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Durch Wüste und Harem

by Karl May · German · Gutenberg #29336 · 944,839 chars · public domain (US)

The Project Gutenberg eBook of Durch Wüste und Harem
    
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Title: Durch Wüste und Harem

Author: Karl May


        
Release date: July 6, 2009 [eBook #29336]
                Most recently updated: January 5, 2021

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/29336

Credits: Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
        Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file made
        from scans of public domain material at
        Karl-May-Gesellschaft)


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DURCH WÜSTE UND HAREM ***




Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file made
from scans of public domain material at
Karl-May-Gesellschaft)






                              Carl May’s
                        gesammelte Reiseromane.


                                Band I:

                                 Durch
                            Wüste und Harem


                            Reiseerlebnisse
                                  von
                               Carl May.


                            Freiburg i. B.
                Verlag von Friedrich Ernst Fehsenfeld.




                 Inhalt des ersten Bandes.


                                                 Seite
    _Erstes Kapitel._ Ein Todesritt                  1

    _Zweites Kapitel._ Vor Gericht                  51

    _Drittes Kapitel._ Im Harem                     83

    _Viertes Kapitel._ Eine Entführung             131

    _Fünftes Kapitel._ Abu-Seïf                    169

    _Sechstes Kapitel._ Wieder frei                212

    _Siebentes Kapitel._ In Mekka                  275

    _Achtes Kapitel._ Am Tigris                    316

    _Neuntes Kapitel._ Auf Kundschaft              371

    _Zehntes Kapitel._ Der Sieg                    427

    _Elftes Kapitel._ Bei den Teufelsanbetern      496

    _Zwölftes Kapitel_. Das große Fest             589


                 Alle Rechte vorbehalten.




Vorwort.


Selbst ein treuer Leser von #Dr.# Karl May, erging es mir stets wie
allen Andern, welche seine Reisewerke kennen: ich konnte das Erscheinen
einer von ihm angekündigten neuen Arbeit immer kaum erwarten. Die Gründe
dieser Ungeduld, welche ich bei der Lektüre keines andern
Schriftstellers in dieser Weise an mir und vielen Andern beobachtet
habe, sind einesteils in den hochinteressanten Sujets, welche er wählt,
und andernteils in der originellen und meisterhaften Weise, in welcher
er sie beherrscht und behandelt, zu suchen. Bei ihm ist keine Zeile ohne
Leben, ohne innere und äußere Bewegung. Er empfindet, denkt und
berechnet auf seinen Reisen wie wenige Seinesgleichen und zwingt den
Leser, mit ihm zu fühlen, mit ihm zu denken und zu berechnen. Man lebt
sich so in ihn hinein, daß man ganz und vollständig sein Eigen wird.

Dazu kommt der hohe sittliche Gehalt, den alle seine Werke besitzen. Er
ist, vielleicht ohne es zu beabsichtigen, ein Missionar, ein Prediger
der Gottes- und der Nächstenliebe, doch besteht seine Predigt nicht in
Worten, sondern in Thaten. Wie köstlich ist’s, daß sein treuer Hadschi
Halef Omar ihn zum Islam bekehren will und schließlich doch selbst
Christ wird, ohne es zu ahnen! Solchen Zügen wird man fast auf jeder
Seite begegnen.

Am liebsten möchte ich, anstatt ein Vorwort zu schreiben, gleich
beginnen, den Inhalt des ganzen Werkes zu erzählen. Da mir dies aber
nicht gestattet ist, so mag der freundliche Leser mit der nächsten Seite
beginnen. Ich bin überzeugt, daß er erst dann aufhören wird, wenn er bei
der letzten angekommen ist.

_Freiburg_ i. Baden.

                                   Der Herausgeber und Verleger.




Erstes Kapitel.

Ein Todesritt.


»Und ist es wirklich wahr, Sihdi[1], daß du ein Giaur bleiben willst,
ein Ungläubiger, welcher verächtlicher ist als ein Hund, widerlicher als
eine Ratte, die nur Verfaultes frißt?«

    [1] Herr.

»Ja.«

»Effendi, ich hasse die Ungläubigen und gönne es ihnen, daß sie nach
ihrem Tode in die Dschehenna kommen, wo der Teufel wohnt; aber dich
möchte ich retten vor dem ewigen Verderben, welches dich ereilen wird,
wenn du dich nicht zum Ikrar bil Lisan, zum heiligen Zeugnisse,
bekennst. Du bist so gut, so ganz anders als andere Sihdis, denen ich
gedient habe, und darum werde ich dich bekehren, du magst wollen oder
nicht.«

So sprach Halef, mein Diener und Wegweiser, mit dem ich in den
Schluchten und Klüften des Dschebel Aures herumgekrochen und dann nach
dem Dra el Haua heruntergestiegen war, um über den Dschebel Tarfaui nach
Seddada, Kris und Dgasche zu kommen, von welchen Orten aus ein Weg über
den berüchtigten Schott Dscherid nach Fetnassa und Kbilli führt.

Halef war ein eigentümliches Kerlchen. Er war so klein, daß er mir kaum
bis unter die Arme reichte, und dabei so hager und dünn, daß man hätte
behaupten mögen, er habe ein volles Jahrzehnt zwischen den
Löschpapierblättern eines Herbariums in fortwährender Pressung gelegen.
Dabei verschwand sein Gesichtchen vollständig unter einem Turban, der
drei volle Fuß im Durchmesser hatte, und sein einst weiß gewesener
Burnus, welcher jetzt in allen möglichen Fett- und Schmutznuancen
schimmerte, war jedenfalls für einen weit größeren Mann gefertigt
worden, so daß er ihn, sobald er vom Pferde gestiegen war und nun gehen
wollte, empornehmen mußte wie das Reitkleid einer Dame. Aber trotz
dieser äußeren Unansehnlichkeit mußte man allen Respekt vor ihm haben.
Er besaß einen ungemeinen Scharfsinn, viel Mut und Gewandtheit und eine
Ausdauer, welche ihn die größten Beschwerden überwinden ließ. Und da er
auch außerdem alle Dialekte sprach, welche zwischen dem Wohnsitze der
Uëlad Bu Seba und den Nilmündungen erklingen, so kann man sich denken,
daß er meine vollste Zufriedenheit besaß, so daß ich ihn mehr als Freund
denn als Diener behandelte.

Eine Eigenschaft besaß er nun allerdings, welche mir zuweilen recht
unbequem werden konnte: er war ein fanatischer Muselmann und hatte aus
Liebe zu mir den Entschluß gefaßt, mich zum Islam zu bekehren. Eben
jetzt hatte er wieder einen seiner fruchtlosen Versuche unternommen, und
ich hätte lachen können, so komisch sah er dabei aus.

Ich ritt einen kleinen, halb wilden Berberhengst, und meine Füße
schleiften dabei fast am Boden; er aber hatte sich, um seine Figur zu
unterstützen, eine alte, dürre, aber himmelhohe Hassi-Ferdschahn-Stute
ausgewählt und saß also so hoch, daß er zu mir herniederblicken konnte.
Während der Unterhaltung war er äußerst lebhaft; er wedelte mit den
bügellosen Beinen, gestikulierte mit den dünnen, braunen Ärmchen und
versuchte, seinen Worten durch ein so lebhaftes Mienenspiel Nachdruck zu
geben, daß ich alle Mühe hatte, ernst zu bleiben.

Als ich auf seine letzten Worte nicht antwortete, fuhr er fort:

»Weißt du, Sihdi, wie es den Giaurs nach ihrem Tode ergehen wird?«

»Nun?«

»Nach dem Tode kommen alle Menschen, sie mögen Moslemim, Christen, Juden
oder etwas Anderes sein, in den Barzakh.«

»Das ist der Zustand zwischen dem Tode und der Auferstehung?«

»Ja, Sihdi. Aus ihm werden sie alle mit dem Schall der Posaunen erweckt,
denn el Jaum el aakhar, der jüngste Tag, und el Akhiret, das Ende, sind
gekommen, wo dann alles zu Grunde geht, außer el Kuhrs, der Sessel
Gottes, er Ruhh, der heilige Geist, el Lauhel mafus und el Kalam, die
Tafel und die Feder der göttlichen Vorherbestimmung.«

»Weiter wird nichts mehr bestehen?«

»Nein.«

»Aber das Paradies und die Hölle?«

»Sihdi, du bist klug und weise; du merkst gleich, was ich vergessen
habe, und daher ist es jammerschade, daß du ein verfluchter Giaur
bleiben willst. Aber ich schwöre es bei meinem Barte, daß ich dich
bekehren werde, du magst wollen oder nicht!«

Bei diesen Worten zog er seine Stirn in sechs drohende Falten, zupfte
sich an den sieben Fasern seines Kinns, zerrte an den acht Spinnenfäden
rechts und an den neun Partikeln links von seiner Nase, Summa Summarum
Bart genannt, schlenkerte die Beine unternehmend in die Höhe und fuhr
mit der freien andern Hand der Stute so kräftig in die Mähne, als sei
sie der Teufel, dem ich entrissen werden sollte.

Das so grausam aus seinem Nachdenken gestörte Tier machte einen Versuch,
vorn emporzusteigen, besann sich aber sofort auf die Ehrwürdigkeit
seines Alters und ließ sich in seinen Gleichmut stolz zurückfallen.
Halef aber setzte seine Rede fort:

»Ja, Dschennet, das Paradies, und Dschehenna, die Hölle, müssen auch mit
bleiben, denn wohin sollten die Seligen und die Verdammten sonst kommen?
Vorher aber müssen die Auferstandenen über die Brücke Ssirath, welche
über den Teich Handh führt und so schmal und scharf ist, wie die
Schneide eines gut geschliffenen Schwertes.«

»Du hast noch Eins vergessen.«

»Was?«

»Das Erscheinen des Deddschel.«

»Wahrhaftig! Sihdi, du kennst den Kuran und alle heiligen Bücher und
willst dich nicht zur wahren Lehre bekehren! Aber trage nur keine Sorge;
ich werde einen gläubigen Moslem aus dir machen! Also vor dem Gerichte
wird sich der Deddschel zeigen, den die Giaurs den Antichrist nennen,
nicht wahr, Effendi?«

»Ja.«

»Dann wird über jeden das Buch Kitab aufgeschlagen, in welchem seine
guten und bösen Thaten verzeichnet stehen, und die Hisab gehalten, die
Musterung seiner Handlungen, welche über fünfzigtausend Jahre währt,
eine Zeit, welche den Guten wie ein Augenblick vergehen, den Bösen aber
wie eine Ewigkeit erscheinen wird. Das ist das Hukm, das Abwiegen aller
menschlichen Thaten.«

»Und nachher?«

»Nachher folgt das Urteil. Diejenigen mit überwiegenden guten Werken
kommen in das Paradies, die ungläubigen Sünder aber in die Hölle,
während die sündigen Moslemim nur auf kurze Zeit bestraft werden. Du
siehst also, Sihdi, was deiner wartet, selbst wenn du mehr gute als böse
Thaten verrichtest. Aber du sollst gerettet werden, du sollst mit mir in
das Dschennet, in das Paradies, kommen, denn ich werde dich bekehren, du
magst wollen oder nicht!«

Und wieder strampelte er bei dieser Versicherung so energisch mit den
Beinen, daß die alte Hassi-Ferdschahn-Stute ganz verwundert die Ohren
spitzte und mit den großen Augen nach ihm zu schielen versuchte.

»Und was harrt meiner in eurer Hölle?« fragte ich ihn.

»In der Dschehenna brennt das Nar, das ewige Feuer; dort fließen Bäche,
welche so sehr stinken, daß der Verdammte trotz seines glühenden Durstes
nicht aus ihnen trinken mag, und dort stehen fürchterliche Bäume, unter
ihnen der schreckliche Baum Zakum, auf dessen Zweigen Teufelsköpfe
wachsen.«

»Brrrrrrr!«

»Ja, Sihdi, es ist schauderhaft! Der Beherrscher der Dschehenna ist der
Strafengel Thabek. Sie hat sieben Abteilungen, zu denen sieben Thore
führen. Im Dschehennem, der ersten Abteilung, müssen die sündhaften
Moslemim büßen so lange, bis sie gereinigt sind; Ladha, die zweite
Abteilung, ist für die Christen, Hothama, die dritte Abteilung, für die
Juden, Sair, die vierte, für die Sabier, Sakar, die fünfte, für die
Magier und Feueranbeter, und Gehim, die sechste, für alle, welche Götzen
oder Fetische anbeten. Zaoviat aber, die siebente Abteilung, welche auch
Derk Asfal genannt wird, ist die allertiefste und fürchterlichste; sie
wird alle Heuchler aufnehmen. In allen diesen Abteilungen werden die
Verdammten von bösen Geistern durch Feuerströme geschleppt, und dabei
müssen sie vom Baume Zakum die Teufelsköpfe essen, welche dann ihre
Eingeweide zerbeißen und zerfleischen. O, Effendi, bekehre dich zum
Propheten, damit du nur kurze Zeit in der Dschehenna zu stecken
brauchst!«

Ich schüttelte den Kopf und sagte:

»Dann komme ich in unsere Hölle, welche ebenso entsetzlich ist wie die
eurige.«

»Glaube dies nicht, Sihdi! Ich verspreche dir beim Propheten und allen
Kalifen, daß du in das Paradies kommen wirst. Soll ich es dir
beschreiben?«

»Thue es!«

»Das Dschennet liegt über den sieben Himmeln und hat acht Thore. Zuerst
kommst du an den großen Brunnen Hawus Kewser, aus welchem
hunderttausende Selige zugleich trinken können. Sein Wasser ist weißer
als Milch, sein Geruch köstlicher als Moschus und Myrrha, und an seinem
Rande stehen Millionen goldener Trinkschalen, welche mit Diamanten und
Steinen besetzt sind. Dann kommst du an Orte, wo die Seligen auf
golddurchwirkten Kissen ruhen. Sie erhalten von unsterblichen Jünglingen
und ewig jungen Houris köstliche Speisen und Getränke. Ihr Ohr wird ohne
Aufhören von den Gesängen des Engels Israfil entzückt und von den
Harmonien der Bäume, in denen Glocken hängen, welche ein vom Throne
Gottes gesendeter Wind bewegt. Jeder Selige ist sechzig Ellen lang und
immerfort grad dreißig Jahre alt. Unter allen Bäumen aber ragt hervor
der Tubah, der Baum der Glückseligkeit, dessen Stamm im Palaste des
großen Propheten steht und dessen Äste in die Wohnungen der Seligen
reichen, wo an ihnen alles hängt, was zur Seligkeit erforderlich ist.
Aus den Wurzeln des Baumes Tubah entspringen alle Flüsse des
Paradieses, in denen Milch, Wein, Kaffee und Honig strömt.«

Trotz der Sinnlichkeit dieser Vorstellung muß ich bemerken, daß Muhammed
aus der christlichen Anschauung geschöpft und dieselbe für seine
Nomadenhorden umgemodelt hat. Halef blickte mich jetzt mit einem
Gesichte an, in welchem sehr deutlich die Erwartung zu lesen war, daß
mich seine Beschreibung des Paradieses überwältigt haben werde.

»Nun, was meinst du jetzt?« fragte er, als ich schwieg.

»Ich will dir aufrichtig sagen, daß ich nicht sechzig Ellen lang werden
mag; auch mag ich von den Houris nichts wissen, denn ich bin ein Feind
aller Frauen und Mädchen.«

»Warum?« fragte er ganz erstaunt.

»Weil der Prophet sagt: ›Des Weibes Stimme ist wie der Gesang des
Bülbül[2], aber ihre Zunge ist voll Gift wie die Zunge der Natter.‹
Hast du das noch nicht gelesen?«

    [2] Nachtigall.

»Ich habe es gelesen.«

Er senkte den Kopf; ich hatte ihn mit den Worten seines eigenen Propheten
geschlagen. Dann fragte er mit etwas weniger Zuversichtlichkeit:

»Ist nicht trotzdem unsere Seligkeit schön? Du brauchst ja keine Houri
anzusehen!«

»Ich bleibe ein Christ!«

»Aber es ist nicht schwer, zu sagen: La Illa illa Allah, we Muhammed
Resul Allah!«

»Ist es schwerer, zu beten: Ja abana ’Iledsi, fi ’s – semavati, jata –
haddeso ’smoka?«

Er blickte mich zornig an.

»Ich weiß es wohl, daß Isa Ben Marryam, den ihr Jesus nennt, euch
dieses Gebet gelehrt hat; ihr nennt es das Vaterunser. Du willst mich
stets zu deinem Glauben bekehren, aber denke nur nicht daran, daß du
mich zu einem Abtrünnigen vom Tauhid, dem Glauben an Allah, machen
wirst!«

Ich hatte schon mehrmals versucht, seinem Bekehrungsversuche den
meinigen entgegen zu stellen. Zwar war ich von der Fruchtlosigkeit
desselben vollständig überzeugt, aber es war das einzige Mittel, ihn zum
Schweigen zu bringen. Das bewährte sich auch jetzt wieder.

»So laß mir meinen Glauben, wie ich dir den deinigen lasse!«

Er knurrte auf diese meine Worte etwas vor sich hin und brummte dann:

»Aber ich werde dich dennoch bekehren, du magst wollen oder nicht. Was
ich einmal will, das will ich, denn ich bin der Hadschi[3] Halef Omar
Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah!«

    [3] Mekkapilger.

»So bist du also der Sohn Abul Abbas’, des Sohnes Dawud al Gossarah?«

»Ja.«

»Und beide waren Pilger?«

»Ja.«

»Auch du bist ein Hadschi?«

»Ja.«

»So waret ihr alle Drei in Mekka und habt die heilige Kaaba gesehen?«

»Dawud al Gossarah nicht.«

»Ah! Und dennoch nennst du ihn einen Hadschi?«

»Ja denn er war einer. Er wohnte am Dschebel Schur-Schum und machte
sich als Jüngling auf die Pilgerreise. Er kam glücklich über el Dschuf,
das man den Leib der Wüste nennt; dann aber wurde er krank und mußte am
Brunnen Trasah zurückbleiben. Dort nahm er ein Weib und starb, nachdem
er seinen Sohn Abul Abbas gesehen hatte. Ist er nicht ein Hadschi, ein
Pilger, zu nennen?«

»Hm! Aber Abul Abbas war in Mekka?«

»Nein.«

»Und auch er ist ein Hadschi?«

»Ja. Er trat die Pilgerfahrt an und kam bis in die Ebene Admar, wo er
zurückbleiben mußte.«

»Warum?«

»Er erblickte da Amareh, die Perle von Dschuneth, und liebte sie. Amareh
wurde sein Weib und gebar ihm Halef Omar, den du hier neben dir siehst.
Dann starb er. War er nicht ein Hadschi?«

»Hm! Aber du selbst warst in Mekka?«

»Nein.«

»Und nennst dich dennoch einen Pilger!«

»Ja. Als meine Mutter tot war, begab ich mich auf die Pilgerschaft. Ich
zog gen Aufgang und Niedergang der Sonne; ich ging nach Mittag und nach
Mitternacht; ich lernte alle Oasen der Wüste und alle Orte Ägyptens
kennen; ich war noch nicht in Mekka, aber ich werde noch dorthin kommen.
Bin ich also nicht ein Hadschi?«

»Hm! Ich denke, nur wer in Mekka war, darf sich einen Hadschi nennen?«

»Eigentlich, ja. Aber ich bin ja auf der Reise dorthin!«

»Möglich! Doch du wirst auch irgendwo eine schöne Jungfrau finden und
bei ihr bleiben; deinem Sohne wird es ebenso gehen, denn dies scheint
euer Kismet zu sein, und dann wird nach hundert Jahren dein Urenkel
sagen: »Ich bin Hadschi Mustafa Ben Hadschi Ali Assabeth Ibn Hadschi
Saïd al Hamza Ben Hadschi Schehab Tofaïl Ibn Hadschi Halef Omar Ben
Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah,« und keiner von all
diesen sieben Pilgern wird Mekka gesehen haben und ein echter,
wirklicher Hadschi geworden sein. Meinst du nicht?«

So ernst er sonst war, er mußte dennoch über diese kleine, unschädliche
Malice lachen. Es giebt unter den Muhammedanern sehr, sehr Viele, die
sich, besonders dem Fremden gegenüber, als Hadschi gebärden, ohne die
Kaaba gesehen, den Lauf zwischen Ssafa und Merweh vollbracht zu haben,
in Arafah gewesen und in Minah geschoren und rasiert worden zu sein.
Mein guter Halef fühlte sich geschlagen, aber er nahm es mit guter Miene
hin.

»Sihdi,« fragte er kleinlaut, »wirst du es ausplaudern, daß ich noch
nicht in Mekka war?«

»Ich werde nur dann davon sprechen, wenn du wieder anfängst, mich zum
Islam zu bekehren; sonst aber werde ich schweigen. Doch schau, sind das
nicht Spuren im Sande?«

Wir waren schon längst in das Wadi[4] Tarfaui eingebogen und jetzt an
eine Stelle desselben gekommen, an welcher der Wüstenwind den Flugsand
über die hohen Felsenufer hinabgetrieben hatte. In diesem Sande war eine
sehr deutliche Fährte zu erkennen.

    [4] Thal, Schlucht.

»Hier sind Leute geritten,« meinte Halef unbekümmert.

»So werden wir absteigen, um die Spur zu untersuchen.«

Er blickte mich fragend an.

»Sihdi, das ist überflüssig. Es ist genug, zu wissen, daß Leute hier
geritten sind. Weshalb willst du die Hufspuren untersuchen?«

»Es ist stets gut, zu wissen, welche Leute man vor sich hat.«

»Wenn du alle Spuren, welche du findest, untersuchen willst, so wirst du
unter zwei Monden nicht nach Seddada kommen. Was gehen dich die Männer
an, die vor uns sind?«

»Ich bin in fernen Ländern gewesen, in denen es viel Wildnis giebt und
wo sehr oft das Leben davon abhängt, daß man alle Darb und Ethar, alle
Spuren und Fährten, genau betrachtet, um zu erfahren, ob man einem
Freunde oder einem Feinde begegnet.«

»Hier wirst du keinem Feinde begegnen, Effendi.«

»Das kann man nicht wissen.«

Ich stieg ab. Es waren die Fährten dreier Tiere zu bemerken, eines
Kamels und zweier Pferde. Das erstere war jedenfalls ein Reitkamel, wie
ich an der Zierlichkeit seiner Hufeindrücke bemerkte. Bei genauer
Betrachtung fiel mir eine Eigentümlichkeit der Spuren auf, welche mich
vermuten ließ, daß das eine der Pferde an dem »Hahnentritte« leide.
Dieses mußte meine Verwunderung erregen, da ich mich in einem Lande
befand, dessen Pferdereichtum zur Folge hat, daß man niemals Tiere
reitet, welche mit diesem Übel behaftet sind. Der Besitzer des Rosses
war entweder kein oder ein sehr armer Araber.

Halef lächelte über die Sorgfalt, mit welcher ich den Sand untersuchte,
und fragte, als ich mich wieder emporrichtete:

»Was hast du gesehen, Sihdi?«

»Es waren zwei Pferde und ein Kamel.«

»Zwei Pferde und ein Dschemmel! Allah segne deine Augen; ich habe ganz
dasselbe gesehen, ohne daß ich von meinem Tiere zu steigen brauchte. Du
willst ein Taleb sein, ein Gelehrter, und thust doch Dinge, über welche
ein Hamahr, ein Eselstreiber, lachen würde. Was hilft dir nun der Schatz
des Wissens, den du hier gehoben hast?«

»Ich weiß nun zunächst, daß die drei Reiter vor ungefähr vier Stunden
hier vorübergekommen sind.«

»Wer giebt dir etwas für diese Weisheit? Ihr Männer aus dem Belad er
Rumi, aus Europa, seid sonderbare Leute!«

Er schnitt bei diesen Worten ein Gesicht, von welchem ich das tiefste
Mitleid lesen konnte, doch zog ich es vor, schweigend unsern Weg
fortzusetzen.

Wir folgten der Fährte wohl eine Stunde lang, bis wir da, wo das Wadi
eine Krümmung machte und wir nun um eine Ecke bogen, unwillkürlich
unsere Pferde anhielten. Wir sahen drei Geier, welche nicht weit vor uns
hinter einer Sanddüne hockten und sich bei unserem Anblick mit heiseren
Schreien in die Lüfte erhoben.

»El Büdj, der Bartgeier,« meinte Halef. »Wo er ist, da giebt es ganz
sicher ein Aas.«

»Es wird dort irgend ein Tier verendet sein,« antwortete ich, indem ich
ihm folgte.

Er hatte sein Pferd rascher vorwärts getrieben, so daß ich hinter ihm
zurückgeblieben war. Kaum hatte er die Düne erreicht, so hielt er mit
einem Rucke still und stieß einen Ruf des Schreckens aus.

»Masch Allah, Wunder Gottes! Was ist das? Ist das nicht ein Mensch,
Sihdi, welcher hier liegt?«

Ich mußte allerdings bejahend antworten. Es war wirklich ein Mann,
welcher hier lag, und an dessen Leichnam die Geier ihr schauderhaftes
Mahl gehalten hatten. Schnell sprang ich vom Pferde und kniete bei ihm
nieder. Seine Kleidung war von den Krallen der Vögel zerfetzt. Aber
lange konnte dieser Unglückliche noch nicht tot sein, wie ich bei der
Berührung sofort fühlte.

»Allah kerihm, Gott ist gnädig! Sihdi, ist dieser Mann eines natürlichen
Todes gestorben?« fragte Halef.

»Nein. Siehst du nicht die Wunde am Halse und das Loch am Hinterhaupte?
Er ist ermordet worden.«

»Allah verderbe den Menschen, der dies gethan hat! Oder sollte der Tote
in einem ehrlichen Kampfe gefallen sein?«

»Was nennst du ehrlichen Kampf? Vielleicht ist er das Opfer einer
Blutrache. Wir wollen seine Kleider untersuchen.«

Halef half dabei. Wir fanden nicht das Geringste, bis mein Blick auf die
Hand des Toten fiel. Ich bemerkte einen einfachen Goldreif von der
gewöhnlichen Form der Trauringe und zog ihn ab. In seine innere Seite
war klein, aber deutlich eingegraben: #»E. P. 15. juillet 1830.«#

»Was findest du?« fragte Halef.

»Dieser Mann ist kein Ibn Arab[5].«

    [5] Araber.

»Was sonst?«

»Ein Franzose.«

»Ein Franke, ein Christ? Woran willst du dies erkennen?«

»Wenn ein Christ sich ein Weib nimmt, so tauschen beide je einen Ring,
in welchem der Name und der Tag eingegraben ist, an dem die Ehe
geschlossen wurde.«

»Und dies ist ein solcher Ring?«

»Ja.«

»Aber woran erkennst du, daß dieser Tote zu dem Volke der Franken
gehört? Er könnte doch ebenso gut von den Inglis[6] oder den Nemsi[7]
stammen, zu denen auch du gehörst.«

    [6] Engländer.

    [7] Deutschen.

»Es sind französische Zeichen, welche ich hier lese.«

»Er kann dennoch zu einem anderen Volke gehören. Meinst du nicht,
Effendi, daß man einen Ring finden oder auch stehlen kann?«

»Das ist wahr. Aber sieh das Hemde, welches er unter seiner Kleidung
trägt. Es ist dasjenige eines Europäers.«

»Wer hat ihn getötet?«

»Seine beiden Begleiter. Siehst du nicht, daß der Boden hier aufgewühlt
ist vom Kampfe? Bemerkst du nicht, daß – – –«

Ich hielt mitten im Satze inne. Ich hatte mich aus meiner knieenden
Stellung erhoben, um den Erdboden zu untersuchen, und fand nicht weit
von der Stelle, an welcher der Tote lag, den Anfang einer breiten
Blutspur, welche sich seitwärts zwischen die Felsen zog. Ich folgte ihr
mit schußbereitem Gewehre, da die Mörder sich leicht noch in der Nähe
befinden konnten. Noch war ich nicht weit gegangen, so stieg mit lautem
Flügelschlage ein Geier empor und ich bemerkte an dem Orte, von welchem
er sich erhoben hatte, ein Kamel liegen. Es war tot; in seiner Brust
klaffte eine tiefe, breite Wunde. Halef schlug die Hände bedauernd
ineinander.

»Ein graues Hedjihn, ein graues Tuareg-Hedjihn, und diese Mörder, diese
Schurken, diese Hunde haben es getötet!«

Es war klar, er bedauerte das prächtige Reittier viel mehr als den toten
Franzosen. Als echter Sohn der Wüste, dem der geringste Gegenstand
kostbar werden kann, bückte er sich nieder und untersuchte den Sattel
des Kameles. Er fand nichts; die Taschen waren leer.

»Die Mörder haben bereits alles hinweggenommen, Sihdi. Mögen sie in alle
Ewigkeit in der Dschehennah braten. Nichts, gar nichts haben sie
zurückgelassen, als das Kamel – und die Papiere, welche dort im Sande
liegen.«

Durch diese Worte aufmerksam gemacht, bemerkte ich in einer Entfernung
von uns allerdings einige mit den Händen zusammengeballte und wohl als
unnütz weggeworfene Papierstücke. Sie konnten mir vielleicht einen
Anhaltspunkt bieten, und ich ging, um sie aufzuheben. Es waren mehrere
Zeitungsbogen. Ich glättete die zusammengeknitterten Fetzen und paßte
sie genau aneinander. Ich hatte zwei Seiten der #»Vigie algérienne«# und
ebenso viel vom #»L’Indépendant«# und der #»Mahouna«# in den Händen. Das
erste Blatt erscheint in Algier, das zweite in Constantine und das
dritte in Guelma. Trotz dieser örtlichen Verschiedenheit bemerkte ich
bei näherer Prüfung eine mir auffällige Übereinstimmung bezüglich des
Inhaltes der drei Zeitungsfetzen: Sie enthielten nämlich alle drei einen
Bericht über die Ermordung eines reichen französischen Kaufmannes in
Blidah. Des Mordes dringend verdächtig war ein armenischer Händler,
welcher die Flucht ergriffen hatte und steckbrieflich verfolgt wurde.
Die Beschreibung seiner Person stimmte in allen drei Journalen ganz
wörtlich überein.

Aus welchem Grunde hatte der Tote, welchem dieses Kamel gehörte, diese
Blätter bei sich geführt? Ging ihn der Fall persönlich etwas an? War er
ein Verwandter des Kaufmanns in Blidah, war er der Mörder, oder war er
ein Polizist, der die Spur des Verbrechers verfolgt hatte?

