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Rudolph von Habsburg: Ein Heldengedicht in zwölf Gesängen.

by János László Pyrker · German · Gutenberg #29465 · 533,266 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Rudolph von Habsburg: Ein Heldengedicht in zwölf Gesängen.
    
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Title: Rudolph von Habsburg: Ein Heldengedicht in zwölf Gesängen.

Author: János László Pyrker


        
Release date: July 20, 2009 [eBook #29465]

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/29465

Credits: Produced by Louise Hope, richyfourtytwo and the Online
        Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK RUDOLPH VON HABSBURG: EIN HELDENGEDICHT IN ZWÖLF GESÄNGEN. ***




Produced by Louise Hope, richyfourtytwo and the Online
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  [Abbildung:
  Pyrker.
  J. Bucher gez. / Stahlstich v. V. Froer.
  Rudolph von Habsburg.]




  Johann Ladislav Pyrker's

  SÄMMTLICHE WERKE.

  Neue durchaus verbesserte Ausgabe.

  Zweiter Band.


  Stuttgart und Tübingen.
  _J. G. Cotta'scher Verlag._
  1855.




  Buchdruckerei der J. G. _Cotta_'schen Buchhandlung in Stuttgart
  und Augsburg.




  Rudolph von Habsburg.

  Ein Heldengedicht in zwölf Gesängen.




=Inhalt der zwölf Gesänge.=


=Erster Gesang.=

Eingang. Drahomira entfährt der Hölle, sich an Ottgar zu rächen. Er
lagert vor Dürnkrut. Aufzählung der böhmischen Völker. Ottgar im
Kriegsrath mit seinen Feldherrn. Kunegunde, von Drahomira empört,
erfüllt ihn mit unversöhnlicher Rachgier. Meinhard von Görz, und
Lichtenstein, die Gesandten Rudolphs, kommen, ihm Frieden zu biethen,
und zugleich, als sie ihn zum Turniere laden, um die Hand seiner Tochter
für Rudolphs Sohn zu frei'n. Wallstein, Ottgars Liebling, trägt
heimliche Liebe zu ihr. Ottgar entläßt die Gesandten mit zweifelhaften
Worten. Beschließt den Kampf. Gesichte der Zukunft.


=Zweiter Gesang.=

Rudolph zieht seinem Sohn Albrecht bis Lilienfeld entgegen. Besteigt die
Alpenhöhen, wo ein frommer Klausner ihm seines Hauses künftige Größe
verkündet. Schlägt Müller, den Zürcher, zum Ritter. Sonnenaufgang, und
herrliche Aussicht. Albrecht nah't von Zell heran, und stellt dem
Kehrenden die Schweizer- und die schwäbischen Scharen vor. Er zieht mit
ihnen g'en Wien. Hedwig.


=Dritter Gesang.=

Marbod, einst König der Markmannen, und ein jetzt dem Kaiser gewogener
Geist, eröffnet dem Feldherrn Hugo von Tauffers, in einem Traum, den
Verrath, den Waldram, Bürgermeister zu Wien, an dem Kaiser sinnt.
Rudolph kommt mit seinen Scharen heran, und nimmt an der Wien von seiner
Gemahlinn Abschied. Sendet Hugo von Tauffers an den König der Ungern,
Ladislav. Ernennt an dessen Stelle seinen Sohn, Hartman, zum
Festungsgebiether, und eilt in das Lager am Tabor. Aufzählung seiner
Völker. Hugo von Tauffers im Lager der Kumanier und Ungern. Diese setzen
die March herüber.


=Vierter Gesang.=

Morgen. Turnier am Tabor. Von Drahomira erregt, höhnt Wallstein Hartman,
Rudolphs Sohn; kommt unerkannt in schwarzer Rüstung Ottgar heran;
widersteht ihrer Einflüsterung, den Kaiser zu morden; ersticht Hartmans
Roß; wirft den Fehdehandschuh Rudolph, zum Kampf auf Tod und Leben, hin,
und entflieht im schrecklichen Donnergewitter.


=Fünfter Gesang.=

Ottgar gebiethet in der Nacht dem Heere den Aufbruch, dem er mit
schwachem Geleit folgt. Aus dem Hinterhalt fallen ihn die Kumanier an.
Er schlägt sich mit Wallstein durch. Milota führt ihn auf Irrwegen von
dem Heer ab, und quält ihn mit Rückerinnerungen verübter Frevelthaten.
Von Drahomira bethört, hält Wallstein um die Hand seiner Tochter an. Er
mißhandelt ihn.


=Sechster Gesang.=

Czernin dringt, mit Waldram verstanden, in der Mitternachtsstunde, an
der Spitze einer Schar Böhmen in die Veste Wien ein, als Hartman eben
wegen der schwerkranken Mutter sich nach dem Kahlenberg begab. Ihm, und
den Aufrührern, setzen sich die Schweizer standhaft entgegen. Der Kaiser
zieht, auf Marbods Wink, mit Hugo von Tauffers vor die Thore. Hartman
sprengt herbei, und tödtet Waldram; worauf die Böhmen sich eilig wieder
über die Donau zurückzieh'n. Hugo abermals zum Festungsgebiether
ernannt. Tod der Kaiserinn. Todtenfeier und Begräbniß. Der Kaiser sendet
Albrecht nach Heunburg, eine Brücke über die Donau zu erbauen. Hartman
eilt nach dem Rhein fort.


=Siebenter Gesang.=

Der Kaiser setzt mit dem Heere bei Heunburg über die Donau, und rückt
g'en Marcheck vor. Wallstein, dem Wahnsinn nahe, tödtet einen seiner
Krieger. Der Kaiser entläßt ihn schonend. Kaduscha, ein Führer der
Kurmanier meldet ihm die Nähe des Königs, und die Sendung des Geschenks
mit den Köpfen der, im nächtlichen Ueberfall, getödteten Böhmen. Der
Kaiser sendet Schwarzenberg dem König entgegen, und heißt ihn, jene
begraben zu lassen. Die Geister: Marbod und Inguiomar auf Rudolphs, und
Katwald auf Ottgars Seite. Zusammenkunft Rudolphs mit dem König
Ladislav. Ottgar rückt mit dem Heer' an. Der Kaiser stellt seine Völker
in Schlachtordnung. Marbod treibt Schörlins Roß gegen die Böhmen. Der
Kampf beginnt. Ottgar tödtet in der Vorhuth zwei Trautmansdorfe.
Pfannberg wird verwundet. Die Steyrer weichen. Der Kaiser hält die
Flüchtenden vor Marcheck auf.


=Achter Gesang.=

Nacht. Von Drahomira verleitet, setzt Wallstein, mit kumanischen
Kriegern vereint, ein Städtchen in Mähren in Brand, und tödtet einige
böhmische Reiter. Kommt zu sich. Eilt in das Lager Rudolphs, und
erbiethet sich, Ottgarn heimlich zu tödten. Der Kaiser heißt ihn reuig
zu Jenem zurückkehren. Drahomira drängt ihn umsonst, den schlummernden
König zu morden. Er fällt in sein eigenes Schwert. Drahomira fährt zur
Hölle. Wallsteins Grab. Der Kaiser stellt in der Morgendämmerung sein
Heer in Schlachtordnung. Ottgar, in Gram versunken, säumt. Ernennt
Milota zum Anführer des Haupttreffens. Worauf die Meißner und Thüringer
von seinem Heer heimlich abziehen; so auch Kunring. Doch Ottgar
gebiethet den Angriff.


=Neunter Gesang.=

Morgen. Der Kaiser verschiebt die Hauptschlacht auf den folgenden Tag.
Sendet Trautmansdorf mit seinen Söhnen, es Ottgarn kund zu thun, und ihm
nochmals Frieden zu biethen. Dieser wird von ihm schnöde abgefertigt.
Von den feindlichen Reitern gehöhnt, kehren fünf seiner Söhne, kämpfen,
und fallen. Der Kaiser stellt sein Heer dem anstürmenden Feind, vor des
Lagers Wall, entgegen. Angriff, und hartnäckiger Kampf. Milota tödtet
die beiden Führer Berchtold und Col von Seldenhofen. Capellen entflammt
die Oestreicher. Die Mährer weichen. Katwald ermuntert den Herbot von
Füllenstein, daß er vor Allen auf den Kaiser eindringe. Meinhard, Graf
von Görz und Tyrol, ringt gegen die Bayern und Sachsen, und erlegt den
Feldherrn Czernin; Heunburg den Markgrafen Pfeil, Feldherrn der Sachsen.
Da dringt Herbot von Füllenstein auf den Kaiser los, und ersticht ihm
das Pferd unter dem Leib. Sechs Trautmansdorfe kämpfen um ihn herum, und
fallen. Der Kaiser reißt Herbot mit dem Speere von dem Pferd herunter,
und macht ihn gefangen. Heißt dort Albrecht mit den Schweizern
vordringen, hier Matthias von Trentschin mit den Ungern dem Feind' in
die Seite stürmen. Lobkowitz ruft Ottgar auf, daß er mit ganzer Macht
sich auf den Feind werfe. Er gibt ihm kein Gehör. Auf den Ruf »die
Feinde fliehen!« weichen seine Völker, und er führt sie bis Dürnkrut
zurück. Der Kaiser lagert vor Ebenthal. Nacht.


=Zehnter Gesang.=

Hartman ertrinkt in dem Rhein. Der Kaiser hält mit seinen Feldherrn erst
Kriegsrath; dann die Abendmahlzeit. Horneck der Sänger tritt ein, und
singt die fromme Handlung des Kaisers, als er dem Priester sein Roß
both. Entläßt die Feldherrn. Dem Entschlummerten erscheint sein Sohn
Hartman. Ottgars Abschied von Kunegunden.


=Eilfter Gesang.=

Morgen. Schlachtordnung der Böhmen. Der Kaiserlichen. Gottesdienst.
Vorbereitung zur Schlacht. Die Ritter buhlen um die Ehre, die Sturmfahne
zu tragen. Ottgar, von Katwald erregt, nah't mit seinem Heer. Hundert
Zürcher erhalten vom Kaiser den Ritterschlag. Trautmansdorfs letzter
Sohn fällt. Die Kumanier stürmen sonder Ordnung. Lobkowitz bringt sie
und die Steyrer, zum Weichen. Verstärkter Angriff. Die Kaiserlichen
allenthalben zurückgedrängt. Der Kaiser steigt vom Pferd, bethet zum
Himmel, und macht ein Gelübde. Ein Unsterblicher stärkt ihn, und heißt
die Geister entflieh'n. Erneuerter Kampf. Albrecht, sein Sohn, trägt ihm
die Kreuzesfahne vor. Nach schrecklichem Gewürg', wo, mit den Rittern,
die Schweizer und Schwaben entscheidend vordringen, weicht Ottgar auf
den Spannberg zurück. Heißt Milota mit dem Nachhalt vorgeh'n. Allein
dieser flieht, ihn höhnend, mit seinen Scharen vom Schlachtfeld. Letzter
mörderischer Kampf. Ottgar von den Merenbergern vom Pferde gestochen.
Sein zerstreutes Heer bis g'en Laa verfolgt.


=Zwölfter Gesang.=

Ottgars Leiche wird in der Nacht auf einen Trauerwagen gehoben. Hornecks
Klaggesang. Des Kaisers Einzug in Wien. Dankgebeth. Der Wagen mit
Ottgars Leiche nah't. Lobkowitz führt dessen Sohn Wenzel herbei, daß er
um selbe flehe. Der Kaiser entläßt sie. Endet seinen Siegeseinzug in die
Burg. Nimmt den König Ladislav, und Wenzel an Sohnes statt an, und
verheißt diesem seine jüngste Tochter Gutha. Belehnt seinen Sohn
Albrecht mit Oestreich, und zieht sich dann in das Trauergemach, wo die
Kaiserinn starb, zurück.




  Erster Gesang.


  Tön', o Heldengesang, von den schmetternden Kriegesdrometen
  Wieder geweckt, von Rudolph nun, dem Kaiser der Deutschen,
  Der obsiegend der Macht des Böhmenköniges, Ottgar,
  Wahrte die Rechte des Reich's, und, kehrend vom blutigen Schlachtfeld,
  Gründete Habsburgs Thron an den Ufern der mächtigen Donau,
  Seinem Geschlechte zum Ruhm, und unzähligen Völkern zum Segen!

    Wer empörte sofort, nach dem jüngsterrungenen Frieden,
  Wieder die Fehd' und das Grau'n der menschenvertilgenden Feldschlacht?
  Ein unseliger Geist, _Drahomira_.[1] Die Herrscherinn Böhmens
  War sie, und noch ist ihr Nahme mit Schauder genannt in dem Land dort:
  Denn Wratislav, dem christlichen Fürsten, vermählet als Heidinn,
  Trug sie den Christen Haß in der schrecklichen Brust, und verfolgte
  Sie mit Feuer und Schwert. Sie waffnete selbst den Erzeugten,
  Boleslav, daß er Wenzel ermorde, den eigenen Bruder,
  Weil er dem Heiland getreu, festhielt an dem heiligen Glauben,
  Und verübt' auch sonst an dem Volk' entsetzliche Frevel:
  Zaubergewaltig, ergeben dem Trug der Hölle -- der Schwarzkunst;
  Bis urplötzlich die berstend' Erde zu Prag, am Hradschin, sie,
  Lebend, verschlang. Noch jüngst ausspie der klaffende Felsen
  Dort bald finsteren Rauch, bald bläuliche Flammen: denn oft kam
  Noch in der Neumondsnacht (so heischt' es die Sag') ihr zu opfern,
  Mancher, vom Wege des Heils Verirrter, dahin, und Verdammniß
  Ward ihm zu Theil. D'rum hieß, als früher geweihetes Wasser
  Sprengte der Priester umher, und stehende Worte zu Gott rief,
  Ottgar füllen den Zauberschlund mit dem lastenden Felsblock
  So, daß auf immer verhüllt die Spur des unseligen Raum's sey.

    Unten im Höllenpfuhl, der außer des kreisenden Weltalls
  Gränzen sich noch unendlich erstreckt, erhob Drahomira
  Jetzt, verwundert, ihr Haupt, und sprach wuthfunkelnden Blickes:
  »Ha! wie kommt es, daß heut der betäubende Rauch, und die Flamme,
  Die ich genährt in dem Schlund',
              in welchem ich schrecklichen Tod fand,
  Qualmend herab sich wälzt, und keiner der Sterblichen seither,
  Opfernd vor ihm, die Schar der Unseligen mehrt in dem Pfuhl hier?
  Meister, ist dir's genehm, daß ich eile hinauf nach des Erdballs
  Fluren, und forsche, wie solches gescheh'n? Bald öffnet Verführten
  Wieder der Schlund sich weit; ich sende sie, dir zu Gefallen!«
  Sagt' es, und blickte nach Satan hin, der, riesengestaltet
  Saß auf dem glühenden Thron', und die furchtbarn Augen zum Boden
  Heftete, so die unendliche Qual des zerrissenen Herzens
  Durch empörenden Trotz und erheuchelte Ruhe zu bergen;
  Aber umsonst: denn nimmer birgt er das innere Weh' mehr,
  Das von der finsteren Stirn' und den zuckenden Wangen sich kund thut.
  Nicht erhob er auch jetzt den Blick von dem Boden: er winkte
  Nur mit dem Haupt, daß die Höll' erzitterte, jener den Beifall:
  Alsbald fuhr sie in brausender Hast von dem schrecklichen Wohnsitz
  All der Unseligen auf, und nahte dem Lande der Böhmen.

    Kaltverachtenden Blicks gewahrte sie dort auf den Fluren
  Reiches Gedeih'n, und rings die freundlichen Städt' und die Dörfer;
  Aber vor allen, am Moldaustrom' erglänzend die Hauptstadt,
  Praga, im lieblichen Reiz erst jüngstentfalteter Blüthen.
  Sieh', und ein Pilger kam vom Gelobten-Lande gezogen,
  Der vor Jahren die Heimath verließ! Er blickte mit Staunen
  Lang' um sich her: da naht' ihm, lächelnd, ein Greis, und im Beiseyn
  Jener Verworf'nen zugleich, die ihm leis' aufhorchte, begann er:
  »Fremdling, suchst du den Mann, der hier ein Eden erschaffend,
  Wie durch Wundergewalt das Leben der Menschen verschönt hat?
  Nun ist er fern: denn wiss' es, der Held und erhabene König,
  Ottgar, streute mit Liebe die Saat, und ihm reifte zum Segen
  Wohlstand unter dem Volk' in des Landes erfreuender Schönheit.
  Auch erlagen die Gegner ihm stets, und es kündiget allwärts
  Seines Nahmens Unsterblichkeit der herrlichste Siegsruhm.
  Dennoch hielt er so gern in der dunkelen Scheide das Eisen,
  Frieden ersehnend, zurück, und entblößt' es auch jetzt, nur gezwungen,
  Gegen des streitbarn Rudolphs Macht. Er wird sie für immer
  Bändigen: denn er zog, gar furchtbargerüstet, zum Kampf' aus.
  Ach, ihn drängte zum Friedensbruch Kunegunde, die Gattinn!
  Grimmvoll ist ihr Gemüth, und ihr Herz verwildert durch Herrschsucht,
  Die ihm das Böse vergilt, das er Margarethen, der frommen,[2]
  Einst als Gatt' erwies! Dieß Eine verdunkelt den Hochglanz
  Seines Ruhms: ihn lenket ein Weib, das, Böhmen zum Jammer,
  Selbst Drahomiren gleich, der Unheilstifterinn, wüthet,
  Die für den schnöden Gewinn: zu gebiethen des Himmels Gewittern;
  Auf den Flügeln des Sturms einher zu fahren im Luftraum,
  Oder unsichtbar Menschen zu nah'n -- zu schau'n, und zu horchen
  Dort in dem traulichen Kreis' der Versammelten, und zu verderben
  Alle, die auch mit lispelndem Laut, mit umschauendem Blick nur
  Ihrer gedacht, und tadelnde Worte gesprochen: für solches
  Hatt' einst diese verkauft die unsterbliche Seele der Hölle;
  D'rauf noch Schuld gehäufet auf Schuld, bis schrecklicher Tod ihr
  Macht und Leben entriß, und die Böse dem Bösen gesellte,
  Als urplötzlich die berstend' Erde zu Prag, am Hradschin, sie,
  Brausend, verschlang: zur Strafe der wildumtobenden Blutgier,
  Frevelnden Götzendienst's, und schrecklicher Christenverfolgung.
  Aus dem furchtbarn Schlund aufquoll noch in unseren Tagen
  Finsterer Rauch; doch Ottgar barg ihn, den Menschen zur Rettung,
  Die, vom Satan bethört, leichtgläubigen Sinnes, ihr nächtlich
  Opferten, dort ihr Geschick in kommender Zeit, zu erfragen,
  Oder sich trüglichen Glücks zu erfreu'n zu unendlichem Jammer.«
  Sagt' es, und ging. Da flog, von der Schmähung empört, Drahomira
  Ihm auf dem Heerweg nach, und haucht' ihm Gift in das Antlitz:
  Alsbald stand er, erbleicht, und sank, vergehend, zusammen --
  Lag, und stöhnte vor Schmerz, bis endlich der Zauber entfloh'n war.

    Aber sie starrete jetzt, tiefsinnend, und sonder Bewegung
  Wie der Aar, der erst die mächtigen Flügel geschlagen,
  Regungslos hinschwebt in der bläulichen Luft, in des Schlundes
  Grauen hinab. Das Aug' ihr rollete wild in den Kreisen;
  Knisternd sträubt' ihr Rabenhaar sich empor von der Scheitel,
  Und voll Grimms erzitterten ihr die Lippen; sie sagte:
  »Ottgar, Fluch sey dir! Du vernichtest des felsigen Schlundes
  Zaubergewalt, die Viele nach mir in's Verderben hinabriß?
  Gläubig nahten ihm oft die Verblendeten, welche, des Schicksals
  Dunkeln Pfad zu erkunden, auf ihm, des dräuenden Himmels
  Warnung zum Trotz, der drückenden Last des Lebens entledigt,
  Gerne für trügliches Erdenglück das ewige böthen.
  Aber von diesem verbannt durch eisernrichtenden Machtspruch,
  Sollt' ich den glühenden Durst nach Rache, durch Trug und Verblendung,
  Ich nicht löschen am Volk, das, gläubig, der Täuschung sich hingab?
  Trost ist's, wenn in der Brust der Unseligen solchem noch Raum blieb,
  Mit in dem ähnlichen Jammergeschick die Gefährten zu sehen.
  Wie, du entziehst, ein Thor, durch höhnenden Frevel auch die mir?
  Ha, dir sey jetzt Rache geschworen! Nicht will ich mehr rasten,
  Bis dein Heldenweib -- ihr werde der Thron und die Herrschaft,
  Ja, sie herrsche nach dir, mir ähnlich an Kraft und Gesinnung,
  Gegen den Feind dich reizt, und du in dem Kampfe, besiegt, fällst;
  Also büße den Ruhm, der dir Drahomiren empörte.«
  Und sie flog nun hin, wo im weitverbreiteten Marchfeld
  Ottgars furchtbares Heer von Dürnkruts[3] Hügeln hinunter,
  Lagerte, dort mit höllischer Lust ihm, verderbend, zu nahen.

    Leise schwebte die Nacht auf den ringsverstummenden Erdkreis
  Nieder. Aus Süden erbraus'te der Sturm, und jagte die Wolken
  Auf an des Himmels Zelt. Sie rissen im eilenden Zug' oft
  Weit entzwei: da blickte der volle Mond aus des Himmels
  Bläue so düster herab, und die Stern', in Nebel sich hüllend,
  Trauerten: denn ein Unhold naht' auf den Flügeln der Windsbraut.
  Jetzt, wie die ragenden Wäll' und die Häuser der mächtigen Hauptstadt,
  Meilenlang bedecken den Plan, und oben zum Bergrand
  Aus der Tiefe herauf dem Wanderer, düsteren Schimmers
  Glänzet der Lampen Schein in der Nacht, unzählig und endlos:
  Also erschien ihr das Heer des Königes, das er erst gestern,
  Nach der Eroberung Drosendorfs, des trotzenden Städtchens,
  Am Gestade der March, auf Dürnkruts Fluren vereinte.

    Bald erspähte sie dort in des Lagers Mitte, vor allen,
  Ottgars hochgewölbetes Zelt, das schimmernde Leinwand
  Außen umhüllte; von innen hing, zur Erde herunter,
  Scharlachgeröthetes Tuch, verbramt mit goldenen Fransen.
  Sieh', in dem grasumwucherten Raum', ihm zur Linken und Rechten,
  Ragten die Zelt', erhöht, der Kunring', tapferer Ritter,
  Die in dem Kreis' östreichischer Herrn, wie der Mond in der Sternflur,
  Glänzten an ad'liger Macht und weitverbreitetem Eigen:
  Denn Hadmar, und Leutold, die Zwillinge, haus'ten zu Dürnstein
  Bald, und bald zu Weitra und Horn; in des rollenden Jahres
  Monden wechselnd die Burg; doch immer in trauter Gemeinschaft:
  Sonder Gattinn und Kind, des Waffengemenges sich freuend.
  Aber mit feindlichem Sinn, von dem Kaiser gewendet, vereinten
  Sie mit des Königs Panier jetzt zwanzig flatternde Fähnlein.
  Jeglichem folgte die Zahl von fünfzig bepanzerten Reitern,
  Die mit dem Schild' und dem Helme bewehrt, und der Lanze bewaffnet,
  Feurige Rosse zum Kampf vortummelten, siegenden Muths voll.

    D'rauf g'en Idungsbeug, auf dem sandumhülleten Blachfeld,
  Welchen die schwellende Fluth der March seit Jahren gehäuft hat,
  War des Fußvolks Macht, zehntausend tapferer Männer --
  Waren die Reiter gestellt, an der Zahl zweitausend und fünfzig,
  Die sich der König in Böhmen erlas, und mit trefflichen Waffen
  So, wie jene, versah. Die muthigen, löwenbeherzten,
  Lenkten die Rosse mit Kraft und Geschick, die, feurigen Blutes,
  Wild umtobten im Kampf', und die Reihen der Feinde zerstampften.
  Lobkowitz führte sie an, der ruhmgekrönete Feldherr.

    Aber vor Ebenthal, der freundlichen Burg, an des Hügels
  Abhang, lagerten sich des vielbevölkerten Mährens
  Tapfere Söhn': an der Zahl achttausend erlesenes Fußvolk,
  Die, mit dem Panzerhemd' und der eisernen Haube bewehret,
  Führten im Kampfe den Speer und den breitgehämmerten Säbel.
  Milota rief sie in's Feld, ein Ritter, der Ersten des Landes.
  Sonst zur Freude gestimmt, als liebender Vater und Gatte,
  Sah er des Lebens Blüthenjahr' und die reifere Mannszeit
  Schwinden im Glück. Nur als ihm die zarteste Tochter, Ludwinen,
  Sie mit täuschender Huld in den Schimmer des Hofes verlockend,
  Ottgar schnöde verführt', und der Schmach die gefallene Preis gab:
  Da verscheuchte der Menschenhaß und die brütende Rachgier
  Jegliche Freude vor ihm. Nur Weniges sprach er, und das noch
  Sprach er mit bitterem Hohn' und wildauflachendem Ingrimm;
  Aber nicht mied er des Herrschers Näh', und harrte des Tages,
  Der ihm den Durst nach Rach' einst kühlete schrecklich und furchtbar.

    Dort dem König zur Linken, hinab sich dehnend bis Stillfried,
  Stand Klein-Reussens Volk, das jüngst an den Ufern des Peltew,
  Lembergs Mauern nicht fern, zu Fuß und zu Pferd sich vereinte:
  Jenes, geübt, von der Armbrust, schnellvorschreitend im Schlachtfeld,
  Mitten in Feindes Brust den schwirrenden Pfeil zu entsenden;
  Dieses, im Waffengemeng' schnellfußige, hurtige Rosse
  Spornend, vorzusenken den Speer aus der Röhre des Bügels:
  Dann mit des Fußes Druck und dem Stoße der nervigen Rechten
  Einzustürmen im sausenden Flug' in die feindlichen Reihen.
  Beide, gleich an der Zahl, dreitausend tapfere Mannen,
  Folgeten Herbot von Füllenstein, der riesengestaltet,
  Ragte vor allen hervor in dem Heer', und rühmlich bekannt war
  Ob des unbändigen Muths, und der ritterlichsiegenden Thatkraft.

    Doch auch der Meißner kam und der Thüringer jüngst aus der Heimath,
  Ottgars Recht zu verfechten im Kampf', als Bundesgenoß her!
  Muth in der Brust, und Kraft in der Rechten, die Lanze zu schwingen
  Brachten sie mit, und beiden geboth der tapfere Markgraf
  Dietrich, Heinrichs Sohn, des Erleuchteten, mächtigen Ansehn's.
  Jenen vereint, stand auch des korngesegneten Bayerns,
  Also auch Sachsens Volk in dem Vorderzuge geordnet:
  Gierig des Kampfs, und geübt, die tödlichen Lanzen zu schwingen.
  Heinrichs schaltendem Wink, des Herzogs, folgten die Bayern;
  Markgraf Pfeils die Sachsen mit Lust in die furchtbare Feldschlacht.
  Gegen den Weidenbach, in des weitgedehneten Thalbrunns
  Niederung hin, erhöht auf vierzig ragenden Schaften,
  Flatterten hoch in der Luft, verschieden an Farb' und an Zeichen,
  All des erlesenen Vorderzugs kampfdrohende Fähnlein.
  Jeglichem waren gesellt fünfhundert tapfere Krieger,
  Welche das Panzerhemd, und der Helm im Felde beschirmte.
  Aber im Rücken des Heers, nicht ferne dem schimmernden Marchfluß,
  War noch die Wagenburg, Feldzeug, und Geräthe des Lagers
  Aufgehäuft, wie auch Mundvorrath für die dauernde Kriegszeit.
  Also lagerten dort des Königs versammelte Scharen.

