre. Den versuchte er
nun weiterzugehen, denn ein Weg mußte doch irgendwohin führen. Aber nun
lief der Weg in eine Waldwiese aus, und da hatte das Schneegestöber
freien Spielraum, da gab es keinen Pfad mehr, -- nur Schneehaufen und
Schneegruben. Da sank dem Alten der Mut, und er fühlte sich als ein
armer Wicht, der draußen in der Wildnis sterben müßte.

Er begann es müde zu werden, sich durch den Schnee zu schleppen; und ein
Mal ums andre setzte er sich auf einen Stein, um auszuruhen. Aber sobald
er sich setzte, wurde er schläfrig, und er wußte, daß er erfrieren
mußte, wenn er einschlummerte. Darum versuchte er zu gehen und zu gehen,
-- das war ja das Einzige, was ihn retten konnte.

Aber wie er so ging, konnte er der Lust nicht widerstehen, zu rasten. Er
dachte, wenn er nur ruhen dürfte, fragte er gar nicht viel danach, ob es
ihn das Leben koste.

Es bereitete ihm ein solches Wohlgefühl, stillzusitzen, daß der
Todesgedanke ihn gar nicht beängstigte. Er empfand sogar eine Art
Freude, wenn er daran dachte, daß lange Personalien über ihn in der
Kirche verlesen werden würden, wenn er tot wäre. Er erinnerte sich, wie
schön der alte Propst über seinen Vater gesprochen hatte; und sicherlich
würde auch über ihn etwas Schönes gesagt werden. Es würde gesagt werden,
daß er den ältesten Bauernhof im Tale gehabt hätte, und es würde von der
Ehre gesprochen werden, die darin läge, einem so ansehnlichen Geschlecht
zu entstammen. Und auch von der Verantwortung würde die Rede sein.

Ja, ja. Verantwortung war bei der Sache, das hatte er immer gewußt. Man
mußte bis zum äußersten ausharren, wenn man einer von den Ingmarsöhnen
war.

Und plötzlich durchzuckte es ihn blitzartig, daß es nicht rühmlich für
ihn wäre, erfroren im wilden Walde gefunden zu werden. Das wollte er
nicht in seinem Nachruf haben. Und so stand er wieder auf und begann zu
wandern. Doch da hatte er so lange stillgesessen, daß ganze Schneemengen
sich aus seinem Pelze wälzten, als er sich zu rühren begann. Und nach
einem Weilchen saß er wieder da und träumte.

Jetzt kamen die Todesgedanken noch lockender zu ihm. Er dachte das ganze
Begräbnis durch und alle die Ehren, die seinem toten Leib erwiesen
werden würden. Er sah den großen Gastmahltisch im Festsaal des oberen
Stockwerkes gedeckt, den Propst und die Pröpstin auf dem Hochsitz, den
Richter mit der weißen Krause über der schmalen Brust, die Majorin in
schwarzer Seide, die dicke Goldkette viele Male um den Hals geschlungen.
Er sah alle Gastzimmer weiß bezogen, weiße Laken vor den Fenstern. Weiß
auf allen Möbeln. Tannenreisig auf dem Weg vom Hausflur bis hinab zur
Kirche. Und ein Backen und Schlachten und Brauen zwei Wochen vor dem
Begräbnis. Zwanzig Klafter Holz in vierzehn Tagen verheizt.

Die Leiche auf einer Bahre im innern Zimmer, Kohlendunst in den
frischgeheizten Stuben. Gesang an der Leiche, wenn der Sargdeckel
zugeschraubt wird, Silberplatten auf dem Sarge. Der Hof voll Gäste. Das
ganze Dorf in Bewegung, um das »Mitgebrachte« zu bereiten, alle
Kirchenhüte gebürstet, der ganze Herbstbranntwein beim Leichenschmaus
ausgetrunken, alle Wege voll von Menschen wie an einem Markttag.

Wieder fuhr der Alte auf. Er hatte sie beim Leichenschmaus von sich
sprechen hören. »Aber wie konnte er denn in dieser Weise erfrieren?«
fragte der Amtsrichter. »Was hatte er denn überhaupt oben im Hochwald zu
tun?« Und da antwortete der Kapitän, das habe wohl das Weihnachtsbier
und der Branntwein gemacht.

Und dies weckte ihn aufs neue. Die Ingmarsöhne waren nüchterne Leute. Es
sollte nicht von ihm heißen, er wäre in seiner letzten Stunde nicht bei
Sinnen gewesen. Er begann wieder zu gehen und zu gehen. Aber er war so
müde, daß er kaum auf den Füßen stehen konnte. Er war jetzt ganz hoch
oben im Walde, das merkte er; denn es war ein unwegsamer Boden voll von
großen Felsblöcken, wie sie weiter unten nicht zu finden waren. Er blieb
mit dem Fuß zwischen ein paar Steinen hängen, so daß er sich kaum
losmachen konnte; und nun stand er da und jammerte laut. Jetzt war es um
ihn geschehen.

Und plötzlich fiel er zu Boden in einen großen Reisighaufen. Er fiel
ganz weich auf Schnee und Reisig, so daß ihm kein Leid geschah; aber
jetzt konnte er nicht mehr aufstehen. Er wollte nichts andres mehr auf
dieser Welt als schlafen. Er schob das Reisig ein bißchen beiseite und
kroch hinein, als wäre es ein Fell. Aber wie er so den Körper unter die
Zweige schob, spürte er, daß dort drinnen im Haufen etwas lag, was warm
und weich war. »Hier liegt gewiß ein Bär und schläft,« dachte er.

Er fühlte, wie das Tier sich rührte, und hörte, wie es rings um sich
witterte. Er lag ganz still. Er dachte, seinethalben könne der Bär ihn
schon auffressen. Er vermochte kein Glied zu regen, um ihm zu entkommen.

Aber der Bär schien ihm, der in einer solchen Unwetternacht unter seinem
Dach Schutz suchte, nichts zuleide tun zu wollen. Er schob sich etwas
tiefer in seine Höhle, als wolle er dem Gast Platz machen, und gleich
darauf schlief er mit gleichmäßigen, sausenden Atemzügen.