Ich nahm die Papiere an mich, wie ich auch den Ring an meinen Finger
gesteckt hatte, und kehrte mit Halef zu der Leiche zurück. Über ihr
schwebten beharrlich die Geier, welche sich nun nach unserer Entfernung
auf das Kamel niederließen.

»Was gedenkest du nun zu thun, Sihdi?« fragte der Diener.

»Es bleibt uns nichts übrig, als den Mann zu begraben.«

»Willst du ihn in die Erde scharren?«

»Nein; dazu fehlen uns die Werkzeuge. Wir errichten einen Steinhaufen
über ihm; so wird kein Tier zu ihm gelangen können.«

»Und du denkst wirklich, daß er ein Giaur ist?«

»Er ist ein Christ.«

»Es ist möglich, daß du dich dennoch irrst, Sihdi; er kann trotzdem auch
ein Rechtgläubiger sein. Darum erlaube mir eine Bitte!«

»Welche?«

»Laß uns ihn so legen, daß er mit dem Gesichte nach Mekka blickt!«

»Ich habe nichts dagegen, denn dann ist es zugleich nach Jerusalem
gerichtet, wo der Weltheiland litt und starb. Greife an!«

Es war ein trauriges Werk, welches wir in der tiefen Einsamkeit
vollendeten. Als der Steinhaufen, welcher den Unglücklichen bedeckte, so
hoch war, daß er der Leiche vollständigen Schutz gegen die Tiere der
Wüste gewährte, fügte ich noch so viel hinzu, daß er die Gestalt eines
Kreuzes bekam, und faltete dann die Hände, um ein Gebet zu sprechen. Als
ich damit geendet hatte, wandte Halef sein Auge gegen Morgen, um mit der
hundertundzwölften Sure des Korans zu beginnen:

»Im Namen des allbarmherzigen Gottes! Sprich: Gott ist der einzige und
ewige Gott. Er zeugt nicht und ist nicht gezeugt, und kein Wesen ist ihm
gleich. Der Mensch liebt das dahineilende Leben und lässet das
zukünftige unbeachtet. Deine Abreise aber ist gekommen, und nun wirst du
hingetrieben zu deinem Herrn, der dich auferwecken wird zum neuen Leben.
Möge dann die Zahl deiner Sünden klein sein und die Zahl deiner guten
Thaten so groß wie der Sand, auf dem du einschliefst in der Wüste!«

Nach diesen Worten bückte er sich nieder, um seine Hände, die er mit der
Leiche verunreinigt hatte, mit dem Sande abzuwaschen.

»So, Sihdi, jetzt bin ich wieder tahir, was die Kinder Israel kauscher
nennen, und darf wieder berühren, was rein und heilig ist. Was thun wir
jetzt?«

»Wir eilen den Mördern nach, um sie einzuholen.«

»Willst du sie töten?«

»Ich bin ihr Richter nicht. Ich werde mit ihnen sprechen und dann
erfahren, warum sie ihn getötet haben. Dann weiß ich, was ich thun
werde.«

»Es können keine klugen Männer sein, sonst hätten sie nicht ein Hedjihn
getötet, welches mehr wert ist, als ihre Pferde.«

»Das Hedjihn hätte sie vielleicht verraten. Hier siehst du ihre Spur.
Vorwärts! Sie sind fünf Stunden vor uns; vielleicht treffen wir morgen
auf sie, noch ehe sie Seddada erreichen.«

Wir jagten trotz der drückenden Hitze und des schwierigen, felsigen
Bodens mit einer Eile dahin, als ob es gelte, Gazellen einzuholen, und
es war dabei ganz unmöglich, ein Gespräch zu führen. Diese
Schweigsamkeit aber konnte mein guter Halef unmöglich lange aushalten.

»Sihdi,« rief er hinter mir, »Sihdi, willst du mich verlassen?«

Ich drehte mich nach ihm um.

»Verlassen?«

»Ja. Meine Stute hat ältere Beine als dein Berberhengst.«

Wirklich triefte die alte Hassi-Ferdschahn-Stute bereits von Schweiß,
und der Schaum flog ihr in großen Flocken von dem Maule.

»Aber wir können heute nicht wie gewöhnlich während der größten Hitze
Rast machen, sondern wir müssen reiten bis zur Nacht, sonst holen wir
die beiden, welche vor uns sind, nicht ein.«

»Wer zu viel eilt, kommt auch nicht früher als der, welcher langsam
reitet, Effendi, denn – Allah akbar, blicke da hinunter!«

Wir befanden uns vor einem jähen Sturze des Wadi und sahen in der
Entfernung von vielleicht einer Viertelwegsstunde unter uns zwei Reiter
oder vielmehr zwei Männer an einer kleinen Sobha[8] sitzen, in welcher
sich einiges brackige Wasser erhalten hatte. Ihre Pferde knabberten an
den dürren, stacheligen Mimosen herum, welche in der Nähe standen.

    [8] Lache.

»Ah, sie sind es!«

»Ja, Sihdi, sie sind es. Auch ihnen ist es zu heiß gewesen, und sie
haben beschlossen, zu warten, bis die größte Glut vorüber ist.«

»Oder sie haben sich verweilt, um die Beute zu teilen. Zurück, Halef,
zurück, damit sie dich nicht bemerken! Wir werden das Wadi verlassen und
ein wenig nach West reiten, um zu thun, als ob wir vom Schott Rharsa
kämen.«

»Warum, Effendi?«

»Sie sollen nicht ahnen, daß wir die Leiche des Ermordeten gefunden
haben.«

Unsere Pferde erklommen das Ufer des Wadi, und wir ritten stracks nach
Westen in die Wüste hinein. Dann schlugen wir einen Bogen und hielten
auf die Stelle zu, an welcher sich die beiden befanden. Sie konnten uns
nicht kommen sehen, da sie in der Tiefe des Wadi saßen, mußten uns aber
hören, als wir demselben nahe gekommen waren.

Wirklich hatten sie sich, als wir den Rand der Vertiefung erreichten,
bereits erhoben und nach ihren Gewehren gegriffen. Ich that natürlich,
als sei ich ebenso überrascht wie sie selbst, hier in der Einsamkeit der
Wüste so plötzlich auf Menschen zu treffen, hielt es jedoch nicht für
nötig, nach meiner Büchse zu langen.

»Salam aaleïkum!« rief ich, mein Pferd anhaltend, zu ihnen hinab.

»Aaleïkum,« antwortete der ältere von ihnen. »Wer seid ihr?«

»Wir sind friedliche Reiter.«

»Wo kommt ihr her?«

»Von Westen.«

»Und wo wollt ihr hin?«

»Nach Seddada.«

»Von welchem Stamme seid ihr?«

Ich deutete auf Halef und antwortete:

»Dieser hier stammt aus der Ebene Admar, und ich gehöre zu den
Beni-Sachsa. Wer seid ihr?«

»Wir sind von dem berühmten Stamme der Uëlad Hamalek.«

»Die Uëlad Hamalek sind gute Reiter und tapfere Krieger. Wo kommt ihr
her?«

»Von Gafsa.«

»Da habt ihr eine weite Reise hinter euch. Wohin wollt ihr?«

»Nach dem Bir[9] Sauidi, wo wir Freunde haben.«

    [9] Brunnen.

Beides, daß sie von Gafsa kamen und nach dem Brunnen Sauidi wollten, war
eine Lüge, doch that ich, als ob ich ihren Worten glaubte, und fragte:

»Erlaubt ihr uns, bei euch zu rasten?«

»Wir bleiben hier bis zum frühen Morgen,« lautete die Antwort, welche
also für meine Frage weder ein Ja noch ein Nein enthielt.

»Auch wir gedenken, bis zum Aufgang der nächsten Sonne hier auszuruhen.
Ihr habt genug Wasser für uns alle und auch für unsere Pferde. Dürfen
wir bei euch bleiben?«

»Die Wüste gehört allen. Marhaba, du sollst uns willkommen sein!«

Es war ihnen trotz dieses Bescheides leicht anzusehen, daß ihnen unser
Gehen lieber gewesen wäre, als unser Bleiben; wir aber ließen unsere
Pferde den Abhang hinunter klettern und stiegen an dem Wasser ab, wo wir
sofort ungeniert Platz nahmen.

Die beiden Physiognomien, welche ich nun studieren konnte, waren
keineswegs Vertrauen erweckend. Der ältere, welcher bisher das Wort
geführt hatte, war lang und hager gebaut. Der Burnus hing ihm am Leibe
wie an einer Vogelscheuche. Unter dem schmutzig blauen Turban blickten
zwei kleine, stechende Augen unheimlich hervor; über den schmalen,
blutleeren Lippen fristete ein dünner Bart ein kümmerliches Dasein; das
spitze Kinn zeigte eine auffallende Neigung, nach oben zu steigen, und
die Nase, ja, diese Nase erinnerte mich lebhaft an die Geier, welche ich
vor kurzer Zeit von der Leiche des Ermordeten vertrieben hatte. Das war
keine Adler- und auch keine Habichtsnase; sie hatte wirklich die Form
eines Geierschnabels.

Der andere war ein junger Mann von auffallender Schönheit; aber die
Leidenschaften hatten sein Auge umflort, seine Nerven entkräftet und
seine Stirn und Wangen zu früh gefurcht. Man konnte unmöglich Vertrauen
zu ihm haben.

Der ältere sprach das Arabische mit jenem Accente, wie man es am Euphrat
spricht, und der jüngere ließ mich vermuten, daß er kein Orientale
sondern ein Europäer sei. Ihre Pferde, welche in der Nähe standen, waren
schlecht und sichtlich abgetrieben; ihre Kleidung hatte ein sehr
mitgenommenes Aussehen, aber ihre Waffen waren ausgezeichnet. Da, wo sie
vorhin gesessen, lagen verschiedene Gegenstände, welche sonst in der
Wüste selten sind und wohl nur deshalb liegen geblieben waren, weil die
beiden keine Zeit gefunden hatten, sie zu verbergen: ein seidenes
Taschentuch, eine goldene Uhr nebst Kette, ein Kompaß, ein prachtvoller
Revolver und ein in Maroquin gebundenes Taschenbuch.

Ich that, als ob ich diese Gegenstände gar nicht bemerkt hätte, nahm aus
der Satteltasche eine Handvoll Datteln und begann, dieselben mit
gleichgültiger und zufriedener Miene zu verzehren.

»Was wollt ihr in Seddada?« fragte mich der Lange.

»Nichts. Wir gehen weiter.«

»Wohin?«

»Über den Schott Dscherid nach Fetnassa und Kbilli.«

Ein unbewachter Blick, den er auf seinen Gefährten warf, sagte mir, daß
ihr Weg der nämliche sei. Dann fragte er weiter:

»Hast du Geschäfte in Fetnassa oder Kbilli?«

»Ja.«

»Du willst deine Herden dort verkaufen?«

»Nein.«

»Oder deine Sklaven?«

»Nein.«

»Oder vielleicht die Waren, die du aus dem Sudan kommen lässest?«

»Nein.«

»Was sonst?«

»Nichts. Ein Sohn meines Stammes treibt mit Fetnassa keinen Handel.«

»Oder willst du dir ein Weib dort holen?«

Ich improvisierte eine sehr zornige Miene.

»Weißt du nicht, daß es eine Beleidigung ist, zu einem Manne von seinem
Weibe zu sprechen! Oder bist du ein Giaur, daß du dieses nicht erfahren
hast?«

Wahrhaftig, der Mann erschrak förmlich, und ich begann in Folge dessen
die Vermutung zu hegen, daß ich mit meinen Worten das Richtige getroffen
hatte. Er hatte ganz und gar nicht die Physiognomie eines Beduinen;
Gesichter, wie das seinige, waren mir vielmehr bei Männern von
armenischer Herkunft aufgefallen und – – ah, war es nicht ein
armenischer Händler, der den Kaufmann in Blidah ermordet hatte und
dessen Steckbrief ich in der Tasche trug? Ich hatte mir nicht die Zeit
genommen, den Steckbrief, wenigstens das Signalement, aufmerksam
durchzulesen. Während mir diese Gedanken blitzschnell durch den Kopf
gingen, fiel mein Blick nochmals auf den Revolver. An seinem Griff
befand sich eine silberne Platte, in welche ein Name eingraviert war.

»Erlaube mir!«

Zu gleicher Zeit mit dieser Bitte griff ich nach der Waffe und las:
#»Paul Galingré, Marseille.«# Das war ganz sicher nicht der Name der
Fabrik, sondern des Besitzers. Ich verriet aber mein Interesse durch
keine Miene, sondern fragte leichthin:

»Was ist das für eine Waffe?«

»Ein – ein – – ein Drehgewehr.«

»Magst du mir zeigen, wie man mit ihm schießt?«

Er erklärte es mir. Ich hörte ihm sehr aufmerksam zu und meinte dann:

»Du bist kein Uëlad Hamalek, sondern ein Giaur.«

»Warum?«

»Siehe, daß ich recht geraten habe! Wärest du ein Sohn des Propheten, so
würdest du mich niederschießen, weil ich dich einen Giaur nannte. Nur
die Ungläubigen haben Drehgewehre. Wie soll diese Waffe in die Hände
eines Uëlad Hamalek gekommen sein! Ist sie ein Geschenk?«

»Nein.«

»So hast du sie gekauft?«

»Nein.«

»Dann war sie eine Beute?«

»Ja.«

»Von wem?«

»Von einem Franken.«

»Mit dem du kämpftest?«

»Ja.«

»Wo?«

»Auf dem Schlachtfelde.«

»Auf welchem?«

»Bei El Guerara.«

»Du lügst!«

Jetzt riß ihm doch endlich die Geduld. Er erhob sich und griff nach dem
Revolver.

»Was sagst du? Ich lüge? Soll ich dich niederschießen wie – – –«

Ich fiel ihm in die Rede:

»Wie den Franken da oben im Wadi Tarfaui!«

Die Hand, welche den Revolver hielt, sank wieder nieder, und eine fahle
Blässe bedeckte das Gesicht des Mannes. Doch raffte er sich zusammen und
fragte drohend:

»Was meinst du mit diesen Worten?«

Ich langte in meine Tasche, zog die Zeitungen heraus und that einen
Blick in die Blätter, um den Namen des Mörders zu finden.

»Ich meine, daß du ganz gewiß kein Uëlad Hamalek bist. Dein Name ist mir
sehr bekannt; er lautet Hamd el Amasat.«

Jetzt fuhr er zurück und streckte beide Hände wie zur Abwehr gegen mich
aus.

»Woher kennst du mich?«

»Ich kenne dich; das ist genug.«

»Nein, du kennst mich nicht; ich heiße nicht so, wie du sagtest; ich bin
ein Uëlad Hamalek, und wer das nicht glaubt, den schieße ich nieder!«

»Wem gehören diese Sachen?«

»Mir.«

Ich ergriff das Taschentuch. Es war mit »#P. G.#« gezeichnet. Ich
öffnete die Uhr und fand auf der Innenseite des Deckels ganz dieselben
Buchstaben eingraviert.

»Woher hast du sie?«

»Was geht es dich an? Lege sie von dir!«

Anstatt ihm zu gehorchen, öffnete ich auch das Notizbuch. Auf dem ersten
Blatte desselben las ich den Namen Paul Galingré; der Inhalt aber war
stenographiert, und ich kann Stenographie nicht lesen.

»Weg mit dem Buche, sage ich dir!«

Bei diesen Worten schlug er mir dasselbe aus der Hand, so daß es in die
Lache flog. Ich erhob mich, um den Versuch zu machen, es zu retten,
fand aber jetzt doppelten Widerstand, da sich nun auch der jüngere der
beiden Männer zwischen mich und das Wasser stellte.

Halef hatte dem Wortwechsel bisher scheinbar gleichgültig zugehört, aber
ich sah, daß sein Finger an dem Drücker seiner langen Flinte lag. Es
bedurfte nur eines Winkes von mir, um ihn zum Schusse zu bringen. Ich
bückte mich, um auch den Kompaß noch aufzunehmen.

»Halt; das ist mein! Gieb diese Sachen heraus!« rief der Gegner.

Er faßte meinen Arm, um seinen Worten Nachdruck zu geben; ich aber sagte
so ruhig wie möglich:

»Setze dich wieder nieder! Ich habe mit dir zu reden.«

»Ich habe mit dir nichts zu schaffen!«

»Aber ich mit dir. Setze dich, wenn ich dich nicht niederschießen soll!«

Diese Drohung schien doch nicht ganz unwirksam zu sein. Er ließ sich
wieder zur Erde nieder, und ich that ganz dasselbe. Dann zog ich meinen
Revolver und begann:

»Siehe, daß ich auch ein solches Drehgewehr habe! Lege das deinige weg,
sonst geht das meinige los!«

Er legte die Waffe langsam neben sich hin aus der Hand, hielt sich aber
zum augenblicklichen Griffe bereit.

»Du bist kein Uëlad Hamalek?«

»Ich bin einer.«

»Du kommst nicht von Gafsa?«

»Ich komme von dort.«

»Wie lange Zeit reitest du bereits im Wadi Tarfaui?«

»Was geht es dich an!«

»Es geht mich sehr viel an. Da oben liegt die Leiche eines Mannes, den
du ermordet hast.«

Ein böser Zug durchzuckte sein Gesicht.

»Und wenn ich es gethan hätte, was hättest du darüber zu sagen?«

»Nicht viel; nur einige Worte.«

»Welche?«

»Wer war der Mann?«

»Ich kenne ihn nicht.«

»Warum hast du ihn und sein Kamel getötet?«

»Weil es mir so gefiel.«

»War er ein Rechtgläubiger?«

»Nein. Er war ein Giaur.«

»Du hast genommen, was er bei sich trug?«

»Sollte ich es bei ihm liegen lassen?«

»Nein, denn du hattest es für mich aufzuheben.«

»Für dich – –?«

»Ja.«

»Ich verstehe dich nicht.«

»Du sollst mich verstehen. Der Tote war ein Giaur; ich bin auch ein
Giaur und werde sein Rächer sein.«

»Sein Bluträcher?«

»Nein; wenn ich das wäre, so hättest du bereits aufgehört, zu leben. Wir
sind in der Wüste, wo kein Gesetz gilt als nur das des Stärkeren. Ich
will nicht erproben, wer von uns der Stärkere ist; ich übergebe dich der
Rache Gottes, des Allwissenden, der alles sieht und keine That
unvergolten läßt; aber das Eine sage ich dir, und das magst du dir wohl
merken: du giebst alles heraus, was du dem Toten abgenommen hast.«

Er lächelte überlegen.

»Meinst du wirklich, daß ich dieses thue?«

»Ich meine es.«

»So nimm dir, was du haben willst!«

Er zuckte mit der Hand, um nach dem Revolver zu greifen; schnell aber
hielt ich ihm die Mündung des meinigen entgegen.

»Halt, oder ich schieße!«

Es war jedenfalls eine sehr eigentümliche Situation, in der ich mich
befand. Glücklicherweise aber schien mein Gegner mehr Verschlagenheit
als Mut zu besitzen. Er zog die Hand wieder zurück und schien
unentschlossen zu werden.

»Was willst du mit den Sachen thun?«

»Ich werde sie den Verwandten des Toten zurückgeben.«

Es war fast eine Art von Mitleid, mit der er mich jetzt fixierte.

»Du lügst. Du willst sie für dich behalten!«

»Ich lüge nicht.«

»Und was wirst du gegen mich unternehmen?«

»Jetzt nichts; aber hüte dich, mir jemals wieder zu begegnen!«

»Du reitest wirklich von hier nach Seddada?«

»Ja.«

»Und wenn ich dir die Sachen gebe, wirst du mich und meinen Gefährten
ungehindert nach dem Bir Sauidi gehen lassen?«

»Ja.«

»Du versprichst es mir?«

»Ja.«

»Beschwöre es!«

»Ein Giaur schwört nie; sein Wort ist auch ohne Schwur die Wahrheit.«

»Hier, nimm das Drehgewehr, die Uhr, den Kompaß und das Tuch.«

»Was hatte er noch bei sich?«

»Nichts.«

»Er hatte Geld.«

»Das werde ich behalten.«

»Ich habe nichts dagegen; aber gieb mir den Beutel oder die Börse, in
der es sich befand.«

»Du sollst sie haben.«

Er griff in seinen Gürtel und zog eine gestickte Perlenbörse hervor, die
er leerte und mir dann entgegen reichte.

»Weiter hatte er nichts bei sich?«

»Nein. Willst du mich aussuchen?«

»Nein.«

»So können wir gehen?«

»Ja.«

Er schien sich jetzt doch leichter zu fühlen als vorhin; sein Begleiter
aber war ganz sicher ein furchtsamer Mensch, der sehr froh war, auf
diese Weise davonzukommen. Sie nahmen ihre Habseligkeiten zusammen und
bestiegen ihre Pferde.

»Salam aaleïkum, Friede sei mit euch!«

Ich antwortete nicht, und sie nahmen diese Unhöflichkeit sehr
gleichgültig hin. In wenigen Augenblicken waren sie hinter dem Rande des
Wadiufers verschwunden.

Halef hatte bis jetzt kein einziges Wort gesprochen; nun brach er sein
Schweigen.

»Sihdi!«

»Was?«

»Darf ich dir etwas sagen?«

»Ja.«

»Kennst du den Strauß?«

»Ja.«

»Weißt du, wie er ist?«

»Nun?«

»Dumm, sehr dumm.«

»Weiter!«

»Verzeihe mir, Effendi, aber du kommst mir noch schlimmer vor, als der
Strauß.«

»Warum?«

»Weil du diese Schurken laufen lässest.«

»Ich kann sie nicht halten und auch nicht töten.«

»Warum nicht? Hätten sie einen Rechtgläubigen ermordet, so kannst du
dich darauf verlassen, daß ich sie zum Scheïtan, zum Teufel, geschickt
hätte. Da es aber ein Giaur war, so ist es mir sehr gleichgültig, ob sie
Strafe finden oder nicht. Du aber bist ein Christ und lässest die Mörder
eines Christen entkommen!«

»Wer sagt dir, daß sie entkommen werden?«

»Sie sind ja bereits fort! Sie werden den Bir Sauidi erreichen und von
da nach Debila und El Uëd gehen, um in der Areg[10] zu verschwinden.«

    [10] Region der Dünen.

»Das werden sie nicht.«

»Was sonst? Sie sagten ja, daß sie nach Bir Sauidi gehen werden.«

»Sie logen. Sie werden nach Seddada gehen.«

»Wer sagte es dir?«

»Meine Augen.«

»Allah segne deine Augen, mit denen du die Tapfen im Sande betrachtest.
So wie du kann nur ein Ungläubiger handeln. Aber ich werde dich schon
noch zum rechten Glauben bekehren; darauf kannst du dich verlassen, du
magst nun wollen oder nicht!«

»Dann nenne ich mich einen Pilger, ohne in Mekka gewesen zu sein.«

»Sihdi – –! Du hast mir ja versprochen, das nicht zu sagen!«

»Ja, so lange du mich nicht bekehren willst.«

»Du bist der Herr, und ich muß es mir gefallen lassen. Aber, was thun
wir jetzt?«

»Wir sorgen zunächst für unsere Sicherheit. Hier können wir leicht von
einer Kugel getroffen werden. Wir müssen uns überzeugen, ob diese beiden
Schurken auch wirklich fort sind.«

Ich erstieg den Rand der Schlucht und sah allerdings die zwei Reiter in
bereits sehr großer Entfernung von uns auf Südwest zuhalten. Halef war
mir gefolgt.

»Dort reiten sie,« meinte er. »Das ist die Richtung nach Bir Sauidi.«

»Wenn sie sich weit genug entfernt haben, werden sie sich nach Osten
wenden.«

»Sihdi, dein Gehirn dünkt mir schwach. Wenn sie dies thäten, müßten sie
uns ja wieder in die Hände kommen!«

»Sie meinen, daß wir erst morgen aufbrechen, und glauben also, einen
guten Vorsprung vor uns zu erlangen.«

»Du rätst und wirst doch das Richtige nicht treffen.«

»Meinst du? Sagte ich dir nicht da oben, daß eines ihrer Pferde den
Hahnentritt habe?«

»Ja, das sah ich, als sie davonritten.«

»So werde ich auch jetzt recht haben, wenn ich sage, daß sie nach
Seddada gehen.«

»Warum folgen wir ihnen nicht sofort?«

»Wir kämen ihnen sonst zuvor, da wir den geraden Weg haben; dann würden
sie auf unsere Spur stoßen und sich hüten, mit uns wieder
zusammenzutreffen.«

»Laß uns also wieder zum Wasser gehen und ruhen, bis es Zeit zum
Aufbruch ist.«

Wir stiegen wieder hinab. Ich streckte mich auf meine am Boden
ausgebreitete Decke aus, zog das Ende meines Turbans als Lischam[11]
über das Gesicht und schloß die Augen, nicht um zu schlafen, sondern um
über unser letztes Abenteuer nachzudenken. Aber wer vermag es, in der
fürchterlichen Glut der Sahara seine Gedanken längere Zeit mit einer an
sich schon unklaren Sache zu beschäftigen? Ich schlummerte wirklich ein
und mochte über zwei Stunden geschlafen haben, als ich wieder erwachte.
Wir brachen auf.

    [11] Gesichtsschleier.

Das Wadi Tarfaui mündet in den Schott Rharsa; wir mußten es also nun
verlassen, wenn wir, nach Osten zu, Seddada erreichen wollten. Nach
Verlauf von vielleicht einer Stunde trafen wir auf die Spur zweier
Pferde, welche von West nach Ost führte.

»Nun, Halef, kennst du diese Ethar, diese Fährte?«

»Masch Allah, du hattest recht, Sihdi! Sie gehen nach Seddada.«

Ich stieg ab und untersuchte die Eindrücke.

»Sie sind erst vor einer halben Stunde hier vorübergekommen. Laß uns
langsamer reiten, sonst sehen sie uns hinter sich.«

Die Ausläufer des Dschebel Tarfaui senkten sich allmählich in die Ebene
hernieder, und als die Sonne unterging und nach kurzer Zeit der Mond
emporstieg, sahen wir Seddada zu unsern Füßen liegen.

»Reiten wir hinab?« fragte Halef.

»Nein. Wir schlafen unter den Oliven dort am Abhange des Berges.«

Wir bogen ein wenig von unserer Richtung ab und fanden unter den
Ölbäumen einen prächtigen Platz zum Bivouac. Wir waren beide an das
heulende Bellen des Schakal, an das Gekläffe des Fennek und an die
tieferen Töne der schleichenden Hyäne gewöhnt und ließen uns von diesen
nächtlichen Lauten nicht im Schlafe stören. Als wir erwachten, war es
mein erstes, die gestrige Fährte wieder aufzusuchen. Ich war überzeugt,
daß sie mir hier in der Nähe eines bewohnten Ortes nicht mehr von
Nutzen sein werde, fand aber zu meiner Überraschung, daß sie nicht nach
Seddada führte, sondern nach Süden bog.

»Warum gingen sie nicht hernieder?« fragte Halef.

»Um sich nicht sehen zu lassen. Ein verfolgter Mörder muß vorsichtig
sein.«

»Aber wohin gehen sie denn?«

»Jedenfalls nach Kris, um über den Dscherid zu reiten. Dann haben sie
Algerien hinter sich und sind in leidlicher Sicherheit.«

»Wir sind doch bereits in Tunis. Die Grenze geht vom Bir el Khalla zum
Bir el Tam über den Schott Rharsa.«

»Das kann solchen Leuten noch nicht genügen. Ich wette, daß sie über
Fezzan nach Kufarah gehen, denn erst dort sind sie vollständig sicher.«

»Sie sind auch hier bereits sicher, wenn sie ein Bu-djeruldu[12] des
Sultans haben.«

    [12] Legitimation, Reisepaß.

»Das würde ihnen einem Konsul oder Polizei-Agenten gegenüber nicht viel
nützen.«

»Meinst du? Ich möchte es Keinem raten, gegen das mächtige #»Giölgeda
padischahnün«#[13] zu sündigen!«

    [13] Wörtlich: »Im Schatten des Padischa.«

»Du sprichst so, trotzdem du ein freier Araber sein willst?«

»Ja. Ich habe in Ägypten gesehen, was der Großherr vermag; aber in der
Wüste fürchte ich ihn nicht. Werden wir jetzt nach Seddada gehen?«

»Ja, um Datteln zu kaufen und einmal gutes Wasser zu trinken. Dann aber
setzen wir den Weg fort.«

»Nach Kris?«

»Nach Kris.«

Bereits eine Viertelstunde später hatten wir uns restauriert und
folgten dem Reitwege, welcher von Seddada nach Kris führt. Zu unserer
Linken glänzte die Fläche des Schott Dscherid zu uns herauf, ein
Anblick, den ich vollständig auszukosten suchte.

Die Sahara ist ein großes, noch immer nicht gelöstes Rätsel. Schon seit
Virlet d’Aoust im Jahre 1845 besteht das Projekt, einen Teil der Wüste
in ein Meer und dadurch die anliegenden Gebiete in ein fruchtbares Land
zu verwandeln und so auch die Bewohner dieser Strecken dem Fortschritte
der Civilisation näher zu bringen. Ob aber dieses Projekt ausführbar und
dann auch von den beabsichtigten Erfolgen gekrönt sein wird, darüber
läßt sich noch immer streiten.

Am Fuße des Südabhanges des Dschebel Aures und der östlichen Fortsetzung
dieser Bergmasse, also des Dra el Haua, Dschebel Tarfaui, Dschebel
Situna und Dschebel Hadifa, dehnt sich eine einheitliche unübersehbare,
hier und da leicht gewellte Ebene aus, deren tiefste Stellen mit
Salzkrusten und Salzauswitterungen bedeckt sind, welche als Überreste
einstiger großer Binnengewässer im algerischen Teile den Namen Schott
und im tunesischen Teile den Namen Sobha oder Sebcha führen. Die Grenze
dieses eigentümlichen und hochinteressanten Gebietes bilden im Westen
die Ausläufer des Beni-Mzab-Plateau, im Osten die Landenge von Gabes und
im Süden die Dünenregion von Ssuf und Nifzaua nebst dem langgestreckten
Dschebel Tebaga. Vielleicht ist unter dieser Einsenkung der Golf von
Triton zu verstehen, von welchem uns Herodot, der Vater der
Geschichtschreibung, berichtet.