    All' umhüllete jetzt der Schlaf mit bleiernem Fittig
  Schon. Sie errangen zuvor, nach schrecklichem Kampfe, die Mauern
  Drosendorfs, von dem Hohenberger, dem tapferen Feldherrn
  Rudolphs, der sie mit Macht und entflammendem Muthe beschirmte.
  Aber noch wacht' im Gezelt der König der Böhmen. Zum Kriegsrath
  Rief er um Mitternacht die Feldherrn: denn von dem Kaiser
  Waren die Friedensbothen zu ihm, in das Lager gesendet:
  Meinhard, Graf von Tyrol, und Lichtenstein: in den Waffen
  Beide berühmt. Nicht dacht' er zwar, den friedlichen Oehlzweig,
  Den sein Gegner ihm both, mit versöhnlicher Rechten zu fassen:
  Denn er sann nur blutigen Kampf, nur Tod, und Verderben
  Ueber Rudolphs Haupt zu wälzen im Felde der Waffen;
  Aber es sollte der Helden Verein, was er in dem Busen
  Heimlich beschloß, nun künden mit lautentscheidendem Ausspruch.
  Siehe, vor allen kam der Führer des reisigen Volkes,
  Lobkowitz, ein gewaltiger Greis, deß' leuchtender Aarblick
  Unter den buschigen Brau'n den Muth im Herzen verkündet,
  Der auf die Waffenbahn ihn schon als blühenden Jüngling
  Trieb, und das Herz ihm gewann des schlachtruhmdürstenden Königs!
  Doch umwölkt war jetzt ihm die Stirne von inniger Trauer,
  Und zur Erde geheftet sein Aug', da er dort vor dem Herrscher,
  Schweigend, stand. Alsbald, obgleich von heimlichem Unmuth
  Selber gebeugt, begann, mit erzwungenem Lächeln der König:
  »Wahrlich, nicht wirst du den Feldherrn heut,
              mit dem Gram in den Augen,
  Muth einflößen im Rath! Hat dir das treffliche Streitroß,
  Das zum Siege dich schon in zwanzig Schlachten getragen,
  Und aus Feindes Gedräng' oft rettete, heute das Futter,
  Aechzend, verschmäht, und du sorgest vielleicht
              um den Liebling im Herzen?
  Wie, verfehlte der Spürer im Wald des flüchtigen Rehbocks,
  Oder des Hirsches Spur, mit dem sechzehnendigen Hauptschmuck?
  Fasse dich, tapferer Greis! Bald wird der Braune genesen;
  Bald erfreut uns der Fried', und du streckst in fröhlichen Stunden,
  Draußen am Rasengrund der waldumränderten Hügel,
  Wieder im Hörnerklang' und Gebell verfolgender Spürer
  Raschanstürmendes Wild mit sausenden Lanzen zu Boden.
  Denke des Worts: bald sind wir heimisch im Lande von Oestreich.«
  »Herr,« sprach jener bewegt, »gewartet mit emsiger Sorgfalt
  Wiehert das Roß, das mich in zwanzig Schlachten getragen,
  Und aus dräuender Todesgefahr oft rettete, muthig
  Drüben im Zelt! Nicht denk' ich des Weidwerks jetzt in den Tagen
  Ernsten Kriegs, deß' Bild uns jenes, im sanfteren Frieden
  Oft ergetzt, und die Kraft uns stählt in erhöhter Gesundheit.
  Ja, du sprachst es im Scherz nur, o Herr! Doch dünkt es mich selber:
  Nicht wohnt Heiterkeit dir in den tieferglühenden Augen.
  Möge die dunkle Nacht verborgenen Strebens enthüllen
  Jetzo der Wahrheit leuchtender Strahl! Zum wichtigen Kriegsrath
  Riefst du die Feldherrn: denn die Friedensbothen des Kaisers
  Harren der Antwort im fernen Gezelt. Des Friedens erwähnst du?
  Heischest Rath, und ach, beschlossen im heimlichen Busen
  Hast du den Krieg auf Leben und Tod! O, möchte des Friedens
  Freundlicher Ruf den Haß aus deinem empöreten Herzen
  Nun verscheuchen, und dir und dem Volk die Fülle des Segens
  Schaffen hinfort! Erfüllt hast du mit unendlichem Kriegsruhm
  Weithin die Erd' umher; allüberall preisen die Völker
  Deine Weisheit und Kraft. Zieh' heim nach dem herrlichen Erbreich,
  Das dir gehorcht -- nach Böhmen und Mähren: die trefflichsten Völker
  Nährt es im blühenden Schooß. Dort lebe dem Glücke der Deinen,
  Und unsterblicher Ruhm harrt dein, in der spätesten Zeit noch.
  Hast du nicht jüngst mit Siegel und Schrift
              und mit heiligem Eidschwur,
  Oestreich, Kärnthen, und Krain, als Lehen, entsagt vor dem Kaiser
  Selber, auf Glauben und Treu', und im Treubruch hoffst du zu siegen?
  Bebe der That: schwer rächte den Bruch geschworenen Eides
  Stets an den Sterblichen noch die ewigwaltende Vorsicht.«

    Ottgar stand, erschüttert im Geist vor dem Schreckensgedanken;
  Sprechen wollt' er schnell, und es bebten die Lippen ihm leis' nur.
  Doch nun drang ihm das Wort aus den festgeklammerten Zähnen:
  »Ha, sey nun, und auf immerhin, der Leib und die Seel' auch
  Mit in dem Spiele gewagt! Nicht kann ich mehr weichen: die Gattinn --
  Ja, das schreckliche Weib, hat mich zu dem Schritte gezwungen.
  Da ist kein Rückgang mehr: ich folg', ein Opfer des Schicksals!«
  »Wie,« so sprach, ihm freundlicher nahend, der Greis,
              »um die Herrschaft
  Stritten des Reiches Hort und der König von Böhmen; im Frieden
  Schieden sie erst, und die rach'empörende Zunge der Gattinn
  Drängte sie wieder zum Würgen zurück? Nicht mühen die Frau'n sich
  Ab in dem Feld. Wenn wir erlagen, erkiesen sie wieder
  Sich den neuen Gemahl, und erfreu'n sich im Kreise des Lebens;
  Doch uns lass' das Wohl und das Wehe des Landes bedenken.
  Ottgar, stolz und tapfergesinnt, gehorchte dem Weib' nun?«[4]

    Also der Greis; doch, da er es sprach, entflammte des Königs
  Niedergeheftetes Auge sich stets zu größerer Wuth noch.
  Wie der Drache mit glühendem Blick von dem finsteren Felsschlund
  Aufschaut, wenn ein Ruf ihn empört; dann zischend dem Eingang
  Nah't, und, das Haupt zum Boden krümmend, den furchtbaren Rachen
  Weit vorstreckt, den Feind zu verschlingen, begierig: so sah er
  Jetzo dem Greis' in das Aug', und stöhnte vor heimlichem Ingrimm.
  Endlich rief er, bewegt: »Halt ein! O tadle den Gatten
  Nicht, der solchem Weibe gehorcht: Margarethen, der Frauen
  Sanfteste, stieß ich von mir: da sandte der Rächer im Himmel
  Mir Kunegunde. Sie hat, ja, bebe dem schrecklichen Wort nur,
  Ueber mich Macht und Gewalt. Wie ein Geist des ewigen Abgrunds
  Steht sie vor mir ... mich schrecken entsetzliche Träume. Verschließe
  Das in der redlichen Brust. Sieh', hätt' ich auch tausend und tausend
  Eide geschworen: umsonst! Nicht kann ich zurück in dem Kampf mehr
  Weichen: ich muß ihn mit Habsburgs Leu'n nun enden für immer.«
  Jetzo winkt' er dem Greis': denn, eilenden Schrittes, genahet
  Waren die Feldherrn all', und einten sich ihm in dem Kriegsrath.
  Neben ihm saß zur Rechten der Hort und Gebiether der Bayern,
  Heinrich; zur Linken ihm Pfeil, der Markgraf; d'rauf um den Tisch her,
  Der, nach Lagers Gebrauch, von niederen Bänken umstellt war,
  Lobkowitz, Czernin, Zierotin; dann Milota, Dietrich,
  Herbot von Füllenstein, und die Kunring', tapfere Helden.
  Doch von der Mitte herab des hochgespannten Gezeltes
  Hing die flammende Lamp', endlos vom Oehle genähret,
  Und erhellte den Tisch in des Zeltraums düsterem Schimmer.

    Eben hatt' er die Helden begrüßt, und wollte beginnen:
  Sieh', da scholl's von Hufen der Roß' in der nächtlichen Stille
  Näher und näher, und jetzt absaßen die Reiter am Zeltthor.
  Ottgar winkte sogleich dem blühenden Jünglinge, Wallstein,
  Der ein Liebling ihm war, schon seit der zartesten Kindheit.
  Alsbald eilt' er hinaus, und faßte vom niederen Gluthherd
  Einen leuchtenden Span, den dort ein Krieger entflammte:
  Schürend die Gluth, und häufend zugleich das harzige Kienholz.
  Mächtiger flammte der Span, da ihn über dem Haupt in die Graunnacht
  Wallstein hob, und schauete: wer die Versammelten störe?
  Staunend, sah er die Königinn selbst, Kunegunde, sich schwingen
  Aus dem Sattel, im Kreis' erlesenen Reitergefolges;
  D'rauf durcheilte sie rasch den Zelteingang, und, den Vorhang
  Schleudernd entzwei, schritt sie, mit stolzer Geberde, zum Sitz hin,
  Den der Jüngling verließ, an der Seite des Königes selber.

    Ueber ihr schwebte mit grimmerfülletem Blick Drahomira
  Leise herein. Sie trieb die Königinn eilig von Drösing
  Her in der dunkelen Nacht, daß sie erst durch schmähende Reden
  Reize den Gatten, und dann entflamme zur Gier nach des Krieges
  Schrecknissen, mehr denn je, in des Raths entscheidendem Zeitraum.
  Wehe, sie forscht', auf Arges bedacht, im Kreise der Helden
  Gierig herum, wie die Schlange verhüllt in dem laubigen Zweig lauscht:
  Ob ein Vögelchen ihr zur Beute sich bieth'? -- und sie fand noch
  Dort den Ersehneten nicht; doch, als der blühende Jüngling
  Eintrat, dachte sie schnell dieß Herz zu berücken durch Ehrsucht,
  Und zu verderben mit ihm den, ihr verhaßten Beherrscher!

    Als der König die Gattinn ersah, da erblaßten die Wangen
  Ihm vor Zorn; doch schwieg er, und ließ die Stolze gewähren,
  Auf daß keiner im Rath' ihn verachtete -- jeglicher dachte:
  Jetzt erschiene sie hier, ersehnet von ihm, und gerufen.
  Rasch war ihr Drahomira genaht: in dem Hauche des Unholds
  Ward ihr Busen empört, und alsbald rief sie verhöhnend:
  »Ha! welch' Wunder geschah? Schon heut erfreuen die Böhmen
  Sich der Eroberung Drosendorfs, der mächtigen Festung,
  Nach den Tagen unendlichen Müh'ns? O, schändliche Thorheit
  War es: vor ihr die goldene Zeit zu vergeuden -- zu harren,
  Bis der klügere Feind, noch arm an Kriegern und Waffen,
  Sich verstärket', und euch des Eisens Spitze wohl biethet!
  Schnell, mit würgender Hand euch bahnend den Weg in die Hauptstadt,
  Mußtet ihr folgen der Stimme des Ruhms, und dem dringenden Aufruf
  Rüdiger Waldrams[5] dort, des muthigen Meisters der Bürger,
  Der nun bald, ein schmähliches Opfer, dem Feinde verrathen,
  Fällt durch euere Schuld, durch eure Verblendung, und Feigheit.«
  Siehe, da grins'te vor Lust Drahomira den Helden in's Antlitz;
  Doch jetzt fuhren empor von dem Sitz die Versammelten alle;
  Ballten die Faust vor Zorn, und wollten enteilen: nur einer,
  Milota, regte sich nicht, und lächelt' unheimlich für sich hin.
  »Faßt euch,« rief der König, bewegt, »die Königinn duldet
  Schon seit jenem unseligen Tag, der uns, und die Völker
  Böhmens beschimpft -- dem Tage der Huldigung,[6] nagenden Kummer
  Und zerrüttendes Weh' in den Tiefen des Herzens. Ihr Helden,
  Dessen gedenkt, und achtet den Schmerz des unglücklichen Weibes:
  Denn nicht wägt er genau das raschverwundende Wort oft,
  Das der Zung' entflieh't im Sturm der empörten Empfindung.
  Aber vernehmt es, was ihr in der Stille der nächtlichen Stunden
  Jetzo mit uns erwägen soll't nach euerer Weisheit:
  Rudolph sandte zuvor zwei tapfere Ritter in's Lager
  Her, uns dringender noch als jüngst, die Hand zur Versöhnung
  Biethend. Erneuend sodann den Wunsch: durch unserer Kinder
  Wechselheirath das Band der Freundschaft für immer zu gründen,
  Ladet er uns g'en Wien, zu turnei'n; die Speere zum Scherz nur,
  Nicht zum Ernst zu versuchen, und dann die ersehnte Verlobung
  Durch ein gastlich Mahl zu feiern im schimmernden Prunksaal.
  Solches verkündete heut' in geheim uns Rüdiger Waldram;
  Aber zugleich: g'en Lilienfeld[7] hin ziehe der Kaiser
  Albrecht, seinem Erzeugten, mit hundert Reitern entgegen,
  Der in den schwäbischen Gau'n die Krieger ihm warb, und vom Aargau
  Her die tapfersten führt, die ihm oft errangen den Lorber,
  Altgedient, und versucht im Grau'n der eisernen Feldschlacht.
  Soll mein Volk vorstürmen bis Wien, daß unser Vertrauter,
  Waldram, ihm eröffne das Thor in der nächtlichen Stille,
  Wie er es eben verhieß, mit den treuen Bürgern verstanden?
  Ist's wohl räthlicher noch, mit Kunrings Reitergeschwadern
  Ueberzusetzen in Fähren den Strom der mächtigen Donau,
  Und aus dem Hinterhalt den Kaiser zu fah'n in der Waldschlucht,
  Welche sich links und rechts an dem Kaumberg, trüglich herumschlingt?
  Nie versagt' ich das Ohr dem Rathe der Männer: was dünkt euch?«
  Herbot schrie zugleich mit dem Kunring, lärmend, und laut auf:
  »Fort nach Wien! Bald sinkt mit der kühnerrungenen Hauptstadt
  Rudolphs Macht in den Staub: wir bürgen für herrlichen Sieg dir!«

    Lobkowitz fuhr von dem Sitz', des Friedens Ruf zu erneuern;
  Aber ihm kam Kunegunde zuvor, und sagte dem König:
  »Wie, du spähest noch jetzt nach schlauverhülleten Pfaden,
  Thöricht verlassend die kühnere Bahn, die schnell zu dem Ziel führt?
  Ist denn völlig gewichen von dir der Muth und die Kühnheit,
  Die von Siegen zum Sieg dich leitete, Schlachtenberühmten?
  Zahllos warben die Freier um mich. Masowiens[8] Herzog
  Ließ auf dem glänzenden Thron mir Macht und Reichthum zur Erbschaft;
  Aber ich achtete keinen Mann, im stolzen Bewußtseyn
  Herrschender Geisteskraft, und lautgepriesener Schönheit.
  Auch du bothst mir die Hand. Der Ruf erscholl in den Ländern:
  Ottgar trug des Sieges Panier zu dem Belt hin; erbaute
  Dort noch Königsberg,[9] und schlug, heimkehrend, die Scharen
  Ungerns im Feld auf das Haupt. Er einte die Steyer- und Ostmark
  Dann, als Sieger, mit Kärnthen und Krain dem böhmischen Erbreich,
  Und errang die Bewunderung so der entlegensten Völker.
  Ha, da sank mein Stolz, beschämt, vor dem Helden! Ich gab mich
  Eiteler Täuschung dahin: mit der königlichsieghaften Rechten
  Würd' er auch mich erheben im Glanz' unsterblichen Ruhmes.
  Weh', nun steh' ich gebeugt, entehrt, und fruchtlos geopfert!
  Aber, denkst du der Ehre nicht mehr, so gedenke der Schmach doch!
  Soll ich den Mann, den König, und ach, den Gatten noch mahnen
  Dort an den graunerregenden Tag, wo gegen den Eidschwur,
  Der dich bewog, dem Kaiser zu huldigen heimlich im Zeltraum,
  Er, o schreckliche Schau! auf des Eilands ragendem Hügel,
  Das die Donau umschlingt mit weitgedehneten Armen,
  Plötzlich am listiggestalteten Zelt den rauschenden Vorhang
  Fallen hieß, und dich vor den Augen unzähliger Krieger,
  Die an dem Strom sich dieß- und jenseits, feindlichgesondert,
  Lagerten, wies zum Hohn' -- auf die Kniee gesunken, o schändlich,
  Ottgar, dich, dem er an dem Hof' einst dienet', als Marschalk,[10]
  Huldigend dort, in dem Staub'! O, könntest du solches vergessen?«
  Ottgar preßte die Stirn' in die Fläche der Linken, und glühend
  Rann ihm die Thrän' an der Wange herab. Er sucht', es zu bergen;
  Blickte grimmiger auf, und rief: »Nicht werd' ich's vergessen!«
  Doch nun drang Drahomira noch mehr in die Fürstinn. Sie hob sich
  Eilig vom Stuhl' empor, und sagte mit leuchtenden Augen:
  »Ha, die Dromet' erklinge dem Volk', und gebiethe den Aufbruch
  Nach den Mauern von Wien; in die Luft hoch flatt're die Sturmfahn'
  Vor den Scharen einher, und leite sie glücklich zum Sieg' hin!«
  Rief's; doch Ottgar sprach nun so zu dem tapferen Helden,
  Lobkowitz: »Wie, du schweigst mein sieggekröneter Feldherr?
  Nie ermangelt' ich deines Raths, und deiner Erfahrung,
  Weisheit, Treue und Kraft verdank' ich, was rühmlich gescheh'n ist.«
  Lobkowitz wiegte das Haupt, und sprach eintönig und trocken:
  »Haben doch and're vor mir, dem wankenden Greise, gesprochen,
  Die das heißere Blut, wie im Sturm, fortreißt auf des Ruhmes
  Glänzender Bahn -- weit blieb ich zurück', und bin es zufrieden.
  Sieh', ich wähnte, wir lieh'n ein Ohr des Kaisers Gesandten?
  Doch vor dem zürnenden Blick der Königinn? Sey es denn morgen!«
  Also der Held. Da sprach Kunegunde voll Wuth zu dem König:
  »Wohl, ich weiche zurück bis Drösing. Sinnst du auf Frieden
  Noch mit dem Kaiser, so sey's; doch nimmer siehst du mich lebend
  Wieder: nur mord' ich zuvor mit Freuden die blühende Tochter,
  Eh' ein schmählicher Bund dem verhaßtesten Feind sie vereine.«
  Rief's hinschreitend; erhob sich auf's Roß, und eilte nach Drösing,
  Das sie den Abend zuvor mit ihren Erzeugten bezogen.

    Jetzt ließ Ottgar schnell die Gesandten des Kaisers entbiethen,
  Die schon lange voll Gier in dem fernen Gezelte des Rufes
  Harrten. Meinhard, Graf von Tyrol, erschien, und zur Seit' ihm
  Nahete Lichtenstein: des Heer's erlesene Zierden.
  Stattlich traten sie ein, und setzten sich würdig zum Tisch hin,
  Grüßend den König zuvor, und d'rauf, die versammelten Feldherrn.
  Meinhard neigte das Haupt, und begann mit edelem Anstand:
  »Rudolph, mein erlauchtester Herr, und Kaiser der Deutschen,
  Sendet uns, Meinhard und Lichtenstein, nicht unwürdige Bothen,
  Freundlich zu dir, erhabener Herr, und König der Böhmen!
  Wollest darum uns hören mit Huld, und unsere Reden
  Nicht verachten, da wir, nur arm an zierlichen Worten,
  Stets mit dem rauheren so, wie mit unserem blinkenden Eisen,
  Das wir zu führen gelernt, zum Ziel vorstreben, und treffen.
  Frieden beut er dir mit leichtversöhnlichem Herzen;
  Doch er beut ihn im Augenblick, wo er völlig gerüstet,
  Nicht, wie jüngst in dem Land', entblößt von Kriegern und Waffen,
  Sollte schon fast ihn erflehen von dir -- nein, wo er im Kriegsbund,
  Mächtige Völker vereint, und der Treue der Völker gewiß ist.
  Daß du, als Kaiser ihn anerkenn'st; ihm Böhmen und Mähren
  Tragest zu Leh'n; auf die ost- und die steyrische Mark,
              so auf Kärnthen,
  Krain, entsag'st: das ist des Friedens enthüllte Bedingniß.
  Drei gewaltige Vesten im Land: hier Drösing im Marchfeld,
  Dort Pöchlarn, und Enns sollst du mit starker Besatzung
  Halten zum Unterpfand durch drei der Jahre, von heut' an.
  Ha! du erstaunest? So ist's; ihr sollt euch finden in Freundschaft.
  Heilig ist Rudolphs Wort, du kannst ihm sicher vertrauen.«

    Als er die Rede voll Kraft jetzt endete, herrscht' in dem Zeltraum
  Stille umher: doch Lichtenstein, gewahrend den Vortheil,
  Grüßte den König zuvor, und begann mit heiterem Blick so:
  »Ernstes sagte der Graf. Mit Gott und eurem Gewissen
  Werdet ihr solches erwägen zum Glück und zum Segen der Völker,
  Die ihr beherrscht; doch leiht auch mir ein günstiges Ohr noch.
  Nicht vom blutigen Kampf: von der Minne ersehneten Freuden,
  Von Turnei'n, und dem festlichen Mahl gedenk' ich, zu sprechen.
  Allwärts ist es bekannt, daß Herr Rudolphus, der Kaiser,
  Ein Turnei, bei'm Tabor,[11] am kommenden Donnererstag schon,
  Der Sanct Rochus geheiliget wird, zu halten, gesinnt ist:
  Denn nach Frieden verlangt sein Herz, und er hat dich geladen.
  Solcher Ehre Gewinn verschmäht kein tapferer Mann je.
  Sieh', d'rum harret er dein und deines so edeln Gefolges,
  Das den Herrscher umglänzt, wie die Stern' umglänzen den Vollmond!
  Aber noch höhere Freuden gedenkt, nach vollendetem Festmahl,
  Oben im prunkenden Saal der Kaiser mit dir zu bestellen:
  Lieblich erblüheten dir die schönsten der Töchter -- in Söhnen
  Ihm sein Glück: zum Bund der Einigung beut er die Hand dar:
  Hartmann führ' als Braut sich Hedwig, voll siegender Schönheit,
  Thekla, voll zartester Huld, sein Rudolph heim. So ersehnt er's.«

    Als er gesprochen das Wort, und noch weiter gedachte zu reden:
  Sieh', da warf sich in brausender Hast der muthige Jüngling,
  Wallstein vor! Er stand, und hielt sich die Brust mit der Rechten;
  Athmete tiefer, begann zu sprechen, vermocht's nicht; er stürzte
  Dann zum Gezelte hinaus, und verschwand im nächtlichen Dunkel.
  Ottgar blickt' ihm, erstaunt, jetzt nach. Er wähnte: sein Liebling
  Sey urplötzlich erkrankt, und von wüthenden Schmerzen befallen;
  Doch Drahomira durchschaute sein Herz; sie lächelte grimmig;
  Jubelte dann laut auf, und folgte dem fliehenden Jüngling:
  Ihm für Hedwig die liebende Brust noch mehr zu entflammen,
  Und zu verderben mit ihm den, ihr verhaßten Beherrscher.

    Im erleuchteten Zelt verstummten von neuem die Helden;
  Gar nicht wollten von Ottgars Mund' die Worte sich lösen.
  Endlich hob er sich auf, und sagte den Beiden zum Abschied:
  »Wahrlich, nicht ahnete mir's, so glühend verlange der Kaiser
  Uns bei festlichem Turnkampf, Tanz, und Gelagen zu sehen!
  Aber wohlan -- das kündet ihm nur, so er etwa daheim ist:
  Ottgar werdet ihr schau'n im Gefolge der Edeln, und hören,
  Was er vom Frieden gedacht, und der Kinder ersehnter Verlobung!
  Aber, ihr Herrn, gehabt euch wohl; der Himmel geleit' euch!«
  Beid' erstaunten der Red', und eilten unmuthig von dannen.
  Draußen sagte zu Lichtenstein der tapfere Meinhard:
  »Ritter, sprecht, was dünkt euch? Nicht einmal die Krume zum Imbis,
  Nicht des Weines so viel, das unsere Lippen benetzte,
  Reicht' er zum Trunk' uns dar. Ich meine: von Heirathsgedanken
  Ist er so fern, wie dort von mir Veiths glänzender Wagen,
  Der an des Himmels Rand zum eisigen Norden hinabsinkt.
  Ha! und merktet ihr nicht, wie schnell der arge Verräther
  Rudolphs nächtlichen Ritt g'en Lilienfeld ihm enthüllte?
  Ach, er zog nur mit schwachem Geleit! Kommt: gut ist die Vorsicht!«
  Rasch aufschwangen sie sich in den Sattel, und flogen nach Wien hin.

    Aber der König entließ die Versammelten. Jetzo noch einmal
  Blickt' er Jedem in's Aug', und sagte mit rauherer Stimme:
  »Mir zerwühlet die Wuth das Herz. Wie kecklich die Ritter
  Sprachen, als sey ich im Feld nicht fürder zu scheu'n,
              und, dem Ball gleich,
  Nun rechts hin, dann links im schwebenden Fluge zu wenden;
  Aber es zehr' ihr Hort sich zu Tod' an seinen Gelüsten.
  Mein Entschluß ist gefaßt: am Morgen gebiethet den Aufbruch
  Euerem Volk. Wir ziehen entlang den schlängelnden Marchfluß
  Bis an den Weidenbach, wo, erhöht, des räumigen Lagers
  Wall uns schirmt g'en List und Gewalt. Verstanden mit Waldram,
  Sey in dem Ueberfall nur »Rache« der Würgenden Schlachtruf!
  Ruhet ein Weniges noch: bald rufen euch laut die Drometen.«
  Jene gehorchten dem Wort', und eilten nach ihren Gezelten.
  Aber der König ging noch lang' im Schimmer des Nachtlichts,
  Sinnend umher. Oft seufzt' er laut; er ballte die Faust oft
  Vor Erbitterung; stand, ging wieder, und hatte nicht Frieden.
  Endlich warf er sich hin auf das Lager, und schlummerte leis' ein.

    Ueber dem Haupt des Schlummernden hing sein schützender Engel,
  Trauernd. Verglommen war sein Glanz. Wie auf thürmender Alpen
  Ewigbeschneiten Höh'n der rosigglühende Schimmer
  In ätherischer Bläue verglimmt in der sinkenden Dämm'rung:
  Also auch er, den Schwermuthsblick auf den armen gerichtet,
  Den ein furchtbarer Traum umfing. Margarethe, die Gattinn,
  Welch' er schnöde verstieß, naht' ihm, und sah ihn so trauernd
  An, aus dem hüllenden Leichentuch: er wandte sich, schaudernd,
  Weg, und hieß sie entflieh'n. Nicht lang', und in hoher Verklärung
  Schwebt' auf schimmernden Au'n, und bekränzt mit himmlischen Rosen,
  Sie vor ihm hin. Er folgte -- sie floh; doch jetzt, an dem Ufer
  Eines unendlichen Stroms hielt sie den eilenden Flug an;
  Sah, huldflehenden Blicks, zu dem Himmel empor, und entschwand ihm,
  Schatten gleich, wenn Nebelgewölk umhüllet die Sonne.
  Wieder umfing ihn des Todes Nacht. Um sich her auf dem Schlachtfeld
  Sah er unzählige Leichen gehäuft: bis endlich ihm selber
  Dort zwei Würger genah't, mit rach'ausblitzenden Augen,
  Tief in die Brust einstürmten den Speer, und höhnten im Tod noch.
  Stöhnend wand er sich dann im Schlaf, und in mächtigen Tropfen
  Stand ihm der Schweiß auf der Stirn' und den hochgerötheten Wangen.

    Doch nicht völlig verhüllt den Augen des Himmelsbewohners
  War des schlummernden Königs Geschick. Er sah Drahomira
  Walten um ihn, und Gefahr ihm bereiten auf schlüpfrigem Pfad hier,
  Der zum Verderben führt, und zu nieversiegendem Jammer.
  Flehend faltet' er jetzo die Händ', und blickte mit Ehrfurcht
  Auf zu dem Thron des Ewigen, der in des kreisenden Weltalls
  Hehrstem Raum', auf lichtausströmenden Sonnen erhöht steht.
  Dorthin drang sein Blick, wo Cherub- und Seraphim selber
  Sich in der Nähe des Throns mit den Fittigen hüllen die Augen,
  Dreimal Heilig singend dem Herrn, der herrscht von dem Thron dort,
  Hehr, allmächtig, weis', und gerecht, barmherzig und gnädig!
  Ueber die Himmel hinauf erhebt er das Haupt; auf dem Abgrund
  Ruht sein Fuß, und sein Arm umfaßt das kreisende Weltall.
  Als er gewürdigt ward, die Blicke zum Thron zu erheben,
  Sah er, schauernd vor Ehrfurcht, dort enthüllet die Zukunft:
  »Ottgar, der nun bald mit reuigem Sinn um Erbarmen
  Fleh'n wird, büßet die Schuld vergangener Jahre: den Feinden
  Fällt er besiegt in dem Kampf', und verlieret das Reich und das Leben;
  Aber sein Gegner wird ein Vater des Herrschergeschlechtes,
  Das in die fernste Zukunft hinab unzähliger Völker
  Glück zu fördern, erwählt, im Segen der Erde genannt sey.«
  D'rauf gewahrt' er den Wink des Herrn: »daß es also gescheh'n wird!«
  Sieh', da flammten, und floh'n, und kehrten in Eile die Sonnen
  Wieder zur Bahn! Der Donner rollte hinunter am Weltrand,
  Kreisende Monden und Sterne vorbei; die Vesten des Erdballs
  Zitterten; hoch aufrauschte das Meer, und die Ström' und die Flüsse
  Braus'ten wirbelnd zurück, und schäumten empor in den Luftraum.

    Aber die Himmlischen feierten nun der unendlichen Allmacht
  Huldausstrahlenden Wink. Auf Erden erglühte das Frühroth.




  Zweiter Gesang.


  Siehe, wer reitet den Wald entlang? Vom felsigen Boden
  Tönet der eiserne Huf. Wer zieht im Schatten der Thäler
  Fort im eilenden Trab? Doch dort, wo am lichteren Waldsaum
  Weitgesondert, die Tannen steh'n, und der sonnige Bergpfad
  Schlängelnd sich hebt, erblitzt es von hellgeglätteten Waffen
  Quer in die Eb'ne herab. Jetzt näher und näher erschallet
  Munterer Reiter Gespräch, und das Schnauben und Wiehern der Rosse.
  Doch wer ist's, der allen voran den feurigen Rappen
  Reitet, so freundlich und mild, so bar all' prunkenden Schmuckes?
  Zwar erhellt die, in Rosengluth versinkende Sonne
  Kein' unedele Stirn', und Ehrfurcht heischen die Augen
  Dieses Gewaltigen, der ein Fürst, ein Kaiser von Anseh'n
  Scheinet? Er ist's -- ha, Rudolph ist's, der Kaiser der Deutschen!