       *       *       *       *       *

Unterdessen hatten sie unten auf dem alten Ingmarshof nicht viel
Weihnachtsfreude gehabt. Den ganzen heiligen Abend hatten sie Ingmar
Ingmarson gesucht.

Zuerst waren sie im ganzen Wohnhaus und in allen Wirtschaftsgebäuden
umhergegangen. Sie hatten vom Boden bis zum Keller gesucht, dann waren
sie in die Nachbarhöfe gegangen und hatten dort nach Ingmar Ingmarson
gefragt.

Als sie ihn nirgends fanden, hatten Söhne und Schwiegersöhne sich auf
die Felder und Äcker hinaus begeben. Die Fackeln, die den
Kirchenwanderern auf dem Weg zur Weihnachtsmette hätten leuchten sollen,
wurden nun angezündet und in dem rasenden Schneegestöber auf allen Wegen
und Stegen umhergetragen. Aber der Wind hatte alle Spuren verweht, und
sein Heulen übertönte den Laut der Stimmen, wenn sie zu rufen und zu
schreien versuchten. Bis weit über Mitternacht waren sie draußen, aber
endlich sahen sie ein, daß sie bis zum Tagesanbruch warten müßten, wenn
sie den Verschwundenen finden wollten.

Kaum dämmerte das Morgenrot, so waren alle Leute im Ingmarshof wieder
auf den Beinen, und die Männer standen im Hofe, bereit, in den Wald
hinauszuziehen. Aber ehe sie sich noch aufgemacht hatten, kam die alte
Hausmutter und rief sie in die Wohnstube. Sie hieß sie, sich auf die
langen Bänke in der Stube setzen, und sie selbst setzte sich an den
Weihnachtstisch, mit der Bibel vor sich, und begann zu lesen. Und als
sie nach ihren schwachen Kräften gesucht hatte, was in einer solchen
Stunde angemessen wäre, da hatte sie die Geschichte von dem Manne
gefunden, der von Jerusalem gen Jericho ging und unter die Mörder fiel.

Sie las langsam und singend von dem armen Manne, dem der barmherzige
Samariter zu Hilfe kam. Söhne und Schwiegersöhne, Töchter und
Enkeltöchter saßen ringsumher auf den Bänken. Sie alle glichen ihr und
einander: groß und schwerfällig, mit häßlichen, altklugen Gesichtern,
denn alle waren sie von dem alten Stamm der Ingmarsöhne. Alle hatten sie
rötliches Haar, eine sommersprossige Haut und lichtblaue Augen mit
weißen Wimpern. Im übrigen konnten sie verschieden genug voneinander
sein, aber alle hatten sie einen strengen Zug um den Mund, schläfrige
Augen und ungelenke Bewegungen, als fiele ihnen alles schwer. Aber jedem
von ihnen konnte man doch ansehen, daß sie zu den ersten in der Gegend
gehörten und selbst wußten, daß sie vornehmer waren als die andern.

Alle Ingmarsöhne und Ingmartöchter seufzten bei dem Bibellesen tief. Sie
fragten sich, ob wohl ein Samariter den Hausvater gefunden und sich
seiner erbarmt hätte. Denn für alle Ingmarsöhne war es, als verlören sie
etwas von ihrer eignen Seele, wenn jemand, der zum Stamme gehörte, von
einem Unglück getroffen wurde.

Die alte Frau las und las und kam zu der Frage: »Welcher dünkt dich, der
unter diesen dreien der nächste sei gewesen, dem, der unter die Mörder
gefallen?«

Aber ehe sie noch die Antwort lesen konnte, ging die Tür auf, und der
alte Ingmar trat in die Stube.

»Mutter, Vater ist da,« sagte eine der Töchter, und es wurde nicht mehr
gelesen, daß des Mannes Nächster der gewesen war, der Barmherzigkeit an
ihm getan hatte.

       *       *       *       *       *

Etwas später am Tage saß die Hausmutter wieder auf demselben Platz und
las in ihrer Bibel. Sie war allein. Die Frauen waren zur Kirche
gegangen, und die Männer waren auf der Bärenjagd im Hochwalde. Sowie
Ingmar Ingmarson gegessen und getrunken hatte, hatte er die Söhne
mitgenommen und war in den Wald auf die Bärenjagd gegangen. Denn es ist
nun einmal so, daß es eines Mannes Pflicht ist, den Bären zu fällen, wo
und wann er ihm auch begegnet. Es geht nicht an, einen Bären zu schonen;
denn früher oder später findet er doch Geschmack am Fleische und
verschont dann weder Mensch noch Tier.

Aber seit sie auf die Jagd gegangen waren, war eine große Angst über die
alte Hausmutter gekommen, und sie hatte zu lesen begonnen. Jetzt machte
sie sich daran, was an diesem Tage in der Kirche gepredigt wurde, aber
sie kam nicht weiter als bis zu dem Wort: »Friede auf Erden und den
Menschen ein Wohlgefallen.« Sie blieb sitzen und starrte mit ihren
erlöschenden Blicken diese Worte an, und von Zeit zu Zeit stieß sie
einen tiefen Seufzer aus. Sie las nicht weiter, sondern wiederholte nur
ein Mal ums andre mit langsamer schleppender Stimme: »Friede auf Erden
und den Menschen ein Wohlgefallen.«

Da kam der älteste Sohn in die Stube, als sie sich gerade aufs neue
durch diese Worte schleppte.

»Mutter,« sagte er sehr leise.

Sie hörte ihn, schlug aber die Augen nicht vom Buche auf, als sie
fragte: »Bist du nicht mit im Walde?«

»Doch,« sagte er noch leiser. »Ich bin dort gewesen.«

»Komm hierher zum Tisch,« sagte sie, »so daß ich dich sehen kann.«

Er kam näher, aber als ihr Blick auf ihn fiel sah sie, daß er zitterte.
Er mußte sich auf die Tischkante stützen, um die Hände still halten zu
können.

»Habt Ihr den Bären erlegt?« fragte sie wieder.

Jetzt konnte er nicht mehr antworten; er schüttelte nur den Kopf.