Außer einer großen Anzahl kleinerer Sümpfe, welche im Sommer
ausgetrocknet sind, besteht dieses Gebiet aus drei größeren Salzseen,
nämlich, von West nach Ost verfolgt, aus den Schotts Melrir, Rharsa und
Dscherid, welch letzterer auch El Kebir genannt zu werden pflegt. Diese
drei Becken bezeichnen eine Zone, deren westliche Hälfte tiefer liegt,
als das Mittelmeer bei Gabes zur Zeit der Ebbe.

Die Einsenkung des Schottgebietes ist heutzutage zum großen Teile mit
Sandmassen angehäuft, und nur in der Mitte der einzelnen Bassins hat
sich eine ziemlich beträchtliche Wassermasse erhalten, welche durch ihr
Aussehen den arabischen Schriftstellern und Reisenden Veranlassung gab,
sie bald mit einem Kampferteppich oder einer Krystalldecke, bald mit
einer Silberplatte oder der Oberfläche geschmolzenen Metalls zu
vergleichen. Dieses Aussehen erhalten die Schotts durch die Salzkruste,
mit der sie bedeckt sind und deren Dicke sehr verschieden ist, so daß
sie zwischen zehn und höchstens zwanzig Centimeter variiert. Nur an
einzelnen Stellen ist es möglich, sich ohne die eminenteste Lebensgefahr
auf sie zu wagen. Wehe dem, der auch nur eine Hand breit von dem
schmalen Pfade abweicht! Die Kruste giebt nach, und der Abgrund
verschlingt augenblicklich sein Opfer. Unmittelbar über dem Kopfe des
Versinkenden schließt sich alsbald die Decke wieder. Die schmalen
Furten, welche über die Salzdecke der Schotts führen, werden besonders
in der Regenzeit höchst gefährlich, indem der Regen die vom Flugsande
überdeckte Kruste bloßlegt und auswäscht.

Das Wasser dieser Schotts ist grün und dickflüssig und bei weitem
salziger als das des Meeres. Ein Versuch, die Tiefe des Abgrundes unter
sich zu messen, würde des Terrains halber zu keinem Resultate führen,
doch darf wohl angenommen werden, daß keiner der Salzmoräste tiefer als
fünfzig Meter ist. Die eigentliche Gefahr bei dem Einbrechen durch die
Salzdecke ist bedingt durch die Massen eines flüssigen, beweglichen
Sandes, welcher unter der fünfzig bis achtzig Centimeter tiefen,
hellgrünen Wasserschicht schwimmt und ein Produkt der Jahrtausende
langen Arbeit des Samums ist, der den Sand aus der Wüste in das Wasser
trieb.

Schon die ältesten arabischen Geographen, wie Ebn Dschobeir, Ebn Batuta,
Obeidah el Bekri, El Istakhri und Omar Ebn el Wardi, stimmen in der
Gefährlichkeit dieser Schotts für die Reisenden überein. Der Dscherid
verschlang schon Tausende von Kamelen und Menschen, welche in seiner
Tiefe spurlos verschwanden. Im Jahre 1826 mußte eine Karawane, welche
aus mehr als tausend Lastkamelen bestand, den Schott überschreiten. Ein
unglücklicher Zufall brachte das Leitkamel, welches an der Spitze des
Zuges schritt, vom schmalen Wege ab. Es verschwand im Abgrunde des
Schott, und ihm folgten alle anderen Tiere, welche rettungslos in der
zähen, seifigen Masse verschwanden. Kaum war die Karawane verschwunden,
so nahm die Salzdecke wieder ihre frühere Gestalt an, und nicht die
kleinste Veränderung, das mindeste Anzeichen verriet den gräßlichen
Unglücksfall. Ein solches Vorkommnis könnte unmöglich erscheinen, aber
um es zu glauben, muß man sich nur vergegenwärtigen, daß jedes Kamel
gewohnt ist, dem voranschreitenden, mit dem es ja meist auch durch
Stricke verbunden ist, blind und unbedingt zu folgen, und daß der Pfad
über die Schotts oft so schmal ist, daß es einem Tiere oder gar einer
Karawane ganz unmöglich wird, wieder umzukehren.

Der Anblick dieser tückischen Flächen, unter denen der Tod lauert,
erinnert an einzelnen Stellen an den bläulich schillernden Spiegel
geschmolzenen Bleies. Die Kruste ist zuweilen hart und durchsichtig wie
Flaschenglas und klingt bei jedem Schritte wie der Boden der Solfatara
in Neapel; meist aber bildet sie eine weiche, breiige Masse, welche
vollständig sicher zu sein scheint, aber doch nur so viele Festigkeit
besitzt, um einen leichten Anflug von Sand zu tragen, bei jeder anderen
Last aber unter derselben zu weichen, um sich über ihr wieder zu
schließen.

Den Führern dienen kleine, auseinander liegende Steine als Wegzeichen.
Früher gab es auf dem Schott El Kebir auch eingesteckte Palmenäste. Der
Ast der Dattelbäume heißt Dscherid, und diesem Umstande hat der Schott
seinen zweiten Namen zu verdanken. Diese Steinhäufchen heißen »Gmaïr«,
und auch sie fehlen an solchen Punkten, wo auf mehrere Meter Länge der
Boden von einer den Pferden bis an die Brust reichenden Wasserfläche
bedeckt wird.

Die Kruste der Schotts bildet übrigens nicht etwa eine einheitliche,
flache Ebene, sondern sie zeigt im Gegenteile Wellen, welche selbst
dreißig Meter Höhe erreichen. Die Kämme dieser Bodenwellen bilden eben
die Furten, welche von den Karawanen benützt werden, und zwischen ihnen,
in den tiefer liegenden Stellen, lauert das Verderben. Doch gerät schon
bei einem mäßigen Winde die Salzdecke in eine schwingende Bewegung und
läßt das Wasser aus einzelnen Öffnungen und Löchern mit der Macht einer
Quelle hervorbrechen. – –

Also diese freundlich glitzernde, aber trügerische Fläche lag zu unserer
Linken, als wir den Weg nach Kris verfolgten, von wo aus eine Furt über
den Schott nach Fetnassa auf der gegenüberliegenden Halbinsel des
Nifzaua führt. Halef streckte die Hand aus und deutete hinab.

»Siehst du den Schott, Sihdi?«

»Ja.«

»Bist du schon einmal über den Schott geritten?«

»Nein.«

»So danke Allah, denn vielleicht wärest du sonst bereits zu deinen
Vätern versammelt! Und wir wollen wirklich hinüber?«

»Allerdings.«

»Bismillah, in Gottes Namen! Mein Freund Sadek wird wohl noch am Leben
sein.«

»Wer ist das?«

»Mein Bruder Sadek ist der berühmteste Führer über den Schott Dscherid;
er hat noch niemals einen falschen Schritt gethan. Er gehört zum Stamme
der Merasig und ward geboren von seiner Mutter in Mui Hamed, lebt aber
mit seinem Sohne, der ein wackerer Krieger ist, in Kris. Er kennt den
Schott wie kein zweiter, und er ist es ganz allein, dem ich dich
anvertrauen möchte, Sihdi. Reiten wir direkt nach Kris?«

»Wie weit haben wir noch bis hin?«

»Ein kleines über eine Stunde.«

»So biegen wir jetzt ab gegen West. Wir müssen sehen, ob wir eine Spur
der Mörder finden.«

»Du meinst wirklich, daß sie auch nach Kris gegangen sind?«

»Auch sie haben jedenfalls im Freien ihr Lager gehalten und werden
bereits vor uns sein, um über den Schott zu gehen.«

Wir verließen den bisherigen Weg und hielten grad nach West. In der Nähe
des Pfades fanden wir viele Spuren, welche wir zu durchschneiden hatten;
dann aber wurden sie weniger zahlreich und hörten endlich ganz auf. Da
schließlich, wo der Reitpfad nach El Hamma führt, erblickte ich die
Fährte zweier Pferde im Sande, und nachdem ich sie gehörig geprüft
hatte, gelangte ich zu der Überzeugung, daß es die gesuchte sei. Wir
folgten ihr bis in die Nähe von Kris, wo sie sich im breiten Wege
verlor. Ich hatte also die Gewißheit, daß sich die Mörder hier befanden.

Halef war nachdenklich geworden.

»Sihdi, soll ich dir etwas sagen?« meinte er.

»Sage es!«

»Es ist doch gut, wenn man im Sande lesen kann.«

»Es freut mich, daß du zur Erkenntnis kommst. Doch, da ist Kris. Wo ist
die Wohnung deines Freundes Sadek?«

»Folge mir!«

Er ritt um den Ort, der aus einigen unter Palmen liegenden Zelten und
Hütten bestand, herum bis zu einer Gruppe von Mandelbäumen, in deren
Schutze eine breite, niedere Hütte lag, aus der bei unserem Anblick ein
Araber trat und meinem kleinen Halef freudig entgegeneilte.

»Sadek, mein Bruder, du Liebling der Kalifen!«

»Halef, mein Freund, du Gesegneter des Propheten!«

Sie lagen einander in den Armen und herzten sich wie ein Liebespaar.

Dann aber wandte sich der Araber zu mir:

»Verzeihe, daß ich dich vergaß! Tretet ein in mein Haus; es ist das
eurige!«

Wir folgten seinem Wunsche. Er war allein und präsentierte uns allerhand
Erfrischungen, denen wir fleißig zusprachen. Jetzt glaubte Halef die
Zeit gekommen, mich seinem Freunde vorzustellen.

»Das ist Kara Ben Nemsi, ein großer Taleb aus dem Abendlande, der mit
den Vögeln redet und im Sande lesen kann. Wir haben schon viele große
Thaten vollbracht; ich bin sein Freund und Diener und soll ihn zum
wahren Glauben bekehren.«

Der brave Mensch hatte mich einmal nach meinem Namen gefragt und
wirklich das Wort Karl im Gedächtnisse behalten. Da er es aber nicht
auszusprechen vermochte, so machte er rasch entschlossen ein Kara daraus
und setzte Ben Nemsi, Nachkomme der Deutschen, hinzu. Wo ich mit den
Vögeln geredet hatte, konnte ich mich leider nicht entsinnen; jedenfalls
sollte mich diese Behauptung ebenbürtig an die Seite des weisen Salomo
stellen, der ja auch die Gabe gehabt haben soll, mit den Tieren zu
sprechen. Auch von den großen Thaten, die wir vollbracht haben sollten,
wußte ich weiter nichts, als daß ich einmal im Gestrüppe hängen
geblieben und dabei gemächlich von meinem kleinen Berbergaule gerutscht
war, der diese Gelegenheit dann benutzte, einmal mit mir Haschens zu
spielen. Der Glanzpunkt der Halef’schen Diplomatik war nun allerdings
die Behauptung, daß ich mich von ihm bekehren lassen wolle. Er verdiente
dafür eine Zurechtweisung; daher fragte ich Sadek:

»Kennst du den ganzen Namen deines Freundes Halef?«

»Ja.«

»Wie lautet er?«

»Er lautet Hadschi Halef Omar.«

»Das ist nicht genug. Er lautet Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul
Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah. Du hörst also, daß er zu einer
frommen, verdienstvollen Familie gehört, deren Glieder alle Hadschi
waren, obgleich – – –«

»Sihdi,« unterbrach mich Halef mit einer ganz unbeschreiblichen
Pantomime des Schreckens, »sprich nicht von den Verdiensten deines
Dieners! Du weißt, daß ich dir stets gern gehorchen werde.«

»Ich hoffe es, Halef. Du sollst nicht von dir und mir sprechen; frage
lieber deinen Freund Sadek, wo sich sein Sohn befindet, von dem du mir
gesagt hast!«

»Hat er wirklich von ihm gesprochen, Effendi?« fragte der Araber. »Allah
segne dich, Halef, daß du derer gedenkst, die dich lieben! Omar Ibn
Sadek, mein Sohn, ist über den Schott nach Seftimi gegangen und wird
noch heute wiederkehren.«

»Auch wir wollen über den Schott, und du sollst uns führen,« meinte
Halef.

»Ihr? Wann?«

»Noch heute.«

»Wohin, Sihdi?«

»Nach Fetnassa. Wie ist der Weg hinüber?«

»Gefährlich, sehr gefährlich. Es giebt nur zwei wirklich sichere Wege
hinüber an das jenseitige Ufer, nämlich El Toserija zwischen Toser und
Fetnassa und Es Suida zwischen Nefta und Sarsin. Der Weg von hier nach
Fetnassa aber ist der allerschlimmste, und nur zwei giebt es, die ihn
genau kennen; das bin ich und Arfan Rakedihm hier in Kris.«

»Kennt dein Sohn den Weg nicht auch?«

»Ja, aber allein ist er ihn noch nicht gegangen. Desto besser aber kennt
er die Strecke nach Seftimi.«

»Diese fällt wohl einige Zeit lang zusammen mit der nach Fetnassa.«

»Über zwei Dritteile, Sihdi.«

»Wenn wir am Mittag aufbrechen, bis wann sind wir in Fetnassa?«

»Vor Anbruch des Morgens, wenn deine Tiere gut sind.«

»Du gehst auch während der Nacht über den Schott?«

»Wenn der Mond leuchtet, ja. Ist es aber dunkel, so übernachtet man auf
dem Schott, und zwar da, wo das Salz so dick ist, daß es das Lager
tragen kann.«

»Willst du uns führen?«

»Ja, Effendi.«

»So laß uns zunächst den Schott besehen!«

»Du hast noch keinen Schott überschritten?«

»Nein.«

»So komm! Du sollst den Sumpf des Todes sehen, den Ort des Verderbens,
das Meer des Schweigens, über welches ich dich hinwegführen werde mit
sicherem Schritte.«

Wir verließen die Hütte und wandten uns nach Osten. Nachdem wir einen
breiten, sumpfigen Rand überschritten hatten, gelangten wir an das
eigentliche Ufer des Schott, dessen Wasser vor der Salzkruste, die es
deckte, nicht zu sehen war. Ich stach mit meinem Messer hindurch und
fand das Salz vierzehn Centimeter dick. Dabei war es so hart, daß es
einen mittelstarken Mann zu tragen vermochte. Es wurde verhüllt von
einer dünnen Lage von Flugsand, welcher an vielen Stellen weggeweht war,
die dann in bläulich weißem Schimmer erglänzten.

Noch während ich mit dieser Untersuchung beschäftigt war, ertönte hinter
uns eine Stimme:

»Sallam aaleïkum, Friede sei mit euch!«

Ich wandte mich um. Vor uns stand ein schlanker, krummbeiniger Beduine,
dem irgend eine Krankheit oder wohl auch ein Schuß die Nase weggenommen
hatte.

»Aaleïkum!« antwortete Sadek. »Was thut mein Bruder Arfan Rakedihm hier
am Schott? Er trägt die Reisekleider. Will er fremde Wanderer über die
Sobha führen?«

»So ist es,« antwortete der Gefragte. »Zwei Männer sind es, die gleich
kommen werden.«

»Wohin wollen sie?«

»Nach Fetnassa.«

Der Mann hieß Arfan Rakedihm und war also der andere Führer, von welchem
Sadek gesprochen hatte. Er deutete jetzt auf mich und Halef und fragte:

»Wollen diese zwei Fremdlinge auch über den See?«

»Ja.«

»Wohin?«

»Auch nach Fetnassa.«

»Und du sollst sie führen?«

»Du errätst es.«

»Sie können gleich mit mir gehen; dann ersparst du dir die Mühe.«

»Es sind Freunde, die mir keine Mühe machen werden.«

»Ich weiß es: du bist geizig und gönnst mir nichts. Hast du mir nicht
stets die reichsten Reisenden weggefangen?«

»Ich fange keinen weg; ich führe nur die Leute, welche freiwillig zu mir
kommen.«

»Warum ist Omar, dein Sohn, Führer nach Seftimi geworden? Ihr nehmt mir
mit Gewalt das Brot hinweg, damit ich verhungern soll; Allah aber wird
euch strafen und eure Schritte so lenken, daß euch der Schott
verschlingen wird.«

Es mochte sein, daß die Konkurrenz hier eine Feindschaft entwickelt
hatte, aber dieser Mann besaß überhaupt keine guten Augen, und so viel
war sicher, daß ich mich ihm nicht gern anvertraut hätte. Er wandte sich
von uns und schritt am Ufer hin, wo in einiger Entfernung die zwei
Reiter erschienen, welche er führen sollte. Es waren die beiden Männer,
welche wir in der Wüste getroffen und dann verfolgt hatten.

»Sihdi,« rief Halef. »Kennst du sie?«

»Ich kenne sie.«

»Wollen wir sie ruhig ziehen lassen?«

Er hob bereits das Gewehr zum Schusse empor. Ich hinderte ihn daran.

»Laß! Sie werden uns nicht entgehen.«

»Wer sind die Männer?« fragte unser Führer.

»Mörder,« antwortete Halef.

»Haben sie jemand aus deiner Familie oder aus deinem Stamme getötet?«

»Nein.«

»Hast du über Blut mit ihnen zu richten?«

»Nein.«

»So laß sie ruhig ziehen! Es taugt nicht, sich in fremde Händel zu
mischen.«

Der Mann sprach wie ein echter Beduine. Er hielt es nicht einmal für
nötig, die Männer, welche ihm als Mörder geschildert worden waren, mit
einem Blick zu betrachten. Auch sie hatten uns bemerkt und erkannt. Ich
sah, wie sie sich beeilten, auf die Salzdecke zu kommen. Als dies
geschehen war, hörten wir ein verächtliches Lachen, mit welchem sie uns
den Rücken kehrten.

Wir gingen in die Hütte zurück, ruhten noch bis Mittag aus, versahen uns
dann mit dem nötigen Proviante und traten die gefährliche Wanderung an.

Ich habe auf fremden, unbekannten Strömen zur Winterszeit mit
Schneeschuhen meilenweite Strecken zurückgelegt und mußte jeden
Augenblick gewärtig sein, einzubrechen, habe aber dabei niemals die
Empfindung wahrgenommen, welche mich beschlich, als ich jetzt den
heimtückischen Schott betrat. Es war nicht etwa Furcht oder Angst,
sondern es mochte ungefähr das Gefühl eines Seiltänzers sein, der nicht
genau weiß, ob das Tau, welches ihn trägt, auch gehörig befestigt worden
ist. Statt des Eises eine Salzdecke – das war mir mehr als neu. Der
eigentümliche Klang, die Farbe, die Krystallisation dieser Kruste – das
alles erschien mir zu fremd, als daß ich mich hätte sicher fühlen
können. Ich prüfte bei jedem Schritte und suchte nach sicheren Merkmalen
für die Festigkeit unseres Fußbodens. Stellenweise war derselbe so hart
und glatt, daß man Schlittschuhe hätte benutzen können, dann aber hatte
er wieder das schmutzige, lockere Gefüge von niedergetautem Schnee und
vermochte nicht, die geringste Last zu tragen.

Erst nachdem ich mich über das so Ungewohnte einigermaßen orientiert
hatte, stieg ich zu Pferde, um mich nächst dem Führer auch zugleich auf
den Instinkt meines Tieres zu verlassen. Der kleine Hengst schien gar
nicht zum erstenmale einen solchen Weg zu machen. Er trabte, wo
Sicherheit vorhanden war, höchst wohlgemut darauf los und zeigte dann,
wenn sein Vertrauen erschüttert war, eine ganz vorzügliche Liebhaberei
für die besten Stellen des oft kaum fußbreiten Pfades. Er legte dann die
Ohren vor oder hinter, beschnupperte den Boden, schnaubte zweifelnd oder
überlegend und trieb die Vorsicht einigemale so weit, eine zweifelhafte
Stelle erst durch einige Schläge mit dem Vorderhufe zu prüfen.

Der Führer schritt voran; ich folgte ihm, und hinter mir ritt Halef. Der
Weg nahm unsere Aufmerksamkeit so in Anspruch, daß nur wenig gesprochen
wurde. So waren wir bereits über drei Stunden unterwegs, als sich Sadek
zu mir wandte:

»Nimm dich in acht, Sihdi! Jetzt kommt die schlimmste Stelle des ganzen
Weges.«

»Warum schlimm?«

»Der Pfad geht oft durch hohes Wasser und wird dabei auf eine lange
Strecke so schmal, daß man ihn mit zwei Händen bedecken kann.«

»Bleibt der Boden stark genug?«

»Ich weiß es nicht genau; die Stärke unterliegt oft großen
Veränderungen.«

»So werde ich absteigen, um die Last zu halbieren.«

»Sihdi, thue es nicht. Dein Pferd geht sicherer als du.«

Hier war der Führer Herr und Meister; ich gehorchte ihm also und blieb
sitzen. Doch noch heute denke ich mit Schaudern an die zehn Minuten,
welche nun folgten; zehn Minuten nur, aber unter solchen Verhältnissen
sind sie eine Ewigkeit.

Wir hatten ein Terrain erreicht, auf welchem Thal und Hügel wechselte.
Die wellenförmigen Erhebungen bestanden zwar aus hartem, haltbarem
Salze, die Thalmulden aber aus einer zähen, breiartigen Masse, in
welcher sich nur einzelne schmale Punkte befanden, auf denen Mensch und
Tier nur unter höchster Aufmerksamkeit und mit der größten Gefahr zu
fußen vermochten. Und dabei ging mir, trotzdem ich auf dem Pferde saß,
das grüne Wasser oft bis an die Oberschenkel heran, so daß die Stellen,
auf denen man fußen konnte, erst unter der Flut gesucht werden mußten.
Dabei war das allerschlimmste, daß der Führer und dann wieder auch die
Tiere diese Stellen erst suchen und dann probieren mußten, ehe sie sich
mit dem ganzen Gewichte darauf wagen konnten, und doch war dieser Halt
so gering, so trügerisch und verräterisch, daß man keinen Augenblick zu
lange darauf verweilen durfte, wenn man nicht versinken wollte – es war
fürchterlich.

Jetzt kamen wir an eine Stelle, welche uns auf wohl zwanzig Meter Länge
kaum einen zehn Zoll breiten, halbwegs zuverlässigen Pfad bot.

»Sihdi, aufgepaßt! Wir stehen mitten im Tode,« rief der Führer.

Er wandte sich während des Forttastens mit dem Gesichte nach Morgen und
betete mit lauter Stimme die heilige Fatcha:

»Im Namen des allbarmherzigen Gottes. Lob und Preis Gott dem
Weltenherrn, dem Allerbarmer, der da herrscht am Tage des Gerichtes. Dir
wollen wir dienen und zu dir wollen wir flehen, auf daß du uns führest
den rechten Weg derer, die deiner Gnade sich freuen und nicht den Weg
derer, über welche – – –«

Halef war hinter mir in das Gebet eingefallen; plötzlich aber
verstummten beide zu gleicher Zeit; – zwischen den zwei nächsten
Wellenhügeln hervor fiel ein Schuß. Der Führer warf beide Arme empor,
stieß einen unartikulierten Schrei aus, trat fehl und war im nächsten
Augenblick unter der Salzdecke verschwunden, die sich sofort wieder über
ihm schloß.

In solchen Augenblicken erhält der menschliche Geist eine Spannkraft,
welche ihm eine ganze Reihe von Gedanken und Schlüssen, zu denen sonst
Viertelstunden oder gar Stunden gehören, mit der Schnelligkeit des
Blitzes und tagesheller Deutlichkeit zum Bewußtsein bringt. Noch war der
Schuß nicht verhallt und der Führer nicht ganz versunken, so wußte ich
bereits alles. Die beiden Mörder wollten ihre Ankläger verderben; sie
hatten ihren Führer um so leichter gewonnen, als derselbe auf den
unserigen eifersüchtig war. Sie brauchten uns gar kein Leid zu thun;
wenn sie unsern Führer töteten, waren wir unbedingt verloren. Sie
lauerten also hier bei der gefährlichsten Stelle des ganzen Weges und
schossen Sadek nieder. Nun brauchten sie nur zuzusehen, wie wir
versanken.

Daß Sadek von der Kugel in den Kopf getroffen war, merkte ich trotz der
Schnelligkeit, mit der alles geschah. Hatte die durchfahrende Kugel auch
mein Pferd gestreift, oder war es der Schreck über den Schuß? Der
kleine Berberhengst zuckte heftig zusammen, verlor hinten den Halt und
brach ein.

»Sihdi!« brüllte hinter mir Halef in unbeschreiblicher Angst.

Ich war verloren, wenn mich nicht eins rettete: noch während das Pferd
im Versinken war und sich mit den Vorderhufen vergeblich anzuklammern
suchte, stützte ich die beiden Hände auf den Sattelknopf, warf die Beine
hinten in die Luft empor und schlug eine Volte über den Kopf des armen
Pferdes hinweg, welches durch den hierbei ausgeübten Druck
augenblicklich unter den Salzboden gedrückt wurde. In dem Augenblick,
während dessen ich durch die Luft flog, hat Gott das inbrünstigste Gebet
meines ganzen Lebens gehört. Nicht lange Worte und viele Minuten gehören
zum Gebete; wenn man zwischen Leben und Tod hindurchfliegt, giebt es
keine Worte und keine Zeit zu messen.

Ich bekam festen Boden; er wich aber augenblicklich unter mir; halb
schon im Versinken, fußte ich wieder und raffte mich empor; ich sank und
erhob mich, ich strauchelte, ich trat fehl, ich fand dennoch Grund; ich
wurde hinabgerissen und kam dennoch vorwärts und ging dennoch nicht
unter; ich hörte nichts mehr, ich fühlte nichts mehr, ich sah nichts
mehr als nur die drei Männer dort an der Salzwelle, von denen zwei mit
angeschlagenem Gewehre mich erwarteten.

Da, da endlich hatte ich festen Boden unter den Füßen, festen, breiten
Boden, zwar auch nur Salz, aber es trug mich sicher. Zwei Schüsse
krachten – Gott wollte, daß ich noch leben sollte; ich war gestolpert
und niedergestürzt; die Kugeln pfiffen an mir vorüber. Ich trug mein
Gewehr noch auf dem Rücken; es war ein Wunder, daß ich es nicht
verloren hatte; aber ich dachte jetzt gar nicht an die Büchse, sondern
warf mich gleich mit geballten Fäusten auf die Schurken. Sie erwarteten
mich nicht einmal. Der Führer floh; der ältere der beiden wußte, daß er
ohne Führer verloren sei, und folgte ihm augenblicklich; ich faßte nur
den jüngeren. Er riß sich los und sprang davon; ich blieb hart hinter
ihm. Ihm blendete die Angst und mir der Zorn die Augen; wir achteten
nicht darauf, wohin uns unser Lauf führte – er stieß einen
entsetzlichen, heiseren Schrei aus, und ich warf mich sofort zurück. Er
verschwand unter dem salzigen Gischte, und ich stand kaum dreißig Zoll
vor seinem heimtückischen Grabe.

Da ertönte hinter mir ein angstvoller Ruf.

»Sihdi, Hilfe, Hilfe!«

Ich wandte mich um. Grad an der Stelle, wo ich festen Fuß gefaßt hatte,
kämpfte Halef um sein Leben. Er war zwar eingebrochen, hielt sich aber
an der dort zum Glücke sehr starken Salzkruste noch fest. Ich sprang
hinzu, riß die Büchse herab und hielt sie ihm entgegen, indem ich mich
platt niederlegte.

»Fasse den Riemen!«

»Ich habe ihn, Sihdi! O, Allah illa Allah!«

»Wirf die Beine empor; ich kann nicht ganz hin zu dir. Halte aber fest!«

Er wandte seine letzte Kraft an, um seinen Körper in die Höhe zu
schnellen; ich zog zu gleicher Zeit scharf an, und es gelang – er lag
auf der sicheren Decke des Sumpfes. Kaum hatte er Atem geschöpft, so
erhob er sich auf die Kniee und betete die vierundsechzigste Sure:

»Alles, was im Himmel und auf Erden ist, preiset Gott; sein ist das
Reich und ihm gebührt das Lob, denn er ist aller Dinge mächtig!«

Er, der Muselmann, betete; ich aber, der Christ, ich konnte nicht
beten, ich konnte keine Worte finden, wie ich aufrichtig gestehe. Hinter
mir lag die fürchterliche Salzfläche so ruhig, so bewegungslos, so
gleißend, und doch hatte sie unsere beiden Tiere, und doch hatte sie
unseren Führer verschlungen, und vor uns sah ich den Mörder entkommen,
der dies alles verschuldet hatte! Jede Faser zuckte in mir, und es
dauerte eine geraume Weile, bis ich ruhig wurde.

»Sihdi, bist du verwundet?«

»Nein. Aber Mensch, auf welche Weise hast du dich gerettet?«

»Ich sprang vom Pferde, grad wie du, Effendi. Und weiter weiß ich
nichts. Ich konnte erst dann wieder denken, als ich dort am Rande hing.
Aber wir sind nun dennoch verloren.«

»Warum?«

»Wir haben keinen Führer. O, Sadek, Freund meiner Seele, dein Geist wird
mir verzeihen, daß ich schuld an deinem Tode bin. Aber ich werde dich
rächen, das schwöre ich dir beim Barte des Propheten; rächen werde ich
dich, wenn ich nicht hier verderbe.«

»Du wirst nicht verderben, Halef.«

»Wir werden verderben; wir werden verhungern und verdursten.«

»Wir werden einen Führer haben.«

»Wen?«

»Omar, den Sohn Sadeks.«

»Wie soll er uns hier finden?«

»Hast du nicht gehört, daß er nach Seftimi gegangen ist und heute wieder
zurückkehren wird?«

»Er wird uns dennoch nicht finden.«

»Er wird uns finden. Sagte nicht Sadek, daß der Weg nach Seftimi und
nach Fetnassa auf zwei Dritteile ganz derselbe sei?«

»Effendi, du giebst mir neue Hoffnung und neues Leben. Ja, wir werden
warten, bis Omar hier vorüberkommt.«

»Für ihn ist es ein Glück, wenn er uns findet. Er würde hier hinter uns
untergehen, da der frühere Pfad versunken ist, ohne daß er es weiß.«

Wir lagerten uns neben einander am Boden nieder; die Sonne brannte so
heiß, daß unsere Kleider in wenigen Minuten getrocknet und mit einer
salzigen Kruste überzogen wurden, so weit sie naß gewesen waren. – –




Zweites Kapitel.

Vor Gericht.