    Gestern zog er im Abendlicht mit hundert Erwählten
  Eilig zum Kärnthnerthore hinaus nach dem herrschenden Hügel,
  Wo (so kündet die Sag') in grau'numhülleter Vorzeit
  Eine Spinnerinn saß, und bettelte, reichliche Spenden
  Sammelnd: ein Kreuz zu erbau'n von zartdurchlichtetem Stein dort,
  Wo das hölzerne, morsch, zerfiel, an welchem sie lebte.
  Aber es wurde zugleich ihr Grab, von dem Fremdling bewundert:
  Denn erblickt er die Stadt, die weit auf Erden gerühmt wird,
  Vor sich in schimmernder Pracht der Thürm' und unzähliger Häuser,
  Zollt er vor allem der sinnigen Wahl der Spinnerinn Beifall,
  Und erquickt sein Aug' an dem wunderherrlichen Anblick.
  D'rauf einlenkt' er zum Fuß' der traubengesegneten Hügel:
  Petersdorf, und Brunn am Gebirg, wo der emsige Winzer
  Keltert den kräftigen Most für die spätnachfolgende Zeit noch,
  Und durchtrabte die Stadt von Mödeling.[1] Mächtigen Anseh'ns,
  Schaut in das düstere Felsenthal, durch welches der Waldbach,
  Eingezwängt, sich windet, und rauscht, die ragende Felsburg,
  Mödling herab (ein Eigen des babenbergischen Herzogs,
  Heinrich) und lieh auch zugleich dem Städtchen den Nahmen.
              Die Nacht hing
  Dunkel herab; nicht erspähte der Wart von dem ragenden Wartthurm
  Rudolphs hohe Gestalt: d'rum scholl die Dromete zum Gruß nicht.
  Doch jetzt zog er am Tannberg fort,[2] wo im ruhigen Thalgrund
  Schimmert das Gotteshaus zum Heiligen-Kreuz mit dem Kloster.
  Herzog Leopold baut' es, der Heilige. Mönche von Cisterz
  Rief er dahin, daß dies' in Saatengefilde die Wildniß
  Wandelten, und im Gesange des Chors lobpriesen den Schöpfer.
  Manches Helden Gebein', auch Friedrichs, des streitbaren Herzogs,
  Letzten seines Geschlechts, deckt dort der ehrende Denkstein.
  Aber es sandte darauf vom Heiligen-Kreuze der Stiftsabt
  Auch nach Lilienfeld die Brüder: so wollt' es der Herzog
  Leupold, der Glorreiche, selbst, als er an dem Fuße der Alpen
  Im bezaubernden Thal das Gotteshaus und das Kloster
  Stiftete, dem jetzt Rudolph naht'. Schon ließ er auch Kaumbergs
  Marken zurück, und als die Sonne im rosigen Schimmer
  Sich in Osten erhob, da zog er durch's liebliche Hainthal,
  Und erkor's in des Mittags Stunde zur Rast. An dem Göls'bach
  Weideten frei die Rosse hinab. Die tapferen Krieger
  Saßen im Kreise herum: sie sättigten sich an des Weizens
  Goldener Frucht, zum nährenden Brote gebacken, und löschten
  Dann an der Quelle den Durst. Inmitten der fröhlichen Männer
  Saß der Kaiser im Gras'; er rief den Einen und Andern
  Auf zu ergetzlichem Schwank', und zuletzt den redlichen Knappen
  Müller, den Zürcher, der ihm das Leben gerettet, und seither
  Stets zu getreulichem Dienst' ihm stand, im Krieg' und im Frieden.
  »Künde«, so sprach er zu ihm, »den Kriegern das lustige Mährchen:
  Wie du mich, den Zürnenden, einst auf der Straße begegnend,
  Sühntest, listengeübt: denn manchen von meinen Getreuen
  Hast du niedergeworfen zuvor, ein frevelnder Raufbold.«
  »Mit Vergunst, Herr Kaiser,« begann der fröhliche Kriegsmann,
  Schlaugewendeten Blicks, »so ich ruhmbegierig, und eitel,
  Meinen Gefährten des Zugs verkünde zuvor, daß ich Habsburgs
  Grafen im Kampf mit dem Regensberg das Leben gerettet!
  Edle von Toggenburg, und Homburg; jene von Nidov,
  Palm, und Warth mit Eschenbach vereinten dem Ritter
  Regensberg, den er gewaltig bedrängte, die Scharen;
  Doch er dachte der List, kriegskundig, dem Feinde zu schaden.
  Oft ritt Regensberg mit zwölf weißschimmernden Rossen,
  Welchen voran mit lautem Gebell zwölf ähnliche Doggen
  Sprangen, zur Jagd, von dem Uttliberg, stolzirend, herunter.
  Rudolph lag in dem Hinterhalt: die Ross' und die Doggen
  Hatt' er, wie jener gewählt. Mein Volk, die muthigen Zürcher
  Brachen hervor, mit ihm in dem Handel verstanden, und als er
  Nahte der Burg in verstellter Flucht, da meinte der Wächter,
  Oeffnend das Thor voll Hast, sein feindbedroheter Herr sey's
  Alsbald ward erobert die Burg, und zerstöret von Grund aus.
  Ist's nicht also gescheh'n, mein hocherlauchter Gebiether?
  Aber da stellten sie euch, auf offnen und heimlichen Wegen
  Nach. So geschah's, daß einst, auf einsamer Fährt' in dem Wald ihr,
  Nur mit schwachem Geleit dem Feind' in die Hände gefallen,
  Rang't auf Leben und Tod, als bügellos in den Staub euch
  Warf das getödtete Roß. Ihr waret erlegen der Mehrzahl;
  Doch der Seinen gedenket der Herr: er sandte den Müller
  Euch zu Hülf'. Er kam auf dem Pfade geritten, und sah euch
  Kämpfen, ähnlich dem Leu'n, den wüthende Tiger umringen;
  Naht' im Flug, und ihr, in den Sattel gehoben, entrannet
  So der Gefahr. Doch Müller ist euer getreuester Jünger
  Seitdem -- rühmt sich denn auch des edelsten Meisters auf Erden.
  Ihr erlaßt mir vielleicht für heute das lustige Mährchen:[3]
  Denn, mich dünkt, es entfielen, wie Perlen gestaltete Tropfen
  Eueren Wangen. Mich drängte früher die Noth, und euch später:
  Alles auf Erden eint der Liebe geschäftige Sorgfalt.«
  Innig gerührt ergriff ihm der Kaiser die Hand, und begann so:
  »Edel hast gehandelt an mir, mein trefflicher Jünger!
  Doch die Capelle winkt auf den Alphöh'n: heute noch sollst du
  Ernten herrlichen Lohn, der Heldenthaten gebühret.
  Jetzt rasch auf, ihr Reisigen: rasch zu dem winkenden Ziel hin!«
  All' erhoben sich nun voll Muths; sie zäumten die Rosse,
  Jauchzend, auf, und es ging dann weiter der fröhliche Zug fort.

    Siehe, nicht lang', und sie sah'n jetzt schon
              die bläulichen Alphöh'n
  Oben, und tiefer den _Kulm_ und den kegelgestalteten _Spitzbrand_,
  Freudigen Blicks, als unter dem Huf der gewaltigen Rosse,
  Drönend, die Brück' erscholl, die, stets von den Fluthen der Traisen
  Unten durchrauscht, im Grund die rasche Forelle beschattet.
  Weit gerühmt ist die Traisen im Land (daß beide den Ursprung
  Sich bestreiten, die Hohenberg-, und die Lilienfelder)
  Sprudelnd hervor aus dem Schooß des Traisenberges im Waldthal,
  Und enteilend voll Hast, sich dem Donaustrome zu einen.[4]
  Freundlich blickten die Sterne bereits vom Gewölbe des Himmels,
  Wieder zur Erde herab; schon hauchten die würzigen Matten
  Kühlung umher; es verglommen die ragenden Höh'n, und die Fluthen
  Dampften im Thal, als jetzt mit seinem Gefolge der Kaiser
  Nahe vorüber an Lilienfeld, dem herrlichen Kloster,[5]
  Eilete: denn zum Abendgebeth' ertönte das Glöckchen
  Schon von dem Thurm'; es lud zu des Chors Vollendung die Brüder,
  Und erweckte zugleich, mildklagend, die Wonne der Wehmuth
  Tief in der fühlenden Brust, die leise nach Ruhe sich sehnet
  Nach den verschollenen Stürmen des Tags, auf irdischer Wand'rung.

    Nahend dem Ziele, durch's _Thal_, geboth der Herrscher den Reitern,
  Längs dem Bach zu erringen den Kulm, auf dem breiteren Saumpfad;
  Aber er selber klomm, des Weg's wohlkundig, mit Müllern
  Dort, wo ein lieblicher Wasserfall, von schroffer Gebirgswand
  Plätschernd herab, zerstäubt die silbernblinkenden Fluthen,
  Schweigend, die Höhen empor. Er sah nach den lichten Gefilden
  Ferner Ebenen, jetzt aus der nächtlichdämmernden Waldung,
  Jetzt vom schwindligen Fels mit thauendem Blick', und errang so
  Früher den Kulm; doch dort, vereint mit seinen Erwählten
  Wieder, rastet' er nicht, und stieg, stets höher und höher,
  Bis er, den dunkelen Wald entlang, auf blühenden Matten
  Wandelnd, schimmern sah im Schooße der luftigen Alphöh'n,
  Aus dem Gezweig umhüllender Tannen der kleinen Capelle
  Heiligthum, wo das Licht, in der Lampe genährt von dem Klausner,
  Sandte die fächelnde Flamm' empor aus goldenem Oehlduft.
  Dorthin wies ein Gesicht, im mitternächtlichen Grauen
  Ihm aufsträubend das Haar vor Furcht und Erstaunen, ihn heut' erst.
  Wichtiges sollt' ihm, dort enthüllt nach des Ewigen Rathschluß,
  Mächtig erheben das Herz in der Stunde des nahenden Kampfes.

    Jetzt verließen auf seinen Wink die Reiter den Sattel,
  Daß, freiweidend im Feld, die Pferde sich letzten. Des Zaumes
  Ledig, sprangen sie wiehernd davon, und wälzten im Gras' sich
  Links und rechts, die Gluth des gepreßten Rückens zu kühlen.
  Auch die Reiter gesammt ausruheten dort von der Wand'rung.
  Aber der Klausner, ein Greis, von neunzig entflohenen Jahren,
  Trat aus der Hütt', im barnen Gewand', und führte den Kaiser,
  Schweigender Ehrfurcht voll, zur Capelle. Der silberne Bart floß
  Ihm zu dem hanfenen Gürtel herab. Von den lastenden Jahren
  Wenig gebeugt, sah noch aus seinen erglühenden Augen
  Jugendkraft, die manchmal in sinnender Trauer am Boden
  Hafteten. Doch jetzt traten sie ein, und beugten die Knie' dort,
  Wo gesegnetes Brot, der Seelen Speise, verwahrt war;
  Wo das Bild des Gekreuzigten stand, und die Mutter das Kindlein
  Wies in dem hehren Gemähld', voll Lieb' an den Busen es drückend,
  Und, den wonn'ausstrahlenden Blick auf die Menschen gerichtet,
  Allen zu rufen schien: »O liebt den Liebenden mir gleich!«
  Aber der Greis, als wär' es zum legten Male hienieden,
  Sah zu ihr lang' empor, und wandte sich dann zu dem Pilger:
  »Herr«, sprach er, »blick' auf zu der Himmlischen! Früh in des Lebens
  Blüthenzeit hast du die Verehrung der seligsten Jungfrau
  Dir erkoren zum wahrenden Schild', und dem Schiffer nicht ungleich,
  Der in der Sturmnacht fest aufschaut zu dem rettenden Leuchtthurm,
  Dadurch bewahrt im reinen Gemüth Vertrauen und Demuth:
  Jenes zu Gott und auf Menschenwerth, und dies' auch im Glück' noch.
  Also wandeltest du, ein Seliger, fort auf des Lebens
  Dornenpfad mit heiterem Muth: der göttliche Sohn hört
  Gerne der Mutter Fleh'n, in ihrem Schutze geborgen.
  Jetzt auch wirst du gewiß, in dem furchtbarn Kampf der Entscheidung,
  Huldbeglückt, erringen den Sieg, wenn dir auf dem Schlachtfeld,
  In umdrängender Noth vom Munde des Herzens Gelübd' tönt:
  »Fromme Jungfrau'n einst zu versammeln zum Zeichen des Kreuzes.«[6]
  Höre, demnach was mir mein Meister und Herr in Gesichten
  Dunkeler Zukunft wies: Ein Vater unzähliger Fürsten
  Wirst du seyn, und so oft auch hier auf irdischer Laufbahn
  Wechselt des Menschen Geschick vom Guten zum Schlimmen: so wird doch
  Treu', und Redlichkeit stets in deinem Geschlechte noch dauern.«[7]

    »Ernsten Gemüths, herrscht einst dein ältester über die Völker,
  Die dein heitres gewann, und fesselte. Ob er auch mannhaft
  Steht in der Männerschlacht, und vor ihm die Feinde, besiegt, flieh'n;
  Ob er auch ehret das Recht, und Gerechtigkeit übet als Richter,
  So auch die Wissenschaften, die Kunst', und den frohen Gewerbsfleiß
  Blühen heißt mit dem Ackerbau, ein sorgsamer Herrscher:
  Dennoch mißt er die Liebe. Die Hand der ewigen Vorsicht
  Waltet über des Menschen Geschick'. In Dunkel gehüllet
  Möge sein Ende dir seyn. Ihn rächen entsetzlich die Seinen.«

    »Schön an Gemüth und Körper, die Lust des Menschengeschlechtes,
  Faßt mit unstraflicher Hand die Kaiserkrone dein Enkel.
  Aber, ihm gleich, ein Held, vom feindlichen Schicksal zum Feind' ihm
  Auserkoren, entwindet sie ihr auf dem rauchenden Blutfeld
  Mühldorfs; doch entreißt er, erst nur der Rache gedenkend,
  Auch in der Kerkerluft der Trausnitz dem edelsten Manne
  Nicht den unsterblichen Kranz, der, lohnend, dem Guten zu Theil wird.
  Sieh', er steht, erschütternd, vor ihm, da er Ehre viel höher,
  Denn des Lebens erlesenstes Glück, die goldene Freiheit,
  Achtet, und wiedergekehrt, die Hände noch selber den Fesseln
  Beut: ein Muster der deutschen Treu' auf Wort und auf Handschlag!
  Innig ehrt er ihn d'rauf, und theilt das nächtliche Lager,
  Ja, auch den Purpurthron mit dem Freund, der Erde zum Staunen.«

    »Ha, schon winket des Theuerdanks unsterblicher Held mir
  Aus dem strahlenden Licht des thatenverherrlichten Lebens!
  Sein erbarmt sich der Herr, und rettet ihn, wunderbar oft so,
  Wie auf der Martinswand, aus unsäglicher Noth und Gefahren,
  Welch' ihm fortan drau'n auf des Herrschers dornigen Pfaden.
  Hoch erhebt er den Ruhm von Oestreich: kühn auf dem Schlachtfeld,
  Weis' im Rath; ein Liedergewaltiger, Held, und Beherrscher.«

    »Aber ihm folgt, o Habsburgs Stolz, sein größerer Enkel!
  Sein Zeitalter leuchtet in wunderherrlichem Glanz' auf.
  Jugendlich regt sich die Erd', und treibt den erfreuenden Keim schon
  Jedes Großen und Schönen hervor. Erhabene Geister
  Wandeln auf ihr zum Ziel -- der Höchst' er unter den Hohen!
  Ha, wie würdig er herrscht, wie kraftvoll! Fern in die Zukunft
  Schaut sein Blick: er sinnt auf Deutschlands Größe durch Einung,
  Auf Hispania's Macht, und Italia's, daß er die Rettung
  Schaffe dem Christenvolk g'en wildempörter Osmanen
  Allverheerende Wuth, die er tapfer bekämpft, und besieget.
  Auch jenseits dem unendlichen Meer' erbeben die Völker
  Seiner Gewalt: nie geht die freundlichleuchtende Sonne
  Unter in seines umuferten Reichs endlosen Bezirken.
  Also die alt' und die jüngere Welt im Segen zu einen,
  Strebt sein hohes Gemüth. Wie dunkel die Wege der Vorsicht!
  Deutschlands Gau'n durchtobt die Neuerung. Feindlichgeschieden,
  Schaut urplötzlich der Mensch dem Menschen in's Aug: ihn verwildert
  Schrecklicher Sectenhaß: denn Mord, und Brand, und Empörung
  Würgt Jahrhunderte fort, und verscheucht bald jegliche Hoffnung,
  Die so herrliche Früchte verhieß. Vergeblich versucht er,
  Heimzuführen den scheuentflohenen Frieden: auf immer
  Scheint er entfloh'n. Ihn ergreift unendlicher Schmerz, und er endet,
  Freientsagend dem Thron, in einsamer Zelle sein Leben.«

    »Ha, nach neun, durch Weisheit, Mild', und Gerechtigkeit ruhmvoll
  Herrschenden Männern deines Stamms, erseh' ich im Thronsaal
  Eine gewaltige Frau, die im Sturm umdrauender Nöthen,
  Gottvertrauenden Muths, die Lieb' und Bewunderung aller,
  Eintritt dort, mit dem Sohn' auf dem Arm, in die hohe Versammlung
  Eines edelen Volks, und tausend Stimmen erschallen,
  Als der ehernen Scheid' entrissen der blitzende Stahl fleugt:
  »Laßt uns sterben für Sie, die, als Königinn, uns ist ein König!«
  Glücklich als Gattinn und Mutter zugleich, und als Herrscherinn würdig
  Ewigen Ruhms, entschlummert sie sanft in den Armen des Todes.«

    »Lange zum Manne gereift, nachfolgt ihr spät ihr Erzeugter:
  Herrschend des Volks Abgott, dem er nur Gutes gewillt ist.
  Aber ihm stürmts in der Brust: was kommenden Zeiten noch dau're,
  Müsse sorgsam gepflegt, und festgegründet der Bau seyn,
  Das bedenket er nicht, und sieht noch sterbend, verwelket
  Was er gepflanzt, und im Sand, sturzdrohend, was er gebaut hat;
  Dennoch beut ihm die Liebe den Kranz niewelkenden Nachruhms.«

    »Siehe den Weisen, in dessen Hand dann erglänzet der Zepter,
  Reißt des Todes Geschick aus der Zahl der Lebenden schnell fort!
  Wohl ihm: denn früher erringt er das Ziel der herrlichsten Laufbahn
  Auf hesperischer Flur, wo er Glück ausspendet, und Segen!«

    »Jetzt entschwinden die hehren Gesichte vor mir wie in Nebeln.
  Furchtbar steigt Geschrei in die Luft. Des alternden Erdballs
  Vesten wanken; es scheint, als sollt' ein neues Geschlecht sich
  Heben empor aus dem gährenden Grund, doch früher die alten
  Ganz hinschwinden in Nichts: so entsetzlich schwelgt die Empörung
  Fort an den Strömen vergossenen Bluts. Der tauschenden Gleichheit
  Mordruf schallt: hinschwindelt das Volk, und reißt mit des Thrones
  Stürzendem Heiligthum' auch sich selber hinunter zum Abgrund,
  Wo in dem nächtlichen Grau'n sein Wuthgestöhne verhallet.
  Aber ich sehe den Schiffer im Sturm, der, blickend zum Himmel,
  Unerschütterten Muths, durchfleugt die empörten Gewässer;
  Sehe den Sohn vor mir des Verblichenen, wie er im Nachtgrau'n
  Fortgewogt auf der Fluth, nun sinkt, nun steigt, bis er endlich,
  Lautumjauchzt, einfährt in den volkerfülleten Hafen,
  Und noch höher als erst, nach zwei Jahrzehenden aufragt:
  Denn ihn lenkt in den Tagen der Noth stets sicher der Tugend
  Heiliger Wink, und sein ist die Lieb' und die Treue der Völker,
  Die er, ein Vater, beherrscht mit mildvorsorgender Weisheit.
  Heißt auch mancher Gewaltige »Groß« in Geschichten der Menschen,
  Ihn wird einst die Nachwelt laut den _Edelsten_ nennen.«

    »Dunkler ward's ... mir schwand in verworrenen Bildern die Zukunft.
  Doch nun hast du vernommen, was mir, unwürdigem Diener
  Heute der Herr enthüllt'. Leb' wohl! Vollbracht ist des Lebens
  Weitumirrender Lauf -- er endete, deiner gewärtig.
  Denk' auch mein im Gebeth. Stets sey der Himmel dir gnädig!«
  Sagt' es, und wankte hinaus, der Klaus' entgegen. Er warf sich
  Dort auf die Knie', und bethete leis' mit erblassenden Wangen.

    Aber auch Rudolph lag mit tiefgesunkenem Antlitz
  So, daß die stürzende Thrän' auf die Marmorstufe hinunter
  Ihm aus den Wimpern sank, mit hörbarem Laut in der Stille,
  Vor dem Altar auf den Knie'n. Sein Dank auf den Fittigen tiefer,
  Inniger Andacht flog empor zu dem Vater im Himmel.
  Als er den Blick zu dem Bild' erhob, und das Aug' auf die Augen
  Heftete, die so mild den frommhinwandernden Pilger
  Wecken zur Liebe des Sohn's, da erblaßt' er betroffen. Ihn dauchte:
  Daß sie in himmlischem Glanz' erglühten, und schaudernder Angst voll,
  Wich er zurück vom Altar -- bis jetzt in der Lampe der Lichtdocht
  Hell aufflammt', und sanft, wie zuvor, die Mutter ihn ansah.

    Jetzo rief er Müllern herbei, der draußen im Vorhof
  Harrte; legte die Hand ihm fest auf die Schulter, und sagt' ihm:
  »Hole die Waffen schnell: den Degen, den Helm, und den Harnisch;
  Auch die Spor'n, die wir mitführeten: leg' sie in Demuth
  Auf den Altar; dann fasse den Speer, die Wache zu halten,
  Bis zum Morgen. Ich geh', ein Weniges draußen zu schlummern.«
  Also geschah's. Der Knappe ging, und holte, verwundert,
  Alles und Jedes herbei; dann faßt' er den Speer, und erging sich
  Dort, gemessenen Schritts, die Wach' an dem Heiligthum haltend.
  Doch als jetzt an des Himmels Rand der erwachende Morgen
  Wie der purpurne Kelch der frischentfalteten Rosen
  Glühete, hieß der Kaiser sein Volk der kleinen Capelle
  Nahen, und dort im Kreis' umgeben den heiligen Altar.
  Anbethend stand er selber vor ihm; dann wandt' er sich freundlich
  Gegen den Kreis; rief laut dem Knappen Müller, und winkt' ihm,
  Niederzuknieen vor Gott auf die Marmorstufe. Den Wammsrock
  Nahm er ihm erst von dem Leib', und umgab mit dem glänzenden Harnisch
  Ihm die Brust: er reicht' ihm die Sporn' und den trefflichen Degen
  Dar mit dem Wehrgehang; bedeckte sein Haupt mit dem Festhelm,
  Riß dann schnell das Eisen hervor aus der Scheid', und begann so:
  »Weil du, tapfergesinnt, obgleich als Bürger geboren,
  Habsburgs Herrn, der jetzt des heiligen, römischen Reiches
  Kaiser sich rühmt, das Leben gerettet, und stets auf dem Schlachtfeld
  Ritterlich' Ehre gewannst durch heldenmütige Thaten:
  Will ich dich hier, vor Gottes Altare, den Edeln gesellen.
  Aber bedenke denn auch, daß dir hinfort auf des Ritters
  Ehrenbahn gezieme, zu schirmen das Recht und die Unschuld;
  Schützer zu seyn des zarten Geschlechts in Zucht und in Ehren;
  Nie zu meiden den Kampf, in die Schranken durch Edle gefordert;
  Nie zu dulden die Schmach, und zu rächen erlittenes Unrecht,
  Kräftig und ohne Verzug, so dir's nicht wehrt das Bewußtseyn:
  Hierauf schlag' ich dich Gott, und Maria, der heiligen Jungfrau,
  Auch Sanct Görgen, des Ritters Patron, zu Ehren, zum Ritter.«[8]
  Sagt' es, und führte den Streich
              kreuzweis mit dem tönenden Schwertstahl
  Ihm die Schulter hinab, erhob den Edeln, und küßt' ihn.
  Laut aufschrie die Schar der Versammelten. Jeglicher staunte,
  Forschte zuvor, wohin sich wende das ernste Beginnen?
  Doch, nun schüttelt' ihm jeder die Hand, und lächelt' ihm Beifall.

    Schon erglühte das zarte Gewölk im lichteren Osten,
  Das dem erwachenden Tag das Nahen der herrlichen Sonne
  Kündete: sieh', da führte sein treues Gefolge der Kaiser
  Schnell zum ersehneten Alpenrand, wo jetzo die Aussicht
  Unermeßlich groß, vor den Augen der Männer sich aufthat!
  Aber sie bebten zurück vor freudigem Schreck und Erstaunen:
  Erst zur Tiefe hinab, wo auf duftigen Schwingen die Nebel,
  Zögernden Flugs, bald hier, bald dort nach entfernteren Thälern
  Flatterten, sank ihr Blick. Wie staunt' er: gewaltige Berghöh'n
  Nun zu Hügeln versunken, zu schau'n, und auf jeglichem ringsher
  Wiesen, und Ackergründ', und waldumsäumtes Gehöftland;
  Unten am hellen Teich das Gotteshaus, und des Klosters
  Riesengebäude; das Thal entlang, an der schimmernden Traisen
  Hin, aufwirbelnden Rauch von den Eisenhämmern und Hütten -- Dann
  unendlich hinaus vom Gebirg verbreitet die Fluren;
  Doch als jetzt aus dem Nebelmeer ihr breiteres Antlitz,
  Dunkelgeröthet, die Sonn' erhob, und ringsum der Erdkreis
  Jubelte: reich mit Perlen geschmückt, und begrüßt von den Scharen
  Zahlloser Vögel im Wald', in den Thälern, und hoch in den Lüften,
  Wo sich empor unsichtbar schwangen die wirbelnden Lerchen:
  Ha, da erglühte die Brust der Männer vor tiefem Entzücken!
  Mancher faltete, bethend, die Händ', und blickte hinunter,
  Rings umher, dann himmelwärts, mit Thränen der Wonne.
  Keiner hatte zuvor erstiegen die Höh'n, und gesehen
  Dorther tausendfaltig besä't mit schimmernden Städten,
  Dörfern, und Klöstern das Land, und hochaufragenden Burgen;
  Nur der erhabene Kaiser allein erlabte schon oft sich
  Dort an der seligen Schau, und begann jetzt freudigen Blickes:
  »Seht, wo nördlich hinaus sich die Straße, wie schimmernde Leinwand,
  Dehnt, Sanct-Pölten, die Stadt voll trefflicher Bürger und d'rüben
  Herzogburg mit dem Gotteshaus' im lieblichen Aufeld.
  Seht dort links, erbaut auf dem weitgesehenen Berggrath,
  Göttweih herrschen im Donauthal, das herrliche Kloster;
  Doch, nicht ferne der Burg des Hoheneckers am Wald dort,
  Herrlicher Mölk: bewohnt von Benedicts Söhnen die beiden;
  D'rauf die Stadt' auch: Krems, Und, Stein, von Traubengebirgen
  Rings umgrünt, an dem Ufer der hellerglänzenden Donau.
  Doch, o! wer erspäht', auch schärferen Blickes, noch jenseits,
  Bis zu dem bläulichen Kranz der Karpathen hin, und den Marken
  Mährens der Menschen Wohnungen all' in unendlicher Landschaft?
  Seh't, g'en Westen, den Traunstein dort: er senket den Felsfuß
  Tief in den Gmundner See: die Zierde des Oberen-Oestreichs.
  Näher erglänzet die Tillisburg, die im ruhigen Thalgrund
  Birgt Sanct Florians Stift, das Haus ruhmwürdiger Chorherrn.
  Dann erhebt der mächtige Briel, und drüben der Oetscher
  Noch das Haupt zum Gewölk, und rings bis zum östlichen Schneeberg,
  Der nach der Wiener-Neustadt schaut, der _Immer-Getreuen_,[9]
  Sehet ihr Berg' auf Berge gethürmt, erschütternden Anblicks.
  Nur verhüllt uns der Kahlenberg mit seiner Karthause
  Wien, die Kaiserstadt, und das weitverbreitete Marchfeld,
  Wo jetzt Ottgar lagert, und dort auf blutigen Kampf sinnt;
  Doch wir biethen ihm lieber die Hand mit dem friedlichen Oehlzweig,
  Als daß er fühle den Schlag der eisernen, niedergeschmettert.
  Ha, dieß Bild entschwind' euch nie, das heute so wonnig
  Uns enthüllten die Höh'n des Lilienfelder-Gebirges!«

    Eiliger wandt' er jetzt die Schritte zurück, in der Hütte
  Noch dem frommen Klausner zu nah'n -- zu vernehmen des Segens
  Laute von ihm, und ach, wie ergriff ihn Angst und Entsetzen,
  Als er geöffnet die Thür', und ihn, vor dem Bild des Erlösers
  Auf den Knie'n, im Gebeth, mit gesunkenem Haupt und zum Boden
  Starrendem Aug', ersah -- doch stumm, und erblasset im Tod schon!
  Lange staunt' er, bewegt, den Verblichenen an, und enteilte
  Dann der Hütt'. In des Augenblicks entschwindendem Zeitraum
  Schwangen die Reiter sich all' in den Sattel,
              und trabten ihm, schweigend,
  Nach, zum Kloster hinab, wo er, tieferschüttert im Geist noch,
  Anbethend, weilt in dem Gotteshaus', und dann in dem Kreuzgang
  Wandelnd, hinauf in das Schlafhaus stieg in der Stunde des Mittags.
  Hundert Schritt' entlang, auf mächtige Säulen gegründet,
  Wölbete dreifach die Halle sich auf: nur dämmerndes Zwielicht
  Brach durch farbiges Glas der zierlichgestalteten Fenster.
  Ernst ergriff ihn das Bild der Vergänglichkeit, als er mit Ehrfurcht
  Staunte dem Bau. »Du sollst«, so lispelt' er leise für sich hin,
  »Eiserngefügt, mit Stolz auf die wechselnden Zeiten herabschau'n;
  Aber vielleicht, daß nach sechs Jahrhunderten, oder nach sieben
  Du in dem Schutte versinkst, wenn dort die prasselnde Flamme
  Ueber dir braust, und vergeblich des Wanderers Auge dich suchet!«[10]

    Sieh', da nahte des Klosters Abt mit den Brüdern, und sagte:
  »Herr, du zürnest uns wohl? Wir säumten den Herrscher zu grüßen!«
  Doch der Kaiser begann: »Nicht euere Schuld ist es, wahrlich:
  Denn ich schlich gar leise herein, als käm' ich, ein Späher.
  Jetzo gedenkt, Herr Abt, mit sorglicher Liebe zu einen
  Staub dem Staub', aus welchem er kam: die Leiche des Klausners,
  Der in dem Herrn entschlief, in der einsamen Hütte der Alphöh'n.«
  »Weh',« entgegnete jener bestürzt, »so schwand auch der Segen
  Von den Alpen mit ihm: denn seinen erhörten Gebethen
  Dankten sie ihr Gedeih'n, und des Segens Fülle die Hirten!
  Aber nicht zeitlichen nur, auch ewigen wußt' er zu spenden.
  Liebend brach er das Brot den Großen und Kleinen -- versteht mich
  Wohl, erlauchtester Herr: das Brot des göttlichen Wortes,
  Das die Seel' ernährt, und stärket für immer und ewig!
  Aber woher er kam; weß' Landes und Stamm's er gewesen,
  Hat noch keiner enthüllt. Versenkt in düstere Schwermuth,
  Kam er in frühester Jugendzeit auf die Alp', und erbaute
  Dort die Capelle, geweiht dem Dienste der seligsten Jungfrau.
  Weniges sprach er nur, mit den Worten geizend -- mit Werken
  Himmlischen Wohlthuns nicht: ein Heiliger allen verehret.
  Morgen wollen wir ihn mit der Seelenmeß' und dem Bußpsalm
  Würdig zur Erde bestatten, und ihm erhöhen den Denkstein.«

    Jetzo erscholl mit freudigem Ruf Drometengeschmetter
  Von dem Wege heran, der Zell' entgegen -- der Jungfrau
  Gnaden-Zelle, führt, wohin, wie der Hirsch nach dem Bronnen
  Schmachtet, unzählige Pilger zieh'n mit sehnendem Herzen
  Nach dem Segens-Born der göttlichen Huld und Erbarmung.
  Hell erglänzte das Aug' und die Wange des Kaisers. Er eilte
  Rasch die Stufen herab: denn Albrecht, sein ältester, kam jetzt
  Her aus den rheinischen Gau'n mit tapferen Scharen gezogen.
  Laut begrüßt' er den nahenden Sohn, und both ihm die Hand dar,
  Freundlich und mild; doch warm erwiedert' es dieser, und innig,
  Obschon er düstern Gemüths nie lächelte. Siehe, zur Heerschau
  Hatt' er die Krieger in Reihen gestellt! Mit stolzem Vertrauen
  Wies er ihm erst fünfhundert aus Zürch, die im Kampfe der Markgraf
  Hochberg lenkt; dann jene von Kyburg, Salm und Luzern her:
  Dreimal so viel' an der Zahl, die Nürnbergs tapferer Burggraf,
  Friedrich, erkiesend, im Felde beherrscht, und wies ihm dann endlich
  Jene, den ersteren gleich an der Zahl, die er selber in Schwabens
  Heiteren Gau'n jüngst warb, und jetzo zum Kampf und zum Sieg führt:
  Lanzengewaltiges Volk, mit Helmen bewehrt und mit Schilden.
  Aber hinab und herauf vor den Reih'n erging sich der Kaiser
  Dort mit zögerndem Schritt'. Er sah mit freundlichen Blicken
  Jedem Krieger in's Aug'; erzwang ihm ein Lächeln, und fragt' ihn:
  Wie's ihm erging seither? -- bei'm Nahmen die Tapferen rufend.
  Manchem strich er das rauhe Gesicht mit der Rechten; dem andern
  Faßt' er die Hand, und verhieß ihm des Kampfs Arbeiten die Fülle:
  Da er schon alle zuvor im furchtbarn Felde der Waffen
  Sah, und erprobte den Muth und die Kraft des einen und andern.