Die Alte stand auf und tat, was sie nicht getan hatte, seit der Sohn ein
Kind gewesen war. Sie ging auf ihn zu, legte liebkosend die Hand auf
seinen Arm, streichelte ihm die Wange und zog ihn auf die Bank. Dann
setzte sie sich neben ihn und hielt seine Hand in der ihren. »Sag mir
jetzt, was geschehen ist, mein Junge.«

Der Bursche erkannte die Liebkosung wieder, die ihn in den Jahren der
Kindheit getröstet hatte, wenn er unglücklich und hilflos war; und das
rührte ihn so tief, daß er zu weinen anfing. »Ich kann mir denken, daß
es etwas mit Vater ist,« sagte sie.

»Ja, aber es ist noch schlimmer,« schluchzte der Sohn.

»Noch schlimmer?«

Der Bursche weinte immer heftiger; er wußte nicht, wie er Macht über
seine Stimme bekommen sollte. Endlich hob er die grobe Hand mit den
breiten Fingern und wies auf die Stelle, die sie eben gelesen hatte:
»Friede auf Erden.«

»Hat es etwas damit zu tun?« fragte sie.

»Ja,« antwortete er.

»Mit dem Weihnachtsfrieden?«

»Ja.«

»Ihr wolltet heute morgen eine böse Tat tun.«

»Ja.«

»Und Gott hat uns gestraft?«

»Gott hat uns gestraft.«

Endlich erfuhr sie, wie es zugegangen war. Sie hatten die Bärenhöhle
gesucht, und als sie so nahe waren, daß sie den Reisighaufen sehen
konnten, waren sie stehen geblieben, um die Gewehre in Ordnung zu
bringen. Aber ehe sie noch fertig waren, kam der Bär aus der Höhle
gestürzt, gerade auf sie zu. Er sah weder nach rechts, noch nach links,
er kam gerade auf den alten Ingmar Ingmarson zu und versetzte ihm einen
Schlag auf den Kopf, der ihn zu Boden streckte, als wäre er vom Blitz
getroffen. Aber niemand sonst fiel der Bär an, sondern stürzte an ihnen
vorbei in den Wald hinein.

       *       *       *       *       *

Am Nachmittag fuhren Ingmar Ingmarsons Frau und Sohn in den Pfarrhof und
meldeten den Todesfall an. Der Sohn führte das Wort. Die alte Hausmutter
saß dabei und hörte zu, mit einem Gesicht, das regungslos war wie ein
Steinbild.

Der Pfarrer saß in seinem Lehnstuhl am Schreibtisch. Er hatte seine
Bücher hervorgenommen und den Todesfall aufgezeichnet. Er tat das ein
wenig langsam: er wollte Zeit haben, darüber nachzudenken, was er der
Witwe und dem Sohne sagen solle; denn dies war doch ein ungewöhnlicher
Fall. Der Sohn hatte ganz offen erzählt, wie alles sich zugetragen
hatte; doch der Pfarrer wollte gern wissen, wie sie selbst die Sache
auffaßten. Es waren sehr eigentümliche Menschen, die Leute vom
Ingmarhofe.

Als nun der Pfarrer das Buch zuschlug, sagte der Sohn: »Wir wollten Euch
auch sagen, Herr Pfarrer, daß wir keine Personalien über Vater verlesen
haben wollen.«

Der Pfarrer schob die Augengläser auf die Stirn und sah scharf forschend
zu der alten Frau hinüber. Sie saß ebenso regungslos da wie zuvor. Sie
zerknüllte nur das Taschentuch, das sie zwischen den Händen hielt.

»Wir werden ihn an einem Werktag begraben,« fuhr der Sohn fort.

»So, so, so, so,« sagte der Pfarrer. Es schwindelte ihm förmlich. Der
alte Ingmar Ingmarson sollte unter die Erde kommen, ohne daß jemand
darum wüßte. Die Dorfbewohner sollten nicht auf dem Hügel stehen und
sehen, mit welchem Staat er zu Grabe getragen würde.

»Wir werden keinen Leichenschmaus halten. Wir haben es den Nachbarn
mitgeteilt, damit sie kein >Mitgebrachtes< bereiten.«

»So, so, so, so,« sagte der Pfarrer abermals. Er konnte nichts andres
über die Lippen bringen. Er wußte wohl, was es für solche Leute
bedeutete, vom Leichenschmaus abzustehen. Er hatte gesehen, wie sehr es
Witwen und Vaterlose tröstete, einen stattlichen Leichenschmaus
abzuhalten.

»Und es wird auch kein Trauerzug sein, nur ich und meine Brüder gehen
mit.«

Der Pfarrer sah gleichsam Antwort heischend zu der Alten hinüber. Konnte
sie dem wirklich zustimmen? Er fragte sich, ob der Sohn auch ihren
Willen ausspräche. Sie saß ja da und ließ sich alles dessen berauben,
was ihr kostbarer sein mußte als Silber und Gold.

»Wir wollen kein Glockengeläute haben und keine Silberplatten auf dem
Sarge. Das wollen wir so, Mutter und ich. Aber wir sagen es Euch, Herr
Pfarrer, um zu hören, ob Ihr es als ein Unrecht gegen Vater anseht.«

Nun ergriff auch die Frau das Wort. »Ja, wir wollen wissen, ob Ihr
meint, Herr Pfarrer, daß es ein Unrecht gegen Vater sein kann.«

Der Pfarrer schwieg noch immer, und da fuhr die Frau eifrig fort: »Laßt
Euch sagen, Herr Pfarrer: hätte mein Mann sich gegen den König oder den
Vogt vergangen, und hätte ich ihn vom Galgen herunterschneiden müssen,
er würde doch ein ehrliches Begräbnis bekommen haben, wie sein Vater vor
ihm, denn die Ingmarsöhne fürchten niemand, und sie brauchen keinem aus
dem Wege zu gehen. Aber um die Weihnachtszeit hat Gott Friede gesetzt
zwischen Tieren und Menschen, und das arme Tier hielt Gottes Gebot, aber
wir brachen es, und darum sind wir jetzt unter Gottes Strafgericht. Und
es steht uns nicht an, in Prunk und Staat einherzugehen.«

Der Pfarrer stand auf und ging zu der Alten hin. »Es ist ganz recht, was
Ihr sagt,« antwortete er, »und Ihr sollt Euern eignen Willen haben.«
Und unwillkürlich fügte er hinzu, vielleicht mehr für sich selbst: »Die
Ingmare sind doch großangelegte Menschen.«

Bei diesen Worten richtete sich die Alte ein wenig empor. Und der
Pfarrer sah sie für einen Augenblick als das Sinnbild des ganzen
Stammes. Er begriff, was Jahrhundert um Jahrhundert diesen
schwerflüssigen und wortkargen Menschen die Macht gegeben hatte, die
Führer eines ganzen Kirchspiels zu sein.