Obgleich ich die Überzeugung hegte, daß der Sohn des ermordeten Führers
kommen werde, konnte er doch statt über den See um denselben
herumgegangen sein. Wir warteten also mit großer, ja mit ängstlicher
Spannung. Der Nachmittag verging; es waren nur noch zwei Stunden bis zum
Abend; da ließ sich eine Gestalt erkennen, welche von Osten her langsam
der Stelle nahte, an welcher wir uns befanden. Sie kam näher und näher
und erblickte nun auch uns.

»Er ist es,« meinte Halef, legte die Hände wie ein Sprachrohr an den
Mund und rief: »Omar Ben Sadek, eile herbei!«

Der Gerufene verdoppelte seine Schritte und stand bald vor uns. Er
erkannte den Freund seines Vaters.

»Sei willkommen, Halef Omar!«

»Hadschi Halef Omar!« verbesserte Halef.

»Verzeihe mir! Die Freude, dich zu sehen, ist schuld an diesem Fehler.
Du kamst nach Kris zum Vater?«

»Ja.«

»Wo ist er? Wenn du auf dem Schott bist, muß er in der Nähe sein.«

»Er ist in der Nähe,« antwortete Halef feierlich.

»Wo?«

»Omar Ibn Sadek, dem Gläubigen geziemt es, stark zu sein, wenn ihn das
Kismet trifft.«

»Rede, Halef, rede! Es ist ein Unglück geschehen?«

»Ja.«

»Welches?«

»Allah hat deinen Vater zu seinen Vätern versammelt.«

Der Jüngling stand vor uns, keines Wortes mächtig. Sein Auge starrte den
Sprecher entsetzt an, und sein Angesicht war furchtbar bleich geworden.
Endlich gewann er die Sprache wieder, aber er benützte sie auf ganz
andere Weise, als ich vermutet hatte.

»Wer ist dieser Sihdi?« fragte er.

»Es ist Kara Ben Nemsi, den ich zu deinem Vater brachte. Wir verfolgten
zwei Mörder, welche über den Schott gingen.«

»Mein Vater sollte euch führen?«

»Ja; er führte uns. Die Mörder bestachen Arfan Rakedihm und stellten uns
hier einen Hinterhalt. Sie schossen deinen Vater nieder; er und die
Pferde versanken in dem Sumpfe, uns aber hat Allah gerettet.«

»Wo sind die Mörder?«

»Der eine starb im Salze, der andere aber ist mit dem Chabir[14] nach
Fetnassa.«

    [14] Führer.

»So ist der Pfad hier verdorben?«

»Ja. Du kannst ihn nicht betreten.«

»Wo versank mein Vater?«

»Dort, dreißig Schritte von hier.«

Omar ging so weit vorwärts, als die Decke trug, starrte eine Weile vor
sich nieder und wandte sich dann nach Osten:

»Allah, du Gott der Allmacht und Gerechtigkeit, höre mich! Muhammed, du
Prophet des Allerhöchsten, höre mich! Ihr Kalifen und Märtyrer des
Glaubens, hört mich! Ich, Omar Ben Sadek, werde nicht eher lachen,
nicht eher meinen Bart beschneiden, nicht eher die Moschee besuchen,
als bis die Dschehennah aufgenommen hat den Mörder meines Vaters! Ich
schwöre es!«

Ich war tief erschüttert von diesem Schwure, durfte aber nichts dagegen
sagen. Nun setzte er sich zu uns und bat mit beinahe unnatürlicher Ruhe:
»Erzählt!«

Halef folgte seinem Wunsche. Als er fertig war, erhob sich der Jüngling.

»Kommt!«

Nur das eine Wort sprach er; dann schritt er voran, wieder in die
Richtung zurück, aus der er gekommen war.

Wir hatten bereits vorher die schwierigsten Stellen des Weges
überwunden; es war keine große Gefahr mehr zu befürchten, trotzdem wir
den ganzen Abend und die ganze Nacht hindurch marschierten. Am Morgen
betraten wir das Ufer der Halbinsel Nifzaua und sahen Fetnassa vor uns
liegen.

»Was nun?« fragte Halef.

»Folgt mir nur!« antwortete Omar.

Dies war das erste Wort, welches ich seit gestern von ihm hörte. Er
schritt auf die dem Strande zunächst gelegene Hütte zu. Ein alter Mann
saß vor derselben.

»Sallam aaleïkum!« grüßte Omar.

»Aaleïkum,« dankte der Alte.

»Du bist Abdullah el Hamis, der Salzverwieger?«

»Ja.«

»Hast du gesehen den Chabir Arfan Rakedihm aus Kris?«

»Er betrat bei Tagesanbruch mit einem fremden Manne das Land.«

»Was thaten sie?«

»Der Chabir ruhte bei mir aus und ging dann nach Bir Rekeb, um von da
nach Kris zurückzukehren. Der Fremde aber kaufte sich bei meinem Sohne
ein Pferd und fragte nach dem Wege nach Kbilli.«

»Ich danke dir, Abu el Malah!«[15]

    [15] »Vater des Salzes«.

Er ging schweigend weiter und führte uns in eine Hütte, wo wir einige
Datteln aßen und eine Schale Lagmi tranken. Dann ging es nach Beschni,
Negua und Mansurah, wo wir auf unsere Erkundigungen überall in Erfahrung
brachten, daß wir dem Gesuchten auf den Fersen seien. Von Mansurah ist
es gar nicht weit bis zu der großen Oase Kbilli. Dort gab es damals noch
einen türkischen Wekil[16], welcher unter der Aufsicht des Regenten von
Tunis den Nifzaua verwaltete. Hierzu waren ihm zehn Soldaten zur
Verfügung gestellt worden.

    [16] Statthalter.

Wir begaben uns zunächst in ein Kaffeehaus, wo Omar nicht lange Ruhe
hatte. Er verließ uns, um Erkundigungen einzuziehen, und kehrte erst
nach einer Stunde zurück.

»Ich habe ihn gesehen,« meldete er.

»Wo?« fragte ich.

»Beim Wekil.«

»Beim Statthalter?«

»Ja. Er ist sein Gast und trägt sehr prächtige Kleidung. Wenn ihr mit
ihm reden wollt, so müßt ihr kommen, denn es ist jetzt die Zeit der
Audienz.«

Mein Interesse war im höchsten Grade erregt. Ein steckbrieflich
verfolgter Mörder war der Gast eines großherrlichen Statthalters!

Omar führte uns über einen freien Platz hinweg nach einem steinernen,
niedrigen Hause, dessen Umfassungsmauern keine Spur von Fenstern
zeigten. Vor der Thür desselben standen Nefers[17], welche vor einem
Onbaschi[18] exerzierten, während der Saka[19] zuschauend an der Thür
lehnte. Wir wurden ohne Widerstand eingelassen und von einem Neger um
unser Begehr befragt. Er führte uns in das Selamlük, einen kahlwändigen
Raum, dessen einzige Ausstattung in einem alten Teppiche bestand, der in
einer Ecke des Zimmers ausgebreitet war. Auf demselben saß ein Mann mit
verschwommenen Gesichtszügen, welcher aus einer uralten persischen Hukah
Tabak rauchte.

    [17] Soldaten.

    [18] Korporal.

    [19] Tambour.

»Was wollt ihr?« fragte er.

Der Ton, in dem diese Frage ausgesprochen wurde, behagte mir nicht. Ich
antwortete daher mit einer Gegenfrage:

»Wer bist du?«

Er sah mich in starrem Erstaunen an und antwortete:

»Der Wekil!«

»Wir wollen mit dem Gaste reden, welcher heut oder gestern bei dir
angekommen ist.«

»Wer bist du?«

»Hier ist mein Paß.«

Ich gab ihm das Dokument in die Hand. Er warf einen Blick darauf,
faltete es zusammen und steckte es in die Tasche seiner weiten
Pumphosen.

»Wer ist dieser Mann?« fragte er dann weiter, indem er auf Halef
deutete.

»Mein Diener.«

»Wie heißt er?«

»Er nennt sich Hadschi Halef Omar.«

»Wer ist der andere?«

»Er ist der Führer Omar Ben Sadek.«

»Und wer bist du selbst?«

»Du hast es ja gelesen!«

»Ich habe es nicht gelesen.«

»Es steht in meinem Passe.«

»Er ist mit den Zeichen der Ungläubigen geschrieben. Von wem hast du
ihn?«

»Von dem französischen Gouvernement in Algier.«

»Das französische Gouvernement in Algier gilt hier nichts. Dein Paß hat
den Wert eines leeren Papieres. Also, wer bist du?«

Ich beschloß, den Namen zu behalten, welchen mir Halef gegeben hatte.

»Ich heiße Kara Ben Nemsi.«

»Du bist ein Sohn der Nemsi? Ich kenne sie nicht. Wo wohnen sie?«

»Vom Westen der Türkei bis an die Länder der Fransezler und Engleterri.«

»Ist die Oase groß, in der sie leben, oder haben sie mehrere kleine
Oasen?«

»Sie bewohnen eine einzige Oase, die aber so groß ist, daß fünfzig
Millionen Menschen auf ihr wohnen.«

»Allah akbar, Gott ist groß! Es giebt Oasen, in denen es von Geschöpfen
wimmelt. Hat diese Oase auch Bäche?«

»Sie hat fünfhundert Flüsse und Millionen Bäche. Viele von diesen
Flüssen sind so groß, daß Schiffe auf ihnen fahren, die mehr Menschen
fassen, als Basma oder Rahmath Einwohner hat.«

»Allah kerihm, Gott ist gnädig! Welch ein Unglück, wenn alle diese
Schiffe in einer Stunde von den Flüssen verschlungen würden! An welchen
Gott glauben die Nemsi?«

»Sie glauben an deinen Gott, aber sie nennen ihn nicht Allah sondern
Vater.«

»So sind sie wohl nicht Sunniten, sondern Schiiten?«

»Sie sind Christen.«

»Allah iharkilik, Gott verbrenne dich! So bist du also auch ein Christ?«

»Ja.«

»Ein Giaur? Und du willst es wagen, mit dem Wekil von Kbilli zu reden!
Ich werde dir die Bastonnade geben lassen, wenn du nicht sogleich dafür
sorgest, daß du mir aus den Augen kommst!«

»Habe ich etwas gethan, was gegen die Gesetze ist oder was dich
beleidigt?«

»Ja. Ein Giaur darf sich niemals unterstehen, mir unter die Augen zu
treten. Also wie heißt hier dieser dein Führer?«

»Omar Ben Sadek.«

»Gut! Omar Ben Sadek, wie lange dienst du diesem Nemsi?«

»Seit gestern.«

»Das ist nicht lange. Ich will also gnädig sein und dir nur zwanzig
Hiebe auf die Fußsohle geben lassen.«

Zu mir gewendet, fuhr er fort:

»Und wie heißt dieser dein Diener hier?«

»Allah akbar, Gott ist groß, aber er hat leider dein Gedächtnis so klein
gemacht, daß du dir nicht einmal zwei Namen merken kannst! Mein Diener
heißt, wie ich dir bereits gesagt habe, Hadschi Halef Omar.«

»Du willst mich beschimpfen, Giaur? Ich werde nachher dein Urteil
fällen! Also, Halef Omar, du bist ein Hadschi und dienst einem
Ungläubigen? Das verdient doppelte Streiche. Wie lange Zeit bist du
bereits bei ihm?«

»Fünf Wochen.«

»So wirst du sechzig Hiebe auf die Fußsohlen erhalten und darauf fünf
Tage hungern und dürsten müssen! Und du, nun wieder; wie war dein Name?«

»Kara Ben Nemsi.«

»Gut, Kara Ben Nemsi, du hast drei große Verbrechen begangen.«

»Welche, Sihdi?«

»Ich bin kein Sihdi; du hast mich Dschenabin-iz oder Hazretin-iz, also
Euer Gnaden oder Euer Hoheit zu nennen! Deine Verbrechen sind folgende:
du hast erstens zwei Rechtgläubige verführt, dir zu dienen, macht
fünfzehn Stockschläge; du hast zweitens es gewagt, mich in meinem Kef zu
stören, macht wieder fünfzehn Stockschläge; du hast drittens an meinem
Gedächtnisse gezweifelt, macht zwanzig Stockschläge; zusammen also
fünfzig Hiebe auf die Fußsohle. Und da es mein Recht ist, für jeden
Richterspruch das Wergi, die Abgabe, zu verlangen, so wird alles, was du
besitzest und bei dir trägst, von jetzt an mir gehören; ich konfisziere
es.«

»O, großer Dschenabin-iz, ich bewundere dich; deine Gerechtigkeit ist
erhaben, deine Weisheit ganz erhaben, deine Gnade noch erhabener und
deine Klugheit und Schlauheit am allererhabensten! Aber ich bitte dich,
edler Bei von Kbilli, laß uns deinen Gast sehen, ehe wir die Streiche
erhalten.«

»Was willst du von ihm?«

»Ich vermute, daß er ein Bekannter von mir ist, und möchte mich an
seinem Anblick weiden.«

»Er ist kein Bekannter von dir. Denn er ist ein großer Krieger, ein
edler Sohn des Sultans und ein strenger Anhänger des Kuran; er ist also
nie der Bekannte eines Ungläubigen gewesen. Aber damit er sehe, wie der
Wekil von Kbilli Verbrechen bestraft, werde ich ihn kommen lassen. Nicht
du sollst dich an seinem Anblick weiden, sondern er soll sich an den
Hieben ergötzen, welche ihr erhaltet. Er wußte, daß ihr kommen würdet.«

»Ah! Woher wußte er es?«

»Ihr seid vorhin an ihm vorübergegangen, ohne ihn zu sehen, und er hat
euch sofort bei mir angezeigt. Wäret ihr nicht von selbst gekommen, so
hätte ich euch holen lassen.«

»Er hat uns angezeigt? Weshalb?«

»Das werdet ihr noch hören. Ihr sollt dann eine zweite Strafe erhalten,
die noch größer ist als diejenige, welche ich euch vorhin diktiert
habe.«

Das war nun allerdings ein eigentümlicher, wunderlicher Verlauf, den
unsere Audienz bei diesem Beamten nahm. Ein Wekil mit zehn Stück
Soldaten in einer so vorgeschobenen, vergessenen Oase – er war
jedenfalls einmal nichts anderes gewesen, als höchstens Tschausch oder
Mülasim[20], und man weiß ja, was man von einem türkischen Lieutenant zu
halten hat. Diese Subalternen sind oder waren nichts anderes, als die
Stiefelputzer und Pfeifenstopfer der höheren Chargen. Man hatte den
guten Mann nach Kbilli gesetzt, um ihm Gelegenheit zu geben, für sich
selbst zu sorgen, und dann jedenfalls niemals wieder an ihn gedacht,
denn der Bei von Tunis hatte bereits alle türkischen Soldaten aus dem
Lande gejagt, und die Beduinenstämme standen nur in der Weise unter dem
Schutze des Großherrn, daß er ihren Häuptlingen jährlich die
ausbedungenen Ehrenburnusse schickte, während sie sich ihm dadurch
dankbar erwiesen, daß sie gar nicht mehr an ihn dachten. Der brave Wekil
war also in Beziehung auf seinen Unterhalt auf Erpressung angewiesen,
und da dies den Eingebornen gegenüber immer eine gefährliche Sache war,
so mußte ihm ein Fremder wie ich ganz gelegen kommen. Er wußte nichts
von Deutschland; er kannte nicht die Bedeutung der Konsulate; er wohnte
unter räuberischen Nomaden, glaubte mich schutzlos und nahm also an,
ungestraft thun zu können, was ihm beliebte.

    [20] Tschausch = Feldwebel; Mülasim = Lieutenant.

Allerdings hatte es seine Richtigkeit, daß ich nur auf mich selbst
angewiesen war, aber es fiel mir doch nicht ein, mich vor »Seiner
Hoheit« zu fürchten, vielmehr machte es mir Spaß, daß er uns in so
genialer Unverfrorenheit mit der Bastonnade beglücken wollte. Zugleich
war ich neugierig, ob sein Gastfreund wirklich der von uns gesuchte sei.
Omar konnte sich ja geirrt haben, was mir allerdings nicht
wahrscheinlich erschien, wenn ich in Betracht zog, daß dieser Gastfreund
uns angezeigt hatte. Welches Verbrechens er uns bezüchtigt hatte, ahnte
ich. Jedenfalls war er ein früherer Bekannter des Wekil und benutzte
dies, uns auf irgend eine Weise unschädlich zu machen.

Der Statthalter klatschte in die Hände, und sogleich erschien ein
schwarzer Diener, der sich vor ihm wie vor dem Sultan auf die Erde warf.
Der Wekil flüsterte ihm einige Worte zu, worauf er sich entfernte. Nach
einiger Zeit öffnete sich die Thür, und die zehn Soldaten mit ihrem
Onbaschi traten ein. Sie boten einen kläglichen Anblick in ihren aus
allen möglichen Fetzen zusammengesetzten Kleidern, die nicht im
mindesten einer militärischen Uniform glichen; die meisten von ihnen
waren barfuß, und alle trugen Gewehre, mit denen man alles eher thun
konnte, als schießen. Sie warfen sich kunterbunt durcheinander vor dem
Wekil nieder, der sie zunächst mit einem möglichst martialischen Blick
musterte und dann seinen Befehl aussprach:

»Kalkyn – steht auf!«

Sie erhoben sich, und der Onbaschi riß seinen mächtigen Sarras aus der
Scheide.

»Kylyn syraji – bildet die Reihe!« brüllte er mit einer Stentorstimme.

Sie stellten sich nebeneinander und hielten die Flinten nach Belieben in
den braunen Händen.

»Has – dur – das Gewehr über!« kommandierte er nun.

Die Flinten flogen empor, stießen gegen einander, gegen die Mauer oder
gegen die Köpfe der stattlichen Helden, kamen aber doch nach einiger
Zeit glücklich auf die Achseln ihrer Besitzer zu liegen.

»Isalam – dur – präsentiert das Gewehr!«

Wieder bildeten die Flinten einen wirren Knäuel, bei dessen
Unentwirrbarkeit es kein Wunder war, daß die eine ihren Lauf verlor. Der
Soldat bückte sich gemächlich nieder, hob ihn in die Höhe, betrachtete
ihn von allen Seiten, hielt ihn dann gegen das Licht, um
hindurchzugucken und sich zu überzeugen, daß das Loch, aus dem
geschossen wird, noch vorhanden sei, zog dann eine Palmenfaserschnur aus
der Tasche und band den desertierten Lauf behutsam auf dem Orte fest, wo
er hingehörte, nämlich an den Schaft. Dann endlich brachte er die
restaurierte Waffe mit höchst befriedigter Miene in diejenige Lage,
welche mit dem letzten Kommandoworte vorgeschrieben war.

»Sessiz, söjle – me – niz – steht still und schwatzt nicht!«

Bei diesem Rufe drückten sie die Lippen mit sichtlicher Kraft und
Energie zusammen und ließen durch ein sehr ernsthaftes Augenzwinkern
erkennen, daß es ihr unumstößlicher Wille sei, keinen Laut von sich zu
geben. Sie merkten, daß sie geholt worden seien, drei Verbrecher zu
bewachen, und da galt es also, uns zu imponieren.

Ich mußte mir wirklich Mühe geben, bei diesem sonderbaren Exerzitium
ernsthaft zu bleiben, und wie ich deutlich bemerkte, hatte meine heitere
Laune zugleich den Erfolg, den Mut meiner beiden Begleiter zu
befestigen.

Und wieder öffnete sich die Thür. Der Erwartete trat ein. Er war es.

Ohne uns eines Blickes zu würdigen, ging er zum Teppich, ließ sich an
der Seite des Wekil nieder und nahm die Pfeife aus der Hand des
Schwarzen, der mit ihm eingetreten war und sie ihm anbrannte. Dann erst
erhob er das Auge und musterte uns mit einer Verachtung, die gar nicht
größer gedacht werden konnte.

Jetzt nahm der Statthalter das Wort, indem er mich fragte:

»Dieser Mann ist es, den ihr sehen wolltet. Ist er ein Bekannter von
dir?«

»Ja.«

»Du hast recht gesprochen; er ist ein Bekannter von dir, das heißt, du
kennst ihn. Aber dein Freund ist er nicht.«

»Ich würde mich auch für seine Freundschaft sehr bedanken. Wie nennt er
sich?«

»Er heißt Abu en Nassr.«

»Das ist nicht wahr! Sein Name ist Hamd el Amasat.«

»Giaur, wage es nicht, mich der Lüge zu zeihen, sonst erhältst du
zwanzig Hiebe mehr! Allerdings heißt mein Freund Hamd el Amasat; aber
wisse, du Hund von einem Ungläubigen, als ich noch als Miralai in
Stambul stand, wurde ich einst des Nachts von griechischen Banditen
angefallen; da kam Hamd el Amasat dazu, sprach mit ihnen und rettete mir
das Leben. Seit jener Nacht heißt er Abu en Nassr, der Vater des Sieges,
denn niemand kann ihm widerstehen, nicht einmal ein griechischer
Bandit.«

Ich konnte mich nicht enthalten, lachend den Kopf zu schütteln, und
fragte:

»Du willst in Stambul Miralai, also Oberst gewesen sein? Bei welcher
Truppe?«

»Bei der Garde, du Sohn eines Schakals.«

Ich trat einen Schritt näher zu ihm heran und erhob die Rechte.

»Wage es noch einmal, mich zu schimpfen, so gebe ich dir eine Ssille,
das heißt eine solche Ohrfeige, daß du morgen deine Nase für ein Minaret
ansehen sollst! Du wärst mir der Kerl, ein Oberst gewesen zu sein! So
etwas darfst du wohl hier deinen Oasenhelden weismachen, nicht aber mir;
verstanden!«

Er erhob sich mit ungewöhnlicher Schnelligkeit. Das war ihm noch nie
vorgekommen, das ging über alle seine Begriffe; er starrte mich an, als
ob ich ein Gespenst sei, und stotterte dann, ich weiß nicht, ob vor Wut
oder vor Verlegenheit:

»Mensch, ich hätte sogar Lawi-Pascha werden können, also General-Major,
wenn mir die Stelle hier in Kbilli nicht lieber gewesen wäre!«

»Ja, du bist ein wahrer Ausbund von Mut und Tapferkeit. Du hast mit
Banditen gekämpft, welche dein Freund mit bloßen Worten besiegte, hörst
du es? Er ist also jedenfalls ein sehr guter Bekannter von ihnen gewesen
oder gar ein Mitglied ihrer Sippe. Er hat in Algier einen Raubmord
begangen; er hat im Wadi Tarfaui einen Mann getötet; er hat auf dem
Schott Dscherid meinen Führer, den Vater dieses Jünglings, erschossen,
weil er mich verderben wollte; er ist von mir verfolgt worden bis nach
Kbilli, und ich finde diesen Menschen wieder als den Freund eines
Mannes, der ein Oberst im Dienste des Großherrn gewesen zu sein
behauptet. Ich klage ihn des Mordes bei dir an und verlange, daß du ihn
gefangen nimmst!«

Jetzt erhob sich auch Abu en Nassr. Er rief:

»Dieser Mensch ist ein Giaur. Er hat Wein getrunken und weiß nicht, was
er redet. Er mag seinen Rausch verschlafen und sich dann verantworten.«

Das war mir denn doch zu viel. Im Nu hatte ich ihn gepackt, hob ihn
empor und warf ihn zu Boden. Er sprang auf und zog sein Messer.

»Hund, du hast dich an einem Gläubigen vergriffen; du mußt jetzt
sterben!«

Mit diesen Worten warf er sich mit aller Gewalt auf mich. Ich aber gab
ihm einen so wohlgezielten Faustschlag, daß er niederstürzte und
regungslos liegen blieb.

»Faßt ihn!« gebot der Wekil seinen Soldaten, indem er auf mich zeigte.

Ich erwartete, daß sie mich sofort packen würden, sah aber zu meiner
Verwunderung, daß es ganz anders kam. Der Unteroffizier nämlich trat vor
die Fronte der Seinigen und kommandierte:

»Komyn silahlari – legt die Gewehre weg!«

Alle bückten sich zugleich, legten ihre Flinten auf den Boden und
kehrten dann in ihre vorige Haltung zurück.

»Döndürmek sagha – rechts umgedreht!«

Sie machten halbe Wendung rechts und standen nun in einer Reihe hinter
einander.

»Gityn erkek tschewresinde, koschyn – iz – nehmt den Mann in die Mitte,
marsch!«

Wie auf dem Exerzierplatze erhoben sie den linken Fuß; der Flügelmann
markierte »sol – sagha, sol – sagha = links – rechts, links – rechts!«
sie marschierten um mich herum und blieben, als der Kreis gebildet war,
auf das Kommando des Unteroffiziers stehen.

»Onu tutmyn – ergreift ihn!«

Zwanzig Hände mit gerade hundert braunen, schmutzigen Fingern streckten
sich von hinten und vorn, von rechts und links nach mir aus und faßten
mich am Burnus. Die Sache war zu komisch, als daß ich eine Bewegung zu
meiner Befreiung hätte machen mögen.

»Dschenabin – iz, bizim – war herifu – Hoheit, wir haben den Kerl!«
meldete der Oberstkommandierende der tapfern Truppe.

»Brakyn – jok onu tekrar azad – laßt ihn nicht wieder frei!« gebot der
Statthalter mit strenger Miene.

Die hundert Finger krallten sich noch fester und tiefer in meinen Burnus
als vorher, und gerade die steife, orientalische Würde, mit der das
alles geschah, und die etwas urkomisch Marionettenhaftes hatte, war
schuld, daß ich beinahe laut aufgelacht hätte.

Während dieses Vorganges hatte sich Abu en Nassr wieder erhoben. Seine
Augen funkelten vor Wut und Rachgier, als er zum Wekil sagte:

»Du wirst ihn erschießen lassen!«

»Ja, er soll erschossen werden; vorher aber werde ich ihn verhören, denn
ich bin ein gerechter Richter und mag niemand ungehört verurteilen.
Bring deine Anklage vor!«

»Dieser Giaur,« begann der Mörder, »ging mit einem Führer und seinem
Diener über den Schott; er traf auf uns und stürzte meinen Gefährten in
die Fluten, so daß dieser elend ertrinken mußte.«

»Warum that er dies?«

»Aus Rache.«

»Wofür wollte er sich rächen?«

»Er hat im Wadi Tarfaui einen Mann getötet; wir kamen dazu und wollten
ihn festnehmen, er aber entwischte uns.«

»Kannst du deine Worte beschwören?«

»Beim Barte des Propheten!«

»Das ist genug! – Hast du diese Worte vernommen?« fragte er mich dann.

»Ja.«

»Was sagst du dazu?«

»Daß er ein Schurke ist. Er war der Mörder und hat in seiner Anklage die
Personen geradezu verwechselt.«

»Er hat geschworen, und du bist ein Giaur. Ich glaube nicht dir, sondern
ihm.«

»Frage meinen Diener! Er ist mein Zeuge.«

»Er dient einem Ungläubigen; seine Worte gelten nichts. Ich werde den
großen Rat der Oase einberufen lassen, der meine Worte hören und über
dich entscheiden wird.«

»Du willst mir nicht glauben, weil ich ein Christ bin, und schenkst
dennoch einem Giaur dein Vertrauen. Dieser Mensch ist ein Armenier und
also kein Moslem, sondern ein Christ.«

»Er hat beim Propheten geschworen.«

»Das ist eine Niederträchtigkeit und eine Sünde, für die ihn Gott
bestrafen wird. Wenn du mich nicht hören willst, so werde ich ihn beim
Rate der Oase verklagen.«

»Ein Giaur kann keinen Gläubigen verklagen, und der Rat der Oase könnte
ihm nicht das Geringste thun, denn mein Freund besitzt ein Bu-Djeruldu
und ist also ein Giölgeda padischahnün, einer, der im Schatten des
Großherrn steht.«

»Und ich bin ein Giölgeda senin kyralün, einer, der im Schatten seines
Königs wandelt. Auch ich habe ein Bu-Djeruldu; du hast es in deiner
Tasche.«

»Es ist in der Sprache der Giaurs geschrieben; ich würde mich
verunreinigen, wenn ich es läse. Deine Sache wird noch heute untersucht
werden, zunächst aber erhaltet ihr die Bastonnade: du fünfzig, dein
Diener sechzig und dein Führer zwanzig Hiebe auf die Fußsohle. Führt sie
hinab in den Hof; ich werde nachkommen!«

»Alykomün elleri – nehmt die Hände zurück!« gebot sofort der
Unteroffizier.

Die hundert Finger ließen augenblicklich von mir ab.

»Alyn – iz tüfenkleri – hebt die Flinten auf!«

Die Helden stürzten auf ihre Gewehre zu und nahmen sie wieder an sich.

»Wirmyn hep – ütsch – umschließt alle drei!«

Im Nu hatten sie mich, Halef und Omar umringt. Wir wurden hinaus in den
Hof geführt, in dessen Mitte sich ein bankartiger Block befand. Seine
Beschaffenheit deutete darauf hin, daß er zur Aufnahme derjenigen
bestimmt sei, welche die Bastonnade erhalten sollten.

Weil ich selbst mich ruhig gefügt hatte, waren auch meine beiden
Gefährten ohne allen Widerstand gefolgt, aber ich sah es in ihren Augen,
daß sie nur auf mein Beispiel warteten, um der Posse ein Ende zu machen.

Als wir eine Weile vor dem Blocke gehalten hatten, erschien der Wekil
mit Abu en Nassr. Der Schwarze trug den Teppich vor ihnen her, breitete
ihn auf dem Boden aus und reichte, als sie sich gesetzt hatten, ihnen
Feuer für ihre ausgegangenen Pfeifen. Jetzt deutete der Wekil auf mich.

»Wermyn ona elli – gebt ihm Fünfzig!«

Jetzt war es Zeit.

»Hast du mein Bu-Djeruldu noch in der Tasche?« fragte ich ihn.

»Ja.«

»Gieb es mir!«

»Du wirst es niemals zurückerhalten!«

»Warum?«

»Daß sich kein Gläubiger daran verunreinigen kann.«

»Du willst mich wirklich schlagen lassen?«

»Ja.«

»So werde ich dir zeigen, wie es ein Nemsi macht, wenn er gezwungen ist,
sich selbst Gerechtigkeit zu verschaffen!«

Der kleine Hof war an drei Seiten von einer hohen Mauer und an der
vierten von dem Gebäude umschlossen; es gab keinen andern Ausgang als
denjenigen, durch welchen wir eingetreten waren. Zuschauer gab es nicht;
wir waren also drei gegen dreizehn. Die Waffen hatte man uns gelassen,
so erforderte es der ritterliche Gebrauch der Wüste; der Wekil war
völlig unschädlich, ebenso auch seine Soldaten, und nur Abu en Nassr
konnte gefährlich werden. Ich mußte ihn vor allen Dingen kampfunfähig
machen.