    Jetzo begann der Sohn dem herrschenden Vater zu künden:
  Wie er das Kriegsvolk warb in der Heimath -- d'rauf an den Marken
  Schwabens vereinte zum Heer'; wie er schnell g'en Ulm an der Donau
  Zog, wo zuerst der Strom den breiteren Rücken zur Fahrt beut;
  Dann' in Schiffen herab, durch Bayerns gesegnete Fluren,
  Also durch Oestreichs obere Gau'n nach Enns, und gelandet,
  Nach Stadt-Steyer geeilt, die am hellerglänzenden Waldstrom
  Vielfach den Wand'rer ergetzt durch eisengestaltender Meister
  Sinnigen Fleiß, und jetzt unwegsame Schluchten durchirrend,
  Kam nach Zell, wo sich an der Gnadenquelle die Krieger
  Alle reinten von Schuld, und des himmlischen Brotes genossen.
  »Doch,« so erzählt' er fort, »wie erhob mich,
              nicht ferne dem Ziel mehr,
  Heut' in dem dunkeln Oetscherthal' ein Wunder der Allmacht!
  Vor mir sprang ein flüchtiger Gemsbock fort in des Weges
  Krümmungen. Ich, von Jagdlust heiß, verfolgte den Kühnen
  Seitab, bis er vom Rand der steilabgleitenden Felswand
  Stürzte zur Tiefe hinab, und zerschmetterte dort die Gebein' all'.
  Aber der Rückgang schien auch mir versagt, und ich wand mich
  Mühesam nur, die Schluchten entlang, zu lichteren Stellen.
  Plötzlich ergriff mein Ohr ein Donnergetümmel: die Felsen
  Drönten umher; stets furchtbarer scholl aus der Schlucht,
              wie ich nahte,
  Stürzender Fluthen Gerausch', und erfüllte die Thäler mit Schauder.
  Doch nun war errungen der Stand. Von des schwindligen Felsens
  Schmalvorragendem Riff' ersah ich, vor freudigem Schrecken
  Selber zum Stein erstarrt, des Waldstroms Fall in den Abgrund:
  Denn vor mir aufthürmte sich hoch der gespaltene Felsberg
  Oben am Rand nur sanft zur Rechten gebogen, und dorther
  Stürzt, ein raschvorstürmendes Ungethüm, nieder die Lasing.[11]
  Ha, wie Fluth auf Fluth und Wog' auf Woge sich dränget,
  Rastlos; dann, erbebend dem Sturz', aufheult, und die Stimme
  Aller, vereint, zum furchtbarn, schrecklichen Donnergetös' wird!
  Wie sie sich fassen im Flug, mit eh'rnem Geprassel die Klippen
  Schlagen, und schäumen vor Wuth; wie sie von dem Felsen herunter
  Fort und fort, den jähabrollenden Schnee-Lawinen
  Gleich, im kreisenden Schwung sich wälzen, und stürzen, und ewig
  Rauschen, und brausen, daß rings die waldigen Höhen erzittern.
  Ueber die Berg' empor, in die hehren Gefilde der Wolken
  Fleugt der glänzende Staub zerschellter Gewässer, und dreht sich,
  Wirbelnd, im eisigen Hauch des stromgeborenen Windes.
  Doch als dort in die Felsenschlucht, am glänzenden Mittag,
  Freundlich die Sonne schaut, da haucht sie in vielfacher Wölbung
  Hin auf das wirbelnde Naß den siebenfarbigen Bogen,
  Der die stürmende Brust mild sänftiget: so wie er Noah
  Einst erquickte das Herz, ein Zeichen der hohen Verheißung.
  Wahrlich, entzückend schön, und erhebend dem fühlenden Menschen,
  Pranget der Lasingfall in Oestreichs hehrem Gebirgsthal!«
  Aber er horchte den Worten des Sohn's mit Lust, und geboth dann,
  Laut, dem Volke zu Fuß und den Reitern den eiligen Aufbruch.

    Staunend ersah'n die Krieger zuvor, an der Seite des Kaisers
  Müllern im Ritterschmuck -- den ebenbürtigen Bürger
  Zürcher Stadt; sie sah'n es, und lispelten, wiegend das Haupt noch,
  Einer dem andern die Frag' in's Ohr: »was solches bedeute?«
  Jener gewahrt' es, und, sich im kreisenden Schwung in den Sattel
  Hebend, lenkte den Rappen herbei; dann heischt' er von Diesem,
  Jenem die Rechte zum Gruß, und preßte sie, heiß in der seinen.
  Aber da kam, erglühenden Blicks, der Kaiser, und sagte:
  »Staunt nicht fürder, daß ihr im Ritterschmucke den Bürger
  Euerer Stadt erblickt. Allmänniglich ist es bekannt ja,
  Wie er in großer Gefahr mit tapferem Muth mir das Leben
  Rettete: d'rum auch werth und würdig des Standes der Edeln;
  Aber nicht Müllern nur, auch jeglichem steh' ich als Schuldner,
  Der so, wie er dem Kaiser und Reich sich verdingte: Rudolphus,
  Kaiser des Reichs, wird ihm die Schuld mit Wucher bezahlen.«
  Sagt' es, und schwang sich auf's wiehernde Roß. Zum freudigen Aufbruch
  Scholl die Dromet', und schnell g'en Wien bewegte der Zug sich.

    Sieh', in des Abends Grau'n, gewiegt von gaukelnden Lüftchen,
  Rauschte das Laub in dem Weidenhain, der nahe den Mauern
  Drösings, am Hügel empor sich hob, und im schlängelnden Waldbach,
  Längs dem duftenden Thal sich spiegelte! Völlig verhallt war
  Nun des Kampfes Getös' -- erstürmt die Veste. Die Gegner
  Wichen, bezwungen, zurück, und Ottgars furchtbare Gattinn
  Sah schon stolz auf das Land, das bald (so wähnte sie thöricht)
  Oestreichs Aar' entrissen, dem Leu'n von Böhmen zu Theil wird.
  Doch wer ist die holde Gestalt, die, zögernden Schrittes,
  Drüben, den Bach entlang, hinwandelt in sinniger Schwermuth?
  Hedwig, ihr' Erzeugte, die Wonne des herrschenden Vaters,
  Und der Liebling des Volks, geliebt, und bewundert von allen.
  Aber warum erbebt ihr hochgesinnetes Herz nun
  Unter der sanftvorwölbenden Brust? Entlockte der Thränen
  Hellerglänzendes Paar, das über die rosige Wang' ihr
  Träufelte, tiefverborgener Gram, und die Einsame geht nun
  Solches dem spähenden Blick der furchtbarn Mutter zu bergen?
  Ach, nicht der Mutter allein -- auch allen den Sterblichen ringsum,
  Ja, sich selbst, und sogar dem Allerforscher im Himmel,
  Bärge sie gerne den Gram, dem heute die Thränen geflossen!
  Doch nun hemmt sie den Schritt. An den Stamm des schattenden Baumes
  Stützend den Arm, und pressend die Wang' in die Höhle der Linken,
  Hebt sie das Aug', voll Himmelsbläu', empor zu den Sternen.
  Seitwärts sank von der hellen Stirn' ihr des bräunlichen Haupthaars
  Ringelnde Meng', und hing von den Schultern zugleich, und des Nackens
  Schöner Säul' an dem schneeigen Faltengewande hinunter,
  Das dicht unter der schwebenden Brust der goldene Gürtel
  Lieblich umfing. Nicht kam von den funkelnden Sternen ein Lichtstrahl
  Ihr in die grau'numnachtete Brust. Sie starrte, verstummend,
  Lange vergeblich empor; doch jetzt mit lispelndem Laut nur,
  Und umschauend mit Angst, begann das jammernde Fräulein:
  »Ha, vernichtendes Bild -- entsetzlich, und furchtbar, und dennoch
  Himmlisch zugleich aufschwebst du vor mir, umgaukelst mich rastlos,
  Und bethörst mir den Geist mit tiefverwirrendem Schwindel!
  Wallstein -- Gott! Wen nannt' ich? Sein Nahm' entriß sich den Lippen
  Mir, der Unglücklichen jetzt, und ach, der holdeste Laut wär's;
  Süßer als Harfengetön' in des Mondlichts freundlichem Schimmer,
  Klang' er mir in dem Ohr', dürft' ich ihn nennen -- ich darf nicht!
  Glückliche Menschen ihr, die ihr dort in der niedrigen Hütte
  Wohnt, wo des Throns augblendender Glanz nicht das Herz von dem Herzen
  Trennt, dem ihr's auf immer geweiht: wie zög ich so freudig
  Hin den dunkeln Pfad, der euch beglückend zum Ziel führt!
  Weh', wie sprach ich? Wohin entschwand mir jede Besinnung!
  Grünende Matten, du murmelnder Bach, und ihr Sterne da oben
  Sagt es nicht, was ihr gehört. Du Mutter des Heiligsten, Besten,
  Huldvolle Maid, nah' mir, der armen Verirrten, zur Rettung!
  Billig haßt' ich ihn. Ha, wie verwegen er jüngst zu den Knie'n mir
  Sank -- ich bebte vor Angst, in des Gartens umschattendem Laubgang;
  Wie er mir faßte die Hand, an die glühenden Lippen sie pressend,
  Bleich aufstarrte zu mir! Nicht soll er fürder mir nahen.
  Doch wer eilt im Dunkel daher? Ich stürbe vor ihm jetzt.«

    Sagt' es, und wollt' entflieh'n: da trat ein edeler Ritter,
  Schimmernd im tönenden Waffenschmuck', in der Stille des Abends
  Ihr in den Weg, und sprach: »Gönnt mir, holdseliges Fräulein,
  Freundlich Gehör! Von Eginhards Geschlechte geboren,
  Folg' ich, ein Rittersmann, der Fahne des Königs von Böhmen,
  Eures Erzeugers, und doch, erschrecket nicht, steh' ich, ein Anwald
  Seines Gegners, vor euch. Ich komme, gesendet von Hartmann,
  Rudolphs Sohn', der euch schon lange zum Gatten erwählt ist:
  Denn in dem rosigdämmernden Licht unschuldiger Kindheit
  Wollten zu eh'lichem Bund' euch die liebenden Aeltern vereinen,
  Ehe des schrecklichen Jammers Grund, die Krone der Kaiser,
  Feindlich die Fürsten schied, und her auf das eiserne Schlachtfeld
  Zog. Doch hört: mich hob er zuvor mit dem Speer' aus dem Sattel,
  Als ich die flüchtende Schar aus den kühneroberten Mauern
  Drosendorfs verfolgt', und ihn selber bestand auf dem Heerweg.
  Aber er schenkte das Leben mir, und die Freiheit -- auf Ritters
  Redliches Wort d'rob heischend die Pflicht:
              daß ich brächte die Bothschaft
  Her, und zurück, wie es euch Bescheid zu geben, genehm ist.
  Ach, er hat euch jüngst, so sprach er mit leuchtenden Augen,
  Wiedergeseh'n nach Jahren voll Grams, und nimmer entschwindet
  Mehr ihm das Bild der holderblüheten Jugendgefährtinn!
  Nicht entfloh ihm die Hoffnung noch des ersehneten Friedens.
  Mild schlägt Rudolphs Herz: er biethet dem tapferen Ottgar
  Freundlich die Hand. Vielleicht, daß bald die gesonderten Krieger,
  Die jetzt noch, blutdürstenden Blicks, nach den Lagern hinüber
  Schau'n, und, geballt, erheben die Faust: voll dräuenden Ingrimms
  Gegen einander zu wüthen bereit, vernehmend des Friedens
  Fröhlichdrometenden Ruf, in die Scheid' ihr blitzendes Eisen
  Bergen, und mitten im Feld mit lautem Gejauchz' sich die Rechten
  Schütteln, und ganz vergessen des Grimms in froher Umarmung.
  D'rauf zerstreuen sich all'. Auf den stäubenden Straßen erschallet
  Sang und Klang. Bekränzt mit grünenden Reisern, enteilen
  Sie zur heimischen Flur, um dort in den Blicken der Lieben
  Jetzo des Wiedersehn's erschütternde Wonne zu lesen.
  Dann aufdämmert auch ihm, dem euch die liebenden Aeltern
  Einst verlobten, der Tag ersehnter, unendlicher Wonne.
  Doch so ihn tröge der Hoffnungs-Strahl, und die waltenden Herrscher
  Sich bekämpften mit eisernem Trotz' -- o, hört ihn! Er frägt euch:
  Wollt ihr auch dann noch treu dem geschlossenen Bund euch erweisen?
  Fromm, und gut ist des Kaisers Erzeugter gesinnt: auf dem Schlachtfeld
  Hob sich sein Ruhm, und Deutschlands throngeborene Jungfrau'n
  Schau'n mit sehnlichem Blick nach dem herrlichgestalteten Mann hin.
  Nur kargt er mit den Worten: es wohnt stets düstere Schwermuth
  Ihm auf der Stirn' -- und im Herzen nach euch unendliche Sehnsucht.«
  Also sprach er, und harrte, bewegt, der entscheidenden Antwort.

    Hedwig sann für sich hin; nach dauerndem Schweigen begann sie:
  »Wohl ist Rudolphs trefflicher Sohn, der tapfere Hartmann,
  Mir bekannt -- ich ehre den edelgesinnten Jüngling;
  Aber getrennt hat uns des Schicksals eherner Rathschluß,
  Wandelnd in Haß, und nieversöhnliche Feindschaft der Aeltern
  Herzen um uns: ich steh', entledigt der frühen Verlobung.
  Ach, und sollt' in dem Kampf auch mein Erzeuger dem seinen
  Unterliegen, und ich, die Tochter des mächtigen Ottgar,
  Dem Europa's Völker umher sich beugen, voll Ehrfurcht,
  Stürzen hinab in den Staub der schmachbelasteten Armuth:
  Dennoch würd' ich nicht Rudolphs Sohn zum Gatten mir kiesen!
  Und, da nur ein einziges Wort entscheidet für immer,
  Künd' ihm: ich hätte gewählt -- für den Einen gelobt' ich zu leben.«
  Also floh ihr das Wort von den zitternden Lippen. Sie wandte
  Heim nach der Stadt die furchtbeflügelten Schritt', und der Ritter
  Eilte davon, beschwert mit der trauererregenden Bothschaft.




  Dritter Gesang.


  Ha, schon lockte der Kampf des Geisterreiches Bewohner
  Aus dem übersinnlichen Raum', und den Tiefen des Erdballs,
  Mächtigen Zaubers herbei! Auch _Marbod_,[1] der edele Markmann,
  Kam. Nicht im übersinnlichen Raum ergetzte das Licht ihn
  Seither: denn er saß, versunken in düstere Schwermuth,
  Dort in des Erdballs Schooß wohl zwölf Jahrhunderte lang schon,
  Seit er getrennt sich sah von der liebenden Gattinn, Erwine,
  Die, in dem Todeskampf', ihm die Hände mit weinenden Blicken
  Reichte zum letzten Mal', und dann, viel reineren Herzens
  Denn ihr Gemahl, empor zu glänzenden Räumen sich aufschwang.

    Marbod herrschte, von Kraft und glühendem Muthe beseelet,
  Ueber ein tapferes Volk: Markmannen genannt in den Reihen
  Mächtiger Stämme des deutschen Vereins. Von Schwabens Gefilden
  Her, die norischen Alpen entlang, Pannonien nahend,
  Wo in der Ostmark sich am Ufer der mächtigen Donau
  Vindobona erhebt, bis hin zu den Höhen der Heünburg[2]
  Schirmten gegen den Feind, im Rücken der Berge, die Marken,
  Sie des gemeinsamen Vaterlands, als mannhafte Streiter.
  Aber dem schrecklichsten dort, der allzermalmenden Roma,
  Ferne zu stehen, und ihm einst kühn zu begegnen im Schlachtfeld,
  Zog er nach Bojenheim; verjagte den Gothen-Beherrscher
  Katwald; gründete sich ein Reich und die Stadt an der Moldau,
  Marobud,[3] und ward gefürchtet umher in den Ländern.
  Inguiomar, der Ohm des tapfern, cheruskischen Hermann,
  Floh, von diesem gehaßt, zu Marbod. Sie kämpften im Marchfeld
  Lange die blutige Schlacht, und es rühmten sich beide des Sieges.
  Aber an Hermanns Macht, des glücklichen, schlossen die Scharen
  Marbods sich an. Da entriß, mit den Römern verbündet, ihm Katwald,
  Stürmend, die Burg Mar'bud, und entthront' ihn. Ach, er vertraute
  Roma's täuschender Huld, und starb in den Mauern Ravenna's
  Arm -- ein Zeuge des wechselnden Glücks auf irdischer Laufbahn!
  Doch nun kam er herauf, und wandte sich rasch nach den Fluren
  Oestreichs, das er mit Bojenheim sein nannt' in der Vorzeit.
  Bald gewahrte sein Aug' auf des Lilienfelder Gebirgs Höh'n
  Drüben die Ritterschar blondhaariger Deutschen. Er schwebte
  Jetzt in sausender Eile dahin, und so, wie der Geier
  Schnell von dem Felsenhorst nach dem dunkeln Thale herabfährt,
  Weil er im Laub hellschwirrende Vögel erspähte: so blitzschnell
  Fuhr er herab. Er staunte: wie hier die ermüdeten Krieger
  Schlummerten; dort, zu dem Bild des Gekreuzigten, einer der Helden
  Flehend rang, und ein Greis ihm naht' in erschütternder Hoheit;
  Hörte: wie jenem der Greis der tiefverborgenen Zukunft
  Dunkel enthüllt', und Habsburgs Ruhm mit unzähliger Völker
  Glück in seinem Geschlecht verkündete: schauend im Geist dort
  Oestreichs Größ', und in Wonn' erbebend den hehren Gesichten.
  Aber vor allem ergriff des stattlichragenden Herrschers
  Näh' ihn, der, entsprossen aus seinem Stamm', in des Aargau's
  Thälern die Burge der Ahnen bewohnt', und von allen gepriesen
  Als der Schirmer des Rechts, zum erhabenen Kaiser der Deutschen
  Jauchzenden Rufes erwählet ward. »Doch biethet ihm jetzo,«
  Also sagte zuvor der Greis auf den luftigen Alphöh'n,
  »Ottgar furchtbarn Kampf, und er soll in dem Waffengefild nur
  Dann erringen den Sieg, wenn ihm« -- welch' dunkele Reden! -- »In
  umdrängender Noth vom Munde des Herzens Gelübd' tönt?«
  Dacht' es, und eilte, die Heeresmacht des gewaltigen Königs
  Drüben am Ufer der March, durchdringenden Blick's, zu erforschen;
  Rudolph helfend zur Seite zu steh'n; in dem Seelenverein ihm
  Stets zu erregen das Herz zu ruhmverherrlichten Thaten,
  Und zu enthüllen die List auflauernder Feind' in dem Feldzug.

    Dort, wo im schimmernden Zelt', umfangen von nächtlichen Schatten,
  Ottgar eben, vereint mit den tapferen Helden, zu Rath saß,
  Hielt er, schwebend, und sank, wie der Aar, der hoch aus dem Luftraum
  Auf die kreischenden Jungen sich senkt, vor dem Zelte herunter;
  Doch wie erwachte sein Zorn, als jetzt Drahomira die Recht' ihm
  Lächelnd both, im Wahn: er nah' als Verbündeter Freund ihr.
  Grimmig sah er sie an; sie lächelte wieder, und sagte:
  »Ha, nicht hast du die Knie' vor des Menschen-Sohne gebeugt einst,
  Du, in dem Lande der Frei'n Geborener: hast in des Eichwalds
  Schauriger Nacht, noch triefend von Blut, geopfert den Göttern --
  Zwar erschuf sie der Wahn, doch hatten wir Schuld an dem Irrwahn
  Dort? Jetzt nähr' ich ihn kühn -- will nie dem stolzen Gewaltspruch
  Huldigen. Komm, und stehe mit mir im Bund des Verderbens.
  Stark ist mein unbändig Gemüth: dir will ich auf immer
  Thatengenossinn seyn auf der Bahn, die Empörung genannt wird
  Von dem Beherrscher des All's. Wir wandeln sie muthig und kühn fort,
  Wie er es will, uns fern von des Lichtreichs Gränze verbannend.
  Uns vereine das gleiche Geschick und die gleiche Gesinnung:
  Ottgar falle besiegt; Kunegund' sey Herrscherinn! Mir gleich
  Trägt sie im Busen ein Herz, voll Kraft, und unbändiger Kühnheit.«
  Aber sie lockt' ihn umsonst: aus der Bläue der trotzigen Augen,
  Die, vom röthlichen Haar umwallt, einst, Gegnern zum Schrecken,
  Glüheten, sah er, verachtenden Blicks, auf die Zauberinn nieder;
  Wandt' ihr den Rücken, und fuhr in den Raum des Zeltes herunter:
  Denn ihm schwebt' Erwinens Bild vor den Augen, und Thränen
  Trübten sie schnell, da er jetzo, bewegt, der Sanften gedachte.
  Doch als sie in dem Kreis' der Versammelten hier Kunegundens
  Herz mit verblendendem Zorn und Haß zu erfüllen bedacht war;
  Ottgar selbst, von dem Weib' empört, dem Herrscher der Deutschen
  Grause Vernichtung sann; Verrath in den Mauern der Hauptstadt
  Gegen ihn dräuend sich hob, und, »Rache,« die Losung des Heers war:
  Ha, da flog der entrüstete Geist in Eile von dannen!
  Eben erglühte das Morgenroth, erneut, wie der Hoffnung
  Herzerheiternder Strahl, an dem östlichen Himmel. Er fühlte
  Ruh' in der stürmischen Brust, und schwebte hinan zu den Zinnen
  Wiens, wo er bald mit ringsumspähendem Blick im Gebein-Haus,
  Unter der wölbenden Gruft der Kirche Maria-Stiegen,
  Rüdiger Waldram fand, der dort mit den Bürgern zu Rath saß:
  Rudolphs Feinden die Veste noch heut zu verrathen, entschlossen.
  »Seht,« so sprach er, »uns frommt's des ruhmverherrlichten Ottgars
  Herrscherthron zu erhöhen in Oestreichs blühender Hauptstadt.
  Wir sind Bürger der Stadt, und erfuhren es all' in der Wahrheit,
  Daß uns Rudolphs Macht, des stolzaufstrebenden Fremdlings,
  Schon in dem früheren Völkerkampf nicht zu schirmen vermochte.
  Seine Heimath ist fern -- ein Aargau'r bleibt er noch immer.
  Flieht den Leu'n im güldenen Feld: _roth_ glüht er vor Ingrimm;[4]
  Aber euch sey in dem Purpurfeld der _weiße_[5] willkommen,
  Selbst vor dem Doppelaar, den Kaiser Friedrich, der And're,[6]
  Hier zum Wapen uns gab. Nun hört', ihr Getreuen! Erschallen
  Wird vor dem Stubenthor im mitternächtlichen Grauen
  Dreimal ein Glöckchen. Es ruft uns zur That: denn kühne Gesellen,
  Von dem König der Böhmen gesandt, durcheilen den Wehr-Gang
  Außer der Veste, wo ich in Menge die tödlichen Waffen
  Heute gehäuft. Wir öffnen das Thor, und, wißt es: verrathen,
  Oder errungen im Blut -- uns gleich! wir biethen die Stadt ihm
  Morgen zum Unterpfand des jüngstbeschworenen Bundes.
  Eilt nun heim, und gedenket des Muths,
              und des herrlichsten Lohn's nur!«
  Schweigend reichten ihm jene die Hand, und eilten von dannen.

    Aber mit Schrecken vernahm den schnöden Verrath an dem Kaiser
  Marbod im schwebenden Flug', und sann, wie er solchen vereitle.
  Jetzt entschloß er sich rasch, zu nah'n im warnenden Traumbild
  Hugo von Tauffers, dem Greis' unbändigen Muthes im Schlachtfeld,
  Dessen gewaltiger Feldherrnkraft die Veste vertraut war.
  Wie sich ein Nebelgewölk hersenkt auf die dämmernden Berghöh'n:
  Also nahet' er ihm, und wies in der Tiefe des Grabens,
  Außer dem Stubenthor', ein Heer von Wölfen: sie folgten
  Eilig dem Weidmann nach, der wildanlockenden Köder
  Trug in der Hand, und Waldram glich, voll triegender Arglist.
  D'rauf durchstürmten sie das eröffnete Thor, und erwürgten
  Ringsum Kinder und Greis', und lautaufheulende Mütter
  So, daß das Blut durchwogte die Stadt, wie ein brausender Gießbach,
  Der im regnigen Herbst mit schäumenden Fluthen daherfleugt.
  Stöhnend entwand sich der Held dem Traum', und sagte, verwundert:
  »Wahrlich, mir führte die Nacht noch nie so klar und lebendig
  Gaukelgebilde des Schlafs an der Seele vorüber. Mich dünket,
  So ich es recht erwäg' im Gemüth: ein warnender Traum seys!«
  Und er erhob sich behend', um die Veste besorgt in dem Herzen.

    Jetzt erscholl ringsher von den hochaufragenden Wällen,
  Mächtiger stets Drometengetön', und unzählige Glocken
  Weckten mit ehernem Schall des Volks unendlichen Jubel:
  Denn von des Berges Höh'n, wo die Spinnerinn saß an dem Kreuzbild,
  Kam Kriegsvolk, und vor ihm der erhabene Kaiser. Die Sonne,
  Die sich im rosigen Osten erhob, sog blitzende Strahlen
  Aus dem stählernen Kleid der Gewaffneten, herrlich zu schauen!
  Rührend zugleich, und herrlicher noch: wie, inmitten des Volkes,
  Das entgegen ihm zog, im Geleit zwo lieblicher Töchter,
  Agnes und Adelheid, und Hartmann, ihres Erzeugten,
  Man die Kaiserinn trug in der Sänfte. Die Mutter der Armen
  Hieß sie dem Volk', und hieß die trefflichste Mutter und Gattinn:
  Mild sich bewährend an allen zugleich, ein Engel an Sanftmuth;
  Doch sie naht', abzehrend, des Lebens Ziel', und auf einmal
  Welket sie hin wie die Blume, versengt vom giftigen Mehlthau.

    Draußen in Matzleinsdorf, wo fromme Verehrer ein Standbild
  Weihten dem Sankt Florian, dort hob Jahrhunderte lang schon
  Eine Linde sich auf, die mächtigen Zweige verbreitend
  Rings, und biethend in Sommers Zeit umschattende Kühlung
  So dem Pilger zugleich, wie dem schwerarbeitenden Löhner.
  Dort geboth er die Rast, und grüßte die nahende Volksschar
  Freundlichen Blicks. Doch jetzt, die treffliche Gattinn gewahrend,
  Trat er zu ihr, und führte sie sanft zum beschatteten Sitz hin.
  Wie ihm die liebende Brust auch blutete, sie an des Lebens
  Kraft so erschöpft, und ach, dem Tode verfallen zu schauen;
  Dennoch bezwang er den Schmerz, und sah ihr noch heiter in's Antlitz!
  Aber das liebliche Paar der Töchterchen legt' ihr das Kissen,
  Unter den Füßen zurecht, und wand das Tuch ihr mit Sorgfalt,
  Um die erschütterte Brust: der dräuenden Kühle gedenkend.
  Doch sie sprach zu dem trauten Gemahl, verweisend mit Sanftmuth:
  »Gar nicht erwägest du, ach, wie des Vaters die Kinder bedürfen --
  Meiner, der Mutter, nicht mehr: denn schon gewahr' ich sie mündig
  Alle vor mir, und bewahrt, mit Gott, in jeglichem Guten!
  Rastlos sucht dein Geist nur Müh' und Arbeit: die Tag all'
  Schwinden dir hin, und die Nächte, gesammt, in ewigem Streben
  Nach dem erkorenen Ziel', und die Ruh' erquicket dich nimmer.
  Auch bestehst du zu oft und zu kühn die Gefahren, als Herrscher;
  Zogst auch jetzo hinauf g'en Lilienfeld in dem Waldthal
  Nur mit schwachem Geleit, und leicht wohl hätte die Heimkehr
  Dir der Böhme verwehrt, so ein arger Verräther es kund that.
  Weh', und neu entflammt sich der Krieg! Von neuem beginnst du
  Wieder den blutigen Lauf, und, ob auch die liebende Gattinn,
  Ob die Mutter vergehe vor Angst, und die Kinder, verwaiset,
  Schreien nach dir -- umsonst: du kennst, Tollkühner, die Furcht nicht!
  Ach, erhob dich die Huld der ewigwaltenden Vorsicht
  Nicht auf den Thron, daß du beglückest unzählige Völker;
  Führest den Frieden zurück' in die sturmerschütterten Gauen
  Deutschlands, unseres Vaterlands, und erhebest die Ostmark,
  Deinem Geschlechte zum Ruhm -- zum Sitz' unendlichen Segens?«
  Jener entgegnet' ihr sanft: »Nicht also gedacht, und gesprochen
  Hast du, Theure, zuvor in den blühendentfalteten Jahren,
  Als in den Kampf dein Held auszog. Du reichtest die Waffen
  Selber ihm dort, vom Staub sie reinigend, oder vom Blutrost
  Oft mit dem Hauche des Mund's und den zartgestalteten Fingern,
  Und umgürtetest ihn mit dem Schwert, nach ad'liger Sitte.
  Zwar dir pochte die Brust, und die rosigerglühenden Lippen
  Zitterten ob den Gefahren des Kampfs; doch immer bezwangst du,
  Schweigend, die Angst, und theiltest die Freude des kehrenden Siegers:
  Denn nicht eitelen Ruhm, nicht schnöden Besitz zu erjagen,
  Lag ich draußen im Feld; nie schaffte mein Eisen das Eigen
  Armer und Waisen mir heim: nur diese zu schirmen -- zu rächen
  Unterdrückung und Schmach der Unschuldigen, zog ich mit Macht aus,
  Wie es die Ritterehre geboth. Auch jetzo, gezwungen
  Nur, entreiß' ich das Schwert der rostenden Scheide. Des Friedens
  Bothen, erhaben an Rang und Verdienst, entsandt' ich in's Lager
  Ottgars erst: wohl mir, so er beiden ein günstiges Ohr leiht!
  Doch so er taub verschmäht den ein- und den anderen: dann sey
  Gott befohlen mein Haupt. Ich muß ja leben, und sterben,
  Wie es der Völker Wohl und des Herrschers heilige Pflicht heischt.
  Mög' er Tröster dir seyn, und das Leben noch lange dir fristen
  Mir zur Freud', und den Kindern zum Glück', auf immer und ewig!«
  Jetzo erhob er sich rasch von der steinernen Bank mit der Gattinn;
  Winkt', und reicht' ihr, zum Scheiden, die Hand.
              Durch quellende Zähren
  Sah'n sie lang' einander in's Aug': die Zitternde sank ihm
  Dann, voll Hast, an die Brust, und küßte das pochende Herz ihm.
  Angst ergriff das Volk, und ihr' Erzeugten verhüllten,
  Weinend, das Aug': sie kehrete heim nach der einsamen Hofburg.
  Ach, nicht sieht er sie mehr, die holde Geliebte der Jugend,
  Nicht die erlesenste Gattinn mehr, nicht die beste der Mütter:
  Denn ihr Lebenslicht soll nun, wie die Lampe verlöschen,
  Die, des Oehles beraubt, nur matt aufflimmert noch einmal!