»Es kommt den Ingmarsöhnen zu, dem Volke ein gutes Beispiel zu geben,«
sagte sie. »Es ist an uns, zu zeigen, daß wir demütig sind vor Gott.«




Der Luftballon


Vater und die Knaben sitzen an einem regnerischen Oktoberabend in einem
Kupee dritter Klasse, auf der Fahrt nach Stockholm. Vater ist auf seiner
Bank allein. Die Knaben sitzen ihm gegenüber, eng aneinander geschmiegt,
und lesen einen Roman von Jules Verne, der den Titel führt: Sechs Wochen
im Luftballon. Das Buch ist sehr abgegriffen. Die Knaben können es fast
auswendig und haben endlose Diskussionen darüber geführt, aber sie lesen
es immer wieder mit demselben Vergnügen, sie haben alles vergessen, um
den kühnen Luftschiffern quer über Afrika zu folgen, und sie erheben nur
selten den Blick vom Buche, um die schwedischen Landschaften zu
betrachten, die sie durchfahren.

Die Knaben sehen einander sehr ähnlich. Sie sind von gleicher Größe,
gleich gekleidet -- in graue Überröcke und blaue Schulmützen --, sie
haben alle beide große träumerische Augen und kleine Stumpfnasen. Sie
sind immer gut Freund, gehen immer miteinander, kümmern sich nicht um
andre Kinder und sprechen immer von Erfindungen und Entdeckungsfahrten.
Der Begabung nach sind sie recht verschieden geartet. Lennart, der
ältere, der dreizehn Jahre zählt, kommt in der Schule schwer vorwärts,
und er kann kaum in irgendeinem Gegenstande mit seiner Klasse Schritt
halten. Dafür ist er aber sehr geschickt und unternehmungslustig. Er
will Erfinder werden und beschäftigt sich beständig damit, eine
Flugmaschine zu konstruieren. Hugo ist ein Jahr jünger als Lennart, aber
er begreift leichter und ist schon in derselben Klasse wie der Bruder.
Auch er interessiert sich nicht besonders für das Lernen, hingegen ist
er ein großer Sportsmann: Skiläufer, Radfahrer und Eisläufer. Wenn er
erwachsen ist, will er auf Entdeckungsreisen gehen. Sobald Lennarts
Flugmaschine fertig ist, wird Hugo damit ausfliegen, um zu entdecken,
was von der Welt noch zu entdecken übrig ist.

Vater ist ein großgewachsener Mann mit eingesunkner Brust, fahlem
Gesicht und schmalen, schönen Händen. Er ist nachlässig gekleidet. Seine
Hemdbrust ist zerknittert, der Rockaufhänger guckt am Halse hervor, die
Weste ist schief geknöpft, und die Strümpfe sind herabgerutscht. Er
trägt das Haar so lang, daß es auf den Rockkragen hängt, dies jedoch
nicht aus Nachlässigkeit, sondern aus Geschmack und Gewohnheit.

Vater stammt aus einem alten Spielmannsgeschlecht, weit her aus dem
Bauernland, und er hat als sein besondres Erbteil zwei starke Anlagen
mitbekommen. Die eine Anlage ist eine große musikalische Begabung, und
sie trat als Erstes zutage. Er besuchte die Akademie in Stockholm,
studierte dann ein paar Jahre im Ausland und machte in diesen
Studienjahren so glänzende Fortschritte, daß er selbst und seine Lehrer
erwarteten, es würde ein großer, weltberühmter Violinspieler aus ihm
werden. Er hätte sicherlich Talent genug gehabt, dieses Ziel zu
erreichen, aber es fehlte ihm an Kraft und Ausdauer. Er konnte sich
draußen in der Welt keine Stellung erkämpfen, sondern kam gar bald heim
und nahm einen Organistenposten in einer Provinzstadt an. Anfangs
schämte er sich wohl, daß er allen den in ihn gesetzten Erwartungen
nicht entsprochen hatte; aber er empfand es auch angenehm, einen sichern
Lebensunterhalt zu haben und nicht mehr die Barmherzigkeit fremder Leute
in Anspruch nehmen zu müssen.

Kurz nachdem er die Stelle bekommen hatte, heiratete er; und einige
Jahre lang war er mit seinem Lose ganz zufrieden. Er hatte ein schönes
kleines Heim, eine frohe und glückliche Frau und zwei kleine Jungen, und
er war der Liebling der ganzen Stadt, überall gesucht und gefeiert. Aber
dann war eine Zeit gekommen, wo dies alles ihn nicht mehr zu befriedigen
schien. Er sehnte sich danach, noch einmal in die Welt hinauszuziehen
und sein Glück zu versuchen, doch fühlte er sich verpflichtet, daheim zu
bleiben, weil er nun Weib und Kind hatte.

Vor allem war es die Frau, die ihn überredet hatte, von dieser Reise
abzustehen. Sie glaubte, daß es ihm nicht besser glücken werde als das
erste Mal. Sie meinte, sie seien so glücklich, daß er nichts andres zu
erstreben brauche. Damit beging sie sicher einen Fehler, aber sie mußte
ihn auch schwer genug büßen; denn von der Zeit an kam der zweite
Familienzug bei dem Manne zum Vorschein. Da er seine Sehnsucht nach Ruhm
und Erfolg nicht stillen konnte, suchte er sich mit dem Trinken zu
trösten.