»Hast du eine Schnur?« fragte ich Omar leise.

»Ja; meine Burnusschnur.«

»Mache sie los!« Und gegen Halef fügte ich hinzu: »Du springst zum
Ausgang und lässest keinen Menschen durch!«

»Verschaffe sie dir!« hatte indessen der Wekil geantwortet.

»Sogleich!«

Mit diesen Worten sprang ich ganz plötzlich zwischen den Soldaten
hindurch und auf Abu en Nassr zu, riß ihm die Arme auf den Rücken und
drückte ihm das Knie so fest auf den Nacken, daß er sich in seiner
sitzenden Stellung nicht zu rühren vermochte.

»Binde ihn!« gebot ich Omar.

Dieser Befehl war eigentlich überflüssig, denn Omar hatte mich sofort
begriffen und war bereits dabei, seine Schnur um die Arme des Armeniers
zu schlingen. Ehe nur eine Bewegung gegen uns geschehen konnte, war er
gefesselt. Mein plötzlicher Angriff hatte den Wekil und seine Leibwache
so perplex gemacht, daß sie mich ganz konsterniert anstaunten. Ich zog
jetzt mit der Rechten mein Messer und faßte ihn mit der Linken am
Genick. Er streckte vor Entsetzen Arme und Beine von sich, als ob er
bereits vollständig tot sei; desto mehr Leben aber kam in die Soldaten.

»Hatschyn, aramin imdadi – reißt aus, bringt Hilfe!« brüllte der
Onbaschi, der zuerst die Sprache wiedergefunden hatte.

Sein Säbel wäre ihm hinderlich geworden, er warf ihn weg und rannte dem
Ausgange zu; die andern folgten ihm. Dort aber stand bereits der wackere
Halef mit schußfertigem Gewehre.

»Geri; durar – siz bunda – zurück! Ihr bleibt hier!« rief er ihnen
entgegen.

Sie stutzten, wandten sich um und sprangen nach allen vier Richtungen
auseinander, um Schutz in den Mauerecken zu suchen.

Auch Omar hatte sein Messer gezogen und stand mit finsterem Blick
bereit, es Abu en Nassr in das Herz zu stoßen.

»Bist du tot?« fragte ich den Wekil.

»Nein, aber du wirst mich töten?«

»Das kommt auf dich an, du Inbegriff aller Gerechtigkeit und Tapferkeit.
Aber ich sage dir, daß dein Leben an einem dünnen Haare hängt.«

»Was verlangst du von mir, Sihdi?«

Noch ehe ich antwortete, erscholl der angstvolle Ruf einer Weiberstimme.
Ich blickte auf und bemerkte eine kleine dicke, weibliche Gestalt,
welche vom Eingange her mit möglichster Anstrengung auf uns
zuge – – kugelt kam.

»Tut – halt!« rief sie mir kreischend zu. »Öldirme onu; dir benim
kodscha – töte ihn nicht; er ist mein Mann!«

Also diese dicke, runde Madame, welche unter ihrer dichten Kleiderhülle
mit wahrhaft schwimmähnlichen Bewegungen auf mich zusteuerte, war die
gnädige Frau Statthalterin. Jedenfalls hatte sie von dem mit einem
Holzgitter versehenen Frauengemache aus der interessanten Exekution
zusehen wollen und zu ihrem Entsetzen bemerken müssen, daß dieselbe
jetzt an ihrem Ehegatten vollzogen werden solle. Ich fragte ihr ruhig
entgegen:

»Wer bist du?«

»Im kary wekilün, ich bin das Weib des Wekil,« antwortete sie.

»Ewet, dir benim awret, gül Kbillinün – ja, sie ist mein Weib, die Rose
von Kbilli,« bestätigte ächzend der Statthalter.

»Wie heißt sie?«

»Demar-im Mersinah – ich heiße Mersinah,« berichtete sie.

»He, demar Mersinah – ja, sie heißt Mersinah,« ertönte das Echo aus dem
Munde des Wekil.

Also sie war die »Rose von Kbilli« und hieß Mersinah, d. i. Myrte. Einem
so zarten Wesen gegenüber mußte ich nachgiebig sein.

»Wenn du mir die Morgenröte deines Antlitzes zeigst, o Blume der Oase,
so werde ich meine Hand von ihm nehmen,« sagte ich.

Sofort flog der Jaschmak, der Schleier, von ihrem Angesichte. Sie hatte
lange Zeit unter den Arabern gelebt, deren Frauen unverhüllt gehen, und
war also weniger zurückhaltend geworden, als unter andern Verhältnissen
die Türkinnen sein müssen. Übrigens handelte es sich hier, wie sie
dachte, um das kostbare Leben ihres Eheherrn.

Ich blickte in ein farbloses, mattes, verschwommenes Frauenangesicht,
welches so fett war, daß man die Augen kaum und das Stumpfnäschen
beinahe gar nicht unterscheiden konnte. Madame Wekil war vielleicht
vierzig Jahre alt, hatte aber die Folgen dieses Alters durch hochgemalte
schwarze Augenbrauen und rotangestrichene Lippen zu paralysieren
gesucht. Zwei schwarze, mittels einer Kohle je auf der Mitte der Wange
hervorgebrachte Punkte gaben ihr ein pittoreskes Aussehen, und als sie
jetzt die Vorderarme aus der Hülle streckte, bemerkte ich, daß sie nicht
bloß die Nägel, sondern auch die ganzen Hände mit Henna rot gefärbt
hatte.

»Ich danke dir, du Sonne vom Dscherid!« schmeichelte ich. »Wenn du mir
versprichst, daß der Wekil ruhig sitzen bleibt, soll ihm jetzt kein Leid
geschehen.«

»Kaladschak-dir – er wird sitzen bleiben; ich verspreche es dir!«

»So mag er es deiner Lieblichkeit danken, daß ich ihn nicht zerdrücke
wie eine Indschir, wie eine Feige, die in der Presse liegt, um
getrocknet zu werden. Deine Stimme gleicht der Stimme der Flöte; dein
Auge glänzt wie das Auge der Sonne; deine Gestalt ist wie die Gestalt
von Scheherezade. Nur dir allein bringe ich das Opfer, daß ich ihn leben
lasse!«

Ich nahm die Hand von ihm; er richtete sich auf, indem er erleichtert
stöhnte, blieb aber gehorsam in seiner sitzenden Stellung. Sie
betrachtete mich sehr aufmerksam vom Kopfe bis zu den Füßen herab und
fragte dann mit freundlichem Tone:

»Wer bist du?«

»Ich bin ein Nemsi, ein Fremdling, dessen Heimat weit drüben über dem
Meere liegt.«

»Sind eure Frauen schön?«

»Sie sind schön, aber sie gleichen doch nicht den Frauen am Schott El
Kebihr.«

Sie nickte, befriedigt lächelnd, und ich sah es ihr an, daß ich Gnade
vor ihren Augen gefunden hatte.

»Die Nemsi sind sehr kluge, sehr tapfere und sehr höfliche Leute, das
habe ich schon oft gehört,« entschied sie. »Du bist uns willkommen! Doch
warum hast du diesen Mann gebunden; warum fliehen unsere Soldaten vor
dir, und warum wolltest du den mächtigen Statthalter töten?«

»Ich habe diesen Mann gebunden, weil er ein Mörder ist; deine Soldaten
flohen vor mir, weil sie merkten, daß ich sie alle elf besiegen würde,
und den Wekil habe ich gebunden, weil er mich schlagen und dann
vielleicht sogar zum Tode verurteilen wollte, ohne mir Gerechtigkeit zu
geben.«

»Du sollst Gerechtigkeit haben!«

Da wollte sich mir die Überzeugung aufdrängen, daß der Pantoffel im
Oriente dieselbe zauberische Kraft besitzt, wie im Abendlande. Der Wekil
sah seine Autorität bedroht und machte einen Versuch, sie wieder
herzustellen:

»Ich bin ein gerechter Richter und werde – – –«

»Sus-olmar-sen – du wirst schweigen!« gebot sie ihm. »Du weißt, daß ich
diesen Menschen kenne, der sich Abu en Nassr, Vater der Sieger, nennt;
er sollte sich aber Abu el Jalani, Vater der Lügner, nennen. Er war
schuld, daß man dich nach Algier schickte, grad als du Mülasim werden
konntest; er war schuld, daß du dann nach Tunis kamst und hier in dieser
Einsamkeit vergraben wurdest, und so oft er hier bei dir war, mußtest du
etwas thun, was dir Schaden brachte. Ich hasse ihn, ich hasse ihn und
habe nichts dagegen, daß dieser Fremdling hier ihn tötet. Er hat es
verdient!«

»Er kann nicht getötet werden; er ist ein Giölgeda padischahnün!«

»Tut aghyzi, halte den Mund! Er ist ein Giölgeda padischahnün, das
heißt, er steht im Schatten des Padischah; dieser Fremdling aber ist ein
Giölgeda wekilanün, das heißt, er steht im Schatten der Statthalterin,
in meinem Schatten, hörst du? Und wer in meinem Schatten steht, den soll
deine Hitze nicht verderben. Steh auf und folge mir!«

Er erhob sich; sie wandte sich zum Gehen, und er machte Miene, sich ihr
anzuschließen. Das war natürlich ganz gegen meine Absicht.

»Halt!« gebot ich, indem ich ihn nochmals beim Genick faßte. »Du bleibst
da!«

Da wandte sie sich um.

»Hast du nicht gesagt, daß du ihn freigeben willst?« fragte sie.

»Ja, doch nur unter der Bedingung, daß er an seinem Platze bleibt.«

»Er kann doch nicht in alle Ewigkeit hier sitzen bleiben!«

»Du hast recht, o Perle von Kbilli; aber er kann jedenfalls so lange
hier bleiben, bis meine Angelegenheit erledigt ist.«

»Die ist bereits erledigt.«

»Inwiefern?«

»Habe ich dir nicht gesagt, daß du uns willkommen bist?«

»Das ist richtig.«

»Du bist also unser Gast und sollst mit den Deinen so lange bei uns
wohnen, bis es dir gefällig ist, uns wieder zu verlassen.«

»Und Abu en Nassr, den du Abu el Jalani genannt hast?«

»Er bleibt dein, und du kannst mit ihm machen, was du willst.«

»Ist das wahr, Wekil?«

Er zögerte, eine Antwort zu geben, doch ein strenger Blick aus den Augen
seiner Herrin zwang ihn, zu sprechen:

»Ja.«

»Du schwörst es mir?«

»Ich schwöre es.«

»Bei Allah und seinem Propheten?«

»Muß ich?« fragte er Madame, die Rose von Kbilli.

»Du mußt!« antwortete sie sehr entschieden.

»So schwöre ich es bei Allah und dem Propheten.«

»Nun darf er mit mir gehen?« fragte sie mich.

»Er darf,« antwortete ich.

»Du wirst nachkommen und mit uns einen Hammel mit Kuskussu speisen.«

»Hast du einen Ort, an dem ich Abu en Nassr sicher aufbewahren kann?«

»Nein. Binde ihn an den Stamm der Palme dort an der Mauer. Er wird dir
nicht entfliehen, denn ich werde ihn durch unsere Truppen bewachen
lassen.«

»Ich werde ihn selbst bewachen,« antwortete Omar an meiner Stelle. »Er
wird mir nicht entfliehen, sondern mit seinem Tode das Leben meines
Vaters bezahlen. Mein Messer wird so scharf sein, wie mein Auge.«

Der Mörder hatte von dem Augenblick seiner Fesselung an nicht das
kleinste Wort gesprochen; aber sein Auge glühte tückisch und unheimlich
auf uns, als er uns nach der Palme folgen mußte, an welcher wir ihn
festbanden. Es lag wahrhaftig nicht in meiner Absicht, ihm das Leben zu
nehmen; aber er war der Blutrache verfallen, und ich wußte, daß keine
Bitte meinerseits Omar vermocht hätte, ihn zu begnadigen. Ed d’em b’ed
d’em, oder wie der Türke sagt, kan kanü ödemar, das Blut bezahlt das
Blut. Am liebsten wäre es mir trotz allem gewesen, wenn es ihm gelingen
konnte, ohne meine Mitwissenschaft zu entwischen; aber so lange ich mich
auf seiner Fährte befunden hatte und so lange er sich in meiner Gewalt
befand, mußte ich ihn als Feind und Mörder betrachten und also auch als
solchen behandeln. Gewiß war es auf alle Fälle, daß er mich nicht
schonen würde, falls ich das Unglück haben sollte, in seine Hand zu
fallen.

Ich ließ ihn also in der Obhut Omars und begab mich mit Halef nach dem
Selamlük. Unterwegs fragte mich der kleine Diener:

»Du sagtest, dieser Mensch sei kein Moslem. Ist dies wahr?«

»Ja. Er ist ein armenischer Christ und giebt sich da, wo er es für
geboten hält, für einen Mohammedaner aus.«

»Und du hältst ihn für einen schlechten Menschen?«

»Für einen sehr schlechten.«

»Siehst du, Effendi, daß die Christen schlechte Menschen sind! Du mußt
dich zum wahren Glauben bekennen, wenn du nicht in alle Ewigkeit in der
Dschehennah braten willst!«

»Und du wirst selbst so lange darin braten!«

»Weshalb?«

»Hast du mir nicht erzählt, daß im Derk Asfal, in der siebenten und
tiefsten Hölle, alle Lügner und Heuchler braten und die Teufelsköpfe vom
Baume Zakum essen müssen?«

»Ja, aber was habe ich damit zu schaffen?«

»Du bist ein Lügner und Heuchler!«

»Ich, Sihdi? Meine Zunge redet die Wahrheit, und in meinem Herzen ist
kein Falsch. Wer mich so nennt, wie du mich nanntest, den wird meine
Kugel treffen!«

»Du lügst, Mekka gesehen zu haben, und heuchelst, ein Hadschi zu sein.
Soll ich das dem Wekil erzählen?«

»Aman, aman, verzeihe! Das wirst du nicht thun an Hadschi Halef Omar,
dem treuesten Diener, den du finden kannst!«

»Nein, ich werde es nicht thun; aber du kennst auch die Bedingung, unter
welcher ich schweige.«

»Ich kenne sie und werde mich in acht nehmen, doch wirst du dennoch ein
wahrer Gläubiger werden, du magst nun wollen oder nicht, Sihdi!«

Wir traten ein und wurden bereits von dem Wekil erwartet. Es war
keineswegs die freundlichste Miene, mit welcher er mich empfing.

»Setze dich!« lud er mich ein.

Ich folgte seiner Aufforderung und nahm hart neben ihm Platz, während
Halef sich mit den Pfeifen zu thun machte, welche man mittlerweile in
einer Ecke des Raumes bereitgestellt hatte.

»Warum wolltest du das Angesicht meines Weibes sehen?« begann die
Unterhaltung.

»Weil ich ein Franke bin, der gewohnt ist, stets das Angesicht dessen zu
sehen, mit dem er spricht.«

»Ihr habt schlechte Sitten! Unsere Frauen verbergen sich, die eurigen
aber lassen sich sehen. Unsere Frauen tragen Kleider, die oben lang und
unten kurz sind; die eurigen aber haben Gewänder, welche oben kurz und
unten lang, oft auch oben und unten zugleich kurz sind. Habt ihr jemals
eine unserer Frauen bei euch gesehen? Eure Mädchen aber kommen zu uns,
und weshalb? O jazik, o wehe!«

»Wekil, ist das die Gastfreundschaft, welche mir von euch geboten
wurde? Seit wann ist es Sitte geworden, den Gastfreund mit einer
Beleidigung zu empfangen? Ich brauche weder deinen Hammel noch dein
Kuskussu und werde wieder hinuntergehen in den Hof. Folge mir!«

»Effendi, verzeihe mir! Ich wollte dir nur sagen, was ich dachte, aber
ich wollte dich nicht beleidigen.«

»Wer nicht beleidigen will, darf nicht stets sagen, was er denkt. Ein
schwatzhafter Mensch gleicht einem zerbrochnen Topfe, den niemand
brauchen kann, weil er nichts bewahrt.«

»Setze dich wieder nieder, und erzähle mir, wo du Abu en Nassr getroffen
hast.«

Ich erstattete ihm ausführlichen Bericht von unserem Abenteuer. Er hörte
schweigend zu und schüttelte sodann den Kopf.

»Du glaubst also, daß er den Kaufmann in Blidah ermordet hat?«

»Ja.«

»Du warst nicht dabei!«

»Ich schließe es.«

»Nur Allah allein darf schließen; er ist allwissend, und des Menschen
Gedanke ist wie der Reiter, den ein ungehorsames Pferd dorthin trägt,
wohin er nicht kommen wollte.«

»Nur Allah darf schließen, weil er allwissend ist? O Wekil, dein Geist
ist müde von den vielen Hammeln mit Kuskussu, die du gegessen hast! Eben
weil Allah allwissend ist, braucht er nicht zu schließen; wer schließt,
der sucht ein Ergebnis seiner Folgerungen, ohne es vorher zu kennen.«

»Ich höre, daß du ein Taleb bist, ein Gelehrter, der viele Schulen
besucht hat, denn du sprichst in Worten, die niemand verstehen kann.
Und du glaubst auch, daß er den Mann im Wadi Tarfaui getötet hat?«

»Ja.«

»Warst du dabei?«

»Nein.«

»So hat es dir der Tote erzählt?«

»Wekil, die Hammel, welche du verzehrtest, hätten gewußt, daß ein Toter
nicht mehr sprechen kann!«

»Effendi, jetzt sprichst du selbst eine Unhöflichkeit! Also du warst
nicht dabei, und der Tote konnte es dir nicht sagen; woher also willst
du wissen, daß er ein Mörder ist?«

»Ich schließe es.«

»Ich habe dir bereits gesagt, daß nur Allah schließen darf!«

»Ich habe seine Spur gesehen und verfolgt, und als ich ihn traf, hat er
mir den Mord eingestanden.«

»Daß du seine Spur gefunden hast, ist kein Beweis, daß er ein Mörder
ist, denn mit einer Spur hat noch niemand einen Menschen erschlagen. Und
daß er dir den Mord eingestanden hat, das macht mich nicht irre; er ist
ein Kusch-schakanün, ein Spaßvogel, dessen Absicht es war, sich einen
Scherz zu machen.«

»Mit einem Morde spaßt man nicht!«

»Aber mit einem Menschen, und der warst du. Und du glaubst auch endlich,
daß er den Führer Sadek erschossen hat?«

»Ja.«

»Du warst dabei?«

»Allerdings.«

»Und hast es gesehen?«

»Sehr deutlich. Auch Hadschi Halef Omar ist Zeuge.«

»Nun wohl, so hat er ihn erschossen; aber willst du wirklich deshalb
sagen, daß er ein Mörder sei?«

»Natürlich!«

»Sihdi, Allah stärke deine Gedanken, denn du sollst gleich einsehen, daß
der Mensch nicht schließen soll!«

»Nun?«

»Weil du Zeuge bist, daß er den Führer erschossen hat, schließest du,
daß er ein Mörder sei?«

»Das versteht sich doch ganz von selbst.«

»Falsch! Wenn es nun eine Blutrache gewesen wäre! Gibt es in deinem
Lande keine Blutrache?«

»Nein.«

»So sage ich dir, daß der Bluträcher niemals ein Mörder ist. Kein
Richter verdammt ihn; nur diejenigen, zu denen der Tote gehörte, haben
das Recht, ihn zu verfolgen.«

»Aber Sadek hat ihn nicht beleidigt!«

»So wird ihn der Stamm beleidigt haben, zu welchem Sadek gehörte.«

»Auch das ist nicht der Fall. Wekil, ich will dir sagen, daß ich
meinerseits mit diesem Abu en Nassr, der eigentlich Hamd el Amasat heißt
und schon vorher wohl auch noch einen armenischen Namen getragen hat,
gar nichts zu schaffen haben mag, sobald er mich in Ruhe läßt. Aber er
hat den Führer Sadek erschlagen, dessen Sohn Omar Ben Sadek ist, und
dieser letztere hat also, wie du vorhin selbst erklärtest, ein Recht auf
das Leben des Mörders. Mache es mit ihm ab, doch sorge auch dafür, daß
mir dieser Vater der Sieger nicht wieder begegnet, sonst rechne ich mit
ihm ab!«

»Sihdi, jetzt trieft deine Rede von Weisheit. Ich werde mit Omar
sprechen, der ihn freigeben soll; du aber bist mein Gast, so lange es
dir gefällt.«

Er erhob sich und schritt nach dem Hofe. Ich wußte voraus, daß alle
seine Bemühungen bei Omar vergeblich sein würden. Wirklich kehrte er
nach einer Zeit mit finsterer Miene zurück und blieb auch schweigsam,
als der am Spieße gebratene Hammel aufgetragen wurde, den die lieblichen
Hennafinger der »Rose von Kbilli« zubereitet hatten. Ich und Halef, wir
langten wacker zu, und eben hatte mir der Wekil gesagt, daß Omar seine
Mahlzeit hinaus in den Hof bekommen solle, da er nicht zu bewegen sei,
von seinem Gefangenen fortzugehen, als draußen ein lauter Schrei
erscholl. Ich horchte auf, und der Ruf wiederholte sich: »Breh,
Effendina, zu Hilfe!«

Dieser Ruf galt mir. Ich sprang auf und eilte hinaus. Omar lag an der
Erde und balgte sich mit den Soldaten herum, der Gefangene aber war
nicht zu sehen. Am andern Ausgange aber stand der Schwarze und grinste
mir mit schadenfroher Miene entgegen:

»Fort, Sihdi – dort reiten!«

Drei Schritte brachten mich vor das Haus, und ich sah Abu en Nassr eben
zwischen den Palmen verschwinden. Er ritt ein Eilkamel, welches einen
ganz famosen Schritt zu haben schien. Ich erriet alles. Der Wekil war
erfolglos im Hofe gewesen, aber er wollte Abu en Nassr retten; er hatte
dem Schwarzen den Befehl gegeben, das Kamel bereit zu halten, und den
Soldaten befohlen, Omar zu halten und den Gefangenen loszuschneiden. Die
elf mutigen Helden hatten sich an diesen Einen gewagt, und der Streich
war gelungen.

Freilich hatten sie dieses Gelingen teuer bezahlt. Omar hatte sein
Messer gebraucht, und als ich den Knäuel, den die Kämpfenden bildeten,
auseinanderbrachte, sah ich, daß mehrere von ihnen bluteten.

»Er ist fort, Sihdi!« keuchte der junge Führer vor Wut und Anstrengung.

»Ich sah es.«

»Wohin?«

»Dorthin.«

Ich deutete mit der Hand die Himmelsrichtung an.

»Strafe du diese hier, Effendi, ich aber werde dem Entflohenen
nachjagen.«

»Er saß auf einem Reitkamele.«

»Ich werde ihn dennoch ereilen.«

»Du hast kein Tier!«

»Sihdi, ich habe hier Freunde, welche mir ein edles Tier geben werden,
und Datteln und Wasserschläuche. Ehe er am Horizonte verschwindet, werde
ich auf seiner Spur sein. Du wirst auch die meinige finden, wenn du mir
nachkommen willst.«

Er eilte von dannen.

Halef hatte alles gesehen und mir auch geholfen, Omar aus den Händen der
Soldaten zu befreien. Er glühte vor Zorn.

»Warum habt ihr diesen Menschen befreit, ihr Hunde, ihr Abkömmlinge von
Mäusen und Ratten – – –«

Er hätte sicherlich seine Strafpredigt fortgesetzt, wenn nicht die
Wekila auf dem Platze erschienen wäre. Sie war wieder dicht
verschleiert.

»Was ist geschehen?« fragte sie mich.

»Deine Truppen sind über meinen Führer hergefallen –«

»Ihr Schurken, ihr Buben!« rief sie, mit dem Fuße stampfend und die
roten Fäuste durch die Hülle zwängend.

»Und haben den Gefangenen befreit – – –«

»Ihr Spitzbuben, ihr Betrüger!« fuhr sie fort, und es hatte allen
Anschein, als ob sie sich an ihnen vergreifen werde.

»Auf Befehl des Wekil,« fügte ich hinzu.

»Des Wekil? – Der Wurm, der Ungehorsame, der Unnütze, der Trotzkopf!
Meine Hand soll über ihn kommen, und zwar sogleich, in diesem
Augenblick!«

Sie wandte sich um und ruderte in vollem Zorne nach dem Selamlük.

O du beglückende Pantoffelherrschaft, dein Zepter ist ganz dasselbe im
Norden wie im Süden, im Osten wie im Westen!

Halef machte ein sehr befriedigtes Gesicht und meinte:

»Sie ist der Wekil und er die Wekila, und wir stehen uns hier besser am
Giölgeda wekilanün, im Schatten der Statthalterin, als wenn wir ein
Bu-Djeruldu hätten und der Giölgeda padischahnün, der Schatten des
Großherrn, uns beschützte. Hamdulillah, Preis sei Allah, daß ich nicht
so glücklich bin, der Wekil dieser Statthalterin zu sein!« – – –




Drittes Kapitel.

Im Harem.


Es war um die Zeit, in welcher die ägyptische Sonne ihre Strahlen mit
der gesteigertsten Glut auf die Erde sendet und ein jeder, den nicht die
Not hinaus unter den freien Himmel treibt, sich unter den Schutz seines
Daches zurückzieht und nach der möglichsten Ruhe und Kühlung strebt.

Auch ich lag auf dem weichen Diwan meiner gemieteten Wohnung, schlürfte
würzigen Mokka und schwelgte im Dufte des würzigen Djebeli, welcher
meiner Pfeife entströmte. Die starken, nach außen fensterlosen Mauern
boten dem Sonnenbrande Einhalt, und die aufgestellten porösen
Thongefäße, durch deren Wände das Nilwasser verdunstete, machten die
Atmosphäre so erträglich, daß ich von der während der Mittagszeit hier
so gewöhnlichen Abspannung des Menschen wenig oder gar nichts bemerkte.

Da erhob sich draußen die scheltende Stimme meines Dieners Halef Agha.

Halef Agha? Ja, mein guter, kleiner Halef war ein Agha, ein Herr
geworden, und wer hat ihn dazu gemacht? Spaßhafte Frage! Wer denn sonst
als er selbst!

Wir waren über Tripolis und Kufarah nach Ägypten gekommen, hatten Kairo
besucht, welches der Ägypter schlechtweg el Masr, die Hauptstadt, oder
noch lieber el Kahira, die Siegreiche, nennt, waren den Nil, so weit es
mir meine beschränkten Mittel erlaubten, hinaufgefahren und hatten uns
dann zum Ausruhen die Wohnung genommen, in welcher ich mich ganz wohl
befunden hätte, wenn nicht mein sonst ganz prächtiger Diwan und alle
Teppiche sehr dicht von jenen springfertigen, stechkundigen Geschöpfen
heimgesucht worden wären, von welchen der alte, gute Fischart dichtete:

    »Mich bizt neizwaz, waz mag daz sein?«

und von denen man außer dem großäugigen #Pulex canis# und dem rötlichen
#Pulex musculi# noch den allbeliebten #Pulex irritans# und den wütenden
#Pulex penetrans# kennen gelernt hat. Leider muß ich sagen, daß Ägypten
nicht das Jagdgefilde des #»irritans«#, sondern des #»penetrans«#, also
nicht des »reizenden« sondern des »durchdringenden« #Pulex# ist, und so
brauche ich wohl nicht hinzuzufügen, daß mein Kef, meine Mittagsruhe,
nicht ganz ohne alle Belästigung geblieben war.

Also draußen erhob sich die scheltende Stimme meines Dieners Halef Agha,
die mich aus meinen Träumen weckte:

»Was? Wie? Wen?«

»Den Effendi,« antwortete es schüchtern.

»Den Effendi el kebihr, den großen Herrn und Meister willst du stören?«

»Ich muß ihn sprechen.«

»Was? Du mußt? Jetzt, in seinem Kef? Hat dir der Teufel – Allah
beschütze mich vor ihm! – den Kopf mit Nilschlamm gefüllt, so daß du
nicht begreifen kannst, was ein Effendi, ein Hekim, zu bedeuten hat, ein
Mann, den der Prophet mit Weisheit speist, so daß er alles kann, sogar
die Toten lebendig machen, wenn sie ihm nur sagen, woran sie gestorben
sind!«

Ach, ja wohl, ich muß es eingestehen, daß mein Halef hier in Ägypten
viel, viel anders geworden war! Er war jetzt außerordentlich stolz,
unendlich grob und heillos aufschneiderisch geworden, und das will im
Oriente viel sagen.

Im Morgenlande wird jeder Deutsche für einen großen Gärtner und jeder
Ausländer für einen guten Schützen oder für einen großen Arzt gehalten.
Nun war mir unglücklicherweise in Kairo eine alte, nur noch halb
gefüllte homöopatische Apotheke von Willmar Schwabe in die Hand
gekommen; ich hatte hier und da bei einem Fremden oder Bekannten fünf
Körnchen von der dreißigsten Potenz versucht, dann während der Nilfahrt
meinen Schiffern gegen alle möglichen eingebildeten Leiden eine
Messerspitze Milchzucker gegeben und war mit ungeheurer Schnelligkeit in
den Ruf eines Arztes gekommen, der mit dem Scheïtan im Bunde stehe, weil
er mit drei Körnchen Durrhahirse Tote lebendig machen könne.

Dieser Ruf hatte in dem Kopfe meines Halef eine gelinde Art von
Größenwahn erweckt, der ihn aber glücklicherweise nicht hinderte, mir
der treueste und aufmerksamste Diener zu sein. Daß er am meisten
beitrug, meinen Ruhm zu verbreiten, das versteht sich ganz von selbst;
er war ganz und gar in das schmachvolle Laster des weiland Barons
Münchhausen #senior# verfallen und versuchte nebenbei, durch eine
Grobheit zu glänzen, welche klassisch zu werden drohte.

So hatte er sich, unter anderem, von seinem geringen Lohne eine
Nilpeitsche gekauft, ohne welche er gar nicht zu sehen war. Er kannte
Ägypten von früherher und behauptete, daß ohne Peitsche da gar nicht
auszukommen sei, weil sie größere Wunder thue als Höflichkeit und Geld,
von welchem letzteren mir allerdings kein großer Überfluß zur Verfügung
stand.