    D'rauf an der Wien, die träg in den buschigen Ufern sich fortwälzt,
  Führt' er die Heerschar schnell den Mauern der Veste vorüber:
  Denn nicht wollt' er die Burg in den Tagen des Kampfes beschreiten,
  Wählend das Zelt zur Wohnung im Kreise der tapferen Krieger.
  Außer dem Stubenthor naht' ihm mit eilenden Schritten
  Hugo von Tauffers, er, des treuen, tyrolischen Berglands
  Heldensohn, der, jüngst erkoren zum Schirmer der Festung
  Tausend trefflichen Schützen geboth, die er warb in der Heimath.
  »Herr,« so sprach er ihm leis' in das Ohr, »nicht wollest du Hugo's,
  Deines Getreu'n, der lange, fürwahr, den Schuhen des Jünglings
  Schon entwuchs, jetzt höhnen, als aberwitzigen Träumers!
  Wohl ist des Menschen Geschick, zu spielen als Kind an dem Morgen;
  D'rauf an dem Mittag ernst zu wandeln als Mann, -- wie ein Kind fast
  Sich zu geberden als Greis, an dem Abend des wechselnden Lebens;
  Doch, getrost: noch sitzet das Haupt mir fest auf den Schultern;
  Schaue noch scharf in die Fern', und mir entgehet der Laut nicht,
  Der zu Thaten mich ruft im rühmlichen Felde der Waffen!
  So verkünd' ich dir jetzt, wie heute am dämmernden Morgen
  Mir ein Wundertraum das Geheimniß enthüllte, daß Gegner
  Drinnen im Schooße der Stadt gehägt, gleich giftigen Nattern,
  Sinnen auf Mord und Verrath. Ich sah an dem heimlichen Wehr-Gang,
  Der, verborgen im dichten Gesträuch, vom Ufer der Donau,
  Vielverschlungenen Zugs, zu dem inneren Graben heraufführt,
  Listigeröffnet die Thür', und gehäuft unzählig die Waffen:
  Sie zu vertrau'n der würgenden Faust verruchter Gesellen.
  Auch entnahm ich zuvor aus dunkelen Zeilen, daß Waldram,
  Gestern um Mitternacht Rath hielt im grausen Gebeinhaus
  Unter der wölbenden Gruft der Kirche Maria-Stiegen.
  Solches erwäg', o Herr, und begegne dem schnöden Verrath jetzt!«
  »Horch,« so gab ihm der Kaiser zurück, »der Huth in der Festung
  Eine sich hier die Schar zweitausend gewaltiger Schweizer
  Heute noch, die, so heiß' es, erschlaffte die dauernde Heersfahrt!
  Hartmanns Muthe vertraut sey dann die Vest' und die Hofburg;
  Doch du schwinge dich hurtig auf's Roß, und reite g'en Theben,
  Wo schon Ladislav, mit der Krone des heiligen Königs
  Jüngst geschmückt, als Freund und verbündeter Kriegesgenosse,
  Unser mit Sehnsucht harrt im Kreise der tapfer'n Magyaren.
  Ihm entbiethe denn unsern Gruß: er solle bereit steh'n,
  Bis von dem Kahlenberg', in dem mitternächtlichen Grauen
  Hoch die Lohe sich hebt: des Kampfs bedeutender Wink; dann
  Eil' er herüber die March mit den schrecklichen Reitern, und berge
  Sie in dem trocknen Geröhr', an dem Weidenbache vor Marchek.
  Auch ich werde nicht fern mehr seyn, und ihm einen die Scharen
  Dort zu gemeinsamer That in des blutigen Kampfes Entscheidung.«
  Hugo vernahm das Wort -- nicht zweimal braucht' er's zu hören:
  Denn er hob sich, behend', im kreisenden Schwung in den Sattel,
  Jagte davon -- ihm nach der rüstige Knapp', und in Säulen
  Hob sich der Staub empor in die Luft vom schimmernden Heerweg.

    Doch nun theilten die Schützen Tyrols mit den tapferen Schweizern
  Wiens ruhmwürdige Huth, wie solches der Kaiser gebothen,
  Der das Schwert von der Hüfte sich nahm, und dem tapferen Hartmann,
  Seinem Erzeugten, es gab mit sanftermahnenden Worten:
  »Deinem Muthe vertraut sey jetzo die Burg und die Festung
  Wiens, der herrlichen Stadt. Ein rettender Schild der Bedrängten
  Mögest du seyn, und den Ruhm von deinem Geschlechte bewahren,
  Das von der Habsburg kam, und Oestreich, liebend, zur Heimath
  Sich erkor: ihr Glück auf immer zu gründen, entschlossen!«
  Sagt' es, und Hartmann trat mit schweigendem Ernst in die Vest' ein,
  Dort zu gebiethen der Schar wallschirmender, muthiger Völker.
  Trauer umwölkte sein stilles Gemüth. Von den Sterblichen einer,
  Die, durch Prüfung bewährt, des Herrn verborgener Rathschluß
  Wandeln heißt auf der Dornenbahn in die ewige Heimath,
  Wuchs er in Schwermuth auf. Den Gegnern gefürchtet im Schlachtfeld,
  Und von Jeglichem ob des Wissens Reichthum bewundert,
  War er der Aeltern Stolz, und die Freude der edelsten Menschen;
  Doch mißlang ihm oft sein Müh'n und Streben, und ach, erst
  Kündet' ihm Eginhard des stolzgesinneten Fräuleins
  Liebeverschmähendes Wort. Er hielt sich die Brust mit der Rechten,
  Wo das Herz empörter ihm schlug, und sah zu dem Himmel
  Düsteren Blicks, empor; doch bald bezwang er sich wieder:
  Mit Ergebung vor Gott, und den Menschen zu wandeln, entschlossen.
  Jetzt, so hoch ihn der Ruf des Heldenvaters auch ehrte,
  Inner den ragenden Mauern Wiens dem Feinde zu trotzen,
  Und zu entreißen den Sieg, nicht weckt' er ihm Freud' in dem Herzen:
  Denn ihn hieß auf den Kahlenberg zur stillen Karthause
  Pilgern ein frommes Gelübd', und, wie es nun lösen?
              -- nicht wußt' er's.

    Aber es zog auf der Brücke dort, die, einigend Leupold's
  Außen- und Inselstadt[7] mit dem Land' und der Vest',
              in dem Grund fußt,
  Eilig der stattliche Kaiser einher vor den muthigen Scharen.
  Schmal, und getrennt von dem Riesenarm der herrschenden Donau,
  Wogt in der Tiefe der Strom, und umfaßt ein mächtiges Eiland,
  Das im Schooße die Außenstadt und umschattende Auen
  Lieblich vereint, zur Lust des wandelnden Städtebewohners.
  D'rauf im Eilschritt ritt er hinaus auf den schwankenden Bohlen,
  Wo auf dem Riesenstrom sich die Fähren an Fähren, im Halbkreis
  Reihten, dem wachsenden Mond' an dem Sternenhimmel nicht ungleich,
  Wenn er auf dunkeles Nebelgewölk im Westen hinabsinkt.
  Angelangt an der Spitze, vom Tabor hinaus, wo im Aufeld
  Links an der Straß', und rechts sein Heer das Lager bezogen,
  Sah er zum Ehrenempfang die Scharen geordnet, und winkte
  Beifall den Amtnern[8] zugleich, und den muthbegeisterten Kriegern:
  Denn schon hob sich ihr Freuden-Geschrei die Reihen hinunter,
  Endlosdauernd im Ruf: »Hoch lebe der Kaiser Rudolphus!«

    Allen voran stand dort der Hauf' östreichischer Krieger,
  Ober'n und unteren Lands; die letzteren führte Capellen,
  Jene Dietrichstein in das Feld: zehntausend der Männer,
  Die mit dem Panzerhemd, mit dem Helm', und dem Schilde bewehret,
  Kämpfend zu Fuß, aufschwangen im Feld die tödlichen Lanzen.
  Aber das muthige Volk der Steyrer, der Krainer, und Kärnthner
  Stand an jene gereiht, und, wahrt' auch der Helm nicht das Haupt ihm,
  Nicht der eiserne Harnisch die Brust; doch würd' es, den Degen
  Schwingend, durchbrechen im Sturm,
              und erringen den blutigen Kampfpreis.
  Pfannberg, Meinhard, und Ortenburg die untad'ligen Feldherrn,
  Riefen die Völker in's Feld: dreitausend erlesene Reiter.
  Auch der Schweizer gewaltiges Volk, und der heiteren Schwaben
  Heldenschar stand dort, gesellet der lagernden Heersmacht;
  Dies' empörte zur Schlacht der Burggraf, Friedrich von Nürnberg,
  Rudolphs Schwestersohn, und ein tapferer Degen im Schlachtfeld,
  Albrecht jene, der edele Sohn des edelsten Kaisers;
  Doch den beiden vereinten sich noch tyrolische Schützen,
  Die, gerufen erst jüngst aus den Thälern der Heimath, die Armbrust
  Auf der Schulter -- die Pfeil', im Bündel geschnürt, auf dem Rücken
  Trugen; umspähenden Blicks, wie dem Wild' auf der Fährte die Jäger,
  Fernhin sah'n, und, kühn, nicht in Stahl und Eisen sich hüllten.
  Tauffers war ihr Hort im Gewühle der Schlachten. Er flog jetzt
  Unaufhaltsam dahin, des Kaisers erlesener Herold.

    Sieh', und schon gewahrt' er das Ziel! Die sinkende Sonne
  Stand an dem Abendthor', umhüllt von rosigem Schimmer.
  Heller glüht' ihr scheidender Blick; ihr goldenes Haupthaar
  Flammt' empor, da in hehrem Glanz sie noch einmal herüber
  Winkt' ihr Lebewohl! dem sanft entschlummerten Erdkreis.
  Aber die Kühlung sank auf den Fittigen schmeichelnder Lüftchen
  Leise herab, und erquickte die schweraufathmende Schöpfung.
  Jetzt vollbrachte den Ritt sein feuriger Renner; es flogen
  Dampfend und triefend von Schweiß ihm die Seiten;
              der Hals und der Rücken
  Schäumt', und ihm wankten die Füß',
              da er stand vor dem Zelte des Königs.

    Dort den Hügel empor, wo jetzt nur Trümmer des Schlosses
  Weitumkreisenden Hof bezeichneten, das in der Vorzeit
  Herrschend hinuntersah auf das Land, aus dem in die Donau
  Drüben die March sich ergießt, und, von ihren gewaltigen Fluthen
  Stolz zurückgedrängt, seegleich bedecket die Fluren:
  Dort, auf Pfähle gespannt, erhoben sich tausend und tausend
  Schimmernde Zelte des Volks der Kumanier und der Magyaren.[9]
  Jene rühmten sich gleichen Geschlechts und Ursprungs mit diesen;
  Doch der edlere Stamm der ahnenstolzen Magyaren
  Hielt Jahrhunderte schon, aus Scythiens grasiger Steppe
  Kommend (Tanfu, Zuard, Lehel, und der tapfere Almus,
  Waren die Führer des Volks) Pannoniens herrliche Fluren
  Im Besitz', errungen im Sieg ruhmdürstender Ahnen.
  Jüngst erst kam der Kune heran, dem wilden Tartaren
  Folgend im Schreckenszug, und, als er, verwilderter heimzog,[10]
  Nach entsetzlichem Mord' und Gewürg' unzähliger Christen,
  Blieb er im Lande zurück: inmitten der Theyß und der Donau,
  Sich erwählend ein Sandgefild zum dauernden Wohnsitz,
  Welches der Steppe gleich, unendlicher Fläche sich ausdehnt,
  Und Kumanien heißt. Ihn nennt der Unger den Kun nur.
  Eisern hielt er noch fest an der Sitte der Heimath; auch Götzen
  Dienet' er, so vermengend das Wort der ewigen Wahrheit
  Mit entehrendem Wahn: denn kaum erkannte des Heilands
  Rettenden Weg sein Geist, und roh bewahrt' er das Herz noch.
  Aber entsetzlich wüthet der grimmige Kun' in der Feldschlacht.
  Ordnungslos, bald links, bald rechts sich wendend, im Eilflug,
  Braus't er heran wie der Sturm. Er schnellt von dem tönenden Bogen
  Durch die heulende Luft den befiederten Pfeil, und verfehlt nie,
  So er den Gegner in's Auge gefaßt, in die Brust ihn zu treffen.
  Aber von diesem bedrängt, entflieht, und kehret er wieder,
  Listengeübt; läßt oft dem fliehenden Rosse den Zügel;
  Wendet sich hurtig im Sattel herum, und schleudert des Tschakans
  Eisengewichtige Last dem Nahenden mächtig entgegen.
  Sieh', und hatt' er ihn etwa verfehlt, da setzt er sich wieder
  Rasch, im Schwunge, zurecht in dem Sattel; ergreifet die Zügel;
  Lenkt im kreisenden Lauf mit eisernem Drucke der Schenkel
  Eilig den Renner heran, und so der entflogenen Waffe
  Nahend, schwebt er mit einem Fuß noch im Riemen des Bügels;
  Beugt sich nieder im Flug', und hebt sie empor von dem Boden,
  Ehe der Feind sich gestellt, und des Fliehenden Jauchzen vernommen.

    Dort schwang Hugo sich jetzt mit forschendem Blick' aus dem Sattel,
  Und vertraute das Roß dem redlichen Knappen zur Pfleg' an.
  Fernher scholl an sein Ohr des Lagers Getöse: dem Meersturm
  Gleich, der himmelan braus't, erfüllt' ein dumpfes Gemurmel
  Drüben die Nacht. Stets glühender schien der wolkige Himmel
  Ueber dem Lager, erhellt von unzählbarlodernden Feuern.
  Dorther kam auftobender Männer Geschrei, und der Weiber
  Lautes Kreischen, vermengt dem Gebrüll'
              und dem Wiehern des Lastthiers:
  Denn von den Zelten hinaus umgrasete rings in dem Blachfeld
  Breitgehörnetes Rind und der Ross' unendliche Mehrzahl,
  Die nur klein von Gestalt, und unscheinbar dünken dem Fremdling,
  Aber, von feurigem Muth' erfüllt, und dauernder Kraft voll,
  Tragen den Reiter so schnell wie der Blitz an den Feind, und erretten
  Oft ihn im Schlachtengemeng, schnellfüßig zum Sprung und zum Laufen.
  Also lagerten hier die Kumanier. Doch in des Heeres
  Rücken ruhte das Reitervolk der edelen Ungern,
  Kummererfüllt: denn Ladislav, der König, erkor sich
  Jene zu Lieblingen, so der Ahnenehre vergessend.

    Als nun Hugo dem Zelt des Königes nahte, vermeint' er,
  Zithergetöne zu hören; ihm schien: kumanische Mädchen
  Sangen dazu, nach Heidenbrauch, unziemliche Weisen.
  Ach, und so war's! Doch bald verstummte der Sang und die Zither,
  Als der Fremdling, in Eisen gehüllt, ihm näher getreten.
  All' erhoben sich schnell von dem Boden -- die bärtigen Männer
  Und die rosigen Mädchen, und jetzt der fürstliche Jüngling,
  Anmuthstrahlenden Blicks, an dem Haupte von bräunlichen Haaren
  Lieblich umlockt, voll Jugendkraft und blühender Schönheit.
  Aber er stand verwirrt, und wußte nicht, wie er beginne,
  Bis er sich wieder ermannt', und d'rauf mit kräftigem Laut rief:
  »Sprich: weß' Landes du bist, o Fremdling? Triegt uns die Ahnung
  Nicht, so kommst du gesandt von dem Kaiser der Deutschen, Rudolphus,
  Der uns vielleicht des Saumsals zeiht, und unrühmlicher Trägheit,
  Weil wir ruhen dahier, bei Saitenspiel und Gesängen
  Uns ergetzend, und sein', des feindbedrängten nicht achten?
  Doch wir harreten nur des Winks, den er uns verheißen,
  Und gedenken, ihm treu und redlich zu Hülfe zu stehen!«
  Hugo beugte das Haupt, und sagte mit edelem Anstand:
  »Herr, du ahnetest recht! Hier steht des Kaisers Gesandter,
  Hugo von Tauffers genannt, vor dir, und, wahrlich, ein Krieger,
  Seit er der Schul' entlief: ein Taug'nichts ist er am Schreibtisch!
  Aber nicht rostete noch in der Scheide sein trefflicher Degen;
  Gerne stellt er sich ein, wo es gilt ihm Ruhm zu gewinnen,
  Und hoch ehrt ihn die Sendung auch jetzt: denn Wichtiges soll er
  Dir kund thun; doch, Herr, verzeih' -- in dieser Gesellschaft?«
  Sagt' es, und lächelte fast; der König entgegnete leiser:
  »Ritter, mir scheint dein lächelndstrafendes Auge zu sagen,
  Was dem Könige ziemt, was nicht! Erfahrenes Alter
  Richtet streng; doch sieh', noch blüht mir der fröhlichen Jugend
  Rosenhain, und ich wandle in ihm mit heiterem Sinn fort;
  Weile so gerne dahier im Kreis' des unschuldigen Volkes,
  Das, von der Urzeit her die ererbeten Sitten bewahrend,
  Frei, die Fessel nicht kennt, die uns engt im verfeinerten Leben!
  Aber tritt in mein Zelt, und vergnüge dein Herz an dem Spätmahl,
  Das ich dir biethe nach Lagers Brauch; dann will ich dich hören.«

    Eilig traten sie ein. Die finsteren Scharengebiether
  Folgten dem Könige nach, und setzten sich rings um den Tisch her,
  Sonder Ordnung, noch Wahl. In zottige Pelze gehüllet,
  Sah'n sie stolz aus den tiefvergrabenen Augen dem Fremdling
  Jetzt in das heitre Gesicht, und strichen den Bart an der Lippe.
  Bald erschienen im Zelt' auch die rosigblühenden Mädchen,
  Tragend in Körben Pferdfleisch auf, das unter dem Sattel
  Barg der Reiter, und dann hinflog, bis solches im Ritte
  Heiß geworden, und mürb', des Volks ersehntes Gericht war;
  Auch gebratenes Fleisch vließtragender Lämmer, mit Knoblauch
  Vielgewürzt; dann Brot aus dem feinsten Mehle gebacken,
  Hochgewölbet und weiß, nach Art magyarischer Backkunst,
  Und die mächtigen Krüge, gefüllt mit den edelsten Weinen.
  Alle schmaus'ten nach Lust; doch Hugo verschmähte des Kunen
  Lieblingsgericht -- nicht des Weins,
              des trefflichen, schonend: unendlich
  Gab er bei Humpen Bescheid, und blieb stets seiner noch Meister.

    Siehe, von neuem erscholl der Zither Getön', und der Herrscher
  Mahnte die Männer und Mädchen zum Tanz', dem Gaste zu Ehren!
  Jene stellten sich ernsten Blicks, dem König gehorchend,
  Draußen in Doppelreih'n, und hoben den werbenden Tanz an,
  Der in das Feld den Jüngling ruft, und Gefühle der Wehmuth,
  Ihm in der Brust aufregt, an die Zeiten der Väter ihn mahnend,
  Mit wehklagenden, tief das Herz bestürmenden Weisen.
  Aber sie schlugen die Hand an die Hand, und die Sporn' an die Spornen;
  Stampften zugleich, rasch hin und daher sich wendend, den Boden;
  Stöhnend vor Lust, und ihr Aug' erfüllten oft schimmernde Thränen,
  Plötzlich geweckt von dem Sturm der empörten Herzensempfindung.
  Doch als d'rauf zu dem Wechseltanz der erfahrene Künstler
  Rasch in die Saiten griff, mit dem Fuße der schnelleren Weisen
  Zeitmaß schlug: da faßte die Tänzerinn jeglicher Tänzer
  Um den blühenden Leib, und schwang sie umher an der Stelle,
  Bald mit dem linken, und bald mit dem rechten Arme sie drehend
  Fort im verengenden Kreis'. Dann riß er sich wieder von ihr los;
  Hüpfte schnell vor ihr hin, und schlug die klingenden Spornen,
  Jauchzend, zusammen, und schlug die Wade mit wechselnden Händen.
  Aber sie folgt' ihm entfernt. Die Recht' an die Seite sich stemmend,
  Hielt sie die Schürze am Saum' sich stolz vom Leib' mit der Linken,
  Wandte sich links und rechts, mit niedlichen Sprüngen, und mied ihn
  Scheinbar, bis sie, ersehnt, urschnell in die Arme des Tänzers
  Flog, und von neuem das Paar in schwindelnden Kreisen sich drehte.
  Doch nun winkte der König zum Schluß: die Saiten verstummten;
  Hoch erhob der Tänzer die Tänzerinn noch, und entließ sie;
  Kam dann, triefend von Schweiß, und setzte sich wieder zum Tisch hin.
  Jene entfloh'n, und der König sprach, mildlächelnd, zu Hugo:
  »Ritter, du hast magyarische Tänze geseh'n, und ergetzet
  Dich bei'm fröhlichen Mahl', obgleich du ein nüchterner Gast bist!
  Nun ersehnte mein Geist zu vernehmen, wie Kaiser Rudolphus,
  Unser Bundesgenoß' und Freund, zum Throne gelangt ist --
  Er, einst Habsburgs Graf? Doch künde zuvor uns die Abkunft
  Und die muthigen Thaten des huldbeseligten Herrschers,
  Die mit unsterblichem Ruhm' ihm zieren die Stirne. Der Morgen
  Graut: bald steht ihm Ungerns Macht zu Geboth' in der Feldschlacht.«
  »Zwar verweigerst du noch,« so entgegnete jener, »des Kaisers
  Herold' ein willig Gehör, und lullst ihn bei Tänzen und Mahlen,
  Zaubernd, ein, daß er ganz vergesse der wichtigen Sendung.
  Aber, weil dich verlangt, von meines erlauchten Gebiethers
  Abkunft, Muth und Heldenkraft, die Carol des Großen
  Glänzenden Thron ihm errang, zu hören, so will ich mich fügen
  In Geduld, und harren: es gilt ja die Ehre des Kaisers!«

    »Wisse demnach! Stolz hebt sich vom Fels die mächtige Habsburg
  Aus umdämmerndem Wald, an der Aar in die bläuliche Luft auf.
  Dort, so kündet die Sag', erschien in grauender Vorzeit
  Rudolphs edles Geschlecht, aus fränkischem Stamm, und erbaute
  Jene, wie auch Aarburg, und Brugg, die gewaltigen Vesten.
  Aber vor allen hieß die »Herrliche« jene von Habsburg:
  Denn mildherzige That an den Dürftigen, eisernes Schirmrecht
  Gegen die freche Gewalt des Unterdrückers der Schwachen,
  Uebten aus ihr, gebührend, die weitgerühmten Gebiether.
  Dort erwuchs, entflammt von dem Ruhm gefeierter Ahnen,
  Rudolph, Albrechts Sohn, des Weisen, und Hedwig, der Frommen,
  Lernend durch Gottesfurcht und Weisheit frühe des Lebens
  Höchstes Glück in der eigenen Brust zu gründen für immer.
  Doch wo wäre Beginn und Ende? so Alles und Jedes
  Ich dir kündete: wie an den Hof ihn Friedrich, der Kaiser,
  Der zu der heiligen Tauf', als Path' ihn führte, gerufen,
  Daß er ihn lehrte mit Rittersmuth nach rühmlichen Thaten
  Streben; wie er im sicilischen Krieg', und in jenem von Oestreich,
  Gegen den Streitbar'n focht, und miterstürmte die Stadt Wien,
  Die, vor allen beglückt, ihn einst als Herrscher begrüßet;
  D'rauf in der Ahnen-Burg[11] zugleich mit dem Vater das Kreuz nahm;
  Nach dem Gelobten-Land, die Feinde des Kreuzes bekämpfend,
  Wallete; dort den Vater begrub, und, als er zur Habsburg
  Heimzog, freudig zu eh'lichem Bund sich Annen erkies'te,
  Hochbergs Kind, voll Huld, und die tugendreichste der Frauen --
  Auch, allmänniglich werth, ein trefflicher Ritter und Herr war.
  Wohl gebräch' es mir auch an der Zeit und an Odem, geziemend
  Nun zu schildern die sieg- und ruhmverherrlichten Krieg' all',
  Die er geführt in den zweimal eilf unseligen Jahren,
  Wo das verwaisete Reich nach Friedrichs Tode, des Kaisers,
  Voll von Mord und Plünderung war, da in grauser Verwild'rung
  Aus der thürmenden Burg ein jeglicher Ritter, nach Willkühr
  Schaltend, Sitten, Gesetz', und allem Heiligen Hohn sprach;
  Wie er beschirmte das Recht und die Unschuld stets, und das Banner
  Habsburgs ward dem Schwachen zum Trost',
              und den Räubern zum Schrecken.
  Aber vernimm dieß einzige nur, wie kühn, wie entschlossen,
  Und wie edel er ist! Ihm stand der Abt zu Sanct-Gallen,
  Der, ein Falkensteiner, das Schwert und den hirtlichen Krummstab
  Kundig zu führen gelernt, gar feindlich entgegen; sie quälten
  Tapfer sich ab. Da brach sein Zorn auf die Baseler Bürger
  Los, die ihm, wildempört, erschlugen die Freund' und Verwandten:
  Denn mit wenigen Reisigen hielt er still vor den Thoren
  Wyls, des Städtchens, und heischte noch Einlaß dort zu dem Stiftsabt,
  Der bei dem nächtlichen Imbiß saß, und, erstaunet, ihn ansah.
  Aber er both ihm die Hand, und sprach: »Daß ich also zu dir kam,
  Diene zum Zeichen dir: ich achte dich, redlichgesinnet,
  Wie ich es bin, und vertraue dir kühn so Leben und Freiheit.
  Höre, viel besser wär's, daß wir uns in Rechten vertrügen,
  Heute noch; dann die Waffen vereint, nach den Baselern kehrten,
  Die mir erschlugen die Freund', und erwürgten die theuern Verwandten!«
  Also geschah's: sie schmaus'ten versöhnt. Am kommenden Abend
  Zogen sie rasch auf die Baseler los, und fürchterlich brannt' es
  Bald von der Stadt auf; bald versöhnete Blut die Erschlag'nen,
  Und die Gegner umfing der Friede mit traulichen Armen.
  D'rauf durchschwamm er die Furt, die noch »habsburger« im Land dort
  Heißet, des mächtigen Rheins mit reisigem Volk', und erstürmte
  Breisach kühn, mit dem Stahl in der Faust, ein trefflicher Stürmer!«

    Laut aufjubelten jetzt die Kumanier, preisend des Ritters
  Heldenmuth, und, ergreifend, voll Hast, den irdenen Weinkrug,
  Der vor jeglichem stand, mit edelem Moste gefüllet,
  Leerten sie ihn bis zum Boden hinab auf seine Gesundheit
  Aus, auf einen Zug: daß ihr Haupt mit dem steigenden Weinkrug
  Weit zurücke sich bog, und stellten ihn dann auf den Tisch dort
  Nieder mit ohrerschütterndem Schlag. Doch wieder begann er:
  »Also erscholl sein Ruhm zu den fernentlegensten Ländern
  So, daß der Böhmen-König sogar, der jetzt in dem Feld uns
  Biethet die Fehd' auf Leben und Tod, mit schimmernder Goldschrift
  Ihn an den Hof zu sich lud, und zum Marschalk, ehrend, ernannte.
  Ha, nicht reut' ihn die Wahl! Er focht ihm zur Seite mit Siegsruhm,
  Gegen die Heiden im Preußenland', und errang ihm den Lorber
  Auch im Vernichtungskampf g'en Bela's schreckliche Heersmacht.
  D'rum kein Wunder, daß er, nach dem Wink der erbarmenden Vorsicht,
  Die des gemeinsamen Vaterlands unendlichem Jammer
  Setzen wollt' ein Ziel, von den _sieben_ glänzenden Sternen
  Unser's heiligen Reichs zur herrschenden Sonne gewählt ward:
  Daß er im goldenen Schmuck der Kaiserkrone des Segens
  Strahlen über die Gau'n des deutschen Landes versende.
  Sieh' er lag vor Basel mit Macht; da brachte die Bothschaft
  Ihm der Pappenheimer! Er stand, und wankt', und besann sich;
  Aber, auf Gott vertrauend, geboth ihm das Herz in dem Busen
  Freudigen Muth. Er ging, und bald vereinte der Krönung
  Allerfreuendes Fest die Völker der Deutschen zu Aachen.
  Dort heischt' er, im Dome gekrönt, den Eid von den Fürsten:
  Daß sie verschafften nach _Recht_
              dem heiligen, römischen Reich' jetzt,
  Was ihm die Faust entriß.[12] Sie ersannen, zaudernd, die Ausflucht:
  »Noch vermiss' er zum Königseid' den Zepter der Ahnen.«
  Doch er wandte sich schnell; hob selbst das Kreuz von dem Altar;
  Hielt es empor, und rief: »Wer kennt ein schöneres Zeichen,
  Kraft zu verleihen dem Eid', denn dieses, woran der Erlöser
  Sterbend hing, und uns errettete, heilig und wahrhaft?«
  Und sie schwuren darauf: erbebend dem herrschenden Manne,
  Der so kräftig gesprochen -- so fest- und so muthiggesinnt war.
  Dir, und manniglich ist es bekannt, wie der Kaiser, Rudolphus,
  Redlich gehalten sein Wort, und treu gelöset den Schwur hat:
  Bannend den Uebermuth, und des Faustrechts wildes Gewaltreich
  Muthig aus Deutschlands Gau'n --
              an Leib und an Seel', er, ein Deutscher,
  Der bald unserer geist- und herzerhebenden Sprach' auch
  Sinnig zu Ehren half: in den Kanzeleien den Vorzug
  Ihr vor dem todten Latein, dem schwerverständlichen, gönnend.[13]
  Also geschah es, daß, dankerfüllt, ein jegliches Herz ihm
  Huldigte: denn ihm zürnet allein der König der Böhmen,
  Weil er, thörichten Sinns, die Kaiserkrone verschmähend,
  Sie auf dem Haupte des Mannes sah, der einst ihm als Marschalk
  Dienete. Doch umsonst bestürmt er die Erd' und den Himmel,
  Sie zu entreißen dem Haupt, dem Gott sie gegeben, zum Segen
  Gegenwärtiger Zeit und endlos dauernder Zukunft.
  Ha, schon winket das Morgenroth! So höre mit Huld nun,
  Was mein Kaiser und Herr zum freundlichen Gruß dir entbiethet:
  Wenn von dem Kahlenberg in dem mitternächtlichen Grauen
  Hoch die Loh' auffleugt: dann eil' aus dem schirmenden Lager
  Schnell hinüber die March mit den schrecklichen Reitern, und berge
  Sie in dem trocknen Geröhr' an dem Weidenbache bei Marcheck:
  Denn auch er wird also dir nah'n, und die Hände dir reichen
  Dort zu gemeinsamer That in des blutigen Kampfes Entscheidung.«
  Und er erhob sich nun, schnell heimzukehren, entschlossen.