Und es ging ihm nun so, wie es den Menschen aus seiner Familie zu gehen
pflegte: er trank ohne Besinnung und ohne Maß und kam binnen kurzem ganz
herunter. Er wurde allmählich ein ganz andrer Mensch als zuvor. Er war
nicht mehr liebenswürdig und einnehmend, sondern böse und hart. Und das
größte Unglück war, daß er einen furchtbaren Haß gegen seine Frau faßte
und sie in jeder möglichen Weise quälte, wenn er betrunken war -- und
auch sonst.

Die Knaben hatten also kein gutes Heim gehabt, und ihre Kindheit wäre
sehr unglücklich gewesen, hätten sie sich nicht eine kleine Welt für
sich selbst geschaffen, voll von Maschinenmodellen, Entdeckungsplänen
und Abenteuerbüchern. Die einzige, die zuweilen einen Blick in diese
Welt werfen durfte, war Mutter. Vater hatte nicht einmal eine Ahnung,
daß sie existierte; und auch jetzt vermag er mit den Knaben über nichts
zu sprechen, was sie interessiert. Er stört sie ein Mal ums andre, wenn
er fragt, ob es nicht schön wäre, Stockholm kennen zu lernen, und ob sie
sich nicht freuten, mit Vater zu reisen, und dergleichen mehr. Sie
antworten sehr kurz, um sich augenblicklich wieder in das Buch zu
vertiefen. Vater jedoch fragt weiter. Er glaubt, daß die Knaben von
seiner Liebenswürdigkeit sehr entzückt sein müßten und nur zu schüchtern
wären, es zu zeigen.

»Die haben zu lange an Mutters Schürzenband gehangen,« denkt er. »Sie
sind ängstlich und zimperlich geworden. Das wird jetzt anders werden,
wenn sie in meine Hand kommen.«

Aber Vater täuscht sich. Daß die Knaben ihm so kurze Antworten geben,
kommt nicht von der Schüchternheit, sondern bedeutet nur, daß sie
wohlerzogen sind und ihn nicht verletzen wollen. Wenn es nicht so wäre,
würden sie ganz anders antworten. »Warum sollten wir es schön finden,
mit Vater zu reisen?« würden sie dann sagen. »Vater glaubt freilich,
etwas ganz Besondres zu sein, aber wir sehen ja, daß er nur ein
verkommner Schwächling ist. Und warum sollten wir uns darauf freuen,
Stockholm kennen zu lernen? Wir wissen sehr gut, daß Vater uns nicht
mitgenommen hat, um uns eine Freude zu machen, sondern nur, um Mutter zu
kränken.«

Es wäre klüger, wenn Vater die Knaben lesen ließe, ohne sie zu stören.
Sie sind niedergeschlagen und ängstlich, und es reizt sie, daß er so
guter Laune ist. »Nur weil er weiß, daß Mutter daheim sitzt und weint,
ist er heute so vergnügt,« flüstern sie einander zu.

Vaters Fragen bringen es schließlich dahin, daß die Knaben nicht mehr
lesen, obgleich sie noch immer über das Buch gebeugt dasitzen. Anstatt
dessen beginnen ihre Gedanken mit großer Bitterkeit um alles zu
kreisen, was sie um Vaters willen haben leiden müssen.

Sie erinnern sich, wie sich Vater einmal am hellichten Tage betrunken
hatte und über die Straße getorkelt kam, von einer Menge Schuljungen
verfolgt, die ihn ausspotteten. Sie rufen sich zurück, wie die andern
Jungen sie gehänselt und ihnen Spitznamen gegeben haben, weil sie einen
Vater hatten, der trank.

Sie haben sich für Vater schämen müssen, sie mußten seinetwegen in
beständiger Angst leben; und sowie sie irgendeinen Spaß hatten, ist er
dazwischen gekommen und hat ihnen das Vergnügen verdorben. Es ist kein
kleines Sündenregister, das sie da aufstellen. Die Knaben sind sehr
sanftmütig und geduldig, aber sie fühlen einen Groll in sich aufsteigen,
der stärker und stärker wird.

Er hätte doch begreifen müssen, daß sie ihm die große Enttäuschung nicht
verzeihen konnten, die er ihnen gestern bereitet hatte. Das war doch das
Ärgste, was er ihnen noch angetan hatte.

Die Sache war nämlich die, daß die Mutter der Knaben sich im vorigen
Frühling entschlossen hatte, sich von deren Vater zu trennen. Mehrere
Jahre lang hatte der Mann sie auf jede erdenkliche Art verfolgt und
gepeinigt, doch sie hatte sich nicht von ihm trennen wollen, sondern war
bei ihm geblieben, damit er nicht völlig verkomme. Aber jetzt endlich
wollte sie es um der Knaben willen tun. Sie hatte beobachtet, daß der
Vater sie unglücklich machte; und sie meinte, sie müsse sie diesem
Elend entziehen und ihnen ein gutes, friedliches Heim schaffen.

Als das Frühlingssemester zu Ende war, hatte sie die Knaben aufs Land zu
ihren Eltern geschickt und war selbst ins Ausland gereist, um so aufs
einfachste die Scheidung zu erlangen. Es war ihr freilich nicht recht
gewesen, daß es dadurch den Anschein gewann, als ob die Ehe durch ihr
Verschulden gelöst würde; aber dem hatte sie sich unterwerfen müssen.
Noch weniger zufrieden war sie damit, daß die Knaben vom Gerichte dem
Vater zugesprochen wurden, weil sie eine entlaufne Ehefrau wäre. Sie
tröstete sich freilich damit, daß er unmöglich die Absicht haben könnte,
die Kinder zu behalten; aber sie hatte doch keine rechte Ruhe mehr.

Sobald die Scheidung durchgeführt war, war sie zurückgekommen und hatte
eine Wohnung gemietet, in der sie mit den Knaben leben wollte. Erst vor
zwei Tagen hatte sie alles fertig gehabt, so daß die Knaben zu ihr
übersiedeln konnten. Es war der glücklichste Tag, den die Kinder noch
erlebt hatten. Die ganze Wohnung bestand aus einem großen Zimmer und
einer großen Küche, aber alles war neu und fein, und Mutter hatte es so
außerordentlich behaglich eingerichtet. Das Zimmer sollte Mutter und
ihnen tagsüber als Arbeitsraum dienen, und nachts sollten die Knaben da
schlafen. Die Küche war sehr niedlich und hell. Da würden sie essen. Und
in einem kleinen Verschlag hinter der Küche hatte Mutter ihr Bett.