»Gott erhalte deine Rede, Sihdi,« hörte ich die bittende Stimme wieder;
»aber ich muß deinen Effendi, den großen Arzt aus Frankhistan, wirklich
sehen und sprechen.«

»Jetzt nicht.«

»Es ist sehr notwendig, sonst hätte mich mein Herr nicht gesandt.«

»Wer ist dein Herr?«

»Es ist der reiche und mächtige Abrahim-Mamur, dem Allah tausend Jahre
schenken möge.«

»Abrahim-Mamur? Wer ist denn dieser Abrahim-Mamur, und wie hieß sein
Vater? Wer war der Vater seines Vaters und der Vater seines Vatervaters?
Von wem wurde er geboren und wo leben die, denen er seinen Namen
verdankt?«

»Das weiß ich nicht, Sihdi, aber er ist ein mächtiger Herr, wie ja schon
sein Name sagt.«

»Sein Name? Was meinst du?«

»Abrahim-Mamur. Mamur heißt Vorsteher einer Provinz, und ich sage dir,
daß er wirklich ein Mamur gewesen ist.«

»Gewesen? Er ist es also nicht mehr?«

»Nein.«

»Das dachte ich mir. Niemand kennt ihn, selbst ich, Halef Agha, der
tapfere Freund und Beschützer meines Gebieters, habe noch nie von ihm
gehört und noch nie die Spitze seines Tarbusch gesehen. Gehe fort, mein
Herr hat keine Zeit.«

»So sage mir, Sihdi, was ich thun muß, um zu ihm zu kommen!«

»Kennst du nicht das Wort von dem silbernen Schlüssel, der die Stätten
der Weisheit erschließt?«

»Ich habe diesen Schlüssel bei mir.«

»So schließe auf.«

Ich horchte gespannt und vernahm das leise Klimpern von Geldstücken.

»Ein Piaster? Mann, ich sage dir, daß das Loch im Schlosse größer ist,
als dein Schlüssel; er paßt nicht, denn er ist zu klein.«

»So muß ich ihn vergrößern.«

Wieder klang es draußen wie kleine Silberstücke. Ich wußte nicht, sollte
ich lachen oder mich ärgern. Dieser Halef Agha war ja ein ganz
außerordentlich geriebener Portier geworden!

»Drei Piaster? Gut, so kann man wenigstens fragen, was du bei dem
Effendi auszurichten hast.«

»Er soll kommen und seine verzaubernde Medizin mitbringen.«

»Mensch, was fällt dir ein! Für drei Piaster soll ich ihn verleiten,
diese Medizin wegzugeben, welche ihm in der ersten Nacht jedes Neumondes
von einer weißen Fee gebracht wird?«

»Ist dies wahr?«

»Ich, Hadschi Halef Omar Agha, Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud
al Gossarah, sage es. Ich habe sie selbst gesehen, und wenn du es nicht
glaubst, so wirst du hier diese Kamtschilama, meine Nilpeitsche, zu
kosten bekommen!«

»Ich glaube es, Sihdi!«

»Das ist dein Glück!«

»Und werde dir noch zwei Piaster geben.«

»Gieb sie her! Wer ist denn krank im Hause deines Herrn?«

»Das ist ein Geheimnis, welches nur der Effendi erfahren darf.«

»Nur der Effendi? Schurke, bin ich nicht auch ein Effendi, der die Fee
gesehen hat! Geh nach Hause; Halef Agha läßt sich nicht beleidigen!«

»Verzeihe, Sihdi; ich werde es dir sagen!«

»Ich mag es nun nicht wissen. Packe dich von dannen!«

»Aber ich bitte dich – – –«

»Packe dich!«

»Soll ich dir noch einen Piaster geben?«

»Ich nehme nicht einen mehr!«

»Sihdi!«

»Sondern zwei!«

»O, Sihdi, deine Stirn leuchtet vor Güte. Hier hast du die zwei
Piaster.«

»Schön! Also wer ist krank?«

»Das Weib meines Herrn.«

»Das Weib deines Herrn?« frug Halef verwundert. »Welche Frau?«

»Er hat nur diese eine.«

»Und soll Mamur gewesen sein?«

»Er ist so reich, daß er hundert Frauen haben könnte, aber er liebt nur
diese.«

»Was fehlt ihr?«

»Niemand weiß es; aber ihr Leib ist krank, und ihre Seele ist noch
kränker.«

»Allah kerihm, Gott ist gnädig, aber ich nicht. Ich stehe da, mit der
Nilpeitsche in der Hand, und möchte sie dir auf den Rücken geben. Bei
dem Barte des Propheten, dein Mund spricht eine solche Weisheit, als
wäre dir bei der Kahnfahrt der Verstand in das Wasser gefallen! Weißt du
nicht, daß ein Weib gar keine Seele hat und deshalb auch nicht in den
Himmel darf? Wie also kann die Seele eines Weibes krank sein oder gar
noch mehr krank als ihr Leib?«

»Ich weiß es nicht, aber so wurde mir gesagt, Sihdi. Laß mich hinein zu
dem Effendi!«

»Ich darf es nicht thun.«

»Warum nicht?«

»Mein Herr kennt den Kuran und verachtet die Frauen. Die schönste Perle
der Weiber ist ihm wie der Skorpion im Sande, und seine Hand hat noch
nie das Gewand einer Frau berührt. Er darf kein irdisches Weib lieben,
sonst würde die Fee nie wiederkommen.«

Ich mußte das Talent Halef Aghas von Minute zu Minute mehr anerkennen,
fühlte aber trotzdem große Lust, ihn seine eigene Nilpeitsche schmecken
zu lassen. Jetzt ertönte die Antwort:

»Du mußt wissen, Sihdi, daß er ihr Gewand nicht berühren und ihre
Gestalt nicht sehen wird. Er darf nur durch das Gitter mit ihr
sprechen.«

»Ich bewundere die Klugheit deiner Worte und die Weisheit deiner Rede, o
Mann. Merkst du denn nicht, daß er grad durch das Gitter nicht mit ihr
sprechen darf?«

»Warum?«

»Weil die Gesundheit, welche der Effendi spenden soll, gar nicht zu dem
Weibe käme, sondern am Gitter hängen bleiben würde. Gehe fort!«

»Ich darf nicht gehen, denn ich werde hundert Schläge auf die Sohlen
bekommen, wenn ich den weisen Effendi nicht bringe.«

»Danke deinem gütigen Herrn, du Sklave eines Ägypters, daß er deine Füße
mit Gnade erleuchtet. Ich will dich nicht um dein Glück betrügen. Sallam
aaleïkum, Allah sei bei dir und lasse dir die Hundert gut bekommen!«

»So laß dir noch eins sagen, tapferer Agha. Der Herr unseres Hauses hat
mehr Beutel in seiner Schatzkammer, als du jemals zählen kannst. Er hat
mir befohlen, daß du auch mitkommen sollst, und du wirst ein Bakschisch
erhalten, ein Geschenk, wie es selbst der Khedive von Ägypten nicht
reicher geben würde.«

Jetzt endlich wurde der Mann klug und faßte meinen Halef etwas kräftiger
bei dem Punkte, an welchem man jeden Orientalen zu packen hat, wenn man
ihn günstig stimmen soll. Der kleine Haushofmeister änderte auch sofort
seinen Ton und antwortete mit hörbar freundlicherer Stimme:

»Allah segne deinen Mund, mein Freund! Aber ein Piaster in meiner Hand
ist mir lieber als zehn Beutel in einer anderen. Die deinige aber ist so
mager, wie der Schakal in der Schlinge oder wie die Wüste jenseits des
Mokattam.«

»Laß den Rat deines Herzens nicht zögern, mein Bruder!«

»Dein Bruder? Mensch bedenke, daß du ein Sklave bist, während ich als
freier Mann meinen Effendi begleite und beschütze! Der Rat meines
Herzens bleibt zurück. Wie kann das Feld Früchte bringen, wenn so wenig
Tropfen Tau vom Himmel fallen!«

»Hier hast du noch drei Tropfen!«

»Noch drei? So will ich sehen, ob ich den Effendi stören darf, wenn dein
Herr wirklich ein solches Bakschisch giebt.«

»Er giebt es.«

»So warte!«

Jetzt endlich also glaubte er, mich »stören zu dürfen«, der schlaue
Fuchs! Übrigens handelte er nach der allgemeinen Unsitte, so daß er
einigermaßen zu entschuldigen war, zumal das wenige, was er für seine
Dienste von mir forderte, kaum der Rede wert zu nennen war.

Was mich aber bei der ganzen Angelegenheit mit Bewunderung erfüllte, war
der Umstand, daß ich nicht zu einem männlichen sondern zu einem
weiblichen Patienten verlangt wurde. Da aber, abgesehen von den
wandernden Nomadenstämmen, der Muselmann die Bewohnerinnen seiner
Frauengemächer niemals den Augen eines Fremden freigiebt, so handelte es
sich hier jedenfalls um ein nicht mehr junges Weib, das sich vielleicht
durch die Eigenschaften des Charakters und Gemütes die Liebe
Abrahim-Mamurs erhalten hatte.

Halef Agha trat ein.

»Schläfst du, Sihdi?«

Der Schlingel! Hier nannte er mich Sihdi, und draußen ließ er sich
selbst so nennen.

»Nein. Was willst du?«

»Draußen steht ein Mann, welcher mit dir sprechen will. Er hat ein Boot
im Nile und sagte, ich müsse auch mitkommen.«

Der schlaue Bursche machte diese Schlußbemerkung nur, um sich das
versprochene Trinkgeld zu sichern. Ich wollte ihn nicht in Verlegenheit
bringen und that, als ob ich nichts gehört hätte.

»Was will er?«

»Es ist jemand krank.«

»Ist es notwendig?«

»Sehr, Effendi. Die Seele der Kranken steht schon im Begriff, die Erde
zu verlassen. Darum mußt du eilen, wenn du sie festhalten willst.«

Hm, er war kein übler Diplomat!

»Laß den Mann eintreten!«

Er ging hinaus und schob den Boten hinein. Dieser verbeugte sich bis zur
Erde nieder, zog die Schuhe aus und wartete dann demütig, bis ich ihn
anreden würde.

»Tritt näher!«

»Sallam aaleïkum! Allah sei mit dir, o Herr, und lasse dein Ohr offen
sein für die demütige Bitte des geringsten deiner Knechte.«

»Wer bist du?«

»Ich bin ein Diener des großen Abrahim-Mamur, der aufwärts droben am
Flusse wohnt.«

»Was sollst du mir sagen?«

»Es ist großes Herzeleid gekommen über das Haus meines Gebieters, denn
Güzela, die Krone seines Herzens, schwindet hin in die Schatten des
Todes. Kein Arzt, kein Fakir und kein Zauberer vermochte den Schritt
ihrer Krankheit aufzuhalten. Da hörte mein Herr – den Allah erfreuen
möge – von dir und deinem Ruhme und daß der Tod vor deiner Stimme
flieht. Er sandte mich zu dir und läßt dir sagen: Komm und nimm den Tau
des Verderbens von meiner Blume, so soll mein Dank süß sein und hell wie
der Glanz des Goldes.«

Diese Beschreibung einer bejahrten Frau schien mir ein wenig
überschwänglich zu sein.

»Ich kenne den Ort nicht, an welchem dein Herr wohnt. Ist er weit von
hier?«

»Er wohnt am Strande und sendet dir ein Boot. In einer Stunde wirst du
bei ihm sein.«

»Wer wird mich zurückfahren?«

»Ich.«

»Ich komme. Warte draußen!«

Er nahm seine Schuhe und zog sich zurück. Ich erhob mich, warf ein
anderes Gewand über und griff nach meinem Kästchen mit Aconit, Sulphur,
Pulsatilla und all’ den Mitteln, welche in einer Apotheke von hundert
Nummern zu haben sind. Bereits nach fünf Minuten saßen wir in dem von
vier Ruderern bewegten Kahne, ich in Gedanken versunken, Halef Agha aber
stolz wie ein Pascha von drei Roßschweifen. Im Gürtel trug er die
silberbeschlagenen Pistolen, die ich in Kairo geschenkt erhalten hatte,
und den scharfen, glänzenden Dolch, in der Hand aber die unvermeidliche
Nilpeitsche, als das beste Mittel, sich unter der dortigen Bevölkerung
Achtung, Ehrerbietung und Berücksichtigung zu verschaffen.

Zwar war die Hitze nicht angenehm, aber die stromaufwärts gehende
Bewegung unseres Fahrzeuges brachte uns mit einem kühlenden Luftzuge in
Berührung.

Es ging eine Strecke weit an Durrha-, Tabak-, Sesam- und
Sennespflanzungen vorüber, aus deren Hintergrunde schlanke Palmen
emporragten; dann folgten unbebaute Flächen, über welche sich ein
niederes Gestrüpp von Mimosen und Sykomoren hinstreckte; endlich kam
nacktes, jeder Vegetation bares Gestein, und mitten aus den wohl bereits
vor Jahrtausenden herumgestreuten Felsblöcken erhob sich die
quadratische Mauer, durch welche wir uns den Eingang suchen mußten.

Als wir anlangten, bemerkte ich, daß ein schmaler Kanal aus dem Flusse
unter der Mauer fortführte, jedenfalls um die Bewohner mit dem nötigen
Wasser zu versehen, ohne daß dieselben sich aus ihrer Wohnung zu bemühen
brauchten. Unser Führer schritt uns voran, führte uns um zwei Ecken zu
der dem Wasser abgekehrten Seite und gab an dem dort befindlichen Thore
ein Zeichen, auf welches uns bald geöffnet wurde.

Das Gesicht eines Schwarzen grinste uns entgegen, doch beachteten wir
seine tief bis zur Erde herabgehende Reverenz gar nicht und schritten
vorwärts, an ihm vorüber. Architektonische Schönheit durfte ich bei
einem orientalischen Prachtgebäude nicht erwarten, und so fühlte ich
mich auch nicht überrascht von der kahlen, nackten, fensterlosen Front,
welche das Haus mir zukehrte. Aber das Klima des Landes hatte denn doch
einen etwas zu zerstörenden Einfluß auf das alte Gemäuer ausgeübt, als
daß ich es zur Wohnung eines zarten, kranken Weibes hätte empfehlen
mögen.

Früher hatten Zierpflanzen den schmalen Raum zwischen der Mauer und dem
Gebäude geschmückt und den Bewohnerinnen eine angenehme Erholung
geboten; jetzt waren sie längst verwelkt und verdorrt. Wohin das Auge
nur blickte, fand es nichts als starre kahle Öde, und nur Scharen von
Schwalben, welche in den zahlreichen Rissen und Sprüngen des
betreffenden Gebäudes nisteten, brachten einigermaßen Leben und Bewegung
in die traurige tote Scene.

Der voranschreitende Bote führte uns durch einen dunkeln, niedrigen
Thorgang in einen kleinen Hof, dessen Mitte ein Bassin einnahm. Also bis
hierher führte der Kanal, welchen ich vorhin bemerkt hatte, und der
Erbauer des einsamen Hauses war klugerweise vor allen Dingen darauf
bedacht gewesen, sich und die Seinigen reichlich mit dem zu versorgen,
was in dem heißen Klima jener Länderstriche das Notwendigste und
Unentbehrlichste ist. Zugleich bemerkte ich nun auch, daß der ganze Bau
darauf gerichtet war, die jährlich wiederkehrenden Überschwemmungen des
Nils schadlos aushalten zu können.

In diesen Hof hinab gingen mehrere hölzerne Gitterwerke, hinter denen
jedenfalls die zum Aufenthalt dienenden Räume lagen. Ich konnte ihnen
jetzt keine große, zeitraubende Betrachtung schenken, sondern gab meinem
Diener einen Wink, mit der Apotheke, welche er umhängen hatte, hier des
weiteren zu harren, und folgte dem Wegweiser in das Selamlük des Hauses.

Es war ein geräumiges, halbdunkles und hohes Zimmer, durch dessen
vergitterte Fensteröffnungen ein wohlthuend gedämpftes Licht fiel. Durch
die aufgeklebten Tapeten und Arabesken und Ornamente hatte es einen
wohnlichen Anstrich erhalten, und die in einer Nische stehenden
Wasserkühlgefäße erzeugten eine recht angenehme Temperatur. Ein Geländer
trennte den Raum in zwei Hälften, deren vordere für die Dienerschaft,
die hintere aber für den Herrn und die besuchenden Gäste bestimmt war.
Den erhöhten Hintergrund zierte ein breiter Diwan, welcher von einer
Ecke bis in die andere reichte, und auf welchem Abrahim-Mamur, der
»Besitzer von vielen Beuteln«, saß.

Er erhob sich beim Eintritte, blieb aber der Sitte gemäß vor seinem
Sitze stehen. Da ich nicht die dort gewöhnliche Fußbekleidung trug, so
konnte ich mich ihrer auch nicht entledigen, sondern schritt,
unbekümmert um meine Lederstiefel, über die kostbaren Teppiche und ließ
mich an seiner Seite nieder. Die Diener brachten den unvermeidlichen
Kaffee und die noch notwendigeren Pfeifen, und nun konnte das weitere
folgen.

Mein erster Blick war natürlich nach seiner Pfeife gerichtet gewesen,
denn jeder Kenner des Orients weiß, daß man an derselben sehr genau die
Verhältnisse ihres Besitzers zu erkennen vermag. Das lange,
wohlriechende und mit stark vergoldetem Silberdraht umsponnene Rohr
hatte gewiß seine tausend Piaster gekostet. Teurer aber noch war das
Bernsteinmundstück, welches aus zwei Teilen bestand, zwischen denen ein
mit Edelsteinen besetzter Ring hervorschimmerte. Der Mann schien
wirklich »viele Beutel« zu besitzen, nur war dies kein Grund, mich
befangen zu machen, da mancher Inhaber einer Pfeife im Werte von
zehntausend Piastern seinen Reichtum doch nur den geknechteten
Unterthanen entwendet oder geraubt hat. Lieber also einen prüfenden
Blick in das Gesicht!

Wo hatte ich diese Züge doch nur bereits einmal gesehen, diese schönen,
feinen und in ihrer Mißharmonie doch so diabolischen Züge? Forschend,
scharf, stechend, nein, förmlich durchbohrend senkt sich der Blick des
kleinen, unbewimperten Auges in den meinen und kehrt dann kalt und wie
beruhigt wieder zurück. Glühende und entnervende Leidenschaften haben
diesem Gesichte immer tiefere Spuren eingegraben; die Liebe, der Haß,
die Rache, der Ehrgeiz sind einander behilflich gewesen, eine großartig
angelegte Natur in den Schmutz des Lasters herniederzureißen und dem
Äußeren des Mannes jenes unbeschreibliche Etwas zu verleihen, welches
dem Guten und Reinen ein sicheres Warnungszeichen ist.

Wo bin ich diesem Manne begegnet? Gesehen habe ich ihn; ich muß mich nur
besinnen; aber das fühle ich, unter freundlichen Umständen ist es nicht
gewesen.

»Sallam aaleïkum!« ertönte es langsam zwischen dem vollen, prächtigen,
aber schwarzgefärbten Barte hervor.

Diese Stimme war kalt, klanglos, ohne Leben und Gemüt; es konnte einem
dabei ein Schauer ankommen.

»Aaleïkum!« antwortete ich.

»Möge Allah Balsam wachsen lassen auf den Spuren deiner Füße und Honig
träufeln von den Spitzen deiner Finger, damit mein Herz nicht mehr höre
die Stimme seines Kummers!«

»Gott gebe dir Frieden und lasse mich finden das Gift, welches an dem
Leben deines Glückes nagt,« erwiderte ich seinen Gruß, da nicht einmal
der Arzt nach dem Weibe des Muselmannes fragen darf, ohne den größten
Verstoß gegen die Höflichkeit und Sitte zu begehen.

»Ich habe gehört, daß du ein weiser Hekim seiest. Welche Medresse[21]
hast du besucht?«

    [21] Höhere Schule im Orient.

»Keine.«

»Keine?«

»Ich bin kein Moslem.«

»Nicht? Was sonst?«

»Ein Nemsi!«

»Ein Nemsi! O, ich weiß, die Nemsi sind kluge Leute; sie kennen den
Stein der Weisen und das Abracadabra, welches den Tod vertreibt.«

»Es giebt weder einen Stein der Weisen noch ein Abracadabra.«

Er blickte mir kalt in die Augen.

»Vor mir brauchst du dich nicht zu verbergen. Ich weiß, daß die Zauberer
von ihrer Kunst nicht sprechen dürfen, und will sie dir auch gar nicht
entlocken, nur helfen sollst du mir. Wodurch vertreibst du die Krankheit
eines Menschen, durch Worte oder durch einen Talisman?«

»Weder durch Worte noch durch einen Talisman, sondern durch die
Medizin.«

»Du sollst dich nicht vor mir verstecken. Ich glaube an dich, denn
trotzdem du kein Moslem bist, ist doch deine Hand mit Erfolg begabt, als
hätte sie der Prophet gesegnet. Du wirst die Krankheit finden und
besiegen.«

»Der Herr ist allmächtig; er kann retten und verderben, und nur ihm
allein gebührt die Ehre. Doch wenn ich helfen soll, so sprich!«

Diese direkte Aufforderung, ein wenn auch noch so unbedeutendes
Geheimnis seines Haushaltes preiszugeben, schien ihn unangenehm zu
berühren, trotzdem er darauf vorbereitet sein mußte; doch versuchte er
sofort die Schwäche zu verbergen und befolgte meine Aufforderung:

»Du bist aus dem Lande der Ungläubigen, wo es keine Schande ist, von der
zu reden, welche die Tochter einer Mutter ist?«

Ich fühlte mich innerlich amüsiert von der Art und Weise, mit welcher
er es zu umgehen suchte, von »seinem Weibe« zu sprechen, doch blieb ich
ernst und antwortete ziemlich kalt:

»Du willst, daß ich dir helfen soll und beschimpfest mich?«

»Inwiefern?«

»Du nennst meine Heimat das Land der Ungläubigen.«

»Ihr seid doch ungläubig!«

»Wir glauben an einen Gott, welcher derselbe Gott ist, den ihr Allah
nennt. Du heißest mich von deinem Standpunkte aus einen Ungläubigen; mit
demselben Rechte könnte ich dich von meinem Standpunkte aus ebenso
nennen; aber ich thue es nicht, weil wir Nemsi nie die Pflicht der
Höflichkeit verletzen.«

»Schweigen wir über den Glauben! Der Moslem darf nicht von seinem Weibe
sprechen; aber du erlaubst, daß ich von den Frauen in Frankhistan rede?«

»Ich erlaube es.«

»Wenn das Weib eines Franken krank ist – – –«

Er sah mich an, als ob er eine Bemerkung von mir erwarte; ich winkte ihm
nur, in seiner Rede fortzufahren.

»Also wenn sie krank ist und keine Speise zu sich nimmt –«

»Keine?«

»Nicht die geringste!«

»Weiter!«

»Den Glanz ihrer Augen und die Fülle ihrer Wangen verliert – wenn sie
müde ist und doch den Genuß des Schlafes nicht mehr kennt – – –«

»Weiter!«

»Wenn sie nur lehnend steht und langsam, schleichend geht – vor Kälte
schauert und vor Hitze brennt – – –«

»Ich höre. Fahre fort.«

»Bei jedem Geräusch erschrickt und zusammenzuckt – wenn sie nichts
wünscht, nichts liebt, nichts haßt und unter dem Schlage ihres Herzens
zittert – – –«

»Immer weiter!«

»Wenn ihr Atem zu sehen ist wie der des kleinen Vogels – wenn sie nicht
lacht, nicht weint, nicht spricht – wenn sie kein Wort der Freude und
kein Wort der Klage hören läßt und ihre Seufzer selbst nicht mehr
vernimmt – wenn sie das Licht der Sonne nicht mehr sehen will und in der
Nacht wach in den Ecken kauert – – –«

Wieder blickte er mich an, und in seinen flackernden Augen war eine
Angst zu erkennen, welche sich durch jede der aufgezählten
Krankheitssymptome zu nähren und zu vergrößern schien. Er mußte die
Kranke mit der letzten, trüben und also schwersten Glut seines fast
ausgebrannten Herzens lieb haben und hatte mir, ohne es zu wissen und zu
wollen, mit seinen Worten sein ganzes Verhältnis zu ihr verraten.

»Du bist noch nicht zu Ende!«

»Wenn sie zuweilen plötzlich einen Schrei ausstößt, als ob ein Dolch ihr
in die Brust gestoßen würde – wenn sie ohne Aufhören ein fremdes Wort
flüstert –«

»Welches Wort?«

»Einen Namen.«

»Weiter!«

»Wenn sie hustet und dann Blut über ihre bleichen Lippen fließt – – –«

Er blickte mich jetzt so starr und angstvoll an, daß ich merken mußte,
meine Entscheidung sei ein Urteil für ihn, ein befreiendes oder ein
vernichtendes. Ich zögerte nicht, ihm das letztere zu geben:

»So wird sie sterben.«

Er saß erst einige Augenblicke so bewegungslos, als habe ihn der Schlag
getroffen, dann aber sprang er auf und stand hochaufgerichtet vor mir.
Der rote Fez war ihm von dem kahl geschorenen Haupte geglitten, die
Pfeife seiner Hand entfallen; in dem Gesichte zuckte es von den
widerstreitendsten Gefühlen. Es war ein eigentümliches, ein furchtbares
Gesicht; es glich ganz jenen Abbildungen des Teufels, wie sie der
geniale Stift Doré’s zu zeichnen versteht, nicht mit Schweif, Pferdefuß
und Hörnern, sondern mit höchster Harmonie des Gliederbaues, jeder
einzelne Zug des Gesichts eine Schönheit, und doch in der Gesamtwirkung
dieser Züge so abstoßend, so häßlich, so – diabolisch. Sein Auge ruhte
mit dem Ausdrucke des Entsetzens auf mir, der sich nach und nach in
einen zornigen und dann zuletzt in einen drohenden verwandelte.

»Giaur!« donnerte er mich an.

»Wie sagtest du?« fragte ich kalt.

»Giaur! sagte ich. Wagst du, mir das zu sagen, Hund? Die Peitsche soll
dir lehren, wer ich bin, und daß du zu thun hast, nur was ich dir
befehle. Stirbt sie, so stirbst auch du; doch machst du sie gesund, so
darfst du gehen und kannst verlangen, was dein Herz begehrt!«

Langsam und in tiefster Seelenruhe erhob auch ich mich, stellte mich in
meiner ganzen Länge vor ihn hin und fragte:

»Weißt du, was die größte Schande für einen Moslem ist?«

»Was?«

»Sieh nieder auf deinen Fez! Abrahim-Mamur, was sagt der Prophet und was
sagt der Kuran dazu, daß du die Scham deines Scheitels vor einem
Christen entblößest?«

Im nächsten Augenblick hatte er sein Haupt bedeckt und, vor Grimm
dunkelrot im Gesichte, den Dolch aus der Schärpe gerissen.

»Du mußt sterben, Giaur!«

»Wann?«

»Jetzt, sofort!«

»Ich werde sterben, wann es Gott gefällt, nicht aber wann es dir
beliebt.«

»Du wirst sterben. Bete dein Gebet!«

»Abrahim-Mamur,« antwortete ich ruhig wie zuvor, »ich habe den Bären
gejagt und bin dem Nilpferde nachgeschwommen; der Elefant hat meinen
Schuß gehört, und meine Kugel hat den Löwen, den ›Herdenwürgenden‹
getroffen. Danke Allah, daß du noch lebst, und bitte Gott, daß er dein
Herz bezwinge. Du kannst es nicht, denn du bist zu schwach dazu und
wirst doch sterben, wenn es nicht sofort geschieht!«

Das war eine neue Beleidigung, eine schwerere als die andere, und mit
einem zuckenden Sprunge wollte er mich fassen, fuhr aber sofort zurück,
denn jetzt blitzte auch in meiner Hand die Waffe, die man in jenen
Ländern niemals weglegen darf. Wir standen einander allein gegenüber,
denn er hatte sofort nach der Darreichung des Kaffees und der Pfeifen
die Dienerschaft hinausgewinkt, damit sie nichts von unserer zarten
Unterhaltung vernehmen solle.

Mit meinem wackeren Halef hatte ich nicht den mindesten Grund, mich vor
den Bewohnern des alten Hauses zu fürchten; nötigenfalls hätten wir
beide die wenigen hier wohnenden Männer zusammengeschossen; aber ich
ahnte zu viel von dem Schicksale der Kranken, für die ich mich ungemein
zu interessieren begann; ich mußte sie sehen und womöglich einige Worte
mit ihr sprechen.

»Du willst schießen?« frug er wütend, auf meinen Revolver deutend.

»Ja.«

»Hier, in meinem Hause, in meinem Diwan?«

»Allerdings, wenn ich gezwungen werde, mich zu verteidigen.«

»Hund, es ist wahr, was ich gleich vorhin dachte als du eintratest!«

»Was ist wahr, Abrahim-Mamur?«

»Daß ich dich bereits einmal gesehen habe.«

»Wo?«

»Ich weiß es nicht.«

»Wann?«

»Auch das weiß ich nicht; aber das ist sicher, daß es nicht im Guten
war.«

»Grade wie heute, denn es sollte mich wundern, wenn diese Zusammenkunft
gut enden würde. Du hast mich ›Hund‹ genannt, und ich sage dir, daß dir
im nächsten Augenblick, nachdem du dieses Wort noch einmal gesagt hast,
meine Kugel im Gehirn sitzen wird. Beachte dies wohl, Abrahim-Mamur!«

»Ich werde meine Diener rufen!«

»Rufe sie, wenn du ihre Leichen sehen willst, um dich dann tot neben sie
zu legen.«

»Oho, du bist kein Gott!«

»Aber ein Nemsi. Hast du schon einmal die Hand eines Nemsi gefühlt?«

Er lächelte verächtlich.

»Nimm dich in acht, daß du sie nicht einmal zu fühlen bekommst! Sie ist
nicht in Rosenöl gebadet, wie die deinige. Aber ich will dir den Frieden
deines Hauses lassen. Lebe wohl. Du willst es nicht, daß ich den Tod
bezwinge; dein Wunsch mag sich erfüllen; rabbena chaliëk, der Herr
erhalte dich!«

Ich steckte den Revolver ein und schritt der Thüre zu.