    Glühenden Blickes sah aus dem schimmernden Thore des Morgens
  Nach dem Zelteingang die Sonne herüber, und hauchte
  Hüpfende Funken in's bleiche Gesicht der schläfrigen Krieger,
  Die um den König herum sich lagerten. Aber er hob jetzt,
  Stillhinbrütend, vom Stuhle sich auf. Zur glänzenden Heerschau
  Dacht' er zu wecken sein Volk, dem scheidenden Fremdling zum Staunen.
  »Gern,« so entgegnet' er, »will ich mich ganz dem Winke des Kaisers
  Fügen, und eilen in's Feld, sein redlicher Bundesgenosse;
  Aber nicht wollest du scheiden zuvor, eh' dir nicht zur Heerschau
  Draußen mein Volk sich wies: nicht soll sich's lange verziehen.«
  Sagt' es; riß sich das Schwert von der Hüft', und schlug in die Tafel
  Dann mit der Klinge so stark, daß die ird'nen Gefäße zum Boden
  Taumelten: ein's das and're im Flug zu Scherben zerschmetternd.
  Wunder zu schau'n! Da fuhr in brausender Eile der Feldherrn
  Leise zum Schlaf hinnickende Schar von den Sitzen, und leer war's
  Bald in dem weiten Gezelt. Dem Könige folgte der Ritter
  Staunend nach. Doch jetzt erschollen von grausem Gebrülle
  Tausend Hörner, die einst die mächtige Stirne des Pflugstiers
  Ziereten, breitgestellt, daß kaum der größte der Männer
  Sie mit den Armen ermaß von einer Spitze zur andern.
  Schon erhob sich Geschrei und Getös', und das Wiehern der Rosse
  Rings in dem Lager, und füllte mit Angst und Entsetzen die Umwelt.
  Hoch auf fuhr der finstere Staub, und dicht, wie der Krähen
  Wimmelnde Schar durchstürmt den nebligen Himmel, so flogen,
  Schnell gewahrend den Wink des Königs, unzählige Haufen,
  Sich in den Sattel schwingend, voll Hast, nach dem Ufer der March hin.

    Dort, auf dem sandigen Feld', in fernhinschwindenden langen,
  Drei Mann tief, geordneten-Reih'n aufritten die Kunen:
  Lenkend hurtige Rosse vor und zurück mit des Schenkels
  Mächtigem Druck, den, weitumflatternd, das leinene Beinkleid
  Hüllete bis zu der Ferse hinab, und den ledernen Bundschuh'n.
  Sonst ihr Kleid: ein Pelz von dem zottigen Vließe des Widders,
  Ueber dem kürzeren Hemd', das halb des Niedergebeugten
  Rücken entblößt -- doch weit die Arme umwallt, und, der Scheitel
  Zur Bedeckung, die Mütze von Filz, mit der wallenden Feder.
  Zehnmal tausend' erhoben zur Luft den blitzenden Säbel,
  Der der Sichel des Neumonds glich in der Krümm', und es führten,
  Eben so viele den Bogen und Pfeil mit dem hämmernden Tschakan.
  Diese lenkte Suhol, der Eber genannt von den Seinen,
  Ob des unbändigen Muths, und der Blitzstrahl, Kaduscha, jene:
  Denn er flog so schnell wie der Blitz im Sturme der Schlacht hin.
  Aber der Ungern edeles Volk beherrschte Matthias
  Von Trentschin, der schlachterfahrene, tapfere Feldherr,
  Dessen gewaltige Burg an den schimmernden Fluthen des Waagstroms,
  Dräuend, in's Waag-Thal schaut, und Schrecken gebiethet den Feinden.
  Auch er führte heran zehntausend muthige Reiter,
  Welchen der Kalpag zierte das Haupt mit des Reihers Gefieder;
  Aber der Pelz, am Rücken hinab an goldenen Schnüren
  Hängend, von hellblau'm Tuch, verbrämt mit schwärzlichem Lammsfell,
  Und gelbschimmernden Knöpfen besetzt; dann, ähnlich, der Dolman,
  Schimmernd von Gold an der Brust, vom seidenen Gürtel umfangen,
  Ziert' ihm den Leib, und der Bein' anschmiegende, gleiche Bekleidung
  Zierte die Füße zugleich mit den spornenbewaffneten Tschismen.
  Jeglicher hielt in der Faust, an die Schulter gelehnet, des Säbels
  Krummgehämmerten Stahl, der, sausend, die Feinde zerschmettert.

    Als nun Hugo die Völker geseh'n, da sprach zu Matthias
  Von Trentschin der König, ihm selbst und den Seinen zur Trauer:
  »Tapferer, weile dahier mit deinen Geschwadern, des Lagers
  Mächtiger Hort: denn bald, erbaut auf schwankende Fähren,
  Einet die Brücke des Flusses Gestad', und all das Geräth hier
  Schaffest du dann noch heute hinüber, dem Heere zum Vortheil!
  Aber, o freundlicher Greis, du, Hugo von Tauffers, der Ritter
  Edelster, folg' mir nach, und künde dem mächtigen Herrscher,
  Heimgekehrt in die Kaiserburg, was du an der March hier,
  Staunend, gewahren wirst; künd' ihm: wir stehen den Feinden
  Jenseits nahe genug; zum würgenden Kampfe gerüstet!«
  Sagt' es, und sprengte voraus: ihm nach die Kumanier alle,
  Mitten hinein in den Fluß, hinüber zu schwimmen, entschlossen.
  Hochaufspritzte die Fluth dem gewaltigen Drange; die Wässer
  Brauseten laut von unzähligen Hufen der Rosse geschlagen;
  Brandend flogen die Wellen zum Land', und schäumten, und zischten
  Endlos. Wie in dem eisigen Belt keckmuthige Fischer,
  Eilend zum Wallfischfang' in schaukelnden Booten, auf einmal
  Nahe des Unthiers Riesengestalt, das Heere der Fischchen
  Vor sich jagt, erseh'n: da werfen sie schnell die Harpun' aus,
  Die zweizackig gespitzt, einstürmt in die Weiche des Bauches,
  Oder in's breite Genick des riesigen Fisches, und Blut färbt
  Alsbald ringsum das Meer: denn eilig hinunter zum Abgrund
  Fährt er, und eilig herauf,
              und peitscht mit dem Schweife die Meerfluth,
  Daß sie himmelan fleugt, und röchelt mit dumpfem Gebrülle
  Durch den schrecklichen Sturm der empörten Gewässer: so wogte,
  Schäumt', und braus'te die March, als jetzo die Kunen hinüber
  Mit gewaltigem Lärm und Geschrei, die wiehernden Rosse
  Spornten, und all' das Heer errang, durchschwimmend, das Ufer.
    Hugo saß in dem Sattel, und schwieg; doch jetzo besann er
  Sich nicht lang', und schwamm (ihm folgte der redliche Knappe)
  Eisenbewehrt, wie er war, auf dem mächtigen Gaule hinüber;
  Schwang das Schwert in die Luft, und flog entgegen der Hauptstadt.




  Vierter Gesang.


  Leis' entschwebte die Nacht; aus dem hehren Gewölbe des Himmels
  Schwanden die Sternenheere dahin, und auf gaukelnden Lüftchen
  Schien ein freundlicher Tag sich herab auf die Fluren zu senken:
  Doch, es erhob vor dem Morgenroth am östlichen Erdrand
  Sich ein Nebelgewölk, das, eiligen Flugs, sich verbreitend,
  Mehr und mehr den hochaufwölbenden Himmel befleckte.
  Sieh', als jetzo dem Saum der lichtergewordenen Höhen
  Näher die Sonne kam: da erglühten im bläulichen Luftraum
  Rings die zerrissenen Wolken umher, blutröthlichen Schimmers.
  Jetzt erhob sie das Haupt; nur sparsam scholl aus den Lüften
  Und aus dem Wald, der Morgengruß der befiederten Sänger
  Ihr entgegen: sie sah mit trauerndem Blicke herüber.
  Schwül umwogte die Luft; erboßter quälten die Fliegen
  Menschen und Thiere zugleich; dumpf klang der wechselnde Windstoß
  Ueber die Heid': er kräuselte weit den Rücken des Stroms hin,
  Und erhob in Wirbeln den Staub. Kein kühlender Nachtthau
  Hatte die Fluren erquickt, und die Schöpfung trauerte ringsum:
  Zeichen all' annähernden Sturms und gewaltigen Regens.
  Aber im Zelteingang, verlassend das nächtliche Lager,
  Saß der Kaiser, und sah mit düsterem Blick' in des Morgens
  Dräuende Gluth. Er dacht' im Geiste das dunkele Schicksal
  Tausender, bis zu dem Abendlicht' entschieden zum Leben,
  Oder zum Tode, mit Angst! Bald sollten die Lose, so grau'nvoll,
  Fallen des blutigen Kriegs -- des holdumlächelnden Friedens,
  Wie es dem mächtigen Feinde gefiel, dem er ihn gebothen.
  Ach, der Jammer des Volks durchdrang ihm die Seele! Zum Himmel
  Hob er den Blick, und lispelte so mit gefalteten Händen:
  »Laß den Frieden, o Herr, ihm mild erscheinen im Frühroth,
  Und erwärmen sein Herz mit den huldausspendenden Strahlen,
  Daß er erkenne die eigene Schuld, entsage der Rachgier,
  Und, als Herrscher versöhnt, heimkehre den Seinen zum Segen!«
  Aber mit Staunen vernahm's der, einst kampfdürstende Marbod,
  Als er umschwebte das Haupt des Bethenden, wie er dem Gegner
  Frieden gelobte, versöhnlich und mild, und konnt' es nicht fassen --
  Er, der stets nur Schlachten ersehnt', und glühenden Muths voll,
  Selber aufreizte den Feind auf den Pfaden des irdischen Lebens.
  Zweifelnd stand er lange vor ihm. Er wähnte, bekümmert:
  Ihm gebrech' es an Kraft und an raschvordringender Kühnheit
  (Nicht begreifend sein Herz, ein Irrender, Lichtesberaubter)
  Wiegte das Haupt, und fuhr, verstört, zu dem Morgengewölk auf.

    Siehe, der Kaiser trat alsbald erheiterten Blickes
  Aus dem Gezelt, und hörte mit Lust, unferne dem Lager,
  Walten geschäftig das Volk der Zimmerer, Schmied', und der Schreiner.
  All' die Nacht forthämmerten sie bei dem Scheine der Kesseln,
  Die mit schwärzlichem Pech und duftendem Harze genähret,
  Weit erhellten die Au an des Heerwegs schlängelndem Zug hin.
  Draußen bei Floridsdorf am Donaustrande, wo dreifach,
  Strahlen gleich, fortzieh'n die länderverbindenden Straßen:
  Diese nach Ungerland -- nach Böhmen und Mähren die andern,
  Eileten sie, zu erbau'n die Gerüst' und die Schranken der Turnbahn.
  Hundert Schritte, die Straß' entlang, und der Breite nach fünfzig,
  Ebneten sie den Grund schnurgleich, und bestreuten ihn zolltief
  Dann mit dem schimmernden Sand, der drüben am Ufer gehäuft lag;
  Fügten auf Säulen die Balken umher, und trennten mit Absicht
  So von dem Wiesengrund das langgedehnete Viereck.
  Aber es wich an dem unteren Rand des umschrankten Gebiethes
  Quer ein Balken zurück, so er Einlaß both den Erwählten,
  Und an dem oberen stand, gar herrlich gestaltet, die Prachtlug[1]
  Oben verziert mit dem Doppelaar, mit der Kron' und dem Zepter,
  Und von Innen geschmückt mit Sammtvorhängen von Purpur,
  Die an dem Saum' umher von goldnen Blumen erglänzten.
  Dort dem Herrscher und seinem Gefolg', erles'nen Geschlechtes,
  Standen die Sitz' erhöht, und emporgereihet im Halbkreis';
  Doch ein breites Gerüst, entlang die Schranken der Turnbahn,
  Bauten sie auch; versahn's mit emporgereiheten Sitzen
  Für schaulustiges Volk aus den nahen und fernen Gefilden,
  Und erhöhten die luftigen Zelt', entgegen der Prachtlug:
  Tapferen Rittern zur Rast, die her zu turneien gekommen.
  Als der Krieger dem Zelt' enteilete, stand er, vor Staunen,
  Plötzlich verstummt; er rieb sich die Augen im dämmernden Frühroth;
  Sann: ob Träume der Nacht ihn äfften, oder von fern her
  Irgend ein Zauberer kam, und die Luftgebilde zur Schau gab?
  Doch bald lacht' er des eitelen Wahns: hochrühmend die Meister
  Des, mit Geschick und regsamer Kraft geförderten Werkes;
  Eilte hinaus, sein Roß an dem Standpfahl, wo es die Nacht durch
  Ruhete, jetzt mit sorglicher Treue zu warten, und klopft' erst
  Selbes am mähnigen Hals' mit der Hand, im freundlichen Zuruf;
  Aber es scharrt' in dem Grund', und wieherte, gierig des Futters.
  Rings erwachte Getös' und unendlicher Lärm in dem Lager.

    Jetzo erscholl Getrab anstürmender Rosse, den Ohren
  Hörbarer stets; dann sah das Aug', umspähend, von fern her
  Blitzen die Harnisch und Helm', und endlich erkannte der Kaiser
  Meinhard, und Lichtenstein, die er, Frieden zu biethen, gesendet.
  Angelangt im Gewölk' umwirbelnden Staubs vor dem Herrscher
  Rissen die beiden das Roß am Zügel zurücke. Sie sprangen
  Aus dem Sattel behend', und nahten ihm, grüßend mit Ehrfurcht.
  Aber er rief erstaunt: »Wie, Meinhard kehrt uns, empört heim?
  Lichtenstein, was bringt ihr zurück aus dem böhmischen Lager?
  Sanft ist des Friedens Hand: sie streut in des Lebens Gefilden
  Blumen umher -- die in Eisen gehüllete Rechte des Krieges
  Trieft vom Blut der Erschlagenen; doch, wenn eben dem Unhold
  Heiliges Recht das Schwert vertraut, da bringt er vom Schlachtfeld
  Muth, selbstständige Kraft, und Sicherheit unter die Völker:
  D'rum auch der Krieg erwünscht, wenn nur das Recht ihn gebiethet.
  Jetzt, fürwahr ersehnte mein Herz den Frieden, und wohl mir,
  Wenn der König, versöhnt, zum gebothenen selber die Hand reicht!«
  Meinhard sagte darauf: »Nicht hat uns der König von Böhmen
  Ritterlich' Ehre gewährt -- gastfreundlich das Herz uns erheitert:
  Grimm bewölkte sein Aug', da er sprach, und finster uns ansah.
  Wie der furchtbare Leu' mit glühenden Blicken des Gegners
  Harrt auf dem Plan, daß er ihm zermalme die Knochen: so dünkt mich
  Sah der König uns an, und schwerlich sinnt er auf Frieden.
  Aber vielleicht, daß Lichtenstein, der glückliche Freier,
  Frohere Kunde gebracht: deß' will ich mich gerne bescheiden.«
  »Zwar,« so begann jetzt Lichtenstein, »versprach uns des Königs
  Zornumwölketer Blick des Guten nicht viel, und ich bürgte
  Für den Frieden nicht mehr mit dem Kopf: er möchte nicht fest steh'n;
  Aber noch stehet das Spiel, und es fällt der entscheidende Würfel
  Heute noch nicht. Ich sehe dahier mit unsäglicher Hochlust
  Schon die Schranken gefügt zum Turnei, und bald, in dem Prunksaal,
  Den von der Decke herab unzählige Kerzen erleuchten,
  Minniglich schöne Frau'n und Fräulein, an gastlichen Tafeln
  Würdiggepaart umher mit den sieggekröneten Rittern.
  Welche Beseligung, mich in dem lärmenden Kreise zu treffen:
  Denn auch trägere Zungen bewegt die fröhliche Mahlzeit!
  Höre mich Jung und Alt; nicht spricht ein faselnder Seher!
  Daß des Königs verdüsterter Geist noch heute sich aufhellt,
  Künd' ich zuvor: denn wißt es, er kommt, und nah' ist die Zeit schon,
  Zum dankbiethenden Turnkampf her, mit erlesenen Rittern.
  »Dort,« so sprach er vor uns, »soll's bald allmänniglich kund seyn,
  Was er vom Krieg und Frieden gedacht, und der Kinder Verlobung.«
  »Gott befohlen das Ein' und das Andere!« sagte, gen Himmel
  Schauend, der Kaiser, und wandte sich; dann begann er von neuem
  Wieder, mit sorglichem Blick: »Wo weilt mein tapferer Hugo?
  Das sey ferne, daß ihm was Leides geschehen: mir bräche
  Wahrlich vor Kummer das Herz um den treugesinneten Helden.«

    Kaum entfloh ihm das Wort, da tönte von ferne der Hufschlag
  Brausender Rosse die Straße heran, die entgegen den Marken
  Ungerns führt am linken Gestad der mächtigen Donau.
  Hugo war's, der kam (weit hinter ihm folgte der Knappe,
  Schlechter beritten, denn er) die stäubende Straße herüber;
  Doch nun hemmt' er das Roß, und die Wange, wie Flammen geröthet,
  Lächelt' ihm, als er gegrüßt. Er schwang sich vom Sattel, und sagte:
  »Herr, nicht hast du umsonst die Gäste geladen: erhellt sind
  Weit die Straßen hinaus von schimmernden Kleidern und Waffen.
  Trog nicht der Schein, so trabt von dem Bisamberg an der Donau,
  Deß' unendlicher Ruhm an köstlichem Moste bewährt ist,
  Ein gar stattlicher Haufe heran: die flatternden Fähnlein,
  Weiß, wie des Schneebergs Haupt, verkünden uns böhmische Kämpen.
  Aber, als sie dahier zum Scherz nur brechen die Lanzen,
  Harren ihrer im Hinterhalt gar ernste Gesellen,
  Und ersehnen den Kampf. Der Ungern blühender König --
  Blühend, und jung fürwahr! verhieß dir Hülf', und gewährt sie:
  Denn vor mir durchschwamm sein furchtbares Reitergeschwader,
  Jauchzend, die March, und steht auf Oestreichs Erde, vor Marcheck
  In dem Geröhr', längs hin dem Weidenbache, verborgen.
  Zürne nicht, daß ich zu kommen verzog. Viel hatt' ich zu reden, --
  Von dem Kaiser zumal, und dem Greif', wenn alles ihm abstirbt,
  Wird die Zung' allein stets rühriger noch mit den Jahren.
  Auch gebrach's nicht an köstlichem Trank', an magyarischer Tänzer
  Fröhlichem Lärm, und du weißt, dein Haug ist freudig gestimmet,
  Sieht er die Humpen gefüllt, und um ihn lebendig die Jugend:
  Dennoch stellt er sich ein, wo es gilt, und die Klingen entscheiden.«
  »Ruhe,« so sprach mit lächelndem Blick der erhabene Kaiser,
  »Raschvorstürmender Greis, in dem Zelt' auf das Lager gesunken!
  Aber euch beid', obgleich ermüdet vom dauernden Ritte,
  Lockt, deß' bin ich gewiß, Drometengeschmetter zur Turnbahn,
  Rüstet euch denn. Mir ziemt, hausväterlich sorgend, im Lugsaal
  Fertig zu stehen, und dort die Gäste mit Huld zu begrüßen.
  Meinhard, zieh' im festlichen Schmuck, mit flatternden Fähnlein,
  Zinken, und Paukengetön', und hundert erlesenen Reitern
  Bis zu des Lagers Rand' entgegen dem Herrscher von Böhmen:
  Ihn zu begrüßen nach Würd', und des Turnspiels Sitte geziemend!«

    Also entließ er mit heiterem Muth die gewaltigen Helden.
  Aber er stieg die Stufen empor in die herrliche Prachtlug,
  Eilete vor, und sieh', ihm nahten die theuren Erzeugten
  Albrecht, Hartmann, und Adelheid: nur blieb in der Hofburg
  Agnes, die holde, daheim, die leidende Mutter zu pflegen.
  Alsbald scholl aufjubelnder Pauken Getön', und Drometen
  Schmetterten laut in des wimmelnden Volks unendliches Jauchzen:
  Denn, wie der Bienen unzähliger Schwarm in des kehrenden Frühlings
  Milderem Hauch, fortzieht in die lieblichduftenden Fluren,
  Gierig des Honigseims, und rings umsummet die Blüthen:
  Also zog aus der Stadt, von dem nahen und fernen Gebieth her,
  Zahllos, Jung und Alt, im Schmucke der festlichen Kleider,
  Und erfüllte die hohen Gerüst', augblendenden Schimmers.
  Mitten im dichten Gedräng' erglänzten, vor allen, die Edeln,
  Die im glühenden Muth vortummelten feurige Rosse:
  Herrlich geschmückt der Reiter zugleich,
              und das wiehernde Schlachtroß.
  Doch wer könnte die Zahl, und den Ruhm der Tapferen künden?

    Otto von Meißau kam: Feldoberster war er des Kaisers,
  Reich in dem Land umher an Gütern und Mannen, und reicher
  Noch an errungenem Ruhm' im dräuenden Felde der Waffen.
  Blau, wie des Himmels Zelt, mit Gold umrändert, und seiden,
  Floß ihm der Mantel am Rücken hinab von dem Harnisch, und blau war
  Auch sein Wehrgehäng mit der seidenen Schärp' und dem Helmbusch;
  Also des Rosses Hauptzier, Zaum, und die schuppigen Decken
  Vorn an der Brust und den Seiten herum, von Eisen gefüget.
  Aber das Einhorn wies sein Schild im goldenen Feldraum,
  Wie es zum muthigen Kampf von dem schroffen Felsen sich aufbäumt.
  Solchen trug ein Knapp ihm nach, und der andere folgt' ihm,
  Haltend die zween hochragenden Speer' in der nervigen Rechten.
  Pauk' und Dromet' erklang, da er jetzt vor den rühmlichen Schranken
  Hemmte sein feuriges Roß, absaß, und in's dunkele Zelt ging.

    Bald nachfolgte dem Helden zuerst der kühne Capellen:
  Oberster Führer auch er im Heere des Kaisers, und werth ihm
  Ob der beständigen Treu', und des nie zu erschütternden Muthes.
  Meergrün hatt' er zur Farbe gewählt, und verzieret mit Silber
  Seine Rüstung zugleich, und des Rosses herrliches Reitzeug.
  Aber den Schild, wo ein Wehrgehäng den silbernen Feldraum
  Dreimal durchschlingt, und vom Helm sich des Adlers Fittig erhebet,
  Trug ihm der Knappe nach, und ein anderer brachte die Waffen.
  Freudig ersah ihn das Volk, und als er mit edelem Anstand
  Sich vor dem Schrankenthor von dem schnaubenden Rosse herabschwang,
  Rief erneueten Gruß der Klang der Drometen und Pauken.

    Nun kam Trautmansdorf, von acht selbst-eigenen Söhnen --
  Angeeigneten sechs, umringt, vor die Schranken. Des Bruders
  Ehrenreich, den einst ein wüthender Eber zerrissen,
  Als er im Walde des Weidwerks pflog, verlassene Waisen
  Waren die sechs, und er, ein liebender Vater den einen,
  Wie den andern; doch sie lohnten ihm herrlich die Sorgfalt:
  Wohlgesittet, fromm, und im blühendentfalteten Leben
  Alle, voll Heldenmuths, nachfolgend dem edelsten Vater.
  Nicht entbehrt' er im Krieg, nicht daheim, nicht an heiliger Stätte
  Selber ihres Gefolg's, und lächelte, stolz in dem Herzen
  Seines Glücks, das höher denn all' sein Reichthum ihn dünkte,
  Wenn ihm das Volk, erstaunt, nachsah, und den Segen ihm zurief.
  Aber nicht lang', da sinkt, wie, vom sausenden Hagel zerschmettert,
  Halmfrucht draußen im Feld, die herrliche Schar in das Grab hin --
  All', erschlagen vom Feind, und einsam kehret der Vater
  Heim in die Ahnen-Burg: ihn tröstet ihr rühmlicher Tod nur.
  Doch jetzt naht' er vor seinen, ihm gleich gerüsteten Söhnen:
  Denn von Silber blank war Harnisch, und Helm, und der Helmbusch;
  Also das Wehrgehäng, die Schärpe, der seidene Mantel,
  Und der glänzende Schild, (den, goldengehörnet, ein Widder
  Zierete) weiß wie der Schnee, mit der Wehre des stattlichen Rosses.
  Jubelnd im Paukenklang', erschollen die eh'rnen Drometen.

    Doch jetzt naht' ein Paar der Edelgestein' in dem Adel
  Oestreichs: Lichten- und Dietrichstein.
              Aus der steyrischen Mark stammt
  Jener (Ulrichs Sohn, des trefflichen Ritters und Sängers,
  Der sein Leben der _Frauen-Ehr'_ und dem Degen verschrieben)[2]
  Dieser aus Oesterreich, ein Sohn ruhmwürdiger Aeltern:
  Er, stets düstern Gemüths, da jener des heiteren Vaters
  Frohsinn geerbt; doch einte schon frühe der trautesten Freundschaft
  Unauflösliches Band die Herzen der tapferen Ritter.
  Hochroth zierte des Lichtenstein, und seines Gefährten
  Waffengeschmeid Kornblumenblau. Im grünlichen Feldraum
  Wies des Winzers Messer sein Schild, und im goldenen zeigte
  Jener des Lichtenstein zwei schrägablaufende Balken.
  Schmetternd klang die Dromet', und die Pauken donnerten laut auf.

    Sieh' auch die beiden Demantberg', auf welche sich Oestreich
  Ruhig stützt: der Schwarzen- und Stahrenberg (in des Ruhmes
  Ehernen Tafeln genannt, und hochgepriesen für immer)
  Sprengten eilig heran! In des Schildes goldenem Feldraum
  Führete jener den Aar und das Hüfthorn; dieser im lichtblau'n
  Einen geschnabelten Wolf, und kor sich zur Farbe der Ehren
  Blaßgelb, silbergeschmückt, da jener mit goldenem Zierrath
  Wählte das dunkele Kirschenroth, erfreulich zu schauen.
  Mächtiger hob sich zur Luft der Pauk' und Dromete Getön' auf.

    Kurd von Haselau, der achtzigjährige Ritter,
  Naht' im Fluge heran. Noch rüstig und Kampfes begierig,
  Stieg er vom Roß, und ging, den ehrenden Sitz an der Prachtlug
  Einzunehmen: erwählt zum Turnvogt heut von dem Kaiser.
  Ihm nachfolgten zugleich der Seldenhofer, der Pfannberg,
  Hardeg, Hohenberg, und der Wildon: treffliche Kämpen!

    Jetzt anlangten im Ehrengeleit die böhmischen Ritter:
  Lobkowitz, Czernin, Zierotin; dann Milota, Wallstein,
  Dann auch Herbot von Füllenstein, der reußische Kampfheld,
  Riesengestaltet, im Trotz allbeugender Stärke sich rühmend,
  Den sich Ottgar jüngst zum Feldherrn kor, und als Herrscher
  Einst in der steyrischen Mark dem Volk aufstellte zum Zwingherrn.
  Sieh', gar herrlich geschmückt erschienen die Ritter, als sollte
  Oestreichs ad'ligen Glanz heut jener von Böhmen verdunkeln!
  Tausende wandten den Blick nach den Fremdlingen, alle voll Sehnsucht:
  Ottgarn dort zu schau'n, als Freund: er säumte zu kommen.
  Dreimal, und lauter stets erhob sich der donnernden Pauken
  Und Drometen Getön, den nahenden Fremden zu Ehren.
  Doch, vernehmend den jubelnden Schall, enteilten die Helden
  Oestreichs hurtig dem Zelt', und schwangen sich auf in den Sattel.

    Meinhard, führend die Böhmen heran, verlangte vom Thorwart,
  Da er den Degen erhob, Einlaß in die rühmlichen Schranken.
  Alsbald wich der Riegel zurück, und in Reihen geordnet
  (Jene zuerst, und drauf die Heldensöhne des Landes)
  Ritten entlang die Turnbahn all', in der nervigen Rechten
  Hebend den Speer in die Luft,
              mit zögerndem Schritt nach der Prachtlug,
  Wo der erhabene Kaiser saß, und der Kommenden harrte.
  Als sie gegrüßt -- er gedankt, da sprach der tapfere Meinhard:
  »Mein durchlauchtigster Kaiser, und Herr! Des böhmischen Reiches
  König entbiethet dir Gruß und Freundschaft zuvor, und erkläret:
  Ihm selbst wehrt es ein böses Geschick des fröhlichen Turnspiels
  Zeuge zu seyn; doch sendet er dir die tapfersten Ritter,
  Hier den Ruhm des Vaterlands zu erhöhen als Sieger!«
  »Wahrlich,« so rief der Kaiser ihm zu, »nicht dacht' ich: entrissen
  Werde mir heut' ein Glück, das ich ersehnt' in dem Herzen
  Aber wohlan: werth seyen uns auch die tapferen Ritter,
  Die uns der König gesandt! Der Kampf beginne. Turneivogt,
  Handle dein Amt! Der Herold rufe, der Sitte geziemend.
  Grieswart sey für heut der edle Wildonier, Berchtold,
  Breuner, und Pottendorf, die Kämpfer zu schirmen vor Unbill,
  Ordnungbedacht: ihr Wink sey heilig geachtet von allen.«
  Sagt' es, und setzte sich dann auf den schwellenden Pfühl.
              Da erhob sich
  Haselau, der Greis, und ging nach der räumigen Halle,
  Die sich unter der Lug aufwölbte, mit Purpur behangen,
  Dort zu beginnen die Waffenschau. Die erlesenen Ritter
  Legten sogleich den Speer und das Schwert, kampfgierigen Muths, hin.
  Sorgsam prüfte der Greis die gebothenen: stumpf und gefahrlos
  Sollten sie seyn -- zum Scherz, nicht zum Ernst
              gebraucht in dem Turnkampf.
  Zween der Grieswärt' hoben den Helm von dem Haupt', und empfiengen,
  Schreitend umher links, rechts, ein bezeichnendes Los von den Rittern:
  Jeglicher gab's, mit dem Nahmen verseh'n. D'rauf schüttelten mehrmal
  Jene die Zeichen umher in dem Helm', und bothen (die Ordnung
  Wechselnd) sie dar: der rechts, wo links der and're gefordert,
  Also wählte sich dort ein jeglicher Kämpe den Gegner.