Mutter hatte ihnen gesagt, daß sie sehr arm sein würden. Sie hatte eine
Stelle als Gesanglehrerin an der Mädchenschule bekommen; aber dies war
auch alles: davon mußten sie leben. Sie waren nicht in der Lage, sich
ein Dienstmädchen zu halten, sondern mußten sich allein behelfen. Die
Knaben waren über das Ganze in hellstem Entzücken; vor allem darüber,
daß sie mit angreifen durften. Sie erboten sich, Holz und Wasser zu
tragen. Sie wollten die Schuhe putzen und die Betten machen. Es war ein
rechter Spaß, sich das alles auszudenken.

Eine Kammer war da, wo Lennart alle seine Maschinen aufheben konnte. Er
selbst sollte den Schlüssel dazu haben, und kein andrer als Hugo und er
sollten sie je betreten dürfen.

Aber nur einen einzigen Tag durften die Knaben bei Mutter glücklich
sein. Dann hatte ihnen Vater die Freude verdorben, wie er es stets getan
hatte, solange sie sich zurückerinnern konnten. Mutter hatte ihnen
erzählt, sie habe gehört, daß Vater eine Erbschaft von einigen tausend
Kronen gemacht hätte; er habe seine Stellung gekündigt und wolle nun
nach Stockholm ziehen. Mutter und sie hatten sich sehr darüber gefreut,
daß er die Stadt verließ, so daß sie ihm nicht mehr auf der Straße zu
begegnen brauchten. Aber dann war einer von Vaters Freunden mit der
Botschaft zu Mutter gekommen, daß Vater die Knaben nach Stockholm
mitnehmen wolle.

Mutter hatte geweint und gefleht, ihre Knaben behalten zu dürfen, aber
Vaters Abgesandter hatte geantwortet, daß Vater fest entschlossen sei,
die Knaben in seine Obhut zu nehmen. Wenn sie nicht gutwillig kämen,
würde er sie durch die Polizei holen lassen. Er sagte, Mutter solle doch
das Scheidungsurteil durchlesen, da stünde es ja deutlich, daß die
Knaben dem Vater gehörten. Und das wußte Mutter ja auch. Das ließ sich
nicht leugnen.

Vaters Freund hatte viele schöne Dinge gesagt: Vater liebe seine Jungen
und wolle sie deshalb für sich haben ... Aber die Knaben wußten, daß
Vater sie einzig und allein fortschleppte, um Mutter zu quälen. Er hatte
sich das ausgedacht, damit Mutter an der Trennung von ihm keine Freude
hätte. Sie sollte in beständiger Unruhe um die Knaben leben. Das Ganze
war nur Rache und Bosheit.

Aber Vater hatte seinen Willen durchgesetzt, und hier waren sie nun auf
dem Wege nach Stockholm. Und ihnen gegenüber saß Vater und freute sich,
daß er Mutter unglücklich gemacht hatte. Mit jedem Augenblick, der
verging, wurde ihnen der Gedanke, daß sie bei Vater bleiben und mit ihm
leben müßten, immer widerwärtiger. Waren sie denn völlig in seiner
Gewalt? Gab es keine Rettung?

Vater hat sich in seine Ecke zurückgelehnt, und nach einem Weilchen
schlummert er ein. Sogleich beginnen die Knaben sehr lebhaft miteinander
zu flüstern. Es wird ihnen nicht schwer, einen Entschluß zu fassen. Den
ganzen Tag haben sie, jeder für sich, nur daran gedacht,
durchzubrennen.

Sie verabreden, sich auf die Plattform zu schleichen und aus dem Zuge zu
springen, wenn er gerade durch einen großen Wald führe. Dann würden sie
sich an einem versteckten Plätzchen im Wald eine Hütte bauen und dort
allein leben, ohne sich irgendeinem Menschen zu zeigen.

Während die Knaben diese Pläne schmieden, bleibt der Zug an einer
Station stehen, und eine Bäuerin, die ein kleines Kind an der Hand
führt, steigt in das Kupee. Sie ist schwarz gekleidet, trägt ein
Kopftuch und sieht gut und freundlich aus. Sie zieht dem Kleinen das
Überröckchen aus, das vom Regen naß geworden ist, und wickelt ihn in
einen Schal. Dann zieht sie ihm die Schuhe ab, trocknet die kalten
Füßchen, sucht aus einem Bündel Strümpfe und Schuhe hervor und legt sie
ihm an. Schließlich steckt sie ihm ein Bonbon zu und legt ihn auf die
Bank, den Kopf auf ihrem Schoße, damit er einschlafe.

Bald wirft der eine, bald der andre Knabe einen Blick auf die Bäuerin,
die sich mit ihrem Kinde beschäftigt. Diese Blicke werden immer
häufiger, und plötzlich haben die Knaben, beide zugleich, Tränen in den
Augen. Nun sehen sie nicht mehr auf, sondern halten die Augen hartnäckig
niedergeschlagen.

Es ist, als wäre zugleich mit der Bäuerin noch jemand anders, der für
alle, außer für die Knaben, unsichtbar und unmerkbar ist, in den Wagen
gekommen. Und dieser andre ist -- Mutter. Die Knaben haben das Gefühl,
daß sie gekommen sei und sich zwischen sie gesetzt und ihre Hände
ergriffen habe, wie sie es noch gestern abend tat, als es sich
entschied, daß sie reisen müßten; und sie spricht ebenso zu ihnen wie
damals: »Ihr müßt mir versprechen, daß ihr Vater meinetwegen nicht gram
sein werdet. Vater hat es mir nie verzeihen können, daß ich ihn
gehindert habe, fortzureisen. Er meint, daß es meine Schuld sei, wenn
nichts aus ihm geworden ist, und wenn er trinkt. Er kann mich nie genug
strafen. Aber ihr dürft ihm deshalb nicht böse sein. Da ihr jetzt mit
Vater leben sollt, müßt ihr mir versprechen, gut gegen ihn zu sein. Ihr
dürft ihn nicht reizen, ihr müßt auf ihn achten, so gut ihr könnt. Das
müßt ihr mir versprechen; sonst weiß ich gar nicht, wie ich euch ziehen
lassen soll.«

Und die Knaben hatten es versprochen.