»Bleib!« rief er.

Ich schritt dennoch weiter.

»Bleib!« rief er gebieterischer.

Ich hatte beinahe die Thüre erreicht und kehrte nicht um.

»So stirb, Giaur!«

Im Nu drehte ich mich um und hatte grad noch Zeit, zur Seite
auszuweichen. Sein Dolch flog an mir vorüber und tief in das Getäfel der
Wand.

»Jetzt bist du mein, Bube!«

Mit diesen Worten sprang ich auf ihn zu, faßte ihn, grad wie ich ihn
erwischte, riß ihn empor und schleuderte ihn an die Wand.

Er blieb einige Sekunden liegen und raffte sich dann wieder empor. Seine
Augen waren weit geöffnet, die Adern seiner Stirne zum Bersten
geschwollen und seine Lippen blau vor Wut; aber ich hielt ihm den
Revolver entgegen, und er blieb eingeschüchtert vor mir halten.

»Jetzt hast du die Hand eines Nemsi kennen gelernt. Wage es nicht
wieder, sie zu reizen!«

»Mensch!«

»Feigling! Wie nennt man das, wenn einer einen Arzt um Hilfe bittet, ihn
mit Worten beschimpft und dann gar hinterrücks ermorden will? Der
Glaube, welcher solche Bekenner hat, kann nicht viel taugen!«

»Zauberer!«

»Warum?«

»Wenn du keiner wärest, hätte dich ganz sicher mein Dolch getroffen, und
du hättest nicht die Kraft gehabt, mich emporzuwerfen!«

»Nun wohl! Bin ich ein Zauberer, so hätte ich dir auch Güzela, dein
Weib, erhalten können.«

Ich sprach den Namen mit Vorbedacht aus. Es hatte Wirkung.

»Wer hat dir diesen Namen genannt?«

»Dein Bote.«

»Ein Ungläubiger darf nicht den Namen einer Gläubigen aussprechen!«

»Ich spreche nur den Namen eines Weibes aus, welches bereits morgen tot
sein kann.«

Wieder blickte er mich mit seiner eisigen Starrheit an, dann aber schlug
er die Hände vor das Gesicht.

»Ist es wahr, Hekim, daß sie bereits morgen tot sein kann?«

»Es ist wahr.«

»Kann sie nicht gerettet werden?«

»Vielleicht.«

»Sage nicht vielleicht, sondern sage gewiß. Bist du bereit, mir zu
helfen? Wenn sie gesund wird, so fordere, was du willst.«

»Ich bin bereit.«

»So gieb mir deinen Talisman oder deine Medizin.«

»Ich habe keinen Talisman, und Medizin kann ich dir jetzt nicht geben.«

»Warum nicht?«

»Der Arzt kann nur dann einen Kranken heilen, wenn er ihn sehen kann.
Komm, laß uns zu ihr gehen, oder laß sie zu uns kommen!«

Er fuhr zurück, wie von einem Stoße getroffen.

»Masch Allah, bist du toll? Der Geist der Wüste hat dein Hirn verbrannt,
daß du nicht weißt, was du forderst. Das Weib muß ja sterben, auf
welchem das Auge eines fremden Mannes ruhte!«

»Sie wird noch sicherer sterben, wenn ich nicht zu ihr darf. Ich muß den
Schlag ihres Pulses messen und Antwort von ihr hören über vieles, was
ihre Krankheit betrifft. Nur Gott ist allwissend und braucht niemand zu
fragen.«

»Du heilst wirklich nicht durch Talisman?«

»Nein.«

»Auch nicht durch Worte?«

»Nein.«

»Oder durch das Gebet?«

»Ich bete auch für die Leidenden; aber Gott hat uns die Mittel, sie
gesund zu machen, bereits in die Hand gelegt.«

»Welche Mittel sind es?«

»Es sind Blumen, Metalle und Erden, deren Säfte und Kräfte wir
ausziehen.«

»Es sind keine Gifte?«

»Ich vergifte keinen Kranken.«

»Kannst du das beschwören?«

»Vor jedem Richter.«

»Und du mußt mit ihr sprechen?«

»Ja.«

»Was?«

»Ich muß sie fragen nach ihrer Krankheit und allem, was damit
zusammenhängt.«

»Nach andern Dingen nicht?«

»Nein.«

»Du wirst mir jede Frage vorher sagen, damit ich sie dir erlaube?«

»Ich bin es zufrieden.«

»Und du mußt auch ihre Hand betasten?«

»Ja.«

»Ich erlaube es dir auf eine ganze Minute. Mußt du ihr Angesicht sehen?«

»Nein; sie kann ganz verschleiert bleiben. Aber sie muß einige Male in
dem Zimmer auf und ab gehen.«

»Warum?«

»Weil an dem Gange und der Haltung vieles zu erkennen ist, was die
Krankheit betrifft.«

»Ich erlaube es dir und werde die Kranke jetzt herbeiholen.«

»Das darf nicht sein.«

»Warum nicht?«

»Ich muß sie da sehen, wo sie wohnt; ich muß alle ihre Zimmer
betrachten.«

»Aus welchem Grunde?«

»Weil es viele Krankheiten giebt, die nur in unpassenden Wohnungen
entstehen, und das kann nur das Auge des Arztes bemerken.«

»So willst du wirklich mein Harem[22] betreten?«

    [22] Das arabische Wort Harem bedeutet eigentlich »das Heilige,
    Unverletzliche« und bezeichnet bei den Muhammedanern die
    Frauenwohnung, welche von den übrigen Räumen des Hauses
    abgesondert ist.

»Ja.«

»Ein Ungläubiger?«

»Ein Christ.«

»Ich erlaube es nicht!«

»So mag sie sterben. Sallam aaleïkum, Friede sei mit dir und ihr!«

Ich wandte mich zum Gehen. Obgleich ich bereits aus der Aufzählung der
Symptome gemerkt hatte, daß Güzela an einer hochgradigen Gemütskrankheit
leide, that ich doch, als ob ich an eine bloß körperliche Erkrankung
glaube; denn grad weil ich vermutete, daß ihr Leiden die Folge eines
Zwanges sei, der sie in die Gewalt dieses Mannes gebracht hatte, wollte
ich mich so viel wie möglich über alles aufklären. Er ließ mich wieder
bis zur Thür gehen, dann aber rief er:

»Halt, Hekim, bleibe da. Du sollst die Gemächer betreten!«

Ich wandte mich um und schritt, ohne ihm meine Genugthuung merken zu
lassen, wieder auf ihn zu. Ich hatte gesiegt und war außerordentlich
zufrieden mit den Zugeständnissen, die er mir gemacht hatte, denn sie
gewährten mir mehr, als wohl jemals einem Europäer zugestanden worden
ist. Die Liebe des Ägypters und infolge dessen also auch seine Sorge
mußte eine sehr ungewöhnliche sein, daß er sich zu solchen
Zugeständnissen verstand. Freilich konnte ich die ingrimmigste
Erbitterung gegen mich aus jeder seiner Mienen lesen, denn ihm war ich
ein unabweisbarer Eindringling in die Mysterien seiner inneren
Häuslichkeit, und ich hegte die Überzeugung, daß ich ihn auch selbst in
dem Falle einer glücklichen Heilung der kranken Frau als einen
unversöhnlichen Feind zurücklassen werde, zumal er ganz so wie ich die
Überzeugung hatte, daß wir uns bereits einmal unter unfreundlichen
Umständen begegnet seien.

Jetzt entfernte er sich, um alles Nötige in eigener Person anzuordnen,
denn keiner seiner Diener durfte ahnen, daß er einem fremden Mann
Zutritt in das Heiligtum seines Hauses gestatte.

Er kehrte erst nach einer langen Weile zurück. Es lag ein Ausdruck
fester, trotziger Entschlossenheit um seinen zusammengekniffenen Mund,
und mit einem Blicke voll versteckt bleiben sollenden, aber doch
hervorbrechenden Hasses instruierte er mich:

»Du sollst zu ihr gehen – –«

»Du versprachst es bereits.«

»Und ihre Zimmer sehen – –«

»Natürlich.«

»Auch sie selbst – – –«

»Verschleiert und eingehüllt.«

»Und mit ihr sprechen.«

»Das ist notwendig.«

»Ich erlaube dir viel, unendlich viel, Effendi. Aber bei der Seligkeit
aller Himmel und bei den Qualen aller Höllen, sobald du ein Wort
sprichst, welches ich nicht wünsche, oder das Geringste thust, was dir
nicht von mir erlaubt wurde, stoße ich sie nieder. Du bist stark und
wohl bewaffnet, darum wird mein Dolch nicht gegen dich, sondern gegen
sie gerichtet sein. Ich schwöre es dir bei allen Suwar[23] des Kuran und
bei allen Kalifen, deren Andenken Allah segnen möge!«

    [23] Plural von Sura, die Strophe.

Er hatte mich also doch kennen gelernt und dachte sich, daß ihm diese
Versicherung mehr nützen werde, als die prahlerischsten Drohungen, wenn
sie gegen mich selbst gerichtet gewesen wären. Übrigens war es mir ja
gar nicht in den Sinn gekommen, ihn in seinen Rechten zu kränken; nur
konnte ich mich bei seinem Verhalten je länger desto weniger einer
Ahnung entschlagen, daß in seinem Verhältnisse zu der Kranken irgend ein
dunkler Punkt zu finden sei.

»Ist es Zeit?« fragte ich.

»Komm!«

Wir gingen. Er schritt voran, und ich folgte ihm.

Zunächst kamen wir durch einige fast in Trümmern liegende Räume, in
denen allerlei nächtliches Getier sein Wesen treiben mochte; dann
betraten wir ein Gemach, welches als Vorzimmer zu dienen schien, und nun
folgte der Raum, der allem Anscheine nach als eigentliches Frauengemach
benutzt wurde. Alle die umherliegenden Kleinigkeiten waren solche, wie
sie von Frauen gesucht und gern benutzt werden.

»Das sind die Zimmer, welche du sehen wolltest. Siehe, ob du den Dämon
der Krankheit in ihnen zu finden vermagst!« meinte Abrahim-Mamur mit
einem halb spöttischen Lächeln.

»Und das Gemach nebenan – –?«

»Die Kranke befindet sich darin. Du sollst es auch sehen, aber ich muß
mich vorher überzeugen, ob die Sonne ihr Angesicht verhüllt hat vor dem
Auge des Fremden. Wage ja nicht, mir nachzufolgen, sondern warte ruhig,
bis ich wiederkomme!«

Er trat hinaus, und ich war allein.

Also da draußen befand sich Güzela. Dieser Name bedeutet wörtlich »die
Schöne«. Dieser Umstand und das ganze Verhalten des Ägypters brachte
meine frühere Vermutung, daß es sich um eine ältere Person handle, ins
Wanken.

Ich ließ mein Auge durch den Raum schweifen. Es war hier ganz dieselbe
Einrichtung getroffen, wie in dem Zimmer des Hausherrn: das Geländer,
der Diwan, die Nische mit den Kühlgefäßen.

Nach kurzer Zeit erschien Abrahim wieder.

»Hast du die Räume geprüft?« fragte er mich.

»Ja.«

»Nun?«

»Es läßt sich nichts sagen, bis ich bei der Kranken gewesen bin.«

»So komm, Effendi. Aber laß dich noch einmal warnen!«

»Schon gut! Ich weiß ganz genau, was ich zu thun habe.«

Wir traten in das andere Gemach. In weite Gewänder gehüllt, stand eine
Frauengestalt tief verschleiert an der hintern Wand des Zimmers. Nichts
war von ihr zu sehen, als die kleinen, in Sammtpantoffeln steckenden
Füße.

Ich begann meine Fragen, deren Enthaltsamkeit den Ägypter vollständig
befriedigte, ließ sie eine kleine Bewegung machen und bat sie endlich,
mir die Hand zu reichen. Fast wäre ich trotz der ernsten Situation in
eine laute Heiterkeit ausgebrochen. Die Hand war nämlich so vollständig
in ein dickes Tuch gebunden, daß es ganz und gar unmöglich war, auch nur
die Lage oder Form eines Fingers durch dasselbe zu erkennen. Sogar der
Arm war in derselben Weise verhüllt.

Ich wandte mich zu Abrahim.

»Mamur, diese Bandagen müssen entfernt werden.«

»Warum?«

»Ich kann den Puls nicht fühlen.«

»Entferne die Tücher!« gebot er ihr.

Sie zog den Arm hinter die Hüllen zurück und ließ dann ein zartes
Händchen erscheinen, an dessen Goldfinger ich einen sehr schmalen Reifen
erblickte, welcher eine Perle trug. Abrahim beobachtete meine Bewegungen
mit gespannter Aufmerksamkeit. Während ich meine drei Finger an ihr
Handgelenk legte, neigte ich mein Ohr tiefer, wie um den Puls nicht bloß
zu fühlen, sondern auch zu hören, und – täuschte ich mich nicht – da
wehte es leise, leise, fast unhörbar durch den Schleier:

»Kurtar Senitzaji – rette Senitza!«

»Bist du fertig?« fragte jetzt Abrahim, indem er rasch näher trat.

»Ja.«

»Was fehlt ihr?«

»Sie hat ein großes, ein tiefes Leiden, das größte, welches es giebt,
aber – – – ich werde sie retten.«

Diese letzten vier Worte richtete ich mit langsamer Betonung mehr an sie
als an ihn.

»Wie heißt das Übel?«

»Es hat einen fremden Namen, den nur die Ärzte verstehen.«

»Wie lange dauert es, bis sie gesund wird?«

»Das kann bald, aber auch sehr spät geschehen, je nachdem Ihr mir
gehorsam seid.«

»Worin soll ich dir gehorchen?«

»Du mußt ihr meine Medizin regelmäßig verabreichen.«

»Das werde ich thun.«

»Sie muß einsam bleiben und vor allem Ärger behütet werden.«

»Das soll geschehen.«

»Ich muß täglich mit ihr sprechen dürfen.«

»Du? Weshalb?«

»Um meine Mittel nach dem Befinden der Kranken einrichten zu können.«

»Ich werde dir dann selbst sagen, wie sie sich befindet.«

»Das kannst du nicht, weil du das Befinden eines Kranken nicht zu
beurteilen vermagst.«

»Was hast du denn mit ihr zu sprechen?«

»Nur das, was du mir erlaubst.«

»Und wo soll es geschehen?«

»Hier in diesem Raume, grad wie heute.«

»Sage es genau, wie lange du kommen mußt!«

»Wenn Ihr mir gehorcht, so ist sie von heute an in fünf Tagen von ihrer
Krankheit – – frei.«

»So gieb ihr die Medizin.«

»Ich habe sie nicht hier; sie befindet sich unten im Hofe bei meinem
Diener.«

»So komm!«

Ich wandte mich gegen sie, um mit dieser Bewegung einen stummen Abschied
von ihr zu nehmen. Sie hob unter der Hülle die Hände wie bittend empor
und wagte die drei Silben:

»Eww’ Allah, mit Gott!«

Sofort aber fuhr er herum:

»Schweig! Du hast nur zu sprechen, wenn du gefragt wirst!«

»Abrahim-Mamur,« antwortete ich sehr ernst, »habe ich nicht gesagt, daß
sie vor jedem Ärger, vor jedem Kummer bewahrt werden muß? So spricht man
nicht zu einer Kranken, in deren Nähe der Tod schon steht!«

»So mag sie zunächst selbst dafür sorgen, daß sie sich nicht zu kränken
braucht. Sie weiß, daß sie nicht sprechen soll. Komm!«

Wir kehrten in das Selamlük zurück, wo ich nach Halef schickte, der
alsbald mit der Apotheke erschien. Ich gab #Ignatia# nebst den nötigen
Vorschriften und machte mich dann zum Gehen bereit.

»Wann wirst du morgen kommen?«

»Um dieselbe Stunde.«

»Ich werde dir wieder einen Kahn senden. Wie viel verlangst du für
heute?«

»Nichts. Wenn die Kranke gesund ist, magst du mir geben, was dir
beliebt.«

Er griff dennoch in die Tasche, zog eine reich gestickte Börse hervor,
nahm einige Stücke und reichte sie Halef hin.

»Hier, nimm du!«

Der wackere Halef-Agha griff mit einer Miene zu, als ob es sich um eine
große Gnadenbezeugung gegen den Ägypter handle, und meinte, das
Bakschisch ungesehen in seine Tasche senkend:

»Abrahim-Mamur, deine Hand ist offen und die meine auch. Ich schließe
sie gegen dich nicht zu, weil der Prophet sagt, daß eine offene Hand die
erste Stufe zum Aufenthalte der Seligen sei. Allah sei bei dir und auch
bei mir!«

Wir gingen, von dem Ägypter bis in den Garten begleitet, wo uns ein
Diener die in der Mauer befindliche Thür öffnete. Als wir uns allein
befanden, griff Halef in die Tasche, um zu sehen, was er erhalten hatte.

»Drei Goldzechinen, Effendi! Der Prophet segne Abrahim-Mamur und lasse
sein Weib so lange als möglich krank bleiben!«

»Hadschi Halef Omar!«

»Sihdi! Willst du mir nicht einige Zechinen gönnen?«

»Doch; noch mehr ist einem Kranken die Gesundheit zu gönnen.«

»Wie oft gehest du noch, ehe sie gesund wird?«

»Noch fünfmal vielleicht.«

»Fünfmal drei macht fünfzehn Zechinen; wenn sie gesund wird, vielleicht
noch fünfzehn Zechinen, macht dreißig Zechinen. Ich werde forschen, ob
es hier am Nil noch mehr kranke Frauen giebt.«

Wir langten bei dem Kahn an, wo uns die Ruderer bereits erwarteten.
Unser voriger Führer saß am Steuer, und als wir eingestiegen waren, ging
es flott den Strom hinab, schneller natürlich als aufwärts, so daß wir
nach einer halben Stunde unser Ziel erreichten.

Wir legten ganz in der Nähe einer Dahabïe an, welche während unserer
Abwesenheit am Ufer vor Anker gegangen war. Ihre Taue waren befestigt,
ihre Segel eingezogen, und nach dem frommen muhammedanischen Gebrauche
lud der Reïs, der Schiffskapitän, seine Leute zum Gebete ein:

»Haï al el salah, auf, rüstet euch zum Gebete.«

Ich war schon im Fortgehen begriffen gewesen, wandte mich aber schnell
um. Diese Stimme kam mir außerordentlich bekannt vor. Hatte ich recht
gehört? War dies wirklich der alte Hassan, den sie Abu el Reïsahn, Vater
der Schiffsführer, nannten? Er war in Kufarah, wo er einen Sohn besucht
hatte, mit mir und Halef zusammengetroffen und mit uns nach Ägypten
zurückgekehrt. Wir hatten einander außerordentlich lieb gewonnen, und
ich war überzeugt, daß er sehr erfreut sein werde, mich hier
wiederzufinden. Ich wartete daher, bis das Gebet beendet war, und rief
dann zum Deck empor.

»Hassan el Reïsahn, ohio!«

Sofort reckte er sein altes, gutes, bärtiges Gesicht herab und fragte:

»Wer ist – – o, Allah akbar, Gott ist groß! Ist das nicht mein Sohn, der
Nemsi Kara Effendi?«

»Er ist es, Abu Hassan.«

»Komm herauf, mein Sohn; ich muß dich umarmen!«

Ich stieg empor und wurde von ihm auf das herzlichste bewillkommnet.

»Was thust du hier?« fragte er mich.

»Ich ruhe aus von der Reise. Und du?«

»Ich komme mit meinem Schiffe von Dongola, wo ich eine Ladung
Sennesblätter eingenommen habe. Ich bekam ein Leck und mußte also hier
anlegen.«

»Wie lange bleibst du hier?«

»Nur morgen noch. Wo wohnest du?«

»Dort rechts in dem alleinstehenden Hause.«

»Hast du einen guten Wirt?«

»Es ist der Scheik el Belet[24] des Ortes, ein Mann, mit dem ich sehr
zufrieden bin. Du wirst diesen Abend bei mir sein, Abu Hassan?«

    [24] Dorfrichter.

»Ich werde kommen, wenn deine Pfeifen nicht zerbrochen sind.«

»Ich habe nur die eine; du mußt also die deinige mitbringen, aber du
wirst den köstlichsten Djebeli rauchen, den es je gegeben hat.«

»Ich komme gewiß. Bleibst du noch lange hier?«

»Nein. Ich will nach Kairo zurück.«

»So fahre mit mir. Ich lege in Bulakh[25] an.«

    [25] Vorstadt von Kairo mit Hafen.

Bei diesem Anerbieten kam mir ein Gedanke.

»Hassan, du nanntest mich deinen Freund!«

»Du bist es. Fordere von mir, was du willst, so soll es dir werden, wenn
ich es habe oder kann!«

»Ich möchte dich um etwas sehr Großes bitten.«

»Kann ich es erfüllen?«

»Ja.«

»So ist es dir schon voraus gewährt. Was ist es?«

»Das sollst du am Abend erfahren, wenn du mit mir Kaffee trinkst.«

»Ich komme und – – doch mein Sohn, ich vergaß, daß ich bereits geladen
bin.«

»Wo?«

»In demselben Hause, in welchem du wohnst.«

»Bei dem Scheik el Belet?«

»Nein, sondern bei einem Manne aus Istambul, der zwei Tage mit mir
gefahren und hier ausgestiegen ist. Er hat dort eine Stube für sich und
einen Platz für seinen Diener gemietet.«

»Was ist er?«

»Ich weiß es nicht; er hat es mir nicht gesagt.«

»Aber sein Diener konnte es sagen.«

Der Kapitän lachte, was sonst seine Angewohnheit nicht war.

»Dieser Mensch ist ein Schelm, der alle Sprachen gehört hat und doch von
keiner sehr viel lernte. Er raucht, pfeift und singt den ganzen Tag und
giebt, wenn man ihn fragt, Antworten, welche heute wahr und morgen
unwahr sind. Ehegestern war er ein Türke, gestern ein Montenegriner,
heute ist er ein Druse, und Allah weiß es, was er morgen und übermorgen
sein wird.«

»So wirst du also nicht zu mir kommen?«

»Ich komme, nachdem ich eine Pfeife mit dem andern geraucht habe. Allah
behüte dich; ich habe noch zu arbeiten.«

Halef war bereits vorausgegangen; ich folgte jetzt nach und streckte
mich, in meiner Wohnung angekommen, auf den Diwan, um mir das heutige
Erlebnis zurecht zu legen. Dies sollte mir aber nicht gelingen, denn
bereits nach kurzer Zeit trat mein Wirt zu mir herein.

»Sallam aaleïkum.«

»Aaleïkum.«

»Effendi, ich komme, um deine Erlaubnis zu holen.«

»Wozu?«

»Es ist ein fremder Sihdi zu mir gekommen und hat mich um eine Wohnung
gebeten, die ich ihm auch gegeben habe.«

»Wo liegt diese Wohnung?«

»Droben.«

»So stört mich der Mann ja gar nicht. Thue, was dir beliebt, Scheik.«

»Aber dein Kopf hat viel zu denken, und er hat einen Diener, der sehr
viel zu pfeifen und zu singen scheint.«

»Wenn es mir nicht gefällt, so werde ich es ihm verbieten.«

Der besorgte Wirt entfernte sich, und ich war wieder allein, sollte aber
doch zu keinem ruhigen Nachdenken kommen, denn ich vernahm die Schritte
zweier Menschen, welche, der eine vom Hofe her und der andere von außen
her kommend, gerade an meiner Thür zusammentrafen.

»Was willst du hier? Wer bist du?« frug der eine. Ich erkannte an der
Stimme Halef, meinen kleinen Diener.

»Wer bist denn du zunächst, und was willst du in diesem Hause?« frug der
andere.

»Ich? Ich gehöre in dieses Haus!« meinte Halef sehr entrüstet.

»Ich auch!«

»Wer bist du?«

»Ich bin Hamsad al Dscherbaja.«

»Und ich bin Hadschi Halef Omar Agha.«

»Ein Agha?«

»Ja; der Begleiter und Beschützer meines Herrn.«

»Wer ist dein Herr?«

»Der große Arzt, der hier in dieser Stube wohnt.«

»Ein großer Arzt? Was kuriert er denn?«

»Alles.«

»Alles? Mache mir nichts weis! Es giebt nur einen Einzigen, der alles
kurieren kann.«

»Wer ist das?«

»Ich.«

»So bist du auch ein Arzt?«

»Nein. Ich bin auch der Beschützer meines Herrn.«

»Wer ist dein Herr?«

»Das weiß man nicht. Wir sind erst vorhin in dieses Haus gezogen.«

»Ihr konntet draußen bleiben.«

»Warum?«

»Weil ihr unhöfliche Männer seid und keine Antwort gebt, wenn man fragt.
Willst du mir sagen, wer dein Herr ist?«

»Ja.«

»Nun?«

»Er ist, er ist – – mein Herr, aber nicht dein Herr.«

»Schlingel!«

Nach diesem letzten Worte hörte ich, daß mein Halef sich höchst
indigniert entfernte. Der andere blieb unter dem Eingange stehen und
pfiff; dann begann er leise vor sich hin zu brummen und zu summen;
nachher kam eine Pause, und darauf fiel er mit halblauter Stimme in ein
Lied.

Ich wäre vor freudiger Überraschung beinahe aufgesprungen, denn der Text
der beiden Strophen, welche er sang, lauteten in dem Arabisch, dessen er
sich bediente:

    »Fid-dagle ma tera jekun?
    Chammin hu Nabuliun.
    Ma balu-hu jedubb hena?
    Kussu-hu, ja fitjanena!

    Gema’a homr el-elbise
    Wast el-chala muntasibe.
    Ma bal hadolik wakifin?
    Hallu-na nenzor musri’ in!«

Und diese arabischen Verse, welche sich sogar ganz prächtig reimten,
klingen in unserm guten Deutsch nicht anders als:

    »Was kraucht nur dort im Busch herum?
    Ich glaub’, es ist Napolium.
    Was hat er nur zu krauchen dort?
    Frisch auf, Kam’raden, jagt ihn fort!

    Wer hat nur dort im off’nen Feld’
    Die roten Hosen hingestellt?
    Was haben sie zu stehen dort?
    Frisch auf, Kam’raden, jagt sie fort!«

Auch die Melodie war ganz und gar dieselbe, Note für Note und Ton für
Ton. Ich sprang, als er die zweite Strophe beendet hatte, zur Thür,
öffnete dieselbe und sah mir den Menschen an. Er trug weite, blaue
Pumphosen, eine eben solche Jacke, Lederstiefeletten und einen Fez auf
dem Kopfe, war also eine ganz gewöhnliche Erscheinung.

Als er mich sah, stemmte er die Fäuste in die Hüften, stellte sich, als
ob er sich aus mir nicht das mindeste mache, vor mich hin und fragte:

»Gefällt es dir, Effendi?«

»Sehr! Woher hast du das Lied?«

»Selbst gemacht.«

»Sage das einem andern, aber nicht mir! Und die Melodien?«

»Selbst gemacht, erst recht!«

»Lügner!«

»Effendi, ich bin Hamsad al Dscherbaja und lasse mich nicht schimpfen!«

»Du bist Hamsad al Dscherbaja und dennoch ein großer Schlingel! Diese
Melodie kenne ich.«

»So hat sie einer gesungen oder gepfiffen, der sie von mir gehört hat.«

»Und von wem hast du sie gehört?«

»Von niemand.«

»Du bist unverbesserlich, wie es scheint. Diese Melodie gehört zu einem
deutschen Liede.«

»Oh, Effendi, was weißt du von Deutschland!«

»Das Lied heißt:

    »Was kraucht nur dort im Busch herum?
    »Ich glaub’, es ist – – –«

»Hurrjes, wat is mich denn dat!« unterbrach er mich mit jubelndem Tone,
da ich diese Worte in deutscher Sprache gesprochen hatte. »Sind Sie man
vielleicht een Deutscher?«

»Versteht sich!«

»Wirklich? Ein deutscher Effendi? Woher denn, wenn ich fragen darf, Herr
Hekim-Baschi?«

»Aus Sachsen.«

»Een Sachse! Da sollte man doch gleich vor Freede ’n Ofen einreißen! Und
Sie sind man wohl een Türke jeworden?«

»Nein. Sie sind ein Preuße?«

»Dat versteht sich! Een Preuße aus’n Jüterbock.«

»Wie kommen Sie hierher?«

»Auf der Bahn, per Schiff, per Pferd und Kamel und auch mit die Beene.«

»Was sind Sie ursprünglich?«

»Balbier unjefähr. Es jefiel mich nicht mehr derheeme, und da jing ich
in die weite Welt, bald hierhin, bald dorthin, bis endlich hierher.«

»Sie werden mir das alles erzählen müssen. Wem aber dienen Sie jetzt?«

»Es ist een konstantinopolitanischer Kaufmannssohn und heeßt Isla Ben
Maflei, hat schauderhaftes Jeld, dat Kerlchen.«

»Was thut er hier?«

»Weeß ich’s? Er sucht wat.«

»Was denn?«

»Wird wohl vielleicht ’n Frauenzimmer sein.«

»Ein Frauenzimmer? Das wär’ doch sonderbar!«

»Wird aber doch wohl zutreffen.«

»Was sollte es für ein Frauenzimmer sein?«

»Ne Montenegrinerin, ’ne Senitscha oder Senitza, oder wie dat
ausjesprochen wird.«

»Wa–a–as? Senitza heißt sie?«

»Ja.«

»Weißt du das gewiß?«

»Versteht sich! Erstens hat er een Bild von ihr; zweetens thut er stets
– – halt, er klatscht droben, Herr Effendi; ich muß ’nauf!«

Ich setzte mich nicht wieder nieder, sondern es trieb mich in dem Zimmer
auf und ab. Zwar mußte mir dieser Barbier aus Jüterbogk, der sich so
poetisch Hamsad al Dscherbaja nannte, höchst interessant sein, noch weit
mehr aber war meine Teilnahme für seinen Herrn erwacht, der hier am Nile
eine Montenegrinerin suchte, welche den Namen Senitza führte.
Unglücklicher Weise aber kamen einige Fellahs, welche Kopfschmerz oder
Leibweh hatten, und denen meine Zauberkörner helfen sollten. Sie saßen
nach orientalischer Sitte eine ganze Stunde bei mir, ehe ich nur
erfahren konnte, was ihnen fehlte, und als ich sie abgefertigt hatte,
blieben sie am Platze, bis es ihnen selbst beliebte, die Audienz
abzubrechen.