    Jetzt erhob der Herold den Stab, und Tausende schwiegen;
  Zog ein Blatt aus dem Busen heraus, das, rauschendentfaltet,
  Glänzte von goldener Schrift, und las mit gewaltiger Stimme,
  Allen verständlich, vor: »Wie der mächtigste Kaiser, Rudolphus,
  Jüngst auf den heiligen Rochus Tag, des Jahrs der Erlösung:
  Tausend zweihundert und siebenzig-acht, der heute gezählt wird,
  Alle die Edeln, von Nah' und von Fern, zu turneien am Tabor
  Aufboth, die nach dem Recht' und nach Rittersitte gemeint sind.
  Weiche darum von hier, der bar ist der ad'ligen Ahnen-
  Reih' erhärtender Zahl, und der unehlich geboren;
  Der in den Kirchenbann, in die Acht des Kaisers und Reiches
  Fiel ob schändlicher That, ob Mord und Gottesverläugnung;
  Der die Wittwen und Waisen bedrückt', und das zarte Geschlecht nicht
  Schirmt' in Gefahr, nicht rächt', als Mann, g'en schnöde Verläumdung;
  Der Meineides und Trugs, und unedlen Gewerbs sich bewußt ist,
  So er dem Schild und dem Schwerte zur Schmach, einst Handel getrieben:
  Ferne mögen sie stehen, sie all', und ermangeln des Vorzugs,
  Der nur Edeln gebührt, in des Turnkampfs rühmlichem Feld hier!«
  Rief's; dann faltet' er wieder das Blatt, und barg's in dem Busen.
  Jetzt aufpflanzten, voll Hast, die hurtigen Knappen die Fähnlein
  Ihrer Ritter so hier, als drüben, die Schranken hinunter,
  Und die Grieswärt' theilten sich links und rechts an der Bahn hin,
  Tragend den Stab in der Hand, zum Zeichen des heiligen Gastrechts.
  Doch nun kehrten zugleich, im zögernden Schritte, die Kämpen
  Wieder zurück, vor dem Schrankenthor sich fertig zu stellen.

    Als der Kaiser die Kehrenden sah -- dann vor sich das Volk dort,
  Dann im Rücken die Bänke gedrängt voll grauender Ritter,
  Edeler Herrn, und Frau'n, und zartaufblühender Fräulein:
  Ach, da füllten sich fast ihm die Augen mit Thränen! Er wandte
  Halb nach den Kindern sich um, und sprach mit inniger Rührung:
  »Welch unzähliges Volk: nur die Ein' ersehen wir hier nicht --
  Euere Mutter ist fern, und Agnes, als Pflegerinn wechselnd
  Heute mit euch! Auch wir entbehreten freudig des Schauspiels --
  Weilten so gerne daheim bei der Leidenden; aber die Pflicht ruft
  Ehernen Lauts, und heißt all' and're im Herzen verstummen.
  Weh', daß ich auch die Kunringe hier vermiß', und der Helden
  Einige, die verlockt auf trugverhülleten Pfaden
  Sich zu den Feinden gesellt, und im Schooße der eigenen Mutter,
  Jenen gleich mit der grimmigen Faust zu wühlen bereit steh'n;
  Aber vielleicht gelingt es mir noch die Verirrten zu sammeln!«
  Jene schwiegen, und hielten die Hand vor die thränenden Augen:
  Ob der Mutter betrübt; doch Hartmann vor allen: ein Liebling
  War der Trauernde stets der holden Mutter gewesen.

    Sieh', nun schwebt' auf dem Wettergewölk des umnachteten Himmels
  Marbod daher! Er sah Drahomira vorüber im Eilflug
  Ziehen, und folgen der Spur des schwarzgerüsteten Ritters,
  Der mit geschlossenem Helm' aus dem böhmischen Lager herüber
  Spornte den Rappen im Donnergalopp', an die Schranken der Turnbahn.
  Nicht wie den Sterblichen war dem Geiste der Ritter verhüllet:
  D'rum erbangt' ihm die Brust vor Angst ob seinem Erwählten,
  Rudolph, dem er sich liebend geweiht: denn siegenden Hohn sah
  Er in dem Blick Dahomira's, und kam, ihm rettend zu nahen,
  Wenn sie, höllischen Trugs, Gefahr ihm sann, und Verderben.
  Immer schneller verschlang des Tages Heit're der Wolken
  Finstere Nacht. An dem Himmel herauf, und hinunter zum Erdrand
  Zuckte der röthliche Blitz, und von fern her murrte der Donner:
  Kommend auf Flügeln des Sturms, vom dräuenden Süden herüber.

    Jetzt erscholl drometender Ruf, dreimaligen Stillstands,
  Tief, eintönig, gedehnt: des Kampfs ersehnetes Zeichen.
  Alsbald braus'te der Riegel zurück: in die rühmlichen Schranken
  Ritt, gemessenen Schritts, hellstrahlend von Purpur und Goldschmuck,
  Lobkowitz ein; den Schild ihm ziert' ein fliegender Adler.
  Ganz durchmaß er die Bahn bis vor in die Nähe der Prachtlug;
  Wandte das Roß, und harrete dort des würdigen Gegners,
  Den das Los ihm beschied, und sieh', ihm nahte Capellen,
  Muthigen Blicks! Da rief ihm Lobkowitz freundlich entgegen:
  »Nun geschlossen den Helm, und fest in dem Sattel gesessen!
  Schon viel Rühmens hört' ich von euch, Capellen! So laßt uns
  Heut' erseh'n: ob mir, ob euch die Krone bestimmt sey,
  Welche zum Dank uns beut die Erzeugte des edelsten Kaisers,
  Adelheid, voll Engelshuld und himmlischer Schönheit.«
  »Wohl,« entgegnete jener mit Trotz, »das laßt uns erproben,
  Lobkowitz! Rasch seyd ihr, böheimische Kämpen, und dennoch
  Sollt ihr Oestreichs Söhnen den Kranz nicht rauben im Turnkampf.«
  Aber sie schlossen den Helm, und setzten sich fest in dem Sattel.
  D'rauf, mit gewaltiger Faust vorsenkend den Speer aus des Bügels
  Röhr', und den ehernen Schild vorhaltend dem Feinde zur Abwehr,
  Spornten beide das Roß, das, weitvorgreifenden Sprunges,
  Schnell, wie der Blitz, auf dem Plan mit tönendem Hufe dahinflog,
  Bis inmitten der Bahn, urplötzlich, ein jeder der Gegner
  Traf des anderen Schild mit des Speers abprallendem Eisen
  So, daß der mächtige Schaft, in tausende Splitter zertrümmert,
  Hoch empor in die Luft und umher auf dem zischenden Sand flog,
  Und die Rosse, zurück' auf die Hinterfüße gesunken,
  Noch dem gewaltigen Stoß' erzitterten, schreckenerfüllet.
  Lautaufjauchzte den Kämpen das Volk; unzählige Stimmen
  Zollten im tausendfältigen Ruf den Trefflichen Beifall.
  Jetzt gedachten sie schon, aus dem Sattel sich schwingend, zu zeigen
  Auch in dem zweiten Gang mit dem blinkenden Schwert die Gewandtheit,
  Schnelle, und Kraft; doch laut rief dort der herrschende Turnvogt:
  »Helden, es ist euch Siegesruhm die Fülle geworden!
  Ruht von dem Scheinkampf jetzt! Vielleicht, so Gott es nicht wendet,
  Werdet ihr bald zum Ernst, nicht zum Scherz,
              in schrecklicher Feldschlacht
  Richten das blitzende Schwert auf die Brust anstürmender Gegner!
  Ihr brach't zierlich den Speer: aus der Hand der holden Erzeugten
  Rudolphs, wird euch herrlicher Lohn noch heut' in dem Turn-Dank!«
  Jene kehrten zurück, in dem hohen Gezelte zu ruhen.

    Stille wurd' es umher, und es faßt' ein heimlicher Schauder
  Manchem die Brust bei'm ernsteren Wort des prophetischen Greises.
  Doch nun braust' im Sturm der schwarzgerüstete Ritter
  Näher, und riß den Rappen zurück' an dem leitenden Zügel,
  Sonst durchbrach er im Sprung die hemmenden Schranken. Er nagte,
  Wüthenden Grimms, am Gebiß', und schnob, und streute den Schneeschaum
  Hin auf den Sand, den er mit den scharrenden Hufen umherwarf.
  Edelem Stamm' entsprossen schien der gewaltige Reiter;
  Aber noch barg der geschlossene Helm ihn den Augen des Volkes.
  Stolz erhob er die Hand, und hieß mit stummen Geberden
  Milota nah'n. D'rauf zog er ein Blatt aus den Fugen des Panzers,
  Reicht' es ihm dar, und wies nach des Turnvogts herrschendem Sitz hin.
  Milota lächelte Hohn, da er, spornend sein Roß, an den Schranken
  Hinflog, und darreichte das Blatt dem staunenden Alten.
  Dieser entfaltet' es schnell, und las mit vernehmlicher Stimme:
  »Euch entbiethet zuvor, ihr edelen Herren und Ritter,
  Ihren freundlichen Gruß Kunegunde, des böhmischen Reiches
  Königinn! Dann verlangt sie, daß ihr den Ritter in Trauer
  Nicht verschmäht, der glänzenden Stamms sich rühmt, und im Turnkampf
  Heute, vor euch, ihr herrlichen Ruhm zu ersiegen, bereit ist.
  Aber ihm werde nach Wunsch der letzte der Kämpfe gewähret!«
  Stumm verneigte der Greis sein Haupt, und Milota kehrte
  Wieder zurück. Da lispelte leis' in die Ohren des Nachbars
  Ein Barfüßermönch, der jüngst aus Böhmen gekommen,
  Und auf dem volkerfüllten Gerüst schaulustig sich einfand:
  »Seh' ich den Ritter dort, gehüllt in die finstere Rüstung,
  Will es mich fast bedünken: er sey der Königinn Liebling,
  Zawiß von Rosenberg,[3] der weitgepriesener Anmuth,
  Blühender Jugendkraft, und tapferen Muthes, ihr Herz schon
  Völlig gewann, das leis' in heimlichen Flammen sich abzehrt.
  Also rächt sich die Schuld! Ein Gleiches mit Gleichem vergolten
  Wird dem Könige, der Margarethen verstieß, und den Unhold
  Sich beilegte zum Weib: Kunegund' ersehnt sich den Buhlen.«
  Also das Mönchlein sprach. Doch feuriger stets, und entflammter,
  Zuckten die Blitz' umher im Gewölk', und auf ehernen Rädern
  Sank stets tiefer herab des Donners rollender Wagen
  So, daß die Menge mit Angst aufsah, und, des strömenden Regens
  Denkend, nur an dem Leinendach des Gerüstes noch Trost fand.

    Wieder erscholl gar feierlich ernst die Dromete. Zum Turnkampf
  Rief sie ein Heldenpaar: da flog der muthige Wallstein,
  Herrlich glänzend von Gold auf dem perlen-farbigen Sammttuch,
  Ueber die Pläne hinab, und wandte sich, harrend des Gegners.
  Sieh', ihm fiel das Los, mit dem Stahrenberg in den Schranken
  Heute zum erstenmal, sich zu messen: zum Ritter geschlagen
  Jüngst durch Ottgar selbst, der ihn vor jeglichem liebte!
  Jugendlich hüpfte das Blut in den Adern des feurigen Helden
  Noch. Er lechzte nach Ruhm; doch wüthete jetzt in der Brust ihm
  Furchtbare Liebesgluth, seit er vernommen, daß Hedwig --
  Sie, die Zierde der Welt, für welch' er thöricht entbrannt war,
  Reichen sollte die Hand zum eh'lichen Bund dem Erzeugten
  Rudolphs, Hartmann, und ach, Verzweiflung faßt' ihn erneut an!
  Ungeheueres sann er empört im Gemüth, und nicht wußt' er
  Wie er's vollbringe dereinst. Da sprach ihm jetzt Drahomira,
  Die, nur auf Arges bedacht, auflauerte, leis' an das Ohr so:
  »Denke des Muths: vielleicht gelingt es dir heut, den Verhaßten
  Dort mit höhnendem Blick zu reizen, und Rache zu üben!«
  Alsbald wandt' er das Haupt, und sah mit höhnenden Blicken,
  Lang' nach dem tapferen Hartmann hin, als hätt' er gefrevelt.
  Zorngluth schoß in das bleiche Gesicht des Edeln: er hob sich
  Hastig vom Sitz, ihn laut zur Rede zu stellen, entschlossen.

    Doch schon nahete Stahrenberg, im feurigen Vorschritt
  Zügelnd das Roß, und rief dem Gegner, lächelnd, entgegen:
  »Erst so beweglich, und nun säumst du den Kampf zu beginnen?«
  »Nein, ich säume nicht!« sprach alsbald der Zürnende, wähnend:
  Jener zeihe der Feigheit ihn. Er ahnte nicht, wer ihm
  Also empörte die Brust durch dunkle Gebilde der Rachgier.
  Trotzig schloß er den Helm; ließ sinken den Speer in der Rechten;
  Gab dem Rosse den Sporn, und flog dem Ritter entgegen,
  Der nicht müßig geharrt: denn sieh', jetzt trafen die beiden
  Sich inmitten des Plans, an dem Schilde die Speere zu brechen,
  Wie es der Turnbahn Sitte geboth, und trefflich erzielte
  Stahrenberg den Gewinn: sein Speer zerbrach an dem Turnschild
  Wallsteins, den ein glänzender Stern erhellete, krachend;
  Schlug auch den Stern entzwei, und zerstob in unzählige Trümmer!
  Aber nicht so sein Gegenpart. Von stachelnder Rachgier
  Glühend, nahm er das Abseh'n hoch nach dem Helm', und er stieß ihm
  Solchen vom Haupt mit festnachstürmender Rechten, daß alsbald
  Ihm an dem Kinn der Riemen zerriß, und im Sande der Helm hin
  Kollerte. Zornerfüllt gewahrten die älteren Ritter
  Wallsteins Frevelthat, und murreten. Aber dem Turnvogt
  Schien gleichmäßig des Kampfes Gewinn: weil jener den Schild ihm,
  Schmetternd, zerbrach, und dieser den Helm von dem Haupt ihm gehoben.
  Stille herrscht' umher; kein Beifall krönte die Kämpen.
  Stahrenberg ritt eilig zurück; doch zögerte Wallstein
  Noch auf dem Plan, und sah von neuem mit höhnendem Ingrimm
  Nach der Lug empor, wo Hartmann im glänzenden Harnisch,
  Lieben Geschwistern vereint, sich fand an der Seite des Kaisers.
  Ihn verhöhnet' er frech, und begann mit stachelnden Worten:
  »Kühlere Lüftchen umweh'n dich dort; hier fühlt es sich heißer:
  Komm, und versuch's! Der Jugend Kraft zu erproben, ist rühmlich.«
  Stöhnend vor edelem Zorn erhob sich der Jüngling, und forschte
  Einen Augenblick in dem Antlitz des herrschenden Vaters.
  Aber er saß in erschütternder Hoheit dort in der Mitte
  Seiner Erwählten, und sah, verstummend, hinab auf den Ritter.
  Jenem genug: er sprang die Stufen herunter, und warf sich
  Schnell auf das wiehernde Roß, das draußen der Knappe gehalten;
  Faßte, zitternd vor Hast, den Speer, und flog auf die Turnbahn.

    Doch schon hatte zuvor von dem trugverblendeten Wallstein
  Sich Drahomira gewendet, und hing mit flammenden Blicken
  Ueber Ottgars Haupt. Er war's, der heute des Nachtgrau'ns
  Farbe zur Rüstung sich wählt', als jene, voll höllischer Arglist,
  Ihn zu dem Kampf hertrieb: nur Jammer zu schaffen, entschlossen.
  Wie auf dem trüglichen Netz die giftige Spinne dahinfährt,
  Wo die Beute sich fing, und diese mit klebrigen Fäden
  Dicht umstrickt, daß kein' Errettung mehr von dem Tod ist:
  Also ließ sie nicht ab von dem unglückseligen Herrscher,
  Deß', sonst edele, Heldenbrust in wilder Empörung
  Schrecklicher Ehrsucht gohr, und allein nach Rache sich sehnte.
  Siehe, wie zween geschweifte Kometen am nächtlichen Himmel
  Glüh'n, und in blutiger Kriegeszeit den zagenden Völkern
  Dräu'n Pest, Hungersnoth, und Theurung: also erglühten
  Jetzt Drahomira's zur Wuth empörete Blicke; sie hauchte
  Ottgars horchendem Ohr den seelenverderbenden Rath ein:
  »Pfeilschnell naht, und entfliehet das Glück:
              d'rum hasch' es im Flug jetzt,
  Eh' es auf immer entweicht, und nicht wiederkehret dem Trägen:
  Tritt mit Hartmann du in den Kampf; dir weiche dein Liebling
  Wallstein. Thöricht vergaß der waffenbeschauende Turnvogt
  Deine zu prüfen: du führst verderbliche. Schleudre den Jüngling
  Erst in den Staub; dann wende dich, nah' ist der Kaiser,
              durchbohr' ihm
  Kühn die verräth'rische Brust, und entflieh'.
              Dein schreckliches Reitroß
  Trägt dich schnell aus umdrängender Noth: denn höllische Macht tobt
  Ihm in den Adern. Auf, und räche dich jetzt an dem Gegner.«

    Wild aufbäumte sich Ottgars Rapp', als jene gesprochen;
  Scharrt' in dem Sand, und schnob, und drehte sich,
              wüthend, im Halbkreis':
  Denn sie erregte das Thier durch Gaukelgebilde der Hölle.
  Heimlicher Schauder ergriff das Volk und die edelen Ritter.
  Ottgars Aug' umdüsterte Nacht: gleich Meeresorkanen,
  Wühlten in seiner Brust die Empfindungen streitender Rachgier,
  Ehre, und Pflicht. Doch jetzt besann er sich; sprengte den Rappen
  Ueber die Schranken, und rief dem kampfbeginnenden Helden
  Laut, im Brausen des nahenden Sturms und Donnergewitters:
  »Wallstein, halt! Zieh' hin zu dem Schrankenthor', und vergönne
  Mir in des Kampfs Entscheidung den Sieg. Kunegunde geboth mir
  Sie zu rächen, und dich an dem schmähungliebenden Buben
  Deß', der Kaiser sich nennt des heiligen, römischen Reiches.«
  Wallstein eilte zurück; doch Hartmann rief ihm entgegen:
  »Ha, du lügst! Nie hat mein Mund Kunegunden, noch jenen,
  Der so frech sich erweis't, so unritterlich handelt, geschmähet,
  Weder heimlich, noch offenbar: das sollst du mir büßen.«
  Rief's, und senkte den Speer, nicht erwägend, daß solchen der Knappe,
  Nicht zum Kampf auf Leben und Tod -- nur zum rühmlichen Scheinkampf
  Ihm darreichte zuvor, in drängender Hast und Verwirrung.
  Zwar erhob den Stab und die herrschende Stimme der Turnvogt;
  Zwar abmahnten vom Streit die Grieswart' dieß und auch jenseits;
  Aber sie achteten's nicht. Von dem lautaufheulenden Sturmwind
  Ward verschlungen ihr Ruf, und die rachebefeuerten Gegner
  Bringt zur Ruhe kein Stab jetzt mehr, noch zu klarer Besinnung.
  Aber schon war, voll sorglicher Hast, dem erhabenen Kaiser
  Marbod genaht. Nicht entging dem liebenden Geist Drahomira's
  Unheilschwangerer Blick, die, beiden: dem Kaiser und Böhmens
  Könige, Tod und Verderben sann, und in wilder Verwirrung
  Leichen auf Leichen gehäuft, der Hölle zur frevelnden Lust, sah.
  Jetzt umfaßt' er ihn heiß, und rief im Geistergelispel:
  »Auf, und ziehe dein blinkendes Schwert, zur Wehre dich stellend!
  Dir droht Mord und Verrath, und deinem Sohne Verderben
  Von dem Fremdlinge. Horch, und verschmähe des Warnenden Rath nicht!«
  Alsbald hob, von dem Geist erregt, der gewaltige Herrscher
  Von dem Stuhle sich auf; entblößte das Eisen, und eilte
  Schnell die Treppe herab auf die Plane, den theuern Erzeugten
  Gegen die Wuth des rascheindringenden Gegners zu schirmen,
  Der so frech verhöhnte den Ruf des heiligen Gastrechts.

    Jetzo sporneten, laut mit Geschrei, die erbitterten Helden
  Gegen einander die Ross' auf dem Plan; doch, brausenden Fluges,
  Trieb in dem Augenblick das entsetzliche Donnergewitter
  Näher, und stäubte den Sand in wirbelnden Säulen vom Grund auf.
  Blitz auf Blitz, und Schlag auf Schlag urplötzlichen Donners
  Flammt', und krachte herab aus dem finsteren Schooße der Wolken,
  Die, gewitterschwer, tiefhangend, zum Boden gesunken,
  Jetzo des Mittags Hell' in Nacht verwandelten ringsum.
  Angst ergriff das versammelte Volk. Dem Schreckensgedanken
  Bebte das Herz, als sey der Tag' allletzter gekommen.
  Wie, und dennoch ruhten die zween erbitterten Gegner
  Von dem Kampfe noch nicht? Sie sprengten die Läufer im Flug fort.
  Jetzo, wo Ottgars Speer mit tödlicher Spitze dem Turnschild,
  Harnisch, und Herzen zugleich des harmloskämpfenden Hartmann
  Nahete, fuhr ein Blitz, an der Breite dem stürzenden Waldstrom
  Aehnlich, zwischen die beiden herab, und entsetzlicher Donner
  Rollte, betäubenden Schlags, erschütternd ringsum die Gegend,
  Plötzlich ihm nach; doch Marbod sprang urschnell in den Blitz hin.
  Sein entrüsteter Blick entflammte sich hell, und er schreckte
  Hartmanns wildanstürmendes Roß vor dem Rosse des Gegners.
  Bäumend hob es sich auf: da drang ihm der Speer so gewaltig
  Ein in die Brust, daß der Schaft, erkrachend,
              sich bog, und entzwei brach.
  Stöhnend sank das Roß auf den Rücken. Der Reiter entzog ihm
  Schnell das Bein, und stand, ergriffen von inniger Wehmuth:
  Schauend sein treues Thier, das jetzt mit den vorderen Hufen,
  Jetzt mit den hinteren scharrt' in dem Sand --
              dann todt, und erstarrt lag.

    Ottgar saß, geblendet vom Blitz', und schnaubend vor Ingrimm
  Ob des gebrochenen Speers. Er hörte den schrecklichen Donner,
  Hörte die lärmenden Ritter nicht mehr, die, empört von dem Frevel,
  Naheten; doch er sann im schnellhinschwindenden Zeitraum
  Eines Augenblicks. Drahomira empörte zur Wuth ihn,
  Als der Kaiser zur Rettung des Sohns in Eile dahersprang;
  Aber umsonst: denn stolz- und tapfergesinnet war Ottgar;
  Feig ihm dünkte der Mord. Er riß von der Rechten den Handschuh,
  Warf ihn entgegen dem Feind', entblößte das Eisen, und rief ihm:
  »Rudolph, heb' ihn nur auf: denn es biethet auf Tod und auf Leben
  Ottgar, zitt're vor ihm, dir Fehde für jetzt, und für immer!
  Nichts von Frieden darum, und nichts von der Kinder Verlobung:
  Rach' allein ist die Losung hinfort: das soll ich dir kund thun!«
  Rief's, und gab dem Rosse den Sporn. Die Schranken hinüber
  Trug es ihn fort im Sprung; dann, sausend, im Donnergaloppe
  Weiter und weiter hinaus auf der staubenden Straße nach Stillfried,
  Und ihm sprengte sein Ehrengefolg' im eiligen Flug nach.
  Aber in wilder Verwirrung schrie'n, und entstürzten die ander'n
  Rings den Sitzen, und floh'n durch Sturm und Gewitter voll Angst heim.




  Fünfter Gesang.


  Schüttelnd die triefenden Schwingen, erhob nach unendlichem Regen
  Sich der Abendwind, und warf von dem rauschenden Hochwald
  Und dem ersäuselnden Hain' gewichtige Tropfen zum Boden.
  Trauernd senkten den lastenden Kelch in dem Felde die Blumen
  Noch, und das blinkende Gras bewegte sich langsam und schwer nur.
  Kein Gesang der Vögel erscholl; nur fern in dem Sumpfrohr
  Quackte der Frosch, und die finstere Luft durchkrächzten die Raben:
  Denn noch deckte Gewölk des Himmels Bogen; der Donner
  Rollte noch fort, und der leuchtende Blitzstrahl fuhr noch im Süden
  Flatternd umher: als droht' er entsetzlicher wiederzukehren.
  Da gelangte, von Wuth und gährender Rache getrieben,
  Ottgar heim vor das Lagerzelt, und schwang sich vom Sattel
  Hastig herab. Ihm kam der Kunring, Leutold, entgegen,
  Der mit Schmerzen daheim sein harrete. Jetzo begann er:
  »Wahrlich, du kommst ersehnt, und glühender noch, als am Abend
  Unsers mit Blut gefertigten Bund's: an dem Kaiser -- an Rudolph,
  Rache zu üben -- an ihm, der nach den geheiligten Rechten
  Altehrwürdiger Ritterzeit im empörenden Hochmuth
  Greift mit gewaffneter Hand; der Deutschlands Edeln der Knechtschaft
  Fesseln beut, da er schon gar viele der Vesten zu Boden
  Schmettert', und allen ein Gleiches droht: daß nimmer die Freien
  Uebten ihr Recht an dem Volk, dem niedriggebornen, nach Willkühr.
  Nicht so wurden wir einst lehnpflichtig dem König. Der Leh'nsherr
  Rang um sein Eigen im Feld; sein ist's, was dort ihm zu Theil ward --
  König auch er: ihm huldigt zur Frohne der Hold und der Sasse.
  Wie, mir würd' es verwehrt zu erbauen die Burg auf dem Felsen,
  Der aus dunkelem Wald' aufragt, und zum schwindelnden Abgrund,
  Senkrecht bis zu dem Wildbach hin die Wände hinabsenkt,
  Unnahbar dem Feind? Nicht sollt' ich dort von den Zinnen,
  Oder des Wartthurms Höh'n mit herrschendem Blick in des Abends
  Goldenem Schein' erforschen die Gau'n: ob, lauernd, der Gegner
  Nahe den Thalweg her? Nicht sein, des ohnmächtigen, spotten,
  Der, mit blutigen Köpfen zurück von der Veste gewiesen,
  Schamroth flieht? Nicht von ihr zum Kampf mit den Reisigen auszieh'n,
  Kennend der Mauern Gefüg', und in selben geschirmt nach dem Heimzug?
  Rechte nur immerhin der Unfreie mit mir, daß ich, Freier,
  Niederwerfe nach Lust auf der Straße den wandernden Kaufmann,
  Der, ein Bürger der Stadt, dem Juden zugleich und dem Wechsler
  Treuverbündet, mein Volk betriegt, deß' Habe doch mein ist?
  Nur in der Ritterburg, der Wieg' erhebender Thatkraft,
  Heldensinnes, und Muths wohnt auch das häusliche Glück noch.
  Wenn ich schaue die Hausfrau dort, wie sie schaltet mit Sanftmuth
  Ueber das rohe Gesind', und die züchtigen Töchter, den Rosen
  Gleich aufblühend, erwerben die Huld und die Würde der Mutter;
  Wenn ich vom Fenster hinab an des Hofraums rasigem Abhang
  Ringen sehe den Sohn mit den Knappen: wie diesem den Bart er,
  Lachend, zerrauft, und den anderen schlägt mit den winzigen Fäustchen,
  So vorübend die Kraft auf die herrlichsten Jahre des Lebens:
  Nicht für die goldene Kron' eintauscht' ich die goldene Freiheit.
  Sieh', auch der Sänger spricht dort ein, und läßt in dem Hofraum,
  Nachtumhüllt, gar mild ertönen die lieblichen Saiten,
  Eh' er beginnet sein Lied; doch sitzen wir bald in des Saales
  Schimmerndem Licht um ihn her, und horchen den zaub'rischen Tönen
  Von der Minne Leiden und Glück; von den Wundergeschichten
  Grauender Heldenzeit, und den Thaten gewaltiger Ahnen
  So, daß in wonniger Lust, wie im Flug', uns die Stunden entschwinden!
  Ha, und dessen gedenkt der Habsburg uns zu berauben?
  Künftig sollen wir feig, erschlafft, und völlig verweichlicht,
  Wohnen in dumpfiger Stadt, und der Ritterehre vergessend,
  Höflingen gleich, uns bücken vor ihm? Doch, König, verzeihe,
  Wenn vor dir nicht Gefälliges spricht ein wackerer Deutscher!
  Wie habt ihr turneit? Ward Habsburgs Löwe gebändigt?
  Hast du Rache geübt? -- denn Schreckliches kündet dein Aug' an.«
  Sagt' es, erstaunt; doch Ottgar sah mit den flammenden Augen
  Ihn noch schrecklicher an, und rief: »Ja, Rache geübet
  Offen vor allem Volk! Wohl sagt' ein höllischer Geist mir
  Heimlich in's Ohr: »Durchbohr' ihn!« doch mich dünkt' es zu niedrig:
  Morden! Ein Leichtes war's, auf dem Plan das blinkende Schwert ihm
  In die verräth'rische Brust -- er zitterte! heute zu tauchen;
  Doch nur in offener Schlacht, das Aug' auf das Auge geheftet,
  Soll er mir steh'n, und, fallend, im Staub' aushauchen das Leben.«
  Vor, aus seinem Gefolg trat Milota jetzt, und begann so:
  »König, verzeih': er zitterte nicht! Dich täuschte der Rachgier
  Seelenverwirrende Gluth. Wohl staunt' ich, als er so muthvoll
  Dir entgegen trat auf dem Plan: du sporntest den Rappen
  Weise davon. Gut war's: nicht wehrlos falle der Gegner,
  Tapferen Herzens, dem tapferen Mann; das hast du erwogen:
  Selber beut sich ja oft nur klügeren Seelen das Glück an.«
  Sprach so, kaum bekämpfend die Wuth, die ihm heimlich des Herzens
  Tiefen zerriß, und er lächelte nur. Doch jener zernagte,
  Schweigend, die Lippen vor Zorn: denn Spott verriethen die Augen
  Milota's. Jetzt entblößt' er das Schwert, und flehte zum Himmel:
  »Ewiger, der du schirmst das Recht, und bestrafest das Unrecht;
  Auch in der Vorzeit oft in die Hände der Führer des Volkes
  Gabst dein Rächerschwert, zu vertilgen Israels Gegner,
  Höre mein Fleh'n, und laß' mich jetzt vergelten im Vollmaß
  Dem, der, frevelnd an mir, verletzte die Treu' und die Wahrheit,
  Mich beschimpfend vor allem Volk, da er laut es gebilligt:
  Heimlich im Zelt sollt' ich ihm huldigen -- schändlicher Trug war's!
  Mich verachtet das Volk seitdem, und die jammernde Mutter
  Meiner Erzeugten weis't die unschuldigen Opfer des Truges
  Mir, im verzweifelnden Schmerz.
              O, gib mir den Sieg in dem Kampf jetzt!«
  »Ihr,« so rief er den Feldherrn laut, »erhebet die Banner
  Eurer geordneten Schar! Wir ziehen noch heute nach Thalsbrunn:
  Dort von dem Weidenbach g'en Wien zu dringen, entschlossen.«

    Jene gehorchten sogleich, und gebothen dem Heere den Aufbruch.
  All' die geordneten Reihen hinab ertönte das Rufen
  Tausender: »Auf! In den Kampf! Wir geh'n den Feinden entgegen.«
  Trommeln rasselten dumpf, und das Schmettern eh'rner Drometen
  Scholl aus dem Waffen-Geklirr mit dem Wiehern unbändiger Rosse.
  Bald schwand rings die wandernde Stadt der Gezelt' aus den Fluren,
  Und die unendliche Wagenburg nachfolgte der Heer'smacht
  Langsamen Schritts, von dem Lastvieh fort auf der Straße gezogen.
  Siehe, in drei Heersäulen ging des gewaltigen Königs
  Furchtbare Macht jetzt vor! Er hemmte sein Roß an dem Heerweg;
  Sah die Tausende zieh'n, und heischte von Diesem und Jenem,
  Schnelleren Gang mit erhobener, oft schrittweisender Rechten.
  Lobkowitz führt' in dem Vorderzug die böhmischen Reiter;
  Mährens Volk, das muthig zu Fuß anstürmt in der Feldschlacht,
  Milota, der in der Mitt' einher vor den Reussen, den Meißnern,
  Und den Thüringern zog. Doch Czernin lenkt' in dem Nachzug
  Sachsens reisiges Volk, dem rasch die Mannen der Kunring',
  Und die Bayern zugleich voreileten, fröhlichen Muthes.
  Als das geordnete Heer aufbrach, da schloß mit Gefolg auch
  Ottgar sich, hinbrütend, ihm an. Der tapfere Wallstein
  Ritt ihm zur Seit' -- auch er versunken in düstere Schwermuth:
  Denn nicht brachte der Tag ihm Gewinn; nicht die schönere Hoffnung
  Blüht' ihm darum, weil er sie dem Gegner entriß auf der Turnbahn.
  Ach, sie stand ihm zu hoch, des Königs Erzeugte! Nicht wagt' er,
  Ihm zu eröffnen das Herz, obgleich er liebend an ihm hing.