»Ihr dürft euch nicht von Vater fortschleichen! Versprecht mir das!«
hatte Mutter gesagt.

Das hatten sie auch versprochen.

Die Knaben sind zuverlässig, und in demselben Augenblick, wo sie daran
denken, daß sie Mutter dieses Versprechen gegeben haben, lassen sie alle
Fluchtgedanken fahren. Vater schläft noch immer, aber sie bleiben
geduldig auf ihren Plätzen sitzen. Mit verdoppeltem Eifer fangen sie
wieder zu lesen an, und ihr Freund, der gute Jules Verne, führt sie bald
aus ihren Sorgen in die Wunderwelt Afrikas.

       *       *       *       *       *

Weit draußen in der Södervorstadt hatte Vater zwei Zimmer zu ebner Erde
gemietet, mit der Aussicht in einen engen Hof. Die Wohnung ist schon
lange in Gebrauch, sie ist von einer Familie auf die andre übergegangen,
ohne je instand gesetzt zu werden. Die Tapeten haben eine Unmenge Risse
und Flecken, die Decken sind verrußt, ein paar Fensterscheiben sind
zerbrochen, und der Küchenboden ist so ausgetreten, daß er ganz holperig
geworden ist. Ein paar Dienstmänner haben die Möbel vom Bahnhof geholt,
sie in die Zimmer getragen und sie da kunterbunt stehen lassen. Vater
und Knaben sind jetzt dabei, auszupacken. Vater steht mit hocherhobner
Axt da, um eine Kiste zu öffnen. Die Knaben packen aus einer andern
Kiste Glas und Porzellan und stellen es in den Wandschrank. Sie sind
geschickt und arbeiten eifrig, aber Vater hört nicht auf, sie zur
Vorsicht zu mahnen, und verbietet ihnen, mehr als ein Glas oder einen
Teller auf einmal zu tragen. Inzwischen geht es mit Vaters eigner Arbeit
nicht recht vorwärts. Seine Hände sind zitterig und kraftlos, und er ist
schon ganz schweißbedeckt, ohne den Deckel von der Kiste losbekommen zu
können. Er legt die Axt nieder, geht um die Kiste herum und fragt sich,
ob sie vielleicht verkehrt stehe. Da nimmt einer der Knaben die Axt und
fängt an, sie anzustemmen, doch Vater stößt ihn fort. Lennart werde doch
nicht glauben, daß er den Deckel aufbringen könne, wenn Vater selbst es
nicht zustande bringe? »Nur ein geübter Arbeiter kann diese Kiste
öffnen,« sagt Vater und nimmt Hut und Rock, um den Hausknecht zu holen.

Kaum ist Vater zur Türe hinaus, als ihm etwas einfällt. Er begreift
plötzlich, warum er keine Kraft in den Händen hat. Es ist noch früh am
Vormittag, und er hat nichts zu sich genommen, was das Blut in Umlauf
bringt. Wenn er in ein Café ginge und einen Kognak tränke, dann würde er
seine Kraft wiederfinden und könnte sich ohne fremde Unterstützung
behelfen. Das ist viel besser, als den Hausknecht zu holen.

Vater geht also auf die Straße, um ein Café zu suchen. Als er in die
kleine Hofwohnung zurückkehrt, ist es acht Uhr abends.

In Vaters Jugend, als er noch auf die Akademie ging, hatte er in der
Södervorstadt gewohnt. Er war damals Mitglied eines Doppelquartetts
gewesen, das hauptsächlich aus Kontoristen und kleinen Kaufleuten
bestand und in einem Keller in der Nähe von Mosebacke seine
Zusammenkünfte abzuhalten pflegte. Vater hatte nun Lust bekommen,
nachzusehen, ob dieser kleine Keller noch existiere. Er war wirklich
noch da, und Vater hatte das Glück gehabt, ein paar von den alten
Freunden zu treffen, die da saßen und frühstückten. Sie hatten ihn mit
größter Freude begrüßt, ihn zum Frühstück eingeladen und seine Ankunft
in Stockholm auf die herzlichste Weise gefeiert. Als die Mahlzeit
schließlich beendet war, hatte Vater heimgehen wollen, um seine Möbel
auszupacken; doch die Freunde hatten ihn überredet, zu bleiben und mit
ihnen zu Mittag zu essen. Und dies hatte sich so lange hinausgezogen,
daß Vater nicht vor acht Uhr nach Hause gekommen war. Und es hatte ihn
keine geringe Überwindung gekostet, sich zu so früher Stunde von der
lustigen Gesellschaft loszureißen.

Als Vater heimkommt, sitzen die Knaben in der Dunkelheit, denn sie haben
kein Zündholz. Vater hat ein Zündholzschächtelchen in der Tasche, und
als er ein kleines Kerzenstümpfchen angezündet hat, das glücklicherweise
mitgekommen ist, sieht er, daß die Knaben erhitzt und verstaubt sind,
aber munter und vergnügt und augenscheinlich sehr zufrieden mit ihrem
Tag.

In den Stübchen stehen die Möbel geordnet, die Kisten sind fortgeräumt,
Stroh und Papierschnitzel fortgekehrt. Hugo macht gerade im ersten
Zimmer die Betten für die Knaben. Das zweite Zimmer soll Vaters
Schlafstube sein, und da steht sein Bett, mit so viel Sorgfalt gemacht,
wie er sichs nur wünschen kann.

Jetzt geht mit Vater ein eigentümlicher Umschwung vor. Als er heimkam,
war er mit sich selbst unzufrieden gewesen, weil er sich von der Arbeit
davongemacht und die Knaben ohne Speise und Trank zurückgelassen hatte.
Aber jetzt, wo er sieht, daß sie guter Laune sind, und daß ihnen nichts
abzugehen scheint, bereut er es, daß er ihrethalben seine Freunde
verlassen hat; er wird reizbar und streitsüchtig.