So wurde es Abend. Der Kapitän kam und stieg nach oben, ließ aber seinen
schlürfenden Schritt nach einer halben Stunde wieder vernehmen und trat
bei mir ein. Halef servierte den Tabak und den Kaffee und zog sich dann
zurück. Kurze Zeit später hörte ich ihn mit dem Jüterbogker Türken
zanken.

»Ist dein Leck ausgebessert?« fragte ich Hassan.

»Noch nicht. Ich konnte für heute nur das Loch verstopfen und das Wasser
auspumpen. Allah giebt morgen wieder einen Tag.«

»Und wann fährst du ab?«

»Übermorgen früh.«

»Du würdest mich mitnehmen?«

»Meine Seele würde sich freuen, dich bei mir zu haben.«

»Wenn ich nun noch jemand mitbrächte?«

»Meine Dahabïe hat noch viel Platz. Wer ist es?«

»Kein Mann, sondern ein Weib.«

»Ein Weib? Hast du dir eine Sklavin gekauft, Effendi?«

»Nein. Sie ist das Weib eines anderen.«

»Der auch mitfahren wird?«

»Nein.«

»So hast du sie ihm abgekauft?«

»Nein.«

»Er hat sie dir geschenkt?«

»Nein. Ich werde sie ihm nehmen.«

»Allah kerihm, Gott ist gnädig! Du willst sie ihm nehmen, ohne daß er es
weiß?«

»Vielleicht.«

»Mann, weißt du, was das ist?«

»Nun?«

»Eine Tschikarma, eine Entführung!«

»Allerdings.«

»Eine Tschikarma, welche mit dem Tode bestraft wird. Ist dein Geist
dunkel und deine Seele finster geworden, daß du in das Verderben gehen
willst?«

»Nein. Die ganze Angelegenheit ist noch sehr fraglich. Ich weiß, du bist
mein Freund und kannst schweigen. Ich werde dir alles erzählen.«

»Öffne die Pforte deines Herzens, mein Sohn. Ich höre!«

Ich erstattete ihm Bericht über mein heutiges Abenteuer, und er hörte
mir mit Aufmerksamkeit zu. Als ich fertig war, erhob er sich.

»Steh auf, mein Sohn, nimm deine Pfeife und folge mir!«

»Wohin?«

»Das sollst du sogleich sehen.«

Ich ahnte, was er beabsichtigte, und folgte ihm. Er führte mich hinauf
in die Wohnung des Kaufmannes. Der Diener desselben war nicht anwesend,
daher traten wir ein, nachdem wir uns zuvor durch ein leichtes Hüsteln
angemeldet hatten.

Der Mann, welcher sich erhob, war noch jung; er mochte vielleicht
sechsundzwanzig Jahre zählen. Der kostbare Tschibuk, aus welchem er
rauchte, sagte mir, daß der Jüterbogker mit seinem »schauderhaftes Jeld«
wohl recht haben könne. Er war eine interessante, sympathische
Erscheinung, und ich sagte mir gleich in der ersten Minute, daß ich ihm
mein Wohlwollen schenken könnte. Der alte Abu el Reïsahn nahm das Wort:

»Das ist der Großhändler Isla Ben Maflei aus Stambul, und das hier ist
Effendi Kara Ben Nemsi, mein Freund, den ich liebe.«

»Seid mir beide willkommen und setzt euch!« erwiderte der junge Mann.

Er machte ein sehr erwartungsvolles Gesicht, denn er mußte sich sagen,
daß der Kapitän jedenfalls einen guten Grund haben müsse, mich so ohne
weiteres bei ihm einzuführen.

»Willst du mir eine Liebe erzeigen, Isla Ben Maflei?« fragte der Alte.

»Gern. Sage mir, was ich thun soll.«

»Erzähle diesem Manne die Geschichte, welche du mir vorhin erzählt
hast!«

In den Zügen des Kaufmannes drückte sich Staunen und Mißmut aus.

»Hassan el Reïsahn«, meinte er, »du gelobtest mir Schweigen und hast
doch bereits geplaudert!«

»Frage meinen Freund, ob ich ein Wort erzählt habe!«

»Warum bringst du ihn denn herauf und begehrst, daß ich auch zu ihm
reden soll?«

»Du sagtest zu mir, ich solle während meiner Fahrt, da, wo ich des
Abends anlegen muß, die Augen offen halten, um mich nach dem zu
erkundigen, was dir verloren ging. Ich habe meine Augen und meine Ohren
bereits schon geöffnet und bringe dir hier diesen Mann, der dir
vielleicht Auskunft geben kann.«

Isla sprang, die Pfeife fortwerfend, mit einem einzigen Rucke empor.

»Ist’s wahr? Du könntest mir Auskunft erteilen?«

»Mein Freund Hassan hat kein Wort zu mir gesprochen, und ich weiß daher
auch gar nicht, worüber ich dir Auskunft geben könnte. Sprich du
zuerst!«

»Effendi, wenn du mir sagen kannst, was ich zu hören wünsche, so werde
ich dich besser belohnen, als ein Pascha es könnte!«

»Ich begehre keinen Lohn. Rede!«

»Ich suche eine Jungfrau, welche Senitza heißt.«

»Und ich kenne eine Frau, welche sich denselben Namen gegeben hat.«

»Wo, wo, Effendi? Rede schnell.«

»Magst du mir nicht vorher die Jungfrau beschreiben?«

»O, sie ist schön wie die Rose und herrlich wie die Morgenröte; sie
duftet wie die Blüte der Reseda, und ihre Stimme klingt wie der Gesang
der Houris. Ihr Haar ist wie der Schweif des Pferdes Gilja, und ihr Fuß
ist wie der Fuß von Delila, welche Samson verriet. Ihr Mund träufelt von
Worten der Güte, und ihre Augen – – –«

Ich unterbrach ihn durch eine Bewegung meines Armes.

»Isla Ben Maflei, das ist keine Beschreibung, wie ich sie verlange.
Sprich nicht mit der Zunge eines Bräutigams, sondern mit den Worten des
Verstandes! Seit wann ist sie dir verloren gegangen?«

»Seit zwei Monden.«

»Hatte sie nicht etwas bei sich, woran man sie erkennen kann?«

»O, Effendi, was sollte dies sein?«

»Ein Schmuck vielleicht, ein Ring, eine Kette – – –«

»Ein Ring, ein Ring, ja! Ich gab ihr einen Ring, dessen Gold so dünn war
wie Papier, aber er trug eine schöne Perle.«

»Ich habe ihn gesehen.«

»Wo, Effendi? O, sage es schnell! Und wann?«

»Heute, vor wenigen Stunden.«

»Wo?«

»In der Nähe dieses Ortes, nicht weiter als eine Stunde von hier.«

Der junge Mann kniete bei mir nieder und legte mir seine beiden Hände
auf die Schultern.

»Ist es wahr? Sagst du keine Unwahrheit? Täuschest du dich nicht?«

»Es ist wahr; ich täusche mich nicht.«

»So komm, erhebe dich; wir müssen hin zu ihr.«

»Das geht nicht.«

»Es geht, es muß gehen! Ich gebe dir tausend Piaster, zwei-, dreitausend
Piaster, wenn du mich zu ihr führst!«

»Und wenn du mir hunderttausend Piaster giebst, so kann ich dich heute
nicht zu ihr bringen.«

»Wann sonst? Morgen, morgen ganz früh?«

»Nimm deine Pfeife auf, brenne sie an und setze dich! Wer zu schnell
handelt, handelt langsam. Wir wollen uns besprechen.«

»Effendi, ich kann nicht. Meine Seele zittert.«

»Brenne deine Pfeife an!«

»Ich habe keine Zeit dazu; ich muß – – –«

»Wohl! Wenn du keine Zeit zu geordneten Worten hast, so muß ich gehen.«

»Bleibe! Ich werde alles thun, was du willst.«

Er setzte sich wieder an seinen Platz und nahm aus dem Becken eine
glimmende Kohle, um den Tabak seiner Pfeife in Brand zu stecken.

»Ich bin bereit. Nun sprich!« forderte er mich dann auf.

»Heute schickte ein reicher Ägypter zu mir, zu ihm zu kommen, weil sein
Weib krank sei – – –«

»Sein Weib – – –!«

»So ließ er mir sagen.«

»Du gingst?«

»Ich ging.«

»Wer ist dieser Mann?«

»Er nennt sich Abrahim-Mamur und wohnt aufwärts von hier in einem
einsamen, halb verfallenen Hause, welches am Ufer des Niles steht.«

»Es wird von einer Mauer umgeben?«

»Ja.«

»Wer konnte dies ahnen! Ich habe alle Städte, Dörfer und Lager am Nile
abgeforscht, aber ich dachte nicht, daß dieses Haus bewohnt werde. Ist
sie wirklich sein Weib?«

»Ich weiß es nicht, aber ich glaube es nicht.«

»Und krank ist sie?«

»Sehr.«

»Wallahi, bei Gott, er soll es bezahlen, wenn ihr etwas Böses
widerfährt. An welcher Krankheit leidet sie?«

»Ihre Krankheit liegt im Herzen. Sie haßt ihn; sie verzehrt sich in
Sehnsucht, von ihm fortzukommen, und wird sterben, wenn es nicht bald
geschieht.«

»Nicht er, aber sie hat dir das gesagt?«

»Nein, ich habe es beobachtet.«

»Du hast sie gesehen?«

»Ja.«

»Belauscht?«

»Nein. Er führte mich in seine Frauenwohnung, damit ich mit der Kranken
sprechen könne.«

»Er selbst? Unmöglich!«

»Er liebt sie – –«

»Allah strafe ihn!«

»Und fürchtete, daß sie sterben werde, wenn er mich wieder
fortschickte.«

»So sprachst du auch mit ihr?«

»Ja, aber nur die Worte, welche er mir erlaubte. Aber sie fand Zeit, mir
leise zuzuflüstern: »Rette Senitza.« Sie trägt also diesen Namen,
obgleich er sie Güzela nennt.«

»Was hast du ihr geantwortet?«

»Daß ich sie retten werde.«

»Effendi, ich liebe dich; dir gehört mein Leben! Er hat sie geraubt und
entführt. Er hat sie durch Betrug an sich gerissen. Komm, Effendi, wir
wollen gehen. Ich muß wenigstens das Haus sehen, in welchem sie gefangen
gehalten wird!«

»Du wirst hier bleiben! Ich gehe morgen wieder hin zu ihr und – – –«

»Ich gehe mit, Sihdi!«

»Du bleibst hier! Kennt sie den Ring, welchen du am Finger trägst?«

»Sie kennt ihn sehr gut.«

»Willst du mir ihn anvertrauen?«

»Gern. Aber wozu?«

»Ich spreche morgen wieder mit ihr und werde es so einzurichten wissen,
daß sie den Ring zu sehen bekommt.«

»Sihdi, das ist vortrefflich! Sie wird sogleich ahnen, daß ich in der
Nähe bin. Aber dann?«

»Erzähle du zunächst das, was ich wissen muß.«

»Du sollst alles erfahren, Herr. Unser Geschäft ist eines der größten in
Istambul; ich bin der einzige Sohn meines Vaters, und während er den
Bazar verwaltet und die Diener beaufsichtigt, habe ich die notwendigen
Reisen zu unternehmen. Ich war sehr oft auch in Scutari und sah Senitza,
als sie mit einer Freundin auf dem See spazieren fuhr. Ich sah sie
später wieder. Ihr Vater wohnt nicht in Scutari, sondern auf den
schwarzen Bergen; sie kam aber zuweilen herunter, um die Freundin zu
besuchen. Als ich vor zwei Monaten wieder an jenen See reiste, war die
Freundin mit ihrem Manne verschwunden, und Senitza dazu!«

»Wohin?«

»Niemand wußte es.«

»Auch ihre Eltern nicht?«

»Nein. Ihr Vater, der tapfere Osco, hat die Czernagora verlassen, um
nach seinem Kinde zu suchen, so weit die Erde reicht; ich aber mußte
nach Ägypten, um Einkäufe zu machen. Auf dem Nile begegnete ich einem
Dampfboote, welches aufwärts fuhr. Als der Sandal[26], auf welchem ich
war, an ihm vorüberlenkte, hörte ich drüben meinen Namen nennen. Ich
blickte hinüber und erkannte Senitza, welche den Schleier vom Gesicht
genommen hatte. Neben ihr stand ein schöner, finsterer Mann, der ihr den
Jaschmak sofort wieder überwarf – weiter sah ich nichts. Seit dieser
Stunde habe ich ihre Spur verfolgt.«

    [26] Kleines Segelschiff.

»Du weißt also nicht genau, ob sie ihre Heimat freiwillig oder
gezwungen verlassen hat?«

»Freiwillig nicht.«

»Kanntest du den Mann, der neben ihr stand?«

»Nein.«

»Das ist wunderbar! Oder hast du dich in der Person geirrt? Vielleicht
ist es eine andere gewesen, die ihr ähnlich sieht.«

»Hätte sie dann gerufen und die Hände nach mir ausgestreckt, Effendi?«

»Das ist wahr.«

»Sihdi, du hast ihr versprochen, sie zu retten?«

»Ja.«

»Wirst du dein Wort halten?«

»Ich halte es, wenn sie es wirklich ist.«

»Du willst mich nicht mitnehmen. Wie kannst du da erkennen, ob sie es
ist?«

»Dein Ring wird mir die Überzeugung geben.«

»Und wie wirst du sie dann aus dem Hause bringen?«

»Indem ich dir sage, auf welche Weise du sie holen kannst.«

»Ich werde sie holen, darauf kannst du dich verlassen.«

»Und dann? Hassan el Reïsahn, wärest du bereit, sie in deiner Dahabïe
aufzunehmen?«

»Ich bin bereit, obgleich ich den Mann nicht kenne, bei dem sie sich
befindet.«

»Er nennt sich Mamur, wie ich dir gesagt habe.«

»Wenn er wirklich ein Mamur, der Beherrscher einer Provinz gewesen ist,
so ist er mächtig genug, uns zu verderben, wenn er uns ergreift,« meinte
der Kapitän mit ernster Miene. »Eine Entführung wird mit dem Tode
beftraft. Mein Freund Kara Ben Nemsi, du wirst morgen sehr klug und
vorsichtig handeln müssen.«

Was mich selbst betraf, so dachte ich weniger an die Gefahr als
vielmehr an das Abenteuer selbst. Natürlich stand es fest, daß ich keine
Hand rühren würde, wenn Abrahim-Mamur ein wirkliches Recht auf die
Kranke geltend machen könnte.

Wir besprachen uns noch lange über das bevorstehende Ereignis und
trennten uns dann, um schlafen zu gehen, doch war ich überzeugt, daß
Isla keine Ruhe finden werde.




Viertes Kapitel.

Eine Entführung.


Da es sehr spät geworden war, als wir schlafen gingen, so wunderte ich
mich nicht darüber, daß ich am andern Morgen auch sehr spät erwachte.
Ich hätte vielleicht noch länger fortgeschlafen, wenn ich nicht durch
den Gesang des Barbiers erweckt worden wäre. Dieser lehnte draußen am
Eingangsthore und schien mir zu Ehren seinen ganzen Vorrat an deutschen
Liedern erschöpfen zu wollen.

Ich ließ den Sänger hereinkommen, um mich ein Weilchen mit ihm zu
unterhalten, und fand in ihm einen recht gutmütigen aber leichtsinnigen
Burschen, den ich trotz aller Landsmannschaft sicherlich nicht mit
meinem braven Halef vertauscht hätte. Ich ahnte damals nicht, unter was
für bösen Verhältnissen ich später mit ihm zusammentreffen würde.

Am Vormittage besuchte ich den Abu el Reïsahn auf seinem Schiffe, und
als ich kaum das Mittagsmahl verzehrt hatte, erschien das Boot, welches
mich abholen sollte. Halef hatte schon längst fleißigen Ausguck nach
demselben gehalten.

»Effendi, fahre ich mit?« fragte er.

Ich schüttelte mit dem Kopfe und antwortete scherzend:

»Heute brauche ich dich nicht.«

»Wie? du brauchst mich nicht?«

»Nein.«

»Wenn dir nun etwas begegnet!«

»Was soll mir begegnen?«

»Du kannst in das Wasser fallen.«

»So schwimme ich.«

»Oder Abrahim-Mamur kann dich töten. Ich habe es ihm angesehen, daß er
dein Freund nicht ist.«

»So könntest du mir auch nicht helfen.«

»Nicht? Sihdi, Halef Agha ist der Mann, auf den du dich allzeit
verlassen kannst!«

»So komm!«

Es war ihm natürlich sehr um sein Bakschisch[27] zu thun.

    [27] Trinkgeld.

Der Weg wurde ganz in derselben Weise zurückgelegt, doch war ich heute
natürlich aufmerksamer auf alles, was mir von Nutzen sein konnte. Im
Garten, den wir durchschreiten mußten, lagen mehrere starke und ziemlich
lange Stangen. Sowohl das Außen- wie auch das Innenthor wurden immer mit
breiten, hölzernen Riegeln verschlossen, deren Konstruktion ich mir
genau merkte. Einen Hund sah ich nirgends, und von dem Bootssteuerer
erfuhr ich, daß außer dem Herrn, der Kranken und einer alten Wärterin
elf Fellahs zu dem Hause gehörten und nachts auch in demselben
schliefen. Der Herr selbst schlief stets auf dem Diwan seines Selamlük.

Als ich dort eintrat, kam er mir mit einer sichtlich freundlicheren
Miene entgegen, als diejenige war, mit welcher er mich gestern entlassen
hatte.

»Sei mir willkommen, Effendi! Du bist ein großer Arzt.«

»So!«

»Sie hat bereits gestern schon gegessen.«

»Ah!«

»Sie hat mit der Wärterin gesprochen.«

»Freundlich?«

»Freundlich und viel.«

»Das ist gut. Vielleicht ist sie bereits in weniger als fünf Tagen
vollständig gesund.«

»Und heute früh hat sie sogar ein wenig gesungen.«

»Das ist noch besser. Ist sie schon lange dein Weib?«

Sogleich verfinsterte sich sein Gesicht.

»Die Ärzte der Ungläubigen sind sehr neugierig!«

»Wißbegierig nur; aber diese Wißbegierde rettet vielen das Leben oder
die Gesundheit, denen eure Ärzte nicht helfen könnten.«

»War deine Frage wirklich notwendig?«

»Ja!«

»Sie ist noch ein Mädchen, obgleich sie mir gehört.«

»So ist die Hilfe sicher.«

Er führte mich wieder nur bis in das Zimmer, in welchem ich gestern
warten mußte und in welchem ich auch heute zurückblieb. Ich sah mich
genauer um. Fenster gab es nicht; die Lichtöffnungen waren vergittert.
Das hölzerne Gitterwerk war so angebracht worden, daß man es öffnen
konnte, indem man ein langes, dünnes Riegelstäbchen herauszog. Schnell
entschlossen zog ich es heraus und steckte es so hinter das Gitter, daß
es nicht bemerkt werden konnte. Kaum war ich damit fertig, so erschien
Abrahim wieder. Hinter ihm trat Senitza ein.

Ich ging auf sie zu und legte ihr meine Fragen vor. Unterdessen spielte
ich wie im Eifer für die Sache mit dem Ringe, den mir Isla mitgegeben
hatte, und ließ ihn dabei aus den Fingern gleiten. Er rollte hin bis an
ihre Füße; sie bückte sich schnell und hob ihn auf. Sofort aber trat
Abrahim auf sie zu und nahm ihr ihn aus der Hand. So schnell das ging,
sie hatte doch Zeit gehabt, einen Blick auf den Ring zu werfen – sie
hatte ihn erkannt, das sah ich an ihrem Zusammenzucken und an der
unwillkürlichen Bewegung ihrer Hand nach ihrem Herzen. Nun hatte ich für
jetzt weiter nichts mehr hier zu thun.

Abrahim fragte, wie ich sie gefunden habe.

»Gott ist gut und allmächtig,« antwortete ich; »er sendet den Seinen
Hilfe, oft ehe sie es denken. Wenn er es will, so ist sie morgen bereits
gesund. Sie mag die Medizin nehmen, die ich ihr senden werde, und mit
Vertrauen warten, bis ich wiederkomme.«

Heute entließ sie mich, ohne ein Wort zu wagen. Im Selamlük harrte Halef
bereits mit der Apotheke. Ich gab nichts als ein Zuckerpulver, wofür der
kleine Agha ein noch größeres Bakschisch als gestern erhielt. Dann ging
es wieder stromabwärts zurück.

Der Kapitän erwartete mich bereits bei dem Kaufherrn.

»Hast du sie gesehen?« rief mir dieser entgegen.

»Ja.«

»Erkannte sie den Ring?«

»Sie erkannte ihn.«

»So weiß sie, daß ich in der Nähe bin!«

»Sie ahnt es. Und wenn sie meine Worte richtig deutet, so weiß sie, daß
sie heute nacht errettet wird.«

»Aber wie?«

»Hassan el Reïsahn, bist du mit deinem Lecke fertig?«

»Ich werde fertig bis zum Abend.«

»Bist du bereit, uns aufzunehmen und nach Kairo zu bringen?«

»Ja.«

»So hört mich! In das Haus führen zwei Thüren, welche aber von innen
verriegelt sind; durch sie können wir nicht eindringen. Aber es giebt
noch einen zweiten Weg, wenn er auch schwierig ist. Isla Ben Maflei,
kannst du schwimmen?«

»Ja.«

»Gut. Es führt ein Kanal aus dem Nil unter den Mauern hinweg nach einem
Bassin, welches in der Mitte des Hofes sich befindet. Kurz nach
Mitternacht, wenn alles schläft, treffen wir dort ein, und du dringst
durch den Kanal und das Bassin in den Hof. Die Thüre, welche du sofort
finden wirst, ist durch einen Riegel verschlossen, der sehr leicht
zurückzuschieben ist. Indem du öffnest, kommst du in den Garten, dessen
Thüre auf gleiche Weise sich öffnen läßt. Sobald die Thüren offen sind,
trete ich ein. Wir holen eine Stange aus dem Garten und lehnen sie an
die Mauer, um zu dem Gitter emporzusteigen, hinter welchem die
Frauengemächer liegen. Ich habe es bereits von innen geöffnet.«

»Und dann?«

»Was dann geschehen soll, muß sich nach den Umständen richten. Wir
fahren mit einem Boote bis an Ort und Stelle, wo unsere erste Arbeit
sein muß, das Boot Abrahim-Mamurs zu versenken, so daß er uns nicht
verfolgen kann. Unterdessen macht der Reïs seine Dahabïe segelfertig.«

Ich nahm einen Stift zur Hand und zeichnete den Riß des Hauses auf ein
Blatt Papier, so daß Isla Ben Maflei vollständig orientiert war, wenn er
heute abend aus dem Bassin stieg. Der Tag verging vollends unter den
notwendigen Vorbereitungen; der Abend kam, und als es Zeit wurde, rief
ich Halef herein und gab ihm die nötigen Weisungen für das bevorstehende
Abenteuer.

Halef packte rasch unsere Habseligkeiten zusammen. Die Wohnungsmiete war
schon voraus bezahlt.

Ich begab mich zu Hassan, und Halef kam sehr bald mit den Sachen nach.
Das Schiff war bereit zur Fahrt und brauchte nur vom Ufer gelöst zu
werden. Nach einiger Zeit stellte sich auch Isla mit seinem Diener ein,
der von ihm unterrichtet worden war, und nun stiegen wir in das lange,
schmale Boot, welches zur Dahabïe gehörte. Die beiden Diener mußten
rudern, und ich lenkte das Steuer.

Es war eine jener Nächte, in denen die Natur in so tiefem Vertrauen
ruht, als gebe es auf dem ganzen weiten Erdenrunde kein einziges
drohendes Element.

Die leisen Lüfte, welche mit dem Schatten der Dämmerung gespielt hatten,
waren zur Ruhe gegangen; die Sterne des Südens lächelten freundlich aus
dem tiefblauen Dunkel des Himmels herab, und die Wasser des ehrwürdigen
Stromes fluteten ruhig und lautlos dahin in ihrer breiten Bahn. Diese
Ruhe herrschte auch in meinem Innern, obgleich es schwer scheint, dies
zu glauben.

Es war nichts Leichtes, was wir zu vollbringen gedachten, aber man bebt
ja _vor_ einem Ereignisse; ist dasselbe jedoch einmal angebahnt oder gar
bereits eingetreten, so hat man mit den Chancen abgeschlossen und kann
ohne innere Kämpfe handeln. Eine nächtliche Entführung wäre vielleicht
gar nicht notwendig gewesen; wir hätten vielmehr Abrahim-Mamur vor
Gericht angreifen können. Aber wir wußten ja nicht, wie die Verhältnisse
lagen und welche rechtlichen oder unrechtlichen Mittel ihm zu Gebote
standen, sein Anrecht auf Senitza geltend zu machen. Nur von ihr erst
konnten wir erfahren, was wir wissen mußten, um gegen ihn aufzutreten,
und das konnten wir nur dann erfahren, wenn es uns gelang, sie hinter
seinem Rücken in unsere Hände zu bekommen.

Nach einer kleinen Stunde hoben sich die dunklen Umrisse des Gebäudes
aus ihrer grauen, steinigen Umgebung hervor. Wir legten eine kurze
Strecke unterhalb der Mauer an, und ich stieg zunächst ganz allein aus,
um zu rekognoscieren. Ich fand in der ganzen Umgebung des Hauses nicht
die geringste Spur von Leben, und auch innerhalb der Mauern schien alles
in tiefster Ruhe zu liegen. Am Kanale lag das Boot Abrahims mit den
Rudern. Ich stieg ein und brachte es neben unsern Kahn.

»Hier ist das Boot,« sagte ich zu den beiden Dienern. »Fahrt es ein
wenig abwärts, füllt es mit Steinen und laßt es sinken. Die Ruder aber
können wir gebrauchen. Wir nehmen sie in unser Boot herein, welches ihr
nachher nicht anhängen laßt, sondern so bereit haltet, daß wir abstoßen
können, sobald wir einsteigen. Isla Ben Maflei, folge mir!«

Ich verließ das Boot, und wir schlichen zum Kanale. Dessen Wasser
blickten uns nicht sehr einladend entgegen. Ich warf einen Stein hinein
und erkannte dadurch, daß der Kanal nicht tief sei. Isla zog seine
Kleider aus und stieg hinein. Das Wasser reichte ihm bis an das Kinn.

»Wird es gehen?« fragte ich ihn.

»Mit dem Schwimmen besser als mit dem Gehen. Der Kanal hat so viel
Schlamm, daß er mir fast bis an die Kniee reicht.«

»Bist du noch entschlossen?«

»Ja. Bringe meine Kleider mit zum Thore. Haidi, wohlan!«

Er hob die Beine empor, stieß die Arme aus und verschwand unter der
Maueröffnung, durch welche das Wasser führte.

Ich verließ die Stelle nicht sofort, sondern ich wartete noch eine
Weile, da es ja sehr leicht möglich war, daß etwas Unvorhergesehenes
geschehen konnte, was meine Gegenwart wünschenswert erscheinen ließ. Ich
hatte das Richtige getroffen, denn eben wollte ich mich wenden, als der
Kopf des Schwimmers in der Öffnung wieder erschien.

»Du kehrst zurück?«

»Ja, ich konnte nicht weiter.«

»Warum?«

»Effendi, wir können Senitza nicht befreien!«

»Weshalb nicht?«

»Die Mauer ist zu hoch – – –«

»Es würde auch nichts helfen, wenn sie niedriger wäre, denn das Haus ist
fest verschlossen.«

»Und der Kanal auch.«

»Verschlossen?«

»Ja.«

»Womit?«

»Mit einem starken Holzgitter.«

»Konntest du es nicht entfernen?«

»Es widersteht aller meiner Kraft.«

»Wie weit ist der Ort von hier?«

»Das Gitter muß sich grad bei der Grundmauer des Hauses befinden.«

»Ich werde einmal nachsehen. Ziehe dich an; halte meine Kleider und
erwarte mich hier.«

Ich warf nur das Obergewand ab und stieg in das Wasser. Mich auf den
Rücken legend, schwamm ich vorwärts. Der Kanal war auch im Garten nicht
offen, sondern mit steinernen Platten bedeckt. Als ich nach meiner
Berechnung das Haus erreicht haben mußte, stieß ich an das Gitter. Es
war so breit und hoch wie der Kanal selbst, bestand aus starken, gut
eingefügten Holzstangen und war mit eisernen Klammern an die Mauer
befestigt. Die Vorrichtung hatte jedenfalls den Zweck, Tiere wie etwa
Ratten, Wassermäuse u. s. w. vom Bassin fernzuhalten. Ich rüttelte
daran; es gab nicht nach, und ich mußte einsehen, daß es im ganzen
nicht zu entfernen sei. Ich faßte einen einzelnen Stab mit beiden
Händen, stemmte die hoch emporgezogenen Kniee hüben und drüben gegen die
Mauer – ein Ruck aus allen Kräften, und die Stange zerbrach. Jetzt war
eine Bresche da, und in Zeit von zwei Minuten hatte ich noch vier Stäbe
herausgerissen, so daß eine Öffnung entstanden war, durch welche ich
mich zwängen konnte.

Sollte ich zurückkehren, um Isla das weitere zu überlassen? Nein, denn
das wäre Zeitverschwendung gewesen. Ich befand mich nun einmal im Wasser
und kannte ja auch die Örtlichkeit genauer als er. Ich passierte also
die Öffnung, welche ich mir gemacht hatte, und schwamm weiter fort in
dem Wasser, welches durch den aufgewühlten Schlamm ganz dick war. Als
ich mich nach meiner ungefähren Berechnung unter dem inneren Hofe
befinden mußte, senkte sich plötzlich die Wölbung bis auf die Oberfläche
des Wassers herunter, und ich wußte nun, daß ich mich in der Nähe des
Bassins befand. Der Kanal glich von hier aus nur noch einer Röhre,
welche so vollständig mit Wasser gefüllt war, daß die zum Atmen nötige
Luft fehlte. Die noch übrige Strecke mußte ich also unter Wasser
durchkriechen oder tauchend durchschwimmen, was nicht nur höchst
unbequem und anstrengend, sondern auch mit größter Gefahr verbunden war.
Wie nun, wenn sich ein zweites, unvorhergesehenes Hindernis in den Weg
stellt

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