    Jetzo schwand das hüg'lige Matz zur Rechten, und Angerns
  Weidenreiches Gefild zur Linken dem Heere vorüber.
  Ottgars Blick hing starr an der March, die rauschend hinunter,
  G'en Marcheck und Kressenbrunn die dunkelen Fluthen
  Wälzte. Der herrlichen Zeit errungenen Ruhmes gedacht' er
  Jetzo mit pochender Brust, und sprach zu dem sinnenden Jüngling:
  »Eilt nicht der Strom, wie die Zeit, in ewigwechselndem Lauf fort?
  Bald erglänzt er im sonnigen Licht, bald wogt er im Sturmhauch,
  Trübaufschäumend, umher: sein voriger Reiz ist entschwunden.
  Siehe, wie düster die March jetzt fließt,
              und wie herrlich erschien sie
  Dort an dem Tage von Kressenbrunn,[1] wo im Siegesgefild mir
  Ungerns Macht erlag, die Bela, der tapfere König,
  Zahllos, wie der Heuschrecken Heer', uns entgegengeführt hat!
  Jenem Siegestag zur Erinnerung gründet' ich dankbar
  Dann Marcheck, die blühende Stadt, am Gestade des Flusses.
  Ha, dort scholl mir die Stimme des Glücks in dem Sieges-Gefild noch,
  Und ich folgt' ihr beherzt! Vielleicht erschallt sie mir nimmer.
  So ist des Menschen Geschick, des sterblichen, hier auf des Lebens
  Pilgerpfad' empor zu schießen, voll üppigen Wuchses;
  Doch gestellt ist das Maß, und er schrumpft dann wieder zusammen,
  Wie die thürmend' Eich', die ihr Haupt in die Lüfte gehoben,
  Nun zu Moder zerfällt: die, ach, Jahrhunderten trotzte,
  Liegt in dem Staub! So schreiten auch Reich' und gewaltige Völker
  Plötzlich wieder zurück von den kaum errungenen Höhen,
  Und mir ahnet es fast, ich hab' sie errungen: zum Abend
  Neigt sich mein Strahlengestirn, und bald versinkt es in Nachtgrau'n.«
  »Das sey ferne,« so rief den schwärmerischtrüben Gedanken
  Sich entreißend mit Macht, der feurige Jüngling, »das Dunkel
  Kennt dein Glücksgestirn nicht mehr: erst jetzo beginne
  Solches den schöneren Lauf zu des Ruhms hellleuchtender Sonne!
  Fällt der Kaiser besiegt, und das soll er! dann ist die Welt dir
  Unterthan. Wie dort nach dem herrlichen Sieg' im Triumphzug
  Du hinführtest dein Volk an Italiens Gränze:[2] so winkt jetzt,
  Ueber sie hin dein Siegespfad. Weltherrschend, eröffnet
  Roma dir die Thor', und erblickt die Krone der Kaiser
  Schimmernd auf deinem Haupt, die Carol der Große getragen.
  Stark bist du, und noch stärker, so dir ein tapferer Eidam --
  Doch nicht aus Rudolphs Stamm, den du geziemend verschmähtest,
  Sich in dem Schlachtfeld eint, als Gatte der himmlischen Hedwig!«

    Ottgar schwieg, und das Heer zog weiter in täuschender Stille,
  Wie er gebothen zuvor. Doch sieh', aus den nächtlichen Wolken
  Senkte sich Arpad[3] jetzt in Eile herunter! Ein Vater
  Ward er genannt dem Magyaren-Volk', und aus seinem Geschlecht her
  Sproßte der Segenszweig: der erste, der heilige König
  Ungerns, der, sein Volk auf des Heilands Pfade geleitend,
  Ihm der Menschlichkeit beglückende Recht', und der Sitten
  Mildere Form kund gab, auch Gesetz' ihm schenkte zur Wohlfahrt.
  Arpad, schauend den Kun, im Rohrgefilde verborgen,
  Sann alsbald nur Thaten des Muths, und er nahete pfeilschnell
  Ladislav, dem Könige, der, entschlummert im Zeltraum
  Lag auf dem Bärenfell' im grasumwucherten Aufeld;
  Beugte sich über ihn hin, und preßte den Mund auf den Mund ihm
  So, daß er ängstlich sich wand, und stöhnete, bis er die Augen
  Aufschlug, schrie, und im finsteren Zelt', entrüstet, umher sah.
  Arpad haucht' ihm Muth in die Brust mit dem Seelengelispel:
  »Also bezwungen vom Schlaf, dehnst du die blühenden Glieder,
  Eingelullt vom Gesang kumanischer Frau'n und der Zither
  Sanftem Getön? Wach' auf, du Weichlicher! Denke der Ahnen
  Weitgefeierten Heldenruhms, und des feurigen Muthes,
  Der sie beseelte beim Klang des furchtbarbrüllenden Rindhorns,
  Wenn die Feinde sich trafen im Feld', und der Würgenden Ruf scholl.
  Wachen muß dort stets für alle der Herrscher, und rastlos
  Walten bei Tag und bei Nacht, in gefahrumdräuender Kriegszeit.
  Horch dem Gewirr! Schon zieht der Böhm' in täuschender Stille
  Eilig die Straße hinab g'en Thalsbrunn, dort in des Lagers
  Weitumkreisendem Raum, von dem Rasenwall' und dem Graben
  Mächtig geschirmt, dem Feinde sich rasch entgegen zu werfen.
  Zahllos regten sich dort viel' Tag' und Nächte die Gräber,
  Die er entboth in dem Land' umher voll schrecklicher Drohung;
  Doch im Rücken des eilenden Heers, nichts Arges vermuthend,
  Kommt mit schwachem Gefolg' auch der König vorüber, und langsam
  Folgt ihm die Wagenburg: d'rum schnell an das muthige Werk jetzt!
  Sende hinaus in den Hinterhalt der bewährtesten Reiter
  Tausend, die, verborgen im trocknen Geröhr', an dem Heerweg
  Harren, bis Ottgar naht: gleich weit entfernt von den Scharen
  Und von der Wagenburg; dann all', im sausenden Eilflug,
  All' auf ihn los, und erhascht ihr ihn,
              schnell in Geschrei und Getümmel
  Wieder zurück in das Lager gejagt mit dem werthen Gefang'nen.
  So beginne den Kampf, ein Sieger, zur Freude dem Kaiser --
  Dir, und dem Vaterlande zum Ruhm, dem Lande der Helden!«
  Sagt' es mit lispelndem Laut. Da trat ein Kun in das Zelt ein,
  Athemberaubt vor Hast, und verkündete: daß auf dem Heerweg
  Zahllos, Schar auf Schar, der Böhme vorübergezogen.
  Feuriger hauchte der Geist, da er sprach, dem horchenden König
  Noch in die Seele den kühnen Entschluß. Sieh', eilig erhob er
  D'rauf sich vom Lager, und rief nach dem tapferen Führer der Kunen,
  Kaduscha, der, von Gestalt nur klein, und häßlich von Anseh'n,
  Doch unbändiger Kraft, und flammenschnaubenden Muths war.
  »Eile,« so sprach er zu ihm, »mit tausend erlesenen Reitern
  Bis an den Rand des Geröhres hinaus, und harre mit Vorsicht
  Dort in dem Hinterhalt, bis Ottgar selber dir nah' ist:
  Weit getrennt von der Wagenburg, und den eilenden Scharen;
  Dann im Fluge hinaus, zu erhaschen den Herrscher der Böhmen!
  Fünfzig Rosse sind dein, und zehn goldschimmernde Sättel,
  Auch der Waffenschmuck des Königes, kehrst du als Sieger.«
  »Ich vernahm es,« entgegnete stolz der muthige Feldherr,
  Als er das Roß bestieg. Er jagte mit tausend Erwählten
  Bis an den Saum des Geröhres hinaus, und warf sich, des Königs
  Harrend, in's Gras. Wie in dunkeler Nacht der schreckliche Rohrwolf
  Lauscht an der Trift, und dort auf die Hinterfüße gesunken,
  Winselnd vor Gier nach Blut, mit glühenden Augen umherschaut:
  Ob nicht der Rinder Schar vorüber wandere, grasend?
  So der Kune dahier. Doch sieh', bald wogten des Feindes
  Reihen vorbei, und im Zwischenraum, nichts Arges vermuthend,
  Naht' auch Ottgar jetzt, als Kaduscha, sich in den Sattel
  Hebend, den Kunen zu stürmen geboth. Vor dem wilden Getümmel
  Klirrender Waffen, und brausender Ross', und der stürmenden Krieger
  Lautem Gejauchz' erbebte die Nacht, und des Königs Geleitschar
  Starrte vor Angst: denn schnell, weit vorgebeugt aus dem Sattel,
  Schwingend mit wildem Gebrüll den krummgehämmerten Säbel,
  Jagten die Kunen heran, und drohten ihm Tod und Verderben.
  Wallstein rief alsbald dem Gefolg': »O, schließt um den Herrscher
  Einen ehernen Kreis mit der Brust, und fielen im Kampf wir
  Alle zugleich, nur sey des Herrn Gesalbter errettet!«
  Aber nicht säumten die Tapferen: denn dreihundert aus Böhmen,
  Bayern, und Sachsen, erwählt zum Geleit', umringten den König
  Schirmend, und kehrten die Brust nach dem Feind,
              der, ähnlich dem Sturmwind,
  Naher und naher im Flug, herbraust' auf dem staubenden Heerweg.

    Kaduscha hieb der erst' in den Kreis des kühnen Gefolgs ein.
  Er zerschmetterte schnell zwei muthigen Bayern, von Törings
  Mannen, die Stirn', und erhob sein Eisen, noch fürder zu wüthen.
  Töring, der edele Ritter, der, ausziehend aus Seefelds
  Ragender Burg, dort sieben unmündige Kinder zurückließ:
  Denn ihm raubte der Tod erst jüngst die treffliche Hausfrau,
  Senkte den Speer auf den Wüthenden; ritt rasch an, und durchstieß ihm
  Also die Rechte, daß ihr alsbald entschlüpfte der Säbel.
  Jetzo hatt' er gerächt die Ermordeten; aber es barg sich
  Jener sogleich im Gedräng', und rief nach dem Führer des Volkes,
  Zobor, ihm vertrauend des Kampfs entscheidende Leitung --
  Ihm, dem Riesen an Kraft: er lockte den grimmigen Bären
  Aus der Höhle heraus, und erwürgte ihn, ringend, am Boden.
  Seitwärts drang er auf Töring ein, der, schnaubend vor Rachgier
  Reiter auf Reiter herab aus dem Sattel warf mit dem Speerschaft.
  Vier' erwürgt' er schon: da stieß ihm die Spitze des Eisens
  Zobor tief in's Genick', als er nach dem Gegner sich beugte.
  Töring sank in den Staub, und hauchte den muthigen Geist aus.
  Ach, und die Amme führt, wie die liebvollsorgende Mutter,
  Jeglichen Morgen die Kinder heraus auf die Zinnen der Felsburg;
  Zeigt dort allen den Weg, den jüngst der Vater gezogen,
  »Und euch allen,« so sprach sie,
              »ein schönes Geschenk aus der Hauptstadt
  Heimbringt, so ihr euch fromm und gut, wie er's heischte, benehmet.«
  Doch nicht kehret er heim; sein harren die Kinder vergeblich:
  Denn er liegt getödtet im Staub! So fielen noch hundert,
  Unter der würgenden Faust der Kunen, gebändigte Krieger,
  Und Verderben umgab stets näher und näher den König.
  Wie wenn nächtlich im Wald' ein wandernder Fleischer, von Räubern
  Angefallen, mit tapferem Muth' sich wehrt, und der Gegner
  Manchen erlegt; doch wäre noch all sein Mühen vergeblich,
  So das menschengetreueste Thier ihm nicht fest an den Seiten
  Kämpfte: sein mächtiger Hund, der rasch im Kreise sich wendend,
  Diesem die Kehle durchhaut mit den tödlichen Zähnen; den andern
  Niederreißt am Genick', und, würgend, nicht ruhet, nicht rastet,
  Bis er errettet schaut den Gebiether: so stritt für das Leben
  Ottgars, häufend die Leichen umher, der tapfere Wallstein.
  Doch, als jetzt die Gefahr ihm noch gewaltiger drohte,
  Schrie er ihm zu: »Mir nach, mein König und Herr!« und er bahnte
  Sich mit dem sausenden Stahl durch Feindeshaufen den Blutpfad.
  Ottgar folgt' ihm beherzt, und hieb die Umstürmenden nieder.
  Ha, nach entsetzlichem Mord und Gewürg, durchhau'n, und gesprengt war
  Endlich der Todesring, und ihm entrannen die beiden,
  Brausenden Flugs, auf dem Heerweg fort! Im nächtlichen Dunkel
  Schwanden sie bald aus den Augen der weitnachfolgenden Gegner;
  Doch die kehrten zurück', und des Königs treue Geleitschar
  Fiel nach tapferer Gegenwehr (denn Keiner ergab sich)
  Hier erschlagen im Kampf mit den herzblutdürstenden Kunen.
  Ach, wie grausam wütheten jetzt die Schrecklichen: hauend
  Allen das Haupt von dem Rumpf', und es dann auf die Spitze des Säbels
  Pflanzend, zogen sie heim, siegtrunken und rachegesättigt:
  Denn sie sahen zuvor wohl doppelt die Zahl der Gefährten
  Hingestreckt im Staub', und erwürgt von den tapferen Feinden.

    Fort, und fort im Galopp war Ottgar schon in des Heeres
  Nähe gelangt; nur die Höh'n von Prottes, dem ruhigen Dörfchen,
  Lagen noch, trennend, vor ihm, und hinter den eilenden Scharen.
  Milota trabte die Höhen herab. Mit ängstlicher Sorgfalt
  Forschte sein Auge zuvor nach dem König: er hatt' ihn dem Tod schon
  Lange geweiht, und harrete nur des ersehneten Tages,
  Wo er nach Rache die Gier an ihm sättigte, schrecklich und furchtbar!
  D'rum verlor er ihn nie aus den Augen, und so, wie der Kater,
  Grausamer Lust, freigibt das erst gefangene Mäuschen:
  Da folgt ihm sein glühender Blick, und will es entrinnen,
  Streckt er sogleich ihm nach die klau'nbewaffneten Pfoten --
  Reißt es zurück in den Todes-Kreis, und weidet die Augen
  So an dem armen, voll Grimms: nicht anders verfolgten die Augen
  Milota's Ottgarn stets, der Rach' ihn zu opfern, entschlossen.
  Jetzo gewahrend: er sey's, begann er von weitem zu rufen:
  »Wahrlich, du wagtest viel, mein König, so fern dich zu halten
  Von dem schnellvoreilenden Heer! Wer so die Gefahr sucht,
  Wandelt auf glattem Geröll', an des Abgrunds schwindligem Rand hin:
  Denn in den Auen der March droht uns der schrecklichen Kunen
  Leis'umspähendes Volk: du warst die erwünschteste Beut' ihm,
  So es dich traf. Doch sprich, wo weilt dein Reitergefolg noch?«
  »Mein Gefolg ist todt,« entgegnete jener, »gefallen
  Unter des Feindes würgender Faust. Dem tapferen Jüngling
  Hier verdank' ich das Leben allein; stets hielt er im Leben
  Treulich an mir; er sey, wie ein Sohn, mir geliebt in der Zukunft.«
  D'rauf hinbeugt' er nach Wallstein sich von dem Sattel; er küßt' ihn
  Auf die glühende Stirn, und drückt' ihm die Rechte noch freundlich.
  Jener, mit Freudenthränen im Blick', erwiederte, hebend
  Ottgars Hand an den Mund, der Liebe beglückendes Zeichen.
  Plötzlich sah er im Geist der wahnsinngenähreten Hoffnung
  Truggestalt in der Wirklichkeit, hellschimmernden Glanzes,
  Ihm genaht, und gestillt des Herzens unendliche Sehnsucht.
  Wehe, daß Drahomira so nah' ihm war in des Nachtgrau'ns
  Schrecklicher Stund', und stets auflauerte, daß sie, verderbend
  Ihn, sich räche zugleich an Ottgarn, höllischer Lust voll!
  Hufesgerassel erscholl: denn Milota's Reitergeschwader
  Jagte heran. Sie schrie ihm ins Ohr: »Der Feind ist im Anzug!«
  »Ha, der Feind!« rief Milota laut, und in wilder Verwirrung
  Jagt' er nach Ebenthal, woher sie gekommen, das Roß hin.
  Ottgar folgt' ihm schnell; nur Wallstein hemmte den Läufer
  Oft: um den König besorgt, und für ihn zu sterben, entschlossen.
  Aber ihm däuchte das nahe Gebirg, und drüben das Blachfeld
  Jenes von Ebenthal an der freundlichen Burg, wo er seicher
  Oft sich erging, des Weidwerks Lust ergeben im Feld' auch.
  Ottgar hörete jetzt den Ruf des warnenden Jünglings;
  Tobte vor Zorn, und sprach zu Milota grimmigen Blickes:
  »Hat dich mein böses Geschick mir entgegengeführt an dem Kreuzweg,
  Wo in dem nächtlichen Grau'n nur menschenfeindliche Geister
  Hausen, daß du dem Heer mich entrückst, und verleitest zum Irrgang?
  Wahrlich, der Himmel straft heut Nacht die Vergehungen alle,
  Die mich erniedrigten einst auf des Lebens verlockenden Bahnen!
  Fort, g'en Stillfried jetzt, wo die Wagenburg und der Nachhuth
  Tapfere Schar mich schirmt, bis wir dem Heere vereint sind!«

    Finster umhüllete noch das Gewölk den nächtlichen Himmel;
  Noch aufriß der entfliehende Blitz zuweilen die Lieder,
  Zürnend, und sah mit feurigem Blick aus Osten herüber.
  Bergan hob sich der Weg, und Milota sagte, verhöhnend,
  Als die Ross', oft zögernden Gang's, aufschritten den Bergpfad:
  »Hoffst du, Herr! vor des Ewigen Richterstuhle so leicht dich
  Abzufinden dereinst mit dem schreckengerüsteten Engel,
  Der dein Blatt dir weis't in dem Buche des Lebens und Todes?
  Wähnst noch gar, du habest gebüßt für Alles und Jedes,
  Was du verübt seither, schon heut' im nächtlichen Irr-Ritt?
  Grauses vernahm mein Ohr. Ist's Wahrheit, oder nur Täuschung,
  Was die Sag' uns gab von dem blutbesudelten Handel
  Dort? Daß die Ost- und die steyrische-Mark dir bleibe zu Eigen,
  Hast du Schätze gesandt nach Wälschland -- heimlich verbündet
  Rom und Neapel dir, und Konradin, Friedrich von Oestreich[4]
  Hingeopfert des Henkers Schwert, die blühenden Fürsten?
  Hast nicht Erbarmen geübt, als d'rauf die Mutter des letztern,
  Gertrud,[5] sanften Gemüths, aus dem Erbe der Väter vertrieben,
  Fliehen hieß dein Wüthrich fort in stürmischer Nachtzeit?
  Bist du rein von Schuld an dem Tod der verstoßenen Gattinn,
  Margareth?[6] Ward der edele Herr und Ritter von Meißau
  Nicht in unwürdiger Haft von dir verbrannt in dem Schloßthurm?[7]
  Nicht die Heldenschar, von dem Pettau'r,[8] niedrigen Herzens,
  Angeschwärzt, jahrlang' in schmählichen Banden gehalten --
  Ihrer gewaltigen Vesten beraubt? Sieh' dort auf dem Hügel
  Drüben den Rabenstein: wie im Wind sich die dürren Gerippe
  Dreh'n nun hin, nun her, und im Schwung lautächzen die Ketten!
  Hu, aufsträubt sich mein Haar -- und dennoch lieber gehenkt dort,
  Als daß ich übte, wie du, an dem Merenberger[9] den Frevel!
  Aber horch! Da er nun, das Haupt an die Füße gebunden,
  Zweimal den Morgen und Abend sah, in schrecklichen Qualen
  Hängend am Rabenstein, war nur der geschändeten Schwester
  Bild -- geschändet von dir, vor seinem Gemüthe! Dir flucht' er,
  Eh' er starb, durchbohrt von einem der wilden Szupanen.
  Wie, du erschrickst? Nein, fürchte nichts, Herr!
              Daß ich jetzo der Tochter,[10]
  Meines geliebtesten Kindes, gedacht, nicht verdenk' es dem Vater,
  Der nicht weinen mehr kann um sie, die schändlich verführt ward.
  Ihre die Schuld, der Metze: sie gab sich wohl selber der Schmach hin!«

    Ottgar schlug sich die Brust, und wimmerte: »Vater, Verzeihung;
  Mein ist die Schuld allein: den Himmlischen glich sie an Reinheit!«
  »So?« -- sprach dann mit gedehnetem Laut der entsetzliche Vater.
  Ottgar stöhnte vor Angst, daß es jener vernahm; mit den Zähnen
  Knirscht' er; sah empor, und rief mit ersterbender Stimme:
  »Milota, sieh', wie es über den armen Sündern erblitzet!«
  Sagt' es, und stützte das Haupt, vergehend, auf Milota's Schulter.
  Jetzt in der geistverzückenden Zeit todähnlicher Ohnmacht
  Sah, wie entkörpert, er dort an dem Rabenstein, Drahomira
  Schweben umher, und oft hellstrahlen von röthlichen Flammen.
  Ihr nachfolgten zum Dienst drei Mißgestalten der Hölle
  So, daß der Halbentseelte noch zuckt', und bebte vor Schrecken,
  Als er die Furchtbar'n sah. Aus schwarzumhüllendem Schleier
  Starrten mit weitgeöffnetem Aug' todblasse Gesichter,
  Und ihr Leib, durchblinkt von der Flammengestalt Drahomira's,
  Floß, wie ein Trauerflor, hinaus in das finstere Nachtgrau'n.
  Doch, nach dem Wink der Gebietherinn, auf,
              und hinunter sich schwingend
  Dicht an dem Rabenstein, wie der Mauerspecht am Gemäuer,
  Der mit kläglichem Ruf nach Gewürm' und Käferchen spähet,
  Nagten sie dort ein Giftgewächs und das Moos mit den Zähnen
  Ab von dem Stein und Gehölz, und schwebten hinab auf den Heerweg.
  (Zwischen Ottgar hier, und Milota -- aber vor Wallstein
  Dort, der zögernd folgt': in täuschende Träume versunken
  Künftigen Glücks) und hauchten zugleich auf die Erde den Unrath.
  Doch Drahomira kam, vorhaltend in glühender Rechten
  Einen Becher, in dem verderbliche Säfte von Kräutern
  Gähreten: erst entpreßt dem Eisenhütchen und Schierling,
  Dann Tollkirschensäfte vermengt, der plötzlich des Menschen
  Sinne verwirrt. Sie goß mit zaubergewaltigen Worten,
  Vor den Drei'n, die sie nachmurmelten, wie aus der Felskluft
  Grimmvoll murrt ein Drach', das Gift auf den furchtbaren Unrath
  Aus; zertrümmerte schnell den Becher auf ihm, und erhob sich
  Dann im Weh'ausruf des Höllengefolg's in den Luftraum.
  Alsbald schwamm ein bläulicher Duft, des giftigen Pfuhles
  Nebel gleich, umher: dem nahenden Jüngling zum Falle
  Hingebannt von der Macht Drahomira's, des schrecklichen Weibes.

    Ha, schon naht' er heran! Noch brannte der glühende Kuß ihm
  Auf der Stirn'; noch scholl in das Ohr ihm der schmeichelnde Zuruf
  Ottgars: »Daß er ein Sohn ihm sey -- dem liebenden Vater.«
  »Wie, ein Sohn? Dann ... ja, wenn Hedwig die Rechte mir reichet!
  Himmlische Hoffnung!« Rief's; da bäumte schnaubend sein Reitroß
  Dort an der furchtbarn Stelle sich auf. Ihn däuchte der Wehruf,
  Den er jetzo vernahm, aufhorchend mit pochendem Herzen,
  Hedwigs Stimm': alsbald vorspornend den hurtigen Läufer,
  Stand er gebannt in dem Zauberkreis', und urplötzlich, so wähnt' er,
  Ward ihm zur Gegenwart die nimmergeahnete Zukunft.
  Hochbeglückt hielt er die Ersehnete jetzt in den Armen:
  Ihm schwand Himmel und Erde dahin! Doch flatterte blitzschnell
  Weiter der täuschende Spuk, da, schnaubend vor Angst und Entsetzen,
  Nun das Roß fortsprang aus dem Zauberkreise der Hölle.
  Stöhnend sah er zurück, und die Blässe des Todes bedeckte
  Seine Wangen: ein Traum, so schien es ihm, flüchtig entronnen,
  Wies ihm des Erdenglücks Erwünschtestes. Wehe, nicht schwand jetzt
  Mehr des Gesehenen Bild aus seinem Gemüth'. In den Adern
  Kocht' ihm das Blut, und im kreisenden Schwung' umgaukelte jenes
  Rastlos ihn, da er flog, getrieben von höllischem Zauber,
  Abzufordern die Hand der Königstochter dem Vater;
  So zu empören des Herrschers Stolz, und, von diesem gehöhnet,
  Racherfüllt, sich selber und ihn zu verderben auf immer.

    Siehe, voll Himmelshuld war ihm sein schützender Engel
  Wieder genaht, und rief in sanftverweisenden Lauten:
  »Wie, umsonst ertönte dir erst mein warnender Zuruf?
  Wehe dir, Jüngling, ach, wenn Schuld verdunkelt die Reinheit
  Deines Gemüths! Wie ein Spiegel, noch erst im herrlichsten Lichtglanz
  Schimmernd, schnell abstirbt, so ihn feuchtannahender Hauch deckt:
  Also umwölkt es die Schuld. Bald scheint die blühende Schöpfung
  Dir verwelkt, und erstarrt ringsum das regsame Leben:
  Nichts des Hohen vollführest du mehr, von irdischen Banden
  Niedergehalten. Verzieh'; o denke des Ewigen, reuig;
  Kehre zurück, und beherrsche mit Kraft die Gelüste des Herzens,
  Daß du nicht Schmach dir jetzt durch thörichte Worte bereitest!«

    Sagt' es, und schwang sich empor zu dem Vater
              im Himmel, deß' Antlitz
  Er mit dem Seraph und Cherub schaut für immer und ewig.
  Aber der Jüngling rief: »Ward erst der Seligen Wonne
  Mir von dem Himmel gewährt? Vernahm ich jetzo der Hölle
  Täuschenden Ruf? Nicht weiß ich's -- will es nicht wissen;
              es dreht sich
  Schwindelnd die Welt um mich her; sie reiße mich mit in den Abgrund!«
  Sieh, und er hieb in den Bauch des ächzenden Läufers den Sporn ein:
  Brausenden Sprung's trug fort ihn das Thier,
              bis er's vor dem Herrscher,
  Der mit dem Feldherrn, ernst und schweigend die nächtliche Bahn zog,
  Jetzt festhielt, nach gewaltigem Müh'n: denn wüthenden Ingrimms
  Flog es dahin! Nun sprach mit sanfterheitertem Antlitz,
  Nach dem Jüngling gekehrt, der weitgefürchtete König:
  »Wallstein, ha, wo weilst du? Komm, und rette den Vater
  Dir, dem liebenden Sohn, von diesem entsetzlichen Manne!
  Milota, fort! Entfleuch! Du warst mir treulich ergeben,
  Du, des Herrschers Vasall; doch hast du mit blutiger Faust ihm
  Heut' in dem Herzen gewühlt -- frechlautende Worte gesprochen.
  Gott ist gerecht. Die Schuld, vergrößert von feindlicher Mißgunst,
  Mindert vor ihm ein reuiges Herz: er wird's nicht verschmähen!
  Halte dich künftig entfernt von mir -- auch jetzt in dem Feldzug,
  Daß nicht mein Zorn, erwacht, dich noch verderbend ereile.«
  Jener lächelte grimmig, und rief: »Recht hast du gesprochen:
  Weichen will ich -- im Kampf' entfernt dir stehen; der Tochter
  Stets gedenken, und flieh'n die Nähe des dräuenden Herrschers.«
  D'rauf entschwand er im Feld; doch Ottgar sagte dem Jüngling:
  »Wallstein, höre mich nun! Stets warst du mir theuer vor Allen
  Ob des Heldenmuths und der Treue, mit welcher du, liebend,
  Hingest an mir: doch heut, wie lohn' ich geziemend die Thaten
  Ewigen Ruhms? Erst rächtest du mich an Rudolphs Erzeugtem;
  D'rauf hast du mich entrissen der Wuth umdrängender Gegner.
  Sieh', am kommenden Tag sollst du durch würdigen Lobspruch
  Hochverherrlichet steh'n vor meiner versammelten Heersmacht;
  Auch den Feldherrn dort, als Führer des böhmischen Fußvolks,
  B

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