Er sieht wohl, daß die Knaben stolz auf alle die Arbeit sind, die sie
geleistet haben, und daß sie erwarten, von ihm gelobt zu werden; aber
dazu ist er gar nicht geneigt. Er fragt vielmehr, wer dagewesen sei und
ihnen geholfen habe, und bittet sie, sich gefälligst zu merken, daß man
in Stockholm nichts geschenkt bekomme und der Hausknecht für alles, was
er täte, bezahlt werden müsse. Die Knaben antworten, daß sie keine Hilfe
in Anspruch genommen, sondern alles allein gemacht hätten, aber er hört
nicht auf, zu zanken. Es sei unrecht von ihnen gewesen, die große Kiste
zu öffnen. Sie hätten sich dabei etwas zuleide tun können. Er hätte
ihnen doch verboten, sie zu öffnen. Sie hätten jetzt ihm zu gehorchen.
Er sei für sie verantwortlich.

Er nimmt die Kerze, geht in die Küche und leuchtet in die Schränke. Der
kleine Vorrat an Glas und Porzellan ist in guter Ordnung auf den
Brettern aufgestellt.

Er prüft alles haargenau, um Anlaß zu weiterm Tadel zu finden.

Plötzlich erblickt Vater ein paar Überreste des Abendbrots der Knaben
und beginnt sogleich zu zanken, weil sie Huhn gegessen haben. Woher sie
sich das verschafft hätten? Ob sie wie die Prinzen zu leben gedächten?
Ob sie sein Geld hinauswürfen, um Hühner zu essen?

Dann fällt ihm ein, daß er ihnen ja kein Geld zurückgelassen hat. Er
fragt, ob sie das Huhn gestohlen hätten, und gerät ganz außer sich.

Er spricht und ermahnt, zankt und tost, aber jetzt bekommt er von den
Knaben keine Antwort. Sie wollen ihm nicht sagen, woher sie das Huhn
haben, sondern lassen ihn austoben. Und er hält ganze Reden, ganze
Predigten, er erschöpft seine letzten Kräfte. Schließlich bittet und
bettelt er.

»Ich beschwöre euch, sagt mir die Wahrheit! Ich will euch alles
verzeihen, was ihr auch begangen haben mögt, wenn ihr mir nur die
Wahrheit sagt.«

Jetzt können es die Knaben nicht länger aushalten. Vater hört einen
prustenden Laut. Sie werfen die Decken ab und setzen sich auf, und er
merkt, daß sie vor unterdrücktem Lachen ganz rot im Gesicht sind. Und
während sie jetzt ungezügelt herauslachen, sagt Lennart, von beständigem
Kichern unterbrochen: »Mutter hat uns doch ein Hühnchen in den Eßkorb
gelegt, den sie uns auf die Reise mitgegeben hat.«

Vater richtet sich auf, sieht die Knaben an, will sprechen, findet aber
keine passenden Worte. Er richtet sich noch majestätischer empor, sieht
sie mit tiefster Verachtung an und geht ohne weitres auf sein Zimmer.

       *       *       *       *       *

Vater hat jetzt herausgebracht, wie geschickt die Knaben sind, und er
benützt dies, um ein Dienstmädchen zu ersparen. Morgens schickt er
Lennart in die Küche und läßt ihn Kaffee kochen, während Hugo den
Frühstücktisch deckt und Brot vom Bäcker holt. Nach dem Frühstück setzt
Vater sich auf einen Stuhl und sieht zu, wie die Knaben die Betten
machen, die Zimmer kehren und die Öfen heizen. Er gibt unaufhörlich
Befehle und kommandiert sie von einer Arbeit zur andern, nur um seine
Macht zu zeigen. Wenn das Morgenaufräumen vorüber ist, geht er aus und
bleibt den ganzen Vormittag weg. Das Mittagessen läßt er aus einer
benachbarten Kochschule holen. Dann läßt Vater die Knaben für den Abend
allein und verlangt von ihnen nichts andres, als daß sein Bett gemacht
sei, wenn er heimkommt.

Die Knaben sind so fast den ganzen Tag allein und können sich
beschäftigen, womit sie wollen.

Eine ihrer wichtigsten Arbeiten besteht darin, an Mutter zu schreiben.
Sie bekommen von ihr jeden Tag einen Brief, und sie schickt ihnen Papier
und Marken, damit sie ihr antworten können.

Mutters Briefe enthalten hauptsächlich Ermahnungen, artig gegen Vater zu
sein. Sie schreibt immer, wie liebenswert Vater gewesen sei, als sie ihn
kennen lernte, und sie erzählt ihnen, wie hochstrebend und arbeitsam er
im Anfang seiner Laufbahn gewesen sei. Sie sollten zärtlich und
liebevoll gegen ihn sein. Sie dürften nie vergessen, wie unglücklich er
wäre.

»Wenn Ihr so recht gut gegen Vater seid, dann hat er vielleicht Mitleid
mit Euch und läßt Euch wieder nach Hause zu mir kommen,« schreibt
Mutter.

Mutter erzählt, daß sie beim Pfarrer und beim Bürgermeister gewesen sei,
um zu fragen, ob es nicht möglich wäre, die Knaben wieder zu bekommen.
Aber alle beide hätten ihr gesagt, daß es keinen Ausweg gebe. Die Knaben
müßten bei ihrem Vater bleiben. Mutter wolle gern nach Stockholm
übersiedeln, um ihre Jungen wenigstens ab und zu sehen zu können, aber
alle Menschen rieten ihr, sich zu gedulden und noch zu warten. Sie
glaubten, daß Vater die Knaben bald satt bekommen und sie wieder
heimschicken werde. Mutter wisse nicht recht, was sie tun solle.
Einerseits finde sie es schrecklich, daß ihre Knaben in Stockholm ohne
irgend jemand lebten, der sich ihrer annehme; und andrerseits wisse sie:
wenn sie ihr Heim verließe und ihre Anstellung aufgäbe, könnte sie sie
nicht bei sich aufnehmen und versorgen, falls sie frei würden. Aber zu
Weihnachten werde Mutter auf jeden Fall nach Stockholm kommen und nach
ihnen sehen.

Die Knaben schreiben und erzählen, was sie den ganzen Tag tun, Stunde
für Stunde. Sie lassen Mutter wissen, daß sie Vater das Essen holen und
ihm das Bett mach

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